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-The Project Gutenberg EBook of Schriften 23: Novellen 7, by Ludwig Tieck
-
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-
-Title: Schriften 23: Novellen 7
- Eine Sommerreise / Die Wundersüchtigen / Pietro von Abano
-
-Author: Ludwig Tieck
-
-Release Date: December 18, 2015 [EBook #50714]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN 23: NOVELLEN 7 ***
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-
-Produced by Delphine Lettau, David Jones, Jens Sadowski,
-and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Ludwig Tieck's
- Schriften.
-
- Dreiundzwanzigster Band.
-
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- Novellen.
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- Berlin,
- Druck und Verlag von Georg Reimer.
- 1853.
-
- Ludwig Tieck's
- gesammelte Novellen.
-
- Vollständige auf's Neue durchgesehene Ausgabe.
-
- Siebenter Band.
-
- Berlin,
- Druck und Verlag von Georg Reimer.
- 1853.
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- Inhalt.
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- Seite
- Eine Sommerreise 3
- Die Wundersüchtigen 157
- Pietro von Abano 295
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- Ludwig Tieck's
- gesammelte Novellen.
- Siebenter Band.
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- Eine Sommerreise.
- 1834.
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-
- Einleitung.
-
-
-Unter abwechselnden Vorfällen und Erfahrungen, die sich mir im Lauf
-meines Lebens auf Reisen oder beim längeren Aufenthalt in fremden
-Städten aufdrängten, ist mir die Erinnerung so mancher Bekanntschaften
-erfreulich, so manche Beobachtung lehrreich und ich kann es nicht
-unterlassen, Einiges davon mitzutheilen, welches vielleicht manche
-befreundete Gemüther auf anmuthige Weise anregt.
-
-Schon manches Jahr ist verflossen, seit mir einige interessante
-Tagebücher und Briefe in die Hände geriethen, die mir um so bedeutender
-wurden, als ich die Verfasser derselben späterhin im Verlauf der Zeiten
-in ganz veränderten Verhältnissen und mit umgewandelten Gesinnungen
-wiedersah. Jetzt sind die Theilnehmer an nachfolgender kleinen
-Begebenheit gestorben oder nach fernen Gegenden gezogen, so daß es
-harmlos erscheint, Dasjenige mitzutheilen, was ich früher schon für
-vertraute Freunde aus jenen Tagebüchern und Briefen ausgezogen habe. Die
-Erzählung ist aus Schriften der drei Hauptpersonen verarbeitet und wird,
-der Deutlichkeit wegen, mehr wie einmal durch die eigenen Worte der
-erscheinenden Personen unterbrochen werden.
-
-
-
-
- Walther von Reineck an den Grafen Bilizki in Warschau.
-
-
-Von Deiner schönen Cousine, die ich damals leider nur einmal sah, habe
-ich bisher noch nichts in Erfahrung bringen mögen. Und sehr begreiflich,
-da ich erst in Franken, oder gar in der Nähe des Rheins, wie ich es ja
-weiß, Kundige finde, die mir von ihren Schicksalen und ihrer seltsamen
-Flucht etwas mittheilen können. Sollte ich das schöne Bild selbst
-irgendwo wiedersehn? Wenn ich nur wenigstens ihn finde, der sie zu
-dieser Uebereilung verleitet hat, welche sie Dir entriß, um an ihm die
-Rache zu nehmen, die ich Dir versprach, so wenig Du sie auch gefordert
-hast. Ich weiß es, daß ich zu hitzig bin; indessen Du bist beschäftigt,
-im Dienst des Staates, gehörst Deiner kranken Mutter, und ich bin müßig
-und frei genug, um diesen Sommer mich umzutreiben, zu sehn oder zu
-gaffen, zu lernen oder zu vergessen, und mir dabei einzubilden, ich thue
-Dir und der Menschheit einen großen Dienst, indem ich einen andern
-Müßiggänger aufsuche, um ihn zur Rechenschaft zu ziehn.
-
-Bis jetzt hat das Wetter mich sehr begünstigt. Und eine interessante
-Bekanntschaft habe ich auch schon gemacht. Ich war queer durch das
-traurige Land gereiset, zwischen den Städten Frankfurt an der Oder und
-Crossen hindurch, weil ich in Balkow, einem Dorfe, meine Freundschaft
-mit der Familie Tauenzien erneuen wollte, die Du auch kennst, weil die
-vortreffliche Frau aus Warschau gebürtig ist. Hier herum ist eine
-seltsame Landesart und fast wilde Einsamkeit, beinah so wie in Polen. So
-kommt man denn durch abgelegene Wege, immer durch Wald bis an die Oder,
-wo den Reisenden, an sumpfiger Stelle, die Kretschem genannt, eine Fähre
-übersetzt. Hier fand ich zu meinem Erstaunen einen eleganten Wagen und
-einen jungen höflichen Mann, welcher ebenfalls die Fähre erwartete,
-welche auf wiederholtes Rufen auch schon herübersteuerte. Der junge Mann
-hatte jenen dunkeln, tiefsinnigen Blick, den ich an Männern wie an
-Frauen liebe, und so kam ich seiner Freundlichkeit mit Wohlwollen
-entgegen, und wir behandelten uns nach einigen Minuten, als wenn wir
-alte Bekannte wären. Er sagte mir, diese sumpfige Stelle wäre im
-Frühling und Herbst ziemlich gefährlich, weil die Fähre nicht ganz nahe
-kommen könne und der Wagen alsdann tief im Wasser fahre. Ich lernte
-daraus, daß er hier herum bekannt seyn müsse. Und so erfuhr ich es denn
-auch, als wir auf der Fähre neben einander standen: er ist lange in
-Ziebingen und Madlitz gewesen, zweien Gütern, die der Finkenstein'schen
-Familie gehören. Von dieser Familie, den Töchtern wie den Eltern,
-spricht er wie ein Begeisterter. Der Vater, der Präsident Graf
-Finkenstein, ist der Sohn des berühmten Staatsministers und der
-Präsident selbst ist in der Geschichte, durch jenen vielbesprochenen
-Arnold'schen Proceß, nicht unbekannt, in welchem er sich als einen
-wackern und höchst rechtlichen wie unerschrockenen Mann zeigte. »Wer in
-dieser Familie, rief mein neuer Bekannter aus, eine Weile gelebt hat,
-der kann sich rühmen, die echte Humanität und Urbanität, das Leben in
-seiner schönsten Erscheinung kennen gelernt zu haben. Die Mutter, eine
-würdige Matrone, ist die Freundlichkeit selbst, in ihrer Nähe muß jedem
-wohl werden, der ein echter Mensch ist. Begeisternd, aber freilich
-weniger sicher ist die Gesellschaft der drei schönen und edeln Töchter.
-Die zweite ernst, die dritte muthwillig und froh und die älteste graziös
-und lieblich, erscheinen sie, im Gesange vereinigt, wie das Chor der
-Himmlischen. Vorzüglich die Stimme dieser älteren Schwester ist der
-reinste, vollste und auch höchste Sopran, den ich jemals vernommen habe.
-Wäre sie nicht als Gräfin geboren, so würde sie den Namen auch der
-berühmtesten Sängerinnen verdunkeln. Hört man diese Henriette die großen
-leidenschaftlichen Arien unsers musikalischen Sophokles, des einzigen
-Gluck, vortragen, so hat man das Höchste erlebt und genossen. Oft
-verherrlicht noch ein großer Musikkenner, der Minister Voß, die
-Gesellschaft, und durch seine Vermittlung und aus der Sammlung dieses
-vortrefflichen Mannes haben die Töchter große Sachen von Jomelli, ältere
-von Durante, Leo, Lotti und Allegri, einige höchst seltene vom alten
-Palestrina und dessen Zeitgenossen erhalten, und diese erhabenen
-Kirchengesänge werden in dieser Familie so vorgetragen, wie man es
-vielleicht kaum in Rom so rein und großartig vernimmt. Der Vater,
-nachdem er seine Geschäfte und juristische Laufbahn aufgegeben hat,
-bewirthschaftet seine Güter und hat mit malerischem Sinn für Natur in
-Madlitz einen der schönsten Gärten angelegt und ausgeführt, der uns
-einfach und ohne Prätension die Herrlichkeit der Bäume und Pflanzen
-zeigt und an hundert anmuthigen Plätzen zum poetischen Sinnen und
-phantasiereichen Träumen einladet. Dieser Mann studirt und übersetzt den
-Theokrit und Virgil's Eklogen, so wie einige Gedichte Pindar's. Er
-kennt, was noch so vielen Poesiefreunden eine geheimnißvolle Gegend ist,
-viele alt-deutsche Gesänge und weiß das erhabene Epos der Nibelungen
-fast auswendig. So oft ich in diesem Kreise war, bin ich besser und
-unterrichteter aus ihm geschieden.«
-
-Aus dieser begeisternden Rede schloß ich, daß mein neuer Bekannter der
-Liebe sehr zugeneigt, in diesem selben Augenblick wohl schon ein
-Verliebter sei, daß er wohl auch Anlage zum Dichter besitze. Er heißt
-Ferdinand von Erlenbach und reiset mit noch weniger Absicht als ich in
-die weite Welt hinein. Wir werden wenigstens bis Dresden
-beisammenbleiben, er sendet auch von hier, von Guben, seinen Wagen
-zurück, und wir haben in diesem Städtchen eine Chaise bis Dresden
-gemiethet.
-
-Nach vielfachen Gesprächen, in welchen sich der enthusiastische
-Charakter meines neuen Freundes noch mehr entwickelte, kamen wir,
-nachdem unsre Kutscher sich ohne Noth im Fichtenwalde verirrt hatten,
-gegen Abend in dem Städtchen Guben an, welches für die hiesige Landesart
-eine ganz leidliche Lage hat. Er, der Aufgeregte, ist bei dem schönen
-Wetter noch nach dem Vogelschießen, auf der Wiese draußen, zu dieser
-Bürgerlustbarkeit hinausgegangen. Ich habe keinen Sinn für dergleichen
-poetische Prosa. Das Knallen der Büchsen, diese Gespräche beim Bier, der
-Pfahlwitz dieser Schützen, Alles dies kann weder meine Neugierde noch
-mein Behagen erregen. Er reizt sich aber auf, um dergleichen aus Willkür
-interessant zu finden; will wohl auch die Menschen studiren. Auch denkt
-er einen Jugendfreund aufzusuchen, den er seit vielen Jahren nicht
-gesehn, der sich hier angekauft und verheirathet hat. Ich zog vor zu
-essen, zu trinken und Dir diesen flüchtigen Brief zu schreiben. Gedenke
-Deines treuen Walthers.
-
-Guben, den 15. Junius 1803.
-
- * * * * *
-
-Ferdinand war in der That bis zum Abend beim Scheibenschießen. Er liebte
-dergleichen Volksfeste fast übermäßig und seine Phantasie, wenn er
-gleich nicht mehr in der ersten Jugend war, überzog die Gegenwart, die
-Andern dürr und finster erschien, mit einem glänzenden Firniß. Trotz
-seinem Nachforschen wollte es ihm aber nicht gelingen, seinen
-Schulfreund Wachtel anzutreffen. Die Schützen bedeuteten ihm auch, daß
-dieser nicht zu ihrer Gilde gehöre. In der Vorstadt, wo das ziemlich
-große Haus seines Freundes gelegen war, traf er ihn ebenfalls nicht. Er
-spazierte also halb verdrossen in der Gegend umher und vernahm aus der
-Ferne die Schüsse, die nach der Scheibe zielten, dann begab er sich
-wieder in das zerstreuende Geräusch, hörte hier und dort den Gesprächen
-zu und wünschte so wie die Andern über ungesalzene Geschichten oder
-Familienspäße lachen zu können. So ward es Abend und finster und er war
-immer noch zu verdrossen, um nach dem Gasthofe in der Stadt
-zurückzugehen, und sein Lager aufzusuchen.
-
-Schon entfernten sich nach und nach die Schützen mit ihren Frauen und
-Kindern, ein anmuthig erfrischender Wind strich beruhigend über das
-Gefilde und die Sterne traten heller und bestimmter aus der dunkelblauen
-Wölbung; Ferdinand, der gern in der Nacht umherwandelte, war fast
-entschlossen, im Freien zu bleiben. Da hörte er im nahen Gebüsch wie ein
-Klagen, Seufzen und Schelten durch die Stille des Abends, und als er
-näher trat, bot sich ihm eine Scene wie von Teniers und Ostade dar, die
-zu seinen süßen Träumen gar nicht passen wollte. Ein trunkener Mann lag
-auf dem grünen Rasen und eine Frau, die bald ermahnte, bald wehklagte,
-bestrebte sich, ihn, indem sie ihn am Arme hielt, emporzurichten. Sie
-freute sich, als ein anderer Mann ihr nahte, weil sie in ihrer Angst
-dessen Hülfe sogleich in Anspruch nahm, um den Besinnungslosen nach
-Hause schaffen zu können. Indem Ferdinand den Betäubten aufzurichten
-suchte, erzählte die Frau, wie der Gatte auf einem Kindtaufschmause beim
-Amtmann des nahen Dorfes immerdar gelacht und getrunken, so christlich
-sie ihn auch ermahnt habe; mehr vom Gelächter noch als Wein berauscht,
-sei er auf dem Rückwege zur Stadt, indem auf dieser Stelle erst seine
-Krankheit sich vollständig gezeigt habe, hier schlafend und wie todt
-niedergesunken. Lachend und weinend stemmte sich die Frau, durch
-Ferdinand's kraftvolle Unterstützung sichrer gemacht, bis Beide durch
-richtig angewendete Hebelkraft den Ehemann aufrecht gestellt hatten.
-Beschämt und gerührt fühlte sich Ferdinand, der schon seit einiger Zeit
-im Lallenden und Ohnmächtigen seinen humoristischen Freund Wachtel
-wieder erkannt hatte. Er war nur darüber froh, daß jener Walther, der
-neue Bekannte, bei dieser Nichterkennungsscene nicht zugegen war, da er
-ihm von diesem Herrlichen so viel Gutes und Schönes erzählt hatte, das
-ihm selber jetzt als Unwahrheit erschien. Die beiden Hülfreichen führten
-nicht ohne Mühe und Anstrengung den Unbeholfenen in sein Haus, und
-Ferdinand entfernte sich in der höchsten Verstimmung. Er durchstreifte
-wieder die Landschaft und erfreute sich der lieblichen Sommernacht, die
-warm und doch erfrischend, labend und milde nach dem heißen Tage auf den
-Feldern und Wäldern webte. Die Lichter des Städtchens erloschen nach und
-nach, und seinen Lebenslauf übersinnend, kam der Träumende nach einer
-Stunde zurück, um seinen Gasthof aufzusuchen. Er mußte vor dem Hause des
-trunkenen Freundes vorüber, und als er in die Nähe desselben kam,
-vernahm er deutlich Wachtel's Stimme. Er war unten in einer großen Stube
-zur ebenen Erde und alle Fenster standen, der Sommerwärme wegen, offen.
-Ferdinand kam leise näher und unterschied in der Dämmerung seinen
-Freund, der ruhig neben seiner Frau saß und so in seiner gemessenen Rede
-fortfuhr: -- denn alle Weisheit ist nur Stückwerk, und alle Tugend
-nichts als Flickwerk. Ich betheure Dir, ich war nicht betrunken, wie Du
-Dir einzubilden scheinst, sondern nur etwas anders, als gewöhnlich,
-gestimmt; auch war ich nicht abwesend oder gar besinnungslos, wie Du
-behaupten möchtest, sondern mein Geist schwärmte nur in andern Regionen
-und war eben mit der Lösung der tiefsinnigsten Probleme beschäftigt. So
-geht es mir ja oft, daß auf meinem Zimmer sich beim Buch oder im
-Nachdenken mein Geist in hohen Genüssen ergeht, und ich Dich ebenfalls
-alsdann nicht oder meinen Gevatter Wendling bemerke. Was nun die
-Behauptung betrifft, Du selbst habest mich nebst einem ganz fremden
-Manne, unwissend meiner selbst, hieher in mein Häuslein geschleppt, --
-so ist das nichts weiter, als was mir und Dir alle Tage geschieht, wenn
-wir im Wagen sitzen, über dieses und jenes anmuthig genug discurriren
-und weder wissen noch bedenken mögen, ob weiße oder schwarze Pferde uns
-von der Stelle bewegen. Contrair zeigt es nur von einem geringen Sinne,
-sich um diese Nebendinge allzuängstlich zu kümmern; und wie würdest Du
-selbst mich verachten, wenn ich in einer schönen Landschaft, an welcher
-sich Dein Auge ergötzte, Dich immer wieder auf die Schimmel und den
-rothnasigen Fuhrmann aufmerksam machen wollte. Also, nicht einseitig
-abgeurtheilt, liebe Gattin. Wären wir nicht so schnell stillgestanden,
-was Du selbst verlangtest, um zu verschnaufen, wie Du Dich ausdrücktest,
-so wäre ich dort am Abhang nicht in die Knie und alsbald mit dem ganzen
-Leichnam hinab gesunken oder geschurrt; denn Beine und Schenkel und alle
-jene Muskeln, welche zum Wandeln in Bewegung gesetzt werden müssen,
-thaten ihre Schuldigkeit ganz leidlich, Wille und Vollstreckung immerdar
-im Takt, Eins zwei, Eins zwei; -- nun aber die plötzliche Hemmung -- das
-war den Sehnen, Muskeln, Gebeinen, und wie sie Namen haben mögen, ganz
-unerwartet wie ein Blitzschlag; -- die Geister, die schon Reißaus
-genommen hatten und in Indien und Calekut schwärmten, vergaßen von ihrer
-interessanten Pilgerschaft zurückzukommen, der Wille lauerte vergeblich
-auf Befehl, und die Sehnen und Muskeln, die schon lange des langweiligen
-Takttretens müde waren, fielen ohne von Willen und Geistbefehl und jenem
-hartherzigen Bewußtsein tyrannisirt zu werden, zusammen und blieben
-liegen. Sieh, Schatz, dies ist die pragmatische Geschichte jenes von Dir
-mißverstandenen Vorfalls.
-
-Ganz gut, sagte die Frau, aber ich weiß, was ich weiß, Du kannst mir
-meine Sinne nicht abdisputiren. Vor acht Tagen sagtest Du wieder, wenn
-ich Dich unterwegs nur eine einzige Minute hätte ausruhen lassen, so
-wärst Du hier in der Stube nicht so hingeschlagen, daß es Dir zwei Tage
-im Kopfe brummte.
-
-Richtig, mein Kind, erwiederte der Gatte, mein Genius brummte und
-knurrte damals lange aus Verdruß, daß man auf seine Weisung nicht
-gemerkt hatte. Denn ich war mit Bewußtsein dazumal überfüllt, es waren
-zu viele Lebensgeister gegenwärtig und ein Ueberschwang von Gedanken,
-philosophischen Begriffen und tiefsinniger Nüchternheit quälte mich; so
-war denn nicht Ein Wille bloß meinem Gehn und den Beinen zu Gebot,
-sondern wohl zehn Willenskräfte hantirten in mir und zankten gleichsam
-mit den Lebensgeistern und der obersten Hauptseele oder dem wahren Ich.
-Du sahst auch, wie die Beine zu schnell liefen, wie ich mit den Händen
-haspelte und gestikulirte, die in Wandelsbegeisterung auch Beine zu seyn
-strebten. Hätte ich nun etwas im Freien geruht, so konnte die Hauptseele
-so ein Dutzend Lebensgeister nach allen Richtungen fortsenden, mein zu
-starkes Bewußtsein wurde vernünftig und gemäßigt, und ich fiel nachher
-aus pur übertriebener Nüchternheit nicht hier auf den Fußboden hin. --
-Aber noch schlimmer, daß Du mich bei der fremden Dame, die seit gestern
-bei uns logirt und morgen, oder vielmehr heut, oder vielmehrest
-übermorgen, das heißt, da jetzt Mitternacht vorüber ist, eigentlich
-morgen früh abreisen will, in so schlechten Ruf gebracht hast, als wenn
-ich ein Trunkenbold wäre. Sieh, mein Engel, das fremde gutherzige
-Frauenzimmer reiset nun in alle Welt und hängt mir in den
-allerentferntesten Ländern einen Schandfleck an, und macht mir so in
-Gegenden einen bösen Namen, wo ich noch nicht einmal einen guten oder
-gleichgültigen Ruf errungen habe; es ist sogar möglich, ich werde da
-schon im voraus lächerlich, wo man mich noch gar nicht kennt; denn
-Verleumdung findet weit leichter als Verehrung eine Herberge und Wohnung
-in der Brust der mannichfach redenden Menschen.
-
-Er ist also auch in der Ehe unverbesserlich geblieben, dachte der
-erzürnte Ferdinand und ging in die Stadt. Es war ihm in seiner
-Verstimmung unmöglich, sich jetzt seinem ehemaligen Freunde zu erkennen
-zu geben.
-
-In einem nicht gar bequemen Fuhrwerke verließen die Reisenden Guben und
-zogen langsam durch die Steppen und Fichtenwälder jener Gegend der
-wendischen Lausitz. Sie übernachteten in Wermsdorf und waren erfreut,
-bei Königsbrück eine grünere und freundlichere Natur zu finden. Ein
-schöner, voller und dichter Tannenhain, mit vielen alten Bäumen, von
-schönen Buchen und Birken erhellt, empfing sie nachher, und gegen Abend
-sahen sie von einer Waldhöhe herab in seiner ganzen Schönheit am
-anmuthig gewundenen Strom das liebliche Dresden vor sich liegen.
-
-Ich war schon oft in dieser Stadt, sagte Ferdinand, und doch bleibt mir
-der Anblick dieser Gegend immer neu. Die Hügel, die sanften Thäler
-umher, der schöne Strom, das Grün und die Waldpartien, Alles ist
-zierlich und ergötzlich zu nennen. Erhaben, ernst, feierlich ist diese
-Natur nicht und wir hören hier keine jener Stimmen, die das Ohr unsers
-Geistes wohl in Gebirgen vernimmt. Darum hat diese Gegend so recht
-eigentlich etwas Wohnliches, Behagliches, daß Jedem hier wohl wird, der
-eines Umganges mit der Natur fähig ist.
-
-Sollten das nicht alle Menschen seyn? fragte Walther.
-
-Ich zweifle sehr, erwiederte jener: suchen so viele nicht und vermissen
-in freundlichen Ebenen den Reiz der Gebirge? Entbehren nicht viele
-schmerzlich in schöner Abgelegenheit den Wirrwarr der großen Städte?
-
-Das gehört auch, erwiederte Walther, zu den Erfreulichkeiten Sachsens
-und dieser Residenz, daß man sich frei fühlt, nicht von Mauth und deren
-Dienern grob und stürmisch angefahren und genirt wird; daß keine Habgier
-die Bestechung wie einen Tribut erwartet. Das bildet einen starken
-Abstich gegen das große benachbarte Land, in welchem in dieser Hinsicht
-so vieles zu verbessern ist.
-
-Schon in der Nähe des freundlichen Thorschreibers fielen diese Reden vor
-und die Reisenden stiegen müde vor dem Gasthause, der goldene Engel, ab,
-in welchem sie Erquickung und gute Bewirthung fanden.
-
-
-
-
- Walther von Reineck an den Grafen Bilizki.
-
-
- Dresden, den 19. Juni 1803.
-
-Man sagt mir hier, die Familie Ensen sei in Karlsbad, und dahin werde
-ich also vorerst mit meinem Schwärmer meinen Zug richten, weil ich
-hoffen kann, von diesen Leuten, welche alle Verhältnisse so genau
-kannten, von der schönen Maschinka, oder ihrem Entführer etwas zu
-erfahren. Ferdinand, wie ich ihn der Abkürzung wegen nennen will, führte
-mich sogleich zu einem wackern Schwaben, einem Maler Hartmann hin, so
-wie zu einem sehr poetischen eigenthümlichen Landschaftmaler, Friedrich,
-aus Schwedisch-Pommern gebürtig. Diese wahrhaft wunderbare Natur hat
-mich heftig ergriffen, wenn mir gleich Vieles in seinem Wesen dunkel
-geblieben ist. Jene religiöse Stimmung und Aufreizung, die seit kurzem
-unsre deutsche Welt wieder auf eigenthümliche Weise zu beleben scheint,
-eine feierliche Wehmuth sucht er feinsinnig in landschaftlichen
-Vorwürfen auszudrücken und anzudeuten. Dieses Bestreben findet viele
-Freunde und Bewunderer, und, was noch mehr zu begreifen ist, viele
-Gegner. Historie, und noch mehr viele Kirchenbilder haben sich wie oft
-ganz in Symbolik oder Allegorie aufgelöset, und die Landschaft scheint
-mehr dazu gemacht, ein sinnendes Träumen, ein Wohlbehagen, oder Freude
-an der nachgeahmten Wirklichkeit, an die sich von selbst ein anmuthiges
-Sehnen und Phantasiren knüpft, hervorzurufen. Friedrich strebt dagegen
-mehr, ein bestimmtes Gefühl, eine wirkliche Anschauung, und in dieser
-festgestellte Gedanken und Begriffe zu erzeugen, die mit jener Wehmuth
-und Feierlichkeit aufgehn und eins werden. So versucht er also in Licht
-und Schatten belebte und erstorbene Natur, Schnee und Wasser, und eben
-so in der Staffage Allegorie und Symbolik einzuführen, ja gewissermaßen
-die Landschaft, die uns immer als ein so unbestimmter Vorwurf, als Traum
-und Willkür erschien, über Geschichte und Legende durch die bestimmte
-Deutlichkeit der Begriffe und der Absichtlichkeit in der Phantasie zu
-erheben. Dies Streben ist neu, und es ist zu verwundern, wie viel er
-mehr wie einmal mit wenigen Mitteln erreicht hat. So meldet sich bei uns
-in Poesie und Kunst, wie in der Philosophie und Geschichte, ein neues
-Frühlingsleben. Ganz ähnlich, und vielleicht noch tiefsinniger, strebte
-ein Freund, der erst seit kurzem von hier in sein Vaterland, Pommern
-(auch das schwedische), zurückgekehrt ist, die phantastisch spielende
-Arabeske zu einem philosophischen, religiösen Kunstausdruck zu erziehn.
-Dieser lebenskräftige Runge hat in seinen Tageszeiten, die bald in
-Kupferstichen erscheinen werden, etwas so Originelles und Neues
-hervorgebracht, daß es leichter ist, über diese vier merkwürdigen
-Blätter ein Buch zu schreiben, als über sie in Kürze etwas Genügendes zu
-sagen. Es war eine Freude, diesen gesunden Menschen diese Zeichnungen
-selbst erklären zu hören, und zu vernehmen, was er Alles dabei gedacht.
-Ich suchte ihn im vorigen Jahr, als ich mich auch hier befand, darauf
-aufmerksam zu machen, daß er, besonders in den Randzeichnungen, die die
-Hauptgestalten umgeben, mehr wie einmal aus dem Symbol und der Allegorie
-in die zu willkürliche Bezeichnung, in die Hieroglyphe gefallen sei. Der
-bittre Saft, der aus der Aloe trieft, die Rittersporn, die im Deutschen
-durch Zufall so heißen, können nicht im Bilde an sich Leiden, Reue oder
-Tapferkeit und Muth andeuten. So ist in diesen Bildern manches, was
-Runge wohl nur allein versteht, und es ist zu fürchten, daß bei seiner
-verbindenden reichen Phantasie er noch tiefer in das Gebiet der Willkür
-geräth und er die Erscheinung selbst als solche zu sehr vernachlässigen
-möchte. In derselben Gefahr befindet sich auch wohl Friedrich. Ist es
-nicht sonderbar, daß gerade die Zeit, die mehr Phantasie entwickelt, als
-die vorigen Menschenalter, zugleich im Phantastischen und Wunder mehr
-Bedeutung, Vernunft und äußere und innere Beziehung finden will, als
-früher die Menschen von jenen Productionen der Künste verlangten, die
-doch gewissermaßen ganz aus der Verständigkeit hervorgegangen waren? Man
-sieht aber wieder, wie Ein Geist immerdar sich im Zeitalter in vielen
-Gegenden und Gemüthern meldet. Die Novalis auch nicht kennen oder
-verstehn, sind doch mit ihm verwandt. War es denn auch so zur Zeit des
-Dante? So weit ich jene Jahre kenne, entdecke ich dort diese
-Verwandtschaft nicht. Dieser große Prophet hat in seinem Geheimniß
-dieses Streben, Sache und Deutung, Wirklichkeit und Allegorie immerdar
-in Eins zu wandeln, auf das mächtigste aufgefaßt. Ihn verstehn und
-fühlen setzt voraus und fordert eine große poetische Schöpferkraft; mit
-dem gewöhnlichen Auffassen ist hier nichts gewonnen. Soll man sich aber
-selbst so loben? Im Briefe vielleicht. Und doch gemahnt es mich, als sei
-dies kein Lob. Nur Geweihte sollen Dante's Gedicht lesen. Es ist ja
-keine Bürger- und Menschenpflicht.
-
-Sonderbar, daß viele Menschen, die mit Recht sich etwas darauf
-einbilden, daß sie Runge's und Friedrich's Bemühungen nicht abweisen,
-weil ihr Poesiesinn den Schöpfungen entgegenkommt, doch die tiefsinnige
-und ebenso liebliche Symbolik und Allegorie in Correggio's einzigen
-Werken nicht fühlen und anerkennen. Wer nichts als den Maler in ihm
-sieht, der mit Lichteffekten spielt, mag nicht gescholten werden, wenn
-er mehr als einen Niederländer höher stellt. Runge selbst war immer von
-diesem großen Dichter auf das tiefste ergriffen, und es ließ sich mit
-diesem hochbegabten deutschen Jünglinge über diese Gegenstände sehr
-anmuthig sprechen und schwärmen. Freilich merke ich wohl, daß ich, gegen
-meinen Begleiter Ferdinand gehalten, mich noch sehr prosaisch ausnehme.
-
-Wir standen vor Rafael's sogenannter Sixtinischen Madonna. Es ist
-schwer, von einem so ewigen, ganz vollendeten Werke etwas Bedeutendes zu
-sagen, und um so schwerer, je öfter und weitläuftiger schon begeisterte
-Bewunderer oder forschende Kenner sich darüber haben vernehmen lassen.
-
-Kein Werk, darin kommen alle überein, ist von Rafael so leicht, mit so
-weniger Farbe, so weniger Ausführung gemalt. Es hat darüber, weil es
-wohl rasch gefördert ist, fast den Charakter eines Freskobildes; in
-Hinsicht der Einfachheit, Erhabenheit, steht es vielleicht, wenn man
-einmal unterordnen will, allen Arbeiten dieses größten Malers voran. Es
-kommt mir vor, als wenn diese sublime Erscheinung jene Ausführlichkeit
-so vieler anderer Meisterwerke nicht zuließe. Denn wie eine Erscheinung
-wirkt dieses Kunstwerk. Es ist sehr zu tadeln, daß man es so nachlässig
-eingerahmt hat; denn oben ist vielleicht eine Handbreit oder mehr
-umwickelt, wodurch die grünen Vorhänge und der obere lichte Raum
-verkürzt sind. Denkt man sich dieses jetzt Mangelnde hinzu, so schwebt
-die Gestalt der Maria, sowie des Sixtus und der Barbara noch deutlicher,
-noch mehr und lebendiger herab. Die Vision der drei Heiligen steigt in
-die Kirche selbst hernieder, sie erscheint über dem Altar, und Maria
-bewegt sich im Niederschweben mit dem ernsten Kinde in den Armen
-zugleich vor. Diese doppelte Bewegung erklärt den Flug des Schleiers,
-sowie das Zurückstreben des blauen Gewandes; der verklärte Papst, im
-brünstigen Gebet, ist gleich in dieser knieenden Anbetung und Stellung
-gewesen. Die heilige Barbara stand der Mutter Gottes nahe, doch
-geblendet von der Majestät und fast erschreckt von den tiefsinnigen
-Augen des Kindes ist sie so eben in die Knie gesunken und wendet das
-Antlitz. Diese Verbindung der früheren und späteren Bewegung liebte
-Rafael, fast alle seine Bilder zeigen sie, und keiner hat ihn in dieser
-Kunst, auf diese Weise wahres Leben, Seele in die Stellungen und Gruppen
-zu bringen, jemals erreicht. Die Engel, als Herolde, sind schon früher
-angelangt, und stützen sich unten ruhend auf dem Altar selbst. Getrost,
-kindlich unbefangen erwarten sie die Heiligen, und der Tiefsinn der
-Kindheit contrastirt mit dem Angesicht Christi und dem strengen Ernst
-seiner Augen gar schön. Mir unbegreiflich, wie manche seyn wollende
-Kenner dieser Barbara etwas Weltliches oder gar Coquettes haben
-andichten wollen. Andre meinen, das Bild sei noch edler, wenn die Figur
-der Maria ohne alle Begleitung erschiene. Für wie Viele, und die doch
-gern mitsprechen, ist das Vollendete doch immerdar ein fest versiegeltes
-Buch, und eben darum, weil es vollendet ist. Die Mehrzahl der Menschen
-kann sich nur am Einzelnen entzücken. Ihr Streben, sowie sich ihnen in
-Kunst oder Poesie etwas Mächtiges und Schönes anbietet, ist, sogleich
-das Werk zu vereinzeln, um sich dieses und jenes, entweder mit Kälte
-oder Hitze anzueignen. Die Kalten sind die sogenannten Kenner, die oft
-mit solcher Wegwerfung diese oder jene Zufälligkeit oder eine Nebensache
-bewundern, daß man, ihren Reden nach, auf den Argwohn kommen müßte, es
-sei besser, wenn gar keine Kunst oder Poesie die Welt verwirre. Die
-Hitzigen versetzen sich zuweilen bis zu Thränen in eine ängstliche
-Leidenschaftlichkeit, um ja nur recht bestimmt etwas zu isoliren, irgend
-ein Schönes, das freilich sich wohl auch im Kunstwerke findet. Nur
-verdient dieses Einzelne erst das Lob, und kann nur verständig seyn,
-wenn es aus dem Innern des Werkes und seiner Totalität verstanden wird.
-Aber von dieser innern, nothwendigen Vollendung, wodurch erst ein
-Kunstwerk diesen Namen verdient, von dieser Ueberzeugung wollen die
-Eifernden wie die Besonnenen in der Regel nichts wissen; diesen Glauben
-erklären sie geradezu für Aberglauben. Sie können ein Werk nur
-bewundern, wenn sie es für eine Annäherung, aber freilich mangelhafte,
-zu jenem unsichtbaren, unfühlbaren und unbezeichneten Ideal halten,
-welches ihnen im chaotischen Nebel vorschwebt.
-
-Es ist merkwürdig, wie sich so oft die Extreme berühren. Diese
-Rafael'sche Maria hätte vielleicht niemals copirt werden sollen und kein
-anderes Bild ist von Stümpern und geschickten Zeichnern so oft
-wiederholt worden. Den besten aber fehlt das geistige Auge, die wahre
-Gestalt der Maria wieder zu finden. Vielleicht wäre dem schaffenden
-Meister selbst keine Copie ganz gelungen. Am schlimmsten sind einige
-Oelbilder, bloß die ganze Figur der Maria, ausgefallen. Ich kenne
-welche, die aus dieser erhabenen Gestalt etwas Freches und Gemeines
-gemacht haben.
-
-Unser Entzücken vor dem Gemälde wurde auf eine sonderbare Art gestört
-und unterbrochen. Ein Mann in mittleren Jahren, mit einem scharfen
-Gesicht und einer etwas rothen Nase, kam mit stolperndem Gang und einem
-schreienden Ton auf uns zu, und schloß meinen verzückten Ferdinand, ob
-sich dieser gleich etwas sträubte, fast zu heftig in seine Arme. Er
-nannte sich Wachtel, kam von Guben herüber und hatte unsre Namen im
-Thorzettel gelesen. »Ihr steht hier«, rief er unmittelbar nach der
-Begrüßung, »vor dem allercuriosesten Tableau, das der Mensch nur
-ersinnen kann. Es ist ohne Inhalt und stellt eigentlich gar nichts dar.
-Man kann sich aus den Abendwolken bessere Geschichten zusammensetzen. Wo
-kommen diese Creaturen her? Wo wollen sie hin? Warum blieben sie nicht,
-wo sie waren? Das kommt mir vor wie manche Menschen, die immer eine
-wichtige Miene machen und hinter diesem nachdenklichen Gesichte doch gar
-nichts denken. Der Zuschauer muß sich nun zwingen, noch weniger zu
-denken, und das nennt er dann eine erhabene Stimmung. Wie man beim
-Feuer, wenn es mächtig um sich greift, oft klug thut, zwei oder drei
-Häuser einzureißen, damit nicht hundert zu Grunde gehn, so sollte ein
-durchgreifender Menschenfreund, wie der Kalif Omar, einmal so ein
-tausend gepriesene Meisterwerke in den Ofen stecken, damit eine Kluft,
-ein leerer Raum entstünde, und diese Krankheit von unnützer Bewundrung,
-die immer weiter um sich greift, in sich erstickte, daß die armen
-Menschen einmal wieder frische Luft holten und zur Besinnung kämen. Was
-seht ihr z. B. auch dort an dem Tizianschen Christus mit der Münze? Ich
-habe einen Schacherjuden gekannt, der ganz wie dieser angebliche Heiland
-aussah. Diese Maler sind lustige, boshafte Kerle gewesen, und es ist zu
-verwundern, daß ihnen die Geistlichkeit nicht mehr auf die Finger
-klopfte. Die Satire, wie der Jude hier die Münze und den Versucher
-ansieht, wie die langen Finger so gern mit dem Geldstück eins werden
-möchten, ist doch allzusehr in die Augen fallend.«
-
-Ferdinand, der mir vor einigen Tagen soviel Wunder und Schönes von
-diesem Jugendfreunde erzählt hatte, hätte aus der Haut fahren mögen und
-durfte doch den täppischen Gesellen nicht verleugnen. Er war aber
-dunkelroth vor Scham, denn noch kurz zuvor hatte er mir und den
-Umstehenden bewiesen, wie in diesem Bilde, »Christus mit der Münze,«
-sich Tizian, der nur selten erhaben sei, selber übertroffen habe. So
-sehr er sich wehrte, mußte er sich doch von seinem Freunde zu den
-Teniers und einigen andern niederländischen Bauernscenen schleppen
-lassen, wo dieser Wachtel sich unter lautem Lachen ganz glücklich und
-behaglich fühlte. --
-
- * * * * *
-
-Nachdem Walther diesen Brief abgesendet hatte, kehrte er zu seinem
-Freunde Ferdinand zurück, den er im heftigen Wortwechsel mit Wachtel
-antraf. Was giebt es, fragte er, worüber man so laut streiten könnte?
-Wachtel nahm sogleich das Wort und erzählte mit großer Lebhaftigkeit:
-die Sache, werthgeschätzter Unbekannter, betrifft, kürzlich zu sagen,
-das Herz und die Liebe. Ich bin des Undankbaren ältester Freund, und er
-will es mir verwehren, hier mit ihm zu seyn und ihn nach Teplitz und
-Karlsbad zu begleiten. Ist das nicht reelle Undankbarkeit? Ich komme
-her, sehe ihn nach Jahren wieder, und will mein verdumpftes Herz in
-lichtender, frischer Liebe auslüften und durch heilsame Erschütterungen
-von Motten und allem unnützen Gespinste reinigen, und er will es mir
-verwehren, ihn zu begleiten, weil ich ihn, wie er vorgiebt, in seiner
-verstimmten Erhebung nur störe. Auch hat er, wie immer, allerhand von
-Geheimnissen, die ich ihm allzuroh und derb betasten, oder vielleicht
-gar erdrücken möchte, denn er liebt es, sich selbst zu verhätscheln, und
-doch hat der arme Schelm seine ganze Schwärmerei nur einzig und allein
-von mir gelernt, was er freilich jetzt, nach so manchen Jahren, nicht
-mehr Wort haben will.
-
-Ferdinand mußte lachen und sagte: nun, so begleite mich denn, Freund
-Wunderlich, wenn jener Herr, mit welchem ich mich schon für einige Zeit
-versprochen habe, nichts gegen die Vermehrung der Gesellschaft hat.
-Walther schien über die neue Bekanntschaft erfreut, die ihm manche
-Aufheiterung versprach, und man nahm sogleich die Abrede, vorerst nach
-Teplitz zu reisen, um zu erfahren, wie man sich untereinander vertrüge.
-
-An einem trüben Tage reisete die Gesellschaft von Dresden ab, ziemlich
-spät, so sehr auch Ferdinand getrieben hatte, damit man noch zeitig in
-Teplitz anlangen könne. Der bequeme Walther aber, der es nicht in der
-Art hatte, Zeit und Stunde sehr zu beachten, hatte die Stunde versäumt.
-Die schöne Gegend bei Pirna, die anmuthige bei Gießhübel, die
-Waldpartien, die wechselnden Aussichten ergötzten alle. Auf der Grenze
-wurden die Reisenden, die nicht viel Gepäck mit sich führten, nur wenig
-aufgehalten. Der Weg bis zum Nollendorfer Berg hinauf war ermüdend und
-langweilig, denn schon in Peterswalde hatte sich ein dichter Nebel
-herabgesenkt, der jede Aussicht verdeckte. Oben auf dem höchsten Punkte
-des Berges von Nollendorf steht eine kleine Kirche. Hier stiegen die
-Reisenden aus, um, wo möglich, etwas von der Schönheit der Natur zu
-genießen.
-
-Der Wagen fuhr indessen das Thal hinunter, als die Naturbeobachter noch
-oben im dichten Nebel standen und kaum die nächsten Sträucher am Wege
-unterscheiden konnten. Wachtel sagte: Eigentlich, meine Freunde, ist
-dies, was wir hier nicht sehn, und indem wir nichts sehn, der erhabenste
-Anblick der Natur. Dies ist ein Bild vom alten uranfänglichen Chaos,
-welches der wundersame Großvater aller Formen und Gestaltungen war. Wir
-übereilen uns, wenn wir uns das Nichts als nichts denken wollen: was
-sich weder denken noch vorstellen läßt. Nein, so wie wir es hier vor uns
-sehen, ist das Nichts beschaffen. Alles, so weit man sieht und denkt,
-ein unreifer Brei, eine angehende Milch, ein blöder Lehrling für ein
-Sein. Wie Silhouetten-Gespenster dort die Bäume und Sträucher, eben nur
-zu errathen, Finsterniß in diesem bleichen Dunkel, dort ebenso die Wand
-der Kirche. Alles nur Räthsel: steht da, wie Aberglauben im Meere der
-Unvernunft. Wenden wir nun einmal dieses eingebräute Gleichniß vor uns
-auf unsre eignen Köpfe an, so -- --
-
-Hier versagte dem Schwatzenden das Wort im Munde, denn einem Wunder
-gleich riß sich eine große breite Spalte in dem dichtgewundenen Nebel,
-und grünes Land, sonnenbeglänzter Wald lag unten, gegenüber funkelnde
-Berge im wachsenden Lichte. Kaum entdeckt, brachen links und rechts neue
-Klüfte im weißen Nebelmeer auf, und wie selige Inseln zeigten sich von
-allen Seiten Gebirg und Flur im spielenden Glanz des fluthenden
-Sonnenscheines, indessen noch dazwischen wie Wände oder Säulen die
-ineinandergeflochtenen Wolken alle Aussicht deckten. Nun entstand ein
-Kampf zwischen Licht und Dunkel: Alles wallte und zog hin und wieder.
-Die Wolken löseten sich in Streifen, die leichter und wolliger
-zerflossen und sich endlich in den Glanz verloren und untertauchten. So
-wurden von unsichtbarer Hand allgemach die Vorhänge weggehoben und das
-ganze Gebirge mit seinen schönen Formen lag weit ausgebreitet in allen
-Abstufungen des vollen und gemilderten Lichtes vor den Augen der
-entzückten Beschauer.
-
-Diese Landschaft, rief endlich Ferdinand aus, muß eine der schönsten in
-Deutschland seyn.
-
-Wie oft ich auch die Reise machte, sagte Walther, so habe ich doch
-niemals dieses überraschende Entzücken genossen, welches mich heut
-ergriffen hat. Wie herrlich wäre es, wenn der Elbstrom durch dieses Thal
-flösse, denn nur Wasser fehlt dieser lieblichen Natur.
-
-Sprechen wir nur nicht so, rief Wachtel aus, wie ich dergleichen schon
-so oft habe hören müssen. Ihr waret ja eben noch entzückt, Freunde, und
-schon fangt ihr an, Mangel zu empfinden, zu kritteln und zu kritisiren.
-Wie schön der Anblick eines gewundenen Stromes auch sei, wenn er wie ein
-belebender Geist hin durch die Landschaft glänzt, so paßt er doch nicht
-in jede Naturscene hinein. Hier, wo Alles lieblich, so einklingend ist,
-würde er mich nur stören: er höbe das Gefühl dieser behaglichen
-Einsamkeit gewissermaßen auf. Rhein, Neckar, Mosel und der schöne Theil
-der Elbe beherrschen die Gegend, durch welche sie strömen, prägen ihr
-den Flußcharakter auf; hier aber führen die schönen Gebirge unmittelbar
-selbst das Wort. Stören kann oft eine kahle, unbedeutend schroffe Wand,
-wenn sie zwischen den schönen Linien der Gebirge sich eindrängt, ein
-nackter Hügel, dem man die Waldung geraubt hat, eine wüste Sandfläche,
-die sich todtenbleich und krank zwischen lustiges, lebensvolles Grün der
-Fluren wirft, aber hier, Freunde, ist Alles so ganz und voll, daß euch
-nichts mangeln sollte.
-
-Sie stiegen jetzt beim schönsten Wetter den Berg hinab. Ein Fußpfad
-führte sie durch den Wald, aus welchem sie bald hier, bald dort wieder
-den freien Ausblick zu den Gebirgen hatten. Die Frühlingsvögel sangen
-nicht mehr, aber durch die feierliche Einsamkeit schrillten und zirpten
-die kleinen Vögelchen ihre einfachen kindischen Melodien.
-
-Sie trafen im Thale ihren Wagen wieder, aber die Abendsonne beschien die
-Kapelle oberhalb Culm und den Weingarten, auf welchem sie schimmerte, so
-einladend, daß die Uebrigen Walther's Vorschlage gerne folgten, noch zum
-Hügel hinaufzuklimmen, um den Untergang der Sonne von dort zu genießen.
-Die Freude an der Natur erzeugt oft, indem man in der Aufregung keine
-Ermüdung fühlt, eine Art von Rausch, welcher dann Mattigkeit und
-Ernüchterung herbeiführt, wenn man, wie beim Wein, die Sättigung zu
-lange hinausschiebt. So erging es den Reisenden. Die Sonne war
-untergesunken, sie stiegen in der Dämmerung hinab und hatten noch bis
-zum Nachtquartier einen ziemlich weiten Weg vor sich. Der Fuhrmann
-schmollte über die unnütze Verzögerung, um so mehr, da die Finsterniß,
-schnell wachsend, hereinbrach. Jetzt fühlten die Abentheurer obenein,
-daß sie, aus Freude an der Reise und weil sie spät von Dresden
-ausgefahren, das Mittagmahl versäumt hatten, und mit der zunehmenden
-Ermüdung und Dunkelheit wuchs in ihnen Hunger und verdrüßliche Stimmung.
-Es wurde völlig finster, so daß man die nächsten Gegenstände, selbst den
-Weg nicht mehr unterscheiden konnte, und der Fuhrmann, der der Gegend
-unkundig war, erklärte auf das Bestimmteste, daß er in dieser
-pechrabenschwarzen Nacht unmöglich schneller fahren könne, wenn er nicht
-sich und seine verehrten Herren der wahrscheinlichsten Lebensgefahr
-aussetzen wolle.
-
-Mühselig, verdrossen, langsam ging die Reise fort. Immer noch erschien
-Teplitz nicht, und Mitternacht war schon längst vorüber. Endlich ersahen
-die Verstimmten eine dunkle Masse, in welcher nur wenige Lichtpunkte
-flimmerten, vor sich. Der Kutscher fuhr seitwärts, wie es schien, um das
-Thor zu finden. Keine Antwort auf wiederholtes Rufen und Klopfen.
-Endlich hörte man von innen, daß dies die Wohnung des Küsters und der
-Eingang zum Kirchhof sei. Der Kutscher tastete herum und fand ein großes
-Gatterthor. Noch weniger ward hier auf das laute Klopfen und Schreien
-Rücksicht genommen. Es war vom Felde her der Eingang zum sogenannten
-Fürstenhause. Mühselig fand man sich in der trüben Finsterniß zum Thore
-und zur Töpferschenke hin. Hier schlief aber längst Alles. Ein Kellner
-und eine Küchenmagd erschienen endlich, nur halb erwacht. Der Wagen ward
-untergeschoben, die Zimmer schloß man auf. Die Aufwartenden verwunderten
-sich übermäßig, daß die Ankommenden noch zu speisen begehrten. Butter,
-Schinken und ein kaltes Huhn wurden, nach vielem Widerspruch, nebst
-einer Flasche Wein noch herbeigeschafft. Die Betten waren in Ordnung.
-Aus Mitleid ließ man die Aufwärter wieder schlafen gehen. Doch Walther
-bildete sich ein, er fröre und habe sich erkältet. Ein großes Kamin war
-im Zimmer, und Wachtel, der allenthalben die Augen hatte, entdeckte auf
-dem Gange einige Scheite Holz. Man versuchte ein Feuer zu machen, das
-anfangs hell brannte, bald aber das Zimmer mit Rauch anfüllte. Es ward
-entdeckt, daß das Kamin oben zugemauert, also nicht zu gebrauchen war.
-Die Uebermüden hatten viele Noth, bis sie den Rauch wieder durch die
-Fenster hinausgetrieben hatten. So, ungesättigt, matt, verdrossen und
-überreizt begaben sie sich auf ihr Lager, indem Wachtel noch behauptete,
-es sei nichts so mit Pein versalzen, als die Vergnügungen des Lebens.
-
- * * * * *
-
- -- Viel lieber durch Leiden
- Möcht' ich mich schlagen,
- Als so viel Freuden
- Des Lebens ertragen. --
-
-So sang am Morgen Wachtel mit lauter Stimme und erweckte die beiden
-schlafenden Freunde. Als Alle munter und angekleidet waren, erschien das
-Frühstück und mit ihm die Wirthin, die es entschuldigte, daß die
-Reisenden in der Nacht eine so schlechte Aufnahme gefunden hätten. In
-der Entschuldigung wegen des Rauches war ein gelinder Vorwurf
-eingehüllt, daß man sich ohne Anfrage zu willkührlich des Feuers
-bemächtigt habe. Bei der neuen Einrichtung, schloß die Frau, sollten
-diese Zimmer nur für den Sommer benutzt werden, und ich will diesen
-ungeschickten Kamin auch noch fortschaffen lassen, damit er nicht öfter
-Irrungen veranlaßt.
-
-Der Spaziergang nach Dorna ergötzte die Freunde, sie wandelten dann nach
-der Liebemay, einem anmuthigen Walde. Allenthalben erfreute der Anblick
-der Gebirge.
-
-Am folgenden Tage sollte ihr Kutscher sie nach Dux bringen, sie
-geriethen aber, da er des Weges unkundig war, nach Kloster Ossek. Auf
-dem Rückwege besahen sie Dux und die Andenken an den berühmten und
-berüchtigten Wallenstein, der seit einigen Jahren durch des edlen
-Schillers Gedicht für die deutsche Nation ein neues Interesse bekommen
-hatte.
-
-Die Bergstadt Graupen und ihre alte Kirche, die Ruine oben und die
-schöne Gegend nahmen den folgenden Tag in Anspruch. In der Kirche traf
-Walther zwei Damen aus Berlin, Mutter und Tochter, und sie beschlossen,
-die Spaziergänge in Gemeinschaft zu besuchen. Wir werden noch den jungen
-Herrn von Bärwalde hier sehen, den wir gestern in Bilin fanden, sagte
-die Mutter, einen jungen Mann, den wir im vorigen Winter kennen lernten.
-Ein bescheidenes, stilles Wesen, setzte die Tochter die Beschreibung
-fort, ich habe in meiner Vaterstadt, in Berlin, mit ihm getanzt: er war
-fast zu ernst und verschlossen und tanzte auch mit einer gewissen
-feierlichen Miene. Alles dies wurde still und fast ängstlich während des
-Gottesdienstes in der Kirche verhandelt, und so leise sie sprachen,
-sahen die andächtigen Böhmen doch mehr wie einmal drohend nach den
-Ketzern sich um. Plötzlich sprangen zwei junge, wohlgekleidete Leute
-durch die Thür der Kirche, stellten sich laut sprechend in die Mitte,
-den Rücken gegen den Altar und Priester gekehrt, und kritisirten die
-Gruppen der hölzernen Figuren, die gegenüber auf dem Chore einen Theil
-der Leidensgeschichte, kräftig und wild ausgearbeitet, darstellten, so
-wie man unten an der Seite durch gelbgefärbtes Glas in das Fegefeuer und
-die Qual der Sünder hineinsah; Alles auch ganze Figuren. Waren diese
-Gegenstände auch nicht der Kunst, vielleicht selbst der Kirche nicht
-ganz geziemend, so war das überlaute Gespräch und Lachen der Jünglinge
-ungezogen und so anstößig, daß die Damen, von den drei Reisenden
-begleitet, in großer Angst aus der Kirche flüchteten.
-
-Um des Himmels Willen! rief das junge Mädchen, indem sie die Höhe
-hinanstiegen, kennen Sie, liebe Mutter, den sanften, trocknen, zu
-bescheidenen Tänzer in diesem übermüthigen, affektirten Don Juan wieder?
-
-Ist Ihnen denn, werthes Fräulein, sagte Walther, dieser Ton der
-sogenannten feinern Welt noch unbekannt geblieben? Diese neumodischen
-ungezogenen Herren, die in Gesellschaften, im Schauspiel und in der
-Kirche sich lärmend und schreiend betragen, sind beim Tanze so steif und
-ehrbar, daß sie um Alles nicht lachen oder lächeln und ihre Tänzerin
-kaum noch mit einem finstern, halb abgekehrten Blicke ansehen. Auf dem
-Balle darf sich keine Spur von Fröhlichkeit zeigen, sie tanzen, als wenn
-sie zur Frohn arbeiteten, oder wie die Baugefangenen mit Schellen und
-Klötzen an den Beinen.
-
-Die Frauen hatten solche Furcht vor jenen beiden Jünglingen, daß sie in
-der Gesellschaft der Reisenden über Maria-Schein schnell nach Teplitz
-zurückkehrten. Nach dem Mittagsessen traf man sich auf dem Schloßberge
-wieder, von wo man am schönsten das ganze Thal von Teplitz übersieht,
-und Abends begab man sich in das kleine Theater.
-
-Ein ächt deutsches Stück wurde gegeben: »Der seltne Prozeß.« Ein
-verarmter, rechtlicher, frommer und bibelfester Weber weiß seiner Noth
-kein Ende, um so weniger, da seine Frau ihn seit Kurzem mit Zwillingen
-beschenkt hat. Der Segen des Himmels, den beide dankbar anerkennen,
-drückt sie aber so zu Boden, daß nach langem Kampfe und vielem Schmerz
-sie sich entschließen, das eine Kind in der Nacht einem reichen Manne
-heimlich zu übergeben. Dieser aber hat in derselben Nacht schon ein
-Wickelkind erhalten, er läßt Acht geben, und als der Arme jetzt mit
-schwerem Herzen seinen Sohn dem Zufall und der Menschenliebe übergeben
-will, wird er ergriffen, gescholten und ihm, der nicht zu Worte kommt,
-das dritte Kind mit Gewalt in die Arme gelegt. Mit diesem Segen und
-Jammer befrachtet, muß er nach Hause gehen, und die Klagelieder der Frau
-kann sich Jeder denken. Indessen ist schon die unerwartete Hülfe nah.
-Eine Summe Geldes bringt der neue Ankömmling mit und ein Schreiben, daß
-für die Ernährung des Kindes reichlich soll gezahlt werden. Nun wird
-große Freude aus der Trauer. Aber der Reiche erfährt diese Entwickelung,
-er will das Kind sammt dem Gelde und der Verköstigung zurück haben, und
-so wird der seltne Prozeß vor Gericht geführt. Ein edler Advokat, der
-die Sache des armen Webers führt, weist sich endlich als der Vater des
-Findlings aus, und Alle werden am Schluß zufriedengestellt. Ein
-komischer Richter erheitert die Verhandlung.
-
-Es waren noch nicht viele Brunnengäste in Teplitz und darum, besonders
-bei dem schönen Wetter, das Theater sehr menschenleer. Eine hohe, edle
-Gestalt gab sich die Mühe, den Schauspielern und dem schlechten Stücke
-oft zu klatschen und sie durch lauten Beifall zu ermuntern. Walther
-erkannte, als sie nach dem Stücke noch den Garten besuchten, in ihm den
-berühmten witzigen Prinzen de Ligne, der hier meist den Sommer
-zubrachte. Als Walther ihm seine Begleiter vorgestellt hatte, erklärte
-der geistreiche Prinz, daß es ihm nicht darum zu thun sei, die gespielte
-Armseligkeit für etwas Gutes auszugeben, sondern es komme ihm nur darauf
-an, die armen Schauspieler etwas zu ermuthigen.
-
-Ist es nicht, fügte Walther hinzu, um diese ernsthaften Deutschen etwas
-Sonderbares! Wenn der heutige Schwank theatralisch gelten sollte, so
-müßte er eben als Schwank, als Posse vorgetragen werden. In diesem Sinne
-sah ich die Geschichte vor einigen Jahren in Rom spielen. Ein
-eigensinniger Misogyn jagt seinen Bedienten, Truffaldin, aus dem Dienst,
-weil er gehört hat, er sei verheirathet. In komischer Verzweiflung kommt
-der Spaßmacher nach Hause und findet die Zwillinge. Possierlicher Jammer
-der Aeltern, was anzufangen sei. Der Entschluß wird gefaßt, das Kind dem
-Findelhaus zu übergeben. Aber welches? Beide Kinder machen auf gleiche
-Liebe Anspruch. Man streitet, zankt, weint und lacht: der Zufall soll es
-entscheiden, und die Kinder werden wie Loose übereinandergerollt und
-Truffaldin greift blindlings hinein. Beim Findelhaus wird ihm aber der
-dritte Säugling nach einigen Schlägen, die er mitnehmen muß,
-aufgezwungen, und in dieser burlesken Art entwickelt sich, ohne Prozeß,
-so viel ich mich erinnern kann, das tolle Lustspiel. Die Italiener, die
-gerne lachen, hatten große Freude an dieser lustigen Parodie der
-Väterlichkeit und des menschlichen Elends, viele gesetzte Deutsche aber,
-die sich alle zu den guten und besten Köpfen rechneten, meistens
-Vornehme, die sich sonst nicht von der Moral geniren ließen, fanden den
-Spaß äußerst unsittlich und folgerten aus dem Lachen des unbefangenen
-Volks, das durch halbe Cultur noch nicht verdreht war, die tiefe
-Versunkenheit der Italiener, weil sie beim mindesten edeln Gefühl
-dergleichen Abscheulichkeit nicht würden dulden können.
-
-Das Albern-Sentimentale, fuhr Wachtel im Gespräch fort, diese Krankheit,
-die dem wahren Gefühle ganz entgegengesetzt ist, hat von je bei den
-Deutschen gütige Aufnahme gefunden. Doch sind die Franzosen in vielen
-ihrer Dramen und Romane auch nicht frei von dieser nervösen
-Hautkrankheit. Den schlimmsten Ausschlag hat wohl unser Kotzebue gehabt
-und gegeben. Hiob rieb sich in seinem Elend mit Scherben: wir gehn in
-die Komödie, um uns zu erleichtern. »Der kratze sich, den es juckt,«
-sagt Hamlet: das thun wir denn redlich.
-
-Der Fürst lachte und nach einigen Wechselreden trennte man sich, weil es
-schon spät geworden war. Von Karlsbad schrieb Walther folgenden Brief an
-seinen Freund nach Warschau.
-
- Karlsbad, den 28. Junius 1803.
-
-Die Familie Essen habe ich aufgesucht, so wie ich nur hieher kam. Aber
-ich weiß nichts Bestimmteres, da diese Leute, die etwas träge scheinen,
-selber keine nähern Nachrichten haben. Nur so viel scheint aus Allem
-hervorzugehen, daß der Entführer oder Verführer sich unter verschiedenen
-Namen herumgetrieben hat, und daß es deswegen um so schwieriger ist, ihm
-auf die Spur zu kommen. Nach Franken deuten die etwanigen unbestimmten
-Anzeigen. Ich muß es also fast dem Zufalle überlassen, ob ich ihn oder
-sie auf meiner seltsamen Pilgerfahrt antreffen werde. Man wird selber
-saumselig, wenn man sieht, wie wenig die Menschen sich ereifern, die die
-Sache doch auch, der Verwandtschaft wegen, interessirt.
-
-Mein wunderbarer Reisegefährte Ferdinand wird mir um so lieber, je öfter
-ich mit ihm zanke, je weniger ich in eine von seinen seltsamen Meinungen
-eingehen kann. So wie man von Sachsen aus die böhmische Grenze betritt,
-ist Natur und Menschenstamm anders. Am auffallendsten aber ist das
-katholische Wesen, die Heiligenbilder und Crucifixe auf Wegen und
-Stegen, in Dörfern und Städten, abseits auf dem Felde, wo man nur
-hinsieht, begegnen dem Auge diese hölzernen und aus Stein gemeißelten
-Figuren, die meisten, wie sich von selbst versteht, widerwärtig,
-schroff, und die Gemälde und angestrichenen Passionsfiguren blutig und
-unannehmlich. Engel, die in Kelchen das Blut des Heilandes auffangen,
-das Antlitz des Erlösers beregnet von rothen Tropfen, Maria meist mit
-nußgroßen Thränen, und Alles, wie in der Kirche zu Graupen, darauf
-hingearbeitet, um Schauder und Grauen zu erregen.
-
-Als ich nun einmal darüber klagte, wie so Vieles in unserm Vaterlande,
-welches öffentlich aufgestellt wird, mehr dazu dient, die Barbarei zu
-befördern und das Auge zu verderben, anstatt den Sinn für Schönheit zu
-nähren und zu erhöhen, gerieth er in einen erhabenen Zorn und rief nach
-manchen Aeußerungen: Wüßten wir doch nur erst, was Schönheit ist und was
-wir so nennen sollen! Ist sie denn nicht so oft nur eine Verlarvung des
-Lebens und der Wahrheit? Auch die alten Griechen, uns Musterbilder im
-Schönfühlen, hegten vor jenen Klötzen und Unformen, die ihnen aus
-uralter, fast vorgeschichtlicher Zeit überkommen waren, eine heilige
-Ehrfurcht und Scheu, und die Frommen fühlten vor diesen Fratzenbildern
-in Ahndung und Erinnerung mehr, als vor jenen neuen, schöngeschnitzten
-Götterbildern. Die Süßlichkeit mancher neuen Maler oder Bildner, wenn
-sie den Heiland als einen Siegwart, oder empfindsamen verliebten
-Landprediger, oder im Akt des Brodbrechens als einen idealisirten
-Bäckergesellen darstellen, ist mir das Verhaßteste in allen Verirrungen
-unserer gefühlvollen Zeit. Das Leiden des Gottmenschen, die Geheimnisse
-unserer Religion, die Wehmuth, der Schreck unseres Innern, die uns von
-dieser dunkeln, zu nahen Erde in die himmlischen Regionen des Glaubens
-und Anschauens hinaufrücken sollen, können und dürfen anderer Natur
-seyn, als jene Bewegungen, die uns das Schöne erregt. Wo der Landmann
-seine Aecker überschaut, der wilde Jäger aus seinem Forst tritt, der
-fremde Wandersmann in den Bezirk kommt, sehen sie die Hinweisung auf
-Erlösung, Erbarmen, Mitleid und das Wunder des Ueberirdischen. Wird
-durch Fleiß und Thätigkeit, durch Tugend und Kraftanstrengung nicht
-immerdar etwas Geistig-Göttliches von der Qual und vom Tode erlöst?
-Geschieht nicht auch dieses in Arbeit und Mühe durch Schmerz und
-Aufopferung? Der Bettler empfängt in jedem Brodschnitt nicht nur die
-Milde des Gebers, sondern auch dessen Kampf und Schweiß. So weit diese
-Bilder hier in den frommen Gauen stehen, werfen sie ihre leuchtenden
-Strahlen segnend über die Aehren und die Früchte, über den jungen Wald,
-Bäche und Wege dahin, und Alles, so weit das Auge reicht, ist wie
-gesegnet und über den Tod und Fluch des Irdischen erhaben.
-
-Wir fuhren über Dux, Brixen und Saatz, wo wir Mittag machten. Der Abend
-und der schönste Sonnenuntergang traf uns auf der Höhe vor Engelhaus.
-Ich erinnere mich kaum, in meinem Leben etwas so Wundervolles in der
-Natur gesehen zu haben. Ferdinand, bei dem alle Gefühle leicht in
-Rührung übergehen, hatte Thränen in den Augen. Sie standen seinem
-hübschen blühenden Gesichte sehr gut, was mit daher rührt, weil der
-liebe Mensch von aller Affectation völlig frei ist. Was er nun sprach,
-war wirklich wie in Entzückung, und als wenn er eben einer Vision
-theilhaftig wäre.
-
-Kann man nicht diese Glut, diesen Purpurbrand und alle diese Röthen in
-ihren Abstufungen bis zum lichten Rosenschmelz, als Blut des Heilandes,
-vom Haupte strömend, aus der Seite, den Füßen und Händen fließend,
-anschauen? Sein Haupt, die Sonne, sinkt tiefer und tiefer hinab, der
-Nacht und dem Tode entgegen; nun ist die göttliche Scheibe verschwunden,
-und die Röthe gleitet ihr dunkler und farbloser nach. Er ist scheinbar
-todt, der göttliche Tag, und sein Alles erleuchtendes Licht erloschen.
-Ueber uns thürmen sich Wolken und kreisen umher, vom letzten Licht
-getroffen und schwach gefärbt. Sie bäumen sich auf und ergreifen
-flockend, anwachsend, sich lösend, diese und jene Gestalt. Es sind die
-alten Fabelgötter, die ein Traum- und Scheinleben erringen. Da sitzt der
-alte Jupiter, ungeheuer und in sich schwankend, auf seinem bebenden
-Dunstthrone, Bacchus erhebt trotzig und jubelnd den Pokal, und so wie er
-trinken will, zerfließt und schwindet der große Arm und die Figur des
-Trunkenen wandelt sich unvermerkt in den springenden Pardel, der jetzt
-den leeren Wagen zieht. Von dort schreitet der Juno erhabene große
-Gestalt durch das dunkle Blau, sie sucht ihren Gemahl und schrickt
-zusammen, weil dort schon ein goldner Stern durch den Aether blinkt.
-Haupt und Locken lösen sich, die gewölbte Brust schmilzt wie Silber im
-Ofen, die zerbrochenen Formen leuchten noch einmal auf und tauchen dort
-in den finstern Streif, in welchen sich alle rollenden Bildnisse
-versenken. Der Traum ist ausgeträumt und die dunkle Nacht tritt herauf.
-Ein Sternbild nach dem andern bricht aus dem finstern Dome glänzend
-hervor; oben die unvergänglichen festen Lichter, unten auf Erden
-Dunkelheit, Nacht, Tod; kein Fels, kein Wald mehr zu unterscheiden,
-Alles unkenntlich in eine schwarze Masse zerronnen, die ohne Anfang, die
-ohne Ende ist. Beides ein Bild der stummen Ewigkeit. So steht die Nacht
-fest, unerschütterlich, wie es scheint. Abend- und Morgenroth sind Wahn;
-die erhabne Unendlichkeit der Gestirne, die unzählbaren Lichter und
-Welten in unermeßlichen Fernen wandeln dem rückgekehrten Blick die Erde
-in nichtig Spielwerk und den Glauben an Gnade und Erlösung in
-Fieberphantasie. Der Zweifel und das Dahingeben in das Unbegrenzte,
-Schrankenlose, giebt sich für Wahrheit und Religion. Da erzittert die
-ewige Nacht in sich selbst, die finstern Wälder schütteln sich im
-Morgenhauch, die ergrauende Dämmerung wächst wie weissagend am Horizont
-empor. Plötzlich tritt die liebliche Morgenröthe hervor, mit ihren
-Wundern über die Berge klimmend; Farbe, Licht, Wonne, Gestalt vertreiben
-siegreich den Unglauben der formlosen Nacht, und der Glaube tritt wieder
-in die jauchzende Natur. Sie trägt, die trostreiche, freundliche Mutter,
-den glänzenden, auferstandenen Sohn als leuchtendes Kind in ihren Armen,
-und Wälder und Gebirge sind im blauen und grünen Schimmer der letzte
-Saum des fließenden Gewandes, wie sie aufgerichtet steht, hoch in die
-Himmel ragend. Und die Ströme jauchzen und schluchzen in Freude, und die
-Blumen lachen und duften, und die Felsen erklingen, und die Waldung
-rauscht Lobgesang.
-
-Wir konnten seine begeisterten Augen nicht mehr sehen, denn es war ganz
-finstere Nacht geworden. Wundersam leuchteten von unten die zerstreuten
-Lichter aus Karlsbad, und nach vielem Rütteln und Stoßen unseres Wagens,
-indem einmal der große hölzerne Hemmschuh brach, der hier dem Rade
-untergelegt wird, gelangten wir spät und nicht ohne Gefahr in dem
-Städtchen an.
-
-Am andern Morgen -- wen traf ich? Unsern theuern Carl von Hardenberg,
-den jüngern Bruder unsers vielgeliebten nur kürzlich und leider für die
-ganze Welt zu früh gestorbenen Novalis. Er ist mit seiner jungen,
-angenehmen Frau hier, um die Bäder zu gebrauchen. Er sieht wohl aus und
-ist stärker geworden. An männlicher Schönheit ist er mit Novalis nicht
-zu vergleichen. Der schwärmende Ferdinand hat sogleich sein ganzes Herz
-erobert und mich, den ältern Freund, in den Hintergrund gestellt. Aber
-sehr begreiflich, weil sie sich in Stimmung und Ansicht begegnen. Carl
-Hardenberg hat uns seine Schrift: »Die Pilgerschaft nach Eleusis,«
-vorgelesen, die mein Freund sehr billigte, wenn er gleich nicht Alles
-loben mochte. Dieser jüngere Bruder nennt sich in seinen
-schriftstellerischen Arbeiten _Rostorf_, nach einem Gute in Sachsen,
-nach welchem die eine Linie Hardenberg diesen unterscheidenden Namen
-führt. -- Eben so ist _Novalis_ ein Gut, nach welchem die ältere Linie
-sich unterscheidet, und welchen Namen unser Freund annahm, bloß deshalb,
-um sich nicht Hardenberg zu unterschreiben. Wie viel Unnützes haben
-schlechte Köpfe, die sich immerdar dem Bessern widersetzen, über diesen
-Namen Novalis gefabelt und gewitzelt.
-
-Solltest Du nun nach Allem, was ich erzählt habe, nicht glauben, mein
-Reisegefährte Ferdinand sei katholisch geboren und erzogen? Allein
-nichts weniger, er ist Protestant und aus einem protestantischen Lande.
-Der wunderliche Wachtel, der sich die Miene giebt, ihn ganz genau zu
-kennen, ihn aber doch vielleicht nicht immer begreift, behauptet mit
-seiner gewöhnlichen Kälte und Sicherheit: wenn Ferdinand in einem
-katholischen Lande erzogen wäre, oder wenn es nur schon Ton und Mode
-wäre, wie es vielleicht dahin käme, sich katholisch zu dünken, so würde
-unser Schwärmer eben so extravagant ein Protestant seyn. Ich lasse das
-dahingestellt seyn. Denn wer mag dergleichen behaupten oder widerlegen?
-
-Wir sind mit Hardenberg und seiner liebenswürdigen Frau nach dem
-sogenannten Heilingsfelsen gefahren. Eine von jenen Sagen, mit denen die
-Phantasie nicht viel anzufangen weiß, knüpft sich an diese Gegend. Die
-Spitzen der Felsen sind grotesk und gleichen in der Ferne gewissermaßen
-menschlichen Gestalten. Nun fabelt man, es sei eine Hochzeit, die
-plötzlich, mit allem Gefolge, in früher Vorzeit sei versteinert worden.
--- Mich dünkt, der Vielschreiber Spieß hat einen Geisterroman daraus
-gemacht. Diese gelesenen, beliebten Autoren lösen in Deutschland
-einander nach gewissen Zeiträumen ab, und selten, daß der neue Liebling
-besser als der abgesetzte Vorfahr ist. Dieselben Leser aber, die den
-neuen Demagogen bewundern, können alsdann nicht fassen, wie der frühere
-ihnen nur irgend etwas habe seyn können.
-
-Man erlebt immer noch unerwartete, möchte man doch sagen wunderbare
-Dinge. In einer geistreichen, vornehmen Gesellschaft, in welche wir
-ebenfalls eintraten, als wir oben vom Hirschsprung zurückgekehrt waren,
-erhob sich zwischen zwei Baronen, schon bejahrten Leuten, ein
-unerwarteter und lebhafter Streit. Der ältere meinte und behauptete, das
-Thal von Karlsbad übertreffe nicht nur das Teplitzer bei weitem, sondern
-sei auch außerdem eine der schönsten Gegenden in Deutschland. Ich habe
-wohl erlebt, daß man Bücher, Autoren, Musiker und Schauspieler
-protegirt, und daß der Protektor seine Meinung, wenn er ein Vornehmer
-ist, so zur Ehrensache macht, daß ihm keiner, höchstens etwa ein
-Gleichgestellter, doch immer nur milde, widerspricht. Daß man aber in
-demselben Sinne auch die Natur protegiren könne, war mir eine ganz neue
-Erscheinung. Der Baron B. focht nun aber mit allen Waffen gegen Herrn A.
-für sein geliebtes Teplitz, und behauptete, dieses sei ohne Bedenken
-durch seine Heiterkeit, schöne Fernen, milde Luft und Bergfiguren dem
-elenden, bedrängten und drückenden Karlsbad vorzuziehen, wo die nahen
-Berge wie die Mauern eines Gefängnisses jedes Gemüth, das noch irgend
-Sinn für Natur habe, beängstigten. Als die beiden Gegner immer
-empfindlicher wurden und sich mit jeder Gegenrede schärferer Ausdrücke
-bedienten, wollte unser Wachtel den Streit durch gutgemeinte
-Uebertreibung schlichten oder lächerlich machen, indem er rief: »Meine
-Herren! Karlsbad, so wie Teplitz in Ehren! Aber, abgesehn von aller
-partiellen Vorliebe, wo immer eine gewisse Einseitigkeit sich meldet,
-auf die ein universeller Naturfreund, der ich zu seyn glaube, keine
-Rücksicht zu nehmen hat, so glaube und behaupte ich gegen sie Beide: daß
-der Hirschsprung dort oben schöner sei, wie irgend etwas in dieser
-Gegend oder bei Teplitz, ja in ganz Deutschland wenigstens, um nicht
-Europa zu sagen. Aber zugegeben selbst, Karlsbad sei ausbündig schön,
-wie schön dann der Hirschsprung, der hier unbedingt und ohne Frage das
-Schönste ist. Von tausend und aber tausend Malern ist nur Ein Rafael,
-der das Höchste und Vollkommenste erreicht hat; unter seinen vielen
-Bildern muß Eins das vorzüglichste seyn; auf diesem vorzüglichsten
-Tableau wird ohne Zweifel Eine Figur die beste seyn und -- um ganz
-vollständig das Argument zu endigen -- auf und an dieser Figur wird die
-Nase, der rechte Arm oder das linke Bein, oder wohl ein verkürzter
-Finger das allerkunstreichste darstellen -- und, Vortrefflichste, diesen
-Finger, oder die Nase, oder was es nun sei, weise man mir nach, und ich
-bin in meiner Ueberzeugung glücklich, und fühle mich im Mittelpunkt der
-Kunst und scheere mich um den ganzen Rafael nichts mehr, die übrigen
-Sudler, Stümper oder vollendete große Meister gar nicht zu erwähnen. Und
-so ist mir mein Hirschsprung mein Delphi, mein Nabel der Erde.
-
-Dieser Scherz aber, statt die Stimmung der Kriegführenden zu mildern,
-erbitterte sie nur noch mehr, und er endigte, wie ich gleich fürchtete,
-mit einer Ausforderung. Zum Glück ist die Sache gut abgelaufen, die
-Kugeln sind ganz nahe dem Ziele vorbei gegangen, ohne zu verletzen, und
-der Teplitzer Fanatiker ist nach seinem Lieblingsorte unmittelbar nach
-dem Kampfe abgereist, indem er in das Fremdenbuch seine Verachtung der
-hiesigen Gegend mit starken Ausdrücken eingezeichnet hat. --
-
-Kann ein Gebildeter, so hat Baron A. diese Schmähung im Gastbuche zu
-widerlegen gesucht, so unbillig seyn, die Natur entgelten zu lassen, was
-bloß seine eigne Verstimmung, oder sein Mangel an Sinn verschuldet hat?
-Die Engherzigkeit kann kein Urtheil fällen, am wenigsten über ein
-Geheimniß, und ein solches ist und bleibt die Schönheit der Natur. Der
-Krittler wird immer mit ihr über den Fuß gespannt seyn.
-
-O wie wahr! sagte Wachtel zum Schreibenden, denn nun verstehe ich erst,
-warum ich diesen meinen lieben Hirschsprung allen Dingen in der Welt
-vorziehe. Meine Vorliebe ist eigentlich das Herz und der Kern der
-Ihrigen, Herr Baron, wie dieser Felsen nur ein Theil des Ganzen; darum
-kann meine Liebe aber auch um so inniger seyn, weil sie sich durch
-nichts zerstreuen läßt. --
-
-Doch genug von diesen Thorheiten; der gute Wachtel, so habe ich
-entdeckt, liebt den Wein noch mehr, wie irgend eine Schönheit in Kunst
-oder Natur. Er absentirt sich oft und huldigt im Geheim seiner
-Leidenschaft. Besonders ist es die sogenannte Mennische Essenz, ein
-vortrefflicher rother und süßer Ungarwein, der sein Herz ganz gewonnen
-hat. Ferdinand sieht ihn nachher oft mit seinen großen braunen Augen an,
-und kann aus den Faseleien und wilden Reden nicht klug werden, die
-Wachtel dann ohne Kritik und Aengstlichkeit von sich giebt. In diesem
-halben oder ganzen Rausch scheint sich dieser wunderliche Mensch am
-meisten zu gefallen. --
-
-Nächstens mehr, und hoffentlich eine bestimmte Nachweisung.
-
- * * * * *
-
-Die drei Reisenden, welche man jetzt schon die drei Freunde nennen
-konnte, nahmen von dem trefflichen Hardenberg Abschied und reiseten den
-folgenden Tag bis nach Eger. Hier fällt der große stämmige
-Menschenschlag auf, sowie die dürre, kalte und unfreundliche Gegend. Man
-besuchte, aus Verehrung gegen den großen Dichter noch am Abend das Haus,
-in welchem Wallenstein war ermordet worden. Am folgenden Tage fuhr man
-über Thiersheim nach Wunsiedel und Sichersreuth, dem Bade, welches
-Alexanderbrunnen genannt wird. Hier ruhten die Freunde bei stechender
-Mittagshitze aus und erfreuten sich an der sonderbaren Gegend und
-Aussicht. Die Natur zeigt sich hier wild, man möchte den Ausdruck einen
-trotzigen nennen; dazwischen erfreuen Wald und grüne Wiesenstellen, und
-wunderbar zeigt sich die nahe Luxburg und der Burgstein. In diesem
-wundersamen Geklipp und durcheinander und übereinander geworfenen und
-kühn geschleuderten Felsenmassen erhebt sich das Gemüth in der
-Einsamkeit der unabsehbaren Tannenwälder zu den kühnsten Träumen. Ein
-poetisches Grauen weht in diesen Klüften und auf den steilen Höhen.
-
-Diese Seltsamkeiten des Fichtelgebirges, die Nähe von Wunsiedel, die
-barocke Gestalt der Natur, die doch nicht ohne Lieblichkeit ist, führte
-das Angedenken der Freunde von selbst auf ihren geliebten Jean Paul
-Richter. Man sprach viel über diese echt deutsche Natur und über seine
-wundersamen Werke, deren Ruhm sich mit jedem Jahre mehr in Deutschland
-verbreitet hatte. Mehr noch traten und glänzender die Gestalten der
-hohen Reisenden hervor, die kürzlich hier gewandelt hatten. Der Name des
-Königs von Preußen und seiner schönen Gemahlin war in Aller Munde. Alt
-und Jung rühmten die Milde und Herablassung, die Holdseligkeit der edeln
-Frau, und wo man nur einen merkwürdigen Fleck des Gebirges betrat, waren
-Spuren, Namen, Denksprüche der Einwohner, um den Regierern die Verehrung
-und Liebe der gerührten Herzen zu wiederholen. Wie hatte sich seit zehn
-Jahren die Stimmung hier und allenthalben im Baireuthschen geändert.
-Denn damals ging das Volk nur ungern zur preußischen Herrschaft über.
-Jetzt fand man sich beglückt und Alle sahn mit Vertrauen und fester
-Liebe zu ihren Herrschern hin; und die Reise des Königs und der Königin
-hierher hatte die Gemüther aller Einwohner noch mehr erhoben.
-
-Als man sich am andern Morgen auf dem Wege nach Baireuth befand, sagte
-Ferdinand: sonderbar ist es, Freunde, daß man immer, wenn man die Stätte
-selbst betritt, wo eine merkwürdige Geschichte vorgefallen ist, wo ein
-großer Mann wandelte, sich in der Regel abgekühlt und ernüchtert fühlt.
-Es ist, als wenn die Phantasie ohne Nachhülfe der Wirklichkeit die
-Sachen viel besser und passender verarbeitet. So hat mir in Eger das
-Haus des Bürgermeisters, in welchem der Feldherr ermordet wurde, nur
-einen trüben Eindruck gemacht. Schiller's tönende Reden und ergreifenden
-Scenen wollen sich nicht recht in diese Localität fügen; man wird durch
-diese Umgebung herabgestimmt und das tragische Gefühl sinkt dort zur
-peinlichen Empfindung eines widerwärtigen Meuchelmordes herab.
-
-Ja freilich, antwortete Wachtel, ist es fast immer so und kann auch
-nicht anders seyn. Die meisten Menschen prickeln und kneifen dann an
-ihrem lamentirenden Herzen, um sich hinaufzuschrauben. Ein Anderes ist
-es freilich, in dem schönen Sanssouci zu wandeln und an Friedrich den
-zweiten zu denken; die Wiesen zu betreten, die sich am Avon bei
-Stratford hinziehn und sich dort Shakspeare als Knabe und Mann
-vorzustellen. Hier läßt uns die Natur frei dichten. Kirchen, wie der
-Strasburger Münster, Schlösser wie das zu Warwick, erheben, indem sie
-große Kunstwerke sind, das Gemüth auch, wenn es sich dort Geschichte und
-Sage vergegenwärtigt; aber so ordinaire Fleckchen, Häuser, dunkle
-Zimmer, Kirchhöfe, stimmen herab. Unser lieber wunderlicher Jean Paul
-hat mir oft erklärt, er schildere die Gegenden am liebsten, die er
-niemals gesehn, würde auch den Anblick derselben vermeiden, weil ihn die
-Wirklichkeit nur stören möchte.
-
-Ferdinand hatte eine große Vorliebe für Berneck und die Uebrigen
-erstiegen mit ihm die Ruine. Hinter Berneck tritt man in die Ebene und
-hatte nur zuweilen den Rückblick auf das Fichtelgebirge. Als man in
-Baireuth zu Mittag gegessen hatte, begab man sich nach dem Garten, der
-Eremitage. Hier war Ferdinand sehr unzufrieden, weil man Vieles geändert
-hatte, um in dieser sonderbaren Composition, die aber nicht ohne
-poetischen Sinn entstanden war, einige sogenannte englische Partien
-hineinzubringen, die den gut geführten französischen Anlagen ganz
-unharmonisch widersprachen. Es war aber noch so viel des Schönen übrig
-geblieben, daß die Freunde in dem warmen Sommerwetter sich sehr
-behaglich in diesen grünen Laubengewölben ergingen.
-
-Bald wandelte man, bald setzte man sich nieder, und da der Garten von
-Menschen nicht besucht war, so konnten sie ungestört von den Werken
-ihres Freundes, Jean Paul, sich unterhalten. So sehr sie ihn bewunderten
-und lobten, so kamen doch Alle darin überein, daß man der Kunst und
-Poesie Unrecht thue, wenn man seine wundersamen Bücher Romane nennen
-wolle. Ein Roman sei ohne besonnene Kunstanlage unmöglich, und die Plane
-Richter's seien so willkürlich, unzusammenhängend und von Laune und
-Eigensinn gesponnen, daß gerade die scheinbare Einheit, der precaire
-Zusammenhang um so mehr verletze, um so mehr er oft mit falscher
-Künstlichkeit berechnet sei. So, fuhr Walther fort, haben wir wohl nur
-einen wahren Roman in deutscher Sprache, unsern Wilhelm Meister, den man
-nie genug studiren kann.
-
-Wachtel sagte: dieser Wilhelm verdient gewiß alle Achtung, wenn man ihn
-nur nicht gegen den einzigen Don Quixote messen will. Dieses große
-Kunstwerk steht nun jetzt seit zwei Jahrhunderten als ein unerreichtes
-und als ein Musterbild da. Nicht als Muster insofern, daß andre Romane
-diesem ähnlich seyn sollten, sondern als Vorbild, wie jeder in seiner
-Welt, die er darstellt, in seinem Zweck, den er verfolgt, so durchaus
-ein Ganzes und Befriedigendes seyn könne und müsse.
-
-Man hat an diesem herrlichen Buche, fiel Walther ein, ohne Noth so viel
-getadelt, was der weise Autor doch gerade mit vielem Bedacht seiner
-sinnreichen Geschichte eingewebt hat. Zum Beispiel kommen nicht die
-meisten Kritiker darin überein, die musterhafte Novelle des Neugierigen
-sei überflüssig und störend? Unser lieber Manchaner selbst, so treu,
-edel und herzhaft er ist, nimmt sich etwas vor, das, obgleich es schön
-und herrlich ist, es auszuführen er keine Mittel besitzt. Dieses Kämpfen
-für Recht und Unschuld, dieses Ritterthum und Kriegführen, wie er es
-sich vormalt, war aber auch zweitens niemals so in der Welt und konnte
-niemals so da seyn. Auch ein Herkules oder ein Amadis, mit allen Kräften
-und Tugenden ausgestattet, müßte einer solchen wahnsinnigen Aufgabe des
-Lebens erliegen. Nur hie und da, in verschiedenen Zeiten und Ländern,
-that sich etwas, mehr oder minder, von dieser poetischen Ritterwelt in
-der wirklichen Geschichte hervor. Die Phantasie des ebenso braven als
-poetischen Manchaners ist durch jene Bücher verschoben, die schon längst
-der Poesie ebenso sehr wie der Wahrheit abgesagt hatten. Das, was noch
-in ihnen poetisch war, oder jenes Phantastische, was das Unmögliche
-erstrebte, sowie die schönen Sitten der Ritterzeit, alles Dies durfte
-der ehrsame Herr Quixada wohl in einem feinen Sinne bewahren, ja sich zu
-jener adligen Tugend seines eingebildeten Ritters hinan erziehn; -- wenn
-er nicht darauf ausgegangen wäre, diese Fabelwelt in der wirklichen
-aufzusuchen und in diesem von Sonne und Mond zugleich beschienenen
-Gemälde den Mittelpunkt und die Hauptfigur selbst zu formiren. Er war
-aber im Recht, wenn er, manchen seiner Zeitgenossen entgegen, die
-Lichtseite und die Poesie jener entschwundenen Zeit und Sitte würdigte,
-wenn er sich selbst als Dichterfreund an dem ganz Thörichten und
-Phantastischen seiner Bücher ergötzte. Nun aber zog er aus, alles Das,
-was ihm begeisternd vorschwebte, selbst zu erleben; jenes unsichtbare
-Wunder, welches ihn reizte, wollte er mit seinen körperlichen Händen
-erfassen und als einen Besitz sich aneignen.
-
-Sehr richtig, erwiederte Ferdinand, und deshalb ist die getadelte
-Novelle des Neugierigen nur ein tiefsinniges Gegenbild, welches von
-einer andern Seite die Thorheit des Manchaners erläutert. Auch Anselm
-will das Unsichtbare, welches wir nur im edlen Glauben besitzen,
-sichtbar, körperlich in der Hand haben; das Richtige, Irdische soll ein
-Himmlisches vertreten und ihm die Gewähr der Treue und Liebe seyn. So
-zerstört er durch Aberweisheit, durch ^impertinente curiosidad^, was wir
-nicht übersetzen können, die Keuschheit und den Adel seines Weibes, die
-ohne diese Anfechtung wohl nie jene List und schreckliche
-Kunstfertigkeit, die widerwärtigen Feinde der reinen Unschuld, in sich
-entwickelt hätte. Zweifel also auf der einen Seite, und ein thörichtes
-Bestreben, das Unsichtbare sichtbar zu machen, zerstören so einen
-geistigen Schatz, jene Treue, die der Zweifler eben so mit Recht
-Aberwitz schilt, wie der edle Glaube sie für felsenfest ansieht und
-durch eigene Kraft ihr die Unerschütterlichkeit mittheilt.
-
-Wir sind hierüber einverstanden, antwortete Walther, geht es Ihnen aber,
-theurer Ferdinand, nicht vielleicht eben so? Ihre aufgeregte Phantasie
-würdigt die schöne und bildreiche Seite des katholischen Cultus, Sie
-sind in unsern späten Tagen von jener Rührung durchdrungen, die einst
-kräftige Jahrhunderte begeisterten. Seit kurzem ist ein religiöser Sinn
-bei jungen Gemüthern in Deutschland wiedererwacht, Novalis und dessen
-Freunde sprechen, reimen und dichten, um das verkannte Heilige in seine
-Rechte wieder einzusetzen; aber diese Anerkennung, diese süße Poesie des
-stillen Gemüthes in der Wirklichkeit suchen oder erschaffen wollen,
-scheint mir ganz derselbe Mißverstand zu seyn, den wir eben
-charakterisirt haben.
-
-Sehr wahr, warf sich Wachtel eifernd dazwischen, -- wie schön ist es,
-wie uns Herder einmal auf den tiefen und rührenden Sinn mancher
-Heiligenlegenden hingewiesen hat; nachher hat der romanhafte Kosegarten
-einige mit mehr oder minder Glück vorgetragen. Im vorigen Jahre sah ich
-den Verfasser der Genovefa und des Oktavian wieder und er erzählte mir
-von einem Buch und zeigte mir einige Blätter davon, welches denselben
-Gegenstand behandeln sollte. Die Einleitung und Form war nicht
-unglücklich. In einem schönen Gebirgslande verirrt sich ein edler
-Jüngling, der ganz in der zweifelnden Aufgeklärtheit seiner Zeit
-erzogen, aber dabei schwärmerisch verliebt ist, in der Einsamkeit des
-Waldgebirges. Unvermuthet trifft er auf einen einsiedelnden Greis, der
-den Ermüdeten in seine Zelle aufnimmt und ihn erquickt. Des Alten
-Freundlichkeit gewinnt das Herz des jungen Mannes und sie werden ganz
-vertraut mit einander. Ueber den Beruf der Einsiedler, über die Wunder
-der Kirche, über die Legende und Alles, was sich in diesem Kreise
-bewegt, verwundert sich der Jüngling und kann es nicht unterlassen, auf
-seine Weise zu spotten und mit Witz des Zweiflers zu verhöhnen. »Wie?
-ruft der Greis dann aus, Du bist in Liebe entzündet, Du schwärmst für
-Deine Sophie und kannst doch kein Wunder fassen? Ist die Blume, das
-Band, welches Dein Mädchen berührt, die Locke, die sie Dir geschenkt
-hat, nicht Reliquie, empfindest, siehst Du an ihnen nicht Licht und
-Weihe, die kein andrer Gegenstand Dir bietet? Wo Du mit ihr wandelst,
-ist heiliger Boden, wenn sie Dir die Hand oder die Lippen zur Berührung
-reicht, bist Du verzückt, -- und doch verkennst Du in der Geschichte der
-Vorzeit den Ausdruck dieser Liebe, in den seltsamen Entwicklungen
-begeisterter Gemüther, bloß weil sie diese Sehnsucht und
-Herzenstrunkenheit nicht auf ein Weib hingelenkt haben?« -- Der Jüngling
-wird nachdenkend und besucht den Alten nun, so oft er die Stunde
-erübrigen kann. In diesen Zeiträumen erzählt ihm der Greis jene
-wundersamen Legenden von Einsiedlern, Jungfrauen, Männern und
-Kirchenältesten, die ihr ganzes Gemüth der Beschauung des Himmlischen,
-der Entfaltung jener geheimnißvollen Liebe widmeten. Diese Kämpfe des
-Zweifels, diese Erscheinungen aus fremder Welt, diese uns
-unbegreiflichen Aufopferungen werden nach und nach vorgeführt, wo sich
-aus dem Erzählten selbst die Erklärung und das Verständniß ergiebt. Nach
-einigen Monaten kommt der junge Liebende wieder zum Greise und dankt
-ihm, wie einem Vater, der ihm den Geist geweckt und ihm ein neues Leben
-erschaffen habe; er sei darum auch entschlossen, in den Schooß der alten
-Kirche zurückzukehren. »Nein, ruft der Greis bei dieser Erklärung,
-verwechsele nicht diese unsichtbare Liebe, mein Sohn, mit den Zufällen
-der Wirklichkeit. Du würdest, anstatt des Göttlichen, nur die
-Schwachheit unserer Priester kennen lernen. Wozu, daß Du Deine innern
-Entzückungen, die im Geheimniß Deiner Brust Wahrheit und Bedeutung
-haben, in die kalte Wirklichkeit verpflanzen willst, an welcher sie
-erstarren und verwelken müssen?« So rieth ihm derselbe Greis ab, der ihn
-erst in die Liebe und Bedeutung jener Visionen eingeweiht hatte. -- Und
-ich wende das Resultat jenes noch nicht erschienenen Buches wieder auf
-Dich an, mein Ferdinand. Das erste Wahrnehmen, der Blick der
-Begeisterung, die Aufregung der Liebe findet immer und trinkt den reinen
-Brunnquell des Lebens; -- aber nun will der Mensch im Schauen das Wahre
-noch wahrer machen, der Eigensinn der Consequenz bemächtigt sich des
-Gefühls und spinnt aus dem Wahren eine Fabel heraus, die dann oft mit
-den Wahngeburten der Irrenhäusler in ziemlich naher Verbindung steht.
-
-Somit wäre also, rief Ferdinand aus, der Indifferentismus, der nur Alles
-gesehn und erfahren hat, nichts aber seinem Gemüthe sich einbürgern
-läßt, die höchste Weisheit und Menschenwürde! Es kann aber die Zeit
-kommen, in welcher edle Geister sich wieder öffentlich zu dieser Kirche,
-dem alten, echten Christenthum bekennen.
-
-Möglich, sagte Walther, wüßte man nur bestimmt und klar, welches das
-älteste Christenthum sei. Jeder deutet sich die Sache in seiner Weise
-aus. Auch möglich, daß die jetzt vergessenen Pietisten durch diese
-religiöse Anregung und Begeisterung wieder erwachen; vielleicht giebt es
-in einigen Jahren deutsche Puritaner und Methodisten. Die geistige feine
-Linie, auf welcher hier das Wahre und Schöne schwebt, kann so leicht
-hüben und drüben überschritten werden; -- und bemächtigt sich erst die
-Menge, die Leidenschaft, die Turba dieser Vision -- welche
-Religions-Manieristen mögen da noch zum Vorschein kommen, wenn nicht
-sogar Verfinsterung und Verfolgung, Inquisition und Haß von katholischen
-Priestern und vermeintlich orthodoxen Protestanten wieder gepredigt
-wird. -- Das scheint aber wohl, daß Verliebte in ihrer erhöhten Stimmung
-mehr der katholischen, als einer andern Kirche zugeneigt seien, und daß
-Sie, lieber Ferdinand, ein Verliebter sind, habe ich Ihnen angefühlt,
-seit wir uns dort hinten auf der Oder zuerst kennen lernten.
-
-Ferdinand ward blutroth, und verleugnete schwach und stotternd die
-Anklage. Er ist eigentlich kein Jüngling mehr, sagte Wachtel, aber seit
-ich ihn kenne, ist er immerdar verliebt gewesen. Doch so tief, wie er
-jetzt seyn mag, ist es ihm wohl noch niemals ins Herz gegangen, denn er
-ist bedenklich und viel tiefsinniger und launenhafter als in ältern
-Zeiten.
-
-In einer schönen Mondnacht fuhren die Freunde von Baireuth ab und kamen
-früh, schon vor Sonnenaufgang, in Streitberg an. Sie bestiegen die Berge
-und besuchten die merkwürdigen Höhlen. Ferdinand, der, wie die Uebrigen,
-die Gegend schon kannte, war wie trunken von der schönen Natur. Ueber
-Ebermannstadt näherte man sich dann der Ebene; hinter diesem Orte sind
-die Wege so schlecht, daß man einen Vorspann von Ochsen herbeiholen
-mußte, um aus der versumpften Stelle den nicht schweren Wagen
-fortbringen zu können.
-
-Hinter Bayersdorf streckt sich die sandige Ebene aus und man sieht ein
-großes, wüstes Schloß, welches in neuem Styl errichtet, aber nicht
-ausgebaut ist und als wunderliche Ruine dasteht.
-
-Sehr begierig bin ich, so erzählte Ferdinand, hier einen ehemaligen
-Bekannten wieder aufzusuchen. Ich war ihm vor geraumer Zeit begegnet,
-und so kam er vor einigen Jahren wieder zu mir; er ist gelehrt und ein
-Enthusiast für die Dichtkunst; er läßt aber nur einzig und allein die
-Griechen aus der großen Zeit für Dichter gelten, und unter diesen stellt
-er wieder seinen Liebling Sophokles allen voran. Es ist nicht
-übertrieben, wenn ich sage, daß er diesen auswendig weiß. Er kennt alle
-Commentatoren seines Freundes genau, er ist unermüdet, ihn zu studiren
-und die schwierigen Stellen zu erklären, so daß wir von diesem Eifer
-gewiß schöne Früchte erwarten dürfen. Dieser wackre Termheim, denn so
-heißt er, hat aber gar keinen Sinn für die Schönheiten der Neueren; oder
-vielmehr, er behauptet, sie, von seinem Standpunkte aus, zu verstehn und
-von dort ihre Nüchternheit und Verwerflichkeit einzusehn. Er belächelt
-mitleidig Diejenigen, welche den Shakspeare bewundern; er behauptet, die
-Barbarei dieses Naturkindes sei höchstens für den Psychologen
-interessant, der von seiner Stelle diese Waldnatur allenthalben zurecht
-weisen könne. Die Leidenschaften fast pathologisch richtig zu schildern,
-sei noch lange nicht hinreichend, um sich der Schönheit auch nur von
-fern zu nähern. Die Großheit der Alten habe recht geflissentlich alles
-das verschmäht, worauf die Neuern ihren Stolz gründen wollten. Unsern
-Göthe nennt er nur eine Ausgeburt neuester Kränklichkeit, der, zu
-schwach, das Große und Starke zu erfassen, und zu vornehm, um die
-eigentliche Gestalt des Lebens zu verstehn, in einer unsichern,
-schwankenden Mitte nur der Verzärtelung fröhne. Das klare Aetherlicht,
-der Hinüberblick über die Natur und Welt, jene gesunde Freiheit des
-Menschen, der Alles sieht und fühlt und sich nur dem Besten befreundet,
-sei nur in Homer, Pindar, Aeschylus und Sophokles zu finden, in Herodot,
-Thucydides, Plato und Aristoteles; mit Euripides und Xenophon melde sich
-schon das Krank- und Schlaffwerden der edeln Lebenskräfte. Unter den
-Neueren kann fast einzig und allein unser Winkelmann bei ihm Anerkennung
-finden.
-
-Wenn dieser gelehrte Mann, sagte Wachtel, kein Pedant ist, so ist er ein
-Narr, der auch mehr vor das Forum der Pathologie, als der Kritik gehört.
-
-Sein wir nicht so unbillig, erwiederte Walther, es kann wohl seyn, daß
-ein innigstes Durchdringen, ein tiefsinniges Anerkennen der echten
-Schönheit den Blick für die nah verwandte, wie vielmehr für die
-entfernte, abstumpft.
-
-Das leugne ich eben, sagte Wachtel, die neue Zeit muß uns die alte, und
-umgekehrt die alte die neue erklären. Es sind zwei Hälften, die sich, um
-ein echtes Erkenntniß zu gewinnen, nicht trennen lassen. Solche
-absprechende, hochmüthige Einseitigkeit kann nur so sicher und stolz in
-sich selber ruhn, wenn ein völliger Mangel an Kunstsinn jeden Zweifel,
-wie jede tiefsinnigere Untersuchung unmöglich macht.
-
-Spät nur kamen sie in Erlangen an. Dieser fränkische Kreis, sagte
-Wachtel im Gasthofe, bildet eigentlich das ganze Deutschland recht
-hübsch im Kleinen ab. Hier sind wir nun wieder in der sandigen Mark
-Brandenburg; Tyrol im Kleinen ist nicht fern, der Rhein und die Donau
-werden von dem artigen Mainstrom recht hübsch gespielt, und Schwaben und
-Baiern liegen in den fruchtbaren und heiteren Landesarten dieses
-anmuthigen Kreises, in welchem die Physiognomie der Natur immer so
-schnell wechselt. Ich habe immer den Instinkt oder die Einsicht unsers
-alten Maximilian bewundern müssen. Wie er sich zur Martinswand hinauf
-verirrt hatte, stand er ziemlich hoch, vielleicht ist ihm in der
-Todesangst die Eingebung gekommen, sein deutsches Reich so richtig in
-zehn Kreise einzutheilen, wo in jedem Natur und Menschenstamm sich so
-bestimmt von benachbarten absondern; oder die dortige Vogelperspektive
-gab ihm den richtigen Ein- und Ueberblick.
-
-Am folgenden Morgen machte ein jeder der Reisenden seine Besuche.
-Walther erhielt einen Brief, indem er allein war, und sowie er ihn
-öffnete, rief er: ha! in Bamberg also! Endlich doch eine bestimmte
-Hinweisung. Ferdinand hatte seinen älteren Freund, den Professor Mehmel,
-besucht, wo er die Bekanntschaft des reformirten Pfarrers Le Pique
-machte, zu dessen warmer Herzlichkeit er sich sogleich hingezogen
-fühlte.
-
-Nachmittags gingen die Freunde zu dem griechischen Gelehrten Termheim.
-Er freute sich sehr, Ferdinand wiederzusehen, indem er sich, ganz
-erhitzt, aus einem Schwall von Büchern und Papieren erhob. Jetzt werden
-wir einig seyn, rief er dem Freunde zu, wie sehr hatten Sie Recht,
-Verehrtester, mich wegen meiner einseitigen Bestrebungen zu tadeln.
-Jetzt begreife ich erst Ihre Natur, Freundlichster der Menschen, denn
-gewiß müssen wir uns unter dem Nächsten umsehn, um uns mit dem Fernen zu
-verständigen.
-
-Erlauben Sie, unbekannter Herr, fiel Wachtel ein, ich will gewiß keine
-Blasphemie sagen, aber Sie verstehn mich wohl, wenn ich den Spruch
-hierauf anwende: wer seinen Nächsten nicht liebt, den er sieht, wie kann
-er Gott lieben, den er nicht sieht? -- Die Neueren, von Dante an,
-Ariost, dann Shakspeare und besonders unser Göthe, alle Diese sind unsre
-Brüder und Gespielen, mit uns aufgewachsen, und wenn ich von Denen
-nichts begreife, die doch in demselben Elemente mit mir hantiren, -- wie
-soll ich jene fassen, die mir durch Jahrtausende entrückt sind?
-
-Sehr wahr, rief der Begeisterte aus, und so freuen Sie sich denn mit
-mir, Sie fremder oder längstgekannter Freund, daß unser Werth mir
-endlich aufgegangen ist; ich habe ihn, den Deutschen, nun endlich
-ausgefunden, der die Griechen überwiegt und übersieht.
-
-So haben Sie, rief Ferdinand, Göthe's schöne Natur endlich verstanden?
-Wenn Sie auch sein Lob übertreiben (und kann man wohl einen so großen
-Mann _über_schätzen?), so freue ich mich doch, daß wir jetzt, nach
-Jahren, endlich derselben Ueberzeugung geworden sind.
-
-Göthe! rief der Gelehrte mit einem sonderbaren Ausdruck des Unwillens
-aus, -- dieser verstimmte, kranke Geist! Nein, so sehr werde ich mich
-nie vergessen, diesen über meine angebeteten Griechen zu erheben.
-
-Nun, fragte Ferdinand sehr gespannt, wer ist es denn also von unsern
-Deutschen, der Ihnen das Verständniß eröffnet hat?
-
-Und Sie zweifeln noch? rief jener; kann man so verblendet seyn? Sehen
-Sie denn nicht hier die vielen Bände seiner unvergleichlichen Werke? Wer
-als der einzige, unvergleichliche Kotzebue kann mit den Heroen der Welt
-um die Krone ringen? Unablässig, tief in die Nächte hinein, studire ich
-jetzt die begeisternden Productionen dieses Genius. Seine
-Schalkheit, sein Witz, seine Darstellung der Leidenschaften, seine
-Charakterzeichnung der Menschen aus allen Ständen und Ländern, die
-Malerei seiner naiven Mädchen, das tiefe Gefühl der Liebe, die Scenen
-der Armuth und des Erbarmens, diese lächerlichen Personagen, die doch
-nicht übertrieben sind, die Mutter-, die Kindesliebe, die Kenntniß der
-Vorzeit, Alles, Alles, was man nur als rühmlich erwähnen kann, vereinigt
-dieser Geist in seinen Werken und überflügelt durch seine Vielseitigkeit
-Sophokles und alle Griechen.
-
-Gewiß! rief Wachtel, der sich zuerst von seinem Erstaunen erholt hatte,
-diese Griecherei ist nur eine Kriecherei und Kotzebue kann künftig als
-Fluch oder Betheuerung dienen, wie man wohl mißbräuchlich
-Kotzsapperment! oder Kotzelement statt Gottes Element auf ungezogene
-Weise sagt.
-
-Mehr als verwundert über diese neue Lehre gingen die Reisenden in ihren
-Gasthof zurück.
-
- * * * * *
-
-In Erlangen war am Johannistage ein Student beim Baden ertrunken. Die
-besten Schwimmer hatten ihn nicht retten, die künstlichen Mittel den
-Jüngling nicht ins Leben zurückrufen können. Man war einem alten,
-angesehenen Manne böse, welcher Alles für unnütz erklärt hatte, weil
-jeder Fluß an diesem bedenklichen Tage sein Opfer fordere. Die jüngern
-Leute vorzüglich schalten mit Heftigkeit auf solchen Aberglauben, der in
-manchen Gegenden den gemeinen Mann wohl selbst hindere, rettend
-beizuspringen. Wachtel bemerkte, daß es in Deutschland noch immer
-Provinzen und Städte gebe, wo der Bürgersmann des festen Glaubens sei,
-daß am Johannistage einer aus dem Orden der Freimaurer vom Teufel geholt
-werde. Als man bei Le Pique, dem verständigen Pfarrer versammelt war, wo
-sich der scharfsinnige Naturforscher Serbeck, sowie der Professor Mehmel
-eingefunden hatten, hielt, nachdem viel über die Fortschritte in jener
-Kunst gesprochen war, durch welche Scheintodte wieder zum Leben
-gefördert werden können, Wachtel folgende Rede:
-
- Verehrte Gesellschaft und präsumtive Zuhörer!
-
-Ich will gewiß nicht zurückbleiben, die Größe unserer Zeit anzuerkennen,
-blicken wir aber rückwärts, um nicht zu einseitig zu werden, so gebe ich
-mich für den Geschichtschreiber, oder Bemerker, oder Würdiger einer
-nicht ganz neuen, aber noch eben nicht besprochenen Kunst -- der Kunst
-nehmlich, die _Scheinlebendigen zu tödten_.
-
-Es sei mir erlaubt, von unsern Vorfahren anzuheben. Ehe die Welt,
-nehmlich unsere Erde und ihre atmosphärischen Pertinenzien zur
-Schöpfung, wie der Rahm, zusammengeronnen war, gab es, dem Sein
-gegenüber, ein Nichtsein. Von diesem Nichtdaseienden wurde lange Zeit
-keine Notiz genommen, denn es machte sich nicht merkbar. Leiber und
-Geister trieben ihr Wesen hand- und fußgerecht, und man lebte so recht
-frisch auf Gottes Güte und in den alten Kaiser hinein, als wenn diese
-Zeitlichkeit schon die reelle künftige Ewigkeit wäre. Neben kräftiger
-Tugend und vielfachen Thaten nahmen sich Uebermuth und Laster denn
-freilich auch Vieles heraus, und wie rüstige Kupferschmiede hämmerten
-Gute und Böse mit leidenschaftlichem Treiben auf das Leben los, daß
-Propheten und fromme Menschen oft dachten und weissagten, die ganze
-Schöpfung müsse zusammenbrechen. Jahre kamen, Jahre gingen. Schwermuth,
-Empfindsamkeit, Sentimentalität, Ohnmacht und Unkraft zu Tugend oder
-Laster gingen im Schwange: -- es war nehmlich die Zeit gekommen, wo sich
-das uralte Nichts allgemach in das Dasein eingeschustert und
-eingeschlichen hatte. Ich konnte aus der Welt und meinen sonst löblichen
-Nebenmenschen nicht klug werden, bis mir denn ein Seherblick einmal in
-einem merkwürdigen Traume aufging. Im Orbis Pictus hatte ich in meiner
-Kindheit mir wohl die Umrisse in feinen Punkten eingeprägt, welche in
-jenem Buche die Formen der Seelen ausdrücken sollten. Wie ich also im
-Traume meinen Guide, einen weisen Geist, nach dem Zustande der Dinge
-fragte, that mir dieser mein inneres Auge auf, und -- o Jupiter! o
-Gemini! wie sah ich Alles anders! Viele Menschen waren robust, voll,
-kurz angebunden, von sich und ihrer Meinung überzeugt. Andere thätig im
-Gewerk und Landbau, -- aber Unzählige liefen, von allen Ständen und
-Altern, so als fein gepunktete Schaaren herum, nichts wissend, wollend,
-denkend, aber sich vieler Dinge anmaßend. Wundre dich nicht, sagte mein
-Engel oder was mein Führer seyn mochte, über diese Entdeckung, welche du
-jetzt machst. Es ist nicht ohne, daß die Welt allgemach wieder ihrem
-Untergange entgegenwandelt. Die Nichtigkeit hat sich in alle Räder und
-Schwungtriebe der großen Maschine eingeschlichen. Der Mensch war als der
-Mittelpunkt mit seiner Kraft hingestellt, um den Körper der Welt, damit
-er niemals ein Leichnam werde, frisch zu erhalten. Jetzt werden es, ich
-weiß nicht wie viele Jahre seyn, daß die Menschheit auch mit Nullitäten
-angefüllt ist. Alles das Punktirte, was du wahrnimmst, sind Leiber ohne
-alle Seelen. Diese Körper stellen sich nur lebendig an und führen ein
-Scheinleben.
-
-Abscheulich! rief ich aus: ich sehe fast mehr Tättowirte, als wirkliche
-Menschen. Kann die Vorsehung denn dergleichen zugeben oder gestatten?
-
-Die Vorsehung, erwiederte mein geistlicher Präceptor, bedient sich in
-allen Dingen mittelbarer Mittel, und greift niemals persönlich in ihr
-geschaffenes, vielseitiges Getriebe. So hat sie denn, damit diese
-Scheinlebendigen nicht am Ende alles wirkliche Leben verdrängen und
-allein von der Erde Besitz nehmen, Gesetzgeber, Fürsten und echte
-Volkslehrer inspirirt, die sich, so viel es möglich ist, diesem Unwesen
-widersetzen und das Reich der Nichtigkeit auf verschiedene Weise zu
-zerstören suchen.
-
-Recht! Recht! sprach ich eifernd: o groß ist Allah! würde der Muselmann
-hier ausrufen. -- Da war eine sehr weise Cantoneinrichtung, wo die
-Punktirten, Nichtigen, die Eindringlinge so von Lieutenants, Fähndrichen
-und Unteroffizieren tribulirt, gehänselt, geplagt und ganz simpel
-geprügelt wurden, daß wirklich viele von diesen Scheinlebenden die
-Geduld verloren und sich wieder aus dem Staube machten. Ob ein Knopf so
-oder so saß, die Binde um den Hals um das Sechzigtheil eines Zolles zu
-niedrig oder zu hoch war, war ein Capitalverbrechen. Was man nur an dem
-Volke zwicken und kneifen konnte, geschah redlich, und ich mußte nur mit
-innigem Bedauern sehen, daß auch wirkliche lebendige Menschen von der
-übrigens weisen Anstalt molestirt wurden. Liefen die Kerle etwa davon
-und wurden wiedererhascht, so war ihnen eigentlich das Leben
-abgesprochen; die Gnade erhielten, wurden so mit Ruthen gestrichen, daß
-sie auch oft die Verstellung aufgaben, die Maske fallen ließen und
-wirklich starben. O wie trefflich fand ich die Schulen und Universitäten
-versorgt! Eine so fürchterliche Langeweile wurde mit Kunst da
-vertrieben, daß eine eiserne Geduld dazu gehörte, um sich nicht in
-diesen sogenannten Wissenschaften sterben zu lassen. Half Alles nichts,
-so wurden die Scheinseelen nachher noch examinirt, und von neuem ins
-Examen genommen, und wieder geprüft, daß Viele wirklich sich während
-dieses Examinirens davon machten. War aber Alles umsonst, so hatte man
-eine wundersame Art von Bündel erfunden, die man Akten nannte und die
-sich unsterblich immer vermehrten und vermehrten, diese wurden den
-Gequälten ins Haus geschickt, um wieder neue Akten daraus zu machen, so
-daß sehr viele zu sterben sich entschlossen. Nun gab es außerdem noch
-Trinkstuben, wo man mit Verstand schlechten Wein und noch schlechteres
-Bier fabricirte, um das elende Volk zu vergiften. Von dem Branntwein,
-der noch schneller wirkte, brauche ich gar nicht einmal zu sprechen.
-Hübsch war es auch, daß das Spazierengehen und die Freude an der Natur
-war erfunden worden, um das unnütze Volk aus dem Wege zu räumen: denn
-schon in den Schulen wurde es den Kindern beigebracht, daß sie sich ja
-regelmäßig erkälten müßten, weil es so möglich war, daß sie doch irgend
-einmal am Naturgenuß erstarben. Oft blitzte es in den punktirten
-Nichtseienden: es kam wie ein Bewußtsein über sie, daß sie leere Särge
-wären, es schien, als wollten sie sich zu Tausenden ermannen, um wie die
-Fliegen hinzufallen, damit das nüchterne Spiel nur aus sei. Es wäre auch
-wohl geschehen, und die Staatstabellen würden über die ungeheure
-plötzliche Sterblichkeit gewinselt haben, -- aber da gab es eine
-höllische Erfindung, die ihnen trotz Prügel, Akten, Examen, Naturgenuß,
-Bier und Branntwein dennoch dies lumpige nicht lebendige Leben wieder
-annehmlich machte -- sie rauchten nehmlich Tabak, um sich von dem
-entsetzlichen Gedanken, der sie befallen hatte, daß es ein wirkliches
-Leben gebe, wieder zu erholen und zu zerstreuen. -- Ich sah nun ein, daß
-diese Tödtungsanstalten in jeder Hinsicht als Wohlthat für die wirklich
-Lebenden zu betrachten seien, und daß viele Menschenfeinde und der
-Verfasser »des menschlichen Elendes« wohl anders würden geschrieben
-haben, wenn ihnen, wie mir, das Auge wäre eröffnet worden. Freilich
-möchte sich bei Untersuchung finden, daß die meisten dieser Autoren auch
-nur Scheinmenschen sind. --
-
-Die Gesellschaft begab sich am andern Tage nach Nürnberg, um die
-Merkwürdigkeiten dieser guten alten Stadt in Augenschein zu nehmen und
-den lebenden Panzer und Dürers Grab auf dem Johanniskirchhof zu
-besuchen. Die schönen Kirchen und das Rathhaus wurden mit Aufmerksamkeit
-betrachtet, und im rothen Rosse, dem besten Gasthofe, erzählte Walther,
-wie vor zehn Jahren in diesem Hause sich etwas Seltenes zugetragen habe.
-Freysing, ein Student von Kopf, aber leichten Sitten, hatte in Erlangen
-weit mehr verbraucht, als ihm sein wohlhabender Vater bewilligt hatte.
-Eine große Schuldenlast drückte ihn, der letzte Wechsel, der ihm, um
-abzugehen, gesendet wurde, reichte bei weitem nicht aus. Er bezahlte
-daher nur die ärmsten seiner Gläubiger und verjubelte mit seinen
-Trinkbrüdern auf Spazierritten und in frohen Gelagen die ganze Summe. Am
-letzten Tage besaß er nur noch sechs Louisd'or, die kaum hinreichten, um
-auf dem gewöhnlichen Postwagen und mit Entbehrungen aller Art in seine
-Heimath zu gelangen. Ob mein Alter, rief er im Uebermuthe aus, jetzt
-mehr oder weniger schilt, kommt auf eins hinaus, denn mit dieser
-Lumperei reise ich auf keinen Fall zurück. Er ging nach Nürnberg und
-wagte die wenigen Goldstücke im Pharo. Das launische Glück war ihm so
-wunderbar günstig, daß er in einer Nacht so viel gewann, daß er allen
-seinen Gläubigern bis auf den letzten Heller zahlen konnte, welches mit
-Wucherzins eine sehr ansehnliche Summe ausmachte, und noch tausend und
-mehr Thaler von seinem Gewinne übrig behielt.
-
-Beim Kunsthändler Frauenholz sahen die Freunde ein wundersames Bild von
-einem unbekannten Meister. Es ist die Mutter mit dem Kinde, ein
-gewöhnlicher Gegenstand, aber hier mit einer Innigkeit behandelt, die
-die Beschauenden entzückte. Sie küßt das Kind, und der Ausdruck in Mund
-und Augen ist so herzlich und ergreifend, daß man, obgleich die
-Gestalten nicht eigentlich durchaus schön sind, nichts Süßeres und
-Lieblicheres finden kann. Das Antlitz der Mutter ist so zart und fein
-gemalt, daß es wie aus aufknospenden Rosen gebildet ist. Die
-Nebensachen, Blumen und Verzierungen sind mit einem liebevollen Fleiß
-behandelt. Der Besitzer schrieb es unverständig dem Lucas von Leyden zu.
-Der Preis von zweitausend Gulden, den er forderte, war für einen Reichen
-nur eine mäßige Summe, um mit dieser Wunderblume sein Gemach
-auszuschmücken.
-
-Als sie nach Erlangen zurückgekommen waren, reiseten sie am folgenden
-Morgen nach Pommersfelden. Man war verdrüßlich über den schlechten Weg,
-und Wachtel suchte sie mit Scherzen zu erheitern. Unter anderm sagte er,
-als sie von der Gemäldegallerie in Pommersfelden sprachen: Es ist sehr
-verdrüßlich, daß sich die Kunstgeschichte immerdar erweitert.
-Unzufrieden mit dem Besitz, entdeckt man neue Zeiten, Manieren,
-Unterschiede und Künstlernamen, von denen unsre guten Vorfahren nichts
-wußten. Wer sonst ein steifes Bild sah, nannte es zu seiner und Aller
-Befriedigung einen Albrecht Dürer, wie sie es in Italien noch machen.
-Konnte man bei einer etwas abweichenden Manier den Namen Lucas von
-Leyden einsetzen, so galt man schon für einen Gelehrten. Dergleichen
-Abkürzungen und Anhäufungen vieler auf Einen Namen ist immerdar in
-Geschichte wie Mythologie sehr ersprießlich gewesen; man kann mit Einem
-Herkules, Sesostris und Pharao zufrieden seyn, diese behalten sich, und
-man muß es der Abbreviatur der Vorzeit danken, daß sie uns das Studium
-bequemer eingerichtet hat. Die Aufstöberer von Unterschieden und neuen
-Personen sind als Aufrührer zu betrachten, die die legitimen,
-wohlerworbenen Rechte jener Gesammtmenschen umstoßen wollen. So war vor
-zehn Jahren eine vortreffliche ältliche Castellanin in Pommersfelden,
-welche den Fremden die Zimmer des Schlosses und die Gemälde zeigte und
-erklärte. Es giebt einen berühmten Correggio, von welchem jede Gallerie
-wenigstens ein Stück besitzen will, drei Caracci, Ludwig, Augustin und
-Hannibal, zwei Caravaggio, den frühern und spätern, dazu glaube ich noch
-einen Cagnacci, zwei Carpaccio ungerechnet, diese Herren sämmtlich,
-nebst allen, die nur irgend mit ihrem Namen sich dem _acci_ näherten,
-hatte die unvergleichliche Frau mit weiser Umsicht in den einzigen
-berühmten Maler _Karbatsch_ zusammengearbeitet. Auf diesen großen
-Meister wälzte sie zugleich alle jene Bilder, auf deren Urheber sie sich
-nicht besinnen konnte.
-
-In der Gallerie befindet sich ein schönes Bild, welches dort Rafael
-genannt wird: eine Mutter mit dem Kinde. Es hat einen wundersamen
-Ausdruck und den Anschein wie aus der ältern lombardischen Schule. In
-dem großartigen Styl ist zugleich wie etwas moderne Sentimentalität. Das
-Bild hat an einigen Stellen gelitten und es scheint fast, als ob es
-durch die hinzugefügte Urne irgend eine persönliche Beziehung habe.
-
-Mit großer Freude sahen die Reisenden das alte Bamberg wieder. Von
-Würzburg schrieb Walther an seinen Freund nach Warschau:
-
- Würzburg, den 10. Julius 1803.
-
-Ich verzweifle jetzt fast, eine Spur zu finden, da meine Hinweisung auf
-Bamberg nur eine trügende war. Ein Doctor Marx, der aus dem Polnischen
-hieher gezogen ist und seit wenigen Monaten hier lebt, sollte mir
-Nachrichten geben, wo sie, Maschinka, sich verborgen habe, oder wo
-derjenige hier in der Gegend sei, dem sie zu folgen sich hat bereden
-lassen. Wir lernten einen Narren in Erlangen kennen, der den Kotzebue
-höher als alle Autoren stellt, und meine neuen Freunde spannen über
-diese Erscheinung, die mir nicht so wichtig schien, vielfältige
-Betrachtungen aus. Wachtel behauptete, in jedem Menschen stecke irgendwo
-etwas, das, gepflegt oder durch Leidenschaft aus seinem Winkel zu sehr
-hervorgezogen, zur bestimmten Narrheit werden könne. Auch erscheine wohl
-ein jeder Mensch andern aberwitzig und verrückt, wenn diese ihn mit der
-Ueberzeugung, er sei unklug, anhörten und betrachteten. Ich bekämpfte
-diese Meinung. Nachdem wir den alten Dom in Bamberg besehen hatten, über
-welchen Ferdinand in übertriebene, thränenweiche Entzückung gerieth,
-machten wir dem berühmten Doctor Marcus einen Besuch. Er zeigte uns die
-unvergleichlichen Krankenanstalten und erzählte uns von der Art der
-Behandlung, so wie von manchen sehr merkwürdigen Leidenden. Ich konnte
-nicht begreifen, warum er mich so besonders ins Auge faßte. Als wir in
-der Abtheilung waren, in welcher die Geistesverwirrten verpflegt wurden,
-waren, indem ich mich umsah, meine Gefährten verschwunden. Es kam mir
-vor, als hätte früher Wachtel mich noch einigemal mit einem seltsamen
-Blick von der Seite betrachtet. Verstimmt wie ich war, gefielen mir des
-Doctors Mienen, den ich jetzt beobachtete, ebenfalls nicht. Mit
-einemmale überraschte es mich, daß dieser Mann jener Doctor sei, der mir
-Nachricht von der Entflohenen geben könne. Ich erkundigte mich mit
-leidenschaftlicher Heftigkeit, erzählte, fragte, beschrieb und wurde
-immer ungeduldiger, je weniger er auf meine Reden eingehen oder mich
-verstehen wollte. Als ich Abschied nahm, sagte der Mann mit der größten
-Freundlichkeit: Sie bleiben fürs Erste bei uns, und es wird Ihnen schon
-bei uns gefallen. Ich habe schon seit acht Tagen die Nachricht
-empfangen, daß Sie eintreffen würden, und so wie Sie nur mein Haus
-betraten, erkannte ich sogleich in den ersten Reden Ihr Uebel. Ihr
-Zustand ist noch nicht der schlimmste; nur müssen Sie fürs Erste jene
-Geschichte, die Sie mir da erzählt haben, sich ganz aus dem Sinne
-schlagen, und ich werde schon für Unterhaltung und Zerstreuung sorgen.
-Es ergab sich nun, daß er mich für einen Geisteszerrütteten hielt,
-welchen er erwartete, und ebenfalls, daß er nicht jener Marx sei, mit
-welchem ich ihn in leidenschaftlicher Uebereilung verwechselt hatte.
-Indessen mußte ich bis in die späte Nacht dort bleiben, weil er sich von
-meinem richtig eingefügten Verstande durchaus nicht überzeugen konnte.
-Endlich waren meine Reisegefährten in unserm Gasthofe wieder angelangt,
-sie kamen und brachten meine Brieftasche und meinen Paß mit, nach dessen
-Besichtigung und ihrem Zeugniß wurde ich dann als ein Kluger entlassen,
-nachdem der ironische Medicus mir noch viele Entschuldigungen machte,
-und ebenfalls behauptete, daß man jeden Menschen, auch seinen besten
-Reden nach, für einen Irren halten würde, wenn man das Vorurtheil einmal
-gegen ihn gefaßt habe. Am folgenden Morgen suchte ich den einfältigen
-Doctor Marx auf, der von gar nichts wußte und von mir zuerst die
-Begebenheit erfuhr.
-
-Wir besuchten Bambergs schöne Umgebungen und begaben uns vorgestern nach
-dem Schlosse Glich, einer merkwürdigen, gut erhaltenen Ruine. Noch viele
-Zimmer sind im Stande und zeigen uns die Wohnung der Vorfahren deutlich.
-Eine herrliche Aussicht ist von oben auf Bamberg hinab. Ein alter
-Förster wohnt oben, der nicht zugegen war, und seine Tochter, ein
-wunderschönes Mädchen, der die einfache bürgerliche Kleidung sehr gut
-stand, führte uns herum. Unser Ferdinand, der schon seit einigen Tagen
-noch schwärmerischer ist, als sonst, war über Alles entzückt. Er
-schwatzte so viel und war dann wieder so verlegen, daß ich glauben
-mußte, er habe sich urplötzlich in das Mädchen verliebt. Als wir Alles
-betrachtet und unsern Dank zugleich mit einem Geschenke ausgesprochen
-hatten, und sie sich entfernt hatte, rannte der Schwärmer noch einmal
-zurück und dem Mädchen nach, unter dem Vorwande, daß er seine
-Brieftasche in einem der Säle habe liegen lassen. Wir wandelten indessen
-draußen umher und mußten ziemlich lange auf ihn warten. Sehr erhitzt und
-verlegen, wie es schien, kam er endlich zu uns zurück. Er ward aber
-zornig, wie ich ihn noch nie gesehen habe, als sich Wachtel einige
-unfeine Scherze und Anspielungen erlauben wollte. Oben liegt auf einem
-steilen Felsen eine Kapelle, sie war offen, von hier zeigt sich Alles
-umher reizend und lieblich. Ein uralter Greis schlich mit langsamen
-Schritten an seinem Stabe aus der Kapelle die Stufen der Treppe hinab:
-ein rührender Anblick. Ferdinand ging in die Kapelle, und als er sich
-nicht mehr von uns beobachtet glaubte, nahm er vom Weihbrunnen und
-bekreuzte sich mit andächtiger Miene, dann kniete er vor dem Altare
-nieder. So sind die Menschen. Er trat wieder zu uns, und Keiner mochte
-von Dem sprechen, was wir gesehen hatten, weder im Scherz noch Ernst.
-
-Schon in Bamberg hatte er im Dom vor einem wunderlichen alten
-Marienbilde mit der tiefsten Rührung gestanden. Die Madonna ist hier in
-einem Charakter dargestellt, der völlig von dem gewöhnlichen und
-hergebrachten abweicht. Das Bild ist auf Goldgrund, goldne Strahlen
-umgeben es wie Flammen von allen Seiten. Es ist eine Copie nach einem
-alten florentinischen, welches schon seit lange mit Tüchern verhängt und
-dem Anblick unzugänglich gemacht ist, weil es dort in Italien auf die
-gläubigen Beschauer die ungeheuersten Wirkungen soll ausgeübt haben.
-Ferdinand scheint mir gar nicht ungeneigt, alle dergleichen Wunder zu
-glauben und für wahr zu nehmen. Wohin verirrt sich der Mensch, wenn
-Leidenschaft und Phantasie seine einzigen Führer sind!
-
-Wir aßen wieder in Bamberg, gingen dann Nachmittags nach dem reizend
-gelegenen Buch und fuhren in lieblicher Abendkühle auf dem Wasser nach
-der Stadt zurück.
-
-In der Stadt hat Ferdinand allerhand alte katholische Sagen und Legenden
-zusammengekauft. In Glich war er entzückt, dem dortigen Küster ein
-bambergisches Gesangbuch, wonach er in der Stadt vergebens gesucht
-hatte, abschwatzen und abkaufen zu können. Dieses hält er für einen
-großen Schatz und er las uns sogleich viele der Gedichte vor, die
-allerdings einen lieblichen frommen Sinn athmen, wenn man sich einmal
-diesen träumerischen Gefühlen, diesem Anklang wiederkehrender Wunder,
-diesem vertraulichen, kosenden und zärtlich glühenden Verhältniß zu
-Gott, dem Heiland und dessen Mutter hingeben kann. Dann erscheinen die
-Heiligen, die Schutzgeister, Christus, wie oft, in Kindergestalt, so
-auch die Abgestorbenheit so vieler Mönche und Einsiedler. Auch mit der
-Natur tritt ein geheimnißvolles Liebesverhältniß ein, wie es in den zart
-duftenden Liedern des Spee uns so innig rührt, die der Schwärmer hier
-auch aufgetrieben und uns Abends aus dem Büchelchen mit großer Bewegung
-vorgelesen hat. Und dann muß ich wieder an die Begebenheit mit der
-Försterstochter denken. Vielleicht ist es die Pflicht des Freundes,
-einmal ernsthaft mit ihm darüber zu sprechen.
-
-Seine Stimmung ist übrigens im schreiendsten Contrast mit dem, was die
-neue bairische Regierung hier thut und wie manche ihrer Beamten sich
-hier betragen. Du weißt, daß die Stifter Bamberg und Würzburg, diese
-alten geistlichen Fürstenthümer, unlängst dem Churfürsten von Baiern
-zugesprochen worden sind. Eiligst hat man, um mit Rom und dessen
-Hierarchie ganz und auf immer zu brechen, alle Klöster aufgehoben, die
-Mönche zum Theil vertrieben, theils auf sehr schmale Pension gesetzt.
-Alles hat den Charakter angenommen, daß der gemeine Mann es wie eine
-Sache nimmt, die den ehemaligen Christenverfolgungen ähnlich sieht. Es
-ist unklug und unschicklich, wie im Dom, während am Nebenaltar eine
-stille Messe gefeiert wurde, die silbernen Kirchengefäße und sauber
-gearbeiteten Crucifixe in Kisten mit dem größten Geräusch und Lärmen
-gepackt und geworfen wurden. Die Käufer der Sachen waren zugegen und man
-zerbrach einige Kreuze mit großem Geräusch, die sich dem Kasten nicht
-fügen wollten. Den frommen abgesetzten Fürstbischof, so erzählt man, hat
-man in den Gemächern der Residenz gestört und gequält, indem man von
-allen Seiten Bauanstalten traf, einriß und verbesserte, ohne von ihm die
-mindeste Notiz zu nehmen. Viele Geistliche wandeln im stillen Grimm
-umher, den Küster im Dom sah ich in verbissener Wuth bei jenem Getöse
-Thränen vergießen. Viele gemeine Leute (das Volk ist hier religiös,
-selbst bigott) werden irre an sich und ihren Vorgesetzten.
-
-Alles, was so unziemlich geschieht, ist denn wohl ein Rückschlag von
-vielen, welche jetzt regieren, da sie lange die Geißel und Verfolgung
-der Priester und Pfaffen erdulden mußten. Die Hauptumwälzung, die sich
-hier zugetragen hat, ist von der Zeit selbst herbeigeführt worden, sie
-ist vielleicht zu entschuldigen, kann seyn, daß sie nothwendig war; aber
-mit Anstand und Schonung konnte alles Unvermeidliche und
-Festbeschlossene geschehen, die politische Begebenheit brauchte nicht
-den Charakter einer verhöhnenden Rache anzunehmen.
-
-Ueber diese Gegenstände ist Ferdinand empört und ergrimmt, und er zügelt
-seine Worte nicht, wenn er mit den Freunden dieser Neuerung spricht. Er
-behauptet, daß wir es Alle noch erleben würden, wie man neue Klöster
-stiftet, und er verachtet das spottende Lächeln seiner Gegner.
-
-Vieles Schöne ist in dieser Reform schon zu Grunde gegangen, noch mehr
-wird verschwinden, aber meine trüben Blicke werden nicht bloß durch Das,
-was wir jetzt sehen, was dicht vor uns liegt, so tief bekümmert; -- was
-soll aus allem Besitzstand werden, da dies so schnell ohne Widerspruch
-hat eintreten können? Wo ist eine Sicherheit für irgend eine Regierung?
-Welche Folgerungen wird die Zeit, ein fremder Sieger, die Politik aus
-diesen Vorgängen ziehn?
-
-Wie hat sich seit zehn Jahren die Welt verändert! und es scheint, als
-würden alle Verwandlungen immer rascher und rascher auf einander folgen.
-
-Du siehst, ich fange an, Deine Cousine, die Strafe des Liebhabers, Deine
-und meine Angelegenheit über dergleichen Gedanken und Befürchtungen zu
-vergessen.
-
-
-
-
- Walther an seinen Freund.
-
-
- Würzburg, den 11. Julius 1803.
-
-Ich schreibe Dir sogleich noch einmal nach meinem kaum abgegangenen
-Briefe, denn das ist das Mittel, mich zu zerstreuen und zugleich zu
-sammeln. Ich kann mit meiner Umgebung nicht Das sprechen, was mich am
-meisten interessirt, und so unterhalte ich mich mit Dir.
-
-Hier in der Stadt ist unser Ferdinand in seinem Element. Es ist wahr,
-ich habe noch niemals eine so feierliche Messe erlebt, als die war, die
-gestern im Dom uns Alle bewegte; an neun Altären war zugleich
-Gottesdienst, eine Prozession der Domherren, die in schöner malerischer
-Tracht waren, ergötzte das Auge.
-
-Die Stadt wimmelt von Fremden, Alles drängt sich, denn es ist zugleich
-der größte Jahrmarkt. Das Schloß in der Stadt ist prächtig und wohl eins
-der größten in Europa. Ein wunderliches, knitterndes Echo ist unten vor
-der Treppe, an dem wir uns Alle wie die Kinder erlustigten. Heut
-Nachmittag trieben wir uns wieder im Jahrmarktsgedränge um, welches
-vorzüglich in einer fremden Stadt etwas Bezauberndes hat. Vor dem Thore
-ging ein uralter Capuziner von sehr ehrwürdiger Gestalt, dem kleine
-Mädchen im Vorübergehen mit Ehrerbietung die Hand küßten. Diese seltene
-Ruine einer ehemaligen Zeit verfolgte unser Ferdinand lange mit seinen
-sehnsüchtigen Blicken, und es schien der Wunsch in seinen gerührten
-Augen zu liegen, daß er gern an die Stelle der unmündigen Mädchen
-getreten wäre.
-
-In einer frohen Jahrmarktstimmung traten wir in eine hohe hölzerne Bude,
-in welcher eine Art von Caroussel mit einer russischen Schaukel
-vereinigt war. Indem die schwebenden Sitze auf und nieder gingen, stach
-ein Jeder der Sitzenden mit einer Lanze nach einem Ringe. Der Besitzer
-und Erfinder dieser schwebenden Kunstanstalt erklärte uns mit vieler
-Genügsamkeit die Herrlichkeit seiner neuen Erfindung. Steigen Sie ein,
-rief er, und wenn Sie gleich nur Dreie sind, so werden Sie doch das
-Kunstwerk genießen können, denn darauf bilde ich mir am meisten ein, daß
-ich es so eingerichtet habe, daß der angefüllte schwere Sitz niemals den
-leichten, ihm gegenüberstehenden durch seine Last niederzieht, wie dies
-an den ordinairen einfältigen russischen Schaukeln der Fall ist, wo die
-unwissenden Menschen sich alsdann mit eingelegten Steinen zu helfen
-suchen, wenn ein Sitz ledig bleibt. Wie die Kinder ließen wir uns
-bereden hineinzusteigen. Die Maschine ging sehr hoch und ein
-Nervenschwacher hätte wohl Schwindel empfinden können. So stiegen wir
-auf und ab und stachen mit mehr oder minder Glück die Ringe ab.
-
-Plötzlich entsteht draußen ein lautes Geschrei. Die Thür der Bude wird
-aufgerissen, und ein wunderschöner Lockenkopf, das Antlitz eines
-himmlischen Mädchens blickt wie ein Blitz auf einen Augenblick in die
-Narrenbude. Sie schreit auf, so wie sie uns da schweben sieht, und
-_Maschinka_ kreischt einer; ob Ferdinand, ob Wachtel, ob der Herr des
-Kunststückes, das konnte ich nicht unterscheiden, der Maschinendreher
-war es nicht, denn dieser orgelte noch einen Augenblick an seinen
-Kunsträdern. Das Mädchen ist verschwunden und Ferdinand, der unten
-schwebt, springt aus seinem Käfig, der Eigenthümer des Kunstwerkes ihm
-schreiend nach, dies erschreckt den subalternen Drehkünstler, er rennt
-auch hinaus, und Wachtel kann eben noch vom Einfluß der Bewegung so viel
-genießen, daß er im Herabschweben seinen Sitz verläßt, ebenfalls
-hinausläuft und die Thür der Bude hinter sich zuschlägt.
-
-Aber ich -- ich nun oben, auf dem höchsten Punkte, in meiner
-Schwebekutsche sitzend, hatte nun Zeit und Gelegenheit, das Schicksal
-und die zu künstliche Einrichtung der verfluchten Maschine zu
-verwünschen! O wie sehr hätte ich sie gelobt und verehrt, wenn ich durch
-eigne Schwere jetzt herabgesunken wäre, um auch das Freie zu suchen und
-jenem Mädchen nachzulaufen. Ich sah mich in meiner obern Sternregion um,
-ob ich nicht aussteigen und die vierzig oder funfzig Fuß
-hinunterklettern könne. Aber es war ganz unmöglich. Durch die eine Ritze
-konnte ich etwas von Stadt und Feld erblicken, aber in der
-entgegengesetzten Richtung, in welcher sich jene Erscheinung gezeigt
-hatte.
-
-Endlich, es mochte wenigstens eine halbe Stunde verflossen seyn, zeigte
-sich der Besitzer des Kunstwerkes wieder; er schien mich vergessen zu
-haben und war sehr erfreut, mich dort oben noch, wie den Sokrates in
-seinem Studienkorbe, wiederzufinden. Er schrob und orgelte mich durch
-seinen Kunstorganismus herab und ging auf meine Fragen über die
-Erscheinung jenes Mädchens gar nicht ein. Er hatte sie nicht gesehn und
-war in der Meinung, es sei ein großer Volksaufruhr, hinausgelaufen.
-
-Wichtiger war ihm die Verhandlung um die Bezahlung. In der Einsamkeit,
-und da er meine Eil sah, machte er eine ungeheure Rechnung. Ich begriff
-sie zwar nicht, wollte mich aber zur Zahlung bequemen. Da wir die
-gemeinsame Casse an diesem Tage unsern Wachtel führen ließen, fehlte es
-mir an baarem Gelde. Ich mußte meine goldne Uhr zum Pfande lassen, die
-ich erst am späten Abend wieder einlöste.
-
-So wie die kleinen Schulknaben hatte ich ein Abentheuer bestanden und
-wollte bei meinen Reisegefährten Rath und Trost suchen. Ferdinand
-behauptete, das Schaukeln habe ihm Schwindel erregt und so sei er
-entsprungen, um zugleich den Volksauflauf zu sehn. Dieser sei schnell
-geendigt gewesen und er habe die Uebelkeit seitdem im Bett verschlafen.
-Wachtel meinte, ein großes Spektakel sei hinter einem Kapuziner
-heraufgekommen; dieses Schauspiel habe er genießen wollen. -- Ich erfuhr
-nichts und so stehn unsre Angelegenheiten.
-
- * * * * *
-
-Walther hatte jetzt seine Pläne aufgegeben und überließ sich nun ganz
-dem Zufalle, ob er durch diesen auf die Spur seines Feindes oder jenes
-schönen Mädchens gerathen würde. Ferdinand und Wachtel waren ihm in der
-kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft schon unentbehrlich geworden, und so lud
-sie die schöne Jahreszeit, die Muße, die Lust umherzuschwärmen, ein,
-noch einige schöne Gegenden Deutschlands zu besuchen. Ferdinand war seit
-einiger Zeit viel sinnender und finsterer geworden; Walther hatte
-bemerkt, daß er Briefe erhielt, die er sorgfältig verbarg und die ihn
-verstimmten. Zuweilen fiel es Walther ein, er könne mit Ferdinand über
-seine Trauer sprechen, er dürfe es wohl mit Empfindlichkeit rügen, daß
-er daraus, was ihn so betrübe, dem Freunde ein Geheimniß mache; doch
-bedachte er dann, daß er selbst ja eben so gegen Ferdinand verfahre und
-von der Absicht seines Ritterzuges gegen diesen nichts verlauten lasse.
-
-Die Freunde nahmen von Würzburg aus den Weg nach dem Spessart und
-erfreuten sich dieses Waldgebirges und der herrlichen Aussichten, die
-sich ihnen links und rechts in die Unermeßlichkeit der frischen Wälder
-darboten. In Aschaffenburg hielten sie sich nicht auf, sondern begaben
-sich nach Darmstadt, um über die schöne und altberühmte Bergstraße nach
-Heidelberg zu gehn. Die Nacht, welche sie überraschte, verweilten sie in
-Heppenheim, und Walther und Ferdinand stiegen zur Ruine, der
-Starkenburg, hinauf, und erfreuten sich in der anbrechenden Dämmerung
-der Aussicht auf den Rhein, an welchem sie Worms, Speyer und das ferne
-Manheim sahen. Die Aussicht in den Odenwald auf der andern Seite war
-noch schöner, die wundervolle Einsamkeit, die schönen Formen der Berge,
-welche alle dicht mit Wäldern bewachsen sind, erhoben das Gemüth der
-Freunde zu edeln Gefühlen.
-
-Wachtel, der den steilen Aufgang zur Ruine fürchtete, war im Gasthofe
-zurückgeblieben, und schrieb indessen seiner Frau nach Guben folgenden
-Brief:
-
- Heppenheim, den 13. Julius 1803.
-
-Liebes Weib, ich muß Dir doch auch einmal schreiben, damit Du nicht auf
-die Meinung geräthst, ich sei gar verloren gegangen oder, wie der
-Ausrufer in Teplitz sich ausdrückt, in den Verlust gerathen, was im
-Grunde besser ist, als jener hochdeutsche Ausdruck.
-
-Du kennst aber schon meine Art und Weise, daß ich gern praktisch,
-deutlich, einfach schreibe und mich nicht mit Gefühl und Schwärmerei
-befasse. Des Handelns, Schaffens ist so viel in der Welt, daß ein
-rechtlicher Mann zum Schwärmen, zur Mystik oder dem übertrieben feinen
-Denken keine Zeit behält.
-
-Wie nüchtern und gefaßt ich aus Guben mit dem frühesten ausreisete, wird
-Dir wohl noch erinnerlich seyn. Meinen Ferdinand traf ich nebst einem
-gewissen Walther, einem halb polnischen Menschen, im unmittelbaren
-Himmelreich einer Rafaelischen Entzückung. Ich war eben nicht zum Umgang
-mit Engeln aufgelegt, denn ich hatte noch den Reisestaub an den Füßen.
-Wenn man überhaupt gewohnt ist, in der großen Welt zu leben, wie wir in
-Guben es sind, so wird einem jegliche Kleinstädterei verhaßt. Ich
-versichere Dich, die ganze Bergstadt hier, von der soviel gesprochen
-wird, ist im Wesentlichen in Nichts von unserm gewöhnlichen Spaziergang
-bei Guben verschieden, außer daß hier die ziemlich hohen Berge sind, wo
-wir dort den hölzernen Zaun haben und auf der andern Seite die
-Fichtenschonung. Was ist denn nun die Dresdner Brücke so Großes? Ich
-habe immer an unsre hölzerne denken müssen. Diese ist nicht so lang,
-aber man sieht doch auch rechts und links recht hübsche Kiefern in der
-Ferne, und Brombeerngesträuch und etwas Sand. So ein ^Badaud^ oder ^Plat
-pied^ aus irgend einer großen Stadt spricht immer, wenn er unser Guben
-nicht gesehn hat, vom Pariser Louvre, oder dem Straßburger Münster, wohl
-gar von der London-Brücke oder dem Wasserfall von Niagara. Sollen sich
-da deutsche Herzen nicht empören? Als wenn unsre romantische Tümpel, die
-Haideflecke bei Lübben und Luckau, unsre Sandpartien nach der Oder zu,
-der hübsche Sumpf eine Viertelmeile von uns, so gar nichts wären!
-
-So kamen wir denn also auf den Nollendorfer Berg. Es war so dicker
-Nebel, daß ich mich gleich von meinen Kameraden verlor und in eine
-Wolke, wie in einen großen Wollsack gerieth. Ich trat mit meinen
-Reisestiefeln auf die Flocken und ging hübsch darauf spazieren; und es
-geht sich schnell, sodaß, ich weiß nicht wie weit, ich schon in die
-böhmischen Dörfer hineingerieth, ohne allen Weg und ohne Straße.
-Herrliche Anstalt, gleich diesen dicken Nebel, wie die Wolke der
-Bundeslade, zwischen Sachsen und Böhmen oder zwischen Deutschland und
-Oestreich zu stellen. Tausend, wie marschirte ich nun fort!
-Statistisch-ökonomisch-politisch-historische Bemerkung für meine
-hydraulisch-aphoristische künftige Reisebeschreibung der spanischen
-Schlösser und böhmischen Dörfer: -- Ich fand nehmlich, daß Angestellte
-(Beamte, die oft durchfallend sind, aber selbst niemals umfallen) auf
-eine auffallende Weise die besten und kräftigsten Stücke des Nebels auf
-Flaschen zogen, wie es wohl auch bei den Gesundbrunnen geschieht.
-Schäumt die unnütze Kraft ab, so wird ein hübsches Getränk und
-magenstärkender Saft aus dem leichten Dinge, welches dann Professoren
-und Schüler, Geistliche und Denker, feinfühlende Autoren, die gern
-^scherzando^ schreiben, und billige Staatsmänner wie altherkömmliche
-Gesetzkünstler und Fabrikanten gern genießen und sich einander
-mittheilen. Trifft es nicht richtig ein, daß _Nebel_ rückwärts gelesen
-_Leben_ heißt, und Leben Nebel? Eins ist die Quadratwurzel vom andern.
-Darauf sollten unsre Denker mehr lossteuern. Siehe, mein Kind: -- wenn
-ich zu Einem sage, der noch nicht reif ist und es gern werden möchte:
-_Lese!_ so sieht das wie ein guter, verständiger Rath aus. Hat er aber
-tiefern Sinn und buchstabirt rückwärts, so merkt er im stillen Gemüthe
-wohl, daß ich ihn nur einen _Esel_ gescholten habe. O es ist ein
-unergründlicher Tiefsinn in diesen Betrachtungen. Nicht wahr, es giebt
-Mülleresel, wilde Esel, Esel zu Spazierritten u. s. w. -- aber der
-völlig unvertilgbare, von vorn wie hinten sich immer gleich bleibende
-ist der von mir entdeckte _Lese-Esel_. Auch wenn ich imperativisch oder
-imperatorisch sage: _Esel, lese!_ bleibt er sich gleich, doch gefällt
-obige Thierart in der Bezeichnung besser, denn es stempelt sich darin
-jenes ewig unermüdliche Geschöpf, jene unverwüstbare Creatur, die wir
-hinter Ladentischen, auf Caffeehäusern, unter den lieben Zeitungen und
-allerliebsten Journalen, Tagesblättern, Broschüren, Libellen (nicht den
-Insekten), Romanen und dergleichen sitzen sehn und schlingen -- mit
-einem Wort, den in unserm Jahrhundert ausgebildeten _Leseesel_. Die
-vergleichende Anatomie sollte sich nur seiner bemächtigen und Gall
-seinen Schädel untersuchen. Wie in Afrika oder Indien jene wandernden
-Ameisenheere oft unsäglichen Schaden anrichten und Verderben verbreiten,
-so fürchte ich für Europa und noch mehr für unser Deutschland die
-traurigsten Verheerungen von der Vermehrung und dem Ueberhandnehmen
-dieses Lese-Esels. Wie er denn nun von vorn oder hinten immerdar ein
-Leseesel bleibt, so sprach ich neulich schon mit einem denkenden Medicus
-über den Fall, ob das Thier nicht wirklich die Qualität noch erhalten
-könne und würde, auch von hinten, mit dem Sitztheile, sowie vorne mit
-seinen Augen zu lesen. Der Philosoph approbirte sehr meine Hypothese und
-meinte, das Monstrose sei immerdar nicht den gewöhnlichen Naturgesetzen
-unterworfen. Und wirklich, wie ich wieder die sogenannte Ressource
-besuchte, wo ich die beste Sorte und die qualificirtesten dieser
-Leseesel zu finden gewohnt war, bemerkte ich zu meinem Erstaunen, daß
-diejenigen, die in der Entwicklung am meisten vorgeschritten waren,
-unruhig auf ihren gepolsterten Bänken beim aufmerksamen Lesen hin und
-wieder ruschten, sich bald stärker auf das Polster drückten, bald
-lüfteten, bald sich rechts, bald links hin bewegten, als wenn sie ein
-besseres Licht erstrebten. Ich sah aber deutlich, daß ihnen oben nichts
-fehlte, ihr Fundament aber einen Mangel verspürte. Der Vorsteher dieser
-Ressourcen-Anstalt oder dieses Casino-Wesens ist ein denkender Mann; ich
-nahm ihn beiseit in ein Nebenzimmer, von wo man durch Glasthüren Alles
-im Saal beobachten kann, und machte ihn auf jenes bedenkliche Hin- und
-Herrutschen aufmerksam. »Wollen Sie denn nicht, suchte ich ihn zu
-persuadiren, vielleicht morgen den Versuch machen und einige gute
-lesbare Journale, oder einige scharfe Schriften gegen die Regierung über
-jene Polster spannen lassen, um zu sehn, ob meine Vermuthung sich
-bestätigt?« »Wie, Herr, fuhr mich der Mann an, indem er mich mit seinen
-großen Augen betrachtete: was fabeln Sie mir da von einer neuentdeckten
-Thierart? Es sind lauter würdige Herren und ausgezeichnete Männer, die
-das Beste des Landes und der Welt im Auge behalten. Sie rutschen heute
-übermäßig, das ist wahr, das kann aber auch vom Denken oder vom bewegten
-Gemüthe herrühren. Auf keinen Fall aber dürfte ich es gestatten, wenn
-Sie auch wirklich Recht hätten, daß alle diese Mitglieder in Naturalibus
-da säßen, um zwei Zeitungen zu gleicher Zeit lesen zu können.« »O Sie
-kurzsichtiger Mann! rief ich aus; brauchen Sie denn nicht selbst
-Brillengläser? Sieht man nicht durch einen Flor und Sieb? Und so würden
-sich die Beingewande gestalten; Fabrikherren würden mit scharfem Blick
-die Zeuge entdecken und verfertigen, durch welche sich am besten lesen
-ließe; neuer Flor des Gewerbes, frische Aufmunterung zur Arbeit und
-Speculation.«
-
-So stand die Sache vor meiner Abreise, ehe ich in das Nebelleben oder
-den Leben-Nebel gerieth. Wie ich zu meinen Reisengefährten wieder zurück
-kam, weiß ich selbst nicht, wie aber in der Nacht der Camin so gar
-gewaltig rauchte, war ich wieder bei ihnen und bei mir. Aus dem soliden
-Nebel gerieth ich aber in eine noch wolligere und flockenreichere
-Väterlichkeit und Mutterempfindung mit Zwillingen und Drillingen u. s.
-w. Was aber merkwürdiger ist, als solche Lappalien, ist, daß man unter
-feierlichem Schießen Carlsbad noch höher als Teplitz gestellt hat, es
-noch drüber hinauf gesetzt; so kommt die Meeresfläche immer tiefer, und
-da das Meer außerdem schon abnimmt, so wird es kein Wunder seyn, wenn
-wir ganz auf das Trockne gerathen. Bei den Heiling-Felsen sind Braut und
-Bräutigam, Priester und Brautjungfern in Stein verwandelt, ich habe sie
-selber stehn sehn. Daß die Leute nach der Hochzeit recht ledern und
-hölzern werden, erleben wir alle Tage, es ist kein großes Wunder, daß
-diese damals, in einem noch unaufgeklärten Jahrhundert, das Prävenire
-gespielt haben, um in jenem beliebten Stein der Hölzernheit zu entgehen.
-
-Aber in den herrlichen Gegenden habe ich etwas sehr Wichtiges, und wovon
-ich noch keine Erfahrung hatte, kennen gelernt. Immer habe ich es
-geglaubt und Dir gepredigt, daß Adam und Eva vor ihrem Falle nicht so
-körperliche grobe Speisen genossen, wie wir jetzt mit den thierischen
-Zähnen sie zerbeißen und zermalmen, sondern daß sie die geistigen
-Essenzen, die unsichtbare Kraft der schönsten Gewächse und der
-himmlischen Kräfte einsogen. Wie einem denkenden Forscher nun wohl wird,
-wenn sich ihm eine solche mystische Ueberzeugung durch unumstößlichen
-Beweis vergegenwärtigt, ist mit Worten nicht auszusprechen. Sie nennen's
-in ihrer sterblichen Unbeholfenheit einen rothen Ungarwein, und mit
-anmaßendem Kunstausdruck die Mennische Essenz. Wer aber die wahre
-Sprache kennt und den Urtext versteht, sieht durch den grob ersonnenen
-philologischen Kniff, und erkennt aus der echten Etymologie, daß Adam es
-damals auf seinem höhern kritischen Standpunkt die _Menschen-Essenz_
-nannte; und das ist sie denn auch, und mein Forschen und Ergründen
-dieser Materie gereut mich so wenig, daß binnen kurzem mehrere Flaschen
-von diesem Liquor, dieser Essenz, bei Dir in Guben eintreffen werden,
-die ich wohl aufzubewahren Dich bitte. Wie sehr es Sünde war, vom Baum
-der Erkenntniß zu naschen, darin, wie in allen meinen religiösen
-Ueberzeugungen, hat mich diese Wunder-Essenz von neuem gekräftigt. Denn
-wie man sie nur ein Weilchen genossen hat, und sie wieder schmeckt, und
-von neuem versucht, führt sie uns bald in jenes selige Land, wo alle
-Kenntniß aufhört und verschwindet, wo das trockne, kümmerliche
-Bewußtsein immer mehr verdämmert und verdunstet, um, wenigstens auf
-einige Zeit, den sündhaften Zustand der Erkenntniß des Guten und Bösen
-abzuschütteln. Nein, dieser Gegensatz hört dann auf, und man lebt einzig
-und allein im Guten, in dieser Menschen-Essenz. O wie neidisch meine
-Freunde waren, daß ich diese Entdeckung gemacht hatte, die unsrer ganzen
-Weltgeschichte eine andre Richtung geben kann. Uebrigens liegen im
-Hochheimer und Johannisberger auch ganz respektable Richtungen
-verborgen, und eben jetzt steht eine Flasche vom letzteren neben mir,
-aus welcher ich Deine Gesundheit trinke.
-
-Unser Weg muß sonderbarer Weise vor Prag vorbeigegangen seyn, denn die
-Straße führt nicht durch, und doch soll Prag die Hauptstadt von ganz
-Böhmen seyn. Wir sind wenigstens durch Franken gekommen. Endlich aber
-ist doch unser Kotzebue anerkannt, und es hat sich erwiesen, daß er alle
-Alten und Neuen übertrifft; man sollte ihn aber zum Patentdichter
-machen, daß kein andrer, so lange er lebte, Theaterstücke schreiben
-dürfte.
-
-In Würzburg in der würzhaften Landschaft haben wir im Wirthshause mit
-vieler Anmuth gewohnt, denn in Bamberg hatten sie einen ambulanten
-Gottesdienst und cassirten mit vielem Spektakel die silbernen Sachen von
-Werth ein, weshalb es uns dort nicht gefiel, so alt auch der Dom seyn
-mag. Wir haben auch auf der Stelle gestanden, wo Otto von Wittelsbach
-den Kaiser Philipp ermordet hat. Die Ruine gehört einem berühmten
-jüdischen Arzt, welcher mit aller Gewalt unsern Freund Walther
-trepaniren wollte. Er ist aber bis dato noch nicht rasend, und erhielt
-eine Ehrenerklärung. Nur kaufen will dieser neugierige Mann vielerlei,
-und er kann es, weil er reich genug zu seyn scheint. Bei der Treppe im
-fürstlichen Schloß zu Würzburg ist ein kurioses vielfaches Echo, das hat
-er richtig erstanden, um es bei sich zu Hause, in seinem Garten
-anzubringen. Man war dabei, es sehr vorsichtig einzupacken. Das
-Auspacken an Ort und Stelle aber muß mit noch größerer Circumspection
-geschehen. Denn die Sache ist fast, nur im Großen, wie mit einer
-Champagnerflasche. Das Ding darf nicht in alle Lüfte verflattern, wo es
-keinem Menschen zum Gewinn ist. Im Garten muß es an der rechten Wand
-sehr künstlich eingefugt und eingeleimt werden, damit es richtig
-antwortet und nicht auf Schwarz Weiß, auf Ja ein Nein spricht. Herr
-Walther will sich dann einen tüchtigen Mann vom Amt kommen lassen, der
-mit Echos umzugehen weiß, und selbst nur ein Widerhall seines gnädigen
-Herrn ist, der soll ihm das Ding pfropfen oder inokuliren, damit es noch
-öfter und lauter jede Anrede nachspricht. Ein in Ruhestand versetzter
-Geheimer Rath braucht sein Echo nicht mehr in der Sitzung abzugeben, und
-dieser, hofft Walther, wird ihm dieses für ein Billiges ablassen. Denn
-das ist auch zu observiren, daß das Echo, wenn es nun wieder gelüftet
-wird, nicht dem Freunde Walther oder einem andern würdigen Manne in den
-Hals fährt. Davon hat man schon merkwürdige und traurige Beispiele. Der
-Minister in -- (ja da um die Ecke, rechts oder links von uns, Du
-brauchst es eben nicht so genau zu wissen) war der beste Kopf im Lande,
-nur widersprach er dem regierenden Herrn immerdar. Plötzlich (und die
-gewöhnlichen Menschen meinen, es sei durch eine Gehaltsverdopplung
-bewirkt, was aber die Erscheinung weder psychologisch noch physiologisch
-erklären würde) spricht er wörtlich und buchstäblich Alles so, wie sein
-Landesvater. Zur Erheiterung war dieser große Kopf in ein Bad gereiset,
-in dessen Nähe sich ein ganz vorzügliches Echo aufhielt. Der Minister
-spielt mit dem Dinge, wie mit einem jungen Kätzchen, frägt, läßt
-antworten, schreit und singt, um das Wesen recht von allen Seiten kennen
-zu lernen; darüber wird er müde, er gähnt, ohne die Hand vor den Mund zu
-halten, und die boshafte Creatur benutzt den Moment und springt ihm in
-den Hals hinein. Nun kann er es nicht loswerden, so sehr er Medicin
-braucht. Im Bade ist das Echo seitdem fort. Die Dummen behaupten, weil
-die Bergleute eine vorlaufende Felsenwand weggesprengt haben. Nein, auf
-eben beschriebene Art sind sehr viele dieser Echoisten entstanden, die
-der gemeine Mann zu oft mit den Egoisten verwechselt, die freilich auch
-manchmal nahe an einander grenzen, wie die Buchstaben g und h.
-
-Unser Walther hat neulich etwas gethan, wovon alle Philosophen und
-Denker immerdar ausgesagt haben, es sei unmöglich. Er schwang sich
-nehmlich auf dem Rade der Fortuna um, und es gelang ihm, oben auf dem
-Gipfel wenigstens eine halbe Stunde lang ungestört zu verharren. Er
-hätte also den Nagel oben einschlagen können, wenn er nicht selbst
-vernagelt gewesen wäre, denn er fluchte und wetterte, um nur wieder
-hinabzugelangen. Ein wunderliches Frauenzimmer, vielleicht die Fortuna
-selbst, sah ihn dort oben thronen und lachte, wie es mir schien. Ich
-konnte sie aber nicht erhaschen. Man schrie ihr Maschinka nach. Hieß
-nicht die geheimnißvolle Unbekannte so, die bei uns logirte? Mir schien
-auch, aber ungewisser Schein nur, als sähe sie jener Flüchtigen ähnlich.
-Aber mein Studium und der Genuß der himmlischen Essenzen macht, daß ich
-mich solcher irdischen Dinge nur sehr dunkel erinnere und keine
-Rechenschaft davon geben kann. Wenn sie es war, ist sie mir und den
-Uebrigen wieder entlaufen, ob wir gleich alle hinter ihr drein waren.
-Walther, der Herabgestiegene, auch. Fortuna aber oder Maschinka war
-verschwunden.
-
- * * * * *
-
-Die Beiden kamen spät von der Starkenburg zurück, und indem sie in das
-Zimmer traten, hörten sie, wie Wachtel sich selber den letzten Theil und
-Beschluß seines Briefes vorlas. Walther fuhr auf ihn zu und fragte: was
-war das für eine Dame, die jener in Würzburg ähnlich war? Auch Ferdinand
-setzte ihm leidenschaftlich mit Reden zu; doch Wachtel, der jetzt seine
-Flasche Johannisberger völlig geleert hatte, sagte: Meine Herren und
-Freunde, ich habe da einen häuslichen vertraulichen Brief an meine
-Gattin geschrieben, welcher nichts, als Familienverhältnisse und
-Versicherungen meiner Liebe enthält, diesen kann ich Euch also unmöglich
-mittheilen; die letzte Anspielung, die Ihr zufällig vernommen habt, ist
-nichts weiter als die Beziehung auf eine Sache, die ich selber nicht
-verstehe und das Wenige, was ich davon wußte, seitdem völlig vergessen
-habe. Ich war, als jenes Frauenzimmer schnell in unser Zimmer dort in
-Guben trat, eben in Gedanken und Studien versenkt; kurzum, sie hatte
-einen Brief an meine Frau, den ich damals nicht lesen konnte oder
-wollte, und ein alter Mann begleitete sie, von dem es unentwickelt vor
-mir liegt, ob er ein Herr oder ein Bedienter war. Kurz, mit einem Wort,
-sie bewohnte ein Zimmer, als ich schon schlief. Sie kam mir hübsch vor,
-und nachher, als ich sie wiedersah, konnte ich mich nicht bestimmt
-erinnern, ob es noch dieselbe oder eine andre war. Diese zweite war aber
-noch schöner. Vielleicht hatte sie aber die Frische des Morgens so
-gefärbt. Nun fragte ich wieder nach ihr, und sie war schon abgereist,
-und da es mich nichts anging, schlug ich es mir aus dem Sinn, und so
-vergaß ich es, und so reiste ich nach Dresden ab, und so sind wir nun
-hieher gerathen, und das Briefschreiben hat mich angegriffen, und der
-Johannisberger hat mich gestärkt, und das ist Alles, was ich von der
-Sache weiß.
-
-Daß mich die Sache interessirt, sagte Walther, darüber könnte ich meine
-Gründe angeben; aber warum Sie, Ferdinand, so neugierig sind, begreife
-ich nicht.
-
-Ich weiß selbst nicht, antwortete dieser, weshalb ich mich darnach
-erkundige; man macht seinen Freunden in der Regel Alles nach, weil sie
-nach einiger Zeit ein gemeinsames Interesse verknüpft. Und, gestehe ich
-es nur, in jener Nacht, als wir in Guben waren, hörte ich durch die
-offenstehenden Fenster der untern Zimmer meinen Freund Wachtel schon mit
-seiner Frau von dieser Dame reden, ich war schon damals neugierig, aber
-mein Freund Wachtel war in einem so bedenklichen Zustande, daß ich mich
-ihm nicht zu erkennen geben mochte; auch rückte schon der erste Morgen
-herauf und unsre Abreise drängte.
-
-Sieh! sieh! sagte Wachtel gähnend, meine confuse Frau hat mir damals
-eine noch confusere Geschichte vorgetragen, von einem sehr hübschen
-Menschen, den sie hundertmal einen Engel nannte. Sie schien zu meinen,
-ohne des Engels Beihülfe, der sich so edel betragen, hätte ich die ganze
-Nacht draußen im Grase liegen müssen. Sie machte ein Mährchen draus, wie
-das von der Martinswand ist. Und nun entwickelt es sich also, daß Du
-dieser Engel warst. So verschwinden bei nur mäßiger Forschung alle
-Wunder aus der Geschichte.
-
-Nach einer kurzen Ruhe fuhren die Freunde am schönen Morgen weiter, aber
-nur langsam, um die Gegend zu genießen. Sie kamen schon früh in
-Heidelberg an.
-
-Der Pfarrer Le Pique hatte dem jungen Ferdinand einige Briefe an Freunde
-mitgegeben, und so lernte dieser einen rüstigen, geistreichen Mann,
-Keyser, welcher Lehrer an der Schule war, kennen. Sie besuchten
-gemeinschaftlich den biedern Daub, sowie den herrlichen Creuzer, und in
-der schönen Umgebung, unter wissenschaftlichen und heitern Mittheilungen
-verflossen ihnen die Stunden und Tage im lieblichsten Wohlbehagen. Auch
-den trefflichen Pfarrer Abegg lernten sie in Lohmen kennen, und die
-muntern Freunde, die Alle noch jugendlich kräftig waren, durchstreiften
-das Gebirge und die blühenden Kastanienwälder, die vielen Bergen hier
-einen ganz südlichen Charakter geben, und erkletterten alle irgend
-zugänglichen Theile des großen Heidelberger Schlosses.
-
-Mit Keyser ging Ferdinand in einer Nacht nach Zweibrücken hinüber, und
-Walther verwunderte sich, daß der Freund ihm aus dieser Wanderschaft ein
-Geheimniß gemacht hatte.
-
-Walther, der noch wenig mit Gelehrten und mehr mit dem Adel gelebt
-hatte, war höchlich erfreut, in dem Professor Daub die schöne Biederkeit
-echter deutscher Natur, und in Creuzer diese Gewandtheit des Geistes,
-sowie diese edle Urbanität kennen zu lernen; Abegg's Milde wirkte
-wohlthätig und fein auf den witzigen Streit, der sich manchmal zur
-Heftigkeit erhob und den besonders der lebhafte Keyser gern veranlaßte.
-Wenn wahre Gelehrte, die zugleich als echte und edle Menschen den Ton
-des Umganges haben, in freundlicher Hingebung scherzend und ernst durch
-alle Gänge des Wissens und Forschens wandeln, so findet sich in dieser
-Umgebung eine Unterhaltung, die der Menschenkenner und Weltmann
-vergebens in den andern Zirkeln der Gesellschaft suchen wird.
-
-Ein schöner Friede schien alle Gelehrte in Heidelberg zu vereinigen und
-Ferdinand erzählte viel von einer schönen Zeit, in welcher er vor
-wenigen Jahren in Jena in dem Kreise lebte, den Wilhelm und Friedrich
-Schlegel, Novalis und Schelling bildeten. Er schilderte diese Wochen als
-das reichste und üppigste Geistesbankett, das er jemals schwelgend
-genossen habe.
-
-Nach einigen Tagen schrieb Ferdinand an eine Freundin, Charlotte von
-Birken, nach Berlin.
-
- Heilbronn, den 18. Julius 1803.
-
-Meine theilnehmende Freundin, ich benutze die Nacht, indem meine
-Reisegefährten schlafen, um endlich mein Versprechen zu erfüllen und
-Ihnen einige Nachrichten von mir mitzutheilen.
-
-Die Spannung, in welcher mich diese unfreiwillige Reise erhält, muß oft
-der Entzückung und der Begeisterung weichen, in welche mich die
-abwechselnden großen und lieblichen Naturscenen versetzen, an welchen
-unser schönes Deutschland so reich ist und die unsre Landsleute immer
-noch nicht gehörig zu würdigen wissen.
-
-Von meinen Aussichten, Plänen, meinem künftigen Glück weiß ich Ihnen
-noch nichts zu sagen. Alles zieht sich in die Länge, Alles wird fast
-ungewisser, als es war. Ein junger Mann in Heidelberg, Keyser, der mein
-ganzes Herz gewonnen hat, führte mich nach Zweibrücken zu seiner
-reizenden und liebenswürdigen Braut, und hier fand ich denn endlich
-einen Brief vom Onkel, der etwas Bestimmteres aussagte, und der,
-sonderbar genug, mich wahrscheinlich bald wieder in Ihre Nähe führen
-wird, da ich bis jetzt glauben mußte, Basel sei die Richtung, die ich
-nur nehmen könne, und die Schweiz sei mein künftiger Aufenthalt.
-Indessen ist schon viel gewonnen, daß der einflußreiche angesehene Mann
-sich zum Vermittler anbietet. Ich mag Ihnen von manchen Dingen, die mir
-zugestoßen sind, nichts Näheres mittheilen, weil ich Alles einem
-mündlichen Gespräche vorbehalte, man auch nicht wissen kann, wie ein
-Brief verunglückt, oder, bei der größten Vorsicht, in die unrechten
-Hände geräth.
-
-Von dem schönen Heidelberg aus haben wir eine kleine Fußreise gemacht,
-um Neckar-Steinach und die drei Ruinen zu sehen, die dort dicht neben
-einander liegen. Das eine wüste Schloß war der Aufenthalt des
-berüchtigten Lindenschmidt. Ein runder, steiler Hügel, der Dielsberg,
-macht dort einen sonderbaren Anblick; hier verließ uns Keyser, der uns
-begleitet hatte, um nach Heidelberg zurückzukehren. Wir hatten jetzt
-einen schönen Weg nach Hirschhorn, welches am Neckar liegt. Ein altes
-Schloß und Kloster sind hier, die uns durch ihre Alterthümlichkeit große
-Freude machten. Wir nahmen ein Schiff, und fuhren, von einem Pferde
-gezogen, den Neckar stromaufwärts. Die Gegend ist reizend, viele alte
-Schlösser, die noch ganz in ihrem ehemaligen Zustande sind, werden
-bewohnt. In Eberbach war viel Getümmel und ein Aufzug der Bürger. Nach
-einigen Stunden jenseits dieses Städtchens verließen wir das Schiff
-wieder, um zu Fuß zu wandern. Minneberg und zwei Hügel dort bilden eine
-reizende Gegend. Bei Neckar-Els öffnet sich das Thal. Vor der Stadt nahm
-uns ein schlechtes Wirthshaus auf und Walther miethete aus Eigensinn ein
-sonderbares Fuhrwerk, um sich nur mit keinem Hauderer, der vielleicht
-auch nicht vorzüglich gewesen wäre, einzulassen. In den meisten
-Menschen, selbst vernünftigen, offenbart sich zuweilen eine falsche
-Poesie, die sie im Leben selbst suchen oder unmittelbar in dieses
-hineintragen wollen. Bei den ganz dummen Wirthsleuten hatte er auf
-Erkundigung erfahren, sie hätten einen leichten Einspänner, der auf zwei
-Rädern laufe. Vielleicht fielen ihm die italienischen Sedien oder ein
-flüchtiges Cabriolet ein; genug, er miethet das Ding, um so mit uns am
-folgenden Mittag in Heilbronn anzukommen. Ich entsetzte mich nicht
-wenig, als am Morgen das elende Gespann vorfuhr. Was war es? Ein
-viereckter, grob geflochtener Korb, der auf zwei hohen Rädern
-unmittelbar auf der Axe lag. Man hatte Säcke und Stroh hineingelegt. Ich
-schlug vor, lieber zu Fuß zu wandern, aber der boshafte Wachtel hatte
-seine Freude an diesem Skandal, und Walther wollte sich kein Dementi
-geben. Wir klemmten uns, so gut es gehn wollte, in den verwünschten Korb
-hinein, und ein blödsinniger Knecht unternahm es, uns mit einem steifen
-Gaul so in Heilbronn im Triumph aufzuführen. Zwei Stunden von dort liegt
-der Hornberg, welchen Götz von Berlichingen von Conrad Schott kaufte und
-wo er den größten Theil seines Lebens hauste. Der steile Berg ist auf
-zwei Seiten mit Wein bebaut, von oben hat man die Aussicht über das
-offene Neckarthal und über die gegenüber liegenden niedrigern Felsen.
-Auf der Hinterseite des Berges ist ein enges Thal und ein herrlicher
-Wald, der sich bis dicht an die Burg erstreckt. Alles ist oben, auf dem
-Wege zur eigentlichen Festung, mit wüstem, verwachsnem Gestrüpp bedeckt.
-Aus den Zimmern und Sälen des Schlosses genießt man einer vortrefflichen
-Aussicht. Vor kurzem hätte das ganze Haus noch mit wenigen Kosten zum
-Bewohnen erhalten werden können, jetzt ist es verfallen und wird nach
-einigen Jahren wohl ganz zerstört seyn.
-
-Wir fuhren dann durch ein Städtchen Gudelsheim, das den deutschen Herrn
-gehört, und ließen uns nach Wimpfen übersetzen. Vor Heilbronn verließen
-wir doch, trotz unsrer Aufklärung, unsern Karrn und zogen zu Fuß in die
-Stadt ein. Alles wurde hier zur Huldigung des neuen Herrn eingerichtet,
-der Altar in der protestantischen Kirche war abgetragen, recht gut
-scheinende Gemälde waren, ihm zu Ehren, neu übermalt und verdorben.
-Kirche und Thurm gehören zu den merkwürdigen Gebäuden. Der berühmte
-wasserreiche Brunnen der Stadt hat durch eine neue schlechte Balustrade,
-um die man die alte Einfassung, die besser war, wegreißen mußte, viel an
-seinem Wasser verloren. Am Rathhause wurde eben ein schönes steinernes
-Geländer weggebrochen, um Latten besser anbringen zu können, an welchen
-die Lampen zur Illumination befestigt werden. Wir besuchten die Orte,
-die uns von früher Jugend auf durch den Berlichingen und Göthe's Werk so
-merkwürdig sind. Auch den gewundenen Thurm kletterten wir hinauf und
-standen oben, neben dem Ritter, wie mich dünkt, dem heiligen Kilian.
-
-Hätten wir es unterlassen können, nach Weinsberg hinauszufahren? Durch
-Bürger's Romanze ist dieser Ort und die That der Weinsberger Frauen im
-Munde alles deutschen Volkes. So manches die Kritik gegen Bürger's
-Balladen und Romanzen mit Recht ausstellen kann, so vorsätzlich er so
-oft den alten einfachen Ton, jenes Geheimniß, im Wenigen und im
-Verschweigen viel zu sagen, worin Göthe der größte Meister ist, vermied
-und nicht finden konnte, so bin ich doch überzeugt, Bürger's Balladen
-werden bei uns länger, als die von Schiller leben, der (in wenigen
-ausgenommen) noch mehr jene stille Einfachheit verletzt hat.
-
-Um Heilbronn ist eine schöne grüne Natur und wir waren alle mit unserm
-Tagewerk zufrieden. Wie schön ist es, in einem Lande zu leben, wo
-Städte, Bildwerke, Felsen und Berge auf alte Geschichte, auf große
-Kaiser und merkwürdige Begebenheiten hinweisen. Wie herrlich ist in
-dieser Hinsicht Deutschland ausgestattet! Mir kommt es fürchterlich vor,
-in Amerika leben zu müssen. Und die verschiedenen Epochen der
-Kaiserherrschaft, des Aufblühens der Familien, des stets wechselnden
-Verhältnisses, der großen wie kleinen Fehden und die mannigfaltigen
-Gestaltungen und Umwandlungen des Ritterthums, von der höchsten Bildung
-und der schwärmenden, poetisch-fanatischen Verehrung der Frauen bis zum
-niedrigen, rohen Räuberhandwerk hinab, alles Dies, glaube ich, hat sich
-nirgends so wundersam, vielseitig, grell abstechend gewiesen, als in
-unserm Deutschland. Unsere unwissenden Autoren, die diese Gegenstände
-behandeln, haben sich aber eine gewisse rohe Manier gebildet, die immer
-in Zank, Großsprecherei und leeren Worten wiedertönt, ohne uns auch nur
-im mindesten ein Bild und anschauliches Gemälde jener Zeiten zu geben.
-Andre sehen nur Greuel, Verwilderung und Mord in jenen Tagen der
-merkwürdigsten Entwicklung, und bedenken nicht, daß, wenn die Welt so
-beschaffen gewesen wäre, wie sie sie verlästern, in kurzem weder Gute
-noch Böse, Freie und Knechte würden übrig geblieben seyn.
-
-Wie aber Gefühle absterben, wie der Sinn für das Schönste sich verlieren
-kann, muß ich täglich mehr erfahren. Rührt uns schon in Stadt und Feld
-die Hinweisung auf Geschichte und belebt und weiht den todten Stein und
-den Wald, wie viel mehr jenes Mahnen an die Wunder und die Süßigkeit
-unserer Religion. Und diese forttönende Poesie, dieses Erklingen der
-feierlichen Harfensaiten, diesen still lebenden und stumm beredten
-Gottesdienst in der Einsamkeit der Natur, im Gewühl des Marktes, in
-Felsgrotten und Wäldern, im Verherrlichen der Brücken und Ströme finde
-ich nur noch in den katholischen Provinzen. An Zoll und Polizei, an
-Argwohn und Paß, an Aufsicht und Visitation werden wir im
-Protestantischen genug erinnert, an die Bedeutung des Christenthums fast
-niemals. Ja, jene Wundersagen, jene Bildwerke, Hymnen, Klöster, Mönche,
-heilige Jungfrauen, Vorbitten und Schutzheilige sind Gegenstände des
-Spottes und Hasses. Und die besten Menschen können sich oft von diesem
-Aberglauben gegen den Aberglauben, von dieser Gespensterfurcht, daß der
-Glaube an Gespenster wieder kommen könnte, nicht frei erhalten. So
-konnte es mein neu erworbener Freund, Keyser, nicht begreifen, wenn ich
-behauptete, die Reformation sei zwar eine nothwendige gewesen, sie habe
-der Welt und namentlich Deutschland unendliches Heil gebracht; aber viel
-Schönes, Großes und Heiliges sei mit Zerstörung des Schlechten zugleich
-vernichtet worden, und dies sei es, was der eifrige Protestant nie
-anerkennen wolle und was die Katholiken selbst nicht zu würdigen wissen.
-Auch ein schlechtes Bild an der Landstraße rührt mich, weil es auf jene
-Geheimnisse hindeutet, die wir nie vergessen sollen, wenn wir sie gleich
-auf dem gewöhnlichen Wege niemals begreifen können. Die Fratzen in
-manchen Kirchen stören mich so wenig wie die oft ungelenken Priester;
-denn auch im unansehnlichen Dornbusch blüht der Frühling heraus und
-bewegt mich, als ein Zeichen der allgemeinen Auferstehung des
-Lebendigen.
-
-Dies Gefühl des Mitleidens in der höchsten Liebe, daß wir durch
-Selbstaufopferung das Opfer der Liebe vergüten möchten, diese schönsten
-Gefühle sind es gerade, die die meisten Menschen von sich abweisen oder
-die Härteren als unrecht verdammen. So heben sie sich für den Sonntag,
-für Orgel und Predigt die feierlichen Empfindungen auf, oder sie
-schließen einen verständigen Contrakt mit dem unbegreiflichen Wesen,
-welches sie Gott nennen, um gegenseitige Pflichten und Verbindlichkeiten
-klar im Auge zu behalten. Der Vers eines Liedes aber, Abends unter einem
-Crucifix still und andächtig gesungen, der Blick des betenden Greises
-auf einsamem Waldplatz zum leidenden Heiland hinauf, der Kuß, den das
-Kind auf seinen Rosenkranz drückt, die Thräne der Mutter, welche auch
-den Sohn verlor, vor der Mater dolorosa, sagen mehr, als alle jene kalte
-Weisheit verkündigen und lehren kann.
-
-Sie kennen ja aber, theure Freundin, meine Gesinnungen über diese
-Gegenstände und stimmen mir bei. Ich hoffe Sie bald zu sehn; im Herbst
-gewiß.
-
- * * * * *
-
-Walther war aus andrer Ursache nachdenklich von Weinsberg
-zurückgekommen. Er hatte an der Wand der Kapelle, auf welcher die
-Geschichte der treuen Weinsberger Weiber gemalt ist, mit Bleifeder
-frisch angeschrieben deutlich die Worte gelesen: »Romeo, in der Höhle zu
-Liebenstein findest Du den 24. Juli M -- Julia.« -- Seine Gefährten
-hatten die Schrift nicht bemerkt, ihm aber flüsterte sein Genius zu,
-diese Hinweisung rühre von jener vielgesuchten Maschinka her, die den
-Mann, welchen er verfolgte, in Liebenstein erwarte. Sein Entschluß war
-daher gefaßt, nach Liebenstein zu gehn und gewiß am 24. Julius in dieser
-Höhle zu seyn, in welcher er diesen Romeo zu entdecken hoffte. Er konnte
-sich selber keine Rechenschaft davon geben, warum er sich die wenigen
-Worte so erklärte, warum er der Meinung war, sie müßten von jener
-entflohenen Maschinka herrühren, deren Handschrift er niemals gesehn
-hatte. Aber dieser blinde Trieb, dieser Instinkt schien ihm gerade ein
-Beweis dafür, daß er auf der richtigen Spur seyn müsse.
-
-Am folgenden Morgen trug er, ohne seine Gründe anzugeben, darauf an, daß
-man noch einiges Merkwürdige in der Nähe betrachten, dann aber nach
-Liebenstein reisen möge. Mein theurer Freund, sagte Ferdinand, mit
-einiger Heftigkeit: wie kommen Sie auf diesen Entschluß? Warum nach
-Liebenstein? Ich hoffte, wir würden von hier aus uns mehr südlich und
-nach dem Schwarzwald, vielleicht sogar nach der Schweiz wenden, um einen
-Theil des Herbstes in den schönen Alpengegenden und an den erfrischenden
-Seen zuzubringen. Und nun schon, noch so zeitig im Jahre, uns wieder
-nach Norden wenden? das sieht schon wie Rückkehr aus, die ich in diesem
-wahrhaft schönen Sommer, der uns vielleicht noch lange begünstigt, weit
-hinausschieben möchte.
-
-Schon umkehren? rief Wachtel aus: wie? Ich habe auf den Rhein und die
-schönen Weinplätze Bacharach, Rüdesheim, Nierenstein gehofft -- und nun
-wieder in das kalte Bierland hineinreisen? Ei, welch ein böser Geist hat
-Ihnen, verehrter Freund, den bösen Gedanken zugeraunt?
-
-Sie wissen, fuhr Ferdinand fort, mir ist nur in den Gegenden, wenn ich
-in der Fremde bin, recht wohl, wo ich die alten Münster, den
-katholischen Cultus, die Bilder und Feierlichkeiten, so wie Alles, was
-damit zusammenhängt, sehe und mein Gemüth erhebe. Haben wir doch oft
-genug darüber gestritten. Es ist fast, als wenn ich eine Geliebte
-verlassen, indem ich diesen schönen Provinzen wieder den Rücken wenden
-soll.
-
-Geliebte! sehr wahr! rief Wachtel, fast schluchzend. Ich kenne das
-schon, um wie viel theurer und schlechter der Wein in den Gegenden dort
-oben ist. Nun habe ich mein Herz hier so weit hinweg spazieren geführt
-und es so recht gemüthlich im Sonnenschein der Andacht ausgelabt und
-eingesommert. Ich kann schwören, mit jeder Meile, die mich von meiner
-Frau um eine mehr entfernt, fühle ich meine Liebe zu der vortrefflichen
-Person inniger und brünstiger. Welchen schönen Liebesträumen hing ich
-nun nach, daß noch wenigstens hundert Meilen sich zwischen uns legen
-sollten, um mich so recht und voll in die erste Jugendliebe hinein
-reisen und rasen zu lassen. Das hätte vielleicht eine so ausbündige
-Verliebtheit zu Stande gebracht, wie nur jemals zwischen Abälard und
-Heloisa stattgefunden hat, -- und nun soll ich plötzlich ernüchtert
-werden, denn das weiß ich im voraus, mit jeder Meile, die ich jetzt
-schon, um so vieles zu früh, der Theuern näher komme, wird mein Herz
-kälter, und Sie haben es zu verantworten, Baron, wenn ich als ein
-rechter Gimpel, als kalter Frosch, als miserabler Philister meiner Alten
-ganz herzlos und krüppelmatt an den Hals falle.
-
-Walther sagte lachend: liebe Freunde, es kann nicht meine Absicht seyn,
-Sie irgend in Ihrer Reiselust hemmen oder auf falsche Wege verlocken zu
-wollen. Unsre Trennung, wenn sie jetzt so viel früher eintritt, wird
-mich schmerzen; aber wir finden uns wohl später wieder. Was mich jetzt
-nach Liebenstein zieht, ist ein kleines Geschäft. Sie wissen, wir Alle
-hatten bei unsrer Abreise von Dresden keinen festen Plan, wir wollten
-uns leichtsinnig dem Zufall und unsrer Laune ganz überlassen. Vergessen
-haben Sie aber ganz, daß wir beim Abschiede in Karlsbad unserm Freunde
-Carl Hardenberg fest versprachen, ihn in Liebenstein wiederzusehn. Diese
-Zeit ist jetzt, und versäumen wir sie, so treffen wir ihn dort nicht
-mehr an und er hat uns vergeblich erwartet.
-
-Es ist wahr, sagte Ferdinand, wie aus tiefem Nachsinnen erwachend;
-dieses Versprechen, welches fast ein feierliches war, ist mir seitdem
-ganz entschwunden. Und so begleite ich Sie denn, lieber Walther, theils
-um meiner Pflicht gegen jenen Freund zu genügen, andrerseits aber, um
-länger in Ihrer Gesellschaft zu seyn und mit Ihnen die Schönheiten
-unsrer Reise zu genießen.
-
-Sei's drauf gewagt, rief Wachtel, sollte ich auch mit ganz eiskaltem und
-erfrornem Herzen zu meiner vielgeliebten Gattin zurückkommen. Ich weiß
-nicht, ob es Heilige giebt, denen sich ein kalt werdender Liebhaber und
-Gatte empfehlen kann, oder ob Protektoren der zärtlichen Ehe angestellt
-sind, die die Flammen so anfachen, wie der heilige Kilian sie auslöscht;
-wenn Du mir, Ferdinand, keinen zu nennen weißt, so ist das eine große
-Lücke in Deinem vielgepriesenen, bilderreichen und wundervollen
-katholischen Cultus. Der Abälard, der dazu passen könnte, war außerdem
-schon ein Ketzer; und seine Heloisa gilt auch für eine fromme Sünderin;
-und so hat die Kirche die beste Gelegenheit versäumt, durch zeitgemäßes
-Canonisiren diesem Bedürfniß abzuhelfen.
-
- * * * * *
-
-Die Freunde reiseten nach diesem Entschlusse queer durch das Kocherthal
-und besuchten Neustadt an der Linde. Von einer außerordentlich großen
-Linde hat dieses Städtchen seinen Beinamen. Nach dieser anmuthigen
-Gegend kamen sie durch den Harthäuser Wald. Das Thal der Jaxt ist
-zerrissen, die Weinberge schroff, kahl und weiß, und das Land ist hier
-weniger fruchtbar, als das Thal der Kocher. Eine sehr große und
-schöngebaute Brücke führt über den Jaxtfluß, der jetzt so klein war, daß
-er fast gar kein Wasser enthielt.
-
-Aus Verehrung für Göthe betraten sie das alte Haus, die Burg Jaxthausen,
-in einer feierlichen Stimmung. Der berühmte Gottfried, oder Götz, hat
-hier nur in seiner Kindheit und frühen Jugend gelebt. Ein älterer
-Bruder, Philipp, erbte diesen Stammsitz der Familie, und lebte, wie es
-scheint, ruhig und glücklich auf diesem seinem Schlosse.
-
-Alles ist hier alterthümlich, fest und mannhaft, wenn auch nicht
-großartig. Das Archiv ist in einem großen, runden Thurm. Die
-Wandschränke, viele Sessel und Stühle schienen noch aus der Ritterzeit.
-Die Wendeltreppe ist vortrefflich gebaut. Fest kann, ungeachtet der
-Gräben, das Haus doch nicht gewesen seyn; es liegt niedrig, auf ebenem
-Boden und hat das Ansehn eines reichen Adelhofes.
-
-Ein neues, anmuthiges Schloß von mäßigem Umfang, welches eine Familie
-Gemmingen bewohnt, liegt nahe bei Jaxthausen, und nicht weit davon, an
-der Jaxt die Ruine der alten Burg Berlichingen, die alle Leute in der
-Gegend dort Berlinchen nennen.
-
-Eine Meile von Jaxthausen findet man in anmuthiger Waldgegend das
-Kloster Schönthal. Hier ist das Erbbegräbniß der Berlichingen; Götz ist
-als der letzte hier begraben worden, weil nachher die Familie
-protestantisch war. Die Kirche ist schön, und Ferdinand hörte die
-Erzählung mit Ingrimm, daß man nicht nur alle goldne und silberne
-Gefäße, sondern selbst zwei heilige Leiber bei der Aufhebung des
-Klosters den Juden verkauft habe.
-
-Ein Mönch verzeichnete die Bücher der Bibliothek, weil diese abgeliefert
-werden sollte. Der Mann schien unwissend und sich mit den alten Drucken
-oder Handschriften, bei denen er die Titel nicht finden konnte, sehr zu
-quälen. Ferdinand machte sich an ihn und half ihm bei einigen. Im
-Verlauf des Gespräches jammerte der Mönch über die Aufhebung des
-Klosters. Ferdinand stimmte mit ein und sprach von den Vortheilen und
-Reizen der Einsamkeit, und wie schön die Einrichtung gewesen, daß vielen
-Geistern, die den Beruf gefühlt, Freistätten seien gestiftet worden, in
-welchen sie sich ganz und völlig von der Welt unabhängig, den
-Betrachtungen der höchsten Gegenstände hätte widmen können. Seit lange
-aber, fuhr er fort, ist die Einsamkeit verrufen, Alle, so hört man
-immerdar, sollen und müssen in die vielfachen Wirbel und in die
-Verwirrung der Welt hineingetrieben werden; praktisch, so ruft man schon
-dem Kinde zu, mußt Du werden, um die Geschäfte, die Aufgaben des Lebens
-verwalten und lösen zu können. Die Namen eines Stubengelehrten, einsamen
-Denkers, stillen Forschers sind wie die Benennungen Einsiedler,
-Klostermönch, abergläubischer Priester, zu Schimpfnamen geworden. Und
-dennoch -- wenn man diese Weltmenschen kennt und beobachtet, die in den
-Rädern der großen Weltmaschine hanthiren und immerdar mit dem Gewühle
-der verwirrten Masse umtreiben -- wie ist ihr Gemüth abgestumpft und
-keiner großen Eindrücke und Entschließungen fähig. Ungewohnt, einen
-wahren, echten Gedanken zu fassen, eine belebende Idee zu ergreifen und
-sie dann anwendbar zu machen, ist ihr ganzes praktisches Treiben nur wie
-das des Maulthieres in der Drehmühle, thätig ohne Geschäft, im
-Mechanismus als Maschine arbeitend. Lehrt uns denn nicht die Geschichte,
-daß so oft jene stillen Menschen, die sich der Einsamkeit ergaben, in
-Zeiten der Noth hervortraten, um Das zu ordnen und zu beschwichtigen,
-was allen Weltregierenden und in der Welt Erzogenen zu mächtig geworden
-war? Einige der edelsten Päpste nicht nur waren in der Stille des
-Klosters gebildet und herrschten im großen Sinne, als sie berufen
-wurden, auch außer so manchen Bischöfen und Aebten waren es oft einfache
-Mönche, die in Zeiten der Drangsal auftraten, um mit dem Seherblick, den
-gerade die Einsamkeit geschärft hatte, Kräfte zu entdecken, die die
-verderblichste Verwirrung in lichte Ordnung umwandelten.
-
-Darum, sagte der Mönch, der von Zeit zu Zeit von seinem Cataloge aufsah,
-ist es Unrecht, wie man jetzt mit uns umgeht. Nicht anders, als wenn wir
-Mordbrenner und Landesverräther wären. Und grausam ist es obenein. Denn
-unser eins hat nun von Jugend auf nichts anders gelernt, wir können uns
-auf keine andre Weise ernähren, und doch stößt man uns in die Welt ohne
-alle Versorgung, denn die armselige Pension, die man uns auswirft, kann
-kaum gerechnet werden.
-
-Ferdinand wendete sich mit dem Ausdruck der tiefsten Verachtung von dem
-Manne ab. Als sie draußen waren, fragte ihn Wachtel: was ist Dir nur,
-daß Du plötzlich so sehr verstimmt bist? -- Wenn mir, rief Ferdinand
-aus, der ich ein Laie, ein Protestant bin, das Herz brechen möchte, weil
-ich in einem Zeitalter geboren bin, in welchem eine ganze Welt von
-Herrlichkeit, Poesie und Kunst in ein großes Grab höhnend geschüttet
-wird, eine Welt, in welcher so Großes erwuchs und geschaffen wurde, die
-für Bildung, Gelehrsamkeit und echte Freiheit so viel that, die durch so
-viele geistliche Helden und Märtyrer verherrlicht ist, -- und ich sehe
-einen Mönch, der diesem zerstörten Tempel angehört, um nichts als sein
-tägliches Brot seufzen, den nur die Küche dauert, die zugleich mit dem
-Wunderdom zerfällt, so möchte ich verzweifeln. Er fühlt sich nicht
-gekränkt und im tiefsten und heiligsten Ehrgefühl seines hohen Standes
-verletzt, nein, er wäre zufrieden, wenn er nur in irgend einem Pallast
-seiner Verfolger wieder Küchenjunge werden könnte. Giebt es freilich
-viele dieser Art, haben manche Regierende wohl selber so gedacht, so ist
-diese große Kirchenanstalt in sich selbst, auch ohne äußern Anstoß und
-ohne die weltliche Habsucht, zusammengebrochen.
-
-Sei nicht unbillig, rief Wachtel aus, wie soll ein gewöhnlicher Mönch,
-von frühster Jugend zum unbedingten Gehorsam gewöhnt, dessen größte
-Tugend es seyn mußte, den eignen Willen zu brechen, Deinen Enthusiasmus
-theilen oder verstehn? der bei Dir auch nur um so feuriger ist, weil Du,
-in einer ganz anders gestalteten Fremde erzogen, als Fremdling in diese
-zerstörte Welt hineinschaust. Du bist noch ziemlich jung, wohlhabend,
-hast niemals Mangel empfunden, kannst es also in Deinem übermüthigen
-Blute nicht wissen, wie bitter die Nahrungssorgen sind. Außerdem bist Du
-so erzogen und unterrichtet, daß Du im äußersten Fall zu hundert
-Geschäften greifen könntest, um Dich zu ernähren; hast auch, durch den
-Weltumgang, Dreistigkeit gewonnen, mit Menschen umzugehn und Dir
-Beschützer zu suchen. So ein Armer aber, wie dieser, von frühester
-Kindheit verschüchtert, erniedrigt und eingezwängt, wenn dem die
-Maschine zerbrochen wird, an der er arbeitet, und er gar nichts gelernt
-hat, als an dieser einen Stift einzufugen, der ist unendlich zu
-bedauern.
-
-An diesem Tage kamen die Reisenden noch bis Mergentheim und setzten am
-folgenden Morgen ihren Weg fort, längs der Tauber. Die Gegend bis
-Bischofsheim ist nicht schön, das Thal der Tauber ziemlich kahl. Von
-Bischofsheim bis Würzburg war die Gegend auch nicht interessant und
-Ferdinand sagte: ich glaube fast, daß wir gestern den letzten eigentlich
-poetischen Tag unserer Reise genossen haben.
-
-Sie sind nur, antwortete Walther, gegen das Zurückkehren und scheinen
-mir eine zu große Vorliebe für das unbestimmte Herumschwärmen zu
-verrathen.
-
-So ist es, rief Wachtel aus, das war von früher Jugend an seine Passion.
-Er ist ein schlechter Staatsbürger und Patriot.
-
-Das Reisen selbst, erwiederte Ferdinand, ist für Den, welcher es
-versteht, eine so poetische Kunst, daß ich mich in diesem Sinne gern als
-gebornen Vagabunden bekenne. Mich dünkt, der merkwürdige Theophrastus
-Paracelsus sagt schon, das Reisen sei das Lesen eines herrlichen Buches,
-in welchem man die Blätter mit den Füßen umschlage. Die Natur und jede
-ihrer Launen kennen zu lernen, sich ihr ganz zu eigen zu geben,
-Heiterkeit und Genuß wie Regen und Sturm mit Dank empfangen, dies
-verstehn nur wenige, und die es vermögen, sind schon Eingeweihte. Dann
-die Kunst, zu lernen, wie man mit dem Volke leben kann, daß man aus
-allen Gesinnungen etwas Neues hört, daß man die Spur findet, wo auch in
-anscheinender Einfalt die Weisheit unbewußt spricht, wie die Wahrheit
-immer hinter allen Masken der Lüge hervorblitzt, alles Dies dient,
-unsern Geist zu erheben und reif zu machen. Dazu die Wunder, das
-Staunenswürdige, das uns Kunst, Natur, das Firmament und die Elemente
-bieten, oft auch die unscheinbare Gesellschaft und der zufällige
-Spaziergang. Schon in Teplitz sah ich dergleichen, und ihr Alle, die ihr
-doch gern staunen mögt, habt es ebenfalls angeschaut, doch ohne es zu
-beachten. Dorthin kommen alle Sommer aus dem innersten Ungarn Menschen,
-welche die deutsche Sprache nicht verstehen. Sie verkaufen Draht,
-Mäusefallen und andere geringfügige Sachen, dabei bessern sie kupfernes
-Geschirr aus und umflechten Töpfe und Schüsseln. Sie gehen in braunen,
-langen und weiten Jacken, und nur in dem Einen Aermel steckt in der
-Regel der eine Arm, sie haben keine Schuhe und Strümpfe nach unserer
-Art, sondern tragen eine Art von Sandalen, und mit Tuch oder Leinwand
-ist das Bein umwickelt, so wie es vor der Erfindung der Strickerei und
-Weberei gebräuchlich war. Ihr Gang hat nichts von unserer Dressur,
-sondern ist so frei und leicht, wie ihn kein Tanzmeister erreichen oder
-nur nachahmen könnte; dabei ist in ihren Schritten aber nichts von dem
-festen Springegang, den man an den Tyrolern beobachten kann. Eben so hat
-ihr Auge nichts von dem kühnen Umblick jener Bergjäger, sondern es sieht
-ruhig und in stiller Schwermuth geradeaus und nieder, ist aber niemals
-forschend oder neugierig. Diese Armen, weil ihr Gesicht von ihrem
-Geschäft in der Regel schwarz und ungewaschen und von der Sonne und dem
-langen Wege gebräunt ist, werden von manchem Badegast wie Banditen und
-Bösewichter angesehen. Ich bin ihnen stundenlang nachgegangen, um sie zu
-beobachten, ich habe mich mit ihnen zu verständigen gesucht und ihnen
-manche Gabe zukommen lassen, weil mir ihr Wesen so edel und echt
-menschlich schien. Sie sammeln, was sie an kleiner Kupfermünze
-einnehmen, und schütten es in einen Aermel ihrer Kutte, den sie unten
-zubinden, um mit dem geringen Erwerb mühsam in ihr fernes Vaterland
-zurückzukehren. Der Ausdruck ihres Gesichtes ist so schwermüthig, daß
-man sich angezogen fühlt, und was das Merkwürdigste ist, ich habe
-niemals einen von ihnen lachen, oder auch nur lächeln sehn, sei es ein
-junger Mensch oder ältlicher Mann, selbst wenn ich ihnen eine Gabe
-mittheilte, die ihre Erwartung übertraf. Ein milder, dankender Blick hat
-mich gerührt, und sie waren augenblicks so ruhig, wie immer. Wer sind
-diese Menschen, die mir als ein Wunder in unsrer Welt erschienen? Sind
-sie eine Art Paria? Mit den Zigeunern haben sie keine Aehnlichkeit. Ich
-konnte sie nicht ausfragen, weil sie mich nicht verstanden, die übrigen
-Menschen gingen gleichgültig an ihnen vorüber, und ich würde einen
-Otaheiten oder Chinesen nicht mehr als diese umherwandernden
-Kesselflicker anstaunen.
-
-Du magst nicht Unrecht haben, sagte Wachtel, es thut mir leid, daß ich
-diese Slawaken, oder Croaten und Wallachen nicht besser beachtet habe.
-Kommt mir einmal wieder einer in den Wurf, so will ich ihn gewiß unter
-mein Mikroskop nehmen.
-
-Nach Tische verließ die Gesellschaft Würzburg und begab sich nach dem
-Lustschlosse Werneck. Im Garten dieses ehemals fürstbischöflichen
-Schlosses sind noch einige schöngeflochtene Berceaus, nach alter
-französischer Art, und Ferdinand ergoß sich in Lobpreisungen dieser
-jetzt verschmähten Gartenkunst, für welche er eine fast übertriebene
-Vorliebe zeigte. Nichts so Entzückendes, rief er aus, als ein solches
-dichtgeflochtenes hohes Gewölbe von glänzendem, jungem Buchenlaub. Die
-Sonnenhitze kann nicht durchdringen, und man wandelt wie in einem
-lebendigen Saale oder dem Schiff einer Kirche, dessen Wölbung das
-glänzende Licht in Smaragden verwandelt. Die erfrischende Kühle spielt
-durch den weiten, langen Raum; im Sturm und Regen ist der Gartenfreund
-hier wie im Schlosse selbst gesichert. Um zu lesen oder ein vertrautes
-Gespräch zu führen, ist ein solcher Gang vorzüglich geeignet, ja er
-erzeugt durch das Offene, Heitere und zugleich Abgeschlossene Vertrauen,
-und das auffallend Künstliche dieser Bogenwölbung, so innigst mit der
-Baumschönheit verbunden, ist so lieblich und phantastisch, daß es wie
-von selbst Poesie und zarte Wunderträume erregt. Preise man nur nicht so
-unmäßig jene monotonen, melancholischen englischen Gärten, die weit eher
-ein Rückschritt zur Barbarei zu nennen sind, als daß sie die echte,
-höhere Gartenkunst sich rühmen, oder gar für die einzig wahre ausgeben
-dürften.
-
-Sie blieben die Nacht in Schweinfurt, einem wohlhabenden, behaglichen
-Städtchen. Am folgenden Morgen verließen sie die Chaussee, um auf
-schlechten Wegen nach dem Badeort Kissingen zu gehen; der Ort ist nur
-klein und es waren nur wenige Trinkgäste zugegen. Eine Meile entfernt
-ist das Dorf und Bad Bocklet. Hier ist eine schöne grüne Natur,
-waldbewachsene Hügel, frische Thalwiesen und eine anmuthige, feierliche
-Einsamkeit. Nach einem ziemlich langen Spaziergang kamen sie in den
-Speisesaal zur versammelten Gesellschaft. Ferdinand traf einige Damen
-und Fräulein, die er wohl sonst in Berlin gesehen hatte. Es überraschte
-ihn seltsam, in diesem einsamen kleinen Orte Figuren wiederzufinden, die
-er sich bis dahin nur in den großen erleuchteten Salons hatte denken
-können.
-
-Hören Sie, sagte Walther zu Wachtel, den er bei Seite nahm, mit welchem
-Enthusiasmus unser Freund wiederum von seinen berlinischen Freundinnen,
-vorzüglich aber von der Familie aus Madlitz spricht. Er ist übermäßig
-glücklich, daß er einige Dämchen getroffen hat, die doch einigermaßen,
-wenn auch ungern, in das Lob seiner Schönheiten einstimmen; denn es ist
-mehr als ungalant, man kann es unartig nennen, gegen junge Damen andere
-abwesende in so hohen Tonarten zu loben. Bemerken Sie nur, wie alle
-diese Badeschönheiten die zierlichen Lippen aufwerfen und die Näschen
-rümpfen, wie sie so leicht und schonend diesen und jenen Tadel der
-gefeierten Grazien einschlüpfen lassen, um der zu schmetternden Trompete
-unsers Freundes einen kleinen Dämpfer aufzusetzen. Er ist nicht zu
-entschuldigen, wenn er nicht dort, wie ich zu glauben Ursach habe, schon
-versprochen ist.
-
-Bei Tische war man heiter, und nur Ferdinand, der es wohl fühlte, daß
-die anwesenden Schönen nicht mit ihm zufrieden waren, verließ mit einem
-kleinen Mißmuth den Saal. Er ging mit Wachtel und Walther auf den
-Kirchhof des Ortes, um das Grab der Auguste Böhmer, der Stieftochter
-Wilhelm Schlegels, aufzusuchen. Nicht ohne Thränen konnte er ihrer
-gedenken, und sagte endlich: Wie schwach sind doch die Menschen, daß sie
-nur selten das Lob eines vorzüglich begabten Menschen, sei er durch
-Schönheit, sei er durch Geist ausgezeichnet, mit edler, wahrer
-Theilnahme anhören können. Gleich glauben sie, es würde ihnen etwas
-entzogen, oder man setze sie gar herab, und so eilen sie denn, sich in
-Reihe und Glied zu stellen, was im Grunde lächerlich ist, weil sie
-voraussetzen, man müsse sie ebenfalls zu jenen Hochbegabten rechnen. Von
-den Verstorbenen ertragen sie schon eher die rühmliche Nachrede. Wie
-traurig, daß das Andenken eines so schönen Wesens, wie diese Auguste
-war, so schnell erlöschen muß. Diese natürliche Heiterkeit, der Frohsinn
-dieses Mädchens, ihr unschuldiger Witz und sanfte Schalkheit, gepaart
-mit Verstand und Geschmack, war in ihrer schönen Jugend eine zauberhafte
-Erscheinung. Schlegel hat ihrem Andenken einige vorzüglich schöne
-Trauergedichte gewidmet. Diese liebliche Erscheinung gehörte ebenfalls
-zu der frohen, geistreichen Gesellschaft, von der ich neulich in so
-starken Ausdrücken sprach, so wie die feine, geistreiche Mutter dieser
-Auguste, eine höchst gebildete Frau, die jetzt die Gattin Schellings
-ist. Diese Frau hatte ein so feines, geübtes Ohr, daß Schlegel sie bei
-seinen Gedichten und Uebersetzungen zu Rathe zog, und sie entschied fast
-immer, wenn er zwischen drei oder vier verschiedenen Lesearten ungewiß
-war, welche er als die wohllautendste oder passendste wählen sollte.
-Diese Frau, so wie die Gattin Hubers und noch wenige, gehörten ohne
-Zweifel zu den frühesten und entschiedensten Bewunderern unsers Göthe;
-viele der künftigen Literatoren werden es vielleicht nicht glauben
-wollen, wie sehr edle und geistreiche Frauen in unserer deutschen
-Literatur den Ausschlag gegeben haben. Als ich vor ungefähr zehn Jahren
-Berlin wiedersah, war unter den vorzüglichsten der dortigen Frauen Das
-längst ausgemacht, was Recensenten, Dichter und Gelehrte nicht begreifen
-wollten, daß Göthe unser größter Nationaldichter sei, ein Poet in
-wahrster und höchster Bedeutung, und daß die großen Talente, die
-mitunter selbst im Einzelnen etwas Größeres als er leisten möchten, sich
-doch mit der Großheit und Vollendung seines Wesens nicht messen dürften.
-Die Mutter Auguste's reisete vor drei Jahren hieher, um die Bäder zu
-brauchen, und mußte ihre schöne, liebenswürdige Tochter hier begraben
-sehen.
-
-Am Abend gelangten sie noch bis Neustadt an der Sale. Die Formen der
-Berge waren hart und rauh, Alles schien nördlich und unfreundlich. Die
-Freunde waren zu verdrossen, um die Ruine, eine der ältesten, in der
-Nähe der Stadt zu besteigen.
-
-Bei der Fortsetzung der Reise schalten sie am folgenden kalten Morgen
-über die finstern, widerwärtigen Gestalten der Berge. Kurz vor Meiningen
-liegt die Ruine Henneberg zwischen schönen Tannen. In Meiningen fragten
-sie nach Jean Paul, der aber schon nach Franken gezogen. Durch schöne
-Gegenden und Thäler fuhren sie nach Bad Liebenstein, dessen romantische
-Lage sie wieder erfreute, und fanden hier ihren Freund Carl von
-Hardenberg wieder, den ein jüngerer Bruder, Anton, begleitet hatte.
-
-Die schöne Gegend wurde am folgenden Tage durchstreift, die alte Burg,
-die kräftigen Wälder, die grottenartigen Felsen besucht. Man speisete im
-Freien unter schönen großen Bäumen, durch den Berg gegen Winde
-geschützt. Am Nachmittage fuhr ein prächtiger Postzug mit vier schönen
-Rappen vor, und die Freunde glaubten irgend einen Prinzen ankommen zu
-sehen, als zu Walther's Erstaunen jener Freysing, den er vor zehn Jahren
-in Erlangen gekannt hatte, aus dem Wagen springt, von seinen Bedienten
-unterstützt. Sind Sie's wirklich? fragte Walther, und der Fremde eilte,
-den lange nicht Gesehenen zu umarmen.
-
-Nachdem man sich begrüßt hatte, gingen Walther und Freysing zu einer
-einsamen Stelle, ziemlich weit vom Bade entfernt. Es freut mich, fing
-Walther an, Sie so wohlhabend und reich wiederzufinden; Sie müssen in
-glücklichen Umständen leben.
-
-Glücklich? rief Freysing aus: Sie sehen den unglücklichsten Kerl auf
-Erden vor sich! Reich? o ja, insofern ein Spieler sich so nennen kann.
-Sie wissen um den sonderbaren Zufall, daß ich damals in Nürnberg jene
-große Summe gewann, durch welche ich alle meine Gläubiger befriedigen
-konnte. Statt nach meiner Heimath zurückzukehren und eine Bestimmung zu
-suchen, ging ich mit den dreihundert Goldstücken, die mir noch übrig
-waren, nach einem großen Badeorte, Wo hoch gespielt wurde, und gewann
-wieder auf seltsame, unerhörte Weise. Ich war in dem Zaubernetz
-gefangen, daß ich nur Karten dachte und träumte. War die Nacht schon
-weit vorgerückt und ich übermüdet und demnach fieberhaft aufgereizt, so
-war es, als wenn ein Dämon meine Finger in meiner Betäubung regiere, und
-ich, so stumpf ich war, bestimmt wisse, welche Karte gewinnen müsse. Wer
-es nicht selbst erlebt und diese quälende Lust an sich erfahren hat, hat
-keinen Begriff davon, wie teuflisch wild, wie gräßlich heiter das Leben
-eines Spielers ist. Ich war bald reich genug, selbst Bank zu halten. So
-ist der grüne Tisch, Gold und Karten meine Heimath, mein Ein und Alles,
-mir Frau und Kind und Religion und Natur. Ich habe keinen Sinn für
-irgend was. Wenn meine Gehülfen schon in der Nacht kaum noch die Augen
-aufzwingen können, fluche ich über mein verdammtes Geschäft, lege mich
-betäubt und krank nieder, wandle umher, esse, und kann die Zeit nicht
-erwarten, bis das Geklirr und Rauschen des Goldes auf dem grünen Tische
-wieder anhebt. Ich stehe auf, um fünf- oder sechstausend reicher, und es
-macht mir keine Freude; ich verliere ebensoviel, und es ist mir ganz
-gleichgültig, und doch ist der verfluchte Gewinn der Sporn, welcher mich
-stachelt. Wenn ich reise, so kommt oft, wie ferne Erinnerung aus Wald
-und Fels, ein edles Gefühl auf mich zu, eine Wehmuth ergreift mich über
-mein zerstörtes Leben, und ich entlaufe dem Gefühl im Pharo; oft schon
-dachte ich, ein schönes, liebes Mädchen könne an meiner Seite mit mir
-meines Reichthums genießen; aber plötzlich fallen mir die Fratzenbilder
-der Kartendamen ein, und welche mir schon große Summen gewonnen, und
-Leben und Schönheit erblaßt vor diesen Gespenstern. Meine Eltern sind
-gestorben und ich habe sie nicht wiedergesehen. Wenn ich einmal Alles
-verlieren sollte, so werde ich mir mit der größten Kaltblütigkeit eine
-Kugel durch mein zerrüttetes Hirn jagen.
-
-Walther würde vielleicht von dem Wahnsinn und Elend seines ehemaligen
-Freundes noch tiefer erschüttert worden seyn, wenn er nicht stets nach
-der großen, wunderbaren Höhle geblickt hätte, in deren Nähe sie
-wandelten, die jetzt verschlossen war, und die morgen, am Sonntage,
-magisch erleuchtet werden sollte, zu welcher Festlichkeit sich viele
-Menschen aus der Umgegend, sowie aus Meiningen versammelten. In dieser
-Menschenmasse hoffte er denn morgen auch seinen Feind, den er so lange
-schon vergeblich verfolgt hatte, sowie die schöne Maschinka,
-anzutreffen.
-
- * * * * *
-
-Der Sonntag, der 24. Julius, war erschienen. Ferdinand begriff nicht,
-weshalb Walther so feierlich sei; dieser, indem er jede Art von
-Unterhaltung vermied, schien auf etwas gespannt, das sich im nächsten
-Augenblicke erklären müsse.
-
-Ferdinand schien ebenso bewegt, und Wachtel beobachtete die beiden
-Freunde, indem er zu sich selber sagte: Narren sind beide, das ist
-gewiß, aber jeder nimmt einen aparten Anlauf, um vollständig thöricht zu
-seyn. Der Ferdinand bereitet sich auf die Höhlenerleuchtung vor, wie auf
-das Einweihungsfest eines Rosenkreuzers, und der Walther, der weit mehr
-Baron ist, wird, so bärbeißig er auch jetzt thut, die Sache nachher als
-Lappalie behandeln. Kürzlich soll der Pfarrer einmal in der Höhle
-gepredigt haben, kann seyn, daß man nächstens ein Melodram, ein
-Banditenstück, oder ein allegorisches, mit Erdgeistern drin spielt.
-
-Beim heitern Sonnenlicht ging man eine Stunde vor Mittag in die große
-und von vielfachen Gängen durchschnittene Höhle, welche man erst seit
-einigen Jahren entdeckt hatte. Schwebende Lampen erhellten von oben das
-Gewölbe, versteckte Lichter, die unten und ungesehen brannten,
-erleuchteten seltsam die Gänge, die bald höher, bald niedriger, bald
-breiter oder enger sich durch die Räume zogen. Ferdinand war bezaubert,
-Walther erstaunt und Wachtel geblendet. Unglaublich viele Menschen waren
-in diesen unterirdischen Räumen versammelt und wogten hin und her,
-redend, flüsternd, lachend, allerhand Dinge erzählend, und andere wieder
-lallend bewundernd, oder bei jeder Beugung des Ganges staunende
-Ausrufungen ausstoßend. Wahrlich, sagte Wachtel, wer sich hier ein
-Liebchen herbestellen könnte, Oheim, oder Vater, oder Vormund zum Trotz,
-der hätte ein Rendezvous, um nicht das dumme Stelldichein zu brauchen,
-allhier, wie sonst in Europa kein zweites. Läuft nicht Alles wie Feen
-und Geister so zwitschernd und flüsternd durcheinander? Und bei der
-Geistercompagnie hört man nichts Bestimmtes, man vernimmt nur wie
-unterirdische Chöre. Man sieht nicht deutlich, sondern ist nur
-geblendet, bald ist es finster, bald zu hell, und der Widerschein von
-den dunkeln Felsengruppen mischt sich wie ein Traum in jedes
-Verständniß. Meine alte Muhme, sowie meine häusliche liebe Gattin
-könnten mir hier zur Helena oder einem thessalischen Zauberbilde werden.
-Stoßen Sie mich nicht so sehr mit dem Ellenbogen, mein Herr von Spuk;
-zwar in der Unterwelt vergessen sich alle Höflichkeiten.
-
-Was der Freund hier im Gebiet der Phantasterei schwadronirt, sagte
-Walther, doch horch -- still -- was ist das? --
-
-Wundersame Musik von Waldhörnern klang herüber. Ein Chor von blasenden
-Musikanten war oberhalb, ohne daß man sie sehen konnte, in einer
-Felsennische aufgestellt. Immer wunderbarer! rief Walther aus. Mich
-schwindelt! Und es war nicht unbegreiflich, da surrend, brummend,
-flüsternd und halb leise sprechend so viele Gestalten vorübergingen,
-sich begegnend, grüßend, andere geblendet und sich nicht kennend. --
-
-Jetzt standen sie vor einem kleinen See. Ein Nachen fuhr von jenseit
-herüber, und Ferdinand stieg hinein. Ein anderer Fremder drängte sich
-hinzu, und Walther vernahm von einer weiblichen Stimme den leisen
-Ausruf: Romeo!
-
-Walther machte die Bewegung, in den Kahn nachzusteigen, als dieser schon
-abfuhr und sich in der Dämmerung entfernte. Bei dem ungewissen Licht
-konnte er die Gestalten nicht mehr unterscheiden; ja, er war selber
-ungewiß, ob sich Ferdinand auch unter jenen Gestalten befunden, die im
-Dunkel schon ganz verschwunden waren. Er wendete sich rückwärts, um
-Wachtel wieder aufzusuchen, der sich ihm im Getümmel verloren hatte,
-aber er konnte, so sehr er sich bestrebte, Niemand genau erkennen, so
-blendeten die vielfach zerstreuten und sich kreuzenden Lichter.
-Sinnverwirrend war das Geflüster, und die hin und wieder fliehenden
-Worte und Reden der Wandernden, die sich begegneten, kreuzten, suchten
-und sich wieder verloren. Endlich sah er Wachteln und bat diesen, bei
-ihm zu bleiben. Wachtel stellte sich neben ihn, und da die Musik der
-Hörner jetzt wieder begann, so kehrten sie um, um die wunderbare
-Harmonie näher zu hören. Können Sie es begreifen, sagte Wachtel, daß
-unser Ferdinand die Höhle und dieses magische Schauspiel, welches doch
-recht eigentlich für ihn eingerichtet zu seyn scheint, schon wieder
-verlassen hat?
-
-Wie? rief Walther, ich hätte schwören wollen, ich habe ihn da hinten den
-finstern Kahn besteigen sehn, um die stygische Flut zu überschiffen.
-
-Nein, sagte Wachtel, er ist unlängst mir vorbeigelaufen, um, wie er
-sagte, zur alten Burg hinaufzusteigen, weil ihn dies Getümmel hier zu
-sehr betäube.
-
-Man wird thöricht und verwirrt, erwiederte Walther, so wunderlich und
-romantisch das Ganze auch angeordnet ist.
-
-Jetzt ließen sich einige polnische Reden in der Nähe vernehmen, und da
-Walther der Sprache kundig war, so verstand er, daß zwei Männer ein
-Frauenzimmer suchten, die mit einem Hauptmann in der Höhle spazieren
-wandle. Jetzt war Walther überzeugt, diese wären Mitwissende und könnten
-nur von der verlorenen Maschinka reden. Er hielt sich in der Nähe dieser
-Fremden und verlor darüber seinen Freund Wachtel wieder aus dem
-Gesichte.
-
-Die Polen wurden immer eifriger im Suchen, endlich sagte der eine in
-seiner Sprache: ich fürchte nur, bei ihrer großen Reizbarkeit und
-Nervenschwäche wird sie nach diesem sonderbaren Tage wieder auf lange
-krank seyn.
-
-Doch, antwortete der Andere, übersteht sie oft Alles besser, als man es
-fürchten muß, wenn sie ihre Imagination nur beschäftigen kann, und diese
-findet doch hier des Spieles genug. Nur ruhen muß sie nachher.
-
-Ein lauter Ausruf entstand, indem man sich vorwärts bewegte, denn ein
-Kind war gefallen, welches einige Damen liebkosend und tröstend
-aufhoben. Indem glaubte Walther in der gedrängten Gruppe die Gestalt
-Ferdinands wieder wahrzunehmen. Als er sich aus dem Gedränge freigemacht
-hatte, waren, indem er umherblickte, die Polen seinem Auge wieder
-entschwunden. Er eilte verwirrt nach einer andern Richtung und jetzt
-glaubte er deutlich wahrzunehmen, daß Ferdinand in einiger Entfernung
-vor ihm hergehe und ein schön gewachsenes, reich gekleidetes
-Frauenzimmer am Arme führe. Er suchte in ihre Nähe zu kommen, und indem
-er schon seinen Arm ausstreckte, um seinen Freund zu berühren, rief die
-Stimme des Polen dicht hinter ihm: Maschinka! Jetzt sah er, daß
-Derjenige, welcher die Dame führte, nicht Ferdinand sei, aber seine
-Ahndung, hier Maschinka und ihren Entführer endlich zu treffen, war doch
-in Erfüllung gegangen. Er packte also den Fremden ziemlich unsanft am
-Arm und rief: Hier habe ich Sie also doch, nach vielen Mühungen, mit
-Ihrer Maschinka entdeckt! Indem war der Pole mit einem Ausruf der
-Verwunderung ebenfalls näher gekommen, und wie erstaunt und beschämt war
-Walther, als er in dem Festgehaltenen seinen Reisegefährten Wachtel
-erkannte und sich jetzt die Dame, eine hochbejahrte Frau, herumwendete.
-Wie? mein Herr! fragte der Pole: Sie wagen es, meine Schwester zu
-beleidigen?
-
-Keine Beleidigung, mein Herr, rief Walther, ich hielt die Dame und
-diesen meinen Freund für ganz andere Wesen, und bitte, mir meinen
-Irrthum und die Uebereilung zu verzeihen.
-
-Die alte Dame faßte jetzt den Arm des Bruders, indem sie sagte: Als ich
-Dich verloren hatte und ziemlich ängstlich umherirrte, war dieser Herr
-so gütig, sich meiner anzunehmen. Der Pole dankte Wachteln mit artigen
-Worten und dieser erwiederte lachend: Es ist Nichts natürlicher, als daß
-man in diesem unterirdischen Reiche der Phantasterei etwas confuse wird.
-
-Das Gedränge von Menschen, welches sich in dem engen Raume aus Neugier
-versammelt hatte, lösete sich wieder auf, und Walther eilte jetzt
-verdrossen und verstimmt aus der Höhle und Wachtel folgte ihm, um ihm im
-Freien seine Klagen vorzutragen.
-
-Mein Theuerster, fing er, als sie im Felde standen, an, Sie haben
-mitunter sonderbare Launen, die man nicht begreift. Was haben Sie mit
-dem Namen Maschinka, daß er Sie immer so außer sich versetzt? Sie haben
-mich so stark in meinen Arm gezwickt, als wenn Sie ihn mir zerbrechen
-wollten, und in Ihrem Tone, mit dem Sie sprachen, lag etwas so Drohendes
-und Beleidigendes, daß ich vorher recht böse auf Sie hätte werden mögen.
-
-Sie haben ja gehört, rief Walther unmuthig aus, daß ich mich geirrt, daß
-ich Sie für wen ganz Andern nahm. Eine gewisse Maschinka ist eine
-Bekannte von mir, eine junge Dame, ein Frauenzimmer, das ich kenne, eine
-weitläufige Anverwandte, die ich gerne wiedersehen möchte, und die sich
-wahrscheinlich im Auslande befindet, ein wohlgebildetes Fräulein, die
-wohl vielleicht schon verheirathet ist, -- mit einem Worte, eine Dame,
-die ich gerne wiedersehen möchte.
-
-Wachtel lachte laut auf und sagte dann: Ich danke für dieses herzliche
-Vertrauen und diese offene Mittheilung. Er lachte wieder, und Walther,
-dessen Verlegenheit sichtbar war, bat ihn, wieder ernsthaft zu seyn und
-ihm zu vergeben, daß er ihm nicht mehr sagen könne. Haben Sie die
-Gefälligkeit für mich, fügte er dann hinzu, unserm Ferdinand von dieser
-lächerlichen Scene nichts zu erzählen. Genug, daß ich vor Ihnen und
-jenen Fremden beschämt und verlegen gestanden habe, und daß Sie mich so
-von Herzen auslachten, scheint mir Strafe genug. Versprechen Sie mir
-das, denn ich bin in diesem Punkt vielleicht etwas zu empfindlich.
-
-Ich gebe Ihnen mein Wort, ihm kein Wort davon mitzutheilen, antwortete
-Wachtel; aber auch gegen meinen Ferdinand sind Sie seit einiger Zeit
-nicht mehr so herzlich, als Sie es im Anfange unserer Pilgerschaft
-schienen. Wenn Sie auch in den meisten Dingen anderer Meinung sind, so
-sollten Sie doch sein Gutes und seine Freundschaft für Sie anerkennen.
-
-Daß wir die meisten Dinge der Welt aus einem verschiedenen Standpunkte
-ansehen, erwiederte Walther, macht mir ihn nur lieber, seine Schwärmerei
-und sein Hang zum Aberglauben ist mir an ihm interessant; aber -- um
-ganz aufrichtig zu seyn -- seit wir da oben auf dem Schlosse bei Bamberg
-waren, in Glich, bin ich mißtrauisch gegen seinen Charakter geworden.
-Wenn ich seine frommen Reden bedenke, wenn ich höre, wie sentimental er
-von der Liebe spricht, wie verschämt er in Gesellschaft roher Menschen
-thut, für einen Mann fast tadelnswürdig jungfrauenhaft, und denke dann
-daran, wie er uns entlief und wieder zu dem schönen Mädchen nach dem
-einsamen Saale hinaufeilte, so halte ich ihn für einen Lüstling, der
-zugleich heuchelt und den Tugendhaften spielt. Mich wundert nur, daß
-jenes schöne Kind, die Tochter des Försters, ihn sogleich erhören
-konnte, wie es doch schien. Er erhält Briefe, die er verheimlicht, er
-weicht uns oft aus und entfernt sich unter den nichtigsten Vorwänden;
-hat er etwas Wichtiges zu verschweigen, so sollte er mir dies wenigstens
-eingestehn; sind aber seine Heimlichkeiten immer kleine unerlaubte
-Liebeshändel, so ist sein Charakter nicht so beschaffen, daß ich ihn zum
-Freunde behalten möchte.
-
-Mein Herr, sagte Wachtel mit einiger Feierlichkeit, sind Sie etwa damals
-in Glich auf unsern Freund gar nicht eifersüchtig gewesen? denn das
-schöne Mädchen schien Ihnen auch zu gefallen. Was er liebt, wie er
-liebt, wie orthodox oder heterodox, sentimental oder liberal er die
-Sache betreibt, ob sein Herz nur Raum für einen Gegenstand hat, ob es
-vielen zugleich Quartier geben kann, ob die eine seine Göttin ist und
-andere nur Dienerinnen, oder Zerstreuerinnen seiner Melancholie, über
-alles Dieses erlaube ich mir kein Urtheil und keinen Richterspruch, wenn
-er mich nicht selbst in seine Geheimnisse einweiht. Aber er ist gut und
-edel, darauf kenne ich ihn von Jugend auf. Geheimnißkrämerei ist immer
-seine Liebhaberei gewesen. Und Sie sind ebenfalls geheimnißvoll gegen
-ihn. Mir scheint, keiner weiß vom Andern etwas Bedeutendes, Zufall und
-Laune haben Sie vereinigt, aber das Leben, die Verhältnisse eines Jeden
-sind dem Andern verborgen. Ich kenne Ferdinand seit lange und bin
-vertraut mit seinem früheren Leben, aber was seit zehn Jahren mit ihm
-geworden ist, liegt für mich auch ganz im Dunkel.
-
-Walther reichte ihm die Hand und sagte: Sie haben nicht Unrecht; ich
-hoffe, im Verlauf der Reise wird sich noch die Gelegenheit finden, daß
-wir unsere Verhältnisse näher kennen, dann sollen Sie erfahren, warum
-ich jetzt Ihnen so wenig als Ferdinand von meinen Verbindungen und
-Absichten etwas vertrauen kann.
-
-Beim Badehause fanden Sie Ferdinand lesend unter den Bäumen, unter
-welchen die lange Mittagstafel schon bereitet war. Ich konnte es in der
-Höhle, sagte er, nicht aushalten, so beängstigte mich der Schimmer und
-der Dunst der Lampen. Jetzt kamen die Gebrüder Hardenberg und nach und
-nach versammelte sich die Tischgesellschaft. Der Herzog von Meiningen
-speisete auch an der Table d'hote, und der Anblick der Landleute, die
-sich versammelt hatten, und neugierig oben vom Hügel zwischen den grünen
-Bäumen auf ihren Fürsten und die Fremden herniederschauten, alle diese
-fröhlichen Gesichter von Alt und Jung machten einen sehr erfreulichen
-Anblick.
-
-Nach Tische ließ sich der Fürst durch Hardenberg, den er schon längst
-persönlich kannte, dessen Freunde vorstellen. Er sprach lange und
-freundlich mit ihnen, indem er ungesucht vielfache Kenntnisse und eine
-echte Bildung zeigte. Er war schlank, hatte blondes, fast graues Haar,
-ein gealtertes Gesicht, in welchem der Ausdruck des Ernstes und der
-Melancholie vorherrschte, das sich aber schnell in Freundlichkeit und
-schalkhaften Ausdruck verwandeln konnte.
-
-Es war eine mittelmäßige Schauspielertruppe, die zuweilen in einem
-kleinen Saale ihre Vorstellungen gab. Heut aber wurde in einem andern
-Local ein Puppenspiel mit großen Marionetten aufgeführt; die übrigen
-Freunde interessirten sich für diese Kinderei nicht, aber Ferdinand, der
-dergleichen Seltsamkeit leidenschaftlich liebte, freute sich auf den
-Genuß dieses Abends.
-
-Walther ging mit Hardenberg spazieren, Wachtel blieb im Badehause und
-Ferdinand eilte dem Marionettentheater zu. Er zahlte für den ersten
-Platz und drängte sich in den übervollen Saal. Bauern, Bauermädchen,
-Bürger, Soldaten, Offiziere, Alles war so fest ineinandergeschoben, daß
-sich weder Hand noch Fuß regen konnte. Ferdinand wollte seinen ersten
-Platz gewinnen und bat, ihm Raum dahin zu gönnen, weil er meinte, er
-befände sich noch auf der letzten und wohlfeilsten Stelle. Was ihm am
-empfindlichsten auffiel, war, daß Tabaksdampf, der ihm verhaßt war, den
-ganzen Saal anfüllte, denn Alles, bis auf die Bauernknechte, rauchte aus
-größeren oder kleineren Pfeifenköpfen. Er hoffte, da hier Alles noch
-stand, vorn zum Sitzen zu gelangen und sich aus den stinkenden Wolken zu
-entfernen; vor ihm war ein Mann im grünen Ueberrock, welchen er anstieß
-und höflich sagte: Machen Sie mir gefälligst etwas Raum, denn ich habe
-für den Ersten Platz bezahlt. -- Ja, erwiederte der Mann, der aus einem
-ungeheuern Meerschaumkopfe rauchte, das, mein guter Freund, haben wir
-Alle, hier sind wir Alle gleich, wie im Paradiese. Indem Ferdinand etwas
-näher gekommen war, erkannte er in diesem Sprechenden den Fürsten. Gewiß
-war er also auf dem ersten und vornehmsten Platze und genoß der Ehre,
-den Fürsten zu drängen und von ihm geklemmt zu werden. Von der früheren
-Vorstellung und dem feinen Hof- und wissenschaftlichen Gespräch war in
-dieser Atmosphäre nicht mehr die Rede, ja es wäre lächerlich gewesen,
-sich darauf zu beziehen, denn der Herr erschien hier ganz verwandelt.
-Ihn störten nicht die plumpsten und ungezogensten Späße seiner Umgebung,
-manche Militairs trieben die Ausgelassenheit und den Scherz mit einigen
-Bauerdirnen über jede Grenze, und diese Armen hatten Mühe, aus dem
-Gedränge zu entkommen und das freie Feld wieder zu gewinnen. Als schon
-manche von den Honoratioren sich entfernt, der Fürst selbst nach einiger
-Zeit die Bude verließ, so zögerte auch Ferdinand nicht länger, im Wald
-und auf dem Berge wieder eine reinere Luft zu athmen.
-
-Im Saale war Ball, in welchem Alle, die Theil nehmen wollten, ohne Gene
-tanzten: Edelleute, Damen und Handlungsdiener; auch die Herzogin von
-Hildburghausen war unter den Tanzenden und gütig und herablassend mit
-Jedermann. In einem andern Saale wurde gespielt, und hier traf Walther
-seinen Freund Freysing in seinem glänzenden Beruf. Die Bank, die dieser
-aufgelegt hatte, war sehr ansehnlich. Walther sah nur zu, ohne
-mitzuspielen. Er fand wieder, was ihn so oft entsetzt hatte, wenn er in
-den Spielsälen stand, diese verzerrten Gesichter, die Habgier oder Wuth
-und Verzweiflung ausdrückten, einige, die kalt und gleichgültig scheinen
-wollten, waren todtenblaß, sie zwängten den Zorn und die Angst in sich
-zurück. Freysing betrug sich wie ein König, nur etwas zu stolz, weil bei
-seinen aufgethürmten Goldhaufen ihm der Satz der Pointirenden wohl zu
-unbedeutend scheinen mochte.
-
-Walther hatte seit lange einen Mann beobachtet, welcher schon viele
-Goldstücke verloren hatte und dem der kalte Todesschweiß über das
-bleiche Antlitz in großen Tropfen rann. Er verließ oft ingrimmig und wie
-verzweifelnd den Saal, ging draußen mit sich ringend auf und ab und kam
-dann nach einiger Zeit zurück, nachdem er von Neuem Geld von seinem
-Zimmer geholt hatte, welches er dann eben so schnell, wie die vorigen
-Friedrichsd'or verlor. Er spielte so leidenschaftlich und wild, daß er
-durchaus nicht die gehörige Aufmerksamkeit auf sein Spiel haben konnte.
-Freysing beobachtete ihn sehr aufmerksam von seinem Sitze und schien nur
-ungern die Goldstücke des Armen einzuziehen. Im Nebenzimmer erkundigte
-sich Walther bei einem freundlichen Manne, wer dieser tollkühne Spieler
-sei, und erfuhr, er sei ein Geschäftsmann aus Meiningen, der mit Frau
-und einigen Kindern von einem mäßigen Gehalt leben müsse. Er habe sich
-wohl verleiten lassen, seine Umstände verbessern zu wollen, der Verlust
-setze ihn in Angst, und er suche, was er verloren wie mit Gewalt
-wiederzugewinnen. Diese Leidenschaft, sagte der Erzählende, in welche
-die Pointeurs immerdar gerathen, ist eigentlich das sicherste Capital
-der Bank. Der arme Mann, der ansehnlich verloren hat, wird nun Schulden
-machen müssen, er verliert seinen Namen, seine Familie darbt und er
-endet vielleicht in Verzweiflung.
-
-Als Walther in den Spielsaal zurückging, kam ihm dieser Herr Anders mit
-verzerrten Mienen der Todesverzweiflung entgegen. Er lief eilig aus dem
-Hause und schien keinen der Anwesenden zu bemerken, die ihm mitleidig
-oder auch wohl mit Hohn und Schadenfreude nachsahen.
-
-Er kam nicht wieder, und Walther war überzeugt, er habe Alles verloren.
-So verging eine geraume Zeit, neue Spieler kamen, geplünderte entfernten
-sich, doch vermehrte sich die Anzahl um den Spieltisch. Da trat jener
-Anders wieder taumelnd herein, er schwankte umher und sein bleiches
-Angesicht schaute den Spielenden mit gläsernen Augen über die Schultern.
-Er biß sich auf die Lippen, als er einige Pointeurs bedeutende Summen
-gewinnen sah. Plötzlich machte er sich Platz und schob den einen
-Zuschauer mit Ungestüm zurück, indem er sich neben den erschreckten
-Walther eilig hinstellte. Er griff hastig nach einer Karte und, ohne sie
-fast zu betrachten, besetzte er sie mit einigen Goldstücken. Die
-bleichen Lippen zitterten ihm, und sowie die Karte verlor, zuckte es wie
-ein Blitz über sein Antlitz hin. Er schob mit krampfhaftem Zittern die
-Goldstücke dem Bankier hin, und dieser, ihm einen scharfen Blick
-zuwerfend, schleuderte sie wieder nach des Spielers Platz, indem er kalt
-sagte: Führen Sie so die Nymphen auf der Gasse mit solchem Golde ab. Es
-war eine Todtenstille im Saale, Walther fühlte sich einer Ohnmacht nahe.
-Der Hausvater, der Geschäftsmann, die unauslöschliche Beschimpfung des
-Aermsten, seine wahrscheinliche Verzweiflung, Alles dies ergriff ihn mit
-ungeheurer Gewalt. Ein Moment, in welchem er vernichtet war, aber
-schnell ermannte er sich und rief mit festem Tone dem Bankier zu: Herr
-Bankier, Sie thun meinem Freunde, dem Herrn neben mir, sehr Unrecht; ich
-habe ihm aus Versehen die Spielmarken statt der Goldstücke eingehändigt,
-weil ich sie bei mir trug, ich bin mit ihm Moitié, und so zahle ich den
-Verlust. Sie werden nicht glauben, daß ein solcher Irrthum ein
-vorsätzlicher war, da Sie mich persönlich kennen.
-
-Freysing erhob sich von seinem Sitze, bückte sich sehr tief und sagte,
-da er die Absicht seines Bekannten sogleich durchschaute: Mein Herr
-Baron, ich bitte Sie und den Herrn, mit welchem Sie gemeinschaftlich
-spielen, hiemit um Vergebung. Ich war im Unrecht, die geehrten Herren
-mögen von der Güte seyn, meine Uebereilung, die ungeziemlich war, zu
-vergessen.
-
-Walther hatte mit einem stummen Druck den beängstigten Anders neben sich
-auf einen Stuhl niedergezogen. Er spielte jetzt und gewann binnen Kurzem
-eine ansehnliche Summe, der Haufen Goldes, welcher vor ihm lag, wuchs
-mit jeder Minute. Als dreihundert oder mehr Goldstücke gewonnen waren,
-stand er auf und sagte höflich: Jetzt, Herr Anders, haben Sie die Güte,
-mir zu folgen, daß wir uns berechnen können.
-
-Er führte den Zitternden und Erstaunten auf sein Zimmer und händigte ihm
-hier die ganze Summe ein, indem er sagte: Hier, Sie Armer, Bethörter,
-empfangen Sie, was ich in Ihrem Namen gewann, es ist, so viel ich habe
-beobachten können, um ein Beträchtliches mehr, als Ihr Verlust. Richten
-Sie sich ein, spielen Sie nicht wieder, Sie sehen, wie unglücklich man
-werden kann.
-
-Mein Wohlthäter, sagte der Zerknirschte stammelnd, was Sie mir geben,
-ist mehr als das Vierfache meines Verlustes. Es giebt Thaten, für die
-jeder Dank zu klein ist. Sie retten meine Familie, meine Ehre, mein
-Leben, denn ich mußte mich nach dieser Beschimpfung ermorden, wie ich
-auch beschlossen hatte, wenn ich verlor.
-
-Mit Thränen entfernte sich der Beglückte und Walther begleitete ihn vor
-das Haus. Wachtel, der im Alkoven Alles angehört hatte, sagte für sich:
-Das ist bei alle dem ein kreuzbraver Kerl, dieser Walther!
-
-Walther ging in den Spielsaal und sagte in einer Pause heimlich zu
-Freysing: Ich hätte Sie für großmüthiger gehalten, warum einen solchen
-Elenden vernichten?
-
-Ich sollte es wohl seyn, erwiederte Jener, der Aerger übereilte mich.
-Sie haben mir aber eine hübsche Lection gegeben, an welche ich bei einem
-ähnlichen Falle denken werde.
-
- * * * * *
-
-In Gesellschaft Hardenberg's und dessen Bruders, sowie der Verwandten,
-die sich in Liebenstein zusammengefunden hatten, oder die in der Nähe
-wohnten, ging die Zeit gar anmuthig hin. Man erzählte viel
-charakteristische Züge von den sonderbaren Launen des trefflichen
-Fürsten; dabei aber verkannte man nicht, was er für die gute Einrichtung
-dieses Bades, vorzüglich aber für die Wohlfahrt seines Ländchens gethan
-hatte.
-
-An der heitern Mittagstafel, als die Freunde unter sich und keine Damen
-zugegen waren, sagte Wachtel: Ich bin Euch noch schuldig, meine Freunde,
-wie ich gestern Nachmittag meine Zeit hingebracht habe, zu berichten.
-Ich mochte das Puppentheater so wenig wie den glänzenden Ball besuchen,
-aber ich hatte erfahren, daß der berühmte Oberforstmeister Cramer von
-Meiningen hieher in das Bad, aber nur für diesen Sonntag gekommen sei.
-Wie Ferrara seinen Ariost und Tasso, Florenz seinen Dante, Leipzig
-seinen Gottsched, Anspach seinen Utz und Weimar seinen Göthe hat, so
-besitzt seit lange schon Meiningen seinen Cramer. Ich sah den Mann, er
-ist groß, ziemlich corpulent, und sein Gesicht eins von denen, die das
-Glück und die Auszeichnung haben, gar keinen Ausdruck zu besitzen. Diese
-sogenannte Gutmüthigkeit oder Bonhommie, wie man dergleichen nennt,
-welche nur die trivialste Alltäglichkeit ist, lockt jeden noch so
-simpeln Dummkopf herbei, um sich ohne Aengstlichkeit in der Gegenwart
-eines solchen harmlosen Autors ganz seiner Einfalt zu überlassen und den
-berüchtigten Vetter Michel für den Vorsteher der Grazien zu halten.
-Glücklicher Weise habe ich in früheren Jahren, weil ich ein unnützer
-Bengel war, die meisten Romane dieses Cramer, vom Erasmus Schleicher bis
-zum Paul Ysop, gelesen. Ich sah neben ihm einen Halbbekannten und
-benutzte dies, um mich dem genialen Deutschen vorstellen zu lassen. Wir
-setzten uns dann dorthin, vor dem Badehause, dem Geländer nahe, den
-Blick auf die Landstraße gerichtet. Der große Mann hatte kein Arg
-daraus, ob ich ihn auch für den Autor erkannte, für den ihn die
-Abonnenten der Leihbibliotheken eine Zeitlang hielten. Ein schmaler,
-schwindsüchtiger Medicus sagte: O Bruder Cramer, erinnerst Du Dich noch
-unseres verewigten Freundes auf der Universität, des seligen Lange, mit
-dem wir so manchen seligen Abend durchschwärmt haben?
-
-Wohl, sagte Cramer, indem er sein Glas erhob und der große Mund lächelnd
-durch die Nähte der Pockennarben brach: das war ein großer Mensch!
-Himmel, wie idealisch konnte er beim Sonnenaufgang oder in den
-Frühlingsmonaten gestimmt seyn! Es war eine Wonne, mit der kräftigen
-Menschheit des Kerls zu harmoniren. Viele von Klopstocks Oden wußte er
-ganz auswendig; wenn er sie deklamirte, zitterte er vor Entzücken, wie
-ein eingefangenes Rothkehlchen. Wir nannten ihn nur Selmar, -- und das
-arme Vieh hat nachher so miserabel crepiren müssen!
-
-Wie so? fragten die Freunde, indem sie die Weingläser niedersetzten.
-
-Weil der Schwernothshund, sagte der Autor mit edelm Ingrimm, es nicht
-lassen konnte, sich trotz seines Aufschwungs mit liederlichen Menschern
-einzulassen. Das war nun einmal seine schwache Seite. Petrarch und
-Laukhard, oder ein Anderer der Zunft, Bahrdt, oder wer es sei, war er in
-demselben Augenblick. O seine zarte, himmlische Jenny! was das hohe
-Wesen über diese zu weit getriebene Vielseitigkeit des hochgestimmten
-Schwärmers gelitten hat! Die Creatur war doch wirklich so, als wenn ein
-himmlischer Engel in dieses Erdenleben herabgestiegen wäre, um uns eine
-Darstellung der hohen Flüge eines Plato im sterblichen Abbild zu geben.
-Mehr als Sophronia und Clorinde des Tasso, höher als Werthers Lotte,
-oder die Sophie des Fielding war sie so einzig, daß die Brutalität
-selbst in ihrer Nähe zur Tugend wurde. Tausendschwernoth noch einmal!
-Wenn sie so mit ihrem Inamorato dahinwalzte! Als den nun, wie Ihr wißt,
-Freunde, an der schlechten Krankheit der Teufel so rein weggeholt hatte,
-so gab sie endlich den Bitten des dünnbeinigen Assessors Gehör und
-verheirathete sich mit der verfluchten Massette. Sie hatte aber schon
-von ihrer ersten Liebe ein Kind gehabt, das sie heimlich erziehen ließ.
-Der Junge bekam nachher das böse Wesen und verreckte im Hospital. Die
-himmlische Laura ergab sich dem Branntwein und es war, wegen des Athems,
-in den letzten Jahren nicht mehr bei ihr auszuhalten. So verwelken die
-edelsten Blüten des Lebens.
-
-Und Alfonso, fragte der Schmächtige, jener aufgeklärte Theologe, er hieß
-eigentlich Wackelbein, -- was ist aus dem geworden?
-
-Im Narrenhause, sagte Cramer, hat er an der Kette verendet. Er war zu
-genialisch, und wollte immer Werther und Guelfo in den Zwillingen von
-Klinger zugleich seyn. Als er in der Stadt lebte und der Superintendent
-ihn zum Adjunctus in sein Haus nahm, hatte er seine höchste genialische
-Zeit. Was er damals schrieb oder sagte, war classisch. Er selbst aber
-immer besoffen. Das Schwärmen hätte ihn aber doch nicht so sehr daran
-gehindert, daß der große Geist wäre in eine gute Stelle gesetzt worden;
--- aber, wie nun sein schönstes Buch sollte gedruckt werden (eine
-Nachahmung meines Erasmus, wo er zugleich den Bambino Klingers
-hineingebracht hatte), kam es heraus, daß die Köchin im Hause von ihm
-schwanger und die Kirchenkasse bestohlen, ja eigentlich ganz weggeraubt
-sei. Von beiden war er der Thäter, und er konnte es nicht leugnen; schon
-täglich besoffen, wurde er vom Kummer verrückt und fuhr so dahin. -- So
-habe ich so manche echte Genies, die die Zierde unseres Vaterlandes
-werden konnten, zum Teufel fahren sehen. Ich habe mich gehalten, so viel
-ich auch erlebt, so viel ich auch erduldet habe. Der Dienst der Musen
-ist kein leichter. Mit dem Teufel ist nicht zu spaßen.
-
-Ferdinand erzählte, wie schlimm es ihm in dem Marionettenspiel gegangen
-sei, worauf Walther sagte: Sie haben also, meine Freunde, einmal recht
-die deutscheste Deutschheit verkostet. Sonderbar, daß es noch immer
-viele Gegenden und Gesellschaften giebt, wo ein solcher Ton für das
-Herzliche und Biedere gilt. Bei diesen steht dann Grazie und Urbanität
-als Heuchelei und Affektation im schlimmsten Verruf. Aus den Büchern, in
-welchen der hiesige Ariost die Sitten edler und treuherziger Männer
-geschildert hat, bildeten sich früherhin manche Studenten auf der
-Universität, und aus diesen Reminiscenzen schrieben Manche wieder in
-späteren Jahren Bücher in demselben Ton. Diese rohe Manier verliert sich
-jetzt mehr und mehr bei unsern Landsleuten.
-
-Ich zweifle, fuhr Ferdinand fort, daß der Gebildete in irgend einem
-andern Lande an dieser vorgeblichen Herzlichkeit, Biedertreue und
-Ungeschlachtheit zu leiden hat. Dies Marionettenspiel selbst war eben so
-schlecht, daß, wer nach diesem meine Vorliebe für diese groteske
-Unterhaltung beurtheilen wollte, mir sehr Unrecht thäte. Es werden jetzt
-ungefähr zehn Jahre seyn, als ich auf einer Reise durch den Harz in
-Quedlinburg dieses wunderliche Drama zuerst entdeckte. Ich kann es wohl
-eine Entdeckung nennen, denn es wich völlig von jenem Zeitvertreib der
-gebräuchlichen Puppenspiele ab, und dieses, wie jene gewöhnlichen
-dienten nur dem Volke zur Aufheiterung, und der Gebildete wendete sich
-mit Verhöhnung ab. Diese Figuren, die ich jetzt kennen lernte, waren
-ziemlich groß und wurden sehr geschickt durch eine künstliche Wage und
-Gewichte regiert, die die Glieder in Bewegung setzten, indem die Fäden
-an den Fingern der Dirigirenden hingen. Am künstlichsten aber war die
-Figur des Lustigmachers oder des Casperle, wie er hier genannt wurde.
-Nach einiger Zeit glaubte man ein wirkliches lebendes Wesen zu sehn; man
-zweifelte nicht mehr an dem Mienenspiel und er machte mich so lachen,
-wie ich es nur selten im Leben vermocht habe. Ich erkannte hieraus, wie
-die Maske, wenn ein gutes Gedicht nur übrigens gut gespielt würde, gewiß
-nicht die Täuschung stören oder aufheben könne. Am meisten aber
-überraschten und interessirten mich die wunderbaren Stücke, die gespielt
-wurden. Sie waren so originell, so großartig erfunden und so kühn
-durchgeführt, daß ich sie mit keinen andern bekannten vergleichen
-konnte. Der Don Juan z. B., den sie darstellten, wich sehr von jenem ab,
-der nach dem Moliere und den Italienern gearbeitet ist. Nach einigen
-Jahren sah ich mit Erstaunen, daß er nach dem eigentlichen Original des
-Spaniers Tirso de Molina umgewandelt war. Von einem andern
-Stücke entdeckte ich später, daß es ganz, aber so, wie dieses
-Marionettentheater es brauchen konnte, nach einem höchst wunderbaren und
-religiösen Schauspiel des Mira de Mescua gearbeitet sei. Eine »heilige
-Dorothea« folgte ziemlich genau der Tragödie, welche die Engländer
-Massinger und Decker über diesen Gegenstand gedichtet haben. Ich wollte
-die Directoren der hölzernen Truppe schon damals bereden, in Berlin ihre
-Künste zu zeigen, was sie aber jetzt noch nicht wagten, sondern erst
-sieben oder acht Jahre nachher den Versuch machten und großen Beifall
-fanden, vorzüglich bei den Freunden der ältern Poesie. Die Herren Dreher
-und Schütz (diese waren die Dirigenten) erzählten mir, daß alle ihre
-Manuscripte alt seien, daß sie noch viele besäßen, die sie aber niemals
-darstellten, unter andern einen König Lear, der aber mit dem
-weltbekannten Gedichte kaum eine Aehnlichkeit habe. Ich wollte sie
-überreden, mir diese Gedichte zur Ansicht zu vertrauen, was sie aber
-standhaft verweigerten, so wie sie auch von dem Rath nichts wissen
-wollten, diese Sachen durch den Druck bekannt zu machen. Sie glaubten,
-daß sie sich ihre Aufführungen dadurch verderben möchten. Ich wußte, daß
-zu Shakspeare's Zeiten von einsichtigen Mechanikern eine neue Art war
-erfunden worden, ziemlich große Marionetten künstlich in Bewegung zu
-setzen. Die Spiele dieser Puppen machten Aufsehen und fanden großen
-Beifall. Ben Jonson spottet selbst einmal darüber, daß dieses hölzerne
-Theaterspiel Mode sei und von Manchem dem der Komödien vorgezogen werde.
-Man gab die Schauspiele, die die populärsten waren, und gute Köpfe, die
-gerade nichts Besseres zu thun hatten, arbeiteten für diese Bühne und
-nahmen die besten Komödien berühmter Dichter, um sie für die Marionetten
-abzukürzen und mit mehr Spaß und Tollheit auszustatten. Die Marionetten
-zogen hierauf nach den Niederlanden, und in Brüssel und Antwerpen, wo
-damals viele spanische Komödien gespielt wurden, nahmen sie von diesen
-die beliebtesten und wunderbarsten in ihr Repertoir auf. Manchen, die
-ich damals und später in Berlin sah, habe ich noch nicht auf die Spur
-kommen können; sehr merkwürdig war die Geschichte eines Königssohnes,
-der sich wahnsinnig stellte, aber nichts mit Hamlet gemein hatte. Der
-verlorne Sohn ist nach einem alten englischen Schauspiel, und jener
-landkundige Faust, der unserm großen Dichter in seiner Jugend wohl
-zuerst den Anstoß zum wunderbarsten seiner Werke gab, ist im
-Wesentlichen dem Faust des Marlow nachgebildet. Man kann dem Barocken
-und toll Poetischen nur mit einer gewissen Leidenschaft sich hingeben,
-eine ruhige kritische Billigung ist unpassend und dem Gegenstande nicht
-angemessen; und so gestehe ich gern, daß ich damals diese mir noch neuen
-Spiele vielleicht überschätzte, aber auch jene Menschen, die sich ganz
-davon abwendeten, nicht tadeln konnte. -- Hier aber war von jenem
-Poetischen, was mich damals so sehr erfreute, auch keine Spur mehr. Die
-Marionetten waren schlecht und spielten ungeschickt, der Text war ganz
-modern, aus Kotzebue und einigen beliebten Opern zusammengestoppelt, so
-daß mich weder Publikum noch Theater auf lange fesseln konnte. Große,
-wunderbare Verhältnisse, das Tolle, Phantastische und ganz Tragische
-paßt nur für diese Volksbühne.
-
-Die Freunde genossen noch die schöne Gegend um Liebenstein, alle diese
-reizenden Naturscenen, und nahmen dann von Wald und Berg und den
-freundlichen Menschen, die sie hatten kennen lernen, Abschied. Carl von
-Hardenberg begleitete sie noch bis Eisenach. Der Weg geht queer durch
-den Thüringer Wald, und reizend liegt das Jagdschloß Wilhelmsthal mitten
-in einem schönen Walde. Die Buchen hier und in der Umgegend sind von
-herrlichem Wuchs.
-
-In Eisenach besuchte man die Wartburg und erinnerte sich des Gedichtes
-von Friedrich Schlegel. Der Deutsche, bemerkte Ferdinand, hat immer noch
-seine eigenthümliche Freude an der Herrlichkeit der Wälder; vor diesen
-Ausblicken, die uns entzücken, graut dem Italiäner und die übrigen
-Nationen empfinden doch schwerlich jenes heilige Grauen oder jene
-feierlich andächtige Stimmung, die uns in Waldgebirgen oder im einsamen
-dunkeln Forst ergreift.
-
-Hardenberg kehrte nach Liebenstein zurück, und von Altenburg schrieb
-Ferdinand an seine Freundin Charlotte nach Berlin:
-
- Altenburg, den 1. August 1803.
-
-Kann man sich so ungewiß im Kreise drehen, wie ich es nun seit mehreren
-Wochen gethan habe? Menschen betrachte ich und lerne sie kennen, Frauen
-und Mädchen, Naturscenen gehn an mir vorüber, und nichts ergreift und
-durchdringt mich so, wie es sollte, weil eine Leidenschaft, eine Unruhe,
-eine unselige Melancholie mich allenthalben verfolgt. Ich habe die feste
-Hoffnung, möchte ich doch fast sagen die sichere Aussicht, daß sich in
-wenigen Tagen dieser Zustand ändern wird. Sie kennen mein Schicksal
-nicht, und können es also auch nicht fassen, in welchem seltsamen
-Räthsel ich mich umtreibe.
-
-Ich müßte mich sehr irren, oder mein Reisegefährte Walther wird von
-einer ähnlichen Leidenschaft gequält, die er mir verheimlicht,
-geflissentlich Alles umgeht, was auf eine Spur führen oder eine
-vertrauliche Herzensergießung veranlassen könnte. Dieser Mann, der
-anfangs so kalt und ruhig schien, verliert immer mehr jene sichere
-Haltung, die den Gleichgültigen nur sich anzueignen möglich ist.
-
-Zuweilen erscheint mir das Leben grauenvoll, wenn es mir jene kalte,
-gleichgültige Seite aufdeckt, die die Herzlosen für das wahre Antlitz,
-und Jugend, Empfindung und Liebe nur für eine schöne Larve erklären. Als
-wir in Würzburg waren, erinnerte ich mich einer Begebenheit, die mich
-schon vor Jahren manche Thräne gekostet hat. Ein junger Edelmann lebte
-hier, reich, gesund und schön, und mit dem schönsten Mädchen in der
-Stadt versprochen. Die Vermählung war nahe, das Glück der Liebenden
-beneidenswerth, als der Geliebte mit einem andern Offizier um eine
-unbedeutende Kleinigkeit in Streit geräth und von dem rohen jungen Mann
-so beschimpft und beleidigt wird, daß sich die Ehre des Gekränkten, nach
-unsern Begriffen, nur durch ein Duell wiederherstellen läßt.
-
-Sie treffen sich im Walde und der Liebende hat das Unglück, seinen
-Gegner zu erstechen. Die Flucht ist unvermeidlich, und die Anverwandten
-des Erschlagenen, angesehene Familien, treiben es dahin, daß er mit
-gerichtlicher Strenge verfolgt wird und in sein Vaterland nicht
-zurückkommen darf. Er wagt es selbst nicht, unter seinem wahren Namen im
-Auslande zu leben, er kann nur selten und auf Umwegen schreiben und noch
-seltener kann er von seiner Familie oder seiner Braut etwas erfahren. So
-vergehn einige Jahre. Seine schlimmsten Feinde sterben indeß, die andern
-lassen sich versöhnen, und mit vieler Mühe wird ihm die Gnade des
-Fürstbischofs ausgewirkt, nachdem dieser überzeugt ist, daß er zu jenem
-unseligen Duell ist gezwungen worden. Er wirft sich, von frischer Jugend
-beseelt, in den Wagen, einige Meilen vor Würzburg besteigt er ein
-rasches Pferd, um noch früher in den Armen seiner Braut zu liegen. Schon
-sieht er die altbekannte Stadt und begrüßt jubelnd ihre Tempel und
-Paläste; sein Weg führt vor dem Kirchhofe vorbei, ein großer Zug, Alt
-und Jung, bewegt sich aus der Stadt dahin. Er fragt einen
-Vorübergehenden, wer die Leiche sei, und erfährt, seine Braut wird
-beerdigt. Der lange Gram, dann die Freude habe sie so geschwächt, daß
-ihr ermüdeter Körper dem Anfall eines Fiebers keine Lebenskraft mehr
-entgegenstellen konnte. Betäubt, entsetzt, lebensüberdrüssig kehrt er
-um, ohne seine Familie wiederzusehn. Er verläßt die Landstraße, irrt in
-Wäldern umher und begiebt sich endlich nach Erfurt, um hier im Orden der
-schweigsamen Karthäuser das Ordenskleid zu nehmen. Nun arbeitet er im
-Garten und an seinem Grabe, spricht mit Niemand und antwortet seinen
-Brüdern wie den Fremden nur mit dem trübseligen: ^Memento mori!^ -- Wie
-oft war ich in Erfurt in diesem einsam liegenden Kloster, sah die
-wandernden Brüder an, oder in der Kirche bei ihrem stillen
-Gottesdienste, und gedachte dieser Geschichte. Jetzt komme ich mit
-meinen Reisegefährten wieder nach Erfurt. Die Klöster sind alle
-aufgehoben und Mönche und Nonnen von ihren Gelübden befreit. Ich finde
-den jungen Prinzen W. wieder, der hier als preußischer Major in Garnison
-steht, und er bittet uns bei sich zu Tische. Er spricht mir von diesem
-Mönch, den er kennt, und sagt uns, er würde unser Tischgenosse seyn. Als
-wir uns versammelt haben, tritt ein ältlicher Mann in bürgerlicher
-Kleidung herein, der stattlich aussieht, dessen Embonpoint aber schon an
-das Komische grenzt. Sein Gesicht ist nicht unedel, aber ganz
-gewöhnlich, selbst unbedeutend, und der Ausdruck seiner Physiognomie ist
-mehr jovial, als ernst, oder tiefsinnig. Ich konnte mich bei diesem
-Anblick einer gewissen Verstimmung nicht erwehren. Er erzählte viel und
-mit großer Redseligkeit; es schien, als wollte er für sein vieljähriges
-Schweigen sich nun endlich wieder an mannichfaltigen und selbst
-überflüssigen Worten eine Güte thun. Von seiner melancholischen
-Jugendgeschichte redete er nicht, das wäre auch zu unangenehm gewesen;
-aber wohl setzte er auseinander, wie die Diät des Klosters, selbst die
-strenge, bei dem Mangel an Bewegung, den Körper anschwelle. Das Reiten,
-besonders das schnelle, wollte ihm noch nicht recht zusagen, aber
-dennoch sprach er mit wahrem Entzücken von den Exercitien der
-preußischen Cavallerie, die er zu Pferde angesehn und gewissermaßen
-mitgemacht habe; der Soldat, so fügte er hinzu, sei wieder mit allen
-Kräften in ihm aufgewacht, und wenn er nicht zu alt geworden sei, würde
-er sich mit Enthusiasmus diesem Stande widmen. Jetzt sei er
-entschlossen, die wenigen Jahre seines Lebens hier in Erfurt, mit seinen
-militärischen Freunden, deren er manche habe, zu verbringen und von
-seiner kleinen Pension zu leben. Seine Familie sei ausgestorben,
-Verwandte habe oder kenne er nicht, und die etwanigen Erben seines
-kleinen väterlichen Vermögens wolle er nicht in Verlegenheit setzen, daß
-sie den Argwohn faßten, er könne auf irgend etwas Ansprüche machen. --
-
-Es ist verdrüßlich, wenn die mächtigsten Leidenschaften und wahrhaft
-tragische Begebenheiten nicht mehr Spur im Menschen zurücklassen. Und
-doch erscheine ich mir wieder in diesen Gefühlen unbillig und lieblos,
-weil ich nicht wissen kann, was der Arme gelitten hat, und mit welcher
-Scheu und Vorsicht er wohl immerdar vor dem Grabe seiner Jugend
-vorübergeht. Sollte er seinen Schmerz und seine Erfahrung einer
-gewöhnlichen frohen Tischgesellschaft mittheilen und das Edelste seines
-Lebens entweihen?
-
-In Weimar war mir der Park, Göthe's Haus, alle Umgebung, wie heilig. Im
-Garten, der allenthalben so lieblich und edel die dort dürftige Natur
-verschönert und verdeckt, muß man bei jedem Schritte unsers Dichters
-gedenken. Er war nicht zugegen, aber den Herzog trafen wir, als wir das
-Schloß besichtigten. Der edle, geistreiche Fürst sprach lange mit uns
-über verschiedenartige Gegenstände. Das Schloß ist von dem Baumeister
-Genz, dem Bruder des politischen Schriftstellers, vortrefflich
-eingerichtet; Alles hier ist mit Sinn angeordnet, und der große Saal,
-für Feierlichkeiten bestimmt, erfreut besonders. Es war nicht leicht,
-aus Dem, was der große Brand von dem Gebäude hatte stehn lassen, diese
-zierliche und großartige Einrichtung herauszubringen. Von Friedrich
-Tieck sieht man schöne Basreliefs und Figuren, zwar nur in Gips, aber so
-gut ersonnen und ausgeführt, daß sie dem edeln Hause zum Schmuck
-gereichen.
-
-Von Weimar begleitete uns ein junger Dichter, Thorbeck, dessen sich
-Göthe und Schiller freundlichst angenommen hatten. Er rezitirte uns im
-Wagen einige seiner Gedichte, in welchen ich nur zu sehr die Manier
-unsers Schiller wiederfand. Die Verse schienen mir für einen Anfänger
-fast zu gut.
-
-In Jena führte uns Wachtel zur Fromann'schen Familie, die ich früher
-schon gekannt hatte. Den geistreichen Naturforscher Ritter fand ich
-hier, so wie Clemens Brentano. Von Beiden, die ohne Zweifel große
-Talente entwickeln können, muß man wünschen, daß sie sich nicht von
-einer falschen Genialität blenden lassen. Eine bewußtvolle Originalität
-ist keine; auch kann man dem jungen Dichter wohl allenthalben in seinen
-Versuchen, wo er recht neu und seltsam zu seyn glaubt, die Stellen
-nachweisen, die er nur nachgeahmt hat. --
-
-Wann werde ich Sie wiedersehn? Unter welchen Umständen? Wo?
-
- * * * * *
-
-Von Altenburg begaben sich die Freunde nach Chemnitz. Walther schien
-völlig verstimmt, und als sie im Gasthofe abgestiegen waren, verschloß
-er sich in seinem Zimmer und ließ sich mit einer Unpäßlichkeit
-entschuldigen, die ihn verhindere, zum Abendessen zu kommen. Wachtel,
-der wohlgemuth war, ließ ihn gewähren und sagte nur zu Ferdinand: unser
-Moralist fängt an, etwas langweilig zu werden, und weil es ihm nicht so
-recht gelingen will, so wirft er sich in das verdrüßliche Fach; denn
-glaube mir, Freund, wer was Rechtes in der Langeweile leisten will, der
-muß schon früh, in der Jugend dazu thun, die Erziehung kann eigentlich
-nur den besten Grund dazu legen, und wenn das Genie freilich angeboren
-ist, so thun doch Ausbildung, Kunst, Uebung und tüchtige Vorbilder auch
-das Ihrige. Auf dem halben Wege stehen bleiben, wie es unserm lieben
-Walther begegnen kann, ist das Kläglichste. Ich habe Männer in dem Fache
-gekannt, die eigentlich von der Natur die herrlichste Anlage hatten,
-unausstehlich langweilig zu seyn; aber sie hatten das Unglück gehabt,
-eine Zeitlang unter die Geistreichen zu gerathen, und der Zunftgeist
-dieser Menschen hatte sich ihnen einigermaßen mitgetheilt, um sie zu
-ruiniren. Sie hatten die Gabe, Anekdoten ohne Salz und ohne Spitze
-breit, mit Parenthesen, sich wiederholend und sich widersprechend mit
-der größten Verwirrung vorzutragen, und zwar solche Geschichten, die
-jedes Kind schon weiß; aber demungeachtet waren ihnen, wie Fliegen in
-alten Spinnweben, einige gute Einfälle und Gedanken hängen geblieben,
-die demnach, wenn auch schlecht vorgetragen, das Kunstwerk ihres
-miserablen Vortrages hinderten, ein Vollendetes zu werden. Der rechte
-Virtuose müßte es dahin bringen können, einen heftigen, ungeduldigen und
-dabei verständigen Menschen geradezu umzubringen. Kann das durch Schreck
-geschehn, sind Menschen am Lachen oder an der Freude verschieden, so
-wäre es wohl der Mühe werth, einmal einen Künstler heranzubilden, den
-ein eifersüchtiger Fürst oder Minister nur auf diesen und jenen
-Verdächtigen oder Verhaßten loszulassen brauchte, um dem guten Kopf,
-welcher sich dem Wohl des Vaterlandes nicht fügen will, den Garaus zu
-machen. Was unsre löblichen Kanzelredner leisten, was Theater- oder
-religiöse und moralische Dichter thun, die Familiengemälde, viele
-Romanciers, das ist alles nur Bagatell. Bis zum Uebelwerden, selbst
-Erbrechen können es Gutmeinende bringen; was ist das aber gegen die
-Wirkung der Leidenschaften, der Elemente oder des Krieges? Wie oft hat
-man Gefangene, denen man übel wollte, molestirt und torquirt,
-Grausamkeiten mit spitzfindigem Grübeln ersonnen, -- bildeten Staaten
-und Schulen aber mehr jene wahrhaften Langweiligen aus, von denen das
-Ideal meiner regen Phantasie vorschwebt, so könnte das Unerhörte
-geleistet werden.
-
-Hüte Dich nur, sagte Ferdinand lächelnd, nicht selbst ein Pfuscher in
-diesem Handwerke zu werden. Es steht keinem an der Stirne geschrieben,
-wie er einst im Alter endigen werde.
-
-Am folgenden Morgen trat Walther mit einer gewissen Feierlichkeit bei
-den Freunden zum Frühstück ein. Ich habe eine schlechte Nacht gehabt,
-begann er dann, weil ich mich schäme, Euch etwas vorzutragen, das ich
-Euch doch mittheilen muß. Wir sind hier in einer kleinen Stadt, die
-nicht ohne Anmuth ist, aber wir würden doch nicht eben Ursach haben,
-lange hier zu verweilen, da wir so mancher viel merkwürdigern nur einige
-Stunden geschenkt haben, -- und doch begreife ich noch nicht, wie wir
-sobald von hier wegkommen wollen.
-
-Wie käme denn das? rief Wachtel aus. Welcher Zauber sollte uns denn hier
-bannen können?
-
-Der die ganze Welt bannt und fesselt, antwortete Walther. Ich habe die
-Reisekasse geführt und mich mit Euch berechnet, in Meiningen gabt Ihr
-mir, was Ihr noch bei Euch trugt, und es war mehr als reichlich, um nach
-Dresden, Berlin, Hamburg oder wohin wir noch streben mochten, zu
-gelangen. In Liebenstein spielte ich und gewann für einen Unglücklichen,
-der ohne meine Dazwischenkunft verloren war --
-
-Sie haben sich herrlich gegen ihn benommen, rief Wachtel aus, und ich
-hörte auch noch die vortrefflichen Ermahnungen, die Sie dem Spieler
-gaben.
-
-Ich hätte sie selber nur zu gut brauchen können, antwortete Walther.
-Seit vielen Jahren hatte ich nicht gespielt, nun ging es mir wie dem
-gezähmten Löwen, wenn er wieder einmal Blut kostet. Unmittelbar nach
-jenen moralischen Reden begab ich mich wieder an den Spieltisch und
-verlor, bis auf eine Kleinigkeit, Alles, was mir gehörte, und auch Euer
-Eigenthum. Ihr werdet bemerkt haben, wie knapp und ängstlich ich seitdem
-auf der Reise war, weil ich hoffte, mindestens bis Dresden auszureichen;
-gestern Abend gab ich unserm Fuhrmann als Trinkgeld das Letzte. Wir Alle
-führen keine Creditbriefe mit uns, weil die baare Summe übergenug war;
-so stehe ich denn hier, beschämt wie ein Schulknabe, vor Euch, und
-begreife jetzt selbst nicht, wie der Aberwitz mich ergriff, unser
-Vermögen zu verschleudern. In Dresden, so hoffe ich, können wir uns
-wieder helfen; aber wie die wenigen Meilen dahin zurücklegen? Sollten
-wir uns so beschimpfen, Uhren oder Ringe hier zu versetzen? Freysing hat
-mich in Liebenstein tüchtig ausgelacht, daß ich ihm solche Summe noch
-zugewendet habe.
-
-Am klügsten und kürzesten ist es, rief Wachtel aus, daß ich mich so
-schnell als möglich nach Dresden hinstümpere, dort habe ich
-Bekanntschaft und Credit, ich schicke alsbald das Nöthige her, Ihr
-unterhaltet Euch indessen hier, so gut Ihr könnt, und wir treffen uns in
-Dresden wieder, wo Sie dann, Freund Walther, sich wieder in Baarschaft
-setzen können, um mir und Ferdinand Das wieder zu geben, was Sie uns
-schuldig geworden sind.
-
-Als Walther das beschämende Geständniß überstanden hatte, lachte er mit
-den Uebrigen recht herzlich über seine Unbesonnenheit. Man ließ sogleich
-einen Fuhrmann der Stadt kommen, und Wachtel bat sich aus, das Geschäft
-mit diesem allein abzumachen. Der Mann kam und Wachtel fragte ihn: ob er
-im Stande sei, ihn noch an diesem Tage nach Dresden zu schaffen, ihn
-allein mit einem kleinen Gepäck. Der Fuhrmann sah dem Fragenden ins
-Gesicht, schaute dann an die Decke, hierauf zum Boden nieder, als wenn
-die Beantwortung dieser Frage viel Nachdenken und Grübeln erforderte. Es
-ginge zur Noth wohl, sagte er mit langer Verzögerung, wir haben noch
-lange Tage, meine Pferde sind gut, die Last nicht schwer. -- Und wie
-viel verlangt Ihr, Mann? -- Ja, sagte jener, wenn nur die Ernte nicht
-wäre, und das Vieh ist jetzt auch nicht so, wie späterhin, und das
-Futter ist jetzt theuer; unter sechs Speciesthalern kann ich es nicht
-thun. -- Aber ich kann sogleich abfahren? -- Gefressen haben die Pferde,
-erwiederte der Kutscher, also hat es keinen Anstand. -- So macht Euch
-fertig, Freund, ich setze mich gleich ein, Eure Forderung ist nicht
-unbillig, auch verlange ich Euern Schaden nicht, und verspreche Euch,
-wenn Ihr mich zeitig nach Dresden hinschafft, sieben Species, außer
-Euerm Trinkgelde. So kann ich Ihre Geschäfte, Herr Baron und Herr Graf
-(indem er sich mit der höflichsten Verbeugung an seine Reisegefährten
-wendete), gleich morgen früh besorgen, und wenn Sie mir in einem oder
-zweien Tagen nachfolgen, so treffen Sie Ihren ergebensten Diener im
-goldenen Engel. Nur eins noch, mein guter Fuhrmann, bedinge ich mir aus,
-daß Ihr Chaussee und dergleichen Alles, auch was ich im Gasthofe
-bedürfen möchte, auslegt, weil es mir unerträglich ist, mich mit Zoll
-und Geleit und Kellnern und Wirthschaft einzulassen, und daß Ihr mir
-morgen in Dresden Alles genau und gewissenhaft berechnet. Und so geht
-denn, Freund, und spannt an.
-
-Der Fuhrmann entfernte sich in Demuth und zufrieden, und Wachtel sagte
-lachend: ich habe Dich, lieber Ferdinand, zum Grafen erhöht, um seine
-Auslagen leichter zu erlangen. Zum Glück geht die Reise nicht weit, es
-bedarf keiner großen Summe, und ich bin in Dresden meiner Bekanntschaft
-gewiß.
-
-So reisete Wachtel ab, indem er sich noch einmal, beim Einsteigen, der
-Gewogenheit des Herrn Grafen und Barons empfahl. Wir können nun rechnen,
-sagte Walther, wenigstens noch zwei Tage in dieser kleinen Stadt bleiben
-zu müssen; heut Abend kommt unser Wachtel in Dresden an, ein Tag geht
-wenigstens hin, bis das Geld hieher kommt und vielleicht, wenn er es
-nicht durch den Fuhrmann senden will, währt es noch länger. Wir müssen
-also sehn, wie wir uns hier ergötzen.
-
-Sie gingen aus, um die Stadt und Gegend näher kennen zu lernen. Nach
-ihrem Spaziergange trafen sie auf ein Haus, in welchem Bücher verliehen
-wurden, und Ferdinand nahm einige, deren Titel ihn anlockten, mit nach
-dem Gasthof. Sie blätterten in den Erzählungen, lasen abwechselnd
-einiges laut, und warfen sie dann verdrüßlich hin. Ist es nicht
-sonderbar, daß die Deutschen, welche so viel schreiben, immer noch nicht
-lernen (wenige Autoren abgerechnet), wie man eine Erzählung vortragen
-kann und soll? Gelingt es auch hie und da Diesem und Jenem, uns ein
-Interesse abzugewinnen, so trägt er uns gleich darauf Dinge vor, die
-nicht zur Sache gehören, die uns nichts angehn, und verschweigt im
-Gegentheil, worauf wir neugierig sind. So lernen es die wenigsten, sich
-der Form, selbst der leichtesten, zu bemächtigen, und schwanken ungewiß
-und unsicher hin und her, nirgend festen Fuß fassend, weitschweifig zur
-Ermüdung, und doch, wie Cervantes sagt, das Beste im Dintenfasse
-lassend.
-
-Wir können bemerken, erwiederte Ferdinand, daß das Beste, was bei uns
-erscheint, indem es Mode wird, alsbald zur Nachahmung dient und sich
-tausendfältig schwächer und immer schwächer wiederholt; aber diese
-Scribenten, die ihr Vorbild verwässern, studiren nicht dessen Tugenden,
-oder machen sich klar, wodurch es vortrefflich ist, sondern sie
-bemächtigen sich nur obenhin der Manier und hängen an den
-Zufälligkeiten. Andre Modeschriftsteller ergreifen den rohen Stoff,
-sprechen Gesinnungen aus, die gerade an der Tagesordnung sind, heute
-Frivolität, morgen Pietismus, bald Patriotismus, bald Rebellion, Haß
-gegen die Obrigkeit oder süß frömmelnde Liebe, dann wieder Rohheit
-gemeiner Wachstuben, die sie uns für Rittersinn verkaufen, oder
-Gespenstergrauen, wenn nicht Familien der Landprediger sammt Liebe und
-Sehnsucht, die sich schon in den Kindern entwickeln. Es haftet und
-dauert von allen diesen schlechten Manieren keine, aber eine jede läßt
-ihre schlimmen Folgen zurück. So ist die Masse des Volkes, welches sich
-jetzt gern das gebildetste in Europa nennen hört, in Ansehung seiner
-Modelectüre ohne Zweifel das roheste von allen.
-
-Wie entzückt Denjenigen, welcher zu lesen versteht, fuhr Walther fort,
-jede, auch die kleinste Novelle des Boccaz, des feinen Cervantes gar
-nicht einmal zu erwähnen. Aber auch die ruhige Klarheit eines Sacchetti
-erfreut, und fast jeder Italiener der früheren Zeit weiß die Sache, die
-er mittheilen will, geschickt vorzutragen. Und so können uns leicht und
-heiter aufgefaßte Geschichten ergötzen, die sonst gar keinen Inhalt
-haben, und manches in dieser Art haben die Franzosen auch sehr glücklich
-geleistet.
-
-Man sollte vielleicht aus unsrer komischen Geldnoth, sagte Ferdinand,
-die uns hier zu bleiben zwingt, eine heitere Novelle bilden können. Zwei
-Reisende treffen zum Beispiel in einem Gasthofe von verschiedenen
-Gegenden her zusammen, sie beleidigen sich, und doch zwingt sie die
-Noth, daß einer sich dem andern eröffnet, um Hülfe von ihm zu begehren;
-nun erfährt jeder vom andern, warum sie sich nicht beistehn können, und
-wie jeder von ihnen in diese lächerliche Verlegenheit gerathen ist.
-
-Recht, rief Walther aus, der eine kann, zum Beispiel, ein Mädchen
-entführt haben, sie wartet auf ihn in einer gewissen Entfernung, wohin
-sie ihn bestellt hat, und er kann nun durchaus nicht zu ihr, weil es ihm
-am Gelde mangelt.
-
-Nicht übel, sagte Ferdinand, doch geriethen wir da vielleicht zu sehr in
-das Sentimentale. Könnten die beiden Fremden nicht Verwandte seyn, aus
-verschiedenen Ländern, die sich gegenseitig aufgesucht haben, und die
-jetzt ein läppischer Zwist daran hindert, sich einander zu erkennen, da
-sie unter erborgten Namen reisen? Es könnte so weit kommen, daß sie sich
-forderten, daß man alle Mühe anwenden müßte, um Diejenigen, die sich
-liebend seit lange suchen, vom mörderischen Kampfe abzuhalten.
-
-Das würde mir darum nicht gefallen, sagte Walther mit verdrüßlicher
-Miene, weil es an die Komödie der Irrungen und an andre Geschichten, die
-auf ähnliche Art verwickelt sind, erinnert. Aber, fuhr er heitrer fort,
-bearbeiten wir jeder auf unserm Zimmer heute und morgen, da wir doch
-nichts anders zu thun haben, diesen Gegenstand und lesen wir uns morgen
-Abend unsre Productionen vor.
-
-Es sei! rief Ferdinand mit Lebhaftigkeit aus, nur Schade, daß wir keinen
-Schiedsrichter haben, der einem von uns den Preis ertheilen möchte.
-
-Jeder begab sich auf sein Zimmer, und Ferdinand, um sich zu zerstreuen,
-schrieb mit Laune und Heiterkeit, obgleich er nicht unterlassen konnte,
-einige Umstände aus seiner eigenen Geschichte einzuflechten. Die Aufgabe
-interessirte ihn dadurch so sehr, daß er unvermerkt dieses und jenes der
-Erzählung hinzufügte, was er um keinen Preis seinem Freunde erzählt
-haben würde. Er meinte aber, so vermischt mit der Erdichtung würde sich
-die Wahrheit als eine solche nicht verkündigen. Walther gab seiner
-Erzählung einen ernsteren Inhalt; aber sowie er fortfuhr, kam ungesucht
-die Aufgabe in die Geschichte, die ihn selbst auf die Reise getrieben
-hatte, nehmlich der Wunsch, einen Gegner, der, nach seiner Meinung,
-Strafe verdiene, aufzufinden; nur machte er aus diesem Gegner einen
-Nebenbuhler, damit sich die Fabel mehr runden möchte.
-
-So waren die Freunde zwei Tage beschäftiget und kamen sehr heiter und
-mit sich selbst zufrieden zum Abendessen zusammen. Nachdem sie gesättigt
-waren, holten sie ihre Manuscripte und Walther sagte: Sie, von welchem
-der Gedanke unsrer Schriftstellerei ausging, müssen Ihre Novelle auch
-zuerst vortragen, damit die meinige alsdann beschließen könne, und
-morgen, nachdem wir geschlafen haben, soll jeder des andern Versuch
-kritisch prüfen und scharf untersuchen.
-
-Ferdinand zog den Tisch, nachdem Alles entfernt war, an sich und fing
-an: _Der Taube von Benevent, Novelle_. -- Wie? rief Walther; ich muß
-mich sogleich als Rezensent melden und Einspruch thun, denn dieser Titel
-schon scheint mir gegen unsre Abrede zu seyn. Ich bildete mir ein, die
-Scene müsse nach Deutschland verlegt werden, und darum habe ich meine
-Erzählung genannt: _Der Weltentdecker in Verlegenheit_.
-
-Auch sonderbar genug, sagte Ferdinand, hinter dem Titel sollte kein
-Mensch die verabredete Aufgabe suchen.
-
-Doch, sagte Walther, ein Reisender, der schon die halbe Welt
-durchstrichen ist, der immer etwas Neues sieht und sucht, und sich nicht
-wenig damit weiß, für Alles Rath zu schaffen und die Menschen zu kennen,
-muß, wie Sie sehn werden, in dem elenden Wirthshause eines kleinen
-Städtchens lange kleben bleiben, und verliert so die wichtigsten
-Vortheile seiner Reise, ja gewissermaßen das Glück seines Lebens. Doch
-ich störe Sie und halte Sie auf.
-
-Ferdinand begann: Es war nicht lange nach jenem berühmten Erdbeben in
-Calabrien, welches so viele Orte zerstört hatte, daß -- --
-
-Hier entstand ein lautes Sprechen draußen, und ein Klopfen an der Thür,
-und der Genius des Verfassers, oder der Zufall wollte nicht, daß
-Ferdinand jetzt seine Erzählung weiter vortragen sollte. Der Fuhrmann
-kam nehmlich zurück und händigte den Freunden ein großes Paket ein. Der
-Herr, sagte er, der gestern mit mir fortreisete, hat mir gleich heut
-Morgen dieses vielfach versiegelte Schreiben eingehändigt und mir auf
-meine Seele befohlen, gleich, gleich zurückzueilen, und es ja noch heut
-Abend, wenn ich auch spät ankommen sollte, in Ihre Hände zu überliefern.
-Und da mich der wackre Herr sehr gut und über meine Erwartung belohnt
-hat, so schien es mir eine Gewissenssache, seine Befehle prompt und
-schnell auszurichten. Ich habe daher auch auf keine Retourgesellschaft
-gewartet, sondern mich eilig aufgemacht, um nicht zu spät anzukommen.
-
-Walther beschied ihn auf morgen, wenn auch nicht sehr zeitig, damit die
-Pferde ausruhen könnten, überzählte, als sie allein waren, die Summe,
-welche Wachtel in Gold überschickt hatte, und las alsdann den Brief des
-Freundes vor:
-
-Hiebei das Nöthige, gleich durch den Kutscher, weil die Post es
-sechsunddreißig Stunden später würde abgeliefert haben. Aber zugleich
-muß ich Euch melden, daß Ihr mich in Dresden nicht mehr treffen werdet,
-denn sowie ich diesen Brief geendigt habe, springe ich mit gleichen
-Beinen in eine schon bestellte Kalesche, und fahre nach Guben, um meinen
-umirrenden Ritterzug zu endigen. Glaubt Ihr denn, Ihr von mir
-leidenschaftlich Geliebteste, daß Ihr niemals langweilig seid? ^Anzi,
-pur troppo^, wie wir Italianisirten zu sagen pflegen. Sapperment noch
-einmal! Ihr vergeßt es ja immerdar, daß ich, wenn ich mich recht
-besinne, ein zärtlicher Gatte bin. Soll ich meine Liebe denn ganz
-vernachlässigen und so in der öden, weiten Welt herumrasen? Wer freilich
-so ledern ist, wie Ihr Beide, so ganz ohne Liebessehnsucht, wessen Herz
-niemals im Enthusiasmus überschwillt, kurz, wer so nur der Gegenwart und
-dem flüchtigen Augenblick lebt, wie Ihr, Nächte am Spieltische
-vergeudet, jungen hübschen Mädchen in allen Ruinen nachläuft, oder wie
-ein Deserteur auf dem hölzernen Esel stundenlang in der russischen
-Drehmaschine unverwandt und stieren Blicks die dürren Bretter einer
-hölzernen Bude anschauen kann, -- solche Leute sind für Schwärmer, wie
-ich einer bin, eine zu trockne Gesellschaft. Mein pochendes Herz treibt
-mich zu meiner Gattin, die gewiß bei jedem Kloß, den sie einrührt,
-dieses meines Herzens gedenkt. Und dann, -- hat das Vaterland, -- meine
-Vaterstadt -- keine Rechte, keine Forderungen an mich? Man verliert in
-dieser Kosmopoliterei allen Sinn für das Einheimische, selbst Heimische
-und Heimelnde; und wenn Ihr auch heimlich gegen mich wart, und Jeder von
-Euch seine Heimlichkeiten vor dem Andern hat, so ist mein heimelndes
-Heimathgefühl, mein Heimweh, viel edlerer Natur. Wenn ich so bei den
-Sägemühlen die frischgeschnittenen Kienbretter roch, -- ha, alle Reize
-meines Guben standen vor mir. Wenn ich den Streusand über ein
-beschriebenes Blatt spritzte, so war mir Das, was der Kuhreigen dem
-biedern Schweizer ist. Kleinstädtisch, voll armseliger Rücksichten wurde
-ich auch in Eurer Gesellschaft; wenn ich mich einmal aufschwingen wollte
-auf den Adlersfittigen meiner Begeisterung, -- was habe ich von den
-kleinartigen, niemals nach vollen Zügen durstigen Seelen aushalten
-müssen! Von der Hippokrene, oder dem musenberauschenden Quell des
-Parnassus soll der Mensch gar nicht, oder recht tief, voll, in den
-mächtigsten Wogen trinken; so sprechen die weisen Alten. Man sei völlig
-nüchtern, -- oder -- nun ja, was? Ihr würdet als Plebejer vielleicht von
-knüppel- oder hageldick, oder was die guten Deutschen sonst noch
-kümmeltürkenartig an den schändlichen Ausdruck »besoffen« anknüpfen,
-sprechen: Sieben ist die böse, aber auch die heilige Zahl, und ein alter
-Jäger hier sagt von einem so Begeisterten: er sei halb Sieben. -- Herr
-Walther kann mir also das Geld, welches er mir noch schuldig ist, nach
-meiner geliebten Vaterstadt senden. Vielleicht besucht mich derselbe
-hohe Mann, sowie der Crucifix- und Nepomuksjäger, der zarte
-katholisirende Ferdinand dort. Wenn derselbe einmal mit christlichem
-Legendencostüm als ein Wegweiser ausgehauen und mit Grün und Gold
-angemalt an die Landstraße gestellt würde, hätte er seine Harmodius- und
-Aristogiton-Statue und Vergötterung verdient und erreicht. Seh ich Euch,
-Freunde, in diesem sterbenden Leben oder in dieser lebenden
-Sterblichkeit noch einmal wieder, so wird es mir immer, so viel ich auch
-höher strebe, einige, wenn auch nicht die größte Freude gewähren.
-
- Wachtel.
-
-Dresden, den 9. August 1803.
-
-Nachdem dieser Brief gelesen war, fragte Ferdinand, ob er jetzt in
-seinem Manuscripte fortfahren solle; doch Walther, der noch mit dem
-Briefe beschäftigt schien, war sehr zerstreut und verstimmt, sodaß er
-kurz aufbrach, ein Licht nahm und seinem Gefährten eine gute Nacht
-wünschte. Als Walther allein war, las er für sich das Postscript noch
-einmal aufmerksam, welches so lautete: -- Indem ich hier im Engel alles
-Dies abfertige, drängt sich ein junger Herr in mein Zimmer, derselbe
-Herr von Bärwald, den wir in der Kirche zu Graupen zu bewundern
-Gelegenheit hatten, und zwingt mir noch diesen versiegelten Zettel für
-den Herrn Walther auf. Er meint, der Inhalt sei für Sie von der
-allergrößten Wichtigkeit.
-
-»In Dresden werde ich die Ehre haben, Sie zu sehn, und Sie werden auch
-Denjenigen kennen lernen, welcher Ihnen einliegendes Blatt sendet.«
-
-Das versiegelte Blatt enthielt folgende Worte: »Den Entführer, welchen
-Sie suchen, können Sie nur den vierzehnten August bei, oder in Guben
-treffen, wenn Sie ihn im Hause des Herrn Wachtel erfragen wollen, wo
-alsdann die sichere Nachricht, wo sich dieser Herr von Linden aufhält,
-Sie erreichen soll.«
-
-Sonderbar! sagte Walther zu sich selbst, also dort soll ich den Elenden
-nun antreffen, von wo gewissermaßen mein Umstreifen in diesen deutschen
-Provinzen begann? Und -- kann ich es mir verleugnen? -- jetzt, nach
-Monaten erscheint mir die Ahndung seiner That und die Bestrafung dieses
-Mannes nicht mehr so nothwendig, wie damals, als ich mich zu diesem
-Geschäfte drängte. Scheint es doch auch, daß mein Vetter in Warschau
-sich längst getröstet hat; indessen habe ich mich einmal damit
-eingelassen und mich dazu verpflichtet, sodaß die kühlere Ueberlegung zu
-spät kommt. Und ist die schöne Maschinka am Ende mit diesem Entführer
-glücklich, so möchte ich mich jetzt fragen, was diese Leiden und Freuden
-mich eigentlich angehn, da die Verwandten des Mädchens, wenn doch einmal
-etwas geschehn sollte, Jenen verfolgen und zur Rechenschaft ziehn
-konnten. Sie haben nicht weniger Muße dazu, als ich. Nun wird also doch
-zum Beschluß meiner Reise eintreffen, was nach meiner Meinung am Anfange
-geschehn sollte.
-
-Nachdem man am andern Morgen mit dem Gastwirth die Rechnung berichtigt
-hatte, fuhr man, als die Hitze schon eingetreten war, nach Freiberg ab.
-Dort verweilten die Freunde nur, um einige Merkwürdigkeiten in
-Augenschein zu nehmen, und kamen, nachdem es schon Nacht geworden war,
-in Tharand an.
-
-Walther freute sich darauf, am folgenden Morgen die Schönheit dieser
-Thäler, des Buchenwaldes und der Aussicht von der Ruine zu genießen, als
-Ferdinand ihm plötzlich ankündigte, er würde noch in dieser schönen
-kühlen Nacht zu Fuß nach Dresden gehn. Die Einwendungen Walther's wurden
-nicht angehört, sondern, obgleich es dunkel war, Ferdinand wanderte
-sogleich wohlgemuth weiter, nachdem er nur eben aus dem Wagen gestiegen
-war. Walther glaubte bemerkt zu haben, daß ein Unbekannter ihm beim
-Ankommen einen Brief überreicht habe, den Ferdinand in größter Hast,
-beim ungewissen Schein eines flackernden Lichtes angesehn habe und durch
-ihn in diese Unruhe gerathen sei.
-
-Zum Argwohn aufgereizt, konnte es Walther nicht unterlassen, dem
-Gefährten, nachdem dieser in der Dunkelheit manchen Schritt voraushatte,
-eilig und ohne Geräusch nachzugehn. Als er das Städtchen verlassen
-hatte, glaubte er in der stillen Einsamkeit Stimmen, ganz nahe vor sich,
-zu vernehmen. Als er weiter schritt, mußte er vermuthen, daß es nur das
-Rauschen des Gebirgstromes sei, welches ihn so getäuscht habe. An der
-waldbewachsnen Bergwand hinwandelnd, glaubte er im Dunkeln eine weiße
-weibliche Gestalt neben einer dunkeln männlichen zu unterscheiden; bald
-überzeugte er sich auch von der Wahrheit, aber es waren Menschen, die
-ihm entgegenkamen und wohl zur Mühle des Ortes zurückwandern mochten.
-Noch mehr wie einmal glaubte er in der Entfernung Klagen, Zank oder
-Gelächter zu vernehmen, und immer wieder mußte er sich überzeugen, daß
-es das Geräusch des kleinen Stromes sei, das ihn in der stillen Nacht so
-getäuscht habe. Beschämt ging er endlich zurück, verdrüßlich über sich
-selbst, daß er sich, ohne etwas erfahren zu haben, zum Horchen und
-Belauschen herabgewürdigt habe.
-
-Am klaren frischen Morgen durchstreifte er die reizenden Gegenden bei
-Tharand, die dem Naturfreunde immer neu und anmuthig bleiben, wenn er
-auch aus der Schweiz oder Tyrol eben zurückkehrt. Diese Thäler, die so
-einsam von der lärmenden Straße entfernt sind, vom köstlichen Waldstrom
-durchrauscht, von schönen Hügeln und Buchen und Tannen bekränzt, sind so
-lieblich, daß man hier gern die weiten Blicke über den schönen Elbfluß
-vergißt. Von der Natur geläutert, Alles, was er in Guben wollte, oder
-gestern Abend ihn bewegt hatte, vergessend, fuhr er dann bei schönem
-Wetter nach Dresden und stieg bald nach der Tischzeit vor dem goldnen
-Engel von seinem Wagen.
-
-Als er sein Geschäft mit seinem Bankier berichtigt hatte, fiel es ihm
-erst auf, daß er seinen Reisegefährten Ferdinand noch nicht war
-ansichtig geworden. Er forschte im Gasthofe nach ihm, aber er hatte sich
-hier nicht, wie die Freunde doch abgeredet hatten, gemeldet. Sonderbar!
-sagte Walther zu sich selbst, ich bin ihm noch eine bedeutende Summe
-schuldig, er hatte, so viel ich weiß, gar kein Geld bei sich, und so
-entschwindet er nun plötzlich, ohne Abschied, ohne Nachweisung, ob und
-wo wir uns treffen können.
-
-Jetzt suchte ihn der junge Baron von Bärwald in seinem Zimmer auf. Was
-mir das leid gethan hat, rief der junge Mensch, daß wir uns vor einigen
-Wochen in Graupen und Teplitz verfehlt haben; ich hätte wahrscheinlich
-die ganze Reise mit Ihnen machen können, und mein Freund, der mit mir
-war, ebenfalls.
-
-Doch wie, fragte Walther, sind Sie auf die sichre Spur jenes Linden
-gekommen?
-
-Eben jener junge Freund, der auch mit mir in Graupen und Teplitz war,
-antwortete der Baron, hat mir umständlich die ganze Geschichte erzählt.
-Er ist mit beiderseitigen Familien, sowohl der des Herrn von Linden, als
-der schönen Maschinka, befreundet. Er steht mit jenen Bekannten in
-Warschau in ununterbrochenem Briefwechsel, und von dort, ich weiß nicht,
-wie, hat er erfahren, daß an jenem Tage, den ich Ihnen meldete, die
-schöne Maschinka sowie der Herr von Linden in Guben seyn werden. Was sie
-dort, oder wohin sie von dort wollen, ist mir freilich unbekannt.
-
-Der bestimmte Tag war ganz nahe. Walther, um nicht mit dem jungen
-ungestümen Baron zu reisen, der sich ihm schon angeboten hatte, schützte
-Geschäfte vor, die er auf einigen Gütern abzumachen hatte, und begab
-sich auf die Straße nach Guben. Die öde Gegend, durch welche er reisete,
-vermehrte seinen Mißmuth.
-
-Am zweiten Tage, als es schon spät am Abend war, erreichte er Guben. Im
-Dunkeln fragte er sich nach Wachtel's Hause hin, aber dieser sowohl, als
-seine Gattin war nicht zugegen, und man wußte, so sagte der Dienstbote,
-nicht, wann sie zurückkommen würden. -- So wollte Walther nach dem
-Innern der Stadt zurückkehren, verfehlte aber, weil er die
-entgegengesetzte Richtung nahm, den Weg und gerieth in die freie
-Landschaft. Es kam ihm nicht darauf an, sich nicht noch etwas zu ergehn
-und abzukühlen. Er gerieth auf eine Wiese und glaubte hinter einigen
-Gebüschen Klagelaute zu vernehmen. Er suchte sich mit Behutsamkeit, um
-im Finstern nicht zu fallen, der Stelle zu nähern, und als er die Worte
-unterscheiden konnte, hörte er deutlich folgendes Gespräch: So raffe
-Dich nur auf. -- Was, raffen! das ist ein dummes Wort! Was kann man an
-sich selber raffen? Hier liegt sich's gut, und ich will wenigstens bis
-zur Regenzeit hier wohnen bleiben. -- Was für ein Kreuz mit solchem
-Mann! Kannst Du denn wirklich gar nicht stehn? -- Als wenn das eine
-nothwendige Sache wäre, wenn man so angenehm liegt, wie ich hier. --
-Wenn nur ein Mensch zur Hülfe in der Nähe wäre! -- Ja, keiner, weil sie
-Alle in meiner Position, wenn auch nicht derselben Situation, in ihren
-Betten liegen.
-
-Walther hatte gleich im Anfang Wachtel's Stimme erkannt, und halb
-gerührt über die Wehklage der Frau, halb lachend über den so ganz
-unverbesserlichen Reisegefährten, ging er näher, um seine Hülfe
-anzubieten, damit der Trunkene so nach Hause geschafft werden könne.
-
-Ach Gott! seufzte die Frau, immer muß so ein fremder Herr als ein Engel
-vom Himmel mir zur Hülfe herbeikommen. -- Mit gemeinsamer Anstrengung
-richteten sie den Taumelnden endlich auf, der in seinem Rausch den
-Reisegefährten nicht wiedererkannte. Walther und die Frau faßten ihn
-unter die Arme und richteten ihre künstliche Wanderung nach der Stadt,
-die aber, so sehr sie den Zögernden auch schoben oder zogen, dennoch nur
-sehr langsam vor sich gehen konnte. Ja, gnädigster Herr, klagte die
-Gattin, er hat sich da, so wunderlich er nun ist, einen höllischen Trank
-verschrieben und kommen lassen, den er die Menschenessenz nennt, und
-behauptet, Abraham und Isaak hätten den Soff schon im Paradiese gehabt.
-So rennt er nun heut so heraus, wie er es treibt, um die Nachtwelt
-aufzusuchen und ihr vorzupredigen, und da denkt er, die dumme Nachtwelt
-antwortet ihm, wenn es die Frösche sind, die im Sumpfe quaken.
-
-Frösche, Sumpf, quaken! rief Wachtel im Zorn: schlechte Worte! Quaken,
-was das ein Mißlaut ist! Und dann, wie einfältig, die ordinäre
-Nachtwelt, zu welcher freilich Frösche, Eulen und Fledermäuse gehören,
-mit meiner Nachtwelt, die ich heut aufgesucht und gefunden habe, zu
-verwechseln! -- Er hielt an, stemmte sich mit aller Kraft an Walther und
-bestrebte sich, ihm in das Gesicht zu sehn. -- Erlauben Sie mir,
-unbekannter Herr Menschen-, aber nicht Wortführer, Ihnen eine
-authentische Nachricht von jener Begebenheit zu geben, welche diese
-Person, die eine Frau und zugleich meine Frau ist, ziemlich confuse
-vorzutragen sich bemüht, als ob sie keine Frau, sondern ein Narr wäre.
--- Jetzt ging er wieder weiter, mit seiner ganzen Schwere auf Walther
-gestützt, der schon, von der Anstrengung erhitzt, häufigen Schweiß
-vergoß. -- Sie werden es oft empfunden haben, fuhr Wachtel, etwas
-lallend fort, daß der denkende Mann mit seiner Gegenwart und der ganzen
-Zeit unzufrieden ist. Alles, was wir denken, wissen, wollen, die
-edelsten Bestrebungen unsers bessern Menschen, auch wenn wir nicht
-soeben die echte Menschenessenz genossen haben, legen wir sauber hin auf
-den großen Ladentisch dieser alten Krämermadam, der Zeit. Sie sitzt nun
-immer da, mit der Brille auf der spitzen Nase und die blöde gewordenen
-Augen aufreißend und zukneifend, und sucht aus und wählt, hebt auf und
-registrirt, schreibt ein und streicht aus, und weiß vor vielem Thun und
-Wissen nicht, was sie thut, und vergißt immer wieder, was sie sich
-merkt. Die Kunden stehn vor dem Tisch übelgelaunt da und fordern und
-fragen, und erhalten nichts oder nur schlechtes Zeug. Der will vom
-feinsten Battist und kriegt alten, abgelegenen Cattun in die Hände, der
-will eine schöne politische Blondengarnitur, und die dumme Alte schiebt
-ihm ein verwittertes, längst aus der Mode gekommenes legitimes
-Haubenmuster hin, mit erstickter Stickerei und ausgewaschenen Knötchen.
-Treffliches Westenzeug möchte der recht blank und glänzend sich
-aneignen, und alten Hosencamelot aus Osten steckt sie ihm zu. Die beste
-reformirte Religionskräuselei und Krause fordert der, und sie will ihn
-mit schlechtem steifgestärkten moralischen Pietismus abspeisen. Schreit
-der nach der einfachen Kunst ohne Form und Gesetz, ein Bildwerk für des
-Herzlichsten Herz, so fährt sie ihm mit einer alten Mosaik entgegen,
-lauter zusammengesetzte schroffe Einzelheit; der will das Platonische,
-sie giebt ihm das Platte oder höchstens Plattirte: Lucretius und
-Lucretiensaft, Archangel und Erzengel, Peter Madsen und Matthison,
-Shakspeare und Käsebier, Racine und Ratzen, Alles verwechselt die dumme
-Creatur. Die Käufer laufen fort, die besten Arbeiter wollen ihr nichts
-mehr liefern, denn sie verzettelt die schönsten und edelsten Zeuge, daß
-sie unter den großen Ladentisch fallen, wo nachher sich Hunde und Katzen
-ihre Nester drin bauen. Und die Nachwelt -- nun, die steht in der Ferne,
-sperrt das Maul auf, und wünscht doch etwas aus unsrer Zeit zu
-überkommen. Den Unfug hatte ich nun lange geduldig mitangesehn, und
-hatte mich überzeugen müssen, daß die gute Nachwelt nur Schund und
-Schofel, Spreu und Asche, Sägespäne (die auch vielleicht für Shakspeare
-ausgeschrien werden) und Kohlenstaub in Magen, Herz und Gehirn kriegen
-wird. So, gestärkt durch einen starken Zug aus dem Quell der
-Begeisterung, machte ich mich heut an diesem heißen Tage, an welchem das
-Thermometer hoch auf Zukunft steht, auf, um mit der Nachwelt selbst zu
-sprechen und ihr im voraus die Lehren, Gedanken und Winke zu
-überliefern, die ich für die besten unsrer Tage halte. Dort in der
-Einsamkeit des Waldes fand ich sie denn auch, sie hatte sich's bei der
-großen Hitze bequem gemacht, und war fast ohne Hülle, sie war so
-aufgelöst und auseinander gequollen, daß sie in der That in unsre
-Gegenwart, die sich auch hatte gehn lassen, hineinreichte. Sie nahm
-alles von mir gütig auf und sagte freundlich zu Allem Ja; sodaß unsrer
-Enkel Enkel durch meine redliche Bemühung doch etwas von den guten
-Fabrikationen unsrer Zeit ungefälscht erhalten haben. Und dies, mein
-geehrter Herr Lieutenant, der Sie im Gehn gewissermaßen meine Stelle
-vertreten und mein Treten wieder übergehn müssen, ist Das, was der
-vorige einfältige Berichterstatter als Nachtwelt, als Sumpf, als Frosch
-und Quaken charakterisiren wollte. Sie aber, erleuchteter Mann, sehn
-jetzt genau ein, wie Alles zusammenhängt. -- Sollten wir nicht aber
-schon in der Stadt und vor meinem derzeitigen Hause seyn?
-
-Und so war es in der That. Der Trunkene dankte für die Ehre der
-Begleitung, die ihm ein fremder Mann in so später Nacht erwiesen hatte,
-und ging mit der Frau in seine Thür, wo ihn ein Diener und die Magd
-schon erwarteten.
-
-Am andern Morgen war Wachtel ganz ernüchtert, als Walther zu ihm
-eintrat; er konnte ihm über Alles Rede und Antwort geben, was dieser nur
-zu wissen begehrte. Es ist wirklich wahr, erzählte er, das junge, schöne
-Frauenzimmer, welches schon einmal bei uns gewohnt hat, ist wieder hier
-durchgekommen und hat wieder eine Nacht oben geschlafen; ein alter
-Diener und eine Magd, welche mit ihr waren, nannten sie Maschinka. Sie
-war wieder ebenso eilig, wie damals, sodaß ich sie fast gar nicht gesehn
-habe, und ist dann über die Oder gegangen. Aber ein junger Mann hat sich
-auch gemeldet und nach Ihnen gefragt, Sie möchten nur an Herrn von
-Linden ein Billet schreiben, so würde dieser sich gewiß in den nächsten
-Stunden stellen, im Fall Sie ihn nur an der Oder erwarten möchten.
-
-Wachtel schrieb also einige Zeilen, welche binnen kurzem auch wirklich
-abgeholt wurden. Der Herr von Bärwald stellte sich ebenfalls ein und bot
-sich zum Sekundanten Walther's an, und Wachtel, der ängstlich um seinen
-Reisegefährten war, ließ es sich nicht ausreden, diesen ebenfalls zu
-begleiten.
-
-Sie hatten sich einen Platz an der Oder zur Ruhestätte erwählt, nachdem
-sie den Wagen verlassen hatten, von wo sie einen großen Theil des
-Flusses übersehn konnten und gegenüber die sogenannte Kretschem vor sich
-hatten. Als es etwas kühler wurde, sahen sie, wie die Fähre
-herüberruderte. Sie bemerkten, daß eine elegante herrschaftliche Kutsche
-darauf stand, und wie das Fahrzeug näher kam, unterschieden sie, wie
-zwei Männer, Arm in Arm, da standen und nach dem Ufer hinüberschauten.
-Der ältere und größere glänzte in einer reichen Uniform.
-
-Man war nicht wenig verwundert, als Walther und Wachtel beim Anlanden
-der Fähre in dem jüngeren Manne ihren Freund Ferdinand erkannten. Man
-umarmte sich und Ferdinand sagte eilig: ich kann hier bei Ihnen nicht
-verweilen, denn mich erwartet ein dringendes Geschäft, welches ich erst
-abthun muß, dann wollen wir uns sprechen.
-
-Mit mir ist es eben so beschaffen, erwiederte Walther; aber wir sehn uns
-hoffentlich bald wieder und verbringen in der Stadt den Abend fröhlich
-mit einander.
-
-Der General, denn dies war der angesehene Fremde, mischte sich in das
-Gespräch und der junge Herr von Bärwald, der nicht Zeit und Umstände
-gern berücksichtigte, brach mit der Nachricht heraus, daß Walther auf
-einen Herr von Linden wartete, um mit diesem ein Duell auszufechten.
-
-Ferdinand trat mit Erstaunen von Walther zurück, und der General rief
-aus: Wie? Sie sind jener Herr von Hellbusch, der meinen Neffen gefordert
-hat?
-
-So ist es, erwiederte Walther, dieses ist auch mein wahrer Name, ich
-reisete unter einem erborgten, um, wie ich mir einbildete, besser
-beobachten und, selbst weniger bemerkt, Nachrichten einziehn zu können.
-
-Sonderbar! höchst sonderbar! rief jetzt Ferdinand aus: ich nahm drüben
-und in Warschau den Namen Linden an, um mich nachher in Deutschland
-leichter den Nachforschungen meiner Gegner und den Verwandten meiner
-Frau entziehn zu können.
-
-Frau? fragte Walther jetzt mit der größten Lebhaftigkeit. Allerdings,
-sagte der General lächelnd, vor drei Tagen ist meine Nichte Maschinka
-meinem guten Neffen Ferdinand drüben im Preußischen in meiner Gegenwart
-und auf mein Wort und meine Bürgschaft, als seine rechtmäßige Gemahlin
-angetraut worden. Und Sie, Herr von Hellbusch (indem er sich an Walther
-wendete), können mit dem besten Gewissen Kampf und Krieg aufgeben, denn
-Brüder und Verwandte sind durch meine Vermittlung mit dem neuen Gatten
-ausgesöhnt, und Ihr Vetter, welcher Ansprüche auf Maschinka zu haben
-glaubte, hat sich ebenfalls verheirathet.
-
-Da Alles sich so gefügt hat, sagte Walther, so bin ich der glücklichste
-aller Menschen; denn ich darf den Mann als Freund umarmen, den zu lieben
-und hochzuschätzen mir schon längst auf meiner Reise zum Bedürfniß
-geworden war.
-
-Indem öffnete ein Jäger den Schlag der Kutsche und eine schöne Dame
-stieg aus derselben, um Walther höflich zu begrüßen. Wachtel, der sie
-mit Verwundrung angesehn hatte, rief aus: Ei, wie kann man denn so
-reizend seyn! das heißt mit dem Schönsein kein Maß halten! Das versteht
-meine Frau viel besser, die sich wohl hütet, die häßlichste auf der Welt
-zu seyn. Aber eigen ist es zugegangen, daß zwei Menschen, die sich als
-Todfeinde verfolgen, ein paar hundert Meilen in ein und demselben Wagen
-so gelassen und schläfrig neben einander sitzen.
-
-Jetzt nahm Ferdinand das Wort und erzählte, wie Maschinka seinetwegen
-ihre Familie verlassen und in Angst nach Deutschland herübergekommen
-sei. Sie fürchtete, zu einer Verbindung gezwungen zu werden, und da der
-Oheim abwesend war, so wußte sie keinen andern Rath, als sich den
-Ihrigen, welche sie tyrannisirten, zu entziehen. Ferdinand war
-vorangegangen, um einen sichern Aufenthalt zu suchen. So kam sie über
-die Oder, und von einem Briefe einer Freundin gelenkt, suchte sie sich,
-wenn auch nur auf kurze Zeit, bei der Gattin Wachtel's zu verbergen, der
-die Freundin sie empfohlen hatte, ohne von ihren Schicksalen etwas
-Näheres zu melden. Hier erfuhr sie, daß man ihr nachstelle, daß ein
-Vetter des Mannes, dem sie hatte vermählt werden sollen, von Warschau
-ihr nachgereiset sei, und daß die Brüder dieses aufdringlichen
-Bräutigams sie ebenfalls suchten. Sie war also, nachdem sie ihrem
-Geliebten eine kurze Nachricht nach Madlitz gesendet hatte, schon wieder
-entschwunden, als dieser nach Guben kam.
-
-Ich habe die gnädige Erscheinung damals, wie jetzt, sagte Wachtel, nach
-meinen besten Kräften beherbergt.
-
-Meine Braut und jetzige Gattin, erzählte Ferdinand, wußte von meiner
-Irrfahrt, sie war mir immer um einige Stationen voraus, und so trafen
-wir uns, um Abrede zu nehmen, in dem alten Schlosse Glich, oberhalb
-Bamberg, wo sie in der Maske eines Förstermädchens erschien. Hier hatte
-ich Gelegenheit, das Nähere mit ihr zu besprechen, und wir nahmen die
-Abrede, in Würzburg oder Heidelberg uns zu verbinden.
-
-Sieh! sieh! rief Wachtel aus, drum! drum! Ei ja freilich, es ist auch
-dasselbe hübsche Gesichtchen. -- Er sah hiebei Walther mit einem
-bedeutenden Blicke an, und dieser lächelte halb verlegen.
-
-In Würzburg aber, erzählte Ferdinand, kam ein junger Pole, der Begleiter
-eines Herrn von Bärwald, meiner Geliebten auf die Spur. Er machte
-Anstalt, sich ihrer zu bemächtigen, und sie, benachrichtigt davon, rief
-mich auf zur Hülfe, da sie mich in jene Bude hatte eingehn sehn, wo wir
-uns, kindisch genug, mit einer russischen Schaukel ergötzten. In der
-Bude aber stand, ohne daß ich es wissen konnte, neben dem Herrn des
-Kunststückes, eben dieser junge Pole, der meine Braut persönlich kannte,
-und ihren Namen laut ausrief, als sie in die Bude hineinblickte. Alles
-stürzte ihr nach, ich aber, als der Schnellste, fand Mittel, sie im
-Getümmel des Jahrmarktes zu verbergen und vor den Nachstellungen zu
-retten.
-
-Ei! rief Wachtel aus, unser Freund Walther, welcher den Jungfrauenraub
-zu bestrafen ausgereiset war, saß indessen mit eingelegter Lanze hoch
-oben wie ein rächender Gott in der einsamen Bude.
-
-In Heidelberg, fuhr Ferdinand fort, erfuhr ich endlich aus ihren
-Briefen, daß unser gütiger Onkel sich unser annehmen und Alles
-schlichten wolle, nur machte er es zur Bedingung, daß wir umkehrten, um
-nicht als Abentheurer in fremden Regionen den Ruf meiner Geliebten
-unnöthig auf das Spiel zu setzen. In eines jungen Gelehrten, Keyser's,
-Gesellschaft, welcher seine Braut besuchte, sprach ich die geliebte
-Maschinka, und wir beredeten unsre Rückreise. Aber wir durften uns noch
-nicht vereinigen, um uns nicht dem Ungestüm der Verwandten, welche uns
-verfolgten, auszusetzen. Ich hatte in Briefen und aus dem Munde meiner
-Braut von einem wüthenden und rachsüchtigen Hellbusch gehört, und konnte
-mir nicht träumen lassen, daß dieser derselbe freundliche Mann sei, an
-dessen Seite ich die schöne Reise durch Deutschland machte. So kehrten
-wir denn um, und schrieben hie und da Merkworte ein, die der Andre fand
-und die kein Fremder verstehen konnte. In der Höhle von Liebenstein
-trafen wir uns an jenem schönen Sonntage, und dort, als ich mich hatte
-von der Barke auf dem unterirdischen Gewässer übersetzen lassen, sprach
-ich im Dunkel, und von der ganzen Welt abgesondert, meine Geliebte. Bei
-Tharand bestellte sie mich und ich traf sie in der Nacht dort im schönen
-Thal. Sie reisete sogleich hieher nach Guben, ihrem gütigsten Oheim
-entgegen, und der großmüthige Mann hat auch mich seinen Neffen genannt
-und durch seine Güte alle die Irrsale geschlichtet. --
-
-So fuhren sie nach Guben zurück und ergötzten sich an den kleinen
-Begebenheiten ihrer Reise. Von dort begaben sie sich mit dem Oheim nach
-der Schweiz, und Walther, welcher seinen Reisegefährten Ferdinand
-herzlich liebgewonnen hatte, bat sich die Erlaubniß aus, mit ihnen
-reisen zu dürfen, um in ihrer Gesellschaft einige Zeit in dem schönen
-Lande dort zu leben.
-
- * * * * *
-
-Es waren zehn Jahre verflossen, als dem Erzähler dieser Geschichte
-Walther und Ferdinand wieder begegneten. Die seltsamen Begebenheiten des
-Befreiungskrieges hatten uns in Prag im Sommer des Jahrs 1813 vereinigt.
-Ferdinand war mit seiner Frau, die noch immer schön zu nennen war,
-glücklich, er hatte einige allerliebste Kinder, mit denen er gern
-spielte. Auch Walther war verheirathet, und wir erfreuten uns Alle des
-Wiedersehns und der erneuten Vertraulichkeit. Nur war es mir merkwürdig,
-daß der schwärmende Ferdinand jetzt ein eifriger, möcht' ich doch sagen,
-einseitiger Verfechter der protestantischen Lehre war, und Walther im
-Gegentheil war zur katholischen Kirche übergetreten und mit vollem Ernst
-und ganzem Herzen ein Bekenner ihrer Glaubens-Artikel.
-
-Wie dieses sich zugetragen hatte, läßt sich vielleicht in Zukunft
-mittheilen, da es für denkende Leser, die selbst etwas erlebt haben,
-nicht ohne Interesse seyn dürfte. Auch läßt sich um so unparteiischer
-diese Seelengeschichte erzählen, da beide Freunde, sowie der dritte, der
-humoristische Wachtel, vor Jahren nach Italien gereiset sind, und dort
-froh und glücklich leben. Als heitre Beilage und Episode dürften alsdann
-auch die beiden Novellen, welche die freundlichen Feinde, die sich als
-solche nicht kannten, im Gasthofe zu Chemnitz ausarbeiteten, nicht
-unwillkommen seyn.
-
-
-
-
- Die Wundersüchtigen.
- 1831.
-
-
-Der Geheimerath von Seebach lebte in seinem großen, wohleingerichteten
-Hause glücklich in der Residenz. Da er reich war und eine angesehene
-Stelle bekleidete, viele Verbindungen hatte, und eine große
-Correspondenz führte, so war bei ihm oft der Sammelplatz angesehener und
-merkwürdiger Fremden und Reisenden. Häufig aber waren unter diesen
-Besuchenden auch solche Gestalten, die von seiner Familie weniger gern,
-oder nur mit Mißtrauen gesehen wurden, weil der Rath früher ein Mitglied
-mancher Gesellschaften gewesen war, die sich höherer Kenntnisse oder
-wunderbarer Geheimnisse rühmten, und obgleich der thätige Geschäftsmann
-schon seit Jahren alle diese Verhältnisse aufgelöset, und sich von
-diesen Verbindungen zurückgezogen hatte, so sorgte die Tochter, die den
-Vater genau kannte, doch immer, daß irgendwo ein Faden wieder
-aufgenommen werden möchte, der nicht zerrissen war, um Verwicklung,
-Zeitverlust, oder auch wohl Kummer zu veranlassen. Der lebhafte, heitre
-Sohn war gegen viele Wanderer mehr deswegen eingenommen, weil ihr
-Einsprechen dem Rathe manches Geldstück kostete, denn so wie er die
-Geheimnisse und Wunder verlachte, war er doch neugierig genug, immer
-wieder auf die Erzählung von seltsamen Entdeckungen oder unbegreiflichen
-Begebenheiten mit Eifer hinzuhören.
-
-In alten Papieren kramend, saß der Rath an seinem Schreibepulte, und
-neben ihm Anton, sein Sohn, ihm gegenüber sein Schwiegervater, der
-Obrist von Dorneck, der schon seit lange seinen Abschied genommen hatte.
-
-Ich kann das Dokument nicht finden, sagte der Rath endlich unwillig, und
-begreife nicht, wie, oder wohin es kann verloren seyn. In diesem fatalen
-Prozeß, der mich nun schon seit zwei Jahren beunruhigt, gilt es mir die
-volle Summe von zwanzigtausend Thalern, wenn ich diesen wichtigsten
-Beweis nicht herbei schaffen kann.
-
-Der Obrist erwiederte: Lieber Sohn, ich bin überzeugt, daß Sie es
-irgendwo recht sorgsam hingelegt haben, weil es Ihnen eben so wichtig
-war, und daß Ihre Geschäfte Sie nur den Ort haben vergessen machen.
-Geben Sie sich Ruhe, und es fällt Ihnen wohl am ersten bei, indem Sie
-gar nicht darüber denken, wie es mit Namen von Menschen so oft geht, die
-wir durchaus nicht wieder finden, indem wir es von uns erzwingen wollen,
-und die uns dann plötzlich, ungesucht, indem wir zerstreut, oder
-unterhalten sind, wieder beifallen.
-
-Sie mögen Recht haben, antwortete der Rath; soll sich aber ein
-Geschäftsmann solcher Vergeßlichkeit nicht schämen? Ich habe niemals die
-zerstreuten Menschen leiden mögen, und nun muß mir selbst dergleichen
-begegnen.
-
-Anton warf ein: wenn wir jetzt nur den berühmten Grafen Feliciano hier
-hätten, von dem so viele Wunderdinge erzählt werden, so könnte er mit
-einer einzigen Geisterbeschwörung die Sache aufhellen und in Ordnung
-bringen.
-
-Gewiß, sagte der Obrist, wenn er sich zu uns herablassen wollte, denn
-Bücher, Zeitungen und Briefe seiner Freunde erzählen ja Dinge von ihm,
-die noch viel wundervoller sind, als dies kleine Mirakel, das er auf
-unser inständiges Bitten vielleicht verrichten möchte.
-
-Der Rath schwieg, indem er wieder eifrig suchte. Was sind das für
-Figuren da? fragte der Sohn, indem er nach einem Blatte langte.
-
-Du bist zwar kein Eingeweihter, erwiederte der Vater, indessen ist das
-Papier auch nicht von denen, durch welche ich eine Indiscretion begehe,
-wenn Du es betrachtest. Vor vielen Jahren hat ein Freund, ich weiß nicht
-aus welchem astrologisch-magischen Zauber-Manuscript, mir diesen Unsinn
-als denkwürdig abgeschrieben.
-
-Bin ich auch kein Geweihter, erwiederte der Sohn, so habe ich doch, wie
-Sie wissen, so Manches über diese Verbrüderung gelesen, so manche
-kabbalistischen Manuscripte durchblättert, daß mir gerade der Unsinn
-mancher Leute nicht ganz fremd ist, wenn er mir auch immer
-unverständlich bleibt.
-
-Die Figur war eigentlich eine vieleckige, in Gestalt eines Sternes. Die
-meisten Linien waren Zeilen, theils Sprüche der Bibel, theils Gebete,
-manche auch wundersame Namen, die, wie man sah, Geister bezeichnen
-sollten, nach allen Richtungen begegnete sich das Wort Abracadabra, bald
-in einzelnen Sylben und Buchstaben, bald vor-, bald rückwärts
-geschrieben, bald von Sternzeichen, Hieroglyphen und andern seltsamen
-Figuren unterbrochen. In der Mitte las man Adonai, gegenüber Jehovah,
-mit lateinischen und auch mit hebräischen Lettern geschrieben. Auf der
-Rückseite war bemerkt, daß dieses heilige Amulet von vielfältigem
-Gebrauche sei, im Kriege wie gegen Krankheit, vor Einwirkung der bösen
-Geister schütze, und Demjenigen, der die Kunst inne habe, Geister
-herbeizurufen, unentbehrlich sei.
-
-Der Rath und der Obrist lachten, als der junge, stets heitre Anton das
-aberwitzige Blatt mit so ernsthafter, tiefsinniger Miene betrachtete.
-Ich will ein andermal auch über diesen Unsinn spotten, unterbrach sie
-Anton, aber gestehen Sie mir nur ein, daß das Ding auch eine ernsthafte
-Seite habe, die man wohl in Betrachtung ziehen dürfe. Nicht wahr,
-derselbe Menschengeist, der fähig ist, Philosophie und Kunst zu
-umfassen, der die Bahn der Sterne berechnet und die Unermeßlichkeit des
-Himmels mißt, der in Liebe und Andacht sich dem Ewigen nähert, --
-derselbe hat auch dieses Blatt so umrissen, bekritzelt und durchfurcht
-mit einer thörichten Lüge, die doch irgendwo im Anfang mit der Wahrheit
-zusammen hängt, in dieser nur wurzelt, und aus dem Guten als
-stachlichtes Unkraut empor gewachsen ist.
-
-Das mag seyn, nahm der Obrist das Wort, denn alles Schlechte und
-Nichtige keimt wohl aus dem Guten; nur möchte es schwer zu entdecken
-seyn, wo und wie es Lüge und Thorheit wird.
-
-Der Rath war ebenfalls plötzlich ernsthaft geworden, und fügte hinzu:
-das ist eben die große Frage, ob das Böse ein zeitliches, oder ewig sei.
-Ein Nichts ist es, und wird, vom Menschengeist erweckt, ein Ungeheures,
-nimmt von diesem Kraft und Thätigkeit, und wandelt als Schicksal und
-Unglück umher, das Länder verwüstet und Tausende opfert. Wahrlich, hier
-möchte das Auge das Herbeirufen von Geistern aus dem Abgrunde, das
-Beleben eines Todtenreiches wahrnehmen können, viel größer und
-wundersamer als Alles, was man von alten oder neuen Thaumaturgen
-erzählt.
-
-Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehe, antwortete Anton, daß durch die
-Leidenschaften der Menschen, die sich in das Unwahre oder dem Nichts
-ergeben, die Weltgeschichte großentheils durch Gespenster regiert und
-fortgetrieben wird, die, wenn sie nicht im wilden Kampf der Verwirrung
-aufgeweckt werden, unsichtbar bleiben, oder höchstens nur Erscheinungen
-sind, über welche der Spekulant oder Witzige gutmüthig lächeln möchte.
-Wenn mir dies auch wahr scheint, so ist es mit diesem Blatte hier denn
-doch etwas anders.
-
-Eigentlich nicht, sagte der Vater: denn dasselbe, was hier nur Spiel
-ist, hat auch schon zum Feldgeschrei und Panier der Schlachten gedient.
-Es wäre zu wünschen, daß der böse Geist mit allen seinen Wirkungen sich
-immerdar in solchen Galimathias hinein zaubern ließe. Aber er wird auch
-von dergleichen Kinderei irgend einmal wieder erweckt, und so fluthet
-und ebbet die Masse der Erscheinungen hin und her, und das eigentliche
-Fortschreiten, das wahre Besserwerden der Welt ist nur aus einer weiten
-Ferne wahrzunehmen.
-
-Ich werde mir dieses künstlich verzauberte Blatt in geweihter Stunde an
-meinen Hals hängen, sagte Anton, so durch alle Gemächer des Hauses um
-Mitternacht schreiten, und so hoffe ich jenes Dokument zu entdecken, das
-uns Allen so wichtig seyn muß.
-
-Nein, sagte der Obrist, gieb es mir, lieber Enkel: von alten Zeiten bin
-ich noch mit den Leuten in Verbindung, die jetzt in der Residenz des
-Nachbar-Landes wieder anfangen, sich auszubreiten. Ich meine jene, die
-sich für die rechtgläubigen Brüder halten, und die vernünftigen
-verlästern und verfolgen. Immer erhalte ich noch Briefe und Anmahnungen,
-mich ihnen wieder anzuschließen. Diesen kann ich vielleicht mit dieser
-sinnverwirrten Schrift ein angenehmes Geschenk machen.
-
-Nehmen Sie es, sagte der Rath, so ist in meinem Hause eine Thorheit
-weniger. Man erzählt, daß sich diese abergläubischen Menschen aus leicht
-zu errathenden Absichten an den Erbprinzen dort drängen, um sich ihm
-angenehm und unentbehrlich zu machen. Wer weiß, was uns die Zukunft noch
-für Erscheinungen zeigt, welcher Aberglaube sich von Neuem entwickelt,
-so sicher wir jetzt zu seyn glauben, und, wenn ich meiner Aengstlichkeit
-folgte, so möchte ich darum das Papier nicht aus meiner Hand geben. Es
-kann auch Schaden stiften, so kindisch es ist.
-
-Lassen Sie, lieber Sohn, sagte der Alte, beunruhigen Sie Ihren Geist
-nicht, wenn dergleichen auch geschehn könnte, so ist es doch nur wie ein
-Steinwurf ins Wasser. Der Kreis wird immer größer, aber verliert sich,
-wenn er sich am weitesten ausgebreitet hat. So lange noch solche Geister
-in Deutschland regieren, wie hier uns nahe Friedrich der Zweite, und
-dort Joseph der Zweite, so lange noch ein Mann wie Lessing schreibt und
-wirkt, haben wir Nichts zu fürchten. Und warum sollen denn unsre
-Nachkommen eben wieder ausarten?
-
-Er schlug lächelnd das Papier zusammen, und freute sich schon im Voraus,
-welche Erquickung Viele in jener Brüderschaft aus ihm ziehen würden, die
-sich für Rosenkreuzer und Adepten hielten, und so ernsthaft nach dem
-Stein der Weisen forschten, wenn, wie der Obrist zu verstehen gab, auch
-wohl Einige unter ihnen seyn mochten, die das Spiel nur mitmachten, um
-andere, irdischere Zwecke durchzusetzen.
-
-Friedrich der Zweite, fing der Rath wieder an, ist alt, vielleicht auf
-der Neige, und es ist möglich, daß er bald abgerufen wird. Wissen wir
-denn auch, wie jene Gesellschaften, über die wir jetzt nur lächeln,
-verbreitet sind, wie sie in Zukunft ihre Netze weit hinausspinnen mögen?
-Daß andre Brüderschaften gegen sie kämpfen, mag an der Zeit und
-nothwendig seyn. Wie glücklich, daß ich alle diese Dinge, die mich
-früherhin interessirten, und mein Leben in Bewegung setzten, hinter mir
-habe, und auf alle diese Strömungen mit klarem gleichgültigen Auge hinab
-sehn kann.
-
-Der Bediente gab einen Brief ab, der eben von der Post gekommen war. Das
-Siegel war wunderlich, und als der Geheimerath den Brief durchgesehn
-hatte, sagte er: nun wahrlich, sonderbar genug! Nicht gerade der
-berühmte Wunderthäter Graf Feliciano wird zu uns kommen, aber doch ein
-andrer seltsamer Mann, von dem auch schon oft die Rede gewesen ist:
-jener Sangerheim, der sich ebenfalls berühmt, große Geheimnisse zu
-besitzen, der auch Geister erscheinen läßt, Todte und Abwesende befragt,
-und einen neuen Orden gründet.
-
-Anton freute sich, da er vernahm, daß dieser Wundermann ihr Haus zuerst
-besuchen würde, aber der alte Obrist Dorneck wünschte, daß man sich mit
-dem Abentheurer nicht einlassen möge. Sie wissen, lieber Sohn, beschloß
-er, wie ängstlich Ihre Frau und Ihre Tochter bei solchen Gelegenheiten
-sind, und es ist wahr, man kann niemals wissen, welches Unheil uns mit
-solchen wirren Geistern über die Schwelle schreitet. Sie haben ihre
-Bestimmung darin gesetzt, die Menschen zu täuschen, und es ist nicht zu
-berechnen, auf welche Art sie hintergehn, welche Schwächen, die wir
-selbst nicht kennen, sie benutzen und erwecken, und wie weit wir in
-ihren Wandel verflochten werden.
-
-Seien Sie ganz ruhig, lieber Vater, sagte der Rath heiter; dieser Brief
-macht es mir unmöglich, den wunderlichen Mann ganz abzuweisen, um so
-weniger, da ich so vielen Andern mein Haus schon eröffnet habe; diese
-Bekannten, die ich achten und schonen muß, und die mir diesen Mann so
-dringend empfehlen, würden mein Betragen unbegreiflich und sich
-beleidigt finden.
-
-Und, gestehn Sie nur, lieber Vater, rief Anton im frohen Muthe aus, daß
-Sie eben so neugierig sind, wie ich. Nein, er komme nur, der große
-Wundermann, er prophezeie uns, er zeige uns Geister, er grabe Schätze,
-was und so viel er will, wir wollen Alles dankbar von ihm annehmen. Ist
-doch außerdem schon lange nichts Neues vorgefallen, ist doch im ganzen
-Europa Friede. Wollen sich die Lebendigen nicht rühren, so müssen die
-Todten in Bewegung gesetzt werden.
-
-Als die Mutter und Tochter bei Tische diese Neuigkeit erfuhren, nahmen
-diese die Sache weniger heiter und leicht auf, als die Männer. In ihrem
-stillen Rath war vorzüglich Clara verdrüßlich und verstimmt. Wohin,
-sagte sie fast weinend zur Mutter, soll es nur führen, daß wir unser
-Leben so gar nicht für uns selbst einrichten und ableben sollen? Der
-Vater hat nun, wie er sagt, alle diese Verbindungen aufgegeben, und ist
-doch seitdem neugieriger und gespannter auf Alles, was in dieser Art
-vorgeht, als ehemals, -- und mein Verlobter, dieser gute Schmaling, die
-Leichtgläubigkeit selbst. Ist es wohl recht, den Wunderglauben dieses
-Jünglings immer von Neuem aufzuregen? Wissen wir denn, wie weit diese
-Sucht gehn kann, oder vermögen wir es, ihr Schranken zu setzen? Wenn ich
-nachher unglücklich bin, Schmaling verwirrt, und leidenschaftlich
-aufgeregt, mit den geheimnißvollen Menschen verflochten: wird mir denn
-ein Trost meines Vaters, oder ein Spaß meines leichtsinnigen Bruders
-ersetzen können, was ich verloren habe?
-
-Der Obrist trat zu ihrer kummervollen Berathung und sagte, nachdem er
-die Klagen gehört hatte: Uebertreibt nicht die Sache, Kinder, hier meine
-verständige Tochter, Deine Mutter, kennt ja Deinen Vater, liebe Clara.
-Und Schmaling wird Vernunft und guten Rath annehmen, er ist kein Kind.
-Glaube mir, meine liebe Tochter, es ist nicht gut, wenn man immerdar dem
-Menschen alle Steine, an die er sich stoßen könnte, aus dem Wege zu
-räumen sucht. Jede Leidenschaft in uns, die es wirklich ist, muß
-wachsen, reifen, und sich selber erkennen lernen. Der Mensch muß sie
-dann aus eigner Kraft, nicht bloß durch fremde Hülfe zu überwinden
-vermögen. Dann wird das, was wohl als Thorheit erscheinen mochte, oft
-Kraft und Charakter, und der Mann gewinnt in dieser Schule gerade seinen
-edelsten Besitz. Wird er aber in der Jugend gehindert, ganz sich in
-seinen Gelüsten kennen zu lernen, erfährt er gar nicht, wohin sie ihn
-führen können, so bleibt er Zeitlebens ein Näscher, der immer wieder von
-Neuem der Verführung ausgesetzt ist.
-
-So muß, sagte die Mutter, dies die Geschichte meines Mannes seyn. Denn
-glauben Sie mir nur, Vater, stelle er sich, wie er will, hätte er nicht
-die vielen Geschäfte, die ihm sein Amt auferlegt, und die ihm oft die
-Nächte rauben, so würde er mit Heftigkeit Alles, was sich ihm aus dieser
-sonderbaren Gegend des Geheimnisses anbietet, ergreifen. Er meint,
-diesen Wunderglauben, die Geheimnißkrämerei, ganz überwunden zu haben,
-aber ich habe ihn seit so vielen Jahren beobachtet, und kenne ihn
-besser, als er sich selbst: Alles reizt, Alles beschäftigt ihn. Er
-spräche vielleicht nicht so oft, und mit solcher Bestimmtheit über diese
-Gegenstände, wenn er seiner selbst ganz sicher wäre. Sie haben sich oft
-verwundert, warum ich mit Ihnen und andern Freunden nicht in den Wunsch
-einstimme, daß er seine Stelle niederlegen und auf dem Gute leben
-möchte: ich kann es nicht, aus Furcht, er könne sich in andre Geschäfte
-und Arbeiten dann leidenschaftlich verwickeln, die weder so nützlich
-seyn dürften, noch seinem Geist die Kraft und den Adel zuführen würden,
-mit denen wir ihn jetzt so freudig seinen Beruf erfüllen sehn.
-
-Am folgenden Tage schon erschien Sangerheim, der sonderbare Freund, als
-Gast im Hause des Geheimenrathes. Er war ein schöner, großer und
-schlanker Mann, der eben nicht viel älter als dreißig Jahr seyn konnte:
-sein Auge war feurig, der Ton seiner Stimme wohllautend, und der Accent
-des Ausländers, eine Fremdheit in seinen Manieren stand ihm gut. Sein
-Wesen und seine heitre Gesprächigkeit gewannen ihm auch bald das
-Wohlwollen, selbst das Vertrauen des Rathes, indessen ihn der alte
-Obrist schärfer und mißtrauisch beobachtete. Am meisten aber war ihm
-Clara aufsässig, denn der junge Rath Schmaling war völlig in Rede und
-Gespräch des merkwürdigen Fremden verloren. Ein Gelehrter, Ferner, nahm
-Antheil an der Gesellschaft, so wie der Arzt des Hauses, Huber, und
-Jeder beobachtete von seinem Standpunkt aus den Reisenden, der sich
-Jedem mit ungezwungener Offenheit mittheilte. Darum war auch Anton
-heiter und gesprächig und die Mutter ließ bald ihren Widerwillen fahren,
-mit dem sie zuerst sich am Tische an der Seite des verdächtigen Mannes
-niedergelassen hatte.
-
-Als die Mahlzeit geendigt war, begaben sich die Männer in ein andres
-Zimmer, und die Frauen verließen die Gesellschaft. Nach einigen
-unbedeutenden Reden kam man auf den Gegenstand, der Alle interessirte,
-da Jeder wünschte, daß der Fremde von sich und seinem Treiben etwas
-Bestimmteres aussagen möge. Schmaling machte sich vorzüglich an den
-vorgeblichen Wunderthäter und nahm jedes Wort, was dieser sprach,
-begierig auf; doch der Obrist, der mit Clara Mitleid hatte, und ihre
-Aengstlichkeit gewissermaßen theilte, suchte diese Gespräche zu stören.
-Ob es denn niemals, fing er an, um die Unterredung zu lenken, irgend mit
-Sicherheit wird ausgemacht werden, wie alt diese weltbekannte
-Gesellschaft der Freimaurer eigentlich sei.
-
-Vielleicht, antwortete der Rath, ist der ganze Streit mehr um Worte und
-Buchstaben, als um die Sache geführt worden. Mögen wir annehmen, daß
-dieses geheim öffentliche Institut, wie es in unsern Tagen besteht,
-schon uralt sei, daß es in frühern Jahrhunderten, unter ganz andern
-Bedingungen, als andre Bedürfnisse waren und man die jetzigen nicht
-kannte, habe daseyn können: behaupten wir dies alles, und geben nur zu,
-wie wir es müssen, daß diese Vereinigung, im Fall sie alt ist, sich
-völlig verwandelt und nach den verschiedenen Zeiten auch verschiedene
-Zwecke beabsichtigt habe, so ist mit dieser Einräumung auch der Streit,
-wenn nicht völlig geschlichtet, doch beseitigt.
-
-Um so mehr, sagte Ferner, der Gelehrte, da wir es selbst erlebt haben,
-wie in kurzen Zeiträumen sich viele Zwecke der Brüder verändern, sie mit
-einander streiten, jede Sekte die richtige und älteste Constitution zu
-haben vorgiebt, eine Verfassung die andre verdammt, und immerdar neue
-Einrichtungen die vorigen ablösen.
-
-Freilich, sagte der Rath, und so ist es nur Geheimnißkrämerei und Sucht
-zum Wunderbaren, die Entstehung der Gesellschaft hoch hinauf zu setzen,
-sie in andern Verbindungen wieder erkennen zu wollen, und anzunehmen,
-daß Tradition aus den ältesten Zeiten uns in dieser Einrichtung, die oft
-sich so geheimnißvoll stellt, mit dunkeln Geschichten und Sagen in
-unmittelbare Verknüpfung setzen könne.
-
-Und doch, sagte Schmaling, handelt es sich hierum einzig und allein,
-oder die ganze Sache verliert ihr Interesse.
-
-Das Wunderbare, fuhr der Geheimerath fort, aber das Interesse wohl
-nicht. Oder wir können es auch so ausdrücken: daß unsre Bildung eben
-dahin sich ausarbeiten soll, um zu erfahren, was wir mit Recht wunderbar
-nennen. Es fragt sich, ob dann nicht ein ganz umgekehrtes Verhältniß
-erscheinen wird, daß alles jenes Wunder, welches unsre unerfahrne Jugend
-reizte, uns gleichgültig oder lächerlich wird, und wir das ächte Wunder
-da wahrnehmen, wo das blöde Auge gar Nichts, oder das Gleichgültige
-erschaut.
-
-Sehr wahr, fuhr der Gelehrte fort, die Natur, das Erkennen derselben,
-Kunst und Wissenschaft, das einfache, edle Leben unschuldiger Menschen,
-die Gegenwart unverdorbner Kinder, der Liebreiz des Frühlings, das
-Verständniß der Poesie und die Fähigkeit, ihn, den Ewigen allenthalben
-wahrzunehmen, hier findet der ächte Schüler das Wunder und dessen
-Verständniß. Verwandelt der Schwärmer dagegen Wissenschaft, Natur, ja
-seinen Glauben an den Höchsten in ein Gespenst, sieht er mit seltsamen
-Grauen in die Natur und den Geist des Menschen hinein, kitzelt er sich
-mit dem Gefühl, durch Zahlen, Zeichen, willkührliche Worte und Geberden
-Annäherung zu fremdartigen Geistern, ja Herrschaft über sie zu erlangen,
-so ist er schon für das Verständniß der Dinge und jene Freiheit des
-Geistes verloren, die den gesunden klaren Menschen so liebenswerth und
-so ehrwürdig macht.
-
-Gut gesagt, erwiederte Schmaling; aber er wird auch hier an Worten und
-Zeichen sich zerstoßen, sein Geist wird dürsten und verschmachten, und
-wenn er recht in das Innre dieser scheinbaren Erkenntnisse eindringen
-will, so wird er sich verirren, und wenn er erwacht, sich in einer
-tauben, leeren Wüste wieder finden. Ist denn nicht eben jene
-Glaubensfähigkeit, die sie Wunderglauben oder Wundersucht taufen und
-schelten, die innerste Federkraft unsrer Seele? In ihr schlummert der
-Funke, der zu Licht und Flamme sich ausbreitet und erhellt. --
-
-Mag es seyn, erwiederte der Rath, daß wir ohne diese Fähigkeit des
-Glaubens, ohne dies Gefühl der Liebe und eines unbedingten Vertrauens
-weder glücklich seyn könnten, noch die Stufe der Menschheit erreichen,
-zu der wir bestimmt sind. Diese einfache Liebe und Hingebung aber, die
-zur Glaubenskraft erstarken soll, ist völlig von jenem Vorwitz
-unterschieden, der ergründen, fassen und beherrschen will, was dem
-Menschen versagt ist, und der sich, weil er Nichts erobern kann, nun in
-das Gebiet der Nichtigkeit stürzt, sich mit dem Schein und der Lüge
-verbindet, und so den Geist des Menschen, seine Seele bis an die
-Selbstvernichtung führt. Denn so kann man doch wohl das nennen, wenn der
-Mensch für die nächste und unentbehrlichste Wahrheit Träume und
-Hirngespinnste eintauscht.
-
-Jetzt nahm Sangerheim das Wort und sagte: Hier aber ist es, wo der
-Streit ein wirklicher wird, denn es läßt sich doch auch fragen: wer denn
-die Wahrheit zu solcher stempeln soll? Demjenigen, der nüchtern und
-einfach fort lebt, der sich niemals erhebt, dem dürfen die Wahrheiten
-der Religion, wie die Ahndungen der Geisterwelt als leere Träume
-erscheinen. Wer es aber erlebt und erfahren hat, wie jedes Wort und jede
-Gestalt nur dadurch wahres Sein erhält, daß sie vieldeutig sind, daß das
-Alltägliche und Aeußere auf ein Inneres und Geheimnißvolles deutet, der
-kann unmöglich alle höhere Forschung und Erkenntniß als unzulässig
-abweisen, weil sich ihm das, was in früherer Entfernung Traum und
-Aberwitz schien, nun näher gerückt, deutlich in nahe Wahrheit, in die
-unerläßliche Bedingung aller ächten Erkenntniß verwandelt.
-
-Schmaling gab dem Fremden die Hand, von diesem Worte hoch erfreut. Der
-Fremde fuhr fort: Ist es wahr, daß diese ächten Geheimnisse, wie alles
-Große und Geistige, schlecht bewahrt und mit falschem Sinne erkannt,
-verwahrloset und durch Mißbrauch bis zur Sünde herabgewürdigt werden
-können, so ist es gut und nothwendig, wenn sie sich in dunkeln,
-tiefsinnigen Schriften dem Verständniß der blöden Menge entziehn, wenn
-eine beschlossene Gesellschaft edler Menschen sie als etwas Frommes und
-Heiliges bewahrt. Es ist löblich und nothwendig, daß, da der Zutritt
-nicht eigensinnig versagt werden kann, Prüfung und Läuterung voran geht,
-und nur Auserwählte, die in verschiedenen untern Graden bewiesen haben,
-daß sie der Erleuchtung fähig und würdig sind, zum Lichte vordringen
-dürfen. So war es seit uralten Zeiten, und diese Ueberlieferung bewahrt
-unser Bund, und dies ist es, was wir versprechen können. Darum werden
-jene andern nüchternen Sekten der Brüderschaft, die alle nicht wissen,
-was sie wollen, von selbst verschwinden und sich vernichten.
-
-Dieser Gesang, antwortete der geheime Rath, ist nicht neu, er läßt sich
-von Zeit zu Zeit immer wieder vernehmen. Die wahre ächte Maurerei, die
-ich für solche erkenne, ist aber diesem Glauben und dieser Absicht
-völlig entgegen gesetzt.
-
-Und diese ächte Maurerei? fragte der Fremde. Anton trat hinzu und sagte:
-Darf ich, als der einzige Ungeweihte hier, auch zugegen bleiben? -- Der
-Vater erwiederte lächelnd: Ich werde nichts verrathen, was nicht Jeder
-hören dürfte. -- Wie sich die Menschheit in Gesellschaft und Staat
-gebildet hat, und diese nicht entbehren kann, so fühlte der
-Einsichtsvollere doch auch zu allen Zeiten, daß mit diesem unendlichen
-Gewinnst gegenüber ein Verlust verbunden sei, und seyn müsse, der wohl
-eben so schmerzlich falle, als der Gewinn gegenüber erfreuen dürfe. Die
-Gesetze ordnen und zerstören, die Religion erhebt und verfolgt, die
-Moral veredelt und verdammt, und Alles in so großen Verhältnissen, so
-durchgreifend und nach allen Seiten, daß es unmöglich scheint, die
-Ausgleichung und Versöhnung dieser Wohlthaten und Uebel zu finden.
-Religiöse, wie dichterische Sagen setzen diesen unerläßlichen Zwiespalt
-schon vor alle Schöpfung hinaus; Mystiker suchen aus ihm die Entstehung
-der Welt zu erklären. Der Inhalt unsrer Religion ist die Lehre der
-Versöhnung, um durch ein neues Räthsel das ältere zu lösen. Schon die
-alte Mythologie und Dichtung der Griechen wollte ebenfalls manche
-Schuld, grause Verbrechen, die jedes Gesetz verdammt, zur Tugend, zur
-Aufgabe eines Gottes machen, und Orest ist eine wundersame Frage an den
-innern Geist, wie Timoleon in spätern Zeiten. Durch alle Adern des
-Daseins dringt der Tod des nothwendigen Buchstaben, und jeder Edle, sei
-er Fürst, Staatsmann, Krieger oder Handwerker und Bauer, findet in
-seinem Leben tausendfältige Gelegenheit, hülfreich zu seyn, wo Staat,
-Religion, Gesetz und Lehre nicht ausreichen, um zu vermitteln, wenn er
-seinen Sinn frei genug erhalten hat, und so das Geistigste, das, was
-unantastbar seyn sollte, und was doch immerdar verletzt werden muß,
-still und behutsam zu schützen. Nur in den allerneuesten Zeiten war es
-möglich, daß verschiedene Freigesinnte, edle Menschen darauf fielen, in
-einen geheim öffentlichen Bund zusammenzutreten, um dieses Unsichtbare,
-Unaussprechliche zu wirken, dieses ächte, große Geheimniß zu bewahren,
-welches sich freilich niemals verrathen läßt, weil es ganz geistiger
-Natur ist, das schon verschwindet, indem man es nur in bestimmte Worte
-fassen will.
-
-Anton sagte lebhaft: Ja freilich, so angesehn, ist eine solche
-Vereinigung verständiger Männer das Edelste, was man sich denken kann:
-die ächte Aufklärung, um ein so oft gemißbrauchtes Wort einmal in seinem
-wahren Sinne zu brauchen.
-
-Der Vater winkte ihm freundlich, und fuhr fort: Wenn Menschen, so
-gestimmt, sich zusammenfanden, so durften sie hoffen, daß die
-Vereinigung ihre Gesinnungen stärken, ihnen das Gute, was sie ausrichten
-wollten, erleichtern würde. Der Unterschied der Sekten, der
-Glaubensmeinungen und Stände hörte in dieser geistigen Gemeinschaft auf.
-Sie konnten nicht darauf fallen, Etwas gegen den Staat zu unternehmen,
-so sehr sie dessen Gebrechen fühlten, denn sie hätten sich ja dadurch
-dem todten Buchstaben wieder hingegeben, dem sie entfliehen wollten. Es
-genügte, klar zu sehn, fein zu fühlen, den Leidenschaften und
-Vorurtheilen nicht zu huldigen. Um so mehr Patrioten, um so weniger
-legten sie Hand an, Räder auszuheben, oder die Maschine anders
-einzurichten. Es genügte, daß sie ohne That und Kampf das Gute wieder
-vorbereiteten; der Fromme mußte frei genug seyn, um in und durch die
-Gesellschaft seine Sekte nicht verbreiten zu wollen; noch weniger aber
-konnte es dem Aufgeklärten beikommen, die Religion des Landes
-untergraben zu wollen, nüchterne Freigeisterei zu befördern, oder
-feindselige Gesinnungen zu verbreiten, er fühlte, daß Liebe, Milde,
-Sanftmuth und Duldung genügten. Je frommer der Fromme war, so weniger
-konnte er aber auch, als Mitglied solcher Gesellschaft, den Satzungen
-eigensinniger Priester huldigen, oder eine geschichtliche Form der
-Religion für etwas Anders als Form und Buchstaben halten. In dieser
-ächten Loge meines Sinnes, wie konnte es in ihr mehr als einen Grad
-geben? Was hätten die Eingeweihten denn noch finden und entdecken
-sollen? Genügte irgend einem dieses hohe, unsichtbare und
-unaussprechliche Geheimniß nicht, so stand er ja in dieser
-Ungenügsamkeit wieder außen, und hatte Weihe und Erkenntniß verloren.
-
-Und wo, wo, rief Anton lebhaft aus, wo sind diese ächten, wahren Maurer
-zu finden, daß auch ich mich ihnen mit allen meinen Kräften anschließe?
-
-Wo? antwortete der Vater; nirgend in aller weiten Welt sind sie zu
-finden, nirgend und allenthalben; denn jeder wahre Mensch ist dieses
-Salz der Erde, und ist ohne Gesellschaft, Eid und Verbindniß dieser
-ächte Freimaurer. -- Als nun Christoph Wren in London die neue Loge
-stiftete, oder nur neu belebte, ging von hier aus wohl eine Gesinnung,
-oder eine ihr ähnliche aus, wie ich eben geschildert habe. Unter jenen
-Freimaurern ist Ashmole der erste, der davon spricht, und wenn er die
-Gesellschaft und Verbrüderung eine sehr alte nennt, so mögen
-meinethalben die Baukorporationen schon längst ihre Constitutionen und
-Symbole gehabt haben, doch war dieser erlaubte und edle Kosmopolitismus
-in dieser Gestaltung den früheren Jahrhunderten unbekannt und unmöglich.
-
-Und wie selten, wie wenig mag er auch in England, wie in Deutschland,
-zum Bewußtsein gekommen seyn, fiel der Obrist Dorneck ein. In meiner
-Jugend schloß ich mich, aus einem unbestimmten Wissenstriebe, Menschen
-an, die sich für erleuchtet ausgaben. Die Gesellschaft war aber damals
-nicht so ausgebreitet, wie jetzt, noch war sie in so viele Sekten und
-Constitutionen getheilt. Schon die Menge der Lehrlinge, die Kassen, die
-der Aufzunehmenden bedürfen, die weltlichen Absichten, die sich mehr
-oder minder eingeschlichen haben, machen jene Vereinigung, von der Sie,
-theurer Sohn, sprechen, völlig unmöglich. Und es ist zu fürchten, wie es
-denn auch schon begonnen hat, daß sich kluge Köpfe dieser Verbindungen
-bemeistern werden, um völlig das Gegentheil aus ihnen zu machen, wozu
-sie bestimmt waren. Bemächtigt sich erst ein solcher Schwindel der Zeit,
-so steht wohl zu besorgen, daß ein viel schlimmerer Buchstabe mit
-tödtender Kraft herrschen wird, als vormals in der äußern Welt, und
-ihren Gesetzen, Gewöhnungen und Rechten.
-
-Wie gesagt, erwiederte der Rath, die Zeit erklärt und erzeugt Alles.
-Manche Völker, vorzüglich Deutschland, waren nach dem Frieden von 1648
-in sich selbst matt zurück gesunken, bei uns war alles öffentliche Leben
-dahin, das Interesse für den Staat völlig abgeschwächt. Hier in
-Deutschland konnte sich allgemach der Gedanke erzeugen, statt des
-öffentlichen Geistes einen unsichtbaren still wohlthätig walten zu
-lassen. Vielleicht, daß hie und da, auf kurze Zeit, die ächte Maurerei,
-nach meinem Sinne, ausgeübt wurde. Entstellungen zeigten sich früh,
-Mißbräuche schlichen ein, und Alle ängstigten sich, geheim oder
-eingestehend, daß sie kein sprechendes, faßliches Mysterium den
-wißbegierigen Lehrlingen zu verrathen hatten, worin doch eben, daß sie
-dessen ermangelten, ihr Wesen und ihr Stolz hätte bestehen müssen.
-
-Dieses Geheimniß, fiel der Obrist ein, hat mich schon in meiner Jugend
-herumgejagt. Ich ließ mich früh aufnehmen, und unser Meister vom Stuhl
-war denn auch ein Wunderthäter. Bald war die Stadt, es war im Anfange
-des Krieges, nicht sicher genug. Ein Schloß im Gebirge, das einsam lag,
-ward zu den Versammlungen der Geweihten auserlesen. Der geheimnißvolle
-Meister setzte uns junge Leute immerdar in ängstliche Thätigkeit. Jetzt
-kam diese geheime Botschaft, und nun jene, dieser große Monarch, dann
-jener benachbarte Fürst waren dem Magus auf die Spur. Nachtwachen,
-gerüstete Freunde, Waffen und Schwur sollten den seiner Weisheit wegen
-Verfolgten beschützen. Eine berittene Garde umgab bei Tag und Nacht das
-Castell, und streifte in der Gegend umher, um Kundschaft einzusammeln.
-Je mehr wir uns ängstigten, je größer und erhabener erschien uns unser
-Meister. Freilich waren auch einige prosaische Zweifler unter uns, und
-diese folgten eben so unermüdet der Spur des Betruges, wie wir der der
-Verfolgung, und ermittelten endlich mehr als wir. Unser hohe Magus war
-am Ende nichts, als der gemeinste Betrüger, vom niedrigsten Stande, der
-sich schon früh vieler verächtlichen Schelmereien schuldig gemacht
-hatte, und nicht einmal Maurer war. Ein strenger, rechtlicher Mann nahm
-sich nun unsrer an, und eine Zeitlang wollten und fühlten wir Alle etwas
-Aehnliches, als Sie, Herr Sohn, uns vorher geschildert haben.
-
-Die Sage, fing der Rath wieder an, ward nun beliebt, daß die
-Freimaurerei eine Fortsetzung und neue Belebung des alten Ordens der
-Tempelherren sei, der so willkührlich und mit so vieler Grausamkeit
-aufgehoben wurde. Wie ich schon aussprach, ich will über Dergleichen
-nicht streiten. Mögen die Einsichtigen des Templerordens die Freimaurer
-ihrer Zeit gewesen seyn, möglich, daß ihr Bund sich der fast
-allmächtigen Hierarchie und dem weltlichen Despotismus widersetzte; daß
-aber die neue Brüderschaft eine Fortsetzung des vertilgten Ordens,
-unmittelbar von entflohenen Brüdern gestiftet, sei, wird man niemals
-befriedigend nachweisen können. Andre können mit demselben Recht die
-Wiklefiten zu Maurern machen. Wohin wir sehen, giebt es Verbindungen in
-der Geschichte, die sich der herrschenden Kraft mit Glück oder Unglück,
-mit Gewalt oder heimlich widersetzen. Oft ist die Weisheit und das
-Bessere beim Widerspruch; oft aber wird dies auch früh vom Schlechten,
-Frevelhaften vertilgt. Warum sollen, so verstanden, die ersten
-Albigenser nicht ebenfalls Freimaurer gewesen seyn? Daß sie Rebellen
-wurden, dazu zwang sie vielleicht die zu rasche Maßregel der Kirche und
-die Grausamkeit der Priester. Ich kann Nichts dagegen haben, will man
-den Orden in den uralten Culdeern auf den schottischen Inseln
-wiedererkennen, die sich schon in den frühesten Jahrhunderten dem
-anwachsenden Papstthum widersetzten, und eine reinere Lehre, ein
-ursprünglich ächtes Christenthum zu besitzen glaubten. Warum will man
-die Gnostiker ausschließen? Ja die jüdische Sekte der Essäer? Auch
-hindert uns Nichts, die Pythagoräer dafür zu nehmen. Oder die besseren
-der ägyptischen Priester: eben so Diejenigen, die die ächte Lehre der
-Perser bewahrten. Man kann sich das früheste Judenthum, oder selbst das
-religiöse Geheimniß der Patriarchen so denken. Wie aber Abrahams
-Judenthum (wenn man es so nennen will) ein ganz andres war, als das der
-Pharisäer zu Josephus Zeiten, oder als jene jüdischen Sekten, die die
-Kabbala und alle wunderlichen sinnreichen Träume der Rabbinen annehmen
-und aus diesen erst rückwärts die Propheten und Moses verstehn, so ist
-auch jene willkührlich so genannte Freimaurerei von der neuesten noch
-weit mehr unterschieden, und ihr völlig unähnlich. Denn so können wir
-die Bundeslade, das verlorne Feuer, die wiedergefundenen Bücher, und was
-wir nur wollen, willkührlich deuten, und es geschieht der Sache nicht zu
-viel, wenn wir Noahs Arche zu einer Loge machen, und den Gründer der
-Brüderschaft in Seth, oder selbst Abel suchen. Ist man mit Typen und
-Vorbildern zufrieden, so ist es keine so gar schwere Kunst, aus Allem
-Alles zu machen, und es sollte mich nicht großes Studium kosten, die
-Brüderschaft, ihre Geschichte und Symbole aus der Comödie des Dante,
-oder aus der wilden Prosa des Rabelais heraus zu deuteln.
-
-Scherzen Sie nicht, sagte der Gelehrte, es ist noch nicht aller Tage
-Abend, und wir können nicht wissen, welche Aufgaben sich der Scharfsinn
-und die Combinations-Gabe unserer Tage noch setzen werden. Es ist
-sonderbar genug, daß die Säule Boaz noch niemals auf den
-vielbesprochenen Baffomet ist gedeutet worden.
-
-Oder beide Säulen J und B, Jachin und Boaz, auf Jacob Böhme, der doch
-gewiß bei den Parazelsisten und Adepten der Brüderschaft eine große
-Rolle gespielt hat.
-
-Vielleicht, sagte Schmaling, da ich noch nicht durch viele Grade
-gedrungen bin, erfahre ich künftig dies und noch mehr. Könnte aber ein
-wissender Meister nicht neue Deutungen in die Symbole legen?
-
-Dergleichen, erwiederte der Rath, ist vielfach geschehen; und so sind
-durch Erklärungen Geheimnisse, und aus diesen wieder neue Erklärungen
-entstanden, um eine Sache zu verwirren, die nur in schlichter Einfalt
-wohlthätig und segensreich seyn konnte.
-
-Wie kommt es nur, sagte Ferner, der Gelehrte, daß man noch niemals die
-Schulen der Magie und Zauberei, oder Nekromantik, Nekromancie, wie die
-Dichter des Mittelalters sie nennen, für Logen gehalten hat? Nach Toledo
-in Spanien, als dem Centrum und der wahren Universität oder großen
-Mutterloge, weisen alte Gedichte hin. Kunststücke, Zauberei,
-Verwandlung, Beherrschung der bösen und guten Geister wurde dort
-gelehrt. Auf dem Vatikan liegt ein Gedicht von den Heymonskindern und
-dem Zauberer Malegys. Dieser lernt aus den Büchern eines andern Magus,
-Balderus, die hohe Kunst, er besiegt nachher diesen und einen andern
-berühmten Künstler Iwert; und so hätten wir denn vielleicht hier wieder
-das I und B, was in der Maurerei eine so bedeutende Rolle spielt.
-
-Halten Sie ein, Professor! rief Anton aus, sonst machen Sie noch alle
-unsre reisenden Taschenspieler zu Meistern vom Stuhl, oder unbekannten
-Obern.
-
-Doch ohne allen Scherz gesprochen, erwiederte Ferner, ich wundre mich,
-daß unter den vielen Maurern und Freunden der Maurerei, von denen doch
-so viele Bücher gelesen und für die Sache geschrieben sind, noch keiner
-sich die Mühe gegeben hat, ein höchst merkwürdiges Gedicht aus dem
-Mittel-Alter zu studiren, das, wenn irgend eins, eine Geheimlehre
-enthält, ein Christenthum, Mythe und Symbolik, die gewiß nicht mit den
-herkömmlichen und angenommenen der katholischen Kirche übereinstimmen.
-Dieses Gedicht heißt »die Pfleger des Graal,« und besteht aus zwei
-Theilen, wovon der erste Parzifal, und der zweite Titurell genannt wird.
-Dieser heilige Graal ist ein Geheimniß, das nur Eingeweihten zugänglich
-und verständlich ist, eine Erfüllung aller Wünsche, eine Heiligung alles
-Menschlichen und Irdischen, er giebt Gesundheit, Leben, Freude und
-Glück. Durch Forschen, Fragen, wenn der Ritter zufällig in den Saal
-tritt und aufgenommen wird, macht er sich des Mysteriums würdig, und der
-junge Parzifal, weil er zu bescheiden ist, verscherzt in früher Jugend
-auf lange durch sein Stillschweigen diesen Besitz. Die Heidenschaft und
-der Calif der Muselmänner erscheinen nicht so feindlich und gehässig,
-wie in den übrigen Gedichten des Zeitalters. Eine kirchliche christliche
-Gemeinschaft der Frommen und Edlen, eine mystische Lehre wird
-vorgetragen, die selten mit dem allgemein Gültigen jener herrschenden
-Kirche überein zu stimmen scheint. Auch der Tempel und die Baukunst sind
-mystisch behandelt und sind dem Werke höchst wichtig, wenn gleich die
-heilige Masseney, die Tempelherren oder Tempeleise ganz in Art und Weise
-der Ritterwelt dargestellt sind. Auch der Priester Johannes spielt eine
-große Rolle, und Alles bezieht sich in verschiedenen Richtungen auf
-Johannes den Evangelisten. Wie sehr der Täufer bei den Maurern gilt und
-geehrt wird, ist bekannt, und, wenn sie wirklich älteren Ursprunges seyn
-sollten, so ist wohl noch zu untersuchen, ob nicht ursprünglich der
-Evangelist gemeint sei. Die Forschungen über dieses tiefsinnige Gedicht
-des Mittelalters sind auch in anderer Hinsicht noch lange nicht
-abgeschlossen, und der Maurer, der die Geschichte der Poesie kennt,
-dürfte hier auf manche Entdeckung gerathen, die seinem gläubigen
-Vorurtheil mehr und stärkere Waffen gäbe, als jener Sanct Albanus, der
-die Bauleute in England zuerst beschützte, oder der Prinz Edwin, oder
-die Culdeer, Wiklefiten, oder was man nur sonst in die Untersuchung
-gezogen hat.
-
-Mir fällt eine Frage ein, sagte Anton: hat man noch nie den sinnigen
-Shakspeare zum Maurer gemacht? Viele seiner Sprüche, z. B. »es giebt
-viele Dinge im Himmel und auf Erden, von denen sich eure Schulweisheit
-nichts träumen läßt« hat man oft genug gebraucht und gemißbraucht. Es
-ist aber bekannt, daß der edle Philipp Sidney ein Freund und Beschützer
-des berühmten und berüchtigten Jordanus Bruno war, den man nachher als
-Ketzer in Italien verbrannte. Wie, wenn diese beiden Männer ächte Maurer
-gewesen wären, und in jener merkwürdigen Zeit eine Loge gestiftet
-hätten, in welcher unser Shakspeare später wäre aufgenommen worden? In
-dem kleinen London und in einem kurzen Zeitraum von dreißig Jahren waren
-so viele große und herrliche Männer, wie sich nur selten auf Erden so
-enge zusammen drängen.
-
-Jetzt stand Huber, der Arzt, auf und sagte: ich habe bis jetzt
-geschwiegen, weil ich nicht andern Meinungen voreilen wollte. Dieses
-Geheimniß eines Nicht-Geheimnisses, wie es unser Freund Seebach
-ausgeführt hat, will mir keinesweges gefallen. Es sei, daß die Maurerei
-Nichts gegen Staat und Religion unternehmen soll, und daß wir deshalb
-jene frühen englischen Logen tadeln mögen, von denen die Sage berichtet,
-daß sie unter Cromwell bedeutend zur Wiedereinsetzung der Stuarts
-mitgewirkt haben. Aber eben dadurch, daß der Maçon von Politik und
-Kirche sich zurückhält, um nicht zu stören, ist ihm ein so größerer und
-schönerer Wirkungskreis in der Natur eröffnet. Weisen wir die früheren
-Sagen von Adepten ab, so ist eben jener Elias Ashmole, der einer der
-frühesten authentischen Maurer der neuen Zeit ist, zugleich als ein
-Freund der Astrologie und der Verwandlungskunst bekannt genug.
-Beschäftigen sich also die Universitäten, um die Jugend nicht irre zu
-führen, mit der Naturwissenschaft in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes,
-so ist es um so erfreulicher, wenn ein Kreis erfahrner Männer, zum
-Geheimniß durch Wort und That verbunden, jenen Geist aufsucht und
-herbeiziehn will, jene Kraft, Wunder zu wirken, die wohl schon sonst
-auserwählten Sterblichen beigewohnt hat, kurz, sich in dem zu üben und
-zu vervollkommnen, was gemeinhin Magie genannt wird. Diese Wissenschaft,
-die Natur aufzuschließen und sie zu verwandeln, ist des Strebens der
-Edelsten nicht unwürdig. Es ist leichter, sie zu verlachen, als die
-Meister dieser Kunst und die Anschauungen, die uns entgegen kommen,
-abzuweisen und zu widerlegen; und namentlich die Kunst des Adepten, Gold
-zu machen, den Stein der Weisen hervor zu bringen. Die nüchterne Welt
-kennt nur einen Weg, indem sie die Erzählung von Flamel als Lüge
-verschreit, was Paracelsus erzählt und ein Mann wie Helmont betheuert,
-Mährchen nennt, den tiefsinnigsten der Philosophen, Jacob Böhme, nicht
-anhört und versteht, und Alles, was in unsern Tagen ein erleuchteter
-Saint Martin begeistert predigt, nur mit mitleidigem Achselzucken
-beantwortet. Aber ist es denn nun schon unwidersprechlich dargethan, daß
-uns Saint Germain belog und betrog? Die Kunst, Gold aus andern Metallen
-zu machen, scheint so nahe zu liegen, da wir so viele Verwandlungen
-hervor bringen können. Sie soll ja nur den Meister beurkunden, ihm
-seinen Meisterbrief schreiben, als einen Beweis, daß er die Natur
-bezwungen hat, und sie beherrscht. Die moralische Besserung und
-Vergeistigung des Menschen ist die höhere Kunst des Adepten. Aber Wunder
-zu glauben, in der Vorzeit, um Religionen und Heilige zu bekräftigen und
-ihrem Wirken Glauben zu verschaffen, und anzunehmen, daß diese Kraft
-erlöschen müsse, und in unsern Tagen und niemals wieder erweckt werden
-könne und dürfe, heißt, um mich gelinde auszudrücken, auf das Mindeste
-sehr inkonsequent glauben und lehren. Mein Freund Seebach kennt meine
-Ueberzeugung, die ich hiemit wiederhole. --
-
-Jetzt nahm Sangerheim, der Reisende, wieder das Wort: Wie die Kunst der
-Verwandlung das eine Unterpfand des Maurers und Meisters ist, so ist die
-Macht über die Geister die zweite Beglaubigung, daß er Bahn gewonnen,
-und den Sieg im Laufe errungen hat. Diese Hoheit ist dem ächten Schüler
-der Weisheit seit uralten Zeiten überkommen, von alten Meistern und
-Obern, und jeder Lehrling, der sich in der Prüfung würdig erweiset, kann
-dies Siegel der Vollendung erringen. Wenn die Rosenkreuzer diesem hohen
-Berufe nachstreben, so ist es löblich, erringen sie ihn, dann ist ihre
-Kunst und ihr Weg der wahre. Er ist aber nicht der meinige. Doch werde
-ich den würdigsten Brüdern, die schon erfahren sind, gern, wenn sie
-Glauben und Vertrauen haben, die Weihe nach Graden der Prüfung zukommen
-lassen. Doch bin ich hierin ganz der entgegengesetzten Ueberzeugung des
-Herrn von Seebach. Ein einziger Grad ist keiner; was diese Freimaurerei
-will und soll, kann Jeder am besten isolirt und ohne alle Verbindung
-erlangen.
-
-Schmaling sah begeistert aus und drängte sich an den Fremden, auch der
-Arzt Huber gab ihm die Hand. Auf der Seite des Rathes blieben der
-Obrist, der Gelehrte und Anton. So war in dieser kleinen Gesellschaft
-ein Gegensatz von Meinungen, die sich auf keine Weise vermitteln ließen.
-
-Man trennte sich, und beim Abschiednehmen bat der geheime Rath den
-Fremden, der so große Dinge ankündigte, noch etwas zu verweilen. Er trug
-ihm seine Verlegenheit vor in Ansehung des verlornen Dokumentes und
-schloß dann: Getrauen Sie sich wohl, durch Ihre übernatürliche
-Wissenschaft, deren Sie sich rühmen, mir diesen Bogen, an dem mir so
-viel gelegen ist, wieder zu verschaffen?
-
-Sangerheim, der bisher in der Gesellschaft bescheiden in Wort und
-Haltung gewesen war, richtete sich jetzt stolz auf und sah den Rath mit
-einem kühnen Blick von oben herab mit seinen feurigen Augen an und
-sagte: Ist dies nur eine leere Erfindung, um mich zu prüfen, so dürfte
-es schlimm für Sie ausgehn, wenn ich jene Kräfte für diese Unwahrheit in
-Thätigkeit setzte; ist es Wahrheit, was Sie mir sagten, so verspreche
-ich Ihnen meine Hülfe.
-
-Seebach erzählte ihm umständlicher die Sache, den Inhalt des Dokumentes,
-wie lange er es besessen, und daß es jetzt zur günstigen Entscheidung
-des Prozesses unentbehrlich sei. Ich glaube Ihnen, sagte Sangerheim, und
-spreche Sie morgen Nachmittag in der vierten Stunde.
-
- * * * * *
-
-Am folgenden Abend war der Rath im Kreise seiner Familie, kein Fremder
-war zugegen, auch Schmaling fehlte. Es war sichtbar, daß er nachdenkend
-war und an den Gesprächen der Uebrigen nur wenigen Antheil nahm. Der
-Obrist sagte endlich, als er in die Fröhlichkeit der Uebrigen nicht
-einstimmte: Was ist Ihnen, Lieber? Wir fangen uns an zu ängstigen;
-theilen Sie uns Ihren Kummer oder Ihre Leiden mit.
-
-Es ist nichts dergleichen, erwiederte der Vater, ich sinne nur darüber
-nach, wie man so nach und nach alt wird, und doch niemals ausgelernt
-hat. Ich glaubte über Alles, was man Wunderglauben nennt, hinaus zu
-seyn, und war selbst in meiner Jugend dieser Schwachheit nicht
-ausgesetzt: und nun berührt mich Etwas so stark, daß ich mich vor mir
-selber fürchte, wenn der Ausgang sich so ergeben sollte, wie er mir ist
-versprochen worden.
-
-Die Mutter und Tochter sahen sich mit bedeutenden Blicken an, Anton war
-gespannt und der Obrist sagte: Nun, Werthester, was ist Ihnen
-versprochen? Dürfen Sie es uns mittheilen?
-
-Es ist mir nicht verboten worden, erwiederte der Vater. Gestern, als wir
-uns trennten, erzählte ich dem Fremden von dem verlornen Dokument. Er
-schien erst unwillig, weil er die Sache für Erfindung hielt, ihn auf die
-Probe zu stellen. Wie er meinen Ernst sah, versprach er mir heut
-Nachmittag Antwort zu geben. Er erschien, und seine erste Frage war, ob
-ich nicht in der Stadt noch ein andres Haus besäße. Ich bejahte, wir
-gingen hin und er betrachtete die Zimmer und den Saal, welche leer
-stehen, da ich immer noch unentschlossen bin, ob wir hinüber ziehn. Er
-ließ sich ein drittes Zimmer aufschließen, eilte hinein, und indessen
-ich noch draußen verweilte, und die Gemälde betrachtete, hörte ich
-drinnen Geräusch, wie von verschiedenen Menschen, auch Stimmen durch
-einander. Ich eilte durch die offenstehende Thüre, und fand meinen
-Fremden allein in der Mitte des Zimmers, tief sinnend. Er bemerkte mich
-erst nicht, dann sagte er: Gehn wir morgen in der Mittagsstunde,
-zwischen Zwölf und Eins, wieder hieher, und ich hoffe Ihnen etwas
-Bestimmteres sagen zu können. Wir verließen das Haus, und ich fragte
-ihn, ob er es erlaube, daß uns noch Jemand begleite. Sehr gern,
-erwiederte er, nur bitte ich, dem jungen Herrn Schmaling vorerst nicht
-die Sache mitzutheilen, oder ihn zum Begleiter zu wählen, er ist zu
-heftig, er schwärmt und würde mich stören; vielleicht geht Ihr
-zweifelnder Sohn mit uns. -- Seht, Freunde, das ist mir heut begegnet,
-und Ihr müßt gestehn, daß, wenn dieser Mensch ein Betrüger ist, er einen
-neuen und originellen Weg erwählt.
-
-Aber wie ein Betrüger? sagte der Obrist: wenn er Ihnen wohl morgen schon
-das Dokument schafft, oder Ihnen eine bestimmte Antwort giebt.
-
-Das wird er eben nicht thun, antwortete der Rath, er wird morgen mit
-einer neuen Zweideutigkeit mich abfertigen, mich wieder auf einen andern
-Tag vertrösten, und, wenn er meine Leichtgläubigkeit, oder meinen
-Charakter bei dieser Spannung beobachtet und kennen gelernt hat, mich
-mit diesen oder jenen Mährchen abspeisen, von denen er glaubt, daß sie
-mir zusagen. Alles das sage ich mir und wiederhole es mir, und doch kann
-ich es mir nicht leugnen, daß ich ungeduldig die Stunde des Wiedersehens
-erwarte, daß ich mir jenes seltsame, unbegreifliche Geräusch in der
-Erinnerung wiederhole, und darüber sinne. Es war, wie von vielen
-Menschen, wie Zank und Streit, ja Thätlichkeit, verschiedene Stimmen
-antworteten sich heftig, so daß ich erstaunt die halb angelehnte Thür
-öffne, in der sonderbaren Erwartung, viele fremde, heftige Menschen in
-Gezänk in meinem verschlossenen Zimmer zu finden, und ihn doch nur
-allein still in der Mitte des Raumes stehen fand. Es war Tag, nicht
-Mitternacht, keine Vorbereitung war vorangegangen, ich kenne das Haus
-und er nicht, -- wie soll man darüber denken?
-
-Lassen wir es, sagte Anton, bis morgen; die Stunde ist nicht so gar
-entfernt, und erlauben Sie mir, Sie zu begleiten.
-
-Keine Kreise gezogen? fiel der Obrist ein: kein Zauber-Apparat? keine
-Citation? Sonderbar genug. Jenes habe ich auch einmal in meinem Leben
-gesehn und mitgemacht, und es wies sich nachher als Betrügerei aus, aber
-man hatte uns, die wir zugelassen wurden, durch Geheimniß, Rauchwerk,
-Gebet, Fasten und Kasteiung so exaltirt und betäubt, daß unsere
-Imagination dem Magus schon auf drei Viertheil seines Weges entgegen
-ging.
-
-Als die Mutter in der Nacht mit der Tochter bei einer häuslichen Arbeit
-verweilte, sagte sie: Ich kann Dir nicht beschreiben, wie widerwärtig
-mir diese Geschichte ist, die sich da anspinnt. Wir waren einige Jahre
-so ruhig, und nun wird Dein Vater wieder in solche Verwicklungen und
-Gedanken hinein gezogen, die ich auf immer für abgethan hielt. Er meint,
-er hat Alles überwunden, und läßt sich immer wieder von Neuem anlocken.
-Was ist es nur im Menschen, das der Vernunft zum Trotz, auf die sich die
-Meisten doch so viel einbilden, immer Herz und Phantasie in das Seltsame
-und Unbegreifliche hinüberzieht. Ich habe noch keinen Menschen gekannt,
-der nicht abergläubig gewesen wäre.
-
-Möchten sie es doch, antwortete Clara, denn ich bin es auch; und wie
-kann man sich gewissen Wahrnehmungen oder Eindrücken mancher Träume, den
-Vorahndungen und dergleichen entziehn; wenn sie nur nicht mit ihrer
-scheinbaren Philosophie so bedeutende Schlüsse aus Kindereien zögen, und
-so schwerfällige Systeme darauf erbauten. So Vieles im Leben hat nur
-dadurch einen Sinn, daß es eben mit nichts Anderm zusammenhängt, daß es
-Nichts bedeutet. Sie wären aber im Stande, in einem Seufzer oder Kuß das
-ganze Universum zu lesen, und die Ewigkeit der Höllenstrafen daraus zu
-beweisen. Nun, meinen Schmaling werden mir die Geisterseher schön
-zurichten. Wären die Menschen doch nur damit zufrieden, ihren eignen
-Geist kennen zu lernen. Weil es aber da eben hapert, so sind sie
-freilich gezwungen, so viele fremde herbei zu zitiren, um den eignen zu
-verstärken.
-
-Am Morgen waren Alle beim Frühstück sehr einsylbig. Selbst Anton konnte
-sich nicht verbergen, daß er in einer Spannung sei, die seinem Wesen
-sonst ganz fremd war. Gegen zwölf Uhr erschien Sangerheim. Unterwegs
-sagte er: Ich bitte Sie, von dem, was Sie vielleicht sehn werden, nicht
-zu laut und gegen Jedermann zu sprechen. Was geht die Menge und das
-unwissende Volk unser Wesen an?
-
-Das große Haus des Rathes lag in der Vorstadt. Es stand leer, weil die
-Familie Willens war, hieher zu ziehn. Dies hatte freilich sein
-Beschwerliches, wenn Seebach sein Amt nicht aufgab. So war es geschehn,
-daß man es in dieser schwankenden Unentschlossenheit seit Jahren nur
-selten besucht hatte. Der Rath öffnete und verschloß hinter sich die
-Thüren wieder. Im Saale angelangt, ging Sangerheim wieder in jenes
-Zimmer, in welchem er gestern schon gewesen war. Er ließ die Thüre
-hinter sich halb offen, Anton und der Vater blieben im Saal. Plötzlich
-hörten beide ein verwirrtes Getöse, wie Schlagen an den Tapeten und
-Degenklirren, dann Gespräch, Gezänk, Hin- und Widerreden verschiedener
-Stimmen; auf verschiedene Fragen, die der Magus that, hörte man ein
-bestimmtes: Nein! nein! Es geschieht nicht! näher und ferner ertönen.
-Endlich erfolgte ein Knall, wie von einer Pistole; Beide stürzten in das
-Zimmer und der Magus stand in der Mitte, in heftiger Bewegung und
-erhitzt. Er faßte die Hand der Eintretenden und sagte: Nur bis heut
-Abend lassen Sie mir Zeit und ich sage Ihnen Gewißheit. Noch
-widerspricht man mir, man will nicht nachgeben, aber es wird sich
-ändern, wenn ich in meiner Wohnung noch eine Operation vorgenommen habe.
-Sie trennten sich und Anton wie der Rath kamen nachdenklich zu ihrer
-Familie zurück, die sie mit Aengstlichkeit erwartete.
-
-Anton sagte: Der Mann ist ein recht künstlicher Taschenspieler, der
-einige neue Stücke gelernt hat, die die Uebrigen noch nicht wissen. Man
-schwört darauf, daß man verschiedene Menschen oder Geister vernimmt, man
-hört ein Rauschen und Schwirren, Rasseln und Prasseln, wie ein
-Handgemenge, endlich sogar einen bestimmten Pistolenschuß, aber es ist
-kein Dampf oder Geruch vom Pulver zu spüren. Das Unkluge bei dieser
-Geschicklichkeit scheint mir nur darin zu bestehn, daß er sich immer so
-kurze Termine setzt, so daß sich seine Vertröstungen schnell wiederholen
-und bald ermüden müssen. Mit den beiden Kunststücken von heut und
-gestern hätte er uns wenigstens einige Wochen hinhalten können.
-
-Es kann nicht so seyn, wie Du es Dir denkst, sagte der Vater. Er muß auf
-Etwas fußen, das ihn so sicher macht. Wäre die Sache, wie Du sie
-schilderst, so müßte er übermorgen oder in einigen Tagen beschämt
-abziehn, denn ich habe mich wohl gehütet, irgend großes Erstaunen oder
-entgegenkommende Leichtgläubigkeit merken zu lassen. Gab er sich doch
-auch nicht einmal die Mühe, uns auszufragen, so beschäftigt war er mit
-sich selber. Ihm selbst ist es Ernst, und seine Aufmerksamkeit ist ganz
-auf die Sache, nicht auf uns hingerichtet.
-
-Du bist schon bekehrt und gläubig, sagte die Mutter.
-
-Unmöglich, Liebe, antwortete der Rath, denn ich glaube noch gar Nichts,
-auch giebt es noch Nichts zu glauben, sondern ich bin nur erstaunt, und
-kann in dieser verwirrenden Verwunderung meine Seelenkräfte noch gar
-nicht wiederfinden.
-
-Das ist vielleicht, bemerkte Clara, die beste Stimmung, um Wunder zu
-glauben.
-
-Kinder, sagte der Vater mit einiger Empfindlichkeit, tragt ihr nicht
-auch dazu bei, meine Unruhe zu vermehren. Mein ganzes Leben hindurch
-habe ich gegen den Aberglauben gekämpft, und es soll der Thorheit
-wenigstens mich zu besiegen nicht so leicht werden, als ihr es für
-möglich zu halten scheint. Gelingt es dem vorgeblichen Magus, uns diese
-große Summe zu retten, so sind wir ihm ohne Zweifel Dank schuldig: kann
-er es nicht möglich machen, was er, fast mit sicherm Versprechen,
-unternahm, so will ich denn auch nicht weiter grübeln, wie er die
-sonderbaren Stimmen und das seltsame Geräusch hervorbrachte.
-
-Alle waren scheinbar beruhigt, als der Rath, indem sich eben jeder in
-sein Schlafzimmer begeben wollte, folgenden Brief noch in dieser
-nächtlichen Stunde erhielt, der der ganzen Familie Ermüdung und Ruhe
-nahm:
-
-Da es nicht bloß eine Aufgabe fürwitziger Neugier war, was meine Kräfte
-und Kenntnisse in Anspruch genommen hat, da die Wohlfahrt einer
-hochachtungswürdigen Familie gewissermaßen an die Erfüllung meines etwas
-voreiligen Versprechens geknüpft ist, so hat der Widerspruch und
-Starrsinn Derer nachgelassen, von denen Sie heut, wenn Jene auch nicht
-sichtbar wurden, einige Kunde empfingen. Nicht unmittelbar, aber nach
-einigen kleineren Zimmern, die verschlossen blieben, muß sich in jenem
-Hause, zu dem Sie mich heut führten, noch ein Kabinet befinden, dessen
-Fenster auf den Garten gehn. In diesem Kabinete ist ein Wandschrank, dem
-Auge nicht sichtbar, der sich durch den Druck einer Feder öffnet. Nimmt
-man hier einen gewöhnlichen Kasten heraus, so zeigt sich unten ein
-Schieber, unter welchem sich dieses Papier, nebst einigen andern
-Schriften, wohl finden wird.
-
-Bei den letzten Worten, indem der Rath den Brief laut vorlas, schlug er
-sich mit der flachen Hand heftig vor den Kopf, ward glühend roth und
-plötzlich wieder todtenbleich, und rief mit lauter Stimme: O ich
-Dummkopf! Und daß ich es vergessen konnte! Und daß mir ein ganz fremder
-Mensch, von dem ich niemals in meinem Leben Etwas gehört habe, mir so
-auf meine Erinnerungen helfen muß.
-
-Die Frauen, so wie Anton und der Obrist, waren um so mehr erstaunt und
-erschrocken, da sie niemals, obgleich sie das Kabinet kannten, von
-diesem heimlichen Wandschrank Etwas erfahren hatten. Vergebt mir dies
-Verschweigen, sagte der Vater, es ist mir eigen und eine Gewohnheit, die
-ich von Jugend auf hatte, auch vor meinen Nächsten und Vertrautesten
-noch Etwas geheim zu halten. So habe ich mir in jenem Hause diesen
-Versteck, um den kein Mensch wußte, angelegt. Er ist so künstlich
-gemacht, daß, wenn man die Sache nicht weiß, ich auch das schärfste Auge
-auffordern will, die Feder nur zu entdecken, die die Wand eröffnet und
-verschließt. Vor vier Jahren, wißt ihr, wohnten wir Alle drüben, weil
-dies Haus hier ausgebaut und anders eingerichtet wurde. Indem wir wieder
-herüber zogen, fiel jene Reise vor, die ich eiligst in Angelegenheit
-meines Fürsten machen mußte. Ich arbeitete die ganze Nacht, ohne fast
-Nahrung zu mir zu nehmen. Auch meine eigenen Sachen ordnete ich, und
-jenes Dokument war mir wichtig genug. Ich nahm es, so war ich fest
-überzeugt, mit mir hier herüber, verschloß es in das geheime Schubfach
-meines Schreibepultes, reisete ab, und kam erst nach drei verdrüßlichen,
-arbeitsreichen Monaten zurück. Ich fand, so glaubte ich, alle meine
-wichtigen Papiere in Ordnung, und, sei es die Reise, mag es von den
-Kränkungen herrühren, die ich erlitten hatte, ihr wißt, daß ich in ein
-tödtliches Nervenfieber verfiel, von dem ich nur schwer und langsam
-wieder genas. In dieser schlimmen Zeit hatte ich mein Gedächtniß ganz
-verloren. Als ich wieder zum Leben erwachte, war es mir die bestimmteste
-Ueberzeugung, daß ich das Dokument hier aufgehoben, und seit meiner
-Rückkehr schon mehr wie einmal gesehn hatte. Darum wurde ich eben ganz
-verwirrt, als es nun, nach Jahren, die wichtige Sache entscheiden
-sollte, und sich nirgend antreffen ließ. -- Doch laßt schnell anspannen,
-so spät es ist, ich will noch in der Nacht jenen Wandschrank
-untersuchen.
-
-Es wurde dem Kutscher eiligst der Befehl gegeben. -- Wie kam es nur,
-fragte der Obrist, daß Sie, auch nur aus müßiger Neugier, jene Stelle
-drüben im Hause nicht untersuchten, und so zufällig das Papier fanden?
-
-Sie wissen ja, antwortete der Rath, wie der Mensch ist. Hier diesen
-Schrank, die Zimmer des Hauses hier kehrte ich mehr als einmal um, ich
-suchte mit Heftigkeit an allen unmöglichen Orten, war aber so fest und
-unwidersprechlich überzeugt, daß ich das Heft von dort nach der Stadt
-genommen hatte, daß ich mich selbst über die Frage als wahnsinnig
-verlacht haben würde, ob der Schrank es noch bewahren könne. Und
-außerdem -- -- der Rath zögerte, und als der Obrist in ihn drang, fuhr
-er fort: Lieber Vater, jene Wand enthält außerdem alle Beweise und
-Erinnerungen meiner jugendlichen Schwärmereien und Thorheiten, viele
-Arbeiten, die ich als Schüler dieses und jenes geheimen Ordens entwarf,
-Abschriften aus seltenen Büchern, kabbalistische Rechnungen, Recepte zur
-Tinktur, und was weiß ich Alles. Eins jener tollen Blätter hatte sich
-zufällig hieher verirrt, das ich jetzt an eine andre Behörde geschickt
-habe, wo man es vielleicht mehr achten wird, als hier geschah. Diesen
-Wust habe ich seit Jahren nicht angesehn, weil mir davor graut. Denn,
-gestehe ich's doch, ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, daß ich
-nicht hie und da lesen und wieder lesen sollte, wenn ich mich einmal der
-Truhe nähere. Und bezwingt mich auch das Material des verwirrenden
-Inhalts nicht, so ängstige ich mich doch mit Recht, mich wieder in alle
-jene Stimmungen und Zustände zu versetzen, in welchen ich jenes Zeug
-zusammengeschrieben habe.
-
-Der Wagen fuhr vor, und der Rath, Anton und der Obrist stiegen ein. Als
-sie allein waren, warf sich Clara der Mutter, heftig weinend, an die
-Brust. Wie ist Dir, mein Kind? fragte die Mutter. Ach, Liebste!
-erwiederte Clara, Sie werden mich vielleicht schelten, daß ich bei
-diesen Sonderbarkeiten, bei diesen Dingen, die uns Alle so gewaltsam
-aufregen, etwas recht Albernes sage. Ich kann Alles das nicht leiden.
-Sie sehn, wie gemein es klingt, aber ich kann keinen andern Ausdruck
-finden, mag ich auch suchen, wie ich will. Wenn das Alles ist (und es
-ist ja vor unsern Augen da, wir können es nicht mehr ableugnen), so ist
-mir das Leben selbst widerwärtig. Mir entgeht alle Sicherheit, alle Lust
-zu denken und zu handeln, denn meine Freude war es eben, daß Alles so
-unbewußt sich bewegt und genießt, daß jedes Gefühl, jeder Gedanke um
-sein selbst willen da ist. Nun soll Alles Zusammenhang haben, sich
-geistig auf einander beziehn. Es ist mir unerträglich, so mit
-Gespenstern in innige Verbindung zu treten. Gespenst! Ist denn so was
-nicht der ächte Gegensatz, der völligste Widerspruch mit Geist? Sehn
-Sie, Liebste, das Alles handthiert nun so gewaltsam in meinem Innern,
-daß ich lieber gleich im Fieber selbst phantasiren möchte, als von
-diesen Sachen hören: und nun gar sie erleben müssen!
-
-Tröste Dich, beruhige Dich, mein Kind, sagte die sorgende Mutter, Du
-sprichst schon, wie im Fieber. Ich glaube Dich zu verstehn, und doch
-scheinen mir Deine Ausdrücke zu herbe. Alles, was Du so schmähst, macht
-ja für viele verständige Männer den Reiz des Lebens aus. Wie Vieles
-würde mancher der Besten darum geben, wenn er sich durch dergleichen
-Wunder überzeugen könnte, die uns geboten worden, und die wir so wenig
-suchten, daß man sie uns aufdrängen muß.
-
-Das ist es eben, sagte Clara: ich kann mir keine Vorstellung davon
-machen, wie steppendürre, wie öde es im Geist und Herzen solcher
-Menschen aussehen muß, die sich dergleichen wünschen, die ihm nachjagen
-können. Ein heitrer Blick aus dem lieben, unschuldigen Auge des Kindes,
-seine Kartenhäuserchen, die es mühsam erbaut und lachend wieder umwirft,
-jedes Geschäft des Hauses, Backen und Nähen und Stricken, der
-Handlanger, der mit dem Schweiß seiner Arbeit seine Familie ernährt, o
-nennen Sie, was Sie wollen, auch das Allergeringste, es ist ja
-ehrwürdiger und edler, als es diese Raritäten sind, die sich so vornehm
-anstellen. Möchten doch lieber diese zwanzigtausend Thaler verloren
-gegangen seyn, als daß sie wiederkommen, und uns dieses Irrsal mit in
-das Haus schleppen.
-
-Ich kann Dir nicht ganz Recht geben, Tochter, sagte die Mutter: mir
-graut auch vor der Sache, aber dankbar müssen wir dem Manne doch seyn,
-wenn wir durch ihn um so viel reicher werden.
-
-Nein! rief Clara, wenn ich es nur hindern könnte. Ich habe immer über
-unsern Consistorialrath gelacht, zu dessen Christenthum der Teufel
-eigentlich die nothwendigste und unentbehrlichste Person ist, aber jetzt
-bin ich der Meinung des heftigen frommen Priesters. Nur der Satan bringt
-diese Künste hervor, und Jeder, der sich damit einläßt, ergiebt sich
-ihm. Die Langeweile plagt natürlich den alten verdammten bösen Geist,
-und da weiß er sich nun keinen bessern Zeitvertreib, als die Menschen
-durch allerhand Blendwerk dumm und konfus zu machen. Es wird schon so
-seyn. Diese fatalen Beschwörer glauben ihn zu beherrschen, er spielt mit
-ihnen, wie die Katze mit der Maus, und nachher sehen sie denn mit
-Entsetzen, daß sie immerdar in seinen Stricken und seine leibeignen
-Knechte waren. -- Ach! und mein Schmaling! der ist nun auch so ein
-kleiner goldner Fisch, den sich die Unbarmherzigen mit ihren eisernen
-Haken herauf angeln und über sein Bluten nur lachen. Welch hartes,
-sonderbares Schicksal, daß mich eine Leidenschaft zu einem Manne
-ergriffen hat, den ich eigentlich nicht ganz achten kann. Ich liebe ihn
-und gebe ihm mein ganzes Herz, ich fühle es, ich kann ohne ihn nicht
-seyn und leben, -- und doch widerstrebt mir so Vieles in seinem Wesen:
-Sie werden sehn, dieser Blutsauger, der Sangerheim, macht mir mein
-Liebchen, meinen Auserwählten noch ganz verrückt. -- Ich muß wider
-Willen lachen. Vergeben Sie mir, Mutter.
-
-Sie lachte laut, um nachher um so heftiger zu weinen. Die Mutter, die
-zwar die sonderbare Gemüthsart ihrer Tochter kannte, wurde doch besorgt,
-daß sie krank werden möchte, und wollte sie bereden, sich nieder zu
-legen: Clara wollte aber durchaus die Rückkunft des Vaters erwarten, und
-erfahren, wie das seltsame Abentheuer geendigt habe. --
-
-Man war in der Vorstadt abgestiegen, um mit einer Laterne in das finstre
-Haus zu gehn. Die Stimmung der drei Männer war feierlich und der
-Geheimerath Seebach zitterte, indem er die breiten und widerhallenden
-Stufen hinauf stieg. Im Saale standen sie still, ruhten und zündeten
-einige Kerzen an. Sie eröffneten die übrigen Zimmer, gingen hindurch und
-gelangten endlich vor jenes Kabinet. Ehe der Rath aufschloß, sagte er zu
-seinen Begleitern: Ich muß Euch bitten, Theure, wenn ich den Wandschrank
-eröffnet habe, und nach jenen Blättern suche, daß Ihr mich ganz allein
-gewähren lasset, weil ich nicht wünsche, daß Sie, lieber Vater, und noch
-weniger mein Sohn, Etwas in jenen Skripturen lesen mögen, die so Vieles
-enthalten, das ich jetzt selbst ganz vergessen habe. Der Rath schloß
-auf. In dem kleinen Zimmer, das, wie alle übrigen, lange nicht geöffnet
-war, war ein seltsamer Dunst. Der beklemmte Rath öffnete das Fenster,
-ein frischer Luftstrom zog herein, und man vernahm das Flüstern der
-Linde und das Rauschen des Holunderbaumes, die dicht vor dem Fenster
-standen. Ist es Euch so seltsam, wie mir, zu Muthe? fing der Rath wieder
-an. Mir dünkt, es kommt mir jetzt schon viel weniger darauf an, diesen
-bedeutenden Theil meines Vermögens zu retten, als nur die Wahrhaftigkeit
-jenes wunderbaren Mannes bestätigt zu finden: ob ich gleich von ihr
-schon überzeugt bin.
-
-Er drückte an die ganz glatte Wand und sie eröffnete sich. Oben in der
-Mauer standen einige Geräthe und Gefäße, die auch eine magische
-Bedeutung haben mochten. Seebach bückte sich und holte einen schweren
-Kasten aus dem Behältniß, der Briefe, Bücher, Maurer-Symbole und
-dergleichen enthielt. Er ließ, indem er in den Verschlag trat, den Sohn
-hinein leuchten. Man sah Nichts, und nur der Vater konnte den
-künstlichen Schieber finden, der zurückgedrängt wieder eine andere
-geräumige Oeffnung entdeckte. Gleich oben lag das vermißte Dokument und
-ein großer Zettel daneben, auf welchem mit großen Buchstaben stand: Das
-Dokument über die zwanzigtausend Thaler findet sich in meinem geheimen
-Wandschrank, unten, im Hause der Vorstadt. -- Es war auch hinzugefügt:
-Sollte ich auf der Reise sterben, so suche man -- und hier war genau für
-den Fremden beschrieben, wo man die Feder und den Schieber entdecken
-könne.
-
-Seht, Freunde, rief der Rath, dieses Blatt wollte ich aus Vorsorge in
-mein Schreibpult legen, um das Dokument ja nicht zu vergessen. Aber die
-eilige Arbeit, die Wichtigkeit der Geschäfte, die nahe Abreise machten,
-daß das Vergessen den Sieg, wie es so oft geschieht, über die Vorsicht
-davon trug. Für meine Familie, im Fall ich von der Reise nicht
-zurückkommen sollte, war noch diese genaue Bezeichnung hinzugefügt.
-
-Er übergab das Dokument seinem Sohne, der es sorgfältig in die
-Brieftasche legte. Hierauf bückte sich der Vater wieder und nahm alle
-übrigen Papiere aus jenem tiefen Raume, die in mehreren verschlossenen
-Mappen und sorgfältig zugeschnürten großen Heften enthalten waren. --
-Was machen Sie da? fragte der Obrist. -- Da das Geheimniß des Schrankes,
-sagte der Rath, jetzt ein öffentliches ist, so will ich alle diese
-Papiere mit mir nehmen, um sie in meinem Stadthause sicher zu verwahren.
--- Er trug sie selbst mit Anstrengung die Treppen hinunter und in den
-Wagen, und wollte sich weder vom Obristen, noch seinem Sohne helfen
-lassen.
-
-Als sie wieder im Wagen saßen, fing der Rath an: Was soll man nun, meine
-Lieben, von dieser ganzen Sache denken? -- Denken? erwiederte der Sohn,
-fürs Erste wohl gar Nichts, denn wir haben noch lange an unserm
-Erstaunen zu genießen. Dann wollen wir uns des Geldes und des gewonnenen
-Prozesses freuen, und Clara vorzüglich mag dem Magus danken, weil ohne
-ihn ihre Aussteuer wäre verkürzt worden. Mit dem Zauberer müssen wir
-auch Freundschaft halten, der unserm Hause geholfen hat. Mit allen
-diesen Dingen können wir uns eine Weile die Zeit so leidlich vertreiben,
-denn es scheint mir gefährlich und bedenklich, zu früh über diese Sache
-denken zu wollen. Haben wir doch genug daran zu thun, sie zu glauben.
-Und ableugnen läßt sie sich nun einmal nicht.
-
-Ich begreife Deinen Leichtsinn nicht, erwiederte der Vater. Kannte
-dieser Sangerheim mich und meine Familie? und wenn dies war, konnte er
-von diesem Papiere wissen? und wenn er davon erfahren hätte, konnte er
-diesen geheimen Schrank entdecken? Setzen wir auch den noch
-wunderbarsten und seltensten Zufall, er habe nach mehr als zwanzig
-Jahren den Tischler gefunden, der ihm diesen Schlupfwinkel verrathen
-hätte: wie viel Unerklärliches bleibt noch zu erklären? Und wie viel
-Unnatürliches, Unmögliches muß man schon gewaltthätig zusammen raffen,
-um nur das Leugnen des Wunderbaren und Unbegreiflichen bis zu dieser
-Spitze zu treiben?
-
-Darum eben, mein lieber Vater, antwortete Anton, ist diese Entfernung
-von allem Grübeln, sich aller Gedanken zu entschlagen, was Sie, um mir
-einen Vorwurf zu machen, Leichtsinn nennen, hier recht an der Stelle.
-Helfen wir uns doch mit nichts Besserm, als diesem Leichtsinn, der aber
-auch edler Natur seyn kann, bei den allerwichtigsten, heiligsten und
-höchsten Dingen, wenn wir uns nicht geradehin der Verzweiflung oder dem
-Wahnsinn ergeben wollen. Wenn unsre Gedanken vor dem Bilde der Ewigkeit
-scheu umkehren, oder an der Gottheit und Allmacht des Schöpfers ermatten
-müssen: -- was können wir anders thun, als uns in diesen Leichtsinn
-retten, der uns so kindlich, so tröstend entgegen kommt? Mag es nicht
-eben so Pflicht und Weisheit seyn, zu Zeiten gewissen Gedanken
-auszuweichen, wie es ein andermal unerläßlich ist, sie aufzusuchen, und
-bis in das Innerste hinein zu ergründen? Nicht jeder Stunde geziemt
-Alles.
-
-Weisheit! sagte der Alte unwillig; wenn die Unerfahrenheit sie lehren
-will! -- Sie waren angelangt und stiegen zum Wohnzimmer hinauf, in
-welchem Clara und die Mutter sie erwarteten. Man sprach, erzählte noch,
-und der Vater sorgte vorzüglich, seine Skripturen in Sicherheit zu
-bringen. -- Der frühe Morgen überraschte sie noch im Gespräch, sie
-legten sich nieder, um noch einige Stunden zu schlafen, aber Keinem von
-Allen ward mehr als ein unruhiger Schlummer zu Theil, der sie nicht
-erquickte.
-
- * * * * *
-
-Diese Begebenheit, obgleich sich Alle vorgenommen hatten, nur zu den
-Vertrautesten von ihr zu sprechen, war bald in der Stadt bekannt, und
-machte großes Aufsehn. Und, wie es zu geschehen pflegt, erzählte man
-sich den seltsamen Vorfall bald mit den wunderlichsten Zusätzen, indem
-Jeder glaubte, am Besten von dem Wunder unterrichtet zu seyn.
-Sangerheim, der dieses gerade hatte vermeiden wollen, war hiedurch sehr
-verstimmt, und wurde es noch mehr, als er erfuhr, daß der regierende
-Fürst selbst sich von seinem Rathe Seebach die denkwürdige Sache hatte
-vortragen lassen. So kam es denn, daß Sangerheim nicht nur zu allen
-Versammlungen und Gesellschaften sehr gesucht wurde, sondern daß auch am
-Hofe Nachfrage nach ihm geschah. Alles dies schien ihm sehr
-gleichgültig, denn er bekannte selbst, nur einen Zweck im Auge zu haben,
-nehmlich die gewöhnliche Freimaurerei verächtlich zu machen und zu
-stürzen, zu welcher sich in dieser Provinz die angesehensten Männer
-bekannten, und die zugleich die größte Achtung genossen. Es gelang ihm
-auch, die Logen zu stören und verdächtig zu machen, und viele der
-eifrigsten Brüder zu sich hinüber zu ziehn.
-
-Indem er mit diesen arbeitete, ihnen den Irrthum deutlich machte, in
-welchem sie bisher gewandelt waren, verschiedene Grade einrichtete und
-geheimnißvolle Weihungen vornahm, mysteriöse Zeichen, Amulete und
-Gehänge austheilte, deren Deutung er sich vorbehielt, saß der geheime
-Rath Seebach in seinem Zimmer und vertiefte sich in jenen Schriften, die
-ihm seine leidenschaftliche, sonderbare Jugend wieder vergegenwärtigten.
-Er hatte mit Recht die zauberhafte Wirkung dieser Papiere gefürchtet,
-denn er verlor sich so in Erinnerungen, daß die Gegenwart fast gar keine
-Gewalt über ihn ausübte. Vieles hatte er ganz vergessen, über Manches
-dachte er jetzt anders, aber doch erschien ihm Alles in einem andern
-Lichte, als er erwartet hatte, denn er fand zu seinem Leidwesen, daß die
-großen Fragen keinesweges so abgeschlossen waren, als er es neuerdings,
-ohne wiederholte Untersuchung, zu seiner Beruhigung angenommen hatte.
-
-Diejenigen, die den alten Logen treu geblieben waren, sprachen über
-Sangerheim sehr erbittert, und behandelten ihn, ohne daß sie es beweisen
-konnten, wie einen Betrüger. Schmaling, so wie der Arzt Huber, die
-gleich seine eifrigsten Anhänger geworden waren, kämpften mit
-aufgeregter Leidenschaft diesen Verleumdern entgegen, und die ganze
-Stadt, die viele Jahre hindurch ruhig gewesen war, nahm heftig Parthei
-für und gegen den Fremden. Dieser und seine Freunde bemühten sich, den
-elenden Zustand der neueren Maurerei und das Unwesen der Logen in das
-grellste Licht zu stellen. Man berechnete, wie viel die Lehrlinge, deren
-keiner abgewiesen wurde, jährlich einbrächten, wie die älteren Brüder
-nur dahin strebten, Vorsteher, Redner und Meister vom Stuhl zu werden,
-um durch diese und andre Würden freien Theil am Schmause zu erhalten.
-Man zeigte, wie verdächtig die Wohlthätigkeit dieser Maurer sei, und
-erzählte und wiederholte ärgerliche Geschichten, die allgemeinen Anstoß
-gaben. Man machte sich lustig darüber, wie sehnsüchtig sie irgend einem
-Geheimniß entgegen sähen, wenn sich nur irgendwo eins wolle auftreiben
-lassen; wie gern man es sich, behutsam verpackt, aus England oder
-Schottland verschreiben möchte, und keine Kosten spare, damit man den
-sehnsüchtigen Forschern doch nur irgend Etwas zu verheißen hätte. Jene
-Logen der strikten Observanz hatten aber auch Manches mitzutheilen, was
-der Wißbegierige und Schadenfrohe gerne anhörte. Man erzählte: dieser
-Sangerheim sei nichts anders als ein Spion, von einer großen Macht des
-südlichen Deutschlands ausgesendet, um in den nördlichen Provinzen
-Zwiespalt auszusäen, und Mißtrauen zwischen Volk und Regierung zu
-erregen. Der verhaßte Name der Jesuiten wurde nicht geschont, um ihn und
-seine Freunde zu bezeichnen und verdächtig zu machen. Man wollte in
-seiner Wohnung eine weiße Frau, oder vielmehr ein entsetzliches Gespenst
-gesehn haben, und der neuerungssüchtige Pöbel fügte hinzu, daß Kobolde
-und Teufel in seiner Wohnung freien Aus- und Eingang hätten. Man scheute
-sich nicht, zu behaupten, er stelle dem Leben des regierenden Herrn und
-seiner Familie nach, und es gab keine so abgeschmackte Lüge, die nicht
-in irgend einem Kreise einen Schwachkopf fand, der sie geglaubt hätte.
-So sehr diese ältern, aufgeklärten Logen den eindringenden Neuling aber
-auch haßten, so sehr beneideten sie seine Kenntnisse und Geheimnisse,
-und wären ihm gern freundlich entgegen gekommen, wenn er ihnen nicht so
-unverhohlen den Krieg angekündigt hätte.
-
-So war die freundliche Stadt, die sich bis dahin einer schönen
-Geselligkeit erfreut hatte, von Zwiespalt zerrissen, der sogar viele
-Familien ergriffen, und die nächsten Freunde und Verwandte einander
-entfremdet hatte. Wie man stritt und verleumdete, bewies und zankte, die
-Meinungen hin und her schob, so merkte von Allem Derjenige, der
-eigentlich die Veranlassung dazu gegeben hatte, der geheime Rath
-Seebach, am wenigsten von dieser Verwirrung, weil er bei Tage wie in der
-Nacht fast immer über jenen Papieren sann und brütete, die er aus seinem
-Schranke gleichsam von Neuem erbeutet hatte. Alle Träume und Wünsche
-seiner Jugend wurden nun lebendig in ihm, er konnte nicht begreifen, wie
-er bis dahin alle diese Gedanken und Erfahrungen als Kindereien so
-unbedingt hatte abweisen können. Er war seitdem gegen seine Familie weit
-zurückhaltender, und ihn gereute selbst das Wenige, was er seinem Sohne
-vertraut hatte. Die Mutter klagte, die Tochter trauerte, und der Obrist
-war verdrüßlich, aber ohne Erfolg. Nur Anton blieb in seiner heitern
-Laune und sagte: Was wollt Ihr? Mein Vater verjüngt sich wieder; ist
-denn das nicht ein Glück, welches wir gern unsern Geliebten gönnen, und
-es ihnen immerdar wünschen? Warum sollen wir denn unsre Erfahrungen auch
-nicht einmal von rückwärts erneuern? Zum Kindischwerden hat es mit
-meinem lieben Alten noch Zeit, aber die Kindlichkeit ist ja fromme
-Tugend und ein Glück der Erde.
-
-Er ging dem verdächtigen Sangerheim aus dem Wege, so oft er diesem
-begegnete. Und dazu fand er oft Gelegenheit, denn so wenig der Magier
-auch zur Familie gehörte, so besuchte er sie doch täglich, und oft kam
-er zweimal am Tage, um den Herrn des Hauses zu sehn, und sich mit diesem
-einzuschließen. Sie arbeiteten dann, lasen, schrieben, und man wollte in
-der Familie sagen, daß sie gemeinschaftlich magische Operationen
-vorgenommen hätten.
-
-Als unmittelbar nach jener Nacht der geheime Rath sich dem Unbekannten
-hatte dankbar erzeigen wollen, sagte dieser: Demüthigen Sie mich nicht,
-verehrter Bruder, durch ein solches Anerbieten. Ich habe, was ich
-brauche, und es wird mir nicht leicht fehlen. Sollten sich irgend einmal
-die Verhältnisse anders gestalten, so werde ich mich mit Vertrauen
-zuerst an Sie wenden, und Sie werden mir dann meine Bitte nicht
-abschlagen.
-
-Als der Rath ihm von Neuem seine Dankbarkeit ausdrückte und zugleich den
-Wunsch aussprach, ihn näher kennen zu lernen, erwiederte der Fremde: Was
-ich von mir weiß, oder Ihnen sagen darf, will ich Ihnen, geliebter
-Bruder, gern mittheilen, denn wir verstehn den Freund um so besser, wenn
-wir seine äußere Geschichte, die Umrisse seines Lebens ebenfalls vor uns
-sehn. So wissen Sie also, daß ich im Jahr 1745 geboren bin, und zwar in
-Paris. Mein Vater war nichts Geringeres, als ein Prinz von königlichem
-Geblüt, aber meine Mutter war eine Bürgerliche, die sich durch schöne
-Worte, Versprechungen, vorzüglich aber durch die einnehmende Gestalt
-meines Vaters hatte täuschen lassen. Ich wurde gut erzogen, und der
-theuerste Lehrmeister für jede Kunst und Wissenschaft mir gehalten. Mein
-Vater hatte große Freude an mir, und verzog und verzärtelte mich. Das
-ist das größte Unglück, das einem Kinde meiner Art widerfahren kann,
-denn in spätern Jahren wird es doch wieder in die Bahn zurückgewiesen,
-in die es nach den Einrichtungen der Welt gehört. An einem sittenlosen
-Hofe war meine Abstammung eines jener öffentlichen Geheimnisse, das alle
-Welt kennt und belacht, und eben so Jeder, wenn es ein ernstes Wort
-gilt, verleugnet. Ich hatte oft das Glück, den König zu sehn, der
-zuweilen so mit mir spielte, als wenn er selbst ein Kind gewesen wäre.
-So lange man als Kind hübsch und artig ist, wird man über die Gebühr von
-Weibern und Mädchen bewundert; treten die Jahre ein, in denen sich der
-Knabe streckt und auswächst, so wird er von verwöhnten Menschen um so
-mehr übersehn, wohl gar verfolgt, und das Beste im Kinde wird verhöhnt,
-wie früherhin das Gleichgültigste vergöttert ward. Auch diese Erfahrung
-mußte ich machen, so wie späterhin die noch schlimmere, daß mein Vater,
-der sich mit einer jungen tugendhaften Dame vermählte, nachdem er einige
-Jahre als Wittwer gelebt hatte, mich aus Engherzigkeit und
-mißverstandener Moral verleugnete. Damals bemächtigte sich eine tödtende
-Bitterkeit meines jungen Herzens. Nachher ging mein Haß in Verachtung
-über, und ich vermied, wie ich nur irgend konnte, den Anblick des
-Prinzen. Ich erhielt eine Stelle beim Regiment, ward Lieutenant,
-Hauptmann, Obrist, und man ersparte mir sogar den Dank für diese
-Wohlthaten und Auszeichnungen.
-
-Die Maurerei war in Frankreich etwas so Gewöhnliches, daß jeder junge
-Mann von Welt und Erziehung zur Brüderschaft gehören mußte. Es war fast
-nicht mehr, als wie man eine Loge im Theater nimmt. Der Krieg brachte
-mich nach Deutschland und ich lernte hier einige ernstere Brüder und ein
-tieferes Forschen kennen. Als aber mein Wissenstrieb erwachte, konnte
-mir Keiner eigentlichen Bescheid geben. Jeder hoffte vom Andern das zu
-erfahren, was er so schmerzlich entbehrte, und was Jeder nur ungern, und
-endlich mit Scham gestand, nicht zu besitzen. Ich ging durch alle Grade,
-durch alle Sekten, hatte viele hochklingende Namen, vielerlei Kreuze und
-Kleidungen erworben und als aufmunternde Amulete erhalten, aber
-eigentlich Nichts erfahren. Das Sonderbarste war, wenn ich mich
-erforschte, daß ich eigentlich selbst nicht wußte, was ich denn nun
-wissen wollte. Jenes leere Ideal, jener nüchterne Cosmopolitismus, den
-Sie uns neulich schilderten, war mir freilich auch von Einigen gepredigt
-worden, aber er konnte meiner brennenden Wißbegier am wenigsten genügen.
-Wenn wir sehn, wie uns durch mechanische Kunst die Thiere gehorchen, wie
-der Wind das Segel schwellt und dem Schiffer dient, wie das Feuer uns
-die Berge und ihre Metalle zu leibeignen Vasallen macht, und eine arme
-Mischung von Kohlenstaub, Salpeter und Schwefel uns Mauern und Thürme
-niederwirft, so meinte ich, der so vorgeschrittne Mensch dürfe auch in
-das Geisterreich seine gebietende Hand hineinstrecken, und auch die
-Kräfte müßten ihm gehorchen, die man nur gemeinhin die unsichtbaren und
-unbekannten nennt, weil Keiner das Auge dreist erhebt.
-
-Aber nirgend fand ich Rath und Hülfe. Auch in England nicht;
-gewissermaßen hier am wenigsten. Ich kam auf die Vermuthung, die sich
-mir späterhin als Wahrheit bestätigt hat, daß alle diese Menschen von
-Klügeren mit Spielwerk und nüchternen Reflexionen, oder Symbolen der
-ehemaligen Tempelherrn nur hingehalten werden, damit sie ja nicht
-erwachen und das wahre Licht erkennen. Nach dem Frieden verließ ich den
-Dienst und Soldatenstand, und nur meine Sehnsucht, so wie die Verehrung
-der Kunst trieb mich nach Italien.
-
-Hier nun war es, vorzüglich in Florenz und Rom, wo mein Leben in eine so
-andre, bis dahin nie geahndete Bahn gerieth, daß ich Ihnen, geliebter
-Bruder, wenigstens für jetzt, von den Erfahrungen, die ich machte, von
-den Erkenntnissen, die mir mitgetheilt wurden, Nichts offenbaren darf.
-Aber die Zeit wird kommen, ich sehe sie schon vor mir dämmern, wo ich
-Ihnen Nichts mehr zu verschweigen brauche. Als ich nach Frankreich
-zurück kam, bemerkte ich, wie Saint Martin und seine Schüler Manches in
-der Ferne gesehn haben, wie Fludd und die deutschen Rosenkreuzer nicht
-zu verwerfen sind, und wie vorzüglich ihr großer Jacob Böhme oft fast
-unmittelbar an das Centrum des heiligen Geheimnisses geräth, von dem
-auch Paracelsus und der tiefsinnige van Helmont schon einen Anblick, wie
-durch einen fliehenden Nebel hatten. Diesen großen Männern fehlte
-Nichts, als Bekanntschaften in Italien, wie sie mir ein günstiger Zufall
-verschaffte, um schon in der Kunst die höchste Stufe zu ersteigen. Ich
-bin auch überzeugt, daß hie und da ein Deutscher, weil diese Nation
-vielleicht das größte Talent zum Tiefsinn besitzt, wohl das Mysterium
-gefunden hat. Es Unwürdigen mittheilen, ist die größte Sünde, und
-deshalb sind Prüfungen verschiedener Art und mancherlei Grade
-nothwendig.
-
-Der Rath Seebach schien im Wesentlichen mit diesen Ansichten
-übereinzustimmen. Er theilte dem neugewonnenen Freunde viele jener
-jugendlichen Schriften, Auszüge und Bemerkungen mit, und Sangerheim
-sagte nach einigen Tagen: es ist, verehrter Bruder, wie ein Wunder, daß
-Sie in Ihrer Jugend schon so sicher auf dem richtigen Wege gingen, sich
-aber doch zu bald durch Schwierigkeiten und einige Blendwerke, die ihnen
-die Meister wohl absichtlich entgegen schickten, zurück schrecken
-ließen. Wer so früh so vorgearbeitet hat, dem muß es im reifen Alter ein
-Leichtes seyn, auch das Allerhöchste zu erringen.
-
-Der Obrist, der sich zurückgesetzt fand, war mürrisch und verdrüßlich,
-und es gelang dem wunderbaren Gaste nur schwer, ihn wieder zu gewinnen.
-Als dies geschehn war, arbeitete der Greis, um auch Vorschritte zu
-machen, um so eifriger. Schmaling, der dem Magier ganz ergeben war,
-fühlte sich in Gegenwart seiner Geliebten nicht mehr so heiter und froh,
-als ehemals, und der Arzt Huber war glücklich, daß er endlich einen
-Bruder gefunden hatte, der Talent und Einsicht genug besaß, sein System,
-dessen Anhänger er schon lange war, dem Geheimenrathe gegenüber so
-geltend zu machen, daß dieser selbst sich dazu schon halb bekannte.
-
-Der weibliche Theil der Familie war in tiefer Trauer, denn Clara's
-scharfes Auge bemerkte sehr gut die Veränderung, die mit ihrem Geliebten
-vorgegangen war. Er sah sie selten, und wenn er in ihre Nähe kam, war er
-tiefsinnig oder zerstreut. Ihn ergötzte kein Spaziergang mehr, kein
-Gespräch konnte ihn aufheitern, so sehr war er seinen seltsamen
-Forschungen hingegeben. Die Gesellschaft Antons vermied er mit
-auffallender Aengstlichkeit, weil dessen Scherz ihn einigemal verwundet
-hatte. Welche reizbaren Geister, sagte dieser zur Schwester, müssen es
-seyn, die durchaus gar keinen Spaß verstehn? Könnte man sich dergleichen
-Unsterbliche wohl zu seinem Umgange wünschen? Ich wenigstens gewiß
-nicht. Aber unser Schmaling muß, ich weiß nicht welchem trübsinnigen
-Elfenkönig, den feierlichen Eid abgelegt haben, niemals wieder zu
-lachen. Und wenn der junge Mann doch nur einsehn wollte, wie schlecht
-ihm diese Feierlichkeit zu Gesichte steht. Er ist, wenn er lacht und
-heiter blickt, zehnmal so liebenswürdig. Fährt er aber so fort, so
-bekommt er Runzeln und Falten, wie ein Rhinozeros. Solche Stirnrunzel
-sieht aus, als wenn ein ganzer Acker fruchtbarer Erde aus dem Kopfe
-genommen wäre. Es sind die wahren Lückenbüßer, die andeuten, wie alle
-Gedanken entflogen sind. Die Stirn hat immer, so wie sie es merkte,
-nachgeschnappt, um festzuhalten; so sind diese Gruben geworden.
-
-Mir ist Dein Scherz zuwider, sagte Clara, denn ich sehe das Glück meines
-Lebens gestört. Dieser unglückliche Besuch hat Alles geändert und der
-aufgereizte Schmaling bedurfte nur einer solchen Veranlassung, um sein
-ganzes Wesen umzuwandeln.
-
-Sei über ihn beruhigt, antwortete der Bruder, ich habe schon dafür
-gesorgt, daß er wieder curirt werden soll. Mir ist ein Mittel
-beigefallen, das ich für untrüglich halte.
-
-Wenn es nur, erwiederte die Schwester, durch diese Cur nicht noch
-schlimmer wird, wie es wohl zuweilen der Fall ist. Wer kann überhaupt
-wissen, was noch aus Arzt und Kranken wird.
-
-Um mich darfst Du unbesorgt seyn, sagte Anton, laut lachend, denn mein
-Wesen ist zu prosaisch, um sich umstimmen zu lassen.
-
-Wir erleben, antwortete die Schwester, so Manches, was wir nicht
-erwarteten. Bist Du Deiner so gewiß?
-
- * * * * *
-
-Die Gegenwart Sangerheims hatte in allen Gemüthern Empfindungen,
-Ansichten und Neugier aufgeweckt, alte Erzählungen wieder neu in Umlauf
-gebracht, die man schon vergessen hatte, und es war kein Haus, in
-welchem nicht Meinungen behauptet und bestritten wurden. Die Maurer der
-vorigen Tage waren in das größte Gedränge gekommen und viele, und zum
-Theil die angesehensten, hatten den Fremden für ihren Meister anerkannt.
-Als der Gelehrte sah, mit welchem Eifer man für und wider kämpfte,
-vorzüglich aber als er bemerkte, wie die Familie seines alten Freundes
-in Verwirrung gerathe, nahm er sich vor, Etwas zu thun, um die vorige
-Ruhe und Behaglichkeit wieder her zu stellen. Man hatte ihm erzählt, wie
-sehr der Rath sich an den verdächtigen Fremden schließe, und wie dies
-nicht allein Frau und Tochter betrübe, sondern ihm vom Minister und dem
-Fürsten selber nicht gut ausgelegt werde. Ferner sagte eines Tages zu
-Anton: dieser Trieb in uns, ohne welchen wir kein Interesse an
-Wissenschaft und Geschichte nehmen könnten, muß sorgsam bewacht und
-gehütet werden, wenn er den Geist nicht in Gegenden verlocken soll, in
-denen aller ächte Trieb zum Wissen erlischt. Alle Kräfte in uns sollen
-im Gleichgewichte stehn und nur dann ist der Mensch gebildet und
-verständig; darum kann ihn, wie es so oft geschieht, ein überwiegendes
-Talent unglücklich machen. Die Lust am Geheimniß und Wunder darf auch
-nur verstärkt werden, wenn Witz und Scharfsinn, Vernunft und Verstand
-ebenfalls sich beleben. Diese Harmonie des Menschen fällt aber nicht ins
-Auge, und darum dünkt sie auch oft den Aufgeregten etwas Geringes und
-selbst Verächtliches.
-
-Anton hatte dem Professor einen Plan mitgetheilt, um Schmaling, der sich
-am unbedingtesten der Schwärmerei ergab, auf gelinde Weise durch
-Beschämung wieder zur Vernunft zurück zu führen. Er hatte die
-Bekanntschaft eines Mannes gemacht, und ihn auch in das Haus seines
-Freundes, des Professors, geführt, der sich in kurzer Zeit das ganze
-Vertrauen des Jünglings erworben hatte. Es schien in der That, als wenn
-dieser Freund, der sich Anderson nannte, Jeden gewinnen müsse, dem er
-sich nähere; so konnte er durch Scherz und Ernst, Witz und Tiefsinn,
-Laune und Munterkeit in das Wesen der verschiedensten Charaktere
-eingehn, indem er bald in jedem Menschen eine Seite auffand, für die er
-sich interessirte, und so im geistreichen Gespräch den Mitsprechenden
-klüger und einsichtsvoller machte, als dieser sich sonst erschienen war.
-Wer dieses Talent besitzt, gewinnt die Menschen am sichersten. In den
-meisten ist irgend eine Gegend des Geistes fruchtbar, und bringt
-eigenthümliche Gewächse hervor. Die Natur hatte wohl die Absicht, daß
-von hieraus die Originalität des Wesens hervorgehn, und das Individuelle
-desselben sich geistreich ausbilden sollte. Aber unsre Erziehung,
-einförmige und conventionelle Cultur, Geschäfte und Vielwisserei
-ersticken bei den Meisten schon früh diesen Keim. Die meisten Gespräche
-werden nur geführt, damit Jeder sich selbst hört, und den Andern so
-wenig äußerlich wie innerlich zu Worte kommen läßt. Geräth aber ein
-Menschenkünstler, ein ächter Virtuos, über diese verwahrlosten
-Instrumente, so weiß er auch den baufälligsten wundersame Töne zu
-entlocken.
-
-So war Jedermann in der Gesellschaft dieses Anderson klüger und
-witziger, als für sich selbst, oder im Umgang mit Andern. Er war daher
-in allen Gesellschaften gern gesehn, die er auch nicht vermied und
-allenthalben Unterhaltung fand. Sein Aeußeres war eben nicht sehr
-empfehlend, er war klein und stark, von breiten Schultern, und sein Kopf
-stand zwischen diesen etwas eingepreßt auf einem dicken Halse.
-
-Durch Sangerheim waren alle früheren Nachrichten von dem großen
-Wunderthäter, dem Grafen Feliciano, neu belebt worden. Briefe
-bestätigten von Neuem seine unbegreiflichen und schnellen Heilungen der
-schwierigsten und tödtlichsten Krankheiten, die die größten Aerzte schon
-verzweifelnd aufgegeben hatten. Man erzählte sich, wie er in einer
-großen Stadt des Auslandes in einem Palaste ganz wie ein Fürst lebe, von
-glänzender Dienerschaft umringt. Kein Armer verlasse seine Schwelle, der
-nicht reichlich beschenkt würde. Geld achte er wie Spreu, er bedürfe der
-Gnade keines Königs, denn er habe jüngst einem Staate eine ungeheure
-Summe geschenkt, um den Fürsten aus einer Verlegenheit zu ziehn. Daß das
-Auflegen seiner Hand tödtliche Wunden schließe und die hartnäckigsten
-Krämpfe löse, war nur etwas Unbedeutendes: denn Todte sollte er schon
-geweckt haben, Abwesende aus fernen Ländern zitiren können, so daß sie
-den Freunden oder der Familie in sichtbarer Bildung erschienen, so wie
-er seinem eignen Geiste zuweilen gestatte, aus dem Körper zu wandern, um
-plötzlich in Asien oder Amerika einem Freunde, der ihn magisch gerufen
-habe, beizustehn. Daß alle Geister ihm zu Gebote ständen, die guten wie
-die bösen, bezweifelte Keiner, der mit Vertrauen und Glauben von ihm
-sprach. -- Schmaling, der wenig in Gesellschaft kam, sondern ganz seinen
-sonderbaren Studien und seinem Meister lebte, war dem merkwürdigen
-Anderson niemals begegnet, und darum hatte diesem heitern und gefälligen
-Manne der übermüthige Anton den sonderbaren Vorschlag gemacht, daß er
-die Rolle des berühmten Feliciano spielen solle, um so Schmaling zu
-täuschen, und ihn so, indem er einsähe, wie leicht er hintergangen
-werden könne, in seiner Verehrung Sangerheims irre zu machen. Der muntre
-Anderson war auf diesen Plan eingegangen, und um so lieber, weil er oft
-tadelnd von diesem Sangerheim und dessen Arbeiten sprach. Im Hause des
-Professor Ferner wollte man eine geheimnißvolle Zusammenkunft
-veranstalten, von der aber der Magus Sangerheim nichts erfahren dürfe.
-
-Ferner war lange diesem Projekt entgegen gewesen. Er sagte auch jetzt:
-ich bin kein Freund von dergleichen Mystificationen. Sie sind nach
-meinem Gefühl ganz und gar dem Wesen und dem Anstand einer gebildeten
-Gesellschaft entgegen. Der Hintergangene hat Ursach, es nachzutragen,
-und es ist ihm nicht zu verargen, wenn er niemals wieder Vertrauen faßt.
-Indessen mag eine gute Absicht diesmal die Sache entschuldigen; nur
-fürchte ich, daß Sie sich mit unserm Schmaling völlig verrechnet haben.
-
-Der Versuch wird immer das Uebel nicht ärger machen, antwortete Anton:
-auch ist es gerade in der Hinsicht ein glücklicher Zeitpunkt, weil die
-Freunde Feliciano's melden, er habe jene Stadt wieder verlassen, um von
-Neuem eine Reise nach Aegypten zu machen, und aus den Pyramiden viele
-Mysterien hervor zu suchen.
-
-Man traf noch eine nähere Abrede, und Anton ging, um jenen Anderson, zu
-welchem er eine große Zärtlichkeit gefaßt hatte, wieder aufzusuchen.
-
-Der Rath Seebach stand oft in seinem Zimmer, vor seinen Papieren, die
-vor ihm ausgebreitet lagen, und dachte seinem Leben und den wechselnden
-Empfindungen nach, die ihn in den verschiedenen Perioden seiner Bildung
-bestürmt hatten. Wohin geht dieser Lauf? sagte er eines Morgens zu sich
-selbst; dasjenige, was ich als einen festen Besitz errungen zu haben
-glaubte, droht mir wieder wie Wasser zwischen den Fingern zu entrinnen.
-Bleibt es doch wahr, daß in jener Nüchternheit, die ich vormals rühmte,
-die sichre Grundlage des Lebens ruht. Meine Jugend, und alle jene
-wilden, ungezügelten Bestrebungen überströmen wieder alle Dämme und
-Ufer, schon beginnt mir der Anblick dessen, was ich so lange als das
-Schöne und Edle erkannte, Langeweile, Widerwillen und Ekel zu erregen,
-denn zu unbedeutend, unbestimmt und mittelmäßig dehnt es sich vor mir
-aus. Hingehalten durch Hoffnungen, eingewiegt mit Versprechungen,
-aufgeregt durch Winke, und betäubt durch Erscheinungen, die ich sehe,
-aber nicht begreife, die mich erschrecken, und an die ich doch nicht
-glauben kann, wird mein Dasein zum Traum. Welch sonderbares Band zieht
-mich zu diesem fremden Mann, und verknüpft mich ihm: ihm, dem ich mein
-ganzes Vertrauen schenken möchte, und der in diesen Momenten der
-Hingebung mich am meisten zurück stößt? Ich sehe, daß er geheime
-Kenntnisse besitzt, die er mir mitzutheilen verspricht, und mir dennoch
-vorenthält. Heut ist er ganz Offenheit, morgen lauter zurück haltende
-Förmlichkeit. In seiner Gegenwart fühle ich das Gelüste, gerade das zu
-glauben, was meinem Verstande am widersinnigsten erscheint, und wieder
-überschleicht mich eine Empfindung, daß ich im selben Augenblick ihn und
-mich verlachen möchte.
-
-Sangerheim traf und störte ihn in diesen Betrachtungen. Sie übersehn,
-Theurer, sagte er beim Eintreten, indem er die Thür verschloß, wieder
-Ihre Studien und Erfahrungen. Es ist sonderbar, wie wir Menschen schon
-so oft in der Jugend das höhere Wort vernehmen, den Ton desselben
-fassen, und uns späterhin Aussprache und Bedeutung wieder entfliehen
-können. Doch kehren wir in reifen Jahren mit tieferem Sinn, mit
-stärkerer Innigkeit zu denselben Wahrheiten zurück, wie es Ihnen
-geschieht; unbewußt hat die Seele die Geheimnisse ausgearbeitet, und die
-Glaubensfähigkeit steht gewappnet an derselben Stelle, wo noch gestern
-Zweifel und Unglaube nackt und wehrlos zitterten.
-
-Gestern, sagte der Rath, haben wir gerechnet und Figuren gezeichnet, die
-sonderbare Erscheinung, die Sie mir vorführten, überraschte mich;
-nachdem vernahm ich, indem Sie neben mir saßen, jene Stimme aus dem
-Zimmer dort, die mir die geheimnißvollen Worte zurief -- Alles dieses,
-Lieber, sehe und erlebe ich; aber ich kann es mir nicht aneignen, es hat
-keine Bedeutung für mich, es fährt Alles wie leere Phantome, nur
-erschreckend, mir vorüber. Ich habe genug erfahren, um irre zu werden,
-aber dieses Räthsel meines Innern, welches sich immer mehr verschlingt,
-ringt mit allen Kräften meines Herzens zur Lösung hin. Weder in diesen
-wechselnden Schauern von Licht und Schatten, noch in stiller Resignation
-kann ich meine Befriedigung finden, und ich fange an, meine Zweifel
-wieder als die bessere Weisheit aufzusuchen.
-
-Und doch waren wir übereingekommen, sagte Sangerheim mit feierlichem
-Ton, Sie hatten mit mir die Nothwendigkeit eingesehn, daß es Prüfungen,
-Grade geben müsse, daß die Geduld die unerläßlichste Tugend sei, um dem
-Geheimniß näher zu kommen.
-
-Nur eine einzige Frage, und die beantworten Sie mir auf Ihr Gewissen,
-sagte der geheime Rath eben so feierlich: Können Sie mir bei Gott und
-allem Heiligen, das Sie glauben, schwören, daß Sie mir irgend einmal,
-wenn auch später, die Lösung mittheilen wollen, und daß Sie selbst von
-Ihrem Beruf überzeugt sind?
-
-Ja! rief der Fremde, und erhob die Hand. -- Gut denn, sagte der Rath,
-empfangen Sie dann diese Brieftasche, und in ihr, was Sie wünschten, ich
-will, ich muß Ihnen vertrauen.
-
-Auch ich, sagte Sangerheim, will mich Ihnen verpfänden, mit dem
-Theuersten, was ich besitze, mit Allem, was ich Ihnen nur geben kann. Er
-zog ein Paket hervor, mit seltsamen Zeichen versiegelt und fest in
-einander geschnürt. Legen Sie, sagte er, hier auch Ihr Siegel an. In
-diesem kleinen Raum ist Alles, was ich weiß, enthalten; mein ganzes
-Dasein, Alles, was Sie erfahren wollen, umschließt diese Sammlung. Löse
-ich sie zu der festgesetzten Zeit nicht aus, sterbe ich vor diesem
-Zeitpunkt, so fällt Ihnen diese Erbschaft zu und Sie mögen damit
-schalten nach Ihrer Willkühr.
-
-Der Rath nahm das Paket in die Hand, schlug es ein, überschrieb es mit
-einer Nachricht, daß dies das Eigenthum Sangerheims sei, versiegelte es
-und legte es in seinen Schrank. Sich besinnend nahm er es wieder und
-sagte: doch kommen meine Kinder zuweilen hieher, in jenem Pult ist eine
-geheime Schieblade. Er trug es hin und indem er es einzwängte, geschah
-ein Knall, und die Masse selbst erzitterte. Sehn Sie, sagte Sangerheim,
-Sie sind ohne Noth besorgt, es bewacht sich selbst.
-
-Der Rath hatte sich entfärbt. Sangerheim sah ihn fest an und schien sich
-an der Verlegenheit des alten Mannes zu weiden, die dieser nicht
-verbergen konnte, so sehr er sich auch bemühte. Er sammelte seine
-zerstreuten Skripturen wieder, warf sie in den Schrank und sagte dann:
-also, Geduld, und bis dahin habe ich mich Ihnen unbedingt ergeben. Es
-ist wunderbar genug, wir entziehn uns gewissermaßen der Kirche und der
-Religion des Staates, wir nennen es unsre Weisheit, anders und weniger
-zu glauben, als der gemeine Mann, -- und geben uns im Entfernen vom
-Hergebrachten und Autorisirten andern viel unglaublichern Dingen hin,
-und sind zufrieden, nur zu sehn und zu ahnden, ohne daß uns die Lösung
-gegeben wird, die wir doch in der Religion suchten und forderten.
-
-Richtig bemerkt, erwiederte Sangerheim; ist denn aber dieser Widerspruch
-nicht vielleicht eine Vorbereitung zu einer ächtern Religiosität, zu
-einem wahren Glauben? Immerdar, wenn wir uns widersprechen, ist es nur
-Schein, wir suchen die Bindung, den unsichtbaren Mittelpunkt, der den
-Widerstreit aufhebt.
-
-Das ist aber gegen die Abrede, erwiederte der Rath, daß ich wieder durch
-Gedanken und ihren wechselnden Kampf das Richtige und Wahre finden
-sollte, ich sollte es ja unmittelbar schauen, und es als einen wahren
-Besitz von dannen tragen.
-
-Wenn Sie denn, fing Sangerheim zögernd an, sich nicht fügen können und
-wollen, so gäbe es in Ihrem frommen und erweckten Sinn allerdings ein
-Mittel, das rasch die Hemmung wegnehmen, und Sie ohne Umwege zum Ziele
-führen könnte.
-
-Und dieses Mittel? fragte der Rath eifrig.
-
-Auch ohne dieses können Sie zu einem glänzenden Ziele gelangen,
-antwortete Jener, aber langsamer, und niemals erreichten Sie die Würde,
-so viel Sie auch schauen werden, eines höchsten Obern.
-
-Und dieses Mittel, fragte der Rath wieder, könnte mir diese Würde und
-die schnellere Einsicht in alle Geheimnisse verschaffen?
-
-Ohne Zweifel. -- Sehnen Sie sich heftig?
-
-Unbeschreiblich! fing der Rath wieder an, und, da Sie so weit gegangen
-sind, so nennen Sie es auch, sonst sind Sie nicht mein Freund.
-
-Was Sie immerdar hemmen wird, antwortete Sangerheim mit einer Thräne im
-Auge, ist, daß Sie nicht ein Mitglied meiner Kirche sind. --
-
-Der Rath trat einen Schritt zurück und suchte noch mehr wie vorher die
-Bewegung seines Innern zu verbergen. Sangerheim sah ihn mit einem festen
-prüfenden Blicke an, als wenn er seine Augen durchbohren wollte, aber
-der Rath erwiederte diesen festen Blick, und nach einigen Augenblicken
-entfernte sich der Fremde.
-
-Tief erschüttert ging der Alte im Saale auf und ab. -- Das ist es also?
-sagte er endlich zu sich selber; also dorthin liegt das eigentliche und
-wahre Geheimniß? -- Habe ich doch den Einreden so mancher vernünftigen
-und kaltblütigen Freunde nicht glauben wollen. Ich hielt es nur für
-Fabel, weil es einem Mährchen so ähnlich sieht; und ist also nun doch
-Wahrheit. -- Sie bemächtigen sich einer Einrichtung, die im Beginn gut
-und edel war, die sich dann selbst vergaß, und in deren unbedeutenden
-Nüchternheit nun leicht die Sehnsucht zu Wundern und Seltsamkeiten Raum
-finden kann. -- Wie verbreitet die Logen sind, so mögen sich diese, oder
-ähnliche Schwindler leicht jetzt oder in Zukunft der Menge bemeistern,
-um ihre Pläne, die sich noch nicht an das Licht wagen, durchzusetzen. --
-Diese Emissäre gehören also einer Propaganda an, und es läßt sich nun
-wohl begreifen, wer und was diese geheimen Obern sind, -- Alles, was man
-von diesem Nachbarstaate erzählt, wo man auf verschiedene Art den
-Erbprinzen bearbeitet, hier und anderswo die Störung der Logen, das
-Eindringen und Vorschieben alter Meinungen. -- Die Herren haben also
-doch ihre Herrschsucht und die alten Plane noch nicht aufgegeben! -- Ja,
-ich bin durch dieses einzige Wort zum Licht hindurch gedrungen, aber
-sehr gegen deinen Willen, mein guter Magus. -- Seine Kunststücke
-begreife ich freilich nicht; aber was gehen sie mich denn eigentlich an?
-Vor meinem guten verständigen Sohne muß ich mich jetzt schämen, der doch
-in seiner Art, wie er jenes Wunder betrachtete, sehr Recht hatte. -- Zu
-schnell, zu plötzlich mag ich aber freilich auch nicht zurücktreten; ich
-will ihn noch beobachten: ich kann es jetzt wie ein Spiel treiben und
-genießen. --
-
-Mit Beschämung dachte er nun der Summen, die er dem Magier ausgeliefert,
-noch der letzten großen, die er ihm heut gegeben hatte. Sangerheim hatte
-zwar Anfangs jeden Dank und Lohn ausgeschlagen, aber bald hatte er bei
-dem großmüthigen Freunde Hülfe gesucht, der nun um so lieber und
-reichlicher mittheilte, da der Wunderthäter sich erst uneigennützig
-gezeigt hatte. Zu den Beschwörungen und zum Geister-Apparat, so wie zu
-Einrichtung der Oefen und Herbeischaffung alles Geräthes, um den Stein
-der Weisen hervorzubringen, war wieder ein Kapital nöthig gewesen.
-Nachher zu geheimen Plänen, die Sangerheim noch nicht nennen durfte, auf
-Geheiß jener unbekannten Obern, war wieder eine bedeutende Summe in
-Anspruch genommen worden. Für die letzteren großen Auslagen hatte der
-Magier seinem gläubigen Schüler eben jene versiegelten und zauberhaft
-verschlossenen Schriften verpfändet, die er bald wieder, durch
-Erstattung jener Summe, auszulösen versprach.
-
-Sangerheim machte einen großen Aufwand und lebte in der Stadt ganz als
-ein vornehmer Mann. Der feinen und neugierigen Welt war es ein
-Geheimniß, daß sie nicht ergründen konnte, wovon er seine Ausgaben
-bestritt. Der geheime Rath Seebach hätte darüber Bescheid ertheilen
-können, denn beschämt gestand er es sich nicht gern, daß ein großer
-Theil jener so wunderbar geretteten Summe schon wieder geschwunden sei,
-wenn der Zauberer nicht seine Schuld bezahle, woran der Gläubiger zu
-zweifeln anfing. -- Mit Schmerz dachte er an den jungen Schmaling,
-seinen künftigen Schwiegersohn, so wie an seinen Hausfreund, den Arzt,
-denn er wußte, daß Beide eifrig mit Sangerheim laborirten.
-
-Die Familie war erfreut, als der Vater nach langer Zeit wieder bei
-Tische heiter war. Clara besonders wollte daraus für ihr Schicksal etwas
-Glückliches lesen. Als sie mit dem Bruder über die Veränderung des
-Vaters sprach, sagte Anton: Dergleichen Verblendung, liebes Kind, kann
-niemals lange dauern. Hätte ich nicht andre Sorgen, so wollte ich mich
-anheischig machen, diesen Kummer mit etwas Geduld zu überwinden, oder
-mit Verstand und Zeit die Getäuschten zu heilen. Heut Abend wird nun
-unser Schmaling gründlich in die Lehre genommen werden, und ich möchte
-Vieles verwetten, daß ich ihn Dir schon morgen als einen andern Menschen
-vorführen kann. --
-
-Sangerheim war, jenes Wortes wegen, das er hatte fallen lassen, mit sich
-selber sehr unzufrieden. Er hatte bemerkt, wie der Rath dadurch war
-überrascht worden. -- Mag seyn, sprach er zu sich, daß es unbesonnen und
-zu früh ausgesprochen wurde, ich kann mit mir und dem Erfolg zufrieden
-seyn. Sie müssen meine Bemühungen erkennen, jene großen, jene mächtigen
-Männer. Und welches Glück, ihnen beigezählt zu werden! Welche Aussicht,
-daß Natur, Geisterreich und Welt mir dient, daß vor mir jedes Geheimniß
-die entstellende Hülle abwirft. -- Und bin ich denn noch so weit von
-diesem glänzenden Ziele entfernt? Habe ich denn nicht die Zusage der
-Edelsten, daß mir bald, in weniger Frist Alles soll gewährt seyn? Wie
-sie mich durch Wissen, Kunst und Gold unterstützen, so werden sie mir
-auch die herrlichsten Güter nicht lange mehr verweigern.
-
-So träumte Sangerheim, und verlor sich in sonderbare und weitaussehende
-Plane.
-
- * * * * *
-
-Der Professor Ferner hatte dem jungen Schmaling unter dem Siegel der
-Verschwiegenheit vertraut, daß, wenn er es wünsche, er am Abend den
-weltberühmten Grafen Feliciano in seinem Hause sehn könne, welcher
-incognito angekommen sei, um schnell weiter zu reisen. Er machte es ihm
-aber zur Pflicht, seiner Schwester, wie seinen Eltern Nichts davon zu
-sagen, weil sie Beide sonst sich den Zorn des Grafen zuziehen würden.
-Schmaling war über diese Nachricht entzückt, und versprach, nicht
-auszubleiben, indem er zugleich versichern mußte, daß sein Herr und
-Meister, Sangerheim, auch Nichts davon erfahren solle.
-
-Anton stellte sich früher bei Ferner ein, um mit Anderson einige
-Vorkehrungen zu treffen. Wenn es Effekt machen soll, sagte der heitre
-Anderson, so muß ich Euer Haus und die Einrichtung desselben etwas
-genauer kennen lernen. Aber sagt mir doch, von welcher Art ist denn
-jener Kunstjünger selbst, den wir heut unserm Genius und dessen Launen
-aufopfern wollen?
-
-Anton nahm das Wort und sagte: Der junge Mann wird jetzt acht und
-zwanzig Jahre alt seyn und kann im Bau des Körpers, im Angesicht, Blick
-und Wesen fast für einen vollkommen schönen Jüngling gelten. Sein Wesen
-ist sanft und einschmeichelnd, sein Charakter ist weich und nachgiebig,
-und so fügte es sich, daß er meiner Schwester, die er schon seit lange
-verehrt hatte, gefiel. Er hat außerdem Viel gelernt, ist ein tüchtiger
-Geschäftsmann, und von seinen Vorgesetzten so geachtet, daß sie ihn, so
-jung er auch ist, schon zum Rath ernannt haben. Meine Schwester würde
-einer glücklichen Ehe entgegen sehn, wenn diese Geheimnißkrämerei, diese
-Sucht, sich die Weisheit der Rosenkreuzer und andrer Schwärmer
-anzueignen, nicht das schöne Verhältniß jetzt für eine Zeitlang völlig
-zerstört hätte. Ihr kennt ja, theurer Mann, die Begebenheit, die sich in
-unserm Hause zugetragen hat. Seitdem ist er diesem Sangerheim, aus dem
-wir Alle nicht klug werden können, wie mit Leib und Seele verschrieben.
-Könnt Ihr nun, indem Ihr den Leichtgläubigen in einer Maske täuscht, ihn
-dahin bringen, daß er von seiner Wundersucht nachläßt, so sind wir Euch
-den größten Dank schuldig.
-
-Wir werden ja sehn, was wir ausrichten können, erwiederte Anderson. Er
-ging, um sich die Zimmer zu betrachten, indessen Ferner bemerkte: Wie
-seltsam ist es doch, daß wir uns zu einer solchen Maskerade vorsätzlich
-einrichten, indessen jener Sangerheim, der so Viele täuscht, doch auch
-kein wirklicher Charakter, sondern nur ein angenommener seyn kann. Man
-kann aber die Bemerkung machen, daß man auf jeder Redoute, sobald man
-die erste Betäubung überstanden hat, an alle die seltsamen Masken, die
-man sieht, glaubt, sich diese Wesen in ihren seltsamen Bedeutungen
-vergegenwärtigt, und selbst den vertrautesten Freund, wenn er sich nicht
-ganz hölzern beträgt, sich nicht in seinem wahren Charakter deutlich
-vorstellen kann. Diese sonderbare Eigenschaft unsrer Seele, die so gern
-freiwillig der Täuschung entgegen geht, erklärt es einigermaßen, warum
-die Betrüger in der wirklichen Welt in der Regel so leichtes Spiel
-haben.
-
-Anderson trat wieder zu ihnen und sagte: Um meiner Sache gewisser zu
-werden, fange ich nun schon an, den Feliciano zu spielen, den Grafen,
-den Menschenfreund, den Heilkünstler und Geisterseher. Mein Bedienter
-ist auch draußen, und wird mit bei Tische aufwarten, um der Gesellschaft
-mehr Ansehn zu geben.
-
-Schmaling trat schon, früher als man vermuthet hatte, vor Freude
-zitternd herein. Man begrüßte sich und der nachgeahmte Feliciano
-behandelte ihn, so wie den Professor und Anton kalt, und mit ruhigem,
-herablassendem Stolz. Man sprach nur wenig und setzte sich bald an den
-Tisch zu einem leckern Abendessen nieder. Die feinen Weine waren nicht
-gespart.
-
-Es wollte lange kein lebhaftes Gespräch in den Gang kommen, denn
-Schmaling war zu sehr von Ehrfurcht durchdrungen, und der Professor so
-wie Anton wußten nicht recht, wie sie sich nehmen sollten, um nicht zu
-Viel zu thun, und Anderson selbst schien es darauf angelegt zu haben,
-diese beiden Freunde etwas zu quälen, denn es war nicht zu verkennen,
-daß ihre Verlegenheit ihn unterhielt. Endlich, um diese drückende
-Schwüle aufzulösen, fing er an, von seinen Reisen zu erzählen, und der
-Professor erstaunte, mit welcher Sicherheit er alle Gegenden
-bezeichnete, wie richtig er über Werke der Malerei und Baukunst
-urtheilte. Als Feliciano nun von Aegypten sprach, von den Wüsten
-Arabiens, von Palästina, Syrien und Persien, und alle Gegenstände mit
-der ruhigen Kunde eines Augenzeugen beschrieb, dachte Ferner leise
-erröthend an seine vorige Bemerkung, denn er hatte wirklich während der
-Rede vergessen, daß dieser Feliciano eigentlich Anderson sei.
-
-Jetzt war auch der glückliche Schmaling dreister geworden, und er wagte
-es, auf den Gegenstand seiner Forschungen und Wißbegier einzulenken. Er
-war sehr freudig überrascht, daß der Wunderthäter auch hierüber frei und
-offen sprach, daß er jene seltsamen Kuren nicht leugnete, und selbst
-andeutete, wie der Stein der Weisen kein Mährchen sei, wie ihn Viele
-schon besessen hätten, und Mancher lebe, der Kenntniß von ihm habe.
-
-So halten Sie, fragte Schmaling wieder schüchtern, die wunderbare
-Erzählung vom Flamel für keine Fabel?
-
-Wie sollte ich es, antwortete Feliciano, da ich den guten Mann selbst
-noch hundert Jahre früher, als Paul Lucas Kunde von ihm bekam, in Indien
-gesprochen habe?
-
-Anton fuhr zurück, denn diese Aeußerung schien ihm zu stark und den
-Fremden bloß zu geben, doch Schmaling war von seinem Glück schon so
-berauscht, daß dieser gewagte Ausspruch seinen Taumel nur vermehrte.
-
-Es ist sonderbar, fuhr Feliciano fort, wenigstens erscheint es uns
-Kundigen so, deren Leben nicht wie Spreu verweht, wenn die Menschen
-Dinge wunderbar, seltsam und unbegreiflich nennen, die eigentlich die
-einfachsten und natürlichsten sind. Ist denn der Mensch ursprünglich
-dazu geschaffen, um den Thau aus der Blume, wie der Schmetterling, zu
-saugen, und wie dieser Augenblicks wieder zu vergehn? Sagt nicht die
-Schrift das Gegentheil? Wenn nun Weisheit und Kenntniß der Patriarchen
-und andrer Heiligen, sorgsam aufbewahrt von Geschlecht zu Geschlecht,
-dem Auserwählten, der sich dessen würdig macht, mitgetheilt wird, -- wo
-ist das Unbegreifliche, oder nur Seltsame? Die Erzväter lebten
-Jahrhunderte, und wer ihrer nicht unwürdig ist, mag auch noch jetzt
-ihnen darin ähnlich werden. Wir haben vielleicht noch den Vorzug vor
-ihnen, daß wir Wissenschaft und Kunst späterer Zeit mit jenen uralten
-der früheren Tage, die für die meisten Menschen schon längst verloren
-gegangen sind, vereinigen können.
-
-Anton winkte dem Gelehrten, als freue er sich, daß Anderson so geschickt
-seine vorige Uebertreibung verbessert habe. Feliciano fuhr fort: Und so
-mag ich Ihnen sagen, und Sie werden sich hoffentlich nicht mehr darüber
-verwundern, daß ich noch frühere Personen gesehn und gekannt habe. Es
-war mir vergönnt, ein Freund des großen und heiligen Dante zu seyn.
-Viele Verwirrungen der Welt, viele große Entwicklungen der Geschichte
-habe ich gesehn, und immer wieder, wenn mein Gemüth durch dieses
-weltliche Treiben zu sehr gestört wurde, zog ich mich in die Wüsten
-Aegyptens oder Arabiens zurück, oder begab mich in meine
-Lieblingslandschaften an dem Ganges, wo ich denn wieder mit Flamel und
-manchem andern Adepten lebte. Ich habe bemerkt, daß seit drei
-Jahrhunderten die Kunst sehr gesunken ist, denn so lange wird es jetzt
-seyn, daß ich keinen neuen Ankömmling in unserm Kreise gesehn habe.
-
-Schmaling sagte verlegen: und möglich wäre es, sich diesen hohen
-Sterblichen, die man fast Unsterbliche nennen möchte, anzuschließen? Ist
-es zu hoffen, daß diese großen Geister den Schüler, der ihnen gegenüber
-immerdar unwürdig erscheinen muß, nicht zurückweisen werden?
-
-Alles hängt davon ab, antwortete Feliciano, welche Bahn dieser Lehrling
-wandelt, ob er sich zu der rechten gesellt, und ob seine Lehrer ihn
-nicht vielleicht der Weihe unfähig machen.
-
-Und woran soll man das Wahre oder Falsche erkennen? fragte Schmaling.
-
-Auf vielfache Weise, erwiederte der Magus: ich dürfte nur geradezu
-sagen, ich selbst kann Euch aus meinem Munde den besten und sichersten
-Bescheid ertheilen. Indessen -- ist ein Kind hier im Hause? fragte er,
-gegen den Professor gewendet.
-
-Ich habe zwei Knaben, antwortete dieser in der höchsten Verlegenheit,
-denn dies war gegen die Abrede, und Ferner begriff nicht, wohin dies
-führen sollte.
-
-Wie alt? fragte Feliciano.
-
-Der Eine zwölf, der Jüngere neun Jahr.
-
-So laßt mir den Jüngeren kommen, Freund, war die Antwort, und daß uns
-dann die Dienerschaft nicht störe.
-
-Ferner ging, verwirrt und in sich selber ungewiß. Er kam mit dem
-heitern, blondlockigen Knaben zurück, der hell und klar aus seinen
-großen freundlichen Augen schaute.
-
-Der Zauberer ließ das Kind zu sich kommen, beschaute es ernst, hieß die
-Hände zeigen, betastete den Kopf des Kindes, und indem er mit
-feierlichem Anstande die rechte Hand auf dem Haupte des Knaben ruhen
-ließ, fragte er ihn: Wie ist Dir jetzt? Empfindest Du Etwas?
-
-Ach! rief das Kind: mir wird so wohl, so hell, mir ist, als könnt' ich
-singen, so leicht als möcht' ich fliegen, das Auge so licht, als könnt'
-ich durch die Wände sehn.
-
-Bleibe so stehn, mein Sohn, sagte Feliciano sehr ernst, und, da nichts
-Anders zugegen ist, das uns dienen könnte, so hefte Deine Augen auf den
-klaren Kristall dieser Wasserflasche, und sage mir, was Du siehst.
-
-Anton wie Ferner waren im höchsten Erstaunen, was sich aus dieser
-Anstalt, von der sie nicht die kleinste Ahndung gehabt hatten, ergeben
-solle. Schmaling war in Bewunderung aufgelöst. Die größte Stille
-herrschte.
-
-Ich sehe, fing das Kind an, einen jungen Herrn, einen schönen jungen
-Herrn, hübsch in Kleidern, schlank gewachsen: mir ist, ich kenne den
-Herrn. Ich glaube, es ist der Mann hier in der Stube. Er steht aber in
-einem fremden Zimmer: ganz fremd. Da kommt ein andrer Herr: auch der ist
-noch nicht alt; etwas größer. Sie sprechen. Dreiecke, Vierecke sind
-aufgestellt: Sonnen, Monde. Sie sprechen. Ach! -- mit lautem Ruf sagte
-der Kleine -- da schwebt so klar, ganz hell, glänzend, ein schönes
-Frauenbild zwischen ihnen herab. Es küßt den hübschen Herrn auf die
-Stirn.
-
-Genug, sagte der Magus, und zog die Hand zurück. -- Siehst Du noch
-Etwas?
-
-Unsre Wasserflasche, sagte der Kleine, und ich bin ganz müde.
-
-Jüngling, sagte der Magus hierauf zu Schmaling, Du bist dermalen auf dem
-richtigen Wege, verfolge ihn mit Muth und Standhaftigkeit, und das Ziel
-wird Dir nicht entgehn. Dein Führer, dem Du Dich anvertraut hast, ist
-der wahre, sonst wäre die göttliche Sophia nicht niedergeschwebt, und
-hätte, dem Kinde sichtbar, Deine Stirn mit einem Himmelskusse berührt.
--- Er reichte dem Jüngling die Hand, und dieser küßte sie mit
-inbrünstiger Ehrfurcht.
-
-Anton war höchst betreten, überrascht, und konnte in leidenschaftlicher
-Verwirrung nicht seine Begriffe ordnen und sammeln. Dies Alles war so
-sehr gegen die Abrede, Anderson erschien ihm so fremd, in einer so neuen
-Gestalt, daß ihm das Wort auf der Zunge versagte, als er ihn anreden
-wollte, denn der Magus sah ihn mit einem so feurigen, durchdringenden
-Blicke an, daß er verlegen die Augen niederschlug. Der Gelehrte war eben
-so verwirrt, denn die Scene hatte sich so völlig umgestaltet, daß er
-sich im eignen Wohnzimmer als ein Fremder fühlte.
-
-Du glaubtest, mein Anton, fing der Zauberer an, durch einen fremden Mann
-diesem Jüngling einen Scherz und Trug zu bereiten, und Du,
-Kurzsichtiger, bist der Getäuschte. Ja, wisse denn, ich bin wirklich und
-in der That jener weit bekannte Feliciano, den die Welt früher schon mit
-andern Namen nannte. Du staunst? Du zweifelst noch? Er faßte das Kind,
-stellte es wieder vor den Tisch, murmelte einige Worte, blickte starr
-eine geraume Zeit empor, indem er die Lippen bewegte, und legte dann
-seine rechte Hand wieder auf den Kopf des Kindes. Was siehst Du für ein
-Schicksal? fragte er dann mit schneidendem Ton.
-
-Ei! ei! rief der Kleine; ach! grüne Bäume, ein Dorf: ein kleines, liebes
-Haus da, auch eine Wiese, ein klares Wässerchen, und eine Mühle nicht
-weit davon. Ein junger Herr spaziert da, ich kenne ihn auch, er kommt
-oft zu uns, ja er ist jetzt bei uns. Schau, da tritt ein hübsches
-Bauernmädchen zu ihm, und sie gehn in das kleine Haus.
-
-Anton war blaß. Er hatte sich erhoben, konnte sich aber zitternd nicht
-mehr aufrechthalten und setzte sich nieder.
-
-Der Knabe fuhr fort, in das Glas schauend: sie streiten heftig im
-Zimmer, sie nimmt ein Bild aus ihrem Busen und tritt es mit Füßen. Er
-geht und droht. Sie reißt ihre Mütze vom Kopf, die Haare fliegen. Sie
-rennt nach dem Tische und zieht ein großes Messer hervor. Dann sieht sie
-nach dem Bach und dem Wasser. Sie schwört, sie macht schreckliche
-Geberden.
-
-Der Magus ließ die Hand vom Kopf des Kleinen und ein gelber Blitz zuckte
-blendend durch das Zimmer, ein lauter Donnerschlag erschütterte das
-Haus. Wie ein Rauch stand plötzlich ein blasses Frauenbild da, drohend
-die Hand gegen Anton erhoben. Dieser stürzte entsetzt vom Sessel auf den
-Boden. Alles verschwand und die Lichter brannten wieder hell.
-
-Nun, wendete sich der Zauberer zum Gelehrten, soll ich Dir auch noch
-beweisen, daß ich der wahre Feliciano und kein Trugbild sei? Soll ich
-Dir Deine geheimsten Gedanken und Absichten oder Deine Zukunft sagen?
-
-Ferner erwiederte bleich und geängstigt nur Weniges. Du glaubtest, fuhr
-Feliciano fort, indem er den zerstörten Anton vom Boden erhob, kein
-Mensch in der Stadt kenne Dein Verhältniß zu jenem unglücklichen
-Mädchen, die Du Deinem Ehrgeiz aufopferst. Noch ist die letzte Zeit,
-noch kannst Du sie retten.
-
-Es war schon spät, aber Anton stürzte fort und eilte zu Pferde noch in
-der Nacht zu seiner Geliebten hinaus. Der Magus hatte sich entfernt,
-aber Niemand hatte ihn zur Thür hinaus gehn sehn.
-
- * * * * *
-
-So hatte diese Zusammenkunft ganz anders geendet, als es die Freunde und
-Clara erwartet hatten. Diese sah ihren Bruder am Abend nicht und auch
-nicht am folgenden Morgen. Man war im Hause um ihn besorgt. Der Vater,
-der einen kurzen, leidenschaftlichen Brief von Anton erhalten hatte,
-lösete mit kummervollem Antlitz das Räthsel.
-
-Der Sohn war in der Nacht angekommen. Er vernahm, daß um die Zeit, als
-das unglückliche verführte Mädchen ihm im Zimmer seines Freundes
-erschienen war, sie in einem Todtenschlafe, so daß sie nicht zu erwecken
-war, gelegen hatte. Als sie sich wieder besonnen und mit den tief
-bekümmerten Eltern gesprochen hatte, legten sich diese, nach einem
-kurzen Abendessen, zur Ruhe. Als im Hause Alles still war, hatte sie
-noch einen Brief an ihren Ungetreuen geschrieben, der sich ihrer
-schämte, und ihre Dürftigkeit und ihren Stand verachtete. Als sie mühsam
-und unter vielen Thränen den Brief geendigt hatte, ging sie noch lange
-auf und ab, um ihr Elend ganz zu fühlen und ihren schrecklichen
-Entschluß in sich reif werden zu lassen. Sie hatte nicht den Muth, sich
-ihren Eltern zu vertrauen, weil sie den Zorn des heftigen Vaters
-fürchtete. Sie fühlte, wie nahe sie ihrer Niederkunft sei, und hatte
-keinen Vertrauten, wußte keine Hülfe zu ersinnen. Anton hatte sie in der
-Stadt als eine Unbekannte unterbringen, und für sie sorgen wollen, sie
-aber hatte mit Abscheu alle seine Vorschläge abgewiesen, da er nicht
-mehr für sie zu thun gesonnen war, so dringend sie ihn auch an seine
-früheren Versprechungen und Eide erinnerte. Er wollte aufschieben und
-Zeit gewinnen: er fürchtete ebenfalls seinen Vater, seine Vorgesetzten,
-auch war die frühere Liebe wohl erkaltet. Sie sah keinen Ausweg und ging
-jetzt in der finstern Nacht den Bach entlang, um in den brausenden
-Mühlsturz sich und ihr ungebornes Kind und alle ihre Sorgen zu begraben.
-
-Indem sie nach der Mühle zulenkte, hörte sie auf der Landstraße ein
-brausendes, jagendes Pferd. Es war Anton. Seine Todesangst erkannte
-schon aus der Ferne ihren Schatten.
-
-Der geheime Rath Seebach meldete seiner Familie, daß sich sein Sohn am
-frühen Morgen mit einem Bauermädchen verheirathet habe. Was der kurze,
-heftige Brief nicht sagte, ergänzte seine Ahndung. Die Mutter, aus einer
-alten adeligen Familie, einem angesehenen Edelmanne vermählt, war außer
-sich, weil dieser Sohn ihr Stolz und ihre größte Hoffnung gewesen war.
-Clara war mehr verwundert als betrübt, und zürnte dem Bruder, daß er ihr
-und den Eltern aus diesem Verhältniß ein Geheimniß gemacht hatte.
-
-Traurig ist es, sagte der Vater, denn er hat sich durch den raschen
-Schritt, durch diese Unbesonnenheit die Thüre zu allen höheren Stellen
-verschlossen. Es ist aber so, mag es auch kommen, wie es will, besser,
-als wenn er ein Verbrechen begangen hätte. Wir werden uns an die Tochter
-gewöhnen, und wenn mein Sohn Ehrenstellen einbüßt, so hält er doch sein
-Wort und bleibt ein Mann von Ehre. Wo das Schicksal so ernst in die
-Verhältnisse des Lebens tritt, da soll man nicht mehr klügeln, sondern
-in Demuth den hohen Willen anerkennen. Ich weiß, daß die Liebe seiner
-Eltern nicht dadurch wird vermindert werden.
-
-Die Mutter weinte heftig, so sehr sie auch der Vater und Clara zu
-beruhigen suchten. Der Vater schrieb dem Sohne mit dem rückgehenden
-Boten einen herzlichen Brief, in welchem er ihm Alles vergab und ihn
-ermunterte, sein Leben nun tüchtig und stark anzufassen. Die Stadt war
-bald von dieser sonderbaren Begebenheit angefüllt, über welche Jeder
-nach seinem Standpunkt und seinen Vorurtheilen sprach.
-
- * * * * *
-
-So war nun in allen Verhältnissen der Familie eine große Veränderung
-eingetreten. Der Sohn kam vor der Niederkunft seiner Frau nicht zur
-Stadt. Nachher zeigte er sich den Eltern, getröstet, aber nicht froh,
-und späterhin führte er Agnes, die Bäuerin, bei ihnen ein, mit der er
-ein eignes kleines Haus in der Vorstadt bezog. Nichts wollte sich fügen
-und in einander schicken, und Jeder gestand sich, daß, wenn die Sache
-unabänderlich war, diese Frau, durch welche die Laufbahn des Sohnes
-gehemmt war, in den Kreis der Familie doch nicht passe. Es war schon die
-Rede davon, daß er das Gut des Vaters bewirthschaften solle; indessen
-schien auch dieses bedenklich, da Anton sich niemals um die
-Landwirthschaft gekümmert hatte. Was den Vater aber mehr, als diese
-Stellung seines Sohnes kümmerte, war, daß er ein schwärmerischer
-Anhänger dieses Feliciano geworden, von dessen Seite er kaum mehr wich,
-und so erlebte er nun, daß Sohn und Schwiegersohn sich diesem Schwindel
-ergaben, von dem er selbst wieder geheilt schien. Er erstaunte, daß auch
-sein ruhiger Freund, der Gelehrte, der ihm immer ein Muster in der
-ruhigen Haltung erschienen war, ebenfalls nach jener Begebenheit sich
-als einen fanatischen Anhänger des Feliciano erklärte. Auch der alte
-Obrist neigte zu dieser Schwärmerei hinüber, und nicht bloß im Hause des
-geheimen Rathes, sondern in den meisten Häusern der Stadt, wurde
-Feliciano der erste und wunderbarste aller Menschen genannt.
-
-Ein Taumel bemächtigte sich, als es erst bekannt worden war, daß der
-berühmte Feliciano zugegen sei, der ganzen Stadt. Jedermann wollte ihn
-kennen lernen, jede Gesellschaft wollte ihn in ihrer Mitte sehn. Er
-gewann in kurzer Zeit viele Anhänger und Freunde, und die angesehensten
-Männer, die höchsten vom Adel bewarben sich um seine Gunst. Er erklärte,
-daß er nur kurze Zeit verweilen könne, weil er in großen und wichtigen
-Geschäften nach dem Norden gehn müsse, auch erlaubten ihm seine
-geheimnißvollen Arbeiten nicht, sich zu sehr in der Welt zu verbreiten.
-Die wichtigsten Männer versammelte er um sich in seiner Loge. Man sprach
-von den seltsamsten Wundern, die hier in geheimen Zusammenkünften
-vorgefallen waren. Der Professor, so schien es, hatte seinen jüngsten
-Knaben ganz dem Wunderthäter überlassen, denn das Kind weissagte oft aus
-dem Kristall, den Feliciano künstlicher, als es an jenem Abend geschehen
-war, in seinen Gesellschaften aufstellte. Der Arzt Huber arbeitete
-indessen mit Sangerheim und Schmaling, Jeder bestrebte sich, von allen
-diesen geheimen Künsten Zeuge zu seyn, oder durch Freunde wenigstens
-Etwas von ihnen zu vernehmen, und selbst die Frauen und Mädchen
-wünschten an diesen Wunderwerken Theil zu nehmen, oder auch in irgend
-eine mysteriöse Verbindung zu treten. Feliciano hatte sie eigentlich
-selbst zuerst auf diesen Wunsch geführt, und er stiftete auch bald
-darauf eine Loge für Damen, die nun auch mit mystischen Abzeichen
-prangten, sich gegenseitig an Gruß und Handdruck erkannten, und von
-Fortschritten in Weisheit und Wissenschaft träumten. Auch die Mutter
-Clara's hatte sich in diesen Orden aufnehmen lassen.
-
-So war die arme Clara von Jedermann verlassen, denn beim Vater, der über
-alle diese Sachen verstimmt war, konnte sie nur wenig Trost finden. Der
-Graf Feliciano hatte alle Künste der Ueberredung angewendet, das schöne
-Mädchen auch zu dem Uebertritt in seinen neugestifteten Orden zu
-überreden, in welchem seine Gemahlin, die seitdem auch aus dem Inkognito
-hervor getreten war, den Vorsitz führte. Es gelang ihm aber so wenig,
-daß im Gegentheil der Widerwille Clara's gegen alle diese Dinge immer
-mehr gesteigert wurde. Wie kann der Mensch, sagte sie einmal in einer
-aufgeregten Stimmung zu ihrem Vater, nur so verkehrt seyn, in der
-Umkehrung des Natürlichen sein Heil zu suchen? Man fühlt sich ja als
-Mensch nur wohl, wenn Alles in der gewöhnlichen Bahn fortschreitet, wenn
-das, was sich als nothwendig ankündigt, ganz einfach und schlicht
-geschieht. Entwickelt sich in diesem Lebensgange eine große That, eine
-schöne Aufopferung, so freut es uns um so mehr, daß uns das Göttliche
-aus den Elementen gewebt ist, die uns zunächst umgeben, daß wir fühlen,
-auch uns könnte in einer geweihten Stunde dasselbe begegnen, oder unsre
-Seele könnte auch dieselbe Höhe erstreben. Ziehn wir uns doch mit
-Widerwillen von der Nahrung zurück, die uns zu fremdartig dünkt, deren
-Zurichtung unserm Gaumen widersteht: aber schlimmer als überreifes Wild,
-oder der verpestete ^haut goût^ der Assa fötida, und der Vogelnester und
-ähnlicher abscheulicher Dinge ist es, diese Knoblauch-Tinktur von
-Wunderglauben, tollen Fabeln und aberwitzigen Bestrebungen in seine
-Seele aufzunehmen.
-
-Der Vater erwiederte: Du bist zu zornig, liebes Kind. Laß die Menschen
-gewähren, der Krankheitsstoff muß austoben. Alles Sprechen dagegen nutzt
-nicht, unfruchtbar ist das Moralisiren; der Dämon, der die Menschen
-besitzt und treibt, wird endlich seines Spieles selbst müde. Deine kühne
-Vergleichung paßt auch nicht ganz; man könnte eben so gut die
-entgegengesetzten Bilder brauchen. Wen versucht nicht der reife,
-köstliche Pfirsich? die duftende Ananas? die lockende, rothe Kirsche,
-vorzüglich in der Jugend? Und was wäre unser Leben, wenn Alles so plan
-verständlich wäre? Alle Tage unausgesetzt die nahrhafte Hausmannskost
-des redlichen Treibens, der guten Gedanken? Aus Natur und Kunst, aus
-Liebe und Scherz, aus Religion und Gemüth winkt uns ein Geheimniß an,
-dem wir näher kommen möchten: es zieht uns nach durch Gefild und Wald.
-Jetzt glauben wir es zu erblicken, dann ist es wieder entschwunden. Von
-dieser Sehnsucht, die ohne Gegenstand scheint, werden die besten Kräfte
-unsrer Seele getränkt, und wenn sie erlöschen könnte, würden wir in uns
-selbst verschmachten. Alle schönen Triebe der Freundschaft, des
-Wohlwollens, der Menschenliebe, aller Enthusiasmus für das Gute und
-Schöne quillt ebenfalls aus dieser geheimnißvollen Gegend unsrer Seele.
-
-Mag es seyn, antwortete die Tochter, aber ich sehe und erlebe es doch,
-daß, wenn diese Sucht, oder der Trieb auch innigst mit dem Schönen eins
-ist, sie doch auf ihrem fortgesetzten Wege sich in das gespenstig
-Aberwitzige verwandeln können. Der Mensch muß ja doch mit festem
-Charakter und unbezwinglichem Willen in der Mitte stehen bleiben, daß
-Glauben sich nicht in Aberglauben, Sinn in Thorheit, Tugend nicht in
-Laster verwandle. Ist jene Sehnsucht überirdischer Natur, so ist dieser
-einfache starke Wille wohl auch göttlicher Abkunft, der wie ein
-unüberwindlicher Riese den Schatz der Vernunft und des Guten bewachen
-soll, welcher dem Menschen von Gott ist anvertraut worden. Mir dünkt,
-gegen tausend wunderliche Dinge, die auf uns eindringen, gegen unzählige
-Gelüste, die uns überreden möchten, giebt es keine andre Waffe, als daß
-ich sage und immer wieder sage: es soll nicht seyn! Lasse ich dieses
-Schwert im Schlummer einmal fallen, so kann ich gar nicht mehr wissen,
-wohin mich alle jene Sophistereien führen könnten.
-
-Diese starre Vernunft, sagte der Vater, reicht aber auch nicht aus: sie
-kann Tugend seyn, widersteht aber eben so oft der Liebe als dem Unrecht,
-läßt auch die Wahrheit, indem sich die Liebe abkämpft, nicht auf sich
-eindringen.
-
-Wahrheit! das große Wort! rief sie aus, das eben so wohl Alles wie
-Nichts bedeutet. Wer hat es nicht schon gemißbraucht? Je demüthiger wir
-uns dem unterwerfen, was das Leben von uns verlangt, je sanfter und
-stiller wir dem folgen, was uns zu unserm Heil offenbart ist, je weniger
-wir grübeln und klügeln, und die Anmaßung von uns fern halten, über dem
-Begreifen zu stehen, es zu meistern und nach Gutdünken zu handhaben, um
-so mehr wir dem Vorwitz Einhalt thun, da nicht hinschauen zu wollen, wo
-sich in der Leere unserm irdischen Blick nur Gespenster erschaffen, um
-so mehr, glaube ich, bleiben wir der Wahrheit getreu.
-
-Wohl mein Kind, sagte der Rath: denn wie ich schon sonst behauptete,
-wenn das Böse auch ein Nichts ist, so erwecken wir es doch wohl und
-theilen ihm unsre Kräfte mit, indem wir es glauben und uns dem Nichtigen
-ergeben. Hat es erst von uns diese Stärke empfangen, so wird es wohl oft
-so gewaltig, daß es uns und jeden Widerstand besiegt, der nicht die
-göttliche Wahrheit selbst zu Hülfe ruft. In diesem Bilde kann man sich
-die Erscheinung der bösen Geister denken, die der Magier aufruft. -- Und
-so möchte man freilich glauben, Wahrheit sei in allen Dingen zu finden,
-sie liege auch dem Irrthum zum Grunde, nur hüte sich der Mensch, einer
-Regung, einer Aufwallung, oder einem Gedanken unbedingt und zu dreist zu
-folgen, denn rechts und links liegt die Unwahrheit und Täuschung, und er
-wandelt nur recht auf einer schmalen Linie.
-
-Wenn es so ist, erwiederte Clara, so ist es eben das Sicherste, dem
-Alltäglichen getreu zu bleiben, was vielen beflügelten Geistern als das
-Gemeine erscheint. Will sich der Mensch erheben, wird er, wie der
-fliegende Schmetterling, von Schwalben und Sperlingen weggehascht, und
-bleibt er unten am Boden, so wohnt er beim Gewürm, aber nährt sich auch
-vom Thau, der in den Rosen und Lilien glänzt. --
-
-Nicht nur die Familie des Rathes war in Verwirrung gerathen, sondern man
-konnte dies von der ganzen Stadt behaupten. Dem alten Seebach war es
-aber verdrüßlich, daß von den Vernünftigen, die sich nicht hinreißen
-ließen, Alles was geschah, mit ihm und seinem Sohn, so wie mit jener
-Entdeckung Sangerheims in Verbindung gebracht wurde. Es ließ sich nicht
-leugnen, daß jener Vorfall, der viel Aufsehn erregt hatte, zu allen
-spätern Wunderlichkeiten gleichsam das Signal gegeben hatte. Die
-sonderbare Verheirathung des Sohnes, die Schwärmerei Schmalings, die
-Operationen des Grafen so wie Sangerheims, die weibliche Loge, in die
-sich seine Gattin sehr gegen seinen Willen hatte aufnehmen lassen, die
-Seltsamkeiten, die sowohl der Arzt Huber, wie der Professor Ferner,
-vernehmen ließen, die Ausschweifungen mancher Reichen, die sich ganz der
-Hoffnung ergaben, die Kunst des Goldmachens zu entdecken, und in dieser
-Aussicht ihr Vermögen verschwendeten, Geister-Erscheinungen, durch
-welche man in mächtigen Familien dieses und jenes hatte durchsetzen
-wollen, alles Dies, vergrößert, mit Erfindungen ausgeschmückt, Alles
-wurde hauptsächlich auf Rechnung des alten erfahrnen Seebach
-geschrieben, um so mehr, weil man wußte, daß er auf eine Zeitlang sich
-diesen seltsamen Künsten ergeben hatte. Es half ihm Nichts, daß er sich
-wieder zurückgezogen hatte, daß er den Umgang Sangerheims und noch mehr
-des Grafen vermied, die meisten Menschen, auch seine Collegen und selbst
-seine Freunde hielten ihn für den Stifter aller dieser Irrungen. So
-bedrängte ihn, außer den häuslichen Kränkungen, noch das Gefühl, daß er
-so vielen wackern und einflußreichen Leuten für einen zweideutigen und
-gefährlichen Mann galt. Vieles von diesem geheimnißvollen Umtreiben kam
-auch vor das Ohr des Fürsten, der, da die Sache laut und weltkundig
-wurde, ein großes Mißfallen bezeigte, und dem Rathe, der sich gar nicht
-mehr mit diesen Dingen befassen mochte, andeuten ließ, sich zu mäßigen.
-Am schlimmsten aber waren dem gekränkten Seebach die Maurer von der
-alten Ordnung aufsässig, die in Allem nur die Absicht sahen, daß sie
-gestürzt werden sollten, -- welches die mystischen Logen auch laut genug
-aussprachen, -- und nun empört den Rath als einen abtrünnigen Bruder
-behandelten, der aus weit ausgreifenden Absichten sich diesen Rebellen
-verbunden habe, um als das Haupt dieser geheimnißvollen Gesellschaft
-Verderbliches zu wirken.
-
-Meine Tochter hat Recht, sagte der Rath zu sich selber, wie hart werde
-ich für meine Neugier oder Wißbegier gestraft, die Anfangs so löblich
-oder unschuldig aussah. Hielt ich mich doch für so kühl und weise, um
-allen Versuchungen Widerstand leisten zu können. Aber ein Glied reiht
-sich an das andre, und unvermerkt ist die Kette fertig.
-
-Es schien aber, als wenn zwei Wunderthäter für Eine Stadt, wenn sie auch
-groß war, zu viel seien. Der Graf hatte sogleich abreisen wollen,
-verlängerte aber seinen Aufenthalt von einem Tag zum andern. Sein
-Wirkungskreis schien sich auszubreiten, so wie der Sangerheims abnahm,
-da viele von dessen Jüngern zum größern Meister abfielen. Darum führte
-Sangerheim den Vorsatz aus, zu welchem er schon seit einiger Zeit Alles
-vorbereitet hatte, sich nach einer andern reichen und angesehenen Stadt
-zu begeben, wo er, da sein Ruf ihm schon vorangegangen war, gleich mit
-dem größten Glanze auftrat, die ältern Maurer beschimpfte, ihnen ihre
-Lehrlinge entzog, und Zeichen und Wunder aller Art verrichtete. Der
-Geheimrath erlebte die neue Kränkung, daß Schmaling, unter dem Vorwande
-einer Krankheit, von seinem Minister einen unbestimmten Urlaub nahm, und
-dem Abentheurer nach jener Stadt hin folgte, um in seiner Nähe und nach
-seiner Anweisung seine geheimnißvollen Arbeiten fortzusetzen. Schmalings
-Abschied von Clara war kalt, und sie war so erzürnt, daß nur Wenig
-fehlte, so hätten Beide ihre Trennung für immer ausgesprochen. Aber da
-Beide sich noch mäßigten, so blieb es bei unbestimmten Ausdrücken, die
-Jeder nach Gefallen deuten konnte.
-
-Seinen Sohn sah der Rath nur selten, weil er ganz dem Grafen und dessen
-Befehlen und Operationen lebte. Die Gattin war in der weiblichen Loge
-sehr thätig, und jetzt mit der niedrig gebornen Frau ihres Sohnes ganz
-ausgesöhnt, weil auch diese, die allen Glanz ihrer Jugend wieder
-erhalten hatte, vom Grafen zur Bundesschwester war geweiht worden. Huber
-war ebenfalls dem Adepten Sangerheim nachgereiset, um in seiner Kunst
-vollkommener zu werden.
-
-Clara war im Schmerz außer sich, als der Vater nach einiger Zeit von
-Schmaling einen sonderbaren Brief erhielt, den er der Tochter mittheilen
-mußte. Der künftige Schwiegersohn schrieb nehmlich Folgendes:
-
-Im Begriff, einen sehr wichtigen und entscheidenden Schritt in meinem
-Leben zu thun, halte ich es für meine Pflicht, Sie, Verehrter, und meine
-geliebte Clara in Kenntniß zu setzen, was ich zu thun gesonnen bin, was
-ich nicht unterlassen kann und darf. Daß mein Gemüth sich seit lange dem
-Reiche der Geheimnisse zugewendet hat, wissen Sie schon, daß mein Herz
-nur Ruhe finden kann, wenn diese Sehnsucht gestillt wird, werden Sie
-begreifen. Aber wie kann, wie soll es geschehn? Ich habe manche Grade
-erhalten, ich bin Zeuge von vielen Wundern gewesen, seltne Kenntnisse
-sind mir geworden, große, heilige Schauungen haben meine Seele erst
-erschüttert, und sind mir dann einheimisch geblieben. Daß ich niemals zu
-jenen Verächtern unserer Religion gehört habe, die in unsern Tagen den
-Ton angeben, wissen Sie ebenfalls. Ich habe geforscht, die heiligen
-Schriften sind mir vertraut und ehrwürdig, aber was die Kirche und ihre
-Priester mir gaben, konnte meinem brünstigen Geiste nicht genügen. Auch
-hier hat mir der begeisterte Sangerheim neue Wege gewiesen. Die
-Tradition, die Wunder der ältern katholischen Kirche, ihre heilige
-Messe, die himmlischen Legenden, die Gegenwart, die unmittelbare,
-Christi in der Hostie, die Liebe der Mutter Gottes, die Bilder und die
-Musik, -- warum sollen wir unser reiches Herz allen diesen Gaben
-verschließen? Warum nicht nehmen, was uns so liebreich geboten wird? Um
-ganz der Einweihung in die Mysterien würdig zu werden, um die Grade
-empfangen zu können, und die Strahlen des Lichtes, nach denen ich mich
-sehne, ist es nothwendig, wie mir mein Lehrer sagt, daß ich meinen
-jetzigen Standpunkt in der Kirche aufgebe, die Ueberzeugung, die mir ja
-niemals eine war, weil sie mein brennendes Herz so leer ließ, daß ich
-zur ältern, eigentlichen christlichen Kirche zurückkehre, die mütterlich
-jedem Verirrten die Arme entgegenbreitet. Ist dieser nothwendige Schritt
-geschehn, so sind mir alle Geheimnisse des Ordens zugänglich und offen,
-die Vereinigung mit jenen ehrwürdigen Männern, den unbekannten Obern,
-ist mir dann möglich, mit jenen erhabnen Geistern, denen die Verwahrung
-aller Geheimnisse anvertraut ist. Diese nahe Weihe, diese Nothwendigkeit
-der Veränderung hat der Meister mir nur allein, als seinem Lieblinge,
-entdeckt, die andern Schüler sind dieser Erklärung noch nicht fähig und
-würdig. -- Von Ihnen, verehrter Mann, bin ich nun keiner Einreden und
-keiner Mißbilligung gewärtig, da ich weiß, wie billig Sie sind, wie
-aufgeklärt Sie denken. Es kann bei Ihnen unmöglich in Anschlag kommen,
-daß ich meine jetzige Stelle und jeden künftigen Staatsdienst aufgeben
-muß, denn den höheren Pflichten müssen die niedrigern weichen. Es ist ja
-nichts Weltliches, Ehre oder Reichthum, was ich durch diese Rückkehr in
-die Mutterkirche erstrebe: sondern das Unsterbliche, die Erleuchtung,
-das Verständniß selbst. Wie aber wird Clara es aufnehmen, wenn sie
-meinen Entschluß erfährt? Sie klebt, fürchte ich, allzusehr am
-Irdischen, um sich in die freiere Region des Geistes erheben zu können.
-Ich hatte immer gehofft, ihr Sinn würde sich in der Liebe poetischer
-bilden, daß sie es wenigstens fühlte, wenn auch nicht einsähe, wie arm
-jenes Leben ist, dem sie sich ergeben hat. Suchen Sie sie zu stimmen,
-verehrter Vater, daß sie mich nicht mißversteht, Sie, der Sie ja auch
-der Wissenschaft manches Opfer brachten. Und was ist es denn auch mit
-dem Weltlichen und Irdischen? Besitze ich nicht eignes Vermögen? Auch
-Clara ist nicht arm, und braucht sich also niemals von mir ganz abhängig
-zu empfinden. Und soll einmal dergleichen in Anspruch kommen, so darf
-ich wohl die Aussicht, daß mir in Zukunft, vielleicht bald, Alles zu
-Gebote steht, was ich nur wünsche, keine Fata Morgana nennen. Welche
-Kraft und Gewalt mir anvertraut mag werden, um da zu herrschen, wo
-unsere Ahndung sonst nur hinstrebt, mag ich nicht weiter andeuten und
-aussprechen. Ist sie aber mit mir einverstanden, so bin ich der
-Glücklichste der Menschen. --
-
-Nein, wahrlich nicht! rief Clara im höchsten Unwillen aus, nun und
-nimmermehr! Welchen Gimpel haben sie schon jetzt aus dem allerliebsten
-Menschen gemacht, und was muß nicht erst aus ihm werden, wenn sie ihm
-noch mehr Grade und Geheimnisse aufhalsen! O wahrlich, er wird ihnen in
-den Strängen geduldiger als ein Maulthier ziehn, und allen frommen
-Gläubigen zum Exempel und Vorbild dienen. Mich mit ihm verbinden?
-Vielleicht haben sie noch einen andern geheimen Grad irgendwo im Winkel
-liegen, und um den zu ergattern, muß er wohl auch noch sein Vermögen
-dran geben, und dann, um die letzte und beste Niete zu ziehn, Capuziner
-werden. Nein, ehe er seinen Verstand nicht aus dem Monde wieder herunter
-geholt hat, mag ich Nichts von ihm wissen. Wie er der jüngern Kirche
-entsagt hat, um die ältere lieben zu können, so giebt es auch vielleicht
-hinter dem Vorhang eine ältere mütterliche Braut, die zu ehlichen seine
-unsterbliche Pflicht ist, denn ich merke, diese Wunderthäter können
-Alles möglich machen. Ich hörte sonst wohl, die katholische Kirche habe
-die Freimaurerei in schweren Bann gethan, ich sehe aber wohl, es gibt
-Ausnahmen für Alles. Sonst wurden viele junge Menschen Maurer, um auf
-Reisen eine gute Aufnahme und gastfreie Brüder zu finden, eine
-unschuldige Ursache, sich einweihen zu lassen. Jetzt aber, -- wie
-Kunstreiter auf ihre Geschicklichkeit, Taschenspieler auf ihre schnellen
-Hände, so reiset dieser Sangerheim auf die Kunst herum, allenthalben die
-bestehenden Logen zu stürzen. Wenn er denn Geister zitiren kann, so mag
-er dem armen Schmaling den seinigen wiederschaffen. Vielleicht ist der
-aber schon in der Loge verbaut, oder als Winkelmaß eingerichtet. Also
-nach Rom hin sieht denn dieser Orient? Schmaling wird gewiß einmal diese
-Herren segnen, die ihn jetzt so reich und groß machen, wenn er erst sein
-ganzes Elend kennt, und ihm sein verarmtes Herz zerbricht.
-
-Sie überließ sich der Trostlosigkeit und weinte heftig. Der Vater wußte
-ihr Nichts zu sagen, er beschwor sie, nur nicht in der ersten Entrüstung
-den Brief zu beantworten. Er selbst schrieb an Schmaling, um ihn mit
-allen Gründen, die er aufführen konnte, von dem Schritte abzuhalten, den
-er zu thun im Begriff war.
-
- * * * * *
-
-Endlich bestimmte sich auch der Graf Feliciano, seine große Reise
-fortzusetzen. So sehr der Rath seinem Sohn Anton Alles vorhielt, was
-Vernunft und Gefühl ihm nur eingeben konnte, so ließ sich Anton dennoch
-durch Nichts abhalten, mit seiner jungen Frau, deren Kind bald nach der
-Geburt gestorben war, dem Grafen zu folgen. Auch der Professor gab
-seinen Knaben, wenigstens für einige Zeit, dem berühmten Feliciano mit
-auf die Reise, weil der Magier gefunden hatte, daß dieses Kind
-vorzüglich begabt sei, die Visionen zu sehn. Die Mutter hatte sich
-indessen von der Loge wieder zurückgezogen, denn es war ihr zu
-empfindlich gewesen, daß das Bauermädchen eines größeren Ansehns, als
-sie selber, genoß; man hatte sogar in Vorschlag gebracht, daß die
-Unerzogene nach der Abreise des Grafen und seiner Gemahlin Vorsteherin
-derselben werden sollte; da sie aber die Wunderthäter begleitete, um
-noch höhere Grade zu empfangen, und der höchsten Geheimnisse theilhaftig
-zu werden, so war der Räthin die Würde angetragen worden, die sie nach
-diesen Vorfällen mit Verachtung ausgeschlagen hatte.
-
-Wenn also der Rath um seinen Sohn und dessen Schicksal bekümmert seyn
-mußte, so hatte er wenigstens die Beruhigung, daß seine Gattin mit ihm
-und der Tochter wieder einverstanden war. Die Frau, die nicht ohne
-Charakter und Verstand war, bereute jetzt ihre kurze Verblendung um so
-mehr, als sie jetzt, kühler geworden, einzusehn glaubte, wohin das
-Gaukelspiel ziele. Durch die Loge hatten sich mehrere Liebschaften und
-Verbindungen, und zwar nicht von den anständigsten, angeknüpft; auch
-Scheidungen fielen vor, und man hielt es bald für verdächtig, dieser
-Gesellschaft anzugehören, so daß die Frauen selbst nach kurzer Zeit
-dieses Logenspiel wieder aufgaben, und um so leichter, da man nur
-Wenigen Geheimnisse mitgetheilt hatte. Diese Wenigen waren nachher von
-Allen vermieden, die ein strengeres Leben führen wollten.
-
-In jener großen Stadt hatte sich Sangerheim indessen eingerichtet und
-einen viel größern Anhang, als in der Residenz gefunden. Die dortigen
-Freimaurer waren durch ihn gewissermaßen aufgelöst worden, viele
-derselben in seine Loge getreten, und man sprach fast nur von dieser
-neugebildeten Brüderschaft, die sich großer Geheimnisse rühme. Es fehlte
-nicht an seltsamen Berichten. Man wollte Geister gesehn, die größten
-Dinge prophezeit haben, man war auf dem Wege, den Stein der Weisen zu
-entdecken, oder der Meister war vielmehr im Besitz desselben, und die
-liebsten Jünger durften hoffen, desselben bald auch theilhaftig zu
-werden.
-
-Auf seinem Zuge berührte der Graf Feliciano auch diese Stadt, und
-beschloß, mindestens einige Tage hier zu verweilen. In dieser Zeit
-gewann er den enthusiastischen Schmaling sehr lieb, und hatte ihn fast
-immer um sich, mit ihm über seine Bestimmung, das Geheimniß und das
-Licht zu sprechen. Dieser junge Mann und Anton, die sich früher in allen
-Dingen widersprochen hatten, waren jetzt in allen Ueberzeugungen
-miteinander einverstanden. Der Arzt Huber, welcher auch schon, um
-Sangerheims Umgang zu genießen, nach dieser Stadt gekommen war, vereinte
-sich mit ihnen. Sie erfreuten sich jetzt an Antons Weisheit, der fast
-der Heftigste von ihnen war, und lernten dankbar und demüthig von dem,
-der ihnen vor weniger Zeit noch als ein unbedeutender Freigeist
-erschienen war.
-
-Eine Versammlung der vertrautesten Brüder war zu einer Abendmahlzeit bei
-Sangerheim vereinigt. Huber und Schmaling fanden sich ein, und der Graf
-beehrte mit Anton durch seine Gegenwart die Gesellschaft, die zahlreich
-war, weil noch Manche in der Stadt, die Sangerheims Vertrauen genossen
-und die begierig waren, den fremden Wunderthäter kennen zu lernen, sich
-mit Bitten hinzugedrängt hatten.
-
-Der Graf wußte seine Person geltend zu machen und wurde von allen
-Anwesenden wie ein überirdisches Wesen verehrt. Er war im Anfange
-zurückhaltend und karg mit seinen Worten, nach und nach aber ward er
-gesprächig, heiter und mittheilend. Er suchte, so schien es, die
-Gesinnung und das Wesen Sangerheims ausforschen zu wollen, ohne ihm
-selbst näher zu treten.
-
-Sangerheim, der sich vor seinen Schülern und Anhängern keine
-Verlegenheit wollte zu Schulden kommen lassen, erörterte viele Punkte,
-die er sonst lieber vermieden hätte, zu denen ihn aber der forschende
-Graf in künstlichen Wendungen hindrängte. Dadurch gewann der Klügere so
-sehr die Oberhand, daß Sangerheim dem Grafen gegenüber selbst als
-Schüler und Lehrling erschien. Am meisten fiel dies dem wißbegierigen
-Schmaling auf, der bis dahin seinen Meister für den ersten Menschen der
-Welt gehalten hatte. Wie sonderbar, sagte er zu sich selbst, daß mein
-Meister, die große, edle Gestalt mit dem Feuerauge und der hohen Stirn,
-mit diesem kräftigen und vollen Ton, diesem untersetzten Manne, mit den
-hohen Schultern, dem matten Auge und der schwachen krähenden Stimme
-gegenüber klein erscheinen kann. Erkennt er denn vielleicht in ihm ein
-höheres Wesen? Ist dieser Fremde wohl einer der unbekannten Obern, von
-denen ich immer so viel sprechen höre?
-
-Auch Huber und manche der Gegenwärtigen mochten etwas Aehnliches denken.
-Da bei dem leckern Mahle die feinen Weine nicht gespart waren, so
-belebte sich das Gespräch immer mehr. Jeder der Anwesenden wollte sich
-vor dem großen Fremden mit seinen Gedanken und Kenntnissen zeigen, oder
-Etwas von ihm lernen, und wenn auf viele Fragen die Antworten des Grafen
-auch nicht klar und glänzend ausfielen, so gab die Dunkelheit oder das
-Zweideutige derselben doch immer Vieles zu denken.
-
-Schmaling lenkte endlich das Gespräch auf die Religion, und Sangerheim
-sah sich genöthigt, den Wink, den er Manchen im Geheim gegeben hatte,
-jetzt als eine Lehre laut auszusprechen, daß nur Derjenige, der zur
-katholischen Kirche gehöre oder überträte, der höchsten Grade und der
-wichtigsten Geheimnisse theilhaftig werden könne.
-
-Feliciano sah ihn lange mit einem großen fragenden Blicke an und sagte
-nach einer Pause, die alle Anwesenden in der größten Spannung erhielt:
-Ist das Euer Ernst, großer Meister?
-
-Wie anders? fuhr Sangerheim fort, da die übrigen Partheien, die sich
-ebenfalls Christen nennen, immerdar ein geistiges Geheimniß verletzen
-und sich der Wundergabe, der Inspiration, der Anschauung der Mysterien
-entziehn? Sie können Vieles sehn und erforschen, aber der Anblick des
-Allerheiligsten ist ihnen nicht vergönnt; sie können nur von den sieben
-höheren Graden fünfe erringen. Ihre Sekte an sich selbst schließt sie
-nicht aus, wohl aber ihre Glaubensunfähigkeit: überwinden sie aber diese
-in der Rührung ihres Herzens, so treibt sie der eigne Geist von selbst,
-sich der älteren Kirche wieder anzuschließen.
-
-Der älteren? nahm Feliciano mit großem Ernste das Wort auf; welche ist
-diese? Kennt Ihr sie? War vor dieser ältern nicht wohl eine noch ältere
-und ächtere? Wozu Eure vielen Grade, wenn Euch dieses wichtigste
-Mysterium mangelt?
-
-Hindert Euch Nichts, großer Mann, fiel Schmaling ein, dieses etwas
-deutlicher auszusagen?
-
-Wir sind nur von Brüdern umringt, antwortete der Graf, die früher oder
-später von selbst das finden werden, was ich ihnen andeuten kann, und
-darum brauche ich in dieser edlen Gesellschaft, die keine weltliche ist,
-meine Worte nicht ängstlich abzumessen. -- Was die Christenheit spaltet,
-ist neu und zeitlich, Priesterwort und willkührliche Satzung ist schwer
-vom ächten Fundament desselben zu unterscheiden, und so kommt es, daß in
-den protestantischen Kirchen vieles ächter und wahrer ist, als was die
-Katholiken in ihrer Lehre vortragen, die Alles, was Luther predigte, nur
-Neuerung nennen. Aus beiden Kirchen ist zu lernen, aber nur dem ist es
-möglich, dem der Sinn frei geblieben ist. Gab es denn nicht, längst vor
-Entstehung des Christenthums, die ächte, völlig ausgebildete Maurerei?
-Diese war denn doch wohl noch älter, als die alte Kirche. Und was bedarf
-sie denn also dieser, um der Wunder, des Wissens, der Geheimnisse
-theilhaftig zu werden? Sie genügt sich selbst, und sie wäre nicht das
-Höchste und Beste, was der Mensch erringen kann, wenn sie in irgend
-einer Religion eine Stütze oder Bestätigung finden könnte.
-
-Sangerheim schien erstaunt, aber Feliciano fuhr fort: gedenkt nur an den
-großen, weisen Salomo und seinen Tempelbau, an Hiram, und an alle
-Legenden und Symbole, die auf unsern großen und alten Meister, den
-weisesten des Orientes, hindeuten. Ihr wißt es Alle, wie den Lehrlingen
-mit diesen Symbolen und ihren Deutungen der Kopf verwirrt, wie sie
-zerstreut werden, damit sie nur die Wahrheit nicht finden sollen, die
-ein Eigenthum der höhern Geister bleibt. Salomo empfing, als ein
-Würdiger, das Geheimniß der Maurer von großen unsterblichen Obern, er
-baute den Tempel und stiftete die Loge des Geheimnisses, indessen der
-gemeine Mann im Prachtgebäude auf herkömmliche Weise den Gott anbetete,
-den er nur für einen Gott seiner Nation ansehn konnte, der mächtiger
-sei, als die Götter der andern Völker. Wo steht in unsern Büchern und
-Sagen, in Allem, was uns von Salomo überliefert ist, daß er von Gott
-abfiel, daß er ein Götzendiener wurde? Er hätte, wenn dies gegründet
-war, nicht mehr Meister des heiligsten Stuhles, nicht mehr Oberer und
-Bewahrer des Geheimnisses bleiben können. Diese falsche Legende ließen
-die Priester nur in die Schrift hinein schreiben, weil er sich ihnen
-entzog, und ihrer Zunft nicht die Gabe zu weissagen, Wunder zu thun,
-Todte zu erwecken, Geister zu rufen und zu bannen, Gold zu machen,
-mittheilen wollte. Diese Kräfte, diese Herrschaft über die Geister,
-diese Geheimnisse der Loge, die nur Wenigen mitgetheilt wurden, welche
-die höchsten Weihen schon empfangen hatten, diese sind die hohen
-Gewalten, die von der Unwissenheit der Priester Götzen genannt wurden.
-Freilich waren es ihnen ausländische, fremde Götter, weil ihnen die
-Kenntniß derselben entzogen wurde.
-
-Diese herrliche, glänzende Zeit der Maurerei verfiel nach dem Abscheiden
-des großen Königs und Meisters. Die Obern zogen sich zurück, die meisten
-nach Indien. Späterhin finden wir Elias und Elisa als Eingeweihte
-wieder, die von der tauben Menge und von den verstockten Königen nicht
-verstanden wurden. Ganz verbarg sich nachher die hehre Kunst, und
-wandelte aus dem Tempel und Jerusalem in die Wüste. Da treffen wir sie
-unter den Essäern oder Essenern wieder an. Das heißt, die Gelehrten, die
-Geschichtforscher der Welt wissen nun wieder Etwas von ihr, denn für den
-wahren Maurer giebt es in der Geschichte seiner Kunst keine Lücke. Ich
-führe nun auf das, was Allen bekannter ist. Diese Männer hatten schon
-seit lange im Stillen gearbeitet: seit vielen Jahrhunderten war es ein
-Grundgesetz der Maurerei, welches Salomo und Andre beobachtet oder noch
-fester gegründet hatten, daß die ächte Erkenntniß ein Geheimniß seyn und
-bleiben müsse, da die blöde, rohe Welt, die unwissende Menge das
-Heilige, wenn es sich ihr mittheilen wolle, nur mißverstehn und
-entweihen könne. Hier stehn wir nun an der großen und merkwürdigen
-Geschichts-Epoche. Die heilige Gesellschaft der Essäer zertrennte sich
-um jene Zeit in zwei sich widersprechende Gesellschaften. Ein Theil
-beharrte auf dem Grundsatz, Alles müsse geheim bleiben, weil nur so die
-Verbindung aus der Ferne wohlthätig auf die Menschen und ihr vielfaches
-Unglück wirken könne. Aber viele erleuchtete Männer waren vom Gegentheil
-überzeugt. Zwei große Geweihte wurden ausgesendet, der zweite noch
-mächtiger und größer, als der erste, Johannes der Täufer, und der
-göttliche Stifter der christlichen Religion, der erhabene
-Menschenfreund, der aus Erbarmen gegen seine unglücklichen, im Elend
-schmachtenden Brüder ihnen das Wort des Lebens mittheilen wollte. Lange
-kämpften die beiden Partheien der Erleuchteten gegen einander. Das
-Mysterium war auf eine Zeit lang offenbar worden, aber, neben der
-Wohlthat brachte es im Mißverständniß unermeßliches Elend über die
-Länder und Völker. Der große Eingeweihte selbst und seine Freunde sahen
-es ein, und er starb den Versöhnungstod. Nach und nach ward das
-Mysterium dem Volke wieder entzogen, das spätere Christenthum und die
-Hierarchie bildeten sich aus, und verdeckten mit Satzungen, Gebräuchen,
-Ceremonien, Putz und Kunst das geistige Geheimniß, das wir nur hie und
-da im Lauf der Zeiten aufleuchten, und wie einen Blitz vorüber fahren
-sehn. Dem Kundigen genug, um das Licht zu erkennen; dem Unwissenden nur
-eine Blendung oder Veranlassung, sich wieder einer leidenschaftlichen
-Sektirerei zu ergeben. -- Wozu also, großer Meister Sangerheim, wenn Ihr
-diese Wahrheiten erkennt, ist Euch zur Weihe die katholische Kirche noch
-nöthig, da diese selbst nur eine abgeleitete aus unserm ältern, ächten
-Orden ist? da sie Nichts darstellt, als das Mißverständniß eines
-Geheimnisses, das ihr freilich Anfangs lauter übergeben ward? Und darum
-sagte ich, daß in gewissen Punkten der Protestant eine ältere Kirche
-besitze, und Ihr werdet nun, mein Freund, wahrscheinlich verstehn, wie
-dieser kurze Ausspruch gemeint war.
-
-Der Graf mußte es bemerken, welchen sonderbaren Eindruck dieser Vortrag
-auf die meisten seiner Zuhörer machte. Bei Einigen war das Erstaunen mit
-Unwillen gemischt, Einige gaben Beifall, den man einen schadenfrohen
-hätte nennen mögen, denn sie sahen mit bedeutsamem Lächeln nach
-Sangerheim hinüber, der, so sehr er sich zwang, seine Verlegenheit jetzt
-nicht mehr verbergen konnte, und sich, Hülfe suchend, an Diejenigen
-wendete, die mit der Rede des Grafen unzufrieden schienen. Er sagte
-endlich, nach einigen Erörterungen: So sehr wir verbunden seyn mögen, so
-sind wir also doch wieder getrennt; es mag seyn, daß sich die Wahrheit
-unterschiedliche Bahnen sucht. Nach Ihrer Ueberzeugung ist die Maurerei
-das Einzige und Höchste; ich stütze mich noch auf die Heiligkeit der
-Kirche und offenbarten Religion.
-
-So gebt die Maurerei auf, rief der Graf, der erhitzt schien: wozu soll
-sie Euch helfen, wenn Euer Herz und Glaube sich in der Religion
-befriedigt und sättigt? Und woher kommt denn diese Religion? Ist sie
-denn nicht, wie ich schon sagte, ein ungeschickter Versuch, einige der
-verschwiegenen Mysterien zu offenkundigen Wahrheiten zu machen? Und
-damit diese wenigen Wahrheiten sich erhalten können, meistentheils nur
-scheinbar, weil sie doch unverstanden sind, muß das Gerüst des
-Kirchendienstes dazu erbaut, muß der große Teppich gewirkt werden, der
-bedeckend herumgehangen wird, und diese wenigen Wahrheiten wieder in
-Geheimnisse verwandelt, die keiner sieht und findet, indessen sich das
-Volk an den bunten Bildwerken ergötzt, und die Priester sich zanken, und
-die Verständigsten unter den Layen von der ganzen Sache eigentlich gar
-keine Notiz nehmen. Seht, Meister, so steht es wahrhaft, wenn ich denn
-doch einmal reden soll, ohne, wie man sprichtwörtlich sagt, ein Blatt
-vor den Mund zu nehmen.
-
-Großer Meister, erwiederte Sangerheim, Euer Geist ist gewaltig und groß,
-Ihr fahrt wie ein Sturmwind daher, und predigt wie die Begeisterung. Was
-Ihr weissagt, habe ich wohl verstanden, aber die Obern, die ich verehren
-muß, würden auch Euch, so stark Ihr seid, so viele Zeitalter Ihr gesehn
-haben mögt, Hochachtung abzwingen, und wohl eine andre Ueberzeugung Euch
-geben.
-
-Mir? sagte der fremde Meister: wißt Ihr denn, ob ich sie nicht längst
-kenne? Es ist aber noch die Frage, ob sie mich auch kennen, auch wenn
-ich vor ihnen stände.
-
-Wie meint Ihr das, Großmeister? fragte Sangerheim.
-
-Ihr fragt, und fragt immer wieder, antwortete der Magus erhitzt und mit
-funkelnden Augen, und wollt doch auch Großmeister seyn. Obere nennt Ihr
-sie? Gut. Aber es kann doch auch wohl einen Obersten dieser Obern geben,
-die diesem dienen und gehorchen müssen, denen er nur so viel Weisheit
-zukommen läßt, als ihm dienlich scheint, die deshalb verschiedene
-Systeme ausbreiten, die er alle von seiner Höhe lenkt. So sind diese
-katholisch, jene protestantisch; einige nennen sich Rosenkreuzer, andre
-Tempelritter; der will Vernunft und Freiheit des Volks, jener Mystik und
-die Würde des Königs begründen und verbreiten; diese Ritter des Grabes,
-des Todes und Lebens, Illuminaten, und wie sie vielfältig sich betiteln,
--- können sie nicht vielleicht alle von einem unbekannten obersten Obern
-abhängen? Und ist Euch diese alte Sage, da Ihr doch so Vieles wißt und
-erfahren, in Euerm Orden noch nicht vorgekommen?
-
-Wer seid Ihr? rief Sangerheim wie entsetzt aus.
-
-_Ich bin, der ich bin!_ antwortete der Fremde. Erkennt Ihr mich daran
-noch nicht? -- Ob ich auch Feliciano, oder einen ältern Namen nenne,
-gilt dem Nichtwissenden gleichviel. Seid Ihr aber ein Wissender, so will
-ich in einer Chiffer, einem kleinen Symbol aussprechen, wer ich bin.
-Reicht mir das Blatt und den Stift.
-
-Er zeichnete und gab dann mit Lächeln das Papier dem Meister hinüber,
-indem er scharf sagte: Wenn Ihr der seid, für den Ihr Euch ausgebt, so
-müßt Ihr mich nun erkennen. Doch zeigt es Niemand.
-
-Sangerheim nahm das Blatt, sah und erblaßte. Er wickelte die Zeichnung
-zusammen und ließ sie schnell am Licht verbrennen. Ich sehe nun, daß Ihr
-jener wahre Oberste seid, dessen Zeichenschrift man nur denen der
-höchsten Weihe vorzeigt. Ich beuge meine Knie und meinen Geist vor Euch.
-
-Die letzte, entscheidende Erklärung hatte alle Gegenwärtigen in
-Verehrung und Demuth zum Grafen hinüber gezogen. Feliciano stand auf,
-machte ein Zeichen, das alle verstanden, und sagte: Kraft meines Amtes
-schließe ich hiemit diese Loge. Alle erhoben sich. Der Graf faßte
-hierauf die Hand Sangerheims und sagte: Junger Mann, Du wandelst einen
-gefahrvollen Weg, aber Du bist so weit vorgeschritten, daß ich nur
-warnen, Dich nicht mehr lenken kann und darf. Du kennst die Geister, Du
-bezwingst sie und sie gehorchen Dir, -- aber, sie kennen Dich besser,
-als Du sie kennst. Dir sind sie geheimnißvolle, wunderbare,
-unbegreifliche Wesen, und Du bist ihnen so verständlich und klar, daß
-sie Alles wissen, was in Deinem Gemüthe ist. Das Verhältniß des ächten
-Magiers muß aber das ganz umgekehrte seyn, Du mußt Deinen Geistern ein
-ganz wundervoll, geheimnißreiches Wesen bleiben, mit Furcht und
-Schaudern müssen sie Dir dienen. Kannst Du sie nicht noch zu Sklaven
-machen, daß sie vor Dir erbeben, wird ihnen Deine Natur immer klarer
-näher gebracht, wähnst Du gar, Freundschaft mit ihnen stiften zu können,
-dann -- wehe Dir! Furchtbar werden sie Dich einst, vielleicht bald,
-wegen ihrer aufgezwungenen Dienste zur Rechenschaft ziehn. --
-
-Er ging mit feierlichem Schritte fort, und Schmaling folgte ihm
-zitternd. Die Zurückgebliebenen sahen sich forschend an, und wußten
-nicht, was sie aus diesen letzten Worten machen sollten. Nur Sangerheim
-schien sie zu verstehn und sank bleich und von Anstrengung erschöpft, in
-einen Sessel zurück. Meine Freunde, sagte er nach einiger Zeit, ihr seid
-Alle Zeugen der wunderbaren Begebenheit, die sich zugetragen hat. Ihr
-wißt nun Alle, welche Kämpfe, welche Gefahren ich noch zu bestehn haben
-werde: welche Angriffe mir aus dem Geisterreiche her drohen. Erliege ich
-in meinen großen Bemühungen, so war es doch nicht Unkunde, die mich auf
-diesen gefahrvollen Weg trieb, sondern die Liebe zum Heiligsten der
-Wissenschaft.
-
-Alle verließen den Meister, dankend, hoffend, ihn ermunternd, und Jeder
-ging tiefdenkend nach seinem Hause.
-
- * * * * *
-
-Schmaling trat mit dem Großmeister, dem unbekannten Obersten, zu welchem
-ihn eine ungemessene Ehrfurcht, eine Art von Anbetung hinzog, zugleich
-in sein elegantes Schlafgemach, indem er an allen Gliedern zitterte. Ich
-wage es, Ihnen zu folgen, Größter aller Sterblichen, -- doch, was sage
-ich? vielleicht einem Unsterblichen.
-
-Feliciano sah ihn mit einem hochrothen Gesicht und glänzenden Augen an.
-Dem Jüngling erschien der Meister in einem wunderbaren Lichte, denn er
-sah, daß Dieser wankte, und sich lachend niedersetzte. Ei! mein Kind,
-fing er darauf an, da bist Du ja auch! Das ist schön, daß Du kommst, so
-können wir noch in stiller Nacht ein wenig mit einander schwatzen.
-
-Er stand wieder auf, und wankte nach einem Schranke hin. Ich habe mich
-verleiten lassen, fing er wieder an, heute, meiner Gewohnheit entgegen,
-viel zu sprechen, und noch mehr von den starken Weinen zu trinken.
-Unpolitisch. Ich will mich nun an diesem Trank, den ich nur meinen
-ägyptischen Wein zu nennen pflege, wieder nüchtern zechen, weil dieser
-noch viel stärker ist, als dort das beste Getränk. -- Er leerte einen
-großen Becher, den er aus einer sonderbaren Flasche gefüllt hatte, die
-in allen Farben glänzte und mit vielfachen Hieroglyphen bemalt war. --
-Trink, mein Söhnchen, sagte er dann, und reichte dem jungen Manne den
-Becher, koste wenigstens diesen Wundertrank.
-
-Schmaling setzte bald ab, denn diese Essenz, aus Gewürzen abgezogen, war
-ihm zu stark. Feliciano sah ihn freundlich lächelnd an und sagte: Liebes
-Bürschchen, kein Mensch in der Welt hat mir noch so sehr als Du
-gefallen, begleite mich, sei mein Freund und wahrer Schüler, und ich
-will Dir alle meine Weisheit mittheilen. Das andre Menschenvolk ist so
-plump und unliebenswürdig, Keiner ist mir noch aufgestoßen, dem ich mich
-ganz ergeben möchte. Du allein hast mein Herz gewonnen, und zu Dir
-möchte ich wahr und offen seyn können, weil mich das Zusammenschnüren,
-wie ich es der Uebrigen wegen mit mir treiben muß, genirt und langweilt.
--- Aber was wolltest Du noch von mir erfahren oder erfragen?
-
-Die Stimme des Mannes lallte, und es schien, als wenn dieser ägyptische
-Wein eher das Gegentheil, als die beabsichtigte Wirkung hervor gebracht
-hätte. Schmaling war verlegen und mochte sich selber nicht gestehn, was
-er zu bemerken glaubte; er sagte: Großer Meister, wenn es mir erlaubt
-ist, zu fragen, und noch einen Augenblick bei Ihnen zu verweilen, so
-möchte ich wohl erfahren, wie Sie es gemeint haben, was meinem Freunde
-die Geister, und auf welche Art sie ihm schaden könnten: was Sie sagten,
-schien zwar ein gewisses Licht zu geben, war mir aber doch noch
-unverständlich.
-
-Feliciano schlug in seinem Sessel ein lautes Gelächter auf, an dem er
-sich nur nach geraumer Zeit ersättigte, dann sagte er: Je, Kind,
-liebstes Kind, nimm doch Vernunft an. Was ich dort gesagt haben mag,
-weiß ich nicht mehr, aber ich meine, es wird mit seinen Geistern und
-allen den Geschichten ein klägliches Ende nehmen, weil der Gimpel selbst
-an seine Geister glaubt.
-
-Weil er an sie glaubt? fragte Schmaling im höchsten Erstaunen.
-
-Ja, liebes Närrchen, fuhr der Magus fort, sieh, deswegen muß es ja
-nothwendig und natürlich ein ganz miserables Ende mit ihm nehmen. Er
-betrügt die Welt und seine Schüler, und das ist recht und billig; mit
-den unter uns bekannten Kunststücken läßt er Geister und Gespenster
-erscheinen, aber der erste Dummkopf in der Welt ist, der selbst durch
-sich selbst getäuscht wird. Ich kam ihm in allen Richtungen entgegen und
-erwartete sein Bekenntniß, das mir allein am Tisch verständlich gewesen
-wäre. Aber seine Obern haben den Menschen auf eine mir unbegreifliche
-Art so dumm gemacht, daß, wie er auch betrügt und Andre täuscht, er doch
-glaubt, es werde sich ihm mit der Zeit das ächte wahre Wunder
-mittheilen.
-
-Schmaling wußte nicht, wie ihm geschah. Er betrachtete die Decke und
-wieder den verehrten Meister, sich selbst, den Fußboden und wieder den
-trunknen Wahrsager, der jetzt von Wein geschwächt und von seinem
-Uebermuth begeistert so Vieles aussagte und verrieth, was er nüchtern
-geworden am Morgen wahrscheinlich bereute.
-
-Laß die Narrenpossen, sagte der Graf, und mache es möglich, daß wir uns
-Beide verständigen. Du bist zu gut, um unter dem aberwitzigen Jan Hagel
-so mitzulaufen, Du verdienst es, die höchsten Grade und alle mit
-einander in einem Augenblicke zu erhalten. Ich höre, Du willst da in
-Deiner Stadt heirathen. Zieh mit mir, die ganze Welt steht einem so
-schönen, so feinen und schmiegsamen Mann, wie Du es bist, offen; alle
-Weiber, die schönsten und vornehmsten, werden Dir entgegen laufen. Du
-wärst mir dazu ganz anders brauchbar, als der tölpische Anton, Dein
-Jugendfreund, der aus einem Freigeist und Uebervernünftigen so mit
-beiden Beinen in die Dummheit hinein gesprungen ist.
-
-Er lachte wieder, daß er vor Schmerzen inne halten mußte. Du weißt
-vielleicht, fing er wieder an, wie ich schon ein Weilchen in Eurer
-komischen Stadt als ein Herr Anderson lebte. Ich hatte so die beste
-Gelegenheit, Alles auszuspioniren, und mein pfiffiger Bedienter noch
-mehr. Ich kannte schon alle Verhältnisse, auch die Mesalliance des Herrn
-Anton mit einem hübschen Bauernmädchen, die er nun in seiner kühlen
-Verständigkeit so schlechthin aufzuopfern dachte. Dieser tugendhafte
-Anton wollte nun Dich, mein liebes Kind, bessern und korrigiren, daß Du
-den Aberglauben ließest. Das kam mir ganz erwünscht in den Weg gelaufen,
-daß ich mich für den großen, berühmten Feliciano ausgeben sollte, der
-ich zufällig selber war. Die Bäuerin hatte ich kennen lernen und ihre
-Verzweiflung gesehn: ich hatte von ihr ein Bildchen machen lassen, das
-ziemlich ähnlich war. Sollte es doch auch nur für einen Augenblick
-dienen. Der Professor Ferner hat ein allerliebstes Kind, einen überaus
-klugen Jungen. Man glaubt nicht, wenn man es nicht so oft, wie ich,
-erfahren hat, wie schon der ganze Spitzbube in den Kindern steckt. Das
-Lügen, das den meisten angeboren ist, darf nur ein wenig erfrischt und
-aufgemuntert werden, so geräth es fast besser, als bei den Erwachsenen,
-die immer darin fehlen, daß sie es zu klug, zu verwickelt machen wollen.
-So ein Kind wird wahrhaft begeistert, wenn es gebraucht werden soll, die
-Großen und Vorgesetzten zu betrügen, und es lernt eine solche Lection
-besser, als jede in der Schule. Mit diesem Jungen, der noch bei mir ist,
-hatte ich schon unvermerkt mein Spiel verabredet. Mein Diener hatte die
-Blendlaterne und das Bild bei der Hand, sammt dem nöthigen Rauch, die
-Domestiken des Hauses waren entfernt worden, und um die Sache noch
-schauerlicher zu machen, hatte die gute Bauernnymphe unterdessen, daß
-sie im Zimmer leiblich erscheinen sollte, einen Schlaftrunk erhalten. So
-wurde denn der Spuk und die Comödie glücklich so gespielt, wie Du sie
-selber mit angesehn hast.
-
-Immer noch war es dem glaubensfähigen Schmaling, als wenn er in einem
-ängstlichen Traume läge. Und heute nun, fing er wieder an, als mein
-Lehrer und Meister sich Eurer höheren Wissenschaft so unbedingt beugen
-mußte?
-
-Kluges Kind, antwortete Jener, siehst Du denn nicht ein, daß wer die
-Menschen betrügen will, es ja nicht zu fein anfangen muß? So wie es fein
-ist, wird ja auch der Scharfsinn Jener geweckt, sie werden aufmerksam,
-denken, passen auf, und das Kunstwerk steht auf der Nadelspitze. Grob,
-plump muß der Menschenkenner zu Werke gehn. Die sich dann nicht damit
-einlassen wollen, wenden sich ganz ab, und auch das ist Gewinn; die
-Andern denken: Nein, so einfältig ist doch Keiner, die Sache zu
-erfinden, wenn nicht irgend Etwas daran wäre. Sagst Du ihnen, Du hast
-Carl den Zwölften gekannt, so lachen sie Dir ins Gesicht, behauptest Du
-aber dreist, Du habest mit Johann Huß Brüderschaft getrunken, so glauben
-sie Dir. -- Also mein Herz, laß Dich überreden, mit mir, als Deinem
-bekannten Obersten, durch die Welt zu ziehn, und ihre Schätze und Gunst
-mit mir zu theilen. -- Oberster! Ha ha! Weil ich so viele Logen aller
-Art durchkrochen bin, so wurde mir denn auch von einigen Rosenkreuzern
-eine Signatur gezeigt, die den Messias bezeichnen sollte, der einmal
-erscheinen würde, um ein himmlisches Reich auf Erden zu stiften. -- Du
-siehst, mit welcher angenehmen Dreistigkeit ich Deinen großen Meister
-mit dem Bagatell verblüfft habe. -- Nein, als ein ehrlicher, schlichter
-Mann könnte ich verhungern, als ein berühmter Charlatan bin ich reich
-und beherrsche Männer und Weiber und kann wie ein Sultan gebieten und
-walten. Lockt Dich denn diese Aussicht nicht, liebstes Kind? Du bist so
-viel schöner, als ich, Du kannst ja Deine Jugend nicht besser genießen.
-Mir hat so ein Wesen noch immer zu meinen Erscheinungen gefehlt, wer
-weiß, welchen Engel wir droben im Norden aus Dir machen. Wer weiß,
-welche Monarchin Dir ins Netz läuft, -- wer weiß -- kurz, komm mit!
-
-Der ägyptische Wein hatte so stark gewirkt, daß der Großmeister jetzt
-einschlief. Am Morgen, als er erwachte und sich besann, konnte er sich
-nur dunkel erinnern, was er gethan und gesprochen hatte. Aber das
-drückte ihn schwer, daß er sich gegen Schmaling auf irgend eine Weise zu
-sehr herausgelassen habe. Er sendete sogleich nach diesem, um entweder
-mit Klugheit ihm Alles wieder auszureden, oder, wenn dies unmöglich sei,
-ihn im halben Vertrauen stehen zu lassen und durch Drohungen zum
-Schweigen zu zwingen. -- Aber Schmaling war verschwunden und nirgends zu
-finden, auch Sangerheim konnte keine Nachricht von ihm geben, der mit
-Schmerz und Aengstlichkeit die unbegreifliche Entfernung des Jünglings
-beklagte.
-
-Als nicht zu helfen war, schickte Feliciano einen drohenden Befehl an
-Sangerheim, den jungen Schmaling niemals wieder als Bruder in seine Loge
-zuzulassen, dieses Verbot auch andern Logen mitzutheilen, die mit ihm in
-Verbindung ständen, das Gleiche würde er allen Brüdergemeinden zusenden,
-die von ihm abhängig wären, weil er entdeckt habe, daß dieser Schmaling
-ein Bösewicht, Verleumder und ganz unwürdiger Bruder sei, der nur damit
-umgehe, alle Geheimnisse des Ordens auf eine schändliche Weise zu
-verrathen, und die Meister selbst durch die abscheulichsten Lügen
-öffentlich zu beschimpfen.
-
-Sangerheim zitterte, und Feliciano eilte, mit seinem Zuge seine Reise
-nach dem fernen Norden fortzusetzen. --
-
-Schmaling war mit den schnellsten Postpferden zur Residenz
-zurückgekehrt. Er wußte nicht, wie er sich benehmen sollte, er hatte
-nicht den Muth, in das Haus seines Schwiegervaters zu gehen, er konnte
-es sich nicht als möglich denken, nur den Bedienten gegenüber zu treten,
-um sich melden zu lassen.
-
-In dieser unbehaglichen Lage sagte er zu sich selber: Ist es denn etwas
-Anderes, wenn ein Freund, der im hitzigen, oder Faulfieber liegt, von
-allen Aerzten schon aufgegeben, von allen Freunden schon als todt
-beklagt, wieder geneset? Sonderbar, daß wir immer so großen Unterschied
-zwischen den Krankheiten unsrer Seele und unsers Körpers machen wollen.
-Eins ist selten ohne das andre. Dem Elenden, der im Fieber phantasirt,
-vergiebt man es gern, man tröstet ihn sogar freundlich, wenn er Gott und
-Menschen, seine Liebsten und Nächsten gelästert hat, man nennt es nur
-Abwesenheit, Vergessen seiner selbst: und der Arme, dessen Seele
-zerrissen wurde, der, peinlich hinauf getrieben, zwischen den Extremen
-schwankte, der sich selbst verlor: ihm vergiebt man nicht, ihm rechnet
-man die Aeußerungen seiner Krankheit als Verbrechen an, und er muß es
-mit Dankbarkeit erkennen, wenn man es ihm nur nach Jahren vergißt, daß
-er diese und jene auffallende Meinung äußerte. Und so bin ich genesen,
-ich kehre von einer Brunnenkur zurück, da alle meine Freunde mich schon
-aufgegeben hatten. Wollen sie mich nicht, die mir die Liebsten und
-Nächsten sind, als einen Wiederhergestellten anerkennen, nun so ist es
-an ihnen, krank zu seyn, sie mögen dann irgend ein Bad besuchen, und es
-kömmt nachher auf mich an, ob ich sie als Gesunde begrüßen oder als
-Unheilbare von mir weisen will.
-
-Mit diesen Gesinnungen und Entschlüssen ging er nach dem Hause des
-Geheimenrathes Seebach. Die Bedienten, die ihn schon von ehemals
-kannten, ließen ihn ungehindert eintreten. Er fragte nach Fräulein
-Clara; man sagte ihm, daß sie ungestört seyn wolle, weil sie sich unwohl
-fühle, sie habe daher erklärt, keine Besuche annehmen zu wollen. Er
-sagte dem Kammerdiener, daß er der Familie kein Fremder sei, und daß er
-alle Verantwortung auf sich nehmen wolle.
-
-Er ging über den wohlbekannten Gang nach dem Gemache seiner
-Jugendfreundin. Lange stand er vor der Thür. Er lauschte mit
-hochklopfendem Herzen. Ihm war, als wenn er drinnen Gesang und die Töne
-einer Laute vernähme. Und so war es auch. Clara, um ihren Gram
-einigermaßen zu beschwichtigen, hatte alle ihre alten Musikstücke hervor
-gesucht, um sich an diesen zu trösten. Sie spielte und sang, und wiegte
-so, als sei er ein ungezogenes, schreiendes Kind, ihren immer wachen
-Kummer ein. Einige Blätter hatte sie bis jetzt überschlagen. Sie faßte
-den Muth, sie vor sich hinzulegen, um sie zu singen. Es waren einige
-Compositionen, die in bessern Zeiten Schmaling selbst zu ihren
-Lieblingsliedern gesetzt hatte, es waren sogar einige Lieder darunter,
-die von ihm gedichtet waren, und zu denen er ebenfalls die Melodie
-gesungen. Lange hatte sie den Trost der Musik entbehrt und darum ergab
-sie sich heute diesem Genusse wie eine Berauschte. Schmaling horchte
-entzückt an der Thür; alle Jugenderinnerungen, alle jene süßen Stunden
-der Unschuld kehrten in sein bewegtes Gemüth zurück. Ihm war, als hätte
-er den ganzen Zwischenraum, zwischen jenen Tagen und dem heutigen, nur
-in einem schweren Traum gelegen.
-
-Clara hörte in ihrem lauten Gesange nicht, wie er klopfte. Als er das
-Zeichen wiederholt gegeben hatte, öffnete er die Thür und trat in das
-Zimmer. Sie saß mit dem Rücken gegen die Wand und hatte seinen Eintritt
-nicht vernommen. Sie sang so laut und heftig, als wenn sie an dem Liede
-sterben wolle. Er hatte es ihr vor drei Jahren zu ihrem Geburtstage
-komponirt, nicht lange nachher, als sie mit einander bekannt geworden.
-Er konnte sich nicht zurückhalten, er weinte laut und stürzte zu ihren
-Füßen nieder. --
-
-Die Laute entfiel ihrer Hand. -- Wie? rief sie aus; was sehen meine
-Augen? Täuscht mich kein Blendwerk? Die alte Zeit kommt wieder, der
-Calender lügt und mein Ferdinand ist wieder da.
-
-Ja! rief der tiefbewegte Jüngling: da, um nie wieder von Dir zu
-scheiden. Zurückgekehrt, wie der verlorne Sohn, von den Trebern des
-Aberwitzes und der Lüge, um bei seinem Vater Schutz und Nahrung zu
-suchen.
-
-So? sagte Clara, indem sie ihn aufhob; stehe auf, lieber Freund, wenn
-ich Dich noch so nennen darf. Also, meinst Du, soll ich nun wie das Kalb
-geschlachtet und verspeiset werden?
-
-Ich bin leider das Kalb gewesen, antwortete der Beschämte, aber nun,
-meine süße Geliebte, nachdem ich genesen, nachdem ich die Dummheit
-meiner erhabenen Meister eingesehn habe, werde ich mich niemals wieder
-verführen lassen. Nein, auf immer bin ich zu Dir, zu jenem schlichten,
-einfachen Leben zurückgekehrt, das ich vor Kurzem noch mit Verachtung
-ansah. Fühle ich doch in allen Fasern meines Herzens und in jedem
-Tropfen meines Blutes, daß das Einfache, scheinbar Arme, das
-Nächstliegende eben das Reiche, Wohlthätige, Himmlische ist! Vergiebst
-Du mir meinen Wahnsinn, so bin ich der Glückseligste aller Menschen, und
-ich erwarte, daß Fürsten von mir Almosen begehren sollen.
-
-Nun, nun, sagte Clara, nicht eben so eifrig, mein Freund, in der
-Bekehrung und Reue wie erst in der Sünde. Also jetzt willst Du kein
-Kapuziner, nicht katholisch werden?
-
-Sie lachte so anmuthig, daß Schmaling den Muth faßte, sie in die Arme zu
-nehmen und herzlich zu küssen. Noch niemals hatte sie ihm den Kuß mit
-diesem Feuer erwiedert. Hierauf zog sie beide Glocken in ihrem Zimmer
-mit der größten Heftigkeit, tanzte im Gemach auf und ab, und als mehrere
-Diener ängstlich erschienen, rief sie diesen mit lauter Stimme zu: meine
-Eltern sollen kommen! Aber gleich! Mit der größten Schnelligkeit! Es
-verlohnt sich schon der Mühe, zu eilen.
-
-Man verwunderte sich im ganzen Hause über das ungewöhnliche Geräusch.
-Der alte Kammerdiener lief in Angst hin und her, weil er meinte, daß
-irgendwo Feuer ausgebrochen sei. Endlich traten Mutter und Vater zu
-Clara in das Zimmer. Was giebt es denn? fragten Beide; warum lässest Du
-uns so gewaltsam rufen?
-
-Sie sagte: wenn es nicht unbillig ist, daß bei der Geburt eines Prinzen
-alle Glocken geläutet und Kanonen abgeschossen werden, so darf man schon
-einigen Spektakel in einer honetten Familie machen, wenn ein junger Mann
-seinen gesunden Menschenverstand wieder gefunden hat. Ja, liebste
-Eltern, hier steht der bescheidene Jüngling, dessen Edelmuth es nicht
-wagt, dergleichen Ungeheures von sich auszusagen, weil er seit so vielen
-Wochen auf den entgegengesetzten Bahnen irrte.
-
-Der Vater schloß entzückt den jungen Mann in seine Arme, die Mutter war
-verlegen und gerührt. Und Sie entsagen, fragte der Rath, Ihrem Meister
-Sangerheim?
-
-Mit vollem Ja, kann ich antworten, rief Schmaling, und eben so dem
-Großmeister Feliciano, der vielleicht Judas Maccabäus seyn mag, oder
-Ischariot, und dem Teufel und seiner Großmutter, und allen ihren Spuk-
-und Zauberwerken, die keine Stecknadel werth sind, und für die wir ihnen
-unsre Seele verkaufen müssen.
-
-Ja wohl, sagte der Vater, müssen wir ihnen, den Unterirdischen, den
-Reichen des Wahnwitzes, das Theuerste verschreiben, um das Verächtliche
-dafür zurück zu erhalten.
-
-Ich bin genesen, rief Schmaling aus, und begreife jetzt nicht, wie ich
-den Himmelsblick meiner Geliebten, ihr Herz, alles Glück einer
-entzückenden Häuslichkeit und des nächsten Besitzes, gegen jene
-Kartenkünste aufopfern konnte.
-
-Als man sich mehr beruhigt hatte, erzählte er dem Vater auf dessen
-stillem Zimmer Alles, was ihm begegnet war. Man erfuhr auch bald, daß
-der junge Schmaling, wegen schwerer Vergehungen, von vielen Logen
-ausgeschlossen sei. Dies störte nicht das Glück des Hauses, denn seine
-Verlobung mit Clara wurde bekannt gemacht, und bald darauf die Hochzeit
-gefeiert.
-
-Könnte ich doch, klagte der Vater an diesem fröhlichen Abend, meinen
-Sohn Anton eben so in meine Arme schließen, und mich überzeugen, daß er
-mir zurückgegeben sei.
-
- * * * * *
-
-Die Scene, die sich mit dem größeren Magus ereignet hatte, war für
-Sangerheim von Folgen gewesen. Seine Schüler hatten es gesehn, daß er
-verlegen und irre an sich selber wurde; sie hatten Andern diese
-Bemerkung mitgetheilt, und Viele wendeten sich von ihm ab. Die ältere
-Loge beobachtete ihn genauer, und faßte mehr Muth, sich ihm öffentlich
-zu widersetzen. Unter Denen aber, die ihm unwandelbar treu blieben, und
-auf seine Worte schwuren, stand der Arzt Huber oben an; diese Anhänger
-beredeten sich, daß die Wirkungen, welche Feliciano hervorbrachte, durch
-die Hülfe böser Geister geschähen, und er selbst durchaus verwerflich
-und gottlos, seine Lehre verdammlich zu nennen sei.
-
-Jetzt ward es den Vertrauteren, und späterhin den Uebrigen bekannt, daß
-Sangerheim verheirathet sei, und seine Frau bei ihm wohne. Da sie krank
-und leidend war, hatte er ihr Dasein Allen verschwiegen. Die Wenigen,
-die sie zuweilen auf einen Augenblick sahen, bemitleideten sie, oder
-entsetzten sich vor ihr, wie vor einer Geistererscheinung. Sie war noch
-jung, aber todtenbleich, schwach und matt. In dem weißen und
-abgemagerten Gesicht glänzten die Augen mit einem sonderbaren Feuer. Sie
-hatte kaum Stärke genug, aus einem Zimmer in das andre zu gehn, und es
-geschah wohl, daß sie mitten in ihrer Rede abbrach und einschlief. Dann
-sprach sie sonderbar, oft unzusammenhängend, oft, als wenn sie
-Erscheinungen sähe. Sie hatte keinen Arzt, sondern der Mann, der sich
-die größten Kenntnisse zutraute, behandelte sie selbst auf eine
-geheimnißvolle Weise: er suchte sie durch Gebet, Händeauflegen und
-Beschwören zu stärken. Wegen dieses sonderbaren Zustandes der Leidenden
-war es selbst den Vertrautesten nur durch Zufall möglich gewesen, sie
-auf Augenblicke zu sehn und zu beobachten.
-
-Nach einer schlimmen Nacht, in welcher sie von Schmerzen sehr gequält
-war, sagte sie am Morgen zu ihrem Gatten: Ach, Alexander! das war nicht
-die Aussicht, die wir hatten, als Du mich heimlich, fast mit Gewalt aus
-dem Hause meiner guten Eltern nahmst. Welche Pläne machten wir damals,
-was hofften wir Alles von unsrer Liebe. Nun ist Alles dem Tode
-verfallen! Ach! und welch gespenstisch Leben, welch sterbendes Dasein
-ward mir in Deiner Nähe. Nun, ich fühl' es, es ist zu Ende.
-
-Nein, geliebte Theodora, tröstete sie der Mann: nein, meine Geliebteste,
-ohne die das Leben mir selbst nur eine Last seyn würde. Glaube mir,
-Alles nähert sich einer glücklichen Entwicklung. Ich sehe, Du wirst mit
-jedem Tage besser, in wenigen Monaten ist Deine Gesundheit und die
-Blüthe Deines Leibes wiedergekehrt. Du bist wieder heiter und froh, Du
-hast wieder Muth und Kraft, wie in den ersten Tagen unsrer Liebe.
-
-Liebst Du mich denn noch? fragte die Kranke, mit einem sterbenden Blick.
-
-Theodora, rief Sangerheim, außer sich vor Schmerz; diese Frage und
-dieser Blick könnten mich tödten. Es wühlt mein Herz um, und zernichtet
-meine Kräfte, daß diese Zweifel Dir immer wiederkehren.
-
-Ich darf nicht sprechen, antwortete sie matt, denn Deine Heftigkeit geht
-dann wie ein schneidend Messer durch meinen Leib und meine Seele.
-
-Ich will sanft seyn, milde, Geliebte, antwortete er demüthig, sprich
-Deinen Kummer aus, nur zweifle an meiner Liebe nicht.
-
-Was nennst Du so? fuhr sie fort; Deine Liebe ist Dir doch nicht heilig,
-Du opferst sie auf, sie ist Dir nur Mittel zu andern Zwecken. O, mein
-Engel, wenn Du Dich von jener Verbindung losmachen könntest, o zerbrich
-sie, mein süßes Herz, entzieh Dich jener Gesellschaft, die mir immer
-schrecklicher erscheint, die Dich verderben wird.
-
-Nein, meine Liebste, antwortete Sangerheim gerührt, ich erkenne Deine
-Liebe in jedem Deiner Worte, aber diese Männer, von denen ich Dir einmal
-in einer schwachen Stunde erzählt habe, kennst und würdigst Du nicht.
-Denke nur zurück, wie arm, wie dürftig unser Leben war. Als
-österreichischer Offizier, in einer kleinen Garnison, von rohen,
-unwissenden Menschen umgeben, mit schmalem, unbedeutendem Gehalt, ohne
-Hoffnung, es weiter zu bringen, -- was war da unser Loos? Wie armselig,
-dürftig und verächtlich war diese Existenz! Und betrachte jetzt den
-Ueberfluß, die Ehre, den Schwarm der Freunde und Bewunderer.
-
-O Alexander, seufzte sie, führe mich in jene enge Dürftigkeit zurück,
-gieb mir unser damaliges Leben wieder, und ich will Dir auf den Knieen
-danken. Wir waren gesund, wir hatten uns keine Vorwürfe zu machen, denn
-die Eltern waren mir wieder ausgesöhnt. War unser Einkommen klein, unsre
-Habe unbedeutend, so genossen wir Alles mit kindlichem dankbaren Sinn
-und mit einem reinen Gewissen. Als Du in jene Verbindung getreten warst,
-nahmst Du Deinen Abschied, mußtest ihn nehmen. Seitdem ist Alles so
-unklar und unheimlich. Und unser Wohlstand: mir ist, Du stehst auf einer
-dünnen, dünnen Eisrinde, und unter Dir liegt der tiefe Abgrund.
-
-Geliebteste, Freundin, Gattin, erwiederte er liebkosend, beruhige doch
-endlich Deine Seele über diesen Punkt. Wie wird sich Alles anders, und
-zu Deiner schönsten Zufriedenheit entwickeln. Jenen edlen Männern darf
-ich vertrauen, denn ich war ja Zeuge, daß sie Uebermenschliches vermögen
-und wissen. Wie viel haben sie mir schon anvertraut, wie Vieles vermag
-ich durch sie. Mit jeder Post kann es ankommen, das Größte, das Beste,
-was noch zurück ist, in jedem Reisenden kann der Ersehnte vom Wagen
-steigen, der mir Alles enthüllt, so daß keine Frage und kein Wunsch mehr
-übrig bleibt. Alle ihre Briefe deuten auch dahin.
-
-Brauche ich Dir zu sagen, antwortete die Kranke, daß Alles, was Du bis
-jetzt errungen hast, Kunststücke sind, die nur darum den Menschen
-unbegreiflich und wundervoll erscheinen, weil die Wissenschaft sie noch
-nicht gefunden hat? Jeder Gelehrte kann sie zufällig entdecken, und
-diese donnernden Explosionen, die sich durch einen Wurf, ohne Spur
-entladen, werden dann vielleicht ein Spielwerk, mit dem sich die Kinder
-erschrecken. Und Deine Operationen, diese Blendwerke der Erscheinungen,
-diese Bilder, die Du zeigst, Deine künstliche, innerliche Sprache, die,
-wie aus der Ferne, wie die eines Fremden klingt, und womit Du so Viele
-entsetzest, und sie zu Deinen Zwecken führst; daß ich selbst auch als
-Geist auftreten muß, -- o Alexander, wohin sind wir gekommen? Wie muß
-die Welt uns ansehn, wenn Alles einmal bekannt wird.
-
-Liebste Frau, sagte Sangerheim beängstigt, Du hättest Recht, wenn wir
-nicht mit den Edelsten aller Menschen, mit den Uneigennützigsten, mit
-den Weisesten in Verbindung ständen. Daß sie das Beste wollen, daß ihre
-Pläne gut sind und zum Heil aller Menschen hinstreben, davon dürfen wir
-uns überzeugt halten, so seltsam auch ihre Wege, so krumm sie auch
-laufen mögen. Ihnen liegt es ob, dies zu verantworten, wenn sie im
-Unrecht seyn sollten. Ich muß erfüllen, was ich ihnen gelobt habe. Ich
-kenne die Täuschung, die ich mir erlaube, aber ich bin vom guten Zweck
-überzeugt. Und jenseit aller Täuschung sind wir ja im Besitz so manches
-wahren Wunders. Dein Gebet wirkt kräftig, das meinige stimmt Deinen
-Geist. Du siehst, Du sprichst mit abgeschiedenen Freunden, sie entdecken
-Dir Geheimnisse; Du siehst in weite Ferne und durch verschlossene
-Thüren. Dir ist, wenn Du fest willst, Nichts verborgen.
-
-Die blasse, leidende Gestalt seufzte schwer. Ach, Liebster! klagte sie
-dann mit erlöschenden Tönen, daß ich auf diese Weise in Deinen
-weltlichen Absichten Dir habe helfen müssen, ist vielleicht die größte
-Sünde, die Dir der Himmel nicht anrechnen, und mir meine Schwäche und
-Nachgiebigkeit verzeihen möge. Die Liebe zu Dir hat mich weit geführt.
-Dieser künstliche Schlaf, dieser unnatürliche, den Du mir Anfangs
-erregtest, und der sich jetzt immer mehr von selbst einstellt, hat mir
-Gesundheit und alle Kräfte aufgezehrt. Oft weiß ich nicht mehr, ob ich
-noch bin, und kann mich auf meinen eignen Namen, oder auf Deine Gestalt
-nicht besinnen. Ja wohl ist dies eine Zauberei zu nennen, die den
-Menschen aus seinem eignen Innersten entrückt; aber eine verderbliche.
-So Vieles habe ich Dir entdecken müssen, hier und in jener Stadt. Mir
-ist, ich habe nicht allein die Kräfte meines Körpers, sondern auch
-Theile meiner Seele dabei zugesetzt. Wenn Du mich so auf eine Frage
-gewaltsam hinheftest, wenn ich im Schlafe sehen und finden muß, was Du
-verlangst, so dehnt es sich in meiner Brust, in meinem Kopf. Diese
-fließenden leichten Gewölke werden immer dünner und feiner, und mein
-Selbst, mein Sein weicht wie in eine schwindelnde Ferne hinweg, daß ich
-in einer entsetzlichen Angst nach ihm zurückblicke. Jenes fließende,
-fliehende Wesen, das ich selbst nicht mehr bin, faßt und sieht dann in
-meinen Körper, in Dich, in alle Wesen mit einem kalten Schauder hinein.
-Ich frage, ohne den Sinn zu wissen, und höre von Geistern die Antwort,
-und sage sie Dir im Schlaf, und Alles ist nur ein Echo. Oft, wenn ich
-dann wieder erwachen soll, greift das blasse, fließende und entflohene
-Wesen nach dem eigentlichen Ich mit Entsetzen zurück, und kann es nicht
-wieder finden. Nein, mein Ich ist manchmal fort; ich kann mich auf mich
-selbst nicht besinnen. Der Geist fürchtet, er könne vergehn, sich selbst
-vernichten. Nein, Liebster, wenn Du noch einiges Erbarmen mit mir hast,
-nicht mehr diese Experimente, versprich es mir.
-
-Sangerheim gab ihr geängstigt stumm die Hand. Er wußte wohl, wie viel er
-ihren künstlich erregten Visionen zu danken hatte. Durch dieses Mittel
-hatte er damals für den Rath Seebach jenes Dokument gefunden. Er stand
-jetzt an einem furchtbaren Scheidewege seines Lebens. Denn ohne daß
-seine Gattin ihn so schmerzlich zu erinnern brauchte, war er selbst
-schon mehr wie einmal an sich und seinem Beginnen irre geworden. Er fing
-in manchen Stunden an zu zweifeln, ob denn der Zweck die Mittel heiligen
-könne. Eine Lehre, die ihm bis dahin als unerschütterlich erschienen
-war. Mit Angst wartete er auf Briefe und Aufschlüsse, die man ihm
-verheißen hatte, damit er den Trug könne fallen lassen, seinen
-Eingeweihten ein eigentliches Geheimniß sagen und erklären, und im
-Besitz wirklicher Wunderkraft, des Steines der Weisen und der Tinktur
-glücklich seyn. Er hatte nach seiner Ueberzeugung erfüllt, was er
-versprochen hatte, ja mehr ausgerichtet, als man erwarten konnte, aber
-die letzten Briefe, die er erhalten und die er sehnend erwartet,
-sprachen so zweideutig, erfüllten so wenig, was er forderte, und
-umgingen die Frage so behutsam, daß er sich mit allen Kräften der
-Hoffnung und des Vertrauens nur einigermaßen beruhigen und auf die
-nächsten Nachrichten vertrösten konnte.
-
-In dieser Verstimmung seines Gemüthes faßte er die Hand der Kranken, und
-machte, ohne daß sie es bemerkte, die Striche, die den Schlaf herbei
-riefen. Sie entschlummerte mit einer Zuckung Augenblicks, indem sie nur
-noch wimmernd: nicht Wort gehalten! im halben Wachen ausstieß. --
-
-Er fragte sie jetzt um die Zukunft. Der Busen der Kranken arbeitete
-schwer. Ach! Nichts! Nichts sehe ich, sagte sie, wie schluchzend in
-sonderbaren Tönen: da liege ich, weit, weit weg; nicht ich, -- die
-Hülle. -- Glanz, Licht, -- aber ohne Schein. Es saugt mich hinauf. Meine
-Mutter nimmt mich, nicht meine Mutter, ihre Liebe, das ist mehr als sie.
-Wie rein ist ihr Herz. Das reinigt auch meinen Geist, mich. Mir wird so
-leicht, so wohl. Das, was ist, ist nicht eigentlich. Wir verstehn es
-unten nicht. Alles nur Schein, Hülse, der Tod. Das Sein ist anders: kann
-unten nicht gefaßt werden.
-
-Sangerheim richtete durch Fragen ihre Gedanken anders. O weh! rief sie
-in einem scharfen Ton: -- da ist Dunkel, Verwirrung, das Elend. O du
-Lügner, warum verkehrst du mit der Lüge so holdselig? Dein Herz bricht,
-dein Kopf zerspringt. -- Nach jenem Dunkeln soll ich forschen, sehn?
-Mein Auge reicht nicht hin, mein Zittern verdämmert mir den Blick. Alles
-schwarz. Aber näher kommt's. Grauen, Angst, kein Licht. Sie brüten
-selbst, sie suchen. Keine Liebe in ihnen. -- Ja wohl ist es aus, aus für
-dieses Leben. Brief geschrieben, gesiegelt. Kann nicht -- kann nicht
-lesen. Wär' es gut, könnt' ich's; die Liebe könnte lesen, so bleibt's
-finster. -- Ach! -- du, -- du -- auch fort, weggetragen, -- willst mich
-nicht kennen, nicht hier kennen, wo Friede ist? Sehe dich gehen, höre
-deine Stimme, kann dein Gesicht nicht finden; wo die lieben Augen? --
-Alles weg!
-
-Ach! so, so ist es gemeint? fing sie nach einer Pause wieder an; ja, ja,
-es wird ihm schwer gemacht. Er hieß Alexander. Gut war ich ihm, er war
-so lieb. Wird wieder, aber spät, spät, -- ach! kann er glauben? Gott, du
-bist gnädig. -- Laß ihn nicht zu sehr verfinstern. Jesus, vergieb ihm.
--- Nun ist es weg. Nun ist mir wohl. Nie werde ich mehr in die Tiefe des
-Irdischen schauen. Alle Tiefe vergeht; es wird Alles Ein Augenblick,
-Eine Gegenwart, Ein Lichtpunkt, und ich unsichtbar, mir selbst
-unfühlbar, in der Mitte des himmlischen Punktes. Nichts war, Alles ist
-und bleibt. Es zieht, es flieht nicht mehr, festes Bild wird es. -- Nun
-reicht der Strahl aus mir nicht mehr zurück, er ist zu kurz, das Leben
-ist fern, weit und fern: besser so, -- denn -- nein -- besser so -- ach!
-kein Sehnen mehr, kein Schmerz mehr, -- die Freude war schon lange todt.
-
-Sie verstummte: er horchte, er wiederholte die Striche und verstärkte
-seine innere Aufmerksamkeit, aber die Entschlafene sprach nicht. Da sein
-Bemühen heut, was noch nie gewesen, vergeblich war, so strich er mit den
-Händen in entgegengesetzter Richtung, um sie wieder zu erwecken, aber
-eben so fruchtlos, sie erwachte nicht wieder, denn sie war gestorben.
-
-Als er sich nach manchen vergeblichen Bemühungen, sie wieder ins Leben
-zu rufen, von der Wirklichkeit ihres Todes überzeugen mußte, warf er
-sich verzweifelnd zu ihren Füßen nieder, und wüthete gegen sich selber.
-Wie er etwas mehr zur Besinnung gekommen war, rief er aus: ja, du, du
-Unglückseligster, hast die Aermste ermordet! Was ist mir alles Leben nun
-ohne sie? Ohne sie, für die ich mir Glanz und Wohlstand wünschte? Wie
-schaal und abgenutzt liegt jetzt mein ganzes Dasein vor mir, wie arm,
-was ich etwa noch erstreben kann. Und wie liebte sie, die Aermste, mich
-Unwürdigen! Als sie damals, wie ihre Krankheit zuerst sich verkündigte,
-von der langen Ohnmacht erwachte, war ihr erstes Lebenszeichen, daß ihr
-redlicher Blick mich gleich suchte. Sie hatte alles Andre vergessen,
-aber nicht, daß ich um sie bekümmert war. Sie hätte mir ja auf unsern
-Spaziergängen gern jeden rauhen Stein aus dem Wege geräumt. Und mein
-Dank für alle diese Hingebung? -- Daß ich ihre Gesundheit durch diese
-magnetischen Künste vernichtete, daß ich ihren Geist verwirrte, daß ich
-muthwillig ihr liebendes Herz zerbrach. Nein es giebt keine größere
-Sünde, es giebt gar keine andre, als die der Mensch gegen die Liebe
-begeht. -- Ach! Du Süßeste! wo ist jetzt Deine blühende Jugend? Wo sind
-die Rosenwangen, und das Grübchen des freundlichen Lächelns, mit dem ich
-Dich neckte, wenn wir im kleinen Garten Deiner Eltern zwischen den
-Rosenbüschen saßen? Wo sind nun alle die Träume der Liebe? Wo die Pläne,
-die wir für das Leben entwarfen? Diese blasse Hülle, die hagre Gestalt
-ist von all der Lust und Freude übrig geblieben, um mir zu sagen, wie
-armselig und kläglich das menschliche Leben sei, um mir zuzurufen, daß
-ich ein Bösewicht, ein Verworfner bin, der trotzig durch das Leben geht,
-und Dich, süße Blume, roh zertreten hat.
-
-Er setzte sich wieder zum Leichnam nieder, faßte die dürre Hand,
-bedeckte sie mit Küssen, und weinte bitterlich.
-
-Wort müssen, Wort werden sie mir halten, sagte er nach einer Weile zu
-sich selber; mein Elend wäre zu unermeßlich, wenn sich auch diese
-Hoffnung in Tod und Leiche verwandelte. Was bliebe mir? Die nackte,
-kahle Lüge, der verächtliche Betrug. Dem könnte, dem möchte ich nicht
-ferner leben. Ist denn sterben so schwer? Sie ist erloschen, wie die
-Kerze, wie der letzte still verborgne Funke in der Asche. Wenn ich
-verloren bin, so will ich kein Dasein erbetteln, und in Lumpen und dem
-Auskehricht des Lebens Kleinodien suchen, die ich wirklich besaß und
-wegschleuderte, als ich noch wie ein König glücklich war. Jenseit will
-ich sie dann wieder aufsuchen und das keck verachten, was Verachtung
-verdient. -- --
-
-Bei ihrem Begräbniß folgten die vertrautesten der Brüder. Er schien
-seine Fassung wieder errungen zu haben. In fester Stellung, mit edlem
-Schmerz stand er am Grabe der Geliebten und sah die theuern Ueberreste
-versenken. Freilich war es ihm oft, als wenn alles Leben nur ein Traum
-sei, oder ein Schauspiel, in welchem er mit Anstand seine Rolle zu Ende
-führen müsse.
-
-Als er nach Hause kam, fand er folgenden Brief, den er hastig erbrach:
-
-Die -- -- sind mit Euch, mein Freund, nichts weniger, als zufrieden,
-denn Ihr setzt ihr Geheimniß, ihren Ruf und ihre Ehre auf ein zu
-leichtsinniges Spiel. Das ist es nicht, was Ihr verheißen habt, und was
-man von Euch erwartete. Es hat sich erwiesen, daß der Rath -- --, dessen
-Ihr so sicher zu seyn glaubtet, sich kalt zurückgezogen hat, daß Ihr
-jene Stadt meiden mußtet. Und wie lange werdet Ihr in der jetzigen Euer
-Spiel noch forttreiben können? Man verwundert sich, man forscht nach,
-und, was das schlimmste ist, man lacht. Wie schlecht seid Ihr dem
-Charlatan, dem Feliciano, gegenüber bestanden! Wer solche plumpe
-Angriffe nicht einmal zurück zu schlagen versteht, der ist zum Missionar
-verdorben. Auf die Anfragen, auf Eure Forderungen, kann ich nichts
-Bestimmtes erwiedern. Es heißt, die Loge wird verlegt werden: wenn es
-geschieht, so ist noch nicht entschieden, wohin. -- --
-
-Sangerheim knirschte. Mit Todesschweiß schrieb er schnell einige
-drängende, fordernde, beschwörende und beredte Briefe, um das Aeußerste
-und Letzte zu versuchen, denn seine Hoffnung, ein wahrer Magier zu
-werden, war nun fast schon verschwunden.
-
-Wenn sie mich so um mein Leben betrogen hätten! rief er aus, büßen
-sollten sie es! -- Doch nein, ich zittre vor mir selber: weiß ich ja
-doch, daß sie jeden Laut in der Ferne vernehmen, und daß sie jeden
-meiner Gedanken kennen. Drum muß ich, will ich alle meine Gefühle
-unterdrücken, und nur das Beste, Edelste von ihnen erwarten.
-
- * * * * *
-
-Im Hause des Geheimenrathes war Alles so ziemlich wieder zur Ordnung
-zurückgekehrt. Die Hochzeit der Tochter näherte sich, und Schmaling war
-im Bewußtsein seines Glückes in solcher Stimmung, daß er selbst die
-Namen Feliciano oder Sangerheim nur ungern nennen hörte. Er verdammte
-den Trieb, sich vom Wunderbaren und Geheimnißvollen anlocken zu lassen,
-so unbedingt, daß selbst Clara ihn tadelte, wenn er auf
-Geistergeschichten oder Erzählungen schalt, die durch ein gewisses
-Grauen die Aufmerksamkeit spannen, und die Phantasie in Thätigkeit
-setzen. Er wollte kein unschuldiges Spiel hierin mehr erkennen, sondern
-meinte, diese Anlage und Stimmung unseres Geistes sei durchaus
-verderblicher Natur, und könne nur zum Unheil führen, es sei daher die
-Pflicht eines jeden Verständigen, diesen Trieb in sich völlig
-auszurotten.
-
-Der Vater hatte unterdessen an seinen Sohn Anton geschrieben, um ihn zu
-bewegen, zu seiner Familie zurückzukehren. Nur Einiges hatte er ihm von
-jenen Geständnissen gemeldet, die der trunkene Magier gegen Schmaling
-halb unbewußt gethan hatte; er hatte ihn auf die Gefährlichkeit dieser
-Verbindung, auf seine bedenkliche Stellung zur Welt aufmerksam gemacht,
-er hatte ganz den Vater und die väterliche Autorität, so milde der Brief
-war, sprechen lassen, aber vergeblich. Der Sohn antwortete in einem
-scharfen, höhnenden Tone: wie sonderbar es sei, daß der Vater jetzt
-gegen Geheimnisse spreche und große Charaktere verfolge, da doch er, der
-Sohn, von Jugend auf so viel von diesen Geschichten in seiner Familie
-habe vernehmen müssen. Es sei ja bekannt genug, wie er selbst früher
-gegen alle leere Schwärmerei, Geistersucht und dergleichen gesprochen
-habe, er habe sich nie blenden lassen, und wenn er jetzt einer andern
-Ueberzeugung folge, so könne man ihm wohl zutrauen, daß er geprüft und
-untersucht habe, und nicht leichtsinnig einem unreifen Gelüste folge.
-Wenn Verleumder seinen großen Meister lästerten, so geschehe nur, was
-sich seit den ältesten Zeiten ereignet habe, daß der Pöbel die
-Wohlthäter der Menschen und die leuchtenden Genien verfolge. Was seinen
-Schwager Schmaling betreffe, so verachte er einen solchen Elenden zu
-tief, um irgend noch Worte über ihn zu verlieren. Sein Meister habe ihm
-diesen Lügner und dessen Verächtlichkeit hinlänglich geschildert. Er
-hoffe übrigens, in der Lage zu seyn und zu bleiben, daß er weder auf
-einen Theil des väterlichen Vermögens, noch auf irgend eine
-Unterstützung Ansprüche zu machen brauche, wünsche aber dagegen, daß man
-ihn nicht hofmeistere, als ein Kind behandle, das der Zurechtweisung
-noch bedürfe. Er werde in Zukunft, wenn er der Familie selbst zu Glanz
-und Ehre verhelfe, übrigens gern vergessen, daß er früher einmal von
-seinen allernächsten Verwandten so sei verkannt worden.
-
-Der Vater, der Obrist und Alle erstaunten über die ungeheure Verblendung
-des Sohnes, vorzüglich, wenn sie seiner früheren Art gedachten.
-
-Die Zeit war indessen herangekommen, in welcher Sangerheim versprochen
-hatte, durch Rückzahlung des letzten Capitals seine geheimnißvollen
-Papiere auszulösen. Geschah es nicht, so gehörten dem Rathe diese
-Mysterien, die von der höchsten Wichtigkeit seyn sollten, und von denen
-selbst das Leben Sangerheims, wie er geäußert hatte, abhinge. Der
-geheime Rath machte sich also mit jenen wichtigen, fest verschlossenen
-und vielfach seltsam versiegelten Dokumenten auf den Weg nach jener
-Stadt, in welcher der Magier seitdem seinen Sitz aufgeschlagen hatte.
-Der Professor Ferner begleitete ihn. Sie reiseten in der Nacht, und
-wechselten vielfältige Gespräche, indem sie sich alter Zeiten und vieler
-Erfahrungen erinnerten. Der Professor sagte endlich: Sei der Mensch auch
-so ruhig und fest, wie er immer wolle, er hat eine Stimmung, einen
-Moment der Schwäche, wo ihn doch Dasjenige wiederum ergreifen und
-beherrschen kann, was er längst abgeschüttelt zu haben glaubt. Und so
-ist es mit Zeiten und Völkern auch. Wer kann unterscheiden oder bestimmt
-verneinen, ob es nicht physische Krankheit sey? Ob es oft nicht in der
-Luft liege, und wie jede Seuche anstecke? Es scheint zu Zeiten
-unmöglich, sich gegen den Einfluß der Thorheit zu schützen, so wie wenn
-der Körper erst durch Mangel an Diät oder Zufälligkeiten so gestimmt
-ist, man der Erkältung durchaus nicht ausweichen kann, verwahre man sich
-auch, wie man will. Jetzt ist es mir völlig unbegreiflich, wie ich mein
-geliebtes Kind jenem Wunderthäter hingeben konnte, es erscheint mir
-jetzt als ein völliger Wahnsinn, als gottlose Sünde; und doch pries ich
-mein Geschick (und seitdem sind nicht viele Monde verflossen), daß jener
-große Mann den Knaben würdigen wollte, ihn in die Schule und sich seiner
-anzunehmen. Ist aber unsre Schwäche so groß, oder ist es zuweilen ein
-Fatum, das uns ergreift, eine unausweichliche Nothwendigkeit, so sollten
-wir wohl im Leben gegen unsre Nächsten, oder in der Geschichte gegen
-merkwürdige Verirrungen billiger und nachsichtiger seyn, als wir uns
-bewußt sind, diese Nachsicht auszuüben.
-
-Es muß sich austoben, erwiederte der Rath; das ist ein Ausdruck, den ich
-mir seit einiger Zeit angewöhnt habe. Das ist der einzige trostlose
-Trost, den ich mir in Ansehung meines Sohnes geben kann, den ich für
-verloren achten muß. -- --
-
-Sangerheim war indessen in einer Stimmung und Gemüthsverfassung, die
-sich schwerlich darstellen läßt. Auf seine vielen und dringenden
-Schreiben hatte er noch einmal eine kurze Antwort von einem Manne
-erhalten, der sich früher seinen Freund nannte, und der ihm jetzt
-meldete, dies sei der letzte Brief, den er ihm senden könne, indem er
-eben in den Wagen steige, um nach Italien, und von dort nach
-Griechenland und Constantinopel zu reisen. Von Geldsendungen war keine
-Rede, und doch hatte Sangerheim auf diese, und zwar auf sehr bedeutende,
-gerechnet. Er meinte, er dürfe es, nach allen früheren Betheuerungen und
-Versprechungen. Er war von Schulden bedrängt; um glänzend aufzutreten,
-hatte er Alles wieder ausgegeben, was ihm von Freunden und Schülern
-zugeflossen war. Um sein Ansehn zu vergrößern, und sich mehr Zutrauen zu
-erwerben, war er in der Wohlthätigkeit ein Verschwender gewesen. Er
-schrieb noch einmal, und zwar unmittelbar an einen Mann, den er für
-einen jener Obern halten mußte, aber indem er in Angst die Sekunden auf
-seiner Uhr zählte, und der Antwort Flügel wünschte, kam sein eigner
-Brief ihm zurück, mit der Anweisung vom Postamt, kein Mann von dem Namen
-sei in der Stadt zu finden.
-
-Nun sah er, daß man ihn völlig verlassen, daß man ihn ausgestoßen hatte.
-Es wurde ihm hell in allen Sinnen, daß er gebraucht sei, eine Büberei
-auszuführen, und daß man jetzt diese nothgedrungen aufgegeben habe, oder
-ihn wenigstens für unpassend halte, sie zu vollbringen. Er war bis dahin
-überzeugt gewesen, wenn er auch die Pläne seiner Obern nicht ganz
-durchschaute, daß er etwas Gutes und Edles wirke, wenn auch durch
-Mittel, die sich nicht vor der strengen Moral rechtfertigen ließen. Ihm
-war ein brennender Haß gegen die sogenannte Aufklärung, gegen jenen
-Indifferentismus, der seine Zeit charakterisirte, beigebracht worden. Er
-hielt es für nothwendig, daß jene Freimaurer, die sich der
-Rosenkreuzerei, dem Goldmachen und Geisterrufen widersetzten, als
-Schädliche und Verderbliche ausgerottet werden müßten, weil sie
-hauptsächlich durch ihren Einfluß und ihre Logen jene lebentödtende
-Aufklärung verbreiteten. Er glaubte wohl, daß ein Werben für die
-katholische Kirche auch eine Aufgabe seiner Sendung sei, unterzog sich
-aber auch diesem gern, weil er in dieser Lehre auferzogen war, und sie,
-ohne sie zu prüfen, oder die protestantische zu kennen, für die bessere
-hielt. Mit seinem Wunderglauben und seiner Schwärmerei hatte er sich
-eine eigne Lehre ausgebildet, die der orthodoxe Katholik gewiß nicht
-gebilligt hätte. So hin und her geworfen von Leidenschaften und
-chimärischen Hoffnungen, wähnend, ganz nahe an die Erfüllungen seiner
-höchsten Wünsche zu reichen, durch sophistische Ausreden über sein
-trügendes Thun beruhigt, sich als Lügner kennend, und sich dennoch für
-einen wahren Wunderthäter haltend, seine Gattin liebend, und sie doch
-seinen verdächtigen Zwecken aufopfernd, war er in allen diesen tollen
-Widersprüchen fast in ein gespenstisches Wesen verwandelt worden, das
-ohne innern Halt jeden Tag nur so hingaukelte, von Neuem täuschte und
-getäuscht wurde, und nie zur Besinnung kam. Jetzt fielen alle diese
-Larven von ihm ab, er lernte sich selbst erst kennen, und entsetzte sich
-vor dem Auge der Wahrheit und seiner eignen Nacktheit.
-
-So bin ich denn, sagte er zu sich selbst, zugleich der Unglückseligste
-und Verworfenste aller Menschen. Der Inhalt meines Lebens ist ein
-Possenspiel, über das man lachen möchte, und zugleich so tragisch und
-entsetzlich, daß sich mir die Haare aufrichten. Wie können jene
-Menschen, die sich gut und weise nennen, es irgend mit ihrem Herzen
-ausgleichen, daß sie mich geschlachtet, und mir Geist und Leib zu Grunde
-gerichtet haben. So einsam, so ganz zernichtet war noch nie ein Mensch.
-Die Freunde, Beschützer, Mächtigen, auf die ich mich so sicher mit
-meinem ganzen Glücke lehnte, sind gar nicht da in aller weiten Welt,
-nirgend zu erfragen, wie Traumgestalten, wie Wolken verschwunden. Jeder
-Mensch, dem ich meine Noth klagen wollte, müßte es für wahnwitzige Lüge
-halten. -- Ach Theodora! wie Recht hattest du. Warum vernahm ich denn
-deine Bitten und Warnungen nicht? Auch sie ist zertreten worden, so wie
-ich. O wenn sie noch da wäre, wie gern würde ich mit ihr als Tagelöhner,
-als Bettler leben. Und Nichts bleibt mir; nicht die elendeste Hülfe,
-nicht der kümmerlichste Trost.
-
-Er sann hin und her, was er beginnen könne, aber jede Aussicht war
-verschlossen. Sein Trug mußte entdeckt werden, dem Manche schon auf die
-Spur gekommen waren. Die prophetische Gabe seiner unglücklichen Gattin
-konnte ihm auch Nichts mehr fruchten, um seine künstlichen Lügen mit
-halber Wahrheit oder seltsamen Entdeckungen zu unterstützen. Er dachte
-wohl daran, ob er nicht einige von Denen um Hülfe ansprechen sollte,
-denen er, als ihm große Summen zu Gebote standen, reichlich geholfen
-hatte, aber er verwarf diesen Gedanken sogleich als unstatthaft, weil er
-einsah, daß Dieselben, die ihn in der Noth als ein göttliches Wesen
-behandelt hatten, ihm jetzt kalt den Rücken kehren würden. Und so,
-dachte er, habe ich von meinem verlornen Leben nicht einmal den Nutzen,
-den jeder Dieb genießt, bevor er zum Galgen geführt wird, daß er Geld
-und Gut besitzt, oder mit seinen Spießgesellen schwelgt, und Wein und
-Wollust ihn übersättigen.
-
-Er fiel darauf, sich dem geheimen Rath ganz zu entdecken. Dachte er aber
-an das Auge des ernsten Mannes, und wie viel er von ihm gezogen hatte,
-so verwarf er auch diesen Gedanken. Nein, rief er, die Ehre verbietet
-mir diese schmähliche Auskunft, die mich zu sehr erniedrigen würde.
-
-Sonderbar, daß in der Verzweiflung und tiefsten Selbstverachtung die
-Menschen noch von diesem Phantom regiert werden können, das nur
-Wesenheit erhält, wenn der Edle, Tugendhafte sich von Rücksichten lenken
-läßt, um die gute Meinung seiner Zeitgenossen, sei es auch im
-Vorurtheil, zu erhalten. Der Lügner will aber oft mit den
-abscheulichsten Lügen die Erde lieber verlassen, als durch eine Handlung
-der Tugend, seine erste vielleicht, indem er die Wahrheit bekennt, vor
-der Menge beschämt werden. Diese Ehre hielt ihn von dem edlen,
-mitleidigen Manne zurück, und stellte sich zwischen ihn und diesen wie
-eine Mauer.
-
-Denn mit den besten Gesinnungen für den Unglücklichen langte der alte
-Seebach an. Er kannte zwar Sangerheims Verbindungen nicht, und wußte
-eben so wenig, wie diese jetzt so ganz von ihm abgefallen waren, aber er
-war der Ueberzeugung, daß Sangerheim sein Versprechen nicht halten
-könne, und er war darauf gefaßt, die große Summe schwinden zu lassen,
-ohne ihm seine Schriften zurückzuhalten, oder ihn öffentlich zu
-beschimpfen, wozu der Magier ihm ein Recht gegeben hatte, wenn er seinem
-Worte untreu würde. Wie erstaunte daher der Rath, als ihm Sangerheim mit
-großem Vertrauen und fester Sicherheit entgegentrat, und auf übermorgen
-mit leichtem Sinn die Auslösung der Schriften verhieß. Er war selbst
-heiter, obgleich er mit Schmerz von dem Tode seiner geliebten Gattin
-sprach. Dies Betragen war so, daß der Rath selbst wieder unsicher wurde,
-und dem schönen großen Manne gegenüber sich im Stillen Vorwürfe machte,
-daß er ihm so sehr Unrecht gethan habe.
-
-Der Tag ging hin unter Besuchen und Zerstreuungen. Der Arzt Huber,
-dieser fanatische Anhänger Sangerheims, erzählte viel von seinen
-Hoffnungen, deren Erfüllung er in kurzer Zeit zu erleben gedachte.
-
-Am andern Morgen machte der Rath mit dem Arzte, Sangerheim, Ferner und
-noch einigen Vertrauten einen Spaziergang. Als sie die Stadt im Rücken
-hatten, entspann sich in der Kühlung des schönen Morgens ein sonderbares
-Gespräch. Sangerheim sprach von der Flüchtigkeit des Lebens, das, gegen
-die unerschöpflichen Tiefen der Kunst und Wissenschaft gehalten, viel zu
-kurz sei.
-
-Sie gingen einem Bach vorüber. Alle diese Wellen, sagte Sangerheim,
-gelangen in den Ocean, der dadurch nicht voller wird. Ist es nicht eben
-so mit unsern Seelen? Der Tod entführt sie -- wohin? Zu Gott, der keinen
-Mangel kennt, und durch sie nicht größer wird.
-
-In der Einsamkeit sagte er endlich: Nur zu sehr hatte jener Feliciano
-Recht, daß ich schwere Kämpfe mit den Geistern, die nur ungern
-gehorchen, würde zu bestehn haben. Sie wollen es nicht dulden, daß ein
-Sterblicher so große Gewalt über sie erringe. In jeder Minute muß ich
-wachsam seyn. Verabsäume ich gewisse Gebete, könnte ich diese oder jene
-unerläßlichen Vorkehrungen vergessen, so wäre mein Leben Augenblicks in
-Gefahr. Von wie vielen ausgezeichneten Männern, die das Reich der
-Geister sich unterwürfig gemacht, wissen wir es nicht, daß sie eines
-unnatürlichen oder gewaltsamen Todes gestorben sind. Oft war es auch die
-Veranstaltung dieser rebellischen Geister, daß die weltliche Macht sich
-eines dieser Männer als eines solchen bemächtigte, der mit der Hölle im
-Bunde stehe, und ihn nach dieser falschen Beschuldigung auf den
-Scheiterhaufen setzte.
-
-Hin und her wurde über diese Behauptung gestritten. Plötzlich rief
-Sangerheim: Still! meine Freunde. -- Er blieb stehn, als wenn er auf
-Etwas horchte, dann nickte er, schüttelte mit dem Kopfe, murmelte einige
-Worte, und machte wieder die Geberde, als wenn er gespannt einer Rede
-zuhöre. Nach einer Weile sagte er: Warten Sie hier einen Augenblick.
-Wovon ich eben sprach, hat leider stattgefunden. Eine Kleinigkeit habe
-ich heute beim Aufstehn unterlassen, das Zeichen vor meinem Bette und an
-der Thür meines Schlafzimmers ist nicht in rechter Weise aufgelöset
-worden, nun jagen mir die Ungestümen nach und wagen es, zu drohen.
-Warten Sie hier einen Augenblick, dort in der Einsamkeit werde ich sie
-schon zu zwingen wissen, sie sollen zitternd ihren Meister erkennen, und
-mir nicht zum zweiten Male drohen.
-
-Er entfernte sich mit triumphirender Miene und in stolzer Zuversicht.
-Als er hinter den Gebüschen verschwunden war, hörte man Zank und Streit
-von vielen verschiedenen Stimmen, und Sangerheims donnernden Ton
-abwechselnd dazwischen, dann einen Knall, wie einen Schuß. Hierauf
-Stille.
-
-Alle sahen sich erwartend an. Der Rath ging ahndungsvoll zuerst nach dem
-Platz. Der Unglückliche lag todt am Boden, das Pistol neben ihm.
-
-Die Geister haben ihn ermordet! schrie der Arzt heftig: o die Elenden,
-Schändlichen! O Liebster, so bist Du denn doch das Opfer Deines
-Enthusiasmus, Deines brennenden Eifers für die Wissenschaft geworden!
-
-Der Rath sagte kein Wort; jedes schien ihm überflüssig. -- Man machte in
-der Stadt eine Anzeige von diesem Vorfall, und am folgenden Tage ward
-der Leichnam beerdigt.
-
-Seltsam genug, daß manche der aufgeklärten Freimaurer, die von diesem
-Sangerheim so schlimm waren verfolgt worden, jetzt auch die Meinung
-aussprachen, er sei von seinen Geistern, die aber bösartige wären, zur
-Strafe aller seiner Frevel vernichtet worden. --
-
-Am andern Tage versammelte der geheime Rath die vertrautesten Freunde
-des Abgeschiedenen in seiner Wohnung. Man lösete langsam und bedächtig
-die Siegel des geheimnißreichen Paketes, eine Scheide nach der andern,
-und wickelte einen Umschlag aus dem andern. Jener Knall, der schon
-einmal den Rath erschreckt hatte, ließ sich wieder hören. Keiner von
-Allen war in solcher Spannung, als der Arzt Huber. Endlich war Nichts
-mehr aufzuknüpfen und kein Petschaft mehr aufzubrechen, und offen lag
-vor Aller Augen der Inhalt. -- Eine alte französische Grammatik, drei
-alte Kalender, viel Makulatur.
-
-Die Erbschaft eines Wunderthäters, sagte der Rath kalt. Erst jetzt
-verachtete er den Magier völlig. Nein! rief Huber in großem Eifer; die
-boshaften Geister haben auch seine wichtigen Geheimnisse scheinbar
-verwandelt, um unser Aller Augen auf eine Zeitlang zu blenden. Wenn wir
-uns nicht thören lassen, so müssen bald die ächten Skripturen an die
-Stelle dieser Makulatur zurückkehren. Und so bemächtige ich mich, im
-Namen der Kunst, dieser unscheinbaren Papiere, um sie vom Untergange zu
-retten. Kann auch seyn, daß im Bande, zwischen den Blättern, oder in
-Punkten und unterstrichenen Buchstaben das Mysterium niedergelegt ist.
-Ich werde wenigstens Tag und Nacht studiren.
-
-Man ließ ihn gewähren und würdigte ihn keiner Antwort. --
-
- * * * * *
-
-Das Schicksal Sangerheims war beschlossen, und die meisten seiner
-ehemaligen Bewunderer gaben ihre Bestrebungen auf, retteten Geld und
-Zeit und kehrten zu besseren Beschäftigungen zurück. Nur Huber saß
-unermüdet bei seinen Makulaturen, den alten Kalendern und seiner
-französischen Grammatik, suchte und rechnete, und glaubte, nachdem er
-lange studirt hatte, auch viel Wichtiges gefunden zu haben.
-
-Schmaling und Clara waren verheirathet. Ihr Glück ward durch gute und
-gesunde Kinder erhöht und man konnte die Familie des Rathes eine
-glückliche nennen, wenn nicht Anton in ihr gefehlt hätte, von dem man
-seit Jahren gar keine Nachricht hatte. Auch Feliciano, nachdem er lange
-an verschiedenen Orten in Europa mit mehr oder minder Glück seine Rolle
-gespielt hatte, war endlich, da Keiner mehr, auch der erst Verblendete
-nicht, an seinem Betruge zweifelte, nach manchen Abentheuern
-untergegangen.
-
-Die Gattin des Rathes pflegte ihre Enkel, und Clara, die jetzt Nichts
-mehr zu bekämpfen hatte, durfte mit Sicherheit ihren Charakter, so wie
-die Anlagen ihres Geistes ausbilden. Sie fürchtete nun nicht mehr die
-Bilder der Phantasie, die poetischen Mährchen, oder das Geheimnißvolle
-in dieser oder jener Dichtung, weil es ihr nicht mehr feindlich
-gegenüber stand, und sie über den Charakter ihres liebenswürdigen Gatten
-beruhigt war. Dieser, einmal enttäuscht, fühlte niemals die Versuchung
-wieder, sich in jenes Labyrinth zu begeben, dessen Irrgänge er hatte
-kennen lernen, und denen er so glücklich entflohen war.
-
-So waren im ruhigen Glücke mehr als zwölf Jahre verflossen, als sich an
-einem Morgen früh beim geheimen Rathe ein Fremder anmelden ließ, der
-darauf bestand, den Herrn selbst zu sprechen, und sich vom Diener nicht
-wollte abweisen lassen. Die Thüre des Arbeitszimmers ward ihm endlich
-geöffnet, und es trat ein Mann von mittlerem Alter hinein, verwildert,
-ohne Haltung und Betragen, der, als ihn der Rath fragte, was er begehre,
-nur kurz antwortete: Und Sie kennen mich wirklich nicht mehr? Eine
-Ahndung ergriff den Vater: Sie sind doch nicht -- Du bist doch nicht
-Anton? -- Er schwankte und der unkenntlich gewordene Sohn fing ihn in
-seinen Armen auf. Sie umfingen sich zärtlich und gerührt, dann setzten
-sich Beide, um sich von ihrer Erschütterung zu erholen.
-
-Bist Du wieder da? fing der Vater nach einer Weile an; aber es ist Dir,
-wie es scheint, nicht gut ergangen.
-
-Ja, lieber Vater, sagte Anton, Ihr Kind, wenn Sie es noch dafür erkennen
-wollen, tritt fast wie der verlorne Sohn in sein väterliches Haus wieder
-ein. Mein Schicksal ist ein elendes, mein Leben ein verlornes. Wenn Sie
-mich verstoßen, so bin ich aller Schmach wieder dahin gegeben, dem
-kläglichsten Jammer, dem ich freilich gern entfliehn möchte.
-
-Wenn ich Dich Sohn, Anton nenne, sagte der Vater, so heißt das, daß Du
-mir eben das seyn wirst, was Du mir ehemals warst. Du hattest Dich
-verblenden lassen, und ich wenigstens kann Dir kein strenger Richter
-seyn.
-
-Wohl war ich verblendet, erwiederte Anton, und wie sehr! so, daß ich
-noch jetzt immer vor diesem Zustande meiner Seele zurück schaudre. Das
-gemeinste Kunststück, die elendeste Kundschafterei hatte damals den
-Charlatan in den Besitz meines Geheimnisses gesetzt, das ich vor Ihnen
-und vor allen meinen Freunden sorgsam verborgen hielt. Ich gestand mir
-meine eigne Schlechtigkeit nicht, und hoffte, thöricht genug, Alles
-solle sich wieder zurecht finden und ohne Spur vorüber gehn. Denn der
-Gedanke war mir fürchterlich, Ihnen oder gar meiner Mutter eine solche
-Schwiegertochter vorzuführen, in der Stadt alle meine Verbindungen zu
-zerstören, und durch diese auffallende That mir selbst jeden Vorschritt
-im bürgerlichen Leben unmöglich zu machen. Wie jener Feliciano nun mein
-Gemüth so durch eine plötzliche Erschütterung, durch ein scheinbares
-Wunder in seine Gewalt bekommen hatte, war ich ihm unbedingt und
-leibeigen angehörig. Er war mir kein Sterblicher mehr, und dieselben
-Künste und Studien, die ich noch kürzlich verlacht hatte, schienen mir
-jetzt die einzigen würdigen. Ich wollte mein Leben an ihre Erforschung
-setzen. Auch bildete ich mir ein, der Lieblingsschüler meines großen
-Meisters zu seyn, der mich verachtete, weil mein hartes einfaches Wesen
-für seine Absichten unbrauchbar erschien. -- Welche Gaukeleien er hier
-trieb, wie sich selbst meine verständige Mutter eine Zeitlang von ihm
-bethören ließ, von allen diesen Dingen sind Sie selbst Zeuge gewesen.
-Aber wie wundersam vielgestaltig ist die menschliche Natur. So
-unbegreiflich, und doch wieder so verständlich. Meine Gattin, dieses
-schlichte Bauernmädchen, dieses ehrliche Wesen, dem früher meine Liebe
-das Höchste, ja das einzige Gut des Lebens gewesen war, ward bald ein
-Liebling meines großen Lehrers. Er behauptete, sie sei von der Natur
-ganz eigen begabt, um der wichtigsten Geheimnisse theilhaftig zu werden,
-sie würde in den weiblichen Logen bald die höchsten Grade ersteigen, und
-dann ebenso wie seine eigne Gattin, das Mysterium finden, Jahrhunderte
-zu überleben, und mit Geistern und Abgeschiedenen Gemeinschaft zu haben.
-Ich glaubte Alles und erwartete von jeder Woche, dann von jedem Monat,
-ebenfalls ein Eingeweihter zu werden. Mein Lehrer spielte indessen dort
-im Norden eine wichtige Rolle und ein großes Spiel. Gold und Juwelen,
-die größten Summen, schienen ihm, wie er damit umging, nur Tand. Was
-verhieß er mir, welche Aussichten eröffnete er meinen trunkenen
-Hoffnungen. Aber auch Opfer begehrte er von mir. Um mich zur Weihe
-vorzubereiten, mußte ich die Gesellschaft meiner Gattin vermeiden,
-fasten, jede weltliche Lust und Zerstreuung fliehen. Meine Frau, die mir
-schon im Wissen vorgeschritten war, drang jetzt darauf, damit sie kein
-Hinderniß mehr fände, sich mit den Geistern in Verbindung zu setzen und
-selbst eine Unsterbliche zu werden, ich sollte einwilligen, daß wir
-durch die Gerichte förmlich wieder getrennt und geschieden würden. Man
-hatte meine Phantasie so erhitzt, ich erwartete selbst so wundersame
-Dinge zu erfahren, sie strebte so eifrig nach dem höchsten Grade, daß
-ich mich endlich überreden ließ, ja daß ich endlich die Nothwendigkeit
-dieser Scheidung selber einsahe. Bald darauf war sie verschwunden. Der
-Meister erklärte sich nicht, sondern sprach nur in geheimnißvollen
-Winken, und gab zu verstehen, daß sie in diesen Augenblicken eines
-großen Glückes genösse. Meine Einweihung zu den höheren Graden lehrte
-mich aber nichts Neues, und ohnerachtet meiner blinden Ergebenheit und
-meines Aberglaubens fing ich doch an, ungeduldig zu werden. Man
-beschwichtigte mich wieder. Eine Thorheit löste die andere ab und so
-verging die Zeit.
-
-Wir mußten uns endlich schnell entfernen, und unsere Abreise glich fast
-einer Flucht. Der Magier sagte mir zwar, daß große Begebenheiten und
-Operationen, die sich nicht länger aufschieben ließen, ihn nach einem
-fernen Lande riefen, indessen sah ich doch die Angst des Meisters, ich
-bemerkte, wie seine wichtigsten Anhänger sich von ihm entfernten, und
-die Binde fiel allgemach von meinen Augen nieder. Da ich aufmerksam
-geworden war und ihn nicht mehr so, wie bisher fürchtete, konnte ich ihn
-auch beobachten. Auf unsrer übereilten Reise gab er mir Bücher und
-Papiere, auch viele offene Briefe, die, wie er mir sagte, keinen Werth
-hätten, und die ich gelegentlich verbrennen könne. Für mich waren diese
-aber sehr bedeutend, denn da ich, indem ich vorangeschickt wurde, um
-sein Quartier zu machen, nur einen flüchtigen Blick in einige Blätter
-gethan, sah ich wohl, daß der Weiseste der Menschen in Angst und
-Uebereilung einen dummen Streich gemacht hatte. Er dachte nicht daran,
-die Sachen zu vernichten, und Zeit mangelte ihm, sie anzusehn. Viele
-Briefe enthielten die Geschichte meiner Frau. Sie war einem reichen
-Fürsten geradezu verkauft worden. Sie hatte um die ganze Verhandlung
-gewußt und sich mit der größten Feinheit und List betragen, und zwar so
-sehr, daß sie den bethörten Fürsten vermocht hatte, sie zu seiner
-Gemahlin zu erheben. Dieser aber, so wie sie, hatten dem Magier dafür,
-daß er mich zur Scheidung bewogen und daß er den Fürsten ebenfalls
-verblendet hatte, große Summen zahlen müssen. So war sie denn, was die
-Welt so nennt, glücklich geworden. Gegen mich hatte sie sich schlecht
-betragen, indessen verzieh ich ihr, da ich früher gegen sie nicht besser
-gewesen war, und ich empfand einen tiefen Schmerz und Reue, indem ich
-die Veranlassung gewesen, daß ein schlichtes einfaches Wesen so die
-Talente zu List und Betrug zur Verderbniß ihrer Seele entwickelt hatte.
-Denn aus den Briefen ging hervor, daß sie und der Graf sich völlig
-verstanden, daß sie mit ihm über die Einfalt der Menschen, vorzüglich
-über die meinige, lachte.
-
-Als ich mit meinem großen Beschützer an Ort und Stelle gelangt war,
-blieb ich noch eine Zeitlang in seiner Nähe, um seine Künste zu
-beobachten, zu denen er mich oft gebrauchte. Ich lebte im Ueberfluß,
-aber ich kam mir vor, als sei ich der Croupier eines falschen Spielers.
-
-Ich konnte es nicht länger ertragen. Ich schrieb ihm Alles, was ich von
-ihm wußte und dachte, und verließ ihn. Und gut, daß ich es gethan, denn
-sonst wäre ich mit in jene Prozesse verwickelt worden, die sich bald
-gegen ihn erhoben. Ich war nun frei, aber auch Nichts als frei, das
-heißt, der armseligste Sclave, der Tyrannei eines jeden Augenblicks
-Preis gegeben, vom Mangel und den Bedürfnissen der Natur gemißhandelt.
-Mich Ihnen zu nähern, zurückzukehren, verbot mir eine mächtige Scham,
-wohl eine falsche, denn Nichts wird so sehr mißverstanden, als das Wort
-und der Begriff Ehre. Bald war ich Schreiber, bald Aufseher in einem
-Hause, einigemal Comödiant, auch versuchte ich mich als Schriftsteller.
-Ich konnte mich nie ganz fallen lassen und zu jener naiven
-Niederträchtigkeit hinunter steigen, die ich an andern meines Gelichters
-wahrnahm. Endlich nun, an mir und allen Menschen verzweifelnd, thu' ich
-den Schritt, den ich vor manchem Jahre hätte wagen sollen.
-
-Der Vater tröstete, beruhigte den Sohn. Er ließ ihm Kleider und Wäsche
-holen, damit die Mutter nicht zu sehr erschreckt würde, wenn sie ihn in
-dieser Gestalt wieder sehn sollte. Freude und Trauer war über seine
-Rückkehr zugleich in der Familie, indessen fand man sich nach und nach
-wieder zurecht und in einander und Anton zog auf das väterliche Gut
-hinaus. Hier arbeitete er redlich mit dem Verwalter, lernte die
-Landwirthschaft kennen und konnte nach einigen Jahren selber die
-Bewirthschaftung desselben übernehmen. Er gewann die Liebe eines reichen
-Fräuleins, mit der er als nützlicher Landmann glücklich lebte.
-
-Ferner hatte indessen von seinem verlorenen Sohne nie wieder Etwas
-erfahren, so sehr er sich auch bemüht und nach allen Gegenden
-geschrieben hatte. Er war verschollen und der Vater glaubte, er sei
-gestorben. Der Gelehrte mußte in Familienangelegenheiten eine Reise nach
-dem südlichen Deutschland unternehmen. In einer mäßigen Stadt zeigte ein
-Italiener, ein Taschenspieler, seine Künste. Der Professor war sonst
-kein Freund dieser Gaukeleien, indessen ist auch der strenge Mann in der
-Fremde leichteren Sinnes, als zu Hause, und da man von dem jungen Mann
-als einem wahren Wunderthäter sprach, der Dinge zeige, die selbst andre
-Spieler nicht begreifen könnten, so ging Ferner mit einer Gesellschaft,
-neugierig gemacht, nach dem Saale. Was der junge Künstler ausführte, war
-in der That bewunderungswürdig, besonders durch die leichte Sicherheit,
-mit der er das Schwierigste scherzend zu Stande brachte. Indem der
-Professor die schönen leichtfertigen Hände des Spielers betrachtete,
-fiel ihm ein kleines braunes Mal am rechten Zeigefinger auf, er ward
-aufmerksamer, betrachtete das Gesicht und forschte in den Augen, und
-glaubte endlich überzeugt seyn zu können, dieser Taschenspieler sei sein
-verlorener Sohn. Sein Herz war bewegt, und er konnte an den vielen
-wunderbaren Erscheinungen keinen Antheil mehr nehmen.
-
-Als das Schauspiel vorüber war, und sich die Zuschauer vergnügt und
-befriedigt entfernten, blieb er, unbeobachtet, allein im Saale zurück.
-Als dieser ganz leer war, redete er den fremden Künstler italienisch an,
-um seine Frage vorzubereiten, dieser aber antwortete gleich deutsch, und
-warf sich dem Vater in die Arme.
-
-Nach einigen Reden, in welchen der Vater die Verlornen Jahre des Sohnes
-beklagte, sagte dieser: Liebster Vater, ich erkannte Sie sogleich, als
-Sie in den Saal traten, und alsbald nahm ich mir auch vor, mich Ihnen zu
-erkennen zu geben, ob ich gleich bis jetzt gezögert habe, an Sie zu
-schreiben, und mich Ihnen wieder zu nähern. Schelten Sie mein Handwerk
-nicht, denn es nährt seinen Mann. Sie sehn auch, daß ich mich Professor
-schreibe. Zwar habe ich Ihren geehrten Namen nicht beibehalten wollen,
-sondern spiegle dem Volke vor, ich sei ein Italiener. Glauben Sie nur,
-was ich jetzt treibe, ist ehrsam und achtenswürdig gegen das, was ich
-bei jenem berühmten Grafen spielen mußte. Es ist Gnade des Himmels, daß
-ich kein Bösewicht geworden, und noch so mit einem blauen Auge davon
-gekommen bin. In der Hinsicht habe ich bei meinem Wunderthäter meine
-Zeit nicht ganz verloren, indem ich ihm sehr scharf auf die Hände gesehn
-habe. Ich habe Vieles von ihm gelernt, und so zeige ich unschuldig für
-Geld so Manches, was er zu schlimmen Absichten und Betrug gebrauchte.
-Ich unterhalte die Menschen, er plünderte sie, indem er sie zugleich
-wahnsinnig machte. -- Ich verspreche Ihnen, nie nach Ihrer Stadt zu
-kommen, aber besuchen Sie mich, wenn ich einmal in Ihrer Nähe bin.
-Schreiben wir uns, Liebster, damit wir in Verbindung bleiben.
-
-Diese Abrede wurde genommen und man führte sie aus. Der Vater war über
-seinen Sohn beruhigt, und dieser gewann durch die Leichtigkeit seiner
-Hand ein ziemliches Vermögen. --
-
-In Seebachs Hause wäre Alles glücklich und heiter gewesen, wenn der
-neunzigjährige Obrist nicht Clara, die Mutter und Schmaling neuerdings
-geängstigt hätte. Gegen ihn, der schwach wurde, ließ sich der Rath am
-meisten gehn, und so war der Greis der Vertraute von so manchem kleinen
-Geheimniß, das den Uebrigen verschwiegen wurde. Diesen erzählte der
-Obrist in vertrauten Stunden, daß sein Schwiegersohn sich wiederum in
-eine Correspondenz eingelassen habe, die ihm gar nicht gefallen wolle.
-Der Ton dieser Briefe sei sehr fromm und mysteriös: Anfangs habe der
-Rath Alles von sich gewiesen, dann habe er nach und nach Interesse
-gefaßt, sei gläubiger geworden, und hoffe nun doch noch von ehrbaren
-Männern, die sich ihm in jedem Briefe näherten und bestimmter
-bezeichneten, etwas Großes zu erfahren. Und so ist es merkwürdig, schloß
-der Alte seinen Bericht, daß eine bestimmte Leidenschaft zwar schlafen,
-aber bei den meisten Menschen nie ganz vertilgt werden kann.
-
-Diese Briefe kamen aus dem südlichen Deutschland und sprachen von
-Geheimnissen, die nicht entweiht werden dürften, die sich aber doch wohl
-allgemach geprüften Männern mittheilen ließen. Der Rath war unvermerkt
-in eine gläubige Stimmung gekommen, und war in seinen Antworten auf
-Manches näher eingegangen, was jene Unbekannten erwähnten. So hatte er
-sein Abentheuer mit Sangerheim und seine Beobachtungen und Erfahrungen
-über ihn mitgetheilt, auch alle seine Zweifel und was ihm dunkel
-geblieben. Auf diese Punkte antwortete der neueste Brief.
-
- Geliebter Bruder in dem Herrn!
-
-Was Sie uns von jenem verlorenen Bruder Sangerheim melden, war uns nicht
-neu. Allerdings stand der Unglückliche mit uns in Verbindung, ihm wurde,
-als einem hoffnungsvollen Lehrlinge, Einiges mitgetheilt. Als er von uns
-schied, bemächtigten sich andre Menschen seiner, die in weltlichen
-Planen handthieren und das himmlische Kleinod entweihen. Er verrieth uns
-diesen, so viel er es vermochte, und hat sich so selbst sein tragisches
-Schicksal bereitet, da er der Lüge und dem Betruge anheim gefallen war.
-Auch jene Weltlichen sahen seinen Sturz gern und entzogen sich ihm, weil
-sie fürchten mußten, daß er sie ebenfalls verrathen könne. Kommen wir
-uns näher, so wird Ihnen, Geehrter, Nichts dunkel bleiben und größere
-Dinge werden sich Ihnen erschließen. Zwar sind Sie nicht für unsre
-Kirche, aber doch nicht unbedingt gegen sie, und wir gehn Ihnen mit dem
-größten Vertrauen entgegen. Kommt Jemand zu Ihnen, der Ihnen das Wort
-Emanuel sendet, so nehmen Sie ihn auf, als von uns. Er wird das erste
-Kleinod Ihren treuen Händen übergeben. --
-
-Der Rath war in großer Spannung. Nach zehn Tagen etwa trat der Diener
-ein und meldete, ein sonderbarer Fremder stehe draußen und sage, er möge
-nur Emanuel sprechen. Der Rath ließ den alten Mann ein, der feierlich
-die Thür verschloß und dann ein seltsames Gespräch begann. Der Rath
-fühlte sich erbaut und gestärkt, in diesen Gesichtspunkt waren ihm
-manche Gedanken von Wunderfähigkeit, Glauben und einer einzigen
-herrschenden Kirche noch niemals gerückt worden. Beim Abschied nahm der
-Fremde ein Paket aus dem Busen, küßte es mit Salbung und überreichte es
-demüthig und feierlich dem Rathe, indem er sagte: Geliebter Bruder,
-dieses ist das erste Pfand der hohen, den gewöhnlichen Menschen
-unsichtbaren Gesellschaft. Achten Sie noch die Siegel und erbrechen Sie
-sie nur in geweihter Stunde nach Mitternacht. Doch thun Sie gut, sich
-durch Gebet vorzubereiten. Zwar wird Ihnen das Geheimniß des Kleinodes
-noch unverständlich seyn, aber schon die bloße Gegenwart desselben
-schützt Sie. Die Erklärung selbst wird in vier Wochen folgen. Aber:
-Finger auf den Mund. Wir zeigen mindestens, wie wir Sie ehren, wie groß
-wir von Ihnen denken.
-
-Eine feierliche Umarmung beschloß das seltsame Gespräch. Geheimnißvoll
-entfernte sich der Unbekannte, und der Rath mußte sich gestehn, daß noch
-niemals ein Mensch einen solchen Eindruck auf ihn gemacht habe. Seine
-Umgebung bemerkte seine wunderbare Stimmung, aber er schwieg gegen Alle,
-auch gegen den Obristen. Clara fürchtete eine Krankheit, aber der
-rauhere Soldat, der seither so Manches mit dem Schwiegersohn
-durchgesprochen hatte, sagte: Dieser Mann ist einer der verständigsten,
-und Ihr werdet sehn, sie übertölpeln ihn doch, den Einen fangen sie auf
-die, den Zweiten auf eine andre Weise.
-
-Am Abend schloß sich der Rath ein und entfernte alle Diener. Seine
-Stimmung war erhoben. Er betete und las in Andachtsbüchern. Er nahm das
-Evangelium und erschien sich so verjüngt, so jugendlich glaubend, so
-fromm und lauter, daß er die Thränen der Rührung nicht unterdrücken
-konnte und wollte. Endlich schlug es Mitternacht, und er eröffnete
-behutsam und zitternd die Siegel, ohne die geheimnißvollen Zeichen zu
-zerbrechen. Als er den innern Umschlag geöffnet hatte, fiel ihm in die
-Augen -- -- jene abgeschmackte Figur mit dem vielfältigen ^Abracadabra^,
-die er damals an abergläubische Brüder nach der nahen Residenz gesendet
-hatte. Er lachte laut auf, und wurde plötzlich ernst, denn er bedachte,
-wie in jenem Lande dort der als Monarch herrsche, der damals nur
-nächster Erbe gewesen war, und welche Thorheiten dort in der Nähe des
-Thrones getrieben wurden.
-
-Er rief seine Familie zusammen, die noch, um ihn besorgt, wachte. Er
-erzählte Alles, las einige Briefe, auch den letzten, und zeigte dann das
-magische, von damals dem Schwiegervater noch wohlbekannte Blatt.
-
-Nun endlich, schloß er, habe ich Alles, was mich immer stört, von mir
-abgeschüttelt. O wie leicht ist mir, ihr Geliebten, daß ich nun noch
-einmal mit euch den fröhlichen Entschluß fassen, das vielsinnige Wort
-mit euch ausrufen kann: laßt uns, da es uns vergönnt ist, vernünftig
-seyn! --
-
-Auf Emanuel durften nun die Bedienten nicht wieder achten, und jetzt
-erst hatten alle Mitglieder der Familie diese Krankheit der Wundersucht
-überwunden.
-
-
-
-
- Pietro von Abano
- oder
- Petrus Apone.
- Eine Zaubergeschichte.
- 1838.
-
-
-Die untergehende Sonne warf schon ihre rothen Strahlen an die Thürme,
-und über die Häuser von Padua, als ein junger Fremder, der eben
-angekommen war, durch ein Volksgewühl, ein Eilen, ein Rennen aufmerksam
-gemacht, und auf seinem Wege von der Menge mit fortgerissen wurde. Er
-fragte ein junges Mädchen, welches ihm ebenfalls schnell vorüber ging,
-was denn alle diese Menschen in so ungewohnte Bewegung setze. Wißt Ihr
-es denn nicht? antwortete diese, die schöne Crescentia, das junge Kind,
-wird jetzt beerdigt; alle wollen sie noch einmal sehn, da sie immer für
-die anmuthigste Jungfrau in der ganzen Stadt gegolten hat. Die Eltern
-sind trostlos. Die letzten Worte rief sie schon aus der Entfernung
-zurück.
-
-Der Fremde beugte um den finstern Palast in die große Straße hinein, und
-ihm tönte schon Leichengesang, ihm wehte der Schein der blaßrothen
-Fackeln entgegen. Als er näher kam, sah er, nachdem das Gedränge des
-Volkes ihn vorgeschoben hatte, ein Gerüst, mit schwarzem Tuche verdeckt.
-Um dieses waren Sitze, ebenfalls schwarz, erhöht, auf welchem die
-traurenden Eltern und Verwandten saßen, alle im finsteren Ernst, einige
-Gesichter mit dem Ausdruck der Trostlosigkeit. Jetzt bewegten sich
-Figuren aus der Thür des Hauses, Priester und schwarze Gestalten trugen
-einen offenen Sarg, aus welchem Blumenkränze und grüne Gewinde
-niederhingen. Zwischen den blühenden bunten Pflanzen lag auf Kissen die
-weibliche Gestalt, blaß, im weißen Kleide, die zarten lieblichen Hände
-gefaltet, die ein Crucifix hielten, die Augen geschlossen, dunkle
-schwarze Ringellocken voll und schwer um das Haupt, auf welchem ein
-Kranz von Rosen, Cypressen und Myrthen prangte. Man stellte den Sarg mit
-seiner schönen Leiche auf das Gerüst, die Priester warfen sich zum Beten
-nieder, die Eltern erhuben sich wie verzweifelnd, noch klagender
-ertönten die Hymnen, und alles umher, die Fremden selbst, schluchzten
-und weinten. Der Reisende glaubte noch nie ein so schönes weibliches
-Wesen gesehn zu haben, als diese Leiche, die so wehmüthig an die
-Vergänglichkeit und den nichtigen Reiz des Lebens erinnerte.
-
-Jetzt ertönte das feierliche Geläute der Glocken, und die Träger wollten
-eben den Sarg erheben, um die Leiche in das gewölbte Grab der großen
-Kirche zu tragen, als ein lauter tobender Jubelruf, schallendes
-Gelächter und das Geschrei einer ausgelassenen Freude, die Eltern,
-Verwandten, Priester und Leidtragende störte und erschreckte. Alles sah
-unwillig umher, und aus der andern Gasse schwärmte ein froher Zug junger
-Leute heran, singend, jauchzend, ihrem ehrwürdigen Lehrer immer wieder
-von neuem ein Lebehoch zurufend. Es waren die Studirenden der
-Universität, die auf einem Sessel hoch auf den Schultern einen bejahrten
-Mann von dem edelsten Ansehn trugen, der wie in einem Throne saß, mit
-einem Purpurmantel bedeckt, das Haupt mit dem Doktorhute geschmückt,
-unter welchem weiße Silberlocken hervor quollen, so wie ein weißer
-langer Bart auf das schwarzsammtne Wamms majestätisch herabfloß. Ein
-begleitender Narr mit Schellen und in bunter Tracht sprang umher, und
-wollte schlagend und scherzend dem Zuge durch das Volk und die
-Trauerleute Platz machen, doch auf einen Wink des ehrwürdigen Alten
-senkten die Schüler die Trage, er stieg herab und näherte sich gerührt
-und mit feierlichem Anstande den weinenden Eltern. Vergebt, sagte er
-ernst und mit einer Thräne im Auge, daß dieses wilde Geschrei so eure
-Leichenfeier stört, die mich innigst erschüttert und entsetzt. Ich komme
-von meiner Reise endlich zurück, meine Schüler wollen meinen Einzug
-durch ihre Freude verherrlichen, ich gebe ihren Bitten und Anstalten
-nach, und finde nun, -- wie? eure Crescentia, das Musterbild aller
-Holdseligkeit und Tugend, hier vor euch im Sarge? Umher diesen düstern
-Prunk und jene Trauergestalten, um sie mit Thränen und Herzensweh zu
-ihrer Ruhestelle zu geleiten? -- Er winkte seinen Begleitern und sprach
-einige Worte. Alles war schon längst still und stumm geworden, und die
-meisten entfernten sich jetzt, um die Leichenfeier nicht zu stören. Da
-kam die Mutter zitternd näher und sank an der Gestalt des Alten nieder,
-indem sie im krampfhaften Schmerze dessen Knie umschlang. Ach! warum
-seid Ihr nicht zugegen gewesen? rief sie verzweifelnd; Eure Kunst, Euer
-Wissen hätte sie gerettet. O Pietro! Pietro! Ihr, der Freund unsers
-Hauses! habt Ihr denn so Euren Liebling, Euren Augapfel können untergehn
-lassen? Kommt! Erweckt sie noch jetzt! Flößt ihr noch jetzt von den
-Wunderessenzen ein, die Ihr zu bereiten wißt, und nehmt dafür zum Dank
-alles, was wir besitzen, wenn sie nur wieder da ist, unter uns wandelt
-und mit uns spricht!
-
-Laßt eure Verzweiflung nicht das Wort führen, antwortete Pietro: der
-Herr hatte sie euch geliehen, er hat sie euch wieder abgefordert; der
-Mensch vermesse sich nie, in den Arm seines weisen Rathschlusses zu
-greifen. Wer sind wir, daß wir gegen ihn murren sollten? Will der Sohn
-des Staubes, der im Winde verweht, mit seinem schwachen Athem gegen die
-ewigen Beschlüsse zürnen? Nein, meine Geliebten, fühlt als Eltern und
-Freunde ganz euren Schmerz: er soll unserm Herzen so einheimisch wie
-Lust und Freude seyn, auch er wird von dem Vater zu uns gesendet, der
-jede unsrer Thränen sieht, der wohl unsre Herzen kennt und prüft, und
-weiß, was der schwache Mensch ertragen kann. So traget denn dieses große
-übermächtige Leid um seinetwillen, aus Liebe zu ihm, denn nur Liebe ist
-es, was er euch auch auferlegen mag. Ist denn der Schmerz, das Herz in
-seiner Zerknirschung, die Seele, die in Wehmuth zerrinnen will, sind sie
-nicht ein heiliges göttliches Opfer, welches ihr in euren brennenden
-Thränen der höchsten, der ewigen Liebe als euer Köstlichstes darbringt?
-So rechnet es auch jener dort, der alle eure Seufzer und Thränen zählt.
-Aber der böse Feind, der immer an unsrer Seite lauert, beneidet uns die
-Heiligkeit dieser himmlischen Schmerzen, er ist es, der sie euch zur
-Verzweiflung, zum Zorn gegen den Schöpfer der Liebe und des Leides
-erhöhen will, damit ihr im Jammer nicht jener höchsten Liebe noch
-inniger verbunden werdet, sondern in den Abgrund des Hasses untergeht.
-Er, dieser Geist der Lüge, täuscht euch jetzt, und raunt euch boshaft
-seine Fabeln zu, als wenn ihr sie auf ewig verloren hättet, die doch nur
-in Geist und Seele und Liebe eins mit euch war, und euch nur als
-Unsichtbare zugehörte. Er will, daß ihr es vergessen sollt, wie diese
-schöne Hülle nur ihr Kleid war, dem Staube verwandt, zum Staube jetzt
-wiederkehrend. Werft ihn zurück, diesen Lügengeist, daß er sich vor der
-ewigen allmächtigen Wahrheit schämen muß, die ihr ihm entgegen haltet,
-daß sie noch euer ist, noch neben, nah um euch, ja weit mehr, weit
-inniger euer, als da euch diese Schranken des sterblichen Fleisches noch
-trennten, und euch in der Liebe selbst einander entfremdeten. Alle euere
-Erinnerung, Hoffnung, Schmerz und Lust ist sie von heute an; sie
-leuchtet euch in jedem erfreulichen Lichte, sie tröstet euch in den
-Blumen des Frühlings, sie küßt euch im zarten Hauch, der eure Wangen
-rührt, und jedes Entzücken, das fortan in euren Herzen aufblüht, ist ihr
-Herz und ihre Liebe zu euch, und dieses Entzücken, und diese ewige,
-unsterbliche Liebe sind eins mit Gott. So tragt sie denn zu ihrer
-Ruhestelle, und folgt ihr in stiller, gottergebner Demuth, damit durch
-euch nicht ihr Geist im Aufenthalt des ewigen Friedens gestört und
-geängstigt werde.
-
-Alle schienen mehr beruhigt, der Vater reichte ihm stumm die Hand mit
-dem Ausdruck der Herzlichkeit und des gefühlten Trostes. Man ordnete
-sich, der Zug setzte sich in Bewegung, die Verlarvten, die
-Brüderschaften, die es sich zur Pflicht machen, die Leichen zu
-begleiten, reihten sich in ihren weißen Gewändern, und mit verdecktem
-Antlitz, von welchem nur die Augen sichtbar waren. Stumm bewegte sich
-der Zug fort, sie hatten jetzt fast schon die Kirche erreicht, als ihnen
-ein Reiter auf schäumendem Rosse entgegen sprengte. Was giebt es? schrie
-der Jüngling. Er warf einen Blick in den Sarg, und mit einem Ausruf der
-Verzweiflung wandte er das Roß, stürzte fort, und verlor in wilder Hast
-den Hut, so daß ihm die langen Locken im Abendwinde nachflatterten. Er
-war der Bräutigam, der zur Hochzeit kam.
-
-Die Finsterniß umgab das Trauergefolge und die stille Feier, indem die
-schöne Leiche in das Gewölbe ihrer Familie hinabgesenkt wurde.
-
- * * * * *
-
-Als sich alle zerstreut hatten, wendete sich der junge Fremdling, der in
-staunendem Schmerze dem Zuge gefolgt war, an einen alten Priester, der
-allein am Grabe betend verweilte. Er brannte zu erfahren, wer jener
-majestätische Greis sei, der ihm wie mit göttlichen Kräften und
-überirdischer Weisheit begabt erschien. Als der Jüngling dem Geistlichen
-die bescheidene Frage vortrug, stand dieser still, und sah ihm beim
-Scheine eines Lichtes, das aus einem Fenster auf sie schien, scharf ins
-Auge. Der Alte war eine kleine magere Gestalt, ein blasses schmales
-Antlitz erhob das Feuer der Augen um so mehr, und die eingekniffenen
-Lippen zitterten, als er ihm in heiserem Tone antwortete: Wie? Ihr kennt
-ihn nicht? Unsern weltberühmten Petrus von Apone, oder Abano, von dem
-man in Paris, London, dem deutschen Reiche und ganz Italien spricht?
-Kennt nicht den größten Weltweisen und Arzt, den Astronomen und
-Astrologen, von dem zu lernen und ihn zu schauen die wilde Jugend aus
-dem fernen Polenlande hieher schwärmt?
-
-Der junge Spanier, Alfons, war im entzückten Erstaunen einen Schritt
-zurück getreten, denn der Ruhm dieses großen Lehrers hatte auch ihn von
-Barcelona über die See getrieben. Also er war es, er war es selbst? rief
-er begeistert aus: darum war auch mein Herz so tief bewegt. Mein Geist
-erkannte den seinigen. O edler, frommer Mann, wie lieb' ich Euch darum,
-daß Ihr ihn nicht minder verehrt, wie alle Edlen und Guten der
-christlichen Welt.
-
-Wollt wohl auch unter ihm studiren? fragte der Priester im grimmigen
-Ton.
-
-Gewiß, antwortete jener, wenn er mich würdiget, sich meiner anzunehmen.
-
-Der Alte stand still, legte seine Hand auf die Schulter des Jünglings
-und sagte dann milder: Lieber junger Freund, noch ist es Zeit, hört noch
-meine väterliche Warnung, bevor es zu spät ist. Täuscht Euch nicht
-selbst, wie es so Viele, Unzählige schon gethan haben, seid auf Eurer
-Hut und wahret Eurer Seele. Seid Ihr denn Eurer Ruhe und künftigen
-Seligkeit schon im voraus überdrüssig, wollt Ihr dem Heiland seine Liebe
-damit vergelten, daß Ihr ihm abtrünnig werdet, ihn leugnet, und als ein
-Rebell die Waffen gegen ihn schwingt?
-
-Ich verstehe Euch nicht, alter Mann, erwiederte Alfonso: habt Ihr nicht
-selbst gesehn und gehört, wie fromm, wie christlich, mit welcher
-eindringlichen Majestät der Herrliche sprach, und den verirrten Schmerz
-der Liebe durch himmlischen Trost wieder in seine rechte Bahn lenkte?
-
-Was vermag, was kann der nicht alles! dieser Künstler und Zauberer! rief
-der alte Priester bewegt aus.
-
-Zauberer? fragte Alfonso. Ihr wollt also auch den Wahn des Pöbels
-theilen, der die Wissenschaft hoher Geister nicht zu würdigen weiß und
-lieber das Abgeschmackte glauben, als die eigne Seele an der Erhabenheit
-des Mitbruders stärken will?
-
-Fahrt nur so fort, sagte der Priester erzürnt, so habt Ihr kaum nöthig,
-in seine weltberühmte Schule zu treten. Es ist augenscheinlich, sein
-Zauber hat Euch schon umstrickt, so wie er jedes Herz bezwingt, das nur
-in seiner Nähe schlägt. Ja wohl, der Heide, hat er heut wie ein Priester
-gesprochen und geweissagt, und seiner Lüge auch einmal diese Farbe
-angestrichen. So regiert er auch das Haus des Podesta's. Die arme
-Crescentia konnte kaum in ihren letzten Stunden den Rückweg zur heiligen
-Kirche wieder finden, so war ihre Seele in den Irrlehren befangen, die
-der böse Heuchler wie giftige Netze um den jungen Geist geworfen hatte.
-Jetzt ist sie ihm entronnen, der Herr hat sie zu sich gerufen, und
-sandte diese Krankheit, um ihre Seele mit dem Verluste des Leibes zu
-retten.
-
-Die Sprechenden waren auf den großen Platz gekommen. Der Jüngling war
-empört und sagte jetzt, um seinem Gefühle Luft zu machen: wozu nur,
-geistlicher Herr, diesen grimmigen Neid? Seht ihr denn, erkennt ihr es
-denn nicht, wie die Welt nur um so mehr von euch abfällt, um so mehr ihr
-mit Bann und Fluch und Verfolgung den neuen Geist ersticken wollt? den
-Geist der ewigen Wahrheit, der jetzt alle Landschaften erregt? Der nicht
-wieder, trotz eurer Künste, untertauchen wird, um gläubig euren Legenden
-zu horchen.
-
-Wohl, sagte der Alte im hohen Zorne; haben wir doch jetzt Averroes statt
-Christus, und Aristoteles statt des Allmächtigen, und diesen Euren
-Pietro, diesen Ischarioth, statt des Geistes! Nicht wahr, der Erdgeist
-hat ihn groß und schlank auferbaut, und ihm ein feuriges Auge, edle
-Stirn, schönen Mund der Ueberredung, und majestätische Geberden
-geliehen, um zu gaukeln und zu täuschen: indeß ich, der unwürdige Diener
-des Herrn, hier krank, schwach und unansehnlich wandle, und nur mein
-Bekenntniß, meinen Glauben habe, um darzuthun, daß ich ein Christ sei.
-Ich kann nicht so in die Tiefen glänzender Weisheit hinabsteigen, nicht
-den Lauf der Sterne berechnen, Glück und Unglück vorhersagen, ich werde
-von den Ueberklugen geschmäht und verachtet, aber ich trage es demüthig,
-ihm zu Liebe, der mir alles auferlegt hat. Doch erwartet das Ende, und
-seht, ob ihn seine sieben Geister, die er im Zauberbanne hält, erretten
-können, ob ihm sein Famulus, das Höllengebild, dann zur Hülfe seyn wird.
-
-War sein Famulus zugegen? fragte Alfonso neugierig.
-
-Habt Ihr das Gespenst nicht bemerkt, antwortete der Mönch, das sich als
-Narr ausstaffirt hatte? die Mißgeburt mit dem Höcker, den verdrehten
-Händen und Armen, den krummen Beinen, den schielenden Augen und der
-ungeheuren Nase in dem Fratzengesicht?
-
-Ich hielt alles dies für Maske.
-
-Nein, dieser, erwiederte der Alte, braucht sich nicht zu verlarven. So
-wie er da ist, ist er Larve und Gespenst, ein Geist der Hölle, dieser
-Beresynth, wie sie ihn nennen. -- Wollt Ihr die Nacht in meinem Kloster
-zubringen, junger Mensch, bis Ihr eine Wohnung gefunden habt?
-
-Nein, antwortete dieser sehr entschlossen, ich mag die Gastfreundschaft
-dem Manne nicht schuldig seyn, der so den Herrlichen durch Verläumdung
-schmäht, dessen Name mich schon im Vaterlande entzückt hat, der mir hier
-als Vorbild wandeln und leuchten soll. Schlimm genug, daß ich
-dergleichen von Euch habe anhören müssen, von einem Manne, dessen Stand
-und Alter mir verbeut, ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehn. Soll der nur
-fromm heißen, der die Wissenschaft verachtet, nur der ein Christ, der im
-wachen Schlummer die Tage seines Lebens und die Kräfte seiner Seele
-hinwegträumt, so trete ich aus dieser dumpfen Gemeinschaft. Aber dem ist
-nicht so, und nicht der Mensch, der Christ oder Priester haben aus Euch
-gesprochen, sondern nur die Zunft. Lebt wohl, wenn Ihr es mit diesen
-Gesinnungen könnt.
-
-Sie trennten sich, beide verstimmt.
-
- * * * * *
-
-Der junge Florentiner, welcher in der Stadt dem Leichenzuge begegnet
-war, sprengte wie rasend durch das Thor und rannte dann in ungemessener
-Eil durch Feld und Wald. Als er sich im Freien sah, stieß er
-Verwünschungen gegen Welt und Schicksal aus, raufte sein Haar, fluchte
-seinen Sternen und seiner Jugend und eilte dann wie bewußtlos weiter. Er
-spornte dem Winde entgegen, der sich nächtlicherweise aufmachte, als
-wenn er die Glut seiner Wangen abkühlen wollte. Als es später ward, sank
-das Roß, das schon oft gestolpert war und das er knirschend immer wieder
-aufriß, ermattet nieder, und er war gezwungen, seinen Weg zu Fuß
-fortzusetzen. Er wußte nicht, wo er war, noch weniger, wohin er wollte;
-nur sein Elend stand mit unauslöschlichen Zügen vor ihm, die Nichtigkeit
-der Welt, die Unbeständigkeit alles Glücks. Verruchter Wahnsinn des
-Lebens! rief er verzweifelnd durch die Nacht; so, so grausam erweckst du
-mich aus meinem Schlummer? Tödtlich muß ich dich hassen um deine
-Gaukeleien, deinen Aberwitz, um alle jene unsinnigen Hoffnungen, die
-unsre Jugend anlachen, so freundlich auf unserm Wege mit uns gehn, und
-wenn sie uns in die Wüste geführt, grinsend und höhnend davon fliegen.
-Leben! Was ist dieses thörichte Gespinnst, dieser alberne Traum eines
-Fieberkranken? Ein matter Schauer folgt auf den andern, ein verrücktes
-Gebild verjagt das andre, unsre Wünsche springen in der kahlen Einöde
-umher, und erkennen sich selber nicht. O Tod, o Ruhe, o Nichtsein, komm
-zu mir, laß dich umarmen, und löse dieses stürmende Herz. Könnt' ich nur
-gleich meine letzten Minuten in Krämpfen verknirschen, daß die
-Morgensonne meine Stätte nicht mehr fände, daß kein Gedanke in mir ihrem
-neuen Strahl entgegen grüßte. Bin ich denn nicht das elendeste Geschöpf,
-das athmet? Um so ärmer, wie ich nur vor wenigen Stunden mich das
-glücklichste dünkte. Wehe der Jugend, wehe der Liebe, wehe dem Gefühl
-des Herzens, die sich so leicht, so gröblich täuschen lassen.
-
-Ein Regen stöberte jetzt durch die kalte Luft, und bald wurden die
-Tropfen größer und dichter. Der Jüngling wußte nicht, wohin er gerathen
-war, der Wald lag schon fern hinter ihm, kein Obdach war in der Nähe. Er
-fing an, seine Erinnerungen wieder zu sammeln, sein Schmerz ward milder,
-Thränen flossen aus seinen Augen. Er haßte das Leben schon weniger, ihm
-war, als wenn die Nacht selbst ihn trösten und seinen Kummer lindern
-wollte. Ungewiß, ob er das gestürzte Roß wieder aufsuchen, ob er sich in
-einem Graben vor dem Unwetter bergen sollte, sah er noch einmal um sich,
-und entdeckte endlich, weit, weit hinab, hinter Thal und Busch ein
-hüpfend Lichtlein, welches ihn wie ein freundliches Auge durch die dicke
-Finsterniß zu sich winkte. Er eilte dem ungewissen Scheine nach, der
-bald verschwand, bald wieder erglänzte. Alle seine Kräfte, seine Gefühle
-waren wie in einem Schlummer gebunden, sein ganzes Dasein war wie in
-einen Traum zergangen.
-
-Ein Sturm machte sich auf, und schwere, tiefhangende Gewitterwolken
-wälzten sich langsam herbei. Schon kam er Bäumen näher, wie es ihm
-dünkte, aber die Finsterniß machte es ihm unmöglich, irgend etwas zu
-unterscheiden. Er stürzte in eine Grube, als ein Blitz ihn blendete und
-ein lauter Donnerschlag betäubte; wie er sich wieder aufraffte, war das
-Licht, welches ihn gelockt hatte, schon nahe. Er klopfte an das kleine
-Fenster, welches sich hinter einigen Bäumen zeigte, und bat um Einlaß
-gegen Sturm und Ungewitter. Eine laute heisere Stimme antwortete von
-innen, doch vernahm der Jüngling kein Wort, denn Sturm und Gewitter und
-Regen, das Rauschen der Bäume, alles tobte jetzt so heftig
-durcheinander, daß jeder andre Laut erstarb.
-
-Die Thür des kleinen Hauses ging nach dem Garten, er mußte durch diesen
-eilen, dann faßte ihn eine weibliche Hand, leitete ihn durch einen
-finstern Gang, und eröffnete eine kleine Stube, aus welcher ihm der
-Schein einer Lampe und das Feuer auf dem Heerde entgegen schimmerte. In
-der Ecke saß bei der Lampe eine häßliche Alte und spann, das junge
-Mädchen, das ihn hereingeführt hatte, machte sich am Heerde zu thun, und
-lange konnte er vor dem ungewissen wankenden Schein die Gestalten nicht
-näher prüfen, lange konnte kein Gespräch gangbar werden, weil das Getöse
-des Donners alles übertäubte.
-
-Das ist ein grausames Unwetter, sagte in einer Pause die Alte mit
-krächzender Stimme. Woher seid Ihr denn, junger Mensch?
-
-Ich komme von Padua, seit heut Abend.
-
-Weither, rief die Alte, liegt ja sechs Stunden von hier. Wo wollt Ihr
-denn hin, da hier keine Landstraße geht?
-
-Weiß es nicht, mag es auch nicht wissen. Der Unglückliche ist nicht
-fähig, einen Plan zu entwerfen, oder für die Zukunft zu sorgen. Wie wohl
-würde mir seyn, wenn es für mich gar keine Zukunft gäbe.
-
-Sprecht irre, junger Mensch, und das muß nicht seyn. -- Ei! rief sie
-aus, indem sie die Lampe erhob und ihn näher betrachtete, ja gar ein
-Florentiner! Das Wamms und den Kragen habe ich lange nicht gesehn. Je
-nun, das hat mir wohl auch was Gutes zu bedeuten. Hat mir das garstige
-Gewitter also einen lieben Gast bescheert; denn wißt nur, mein junger
-Herr, ich bin auch aus dem gesegneten Lande. Ja, Florenz! Ach, wer doch
-einmal wieder auf deinen Boden treten und die theuren Berge und Gärten
-wieder sehn könnte! Und Euer Name, lieber, junger Herr?
-
-Antonio Cavalcanti, sagte der Jüngling, der wegen der Landsmannschaft zu
-der häßlichen Alten mehr Vertrauen faßte.
-
-O welcher Ton, rief sie wie begeistert aus: ja Cavalcanti, so einen habe
-ich vor Jahren wohl auch gekannt, einen Guido.
-
-Der war mein Vater, rief Antonio.
-
-Und lebt nicht mehr?
-
-Nein, sagte der junge Mann, auch meine Mutter ist mir schon seit lange
-entrissen.
-
-Weiß es, weiß es, liebes, schönes, junges Kind. Ja, ja, es werden jetzt
-schon fünfzehn Jahre seyn, daß sie gestorben ist. Ach ja, sie mußte wohl
-dazumal in der bösen Zeit den Geist aufgeben. Und Euer lieber, guter
-Vater, dem habe ich es einzig zu verdanken, daß die Richter mich nicht
-einige Jahre nachher auf den Scheiterhaufen setzten, sie hatten sich's
-einmal in den Kopf genommen, ich sei eine Hexe, und da half kein
-Widersprechen. Aber der Herr Guido kämpfte mich durch, mit Vernunft und
-Drohung, mit Bitten und Zorn, und sie haben mich denn bloß aus dem
-lieben Lande verbannt. Und nun bringt mir das Donnerwetter den Sohn
-meines Wohlthäters in meine kleine, arme Hütte. Gebt mir doch auch die
-Hand darauf, junges Blut.
-
-Antonio gab sie der Alten schaudernd, die er jetzt erst näher betrachten
-konnte. Sie grinste ihn freundlich an, und zeigte zwei schwarze, lange
-Zähne, die einen widerwärtigen Mund noch häßlicher machten, die Augen
-waren klein und scharf, die Stirn gefurcht, das Kinn lang, sie streckte
-zwei dürre Arme nach ihm aus, und als er sie wider Willen umfassen
-mußte, fühlte er den Höcker, der die Häßlichkeit noch abscheulicher
-machte. Nicht wahr? sagte sie mit erzwungenem Lachen, ich bin nicht
-sonderlich hübsch, war es auch in meiner Jugend nicht. Es ist mit der
-Schönheit etwas Besonderes, man kann eigentlich niemals sagen und
-beschreiben, worin sie besteht, es ist immer nur eine Abwesenheit von
-gewissen Dingen, die, wenn sie in ihrer Bestimmtheit da sind, das
-ausmachen, was die Leute die Häßlichkeit nennen. Sagt mir einmal, was
-findet Ihr denn nun so an mir wohl am widerwärtigsten?
-
-Liebe Alte, sagte der Jüngling verlegen --
-
-Nein, rief sie, rund mit der Wahrheit heraus, ohne alle Schmeichelei!
-Jeder Mensch hat doch nun einmal die oder jene Gabe, und so bilde ich
-mir nicht wenig darauf ein, daß mir alles das abgeht, was sie in der
-Welt schön nennen. Nun, zeigt einmal Euren Geschmack. Sprecht!
-
-Wenn ich muß, stotterte Antonio, dem trotz seiner Trauer ein Lächeln
-jetzt auf die Lippen trat, die beiden Zähne wollen mir --
-
-Ha, ha! rief die Alte laut lachend, die beiden guten lieben alten
-schwarzen Zähne wollen Euch am wenigsten gefallen. Ich glaub' es wohl,
-sie stehen wie zwei verbrannte Palisaden an einer zerstörten Vestung da
-in dem weiten leeren Raum. Aber Ihr hättet mich vor zehn Jahren sehn
-sollen, da war das Ding noch viel schlimmer. Dazumal hatt' ich den
-ganzen Mund voll solcher entsetzlichen Hauer, und die mich lieb hatten,
-wollten mir sagen, es sähe gräßlich aus. So fielen sie denn nach und
-nach aus, und die beiden Stammhalter sind nur noch übrig geblieben. Wenn
-sie einmal abgehn, so klappt das Maul völlig zu, die Oberlippe wird
-dreimal so lang, und man kann wieder nicht wissen, was für ein Bildniß
-dadurch zu Stande kommt. Die Zeit, mein lieber junger Freund, ist, wie
-schon vor vielen Jahren einer gesagt hat, eine thörichte Künstlerin, sie
-macht ein Bild leidlich hübsch, dann künstelt, schnitzelt, reckt und
-stümpert sie am Menschen herum, zieht Nase und Kinn in die Länge, drückt
-die Backen ein, pinselt die Stirn voller Falten, bis sie ein
-Fratzengesicht zu Stande gebracht hat; dann schämt sie sich am Ende,
-schmeißt den ganzen Bettel hin und deckt ihn mit Erde zu, damit nicht
-alle Welt ihre Schande sehe. So glatt bleibt Ihr auch nicht, wie Ihr
-jetzt in Eurer Politur glänzt. Ah! zeigt! freilich, Ihr habt Zähnchen
-wie die reinsten Perlen. Schade, daß die müssen gebraucht werden, um
-Brod und Rinderbraten zu kauen. Ei, ei, -- zeigt -- weiter auf den Mund
--- die stehn aber so sonderbar, -- hm! und der Augenzahn! Nun, das ist
-zu bedenken.
-
-Antonio wußte nicht, ob er schelten oder lachen sollte; doch zwang er
-sich heiter zu seyn, und dem Geschwätz der Alten nachzugeben, die
-gleichsam wegen früher Bekanntschaft mit der Familie eine sonderbare
-Gewalt an ihm ausübte. Wie fuhr er aber entsetzt zusammen, als sie
-plötzlich: Crescentia! ausrief.
-
-Ums Himmels willen! sprach er erschüttert, kennt Ihr sie? Saht Ihr sie?
-wißt Ihr von ihr?
-
-Was ist Euch? heulte die Alte, muß ich sie doch wohl kennen, da sie
-meine eigne Tochter ist. Seht nur selbst, wie die träge Dirne da
-eingeschlafen sitzt, das Feuer ausgehn und die Suppe verkühlen läßt.
-
-Sie nahm die Lampe und näherte sich dem Heerde; aber wie ward dem
-Jünglinge, als er seine Geliebte heute zum zweitenmale wiedersah, fast
-eben so, wie am Abend. Das blasse Haupt lag gesenkt, die Augen
-geschlossen, alle Lineamente, auch die dunkeln Locken seiner Braut, eben
-so hatte sie die kleinen Händchen gefaltet, zwischen welchen sie
-ebenfalls ein Christusbild hielt. Das weiße Gewand half die Täuschung
-erhöhen, nur fehlten die Blumen, doch webte die Dämmerung wie Kränze
-schweren dunkeln Laubes um ihre Locken. Sie ist todt, seufzte Antonio,
-sie starr betrachtend. -- Faul ist sie, die träge Dirne, sagte die Alte,
-und schüttelte die schöne Schläferin wach; nichts als beten und
-schlummern kann das unnütze Geschöpf.
-
-Crescentia ermunterte sich, und ihre Verwirrung erhöhte noch ihre
-Anmuth. Antonio fühlte sich dem Wahnsinne nahe, daß er diejenige wieder
-vor sich sah, die er doch auf ewig verloren hatte. Alte Zauberin! rief
-er heftig aus, wo bin ich? Und welche Gebilde führst Du vor die irren
-Sinne? Sprich, wer ist jenes holdselige Wesen? Crescentia, bist Du
-wieder da? Erkennst Du mich noch als den Deinen? Wie bist Du hieher
-gerathen?
-
-Holla! mein junger Prinz, schrie die Alte, Ihr faselt ja, als wenn Ihr
-Euer bischen Verstand verloren hättet. Rumort Euch das Gewitter im Kopf
-herum? Hat der Blitz etwa in Euern Witz geschlagen? Es ist meine
-Tochter, und ist es von je an gewesen.
-
-Ich kenne Euch nicht, sagte die bleiche Crescentia hold erröthend. Ich
-bin nie in der Stadt gewesen.
-
-Setzt Euch, unterbrach sie die Alte, genießt, was da ist. Die Suppe
-wurde aufgetragen, einige Früchte, und aus einem kleinen Wandschrank
-nahm die Alte eine Flasche köstlichen florentinischen Weins. Antonio
-konnte nur wenig genießen, sein Auge war auf Crescentia hingebannt, und
-seine verwirrte und erschütterte Phantasie wollte ihn immer wieder von
-Neuem bereden, diese sei seine gestorbene Braut. Oft glaubte er dann
-wieder, in einem schweren Traum gefesselt zu liegen, oder von einem
-Wahnsinn befangen zu seyn, der alle Gegenstände um ihn verwandele, daß
-er vielleicht in der Stadt, oder in seiner Heimath weile, nur seine
-Einbildungen sehe, und keinen seiner Freunde erkenne und vernehme, die
-wohl tröstend oder klagend um ihn stehn möchten.
-
-Das Gewitter hatte ausgetobt, und die Sterne glänzten am beruhigten
-dunkeln Himmel. Die Alte aß mit Begier und trank noch eifriger von dem
-süßen Weine. Nun endlich, junger Antonio, fing sie nach einiger Zeit an,
-erzählet uns doch, was Euch nach Padua, was Euch hieher getrieben hat.
-
-Antonio fuhr wie erwachend auf. Ihr könnt wohl, erwiederte er, einige
-Nachrichten von Eurem Gaste verlangen, da Ihr obenein meinen Vater, und
-vielleicht auch meine Mutter gekannt habt.
-
-Wohl habe ich sie gekannt, sagte die Alte schmunzelnd, kein Mensch so
-gut als ich. Ja, ja, sie starb sechs Monat zuvor, ehe Euer Vater seine
-zweite Ehe mit der Marchese Manfredi stiftete.
-
-Also das wißt Ihr auch?
-
-Ist mir doch, fuhr jene fort, als sähe ich das schmucke Püppchen noch
-immer vor mir. Nun, lebt die schöne Stiefmutter denn noch? Als sie mich
-aus dem Lande jagten, war sie noch in ihrer schönsten Blüthe.
-
-Ich mag es Euch nicht wiederholen, sagte Antonio mit einem Seufzer, was
-ich durch diese mir fremde Mutter litt; sie hatte meinen Vater wie
-bezaubert, der lieber allen seinen alten Freunden, lieber seinem Sohne
-Unrecht thun, als sie irgend beleidigen wollte. Endlich aber änderte
-sich dieses Verhältniß, doch brach mein Herz fast beim Anblick dieses
-Hasses, wenn es früher nur über erlittene Kränkungen geblutet hatte.
-
-Also recht bitter böse, fragte die Alte mit widerwärtigem Lächeln, ging
-es in der Haushaltung zu?
-
-Antonio betrachtete sie mit scharfem Blicke und sagte verwirrt: Ich weiß
-nicht, wie ich dazu komme, hier von meinem und dem Elend meiner Eltern
-zu erzählen.
-
-Die Alte leerte ein Glas rothen Wein, der wie Blut im Glase stand. Mit
-lautem Lachen sagte sie dann: weiß ich mir doch kein herrlicheres
-Vergnügen, versteht, was man so recht Wonne und Seligkeit nennen kann,
-als wenn so zwei Ehehälften, die früher einmal zwei Liebesleute waren,
-sich wie Katze und Hund, oder wie zwei Tigerthiere herumbeißen,
-schelten, einander verfluchen, und Herz und Seele dem Satan opfern
-möchten, um eins das andere zu kränken, oder seiner los zu werden. Das,
-junger Fant, ist die wahre Herrlichkeit des sterblichen Lebens.
-Besonders aber, wenn die beiden Verbündeten vorher aus Liebe recht
-geraset haben, alles, auch das Ungewöhnliche für einander gethan, wohl
-gar manches begangen, was andre fromme Leutchen Verbrechen nennen, um
-nur zu einander zu kommen, um nur endlich und endlich das nun so
-verhaßte Band zu schlingen. Glaubt mir, das ist alsdann für den Satan
-und die ganze Hölle ein hohes Fest, ein Jubeln und Cymbelnklang der
-Unterirdischen. Und hier nun gar, -- doch, ich schweige, ich könnte
-leicht zu viel sagen.
-
-Crescentia sah den Erstaunten wehmüthig an. Verzeiht ihr, sagte sie
-lispelnd, Ihr seht, sie ist trunken, die Unglückliche.
-
-In Antonio's Seele aber erwachte die Vorzeit und alle ihre trüben Scenen
-mit frischer Kraft. Der trübe Tag kam ihm zurück, als er seine
-Stiefmutter auf ihrem Sterbebette sah, als sein Vater verzweifelte und
-sich und die Stunde seiner Geburt verfluchte, als er den Geist seiner
-ersten Gattin anrief und um Vergebung flehte.
-
-Habt Ihr nichts mehr zu erzählen? fragte die Alte, und weckte ihn
-dadurch aus seiner staunenden Träumerei.
-
-Was soll's? sagte Antonio im tiefsten Schmerz, scheint Ihr doch alles zu
-wissen, oder durch Weissagung erfahren zu haben. Brauche ich es Euch zu
-sagen, daß ein alter Diener, Roberto, sie vergiftet hatte, von ihrem Haß
-verfolgt und zur Rache angespornt? Daß dieser boshaft und verrucht
-meinem Vater das Verbrechen zuwälzen wollte? Er entsprang aus dem
-Gefängnisse, übersteigt die Gartenmauer und stößt in der Grotte meinem
-Vater den Dolch in die Brust!
-
-Der alte Roberto? Roberto? rief die Alte, fast wie im frohen Jubel; ei,
-sieh doch! was man an den Leuten nicht erlebt! Ja, ja, der Schleicher
-war in jüngern Jahren so ein rechter Tuckmäuser, ein scheinheiliger
-Hund, ist aber nachher ein resoluter Bursche geworden, wie ich höre. In
-der Grotte also? Wie sich alles so wunderbar fügen muß. Da saß Euer
-Vater in frühern Jahren so oft mit der ersten Gattin, dort hat er ihr
-zuerst, als ihr Bräutigam, ewige Liebe geschworen. Dazumal trug Roberto
-gewiß schon jenen Dolch, wußte aber nicht, daß er ihn erst nach zwanzig
-Jahren so sonderbar brauchen sollte. Dort hat auch die zweite Gemahlin
-oft bei dem kühlen Brunnen geschlummert, da lag der Mann wieder zu ihren
-Füßen. Nicht wahr, Antonio, Kind, das Leben ist ein recht buntes, recht
-dummes, recht abgeschmacktes und recht grauliches Fabelgemisch? Kein
-Mensch kann sagen: dahin will ich nicht! Die Schmerzen und Gefühle, die
-Stacheln und das Rasen, die die schwarzen Gesellen in der Hölle
-schmieden, das alles kommt und kommt langsam, wunderlich, näher und
-immer näher, mit einemmale ist das Entsetzliche im Hause, und der
-Verzweifelte sitzt dann damit im Winkel und nagt daran, so wie der Hund
-am Knochen. Trink, trink, mein Söhnchen, durch diesen Saft wird alles
-besser, wenn seine Geister in die Seele steigen. -- Nun, und Du? Erzähle
-doch weiter.
-
-Ich schwur dem Vater Rache, sagte Antonio.
-
-So ist es recht, erwiederte die Alte; sieh, mein Kind, wann so ein Brand
-erst in ein Haus geschleudert ist, so muß er niemals, niemals wieder
-erlöschen. Von Geschlecht zu Geschlecht, zum Enkel und zum Vetter erbt
-das Gift, die Kinder rasen schon, die Wunde blutet immer wieder, ein
-neuer Aderlaß muß wieder das Unglück retten und auf die Beine bringen,
-das sonst vielleicht gar verscheiden könnte. O Rache, Rache ist ein
-köstliches Wort.
-
-Aber Roberto, sagte Antonio, war entflohen und nirgends zu finden.
-
-Schade, Schade, rief die Alte aus. Nun trieb Dich Deine Rache wohl in
-die Welt?
-
-Ja wohl, ich erwuchs, ich sah Italien, forschte in allen Städten, konnte
-aber keine Spur des Mörders entdecken. Der Ruf Pietro's von Abano hielt
-mich endlich in Padua fest. Ich wollte von ihm Weisheit lernen, aber als
-ich in das Haus des Podesta kam --
-
-Nun? sprich heraus, Kind!
-
-Was soll ich sagen? Ich weiß nicht, ob ich rase oder träume. Dort sah
-ich die Tochter, die holde, die liebreizende Crescentia. Und ich sehe
-sie jetzt wieder vor mir, ja sie ist es selbst, jener Leichenzug war ein
-böser, ungeziemender Scherz, und diese Verkleidung, diese Flucht in die
-Wüste hieher ist wieder eine unziemliche Verlarvung. Gieb Dich endlich,
-endlich zu erkennen, theure, holdselige Crescentia. Weißt Du es ja doch,
-daß mein Herz nur in Deinem Busen lebt. Wozu diese grausamen Proben?
-Sind Deine Eltern vielleicht dort in der Kammer, und hören alles, was
-wir sprechen? Laß sie nun endlich, endlich herein treten, es sei nun der
-grausamen Prüfung, die mich wahnsinnig machen kann, genug geschehn.
-
-Die bleiche Crescentia sah ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke an,
-eine solche Wehmuth im Angesicht, daß ihm die Thränen aus den Augen
-stürzten. Er ist wahrlich schon betrunken! heulte die Alte. Sprecht,
-sagt, ist denn die Tochter des Podesta todt? Gestorben wäre sie? und
-wann?
-
-Heut Abend, sagte der Weinende, bin ich ihrer Leiche begegnet.
-
-Also auch die? fuhr die Alte lustig fort, indem sie wieder einschenkte.
-Nun, da wird sich ja die Familie Markone in Venedig freuen.
-
-Warum?
-
-Weil sie nun die einzigen Erben des reichen Mannes sind. Das haben die
-Klugen immer gewünscht, es aber niemals hoffen können.
-
-Weib! rief Antonio mit neuem Entsetzen aus, Du weißt ja Alles.
-
-Nicht Alles, erwiederte Jene, aber Etwas. Und manches läßt sich dann
-auch wohl errathen. Und freilich, etwas Hexerei ist auch im Spiele.
-Erschreckt nur nicht gar zu sehr. Es war auch nicht so ganz um gar
-nichts, daß mich die Herren Florentiner auf den Holzstoß setzen wollten,
-einige kleine unbedeutende Ursächelchen konnten sie immer für diesen
-Wunsch anführen. -- Schau mir ins Gesicht, Knabe, streiche die Locken
-aus der Stirn: gut! Nun gieb die linke Hand: die rechte; ei! ei!
-sonderbar und wunderlich! Ja, ja, Dir steht ein nahes Unglück bevor,
-aber wenn Du es überlebst, wirst Du Deine Geliebte noch wiedersehn.
-
-Jenseit! seufzte Antonio.
-
-Jenseit? was ist Jenseit? rief die Alte im Taumel; nein, diesseit, was
-wir hier auf Erden nennen. Was die Narren für Worte brauchen. Es giebt
-kein Jenseit, alberner Kindskopf, wer hier nicht schon das Fett von der
-Brühe abschöpft, der ist übel betrogen. Aber damit kirren sie die
-Gelbschnäbel, daß sie hübsch im Geleise bleiben, wohin man sie lenken
-will, wer aber ihren Fabeln nicht glaubt, der ist auch dafür frei, und
-kann thun, was ihn gelüstet.
-
-Antonio sah sie zürnend an, und wollte ihr heftig erwiedern, aber die
-blasse Crescentia legte einen so demüthig flehenden Blick für ihre
-Mutter ein, daß sein Zorn entwaffnet wurde. Die Alte gähnte und rieb
-sich die Augen, und es währte nicht lange, so war sie, vom häufigen
-Genuß des starken Weins betäubt, fest eingeschlafen. Das Feuer auf dem
-Heerde war erloschen, und die Lampe warf nur noch matte Schimmer.
-Antonio fiel in ein tiefes Nachsinnen, und Crescentia saß am Fenster auf
-einem niedrigen Schemel. Kann ich wo schlafen? sagte der erschöpfte
-Jüngling endlich.
-
-Oben ist noch eine Kammer, sagte Crescentia schluchzend, und er bemerkte
-nun erst, daß sie die ganze Zeit über heftig geweint hatte. Sie putzte
-die Lampe, daß sie heller brenne, und ging schweigend voran. Er folgte
-eine schmale Treppe hinauf, und als sie oben in dem engen finstern
-Behältnisse waren, setzte das Mädchen die Leuchte auf einen kleinen
-Tisch und war im Begriff sich zu entfernen. Doch schon an der Thür
-kehrte sie noch einmal um, betrachtete den jungen Mann wie mit einem
-Todtenblicke, stand bebend vor ihm, und fiel dann laut schluchzend und
-in unverständlichen heftigen Klagen wie in Krämpfen zu seinen Füßen
-nieder. Was ist Dir, mein holdes Kind? rief er aus, und wollte sie
-aufheben; beruhige Dich: sage mir Dein Leid.
-
-Nein, laßt mich hier liegen, rief die Klagende, ach! wenn ich doch hier
-zu Euren Füßen, wenn ich doch jetzt sterben könnte! Nein, es ist zu
-entsetzlich! Und daß ich nichts thun, nichts hindern kann, daß ich den
-Gräuel nur stumm und ohnmächtig anschauen muß. Aber Ihr müßt es
-erfahren.
-
-So sammle Dich nur, sagte tröstend Antonio, daß Du nur Deine Stimme, daß
-Du nur die Worte wieder findest.
-
-Ich sehe, sprach jene vom Weinen unterbrochen heftig fort, Eurer
-gestorbenen Geliebten ähnlich, und ich bin es, die Euch an der Hand in
-die Mördergrube führen muß. Meine Mutter kann leicht prophezeien, daß
-Euch ein nahes Unglück bevorsteht: kennt sie doch die Gesellen, die
-allnächtlich hier einkehren. Dieser Höhle ist noch Keiner lebendig
-entronnen. Jede Minute führt ihn näher und näher, den greulichen
-Ildefons, oder den verruchten Andrea, mit ihren Knechten und Gehülfen.
-Ach! und ich kann nur der Herold Eures Todes seyn, Euch keine Hülfe,
-Euch keine Rettung bieten.
-
-Antonio entsetzte sich. Bleich und zitternd faßte er nach seinem
-Schwert, versuchte seinen Dolch, und sammelte Muth und Entschlossenheit
-wieder. So sehr er den Tod erst gewünscht hatte, so war es ihm doch zu
-furchtbar, in einer Räuberhöhle endigen zu müssen. Du aber, fing er an,
-Du mit diesem Angesichte, mit dieser Gestalt, kannst es über Dich
-gewinnen, eine Gesellin, eine Gehülfin der Verruchten zu seyn?
-
-Ich kann nicht entfliehen, seufzte die Trostlose, wie gern entwiche ich
-diesem Hause. Ach! und diese Nacht, morgen soll ich von hier und über
-das Meer geschleppt werden, die Gattin des Andrea oder Ildefons soll ich
-seyn. Ist es nicht besser, jetzt zu sterben?
-
-Komm, rief Antonio, die Thür ist offen, entflieh mit mir, die Nacht, der
-Wald werden uns ihren Schutz verleihen.
-
-Seht Euch nur um, sagte das Mädchen, seht nur, wie hier und im untern
-Gemache die Fenster mit starken Eisenstäben verwahrt sind, die Thür des
-Hauses ist mit einem großen Schlüssel versperrt, den die Mutter nicht
-von sich giebt. Saht Ihr nicht, wie sie die Thür ins Schloß warf, als
-Ihr hereingetreten wart?
-
-So falle die Alte zuerst, rief Antonio, wir entreißen ihr den Schlüssel
---
-
-Meine Mutter sterben! schrie die blasse Mädchengestalt, und klammerte
-sich mit Heftigkeit an ihn, um ihn fest zu halten.
-
-Antonio beruhigte sie. Er schlug ihr vor, der Alten, da sie berauscht
-sei, und fest schlafe, den großen Schlüssel der Thüre leise von ihrer
-Seite zu nehmen, dann zu öffnen und zu entfliehen. Von diesem Plane
-schien Crescentia einige Hoffnung zu fassen, sie gingen still wieder in
-das untere Gemach und fanden die Alte noch fest schlafend. Crescentia
-machte sich zitternd an sie, suchte und fand den Schlüssel, und es
-gelang ihr nach einiger Zeit, ihn vom Bande des Gürtels abzulösen. Sie
-winkte dem Jüngling, behutsam näherten sie sich der Thür, mit Vorsicht
-brachten sie den eisernen Schlüssel in das Schloß, mit fester Hand
-wollte Antonio jetzt ohne Geräusch den Riegel zurückschieben, als er
-fühlte, daß draußen eben so geräuschlos ein andrer am Schlosse arbeite.
-Die Thür öffnete sich sacht und herein trat, Antlitz an Antlitz dem
-Antonio, ein großer wilder Mann. Ildefonso! schrie das Mädchen auf, und
-der Jüngling erkannte in ihm auf den ersten Blick den Mörder Roberto.
-
-Was ist das? sagte dieser mit dumpfer Stimme; woher habt Ihr den
-Schlüssel? Wohin?
-
-Roberto! schrie Antonio und faßte den ungeheuren Mann wüthend an der
-Kehle. Sie rangen heftig mit einander, doch gelang es der Kraft des
-Jünglings, den Bösewicht auf den Boden zu werfen, dann kniete er ihm auf
-die Brust und senkte seinen Dolch ihm in das Herz. Mit lautem Geschrei
-war indessen die Alte erwacht, sie sprang auf, als sie den Kampf sah und
-riß unter Geheul und Verwünschungen die Tochter hinweg, sie schleppte
-sie zur Kammer hinauf, und verriegelte von innen die Thür. Jetzt wollte
-Antonio hinauf, um sich die Kammer mit Gewalt zu öffnen, als mehrere
-dunkle Gestalten herein traten, und nicht wenig erstaunten, ihren
-Anführer todt am Boden zu finden. Jetzt bin ich Euer Hauptmann! rief
-eine breite, bärtige Figur, indem dieser das Schwert zog. Wenn
-Crescentia mein ist! antwortete trotzig ein jüngerer Räuber. Beide, auf
-ihrem Sinne bestehend, fielen sich mörderisch an. Die Lampe ward
-umgestürzt, und unter Geheul und Fluchen wälzte sich der Kampf in der
-Finsterniß von einer Ecke zur andern. Seid ihr unsinnig? schrie eine
-andre Stimme dazwischen; ihr laßt den Fremden entfliehn, schlagt ihn
-zuerst darnieder und fechtet dann eure Händel aus! Doch jene, vor Wuth
-blind, vernahmen ihn nicht. Schon dämmerte der erste graue ungewisse
-Strahl des frühen Morgens. Da fühlte Antonio die Mörderfaust an seiner
-Brust, aber schnell und rüstig stieß er den Angreifenden nieder. Ich bin
-erschlagen, rief dieser, auf den Boden fallend: Wahnsinnige, besetzt die
-Thür, laßt ihn nicht entrinnen. Antonio hatte indessen diese gefunden,
-er sprang durch den kleinen Garten und über den Zaun, die Räuber,
-welchen unterdeß die Besinnung gekommen war, eilten ihm nach. Er war nur
-um wenige Schritte voraus, und sie suchten ihm die Bahn abzugewinnen.
-Einer warf mit Feldsteinen nach ihm, die aber ihres Ziels verfehlten.
-Unter Geschrei und Drohworten waren sie in den Wald gekommen. Hier
-zeigten sich verschiedene Richtungen, und Antonio war ungewiß, welche er
-wählen sollte. Da sah er zurück und die Räuber getrennt, er stellte sich
-dem nächsten und verwundete ihn im Kampf, daß jener das Schwert mußte
-sinken lassen. Doch zugleich vernahm er Geschrei und sah von einem
-Seitenwege neue Gestalten daher eilen, die ihm den Weg bald verrennen
-mußten. In dieser höchsten Noth traf er auf einer kleinen Waldwiese sein
-Roß wieder an. Es schien sich von der gestrigen Uebermüdung erholt zu
-haben. Er schwang sich hinauf, nachdem er schnell den Zaum ergriffen und
-geordnet hatte, und mit der größten Schnelle, als wenn das Thier seine
-Gefahr gefühlt hätte, trug es ihn auf einem gebahnten Pfade aus dem
-Walde. Nach und nach ertönte das Geschrei seiner Verfolger immer ferner
-und ferner, der Wald lichtete sich, und als er schon glauben mußte,
-nichts mehr befürchten zu dürfen, sah er die Stadt im Sonnenglanze vor
-sich liegen.
-
-Menschen begegneten ihm, Landleute gingen dieselbe Straße zur Stadt,
-Reisende gesellten sich zu ihm, und so kam er nach Padua zurück, indem
-er nur weniges auf die vielfachen Fragen und Erkundigungen antwortete,
-warum sein Anzug so verwildert, warum er ohne Hut sei. Die Bürger sahen
-ihn mit Verwunderung an, als er vor dem großen Hause des Podesta
-abstieg.
-
- * * * * *
-
-In der Stadt hatte sich in derselben Nacht etwas Wunderbares zugetragen,
-was bis jetzt noch allen Menschen ein Geheimniß war. Kaum hatte sich die
-Finsterniß dicht und dichter verbreitet, als Pietro, den man
-gemeiniglich nur von seiner Geburtsstadt Apone, oder Abano nannte, im
-innersten Zimmer seines Hauses alle Geräthe, alle seine künstlichen
-Instrumente zu einer geheimen und seltsamen Operation in Ordnung
-richtete. Er selbst war in lange Gewänder gekleidet, die mit
-wunderlichen Hieroglyphen bezeichnet waren, in seinem Saal hatte er die
-magischen Kreise beschrieben, und alles kunstreich geordnet, um seiner
-Wirkung gewiß zu seyn. Er hatte den Stand der Gestirne genau erforscht,
-und erwartete jetzt den günstigsten Augenblick.
-
-Sein Gefährte, der häßliche Beresynth, war auch mit magischen Kleidern
-angethan. Er holte und stellte auf den Befehl seines Gebieters alles so,
-wie dieser es nöthig erachtete. Bemalte Decken waren an den Wänden
-verbreitet, der Boden des Zimmers verkleidet, der große Zauberspiegel
-aufgerichtet, und näher rückte und näher der Moment, den der Magier für
-den glücklichsten erachtete.
-
-Hast Du die Kristalle in die Kreise gestellt? rief jetzt Pietro. Ja,
-antwortete der geschäftige Gesell, dessen Fratze sich zwischen den
-Phiolen, Spiegeln, menschlichen Gerippen und allen dem seltsamen
-Hausrath munter und unermüdlich tummelte. Jetzt wurde das Räuchwerk
-gebracht, eine Flamme entzündete sich auf dem Altar, und der Magier nahm
-vorsichtig, fast bebend, aus seinem geheimsten Schranke das große Buch.
-Geht's los? rief Beresynth. -- Schweig, erwiederte der Alte feierlich,
-und störe die heilige Handlung durch keine frevelnden, durch keine
-unnützen Worte. Er las, erst leise, dann lauter und eifriger, indem er
-mit gemessenen Schritten auf und nieder, dann im Kreise wandelte. Nach
-einer Weile hielt er inne und befahl: schau hinaus, wie sich der Himmel
-gestaltet.
-
-Dichte Finsterniß, sagte der rückkehrende Diener, hat den Himmel
-umzogen, Wolken jagen sich, ein Regen fängt an zu träufeln. -- Sie sind
-mir günstig, rief der Alte, es muß gelingen! Jetzt kniete er nieder, und
-berührte oft, die Beschwörung murmelnd, mit der Stirn den Boden. Sein
-Gesicht war erhitzt, seine Augen funkelten. Man hörte ihn die heiligen
-Namen nennen, die verboten sind auszusprechen, und er sandte nach langer
-Zeit seinen Diener wieder hinaus, um nach dem Firmament zu schauen.
-Indessen vernahm man den heranbrausenden Sturm, Blitz und Donner jagten
-sich, und das Haus schien in seinen Grundfesten zu erbeben. Hört das
-Wetter, rief Beresynth, eilig zurückkehrend. Die Hölle hat sich von
-unten herauf gemacht, und wüthet mit Feuer und wilden krachenden
-Donnerschlägen, ein Sturm braust dazwischen, und die Erde zittert.
-Haltet inne mit Beschwören, daß nicht die Speichen brechen, und die
-Fugen, die die Welt zusammen halten, zerspringen.
-
-Thörichter! Blödsinniger! rief der Magier; genug der unnützen Worte!
-Alle Thüren reiß auf, eröffne auch das Thor des Hauses.
-
-Der Zwerg entfernte sich, um die Gebote seines Herrn auszurichten.
-Dieser entzündete indeß die geweihten Kerzen, mit Schaudern nahte er
-sich der großen Fackel, die auf dem hohen Leuchter stand, auch sie
-brannte endlich, dann wand er sich auf dem Boden und beschwor lauter und
-lauter. Seine Augen funkelten, seine Glieder bebten alle, zuckten wie in
-Krämpfen, und ein kalter Schweiß der Angst floß von seinem Haupte. Mit
-wilder Geberde sprang der Zwerg wie entsetzt wieder herein und rettete
-sich in die Kreise. Die Welt geht unter, schrie er bleich und mit den
-Zähnen klappernd, die Gewitter ziehn fort, aber alles ist in der stillen
-Nacht Entsetzen und Graus, jedes Geschöpf hat sich in das innerste
-Gemach und die Kissen des Bettes geflüchtet, um der Angst zu entweichen.
-
-Der Alte erhob vom Boden ein todtenbleiches Antlitz, und verzerrt und
-unkenntlich schrie er mit fremdem Laute: Schweig, Unglückseliger, und
-störe das Werk nicht. Gieb Acht, und behalte Deine Sinne. Das Größte ist
-noch zurück.
-
-Mit einer Stimme, als wollte er seine Brust zersprengen, las und
-beschwor er wieder, der Athem schien ihm oft zu fehlen, es war, als
-müsse die ungeheure Anstrengung ihn tödten. Da hörte man plötzlich
-Stimmen durcheinander, wie im Streit, dann wie Gespräch, sie flüsterten,
-sie tobten und lachten, Gesang ertönte, und verworrener Klang von
-wundersamen Instrumenten. Alle Geräthe wurden lebendig und schritten vor
-und gingen wieder zurück, und aus den Wänden in allen Gemächern quollen
-Wesen aller Art, Gethier und Ungeheuer und abentheuerliche Fratzen im
-buntesten Gewirre.
-
-Herr! schrie Beresynth, das Haus wird zu enge! Wohin mit allen diesen
-Geistern? Einer muß den andern fressen. O weh! o weh! Immer greulicher,
-immer toller wickelt sich einer aus dem andern: ich verliere den
-Verstand! Und diese Musik dazu, dies Gellen und Pfeifen, Gelächter
-dazwischen, und rührende Klagegesänge. Seht, Herr! seht! die Wände, die
-Zimmer dehnen sich aus: alles wird zu unermeßlichen Sälen, zu hohen
-Gewölben, und noch schießen die Creaturen hervor, und vermehren sich mit
-dem wachsenden Raume. Könnt Ihr nicht rathen, könnt Ihr nicht helfen?
-
-Ganz ermattet erhob sich jetzt Pietro, er war verwandelt und wie
-sterbend. Schau noch einmal hinaus, sprach er leise, wende Dein Auge
-nach dem Dom, und berichte mir, was Du siehst.
-
-Ich trete dem Gesindel hier auf den Kopf, schrie der verwirrte
-Beresynth, sie winden sich spielend wie die Schlangen um mich her, und
-lachen höhnisch über mich. Sind es Geister? sind es Kobolde oder leere
-Phantome? Ei was! wenn ihr nicht aus dem Wege gehn wollt, so trete ich
-euch in die grünlichen und blauen Schnauzen hinein! Jeder ist sich
-selbst der Nächste. Er polterte murrend hinaus.
-
-Jetzt ward es still, und Pietro stand auf. Er winkte, und alle jene
-Wundergestalten, die sich am Boden gekrümmt, die sich in der Luft
-durcheinander gewunden hatten, verschwanden wieder. Er trocknete Schweiß
-und Thränen ab und holte freier Athem. Sein Diener kam zurück und sagte:
-Herr! alles ist ruhig und gut, aber lichte Gebilde zogen mir vorüber und
-verschwanden in den dunklen Himmel hinein: darauf, wie ich unverwandt
-nach dem Dom hinschaue, ertönt ein gewaltiger Klang, wie wenn alle
-Saiten einer Harfe zugleich rissen, und ein Schlag geschah, daß die
-Straße und alle Häuser zitterten. So riß sich dann die große Thür der
-Kirche auf, Flöten erklangen süß und lieblich, und eine sanfte lichte
-Klarheit ergoß sich aus dem Innern der Kirche. Gleich darauf trat ein
-weibliches Gebild in den Schein, blaß, aber glänzend, mit Blumenkronen
-geschmückt, sie schwebte aus dem Thor und Lichtstrahlen bereiteten ihr
-eine Straße, auf welcher sie wandeln sollte. Das Haupt gerade, die Hände
-gefaltet, so schwebt sie heran, auf unsre Wohnung zu. Ist es denn diese,
-auf welche Ihr gewartet habt?
-
-Nimm den goldnen Schlüssel, antwortete Pietro, und eröffne mit ihm das
-innerste kostbarste Gemach meines Hauses. Die Purpurdecke ist
-ausgebreitet, die Wohlgerüche duften. Dann fort und lege Dich nieder.
-Forsche nicht weiter nach, was geschieht. Sei gehorsam und verschwiegen,
-wenn Du Dein Leben achtest.
-
-Kenne ich Euch doch, antwortete der Zwerg und entfernte sich mit dem
-Schlüssel, indem er noch einmal wie einen schadenfrohen Blick zurück
-warf.
-
-Indem kam ein liebliches Gesäusel näher, Pietro ging nach dem Vorsaal,
-und herein schwebte die blasse Leichengestalt der Crescentia, in ihrem
-Todtenschmucke, das Crucifix noch in den gefaltenen Händen haltend. Er
-stand vor ihr, sie schlug die großen Augen auf und schauderte in
-lebhafter Bewegung vor ihm zurück, so daß vom schüttelnden Haupte die
-Blumenkränze niedersanken. Stumm bog er die festgeschlossenen Hände
-auseinander, in der linken aber behielt sie das Kreuz fest eingeklemmt.
-An der rechten Hand führte er sie durch seine Gemächer, und sie ging
-neben ihm, starr und ohne Theilnahme, ohne sich umzusehn.
-
-Das fernste Gemach empfing sie. Purpur und Gold, Seide und Sammet
-schmückten es kostbar aus. Durch die schweren Vorhänge schimmerte am
-Tage das Licht nur matt herein. Er deutete hin auf das Lager, und die
-Bewußtlose, wunderbar Belebte senkte und neigte sich wie eine
-Lilienblume, die der Wind bewegt, sie fiel auf die rothen Decken und
-athmete schmerzlich. Aus einem goldnen Fläschchen goß der Alte eine
-kostbare Essenz in eine kleine Schale von Kristall und legte ihr diese
-an den Mund. Die blassen Lippen schlürften den wunderbaren Trank, sie
-schlug noch einmal das Auge auf, betrachtete ihren vormaligen Freund,
-wandte sich mit dem Ausdruck des Abscheues um, und fiel in einen tiefen
-Schlaf.
-
-Sorgfältig verschloß der Alte wieder das Gemach. Alles im Hause war
-ruhig. Er begab sich auf sein Zimmer, um unter seinen Büchern und
-Zaubergeräthen den Aufgang der Sonne und die Geschäfte des Tages zu
-erwarten.
-
- * * * * *
-
-Als der unglückliche Jüngling Antonio geruht hatte, ritt der Podesta am
-folgenden Tage mit ihm und einem großen bewaffneten Gefolge aus, um jene
-Hütte, die häßliche Alte und die Räuber aufzusuchen und zu fangen. Nach
-der Erzählung Antonio's war der trostlose Vater sehr begierig geworden,
-jenes Mädchen zu sehn, welches seiner verstorbenen Tochter so ähnlich
-seyn sollte. Kann es seyn, sagte der Alte unterwegs, daß ein Traum, dem
-ich mich nur zu oft überlassen habe, wirklich werden sollte?
-
-Der Vater war so eilig, daß er dem Jüngling nicht weiter Rede stand. Sie
-kamen in den benachbarten Wald, und hier glaubte sich Antonio noch zu
-erkennen, und die Spuren wieder zu finden. Aber jene Nacht hatte ihn so
-verwirrt, und seine Lebensgeister so heftig erschüttert, daß er nachher
-seinen Weg nicht entdecken konnte, den er während des Sturmes und dem
-Krachen des Donners, betäubt, zu Fuß, und über Acker und Feld irrend,
-fortgesetzt hatte. Sie kreuzten das weite Gefilde nach allen Richtungen;
-wo nur Bäume oder Gebüsche sich entdecken ließen, dahin spornte Antonio,
-um die Räuberhütte und in ihr jene wundersame Erscheinung wieder
-anzutreffen, oder wenigstens, wenn die Einwohner auch verschwunden seyn
-sollten, wie er wohl glauben mußte, irgend eine Nachweisung zu erhalten.
-Der Podesta glaubte endlich, als man schon einen großen Theil des Tages
-so umgeirrt war, die erhitzte Einbildung des Jünglings habe nur in der
-Verwilderung seines Schmerzes diese Erscheinungen gesehn. Das Glück,
-rief er aus, wäre zu groß, und ich bin nur zum Unglück geboren.
-
-In einem Dorfe mußte man die Pferde und die Diener verschnaufen lassen.
-Die Bewohner wollten nichts von so verdächtigen Nachbarn wissen, auch
-hatte man in der Umgegend die Leichname der Erschlagenen nicht gefunden.
-Nach kurzer Frist machte sich Antonio wieder auf den Weg, obgleich der
-Podesta ihm mit größerem Mißtrauen folgte. Bei jedem Bauer, der ihnen
-aufstieß, wurden Erkundigungen eingezogen, doch keiner wußte irgend eine
-bestimmte Nachricht zu geben. Gegen Abend traf man auf einen scheinbar
-zerstörten Platz, Asche und Schutt lag umher, einige verkohlte Balken
-zeigten sich zwischen den Steinen: Bäume, die nahe standen, waren
-verbrannt. Jetzt schien sich der Jüngling wieder zu erkennen. Hier, so
-meinte er mit Bestimmtheit, sei der Aufenthalt der Mörder und jener
-wunderbaren Crescentia gewesen. Man machte Halt. Weit und breit war in
-der wüsten Gegend kein Haus zu sehn, kein Mensch war zu errufen. Ein
-Diener ritt zum nächsten Ort und brachte nach einer Stunde einen Alten
-zu Pferde mit sich. Dieser wollte wissen, daß schon seit einem Jahre
-eine Hütte hier abgebrannt sei, von Soldaten angezündet, der Eigenthümer
-des Feldes sei schon seit zehn Jahren in Rom, wo er ein versprochenes
-geistliches Amt erwarte, der Verwalter desselben aber nach Ravenna
-gereist, um eine alte Schuld einzukassiren.
-
-Verdrossen und ermüdet begaben sich die Reisenden zur Stadt zurück. Der
-Podesta Ambrosio ging damit um, seine Stelle aufzugeben, sich von allen
-Geschäften zurück zu ziehn, und selbst Padua zu verlassen, wo ihn alles
-nur an sein Unglück erinnerte. Antonio wollte in der Schule des
-berühmten Apone sein Elend ertragen und vielleicht vergessen lernen. Er
-zog in das Haus dieses großen Mannes, welcher ihm schon seit lange
-gewogen war.
-
- * * * * *
-
-Also auch Ihr, sagte nach einiger Zeit der kleine Priester zum
-tiefsinnigen Antonio, habt Euch diesem unglücklichen Studio und jenem
-verderblichen Manne ergeben, der Eure Seele verführen wird?
-
-Warum zürnt Ihr, antwortete Antonio freundlich, Ihr frommer Mann? Soll
-Religion und Wissenschaft sich nicht freundlich die Hand bieten dürfen,
-wie es in diesem trefflichen Lehrer geschieht? Er, den die ganze Welt
-verehrt, den die Fürsten schätzen und lieben, den der heilige Vater
-selber bald zu einer geistlichen Würde erheben will? Warum haßt Ihr den,
-der Euch und jedermann mit Liebe entgegen kommt? Wüßtet Ihr, wie seine
-Lehre mich tröstet, wie er meinen Geist erhebt und zum Himmel richtet,
-wie in seinem Munde Frömmigkeit und Religion die begeisterten Worte und
-Bilder finden, die seine Schüler, wie mit Schwingen des Geistes, in die
-überirdischen Regionen führen, Ihr würdet nicht so unbillig von ihm
-denken und sprechen. Lernt ihn näher kennen, sucht seinen Umgang, kommt
-dem, der keinen zurück weiset, freundlich entgegen, und Ihr werdet mit
-Reue und in Liebe Euren Haß, Euer voreiliges Urtheil über ihn
-widerrufen.
-
-Ihm? rief der Priester, nein nimmermehr! Wahrt Euch selbst, Jüngling,
-vor ihm und seinem höllenbezeichneten Diener, der keinen so arglistig,
-wie sein Meister, belügen kann.
-
-Es ist wahr, erwiederte Antonio, der kleine Beresynth ist eine
-lächerliche und auch häßliche Figur, mich wundert selbst, daß ihn der
-edle Pietro so beständig in allen seinen Zimmern und Geschäften um sich
-dulden mag: aber sollen Höcker und andre häßliche Abzeichen uns gegen
-einen Armen, den die Natur vernachlässigt hat, grausam machen?
-
-Schöne Worte, herrliche Redensarten! rief der Priester ungeduldig aus:
-bei diesen Gesinnungen gedeihen freilich Zauberer und Betrüger. Seht! da
-kommt das Scheusal, das ich nicht anschauen, viel weniger mit ihm etwas
-verhandeln mag. Wen der Herr auf diese Weise gezeichnet hat, der ist
-kenntlich genug, und jedermann, in dem noch nicht alles Gefühl erloschen
-ist, gehe ihm aus dem Wege.
-
-Beresynth, der die letzten Worte gehört hatte, machte sich in einigen
-seltsamen Sprüngen herbei. Hochwürdiger Herr, rief er aus, seid Ihr denn
-etwa selbst von so ausbündiger Schönheit, daß Ihr so unbillig urtheilen
-dürft? Mein Herr ist von Jugend auf ein majestätischer herrlicher Mann
-gewesen, und der denkt doch von mir und meines gleichen ganz anders.
-Was? Ihr kleiner, untersetzter, verstumpfter, kollriger Mann, dem die
-Nase vor Zorne fast immer roth anläuft? Ihr mit Euren krummen
-Mundwinkeln, mit den verzwickten Falten in der kleinen Stirn, Ihr wollt
-von meiner Häßlichkeit rumoren? Kuckt das Zwerglein doch kaum über die
-Kanzel hinaus, wenn es dorten handthiert, und ist so schmalbeinig und
-schmächtig, daß er nicht über den großen Platz gehn darf, wenn der Wind
-einmal stark weht; den die Gemeine kaum erkennt, wenn er vor dem Altar
-gestikulirt, wobei ihr der christliche Glaube nachhelfen muß, in der
-Hoffnung, er sei wirklich zugegen: -- wie, ein solcher Knirps und
-geistlicher Nirgendgesehn will hier wie Goliath Rede führen? Laßt Euch
-dienen, unansehnlich Gottseliger, daß man aus meiner Nase allein einen
-solchen Glaubenshelden, wie Ihr seid, formiren könnte, wobei ich meinen
-doppelten Höcker vorn und hinten noch gar nicht einmal in die Rechnung
-bringe.
-
-Der erzürnte Priester Theodor hatte sich schon vor dem Schluß dieser
-Rede entfernt, und der melancholische Antonio verwies dem kleinen
-Gesellen seinen Muthwillen; doch dieser rief aus: fangt Ihr nur nicht
-auch an zu moralisiren! das leide ich einmal von keinem andern als
-meinem Herrn, denn der ist dazu in der Welt, die Moral, die Philosophie
-und dergleichen zu doziren. Aber diese Windfahne von Mönch da, die nur
-von Neid und Bosheit so knarrend herum gedreht wird, weil er meint, ihm
-geschieht durch meinen herrlichen Meister ein Abbruch an Autorität, Geld
-und Gut, der soll nicht den zahnlosen Mund aufthun, wo ich mein
-ungewaschnes Maul nur irgend brauchen kann; und von einem jungen
-Studenten leide ich auch keine Widerrede, denn ich habe mir schon den
-Bart verschneiden lassen, als Euer Vater noch im Westerhemdchen lief;
-Prügel in der Schule und den Esel bekam ich schon umgehängt, als sie
-Eurem erlauchten Großvater die ersten Hosen anthaten, darum erzeigt den
-Respect da, wo er hingehört und vergeßt niemals, wen Ihr vor Euch habt.
-
-Erzürne Dich nicht, kleiner Mann, sagte Antonio, ich meine es gut mit
-Dir.
-
-Meint's, wie Ihr wollt, rief jener. Mein Herr wird Prälat, wißt Ihr das
-schon? Und Rektor der Universität! Und eine neue goldne Gnadenkette hat
-er von Paris erhalten! Und Ihr sollt zu ihm kommen, weil er verreisen
-und Euch vorher noch einmal sprechen will. Schleppt Euch nicht mit
-Pfaffen so herum, wenn Ihr ein Philosoph seyn wollt.
-
-In krummen, wunderlichen Sätzen sprang er wieder die Straße hinüber, und
-Antonio sagte zu Alfonso, der jetzt hinzutrat, und seit einiger Zeit
-sich oft freundlich zu ihm gesellte: ich weiß niemals, wenn ich mit der
-kleinen Mißgeburt rede, ob sie ihre Worte ernsthaft, oder nur im Scherze
-meint. Scheint er doch über sich selbst und alle Creatur zu spotten.
-
-Das ist ihm, antwortete Alfonso, ein nothwendiger Ersatz, um sich über
-seine Ungestalt zu trösten, denn durch seinen Hohn macht er in seiner
-Einbildung alle übrigen Geschöpfe sich gleich. Aber wißt Ihr schon von
-den neuen Ehren, die unserm herrlichen Lehrer und Meister zugetheilt
-sind?
-
-Die Welt, erwiederte Antonio, erkennt sein hohes Verdienst, und daß auch
-der Papst, unser heiliger Vater, ihn jetzt zum Prälaten macht, das wird
-den neidischen Priestern und Mönchen, die den tugendhaften und frommen
-Mann immerdar verketzern wollen, endlich Schweigen gebieten.
-
-Sie trennten sich, und Antonio eilte, von seinem Lehrer auf einige Tage
-Abschied zu nehmen. Der kleine Zwerg Beresynth erwartete ihn schon in
-der Thür mit grinsender Freundlichkeit.
-
- * * * * *
-
-In den Zimmern war es schon trübe, und da Beresynth den Jüngling
-verließ, so ging dieser, der seinen Lehrer im Saale, auch in seiner
-Bücherstube nicht traf, durch die vielen Gemächer, und gelangte so bis
-in das innerste, welches er noch niemals betreten hatte. Bei einer
-dämmernden Lampe saß hier Pietro und verwunderte sich nicht wenig, den
-Florentiner eintreten zu sehn, der über die Gerippe, seltsamen
-Instrumente und den wunderlichen Hausrath des Greises erstaunt war.
-Nicht ohne Verlegenheit näherte sich der Alte. Ich hatte Euch hier nicht
-erwartet, sagte er, sondern dachte Euch draußen zu treffen, oder Euch
-oben in Eurem eigenen Zimmer aufzusuchen. Ich soll dem Abgesandten des
-Papstes, unsers heiligen Vaters, entgegen reisen, um sein Schreiben und
-die neue Würde, die seine Gnade und väterliche Güte mir mittheilt,
-demüthig und dankbar vom Prälaten dort anzunehmen.
-
-Antonio war befangen, und schien die Instrumente und den unbekannten
-Apparat genau zu betrachten. Ihr verwundert Euch, sagte der Alte
-endlich, über alle diese Dinge, die mir zu meinen Studien nöthig sind;
-wenn Ihr einmal meine Vorlesungen über die Natur besucht habt, werde ich
-Euch in Zukunft alles erklären können, was Euch jetzt vielleicht
-unbegreiflich erscheint.
-
-Doch in diesem Augenblicke ereignete sich etwas, das Antonio's
-Aufmerksamkeit von allen diesen Gegenständen abzog. Eine Thür, die
-verschlossen schien, war nur angelehnt, sie that sich auf, und der
-Jüngling sah in ein Gemach, das mit purpurrothem Lichte erfüllt war,
-aber in dieser Rosengluth stand an der Thür ein bleiches Gespenst,
-welches winkte und lächelte. Mit Blitzesschnelle wendete der Alte sich
-um, warf donnernd die Thür in das Schloß, und verriegelte sie mit einem
-goldenen Schlüssel. Zitternd und leichenblaß warf er sich dann in einen
-Sessel, indem ihm große Schweißtropfen von der Stirne rannen. Als er
-sich etwas erholt hatte, winkte er, noch immer zitternd, Antonio herbei
-und sagte mit bebender Stimme: auch dieses Geheimniß, mein junger
-Freund, wird Euch einmal deutlich werden; denke, mein geliebter Sohn,
-das Beste von mir. Dich vor allen, Du Leidender, Du Vielgeliebter, will
-ich in mein tiefstes Wissen dringen lassen, Du sollst mein wahrer
-Schüler, mein Erbe werden. Aber laß mich jetzt, geh nun hinauf zu Deinem
-einsamen Zimmer und rufe im brünstigen Gebete den Himmel und seine
-heiligen Kräfte zu Deinem Beistande auf.
-
-Antonio konnte nicht antworten, so war er von der Erscheinung überrascht
-und entsetzt, so hatte ihn die Rede seines verehrten Lehrers verwirrt,
-denn ihm schien, als müsse dieser einen Zorn unterdrücken, als leuchte
-ein verhaltener Grimm aus seinen feurigen Augen, die nach dem
-plötzlichen Erlöschen schnell einen stärkern Glanz ausstrahlten.
-
-Er ging und im Vorzimmer fand er Beresynth, der mit grinsendem Gesicht
-Fliegen haschte, die er dann einem Affen zuwarf. Beide schienen im
-Wettstreit begriffen, wer die ärgsten Fratzen hervorbringen könnte. Der
-Meister rief jetzt laut den Diener, und die Mißgestalt hüpfte hinein.
-Antonio vernahm einen lauten Wortwechsel, und Pietro schien sehr zornig.
-Weinend und heulend kam Beresynth aus dem Zimmer, ein Blutstrom floß
-über die ungeheure Nase hinab. Kann er nicht selbst seine Thüren
-verschließen, krächzte die Mißgeburt, der Allerweltsweise und
-Allmächtige? Ist der Herr dumm, so muß der Diener die Schuld tragen.
-Scheert Ihr Euch, Allverehrtester, auf Eure Dachkammer hinauf, und laßt
-mich mit meinem guten Freund, dem lieben Pavian da, in Ruhe. Der hat
-noch ein menschliches Herz, der liebe, getreue. Ein lustiger Bruder, wie
-er ist, und doch in der Zartheit ein recht ausbündiger Kerl. Marsch da!
-Der Pylades will wieder Fliegen speisen, die ihm sein Orest
-zusammenfangen muß.
-
-Antonio verließ wie betäubt den Saal.
-
- * * * * *
-
-Der florentinische Jüngling war in das Haus seines Lehrers gezogen, um
-ganz ungestört seinen Leiden und Studien leben zu können. Oben im
-entferntesten und höchsten Gemache des Hauses hatte er sich
-eingerichtet, um recht einsam und von Menschen unbesucht zu leben. Wenn
-er von hier die schönen und fruchtbaren Gefilde des Landes übersah und
-dem Laufe des Stromes mit den Blicken folgte, so dachte er um so inniger
-seiner entschwundenen Geliebten. Er hatte ihr Bild von den Eltern
-bekommen, und einiges Geräth, mit welchem sie als Kind gespielt hatte;
-vorzüglich lieb war ihm eine Nachtigall, die ihm in ihren rührenden
-Klagegesängen nur sein eigenes Leid auszutönen schien. Dieser Vogel war
-von Crescentien mit Sorgfalt und Liebe gepflegt worden, und der
-schwärmende Jüngling bewahrte ihn als ein Heiligthum, als den letzten
-Ueberrest seines irdischen Glückes.
-
-Andre Jünglinge seines Alters sahe er nicht, außer dem Spanier Alfonso,
-mit welchem ihn der gleiche Enthusiasmus für die Größe des Pietro Abano
-vereinigte. Der Podesta Ambrosio hatte seine Stelle niedergelegt und die
-Stadt verlassen, er wollte in Rom seine letzten Tage verleben, um sich
-seinen Verwandten in Venedig zu entziehn. Er hatte es aufgegeben, die
-frühgeraubte Zwillingstochter wieder zu finden, und es schmerzte ihn um
-so inniger, daß Antonio ihm diese Hoffnung so erschütternd wieder in
-seine Seele gerufen hatte. Er war überzeugt, der Jüngling habe ihn und
-sich selbst mit den Fieber-Phantasien jener Nacht getäuscht.
-
-Am Morgen reiste Pietro mit seinem getreuen Diener ab. Antonio war ganz
-allein im großen Hause, dessen Zimmer alle verschlossen waren. Die Nacht
-war ihm schlaflos hingegangen. Immer stand ihm das entsetzliche Gebild
-vor Augen, das ihm, wie es ihn erschüttert hatte, doch die schönsten
-Empfindungen zurück rief. Ihm war, als wenn jede Kraft zu denken in ihm
-erstorben sei, Gebilde, die er nicht festhalten konnte, bewegten sich in
-ewig umschwingenden Kreisen vor seiner Phantasie. Die Empfindung war ihm
-fürchterlich, daß er an seinem verehrten Lehrer irre wurde, daß er
-unerlaubte Geheimnisse und ein Entsetzen ahndete, das seit jenem Blick
-ins Gemach hinein auf ihn zu warten schien, um ihm allen Lebensmuth zu
-rauben, oder ihn einem verzweifelnden Wahnsinn zu überliefern.
-
-Die Nachtigall sang eben vor seinem Fenster, und er sah, daß es stürmte
-und regnete. Vorsorglich nahm er sie herein und stellte sie hoch auf
-einen alten Wandschrank hinauf. Indem er sich überbog, um den Käfig
-sicher zu stellen, riß die Kette, an welcher er das Bildniß seiner
-Geliebten trug, und das Gemälde rollte nach der Wand zu, und hinter den
-eichenen alten Brettern hinab. Der Unglückliche wird auch von
-Kleinigkeiten erschreckt. Eilig stieg er hinunter, um sein geliebtes
-Kleinod wieder zu suchen. Er bückte sich, aber so sehr er auch forschte,
-war es unter dem großen schweren Schranke nicht anzutreffen. Alles, das
-Große wie das Kleine in seinem Leben, schien ihn wie eine Bezauberung zu
-verfolgen. Er schüttelte an dem alten Gerüste, und wollte es aus der
-Stelle schieben, aber es war in der Mauer verfestigt. Sein Ungestüm
-wurde mit jedem Hinderniß heftiger. Er faßte eine alte Eisenstange, die
-er im Vorzimmer fand, und arbeitete mit aller Anstrengung seiner Kräfte,
-den Schrein zu rücken, und endlich, nach vielem Heben, Stemmen und
-hundert vergeblichen Bemühungen geschah ein Riß mit lautem Krachen, als
-wenn eine eiserne Klammer oder Kette gesprungen wäre. Jetzt wich
-allmählig das Gebäude und Antonio vermochte es endlich, sich zwischen
-dieses und die Wand einzudrängen. Er sah sogleich sein geliebtes
-Bildniß. Es lag auf dem breiten Knauf einer Thür, die in der Mauer war.
-Er küßte es, und drehte den Griff, welcher nachgab. Die Thür öffnete
-sich, und er fiel darauf, den großen Schrank noch etwas mehr zurück zu
-schieben, um diese Seltsamkeit näher zu untersuchen, denn er glaubte,
-daß der Besitzer des Hauses diese geheime Oeffnung, die mit so vieler
-Sorgfalt, und wie es schien, seit so langer Zeit verdeckt war, selber
-nicht kenne. Als er sich mehr Raum verschafft hatte, sah er, daß hinter
-der Thür eine enge gewundene Stiege sich hinabsenkte. Er stieg einige
-Stufen hinunter, die dichteste Finsterniß umgab ihn. Er schritt weiter
-und immer weiter, die Treppe schien bis in die untern Gemächer
-hinabzuführen. Schon wollte er umkehren, als er auf eine Hemmung stieß,
-denn die Wendelstiege war nun zu Ende. Indem er in der Dunkelheit auf
-und nieder tastete, traf seine Hand auf einen erznen Ring, den er anzog,
-und sogleich öffnete sich die Mauer und ein rother Glanz quoll ihm
-entgegen. Noch ehe er in die Oeffnung hineintrat, untersuchte er die
-Thür und fand, daß eine Feder, die der Ring in Bewegung gesetzt, sie ihm
-aufgethan hatte. Er lehnte sie an und schritt behutsam in das Gemach.
-Rothe kostbare Teppiche schmückten es, mit Purpurdecken von schwerer
-Seide waren die Fenster verhängt, ein Bett, von glänzendem Scharlach mit
-Gold verziert, stand im Zimmer. Alles war still, man hörte das Getöse
-der Straße nicht, die Fenster gingen nach dem kleinen Garten. Mit
-beklemmter Brust stand der Jüngling im Gemach, er horchte aufmerksam und
-endlich dünkte ihm, er vernähme das Säuseln des Athems, wie von einem
-Schlafenden. Mit klopfendem Herzen wandte er sich um, und ging vor, um
-zu spähn, ob auf dem Bette jemand ruhe, er schlug die seidenen Vorhänge
-zurück -- und glaubte nur zu träumen, denn vor ihm lag, leichenblaß,
-aber süß schlummernd, das Bildniß seiner geliebtesten Crescentia. Der
-Busen hob sich sichtlich, wie eine leichte Röthe war den blassen Lippen
-angeflogen, die, zart geschlossen, von einem sanften Lächeln unmerklich
-bewegt wurden. Das Haar war aufgelöst und lag in seinen schweren dunkeln
-Locken auf den Schultern. Das Kleid war weiß, der Gürtel eine goldne
-Spange. Lange stand Antonio im Anschauen versenkt, endlich, wie von
-einer übernatürlichen Gewalt getrieben, faßte er die weiße, schöne Hand,
-und wollte die Schläferin gewaltsam emporziehen. Diese stieß einen
-klagenden Schrei aus, und erschreckt ließ er den Arm wieder fahren, der
-ermüdet in die Kissen sank. Doch war der Traum, so schien es, entflogen,
-das Netz des Schlummers, welches das wundersame Bildniß umschlossen
-hielt, war zerrissen, und wie Wolken und Nebel sich im leisen
-Morgenwinde in wallenden Gestaltungen an den Bergen hinbewegen und
-wechselnd auf und nieder sinken, so rührte sich die Schläferin, dehnte
-sich wie ohnmächtig, und strebte in langsamen anmuthigen Bewegungen dem
-Erwachen entgegen. Die Arme streckten sich empor, so daß die weiten
-Aermel zurück fielen und die volle schöne Rundung zeigten, die Hände
-falteten sich und sanken dann wieder nieder; das Haupt erhob sich und
-der glänzende Nacken richtete sich frei auf, doch waren die Augen immer
-noch geschlossen, die Locken fielen schwarz in das Gesicht hinein, doch
-strichen die feinen langen Finger sie zurück; ganz aufrecht sitzend
-kreuzte die Schöne nun die Arme über die Brust, stieß einen schweren
-Seufzer aus und plötzlich standen die großen Augen weit offen und
-glänzend.
-
-Sie betrachtete den Jüngling, als sähe sie ihn nicht, sie schüttelte das
-Haupt und ergriff jetzt die goldne Quaste, die über ihr am Bette
-befestigt war, richtete sich kräftig auf, und auf den Füßen stand jetzt
-in der purpurnen Umhüllung hoch aufgerichtet die große schlanke Gestalt,
-sie schritt dann sicher und fest vom Lager herunter, ging auf Antonio,
-der zurück gewichen war, einige Schritte zu, und mit einem kindischen
-Ausruf der Ueberraschung, wie wenn Kinder sich plötzlich über ein neues
-Spielzeug erfreuen, legte sie ihm die Hand auf die Schulter, lächelte
-ihn holdselig an und rief mit sanfter Stimme: Antonio!
-
-Dieser von Furcht, Entsetzen, Freude, Ueberraschung und dem tiefsten
-Mitleiden durchdrungen, wußte nicht, ob er fliehen, sie umarmen, zu
-ihren Füßen stürzen, oder in Thränen aufgelöst sterben sollte. Das war
-derselbe Ton, den er sonst so oft und so gern vernommen hatte, bei dem
-sich sein ganzes Herz umwendete. Du lebst? rief er mit einer Stimme, die
-sein überschwellendes Gefühl erstickte.
-
-Das süße Lächeln, das von den blassen Lippen aus über die Wangen bis in
-die strahlenden Augen aufgegangen war, zerbrach plötzlich und ging in
-einen starren Ausdruck des tiefsten, des unsäglichsten Schmerzes unter.
-Antonio konnte den Blick dieser Augen nicht aushalten, er bedeckte mit
-den Händen sein Gesicht und schrie: bist Du ein Gespenst?
-
-Die Erscheinung trat noch näher, drückte mit ihren Händen seine Arme
-nieder, so daß sein Antlitz frei wurde, und sagte mit sanft bebender
-Stimme: Nein, sieh mich an, ich bin nicht todt, und lebe doch nicht.
-Reich' mir die Schaale dort.
-
-Eine duftende Flüssigkeit schwebte in dem kristallenen Gefäß, er reichte
-es ihr zitternd, sie setzte es an den Mund und schlürfte den Trank in
-langsamen Zügen. Ach, mein armer Antonio! sagte sie dann, ich will nur
-diese irdischen Kräfte erborgen, um Dir den ungeheuersten Frevel kund zu
-thun, um Hülfe von Dir zu erflehen, um Dich zu vermögen, mir zu der Ruhe
-zu verhelfen, nach welcher sich alle meine Gefühle so inbrünstig sehnen.
-
-Sie war wieder in den Armstuhl gesunken, und Antonio saß zu ihren Füßen.
-Höllische Künste, fing sie wieder an, haben mich scheinbar vom Tode
-erweckt. Derselbe Mann, den meine unerfahrene Jugend wie einen Apostel
-verehrte, ist ein Geist des Abgrunds. Er gab mir den Schatten dieses
-Lebens. Er liebt mich, wie er sagt. Wie schauderte mein Gefühl vor ihm
-zurück, als ihn mein erwachendes Auge erkannte. Ich schlummere, ich
-athme, ich kann ganz, wenn ich will, zum Leben wieder genesen, so hat es
-mir der Böse verheißen, wenn ich mich ihm mit ganzem Herzen ergebe, wenn
-er, in geheimer Verborgenheit, mein Gatte werden darf. -- O Antonio, wie
-schwer wird mir jedes Wort, jeder Gedanke. Alle seine Kunst zerbricht an
-meiner Sehnsucht zum Tode. Das war fürchterlich, als mein Geist, schon
-in der Ruhe, schon in der Entwickelung neuer Anschauungen, aus dem
-stillen Frieden so gräßlich zurückgerissen wurde. Mein Leib war mir
-schon fremd, feindlich und verhaßt worden. Zurück kam ich, wie der
-befreite Sklave zu Ketten und Gefängniß. Hilf mir, Treuer, rette mich.
-
-Wie? sagte Antonio: Gott im Himmel! was erleb' ich? Wie muß ich Dich
-wieder finden? Und Du kannst, Du darfst nicht ganz zum Leben
-zurückkehren? Du kannst nicht mir und Deinen Eltern wieder angehören?
-
-Unmöglich! rief Crescentia mit einem ängstlichen Ton, und ihre Blässe
-wurde vor Entsetzen noch bleicher. Ach! das Leben! Wie kann der es
-wieder suchen, der schon davon gelöst war? Du Armer fassest die tiefe
-Sehnsucht nicht, die Liebe, das Entzücken, womit ich den Tod denke und
-wünsche. Noch inniger, wie ich Dich ehemals liebte, noch brünstiger, wie
-meine Lippen am Osterfeste nach der heiligen Hostie schmachteten, ist
-mein Wunsch zu ihm. Dann liebe ich Dich freier und inniger in Gott. Dann
-bin ich meinen Eltern wiedergegeben. Dann leb' ich, sonst war ich
-gestorben, jetzt bin ich Nebel und Schatten, mir und Dir ein Räthsel.
-Ach, wenn Deine Liebe und unsre Jugend in mein jetziges Dasein hinein
-schien, wenn ich von oben herab die wohlbekannte Nachtigall hier in
-meiner Einsamkeit schlagen hörte, welch süßes Grauen, welche finstre
-Freude und Angst rieselte dann durch die Dämmerung meines Wesens. O hilf
-mir los von der Kette.
-
-Was kann ich für Dich thun? fragte Antonio.
-
-Die Reden hatten wieder die Kraft der Erscheinung gebrochen: sie ruhte
-eine Weile mit geschlossenen Augenliedern, dann sagte sie matt: Ach!
-wenn ich eine Kirche betreten könnte, wenn ich zugegen wäre, indem der
-Herr im Sakrament erhoben wird und der Gemeinde erscheint, dann würde
-ich in diesem seligen Augenblicke vor Entzücken sterben.
-
-Was hindert mich, sprach Antonio, den Bösewicht anzugeben, ihn den
-Gerichten und der Inquisition zu überliefern?
-
-Nein! nein! nein! ächzte das Bildniß in der höchsten Angst: Du kennst
-ihn nicht, er ist zu mächtig, er würde entfliehn und mich wieder mit
-sich in den Kreis seiner Bosheit reißen. Stille, ruhig nur kann es
-gelingen, wenn er sicher ist. Ein Zufall hat Dich zu mir geführt. Du
-mußt ihn ganz sicher machen, alles verschweigen.
-
-Der Jüngling sammelte seine Sinne, er sprach viel mit seiner vormaligen
-Braut, ihr ward das Reden immer schwerer, die Augen fielen ihr zu, sie
-trank noch einmal von dem Wundertrank, dann ließ sie sich nach dem Lager
-führen. Lebe wohl, rief sie schon wie träumend, vergiß mich nicht. --
-Sie bestieg das Bett, legte sich ruhig nieder, die Hände suchten das
-Crucifix, das sie mit geschlossenen Augen küßte, dann reichte sie dem
-Liebenden die Hand, und winkte ihn hinweg, indem sie sich zum Schlummer
-hinstreckte. Antonio betrachtete sie noch, dann ließ er die Feder die
-unsichtbare Thür wieder einfugen, schlich die enge Wendeltreppe bis zu
-seinem Gemache wieder hinan, stellte den Schrank an seine vorige Stelle,
-und brach in heiße Thränen aus, als ihn der Gesang der Nachtigall mit
-seinen schwellenden Klagetönen bewillkommte. Auch er sehnte sich nach
-dem Tode, und wünschte nur vorher diejenige, die noch vor wenigen Wochen
-seine irdische Braut gewesen war, von ihrem wundersamen schrecklichen
-Zustande zu erlösen.
-
- * * * * *
-
-Um seinem Lehrer auszuweichen, wenn er von seiner Reise zurück käme,
-hatte Antonio die Schritte nach der einsamsten Stelle des Waldes
-gelenkt. Es war ihm ungelegen, daß ihm hier sein Freund, der Spanier,
-begegnete, denn er war nicht gestimmt, ein Gespräch zu führen. Doch
-konnte er dem Gespielen nicht mehr ausweichen, und so ergab er sich in
-stiller Trauer der Gesellschaft, die ihm sonst erfreulich und tröstend
-gewesen war. Nur halb hörte er auf dessen Reden, und erwiederte nur
-sparsam. Wie fast immer war wieder Pietro der Gegenstand von Alfonso's
-ungemessener Bewunderung. Warum seid Ihr heut so karglaut? fing er
-endlich verdrüßlich an: ist Euch meine Gesellschaft zuwider, oder seid
-Ihr nicht mehr wie sonst fähig, unsern erhabenen Lehrer zu verehren, und
-ihm den Preis zu geben, den er verdient?
-
-Antonio mußte sich sammeln, um nicht ganz in seinen träumenden Zustand
-zu versinken. Was ist Euch? fragte Alfonso wieder, es scheint, daß ich
-Euch beleidigt habe. -- Ihr habt es nicht, rief der Florentiner, aber
-wenn Ihr mich irgend liebt, wenn Ihr nicht meinen Zorn erregen wollt,
-wenn nicht die bittersten Gefühle mein Herz zerreißen sollen, so
-unterlaßt heut das Lobpreisen Eures vergötterten Pietro. Sprechen wir
-von andern Gegenständen.
-
-Ha! bei Gott! rief Alfonso aus, die Pfaffen haben Euch doch noch den
-schwachen Sinn umgewendet. Geht nur fernerhin Eures Weges, junger
-Mensch, denn die Weisheit, das seh' ich nun wohl ein, ist Euch ein zu
-erhabenes Gut. Euer Kopf ist dieser Kost zu schwach, und Ihr sehnt Euch
-wieder nach den Kinderspeisen Eurer ehemaligen Seelenwärter. Bleibt nur
-bei diesen so lange, bis Euch die Milchzähne ausgefallen sind.
-
-Ihr sprecht übermüthig, rief Antonio erzürnt, oder vielmehr wißt Ihr gar
-nicht, was Ihr sagt, und ich verdiene das nicht um Euch.
-
-Wodurch verdient es unser Lehrer, sagte der Spanier eifrig, der Euch wie
-ein Vater aufgenommen hat, der Euch vor allen Jünglingen dieser
-Universität so hoch würdiget, daß Ihr in seinem Hause wohnen dürft, der
-Euch sein innigstes Vertrauen schenkt, wodurch hat dieser es
-verschuldet, daß Ihr ihn so kleinmüthig verleugnet?
-
-Wenn ich nun antworte, sprach Antonio zornig, daß Ihr ihn nicht kennt,
-daß ich Ursache, und die vollständigste habe, anders von ihm zu denken,
-so würdet Ihr mich wieder nicht verstehn.
-
-Ihr seid wohl schon, sagte Alfonso höhnisch, so hoch in seine geheime
-Philosophie hinein gestiegen, daß der gewöhnliche, unbegünstigte
-Erdensohn Euch nicht zu folgen vermag? Wieder zeigt es sich, daß das
-halbe und Viertel-Verdienst sich am höchsten aufbläht. Pietro Abano ist
-demüthiger, als Ihr, seine schwächliche Copie.
-
-Ihr seid ungezogen, rief der junge Florentiner in der höchsten
-Erbitterung aus. Wenn ich Euch nun bei meiner Ehre, bei meinem Glauben,
-beim Himmel und bei allem, was mir und Euch heilig und ehrenwerth seyn
-muß, versichere, daß es in ganz Italien, in Europa, keinen so argen
-Bösewicht, keinen so verruchten Heuchler giebt als diesen --
-
-Wen? schrie Alfonso.
-
-Pietro Abano, sagte Antonio gemäßigt: was würdet Ihr dann sagen?
-
-Nichts, rief jener wüthend, der ihn nicht hatte endigen lassen, als daß
-Ihr und jedermann, der dergleichen zu sprechen wagt, der nichtswürdigste
-Schurke sei, der je das Heilige zu lästern sich erfrechte. Zieht, wenn
-Ihr nicht eine eben so verächtliche Memme, als ein niederträchtiger
-Verleumder heißen wollt.
-
-Das gezogene Eisen begegnete dem Ausfordernden schon eben so schnell,
-und es half nichts, daß ihnen eine heisere ängstliche Stimme: Halt!
-zurief. Alfonso war in der Brust verwundet, und zu gleicher Zeit rann
-Blut aus dem Arm Antonio's. Der alte Priester, der die Erbitterten hatte
-trennen wollen, eilte nun herbei, er verband die Wunden und stillte das
-Blut, darauf rief er andere Studirende herzu, die er in der Nähe schon
-gesehen hatte, die den ermatteten Alfonso nach der Stadt führen sollten.
-Ehe sich dieser entfernte, ging Antonio noch einmal zu ihm, und raunte
-ihm ins Ohr: wenn Ihr ein Edelmann seid, so kommt von der Ursache unsers
-Zwistes kein Wort über Eure Lippen. In vier Tagen sprechen wir uns
-wieder, und wenn Ihr dann nicht meiner Ueberzeugung seid, bin ich zu
-jeder Genugthuung erbötig.
-
-Alfonso versprach feierlich, auch alle Umstehenden versicherten, daß die
-Wunde so wie das Gefecht selbst verschwiegen bleiben sollten, um den
-jungen Florentiner keiner Gefahr auszusetzen. Als sich alle entfernt
-hatten, ging Antonio mit dem Priester Theodor tiefer in den Wald. Warum,
-fing dieser an, wollt Ihr Euch, eines Verdammten wegen, selber der Hölle
-überliefern? Ich sehe, daß Ihr jetzt anderer Meinung seid; aber ist das
-Schwert wohl der Redner, der andre bekehren darf? -- Antonio war
-ungewiß, in wie weit er sich dem Mönche entdecken sollte, doch
-verschwieg er ihm noch die wunderbare Begebenheit, welche er erlebt
-hatte, und bedung sich nur die Erlaubniß aus, bei dem nahe
-bevorstehenden Osterfeste, während des Hochamtes, durch die Sakristei in
-der Nähe des Altars zum großen Tempel eingehen zu dürfen. Nach einigen
-Einwürfen gab Theodor nach, ob er gleich nicht begriff, was der Jüngling
-mit dieser Erlaubniß bezwecken könne. Ich will einen Gast so in die
-Kirche einführen, sagte dieser nur noch, dem man am großen Thor den
-Eingang vielleicht versagen würde.
-
- * * * * *
-
-Alle Glocken der Stadt läuteten, um das heilige Osterfest in Freuden und
-Andacht zu begehn. Das Volk strömte nach dem Dom, um das froheste
-christliche Fest zu feiern, und auch den berühmten Apone in seiner neuen
-Würde zu erblicken. Die Studirenden begleiteten ihren berühmten Lehrer,
-der vom Adel, dem Rath und der Bürgerschaft ehrfurchtvoll begrüßt in
-anscheinender Frömmigkeit und Demuth dahin wandelte, Allen ein Beispiel,
-der Stolz der Stadt, das begeisternde Vorbild der Jugend. An der Thür
-des Tempels wich das Gedränge in scheuer Verehrung zurück, um dem
-Gefeierten Platz zu machen, der in der Tracht des Prälaten, mit der
-goldenen Kette geschmückt, im weißen Bart und lockigen Haupthaar einem
-Kaiser oder einem alten Lehrer der Kirche in seinem majestätischen
-Anstande zu vergleichen war.
-
-In der Nähe des Altars war dem berühmten Manne ein erhobener Sitz
-zubereitet, daß Schüler und Volk ihn sehn konnten, und als die Menge der
-Andächtigen in den Tempel hereingeströmt war, begann das Hochamt.
-Theodor, der kleine Priester, las an diesem Tage die Messe, und Jung und
-Alt, Vornehm und Geringe war in Freudigkeit, das Fest der Auferstehung
-des Herrn würdig zu begehn, den wiederkehrenden Glanz zu schauen, und
-sich nach den Tagen der strengen Fasten, nach den betrübenden
-Vorstellungen der Leiden und des Schmerzes an dem Gefühl des wieder
-erwachten Lebens zu trösten.
-
-Schon war der erste Theil des Gottesdienstes geendigt, da sah man mit
-Erstaunen an der Seite des Altars Antonio Cavalcanti in die Kirche
-treten, der eine dicht verschleierte Figur an seiner Hand führte. Er
-stellte diese auf die Erhöhung, dem Pietro dicht gegenüber, und warf
-sich dann betend am Altare nieder. Die Verschleierte stand starr und
-hoch da, und man sah unter der Verhüllung die brennend schwarzen Augen.
-Pietro erhob sich vom Sessel, und sank bleich und zitternd in denselben
-zurück. Die Musik der Messe strömte und wogte in volleren Accorden,
-jetzt wickelte sich die Verhüllte langsam aus ihren Schleiern, das
-Antlitz war frei, und die Nächsten erkannten mit Entsetzen die
-gestorbene Crescentia. Ein Schauder ging durch die ganze Kirche, auch
-die Fernsten faßte ein heimliches Grauen, das todtenbleiche Bild so hoch
-dort stehn zu sehn, das so andächtig betete und die großen feurigen
-Augen nicht vom Priester am Altar verwendete. Auch der große mächtige
-Pietro schien in eine Leiche verwandelt, man hätte ihn den entstellten
-Zügen nach für todt halten können, wenn sich sein Leben nicht im
-heftigen Zittern verrathen hätte. Nun wendete sich der Priester, und
-erhob die geweihte Hostie, Trompeten verkündigten die erneute Gegenwart
-des Herrn, und mit einem Jubelton, mit hochentzücktem Antlitz, die Arme
-weit ausgebreitet, indem sie laut Hosiannah! rief, daß die Kirche
-wiedertönte, brach nun die bleiche Erscheinung zusammen, und lag todt,
-starr und bewegungslos zu Pietro's Füßen hingestürzt. Das Volk lief
-hinzu, die Musik verstummte, Fragen, Verwundern, Entsetzen und Schreck
-sprach und forschte aus jeder Miene, der Adel und die Studirenden
-wollten den ehrwürdigen Greis, der so tief erschüttert schien, trösten
-und unterstützen, als Antonio mit gellendem Tone: Zeter! Zeter! schrie,
-und die furchtbarste Anklage, die schrecklichste Erzählung begann, die
-höllische Kunst, die verworfene Magie des zagenden Sünders aufdeckte,
-von sich und Crescentia und ihrem schaudervollen Wiederfinden sprach, so
-daß Zorn, Wuth, Verwünschung, Abscheu und Fluch, wie ein stürmendes
-Meer, um den Geängsteten tobte und ihn zu vernichten, im Wahnsinn des
-Grimmes zu zerreißen drohte. Man sprach von Schergen und Fesseln, die
-Inquisitoren nahten, als sich Pietro wie rasend erhub, mit geballten
-Fäusten um sich stieß und schlug, und riesenhaft sich auszudehnen
-schien. Er trat zu Crescentia's Leichnam, der lächelnd wie das Bild
-einer Heiligen dalag, betrachtete sie noch einmal, und ging dann
-brüllend und mit funkelnden Augen durch die Menge. Ein neues Entsetzen
-ergriff das Volk, man machte dem Ungeheuren Platz, alles wich zurück. So
-kam Pietro auf die freie Straße, doch nun besann sich der Pöbel, und mit
-Geschrei, Verfluchung und Schimpfreden verfolgte er den Fliehenden, der
-in Eil dahin rannte, indem sein Talar ihm weit nachflog, und die goldne
-Kette schallend auf Brust und Schultern schlug. Das Gesindel grub die
-Steine aus dem Boden und warf nach ihm, da es ihn nicht einholen konnte,
-und verwundet, blutend, triefend von Schweiß, die Zähne klappend vor
-Angst erreichte Pietro endlich die Schwelle seines Hauses.
-
-Er verbarg sich in den innersten Gemächern, und der neugierige Beresynth
-trat fragend und forschend dem Pöbel und dem Andrang des Volkes
-entgegen. Nehmt die Teufelslarve, den Famulus, schrieen alle, zerreißt
-den Gottvergessenen, der nie eine Kirche besucht hat! Er wurde in die
-Straße geführt und gestoßen, auf seine Fragen, Bitten, auf sein Heulen
-und Schreien ward ihm keine Antwort, auch vernahm man in dem stürmenden
-Getümmel nichts anders als Flüche und Todesdrohung. Bringt mich ins
-Verhör! schrie endlich der Zwerg, da wird meine Unschuld offenbar
-werden! Die herbeigerufenen Schergen ergriffen ihn, und führten ihn nach
-dem Gefängniß. Alles Volk drängte sich nach. Hier hinein! rief der
-Anführer der Häscher, Ketten und Holzstoß warten Deiner. Er wollte sich
-losreißen, die Schergen packten ihn und stießen ihn hin und her, der
-faßte ihn am Kragen, jener am Arm, der hing sich an sein Bein, um ihn
-fest zu halten, ein anderer packte den Kopf, um seiner gewiß zu werden.
-Indem sie ihn so unter Geschrei, Fluchen und Lachen hin und wieder
-zerrten, fuhren alle plötzlich auseinander, denn jeder hatte nur ein
-Kleidungsstück, Aermel, Mütze oder Schuh des Mißgeschaffenen, er selbst
-war nirgend zu sehn. Entflohen konnte er nicht seyn, er schien
-verschwunden, doch keiner begriff wie.
-
-Als man Apone's Zimmer erbrochen hatte, fanden ihn die Eindringenden
-todt und verblutet auf seinem Bette liegen. Man plünderte das Haus, die
-magischen Instrumente, die Bücher, der seltsame Hausrath, alles wurde
-den Flammen übergeben, und durch die ganze Stadt erscholl nichts als
-Verfluchung des Mannes, den gestern noch alle wie einen Abgesandten der
-Gottheit verehrt hatten. Der Abscheu, mit welchem sie sich von dem
-Trugbild wendeten, war nun um so größer.
-
- * * * * *
-
-Als sich das Getümmel des aufgeregten Volkes etwas beruhigt hatte, wurde
-der Leichnam Pietro's still in der Nacht, außerhalb des geweihten
-Kirchhofes, beigesetzt. Antonio und Alfonso versöhnten sich wieder, und
-schlossen sich dem frommen Theodor an, der zum zweitenmal, mit
-Feierlichkeit und einer andächtigen Rede, den Leichnam der schönen
-Crescentia in die ihr bestimmte Gruft legen ließ. Antonio konnte nun
-nicht länger in Padua bleiben, er wollte seine Vaterstadt wieder
-besuchen, um seine Angelegenheiten zu ordnen, und sich dann vielleicht
-in einem Kloster aufnehmen zu lassen. Alfonso faßte den Entschluß, nach
-Rom zu wallfahrten, wohin der heilige Vater ein Jubeljahr und Ablaß von
-Sünden ausgeschrieben hatte. Nicht nur in Italien regte sich alles,
-sondern auch aus Frankreich, Deutschland und Spanien kamen viele Züge
-von Pilgrimmen an, um diese bis dahin unerhörte Feierlichkeit, dieses
-große Kirchenfest in der heiligen Stadt zu begehn.
-
-Nachdem die Freunde sich getrennt hatten, verfolgte Antonio seine
-einsame Bahn, denn er vermied die große Straße, theils um seiner
-Schwermuth desto ungestörter nachhängen zu können, theils um die
-Schwärme zu vermeiden, die sich auf dem großen Wege drängten, und in den
-Nachtlagern beschwerlich fielen.
-
-So seiner Laune folgend, streifte er durch die Fluren und die Thäler des
-Apennins. Einst ging die Sonne unter, und keine Herberge wollte sich
-zeigen. Indem die Schatten dichter wuchsen, hörte er seitwärts im Walde
-das Glöcklein eines Einsiedlers schallen. Er ging dem Tone nach und
-gelangte, als die Dunkelheit der Nacht schon hereingebrochen war, an die
-kleine Hütte, zu welcher ein schmaler Steg von Brettern über den Bach in
-das Buschwerk hinein führte. Er fand einen alten gebrechlichen Greis in
-tiefster Andacht vor einem Crucifixe betend. Der Einsiedler nahm den
-Jüngling, der ihn freundlich begrüßte, mit Wohlwollen auf, bereitete ihm
-im Felsen, der durch eine Thür von der Einsiedelei getrennt war, ein
-Lager auf Moos, und setzte ihm von seinen Früchten, Wasser und etwas
-Wein vor. Als Antonio erquickt war, erfreute er sich am Gespräche des
-Mönchs, der früher in der Welt gelebt und als Soldat manchen Feldzug
-mitgemacht hatte. So war es tiefe Nacht geworden, und der Jüngling begab
-sich zur Ruhe, indem ein anderer kranker und schwacher Mönch hereintrat,
-der mit dem Einsiedler in Gebeten die Nacht zubringen wollte.
-
-Als Antonio eine Stunde geruht hatte, fuhr er plötzlich aus dem Schlafe
-auf. Ihm dünkte, er vernähme laute Stimmen und Streit. Er richtete sich
-empor, und es blieb ihm über das Gezänk und den Wortwechsel kein Zweifel
-übrig. Auch die Töne schienen ihm bekannt, und er fragte sich selber, ob
-er nicht träume. Er näherte sich der Thüre und entdeckte eine Spalte,
-durch welche er in den vordern Raum schauen konnte. Wie erstaunte er,
-als er Pietro Abano gewahr wurde, den er für gestorben halten mußte, der
-mit zornigen Augen und rothem Antlitz laut sprach und sich in heftigen
-Geberden bewegte. Ihm gegenüber stand die Fratze des kleinen Beresynth.
-Also Euren Verfolger, rief dieser mit krächzender Stimme, der Euch
-unglücklich gemacht, den verliebten frommen Narren, habt Ihr hier in
-Eurem Hause? der ist von selbst, wie ein Kaninchen, zu Euch in die Grube
-gefallen? Und Ihr zögert noch, ihn abzuschlachten? -- Schweig, rief die
-große Figur, ich habe mich schon mit meinen Geistern berathen, sie
-wollen nicht einwilligen, ich kann ihm nichts anhaben, denn er ist in
-keiner Sünde befangen. -- So schlagt ihn, sagte der Kleine, ohne Eure
-Geister, mit Euren eigenen huldreichen Händen todt, so wird ihm seine
-Tugend und Sündenlosigkeit nicht viel helfen, und ich müßte ein elender
-Diener seyn, wenn ich Euch in so löblicher That nicht beistehen sollte.
--- So laß uns, rief Pietro, an das Werk gehn, nimm den Hammer Du, ich
-führe das Beil, jetzt schläft er fest. -- Sie näherten sich der Thür,
-doch Antonio riß diese auf, um den Bösewichtern muthig entgegen zu
-treten. Er hatte sein Schwert gezogen, aber er blieb wie eine Bildsäule,
-mit aufgehobenem Arme stehn, als er zwei kranke, gebrechliche Einsiedler
-auf den Knieen vor dem Kreuze liegend fand, die ihre Gebete murmelten.
-Wollt Ihr etwas? fragte ihn sein Wirth, der sich mühsam vom Boden erhob.
-Antonio konnte verwundert keine Antwort geben. Warum das Schwert? fragte
-der gebückte, schwache Eremit; wozu diese feindlichen Blicke? Antonio
-zog sich zurück mit der Entschuldigung, daß ihn ein böser Traum
-erschreckt und geängstigt habe. Er konnte nicht wieder einschlafen, so
-verstört waren seine Sinne. Da vernahm er wieder deutlich Beresynths
-krähende Stimme, und Pietro sagte mit vollem klaren Tone: laß ab, denn
-Du siehst, er ist bewaffnet und gewarnt, er wird sich dem Schlafe nicht
-von neuem überlassen. -- Wir müssen ihn überwältigen! schrie der Kleine,
-da er uns nun wieder erkannt hat, sind wir ja auf alle Weise verloren!
-Der Knecht giebt uns morgen der Inquisition an, und das Volk ist auch
-dann gleich mit dem Verbrennen bei der Hand.
-
-Durch die zerrissene Thür erkannte er die beiden Zauberer. Er stürzte
-wieder mit gezogenem Schwerte hinein, und fand wieder zwei kranke Alte,
-im Gebete flehend, am Boden liegen. Erbittert über die Truggestalten
-ergriff er sie in seine Arme, und rang kräftig mit ihnen, sie wehrten
-sich verzweifelnd, bald war es Pietro, bald der Eremit, bald das
-Gespenst Beresynth, bald ein kranker Greis. Unter Geschrei, Toben,
-Fluchen und Wehklagen gelang es ihm endlich, sie aus der Zelle zu
-werfen, die er dann fest verriegelte. Nun hörte er draußen Gewinsel,
-Bitten und Aechzen, dazwischen ein Flüstern von vielen Stimmen, Gesang
-und Geheul, nachher schien Regen und Sturm sich aufzumachen und ein
-fernes Gewitter grollte zwischen das mannigfache Getöse. Betäubt schlief
-endlich Antonio, auf sein Schwert gelehnt, vor dem Crucifixe ruhend ein,
-und als ihn der kalte Morgenwind erweckte, fand er sich auf der höchsten
-Spitze einer schmalen Klippe, mitten im dicken Walde wieder, und
-glaubte, hinter sich ein Hohngelächter zu vernehmen. Nur mit
-Lebensgefahr gelang es ihm, von der schroffen Höhe hinab zu klimmen,
-indem er die Kleider zerriß und Antlitz und Hand und Fuß verwundete.
-Mühselig mußte er durch die Wälder irren, kein Mensch war zu errufen,
-keine Hütte, so oft er auch die Anhöhe bestieg, weit umher zu entdecken.
-Erst in der Nacht traf er, von Müdigkeit, Hunger und Erschöpfung
-aufgelöst, auf einen alten Köhler, der ihn in seiner kleinen Hütte
-erquickte. Er erfuhr, daß er von jener Einsiedelei, die er gestern
-getroffen hatte, wohl zwölf Meilen und mehr entfernt sei. Erst spät am
-folgenden Tage konnte er, etwas gestärkt und ermuntert, seine Reise nach
-Florenz wieder fortsetzen.
-
- * * * * *
-
-Antonio hatte sich nach Florenz begeben, um seine Verwandten und sein
-väterliches Haus wieder zu besuchen. Er konnte sich nicht entscheiden,
-welchen Lebenslauf er beginnen sollte, da ihm alles Glück des Daseins so
-treulos geworden war, da sich die Wirklichkeit ihm nur als ein wilder
-Traum erwiesen hatte. Er ordnete seine Angelegenheiten und ergab sich in
-dem großen väterlichen Palaste dem Gram, um in jener Grotte, in den
-wohlbekannten Zimmern sein Unglück und das seiner Eltern sich recht
-lebhaft zu vergegenwärtigen. Er gedachte jener scheußlichen Hexe, die in
-sein Verhängniß verflochten, und jener Crescentia, die ihm eben so
-wunderbar wie seine Braut erschienen und wieder verschwunden war. Hätte
-er nur irgend eine Hoffnung fassen können, so wäre es ihm möglich
-gewesen, sich mit dem Leben wieder auszusöhnen. Endlich ging ihm der
-Wunsch, wie ein blasser Stern, in seiner Seele auf, nach Rom zu
-wallfahrten, welches er noch nicht kannte, dort an den Gnaden der
-Gläubigen Theil zu nehmen, die berühmten Kirchen und Heiligthümer zu
-besuchen, sich in der wogenden Volksmenge, in dem Gedränge der
-unzähligen Fremden, die aus allen Theilen der Erde dorthin zogen, zu
-zerstreuen, und seinen Freund Alfonso auszuforschen. Er vermuthete auch,
-den alten Ambrosio in der großen Stadt anzutreffen, sich von diesem
-Leidenden, der ihm Vater hatte werden wollen, trösten zu lassen, und dem
-Bekümmerten wohl auch Trost gewähren zu können. Mit diesen Gesinnungen
-und Erwartungen machte er sich auf den Weg und langte nach einiger Zeit
-in Rom an.
-
-Er erstaunte, als er in die große Stadt eintrat. So hatte er sich ihre
-Macht, ihre Denkmäler, und das Getümmel der unzähligen Fremden nicht
-vorgestellt. Hier war es ein Wunder zu nennen, einen Freund oder
-Bekannten aufzufinden, wenn man seine Wohnung nicht schon genau
-bezeichnen konnte. Und doch begegnete ihm dieser wunderbare Zufall, daß
-er den Ambrosio plötzlich antraf, indem er das Kapitol hinaufsteigen
-wollte, von welchem der Alte niederschritt. Der Podesta nahm ihn
-sogleich mit in seine Wohnung, in welcher Antonio die trauernde Mutter
-begrüßte. Der Ruf von dem seltsamen Ende Pietro's, von der
-Wiederbelebung Crescentia's und ihrem Hinscheiden war schon bis Rom
-erschollen, diese wunderbare Geschichte war im Munde aller Pilger,
-entstellt, mit verworrenen Zusätzen und Widersprüchen, von der
-oftmaligen Wiederholung bis zu ihrem eigenen Gegentheil ausgebildet. Die
-Eltern hörten mit Freude und Schmerz die Begebenheit aus Antonio's
-Munde, so furchtbar das Entsetzen auch beide, vorzüglich die Mutter,
-ergriff, die mit Abscheu den alten scheinheiligen Magier verwünschte,
-von dem sie in ihrer Erbitterung selbst zu glauben schien, daß er den
-Tod ihrer Tochter, vielleicht sogar von der Familie Markoni erkauft,
-herbeigeführt habe, um die Leiche nur wieder zu seinem wahnsinnigen
-Frevel erwecken zu können.
-
-Ueberlassen wir, sagte der Alte, alles dem Himmel; was geschah und
-stadt- und landkundig wurde, ist erschrecklich genug, um nicht andere,
-die doch vielleicht unschuldig sind, in diese ungeheure Bosheit zu
-verwickeln. Mag es sich mit den Markonis verhalten, wie es wolle, so bin
-ich wenigstens dahin entschlossen, ihnen das Erbe meines Vermögens zu
-entziehen. Durch meine Beschützer hier werde ich es möglich machen,
-meine Besitzungen Klöstern oder frommen Stiftungen zu übertragen, und
-mein Lebensüberdruß bewegt mich vielleicht, selbst als Mönch oder
-Klausner mein Leben zu enden.
-
-Wie aber, wandte die Mutter mit Thränen ein, wenn es doch noch möglich
-wäre, jene zweite Crescentia, von der uns Antonio erzählt hat, wieder
-aufzufinden? Das Kind wurde mir in Deiner Abwesenheit auf eine
-unbegreifliche Art geraubt, jene Hexe, die die Markonis in jener Nacht
-genannt hat, die Aehnlichkeit, alles, alles trifft ja so seltsam
-überein, daß wir die Hoffnung, das allerhöchste Gut des Lebens, nicht zu
-früh, nicht übereilt aus Verzweiflung aufgeben sollen.
-
-Gute Eudoxia, sagte der Vater, laß, laß alle jene Träume, Sagen und
-Einbildungen fahren, für uns ist auf dieser Erde nichts mehr gewiß, als
-der Tod, und daß dieser fromm und sanft sei, müssen wir wünschen und vom
-Himmel erflehen.
-
-Und wenn nun nachher, und zu spät, rief die Mutter aus, unser armes
-verwaistes Kind sich wieder finden sollte, dürfte uns die Unglückselige
-nicht mit Recht schelten, daß wir der Barmherzigkeit des Himmels nicht
-vertraut, und ihr Wiederkommen mit etwas mehr Ruhe und Geduld abgewartet
-haben?
-
-Ambrosio warf einen finstern Blick auf den Jüngling und sagte dann: es
-gehört noch zur Vergrößerung unsers Elends, daß Ihr die Arme mit Euren
-kranken Einbildungen angesteckt, und ihr dadurch die letzte Ruhe des
-Lebens geraubt habt.
-
-Wie meint Ihr das? fragte Antonio.
-
-Junger Mann, antwortete der Vater, schon seit jenem Ritt durch Feld und
-Wald, wo Ihr mir jenes Mährchen aufgeheftet, das Euch in der vorigen
-Nacht begegnet seyn sollte --
-
-Herr Ambrosio! rief Antonio, und seine Hand fiel unwillkührlich auf sein
-Schwert.
-
-Laßt das, fuhr der Alte gelassen fort, fern sei es von mir, Euch einer
-Lüge bezüchtigen zu wollen, ich kenne ja seit lange Euren Edelmuth, wie
-Eure Wahrheitsliebe. Aber ist es Euch denn nicht, armer Jüngling, ohne
-meine Erinnerung beigefallen, daß seit jener Nacht, als Ihr dem Sarge
-meiner Tochter begegnetet, die Ihr am folgenden Tage als Braut
-heimzuführen gedachtet, Eure Sinne in Unordnung gerathen sind, Eure
-Vernunft geschwächt ist? In der einsamen Nacht, im Gewitter, in
-aufgeregter Leidenschaft, glaubtet Ihr die Gestorbene wieder zu sehen,
-daran knüpfte sich die Erinnerung an Euren unglücklichen Vater, an Eure
-früh gestorbene Mutter. So entstanden Euch jene Gebilde, und setzten
-sich in Eurem Gehirn fest. Fanden wir denn wohl eine Spur jener Hütte?
-Wußte uns irgend ein Mensch in der Umgegend von jenen getödteten
-Bewohnern zu sagen? Jenes furchtbare Erscheinen meiner wahren Tochter,
-an welches ich wohl glauben muß, ist allein hinreichend, auch das
-kälteste Gefühl bis zum Wahnsinn zu treiben, und soll ich mich nun
-verwundern, wenn Ihr wieder etwas Unmögliches erlebt haben wollt, daß
-Ihr im Gebirge den gestorbenen Pietro wiedergefunden, und ihn nicht
-erkannt habt, daß jenes fast lächerliche Gaukelspiel mit Euch
-vorgenommen sei, das Ihr uns eben so bestimmt erzählt habt? Nein, junger
-Freund, Gram und Schmerz haben Euren gesunden Sinn zerrüttet, daß Ihr
-nun Dinge seht und glaubt, die nicht in der Wirklichkeit sind.
-
-Antonio war verlegen und wußte nicht, was er antworten sollte. Wie sehr
-ihn der Verlust seiner Geliebten in allen seinen Seelenkräften
-erschüttert hatte, so war er sich doch der erlebten Begebenheiten zu
-deutlich bewußt, um sie auf diese Weise in Zweifel ziehen zu können. Er
-fühlte einen neuen Trieb zur Thätigkeit, er wünschte wenigstens darthun
-zu können, daß die Geschichte jener Nacht kein Traumbild, daß jene
-zweite Crescentia ein wirkliches Wesen sei, und darum war es sein
-lebhaftester Wunsch, sie wiederzufinden, um sie den trauernden Eltern
-zurück zu geben, oder Ambrosio wenigstens beschämen zu können. In dieser
-Stimmung verließ er den alten Freund, und streifte durch die Stadt,
-allenthalben vom Gewühl des Volks gedrängt und vom mannigfaltigen
-Geschrei, Fragen und Erzählen in allen Sprachen betäubt. So war er von
-den Massen geschoben und gestoßen bis zum Lateran fortgetrieben worden,
-als er ganz deutlich, aber fern, so wie sich zu Zeiten das Gewühl etwas
-öffnete, jene häßliche Alte wahrzunehmen glaubte, die Mutter des schönen
-Mädchens, die ebenfalls Crescentia genannt wurde. Er strebte nun in ihre
-Nähe zu kommen, und es schien ihm schon zu gelingen, als ein
-entgegenströmender Zug von Pilgern ihn wieder völlig von jener
-Erscheinung abschnitt, und alles weitere Vordringen unmöglich machte.
-Indem er am heftigsten kämpfte und sich auf die Stufen des Tempels des
-heiligen Johannes empor arbeitete, um weiter um sich sehn zu können,
-fühlte er einen freundlichen Schlag einer Hand auf seiner Schulter, und
-eine bekannte Stimme nannte seinen Namen. Es war der Spanier Alfonso. So
-finde ich Dich also genau an der Stelle, sagte er freudig, wo ich Dich
-zu finden hoffte?
-
-Wie meinst Du das? fragte Antonio.
-
-Laß uns nur aus dem Gedränge und dieser Strömung kommen, rief jener,
-hier vernimmt man vor tausendfältigem Sprechen, und vor dem Gesumme der
-ungeheuren babylonischen Verwirrung kein Wort.
-
-Sie begaben sich in das Gefilde, und hier eröffnete ihm Alfonso, daß,
-seitdem er sich in Rom befinde, er sich der Wissenschaft der Astrologie,
-der Wahrsagekunst und ähnlichen Dingen ergeben habe, die er vormals
-gehaßt, weil er der Ueberzeugung gewesen, sie könnten nur durch
-verdammliche Mittel und Hülfe der bösen Geister errungen werden. Seit
-ich aber, fuhr er fort, die Bekanntschaft des unvergleichlichen Castalio
-gemacht habe, erscheint mir dies Wissen in einem gar höheren und
-verklärteren Lichte.
-
-Ist es möglich, rief Antonio aus, daß nach jener furchtbaren Begebenheit
-in Padua Du Deine Seele doch wieder der Gefahr bloß stellen kannst? Dir
-leuchtet nicht ein, daß dasjenige, was auf natürlichem Wege und mittelst
-der Vernunft zu erreichen steht, nicht der Mühe verlohnt, weil es
-geringfügige Künste sind, die nur Scherz und Gelächter veranlassen
-können; alles Höhere aber, welches nicht auf leere Täuschung hinausgeht,
-allerdings nur durch böse und verdammliche Kräfte aufzuregen ist?
-
-Eifern, sagte der Spanier, ist kein Beweisen; wir sind noch zu jung, um
-unsere Natur ganz zu verstehn, viel weniger die übrige Welt und alle
-Geheimnisse zu fassen. Siehst Du den Mann, dem ich so viel zu verdanken
-habe, so werden alle Deine Zweifel verschwinden. Fromm, einfach, ja
-kindlich, wie er ist, leuchtet uns aus jedem seiner Blicke das schönste
-Vertrauen entgegen.
-
-Und wie war es mit jenem Apone? warf Antonio ein.
-
-Der, erwiederte der Freund, wollte ja doch wie ein überirdisches Wesen
-auftreten, er bestrebte sich mit Kunst und Bewußtsein, als ein
-Abgesandter des Himmels zu erscheinen, und mit erkünsteltem Glanz die
-gewöhnlichen Söhne der Menschen zu blenden. Er erfreute sich des Pompes,
-er ließ sich zwar herab, aber nur, um den ungeheuren Abstand zwischen
-ihm und uns noch fühlbarer zu machen. Schwelgte er nicht in der
-Bewunderung, die ihm Vornehm und Gering, Jugend und Alter zollen mußten?
-Aber mein jetziger Freund (denn das ist er, weil er sich mir ganz gleich
-stellt) will nicht groß und erhaben erscheinen, er belächelt dies
-Bestreben so vieler Menschen, und meint, schon dies leiste Gewähr, daß
-etwas Unächtes, Gebrechliches verhüllt werden solle, denn ein klares
-Bewußtsein wolle nur gelten als das, was es sich fühlt, und der größte
-der Sterblichen müsse sich ja doch gestehn, daß er eben so, wie der
-blödsinnige Bettler auch, nur ein Sohn des Staubes sei.
-
-Du machst mich begierig, sagte Antonio: er kennt also Zukunft und
-Vergangenheit? Die Schicksale der Menschen? Und weiß mir zu sagen, wie
-glücklich oder unglücklich noch meine Verhängnisse seyn werden? Ob
-gewisse, geheimnißvolle Wünsche sich erfüllen können? Kann er denn
-errathen und entziffern, was mir selbst in meiner eigenen Geschichte
-undeutlich ist?
-
-Das eben ist seine Weisheit, sagte Alfonso begeistert, daß er durch
-Buchstaben und Zahlen auf die einfachste und unschuldigste Weise alles
-erfährt, wozu jene Unglückseligen Beschwörungen, Formeln, Heulen,
-Geschrei und Todesangst anwenden müssen. Darum findest Du auch jenen
-widerwärtigen Zauberapparat nicht bei ihm: keine Kristalle und
-eingesperrte Geister, keine Spiegel und Gerippe, kein Rauchwerk und
-keine fratzenhaften Phantome, sondern er ist sich selbst genug. Ich
-sagte ihm von Dir, und er fand in seiner Rechnung, daß ich Dich heut, in
-dieser Stunde auf den Stufen der Lateranskirche ganz gewiß antreffen
-würde. So ist es nun auch in derselben Minute geschehn.
-
-Antonio wurde begierig, den wunderbegabten Mann kennen zu lernen, und
-von ihm sein eigenes Schicksal zu erfahren. Sie speisten in einem Garten
-und gingen gegen Abend zur Stadt zurück. Die Straßen waren etwas mehr
-beruhigt, sie konnten ungestörter ihren Weg fortsetzen. In der Dämmerung
-kamen sie in die Gassen, die sich eng hinter dem Grabmal des Augustus
-zogen. Sie schritten durch ein Gärtchen: ein freundliches Licht
-schimmerte ihnen aus den Fenstern eines kleinen Hauses entgegen. Sie
-zogen die Glocke, die Thür öffnete sich, und mit den sonderbarsten und
-gespanntesten Erwartungen trat Antonio mit seinem Freunde in den Saal.
-
- * * * * *
-
-Antonio war verwundert, einen schlichten, nicht großen jungen Mann vor
-sich zu sehen, der noch, dem Anschein nach, nicht viel über dreißig
-Jahre alt seyn konnte. Mit einfacher Geberde begrüßte er den
-eintretenden Jüngling wie einen alten Bekannten. Seid mir willkommen,
-sprach er mit wohllautender Stimme, Euer spanischer Freund hat mir so
-viel Gutes von Euch gesagt, daß ich mich schon längst auf Euren Umgang
-gefreut habe. Nur müßt Ihr freilich nicht wähnen, daß Ihr zu einem
-Weisen, zu einem Adepten gekommen seid, oder gar zu einem Manne, vor
-welchem die Hölle in ihren Grundfesten zittert, sondern Ihr findet hier
-einen Sterblichen, wie Ihr seid und werden könnt, so wie jeder, den die
-ernsten Studien und die Entfernung vom eitlen Weltgetümmel nicht
-abschrecken.
-
-Antonio fühlte sich wohl und behaglich, so sehr er auch überrascht war,
-er musterte die Stube, die, außer einigen Büchern und einer Laute,
-nichts Ungewöhnliches aufwies. Er verglich in Gedanken dieses kleine
-Haus und seinen schlichten Bewohner mit dem Palaste und Gepränge, den
-Instrumenten und den Geheimnissen seines ehemaligen Lehrers und sagte:
-freilich sieht man hier keine Spuren jener hohen und geheimen Weisheit,
-die mir mein Freund gerühmt und in welcher Ihr untrüglich seyn sollt.
-
-Castalio lachte herzlich und sagte dann: Nein, mein junger Freund, nicht
-untrüglich, denn so weit kommt kein Sterblicher. Seht Euch nur um,
-dieses ist mein Wohnzimmer, dort in jener kleinen Kammer steht mein
-Bett; hier ist weder Raum noch Möglichkeit, trügerische Anstalten zu
-verbergen, oder künstliche Maschinen in Thätigkeit zu setzen. Alle jene
-Kreise, Gläser, Himmelsgloben und Sternbilder, die jene Beschwörer zu
-ihren Künsten nöthig haben, finden hier keinen Platz, und jene Elenden
-werden auch nur vom Geist der Lüge hintergangen, weil sie die Kräfte
-ihres eignen Geistes nicht wollen kennen lernen. Wer aber in die Tiefen
-seiner Seele, von Demuth und frommen Sinn geleitet, steigt, wem es Ernst
-ist, sich selbst zu erkennen, der findet auch hier alles, was er
-vergebens durch künstliche und verzweifelte Mittel von Himmel und Hölle
-erzwingen will. »Werdet wie die Kinder!« In diesem Aufruf liegt das
-ganze Geheimniß verborgen. Ist unser Gemüth ungefälscht, können wir,
-wenn auch nur auf Stunden und Augenblicke, das wieder von uns werfen,
-welches unsre ersten Eltern mit frevlem Muthwillen an sich zogen, so
-wandeln wir wieder im Paradiese und die Natur mit allen ihren Kräften
-tritt wie damals, im bräutlichen Jugendalter der Welt, dem verklärten
-Menschen entgegen. Ist denn unser Geist nicht eben dadurch Geist, daß
-körperliche Schranken, verwirrender Raum und Zeit, ihn nicht hemmen
-sollen? Er schwingt sich ja schon, von Sehnsucht und Andacht beflügelt,
-über alle Sternenräume hinaus, nichts hemmt seinen Flug, als jene
-Erdengewalt, die sich in der Sünde erst auf ihn geworfen, und ihn zu
-ihrem Knechte gemacht hat. Diese können und sollen wir aber wieder
-bezwingen, durch Gebet, durch Zerknirschung vor dem Herrn, durch
-Erkennen unsrer großen Schuld und durch ungemessene Dankbarkeit für
-seine überschwengliche Liebe, und dann sehn und hören wir, was sich uns
-durch Raum und Zeit entzieht, wir sind dort und hier, die Zukunft tritt
-heran, und schüttet, so wie die Vergangenheit, ihre Geheimnisse vor uns
-aus, das ganze Reich des Wissens, Begreifens steht uns offen, die
-himmlischen Kräfte werden freiwillig unsre Diener; und dennoch ist dem
-ächten Weisen Ein Blick in die Geheimnisse der Gottheit, Eine Rührung
-seines Herzens, indem er ihre Liebe fühlt, mehr und wünschenswerther,
-als alle Schätze, die sich dem forschenden Geiste bieten, als alle
-Enthüllungen der Geschichte und Gegenwart, als die Kniebeugungen von
-tausend Engeln, die ihn ihren Meister nennen wollen.
-
-Alfonso sah seinen Freund mit begeisterten Blicken an, und Antonio
-konnte sich nicht erwehren, sich zu gestehn, daß ihm hier im Gewande
-einfacher Demuth mehr entgegen komme, als ihn aus Apone's Munde, zur
-Zeit seiner größten Verehrung des prunkenden Weltweisen, jemals
-angesprochen hatte. Faßte er doch jetzt die Ueberzeugung, daß die
-Weisheit, welche man die übernatürliche nennt, sich wohl mit Frömmigkeit
-und der völligen Ergebung in den Herrn vereinigen lasse.
-
-Wißt Ihr nun von meinen Schicksalen? fragte der Jüngling bewegt; könnt
-Ihr mir von meiner Zukunft etwas sagen?
-
-Wenn ich das Jahr, den Tag und die Stunde Eurer Geburt weiß, antwortete
-Castalio, mit dem Horoskop, das ich dann stelle, die Lineamente Eures
-Antlitzes und die Züge Eurer Hand vergleiche, nachher mit meinem freien
-Geiste mich der Anschauung ergebe, so zweifle ich kaum, Euch etwas davon
-offenbaren zu können.
-
-Antonio übergab ihm ein Taschenbuch, in welchem sein Vater selbst seine
-Geburtsstunde bemerkt hatte. Castalio schenkte den Jünglingen Wein ein,
-indem er selber ein wenig von diesem genoß, schlug einige Bücher auf und
-setzte sich alsdann zum Rechnen nieder, ohne nebenher seine Gespräche
-mit den Jünglingen völlig abzubrechen. Es schien nur, als wenn der junge
-heitre Mann ein ganz gewöhnliches Geschäft vornehme, das bei weitem
-nicht seine ganze Aufmerksamkeit erfordere. So mochte unter Lachen und
-fröhlichen Gesprächen eine Stunde verflossen seyn, als Castalio aufstand
-und Antonio zu sich in ein Fenster winkte. Ich weiß nicht, fing er an,
-wie viel Ihr Eurem Freunde dort vertraut, was Ihr ihm etwa verschweigen
-wollt. Er betrachtete hierauf Antonio's Gesicht, so wie seine Hände sehr
-aufmerksam, und erzählte ihm dann zusammenhängend die Geschichte und das
-Unglück seiner Eltern, den frühen gewaltsamen Tod der Mutter, die
-verirrte Leidenschaft des Vaters, dessen Ermordung durch seinen
-frevelhaften Mitschuldigen: hierauf kam er auf Antonio's eigne
-Begebenheiten, wie er den Mörder gesucht und verfolgt, und selbst von
-einer Leidenschaft in Padua sei festgehalten worden. Ihr seid also,
-beschloß er, was ich nicht ohne Erstaunen erfahren habe, jener Jüngling,
-der jüngst die Bosheit des verruchten Apone auf wunderbare Weise
-entdeckt hat, der den Schändlichen seiner Strafe überlieferte, obgleich
-er selbst nur um so unglücklicher wurde, weil er seine Geliebte zweimal
-auf entsetzliche Weise verlieren mußte.
-
-Antonio bestätigte dem freundlichen Manne alles, und hatte ein solches
-Zutrauen zu ihm gewonnen, daß es ihm war, als wenn er nur mit sich
-selber spräche. Er erzählte ihm hierauf noch von den Abentheuern jener
-Nacht, der zweiten Crescentia und jener widerlichen Hexe, die ihm, wie
-er glauben müsse, heute von neuem erschienen sei. Könnt Ihr mir nun,
-fragte er eifrig, sagen, ob dieses Wahrheit sei, wer jene Crescentia
-ist, ob ich sie wiedersehn und ihren Eltern zuführen werde?
-
-Castalio war nachdenklicher als zuvor. Wenn jener abentheuerliche
-Beresynth, die Fratze, welche den Zauberer begleitete, sich nicht als
-Weib verstellt hat, um den Nachforschungen zu entgehn, so getraue ich
-mir dieses Weib aufzufinden. Geduldet Euch nur bis morgen und ich sage
-Euch Bescheid. Uebrigens sind die Begebenheiten jener Nacht keine
-Phantasien Eures Innern, sondern Wirklichkeit gewesen, damit mögt Ihr
-fürs Erste Euch und Euren ältern Freund beruhigen.
-
-Nachdenkend verließen die jungen Leute den wunderbaren Mann, und Antonio
-dankte dem Spanier herzlich, daß er ihm diese Bekanntschaft verschafft
-hatte.
-
- * * * * *
-
-Antonio hatte sich aber nicht getäuscht. Es war wirklich die Alte, die
-er im Gedränge wahrgenommen hatte. Sie wohnte in einer kleinen Hütte,
-hinter verfallenen Häusern, unweit des Laterans. Verfolgt, dürftig, von
-aller Welt verlassen, gehaßt und gefürchtet, war sie hier, im
-Aufenthalte des Elendes, der Verzweiflung nahe. Sie wagte es nur selten,
-sich zu zeigen, und war auch nur an diesem Tage gezwungen worden,
-auszugehn, um ihre Crescentia, die ihr entlaufen war, wieder zu finden.
-Da jedermann ihr scheu aus dem Wege ging, da es ihr selbst schwer wurde,
-nur hie und da ein Almosen zu erhalten, und ihre ehemaligen Künste keine
-Liebhaber fanden, so war sie nicht wenig erstaunt, als sie am Abend an
-ihre Thür klopfen hörte, indem draußen Geschrei und Lärmen tobte. Sie
-nahm ihre Lampe und machte auf, und sah draußen ein Rudel Gassenjungen
-und Pöbel, die eine kleine bucklige Figur, die in rothem Sammet mit Gold
-phantastisch gekleidet war, verfolgten. Wohnt hier nicht die würdige
-Frau Pankrazia? schrie der mißgestalte Zwerg. -- So ist es, sagte die
-Alte, indem sie mit Gewalt die Thür zuschlug und das Volk draußen mit
-Schimpfreden zu vertreiben suchte. -- Wer seid Ihr? würdiger Herr, was
-sucht Ihr bei einer alten verlassenen Frau?
-
-Setzt Euch nieder, sagte der Kleine, und zündet etwas mehr Licht an,
-damit wir uns schauen und betrachten können, und weil Ihr Euch arm
-nennt, so nehmt diese Goldstücke, und wir wollen auf bessere
-Bekanntschaft ein Gläschen Wein mit einander leeren.
-
-Die Alte schmunzelte, zündete einige Wachskerzen an, die sie in einer
-Schieblade verwahrte und sagte: ich habe noch ein Fläschchen guten
-Florentiner, ehrwürdiger Herr, der uns schmecken soll. Sie öffnete einen
-kleinen Schrank und setzte die rothe Labung auf den Tisch, dem
-Unbekannten zuerst einschenkend.
-
-Warum nennt Ihr mich ehrwürdig? fragte dieser.
-
-Sagen es die Goldstücke nicht aus, antwortete sie, Euer Wamms, die
-Tressen darauf, die Feder auf dem Hut? Seid Ihr kein Prinz, kein Magnat?
-
-Nein, schrie der Kleine: ei poz tausend, Muhme, kennt Ihr mich denn gar
-nicht? hat man mir doch schon in der Jugend damit schmeicheln wollen,
-daß wir uns einigermaßen ähnlich sehen, und wahrlich, wenn ich so Eure
-Statur, Physiognomie, den Ausdruck, das Lächeln und das Blinzeln der
-Augen unpartheiisch betrachte und erwäge, so sind die Muhme Pankrazia,
-aus dem Hause Posaterrena aus Florenz, und der kleine Beresynth, aus der
-Familie Fuocoterrestro aus Mailand, so in Verwandtschaftszügen, wie
-Muhme und Vetter, sich ähnlich genug.
-
-Jemine! schrie die Alte erfreut, so seid Ihr der Beresynth aus Mailand,
-von dem ich in meiner Kindheit wohl habe reden hören? Ei! ei! so muß ich
-so spät, im hohen Alter, noch einen so liebwerthen Vetter von Angesicht
-zu Angesicht kennen lernen!
-
-Ja, sagte der Kleine, recht von Nase zu Nase, denn die aufgeworfene hohe
-Schanze ist doch das größte Knochenstück in unsrem Gesicht. Curiosität
-halber, liebe Muhme, probiren wir einmal, ob wir uns wohl einen
-vetterlichen Kuß geben können. -- Nein, pur unmöglich, die weit
-ausgestreckten Vorgebirge rasseln gleich aneinander, und schließen unsre
-demüthigen Lippen von jeder sanften Begrüßung aus. Man müßte mit beiden
-Fäusten die edlen Römernasen seitwärts zwängen. So. Laßt nicht
-abschnappen, Frau Muhme, ich möchte eine Ohrfeige kriegen, daß mir die
-letzten Zähne ausfielen.
-
-Unter herzlichem Lachen rief die Alte: Ei! so fröhlich bin ich lange
-nicht gewesen. Was wollte man denn von Euch da draußen, Vetter?
-
-Was? schrie der Kleine: mich ansehn, sich über mich freuen, weiter
-nichts. Ist der Mensch nicht, werthgeschätzte Frau Muhme, eine ganz
-dumme Figur? Hier in Rom sind nun seit Monaten Hunderttausende
-versammelt, ihrem Erlöser zu Ehren, so wie sie vorgeben, und ihre Sünden
-abzubüßen, und, so wie ich nur aus dem Fenster kucke (ich bin erst seit
-vorgestern hier), sei es auch nur in der Schlafmütze, oder gar mit
-ganzer Figur und in meinem besten Anzuge auf den Markt hinaus trete, so
-müßte man doch schwören, daß das ganze Gezeug bloß meinetwegen von allen
-Ecken Europa's ausgezogen sei, so kucken, äugeln, forschen, fragen sie,
-lachen und freuen sich. Reich, so scheint es, könnte ich werden, wenn
-ich mich die Zeit hier für Geld wollte sehen lassen, und wenn ich ihnen
-nun einmal umsonst die Freude mache, so schreit und lärmt das dumme Volk
-hinter mir drein. Eine Meerkatze, Affen oder Seehunde zu beschauen,
-müßten sie sich in Unkosten setzen, und statt meine Großmuth ruhig und
-wie gesetzte Leute zu genießen, tobt und schimpft der Pöbel um mich her,
-und sucht alle Ekelnamen aus der Naturgeschichte zusammen, um seine
-krasse Ignoranz an den Tag zu geben.
-
-Ja wohl, ja wohl, seufzte die Alte: es geht mir nicht besser. Sind die
-Thiere wohl so dumm? Da mag einer Nase, Augen und Kinn nach Gutdünken
-haben, und es geht ihm ruhig hin.
-
-Seht nur die sonst einfältigen Fische an, fuhr Beresynth fort, welche
-philosophische Toleranz! Und unter denen sind manche Kerle doch ganz
-Schnauze, und halten den Forschern der Tiefe eine Physiognomie entgegen,
-ernst, kalt, ruhig im Bewußtsein ihrer Originalität, und umher krümmelt
-und wimmelt es von andren seltsamen Angesichtern, Kiefern, Zähnen,
-vorgequollnen Augen und von frappantem Ausdruck aller Art, aber ruhig
-und still wandelt jedes Ungeheuer dort seinen Gang, ungeschoren und
-unmolestirt. Nur der Mensch ist so thöricht, daß er über das
-Nebengeschöpf lacht und spottet.
-
-Und worauf, sagte die Alte, läuft denn nun der mächtige Unterschied
-hinaus? Ich habe doch noch keine Nase gesehn, die nur eine einzige Elle
-lang wäre, ein Zoll, höchstens zwei, kaum drei ist der Unterschied
-zwischen der sogenannten Mißgeburt und dem, was sie Schönheit nennen.
-Und auf den Höcker zu kommen. Wenn er im Bett nicht manchmal unbequem
-wäre, nicht wahr, so ist er eigentlich viel angenehmer, als so ein
-dummer, gerader Rücken, wo sich bei manchem großgewachsenen Schlingel
-die langweilige gerade Linie, ohne Verzierung und Schnörkel, bis ins
-Unermeßliche hinauf erstreckt.
-
-Recht habt Ihr, Frau Muhme, rief der schon trunkne Beresynth der
-Trunknen entgegen. Was macht denn die Natur, wenn sie solche gerade
-Katze, solche sogenannte Schönheit von der Töpferscheibe laufen läßt?
-Das ist ja kaum der Mühe werth, die Arbeit nur anzufangen. Aber solche
-Kabinetstücke, wie wir, da kann die schaffende Kraft, oder das
-Naturprinzip, oder Weltgeist, oder wie man das Ding nennen will, doch
-mit einer gewissen Beruhigung und Befriedigung seine Produktion
-anschauen. Das rundet sich doch, das bricht in merkwürdige Ecken aus,
-das zackt sich wie Korallen, springt hervor in Kristallen, formirt sich
-wie Basalt, und rennt und springt und hüpfelt in allen Linien um unsern
-Körper. Wir, Base, sind die verzognen, verhätschelten Kinder der
-Formation, und darum ist der Pöbel der Natur auch so boshaft und
-neidisch auf uns. Das schlanke miserable Wesen gränzt an den kläglichen
-Aal, da ist keine Auferbauung. Von der dummen Figur zur Seespinne ist
-schon sehr weit, und wie fern dann Meerkalb, wie übertreffen wir dieses,
-so wie den Seestern, Krebs und Hummer, getreuste Cousine, mit unsern
-Abnormitäten, die sich in keine Rechnung bringen lassen. -- Wo habt Ihr
-nur die herrlichen beiden Zähne her? Diese unvergleichlichen Mordanten
-figuriren so recht schwarz und düster in der tiefsinnigen Fugirung Eures
-unergründlichen Mundes.
-
-O Schäker, o Schmeichler, lachte die Alte, aber Euer liebes Kinn, das
-sich so huldreich und dienstfertig hervordrängt und tischartig umbeugt.
-Könntet Ihr nicht einen ziemlichen Teller bequem darauf setzen, und von
-ihm ungestört mit den Lippen herunter naschen, indessen Eure Hände
-anderswo Arbeit suchten? Das nenne ich ökonomische Einrichtung.
-
-Wir wollen uns nicht durch Lobeserhebungen verderben, sagte der Zwerg,
-sind wir ja doch schon auf unsre Vorzüge eitel genug, die wir uns nicht
-selbst gegeben haben.
-
-Ihr habt Recht, sagte sie, aber, was treibt Ihr, Vetter? Wo lebt Ihr?
-
-Kurios genug, antwortete Beresynth, bald hier, bald dort, wie ein
-Vagabund; jetzt aber will ich mich zur Ruhe setzen, und da ich hörte,
-daß noch eine nahe Verwandte von mir lebte, so wollte ich die aufsuchen,
-und sie bitten, mit mir zu ziehn. So komm ich zu Euch. In meiner Jugend
-war ich Apotheker in Calabrien, da jagten sie mich fort, weil sie
-meinten, ich fabrizire Liebespulver. Du liebe Zeit! als wenn es deren
-noch bedürfte. Dann war ich einmal Schneider, es hieß, ich stöhle zu
-arg; als Pastetenbäcker wieder die Beschuldigung, daß ich Katzen und
-Hunden nachstellte. Ich wollte Mönch werden, aber kein Kloster wollte
-mich einlassen. Als Doctor sollt' ich verbrannt werden, denn sie
-sprachen gar von Hexerei. Ich wurde gelehrt; schrieb, dichtete, das Volk
-meinte, ich lästre Gott und die Christenheit. Nach vielen Jahren kam ich
-zum weltberühmten Pietro Apone, und wurde dessen Famulus, nachher
-Eremit, und was nicht Alles; am besten, daß ich in jedem Stande Geld
-gemacht und zurückgelegt habe, so daß ich meine alten Tage ohne Noth und
-Sorge beschließen kann. -- Und Ihr, Muhme, Eure Geschichte?
-
-Wie die Eurige, antwortete die Base: man wird immer unschuldig verfolgt.
-Ich habe etlichemal am Pranger stehn müssen, aus einigen Ländern bin ich
-verwiesen, sie wollten mich unter andern auch verbrennen: es hieß, ich
-hexte, ich stöhle Kinder, ich verzauberte die Leute, ich kochte Gift.
-
-Nicht wahr, sagte Beresynth treuherzig, es war auch etwas an diesem
-Gerede? Ich muß es wenigstens von mir bekennen, und vielleicht liegt es
-in der Familie, daß ich manche dem ähnliche Künste getrieben habe. Zarte
-Freundin, wer einmal vom lieben Hexen ein Bischen weg hat, der kann es
-nachher Zeitlebens nicht wieder lassen. Das Ding ist wie mit dem
-Weintrinken. Einmal den Geschmack gewonnen, und Zunge, Kehle, Gaumen, ja
-Lung und Leber lassen von dem Dinge nicht wieder los.
-
-Ihr seid ein Menschenkenner, lieber Vetter, sagte die Alte mit
-selbstgefälligem Lächeln. So etwas Mord und Hexerei, Gift und Diebstahl
-läuft auch beim Unschuldigsten mit unter. Das Kuppeln hat mir nie
-einschlagen wollen. Und was soll man sagen, wenn man an eignen Kindern
-Undank und Unheil erlebt? Meine Tochter, die nun gesehn hat, wie ich
-Hunger und Kummer leiden muß, wie ich mir an meinem alten Munde
-absparte, um sie nur schön in Kleidung zu setzen, die ungerathne Dirne
-hat sich nie von mir erweichen lassen, auch nur einen Groschen zu
-verdienen. Früher konnte sie gute Heirathen treffen: Ildefons, Andrea
-und noch einige andere tapfere Männer, die unser ganzes Haus und sie mit
-erhielten; da brauchte sie den armseligen Vorwand, daß die Herren Räuber
-und Mörder wären, denen sie ihr Herz verschließen müsse. Die Männer
-waren so großmüthig, daß sie sich wirklich die Dirne wollten antrauen
-lassen, aber die dumme Jugend hat weder Verstand noch Tugend. Nun ruhen
-sie im Grabe, die vorzüglichen Männer, und sind auf eine schnöde Art
-umgekommen. Doch das rührt sie so wenig, wie mein Kummer und Elend, so
-daß sie nicht drein willigen mochte, mit einem jungen reichen vornehmen
-Herrn, dem Neffen eines Cardinals, zu leben, der unsre ganze Stube mit
-Gold überziehen konnte. Weggelaufen ist die einfältige Dirne, und man
-will sie mir gar nicht wieder ausliefern. So werden heut zu Tage die
-Eltern verachtet.
-
-Laßt sie laufen, die Verächtliche, sagte Beresynth, wir wollen ohne sie
-schon glücklich miteinander leben, denn unsre Neigungen und Gemüther
-sind sich gleich.
-
-Warum aber weglaufen, sagte die Alte, wie eine ungetreue, geprügelte
-Katze? Wir hätten uns ja wie Liebende, wie vernünftige Wesen trennen
-können. Es fand sich gewiß Gelegenheit, die bleichsüchtige Dirne
-vortheilhaft zu verkaufen, an Alt oder an Jung, und das hätte auch wohl
-gelingen können, wenn sie sich nicht einen einfältigen jungen Burschen
-ins Herz geschlossen hätte, den sie liebt, wie sie sagt.
-
-O hört auf, schrie Beresynth, taumelnd, und schon halb im Schlaf, wenn
-Ihr von Liebe sprecht, Base, so verfalle ich in so konvulsivisches
-Lachen, daß ich mich in drei Tagen nicht wieder erhole. Liebe! das dumme
-Wort hat meinem berühmten Meister Pietro den Hals gebrochen. Ohne den
-Taranteltanz säße die große Habichtsnase noch als Professor auf seinem
-Katheder, und kraute die jungen Gänse mit Philosophie und Tiefsinn an
-ihren dummen Köpfen, die ihm die Gelbschnäbel entgegen reckten. Ja, ja,
-Alte, das Affenthum von Liebe und platonischer Seelentrunkenheit hätte
-uns beiden, Euch und mir, nur noch gefehlt, um die Wunderthat unsrer
-heroischen Existenz vollständig zu machen. -- Nun lebt wohl, Alte,
-morgen in der Nacht um diese Zeit hole ich Euch ab, und dann trennen wir
-uns nie wieder.
-
-Vetter, sagte Pankrazia, auf Wiedersehn. Seit Ihr zu mir eingetreten
-seid, bin ich ein ganz andres Wesen geworden. Wir wollen in Zukunft eine
-herrliche Haushaltung führen.
-
-Haben wir unser Jubeljahr doch nun auch gefeiert, lallte Beresynth, der
-schon auf der Straße stand, und in dunkler Nacht nach seiner Wohnung
-taumelte.
-
- * * * * *
-
-Antonio hatte indessen den alten Ambrosio und dessen Gattin schon darauf
-vorbereitet, daß er gewiß jene widerwärtige Alte, und so auch deren
-Tochter Crescentia wieder auffinden würde. Die Mutter glaubte ihm gern,
-aber der Vater blieb bei seinen Zweifeln. Noch vor Sonnenuntergang begab
-sich der Jüngling mit seinem Freunde wieder zum weisen Castalio. Dieser
-kam ihnen schon lächelnd entgegen und sagte: Hier, Antonio, nehmt dieses
-Blatt, Ihr findet auf ihm verzeichnet, in welcher Gasse, in welchem
-Hause Ihr jene Unholdin antreffen werdet. Wenn Ihr sie aufgefunden habt,
-werdet Ihr an meiner Wissenschaft nicht mehr zweifeln.
-
-Schon jetzt bin ich überzeugt, sagte Antonio, ich war es schon gestern.
-Ihr seid der weiseste der Sterblichen, und werdet mich durch Eure Kunst
-zum glücklichsten machen. Ich gehe, die böse Alte aufzusuchen, und wenn
-Crescentia nicht gestorben, oder verloren ist, so führe ich sie in die
-Arme ihrer Eltern.
-
-Bewegt und voller Erwartung wollte er sich eilig entfernen, er hatte
-schon den Drücker der Thür in der Hand, als sich ein leises ängstliches
-Klopfen draußen ankündigte, von einem heisern Husten und Scharren der
-Füße begleitet. Wer ist da? rief Castalio, und da die Freunde öffneten,
-trat Beresynth herein, der sich gleich in die Mitte des Zimmers stellte,
-und unter vielen fratzenhaften Verbeugungen, so wie Verzerrungen des
-Gesichtes dem weisen Manne seine Dienste anbot.
-
-Wer seid Ihr? rief Castalio, der sich verfärbt hatte und mit blassem
-Angesicht einige Schritte zurückgewichen war.
-
-Ein Bösewicht ist der Verruchte! rief Antonio, ein Zauberer, den wir der
-Inquisition überliefern müssen, der verruchte Beresynth selbst ist es,
-dessen Namen Ihr, verehrter Mann, schon kennt, und von dem ich Euch
-erzählt habe.
-
-Meint Ihr, junges Blut? sagte Beresynth mit dem Ausdruck der tiefsten
-Verachtung. Mit Euch, ihr Kinder, habe ich nichts zu schaffen. Kennt Ihr
-mich nicht? rief er zu Castalio gewendet, und könnt auch meine Dienste
-nicht brauchen?
-
-Wie sollt ich? sagte Castalio mit ungewisser Stimme, ich habe Euch nie
-gesehn. Entfernt Euch, ich muß Eure Dienste ablehnen. In meinem kleinen
-Hause bedarf ich keines fremden Wesens.
-
-Beresynth ging mit großen Schritten auf und ab. Also, Ihr kennt mich
-nicht? Kann seyn; man verändert sich manchmal, denn der Mensch bleibt
-nicht in seiner Blüthe. Doch, mein' ich, sollte man mich nicht so bald
-vergessen, oder mit andern verwechseln, wie so manchen glatten, fein
-gemalten, unbedeutenden Tropfen. -- Und ihr, indem er sich zu den jungen
-Leuten wendete, kennt wohl jenen Weisheitsfinder auch nicht?
-
-O ja, sagte Antonio, er ist unser Freund, der treffliche Castalio.
-
-Da erhub der Kleine ein so ungeheures Lachen, daß Wände und Fenster des
-Zimmers erklirrten und wiederhallten. Castalio! Castalio! schrie er wie
-besessen; warum nicht auch Aganippe oder Hippokrene? Also, ihr habt den
-Brill vor den Augen, mit Kalbsblicken schaut eure Seele aus dem runden
-Kürbis eurer Köpfe dumm heraus? Reibt euch die Nase, und seht und
-erkennt doch euren verehrten Pietro von Abano, den großen
-Tausendkünstler aus Padua!
-
-Derjenige, der sich Castalio nannte, war wie ohnmächtig in einen Sessel
-gesunken, sein Zittern war so heftig, daß alle Glieder seines Körpers
-flogen, die Muskeln seines Antlitzes bebten so gewaltsam, daß kein Zug
-in ihm wahrzunehmen war, und nachdem die jungen Leute dies einige Zeit
-staunend betrachtet hatten, glaubten sie mit Entsetzen wahrzunehmen, daß
-aus den sich verwirrenden Lineamenten die alte Bildung des bekannten
-greisen Apone hervorstiege. Laut schreiend erhub sich der Zauberer vom
-Sessel, ballte die Fäuste und schäumte mit dem Munde, er schien in
-seiner Wuth riesengroß. Nun ja, brüllte er im Donnerton, ich bin es,
-jener Pietro, und Du, Knecht, verdirbst mir jetzt mein Spiel, jene junge
-Brut dort auf einem neuen Wege zu vernichten. Was willst Du, Wurm, von
-mir, der ich, Dein Meister, Dich nicht mehr anerkenne? Zitterst Du nicht
-in allen Gebeinen vor meiner Rache und Strafe?
-
-Beresynth erhub wieder jenes schallende, entsetzliche Gelächter. Strafe?
-Rache? wiederholte er grinsend; Dummkopf ohne Gleichen! Mußt Du denn
-jetzt erst merken, daß Dir diese Sprache zu mir nicht geziemt? Daß Du,
-Gaukler, Dich vor mir im Staube krümmen mußt? daß ein Blick meines
-Auges, ein Griff meines erznen Armes Dich zerschmettert, Du erdgebornes
-Larvenspiel elender Künste, die nur ich gelingen ließ?
-
-Ein Scheusal stand im Saal. Seine Augen sprühten Feuer, seine Arme
-dehnten sich wie zwei Adlerschwingen aus, das Haupt berührte die Decke;
-Pietro lag winselnd und heulend zu seinen Füßen. Ich war es, fuhr der
-Dämon fort, der Deine arme Gaukelei beförderte, der die Menschen
-täuschte, der den Frevel durch meine Macht erschuf. Du tratst mich mit
-Füßen, ich war Dein Hohn, Deine hochmüthige Weisheit triumphirte ob
-meinem Blödsinn. Nun bin ich Dein Herr! Jetzt folgst Du mir als mein
-leibeigner Knecht in mein Gebiet. -- Entfernt euch, ihr Elenden! rief er
-den Jünglingen zu, was wir noch verhandeln, geziemt euch nicht zu
-schauen! Und ein ungeheurer Donnerschlag erschütterte das Haus in seinen
-Tiefen, geblendet, entsetzt stürzten Antonio und Alfonso hinaus, ihre
-Knie wankten, ihre Zähne klappten. Ohne zu wissen wie, befanden sie sich
-wieder auf der Straße, sie flüchteten in einen nahen Tempel, denn eine
-heulende Windsbraut erhob sich mit Donner und Blitzen, und die Wohnung,
-als sie hinter sich sahen, brannte in zerfallenen Trümmern, zwei dunkle
-Schatten schwebten über dem Brande, kämpfend, so schien es, und sich in
-Verschlingungen hin und her werfend und ringend, Geheul der Verzweiflung
-und lautes Lachen des Hohnes erklangen abwechselnd zwischen den Pausen
-des lautrasenden Sturmwinds.
-
- * * * * *
-
-Erst nach langer Zeit konnte sich Antonio so viel sammeln, daß er stark
-genug war, nach der gegebenen Anweisung das Haus der Alten aufzusuchen.
-Er fand sie geschmückt und sie rief ihm frohlockend entgegen: ei!
-Florentiner! seid Ihr auch einmal wieder da?
-
-Wo ist Eure Tochter? fragte Antonio, zitternd vor Eil.
-
-Wenn Ihr sie jetzt haben wollt, sagte die Alte, so will ich sie Euch
-nicht vorenthalten. Aber bezahlen müßt Ihr rechtschaffen für sie, oder
-der Podesta von Padua, wenn er noch lebt, denn sie ist sein Kind, das
-ich ihm damals gestohlen habe, weil mir die Herren Markoni ein
-ansehnliches Stück Geld dafür gönnten.
-
-Wenn Ihr es beweisen könnt, sagte der Jüngling, so fordert.
-
-Beweise, so viel Ihr wollt, rief die Alte, Windeln mit Wappen, Kleider
-von damals, ein Maal auf der rechten Schulter, was ja die Mutter am
-besten kennen muß. Aber auch Briefe von den Markonis sollt Ihr haben,
-Schriften vom Podesta selbst, die ich damals in der Eile mit wegfischte.
-Alles, nur Geld muß da seyn.
-
-Antonio zahlte ihr alles Gold, was er bei sich trug, und gab ihr noch
-die Edelsteine, die Hut und Kleidung schmückten, Perlen und eine goldne
-Kette. Sie strich alles lächelnd ein, indem sie sagte: wundert Euch
-nicht, daß ich so eilfertig und leicht zu befriedigen bin. Die Dirne ist
-mir weggelaufen, weil sie keinen Liebhaber wollte, und steckt im
-Nonnenkloster bei der Trajanssäule, die Aebtissin hat sie mir nicht
-herausgeben wollen, aber meldet Euch nur dort, das junge Blut wird Euch
-von selbst in die Arme springen, denn es träumt und denkt nur von Euch,
-so habt Ihr ihr thörichtes Herz bezaubert, daß sie seit jener Nacht, der
-Ihr Euch wohl noch erinnern werdet, kein vernünftiges Wort mehr
-gesprochen hat, daß sie weder Liebhaber noch Mann mehr leiden konnte.
-Froh bin ich, daß ich sie so los werde, ich gehe mit einem vornehmen
-Vetter, Herrn Beresynth, der mich eigen dazu aufgesucht hat, noch heut
-Nacht auf seine Güter. Lebt wohl, junger Narr, und seid mit Eurer
-Crescentia glücklich.
-
-Antonio nahm alle Briefschaften, die Kleidungen des Kindes, alle Beweise
-ihrer Geburt. In der Thür begegnete ihm schon jener Furchtbare, der sich
-Beresynth nannte. Er eilte, und war so leichten Herzens, so beflügelt,
-daß er den Sturm hinter sich nicht vernahm, der die Gegend zu verwüsten
-und die Häuser aus ihren Gründungen zu heben drohte.
-
-Bei nächtlicher Weile untersuchten die überglücklichen Eltern die
-Briefe, und diese, so wie die Kleider überzeugten sie, daß diese zweite
-Crescentia ihr Kind sei, die Zwillingsschwester jener gestorbenen, die
-sie in der Taufe damals Cäcilie genannt hatten. Der Vater holte am
-Morgen das schöne bleiche Mädchen aus dem Kloster, die sich wie im
-Himmel fühlte, edlen Eltern anzugehören, und einen Jüngling, der sie
-anbetete, wieder gefunden zu haben, dem sie in jener Nacht auf ewig ihr
-ganzes Herz hatte schenken müssen.
-
-Rom sprach einige Zeit von den beiden Unglücklichen, welche das Gewitter
-erschlagen hatte, und Ambrosio lebte nachher mit seiner Gattin, der
-wieder gefundenen Tochter und seinem Eidam Antonio in der Nähe von
-Neapel. Der Jüngling verschmerzte im Glück der Liebe die Leiden seiner
-Jugend, und an Kindern und Enkeln trösteten sich die Eltern über den
-Verlust der schönen und innig geliebten Crescentia.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
-Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
-gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
-wurden ^so^ markiert.
-
-Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend
-beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert,
-teilweise unter Verwendung weiterer Ausgaben, wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 11]:
- ... Gesprächen zu und wünschte sowie die Andern über ungesalzene ...
- ... Gesprächen zu und wünschte so wie die Andern über ungesalzene ...
-
- [S. 16]:
- ... in dieseir Hinsicht so vieles zu verbessern ist. ...
- ... in dieser Hinsicht so vieles zu verbessern ist. ...
-
- [S. 16]:
- ... Schon n der Nähe des freundlichen Thorschreibers fielen ...
- ... Schon in der Nähe des freundlichen Thorschreibers fielen ...
-
- [S. 57]:
- ... hatte, hielt, nachdem viel über die Fortschritte in ...
- ... hatten, hielt, nachdem viel über die Fortschritte in ...
-
- [S. 102]:
- ... verließen sie die Chausse, um auf schlechten Wegen nach dem ...
- ... verließen sie die Chaussee, um auf schlechten Wegen nach dem ...
-
- [S. 124]:
- ... Stücke, die gespielt wurden. Sie waren so origiginell, ...
- ... Stücke, die gespielt wurden. Sie waren so originell, ...
-
- [S. 131]:
- ... selsam zu seyn glaubt, die Stellen nachweisen, die er nur ...
- ... seltsam zu seyn glaubt, die Stellen nachweisen, die er nur ...
-
- [S. 148]:
- ... Eulen und Fledermäuse gehören, mit meiner Nachwelt, die ...
- ... Eulen und Fledermäuse gehören, mit meiner Nachtwelt, die ...
-
- [S. 149]:
- ... und zukneifend, und sucht aus und wählt, hebt auf und
- registirt, ...
- ... und zukneifend, und sucht aus und wählt, hebt auf und
- registrirt, ...
-
- [S. 221]:
- ... kommen, denn Schmaling war zu sehr von Ehrfurch durchdrungen, ...
- ... kommen, denn Schmaling war zu sehr von Ehrfurcht
- durchdrungen, ...
-
- [S. 243]:
- ... zu denen ihn aber der forschende Graf in künstlichen
- Wendnngen ...
- ... zu denen ihn aber der forschende Graf in künstlichen
- Wendungen ...
-
- [S. 254]:
- ... Freigeist und Uebervernünftigen so mit beiden Beiden in die ...
- ... Freigeist und Uebervernünftigen so mit beiden Beinen in die ...
-
- [S. 279]:
- ... Verbindungen nicht, und wußte eben so wnig, wie diese jetzt ...
- ... Verbindungen nicht, und wußte eben so wenig, wie diese jetzt ...
-
- [S. 317]:
- ... flehenden Blick für ihre Mutter ein, daß se n Zorn entwaffnet ...
- ... flehenden Blick für ihre Mutter ein, daß sein Zorn entwaffnet ...
-
- [S. 354]:
- ... der Erde dorthin zogen, zu zersteuen, und seinen Freund ...
- ... der Erde dorthin zogen, zu zerstreuen, und seinen Freund ...
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Schriften 23: Novellen 7, by Ludwig Tieck
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN 23: NOVELLEN 7 ***
-
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