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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Schriften 23: Novellen 7 - Eine Sommerreise / Die Wundersüchtigen / Pietro von Abano - -Author: Ludwig Tieck - -Release Date: December 18, 2015 [EBook #50714] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN 23: NOVELLEN 7 *** - - - - -Produced by Delphine Lettau, David Jones, Jens Sadowski, -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - Ludwig Tieck's - Schriften. - - Dreiundzwanzigster Band. - - - - - Novellen. - - - Berlin, - Druck und Verlag von Georg Reimer. - 1853. - - Ludwig Tieck's - gesammelte Novellen. - - Vollständige auf's Neue durchgesehene Ausgabe. - - Siebenter Band. - - Berlin, - Druck und Verlag von Georg Reimer. - 1853. - - - - - Inhalt. - - - Seite - Eine Sommerreise 3 - Die Wundersüchtigen 157 - Pietro von Abano 295 - - - - - Ludwig Tieck's - gesammelte Novellen. - Siebenter Band. - - - - - - Eine Sommerreise. - 1834. - - - - - Einleitung. - - -Unter abwechselnden Vorfällen und Erfahrungen, die sich mir im Lauf -meines Lebens auf Reisen oder beim längeren Aufenthalt in fremden -Städten aufdrängten, ist mir die Erinnerung so mancher Bekanntschaften -erfreulich, so manche Beobachtung lehrreich und ich kann es nicht -unterlassen, Einiges davon mitzutheilen, welches vielleicht manche -befreundete Gemüther auf anmuthige Weise anregt. - -Schon manches Jahr ist verflossen, seit mir einige interessante -Tagebücher und Briefe in die Hände geriethen, die mir um so bedeutender -wurden, als ich die Verfasser derselben späterhin im Verlauf der Zeiten -in ganz veränderten Verhältnissen und mit umgewandelten Gesinnungen -wiedersah. Jetzt sind die Theilnehmer an nachfolgender kleinen -Begebenheit gestorben oder nach fernen Gegenden gezogen, so daß es -harmlos erscheint, Dasjenige mitzutheilen, was ich früher schon für -vertraute Freunde aus jenen Tagebüchern und Briefen ausgezogen habe. Die -Erzählung ist aus Schriften der drei Hauptpersonen verarbeitet und wird, -der Deutlichkeit wegen, mehr wie einmal durch die eigenen Worte der -erscheinenden Personen unterbrochen werden. - - - - - Walther von Reineck an den Grafen Bilizki in Warschau. - - -Von Deiner schönen Cousine, die ich damals leider nur einmal sah, habe -ich bisher noch nichts in Erfahrung bringen mögen. Und sehr begreiflich, -da ich erst in Franken, oder gar in der Nähe des Rheins, wie ich es ja -weiß, Kundige finde, die mir von ihren Schicksalen und ihrer seltsamen -Flucht etwas mittheilen können. Sollte ich das schöne Bild selbst -irgendwo wiedersehn? Wenn ich nur wenigstens ihn finde, der sie zu -dieser Uebereilung verleitet hat, welche sie Dir entriß, um an ihm die -Rache zu nehmen, die ich Dir versprach, so wenig Du sie auch gefordert -hast. Ich weiß es, daß ich zu hitzig bin; indessen Du bist beschäftigt, -im Dienst des Staates, gehörst Deiner kranken Mutter, und ich bin müßig -und frei genug, um diesen Sommer mich umzutreiben, zu sehn oder zu -gaffen, zu lernen oder zu vergessen, und mir dabei einzubilden, ich thue -Dir und der Menschheit einen großen Dienst, indem ich einen andern -Müßiggänger aufsuche, um ihn zur Rechenschaft zu ziehn. - -Bis jetzt hat das Wetter mich sehr begünstigt. Und eine interessante -Bekanntschaft habe ich auch schon gemacht. Ich war queer durch das -traurige Land gereiset, zwischen den Städten Frankfurt an der Oder und -Crossen hindurch, weil ich in Balkow, einem Dorfe, meine Freundschaft -mit der Familie Tauenzien erneuen wollte, die Du auch kennst, weil die -vortreffliche Frau aus Warschau gebürtig ist. Hier herum ist eine -seltsame Landesart und fast wilde Einsamkeit, beinah so wie in Polen. So -kommt man denn durch abgelegene Wege, immer durch Wald bis an die Oder, -wo den Reisenden, an sumpfiger Stelle, die Kretschem genannt, eine Fähre -übersetzt. Hier fand ich zu meinem Erstaunen einen eleganten Wagen und -einen jungen höflichen Mann, welcher ebenfalls die Fähre erwartete, -welche auf wiederholtes Rufen auch schon herübersteuerte. Der junge Mann -hatte jenen dunkeln, tiefsinnigen Blick, den ich an Männern wie an -Frauen liebe, und so kam ich seiner Freundlichkeit mit Wohlwollen -entgegen, und wir behandelten uns nach einigen Minuten, als wenn wir -alte Bekannte wären. Er sagte mir, diese sumpfige Stelle wäre im -Frühling und Herbst ziemlich gefährlich, weil die Fähre nicht ganz nahe -kommen könne und der Wagen alsdann tief im Wasser fahre. Ich lernte -daraus, daß er hier herum bekannt seyn müsse. Und so erfuhr ich es denn -auch, als wir auf der Fähre neben einander standen: er ist lange in -Ziebingen und Madlitz gewesen, zweien Gütern, die der Finkenstein'schen -Familie gehören. Von dieser Familie, den Töchtern wie den Eltern, -spricht er wie ein Begeisterter. Der Vater, der Präsident Graf -Finkenstein, ist der Sohn des berühmten Staatsministers und der -Präsident selbst ist in der Geschichte, durch jenen vielbesprochenen -Arnold'schen Proceß, nicht unbekannt, in welchem er sich als einen -wackern und höchst rechtlichen wie unerschrockenen Mann zeigte. »Wer in -dieser Familie, rief mein neuer Bekannter aus, eine Weile gelebt hat, -der kann sich rühmen, die echte Humanität und Urbanität, das Leben in -seiner schönsten Erscheinung kennen gelernt zu haben. Die Mutter, eine -würdige Matrone, ist die Freundlichkeit selbst, in ihrer Nähe muß jedem -wohl werden, der ein echter Mensch ist. Begeisternd, aber freilich -weniger sicher ist die Gesellschaft der drei schönen und edeln Töchter. -Die zweite ernst, die dritte muthwillig und froh und die älteste graziös -und lieblich, erscheinen sie, im Gesange vereinigt, wie das Chor der -Himmlischen. Vorzüglich die Stimme dieser älteren Schwester ist der -reinste, vollste und auch höchste Sopran, den ich jemals vernommen habe. -Wäre sie nicht als Gräfin geboren, so würde sie den Namen auch der -berühmtesten Sängerinnen verdunkeln. Hört man diese Henriette die großen -leidenschaftlichen Arien unsers musikalischen Sophokles, des einzigen -Gluck, vortragen, so hat man das Höchste erlebt und genossen. Oft -verherrlicht noch ein großer Musikkenner, der Minister Voß, die -Gesellschaft, und durch seine Vermittlung und aus der Sammlung dieses -vortrefflichen Mannes haben die Töchter große Sachen von Jomelli, ältere -von Durante, Leo, Lotti und Allegri, einige höchst seltene vom alten -Palestrina und dessen Zeitgenossen erhalten, und diese erhabenen -Kirchengesänge werden in dieser Familie so vorgetragen, wie man es -vielleicht kaum in Rom so rein und großartig vernimmt. Der Vater, -nachdem er seine Geschäfte und juristische Laufbahn aufgegeben hat, -bewirthschaftet seine Güter und hat mit malerischem Sinn für Natur in -Madlitz einen der schönsten Gärten angelegt und ausgeführt, der uns -einfach und ohne Prätension die Herrlichkeit der Bäume und Pflanzen -zeigt und an hundert anmuthigen Plätzen zum poetischen Sinnen und -phantasiereichen Träumen einladet. Dieser Mann studirt und übersetzt den -Theokrit und Virgil's Eklogen, so wie einige Gedichte Pindar's. Er -kennt, was noch so vielen Poesiefreunden eine geheimnißvolle Gegend ist, -viele alt-deutsche Gesänge und weiß das erhabene Epos der Nibelungen -fast auswendig. So oft ich in diesem Kreise war, bin ich besser und -unterrichteter aus ihm geschieden.« - -Aus dieser begeisternden Rede schloß ich, daß mein neuer Bekannter der -Liebe sehr zugeneigt, in diesem selben Augenblick wohl schon ein -Verliebter sei, daß er wohl auch Anlage zum Dichter besitze. Er heißt -Ferdinand von Erlenbach und reiset mit noch weniger Absicht als ich in -die weite Welt hinein. Wir werden wenigstens bis Dresden -beisammenbleiben, er sendet auch von hier, von Guben, seinen Wagen -zurück, und wir haben in diesem Städtchen eine Chaise bis Dresden -gemiethet. - -Nach vielfachen Gesprächen, in welchen sich der enthusiastische -Charakter meines neuen Freundes noch mehr entwickelte, kamen wir, -nachdem unsre Kutscher sich ohne Noth im Fichtenwalde verirrt hatten, -gegen Abend in dem Städtchen Guben an, welches für die hiesige Landesart -eine ganz leidliche Lage hat. Er, der Aufgeregte, ist bei dem schönen -Wetter noch nach dem Vogelschießen, auf der Wiese draußen, zu dieser -Bürgerlustbarkeit hinausgegangen. Ich habe keinen Sinn für dergleichen -poetische Prosa. Das Knallen der Büchsen, diese Gespräche beim Bier, der -Pfahlwitz dieser Schützen, Alles dies kann weder meine Neugierde noch -mein Behagen erregen. Er reizt sich aber auf, um dergleichen aus Willkür -interessant zu finden; will wohl auch die Menschen studiren. Auch denkt -er einen Jugendfreund aufzusuchen, den er seit vielen Jahren nicht -gesehn, der sich hier angekauft und verheirathet hat. Ich zog vor zu -essen, zu trinken und Dir diesen flüchtigen Brief zu schreiben. Gedenke -Deines treuen Walthers. - -Guben, den 15. Junius 1803. - - * * * * * - -Ferdinand war in der That bis zum Abend beim Scheibenschießen. Er liebte -dergleichen Volksfeste fast übermäßig und seine Phantasie, wenn er -gleich nicht mehr in der ersten Jugend war, überzog die Gegenwart, die -Andern dürr und finster erschien, mit einem glänzenden Firniß. Trotz -seinem Nachforschen wollte es ihm aber nicht gelingen, seinen -Schulfreund Wachtel anzutreffen. Die Schützen bedeuteten ihm auch, daß -dieser nicht zu ihrer Gilde gehöre. In der Vorstadt, wo das ziemlich -große Haus seines Freundes gelegen war, traf er ihn ebenfalls nicht. Er -spazierte also halb verdrossen in der Gegend umher und vernahm aus der -Ferne die Schüsse, die nach der Scheibe zielten, dann begab er sich -wieder in das zerstreuende Geräusch, hörte hier und dort den Gesprächen -zu und wünschte so wie die Andern über ungesalzene Geschichten oder -Familienspäße lachen zu können. So ward es Abend und finster und er war -immer noch zu verdrossen, um nach dem Gasthofe in der Stadt -zurückzugehen, und sein Lager aufzusuchen. - -Schon entfernten sich nach und nach die Schützen mit ihren Frauen und -Kindern, ein anmuthig erfrischender Wind strich beruhigend über das -Gefilde und die Sterne traten heller und bestimmter aus der dunkelblauen -Wölbung; Ferdinand, der gern in der Nacht umherwandelte, war fast -entschlossen, im Freien zu bleiben. Da hörte er im nahen Gebüsch wie ein -Klagen, Seufzen und Schelten durch die Stille des Abends, und als er -näher trat, bot sich ihm eine Scene wie von Teniers und Ostade dar, die -zu seinen süßen Träumen gar nicht passen wollte. Ein trunkener Mann lag -auf dem grünen Rasen und eine Frau, die bald ermahnte, bald wehklagte, -bestrebte sich, ihn, indem sie ihn am Arme hielt, emporzurichten. Sie -freute sich, als ein anderer Mann ihr nahte, weil sie in ihrer Angst -dessen Hülfe sogleich in Anspruch nahm, um den Besinnungslosen nach -Hause schaffen zu können. Indem Ferdinand den Betäubten aufzurichten -suchte, erzählte die Frau, wie der Gatte auf einem Kindtaufschmause beim -Amtmann des nahen Dorfes immerdar gelacht und getrunken, so christlich -sie ihn auch ermahnt habe; mehr vom Gelächter noch als Wein berauscht, -sei er auf dem Rückwege zur Stadt, indem auf dieser Stelle erst seine -Krankheit sich vollständig gezeigt habe, hier schlafend und wie todt -niedergesunken. Lachend und weinend stemmte sich die Frau, durch -Ferdinand's kraftvolle Unterstützung sichrer gemacht, bis Beide durch -richtig angewendete Hebelkraft den Ehemann aufrecht gestellt hatten. -Beschämt und gerührt fühlte sich Ferdinand, der schon seit einiger Zeit -im Lallenden und Ohnmächtigen seinen humoristischen Freund Wachtel -wieder erkannt hatte. Er war nur darüber froh, daß jener Walther, der -neue Bekannte, bei dieser Nichterkennungsscene nicht zugegen war, da er -ihm von diesem Herrlichen so viel Gutes und Schönes erzählt hatte, das -ihm selber jetzt als Unwahrheit erschien. Die beiden Hülfreichen führten -nicht ohne Mühe und Anstrengung den Unbeholfenen in sein Haus, und -Ferdinand entfernte sich in der höchsten Verstimmung. Er durchstreifte -wieder die Landschaft und erfreute sich der lieblichen Sommernacht, die -warm und doch erfrischend, labend und milde nach dem heißen Tage auf den -Feldern und Wäldern webte. Die Lichter des Städtchens erloschen nach und -nach, und seinen Lebenslauf übersinnend, kam der Träumende nach einer -Stunde zurück, um seinen Gasthof aufzusuchen. Er mußte vor dem Hause des -trunkenen Freundes vorüber, und als er in die Nähe desselben kam, -vernahm er deutlich Wachtel's Stimme. Er war unten in einer großen Stube -zur ebenen Erde und alle Fenster standen, der Sommerwärme wegen, offen. -Ferdinand kam leise näher und unterschied in der Dämmerung seinen -Freund, der ruhig neben seiner Frau saß und so in seiner gemessenen Rede -fortfuhr: -- denn alle Weisheit ist nur Stückwerk, und alle Tugend -nichts als Flickwerk. Ich betheure Dir, ich war nicht betrunken, wie Du -Dir einzubilden scheinst, sondern nur etwas anders, als gewöhnlich, -gestimmt; auch war ich nicht abwesend oder gar besinnungslos, wie Du -behaupten möchtest, sondern mein Geist schwärmte nur in andern Regionen -und war eben mit der Lösung der tiefsinnigsten Probleme beschäftigt. So -geht es mir ja oft, daß auf meinem Zimmer sich beim Buch oder im -Nachdenken mein Geist in hohen Genüssen ergeht, und ich Dich ebenfalls -alsdann nicht oder meinen Gevatter Wendling bemerke. Was nun die -Behauptung betrifft, Du selbst habest mich nebst einem ganz fremden -Manne, unwissend meiner selbst, hieher in mein Häuslein geschleppt, -- -so ist das nichts weiter, als was mir und Dir alle Tage geschieht, wenn -wir im Wagen sitzen, über dieses und jenes anmuthig genug discurriren -und weder wissen noch bedenken mögen, ob weiße oder schwarze Pferde uns -von der Stelle bewegen. Contrair zeigt es nur von einem geringen Sinne, -sich um diese Nebendinge allzuängstlich zu kümmern; und wie würdest Du -selbst mich verachten, wenn ich in einer schönen Landschaft, an welcher -sich Dein Auge ergötzte, Dich immer wieder auf die Schimmel und den -rothnasigen Fuhrmann aufmerksam machen wollte. Also, nicht einseitig -abgeurtheilt, liebe Gattin. Wären wir nicht so schnell stillgestanden, -was Du selbst verlangtest, um zu verschnaufen, wie Du Dich ausdrücktest, -so wäre ich dort am Abhang nicht in die Knie und alsbald mit dem ganzen -Leichnam hinab gesunken oder geschurrt; denn Beine und Schenkel und alle -jene Muskeln, welche zum Wandeln in Bewegung gesetzt werden müssen, -thaten ihre Schuldigkeit ganz leidlich, Wille und Vollstreckung immerdar -im Takt, Eins zwei, Eins zwei; -- nun aber die plötzliche Hemmung -- das -war den Sehnen, Muskeln, Gebeinen, und wie sie Namen haben mögen, ganz -unerwartet wie ein Blitzschlag; -- die Geister, die schon Reißaus -genommen hatten und in Indien und Calekut schwärmten, vergaßen von ihrer -interessanten Pilgerschaft zurückzukommen, der Wille lauerte vergeblich -auf Befehl, und die Sehnen und Muskeln, die schon lange des langweiligen -Takttretens müde waren, fielen ohne von Willen und Geistbefehl und jenem -hartherzigen Bewußtsein tyrannisirt zu werden, zusammen und blieben -liegen. Sieh, Schatz, dies ist die pragmatische Geschichte jenes von Dir -mißverstandenen Vorfalls. - -Ganz gut, sagte die Frau, aber ich weiß, was ich weiß, Du kannst mir -meine Sinne nicht abdisputiren. Vor acht Tagen sagtest Du wieder, wenn -ich Dich unterwegs nur eine einzige Minute hätte ausruhen lassen, so -wärst Du hier in der Stube nicht so hingeschlagen, daß es Dir zwei Tage -im Kopfe brummte. - -Richtig, mein Kind, erwiederte der Gatte, mein Genius brummte und -knurrte damals lange aus Verdruß, daß man auf seine Weisung nicht -gemerkt hatte. Denn ich war mit Bewußtsein dazumal überfüllt, es waren -zu viele Lebensgeister gegenwärtig und ein Ueberschwang von Gedanken, -philosophischen Begriffen und tiefsinniger Nüchternheit quälte mich; so -war denn nicht Ein Wille bloß meinem Gehn und den Beinen zu Gebot, -sondern wohl zehn Willenskräfte hantirten in mir und zankten gleichsam -mit den Lebensgeistern und der obersten Hauptseele oder dem wahren Ich. -Du sahst auch, wie die Beine zu schnell liefen, wie ich mit den Händen -haspelte und gestikulirte, die in Wandelsbegeisterung auch Beine zu seyn -strebten. Hätte ich nun etwas im Freien geruht, so konnte die Hauptseele -so ein Dutzend Lebensgeister nach allen Richtungen fortsenden, mein zu -starkes Bewußtsein wurde vernünftig und gemäßigt, und ich fiel nachher -aus pur übertriebener Nüchternheit nicht hier auf den Fußboden hin. -- -Aber noch schlimmer, daß Du mich bei der fremden Dame, die seit gestern -bei uns logirt und morgen, oder vielmehr heut, oder vielmehrest -übermorgen, das heißt, da jetzt Mitternacht vorüber ist, eigentlich -morgen früh abreisen will, in so schlechten Ruf gebracht hast, als wenn -ich ein Trunkenbold wäre. Sieh, mein Engel, das fremde gutherzige -Frauenzimmer reiset nun in alle Welt und hängt mir in den -allerentferntesten Ländern einen Schandfleck an, und macht mir so in -Gegenden einen bösen Namen, wo ich noch nicht einmal einen guten oder -gleichgültigen Ruf errungen habe; es ist sogar möglich, ich werde da -schon im voraus lächerlich, wo man mich noch gar nicht kennt; denn -Verleumdung findet weit leichter als Verehrung eine Herberge und Wohnung -in der Brust der mannichfach redenden Menschen. - -Er ist also auch in der Ehe unverbesserlich geblieben, dachte der -erzürnte Ferdinand und ging in die Stadt. Es war ihm in seiner -Verstimmung unmöglich, sich jetzt seinem ehemaligen Freunde zu erkennen -zu geben. - -In einem nicht gar bequemen Fuhrwerke verließen die Reisenden Guben und -zogen langsam durch die Steppen und Fichtenwälder jener Gegend der -wendischen Lausitz. Sie übernachteten in Wermsdorf und waren erfreut, -bei Königsbrück eine grünere und freundlichere Natur zu finden. Ein -schöner, voller und dichter Tannenhain, mit vielen alten Bäumen, von -schönen Buchen und Birken erhellt, empfing sie nachher, und gegen Abend -sahen sie von einer Waldhöhe herab in seiner ganzen Schönheit am -anmuthig gewundenen Strom das liebliche Dresden vor sich liegen. - -Ich war schon oft in dieser Stadt, sagte Ferdinand, und doch bleibt mir -der Anblick dieser Gegend immer neu. Die Hügel, die sanften Thäler -umher, der schöne Strom, das Grün und die Waldpartien, Alles ist -zierlich und ergötzlich zu nennen. Erhaben, ernst, feierlich ist diese -Natur nicht und wir hören hier keine jener Stimmen, die das Ohr unsers -Geistes wohl in Gebirgen vernimmt. Darum hat diese Gegend so recht -eigentlich etwas Wohnliches, Behagliches, daß Jedem hier wohl wird, der -eines Umganges mit der Natur fähig ist. - -Sollten das nicht alle Menschen seyn? fragte Walther. - -Ich zweifle sehr, erwiederte jener: suchen so viele nicht und vermissen -in freundlichen Ebenen den Reiz der Gebirge? Entbehren nicht viele -schmerzlich in schöner Abgelegenheit den Wirrwarr der großen Städte? - -Das gehört auch, erwiederte Walther, zu den Erfreulichkeiten Sachsens -und dieser Residenz, daß man sich frei fühlt, nicht von Mauth und deren -Dienern grob und stürmisch angefahren und genirt wird; daß keine Habgier -die Bestechung wie einen Tribut erwartet. Das bildet einen starken -Abstich gegen das große benachbarte Land, in welchem in dieser Hinsicht -so vieles zu verbessern ist. - -Schon in der Nähe des freundlichen Thorschreibers fielen diese Reden vor -und die Reisenden stiegen müde vor dem Gasthause, der goldene Engel, ab, -in welchem sie Erquickung und gute Bewirthung fanden. - - - - - Walther von Reineck an den Grafen Bilizki. - - - Dresden, den 19. Juni 1803. - -Man sagt mir hier, die Familie Ensen sei in Karlsbad, und dahin werde -ich also vorerst mit meinem Schwärmer meinen Zug richten, weil ich -hoffen kann, von diesen Leuten, welche alle Verhältnisse so genau -kannten, von der schönen Maschinka, oder ihrem Entführer etwas zu -erfahren. Ferdinand, wie ich ihn der Abkürzung wegen nennen will, führte -mich sogleich zu einem wackern Schwaben, einem Maler Hartmann hin, so -wie zu einem sehr poetischen eigenthümlichen Landschaftmaler, Friedrich, -aus Schwedisch-Pommern gebürtig. Diese wahrhaft wunderbare Natur hat -mich heftig ergriffen, wenn mir gleich Vieles in seinem Wesen dunkel -geblieben ist. Jene religiöse Stimmung und Aufreizung, die seit kurzem -unsre deutsche Welt wieder auf eigenthümliche Weise zu beleben scheint, -eine feierliche Wehmuth sucht er feinsinnig in landschaftlichen -Vorwürfen auszudrücken und anzudeuten. Dieses Bestreben findet viele -Freunde und Bewunderer, und, was noch mehr zu begreifen ist, viele -Gegner. Historie, und noch mehr viele Kirchenbilder haben sich wie oft -ganz in Symbolik oder Allegorie aufgelöset, und die Landschaft scheint -mehr dazu gemacht, ein sinnendes Träumen, ein Wohlbehagen, oder Freude -an der nachgeahmten Wirklichkeit, an die sich von selbst ein anmuthiges -Sehnen und Phantasiren knüpft, hervorzurufen. Friedrich strebt dagegen -mehr, ein bestimmtes Gefühl, eine wirkliche Anschauung, und in dieser -festgestellte Gedanken und Begriffe zu erzeugen, die mit jener Wehmuth -und Feierlichkeit aufgehn und eins werden. So versucht er also in Licht -und Schatten belebte und erstorbene Natur, Schnee und Wasser, und eben -so in der Staffage Allegorie und Symbolik einzuführen, ja gewissermaßen -die Landschaft, die uns immer als ein so unbestimmter Vorwurf, als Traum -und Willkür erschien, über Geschichte und Legende durch die bestimmte -Deutlichkeit der Begriffe und der Absichtlichkeit in der Phantasie zu -erheben. Dies Streben ist neu, und es ist zu verwundern, wie viel er -mehr wie einmal mit wenigen Mitteln erreicht hat. So meldet sich bei uns -in Poesie und Kunst, wie in der Philosophie und Geschichte, ein neues -Frühlingsleben. Ganz ähnlich, und vielleicht noch tiefsinniger, strebte -ein Freund, der erst seit kurzem von hier in sein Vaterland, Pommern -(auch das schwedische), zurückgekehrt ist, die phantastisch spielende -Arabeske zu einem philosophischen, religiösen Kunstausdruck zu erziehn. -Dieser lebenskräftige Runge hat in seinen Tageszeiten, die bald in -Kupferstichen erscheinen werden, etwas so Originelles und Neues -hervorgebracht, daß es leichter ist, über diese vier merkwürdigen -Blätter ein Buch zu schreiben, als über sie in Kürze etwas Genügendes zu -sagen. Es war eine Freude, diesen gesunden Menschen diese Zeichnungen -selbst erklären zu hören, und zu vernehmen, was er Alles dabei gedacht. -Ich suchte ihn im vorigen Jahr, als ich mich auch hier befand, darauf -aufmerksam zu machen, daß er, besonders in den Randzeichnungen, die die -Hauptgestalten umgeben, mehr wie einmal aus dem Symbol und der Allegorie -in die zu willkürliche Bezeichnung, in die Hieroglyphe gefallen sei. Der -bittre Saft, der aus der Aloe trieft, die Rittersporn, die im Deutschen -durch Zufall so heißen, können nicht im Bilde an sich Leiden, Reue oder -Tapferkeit und Muth andeuten. So ist in diesen Bildern manches, was -Runge wohl nur allein versteht, und es ist zu fürchten, daß bei seiner -verbindenden reichen Phantasie er noch tiefer in das Gebiet der Willkür -geräth und er die Erscheinung selbst als solche zu sehr vernachlässigen -möchte. In derselben Gefahr befindet sich auch wohl Friedrich. Ist es -nicht sonderbar, daß gerade die Zeit, die mehr Phantasie entwickelt, als -die vorigen Menschenalter, zugleich im Phantastischen und Wunder mehr -Bedeutung, Vernunft und äußere und innere Beziehung finden will, als -früher die Menschen von jenen Productionen der Künste verlangten, die -doch gewissermaßen ganz aus der Verständigkeit hervorgegangen waren? Man -sieht aber wieder, wie Ein Geist immerdar sich im Zeitalter in vielen -Gegenden und Gemüthern meldet. Die Novalis auch nicht kennen oder -verstehn, sind doch mit ihm verwandt. War es denn auch so zur Zeit des -Dante? So weit ich jene Jahre kenne, entdecke ich dort diese -Verwandtschaft nicht. Dieser große Prophet hat in seinem Geheimniß -dieses Streben, Sache und Deutung, Wirklichkeit und Allegorie immerdar -in Eins zu wandeln, auf das mächtigste aufgefaßt. Ihn verstehn und -fühlen setzt voraus und fordert eine große poetische Schöpferkraft; mit -dem gewöhnlichen Auffassen ist hier nichts gewonnen. Soll man sich aber -selbst so loben? Im Briefe vielleicht. Und doch gemahnt es mich, als sei -dies kein Lob. Nur Geweihte sollen Dante's Gedicht lesen. Es ist ja -keine Bürger- und Menschenpflicht. - -Sonderbar, daß viele Menschen, die mit Recht sich etwas darauf -einbilden, daß sie Runge's und Friedrich's Bemühungen nicht abweisen, -weil ihr Poesiesinn den Schöpfungen entgegenkommt, doch die tiefsinnige -und ebenso liebliche Symbolik und Allegorie in Correggio's einzigen -Werken nicht fühlen und anerkennen. Wer nichts als den Maler in ihm -sieht, der mit Lichteffekten spielt, mag nicht gescholten werden, wenn -er mehr als einen Niederländer höher stellt. Runge selbst war immer von -diesem großen Dichter auf das tiefste ergriffen, und es ließ sich mit -diesem hochbegabten deutschen Jünglinge über diese Gegenstände sehr -anmuthig sprechen und schwärmen. Freilich merke ich wohl, daß ich, gegen -meinen Begleiter Ferdinand gehalten, mich noch sehr prosaisch ausnehme. - -Wir standen vor Rafael's sogenannter Sixtinischen Madonna. Es ist -schwer, von einem so ewigen, ganz vollendeten Werke etwas Bedeutendes zu -sagen, und um so schwerer, je öfter und weitläuftiger schon begeisterte -Bewunderer oder forschende Kenner sich darüber haben vernehmen lassen. - -Kein Werk, darin kommen alle überein, ist von Rafael so leicht, mit so -weniger Farbe, so weniger Ausführung gemalt. Es hat darüber, weil es -wohl rasch gefördert ist, fast den Charakter eines Freskobildes; in -Hinsicht der Einfachheit, Erhabenheit, steht es vielleicht, wenn man -einmal unterordnen will, allen Arbeiten dieses größten Malers voran. Es -kommt mir vor, als wenn diese sublime Erscheinung jene Ausführlichkeit -so vieler anderer Meisterwerke nicht zuließe. Denn wie eine Erscheinung -wirkt dieses Kunstwerk. Es ist sehr zu tadeln, daß man es so nachlässig -eingerahmt hat; denn oben ist vielleicht eine Handbreit oder mehr -umwickelt, wodurch die grünen Vorhänge und der obere lichte Raum -verkürzt sind. Denkt man sich dieses jetzt Mangelnde hinzu, so schwebt -die Gestalt der Maria, sowie des Sixtus und der Barbara noch deutlicher, -noch mehr und lebendiger herab. Die Vision der drei Heiligen steigt in -die Kirche selbst hernieder, sie erscheint über dem Altar, und Maria -bewegt sich im Niederschweben mit dem ernsten Kinde in den Armen -zugleich vor. Diese doppelte Bewegung erklärt den Flug des Schleiers, -sowie das Zurückstreben des blauen Gewandes; der verklärte Papst, im -brünstigen Gebet, ist gleich in dieser knieenden Anbetung und Stellung -gewesen. Die heilige Barbara stand der Mutter Gottes nahe, doch -geblendet von der Majestät und fast erschreckt von den tiefsinnigen -Augen des Kindes ist sie so eben in die Knie gesunken und wendet das -Antlitz. Diese Verbindung der früheren und späteren Bewegung liebte -Rafael, fast alle seine Bilder zeigen sie, und keiner hat ihn in dieser -Kunst, auf diese Weise wahres Leben, Seele in die Stellungen und Gruppen -zu bringen, jemals erreicht. Die Engel, als Herolde, sind schon früher -angelangt, und stützen sich unten ruhend auf dem Altar selbst. Getrost, -kindlich unbefangen erwarten sie die Heiligen, und der Tiefsinn der -Kindheit contrastirt mit dem Angesicht Christi und dem strengen Ernst -seiner Augen gar schön. Mir unbegreiflich, wie manche seyn wollende -Kenner dieser Barbara etwas Weltliches oder gar Coquettes haben -andichten wollen. Andre meinen, das Bild sei noch edler, wenn die Figur -der Maria ohne alle Begleitung erschiene. Für wie Viele, und die doch -gern mitsprechen, ist das Vollendete doch immerdar ein fest versiegeltes -Buch, und eben darum, weil es vollendet ist. Die Mehrzahl der Menschen -kann sich nur am Einzelnen entzücken. Ihr Streben, sowie sich ihnen in -Kunst oder Poesie etwas Mächtiges und Schönes anbietet, ist, sogleich -das Werk zu vereinzeln, um sich dieses und jenes, entweder mit Kälte -oder Hitze anzueignen. Die Kalten sind die sogenannten Kenner, die oft -mit solcher Wegwerfung diese oder jene Zufälligkeit oder eine Nebensache -bewundern, daß man, ihren Reden nach, auf den Argwohn kommen müßte, es -sei besser, wenn gar keine Kunst oder Poesie die Welt verwirre. Die -Hitzigen versetzen sich zuweilen bis zu Thränen in eine ängstliche -Leidenschaftlichkeit, um ja nur recht bestimmt etwas zu isoliren, irgend -ein Schönes, das freilich sich wohl auch im Kunstwerke findet. Nur -verdient dieses Einzelne erst das Lob, und kann nur verständig seyn, -wenn es aus dem Innern des Werkes und seiner Totalität verstanden wird. -Aber von dieser innern, nothwendigen Vollendung, wodurch erst ein -Kunstwerk diesen Namen verdient, von dieser Ueberzeugung wollen die -Eifernden wie die Besonnenen in der Regel nichts wissen; diesen Glauben -erklären sie geradezu für Aberglauben. Sie können ein Werk nur -bewundern, wenn sie es für eine Annäherung, aber freilich mangelhafte, -zu jenem unsichtbaren, unfühlbaren und unbezeichneten Ideal halten, -welches ihnen im chaotischen Nebel vorschwebt. - -Es ist merkwürdig, wie sich so oft die Extreme berühren. Diese -Rafael'sche Maria hätte vielleicht niemals copirt werden sollen und kein -anderes Bild ist von Stümpern und geschickten Zeichnern so oft -wiederholt worden. Den besten aber fehlt das geistige Auge, die wahre -Gestalt der Maria wieder zu finden. Vielleicht wäre dem schaffenden -Meister selbst keine Copie ganz gelungen. Am schlimmsten sind einige -Oelbilder, bloß die ganze Figur der Maria, ausgefallen. Ich kenne -welche, die aus dieser erhabenen Gestalt etwas Freches und Gemeines -gemacht haben. - -Unser Entzücken vor dem Gemälde wurde auf eine sonderbare Art gestört -und unterbrochen. Ein Mann in mittleren Jahren, mit einem scharfen -Gesicht und einer etwas rothen Nase, kam mit stolperndem Gang und einem -schreienden Ton auf uns zu, und schloß meinen verzückten Ferdinand, ob -sich dieser gleich etwas sträubte, fast zu heftig in seine Arme. Er -nannte sich Wachtel, kam von Guben herüber und hatte unsre Namen im -Thorzettel gelesen. »Ihr steht hier«, rief er unmittelbar nach der -Begrüßung, »vor dem allercuriosesten Tableau, das der Mensch nur -ersinnen kann. Es ist ohne Inhalt und stellt eigentlich gar nichts dar. -Man kann sich aus den Abendwolken bessere Geschichten zusammensetzen. Wo -kommen diese Creaturen her? Wo wollen sie hin? Warum blieben sie nicht, -wo sie waren? Das kommt mir vor wie manche Menschen, die immer eine -wichtige Miene machen und hinter diesem nachdenklichen Gesichte doch gar -nichts denken. Der Zuschauer muß sich nun zwingen, noch weniger zu -denken, und das nennt er dann eine erhabene Stimmung. Wie man beim -Feuer, wenn es mächtig um sich greift, oft klug thut, zwei oder drei -Häuser einzureißen, damit nicht hundert zu Grunde gehn, so sollte ein -durchgreifender Menschenfreund, wie der Kalif Omar, einmal so ein -tausend gepriesene Meisterwerke in den Ofen stecken, damit eine Kluft, -ein leerer Raum entstünde, und diese Krankheit von unnützer Bewundrung, -die immer weiter um sich greift, in sich erstickte, daß die armen -Menschen einmal wieder frische Luft holten und zur Besinnung kämen. Was -seht ihr z. B. auch dort an dem Tizianschen Christus mit der Münze? Ich -habe einen Schacherjuden gekannt, der ganz wie dieser angebliche Heiland -aussah. Diese Maler sind lustige, boshafte Kerle gewesen, und es ist zu -verwundern, daß ihnen die Geistlichkeit nicht mehr auf die Finger -klopfte. Die Satire, wie der Jude hier die Münze und den Versucher -ansieht, wie die langen Finger so gern mit dem Geldstück eins werden -möchten, ist doch allzusehr in die Augen fallend.« - -Ferdinand, der mir vor einigen Tagen soviel Wunder und Schönes von -diesem Jugendfreunde erzählt hatte, hätte aus der Haut fahren mögen und -durfte doch den täppischen Gesellen nicht verleugnen. Er war aber -dunkelroth vor Scham, denn noch kurz zuvor hatte er mir und den -Umstehenden bewiesen, wie in diesem Bilde, »Christus mit der Münze,« -sich Tizian, der nur selten erhaben sei, selber übertroffen habe. So -sehr er sich wehrte, mußte er sich doch von seinem Freunde zu den -Teniers und einigen andern niederländischen Bauernscenen schleppen -lassen, wo dieser Wachtel sich unter lautem Lachen ganz glücklich und -behaglich fühlte. -- - - * * * * * - -Nachdem Walther diesen Brief abgesendet hatte, kehrte er zu seinem -Freunde Ferdinand zurück, den er im heftigen Wortwechsel mit Wachtel -antraf. Was giebt es, fragte er, worüber man so laut streiten könnte? -Wachtel nahm sogleich das Wort und erzählte mit großer Lebhaftigkeit: -die Sache, werthgeschätzter Unbekannter, betrifft, kürzlich zu sagen, -das Herz und die Liebe. Ich bin des Undankbaren ältester Freund, und er -will es mir verwehren, hier mit ihm zu seyn und ihn nach Teplitz und -Karlsbad zu begleiten. Ist das nicht reelle Undankbarkeit? Ich komme -her, sehe ihn nach Jahren wieder, und will mein verdumpftes Herz in -lichtender, frischer Liebe auslüften und durch heilsame Erschütterungen -von Motten und allem unnützen Gespinste reinigen, und er will es mir -verwehren, ihn zu begleiten, weil ich ihn, wie er vorgiebt, in seiner -verstimmten Erhebung nur störe. Auch hat er, wie immer, allerhand von -Geheimnissen, die ich ihm allzuroh und derb betasten, oder vielleicht -gar erdrücken möchte, denn er liebt es, sich selbst zu verhätscheln, und -doch hat der arme Schelm seine ganze Schwärmerei nur einzig und allein -von mir gelernt, was er freilich jetzt, nach so manchen Jahren, nicht -mehr Wort haben will. - -Ferdinand mußte lachen und sagte: nun, so begleite mich denn, Freund -Wunderlich, wenn jener Herr, mit welchem ich mich schon für einige Zeit -versprochen habe, nichts gegen die Vermehrung der Gesellschaft hat. -Walther schien über die neue Bekanntschaft erfreut, die ihm manche -Aufheiterung versprach, und man nahm sogleich die Abrede, vorerst nach -Teplitz zu reisen, um zu erfahren, wie man sich untereinander vertrüge. - -An einem trüben Tage reisete die Gesellschaft von Dresden ab, ziemlich -spät, so sehr auch Ferdinand getrieben hatte, damit man noch zeitig in -Teplitz anlangen könne. Der bequeme Walther aber, der es nicht in der -Art hatte, Zeit und Stunde sehr zu beachten, hatte die Stunde versäumt. -Die schöne Gegend bei Pirna, die anmuthige bei Gießhübel, die -Waldpartien, die wechselnden Aussichten ergötzten alle. Auf der Grenze -wurden die Reisenden, die nicht viel Gepäck mit sich führten, nur wenig -aufgehalten. Der Weg bis zum Nollendorfer Berg hinauf war ermüdend und -langweilig, denn schon in Peterswalde hatte sich ein dichter Nebel -herabgesenkt, der jede Aussicht verdeckte. Oben auf dem höchsten Punkte -des Berges von Nollendorf steht eine kleine Kirche. Hier stiegen die -Reisenden aus, um, wo möglich, etwas von der Schönheit der Natur zu -genießen. - -Der Wagen fuhr indessen das Thal hinunter, als die Naturbeobachter noch -oben im dichten Nebel standen und kaum die nächsten Sträucher am Wege -unterscheiden konnten. Wachtel sagte: Eigentlich, meine Freunde, ist -dies, was wir hier nicht sehn, und indem wir nichts sehn, der erhabenste -Anblick der Natur. Dies ist ein Bild vom alten uranfänglichen Chaos, -welches der wundersame Großvater aller Formen und Gestaltungen war. Wir -übereilen uns, wenn wir uns das Nichts als nichts denken wollen: was -sich weder denken noch vorstellen läßt. Nein, so wie wir es hier vor uns -sehen, ist das Nichts beschaffen. Alles, so weit man sieht und denkt, -ein unreifer Brei, eine angehende Milch, ein blöder Lehrling für ein -Sein. Wie Silhouetten-Gespenster dort die Bäume und Sträucher, eben nur -zu errathen, Finsterniß in diesem bleichen Dunkel, dort ebenso die Wand -der Kirche. Alles nur Räthsel: steht da, wie Aberglauben im Meere der -Unvernunft. Wenden wir nun einmal dieses eingebräute Gleichniß vor uns -auf unsre eignen Köpfe an, so -- -- - -Hier versagte dem Schwatzenden das Wort im Munde, denn einem Wunder -gleich riß sich eine große breite Spalte in dem dichtgewundenen Nebel, -und grünes Land, sonnenbeglänzter Wald lag unten, gegenüber funkelnde -Berge im wachsenden Lichte. Kaum entdeckt, brachen links und rechts neue -Klüfte im weißen Nebelmeer auf, und wie selige Inseln zeigten sich von -allen Seiten Gebirg und Flur im spielenden Glanz des fluthenden -Sonnenscheines, indessen noch dazwischen wie Wände oder Säulen die -ineinandergeflochtenen Wolken alle Aussicht deckten. Nun entstand ein -Kampf zwischen Licht und Dunkel: Alles wallte und zog hin und wieder. -Die Wolken löseten sich in Streifen, die leichter und wolliger -zerflossen und sich endlich in den Glanz verloren und untertauchten. So -wurden von unsichtbarer Hand allgemach die Vorhänge weggehoben und das -ganze Gebirge mit seinen schönen Formen lag weit ausgebreitet in allen -Abstufungen des vollen und gemilderten Lichtes vor den Augen der -entzückten Beschauer. - -Diese Landschaft, rief endlich Ferdinand aus, muß eine der schönsten in -Deutschland seyn. - -Wie oft ich auch die Reise machte, sagte Walther, so habe ich doch -niemals dieses überraschende Entzücken genossen, welches mich heut -ergriffen hat. Wie herrlich wäre es, wenn der Elbstrom durch dieses Thal -flösse, denn nur Wasser fehlt dieser lieblichen Natur. - -Sprechen wir nur nicht so, rief Wachtel aus, wie ich dergleichen schon -so oft habe hören müssen. Ihr waret ja eben noch entzückt, Freunde, und -schon fangt ihr an, Mangel zu empfinden, zu kritteln und zu kritisiren. -Wie schön der Anblick eines gewundenen Stromes auch sei, wenn er wie ein -belebender Geist hin durch die Landschaft glänzt, so paßt er doch nicht -in jede Naturscene hinein. Hier, wo Alles lieblich, so einklingend ist, -würde er mich nur stören: er höbe das Gefühl dieser behaglichen -Einsamkeit gewissermaßen auf. Rhein, Neckar, Mosel und der schöne Theil -der Elbe beherrschen die Gegend, durch welche sie strömen, prägen ihr -den Flußcharakter auf; hier aber führen die schönen Gebirge unmittelbar -selbst das Wort. Stören kann oft eine kahle, unbedeutend schroffe Wand, -wenn sie zwischen den schönen Linien der Gebirge sich eindrängt, ein -nackter Hügel, dem man die Waldung geraubt hat, eine wüste Sandfläche, -die sich todtenbleich und krank zwischen lustiges, lebensvolles Grün der -Fluren wirft, aber hier, Freunde, ist Alles so ganz und voll, daß euch -nichts mangeln sollte. - -Sie stiegen jetzt beim schönsten Wetter den Berg hinab. Ein Fußpfad -führte sie durch den Wald, aus welchem sie bald hier, bald dort wieder -den freien Ausblick zu den Gebirgen hatten. Die Frühlingsvögel sangen -nicht mehr, aber durch die feierliche Einsamkeit schrillten und zirpten -die kleinen Vögelchen ihre einfachen kindischen Melodien. - -Sie trafen im Thale ihren Wagen wieder, aber die Abendsonne beschien die -Kapelle oberhalb Culm und den Weingarten, auf welchem sie schimmerte, so -einladend, daß die Uebrigen Walther's Vorschlage gerne folgten, noch zum -Hügel hinaufzuklimmen, um den Untergang der Sonne von dort zu genießen. -Die Freude an der Natur erzeugt oft, indem man in der Aufregung keine -Ermüdung fühlt, eine Art von Rausch, welcher dann Mattigkeit und -Ernüchterung herbeiführt, wenn man, wie beim Wein, die Sättigung zu -lange hinausschiebt. So erging es den Reisenden. Die Sonne war -untergesunken, sie stiegen in der Dämmerung hinab und hatten noch bis -zum Nachtquartier einen ziemlich weiten Weg vor sich. Der Fuhrmann -schmollte über die unnütze Verzögerung, um so mehr, da die Finsterniß, -schnell wachsend, hereinbrach. Jetzt fühlten die Abentheurer obenein, -daß sie, aus Freude an der Reise und weil sie spät von Dresden -ausgefahren, das Mittagmahl versäumt hatten, und mit der zunehmenden -Ermüdung und Dunkelheit wuchs in ihnen Hunger und verdrüßliche Stimmung. -Es wurde völlig finster, so daß man die nächsten Gegenstände, selbst den -Weg nicht mehr unterscheiden konnte, und der Fuhrmann, der der Gegend -unkundig war, erklärte auf das Bestimmteste, daß er in dieser -pechrabenschwarzen Nacht unmöglich schneller fahren könne, wenn er nicht -sich und seine verehrten Herren der wahrscheinlichsten Lebensgefahr -aussetzen wolle. - -Mühselig, verdrossen, langsam ging die Reise fort. Immer noch erschien -Teplitz nicht, und Mitternacht war schon längst vorüber. Endlich ersahen -die Verstimmten eine dunkle Masse, in welcher nur wenige Lichtpunkte -flimmerten, vor sich. Der Kutscher fuhr seitwärts, wie es schien, um das -Thor zu finden. Keine Antwort auf wiederholtes Rufen und Klopfen. -Endlich hörte man von innen, daß dies die Wohnung des Küsters und der -Eingang zum Kirchhof sei. Der Kutscher tastete herum und fand ein großes -Gatterthor. Noch weniger ward hier auf das laute Klopfen und Schreien -Rücksicht genommen. Es war vom Felde her der Eingang zum sogenannten -Fürstenhause. Mühselig fand man sich in der trüben Finsterniß zum Thore -und zur Töpferschenke hin. Hier schlief aber längst Alles. Ein Kellner -und eine Küchenmagd erschienen endlich, nur halb erwacht. Der Wagen ward -untergeschoben, die Zimmer schloß man auf. Die Aufwartenden verwunderten -sich übermäßig, daß die Ankommenden noch zu speisen begehrten. Butter, -Schinken und ein kaltes Huhn wurden, nach vielem Widerspruch, nebst -einer Flasche Wein noch herbeigeschafft. Die Betten waren in Ordnung. -Aus Mitleid ließ man die Aufwärter wieder schlafen gehen. Doch Walther -bildete sich ein, er fröre und habe sich erkältet. Ein großes Kamin war -im Zimmer, und Wachtel, der allenthalben die Augen hatte, entdeckte auf -dem Gange einige Scheite Holz. Man versuchte ein Feuer zu machen, das -anfangs hell brannte, bald aber das Zimmer mit Rauch anfüllte. Es ward -entdeckt, daß das Kamin oben zugemauert, also nicht zu gebrauchen war. -Die Uebermüden hatten viele Noth, bis sie den Rauch wieder durch die -Fenster hinausgetrieben hatten. So, ungesättigt, matt, verdrossen und -überreizt begaben sie sich auf ihr Lager, indem Wachtel noch behauptete, -es sei nichts so mit Pein versalzen, als die Vergnügungen des Lebens. - - * * * * * - - -- Viel lieber durch Leiden - Möcht' ich mich schlagen, - Als so viel Freuden - Des Lebens ertragen. -- - -So sang am Morgen Wachtel mit lauter Stimme und erweckte die beiden -schlafenden Freunde. Als Alle munter und angekleidet waren, erschien das -Frühstück und mit ihm die Wirthin, die es entschuldigte, daß die -Reisenden in der Nacht eine so schlechte Aufnahme gefunden hätten. In -der Entschuldigung wegen des Rauches war ein gelinder Vorwurf -eingehüllt, daß man sich ohne Anfrage zu willkührlich des Feuers -bemächtigt habe. Bei der neuen Einrichtung, schloß die Frau, sollten -diese Zimmer nur für den Sommer benutzt werden, und ich will diesen -ungeschickten Kamin auch noch fortschaffen lassen, damit er nicht öfter -Irrungen veranlaßt. - -Der Spaziergang nach Dorna ergötzte die Freunde, sie wandelten dann nach -der Liebemay, einem anmuthigen Walde. Allenthalben erfreute der Anblick -der Gebirge. - -Am folgenden Tage sollte ihr Kutscher sie nach Dux bringen, sie -geriethen aber, da er des Weges unkundig war, nach Kloster Ossek. Auf -dem Rückwege besahen sie Dux und die Andenken an den berühmten und -berüchtigten Wallenstein, der seit einigen Jahren durch des edlen -Schillers Gedicht für die deutsche Nation ein neues Interesse bekommen -hatte. - -Die Bergstadt Graupen und ihre alte Kirche, die Ruine oben und die -schöne Gegend nahmen den folgenden Tag in Anspruch. In der Kirche traf -Walther zwei Damen aus Berlin, Mutter und Tochter, und sie beschlossen, -die Spaziergänge in Gemeinschaft zu besuchen. Wir werden noch den jungen -Herrn von Bärwalde hier sehen, den wir gestern in Bilin fanden, sagte -die Mutter, einen jungen Mann, den wir im vorigen Winter kennen lernten. -Ein bescheidenes, stilles Wesen, setzte die Tochter die Beschreibung -fort, ich habe in meiner Vaterstadt, in Berlin, mit ihm getanzt: er war -fast zu ernst und verschlossen und tanzte auch mit einer gewissen -feierlichen Miene. Alles dies wurde still und fast ängstlich während des -Gottesdienstes in der Kirche verhandelt, und so leise sie sprachen, -sahen die andächtigen Böhmen doch mehr wie einmal drohend nach den -Ketzern sich um. Plötzlich sprangen zwei junge, wohlgekleidete Leute -durch die Thür der Kirche, stellten sich laut sprechend in die Mitte, -den Rücken gegen den Altar und Priester gekehrt, und kritisirten die -Gruppen der hölzernen Figuren, die gegenüber auf dem Chore einen Theil -der Leidensgeschichte, kräftig und wild ausgearbeitet, darstellten, so -wie man unten an der Seite durch gelbgefärbtes Glas in das Fegefeuer und -die Qual der Sünder hineinsah; Alles auch ganze Figuren. Waren diese -Gegenstände auch nicht der Kunst, vielleicht selbst der Kirche nicht -ganz geziemend, so war das überlaute Gespräch und Lachen der Jünglinge -ungezogen und so anstößig, daß die Damen, von den drei Reisenden -begleitet, in großer Angst aus der Kirche flüchteten. - -Um des Himmels Willen! rief das junge Mädchen, indem sie die Höhe -hinanstiegen, kennen Sie, liebe Mutter, den sanften, trocknen, zu -bescheidenen Tänzer in diesem übermüthigen, affektirten Don Juan wieder? - -Ist Ihnen denn, werthes Fräulein, sagte Walther, dieser Ton der -sogenannten feinern Welt noch unbekannt geblieben? Diese neumodischen -ungezogenen Herren, die in Gesellschaften, im Schauspiel und in der -Kirche sich lärmend und schreiend betragen, sind beim Tanze so steif und -ehrbar, daß sie um Alles nicht lachen oder lächeln und ihre Tänzerin -kaum noch mit einem finstern, halb abgekehrten Blicke ansehen. Auf dem -Balle darf sich keine Spur von Fröhlichkeit zeigen, sie tanzen, als wenn -sie zur Frohn arbeiteten, oder wie die Baugefangenen mit Schellen und -Klötzen an den Beinen. - -Die Frauen hatten solche Furcht vor jenen beiden Jünglingen, daß sie in -der Gesellschaft der Reisenden über Maria-Schein schnell nach Teplitz -zurückkehrten. Nach dem Mittagsessen traf man sich auf dem Schloßberge -wieder, von wo man am schönsten das ganze Thal von Teplitz übersieht, -und Abends begab man sich in das kleine Theater. - -Ein ächt deutsches Stück wurde gegeben: »Der seltne Prozeß.« Ein -verarmter, rechtlicher, frommer und bibelfester Weber weiß seiner Noth -kein Ende, um so weniger, da seine Frau ihn seit Kurzem mit Zwillingen -beschenkt hat. Der Segen des Himmels, den beide dankbar anerkennen, -drückt sie aber so zu Boden, daß nach langem Kampfe und vielem Schmerz -sie sich entschließen, das eine Kind in der Nacht einem reichen Manne -heimlich zu übergeben. Dieser aber hat in derselben Nacht schon ein -Wickelkind erhalten, er läßt Acht geben, und als der Arme jetzt mit -schwerem Herzen seinen Sohn dem Zufall und der Menschenliebe übergeben -will, wird er ergriffen, gescholten und ihm, der nicht zu Worte kommt, -das dritte Kind mit Gewalt in die Arme gelegt. Mit diesem Segen und -Jammer befrachtet, muß er nach Hause gehen, und die Klagelieder der Frau -kann sich Jeder denken. Indessen ist schon die unerwartete Hülfe nah. -Eine Summe Geldes bringt der neue Ankömmling mit und ein Schreiben, daß -für die Ernährung des Kindes reichlich soll gezahlt werden. Nun wird -große Freude aus der Trauer. Aber der Reiche erfährt diese Entwickelung, -er will das Kind sammt dem Gelde und der Verköstigung zurück haben, und -so wird der seltne Prozeß vor Gericht geführt. Ein edler Advokat, der -die Sache des armen Webers führt, weist sich endlich als der Vater des -Findlings aus, und Alle werden am Schluß zufriedengestellt. Ein -komischer Richter erheitert die Verhandlung. - -Es waren noch nicht viele Brunnengäste in Teplitz und darum, besonders -bei dem schönen Wetter, das Theater sehr menschenleer. Eine hohe, edle -Gestalt gab sich die Mühe, den Schauspielern und dem schlechten Stücke -oft zu klatschen und sie durch lauten Beifall zu ermuntern. Walther -erkannte, als sie nach dem Stücke noch den Garten besuchten, in ihm den -berühmten witzigen Prinzen de Ligne, der hier meist den Sommer -zubrachte. Als Walther ihm seine Begleiter vorgestellt hatte, erklärte -der geistreiche Prinz, daß es ihm nicht darum zu thun sei, die gespielte -Armseligkeit für etwas Gutes auszugeben, sondern es komme ihm nur darauf -an, die armen Schauspieler etwas zu ermuthigen. - -Ist es nicht, fügte Walther hinzu, um diese ernsthaften Deutschen etwas -Sonderbares! Wenn der heutige Schwank theatralisch gelten sollte, so -müßte er eben als Schwank, als Posse vorgetragen werden. In diesem Sinne -sah ich die Geschichte vor einigen Jahren in Rom spielen. Ein -eigensinniger Misogyn jagt seinen Bedienten, Truffaldin, aus dem Dienst, -weil er gehört hat, er sei verheirathet. In komischer Verzweiflung kommt -der Spaßmacher nach Hause und findet die Zwillinge. Possierlicher Jammer -der Aeltern, was anzufangen sei. Der Entschluß wird gefaßt, das Kind dem -Findelhaus zu übergeben. Aber welches? Beide Kinder machen auf gleiche -Liebe Anspruch. Man streitet, zankt, weint und lacht: der Zufall soll es -entscheiden, und die Kinder werden wie Loose übereinandergerollt und -Truffaldin greift blindlings hinein. Beim Findelhaus wird ihm aber der -dritte Säugling nach einigen Schlägen, die er mitnehmen muß, -aufgezwungen, und in dieser burlesken Art entwickelt sich, ohne Prozeß, -so viel ich mich erinnern kann, das tolle Lustspiel. Die Italiener, die -gerne lachen, hatten große Freude an dieser lustigen Parodie der -Väterlichkeit und des menschlichen Elends, viele gesetzte Deutsche aber, -die sich alle zu den guten und besten Köpfen rechneten, meistens -Vornehme, die sich sonst nicht von der Moral geniren ließen, fanden den -Spaß äußerst unsittlich und folgerten aus dem Lachen des unbefangenen -Volks, das durch halbe Cultur noch nicht verdreht war, die tiefe -Versunkenheit der Italiener, weil sie beim mindesten edeln Gefühl -dergleichen Abscheulichkeit nicht würden dulden können. - -Das Albern-Sentimentale, fuhr Wachtel im Gespräch fort, diese Krankheit, -die dem wahren Gefühle ganz entgegengesetzt ist, hat von je bei den -Deutschen gütige Aufnahme gefunden. Doch sind die Franzosen in vielen -ihrer Dramen und Romane auch nicht frei von dieser nervösen -Hautkrankheit. Den schlimmsten Ausschlag hat wohl unser Kotzebue gehabt -und gegeben. Hiob rieb sich in seinem Elend mit Scherben: wir gehn in -die Komödie, um uns zu erleichtern. »Der kratze sich, den es juckt,« -sagt Hamlet: das thun wir denn redlich. - -Der Fürst lachte und nach einigen Wechselreden trennte man sich, weil es -schon spät geworden war. Von Karlsbad schrieb Walther folgenden Brief an -seinen Freund nach Warschau. - - Karlsbad, den 28. Junius 1803. - -Die Familie Essen habe ich aufgesucht, so wie ich nur hieher kam. Aber -ich weiß nichts Bestimmteres, da diese Leute, die etwas träge scheinen, -selber keine nähern Nachrichten haben. Nur so viel scheint aus Allem -hervorzugehen, daß der Entführer oder Verführer sich unter verschiedenen -Namen herumgetrieben hat, und daß es deswegen um so schwieriger ist, ihm -auf die Spur zu kommen. Nach Franken deuten die etwanigen unbestimmten -Anzeigen. Ich muß es also fast dem Zufalle überlassen, ob ich ihn oder -sie auf meiner seltsamen Pilgerfahrt antreffen werde. Man wird selber -saumselig, wenn man sieht, wie wenig die Menschen sich ereifern, die die -Sache doch auch, der Verwandtschaft wegen, interessirt. - -Mein wunderbarer Reisegefährte Ferdinand wird mir um so lieber, je öfter -ich mit ihm zanke, je weniger ich in eine von seinen seltsamen Meinungen -eingehen kann. So wie man von Sachsen aus die böhmische Grenze betritt, -ist Natur und Menschenstamm anders. Am auffallendsten aber ist das -katholische Wesen, die Heiligenbilder und Crucifixe auf Wegen und -Stegen, in Dörfern und Städten, abseits auf dem Felde, wo man nur -hinsieht, begegnen dem Auge diese hölzernen und aus Stein gemeißelten -Figuren, die meisten, wie sich von selbst versteht, widerwärtig, -schroff, und die Gemälde und angestrichenen Passionsfiguren blutig und -unannehmlich. Engel, die in Kelchen das Blut des Heilandes auffangen, -das Antlitz des Erlösers beregnet von rothen Tropfen, Maria meist mit -nußgroßen Thränen, und Alles, wie in der Kirche zu Graupen, darauf -hingearbeitet, um Schauder und Grauen zu erregen. - -Als ich nun einmal darüber klagte, wie so Vieles in unserm Vaterlande, -welches öffentlich aufgestellt wird, mehr dazu dient, die Barbarei zu -befördern und das Auge zu verderben, anstatt den Sinn für Schönheit zu -nähren und zu erhöhen, gerieth er in einen erhabenen Zorn und rief nach -manchen Aeußerungen: Wüßten wir doch nur erst, was Schönheit ist und was -wir so nennen sollen! Ist sie denn nicht so oft nur eine Verlarvung des -Lebens und der Wahrheit? Auch die alten Griechen, uns Musterbilder im -Schönfühlen, hegten vor jenen Klötzen und Unformen, die ihnen aus -uralter, fast vorgeschichtlicher Zeit überkommen waren, eine heilige -Ehrfurcht und Scheu, und die Frommen fühlten vor diesen Fratzenbildern -in Ahndung und Erinnerung mehr, als vor jenen neuen, schöngeschnitzten -Götterbildern. Die Süßlichkeit mancher neuen Maler oder Bildner, wenn -sie den Heiland als einen Siegwart, oder empfindsamen verliebten -Landprediger, oder im Akt des Brodbrechens als einen idealisirten -Bäckergesellen darstellen, ist mir das Verhaßteste in allen Verirrungen -unserer gefühlvollen Zeit. Das Leiden des Gottmenschen, die Geheimnisse -unserer Religion, die Wehmuth, der Schreck unseres Innern, die uns von -dieser dunkeln, zu nahen Erde in die himmlischen Regionen des Glaubens -und Anschauens hinaufrücken sollen, können und dürfen anderer Natur -seyn, als jene Bewegungen, die uns das Schöne erregt. Wo der Landmann -seine Aecker überschaut, der wilde Jäger aus seinem Forst tritt, der -fremde Wandersmann in den Bezirk kommt, sehen sie die Hinweisung auf -Erlösung, Erbarmen, Mitleid und das Wunder des Ueberirdischen. Wird -durch Fleiß und Thätigkeit, durch Tugend und Kraftanstrengung nicht -immerdar etwas Geistig-Göttliches von der Qual und vom Tode erlöst? -Geschieht nicht auch dieses in Arbeit und Mühe durch Schmerz und -Aufopferung? Der Bettler empfängt in jedem Brodschnitt nicht nur die -Milde des Gebers, sondern auch dessen Kampf und Schweiß. So weit diese -Bilder hier in den frommen Gauen stehen, werfen sie ihre leuchtenden -Strahlen segnend über die Aehren und die Früchte, über den jungen Wald, -Bäche und Wege dahin, und Alles, so weit das Auge reicht, ist wie -gesegnet und über den Tod und Fluch des Irdischen erhaben. - -Wir fuhren über Dux, Brixen und Saatz, wo wir Mittag machten. Der Abend -und der schönste Sonnenuntergang traf uns auf der Höhe vor Engelhaus. -Ich erinnere mich kaum, in meinem Leben etwas so Wundervolles in der -Natur gesehen zu haben. Ferdinand, bei dem alle Gefühle leicht in -Rührung übergehen, hatte Thränen in den Augen. Sie standen seinem -hübschen blühenden Gesichte sehr gut, was mit daher rührt, weil der -liebe Mensch von aller Affectation völlig frei ist. Was er nun sprach, -war wirklich wie in Entzückung, und als wenn er eben einer Vision -theilhaftig wäre. - -Kann man nicht diese Glut, diesen Purpurbrand und alle diese Röthen in -ihren Abstufungen bis zum lichten Rosenschmelz, als Blut des Heilandes, -vom Haupte strömend, aus der Seite, den Füßen und Händen fließend, -anschauen? Sein Haupt, die Sonne, sinkt tiefer und tiefer hinab, der -Nacht und dem Tode entgegen; nun ist die göttliche Scheibe verschwunden, -und die Röthe gleitet ihr dunkler und farbloser nach. Er ist scheinbar -todt, der göttliche Tag, und sein Alles erleuchtendes Licht erloschen. -Ueber uns thürmen sich Wolken und kreisen umher, vom letzten Licht -getroffen und schwach gefärbt. Sie bäumen sich auf und ergreifen -flockend, anwachsend, sich lösend, diese und jene Gestalt. Es sind die -alten Fabelgötter, die ein Traum- und Scheinleben erringen. Da sitzt der -alte Jupiter, ungeheuer und in sich schwankend, auf seinem bebenden -Dunstthrone, Bacchus erhebt trotzig und jubelnd den Pokal, und so wie er -trinken will, zerfließt und schwindet der große Arm und die Figur des -Trunkenen wandelt sich unvermerkt in den springenden Pardel, der jetzt -den leeren Wagen zieht. Von dort schreitet der Juno erhabene große -Gestalt durch das dunkle Blau, sie sucht ihren Gemahl und schrickt -zusammen, weil dort schon ein goldner Stern durch den Aether blinkt. -Haupt und Locken lösen sich, die gewölbte Brust schmilzt wie Silber im -Ofen, die zerbrochenen Formen leuchten noch einmal auf und tauchen dort -in den finstern Streif, in welchen sich alle rollenden Bildnisse -versenken. Der Traum ist ausgeträumt und die dunkle Nacht tritt herauf. -Ein Sternbild nach dem andern bricht aus dem finstern Dome glänzend -hervor; oben die unvergänglichen festen Lichter, unten auf Erden -Dunkelheit, Nacht, Tod; kein Fels, kein Wald mehr zu unterscheiden, -Alles unkenntlich in eine schwarze Masse zerronnen, die ohne Anfang, die -ohne Ende ist. Beides ein Bild der stummen Ewigkeit. So steht die Nacht -fest, unerschütterlich, wie es scheint. Abend- und Morgenroth sind Wahn; -die erhabne Unendlichkeit der Gestirne, die unzählbaren Lichter und -Welten in unermeßlichen Fernen wandeln dem rückgekehrten Blick die Erde -in nichtig Spielwerk und den Glauben an Gnade und Erlösung in -Fieberphantasie. Der Zweifel und das Dahingeben in das Unbegrenzte, -Schrankenlose, giebt sich für Wahrheit und Religion. Da erzittert die -ewige Nacht in sich selbst, die finstern Wälder schütteln sich im -Morgenhauch, die ergrauende Dämmerung wächst wie weissagend am Horizont -empor. Plötzlich tritt die liebliche Morgenröthe hervor, mit ihren -Wundern über die Berge klimmend; Farbe, Licht, Wonne, Gestalt vertreiben -siegreich den Unglauben der formlosen Nacht, und der Glaube tritt wieder -in die jauchzende Natur. Sie trägt, die trostreiche, freundliche Mutter, -den glänzenden, auferstandenen Sohn als leuchtendes Kind in ihren Armen, -und Wälder und Gebirge sind im blauen und grünen Schimmer der letzte -Saum des fließenden Gewandes, wie sie aufgerichtet steht, hoch in die -Himmel ragend. Und die Ströme jauchzen und schluchzen in Freude, und die -Blumen lachen und duften, und die Felsen erklingen, und die Waldung -rauscht Lobgesang. - -Wir konnten seine begeisterten Augen nicht mehr sehen, denn es war ganz -finstere Nacht geworden. Wundersam leuchteten von unten die zerstreuten -Lichter aus Karlsbad, und nach vielem Rütteln und Stoßen unseres Wagens, -indem einmal der große hölzerne Hemmschuh brach, der hier dem Rade -untergelegt wird, gelangten wir spät und nicht ohne Gefahr in dem -Städtchen an. - -Am andern Morgen -- wen traf ich? Unsern theuern Carl von Hardenberg, -den jüngern Bruder unsers vielgeliebten nur kürzlich und leider für die -ganze Welt zu früh gestorbenen Novalis. Er ist mit seiner jungen, -angenehmen Frau hier, um die Bäder zu gebrauchen. Er sieht wohl aus und -ist stärker geworden. An männlicher Schönheit ist er mit Novalis nicht -zu vergleichen. Der schwärmende Ferdinand hat sogleich sein ganzes Herz -erobert und mich, den ältern Freund, in den Hintergrund gestellt. Aber -sehr begreiflich, weil sie sich in Stimmung und Ansicht begegnen. Carl -Hardenberg hat uns seine Schrift: »Die Pilgerschaft nach Eleusis,« -vorgelesen, die mein Freund sehr billigte, wenn er gleich nicht Alles -loben mochte. Dieser jüngere Bruder nennt sich in seinen -schriftstellerischen Arbeiten _Rostorf_, nach einem Gute in Sachsen, -nach welchem die eine Linie Hardenberg diesen unterscheidenden Namen -führt. -- Eben so ist _Novalis_ ein Gut, nach welchem die ältere Linie -sich unterscheidet, und welchen Namen unser Freund annahm, bloß deshalb, -um sich nicht Hardenberg zu unterschreiben. Wie viel Unnützes haben -schlechte Köpfe, die sich immerdar dem Bessern widersetzen, über diesen -Namen Novalis gefabelt und gewitzelt. - -Solltest Du nun nach Allem, was ich erzählt habe, nicht glauben, mein -Reisegefährte Ferdinand sei katholisch geboren und erzogen? Allein -nichts weniger, er ist Protestant und aus einem protestantischen Lande. -Der wunderliche Wachtel, der sich die Miene giebt, ihn ganz genau zu -kennen, ihn aber doch vielleicht nicht immer begreift, behauptet mit -seiner gewöhnlichen Kälte und Sicherheit: wenn Ferdinand in einem -katholischen Lande erzogen wäre, oder wenn es nur schon Ton und Mode -wäre, wie es vielleicht dahin käme, sich katholisch zu dünken, so würde -unser Schwärmer eben so extravagant ein Protestant seyn. Ich lasse das -dahingestellt seyn. Denn wer mag dergleichen behaupten oder widerlegen? - -Wir sind mit Hardenberg und seiner liebenswürdigen Frau nach dem -sogenannten Heilingsfelsen gefahren. Eine von jenen Sagen, mit denen die -Phantasie nicht viel anzufangen weiß, knüpft sich an diese Gegend. Die -Spitzen der Felsen sind grotesk und gleichen in der Ferne gewissermaßen -menschlichen Gestalten. Nun fabelt man, es sei eine Hochzeit, die -plötzlich, mit allem Gefolge, in früher Vorzeit sei versteinert worden. --- Mich dünkt, der Vielschreiber Spieß hat einen Geisterroman daraus -gemacht. Diese gelesenen, beliebten Autoren lösen in Deutschland -einander nach gewissen Zeiträumen ab, und selten, daß der neue Liebling -besser als der abgesetzte Vorfahr ist. Dieselben Leser aber, die den -neuen Demagogen bewundern, können alsdann nicht fassen, wie der frühere -ihnen nur irgend etwas habe seyn können. - -Man erlebt immer noch unerwartete, möchte man doch sagen wunderbare -Dinge. In einer geistreichen, vornehmen Gesellschaft, in welche wir -ebenfalls eintraten, als wir oben vom Hirschsprung zurückgekehrt waren, -erhob sich zwischen zwei Baronen, schon bejahrten Leuten, ein -unerwarteter und lebhafter Streit. Der ältere meinte und behauptete, das -Thal von Karlsbad übertreffe nicht nur das Teplitzer bei weitem, sondern -sei auch außerdem eine der schönsten Gegenden in Deutschland. Ich habe -wohl erlebt, daß man Bücher, Autoren, Musiker und Schauspieler -protegirt, und daß der Protektor seine Meinung, wenn er ein Vornehmer -ist, so zur Ehrensache macht, daß ihm keiner, höchstens etwa ein -Gleichgestellter, doch immer nur milde, widerspricht. Daß man aber in -demselben Sinne auch die Natur protegiren könne, war mir eine ganz neue -Erscheinung. Der Baron B. focht nun aber mit allen Waffen gegen Herrn A. -für sein geliebtes Teplitz, und behauptete, dieses sei ohne Bedenken -durch seine Heiterkeit, schöne Fernen, milde Luft und Bergfiguren dem -elenden, bedrängten und drückenden Karlsbad vorzuziehen, wo die nahen -Berge wie die Mauern eines Gefängnisses jedes Gemüth, das noch irgend -Sinn für Natur habe, beängstigten. Als die beiden Gegner immer -empfindlicher wurden und sich mit jeder Gegenrede schärferer Ausdrücke -bedienten, wollte unser Wachtel den Streit durch gutgemeinte -Uebertreibung schlichten oder lächerlich machen, indem er rief: »Meine -Herren! Karlsbad, so wie Teplitz in Ehren! Aber, abgesehn von aller -partiellen Vorliebe, wo immer eine gewisse Einseitigkeit sich meldet, -auf die ein universeller Naturfreund, der ich zu seyn glaube, keine -Rücksicht zu nehmen hat, so glaube und behaupte ich gegen sie Beide: daß -der Hirschsprung dort oben schöner sei, wie irgend etwas in dieser -Gegend oder bei Teplitz, ja in ganz Deutschland wenigstens, um nicht -Europa zu sagen. Aber zugegeben selbst, Karlsbad sei ausbündig schön, -wie schön dann der Hirschsprung, der hier unbedingt und ohne Frage das -Schönste ist. Von tausend und aber tausend Malern ist nur Ein Rafael, -der das Höchste und Vollkommenste erreicht hat; unter seinen vielen -Bildern muß Eins das vorzüglichste seyn; auf diesem vorzüglichsten -Tableau wird ohne Zweifel Eine Figur die beste seyn und -- um ganz -vollständig das Argument zu endigen -- auf und an dieser Figur wird die -Nase, der rechte Arm oder das linke Bein, oder wohl ein verkürzter -Finger das allerkunstreichste darstellen -- und, Vortrefflichste, diesen -Finger, oder die Nase, oder was es nun sei, weise man mir nach, und ich -bin in meiner Ueberzeugung glücklich, und fühle mich im Mittelpunkt der -Kunst und scheere mich um den ganzen Rafael nichts mehr, die übrigen -Sudler, Stümper oder vollendete große Meister gar nicht zu erwähnen. Und -so ist mir mein Hirschsprung mein Delphi, mein Nabel der Erde. - -Dieser Scherz aber, statt die Stimmung der Kriegführenden zu mildern, -erbitterte sie nur noch mehr, und er endigte, wie ich gleich fürchtete, -mit einer Ausforderung. Zum Glück ist die Sache gut abgelaufen, die -Kugeln sind ganz nahe dem Ziele vorbei gegangen, ohne zu verletzen, und -der Teplitzer Fanatiker ist nach seinem Lieblingsorte unmittelbar nach -dem Kampfe abgereist, indem er in das Fremdenbuch seine Verachtung der -hiesigen Gegend mit starken Ausdrücken eingezeichnet hat. -- - -Kann ein Gebildeter, so hat Baron A. diese Schmähung im Gastbuche zu -widerlegen gesucht, so unbillig seyn, die Natur entgelten zu lassen, was -bloß seine eigne Verstimmung, oder sein Mangel an Sinn verschuldet hat? -Die Engherzigkeit kann kein Urtheil fällen, am wenigsten über ein -Geheimniß, und ein solches ist und bleibt die Schönheit der Natur. Der -Krittler wird immer mit ihr über den Fuß gespannt seyn. - -O wie wahr! sagte Wachtel zum Schreibenden, denn nun verstehe ich erst, -warum ich diesen meinen lieben Hirschsprung allen Dingen in der Welt -vorziehe. Meine Vorliebe ist eigentlich das Herz und der Kern der -Ihrigen, Herr Baron, wie dieser Felsen nur ein Theil des Ganzen; darum -kann meine Liebe aber auch um so inniger seyn, weil sie sich durch -nichts zerstreuen läßt. -- - -Doch genug von diesen Thorheiten; der gute Wachtel, so habe ich -entdeckt, liebt den Wein noch mehr, wie irgend eine Schönheit in Kunst -oder Natur. Er absentirt sich oft und huldigt im Geheim seiner -Leidenschaft. Besonders ist es die sogenannte Mennische Essenz, ein -vortrefflicher rother und süßer Ungarwein, der sein Herz ganz gewonnen -hat. Ferdinand sieht ihn nachher oft mit seinen großen braunen Augen an, -und kann aus den Faseleien und wilden Reden nicht klug werden, die -Wachtel dann ohne Kritik und Aengstlichkeit von sich giebt. In diesem -halben oder ganzen Rausch scheint sich dieser wunderliche Mensch am -meisten zu gefallen. -- - -Nächstens mehr, und hoffentlich eine bestimmte Nachweisung. - - * * * * * - -Die drei Reisenden, welche man jetzt schon die drei Freunde nennen -konnte, nahmen von dem trefflichen Hardenberg Abschied und reiseten den -folgenden Tag bis nach Eger. Hier fällt der große stämmige -Menschenschlag auf, sowie die dürre, kalte und unfreundliche Gegend. Man -besuchte, aus Verehrung gegen den großen Dichter noch am Abend das Haus, -in welchem Wallenstein war ermordet worden. Am folgenden Tage fuhr man -über Thiersheim nach Wunsiedel und Sichersreuth, dem Bade, welches -Alexanderbrunnen genannt wird. Hier ruhten die Freunde bei stechender -Mittagshitze aus und erfreuten sich an der sonderbaren Gegend und -Aussicht. Die Natur zeigt sich hier wild, man möchte den Ausdruck einen -trotzigen nennen; dazwischen erfreuen Wald und grüne Wiesenstellen, und -wunderbar zeigt sich die nahe Luxburg und der Burgstein. In diesem -wundersamen Geklipp und durcheinander und übereinander geworfenen und -kühn geschleuderten Felsenmassen erhebt sich das Gemüth in der -Einsamkeit der unabsehbaren Tannenwälder zu den kühnsten Träumen. Ein -poetisches Grauen weht in diesen Klüften und auf den steilen Höhen. - -Diese Seltsamkeiten des Fichtelgebirges, die Nähe von Wunsiedel, die -barocke Gestalt der Natur, die doch nicht ohne Lieblichkeit ist, führte -das Angedenken der Freunde von selbst auf ihren geliebten Jean Paul -Richter. Man sprach viel über diese echt deutsche Natur und über seine -wundersamen Werke, deren Ruhm sich mit jedem Jahre mehr in Deutschland -verbreitet hatte. Mehr noch traten und glänzender die Gestalten der -hohen Reisenden hervor, die kürzlich hier gewandelt hatten. Der Name des -Königs von Preußen und seiner schönen Gemahlin war in Aller Munde. Alt -und Jung rühmten die Milde und Herablassung, die Holdseligkeit der edeln -Frau, und wo man nur einen merkwürdigen Fleck des Gebirges betrat, waren -Spuren, Namen, Denksprüche der Einwohner, um den Regierern die Verehrung -und Liebe der gerührten Herzen zu wiederholen. Wie hatte sich seit zehn -Jahren die Stimmung hier und allenthalben im Baireuthschen geändert. -Denn damals ging das Volk nur ungern zur preußischen Herrschaft über. -Jetzt fand man sich beglückt und Alle sahn mit Vertrauen und fester -Liebe zu ihren Herrschern hin; und die Reise des Königs und der Königin -hierher hatte die Gemüther aller Einwohner noch mehr erhoben. - -Als man sich am andern Morgen auf dem Wege nach Baireuth befand, sagte -Ferdinand: sonderbar ist es, Freunde, daß man immer, wenn man die Stätte -selbst betritt, wo eine merkwürdige Geschichte vorgefallen ist, wo ein -großer Mann wandelte, sich in der Regel abgekühlt und ernüchtert fühlt. -Es ist, als wenn die Phantasie ohne Nachhülfe der Wirklichkeit die -Sachen viel besser und passender verarbeitet. So hat mir in Eger das -Haus des Bürgermeisters, in welchem der Feldherr ermordet wurde, nur -einen trüben Eindruck gemacht. Schiller's tönende Reden und ergreifenden -Scenen wollen sich nicht recht in diese Localität fügen; man wird durch -diese Umgebung herabgestimmt und das tragische Gefühl sinkt dort zur -peinlichen Empfindung eines widerwärtigen Meuchelmordes herab. - -Ja freilich, antwortete Wachtel, ist es fast immer so und kann auch -nicht anders seyn. Die meisten Menschen prickeln und kneifen dann an -ihrem lamentirenden Herzen, um sich hinaufzuschrauben. Ein Anderes ist -es freilich, in dem schönen Sanssouci zu wandeln und an Friedrich den -zweiten zu denken; die Wiesen zu betreten, die sich am Avon bei -Stratford hinziehn und sich dort Shakspeare als Knabe und Mann -vorzustellen. Hier läßt uns die Natur frei dichten. Kirchen, wie der -Strasburger Münster, Schlösser wie das zu Warwick, erheben, indem sie -große Kunstwerke sind, das Gemüth auch, wenn es sich dort Geschichte und -Sage vergegenwärtigt; aber so ordinaire Fleckchen, Häuser, dunkle -Zimmer, Kirchhöfe, stimmen herab. Unser lieber wunderlicher Jean Paul -hat mir oft erklärt, er schildere die Gegenden am liebsten, die er -niemals gesehn, würde auch den Anblick derselben vermeiden, weil ihn die -Wirklichkeit nur stören möchte. - -Ferdinand hatte eine große Vorliebe für Berneck und die Uebrigen -erstiegen mit ihm die Ruine. Hinter Berneck tritt man in die Ebene und -hatte nur zuweilen den Rückblick auf das Fichtelgebirge. Als man in -Baireuth zu Mittag gegessen hatte, begab man sich nach dem Garten, der -Eremitage. Hier war Ferdinand sehr unzufrieden, weil man Vieles geändert -hatte, um in dieser sonderbaren Composition, die aber nicht ohne -poetischen Sinn entstanden war, einige sogenannte englische Partien -hineinzubringen, die den gut geführten französischen Anlagen ganz -unharmonisch widersprachen. Es war aber noch so viel des Schönen übrig -geblieben, daß die Freunde in dem warmen Sommerwetter sich sehr -behaglich in diesen grünen Laubengewölben ergingen. - -Bald wandelte man, bald setzte man sich nieder, und da der Garten von -Menschen nicht besucht war, so konnten sie ungestört von den Werken -ihres Freundes, Jean Paul, sich unterhalten. So sehr sie ihn bewunderten -und lobten, so kamen doch Alle darin überein, daß man der Kunst und -Poesie Unrecht thue, wenn man seine wundersamen Bücher Romane nennen -wolle. Ein Roman sei ohne besonnene Kunstanlage unmöglich, und die Plane -Richter's seien so willkürlich, unzusammenhängend und von Laune und -Eigensinn gesponnen, daß gerade die scheinbare Einheit, der precaire -Zusammenhang um so mehr verletze, um so mehr er oft mit falscher -Künstlichkeit berechnet sei. So, fuhr Walther fort, haben wir wohl nur -einen wahren Roman in deutscher Sprache, unsern Wilhelm Meister, den man -nie genug studiren kann. - -Wachtel sagte: dieser Wilhelm verdient gewiß alle Achtung, wenn man ihn -nur nicht gegen den einzigen Don Quixote messen will. Dieses große -Kunstwerk steht nun jetzt seit zwei Jahrhunderten als ein unerreichtes -und als ein Musterbild da. Nicht als Muster insofern, daß andre Romane -diesem ähnlich seyn sollten, sondern als Vorbild, wie jeder in seiner -Welt, die er darstellt, in seinem Zweck, den er verfolgt, so durchaus -ein Ganzes und Befriedigendes seyn könne und müsse. - -Man hat an diesem herrlichen Buche, fiel Walther ein, ohne Noth so viel -getadelt, was der weise Autor doch gerade mit vielem Bedacht seiner -sinnreichen Geschichte eingewebt hat. Zum Beispiel kommen nicht die -meisten Kritiker darin überein, die musterhafte Novelle des Neugierigen -sei überflüssig und störend? Unser lieber Manchaner selbst, so treu, -edel und herzhaft er ist, nimmt sich etwas vor, das, obgleich es schön -und herrlich ist, es auszuführen er keine Mittel besitzt. Dieses Kämpfen -für Recht und Unschuld, dieses Ritterthum und Kriegführen, wie er es -sich vormalt, war aber auch zweitens niemals so in der Welt und konnte -niemals so da seyn. Auch ein Herkules oder ein Amadis, mit allen Kräften -und Tugenden ausgestattet, müßte einer solchen wahnsinnigen Aufgabe des -Lebens erliegen. Nur hie und da, in verschiedenen Zeiten und Ländern, -that sich etwas, mehr oder minder, von dieser poetischen Ritterwelt in -der wirklichen Geschichte hervor. Die Phantasie des ebenso braven als -poetischen Manchaners ist durch jene Bücher verschoben, die schon längst -der Poesie ebenso sehr wie der Wahrheit abgesagt hatten. Das, was noch -in ihnen poetisch war, oder jenes Phantastische, was das Unmögliche -erstrebte, sowie die schönen Sitten der Ritterzeit, alles Dies durfte -der ehrsame Herr Quixada wohl in einem feinen Sinne bewahren, ja sich zu -jener adligen Tugend seines eingebildeten Ritters hinan erziehn; -- wenn -er nicht darauf ausgegangen wäre, diese Fabelwelt in der wirklichen -aufzusuchen und in diesem von Sonne und Mond zugleich beschienenen -Gemälde den Mittelpunkt und die Hauptfigur selbst zu formiren. Er war -aber im Recht, wenn er, manchen seiner Zeitgenossen entgegen, die -Lichtseite und die Poesie jener entschwundenen Zeit und Sitte würdigte, -wenn er sich selbst als Dichterfreund an dem ganz Thörichten und -Phantastischen seiner Bücher ergötzte. Nun aber zog er aus, alles Das, -was ihm begeisternd vorschwebte, selbst zu erleben; jenes unsichtbare -Wunder, welches ihn reizte, wollte er mit seinen körperlichen Händen -erfassen und als einen Besitz sich aneignen. - -Sehr richtig, erwiederte Ferdinand, und deshalb ist die getadelte -Novelle des Neugierigen nur ein tiefsinniges Gegenbild, welches von -einer andern Seite die Thorheit des Manchaners erläutert. Auch Anselm -will das Unsichtbare, welches wir nur im edlen Glauben besitzen, -sichtbar, körperlich in der Hand haben; das Richtige, Irdische soll ein -Himmlisches vertreten und ihm die Gewähr der Treue und Liebe seyn. So -zerstört er durch Aberweisheit, durch ^impertinente curiosidad^, was wir -nicht übersetzen können, die Keuschheit und den Adel seines Weibes, die -ohne diese Anfechtung wohl nie jene List und schreckliche -Kunstfertigkeit, die widerwärtigen Feinde der reinen Unschuld, in sich -entwickelt hätte. Zweifel also auf der einen Seite, und ein thörichtes -Bestreben, das Unsichtbare sichtbar zu machen, zerstören so einen -geistigen Schatz, jene Treue, die der Zweifler eben so mit Recht -Aberwitz schilt, wie der edle Glaube sie für felsenfest ansieht und -durch eigene Kraft ihr die Unerschütterlichkeit mittheilt. - -Wir sind hierüber einverstanden, antwortete Walther, geht es Ihnen aber, -theurer Ferdinand, nicht vielleicht eben so? Ihre aufgeregte Phantasie -würdigt die schöne und bildreiche Seite des katholischen Cultus, Sie -sind in unsern späten Tagen von jener Rührung durchdrungen, die einst -kräftige Jahrhunderte begeisterten. Seit kurzem ist ein religiöser Sinn -bei jungen Gemüthern in Deutschland wiedererwacht, Novalis und dessen -Freunde sprechen, reimen und dichten, um das verkannte Heilige in seine -Rechte wieder einzusetzen; aber diese Anerkennung, diese süße Poesie des -stillen Gemüthes in der Wirklichkeit suchen oder erschaffen wollen, -scheint mir ganz derselbe Mißverstand zu seyn, den wir eben -charakterisirt haben. - -Sehr wahr, warf sich Wachtel eifernd dazwischen, -- wie schön ist es, -wie uns Herder einmal auf den tiefen und rührenden Sinn mancher -Heiligenlegenden hingewiesen hat; nachher hat der romanhafte Kosegarten -einige mit mehr oder minder Glück vorgetragen. Im vorigen Jahre sah ich -den Verfasser der Genovefa und des Oktavian wieder und er erzählte mir -von einem Buch und zeigte mir einige Blätter davon, welches denselben -Gegenstand behandeln sollte. Die Einleitung und Form war nicht -unglücklich. In einem schönen Gebirgslande verirrt sich ein edler -Jüngling, der ganz in der zweifelnden Aufgeklärtheit seiner Zeit -erzogen, aber dabei schwärmerisch verliebt ist, in der Einsamkeit des -Waldgebirges. Unvermuthet trifft er auf einen einsiedelnden Greis, der -den Ermüdeten in seine Zelle aufnimmt und ihn erquickt. Des Alten -Freundlichkeit gewinnt das Herz des jungen Mannes und sie werden ganz -vertraut mit einander. Ueber den Beruf der Einsiedler, über die Wunder -der Kirche, über die Legende und Alles, was sich in diesem Kreise -bewegt, verwundert sich der Jüngling und kann es nicht unterlassen, auf -seine Weise zu spotten und mit Witz des Zweiflers zu verhöhnen. »Wie? -ruft der Greis dann aus, Du bist in Liebe entzündet, Du schwärmst für -Deine Sophie und kannst doch kein Wunder fassen? Ist die Blume, das -Band, welches Dein Mädchen berührt, die Locke, die sie Dir geschenkt -hat, nicht Reliquie, empfindest, siehst Du an ihnen nicht Licht und -Weihe, die kein andrer Gegenstand Dir bietet? Wo Du mit ihr wandelst, -ist heiliger Boden, wenn sie Dir die Hand oder die Lippen zur Berührung -reicht, bist Du verzückt, -- und doch verkennst Du in der Geschichte der -Vorzeit den Ausdruck dieser Liebe, in den seltsamen Entwicklungen -begeisterter Gemüther, bloß weil sie diese Sehnsucht und -Herzenstrunkenheit nicht auf ein Weib hingelenkt haben?« -- Der Jüngling -wird nachdenkend und besucht den Alten nun, so oft er die Stunde -erübrigen kann. In diesen Zeiträumen erzählt ihm der Greis jene -wundersamen Legenden von Einsiedlern, Jungfrauen, Männern und -Kirchenältesten, die ihr ganzes Gemüth der Beschauung des Himmlischen, -der Entfaltung jener geheimnißvollen Liebe widmeten. Diese Kämpfe des -Zweifels, diese Erscheinungen aus fremder Welt, diese uns -unbegreiflichen Aufopferungen werden nach und nach vorgeführt, wo sich -aus dem Erzählten selbst die Erklärung und das Verständniß ergiebt. Nach -einigen Monaten kommt der junge Liebende wieder zum Greise und dankt -ihm, wie einem Vater, der ihm den Geist geweckt und ihm ein neues Leben -erschaffen habe; er sei darum auch entschlossen, in den Schooß der alten -Kirche zurückzukehren. »Nein, ruft der Greis bei dieser Erklärung, -verwechsele nicht diese unsichtbare Liebe, mein Sohn, mit den Zufällen -der Wirklichkeit. Du würdest, anstatt des Göttlichen, nur die -Schwachheit unserer Priester kennen lernen. Wozu, daß Du Deine innern -Entzückungen, die im Geheimniß Deiner Brust Wahrheit und Bedeutung -haben, in die kalte Wirklichkeit verpflanzen willst, an welcher sie -erstarren und verwelken müssen?« So rieth ihm derselbe Greis ab, der ihn -erst in die Liebe und Bedeutung jener Visionen eingeweiht hatte. -- Und -ich wende das Resultat jenes noch nicht erschienenen Buches wieder auf -Dich an, mein Ferdinand. Das erste Wahrnehmen, der Blick der -Begeisterung, die Aufregung der Liebe findet immer und trinkt den reinen -Brunnquell des Lebens; -- aber nun will der Mensch im Schauen das Wahre -noch wahrer machen, der Eigensinn der Consequenz bemächtigt sich des -Gefühls und spinnt aus dem Wahren eine Fabel heraus, die dann oft mit -den Wahngeburten der Irrenhäusler in ziemlich naher Verbindung steht. - -Somit wäre also, rief Ferdinand aus, der Indifferentismus, der nur Alles -gesehn und erfahren hat, nichts aber seinem Gemüthe sich einbürgern -läßt, die höchste Weisheit und Menschenwürde! Es kann aber die Zeit -kommen, in welcher edle Geister sich wieder öffentlich zu dieser Kirche, -dem alten, echten Christenthum bekennen. - -Möglich, sagte Walther, wüßte man nur bestimmt und klar, welches das -älteste Christenthum sei. Jeder deutet sich die Sache in seiner Weise -aus. Auch möglich, daß die jetzt vergessenen Pietisten durch diese -religiöse Anregung und Begeisterung wieder erwachen; vielleicht giebt es -in einigen Jahren deutsche Puritaner und Methodisten. Die geistige feine -Linie, auf welcher hier das Wahre und Schöne schwebt, kann so leicht -hüben und drüben überschritten werden; -- und bemächtigt sich erst die -Menge, die Leidenschaft, die Turba dieser Vision -- welche -Religions-Manieristen mögen da noch zum Vorschein kommen, wenn nicht -sogar Verfinsterung und Verfolgung, Inquisition und Haß von katholischen -Priestern und vermeintlich orthodoxen Protestanten wieder gepredigt -wird. -- Das scheint aber wohl, daß Verliebte in ihrer erhöhten Stimmung -mehr der katholischen, als einer andern Kirche zugeneigt seien, und daß -Sie, lieber Ferdinand, ein Verliebter sind, habe ich Ihnen angefühlt, -seit wir uns dort hinten auf der Oder zuerst kennen lernten. - -Ferdinand ward blutroth, und verleugnete schwach und stotternd die -Anklage. Er ist eigentlich kein Jüngling mehr, sagte Wachtel, aber seit -ich ihn kenne, ist er immerdar verliebt gewesen. Doch so tief, wie er -jetzt seyn mag, ist es ihm wohl noch niemals ins Herz gegangen, denn er -ist bedenklich und viel tiefsinniger und launenhafter als in ältern -Zeiten. - -In einer schönen Mondnacht fuhren die Freunde von Baireuth ab und kamen -früh, schon vor Sonnenaufgang, in Streitberg an. Sie bestiegen die Berge -und besuchten die merkwürdigen Höhlen. Ferdinand, der, wie die Uebrigen, -die Gegend schon kannte, war wie trunken von der schönen Natur. Ueber -Ebermannstadt näherte man sich dann der Ebene; hinter diesem Orte sind -die Wege so schlecht, daß man einen Vorspann von Ochsen herbeiholen -mußte, um aus der versumpften Stelle den nicht schweren Wagen -fortbringen zu können. - -Hinter Bayersdorf streckt sich die sandige Ebene aus und man sieht ein -großes, wüstes Schloß, welches in neuem Styl errichtet, aber nicht -ausgebaut ist und als wunderliche Ruine dasteht. - -Sehr begierig bin ich, so erzählte Ferdinand, hier einen ehemaligen -Bekannten wieder aufzusuchen. Ich war ihm vor geraumer Zeit begegnet, -und so kam er vor einigen Jahren wieder zu mir; er ist gelehrt und ein -Enthusiast für die Dichtkunst; er läßt aber nur einzig und allein die -Griechen aus der großen Zeit für Dichter gelten, und unter diesen stellt -er wieder seinen Liebling Sophokles allen voran. Es ist nicht -übertrieben, wenn ich sage, daß er diesen auswendig weiß. Er kennt alle -Commentatoren seines Freundes genau, er ist unermüdet, ihn zu studiren -und die schwierigen Stellen zu erklären, so daß wir von diesem Eifer -gewiß schöne Früchte erwarten dürfen. Dieser wackre Termheim, denn so -heißt er, hat aber gar keinen Sinn für die Schönheiten der Neueren; oder -vielmehr, er behauptet, sie, von seinem Standpunkte aus, zu verstehn und -von dort ihre Nüchternheit und Verwerflichkeit einzusehn. Er belächelt -mitleidig Diejenigen, welche den Shakspeare bewundern; er behauptet, die -Barbarei dieses Naturkindes sei höchstens für den Psychologen -interessant, der von seiner Stelle diese Waldnatur allenthalben zurecht -weisen könne. Die Leidenschaften fast pathologisch richtig zu schildern, -sei noch lange nicht hinreichend, um sich der Schönheit auch nur von -fern zu nähern. Die Großheit der Alten habe recht geflissentlich alles -das verschmäht, worauf die Neuern ihren Stolz gründen wollten. Unsern -Göthe nennt er nur eine Ausgeburt neuester Kränklichkeit, der, zu -schwach, das Große und Starke zu erfassen, und zu vornehm, um die -eigentliche Gestalt des Lebens zu verstehn, in einer unsichern, -schwankenden Mitte nur der Verzärtelung fröhne. Das klare Aetherlicht, -der Hinüberblick über die Natur und Welt, jene gesunde Freiheit des -Menschen, der Alles sieht und fühlt und sich nur dem Besten befreundet, -sei nur in Homer, Pindar, Aeschylus und Sophokles zu finden, in Herodot, -Thucydides, Plato und Aristoteles; mit Euripides und Xenophon melde sich -schon das Krank- und Schlaffwerden der edeln Lebenskräfte. Unter den -Neueren kann fast einzig und allein unser Winkelmann bei ihm Anerkennung -finden. - -Wenn dieser gelehrte Mann, sagte Wachtel, kein Pedant ist, so ist er ein -Narr, der auch mehr vor das Forum der Pathologie, als der Kritik gehört. - -Sein wir nicht so unbillig, erwiederte Walther, es kann wohl seyn, daß -ein innigstes Durchdringen, ein tiefsinniges Anerkennen der echten -Schönheit den Blick für die nah verwandte, wie vielmehr für die -entfernte, abstumpft. - -Das leugne ich eben, sagte Wachtel, die neue Zeit muß uns die alte, und -umgekehrt die alte die neue erklären. Es sind zwei Hälften, die sich, um -ein echtes Erkenntniß zu gewinnen, nicht trennen lassen. Solche -absprechende, hochmüthige Einseitigkeit kann nur so sicher und stolz in -sich selber ruhn, wenn ein völliger Mangel an Kunstsinn jeden Zweifel, -wie jede tiefsinnigere Untersuchung unmöglich macht. - -Spät nur kamen sie in Erlangen an. Dieser fränkische Kreis, sagte -Wachtel im Gasthofe, bildet eigentlich das ganze Deutschland recht -hübsch im Kleinen ab. Hier sind wir nun wieder in der sandigen Mark -Brandenburg; Tyrol im Kleinen ist nicht fern, der Rhein und die Donau -werden von dem artigen Mainstrom recht hübsch gespielt, und Schwaben und -Baiern liegen in den fruchtbaren und heiteren Landesarten dieses -anmuthigen Kreises, in welchem die Physiognomie der Natur immer so -schnell wechselt. Ich habe immer den Instinkt oder die Einsicht unsers -alten Maximilian bewundern müssen. Wie er sich zur Martinswand hinauf -verirrt hatte, stand er ziemlich hoch, vielleicht ist ihm in der -Todesangst die Eingebung gekommen, sein deutsches Reich so richtig in -zehn Kreise einzutheilen, wo in jedem Natur und Menschenstamm sich so -bestimmt von benachbarten absondern; oder die dortige Vogelperspektive -gab ihm den richtigen Ein- und Ueberblick. - -Am folgenden Morgen machte ein jeder der Reisenden seine Besuche. -Walther erhielt einen Brief, indem er allein war, und sowie er ihn -öffnete, rief er: ha! in Bamberg also! Endlich doch eine bestimmte -Hinweisung. Ferdinand hatte seinen älteren Freund, den Professor Mehmel, -besucht, wo er die Bekanntschaft des reformirten Pfarrers Le Pique -machte, zu dessen warmer Herzlichkeit er sich sogleich hingezogen -fühlte. - -Nachmittags gingen die Freunde zu dem griechischen Gelehrten Termheim. -Er freute sich sehr, Ferdinand wiederzusehen, indem er sich, ganz -erhitzt, aus einem Schwall von Büchern und Papieren erhob. Jetzt werden -wir einig seyn, rief er dem Freunde zu, wie sehr hatten Sie Recht, -Verehrtester, mich wegen meiner einseitigen Bestrebungen zu tadeln. -Jetzt begreife ich erst Ihre Natur, Freundlichster der Menschen, denn -gewiß müssen wir uns unter dem Nächsten umsehn, um uns mit dem Fernen zu -verständigen. - -Erlauben Sie, unbekannter Herr, fiel Wachtel ein, ich will gewiß keine -Blasphemie sagen, aber Sie verstehn mich wohl, wenn ich den Spruch -hierauf anwende: wer seinen Nächsten nicht liebt, den er sieht, wie kann -er Gott lieben, den er nicht sieht? -- Die Neueren, von Dante an, -Ariost, dann Shakspeare und besonders unser Göthe, alle Diese sind unsre -Brüder und Gespielen, mit uns aufgewachsen, und wenn ich von Denen -nichts begreife, die doch in demselben Elemente mit mir hantiren, -- wie -soll ich jene fassen, die mir durch Jahrtausende entrückt sind? - -Sehr wahr, rief der Begeisterte aus, und so freuen Sie sich denn mit -mir, Sie fremder oder längstgekannter Freund, daß unser Werth mir -endlich aufgegangen ist; ich habe ihn, den Deutschen, nun endlich -ausgefunden, der die Griechen überwiegt und übersieht. - -So haben Sie, rief Ferdinand, Göthe's schöne Natur endlich verstanden? -Wenn Sie auch sein Lob übertreiben (und kann man wohl einen so großen -Mann _über_schätzen?), so freue ich mich doch, daß wir jetzt, nach -Jahren, endlich derselben Ueberzeugung geworden sind. - -Göthe! rief der Gelehrte mit einem sonderbaren Ausdruck des Unwillens -aus, -- dieser verstimmte, kranke Geist! Nein, so sehr werde ich mich -nie vergessen, diesen über meine angebeteten Griechen zu erheben. - -Nun, fragte Ferdinand sehr gespannt, wer ist es denn also von unsern -Deutschen, der Ihnen das Verständniß eröffnet hat? - -Und Sie zweifeln noch? rief jener; kann man so verblendet seyn? Sehen -Sie denn nicht hier die vielen Bände seiner unvergleichlichen Werke? Wer -als der einzige, unvergleichliche Kotzebue kann mit den Heroen der Welt -um die Krone ringen? Unablässig, tief in die Nächte hinein, studire ich -jetzt die begeisternden Productionen dieses Genius. Seine -Schalkheit, sein Witz, seine Darstellung der Leidenschaften, seine -Charakterzeichnung der Menschen aus allen Ständen und Ländern, die -Malerei seiner naiven Mädchen, das tiefe Gefühl der Liebe, die Scenen -der Armuth und des Erbarmens, diese lächerlichen Personagen, die doch -nicht übertrieben sind, die Mutter-, die Kindesliebe, die Kenntniß der -Vorzeit, Alles, Alles, was man nur als rühmlich erwähnen kann, vereinigt -dieser Geist in seinen Werken und überflügelt durch seine Vielseitigkeit -Sophokles und alle Griechen. - -Gewiß! rief Wachtel, der sich zuerst von seinem Erstaunen erholt hatte, -diese Griecherei ist nur eine Kriecherei und Kotzebue kann künftig als -Fluch oder Betheuerung dienen, wie man wohl mißbräuchlich -Kotzsapperment! oder Kotzelement statt Gottes Element auf ungezogene -Weise sagt. - -Mehr als verwundert über diese neue Lehre gingen die Reisenden in ihren -Gasthof zurück. - - * * * * * - -In Erlangen war am Johannistage ein Student beim Baden ertrunken. Die -besten Schwimmer hatten ihn nicht retten, die künstlichen Mittel den -Jüngling nicht ins Leben zurückrufen können. Man war einem alten, -angesehenen Manne böse, welcher Alles für unnütz erklärt hatte, weil -jeder Fluß an diesem bedenklichen Tage sein Opfer fordere. Die jüngern -Leute vorzüglich schalten mit Heftigkeit auf solchen Aberglauben, der in -manchen Gegenden den gemeinen Mann wohl selbst hindere, rettend -beizuspringen. Wachtel bemerkte, daß es in Deutschland noch immer -Provinzen und Städte gebe, wo der Bürgersmann des festen Glaubens sei, -daß am Johannistage einer aus dem Orden der Freimaurer vom Teufel geholt -werde. Als man bei Le Pique, dem verständigen Pfarrer versammelt war, wo -sich der scharfsinnige Naturforscher Serbeck, sowie der Professor Mehmel -eingefunden hatten, hielt, nachdem viel über die Fortschritte in jener -Kunst gesprochen war, durch welche Scheintodte wieder zum Leben -gefördert werden können, Wachtel folgende Rede: - - Verehrte Gesellschaft und präsumtive Zuhörer! - -Ich will gewiß nicht zurückbleiben, die Größe unserer Zeit anzuerkennen, -blicken wir aber rückwärts, um nicht zu einseitig zu werden, so gebe ich -mich für den Geschichtschreiber, oder Bemerker, oder Würdiger einer -nicht ganz neuen, aber noch eben nicht besprochenen Kunst -- der Kunst -nehmlich, die _Scheinlebendigen zu tödten_. - -Es sei mir erlaubt, von unsern Vorfahren anzuheben. Ehe die Welt, -nehmlich unsere Erde und ihre atmosphärischen Pertinenzien zur -Schöpfung, wie der Rahm, zusammengeronnen war, gab es, dem Sein -gegenüber, ein Nichtsein. Von diesem Nichtdaseienden wurde lange Zeit -keine Notiz genommen, denn es machte sich nicht merkbar. Leiber und -Geister trieben ihr Wesen hand- und fußgerecht, und man lebte so recht -frisch auf Gottes Güte und in den alten Kaiser hinein, als wenn diese -Zeitlichkeit schon die reelle künftige Ewigkeit wäre. Neben kräftiger -Tugend und vielfachen Thaten nahmen sich Uebermuth und Laster denn -freilich auch Vieles heraus, und wie rüstige Kupferschmiede hämmerten -Gute und Böse mit leidenschaftlichem Treiben auf das Leben los, daß -Propheten und fromme Menschen oft dachten und weissagten, die ganze -Schöpfung müsse zusammenbrechen. Jahre kamen, Jahre gingen. Schwermuth, -Empfindsamkeit, Sentimentalität, Ohnmacht und Unkraft zu Tugend oder -Laster gingen im Schwange: -- es war nehmlich die Zeit gekommen, wo sich -das uralte Nichts allgemach in das Dasein eingeschustert und -eingeschlichen hatte. Ich konnte aus der Welt und meinen sonst löblichen -Nebenmenschen nicht klug werden, bis mir denn ein Seherblick einmal in -einem merkwürdigen Traume aufging. Im Orbis Pictus hatte ich in meiner -Kindheit mir wohl die Umrisse in feinen Punkten eingeprägt, welche in -jenem Buche die Formen der Seelen ausdrücken sollten. Wie ich also im -Traume meinen Guide, einen weisen Geist, nach dem Zustande der Dinge -fragte, that mir dieser mein inneres Auge auf, und -- o Jupiter! o -Gemini! wie sah ich Alles anders! Viele Menschen waren robust, voll, -kurz angebunden, von sich und ihrer Meinung überzeugt. Andere thätig im -Gewerk und Landbau, -- aber Unzählige liefen, von allen Ständen und -Altern, so als fein gepunktete Schaaren herum, nichts wissend, wollend, -denkend, aber sich vieler Dinge anmaßend. Wundre dich nicht, sagte mein -Engel oder was mein Führer seyn mochte, über diese Entdeckung, welche du -jetzt machst. Es ist nicht ohne, daß die Welt allgemach wieder ihrem -Untergange entgegenwandelt. Die Nichtigkeit hat sich in alle Räder und -Schwungtriebe der großen Maschine eingeschlichen. Der Mensch war als der -Mittelpunkt mit seiner Kraft hingestellt, um den Körper der Welt, damit -er niemals ein Leichnam werde, frisch zu erhalten. Jetzt werden es, ich -weiß nicht wie viele Jahre seyn, daß die Menschheit auch mit Nullitäten -angefüllt ist. Alles das Punktirte, was du wahrnimmst, sind Leiber ohne -alle Seelen. Diese Körper stellen sich nur lebendig an und führen ein -Scheinleben. - -Abscheulich! rief ich aus: ich sehe fast mehr Tättowirte, als wirkliche -Menschen. Kann die Vorsehung denn dergleichen zugeben oder gestatten? - -Die Vorsehung, erwiederte mein geistlicher Präceptor, bedient sich in -allen Dingen mittelbarer Mittel, und greift niemals persönlich in ihr -geschaffenes, vielseitiges Getriebe. So hat sie denn, damit diese -Scheinlebendigen nicht am Ende alles wirkliche Leben verdrängen und -allein von der Erde Besitz nehmen, Gesetzgeber, Fürsten und echte -Volkslehrer inspirirt, die sich, so viel es möglich ist, diesem Unwesen -widersetzen und das Reich der Nichtigkeit auf verschiedene Weise zu -zerstören suchen. - -Recht! Recht! sprach ich eifernd: o groß ist Allah! würde der Muselmann -hier ausrufen. -- Da war eine sehr weise Cantoneinrichtung, wo die -Punktirten, Nichtigen, die Eindringlinge so von Lieutenants, Fähndrichen -und Unteroffizieren tribulirt, gehänselt, geplagt und ganz simpel -geprügelt wurden, daß wirklich viele von diesen Scheinlebenden die -Geduld verloren und sich wieder aus dem Staube machten. Ob ein Knopf so -oder so saß, die Binde um den Hals um das Sechzigtheil eines Zolles zu -niedrig oder zu hoch war, war ein Capitalverbrechen. Was man nur an dem -Volke zwicken und kneifen konnte, geschah redlich, und ich mußte nur mit -innigem Bedauern sehen, daß auch wirkliche lebendige Menschen von der -übrigens weisen Anstalt molestirt wurden. Liefen die Kerle etwa davon -und wurden wiedererhascht, so war ihnen eigentlich das Leben -abgesprochen; die Gnade erhielten, wurden so mit Ruthen gestrichen, daß -sie auch oft die Verstellung aufgaben, die Maske fallen ließen und -wirklich starben. O wie trefflich fand ich die Schulen und Universitäten -versorgt! Eine so fürchterliche Langeweile wurde mit Kunst da -vertrieben, daß eine eiserne Geduld dazu gehörte, um sich nicht in -diesen sogenannten Wissenschaften sterben zu lassen. Half Alles nichts, -so wurden die Scheinseelen nachher noch examinirt, und von neuem ins -Examen genommen, und wieder geprüft, daß Viele wirklich sich während -dieses Examinirens davon machten. War aber Alles umsonst, so hatte man -eine wundersame Art von Bündel erfunden, die man Akten nannte und die -sich unsterblich immer vermehrten und vermehrten, diese wurden den -Gequälten ins Haus geschickt, um wieder neue Akten daraus zu machen, so -daß sehr viele zu sterben sich entschlossen. Nun gab es außerdem noch -Trinkstuben, wo man mit Verstand schlechten Wein und noch schlechteres -Bier fabricirte, um das elende Volk zu vergiften. Von dem Branntwein, -der noch schneller wirkte, brauche ich gar nicht einmal zu sprechen. -Hübsch war es auch, daß das Spazierengehen und die Freude an der Natur -war erfunden worden, um das unnütze Volk aus dem Wege zu räumen: denn -schon in den Schulen wurde es den Kindern beigebracht, daß sie sich ja -regelmäßig erkälten müßten, weil es so möglich war, daß sie doch irgend -einmal am Naturgenuß erstarben. Oft blitzte es in den punktirten -Nichtseienden: es kam wie ein Bewußtsein über sie, daß sie leere Särge -wären, es schien, als wollten sie sich zu Tausenden ermannen, um wie die -Fliegen hinzufallen, damit das nüchterne Spiel nur aus sei. Es wäre auch -wohl geschehen, und die Staatstabellen würden über die ungeheure -plötzliche Sterblichkeit gewinselt haben, -- aber da gab es eine -höllische Erfindung, die ihnen trotz Prügel, Akten, Examen, Naturgenuß, -Bier und Branntwein dennoch dies lumpige nicht lebendige Leben wieder -annehmlich machte -- sie rauchten nehmlich Tabak, um sich von dem -entsetzlichen Gedanken, der sie befallen hatte, daß es ein wirkliches -Leben gebe, wieder zu erholen und zu zerstreuen. -- Ich sah nun ein, daß -diese Tödtungsanstalten in jeder Hinsicht als Wohlthat für die wirklich -Lebenden zu betrachten seien, und daß viele Menschenfeinde und der -Verfasser »des menschlichen Elendes« wohl anders würden geschrieben -haben, wenn ihnen, wie mir, das Auge wäre eröffnet worden. Freilich -möchte sich bei Untersuchung finden, daß die meisten dieser Autoren auch -nur Scheinmenschen sind. -- - -Die Gesellschaft begab sich am andern Tage nach Nürnberg, um die -Merkwürdigkeiten dieser guten alten Stadt in Augenschein zu nehmen und -den lebenden Panzer und Dürers Grab auf dem Johanniskirchhof zu -besuchen. Die schönen Kirchen und das Rathhaus wurden mit Aufmerksamkeit -betrachtet, und im rothen Rosse, dem besten Gasthofe, erzählte Walther, -wie vor zehn Jahren in diesem Hause sich etwas Seltenes zugetragen habe. -Freysing, ein Student von Kopf, aber leichten Sitten, hatte in Erlangen -weit mehr verbraucht, als ihm sein wohlhabender Vater bewilligt hatte. -Eine große Schuldenlast drückte ihn, der letzte Wechsel, der ihm, um -abzugehen, gesendet wurde, reichte bei weitem nicht aus. Er bezahlte -daher nur die ärmsten seiner Gläubiger und verjubelte mit seinen -Trinkbrüdern auf Spazierritten und in frohen Gelagen die ganze Summe. Am -letzten Tage besaß er nur noch sechs Louisd'or, die kaum hinreichten, um -auf dem gewöhnlichen Postwagen und mit Entbehrungen aller Art in seine -Heimath zu gelangen. Ob mein Alter, rief er im Uebermuthe aus, jetzt -mehr oder weniger schilt, kommt auf eins hinaus, denn mit dieser -Lumperei reise ich auf keinen Fall zurück. Er ging nach Nürnberg und -wagte die wenigen Goldstücke im Pharo. Das launische Glück war ihm so -wunderbar günstig, daß er in einer Nacht so viel gewann, daß er allen -seinen Gläubigern bis auf den letzten Heller zahlen konnte, welches mit -Wucherzins eine sehr ansehnliche Summe ausmachte, und noch tausend und -mehr Thaler von seinem Gewinne übrig behielt. - -Beim Kunsthändler Frauenholz sahen die Freunde ein wundersames Bild von -einem unbekannten Meister. Es ist die Mutter mit dem Kinde, ein -gewöhnlicher Gegenstand, aber hier mit einer Innigkeit behandelt, die -die Beschauenden entzückte. Sie küßt das Kind, und der Ausdruck in Mund -und Augen ist so herzlich und ergreifend, daß man, obgleich die -Gestalten nicht eigentlich durchaus schön sind, nichts Süßeres und -Lieblicheres finden kann. Das Antlitz der Mutter ist so zart und fein -gemalt, daß es wie aus aufknospenden Rosen gebildet ist. Die -Nebensachen, Blumen und Verzierungen sind mit einem liebevollen Fleiß -behandelt. Der Besitzer schrieb es unverständig dem Lucas von Leyden zu. -Der Preis von zweitausend Gulden, den er forderte, war für einen Reichen -nur eine mäßige Summe, um mit dieser Wunderblume sein Gemach -auszuschmücken. - -Als sie nach Erlangen zurückgekommen waren, reiseten sie am folgenden -Morgen nach Pommersfelden. Man war verdrüßlich über den schlechten Weg, -und Wachtel suchte sie mit Scherzen zu erheitern. Unter anderm sagte er, -als sie von der Gemäldegallerie in Pommersfelden sprachen: Es ist sehr -verdrüßlich, daß sich die Kunstgeschichte immerdar erweitert. -Unzufrieden mit dem Besitz, entdeckt man neue Zeiten, Manieren, -Unterschiede und Künstlernamen, von denen unsre guten Vorfahren nichts -wußten. Wer sonst ein steifes Bild sah, nannte es zu seiner und Aller -Befriedigung einen Albrecht Dürer, wie sie es in Italien noch machen. -Konnte man bei einer etwas abweichenden Manier den Namen Lucas von -Leyden einsetzen, so galt man schon für einen Gelehrten. Dergleichen -Abkürzungen und Anhäufungen vieler auf Einen Namen ist immerdar in -Geschichte wie Mythologie sehr ersprießlich gewesen; man kann mit Einem -Herkules, Sesostris und Pharao zufrieden seyn, diese behalten sich, und -man muß es der Abbreviatur der Vorzeit danken, daß sie uns das Studium -bequemer eingerichtet hat. Die Aufstöberer von Unterschieden und neuen -Personen sind als Aufrührer zu betrachten, die die legitimen, -wohlerworbenen Rechte jener Gesammtmenschen umstoßen wollen. So war vor -zehn Jahren eine vortreffliche ältliche Castellanin in Pommersfelden, -welche den Fremden die Zimmer des Schlosses und die Gemälde zeigte und -erklärte. Es giebt einen berühmten Correggio, von welchem jede Gallerie -wenigstens ein Stück besitzen will, drei Caracci, Ludwig, Augustin und -Hannibal, zwei Caravaggio, den frühern und spätern, dazu glaube ich noch -einen Cagnacci, zwei Carpaccio ungerechnet, diese Herren sämmtlich, -nebst allen, die nur irgend mit ihrem Namen sich dem _acci_ näherten, -hatte die unvergleichliche Frau mit weiser Umsicht in den einzigen -berühmten Maler _Karbatsch_ zusammengearbeitet. Auf diesen großen -Meister wälzte sie zugleich alle jene Bilder, auf deren Urheber sie sich -nicht besinnen konnte. - -In der Gallerie befindet sich ein schönes Bild, welches dort Rafael -genannt wird: eine Mutter mit dem Kinde. Es hat einen wundersamen -Ausdruck und den Anschein wie aus der ältern lombardischen Schule. In -dem großartigen Styl ist zugleich wie etwas moderne Sentimentalität. Das -Bild hat an einigen Stellen gelitten und es scheint fast, als ob es -durch die hinzugefügte Urne irgend eine persönliche Beziehung habe. - -Mit großer Freude sahen die Reisenden das alte Bamberg wieder. Von -Würzburg schrieb Walther an seinen Freund nach Warschau: - - Würzburg, den 10. Julius 1803. - -Ich verzweifle jetzt fast, eine Spur zu finden, da meine Hinweisung auf -Bamberg nur eine trügende war. Ein Doctor Marx, der aus dem Polnischen -hieher gezogen ist und seit wenigen Monaten hier lebt, sollte mir -Nachrichten geben, wo sie, Maschinka, sich verborgen habe, oder wo -derjenige hier in der Gegend sei, dem sie zu folgen sich hat bereden -lassen. Wir lernten einen Narren in Erlangen kennen, der den Kotzebue -höher als alle Autoren stellt, und meine neuen Freunde spannen über -diese Erscheinung, die mir nicht so wichtig schien, vielfältige -Betrachtungen aus. Wachtel behauptete, in jedem Menschen stecke irgendwo -etwas, das, gepflegt oder durch Leidenschaft aus seinem Winkel zu sehr -hervorgezogen, zur bestimmten Narrheit werden könne. Auch erscheine wohl -ein jeder Mensch andern aberwitzig und verrückt, wenn diese ihn mit der -Ueberzeugung, er sei unklug, anhörten und betrachteten. Ich bekämpfte -diese Meinung. Nachdem wir den alten Dom in Bamberg besehen hatten, über -welchen Ferdinand in übertriebene, thränenweiche Entzückung gerieth, -machten wir dem berühmten Doctor Marcus einen Besuch. Er zeigte uns die -unvergleichlichen Krankenanstalten und erzählte uns von der Art der -Behandlung, so wie von manchen sehr merkwürdigen Leidenden. Ich konnte -nicht begreifen, warum er mich so besonders ins Auge faßte. Als wir in -der Abtheilung waren, in welcher die Geistesverwirrten verpflegt wurden, -waren, indem ich mich umsah, meine Gefährten verschwunden. Es kam mir -vor, als hätte früher Wachtel mich noch einigemal mit einem seltsamen -Blick von der Seite betrachtet. Verstimmt wie ich war, gefielen mir des -Doctors Mienen, den ich jetzt beobachtete, ebenfalls nicht. Mit -einemmale überraschte es mich, daß dieser Mann jener Doctor sei, der mir -Nachricht von der Entflohenen geben könne. Ich erkundigte mich mit -leidenschaftlicher Heftigkeit, erzählte, fragte, beschrieb und wurde -immer ungeduldiger, je weniger er auf meine Reden eingehen oder mich -verstehen wollte. Als ich Abschied nahm, sagte der Mann mit der größten -Freundlichkeit: Sie bleiben fürs Erste bei uns, und es wird Ihnen schon -bei uns gefallen. Ich habe schon seit acht Tagen die Nachricht -empfangen, daß Sie eintreffen würden, und so wie Sie nur mein Haus -betraten, erkannte ich sogleich in den ersten Reden Ihr Uebel. Ihr -Zustand ist noch nicht der schlimmste; nur müssen Sie fürs Erste jene -Geschichte, die Sie mir da erzählt haben, sich ganz aus dem Sinne -schlagen, und ich werde schon für Unterhaltung und Zerstreuung sorgen. -Es ergab sich nun, daß er mich für einen Geisteszerrütteten hielt, -welchen er erwartete, und ebenfalls, daß er nicht jener Marx sei, mit -welchem ich ihn in leidenschaftlicher Uebereilung verwechselt hatte. -Indessen mußte ich bis in die späte Nacht dort bleiben, weil er sich von -meinem richtig eingefügten Verstande durchaus nicht überzeugen konnte. -Endlich waren meine Reisegefährten in unserm Gasthofe wieder angelangt, -sie kamen und brachten meine Brieftasche und meinen Paß mit, nach dessen -Besichtigung und ihrem Zeugniß wurde ich dann als ein Kluger entlassen, -nachdem der ironische Medicus mir noch viele Entschuldigungen machte, -und ebenfalls behauptete, daß man jeden Menschen, auch seinen besten -Reden nach, für einen Irren halten würde, wenn man das Vorurtheil einmal -gegen ihn gefaßt habe. Am folgenden Morgen suchte ich den einfältigen -Doctor Marx auf, der von gar nichts wußte und von mir zuerst die -Begebenheit erfuhr. - -Wir besuchten Bambergs schöne Umgebungen und begaben uns vorgestern nach -dem Schlosse Glich, einer merkwürdigen, gut erhaltenen Ruine. Noch viele -Zimmer sind im Stande und zeigen uns die Wohnung der Vorfahren deutlich. -Eine herrliche Aussicht ist von oben auf Bamberg hinab. Ein alter -Förster wohnt oben, der nicht zugegen war, und seine Tochter, ein -wunderschönes Mädchen, der die einfache bürgerliche Kleidung sehr gut -stand, führte uns herum. Unser Ferdinand, der schon seit einigen Tagen -noch schwärmerischer ist, als sonst, war über Alles entzückt. Er -schwatzte so viel und war dann wieder so verlegen, daß ich glauben -mußte, er habe sich urplötzlich in das Mädchen verliebt. Als wir Alles -betrachtet und unsern Dank zugleich mit einem Geschenke ausgesprochen -hatten, und sie sich entfernt hatte, rannte der Schwärmer noch einmal -zurück und dem Mädchen nach, unter dem Vorwande, daß er seine -Brieftasche in einem der Säle habe liegen lassen. Wir wandelten indessen -draußen umher und mußten ziemlich lange auf ihn warten. Sehr erhitzt und -verlegen, wie es schien, kam er endlich zu uns zurück. Er ward aber -zornig, wie ich ihn noch nie gesehen habe, als sich Wachtel einige -unfeine Scherze und Anspielungen erlauben wollte. Oben liegt auf einem -steilen Felsen eine Kapelle, sie war offen, von hier zeigt sich Alles -umher reizend und lieblich. Ein uralter Greis schlich mit langsamen -Schritten an seinem Stabe aus der Kapelle die Stufen der Treppe hinab: -ein rührender Anblick. Ferdinand ging in die Kapelle, und als er sich -nicht mehr von uns beobachtet glaubte, nahm er vom Weihbrunnen und -bekreuzte sich mit andächtiger Miene, dann kniete er vor dem Altare -nieder. So sind die Menschen. Er trat wieder zu uns, und Keiner mochte -von Dem sprechen, was wir gesehen hatten, weder im Scherz noch Ernst. - -Schon in Bamberg hatte er im Dom vor einem wunderlichen alten -Marienbilde mit der tiefsten Rührung gestanden. Die Madonna ist hier in -einem Charakter dargestellt, der völlig von dem gewöhnlichen und -hergebrachten abweicht. Das Bild ist auf Goldgrund, goldne Strahlen -umgeben es wie Flammen von allen Seiten. Es ist eine Copie nach einem -alten florentinischen, welches schon seit lange mit Tüchern verhängt und -dem Anblick unzugänglich gemacht ist, weil es dort in Italien auf die -gläubigen Beschauer die ungeheuersten Wirkungen soll ausgeübt haben. -Ferdinand scheint mir gar nicht ungeneigt, alle dergleichen Wunder zu -glauben und für wahr zu nehmen. Wohin verirrt sich der Mensch, wenn -Leidenschaft und Phantasie seine einzigen Führer sind! - -Wir aßen wieder in Bamberg, gingen dann Nachmittags nach dem reizend -gelegenen Buch und fuhren in lieblicher Abendkühle auf dem Wasser nach -der Stadt zurück. - -In der Stadt hat Ferdinand allerhand alte katholische Sagen und Legenden -zusammengekauft. In Glich war er entzückt, dem dortigen Küster ein -bambergisches Gesangbuch, wonach er in der Stadt vergebens gesucht -hatte, abschwatzen und abkaufen zu können. Dieses hält er für einen -großen Schatz und er las uns sogleich viele der Gedichte vor, die -allerdings einen lieblichen frommen Sinn athmen, wenn man sich einmal -diesen träumerischen Gefühlen, diesem Anklang wiederkehrender Wunder, -diesem vertraulichen, kosenden und zärtlich glühenden Verhältniß zu -Gott, dem Heiland und dessen Mutter hingeben kann. Dann erscheinen die -Heiligen, die Schutzgeister, Christus, wie oft, in Kindergestalt, so -auch die Abgestorbenheit so vieler Mönche und Einsiedler. Auch mit der -Natur tritt ein geheimnißvolles Liebesverhältniß ein, wie es in den zart -duftenden Liedern des Spee uns so innig rührt, die der Schwärmer hier -auch aufgetrieben und uns Abends aus dem Büchelchen mit großer Bewegung -vorgelesen hat. Und dann muß ich wieder an die Begebenheit mit der -Försterstochter denken. Vielleicht ist es die Pflicht des Freundes, -einmal ernsthaft mit ihm darüber zu sprechen. - -Seine Stimmung ist übrigens im schreiendsten Contrast mit dem, was die -neue bairische Regierung hier thut und wie manche ihrer Beamten sich -hier betragen. Du weißt, daß die Stifter Bamberg und Würzburg, diese -alten geistlichen Fürstenthümer, unlängst dem Churfürsten von Baiern -zugesprochen worden sind. Eiligst hat man, um mit Rom und dessen -Hierarchie ganz und auf immer zu brechen, alle Klöster aufgehoben, die -Mönche zum Theil vertrieben, theils auf sehr schmale Pension gesetzt. -Alles hat den Charakter angenommen, daß der gemeine Mann es wie eine -Sache nimmt, die den ehemaligen Christenverfolgungen ähnlich sieht. Es -ist unklug und unschicklich, wie im Dom, während am Nebenaltar eine -stille Messe gefeiert wurde, die silbernen Kirchengefäße und sauber -gearbeiteten Crucifixe in Kisten mit dem größten Geräusch und Lärmen -gepackt und geworfen wurden. Die Käufer der Sachen waren zugegen und man -zerbrach einige Kreuze mit großem Geräusch, die sich dem Kasten nicht -fügen wollten. Den frommen abgesetzten Fürstbischof, so erzählt man, hat -man in den Gemächern der Residenz gestört und gequält, indem man von -allen Seiten Bauanstalten traf, einriß und verbesserte, ohne von ihm die -mindeste Notiz zu nehmen. Viele Geistliche wandeln im stillen Grimm -umher, den Küster im Dom sah ich in verbissener Wuth bei jenem Getöse -Thränen vergießen. Viele gemeine Leute (das Volk ist hier religiös, -selbst bigott) werden irre an sich und ihren Vorgesetzten. - -Alles, was so unziemlich geschieht, ist denn wohl ein Rückschlag von -vielen, welche jetzt regieren, da sie lange die Geißel und Verfolgung -der Priester und Pfaffen erdulden mußten. Die Hauptumwälzung, die sich -hier zugetragen hat, ist von der Zeit selbst herbeigeführt worden, sie -ist vielleicht zu entschuldigen, kann seyn, daß sie nothwendig war; aber -mit Anstand und Schonung konnte alles Unvermeidliche und -Festbeschlossene geschehen, die politische Begebenheit brauchte nicht -den Charakter einer verhöhnenden Rache anzunehmen. - -Ueber diese Gegenstände ist Ferdinand empört und ergrimmt, und er zügelt -seine Worte nicht, wenn er mit den Freunden dieser Neuerung spricht. Er -behauptet, daß wir es Alle noch erleben würden, wie man neue Klöster -stiftet, und er verachtet das spottende Lächeln seiner Gegner. - -Vieles Schöne ist in dieser Reform schon zu Grunde gegangen, noch mehr -wird verschwinden, aber meine trüben Blicke werden nicht bloß durch Das, -was wir jetzt sehen, was dicht vor uns liegt, so tief bekümmert; -- was -soll aus allem Besitzstand werden, da dies so schnell ohne Widerspruch -hat eintreten können? Wo ist eine Sicherheit für irgend eine Regierung? -Welche Folgerungen wird die Zeit, ein fremder Sieger, die Politik aus -diesen Vorgängen ziehn? - -Wie hat sich seit zehn Jahren die Welt verändert! und es scheint, als -würden alle Verwandlungen immer rascher und rascher auf einander folgen. - -Du siehst, ich fange an, Deine Cousine, die Strafe des Liebhabers, Deine -und meine Angelegenheit über dergleichen Gedanken und Befürchtungen zu -vergessen. - - - - - Walther an seinen Freund. - - - Würzburg, den 11. Julius 1803. - -Ich schreibe Dir sogleich noch einmal nach meinem kaum abgegangenen -Briefe, denn das ist das Mittel, mich zu zerstreuen und zugleich zu -sammeln. Ich kann mit meiner Umgebung nicht Das sprechen, was mich am -meisten interessirt, und so unterhalte ich mich mit Dir. - -Hier in der Stadt ist unser Ferdinand in seinem Element. Es ist wahr, -ich habe noch niemals eine so feierliche Messe erlebt, als die war, die -gestern im Dom uns Alle bewegte; an neun Altären war zugleich -Gottesdienst, eine Prozession der Domherren, die in schöner malerischer -Tracht waren, ergötzte das Auge. - -Die Stadt wimmelt von Fremden, Alles drängt sich, denn es ist zugleich -der größte Jahrmarkt. Das Schloß in der Stadt ist prächtig und wohl eins -der größten in Europa. Ein wunderliches, knitterndes Echo ist unten vor -der Treppe, an dem wir uns Alle wie die Kinder erlustigten. Heut -Nachmittag trieben wir uns wieder im Jahrmarktsgedränge um, welches -vorzüglich in einer fremden Stadt etwas Bezauberndes hat. Vor dem Thore -ging ein uralter Capuziner von sehr ehrwürdiger Gestalt, dem kleine -Mädchen im Vorübergehen mit Ehrerbietung die Hand küßten. Diese seltene -Ruine einer ehemaligen Zeit verfolgte unser Ferdinand lange mit seinen -sehnsüchtigen Blicken, und es schien der Wunsch in seinen gerührten -Augen zu liegen, daß er gern an die Stelle der unmündigen Mädchen -getreten wäre. - -In einer frohen Jahrmarktstimmung traten wir in eine hohe hölzerne Bude, -in welcher eine Art von Caroussel mit einer russischen Schaukel -vereinigt war. Indem die schwebenden Sitze auf und nieder gingen, stach -ein Jeder der Sitzenden mit einer Lanze nach einem Ringe. Der Besitzer -und Erfinder dieser schwebenden Kunstanstalt erklärte uns mit vieler -Genügsamkeit die Herrlichkeit seiner neuen Erfindung. Steigen Sie ein, -rief er, und wenn Sie gleich nur Dreie sind, so werden Sie doch das -Kunstwerk genießen können, denn darauf bilde ich mir am meisten ein, daß -ich es so eingerichtet habe, daß der angefüllte schwere Sitz niemals den -leichten, ihm gegenüberstehenden durch seine Last niederzieht, wie dies -an den ordinairen einfältigen russischen Schaukeln der Fall ist, wo die -unwissenden Menschen sich alsdann mit eingelegten Steinen zu helfen -suchen, wenn ein Sitz ledig bleibt. Wie die Kinder ließen wir uns -bereden hineinzusteigen. Die Maschine ging sehr hoch und ein -Nervenschwacher hätte wohl Schwindel empfinden können. So stiegen wir -auf und ab und stachen mit mehr oder minder Glück die Ringe ab. - -Plötzlich entsteht draußen ein lautes Geschrei. Die Thür der Bude wird -aufgerissen, und ein wunderschöner Lockenkopf, das Antlitz eines -himmlischen Mädchens blickt wie ein Blitz auf einen Augenblick in die -Narrenbude. Sie schreit auf, so wie sie uns da schweben sieht, und -_Maschinka_ kreischt einer; ob Ferdinand, ob Wachtel, ob der Herr des -Kunststückes, das konnte ich nicht unterscheiden, der Maschinendreher -war es nicht, denn dieser orgelte noch einen Augenblick an seinen -Kunsträdern. Das Mädchen ist verschwunden und Ferdinand, der unten -schwebt, springt aus seinem Käfig, der Eigenthümer des Kunstwerkes ihm -schreiend nach, dies erschreckt den subalternen Drehkünstler, er rennt -auch hinaus, und Wachtel kann eben noch vom Einfluß der Bewegung so viel -genießen, daß er im Herabschweben seinen Sitz verläßt, ebenfalls -hinausläuft und die Thür der Bude hinter sich zuschlägt. - -Aber ich -- ich nun oben, auf dem höchsten Punkte, in meiner -Schwebekutsche sitzend, hatte nun Zeit und Gelegenheit, das Schicksal -und die zu künstliche Einrichtung der verfluchten Maschine zu -verwünschen! O wie sehr hätte ich sie gelobt und verehrt, wenn ich durch -eigne Schwere jetzt herabgesunken wäre, um auch das Freie zu suchen und -jenem Mädchen nachzulaufen. Ich sah mich in meiner obern Sternregion um, -ob ich nicht aussteigen und die vierzig oder funfzig Fuß -hinunterklettern könne. Aber es war ganz unmöglich. Durch die eine Ritze -konnte ich etwas von Stadt und Feld erblicken, aber in der -entgegengesetzten Richtung, in welcher sich jene Erscheinung gezeigt -hatte. - -Endlich, es mochte wenigstens eine halbe Stunde verflossen seyn, zeigte -sich der Besitzer des Kunstwerkes wieder; er schien mich vergessen zu -haben und war sehr erfreut, mich dort oben noch, wie den Sokrates in -seinem Studienkorbe, wiederzufinden. Er schrob und orgelte mich durch -seinen Kunstorganismus herab und ging auf meine Fragen über die -Erscheinung jenes Mädchens gar nicht ein. Er hatte sie nicht gesehn und -war in der Meinung, es sei ein großer Volksaufruhr, hinausgelaufen. - -Wichtiger war ihm die Verhandlung um die Bezahlung. In der Einsamkeit, -und da er meine Eil sah, machte er eine ungeheure Rechnung. Ich begriff -sie zwar nicht, wollte mich aber zur Zahlung bequemen. Da wir die -gemeinsame Casse an diesem Tage unsern Wachtel führen ließen, fehlte es -mir an baarem Gelde. Ich mußte meine goldne Uhr zum Pfande lassen, die -ich erst am späten Abend wieder einlöste. - -So wie die kleinen Schulknaben hatte ich ein Abentheuer bestanden und -wollte bei meinen Reisegefährten Rath und Trost suchen. Ferdinand -behauptete, das Schaukeln habe ihm Schwindel erregt und so sei er -entsprungen, um zugleich den Volksauflauf zu sehn. Dieser sei schnell -geendigt gewesen und er habe die Uebelkeit seitdem im Bett verschlafen. -Wachtel meinte, ein großes Spektakel sei hinter einem Kapuziner -heraufgekommen; dieses Schauspiel habe er genießen wollen. -- Ich erfuhr -nichts und so stehn unsre Angelegenheiten. - - * * * * * - -Walther hatte jetzt seine Pläne aufgegeben und überließ sich nun ganz -dem Zufalle, ob er durch diesen auf die Spur seines Feindes oder jenes -schönen Mädchens gerathen würde. Ferdinand und Wachtel waren ihm in der -kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft schon unentbehrlich geworden, und so lud -sie die schöne Jahreszeit, die Muße, die Lust umherzuschwärmen, ein, -noch einige schöne Gegenden Deutschlands zu besuchen. Ferdinand war seit -einiger Zeit viel sinnender und finsterer geworden; Walther hatte -bemerkt, daß er Briefe erhielt, die er sorgfältig verbarg und die ihn -verstimmten. Zuweilen fiel es Walther ein, er könne mit Ferdinand über -seine Trauer sprechen, er dürfe es wohl mit Empfindlichkeit rügen, daß -er daraus, was ihn so betrübe, dem Freunde ein Geheimniß mache; doch -bedachte er dann, daß er selbst ja eben so gegen Ferdinand verfahre und -von der Absicht seines Ritterzuges gegen diesen nichts verlauten lasse. - -Die Freunde nahmen von Würzburg aus den Weg nach dem Spessart und -erfreuten sich dieses Waldgebirges und der herrlichen Aussichten, die -sich ihnen links und rechts in die Unermeßlichkeit der frischen Wälder -darboten. In Aschaffenburg hielten sie sich nicht auf, sondern begaben -sich nach Darmstadt, um über die schöne und altberühmte Bergstraße nach -Heidelberg zu gehn. Die Nacht, welche sie überraschte, verweilten sie in -Heppenheim, und Walther und Ferdinand stiegen zur Ruine, der -Starkenburg, hinauf, und erfreuten sich in der anbrechenden Dämmerung -der Aussicht auf den Rhein, an welchem sie Worms, Speyer und das ferne -Manheim sahen. Die Aussicht in den Odenwald auf der andern Seite war -noch schöner, die wundervolle Einsamkeit, die schönen Formen der Berge, -welche alle dicht mit Wäldern bewachsen sind, erhoben das Gemüth der -Freunde zu edeln Gefühlen. - -Wachtel, der den steilen Aufgang zur Ruine fürchtete, war im Gasthofe -zurückgeblieben, und schrieb indessen seiner Frau nach Guben folgenden -Brief: - - Heppenheim, den 13. Julius 1803. - -Liebes Weib, ich muß Dir doch auch einmal schreiben, damit Du nicht auf -die Meinung geräthst, ich sei gar verloren gegangen oder, wie der -Ausrufer in Teplitz sich ausdrückt, in den Verlust gerathen, was im -Grunde besser ist, als jener hochdeutsche Ausdruck. - -Du kennst aber schon meine Art und Weise, daß ich gern praktisch, -deutlich, einfach schreibe und mich nicht mit Gefühl und Schwärmerei -befasse. Des Handelns, Schaffens ist so viel in der Welt, daß ein -rechtlicher Mann zum Schwärmen, zur Mystik oder dem übertrieben feinen -Denken keine Zeit behält. - -Wie nüchtern und gefaßt ich aus Guben mit dem frühesten ausreisete, wird -Dir wohl noch erinnerlich seyn. Meinen Ferdinand traf ich nebst einem -gewissen Walther, einem halb polnischen Menschen, im unmittelbaren -Himmelreich einer Rafaelischen Entzückung. Ich war eben nicht zum Umgang -mit Engeln aufgelegt, denn ich hatte noch den Reisestaub an den Füßen. -Wenn man überhaupt gewohnt ist, in der großen Welt zu leben, wie wir in -Guben es sind, so wird einem jegliche Kleinstädterei verhaßt. Ich -versichere Dich, die ganze Bergstadt hier, von der soviel gesprochen -wird, ist im Wesentlichen in Nichts von unserm gewöhnlichen Spaziergang -bei Guben verschieden, außer daß hier die ziemlich hohen Berge sind, wo -wir dort den hölzernen Zaun haben und auf der andern Seite die -Fichtenschonung. Was ist denn nun die Dresdner Brücke so Großes? Ich -habe immer an unsre hölzerne denken müssen. Diese ist nicht so lang, -aber man sieht doch auch rechts und links recht hübsche Kiefern in der -Ferne, und Brombeerngesträuch und etwas Sand. So ein ^Badaud^ oder ^Plat -pied^ aus irgend einer großen Stadt spricht immer, wenn er unser Guben -nicht gesehn hat, vom Pariser Louvre, oder dem Straßburger Münster, wohl -gar von der London-Brücke oder dem Wasserfall von Niagara. Sollen sich -da deutsche Herzen nicht empören? Als wenn unsre romantische Tümpel, die -Haideflecke bei Lübben und Luckau, unsre Sandpartien nach der Oder zu, -der hübsche Sumpf eine Viertelmeile von uns, so gar nichts wären! - -So kamen wir denn also auf den Nollendorfer Berg. Es war so dicker -Nebel, daß ich mich gleich von meinen Kameraden verlor und in eine -Wolke, wie in einen großen Wollsack gerieth. Ich trat mit meinen -Reisestiefeln auf die Flocken und ging hübsch darauf spazieren; und es -geht sich schnell, sodaß, ich weiß nicht wie weit, ich schon in die -böhmischen Dörfer hineingerieth, ohne allen Weg und ohne Straße. -Herrliche Anstalt, gleich diesen dicken Nebel, wie die Wolke der -Bundeslade, zwischen Sachsen und Böhmen oder zwischen Deutschland und -Oestreich zu stellen. Tausend, wie marschirte ich nun fort! -Statistisch-ökonomisch-politisch-historische Bemerkung für meine -hydraulisch-aphoristische künftige Reisebeschreibung der spanischen -Schlösser und böhmischen Dörfer: -- Ich fand nehmlich, daß Angestellte -(Beamte, die oft durchfallend sind, aber selbst niemals umfallen) auf -eine auffallende Weise die besten und kräftigsten Stücke des Nebels auf -Flaschen zogen, wie es wohl auch bei den Gesundbrunnen geschieht. -Schäumt die unnütze Kraft ab, so wird ein hübsches Getränk und -magenstärkender Saft aus dem leichten Dinge, welches dann Professoren -und Schüler, Geistliche und Denker, feinfühlende Autoren, die gern -^scherzando^ schreiben, und billige Staatsmänner wie altherkömmliche -Gesetzkünstler und Fabrikanten gern genießen und sich einander -mittheilen. Trifft es nicht richtig ein, daß _Nebel_ rückwärts gelesen -_Leben_ heißt, und Leben Nebel? Eins ist die Quadratwurzel vom andern. -Darauf sollten unsre Denker mehr lossteuern. Siehe, mein Kind: -- wenn -ich zu Einem sage, der noch nicht reif ist und es gern werden möchte: -_Lese!_ so sieht das wie ein guter, verständiger Rath aus. Hat er aber -tiefern Sinn und buchstabirt rückwärts, so merkt er im stillen Gemüthe -wohl, daß ich ihn nur einen _Esel_ gescholten habe. O es ist ein -unergründlicher Tiefsinn in diesen Betrachtungen. Nicht wahr, es giebt -Mülleresel, wilde Esel, Esel zu Spazierritten u. s. w. -- aber der -völlig unvertilgbare, von vorn wie hinten sich immer gleich bleibende -ist der von mir entdeckte _Lese-Esel_. Auch wenn ich imperativisch oder -imperatorisch sage: _Esel, lese!_ bleibt er sich gleich, doch gefällt -obige Thierart in der Bezeichnung besser, denn es stempelt sich darin -jenes ewig unermüdliche Geschöpf, jene unverwüstbare Creatur, die wir -hinter Ladentischen, auf Caffeehäusern, unter den lieben Zeitungen und -allerliebsten Journalen, Tagesblättern, Broschüren, Libellen (nicht den -Insekten), Romanen und dergleichen sitzen sehn und schlingen -- mit -einem Wort, den in unserm Jahrhundert ausgebildeten _Leseesel_. Die -vergleichende Anatomie sollte sich nur seiner bemächtigen und Gall -seinen Schädel untersuchen. Wie in Afrika oder Indien jene wandernden -Ameisenheere oft unsäglichen Schaden anrichten und Verderben verbreiten, -so fürchte ich für Europa und noch mehr für unser Deutschland die -traurigsten Verheerungen von der Vermehrung und dem Ueberhandnehmen -dieses Lese-Esels. Wie er denn nun von vorn oder hinten immerdar ein -Leseesel bleibt, so sprach ich neulich schon mit einem denkenden Medicus -über den Fall, ob das Thier nicht wirklich die Qualität noch erhalten -könne und würde, auch von hinten, mit dem Sitztheile, sowie vorne mit -seinen Augen zu lesen. Der Philosoph approbirte sehr meine Hypothese und -meinte, das Monstrose sei immerdar nicht den gewöhnlichen Naturgesetzen -unterworfen. Und wirklich, wie ich wieder die sogenannte Ressource -besuchte, wo ich die beste Sorte und die qualificirtesten dieser -Leseesel zu finden gewohnt war, bemerkte ich zu meinem Erstaunen, daß -diejenigen, die in der Entwicklung am meisten vorgeschritten waren, -unruhig auf ihren gepolsterten Bänken beim aufmerksamen Lesen hin und -wieder ruschten, sich bald stärker auf das Polster drückten, bald -lüfteten, bald sich rechts, bald links hin bewegten, als wenn sie ein -besseres Licht erstrebten. Ich sah aber deutlich, daß ihnen oben nichts -fehlte, ihr Fundament aber einen Mangel verspürte. Der Vorsteher dieser -Ressourcen-Anstalt oder dieses Casino-Wesens ist ein denkender Mann; ich -nahm ihn beiseit in ein Nebenzimmer, von wo man durch Glasthüren Alles -im Saal beobachten kann, und machte ihn auf jenes bedenkliche Hin- und -Herrutschen aufmerksam. »Wollen Sie denn nicht, suchte ich ihn zu -persuadiren, vielleicht morgen den Versuch machen und einige gute -lesbare Journale, oder einige scharfe Schriften gegen die Regierung über -jene Polster spannen lassen, um zu sehn, ob meine Vermuthung sich -bestätigt?« »Wie, Herr, fuhr mich der Mann an, indem er mich mit seinen -großen Augen betrachtete: was fabeln Sie mir da von einer neuentdeckten -Thierart? Es sind lauter würdige Herren und ausgezeichnete Männer, die -das Beste des Landes und der Welt im Auge behalten. Sie rutschen heute -übermäßig, das ist wahr, das kann aber auch vom Denken oder vom bewegten -Gemüthe herrühren. Auf keinen Fall aber dürfte ich es gestatten, wenn -Sie auch wirklich Recht hätten, daß alle diese Mitglieder in Naturalibus -da säßen, um zwei Zeitungen zu gleicher Zeit lesen zu können.« »O Sie -kurzsichtiger Mann! rief ich aus; brauchen Sie denn nicht selbst -Brillengläser? Sieht man nicht durch einen Flor und Sieb? Und so würden -sich die Beingewande gestalten; Fabrikherren würden mit scharfem Blick -die Zeuge entdecken und verfertigen, durch welche sich am besten lesen -ließe; neuer Flor des Gewerbes, frische Aufmunterung zur Arbeit und -Speculation.« - -So stand die Sache vor meiner Abreise, ehe ich in das Nebelleben oder -den Leben-Nebel gerieth. Wie ich zu meinen Reisengefährten wieder zurück -kam, weiß ich selbst nicht, wie aber in der Nacht der Camin so gar -gewaltig rauchte, war ich wieder bei ihnen und bei mir. Aus dem soliden -Nebel gerieth ich aber in eine noch wolligere und flockenreichere -Väterlichkeit und Mutterempfindung mit Zwillingen und Drillingen u. s. -w. Was aber merkwürdiger ist, als solche Lappalien, ist, daß man unter -feierlichem Schießen Carlsbad noch höher als Teplitz gestellt hat, es -noch drüber hinauf gesetzt; so kommt die Meeresfläche immer tiefer, und -da das Meer außerdem schon abnimmt, so wird es kein Wunder seyn, wenn -wir ganz auf das Trockne gerathen. Bei den Heiling-Felsen sind Braut und -Bräutigam, Priester und Brautjungfern in Stein verwandelt, ich habe sie -selber stehn sehn. Daß die Leute nach der Hochzeit recht ledern und -hölzern werden, erleben wir alle Tage, es ist kein großes Wunder, daß -diese damals, in einem noch unaufgeklärten Jahrhundert, das Prävenire -gespielt haben, um in jenem beliebten Stein der Hölzernheit zu entgehen. - -Aber in den herrlichen Gegenden habe ich etwas sehr Wichtiges, und wovon -ich noch keine Erfahrung hatte, kennen gelernt. Immer habe ich es -geglaubt und Dir gepredigt, daß Adam und Eva vor ihrem Falle nicht so -körperliche grobe Speisen genossen, wie wir jetzt mit den thierischen -Zähnen sie zerbeißen und zermalmen, sondern daß sie die geistigen -Essenzen, die unsichtbare Kraft der schönsten Gewächse und der -himmlischen Kräfte einsogen. Wie einem denkenden Forscher nun wohl wird, -wenn sich ihm eine solche mystische Ueberzeugung durch unumstößlichen -Beweis vergegenwärtigt, ist mit Worten nicht auszusprechen. Sie nennen's -in ihrer sterblichen Unbeholfenheit einen rothen Ungarwein, und mit -anmaßendem Kunstausdruck die Mennische Essenz. Wer aber die wahre -Sprache kennt und den Urtext versteht, sieht durch den grob ersonnenen -philologischen Kniff, und erkennt aus der echten Etymologie, daß Adam es -damals auf seinem höhern kritischen Standpunkt die _Menschen-Essenz_ -nannte; und das ist sie denn auch, und mein Forschen und Ergründen -dieser Materie gereut mich so wenig, daß binnen kurzem mehrere Flaschen -von diesem Liquor, dieser Essenz, bei Dir in Guben eintreffen werden, -die ich wohl aufzubewahren Dich bitte. Wie sehr es Sünde war, vom Baum -der Erkenntniß zu naschen, darin, wie in allen meinen religiösen -Ueberzeugungen, hat mich diese Wunder-Essenz von neuem gekräftigt. Denn -wie man sie nur ein Weilchen genossen hat, und sie wieder schmeckt, und -von neuem versucht, führt sie uns bald in jenes selige Land, wo alle -Kenntniß aufhört und verschwindet, wo das trockne, kümmerliche -Bewußtsein immer mehr verdämmert und verdunstet, um, wenigstens auf -einige Zeit, den sündhaften Zustand der Erkenntniß des Guten und Bösen -abzuschütteln. Nein, dieser Gegensatz hört dann auf, und man lebt einzig -und allein im Guten, in dieser Menschen-Essenz. O wie neidisch meine -Freunde waren, daß ich diese Entdeckung gemacht hatte, die unsrer ganzen -Weltgeschichte eine andre Richtung geben kann. Uebrigens liegen im -Hochheimer und Johannisberger auch ganz respektable Richtungen -verborgen, und eben jetzt steht eine Flasche vom letzteren neben mir, -aus welcher ich Deine Gesundheit trinke. - -Unser Weg muß sonderbarer Weise vor Prag vorbeigegangen seyn, denn die -Straße führt nicht durch, und doch soll Prag die Hauptstadt von ganz -Böhmen seyn. Wir sind wenigstens durch Franken gekommen. Endlich aber -ist doch unser Kotzebue anerkannt, und es hat sich erwiesen, daß er alle -Alten und Neuen übertrifft; man sollte ihn aber zum Patentdichter -machen, daß kein andrer, so lange er lebte, Theaterstücke schreiben -dürfte. - -In Würzburg in der würzhaften Landschaft haben wir im Wirthshause mit -vieler Anmuth gewohnt, denn in Bamberg hatten sie einen ambulanten -Gottesdienst und cassirten mit vielem Spektakel die silbernen Sachen von -Werth ein, weshalb es uns dort nicht gefiel, so alt auch der Dom seyn -mag. Wir haben auch auf der Stelle gestanden, wo Otto von Wittelsbach -den Kaiser Philipp ermordet hat. Die Ruine gehört einem berühmten -jüdischen Arzt, welcher mit aller Gewalt unsern Freund Walther -trepaniren wollte. Er ist aber bis dato noch nicht rasend, und erhielt -eine Ehrenerklärung. Nur kaufen will dieser neugierige Mann vielerlei, -und er kann es, weil er reich genug zu seyn scheint. Bei der Treppe im -fürstlichen Schloß zu Würzburg ist ein kurioses vielfaches Echo, das hat -er richtig erstanden, um es bei sich zu Hause, in seinem Garten -anzubringen. Man war dabei, es sehr vorsichtig einzupacken. Das -Auspacken an Ort und Stelle aber muß mit noch größerer Circumspection -geschehen. Denn die Sache ist fast, nur im Großen, wie mit einer -Champagnerflasche. Das Ding darf nicht in alle Lüfte verflattern, wo es -keinem Menschen zum Gewinn ist. Im Garten muß es an der rechten Wand -sehr künstlich eingefugt und eingeleimt werden, damit es richtig -antwortet und nicht auf Schwarz Weiß, auf Ja ein Nein spricht. Herr -Walther will sich dann einen tüchtigen Mann vom Amt kommen lassen, der -mit Echos umzugehen weiß, und selbst nur ein Widerhall seines gnädigen -Herrn ist, der soll ihm das Ding pfropfen oder inokuliren, damit es noch -öfter und lauter jede Anrede nachspricht. Ein in Ruhestand versetzter -Geheimer Rath braucht sein Echo nicht mehr in der Sitzung abzugeben, und -dieser, hofft Walther, wird ihm dieses für ein Billiges ablassen. Denn -das ist auch zu observiren, daß das Echo, wenn es nun wieder gelüftet -wird, nicht dem Freunde Walther oder einem andern würdigen Manne in den -Hals fährt. Davon hat man schon merkwürdige und traurige Beispiele. Der -Minister in -- (ja da um die Ecke, rechts oder links von uns, Du -brauchst es eben nicht so genau zu wissen) war der beste Kopf im Lande, -nur widersprach er dem regierenden Herrn immerdar. Plötzlich (und die -gewöhnlichen Menschen meinen, es sei durch eine Gehaltsverdopplung -bewirkt, was aber die Erscheinung weder psychologisch noch physiologisch -erklären würde) spricht er wörtlich und buchstäblich Alles so, wie sein -Landesvater. Zur Erheiterung war dieser große Kopf in ein Bad gereiset, -in dessen Nähe sich ein ganz vorzügliches Echo aufhielt. Der Minister -spielt mit dem Dinge, wie mit einem jungen Kätzchen, frägt, läßt -antworten, schreit und singt, um das Wesen recht von allen Seiten kennen -zu lernen; darüber wird er müde, er gähnt, ohne die Hand vor den Mund zu -halten, und die boshafte Creatur benutzt den Moment und springt ihm in -den Hals hinein. Nun kann er es nicht loswerden, so sehr er Medicin -braucht. Im Bade ist das Echo seitdem fort. Die Dummen behaupten, weil -die Bergleute eine vorlaufende Felsenwand weggesprengt haben. Nein, auf -eben beschriebene Art sind sehr viele dieser Echoisten entstanden, die -der gemeine Mann zu oft mit den Egoisten verwechselt, die freilich auch -manchmal nahe an einander grenzen, wie die Buchstaben g und h. - -Unser Walther hat neulich etwas gethan, wovon alle Philosophen und -Denker immerdar ausgesagt haben, es sei unmöglich. Er schwang sich -nehmlich auf dem Rade der Fortuna um, und es gelang ihm, oben auf dem -Gipfel wenigstens eine halbe Stunde lang ungestört zu verharren. Er -hätte also den Nagel oben einschlagen können, wenn er nicht selbst -vernagelt gewesen wäre, denn er fluchte und wetterte, um nur wieder -hinabzugelangen. Ein wunderliches Frauenzimmer, vielleicht die Fortuna -selbst, sah ihn dort oben thronen und lachte, wie es mir schien. Ich -konnte sie aber nicht erhaschen. Man schrie ihr Maschinka nach. Hieß -nicht die geheimnißvolle Unbekannte so, die bei uns logirte? Mir schien -auch, aber ungewisser Schein nur, als sähe sie jener Flüchtigen ähnlich. -Aber mein Studium und der Genuß der himmlischen Essenzen macht, daß ich -mich solcher irdischen Dinge nur sehr dunkel erinnere und keine -Rechenschaft davon geben kann. Wenn sie es war, ist sie mir und den -Uebrigen wieder entlaufen, ob wir gleich alle hinter ihr drein waren. -Walther, der Herabgestiegene, auch. Fortuna aber oder Maschinka war -verschwunden. - - * * * * * - -Die Beiden kamen spät von der Starkenburg zurück, und indem sie in das -Zimmer traten, hörten sie, wie Wachtel sich selber den letzten Theil und -Beschluß seines Briefes vorlas. Walther fuhr auf ihn zu und fragte: was -war das für eine Dame, die jener in Würzburg ähnlich war? Auch Ferdinand -setzte ihm leidenschaftlich mit Reden zu; doch Wachtel, der jetzt seine -Flasche Johannisberger völlig geleert hatte, sagte: Meine Herren und -Freunde, ich habe da einen häuslichen vertraulichen Brief an meine -Gattin geschrieben, welcher nichts, als Familienverhältnisse und -Versicherungen meiner Liebe enthält, diesen kann ich Euch also unmöglich -mittheilen; die letzte Anspielung, die Ihr zufällig vernommen habt, ist -nichts weiter als die Beziehung auf eine Sache, die ich selber nicht -verstehe und das Wenige, was ich davon wußte, seitdem völlig vergessen -habe. Ich war, als jenes Frauenzimmer schnell in unser Zimmer dort in -Guben trat, eben in Gedanken und Studien versenkt; kurzum, sie hatte -einen Brief an meine Frau, den ich damals nicht lesen konnte oder -wollte, und ein alter Mann begleitete sie, von dem es unentwickelt vor -mir liegt, ob er ein Herr oder ein Bedienter war. Kurz, mit einem Wort, -sie bewohnte ein Zimmer, als ich schon schlief. Sie kam mir hübsch vor, -und nachher, als ich sie wiedersah, konnte ich mich nicht bestimmt -erinnern, ob es noch dieselbe oder eine andre war. Diese zweite war aber -noch schöner. Vielleicht hatte sie aber die Frische des Morgens so -gefärbt. Nun fragte ich wieder nach ihr, und sie war schon abgereist, -und da es mich nichts anging, schlug ich es mir aus dem Sinn, und so -vergaß ich es, und so reiste ich nach Dresden ab, und so sind wir nun -hieher gerathen, und das Briefschreiben hat mich angegriffen, und der -Johannisberger hat mich gestärkt, und das ist Alles, was ich von der -Sache weiß. - -Daß mich die Sache interessirt, sagte Walther, darüber könnte ich meine -Gründe angeben; aber warum Sie, Ferdinand, so neugierig sind, begreife -ich nicht. - -Ich weiß selbst nicht, antwortete dieser, weshalb ich mich darnach -erkundige; man macht seinen Freunden in der Regel Alles nach, weil sie -nach einiger Zeit ein gemeinsames Interesse verknüpft. Und, gestehe ich -es nur, in jener Nacht, als wir in Guben waren, hörte ich durch die -offenstehenden Fenster der untern Zimmer meinen Freund Wachtel schon mit -seiner Frau von dieser Dame reden, ich war schon damals neugierig, aber -mein Freund Wachtel war in einem so bedenklichen Zustande, daß ich mich -ihm nicht zu erkennen geben mochte; auch rückte schon der erste Morgen -herauf und unsre Abreise drängte. - -Sieh! sieh! sagte Wachtel gähnend, meine confuse Frau hat mir damals -eine noch confusere Geschichte vorgetragen, von einem sehr hübschen -Menschen, den sie hundertmal einen Engel nannte. Sie schien zu meinen, -ohne des Engels Beihülfe, der sich so edel betragen, hätte ich die ganze -Nacht draußen im Grase liegen müssen. Sie machte ein Mährchen draus, wie -das von der Martinswand ist. Und nun entwickelt es sich also, daß Du -dieser Engel warst. So verschwinden bei nur mäßiger Forschung alle -Wunder aus der Geschichte. - -Nach einer kurzen Ruhe fuhren die Freunde am schönen Morgen weiter, aber -nur langsam, um die Gegend zu genießen. Sie kamen schon früh in -Heidelberg an. - -Der Pfarrer Le Pique hatte dem jungen Ferdinand einige Briefe an Freunde -mitgegeben, und so lernte dieser einen rüstigen, geistreichen Mann, -Keyser, welcher Lehrer an der Schule war, kennen. Sie besuchten -gemeinschaftlich den biedern Daub, sowie den herrlichen Creuzer, und in -der schönen Umgebung, unter wissenschaftlichen und heitern Mittheilungen -verflossen ihnen die Stunden und Tage im lieblichsten Wohlbehagen. Auch -den trefflichen Pfarrer Abegg lernten sie in Lohmen kennen, und die -muntern Freunde, die Alle noch jugendlich kräftig waren, durchstreiften -das Gebirge und die blühenden Kastanienwälder, die vielen Bergen hier -einen ganz südlichen Charakter geben, und erkletterten alle irgend -zugänglichen Theile des großen Heidelberger Schlosses. - -Mit Keyser ging Ferdinand in einer Nacht nach Zweibrücken hinüber, und -Walther verwunderte sich, daß der Freund ihm aus dieser Wanderschaft ein -Geheimniß gemacht hatte. - -Walther, der noch wenig mit Gelehrten und mehr mit dem Adel gelebt -hatte, war höchlich erfreut, in dem Professor Daub die schöne Biederkeit -echter deutscher Natur, und in Creuzer diese Gewandtheit des Geistes, -sowie diese edle Urbanität kennen zu lernen; Abegg's Milde wirkte -wohlthätig und fein auf den witzigen Streit, der sich manchmal zur -Heftigkeit erhob und den besonders der lebhafte Keyser gern veranlaßte. -Wenn wahre Gelehrte, die zugleich als echte und edle Menschen den Ton -des Umganges haben, in freundlicher Hingebung scherzend und ernst durch -alle Gänge des Wissens und Forschens wandeln, so findet sich in dieser -Umgebung eine Unterhaltung, die der Menschenkenner und Weltmann -vergebens in den andern Zirkeln der Gesellschaft suchen wird. - -Ein schöner Friede schien alle Gelehrte in Heidelberg zu vereinigen und -Ferdinand erzählte viel von einer schönen Zeit, in welcher er vor -wenigen Jahren in Jena in dem Kreise lebte, den Wilhelm und Friedrich -Schlegel, Novalis und Schelling bildeten. Er schilderte diese Wochen als -das reichste und üppigste Geistesbankett, das er jemals schwelgend -genossen habe. - -Nach einigen Tagen schrieb Ferdinand an eine Freundin, Charlotte von -Birken, nach Berlin. - - Heilbronn, den 18. Julius 1803. - -Meine theilnehmende Freundin, ich benutze die Nacht, indem meine -Reisegefährten schlafen, um endlich mein Versprechen zu erfüllen und -Ihnen einige Nachrichten von mir mitzutheilen. - -Die Spannung, in welcher mich diese unfreiwillige Reise erhält, muß oft -der Entzückung und der Begeisterung weichen, in welche mich die -abwechselnden großen und lieblichen Naturscenen versetzen, an welchen -unser schönes Deutschland so reich ist und die unsre Landsleute immer -noch nicht gehörig zu würdigen wissen. - -Von meinen Aussichten, Plänen, meinem künftigen Glück weiß ich Ihnen -noch nichts zu sagen. Alles zieht sich in die Länge, Alles wird fast -ungewisser, als es war. Ein junger Mann in Heidelberg, Keyser, der mein -ganzes Herz gewonnen hat, führte mich nach Zweibrücken zu seiner -reizenden und liebenswürdigen Braut, und hier fand ich denn endlich -einen Brief vom Onkel, der etwas Bestimmteres aussagte, und der, -sonderbar genug, mich wahrscheinlich bald wieder in Ihre Nähe führen -wird, da ich bis jetzt glauben mußte, Basel sei die Richtung, die ich -nur nehmen könne, und die Schweiz sei mein künftiger Aufenthalt. -Indessen ist schon viel gewonnen, daß der einflußreiche angesehene Mann -sich zum Vermittler anbietet. Ich mag Ihnen von manchen Dingen, die mir -zugestoßen sind, nichts Näheres mittheilen, weil ich Alles einem -mündlichen Gespräche vorbehalte, man auch nicht wissen kann, wie ein -Brief verunglückt, oder, bei der größten Vorsicht, in die unrechten -Hände geräth. - -Von dem schönen Heidelberg aus haben wir eine kleine Fußreise gemacht, -um Neckar-Steinach und die drei Ruinen zu sehen, die dort dicht neben -einander liegen. Das eine wüste Schloß war der Aufenthalt des -berüchtigten Lindenschmidt. Ein runder, steiler Hügel, der Dielsberg, -macht dort einen sonderbaren Anblick; hier verließ uns Keyser, der uns -begleitet hatte, um nach Heidelberg zurückzukehren. Wir hatten jetzt -einen schönen Weg nach Hirschhorn, welches am Neckar liegt. Ein altes -Schloß und Kloster sind hier, die uns durch ihre Alterthümlichkeit große -Freude machten. Wir nahmen ein Schiff, und fuhren, von einem Pferde -gezogen, den Neckar stromaufwärts. Die Gegend ist reizend, viele alte -Schlösser, die noch ganz in ihrem ehemaligen Zustande sind, werden -bewohnt. In Eberbach war viel Getümmel und ein Aufzug der Bürger. Nach -einigen Stunden jenseits dieses Städtchens verließen wir das Schiff -wieder, um zu Fuß zu wandern. Minneberg und zwei Hügel dort bilden eine -reizende Gegend. Bei Neckar-Els öffnet sich das Thal. Vor der Stadt nahm -uns ein schlechtes Wirthshaus auf und Walther miethete aus Eigensinn ein -sonderbares Fuhrwerk, um sich nur mit keinem Hauderer, der vielleicht -auch nicht vorzüglich gewesen wäre, einzulassen. In den meisten -Menschen, selbst vernünftigen, offenbart sich zuweilen eine falsche -Poesie, die sie im Leben selbst suchen oder unmittelbar in dieses -hineintragen wollen. Bei den ganz dummen Wirthsleuten hatte er auf -Erkundigung erfahren, sie hätten einen leichten Einspänner, der auf zwei -Rädern laufe. Vielleicht fielen ihm die italienischen Sedien oder ein -flüchtiges Cabriolet ein; genug, er miethet das Ding, um so mit uns am -folgenden Mittag in Heilbronn anzukommen. Ich entsetzte mich nicht -wenig, als am Morgen das elende Gespann vorfuhr. Was war es? Ein -viereckter, grob geflochtener Korb, der auf zwei hohen Rädern -unmittelbar auf der Axe lag. Man hatte Säcke und Stroh hineingelegt. Ich -schlug vor, lieber zu Fuß zu wandern, aber der boshafte Wachtel hatte -seine Freude an diesem Skandal, und Walther wollte sich kein Dementi -geben. Wir klemmten uns, so gut es gehn wollte, in den verwünschten Korb -hinein, und ein blödsinniger Knecht unternahm es, uns mit einem steifen -Gaul so in Heilbronn im Triumph aufzuführen. Zwei Stunden von dort liegt -der Hornberg, welchen Götz von Berlichingen von Conrad Schott kaufte und -wo er den größten Theil seines Lebens hauste. Der steile Berg ist auf -zwei Seiten mit Wein bebaut, von oben hat man die Aussicht über das -offene Neckarthal und über die gegenüber liegenden niedrigern Felsen. -Auf der Hinterseite des Berges ist ein enges Thal und ein herrlicher -Wald, der sich bis dicht an die Burg erstreckt. Alles ist oben, auf dem -Wege zur eigentlichen Festung, mit wüstem, verwachsnem Gestrüpp bedeckt. -Aus den Zimmern und Sälen des Schlosses genießt man einer vortrefflichen -Aussicht. Vor kurzem hätte das ganze Haus noch mit wenigen Kosten zum -Bewohnen erhalten werden können, jetzt ist es verfallen und wird nach -einigen Jahren wohl ganz zerstört seyn. - -Wir fuhren dann durch ein Städtchen Gudelsheim, das den deutschen Herrn -gehört, und ließen uns nach Wimpfen übersetzen. Vor Heilbronn verließen -wir doch, trotz unsrer Aufklärung, unsern Karrn und zogen zu Fuß in die -Stadt ein. Alles wurde hier zur Huldigung des neuen Herrn eingerichtet, -der Altar in der protestantischen Kirche war abgetragen, recht gut -scheinende Gemälde waren, ihm zu Ehren, neu übermalt und verdorben. -Kirche und Thurm gehören zu den merkwürdigen Gebäuden. Der berühmte -wasserreiche Brunnen der Stadt hat durch eine neue schlechte Balustrade, -um die man die alte Einfassung, die besser war, wegreißen mußte, viel an -seinem Wasser verloren. Am Rathhause wurde eben ein schönes steinernes -Geländer weggebrochen, um Latten besser anbringen zu können, an welchen -die Lampen zur Illumination befestigt werden. Wir besuchten die Orte, -die uns von früher Jugend auf durch den Berlichingen und Göthe's Werk so -merkwürdig sind. Auch den gewundenen Thurm kletterten wir hinauf und -standen oben, neben dem Ritter, wie mich dünkt, dem heiligen Kilian. - -Hätten wir es unterlassen können, nach Weinsberg hinauszufahren? Durch -Bürger's Romanze ist dieser Ort und die That der Weinsberger Frauen im -Munde alles deutschen Volkes. So manches die Kritik gegen Bürger's -Balladen und Romanzen mit Recht ausstellen kann, so vorsätzlich er so -oft den alten einfachen Ton, jenes Geheimniß, im Wenigen und im -Verschweigen viel zu sagen, worin Göthe der größte Meister ist, vermied -und nicht finden konnte, so bin ich doch überzeugt, Bürger's Balladen -werden bei uns länger, als die von Schiller leben, der (in wenigen -ausgenommen) noch mehr jene stille Einfachheit verletzt hat. - -Um Heilbronn ist eine schöne grüne Natur und wir waren alle mit unserm -Tagewerk zufrieden. Wie schön ist es, in einem Lande zu leben, wo -Städte, Bildwerke, Felsen und Berge auf alte Geschichte, auf große -Kaiser und merkwürdige Begebenheiten hinweisen. Wie herrlich ist in -dieser Hinsicht Deutschland ausgestattet! Mir kommt es fürchterlich vor, -in Amerika leben zu müssen. Und die verschiedenen Epochen der -Kaiserherrschaft, des Aufblühens der Familien, des stets wechselnden -Verhältnisses, der großen wie kleinen Fehden und die mannigfaltigen -Gestaltungen und Umwandlungen des Ritterthums, von der höchsten Bildung -und der schwärmenden, poetisch-fanatischen Verehrung der Frauen bis zum -niedrigen, rohen Räuberhandwerk hinab, alles Dies, glaube ich, hat sich -nirgends so wundersam, vielseitig, grell abstechend gewiesen, als in -unserm Deutschland. Unsere unwissenden Autoren, die diese Gegenstände -behandeln, haben sich aber eine gewisse rohe Manier gebildet, die immer -in Zank, Großsprecherei und leeren Worten wiedertönt, ohne uns auch nur -im mindesten ein Bild und anschauliches Gemälde jener Zeiten zu geben. -Andre sehen nur Greuel, Verwilderung und Mord in jenen Tagen der -merkwürdigsten Entwicklung, und bedenken nicht, daß, wenn die Welt so -beschaffen gewesen wäre, wie sie sie verlästern, in kurzem weder Gute -noch Böse, Freie und Knechte würden übrig geblieben seyn. - -Wie aber Gefühle absterben, wie der Sinn für das Schönste sich verlieren -kann, muß ich täglich mehr erfahren. Rührt uns schon in Stadt und Feld -die Hinweisung auf Geschichte und belebt und weiht den todten Stein und -den Wald, wie viel mehr jenes Mahnen an die Wunder und die Süßigkeit -unserer Religion. Und diese forttönende Poesie, dieses Erklingen der -feierlichen Harfensaiten, diesen still lebenden und stumm beredten -Gottesdienst in der Einsamkeit der Natur, im Gewühl des Marktes, in -Felsgrotten und Wäldern, im Verherrlichen der Brücken und Ströme finde -ich nur noch in den katholischen Provinzen. An Zoll und Polizei, an -Argwohn und Paß, an Aufsicht und Visitation werden wir im -Protestantischen genug erinnert, an die Bedeutung des Christenthums fast -niemals. Ja, jene Wundersagen, jene Bildwerke, Hymnen, Klöster, Mönche, -heilige Jungfrauen, Vorbitten und Schutzheilige sind Gegenstände des -Spottes und Hasses. Und die besten Menschen können sich oft von diesem -Aberglauben gegen den Aberglauben, von dieser Gespensterfurcht, daß der -Glaube an Gespenster wieder kommen könnte, nicht frei erhalten. So -konnte es mein neu erworbener Freund, Keyser, nicht begreifen, wenn ich -behauptete, die Reformation sei zwar eine nothwendige gewesen, sie habe -der Welt und namentlich Deutschland unendliches Heil gebracht; aber viel -Schönes, Großes und Heiliges sei mit Zerstörung des Schlechten zugleich -vernichtet worden, und dies sei es, was der eifrige Protestant nie -anerkennen wolle und was die Katholiken selbst nicht zu würdigen wissen. -Auch ein schlechtes Bild an der Landstraße rührt mich, weil es auf jene -Geheimnisse hindeutet, die wir nie vergessen sollen, wenn wir sie gleich -auf dem gewöhnlichen Wege niemals begreifen können. Die Fratzen in -manchen Kirchen stören mich so wenig wie die oft ungelenken Priester; -denn auch im unansehnlichen Dornbusch blüht der Frühling heraus und -bewegt mich, als ein Zeichen der allgemeinen Auferstehung des -Lebendigen. - -Dies Gefühl des Mitleidens in der höchsten Liebe, daß wir durch -Selbstaufopferung das Opfer der Liebe vergüten möchten, diese schönsten -Gefühle sind es gerade, die die meisten Menschen von sich abweisen oder -die Härteren als unrecht verdammen. So heben sie sich für den Sonntag, -für Orgel und Predigt die feierlichen Empfindungen auf, oder sie -schließen einen verständigen Contrakt mit dem unbegreiflichen Wesen, -welches sie Gott nennen, um gegenseitige Pflichten und Verbindlichkeiten -klar im Auge zu behalten. Der Vers eines Liedes aber, Abends unter einem -Crucifix still und andächtig gesungen, der Blick des betenden Greises -auf einsamem Waldplatz zum leidenden Heiland hinauf, der Kuß, den das -Kind auf seinen Rosenkranz drückt, die Thräne der Mutter, welche auch -den Sohn verlor, vor der Mater dolorosa, sagen mehr, als alle jene kalte -Weisheit verkündigen und lehren kann. - -Sie kennen ja aber, theure Freundin, meine Gesinnungen über diese -Gegenstände und stimmen mir bei. Ich hoffe Sie bald zu sehn; im Herbst -gewiß. - - * * * * * - -Walther war aus andrer Ursache nachdenklich von Weinsberg -zurückgekommen. Er hatte an der Wand der Kapelle, auf welcher die -Geschichte der treuen Weinsberger Weiber gemalt ist, mit Bleifeder -frisch angeschrieben deutlich die Worte gelesen: »Romeo, in der Höhle zu -Liebenstein findest Du den 24. Juli M -- Julia.« -- Seine Gefährten -hatten die Schrift nicht bemerkt, ihm aber flüsterte sein Genius zu, -diese Hinweisung rühre von jener vielgesuchten Maschinka her, die den -Mann, welchen er verfolgte, in Liebenstein erwarte. Sein Entschluß war -daher gefaßt, nach Liebenstein zu gehn und gewiß am 24. Julius in dieser -Höhle zu seyn, in welcher er diesen Romeo zu entdecken hoffte. Er konnte -sich selber keine Rechenschaft davon geben, warum er sich die wenigen -Worte so erklärte, warum er der Meinung war, sie müßten von jener -entflohenen Maschinka herrühren, deren Handschrift er niemals gesehn -hatte. Aber dieser blinde Trieb, dieser Instinkt schien ihm gerade ein -Beweis dafür, daß er auf der richtigen Spur seyn müsse. - -Am folgenden Morgen trug er, ohne seine Gründe anzugeben, darauf an, daß -man noch einiges Merkwürdige in der Nähe betrachten, dann aber nach -Liebenstein reisen möge. Mein theurer Freund, sagte Ferdinand, mit -einiger Heftigkeit: wie kommen Sie auf diesen Entschluß? Warum nach -Liebenstein? Ich hoffte, wir würden von hier aus uns mehr südlich und -nach dem Schwarzwald, vielleicht sogar nach der Schweiz wenden, um einen -Theil des Herbstes in den schönen Alpengegenden und an den erfrischenden -Seen zuzubringen. Und nun schon, noch so zeitig im Jahre, uns wieder -nach Norden wenden? das sieht schon wie Rückkehr aus, die ich in diesem -wahrhaft schönen Sommer, der uns vielleicht noch lange begünstigt, weit -hinausschieben möchte. - -Schon umkehren? rief Wachtel aus: wie? Ich habe auf den Rhein und die -schönen Weinplätze Bacharach, Rüdesheim, Nierenstein gehofft -- und nun -wieder in das kalte Bierland hineinreisen? Ei, welch ein böser Geist hat -Ihnen, verehrter Freund, den bösen Gedanken zugeraunt? - -Sie wissen, fuhr Ferdinand fort, mir ist nur in den Gegenden, wenn ich -in der Fremde bin, recht wohl, wo ich die alten Münster, den -katholischen Cultus, die Bilder und Feierlichkeiten, so wie Alles, was -damit zusammenhängt, sehe und mein Gemüth erhebe. Haben wir doch oft -genug darüber gestritten. Es ist fast, als wenn ich eine Geliebte -verlassen, indem ich diesen schönen Provinzen wieder den Rücken wenden -soll. - -Geliebte! sehr wahr! rief Wachtel, fast schluchzend. Ich kenne das -schon, um wie viel theurer und schlechter der Wein in den Gegenden dort -oben ist. Nun habe ich mein Herz hier so weit hinweg spazieren geführt -und es so recht gemüthlich im Sonnenschein der Andacht ausgelabt und -eingesommert. Ich kann schwören, mit jeder Meile, die mich von meiner -Frau um eine mehr entfernt, fühle ich meine Liebe zu der vortrefflichen -Person inniger und brünstiger. Welchen schönen Liebesträumen hing ich -nun nach, daß noch wenigstens hundert Meilen sich zwischen uns legen -sollten, um mich so recht und voll in die erste Jugendliebe hinein -reisen und rasen zu lassen. Das hätte vielleicht eine so ausbündige -Verliebtheit zu Stande gebracht, wie nur jemals zwischen Abälard und -Heloisa stattgefunden hat, -- und nun soll ich plötzlich ernüchtert -werden, denn das weiß ich im voraus, mit jeder Meile, die ich jetzt -schon, um so vieles zu früh, der Theuern näher komme, wird mein Herz -kälter, und Sie haben es zu verantworten, Baron, wenn ich als ein -rechter Gimpel, als kalter Frosch, als miserabler Philister meiner Alten -ganz herzlos und krüppelmatt an den Hals falle. - -Walther sagte lachend: liebe Freunde, es kann nicht meine Absicht seyn, -Sie irgend in Ihrer Reiselust hemmen oder auf falsche Wege verlocken zu -wollen. Unsre Trennung, wenn sie jetzt so viel früher eintritt, wird -mich schmerzen; aber wir finden uns wohl später wieder. Was mich jetzt -nach Liebenstein zieht, ist ein kleines Geschäft. Sie wissen, wir Alle -hatten bei unsrer Abreise von Dresden keinen festen Plan, wir wollten -uns leichtsinnig dem Zufall und unsrer Laune ganz überlassen. Vergessen -haben Sie aber ganz, daß wir beim Abschiede in Karlsbad unserm Freunde -Carl Hardenberg fest versprachen, ihn in Liebenstein wiederzusehn. Diese -Zeit ist jetzt, und versäumen wir sie, so treffen wir ihn dort nicht -mehr an und er hat uns vergeblich erwartet. - -Es ist wahr, sagte Ferdinand, wie aus tiefem Nachsinnen erwachend; -dieses Versprechen, welches fast ein feierliches war, ist mir seitdem -ganz entschwunden. Und so begleite ich Sie denn, lieber Walther, theils -um meiner Pflicht gegen jenen Freund zu genügen, andrerseits aber, um -länger in Ihrer Gesellschaft zu seyn und mit Ihnen die Schönheiten -unsrer Reise zu genießen. - -Sei's drauf gewagt, rief Wachtel, sollte ich auch mit ganz eiskaltem und -erfrornem Herzen zu meiner vielgeliebten Gattin zurückkommen. Ich weiß -nicht, ob es Heilige giebt, denen sich ein kalt werdender Liebhaber und -Gatte empfehlen kann, oder ob Protektoren der zärtlichen Ehe angestellt -sind, die die Flammen so anfachen, wie der heilige Kilian sie auslöscht; -wenn Du mir, Ferdinand, keinen zu nennen weißt, so ist das eine große -Lücke in Deinem vielgepriesenen, bilderreichen und wundervollen -katholischen Cultus. Der Abälard, der dazu passen könnte, war außerdem -schon ein Ketzer; und seine Heloisa gilt auch für eine fromme Sünderin; -und so hat die Kirche die beste Gelegenheit versäumt, durch zeitgemäßes -Canonisiren diesem Bedürfniß abzuhelfen. - - * * * * * - -Die Freunde reiseten nach diesem Entschlusse queer durch das Kocherthal -und besuchten Neustadt an der Linde. Von einer außerordentlich großen -Linde hat dieses Städtchen seinen Beinamen. Nach dieser anmuthigen -Gegend kamen sie durch den Harthäuser Wald. Das Thal der Jaxt ist -zerrissen, die Weinberge schroff, kahl und weiß, und das Land ist hier -weniger fruchtbar, als das Thal der Kocher. Eine sehr große und -schöngebaute Brücke führt über den Jaxtfluß, der jetzt so klein war, daß -er fast gar kein Wasser enthielt. - -Aus Verehrung für Göthe betraten sie das alte Haus, die Burg Jaxthausen, -in einer feierlichen Stimmung. Der berühmte Gottfried, oder Götz, hat -hier nur in seiner Kindheit und frühen Jugend gelebt. Ein älterer -Bruder, Philipp, erbte diesen Stammsitz der Familie, und lebte, wie es -scheint, ruhig und glücklich auf diesem seinem Schlosse. - -Alles ist hier alterthümlich, fest und mannhaft, wenn auch nicht -großartig. Das Archiv ist in einem großen, runden Thurm. Die -Wandschränke, viele Sessel und Stühle schienen noch aus der Ritterzeit. -Die Wendeltreppe ist vortrefflich gebaut. Fest kann, ungeachtet der -Gräben, das Haus doch nicht gewesen seyn; es liegt niedrig, auf ebenem -Boden und hat das Ansehn eines reichen Adelhofes. - -Ein neues, anmuthiges Schloß von mäßigem Umfang, welches eine Familie -Gemmingen bewohnt, liegt nahe bei Jaxthausen, und nicht weit davon, an -der Jaxt die Ruine der alten Burg Berlichingen, die alle Leute in der -Gegend dort Berlinchen nennen. - -Eine Meile von Jaxthausen findet man in anmuthiger Waldgegend das -Kloster Schönthal. Hier ist das Erbbegräbniß der Berlichingen; Götz ist -als der letzte hier begraben worden, weil nachher die Familie -protestantisch war. Die Kirche ist schön, und Ferdinand hörte die -Erzählung mit Ingrimm, daß man nicht nur alle goldne und silberne -Gefäße, sondern selbst zwei heilige Leiber bei der Aufhebung des -Klosters den Juden verkauft habe. - -Ein Mönch verzeichnete die Bücher der Bibliothek, weil diese abgeliefert -werden sollte. Der Mann schien unwissend und sich mit den alten Drucken -oder Handschriften, bei denen er die Titel nicht finden konnte, sehr zu -quälen. Ferdinand machte sich an ihn und half ihm bei einigen. Im -Verlauf des Gespräches jammerte der Mönch über die Aufhebung des -Klosters. Ferdinand stimmte mit ein und sprach von den Vortheilen und -Reizen der Einsamkeit, und wie schön die Einrichtung gewesen, daß vielen -Geistern, die den Beruf gefühlt, Freistätten seien gestiftet worden, in -welchen sie sich ganz und völlig von der Welt unabhängig, den -Betrachtungen der höchsten Gegenstände hätte widmen können. Seit lange -aber, fuhr er fort, ist die Einsamkeit verrufen, Alle, so hört man -immerdar, sollen und müssen in die vielfachen Wirbel und in die -Verwirrung der Welt hineingetrieben werden; praktisch, so ruft man schon -dem Kinde zu, mußt Du werden, um die Geschäfte, die Aufgaben des Lebens -verwalten und lösen zu können. Die Namen eines Stubengelehrten, einsamen -Denkers, stillen Forschers sind wie die Benennungen Einsiedler, -Klostermönch, abergläubischer Priester, zu Schimpfnamen geworden. Und -dennoch -- wenn man diese Weltmenschen kennt und beobachtet, die in den -Rädern der großen Weltmaschine hanthiren und immerdar mit dem Gewühle -der verwirrten Masse umtreiben -- wie ist ihr Gemüth abgestumpft und -keiner großen Eindrücke und Entschließungen fähig. Ungewohnt, einen -wahren, echten Gedanken zu fassen, eine belebende Idee zu ergreifen und -sie dann anwendbar zu machen, ist ihr ganzes praktisches Treiben nur wie -das des Maulthieres in der Drehmühle, thätig ohne Geschäft, im -Mechanismus als Maschine arbeitend. Lehrt uns denn nicht die Geschichte, -daß so oft jene stillen Menschen, die sich der Einsamkeit ergaben, in -Zeiten der Noth hervortraten, um Das zu ordnen und zu beschwichtigen, -was allen Weltregierenden und in der Welt Erzogenen zu mächtig geworden -war? Einige der edelsten Päpste nicht nur waren in der Stille des -Klosters gebildet und herrschten im großen Sinne, als sie berufen -wurden, auch außer so manchen Bischöfen und Aebten waren es oft einfache -Mönche, die in Zeiten der Drangsal auftraten, um mit dem Seherblick, den -gerade die Einsamkeit geschärft hatte, Kräfte zu entdecken, die die -verderblichste Verwirrung in lichte Ordnung umwandelten. - -Darum, sagte der Mönch, der von Zeit zu Zeit von seinem Cataloge aufsah, -ist es Unrecht, wie man jetzt mit uns umgeht. Nicht anders, als wenn wir -Mordbrenner und Landesverräther wären. Und grausam ist es obenein. Denn -unser eins hat nun von Jugend auf nichts anders gelernt, wir können uns -auf keine andre Weise ernähren, und doch stößt man uns in die Welt ohne -alle Versorgung, denn die armselige Pension, die man uns auswirft, kann -kaum gerechnet werden. - -Ferdinand wendete sich mit dem Ausdruck der tiefsten Verachtung von dem -Manne ab. Als sie draußen waren, fragte ihn Wachtel: was ist Dir nur, -daß Du plötzlich so sehr verstimmt bist? -- Wenn mir, rief Ferdinand -aus, der ich ein Laie, ein Protestant bin, das Herz brechen möchte, weil -ich in einem Zeitalter geboren bin, in welchem eine ganze Welt von -Herrlichkeit, Poesie und Kunst in ein großes Grab höhnend geschüttet -wird, eine Welt, in welcher so Großes erwuchs und geschaffen wurde, die -für Bildung, Gelehrsamkeit und echte Freiheit so viel that, die durch so -viele geistliche Helden und Märtyrer verherrlicht ist, -- und ich sehe -einen Mönch, der diesem zerstörten Tempel angehört, um nichts als sein -tägliches Brot seufzen, den nur die Küche dauert, die zugleich mit dem -Wunderdom zerfällt, so möchte ich verzweifeln. Er fühlt sich nicht -gekränkt und im tiefsten und heiligsten Ehrgefühl seines hohen Standes -verletzt, nein, er wäre zufrieden, wenn er nur in irgend einem Pallast -seiner Verfolger wieder Küchenjunge werden könnte. Giebt es freilich -viele dieser Art, haben manche Regierende wohl selber so gedacht, so ist -diese große Kirchenanstalt in sich selbst, auch ohne äußern Anstoß und -ohne die weltliche Habsucht, zusammengebrochen. - -Sei nicht unbillig, rief Wachtel aus, wie soll ein gewöhnlicher Mönch, -von frühster Jugend zum unbedingten Gehorsam gewöhnt, dessen größte -Tugend es seyn mußte, den eignen Willen zu brechen, Deinen Enthusiasmus -theilen oder verstehn? der bei Dir auch nur um so feuriger ist, weil Du, -in einer ganz anders gestalteten Fremde erzogen, als Fremdling in diese -zerstörte Welt hineinschaust. Du bist noch ziemlich jung, wohlhabend, -hast niemals Mangel empfunden, kannst es also in Deinem übermüthigen -Blute nicht wissen, wie bitter die Nahrungssorgen sind. Außerdem bist Du -so erzogen und unterrichtet, daß Du im äußersten Fall zu hundert -Geschäften greifen könntest, um Dich zu ernähren; hast auch, durch den -Weltumgang, Dreistigkeit gewonnen, mit Menschen umzugehn und Dir -Beschützer zu suchen. So ein Armer aber, wie dieser, von frühester -Kindheit verschüchtert, erniedrigt und eingezwängt, wenn dem die -Maschine zerbrochen wird, an der er arbeitet, und er gar nichts gelernt -hat, als an dieser einen Stift einzufugen, der ist unendlich zu -bedauern. - -An diesem Tage kamen die Reisenden noch bis Mergentheim und setzten am -folgenden Morgen ihren Weg fort, längs der Tauber. Die Gegend bis -Bischofsheim ist nicht schön, das Thal der Tauber ziemlich kahl. Von -Bischofsheim bis Würzburg war die Gegend auch nicht interessant und -Ferdinand sagte: ich glaube fast, daß wir gestern den letzten eigentlich -poetischen Tag unserer Reise genossen haben. - -Sie sind nur, antwortete Walther, gegen das Zurückkehren und scheinen -mir eine zu große Vorliebe für das unbestimmte Herumschwärmen zu -verrathen. - -So ist es, rief Wachtel aus, das war von früher Jugend an seine Passion. -Er ist ein schlechter Staatsbürger und Patriot. - -Das Reisen selbst, erwiederte Ferdinand, ist für Den, welcher es -versteht, eine so poetische Kunst, daß ich mich in diesem Sinne gern als -gebornen Vagabunden bekenne. Mich dünkt, der merkwürdige Theophrastus -Paracelsus sagt schon, das Reisen sei das Lesen eines herrlichen Buches, -in welchem man die Blätter mit den Füßen umschlage. Die Natur und jede -ihrer Launen kennen zu lernen, sich ihr ganz zu eigen zu geben, -Heiterkeit und Genuß wie Regen und Sturm mit Dank empfangen, dies -verstehn nur wenige, und die es vermögen, sind schon Eingeweihte. Dann -die Kunst, zu lernen, wie man mit dem Volke leben kann, daß man aus -allen Gesinnungen etwas Neues hört, daß man die Spur findet, wo auch in -anscheinender Einfalt die Weisheit unbewußt spricht, wie die Wahrheit -immer hinter allen Masken der Lüge hervorblitzt, alles Dies dient, -unsern Geist zu erheben und reif zu machen. Dazu die Wunder, das -Staunenswürdige, das uns Kunst, Natur, das Firmament und die Elemente -bieten, oft auch die unscheinbare Gesellschaft und der zufällige -Spaziergang. Schon in Teplitz sah ich dergleichen, und ihr Alle, die ihr -doch gern staunen mögt, habt es ebenfalls angeschaut, doch ohne es zu -beachten. Dorthin kommen alle Sommer aus dem innersten Ungarn Menschen, -welche die deutsche Sprache nicht verstehen. Sie verkaufen Draht, -Mäusefallen und andere geringfügige Sachen, dabei bessern sie kupfernes -Geschirr aus und umflechten Töpfe und Schüsseln. Sie gehen in braunen, -langen und weiten Jacken, und nur in dem Einen Aermel steckt in der -Regel der eine Arm, sie haben keine Schuhe und Strümpfe nach unserer -Art, sondern tragen eine Art von Sandalen, und mit Tuch oder Leinwand -ist das Bein umwickelt, so wie es vor der Erfindung der Strickerei und -Weberei gebräuchlich war. Ihr Gang hat nichts von unserer Dressur, -sondern ist so frei und leicht, wie ihn kein Tanzmeister erreichen oder -nur nachahmen könnte; dabei ist in ihren Schritten aber nichts von dem -festen Springegang, den man an den Tyrolern beobachten kann. Eben so hat -ihr Auge nichts von dem kühnen Umblick jener Bergjäger, sondern es sieht -ruhig und in stiller Schwermuth geradeaus und nieder, ist aber niemals -forschend oder neugierig. Diese Armen, weil ihr Gesicht von ihrem -Geschäft in der Regel schwarz und ungewaschen und von der Sonne und dem -langen Wege gebräunt ist, werden von manchem Badegast wie Banditen und -Bösewichter angesehen. Ich bin ihnen stundenlang nachgegangen, um sie zu -beobachten, ich habe mich mit ihnen zu verständigen gesucht und ihnen -manche Gabe zukommen lassen, weil mir ihr Wesen so edel und echt -menschlich schien. Sie sammeln, was sie an kleiner Kupfermünze -einnehmen, und schütten es in einen Aermel ihrer Kutte, den sie unten -zubinden, um mit dem geringen Erwerb mühsam in ihr fernes Vaterland -zurückzukehren. Der Ausdruck ihres Gesichtes ist so schwermüthig, daß -man sich angezogen fühlt, und was das Merkwürdigste ist, ich habe -niemals einen von ihnen lachen, oder auch nur lächeln sehn, sei es ein -junger Mensch oder ältlicher Mann, selbst wenn ich ihnen eine Gabe -mittheilte, die ihre Erwartung übertraf. Ein milder, dankender Blick hat -mich gerührt, und sie waren augenblicks so ruhig, wie immer. Wer sind -diese Menschen, die mir als ein Wunder in unsrer Welt erschienen? Sind -sie eine Art Paria? Mit den Zigeunern haben sie keine Aehnlichkeit. Ich -konnte sie nicht ausfragen, weil sie mich nicht verstanden, die übrigen -Menschen gingen gleichgültig an ihnen vorüber, und ich würde einen -Otaheiten oder Chinesen nicht mehr als diese umherwandernden -Kesselflicker anstaunen. - -Du magst nicht Unrecht haben, sagte Wachtel, es thut mir leid, daß ich -diese Slawaken, oder Croaten und Wallachen nicht besser beachtet habe. -Kommt mir einmal wieder einer in den Wurf, so will ich ihn gewiß unter -mein Mikroskop nehmen. - -Nach Tische verließ die Gesellschaft Würzburg und begab sich nach dem -Lustschlosse Werneck. Im Garten dieses ehemals fürstbischöflichen -Schlosses sind noch einige schöngeflochtene Berceaus, nach alter -französischer Art, und Ferdinand ergoß sich in Lobpreisungen dieser -jetzt verschmähten Gartenkunst, für welche er eine fast übertriebene -Vorliebe zeigte. Nichts so Entzückendes, rief er aus, als ein solches -dichtgeflochtenes hohes Gewölbe von glänzendem, jungem Buchenlaub. Die -Sonnenhitze kann nicht durchdringen, und man wandelt wie in einem -lebendigen Saale oder dem Schiff einer Kirche, dessen Wölbung das -glänzende Licht in Smaragden verwandelt. Die erfrischende Kühle spielt -durch den weiten, langen Raum; im Sturm und Regen ist der Gartenfreund -hier wie im Schlosse selbst gesichert. Um zu lesen oder ein vertrautes -Gespräch zu führen, ist ein solcher Gang vorzüglich geeignet, ja er -erzeugt durch das Offene, Heitere und zugleich Abgeschlossene Vertrauen, -und das auffallend Künstliche dieser Bogenwölbung, so innigst mit der -Baumschönheit verbunden, ist so lieblich und phantastisch, daß es wie -von selbst Poesie und zarte Wunderträume erregt. Preise man nur nicht so -unmäßig jene monotonen, melancholischen englischen Gärten, die weit eher -ein Rückschritt zur Barbarei zu nennen sind, als daß sie die echte, -höhere Gartenkunst sich rühmen, oder gar für die einzig wahre ausgeben -dürften. - -Sie blieben die Nacht in Schweinfurt, einem wohlhabenden, behaglichen -Städtchen. Am folgenden Morgen verließen sie die Chaussee, um auf -schlechten Wegen nach dem Badeort Kissingen zu gehen; der Ort ist nur -klein und es waren nur wenige Trinkgäste zugegen. Eine Meile entfernt -ist das Dorf und Bad Bocklet. Hier ist eine schöne grüne Natur, -waldbewachsene Hügel, frische Thalwiesen und eine anmuthige, feierliche -Einsamkeit. Nach einem ziemlich langen Spaziergang kamen sie in den -Speisesaal zur versammelten Gesellschaft. Ferdinand traf einige Damen -und Fräulein, die er wohl sonst in Berlin gesehen hatte. Es überraschte -ihn seltsam, in diesem einsamen kleinen Orte Figuren wiederzufinden, die -er sich bis dahin nur in den großen erleuchteten Salons hatte denken -können. - -Hören Sie, sagte Walther zu Wachtel, den er bei Seite nahm, mit welchem -Enthusiasmus unser Freund wiederum von seinen berlinischen Freundinnen, -vorzüglich aber von der Familie aus Madlitz spricht. Er ist übermäßig -glücklich, daß er einige Dämchen getroffen hat, die doch einigermaßen, -wenn auch ungern, in das Lob seiner Schönheiten einstimmen; denn es ist -mehr als ungalant, man kann es unartig nennen, gegen junge Damen andere -abwesende in so hohen Tonarten zu loben. Bemerken Sie nur, wie alle -diese Badeschönheiten die zierlichen Lippen aufwerfen und die Näschen -rümpfen, wie sie so leicht und schonend diesen und jenen Tadel der -gefeierten Grazien einschlüpfen lassen, um der zu schmetternden Trompete -unsers Freundes einen kleinen Dämpfer aufzusetzen. Er ist nicht zu -entschuldigen, wenn er nicht dort, wie ich zu glauben Ursach habe, schon -versprochen ist. - -Bei Tische war man heiter, und nur Ferdinand, der es wohl fühlte, daß -die anwesenden Schönen nicht mit ihm zufrieden waren, verließ mit einem -kleinen Mißmuth den Saal. Er ging mit Wachtel und Walther auf den -Kirchhof des Ortes, um das Grab der Auguste Böhmer, der Stieftochter -Wilhelm Schlegels, aufzusuchen. Nicht ohne Thränen konnte er ihrer -gedenken, und sagte endlich: Wie schwach sind doch die Menschen, daß sie -nur selten das Lob eines vorzüglich begabten Menschen, sei er durch -Schönheit, sei er durch Geist ausgezeichnet, mit edler, wahrer -Theilnahme anhören können. Gleich glauben sie, es würde ihnen etwas -entzogen, oder man setze sie gar herab, und so eilen sie denn, sich in -Reihe und Glied zu stellen, was im Grunde lächerlich ist, weil sie -voraussetzen, man müsse sie ebenfalls zu jenen Hochbegabten rechnen. Von -den Verstorbenen ertragen sie schon eher die rühmliche Nachrede. Wie -traurig, daß das Andenken eines so schönen Wesens, wie diese Auguste -war, so schnell erlöschen muß. Diese natürliche Heiterkeit, der Frohsinn -dieses Mädchens, ihr unschuldiger Witz und sanfte Schalkheit, gepaart -mit Verstand und Geschmack, war in ihrer schönen Jugend eine zauberhafte -Erscheinung. Schlegel hat ihrem Andenken einige vorzüglich schöne -Trauergedichte gewidmet. Diese liebliche Erscheinung gehörte ebenfalls -zu der frohen, geistreichen Gesellschaft, von der ich neulich in so -starken Ausdrücken sprach, so wie die feine, geistreiche Mutter dieser -Auguste, eine höchst gebildete Frau, die jetzt die Gattin Schellings -ist. Diese Frau hatte ein so feines, geübtes Ohr, daß Schlegel sie bei -seinen Gedichten und Uebersetzungen zu Rathe zog, und sie entschied fast -immer, wenn er zwischen drei oder vier verschiedenen Lesearten ungewiß -war, welche er als die wohllautendste oder passendste wählen sollte. -Diese Frau, so wie die Gattin Hubers und noch wenige, gehörten ohne -Zweifel zu den frühesten und entschiedensten Bewunderern unsers Göthe; -viele der künftigen Literatoren werden es vielleicht nicht glauben -wollen, wie sehr edle und geistreiche Frauen in unserer deutschen -Literatur den Ausschlag gegeben haben. Als ich vor ungefähr zehn Jahren -Berlin wiedersah, war unter den vorzüglichsten der dortigen Frauen Das -längst ausgemacht, was Recensenten, Dichter und Gelehrte nicht begreifen -wollten, daß Göthe unser größter Nationaldichter sei, ein Poet in -wahrster und höchster Bedeutung, und daß die großen Talente, die -mitunter selbst im Einzelnen etwas Größeres als er leisten möchten, sich -doch mit der Großheit und Vollendung seines Wesens nicht messen dürften. -Die Mutter Auguste's reisete vor drei Jahren hieher, um die Bäder zu -brauchen, und mußte ihre schöne, liebenswürdige Tochter hier begraben -sehen. - -Am Abend gelangten sie noch bis Neustadt an der Sale. Die Formen der -Berge waren hart und rauh, Alles schien nördlich und unfreundlich. Die -Freunde waren zu verdrossen, um die Ruine, eine der ältesten, in der -Nähe der Stadt zu besteigen. - -Bei der Fortsetzung der Reise schalten sie am folgenden kalten Morgen -über die finstern, widerwärtigen Gestalten der Berge. Kurz vor Meiningen -liegt die Ruine Henneberg zwischen schönen Tannen. In Meiningen fragten -sie nach Jean Paul, der aber schon nach Franken gezogen. Durch schöne -Gegenden und Thäler fuhren sie nach Bad Liebenstein, dessen romantische -Lage sie wieder erfreute, und fanden hier ihren Freund Carl von -Hardenberg wieder, den ein jüngerer Bruder, Anton, begleitet hatte. - -Die schöne Gegend wurde am folgenden Tage durchstreift, die alte Burg, -die kräftigen Wälder, die grottenartigen Felsen besucht. Man speisete im -Freien unter schönen großen Bäumen, durch den Berg gegen Winde -geschützt. Am Nachmittage fuhr ein prächtiger Postzug mit vier schönen -Rappen vor, und die Freunde glaubten irgend einen Prinzen ankommen zu -sehen, als zu Walther's Erstaunen jener Freysing, den er vor zehn Jahren -in Erlangen gekannt hatte, aus dem Wagen springt, von seinen Bedienten -unterstützt. Sind Sie's wirklich? fragte Walther, und der Fremde eilte, -den lange nicht Gesehenen zu umarmen. - -Nachdem man sich begrüßt hatte, gingen Walther und Freysing zu einer -einsamen Stelle, ziemlich weit vom Bade entfernt. Es freut mich, fing -Walther an, Sie so wohlhabend und reich wiederzufinden; Sie müssen in -glücklichen Umständen leben. - -Glücklich? rief Freysing aus: Sie sehen den unglücklichsten Kerl auf -Erden vor sich! Reich? o ja, insofern ein Spieler sich so nennen kann. -Sie wissen um den sonderbaren Zufall, daß ich damals in Nürnberg jene -große Summe gewann, durch welche ich alle meine Gläubiger befriedigen -konnte. Statt nach meiner Heimath zurückzukehren und eine Bestimmung zu -suchen, ging ich mit den dreihundert Goldstücken, die mir noch übrig -waren, nach einem großen Badeorte, Wo hoch gespielt wurde, und gewann -wieder auf seltsame, unerhörte Weise. Ich war in dem Zaubernetz -gefangen, daß ich nur Karten dachte und träumte. War die Nacht schon -weit vorgerückt und ich übermüdet und demnach fieberhaft aufgereizt, so -war es, als wenn ein Dämon meine Finger in meiner Betäubung regiere, und -ich, so stumpf ich war, bestimmt wisse, welche Karte gewinnen müsse. Wer -es nicht selbst erlebt und diese quälende Lust an sich erfahren hat, hat -keinen Begriff davon, wie teuflisch wild, wie gräßlich heiter das Leben -eines Spielers ist. Ich war bald reich genug, selbst Bank zu halten. So -ist der grüne Tisch, Gold und Karten meine Heimath, mein Ein und Alles, -mir Frau und Kind und Religion und Natur. Ich habe keinen Sinn für -irgend was. Wenn meine Gehülfen schon in der Nacht kaum noch die Augen -aufzwingen können, fluche ich über mein verdammtes Geschäft, lege mich -betäubt und krank nieder, wandle umher, esse, und kann die Zeit nicht -erwarten, bis das Geklirr und Rauschen des Goldes auf dem grünen Tische -wieder anhebt. Ich stehe auf, um fünf- oder sechstausend reicher, und es -macht mir keine Freude; ich verliere ebensoviel, und es ist mir ganz -gleichgültig, und doch ist der verfluchte Gewinn der Sporn, welcher mich -stachelt. Wenn ich reise, so kommt oft, wie ferne Erinnerung aus Wald -und Fels, ein edles Gefühl auf mich zu, eine Wehmuth ergreift mich über -mein zerstörtes Leben, und ich entlaufe dem Gefühl im Pharo; oft schon -dachte ich, ein schönes, liebes Mädchen könne an meiner Seite mit mir -meines Reichthums genießen; aber plötzlich fallen mir die Fratzenbilder -der Kartendamen ein, und welche mir schon große Summen gewonnen, und -Leben und Schönheit erblaßt vor diesen Gespenstern. Meine Eltern sind -gestorben und ich habe sie nicht wiedergesehen. Wenn ich einmal Alles -verlieren sollte, so werde ich mir mit der größten Kaltblütigkeit eine -Kugel durch mein zerrüttetes Hirn jagen. - -Walther würde vielleicht von dem Wahnsinn und Elend seines ehemaligen -Freundes noch tiefer erschüttert worden seyn, wenn er nicht stets nach -der großen, wunderbaren Höhle geblickt hätte, in deren Nähe sie -wandelten, die jetzt verschlossen war, und die morgen, am Sonntage, -magisch erleuchtet werden sollte, zu welcher Festlichkeit sich viele -Menschen aus der Umgegend, sowie aus Meiningen versammelten. In dieser -Menschenmasse hoffte er denn morgen auch seinen Feind, den er so lange -schon vergeblich verfolgt hatte, sowie die schöne Maschinka, -anzutreffen. - - * * * * * - -Der Sonntag, der 24. Julius, war erschienen. Ferdinand begriff nicht, -weshalb Walther so feierlich sei; dieser, indem er jede Art von -Unterhaltung vermied, schien auf etwas gespannt, das sich im nächsten -Augenblicke erklären müsse. - -Ferdinand schien ebenso bewegt, und Wachtel beobachtete die beiden -Freunde, indem er zu sich selber sagte: Narren sind beide, das ist -gewiß, aber jeder nimmt einen aparten Anlauf, um vollständig thöricht zu -seyn. Der Ferdinand bereitet sich auf die Höhlenerleuchtung vor, wie auf -das Einweihungsfest eines Rosenkreuzers, und der Walther, der weit mehr -Baron ist, wird, so bärbeißig er auch jetzt thut, die Sache nachher als -Lappalie behandeln. Kürzlich soll der Pfarrer einmal in der Höhle -gepredigt haben, kann seyn, daß man nächstens ein Melodram, ein -Banditenstück, oder ein allegorisches, mit Erdgeistern drin spielt. - -Beim heitern Sonnenlicht ging man eine Stunde vor Mittag in die große -und von vielfachen Gängen durchschnittene Höhle, welche man erst seit -einigen Jahren entdeckt hatte. Schwebende Lampen erhellten von oben das -Gewölbe, versteckte Lichter, die unten und ungesehen brannten, -erleuchteten seltsam die Gänge, die bald höher, bald niedriger, bald -breiter oder enger sich durch die Räume zogen. Ferdinand war bezaubert, -Walther erstaunt und Wachtel geblendet. Unglaublich viele Menschen waren -in diesen unterirdischen Räumen versammelt und wogten hin und her, -redend, flüsternd, lachend, allerhand Dinge erzählend, und andere wieder -lallend bewundernd, oder bei jeder Beugung des Ganges staunende -Ausrufungen ausstoßend. Wahrlich, sagte Wachtel, wer sich hier ein -Liebchen herbestellen könnte, Oheim, oder Vater, oder Vormund zum Trotz, -der hätte ein Rendezvous, um nicht das dumme Stelldichein zu brauchen, -allhier, wie sonst in Europa kein zweites. Läuft nicht Alles wie Feen -und Geister so zwitschernd und flüsternd durcheinander? Und bei der -Geistercompagnie hört man nichts Bestimmtes, man vernimmt nur wie -unterirdische Chöre. Man sieht nicht deutlich, sondern ist nur -geblendet, bald ist es finster, bald zu hell, und der Widerschein von -den dunkeln Felsengruppen mischt sich wie ein Traum in jedes -Verständniß. Meine alte Muhme, sowie meine häusliche liebe Gattin -könnten mir hier zur Helena oder einem thessalischen Zauberbilde werden. -Stoßen Sie mich nicht so sehr mit dem Ellenbogen, mein Herr von Spuk; -zwar in der Unterwelt vergessen sich alle Höflichkeiten. - -Was der Freund hier im Gebiet der Phantasterei schwadronirt, sagte -Walther, doch horch -- still -- was ist das? -- - -Wundersame Musik von Waldhörnern klang herüber. Ein Chor von blasenden -Musikanten war oberhalb, ohne daß man sie sehen konnte, in einer -Felsennische aufgestellt. Immer wunderbarer! rief Walther aus. Mich -schwindelt! Und es war nicht unbegreiflich, da surrend, brummend, -flüsternd und halb leise sprechend so viele Gestalten vorübergingen, -sich begegnend, grüßend, andere geblendet und sich nicht kennend. -- - -Jetzt standen sie vor einem kleinen See. Ein Nachen fuhr von jenseit -herüber, und Ferdinand stieg hinein. Ein anderer Fremder drängte sich -hinzu, und Walther vernahm von einer weiblichen Stimme den leisen -Ausruf: Romeo! - -Walther machte die Bewegung, in den Kahn nachzusteigen, als dieser schon -abfuhr und sich in der Dämmerung entfernte. Bei dem ungewissen Licht -konnte er die Gestalten nicht mehr unterscheiden; ja, er war selber -ungewiß, ob sich Ferdinand auch unter jenen Gestalten befunden, die im -Dunkel schon ganz verschwunden waren. Er wendete sich rückwärts, um -Wachtel wieder aufzusuchen, der sich ihm im Getümmel verloren hatte, -aber er konnte, so sehr er sich bestrebte, Niemand genau erkennen, so -blendeten die vielfach zerstreuten und sich kreuzenden Lichter. -Sinnverwirrend war das Geflüster, und die hin und wieder fliehenden -Worte und Reden der Wandernden, die sich begegneten, kreuzten, suchten -und sich wieder verloren. Endlich sah er Wachteln und bat diesen, bei -ihm zu bleiben. Wachtel stellte sich neben ihn, und da die Musik der -Hörner jetzt wieder begann, so kehrten sie um, um die wunderbare -Harmonie näher zu hören. Können Sie es begreifen, sagte Wachtel, daß -unser Ferdinand die Höhle und dieses magische Schauspiel, welches doch -recht eigentlich für ihn eingerichtet zu seyn scheint, schon wieder -verlassen hat? - -Wie? rief Walther, ich hätte schwören wollen, ich habe ihn da hinten den -finstern Kahn besteigen sehn, um die stygische Flut zu überschiffen. - -Nein, sagte Wachtel, er ist unlängst mir vorbeigelaufen, um, wie er -sagte, zur alten Burg hinaufzusteigen, weil ihn dies Getümmel hier zu -sehr betäube. - -Man wird thöricht und verwirrt, erwiederte Walther, so wunderlich und -romantisch das Ganze auch angeordnet ist. - -Jetzt ließen sich einige polnische Reden in der Nähe vernehmen, und da -Walther der Sprache kundig war, so verstand er, daß zwei Männer ein -Frauenzimmer suchten, die mit einem Hauptmann in der Höhle spazieren -wandle. Jetzt war Walther überzeugt, diese wären Mitwissende und könnten -nur von der verlorenen Maschinka reden. Er hielt sich in der Nähe dieser -Fremden und verlor darüber seinen Freund Wachtel wieder aus dem -Gesichte. - -Die Polen wurden immer eifriger im Suchen, endlich sagte der eine in -seiner Sprache: ich fürchte nur, bei ihrer großen Reizbarkeit und -Nervenschwäche wird sie nach diesem sonderbaren Tage wieder auf lange -krank seyn. - -Doch, antwortete der Andere, übersteht sie oft Alles besser, als man es -fürchten muß, wenn sie ihre Imagination nur beschäftigen kann, und diese -findet doch hier des Spieles genug. Nur ruhen muß sie nachher. - -Ein lauter Ausruf entstand, indem man sich vorwärts bewegte, denn ein -Kind war gefallen, welches einige Damen liebkosend und tröstend -aufhoben. Indem glaubte Walther in der gedrängten Gruppe die Gestalt -Ferdinands wieder wahrzunehmen. Als er sich aus dem Gedränge freigemacht -hatte, waren, indem er umherblickte, die Polen seinem Auge wieder -entschwunden. Er eilte verwirrt nach einer andern Richtung und jetzt -glaubte er deutlich wahrzunehmen, daß Ferdinand in einiger Entfernung -vor ihm hergehe und ein schön gewachsenes, reich gekleidetes -Frauenzimmer am Arme führe. Er suchte in ihre Nähe zu kommen, und indem -er schon seinen Arm ausstreckte, um seinen Freund zu berühren, rief die -Stimme des Polen dicht hinter ihm: Maschinka! Jetzt sah er, daß -Derjenige, welcher die Dame führte, nicht Ferdinand sei, aber seine -Ahndung, hier Maschinka und ihren Entführer endlich zu treffen, war doch -in Erfüllung gegangen. Er packte also den Fremden ziemlich unsanft am -Arm und rief: Hier habe ich Sie also doch, nach vielen Mühungen, mit -Ihrer Maschinka entdeckt! Indem war der Pole mit einem Ausruf der -Verwunderung ebenfalls näher gekommen, und wie erstaunt und beschämt war -Walther, als er in dem Festgehaltenen seinen Reisegefährten Wachtel -erkannte und sich jetzt die Dame, eine hochbejahrte Frau, herumwendete. -Wie? mein Herr! fragte der Pole: Sie wagen es, meine Schwester zu -beleidigen? - -Keine Beleidigung, mein Herr, rief Walther, ich hielt die Dame und -diesen meinen Freund für ganz andere Wesen, und bitte, mir meinen -Irrthum und die Uebereilung zu verzeihen. - -Die alte Dame faßte jetzt den Arm des Bruders, indem sie sagte: Als ich -Dich verloren hatte und ziemlich ängstlich umherirrte, war dieser Herr -so gütig, sich meiner anzunehmen. Der Pole dankte Wachteln mit artigen -Worten und dieser erwiederte lachend: Es ist Nichts natürlicher, als daß -man in diesem unterirdischen Reiche der Phantasterei etwas confuse wird. - -Das Gedränge von Menschen, welches sich in dem engen Raume aus Neugier -versammelt hatte, lösete sich wieder auf, und Walther eilte jetzt -verdrossen und verstimmt aus der Höhle und Wachtel folgte ihm, um ihm im -Freien seine Klagen vorzutragen. - -Mein Theuerster, fing er, als sie im Felde standen, an, Sie haben -mitunter sonderbare Launen, die man nicht begreift. Was haben Sie mit -dem Namen Maschinka, daß er Sie immer so außer sich versetzt? Sie haben -mich so stark in meinen Arm gezwickt, als wenn Sie ihn mir zerbrechen -wollten, und in Ihrem Tone, mit dem Sie sprachen, lag etwas so Drohendes -und Beleidigendes, daß ich vorher recht böse auf Sie hätte werden mögen. - -Sie haben ja gehört, rief Walther unmuthig aus, daß ich mich geirrt, daß -ich Sie für wen ganz Andern nahm. Eine gewisse Maschinka ist eine -Bekannte von mir, eine junge Dame, ein Frauenzimmer, das ich kenne, eine -weitläufige Anverwandte, die ich gerne wiedersehen möchte, und die sich -wahrscheinlich im Auslande befindet, ein wohlgebildetes Fräulein, die -wohl vielleicht schon verheirathet ist, -- mit einem Worte, eine Dame, -die ich gerne wiedersehen möchte. - -Wachtel lachte laut auf und sagte dann: Ich danke für dieses herzliche -Vertrauen und diese offene Mittheilung. Er lachte wieder, und Walther, -dessen Verlegenheit sichtbar war, bat ihn, wieder ernsthaft zu seyn und -ihm zu vergeben, daß er ihm nicht mehr sagen könne. Haben Sie die -Gefälligkeit für mich, fügte er dann hinzu, unserm Ferdinand von dieser -lächerlichen Scene nichts zu erzählen. Genug, daß ich vor Ihnen und -jenen Fremden beschämt und verlegen gestanden habe, und daß Sie mich so -von Herzen auslachten, scheint mir Strafe genug. Versprechen Sie mir -das, denn ich bin in diesem Punkt vielleicht etwas zu empfindlich. - -Ich gebe Ihnen mein Wort, ihm kein Wort davon mitzutheilen, antwortete -Wachtel; aber auch gegen meinen Ferdinand sind Sie seit einiger Zeit -nicht mehr so herzlich, als Sie es im Anfange unserer Pilgerschaft -schienen. Wenn Sie auch in den meisten Dingen anderer Meinung sind, so -sollten Sie doch sein Gutes und seine Freundschaft für Sie anerkennen. - -Daß wir die meisten Dinge der Welt aus einem verschiedenen Standpunkte -ansehen, erwiederte Walther, macht mir ihn nur lieber, seine Schwärmerei -und sein Hang zum Aberglauben ist mir an ihm interessant; aber -- um -ganz aufrichtig zu seyn -- seit wir da oben auf dem Schlosse bei Bamberg -waren, in Glich, bin ich mißtrauisch gegen seinen Charakter geworden. -Wenn ich seine frommen Reden bedenke, wenn ich höre, wie sentimental er -von der Liebe spricht, wie verschämt er in Gesellschaft roher Menschen -thut, für einen Mann fast tadelnswürdig jungfrauenhaft, und denke dann -daran, wie er uns entlief und wieder zu dem schönen Mädchen nach dem -einsamen Saale hinaufeilte, so halte ich ihn für einen Lüstling, der -zugleich heuchelt und den Tugendhaften spielt. Mich wundert nur, daß -jenes schöne Kind, die Tochter des Försters, ihn sogleich erhören -konnte, wie es doch schien. Er erhält Briefe, die er verheimlicht, er -weicht uns oft aus und entfernt sich unter den nichtigsten Vorwänden; -hat er etwas Wichtiges zu verschweigen, so sollte er mir dies wenigstens -eingestehn; sind aber seine Heimlichkeiten immer kleine unerlaubte -Liebeshändel, so ist sein Charakter nicht so beschaffen, daß ich ihn zum -Freunde behalten möchte. - -Mein Herr, sagte Wachtel mit einiger Feierlichkeit, sind Sie etwa damals -in Glich auf unsern Freund gar nicht eifersüchtig gewesen? denn das -schöne Mädchen schien Ihnen auch zu gefallen. Was er liebt, wie er -liebt, wie orthodox oder heterodox, sentimental oder liberal er die -Sache betreibt, ob sein Herz nur Raum für einen Gegenstand hat, ob es -vielen zugleich Quartier geben kann, ob die eine seine Göttin ist und -andere nur Dienerinnen, oder Zerstreuerinnen seiner Melancholie, über -alles Dieses erlaube ich mir kein Urtheil und keinen Richterspruch, wenn -er mich nicht selbst in seine Geheimnisse einweiht. Aber er ist gut und -edel, darauf kenne ich ihn von Jugend auf. Geheimnißkrämerei ist immer -seine Liebhaberei gewesen. Und Sie sind ebenfalls geheimnißvoll gegen -ihn. Mir scheint, keiner weiß vom Andern etwas Bedeutendes, Zufall und -Laune haben Sie vereinigt, aber das Leben, die Verhältnisse eines Jeden -sind dem Andern verborgen. Ich kenne Ferdinand seit lange und bin -vertraut mit seinem früheren Leben, aber was seit zehn Jahren mit ihm -geworden ist, liegt für mich auch ganz im Dunkel. - -Walther reichte ihm die Hand und sagte: Sie haben nicht Unrecht; ich -hoffe, im Verlauf der Reise wird sich noch die Gelegenheit finden, daß -wir unsere Verhältnisse näher kennen, dann sollen Sie erfahren, warum -ich jetzt Ihnen so wenig als Ferdinand von meinen Verbindungen und -Absichten etwas vertrauen kann. - -Beim Badehause fanden Sie Ferdinand lesend unter den Bäumen, unter -welchen die lange Mittagstafel schon bereitet war. Ich konnte es in der -Höhle, sagte er, nicht aushalten, so beängstigte mich der Schimmer und -der Dunst der Lampen. Jetzt kamen die Gebrüder Hardenberg und nach und -nach versammelte sich die Tischgesellschaft. Der Herzog von Meiningen -speisete auch an der Table d'hote, und der Anblick der Landleute, die -sich versammelt hatten, und neugierig oben vom Hügel zwischen den grünen -Bäumen auf ihren Fürsten und die Fremden herniederschauten, alle diese -fröhlichen Gesichter von Alt und Jung machten einen sehr erfreulichen -Anblick. - -Nach Tische ließ sich der Fürst durch Hardenberg, den er schon längst -persönlich kannte, dessen Freunde vorstellen. Er sprach lange und -freundlich mit ihnen, indem er ungesucht vielfache Kenntnisse und eine -echte Bildung zeigte. Er war schlank, hatte blondes, fast graues Haar, -ein gealtertes Gesicht, in welchem der Ausdruck des Ernstes und der -Melancholie vorherrschte, das sich aber schnell in Freundlichkeit und -schalkhaften Ausdruck verwandeln konnte. - -Es war eine mittelmäßige Schauspielertruppe, die zuweilen in einem -kleinen Saale ihre Vorstellungen gab. Heut aber wurde in einem andern -Local ein Puppenspiel mit großen Marionetten aufgeführt; die übrigen -Freunde interessirten sich für diese Kinderei nicht, aber Ferdinand, der -dergleichen Seltsamkeit leidenschaftlich liebte, freute sich auf den -Genuß dieses Abends. - -Walther ging mit Hardenberg spazieren, Wachtel blieb im Badehause und -Ferdinand eilte dem Marionettentheater zu. Er zahlte für den ersten -Platz und drängte sich in den übervollen Saal. Bauern, Bauermädchen, -Bürger, Soldaten, Offiziere, Alles war so fest ineinandergeschoben, daß -sich weder Hand noch Fuß regen konnte. Ferdinand wollte seinen ersten -Platz gewinnen und bat, ihm Raum dahin zu gönnen, weil er meinte, er -befände sich noch auf der letzten und wohlfeilsten Stelle. Was ihm am -empfindlichsten auffiel, war, daß Tabaksdampf, der ihm verhaßt war, den -ganzen Saal anfüllte, denn Alles, bis auf die Bauernknechte, rauchte aus -größeren oder kleineren Pfeifenköpfen. Er hoffte, da hier Alles noch -stand, vorn zum Sitzen zu gelangen und sich aus den stinkenden Wolken zu -entfernen; vor ihm war ein Mann im grünen Ueberrock, welchen er anstieß -und höflich sagte: Machen Sie mir gefälligst etwas Raum, denn ich habe -für den Ersten Platz bezahlt. -- Ja, erwiederte der Mann, der aus einem -ungeheuern Meerschaumkopfe rauchte, das, mein guter Freund, haben wir -Alle, hier sind wir Alle gleich, wie im Paradiese. Indem Ferdinand etwas -näher gekommen war, erkannte er in diesem Sprechenden den Fürsten. Gewiß -war er also auf dem ersten und vornehmsten Platze und genoß der Ehre, -den Fürsten zu drängen und von ihm geklemmt zu werden. Von der früheren -Vorstellung und dem feinen Hof- und wissenschaftlichen Gespräch war in -dieser Atmosphäre nicht mehr die Rede, ja es wäre lächerlich gewesen, -sich darauf zu beziehen, denn der Herr erschien hier ganz verwandelt. -Ihn störten nicht die plumpsten und ungezogensten Späße seiner Umgebung, -manche Militairs trieben die Ausgelassenheit und den Scherz mit einigen -Bauerdirnen über jede Grenze, und diese Armen hatten Mühe, aus dem -Gedränge zu entkommen und das freie Feld wieder zu gewinnen. Als schon -manche von den Honoratioren sich entfernt, der Fürst selbst nach einiger -Zeit die Bude verließ, so zögerte auch Ferdinand nicht länger, im Wald -und auf dem Berge wieder eine reinere Luft zu athmen. - -Im Saale war Ball, in welchem Alle, die Theil nehmen wollten, ohne Gene -tanzten: Edelleute, Damen und Handlungsdiener; auch die Herzogin von -Hildburghausen war unter den Tanzenden und gütig und herablassend mit -Jedermann. In einem andern Saale wurde gespielt, und hier traf Walther -seinen Freund Freysing in seinem glänzenden Beruf. Die Bank, die dieser -aufgelegt hatte, war sehr ansehnlich. Walther sah nur zu, ohne -mitzuspielen. Er fand wieder, was ihn so oft entsetzt hatte, wenn er in -den Spielsälen stand, diese verzerrten Gesichter, die Habgier oder Wuth -und Verzweiflung ausdrückten, einige, die kalt und gleichgültig scheinen -wollten, waren todtenblaß, sie zwängten den Zorn und die Angst in sich -zurück. Freysing betrug sich wie ein König, nur etwas zu stolz, weil bei -seinen aufgethürmten Goldhaufen ihm der Satz der Pointirenden wohl zu -unbedeutend scheinen mochte. - -Walther hatte seit lange einen Mann beobachtet, welcher schon viele -Goldstücke verloren hatte und dem der kalte Todesschweiß über das -bleiche Antlitz in großen Tropfen rann. Er verließ oft ingrimmig und wie -verzweifelnd den Saal, ging draußen mit sich ringend auf und ab und kam -dann nach einiger Zeit zurück, nachdem er von Neuem Geld von seinem -Zimmer geholt hatte, welches er dann eben so schnell, wie die vorigen -Friedrichsd'or verlor. Er spielte so leidenschaftlich und wild, daß er -durchaus nicht die gehörige Aufmerksamkeit auf sein Spiel haben konnte. -Freysing beobachtete ihn sehr aufmerksam von seinem Sitze und schien nur -ungern die Goldstücke des Armen einzuziehen. Im Nebenzimmer erkundigte -sich Walther bei einem freundlichen Manne, wer dieser tollkühne Spieler -sei, und erfuhr, er sei ein Geschäftsmann aus Meiningen, der mit Frau -und einigen Kindern von einem mäßigen Gehalt leben müsse. Er habe sich -wohl verleiten lassen, seine Umstände verbessern zu wollen, der Verlust -setze ihn in Angst, und er suche, was er verloren wie mit Gewalt -wiederzugewinnen. Diese Leidenschaft, sagte der Erzählende, in welche -die Pointeurs immerdar gerathen, ist eigentlich das sicherste Capital -der Bank. Der arme Mann, der ansehnlich verloren hat, wird nun Schulden -machen müssen, er verliert seinen Namen, seine Familie darbt und er -endet vielleicht in Verzweiflung. - -Als Walther in den Spielsaal zurückging, kam ihm dieser Herr Anders mit -verzerrten Mienen der Todesverzweiflung entgegen. Er lief eilig aus dem -Hause und schien keinen der Anwesenden zu bemerken, die ihm mitleidig -oder auch wohl mit Hohn und Schadenfreude nachsahen. - -Er kam nicht wieder, und Walther war überzeugt, er habe Alles verloren. -So verging eine geraume Zeit, neue Spieler kamen, geplünderte entfernten -sich, doch vermehrte sich die Anzahl um den Spieltisch. Da trat jener -Anders wieder taumelnd herein, er schwankte umher und sein bleiches -Angesicht schaute den Spielenden mit gläsernen Augen über die Schultern. -Er biß sich auf die Lippen, als er einige Pointeurs bedeutende Summen -gewinnen sah. Plötzlich machte er sich Platz und schob den einen -Zuschauer mit Ungestüm zurück, indem er sich neben den erschreckten -Walther eilig hinstellte. Er griff hastig nach einer Karte und, ohne sie -fast zu betrachten, besetzte er sie mit einigen Goldstücken. Die -bleichen Lippen zitterten ihm, und sowie die Karte verlor, zuckte es wie -ein Blitz über sein Antlitz hin. Er schob mit krampfhaftem Zittern die -Goldstücke dem Bankier hin, und dieser, ihm einen scharfen Blick -zuwerfend, schleuderte sie wieder nach des Spielers Platz, indem er kalt -sagte: Führen Sie so die Nymphen auf der Gasse mit solchem Golde ab. Es -war eine Todtenstille im Saale, Walther fühlte sich einer Ohnmacht nahe. -Der Hausvater, der Geschäftsmann, die unauslöschliche Beschimpfung des -Aermsten, seine wahrscheinliche Verzweiflung, Alles dies ergriff ihn mit -ungeheurer Gewalt. Ein Moment, in welchem er vernichtet war, aber -schnell ermannte er sich und rief mit festem Tone dem Bankier zu: Herr -Bankier, Sie thun meinem Freunde, dem Herrn neben mir, sehr Unrecht; ich -habe ihm aus Versehen die Spielmarken statt der Goldstücke eingehändigt, -weil ich sie bei mir trug, ich bin mit ihm Moitié, und so zahle ich den -Verlust. Sie werden nicht glauben, daß ein solcher Irrthum ein -vorsätzlicher war, da Sie mich persönlich kennen. - -Freysing erhob sich von seinem Sitze, bückte sich sehr tief und sagte, -da er die Absicht seines Bekannten sogleich durchschaute: Mein Herr -Baron, ich bitte Sie und den Herrn, mit welchem Sie gemeinschaftlich -spielen, hiemit um Vergebung. Ich war im Unrecht, die geehrten Herren -mögen von der Güte seyn, meine Uebereilung, die ungeziemlich war, zu -vergessen. - -Walther hatte mit einem stummen Druck den beängstigten Anders neben sich -auf einen Stuhl niedergezogen. Er spielte jetzt und gewann binnen Kurzem -eine ansehnliche Summe, der Haufen Goldes, welcher vor ihm lag, wuchs -mit jeder Minute. Als dreihundert oder mehr Goldstücke gewonnen waren, -stand er auf und sagte höflich: Jetzt, Herr Anders, haben Sie die Güte, -mir zu folgen, daß wir uns berechnen können. - -Er führte den Zitternden und Erstaunten auf sein Zimmer und händigte ihm -hier die ganze Summe ein, indem er sagte: Hier, Sie Armer, Bethörter, -empfangen Sie, was ich in Ihrem Namen gewann, es ist, so viel ich habe -beobachten können, um ein Beträchtliches mehr, als Ihr Verlust. Richten -Sie sich ein, spielen Sie nicht wieder, Sie sehen, wie unglücklich man -werden kann. - -Mein Wohlthäter, sagte der Zerknirschte stammelnd, was Sie mir geben, -ist mehr als das Vierfache meines Verlustes. Es giebt Thaten, für die -jeder Dank zu klein ist. Sie retten meine Familie, meine Ehre, mein -Leben, denn ich mußte mich nach dieser Beschimpfung ermorden, wie ich -auch beschlossen hatte, wenn ich verlor. - -Mit Thränen entfernte sich der Beglückte und Walther begleitete ihn vor -das Haus. Wachtel, der im Alkoven Alles angehört hatte, sagte für sich: -Das ist bei alle dem ein kreuzbraver Kerl, dieser Walther! - -Walther ging in den Spielsaal und sagte in einer Pause heimlich zu -Freysing: Ich hätte Sie für großmüthiger gehalten, warum einen solchen -Elenden vernichten? - -Ich sollte es wohl seyn, erwiederte Jener, der Aerger übereilte mich. -Sie haben mir aber eine hübsche Lection gegeben, an welche ich bei einem -ähnlichen Falle denken werde. - - * * * * * - -In Gesellschaft Hardenberg's und dessen Bruders, sowie der Verwandten, -die sich in Liebenstein zusammengefunden hatten, oder die in der Nähe -wohnten, ging die Zeit gar anmuthig hin. Man erzählte viel -charakteristische Züge von den sonderbaren Launen des trefflichen -Fürsten; dabei aber verkannte man nicht, was er für die gute Einrichtung -dieses Bades, vorzüglich aber für die Wohlfahrt seines Ländchens gethan -hatte. - -An der heitern Mittagstafel, als die Freunde unter sich und keine Damen -zugegen waren, sagte Wachtel: Ich bin Euch noch schuldig, meine Freunde, -wie ich gestern Nachmittag meine Zeit hingebracht habe, zu berichten. -Ich mochte das Puppentheater so wenig wie den glänzenden Ball besuchen, -aber ich hatte erfahren, daß der berühmte Oberforstmeister Cramer von -Meiningen hieher in das Bad, aber nur für diesen Sonntag gekommen sei. -Wie Ferrara seinen Ariost und Tasso, Florenz seinen Dante, Leipzig -seinen Gottsched, Anspach seinen Utz und Weimar seinen Göthe hat, so -besitzt seit lange schon Meiningen seinen Cramer. Ich sah den Mann, er -ist groß, ziemlich corpulent, und sein Gesicht eins von denen, die das -Glück und die Auszeichnung haben, gar keinen Ausdruck zu besitzen. Diese -sogenannte Gutmüthigkeit oder Bonhommie, wie man dergleichen nennt, -welche nur die trivialste Alltäglichkeit ist, lockt jeden noch so -simpeln Dummkopf herbei, um sich ohne Aengstlichkeit in der Gegenwart -eines solchen harmlosen Autors ganz seiner Einfalt zu überlassen und den -berüchtigten Vetter Michel für den Vorsteher der Grazien zu halten. -Glücklicher Weise habe ich in früheren Jahren, weil ich ein unnützer -Bengel war, die meisten Romane dieses Cramer, vom Erasmus Schleicher bis -zum Paul Ysop, gelesen. Ich sah neben ihm einen Halbbekannten und -benutzte dies, um mich dem genialen Deutschen vorstellen zu lassen. Wir -setzten uns dann dorthin, vor dem Badehause, dem Geländer nahe, den -Blick auf die Landstraße gerichtet. Der große Mann hatte kein Arg -daraus, ob ich ihn auch für den Autor erkannte, für den ihn die -Abonnenten der Leihbibliotheken eine Zeitlang hielten. Ein schmaler, -schwindsüchtiger Medicus sagte: O Bruder Cramer, erinnerst Du Dich noch -unseres verewigten Freundes auf der Universität, des seligen Lange, mit -dem wir so manchen seligen Abend durchschwärmt haben? - -Wohl, sagte Cramer, indem er sein Glas erhob und der große Mund lächelnd -durch die Nähte der Pockennarben brach: das war ein großer Mensch! -Himmel, wie idealisch konnte er beim Sonnenaufgang oder in den -Frühlingsmonaten gestimmt seyn! Es war eine Wonne, mit der kräftigen -Menschheit des Kerls zu harmoniren. Viele von Klopstocks Oden wußte er -ganz auswendig; wenn er sie deklamirte, zitterte er vor Entzücken, wie -ein eingefangenes Rothkehlchen. Wir nannten ihn nur Selmar, -- und das -arme Vieh hat nachher so miserabel crepiren müssen! - -Wie so? fragten die Freunde, indem sie die Weingläser niedersetzten. - -Weil der Schwernothshund, sagte der Autor mit edelm Ingrimm, es nicht -lassen konnte, sich trotz seines Aufschwungs mit liederlichen Menschern -einzulassen. Das war nun einmal seine schwache Seite. Petrarch und -Laukhard, oder ein Anderer der Zunft, Bahrdt, oder wer es sei, war er in -demselben Augenblick. O seine zarte, himmlische Jenny! was das hohe -Wesen über diese zu weit getriebene Vielseitigkeit des hochgestimmten -Schwärmers gelitten hat! Die Creatur war doch wirklich so, als wenn ein -himmlischer Engel in dieses Erdenleben herabgestiegen wäre, um uns eine -Darstellung der hohen Flüge eines Plato im sterblichen Abbild zu geben. -Mehr als Sophronia und Clorinde des Tasso, höher als Werthers Lotte, -oder die Sophie des Fielding war sie so einzig, daß die Brutalität -selbst in ihrer Nähe zur Tugend wurde. Tausendschwernoth noch einmal! -Wenn sie so mit ihrem Inamorato dahinwalzte! Als den nun, wie Ihr wißt, -Freunde, an der schlechten Krankheit der Teufel so rein weggeholt hatte, -so gab sie endlich den Bitten des dünnbeinigen Assessors Gehör und -verheirathete sich mit der verfluchten Massette. Sie hatte aber schon -von ihrer ersten Liebe ein Kind gehabt, das sie heimlich erziehen ließ. -Der Junge bekam nachher das böse Wesen und verreckte im Hospital. Die -himmlische Laura ergab sich dem Branntwein und es war, wegen des Athems, -in den letzten Jahren nicht mehr bei ihr auszuhalten. So verwelken die -edelsten Blüten des Lebens. - -Und Alfonso, fragte der Schmächtige, jener aufgeklärte Theologe, er hieß -eigentlich Wackelbein, -- was ist aus dem geworden? - -Im Narrenhause, sagte Cramer, hat er an der Kette verendet. Er war zu -genialisch, und wollte immer Werther und Guelfo in den Zwillingen von -Klinger zugleich seyn. Als er in der Stadt lebte und der Superintendent -ihn zum Adjunctus in sein Haus nahm, hatte er seine höchste genialische -Zeit. Was er damals schrieb oder sagte, war classisch. Er selbst aber -immer besoffen. Das Schwärmen hätte ihn aber doch nicht so sehr daran -gehindert, daß der große Geist wäre in eine gute Stelle gesetzt worden; --- aber, wie nun sein schönstes Buch sollte gedruckt werden (eine -Nachahmung meines Erasmus, wo er zugleich den Bambino Klingers -hineingebracht hatte), kam es heraus, daß die Köchin im Hause von ihm -schwanger und die Kirchenkasse bestohlen, ja eigentlich ganz weggeraubt -sei. Von beiden war er der Thäter, und er konnte es nicht leugnen; schon -täglich besoffen, wurde er vom Kummer verrückt und fuhr so dahin. -- So -habe ich so manche echte Genies, die die Zierde unseres Vaterlandes -werden konnten, zum Teufel fahren sehen. Ich habe mich gehalten, so viel -ich auch erlebt, so viel ich auch erduldet habe. Der Dienst der Musen -ist kein leichter. Mit dem Teufel ist nicht zu spaßen. - -Ferdinand erzählte, wie schlimm es ihm in dem Marionettenspiel gegangen -sei, worauf Walther sagte: Sie haben also, meine Freunde, einmal recht -die deutscheste Deutschheit verkostet. Sonderbar, daß es noch immer -viele Gegenden und Gesellschaften giebt, wo ein solcher Ton für das -Herzliche und Biedere gilt. Bei diesen steht dann Grazie und Urbanität -als Heuchelei und Affektation im schlimmsten Verruf. Aus den Büchern, in -welchen der hiesige Ariost die Sitten edler und treuherziger Männer -geschildert hat, bildeten sich früherhin manche Studenten auf der -Universität, und aus diesen Reminiscenzen schrieben Manche wieder in -späteren Jahren Bücher in demselben Ton. Diese rohe Manier verliert sich -jetzt mehr und mehr bei unsern Landsleuten. - -Ich zweifle, fuhr Ferdinand fort, daß der Gebildete in irgend einem -andern Lande an dieser vorgeblichen Herzlichkeit, Biedertreue und -Ungeschlachtheit zu leiden hat. Dies Marionettenspiel selbst war eben so -schlecht, daß, wer nach diesem meine Vorliebe für diese groteske -Unterhaltung beurtheilen wollte, mir sehr Unrecht thäte. Es werden jetzt -ungefähr zehn Jahre seyn, als ich auf einer Reise durch den Harz in -Quedlinburg dieses wunderliche Drama zuerst entdeckte. Ich kann es wohl -eine Entdeckung nennen, denn es wich völlig von jenem Zeitvertreib der -gebräuchlichen Puppenspiele ab, und dieses, wie jene gewöhnlichen -dienten nur dem Volke zur Aufheiterung, und der Gebildete wendete sich -mit Verhöhnung ab. Diese Figuren, die ich jetzt kennen lernte, waren -ziemlich groß und wurden sehr geschickt durch eine künstliche Wage und -Gewichte regiert, die die Glieder in Bewegung setzten, indem die Fäden -an den Fingern der Dirigirenden hingen. Am künstlichsten aber war die -Figur des Lustigmachers oder des Casperle, wie er hier genannt wurde. -Nach einiger Zeit glaubte man ein wirkliches lebendes Wesen zu sehn; man -zweifelte nicht mehr an dem Mienenspiel und er machte mich so lachen, -wie ich es nur selten im Leben vermocht habe. Ich erkannte hieraus, wie -die Maske, wenn ein gutes Gedicht nur übrigens gut gespielt würde, gewiß -nicht die Täuschung stören oder aufheben könne. Am meisten aber -überraschten und interessirten mich die wunderbaren Stücke, die gespielt -wurden. Sie waren so originell, so großartig erfunden und so kühn -durchgeführt, daß ich sie mit keinen andern bekannten vergleichen -konnte. Der Don Juan z. B., den sie darstellten, wich sehr von jenem ab, -der nach dem Moliere und den Italienern gearbeitet ist. Nach einigen -Jahren sah ich mit Erstaunen, daß er nach dem eigentlichen Original des -Spaniers Tirso de Molina umgewandelt war. Von einem andern -Stücke entdeckte ich später, daß es ganz, aber so, wie dieses -Marionettentheater es brauchen konnte, nach einem höchst wunderbaren und -religiösen Schauspiel des Mira de Mescua gearbeitet sei. Eine »heilige -Dorothea« folgte ziemlich genau der Tragödie, welche die Engländer -Massinger und Decker über diesen Gegenstand gedichtet haben. Ich wollte -die Directoren der hölzernen Truppe schon damals bereden, in Berlin ihre -Künste zu zeigen, was sie aber jetzt noch nicht wagten, sondern erst -sieben oder acht Jahre nachher den Versuch machten und großen Beifall -fanden, vorzüglich bei den Freunden der ältern Poesie. Die Herren Dreher -und Schütz (diese waren die Dirigenten) erzählten mir, daß alle ihre -Manuscripte alt seien, daß sie noch viele besäßen, die sie aber niemals -darstellten, unter andern einen König Lear, der aber mit dem -weltbekannten Gedichte kaum eine Aehnlichkeit habe. Ich wollte sie -überreden, mir diese Gedichte zur Ansicht zu vertrauen, was sie aber -standhaft verweigerten, so wie sie auch von dem Rath nichts wissen -wollten, diese Sachen durch den Druck bekannt zu machen. Sie glaubten, -daß sie sich ihre Aufführungen dadurch verderben möchten. Ich wußte, daß -zu Shakspeare's Zeiten von einsichtigen Mechanikern eine neue Art war -erfunden worden, ziemlich große Marionetten künstlich in Bewegung zu -setzen. Die Spiele dieser Puppen machten Aufsehen und fanden großen -Beifall. Ben Jonson spottet selbst einmal darüber, daß dieses hölzerne -Theaterspiel Mode sei und von Manchem dem der Komödien vorgezogen werde. -Man gab die Schauspiele, die die populärsten waren, und gute Köpfe, die -gerade nichts Besseres zu thun hatten, arbeiteten für diese Bühne und -nahmen die besten Komödien berühmter Dichter, um sie für die Marionetten -abzukürzen und mit mehr Spaß und Tollheit auszustatten. Die Marionetten -zogen hierauf nach den Niederlanden, und in Brüssel und Antwerpen, wo -damals viele spanische Komödien gespielt wurden, nahmen sie von diesen -die beliebtesten und wunderbarsten in ihr Repertoir auf. Manchen, die -ich damals und später in Berlin sah, habe ich noch nicht auf die Spur -kommen können; sehr merkwürdig war die Geschichte eines Königssohnes, -der sich wahnsinnig stellte, aber nichts mit Hamlet gemein hatte. Der -verlorne Sohn ist nach einem alten englischen Schauspiel, und jener -landkundige Faust, der unserm großen Dichter in seiner Jugend wohl -zuerst den Anstoß zum wunderbarsten seiner Werke gab, ist im -Wesentlichen dem Faust des Marlow nachgebildet. Man kann dem Barocken -und toll Poetischen nur mit einer gewissen Leidenschaft sich hingeben, -eine ruhige kritische Billigung ist unpassend und dem Gegenstande nicht -angemessen; und so gestehe ich gern, daß ich damals diese mir noch neuen -Spiele vielleicht überschätzte, aber auch jene Menschen, die sich ganz -davon abwendeten, nicht tadeln konnte. -- Hier aber war von jenem -Poetischen, was mich damals so sehr erfreute, auch keine Spur mehr. Die -Marionetten waren schlecht und spielten ungeschickt, der Text war ganz -modern, aus Kotzebue und einigen beliebten Opern zusammengestoppelt, so -daß mich weder Publikum noch Theater auf lange fesseln konnte. Große, -wunderbare Verhältnisse, das Tolle, Phantastische und ganz Tragische -paßt nur für diese Volksbühne. - -Die Freunde genossen noch die schöne Gegend um Liebenstein, alle diese -reizenden Naturscenen, und nahmen dann von Wald und Berg und den -freundlichen Menschen, die sie hatten kennen lernen, Abschied. Carl von -Hardenberg begleitete sie noch bis Eisenach. Der Weg geht queer durch -den Thüringer Wald, und reizend liegt das Jagdschloß Wilhelmsthal mitten -in einem schönen Walde. Die Buchen hier und in der Umgegend sind von -herrlichem Wuchs. - -In Eisenach besuchte man die Wartburg und erinnerte sich des Gedichtes -von Friedrich Schlegel. Der Deutsche, bemerkte Ferdinand, hat immer noch -seine eigenthümliche Freude an der Herrlichkeit der Wälder; vor diesen -Ausblicken, die uns entzücken, graut dem Italiäner und die übrigen -Nationen empfinden doch schwerlich jenes heilige Grauen oder jene -feierlich andächtige Stimmung, die uns in Waldgebirgen oder im einsamen -dunkeln Forst ergreift. - -Hardenberg kehrte nach Liebenstein zurück, und von Altenburg schrieb -Ferdinand an seine Freundin Charlotte nach Berlin: - - Altenburg, den 1. August 1803. - -Kann man sich so ungewiß im Kreise drehen, wie ich es nun seit mehreren -Wochen gethan habe? Menschen betrachte ich und lerne sie kennen, Frauen -und Mädchen, Naturscenen gehn an mir vorüber, und nichts ergreift und -durchdringt mich so, wie es sollte, weil eine Leidenschaft, eine Unruhe, -eine unselige Melancholie mich allenthalben verfolgt. Ich habe die feste -Hoffnung, möchte ich doch fast sagen die sichere Aussicht, daß sich in -wenigen Tagen dieser Zustand ändern wird. Sie kennen mein Schicksal -nicht, und können es also auch nicht fassen, in welchem seltsamen -Räthsel ich mich umtreibe. - -Ich müßte mich sehr irren, oder mein Reisegefährte Walther wird von -einer ähnlichen Leidenschaft gequält, die er mir verheimlicht, -geflissentlich Alles umgeht, was auf eine Spur führen oder eine -vertrauliche Herzensergießung veranlassen könnte. Dieser Mann, der -anfangs so kalt und ruhig schien, verliert immer mehr jene sichere -Haltung, die den Gleichgültigen nur sich anzueignen möglich ist. - -Zuweilen erscheint mir das Leben grauenvoll, wenn es mir jene kalte, -gleichgültige Seite aufdeckt, die die Herzlosen für das wahre Antlitz, -und Jugend, Empfindung und Liebe nur für eine schöne Larve erklären. Als -wir in Würzburg waren, erinnerte ich mich einer Begebenheit, die mich -schon vor Jahren manche Thräne gekostet hat. Ein junger Edelmann lebte -hier, reich, gesund und schön, und mit dem schönsten Mädchen in der -Stadt versprochen. Die Vermählung war nahe, das Glück der Liebenden -beneidenswerth, als der Geliebte mit einem andern Offizier um eine -unbedeutende Kleinigkeit in Streit geräth und von dem rohen jungen Mann -so beschimpft und beleidigt wird, daß sich die Ehre des Gekränkten, nach -unsern Begriffen, nur durch ein Duell wiederherstellen läßt. - -Sie treffen sich im Walde und der Liebende hat das Unglück, seinen -Gegner zu erstechen. Die Flucht ist unvermeidlich, und die Anverwandten -des Erschlagenen, angesehene Familien, treiben es dahin, daß er mit -gerichtlicher Strenge verfolgt wird und in sein Vaterland nicht -zurückkommen darf. Er wagt es selbst nicht, unter seinem wahren Namen im -Auslande zu leben, er kann nur selten und auf Umwegen schreiben und noch -seltener kann er von seiner Familie oder seiner Braut etwas erfahren. So -vergehn einige Jahre. Seine schlimmsten Feinde sterben indeß, die andern -lassen sich versöhnen, und mit vieler Mühe wird ihm die Gnade des -Fürstbischofs ausgewirkt, nachdem dieser überzeugt ist, daß er zu jenem -unseligen Duell ist gezwungen worden. Er wirft sich, von frischer Jugend -beseelt, in den Wagen, einige Meilen vor Würzburg besteigt er ein -rasches Pferd, um noch früher in den Armen seiner Braut zu liegen. Schon -sieht er die altbekannte Stadt und begrüßt jubelnd ihre Tempel und -Paläste; sein Weg führt vor dem Kirchhofe vorbei, ein großer Zug, Alt -und Jung, bewegt sich aus der Stadt dahin. Er fragt einen -Vorübergehenden, wer die Leiche sei, und erfährt, seine Braut wird -beerdigt. Der lange Gram, dann die Freude habe sie so geschwächt, daß -ihr ermüdeter Körper dem Anfall eines Fiebers keine Lebenskraft mehr -entgegenstellen konnte. Betäubt, entsetzt, lebensüberdrüssig kehrt er -um, ohne seine Familie wiederzusehn. Er verläßt die Landstraße, irrt in -Wäldern umher und begiebt sich endlich nach Erfurt, um hier im Orden der -schweigsamen Karthäuser das Ordenskleid zu nehmen. Nun arbeitet er im -Garten und an seinem Grabe, spricht mit Niemand und antwortet seinen -Brüdern wie den Fremden nur mit dem trübseligen: ^Memento mori!^ -- Wie -oft war ich in Erfurt in diesem einsam liegenden Kloster, sah die -wandernden Brüder an, oder in der Kirche bei ihrem stillen -Gottesdienste, und gedachte dieser Geschichte. Jetzt komme ich mit -meinen Reisegefährten wieder nach Erfurt. Die Klöster sind alle -aufgehoben und Mönche und Nonnen von ihren Gelübden befreit. Ich finde -den jungen Prinzen W. wieder, der hier als preußischer Major in Garnison -steht, und er bittet uns bei sich zu Tische. Er spricht mir von diesem -Mönch, den er kennt, und sagt uns, er würde unser Tischgenosse seyn. Als -wir uns versammelt haben, tritt ein ältlicher Mann in bürgerlicher -Kleidung herein, der stattlich aussieht, dessen Embonpoint aber schon an -das Komische grenzt. Sein Gesicht ist nicht unedel, aber ganz -gewöhnlich, selbst unbedeutend, und der Ausdruck seiner Physiognomie ist -mehr jovial, als ernst, oder tiefsinnig. Ich konnte mich bei diesem -Anblick einer gewissen Verstimmung nicht erwehren. Er erzählte viel und -mit großer Redseligkeit; es schien, als wollte er für sein vieljähriges -Schweigen sich nun endlich wieder an mannichfaltigen und selbst -überflüssigen Worten eine Güte thun. Von seiner melancholischen -Jugendgeschichte redete er nicht, das wäre auch zu unangenehm gewesen; -aber wohl setzte er auseinander, wie die Diät des Klosters, selbst die -strenge, bei dem Mangel an Bewegung, den Körper anschwelle. Das Reiten, -besonders das schnelle, wollte ihm noch nicht recht zusagen, aber -dennoch sprach er mit wahrem Entzücken von den Exercitien der -preußischen Cavallerie, die er zu Pferde angesehn und gewissermaßen -mitgemacht habe; der Soldat, so fügte er hinzu, sei wieder mit allen -Kräften in ihm aufgewacht, und wenn er nicht zu alt geworden sei, würde -er sich mit Enthusiasmus diesem Stande widmen. Jetzt sei er -entschlossen, die wenigen Jahre seines Lebens hier in Erfurt, mit seinen -militärischen Freunden, deren er manche habe, zu verbringen und von -seiner kleinen Pension zu leben. Seine Familie sei ausgestorben, -Verwandte habe oder kenne er nicht, und die etwanigen Erben seines -kleinen väterlichen Vermögens wolle er nicht in Verlegenheit setzen, daß -sie den Argwohn faßten, er könne auf irgend etwas Ansprüche machen. -- - -Es ist verdrüßlich, wenn die mächtigsten Leidenschaften und wahrhaft -tragische Begebenheiten nicht mehr Spur im Menschen zurücklassen. Und -doch erscheine ich mir wieder in diesen Gefühlen unbillig und lieblos, -weil ich nicht wissen kann, was der Arme gelitten hat, und mit welcher -Scheu und Vorsicht er wohl immerdar vor dem Grabe seiner Jugend -vorübergeht. Sollte er seinen Schmerz und seine Erfahrung einer -gewöhnlichen frohen Tischgesellschaft mittheilen und das Edelste seines -Lebens entweihen? - -In Weimar war mir der Park, Göthe's Haus, alle Umgebung, wie heilig. Im -Garten, der allenthalben so lieblich und edel die dort dürftige Natur -verschönert und verdeckt, muß man bei jedem Schritte unsers Dichters -gedenken. Er war nicht zugegen, aber den Herzog trafen wir, als wir das -Schloß besichtigten. Der edle, geistreiche Fürst sprach lange mit uns -über verschiedenartige Gegenstände. Das Schloß ist von dem Baumeister -Genz, dem Bruder des politischen Schriftstellers, vortrefflich -eingerichtet; Alles hier ist mit Sinn angeordnet, und der große Saal, -für Feierlichkeiten bestimmt, erfreut besonders. Es war nicht leicht, -aus Dem, was der große Brand von dem Gebäude hatte stehn lassen, diese -zierliche und großartige Einrichtung herauszubringen. Von Friedrich -Tieck sieht man schöne Basreliefs und Figuren, zwar nur in Gips, aber so -gut ersonnen und ausgeführt, daß sie dem edeln Hause zum Schmuck -gereichen. - -Von Weimar begleitete uns ein junger Dichter, Thorbeck, dessen sich -Göthe und Schiller freundlichst angenommen hatten. Er rezitirte uns im -Wagen einige seiner Gedichte, in welchen ich nur zu sehr die Manier -unsers Schiller wiederfand. Die Verse schienen mir für einen Anfänger -fast zu gut. - -In Jena führte uns Wachtel zur Fromann'schen Familie, die ich früher -schon gekannt hatte. Den geistreichen Naturforscher Ritter fand ich -hier, so wie Clemens Brentano. Von Beiden, die ohne Zweifel große -Talente entwickeln können, muß man wünschen, daß sie sich nicht von -einer falschen Genialität blenden lassen. Eine bewußtvolle Originalität -ist keine; auch kann man dem jungen Dichter wohl allenthalben in seinen -Versuchen, wo er recht neu und seltsam zu seyn glaubt, die Stellen -nachweisen, die er nur nachgeahmt hat. -- - -Wann werde ich Sie wiedersehn? Unter welchen Umständen? Wo? - - * * * * * - -Von Altenburg begaben sich die Freunde nach Chemnitz. Walther schien -völlig verstimmt, und als sie im Gasthofe abgestiegen waren, verschloß -er sich in seinem Zimmer und ließ sich mit einer Unpäßlichkeit -entschuldigen, die ihn verhindere, zum Abendessen zu kommen. Wachtel, -der wohlgemuth war, ließ ihn gewähren und sagte nur zu Ferdinand: unser -Moralist fängt an, etwas langweilig zu werden, und weil es ihm nicht so -recht gelingen will, so wirft er sich in das verdrüßliche Fach; denn -glaube mir, Freund, wer was Rechtes in der Langeweile leisten will, der -muß schon früh, in der Jugend dazu thun, die Erziehung kann eigentlich -nur den besten Grund dazu legen, und wenn das Genie freilich angeboren -ist, so thun doch Ausbildung, Kunst, Uebung und tüchtige Vorbilder auch -das Ihrige. Auf dem halben Wege stehen bleiben, wie es unserm lieben -Walther begegnen kann, ist das Kläglichste. Ich habe Männer in dem Fache -gekannt, die eigentlich von der Natur die herrlichste Anlage hatten, -unausstehlich langweilig zu seyn; aber sie hatten das Unglück gehabt, -eine Zeitlang unter die Geistreichen zu gerathen, und der Zunftgeist -dieser Menschen hatte sich ihnen einigermaßen mitgetheilt, um sie zu -ruiniren. Sie hatten die Gabe, Anekdoten ohne Salz und ohne Spitze -breit, mit Parenthesen, sich wiederholend und sich widersprechend mit -der größten Verwirrung vorzutragen, und zwar solche Geschichten, die -jedes Kind schon weiß; aber demungeachtet waren ihnen, wie Fliegen in -alten Spinnweben, einige gute Einfälle und Gedanken hängen geblieben, -die demnach, wenn auch schlecht vorgetragen, das Kunstwerk ihres -miserablen Vortrages hinderten, ein Vollendetes zu werden. Der rechte -Virtuose müßte es dahin bringen können, einen heftigen, ungeduldigen und -dabei verständigen Menschen geradezu umzubringen. Kann das durch Schreck -geschehn, sind Menschen am Lachen oder an der Freude verschieden, so -wäre es wohl der Mühe werth, einmal einen Künstler heranzubilden, den -ein eifersüchtiger Fürst oder Minister nur auf diesen und jenen -Verdächtigen oder Verhaßten loszulassen brauchte, um dem guten Kopf, -welcher sich dem Wohl des Vaterlandes nicht fügen will, den Garaus zu -machen. Was unsre löblichen Kanzelredner leisten, was Theater- oder -religiöse und moralische Dichter thun, die Familiengemälde, viele -Romanciers, das ist alles nur Bagatell. Bis zum Uebelwerden, selbst -Erbrechen können es Gutmeinende bringen; was ist das aber gegen die -Wirkung der Leidenschaften, der Elemente oder des Krieges? Wie oft hat -man Gefangene, denen man übel wollte, molestirt und torquirt, -Grausamkeiten mit spitzfindigem Grübeln ersonnen, -- bildeten Staaten -und Schulen aber mehr jene wahrhaften Langweiligen aus, von denen das -Ideal meiner regen Phantasie vorschwebt, so könnte das Unerhörte -geleistet werden. - -Hüte Dich nur, sagte Ferdinand lächelnd, nicht selbst ein Pfuscher in -diesem Handwerke zu werden. Es steht keinem an der Stirne geschrieben, -wie er einst im Alter endigen werde. - -Am folgenden Morgen trat Walther mit einer gewissen Feierlichkeit bei -den Freunden zum Frühstück ein. Ich habe eine schlechte Nacht gehabt, -begann er dann, weil ich mich schäme, Euch etwas vorzutragen, das ich -Euch doch mittheilen muß. Wir sind hier in einer kleinen Stadt, die -nicht ohne Anmuth ist, aber wir würden doch nicht eben Ursach haben, -lange hier zu verweilen, da wir so mancher viel merkwürdigern nur einige -Stunden geschenkt haben, -- und doch begreife ich noch nicht, wie wir -sobald von hier wegkommen wollen. - -Wie käme denn das? rief Wachtel aus. Welcher Zauber sollte uns denn hier -bannen können? - -Der die ganze Welt bannt und fesselt, antwortete Walther. Ich habe die -Reisekasse geführt und mich mit Euch berechnet, in Meiningen gabt Ihr -mir, was Ihr noch bei Euch trugt, und es war mehr als reichlich, um nach -Dresden, Berlin, Hamburg oder wohin wir noch streben mochten, zu -gelangen. In Liebenstein spielte ich und gewann für einen Unglücklichen, -der ohne meine Dazwischenkunft verloren war -- - -Sie haben sich herrlich gegen ihn benommen, rief Wachtel aus, und ich -hörte auch noch die vortrefflichen Ermahnungen, die Sie dem Spieler -gaben. - -Ich hätte sie selber nur zu gut brauchen können, antwortete Walther. -Seit vielen Jahren hatte ich nicht gespielt, nun ging es mir wie dem -gezähmten Löwen, wenn er wieder einmal Blut kostet. Unmittelbar nach -jenen moralischen Reden begab ich mich wieder an den Spieltisch und -verlor, bis auf eine Kleinigkeit, Alles, was mir gehörte, und auch Euer -Eigenthum. Ihr werdet bemerkt haben, wie knapp und ängstlich ich seitdem -auf der Reise war, weil ich hoffte, mindestens bis Dresden auszureichen; -gestern Abend gab ich unserm Fuhrmann als Trinkgeld das Letzte. Wir Alle -führen keine Creditbriefe mit uns, weil die baare Summe übergenug war; -so stehe ich denn hier, beschämt wie ein Schulknabe, vor Euch, und -begreife jetzt selbst nicht, wie der Aberwitz mich ergriff, unser -Vermögen zu verschleudern. In Dresden, so hoffe ich, können wir uns -wieder helfen; aber wie die wenigen Meilen dahin zurücklegen? Sollten -wir uns so beschimpfen, Uhren oder Ringe hier zu versetzen? Freysing hat -mich in Liebenstein tüchtig ausgelacht, daß ich ihm solche Summe noch -zugewendet habe. - -Am klügsten und kürzesten ist es, rief Wachtel aus, daß ich mich so -schnell als möglich nach Dresden hinstümpere, dort habe ich -Bekanntschaft und Credit, ich schicke alsbald das Nöthige her, Ihr -unterhaltet Euch indessen hier, so gut Ihr könnt, und wir treffen uns in -Dresden wieder, wo Sie dann, Freund Walther, sich wieder in Baarschaft -setzen können, um mir und Ferdinand Das wieder zu geben, was Sie uns -schuldig geworden sind. - -Als Walther das beschämende Geständniß überstanden hatte, lachte er mit -den Uebrigen recht herzlich über seine Unbesonnenheit. Man ließ sogleich -einen Fuhrmann der Stadt kommen, und Wachtel bat sich aus, das Geschäft -mit diesem allein abzumachen. Der Mann kam und Wachtel fragte ihn: ob er -im Stande sei, ihn noch an diesem Tage nach Dresden zu schaffen, ihn -allein mit einem kleinen Gepäck. Der Fuhrmann sah dem Fragenden ins -Gesicht, schaute dann an die Decke, hierauf zum Boden nieder, als wenn -die Beantwortung dieser Frage viel Nachdenken und Grübeln erforderte. Es -ginge zur Noth wohl, sagte er mit langer Verzögerung, wir haben noch -lange Tage, meine Pferde sind gut, die Last nicht schwer. -- Und wie -viel verlangt Ihr, Mann? -- Ja, sagte jener, wenn nur die Ernte nicht -wäre, und das Vieh ist jetzt auch nicht so, wie späterhin, und das -Futter ist jetzt theuer; unter sechs Speciesthalern kann ich es nicht -thun. -- Aber ich kann sogleich abfahren? -- Gefressen haben die Pferde, -erwiederte der Kutscher, also hat es keinen Anstand. -- So macht Euch -fertig, Freund, ich setze mich gleich ein, Eure Forderung ist nicht -unbillig, auch verlange ich Euern Schaden nicht, und verspreche Euch, -wenn Ihr mich zeitig nach Dresden hinschafft, sieben Species, außer -Euerm Trinkgelde. So kann ich Ihre Geschäfte, Herr Baron und Herr Graf -(indem er sich mit der höflichsten Verbeugung an seine Reisegefährten -wendete), gleich morgen früh besorgen, und wenn Sie mir in einem oder -zweien Tagen nachfolgen, so treffen Sie Ihren ergebensten Diener im -goldenen Engel. Nur eins noch, mein guter Fuhrmann, bedinge ich mir aus, -daß Ihr Chaussee und dergleichen Alles, auch was ich im Gasthofe -bedürfen möchte, auslegt, weil es mir unerträglich ist, mich mit Zoll -und Geleit und Kellnern und Wirthschaft einzulassen, und daß Ihr mir -morgen in Dresden Alles genau und gewissenhaft berechnet. Und so geht -denn, Freund, und spannt an. - -Der Fuhrmann entfernte sich in Demuth und zufrieden, und Wachtel sagte -lachend: ich habe Dich, lieber Ferdinand, zum Grafen erhöht, um seine -Auslagen leichter zu erlangen. Zum Glück geht die Reise nicht weit, es -bedarf keiner großen Summe, und ich bin in Dresden meiner Bekanntschaft -gewiß. - -So reisete Wachtel ab, indem er sich noch einmal, beim Einsteigen, der -Gewogenheit des Herrn Grafen und Barons empfahl. Wir können nun rechnen, -sagte Walther, wenigstens noch zwei Tage in dieser kleinen Stadt bleiben -zu müssen; heut Abend kommt unser Wachtel in Dresden an, ein Tag geht -wenigstens hin, bis das Geld hieher kommt und vielleicht, wenn er es -nicht durch den Fuhrmann senden will, währt es noch länger. Wir müssen -also sehn, wie wir uns hier ergötzen. - -Sie gingen aus, um die Stadt und Gegend näher kennen zu lernen. Nach -ihrem Spaziergange trafen sie auf ein Haus, in welchem Bücher verliehen -wurden, und Ferdinand nahm einige, deren Titel ihn anlockten, mit nach -dem Gasthof. Sie blätterten in den Erzählungen, lasen abwechselnd -einiges laut, und warfen sie dann verdrüßlich hin. Ist es nicht -sonderbar, daß die Deutschen, welche so viel schreiben, immer noch nicht -lernen (wenige Autoren abgerechnet), wie man eine Erzählung vortragen -kann und soll? Gelingt es auch hie und da Diesem und Jenem, uns ein -Interesse abzugewinnen, so trägt er uns gleich darauf Dinge vor, die -nicht zur Sache gehören, die uns nichts angehn, und verschweigt im -Gegentheil, worauf wir neugierig sind. So lernen es die wenigsten, sich -der Form, selbst der leichtesten, zu bemächtigen, und schwanken ungewiß -und unsicher hin und her, nirgend festen Fuß fassend, weitschweifig zur -Ermüdung, und doch, wie Cervantes sagt, das Beste im Dintenfasse -lassend. - -Wir können bemerken, erwiederte Ferdinand, daß das Beste, was bei uns -erscheint, indem es Mode wird, alsbald zur Nachahmung dient und sich -tausendfältig schwächer und immer schwächer wiederholt; aber diese -Scribenten, die ihr Vorbild verwässern, studiren nicht dessen Tugenden, -oder machen sich klar, wodurch es vortrefflich ist, sondern sie -bemächtigen sich nur obenhin der Manier und hängen an den -Zufälligkeiten. Andre Modeschriftsteller ergreifen den rohen Stoff, -sprechen Gesinnungen aus, die gerade an der Tagesordnung sind, heute -Frivolität, morgen Pietismus, bald Patriotismus, bald Rebellion, Haß -gegen die Obrigkeit oder süß frömmelnde Liebe, dann wieder Rohheit -gemeiner Wachstuben, die sie uns für Rittersinn verkaufen, oder -Gespenstergrauen, wenn nicht Familien der Landprediger sammt Liebe und -Sehnsucht, die sich schon in den Kindern entwickeln. Es haftet und -dauert von allen diesen schlechten Manieren keine, aber eine jede läßt -ihre schlimmen Folgen zurück. So ist die Masse des Volkes, welches sich -jetzt gern das gebildetste in Europa nennen hört, in Ansehung seiner -Modelectüre ohne Zweifel das roheste von allen. - -Wie entzückt Denjenigen, welcher zu lesen versteht, fuhr Walther fort, -jede, auch die kleinste Novelle des Boccaz, des feinen Cervantes gar -nicht einmal zu erwähnen. Aber auch die ruhige Klarheit eines Sacchetti -erfreut, und fast jeder Italiener der früheren Zeit weiß die Sache, die -er mittheilen will, geschickt vorzutragen. Und so können uns leicht und -heiter aufgefaßte Geschichten ergötzen, die sonst gar keinen Inhalt -haben, und manches in dieser Art haben die Franzosen auch sehr glücklich -geleistet. - -Man sollte vielleicht aus unsrer komischen Geldnoth, sagte Ferdinand, -die uns hier zu bleiben zwingt, eine heitere Novelle bilden können. Zwei -Reisende treffen zum Beispiel in einem Gasthofe von verschiedenen -Gegenden her zusammen, sie beleidigen sich, und doch zwingt sie die -Noth, daß einer sich dem andern eröffnet, um Hülfe von ihm zu begehren; -nun erfährt jeder vom andern, warum sie sich nicht beistehn können, und -wie jeder von ihnen in diese lächerliche Verlegenheit gerathen ist. - -Recht, rief Walther aus, der eine kann, zum Beispiel, ein Mädchen -entführt haben, sie wartet auf ihn in einer gewissen Entfernung, wohin -sie ihn bestellt hat, und er kann nun durchaus nicht zu ihr, weil es ihm -am Gelde mangelt. - -Nicht übel, sagte Ferdinand, doch geriethen wir da vielleicht zu sehr in -das Sentimentale. Könnten die beiden Fremden nicht Verwandte seyn, aus -verschiedenen Ländern, die sich gegenseitig aufgesucht haben, und die -jetzt ein läppischer Zwist daran hindert, sich einander zu erkennen, da -sie unter erborgten Namen reisen? Es könnte so weit kommen, daß sie sich -forderten, daß man alle Mühe anwenden müßte, um Diejenigen, die sich -liebend seit lange suchen, vom mörderischen Kampfe abzuhalten. - -Das würde mir darum nicht gefallen, sagte Walther mit verdrüßlicher -Miene, weil es an die Komödie der Irrungen und an andre Geschichten, die -auf ähnliche Art verwickelt sind, erinnert. Aber, fuhr er heitrer fort, -bearbeiten wir jeder auf unserm Zimmer heute und morgen, da wir doch -nichts anders zu thun haben, diesen Gegenstand und lesen wir uns morgen -Abend unsre Productionen vor. - -Es sei! rief Ferdinand mit Lebhaftigkeit aus, nur Schade, daß wir keinen -Schiedsrichter haben, der einem von uns den Preis ertheilen möchte. - -Jeder begab sich auf sein Zimmer, und Ferdinand, um sich zu zerstreuen, -schrieb mit Laune und Heiterkeit, obgleich er nicht unterlassen konnte, -einige Umstände aus seiner eigenen Geschichte einzuflechten. Die Aufgabe -interessirte ihn dadurch so sehr, daß er unvermerkt dieses und jenes der -Erzählung hinzufügte, was er um keinen Preis seinem Freunde erzählt -haben würde. Er meinte aber, so vermischt mit der Erdichtung würde sich -die Wahrheit als eine solche nicht verkündigen. Walther gab seiner -Erzählung einen ernsteren Inhalt; aber sowie er fortfuhr, kam ungesucht -die Aufgabe in die Geschichte, die ihn selbst auf die Reise getrieben -hatte, nehmlich der Wunsch, einen Gegner, der, nach seiner Meinung, -Strafe verdiene, aufzufinden; nur machte er aus diesem Gegner einen -Nebenbuhler, damit sich die Fabel mehr runden möchte. - -So waren die Freunde zwei Tage beschäftiget und kamen sehr heiter und -mit sich selbst zufrieden zum Abendessen zusammen. Nachdem sie gesättigt -waren, holten sie ihre Manuscripte und Walther sagte: Sie, von welchem -der Gedanke unsrer Schriftstellerei ausging, müssen Ihre Novelle auch -zuerst vortragen, damit die meinige alsdann beschließen könne, und -morgen, nachdem wir geschlafen haben, soll jeder des andern Versuch -kritisch prüfen und scharf untersuchen. - -Ferdinand zog den Tisch, nachdem Alles entfernt war, an sich und fing -an: _Der Taube von Benevent, Novelle_. -- Wie? rief Walther; ich muß -mich sogleich als Rezensent melden und Einspruch thun, denn dieser Titel -schon scheint mir gegen unsre Abrede zu seyn. Ich bildete mir ein, die -Scene müsse nach Deutschland verlegt werden, und darum habe ich meine -Erzählung genannt: _Der Weltentdecker in Verlegenheit_. - -Auch sonderbar genug, sagte Ferdinand, hinter dem Titel sollte kein -Mensch die verabredete Aufgabe suchen. - -Doch, sagte Walther, ein Reisender, der schon die halbe Welt -durchstrichen ist, der immer etwas Neues sieht und sucht, und sich nicht -wenig damit weiß, für Alles Rath zu schaffen und die Menschen zu kennen, -muß, wie Sie sehn werden, in dem elenden Wirthshause eines kleinen -Städtchens lange kleben bleiben, und verliert so die wichtigsten -Vortheile seiner Reise, ja gewissermaßen das Glück seines Lebens. Doch -ich störe Sie und halte Sie auf. - -Ferdinand begann: Es war nicht lange nach jenem berühmten Erdbeben in -Calabrien, welches so viele Orte zerstört hatte, daß -- -- - -Hier entstand ein lautes Sprechen draußen, und ein Klopfen an der Thür, -und der Genius des Verfassers, oder der Zufall wollte nicht, daß -Ferdinand jetzt seine Erzählung weiter vortragen sollte. Der Fuhrmann -kam nehmlich zurück und händigte den Freunden ein großes Paket ein. Der -Herr, sagte er, der gestern mit mir fortreisete, hat mir gleich heut -Morgen dieses vielfach versiegelte Schreiben eingehändigt und mir auf -meine Seele befohlen, gleich, gleich zurückzueilen, und es ja noch heut -Abend, wenn ich auch spät ankommen sollte, in Ihre Hände zu überliefern. -Und da mich der wackre Herr sehr gut und über meine Erwartung belohnt -hat, so schien es mir eine Gewissenssache, seine Befehle prompt und -schnell auszurichten. Ich habe daher auch auf keine Retourgesellschaft -gewartet, sondern mich eilig aufgemacht, um nicht zu spät anzukommen. - -Walther beschied ihn auf morgen, wenn auch nicht sehr zeitig, damit die -Pferde ausruhen könnten, überzählte, als sie allein waren, die Summe, -welche Wachtel in Gold überschickt hatte, und las alsdann den Brief des -Freundes vor: - -Hiebei das Nöthige, gleich durch den Kutscher, weil die Post es -sechsunddreißig Stunden später würde abgeliefert haben. Aber zugleich -muß ich Euch melden, daß Ihr mich in Dresden nicht mehr treffen werdet, -denn sowie ich diesen Brief geendigt habe, springe ich mit gleichen -Beinen in eine schon bestellte Kalesche, und fahre nach Guben, um meinen -umirrenden Ritterzug zu endigen. Glaubt Ihr denn, Ihr von mir -leidenschaftlich Geliebteste, daß Ihr niemals langweilig seid? ^Anzi, -pur troppo^, wie wir Italianisirten zu sagen pflegen. Sapperment noch -einmal! Ihr vergeßt es ja immerdar, daß ich, wenn ich mich recht -besinne, ein zärtlicher Gatte bin. Soll ich meine Liebe denn ganz -vernachlässigen und so in der öden, weiten Welt herumrasen? Wer freilich -so ledern ist, wie Ihr Beide, so ganz ohne Liebessehnsucht, wessen Herz -niemals im Enthusiasmus überschwillt, kurz, wer so nur der Gegenwart und -dem flüchtigen Augenblick lebt, wie Ihr, Nächte am Spieltische -vergeudet, jungen hübschen Mädchen in allen Ruinen nachläuft, oder wie -ein Deserteur auf dem hölzernen Esel stundenlang in der russischen -Drehmaschine unverwandt und stieren Blicks die dürren Bretter einer -hölzernen Bude anschauen kann, -- solche Leute sind für Schwärmer, wie -ich einer bin, eine zu trockne Gesellschaft. Mein pochendes Herz treibt -mich zu meiner Gattin, die gewiß bei jedem Kloß, den sie einrührt, -dieses meines Herzens gedenkt. Und dann, -- hat das Vaterland, -- meine -Vaterstadt -- keine Rechte, keine Forderungen an mich? Man verliert in -dieser Kosmopoliterei allen Sinn für das Einheimische, selbst Heimische -und Heimelnde; und wenn Ihr auch heimlich gegen mich wart, und Jeder von -Euch seine Heimlichkeiten vor dem Andern hat, so ist mein heimelndes -Heimathgefühl, mein Heimweh, viel edlerer Natur. Wenn ich so bei den -Sägemühlen die frischgeschnittenen Kienbretter roch, -- ha, alle Reize -meines Guben standen vor mir. Wenn ich den Streusand über ein -beschriebenes Blatt spritzte, so war mir Das, was der Kuhreigen dem -biedern Schweizer ist. Kleinstädtisch, voll armseliger Rücksichten wurde -ich auch in Eurer Gesellschaft; wenn ich mich einmal aufschwingen wollte -auf den Adlersfittigen meiner Begeisterung, -- was habe ich von den -kleinartigen, niemals nach vollen Zügen durstigen Seelen aushalten -müssen! Von der Hippokrene, oder dem musenberauschenden Quell des -Parnassus soll der Mensch gar nicht, oder recht tief, voll, in den -mächtigsten Wogen trinken; so sprechen die weisen Alten. Man sei völlig -nüchtern, -- oder -- nun ja, was? Ihr würdet als Plebejer vielleicht von -knüppel- oder hageldick, oder was die guten Deutschen sonst noch -kümmeltürkenartig an den schändlichen Ausdruck »besoffen« anknüpfen, -sprechen: Sieben ist die böse, aber auch die heilige Zahl, und ein alter -Jäger hier sagt von einem so Begeisterten: er sei halb Sieben. -- Herr -Walther kann mir also das Geld, welches er mir noch schuldig ist, nach -meiner geliebten Vaterstadt senden. Vielleicht besucht mich derselbe -hohe Mann, sowie der Crucifix- und Nepomuksjäger, der zarte -katholisirende Ferdinand dort. Wenn derselbe einmal mit christlichem -Legendencostüm als ein Wegweiser ausgehauen und mit Grün und Gold -angemalt an die Landstraße gestellt würde, hätte er seine Harmodius- und -Aristogiton-Statue und Vergötterung verdient und erreicht. Seh ich Euch, -Freunde, in diesem sterbenden Leben oder in dieser lebenden -Sterblichkeit noch einmal wieder, so wird es mir immer, so viel ich auch -höher strebe, einige, wenn auch nicht die größte Freude gewähren. - - Wachtel. - -Dresden, den 9. August 1803. - -Nachdem dieser Brief gelesen war, fragte Ferdinand, ob er jetzt in -seinem Manuscripte fortfahren solle; doch Walther, der noch mit dem -Briefe beschäftigt schien, war sehr zerstreut und verstimmt, sodaß er -kurz aufbrach, ein Licht nahm und seinem Gefährten eine gute Nacht -wünschte. Als Walther allein war, las er für sich das Postscript noch -einmal aufmerksam, welches so lautete: -- Indem ich hier im Engel alles -Dies abfertige, drängt sich ein junger Herr in mein Zimmer, derselbe -Herr von Bärwald, den wir in der Kirche zu Graupen zu bewundern -Gelegenheit hatten, und zwingt mir noch diesen versiegelten Zettel für -den Herrn Walther auf. Er meint, der Inhalt sei für Sie von der -allergrößten Wichtigkeit. - -»In Dresden werde ich die Ehre haben, Sie zu sehn, und Sie werden auch -Denjenigen kennen lernen, welcher Ihnen einliegendes Blatt sendet.« - -Das versiegelte Blatt enthielt folgende Worte: »Den Entführer, welchen -Sie suchen, können Sie nur den vierzehnten August bei, oder in Guben -treffen, wenn Sie ihn im Hause des Herrn Wachtel erfragen wollen, wo -alsdann die sichere Nachricht, wo sich dieser Herr von Linden aufhält, -Sie erreichen soll.« - -Sonderbar! sagte Walther zu sich selbst, also dort soll ich den Elenden -nun antreffen, von wo gewissermaßen mein Umstreifen in diesen deutschen -Provinzen begann? Und -- kann ich es mir verleugnen? -- jetzt, nach -Monaten erscheint mir die Ahndung seiner That und die Bestrafung dieses -Mannes nicht mehr so nothwendig, wie damals, als ich mich zu diesem -Geschäfte drängte. Scheint es doch auch, daß mein Vetter in Warschau -sich längst getröstet hat; indessen habe ich mich einmal damit -eingelassen und mich dazu verpflichtet, sodaß die kühlere Ueberlegung zu -spät kommt. Und ist die schöne Maschinka am Ende mit diesem Entführer -glücklich, so möchte ich mich jetzt fragen, was diese Leiden und Freuden -mich eigentlich angehn, da die Verwandten des Mädchens, wenn doch einmal -etwas geschehn sollte, Jenen verfolgen und zur Rechenschaft ziehn -konnten. Sie haben nicht weniger Muße dazu, als ich. Nun wird also doch -zum Beschluß meiner Reise eintreffen, was nach meiner Meinung am Anfange -geschehn sollte. - -Nachdem man am andern Morgen mit dem Gastwirth die Rechnung berichtigt -hatte, fuhr man, als die Hitze schon eingetreten war, nach Freiberg ab. -Dort verweilten die Freunde nur, um einige Merkwürdigkeiten in -Augenschein zu nehmen, und kamen, nachdem es schon Nacht geworden war, -in Tharand an. - -Walther freute sich darauf, am folgenden Morgen die Schönheit dieser -Thäler, des Buchenwaldes und der Aussicht von der Ruine zu genießen, als -Ferdinand ihm plötzlich ankündigte, er würde noch in dieser schönen -kühlen Nacht zu Fuß nach Dresden gehn. Die Einwendungen Walther's wurden -nicht angehört, sondern, obgleich es dunkel war, Ferdinand wanderte -sogleich wohlgemuth weiter, nachdem er nur eben aus dem Wagen gestiegen -war. Walther glaubte bemerkt zu haben, daß ein Unbekannter ihm beim -Ankommen einen Brief überreicht habe, den Ferdinand in größter Hast, -beim ungewissen Schein eines flackernden Lichtes angesehn habe und durch -ihn in diese Unruhe gerathen sei. - -Zum Argwohn aufgereizt, konnte es Walther nicht unterlassen, dem -Gefährten, nachdem dieser in der Dunkelheit manchen Schritt voraushatte, -eilig und ohne Geräusch nachzugehn. Als er das Städtchen verlassen -hatte, glaubte er in der stillen Einsamkeit Stimmen, ganz nahe vor sich, -zu vernehmen. Als er weiter schritt, mußte er vermuthen, daß es nur das -Rauschen des Gebirgstromes sei, welches ihn so getäuscht habe. An der -waldbewachsnen Bergwand hinwandelnd, glaubte er im Dunkeln eine weiße -weibliche Gestalt neben einer dunkeln männlichen zu unterscheiden; bald -überzeugte er sich auch von der Wahrheit, aber es waren Menschen, die -ihm entgegenkamen und wohl zur Mühle des Ortes zurückwandern mochten. -Noch mehr wie einmal glaubte er in der Entfernung Klagen, Zank oder -Gelächter zu vernehmen, und immer wieder mußte er sich überzeugen, daß -es das Geräusch des kleinen Stromes sei, das ihn in der stillen Nacht so -getäuscht habe. Beschämt ging er endlich zurück, verdrüßlich über sich -selbst, daß er sich, ohne etwas erfahren zu haben, zum Horchen und -Belauschen herabgewürdigt habe. - -Am klaren frischen Morgen durchstreifte er die reizenden Gegenden bei -Tharand, die dem Naturfreunde immer neu und anmuthig bleiben, wenn er -auch aus der Schweiz oder Tyrol eben zurückkehrt. Diese Thäler, die so -einsam von der lärmenden Straße entfernt sind, vom köstlichen Waldstrom -durchrauscht, von schönen Hügeln und Buchen und Tannen bekränzt, sind so -lieblich, daß man hier gern die weiten Blicke über den schönen Elbfluß -vergißt. Von der Natur geläutert, Alles, was er in Guben wollte, oder -gestern Abend ihn bewegt hatte, vergessend, fuhr er dann bei schönem -Wetter nach Dresden und stieg bald nach der Tischzeit vor dem goldnen -Engel von seinem Wagen. - -Als er sein Geschäft mit seinem Bankier berichtigt hatte, fiel es ihm -erst auf, daß er seinen Reisegefährten Ferdinand noch nicht war -ansichtig geworden. Er forschte im Gasthofe nach ihm, aber er hatte sich -hier nicht, wie die Freunde doch abgeredet hatten, gemeldet. Sonderbar! -sagte Walther zu sich selbst, ich bin ihm noch eine bedeutende Summe -schuldig, er hatte, so viel ich weiß, gar kein Geld bei sich, und so -entschwindet er nun plötzlich, ohne Abschied, ohne Nachweisung, ob und -wo wir uns treffen können. - -Jetzt suchte ihn der junge Baron von Bärwald in seinem Zimmer auf. Was -mir das leid gethan hat, rief der junge Mensch, daß wir uns vor einigen -Wochen in Graupen und Teplitz verfehlt haben; ich hätte wahrscheinlich -die ganze Reise mit Ihnen machen können, und mein Freund, der mit mir -war, ebenfalls. - -Doch wie, fragte Walther, sind Sie auf die sichre Spur jenes Linden -gekommen? - -Eben jener junge Freund, der auch mit mir in Graupen und Teplitz war, -antwortete der Baron, hat mir umständlich die ganze Geschichte erzählt. -Er ist mit beiderseitigen Familien, sowohl der des Herrn von Linden, als -der schönen Maschinka, befreundet. Er steht mit jenen Bekannten in -Warschau in ununterbrochenem Briefwechsel, und von dort, ich weiß nicht, -wie, hat er erfahren, daß an jenem Tage, den ich Ihnen meldete, die -schöne Maschinka sowie der Herr von Linden in Guben seyn werden. Was sie -dort, oder wohin sie von dort wollen, ist mir freilich unbekannt. - -Der bestimmte Tag war ganz nahe. Walther, um nicht mit dem jungen -ungestümen Baron zu reisen, der sich ihm schon angeboten hatte, schützte -Geschäfte vor, die er auf einigen Gütern abzumachen hatte, und begab -sich auf die Straße nach Guben. Die öde Gegend, durch welche er reisete, -vermehrte seinen Mißmuth. - -Am zweiten Tage, als es schon spät am Abend war, erreichte er Guben. Im -Dunkeln fragte er sich nach Wachtel's Hause hin, aber dieser sowohl, als -seine Gattin war nicht zugegen, und man wußte, so sagte der Dienstbote, -nicht, wann sie zurückkommen würden. -- So wollte Walther nach dem -Innern der Stadt zurückkehren, verfehlte aber, weil er die -entgegengesetzte Richtung nahm, den Weg und gerieth in die freie -Landschaft. Es kam ihm nicht darauf an, sich nicht noch etwas zu ergehn -und abzukühlen. Er gerieth auf eine Wiese und glaubte hinter einigen -Gebüschen Klagelaute zu vernehmen. Er suchte sich mit Behutsamkeit, um -im Finstern nicht zu fallen, der Stelle zu nähern, und als er die Worte -unterscheiden konnte, hörte er deutlich folgendes Gespräch: So raffe -Dich nur auf. -- Was, raffen! das ist ein dummes Wort! Was kann man an -sich selber raffen? Hier liegt sich's gut, und ich will wenigstens bis -zur Regenzeit hier wohnen bleiben. -- Was für ein Kreuz mit solchem -Mann! Kannst Du denn wirklich gar nicht stehn? -- Als wenn das eine -nothwendige Sache wäre, wenn man so angenehm liegt, wie ich hier. -- -Wenn nur ein Mensch zur Hülfe in der Nähe wäre! -- Ja, keiner, weil sie -Alle in meiner Position, wenn auch nicht derselben Situation, in ihren -Betten liegen. - -Walther hatte gleich im Anfang Wachtel's Stimme erkannt, und halb -gerührt über die Wehklage der Frau, halb lachend über den so ganz -unverbesserlichen Reisegefährten, ging er näher, um seine Hülfe -anzubieten, damit der Trunkene so nach Hause geschafft werden könne. - -Ach Gott! seufzte die Frau, immer muß so ein fremder Herr als ein Engel -vom Himmel mir zur Hülfe herbeikommen. -- Mit gemeinsamer Anstrengung -richteten sie den Taumelnden endlich auf, der in seinem Rausch den -Reisegefährten nicht wiedererkannte. Walther und die Frau faßten ihn -unter die Arme und richteten ihre künstliche Wanderung nach der Stadt, -die aber, so sehr sie den Zögernden auch schoben oder zogen, dennoch nur -sehr langsam vor sich gehen konnte. Ja, gnädigster Herr, klagte die -Gattin, er hat sich da, so wunderlich er nun ist, einen höllischen Trank -verschrieben und kommen lassen, den er die Menschenessenz nennt, und -behauptet, Abraham und Isaak hätten den Soff schon im Paradiese gehabt. -So rennt er nun heut so heraus, wie er es treibt, um die Nachtwelt -aufzusuchen und ihr vorzupredigen, und da denkt er, die dumme Nachtwelt -antwortet ihm, wenn es die Frösche sind, die im Sumpfe quaken. - -Frösche, Sumpf, quaken! rief Wachtel im Zorn: schlechte Worte! Quaken, -was das ein Mißlaut ist! Und dann, wie einfältig, die ordinäre -Nachtwelt, zu welcher freilich Frösche, Eulen und Fledermäuse gehören, -mit meiner Nachtwelt, die ich heut aufgesucht und gefunden habe, zu -verwechseln! -- Er hielt an, stemmte sich mit aller Kraft an Walther und -bestrebte sich, ihm in das Gesicht zu sehn. -- Erlauben Sie mir, -unbekannter Herr Menschen-, aber nicht Wortführer, Ihnen eine -authentische Nachricht von jener Begebenheit zu geben, welche diese -Person, die eine Frau und zugleich meine Frau ist, ziemlich confuse -vorzutragen sich bemüht, als ob sie keine Frau, sondern ein Narr wäre. --- Jetzt ging er wieder weiter, mit seiner ganzen Schwere auf Walther -gestützt, der schon, von der Anstrengung erhitzt, häufigen Schweiß -vergoß. -- Sie werden es oft empfunden haben, fuhr Wachtel, etwas -lallend fort, daß der denkende Mann mit seiner Gegenwart und der ganzen -Zeit unzufrieden ist. Alles, was wir denken, wissen, wollen, die -edelsten Bestrebungen unsers bessern Menschen, auch wenn wir nicht -soeben die echte Menschenessenz genossen haben, legen wir sauber hin auf -den großen Ladentisch dieser alten Krämermadam, der Zeit. Sie sitzt nun -immer da, mit der Brille auf der spitzen Nase und die blöde gewordenen -Augen aufreißend und zukneifend, und sucht aus und wählt, hebt auf und -registrirt, schreibt ein und streicht aus, und weiß vor vielem Thun und -Wissen nicht, was sie thut, und vergißt immer wieder, was sie sich -merkt. Die Kunden stehn vor dem Tisch übelgelaunt da und fordern und -fragen, und erhalten nichts oder nur schlechtes Zeug. Der will vom -feinsten Battist und kriegt alten, abgelegenen Cattun in die Hände, der -will eine schöne politische Blondengarnitur, und die dumme Alte schiebt -ihm ein verwittertes, längst aus der Mode gekommenes legitimes -Haubenmuster hin, mit erstickter Stickerei und ausgewaschenen Knötchen. -Treffliches Westenzeug möchte der recht blank und glänzend sich -aneignen, und alten Hosencamelot aus Osten steckt sie ihm zu. Die beste -reformirte Religionskräuselei und Krause fordert der, und sie will ihn -mit schlechtem steifgestärkten moralischen Pietismus abspeisen. Schreit -der nach der einfachen Kunst ohne Form und Gesetz, ein Bildwerk für des -Herzlichsten Herz, so fährt sie ihm mit einer alten Mosaik entgegen, -lauter zusammengesetzte schroffe Einzelheit; der will das Platonische, -sie giebt ihm das Platte oder höchstens Plattirte: Lucretius und -Lucretiensaft, Archangel und Erzengel, Peter Madsen und Matthison, -Shakspeare und Käsebier, Racine und Ratzen, Alles verwechselt die dumme -Creatur. Die Käufer laufen fort, die besten Arbeiter wollen ihr nichts -mehr liefern, denn sie verzettelt die schönsten und edelsten Zeuge, daß -sie unter den großen Ladentisch fallen, wo nachher sich Hunde und Katzen -ihre Nester drin bauen. Und die Nachwelt -- nun, die steht in der Ferne, -sperrt das Maul auf, und wünscht doch etwas aus unsrer Zeit zu -überkommen. Den Unfug hatte ich nun lange geduldig mitangesehn, und -hatte mich überzeugen müssen, daß die gute Nachwelt nur Schund und -Schofel, Spreu und Asche, Sägespäne (die auch vielleicht für Shakspeare -ausgeschrien werden) und Kohlenstaub in Magen, Herz und Gehirn kriegen -wird. So, gestärkt durch einen starken Zug aus dem Quell der -Begeisterung, machte ich mich heut an diesem heißen Tage, an welchem das -Thermometer hoch auf Zukunft steht, auf, um mit der Nachwelt selbst zu -sprechen und ihr im voraus die Lehren, Gedanken und Winke zu -überliefern, die ich für die besten unsrer Tage halte. Dort in der -Einsamkeit des Waldes fand ich sie denn auch, sie hatte sich's bei der -großen Hitze bequem gemacht, und war fast ohne Hülle, sie war so -aufgelöst und auseinander gequollen, daß sie in der That in unsre -Gegenwart, die sich auch hatte gehn lassen, hineinreichte. Sie nahm -alles von mir gütig auf und sagte freundlich zu Allem Ja; sodaß unsrer -Enkel Enkel durch meine redliche Bemühung doch etwas von den guten -Fabrikationen unsrer Zeit ungefälscht erhalten haben. Und dies, mein -geehrter Herr Lieutenant, der Sie im Gehn gewissermaßen meine Stelle -vertreten und mein Treten wieder übergehn müssen, ist Das, was der -vorige einfältige Berichterstatter als Nachtwelt, als Sumpf, als Frosch -und Quaken charakterisiren wollte. Sie aber, erleuchteter Mann, sehn -jetzt genau ein, wie Alles zusammenhängt. -- Sollten wir nicht aber -schon in der Stadt und vor meinem derzeitigen Hause seyn? - -Und so war es in der That. Der Trunkene dankte für die Ehre der -Begleitung, die ihm ein fremder Mann in so später Nacht erwiesen hatte, -und ging mit der Frau in seine Thür, wo ihn ein Diener und die Magd -schon erwarteten. - -Am andern Morgen war Wachtel ganz ernüchtert, als Walther zu ihm -eintrat; er konnte ihm über Alles Rede und Antwort geben, was dieser nur -zu wissen begehrte. Es ist wirklich wahr, erzählte er, das junge, schöne -Frauenzimmer, welches schon einmal bei uns gewohnt hat, ist wieder hier -durchgekommen und hat wieder eine Nacht oben geschlafen; ein alter -Diener und eine Magd, welche mit ihr waren, nannten sie Maschinka. Sie -war wieder ebenso eilig, wie damals, sodaß ich sie fast gar nicht gesehn -habe, und ist dann über die Oder gegangen. Aber ein junger Mann hat sich -auch gemeldet und nach Ihnen gefragt, Sie möchten nur an Herrn von -Linden ein Billet schreiben, so würde dieser sich gewiß in den nächsten -Stunden stellen, im Fall Sie ihn nur an der Oder erwarten möchten. - -Wachtel schrieb also einige Zeilen, welche binnen kurzem auch wirklich -abgeholt wurden. Der Herr von Bärwald stellte sich ebenfalls ein und bot -sich zum Sekundanten Walther's an, und Wachtel, der ängstlich um seinen -Reisegefährten war, ließ es sich nicht ausreden, diesen ebenfalls zu -begleiten. - -Sie hatten sich einen Platz an der Oder zur Ruhestätte erwählt, nachdem -sie den Wagen verlassen hatten, von wo sie einen großen Theil des -Flusses übersehn konnten und gegenüber die sogenannte Kretschem vor sich -hatten. Als es etwas kühler wurde, sahen sie, wie die Fähre -herüberruderte. Sie bemerkten, daß eine elegante herrschaftliche Kutsche -darauf stand, und wie das Fahrzeug näher kam, unterschieden sie, wie -zwei Männer, Arm in Arm, da standen und nach dem Ufer hinüberschauten. -Der ältere und größere glänzte in einer reichen Uniform. - -Man war nicht wenig verwundert, als Walther und Wachtel beim Anlanden -der Fähre in dem jüngeren Manne ihren Freund Ferdinand erkannten. Man -umarmte sich und Ferdinand sagte eilig: ich kann hier bei Ihnen nicht -verweilen, denn mich erwartet ein dringendes Geschäft, welches ich erst -abthun muß, dann wollen wir uns sprechen. - -Mit mir ist es eben so beschaffen, erwiederte Walther; aber wir sehn uns -hoffentlich bald wieder und verbringen in der Stadt den Abend fröhlich -mit einander. - -Der General, denn dies war der angesehene Fremde, mischte sich in das -Gespräch und der junge Herr von Bärwald, der nicht Zeit und Umstände -gern berücksichtigte, brach mit der Nachricht heraus, daß Walther auf -einen Herr von Linden wartete, um mit diesem ein Duell auszufechten. - -Ferdinand trat mit Erstaunen von Walther zurück, und der General rief -aus: Wie? Sie sind jener Herr von Hellbusch, der meinen Neffen gefordert -hat? - -So ist es, erwiederte Walther, dieses ist auch mein wahrer Name, ich -reisete unter einem erborgten, um, wie ich mir einbildete, besser -beobachten und, selbst weniger bemerkt, Nachrichten einziehn zu können. - -Sonderbar! höchst sonderbar! rief jetzt Ferdinand aus: ich nahm drüben -und in Warschau den Namen Linden an, um mich nachher in Deutschland -leichter den Nachforschungen meiner Gegner und den Verwandten meiner -Frau entziehn zu können. - -Frau? fragte Walther jetzt mit der größten Lebhaftigkeit. Allerdings, -sagte der General lächelnd, vor drei Tagen ist meine Nichte Maschinka -meinem guten Neffen Ferdinand drüben im Preußischen in meiner Gegenwart -und auf mein Wort und meine Bürgschaft, als seine rechtmäßige Gemahlin -angetraut worden. Und Sie, Herr von Hellbusch (indem er sich an Walther -wendete), können mit dem besten Gewissen Kampf und Krieg aufgeben, denn -Brüder und Verwandte sind durch meine Vermittlung mit dem neuen Gatten -ausgesöhnt, und Ihr Vetter, welcher Ansprüche auf Maschinka zu haben -glaubte, hat sich ebenfalls verheirathet. - -Da Alles sich so gefügt hat, sagte Walther, so bin ich der glücklichste -aller Menschen; denn ich darf den Mann als Freund umarmen, den zu lieben -und hochzuschätzen mir schon längst auf meiner Reise zum Bedürfniß -geworden war. - -Indem öffnete ein Jäger den Schlag der Kutsche und eine schöne Dame -stieg aus derselben, um Walther höflich zu begrüßen. Wachtel, der sie -mit Verwundrung angesehn hatte, rief aus: Ei, wie kann man denn so -reizend seyn! das heißt mit dem Schönsein kein Maß halten! Das versteht -meine Frau viel besser, die sich wohl hütet, die häßlichste auf der Welt -zu seyn. Aber eigen ist es zugegangen, daß zwei Menschen, die sich als -Todfeinde verfolgen, ein paar hundert Meilen in ein und demselben Wagen -so gelassen und schläfrig neben einander sitzen. - -Jetzt nahm Ferdinand das Wort und erzählte, wie Maschinka seinetwegen -ihre Familie verlassen und in Angst nach Deutschland herübergekommen -sei. Sie fürchtete, zu einer Verbindung gezwungen zu werden, und da der -Oheim abwesend war, so wußte sie keinen andern Rath, als sich den -Ihrigen, welche sie tyrannisirten, zu entziehen. Ferdinand war -vorangegangen, um einen sichern Aufenthalt zu suchen. So kam sie über -die Oder, und von einem Briefe einer Freundin gelenkt, suchte sie sich, -wenn auch nur auf kurze Zeit, bei der Gattin Wachtel's zu verbergen, der -die Freundin sie empfohlen hatte, ohne von ihren Schicksalen etwas -Näheres zu melden. Hier erfuhr sie, daß man ihr nachstelle, daß ein -Vetter des Mannes, dem sie hatte vermählt werden sollen, von Warschau -ihr nachgereiset sei, und daß die Brüder dieses aufdringlichen -Bräutigams sie ebenfalls suchten. Sie war also, nachdem sie ihrem -Geliebten eine kurze Nachricht nach Madlitz gesendet hatte, schon wieder -entschwunden, als dieser nach Guben kam. - -Ich habe die gnädige Erscheinung damals, wie jetzt, sagte Wachtel, nach -meinen besten Kräften beherbergt. - -Meine Braut und jetzige Gattin, erzählte Ferdinand, wußte von meiner -Irrfahrt, sie war mir immer um einige Stationen voraus, und so trafen -wir uns, um Abrede zu nehmen, in dem alten Schlosse Glich, oberhalb -Bamberg, wo sie in der Maske eines Förstermädchens erschien. Hier hatte -ich Gelegenheit, das Nähere mit ihr zu besprechen, und wir nahmen die -Abrede, in Würzburg oder Heidelberg uns zu verbinden. - -Sieh! sieh! rief Wachtel aus, drum! drum! Ei ja freilich, es ist auch -dasselbe hübsche Gesichtchen. -- Er sah hiebei Walther mit einem -bedeutenden Blicke an, und dieser lächelte halb verlegen. - -In Würzburg aber, erzählte Ferdinand, kam ein junger Pole, der Begleiter -eines Herrn von Bärwald, meiner Geliebten auf die Spur. Er machte -Anstalt, sich ihrer zu bemächtigen, und sie, benachrichtigt davon, rief -mich auf zur Hülfe, da sie mich in jene Bude hatte eingehn sehn, wo wir -uns, kindisch genug, mit einer russischen Schaukel ergötzten. In der -Bude aber stand, ohne daß ich es wissen konnte, neben dem Herrn des -Kunststückes, eben dieser junge Pole, der meine Braut persönlich kannte, -und ihren Namen laut ausrief, als sie in die Bude hineinblickte. Alles -stürzte ihr nach, ich aber, als der Schnellste, fand Mittel, sie im -Getümmel des Jahrmarktes zu verbergen und vor den Nachstellungen zu -retten. - -Ei! rief Wachtel aus, unser Freund Walther, welcher den Jungfrauenraub -zu bestrafen ausgereiset war, saß indessen mit eingelegter Lanze hoch -oben wie ein rächender Gott in der einsamen Bude. - -In Heidelberg, fuhr Ferdinand fort, erfuhr ich endlich aus ihren -Briefen, daß unser gütiger Onkel sich unser annehmen und Alles -schlichten wolle, nur machte er es zur Bedingung, daß wir umkehrten, um -nicht als Abentheurer in fremden Regionen den Ruf meiner Geliebten -unnöthig auf das Spiel zu setzen. In eines jungen Gelehrten, Keyser's, -Gesellschaft, welcher seine Braut besuchte, sprach ich die geliebte -Maschinka, und wir beredeten unsre Rückreise. Aber wir durften uns noch -nicht vereinigen, um uns nicht dem Ungestüm der Verwandten, welche uns -verfolgten, auszusetzen. Ich hatte in Briefen und aus dem Munde meiner -Braut von einem wüthenden und rachsüchtigen Hellbusch gehört, und konnte -mir nicht träumen lassen, daß dieser derselbe freundliche Mann sei, an -dessen Seite ich die schöne Reise durch Deutschland machte. So kehrten -wir denn um, und schrieben hie und da Merkworte ein, die der Andre fand -und die kein Fremder verstehen konnte. In der Höhle von Liebenstein -trafen wir uns an jenem schönen Sonntage, und dort, als ich mich hatte -von der Barke auf dem unterirdischen Gewässer übersetzen lassen, sprach -ich im Dunkel, und von der ganzen Welt abgesondert, meine Geliebte. Bei -Tharand bestellte sie mich und ich traf sie in der Nacht dort im schönen -Thal. Sie reisete sogleich hieher nach Guben, ihrem gütigsten Oheim -entgegen, und der großmüthige Mann hat auch mich seinen Neffen genannt -und durch seine Güte alle die Irrsale geschlichtet. -- - -So fuhren sie nach Guben zurück und ergötzten sich an den kleinen -Begebenheiten ihrer Reise. Von dort begaben sie sich mit dem Oheim nach -der Schweiz, und Walther, welcher seinen Reisegefährten Ferdinand -herzlich liebgewonnen hatte, bat sich die Erlaubniß aus, mit ihnen -reisen zu dürfen, um in ihrer Gesellschaft einige Zeit in dem schönen -Lande dort zu leben. - - * * * * * - -Es waren zehn Jahre verflossen, als dem Erzähler dieser Geschichte -Walther und Ferdinand wieder begegneten. Die seltsamen Begebenheiten des -Befreiungskrieges hatten uns in Prag im Sommer des Jahrs 1813 vereinigt. -Ferdinand war mit seiner Frau, die noch immer schön zu nennen war, -glücklich, er hatte einige allerliebste Kinder, mit denen er gern -spielte. Auch Walther war verheirathet, und wir erfreuten uns Alle des -Wiedersehns und der erneuten Vertraulichkeit. Nur war es mir merkwürdig, -daß der schwärmende Ferdinand jetzt ein eifriger, möcht' ich doch sagen, -einseitiger Verfechter der protestantischen Lehre war, und Walther im -Gegentheil war zur katholischen Kirche übergetreten und mit vollem Ernst -und ganzem Herzen ein Bekenner ihrer Glaubens-Artikel. - -Wie dieses sich zugetragen hatte, läßt sich vielleicht in Zukunft -mittheilen, da es für denkende Leser, die selbst etwas erlebt haben, -nicht ohne Interesse seyn dürfte. Auch läßt sich um so unparteiischer -diese Seelengeschichte erzählen, da beide Freunde, sowie der dritte, der -humoristische Wachtel, vor Jahren nach Italien gereiset sind, und dort -froh und glücklich leben. Als heitre Beilage und Episode dürften alsdann -auch die beiden Novellen, welche die freundlichen Feinde, die sich als -solche nicht kannten, im Gasthofe zu Chemnitz ausarbeiteten, nicht -unwillkommen seyn. - - - - - Die Wundersüchtigen. - 1831. - - -Der Geheimerath von Seebach lebte in seinem großen, wohleingerichteten -Hause glücklich in der Residenz. Da er reich war und eine angesehene -Stelle bekleidete, viele Verbindungen hatte, und eine große -Correspondenz führte, so war bei ihm oft der Sammelplatz angesehener und -merkwürdiger Fremden und Reisenden. Häufig aber waren unter diesen -Besuchenden auch solche Gestalten, die von seiner Familie weniger gern, -oder nur mit Mißtrauen gesehen wurden, weil der Rath früher ein Mitglied -mancher Gesellschaften gewesen war, die sich höherer Kenntnisse oder -wunderbarer Geheimnisse rühmten, und obgleich der thätige Geschäftsmann -schon seit Jahren alle diese Verhältnisse aufgelöset, und sich von -diesen Verbindungen zurückgezogen hatte, so sorgte die Tochter, die den -Vater genau kannte, doch immer, daß irgendwo ein Faden wieder -aufgenommen werden möchte, der nicht zerrissen war, um Verwicklung, -Zeitverlust, oder auch wohl Kummer zu veranlassen. Der lebhafte, heitre -Sohn war gegen viele Wanderer mehr deswegen eingenommen, weil ihr -Einsprechen dem Rathe manches Geldstück kostete, denn so wie er die -Geheimnisse und Wunder verlachte, war er doch neugierig genug, immer -wieder auf die Erzählung von seltsamen Entdeckungen oder unbegreiflichen -Begebenheiten mit Eifer hinzuhören. - -In alten Papieren kramend, saß der Rath an seinem Schreibepulte, und -neben ihm Anton, sein Sohn, ihm gegenüber sein Schwiegervater, der -Obrist von Dorneck, der schon seit lange seinen Abschied genommen hatte. - -Ich kann das Dokument nicht finden, sagte der Rath endlich unwillig, und -begreife nicht, wie, oder wohin es kann verloren seyn. In diesem fatalen -Prozeß, der mich nun schon seit zwei Jahren beunruhigt, gilt es mir die -volle Summe von zwanzigtausend Thalern, wenn ich diesen wichtigsten -Beweis nicht herbei schaffen kann. - -Der Obrist erwiederte: Lieber Sohn, ich bin überzeugt, daß Sie es -irgendwo recht sorgsam hingelegt haben, weil es Ihnen eben so wichtig -war, und daß Ihre Geschäfte Sie nur den Ort haben vergessen machen. -Geben Sie sich Ruhe, und es fällt Ihnen wohl am ersten bei, indem Sie -gar nicht darüber denken, wie es mit Namen von Menschen so oft geht, die -wir durchaus nicht wieder finden, indem wir es von uns erzwingen wollen, -und die uns dann plötzlich, ungesucht, indem wir zerstreut, oder -unterhalten sind, wieder beifallen. - -Sie mögen Recht haben, antwortete der Rath; soll sich aber ein -Geschäftsmann solcher Vergeßlichkeit nicht schämen? Ich habe niemals die -zerstreuten Menschen leiden mögen, und nun muß mir selbst dergleichen -begegnen. - -Anton warf ein: wenn wir jetzt nur den berühmten Grafen Feliciano hier -hätten, von dem so viele Wunderdinge erzählt werden, so könnte er mit -einer einzigen Geisterbeschwörung die Sache aufhellen und in Ordnung -bringen. - -Gewiß, sagte der Obrist, wenn er sich zu uns herablassen wollte, denn -Bücher, Zeitungen und Briefe seiner Freunde erzählen ja Dinge von ihm, -die noch viel wundervoller sind, als dies kleine Mirakel, das er auf -unser inständiges Bitten vielleicht verrichten möchte. - -Der Rath schwieg, indem er wieder eifrig suchte. Was sind das für -Figuren da? fragte der Sohn, indem er nach einem Blatte langte. - -Du bist zwar kein Eingeweihter, erwiederte der Vater, indessen ist das -Papier auch nicht von denen, durch welche ich eine Indiscretion begehe, -wenn Du es betrachtest. Vor vielen Jahren hat ein Freund, ich weiß nicht -aus welchem astrologisch-magischen Zauber-Manuscript, mir diesen Unsinn -als denkwürdig abgeschrieben. - -Bin ich auch kein Geweihter, erwiederte der Sohn, so habe ich doch, wie -Sie wissen, so Manches über diese Verbrüderung gelesen, so manche -kabbalistischen Manuscripte durchblättert, daß mir gerade der Unsinn -mancher Leute nicht ganz fremd ist, wenn er mir auch immer -unverständlich bleibt. - -Die Figur war eigentlich eine vieleckige, in Gestalt eines Sternes. Die -meisten Linien waren Zeilen, theils Sprüche der Bibel, theils Gebete, -manche auch wundersame Namen, die, wie man sah, Geister bezeichnen -sollten, nach allen Richtungen begegnete sich das Wort Abracadabra, bald -in einzelnen Sylben und Buchstaben, bald vor-, bald rückwärts -geschrieben, bald von Sternzeichen, Hieroglyphen und andern seltsamen -Figuren unterbrochen. In der Mitte las man Adonai, gegenüber Jehovah, -mit lateinischen und auch mit hebräischen Lettern geschrieben. Auf der -Rückseite war bemerkt, daß dieses heilige Amulet von vielfältigem -Gebrauche sei, im Kriege wie gegen Krankheit, vor Einwirkung der bösen -Geister schütze, und Demjenigen, der die Kunst inne habe, Geister -herbeizurufen, unentbehrlich sei. - -Der Rath und der Obrist lachten, als der junge, stets heitre Anton das -aberwitzige Blatt mit so ernsthafter, tiefsinniger Miene betrachtete. -Ich will ein andermal auch über diesen Unsinn spotten, unterbrach sie -Anton, aber gestehen Sie mir nur ein, daß das Ding auch eine ernsthafte -Seite habe, die man wohl in Betrachtung ziehen dürfe. Nicht wahr, -derselbe Menschengeist, der fähig ist, Philosophie und Kunst zu -umfassen, der die Bahn der Sterne berechnet und die Unermeßlichkeit des -Himmels mißt, der in Liebe und Andacht sich dem Ewigen nähert, -- -derselbe hat auch dieses Blatt so umrissen, bekritzelt und durchfurcht -mit einer thörichten Lüge, die doch irgendwo im Anfang mit der Wahrheit -zusammen hängt, in dieser nur wurzelt, und aus dem Guten als -stachlichtes Unkraut empor gewachsen ist. - -Das mag seyn, nahm der Obrist das Wort, denn alles Schlechte und -Nichtige keimt wohl aus dem Guten; nur möchte es schwer zu entdecken -seyn, wo und wie es Lüge und Thorheit wird. - -Der Rath war ebenfalls plötzlich ernsthaft geworden, und fügte hinzu: -das ist eben die große Frage, ob das Böse ein zeitliches, oder ewig sei. -Ein Nichts ist es, und wird, vom Menschengeist erweckt, ein Ungeheures, -nimmt von diesem Kraft und Thätigkeit, und wandelt als Schicksal und -Unglück umher, das Länder verwüstet und Tausende opfert. Wahrlich, hier -möchte das Auge das Herbeirufen von Geistern aus dem Abgrunde, das -Beleben eines Todtenreiches wahrnehmen können, viel größer und -wundersamer als Alles, was man von alten oder neuen Thaumaturgen -erzählt. - -Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehe, antwortete Anton, daß durch die -Leidenschaften der Menschen, die sich in das Unwahre oder dem Nichts -ergeben, die Weltgeschichte großentheils durch Gespenster regiert und -fortgetrieben wird, die, wenn sie nicht im wilden Kampf der Verwirrung -aufgeweckt werden, unsichtbar bleiben, oder höchstens nur Erscheinungen -sind, über welche der Spekulant oder Witzige gutmüthig lächeln möchte. -Wenn mir dies auch wahr scheint, so ist es mit diesem Blatte hier denn -doch etwas anders. - -Eigentlich nicht, sagte der Vater: denn dasselbe, was hier nur Spiel -ist, hat auch schon zum Feldgeschrei und Panier der Schlachten gedient. -Es wäre zu wünschen, daß der böse Geist mit allen seinen Wirkungen sich -immerdar in solchen Galimathias hinein zaubern ließe. Aber er wird auch -von dergleichen Kinderei irgend einmal wieder erweckt, und so fluthet -und ebbet die Masse der Erscheinungen hin und her, und das eigentliche -Fortschreiten, das wahre Besserwerden der Welt ist nur aus einer weiten -Ferne wahrzunehmen. - -Ich werde mir dieses künstlich verzauberte Blatt in geweihter Stunde an -meinen Hals hängen, sagte Anton, so durch alle Gemächer des Hauses um -Mitternacht schreiten, und so hoffe ich jenes Dokument zu entdecken, das -uns Allen so wichtig seyn muß. - -Nein, sagte der Obrist, gieb es mir, lieber Enkel: von alten Zeiten bin -ich noch mit den Leuten in Verbindung, die jetzt in der Residenz des -Nachbar-Landes wieder anfangen, sich auszubreiten. Ich meine jene, die -sich für die rechtgläubigen Brüder halten, und die vernünftigen -verlästern und verfolgen. Immer erhalte ich noch Briefe und Anmahnungen, -mich ihnen wieder anzuschließen. Diesen kann ich vielleicht mit dieser -sinnverwirrten Schrift ein angenehmes Geschenk machen. - -Nehmen Sie es, sagte der Rath, so ist in meinem Hause eine Thorheit -weniger. Man erzählt, daß sich diese abergläubischen Menschen aus leicht -zu errathenden Absichten an den Erbprinzen dort drängen, um sich ihm -angenehm und unentbehrlich zu machen. Wer weiß, was uns die Zukunft noch -für Erscheinungen zeigt, welcher Aberglaube sich von Neuem entwickelt, -so sicher wir jetzt zu seyn glauben, und, wenn ich meiner Aengstlichkeit -folgte, so möchte ich darum das Papier nicht aus meiner Hand geben. Es -kann auch Schaden stiften, so kindisch es ist. - -Lassen Sie, lieber Sohn, sagte der Alte, beunruhigen Sie Ihren Geist -nicht, wenn dergleichen auch geschehn könnte, so ist es doch nur wie ein -Steinwurf ins Wasser. Der Kreis wird immer größer, aber verliert sich, -wenn er sich am weitesten ausgebreitet hat. So lange noch solche Geister -in Deutschland regieren, wie hier uns nahe Friedrich der Zweite, und -dort Joseph der Zweite, so lange noch ein Mann wie Lessing schreibt und -wirkt, haben wir Nichts zu fürchten. Und warum sollen denn unsre -Nachkommen eben wieder ausarten? - -Er schlug lächelnd das Papier zusammen, und freute sich schon im Voraus, -welche Erquickung Viele in jener Brüderschaft aus ihm ziehen würden, die -sich für Rosenkreuzer und Adepten hielten, und so ernsthaft nach dem -Stein der Weisen forschten, wenn, wie der Obrist zu verstehen gab, auch -wohl Einige unter ihnen seyn mochten, die das Spiel nur mitmachten, um -andere, irdischere Zwecke durchzusetzen. - -Friedrich der Zweite, fing der Rath wieder an, ist alt, vielleicht auf -der Neige, und es ist möglich, daß er bald abgerufen wird. Wissen wir -denn auch, wie jene Gesellschaften, über die wir jetzt nur lächeln, -verbreitet sind, wie sie in Zukunft ihre Netze weit hinausspinnen mögen? -Daß andre Brüderschaften gegen sie kämpfen, mag an der Zeit und -nothwendig seyn. Wie glücklich, daß ich alle diese Dinge, die mich -früherhin interessirten, und mein Leben in Bewegung setzten, hinter mir -habe, und auf alle diese Strömungen mit klarem gleichgültigen Auge hinab -sehn kann. - -Der Bediente gab einen Brief ab, der eben von der Post gekommen war. Das -Siegel war wunderlich, und als der Geheimerath den Brief durchgesehn -hatte, sagte er: nun wahrlich, sonderbar genug! Nicht gerade der -berühmte Wunderthäter Graf Feliciano wird zu uns kommen, aber doch ein -andrer seltsamer Mann, von dem auch schon oft die Rede gewesen ist: -jener Sangerheim, der sich ebenfalls berühmt, große Geheimnisse zu -besitzen, der auch Geister erscheinen läßt, Todte und Abwesende befragt, -und einen neuen Orden gründet. - -Anton freute sich, da er vernahm, daß dieser Wundermann ihr Haus zuerst -besuchen würde, aber der alte Obrist Dorneck wünschte, daß man sich mit -dem Abentheurer nicht einlassen möge. Sie wissen, lieber Sohn, beschloß -er, wie ängstlich Ihre Frau und Ihre Tochter bei solchen Gelegenheiten -sind, und es ist wahr, man kann niemals wissen, welches Unheil uns mit -solchen wirren Geistern über die Schwelle schreitet. Sie haben ihre -Bestimmung darin gesetzt, die Menschen zu täuschen, und es ist nicht zu -berechnen, auf welche Art sie hintergehn, welche Schwächen, die wir -selbst nicht kennen, sie benutzen und erwecken, und wie weit wir in -ihren Wandel verflochten werden. - -Seien Sie ganz ruhig, lieber Vater, sagte der Rath heiter; dieser Brief -macht es mir unmöglich, den wunderlichen Mann ganz abzuweisen, um so -weniger, da ich so vielen Andern mein Haus schon eröffnet habe; diese -Bekannten, die ich achten und schonen muß, und die mir diesen Mann so -dringend empfehlen, würden mein Betragen unbegreiflich und sich -beleidigt finden. - -Und, gestehn Sie nur, lieber Vater, rief Anton im frohen Muthe aus, daß -Sie eben so neugierig sind, wie ich. Nein, er komme nur, der große -Wundermann, er prophezeie uns, er zeige uns Geister, er grabe Schätze, -was und so viel er will, wir wollen Alles dankbar von ihm annehmen. Ist -doch außerdem schon lange nichts Neues vorgefallen, ist doch im ganzen -Europa Friede. Wollen sich die Lebendigen nicht rühren, so müssen die -Todten in Bewegung gesetzt werden. - -Als die Mutter und Tochter bei Tische diese Neuigkeit erfuhren, nahmen -diese die Sache weniger heiter und leicht auf, als die Männer. In ihrem -stillen Rath war vorzüglich Clara verdrüßlich und verstimmt. Wohin, -sagte sie fast weinend zur Mutter, soll es nur führen, daß wir unser -Leben so gar nicht für uns selbst einrichten und ableben sollen? Der -Vater hat nun, wie er sagt, alle diese Verbindungen aufgegeben, und ist -doch seitdem neugieriger und gespannter auf Alles, was in dieser Art -vorgeht, als ehemals, -- und mein Verlobter, dieser gute Schmaling, die -Leichtgläubigkeit selbst. Ist es wohl recht, den Wunderglauben dieses -Jünglings immer von Neuem aufzuregen? Wissen wir denn, wie weit diese -Sucht gehn kann, oder vermögen wir es, ihr Schranken zu setzen? Wenn ich -nachher unglücklich bin, Schmaling verwirrt, und leidenschaftlich -aufgeregt, mit den geheimnißvollen Menschen verflochten: wird mir denn -ein Trost meines Vaters, oder ein Spaß meines leichtsinnigen Bruders -ersetzen können, was ich verloren habe? - -Der Obrist trat zu ihrer kummervollen Berathung und sagte, nachdem er -die Klagen gehört hatte: Uebertreibt nicht die Sache, Kinder, hier meine -verständige Tochter, Deine Mutter, kennt ja Deinen Vater, liebe Clara. -Und Schmaling wird Vernunft und guten Rath annehmen, er ist kein Kind. -Glaube mir, meine liebe Tochter, es ist nicht gut, wenn man immerdar dem -Menschen alle Steine, an die er sich stoßen könnte, aus dem Wege zu -räumen sucht. Jede Leidenschaft in uns, die es wirklich ist, muß -wachsen, reifen, und sich selber erkennen lernen. Der Mensch muß sie -dann aus eigner Kraft, nicht bloß durch fremde Hülfe zu überwinden -vermögen. Dann wird das, was wohl als Thorheit erscheinen mochte, oft -Kraft und Charakter, und der Mann gewinnt in dieser Schule gerade seinen -edelsten Besitz. Wird er aber in der Jugend gehindert, ganz sich in -seinen Gelüsten kennen zu lernen, erfährt er gar nicht, wohin sie ihn -führen können, so bleibt er Zeitlebens ein Näscher, der immer wieder von -Neuem der Verführung ausgesetzt ist. - -So muß, sagte die Mutter, dies die Geschichte meines Mannes seyn. Denn -glauben Sie mir nur, Vater, stelle er sich, wie er will, hätte er nicht -die vielen Geschäfte, die ihm sein Amt auferlegt, und die ihm oft die -Nächte rauben, so würde er mit Heftigkeit Alles, was sich ihm aus dieser -sonderbaren Gegend des Geheimnisses anbietet, ergreifen. Er meint, -diesen Wunderglauben, die Geheimnißkrämerei, ganz überwunden zu haben, -aber ich habe ihn seit so vielen Jahren beobachtet, und kenne ihn -besser, als er sich selbst: Alles reizt, Alles beschäftigt ihn. Er -spräche vielleicht nicht so oft, und mit solcher Bestimmtheit über diese -Gegenstände, wenn er seiner selbst ganz sicher wäre. Sie haben sich oft -verwundert, warum ich mit Ihnen und andern Freunden nicht in den Wunsch -einstimme, daß er seine Stelle niederlegen und auf dem Gute leben -möchte: ich kann es nicht, aus Furcht, er könne sich in andre Geschäfte -und Arbeiten dann leidenschaftlich verwickeln, die weder so nützlich -seyn dürften, noch seinem Geist die Kraft und den Adel zuführen würden, -mit denen wir ihn jetzt so freudig seinen Beruf erfüllen sehn. - -Am folgenden Tage schon erschien Sangerheim, der sonderbare Freund, als -Gast im Hause des Geheimenrathes. Er war ein schöner, großer und -schlanker Mann, der eben nicht viel älter als dreißig Jahr seyn konnte: -sein Auge war feurig, der Ton seiner Stimme wohllautend, und der Accent -des Ausländers, eine Fremdheit in seinen Manieren stand ihm gut. Sein -Wesen und seine heitre Gesprächigkeit gewannen ihm auch bald das -Wohlwollen, selbst das Vertrauen des Rathes, indessen ihn der alte -Obrist schärfer und mißtrauisch beobachtete. Am meisten aber war ihm -Clara aufsässig, denn der junge Rath Schmaling war völlig in Rede und -Gespräch des merkwürdigen Fremden verloren. Ein Gelehrter, Ferner, nahm -Antheil an der Gesellschaft, so wie der Arzt des Hauses, Huber, und -Jeder beobachtete von seinem Standpunkt aus den Reisenden, der sich -Jedem mit ungezwungener Offenheit mittheilte. Darum war auch Anton -heiter und gesprächig und die Mutter ließ bald ihren Widerwillen fahren, -mit dem sie zuerst sich am Tische an der Seite des verdächtigen Mannes -niedergelassen hatte. - -Als die Mahlzeit geendigt war, begaben sich die Männer in ein andres -Zimmer, und die Frauen verließen die Gesellschaft. Nach einigen -unbedeutenden Reden kam man auf den Gegenstand, der Alle interessirte, -da Jeder wünschte, daß der Fremde von sich und seinem Treiben etwas -Bestimmteres aussagen möge. Schmaling machte sich vorzüglich an den -vorgeblichen Wunderthäter und nahm jedes Wort, was dieser sprach, -begierig auf; doch der Obrist, der mit Clara Mitleid hatte, und ihre -Aengstlichkeit gewissermaßen theilte, suchte diese Gespräche zu stören. -Ob es denn niemals, fing er an, um die Unterredung zu lenken, irgend mit -Sicherheit wird ausgemacht werden, wie alt diese weltbekannte -Gesellschaft der Freimaurer eigentlich sei. - -Vielleicht, antwortete der Rath, ist der ganze Streit mehr um Worte und -Buchstaben, als um die Sache geführt worden. Mögen wir annehmen, daß -dieses geheim öffentliche Institut, wie es in unsern Tagen besteht, -schon uralt sei, daß es in frühern Jahrhunderten, unter ganz andern -Bedingungen, als andre Bedürfnisse waren und man die jetzigen nicht -kannte, habe daseyn können: behaupten wir dies alles, und geben nur zu, -wie wir es müssen, daß diese Vereinigung, im Fall sie alt ist, sich -völlig verwandelt und nach den verschiedenen Zeiten auch verschiedene -Zwecke beabsichtigt habe, so ist mit dieser Einräumung auch der Streit, -wenn nicht völlig geschlichtet, doch beseitigt. - -Um so mehr, sagte Ferner, der Gelehrte, da wir es selbst erlebt haben, -wie in kurzen Zeiträumen sich viele Zwecke der Brüder verändern, sie mit -einander streiten, jede Sekte die richtige und älteste Constitution zu -haben vorgiebt, eine Verfassung die andre verdammt, und immerdar neue -Einrichtungen die vorigen ablösen. - -Freilich, sagte der Rath, und so ist es nur Geheimnißkrämerei und Sucht -zum Wunderbaren, die Entstehung der Gesellschaft hoch hinauf zu setzen, -sie in andern Verbindungen wieder erkennen zu wollen, und anzunehmen, -daß Tradition aus den ältesten Zeiten uns in dieser Einrichtung, die oft -sich so geheimnißvoll stellt, mit dunkeln Geschichten und Sagen in -unmittelbare Verknüpfung setzen könne. - -Und doch, sagte Schmaling, handelt es sich hierum einzig und allein, -oder die ganze Sache verliert ihr Interesse. - -Das Wunderbare, fuhr der Geheimerath fort, aber das Interesse wohl -nicht. Oder wir können es auch so ausdrücken: daß unsre Bildung eben -dahin sich ausarbeiten soll, um zu erfahren, was wir mit Recht wunderbar -nennen. Es fragt sich, ob dann nicht ein ganz umgekehrtes Verhältniß -erscheinen wird, daß alles jenes Wunder, welches unsre unerfahrne Jugend -reizte, uns gleichgültig oder lächerlich wird, und wir das ächte Wunder -da wahrnehmen, wo das blöde Auge gar Nichts, oder das Gleichgültige -erschaut. - -Sehr wahr, fuhr der Gelehrte fort, die Natur, das Erkennen derselben, -Kunst und Wissenschaft, das einfache, edle Leben unschuldiger Menschen, -die Gegenwart unverdorbner Kinder, der Liebreiz des Frühlings, das -Verständniß der Poesie und die Fähigkeit, ihn, den Ewigen allenthalben -wahrzunehmen, hier findet der ächte Schüler das Wunder und dessen -Verständniß. Verwandelt der Schwärmer dagegen Wissenschaft, Natur, ja -seinen Glauben an den Höchsten in ein Gespenst, sieht er mit seltsamen -Grauen in die Natur und den Geist des Menschen hinein, kitzelt er sich -mit dem Gefühl, durch Zahlen, Zeichen, willkührliche Worte und Geberden -Annäherung zu fremdartigen Geistern, ja Herrschaft über sie zu erlangen, -so ist er schon für das Verständniß der Dinge und jene Freiheit des -Geistes verloren, die den gesunden klaren Menschen so liebenswerth und -so ehrwürdig macht. - -Gut gesagt, erwiederte Schmaling; aber er wird auch hier an Worten und -Zeichen sich zerstoßen, sein Geist wird dürsten und verschmachten, und -wenn er recht in das Innre dieser scheinbaren Erkenntnisse eindringen -will, so wird er sich verirren, und wenn er erwacht, sich in einer -tauben, leeren Wüste wieder finden. Ist denn nicht eben jene -Glaubensfähigkeit, die sie Wunderglauben oder Wundersucht taufen und -schelten, die innerste Federkraft unsrer Seele? In ihr schlummert der -Funke, der zu Licht und Flamme sich ausbreitet und erhellt. -- - -Mag es seyn, erwiederte der Rath, daß wir ohne diese Fähigkeit des -Glaubens, ohne dies Gefühl der Liebe und eines unbedingten Vertrauens -weder glücklich seyn könnten, noch die Stufe der Menschheit erreichen, -zu der wir bestimmt sind. Diese einfache Liebe und Hingebung aber, die -zur Glaubenskraft erstarken soll, ist völlig von jenem Vorwitz -unterschieden, der ergründen, fassen und beherrschen will, was dem -Menschen versagt ist, und der sich, weil er Nichts erobern kann, nun in -das Gebiet der Nichtigkeit stürzt, sich mit dem Schein und der Lüge -verbindet, und so den Geist des Menschen, seine Seele bis an die -Selbstvernichtung führt. Denn so kann man doch wohl das nennen, wenn der -Mensch für die nächste und unentbehrlichste Wahrheit Träume und -Hirngespinnste eintauscht. - -Jetzt nahm Sangerheim das Wort und sagte: Hier aber ist es, wo der -Streit ein wirklicher wird, denn es läßt sich doch auch fragen: wer denn -die Wahrheit zu solcher stempeln soll? Demjenigen, der nüchtern und -einfach fort lebt, der sich niemals erhebt, dem dürfen die Wahrheiten -der Religion, wie die Ahndungen der Geisterwelt als leere Träume -erscheinen. Wer es aber erlebt und erfahren hat, wie jedes Wort und jede -Gestalt nur dadurch wahres Sein erhält, daß sie vieldeutig sind, daß das -Alltägliche und Aeußere auf ein Inneres und Geheimnißvolles deutet, der -kann unmöglich alle höhere Forschung und Erkenntniß als unzulässig -abweisen, weil sich ihm das, was in früherer Entfernung Traum und -Aberwitz schien, nun näher gerückt, deutlich in nahe Wahrheit, in die -unerläßliche Bedingung aller ächten Erkenntniß verwandelt. - -Schmaling gab dem Fremden die Hand, von diesem Worte hoch erfreut. Der -Fremde fuhr fort: Ist es wahr, daß diese ächten Geheimnisse, wie alles -Große und Geistige, schlecht bewahrt und mit falschem Sinne erkannt, -verwahrloset und durch Mißbrauch bis zur Sünde herabgewürdigt werden -können, so ist es gut und nothwendig, wenn sie sich in dunkeln, -tiefsinnigen Schriften dem Verständniß der blöden Menge entziehn, wenn -eine beschlossene Gesellschaft edler Menschen sie als etwas Frommes und -Heiliges bewahrt. Es ist löblich und nothwendig, daß, da der Zutritt -nicht eigensinnig versagt werden kann, Prüfung und Läuterung voran geht, -und nur Auserwählte, die in verschiedenen untern Graden bewiesen haben, -daß sie der Erleuchtung fähig und würdig sind, zum Lichte vordringen -dürfen. So war es seit uralten Zeiten, und diese Ueberlieferung bewahrt -unser Bund, und dies ist es, was wir versprechen können. Darum werden -jene andern nüchternen Sekten der Brüderschaft, die alle nicht wissen, -was sie wollen, von selbst verschwinden und sich vernichten. - -Dieser Gesang, antwortete der geheime Rath, ist nicht neu, er läßt sich -von Zeit zu Zeit immer wieder vernehmen. Die wahre ächte Maurerei, die -ich für solche erkenne, ist aber diesem Glauben und dieser Absicht -völlig entgegen gesetzt. - -Und diese ächte Maurerei? fragte der Fremde. Anton trat hinzu und sagte: -Darf ich, als der einzige Ungeweihte hier, auch zugegen bleiben? -- Der -Vater erwiederte lächelnd: Ich werde nichts verrathen, was nicht Jeder -hören dürfte. -- Wie sich die Menschheit in Gesellschaft und Staat -gebildet hat, und diese nicht entbehren kann, so fühlte der -Einsichtsvollere doch auch zu allen Zeiten, daß mit diesem unendlichen -Gewinnst gegenüber ein Verlust verbunden sei, und seyn müsse, der wohl -eben so schmerzlich falle, als der Gewinn gegenüber erfreuen dürfe. Die -Gesetze ordnen und zerstören, die Religion erhebt und verfolgt, die -Moral veredelt und verdammt, und Alles in so großen Verhältnissen, so -durchgreifend und nach allen Seiten, daß es unmöglich scheint, die -Ausgleichung und Versöhnung dieser Wohlthaten und Uebel zu finden. -Religiöse, wie dichterische Sagen setzen diesen unerläßlichen Zwiespalt -schon vor alle Schöpfung hinaus; Mystiker suchen aus ihm die Entstehung -der Welt zu erklären. Der Inhalt unsrer Religion ist die Lehre der -Versöhnung, um durch ein neues Räthsel das ältere zu lösen. Schon die -alte Mythologie und Dichtung der Griechen wollte ebenfalls manche -Schuld, grause Verbrechen, die jedes Gesetz verdammt, zur Tugend, zur -Aufgabe eines Gottes machen, und Orest ist eine wundersame Frage an den -innern Geist, wie Timoleon in spätern Zeiten. Durch alle Adern des -Daseins dringt der Tod des nothwendigen Buchstaben, und jeder Edle, sei -er Fürst, Staatsmann, Krieger oder Handwerker und Bauer, findet in -seinem Leben tausendfältige Gelegenheit, hülfreich zu seyn, wo Staat, -Religion, Gesetz und Lehre nicht ausreichen, um zu vermitteln, wenn er -seinen Sinn frei genug erhalten hat, und so das Geistigste, das, was -unantastbar seyn sollte, und was doch immerdar verletzt werden muß, -still und behutsam zu schützen. Nur in den allerneuesten Zeiten war es -möglich, daß verschiedene Freigesinnte, edle Menschen darauf fielen, in -einen geheim öffentlichen Bund zusammenzutreten, um dieses Unsichtbare, -Unaussprechliche zu wirken, dieses ächte, große Geheimniß zu bewahren, -welches sich freilich niemals verrathen läßt, weil es ganz geistiger -Natur ist, das schon verschwindet, indem man es nur in bestimmte Worte -fassen will. - -Anton sagte lebhaft: Ja freilich, so angesehn, ist eine solche -Vereinigung verständiger Männer das Edelste, was man sich denken kann: -die ächte Aufklärung, um ein so oft gemißbrauchtes Wort einmal in seinem -wahren Sinne zu brauchen. - -Der Vater winkte ihm freundlich, und fuhr fort: Wenn Menschen, so -gestimmt, sich zusammenfanden, so durften sie hoffen, daß die -Vereinigung ihre Gesinnungen stärken, ihnen das Gute, was sie ausrichten -wollten, erleichtern würde. Der Unterschied der Sekten, der -Glaubensmeinungen und Stände hörte in dieser geistigen Gemeinschaft auf. -Sie konnten nicht darauf fallen, Etwas gegen den Staat zu unternehmen, -so sehr sie dessen Gebrechen fühlten, denn sie hätten sich ja dadurch -dem todten Buchstaben wieder hingegeben, dem sie entfliehen wollten. Es -genügte, klar zu sehn, fein zu fühlen, den Leidenschaften und -Vorurtheilen nicht zu huldigen. Um so mehr Patrioten, um so weniger -legten sie Hand an, Räder auszuheben, oder die Maschine anders -einzurichten. Es genügte, daß sie ohne That und Kampf das Gute wieder -vorbereiteten; der Fromme mußte frei genug seyn, um in und durch die -Gesellschaft seine Sekte nicht verbreiten zu wollen; noch weniger aber -konnte es dem Aufgeklärten beikommen, die Religion des Landes -untergraben zu wollen, nüchterne Freigeisterei zu befördern, oder -feindselige Gesinnungen zu verbreiten, er fühlte, daß Liebe, Milde, -Sanftmuth und Duldung genügten. Je frommer der Fromme war, so weniger -konnte er aber auch, als Mitglied solcher Gesellschaft, den Satzungen -eigensinniger Priester huldigen, oder eine geschichtliche Form der -Religion für etwas Anders als Form und Buchstaben halten. In dieser -ächten Loge meines Sinnes, wie konnte es in ihr mehr als einen Grad -geben? Was hätten die Eingeweihten denn noch finden und entdecken -sollen? Genügte irgend einem dieses hohe, unsichtbare und -unaussprechliche Geheimniß nicht, so stand er ja in dieser -Ungenügsamkeit wieder außen, und hatte Weihe und Erkenntniß verloren. - -Und wo, wo, rief Anton lebhaft aus, wo sind diese ächten, wahren Maurer -zu finden, daß auch ich mich ihnen mit allen meinen Kräften anschließe? - -Wo? antwortete der Vater; nirgend in aller weiten Welt sind sie zu -finden, nirgend und allenthalben; denn jeder wahre Mensch ist dieses -Salz der Erde, und ist ohne Gesellschaft, Eid und Verbindniß dieser -ächte Freimaurer. -- Als nun Christoph Wren in London die neue Loge -stiftete, oder nur neu belebte, ging von hier aus wohl eine Gesinnung, -oder eine ihr ähnliche aus, wie ich eben geschildert habe. Unter jenen -Freimaurern ist Ashmole der erste, der davon spricht, und wenn er die -Gesellschaft und Verbrüderung eine sehr alte nennt, so mögen -meinethalben die Baukorporationen schon längst ihre Constitutionen und -Symbole gehabt haben, doch war dieser erlaubte und edle Kosmopolitismus -in dieser Gestaltung den früheren Jahrhunderten unbekannt und unmöglich. - -Und wie selten, wie wenig mag er auch in England, wie in Deutschland, -zum Bewußtsein gekommen seyn, fiel der Obrist Dorneck ein. In meiner -Jugend schloß ich mich, aus einem unbestimmten Wissenstriebe, Menschen -an, die sich für erleuchtet ausgaben. Die Gesellschaft war aber damals -nicht so ausgebreitet, wie jetzt, noch war sie in so viele Sekten und -Constitutionen getheilt. Schon die Menge der Lehrlinge, die Kassen, die -der Aufzunehmenden bedürfen, die weltlichen Absichten, die sich mehr -oder minder eingeschlichen haben, machen jene Vereinigung, von der Sie, -theurer Sohn, sprechen, völlig unmöglich. Und es ist zu fürchten, wie es -denn auch schon begonnen hat, daß sich kluge Köpfe dieser Verbindungen -bemeistern werden, um völlig das Gegentheil aus ihnen zu machen, wozu -sie bestimmt waren. Bemächtigt sich erst ein solcher Schwindel der Zeit, -so steht wohl zu besorgen, daß ein viel schlimmerer Buchstabe mit -tödtender Kraft herrschen wird, als vormals in der äußern Welt, und -ihren Gesetzen, Gewöhnungen und Rechten. - -Wie gesagt, erwiederte der Rath, die Zeit erklärt und erzeugt Alles. -Manche Völker, vorzüglich Deutschland, waren nach dem Frieden von 1648 -in sich selbst matt zurück gesunken, bei uns war alles öffentliche Leben -dahin, das Interesse für den Staat völlig abgeschwächt. Hier in -Deutschland konnte sich allgemach der Gedanke erzeugen, statt des -öffentlichen Geistes einen unsichtbaren still wohlthätig walten zu -lassen. Vielleicht, daß hie und da, auf kurze Zeit, die ächte Maurerei, -nach meinem Sinne, ausgeübt wurde. Entstellungen zeigten sich früh, -Mißbräuche schlichen ein, und Alle ängstigten sich, geheim oder -eingestehend, daß sie kein sprechendes, faßliches Mysterium den -wißbegierigen Lehrlingen zu verrathen hatten, worin doch eben, daß sie -dessen ermangelten, ihr Wesen und ihr Stolz hätte bestehen müssen. - -Dieses Geheimniß, fiel der Obrist ein, hat mich schon in meiner Jugend -herumgejagt. Ich ließ mich früh aufnehmen, und unser Meister vom Stuhl -war denn auch ein Wunderthäter. Bald war die Stadt, es war im Anfange -des Krieges, nicht sicher genug. Ein Schloß im Gebirge, das einsam lag, -ward zu den Versammlungen der Geweihten auserlesen. Der geheimnißvolle -Meister setzte uns junge Leute immerdar in ängstliche Thätigkeit. Jetzt -kam diese geheime Botschaft, und nun jene, dieser große Monarch, dann -jener benachbarte Fürst waren dem Magus auf die Spur. Nachtwachen, -gerüstete Freunde, Waffen und Schwur sollten den seiner Weisheit wegen -Verfolgten beschützen. Eine berittene Garde umgab bei Tag und Nacht das -Castell, und streifte in der Gegend umher, um Kundschaft einzusammeln. -Je mehr wir uns ängstigten, je größer und erhabener erschien uns unser -Meister. Freilich waren auch einige prosaische Zweifler unter uns, und -diese folgten eben so unermüdet der Spur des Betruges, wie wir der der -Verfolgung, und ermittelten endlich mehr als wir. Unser hohe Magus war -am Ende nichts, als der gemeinste Betrüger, vom niedrigsten Stande, der -sich schon früh vieler verächtlichen Schelmereien schuldig gemacht -hatte, und nicht einmal Maurer war. Ein strenger, rechtlicher Mann nahm -sich nun unsrer an, und eine Zeitlang wollten und fühlten wir Alle etwas -Aehnliches, als Sie, Herr Sohn, uns vorher geschildert haben. - -Die Sage, fing der Rath wieder an, ward nun beliebt, daß die -Freimaurerei eine Fortsetzung und neue Belebung des alten Ordens der -Tempelherren sei, der so willkührlich und mit so vieler Grausamkeit -aufgehoben wurde. Wie ich schon aussprach, ich will über Dergleichen -nicht streiten. Mögen die Einsichtigen des Templerordens die Freimaurer -ihrer Zeit gewesen seyn, möglich, daß ihr Bund sich der fast -allmächtigen Hierarchie und dem weltlichen Despotismus widersetzte; daß -aber die neue Brüderschaft eine Fortsetzung des vertilgten Ordens, -unmittelbar von entflohenen Brüdern gestiftet, sei, wird man niemals -befriedigend nachweisen können. Andre können mit demselben Recht die -Wiklefiten zu Maurern machen. Wohin wir sehen, giebt es Verbindungen in -der Geschichte, die sich der herrschenden Kraft mit Glück oder Unglück, -mit Gewalt oder heimlich widersetzen. Oft ist die Weisheit und das -Bessere beim Widerspruch; oft aber wird dies auch früh vom Schlechten, -Frevelhaften vertilgt. Warum sollen, so verstanden, die ersten -Albigenser nicht ebenfalls Freimaurer gewesen seyn? Daß sie Rebellen -wurden, dazu zwang sie vielleicht die zu rasche Maßregel der Kirche und -die Grausamkeit der Priester. Ich kann Nichts dagegen haben, will man -den Orden in den uralten Culdeern auf den schottischen Inseln -wiedererkennen, die sich schon in den frühesten Jahrhunderten dem -anwachsenden Papstthum widersetzten, und eine reinere Lehre, ein -ursprünglich ächtes Christenthum zu besitzen glaubten. Warum will man -die Gnostiker ausschließen? Ja die jüdische Sekte der Essäer? Auch -hindert uns Nichts, die Pythagoräer dafür zu nehmen. Oder die besseren -der ägyptischen Priester: eben so Diejenigen, die die ächte Lehre der -Perser bewahrten. Man kann sich das früheste Judenthum, oder selbst das -religiöse Geheimniß der Patriarchen so denken. Wie aber Abrahams -Judenthum (wenn man es so nennen will) ein ganz andres war, als das der -Pharisäer zu Josephus Zeiten, oder als jene jüdischen Sekten, die die -Kabbala und alle wunderlichen sinnreichen Träume der Rabbinen annehmen -und aus diesen erst rückwärts die Propheten und Moses verstehn, so ist -auch jene willkührlich so genannte Freimaurerei von der neuesten noch -weit mehr unterschieden, und ihr völlig unähnlich. Denn so können wir -die Bundeslade, das verlorne Feuer, die wiedergefundenen Bücher, und was -wir nur wollen, willkührlich deuten, und es geschieht der Sache nicht zu -viel, wenn wir Noahs Arche zu einer Loge machen, und den Gründer der -Brüderschaft in Seth, oder selbst Abel suchen. Ist man mit Typen und -Vorbildern zufrieden, so ist es keine so gar schwere Kunst, aus Allem -Alles zu machen, und es sollte mich nicht großes Studium kosten, die -Brüderschaft, ihre Geschichte und Symbole aus der Comödie des Dante, -oder aus der wilden Prosa des Rabelais heraus zu deuteln. - -Scherzen Sie nicht, sagte der Gelehrte, es ist noch nicht aller Tage -Abend, und wir können nicht wissen, welche Aufgaben sich der Scharfsinn -und die Combinations-Gabe unserer Tage noch setzen werden. Es ist -sonderbar genug, daß die Säule Boaz noch niemals auf den -vielbesprochenen Baffomet ist gedeutet worden. - -Oder beide Säulen J und B, Jachin und Boaz, auf Jacob Böhme, der doch -gewiß bei den Parazelsisten und Adepten der Brüderschaft eine große -Rolle gespielt hat. - -Vielleicht, sagte Schmaling, da ich noch nicht durch viele Grade -gedrungen bin, erfahre ich künftig dies und noch mehr. Könnte aber ein -wissender Meister nicht neue Deutungen in die Symbole legen? - -Dergleichen, erwiederte der Rath, ist vielfach geschehen; und so sind -durch Erklärungen Geheimnisse, und aus diesen wieder neue Erklärungen -entstanden, um eine Sache zu verwirren, die nur in schlichter Einfalt -wohlthätig und segensreich seyn konnte. - -Wie kommt es nur, sagte Ferner, der Gelehrte, daß man noch niemals die -Schulen der Magie und Zauberei, oder Nekromantik, Nekromancie, wie die -Dichter des Mittelalters sie nennen, für Logen gehalten hat? Nach Toledo -in Spanien, als dem Centrum und der wahren Universität oder großen -Mutterloge, weisen alte Gedichte hin. Kunststücke, Zauberei, -Verwandlung, Beherrschung der bösen und guten Geister wurde dort -gelehrt. Auf dem Vatikan liegt ein Gedicht von den Heymonskindern und -dem Zauberer Malegys. Dieser lernt aus den Büchern eines andern Magus, -Balderus, die hohe Kunst, er besiegt nachher diesen und einen andern -berühmten Künstler Iwert; und so hätten wir denn vielleicht hier wieder -das I und B, was in der Maurerei eine so bedeutende Rolle spielt. - -Halten Sie ein, Professor! rief Anton aus, sonst machen Sie noch alle -unsre reisenden Taschenspieler zu Meistern vom Stuhl, oder unbekannten -Obern. - -Doch ohne allen Scherz gesprochen, erwiederte Ferner, ich wundre mich, -daß unter den vielen Maurern und Freunden der Maurerei, von denen doch -so viele Bücher gelesen und für die Sache geschrieben sind, noch keiner -sich die Mühe gegeben hat, ein höchst merkwürdiges Gedicht aus dem -Mittel-Alter zu studiren, das, wenn irgend eins, eine Geheimlehre -enthält, ein Christenthum, Mythe und Symbolik, die gewiß nicht mit den -herkömmlichen und angenommenen der katholischen Kirche übereinstimmen. -Dieses Gedicht heißt »die Pfleger des Graal,« und besteht aus zwei -Theilen, wovon der erste Parzifal, und der zweite Titurell genannt wird. -Dieser heilige Graal ist ein Geheimniß, das nur Eingeweihten zugänglich -und verständlich ist, eine Erfüllung aller Wünsche, eine Heiligung alles -Menschlichen und Irdischen, er giebt Gesundheit, Leben, Freude und -Glück. Durch Forschen, Fragen, wenn der Ritter zufällig in den Saal -tritt und aufgenommen wird, macht er sich des Mysteriums würdig, und der -junge Parzifal, weil er zu bescheiden ist, verscherzt in früher Jugend -auf lange durch sein Stillschweigen diesen Besitz. Die Heidenschaft und -der Calif der Muselmänner erscheinen nicht so feindlich und gehässig, -wie in den übrigen Gedichten des Zeitalters. Eine kirchliche christliche -Gemeinschaft der Frommen und Edlen, eine mystische Lehre wird -vorgetragen, die selten mit dem allgemein Gültigen jener herrschenden -Kirche überein zu stimmen scheint. Auch der Tempel und die Baukunst sind -mystisch behandelt und sind dem Werke höchst wichtig, wenn gleich die -heilige Masseney, die Tempelherren oder Tempeleise ganz in Art und Weise -der Ritterwelt dargestellt sind. Auch der Priester Johannes spielt eine -große Rolle, und Alles bezieht sich in verschiedenen Richtungen auf -Johannes den Evangelisten. Wie sehr der Täufer bei den Maurern gilt und -geehrt wird, ist bekannt, und, wenn sie wirklich älteren Ursprunges seyn -sollten, so ist wohl noch zu untersuchen, ob nicht ursprünglich der -Evangelist gemeint sei. Die Forschungen über dieses tiefsinnige Gedicht -des Mittelalters sind auch in anderer Hinsicht noch lange nicht -abgeschlossen, und der Maurer, der die Geschichte der Poesie kennt, -dürfte hier auf manche Entdeckung gerathen, die seinem gläubigen -Vorurtheil mehr und stärkere Waffen gäbe, als jener Sanct Albanus, der -die Bauleute in England zuerst beschützte, oder der Prinz Edwin, oder -die Culdeer, Wiklefiten, oder was man nur sonst in die Untersuchung -gezogen hat. - -Mir fällt eine Frage ein, sagte Anton: hat man noch nie den sinnigen -Shakspeare zum Maurer gemacht? Viele seiner Sprüche, z. B. »es giebt -viele Dinge im Himmel und auf Erden, von denen sich eure Schulweisheit -nichts träumen läßt« hat man oft genug gebraucht und gemißbraucht. Es -ist aber bekannt, daß der edle Philipp Sidney ein Freund und Beschützer -des berühmten und berüchtigten Jordanus Bruno war, den man nachher als -Ketzer in Italien verbrannte. Wie, wenn diese beiden Männer ächte Maurer -gewesen wären, und in jener merkwürdigen Zeit eine Loge gestiftet -hätten, in welcher unser Shakspeare später wäre aufgenommen worden? In -dem kleinen London und in einem kurzen Zeitraum von dreißig Jahren waren -so viele große und herrliche Männer, wie sich nur selten auf Erden so -enge zusammen drängen. - -Jetzt stand Huber, der Arzt, auf und sagte: ich habe bis jetzt -geschwiegen, weil ich nicht andern Meinungen voreilen wollte. Dieses -Geheimniß eines Nicht-Geheimnisses, wie es unser Freund Seebach -ausgeführt hat, will mir keinesweges gefallen. Es sei, daß die Maurerei -Nichts gegen Staat und Religion unternehmen soll, und daß wir deshalb -jene frühen englischen Logen tadeln mögen, von denen die Sage berichtet, -daß sie unter Cromwell bedeutend zur Wiedereinsetzung der Stuarts -mitgewirkt haben. Aber eben dadurch, daß der Maçon von Politik und -Kirche sich zurückhält, um nicht zu stören, ist ihm ein so größerer und -schönerer Wirkungskreis in der Natur eröffnet. Weisen wir die früheren -Sagen von Adepten ab, so ist eben jener Elias Ashmole, der einer der -frühesten authentischen Maurer der neuen Zeit ist, zugleich als ein -Freund der Astrologie und der Verwandlungskunst bekannt genug. -Beschäftigen sich also die Universitäten, um die Jugend nicht irre zu -führen, mit der Naturwissenschaft in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes, -so ist es um so erfreulicher, wenn ein Kreis erfahrner Männer, zum -Geheimniß durch Wort und That verbunden, jenen Geist aufsucht und -herbeiziehn will, jene Kraft, Wunder zu wirken, die wohl schon sonst -auserwählten Sterblichen beigewohnt hat, kurz, sich in dem zu üben und -zu vervollkommnen, was gemeinhin Magie genannt wird. Diese Wissenschaft, -die Natur aufzuschließen und sie zu verwandeln, ist des Strebens der -Edelsten nicht unwürdig. Es ist leichter, sie zu verlachen, als die -Meister dieser Kunst und die Anschauungen, die uns entgegen kommen, -abzuweisen und zu widerlegen; und namentlich die Kunst des Adepten, Gold -zu machen, den Stein der Weisen hervor zu bringen. Die nüchterne Welt -kennt nur einen Weg, indem sie die Erzählung von Flamel als Lüge -verschreit, was Paracelsus erzählt und ein Mann wie Helmont betheuert, -Mährchen nennt, den tiefsinnigsten der Philosophen, Jacob Böhme, nicht -anhört und versteht, und Alles, was in unsern Tagen ein erleuchteter -Saint Martin begeistert predigt, nur mit mitleidigem Achselzucken -beantwortet. Aber ist es denn nun schon unwidersprechlich dargethan, daß -uns Saint Germain belog und betrog? Die Kunst, Gold aus andern Metallen -zu machen, scheint so nahe zu liegen, da wir so viele Verwandlungen -hervor bringen können. Sie soll ja nur den Meister beurkunden, ihm -seinen Meisterbrief schreiben, als einen Beweis, daß er die Natur -bezwungen hat, und sie beherrscht. Die moralische Besserung und -Vergeistigung des Menschen ist die höhere Kunst des Adepten. Aber Wunder -zu glauben, in der Vorzeit, um Religionen und Heilige zu bekräftigen und -ihrem Wirken Glauben zu verschaffen, und anzunehmen, daß diese Kraft -erlöschen müsse, und in unsern Tagen und niemals wieder erweckt werden -könne und dürfe, heißt, um mich gelinde auszudrücken, auf das Mindeste -sehr inkonsequent glauben und lehren. Mein Freund Seebach kennt meine -Ueberzeugung, die ich hiemit wiederhole. -- - -Jetzt nahm Sangerheim, der Reisende, wieder das Wort: Wie die Kunst der -Verwandlung das eine Unterpfand des Maurers und Meisters ist, so ist die -Macht über die Geister die zweite Beglaubigung, daß er Bahn gewonnen, -und den Sieg im Laufe errungen hat. Diese Hoheit ist dem ächten Schüler -der Weisheit seit uralten Zeiten überkommen, von alten Meistern und -Obern, und jeder Lehrling, der sich in der Prüfung würdig erweiset, kann -dies Siegel der Vollendung erringen. Wenn die Rosenkreuzer diesem hohen -Berufe nachstreben, so ist es löblich, erringen sie ihn, dann ist ihre -Kunst und ihr Weg der wahre. Er ist aber nicht der meinige. Doch werde -ich den würdigsten Brüdern, die schon erfahren sind, gern, wenn sie -Glauben und Vertrauen haben, die Weihe nach Graden der Prüfung zukommen -lassen. Doch bin ich hierin ganz der entgegengesetzten Ueberzeugung des -Herrn von Seebach. Ein einziger Grad ist keiner; was diese Freimaurerei -will und soll, kann Jeder am besten isolirt und ohne alle Verbindung -erlangen. - -Schmaling sah begeistert aus und drängte sich an den Fremden, auch der -Arzt Huber gab ihm die Hand. Auf der Seite des Rathes blieben der -Obrist, der Gelehrte und Anton. So war in dieser kleinen Gesellschaft -ein Gegensatz von Meinungen, die sich auf keine Weise vermitteln ließen. - -Man trennte sich, und beim Abschiednehmen bat der geheime Rath den -Fremden, der so große Dinge ankündigte, noch etwas zu verweilen. Er trug -ihm seine Verlegenheit vor in Ansehung des verlornen Dokumentes und -schloß dann: Getrauen Sie sich wohl, durch Ihre übernatürliche -Wissenschaft, deren Sie sich rühmen, mir diesen Bogen, an dem mir so -viel gelegen ist, wieder zu verschaffen? - -Sangerheim, der bisher in der Gesellschaft bescheiden in Wort und -Haltung gewesen war, richtete sich jetzt stolz auf und sah den Rath mit -einem kühnen Blick von oben herab mit seinen feurigen Augen an und -sagte: Ist dies nur eine leere Erfindung, um mich zu prüfen, so dürfte -es schlimm für Sie ausgehn, wenn ich jene Kräfte für diese Unwahrheit in -Thätigkeit setzte; ist es Wahrheit, was Sie mir sagten, so verspreche -ich Ihnen meine Hülfe. - -Seebach erzählte ihm umständlicher die Sache, den Inhalt des Dokumentes, -wie lange er es besessen, und daß es jetzt zur günstigen Entscheidung -des Prozesses unentbehrlich sei. Ich glaube Ihnen, sagte Sangerheim, und -spreche Sie morgen Nachmittag in der vierten Stunde. - - * * * * * - -Am folgenden Abend war der Rath im Kreise seiner Familie, kein Fremder -war zugegen, auch Schmaling fehlte. Es war sichtbar, daß er nachdenkend -war und an den Gesprächen der Uebrigen nur wenigen Antheil nahm. Der -Obrist sagte endlich, als er in die Fröhlichkeit der Uebrigen nicht -einstimmte: Was ist Ihnen, Lieber? Wir fangen uns an zu ängstigen; -theilen Sie uns Ihren Kummer oder Ihre Leiden mit. - -Es ist nichts dergleichen, erwiederte der Vater, ich sinne nur darüber -nach, wie man so nach und nach alt wird, und doch niemals ausgelernt -hat. Ich glaubte über Alles, was man Wunderglauben nennt, hinaus zu -seyn, und war selbst in meiner Jugend dieser Schwachheit nicht -ausgesetzt: und nun berührt mich Etwas so stark, daß ich mich vor mir -selber fürchte, wenn der Ausgang sich so ergeben sollte, wie er mir ist -versprochen worden. - -Die Mutter und Tochter sahen sich mit bedeutenden Blicken an, Anton war -gespannt und der Obrist sagte: Nun, Werthester, was ist Ihnen -versprochen? Dürfen Sie es uns mittheilen? - -Es ist mir nicht verboten worden, erwiederte der Vater. Gestern, als wir -uns trennten, erzählte ich dem Fremden von dem verlornen Dokument. Er -schien erst unwillig, weil er die Sache für Erfindung hielt, ihn auf die -Probe zu stellen. Wie er meinen Ernst sah, versprach er mir heut -Nachmittag Antwort zu geben. Er erschien, und seine erste Frage war, ob -ich nicht in der Stadt noch ein andres Haus besäße. Ich bejahte, wir -gingen hin und er betrachtete die Zimmer und den Saal, welche leer -stehen, da ich immer noch unentschlossen bin, ob wir hinüber ziehn. Er -ließ sich ein drittes Zimmer aufschließen, eilte hinein, und indessen -ich noch draußen verweilte, und die Gemälde betrachtete, hörte ich -drinnen Geräusch, wie von verschiedenen Menschen, auch Stimmen durch -einander. Ich eilte durch die offenstehende Thüre, und fand meinen -Fremden allein in der Mitte des Zimmers, tief sinnend. Er bemerkte mich -erst nicht, dann sagte er: Gehn wir morgen in der Mittagsstunde, -zwischen Zwölf und Eins, wieder hieher, und ich hoffe Ihnen etwas -Bestimmteres sagen zu können. Wir verließen das Haus, und ich fragte -ihn, ob er es erlaube, daß uns noch Jemand begleite. Sehr gern, -erwiederte er, nur bitte ich, dem jungen Herrn Schmaling vorerst nicht -die Sache mitzutheilen, oder ihn zum Begleiter zu wählen, er ist zu -heftig, er schwärmt und würde mich stören; vielleicht geht Ihr -zweifelnder Sohn mit uns. -- Seht, Freunde, das ist mir heut begegnet, -und Ihr müßt gestehn, daß, wenn dieser Mensch ein Betrüger ist, er einen -neuen und originellen Weg erwählt. - -Aber wie ein Betrüger? sagte der Obrist: wenn er Ihnen wohl morgen schon -das Dokument schafft, oder Ihnen eine bestimmte Antwort giebt. - -Das wird er eben nicht thun, antwortete der Rath, er wird morgen mit -einer neuen Zweideutigkeit mich abfertigen, mich wieder auf einen andern -Tag vertrösten, und, wenn er meine Leichtgläubigkeit, oder meinen -Charakter bei dieser Spannung beobachtet und kennen gelernt hat, mich -mit diesen oder jenen Mährchen abspeisen, von denen er glaubt, daß sie -mir zusagen. Alles das sage ich mir und wiederhole es mir, und doch kann -ich es mir nicht leugnen, daß ich ungeduldig die Stunde des Wiedersehens -erwarte, daß ich mir jenes seltsame, unbegreifliche Geräusch in der -Erinnerung wiederhole, und darüber sinne. Es war, wie von vielen -Menschen, wie Zank und Streit, ja Thätlichkeit, verschiedene Stimmen -antworteten sich heftig, so daß ich erstaunt die halb angelehnte Thür -öffne, in der sonderbaren Erwartung, viele fremde, heftige Menschen in -Gezänk in meinem verschlossenen Zimmer zu finden, und ihn doch nur -allein still in der Mitte des Raumes stehen fand. Es war Tag, nicht -Mitternacht, keine Vorbereitung war vorangegangen, ich kenne das Haus -und er nicht, -- wie soll man darüber denken? - -Lassen wir es, sagte Anton, bis morgen; die Stunde ist nicht so gar -entfernt, und erlauben Sie mir, Sie zu begleiten. - -Keine Kreise gezogen? fiel der Obrist ein: kein Zauber-Apparat? keine -Citation? Sonderbar genug. Jenes habe ich auch einmal in meinem Leben -gesehn und mitgemacht, und es wies sich nachher als Betrügerei aus, aber -man hatte uns, die wir zugelassen wurden, durch Geheimniß, Rauchwerk, -Gebet, Fasten und Kasteiung so exaltirt und betäubt, daß unsere -Imagination dem Magus schon auf drei Viertheil seines Weges entgegen -ging. - -Als die Mutter in der Nacht mit der Tochter bei einer häuslichen Arbeit -verweilte, sagte sie: Ich kann Dir nicht beschreiben, wie widerwärtig -mir diese Geschichte ist, die sich da anspinnt. Wir waren einige Jahre -so ruhig, und nun wird Dein Vater wieder in solche Verwicklungen und -Gedanken hinein gezogen, die ich auf immer für abgethan hielt. Er meint, -er hat Alles überwunden, und läßt sich immer wieder von Neuem anlocken. -Was ist es nur im Menschen, das der Vernunft zum Trotz, auf die sich die -Meisten doch so viel einbilden, immer Herz und Phantasie in das Seltsame -und Unbegreifliche hinüberzieht. Ich habe noch keinen Menschen gekannt, -der nicht abergläubig gewesen wäre. - -Möchten sie es doch, antwortete Clara, denn ich bin es auch; und wie -kann man sich gewissen Wahrnehmungen oder Eindrücken mancher Träume, den -Vorahndungen und dergleichen entziehn; wenn sie nur nicht mit ihrer -scheinbaren Philosophie so bedeutende Schlüsse aus Kindereien zögen, und -so schwerfällige Systeme darauf erbauten. So Vieles im Leben hat nur -dadurch einen Sinn, daß es eben mit nichts Anderm zusammenhängt, daß es -Nichts bedeutet. Sie wären aber im Stande, in einem Seufzer oder Kuß das -ganze Universum zu lesen, und die Ewigkeit der Höllenstrafen daraus zu -beweisen. Nun, meinen Schmaling werden mir die Geisterseher schön -zurichten. Wären die Menschen doch nur damit zufrieden, ihren eignen -Geist kennen zu lernen. Weil es aber da eben hapert, so sind sie -freilich gezwungen, so viele fremde herbei zu zitiren, um den eignen zu -verstärken. - -Am Morgen waren Alle beim Frühstück sehr einsylbig. Selbst Anton konnte -sich nicht verbergen, daß er in einer Spannung sei, die seinem Wesen -sonst ganz fremd war. Gegen zwölf Uhr erschien Sangerheim. Unterwegs -sagte er: Ich bitte Sie, von dem, was Sie vielleicht sehn werden, nicht -zu laut und gegen Jedermann zu sprechen. Was geht die Menge und das -unwissende Volk unser Wesen an? - -Das große Haus des Rathes lag in der Vorstadt. Es stand leer, weil die -Familie Willens war, hieher zu ziehn. Dies hatte freilich sein -Beschwerliches, wenn Seebach sein Amt nicht aufgab. So war es geschehn, -daß man es in dieser schwankenden Unentschlossenheit seit Jahren nur -selten besucht hatte. Der Rath öffnete und verschloß hinter sich die -Thüren wieder. Im Saale angelangt, ging Sangerheim wieder in jenes -Zimmer, in welchem er gestern schon gewesen war. Er ließ die Thüre -hinter sich halb offen, Anton und der Vater blieben im Saal. Plötzlich -hörten beide ein verwirrtes Getöse, wie Schlagen an den Tapeten und -Degenklirren, dann Gespräch, Gezänk, Hin- und Widerreden verschiedener -Stimmen; auf verschiedene Fragen, die der Magus that, hörte man ein -bestimmtes: Nein! nein! Es geschieht nicht! näher und ferner ertönen. -Endlich erfolgte ein Knall, wie von einer Pistole; Beide stürzten in das -Zimmer und der Magus stand in der Mitte, in heftiger Bewegung und -erhitzt. Er faßte die Hand der Eintretenden und sagte: Nur bis heut -Abend lassen Sie mir Zeit und ich sage Ihnen Gewißheit. Noch -widerspricht man mir, man will nicht nachgeben, aber es wird sich -ändern, wenn ich in meiner Wohnung noch eine Operation vorgenommen habe. -Sie trennten sich und Anton wie der Rath kamen nachdenklich zu ihrer -Familie zurück, die sie mit Aengstlichkeit erwartete. - -Anton sagte: Der Mann ist ein recht künstlicher Taschenspieler, der -einige neue Stücke gelernt hat, die die Uebrigen noch nicht wissen. Man -schwört darauf, daß man verschiedene Menschen oder Geister vernimmt, man -hört ein Rauschen und Schwirren, Rasseln und Prasseln, wie ein -Handgemenge, endlich sogar einen bestimmten Pistolenschuß, aber es ist -kein Dampf oder Geruch vom Pulver zu spüren. Das Unkluge bei dieser -Geschicklichkeit scheint mir nur darin zu bestehn, daß er sich immer so -kurze Termine setzt, so daß sich seine Vertröstungen schnell wiederholen -und bald ermüden müssen. Mit den beiden Kunststücken von heut und -gestern hätte er uns wenigstens einige Wochen hinhalten können. - -Es kann nicht so seyn, wie Du es Dir denkst, sagte der Vater. Er muß auf -Etwas fußen, das ihn so sicher macht. Wäre die Sache, wie Du sie -schilderst, so müßte er übermorgen oder in einigen Tagen beschämt -abziehn, denn ich habe mich wohl gehütet, irgend großes Erstaunen oder -entgegenkommende Leichtgläubigkeit merken zu lassen. Gab er sich doch -auch nicht einmal die Mühe, uns auszufragen, so beschäftigt war er mit -sich selber. Ihm selbst ist es Ernst, und seine Aufmerksamkeit ist ganz -auf die Sache, nicht auf uns hingerichtet. - -Du bist schon bekehrt und gläubig, sagte die Mutter. - -Unmöglich, Liebe, antwortete der Rath, denn ich glaube noch gar Nichts, -auch giebt es noch Nichts zu glauben, sondern ich bin nur erstaunt, und -kann in dieser verwirrenden Verwunderung meine Seelenkräfte noch gar -nicht wiederfinden. - -Das ist vielleicht, bemerkte Clara, die beste Stimmung, um Wunder zu -glauben. - -Kinder, sagte der Vater mit einiger Empfindlichkeit, tragt ihr nicht -auch dazu bei, meine Unruhe zu vermehren. Mein ganzes Leben hindurch -habe ich gegen den Aberglauben gekämpft, und es soll der Thorheit -wenigstens mich zu besiegen nicht so leicht werden, als ihr es für -möglich zu halten scheint. Gelingt es dem vorgeblichen Magus, uns diese -große Summe zu retten, so sind wir ihm ohne Zweifel Dank schuldig: kann -er es nicht möglich machen, was er, fast mit sicherm Versprechen, -unternahm, so will ich denn auch nicht weiter grübeln, wie er die -sonderbaren Stimmen und das seltsame Geräusch hervorbrachte. - -Alle waren scheinbar beruhigt, als der Rath, indem sich eben jeder in -sein Schlafzimmer begeben wollte, folgenden Brief noch in dieser -nächtlichen Stunde erhielt, der der ganzen Familie Ermüdung und Ruhe -nahm: - -Da es nicht bloß eine Aufgabe fürwitziger Neugier war, was meine Kräfte -und Kenntnisse in Anspruch genommen hat, da die Wohlfahrt einer -hochachtungswürdigen Familie gewissermaßen an die Erfüllung meines etwas -voreiligen Versprechens geknüpft ist, so hat der Widerspruch und -Starrsinn Derer nachgelassen, von denen Sie heut, wenn Jene auch nicht -sichtbar wurden, einige Kunde empfingen. Nicht unmittelbar, aber nach -einigen kleineren Zimmern, die verschlossen blieben, muß sich in jenem -Hause, zu dem Sie mich heut führten, noch ein Kabinet befinden, dessen -Fenster auf den Garten gehn. In diesem Kabinete ist ein Wandschrank, dem -Auge nicht sichtbar, der sich durch den Druck einer Feder öffnet. Nimmt -man hier einen gewöhnlichen Kasten heraus, so zeigt sich unten ein -Schieber, unter welchem sich dieses Papier, nebst einigen andern -Schriften, wohl finden wird. - -Bei den letzten Worten, indem der Rath den Brief laut vorlas, schlug er -sich mit der flachen Hand heftig vor den Kopf, ward glühend roth und -plötzlich wieder todtenbleich, und rief mit lauter Stimme: O ich -Dummkopf! Und daß ich es vergessen konnte! Und daß mir ein ganz fremder -Mensch, von dem ich niemals in meinem Leben Etwas gehört habe, mir so -auf meine Erinnerungen helfen muß. - -Die Frauen, so wie Anton und der Obrist, waren um so mehr erstaunt und -erschrocken, da sie niemals, obgleich sie das Kabinet kannten, von -diesem heimlichen Wandschrank Etwas erfahren hatten. Vergebt mir dies -Verschweigen, sagte der Vater, es ist mir eigen und eine Gewohnheit, die -ich von Jugend auf hatte, auch vor meinen Nächsten und Vertrautesten -noch Etwas geheim zu halten. So habe ich mir in jenem Hause diesen -Versteck, um den kein Mensch wußte, angelegt. Er ist so künstlich -gemacht, daß, wenn man die Sache nicht weiß, ich auch das schärfste Auge -auffordern will, die Feder nur zu entdecken, die die Wand eröffnet und -verschließt. Vor vier Jahren, wißt ihr, wohnten wir Alle drüben, weil -dies Haus hier ausgebaut und anders eingerichtet wurde. Indem wir wieder -herüber zogen, fiel jene Reise vor, die ich eiligst in Angelegenheit -meines Fürsten machen mußte. Ich arbeitete die ganze Nacht, ohne fast -Nahrung zu mir zu nehmen. Auch meine eigenen Sachen ordnete ich, und -jenes Dokument war mir wichtig genug. Ich nahm es, so war ich fest -überzeugt, mit mir hier herüber, verschloß es in das geheime Schubfach -meines Schreibepultes, reisete ab, und kam erst nach drei verdrüßlichen, -arbeitsreichen Monaten zurück. Ich fand, so glaubte ich, alle meine -wichtigen Papiere in Ordnung, und, sei es die Reise, mag es von den -Kränkungen herrühren, die ich erlitten hatte, ihr wißt, daß ich in ein -tödtliches Nervenfieber verfiel, von dem ich nur schwer und langsam -wieder genas. In dieser schlimmen Zeit hatte ich mein Gedächtniß ganz -verloren. Als ich wieder zum Leben erwachte, war es mir die bestimmteste -Ueberzeugung, daß ich das Dokument hier aufgehoben, und seit meiner -Rückkehr schon mehr wie einmal gesehn hatte. Darum wurde ich eben ganz -verwirrt, als es nun, nach Jahren, die wichtige Sache entscheiden -sollte, und sich nirgend antreffen ließ. -- Doch laßt schnell anspannen, -so spät es ist, ich will noch in der Nacht jenen Wandschrank -untersuchen. - -Es wurde dem Kutscher eiligst der Befehl gegeben. -- Wie kam es nur, -fragte der Obrist, daß Sie, auch nur aus müßiger Neugier, jene Stelle -drüben im Hause nicht untersuchten, und so zufällig das Papier fanden? - -Sie wissen ja, antwortete der Rath, wie der Mensch ist. Hier diesen -Schrank, die Zimmer des Hauses hier kehrte ich mehr als einmal um, ich -suchte mit Heftigkeit an allen unmöglichen Orten, war aber so fest und -unwidersprechlich überzeugt, daß ich das Heft von dort nach der Stadt -genommen hatte, daß ich mich selbst über die Frage als wahnsinnig -verlacht haben würde, ob der Schrank es noch bewahren könne. Und -außerdem -- -- der Rath zögerte, und als der Obrist in ihn drang, fuhr -er fort: Lieber Vater, jene Wand enthält außerdem alle Beweise und -Erinnerungen meiner jugendlichen Schwärmereien und Thorheiten, viele -Arbeiten, die ich als Schüler dieses und jenes geheimen Ordens entwarf, -Abschriften aus seltenen Büchern, kabbalistische Rechnungen, Recepte zur -Tinktur, und was weiß ich Alles. Eins jener tollen Blätter hatte sich -zufällig hieher verirrt, das ich jetzt an eine andre Behörde geschickt -habe, wo man es vielleicht mehr achten wird, als hier geschah. Diesen -Wust habe ich seit Jahren nicht angesehn, weil mir davor graut. Denn, -gestehe ich's doch, ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, daß ich -nicht hie und da lesen und wieder lesen sollte, wenn ich mich einmal der -Truhe nähere. Und bezwingt mich auch das Material des verwirrenden -Inhalts nicht, so ängstige ich mich doch mit Recht, mich wieder in alle -jene Stimmungen und Zustände zu versetzen, in welchen ich jenes Zeug -zusammengeschrieben habe. - -Der Wagen fuhr vor, und der Rath, Anton und der Obrist stiegen ein. Als -sie allein waren, warf sich Clara der Mutter, heftig weinend, an die -Brust. Wie ist Dir, mein Kind? fragte die Mutter. Ach, Liebste! -erwiederte Clara, Sie werden mich vielleicht schelten, daß ich bei -diesen Sonderbarkeiten, bei diesen Dingen, die uns Alle so gewaltsam -aufregen, etwas recht Albernes sage. Ich kann Alles das nicht leiden. -Sie sehn, wie gemein es klingt, aber ich kann keinen andern Ausdruck -finden, mag ich auch suchen, wie ich will. Wenn das Alles ist (und es -ist ja vor unsern Augen da, wir können es nicht mehr ableugnen), so ist -mir das Leben selbst widerwärtig. Mir entgeht alle Sicherheit, alle Lust -zu denken und zu handeln, denn meine Freude war es eben, daß Alles so -unbewußt sich bewegt und genießt, daß jedes Gefühl, jeder Gedanke um -sein selbst willen da ist. Nun soll Alles Zusammenhang haben, sich -geistig auf einander beziehn. Es ist mir unerträglich, so mit -Gespenstern in innige Verbindung zu treten. Gespenst! Ist denn so was -nicht der ächte Gegensatz, der völligste Widerspruch mit Geist? Sehn -Sie, Liebste, das Alles handthiert nun so gewaltsam in meinem Innern, -daß ich lieber gleich im Fieber selbst phantasiren möchte, als von -diesen Sachen hören: und nun gar sie erleben müssen! - -Tröste Dich, beruhige Dich, mein Kind, sagte die sorgende Mutter, Du -sprichst schon, wie im Fieber. Ich glaube Dich zu verstehn, und doch -scheinen mir Deine Ausdrücke zu herbe. Alles, was Du so schmähst, macht -ja für viele verständige Männer den Reiz des Lebens aus. Wie Vieles -würde mancher der Besten darum geben, wenn er sich durch dergleichen -Wunder überzeugen könnte, die uns geboten worden, und die wir so wenig -suchten, daß man sie uns aufdrängen muß. - -Das ist es eben, sagte Clara: ich kann mir keine Vorstellung davon -machen, wie steppendürre, wie öde es im Geist und Herzen solcher -Menschen aussehen muß, die sich dergleichen wünschen, die ihm nachjagen -können. Ein heitrer Blick aus dem lieben, unschuldigen Auge des Kindes, -seine Kartenhäuserchen, die es mühsam erbaut und lachend wieder umwirft, -jedes Geschäft des Hauses, Backen und Nähen und Stricken, der -Handlanger, der mit dem Schweiß seiner Arbeit seine Familie ernährt, o -nennen Sie, was Sie wollen, auch das Allergeringste, es ist ja -ehrwürdiger und edler, als es diese Raritäten sind, die sich so vornehm -anstellen. Möchten doch lieber diese zwanzigtausend Thaler verloren -gegangen seyn, als daß sie wiederkommen, und uns dieses Irrsal mit in -das Haus schleppen. - -Ich kann Dir nicht ganz Recht geben, Tochter, sagte die Mutter: mir -graut auch vor der Sache, aber dankbar müssen wir dem Manne doch seyn, -wenn wir durch ihn um so viel reicher werden. - -Nein! rief Clara, wenn ich es nur hindern könnte. Ich habe immer über -unsern Consistorialrath gelacht, zu dessen Christenthum der Teufel -eigentlich die nothwendigste und unentbehrlichste Person ist, aber jetzt -bin ich der Meinung des heftigen frommen Priesters. Nur der Satan bringt -diese Künste hervor, und Jeder, der sich damit einläßt, ergiebt sich -ihm. Die Langeweile plagt natürlich den alten verdammten bösen Geist, -und da weiß er sich nun keinen bessern Zeitvertreib, als die Menschen -durch allerhand Blendwerk dumm und konfus zu machen. Es wird schon so -seyn. Diese fatalen Beschwörer glauben ihn zu beherrschen, er spielt mit -ihnen, wie die Katze mit der Maus, und nachher sehen sie denn mit -Entsetzen, daß sie immerdar in seinen Stricken und seine leibeignen -Knechte waren. -- Ach! und mein Schmaling! der ist nun auch so ein -kleiner goldner Fisch, den sich die Unbarmherzigen mit ihren eisernen -Haken herauf angeln und über sein Bluten nur lachen. Welch hartes, -sonderbares Schicksal, daß mich eine Leidenschaft zu einem Manne -ergriffen hat, den ich eigentlich nicht ganz achten kann. Ich liebe ihn -und gebe ihm mein ganzes Herz, ich fühle es, ich kann ohne ihn nicht -seyn und leben, -- und doch widerstrebt mir so Vieles in seinem Wesen: -Sie werden sehn, dieser Blutsauger, der Sangerheim, macht mir mein -Liebchen, meinen Auserwählten noch ganz verrückt. -- Ich muß wider -Willen lachen. Vergeben Sie mir, Mutter. - -Sie lachte laut, um nachher um so heftiger zu weinen. Die Mutter, die -zwar die sonderbare Gemüthsart ihrer Tochter kannte, wurde doch besorgt, -daß sie krank werden möchte, und wollte sie bereden, sich nieder zu -legen: Clara wollte aber durchaus die Rückkunft des Vaters erwarten, und -erfahren, wie das seltsame Abentheuer geendigt habe. -- - -Man war in der Vorstadt abgestiegen, um mit einer Laterne in das finstre -Haus zu gehn. Die Stimmung der drei Männer war feierlich und der -Geheimerath Seebach zitterte, indem er die breiten und widerhallenden -Stufen hinauf stieg. Im Saale standen sie still, ruhten und zündeten -einige Kerzen an. Sie eröffneten die übrigen Zimmer, gingen hindurch und -gelangten endlich vor jenes Kabinet. Ehe der Rath aufschloß, sagte er zu -seinen Begleitern: Ich muß Euch bitten, Theure, wenn ich den Wandschrank -eröffnet habe, und nach jenen Blättern suche, daß Ihr mich ganz allein -gewähren lasset, weil ich nicht wünsche, daß Sie, lieber Vater, und noch -weniger mein Sohn, Etwas in jenen Skripturen lesen mögen, die so Vieles -enthalten, das ich jetzt selbst ganz vergessen habe. Der Rath schloß -auf. In dem kleinen Zimmer, das, wie alle übrigen, lange nicht geöffnet -war, war ein seltsamer Dunst. Der beklemmte Rath öffnete das Fenster, -ein frischer Luftstrom zog herein, und man vernahm das Flüstern der -Linde und das Rauschen des Holunderbaumes, die dicht vor dem Fenster -standen. Ist es Euch so seltsam, wie mir, zu Muthe? fing der Rath wieder -an. Mir dünkt, es kommt mir jetzt schon viel weniger darauf an, diesen -bedeutenden Theil meines Vermögens zu retten, als nur die Wahrhaftigkeit -jenes wunderbaren Mannes bestätigt zu finden: ob ich gleich von ihr -schon überzeugt bin. - -Er drückte an die ganz glatte Wand und sie eröffnete sich. Oben in der -Mauer standen einige Geräthe und Gefäße, die auch eine magische -Bedeutung haben mochten. Seebach bückte sich und holte einen schweren -Kasten aus dem Behältniß, der Briefe, Bücher, Maurer-Symbole und -dergleichen enthielt. Er ließ, indem er in den Verschlag trat, den Sohn -hinein leuchten. Man sah Nichts, und nur der Vater konnte den -künstlichen Schieber finden, der zurückgedrängt wieder eine andere -geräumige Oeffnung entdeckte. Gleich oben lag das vermißte Dokument und -ein großer Zettel daneben, auf welchem mit großen Buchstaben stand: Das -Dokument über die zwanzigtausend Thaler findet sich in meinem geheimen -Wandschrank, unten, im Hause der Vorstadt. -- Es war auch hinzugefügt: -Sollte ich auf der Reise sterben, so suche man -- und hier war genau für -den Fremden beschrieben, wo man die Feder und den Schieber entdecken -könne. - -Seht, Freunde, rief der Rath, dieses Blatt wollte ich aus Vorsorge in -mein Schreibpult legen, um das Dokument ja nicht zu vergessen. Aber die -eilige Arbeit, die Wichtigkeit der Geschäfte, die nahe Abreise machten, -daß das Vergessen den Sieg, wie es so oft geschieht, über die Vorsicht -davon trug. Für meine Familie, im Fall ich von der Reise nicht -zurückkommen sollte, war noch diese genaue Bezeichnung hinzugefügt. - -Er übergab das Dokument seinem Sohne, der es sorgfältig in die -Brieftasche legte. Hierauf bückte sich der Vater wieder und nahm alle -übrigen Papiere aus jenem tiefen Raume, die in mehreren verschlossenen -Mappen und sorgfältig zugeschnürten großen Heften enthalten waren. -- -Was machen Sie da? fragte der Obrist. -- Da das Geheimniß des Schrankes, -sagte der Rath, jetzt ein öffentliches ist, so will ich alle diese -Papiere mit mir nehmen, um sie in meinem Stadthause sicher zu verwahren. --- Er trug sie selbst mit Anstrengung die Treppen hinunter und in den -Wagen, und wollte sich weder vom Obristen, noch seinem Sohne helfen -lassen. - -Als sie wieder im Wagen saßen, fing der Rath an: Was soll man nun, meine -Lieben, von dieser ganzen Sache denken? -- Denken? erwiederte der Sohn, -fürs Erste wohl gar Nichts, denn wir haben noch lange an unserm -Erstaunen zu genießen. Dann wollen wir uns des Geldes und des gewonnenen -Prozesses freuen, und Clara vorzüglich mag dem Magus danken, weil ohne -ihn ihre Aussteuer wäre verkürzt worden. Mit dem Zauberer müssen wir -auch Freundschaft halten, der unserm Hause geholfen hat. Mit allen -diesen Dingen können wir uns eine Weile die Zeit so leidlich vertreiben, -denn es scheint mir gefährlich und bedenklich, zu früh über diese Sache -denken zu wollen. Haben wir doch genug daran zu thun, sie zu glauben. -Und ableugnen läßt sie sich nun einmal nicht. - -Ich begreife Deinen Leichtsinn nicht, erwiederte der Vater. Kannte -dieser Sangerheim mich und meine Familie? und wenn dies war, konnte er -von diesem Papiere wissen? und wenn er davon erfahren hätte, konnte er -diesen geheimen Schrank entdecken? Setzen wir auch den noch -wunderbarsten und seltensten Zufall, er habe nach mehr als zwanzig -Jahren den Tischler gefunden, der ihm diesen Schlupfwinkel verrathen -hätte: wie viel Unerklärliches bleibt noch zu erklären? Und wie viel -Unnatürliches, Unmögliches muß man schon gewaltthätig zusammen raffen, -um nur das Leugnen des Wunderbaren und Unbegreiflichen bis zu dieser -Spitze zu treiben? - -Darum eben, mein lieber Vater, antwortete Anton, ist diese Entfernung -von allem Grübeln, sich aller Gedanken zu entschlagen, was Sie, um mir -einen Vorwurf zu machen, Leichtsinn nennen, hier recht an der Stelle. -Helfen wir uns doch mit nichts Besserm, als diesem Leichtsinn, der aber -auch edler Natur seyn kann, bei den allerwichtigsten, heiligsten und -höchsten Dingen, wenn wir uns nicht geradehin der Verzweiflung oder dem -Wahnsinn ergeben wollen. Wenn unsre Gedanken vor dem Bilde der Ewigkeit -scheu umkehren, oder an der Gottheit und Allmacht des Schöpfers ermatten -müssen: -- was können wir anders thun, als uns in diesen Leichtsinn -retten, der uns so kindlich, so tröstend entgegen kommt? Mag es nicht -eben so Pflicht und Weisheit seyn, zu Zeiten gewissen Gedanken -auszuweichen, wie es ein andermal unerläßlich ist, sie aufzusuchen, und -bis in das Innerste hinein zu ergründen? Nicht jeder Stunde geziemt -Alles. - -Weisheit! sagte der Alte unwillig; wenn die Unerfahrenheit sie lehren -will! -- Sie waren angelangt und stiegen zum Wohnzimmer hinauf, in -welchem Clara und die Mutter sie erwarteten. Man sprach, erzählte noch, -und der Vater sorgte vorzüglich, seine Skripturen in Sicherheit zu -bringen. -- Der frühe Morgen überraschte sie noch im Gespräch, sie -legten sich nieder, um noch einige Stunden zu schlafen, aber Keinem von -Allen ward mehr als ein unruhiger Schlummer zu Theil, der sie nicht -erquickte. - - * * * * * - -Diese Begebenheit, obgleich sich Alle vorgenommen hatten, nur zu den -Vertrautesten von ihr zu sprechen, war bald in der Stadt bekannt, und -machte großes Aufsehn. Und, wie es zu geschehen pflegt, erzählte man -sich den seltsamen Vorfall bald mit den wunderlichsten Zusätzen, indem -Jeder glaubte, am Besten von dem Wunder unterrichtet zu seyn. -Sangerheim, der dieses gerade hatte vermeiden wollen, war hiedurch sehr -verstimmt, und wurde es noch mehr, als er erfuhr, daß der regierende -Fürst selbst sich von seinem Rathe Seebach die denkwürdige Sache hatte -vortragen lassen. So kam es denn, daß Sangerheim nicht nur zu allen -Versammlungen und Gesellschaften sehr gesucht wurde, sondern daß auch am -Hofe Nachfrage nach ihm geschah. Alles dies schien ihm sehr -gleichgültig, denn er bekannte selbst, nur einen Zweck im Auge zu haben, -nehmlich die gewöhnliche Freimaurerei verächtlich zu machen und zu -stürzen, zu welcher sich in dieser Provinz die angesehensten Männer -bekannten, und die zugleich die größte Achtung genossen. Es gelang ihm -auch, die Logen zu stören und verdächtig zu machen, und viele der -eifrigsten Brüder zu sich hinüber zu ziehn. - -Indem er mit diesen arbeitete, ihnen den Irrthum deutlich machte, in -welchem sie bisher gewandelt waren, verschiedene Grade einrichtete und -geheimnißvolle Weihungen vornahm, mysteriöse Zeichen, Amulete und -Gehänge austheilte, deren Deutung er sich vorbehielt, saß der geheime -Rath Seebach in seinem Zimmer und vertiefte sich in jenen Schriften, die -ihm seine leidenschaftliche, sonderbare Jugend wieder vergegenwärtigten. -Er hatte mit Recht die zauberhafte Wirkung dieser Papiere gefürchtet, -denn er verlor sich so in Erinnerungen, daß die Gegenwart fast gar keine -Gewalt über ihn ausübte. Vieles hatte er ganz vergessen, über Manches -dachte er jetzt anders, aber doch erschien ihm Alles in einem andern -Lichte, als er erwartet hatte, denn er fand zu seinem Leidwesen, daß die -großen Fragen keinesweges so abgeschlossen waren, als er es neuerdings, -ohne wiederholte Untersuchung, zu seiner Beruhigung angenommen hatte. - -Diejenigen, die den alten Logen treu geblieben waren, sprachen über -Sangerheim sehr erbittert, und behandelten ihn, ohne daß sie es beweisen -konnten, wie einen Betrüger. Schmaling, so wie der Arzt Huber, die -gleich seine eifrigsten Anhänger geworden waren, kämpften mit -aufgeregter Leidenschaft diesen Verleumdern entgegen, und die ganze -Stadt, die viele Jahre hindurch ruhig gewesen war, nahm heftig Parthei -für und gegen den Fremden. Dieser und seine Freunde bemühten sich, den -elenden Zustand der neueren Maurerei und das Unwesen der Logen in das -grellste Licht zu stellen. Man berechnete, wie viel die Lehrlinge, deren -keiner abgewiesen wurde, jährlich einbrächten, wie die älteren Brüder -nur dahin strebten, Vorsteher, Redner und Meister vom Stuhl zu werden, -um durch diese und andre Würden freien Theil am Schmause zu erhalten. -Man zeigte, wie verdächtig die Wohlthätigkeit dieser Maurer sei, und -erzählte und wiederholte ärgerliche Geschichten, die allgemeinen Anstoß -gaben. Man machte sich lustig darüber, wie sehnsüchtig sie irgend einem -Geheimniß entgegen sähen, wenn sich nur irgendwo eins wolle auftreiben -lassen; wie gern man es sich, behutsam verpackt, aus England oder -Schottland verschreiben möchte, und keine Kosten spare, damit man den -sehnsüchtigen Forschern doch nur irgend Etwas zu verheißen hätte. Jene -Logen der strikten Observanz hatten aber auch Manches mitzutheilen, was -der Wißbegierige und Schadenfrohe gerne anhörte. Man erzählte: dieser -Sangerheim sei nichts anders als ein Spion, von einer großen Macht des -südlichen Deutschlands ausgesendet, um in den nördlichen Provinzen -Zwiespalt auszusäen, und Mißtrauen zwischen Volk und Regierung zu -erregen. Der verhaßte Name der Jesuiten wurde nicht geschont, um ihn und -seine Freunde zu bezeichnen und verdächtig zu machen. Man wollte in -seiner Wohnung eine weiße Frau, oder vielmehr ein entsetzliches Gespenst -gesehn haben, und der neuerungssüchtige Pöbel fügte hinzu, daß Kobolde -und Teufel in seiner Wohnung freien Aus- und Eingang hätten. Man scheute -sich nicht, zu behaupten, er stelle dem Leben des regierenden Herrn und -seiner Familie nach, und es gab keine so abgeschmackte Lüge, die nicht -in irgend einem Kreise einen Schwachkopf fand, der sie geglaubt hätte. -So sehr diese ältern, aufgeklärten Logen den eindringenden Neuling aber -auch haßten, so sehr beneideten sie seine Kenntnisse und Geheimnisse, -und wären ihm gern freundlich entgegen gekommen, wenn er ihnen nicht so -unverhohlen den Krieg angekündigt hätte. - -So war die freundliche Stadt, die sich bis dahin einer schönen -Geselligkeit erfreut hatte, von Zwiespalt zerrissen, der sogar viele -Familien ergriffen, und die nächsten Freunde und Verwandte einander -entfremdet hatte. Wie man stritt und verleumdete, bewies und zankte, die -Meinungen hin und her schob, so merkte von Allem Derjenige, der -eigentlich die Veranlassung dazu gegeben hatte, der geheime Rath -Seebach, am wenigsten von dieser Verwirrung, weil er bei Tage wie in der -Nacht fast immer über jenen Papieren sann und brütete, die er aus seinem -Schranke gleichsam von Neuem erbeutet hatte. Alle Träume und Wünsche -seiner Jugend wurden nun lebendig in ihm, er konnte nicht begreifen, wie -er bis dahin alle diese Gedanken und Erfahrungen als Kindereien so -unbedingt hatte abweisen können. Er war seitdem gegen seine Familie weit -zurückhaltender, und ihn gereute selbst das Wenige, was er seinem Sohne -vertraut hatte. Die Mutter klagte, die Tochter trauerte, und der Obrist -war verdrüßlich, aber ohne Erfolg. Nur Anton blieb in seiner heitern -Laune und sagte: Was wollt Ihr? Mein Vater verjüngt sich wieder; ist -denn das nicht ein Glück, welches wir gern unsern Geliebten gönnen, und -es ihnen immerdar wünschen? Warum sollen wir denn unsre Erfahrungen auch -nicht einmal von rückwärts erneuern? Zum Kindischwerden hat es mit -meinem lieben Alten noch Zeit, aber die Kindlichkeit ist ja fromme -Tugend und ein Glück der Erde. - -Er ging dem verdächtigen Sangerheim aus dem Wege, so oft er diesem -begegnete. Und dazu fand er oft Gelegenheit, denn so wenig der Magier -auch zur Familie gehörte, so besuchte er sie doch täglich, und oft kam -er zweimal am Tage, um den Herrn des Hauses zu sehn, und sich mit diesem -einzuschließen. Sie arbeiteten dann, lasen, schrieben, und man wollte in -der Familie sagen, daß sie gemeinschaftlich magische Operationen -vorgenommen hätten. - -Als unmittelbar nach jener Nacht der geheime Rath sich dem Unbekannten -hatte dankbar erzeigen wollen, sagte dieser: Demüthigen Sie mich nicht, -verehrter Bruder, durch ein solches Anerbieten. Ich habe, was ich -brauche, und es wird mir nicht leicht fehlen. Sollten sich irgend einmal -die Verhältnisse anders gestalten, so werde ich mich mit Vertrauen -zuerst an Sie wenden, und Sie werden mir dann meine Bitte nicht -abschlagen. - -Als der Rath ihm von Neuem seine Dankbarkeit ausdrückte und zugleich den -Wunsch aussprach, ihn näher kennen zu lernen, erwiederte der Fremde: Was -ich von mir weiß, oder Ihnen sagen darf, will ich Ihnen, geliebter -Bruder, gern mittheilen, denn wir verstehn den Freund um so besser, wenn -wir seine äußere Geschichte, die Umrisse seines Lebens ebenfalls vor uns -sehn. So wissen Sie also, daß ich im Jahr 1745 geboren bin, und zwar in -Paris. Mein Vater war nichts Geringeres, als ein Prinz von königlichem -Geblüt, aber meine Mutter war eine Bürgerliche, die sich durch schöne -Worte, Versprechungen, vorzüglich aber durch die einnehmende Gestalt -meines Vaters hatte täuschen lassen. Ich wurde gut erzogen, und der -theuerste Lehrmeister für jede Kunst und Wissenschaft mir gehalten. Mein -Vater hatte große Freude an mir, und verzog und verzärtelte mich. Das -ist das größte Unglück, das einem Kinde meiner Art widerfahren kann, -denn in spätern Jahren wird es doch wieder in die Bahn zurückgewiesen, -in die es nach den Einrichtungen der Welt gehört. An einem sittenlosen -Hofe war meine Abstammung eines jener öffentlichen Geheimnisse, das alle -Welt kennt und belacht, und eben so Jeder, wenn es ein ernstes Wort -gilt, verleugnet. Ich hatte oft das Glück, den König zu sehn, der -zuweilen so mit mir spielte, als wenn er selbst ein Kind gewesen wäre. -So lange man als Kind hübsch und artig ist, wird man über die Gebühr von -Weibern und Mädchen bewundert; treten die Jahre ein, in denen sich der -Knabe streckt und auswächst, so wird er von verwöhnten Menschen um so -mehr übersehn, wohl gar verfolgt, und das Beste im Kinde wird verhöhnt, -wie früherhin das Gleichgültigste vergöttert ward. Auch diese Erfahrung -mußte ich machen, so wie späterhin die noch schlimmere, daß mein Vater, -der sich mit einer jungen tugendhaften Dame vermählte, nachdem er einige -Jahre als Wittwer gelebt hatte, mich aus Engherzigkeit und -mißverstandener Moral verleugnete. Damals bemächtigte sich eine tödtende -Bitterkeit meines jungen Herzens. Nachher ging mein Haß in Verachtung -über, und ich vermied, wie ich nur irgend konnte, den Anblick des -Prinzen. Ich erhielt eine Stelle beim Regiment, ward Lieutenant, -Hauptmann, Obrist, und man ersparte mir sogar den Dank für diese -Wohlthaten und Auszeichnungen. - -Die Maurerei war in Frankreich etwas so Gewöhnliches, daß jeder junge -Mann von Welt und Erziehung zur Brüderschaft gehören mußte. Es war fast -nicht mehr, als wie man eine Loge im Theater nimmt. Der Krieg brachte -mich nach Deutschland und ich lernte hier einige ernstere Brüder und ein -tieferes Forschen kennen. Als aber mein Wissenstrieb erwachte, konnte -mir Keiner eigentlichen Bescheid geben. Jeder hoffte vom Andern das zu -erfahren, was er so schmerzlich entbehrte, und was Jeder nur ungern, und -endlich mit Scham gestand, nicht zu besitzen. Ich ging durch alle Grade, -durch alle Sekten, hatte viele hochklingende Namen, vielerlei Kreuze und -Kleidungen erworben und als aufmunternde Amulete erhalten, aber -eigentlich Nichts erfahren. Das Sonderbarste war, wenn ich mich -erforschte, daß ich eigentlich selbst nicht wußte, was ich denn nun -wissen wollte. Jenes leere Ideal, jener nüchterne Cosmopolitismus, den -Sie uns neulich schilderten, war mir freilich auch von Einigen gepredigt -worden, aber er konnte meiner brennenden Wißbegier am wenigsten genügen. -Wenn wir sehn, wie uns durch mechanische Kunst die Thiere gehorchen, wie -der Wind das Segel schwellt und dem Schiffer dient, wie das Feuer uns -die Berge und ihre Metalle zu leibeignen Vasallen macht, und eine arme -Mischung von Kohlenstaub, Salpeter und Schwefel uns Mauern und Thürme -niederwirft, so meinte ich, der so vorgeschrittne Mensch dürfe auch in -das Geisterreich seine gebietende Hand hineinstrecken, und auch die -Kräfte müßten ihm gehorchen, die man nur gemeinhin die unsichtbaren und -unbekannten nennt, weil Keiner das Auge dreist erhebt. - -Aber nirgend fand ich Rath und Hülfe. Auch in England nicht; -gewissermaßen hier am wenigsten. Ich kam auf die Vermuthung, die sich -mir späterhin als Wahrheit bestätigt hat, daß alle diese Menschen von -Klügeren mit Spielwerk und nüchternen Reflexionen, oder Symbolen der -ehemaligen Tempelherrn nur hingehalten werden, damit sie ja nicht -erwachen und das wahre Licht erkennen. Nach dem Frieden verließ ich den -Dienst und Soldatenstand, und nur meine Sehnsucht, so wie die Verehrung -der Kunst trieb mich nach Italien. - -Hier nun war es, vorzüglich in Florenz und Rom, wo mein Leben in eine so -andre, bis dahin nie geahndete Bahn gerieth, daß ich Ihnen, geliebter -Bruder, wenigstens für jetzt, von den Erfahrungen, die ich machte, von -den Erkenntnissen, die mir mitgetheilt wurden, Nichts offenbaren darf. -Aber die Zeit wird kommen, ich sehe sie schon vor mir dämmern, wo ich -Ihnen Nichts mehr zu verschweigen brauche. Als ich nach Frankreich -zurück kam, bemerkte ich, wie Saint Martin und seine Schüler Manches in -der Ferne gesehn haben, wie Fludd und die deutschen Rosenkreuzer nicht -zu verwerfen sind, und wie vorzüglich ihr großer Jacob Böhme oft fast -unmittelbar an das Centrum des heiligen Geheimnisses geräth, von dem -auch Paracelsus und der tiefsinnige van Helmont schon einen Anblick, wie -durch einen fliehenden Nebel hatten. Diesen großen Männern fehlte -Nichts, als Bekanntschaften in Italien, wie sie mir ein günstiger Zufall -verschaffte, um schon in der Kunst die höchste Stufe zu ersteigen. Ich -bin auch überzeugt, daß hie und da ein Deutscher, weil diese Nation -vielleicht das größte Talent zum Tiefsinn besitzt, wohl das Mysterium -gefunden hat. Es Unwürdigen mittheilen, ist die größte Sünde, und -deshalb sind Prüfungen verschiedener Art und mancherlei Grade -nothwendig. - -Der Rath Seebach schien im Wesentlichen mit diesen Ansichten -übereinzustimmen. Er theilte dem neugewonnenen Freunde viele jener -jugendlichen Schriften, Auszüge und Bemerkungen mit, und Sangerheim -sagte nach einigen Tagen: es ist, verehrter Bruder, wie ein Wunder, daß -Sie in Ihrer Jugend schon so sicher auf dem richtigen Wege gingen, sich -aber doch zu bald durch Schwierigkeiten und einige Blendwerke, die ihnen -die Meister wohl absichtlich entgegen schickten, zurück schrecken -ließen. Wer so früh so vorgearbeitet hat, dem muß es im reifen Alter ein -Leichtes seyn, auch das Allerhöchste zu erringen. - -Der Obrist, der sich zurückgesetzt fand, war mürrisch und verdrüßlich, -und es gelang dem wunderbaren Gaste nur schwer, ihn wieder zu gewinnen. -Als dies geschehn war, arbeitete der Greis, um auch Vorschritte zu -machen, um so eifriger. Schmaling, der dem Magier ganz ergeben war, -fühlte sich in Gegenwart seiner Geliebten nicht mehr so heiter und froh, -als ehemals, und der Arzt Huber war glücklich, daß er endlich einen -Bruder gefunden hatte, der Talent und Einsicht genug besaß, sein System, -dessen Anhänger er schon lange war, dem Geheimenrathe gegenüber so -geltend zu machen, daß dieser selbst sich dazu schon halb bekannte. - -Der weibliche Theil der Familie war in tiefer Trauer, denn Clara's -scharfes Auge bemerkte sehr gut die Veränderung, die mit ihrem Geliebten -vorgegangen war. Er sah sie selten, und wenn er in ihre Nähe kam, war er -tiefsinnig oder zerstreut. Ihn ergötzte kein Spaziergang mehr, kein -Gespräch konnte ihn aufheitern, so sehr war er seinen seltsamen -Forschungen hingegeben. Die Gesellschaft Antons vermied er mit -auffallender Aengstlichkeit, weil dessen Scherz ihn einigemal verwundet -hatte. Welche reizbaren Geister, sagte dieser zur Schwester, müssen es -seyn, die durchaus gar keinen Spaß verstehn? Könnte man sich dergleichen -Unsterbliche wohl zu seinem Umgange wünschen? Ich wenigstens gewiß -nicht. Aber unser Schmaling muß, ich weiß nicht welchem trübsinnigen -Elfenkönig, den feierlichen Eid abgelegt haben, niemals wieder zu -lachen. Und wenn der junge Mann doch nur einsehn wollte, wie schlecht -ihm diese Feierlichkeit zu Gesichte steht. Er ist, wenn er lacht und -heiter blickt, zehnmal so liebenswürdig. Fährt er aber so fort, so -bekommt er Runzeln und Falten, wie ein Rhinozeros. Solche Stirnrunzel -sieht aus, als wenn ein ganzer Acker fruchtbarer Erde aus dem Kopfe -genommen wäre. Es sind die wahren Lückenbüßer, die andeuten, wie alle -Gedanken entflogen sind. Die Stirn hat immer, so wie sie es merkte, -nachgeschnappt, um festzuhalten; so sind diese Gruben geworden. - -Mir ist Dein Scherz zuwider, sagte Clara, denn ich sehe das Glück meines -Lebens gestört. Dieser unglückliche Besuch hat Alles geändert und der -aufgereizte Schmaling bedurfte nur einer solchen Veranlassung, um sein -ganzes Wesen umzuwandeln. - -Sei über ihn beruhigt, antwortete der Bruder, ich habe schon dafür -gesorgt, daß er wieder curirt werden soll. Mir ist ein Mittel -beigefallen, das ich für untrüglich halte. - -Wenn es nur, erwiederte die Schwester, durch diese Cur nicht noch -schlimmer wird, wie es wohl zuweilen der Fall ist. Wer kann überhaupt -wissen, was noch aus Arzt und Kranken wird. - -Um mich darfst Du unbesorgt seyn, sagte Anton, laut lachend, denn mein -Wesen ist zu prosaisch, um sich umstimmen zu lassen. - -Wir erleben, antwortete die Schwester, so Manches, was wir nicht -erwarteten. Bist Du Deiner so gewiß? - - * * * * * - -Die Gegenwart Sangerheims hatte in allen Gemüthern Empfindungen, -Ansichten und Neugier aufgeweckt, alte Erzählungen wieder neu in Umlauf -gebracht, die man schon vergessen hatte, und es war kein Haus, in -welchem nicht Meinungen behauptet und bestritten wurden. Die Maurer der -vorigen Tage waren in das größte Gedränge gekommen und viele, und zum -Theil die angesehensten, hatten den Fremden für ihren Meister anerkannt. -Als der Gelehrte sah, mit welchem Eifer man für und wider kämpfte, -vorzüglich aber als er bemerkte, wie die Familie seines alten Freundes -in Verwirrung gerathe, nahm er sich vor, Etwas zu thun, um die vorige -Ruhe und Behaglichkeit wieder her zu stellen. Man hatte ihm erzählt, wie -sehr der Rath sich an den verdächtigen Fremden schließe, und wie dies -nicht allein Frau und Tochter betrübe, sondern ihm vom Minister und dem -Fürsten selber nicht gut ausgelegt werde. Ferner sagte eines Tages zu -Anton: dieser Trieb in uns, ohne welchen wir kein Interesse an -Wissenschaft und Geschichte nehmen könnten, muß sorgsam bewacht und -gehütet werden, wenn er den Geist nicht in Gegenden verlocken soll, in -denen aller ächte Trieb zum Wissen erlischt. Alle Kräfte in uns sollen -im Gleichgewichte stehn und nur dann ist der Mensch gebildet und -verständig; darum kann ihn, wie es so oft geschieht, ein überwiegendes -Talent unglücklich machen. Die Lust am Geheimniß und Wunder darf auch -nur verstärkt werden, wenn Witz und Scharfsinn, Vernunft und Verstand -ebenfalls sich beleben. Diese Harmonie des Menschen fällt aber nicht ins -Auge, und darum dünkt sie auch oft den Aufgeregten etwas Geringes und -selbst Verächtliches. - -Anton hatte dem Professor einen Plan mitgetheilt, um Schmaling, der sich -am unbedingtesten der Schwärmerei ergab, auf gelinde Weise durch -Beschämung wieder zur Vernunft zurück zu führen. Er hatte die -Bekanntschaft eines Mannes gemacht, und ihn auch in das Haus seines -Freundes, des Professors, geführt, der sich in kurzer Zeit das ganze -Vertrauen des Jünglings erworben hatte. Es schien in der That, als wenn -dieser Freund, der sich Anderson nannte, Jeden gewinnen müsse, dem er -sich nähere; so konnte er durch Scherz und Ernst, Witz und Tiefsinn, -Laune und Munterkeit in das Wesen der verschiedensten Charaktere -eingehn, indem er bald in jedem Menschen eine Seite auffand, für die er -sich interessirte, und so im geistreichen Gespräch den Mitsprechenden -klüger und einsichtsvoller machte, als dieser sich sonst erschienen war. -Wer dieses Talent besitzt, gewinnt die Menschen am sichersten. In den -meisten ist irgend eine Gegend des Geistes fruchtbar, und bringt -eigenthümliche Gewächse hervor. Die Natur hatte wohl die Absicht, daß -von hieraus die Originalität des Wesens hervorgehn, und das Individuelle -desselben sich geistreich ausbilden sollte. Aber unsre Erziehung, -einförmige und conventionelle Cultur, Geschäfte und Vielwisserei -ersticken bei den Meisten schon früh diesen Keim. Die meisten Gespräche -werden nur geführt, damit Jeder sich selbst hört, und den Andern so -wenig äußerlich wie innerlich zu Worte kommen läßt. Geräth aber ein -Menschenkünstler, ein ächter Virtuos, über diese verwahrlosten -Instrumente, so weiß er auch den baufälligsten wundersame Töne zu -entlocken. - -So war Jedermann in der Gesellschaft dieses Anderson klüger und -witziger, als für sich selbst, oder im Umgang mit Andern. Er war daher -in allen Gesellschaften gern gesehn, die er auch nicht vermied und -allenthalben Unterhaltung fand. Sein Aeußeres war eben nicht sehr -empfehlend, er war klein und stark, von breiten Schultern, und sein Kopf -stand zwischen diesen etwas eingepreßt auf einem dicken Halse. - -Durch Sangerheim waren alle früheren Nachrichten von dem großen -Wunderthäter, dem Grafen Feliciano, neu belebt worden. Briefe -bestätigten von Neuem seine unbegreiflichen und schnellen Heilungen der -schwierigsten und tödtlichsten Krankheiten, die die größten Aerzte schon -verzweifelnd aufgegeben hatten. Man erzählte sich, wie er in einer -großen Stadt des Auslandes in einem Palaste ganz wie ein Fürst lebe, von -glänzender Dienerschaft umringt. Kein Armer verlasse seine Schwelle, der -nicht reichlich beschenkt würde. Geld achte er wie Spreu, er bedürfe der -Gnade keines Königs, denn er habe jüngst einem Staate eine ungeheure -Summe geschenkt, um den Fürsten aus einer Verlegenheit zu ziehn. Daß das -Auflegen seiner Hand tödtliche Wunden schließe und die hartnäckigsten -Krämpfe löse, war nur etwas Unbedeutendes: denn Todte sollte er schon -geweckt haben, Abwesende aus fernen Ländern zitiren können, so daß sie -den Freunden oder der Familie in sichtbarer Bildung erschienen, so wie -er seinem eignen Geiste zuweilen gestatte, aus dem Körper zu wandern, um -plötzlich in Asien oder Amerika einem Freunde, der ihn magisch gerufen -habe, beizustehn. Daß alle Geister ihm zu Gebote ständen, die guten wie -die bösen, bezweifelte Keiner, der mit Vertrauen und Glauben von ihm -sprach. -- Schmaling, der wenig in Gesellschaft kam, sondern ganz seinen -sonderbaren Studien und seinem Meister lebte, war dem merkwürdigen -Anderson niemals begegnet, und darum hatte diesem heitern und gefälligen -Manne der übermüthige Anton den sonderbaren Vorschlag gemacht, daß er -die Rolle des berühmten Feliciano spielen solle, um so Schmaling zu -täuschen, und ihn so, indem er einsähe, wie leicht er hintergangen -werden könne, in seiner Verehrung Sangerheims irre zu machen. Der muntre -Anderson war auf diesen Plan eingegangen, und um so lieber, weil er oft -tadelnd von diesem Sangerheim und dessen Arbeiten sprach. Im Hause des -Professor Ferner wollte man eine geheimnißvolle Zusammenkunft -veranstalten, von der aber der Magus Sangerheim nichts erfahren dürfe. - -Ferner war lange diesem Projekt entgegen gewesen. Er sagte auch jetzt: -ich bin kein Freund von dergleichen Mystificationen. Sie sind nach -meinem Gefühl ganz und gar dem Wesen und dem Anstand einer gebildeten -Gesellschaft entgegen. Der Hintergangene hat Ursach, es nachzutragen, -und es ist ihm nicht zu verargen, wenn er niemals wieder Vertrauen faßt. -Indessen mag eine gute Absicht diesmal die Sache entschuldigen; nur -fürchte ich, daß Sie sich mit unserm Schmaling völlig verrechnet haben. - -Der Versuch wird immer das Uebel nicht ärger machen, antwortete Anton: -auch ist es gerade in der Hinsicht ein glücklicher Zeitpunkt, weil die -Freunde Feliciano's melden, er habe jene Stadt wieder verlassen, um von -Neuem eine Reise nach Aegypten zu machen, und aus den Pyramiden viele -Mysterien hervor zu suchen. - -Man traf noch eine nähere Abrede, und Anton ging, um jenen Anderson, zu -welchem er eine große Zärtlichkeit gefaßt hatte, wieder aufzusuchen. - -Der Rath Seebach stand oft in seinem Zimmer, vor seinen Papieren, die -vor ihm ausgebreitet lagen, und dachte seinem Leben und den wechselnden -Empfindungen nach, die ihn in den verschiedenen Perioden seiner Bildung -bestürmt hatten. Wohin geht dieser Lauf? sagte er eines Morgens zu sich -selbst; dasjenige, was ich als einen festen Besitz errungen zu haben -glaubte, droht mir wieder wie Wasser zwischen den Fingern zu entrinnen. -Bleibt es doch wahr, daß in jener Nüchternheit, die ich vormals rühmte, -die sichre Grundlage des Lebens ruht. Meine Jugend, und alle jene -wilden, ungezügelten Bestrebungen überströmen wieder alle Dämme und -Ufer, schon beginnt mir der Anblick dessen, was ich so lange als das -Schöne und Edle erkannte, Langeweile, Widerwillen und Ekel zu erregen, -denn zu unbedeutend, unbestimmt und mittelmäßig dehnt es sich vor mir -aus. Hingehalten durch Hoffnungen, eingewiegt mit Versprechungen, -aufgeregt durch Winke, und betäubt durch Erscheinungen, die ich sehe, -aber nicht begreife, die mich erschrecken, und an die ich doch nicht -glauben kann, wird mein Dasein zum Traum. Welch sonderbares Band zieht -mich zu diesem fremden Mann, und verknüpft mich ihm: ihm, dem ich mein -ganzes Vertrauen schenken möchte, und der in diesen Momenten der -Hingebung mich am meisten zurück stößt? Ich sehe, daß er geheime -Kenntnisse besitzt, die er mir mitzutheilen verspricht, und mir dennoch -vorenthält. Heut ist er ganz Offenheit, morgen lauter zurück haltende -Förmlichkeit. In seiner Gegenwart fühle ich das Gelüste, gerade das zu -glauben, was meinem Verstande am widersinnigsten erscheint, und wieder -überschleicht mich eine Empfindung, daß ich im selben Augenblick ihn und -mich verlachen möchte. - -Sangerheim traf und störte ihn in diesen Betrachtungen. Sie übersehn, -Theurer, sagte er beim Eintreten, indem er die Thür verschloß, wieder -Ihre Studien und Erfahrungen. Es ist sonderbar, wie wir Menschen schon -so oft in der Jugend das höhere Wort vernehmen, den Ton desselben -fassen, und uns späterhin Aussprache und Bedeutung wieder entfliehen -können. Doch kehren wir in reifen Jahren mit tieferem Sinn, mit -stärkerer Innigkeit zu denselben Wahrheiten zurück, wie es Ihnen -geschieht; unbewußt hat die Seele die Geheimnisse ausgearbeitet, und die -Glaubensfähigkeit steht gewappnet an derselben Stelle, wo noch gestern -Zweifel und Unglaube nackt und wehrlos zitterten. - -Gestern, sagte der Rath, haben wir gerechnet und Figuren gezeichnet, die -sonderbare Erscheinung, die Sie mir vorführten, überraschte mich; -nachdem vernahm ich, indem Sie neben mir saßen, jene Stimme aus dem -Zimmer dort, die mir die geheimnißvollen Worte zurief -- Alles dieses, -Lieber, sehe und erlebe ich; aber ich kann es mir nicht aneignen, es hat -keine Bedeutung für mich, es fährt Alles wie leere Phantome, nur -erschreckend, mir vorüber. Ich habe genug erfahren, um irre zu werden, -aber dieses Räthsel meines Innern, welches sich immer mehr verschlingt, -ringt mit allen Kräften meines Herzens zur Lösung hin. Weder in diesen -wechselnden Schauern von Licht und Schatten, noch in stiller Resignation -kann ich meine Befriedigung finden, und ich fange an, meine Zweifel -wieder als die bessere Weisheit aufzusuchen. - -Und doch waren wir übereingekommen, sagte Sangerheim mit feierlichem -Ton, Sie hatten mit mir die Nothwendigkeit eingesehn, daß es Prüfungen, -Grade geben müsse, daß die Geduld die unerläßlichste Tugend sei, um dem -Geheimniß näher zu kommen. - -Nur eine einzige Frage, und die beantworten Sie mir auf Ihr Gewissen, -sagte der geheime Rath eben so feierlich: Können Sie mir bei Gott und -allem Heiligen, das Sie glauben, schwören, daß Sie mir irgend einmal, -wenn auch später, die Lösung mittheilen wollen, und daß Sie selbst von -Ihrem Beruf überzeugt sind? - -Ja! rief der Fremde, und erhob die Hand. -- Gut denn, sagte der Rath, -empfangen Sie dann diese Brieftasche, und in ihr, was Sie wünschten, ich -will, ich muß Ihnen vertrauen. - -Auch ich, sagte Sangerheim, will mich Ihnen verpfänden, mit dem -Theuersten, was ich besitze, mit Allem, was ich Ihnen nur geben kann. Er -zog ein Paket hervor, mit seltsamen Zeichen versiegelt und fest in -einander geschnürt. Legen Sie, sagte er, hier auch Ihr Siegel an. In -diesem kleinen Raum ist Alles, was ich weiß, enthalten; mein ganzes -Dasein, Alles, was Sie erfahren wollen, umschließt diese Sammlung. Löse -ich sie zu der festgesetzten Zeit nicht aus, sterbe ich vor diesem -Zeitpunkt, so fällt Ihnen diese Erbschaft zu und Sie mögen damit -schalten nach Ihrer Willkühr. - -Der Rath nahm das Paket in die Hand, schlug es ein, überschrieb es mit -einer Nachricht, daß dies das Eigenthum Sangerheims sei, versiegelte es -und legte es in seinen Schrank. Sich besinnend nahm er es wieder und -sagte: doch kommen meine Kinder zuweilen hieher, in jenem Pult ist eine -geheime Schieblade. Er trug es hin und indem er es einzwängte, geschah -ein Knall, und die Masse selbst erzitterte. Sehn Sie, sagte Sangerheim, -Sie sind ohne Noth besorgt, es bewacht sich selbst. - -Der Rath hatte sich entfärbt. Sangerheim sah ihn fest an und schien sich -an der Verlegenheit des alten Mannes zu weiden, die dieser nicht -verbergen konnte, so sehr er sich auch bemühte. Er sammelte seine -zerstreuten Skripturen wieder, warf sie in den Schrank und sagte dann: -also, Geduld, und bis dahin habe ich mich Ihnen unbedingt ergeben. Es -ist wunderbar genug, wir entziehn uns gewissermaßen der Kirche und der -Religion des Staates, wir nennen es unsre Weisheit, anders und weniger -zu glauben, als der gemeine Mann, -- und geben uns im Entfernen vom -Hergebrachten und Autorisirten andern viel unglaublichern Dingen hin, -und sind zufrieden, nur zu sehn und zu ahnden, ohne daß uns die Lösung -gegeben wird, die wir doch in der Religion suchten und forderten. - -Richtig bemerkt, erwiederte Sangerheim; ist denn aber dieser Widerspruch -nicht vielleicht eine Vorbereitung zu einer ächtern Religiosität, zu -einem wahren Glauben? Immerdar, wenn wir uns widersprechen, ist es nur -Schein, wir suchen die Bindung, den unsichtbaren Mittelpunkt, der den -Widerstreit aufhebt. - -Das ist aber gegen die Abrede, erwiederte der Rath, daß ich wieder durch -Gedanken und ihren wechselnden Kampf das Richtige und Wahre finden -sollte, ich sollte es ja unmittelbar schauen, und es als einen wahren -Besitz von dannen tragen. - -Wenn Sie denn, fing Sangerheim zögernd an, sich nicht fügen können und -wollen, so gäbe es in Ihrem frommen und erweckten Sinn allerdings ein -Mittel, das rasch die Hemmung wegnehmen, und Sie ohne Umwege zum Ziele -führen könnte. - -Und dieses Mittel? fragte der Rath eifrig. - -Auch ohne dieses können Sie zu einem glänzenden Ziele gelangen, -antwortete Jener, aber langsamer, und niemals erreichten Sie die Würde, -so viel Sie auch schauen werden, eines höchsten Obern. - -Und dieses Mittel, fragte der Rath wieder, könnte mir diese Würde und -die schnellere Einsicht in alle Geheimnisse verschaffen? - -Ohne Zweifel. -- Sehnen Sie sich heftig? - -Unbeschreiblich! fing der Rath wieder an, und, da Sie so weit gegangen -sind, so nennen Sie es auch, sonst sind Sie nicht mein Freund. - -Was Sie immerdar hemmen wird, antwortete Sangerheim mit einer Thräne im -Auge, ist, daß Sie nicht ein Mitglied meiner Kirche sind. -- - -Der Rath trat einen Schritt zurück und suchte noch mehr wie vorher die -Bewegung seines Innern zu verbergen. Sangerheim sah ihn mit einem festen -prüfenden Blicke an, als wenn er seine Augen durchbohren wollte, aber -der Rath erwiederte diesen festen Blick, und nach einigen Augenblicken -entfernte sich der Fremde. - -Tief erschüttert ging der Alte im Saale auf und ab. -- Das ist es also? -sagte er endlich zu sich selber; also dorthin liegt das eigentliche und -wahre Geheimniß? -- Habe ich doch den Einreden so mancher vernünftigen -und kaltblütigen Freunde nicht glauben wollen. Ich hielt es nur für -Fabel, weil es einem Mährchen so ähnlich sieht; und ist also nun doch -Wahrheit. -- Sie bemächtigen sich einer Einrichtung, die im Beginn gut -und edel war, die sich dann selbst vergaß, und in deren unbedeutenden -Nüchternheit nun leicht die Sehnsucht zu Wundern und Seltsamkeiten Raum -finden kann. -- Wie verbreitet die Logen sind, so mögen sich diese, oder -ähnliche Schwindler leicht jetzt oder in Zukunft der Menge bemeistern, -um ihre Pläne, die sich noch nicht an das Licht wagen, durchzusetzen. -- -Diese Emissäre gehören also einer Propaganda an, und es läßt sich nun -wohl begreifen, wer und was diese geheimen Obern sind, -- Alles, was man -von diesem Nachbarstaate erzählt, wo man auf verschiedene Art den -Erbprinzen bearbeitet, hier und anderswo die Störung der Logen, das -Eindringen und Vorschieben alter Meinungen. -- Die Herren haben also -doch ihre Herrschsucht und die alten Plane noch nicht aufgegeben! -- Ja, -ich bin durch dieses einzige Wort zum Licht hindurch gedrungen, aber -sehr gegen deinen Willen, mein guter Magus. -- Seine Kunststücke -begreife ich freilich nicht; aber was gehen sie mich denn eigentlich an? -Vor meinem guten verständigen Sohne muß ich mich jetzt schämen, der doch -in seiner Art, wie er jenes Wunder betrachtete, sehr Recht hatte. -- Zu -schnell, zu plötzlich mag ich aber freilich auch nicht zurücktreten; ich -will ihn noch beobachten: ich kann es jetzt wie ein Spiel treiben und -genießen. -- - -Mit Beschämung dachte er nun der Summen, die er dem Magier ausgeliefert, -noch der letzten großen, die er ihm heut gegeben hatte. Sangerheim hatte -zwar Anfangs jeden Dank und Lohn ausgeschlagen, aber bald hatte er bei -dem großmüthigen Freunde Hülfe gesucht, der nun um so lieber und -reichlicher mittheilte, da der Wunderthäter sich erst uneigennützig -gezeigt hatte. Zu den Beschwörungen und zum Geister-Apparat, so wie zu -Einrichtung der Oefen und Herbeischaffung alles Geräthes, um den Stein -der Weisen hervorzubringen, war wieder ein Kapital nöthig gewesen. -Nachher zu geheimen Plänen, die Sangerheim noch nicht nennen durfte, auf -Geheiß jener unbekannten Obern, war wieder eine bedeutende Summe in -Anspruch genommen worden. Für die letzteren großen Auslagen hatte der -Magier seinem gläubigen Schüler eben jene versiegelten und zauberhaft -verschlossenen Schriften verpfändet, die er bald wieder, durch -Erstattung jener Summe, auszulösen versprach. - -Sangerheim machte einen großen Aufwand und lebte in der Stadt ganz als -ein vornehmer Mann. Der feinen und neugierigen Welt war es ein -Geheimniß, daß sie nicht ergründen konnte, wovon er seine Ausgaben -bestritt. Der geheime Rath Seebach hätte darüber Bescheid ertheilen -können, denn beschämt gestand er es sich nicht gern, daß ein großer -Theil jener so wunderbar geretteten Summe schon wieder geschwunden sei, -wenn der Zauberer nicht seine Schuld bezahle, woran der Gläubiger zu -zweifeln anfing. -- Mit Schmerz dachte er an den jungen Schmaling, -seinen künftigen Schwiegersohn, so wie an seinen Hausfreund, den Arzt, -denn er wußte, daß Beide eifrig mit Sangerheim laborirten. - -Die Familie war erfreut, als der Vater nach langer Zeit wieder bei -Tische heiter war. Clara besonders wollte daraus für ihr Schicksal etwas -Glückliches lesen. Als sie mit dem Bruder über die Veränderung des -Vaters sprach, sagte Anton: Dergleichen Verblendung, liebes Kind, kann -niemals lange dauern. Hätte ich nicht andre Sorgen, so wollte ich mich -anheischig machen, diesen Kummer mit etwas Geduld zu überwinden, oder -mit Verstand und Zeit die Getäuschten zu heilen. Heut Abend wird nun -unser Schmaling gründlich in die Lehre genommen werden, und ich möchte -Vieles verwetten, daß ich ihn Dir schon morgen als einen andern Menschen -vorführen kann. -- - -Sangerheim war, jenes Wortes wegen, das er hatte fallen lassen, mit sich -selber sehr unzufrieden. Er hatte bemerkt, wie der Rath dadurch war -überrascht worden. -- Mag seyn, sprach er zu sich, daß es unbesonnen und -zu früh ausgesprochen wurde, ich kann mit mir und dem Erfolg zufrieden -seyn. Sie müssen meine Bemühungen erkennen, jene großen, jene mächtigen -Männer. Und welches Glück, ihnen beigezählt zu werden! Welche Aussicht, -daß Natur, Geisterreich und Welt mir dient, daß vor mir jedes Geheimniß -die entstellende Hülle abwirft. -- Und bin ich denn noch so weit von -diesem glänzenden Ziele entfernt? Habe ich denn nicht die Zusage der -Edelsten, daß mir bald, in weniger Frist Alles soll gewährt seyn? Wie -sie mich durch Wissen, Kunst und Gold unterstützen, so werden sie mir -auch die herrlichsten Güter nicht lange mehr verweigern. - -So träumte Sangerheim, und verlor sich in sonderbare und weitaussehende -Plane. - - * * * * * - -Der Professor Ferner hatte dem jungen Schmaling unter dem Siegel der -Verschwiegenheit vertraut, daß, wenn er es wünsche, er am Abend den -weltberühmten Grafen Feliciano in seinem Hause sehn könne, welcher -incognito angekommen sei, um schnell weiter zu reisen. Er machte es ihm -aber zur Pflicht, seiner Schwester, wie seinen Eltern Nichts davon zu -sagen, weil sie Beide sonst sich den Zorn des Grafen zuziehen würden. -Schmaling war über diese Nachricht entzückt, und versprach, nicht -auszubleiben, indem er zugleich versichern mußte, daß sein Herr und -Meister, Sangerheim, auch Nichts davon erfahren solle. - -Anton stellte sich früher bei Ferner ein, um mit Anderson einige -Vorkehrungen zu treffen. Wenn es Effekt machen soll, sagte der heitre -Anderson, so muß ich Euer Haus und die Einrichtung desselben etwas -genauer kennen lernen. Aber sagt mir doch, von welcher Art ist denn -jener Kunstjünger selbst, den wir heut unserm Genius und dessen Launen -aufopfern wollen? - -Anton nahm das Wort und sagte: Der junge Mann wird jetzt acht und -zwanzig Jahre alt seyn und kann im Bau des Körpers, im Angesicht, Blick -und Wesen fast für einen vollkommen schönen Jüngling gelten. Sein Wesen -ist sanft und einschmeichelnd, sein Charakter ist weich und nachgiebig, -und so fügte es sich, daß er meiner Schwester, die er schon seit lange -verehrt hatte, gefiel. Er hat außerdem Viel gelernt, ist ein tüchtiger -Geschäftsmann, und von seinen Vorgesetzten so geachtet, daß sie ihn, so -jung er auch ist, schon zum Rath ernannt haben. Meine Schwester würde -einer glücklichen Ehe entgegen sehn, wenn diese Geheimnißkrämerei, diese -Sucht, sich die Weisheit der Rosenkreuzer und andrer Schwärmer -anzueignen, nicht das schöne Verhältniß jetzt für eine Zeitlang völlig -zerstört hätte. Ihr kennt ja, theurer Mann, die Begebenheit, die sich in -unserm Hause zugetragen hat. Seitdem ist er diesem Sangerheim, aus dem -wir Alle nicht klug werden können, wie mit Leib und Seele verschrieben. -Könnt Ihr nun, indem Ihr den Leichtgläubigen in einer Maske täuscht, ihn -dahin bringen, daß er von seiner Wundersucht nachläßt, so sind wir Euch -den größten Dank schuldig. - -Wir werden ja sehn, was wir ausrichten können, erwiederte Anderson. Er -ging, um sich die Zimmer zu betrachten, indessen Ferner bemerkte: Wie -seltsam ist es doch, daß wir uns zu einer solchen Maskerade vorsätzlich -einrichten, indessen jener Sangerheim, der so Viele täuscht, doch auch -kein wirklicher Charakter, sondern nur ein angenommener seyn kann. Man -kann aber die Bemerkung machen, daß man auf jeder Redoute, sobald man -die erste Betäubung überstanden hat, an alle die seltsamen Masken, die -man sieht, glaubt, sich diese Wesen in ihren seltsamen Bedeutungen -vergegenwärtigt, und selbst den vertrautesten Freund, wenn er sich nicht -ganz hölzern beträgt, sich nicht in seinem wahren Charakter deutlich -vorstellen kann. Diese sonderbare Eigenschaft unsrer Seele, die so gern -freiwillig der Täuschung entgegen geht, erklärt es einigermaßen, warum -die Betrüger in der wirklichen Welt in der Regel so leichtes Spiel -haben. - -Anderson trat wieder zu ihnen und sagte: Um meiner Sache gewisser zu -werden, fange ich nun schon an, den Feliciano zu spielen, den Grafen, -den Menschenfreund, den Heilkünstler und Geisterseher. Mein Bedienter -ist auch draußen, und wird mit bei Tische aufwarten, um der Gesellschaft -mehr Ansehn zu geben. - -Schmaling trat schon, früher als man vermuthet hatte, vor Freude -zitternd herein. Man begrüßte sich und der nachgeahmte Feliciano -behandelte ihn, so wie den Professor und Anton kalt, und mit ruhigem, -herablassendem Stolz. Man sprach nur wenig und setzte sich bald an den -Tisch zu einem leckern Abendessen nieder. Die feinen Weine waren nicht -gespart. - -Es wollte lange kein lebhaftes Gespräch in den Gang kommen, denn -Schmaling war zu sehr von Ehrfurcht durchdrungen, und der Professor so -wie Anton wußten nicht recht, wie sie sich nehmen sollten, um nicht zu -Viel zu thun, und Anderson selbst schien es darauf angelegt zu haben, -diese beiden Freunde etwas zu quälen, denn es war nicht zu verkennen, -daß ihre Verlegenheit ihn unterhielt. Endlich, um diese drückende -Schwüle aufzulösen, fing er an, von seinen Reisen zu erzählen, und der -Professor erstaunte, mit welcher Sicherheit er alle Gegenden -bezeichnete, wie richtig er über Werke der Malerei und Baukunst -urtheilte. Als Feliciano nun von Aegypten sprach, von den Wüsten -Arabiens, von Palästina, Syrien und Persien, und alle Gegenstände mit -der ruhigen Kunde eines Augenzeugen beschrieb, dachte Ferner leise -erröthend an seine vorige Bemerkung, denn er hatte wirklich während der -Rede vergessen, daß dieser Feliciano eigentlich Anderson sei. - -Jetzt war auch der glückliche Schmaling dreister geworden, und er wagte -es, auf den Gegenstand seiner Forschungen und Wißbegier einzulenken. Er -war sehr freudig überrascht, daß der Wunderthäter auch hierüber frei und -offen sprach, daß er jene seltsamen Kuren nicht leugnete, und selbst -andeutete, wie der Stein der Weisen kein Mährchen sei, wie ihn Viele -schon besessen hätten, und Mancher lebe, der Kenntniß von ihm habe. - -So halten Sie, fragte Schmaling wieder schüchtern, die wunderbare -Erzählung vom Flamel für keine Fabel? - -Wie sollte ich es, antwortete Feliciano, da ich den guten Mann selbst -noch hundert Jahre früher, als Paul Lucas Kunde von ihm bekam, in Indien -gesprochen habe? - -Anton fuhr zurück, denn diese Aeußerung schien ihm zu stark und den -Fremden bloß zu geben, doch Schmaling war von seinem Glück schon so -berauscht, daß dieser gewagte Ausspruch seinen Taumel nur vermehrte. - -Es ist sonderbar, fuhr Feliciano fort, wenigstens erscheint es uns -Kundigen so, deren Leben nicht wie Spreu verweht, wenn die Menschen -Dinge wunderbar, seltsam und unbegreiflich nennen, die eigentlich die -einfachsten und natürlichsten sind. Ist denn der Mensch ursprünglich -dazu geschaffen, um den Thau aus der Blume, wie der Schmetterling, zu -saugen, und wie dieser Augenblicks wieder zu vergehn? Sagt nicht die -Schrift das Gegentheil? Wenn nun Weisheit und Kenntniß der Patriarchen -und andrer Heiligen, sorgsam aufbewahrt von Geschlecht zu Geschlecht, -dem Auserwählten, der sich dessen würdig macht, mitgetheilt wird, -- wo -ist das Unbegreifliche, oder nur Seltsame? Die Erzväter lebten -Jahrhunderte, und wer ihrer nicht unwürdig ist, mag auch noch jetzt -ihnen darin ähnlich werden. Wir haben vielleicht noch den Vorzug vor -ihnen, daß wir Wissenschaft und Kunst späterer Zeit mit jenen uralten -der früheren Tage, die für die meisten Menschen schon längst verloren -gegangen sind, vereinigen können. - -Anton winkte dem Gelehrten, als freue er sich, daß Anderson so geschickt -seine vorige Uebertreibung verbessert habe. Feliciano fuhr fort: Und so -mag ich Ihnen sagen, und Sie werden sich hoffentlich nicht mehr darüber -verwundern, daß ich noch frühere Personen gesehn und gekannt habe. Es -war mir vergönnt, ein Freund des großen und heiligen Dante zu seyn. -Viele Verwirrungen der Welt, viele große Entwicklungen der Geschichte -habe ich gesehn, und immer wieder, wenn mein Gemüth durch dieses -weltliche Treiben zu sehr gestört wurde, zog ich mich in die Wüsten -Aegyptens oder Arabiens zurück, oder begab mich in meine -Lieblingslandschaften an dem Ganges, wo ich denn wieder mit Flamel und -manchem andern Adepten lebte. Ich habe bemerkt, daß seit drei -Jahrhunderten die Kunst sehr gesunken ist, denn so lange wird es jetzt -seyn, daß ich keinen neuen Ankömmling in unserm Kreise gesehn habe. - -Schmaling sagte verlegen: und möglich wäre es, sich diesen hohen -Sterblichen, die man fast Unsterbliche nennen möchte, anzuschließen? Ist -es zu hoffen, daß diese großen Geister den Schüler, der ihnen gegenüber -immerdar unwürdig erscheinen muß, nicht zurückweisen werden? - -Alles hängt davon ab, antwortete Feliciano, welche Bahn dieser Lehrling -wandelt, ob er sich zu der rechten gesellt, und ob seine Lehrer ihn -nicht vielleicht der Weihe unfähig machen. - -Und woran soll man das Wahre oder Falsche erkennen? fragte Schmaling. - -Auf vielfache Weise, erwiederte der Magus: ich dürfte nur geradezu -sagen, ich selbst kann Euch aus meinem Munde den besten und sichersten -Bescheid ertheilen. Indessen -- ist ein Kind hier im Hause? fragte er, -gegen den Professor gewendet. - -Ich habe zwei Knaben, antwortete dieser in der höchsten Verlegenheit, -denn dies war gegen die Abrede, und Ferner begriff nicht, wohin dies -führen sollte. - -Wie alt? fragte Feliciano. - -Der Eine zwölf, der Jüngere neun Jahr. - -So laßt mir den Jüngeren kommen, Freund, war die Antwort, und daß uns -dann die Dienerschaft nicht störe. - -Ferner ging, verwirrt und in sich selber ungewiß. Er kam mit dem -heitern, blondlockigen Knaben zurück, der hell und klar aus seinen -großen freundlichen Augen schaute. - -Der Zauberer ließ das Kind zu sich kommen, beschaute es ernst, hieß die -Hände zeigen, betastete den Kopf des Kindes, und indem er mit -feierlichem Anstande die rechte Hand auf dem Haupte des Knaben ruhen -ließ, fragte er ihn: Wie ist Dir jetzt? Empfindest Du Etwas? - -Ach! rief das Kind: mir wird so wohl, so hell, mir ist, als könnt' ich -singen, so leicht als möcht' ich fliegen, das Auge so licht, als könnt' -ich durch die Wände sehn. - -Bleibe so stehn, mein Sohn, sagte Feliciano sehr ernst, und, da nichts -Anders zugegen ist, das uns dienen könnte, so hefte Deine Augen auf den -klaren Kristall dieser Wasserflasche, und sage mir, was Du siehst. - -Anton wie Ferner waren im höchsten Erstaunen, was sich aus dieser -Anstalt, von der sie nicht die kleinste Ahndung gehabt hatten, ergeben -solle. Schmaling war in Bewunderung aufgelöst. Die größte Stille -herrschte. - -Ich sehe, fing das Kind an, einen jungen Herrn, einen schönen jungen -Herrn, hübsch in Kleidern, schlank gewachsen: mir ist, ich kenne den -Herrn. Ich glaube, es ist der Mann hier in der Stube. Er steht aber in -einem fremden Zimmer: ganz fremd. Da kommt ein andrer Herr: auch der ist -noch nicht alt; etwas größer. Sie sprechen. Dreiecke, Vierecke sind -aufgestellt: Sonnen, Monde. Sie sprechen. Ach! -- mit lautem Ruf sagte -der Kleine -- da schwebt so klar, ganz hell, glänzend, ein schönes -Frauenbild zwischen ihnen herab. Es küßt den hübschen Herrn auf die -Stirn. - -Genug, sagte der Magus, und zog die Hand zurück. -- Siehst Du noch -Etwas? - -Unsre Wasserflasche, sagte der Kleine, und ich bin ganz müde. - -Jüngling, sagte der Magus hierauf zu Schmaling, Du bist dermalen auf dem -richtigen Wege, verfolge ihn mit Muth und Standhaftigkeit, und das Ziel -wird Dir nicht entgehn. Dein Führer, dem Du Dich anvertraut hast, ist -der wahre, sonst wäre die göttliche Sophia nicht niedergeschwebt, und -hätte, dem Kinde sichtbar, Deine Stirn mit einem Himmelskusse berührt. --- Er reichte dem Jüngling die Hand, und dieser küßte sie mit -inbrünstiger Ehrfurcht. - -Anton war höchst betreten, überrascht, und konnte in leidenschaftlicher -Verwirrung nicht seine Begriffe ordnen und sammeln. Dies Alles war so -sehr gegen die Abrede, Anderson erschien ihm so fremd, in einer so neuen -Gestalt, daß ihm das Wort auf der Zunge versagte, als er ihn anreden -wollte, denn der Magus sah ihn mit einem so feurigen, durchdringenden -Blicke an, daß er verlegen die Augen niederschlug. Der Gelehrte war eben -so verwirrt, denn die Scene hatte sich so völlig umgestaltet, daß er -sich im eignen Wohnzimmer als ein Fremder fühlte. - -Du glaubtest, mein Anton, fing der Zauberer an, durch einen fremden Mann -diesem Jüngling einen Scherz und Trug zu bereiten, und Du, -Kurzsichtiger, bist der Getäuschte. Ja, wisse denn, ich bin wirklich und -in der That jener weit bekannte Feliciano, den die Welt früher schon mit -andern Namen nannte. Du staunst? Du zweifelst noch? Er faßte das Kind, -stellte es wieder vor den Tisch, murmelte einige Worte, blickte starr -eine geraume Zeit empor, indem er die Lippen bewegte, und legte dann -seine rechte Hand wieder auf den Kopf des Kindes. Was siehst Du für ein -Schicksal? fragte er dann mit schneidendem Ton. - -Ei! ei! rief der Kleine; ach! grüne Bäume, ein Dorf: ein kleines, liebes -Haus da, auch eine Wiese, ein klares Wässerchen, und eine Mühle nicht -weit davon. Ein junger Herr spaziert da, ich kenne ihn auch, er kommt -oft zu uns, ja er ist jetzt bei uns. Schau, da tritt ein hübsches -Bauernmädchen zu ihm, und sie gehn in das kleine Haus. - -Anton war blaß. Er hatte sich erhoben, konnte sich aber zitternd nicht -mehr aufrechthalten und setzte sich nieder. - -Der Knabe fuhr fort, in das Glas schauend: sie streiten heftig im -Zimmer, sie nimmt ein Bild aus ihrem Busen und tritt es mit Füßen. Er -geht und droht. Sie reißt ihre Mütze vom Kopf, die Haare fliegen. Sie -rennt nach dem Tische und zieht ein großes Messer hervor. Dann sieht sie -nach dem Bach und dem Wasser. Sie schwört, sie macht schreckliche -Geberden. - -Der Magus ließ die Hand vom Kopf des Kleinen und ein gelber Blitz zuckte -blendend durch das Zimmer, ein lauter Donnerschlag erschütterte das -Haus. Wie ein Rauch stand plötzlich ein blasses Frauenbild da, drohend -die Hand gegen Anton erhoben. Dieser stürzte entsetzt vom Sessel auf den -Boden. Alles verschwand und die Lichter brannten wieder hell. - -Nun, wendete sich der Zauberer zum Gelehrten, soll ich Dir auch noch -beweisen, daß ich der wahre Feliciano und kein Trugbild sei? Soll ich -Dir Deine geheimsten Gedanken und Absichten oder Deine Zukunft sagen? - -Ferner erwiederte bleich und geängstigt nur Weniges. Du glaubtest, fuhr -Feliciano fort, indem er den zerstörten Anton vom Boden erhob, kein -Mensch in der Stadt kenne Dein Verhältniß zu jenem unglücklichen -Mädchen, die Du Deinem Ehrgeiz aufopferst. Noch ist die letzte Zeit, -noch kannst Du sie retten. - -Es war schon spät, aber Anton stürzte fort und eilte zu Pferde noch in -der Nacht zu seiner Geliebten hinaus. Der Magus hatte sich entfernt, -aber Niemand hatte ihn zur Thür hinaus gehn sehn. - - * * * * * - -So hatte diese Zusammenkunft ganz anders geendet, als es die Freunde und -Clara erwartet hatten. Diese sah ihren Bruder am Abend nicht und auch -nicht am folgenden Morgen. Man war im Hause um ihn besorgt. Der Vater, -der einen kurzen, leidenschaftlichen Brief von Anton erhalten hatte, -lösete mit kummervollem Antlitz das Räthsel. - -Der Sohn war in der Nacht angekommen. Er vernahm, daß um die Zeit, als -das unglückliche verführte Mädchen ihm im Zimmer seines Freundes -erschienen war, sie in einem Todtenschlafe, so daß sie nicht zu erwecken -war, gelegen hatte. Als sie sich wieder besonnen und mit den tief -bekümmerten Eltern gesprochen hatte, legten sich diese, nach einem -kurzen Abendessen, zur Ruhe. Als im Hause Alles still war, hatte sie -noch einen Brief an ihren Ungetreuen geschrieben, der sich ihrer -schämte, und ihre Dürftigkeit und ihren Stand verachtete. Als sie mühsam -und unter vielen Thränen den Brief geendigt hatte, ging sie noch lange -auf und ab, um ihr Elend ganz zu fühlen und ihren schrecklichen -Entschluß in sich reif werden zu lassen. Sie hatte nicht den Muth, sich -ihren Eltern zu vertrauen, weil sie den Zorn des heftigen Vaters -fürchtete. Sie fühlte, wie nahe sie ihrer Niederkunft sei, und hatte -keinen Vertrauten, wußte keine Hülfe zu ersinnen. Anton hatte sie in der -Stadt als eine Unbekannte unterbringen, und für sie sorgen wollen, sie -aber hatte mit Abscheu alle seine Vorschläge abgewiesen, da er nicht -mehr für sie zu thun gesonnen war, so dringend sie ihn auch an seine -früheren Versprechungen und Eide erinnerte. Er wollte aufschieben und -Zeit gewinnen: er fürchtete ebenfalls seinen Vater, seine Vorgesetzten, -auch war die frühere Liebe wohl erkaltet. Sie sah keinen Ausweg und ging -jetzt in der finstern Nacht den Bach entlang, um in den brausenden -Mühlsturz sich und ihr ungebornes Kind und alle ihre Sorgen zu begraben. - -Indem sie nach der Mühle zulenkte, hörte sie auf der Landstraße ein -brausendes, jagendes Pferd. Es war Anton. Seine Todesangst erkannte -schon aus der Ferne ihren Schatten. - -Der geheime Rath Seebach meldete seiner Familie, daß sich sein Sohn am -frühen Morgen mit einem Bauermädchen verheirathet habe. Was der kurze, -heftige Brief nicht sagte, ergänzte seine Ahndung. Die Mutter, aus einer -alten adeligen Familie, einem angesehenen Edelmanne vermählt, war außer -sich, weil dieser Sohn ihr Stolz und ihre größte Hoffnung gewesen war. -Clara war mehr verwundert als betrübt, und zürnte dem Bruder, daß er ihr -und den Eltern aus diesem Verhältniß ein Geheimniß gemacht hatte. - -Traurig ist es, sagte der Vater, denn er hat sich durch den raschen -Schritt, durch diese Unbesonnenheit die Thüre zu allen höheren Stellen -verschlossen. Es ist aber so, mag es auch kommen, wie es will, besser, -als wenn er ein Verbrechen begangen hätte. Wir werden uns an die Tochter -gewöhnen, und wenn mein Sohn Ehrenstellen einbüßt, so hält er doch sein -Wort und bleibt ein Mann von Ehre. Wo das Schicksal so ernst in die -Verhältnisse des Lebens tritt, da soll man nicht mehr klügeln, sondern -in Demuth den hohen Willen anerkennen. Ich weiß, daß die Liebe seiner -Eltern nicht dadurch wird vermindert werden. - -Die Mutter weinte heftig, so sehr sie auch der Vater und Clara zu -beruhigen suchten. Der Vater schrieb dem Sohne mit dem rückgehenden -Boten einen herzlichen Brief, in welchem er ihm Alles vergab und ihn -ermunterte, sein Leben nun tüchtig und stark anzufassen. Die Stadt war -bald von dieser sonderbaren Begebenheit angefüllt, über welche Jeder -nach seinem Standpunkt und seinen Vorurtheilen sprach. - - * * * * * - -So war nun in allen Verhältnissen der Familie eine große Veränderung -eingetreten. Der Sohn kam vor der Niederkunft seiner Frau nicht zur -Stadt. Nachher zeigte er sich den Eltern, getröstet, aber nicht froh, -und späterhin führte er Agnes, die Bäuerin, bei ihnen ein, mit der er -ein eignes kleines Haus in der Vorstadt bezog. Nichts wollte sich fügen -und in einander schicken, und Jeder gestand sich, daß, wenn die Sache -unabänderlich war, diese Frau, durch welche die Laufbahn des Sohnes -gehemmt war, in den Kreis der Familie doch nicht passe. Es war schon die -Rede davon, daß er das Gut des Vaters bewirthschaften solle; indessen -schien auch dieses bedenklich, da Anton sich niemals um die -Landwirthschaft gekümmert hatte. Was den Vater aber mehr, als diese -Stellung seines Sohnes kümmerte, war, daß er ein schwärmerischer -Anhänger dieses Feliciano geworden, von dessen Seite er kaum mehr wich, -und so erlebte er nun, daß Sohn und Schwiegersohn sich diesem Schwindel -ergaben, von dem er selbst wieder geheilt schien. Er erstaunte, daß auch -sein ruhiger Freund, der Gelehrte, der ihm immer ein Muster in der -ruhigen Haltung erschienen war, ebenfalls nach jener Begebenheit sich -als einen fanatischen Anhänger des Feliciano erklärte. Auch der alte -Obrist neigte zu dieser Schwärmerei hinüber, und nicht bloß im Hause des -geheimen Rathes, sondern in den meisten Häusern der Stadt, wurde -Feliciano der erste und wunderbarste aller Menschen genannt. - -Ein Taumel bemächtigte sich, als es erst bekannt worden war, daß der -berühmte Feliciano zugegen sei, der ganzen Stadt. Jedermann wollte ihn -kennen lernen, jede Gesellschaft wollte ihn in ihrer Mitte sehn. Er -gewann in kurzer Zeit viele Anhänger und Freunde, und die angesehensten -Männer, die höchsten vom Adel bewarben sich um seine Gunst. Er erklärte, -daß er nur kurze Zeit verweilen könne, weil er in großen und wichtigen -Geschäften nach dem Norden gehn müsse, auch erlaubten ihm seine -geheimnißvollen Arbeiten nicht, sich zu sehr in der Welt zu verbreiten. -Die wichtigsten Männer versammelte er um sich in seiner Loge. Man sprach -von den seltsamsten Wundern, die hier in geheimen Zusammenkünften -vorgefallen waren. Der Professor, so schien es, hatte seinen jüngsten -Knaben ganz dem Wunderthäter überlassen, denn das Kind weissagte oft aus -dem Kristall, den Feliciano künstlicher, als es an jenem Abend geschehen -war, in seinen Gesellschaften aufstellte. Der Arzt Huber arbeitete -indessen mit Sangerheim und Schmaling, Jeder bestrebte sich, von allen -diesen geheimen Künsten Zeuge zu seyn, oder durch Freunde wenigstens -Etwas von ihnen zu vernehmen, und selbst die Frauen und Mädchen -wünschten an diesen Wunderwerken Theil zu nehmen, oder auch in irgend -eine mysteriöse Verbindung zu treten. Feliciano hatte sie eigentlich -selbst zuerst auf diesen Wunsch geführt, und er stiftete auch bald -darauf eine Loge für Damen, die nun auch mit mystischen Abzeichen -prangten, sich gegenseitig an Gruß und Handdruck erkannten, und von -Fortschritten in Weisheit und Wissenschaft träumten. Auch die Mutter -Clara's hatte sich in diesen Orden aufnehmen lassen. - -So war die arme Clara von Jedermann verlassen, denn beim Vater, der über -alle diese Sachen verstimmt war, konnte sie nur wenig Trost finden. Der -Graf Feliciano hatte alle Künste der Ueberredung angewendet, das schöne -Mädchen auch zu dem Uebertritt in seinen neugestifteten Orden zu -überreden, in welchem seine Gemahlin, die seitdem auch aus dem Inkognito -hervor getreten war, den Vorsitz führte. Es gelang ihm aber so wenig, -daß im Gegentheil der Widerwille Clara's gegen alle diese Dinge immer -mehr gesteigert wurde. Wie kann der Mensch, sagte sie einmal in einer -aufgeregten Stimmung zu ihrem Vater, nur so verkehrt seyn, in der -Umkehrung des Natürlichen sein Heil zu suchen? Man fühlt sich ja als -Mensch nur wohl, wenn Alles in der gewöhnlichen Bahn fortschreitet, wenn -das, was sich als nothwendig ankündigt, ganz einfach und schlicht -geschieht. Entwickelt sich in diesem Lebensgange eine große That, eine -schöne Aufopferung, so freut es uns um so mehr, daß uns das Göttliche -aus den Elementen gewebt ist, die uns zunächst umgeben, daß wir fühlen, -auch uns könnte in einer geweihten Stunde dasselbe begegnen, oder unsre -Seele könnte auch dieselbe Höhe erstreben. Ziehn wir uns doch mit -Widerwillen von der Nahrung zurück, die uns zu fremdartig dünkt, deren -Zurichtung unserm Gaumen widersteht: aber schlimmer als überreifes Wild, -oder der verpestete ^haut goût^ der Assa fötida, und der Vogelnester und -ähnlicher abscheulicher Dinge ist es, diese Knoblauch-Tinktur von -Wunderglauben, tollen Fabeln und aberwitzigen Bestrebungen in seine -Seele aufzunehmen. - -Der Vater erwiederte: Du bist zu zornig, liebes Kind. Laß die Menschen -gewähren, der Krankheitsstoff muß austoben. Alles Sprechen dagegen nutzt -nicht, unfruchtbar ist das Moralisiren; der Dämon, der die Menschen -besitzt und treibt, wird endlich seines Spieles selbst müde. Deine kühne -Vergleichung paßt auch nicht ganz; man könnte eben so gut die -entgegengesetzten Bilder brauchen. Wen versucht nicht der reife, -köstliche Pfirsich? die duftende Ananas? die lockende, rothe Kirsche, -vorzüglich in der Jugend? Und was wäre unser Leben, wenn Alles so plan -verständlich wäre? Alle Tage unausgesetzt die nahrhafte Hausmannskost -des redlichen Treibens, der guten Gedanken? Aus Natur und Kunst, aus -Liebe und Scherz, aus Religion und Gemüth winkt uns ein Geheimniß an, -dem wir näher kommen möchten: es zieht uns nach durch Gefild und Wald. -Jetzt glauben wir es zu erblicken, dann ist es wieder entschwunden. Von -dieser Sehnsucht, die ohne Gegenstand scheint, werden die besten Kräfte -unsrer Seele getränkt, und wenn sie erlöschen könnte, würden wir in uns -selbst verschmachten. Alle schönen Triebe der Freundschaft, des -Wohlwollens, der Menschenliebe, aller Enthusiasmus für das Gute und -Schöne quillt ebenfalls aus dieser geheimnißvollen Gegend unsrer Seele. - -Mag es seyn, antwortete die Tochter, aber ich sehe und erlebe es doch, -daß, wenn diese Sucht, oder der Trieb auch innigst mit dem Schönen eins -ist, sie doch auf ihrem fortgesetzten Wege sich in das gespenstig -Aberwitzige verwandeln können. Der Mensch muß ja doch mit festem -Charakter und unbezwinglichem Willen in der Mitte stehen bleiben, daß -Glauben sich nicht in Aberglauben, Sinn in Thorheit, Tugend nicht in -Laster verwandle. Ist jene Sehnsucht überirdischer Natur, so ist dieser -einfache starke Wille wohl auch göttlicher Abkunft, der wie ein -unüberwindlicher Riese den Schatz der Vernunft und des Guten bewachen -soll, welcher dem Menschen von Gott ist anvertraut worden. Mir dünkt, -gegen tausend wunderliche Dinge, die auf uns eindringen, gegen unzählige -Gelüste, die uns überreden möchten, giebt es keine andre Waffe, als daß -ich sage und immer wieder sage: es soll nicht seyn! Lasse ich dieses -Schwert im Schlummer einmal fallen, so kann ich gar nicht mehr wissen, -wohin mich alle jene Sophistereien führen könnten. - -Diese starre Vernunft, sagte der Vater, reicht aber auch nicht aus: sie -kann Tugend seyn, widersteht aber eben so oft der Liebe als dem Unrecht, -läßt auch die Wahrheit, indem sich die Liebe abkämpft, nicht auf sich -eindringen. - -Wahrheit! das große Wort! rief sie aus, das eben so wohl Alles wie -Nichts bedeutet. Wer hat es nicht schon gemißbraucht? Je demüthiger wir -uns dem unterwerfen, was das Leben von uns verlangt, je sanfter und -stiller wir dem folgen, was uns zu unserm Heil offenbart ist, je weniger -wir grübeln und klügeln, und die Anmaßung von uns fern halten, über dem -Begreifen zu stehen, es zu meistern und nach Gutdünken zu handhaben, um -so mehr wir dem Vorwitz Einhalt thun, da nicht hinschauen zu wollen, wo -sich in der Leere unserm irdischen Blick nur Gespenster erschaffen, um -so mehr, glaube ich, bleiben wir der Wahrheit getreu. - -Wohl mein Kind, sagte der Rath: denn wie ich schon sonst behauptete, -wenn das Böse auch ein Nichts ist, so erwecken wir es doch wohl und -theilen ihm unsre Kräfte mit, indem wir es glauben und uns dem Nichtigen -ergeben. Hat es erst von uns diese Stärke empfangen, so wird es wohl oft -so gewaltig, daß es uns und jeden Widerstand besiegt, der nicht die -göttliche Wahrheit selbst zu Hülfe ruft. In diesem Bilde kann man sich -die Erscheinung der bösen Geister denken, die der Magier aufruft. -- Und -so möchte man freilich glauben, Wahrheit sei in allen Dingen zu finden, -sie liege auch dem Irrthum zum Grunde, nur hüte sich der Mensch, einer -Regung, einer Aufwallung, oder einem Gedanken unbedingt und zu dreist zu -folgen, denn rechts und links liegt die Unwahrheit und Täuschung, und er -wandelt nur recht auf einer schmalen Linie. - -Wenn es so ist, erwiederte Clara, so ist es eben das Sicherste, dem -Alltäglichen getreu zu bleiben, was vielen beflügelten Geistern als das -Gemeine erscheint. Will sich der Mensch erheben, wird er, wie der -fliegende Schmetterling, von Schwalben und Sperlingen weggehascht, und -bleibt er unten am Boden, so wohnt er beim Gewürm, aber nährt sich auch -vom Thau, der in den Rosen und Lilien glänzt. -- - -Nicht nur die Familie des Rathes war in Verwirrung gerathen, sondern man -konnte dies von der ganzen Stadt behaupten. Dem alten Seebach war es -aber verdrüßlich, daß von den Vernünftigen, die sich nicht hinreißen -ließen, Alles was geschah, mit ihm und seinem Sohn, so wie mit jener -Entdeckung Sangerheims in Verbindung gebracht wurde. Es ließ sich nicht -leugnen, daß jener Vorfall, der viel Aufsehn erregt hatte, zu allen -spätern Wunderlichkeiten gleichsam das Signal gegeben hatte. Die -sonderbare Verheirathung des Sohnes, die Schwärmerei Schmalings, die -Operationen des Grafen so wie Sangerheims, die weibliche Loge, in die -sich seine Gattin sehr gegen seinen Willen hatte aufnehmen lassen, die -Seltsamkeiten, die sowohl der Arzt Huber, wie der Professor Ferner, -vernehmen ließen, die Ausschweifungen mancher Reichen, die sich ganz der -Hoffnung ergaben, die Kunst des Goldmachens zu entdecken, und in dieser -Aussicht ihr Vermögen verschwendeten, Geister-Erscheinungen, durch -welche man in mächtigen Familien dieses und jenes hatte durchsetzen -wollen, alles Dies, vergrößert, mit Erfindungen ausgeschmückt, Alles -wurde hauptsächlich auf Rechnung des alten erfahrnen Seebach -geschrieben, um so mehr, weil man wußte, daß er auf eine Zeitlang sich -diesen seltsamen Künsten ergeben hatte. Es half ihm Nichts, daß er sich -wieder zurückgezogen hatte, daß er den Umgang Sangerheims und noch mehr -des Grafen vermied, die meisten Menschen, auch seine Collegen und selbst -seine Freunde hielten ihn für den Stifter aller dieser Irrungen. So -bedrängte ihn, außer den häuslichen Kränkungen, noch das Gefühl, daß er -so vielen wackern und einflußreichen Leuten für einen zweideutigen und -gefährlichen Mann galt. Vieles von diesem geheimnißvollen Umtreiben kam -auch vor das Ohr des Fürsten, der, da die Sache laut und weltkundig -wurde, ein großes Mißfallen bezeigte, und dem Rathe, der sich gar nicht -mehr mit diesen Dingen befassen mochte, andeuten ließ, sich zu mäßigen. -Am schlimmsten aber waren dem gekränkten Seebach die Maurer von der -alten Ordnung aufsässig, die in Allem nur die Absicht sahen, daß sie -gestürzt werden sollten, -- welches die mystischen Logen auch laut genug -aussprachen, -- und nun empört den Rath als einen abtrünnigen Bruder -behandelten, der aus weit ausgreifenden Absichten sich diesen Rebellen -verbunden habe, um als das Haupt dieser geheimnißvollen Gesellschaft -Verderbliches zu wirken. - -Meine Tochter hat Recht, sagte der Rath zu sich selber, wie hart werde -ich für meine Neugier oder Wißbegier gestraft, die Anfangs so löblich -oder unschuldig aussah. Hielt ich mich doch für so kühl und weise, um -allen Versuchungen Widerstand leisten zu können. Aber ein Glied reiht -sich an das andre, und unvermerkt ist die Kette fertig. - -Es schien aber, als wenn zwei Wunderthäter für Eine Stadt, wenn sie auch -groß war, zu viel seien. Der Graf hatte sogleich abreisen wollen, -verlängerte aber seinen Aufenthalt von einem Tag zum andern. Sein -Wirkungskreis schien sich auszubreiten, so wie der Sangerheims abnahm, -da viele von dessen Jüngern zum größern Meister abfielen. Darum führte -Sangerheim den Vorsatz aus, zu welchem er schon seit einiger Zeit Alles -vorbereitet hatte, sich nach einer andern reichen und angesehenen Stadt -zu begeben, wo er, da sein Ruf ihm schon vorangegangen war, gleich mit -dem größten Glanze auftrat, die ältern Maurer beschimpfte, ihnen ihre -Lehrlinge entzog, und Zeichen und Wunder aller Art verrichtete. Der -Geheimrath erlebte die neue Kränkung, daß Schmaling, unter dem Vorwande -einer Krankheit, von seinem Minister einen unbestimmten Urlaub nahm, und -dem Abentheurer nach jener Stadt hin folgte, um in seiner Nähe und nach -seiner Anweisung seine geheimnißvollen Arbeiten fortzusetzen. Schmalings -Abschied von Clara war kalt, und sie war so erzürnt, daß nur Wenig -fehlte, so hätten Beide ihre Trennung für immer ausgesprochen. Aber da -Beide sich noch mäßigten, so blieb es bei unbestimmten Ausdrücken, die -Jeder nach Gefallen deuten konnte. - -Seinen Sohn sah der Rath nur selten, weil er ganz dem Grafen und dessen -Befehlen und Operationen lebte. Die Gattin war in der weiblichen Loge -sehr thätig, und jetzt mit der niedrig gebornen Frau ihres Sohnes ganz -ausgesöhnt, weil auch diese, die allen Glanz ihrer Jugend wieder -erhalten hatte, vom Grafen zur Bundesschwester war geweiht worden. Huber -war ebenfalls dem Adepten Sangerheim nachgereiset, um in seiner Kunst -vollkommener zu werden. - -Clara war im Schmerz außer sich, als der Vater nach einiger Zeit von -Schmaling einen sonderbaren Brief erhielt, den er der Tochter mittheilen -mußte. Der künftige Schwiegersohn schrieb nehmlich Folgendes: - -Im Begriff, einen sehr wichtigen und entscheidenden Schritt in meinem -Leben zu thun, halte ich es für meine Pflicht, Sie, Verehrter, und meine -geliebte Clara in Kenntniß zu setzen, was ich zu thun gesonnen bin, was -ich nicht unterlassen kann und darf. Daß mein Gemüth sich seit lange dem -Reiche der Geheimnisse zugewendet hat, wissen Sie schon, daß mein Herz -nur Ruhe finden kann, wenn diese Sehnsucht gestillt wird, werden Sie -begreifen. Aber wie kann, wie soll es geschehn? Ich habe manche Grade -erhalten, ich bin Zeuge von vielen Wundern gewesen, seltne Kenntnisse -sind mir geworden, große, heilige Schauungen haben meine Seele erst -erschüttert, und sind mir dann einheimisch geblieben. Daß ich niemals zu -jenen Verächtern unserer Religion gehört habe, die in unsern Tagen den -Ton angeben, wissen Sie ebenfalls. Ich habe geforscht, die heiligen -Schriften sind mir vertraut und ehrwürdig, aber was die Kirche und ihre -Priester mir gaben, konnte meinem brünstigen Geiste nicht genügen. Auch -hier hat mir der begeisterte Sangerheim neue Wege gewiesen. Die -Tradition, die Wunder der ältern katholischen Kirche, ihre heilige -Messe, die himmlischen Legenden, die Gegenwart, die unmittelbare, -Christi in der Hostie, die Liebe der Mutter Gottes, die Bilder und die -Musik, -- warum sollen wir unser reiches Herz allen diesen Gaben -verschließen? Warum nicht nehmen, was uns so liebreich geboten wird? Um -ganz der Einweihung in die Mysterien würdig zu werden, um die Grade -empfangen zu können, und die Strahlen des Lichtes, nach denen ich mich -sehne, ist es nothwendig, wie mir mein Lehrer sagt, daß ich meinen -jetzigen Standpunkt in der Kirche aufgebe, die Ueberzeugung, die mir ja -niemals eine war, weil sie mein brennendes Herz so leer ließ, daß ich -zur ältern, eigentlichen christlichen Kirche zurückkehre, die mütterlich -jedem Verirrten die Arme entgegenbreitet. Ist dieser nothwendige Schritt -geschehn, so sind mir alle Geheimnisse des Ordens zugänglich und offen, -die Vereinigung mit jenen ehrwürdigen Männern, den unbekannten Obern, -ist mir dann möglich, mit jenen erhabnen Geistern, denen die Verwahrung -aller Geheimnisse anvertraut ist. Diese nahe Weihe, diese Nothwendigkeit -der Veränderung hat der Meister mir nur allein, als seinem Lieblinge, -entdeckt, die andern Schüler sind dieser Erklärung noch nicht fähig und -würdig. -- Von Ihnen, verehrter Mann, bin ich nun keiner Einreden und -keiner Mißbilligung gewärtig, da ich weiß, wie billig Sie sind, wie -aufgeklärt Sie denken. Es kann bei Ihnen unmöglich in Anschlag kommen, -daß ich meine jetzige Stelle und jeden künftigen Staatsdienst aufgeben -muß, denn den höheren Pflichten müssen die niedrigern weichen. Es ist ja -nichts Weltliches, Ehre oder Reichthum, was ich durch diese Rückkehr in -die Mutterkirche erstrebe: sondern das Unsterbliche, die Erleuchtung, -das Verständniß selbst. Wie aber wird Clara es aufnehmen, wenn sie -meinen Entschluß erfährt? Sie klebt, fürchte ich, allzusehr am -Irdischen, um sich in die freiere Region des Geistes erheben zu können. -Ich hatte immer gehofft, ihr Sinn würde sich in der Liebe poetischer -bilden, daß sie es wenigstens fühlte, wenn auch nicht einsähe, wie arm -jenes Leben ist, dem sie sich ergeben hat. Suchen Sie sie zu stimmen, -verehrter Vater, daß sie mich nicht mißversteht, Sie, der Sie ja auch -der Wissenschaft manches Opfer brachten. Und was ist es denn auch mit -dem Weltlichen und Irdischen? Besitze ich nicht eignes Vermögen? Auch -Clara ist nicht arm, und braucht sich also niemals von mir ganz abhängig -zu empfinden. Und soll einmal dergleichen in Anspruch kommen, so darf -ich wohl die Aussicht, daß mir in Zukunft, vielleicht bald, Alles zu -Gebote steht, was ich nur wünsche, keine Fata Morgana nennen. Welche -Kraft und Gewalt mir anvertraut mag werden, um da zu herrschen, wo -unsere Ahndung sonst nur hinstrebt, mag ich nicht weiter andeuten und -aussprechen. Ist sie aber mit mir einverstanden, so bin ich der -Glücklichste der Menschen. -- - -Nein, wahrlich nicht! rief Clara im höchsten Unwillen aus, nun und -nimmermehr! Welchen Gimpel haben sie schon jetzt aus dem allerliebsten -Menschen gemacht, und was muß nicht erst aus ihm werden, wenn sie ihm -noch mehr Grade und Geheimnisse aufhalsen! O wahrlich, er wird ihnen in -den Strängen geduldiger als ein Maulthier ziehn, und allen frommen -Gläubigen zum Exempel und Vorbild dienen. Mich mit ihm verbinden? -Vielleicht haben sie noch einen andern geheimen Grad irgendwo im Winkel -liegen, und um den zu ergattern, muß er wohl auch noch sein Vermögen -dran geben, und dann, um die letzte und beste Niete zu ziehn, Capuziner -werden. Nein, ehe er seinen Verstand nicht aus dem Monde wieder herunter -geholt hat, mag ich Nichts von ihm wissen. Wie er der jüngern Kirche -entsagt hat, um die ältere lieben zu können, so giebt es auch vielleicht -hinter dem Vorhang eine ältere mütterliche Braut, die zu ehlichen seine -unsterbliche Pflicht ist, denn ich merke, diese Wunderthäter können -Alles möglich machen. Ich hörte sonst wohl, die katholische Kirche habe -die Freimaurerei in schweren Bann gethan, ich sehe aber wohl, es gibt -Ausnahmen für Alles. Sonst wurden viele junge Menschen Maurer, um auf -Reisen eine gute Aufnahme und gastfreie Brüder zu finden, eine -unschuldige Ursache, sich einweihen zu lassen. Jetzt aber, -- wie -Kunstreiter auf ihre Geschicklichkeit, Taschenspieler auf ihre schnellen -Hände, so reiset dieser Sangerheim auf die Kunst herum, allenthalben die -bestehenden Logen zu stürzen. Wenn er denn Geister zitiren kann, so mag -er dem armen Schmaling den seinigen wiederschaffen. Vielleicht ist der -aber schon in der Loge verbaut, oder als Winkelmaß eingerichtet. Also -nach Rom hin sieht denn dieser Orient? Schmaling wird gewiß einmal diese -Herren segnen, die ihn jetzt so reich und groß machen, wenn er erst sein -ganzes Elend kennt, und ihm sein verarmtes Herz zerbricht. - -Sie überließ sich der Trostlosigkeit und weinte heftig. Der Vater wußte -ihr Nichts zu sagen, er beschwor sie, nur nicht in der ersten Entrüstung -den Brief zu beantworten. Er selbst schrieb an Schmaling, um ihn mit -allen Gründen, die er aufführen konnte, von dem Schritte abzuhalten, den -er zu thun im Begriff war. - - * * * * * - -Endlich bestimmte sich auch der Graf Feliciano, seine große Reise -fortzusetzen. So sehr der Rath seinem Sohn Anton Alles vorhielt, was -Vernunft und Gefühl ihm nur eingeben konnte, so ließ sich Anton dennoch -durch Nichts abhalten, mit seiner jungen Frau, deren Kind bald nach der -Geburt gestorben war, dem Grafen zu folgen. Auch der Professor gab -seinen Knaben, wenigstens für einige Zeit, dem berühmten Feliciano mit -auf die Reise, weil der Magier gefunden hatte, daß dieses Kind -vorzüglich begabt sei, die Visionen zu sehn. Die Mutter hatte sich -indessen von der Loge wieder zurückgezogen, denn es war ihr zu -empfindlich gewesen, daß das Bauermädchen eines größeren Ansehns, als -sie selber, genoß; man hatte sogar in Vorschlag gebracht, daß die -Unerzogene nach der Abreise des Grafen und seiner Gemahlin Vorsteherin -derselben werden sollte; da sie aber die Wunderthäter begleitete, um -noch höhere Grade zu empfangen, und der höchsten Geheimnisse theilhaftig -zu werden, so war der Räthin die Würde angetragen worden, die sie nach -diesen Vorfällen mit Verachtung ausgeschlagen hatte. - -Wenn also der Rath um seinen Sohn und dessen Schicksal bekümmert seyn -mußte, so hatte er wenigstens die Beruhigung, daß seine Gattin mit ihm -und der Tochter wieder einverstanden war. Die Frau, die nicht ohne -Charakter und Verstand war, bereute jetzt ihre kurze Verblendung um so -mehr, als sie jetzt, kühler geworden, einzusehn glaubte, wohin das -Gaukelspiel ziele. Durch die Loge hatten sich mehrere Liebschaften und -Verbindungen, und zwar nicht von den anständigsten, angeknüpft; auch -Scheidungen fielen vor, und man hielt es bald für verdächtig, dieser -Gesellschaft anzugehören, so daß die Frauen selbst nach kurzer Zeit -dieses Logenspiel wieder aufgaben, und um so leichter, da man nur -Wenigen Geheimnisse mitgetheilt hatte. Diese Wenigen waren nachher von -Allen vermieden, die ein strengeres Leben führen wollten. - -In jener großen Stadt hatte sich Sangerheim indessen eingerichtet und -einen viel größern Anhang, als in der Residenz gefunden. Die dortigen -Freimaurer waren durch ihn gewissermaßen aufgelöst worden, viele -derselben in seine Loge getreten, und man sprach fast nur von dieser -neugebildeten Brüderschaft, die sich großer Geheimnisse rühme. Es fehlte -nicht an seltsamen Berichten. Man wollte Geister gesehn, die größten -Dinge prophezeit haben, man war auf dem Wege, den Stein der Weisen zu -entdecken, oder der Meister war vielmehr im Besitz desselben, und die -liebsten Jünger durften hoffen, desselben bald auch theilhaftig zu -werden. - -Auf seinem Zuge berührte der Graf Feliciano auch diese Stadt, und -beschloß, mindestens einige Tage hier zu verweilen. In dieser Zeit -gewann er den enthusiastischen Schmaling sehr lieb, und hatte ihn fast -immer um sich, mit ihm über seine Bestimmung, das Geheimniß und das -Licht zu sprechen. Dieser junge Mann und Anton, die sich früher in allen -Dingen widersprochen hatten, waren jetzt in allen Ueberzeugungen -miteinander einverstanden. Der Arzt Huber, welcher auch schon, um -Sangerheims Umgang zu genießen, nach dieser Stadt gekommen war, vereinte -sich mit ihnen. Sie erfreuten sich jetzt an Antons Weisheit, der fast -der Heftigste von ihnen war, und lernten dankbar und demüthig von dem, -der ihnen vor weniger Zeit noch als ein unbedeutender Freigeist -erschienen war. - -Eine Versammlung der vertrautesten Brüder war zu einer Abendmahlzeit bei -Sangerheim vereinigt. Huber und Schmaling fanden sich ein, und der Graf -beehrte mit Anton durch seine Gegenwart die Gesellschaft, die zahlreich -war, weil noch Manche in der Stadt, die Sangerheims Vertrauen genossen -und die begierig waren, den fremden Wunderthäter kennen zu lernen, sich -mit Bitten hinzugedrängt hatten. - -Der Graf wußte seine Person geltend zu machen und wurde von allen -Anwesenden wie ein überirdisches Wesen verehrt. Er war im Anfange -zurückhaltend und karg mit seinen Worten, nach und nach aber ward er -gesprächig, heiter und mittheilend. Er suchte, so schien es, die -Gesinnung und das Wesen Sangerheims ausforschen zu wollen, ohne ihm -selbst näher zu treten. - -Sangerheim, der sich vor seinen Schülern und Anhängern keine -Verlegenheit wollte zu Schulden kommen lassen, erörterte viele Punkte, -die er sonst lieber vermieden hätte, zu denen ihn aber der forschende -Graf in künstlichen Wendungen hindrängte. Dadurch gewann der Klügere so -sehr die Oberhand, daß Sangerheim dem Grafen gegenüber selbst als -Schüler und Lehrling erschien. Am meisten fiel dies dem wißbegierigen -Schmaling auf, der bis dahin seinen Meister für den ersten Menschen der -Welt gehalten hatte. Wie sonderbar, sagte er zu sich selbst, daß mein -Meister, die große, edle Gestalt mit dem Feuerauge und der hohen Stirn, -mit diesem kräftigen und vollen Ton, diesem untersetzten Manne, mit den -hohen Schultern, dem matten Auge und der schwachen krähenden Stimme -gegenüber klein erscheinen kann. Erkennt er denn vielleicht in ihm ein -höheres Wesen? Ist dieser Fremde wohl einer der unbekannten Obern, von -denen ich immer so viel sprechen höre? - -Auch Huber und manche der Gegenwärtigen mochten etwas Aehnliches denken. -Da bei dem leckern Mahle die feinen Weine nicht gespart waren, so -belebte sich das Gespräch immer mehr. Jeder der Anwesenden wollte sich -vor dem großen Fremden mit seinen Gedanken und Kenntnissen zeigen, oder -Etwas von ihm lernen, und wenn auf viele Fragen die Antworten des Grafen -auch nicht klar und glänzend ausfielen, so gab die Dunkelheit oder das -Zweideutige derselben doch immer Vieles zu denken. - -Schmaling lenkte endlich das Gespräch auf die Religion, und Sangerheim -sah sich genöthigt, den Wink, den er Manchen im Geheim gegeben hatte, -jetzt als eine Lehre laut auszusprechen, daß nur Derjenige, der zur -katholischen Kirche gehöre oder überträte, der höchsten Grade und der -wichtigsten Geheimnisse theilhaftig werden könne. - -Feliciano sah ihn lange mit einem großen fragenden Blicke an und sagte -nach einer Pause, die alle Anwesenden in der größten Spannung erhielt: -Ist das Euer Ernst, großer Meister? - -Wie anders? fuhr Sangerheim fort, da die übrigen Partheien, die sich -ebenfalls Christen nennen, immerdar ein geistiges Geheimniß verletzen -und sich der Wundergabe, der Inspiration, der Anschauung der Mysterien -entziehn? Sie können Vieles sehn und erforschen, aber der Anblick des -Allerheiligsten ist ihnen nicht vergönnt; sie können nur von den sieben -höheren Graden fünfe erringen. Ihre Sekte an sich selbst schließt sie -nicht aus, wohl aber ihre Glaubensunfähigkeit: überwinden sie aber diese -in der Rührung ihres Herzens, so treibt sie der eigne Geist von selbst, -sich der älteren Kirche wieder anzuschließen. - -Der älteren? nahm Feliciano mit großem Ernste das Wort auf; welche ist -diese? Kennt Ihr sie? War vor dieser ältern nicht wohl eine noch ältere -und ächtere? Wozu Eure vielen Grade, wenn Euch dieses wichtigste -Mysterium mangelt? - -Hindert Euch Nichts, großer Mann, fiel Schmaling ein, dieses etwas -deutlicher auszusagen? - -Wir sind nur von Brüdern umringt, antwortete der Graf, die früher oder -später von selbst das finden werden, was ich ihnen andeuten kann, und -darum brauche ich in dieser edlen Gesellschaft, die keine weltliche ist, -meine Worte nicht ängstlich abzumessen. -- Was die Christenheit spaltet, -ist neu und zeitlich, Priesterwort und willkührliche Satzung ist schwer -vom ächten Fundament desselben zu unterscheiden, und so kommt es, daß in -den protestantischen Kirchen vieles ächter und wahrer ist, als was die -Katholiken in ihrer Lehre vortragen, die Alles, was Luther predigte, nur -Neuerung nennen. Aus beiden Kirchen ist zu lernen, aber nur dem ist es -möglich, dem der Sinn frei geblieben ist. Gab es denn nicht, längst vor -Entstehung des Christenthums, die ächte, völlig ausgebildete Maurerei? -Diese war denn doch wohl noch älter, als die alte Kirche. Und was bedarf -sie denn also dieser, um der Wunder, des Wissens, der Geheimnisse -theilhaftig zu werden? Sie genügt sich selbst, und sie wäre nicht das -Höchste und Beste, was der Mensch erringen kann, wenn sie in irgend -einer Religion eine Stütze oder Bestätigung finden könnte. - -Sangerheim schien erstaunt, aber Feliciano fuhr fort: gedenkt nur an den -großen, weisen Salomo und seinen Tempelbau, an Hiram, und an alle -Legenden und Symbole, die auf unsern großen und alten Meister, den -weisesten des Orientes, hindeuten. Ihr wißt es Alle, wie den Lehrlingen -mit diesen Symbolen und ihren Deutungen der Kopf verwirrt, wie sie -zerstreut werden, damit sie nur die Wahrheit nicht finden sollen, die -ein Eigenthum der höhern Geister bleibt. Salomo empfing, als ein -Würdiger, das Geheimniß der Maurer von großen unsterblichen Obern, er -baute den Tempel und stiftete die Loge des Geheimnisses, indessen der -gemeine Mann im Prachtgebäude auf herkömmliche Weise den Gott anbetete, -den er nur für einen Gott seiner Nation ansehn konnte, der mächtiger -sei, als die Götter der andern Völker. Wo steht in unsern Büchern und -Sagen, in Allem, was uns von Salomo überliefert ist, daß er von Gott -abfiel, daß er ein Götzendiener wurde? Er hätte, wenn dies gegründet -war, nicht mehr Meister des heiligsten Stuhles, nicht mehr Oberer und -Bewahrer des Geheimnisses bleiben können. Diese falsche Legende ließen -die Priester nur in die Schrift hinein schreiben, weil er sich ihnen -entzog, und ihrer Zunft nicht die Gabe zu weissagen, Wunder zu thun, -Todte zu erwecken, Geister zu rufen und zu bannen, Gold zu machen, -mittheilen wollte. Diese Kräfte, diese Herrschaft über die Geister, -diese Geheimnisse der Loge, die nur Wenigen mitgetheilt wurden, welche -die höchsten Weihen schon empfangen hatten, diese sind die hohen -Gewalten, die von der Unwissenheit der Priester Götzen genannt wurden. -Freilich waren es ihnen ausländische, fremde Götter, weil ihnen die -Kenntniß derselben entzogen wurde. - -Diese herrliche, glänzende Zeit der Maurerei verfiel nach dem Abscheiden -des großen Königs und Meisters. Die Obern zogen sich zurück, die meisten -nach Indien. Späterhin finden wir Elias und Elisa als Eingeweihte -wieder, die von der tauben Menge und von den verstockten Königen nicht -verstanden wurden. Ganz verbarg sich nachher die hehre Kunst, und -wandelte aus dem Tempel und Jerusalem in die Wüste. Da treffen wir sie -unter den Essäern oder Essenern wieder an. Das heißt, die Gelehrten, die -Geschichtforscher der Welt wissen nun wieder Etwas von ihr, denn für den -wahren Maurer giebt es in der Geschichte seiner Kunst keine Lücke. Ich -führe nun auf das, was Allen bekannter ist. Diese Männer hatten schon -seit lange im Stillen gearbeitet: seit vielen Jahrhunderten war es ein -Grundgesetz der Maurerei, welches Salomo und Andre beobachtet oder noch -fester gegründet hatten, daß die ächte Erkenntniß ein Geheimniß seyn und -bleiben müsse, da die blöde, rohe Welt, die unwissende Menge das -Heilige, wenn es sich ihr mittheilen wolle, nur mißverstehn und -entweihen könne. Hier stehn wir nun an der großen und merkwürdigen -Geschichts-Epoche. Die heilige Gesellschaft der Essäer zertrennte sich -um jene Zeit in zwei sich widersprechende Gesellschaften. Ein Theil -beharrte auf dem Grundsatz, Alles müsse geheim bleiben, weil nur so die -Verbindung aus der Ferne wohlthätig auf die Menschen und ihr vielfaches -Unglück wirken könne. Aber viele erleuchtete Männer waren vom Gegentheil -überzeugt. Zwei große Geweihte wurden ausgesendet, der zweite noch -mächtiger und größer, als der erste, Johannes der Täufer, und der -göttliche Stifter der christlichen Religion, der erhabene -Menschenfreund, der aus Erbarmen gegen seine unglücklichen, im Elend -schmachtenden Brüder ihnen das Wort des Lebens mittheilen wollte. Lange -kämpften die beiden Partheien der Erleuchteten gegen einander. Das -Mysterium war auf eine Zeit lang offenbar worden, aber, neben der -Wohlthat brachte es im Mißverständniß unermeßliches Elend über die -Länder und Völker. Der große Eingeweihte selbst und seine Freunde sahen -es ein, und er starb den Versöhnungstod. Nach und nach ward das -Mysterium dem Volke wieder entzogen, das spätere Christenthum und die -Hierarchie bildeten sich aus, und verdeckten mit Satzungen, Gebräuchen, -Ceremonien, Putz und Kunst das geistige Geheimniß, das wir nur hie und -da im Lauf der Zeiten aufleuchten, und wie einen Blitz vorüber fahren -sehn. Dem Kundigen genug, um das Licht zu erkennen; dem Unwissenden nur -eine Blendung oder Veranlassung, sich wieder einer leidenschaftlichen -Sektirerei zu ergeben. -- Wozu also, großer Meister Sangerheim, wenn Ihr -diese Wahrheiten erkennt, ist Euch zur Weihe die katholische Kirche noch -nöthig, da diese selbst nur eine abgeleitete aus unserm ältern, ächten -Orden ist? da sie Nichts darstellt, als das Mißverständniß eines -Geheimnisses, das ihr freilich Anfangs lauter übergeben ward? Und darum -sagte ich, daß in gewissen Punkten der Protestant eine ältere Kirche -besitze, und Ihr werdet nun, mein Freund, wahrscheinlich verstehn, wie -dieser kurze Ausspruch gemeint war. - -Der Graf mußte es bemerken, welchen sonderbaren Eindruck dieser Vortrag -auf die meisten seiner Zuhörer machte. Bei Einigen war das Erstaunen mit -Unwillen gemischt, Einige gaben Beifall, den man einen schadenfrohen -hätte nennen mögen, denn sie sahen mit bedeutsamem Lächeln nach -Sangerheim hinüber, der, so sehr er sich zwang, seine Verlegenheit jetzt -nicht mehr verbergen konnte, und sich, Hülfe suchend, an Diejenigen -wendete, die mit der Rede des Grafen unzufrieden schienen. Er sagte -endlich, nach einigen Erörterungen: So sehr wir verbunden seyn mögen, so -sind wir also doch wieder getrennt; es mag seyn, daß sich die Wahrheit -unterschiedliche Bahnen sucht. Nach Ihrer Ueberzeugung ist die Maurerei -das Einzige und Höchste; ich stütze mich noch auf die Heiligkeit der -Kirche und offenbarten Religion. - -So gebt die Maurerei auf, rief der Graf, der erhitzt schien: wozu soll -sie Euch helfen, wenn Euer Herz und Glaube sich in der Religion -befriedigt und sättigt? Und woher kommt denn diese Religion? Ist sie -denn nicht, wie ich schon sagte, ein ungeschickter Versuch, einige der -verschwiegenen Mysterien zu offenkundigen Wahrheiten zu machen? Und -damit diese wenigen Wahrheiten sich erhalten können, meistentheils nur -scheinbar, weil sie doch unverstanden sind, muß das Gerüst des -Kirchendienstes dazu erbaut, muß der große Teppich gewirkt werden, der -bedeckend herumgehangen wird, und diese wenigen Wahrheiten wieder in -Geheimnisse verwandelt, die keiner sieht und findet, indessen sich das -Volk an den bunten Bildwerken ergötzt, und die Priester sich zanken, und -die Verständigsten unter den Layen von der ganzen Sache eigentlich gar -keine Notiz nehmen. Seht, Meister, so steht es wahrhaft, wenn ich denn -doch einmal reden soll, ohne, wie man sprichtwörtlich sagt, ein Blatt -vor den Mund zu nehmen. - -Großer Meister, erwiederte Sangerheim, Euer Geist ist gewaltig und groß, -Ihr fahrt wie ein Sturmwind daher, und predigt wie die Begeisterung. Was -Ihr weissagt, habe ich wohl verstanden, aber die Obern, die ich verehren -muß, würden auch Euch, so stark Ihr seid, so viele Zeitalter Ihr gesehn -haben mögt, Hochachtung abzwingen, und wohl eine andre Ueberzeugung Euch -geben. - -Mir? sagte der fremde Meister: wißt Ihr denn, ob ich sie nicht längst -kenne? Es ist aber noch die Frage, ob sie mich auch kennen, auch wenn -ich vor ihnen stände. - -Wie meint Ihr das, Großmeister? fragte Sangerheim. - -Ihr fragt, und fragt immer wieder, antwortete der Magus erhitzt und mit -funkelnden Augen, und wollt doch auch Großmeister seyn. Obere nennt Ihr -sie? Gut. Aber es kann doch auch wohl einen Obersten dieser Obern geben, -die diesem dienen und gehorchen müssen, denen er nur so viel Weisheit -zukommen läßt, als ihm dienlich scheint, die deshalb verschiedene -Systeme ausbreiten, die er alle von seiner Höhe lenkt. So sind diese -katholisch, jene protestantisch; einige nennen sich Rosenkreuzer, andre -Tempelritter; der will Vernunft und Freiheit des Volks, jener Mystik und -die Würde des Königs begründen und verbreiten; diese Ritter des Grabes, -des Todes und Lebens, Illuminaten, und wie sie vielfältig sich betiteln, --- können sie nicht vielleicht alle von einem unbekannten obersten Obern -abhängen? Und ist Euch diese alte Sage, da Ihr doch so Vieles wißt und -erfahren, in Euerm Orden noch nicht vorgekommen? - -Wer seid Ihr? rief Sangerheim wie entsetzt aus. - -_Ich bin, der ich bin!_ antwortete der Fremde. Erkennt Ihr mich daran -noch nicht? -- Ob ich auch Feliciano, oder einen ältern Namen nenne, -gilt dem Nichtwissenden gleichviel. Seid Ihr aber ein Wissender, so will -ich in einer Chiffer, einem kleinen Symbol aussprechen, wer ich bin. -Reicht mir das Blatt und den Stift. - -Er zeichnete und gab dann mit Lächeln das Papier dem Meister hinüber, -indem er scharf sagte: Wenn Ihr der seid, für den Ihr Euch ausgebt, so -müßt Ihr mich nun erkennen. Doch zeigt es Niemand. - -Sangerheim nahm das Blatt, sah und erblaßte. Er wickelte die Zeichnung -zusammen und ließ sie schnell am Licht verbrennen. Ich sehe nun, daß Ihr -jener wahre Oberste seid, dessen Zeichenschrift man nur denen der -höchsten Weihe vorzeigt. Ich beuge meine Knie und meinen Geist vor Euch. - -Die letzte, entscheidende Erklärung hatte alle Gegenwärtigen in -Verehrung und Demuth zum Grafen hinüber gezogen. Feliciano stand auf, -machte ein Zeichen, das alle verstanden, und sagte: Kraft meines Amtes -schließe ich hiemit diese Loge. Alle erhoben sich. Der Graf faßte -hierauf die Hand Sangerheims und sagte: Junger Mann, Du wandelst einen -gefahrvollen Weg, aber Du bist so weit vorgeschritten, daß ich nur -warnen, Dich nicht mehr lenken kann und darf. Du kennst die Geister, Du -bezwingst sie und sie gehorchen Dir, -- aber, sie kennen Dich besser, -als Du sie kennst. Dir sind sie geheimnißvolle, wunderbare, -unbegreifliche Wesen, und Du bist ihnen so verständlich und klar, daß -sie Alles wissen, was in Deinem Gemüthe ist. Das Verhältniß des ächten -Magiers muß aber das ganz umgekehrte seyn, Du mußt Deinen Geistern ein -ganz wundervoll, geheimnißreiches Wesen bleiben, mit Furcht und -Schaudern müssen sie Dir dienen. Kannst Du sie nicht noch zu Sklaven -machen, daß sie vor Dir erbeben, wird ihnen Deine Natur immer klarer -näher gebracht, wähnst Du gar, Freundschaft mit ihnen stiften zu können, -dann -- wehe Dir! Furchtbar werden sie Dich einst, vielleicht bald, -wegen ihrer aufgezwungenen Dienste zur Rechenschaft ziehn. -- - -Er ging mit feierlichem Schritte fort, und Schmaling folgte ihm -zitternd. Die Zurückgebliebenen sahen sich forschend an, und wußten -nicht, was sie aus diesen letzten Worten machen sollten. Nur Sangerheim -schien sie zu verstehn und sank bleich und von Anstrengung erschöpft, in -einen Sessel zurück. Meine Freunde, sagte er nach einiger Zeit, ihr seid -Alle Zeugen der wunderbaren Begebenheit, die sich zugetragen hat. Ihr -wißt nun Alle, welche Kämpfe, welche Gefahren ich noch zu bestehn haben -werde: welche Angriffe mir aus dem Geisterreiche her drohen. Erliege ich -in meinen großen Bemühungen, so war es doch nicht Unkunde, die mich auf -diesen gefahrvollen Weg trieb, sondern die Liebe zum Heiligsten der -Wissenschaft. - -Alle verließen den Meister, dankend, hoffend, ihn ermunternd, und Jeder -ging tiefdenkend nach seinem Hause. - - * * * * * - -Schmaling trat mit dem Großmeister, dem unbekannten Obersten, zu welchem -ihn eine ungemessene Ehrfurcht, eine Art von Anbetung hinzog, zugleich -in sein elegantes Schlafgemach, indem er an allen Gliedern zitterte. Ich -wage es, Ihnen zu folgen, Größter aller Sterblichen, -- doch, was sage -ich? vielleicht einem Unsterblichen. - -Feliciano sah ihn mit einem hochrothen Gesicht und glänzenden Augen an. -Dem Jüngling erschien der Meister in einem wunderbaren Lichte, denn er -sah, daß Dieser wankte, und sich lachend niedersetzte. Ei! mein Kind, -fing er darauf an, da bist Du ja auch! Das ist schön, daß Du kommst, so -können wir noch in stiller Nacht ein wenig mit einander schwatzen. - -Er stand wieder auf, und wankte nach einem Schranke hin. Ich habe mich -verleiten lassen, fing er wieder an, heute, meiner Gewohnheit entgegen, -viel zu sprechen, und noch mehr von den starken Weinen zu trinken. -Unpolitisch. Ich will mich nun an diesem Trank, den ich nur meinen -ägyptischen Wein zu nennen pflege, wieder nüchtern zechen, weil dieser -noch viel stärker ist, als dort das beste Getränk. -- Er leerte einen -großen Becher, den er aus einer sonderbaren Flasche gefüllt hatte, die -in allen Farben glänzte und mit vielfachen Hieroglyphen bemalt war. -- -Trink, mein Söhnchen, sagte er dann, und reichte dem jungen Manne den -Becher, koste wenigstens diesen Wundertrank. - -Schmaling setzte bald ab, denn diese Essenz, aus Gewürzen abgezogen, war -ihm zu stark. Feliciano sah ihn freundlich lächelnd an und sagte: Liebes -Bürschchen, kein Mensch in der Welt hat mir noch so sehr als Du -gefallen, begleite mich, sei mein Freund und wahrer Schüler, und ich -will Dir alle meine Weisheit mittheilen. Das andre Menschenvolk ist so -plump und unliebenswürdig, Keiner ist mir noch aufgestoßen, dem ich mich -ganz ergeben möchte. Du allein hast mein Herz gewonnen, und zu Dir -möchte ich wahr und offen seyn können, weil mich das Zusammenschnüren, -wie ich es der Uebrigen wegen mit mir treiben muß, genirt und langweilt. --- Aber was wolltest Du noch von mir erfahren oder erfragen? - -Die Stimme des Mannes lallte, und es schien, als wenn dieser ägyptische -Wein eher das Gegentheil, als die beabsichtigte Wirkung hervor gebracht -hätte. Schmaling war verlegen und mochte sich selber nicht gestehn, was -er zu bemerken glaubte; er sagte: Großer Meister, wenn es mir erlaubt -ist, zu fragen, und noch einen Augenblick bei Ihnen zu verweilen, so -möchte ich wohl erfahren, wie Sie es gemeint haben, was meinem Freunde -die Geister, und auf welche Art sie ihm schaden könnten: was Sie sagten, -schien zwar ein gewisses Licht zu geben, war mir aber doch noch -unverständlich. - -Feliciano schlug in seinem Sessel ein lautes Gelächter auf, an dem er -sich nur nach geraumer Zeit ersättigte, dann sagte er: Je, Kind, -liebstes Kind, nimm doch Vernunft an. Was ich dort gesagt haben mag, -weiß ich nicht mehr, aber ich meine, es wird mit seinen Geistern und -allen den Geschichten ein klägliches Ende nehmen, weil der Gimpel selbst -an seine Geister glaubt. - -Weil er an sie glaubt? fragte Schmaling im höchsten Erstaunen. - -Ja, liebes Närrchen, fuhr der Magus fort, sieh, deswegen muß es ja -nothwendig und natürlich ein ganz miserables Ende mit ihm nehmen. Er -betrügt die Welt und seine Schüler, und das ist recht und billig; mit -den unter uns bekannten Kunststücken läßt er Geister und Gespenster -erscheinen, aber der erste Dummkopf in der Welt ist, der selbst durch -sich selbst getäuscht wird. Ich kam ihm in allen Richtungen entgegen und -erwartete sein Bekenntniß, das mir allein am Tisch verständlich gewesen -wäre. Aber seine Obern haben den Menschen auf eine mir unbegreifliche -Art so dumm gemacht, daß, wie er auch betrügt und Andre täuscht, er doch -glaubt, es werde sich ihm mit der Zeit das ächte wahre Wunder -mittheilen. - -Schmaling wußte nicht, wie ihm geschah. Er betrachtete die Decke und -wieder den verehrten Meister, sich selbst, den Fußboden und wieder den -trunknen Wahrsager, der jetzt von Wein geschwächt und von seinem -Uebermuth begeistert so Vieles aussagte und verrieth, was er nüchtern -geworden am Morgen wahrscheinlich bereute. - -Laß die Narrenpossen, sagte der Graf, und mache es möglich, daß wir uns -Beide verständigen. Du bist zu gut, um unter dem aberwitzigen Jan Hagel -so mitzulaufen, Du verdienst es, die höchsten Grade und alle mit -einander in einem Augenblicke zu erhalten. Ich höre, Du willst da in -Deiner Stadt heirathen. Zieh mit mir, die ganze Welt steht einem so -schönen, so feinen und schmiegsamen Mann, wie Du es bist, offen; alle -Weiber, die schönsten und vornehmsten, werden Dir entgegen laufen. Du -wärst mir dazu ganz anders brauchbar, als der tölpische Anton, Dein -Jugendfreund, der aus einem Freigeist und Uebervernünftigen so mit -beiden Beinen in die Dummheit hinein gesprungen ist. - -Er lachte wieder, daß er vor Schmerzen inne halten mußte. Du weißt -vielleicht, fing er wieder an, wie ich schon ein Weilchen in Eurer -komischen Stadt als ein Herr Anderson lebte. Ich hatte so die beste -Gelegenheit, Alles auszuspioniren, und mein pfiffiger Bedienter noch -mehr. Ich kannte schon alle Verhältnisse, auch die Mesalliance des Herrn -Anton mit einem hübschen Bauernmädchen, die er nun in seiner kühlen -Verständigkeit so schlechthin aufzuopfern dachte. Dieser tugendhafte -Anton wollte nun Dich, mein liebes Kind, bessern und korrigiren, daß Du -den Aberglauben ließest. Das kam mir ganz erwünscht in den Weg gelaufen, -daß ich mich für den großen, berühmten Feliciano ausgeben sollte, der -ich zufällig selber war. Die Bäuerin hatte ich kennen lernen und ihre -Verzweiflung gesehn: ich hatte von ihr ein Bildchen machen lassen, das -ziemlich ähnlich war. Sollte es doch auch nur für einen Augenblick -dienen. Der Professor Ferner hat ein allerliebstes Kind, einen überaus -klugen Jungen. Man glaubt nicht, wenn man es nicht so oft, wie ich, -erfahren hat, wie schon der ganze Spitzbube in den Kindern steckt. Das -Lügen, das den meisten angeboren ist, darf nur ein wenig erfrischt und -aufgemuntert werden, so geräth es fast besser, als bei den Erwachsenen, -die immer darin fehlen, daß sie es zu klug, zu verwickelt machen wollen. -So ein Kind wird wahrhaft begeistert, wenn es gebraucht werden soll, die -Großen und Vorgesetzten zu betrügen, und es lernt eine solche Lection -besser, als jede in der Schule. Mit diesem Jungen, der noch bei mir ist, -hatte ich schon unvermerkt mein Spiel verabredet. Mein Diener hatte die -Blendlaterne und das Bild bei der Hand, sammt dem nöthigen Rauch, die -Domestiken des Hauses waren entfernt worden, und um die Sache noch -schauerlicher zu machen, hatte die gute Bauernnymphe unterdessen, daß -sie im Zimmer leiblich erscheinen sollte, einen Schlaftrunk erhalten. So -wurde denn der Spuk und die Comödie glücklich so gespielt, wie Du sie -selber mit angesehn hast. - -Immer noch war es dem glaubensfähigen Schmaling, als wenn er in einem -ängstlichen Traume läge. Und heute nun, fing er wieder an, als mein -Lehrer und Meister sich Eurer höheren Wissenschaft so unbedingt beugen -mußte? - -Kluges Kind, antwortete Jener, siehst Du denn nicht ein, daß wer die -Menschen betrügen will, es ja nicht zu fein anfangen muß? So wie es fein -ist, wird ja auch der Scharfsinn Jener geweckt, sie werden aufmerksam, -denken, passen auf, und das Kunstwerk steht auf der Nadelspitze. Grob, -plump muß der Menschenkenner zu Werke gehn. Die sich dann nicht damit -einlassen wollen, wenden sich ganz ab, und auch das ist Gewinn; die -Andern denken: Nein, so einfältig ist doch Keiner, die Sache zu -erfinden, wenn nicht irgend Etwas daran wäre. Sagst Du ihnen, Du hast -Carl den Zwölften gekannt, so lachen sie Dir ins Gesicht, behauptest Du -aber dreist, Du habest mit Johann Huß Brüderschaft getrunken, so glauben -sie Dir. -- Also mein Herz, laß Dich überreden, mit mir, als Deinem -bekannten Obersten, durch die Welt zu ziehn, und ihre Schätze und Gunst -mit mir zu theilen. -- Oberster! Ha ha! Weil ich so viele Logen aller -Art durchkrochen bin, so wurde mir denn auch von einigen Rosenkreuzern -eine Signatur gezeigt, die den Messias bezeichnen sollte, der einmal -erscheinen würde, um ein himmlisches Reich auf Erden zu stiften. -- Du -siehst, mit welcher angenehmen Dreistigkeit ich Deinen großen Meister -mit dem Bagatell verblüfft habe. -- Nein, als ein ehrlicher, schlichter -Mann könnte ich verhungern, als ein berühmter Charlatan bin ich reich -und beherrsche Männer und Weiber und kann wie ein Sultan gebieten und -walten. Lockt Dich denn diese Aussicht nicht, liebstes Kind? Du bist so -viel schöner, als ich, Du kannst ja Deine Jugend nicht besser genießen. -Mir hat so ein Wesen noch immer zu meinen Erscheinungen gefehlt, wer -weiß, welchen Engel wir droben im Norden aus Dir machen. Wer weiß, -welche Monarchin Dir ins Netz läuft, -- wer weiß -- kurz, komm mit! - -Der ägyptische Wein hatte so stark gewirkt, daß der Großmeister jetzt -einschlief. Am Morgen, als er erwachte und sich besann, konnte er sich -nur dunkel erinnern, was er gethan und gesprochen hatte. Aber das -drückte ihn schwer, daß er sich gegen Schmaling auf irgend eine Weise zu -sehr herausgelassen habe. Er sendete sogleich nach diesem, um entweder -mit Klugheit ihm Alles wieder auszureden, oder, wenn dies unmöglich sei, -ihn im halben Vertrauen stehen zu lassen und durch Drohungen zum -Schweigen zu zwingen. -- Aber Schmaling war verschwunden und nirgends zu -finden, auch Sangerheim konnte keine Nachricht von ihm geben, der mit -Schmerz und Aengstlichkeit die unbegreifliche Entfernung des Jünglings -beklagte. - -Als nicht zu helfen war, schickte Feliciano einen drohenden Befehl an -Sangerheim, den jungen Schmaling niemals wieder als Bruder in seine Loge -zuzulassen, dieses Verbot auch andern Logen mitzutheilen, die mit ihm in -Verbindung ständen, das Gleiche würde er allen Brüdergemeinden zusenden, -die von ihm abhängig wären, weil er entdeckt habe, daß dieser Schmaling -ein Bösewicht, Verleumder und ganz unwürdiger Bruder sei, der nur damit -umgehe, alle Geheimnisse des Ordens auf eine schändliche Weise zu -verrathen, und die Meister selbst durch die abscheulichsten Lügen -öffentlich zu beschimpfen. - -Sangerheim zitterte, und Feliciano eilte, mit seinem Zuge seine Reise -nach dem fernen Norden fortzusetzen. -- - -Schmaling war mit den schnellsten Postpferden zur Residenz -zurückgekehrt. Er wußte nicht, wie er sich benehmen sollte, er hatte -nicht den Muth, in das Haus seines Schwiegervaters zu gehen, er konnte -es sich nicht als möglich denken, nur den Bedienten gegenüber zu treten, -um sich melden zu lassen. - -In dieser unbehaglichen Lage sagte er zu sich selber: Ist es denn etwas -Anderes, wenn ein Freund, der im hitzigen, oder Faulfieber liegt, von -allen Aerzten schon aufgegeben, von allen Freunden schon als todt -beklagt, wieder geneset? Sonderbar, daß wir immer so großen Unterschied -zwischen den Krankheiten unsrer Seele und unsers Körpers machen wollen. -Eins ist selten ohne das andre. Dem Elenden, der im Fieber phantasirt, -vergiebt man es gern, man tröstet ihn sogar freundlich, wenn er Gott und -Menschen, seine Liebsten und Nächsten gelästert hat, man nennt es nur -Abwesenheit, Vergessen seiner selbst: und der Arme, dessen Seele -zerrissen wurde, der, peinlich hinauf getrieben, zwischen den Extremen -schwankte, der sich selbst verlor: ihm vergiebt man nicht, ihm rechnet -man die Aeußerungen seiner Krankheit als Verbrechen an, und er muß es -mit Dankbarkeit erkennen, wenn man es ihm nur nach Jahren vergißt, daß -er diese und jene auffallende Meinung äußerte. Und so bin ich genesen, -ich kehre von einer Brunnenkur zurück, da alle meine Freunde mich schon -aufgegeben hatten. Wollen sie mich nicht, die mir die Liebsten und -Nächsten sind, als einen Wiederhergestellten anerkennen, nun so ist es -an ihnen, krank zu seyn, sie mögen dann irgend ein Bad besuchen, und es -kömmt nachher auf mich an, ob ich sie als Gesunde begrüßen oder als -Unheilbare von mir weisen will. - -Mit diesen Gesinnungen und Entschlüssen ging er nach dem Hause des -Geheimenrathes Seebach. Die Bedienten, die ihn schon von ehemals -kannten, ließen ihn ungehindert eintreten. Er fragte nach Fräulein -Clara; man sagte ihm, daß sie ungestört seyn wolle, weil sie sich unwohl -fühle, sie habe daher erklärt, keine Besuche annehmen zu wollen. Er -sagte dem Kammerdiener, daß er der Familie kein Fremder sei, und daß er -alle Verantwortung auf sich nehmen wolle. - -Er ging über den wohlbekannten Gang nach dem Gemache seiner -Jugendfreundin. Lange stand er vor der Thür. Er lauschte mit -hochklopfendem Herzen. Ihm war, als wenn er drinnen Gesang und die Töne -einer Laute vernähme. Und so war es auch. Clara, um ihren Gram -einigermaßen zu beschwichtigen, hatte alle ihre alten Musikstücke hervor -gesucht, um sich an diesen zu trösten. Sie spielte und sang, und wiegte -so, als sei er ein ungezogenes, schreiendes Kind, ihren immer wachen -Kummer ein. Einige Blätter hatte sie bis jetzt überschlagen. Sie faßte -den Muth, sie vor sich hinzulegen, um sie zu singen. Es waren einige -Compositionen, die in bessern Zeiten Schmaling selbst zu ihren -Lieblingsliedern gesetzt hatte, es waren sogar einige Lieder darunter, -die von ihm gedichtet waren, und zu denen er ebenfalls die Melodie -gesungen. Lange hatte sie den Trost der Musik entbehrt und darum ergab -sie sich heute diesem Genusse wie eine Berauschte. Schmaling horchte -entzückt an der Thür; alle Jugenderinnerungen, alle jene süßen Stunden -der Unschuld kehrten in sein bewegtes Gemüth zurück. Ihm war, als hätte -er den ganzen Zwischenraum, zwischen jenen Tagen und dem heutigen, nur -in einem schweren Traum gelegen. - -Clara hörte in ihrem lauten Gesange nicht, wie er klopfte. Als er das -Zeichen wiederholt gegeben hatte, öffnete er die Thür und trat in das -Zimmer. Sie saß mit dem Rücken gegen die Wand und hatte seinen Eintritt -nicht vernommen. Sie sang so laut und heftig, als wenn sie an dem Liede -sterben wolle. Er hatte es ihr vor drei Jahren zu ihrem Geburtstage -komponirt, nicht lange nachher, als sie mit einander bekannt geworden. -Er konnte sich nicht zurückhalten, er weinte laut und stürzte zu ihren -Füßen nieder. -- - -Die Laute entfiel ihrer Hand. -- Wie? rief sie aus; was sehen meine -Augen? Täuscht mich kein Blendwerk? Die alte Zeit kommt wieder, der -Calender lügt und mein Ferdinand ist wieder da. - -Ja! rief der tiefbewegte Jüngling: da, um nie wieder von Dir zu -scheiden. Zurückgekehrt, wie der verlorne Sohn, von den Trebern des -Aberwitzes und der Lüge, um bei seinem Vater Schutz und Nahrung zu -suchen. - -So? sagte Clara, indem sie ihn aufhob; stehe auf, lieber Freund, wenn -ich Dich noch so nennen darf. Also, meinst Du, soll ich nun wie das Kalb -geschlachtet und verspeiset werden? - -Ich bin leider das Kalb gewesen, antwortete der Beschämte, aber nun, -meine süße Geliebte, nachdem ich genesen, nachdem ich die Dummheit -meiner erhabenen Meister eingesehn habe, werde ich mich niemals wieder -verführen lassen. Nein, auf immer bin ich zu Dir, zu jenem schlichten, -einfachen Leben zurückgekehrt, das ich vor Kurzem noch mit Verachtung -ansah. Fühle ich doch in allen Fasern meines Herzens und in jedem -Tropfen meines Blutes, daß das Einfache, scheinbar Arme, das -Nächstliegende eben das Reiche, Wohlthätige, Himmlische ist! Vergiebst -Du mir meinen Wahnsinn, so bin ich der Glückseligste aller Menschen, und -ich erwarte, daß Fürsten von mir Almosen begehren sollen. - -Nun, nun, sagte Clara, nicht eben so eifrig, mein Freund, in der -Bekehrung und Reue wie erst in der Sünde. Also jetzt willst Du kein -Kapuziner, nicht katholisch werden? - -Sie lachte so anmuthig, daß Schmaling den Muth faßte, sie in die Arme zu -nehmen und herzlich zu küssen. Noch niemals hatte sie ihm den Kuß mit -diesem Feuer erwiedert. Hierauf zog sie beide Glocken in ihrem Zimmer -mit der größten Heftigkeit, tanzte im Gemach auf und ab, und als mehrere -Diener ängstlich erschienen, rief sie diesen mit lauter Stimme zu: meine -Eltern sollen kommen! Aber gleich! Mit der größten Schnelligkeit! Es -verlohnt sich schon der Mühe, zu eilen. - -Man verwunderte sich im ganzen Hause über das ungewöhnliche Geräusch. -Der alte Kammerdiener lief in Angst hin und her, weil er meinte, daß -irgendwo Feuer ausgebrochen sei. Endlich traten Mutter und Vater zu -Clara in das Zimmer. Was giebt es denn? fragten Beide; warum lässest Du -uns so gewaltsam rufen? - -Sie sagte: wenn es nicht unbillig ist, daß bei der Geburt eines Prinzen -alle Glocken geläutet und Kanonen abgeschossen werden, so darf man schon -einigen Spektakel in einer honetten Familie machen, wenn ein junger Mann -seinen gesunden Menschenverstand wieder gefunden hat. Ja, liebste -Eltern, hier steht der bescheidene Jüngling, dessen Edelmuth es nicht -wagt, dergleichen Ungeheures von sich auszusagen, weil er seit so vielen -Wochen auf den entgegengesetzten Bahnen irrte. - -Der Vater schloß entzückt den jungen Mann in seine Arme, die Mutter war -verlegen und gerührt. Und Sie entsagen, fragte der Rath, Ihrem Meister -Sangerheim? - -Mit vollem Ja, kann ich antworten, rief Schmaling, und eben so dem -Großmeister Feliciano, der vielleicht Judas Maccabäus seyn mag, oder -Ischariot, und dem Teufel und seiner Großmutter, und allen ihren Spuk- -und Zauberwerken, die keine Stecknadel werth sind, und für die wir ihnen -unsre Seele verkaufen müssen. - -Ja wohl, sagte der Vater, müssen wir ihnen, den Unterirdischen, den -Reichen des Wahnwitzes, das Theuerste verschreiben, um das Verächtliche -dafür zurück zu erhalten. - -Ich bin genesen, rief Schmaling aus, und begreife jetzt nicht, wie ich -den Himmelsblick meiner Geliebten, ihr Herz, alles Glück einer -entzückenden Häuslichkeit und des nächsten Besitzes, gegen jene -Kartenkünste aufopfern konnte. - -Als man sich mehr beruhigt hatte, erzählte er dem Vater auf dessen -stillem Zimmer Alles, was ihm begegnet war. Man erfuhr auch bald, daß -der junge Schmaling, wegen schwerer Vergehungen, von vielen Logen -ausgeschlossen sei. Dies störte nicht das Glück des Hauses, denn seine -Verlobung mit Clara wurde bekannt gemacht, und bald darauf die Hochzeit -gefeiert. - -Könnte ich doch, klagte der Vater an diesem fröhlichen Abend, meinen -Sohn Anton eben so in meine Arme schließen, und mich überzeugen, daß er -mir zurückgegeben sei. - - * * * * * - -Die Scene, die sich mit dem größeren Magus ereignet hatte, war für -Sangerheim von Folgen gewesen. Seine Schüler hatten es gesehn, daß er -verlegen und irre an sich selber wurde; sie hatten Andern diese -Bemerkung mitgetheilt, und Viele wendeten sich von ihm ab. Die ältere -Loge beobachtete ihn genauer, und faßte mehr Muth, sich ihm öffentlich -zu widersetzen. Unter Denen aber, die ihm unwandelbar treu blieben, und -auf seine Worte schwuren, stand der Arzt Huber oben an; diese Anhänger -beredeten sich, daß die Wirkungen, welche Feliciano hervorbrachte, durch -die Hülfe böser Geister geschähen, und er selbst durchaus verwerflich -und gottlos, seine Lehre verdammlich zu nennen sei. - -Jetzt ward es den Vertrauteren, und späterhin den Uebrigen bekannt, daß -Sangerheim verheirathet sei, und seine Frau bei ihm wohne. Da sie krank -und leidend war, hatte er ihr Dasein Allen verschwiegen. Die Wenigen, -die sie zuweilen auf einen Augenblick sahen, bemitleideten sie, oder -entsetzten sich vor ihr, wie vor einer Geistererscheinung. Sie war noch -jung, aber todtenbleich, schwach und matt. In dem weißen und -abgemagerten Gesicht glänzten die Augen mit einem sonderbaren Feuer. Sie -hatte kaum Stärke genug, aus einem Zimmer in das andre zu gehn, und es -geschah wohl, daß sie mitten in ihrer Rede abbrach und einschlief. Dann -sprach sie sonderbar, oft unzusammenhängend, oft, als wenn sie -Erscheinungen sähe. Sie hatte keinen Arzt, sondern der Mann, der sich -die größten Kenntnisse zutraute, behandelte sie selbst auf eine -geheimnißvolle Weise: er suchte sie durch Gebet, Händeauflegen und -Beschwören zu stärken. Wegen dieses sonderbaren Zustandes der Leidenden -war es selbst den Vertrautesten nur durch Zufall möglich gewesen, sie -auf Augenblicke zu sehn und zu beobachten. - -Nach einer schlimmen Nacht, in welcher sie von Schmerzen sehr gequält -war, sagte sie am Morgen zu ihrem Gatten: Ach, Alexander! das war nicht -die Aussicht, die wir hatten, als Du mich heimlich, fast mit Gewalt aus -dem Hause meiner guten Eltern nahmst. Welche Pläne machten wir damals, -was hofften wir Alles von unsrer Liebe. Nun ist Alles dem Tode -verfallen! Ach! und welch gespenstisch Leben, welch sterbendes Dasein -ward mir in Deiner Nähe. Nun, ich fühl' es, es ist zu Ende. - -Nein, geliebte Theodora, tröstete sie der Mann: nein, meine Geliebteste, -ohne die das Leben mir selbst nur eine Last seyn würde. Glaube mir, -Alles nähert sich einer glücklichen Entwicklung. Ich sehe, Du wirst mit -jedem Tage besser, in wenigen Monaten ist Deine Gesundheit und die -Blüthe Deines Leibes wiedergekehrt. Du bist wieder heiter und froh, Du -hast wieder Muth und Kraft, wie in den ersten Tagen unsrer Liebe. - -Liebst Du mich denn noch? fragte die Kranke, mit einem sterbenden Blick. - -Theodora, rief Sangerheim, außer sich vor Schmerz; diese Frage und -dieser Blick könnten mich tödten. Es wühlt mein Herz um, und zernichtet -meine Kräfte, daß diese Zweifel Dir immer wiederkehren. - -Ich darf nicht sprechen, antwortete sie matt, denn Deine Heftigkeit geht -dann wie ein schneidend Messer durch meinen Leib und meine Seele. - -Ich will sanft seyn, milde, Geliebte, antwortete er demüthig, sprich -Deinen Kummer aus, nur zweifle an meiner Liebe nicht. - -Was nennst Du so? fuhr sie fort; Deine Liebe ist Dir doch nicht heilig, -Du opferst sie auf, sie ist Dir nur Mittel zu andern Zwecken. O, mein -Engel, wenn Du Dich von jener Verbindung losmachen könntest, o zerbrich -sie, mein süßes Herz, entzieh Dich jener Gesellschaft, die mir immer -schrecklicher erscheint, die Dich verderben wird. - -Nein, meine Liebste, antwortete Sangerheim gerührt, ich erkenne Deine -Liebe in jedem Deiner Worte, aber diese Männer, von denen ich Dir einmal -in einer schwachen Stunde erzählt habe, kennst und würdigst Du nicht. -Denke nur zurück, wie arm, wie dürftig unser Leben war. Als -österreichischer Offizier, in einer kleinen Garnison, von rohen, -unwissenden Menschen umgeben, mit schmalem, unbedeutendem Gehalt, ohne -Hoffnung, es weiter zu bringen, -- was war da unser Loos? Wie armselig, -dürftig und verächtlich war diese Existenz! Und betrachte jetzt den -Ueberfluß, die Ehre, den Schwarm der Freunde und Bewunderer. - -O Alexander, seufzte sie, führe mich in jene enge Dürftigkeit zurück, -gieb mir unser damaliges Leben wieder, und ich will Dir auf den Knieen -danken. Wir waren gesund, wir hatten uns keine Vorwürfe zu machen, denn -die Eltern waren mir wieder ausgesöhnt. War unser Einkommen klein, unsre -Habe unbedeutend, so genossen wir Alles mit kindlichem dankbaren Sinn -und mit einem reinen Gewissen. Als Du in jene Verbindung getreten warst, -nahmst Du Deinen Abschied, mußtest ihn nehmen. Seitdem ist Alles so -unklar und unheimlich. Und unser Wohlstand: mir ist, Du stehst auf einer -dünnen, dünnen Eisrinde, und unter Dir liegt der tiefe Abgrund. - -Geliebteste, Freundin, Gattin, erwiederte er liebkosend, beruhige doch -endlich Deine Seele über diesen Punkt. Wie wird sich Alles anders, und -zu Deiner schönsten Zufriedenheit entwickeln. Jenen edlen Männern darf -ich vertrauen, denn ich war ja Zeuge, daß sie Uebermenschliches vermögen -und wissen. Wie viel haben sie mir schon anvertraut, wie Vieles vermag -ich durch sie. Mit jeder Post kann es ankommen, das Größte, das Beste, -was noch zurück ist, in jedem Reisenden kann der Ersehnte vom Wagen -steigen, der mir Alles enthüllt, so daß keine Frage und kein Wunsch mehr -übrig bleibt. Alle ihre Briefe deuten auch dahin. - -Brauche ich Dir zu sagen, antwortete die Kranke, daß Alles, was Du bis -jetzt errungen hast, Kunststücke sind, die nur darum den Menschen -unbegreiflich und wundervoll erscheinen, weil die Wissenschaft sie noch -nicht gefunden hat? Jeder Gelehrte kann sie zufällig entdecken, und -diese donnernden Explosionen, die sich durch einen Wurf, ohne Spur -entladen, werden dann vielleicht ein Spielwerk, mit dem sich die Kinder -erschrecken. Und Deine Operationen, diese Blendwerke der Erscheinungen, -diese Bilder, die Du zeigst, Deine künstliche, innerliche Sprache, die, -wie aus der Ferne, wie die eines Fremden klingt, und womit Du so Viele -entsetzest, und sie zu Deinen Zwecken führst; daß ich selbst auch als -Geist auftreten muß, -- o Alexander, wohin sind wir gekommen? Wie muß -die Welt uns ansehn, wenn Alles einmal bekannt wird. - -Liebste Frau, sagte Sangerheim beängstigt, Du hättest Recht, wenn wir -nicht mit den Edelsten aller Menschen, mit den Uneigennützigsten, mit -den Weisesten in Verbindung ständen. Daß sie das Beste wollen, daß ihre -Pläne gut sind und zum Heil aller Menschen hinstreben, davon dürfen wir -uns überzeugt halten, so seltsam auch ihre Wege, so krumm sie auch -laufen mögen. Ihnen liegt es ob, dies zu verantworten, wenn sie im -Unrecht seyn sollten. Ich muß erfüllen, was ich ihnen gelobt habe. Ich -kenne die Täuschung, die ich mir erlaube, aber ich bin vom guten Zweck -überzeugt. Und jenseit aller Täuschung sind wir ja im Besitz so manches -wahren Wunders. Dein Gebet wirkt kräftig, das meinige stimmt Deinen -Geist. Du siehst, Du sprichst mit abgeschiedenen Freunden, sie entdecken -Dir Geheimnisse; Du siehst in weite Ferne und durch verschlossene -Thüren. Dir ist, wenn Du fest willst, Nichts verborgen. - -Die blasse, leidende Gestalt seufzte schwer. Ach, Liebster! klagte sie -dann mit erlöschenden Tönen, daß ich auf diese Weise in Deinen -weltlichen Absichten Dir habe helfen müssen, ist vielleicht die größte -Sünde, die Dir der Himmel nicht anrechnen, und mir meine Schwäche und -Nachgiebigkeit verzeihen möge. Die Liebe zu Dir hat mich weit geführt. -Dieser künstliche Schlaf, dieser unnatürliche, den Du mir Anfangs -erregtest, und der sich jetzt immer mehr von selbst einstellt, hat mir -Gesundheit und alle Kräfte aufgezehrt. Oft weiß ich nicht mehr, ob ich -noch bin, und kann mich auf meinen eignen Namen, oder auf Deine Gestalt -nicht besinnen. Ja wohl ist dies eine Zauberei zu nennen, die den -Menschen aus seinem eignen Innersten entrückt; aber eine verderbliche. -So Vieles habe ich Dir entdecken müssen, hier und in jener Stadt. Mir -ist, ich habe nicht allein die Kräfte meines Körpers, sondern auch -Theile meiner Seele dabei zugesetzt. Wenn Du mich so auf eine Frage -gewaltsam hinheftest, wenn ich im Schlafe sehen und finden muß, was Du -verlangst, so dehnt es sich in meiner Brust, in meinem Kopf. Diese -fließenden leichten Gewölke werden immer dünner und feiner, und mein -Selbst, mein Sein weicht wie in eine schwindelnde Ferne hinweg, daß ich -in einer entsetzlichen Angst nach ihm zurückblicke. Jenes fließende, -fliehende Wesen, das ich selbst nicht mehr bin, faßt und sieht dann in -meinen Körper, in Dich, in alle Wesen mit einem kalten Schauder hinein. -Ich frage, ohne den Sinn zu wissen, und höre von Geistern die Antwort, -und sage sie Dir im Schlaf, und Alles ist nur ein Echo. Oft, wenn ich -dann wieder erwachen soll, greift das blasse, fließende und entflohene -Wesen nach dem eigentlichen Ich mit Entsetzen zurück, und kann es nicht -wieder finden. Nein, mein Ich ist manchmal fort; ich kann mich auf mich -selbst nicht besinnen. Der Geist fürchtet, er könne vergehn, sich selbst -vernichten. Nein, Liebster, wenn Du noch einiges Erbarmen mit mir hast, -nicht mehr diese Experimente, versprich es mir. - -Sangerheim gab ihr geängstigt stumm die Hand. Er wußte wohl, wie viel er -ihren künstlich erregten Visionen zu danken hatte. Durch dieses Mittel -hatte er damals für den Rath Seebach jenes Dokument gefunden. Er stand -jetzt an einem furchtbaren Scheidewege seines Lebens. Denn ohne daß -seine Gattin ihn so schmerzlich zu erinnern brauchte, war er selbst -schon mehr wie einmal an sich und seinem Beginnen irre geworden. Er fing -in manchen Stunden an zu zweifeln, ob denn der Zweck die Mittel heiligen -könne. Eine Lehre, die ihm bis dahin als unerschütterlich erschienen -war. Mit Angst wartete er auf Briefe und Aufschlüsse, die man ihm -verheißen hatte, damit er den Trug könne fallen lassen, seinen -Eingeweihten ein eigentliches Geheimniß sagen und erklären, und im -Besitz wirklicher Wunderkraft, des Steines der Weisen und der Tinktur -glücklich seyn. Er hatte nach seiner Ueberzeugung erfüllt, was er -versprochen hatte, ja mehr ausgerichtet, als man erwarten konnte, aber -die letzten Briefe, die er erhalten und die er sehnend erwartet, -sprachen so zweideutig, erfüllten so wenig, was er forderte, und -umgingen die Frage so behutsam, daß er sich mit allen Kräften der -Hoffnung und des Vertrauens nur einigermaßen beruhigen und auf die -nächsten Nachrichten vertrösten konnte. - -In dieser Verstimmung seines Gemüthes faßte er die Hand der Kranken, und -machte, ohne daß sie es bemerkte, die Striche, die den Schlaf herbei -riefen. Sie entschlummerte mit einer Zuckung Augenblicks, indem sie nur -noch wimmernd: nicht Wort gehalten! im halben Wachen ausstieß. -- - -Er fragte sie jetzt um die Zukunft. Der Busen der Kranken arbeitete -schwer. Ach! Nichts! Nichts sehe ich, sagte sie, wie schluchzend in -sonderbaren Tönen: da liege ich, weit, weit weg; nicht ich, -- die -Hülle. -- Glanz, Licht, -- aber ohne Schein. Es saugt mich hinauf. Meine -Mutter nimmt mich, nicht meine Mutter, ihre Liebe, das ist mehr als sie. -Wie rein ist ihr Herz. Das reinigt auch meinen Geist, mich. Mir wird so -leicht, so wohl. Das, was ist, ist nicht eigentlich. Wir verstehn es -unten nicht. Alles nur Schein, Hülse, der Tod. Das Sein ist anders: kann -unten nicht gefaßt werden. - -Sangerheim richtete durch Fragen ihre Gedanken anders. O weh! rief sie -in einem scharfen Ton: -- da ist Dunkel, Verwirrung, das Elend. O du -Lügner, warum verkehrst du mit der Lüge so holdselig? Dein Herz bricht, -dein Kopf zerspringt. -- Nach jenem Dunkeln soll ich forschen, sehn? -Mein Auge reicht nicht hin, mein Zittern verdämmert mir den Blick. Alles -schwarz. Aber näher kommt's. Grauen, Angst, kein Licht. Sie brüten -selbst, sie suchen. Keine Liebe in ihnen. -- Ja wohl ist es aus, aus für -dieses Leben. Brief geschrieben, gesiegelt. Kann nicht -- kann nicht -lesen. Wär' es gut, könnt' ich's; die Liebe könnte lesen, so bleibt's -finster. -- Ach! -- du, -- du -- auch fort, weggetragen, -- willst mich -nicht kennen, nicht hier kennen, wo Friede ist? Sehe dich gehen, höre -deine Stimme, kann dein Gesicht nicht finden; wo die lieben Augen? -- -Alles weg! - -Ach! so, so ist es gemeint? fing sie nach einer Pause wieder an; ja, ja, -es wird ihm schwer gemacht. Er hieß Alexander. Gut war ich ihm, er war -so lieb. Wird wieder, aber spät, spät, -- ach! kann er glauben? Gott, du -bist gnädig. -- Laß ihn nicht zu sehr verfinstern. Jesus, vergieb ihm. --- Nun ist es weg. Nun ist mir wohl. Nie werde ich mehr in die Tiefe des -Irdischen schauen. Alle Tiefe vergeht; es wird Alles Ein Augenblick, -Eine Gegenwart, Ein Lichtpunkt, und ich unsichtbar, mir selbst -unfühlbar, in der Mitte des himmlischen Punktes. Nichts war, Alles ist -und bleibt. Es zieht, es flieht nicht mehr, festes Bild wird es. -- Nun -reicht der Strahl aus mir nicht mehr zurück, er ist zu kurz, das Leben -ist fern, weit und fern: besser so, -- denn -- nein -- besser so -- ach! -kein Sehnen mehr, kein Schmerz mehr, -- die Freude war schon lange todt. - -Sie verstummte: er horchte, er wiederholte die Striche und verstärkte -seine innere Aufmerksamkeit, aber die Entschlafene sprach nicht. Da sein -Bemühen heut, was noch nie gewesen, vergeblich war, so strich er mit den -Händen in entgegengesetzter Richtung, um sie wieder zu erwecken, aber -eben so fruchtlos, sie erwachte nicht wieder, denn sie war gestorben. - -Als er sich nach manchen vergeblichen Bemühungen, sie wieder ins Leben -zu rufen, von der Wirklichkeit ihres Todes überzeugen mußte, warf er -sich verzweifelnd zu ihren Füßen nieder, und wüthete gegen sich selber. -Wie er etwas mehr zur Besinnung gekommen war, rief er aus: ja, du, du -Unglückseligster, hast die Aermste ermordet! Was ist mir alles Leben nun -ohne sie? Ohne sie, für die ich mir Glanz und Wohlstand wünschte? Wie -schaal und abgenutzt liegt jetzt mein ganzes Dasein vor mir, wie arm, -was ich etwa noch erstreben kann. Und wie liebte sie, die Aermste, mich -Unwürdigen! Als sie damals, wie ihre Krankheit zuerst sich verkündigte, -von der langen Ohnmacht erwachte, war ihr erstes Lebenszeichen, daß ihr -redlicher Blick mich gleich suchte. Sie hatte alles Andre vergessen, -aber nicht, daß ich um sie bekümmert war. Sie hätte mir ja auf unsern -Spaziergängen gern jeden rauhen Stein aus dem Wege geräumt. Und mein -Dank für alle diese Hingebung? -- Daß ich ihre Gesundheit durch diese -magnetischen Künste vernichtete, daß ich ihren Geist verwirrte, daß ich -muthwillig ihr liebendes Herz zerbrach. Nein es giebt keine größere -Sünde, es giebt gar keine andre, als die der Mensch gegen die Liebe -begeht. -- Ach! Du Süßeste! wo ist jetzt Deine blühende Jugend? Wo sind -die Rosenwangen, und das Grübchen des freundlichen Lächelns, mit dem ich -Dich neckte, wenn wir im kleinen Garten Deiner Eltern zwischen den -Rosenbüschen saßen? Wo sind nun alle die Träume der Liebe? Wo die Pläne, -die wir für das Leben entwarfen? Diese blasse Hülle, die hagre Gestalt -ist von all der Lust und Freude übrig geblieben, um mir zu sagen, wie -armselig und kläglich das menschliche Leben sei, um mir zuzurufen, daß -ich ein Bösewicht, ein Verworfner bin, der trotzig durch das Leben geht, -und Dich, süße Blume, roh zertreten hat. - -Er setzte sich wieder zum Leichnam nieder, faßte die dürre Hand, -bedeckte sie mit Küssen, und weinte bitterlich. - -Wort müssen, Wort werden sie mir halten, sagte er nach einer Weile zu -sich selber; mein Elend wäre zu unermeßlich, wenn sich auch diese -Hoffnung in Tod und Leiche verwandelte. Was bliebe mir? Die nackte, -kahle Lüge, der verächtliche Betrug. Dem könnte, dem möchte ich nicht -ferner leben. Ist denn sterben so schwer? Sie ist erloschen, wie die -Kerze, wie der letzte still verborgne Funke in der Asche. Wenn ich -verloren bin, so will ich kein Dasein erbetteln, und in Lumpen und dem -Auskehricht des Lebens Kleinodien suchen, die ich wirklich besaß und -wegschleuderte, als ich noch wie ein König glücklich war. Jenseit will -ich sie dann wieder aufsuchen und das keck verachten, was Verachtung -verdient. -- -- - -Bei ihrem Begräbniß folgten die vertrautesten der Brüder. Er schien -seine Fassung wieder errungen zu haben. In fester Stellung, mit edlem -Schmerz stand er am Grabe der Geliebten und sah die theuern Ueberreste -versenken. Freilich war es ihm oft, als wenn alles Leben nur ein Traum -sei, oder ein Schauspiel, in welchem er mit Anstand seine Rolle zu Ende -führen müsse. - -Als er nach Hause kam, fand er folgenden Brief, den er hastig erbrach: - -Die -- -- sind mit Euch, mein Freund, nichts weniger, als zufrieden, -denn Ihr setzt ihr Geheimniß, ihren Ruf und ihre Ehre auf ein zu -leichtsinniges Spiel. Das ist es nicht, was Ihr verheißen habt, und was -man von Euch erwartete. Es hat sich erwiesen, daß der Rath -- --, dessen -Ihr so sicher zu seyn glaubtet, sich kalt zurückgezogen hat, daß Ihr -jene Stadt meiden mußtet. Und wie lange werdet Ihr in der jetzigen Euer -Spiel noch forttreiben können? Man verwundert sich, man forscht nach, -und, was das schlimmste ist, man lacht. Wie schlecht seid Ihr dem -Charlatan, dem Feliciano, gegenüber bestanden! Wer solche plumpe -Angriffe nicht einmal zurück zu schlagen versteht, der ist zum Missionar -verdorben. Auf die Anfragen, auf Eure Forderungen, kann ich nichts -Bestimmtes erwiedern. Es heißt, die Loge wird verlegt werden: wenn es -geschieht, so ist noch nicht entschieden, wohin. -- -- - -Sangerheim knirschte. Mit Todesschweiß schrieb er schnell einige -drängende, fordernde, beschwörende und beredte Briefe, um das Aeußerste -und Letzte zu versuchen, denn seine Hoffnung, ein wahrer Magier zu -werden, war nun fast schon verschwunden. - -Wenn sie mich so um mein Leben betrogen hätten! rief er aus, büßen -sollten sie es! -- Doch nein, ich zittre vor mir selber: weiß ich ja -doch, daß sie jeden Laut in der Ferne vernehmen, und daß sie jeden -meiner Gedanken kennen. Drum muß ich, will ich alle meine Gefühle -unterdrücken, und nur das Beste, Edelste von ihnen erwarten. - - * * * * * - -Im Hause des Geheimenrathes war Alles so ziemlich wieder zur Ordnung -zurückgekehrt. Die Hochzeit der Tochter näherte sich, und Schmaling war -im Bewußtsein seines Glückes in solcher Stimmung, daß er selbst die -Namen Feliciano oder Sangerheim nur ungern nennen hörte. Er verdammte -den Trieb, sich vom Wunderbaren und Geheimnißvollen anlocken zu lassen, -so unbedingt, daß selbst Clara ihn tadelte, wenn er auf -Geistergeschichten oder Erzählungen schalt, die durch ein gewisses -Grauen die Aufmerksamkeit spannen, und die Phantasie in Thätigkeit -setzen. Er wollte kein unschuldiges Spiel hierin mehr erkennen, sondern -meinte, diese Anlage und Stimmung unseres Geistes sei durchaus -verderblicher Natur, und könne nur zum Unheil führen, es sei daher die -Pflicht eines jeden Verständigen, diesen Trieb in sich völlig -auszurotten. - -Der Vater hatte unterdessen an seinen Sohn Anton geschrieben, um ihn zu -bewegen, zu seiner Familie zurückzukehren. Nur Einiges hatte er ihm von -jenen Geständnissen gemeldet, die der trunkene Magier gegen Schmaling -halb unbewußt gethan hatte; er hatte ihn auf die Gefährlichkeit dieser -Verbindung, auf seine bedenkliche Stellung zur Welt aufmerksam gemacht, -er hatte ganz den Vater und die väterliche Autorität, so milde der Brief -war, sprechen lassen, aber vergeblich. Der Sohn antwortete in einem -scharfen, höhnenden Tone: wie sonderbar es sei, daß der Vater jetzt -gegen Geheimnisse spreche und große Charaktere verfolge, da doch er, der -Sohn, von Jugend auf so viel von diesen Geschichten in seiner Familie -habe vernehmen müssen. Es sei ja bekannt genug, wie er selbst früher -gegen alle leere Schwärmerei, Geistersucht und dergleichen gesprochen -habe, er habe sich nie blenden lassen, und wenn er jetzt einer andern -Ueberzeugung folge, so könne man ihm wohl zutrauen, daß er geprüft und -untersucht habe, und nicht leichtsinnig einem unreifen Gelüste folge. -Wenn Verleumder seinen großen Meister lästerten, so geschehe nur, was -sich seit den ältesten Zeiten ereignet habe, daß der Pöbel die -Wohlthäter der Menschen und die leuchtenden Genien verfolge. Was seinen -Schwager Schmaling betreffe, so verachte er einen solchen Elenden zu -tief, um irgend noch Worte über ihn zu verlieren. Sein Meister habe ihm -diesen Lügner und dessen Verächtlichkeit hinlänglich geschildert. Er -hoffe übrigens, in der Lage zu seyn und zu bleiben, daß er weder auf -einen Theil des väterlichen Vermögens, noch auf irgend eine -Unterstützung Ansprüche zu machen brauche, wünsche aber dagegen, daß man -ihn nicht hofmeistere, als ein Kind behandle, das der Zurechtweisung -noch bedürfe. Er werde in Zukunft, wenn er der Familie selbst zu Glanz -und Ehre verhelfe, übrigens gern vergessen, daß er früher einmal von -seinen allernächsten Verwandten so sei verkannt worden. - -Der Vater, der Obrist und Alle erstaunten über die ungeheure Verblendung -des Sohnes, vorzüglich, wenn sie seiner früheren Art gedachten. - -Die Zeit war indessen herangekommen, in welcher Sangerheim versprochen -hatte, durch Rückzahlung des letzten Capitals seine geheimnißvollen -Papiere auszulösen. Geschah es nicht, so gehörten dem Rathe diese -Mysterien, die von der höchsten Wichtigkeit seyn sollten, und von denen -selbst das Leben Sangerheims, wie er geäußert hatte, abhinge. Der -geheime Rath machte sich also mit jenen wichtigen, fest verschlossenen -und vielfach seltsam versiegelten Dokumenten auf den Weg nach jener -Stadt, in welcher der Magier seitdem seinen Sitz aufgeschlagen hatte. -Der Professor Ferner begleitete ihn. Sie reiseten in der Nacht, und -wechselten vielfältige Gespräche, indem sie sich alter Zeiten und vieler -Erfahrungen erinnerten. Der Professor sagte endlich: Sei der Mensch auch -so ruhig und fest, wie er immer wolle, er hat eine Stimmung, einen -Moment der Schwäche, wo ihn doch Dasjenige wiederum ergreifen und -beherrschen kann, was er längst abgeschüttelt zu haben glaubt. Und so -ist es mit Zeiten und Völkern auch. Wer kann unterscheiden oder bestimmt -verneinen, ob es nicht physische Krankheit sey? Ob es oft nicht in der -Luft liege, und wie jede Seuche anstecke? Es scheint zu Zeiten -unmöglich, sich gegen den Einfluß der Thorheit zu schützen, so wie wenn -der Körper erst durch Mangel an Diät oder Zufälligkeiten so gestimmt -ist, man der Erkältung durchaus nicht ausweichen kann, verwahre man sich -auch, wie man will. Jetzt ist es mir völlig unbegreiflich, wie ich mein -geliebtes Kind jenem Wunderthäter hingeben konnte, es erscheint mir -jetzt als ein völliger Wahnsinn, als gottlose Sünde; und doch pries ich -mein Geschick (und seitdem sind nicht viele Monde verflossen), daß jener -große Mann den Knaben würdigen wollte, ihn in die Schule und sich seiner -anzunehmen. Ist aber unsre Schwäche so groß, oder ist es zuweilen ein -Fatum, das uns ergreift, eine unausweichliche Nothwendigkeit, so sollten -wir wohl im Leben gegen unsre Nächsten, oder in der Geschichte gegen -merkwürdige Verirrungen billiger und nachsichtiger seyn, als wir uns -bewußt sind, diese Nachsicht auszuüben. - -Es muß sich austoben, erwiederte der Rath; das ist ein Ausdruck, den ich -mir seit einiger Zeit angewöhnt habe. Das ist der einzige trostlose -Trost, den ich mir in Ansehung meines Sohnes geben kann, den ich für -verloren achten muß. -- -- - -Sangerheim war indessen in einer Stimmung und Gemüthsverfassung, die -sich schwerlich darstellen läßt. Auf seine vielen und dringenden -Schreiben hatte er noch einmal eine kurze Antwort von einem Manne -erhalten, der sich früher seinen Freund nannte, und der ihm jetzt -meldete, dies sei der letzte Brief, den er ihm senden könne, indem er -eben in den Wagen steige, um nach Italien, und von dort nach -Griechenland und Constantinopel zu reisen. Von Geldsendungen war keine -Rede, und doch hatte Sangerheim auf diese, und zwar auf sehr bedeutende, -gerechnet. Er meinte, er dürfe es, nach allen früheren Betheuerungen und -Versprechungen. Er war von Schulden bedrängt; um glänzend aufzutreten, -hatte er Alles wieder ausgegeben, was ihm von Freunden und Schülern -zugeflossen war. Um sein Ansehn zu vergrößern, und sich mehr Zutrauen zu -erwerben, war er in der Wohlthätigkeit ein Verschwender gewesen. Er -schrieb noch einmal, und zwar unmittelbar an einen Mann, den er für -einen jener Obern halten mußte, aber indem er in Angst die Sekunden auf -seiner Uhr zählte, und der Antwort Flügel wünschte, kam sein eigner -Brief ihm zurück, mit der Anweisung vom Postamt, kein Mann von dem Namen -sei in der Stadt zu finden. - -Nun sah er, daß man ihn völlig verlassen, daß man ihn ausgestoßen hatte. -Es wurde ihm hell in allen Sinnen, daß er gebraucht sei, eine Büberei -auszuführen, und daß man jetzt diese nothgedrungen aufgegeben habe, oder -ihn wenigstens für unpassend halte, sie zu vollbringen. Er war bis dahin -überzeugt gewesen, wenn er auch die Pläne seiner Obern nicht ganz -durchschaute, daß er etwas Gutes und Edles wirke, wenn auch durch -Mittel, die sich nicht vor der strengen Moral rechtfertigen ließen. Ihm -war ein brennender Haß gegen die sogenannte Aufklärung, gegen jenen -Indifferentismus, der seine Zeit charakterisirte, beigebracht worden. Er -hielt es für nothwendig, daß jene Freimaurer, die sich der -Rosenkreuzerei, dem Goldmachen und Geisterrufen widersetzten, als -Schädliche und Verderbliche ausgerottet werden müßten, weil sie -hauptsächlich durch ihren Einfluß und ihre Logen jene lebentödtende -Aufklärung verbreiteten. Er glaubte wohl, daß ein Werben für die -katholische Kirche auch eine Aufgabe seiner Sendung sei, unterzog sich -aber auch diesem gern, weil er in dieser Lehre auferzogen war, und sie, -ohne sie zu prüfen, oder die protestantische zu kennen, für die bessere -hielt. Mit seinem Wunderglauben und seiner Schwärmerei hatte er sich -eine eigne Lehre ausgebildet, die der orthodoxe Katholik gewiß nicht -gebilligt hätte. So hin und her geworfen von Leidenschaften und -chimärischen Hoffnungen, wähnend, ganz nahe an die Erfüllungen seiner -höchsten Wünsche zu reichen, durch sophistische Ausreden über sein -trügendes Thun beruhigt, sich als Lügner kennend, und sich dennoch für -einen wahren Wunderthäter haltend, seine Gattin liebend, und sie doch -seinen verdächtigen Zwecken aufopfernd, war er in allen diesen tollen -Widersprüchen fast in ein gespenstisches Wesen verwandelt worden, das -ohne innern Halt jeden Tag nur so hingaukelte, von Neuem täuschte und -getäuscht wurde, und nie zur Besinnung kam. Jetzt fielen alle diese -Larven von ihm ab, er lernte sich selbst erst kennen, und entsetzte sich -vor dem Auge der Wahrheit und seiner eignen Nacktheit. - -So bin ich denn, sagte er zu sich selbst, zugleich der Unglückseligste -und Verworfenste aller Menschen. Der Inhalt meines Lebens ist ein -Possenspiel, über das man lachen möchte, und zugleich so tragisch und -entsetzlich, daß sich mir die Haare aufrichten. Wie können jene -Menschen, die sich gut und weise nennen, es irgend mit ihrem Herzen -ausgleichen, daß sie mich geschlachtet, und mir Geist und Leib zu Grunde -gerichtet haben. So einsam, so ganz zernichtet war noch nie ein Mensch. -Die Freunde, Beschützer, Mächtigen, auf die ich mich so sicher mit -meinem ganzen Glücke lehnte, sind gar nicht da in aller weiten Welt, -nirgend zu erfragen, wie Traumgestalten, wie Wolken verschwunden. Jeder -Mensch, dem ich meine Noth klagen wollte, müßte es für wahnwitzige Lüge -halten. -- Ach Theodora! wie Recht hattest du. Warum vernahm ich denn -deine Bitten und Warnungen nicht? Auch sie ist zertreten worden, so wie -ich. O wenn sie noch da wäre, wie gern würde ich mit ihr als Tagelöhner, -als Bettler leben. Und Nichts bleibt mir; nicht die elendeste Hülfe, -nicht der kümmerlichste Trost. - -Er sann hin und her, was er beginnen könne, aber jede Aussicht war -verschlossen. Sein Trug mußte entdeckt werden, dem Manche schon auf die -Spur gekommen waren. Die prophetische Gabe seiner unglücklichen Gattin -konnte ihm auch Nichts mehr fruchten, um seine künstlichen Lügen mit -halber Wahrheit oder seltsamen Entdeckungen zu unterstützen. Er dachte -wohl daran, ob er nicht einige von Denen um Hülfe ansprechen sollte, -denen er, als ihm große Summen zu Gebote standen, reichlich geholfen -hatte, aber er verwarf diesen Gedanken sogleich als unstatthaft, weil er -einsah, daß Dieselben, die ihn in der Noth als ein göttliches Wesen -behandelt hatten, ihm jetzt kalt den Rücken kehren würden. Und so, -dachte er, habe ich von meinem verlornen Leben nicht einmal den Nutzen, -den jeder Dieb genießt, bevor er zum Galgen geführt wird, daß er Geld -und Gut besitzt, oder mit seinen Spießgesellen schwelgt, und Wein und -Wollust ihn übersättigen. - -Er fiel darauf, sich dem geheimen Rath ganz zu entdecken. Dachte er aber -an das Auge des ernsten Mannes, und wie viel er von ihm gezogen hatte, -so verwarf er auch diesen Gedanken. Nein, rief er, die Ehre verbietet -mir diese schmähliche Auskunft, die mich zu sehr erniedrigen würde. - -Sonderbar, daß in der Verzweiflung und tiefsten Selbstverachtung die -Menschen noch von diesem Phantom regiert werden können, das nur -Wesenheit erhält, wenn der Edle, Tugendhafte sich von Rücksichten lenken -läßt, um die gute Meinung seiner Zeitgenossen, sei es auch im -Vorurtheil, zu erhalten. Der Lügner will aber oft mit den -abscheulichsten Lügen die Erde lieber verlassen, als durch eine Handlung -der Tugend, seine erste vielleicht, indem er die Wahrheit bekennt, vor -der Menge beschämt werden. Diese Ehre hielt ihn von dem edlen, -mitleidigen Manne zurück, und stellte sich zwischen ihn und diesen wie -eine Mauer. - -Denn mit den besten Gesinnungen für den Unglücklichen langte der alte -Seebach an. Er kannte zwar Sangerheims Verbindungen nicht, und wußte -eben so wenig, wie diese jetzt so ganz von ihm abgefallen waren, aber er -war der Ueberzeugung, daß Sangerheim sein Versprechen nicht halten -könne, und er war darauf gefaßt, die große Summe schwinden zu lassen, -ohne ihm seine Schriften zurückzuhalten, oder ihn öffentlich zu -beschimpfen, wozu der Magier ihm ein Recht gegeben hatte, wenn er seinem -Worte untreu würde. Wie erstaunte daher der Rath, als ihm Sangerheim mit -großem Vertrauen und fester Sicherheit entgegentrat, und auf übermorgen -mit leichtem Sinn die Auslösung der Schriften verhieß. Er war selbst -heiter, obgleich er mit Schmerz von dem Tode seiner geliebten Gattin -sprach. Dies Betragen war so, daß der Rath selbst wieder unsicher wurde, -und dem schönen großen Manne gegenüber sich im Stillen Vorwürfe machte, -daß er ihm so sehr Unrecht gethan habe. - -Der Tag ging hin unter Besuchen und Zerstreuungen. Der Arzt Huber, -dieser fanatische Anhänger Sangerheims, erzählte viel von seinen -Hoffnungen, deren Erfüllung er in kurzer Zeit zu erleben gedachte. - -Am andern Morgen machte der Rath mit dem Arzte, Sangerheim, Ferner und -noch einigen Vertrauten einen Spaziergang. Als sie die Stadt im Rücken -hatten, entspann sich in der Kühlung des schönen Morgens ein sonderbares -Gespräch. Sangerheim sprach von der Flüchtigkeit des Lebens, das, gegen -die unerschöpflichen Tiefen der Kunst und Wissenschaft gehalten, viel zu -kurz sei. - -Sie gingen einem Bach vorüber. Alle diese Wellen, sagte Sangerheim, -gelangen in den Ocean, der dadurch nicht voller wird. Ist es nicht eben -so mit unsern Seelen? Der Tod entführt sie -- wohin? Zu Gott, der keinen -Mangel kennt, und durch sie nicht größer wird. - -In der Einsamkeit sagte er endlich: Nur zu sehr hatte jener Feliciano -Recht, daß ich schwere Kämpfe mit den Geistern, die nur ungern -gehorchen, würde zu bestehn haben. Sie wollen es nicht dulden, daß ein -Sterblicher so große Gewalt über sie erringe. In jeder Minute muß ich -wachsam seyn. Verabsäume ich gewisse Gebete, könnte ich diese oder jene -unerläßlichen Vorkehrungen vergessen, so wäre mein Leben Augenblicks in -Gefahr. Von wie vielen ausgezeichneten Männern, die das Reich der -Geister sich unterwürfig gemacht, wissen wir es nicht, daß sie eines -unnatürlichen oder gewaltsamen Todes gestorben sind. Oft war es auch die -Veranstaltung dieser rebellischen Geister, daß die weltliche Macht sich -eines dieser Männer als eines solchen bemächtigte, der mit der Hölle im -Bunde stehe, und ihn nach dieser falschen Beschuldigung auf den -Scheiterhaufen setzte. - -Hin und her wurde über diese Behauptung gestritten. Plötzlich rief -Sangerheim: Still! meine Freunde. -- Er blieb stehn, als wenn er auf -Etwas horchte, dann nickte er, schüttelte mit dem Kopfe, murmelte einige -Worte, und machte wieder die Geberde, als wenn er gespannt einer Rede -zuhöre. Nach einer Weile sagte er: Warten Sie hier einen Augenblick. -Wovon ich eben sprach, hat leider stattgefunden. Eine Kleinigkeit habe -ich heute beim Aufstehn unterlassen, das Zeichen vor meinem Bette und an -der Thür meines Schlafzimmers ist nicht in rechter Weise aufgelöset -worden, nun jagen mir die Ungestümen nach und wagen es, zu drohen. -Warten Sie hier einen Augenblick, dort in der Einsamkeit werde ich sie -schon zu zwingen wissen, sie sollen zitternd ihren Meister erkennen, und -mir nicht zum zweiten Male drohen. - -Er entfernte sich mit triumphirender Miene und in stolzer Zuversicht. -Als er hinter den Gebüschen verschwunden war, hörte man Zank und Streit -von vielen verschiedenen Stimmen, und Sangerheims donnernden Ton -abwechselnd dazwischen, dann einen Knall, wie einen Schuß. Hierauf -Stille. - -Alle sahen sich erwartend an. Der Rath ging ahndungsvoll zuerst nach dem -Platz. Der Unglückliche lag todt am Boden, das Pistol neben ihm. - -Die Geister haben ihn ermordet! schrie der Arzt heftig: o die Elenden, -Schändlichen! O Liebster, so bist Du denn doch das Opfer Deines -Enthusiasmus, Deines brennenden Eifers für die Wissenschaft geworden! - -Der Rath sagte kein Wort; jedes schien ihm überflüssig. -- Man machte in -der Stadt eine Anzeige von diesem Vorfall, und am folgenden Tage ward -der Leichnam beerdigt. - -Seltsam genug, daß manche der aufgeklärten Freimaurer, die von diesem -Sangerheim so schlimm waren verfolgt worden, jetzt auch die Meinung -aussprachen, er sei von seinen Geistern, die aber bösartige wären, zur -Strafe aller seiner Frevel vernichtet worden. -- - -Am andern Tage versammelte der geheime Rath die vertrautesten Freunde -des Abgeschiedenen in seiner Wohnung. Man lösete langsam und bedächtig -die Siegel des geheimnißreichen Paketes, eine Scheide nach der andern, -und wickelte einen Umschlag aus dem andern. Jener Knall, der schon -einmal den Rath erschreckt hatte, ließ sich wieder hören. Keiner von -Allen war in solcher Spannung, als der Arzt Huber. Endlich war Nichts -mehr aufzuknüpfen und kein Petschaft mehr aufzubrechen, und offen lag -vor Aller Augen der Inhalt. -- Eine alte französische Grammatik, drei -alte Kalender, viel Makulatur. - -Die Erbschaft eines Wunderthäters, sagte der Rath kalt. Erst jetzt -verachtete er den Magier völlig. Nein! rief Huber in großem Eifer; die -boshaften Geister haben auch seine wichtigen Geheimnisse scheinbar -verwandelt, um unser Aller Augen auf eine Zeitlang zu blenden. Wenn wir -uns nicht thören lassen, so müssen bald die ächten Skripturen an die -Stelle dieser Makulatur zurückkehren. Und so bemächtige ich mich, im -Namen der Kunst, dieser unscheinbaren Papiere, um sie vom Untergange zu -retten. Kann auch seyn, daß im Bande, zwischen den Blättern, oder in -Punkten und unterstrichenen Buchstaben das Mysterium niedergelegt ist. -Ich werde wenigstens Tag und Nacht studiren. - -Man ließ ihn gewähren und würdigte ihn keiner Antwort. -- - - * * * * * - -Das Schicksal Sangerheims war beschlossen, und die meisten seiner -ehemaligen Bewunderer gaben ihre Bestrebungen auf, retteten Geld und -Zeit und kehrten zu besseren Beschäftigungen zurück. Nur Huber saß -unermüdet bei seinen Makulaturen, den alten Kalendern und seiner -französischen Grammatik, suchte und rechnete, und glaubte, nachdem er -lange studirt hatte, auch viel Wichtiges gefunden zu haben. - -Schmaling und Clara waren verheirathet. Ihr Glück ward durch gute und -gesunde Kinder erhöht und man konnte die Familie des Rathes eine -glückliche nennen, wenn nicht Anton in ihr gefehlt hätte, von dem man -seit Jahren gar keine Nachricht hatte. Auch Feliciano, nachdem er lange -an verschiedenen Orten in Europa mit mehr oder minder Glück seine Rolle -gespielt hatte, war endlich, da Keiner mehr, auch der erst Verblendete -nicht, an seinem Betruge zweifelte, nach manchen Abentheuern -untergegangen. - -Die Gattin des Rathes pflegte ihre Enkel, und Clara, die jetzt Nichts -mehr zu bekämpfen hatte, durfte mit Sicherheit ihren Charakter, so wie -die Anlagen ihres Geistes ausbilden. Sie fürchtete nun nicht mehr die -Bilder der Phantasie, die poetischen Mährchen, oder das Geheimnißvolle -in dieser oder jener Dichtung, weil es ihr nicht mehr feindlich -gegenüber stand, und sie über den Charakter ihres liebenswürdigen Gatten -beruhigt war. Dieser, einmal enttäuscht, fühlte niemals die Versuchung -wieder, sich in jenes Labyrinth zu begeben, dessen Irrgänge er hatte -kennen lernen, und denen er so glücklich entflohen war. - -So waren im ruhigen Glücke mehr als zwölf Jahre verflossen, als sich an -einem Morgen früh beim geheimen Rathe ein Fremder anmelden ließ, der -darauf bestand, den Herrn selbst zu sprechen, und sich vom Diener nicht -wollte abweisen lassen. Die Thüre des Arbeitszimmers ward ihm endlich -geöffnet, und es trat ein Mann von mittlerem Alter hinein, verwildert, -ohne Haltung und Betragen, der, als ihn der Rath fragte, was er begehre, -nur kurz antwortete: Und Sie kennen mich wirklich nicht mehr? Eine -Ahndung ergriff den Vater: Sie sind doch nicht -- Du bist doch nicht -Anton? -- Er schwankte und der unkenntlich gewordene Sohn fing ihn in -seinen Armen auf. Sie umfingen sich zärtlich und gerührt, dann setzten -sich Beide, um sich von ihrer Erschütterung zu erholen. - -Bist Du wieder da? fing der Vater nach einer Weile an; aber es ist Dir, -wie es scheint, nicht gut ergangen. - -Ja, lieber Vater, sagte Anton, Ihr Kind, wenn Sie es noch dafür erkennen -wollen, tritt fast wie der verlorne Sohn in sein väterliches Haus wieder -ein. Mein Schicksal ist ein elendes, mein Leben ein verlornes. Wenn Sie -mich verstoßen, so bin ich aller Schmach wieder dahin gegeben, dem -kläglichsten Jammer, dem ich freilich gern entfliehn möchte. - -Wenn ich Dich Sohn, Anton nenne, sagte der Vater, so heißt das, daß Du -mir eben das seyn wirst, was Du mir ehemals warst. Du hattest Dich -verblenden lassen, und ich wenigstens kann Dir kein strenger Richter -seyn. - -Wohl war ich verblendet, erwiederte Anton, und wie sehr! so, daß ich -noch jetzt immer vor diesem Zustande meiner Seele zurück schaudre. Das -gemeinste Kunststück, die elendeste Kundschafterei hatte damals den -Charlatan in den Besitz meines Geheimnisses gesetzt, das ich vor Ihnen -und vor allen meinen Freunden sorgsam verborgen hielt. Ich gestand mir -meine eigne Schlechtigkeit nicht, und hoffte, thöricht genug, Alles -solle sich wieder zurecht finden und ohne Spur vorüber gehn. Denn der -Gedanke war mir fürchterlich, Ihnen oder gar meiner Mutter eine solche -Schwiegertochter vorzuführen, in der Stadt alle meine Verbindungen zu -zerstören, und durch diese auffallende That mir selbst jeden Vorschritt -im bürgerlichen Leben unmöglich zu machen. Wie jener Feliciano nun mein -Gemüth so durch eine plötzliche Erschütterung, durch ein scheinbares -Wunder in seine Gewalt bekommen hatte, war ich ihm unbedingt und -leibeigen angehörig. Er war mir kein Sterblicher mehr, und dieselben -Künste und Studien, die ich noch kürzlich verlacht hatte, schienen mir -jetzt die einzigen würdigen. Ich wollte mein Leben an ihre Erforschung -setzen. Auch bildete ich mir ein, der Lieblingsschüler meines großen -Meisters zu seyn, der mich verachtete, weil mein hartes einfaches Wesen -für seine Absichten unbrauchbar erschien. -- Welche Gaukeleien er hier -trieb, wie sich selbst meine verständige Mutter eine Zeitlang von ihm -bethören ließ, von allen diesen Dingen sind Sie selbst Zeuge gewesen. -Aber wie wundersam vielgestaltig ist die menschliche Natur. So -unbegreiflich, und doch wieder so verständlich. Meine Gattin, dieses -schlichte Bauernmädchen, dieses ehrliche Wesen, dem früher meine Liebe -das Höchste, ja das einzige Gut des Lebens gewesen war, ward bald ein -Liebling meines großen Lehrers. Er behauptete, sie sei von der Natur -ganz eigen begabt, um der wichtigsten Geheimnisse theilhaftig zu werden, -sie würde in den weiblichen Logen bald die höchsten Grade ersteigen, und -dann ebenso wie seine eigne Gattin, das Mysterium finden, Jahrhunderte -zu überleben, und mit Geistern und Abgeschiedenen Gemeinschaft zu haben. -Ich glaubte Alles und erwartete von jeder Woche, dann von jedem Monat, -ebenfalls ein Eingeweihter zu werden. Mein Lehrer spielte indessen dort -im Norden eine wichtige Rolle und ein großes Spiel. Gold und Juwelen, -die größten Summen, schienen ihm, wie er damit umging, nur Tand. Was -verhieß er mir, welche Aussichten eröffnete er meinen trunkenen -Hoffnungen. Aber auch Opfer begehrte er von mir. Um mich zur Weihe -vorzubereiten, mußte ich die Gesellschaft meiner Gattin vermeiden, -fasten, jede weltliche Lust und Zerstreuung fliehen. Meine Frau, die mir -schon im Wissen vorgeschritten war, drang jetzt darauf, damit sie kein -Hinderniß mehr fände, sich mit den Geistern in Verbindung zu setzen und -selbst eine Unsterbliche zu werden, ich sollte einwilligen, daß wir -durch die Gerichte förmlich wieder getrennt und geschieden würden. Man -hatte meine Phantasie so erhitzt, ich erwartete selbst so wundersame -Dinge zu erfahren, sie strebte so eifrig nach dem höchsten Grade, daß -ich mich endlich überreden ließ, ja daß ich endlich die Nothwendigkeit -dieser Scheidung selber einsahe. Bald darauf war sie verschwunden. Der -Meister erklärte sich nicht, sondern sprach nur in geheimnißvollen -Winken, und gab zu verstehen, daß sie in diesen Augenblicken eines -großen Glückes genösse. Meine Einweihung zu den höheren Graden lehrte -mich aber nichts Neues, und ohnerachtet meiner blinden Ergebenheit und -meines Aberglaubens fing ich doch an, ungeduldig zu werden. Man -beschwichtigte mich wieder. Eine Thorheit löste die andere ab und so -verging die Zeit. - -Wir mußten uns endlich schnell entfernen, und unsere Abreise glich fast -einer Flucht. Der Magier sagte mir zwar, daß große Begebenheiten und -Operationen, die sich nicht länger aufschieben ließen, ihn nach einem -fernen Lande riefen, indessen sah ich doch die Angst des Meisters, ich -bemerkte, wie seine wichtigsten Anhänger sich von ihm entfernten, und -die Binde fiel allgemach von meinen Augen nieder. Da ich aufmerksam -geworden war und ihn nicht mehr so, wie bisher fürchtete, konnte ich ihn -auch beobachten. Auf unsrer übereilten Reise gab er mir Bücher und -Papiere, auch viele offene Briefe, die, wie er mir sagte, keinen Werth -hätten, und die ich gelegentlich verbrennen könne. Für mich waren diese -aber sehr bedeutend, denn da ich, indem ich vorangeschickt wurde, um -sein Quartier zu machen, nur einen flüchtigen Blick in einige Blätter -gethan, sah ich wohl, daß der Weiseste der Menschen in Angst und -Uebereilung einen dummen Streich gemacht hatte. Er dachte nicht daran, -die Sachen zu vernichten, und Zeit mangelte ihm, sie anzusehn. Viele -Briefe enthielten die Geschichte meiner Frau. Sie war einem reichen -Fürsten geradezu verkauft worden. Sie hatte um die ganze Verhandlung -gewußt und sich mit der größten Feinheit und List betragen, und zwar so -sehr, daß sie den bethörten Fürsten vermocht hatte, sie zu seiner -Gemahlin zu erheben. Dieser aber, so wie sie, hatten dem Magier dafür, -daß er mich zur Scheidung bewogen und daß er den Fürsten ebenfalls -verblendet hatte, große Summen zahlen müssen. So war sie denn, was die -Welt so nennt, glücklich geworden. Gegen mich hatte sie sich schlecht -betragen, indessen verzieh ich ihr, da ich früher gegen sie nicht besser -gewesen war, und ich empfand einen tiefen Schmerz und Reue, indem ich -die Veranlassung gewesen, daß ein schlichtes einfaches Wesen so die -Talente zu List und Betrug zur Verderbniß ihrer Seele entwickelt hatte. -Denn aus den Briefen ging hervor, daß sie und der Graf sich völlig -verstanden, daß sie mit ihm über die Einfalt der Menschen, vorzüglich -über die meinige, lachte. - -Als ich mit meinem großen Beschützer an Ort und Stelle gelangt war, -blieb ich noch eine Zeitlang in seiner Nähe, um seine Künste zu -beobachten, zu denen er mich oft gebrauchte. Ich lebte im Ueberfluß, -aber ich kam mir vor, als sei ich der Croupier eines falschen Spielers. - -Ich konnte es nicht länger ertragen. Ich schrieb ihm Alles, was ich von -ihm wußte und dachte, und verließ ihn. Und gut, daß ich es gethan, denn -sonst wäre ich mit in jene Prozesse verwickelt worden, die sich bald -gegen ihn erhoben. Ich war nun frei, aber auch Nichts als frei, das -heißt, der armseligste Sclave, der Tyrannei eines jeden Augenblicks -Preis gegeben, vom Mangel und den Bedürfnissen der Natur gemißhandelt. -Mich Ihnen zu nähern, zurückzukehren, verbot mir eine mächtige Scham, -wohl eine falsche, denn Nichts wird so sehr mißverstanden, als das Wort -und der Begriff Ehre. Bald war ich Schreiber, bald Aufseher in einem -Hause, einigemal Comödiant, auch versuchte ich mich als Schriftsteller. -Ich konnte mich nie ganz fallen lassen und zu jener naiven -Niederträchtigkeit hinunter steigen, die ich an andern meines Gelichters -wahrnahm. Endlich nun, an mir und allen Menschen verzweifelnd, thu' ich -den Schritt, den ich vor manchem Jahre hätte wagen sollen. - -Der Vater tröstete, beruhigte den Sohn. Er ließ ihm Kleider und Wäsche -holen, damit die Mutter nicht zu sehr erschreckt würde, wenn sie ihn in -dieser Gestalt wieder sehn sollte. Freude und Trauer war über seine -Rückkehr zugleich in der Familie, indessen fand man sich nach und nach -wieder zurecht und in einander und Anton zog auf das väterliche Gut -hinaus. Hier arbeitete er redlich mit dem Verwalter, lernte die -Landwirthschaft kennen und konnte nach einigen Jahren selber die -Bewirthschaftung desselben übernehmen. Er gewann die Liebe eines reichen -Fräuleins, mit der er als nützlicher Landmann glücklich lebte. - -Ferner hatte indessen von seinem verlorenen Sohne nie wieder Etwas -erfahren, so sehr er sich auch bemüht und nach allen Gegenden -geschrieben hatte. Er war verschollen und der Vater glaubte, er sei -gestorben. Der Gelehrte mußte in Familienangelegenheiten eine Reise nach -dem südlichen Deutschland unternehmen. In einer mäßigen Stadt zeigte ein -Italiener, ein Taschenspieler, seine Künste. Der Professor war sonst -kein Freund dieser Gaukeleien, indessen ist auch der strenge Mann in der -Fremde leichteren Sinnes, als zu Hause, und da man von dem jungen Mann -als einem wahren Wunderthäter sprach, der Dinge zeige, die selbst andre -Spieler nicht begreifen könnten, so ging Ferner mit einer Gesellschaft, -neugierig gemacht, nach dem Saale. Was der junge Künstler ausführte, war -in der That bewunderungswürdig, besonders durch die leichte Sicherheit, -mit der er das Schwierigste scherzend zu Stande brachte. Indem der -Professor die schönen leichtfertigen Hände des Spielers betrachtete, -fiel ihm ein kleines braunes Mal am rechten Zeigefinger auf, er ward -aufmerksamer, betrachtete das Gesicht und forschte in den Augen, und -glaubte endlich überzeugt seyn zu können, dieser Taschenspieler sei sein -verlorener Sohn. Sein Herz war bewegt, und er konnte an den vielen -wunderbaren Erscheinungen keinen Antheil mehr nehmen. - -Als das Schauspiel vorüber war, und sich die Zuschauer vergnügt und -befriedigt entfernten, blieb er, unbeobachtet, allein im Saale zurück. -Als dieser ganz leer war, redete er den fremden Künstler italienisch an, -um seine Frage vorzubereiten, dieser aber antwortete gleich deutsch, und -warf sich dem Vater in die Arme. - -Nach einigen Reden, in welchen der Vater die Verlornen Jahre des Sohnes -beklagte, sagte dieser: Liebster Vater, ich erkannte Sie sogleich, als -Sie in den Saal traten, und alsbald nahm ich mir auch vor, mich Ihnen zu -erkennen zu geben, ob ich gleich bis jetzt gezögert habe, an Sie zu -schreiben, und mich Ihnen wieder zu nähern. Schelten Sie mein Handwerk -nicht, denn es nährt seinen Mann. Sie sehn auch, daß ich mich Professor -schreibe. Zwar habe ich Ihren geehrten Namen nicht beibehalten wollen, -sondern spiegle dem Volke vor, ich sei ein Italiener. Glauben Sie nur, -was ich jetzt treibe, ist ehrsam und achtenswürdig gegen das, was ich -bei jenem berühmten Grafen spielen mußte. Es ist Gnade des Himmels, daß -ich kein Bösewicht geworden, und noch so mit einem blauen Auge davon -gekommen bin. In der Hinsicht habe ich bei meinem Wunderthäter meine -Zeit nicht ganz verloren, indem ich ihm sehr scharf auf die Hände gesehn -habe. Ich habe Vieles von ihm gelernt, und so zeige ich unschuldig für -Geld so Manches, was er zu schlimmen Absichten und Betrug gebrauchte. -Ich unterhalte die Menschen, er plünderte sie, indem er sie zugleich -wahnsinnig machte. -- Ich verspreche Ihnen, nie nach Ihrer Stadt zu -kommen, aber besuchen Sie mich, wenn ich einmal in Ihrer Nähe bin. -Schreiben wir uns, Liebster, damit wir in Verbindung bleiben. - -Diese Abrede wurde genommen und man führte sie aus. Der Vater war über -seinen Sohn beruhigt, und dieser gewann durch die Leichtigkeit seiner -Hand ein ziemliches Vermögen. -- - -In Seebachs Hause wäre Alles glücklich und heiter gewesen, wenn der -neunzigjährige Obrist nicht Clara, die Mutter und Schmaling neuerdings -geängstigt hätte. Gegen ihn, der schwach wurde, ließ sich der Rath am -meisten gehn, und so war der Greis der Vertraute von so manchem kleinen -Geheimniß, das den Uebrigen verschwiegen wurde. Diesen erzählte der -Obrist in vertrauten Stunden, daß sein Schwiegersohn sich wiederum in -eine Correspondenz eingelassen habe, die ihm gar nicht gefallen wolle. -Der Ton dieser Briefe sei sehr fromm und mysteriös: Anfangs habe der -Rath Alles von sich gewiesen, dann habe er nach und nach Interesse -gefaßt, sei gläubiger geworden, und hoffe nun doch noch von ehrbaren -Männern, die sich ihm in jedem Briefe näherten und bestimmter -bezeichneten, etwas Großes zu erfahren. Und so ist es merkwürdig, schloß -der Alte seinen Bericht, daß eine bestimmte Leidenschaft zwar schlafen, -aber bei den meisten Menschen nie ganz vertilgt werden kann. - -Diese Briefe kamen aus dem südlichen Deutschland und sprachen von -Geheimnissen, die nicht entweiht werden dürften, die sich aber doch wohl -allgemach geprüften Männern mittheilen ließen. Der Rath war unvermerkt -in eine gläubige Stimmung gekommen, und war in seinen Antworten auf -Manches näher eingegangen, was jene Unbekannten erwähnten. So hatte er -sein Abentheuer mit Sangerheim und seine Beobachtungen und Erfahrungen -über ihn mitgetheilt, auch alle seine Zweifel und was ihm dunkel -geblieben. Auf diese Punkte antwortete der neueste Brief. - - Geliebter Bruder in dem Herrn! - -Was Sie uns von jenem verlorenen Bruder Sangerheim melden, war uns nicht -neu. Allerdings stand der Unglückliche mit uns in Verbindung, ihm wurde, -als einem hoffnungsvollen Lehrlinge, Einiges mitgetheilt. Als er von uns -schied, bemächtigten sich andre Menschen seiner, die in weltlichen -Planen handthieren und das himmlische Kleinod entweihen. Er verrieth uns -diesen, so viel er es vermochte, und hat sich so selbst sein tragisches -Schicksal bereitet, da er der Lüge und dem Betruge anheim gefallen war. -Auch jene Weltlichen sahen seinen Sturz gern und entzogen sich ihm, weil -sie fürchten mußten, daß er sie ebenfalls verrathen könne. Kommen wir -uns näher, so wird Ihnen, Geehrter, Nichts dunkel bleiben und größere -Dinge werden sich Ihnen erschließen. Zwar sind Sie nicht für unsre -Kirche, aber doch nicht unbedingt gegen sie, und wir gehn Ihnen mit dem -größten Vertrauen entgegen. Kommt Jemand zu Ihnen, der Ihnen das Wort -Emanuel sendet, so nehmen Sie ihn auf, als von uns. Er wird das erste -Kleinod Ihren treuen Händen übergeben. -- - -Der Rath war in großer Spannung. Nach zehn Tagen etwa trat der Diener -ein und meldete, ein sonderbarer Fremder stehe draußen und sage, er möge -nur Emanuel sprechen. Der Rath ließ den alten Mann ein, der feierlich -die Thür verschloß und dann ein seltsames Gespräch begann. Der Rath -fühlte sich erbaut und gestärkt, in diesen Gesichtspunkt waren ihm -manche Gedanken von Wunderfähigkeit, Glauben und einer einzigen -herrschenden Kirche noch niemals gerückt worden. Beim Abschied nahm der -Fremde ein Paket aus dem Busen, küßte es mit Salbung und überreichte es -demüthig und feierlich dem Rathe, indem er sagte: Geliebter Bruder, -dieses ist das erste Pfand der hohen, den gewöhnlichen Menschen -unsichtbaren Gesellschaft. Achten Sie noch die Siegel und erbrechen Sie -sie nur in geweihter Stunde nach Mitternacht. Doch thun Sie gut, sich -durch Gebet vorzubereiten. Zwar wird Ihnen das Geheimniß des Kleinodes -noch unverständlich seyn, aber schon die bloße Gegenwart desselben -schützt Sie. Die Erklärung selbst wird in vier Wochen folgen. Aber: -Finger auf den Mund. Wir zeigen mindestens, wie wir Sie ehren, wie groß -wir von Ihnen denken. - -Eine feierliche Umarmung beschloß das seltsame Gespräch. Geheimnißvoll -entfernte sich der Unbekannte, und der Rath mußte sich gestehn, daß noch -niemals ein Mensch einen solchen Eindruck auf ihn gemacht habe. Seine -Umgebung bemerkte seine wunderbare Stimmung, aber er schwieg gegen Alle, -auch gegen den Obristen. Clara fürchtete eine Krankheit, aber der -rauhere Soldat, der seither so Manches mit dem Schwiegersohn -durchgesprochen hatte, sagte: Dieser Mann ist einer der verständigsten, -und Ihr werdet sehn, sie übertölpeln ihn doch, den Einen fangen sie auf -die, den Zweiten auf eine andre Weise. - -Am Abend schloß sich der Rath ein und entfernte alle Diener. Seine -Stimmung war erhoben. Er betete und las in Andachtsbüchern. Er nahm das -Evangelium und erschien sich so verjüngt, so jugendlich glaubend, so -fromm und lauter, daß er die Thränen der Rührung nicht unterdrücken -konnte und wollte. Endlich schlug es Mitternacht, und er eröffnete -behutsam und zitternd die Siegel, ohne die geheimnißvollen Zeichen zu -zerbrechen. Als er den innern Umschlag geöffnet hatte, fiel ihm in die -Augen -- -- jene abgeschmackte Figur mit dem vielfältigen ^Abracadabra^, -die er damals an abergläubische Brüder nach der nahen Residenz gesendet -hatte. Er lachte laut auf, und wurde plötzlich ernst, denn er bedachte, -wie in jenem Lande dort der als Monarch herrsche, der damals nur -nächster Erbe gewesen war, und welche Thorheiten dort in der Nähe des -Thrones getrieben wurden. - -Er rief seine Familie zusammen, die noch, um ihn besorgt, wachte. Er -erzählte Alles, las einige Briefe, auch den letzten, und zeigte dann das -magische, von damals dem Schwiegervater noch wohlbekannte Blatt. - -Nun endlich, schloß er, habe ich Alles, was mich immer stört, von mir -abgeschüttelt. O wie leicht ist mir, ihr Geliebten, daß ich nun noch -einmal mit euch den fröhlichen Entschluß fassen, das vielsinnige Wort -mit euch ausrufen kann: laßt uns, da es uns vergönnt ist, vernünftig -seyn! -- - -Auf Emanuel durften nun die Bedienten nicht wieder achten, und jetzt -erst hatten alle Mitglieder der Familie diese Krankheit der Wundersucht -überwunden. - - - - - Pietro von Abano - oder - Petrus Apone. - Eine Zaubergeschichte. - 1838. - - -Die untergehende Sonne warf schon ihre rothen Strahlen an die Thürme, -und über die Häuser von Padua, als ein junger Fremder, der eben -angekommen war, durch ein Volksgewühl, ein Eilen, ein Rennen aufmerksam -gemacht, und auf seinem Wege von der Menge mit fortgerissen wurde. Er -fragte ein junges Mädchen, welches ihm ebenfalls schnell vorüber ging, -was denn alle diese Menschen in so ungewohnte Bewegung setze. Wißt Ihr -es denn nicht? antwortete diese, die schöne Crescentia, das junge Kind, -wird jetzt beerdigt; alle wollen sie noch einmal sehn, da sie immer für -die anmuthigste Jungfrau in der ganzen Stadt gegolten hat. Die Eltern -sind trostlos. Die letzten Worte rief sie schon aus der Entfernung -zurück. - -Der Fremde beugte um den finstern Palast in die große Straße hinein, und -ihm tönte schon Leichengesang, ihm wehte der Schein der blaßrothen -Fackeln entgegen. Als er näher kam, sah er, nachdem das Gedränge des -Volkes ihn vorgeschoben hatte, ein Gerüst, mit schwarzem Tuche verdeckt. -Um dieses waren Sitze, ebenfalls schwarz, erhöht, auf welchem die -traurenden Eltern und Verwandten saßen, alle im finsteren Ernst, einige -Gesichter mit dem Ausdruck der Trostlosigkeit. Jetzt bewegten sich -Figuren aus der Thür des Hauses, Priester und schwarze Gestalten trugen -einen offenen Sarg, aus welchem Blumenkränze und grüne Gewinde -niederhingen. Zwischen den blühenden bunten Pflanzen lag auf Kissen die -weibliche Gestalt, blaß, im weißen Kleide, die zarten lieblichen Hände -gefaltet, die ein Crucifix hielten, die Augen geschlossen, dunkle -schwarze Ringellocken voll und schwer um das Haupt, auf welchem ein -Kranz von Rosen, Cypressen und Myrthen prangte. Man stellte den Sarg mit -seiner schönen Leiche auf das Gerüst, die Priester warfen sich zum Beten -nieder, die Eltern erhuben sich wie verzweifelnd, noch klagender -ertönten die Hymnen, und alles umher, die Fremden selbst, schluchzten -und weinten. Der Reisende glaubte noch nie ein so schönes weibliches -Wesen gesehn zu haben, als diese Leiche, die so wehmüthig an die -Vergänglichkeit und den nichtigen Reiz des Lebens erinnerte. - -Jetzt ertönte das feierliche Geläute der Glocken, und die Träger wollten -eben den Sarg erheben, um die Leiche in das gewölbte Grab der großen -Kirche zu tragen, als ein lauter tobender Jubelruf, schallendes -Gelächter und das Geschrei einer ausgelassenen Freude, die Eltern, -Verwandten, Priester und Leidtragende störte und erschreckte. Alles sah -unwillig umher, und aus der andern Gasse schwärmte ein froher Zug junger -Leute heran, singend, jauchzend, ihrem ehrwürdigen Lehrer immer wieder -von neuem ein Lebehoch zurufend. Es waren die Studirenden der -Universität, die auf einem Sessel hoch auf den Schultern einen bejahrten -Mann von dem edelsten Ansehn trugen, der wie in einem Throne saß, mit -einem Purpurmantel bedeckt, das Haupt mit dem Doktorhute geschmückt, -unter welchem weiße Silberlocken hervor quollen, so wie ein weißer -langer Bart auf das schwarzsammtne Wamms majestätisch herabfloß. Ein -begleitender Narr mit Schellen und in bunter Tracht sprang umher, und -wollte schlagend und scherzend dem Zuge durch das Volk und die -Trauerleute Platz machen, doch auf einen Wink des ehrwürdigen Alten -senkten die Schüler die Trage, er stieg herab und näherte sich gerührt -und mit feierlichem Anstande den weinenden Eltern. Vergebt, sagte er -ernst und mit einer Thräne im Auge, daß dieses wilde Geschrei so eure -Leichenfeier stört, die mich innigst erschüttert und entsetzt. Ich komme -von meiner Reise endlich zurück, meine Schüler wollen meinen Einzug -durch ihre Freude verherrlichen, ich gebe ihren Bitten und Anstalten -nach, und finde nun, -- wie? eure Crescentia, das Musterbild aller -Holdseligkeit und Tugend, hier vor euch im Sarge? Umher diesen düstern -Prunk und jene Trauergestalten, um sie mit Thränen und Herzensweh zu -ihrer Ruhestelle zu geleiten? -- Er winkte seinen Begleitern und sprach -einige Worte. Alles war schon längst still und stumm geworden, und die -meisten entfernten sich jetzt, um die Leichenfeier nicht zu stören. Da -kam die Mutter zitternd näher und sank an der Gestalt des Alten nieder, -indem sie im krampfhaften Schmerze dessen Knie umschlang. Ach! warum -seid Ihr nicht zugegen gewesen? rief sie verzweifelnd; Eure Kunst, Euer -Wissen hätte sie gerettet. O Pietro! Pietro! Ihr, der Freund unsers -Hauses! habt Ihr denn so Euren Liebling, Euren Augapfel können untergehn -lassen? Kommt! Erweckt sie noch jetzt! Flößt ihr noch jetzt von den -Wunderessenzen ein, die Ihr zu bereiten wißt, und nehmt dafür zum Dank -alles, was wir besitzen, wenn sie nur wieder da ist, unter uns wandelt -und mit uns spricht! - -Laßt eure Verzweiflung nicht das Wort führen, antwortete Pietro: der -Herr hatte sie euch geliehen, er hat sie euch wieder abgefordert; der -Mensch vermesse sich nie, in den Arm seines weisen Rathschlusses zu -greifen. Wer sind wir, daß wir gegen ihn murren sollten? Will der Sohn -des Staubes, der im Winde verweht, mit seinem schwachen Athem gegen die -ewigen Beschlüsse zürnen? Nein, meine Geliebten, fühlt als Eltern und -Freunde ganz euren Schmerz: er soll unserm Herzen so einheimisch wie -Lust und Freude seyn, auch er wird von dem Vater zu uns gesendet, der -jede unsrer Thränen sieht, der wohl unsre Herzen kennt und prüft, und -weiß, was der schwache Mensch ertragen kann. So traget denn dieses große -übermächtige Leid um seinetwillen, aus Liebe zu ihm, denn nur Liebe ist -es, was er euch auch auferlegen mag. Ist denn der Schmerz, das Herz in -seiner Zerknirschung, die Seele, die in Wehmuth zerrinnen will, sind sie -nicht ein heiliges göttliches Opfer, welches ihr in euren brennenden -Thränen der höchsten, der ewigen Liebe als euer Köstlichstes darbringt? -So rechnet es auch jener dort, der alle eure Seufzer und Thränen zählt. -Aber der böse Feind, der immer an unsrer Seite lauert, beneidet uns die -Heiligkeit dieser himmlischen Schmerzen, er ist es, der sie euch zur -Verzweiflung, zum Zorn gegen den Schöpfer der Liebe und des Leides -erhöhen will, damit ihr im Jammer nicht jener höchsten Liebe noch -inniger verbunden werdet, sondern in den Abgrund des Hasses untergeht. -Er, dieser Geist der Lüge, täuscht euch jetzt, und raunt euch boshaft -seine Fabeln zu, als wenn ihr sie auf ewig verloren hättet, die doch nur -in Geist und Seele und Liebe eins mit euch war, und euch nur als -Unsichtbare zugehörte. Er will, daß ihr es vergessen sollt, wie diese -schöne Hülle nur ihr Kleid war, dem Staube verwandt, zum Staube jetzt -wiederkehrend. Werft ihn zurück, diesen Lügengeist, daß er sich vor der -ewigen allmächtigen Wahrheit schämen muß, die ihr ihm entgegen haltet, -daß sie noch euer ist, noch neben, nah um euch, ja weit mehr, weit -inniger euer, als da euch diese Schranken des sterblichen Fleisches noch -trennten, und euch in der Liebe selbst einander entfremdeten. Alle euere -Erinnerung, Hoffnung, Schmerz und Lust ist sie von heute an; sie -leuchtet euch in jedem erfreulichen Lichte, sie tröstet euch in den -Blumen des Frühlings, sie küßt euch im zarten Hauch, der eure Wangen -rührt, und jedes Entzücken, das fortan in euren Herzen aufblüht, ist ihr -Herz und ihre Liebe zu euch, und dieses Entzücken, und diese ewige, -unsterbliche Liebe sind eins mit Gott. So tragt sie denn zu ihrer -Ruhestelle, und folgt ihr in stiller, gottergebner Demuth, damit durch -euch nicht ihr Geist im Aufenthalt des ewigen Friedens gestört und -geängstigt werde. - -Alle schienen mehr beruhigt, der Vater reichte ihm stumm die Hand mit -dem Ausdruck der Herzlichkeit und des gefühlten Trostes. Man ordnete -sich, der Zug setzte sich in Bewegung, die Verlarvten, die -Brüderschaften, die es sich zur Pflicht machen, die Leichen zu -begleiten, reihten sich in ihren weißen Gewändern, und mit verdecktem -Antlitz, von welchem nur die Augen sichtbar waren. Stumm bewegte sich -der Zug fort, sie hatten jetzt fast schon die Kirche erreicht, als ihnen -ein Reiter auf schäumendem Rosse entgegen sprengte. Was giebt es? schrie -der Jüngling. Er warf einen Blick in den Sarg, und mit einem Ausruf der -Verzweiflung wandte er das Roß, stürzte fort, und verlor in wilder Hast -den Hut, so daß ihm die langen Locken im Abendwinde nachflatterten. Er -war der Bräutigam, der zur Hochzeit kam. - -Die Finsterniß umgab das Trauergefolge und die stille Feier, indem die -schöne Leiche in das Gewölbe ihrer Familie hinabgesenkt wurde. - - * * * * * - -Als sich alle zerstreut hatten, wendete sich der junge Fremdling, der in -staunendem Schmerze dem Zuge gefolgt war, an einen alten Priester, der -allein am Grabe betend verweilte. Er brannte zu erfahren, wer jener -majestätische Greis sei, der ihm wie mit göttlichen Kräften und -überirdischer Weisheit begabt erschien. Als der Jüngling dem Geistlichen -die bescheidene Frage vortrug, stand dieser still, und sah ihm beim -Scheine eines Lichtes, das aus einem Fenster auf sie schien, scharf ins -Auge. Der Alte war eine kleine magere Gestalt, ein blasses schmales -Antlitz erhob das Feuer der Augen um so mehr, und die eingekniffenen -Lippen zitterten, als er ihm in heiserem Tone antwortete: Wie? Ihr kennt -ihn nicht? Unsern weltberühmten Petrus von Apone, oder Abano, von dem -man in Paris, London, dem deutschen Reiche und ganz Italien spricht? -Kennt nicht den größten Weltweisen und Arzt, den Astronomen und -Astrologen, von dem zu lernen und ihn zu schauen die wilde Jugend aus -dem fernen Polenlande hieher schwärmt? - -Der junge Spanier, Alfons, war im entzückten Erstaunen einen Schritt -zurück getreten, denn der Ruhm dieses großen Lehrers hatte auch ihn von -Barcelona über die See getrieben. Also er war es, er war es selbst? rief -er begeistert aus: darum war auch mein Herz so tief bewegt. Mein Geist -erkannte den seinigen. O edler, frommer Mann, wie lieb' ich Euch darum, -daß Ihr ihn nicht minder verehrt, wie alle Edlen und Guten der -christlichen Welt. - -Wollt wohl auch unter ihm studiren? fragte der Priester im grimmigen -Ton. - -Gewiß, antwortete jener, wenn er mich würdiget, sich meiner anzunehmen. - -Der Alte stand still, legte seine Hand auf die Schulter des Jünglings -und sagte dann milder: Lieber junger Freund, noch ist es Zeit, hört noch -meine väterliche Warnung, bevor es zu spät ist. Täuscht Euch nicht -selbst, wie es so Viele, Unzählige schon gethan haben, seid auf Eurer -Hut und wahret Eurer Seele. Seid Ihr denn Eurer Ruhe und künftigen -Seligkeit schon im voraus überdrüssig, wollt Ihr dem Heiland seine Liebe -damit vergelten, daß Ihr ihm abtrünnig werdet, ihn leugnet, und als ein -Rebell die Waffen gegen ihn schwingt? - -Ich verstehe Euch nicht, alter Mann, erwiederte Alfonso: habt Ihr nicht -selbst gesehn und gehört, wie fromm, wie christlich, mit welcher -eindringlichen Majestät der Herrliche sprach, und den verirrten Schmerz -der Liebe durch himmlischen Trost wieder in seine rechte Bahn lenkte? - -Was vermag, was kann der nicht alles! dieser Künstler und Zauberer! rief -der alte Priester bewegt aus. - -Zauberer? fragte Alfonso. Ihr wollt also auch den Wahn des Pöbels -theilen, der die Wissenschaft hoher Geister nicht zu würdigen weiß und -lieber das Abgeschmackte glauben, als die eigne Seele an der Erhabenheit -des Mitbruders stärken will? - -Fahrt nur so fort, sagte der Priester erzürnt, so habt Ihr kaum nöthig, -in seine weltberühmte Schule zu treten. Es ist augenscheinlich, sein -Zauber hat Euch schon umstrickt, so wie er jedes Herz bezwingt, das nur -in seiner Nähe schlägt. Ja wohl, der Heide, hat er heut wie ein Priester -gesprochen und geweissagt, und seiner Lüge auch einmal diese Farbe -angestrichen. So regiert er auch das Haus des Podesta's. Die arme -Crescentia konnte kaum in ihren letzten Stunden den Rückweg zur heiligen -Kirche wieder finden, so war ihre Seele in den Irrlehren befangen, die -der böse Heuchler wie giftige Netze um den jungen Geist geworfen hatte. -Jetzt ist sie ihm entronnen, der Herr hat sie zu sich gerufen, und -sandte diese Krankheit, um ihre Seele mit dem Verluste des Leibes zu -retten. - -Die Sprechenden waren auf den großen Platz gekommen. Der Jüngling war -empört und sagte jetzt, um seinem Gefühle Luft zu machen: wozu nur, -geistlicher Herr, diesen grimmigen Neid? Seht ihr denn, erkennt ihr es -denn nicht, wie die Welt nur um so mehr von euch abfällt, um so mehr ihr -mit Bann und Fluch und Verfolgung den neuen Geist ersticken wollt? den -Geist der ewigen Wahrheit, der jetzt alle Landschaften erregt? Der nicht -wieder, trotz eurer Künste, untertauchen wird, um gläubig euren Legenden -zu horchen. - -Wohl, sagte der Alte im hohen Zorne; haben wir doch jetzt Averroes statt -Christus, und Aristoteles statt des Allmächtigen, und diesen Euren -Pietro, diesen Ischarioth, statt des Geistes! Nicht wahr, der Erdgeist -hat ihn groß und schlank auferbaut, und ihm ein feuriges Auge, edle -Stirn, schönen Mund der Ueberredung, und majestätische Geberden -geliehen, um zu gaukeln und zu täuschen: indeß ich, der unwürdige Diener -des Herrn, hier krank, schwach und unansehnlich wandle, und nur mein -Bekenntniß, meinen Glauben habe, um darzuthun, daß ich ein Christ sei. -Ich kann nicht so in die Tiefen glänzender Weisheit hinabsteigen, nicht -den Lauf der Sterne berechnen, Glück und Unglück vorhersagen, ich werde -von den Ueberklugen geschmäht und verachtet, aber ich trage es demüthig, -ihm zu Liebe, der mir alles auferlegt hat. Doch erwartet das Ende, und -seht, ob ihn seine sieben Geister, die er im Zauberbanne hält, erretten -können, ob ihm sein Famulus, das Höllengebild, dann zur Hülfe seyn wird. - -War sein Famulus zugegen? fragte Alfonso neugierig. - -Habt Ihr das Gespenst nicht bemerkt, antwortete der Mönch, das sich als -Narr ausstaffirt hatte? die Mißgeburt mit dem Höcker, den verdrehten -Händen und Armen, den krummen Beinen, den schielenden Augen und der -ungeheuren Nase in dem Fratzengesicht? - -Ich hielt alles dies für Maske. - -Nein, dieser, erwiederte der Alte, braucht sich nicht zu verlarven. So -wie er da ist, ist er Larve und Gespenst, ein Geist der Hölle, dieser -Beresynth, wie sie ihn nennen. -- Wollt Ihr die Nacht in meinem Kloster -zubringen, junger Mensch, bis Ihr eine Wohnung gefunden habt? - -Nein, antwortete dieser sehr entschlossen, ich mag die Gastfreundschaft -dem Manne nicht schuldig seyn, der so den Herrlichen durch Verläumdung -schmäht, dessen Name mich schon im Vaterlande entzückt hat, der mir hier -als Vorbild wandeln und leuchten soll. Schlimm genug, daß ich -dergleichen von Euch habe anhören müssen, von einem Manne, dessen Stand -und Alter mir verbeut, ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehn. Soll der nur -fromm heißen, der die Wissenschaft verachtet, nur der ein Christ, der im -wachen Schlummer die Tage seines Lebens und die Kräfte seiner Seele -hinwegträumt, so trete ich aus dieser dumpfen Gemeinschaft. Aber dem ist -nicht so, und nicht der Mensch, der Christ oder Priester haben aus Euch -gesprochen, sondern nur die Zunft. Lebt wohl, wenn Ihr es mit diesen -Gesinnungen könnt. - -Sie trennten sich, beide verstimmt. - - * * * * * - -Der junge Florentiner, welcher in der Stadt dem Leichenzuge begegnet -war, sprengte wie rasend durch das Thor und rannte dann in ungemessener -Eil durch Feld und Wald. Als er sich im Freien sah, stieß er -Verwünschungen gegen Welt und Schicksal aus, raufte sein Haar, fluchte -seinen Sternen und seiner Jugend und eilte dann wie bewußtlos weiter. Er -spornte dem Winde entgegen, der sich nächtlicherweise aufmachte, als -wenn er die Glut seiner Wangen abkühlen wollte. Als es später ward, sank -das Roß, das schon oft gestolpert war und das er knirschend immer wieder -aufriß, ermattet nieder, und er war gezwungen, seinen Weg zu Fuß -fortzusetzen. Er wußte nicht, wo er war, noch weniger, wohin er wollte; -nur sein Elend stand mit unauslöschlichen Zügen vor ihm, die Nichtigkeit -der Welt, die Unbeständigkeit alles Glücks. Verruchter Wahnsinn des -Lebens! rief er verzweifelnd durch die Nacht; so, so grausam erweckst du -mich aus meinem Schlummer? Tödtlich muß ich dich hassen um deine -Gaukeleien, deinen Aberwitz, um alle jene unsinnigen Hoffnungen, die -unsre Jugend anlachen, so freundlich auf unserm Wege mit uns gehn, und -wenn sie uns in die Wüste geführt, grinsend und höhnend davon fliegen. -Leben! Was ist dieses thörichte Gespinnst, dieser alberne Traum eines -Fieberkranken? Ein matter Schauer folgt auf den andern, ein verrücktes -Gebild verjagt das andre, unsre Wünsche springen in der kahlen Einöde -umher, und erkennen sich selber nicht. O Tod, o Ruhe, o Nichtsein, komm -zu mir, laß dich umarmen, und löse dieses stürmende Herz. Könnt' ich nur -gleich meine letzten Minuten in Krämpfen verknirschen, daß die -Morgensonne meine Stätte nicht mehr fände, daß kein Gedanke in mir ihrem -neuen Strahl entgegen grüßte. Bin ich denn nicht das elendeste Geschöpf, -das athmet? Um so ärmer, wie ich nur vor wenigen Stunden mich das -glücklichste dünkte. Wehe der Jugend, wehe der Liebe, wehe dem Gefühl -des Herzens, die sich so leicht, so gröblich täuschen lassen. - -Ein Regen stöberte jetzt durch die kalte Luft, und bald wurden die -Tropfen größer und dichter. Der Jüngling wußte nicht, wohin er gerathen -war, der Wald lag schon fern hinter ihm, kein Obdach war in der Nähe. Er -fing an, seine Erinnerungen wieder zu sammeln, sein Schmerz ward milder, -Thränen flossen aus seinen Augen. Er haßte das Leben schon weniger, ihm -war, als wenn die Nacht selbst ihn trösten und seinen Kummer lindern -wollte. Ungewiß, ob er das gestürzte Roß wieder aufsuchen, ob er sich in -einem Graben vor dem Unwetter bergen sollte, sah er noch einmal um sich, -und entdeckte endlich, weit, weit hinab, hinter Thal und Busch ein -hüpfend Lichtlein, welches ihn wie ein freundliches Auge durch die dicke -Finsterniß zu sich winkte. Er eilte dem ungewissen Scheine nach, der -bald verschwand, bald wieder erglänzte. Alle seine Kräfte, seine Gefühle -waren wie in einem Schlummer gebunden, sein ganzes Dasein war wie in -einen Traum zergangen. - -Ein Sturm machte sich auf, und schwere, tiefhangende Gewitterwolken -wälzten sich langsam herbei. Schon kam er Bäumen näher, wie es ihm -dünkte, aber die Finsterniß machte es ihm unmöglich, irgend etwas zu -unterscheiden. Er stürzte in eine Grube, als ein Blitz ihn blendete und -ein lauter Donnerschlag betäubte; wie er sich wieder aufraffte, war das -Licht, welches ihn gelockt hatte, schon nahe. Er klopfte an das kleine -Fenster, welches sich hinter einigen Bäumen zeigte, und bat um Einlaß -gegen Sturm und Ungewitter. Eine laute heisere Stimme antwortete von -innen, doch vernahm der Jüngling kein Wort, denn Sturm und Gewitter und -Regen, das Rauschen der Bäume, alles tobte jetzt so heftig -durcheinander, daß jeder andre Laut erstarb. - -Die Thür des kleinen Hauses ging nach dem Garten, er mußte durch diesen -eilen, dann faßte ihn eine weibliche Hand, leitete ihn durch einen -finstern Gang, und eröffnete eine kleine Stube, aus welcher ihm der -Schein einer Lampe und das Feuer auf dem Heerde entgegen schimmerte. In -der Ecke saß bei der Lampe eine häßliche Alte und spann, das junge -Mädchen, das ihn hereingeführt hatte, machte sich am Heerde zu thun, und -lange konnte er vor dem ungewissen wankenden Schein die Gestalten nicht -näher prüfen, lange konnte kein Gespräch gangbar werden, weil das Getöse -des Donners alles übertäubte. - -Das ist ein grausames Unwetter, sagte in einer Pause die Alte mit -krächzender Stimme. Woher seid Ihr denn, junger Mensch? - -Ich komme von Padua, seit heut Abend. - -Weither, rief die Alte, liegt ja sechs Stunden von hier. Wo wollt Ihr -denn hin, da hier keine Landstraße geht? - -Weiß es nicht, mag es auch nicht wissen. Der Unglückliche ist nicht -fähig, einen Plan zu entwerfen, oder für die Zukunft zu sorgen. Wie wohl -würde mir seyn, wenn es für mich gar keine Zukunft gäbe. - -Sprecht irre, junger Mensch, und das muß nicht seyn. -- Ei! rief sie -aus, indem sie die Lampe erhob und ihn näher betrachtete, ja gar ein -Florentiner! Das Wamms und den Kragen habe ich lange nicht gesehn. Je -nun, das hat mir wohl auch was Gutes zu bedeuten. Hat mir das garstige -Gewitter also einen lieben Gast bescheert; denn wißt nur, mein junger -Herr, ich bin auch aus dem gesegneten Lande. Ja, Florenz! Ach, wer doch -einmal wieder auf deinen Boden treten und die theuren Berge und Gärten -wieder sehn könnte! Und Euer Name, lieber, junger Herr? - -Antonio Cavalcanti, sagte der Jüngling, der wegen der Landsmannschaft zu -der häßlichen Alten mehr Vertrauen faßte. - -O welcher Ton, rief sie wie begeistert aus: ja Cavalcanti, so einen habe -ich vor Jahren wohl auch gekannt, einen Guido. - -Der war mein Vater, rief Antonio. - -Und lebt nicht mehr? - -Nein, sagte der junge Mann, auch meine Mutter ist mir schon seit lange -entrissen. - -Weiß es, weiß es, liebes, schönes, junges Kind. Ja, ja, es werden jetzt -schon fünfzehn Jahre seyn, daß sie gestorben ist. Ach ja, sie mußte wohl -dazumal in der bösen Zeit den Geist aufgeben. Und Euer lieber, guter -Vater, dem habe ich es einzig zu verdanken, daß die Richter mich nicht -einige Jahre nachher auf den Scheiterhaufen setzten, sie hatten sich's -einmal in den Kopf genommen, ich sei eine Hexe, und da half kein -Widersprechen. Aber der Herr Guido kämpfte mich durch, mit Vernunft und -Drohung, mit Bitten und Zorn, und sie haben mich denn bloß aus dem -lieben Lande verbannt. Und nun bringt mir das Donnerwetter den Sohn -meines Wohlthäters in meine kleine, arme Hütte. Gebt mir doch auch die -Hand darauf, junges Blut. - -Antonio gab sie der Alten schaudernd, die er jetzt erst näher betrachten -konnte. Sie grinste ihn freundlich an, und zeigte zwei schwarze, lange -Zähne, die einen widerwärtigen Mund noch häßlicher machten, die Augen -waren klein und scharf, die Stirn gefurcht, das Kinn lang, sie streckte -zwei dürre Arme nach ihm aus, und als er sie wider Willen umfassen -mußte, fühlte er den Höcker, der die Häßlichkeit noch abscheulicher -machte. Nicht wahr? sagte sie mit erzwungenem Lachen, ich bin nicht -sonderlich hübsch, war es auch in meiner Jugend nicht. Es ist mit der -Schönheit etwas Besonderes, man kann eigentlich niemals sagen und -beschreiben, worin sie besteht, es ist immer nur eine Abwesenheit von -gewissen Dingen, die, wenn sie in ihrer Bestimmtheit da sind, das -ausmachen, was die Leute die Häßlichkeit nennen. Sagt mir einmal, was -findet Ihr denn nun so an mir wohl am widerwärtigsten? - -Liebe Alte, sagte der Jüngling verlegen -- - -Nein, rief sie, rund mit der Wahrheit heraus, ohne alle Schmeichelei! -Jeder Mensch hat doch nun einmal die oder jene Gabe, und so bilde ich -mir nicht wenig darauf ein, daß mir alles das abgeht, was sie in der -Welt schön nennen. Nun, zeigt einmal Euren Geschmack. Sprecht! - -Wenn ich muß, stotterte Antonio, dem trotz seiner Trauer ein Lächeln -jetzt auf die Lippen trat, die beiden Zähne wollen mir -- - -Ha, ha! rief die Alte laut lachend, die beiden guten lieben alten -schwarzen Zähne wollen Euch am wenigsten gefallen. Ich glaub' es wohl, -sie stehen wie zwei verbrannte Palisaden an einer zerstörten Vestung da -in dem weiten leeren Raum. Aber Ihr hättet mich vor zehn Jahren sehn -sollen, da war das Ding noch viel schlimmer. Dazumal hatt' ich den -ganzen Mund voll solcher entsetzlichen Hauer, und die mich lieb hatten, -wollten mir sagen, es sähe gräßlich aus. So fielen sie denn nach und -nach aus, und die beiden Stammhalter sind nur noch übrig geblieben. Wenn -sie einmal abgehn, so klappt das Maul völlig zu, die Oberlippe wird -dreimal so lang, und man kann wieder nicht wissen, was für ein Bildniß -dadurch zu Stande kommt. Die Zeit, mein lieber junger Freund, ist, wie -schon vor vielen Jahren einer gesagt hat, eine thörichte Künstlerin, sie -macht ein Bild leidlich hübsch, dann künstelt, schnitzelt, reckt und -stümpert sie am Menschen herum, zieht Nase und Kinn in die Länge, drückt -die Backen ein, pinselt die Stirn voller Falten, bis sie ein -Fratzengesicht zu Stande gebracht hat; dann schämt sie sich am Ende, -schmeißt den ganzen Bettel hin und deckt ihn mit Erde zu, damit nicht -alle Welt ihre Schande sehe. So glatt bleibt Ihr auch nicht, wie Ihr -jetzt in Eurer Politur glänzt. Ah! zeigt! freilich, Ihr habt Zähnchen -wie die reinsten Perlen. Schade, daß die müssen gebraucht werden, um -Brod und Rinderbraten zu kauen. Ei, ei, -- zeigt -- weiter auf den Mund --- die stehn aber so sonderbar, -- hm! und der Augenzahn! Nun, das ist -zu bedenken. - -Antonio wußte nicht, ob er schelten oder lachen sollte; doch zwang er -sich heiter zu seyn, und dem Geschwätz der Alten nachzugeben, die -gleichsam wegen früher Bekanntschaft mit der Familie eine sonderbare -Gewalt an ihm ausübte. Wie fuhr er aber entsetzt zusammen, als sie -plötzlich: Crescentia! ausrief. - -Ums Himmels willen! sprach er erschüttert, kennt Ihr sie? Saht Ihr sie? -wißt Ihr von ihr? - -Was ist Euch? heulte die Alte, muß ich sie doch wohl kennen, da sie -meine eigne Tochter ist. Seht nur selbst, wie die träge Dirne da -eingeschlafen sitzt, das Feuer ausgehn und die Suppe verkühlen läßt. - -Sie nahm die Lampe und näherte sich dem Heerde; aber wie ward dem -Jünglinge, als er seine Geliebte heute zum zweitenmale wiedersah, fast -eben so, wie am Abend. Das blasse Haupt lag gesenkt, die Augen -geschlossen, alle Lineamente, auch die dunkeln Locken seiner Braut, eben -so hatte sie die kleinen Händchen gefaltet, zwischen welchen sie -ebenfalls ein Christusbild hielt. Das weiße Gewand half die Täuschung -erhöhen, nur fehlten die Blumen, doch webte die Dämmerung wie Kränze -schweren dunkeln Laubes um ihre Locken. Sie ist todt, seufzte Antonio, -sie starr betrachtend. -- Faul ist sie, die träge Dirne, sagte die Alte, -und schüttelte die schöne Schläferin wach; nichts als beten und -schlummern kann das unnütze Geschöpf. - -Crescentia ermunterte sich, und ihre Verwirrung erhöhte noch ihre -Anmuth. Antonio fühlte sich dem Wahnsinne nahe, daß er diejenige wieder -vor sich sah, die er doch auf ewig verloren hatte. Alte Zauberin! rief -er heftig aus, wo bin ich? Und welche Gebilde führst Du vor die irren -Sinne? Sprich, wer ist jenes holdselige Wesen? Crescentia, bist Du -wieder da? Erkennst Du mich noch als den Deinen? Wie bist Du hieher -gerathen? - -Holla! mein junger Prinz, schrie die Alte, Ihr faselt ja, als wenn Ihr -Euer bischen Verstand verloren hättet. Rumort Euch das Gewitter im Kopf -herum? Hat der Blitz etwa in Euern Witz geschlagen? Es ist meine -Tochter, und ist es von je an gewesen. - -Ich kenne Euch nicht, sagte die bleiche Crescentia hold erröthend. Ich -bin nie in der Stadt gewesen. - -Setzt Euch, unterbrach sie die Alte, genießt, was da ist. Die Suppe -wurde aufgetragen, einige Früchte, und aus einem kleinen Wandschrank -nahm die Alte eine Flasche köstlichen florentinischen Weins. Antonio -konnte nur wenig genießen, sein Auge war auf Crescentia hingebannt, und -seine verwirrte und erschütterte Phantasie wollte ihn immer wieder von -Neuem bereden, diese sei seine gestorbene Braut. Oft glaubte er dann -wieder, in einem schweren Traum gefesselt zu liegen, oder von einem -Wahnsinn befangen zu seyn, der alle Gegenstände um ihn verwandele, daß -er vielleicht in der Stadt, oder in seiner Heimath weile, nur seine -Einbildungen sehe, und keinen seiner Freunde erkenne und vernehme, die -wohl tröstend oder klagend um ihn stehn möchten. - -Das Gewitter hatte ausgetobt, und die Sterne glänzten am beruhigten -dunkeln Himmel. Die Alte aß mit Begier und trank noch eifriger von dem -süßen Weine. Nun endlich, junger Antonio, fing sie nach einiger Zeit an, -erzählet uns doch, was Euch nach Padua, was Euch hieher getrieben hat. - -Antonio fuhr wie erwachend auf. Ihr könnt wohl, erwiederte er, einige -Nachrichten von Eurem Gaste verlangen, da Ihr obenein meinen Vater, und -vielleicht auch meine Mutter gekannt habt. - -Wohl habe ich sie gekannt, sagte die Alte schmunzelnd, kein Mensch so -gut als ich. Ja, ja, sie starb sechs Monat zuvor, ehe Euer Vater seine -zweite Ehe mit der Marchese Manfredi stiftete. - -Also das wißt Ihr auch? - -Ist mir doch, fuhr jene fort, als sähe ich das schmucke Püppchen noch -immer vor mir. Nun, lebt die schöne Stiefmutter denn noch? Als sie mich -aus dem Lande jagten, war sie noch in ihrer schönsten Blüthe. - -Ich mag es Euch nicht wiederholen, sagte Antonio mit einem Seufzer, was -ich durch diese mir fremde Mutter litt; sie hatte meinen Vater wie -bezaubert, der lieber allen seinen alten Freunden, lieber seinem Sohne -Unrecht thun, als sie irgend beleidigen wollte. Endlich aber änderte -sich dieses Verhältniß, doch brach mein Herz fast beim Anblick dieses -Hasses, wenn es früher nur über erlittene Kränkungen geblutet hatte. - -Also recht bitter böse, fragte die Alte mit widerwärtigem Lächeln, ging -es in der Haushaltung zu? - -Antonio betrachtete sie mit scharfem Blicke und sagte verwirrt: Ich weiß -nicht, wie ich dazu komme, hier von meinem und dem Elend meiner Eltern -zu erzählen. - -Die Alte leerte ein Glas rothen Wein, der wie Blut im Glase stand. Mit -lautem Lachen sagte sie dann: weiß ich mir doch kein herrlicheres -Vergnügen, versteht, was man so recht Wonne und Seligkeit nennen kann, -als wenn so zwei Ehehälften, die früher einmal zwei Liebesleute waren, -sich wie Katze und Hund, oder wie zwei Tigerthiere herumbeißen, -schelten, einander verfluchen, und Herz und Seele dem Satan opfern -möchten, um eins das andere zu kränken, oder seiner los zu werden. Das, -junger Fant, ist die wahre Herrlichkeit des sterblichen Lebens. -Besonders aber, wenn die beiden Verbündeten vorher aus Liebe recht -geraset haben, alles, auch das Ungewöhnliche für einander gethan, wohl -gar manches begangen, was andre fromme Leutchen Verbrechen nennen, um -nur zu einander zu kommen, um nur endlich und endlich das nun so -verhaßte Band zu schlingen. Glaubt mir, das ist alsdann für den Satan -und die ganze Hölle ein hohes Fest, ein Jubeln und Cymbelnklang der -Unterirdischen. Und hier nun gar, -- doch, ich schweige, ich könnte -leicht zu viel sagen. - -Crescentia sah den Erstaunten wehmüthig an. Verzeiht ihr, sagte sie -lispelnd, Ihr seht, sie ist trunken, die Unglückliche. - -In Antonio's Seele aber erwachte die Vorzeit und alle ihre trüben Scenen -mit frischer Kraft. Der trübe Tag kam ihm zurück, als er seine -Stiefmutter auf ihrem Sterbebette sah, als sein Vater verzweifelte und -sich und die Stunde seiner Geburt verfluchte, als er den Geist seiner -ersten Gattin anrief und um Vergebung flehte. - -Habt Ihr nichts mehr zu erzählen? fragte die Alte, und weckte ihn -dadurch aus seiner staunenden Träumerei. - -Was soll's? sagte Antonio im tiefsten Schmerz, scheint Ihr doch alles zu -wissen, oder durch Weissagung erfahren zu haben. Brauche ich es Euch zu -sagen, daß ein alter Diener, Roberto, sie vergiftet hatte, von ihrem Haß -verfolgt und zur Rache angespornt? Daß dieser boshaft und verrucht -meinem Vater das Verbrechen zuwälzen wollte? Er entsprang aus dem -Gefängnisse, übersteigt die Gartenmauer und stößt in der Grotte meinem -Vater den Dolch in die Brust! - -Der alte Roberto? Roberto? rief die Alte, fast wie im frohen Jubel; ei, -sieh doch! was man an den Leuten nicht erlebt! Ja, ja, der Schleicher -war in jüngern Jahren so ein rechter Tuckmäuser, ein scheinheiliger -Hund, ist aber nachher ein resoluter Bursche geworden, wie ich höre. In -der Grotte also? Wie sich alles so wunderbar fügen muß. Da saß Euer -Vater in frühern Jahren so oft mit der ersten Gattin, dort hat er ihr -zuerst, als ihr Bräutigam, ewige Liebe geschworen. Dazumal trug Roberto -gewiß schon jenen Dolch, wußte aber nicht, daß er ihn erst nach zwanzig -Jahren so sonderbar brauchen sollte. Dort hat auch die zweite Gemahlin -oft bei dem kühlen Brunnen geschlummert, da lag der Mann wieder zu ihren -Füßen. Nicht wahr, Antonio, Kind, das Leben ist ein recht buntes, recht -dummes, recht abgeschmacktes und recht grauliches Fabelgemisch? Kein -Mensch kann sagen: dahin will ich nicht! Die Schmerzen und Gefühle, die -Stacheln und das Rasen, die die schwarzen Gesellen in der Hölle -schmieden, das alles kommt und kommt langsam, wunderlich, näher und -immer näher, mit einemmale ist das Entsetzliche im Hause, und der -Verzweifelte sitzt dann damit im Winkel und nagt daran, so wie der Hund -am Knochen. Trink, trink, mein Söhnchen, durch diesen Saft wird alles -besser, wenn seine Geister in die Seele steigen. -- Nun, und Du? Erzähle -doch weiter. - -Ich schwur dem Vater Rache, sagte Antonio. - -So ist es recht, erwiederte die Alte; sieh, mein Kind, wann so ein Brand -erst in ein Haus geschleudert ist, so muß er niemals, niemals wieder -erlöschen. Von Geschlecht zu Geschlecht, zum Enkel und zum Vetter erbt -das Gift, die Kinder rasen schon, die Wunde blutet immer wieder, ein -neuer Aderlaß muß wieder das Unglück retten und auf die Beine bringen, -das sonst vielleicht gar verscheiden könnte. O Rache, Rache ist ein -köstliches Wort. - -Aber Roberto, sagte Antonio, war entflohen und nirgends zu finden. - -Schade, Schade, rief die Alte aus. Nun trieb Dich Deine Rache wohl in -die Welt? - -Ja wohl, ich erwuchs, ich sah Italien, forschte in allen Städten, konnte -aber keine Spur des Mörders entdecken. Der Ruf Pietro's von Abano hielt -mich endlich in Padua fest. Ich wollte von ihm Weisheit lernen, aber als -ich in das Haus des Podesta kam -- - -Nun? sprich heraus, Kind! - -Was soll ich sagen? Ich weiß nicht, ob ich rase oder träume. Dort sah -ich die Tochter, die holde, die liebreizende Crescentia. Und ich sehe -sie jetzt wieder vor mir, ja sie ist es selbst, jener Leichenzug war ein -böser, ungeziemender Scherz, und diese Verkleidung, diese Flucht in die -Wüste hieher ist wieder eine unziemliche Verlarvung. Gieb Dich endlich, -endlich zu erkennen, theure, holdselige Crescentia. Weißt Du es ja doch, -daß mein Herz nur in Deinem Busen lebt. Wozu diese grausamen Proben? -Sind Deine Eltern vielleicht dort in der Kammer, und hören alles, was -wir sprechen? Laß sie nun endlich, endlich herein treten, es sei nun der -grausamen Prüfung, die mich wahnsinnig machen kann, genug geschehn. - -Die bleiche Crescentia sah ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke an, -eine solche Wehmuth im Angesicht, daß ihm die Thränen aus den Augen -stürzten. Er ist wahrlich schon betrunken! heulte die Alte. Sprecht, -sagt, ist denn die Tochter des Podesta todt? Gestorben wäre sie? und -wann? - -Heut Abend, sagte der Weinende, bin ich ihrer Leiche begegnet. - -Also auch die? fuhr die Alte lustig fort, indem sie wieder einschenkte. -Nun, da wird sich ja die Familie Markone in Venedig freuen. - -Warum? - -Weil sie nun die einzigen Erben des reichen Mannes sind. Das haben die -Klugen immer gewünscht, es aber niemals hoffen können. - -Weib! rief Antonio mit neuem Entsetzen aus, Du weißt ja Alles. - -Nicht Alles, erwiederte Jene, aber Etwas. Und manches läßt sich dann -auch wohl errathen. Und freilich, etwas Hexerei ist auch im Spiele. -Erschreckt nur nicht gar zu sehr. Es war auch nicht so ganz um gar -nichts, daß mich die Herren Florentiner auf den Holzstoß setzen wollten, -einige kleine unbedeutende Ursächelchen konnten sie immer für diesen -Wunsch anführen. -- Schau mir ins Gesicht, Knabe, streiche die Locken -aus der Stirn: gut! Nun gieb die linke Hand: die rechte; ei! ei! -sonderbar und wunderlich! Ja, ja, Dir steht ein nahes Unglück bevor, -aber wenn Du es überlebst, wirst Du Deine Geliebte noch wiedersehn. - -Jenseit! seufzte Antonio. - -Jenseit? was ist Jenseit? rief die Alte im Taumel; nein, diesseit, was -wir hier auf Erden nennen. Was die Narren für Worte brauchen. Es giebt -kein Jenseit, alberner Kindskopf, wer hier nicht schon das Fett von der -Brühe abschöpft, der ist übel betrogen. Aber damit kirren sie die -Gelbschnäbel, daß sie hübsch im Geleise bleiben, wohin man sie lenken -will, wer aber ihren Fabeln nicht glaubt, der ist auch dafür frei, und -kann thun, was ihn gelüstet. - -Antonio sah sie zürnend an, und wollte ihr heftig erwiedern, aber die -blasse Crescentia legte einen so demüthig flehenden Blick für ihre -Mutter ein, daß sein Zorn entwaffnet wurde. Die Alte gähnte und rieb -sich die Augen, und es währte nicht lange, so war sie, vom häufigen -Genuß des starken Weins betäubt, fest eingeschlafen. Das Feuer auf dem -Heerde war erloschen, und die Lampe warf nur noch matte Schimmer. -Antonio fiel in ein tiefes Nachsinnen, und Crescentia saß am Fenster auf -einem niedrigen Schemel. Kann ich wo schlafen? sagte der erschöpfte -Jüngling endlich. - -Oben ist noch eine Kammer, sagte Crescentia schluchzend, und er bemerkte -nun erst, daß sie die ganze Zeit über heftig geweint hatte. Sie putzte -die Lampe, daß sie heller brenne, und ging schweigend voran. Er folgte -eine schmale Treppe hinauf, und als sie oben in dem engen finstern -Behältnisse waren, setzte das Mädchen die Leuchte auf einen kleinen -Tisch und war im Begriff sich zu entfernen. Doch schon an der Thür -kehrte sie noch einmal um, betrachtete den jungen Mann wie mit einem -Todtenblicke, stand bebend vor ihm, und fiel dann laut schluchzend und -in unverständlichen heftigen Klagen wie in Krämpfen zu seinen Füßen -nieder. Was ist Dir, mein holdes Kind? rief er aus, und wollte sie -aufheben; beruhige Dich: sage mir Dein Leid. - -Nein, laßt mich hier liegen, rief die Klagende, ach! wenn ich doch hier -zu Euren Füßen, wenn ich doch jetzt sterben könnte! Nein, es ist zu -entsetzlich! Und daß ich nichts thun, nichts hindern kann, daß ich den -Gräuel nur stumm und ohnmächtig anschauen muß. Aber Ihr müßt es -erfahren. - -So sammle Dich nur, sagte tröstend Antonio, daß Du nur Deine Stimme, daß -Du nur die Worte wieder findest. - -Ich sehe, sprach jene vom Weinen unterbrochen heftig fort, Eurer -gestorbenen Geliebten ähnlich, und ich bin es, die Euch an der Hand in -die Mördergrube führen muß. Meine Mutter kann leicht prophezeien, daß -Euch ein nahes Unglück bevorsteht: kennt sie doch die Gesellen, die -allnächtlich hier einkehren. Dieser Höhle ist noch Keiner lebendig -entronnen. Jede Minute führt ihn näher und näher, den greulichen -Ildefons, oder den verruchten Andrea, mit ihren Knechten und Gehülfen. -Ach! und ich kann nur der Herold Eures Todes seyn, Euch keine Hülfe, -Euch keine Rettung bieten. - -Antonio entsetzte sich. Bleich und zitternd faßte er nach seinem -Schwert, versuchte seinen Dolch, und sammelte Muth und Entschlossenheit -wieder. So sehr er den Tod erst gewünscht hatte, so war es ihm doch zu -furchtbar, in einer Räuberhöhle endigen zu müssen. Du aber, fing er an, -Du mit diesem Angesichte, mit dieser Gestalt, kannst es über Dich -gewinnen, eine Gesellin, eine Gehülfin der Verruchten zu seyn? - -Ich kann nicht entfliehen, seufzte die Trostlose, wie gern entwiche ich -diesem Hause. Ach! und diese Nacht, morgen soll ich von hier und über -das Meer geschleppt werden, die Gattin des Andrea oder Ildefons soll ich -seyn. Ist es nicht besser, jetzt zu sterben? - -Komm, rief Antonio, die Thür ist offen, entflieh mit mir, die Nacht, der -Wald werden uns ihren Schutz verleihen. - -Seht Euch nur um, sagte das Mädchen, seht nur, wie hier und im untern -Gemache die Fenster mit starken Eisenstäben verwahrt sind, die Thür des -Hauses ist mit einem großen Schlüssel versperrt, den die Mutter nicht -von sich giebt. Saht Ihr nicht, wie sie die Thür ins Schloß warf, als -Ihr hereingetreten wart? - -So falle die Alte zuerst, rief Antonio, wir entreißen ihr den Schlüssel --- - -Meine Mutter sterben! schrie die blasse Mädchengestalt, und klammerte -sich mit Heftigkeit an ihn, um ihn fest zu halten. - -Antonio beruhigte sie. Er schlug ihr vor, der Alten, da sie berauscht -sei, und fest schlafe, den großen Schlüssel der Thüre leise von ihrer -Seite zu nehmen, dann zu öffnen und zu entfliehen. Von diesem Plane -schien Crescentia einige Hoffnung zu fassen, sie gingen still wieder in -das untere Gemach und fanden die Alte noch fest schlafend. Crescentia -machte sich zitternd an sie, suchte und fand den Schlüssel, und es -gelang ihr nach einiger Zeit, ihn vom Bande des Gürtels abzulösen. Sie -winkte dem Jüngling, behutsam näherten sie sich der Thür, mit Vorsicht -brachten sie den eisernen Schlüssel in das Schloß, mit fester Hand -wollte Antonio jetzt ohne Geräusch den Riegel zurückschieben, als er -fühlte, daß draußen eben so geräuschlos ein andrer am Schlosse arbeite. -Die Thür öffnete sich sacht und herein trat, Antlitz an Antlitz dem -Antonio, ein großer wilder Mann. Ildefonso! schrie das Mädchen auf, und -der Jüngling erkannte in ihm auf den ersten Blick den Mörder Roberto. - -Was ist das? sagte dieser mit dumpfer Stimme; woher habt Ihr den -Schlüssel? Wohin? - -Roberto! schrie Antonio und faßte den ungeheuren Mann wüthend an der -Kehle. Sie rangen heftig mit einander, doch gelang es der Kraft des -Jünglings, den Bösewicht auf den Boden zu werfen, dann kniete er ihm auf -die Brust und senkte seinen Dolch ihm in das Herz. Mit lautem Geschrei -war indessen die Alte erwacht, sie sprang auf, als sie den Kampf sah und -riß unter Geheul und Verwünschungen die Tochter hinweg, sie schleppte -sie zur Kammer hinauf, und verriegelte von innen die Thür. Jetzt wollte -Antonio hinauf, um sich die Kammer mit Gewalt zu öffnen, als mehrere -dunkle Gestalten herein traten, und nicht wenig erstaunten, ihren -Anführer todt am Boden zu finden. Jetzt bin ich Euer Hauptmann! rief -eine breite, bärtige Figur, indem dieser das Schwert zog. Wenn -Crescentia mein ist! antwortete trotzig ein jüngerer Räuber. Beide, auf -ihrem Sinne bestehend, fielen sich mörderisch an. Die Lampe ward -umgestürzt, und unter Geheul und Fluchen wälzte sich der Kampf in der -Finsterniß von einer Ecke zur andern. Seid ihr unsinnig? schrie eine -andre Stimme dazwischen; ihr laßt den Fremden entfliehn, schlagt ihn -zuerst darnieder und fechtet dann eure Händel aus! Doch jene, vor Wuth -blind, vernahmen ihn nicht. Schon dämmerte der erste graue ungewisse -Strahl des frühen Morgens. Da fühlte Antonio die Mörderfaust an seiner -Brust, aber schnell und rüstig stieß er den Angreifenden nieder. Ich bin -erschlagen, rief dieser, auf den Boden fallend: Wahnsinnige, besetzt die -Thür, laßt ihn nicht entrinnen. Antonio hatte indessen diese gefunden, -er sprang durch den kleinen Garten und über den Zaun, die Räuber, -welchen unterdeß die Besinnung gekommen war, eilten ihm nach. Er war nur -um wenige Schritte voraus, und sie suchten ihm die Bahn abzugewinnen. -Einer warf mit Feldsteinen nach ihm, die aber ihres Ziels verfehlten. -Unter Geschrei und Drohworten waren sie in den Wald gekommen. Hier -zeigten sich verschiedene Richtungen, und Antonio war ungewiß, welche er -wählen sollte. Da sah er zurück und die Räuber getrennt, er stellte sich -dem nächsten und verwundete ihn im Kampf, daß jener das Schwert mußte -sinken lassen. Doch zugleich vernahm er Geschrei und sah von einem -Seitenwege neue Gestalten daher eilen, die ihm den Weg bald verrennen -mußten. In dieser höchsten Noth traf er auf einer kleinen Waldwiese sein -Roß wieder an. Es schien sich von der gestrigen Uebermüdung erholt zu -haben. Er schwang sich hinauf, nachdem er schnell den Zaum ergriffen und -geordnet hatte, und mit der größten Schnelle, als wenn das Thier seine -Gefahr gefühlt hätte, trug es ihn auf einem gebahnten Pfade aus dem -Walde. Nach und nach ertönte das Geschrei seiner Verfolger immer ferner -und ferner, der Wald lichtete sich, und als er schon glauben mußte, -nichts mehr befürchten zu dürfen, sah er die Stadt im Sonnenglanze vor -sich liegen. - -Menschen begegneten ihm, Landleute gingen dieselbe Straße zur Stadt, -Reisende gesellten sich zu ihm, und so kam er nach Padua zurück, indem -er nur weniges auf die vielfachen Fragen und Erkundigungen antwortete, -warum sein Anzug so verwildert, warum er ohne Hut sei. Die Bürger sahen -ihn mit Verwunderung an, als er vor dem großen Hause des Podesta -abstieg. - - * * * * * - -In der Stadt hatte sich in derselben Nacht etwas Wunderbares zugetragen, -was bis jetzt noch allen Menschen ein Geheimniß war. Kaum hatte sich die -Finsterniß dicht und dichter verbreitet, als Pietro, den man -gemeiniglich nur von seiner Geburtsstadt Apone, oder Abano nannte, im -innersten Zimmer seines Hauses alle Geräthe, alle seine künstlichen -Instrumente zu einer geheimen und seltsamen Operation in Ordnung -richtete. Er selbst war in lange Gewänder gekleidet, die mit -wunderlichen Hieroglyphen bezeichnet waren, in seinem Saal hatte er die -magischen Kreise beschrieben, und alles kunstreich geordnet, um seiner -Wirkung gewiß zu seyn. Er hatte den Stand der Gestirne genau erforscht, -und erwartete jetzt den günstigsten Augenblick. - -Sein Gefährte, der häßliche Beresynth, war auch mit magischen Kleidern -angethan. Er holte und stellte auf den Befehl seines Gebieters alles so, -wie dieser es nöthig erachtete. Bemalte Decken waren an den Wänden -verbreitet, der Boden des Zimmers verkleidet, der große Zauberspiegel -aufgerichtet, und näher rückte und näher der Moment, den der Magier für -den glücklichsten erachtete. - -Hast Du die Kristalle in die Kreise gestellt? rief jetzt Pietro. Ja, -antwortete der geschäftige Gesell, dessen Fratze sich zwischen den -Phiolen, Spiegeln, menschlichen Gerippen und allen dem seltsamen -Hausrath munter und unermüdlich tummelte. Jetzt wurde das Räuchwerk -gebracht, eine Flamme entzündete sich auf dem Altar, und der Magier nahm -vorsichtig, fast bebend, aus seinem geheimsten Schranke das große Buch. -Geht's los? rief Beresynth. -- Schweig, erwiederte der Alte feierlich, -und störe die heilige Handlung durch keine frevelnden, durch keine -unnützen Worte. Er las, erst leise, dann lauter und eifriger, indem er -mit gemessenen Schritten auf und nieder, dann im Kreise wandelte. Nach -einer Weile hielt er inne und befahl: schau hinaus, wie sich der Himmel -gestaltet. - -Dichte Finsterniß, sagte der rückkehrende Diener, hat den Himmel -umzogen, Wolken jagen sich, ein Regen fängt an zu träufeln. -- Sie sind -mir günstig, rief der Alte, es muß gelingen! Jetzt kniete er nieder, und -berührte oft, die Beschwörung murmelnd, mit der Stirn den Boden. Sein -Gesicht war erhitzt, seine Augen funkelten. Man hörte ihn die heiligen -Namen nennen, die verboten sind auszusprechen, und er sandte nach langer -Zeit seinen Diener wieder hinaus, um nach dem Firmament zu schauen. -Indessen vernahm man den heranbrausenden Sturm, Blitz und Donner jagten -sich, und das Haus schien in seinen Grundfesten zu erbeben. Hört das -Wetter, rief Beresynth, eilig zurückkehrend. Die Hölle hat sich von -unten herauf gemacht, und wüthet mit Feuer und wilden krachenden -Donnerschlägen, ein Sturm braust dazwischen, und die Erde zittert. -Haltet inne mit Beschwören, daß nicht die Speichen brechen, und die -Fugen, die die Welt zusammen halten, zerspringen. - -Thörichter! Blödsinniger! rief der Magier; genug der unnützen Worte! -Alle Thüren reiß auf, eröffne auch das Thor des Hauses. - -Der Zwerg entfernte sich, um die Gebote seines Herrn auszurichten. -Dieser entzündete indeß die geweihten Kerzen, mit Schaudern nahte er -sich der großen Fackel, die auf dem hohen Leuchter stand, auch sie -brannte endlich, dann wand er sich auf dem Boden und beschwor lauter und -lauter. Seine Augen funkelten, seine Glieder bebten alle, zuckten wie in -Krämpfen, und ein kalter Schweiß der Angst floß von seinem Haupte. Mit -wilder Geberde sprang der Zwerg wie entsetzt wieder herein und rettete -sich in die Kreise. Die Welt geht unter, schrie er bleich und mit den -Zähnen klappernd, die Gewitter ziehn fort, aber alles ist in der stillen -Nacht Entsetzen und Graus, jedes Geschöpf hat sich in das innerste -Gemach und die Kissen des Bettes geflüchtet, um der Angst zu entweichen. - -Der Alte erhob vom Boden ein todtenbleiches Antlitz, und verzerrt und -unkenntlich schrie er mit fremdem Laute: Schweig, Unglückseliger, und -störe das Werk nicht. Gieb Acht, und behalte Deine Sinne. Das Größte ist -noch zurück. - -Mit einer Stimme, als wollte er seine Brust zersprengen, las und -beschwor er wieder, der Athem schien ihm oft zu fehlen, es war, als -müsse die ungeheure Anstrengung ihn tödten. Da hörte man plötzlich -Stimmen durcheinander, wie im Streit, dann wie Gespräch, sie flüsterten, -sie tobten und lachten, Gesang ertönte, und verworrener Klang von -wundersamen Instrumenten. Alle Geräthe wurden lebendig und schritten vor -und gingen wieder zurück, und aus den Wänden in allen Gemächern quollen -Wesen aller Art, Gethier und Ungeheuer und abentheuerliche Fratzen im -buntesten Gewirre. - -Herr! schrie Beresynth, das Haus wird zu enge! Wohin mit allen diesen -Geistern? Einer muß den andern fressen. O weh! o weh! Immer greulicher, -immer toller wickelt sich einer aus dem andern: ich verliere den -Verstand! Und diese Musik dazu, dies Gellen und Pfeifen, Gelächter -dazwischen, und rührende Klagegesänge. Seht, Herr! seht! die Wände, die -Zimmer dehnen sich aus: alles wird zu unermeßlichen Sälen, zu hohen -Gewölben, und noch schießen die Creaturen hervor, und vermehren sich mit -dem wachsenden Raume. Könnt Ihr nicht rathen, könnt Ihr nicht helfen? - -Ganz ermattet erhob sich jetzt Pietro, er war verwandelt und wie -sterbend. Schau noch einmal hinaus, sprach er leise, wende Dein Auge -nach dem Dom, und berichte mir, was Du siehst. - -Ich trete dem Gesindel hier auf den Kopf, schrie der verwirrte -Beresynth, sie winden sich spielend wie die Schlangen um mich her, und -lachen höhnisch über mich. Sind es Geister? sind es Kobolde oder leere -Phantome? Ei was! wenn ihr nicht aus dem Wege gehn wollt, so trete ich -euch in die grünlichen und blauen Schnauzen hinein! Jeder ist sich -selbst der Nächste. Er polterte murrend hinaus. - -Jetzt ward es still, und Pietro stand auf. Er winkte, und alle jene -Wundergestalten, die sich am Boden gekrümmt, die sich in der Luft -durcheinander gewunden hatten, verschwanden wieder. Er trocknete Schweiß -und Thränen ab und holte freier Athem. Sein Diener kam zurück und sagte: -Herr! alles ist ruhig und gut, aber lichte Gebilde zogen mir vorüber und -verschwanden in den dunklen Himmel hinein: darauf, wie ich unverwandt -nach dem Dom hinschaue, ertönt ein gewaltiger Klang, wie wenn alle -Saiten einer Harfe zugleich rissen, und ein Schlag geschah, daß die -Straße und alle Häuser zitterten. So riß sich dann die große Thür der -Kirche auf, Flöten erklangen süß und lieblich, und eine sanfte lichte -Klarheit ergoß sich aus dem Innern der Kirche. Gleich darauf trat ein -weibliches Gebild in den Schein, blaß, aber glänzend, mit Blumenkronen -geschmückt, sie schwebte aus dem Thor und Lichtstrahlen bereiteten ihr -eine Straße, auf welcher sie wandeln sollte. Das Haupt gerade, die Hände -gefaltet, so schwebt sie heran, auf unsre Wohnung zu. Ist es denn diese, -auf welche Ihr gewartet habt? - -Nimm den goldnen Schlüssel, antwortete Pietro, und eröffne mit ihm das -innerste kostbarste Gemach meines Hauses. Die Purpurdecke ist -ausgebreitet, die Wohlgerüche duften. Dann fort und lege Dich nieder. -Forsche nicht weiter nach, was geschieht. Sei gehorsam und verschwiegen, -wenn Du Dein Leben achtest. - -Kenne ich Euch doch, antwortete der Zwerg und entfernte sich mit dem -Schlüssel, indem er noch einmal wie einen schadenfrohen Blick zurück -warf. - -Indem kam ein liebliches Gesäusel näher, Pietro ging nach dem Vorsaal, -und herein schwebte die blasse Leichengestalt der Crescentia, in ihrem -Todtenschmucke, das Crucifix noch in den gefaltenen Händen haltend. Er -stand vor ihr, sie schlug die großen Augen auf und schauderte in -lebhafter Bewegung vor ihm zurück, so daß vom schüttelnden Haupte die -Blumenkränze niedersanken. Stumm bog er die festgeschlossenen Hände -auseinander, in der linken aber behielt sie das Kreuz fest eingeklemmt. -An der rechten Hand führte er sie durch seine Gemächer, und sie ging -neben ihm, starr und ohne Theilnahme, ohne sich umzusehn. - -Das fernste Gemach empfing sie. Purpur und Gold, Seide und Sammet -schmückten es kostbar aus. Durch die schweren Vorhänge schimmerte am -Tage das Licht nur matt herein. Er deutete hin auf das Lager, und die -Bewußtlose, wunderbar Belebte senkte und neigte sich wie eine -Lilienblume, die der Wind bewegt, sie fiel auf die rothen Decken und -athmete schmerzlich. Aus einem goldnen Fläschchen goß der Alte eine -kostbare Essenz in eine kleine Schale von Kristall und legte ihr diese -an den Mund. Die blassen Lippen schlürften den wunderbaren Trank, sie -schlug noch einmal das Auge auf, betrachtete ihren vormaligen Freund, -wandte sich mit dem Ausdruck des Abscheues um, und fiel in einen tiefen -Schlaf. - -Sorgfältig verschloß der Alte wieder das Gemach. Alles im Hause war -ruhig. Er begab sich auf sein Zimmer, um unter seinen Büchern und -Zaubergeräthen den Aufgang der Sonne und die Geschäfte des Tages zu -erwarten. - - * * * * * - -Als der unglückliche Jüngling Antonio geruht hatte, ritt der Podesta am -folgenden Tage mit ihm und einem großen bewaffneten Gefolge aus, um jene -Hütte, die häßliche Alte und die Räuber aufzusuchen und zu fangen. Nach -der Erzählung Antonio's war der trostlose Vater sehr begierig geworden, -jenes Mädchen zu sehn, welches seiner verstorbenen Tochter so ähnlich -seyn sollte. Kann es seyn, sagte der Alte unterwegs, daß ein Traum, dem -ich mich nur zu oft überlassen habe, wirklich werden sollte? - -Der Vater war so eilig, daß er dem Jüngling nicht weiter Rede stand. Sie -kamen in den benachbarten Wald, und hier glaubte sich Antonio noch zu -erkennen, und die Spuren wieder zu finden. Aber jene Nacht hatte ihn so -verwirrt, und seine Lebensgeister so heftig erschüttert, daß er nachher -seinen Weg nicht entdecken konnte, den er während des Sturmes und dem -Krachen des Donners, betäubt, zu Fuß, und über Acker und Feld irrend, -fortgesetzt hatte. Sie kreuzten das weite Gefilde nach allen Richtungen; -wo nur Bäume oder Gebüsche sich entdecken ließen, dahin spornte Antonio, -um die Räuberhütte und in ihr jene wundersame Erscheinung wieder -anzutreffen, oder wenigstens, wenn die Einwohner auch verschwunden seyn -sollten, wie er wohl glauben mußte, irgend eine Nachweisung zu erhalten. -Der Podesta glaubte endlich, als man schon einen großen Theil des Tages -so umgeirrt war, die erhitzte Einbildung des Jünglings habe nur in der -Verwilderung seines Schmerzes diese Erscheinungen gesehn. Das Glück, -rief er aus, wäre zu groß, und ich bin nur zum Unglück geboren. - -In einem Dorfe mußte man die Pferde und die Diener verschnaufen lassen. -Die Bewohner wollten nichts von so verdächtigen Nachbarn wissen, auch -hatte man in der Umgegend die Leichname der Erschlagenen nicht gefunden. -Nach kurzer Frist machte sich Antonio wieder auf den Weg, obgleich der -Podesta ihm mit größerem Mißtrauen folgte. Bei jedem Bauer, der ihnen -aufstieß, wurden Erkundigungen eingezogen, doch keiner wußte irgend eine -bestimmte Nachricht zu geben. Gegen Abend traf man auf einen scheinbar -zerstörten Platz, Asche und Schutt lag umher, einige verkohlte Balken -zeigten sich zwischen den Steinen: Bäume, die nahe standen, waren -verbrannt. Jetzt schien sich der Jüngling wieder zu erkennen. Hier, so -meinte er mit Bestimmtheit, sei der Aufenthalt der Mörder und jener -wunderbaren Crescentia gewesen. Man machte Halt. Weit und breit war in -der wüsten Gegend kein Haus zu sehn, kein Mensch war zu errufen. Ein -Diener ritt zum nächsten Ort und brachte nach einer Stunde einen Alten -zu Pferde mit sich. Dieser wollte wissen, daß schon seit einem Jahre -eine Hütte hier abgebrannt sei, von Soldaten angezündet, der Eigenthümer -des Feldes sei schon seit zehn Jahren in Rom, wo er ein versprochenes -geistliches Amt erwarte, der Verwalter desselben aber nach Ravenna -gereist, um eine alte Schuld einzukassiren. - -Verdrossen und ermüdet begaben sich die Reisenden zur Stadt zurück. Der -Podesta Ambrosio ging damit um, seine Stelle aufzugeben, sich von allen -Geschäften zurück zu ziehn, und selbst Padua zu verlassen, wo ihn alles -nur an sein Unglück erinnerte. Antonio wollte in der Schule des -berühmten Apone sein Elend ertragen und vielleicht vergessen lernen. Er -zog in das Haus dieses großen Mannes, welcher ihm schon seit lange -gewogen war. - - * * * * * - -Also auch Ihr, sagte nach einiger Zeit der kleine Priester zum -tiefsinnigen Antonio, habt Euch diesem unglücklichen Studio und jenem -verderblichen Manne ergeben, der Eure Seele verführen wird? - -Warum zürnt Ihr, antwortete Antonio freundlich, Ihr frommer Mann? Soll -Religion und Wissenschaft sich nicht freundlich die Hand bieten dürfen, -wie es in diesem trefflichen Lehrer geschieht? Er, den die ganze Welt -verehrt, den die Fürsten schätzen und lieben, den der heilige Vater -selber bald zu einer geistlichen Würde erheben will? Warum haßt Ihr den, -der Euch und jedermann mit Liebe entgegen kommt? Wüßtet Ihr, wie seine -Lehre mich tröstet, wie er meinen Geist erhebt und zum Himmel richtet, -wie in seinem Munde Frömmigkeit und Religion die begeisterten Worte und -Bilder finden, die seine Schüler, wie mit Schwingen des Geistes, in die -überirdischen Regionen führen, Ihr würdet nicht so unbillig von ihm -denken und sprechen. Lernt ihn näher kennen, sucht seinen Umgang, kommt -dem, der keinen zurück weiset, freundlich entgegen, und Ihr werdet mit -Reue und in Liebe Euren Haß, Euer voreiliges Urtheil über ihn -widerrufen. - -Ihm? rief der Priester, nein nimmermehr! Wahrt Euch selbst, Jüngling, -vor ihm und seinem höllenbezeichneten Diener, der keinen so arglistig, -wie sein Meister, belügen kann. - -Es ist wahr, erwiederte Antonio, der kleine Beresynth ist eine -lächerliche und auch häßliche Figur, mich wundert selbst, daß ihn der -edle Pietro so beständig in allen seinen Zimmern und Geschäften um sich -dulden mag: aber sollen Höcker und andre häßliche Abzeichen uns gegen -einen Armen, den die Natur vernachlässigt hat, grausam machen? - -Schöne Worte, herrliche Redensarten! rief der Priester ungeduldig aus: -bei diesen Gesinnungen gedeihen freilich Zauberer und Betrüger. Seht! da -kommt das Scheusal, das ich nicht anschauen, viel weniger mit ihm etwas -verhandeln mag. Wen der Herr auf diese Weise gezeichnet hat, der ist -kenntlich genug, und jedermann, in dem noch nicht alles Gefühl erloschen -ist, gehe ihm aus dem Wege. - -Beresynth, der die letzten Worte gehört hatte, machte sich in einigen -seltsamen Sprüngen herbei. Hochwürdiger Herr, rief er aus, seid Ihr denn -etwa selbst von so ausbündiger Schönheit, daß Ihr so unbillig urtheilen -dürft? Mein Herr ist von Jugend auf ein majestätischer herrlicher Mann -gewesen, und der denkt doch von mir und meines gleichen ganz anders. -Was? Ihr kleiner, untersetzter, verstumpfter, kollriger Mann, dem die -Nase vor Zorne fast immer roth anläuft? Ihr mit Euren krummen -Mundwinkeln, mit den verzwickten Falten in der kleinen Stirn, Ihr wollt -von meiner Häßlichkeit rumoren? Kuckt das Zwerglein doch kaum über die -Kanzel hinaus, wenn es dorten handthiert, und ist so schmalbeinig und -schmächtig, daß er nicht über den großen Platz gehn darf, wenn der Wind -einmal stark weht; den die Gemeine kaum erkennt, wenn er vor dem Altar -gestikulirt, wobei ihr der christliche Glaube nachhelfen muß, in der -Hoffnung, er sei wirklich zugegen: -- wie, ein solcher Knirps und -geistlicher Nirgendgesehn will hier wie Goliath Rede führen? Laßt Euch -dienen, unansehnlich Gottseliger, daß man aus meiner Nase allein einen -solchen Glaubenshelden, wie Ihr seid, formiren könnte, wobei ich meinen -doppelten Höcker vorn und hinten noch gar nicht einmal in die Rechnung -bringe. - -Der erzürnte Priester Theodor hatte sich schon vor dem Schluß dieser -Rede entfernt, und der melancholische Antonio verwies dem kleinen -Gesellen seinen Muthwillen; doch dieser rief aus: fangt Ihr nur nicht -auch an zu moralisiren! das leide ich einmal von keinem andern als -meinem Herrn, denn der ist dazu in der Welt, die Moral, die Philosophie -und dergleichen zu doziren. Aber diese Windfahne von Mönch da, die nur -von Neid und Bosheit so knarrend herum gedreht wird, weil er meint, ihm -geschieht durch meinen herrlichen Meister ein Abbruch an Autorität, Geld -und Gut, der soll nicht den zahnlosen Mund aufthun, wo ich mein -ungewaschnes Maul nur irgend brauchen kann; und von einem jungen -Studenten leide ich auch keine Widerrede, denn ich habe mir schon den -Bart verschneiden lassen, als Euer Vater noch im Westerhemdchen lief; -Prügel in der Schule und den Esel bekam ich schon umgehängt, als sie -Eurem erlauchten Großvater die ersten Hosen anthaten, darum erzeigt den -Respect da, wo er hingehört und vergeßt niemals, wen Ihr vor Euch habt. - -Erzürne Dich nicht, kleiner Mann, sagte Antonio, ich meine es gut mit -Dir. - -Meint's, wie Ihr wollt, rief jener. Mein Herr wird Prälat, wißt Ihr das -schon? Und Rektor der Universität! Und eine neue goldne Gnadenkette hat -er von Paris erhalten! Und Ihr sollt zu ihm kommen, weil er verreisen -und Euch vorher noch einmal sprechen will. Schleppt Euch nicht mit -Pfaffen so herum, wenn Ihr ein Philosoph seyn wollt. - -In krummen, wunderlichen Sätzen sprang er wieder die Straße hinüber, und -Antonio sagte zu Alfonso, der jetzt hinzutrat, und seit einiger Zeit -sich oft freundlich zu ihm gesellte: ich weiß niemals, wenn ich mit der -kleinen Mißgeburt rede, ob sie ihre Worte ernsthaft, oder nur im Scherze -meint. Scheint er doch über sich selbst und alle Creatur zu spotten. - -Das ist ihm, antwortete Alfonso, ein nothwendiger Ersatz, um sich über -seine Ungestalt zu trösten, denn durch seinen Hohn macht er in seiner -Einbildung alle übrigen Geschöpfe sich gleich. Aber wißt Ihr schon von -den neuen Ehren, die unserm herrlichen Lehrer und Meister zugetheilt -sind? - -Die Welt, erwiederte Antonio, erkennt sein hohes Verdienst, und daß auch -der Papst, unser heiliger Vater, ihn jetzt zum Prälaten macht, das wird -den neidischen Priestern und Mönchen, die den tugendhaften und frommen -Mann immerdar verketzern wollen, endlich Schweigen gebieten. - -Sie trennten sich, und Antonio eilte, von seinem Lehrer auf einige Tage -Abschied zu nehmen. Der kleine Zwerg Beresynth erwartete ihn schon in -der Thür mit grinsender Freundlichkeit. - - * * * * * - -In den Zimmern war es schon trübe, und da Beresynth den Jüngling -verließ, so ging dieser, der seinen Lehrer im Saale, auch in seiner -Bücherstube nicht traf, durch die vielen Gemächer, und gelangte so bis -in das innerste, welches er noch niemals betreten hatte. Bei einer -dämmernden Lampe saß hier Pietro und verwunderte sich nicht wenig, den -Florentiner eintreten zu sehn, der über die Gerippe, seltsamen -Instrumente und den wunderlichen Hausrath des Greises erstaunt war. -Nicht ohne Verlegenheit näherte sich der Alte. Ich hatte Euch hier nicht -erwartet, sagte er, sondern dachte Euch draußen zu treffen, oder Euch -oben in Eurem eigenen Zimmer aufzusuchen. Ich soll dem Abgesandten des -Papstes, unsers heiligen Vaters, entgegen reisen, um sein Schreiben und -die neue Würde, die seine Gnade und väterliche Güte mir mittheilt, -demüthig und dankbar vom Prälaten dort anzunehmen. - -Antonio war befangen, und schien die Instrumente und den unbekannten -Apparat genau zu betrachten. Ihr verwundert Euch, sagte der Alte -endlich, über alle diese Dinge, die mir zu meinen Studien nöthig sind; -wenn Ihr einmal meine Vorlesungen über die Natur besucht habt, werde ich -Euch in Zukunft alles erklären können, was Euch jetzt vielleicht -unbegreiflich erscheint. - -Doch in diesem Augenblicke ereignete sich etwas, das Antonio's -Aufmerksamkeit von allen diesen Gegenständen abzog. Eine Thür, die -verschlossen schien, war nur angelehnt, sie that sich auf, und der -Jüngling sah in ein Gemach, das mit purpurrothem Lichte erfüllt war, -aber in dieser Rosengluth stand an der Thür ein bleiches Gespenst, -welches winkte und lächelte. Mit Blitzesschnelle wendete der Alte sich -um, warf donnernd die Thür in das Schloß, und verriegelte sie mit einem -goldenen Schlüssel. Zitternd und leichenblaß warf er sich dann in einen -Sessel, indem ihm große Schweißtropfen von der Stirne rannen. Als er -sich etwas erholt hatte, winkte er, noch immer zitternd, Antonio herbei -und sagte mit bebender Stimme: auch dieses Geheimniß, mein junger -Freund, wird Euch einmal deutlich werden; denke, mein geliebter Sohn, -das Beste von mir. Dich vor allen, Du Leidender, Du Vielgeliebter, will -ich in mein tiefstes Wissen dringen lassen, Du sollst mein wahrer -Schüler, mein Erbe werden. Aber laß mich jetzt, geh nun hinauf zu Deinem -einsamen Zimmer und rufe im brünstigen Gebete den Himmel und seine -heiligen Kräfte zu Deinem Beistande auf. - -Antonio konnte nicht antworten, so war er von der Erscheinung überrascht -und entsetzt, so hatte ihn die Rede seines verehrten Lehrers verwirrt, -denn ihm schien, als müsse dieser einen Zorn unterdrücken, als leuchte -ein verhaltener Grimm aus seinen feurigen Augen, die nach dem -plötzlichen Erlöschen schnell einen stärkern Glanz ausstrahlten. - -Er ging und im Vorzimmer fand er Beresynth, der mit grinsendem Gesicht -Fliegen haschte, die er dann einem Affen zuwarf. Beide schienen im -Wettstreit begriffen, wer die ärgsten Fratzen hervorbringen könnte. Der -Meister rief jetzt laut den Diener, und die Mißgestalt hüpfte hinein. -Antonio vernahm einen lauten Wortwechsel, und Pietro schien sehr zornig. -Weinend und heulend kam Beresynth aus dem Zimmer, ein Blutstrom floß -über die ungeheure Nase hinab. Kann er nicht selbst seine Thüren -verschließen, krächzte die Mißgeburt, der Allerweltsweise und -Allmächtige? Ist der Herr dumm, so muß der Diener die Schuld tragen. -Scheert Ihr Euch, Allverehrtester, auf Eure Dachkammer hinauf, und laßt -mich mit meinem guten Freund, dem lieben Pavian da, in Ruhe. Der hat -noch ein menschliches Herz, der liebe, getreue. Ein lustiger Bruder, wie -er ist, und doch in der Zartheit ein recht ausbündiger Kerl. Marsch da! -Der Pylades will wieder Fliegen speisen, die ihm sein Orest -zusammenfangen muß. - -Antonio verließ wie betäubt den Saal. - - * * * * * - -Der florentinische Jüngling war in das Haus seines Lehrers gezogen, um -ganz ungestört seinen Leiden und Studien leben zu können. Oben im -entferntesten und höchsten Gemache des Hauses hatte er sich -eingerichtet, um recht einsam und von Menschen unbesucht zu leben. Wenn -er von hier die schönen und fruchtbaren Gefilde des Landes übersah und -dem Laufe des Stromes mit den Blicken folgte, so dachte er um so inniger -seiner entschwundenen Geliebten. Er hatte ihr Bild von den Eltern -bekommen, und einiges Geräth, mit welchem sie als Kind gespielt hatte; -vorzüglich lieb war ihm eine Nachtigall, die ihm in ihren rührenden -Klagegesängen nur sein eigenes Leid auszutönen schien. Dieser Vogel war -von Crescentien mit Sorgfalt und Liebe gepflegt worden, und der -schwärmende Jüngling bewahrte ihn als ein Heiligthum, als den letzten -Ueberrest seines irdischen Glückes. - -Andre Jünglinge seines Alters sahe er nicht, außer dem Spanier Alfonso, -mit welchem ihn der gleiche Enthusiasmus für die Größe des Pietro Abano -vereinigte. Der Podesta Ambrosio hatte seine Stelle niedergelegt und die -Stadt verlassen, er wollte in Rom seine letzten Tage verleben, um sich -seinen Verwandten in Venedig zu entziehn. Er hatte es aufgegeben, die -frühgeraubte Zwillingstochter wieder zu finden, und es schmerzte ihn um -so inniger, daß Antonio ihm diese Hoffnung so erschütternd wieder in -seine Seele gerufen hatte. Er war überzeugt, der Jüngling habe ihn und -sich selbst mit den Fieber-Phantasien jener Nacht getäuscht. - -Am Morgen reiste Pietro mit seinem getreuen Diener ab. Antonio war ganz -allein im großen Hause, dessen Zimmer alle verschlossen waren. Die Nacht -war ihm schlaflos hingegangen. Immer stand ihm das entsetzliche Gebild -vor Augen, das ihm, wie es ihn erschüttert hatte, doch die schönsten -Empfindungen zurück rief. Ihm war, als wenn jede Kraft zu denken in ihm -erstorben sei, Gebilde, die er nicht festhalten konnte, bewegten sich in -ewig umschwingenden Kreisen vor seiner Phantasie. Die Empfindung war ihm -fürchterlich, daß er an seinem verehrten Lehrer irre wurde, daß er -unerlaubte Geheimnisse und ein Entsetzen ahndete, das seit jenem Blick -ins Gemach hinein auf ihn zu warten schien, um ihm allen Lebensmuth zu -rauben, oder ihn einem verzweifelnden Wahnsinn zu überliefern. - -Die Nachtigall sang eben vor seinem Fenster, und er sah, daß es stürmte -und regnete. Vorsorglich nahm er sie herein und stellte sie hoch auf -einen alten Wandschrank hinauf. Indem er sich überbog, um den Käfig -sicher zu stellen, riß die Kette, an welcher er das Bildniß seiner -Geliebten trug, und das Gemälde rollte nach der Wand zu, und hinter den -eichenen alten Brettern hinab. Der Unglückliche wird auch von -Kleinigkeiten erschreckt. Eilig stieg er hinunter, um sein geliebtes -Kleinod wieder zu suchen. Er bückte sich, aber so sehr er auch forschte, -war es unter dem großen schweren Schranke nicht anzutreffen. Alles, das -Große wie das Kleine in seinem Leben, schien ihn wie eine Bezauberung zu -verfolgen. Er schüttelte an dem alten Gerüste, und wollte es aus der -Stelle schieben, aber es war in der Mauer verfestigt. Sein Ungestüm -wurde mit jedem Hinderniß heftiger. Er faßte eine alte Eisenstange, die -er im Vorzimmer fand, und arbeitete mit aller Anstrengung seiner Kräfte, -den Schrein zu rücken, und endlich, nach vielem Heben, Stemmen und -hundert vergeblichen Bemühungen geschah ein Riß mit lautem Krachen, als -wenn eine eiserne Klammer oder Kette gesprungen wäre. Jetzt wich -allmählig das Gebäude und Antonio vermochte es endlich, sich zwischen -dieses und die Wand einzudrängen. Er sah sogleich sein geliebtes -Bildniß. Es lag auf dem breiten Knauf einer Thür, die in der Mauer war. -Er küßte es, und drehte den Griff, welcher nachgab. Die Thür öffnete -sich, und er fiel darauf, den großen Schrank noch etwas mehr zurück zu -schieben, um diese Seltsamkeit näher zu untersuchen, denn er glaubte, -daß der Besitzer des Hauses diese geheime Oeffnung, die mit so vieler -Sorgfalt, und wie es schien, seit so langer Zeit verdeckt war, selber -nicht kenne. Als er sich mehr Raum verschafft hatte, sah er, daß hinter -der Thür eine enge gewundene Stiege sich hinabsenkte. Er stieg einige -Stufen hinunter, die dichteste Finsterniß umgab ihn. Er schritt weiter -und immer weiter, die Treppe schien bis in die untern Gemächer -hinabzuführen. Schon wollte er umkehren, als er auf eine Hemmung stieß, -denn die Wendelstiege war nun zu Ende. Indem er in der Dunkelheit auf -und nieder tastete, traf seine Hand auf einen erznen Ring, den er anzog, -und sogleich öffnete sich die Mauer und ein rother Glanz quoll ihm -entgegen. Noch ehe er in die Oeffnung hineintrat, untersuchte er die -Thür und fand, daß eine Feder, die der Ring in Bewegung gesetzt, sie ihm -aufgethan hatte. Er lehnte sie an und schritt behutsam in das Gemach. -Rothe kostbare Teppiche schmückten es, mit Purpurdecken von schwerer -Seide waren die Fenster verhängt, ein Bett, von glänzendem Scharlach mit -Gold verziert, stand im Zimmer. Alles war still, man hörte das Getöse -der Straße nicht, die Fenster gingen nach dem kleinen Garten. Mit -beklemmter Brust stand der Jüngling im Gemach, er horchte aufmerksam und -endlich dünkte ihm, er vernähme das Säuseln des Athems, wie von einem -Schlafenden. Mit klopfendem Herzen wandte er sich um, und ging vor, um -zu spähn, ob auf dem Bette jemand ruhe, er schlug die seidenen Vorhänge -zurück -- und glaubte nur zu träumen, denn vor ihm lag, leichenblaß, -aber süß schlummernd, das Bildniß seiner geliebtesten Crescentia. Der -Busen hob sich sichtlich, wie eine leichte Röthe war den blassen Lippen -angeflogen, die, zart geschlossen, von einem sanften Lächeln unmerklich -bewegt wurden. Das Haar war aufgelöst und lag in seinen schweren dunkeln -Locken auf den Schultern. Das Kleid war weiß, der Gürtel eine goldne -Spange. Lange stand Antonio im Anschauen versenkt, endlich, wie von -einer übernatürlichen Gewalt getrieben, faßte er die weiße, schöne Hand, -und wollte die Schläferin gewaltsam emporziehen. Diese stieß einen -klagenden Schrei aus, und erschreckt ließ er den Arm wieder fahren, der -ermüdet in die Kissen sank. Doch war der Traum, so schien es, entflogen, -das Netz des Schlummers, welches das wundersame Bildniß umschlossen -hielt, war zerrissen, und wie Wolken und Nebel sich im leisen -Morgenwinde in wallenden Gestaltungen an den Bergen hinbewegen und -wechselnd auf und nieder sinken, so rührte sich die Schläferin, dehnte -sich wie ohnmächtig, und strebte in langsamen anmuthigen Bewegungen dem -Erwachen entgegen. Die Arme streckten sich empor, so daß die weiten -Aermel zurück fielen und die volle schöne Rundung zeigten, die Hände -falteten sich und sanken dann wieder nieder; das Haupt erhob sich und -der glänzende Nacken richtete sich frei auf, doch waren die Augen immer -noch geschlossen, die Locken fielen schwarz in das Gesicht hinein, doch -strichen die feinen langen Finger sie zurück; ganz aufrecht sitzend -kreuzte die Schöne nun die Arme über die Brust, stieß einen schweren -Seufzer aus und plötzlich standen die großen Augen weit offen und -glänzend. - -Sie betrachtete den Jüngling, als sähe sie ihn nicht, sie schüttelte das -Haupt und ergriff jetzt die goldne Quaste, die über ihr am Bette -befestigt war, richtete sich kräftig auf, und auf den Füßen stand jetzt -in der purpurnen Umhüllung hoch aufgerichtet die große schlanke Gestalt, -sie schritt dann sicher und fest vom Lager herunter, ging auf Antonio, -der zurück gewichen war, einige Schritte zu, und mit einem kindischen -Ausruf der Ueberraschung, wie wenn Kinder sich plötzlich über ein neues -Spielzeug erfreuen, legte sie ihm die Hand auf die Schulter, lächelte -ihn holdselig an und rief mit sanfter Stimme: Antonio! - -Dieser von Furcht, Entsetzen, Freude, Ueberraschung und dem tiefsten -Mitleiden durchdrungen, wußte nicht, ob er fliehen, sie umarmen, zu -ihren Füßen stürzen, oder in Thränen aufgelöst sterben sollte. Das war -derselbe Ton, den er sonst so oft und so gern vernommen hatte, bei dem -sich sein ganzes Herz umwendete. Du lebst? rief er mit einer Stimme, die -sein überschwellendes Gefühl erstickte. - -Das süße Lächeln, das von den blassen Lippen aus über die Wangen bis in -die strahlenden Augen aufgegangen war, zerbrach plötzlich und ging in -einen starren Ausdruck des tiefsten, des unsäglichsten Schmerzes unter. -Antonio konnte den Blick dieser Augen nicht aushalten, er bedeckte mit -den Händen sein Gesicht und schrie: bist Du ein Gespenst? - -Die Erscheinung trat noch näher, drückte mit ihren Händen seine Arme -nieder, so daß sein Antlitz frei wurde, und sagte mit sanft bebender -Stimme: Nein, sieh mich an, ich bin nicht todt, und lebe doch nicht. -Reich' mir die Schaale dort. - -Eine duftende Flüssigkeit schwebte in dem kristallenen Gefäß, er reichte -es ihr zitternd, sie setzte es an den Mund und schlürfte den Trank in -langsamen Zügen. Ach, mein armer Antonio! sagte sie dann, ich will nur -diese irdischen Kräfte erborgen, um Dir den ungeheuersten Frevel kund zu -thun, um Hülfe von Dir zu erflehen, um Dich zu vermögen, mir zu der Ruhe -zu verhelfen, nach welcher sich alle meine Gefühle so inbrünstig sehnen. - -Sie war wieder in den Armstuhl gesunken, und Antonio saß zu ihren Füßen. -Höllische Künste, fing sie wieder an, haben mich scheinbar vom Tode -erweckt. Derselbe Mann, den meine unerfahrene Jugend wie einen Apostel -verehrte, ist ein Geist des Abgrunds. Er gab mir den Schatten dieses -Lebens. Er liebt mich, wie er sagt. Wie schauderte mein Gefühl vor ihm -zurück, als ihn mein erwachendes Auge erkannte. Ich schlummere, ich -athme, ich kann ganz, wenn ich will, zum Leben wieder genesen, so hat es -mir der Böse verheißen, wenn ich mich ihm mit ganzem Herzen ergebe, wenn -er, in geheimer Verborgenheit, mein Gatte werden darf. -- O Antonio, wie -schwer wird mir jedes Wort, jeder Gedanke. Alle seine Kunst zerbricht an -meiner Sehnsucht zum Tode. Das war fürchterlich, als mein Geist, schon -in der Ruhe, schon in der Entwickelung neuer Anschauungen, aus dem -stillen Frieden so gräßlich zurückgerissen wurde. Mein Leib war mir -schon fremd, feindlich und verhaßt worden. Zurück kam ich, wie der -befreite Sklave zu Ketten und Gefängniß. Hilf mir, Treuer, rette mich. - -Wie? sagte Antonio: Gott im Himmel! was erleb' ich? Wie muß ich Dich -wieder finden? Und Du kannst, Du darfst nicht ganz zum Leben -zurückkehren? Du kannst nicht mir und Deinen Eltern wieder angehören? - -Unmöglich! rief Crescentia mit einem ängstlichen Ton, und ihre Blässe -wurde vor Entsetzen noch bleicher. Ach! das Leben! Wie kann der es -wieder suchen, der schon davon gelöst war? Du Armer fassest die tiefe -Sehnsucht nicht, die Liebe, das Entzücken, womit ich den Tod denke und -wünsche. Noch inniger, wie ich Dich ehemals liebte, noch brünstiger, wie -meine Lippen am Osterfeste nach der heiligen Hostie schmachteten, ist -mein Wunsch zu ihm. Dann liebe ich Dich freier und inniger in Gott. Dann -bin ich meinen Eltern wiedergegeben. Dann leb' ich, sonst war ich -gestorben, jetzt bin ich Nebel und Schatten, mir und Dir ein Räthsel. -Ach, wenn Deine Liebe und unsre Jugend in mein jetziges Dasein hinein -schien, wenn ich von oben herab die wohlbekannte Nachtigall hier in -meiner Einsamkeit schlagen hörte, welch süßes Grauen, welche finstre -Freude und Angst rieselte dann durch die Dämmerung meines Wesens. O hilf -mir los von der Kette. - -Was kann ich für Dich thun? fragte Antonio. - -Die Reden hatten wieder die Kraft der Erscheinung gebrochen: sie ruhte -eine Weile mit geschlossenen Augenliedern, dann sagte sie matt: Ach! -wenn ich eine Kirche betreten könnte, wenn ich zugegen wäre, indem der -Herr im Sakrament erhoben wird und der Gemeinde erscheint, dann würde -ich in diesem seligen Augenblicke vor Entzücken sterben. - -Was hindert mich, sprach Antonio, den Bösewicht anzugeben, ihn den -Gerichten und der Inquisition zu überliefern? - -Nein! nein! nein! ächzte das Bildniß in der höchsten Angst: Du kennst -ihn nicht, er ist zu mächtig, er würde entfliehn und mich wieder mit -sich in den Kreis seiner Bosheit reißen. Stille, ruhig nur kann es -gelingen, wenn er sicher ist. Ein Zufall hat Dich zu mir geführt. Du -mußt ihn ganz sicher machen, alles verschweigen. - -Der Jüngling sammelte seine Sinne, er sprach viel mit seiner vormaligen -Braut, ihr ward das Reden immer schwerer, die Augen fielen ihr zu, sie -trank noch einmal von dem Wundertrank, dann ließ sie sich nach dem Lager -führen. Lebe wohl, rief sie schon wie träumend, vergiß mich nicht. -- -Sie bestieg das Bett, legte sich ruhig nieder, die Hände suchten das -Crucifix, das sie mit geschlossenen Augen küßte, dann reichte sie dem -Liebenden die Hand, und winkte ihn hinweg, indem sie sich zum Schlummer -hinstreckte. Antonio betrachtete sie noch, dann ließ er die Feder die -unsichtbare Thür wieder einfugen, schlich die enge Wendeltreppe bis zu -seinem Gemache wieder hinan, stellte den Schrank an seine vorige Stelle, -und brach in heiße Thränen aus, als ihn der Gesang der Nachtigall mit -seinen schwellenden Klagetönen bewillkommte. Auch er sehnte sich nach -dem Tode, und wünschte nur vorher diejenige, die noch vor wenigen Wochen -seine irdische Braut gewesen war, von ihrem wundersamen schrecklichen -Zustande zu erlösen. - - * * * * * - -Um seinem Lehrer auszuweichen, wenn er von seiner Reise zurück käme, -hatte Antonio die Schritte nach der einsamsten Stelle des Waldes -gelenkt. Es war ihm ungelegen, daß ihm hier sein Freund, der Spanier, -begegnete, denn er war nicht gestimmt, ein Gespräch zu führen. Doch -konnte er dem Gespielen nicht mehr ausweichen, und so ergab er sich in -stiller Trauer der Gesellschaft, die ihm sonst erfreulich und tröstend -gewesen war. Nur halb hörte er auf dessen Reden, und erwiederte nur -sparsam. Wie fast immer war wieder Pietro der Gegenstand von Alfonso's -ungemessener Bewunderung. Warum seid Ihr heut so karglaut? fing er -endlich verdrüßlich an: ist Euch meine Gesellschaft zuwider, oder seid -Ihr nicht mehr wie sonst fähig, unsern erhabenen Lehrer zu verehren, und -ihm den Preis zu geben, den er verdient? - -Antonio mußte sich sammeln, um nicht ganz in seinen träumenden Zustand -zu versinken. Was ist Euch? fragte Alfonso wieder, es scheint, daß ich -Euch beleidigt habe. -- Ihr habt es nicht, rief der Florentiner, aber -wenn Ihr mich irgend liebt, wenn Ihr nicht meinen Zorn erregen wollt, -wenn nicht die bittersten Gefühle mein Herz zerreißen sollen, so -unterlaßt heut das Lobpreisen Eures vergötterten Pietro. Sprechen wir -von andern Gegenständen. - -Ha! bei Gott! rief Alfonso aus, die Pfaffen haben Euch doch noch den -schwachen Sinn umgewendet. Geht nur fernerhin Eures Weges, junger -Mensch, denn die Weisheit, das seh' ich nun wohl ein, ist Euch ein zu -erhabenes Gut. Euer Kopf ist dieser Kost zu schwach, und Ihr sehnt Euch -wieder nach den Kinderspeisen Eurer ehemaligen Seelenwärter. Bleibt nur -bei diesen so lange, bis Euch die Milchzähne ausgefallen sind. - -Ihr sprecht übermüthig, rief Antonio erzürnt, oder vielmehr wißt Ihr gar -nicht, was Ihr sagt, und ich verdiene das nicht um Euch. - -Wodurch verdient es unser Lehrer, sagte der Spanier eifrig, der Euch wie -ein Vater aufgenommen hat, der Euch vor allen Jünglingen dieser -Universität so hoch würdiget, daß Ihr in seinem Hause wohnen dürft, der -Euch sein innigstes Vertrauen schenkt, wodurch hat dieser es -verschuldet, daß Ihr ihn so kleinmüthig verleugnet? - -Wenn ich nun antworte, sprach Antonio zornig, daß Ihr ihn nicht kennt, -daß ich Ursache, und die vollständigste habe, anders von ihm zu denken, -so würdet Ihr mich wieder nicht verstehn. - -Ihr seid wohl schon, sagte Alfonso höhnisch, so hoch in seine geheime -Philosophie hinein gestiegen, daß der gewöhnliche, unbegünstigte -Erdensohn Euch nicht zu folgen vermag? Wieder zeigt es sich, daß das -halbe und Viertel-Verdienst sich am höchsten aufbläht. Pietro Abano ist -demüthiger, als Ihr, seine schwächliche Copie. - -Ihr seid ungezogen, rief der junge Florentiner in der höchsten -Erbitterung aus. Wenn ich Euch nun bei meiner Ehre, bei meinem Glauben, -beim Himmel und bei allem, was mir und Euch heilig und ehrenwerth seyn -muß, versichere, daß es in ganz Italien, in Europa, keinen so argen -Bösewicht, keinen so verruchten Heuchler giebt als diesen -- - -Wen? schrie Alfonso. - -Pietro Abano, sagte Antonio gemäßigt: was würdet Ihr dann sagen? - -Nichts, rief jener wüthend, der ihn nicht hatte endigen lassen, als daß -Ihr und jedermann, der dergleichen zu sprechen wagt, der nichtswürdigste -Schurke sei, der je das Heilige zu lästern sich erfrechte. Zieht, wenn -Ihr nicht eine eben so verächtliche Memme, als ein niederträchtiger -Verleumder heißen wollt. - -Das gezogene Eisen begegnete dem Ausfordernden schon eben so schnell, -und es half nichts, daß ihnen eine heisere ängstliche Stimme: Halt! -zurief. Alfonso war in der Brust verwundet, und zu gleicher Zeit rann -Blut aus dem Arm Antonio's. Der alte Priester, der die Erbitterten hatte -trennen wollen, eilte nun herbei, er verband die Wunden und stillte das -Blut, darauf rief er andere Studirende herzu, die er in der Nähe schon -gesehen hatte, die den ermatteten Alfonso nach der Stadt führen sollten. -Ehe sich dieser entfernte, ging Antonio noch einmal zu ihm, und raunte -ihm ins Ohr: wenn Ihr ein Edelmann seid, so kommt von der Ursache unsers -Zwistes kein Wort über Eure Lippen. In vier Tagen sprechen wir uns -wieder, und wenn Ihr dann nicht meiner Ueberzeugung seid, bin ich zu -jeder Genugthuung erbötig. - -Alfonso versprach feierlich, auch alle Umstehenden versicherten, daß die -Wunde so wie das Gefecht selbst verschwiegen bleiben sollten, um den -jungen Florentiner keiner Gefahr auszusetzen. Als sich alle entfernt -hatten, ging Antonio mit dem Priester Theodor tiefer in den Wald. Warum, -fing dieser an, wollt Ihr Euch, eines Verdammten wegen, selber der Hölle -überliefern? Ich sehe, daß Ihr jetzt anderer Meinung seid; aber ist das -Schwert wohl der Redner, der andre bekehren darf? -- Antonio war -ungewiß, in wie weit er sich dem Mönche entdecken sollte, doch -verschwieg er ihm noch die wunderbare Begebenheit, welche er erlebt -hatte, und bedung sich nur die Erlaubniß aus, bei dem nahe -bevorstehenden Osterfeste, während des Hochamtes, durch die Sakristei in -der Nähe des Altars zum großen Tempel eingehen zu dürfen. Nach einigen -Einwürfen gab Theodor nach, ob er gleich nicht begriff, was der Jüngling -mit dieser Erlaubniß bezwecken könne. Ich will einen Gast so in die -Kirche einführen, sagte dieser nur noch, dem man am großen Thor den -Eingang vielleicht versagen würde. - - * * * * * - -Alle Glocken der Stadt läuteten, um das heilige Osterfest in Freuden und -Andacht zu begehn. Das Volk strömte nach dem Dom, um das froheste -christliche Fest zu feiern, und auch den berühmten Apone in seiner neuen -Würde zu erblicken. Die Studirenden begleiteten ihren berühmten Lehrer, -der vom Adel, dem Rath und der Bürgerschaft ehrfurchtvoll begrüßt in -anscheinender Frömmigkeit und Demuth dahin wandelte, Allen ein Beispiel, -der Stolz der Stadt, das begeisternde Vorbild der Jugend. An der Thür -des Tempels wich das Gedränge in scheuer Verehrung zurück, um dem -Gefeierten Platz zu machen, der in der Tracht des Prälaten, mit der -goldenen Kette geschmückt, im weißen Bart und lockigen Haupthaar einem -Kaiser oder einem alten Lehrer der Kirche in seinem majestätischen -Anstande zu vergleichen war. - -In der Nähe des Altars war dem berühmten Manne ein erhobener Sitz -zubereitet, daß Schüler und Volk ihn sehn konnten, und als die Menge der -Andächtigen in den Tempel hereingeströmt war, begann das Hochamt. -Theodor, der kleine Priester, las an diesem Tage die Messe, und Jung und -Alt, Vornehm und Geringe war in Freudigkeit, das Fest der Auferstehung -des Herrn würdig zu begehn, den wiederkehrenden Glanz zu schauen, und -sich nach den Tagen der strengen Fasten, nach den betrübenden -Vorstellungen der Leiden und des Schmerzes an dem Gefühl des wieder -erwachten Lebens zu trösten. - -Schon war der erste Theil des Gottesdienstes geendigt, da sah man mit -Erstaunen an der Seite des Altars Antonio Cavalcanti in die Kirche -treten, der eine dicht verschleierte Figur an seiner Hand führte. Er -stellte diese auf die Erhöhung, dem Pietro dicht gegenüber, und warf -sich dann betend am Altare nieder. Die Verschleierte stand starr und -hoch da, und man sah unter der Verhüllung die brennend schwarzen Augen. -Pietro erhob sich vom Sessel, und sank bleich und zitternd in denselben -zurück. Die Musik der Messe strömte und wogte in volleren Accorden, -jetzt wickelte sich die Verhüllte langsam aus ihren Schleiern, das -Antlitz war frei, und die Nächsten erkannten mit Entsetzen die -gestorbene Crescentia. Ein Schauder ging durch die ganze Kirche, auch -die Fernsten faßte ein heimliches Grauen, das todtenbleiche Bild so hoch -dort stehn zu sehn, das so andächtig betete und die großen feurigen -Augen nicht vom Priester am Altar verwendete. Auch der große mächtige -Pietro schien in eine Leiche verwandelt, man hätte ihn den entstellten -Zügen nach für todt halten können, wenn sich sein Leben nicht im -heftigen Zittern verrathen hätte. Nun wendete sich der Priester, und -erhob die geweihte Hostie, Trompeten verkündigten die erneute Gegenwart -des Herrn, und mit einem Jubelton, mit hochentzücktem Antlitz, die Arme -weit ausgebreitet, indem sie laut Hosiannah! rief, daß die Kirche -wiedertönte, brach nun die bleiche Erscheinung zusammen, und lag todt, -starr und bewegungslos zu Pietro's Füßen hingestürzt. Das Volk lief -hinzu, die Musik verstummte, Fragen, Verwundern, Entsetzen und Schreck -sprach und forschte aus jeder Miene, der Adel und die Studirenden -wollten den ehrwürdigen Greis, der so tief erschüttert schien, trösten -und unterstützen, als Antonio mit gellendem Tone: Zeter! Zeter! schrie, -und die furchtbarste Anklage, die schrecklichste Erzählung begann, die -höllische Kunst, die verworfene Magie des zagenden Sünders aufdeckte, -von sich und Crescentia und ihrem schaudervollen Wiederfinden sprach, so -daß Zorn, Wuth, Verwünschung, Abscheu und Fluch, wie ein stürmendes -Meer, um den Geängsteten tobte und ihn zu vernichten, im Wahnsinn des -Grimmes zu zerreißen drohte. Man sprach von Schergen und Fesseln, die -Inquisitoren nahten, als sich Pietro wie rasend erhub, mit geballten -Fäusten um sich stieß und schlug, und riesenhaft sich auszudehnen -schien. Er trat zu Crescentia's Leichnam, der lächelnd wie das Bild -einer Heiligen dalag, betrachtete sie noch einmal, und ging dann -brüllend und mit funkelnden Augen durch die Menge. Ein neues Entsetzen -ergriff das Volk, man machte dem Ungeheuren Platz, alles wich zurück. So -kam Pietro auf die freie Straße, doch nun besann sich der Pöbel, und mit -Geschrei, Verfluchung und Schimpfreden verfolgte er den Fliehenden, der -in Eil dahin rannte, indem sein Talar ihm weit nachflog, und die goldne -Kette schallend auf Brust und Schultern schlug. Das Gesindel grub die -Steine aus dem Boden und warf nach ihm, da es ihn nicht einholen konnte, -und verwundet, blutend, triefend von Schweiß, die Zähne klappend vor -Angst erreichte Pietro endlich die Schwelle seines Hauses. - -Er verbarg sich in den innersten Gemächern, und der neugierige Beresynth -trat fragend und forschend dem Pöbel und dem Andrang des Volkes -entgegen. Nehmt die Teufelslarve, den Famulus, schrieen alle, zerreißt -den Gottvergessenen, der nie eine Kirche besucht hat! Er wurde in die -Straße geführt und gestoßen, auf seine Fragen, Bitten, auf sein Heulen -und Schreien ward ihm keine Antwort, auch vernahm man in dem stürmenden -Getümmel nichts anders als Flüche und Todesdrohung. Bringt mich ins -Verhör! schrie endlich der Zwerg, da wird meine Unschuld offenbar -werden! Die herbeigerufenen Schergen ergriffen ihn, und führten ihn nach -dem Gefängniß. Alles Volk drängte sich nach. Hier hinein! rief der -Anführer der Häscher, Ketten und Holzstoß warten Deiner. Er wollte sich -losreißen, die Schergen packten ihn und stießen ihn hin und her, der -faßte ihn am Kragen, jener am Arm, der hing sich an sein Bein, um ihn -fest zu halten, ein anderer packte den Kopf, um seiner gewiß zu werden. -Indem sie ihn so unter Geschrei, Fluchen und Lachen hin und wieder -zerrten, fuhren alle plötzlich auseinander, denn jeder hatte nur ein -Kleidungsstück, Aermel, Mütze oder Schuh des Mißgeschaffenen, er selbst -war nirgend zu sehn. Entflohen konnte er nicht seyn, er schien -verschwunden, doch keiner begriff wie. - -Als man Apone's Zimmer erbrochen hatte, fanden ihn die Eindringenden -todt und verblutet auf seinem Bette liegen. Man plünderte das Haus, die -magischen Instrumente, die Bücher, der seltsame Hausrath, alles wurde -den Flammen übergeben, und durch die ganze Stadt erscholl nichts als -Verfluchung des Mannes, den gestern noch alle wie einen Abgesandten der -Gottheit verehrt hatten. Der Abscheu, mit welchem sie sich von dem -Trugbild wendeten, war nun um so größer. - - * * * * * - -Als sich das Getümmel des aufgeregten Volkes etwas beruhigt hatte, wurde -der Leichnam Pietro's still in der Nacht, außerhalb des geweihten -Kirchhofes, beigesetzt. Antonio und Alfonso versöhnten sich wieder, und -schlossen sich dem frommen Theodor an, der zum zweitenmal, mit -Feierlichkeit und einer andächtigen Rede, den Leichnam der schönen -Crescentia in die ihr bestimmte Gruft legen ließ. Antonio konnte nun -nicht länger in Padua bleiben, er wollte seine Vaterstadt wieder -besuchen, um seine Angelegenheiten zu ordnen, und sich dann vielleicht -in einem Kloster aufnehmen zu lassen. Alfonso faßte den Entschluß, nach -Rom zu wallfahrten, wohin der heilige Vater ein Jubeljahr und Ablaß von -Sünden ausgeschrieben hatte. Nicht nur in Italien regte sich alles, -sondern auch aus Frankreich, Deutschland und Spanien kamen viele Züge -von Pilgrimmen an, um diese bis dahin unerhörte Feierlichkeit, dieses -große Kirchenfest in der heiligen Stadt zu begehn. - -Nachdem die Freunde sich getrennt hatten, verfolgte Antonio seine -einsame Bahn, denn er vermied die große Straße, theils um seiner -Schwermuth desto ungestörter nachhängen zu können, theils um die -Schwärme zu vermeiden, die sich auf dem großen Wege drängten, und in den -Nachtlagern beschwerlich fielen. - -So seiner Laune folgend, streifte er durch die Fluren und die Thäler des -Apennins. Einst ging die Sonne unter, und keine Herberge wollte sich -zeigen. Indem die Schatten dichter wuchsen, hörte er seitwärts im Walde -das Glöcklein eines Einsiedlers schallen. Er ging dem Tone nach und -gelangte, als die Dunkelheit der Nacht schon hereingebrochen war, an die -kleine Hütte, zu welcher ein schmaler Steg von Brettern über den Bach in -das Buschwerk hinein führte. Er fand einen alten gebrechlichen Greis in -tiefster Andacht vor einem Crucifixe betend. Der Einsiedler nahm den -Jüngling, der ihn freundlich begrüßte, mit Wohlwollen auf, bereitete ihm -im Felsen, der durch eine Thür von der Einsiedelei getrennt war, ein -Lager auf Moos, und setzte ihm von seinen Früchten, Wasser und etwas -Wein vor. Als Antonio erquickt war, erfreute er sich am Gespräche des -Mönchs, der früher in der Welt gelebt und als Soldat manchen Feldzug -mitgemacht hatte. So war es tiefe Nacht geworden, und der Jüngling begab -sich zur Ruhe, indem ein anderer kranker und schwacher Mönch hereintrat, -der mit dem Einsiedler in Gebeten die Nacht zubringen wollte. - -Als Antonio eine Stunde geruht hatte, fuhr er plötzlich aus dem Schlafe -auf. Ihm dünkte, er vernähme laute Stimmen und Streit. Er richtete sich -empor, und es blieb ihm über das Gezänk und den Wortwechsel kein Zweifel -übrig. Auch die Töne schienen ihm bekannt, und er fragte sich selber, ob -er nicht träume. Er näherte sich der Thüre und entdeckte eine Spalte, -durch welche er in den vordern Raum schauen konnte. Wie erstaunte er, -als er Pietro Abano gewahr wurde, den er für gestorben halten mußte, der -mit zornigen Augen und rothem Antlitz laut sprach und sich in heftigen -Geberden bewegte. Ihm gegenüber stand die Fratze des kleinen Beresynth. -Also Euren Verfolger, rief dieser mit krächzender Stimme, der Euch -unglücklich gemacht, den verliebten frommen Narren, habt Ihr hier in -Eurem Hause? der ist von selbst, wie ein Kaninchen, zu Euch in die Grube -gefallen? Und Ihr zögert noch, ihn abzuschlachten? -- Schweig, rief die -große Figur, ich habe mich schon mit meinen Geistern berathen, sie -wollen nicht einwilligen, ich kann ihm nichts anhaben, denn er ist in -keiner Sünde befangen. -- So schlagt ihn, sagte der Kleine, ohne Eure -Geister, mit Euren eigenen huldreichen Händen todt, so wird ihm seine -Tugend und Sündenlosigkeit nicht viel helfen, und ich müßte ein elender -Diener seyn, wenn ich Euch in so löblicher That nicht beistehen sollte. --- So laß uns, rief Pietro, an das Werk gehn, nimm den Hammer Du, ich -führe das Beil, jetzt schläft er fest. -- Sie näherten sich der Thür, -doch Antonio riß diese auf, um den Bösewichtern muthig entgegen zu -treten. Er hatte sein Schwert gezogen, aber er blieb wie eine Bildsäule, -mit aufgehobenem Arme stehn, als er zwei kranke, gebrechliche Einsiedler -auf den Knieen vor dem Kreuze liegend fand, die ihre Gebete murmelten. -Wollt Ihr etwas? fragte ihn sein Wirth, der sich mühsam vom Boden erhob. -Antonio konnte verwundert keine Antwort geben. Warum das Schwert? fragte -der gebückte, schwache Eremit; wozu diese feindlichen Blicke? Antonio -zog sich zurück mit der Entschuldigung, daß ihn ein böser Traum -erschreckt und geängstigt habe. Er konnte nicht wieder einschlafen, so -verstört waren seine Sinne. Da vernahm er wieder deutlich Beresynths -krähende Stimme, und Pietro sagte mit vollem klaren Tone: laß ab, denn -Du siehst, er ist bewaffnet und gewarnt, er wird sich dem Schlafe nicht -von neuem überlassen. -- Wir müssen ihn überwältigen! schrie der Kleine, -da er uns nun wieder erkannt hat, sind wir ja auf alle Weise verloren! -Der Knecht giebt uns morgen der Inquisition an, und das Volk ist auch -dann gleich mit dem Verbrennen bei der Hand. - -Durch die zerrissene Thür erkannte er die beiden Zauberer. Er stürzte -wieder mit gezogenem Schwerte hinein, und fand wieder zwei kranke Alte, -im Gebete flehend, am Boden liegen. Erbittert über die Truggestalten -ergriff er sie in seine Arme, und rang kräftig mit ihnen, sie wehrten -sich verzweifelnd, bald war es Pietro, bald der Eremit, bald das -Gespenst Beresynth, bald ein kranker Greis. Unter Geschrei, Toben, -Fluchen und Wehklagen gelang es ihm endlich, sie aus der Zelle zu -werfen, die er dann fest verriegelte. Nun hörte er draußen Gewinsel, -Bitten und Aechzen, dazwischen ein Flüstern von vielen Stimmen, Gesang -und Geheul, nachher schien Regen und Sturm sich aufzumachen und ein -fernes Gewitter grollte zwischen das mannigfache Getöse. Betäubt schlief -endlich Antonio, auf sein Schwert gelehnt, vor dem Crucifixe ruhend ein, -und als ihn der kalte Morgenwind erweckte, fand er sich auf der höchsten -Spitze einer schmalen Klippe, mitten im dicken Walde wieder, und -glaubte, hinter sich ein Hohngelächter zu vernehmen. Nur mit -Lebensgefahr gelang es ihm, von der schroffen Höhe hinab zu klimmen, -indem er die Kleider zerriß und Antlitz und Hand und Fuß verwundete. -Mühselig mußte er durch die Wälder irren, kein Mensch war zu errufen, -keine Hütte, so oft er auch die Anhöhe bestieg, weit umher zu entdecken. -Erst in der Nacht traf er, von Müdigkeit, Hunger und Erschöpfung -aufgelöst, auf einen alten Köhler, der ihn in seiner kleinen Hütte -erquickte. Er erfuhr, daß er von jener Einsiedelei, die er gestern -getroffen hatte, wohl zwölf Meilen und mehr entfernt sei. Erst spät am -folgenden Tage konnte er, etwas gestärkt und ermuntert, seine Reise nach -Florenz wieder fortsetzen. - - * * * * * - -Antonio hatte sich nach Florenz begeben, um seine Verwandten und sein -väterliches Haus wieder zu besuchen. Er konnte sich nicht entscheiden, -welchen Lebenslauf er beginnen sollte, da ihm alles Glück des Daseins so -treulos geworden war, da sich die Wirklichkeit ihm nur als ein wilder -Traum erwiesen hatte. Er ordnete seine Angelegenheiten und ergab sich in -dem großen väterlichen Palaste dem Gram, um in jener Grotte, in den -wohlbekannten Zimmern sein Unglück und das seiner Eltern sich recht -lebhaft zu vergegenwärtigen. Er gedachte jener scheußlichen Hexe, die in -sein Verhängniß verflochten, und jener Crescentia, die ihm eben so -wunderbar wie seine Braut erschienen und wieder verschwunden war. Hätte -er nur irgend eine Hoffnung fassen können, so wäre es ihm möglich -gewesen, sich mit dem Leben wieder auszusöhnen. Endlich ging ihm der -Wunsch, wie ein blasser Stern, in seiner Seele auf, nach Rom zu -wallfahrten, welches er noch nicht kannte, dort an den Gnaden der -Gläubigen Theil zu nehmen, die berühmten Kirchen und Heiligthümer zu -besuchen, sich in der wogenden Volksmenge, in dem Gedränge der -unzähligen Fremden, die aus allen Theilen der Erde dorthin zogen, zu -zerstreuen, und seinen Freund Alfonso auszuforschen. Er vermuthete auch, -den alten Ambrosio in der großen Stadt anzutreffen, sich von diesem -Leidenden, der ihm Vater hatte werden wollen, trösten zu lassen, und dem -Bekümmerten wohl auch Trost gewähren zu können. Mit diesen Gesinnungen -und Erwartungen machte er sich auf den Weg und langte nach einiger Zeit -in Rom an. - -Er erstaunte, als er in die große Stadt eintrat. So hatte er sich ihre -Macht, ihre Denkmäler, und das Getümmel der unzähligen Fremden nicht -vorgestellt. Hier war es ein Wunder zu nennen, einen Freund oder -Bekannten aufzufinden, wenn man seine Wohnung nicht schon genau -bezeichnen konnte. Und doch begegnete ihm dieser wunderbare Zufall, daß -er den Ambrosio plötzlich antraf, indem er das Kapitol hinaufsteigen -wollte, von welchem der Alte niederschritt. Der Podesta nahm ihn -sogleich mit in seine Wohnung, in welcher Antonio die trauernde Mutter -begrüßte. Der Ruf von dem seltsamen Ende Pietro's, von der -Wiederbelebung Crescentia's und ihrem Hinscheiden war schon bis Rom -erschollen, diese wunderbare Geschichte war im Munde aller Pilger, -entstellt, mit verworrenen Zusätzen und Widersprüchen, von der -oftmaligen Wiederholung bis zu ihrem eigenen Gegentheil ausgebildet. Die -Eltern hörten mit Freude und Schmerz die Begebenheit aus Antonio's -Munde, so furchtbar das Entsetzen auch beide, vorzüglich die Mutter, -ergriff, die mit Abscheu den alten scheinheiligen Magier verwünschte, -von dem sie in ihrer Erbitterung selbst zu glauben schien, daß er den -Tod ihrer Tochter, vielleicht sogar von der Familie Markoni erkauft, -herbeigeführt habe, um die Leiche nur wieder zu seinem wahnsinnigen -Frevel erwecken zu können. - -Ueberlassen wir, sagte der Alte, alles dem Himmel; was geschah und -stadt- und landkundig wurde, ist erschrecklich genug, um nicht andere, -die doch vielleicht unschuldig sind, in diese ungeheure Bosheit zu -verwickeln. Mag es sich mit den Markonis verhalten, wie es wolle, so bin -ich wenigstens dahin entschlossen, ihnen das Erbe meines Vermögens zu -entziehen. Durch meine Beschützer hier werde ich es möglich machen, -meine Besitzungen Klöstern oder frommen Stiftungen zu übertragen, und -mein Lebensüberdruß bewegt mich vielleicht, selbst als Mönch oder -Klausner mein Leben zu enden. - -Wie aber, wandte die Mutter mit Thränen ein, wenn es doch noch möglich -wäre, jene zweite Crescentia, von der uns Antonio erzählt hat, wieder -aufzufinden? Das Kind wurde mir in Deiner Abwesenheit auf eine -unbegreifliche Art geraubt, jene Hexe, die die Markonis in jener Nacht -genannt hat, die Aehnlichkeit, alles, alles trifft ja so seltsam -überein, daß wir die Hoffnung, das allerhöchste Gut des Lebens, nicht zu -früh, nicht übereilt aus Verzweiflung aufgeben sollen. - -Gute Eudoxia, sagte der Vater, laß, laß alle jene Träume, Sagen und -Einbildungen fahren, für uns ist auf dieser Erde nichts mehr gewiß, als -der Tod, und daß dieser fromm und sanft sei, müssen wir wünschen und vom -Himmel erflehen. - -Und wenn nun nachher, und zu spät, rief die Mutter aus, unser armes -verwaistes Kind sich wieder finden sollte, dürfte uns die Unglückselige -nicht mit Recht schelten, daß wir der Barmherzigkeit des Himmels nicht -vertraut, und ihr Wiederkommen mit etwas mehr Ruhe und Geduld abgewartet -haben? - -Ambrosio warf einen finstern Blick auf den Jüngling und sagte dann: es -gehört noch zur Vergrößerung unsers Elends, daß Ihr die Arme mit Euren -kranken Einbildungen angesteckt, und ihr dadurch die letzte Ruhe des -Lebens geraubt habt. - -Wie meint Ihr das? fragte Antonio. - -Junger Mann, antwortete der Vater, schon seit jenem Ritt durch Feld und -Wald, wo Ihr mir jenes Mährchen aufgeheftet, das Euch in der vorigen -Nacht begegnet seyn sollte -- - -Herr Ambrosio! rief Antonio, und seine Hand fiel unwillkührlich auf sein -Schwert. - -Laßt das, fuhr der Alte gelassen fort, fern sei es von mir, Euch einer -Lüge bezüchtigen zu wollen, ich kenne ja seit lange Euren Edelmuth, wie -Eure Wahrheitsliebe. Aber ist es Euch denn nicht, armer Jüngling, ohne -meine Erinnerung beigefallen, daß seit jener Nacht, als Ihr dem Sarge -meiner Tochter begegnetet, die Ihr am folgenden Tage als Braut -heimzuführen gedachtet, Eure Sinne in Unordnung gerathen sind, Eure -Vernunft geschwächt ist? In der einsamen Nacht, im Gewitter, in -aufgeregter Leidenschaft, glaubtet Ihr die Gestorbene wieder zu sehen, -daran knüpfte sich die Erinnerung an Euren unglücklichen Vater, an Eure -früh gestorbene Mutter. So entstanden Euch jene Gebilde, und setzten -sich in Eurem Gehirn fest. Fanden wir denn wohl eine Spur jener Hütte? -Wußte uns irgend ein Mensch in der Umgegend von jenen getödteten -Bewohnern zu sagen? Jenes furchtbare Erscheinen meiner wahren Tochter, -an welches ich wohl glauben muß, ist allein hinreichend, auch das -kälteste Gefühl bis zum Wahnsinn zu treiben, und soll ich mich nun -verwundern, wenn Ihr wieder etwas Unmögliches erlebt haben wollt, daß -Ihr im Gebirge den gestorbenen Pietro wiedergefunden, und ihn nicht -erkannt habt, daß jenes fast lächerliche Gaukelspiel mit Euch -vorgenommen sei, das Ihr uns eben so bestimmt erzählt habt? Nein, junger -Freund, Gram und Schmerz haben Euren gesunden Sinn zerrüttet, daß Ihr -nun Dinge seht und glaubt, die nicht in der Wirklichkeit sind. - -Antonio war verlegen und wußte nicht, was er antworten sollte. Wie sehr -ihn der Verlust seiner Geliebten in allen seinen Seelenkräften -erschüttert hatte, so war er sich doch der erlebten Begebenheiten zu -deutlich bewußt, um sie auf diese Weise in Zweifel ziehen zu können. Er -fühlte einen neuen Trieb zur Thätigkeit, er wünschte wenigstens darthun -zu können, daß die Geschichte jener Nacht kein Traumbild, daß jene -zweite Crescentia ein wirkliches Wesen sei, und darum war es sein -lebhaftester Wunsch, sie wiederzufinden, um sie den trauernden Eltern -zurück zu geben, oder Ambrosio wenigstens beschämen zu können. In dieser -Stimmung verließ er den alten Freund, und streifte durch die Stadt, -allenthalben vom Gewühl des Volks gedrängt und vom mannigfaltigen -Geschrei, Fragen und Erzählen in allen Sprachen betäubt. So war er von -den Massen geschoben und gestoßen bis zum Lateran fortgetrieben worden, -als er ganz deutlich, aber fern, so wie sich zu Zeiten das Gewühl etwas -öffnete, jene häßliche Alte wahrzunehmen glaubte, die Mutter des schönen -Mädchens, die ebenfalls Crescentia genannt wurde. Er strebte nun in ihre -Nähe zu kommen, und es schien ihm schon zu gelingen, als ein -entgegenströmender Zug von Pilgern ihn wieder völlig von jener -Erscheinung abschnitt, und alles weitere Vordringen unmöglich machte. -Indem er am heftigsten kämpfte und sich auf die Stufen des Tempels des -heiligen Johannes empor arbeitete, um weiter um sich sehn zu können, -fühlte er einen freundlichen Schlag einer Hand auf seiner Schulter, und -eine bekannte Stimme nannte seinen Namen. Es war der Spanier Alfonso. So -finde ich Dich also genau an der Stelle, sagte er freudig, wo ich Dich -zu finden hoffte? - -Wie meinst Du das? fragte Antonio. - -Laß uns nur aus dem Gedränge und dieser Strömung kommen, rief jener, -hier vernimmt man vor tausendfältigem Sprechen, und vor dem Gesumme der -ungeheuren babylonischen Verwirrung kein Wort. - -Sie begaben sich in das Gefilde, und hier eröffnete ihm Alfonso, daß, -seitdem er sich in Rom befinde, er sich der Wissenschaft der Astrologie, -der Wahrsagekunst und ähnlichen Dingen ergeben habe, die er vormals -gehaßt, weil er der Ueberzeugung gewesen, sie könnten nur durch -verdammliche Mittel und Hülfe der bösen Geister errungen werden. Seit -ich aber, fuhr er fort, die Bekanntschaft des unvergleichlichen Castalio -gemacht habe, erscheint mir dies Wissen in einem gar höheren und -verklärteren Lichte. - -Ist es möglich, rief Antonio aus, daß nach jener furchtbaren Begebenheit -in Padua Du Deine Seele doch wieder der Gefahr bloß stellen kannst? Dir -leuchtet nicht ein, daß dasjenige, was auf natürlichem Wege und mittelst -der Vernunft zu erreichen steht, nicht der Mühe verlohnt, weil es -geringfügige Künste sind, die nur Scherz und Gelächter veranlassen -können; alles Höhere aber, welches nicht auf leere Täuschung hinausgeht, -allerdings nur durch böse und verdammliche Kräfte aufzuregen ist? - -Eifern, sagte der Spanier, ist kein Beweisen; wir sind noch zu jung, um -unsere Natur ganz zu verstehn, viel weniger die übrige Welt und alle -Geheimnisse zu fassen. Siehst Du den Mann, dem ich so viel zu verdanken -habe, so werden alle Deine Zweifel verschwinden. Fromm, einfach, ja -kindlich, wie er ist, leuchtet uns aus jedem seiner Blicke das schönste -Vertrauen entgegen. - -Und wie war es mit jenem Apone? warf Antonio ein. - -Der, erwiederte der Freund, wollte ja doch wie ein überirdisches Wesen -auftreten, er bestrebte sich mit Kunst und Bewußtsein, als ein -Abgesandter des Himmels zu erscheinen, und mit erkünsteltem Glanz die -gewöhnlichen Söhne der Menschen zu blenden. Er erfreute sich des Pompes, -er ließ sich zwar herab, aber nur, um den ungeheuren Abstand zwischen -ihm und uns noch fühlbarer zu machen. Schwelgte er nicht in der -Bewunderung, die ihm Vornehm und Gering, Jugend und Alter zollen mußten? -Aber mein jetziger Freund (denn das ist er, weil er sich mir ganz gleich -stellt) will nicht groß und erhaben erscheinen, er belächelt dies -Bestreben so vieler Menschen, und meint, schon dies leiste Gewähr, daß -etwas Unächtes, Gebrechliches verhüllt werden solle, denn ein klares -Bewußtsein wolle nur gelten als das, was es sich fühlt, und der größte -der Sterblichen müsse sich ja doch gestehn, daß er eben so, wie der -blödsinnige Bettler auch, nur ein Sohn des Staubes sei. - -Du machst mich begierig, sagte Antonio: er kennt also Zukunft und -Vergangenheit? Die Schicksale der Menschen? Und weiß mir zu sagen, wie -glücklich oder unglücklich noch meine Verhängnisse seyn werden? Ob -gewisse, geheimnißvolle Wünsche sich erfüllen können? Kann er denn -errathen und entziffern, was mir selbst in meiner eigenen Geschichte -undeutlich ist? - -Das eben ist seine Weisheit, sagte Alfonso begeistert, daß er durch -Buchstaben und Zahlen auf die einfachste und unschuldigste Weise alles -erfährt, wozu jene Unglückseligen Beschwörungen, Formeln, Heulen, -Geschrei und Todesangst anwenden müssen. Darum findest Du auch jenen -widerwärtigen Zauberapparat nicht bei ihm: keine Kristalle und -eingesperrte Geister, keine Spiegel und Gerippe, kein Rauchwerk und -keine fratzenhaften Phantome, sondern er ist sich selbst genug. Ich -sagte ihm von Dir, und er fand in seiner Rechnung, daß ich Dich heut, in -dieser Stunde auf den Stufen der Lateranskirche ganz gewiß antreffen -würde. So ist es nun auch in derselben Minute geschehn. - -Antonio wurde begierig, den wunderbegabten Mann kennen zu lernen, und -von ihm sein eigenes Schicksal zu erfahren. Sie speisten in einem Garten -und gingen gegen Abend zur Stadt zurück. Die Straßen waren etwas mehr -beruhigt, sie konnten ungestörter ihren Weg fortsetzen. In der Dämmerung -kamen sie in die Gassen, die sich eng hinter dem Grabmal des Augustus -zogen. Sie schritten durch ein Gärtchen: ein freundliches Licht -schimmerte ihnen aus den Fenstern eines kleinen Hauses entgegen. Sie -zogen die Glocke, die Thür öffnete sich, und mit den sonderbarsten und -gespanntesten Erwartungen trat Antonio mit seinem Freunde in den Saal. - - * * * * * - -Antonio war verwundert, einen schlichten, nicht großen jungen Mann vor -sich zu sehen, der noch, dem Anschein nach, nicht viel über dreißig -Jahre alt seyn konnte. Mit einfacher Geberde begrüßte er den -eintretenden Jüngling wie einen alten Bekannten. Seid mir willkommen, -sprach er mit wohllautender Stimme, Euer spanischer Freund hat mir so -viel Gutes von Euch gesagt, daß ich mich schon längst auf Euren Umgang -gefreut habe. Nur müßt Ihr freilich nicht wähnen, daß Ihr zu einem -Weisen, zu einem Adepten gekommen seid, oder gar zu einem Manne, vor -welchem die Hölle in ihren Grundfesten zittert, sondern Ihr findet hier -einen Sterblichen, wie Ihr seid und werden könnt, so wie jeder, den die -ernsten Studien und die Entfernung vom eitlen Weltgetümmel nicht -abschrecken. - -Antonio fühlte sich wohl und behaglich, so sehr er auch überrascht war, -er musterte die Stube, die, außer einigen Büchern und einer Laute, -nichts Ungewöhnliches aufwies. Er verglich in Gedanken dieses kleine -Haus und seinen schlichten Bewohner mit dem Palaste und Gepränge, den -Instrumenten und den Geheimnissen seines ehemaligen Lehrers und sagte: -freilich sieht man hier keine Spuren jener hohen und geheimen Weisheit, -die mir mein Freund gerühmt und in welcher Ihr untrüglich seyn sollt. - -Castalio lachte herzlich und sagte dann: Nein, mein junger Freund, nicht -untrüglich, denn so weit kommt kein Sterblicher. Seht Euch nur um, -dieses ist mein Wohnzimmer, dort in jener kleinen Kammer steht mein -Bett; hier ist weder Raum noch Möglichkeit, trügerische Anstalten zu -verbergen, oder künstliche Maschinen in Thätigkeit zu setzen. Alle jene -Kreise, Gläser, Himmelsgloben und Sternbilder, die jene Beschwörer zu -ihren Künsten nöthig haben, finden hier keinen Platz, und jene Elenden -werden auch nur vom Geist der Lüge hintergangen, weil sie die Kräfte -ihres eignen Geistes nicht wollen kennen lernen. Wer aber in die Tiefen -seiner Seele, von Demuth und frommen Sinn geleitet, steigt, wem es Ernst -ist, sich selbst zu erkennen, der findet auch hier alles, was er -vergebens durch künstliche und verzweifelte Mittel von Himmel und Hölle -erzwingen will. »Werdet wie die Kinder!« In diesem Aufruf liegt das -ganze Geheimniß verborgen. Ist unser Gemüth ungefälscht, können wir, -wenn auch nur auf Stunden und Augenblicke, das wieder von uns werfen, -welches unsre ersten Eltern mit frevlem Muthwillen an sich zogen, so -wandeln wir wieder im Paradiese und die Natur mit allen ihren Kräften -tritt wie damals, im bräutlichen Jugendalter der Welt, dem verklärten -Menschen entgegen. Ist denn unser Geist nicht eben dadurch Geist, daß -körperliche Schranken, verwirrender Raum und Zeit, ihn nicht hemmen -sollen? Er schwingt sich ja schon, von Sehnsucht und Andacht beflügelt, -über alle Sternenräume hinaus, nichts hemmt seinen Flug, als jene -Erdengewalt, die sich in der Sünde erst auf ihn geworfen, und ihn zu -ihrem Knechte gemacht hat. Diese können und sollen wir aber wieder -bezwingen, durch Gebet, durch Zerknirschung vor dem Herrn, durch -Erkennen unsrer großen Schuld und durch ungemessene Dankbarkeit für -seine überschwengliche Liebe, und dann sehn und hören wir, was sich uns -durch Raum und Zeit entzieht, wir sind dort und hier, die Zukunft tritt -heran, und schüttet, so wie die Vergangenheit, ihre Geheimnisse vor uns -aus, das ganze Reich des Wissens, Begreifens steht uns offen, die -himmlischen Kräfte werden freiwillig unsre Diener; und dennoch ist dem -ächten Weisen Ein Blick in die Geheimnisse der Gottheit, Eine Rührung -seines Herzens, indem er ihre Liebe fühlt, mehr und wünschenswerther, -als alle Schätze, die sich dem forschenden Geiste bieten, als alle -Enthüllungen der Geschichte und Gegenwart, als die Kniebeugungen von -tausend Engeln, die ihn ihren Meister nennen wollen. - -Alfonso sah seinen Freund mit begeisterten Blicken an, und Antonio -konnte sich nicht erwehren, sich zu gestehn, daß ihm hier im Gewande -einfacher Demuth mehr entgegen komme, als ihn aus Apone's Munde, zur -Zeit seiner größten Verehrung des prunkenden Weltweisen, jemals -angesprochen hatte. Faßte er doch jetzt die Ueberzeugung, daß die -Weisheit, welche man die übernatürliche nennt, sich wohl mit Frömmigkeit -und der völligen Ergebung in den Herrn vereinigen lasse. - -Wißt Ihr nun von meinen Schicksalen? fragte der Jüngling bewegt; könnt -Ihr mir von meiner Zukunft etwas sagen? - -Wenn ich das Jahr, den Tag und die Stunde Eurer Geburt weiß, antwortete -Castalio, mit dem Horoskop, das ich dann stelle, die Lineamente Eures -Antlitzes und die Züge Eurer Hand vergleiche, nachher mit meinem freien -Geiste mich der Anschauung ergebe, so zweifle ich kaum, Euch etwas davon -offenbaren zu können. - -Antonio übergab ihm ein Taschenbuch, in welchem sein Vater selbst seine -Geburtsstunde bemerkt hatte. Castalio schenkte den Jünglingen Wein ein, -indem er selber ein wenig von diesem genoß, schlug einige Bücher auf und -setzte sich alsdann zum Rechnen nieder, ohne nebenher seine Gespräche -mit den Jünglingen völlig abzubrechen. Es schien nur, als wenn der junge -heitre Mann ein ganz gewöhnliches Geschäft vornehme, das bei weitem -nicht seine ganze Aufmerksamkeit erfordere. So mochte unter Lachen und -fröhlichen Gesprächen eine Stunde verflossen seyn, als Castalio aufstand -und Antonio zu sich in ein Fenster winkte. Ich weiß nicht, fing er an, -wie viel Ihr Eurem Freunde dort vertraut, was Ihr ihm etwa verschweigen -wollt. Er betrachtete hierauf Antonio's Gesicht, so wie seine Hände sehr -aufmerksam, und erzählte ihm dann zusammenhängend die Geschichte und das -Unglück seiner Eltern, den frühen gewaltsamen Tod der Mutter, die -verirrte Leidenschaft des Vaters, dessen Ermordung durch seinen -frevelhaften Mitschuldigen: hierauf kam er auf Antonio's eigne -Begebenheiten, wie er den Mörder gesucht und verfolgt, und selbst von -einer Leidenschaft in Padua sei festgehalten worden. Ihr seid also, -beschloß er, was ich nicht ohne Erstaunen erfahren habe, jener Jüngling, -der jüngst die Bosheit des verruchten Apone auf wunderbare Weise -entdeckt hat, der den Schändlichen seiner Strafe überlieferte, obgleich -er selbst nur um so unglücklicher wurde, weil er seine Geliebte zweimal -auf entsetzliche Weise verlieren mußte. - -Antonio bestätigte dem freundlichen Manne alles, und hatte ein solches -Zutrauen zu ihm gewonnen, daß es ihm war, als wenn er nur mit sich -selber spräche. Er erzählte ihm hierauf noch von den Abentheuern jener -Nacht, der zweiten Crescentia und jener widerlichen Hexe, die ihm, wie -er glauben müsse, heute von neuem erschienen sei. Könnt Ihr mir nun, -fragte er eifrig, sagen, ob dieses Wahrheit sei, wer jene Crescentia -ist, ob ich sie wiedersehn und ihren Eltern zuführen werde? - -Castalio war nachdenklicher als zuvor. Wenn jener abentheuerliche -Beresynth, die Fratze, welche den Zauberer begleitete, sich nicht als -Weib verstellt hat, um den Nachforschungen zu entgehn, so getraue ich -mir dieses Weib aufzufinden. Geduldet Euch nur bis morgen und ich sage -Euch Bescheid. Uebrigens sind die Begebenheiten jener Nacht keine -Phantasien Eures Innern, sondern Wirklichkeit gewesen, damit mögt Ihr -fürs Erste Euch und Euren ältern Freund beruhigen. - -Nachdenkend verließen die jungen Leute den wunderbaren Mann, und Antonio -dankte dem Spanier herzlich, daß er ihm diese Bekanntschaft verschafft -hatte. - - * * * * * - -Antonio hatte sich aber nicht getäuscht. Es war wirklich die Alte, die -er im Gedränge wahrgenommen hatte. Sie wohnte in einer kleinen Hütte, -hinter verfallenen Häusern, unweit des Laterans. Verfolgt, dürftig, von -aller Welt verlassen, gehaßt und gefürchtet, war sie hier, im -Aufenthalte des Elendes, der Verzweiflung nahe. Sie wagte es nur selten, -sich zu zeigen, und war auch nur an diesem Tage gezwungen worden, -auszugehn, um ihre Crescentia, die ihr entlaufen war, wieder zu finden. -Da jedermann ihr scheu aus dem Wege ging, da es ihr selbst schwer wurde, -nur hie und da ein Almosen zu erhalten, und ihre ehemaligen Künste keine -Liebhaber fanden, so war sie nicht wenig erstaunt, als sie am Abend an -ihre Thür klopfen hörte, indem draußen Geschrei und Lärmen tobte. Sie -nahm ihre Lampe und machte auf, und sah draußen ein Rudel Gassenjungen -und Pöbel, die eine kleine bucklige Figur, die in rothem Sammet mit Gold -phantastisch gekleidet war, verfolgten. Wohnt hier nicht die würdige -Frau Pankrazia? schrie der mißgestalte Zwerg. -- So ist es, sagte die -Alte, indem sie mit Gewalt die Thür zuschlug und das Volk draußen mit -Schimpfreden zu vertreiben suchte. -- Wer seid Ihr? würdiger Herr, was -sucht Ihr bei einer alten verlassenen Frau? - -Setzt Euch nieder, sagte der Kleine, und zündet etwas mehr Licht an, -damit wir uns schauen und betrachten können, und weil Ihr Euch arm -nennt, so nehmt diese Goldstücke, und wir wollen auf bessere -Bekanntschaft ein Gläschen Wein mit einander leeren. - -Die Alte schmunzelte, zündete einige Wachskerzen an, die sie in einer -Schieblade verwahrte und sagte: ich habe noch ein Fläschchen guten -Florentiner, ehrwürdiger Herr, der uns schmecken soll. Sie öffnete einen -kleinen Schrank und setzte die rothe Labung auf den Tisch, dem -Unbekannten zuerst einschenkend. - -Warum nennt Ihr mich ehrwürdig? fragte dieser. - -Sagen es die Goldstücke nicht aus, antwortete sie, Euer Wamms, die -Tressen darauf, die Feder auf dem Hut? Seid Ihr kein Prinz, kein Magnat? - -Nein, schrie der Kleine: ei poz tausend, Muhme, kennt Ihr mich denn gar -nicht? hat man mir doch schon in der Jugend damit schmeicheln wollen, -daß wir uns einigermaßen ähnlich sehen, und wahrlich, wenn ich so Eure -Statur, Physiognomie, den Ausdruck, das Lächeln und das Blinzeln der -Augen unpartheiisch betrachte und erwäge, so sind die Muhme Pankrazia, -aus dem Hause Posaterrena aus Florenz, und der kleine Beresynth, aus der -Familie Fuocoterrestro aus Mailand, so in Verwandtschaftszügen, wie -Muhme und Vetter, sich ähnlich genug. - -Jemine! schrie die Alte erfreut, so seid Ihr der Beresynth aus Mailand, -von dem ich in meiner Kindheit wohl habe reden hören? Ei! ei! so muß ich -so spät, im hohen Alter, noch einen so liebwerthen Vetter von Angesicht -zu Angesicht kennen lernen! - -Ja, sagte der Kleine, recht von Nase zu Nase, denn die aufgeworfene hohe -Schanze ist doch das größte Knochenstück in unsrem Gesicht. Curiosität -halber, liebe Muhme, probiren wir einmal, ob wir uns wohl einen -vetterlichen Kuß geben können. -- Nein, pur unmöglich, die weit -ausgestreckten Vorgebirge rasseln gleich aneinander, und schließen unsre -demüthigen Lippen von jeder sanften Begrüßung aus. Man müßte mit beiden -Fäusten die edlen Römernasen seitwärts zwängen. So. Laßt nicht -abschnappen, Frau Muhme, ich möchte eine Ohrfeige kriegen, daß mir die -letzten Zähne ausfielen. - -Unter herzlichem Lachen rief die Alte: Ei! so fröhlich bin ich lange -nicht gewesen. Was wollte man denn von Euch da draußen, Vetter? - -Was? schrie der Kleine: mich ansehn, sich über mich freuen, weiter -nichts. Ist der Mensch nicht, werthgeschätzte Frau Muhme, eine ganz -dumme Figur? Hier in Rom sind nun seit Monaten Hunderttausende -versammelt, ihrem Erlöser zu Ehren, so wie sie vorgeben, und ihre Sünden -abzubüßen, und, so wie ich nur aus dem Fenster kucke (ich bin erst seit -vorgestern hier), sei es auch nur in der Schlafmütze, oder gar mit -ganzer Figur und in meinem besten Anzuge auf den Markt hinaus trete, so -müßte man doch schwören, daß das ganze Gezeug bloß meinetwegen von allen -Ecken Europa's ausgezogen sei, so kucken, äugeln, forschen, fragen sie, -lachen und freuen sich. Reich, so scheint es, könnte ich werden, wenn -ich mich die Zeit hier für Geld wollte sehen lassen, und wenn ich ihnen -nun einmal umsonst die Freude mache, so schreit und lärmt das dumme Volk -hinter mir drein. Eine Meerkatze, Affen oder Seehunde zu beschauen, -müßten sie sich in Unkosten setzen, und statt meine Großmuth ruhig und -wie gesetzte Leute zu genießen, tobt und schimpft der Pöbel um mich her, -und sucht alle Ekelnamen aus der Naturgeschichte zusammen, um seine -krasse Ignoranz an den Tag zu geben. - -Ja wohl, ja wohl, seufzte die Alte: es geht mir nicht besser. Sind die -Thiere wohl so dumm? Da mag einer Nase, Augen und Kinn nach Gutdünken -haben, und es geht ihm ruhig hin. - -Seht nur die sonst einfältigen Fische an, fuhr Beresynth fort, welche -philosophische Toleranz! Und unter denen sind manche Kerle doch ganz -Schnauze, und halten den Forschern der Tiefe eine Physiognomie entgegen, -ernst, kalt, ruhig im Bewußtsein ihrer Originalität, und umher krümmelt -und wimmelt es von andren seltsamen Angesichtern, Kiefern, Zähnen, -vorgequollnen Augen und von frappantem Ausdruck aller Art, aber ruhig -und still wandelt jedes Ungeheuer dort seinen Gang, ungeschoren und -unmolestirt. Nur der Mensch ist so thöricht, daß er über das -Nebengeschöpf lacht und spottet. - -Und worauf, sagte die Alte, läuft denn nun der mächtige Unterschied -hinaus? Ich habe doch noch keine Nase gesehn, die nur eine einzige Elle -lang wäre, ein Zoll, höchstens zwei, kaum drei ist der Unterschied -zwischen der sogenannten Mißgeburt und dem, was sie Schönheit nennen. -Und auf den Höcker zu kommen. Wenn er im Bett nicht manchmal unbequem -wäre, nicht wahr, so ist er eigentlich viel angenehmer, als so ein -dummer, gerader Rücken, wo sich bei manchem großgewachsenen Schlingel -die langweilige gerade Linie, ohne Verzierung und Schnörkel, bis ins -Unermeßliche hinauf erstreckt. - -Recht habt Ihr, Frau Muhme, rief der schon trunkne Beresynth der -Trunknen entgegen. Was macht denn die Natur, wenn sie solche gerade -Katze, solche sogenannte Schönheit von der Töpferscheibe laufen läßt? -Das ist ja kaum der Mühe werth, die Arbeit nur anzufangen. Aber solche -Kabinetstücke, wie wir, da kann die schaffende Kraft, oder das -Naturprinzip, oder Weltgeist, oder wie man das Ding nennen will, doch -mit einer gewissen Beruhigung und Befriedigung seine Produktion -anschauen. Das rundet sich doch, das bricht in merkwürdige Ecken aus, -das zackt sich wie Korallen, springt hervor in Kristallen, formirt sich -wie Basalt, und rennt und springt und hüpfelt in allen Linien um unsern -Körper. Wir, Base, sind die verzognen, verhätschelten Kinder der -Formation, und darum ist der Pöbel der Natur auch so boshaft und -neidisch auf uns. Das schlanke miserable Wesen gränzt an den kläglichen -Aal, da ist keine Auferbauung. Von der dummen Figur zur Seespinne ist -schon sehr weit, und wie fern dann Meerkalb, wie übertreffen wir dieses, -so wie den Seestern, Krebs und Hummer, getreuste Cousine, mit unsern -Abnormitäten, die sich in keine Rechnung bringen lassen. -- Wo habt Ihr -nur die herrlichen beiden Zähne her? Diese unvergleichlichen Mordanten -figuriren so recht schwarz und düster in der tiefsinnigen Fugirung Eures -unergründlichen Mundes. - -O Schäker, o Schmeichler, lachte die Alte, aber Euer liebes Kinn, das -sich so huldreich und dienstfertig hervordrängt und tischartig umbeugt. -Könntet Ihr nicht einen ziemlichen Teller bequem darauf setzen, und von -ihm ungestört mit den Lippen herunter naschen, indessen Eure Hände -anderswo Arbeit suchten? Das nenne ich ökonomische Einrichtung. - -Wir wollen uns nicht durch Lobeserhebungen verderben, sagte der Zwerg, -sind wir ja doch schon auf unsre Vorzüge eitel genug, die wir uns nicht -selbst gegeben haben. - -Ihr habt Recht, sagte sie, aber, was treibt Ihr, Vetter? Wo lebt Ihr? - -Kurios genug, antwortete Beresynth, bald hier, bald dort, wie ein -Vagabund; jetzt aber will ich mich zur Ruhe setzen, und da ich hörte, -daß noch eine nahe Verwandte von mir lebte, so wollte ich die aufsuchen, -und sie bitten, mit mir zu ziehn. So komm ich zu Euch. In meiner Jugend -war ich Apotheker in Calabrien, da jagten sie mich fort, weil sie -meinten, ich fabrizire Liebespulver. Du liebe Zeit! als wenn es deren -noch bedürfte. Dann war ich einmal Schneider, es hieß, ich stöhle zu -arg; als Pastetenbäcker wieder die Beschuldigung, daß ich Katzen und -Hunden nachstellte. Ich wollte Mönch werden, aber kein Kloster wollte -mich einlassen. Als Doctor sollt' ich verbrannt werden, denn sie -sprachen gar von Hexerei. Ich wurde gelehrt; schrieb, dichtete, das Volk -meinte, ich lästre Gott und die Christenheit. Nach vielen Jahren kam ich -zum weltberühmten Pietro Apone, und wurde dessen Famulus, nachher -Eremit, und was nicht Alles; am besten, daß ich in jedem Stande Geld -gemacht und zurückgelegt habe, so daß ich meine alten Tage ohne Noth und -Sorge beschließen kann. -- Und Ihr, Muhme, Eure Geschichte? - -Wie die Eurige, antwortete die Base: man wird immer unschuldig verfolgt. -Ich habe etlichemal am Pranger stehn müssen, aus einigen Ländern bin ich -verwiesen, sie wollten mich unter andern auch verbrennen: es hieß, ich -hexte, ich stöhle Kinder, ich verzauberte die Leute, ich kochte Gift. - -Nicht wahr, sagte Beresynth treuherzig, es war auch etwas an diesem -Gerede? Ich muß es wenigstens von mir bekennen, und vielleicht liegt es -in der Familie, daß ich manche dem ähnliche Künste getrieben habe. Zarte -Freundin, wer einmal vom lieben Hexen ein Bischen weg hat, der kann es -nachher Zeitlebens nicht wieder lassen. Das Ding ist wie mit dem -Weintrinken. Einmal den Geschmack gewonnen, und Zunge, Kehle, Gaumen, ja -Lung und Leber lassen von dem Dinge nicht wieder los. - -Ihr seid ein Menschenkenner, lieber Vetter, sagte die Alte mit -selbstgefälligem Lächeln. So etwas Mord und Hexerei, Gift und Diebstahl -läuft auch beim Unschuldigsten mit unter. Das Kuppeln hat mir nie -einschlagen wollen. Und was soll man sagen, wenn man an eignen Kindern -Undank und Unheil erlebt? Meine Tochter, die nun gesehn hat, wie ich -Hunger und Kummer leiden muß, wie ich mir an meinem alten Munde -absparte, um sie nur schön in Kleidung zu setzen, die ungerathne Dirne -hat sich nie von mir erweichen lassen, auch nur einen Groschen zu -verdienen. Früher konnte sie gute Heirathen treffen: Ildefons, Andrea -und noch einige andere tapfere Männer, die unser ganzes Haus und sie mit -erhielten; da brauchte sie den armseligen Vorwand, daß die Herren Räuber -und Mörder wären, denen sie ihr Herz verschließen müsse. Die Männer -waren so großmüthig, daß sie sich wirklich die Dirne wollten antrauen -lassen, aber die dumme Jugend hat weder Verstand noch Tugend. Nun ruhen -sie im Grabe, die vorzüglichen Männer, und sind auf eine schnöde Art -umgekommen. Doch das rührt sie so wenig, wie mein Kummer und Elend, so -daß sie nicht drein willigen mochte, mit einem jungen reichen vornehmen -Herrn, dem Neffen eines Cardinals, zu leben, der unsre ganze Stube mit -Gold überziehen konnte. Weggelaufen ist die einfältige Dirne, und man -will sie mir gar nicht wieder ausliefern. So werden heut zu Tage die -Eltern verachtet. - -Laßt sie laufen, die Verächtliche, sagte Beresynth, wir wollen ohne sie -schon glücklich miteinander leben, denn unsre Neigungen und Gemüther -sind sich gleich. - -Warum aber weglaufen, sagte die Alte, wie eine ungetreue, geprügelte -Katze? Wir hätten uns ja wie Liebende, wie vernünftige Wesen trennen -können. Es fand sich gewiß Gelegenheit, die bleichsüchtige Dirne -vortheilhaft zu verkaufen, an Alt oder an Jung, und das hätte auch wohl -gelingen können, wenn sie sich nicht einen einfältigen jungen Burschen -ins Herz geschlossen hätte, den sie liebt, wie sie sagt. - -O hört auf, schrie Beresynth, taumelnd, und schon halb im Schlaf, wenn -Ihr von Liebe sprecht, Base, so verfalle ich in so konvulsivisches -Lachen, daß ich mich in drei Tagen nicht wieder erhole. Liebe! das dumme -Wort hat meinem berühmten Meister Pietro den Hals gebrochen. Ohne den -Taranteltanz säße die große Habichtsnase noch als Professor auf seinem -Katheder, und kraute die jungen Gänse mit Philosophie und Tiefsinn an -ihren dummen Köpfen, die ihm die Gelbschnäbel entgegen reckten. Ja, ja, -Alte, das Affenthum von Liebe und platonischer Seelentrunkenheit hätte -uns beiden, Euch und mir, nur noch gefehlt, um die Wunderthat unsrer -heroischen Existenz vollständig zu machen. -- Nun lebt wohl, Alte, -morgen in der Nacht um diese Zeit hole ich Euch ab, und dann trennen wir -uns nie wieder. - -Vetter, sagte Pankrazia, auf Wiedersehn. Seit Ihr zu mir eingetreten -seid, bin ich ein ganz andres Wesen geworden. Wir wollen in Zukunft eine -herrliche Haushaltung führen. - -Haben wir unser Jubeljahr doch nun auch gefeiert, lallte Beresynth, der -schon auf der Straße stand, und in dunkler Nacht nach seiner Wohnung -taumelte. - - * * * * * - -Antonio hatte indessen den alten Ambrosio und dessen Gattin schon darauf -vorbereitet, daß er gewiß jene widerwärtige Alte, und so auch deren -Tochter Crescentia wieder auffinden würde. Die Mutter glaubte ihm gern, -aber der Vater blieb bei seinen Zweifeln. Noch vor Sonnenuntergang begab -sich der Jüngling mit seinem Freunde wieder zum weisen Castalio. Dieser -kam ihnen schon lächelnd entgegen und sagte: Hier, Antonio, nehmt dieses -Blatt, Ihr findet auf ihm verzeichnet, in welcher Gasse, in welchem -Hause Ihr jene Unholdin antreffen werdet. Wenn Ihr sie aufgefunden habt, -werdet Ihr an meiner Wissenschaft nicht mehr zweifeln. - -Schon jetzt bin ich überzeugt, sagte Antonio, ich war es schon gestern. -Ihr seid der weiseste der Sterblichen, und werdet mich durch Eure Kunst -zum glücklichsten machen. Ich gehe, die böse Alte aufzusuchen, und wenn -Crescentia nicht gestorben, oder verloren ist, so führe ich sie in die -Arme ihrer Eltern. - -Bewegt und voller Erwartung wollte er sich eilig entfernen, er hatte -schon den Drücker der Thür in der Hand, als sich ein leises ängstliches -Klopfen draußen ankündigte, von einem heisern Husten und Scharren der -Füße begleitet. Wer ist da? rief Castalio, und da die Freunde öffneten, -trat Beresynth herein, der sich gleich in die Mitte des Zimmers stellte, -und unter vielen fratzenhaften Verbeugungen, so wie Verzerrungen des -Gesichtes dem weisen Manne seine Dienste anbot. - -Wer seid Ihr? rief Castalio, der sich verfärbt hatte und mit blassem -Angesicht einige Schritte zurückgewichen war. - -Ein Bösewicht ist der Verruchte! rief Antonio, ein Zauberer, den wir der -Inquisition überliefern müssen, der verruchte Beresynth selbst ist es, -dessen Namen Ihr, verehrter Mann, schon kennt, und von dem ich Euch -erzählt habe. - -Meint Ihr, junges Blut? sagte Beresynth mit dem Ausdruck der tiefsten -Verachtung. Mit Euch, ihr Kinder, habe ich nichts zu schaffen. Kennt Ihr -mich nicht? rief er zu Castalio gewendet, und könnt auch meine Dienste -nicht brauchen? - -Wie sollt ich? sagte Castalio mit ungewisser Stimme, ich habe Euch nie -gesehn. Entfernt Euch, ich muß Eure Dienste ablehnen. In meinem kleinen -Hause bedarf ich keines fremden Wesens. - -Beresynth ging mit großen Schritten auf und ab. Also, Ihr kennt mich -nicht? Kann seyn; man verändert sich manchmal, denn der Mensch bleibt -nicht in seiner Blüthe. Doch, mein' ich, sollte man mich nicht so bald -vergessen, oder mit andern verwechseln, wie so manchen glatten, fein -gemalten, unbedeutenden Tropfen. -- Und ihr, indem er sich zu den jungen -Leuten wendete, kennt wohl jenen Weisheitsfinder auch nicht? - -O ja, sagte Antonio, er ist unser Freund, der treffliche Castalio. - -Da erhub der Kleine ein so ungeheures Lachen, daß Wände und Fenster des -Zimmers erklirrten und wiederhallten. Castalio! Castalio! schrie er wie -besessen; warum nicht auch Aganippe oder Hippokrene? Also, ihr habt den -Brill vor den Augen, mit Kalbsblicken schaut eure Seele aus dem runden -Kürbis eurer Köpfe dumm heraus? Reibt euch die Nase, und seht und -erkennt doch euren verehrten Pietro von Abano, den großen -Tausendkünstler aus Padua! - -Derjenige, der sich Castalio nannte, war wie ohnmächtig in einen Sessel -gesunken, sein Zittern war so heftig, daß alle Glieder seines Körpers -flogen, die Muskeln seines Antlitzes bebten so gewaltsam, daß kein Zug -in ihm wahrzunehmen war, und nachdem die jungen Leute dies einige Zeit -staunend betrachtet hatten, glaubten sie mit Entsetzen wahrzunehmen, daß -aus den sich verwirrenden Lineamenten die alte Bildung des bekannten -greisen Apone hervorstiege. Laut schreiend erhub sich der Zauberer vom -Sessel, ballte die Fäuste und schäumte mit dem Munde, er schien in -seiner Wuth riesengroß. Nun ja, brüllte er im Donnerton, ich bin es, -jener Pietro, und Du, Knecht, verdirbst mir jetzt mein Spiel, jene junge -Brut dort auf einem neuen Wege zu vernichten. Was willst Du, Wurm, von -mir, der ich, Dein Meister, Dich nicht mehr anerkenne? Zitterst Du nicht -in allen Gebeinen vor meiner Rache und Strafe? - -Beresynth erhub wieder jenes schallende, entsetzliche Gelächter. Strafe? -Rache? wiederholte er grinsend; Dummkopf ohne Gleichen! Mußt Du denn -jetzt erst merken, daß Dir diese Sprache zu mir nicht geziemt? Daß Du, -Gaukler, Dich vor mir im Staube krümmen mußt? daß ein Blick meines -Auges, ein Griff meines erznen Armes Dich zerschmettert, Du erdgebornes -Larvenspiel elender Künste, die nur ich gelingen ließ? - -Ein Scheusal stand im Saal. Seine Augen sprühten Feuer, seine Arme -dehnten sich wie zwei Adlerschwingen aus, das Haupt berührte die Decke; -Pietro lag winselnd und heulend zu seinen Füßen. Ich war es, fuhr der -Dämon fort, der Deine arme Gaukelei beförderte, der die Menschen -täuschte, der den Frevel durch meine Macht erschuf. Du tratst mich mit -Füßen, ich war Dein Hohn, Deine hochmüthige Weisheit triumphirte ob -meinem Blödsinn. Nun bin ich Dein Herr! Jetzt folgst Du mir als mein -leibeigner Knecht in mein Gebiet. -- Entfernt euch, ihr Elenden! rief er -den Jünglingen zu, was wir noch verhandeln, geziemt euch nicht zu -schauen! Und ein ungeheurer Donnerschlag erschütterte das Haus in seinen -Tiefen, geblendet, entsetzt stürzten Antonio und Alfonso hinaus, ihre -Knie wankten, ihre Zähne klappten. Ohne zu wissen wie, befanden sie sich -wieder auf der Straße, sie flüchteten in einen nahen Tempel, denn eine -heulende Windsbraut erhob sich mit Donner und Blitzen, und die Wohnung, -als sie hinter sich sahen, brannte in zerfallenen Trümmern, zwei dunkle -Schatten schwebten über dem Brande, kämpfend, so schien es, und sich in -Verschlingungen hin und her werfend und ringend, Geheul der Verzweiflung -und lautes Lachen des Hohnes erklangen abwechselnd zwischen den Pausen -des lautrasenden Sturmwinds. - - * * * * * - -Erst nach langer Zeit konnte sich Antonio so viel sammeln, daß er stark -genug war, nach der gegebenen Anweisung das Haus der Alten aufzusuchen. -Er fand sie geschmückt und sie rief ihm frohlockend entgegen: ei! -Florentiner! seid Ihr auch einmal wieder da? - -Wo ist Eure Tochter? fragte Antonio, zitternd vor Eil. - -Wenn Ihr sie jetzt haben wollt, sagte die Alte, so will ich sie Euch -nicht vorenthalten. Aber bezahlen müßt Ihr rechtschaffen für sie, oder -der Podesta von Padua, wenn er noch lebt, denn sie ist sein Kind, das -ich ihm damals gestohlen habe, weil mir die Herren Markoni ein -ansehnliches Stück Geld dafür gönnten. - -Wenn Ihr es beweisen könnt, sagte der Jüngling, so fordert. - -Beweise, so viel Ihr wollt, rief die Alte, Windeln mit Wappen, Kleider -von damals, ein Maal auf der rechten Schulter, was ja die Mutter am -besten kennen muß. Aber auch Briefe von den Markonis sollt Ihr haben, -Schriften vom Podesta selbst, die ich damals in der Eile mit wegfischte. -Alles, nur Geld muß da seyn. - -Antonio zahlte ihr alles Gold, was er bei sich trug, und gab ihr noch -die Edelsteine, die Hut und Kleidung schmückten, Perlen und eine goldne -Kette. Sie strich alles lächelnd ein, indem sie sagte: wundert Euch -nicht, daß ich so eilfertig und leicht zu befriedigen bin. Die Dirne ist -mir weggelaufen, weil sie keinen Liebhaber wollte, und steckt im -Nonnenkloster bei der Trajanssäule, die Aebtissin hat sie mir nicht -herausgeben wollen, aber meldet Euch nur dort, das junge Blut wird Euch -von selbst in die Arme springen, denn es träumt und denkt nur von Euch, -so habt Ihr ihr thörichtes Herz bezaubert, daß sie seit jener Nacht, der -Ihr Euch wohl noch erinnern werdet, kein vernünftiges Wort mehr -gesprochen hat, daß sie weder Liebhaber noch Mann mehr leiden konnte. -Froh bin ich, daß ich sie so los werde, ich gehe mit einem vornehmen -Vetter, Herrn Beresynth, der mich eigen dazu aufgesucht hat, noch heut -Nacht auf seine Güter. Lebt wohl, junger Narr, und seid mit Eurer -Crescentia glücklich. - -Antonio nahm alle Briefschaften, die Kleidungen des Kindes, alle Beweise -ihrer Geburt. In der Thür begegnete ihm schon jener Furchtbare, der sich -Beresynth nannte. Er eilte, und war so leichten Herzens, so beflügelt, -daß er den Sturm hinter sich nicht vernahm, der die Gegend zu verwüsten -und die Häuser aus ihren Gründungen zu heben drohte. - -Bei nächtlicher Weile untersuchten die überglücklichen Eltern die -Briefe, und diese, so wie die Kleider überzeugten sie, daß diese zweite -Crescentia ihr Kind sei, die Zwillingsschwester jener gestorbenen, die -sie in der Taufe damals Cäcilie genannt hatten. Der Vater holte am -Morgen das schöne bleiche Mädchen aus dem Kloster, die sich wie im -Himmel fühlte, edlen Eltern anzugehören, und einen Jüngling, der sie -anbetete, wieder gefunden zu haben, dem sie in jener Nacht auf ewig ihr -ganzes Herz hatte schenken müssen. - -Rom sprach einige Zeit von den beiden Unglücklichen, welche das Gewitter -erschlagen hatte, und Ambrosio lebte nachher mit seiner Gattin, der -wieder gefundenen Tochter und seinem Eidam Antonio in der Nähe von -Neapel. Der Jüngling verschmerzte im Glück der Liebe die Leiden seiner -Jugend, und an Kindern und Enkeln trösteten sich die Eltern über den -Verlust der schönen und innig geliebten Crescentia. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im -Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ -gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, -wurden ^so^ markiert. - -Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend -beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, -teilweise unter Verwendung weiterer Ausgaben, wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - [S. 11]: - ... Gesprächen zu und wünschte sowie die Andern über ungesalzene ... - ... Gesprächen zu und wünschte so wie die Andern über ungesalzene ... - - [S. 16]: - ... in dieseir Hinsicht so vieles zu verbessern ist. ... - ... in dieser Hinsicht so vieles zu verbessern ist. ... - - [S. 16]: - ... Schon n der Nähe des freundlichen Thorschreibers fielen ... - ... Schon in der Nähe des freundlichen Thorschreibers fielen ... - - [S. 57]: - ... hatte, hielt, nachdem viel über die Fortschritte in ... - ... hatten, hielt, nachdem viel über die Fortschritte in ... - - [S. 102]: - ... verließen sie die Chausse, um auf schlechten Wegen nach dem ... - ... verließen sie die Chaussee, um auf schlechten Wegen nach dem ... - - [S. 124]: - ... Stücke, die gespielt wurden. Sie waren so origiginell, ... - ... Stücke, die gespielt wurden. Sie waren so originell, ... - - [S. 131]: - ... selsam zu seyn glaubt, die Stellen nachweisen, die er nur ... - ... seltsam zu seyn glaubt, die Stellen nachweisen, die er nur ... - - [S. 148]: - ... Eulen und Fledermäuse gehören, mit meiner Nachwelt, die ... - ... Eulen und Fledermäuse gehören, mit meiner Nachtwelt, die ... - - [S. 149]: - ... und zukneifend, und sucht aus und wählt, hebt auf und - registirt, ... - ... und zukneifend, und sucht aus und wählt, hebt auf und - registrirt, ... - - [S. 221]: - ... kommen, denn Schmaling war zu sehr von Ehrfurch durchdrungen, ... - ... kommen, denn Schmaling war zu sehr von Ehrfurcht - durchdrungen, ... - - [S. 243]: - ... zu denen ihn aber der forschende Graf in künstlichen - Wendnngen ... - ... zu denen ihn aber der forschende Graf in künstlichen - Wendungen ... - - [S. 254]: - ... Freigeist und Uebervernünftigen so mit beiden Beiden in die ... - ... Freigeist und Uebervernünftigen so mit beiden Beinen in die ... - - [S. 279]: - ... Verbindungen nicht, und wußte eben so wnig, wie diese jetzt ... - ... Verbindungen nicht, und wußte eben so wenig, wie diese jetzt ... - - [S. 317]: - ... flehenden Blick für ihre Mutter ein, daß se n Zorn entwaffnet ... - ... flehenden Blick für ihre Mutter ein, daß sein Zorn entwaffnet ... - - [S. 354]: - ... der Erde dorthin zogen, zu zersteuen, und seinen Freund ... - ... der Erde dorthin zogen, zu zerstreuen, und seinen Freund ... - - - - - - -End of Project Gutenberg's Schriften 23: Novellen 7, by Ludwig Tieck - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN 23: NOVELLEN 7 *** - -***** This file should be named 50714-8.txt or 50714-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/7/1/50714/ - -Produced by Delphine Lettau, David Jones, Jens Sadowski, -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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