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-The Project Gutenberg eBook, Ameisenbüchlein, by Christian Gotthilf
-Salzmann
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-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-Title: Ameisenbüchlein
- Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher
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-Author: Christian Gotthilf Salzmann
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-Release Date: December 14, 2015 [eBook #50691]
-
-Language: German
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-Character set encoding: ISO-8859-1
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-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AMEISENBÜCHLEIN***
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-
-E-text prepared by Iris Schröder-Gehring, Jens Pönisch, and the Online
-Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
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-
-Anmerkungen zur Transkription:
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
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-
- Das Kreuz (4x), welches das Sterbedatum symbolisiert, wurde
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-AMEISENBÜCHLEIN
-
-oder
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-Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher
-
-von
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-CHRISTIAN GOTTHILF SALZMANN
-
-Mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Ernst Schreck
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-[Illustration: Dekoration]
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-Leipzig
-Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
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-Einleitung.
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-Die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts war eine Zeit der Umwälzung
-auf dem Gebiete der Kunst, Wissenschaft und Poesie. Der Kunst wurden
-von ~Winkelmann~ (1716-1768) und ~Lessing~ (1729-1781) neue Richtlinien
-gegeben, und in der deutschen Litteratur begann, vorbereitet durch die
-kritischen Kämpfe, mit dem Erscheinen von ~Klopstocks~ »~Messiade~«,
-von ~Wielands~ und ~Lessings~ ersten Schriften die Morgenröte der
-zweiten klassischen Periode, der zuvor aber noch die ~Sturm- und
-Drangperiode~, die »Periode der Original- und Kraftgenies« voranging,
-der selbst unsere größten Dichter ~Schiller~ und ~Goethe~ mit ihren
-Erstlingswerken angehören. Auf religiösem Gebiete suchte der in England
-durch ~Shaftesbury~ und seine Anhänger ins Leben tretende ~Deismus~ an
-Stelle der positiven Religion die Vernunft- und Naturreligion zu setzen.
-~Voltaire~ und ~Rousseau~ verbreiteten die deistischen Ideen durch ihre
-Schriften weiter, und durch die französischen Enzyklopädisten ~Diderot~
-(¿ 1784), ~Helvetius~ (¿ 1771), ~Holbach~ und ~d'Alembert~ (¿ 1783) ward
-der Deismus, dem immer noch ein gewisser Ernst eigen war, zum flachen,
-alles Glaubens baren ~Materialismus~. Die Naturreligion fand auch in
-Deutschland ihre Anhänger, wo sie in gemildeter Form als ~Rationalismus~
-auftrat, als dessen Vertreter ~Ernesti~ (1707-1781), ~Semler~ (1725-1791)
-und ~Reimarus~ (1694-1768) zu nennen sind.
-
-Daß diese Reformbestrebungen auch auf die ~Pädagogik~ ihren Einfluß
-ausüben mußten, ist selbstverständlich, wenn man bedenkt, wie innig diese
-Wissenschaft mit Religion, Naturanschauung und anderen Wissensgebieten
-zusammenhängt. Und diese Reform auf dem Gebiete der Erziehung und
-des Unterrichts blieb dann auch nicht aus. Die Hauptanregung zu
-derselben ging von Frankreich aus, namentlich als ~Rousseau~ in seinen
-socialpädagogischen Schriften, besonders aber in seinem »~Emil~« 1762),
-dem »Naturevangelium«, wie Goethe es nennt, das Ideal einer naturgemäßen
-Erziehung aufgestellt hatte. Zwar waren schon im 17. Jahrhundert Männer
-aufgetreten, die ihre Lebensaufgabe darin suchten, das Erziehungswesen aus
-den alten, ausgetretenen Geleisen, aus dem Mechanismus, herauszureißen.
-Es sei nur erinnert an die Bestrebungen eines ~Ratich~, ~Comenius~,
-Herzog ~Ernst des Frommen~, August Hermann ~Francke~ u. a. Aber ihre
-Bestrebungen hatten es nicht vermocht, den alten Schlendrian im Schulwesen
-zu beseitigen. So sagt Raumer in seiner Geschichte der Pädagogik (_II_.
-S. 297): »Die Jugend war damals für die meisten eine sehr geplagte Zeit,
-der Unterricht hart und herzlos streng. Die Grammatik wurde dem Gedächtnis
-eingebläut, ebenso die Sprüche der Schrift und die Liederverse. Eine
-gewöhnliche Schulstrafe war das Auswendiglernen des 119. Psalmes. Die
-Schulstuben waren melancholisch-dunkel. Daß die Jugend auch mit Liebe
-etwas arbeiten könne, das fiel niemandem ein, so wenig, als daß sie die
-Augen zu irgend etwas anderem als zum Lesen und Schreiben haben könne.«
-Da traten ~John Locke~ und namentlich ~Jean-Jacques Rousseau~ mit ihren
-pädagogischen Reformbestrebungen auf den Schauplatz. Während letzterer in
-Frankreich verfolgt ward, und seine Schriften verbrannt wurden, begrüßte
-man in Deutschland seine pädagogischen Ideen mit Freuden. Hier waren
-es die ~Philanthropen~, die die durch sie geläuterten Ideen Rousseaus
-zur praktischen Ausführung brachten. Philanthropen wurden diese Männer
-genannt, weil sie »als ~das Ziel der Erziehung~ überhaupt und ihrer Arbeit
-insbesondere ~die menschliche Glückseligkeit~ betrachteten« (Dittes).
-Sie suchten beim Unterrichte dem ~Nützlichkeitsprinzipe~ Geltung zu
-verschaffen und an Stelle eines traditionellen Mechanismus eine bessere,
-~der Natur des Kindes entsprechende Methode~ einzuführen. Die bislang
-trotz Comenius und Francke fast völlig unbeachtet gelassenen ~Realien~
-wurden von ihnen mehr berücksichtigt, und die ~leibliche Erziehung~
-des Kindes gemäß dem Worte Lockes: »_Mens sana in corpore sano!_« mehr
-in den Vordergrund gestellt. _Dr._ Karl Schmidt stellt als Vorzüge der
-philanthropischen Erziehung hin: Der ~Philanthropinismus~ hat: _a_) die
-Erziehung dem verderblichen Zwange des ~äußeren Lebens~ enthoben und sie
-mit ~freierem~ Geiste belebt; _b_) der ~körperlichen~ Ausbildung Geltung
-verschafft; _c_) den ~toten~ Gedächtniskram aus der Schule verbannt; _d_)
-der ~Offenbarung~ Gottes in der ~Natur~ und dem Kirchentum gegenüber das
-~Christentum~ betont; _e_) die Schulstuben zu Sitzen der ~Gesundheit~, des
-Frohsinns und der ~Liebe~ gemacht; _f_) vor allem aber eine ~neue Periode~
-für ~Unterrichtsbücher~ und ~Unterhaltungsschriften~ geschaffen.
-
-Zwar gerieten die Philanthropen in ihren Bestrebungen auf falsche Bahnen,
-da sie entgegen der christlichen Lehre statt der Erlangung der ewigen
-Seligkeit die ~menschliche Glückseligkeit~, den ~Eudämonismus~ als das
-~Ziel der Erziehung~ hinstellten; doch haben sie auf die Entwickelung
-der deutschen Pädagogik einen nicht zu unterschätzenden segensreichen
-Einfluß ausgeübt. Mag ihren Ideen und Bestrebungen auch manches Irrige
-und Unpraktische anhaften, so muß man doch mit Dankbarkeit das durch
-sie bewirkte Gute und Nützliche anerkennen. Viele ihrer pädagogischen
-Grundsätze und Ideen haben auch jetzt noch ihre volle Berechtigung; ja
-manche von ihnen harren trotz des Fortschrittes, den die Pädagogik seitdem
-gemacht, noch der Erfüllung.
-
-Als Vertreter des Philanthropinismus sind zu nennen: ~Wolke~, der durch
-seine litterarischen Arbeiten eine gründliche Reform der deutschen
-Sprache anstrebte, ~Trapp~, der eine wissenschaftliche Begründung und
-systematische Ordnung der Erziehungslehre herbeizuführen sich bemühte,
-~Olivier~, der durch seine Lesemethode, die zwar sinnreich und bildend,
-aber unpraktisch war, den ersten Leseunterricht zu bessern versuchte. Die
-Hauptvertreter des Philanthropinismus waren aber ~Basedow~, der Gründer
-des Dessauer Philanthropin, der durch seine Schriften und Reklamemacherei
-viel zur Verbreitung der neuen pädagogischen Ideen beitrug, ~Campe~, der
-Verfasser des Robinsons und vieler anderer Jugendschriften, der sich um
-die Reinigung der deutschen Sprache verdient machte, und ~Salzmann~.
-Letzterer ist aber die verehrungswürdigste Gestalt von den Philanthropen
-und hat von diesen auch am nachhaltigsten gewirkt.
-
-~Christian Gotthilf Salzmann~ ward am 1. Juni 1744 als der Sohn eines
-Predigers zu ~Sömmerda~, im Kreise Weißensee, Regierungsbezirk Erfurt
-geboren. Sömmerda ist in unserer kriegerischen Zeit durch Nikolaus von
-Dreyses Zündnadelgewehr bekannt. Bis zu seinem fünften Jahre erhielt
-Salzmann Unterricht von seinen Eltern, von der Mutter im Lesen, vom
-Vater im Lateinischen. Die Erziehung des Elternhauses war wie das Leben
-desselben einfach und fromm. Später besuchte der Knabe die Schule,
-die aber keinen günstigen Eindruck auf ihn machte. In seinen späteren
-Jahren sagte er darüber: »In der Schule wurde der Religionsunterricht
-eigentlich gar nicht erteilt; denn das Auswendiglernen des Katechismus
-und des Spruchbuches kann doch wohl nicht Religionsunterricht heißen.«
-Das Einkommen des Vaters war nur gering, so daß er, um seine Familie in
-Ehren durchzubringen, neben seinem Amte in Feld und Garten tüchtig Hand
-anlegen, ja seiner thätigen Hausfrau oft das Gespinst haspeln mußte. So
-lernte auch der junge Salzmann im elterlichen Hause die Arbeit früh lieb
-gewinnen. Wenn an langen Winterabenden der Vater am Haspel und die Mutter
-am Spinnrocken saß, so mußte der Sohn in der Bibel vorlesen. So gewann er
-früh trotz des mangelhaften Religionsunterrichtes in der Schule das Wort
-Gottes lieb, und noch in seinem letzten Lebensjahre bekannte er: »Wenn ich
-oft, von Unmut niedergedrückt, am Rande der Verzweiflung wandelte, gab mir
-ein Spruch aus den Psalmen neues Leben, neuen Mut. Noch jetzt dienen mir
-diese Sprüche zur Erquickung.«
-
-Von 1756 an besuchte Salzmann das Gymnasium zu ~Langensalza~, und als
-sein Vater 1758 nach ~Erfurt~ versetzt ward, empfing er von diesem
-Privatunterricht. Er besuchte kein Gymnasium mehr, sondern besuchte später
-noch einige Kollegia an der damals noch bestehenden Erfurter Universität.
-Seiner Eltern Wunsch war, daß der Sohn, wie es der Vater war, Prediger
-werden solle. Diesem Wunsche kam Salzmann auch nach, als er mit seinem 17.
-Jahre (1761) die Universität ~Jena~ behufs Studium der Theologie bezog.
-
-An dem wüsten Studentenleben, das dort herrschte, nahm er keinen Anteil.
-Viel lieber erging er sich in dem romantischen ~Rauhthale~ bei Jena in der
-Betrachtung des Stilllebens in der Natur. Er schrieb später darüber:»Die
-innige Freude, welche ich bei meinen einsamen Spaziergängen durch das
-Rauhthal an dem Aufmerken auf die mich umgebenden Naturgegenstände, an der
-genaueren Betrachtung und Beobachtung derselben finden lernte, war mir bis
-dahin noch unbekannt gewesen. Ich sah die Schöpfung und ihren Urheber in
-einem neuen Lichte.« Hier ruht der Keim zu der späteren Schnepfenthaler
-Lebensregel, daß die sittliche und auch geistige Entwickelung zu führen
-sei: »~Vom Sichtbaren zum Unsichtbaren~.«
-
-Ende 1764 kehrte Salzmann ins Elternhaus zurück, wo er bis 1768 blieb
-und den Unterricht seiner jüngeren Geschwister übernahm. Im Jahre
-1768 ward er Pfarrer in dem Dorfe ~Rohrborn~ bei Erfurt, wo er sich
-der vierzehnjährigen Tochter des Pfarrers ~Schnell~ zu Schloß-Vippach
-vermählte. Von seinem Gehalte, 80 Thaler, konnte er nicht mit Familie
-leben, umsomehr nicht, als er nach dem Tode seiner Schwiegereltern seine
-beiden Schwägerinnen zu sich ins Haus nahm. Er war deshalb gezwungen,
-nebenbei Ackerbau zu treiben, und er that dieses mit solcher Umsicht und
-solchem Erfolge, daß er den Dorfbewohnern auch in dieser Hinsicht ein
-Vorbild war.
-
-1772 ward Salzmann Prediger in ~Erfurt~. Wegen seiner freieren religiösen
-Ansichten ward er von seinen Amtsgenossen vielfach angefeindet, so daß
-er 1781 in das von ~Basedow~ 1774 gegründete Philanthropin zu ~Dessau~
-als Religionslehrer und Liturg eintrat. Mit Eifer und Liebe widmete
-er sich dem Erziehungswesen, in dem er sich bald eingearbeitet hatte.
-Von Dessau aus machte er auch die Bekanntschaft des Volksmannes und
-Pädagogen ~Eberhard von Rochow~, dessen Schule zu ~Rekahn~ ihn sehr
-befriedigte. Obgleich er in Dessau Mitleiter des Philanthropins war
-und mit gleichgesinnten Pädagogen nach philanthropischen Grundsätzen
-arbeitete, so fand er sich doch nicht ganz befriedigt. Er beschloß, selbst
-eine Erziehungsanstalt zu gründen, an die er folgende Anforderungen
-stellte: Dieselbe solle 1) auf dem Lande liegen, 2) von ~einem~ Oberhaupte
-einheitlich geleitet, und 3) die Zöglinge soviel als möglich als
-Familienglieder behandelt werden.
-
-Salzmann kaufte deshalb in der Nähe von ~Waltershausen~ im Gothaischen ein
-Landgut, wozu ihm der Herzog ~Ernst~ _II._ von Gotha, ein Urenkel Ernst
-des Frommen, des Pädagogen unter den Fürsten, 4000 Thaler schenkte. Hier
-gründete er im März 1784 seine Erziehungsanstalt ~Schnepfenthal~.
-
-Schwere Sorgen suchten ihn oft, namentlich anfangs, heim; doch im
-Vertrauen auf Gottes Beistand begann er sein Werk. Die Anstalt war zwar
-da, aber keine Zöglinge. Salzmann entschloß sich nun, einen begabten
-Knaben unentgeltlich aufzunehmen. Die Wahl fiel auf ~Karl Ritter~, den
-Sohn eines verstorbenen Arztes in Quedlinburg, der 1788 mit seinem
-ältesten Bruder und seinem bisherigen Erzieher ~Guts-Muths~ in die
-Anstalt eintrat. Karl Ritter war also der erste Schüler Schnepfenthals
-und ist auch ihr berühmtester geworden. Seine geographischen Werke sind
-weltbekannt; er ist der Vater der vergleichenden Erdbeschreibung. Später
-fanden sich noch mehrere Schüler ein, ja die Schnepfenthaler Anstalt ward
-bald eine der gesuchtesten Deutschlands. Zehn Jahre nach der Gründung,
-im Jahre 1794, zählte sie außer des Gründers zahlreicher Familie und
-einer ganzen Anzahl Lehrer gegen 60 Schüler, die sämtlich mit der größten
-Liebe zu ihrem Vater Salzmann aufblickten. Im Jahre 1803 zählte Salzmanns
-Anstalt 61 Zöglinge, welche Anzahl erst seit den napoleonischen Kriegen
-(1809) sank, weil von jetzt an der Geist Pestalozzis die allgemeine
-Aufmerksamkeit an sich fesselte, und die durch den Krieg bedingte
-Verarmung vieler Eltern das hohe Kostgeld nicht erschwingen konnte; in
-diesem Jahre hatte die Anstalt bloß 36 Zöglinge. Sie ist das einzige
-philanthropische Institut, das noch blüht, und das im Jahre 1884 die
-hundertjährige Jubelfeier seines Bestehens begehen konnte.
-
-Tüchtige Lehrkräfte wirkten an der Salzmannschen Anstalt. Es seien genannt
-~Guts-Muths~, der Erzvater der Turnerei und Verfasser nachstehender
-Schriften: »Gymnastik für die Jugend«, »Spiele zur Übung und Erholung
-des Körpers«, »Turnbuch«, »Handbuch der Geographie«, »Methodik der
-Geographie«; ~Blasche~, Verfasser der »Anleitung zu Papparbeiten« und
-anderer Schriften für den Handfertigkeitsunterricht; ~Glaz~, später
-Konsistorialrat in Wien; ~Lenz~, der später Vater des durch seine
-naturhistorischen Schriften bekannten Harald Otmar Lenz und Rektor des
-Weimarer Gymnasiums ward; ~André~, ~Bechstein~, die drei Brüder ~Ausfeld~,
-~Märker~, ~Weißenborn~. Märker, Lenz und Weißenborn wurden sogar Salzmanns
-Schwiegersöhne, was viel dazu beitrug, daß die Anstalt zu Schnepfenthal
-trotz ihrer Vergrößerung den Familiencharakter behielt.
-
-Im Unterrichte wurden in Schnepfenthal im allgemeinen die bekannten
-philanthropischen Grundsätze durchführt. Die geistige Entwickelung
-des Kindes galt als oberster Grundsatz; in zweite Linie trat erst die
-materielle Aneignung gewisser Stoffgebiete. Das Ziel, das sich Salzmann
-bei der Erziehung der Jugend setzte, war nach seinen eigenen Worten:
-»~Gesunde, verständige, gute und frohe Menschen zu bilden~, sie dadurch in
-sich selbst glücklich zu machen und zu befähigen, zur Förderung des Wohles
-ihrer Mitmenschen kräftig mitzuwirken.« Deshalb ward vor allen Dingen auf
-Weckung und Schärfung der eigenen Beobachtung in der umgebenden Natur, auf
-Bildung und Übung des Verstandes und somit auf die Selbständigkeit des
-Urteils abgesehen.
-
-Fast dreißig Jahre wirkte Salzmann selbst an seiner Anstalt, die er
-als ein Vater leitete. Im Jahre 1809 nach langem Genusse ungestörter
-Gesundheit ward er von der Gicht befallen, welche die Kraft seines Lebens
-allmählich erschöpfte. Er starb am 31. Oktober 1811, nachdem ihm seine
-Gattin, mit der er vierzig Jahre in glücklicher und kinderreicher Ehe
-gelebt hatte, und die ihm eine treue Gehilfin seines Lebenswerkes gewesen,
-bereits 1810 vorangegangen war. Einer seiner Zeitgenossen widmete ihm bei
-seinem Hinscheiden folgende Worte: »Die Anstalt zu Schnepfenthal hat einen
-großen Verlust zu beklagen. Den sie verloren, halten wir für der Besten
-Einen, denn gleich sehr war er ausgezeichnet durch Eigenschaften des
-Geistes und des Herzens. Eindringend und scharf war sein Blick, ruhig und
-besonnen sein unermüdliches Wirken, schnell sein Entschluß und groß seine
-Selbstbeherrschung. Wohlthätigkeit und Milde hat er stets geübt, dabei
-aber nie der Eitelkeit und der Ruhmsucht Raum gegeben. Sein Auftreten
-war einfach, aber würdig; es kennzeichnete den Vater und Regierer eines
-großen Hauswesens. Die ihm Untergebenen leitete er durch Blicke und Worte;
-Strafen, um seine Autorität zu stützen, bedurfte er nie.« Nach dem Willen
-des bescheidenen Mannes schmückt nur ein Fliederbusch sein Grab. Der
-Dichter ~Welker~ rief ihm nach:
-
- »Nicht eingeengt in dumpfumschlossnen Räumen,
- Nein frei, wie einst dich die Natur erzog,
- Schläfst du hier, Deutschlands edler Pädagog,
- Im grünen Hain bei deinen Lieblingsbäumen.
-
- Und was du früh gesehn in holden Träumen,
- Es war kein Wahn der schmeichelnd dich betrog;
- Denn als dein Geist dem Irdischen entflog,
- Stand's herrlich da mit Frucht und Blütenkeimen.
-
- Hier liegt dein Staub. -- Doch lebt unsterblich fort,
- Was deine Kraft erschuf durch That und Wort.
- Wenn Marmormonumente längst zerfallen,
-
- Dein Denkmal blüht auf jenem Hügel dort,
- Wo Kinder wie zum Vaterhause wallen,
- Und segnend ruht dein Geist auf jenen Hallen!«
-
- * * * * *
-
-Neben seiner praktischen Thätigkeit als Erzieher war Salzmann auch als
-~Schriftsteller~ für die Hebung der Volks- und Jugendbildung thätig.
-Seine schriftstellerische Thätigkeit war eine sehr umfassende. Er begann
-dieselbe schon kurz nach seiner Versetzung nach Erfurt. Hier lernte
-er als Seelsorger manches Elend in den Familien kennen, das er durch
-zwei Mittel zu steuern glaubte. Er sagt darüber: 1) müssen die Eltern
-über die Quelle ihres Elends belehrt werden; 2) müssen die Kinder eine
-bessere Erziehung erhalten. Er suchte dieses nun durch seine Schriften
-zu erreichen. Seine erste pädagogische Schrift war: »~Unterhaltungen
-für Kinder und Kinderfreunde~«, in der er das wiedergab, was er in den
-Abendstunden mit seinen Kindern getrieben hatte. Ihr folgte 1780 das
-»~Krebsbüchlein oder Anweisung zu unvernünftiger Erziehung der Kinder~«,
-eine ironische Anweisung, die Kinder schlecht zu erziehen, in der die
-vorhandenen Übelstände der Erziehung lächerlich gemacht werden. Grund zu
-den Anfeindungen von orthodoxer Seite gab das Buch: »~Über die wirksamsten
-Mittel, den Kindern Religion beizubringen~.«
-
-Während Salzmanns Aufenthalt am Dessauer Philanthropin entstanden:
-»~Vorträge bei den Gottesverehrungen~« 4 Bände, »~Moralisches
-Elementarbuch~« _I._ Teil, der pädagogische Roman: »~Karl von Karlsberg
-oder über das menschliche Elend~«. Der sechste und letzte Band erschien
-erst 1788. Ferner: das erste Bändchen der »~Reisen der Salzmannschen
-Zöglinge~«.
-
-In Schnepfenthal schrieb Salzmann: »~Konrad Kiefer oder Anweisung zu
-einer vernünftigen Erziehung der Kinder~«, in der uns die Erziehung eines
-Bauernsohnes durch seinen Vater unter Mitwirkung des Pfarrers geschildert
-wird. Die Schrift bildet ein Gegenstück zu Rousseaus »Emil«, deshalb auch
-wohl »der deutsche Emil« genannt. Das bedeutendste pädagogische Werk
-Salzmanns ist aber unstreitig sein »~Ameisenbüchlein~«, das zugleich die
-schönste Darstellung seiner Pädagogik enthält und die rechte Frucht seiner
-pädagogischen Arbeit und Erfahrung ist. Da dasselbe im Nachfolgenden
-selbst gebracht wird, so wird noch ausführlicher davon demnächst zu
-reden sein. Ferner schrieb Salzmann: »~Noch etwas über Erziehung~«. In
-dieser Schrift führt er fünf Hauptmängel an, an welchen die Erziehung
-noch leide, und welche einer raschen Abstellung bedürften. Diese fünf
-Hauptmängel sind: _a_) Vernachlässigung der ~körperlichen~ Erziehung,
-_b_) daß man die Jugend zu wenig mit der Natur bekannt mache, _c_) daß
-der ganze Unterricht dahin abziele, die Aufmerksamkeit der Kinder von dem
-Gegenwärtigen abzuziehen und auf das Abwesende zu lenken, _d_) daß die
-Kinder beim Lernen mehr fremde als eigene Kräfte gebrauchen, _e_) daß
-die jugendliche Arbeit nicht unmittelbar belohnt werde. In Schnepfenthal
-entstanden ferner: »~Über die heimlichen Sünden der Jugend~«, »~Der
-Himmel auf Erden~«, »~Reisen der Salzmannschen Zöglinge~, neue Folge«,
-»~Die Familie Ehrenfried oder erster Unterricht in der Sittenlehre für
-Kinder von 8 bis 10 Jahren~«. Als Fortsetzung dazu erschien: »~Heinrich
-Gottschalk in seiner Familie oder erster Religionsunterricht für
-Kinder von 10-12 Jahren~«, als weitere Fortsetzung: »~Unterricht in
-der christlichen Religion~«. Weiter seien noch genannt: »~Nachrichten
-für Kinder aus Schnepfenthal~«, »~Über die Erlösung des Menschen vom
-Elend durch Jesum~« und »~Christliche Hauspostille~« (67 Predigten).
-Als Volksschrift erschien 1791: »~Auserlesene Gespräche des Boten aus
-Thüringen~« (1886 neu herausgegeben vom städtischen Schulinspektor _Dr._
-Fritz Jonas in Berlin, Verlag von L. Oehmigke ebenda). Von Salzmanns
-Volks- und Jugendschriften seien genannt: »~Sebastian Kluge~«, »~Konstants
-kuriose Lebensgeschichte~«, »~Ernst Haberfeld~«, »~Josef Schwarzmantel~«,
-»~Heinrich Glaskopf~«. Von Salzmanns ~Jugendschriften~ heißt es in Schmids
-»Encyklopädie der Pädagogik«: »Im Triumvirate der ersten Kinderbuchperiode
-(Weiße, Campe, Salzmann) ist ~Salzmann~ vielleicht der Schwächste,
-aber gewiß nicht der Schlechteste. Neben dem realistischen Campe, dem
-civilisierenden Weiße steht er am bescheidensten, aber am reinsten da.«
-
- * * * * *
-
-~Basedow~, der »Herold unter den Philanthropen«, erkannte wohl die
-Schäden des Erziehungswesens, war auch durch Wort und That bemüht, sie
-zu bessern. Da aber seine Grundsätze viel Irriges und Unpraktisches
-enthielten, so vermochten sie einen ~dauernden~ Erfolg nicht auszuüben;
-dazu kam noch sein prahlerisches, aller Gewissenhaftigkeit, Umsicht
-und Besonnenheit bares Wesen, sodaß ~Herder~ über ihn äußerte: »Ihm
-möchte ich keine Kälber zu erziehen geben, geschweige Menschen.« ~Campe~
-dagegen wirkte hauptsächlich nur durch seine litterarische Thätigkeit
-auf die Erziehung ein. Fassen wir nun kurz ~Salzmanns Stellung unter den
-Philanthropen~ zusammen, so ist er der ~Praktiker~ unter ihnen, der die
-lebensfähigen Grundgedanken des Philanthropinismus festhielt, der die
-neuen Ideen am sichersten und am besonnensten durchführte in ruhiger und
-unverdrossener Arbeit. Dittes sagt von ihm: »Salzmann ist ohne Zweifel
-der bedeutendste Praktiker unter den Philanthropen, ausgezeichnet durch
-Besonnenheit, Mäßigung, Ausdauer, stille Heiterkeit und hausväterlichen
-Sinn.« Von all den vielen Philanthropinen, die entstanden, ist die
-Anstalt zu Schnepfenthal das einzigste, das noch besteht. Schuldirektor
-~Moritz Kleinert~ in Dresden widmete der Anstalt zu ihrer Jubelfeier 1884
-folgendes Sonett:
-
- »Viel Ritter edlen Geistes seh' ich schreiten
- Durch ein Idyll, mit Namen ~Schnepfenthal~,
- Den Geist voll Feuer, Körper wie von Stahl,
- Zu bessern die beschränkten, zopf'gen Zeiten,
-
- Die Unnatur hin zur Natur zu leiten
- In Freud' und Arbeit, Kleidung und im Mahl;
- Zu heben trocknen Lernens bittre Qual,
- Den >~Himmel hier auf Erden~< zu bereiten.
-
- So seh' ich ~Salzmann~ in dem Kreis der Seinen
- Ein Patriarch, geliebt und hochbewundert;
- Ich sehe ~Guts-Muths~ sich mit ihm vereinen;
-
- Es steht vor mir ein herrliches Jahrhundert,
- Das groß im Schaffen, nicht bloß im Verneinen,
- Und das auch uns zu gleichem Thun ermuntert.«
-
- * * * * *
-
-Wie schon gesagt, ist das bedeutendste pädagogische Werk Salzmanns sein
-»~Ameisenbüchlein~«, das deshalb auch in einer Sammlung von Schriften
-aus allen Zweigen der Litteratur und Wissenschaften, wie es »Reclams
-Universal-Bibliothek« ist, nicht gut fehlen konnte, weshalb sich der
-Verleger, dieses erkennend, auch entschloß, dasselbe in seine Sammlung
-aufzunehmen und den Unterzeichneten mit der Herausgabe betraute.
-
-Ihren ~Titel~ hat die Schrift von dem Titelblatte der Originalausgabe,
-auf dem sich nämlich das ~Bild eines Ameisenhaufens~ befand. Eine Anzahl
-Ameisen bemüht sich um Ameisenlarven, während eine andere Anzahl unbesorgt
-in der Luft umherfliegt. Die Ersteren sollen die Lehrer vorstellen, die
-sich der Erziehung und des Unterrichts der Kinder angenommen haben,
-die letzteren dagegen die Eltern, die, nachdem sie ihr Geschlecht
-fortgepflanzt, sich in die Luft schwingen und nach menschlicher Art und
-Weise sich nicht um ihre Brut bekümmern. Unter dem Bilde befindet sich das
-Wort: Spr. Sal. 6, 6: »Gehe hin zur Ameise, du Fauler, siehe ihre Weise an
-und lerne.«
-
-Möge jetzt eine ~kurze, übersichtliche Darstellung des Inhalts~ folgen.
-
- _A._ ~Anrede an Hermann.~ Aufforderung an denselben, sich der
- Erziehung zu widmen und zwar aus folgenden Gründen:
-
- _a_) Die Erziehung schafft die Gelegenheit, ~für Menschenwohl
- recht thätig sein~ zu können;
-
- _b_) die gewissenhafte Ausübung der Erziehungskunst verschafft
- dir die Seligkeit, einst Männer, ~durch dich gebildete
- Männer~, zu sehen, die mit Kraft und Nachdruck für alles
- Gute thätig sind;
-
- _c_) das Erziehungsgeschäft ist ~nicht so mühsam~, als es
- von denen, die es nicht verstanden haben, geschildert
- worden ist;
-
- _d_) die Fröhlichkeit, welche ein wahrer Erzieher unter den
- Kleinen hervorzubringen vermag, hat einen wohlthätigen
- Einfluß auf denselben;
-
- _e_) kein Geschäft ist ~belohnender~ als das
- Erziehungsgeschäft. Als Lohn wird dem Erzieher:
-
- 1) Frohsinn, Gesundheit und ein heiteres Alter,
-
- 2) eigene Veredelung,
-
- 3) materieller Gewinn.
-
- _B._ ~Vorbericht~ über den Titel. In ihm setzt Salzmann auseinander,
- warum er:
-
- _a_) diesen Titel gewählt und
-
- _b_) dem Büchlein diesen Inhalt gegeben habe;
-
- _c_) Entschuldigung über die etwas starke und schneidige Art
- des Vortrags.
-
- _C._ ~Die Schrift selbst~: 5 Teile:
-
- _I._ ~Symbolum~: »~Von allen Fehlern und Untugenden seiner Zöglinge
- muß der Erzieher den Grund in sich selber suchen~;« denn
-
- _a_) vielen Lehrern fehlt das Lehrgeschick;
-
- _b_) viele Erzieher und Lehrer lehren die Kinder die Fehler
-
- 1) durch schlechtes Beispiel,
-
- 2) durch falsche Behandlungsart,
-
- 3) durch den Mißbrauch des Zutrauens, das ihnen vom
- Kinde entgegengebracht wird,
-
- 4) durch Nichtbefriedigung des Thätigkeitstriebes;
-
- _c_) viele Erzieher dichten ihren Zöglingen Fehler und
- Untugenden an, da sie nicht die kindliche Natur
- berücksichtigen.
-
- _d_) oft nehmen die Erzieher eine willkürliche Regel an, nach
- der sie die Zöglinge richten wollen, und rechnen diesen
- jede Abweichung von derselben als Untugend an.
-
- _e_) indem die Erzieher Eigenheiten ihrer Zöglinge zu den
- Fehlern und Untugenden rechnen, vergrößern sie dieselben.
-
- _II._ ~Was ist Erziehung? Sie ist Entwickelung und Übung der
- jugendlichen Kräfte.~ In diesem Kapitel giebt Salzmann einen
- kurzen Abriß der Erziehung und der allmählichen Entwickelung
- der jugendlichen Kräfte.
-
- _III._ ~Was muß ein Erzieher lernen?~
-
- _a_) Er muß sich und seine Zöglinge ~gesund~ zu erhalten
- suchen und zwar:
-
- 1) durch einfache Kost,
-
- 2) durch Abhärtung,
-
- 3) durch Bewegung.
-
- _b_) Er muß die kindlichen Kräfte an ~sinnlichen~ Gegenständen
- üben und durch nützliche und unterhaltende Beschäftigungen
- für die ~Befriedigung des Thätigkeitstriebes~
- (durch Handarbeiten) sorgen.
-
- _c_) Er muß sich bemühen, ~mit Kindern umzugehen~.
-
- _d_) Er muß die Kinder zur ~Sittlichkeit~ gewöhnen, und zwar:
-
- 1) durch Wahrhaftigkeit,
-
- 2) durch Vorhalten von Vorbildern,
-
- 3) durch Ermahnung unter vier Augen,
-
- 4) dadurch, daß das Kind selbst das Gute einsieht
- und will.
-
- _IV._ ~Plan zur Erziehung der Erzieher.~ Hier giebt Salzmann
- denjenigen, die sich dem Erziehungsgeschäfte widmen, eine
- Anweisung zur ~Selbsterziehung~; seine Hauptregel ist:
- Erziehe dich selbst! 11 Regeln:
-
- 1) sei gesund;
-
- 2) sei immer heiter;
-
- 3) lerne mit Kindern sprechen und umgehen;
-
- 4) lerne mit Kindern dich beschäftigen;
-
- 5) bemühe dich, dir deutliche Kenntnisse der Erzeugnisse
- der Natur zu erwerben;
-
- 6) lerne die Erzeugnisse des menschlichen Fleißes kennen;
-
- 7) lerne deine Hände brauchen;
-
- 8) gewöhne dich mit deiner Zeit sparsam umzugehen;
-
- 9) suche mit einer Familie oder Erziehungsgesellschaft
- in Verbindung zu kommen, deren Kinder oder Pflegesöhne
- sich durch einen hohen Grad von Gesundheit auszeichnen;
-
- 10) suche dir eine Fertigkeit zu erwerben, die Kinder zur
- innigen Überzeugung von ihren Pflichten zu bringen;
-
- 11) handle immer so, wie du wünschest, daß deine Zöglinge
- handeln sollen!
-
- _V._ ~Schlußermahnung~: _Non ex quovis lignofit Mercurius_. ~Prüfe
- dich~, ob du die Gabe hast, auf Kinder zu wirken und sie
- zu lenken.
-
-Salzmanns ~Ameisenbüchlein~ verdient auch noch jetzt trotz der vielen
-pädagogischen Schriften, die alljährlich auf den Büchermarkt gelangen,
-gelesen und studiert zu werden. Ist heutzutage auch das meiste von dem,
-was es giebt, wenigstens theoretisch allgemein anerkannt, so ist der
-Inhalt des Buches noch nicht als veraltet zu betrachten. ~Moller~ sagt in
-Schmids Encyklopädie des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens: »Es
-giebt in der neueren pädagogischen Litteratur vielleicht kein Werk, das
-die Pflicht des Erziehers, sich selbst zu vervollkommnen und den Grund
-jedes Mißerfolgs vor allem in sich selbst zu suchen, so eindringlich mit
-mildem Ernst und erfahrungsreicher Weisheit ans Herz gelegt hätte, wie
-das ~Ameisenbüchlein~.« Ist nun auch diese Salzmannsche Schrift besonders
-für Erzieher von Fach und für diejenigen geschrieben, die es werden
-wollen, so finden doch auch die Eltern manchen beherzigenswerten Wink in
-demselben. Klarheit und Wahrheit, Frische und Natürlichkeit spricht sich
-auf jeder Seite dieser Schrift aus, so daß ihre Lektüre auch jetzt noch
-reichen Genuß bietet. Möge deshalb auch die von mir veranstaltete Ausgabe
-freundliche Aufnahme bei Deutschlands Lehrern und in deutschen Familien
-finden.
-
- * * * * *
-
-Das »~Ameisenbüchlein~« erschien im Jahre 1806 in Schnepfenthal in
-der Buchhandlung der Erziehungsanstalt. Veranlaßt dazu ward Salzmann
-durch den Mangel an Anweisungen zur Erziehung der Erzieher, während an
-Büchern, die Anweisungen zur Erziehung der Kinder enthalten, Überfluß
-war. Salzmann schreibt: »Was helfen aber diese, wenn jene nicht da sind?
-Wozu nützen alle Theorien, wenn die Leute fehlen, die sie ausführen
-können? Statt darauf zu denken, das Wahre und Gute, was wir von der
-Erziehung bereits wissen, in Ausübung zu bringen, fährt man fort, neue
-Theorien aufzustellen, denen, so gut wie jenen, die Ausführung fehlen
-wird. Wir gleichen theoretischen Baumeistern, die die Ideale zu den
-vollkommensten Gebäuden mit der Reißfeder entwerfen können, die aber immer
-nur Risse bleiben, mit denen man etwa die Wände bekleiden kann, da ihren
-Verfertigern die Geschicklichkeit fehlt, das Entworfene zur Wirklichkeit
-zu bringen.«
-
-Dem nachfolgenden Abdrucke ward die Originalausgabe von 1806 zu
-Grunde gelegt. Diese erschien doppelt, nämlich in einer auf besserem
-Papier, in größerem Drucke und mit dem oben erwähnten Bilde auf dem
-Titelblatte hergestellten Ausgabe und in einer »wohlfeilen Ausgabe« ohne
-Titelbild. Hinderlich waren der Verbreitung der Schrift die bald nach
-ihrem Erscheinen in Deutschland auftretenden Kriegsunruhen, die auch
-auf die Schnepfenthaler Anstalt nachteilig wirkten. Ein Nachdruck des
-»Ameisenbüchleins« erschien 1807 in der J.J. Mäckenschen Buchhandlung in
-Reutlingen. Wieder abgedruckt ward es in der 1845 von der Hoffmannschen
-Verlagsbuchhandlung in Stuttgart verlegten und zum hundertjährigen
-Geburtstage Salzmanns von dessen Familie veranstalteten Ausgabe seiner
-Volks- und Jugendschriften. Benutzt sind von mir auch, soweit es meinen
-Zwecken entsprach, die Ausgabe der Salzmannschen Schriften von Karl
-Richter, sowie diejenige von Richard Bosse und Johs. Meyer.
-
- ~Hannover~, am Todestage Salzmanns, den 31. Oktober 1887.
-
- #Ernst Schreck.#
-
-
-
-
-Ameisenbüchlein.
-
-
-
-
-An Hermann!
-
-
-So nenne ich dich, lieber junger Mann, der du in deiner Brust ein Streben
-fühlst, durch Thätigkeit für Menschenwohl dich in der Welt auszuzeichnen.
-
-Gieb mir die Hand! Wenn du nicht vorzügliche Talente und entschiedene
-Neigung zu einem andern Geschäfte in dir fühlst -- so widme dich der
-Erziehung!
-
-Diese schafft dir Gelegenheit, für Menschenwohl recht thätig zu sein. Wer
-Moräste austrocknet, Heerstraßen anlegt, Tausenden Gelegenheit verschafft,
-sich ihre Bedürfnisse zu verschaffen, Gärten pflanzt, Krankenhäuser
-stiftet, wirkt auch für Menschenwohl, aber nicht so unmittelbar und
-durchgreifend als der Erzieher. Jener verbessert den Zustand der Menschen,
-dieser veredelt den Menschen selbst. Und ist der Mensch erst veredelt, so
-geht aus ihm die Verbesserung von selbst hervor, und der Zögling, dessen
-Veredelung dir gelungen ist, hat Anlage, auf dem Platze, wohin ihn die
-Vorsehung stellt, den Zustand von tausenden seiner Brüder angenehmer und
-behaglicher zu machen.
-
-In keiner Klasse von Menschen findest du so viel Empfänglichkeit für alles
-Gute, als bei Kindern. Ihr Herz ist die wahre Jungfernerde, in welcher
-jedes Samenkorn schnell Wurzel schlägt und emporwächst; es ist ein Wachs,
-das sich willig in jede Form schmiegt, in die du es drückst. Das Herz der
-Erwachsenen gleicht einem Lande, das schon mit Gewächsen besetzt ist, die
-darin tiefe Wurzeln schlugen, und die erst mit vieler, oft vergeblicher
-Mühe ausgerottet werden müssen, wenn der Same, den du in dasselbe werfen
-willst, gedeihen soll; einem Marmor, der mit großer Behutsamkeit
-bearbeitet sein will, und in dem man, nach langer mühseliger Arbeit, oft
-auf eine Ader stößt, die alle fernere Arbeit zwecklos macht. Wenn du die
-Erziehungskunst wirklich gründlich erlernst und mit Gewissenhaftigkeit
-ausübest, so verschaffst du dir gewiß die Seligkeit, einst Männer, durch
-dich gebildete Männer, zu sehen, die mit Kraft und Nachdruck für alles
-Gute thätig sind.
-
-Wende mir nicht ein, das Erziehungsgeschäft wäre so mühsam. Wo ist denn
-ein gemeinnütziges Geschäft, das nicht mühsam wäre? Und wenn es ein
-solches, wie z. B. das Zerlegen einer Pastete, gäbe, wolltest du dich
-wohl demselben widmen? Aber glaube mir, das Erziehungsgeschäft ist nicht
-so mühsam, als du denkst. Erzieher, die die Erziehung nicht verstanden,
-haben es in einen übeln Ruf gebracht. Merke nur auf die Winke, die dir
-in diesem Buche gegeben werden, ~und befolge sie~, so wirst du bei der
-Erziehung zwar Mühe, aber fast immer solche finden, die durch einen
-baldigen glücklichen Erfolg belohnt wird, und deswegen kaum den Namen der
-Mühe verdient. Und diese kleine Mühe -- durch wie mannigfaltige Freude
-wird sie versüßt werden! Sieh', was für ein harmloses, fröhliches Völklein
-die Leutchen sind, in deren Kreise der Erzieher wirkt! Wird, wenn du ein
-wirklicher Erzieher wirst und dich zu ihnen herabstimmen lernst, ihre
-beständige Fröhlichkeit nicht einen wohlthätigen Einfluß auf dich haben?
-
-Die Erfahrung lehrt, daß Männer, die in der jugendlichen Atmosphäre leben
-und weben, gemeiniglich alt werden, unterdessen daß von denjenigen ihrer
-Jugendfreunde, die in dem Dunstkreise der Erwachsenen arbeiteten, einer
-nach dem andern dahin welkt.
-
-Man hat diese unleugbare Erscheinung oft den jugendlichen Ausdünstungen
-zugeschrieben, die solche Männer einatmen, und damit ihre zähwerdende
-Blutmasse verdünnen. Ob es wahr sei, kann ich nicht entscheiden, da mir
-hierzu die nötigen ärztlichen Kenntnisse fehlen.[1] Sicher trägt aber die
-beständige Munterkeit und Fröhlichkeit der Jugend das ihrige dazu bei,
-wenn man ihr nur nicht durch Eigensinn und üble Laune entgegenarbeitet.
-Will man sich in den Lehnstuhl setzen, um des Marasmus Ankunft ruhig
-abzuwarten, so kommt ein munterer Knabe gehüpft, bittet, einen seiner
-jugendlichen Wünsche zu befriedigen, und reizt uns, den Lehnstuhl zu
-verlassen. Dort beginnen einige frohe Knaben ein munteres Spiel, das auch
-uns zum Frohsinn stimmt. Nun ruft uns die Glocke in das Lehrzimmer, wo
-man, soll anders der Unterricht einen guten Erfolg haben, der üblen Laune
-entsagen und zum Frohsinn sich stimmen muß. So verjüngt der Erzieher, der
-seiner Bestimmung gemäß lebt, sich täglich, und hält das Alter mit seinen
-mannigfaltigen Beschwerden von sich entfernt.
-
-Die Erziehung, denkst du vielleicht, wird aber so schlecht belohnt.
-
-Das glaubst du wirklich? Mir deucht, kein Geschäft ist belohnender als
-dieses. Sind denn Frohsinn, Gesundheit und ein heiteres Alter, die
-gewöhnlich dem ~wahren~ Erzieher zu teil werden, eine Kleinigkeit?
-
-Nächstdem kann er noch auf eine andere Belohnung rechnen, dies ist -- die
-eigene Veredelung. Der Erzieher, der sein Geschäft nicht als Broterwerb
-treibt, den die Veredelung seiner Pflegebefohlenen Hauptzweck ist, muß
-schlechterdings ein guter, edler Mensch werden. Wie? er sollte stets
-die Pflicht mit Wärme empfehlen können, ohne über dieselbe täglich
-nachzudenken und ihren Wert zu fühlen? ohne sich selbst als Muster der
-Pflichterfüllung darzustellen? Er sollte unter jungen Leuten leben können,
-deren scharfes Auge jeden Fehler bemerkt, deren Freimütigkeit jeden Fehler
-bemerkbar macht, ohne dieselben abzulegen? Das so wahre Sprichwort:
-_docendo discimus_ ist auch in moralischer Hinsicht wahr. Wenn wir uns
-ernstlich bestreben, unsere Pflegebefohlenen zu veredeln, werden wir
-selbst veredelt.
-
-Und nun, mein guter Hermann! wenn du bei dem Erziehungsgeschäfte gesund
-und froh wirst, wenn dabei dein innerer Mensch gedeihet und immer mehr
-edlen Sinn bekommt, bist du nicht belohnt genug? Gesetzt, du müßtest deine
-Tage in niedriger Dürftigkeit verleben, bist du nicht belohnt genug?
-Oder, wolltest du wohl dies alles dahin geben, um eine glänzende Rolle zu
-spielen? wolltest lieber an einer reichlich besetzten Tafel krank, als
-bei einer einfachen Mahlzeit mit gutem Appetite sitzen? wolltest lieber
-Jubel um dich und in dir Gram, als in dir Frohsinn und um dich Stille
-haben? wolltest lieber einen Schwarm feiler Seelen befehlen, als dich
-selbst beherrschen? Nun, so triff den Tausch, aber -- mein Hermann bist du
-nicht -- dir ist dies Buch nicht geweihet.
-
-An dich wende ich mich, der du den Wert dieser großen Belohnung fühlen
-kannst. Erlangtest du auch keine als diese, so wirst du jede andere
-entbehren können.
-
-Aber gewiß, wenn du dich bestrebst, kein mittelmäßiger, sondern ein
-ausgezeichneter Erzieher zu werden, wird dir auch andere Belohnung nicht
-fehlen. Die Zeiten sind vorbei, da das Erziehungsgeschäft verächtlich war.
-Die Familien werden immer zahlreicher, denen ein ~guter~ Erzieher das
-höchste Bedürfnis ist, die sich denselben um jeden Preis zu verschaffen
-suchen; die ihn nicht als ersten Bedienten, sondern als ersten Freund des
-Hauses betrachten. Fürstenfamilien sehen sich nach dem Manne um, dessen
-Leitung sie ihre Kinder mit vollem Zutrauen übergeben können. -- Und du
-wolltest nicht Erzieher werden?
-
-
-
-
-Vorbericht.
-
-
-Als ich mich bei Ausfertigung des ~Krebsbüchleins~[2] in das Kerbtierfach
-warf, war meine Meinung, eine Reihe von Schriften auszuarbeiten, die
-ihren Namen von Kerbtieren haben sollten. Allein die Geschäfte, in die
-ich von diesem Zeitpunkte an verwickelt wurde, hielten mich immer davon
-ab, und nun läßt mir das herannahende Alter wenig Hoffnung übrig, meinen
-Vorsatz ausführen zu können. Das Skorpionbüchlein, oder Anweisung zu
-einer unvernünftigen Regierung der Völker, sowie das Spinnenbüchlein,
-oder Anweisung zu unvernünftiger Führung der Ehe, wird also nicht zur
-Wirklichkeit kommen. ~Das Ameisenbüchlein oder die Anweisung zu einer
-vernünftigen Erziehung der Erzieher~ erscheint aber hier.
-
-Wozu der sonderbare Titel? wird man fragen. Erstlich dazu, daß dadurch
-Leser herbeigelockt werden. Der Inhalt dieses Buches scheint mir so
-wichtig, daß ich wünsche, es möchte von allen, die erziehen oder erziehen
-lassen, gelesen und beherzigt werden. Gleichwohl ist zu besorgen, daß
-es unter der Flut von Schriften, mit welchen Deutschland in jeder Messe
-überschwemmt wird, nicht möchte bemerkt werden, wenn es nicht eine
-Auszeichnung bekommt, die in die Augen fällt, und es unter den tausenden,
-von welchen es umgeben ist, bemerkbar macht. Was ist hierzu aber wohl
-schicklicher als der Titel? Ein anderer würde dazu vielleicht einen
-griechischen oder französischen Namen, oder den Namen einer Gottheit oder
-eines Weisen des Altertums gewählt haben; mir aber gefiel der Titel:
-~Ameisenbüchlein~.
-
-Zweitens wählte ich gerade diesen Titel, weil das Krebsbüchlein so gut
-ist aufgenommen worden, daß es noch nach 24 Jahren gelesen und hier und
-da empfohlen wird, und ich daher hoffen durfte, daß die Ähnlichkeit des
-Namens diesem Buche einen ähnlichen Beifall im Publikum verschaffen würde.
-
-Endlich liegt auch wirklich ein Grund zu der Wahl dieses Titels im
-Ameisenhaufen selbst. Die Eltern der Ameisen, nachdem sie ihr Geschlecht
-fortgepflanzt haben, schwingen sich in die Luft, und sind, nach
-menschlicher Art und Weise, um ihre Brut unbekümmert, deren Pflege und
-Erziehung sie jenen Ameisen überlassen, die durch die Natur zu einem
-niederen Wirkungskreise bestimmt sind. Diese nun besorgen ihr Geschäft
-auch recht gut; sie bringen die junge Brut täglich an die Sonne, laufen
-herbei und suchen sie zu retten bei jeder Gefahr, von welcher sie bedroht
-wird[3] -- und der Erfolg bürgt für die Güte der Erziehung, da jeder
-Ameisenhaufen der Wohnsitz der Gesundheit, Reinlichkeit, Thätigkeit
-und Folgsamkeit ist, die in vielen menschlichen Gesellschaften vermißt
-werden, zu welchen man aber die jungen Ameisen gleich nach ihrem Entstehen
-gewöhnt. So wie also Salomo den Faulen zum Ameisenhaufen verweist, könnte
-man auch in anderer Rücksicht den Erzieher auf denselben aufmerksam machen.
-
-So viel vom Titel! Was den Inhalt betrifft, so scheint er mir von großer
-Wichtigkeit zu sein. Wir haben einen Überfluß von Büchern, die Anweisung
-zur Erziehung der Kinder enthalten, aber an Anweisungen zur Erziehung
-der Erzieher scheint mir noch Mangel zu sein. Was helfen aber jene, wenn
-diese nicht da sind? Wozu nützen alle Theorien, wenn die Leute fehlen, die
-sie ausführen können? ~Die Revision des Schul- und Erziehungswesens~[4]
-stellt gute Theorien auf, wo sind sie aber ausgeführt worden? Statt darauf
-zu denken, das Wahre und Gute, was wir von der Erziehung bereits wissen,
-in Ausführung zu bringen, fährt man fort, neue Theorien aufzustellen,
-denen, so gut wie jenen, die Ausführung fehlen wird. Wir gleichen
-theoretischen Baumeistern, die die Ideale zu den vollkommensten Gebäuden
-mit der Reißfeder entwerfen können, die aber immer nur Risse bleiben,
-mit denen man etwa die Wände bekleiden kann, da ihren Verfertigern die
-Geschicklichkeit fehlt, das Entworfene zur Wirklichkeit zu bringen.
-
-Ach, gebt uns gute Erzieher! gebt uns Leute, die die Neigung,
-Geschicklichkeit und Fertigkeit haben, Kinder vernünftig zu behandeln,
-sich die Liebe und das Zutrauen derselben zu erwerben, die Kräfte zu
-wecken, ihre Neigungen zu lenken, und durch ihre Lehre und ihr ~Beispiel~
-die jungen Menschen zu dem zu machen, was sie, ihren Anlagen und ihrer
-Bestimmung nach, sein können und sein sollen, und die Erziehung wird
-gelingen, ohne daß wir neue Theorien nötig haben. So geht aus der
-Dorfschule manches verständigen, rechtschaffenen und treuen Schulmeisters,
-der nie etwas von reiner Pflicht hörte[5], noch neue Theorien über den
-Unterricht im Lesen studierte, nach und nach eine Gemeinde hervor, die
-durch ihre Rechtschaffenheit, helle Einsichten, Ordnung, Thätigkeit und
-Lesefertigkeit sich im ganzen Umkreise zu ihrem Vorteile auszeichnet, und
-alle hinter sich zurückläßt, die nach den neuesten Theorien von Männern
-erzogen wurden, die nicht zu erziehen verstanden.
-
-Was ist z. E. vernünftiger, als die Forderungen der Erzieher, die Kinder
-mehr durch Vorstellungen, als durch Belohnungen und Strafen zu lenken?
-Allein zu dem Lenken der Kinder durch Vorstellungen gehört eine ganz
-eigene Geschicklichkeit. Derjenige, dem sie fehlt, kann den Kindern sehr
-viel Vernünftiges und Gutes sagen, das sich recht gut lesen läßt, und
-wird damit doch nichts ausrichten, unterdessen daß ein anderer, der die
-Erziehung versteht, mit weit weniger Worten zu seinem Zwecke kommt.
-
-Es ist unter den Erziehern allgemein angenommen worden, daß zur Erziehung
-auch eine gewisse Abhärtung des Körpers gehöre; wenn der Erzieher aber
-selbst weichlich ist, wie will er andere abhärten? u. s. w.
-
-Was die Art meines Vortrags betrifft, so wird man manches daran
-auszusetzen finden, das aber doch wegen meiner Eigenheit verdient
-entschuldigt zu werden. Bisweilen werde ich etwas stark und entscheidend
-sprechen, und fordern, daß dies und jenes so und nicht anders sein müsse.
-Dies ist eine Folge von der Lebhaftigkeit meiner Überzeugung. Ich bin
-kein Jüngling mehr, der sich mit Idealen beschäftigt, von denen er noch
-zweifelhaft ist, ob sie außer seinem Gehirne gedeihen werden; ich habe
-einige und zwanzig Jahre selbst erzogen, die Eigenheiten der Kinder
-in mancherlei Verhältnissen kennen gelernt, manchen Versuch mit ihnen
-gemacht, der mir mißlang, und andere, von denen ich die gesegnetsten
-Wirkungen verspürte. Was ich also weiß, das weiß ich aus vieljähriger
-Erfahrung; ist es mir daher zu verdenken, wenn ich davon mit eben der
-Zuversicht spreche, mit welcher ein alter Arzt die Heilart einer gewissen
-Krankheit, deren Güte ihm eine vieljährige Erfahrung bestätigte, zu
-empfehlen pflegt?
-
-Auch werde ich wenig oder gar nicht dessen Erwähnung thun, was andere
-Erzieher geleistet haben. Dies rührt keineswegs von der Geringschätzung
-anderer her, sondern ist bloß eine Folge meiner Eigenheit. Ich habe wenig
-gelesen, desto mehr gedacht, beobachtet und gehandelt. Will man dies als
-Unvollkommenheit ansehen, so mag man es; so viel ist aber doch gewiß, daß
-es einem Manne, der die Arbeiten anderer nicht hinlänglich kennt, nicht
-geziemt, darüber zu urteilen.
-
-Besonders auffallend wird man es finden, daß ich der Pestalozzischen
-Lehrart, die die Augen von Europa auf sich gezogen hat, nicht oft
-Erwähnung thue.
-
-Es geschieht dies aus eben diesem Grunde. So viel ich in einem flüchtigen
-Blicke von der Lehrart dieses verdienten Mannes gefaßt habe, scheint es
-mir, als wenn wir in der Hauptsache mit einander übereinstimmten, und nur
-im Ausdrucke voneinander verschieden wären. Manches aber, das mir bei ihm
-neu war, habe ich angenommen und benutze es mit Dank.
-
-Dahin gehören seine Linearzeichnungen, die Übungen des Gedächtnisses, die
-Rechnungsmethode und das laute Aussprechen von mehreren Schülern zugleich.
-
-Möge dies kleine Buch den Zweck, zu welchem es aufgesetzt wurde, ~ganz~
-erreichen! Mögen viele deutsche Jünglinge dadurch für das wichtige,
-wohlthätige Geschäft der Erziehung gewonnen, mögen sie dadurch auf den
-einzig wahren Weg, den die Natur uns vorzeichnet, geleitet, möge dadurch
-das Vorurteil zerstört werden, als wenn die Erziehung eine lästige Arbeit
-und das Gelingen derselben äußerst zweifelhaft sei, damit unsere Nation
-den Ruhm, den sie sich durch ihre Erziehungskunst im Auslande erwarb, noch
-ferner behaupte und begründe.
-
- ~Schnepfenthal~, im Oktober 1805.
-
- #C.G. Salzmann.#
-
-
-
-
-Symbolum.
-
-
-Denen, die sich entschließen, das Christentum anzunehmen, wird gewöhnlich
-bei Einweihung zu demselben eine Formel vorgelegt, zu deren Annahme sie
-sich bekennen müssen, die man Symbolum nennt. Damit ist nun freilich
-großer Mißbrauch getrieben worden, und manches Symbolum scheint mehr
-in der Absicht gegeben zu sein, um Haß gegen Andersdenkende, als
-Anhänglichkeit an die Partei, mit welcher man sich vereinigen will,
-einzuflößen. An sich ist diese Gewohnheit aber doch gut und nötig.
-Jede Gesellschaft muß doch einen gewissen Zweck haben, zu welchem sie
-sich vereinigt, und gewisse Grundsätze, durch deren Befolgung sie den
-vorgesetzten Zweck erreichen will; diese können in eine kurze Formel
-verfaßt, und die Annahme derselben von denen verlangt werden, die mit der
-Gesellschaft sich verbinden wollen.
-
-Ich lade jetzt deutsche Jünglinge ein, sich dem wichtigen Geschäft der
-Erziehung zu weihen. Man wird es also nicht sonderbar finden, wenn ich
-ihnen auch eine Formel zur Annehmung als Symbolum vorlege. Ein jeder, der
-Neigung hat, in die Gesellschaft der Erzieher zu treten, beherzige sie und
-prüfe sich selbst, ob er wohl von ganzem Herzen sie glauben und annehmen
-könne. Wer dies nicht kann, wer darin Widerspruch findet, der lasse mein
-Buch lieber ungelesen, weil er unfähig ist, das Erziehungsgeschäft mit
-Vergnügen, mit Eifer und Wirksamkeit zu betreiben.
-
-Mein Symbolum ist kurz und lautet folgendermaßen: ~Von allen Fehlern und
-Untugenden seiner Zöglinge muß der Erzieher den Grund in sich selbst
-suchen.~[6]
-
-Dies ist eine harte Rede, werden viele denken; sie ist aber wirklich nicht
-so hart, als sie es bei dem ersten Anblicke scheint. Man verstehe sie nur
-recht, so wird die scheinbare Härte sich bald verlieren.
-
-Meine Meinung ist gar nicht, als wenn der Grund von allen Fehlern und
-Untugenden seiner Zöglinge in dem Erzieher wirklich läge; sondern ich will
-nur, daß er ihn in sich suchen soll.
-
-Sobald er Kraft und Unparteilichkeit genug fühlt, dieses zu thun, ist er
-auf dem Wege, ein guter Erzieher zu werden.
-
-Es liegt freilich in der Natur des Menschen, den Grund von allen
-Unannehmlichkeiten, ja von seinen eigenen Fehltritten außer sich zu
-suchen; man findet Spuren davon schon in der Geschichte des ersten
-Sündenfalls; es ist also kein Wunder, wenn auch der Erzieher geneigt ist,
-die Schuld von der Unfolgsamkeit, Ungeschicklichkeit und dem Mangel an
-Fortschritten seiner Zöglinge lieber diesen, als sich selbst beizumessen;
-allein diese Neigung gehört zu denen, die durch die Vernunft nicht nur
-geleitet, sondern, wie Neid und Schadenfreude unterdrückt werden müssen.
-
-Ich setze es als bekannt voraus, daß der Grund von den Fehlern der
-Zöglinge wirklich ~oft~ in den Erziehern liege. Wäre dies nicht, müßte man
-die Ursache derselben schlechterdings allemal den Kindern oder der Lage
-zuschreiben, in welcher sich die Erzieher befinden, so wäre es freilich
-eine ungerechte und thörichte Forderung, dem Erzieher zuzumuten, sie in
-sich selbst zu suchen. Welcher vernünftige Erzieher wird dies aber wohl
-glauben?
-
-Bist du nun überzeugt, daß der Grund von den Fehlern der Zöglinge wirklich
-~oft~ in den Erziehern liege, so wünsche ich, dir es glaublich zu machen,
-daß dies auch bei dir oft der Fall sei, der du es liesest.
-
-Hast du nicht vielleicht bemerkt, daß die Zöglinge, die gegen dich
-unfolgsam sind, anderen willig gehorchen? oder daß die nämlichen Zöglinge,
-die bei deinem Vortrage flatterhaft sind und nichts lernen, wenn sie
-in die Lehrstunden anderer kommen, Aufmerksamkeit zeigen und gute
-Fortschritte machen?
-
-Solltest du diese Bemerkung wirklich gemacht haben, so täusche dich nicht,
-sei aufrichtig gegen dich selbst, und gestehe dir ein, daß du selbst an
-dem schuld sein kannst, was du an deinen Zöglingen tadelst. Sage nicht,
-ich bin mir doch bewußt, daß ich meine Pflichten redlich erfülle. Dies
-kann wohl sein, aber vielleicht verstehst du noch nicht recht, die Kinder
-zu behandeln.
-
-Vielleicht hast du in deinem Betragen etwas Zurückstoßendes, das die
-Kinder mißtrauisch und abgeneigt macht. Vielleicht fehlt dir die Lehrgabe.
-Du bist zu schläfrig, oder dein Vortrag ist zu trocken und zu abstrakt.
-Hast du ferner nicht wahrgenommen, daß die nämlichen Zöglinge, die zu
-gewissen Zeiten auf deinen Vortrag merken und deine Winke befolgen, zu
-anderen Zeiten flatterhaft und unfolgsam sind? Kann dich dies nicht auch
-belehren, daß der Grund von ihren Fehlern in dir zu suchen sei?
-
-Ich begreife nicht, antwortest du, wie dies daraus folge. Bin ich nicht
-der nämliche, der ich gestern war? Wenn meine Zöglinge nun nicht die
-nämlichen mehr sind, muß der Grund von diesen Veränderungen nicht in ihnen
-liegen?
-
-Es kann sein. Ehe du dies aber annimmst, so untersuche nur erst, ob du
-wirklich noch der nämliche seiest, der du gestern warest. Gar oft wirst
-du finden, daß du ein ganz anderer Mann geworden bist. Vielleicht leidest
-du an Unverdaulichkeit, oder hast dir durch Erkältung den Schnupfen
-zugezogen, oder ein unangenehmer Vorfall hat deine Seele verstimmt, oder
-du hast etwas gelesen, was dich noch beschäftigt und hindert, deine
-ganze Aufmerksamkeit auf dein Geschäft zu wenden u. s. w. Ein einziger
-von diesen Zufällen kann dich zu einem ganz andern Manne gemacht haben.
-Gestern tratest du mit heiterer Seele und feurigem Blicke unter deine
-Kleinen; dein Vortrag war lebhaft, mit Scherz gewürzt, deine Erinnerungen
-waren sanft und liebevoll, die Lebhaftigkeit deiner Zöglinge machte
-dir Freude. Und heute? Ach, du bist der Mann nicht mehr, der du gestern
-warst. Deine Seele ist trübe, dein Blick finster und zurückstoßend, deine
-Erinnerungen sind herbe, jeder jugendliche Mutwille reizt dich zum Zorne.
-Hast du dies nicht zuweilen an dir wahrgenommen? Nun so sei aufrichtig und
-gestehe dir, daß der Grund, warum deine Zöglinge heute nicht so gut sind,
-als sie gestern waren, in dir liege.
-
-Ich erwarte noch vielerlei Einwendungen gegen mein Symbolum, davon ich
-einige anführen und beantworten will. Derjenige, dem diese Beantwortungen
-genügen, wird sich leicht die übrigen Einwendungen selbst widerlegen
-können; wer sich aber dabei nicht beruhigen kann, bei dem werde ich auch
-nichts ausrichten, wenn ich alle möglichen Einwendungen anführen und
-widerlegen wollte. Er ist ein durch die Eigenliebe geblendeter Mensch, der
-schlechterdings nicht Unrecht haben will, der eher alle seine Zöglinge für
-Dummköpfe und Bösewichte erklärt, als daß er an seine Brust schlüge und
-sich eingestünde, daß er gefehlt habe; er ist -- zur Erziehung unfähig.
-
-Lasset uns also die Einwendungen hören!
-
-Mein Zögling hat alle die Fehler, über die ich Klage führe, gehabt, ehe
-ich ihn bekam, wie kann ich denn die Schuld davon mir beimessen?
-
-Zugestanden, daß dein Zögling diese Fehler hatte, ehe du ihn bekamest.
-Warum hat er sie noch? Ist nicht die Abgewöhnung von Fehlern ein
-Hauptstück der Erziehung? Wenn diese nun nicht erfolgt, ist es denn nicht
-wenigstens möglich, daß der Grund davon in dir liege?
-
-Du bekamst z. E. deinen Zögling als ein schwächliches Kind, mit dem
-wenig anzufangen war, warum ist er denn noch nicht stärker? Hast du
-nicht von schwächlichen Kindern gehört, die durch eine vernünftige
-Behandlung gestärkt wurden? Kennst du die Mittel, schwächliche Kinder zu
-stärken? Hast du davon Gebrauch gemacht? Dein Zögling ist zuvor verzogen
-worden -- er ist eigensinnig, widerspenstig, lügenhaft; warum ist er
-dies aber noch, nachdem er so lange unter deiner Leitung war? Hast du
-ihn auch die Folgen seines Eigensinns fühlen lassen, um ihn dadurch zum
-Nachdenken zu bringen? Hast du es ihm gehörig fühlbar gemacht, daß du ein
-Mann, er ein Kind ist, daß du ihm an Kraft, Erfahrungen und Einsichten
-überlegen bist, und ihn so zur Überzeugung zu bringen gesucht, daß er von
-dir abhänge und deine Vorschriften befolgen müsse? Hast du dir auch immer
-die gehörige Mühe gegeben, zu untersuchen, ob das, was er dir sagte, wahr
-sei, und ihn durch Aufdeckung seiner Lügen zu beschämen? Du erzählst, wie
-du deine Zöglinge behandelst, welche Ermahnungen du ihnen giebst, durch
-welche Vorstellungen du sie zu leiten suchst, und klagst, daß du mit alle
-dem doch nichts ausrichtetest.
-
-Dies kann wohl sein; es kann auch sein, daß ich an der Vorstellung deiner
-Behandlungsart gar nichts auszusetzen finde; sollte ich dich aber handeln
-sehen, so würde ich vielleicht doch bemerken, daß die Ursache von dem
-schlechten Erfolge deiner Bemühungen in dir liege.
-
-Es ist nicht genug, daß man etwas Gutes sagt und vernünftig handelt,
-sondern es kommt auch noch darauf an, ~wie~ man spricht, und ~wie~ man
-handelt. ~Wer Ohren hat zu hören, der höre!~
-
-Der Ton, in dem man mit jungen Leuten spricht, ist von großer Wichtigkeit.
-Sie sind geneigt, mehr durch das Gefühl, als durch die Vernunft sich
-leiten zu lassen. Wer also den rechten Ton treffen kann, der der
-jugendlichen Natur am angemessensten ist, und auf sie den meisten Eindruck
-macht, der richtet bei ihr mit wenigen Worten weit mehr aus, als ein
-anderer, der sich nicht in den rechten Ton stimmen kann, mit einer langen
-Rede.
-
-So ist der Ton, in welchem manche Erzieher mit ihren Zöglingen, zumal wenn
-diese von vornehmer Herkunft sind, sprechen, zu schüchtern, zu blöde,
-es fehlt ihnen das Durchgreifende. So wie nun das Roß an dem Beben der
-Schenkel seines Reiters bald die Furchtsamkeit desselben merkt und ihm
-den Gehorsam versagt, so fühlen junge Leute an dem schüchternen Tone, in
-welchem der Erzieher mit ihnen spricht, bald, daß er ihnen nicht gewachsen
-sei, und achten nicht viel auf ihn.
-
-Bei anderen Erziehern ist der Ton, in welchem sie reden, zu trocken, zu
-einförmig. Wenn man sie höret, so sollte man glauben, sie läsen ihre
-Ermahnungen aus einem Buche ab.
-
-Solche Ermahnungen fruchten auch nichts. Man kann von Kindern nicht
-erwarten, daß sie auf einen zusammenhängenden Vortrag viel merken, den
-Sinn desselben fassen und darüber nachdenken sollen. Der Ton, die Mienen,
-der ganze Anstand des Redners muß ihnen den Inhalt der Rede begreiflich
-machen, sonst wirkt sie wenig.
-
-Ich gehe hin und weine -- sagt ein gewisser Prediger ~lächelnd~ am
-Schlusse der Trauerrede, die er am Grabe seines Amtsbruders hielt.
-Und -- niemand ließ eine Thräne fallen. Lag die Schuld davon vielleicht an
-der Hartherzigkeit der Zuhörer? Nicht doch -- sie lag an der lächelnden
-Miene, mit welcher der Redner sagte: ~Ich gehe hin und weine~. Hätte er
-mit einer weinerlichen Miene geschlossen und dazu das Schnupftuch vor die
-Augen gehalten, so würde er mehr ausgerichtet haben, wenn er auch gar
-nichts dazu gesagt hätte.
-
-Endlich ist der Ton mancher Erzieher zu gebieterisch. Mit stolzen Blicken
-sehen sie auf ihre Pflegesöhne herab, wie ein adelstolzer Offizier auf
-seine Compagnie, und jede Ermahnung, jede Erinnerung hat die Form eines
-despotischen Befehls. Was wird die Wirkung davon sein? Abneigung und
-Widerspenstigkeit. Der zur Freiheit bestimmte Mensch fühlt eine natürliche
-Abneigung gegen jede harte, willkürliche Behandlung, und man kann es ihm
-nicht zur Last legen, wenn er sie gegen seinen despotischen Erzieher
-äußert.
-
-Nun sollte ich noch von dem Korporalstone sprechen, den manche Erzieher
-sich angewöhnt haben, die ihren Ermahnungen und Vorschriften durch
-Rippenstöße und Stockschläge Nachdruck zu geben suchen. Da aber dagegen
-schon so viel gesagt worden, und die Unschicklichkeit desselben allgemein
-anerkannt ist, so halte ich es für überflüssig, davon weiter Erwähnung zu
-thun. Unterdessen rate ich jedem jungen Manne, der die Jugend nicht anders
-als mit Rippenstößen und Schlägen zu lenken weiß, daß er der Erziehung
-gänzlich entsage, weil er dabei doch nicht froh werden und nichts Gutes
-wirken wird. Er bemühe sich, eine Korporalstelle oder die Stelle eines
-Zuchtmeisters zu erhalten, da wird er auf seinem Platze sein.
-
-Das bisher Gesagte wird hinreichend beweisen, daß viele Erzieher sich
-deswegen die Ursache von den Fehlern ihrer Zöglinge beizumessen haben,
-weil ihnen die Geschicklichkeit fehlt, ihnen dieselben abzugewöhnen.
-
-Oft lehren sie aber auch wirklich dieselben.
-
-Nun werden die meisten Leser denken, dies ist bei mir der Fall nicht,
-ich lehre meinen Zöglingen ihre Pflichten und suche sie durch meine
-Ermahnungen zu guten und thätigen Menschen zu bilden. Ich glaube es gern.
-Ich nehme es als bekannt an, daß unter meinen Lesern keiner sei, der seine
-Zöglinge zur Trägheit, Lügenhaftigkeit, Unverträglichkeit und anderen
-Untugenden ermahne. Daraus folgt aber noch nicht, daß sie diese Untugenden
-nicht lehrten. Kann man die Untugend nicht durch sein Exempel lehren?
-Wirkt dies nicht stärker auf die Jugend als Ermahnung? Du empfiehlst
-z. E. den Fleiß, und bist doch selbst träge, gehst mit Verdrossenheit
-an deine Geschäfte, klagst über deine vielen Arbeiten, äußerst oft den
-Wunsch, von deinen Geschäften befreit zu werden; du ermahnst sie zur
-Wahrheitsliebe und lügst doch selbst; sagst, daß du einen Freund besuchen
-wollest, und schleichst dich in das Wirtshaus zum Spieltische, setzest
-deine Lehrstunden unter dem Vorgeben aus, daß du krank wärest und bist
-doch nicht krank; forderst von deinen Zöglingen Verträglichkeit, und
-zankst doch immer mit den Personen, die mit dir in Verbindung stehen. Du
-kommst mir vor wie ein Sprachlehrer, der die Theorie der Sprache recht gut
-vorzutragen weiß, aber sie selbst fehlerhaft spricht und schreibt. Wenn
-seine Schüler ein Gleiches thun, kann man denn nicht von ihm sagen, daß
-er sie die Fehler gegen die Sprachregeln gelehrt habe?
-
-Kann man ferner nicht auch Fehler und Untugenden durch die Behandlungsart
-lehren?
-
-Ich glaube es allerdings. Wenn du z. E. jeden Mutwillen, jede
-Unbesonnenheit, jedes Versehen deines Zöglings strenge ahndest, was hast
-du ihn gelehrt? Die Lügenhaftigkeit. Seiner jugendlichen Natur ist es nun
-einmal notwendig, bisweilen mutwillig zu sein, unbesonnen zu handeln, dies
-und jenes zu versehen; weiß er nun, daß du dies alles strenge ahndest,
-was wird er thun? Er wird seine Fehltritte vor dir zu verbergen suchen,
-ableugnen, ein Lügner werden. Mißbrauchst du das Zutrauen, das dir dein
-Zögling beweist, plauderst du die Geständnisse aus, die er dir als seinem
-Freunde thut, hältst sie ihm wohl gar öffentlich vor und beschämst ihn
-deswegen -- was lehrst du ihn? Verschlossenheit. Kannst du im Ernste
-verlangen, daß dieser junge Mensch dir seine Geheimnisse anvertrauen soll,
-da du sie nicht zu bewahren weißt? daß er Offenherzigkeit gegen dich
-zeigen soll, wenn du sie ihm zum Verbrechen machst? Nur der Einfältige,
-der Schwachkopf wird dies thun; der Knabe, der sich fühlt und die
-Unregelmäßigkeit deines Benehmens beurteilen kann, wird dir sein Zutrauen
-entziehen und es Personen schenken, bei denen seine Geheimnisse besser
-aufgehoben sind.
-
-Wenn du den Thätigkeitsbetrieb deiner Zöglinge nicht zu befriedigen
-suchst; wenn du, um sie zu beschäftigen, ihnen nichts in die Hände
-giebst als Bücher und Federn, was lehrst du sie? Eine ganze Reihe von
-Untugenden, deren ausführliches Verzeichnis ich hier niederzuschreiben
-nicht geneigt bin. Der Thätigkeitsbetrieb ist nun einmal da und ist ein
-wohlthätiges Geschenk des Schöpfers, ist die Stahlfeder, die er in die
-junge Maschine gesetzt hat. Bücher und Federn vermögen ihn nicht zu
-befriedigen; denn zum Gebrauche derselben gehört Nachdenken, welches ein
-Geschäft der Vernunft ist, die bei den Knaben noch in der Entwickelung
-steht; und wenn auch gleich Bücher und Federn in vielen Fällen ohne
-Nachdenken können gebraucht werden, so ist doch der beständige Gebrauch
-derselben zu einförmig, als daß er Knaben[A], die Abwechselung lieben,
-angemessen sein sollte. Folglich haben Knaben, die man an die Bücher und
-den Schreibtisch fesselt, Langeweile. Gelingt es nun bei einigen, daß sie
-sich daran gewöhnen, so ist der Thätigkeitstrieb erstickt, sie werden
-faul und träge; gelingt dies, welches bei den meisten der Fall zu sein
-pflegt, nicht, so bricht der gehemmte Thätigkeitstrieb durch und verfällt
-auf Ausschweifungen, wovon die heimlichen Sünden gemeiniglich die ersten
-zu sein pflegen.[7] Wer hat sie diese gelehrt? ~Der Erzieher.~ Wer von
-den mannigfaltigen Methoden, die Kinderuntugenden zu lehren, ein Mehreres
-wissen will, dem empfehle ich das ~Krebsbüchlein, oder die Anweisung zu
-einer unvernünftigen Erziehung der Kinder~.
-
-Der Erzieher macht sich drittens auch der Fehler und Untugenden seiner
-Zöglinge dadurch schuldig, daß er ihnen dieselben andichtet.
-
-Wenn man die Schilderung hört, die manche Erzieher von ihren Zöglingen
-machen, so möchte man sich entsetzen und alle Lust verlieren, sich dem so
-wohlthätigen Geschäfte der Erziehung zu widmen. Da ist nicht der geringste
-Trieb, etwas Nützliches zu thun, unausstehliche Trägheit, Unbesonnenheit,
-Unverträglichkeit, Tücke, Bosheit, es ist eine Schar roher, ungeschlachter
-Buben, bei denen nichts ausgerichtet werden kann.
-
-Der gebildete Erzieher lächelt dabei, weil er wahrnimmt, daß diese
-Untugenden größtenteils in dem Gehirne des Erziehers sitzen, der das für
-Untugenden erklärt, was doch notwendige Eigenschaften der Kindheit sind.
-
-Was würde man von einem Vater halten, der sein dreiwöchiges Kind
-unreinlich schelten wollte, weil es die Windeln verunreinigt; oder von
-einem Gärtner, der darüber im Frühlinge Klage führte, daß er auf allen
-seinen Kirschbäumen nicht eine einzige Frucht, lauter Blüten fände? Würden
-wir sie nicht mitleidig belächeln?
-
-Viele Erzieher handeln aber nicht vernünftiger. Sie machen es ihren
-Zöglingen zum Verbrechen, wenn sie so handeln, wie die kindische[8] Natur
-zu handeln pflegt und handeln muß, und fordern von ihnen ein Betragen, das
-nur die Wirkung der gebildeten Vernunft, die bei ihnen noch klein ist,
-sein kann; sie suchen Früchte zur Zeit der Baumblüte.
-
-Wir wollen darüber ein Gespräch zwischen Herrn Corydon und seinem Freunde
-Mentor hören. Nichts Gesetztes, sagt er, ist bei meinen Zöglingen. Kann
-ich sie dahin bringen, daß sie bedächtig gingen? Da ist nichts als hüpfen,
-springen und laufen.
-
-M. So? Das ist ja recht schön. Ich würde sehr unmutig werden, wenn meine
-Zöglinge wie die Drahtpuppen gingen. Der Knabe ~muß~ hüpfen, springen und
-laufen, wenn er seine Kräfte fühlt.
-
-C. Keine Spur von Nachdenken.
-
-M. Und darüber wundern Sie sich? Was denkt denn im Menschen nach? Ist's
-nicht wahr, die Vernunft? Wo soll denn also bei den Knaben, deren Vernunft
-sich noch nicht entwickelt hat, das Nachdenken herkommen?
-
-C. Nichts als Kindereien treiben sie.
-
-M. Das kommt daher, weil sie Kinder sind.
-
-C. Wenn das Zeichen zur Lehrstunde gegeben wird, da geht es so langsam,
-so verdrossen, daß man die Geduld verlieren möchte; geht es aber zum
-Spielplatze, da sollte man die Freudigkeit sehen, mit welcher sie dahin
-eilen, gleichsam, als wenn der Mensch zum Spielen bestimmt wäre.
-
-M. Der Mensch ist freilich zum Spielen nicht bestimmt, wohl aber der
-werdende Mensch, der Knabe. Nach und nach muß man ihm Geschmack an der
-Arbeit beibringen, darf es ihm aber nicht zur Last legen, wenn er daran
-nicht sogleich Geschmack finden kann.
-
-C. Und in den Lehrstunden sind sie nicht einen Augenblick ruhig.
-
-M. Das kommt daher, weil sie sich in einer Lage befinden, die ihnen nicht
-natürlich ist. Das gesunde Kind ist nur so lange ruhig, als es schläft,
-außerdem ist es in beständiger Bewegung. Sie haben dabei weiter nichts zu
-thun, als darüber nachzudenken, wie Sie ihr unruhiges Wesen zur Erreichung
-guter Zwecke benutzen wollen. Geben Sie den kleinen Händen etwas zu thun,
-und den plauderhaften Mäulern recht viel Gelegenheit zu sprechen, so
-werden Sie die unruhigen Geister nicht mehr lästig finden.
-
-C. Wie viele Kränkungen verursachen sie mir durch ihre Tücke und Bosheit!
-
-M. Tücke und Bosheit? Diese habe ich noch nicht oft an Knaben bemerkt.
-Geben Sie mir doch davon ein Beispiel.
-
-C. Ein Beispiel? Ich könnte davon ein Buch schreiben. Stellen Sie sich um
-des Himmels willen vor -- gestern führte ich meine Knaben aus, die Glieder
-zittern mir noch, wenn ich daran denke.
-
-M. Nun? Was gab es denn?
-
-C. Da warfen sie sich mit Schneeballen.
-
-M. Und das nennen Sie Tücke und Bosheit?
-
-C. Nicht doch! Aber ehe ich mich versah, warf mir einer einen Schneeballen
-auf den Rücken; mir, seinem Aufseher!
-
-M. Um Sie zu kränken?
-
-C. Warum denn sonst?
-
-M. Ja! Das ist eben der Punkt, worin ihr Herren so oft fehlt. Bei jeder
-Äußerung des Mutwillens und der Unbesonnenheit wittert ihr Tücke und
-Bosheit und versündigt euch dadurch an der Jugend. Tücke und Bosheit sind
-der Jugend nicht natürlich. Wenn sie sich zeigen, so sind sie ihr gewiß
-durch die verkehrte Art, mit welcher sie von den Erwachsenen behandelt
-wurde, eingeimpft.
-
-C. Was sollte aber der Bube, der mich warf, für eine andere Absicht gehabt
-haben, als mich zu kränken?
-
-M. Sie zu reizen, an der Schneeballerei teilzunehmen. Was thaten Sie denn,
-da Sie den Schneeball bekommen hatten?
-
-C. Ich drehte mich um und fragte: Wer ist der Bube, der mich geworfen hat?
-
-M. Nu? Was bekamen Sie denn für eine Antwort?
-
-C. Keine. Ich drohte, sie alle von der Mittagsmahlzeit auszuschließen,
-wenn sie mir den Buben nicht nennen würden, der die Achtung gegen mich
-verletzt hätte. Keiner antwortete. Sie aßen zu Mittag lieber alle trocken
-Brot, als daß einer so aufrichtig gewesen wäre, mir den Buben, der mich
-beleidigt hatte, zu entdecken.
-
-M. Ich sehe darin das Abscheuliche nicht, das Sie darin wahrnehmen.
-
-C. Wie? Ein Komplott können Sie billigen, das diese Bösewichter gegen
-ihren Lehrer und Aufseher machten?
-
-M. Ich sehe weder Komplott noch Bösewichter. Einer von der Gesellschaft
-hat in einer Anwandlung von Mutwillen Sie geworfen -- das wissen alle.
-Sie aber erklären diesen Knaben deswegen für einen Buben, der die Achtung
-gegen Sie aus den Augen gesetzt hätte. Sie drohen ihm durch ihren Blick
-und den rauhen Ton, mit welchem Sie sprechen, jene harte Strafe. Die
-Knaben fühlen alle, daß Sie hierin unrecht thun, und verraten deswegen
-ihren Kameraden nicht. Sie versagen sich lieber eine Mittagsmahlzeit, als
-daß sie einen guten, aber mutwilligen Knaben einer zu harten Behandlung
-preisgeben. Gesetzt auch, daß diese Knaben darin unrecht thaten, daß sie
-den Mutwilligen nicht entdeckten, haben Sie durch Ihre Härte ihnen nicht
-selbst dazu Veranlassung gegeben? Wissen Sie, was ich gethan hätte, wenn
-ich an Ihrer Stelle gewesen wäre? Ich hätte mich umgedreht und ~lächelnd~
-gefragt: Ich glaube, ihr wollt es gar mit mir aufnehmen? Wer ist der
-kleine Held, der es wagt, sich mit mir zu messen? Da würde denn der Knabe
-von selbst herausgetreten sein und gesagt haben: Ich! Ich hätte darauf den
-Kampf mit ihm begonnen, und, wenn ein paar Schneebälle wären gewechselt
-worden, hätte ich etwas ernsthaft gesagt: nun, Freund! ist es gut, nun
-haben wir uns miteinander gemessen. So würde er den Schneeball, den er
-schon gegen Sie aufgehoben hatte, haben fallen lassen, und das ganze
-Schauspiel würde sich zur allgemeinen Zufriedenheit geendigt haben.
-
-Hier mag Herr Corydon abbrechen. Wollte ich ihn ausreden lassen, so würden
-seine Klagen den ganzen Raum ausfüllen, den ich dem Ameisenbüchlein
-bestimmt habe. Denn wer die Eigenheiten der kindlichen Natur in die Klasse
-der Untugenden setzt, wie viel wird dieser nicht zu klagen haben!
-
-Oft werden die Erzieher auch dadurch die Schöpfer der Untugenden ihrer
-Zöglinge, daß sie eine willkürliche Regel annehmen, nach welcher sich die
-jungen Leute richten sollen, und jede Abweichung von derselben ihnen als
-Untugend anrechnen. Wenn die Regel nun albern und widernatürlich ist, und
-die jungen Leute dies fühlen, so werden sie auch keine Neigung haben, sie
-zu befolgen, jeden Augenblick davon abweichen, und so als Übertreter in
-des Erziehers Augen erscheinen.
-
-Dies begegnet besonders den stolzen Erziehern, die sich für unfehlbar
-halten, ihre Zöglinge als Sklaven betrachten, die ihnen blinden Gehorsam
-schuldig wären, bei allen ihren Handlungen auf sie Rücksicht nehmen und
-bei jeder Gelegenheit die strengste Unterwürfigkeit gegen sie beweisen
-müßten. Ein solcher Erzieher duldet keine Einwendung, keinen Widerspruch,
-dies wäre Beleidigung, Mangel an Hochachtung. Wenn er sich zeigt, soll
-alles Spiel ruhen, tiefes Stillschweigen erfolgen, alles in einer
-ehrfurchtsvollen Stellung vor ihm stehen.
-
-Der freimütige, unbefangene Knabe, der keine Verstellung gelernt hat
-und geneigt ist, sich an jeden, den er für gut hält, anzuschmiegen,
-wird diese Forderung unerträglich finden. Furcht vor Mißhandlungen wird
-ihn vielleicht bewegen, sich einige Augenblicke nach den unbilligen
-Forderungen seines Zuchtmeisters zu richten; bald wird er sich aber
-vergessen, sich in seiner natürlichen Gestalt zeigen, und deswegen als ein
-nichtswürdiger Bube behandelt werden.
-
-Jetzt kommt Herr Crispin mit steifem Nacken und abgemessenen Schritten
-einhergegangen, um seine Lehrstunde zu geben. Seine Schüler sind vor
-dem Hause eben mit Ballspiel beschäftigt. Einige erschrecken bei seinem
-Anblicke und verbeugen sich vor ihm mit heuchlerischer Miene, andere
-setzen ihr Spiel fort. Was für eine schändliche Aufführung, schreit er
-ihnen zu, ist dies! Habe ich Gassenbuben zu Schülern? Unwillig folgen sie
-ihm in das Lehrzimmer.
-
-Setzet euch, gebietet er, und daß keiner sich unterstehe, das geringste
-Geräusch zu machen. Schreibt, was ich euch diktiere: _Il vit la carosse_
-(= Er sah den Wagen).
-
-Herr Crispin! sagte der kleine muntere Klaus, ich dächte, es müsse heißen
-_le carosse_.
-
-Schweig! antwortete er, und wenn es gleich heißen sollte _le carosse_,
-so mußt du doch schreiben _la carosse_, weil ich, dein Lehrer, es gesagt
-habe. Einem unbärtigen Knaben kommt es nicht zu, seinem Lehrer zu
-widersprechen.
-
-Nun fängt er an, das Diktierte zu erklären, und bemerkt, daß ein paar
-Knaben sich ein Stückchen Papier zeigen, die Köpfe zusammenstecken und
-lachen. Er fährt zu, nimmt das Papier weg, und erblickt darauf eine
-kleine Handzeichnung, die der junge Klaus soeben verfertigt und darunter
-geschrieben hat: ~Das ist Herr Crispin~.
-
-Nun ist die Lehrstunde beendigt, weil Herr Crispin in so heftigen Zorn
-geraten ist, daß er sie nicht fortsetzen kann. Er wirft den schändlichen,
-verworfenen Buben zur Thür hinaus und befiehlt, daß er ihm nicht wieder
-vor die Augen kommen soll.
-
-Der übrige Teil der zum Unterricht bestimmten Stunde wird mit Schimpfreden
-und Drohungen zugebracht, die ich niederzuschreiben mich schäme. Nach
-Crispins Schilderung ist seine Klasse ein Haufen schändlicher, verworfener
-Gassenbuben.
-
-Und was ist es, wogegen er sich so sehr ereifert? Eine Geburt seines
-eigenen Gehirns -- schändliche Beleidigung des Lehrers -- wovon ein
-anderer gebildeter Mann gar nichts würde geahnt haben. Wenn die Knaben
-durch seine Gegenwart sich im Spielen nicht stören ließen, so kam es von
-dem Bewußtsein her, daß sie nichts Unrechtes thäten; wenn Klaus Herrn
-Crispin auf einen Sprachfehler aufmerksam machte, so war dies eine Wirkung
-seiner liebenswürdigen Freimütigkeit, wofür ihm ein anderer die Hand würde
-gedrückt haben. Daß bei der Verfertigung seiner Handzeichnung nicht etwas
-Tücke im Hintergrunde gelegen habe, getraue ich mir nicht zu behaupten.
-Gesetzt aber, dies wäre der Fall; wer hat sie rege gemacht? Kein anderer
-Mensch, als Herr Crispin, durch das offenbare Unrecht, das er dem kleinen
-Zeichner that.
-
-Endlich vergrößern Erzieher bei ihren Zöglingen oft die Zahl der
-Untugenden, indem sie die Eigenheiten derselben dazu rechnen. Wenn man
-in einer Erziehungsanstalt die Stiefeln sämtlicher Zöglinge nach einem
-Leisten wollte machen lassen, so würde es sich finden, daß sie nur für die
-wenigsten paßten und den übrigen entweder zu groß oder zu klein wären.
-Und was wäre nun in diesem Falle wohl zu thun? Die Füße, für welche die
-Stiefeln nicht passen, für fehlerhaft erklären? an den Füßen einiger
-Zöglinge etwas abschneiden, an anderen etwas hinzusetzen?
-
-Ihr lacht? Ihr wollt wissen, was ich mit dieser sonderbaren Frage wolle?
-Ich will es gleich sagen. Sowie jeder Knabe seine eigene Form des Fußes
-hat, so hat auch jeder seinen eigenen Charakter[9] und seine eigenen
-Talente. Wollt ihr nun die Knaben mit ihren verschiedenen Charaktern und
-Talenten auf einen Fuß, oder, wie man auch zu sagen pflegt, über einen
-Leisten behandeln, so wird diese Behandlungsart immer den wenigsten
-angemessen sein; wollt ihr nun dieses den Knaben als Untugend anrechnen
-und sie eurer Behandlungsart anzupassen suchen, so handelt ihr mit ebenso
-weniger Überlegung, als derjenige, der die Füße nach den ihnen bestimmten
-Stiefeln formen wollte. Ihr gebt euren Zöglingen wegen begangener
-Fehltritte ~öffentliche~ Verweise. Dies mag für gewisse Fühllose, bei
-welchen vorhergegangene Ermahnungen fruchtlos waren, von guter Wirkung
-sein; wenn ihr dies aber bei allen thun wollt, so wird der ehrgeizige
-Ferdinand sich für beleidigt halten und geneigt sein, die größten
-Unbesonnenheiten zu begehen; der weichmütige Wilhelm hingegen wird bittere
-Thränen weinen und mutlos werden. Ihr lehrt den Fritz und Karl. Jener
-faßt sogleich alles, was ihr ihm sagt, und die Arbeit, die ihr ihm gebt,
-ist in einer Viertelstunde vollendet. So ist es nicht mit Karl. Dieser
-gute, ehrliche Knabe hat einen sehr langsamen Kopf, faßt sehr schwer den
-Vortrag, bringt an der ihm aufgegebenen Arbeit eine Stunde zu, und am Ende
-ist sie doch nicht so gut, wie die, die Fritz lieferte. Darüber gebt ihr
-ihm Verweise, die er nicht verdient hat.
-
-Ihr unterrichtet den Heinrich und Ludwig im Lateinischen und in der
-Mathematik. Heinrich kann schlechterdings die lateinischen Sprachregeln
-nicht fassen, in der mathematischen Lehrstunde hingegen ist er der beste
-Schüler; und Ludwig bringt euch lateinische Aufsätze, an denen ihr nur
-wenig zu verbessern findet; aber die Mathematik -- für diese hat er keinen
-Sinn. Gleichwohl verlangt ihr von beiden, daß sie im Lateinischen und in
-der Mathematik gleiche Fortschritte machen sollen; verweist dem Heinrich
-seine Faulheit in der lateinischen und dem Ludwig seine Verdrossenheit in
-der mathematischen Lehrstunde und -- thut beiden unrecht. Ihre Faulheit
-und Trägheit sitzt in euerm Gehirne.[B]
-
-Dies wäre also mein Symbolum, das jeder verstehen, annehmen und befolgen
-muß, wenn mein Ameisenbuch ihm nützen soll.
-
-Sowie aber alle Symbole sind gemißbraucht worden, so wird es
-wahrscheinlich auch mit diesem gehen. Wenn nun mancher Erzieher mit seinen
-Bemühungen bei seinen Zöglingen wenig oder nichts ausrichtet, wenn sie
-wenig lernen, ihre Untugenden beibehalten und unter seiner Leitung mehrere
-annehmen, so werden die Eltern ihm die Schuld davon geradezu beimessen und
-sich auf mein Ameisenbüchlein berufen. Hierin thun sie unrecht.
-
-Habe ich denn gesagt, daß ~man~ den Grund von allen Untugenden und Fehlern
-der Zöglinge dem Erzieher ~beimessen~ müsse? Nichts weniger als dieses.
-Nur von dem ~Erzieher~ fordere ich, daß ~er selber~ den Grund davon in
-~sich suchen solle~, damit, wenn er wirklich in ihm läge, er ihn wegräumen
-könne. Daraus folgt aber noch nicht, daß andere ihm die Schuld davon
-beilegen sollen.
-
-Ihr, liebe Eltern, seid auch die Erzieher eurer Kinder. Habt ihr gleich
-die Erziehung derselben zum Teil einem andern übertragen, so nehmet ihr
-doch noch immer auf eine nähere oder entferntere Art daran Anteil. Für
-euch ist also mein Symbolum auch niedergeschrieben. Ueberdenkt, beherzigt
-es und macht die Anwendung davon auf euch selbst. Statt die Untugenden
-eurer Kinder dem Erzieher zur Last zu legen, suchet den Grund davon in
-~euch~. Der Erzieher sucht ihn in sich, ihr sucht ihn in euch, und jeder
-Teil bessert da, wo er findet, daß er gefehlet habe. So wird alles recht
-gut gehen.
-
- ~Ein jeder lern' seine Lektion!~
- ~So wird es wohl im Hause stohn.~
-
-Wer mein Symbolum nicht annimmt, sich für unfehlbar hält, und die ganze
-Schuld von den Untugenden seiner Zöglinge und dem Mißlingen ihrer
-Bearbeitung in ihnen oder in der äußerlichen Lage sucht -- wie will der
-erziehen können! Mit Unwillen wird er seine Zöglinge ansehen, ihr Anblick
-wird ihm unangenehme Empfindungen verursachen, jede ihrer Unbesonnenheiten
-ihn beleidigen, oft wird er in ihren unschuldigsten Aeußerungen Tücke und
-Bosheit wittern, von lauter verworfenen Menschen, bei denen man nichts
-wirken kann, sich umgeben glauben. Wie lästig wird ihm die Erziehung
-werden, wie herbe sein Ton, wie verkehrt sein Benehmen gegen seine jungen
-Freunde sein und wie fruchtlos alle seine Bemühungen! Sehnlich wird er dem
-Zeitpunkte entgegensehen, da ihm das Erziehungsgeschäft abgenommen wird,
-und er seine bisherige Lage mit einer andern vertauschen kann.
-
-Er wird kommen, der sehnlich herbeigewünschte Zeitpunkt; du wirst dich
-dann leichter fühlen, und dir wird es scheinen, als wenn du neugeboren
-wärest. Bald aber wirst du in deiner neuen Lage neue Unannehmlichkeiten
-finden; deine Umgebungen werden deinen Erwartungen nicht entsprechen,
-und weil du nun einmal dich gewöhnt hast, die Ursachen des Mißvergnügens
-immer außer dir zu suchen, so wirst du die Schuld davon deinen Umgebungen
-beimessen, und die alten Klagen werden von neuem beginnen. ~Der Anfang der
-Weisheit ist die Selbsterkenntnis~;[10] wo diese fehlt, wird man die
-Weisheit in keiner Lage finden, und den Gleichmut und die Zufriedenheit,
-die aus derselben entspringen, allenthalben vermissen.
-
-Freund! der du dich der Erziehung widmest, sei also stark und entschließe
-dich, wenn du an deinen Pflegesöhnen Fehler und Untugenden bemerkst, wenn
-die Bearbeitung derselben dir nicht gelingen will, den Grund davon immer
-in dir zu suchen. Du wirst gewiß ~vieles~ finden, das du nicht geahnt
-hast, und wenn du es findest, freue dich und laß es dir ein Ernst sein,
-es wegzuschaffen. Es wird dir gewiß gelingen, und dann -- dann -- welche
-angenehme Veränderung wirst du in und außer dir verspüren! Die dir
-anvertraute Jugend wird dir in einem andern Lichte erscheinen, ihre
-Munterkeit wird dich aufheitern, ihre Thorheiten und Unbesonnenheiten
-werden dich nicht mehr beleidigen, du wirst sie mit mehr Nachsicht und
-Schonung behandeln; das Herbe und Bittere in deinem Tone, das Finstere in
-deinem Gesichte wird sich verlieren, die Aufwallungen des Zorns, zu denen
-du geneigt bist, werden sich nach und nach mindern, der Bequemlichkeit,
-die du dir angewöhnt hattest, wirst du entsagen, so manchen andern Felder,
-der auf deine jungen Freunde üble Eindrücke machte, wirst du ablegen,
-du wirst deinem Vortrage immer mehr Lebhaftigkeit und Annehmlichkeit
-verschaffen. Hast du einige Zeit so an dir gebessert -- was wird der
-Erfolg sein? Du wirst dich zu einem guten Erzieher gebildet haben.
-
-Deine Pflegesöhne werden dich mit ihrer Liebe und ihrem Zutrauen belohnen;
-deine Winke werden sie befolgen, deine Bemühungen werden gelingen, ihre
-Fehler und Untugenden werden nach und nach weichen.
-
-Will es dir in manchen Fällen doch nicht gelingen, kannst du gewisse
-Fehler und Untugenden doch nicht wegschaffen -- gut! so hast du doch die
-Beruhigung, mit Ueberzeugung zu dir sagen zu können: ~ich habe das Meinige
-redlich gethan, die Schuld von dem Mißlingen meiner Bemühungen kann ich
-mir nicht beimessen~.
-
-
-
-
-Was ist Erziehung?
-
-
-Seitdem es Menschen giebt, sind dieselben auch erzogen worden. Gleichwohl
-hat man noch keinen bestimmten, allgemein angenommenen Begriff von der
-Erziehung. Fast jeder, der über dieses Geschäft schreibt, giebt davon
-seine eigene Vorstellung.
-
-Da könnte ich nun alle die Begriffe, die seit Aristoteles[11] bis auf
-Pestalozzi von der Erziehung sind gegeben worden, anführen, erklären,
-mit einander vergleichen und den richtigen heraussuchen. Ich habe aber
-meine Ursachen, warum ich es nicht thue. Erstlich, weil mir viele davon
-unbekannt sind, zweitens, weil ich es für zweckwidrig halte. Wozu würde
-es nützen, wenn ich die Leser mit den verschiedenen Vorstellungen, die
-man sich in verschiedenen Zeitaltern von der Erziehung machte, aufhielte?
-Am Ende komme ich doch mit meinem eigenen Begriffe hervorgetreten und
-suche ihnen denselben zu empfehlen. Da ist es ja kürzer, wenn ich sie
-sogleich, ohne alle Umschweife, damit bekannt mache. Nach meiner Meinung
-ist Erziehung: ~Entwickelung und Übung der jugendlichen Kräfte~.[12]
-
-Erzieht man das Kind zum Menschen, so werden alle seine Kräfte entwickelt
-und geübt; erzieht man es aber für ein gewisses Geschäft, so hält man
-es für nötig, daß man nur diejenigen, die zur Verrichtung desselben
-erforderlich sind, in Thätigkeit setze, und andere, die der Wirksamkeit
-derselben nachteilig sein können, schlummern lasse oder gar lähme, so wie
-man den Stier entmannt, der zum Zuge bestimmt ist. Hier rede ich nur von
-der ersten Art der Erziehung.
-
-Um die Gehkraft der Kinder zu entwickeln und zu üben, steckte man sie
-ehedem in Laufbänke, oder legte ihnen Laufzäume[13] an, und sie wurden
-oft krummschenklig und hochschultrig, und wenn man ihnen den freien
-Gebrauch ihrer Glieder zuließ, hatten sie dieselben nicht in ihrer
-Gewalt, strauchelten oft, zerschlugen sich die Köpfe, oder bekamen andere
-Beschädigungen. Jetzt sind Laufbänke und Laufzäume aus allen Kinderstuben
-verbannt, wohin das Licht der bessern Erziehung gedrungen ist. Man sieht
-da die Kinder, wie junge Tiere, herumkriechen; fühlen sie mehr Kraft in
-ihren Schenkeln, so richten sie sich empor und treten an Stühle. Man setzt
-nun mehrere Stühle in kleiner Entfernung von einander hin, legt Bilder und
-Spielwerk drauf, um sie zu reizen, von einem Stuhle zum andern zu wandeln.
-Nach einigen Tagen lassen sie die Stühle stehen, und wandeln, ohne sich
-an etwas zu halten, durch das Zimmer. Verlieren sie das Gleichgewicht,
-so setzen sie sich gewöhnlich auf den Hintern. Bei dieser Übung bleiben
-die Glieder gesund und unverletzt. Wie lange währt es, so sieht man die
-nämlichen Kinder, die erst krochen, laufen und springen.
-
-Diese Behandlungsart enthüllt uns das ganze Geheimnis einer vernünftigen,
-der menschlichen Natur angemessenen Erziehung.
-
-So wie man bei dieser Anleitung zum Gehen die Gehkraft nicht eher zu üben
-sucht, bis die Kriechkraft hinlänglich geübt ist, und jene hinlänglich
-sich äußert, so darf man auch nicht andere Kräfte zu entwickeln suchen,
-bis sie wirklich da sind, und diejenigen, aus welchen sie hervorgehen
-pflegen, hinlängliche Übung bekommen haben. Ferner, so wie die Laufbänke
-und Laufzäume entfernt sind, und die Kinder gereizt werden, aus eigenem
-Entschlusse fortschreiten, und so ihre Gehkraft zu üben, so muß auch der
-Erzieher bei Übung der übrigen Kräfte alles Laufzaumähnliche zu entfernen
-suchen; er darf nicht sowohl die jugendlichen Kräfte üben, als vielmehr
-den Kindern Gelegenheit und Reiz verschaffen, diese Übungen selbst
-vorzunehmen.
-
-Das Kind empfängt ohne Zweifel alle seine Kräfte durch die Erzeugung und
-bringt sie mit, wenn es sich seinem pflanzenähnlichen Zustande entwindet
-und in das Tierreich übergeht. Die meisten aber schlummern noch, wie der
-Keim im Weizenkorne, wenn es in die Erde geworfen wird; sie sind nur noch
-Vermögen und entwickeln sich, mit dem Fortgange der Zeit, in folgender
-Ordnung.
-
-Zuerst die meisten Kräfte des Leibes. Das neugeborene Kind atmet,
-schreit, schluckt, verdauet u. s. w. Die äußerlichen Dinge machen auf
-dasselbe Eindrücke, aber das Vermögen, sie zu empfinden oder sich davon
-Vorstellungen zu machen, äußert sich in seinen ersten Lebenstagen noch
-nicht. Nach und nach fängt es an, die äußerlichen Dinge sich vorzustellen,
-diese Vorstellungen aufzubewahren, sie von Zeit zu Zeit wieder
-hervorzubringen: die Kräfte der Sinnlichkeit,[14] des Gedächtnisses, der
-Einbildungskraft entwickeln sich.
-
-In der Folge äußert sich der Verstand durch Urteile, die er über
-Gegenstände fället, die in die Sinne fallen. Zugleich fangen die in den
-Händen befindlichen Kräfte an, ein Streben nach Thätigkeit zu äußern.
-Das Kind greift nach allem, betastet alles, wirft es von einem Orte zum
-andern. Giebt man ihm in der Folge ein hölzernes Pferd, so bauet es von
-Büchern oder Stühlen einen Stall, legt ihm Futter vor, zieht es heraus,
-bindet es an einen Stuhl oder sonst etwas, das des Pferdes Wagen sein
-und von ihm fortgezogen werden soll u. dgl. Erst bei dem Austritte aus
-dem Stande der Kindheit fängt die Vernunft an durch Vorstellung von
-übersinnlichen Gegenständen sich thätig zu beweisen.
-
-Hierdurch hat uns die Natur die Ordnung vorgezeichnet, in welcher wir ihr
-bei Entwickelung der jugendlichen Kräfte behilflich sein müssen.
-
-
-
-
-Was muß ein Erzieher lernen?
-
-
-Es ist ein Lieblingssatz der neueren Erzieher, daß die Erziehung des
-Kindes mit seiner Geburt anfangen müsse, und ich stimme demselben von
-ganzem Herzen bei.
-
-Schriebe ich nun jetzt über die Erziehung der Kinder, so müßte ich zeigen,
-wie Eltern, Kinderwärterinnen und alle Personen, in deren Händen sich
-das Kind in seinen ersten Lebensjahren befindet, sich gegen dasselbe in
-diesem Zeitraume verhalten müßten. Da ich aber bei Ausfertigung dieser
-Schrift die Erziehung der Erzieher zum Gegenstande habe, wodurch man nach
-dem Sprachgebrauche Personen versteht, die von den Eltern verschieden
-sind, und die gewöhnlich das Kind dann erst unter ihre Aufsicht bekommen,
-wenn es schon gehen, sprechen, sich Vorstellungen von Gegenständen der
-Sinnenwelt machen und darüber urteilen kann, so würde es mich zu weit von
-meinem Zwecke abführen, wenn ich mich auf die Behandlungsart der Kinder in
-ihren ersten Lebenstagen einlassen wollte.
-
-Wer hierüber belehrt sein will, dem empfehle ich das Buch, welches ich
-unter dem Titel: ~Konrad Kiefer, oder über eine vernünftige Erziehung der
-Kinder~, herausgegeben habe, wo er verschiedene gute Winke und Belehrungen
-erhalten wird.
-
-Jetzt untersuche ich also nur, was die Person für die Erziehung des Kindes
-zu thun habe, welche es aus dem Schoße der Familie zur ferneren Ausbildung
-erhält.
-
-Das Lebensjahr, in welchem dieses geschieht, ist bekanntlich nicht
-allgemein bestimmt. Mancher Erzieher erhält seine Zöglinge im fünften oder
-sechsten Jahre, die meisten erhalten sie später.
-
-Hier nehme ich an, der Erzieher trete sein Amt bei fünfjährigen Zöglingen
-an. Da fragt es sich nun, was hat er von diesem Zeitpunkte an bei ihnen zu
-thun? und was muß er in dieser Rücksicht lernen?
-
-Die Kräfte des Leibes, und unter diesen vorzüglich diejenigen, deren
-Thätigkeit zur Erhaltung und Nahrung desselben am nötigsten sind,
-entwickeln sich bei den Kindern zuerst. Folglich muß der Erzieher auch
-verstehen, wie er die Wirksamkeit derselben oder die Gesundheit des Leibes
-erhalten soll.
-
-Bei ungesunden Knaben mißlingt alle Erziehung.[15] Ihr beständiges
-Übelbefinden macht sie eigensinnig, verdrossen, schwächt den
-Thätigkeitstrieb und macht sie abgeneigt, durch Aufmerksamkeit auf die
-sie umgebenden Dinge sich Vorstellungen zu verschaffen. Jeder rauhe Wind,
-jeder Regenschauer schreckt sie aus der Natur zurück und verhindert sie,
-in ihrem Schoße Kenntnisse einzusammeln.
-
-Die Erziehung ungesunder Kinder ist also ein höchst mühsames und fast
-undankbares Geschäft, und wer erziehen will, muß wissen, wie man seine
-Zöglinge gesund erhalte.
-
-Dazu, wird man einwenden, sind ja die Ärzte da.
-
-Freilich sind sie da. Sind sie aber auch immer da, wo der Erzieher mit
-seinen Zöglingen sich befindet? Sind sie auf dem Landgute des Edelmannes?
-sind sie auf den Landhäusern, wo die begüterten Stadtbewohner oft ihre
-Kinder erziehen lassen? sind sie auf Reisen zugegen? Und wenn sie zugegen
-sind, kann man denn ihnen seine Zöglinge immer ohne Bedenken anvertrauen?
-Ach, es ist ein höchst schädliches Vorurteil, daß das Doktordiplom eine
-vorzügliche Geschicklichkeit zur Erhaltung der menschlichen Gesundheit
-erteile. Ein Arzt, der zu einem kranken Knaben gerufen wird, dessen Natur
-er nicht kennt, dessen Lebensart er nicht beobachtet hat, der vielleicht
-den Kopf voll von einer gewissen Krankheit hat, die er allenthalben sucht
-und allenthalben zu finden glaubt, kann leichter in der Beurteilung seines
-Übelbefindens, des Ursprungs desselben und in der Wahl der Heilmittel
-irren, als ein aufmerksamer Erzieher, der seinen Zögling immer um sich hat
-und seine Natur und Lebensart kennt.
-
-Und sind denn alle Ärzte redlich? Sind nicht manche unter ihnen, die
-ihre Patienten so behandeln, wie ein gewinnsüchtiger Uhrmacher die
-Taschenuhren, die ihm zur Ausbesserung übergeben werden, der sie nie
-vollkommen herstellt, damit immer daran etwas zu bessern bleibe, immer
-etwas für ihn zu gewinnen ist?[16]
-
-Der ~Erzieher~ muß also verstehen, wie er seine Zöglinge gesund erhalte,
-wie er es verhüte, daß sie krank werden, und wie ihnen zu helfen sei,
-wenn da und dort in der Maschine eine Stockung entsteht; und nur bei
-außerordentlichen Fällen wo seine Einsichten ihn verlassen, muß er zum
-Arzte seine Zuflucht nehmen.[C]
-
-Alles auseinanderzusetzen, was man thun muß, um seine Pflegesöhne gesund
-zu erhalten, ist hier der Ort nicht. Nur dies bemerke ich, daß man sie zur
-Abhärtung gewöhnen, täglich, ohne sich an die Witterung zu kehren, sie
-im Freien bewegen, einfache Kost ihnen zu genießen geben, und des kalten
-Bades nebst den damit verknüpften Schwimmübungen sich bedienen muß.[D]
-
-Dies sei ein Wink für euch jungen Männer, die ihr euch der Erziehung
-widmen wollt. Wenn eure Zöglinge durch Abhärtung ihre Gesundheit erhalten
-sollen, so müßt ihr euch selbst abhärten. Denn glaubt ihr wohl, daß sie im
-Schneegestöber sich wohl befinden werden, wenn ihr über die unangenehmen
-Empfindungen klagt, die es euch verursacht? daß sie gern mit leichter
-Kleidung und unbedeckten Köpfen ausgehen werden, wenn ihr euch in Pelzwerk
-hüllt? Oder glaubt ihr wohl, daß verzärtelte Jünglinge sich gern der
-rauhen Luft aussetzen werden? Ach, ich besorge, sie werden, so oft die
-Luft rauh ist, allerlei Entschuldigungen hervorsuchen, um das Ausgehen
-abzulehnen und in der warmen Stube bleiben zu können, und so, statt ihre
-Zöglinge abzuhärten, dieselben verzärteln.
-
-Also, liebe Freunde! Wenn ihr nicht nur Erzieher heißen, sondern es
-wirklich sein wollt, so härtet euren Leib ab! Werft die Federbetten weg
-und gewöhnet euch, auf Stroh unter einer leichten Bedeckung zu schlafen;
-bedeckt den Kopf leicht oder gar nicht. Daß der Kopf immer bedeckt sein
-müsse, ist Vorurteil. Eure Kleidung sei leicht, Pelzwerk darf nie an euren
-Leib kommen. So lange man durch Gehen und Laufen sich in Bewegung hält,
-kann man viel aushalten; nur dann wird eine Ausnahme stattfinden müssen,
-wenn man in ruhiger Lage, im Wagen oder auf dem Schlitten sich befindet.
-Gehet täglich in die freie Luft, ohne erst durch die Fensterscheiben
-nachzusehen, was es für Wetter sei. Macht bisweilen starke Reisen zu
-Fuße, damit euer Leib sich gewöhne, das damit verknüpfte Ungemach
-auszuhalten. Da die Bewegungen auf dem Schnee und Eise ein vorzügliches
-Stärkungsmittel sind, so lernt auf kleinen Schlitten fahren und mit
-Schlittschuhen auf der Eisfläche laufen. Dann habt ihr nicht nötig,
-durch weitläufige Vorstellungen euren Zöglingen die Nutzbarkeit dieser
-Bewegungen begreiflich zu machen. Ihr setzt euch auf euern Schlitten und
-gleitet den Berg herab, ihr schnallet eure Schlittschuhe an und fahret
-über die Eisfläche hin, und eure Zöglinge bitten euch von selbst, daß ihr
-ihnen Schlitten und Schlittschuhe sollt machen lassen.
-
-Wenn der Genuß einfacher Kost ein Erhaltungsmittel der jugendlichen
-Gesundheit ist, so begreift ihr von selbst, daß ihr euch auch dazu
-gewöhnen müßt. Die warmen ausländischen Getränke, die bei der gewöhnlichen
-Erziehung uns zu einem notwendigen Bedürfnisse gemacht werden, die
-Leckereien, die auf den Tafeln der Begüterten einen Teil der Mahlzeit
-ausmachen, müßt ihr entbehren lernen. Dann habt ihr nicht nötig, euern
-Zöglingen die Vortrefflichkeit einer einfachen Kost vorzupredigen. Wenn
-ihr selbst euern Genuß auf Milch und Obst, Butter, Gemüse, Fleisch
-und andere Nahrungsmittel, welche die naheliegende Natur darbietet,
-einschränkt, so werden sie sich von selbst daran gewöhnen, und die
-Lüsternheit nach gekünstelten Nahrungsmitteln wird bei ihnen schwach, und
-leicht zu besiegen sein.
-
-Wird dies wohl ebenso leicht sein, wenn ihr euch Genüsse erlaubt, vor
-denen ihr sie warnet?
-
-Wollet ihr die Zöglinge zum kalten Bade führen, ohne selbst daran
-teilzunehmen, so könnt ihr leicht voraussehen, was für Unannehmlichkeiten
-daraus entspringen werden. Mehrere von ihnen werden mit Unwillen ins
-Wasser gehen, unter allerlei Entschuldigungen sich dieser Übung zu
-entziehen suchen, und, was tausend jungen Leuten Wollust ist, das wird
-ihnen Frondienst sein. Ihr selbst werdet ängstlich am Ufer umherlaufen,
-wie eine Truthenne, wenn ihre Entenbrut auf dem Teiche schwimmt, und ihnen
-bei den Gefahren, in die sie kommen, nicht raten und nicht helfen können.
-
-Das kürzeste Mittel, diesen Unannehmlichkeiten vorzubeugen, ist -- lernt
-selbst Schwimmen. Dann wird das Tauchen, Platschern und Schwimmen im
-kalten Wasser euch Freude machen, ihr werdet euch mit Vergnügen in
-dasselbe stürzen, eure Kleinen werden euch nachfolgen, ihr werdet imstande
-sein, ihnen alle die Vorteile bekannt zu machen, durch welche man sich
-über dem Wasser erhalten und auf seiner Fläche sich frei bewegen kann, und
-sie retten können, wenn sie in Gefahr kommen sollten.[E]
-
-Bei einer solchen Behandlungsart werden die Kräfte, die der Schöpfer euern
-Kleinen zur Erhaltung des Leibes einpflanzte, ihre Verrichtungen selbst
-thun und nicht oft und nicht lange in denselben gestört werden.
-
-Bisweilen wird dies aber doch geschehen. Dann bedarf es oft nur eines
-kleinen Reizes, um die abgespannten Kräfte wieder in Thätigkeit zu setzen.
-Diesen Reiz ihnen zu geben, müßt ihr verstehen.
-
-Außer diesen nährenden und erhaltenden Kräften muß nun auch der
-Sinnlichkeit, dem Gedächtnisse, der Einbildungskraft und dem Verstande
-Übung verschafft werden.
-
-Woran sollen diese Übungen geschehen? An Gegenständen, die in die Sinne
-fallen. Diese müssen ~in großer Mannigfaltigkeit~ herbeigeschafft und
-den Kindern zur Betrachtung vorgestellt werden. Wo diese bei sechs- bis
-achtjährigen Kindern fehlen, da ist keine Erziehung, weil nichts da ist,
-woran sie ihre regenden Kräfte üben können.
-
-Und welches sollen diese sinnlichen Gegenstände sein? Dies müssen uns
-die Kinder selbst lehren. Wir müssen ihnen ablernen, welche Gegenstände
-am meisten geeignet sind, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wenn
-man ihnen dann dieselben vorzeigt, so hat man nicht nötig, sie immer zu
-ermahnen: gebt Achtung, liebe Kinder! Sie fühlen in sich selbst Drang
-zum Beobachten. Sie thun das, worauf ihr Erzieher hinarbeiten muß -- sie
-erziehen sich selbst.
-
-Da hat mich nun eine lange Erfahrung gelehrt, daß nichts die
-Aufmerksamkeit der Kinder so früh auf sich ziehe, als -- Tiere. Wer daran
-zweifelt, der beobachte die Kinder selbst, und er wird das Nämliche
-wahrnehmen. Ihre Augen sind selten auf ihren Leib,[17] gewöhnlich auf die
-Gegenstände gerichtet, mit welchen sie umgeben sind. Bringt man nun einen
-Sperling, eine Maus, einen Fisch oder ein anderes Tier in das Zimmer, so
-sehen sie von allen andern Dingen weg und -- blicken auf die Tiere. Selbst
-wenn man ihnen ein Bilderbuch vorlegt, so verweilen sie am längsten bei
-den Bildern, auf welchen Tiere vorgestellt sind. Dadurch fordern sie laut:
-wollt ihr die Kräfte, die sich jetzt bei uns äußern, üben, so zeigt uns
-~Tiere~!
-
-Man fängt auch wirklich hier und da an, auf diese Forderung Rücksicht zu
-nehmen, und die Naturgeschichte, die ehedem der Jugend ganz fremd blieb,
-in Schulen und Erziehungshäusern zu lehren, aber -- meistenteils ganz
-zwecklos.
-
-Man hält Vorlesungen über ein System der Naturgeschichte, ohne von den
-Erzeugnissen der Natur etwas vorzuzeigen, glaubt dadurch die Forderungen
-der jugendlichen Natur zu erfüllen und irrt sich.[18]
-
-Das Kind will seine Kräfte üben an sinnlichen Gegenständen; wie kann es
-dies, wenn ihm keine vorgezeigt werden? Naturgeschichte soll gelehrt
-werden, nicht um ihrer selbst willen, sondern um der Jugend auch
-Gelegenheit zu schaffen, an der Natur verschiedene Kräfte zu üben. Dies
-fällt ja alles bei den naturhistorischen Vorlesungen weg. Da verhält ja
-das Kind sich bloß leidend und läßt den Lehrer für sich beobachten und
-urteilen.
-
-Sollen die jugendlichen Kräfte an der Natur geübt werden, so müssen die
-Erzeugnisse derselben ihnen nach und nach zur Betrachtung vorgestellt
-werden, und zwar eins auf einmal, damit die Aufmerksamkeit sich besser
-auf dasselbe heften könne, und zwar anfänglich -- ein Tier. Dies Tier
-muß nun genau betrachtet werden nach seinen verschiedenen Teilen, ihrer
-Form, ihrer Farbe, ihrer Absicht; es muß nun mit einem andern verglichen
-und bemerkt werden, was es mit ihm gemein habe, und wodurch es von ihm
-unterschieden sei, es muß den Augen bisweilen entzogen und von dem Kinde
-beschrieben werden. Was durch die eigene Beobachtung nicht kann gefunden
-werden, z. B. die Nahrung, die Lebensart, der Nutzen, den es dem Ganzen
-schaffe, das setzt der Lehrer durch seine Erzählung hinzu.
-
-Ich stelle z. E. zur Betrachtung einen Kanarienvogel auf. Wie viel giebt
-es da zu betrachten!
-
-Ich kann die Betrachtung nun auf zweierlei Art anstellen: erstlich indem
-ich meinen Kleinen vorerzähle, was ich an dem Vogel bemerke; zweitens,
-indem ich sie reize, denselben zu betrachten. Im ersten Falle übe ich
-meine, im zweiten der Kinder Kräfte. Da nun nicht jenes, sondern dieses
-bei der Erziehung der Kinder Zweck sein soll, so muß ich sie zur eigenen
-Betrachtung zu reizen suchen, wenn ich nicht zweckwidrig handeln will.
-Dies würde ungefähr auf folgende Art geschehen:
-
-Wie heißt dies Tierchen?
-
-Warum ein Vogel?
-
-Warum Kanarienvogel?
-
-Welches sind seine Gliedmaßen?
-
-Was hat er vorne am Kopfe?
-
-Aus wie vielen Teilen besteht der Schnabel?
-
-Was hat der Oberkiefer für eine Form?
-
-Was steht an beiden Seiten des Oberkiefers?
-
-Was haben die Nasenlöcher für eine Form?
-
-Was hat der Unterkiefer für eine Form?
-
-Welcher Kiefer ist beweglich?
-
-Welcher unbeweglich?
-
-Wozu braucht der Kanarienvogel seinen Schnabel?
-
-Haben alle Kanarienvögel Schnäbel?
-
-Ist also der Schnabel ein wesentlicher oder ein zufälliger Teil?
-
-Was steht an beiden Seiten des Kopfes?
-
-Wozu nützen die Augen?
-
-Was steht über den Augen?
-
-Wozu nützen die Augenlider?
-
-Warum schließt dieser Vogel bisweilen die Augenlider?
-
-Womit ist der Kopf bedeckt?
-
-Warum?
-
-Was haben die Federn für eine Farbe?
-
-Haben sie diese Farbe bei allen Kanarienvögeln?
-
-Ist diese Farbe also wesentlich oder zufällig?
-
-Worauf steht der Kopf?
-
-Was kann der Vogel mit dem Halse thun?
-
-Wie heißt der obere Teil des Halses?
-
-Und der untere?
-
-Wie heißen die beiden Gliedmaßen an den zwei Seiten des Körpers?
-
-Aus wie viel Teilen besteht der Flügel?
-
-Wie heißen die Federn, mit denen die Flügel bedeckt sind?
-
-Wie heißen die Federn an der Seite?
-
-Welche Federn sind länger?
-
-Aus wie viel Teilen besteht eine Schwungfeder?
-
-Wozu braucht der Vogel die Flügel?
-
-Wie heißen die Gliedmaßen unten am Körper?
-
-Aus wie viel Teilen bestehen sie?
-
-Warum bestehen sie denn aus mehreren Teilen?
-
-Wie heißt der obere Teil, der unmittelbar am Körper sitzt?
-
-Wie der mittlere?
-
-Wie der untere?
-
-Was steht an dem untern?
-
-Womit sind die Lenden und Schenkel bedeckt?
-
-Womit die Beine und Zehen?
-
-Wie viele Zehen stehen an jedem Beine?
-
-Wie viele an beiden?
-
-Wie viel Zehen haben zehn Kanarienvögel?
-
-Wie viele hundert?
-
-Sind alle Zehen gleich lang?
-
-Welches ist der längste?
-
-Welches der kürzeste?
-
-Wie viele Gelenke hat jeder Zehe?
-
-Warum haben die Zehen Gelenke?
-
-Was steht vorne an den Zehen?
-
-Wie heißt der Teil des Vogels, an welchem alle Gliedmaßen stehen?
-
-Wie heißt der obere Teil?
-
-Wie der untere?
-
-Wie heißt der Vorderteil des untern Teils?
-
-Was für eine Farbe hat der Rücken?
-
-Und die Brust?
-
-Und der Bauch?
-
-Wie heißen die Federn hinten am Rumpfe?
-
-Wie viel sind es Schwanzfedern?
-
-Wie heißen hier diese Federn über den Schwanzfedern?
-
-Und diejenigen, die unter den Schwanzfedern sind?
-
-Was ist das für eine fleischichte Erhöhung über den Schwanzfedern?
-
-Wozu nützt die Fettdrüse?
-
-Jetzt drehe dich um, Adolf, und beschreibe mir den Kanarienvogel!
-
-Was für ein Tier betrachteten wir gestern?
-
-Nenne mir jeder etwas, was der Kanarienvogel mit dem Frosche gemein hat!
-
-Nenne mir jeder etwas, wodurch der Kanarienvogel von dem Frosche
-unterschieden ist!
-
-Dies ist nur ein Wink, wie der Unterricht über Gegenstände aus dem
-Tierreiche kann angestellt und zur Übung jugendlicher Kräfte angewendet
-werden. Wer ihn versteht, wird die Fragen leicht noch mehr vervielfältigen
-können.
-
-Es kann z. E. den Kindern noch vieles abgefragt werden, was sie von dem
-Vaterlande, der Nahrung, der Pflege, dem Nutzen und dem Handel wissen, der
-mit Kanarienvögeln getrieben wird; was die Kinder nicht wissen, wird von
-dem Lehrer hinzugesetzt.
-
-Kann es nun wohl eine bessere Übung der jugendlichen Kräfte geben, als
-Betrachtung der Gegenstände aus dem Tierreiche? Sie hat für die Kleinen
-so vielen Reiz und gewöhnt sie daher leicht, ihre Aufmerksamkeit auf eine
-Sache eine Zeit lang zu heften; sie gewöhnt das Auge, die Dinge nicht
-obenhin, sondern genau anzusehen, und ein so geübtes Auge bemerkt tausend
-kleine Merkmale, die dem ungeübten Auge verborgen sind; die Sinnlichkeit
-übt sich, von den empfundenen Sachen sich richtige Vorstellungen
-zu machen; das Gedächtnis wird durch Auffassung der mannigfaltigen
-Benennungen der verschiedenen Teile des Tieres, und die Einbildungskraft
-durch Entwerfung eines richtigen Bildes von dem betrachteten Tiere, und
-der Verstand durch Beurteilung der Absichten eines Tieres und durch
-Aufsuchung der Ähnlichkeit und Unähnlichkeit, die zwischen verschiedenen
-Tieren stattfindet, in Thätigkeit gesetzt.
-
-Dies ist wohl ganz gut, wird man einwenden; aber woher sollen wir Tiere
-genug nehmen, um täglich eins zum Aufstellen zu haben?
-
-Daran wird es, wenn nur der gute Wille da ist, gewiß nicht fehlen.
-Zwar kann ich nicht voraussetzen, daß jeder Erzieher mit einem
-Naturalienkabinette versehen sei; aber das große Naturalienkabinett,
-die Natur, steht ihm doch offen! Wenn er mit seinen Zöglingen in dieser
-fleißig sucht, so wird er gewiß vieles finden; und wenn er mit einigen
-Jägern, Hirten, Bauern u. dergl. in Verbindung tritt und sie zu bewegen
-sucht, die Tiere, die sie in ihre Gewalt bekommen, ihm zur Ausstellung
-in der Lehrstunde zu leihen, so wird er über den Stoff zu seiner
-naturhistorischen Lehrstunde nicht dürfen verlegen sein. Es ist diese
-Lehrstunde in hiesiger Anstalt gleich in den ersten Jahren ihres Daseins,
-da wir noch kein Naturalienkabinett hatten, ~täglich~ gegeben und täglich
-ein neues Tier aufgestellt worden.
-
-Also, fragt jemand höhnisch, sollen wir den Ochsen, das Pferd, den Esel in
-das Lehrzimmer führen und den Kindern zur Betrachtung aufstellen?
-
-Diese Frage verdient keine Antwort, da jeder Vernünftige gleich darauf
-verfallen wird, daß man die Kinder auch zu den Tieren führen kann,
-welche ihnen zuzuführen unschicklich sein würde. Man kann sie nach allen
-ihren Teilen und unterscheidenden Merkmalen betrachten, und dann in
-das Lehrzimmer zurückkehren, um über den betrachteten Gegenstand eine
-Unterredung anzustellen.
-
-Woher sollen wir aber, fragt man weiter, die ausländischen Tiere bekommen?
-
-Von Zeit zu Zeit werden ausländische Tiere zur Schau herumgeführt, die man
-dann mit seinen Zöglingen betrachten kann. Dies sind freilich nur wenige;
-es wird aber nichts schaden, wenn sie auch einen großen Teil derselben nie
-zu sehen bekommen. Der Zweck des Unterrichts in der Naturgeschichte soll
-ja bei Kindern nicht sein die Erlernung derselben, sondern -- Übung ihrer
-Kräfte, wozu die naheliegende Natur hinlänglichen Stoff darbietet.
-
-Um sich gegen Mangel desselben ganz zu sichern, muß man mit dem
-Unterrichte in der Tierkunde den Unterricht in der Pflanzenkunde
-verbinden, und diesen vorzüglich im Sommer, jenen im Winter treiben.
-
-Diese Unterweisung kommt im wesentlichen mit dem Unterrichte in der
-Tierkunde überein. Der Hauptzweck ist -- Kraftübung der Kinder. Das Mittel
-dazu ist Aufstellung einer Pflanze zum ~eignen~ Betrachten derselben.
-
-Würde dieser Unterricht nun in Landschulen gegeben, deren Schüler sich
-wahrscheinlich in ihrer Gegend ansiedeln werden, so könnte man ja
-wohl mit den deutschen Benennungen der Pflanzen, die in dieser Gegend
-gewöhnlich sind, auskommen; erteilt man denselben aber Kindern, welche
-wahrscheinlich reisen und sich in verschiedenen Ländern niederlassen
-werden, so ist es besser, sie sogleich zu gewöhnen, die Pflanzen mit dem
-Linnéischen lateinischen Namen zu benennen.
-
-Dies ist für Kinder zu schwer, sagt ihr. Ich sage aber, es ist nicht zu
-schwer. Sechs- bis achtjährige Kinder, Mädchen sowohl als Knaben, die ein
-halbes Jahr in meiner Anstalt in der Pflanzenkunde Unterricht erhalten
-haben, kennen beinahe alle Pflanzen, die in hiesiger Gegend wachsen,
-wissen sie Linnéisch zu benennen und freuen sich nicht wenig darüber, daß
-sie es können.
-
-Freilich ist das Behalten der lateinischen und griechischen Benennungen
-anfänglich etwas schwer, aber eben deswegen ist es eine herrliche
-Gedächtnisübung.[19] Ein Kind, das ein paar tausend solche Namen gemerkt
-hat, wird leicht Wörter der Wissenschaften und fremden Sprachen auffassen,
-zu deren Erlernung es bestimmt ist.
-
-Da die Linnéischen Benennungen von allen europäischen gebildeten Völkern
-angenommen sind, so ist es denen, die sie gefaßt haben, hernach auch
-möglich, sich in allen Weltgegenden über die Pflanzenkunde verständlich
-auszudrücken und, wenn sie in der Folge dieselbe weiter fortsetzen
-wollten, die Kunstsprache zu verstehen.
-
-Da die Zahl der Pflanzen sehr groß und öftere Wiederholung nötig ist, wenn
-die Namen derselben sollen behalten werden, so ist es nötig, daß außer der
-Pflanze, die man in der Lehrstunde zur Betrachtung aufstellt, noch mehrere
-hingelegt und ihre Namen hergesagt werden.
-
-Man thut wohl, wenn man diesen Unterricht in zwei Kursus einteilt. Im
-ersten wird der Bau der Pflanze, der sogleich in die Augen fällt, die
-Wurzel und ihre Form, der Stengel, die Blätter nach ihrer Form, Farbe
-und ihrem Stande, die Blattansätze, die Gabeln, die Blüten, ihre Form,
-ihr Stand, Kelch, Blumenkrone, Same, Frucht betrachtet; im zweiten aber
-wird dies alles wiederholt, und nun werden auch die Befruchtungswerkzeuge
-untersucht und der Pflanze die Klasse und Ordnung angewiesen, in die sie
-gehört.
-
-Man wird leicht begreifen, wie unsäglich mannigfaltig die Übungen sind,
-die den Augen, dem Gefühle, dem Gedächtnisse, der Einbildungskraft und dem
-Verstande der Kinder bei dieser Gelegenheit verschafft werden können.
-
-Um dies begreiflich zu machen, denke ich mir jetzt eine Klasse von Knaben,
-welcher im ersten Kursus Unterricht erteilt, und welcher _Galeopsis
-ladanum_ zur Betrachtung vorgestellt wird.
-
-Wie heißt diese Pflanze?
-
-_Galeopsis ladanum._
-
-Was bemerkst du am Stengel?
-
-Er ist holzig.
-
-Ferner?
-
-Gestreift.
-
-Ferner?
-
-Ästig.
-
-Wie stehen die Äste?
-
-Einander gegenüber.
-
-Was steht an den Ästen?
-
-Blätter.
-
-Was für eine Farbe haben sie?
-
-Grün.
-
-Was für eine Form?
-
-Lanzettförmig.
-
-Was bemerkst du noch mehr an den Blättern?
-
-Sie sind gezähnt.
-
-Sonst nichts?
-
-Gestielt.
-
-Wie stehen sie?
-
-Einander gegenüber.
-
-Wie steht's mit den Blüten?
-
-Sie sind rachenförmig.
-
-Wie stehen sie?
-
-Wirtelförmig.
-
-Was bemerkst du an dem Kelche?
-
-Er ist fünfmal gezähnt.
-
-Bemerkst du nichts an den Zähnen?
-
-Sie haben Grannen.
-
-Jetzt drehe dich um und beschreibe mir _Galeopsis ladanum_.
-
-_Galeopsis ladanum_ hat einen holzigen, gesteiften, ästigen Stengel. Die
-Äste stehen einander gegenüber. Die Blätter sind grün, lanzettförmig,
-gezähnt, gestielt, stehen einander gegenüber, die Blüten sind rachenförmig
-und stehen wirtelförmig; der Kelch ist fünfzähnig und die Zähne haben
-Grannen.
-
-Gestern betrachteten wir _Atropa Belladonna_; worin sind beide Pflanzen
-einander ähnlich? worin unähnlich? u. s. w.
-
-Nun werden die Namen aller Pflanzen, die auf dem Tische liegen, von
-demjenigen Schüler, der von der Pflanzenkunde die meisten Kenntnisse
-hat, laut und deutlich ausgesprochen und von der ganzen Versammlung
-laut nachgesprochen. Ferner wird von dem Lehrer eine Pflanze nach der
-andern genannt, und die Kinder müssen die genannten heraussuchen. Zur
-Abwechselung kann man auch ~einem~ Kinde leise den Namen einer Pflanze
-ins Ohr sagen, und die übrigen müssen erraten, welche es gewesen sei.
-Dadurch werden sie gereizt, die Namen immer zu wiederholen, ohne daß diese
-einförmige Beschäftigung sie ermüde.[20]
-
-Diese Übungen können noch sehr vervielfältigt werden. Z. E. man kann
-bisweilen die Kinder auffordern, daß sie die vorgelegte Pflanzenreihe
-genau ansehen, sich umkehren und dann eine Anzahl in der Ordnung hersagen,
-wie sie daliegen. Eine herrliche Übung der Einbildungskraft und des
-Gedächtnisses! Ich habe bisweilen achtjährige Kinder in meiner Anstalt
-40 Pflanzen in der Ordnung, in welcher sie auf dem Tische lagen, mit
-weggewandtem Gesichte hersagen hören. Oder man kann die ganze Klasse
-die Hände auf den Rücken legen lassen, jedem Kinde ein Blatt von einer
-Pflanze darein legen und sie durch das Gefühl erraten lassen, von welcher
-Pflanze es sei u. s. w.
-
-Im zweiten Kursus können alle diese Übungen wiederholt und nun auch die
-Befruchtungswerkzeuge, die Merkmale der Klasse und Ordnung, zu welcher die
-Pflanze gehört, aufgesucht werden. Um die Kinder in der Klassifizierung zu
-üben, kann man bisweilen den Namen einer Pflanze auf ein Papier schreiben,
-das Papier umwenden und die Kinder reizen, die Pflanze, deren Namen man
-aufgeschrieben hat, durch die Klassifizierung zu erraten.
-
-Diese Methode ist höchst einfach, hat für die jungen Leute vielen Reiz und
-ist eine vortreffliche Verstandesübung.
-
-Z. E. Ich schreibe auf das Papier _Galeopsis ladanum_ und fordere Fritzen
-auf, zu erraten, was für eine Pflanze ich aufgeschrieben habe. Er wird,
-wenn er einigermaßen geübt ist, folgende Fragen thun:
-
-Gehört die Pflanze in eine von den ersten zwölf Klassen?
-
-Nein.
-
-In eine von den ersten sechs der zweiten zwölf Klassen?
-
-Ja.
-
-In die dreizehnte?
-
-Nein.
-
-In die vierzehnte?
-
-Ja.
-
-In die erste Ordnung?
-
-Ja.
-
-_Mentha?_
-
-Nein.
-
-_Prunella?_
-
-Nein.
-
-_Ajuga?_
-
-Nein.
-
-_Thymus?_
-
-Nein.
-
-_Galeopsis?_
-
-Ja.
-
-_Tetrahit?_
-
-Nein.
-
-_Ladanum?_
-
-Getroffen.
-
-Welche Freude für Fritzen, daß er durch so wenige Fragen aus den vielen
-hundert Pflanzen, die ihm bekannt sind, diese einzige, deren Namen ich mir
-niedergeschrieben hatte, sogleich herausfinden konnte.
-
-Hierbei muß ich aber vor einer Verirrung warnen, deren mancher Erzieher
-sich wahrscheinlich schuldig machen wird, -- man hüte sich, den
-Kindern Vergrößerungsgläser in die Hände zu geben, um die Klassen- und
-Ordnungsmerkmale der Pflanzen zu untersuchen. Die _Cryptogamia_ stelle
-man also gar nicht zur Betrachtung auf und lasse auch diejenigen Pflanzen
-nicht besonders untersuchen, deren Merkmale mit unbewaffneten Augen nicht
-entdeckt werden können, sondern ~sage~ ihnen nur, in welche Klasse und
-Ordnung sie gehören. Diese alle liegen im eigentlichen Verstande außerhalb
-des Gesichtskreises der Kinder. Sie sollen die Pflanzen kennen lernen, um
-daran ihre Kräfte, besonders aber ihr Empfindungsvermögen[21] zu üben;
-durch den Gebrauch der Vergrößerungsgläser wird aber ein Teil derselben,
-das Gesicht, abgestumpft. Sollte einer oder der andere in der Folge sich
-der Pflanzenkunde ausschließend widmen, so ist es noch immer Zeit genug,
-mit Vergrößerungsgläsern seine Untersuchungen fortzusetzen und so dem
-allgemeinen Besten die Schärfe seines Gesichtes aufzuopfern.
-
-Mehrere Väter, wenn sie dies lesen, werden sagen: wozu dies alles? Mein
-Sohn soll kein Naturforscher, kein Botaniker, er soll Soldat oder Kaufmann
-oder Gelehrter werden. --
-
-Wir sind vollkommen einerlei Meinung, liebe Freunde. Eure Kinder sollen
-gar nicht in der Absicht zur Betrachtung der Natur angeleitet werden,
-damit sie sich der Naturforschung überhaupt und der Pflanzenkunde
-besonders widmen, sondern daß sie bei der Betrachtung der Natur ihre
-Kräfte, ihr Empfindungsvermögen, Gedächtnis, Einbildungskraft und Verstand
-üben sollen, die sie in jeder Lage, in die sie kommen werden, so nötig
-haben. Ein junger Mensch, der seine Kräfte auf diese Art ausgebildet hat,
-faßt mit denselben in der Folge leicht alles auf, was ihm gelehrt wird, er
-geht mit offenen Augen durch die Natur, sieht alles, was darin merkwürdig
-ist, weiß die feinsten Merkmale aufzufinden, wodurch sich die Sachen
-voneinander unterscheiden, und sieht tausend Dinge, die den Augen anderer
-verborgen bleiben. Ich führe jetzt Fritz und Kilian, davon der erste auf
-vorbeschriebene Art geübt, der andere aber von der Übung zurückgehalten
-und an Bücher gefesselt wurde, in die Natur.
-
-Was siehst du hier, Kilian? frage ich. ~Gras~, erhalte ich zur Antwort.
-
-Was siehst du, Fritz? frage ich weiter.
-
-_Dactylis glomerata, Cynosurus cristatus, Bromus mollis, Aira flexuosa,
-Rhinantus crista galli etc._
-
-Ich möchte, daß diese Übung so lange als möglich fortgesetzt würde, und
-da dieselbe durch die Mannigfaltigkeit der aufgestellten Gegenstände
-sehr befördert wird, so schlage ich vor, daß man, nachdem man mit der
-Betrachtung der Erzeugnisse der Natur sich eine Zeitlang beschäftigt hat,
-nun auch die Betrachtung der Erzeugnisse des menschlichen Verstandes, der
-Werkzeuge, Gefäße, Kleidungsstücke und Hausgeräte damit verbinde, eins
-derselben nach dem andern aufstelle und die Kinder gewöhne, an demselben
-alle Teile, Formen und Absichten zu bemerken.
-
-Wenn man die Sache ernstlich angreift, so wird man sich wundern, wie viel
-an den gewöhnlichsten Dingen zu bemerken und zu unterscheiden ist.
-
-Zum Beispiele füge ich den Entwurf zu einer Unterredung über die Handsäge
-bei, so wie ihn mein Gehilfe ~Märker~ niedergeschrieben hat.
-
-Die Handsäge ist neu, groß, schwer, brauchbar (nützlich).
-
-Das Sägeblatt ist stählern, lang, breit, neu, glatt, dünn.
-
-Die Zähne des Sägeblattes sind scharf, geschränkt, dicht, kurz.
-
-Die Angeln des Sägeblattes sind lang, schmal, dünn.
-
-Das Gestell der Säge ist hölzern, neu, groß, zusammengesetzt.
-
-Die Arme des Gestells sind hölzern, gebogen, dick, lang, breit.
-
-Die Zapfenlöcher der Arme sind rund, groß.
-
-Die Handgriffe der Säge sind hölzern, kurz, rund, dick.
-
-Die Zapfen der Handgriffe sind kurz, walzenförmig, dick, eingeschnitten.
-
-Der Steg der Säge ist hölzern, lang, dick, gerade.
-
-Die Schnur der Säge ist hanfen, lang, stark, gespannt, zusammengedreht,
-neu.
-
-Der Spanner der Säge ist hölzern, lang, keilförmig, schmal, dünn.[F]
-
-So wie nun die Betrachtung der Natur und Kunst als Erziehungsmittel
-gebraucht werden soll, so muß man sich bemühen, allem übrigen Unterrichte
-eine solche Form zu geben, daß dadurch dieser Zweck befördert, die Kräfte
-geübt, die Kinder erzogen werden.
-
-Auf ähnliche Art, wie bei Betrachtung der Natur und Kunst, muß
-auch bei dem übrigen ersten Unterrichte alles zur Anschauung, wo
-nicht zur äußerlichen, doch zur innerlichen gebracht werden. Bei
-dem Sprachunterrichte z. E. muß man anfänglich lauter solche Bücher
-gebrauchen, bei deren Lesung nur Vorstellungen in der jungen Seele erregt
-werden, die sie entweder selbst durch die Anschauung bekommen hat und
-sie also leicht wieder hervorbringen kann, oder die doch mit denselben
-in Verwandtschaft stehen. Benennungen von übersinnlichen Gegenständen
-dürfen darin gar nicht vorkommen. Töne, mit denen das Kind nicht sogleich
-eine Vorstellung verbinden kann, haben für dasselbe keinen Reiz, es hat
-keine Neigung sie aufzufassen, und -- wenn es sie auffaßt, so nützen sie
-ihm nichts, weil es dabei gar nichts oder etwas ganz Falsches denkt.[22]
-Ebendeswegen darf mit Kindern anfänglich noch keine Grammatik getrieben
-werden.
-
-Dies wird jetzt ziemlich allgemein angenommen, indem in mehreren, in
-lebenden Sprachen aufgesetzten Lesebüchern für Kinder ein Bestreben
-sichtbar ist, die Kinder über Dinge zu unterhalten, die innerhalb ihres
-Gesichtskreises liegen. In der lateinischen Sprache sind solche Bücher
-schon seltener, und von den wenigen, welche vorhanden sind, wird nicht
-immer Gebrauch gemacht. Man schreitet bei dem Unterrichte in dieser
-Sprache zu schnell zu dem Lesen römischer Schriftsteller, wo eine Menge
-Wörter vorkommen, zu denen den Kindern die Vorstellung fehlt, und dies
-ist gewiß eine Hauptursache, warum man bei vielen so wenig Lust zur
-Erlernung dieser Sprache bemerkt. Ebendeswegen wird es immer gewöhnlicher,
-diejenigen Knaben, die nicht zum Studieren bestimmt sind, von Erlernung
-dieser Sprache loszuzählen. Ich kann dies nicht billigen. Mehrere
-europäische Sprachen sind doch aus dieser entstanden, und werden leichter
-gelernt, wenn man in jener einen guten Grund gelegt hat; überdies ist sie
-nun einmal so allgemein, daß man nicht leicht ein Buch in neueren Sprachen
-lesen kann, in welchem sich nicht hier und da Brocken davon befänden,
-welche Lesern, die damit ganz unbekannt sind, immer Steine des Anstoßes
-sein müssen. Dadurch wird es notwendig, daß den gebildeten Ständen diese
-Sprache nicht ganz fremd sein darf. Hätte der Erzieher so viel Kenntnis
-der lateinischen Sprache, daß er über die aufgestellten Gegenstände der
-Natur und Kunst, über merkwürdige Vorfälle in der Familie, kurz über
-Dinge, die den Kindern anschaulich wurden, im leichten, aber echten Latein
-Aufsätze niederschreiben könnte, sie den Kindern vorlese, von ihnen laut
-nachsprechen und in das Deutsche übersetzen ließe, so würde er davon
-großen Nutzen verspüren. Es würde den Kindern Vergnügen machen, sie
-würden eine Menge lateinische Wörter behalten, mit einigen Eigenheiten
-der Sprache bekannt werden und bei dem künftigen Lesen der lateinischen
-Schriftsteller weniger Schwierigkeiten finden.[23]
-
-Schriebe ich ein Buch über die Erziehung der Kinder, so müßte ich mich
-noch über den ganzen Unterricht ausbreiten, den Kinder erhalten sollen: da
-ich aber von der Erziehung der Erzieher handle, so ist dies Wenige genug,
-ihnen einen sehr bedeutenden Wink zu geben, was junge Männer, die sich der
-Erziehung widmen, eigentlich zu erlernen haben.
-
-Wenn ich, liebe Freunde, sehe, wie bei weitem die meisten von euch sich zu
-ihrer Bestimmung vorbereiten, so kann ich nicht anders, als euch und die
-armen Kleinen, die eurer Aufsicht werden anvertraut werden, bemitleiden.
-Ihr lernt die alten Sprachen, etwas Geographie, Geschichte und Mathematik,
-höchstens etwas Französisch und Musik, hört einen philosophischen und
-theologischen Kursus und glaubt nun, euch zu Erziehern gebildet zu haben.
-
-Wenn man euch nun den Franz, Robert, Stephan, fünfjährige Knaben, zur
-Erziehung übergiebt, was wollt ihr denn mit ihnen anfangen? Was von
-aller eurer Gelehrsamkeit könnt ihr denn in diesem euern Wirkungskreise
-benutzen? Fast gar nichts. Diese Kleinen hängen noch ganz an der
-sichtbaren Welt, durch deren Betrachtung sich ihr edlerer Teil entwickeln
-und für übersinnliche Vorstellungen Empfänglichkeit erwerben soll, und
-ihr -- seid in der sichtbaren Welt Fremdlinge. Die Dinge, die euch täglich
-umgeben, sind euch unbekannt, und ihr wißt von vielen nicht einmal den
-Namen anzugeben. Da geht ihr dann mit euren Kleinen durch die Natur, wie
-ein Landmann durch die Dresdner Bildergalerie. Ei sehen Sie, sagt Robert,
-den Vogel, der hier auf dem Aste sitzt! Wie heißt er? -- Ich kenne ihn
-nicht, ist die Antwort. Freudig kommt Franz gehüpft mit einer Blume in der
-Hand und fragt: Kennen Sie diese Blume? Es erfolgt die nämliche Antwort.
-
-Nun geht es in die Lehrstunde. Blumen und alles, was die Kinder aus der
-sichtbaren Welt aufgerafft haben, wird ihnen weggenommen, der Trieb
-nach Anschauung, der bei ihnen so stark ist, wird erstickt; ihr gebt
-ihnen statt Blumen Bücher in die Hände, und stellt ihnen statt Sachen
-Zeichen der Sachen auf, zu deren Erlernung sie keine Lust besitzen.[24]
-Da verbreitet sich denn über die Verbindung, in welcher ihr so glücklich
-leben könntet, Mißvergnügen; die Kinder können einen Mann nicht lieb
-gewinnen, der sie nicht auf eine ihnen angenehme Art zu unterhalten weiß,
-und ihr betrachtet eure Kinder mit Mißfallen, bei denen ihr mit eurem
-Unterrichte wenig oder gar nichts bewirket.
-
-Folgt also, Freunde, dem Rate eines alten Erziehers, und macht euch mehr
-mit der sichtbaren Welt bekannt, nach der Anweisung, die ihr im folgenden
-Abschnitte finden werdet.
-
-Jetzt denke ich mir nun einen Erzieher, der sich nach meinem Wunsche
-bildet, in dem Kreise seiner Zöglinge, Einen Gegenstand nach dem andern,
-aus dem Tier- und Pflanzenreiche und den Werkstätten der menschlichen
-Kunst, stellt er ihnen vor, fesselt ihre Aufmerksamkeit daran, unterhält
-sich mit ihnen darüber auf eine für beide Teile sehr angenehme Art, übt
-das Empfindungsvermögen und mehrere Seelenkräfte der Kleinen und spürt
-davon schon in den ersten Tagen die wohlthätigsten Wirkungen. Mit dieser
-Beschäftigung füllt er täglich ein paar Stunden aus.
-
-Da aber jeder Tag mehr als zwei Stunden hat, so fragt es sich, was soll
-in den übrigen Stunden mit den Kindern vorgenommen werden? Das ist die
-schwere Frage, die sich nur wenige Erzieher lösen können. Unterhalten
-Sie mich doch, lieber Herr Richard! sagte einmal ein kleiner Junker, der
-von Langeweile geplagt wurde, zu seinem Hofmeister. War dieser Wunsch
-unbillig? Muß man den kleinen Mann nicht lieb gewinnen, der einen Ekel
-gegen die Langeweile bezeigt?
-
-Aber in welche Verlegenheit muß der Erzieher bei diesem so billigen und
-gerechten Wunsche der Kinder geraten? Kinder fünf bis sechs Stunden des
-Tages zu unterhalten, ist fürwahr kein leichtes und angenehmes Geschäft.
-Denn womit soll man die Kinder unterhalten? Mit Erzählen? Dies ist eine
-so angenehme als nützliche Unterhaltung, wenn man etwa eine Viertelstunde
-täglich darauf verwendet. Aber immer erzählen, ermüdet die Kinder, sowie
-den Erzieher. Bilder erklären? Hiermit hat es die nämliche Bewandtnis.
-Bücher zu lesen geben? Kinder von so zartem Alter können noch nicht
-lesen. Es gehört dazu nicht nur das deutliche Aussprechen der Zeichen,
-sondern auch das richtige Vorstellen der dadurch bezeichneten Sachen. Sie
-spielen lassen? Auch dies bekommen sie bald überdrüssig. Ja, wenn man
-sie mit Nüssen und Mandeln versieht und ihnen Karten und Würfel in die
-Hände giebt, so werden sie sich damit mehrere Stunden auf eine ihnen sehr
-angenehme Art zu unterhalten wissen; wer sieht aber nicht, daß ihnen dies
-eben so nachteilig sei als Mohnsaft, dessen die Kinderwärterinnen sich oft
-bedienen, um die Kinder zur Ruhe zu bringen.
-
-Merket auf! Außer dem Vermögen zu empfinden, sich vorzustellen und zu
-urteilen, regen sich in den Kindern noch verschiedene Kräfte, die nach
-Übung streben. Daher die beständige Unruhe der Kinder, die den Erziehern
-so lästig ist; daher die beständigen Ermahnungen: stille, Kinder! seid
-ruhig! die die Kinder verstimmen und die Gegenwart der Erzieher ihnen
-höchst lästig machen.
-
-Schafft doch den nach Übung strebenden Kräften der Kinder hinlängliche
-Übung, und ihr werdet gewiß finden, daß sie sich auf eine angenehme und
-nützliche Art zu unterhalten wissen, euch nicht mehr lästig sein, sondern
-vielmehr die angenehmste Aufheiterung verschaffen werden.
-
-Wie sollen wir, fragt ihr, dies anfangen? Dies ist nun eure eigene Sache.
-Wenn ihr auf die Wünsche eurer Zöglinge, auf ihre tägliche Lage merkt, so
-werdet ihr Gelegenheit genug finden, sie zu beschäftigen.
-
-Hier sind indes ~einige~ Winke.
-
-In den Lehrstunden verlangt ihr, daß sie stets ruhig sein und stille
-sitzen sollen. Gegen diese Forderung strebt ihre ganze Natur, die durchaus
-regsam, zur Thätigkeit geneigt und abgeneigt ist, sich bloß leidend zu
-verhalten. Ihr werdet die Kinder verdrossen machen und Widerwillen gegen
-euch erregen, wenn ihr auf eurer Forderung zu streng besteht. Sucht sie
-in beständiger Thätigkeit zu erhalten, so werdet ihr beide miteinander
-zufrieden sein.
-
-Haltet ihnen also keine Vorlesungen, verlangt nicht von ihnen, daß sie
-euch bloß zuhören sollen, sondern laßt euern Vortrag eine beständige
-Unterredung sein, an welcher bald dieser, bald jener teilnehmen muß,
-laßt nach Pestalozzischer Lehrart die ganze Versammlung von Zeit zu Zeit
-nachsagen, was ihr vorgesagt worden.[G]
-
-Wird ein Unterricht erteilt, an welchem die Kinder nicht mit den Augen,
-sondern nur mit den Ohren und Sprachwerkzeugen teilnehmen, so wird das
-Zeichnen der Linien, Winkel und Quadrate nach Pestalozzischer Art, während
-des Unterrichts, ihre Hände von allen Spielereien abziehen, und ihnen eine
-unterhaltende und nützliche Beschäftigung gewähren.
-
-Aber außer den Lehrstunden, was sollen wir, fragt ihr, dann mit unsern
-Zöglingen anfangen?
-
-Höret nur auf ihre Wünsche, so werden sie euch schon selbst dazu Anleitung
-geben. Einmal wollen sie ein Schiffchen haben, das auf dem Bache
-schwimmen soll, ein andermal Knallbüchsen, Handspritzen, Bogen und Pfeile,
-Drachen u. dgl. Von solchen Kindereien suchen nun überweise Erzieher sie
-abzubringen und verleiden so ihnen und sich selbst das Leben; der wahre
-Erzieher freuet sich aber allemal, so oft er solch einen Wunsch bei seinen
-Kindern bemerkt, und ist bereit, ihnen Rat und Anweisung zu geben, wie
-sie sich die gewünschten Sachen ~selbst verfertigen~ können. ~Selbst
-verfertigen~, sage ich.
-
-Das ~Selbstverfertigen~, anfänglich von allerlei Spielwerk und in
-der Folge von wirklich nützlichen Werkzeugen und Geräten, ist ein so
-nützliches und angenehmes Geschäft, daß ich es zu einer ~unerläßlichen~
-Forderung an alle Anstalten, wo die Kinder zweckmäßig erzogen werden
-sollen, mache, daß ihnen Anleitung und Gelegenheit zum Selbstverfertigen
-gegeben werde.
-
-Dazu gehört denn freilich eine Werkstatt, mancherlei Werkzeuge und
-Materialien und Anweisung, davon Gebrauch zu machen. Hat es der Erzieher
-dahin gebracht, daß seine Zöglinge nach geendigten Lehrstunden mit ihren
-Händen sich beschäftigen und ihre kleinen Wünsche ausführen können, so
-hat er gewonnen Spiel. Das schwere Geschäft, sie zu unterhalten, ist
-ihm abgenommen, sie unterhalten sich selbst -- er ist bloß Zuschauer
-und Ratgeber. Der Gewinn, der für die Kinder daraus entspringt, ist
-unbeschreiblich groß.
-
-Erstlich wird ihr Thätigkeitstrieb befriedigt und allen den
-Ausschweifungen, die aus dem gehemmten Thätigkeitstriebe zu entspringen
-pflegen, ist vorgebeugt. Zehn Kinder an der Werkstatt sind leichter zu
-lenken, als drei, die nicht wissen, was sie thun sollen. Zweitens befinden
-sich die Kinder dabei so wohl; denn ist denn das nicht das reinste
-innigste Vergnügen, wenn man gewissen vorgesetzten Zwecken sich immer mehr
-nähern kann und sie endlich ganz erreicht? Jetzt ist das Schiff fertig, an
-dem die Kleinen seit einiger Zeit arbeiteten -- jetzt wird es vom Stapel
-gelassen -- wird auf den Bach gebracht, auf dem es nun segeln soll. Mit
-welchem Frohlocken geschieht es! So etwas müßt ihr selbst gesehen haben,
-liebe Freunde, um euch zu überzeugen, wie ungemein wichtig es sei, Kindern
-Gelegenheit zu geben, selbst etwas zu verfertigen.
-
-Drittens werden dabei so viele Kräfte geübt. Der Geist, der bei der
-sonst üblichen Lehrart immer dressiert wird, nach fremden Vorschriften
-zu handeln, lebt dabei auf, faßt eigene Ideen und erfindet Mittel, sie
-auszuführen. Das Auge übt sich, die Größen zu messen, um jedem Teile des
-auszuführenden Werkes das nötige Verhältnis zum Ganzen zu geben; und
-die Muskeln der Hände werden auf so mannigfaltige Art geübt, daß sie
-hernach bei den mannigfaltigen Vorfällen des menschlichen Lebens, in den
-Verlegenheiten, in die man oft gerät, sich selbst zu helfen imstande
-sind, ohne daß sie immer nötig haben, zu fremder Hilfe ihre Zuflucht zu
-nehmen. Ein Mann, der seinen Händen nicht mancherlei Geschicklichkeiten in
-der Jugend erworben hat, ist nur ein halber Mann, weil er beständig von
-anderen Leuten abhängig ist.
-
-Wahrscheinlich befinden sich neun Zehnteile der Leser ~mit mir~ in diesem
-Falle. Diese frage ich auf ihr Gewissen, ob sie nicht viel drum gäben,
-wenn sie in ihrer Jugend Anweisung bekommen hätten, mit ihren Händen etwas
-zu verfertigen?
-
-Die Einwendungen, die dagegen werden gemacht werden, sind mannigfaltig,
-und ich habe nicht Lust, mich mit Aufzählung und Widerlegung derselben
-aufzuhalten. Die meisten derselben werden doch daher rühren, weil die
-wenigsten Herren Erzieher Handarbeit gelernt haben und deswegen diese
-Erziehungsart verschreien und lächerlich zu machen suchen. Was würde ich
-denn bei ihnen ausrichten, wenn ich mit ihnen darüber streiten wollte?
-
-Mit vieler Beredsamkeit suchte einst ein Prediger einige seiner Zuhörer
-von einer gewissen übeln Gewohnheit abzubringen. Herr Pfarrer! sagten sie,
-als er ausgesprochen hatte, recht mag er wohl haben, aber wir thun es
-doch nicht. So möchte es mir auch wohl gehen.
-
-Ein paar Einwendungen kann ich aber doch nicht mit Stillschweigen
-übergehen, da sie vielen Schein haben. Sie sind diese: Wenn man die Kinder
-mit Handarbeiten beschäftigt, so geht zu viele Zeit verloren, und sie
-verlieren die Lust zum Erlernen der Sprachen und Wissenschaften.
-
-Dies möchte freilich wohl vielmal der Fall sein, wenn man den Kindern
-die freie Wahl ließe, ob sie einen schriftlichen Aufsatz verfertigen
-oder mit Handarbeit sich beschäftigen wollten. So meine ich es aber
-nicht. Nur die Freistunden sollen dazu angewendet werden. Je jünger der
-Zögling ist, desto mehr bedarf er Freistunden oder Stunden, in denen er
-von Geistesarbeiten frei ist; je mehr sich hingegen des Geistes Kräfte
-entwickeln, desto mannigfaltigere und anhaltendere Beschäftigungen kann
-man ihm geben, desto mehr mindert sich auch die Zahl der Freistunden.
-
-Die zweite Einwendung, die man machen könnte, ist diese: Zu Handarbeiten
-ist doch der Gebrauch von allerlei scharfen und spitzigen Instrumenten
-nötig -- wie leicht kann sich ein Kind damit gefährlich verwunden!
-
-Möglich ist dies freilich. Allein der öftere Gebrauch der scharfen
-Werkzeuge lehrt auch zugleich die dabei nötige Vorsicht. Und die
-Erfahrung -- diese ist doch sicher auf meiner Seite. Hört man nicht immer
-von Kindern, die sich gefährlich verwundeten, und die nie zur Handarbeit
-Anleitung bekamen? Und bei meinen Zöglingen, die so mancherlei spitzige
-und scharfe Werkzeuge in Händen haben, ist noch ~nie~ eine ~gefährliche~
-Verwundung vorgefallen.
-
-Wenn es also schlechterdings nötig ist, den Kindern Anleitung zu geben,
-selbst mit ihren Händen etwas zu verfertigen, so begreift ihr von selbst,
-die ihr euch der Erziehung widmet, daß ihr verbunden seid, ~Handarbeit zu
-erlernen~. Es giebt da keinen Ausweg. Entweder ihr müßt euch entschließen,
-eure Zöglinge den ganzen Tag zu unterhalten und den Thätigkeitstrieb, der
-sich in ihren Händen regt, zu lähmen, oder -- ihr müßt euch in allerlei
-Handarbeiten selbst suchen Geschicklichkeit zu erwerben.[27]
-
-Können wir, sagt ihr vielleicht, nicht Handwerksleute annehmen, die in
-unserer Gegenwart den Zöglingen die nötige Anweisung geben? Versucht es,
-und ihr werdet dann alle die Unannehmlichkeiten selbst finden, die aus
-solchen Verbindungen zu entspringen pflegen.[H]
-
-Ich komme auf den wichtigsten Teil der Erziehung, auf die Gewöhnung zur
-Sittlichkeit, oder nach gewissen richtigen Regeln zu handeln. Wo diese
-fehlt, hat die übrige Erziehung wenigen oder gar keinen Wert. Ich denke
-mir jetzt einen Jüngling, der unter den Händen seines Erziehers gesund
-und stark wurde, sich mancherlei Geschicklichkeiten erwarb, alle seine
-Geisteskräfte durch Übung entwickelte, der nun aber alle diese Vorzüge
-anwendet, seinen Lüsten Befriedigung zu verschaffen -- was ist denn
-durch die Erziehung gewonnen worden? Für ihn nichts, ihm fehlt ja die
-eigentliche Menschenwürde, die in der Freiheit oder in der Kraft besteht,
-seine Lüste zu beherrschen und nach richtigen Grundsätzen zu handeln; und
-glückselig wird er nie, da es für den Menschen keine andere Glückseligkeit
-giebt, als die aus dem Bewußtsein entspringt, seine Pflicht erfüllt oder
-nach richtigen Grundsätzen gehandelt zu haben. Und für die menschliche
-Gesellschaft thut er auch wenig. Er wird für sie nichts thun, wenn dadurch
-seinen Lüsten nicht Befriedigung verschafft wird, und wird dadurch Unheil
-stiften, wenn er damit zu seinem Zwecke kommen kann. Je mehr seine Kräfte
-ausgebildet sind, desto überlegener ist er andern, desto weniger können
-sie ihm widerstehen, desto gefährlicher ist er für die Gesellschaft.
-
-Was soll ich dies weitläufiger ausführen? Diese Wahrheit ist bereits fast
-allgemein anerkannt, und man findet sie fast in allen Büchern, die über
-die Erziehung geschrieben sind. Wie steht es aber mit der Befolgung?
-Zeigen sich nicht allenthalben moralische Ungeheuer, auf deren Unterricht
-und Kraftentwickelung doch viel Fleiß gewendet wurde? Man sucht die
-Ursache davon teils in dem Verderben der menschlichen Natur, teils in der
-Mangelhaftigkeit der sittlichen Grundsätze, die ihnen mitgeteilt wurden;
-ich hingegen glaube ihn mehr in einer fehlerhaften Behandlung des jungen
-Menschen gefunden zu haben.
-
-Ich will darüber mit niemandem rechten; man erlaube mir aber meine eigene,
-auf Erfahrung gegründete Meinung vorzutragen.
-
-Der neugeborne Mensch kann noch nicht gehen, und das Prinzip seiner
-Handlungen sind seine Empfindungen. Was ihm angenehme Empfindungen
-verursacht, begehrt, was unangenehme Empfindungen bewirkt, das flieht er.
-Da ist keine Rücksicht auf Religion oder Moral sichtbar. Will man dies
-moralisches Verderben nennen, nun so thue man es; man erlaube mir aber
-dann auch, daß ich das Unvermögen zu gehen, das man an dem jungen Menschen
-bemerkt, das physische Verderben der menschlichen Natur nenne.
-
-Seitdem man die Laufzäume und Gängelwagen abgeschafft hat, verliert sich
-das physische Verderben der Natur nach und nach, und die Kinder lernen
-erst gehen, dann sogar laufen und springen. Schafft die moralischen
-Gängelwagen und Laufzäume ab, und der moralische Mensch wird sich ebenso
-gut von selbst entwickeln und erst gut, dann edel zu handeln anfangen.
-
-Und was sind denn die moralischen Gängelbänder? Die Gebote und Verbote und
-die künstlichen Mittel, wodurch man die Kinder an Befolgung derselben zu
-gewöhnen sucht.[28]
-
-Der Mensch hat gegen alle Gebote und Verbote, insofern sie es sind, eine
-natürliche Abneigung. Er will immer gern seinen eigenen Willen thun;
-zweifelst du daran, mein Leser, so bemerke nur selbst, was in dir vorgeht,
-wenn deine Freiheit durch Gebote und Verbote eingeschränkt wird. So wie
-bei den Kindern die Menschwerdung eintritt, wie die Geisteskräfte sich
-entwickeln, zeigt sich auch die Abneigung gegen Gebote und Verbote. Wenn
-man nun durch Gebote und Verbote und durch die damit verknüpften Strafen
-und Belohnungen sie zu gängeln sucht, so entsteht Unwille und Abneigung
-gegen den Befehlshaber, es regt sich ein Bestreben, seinen Gesetzen
-auszuweichen, und wenn die Verbindung mit dem Gesetzgeber aufhört, dann
-zeigt sich Zügellosigkeit, weil nichts mehr da ist, das verhinderte, die
-Wünsche, die sie seither bei sich hegten und unterdrücken mußten, zu
-befriedigen.
-
-~Man lasse daher das Kind immer seinen eigenen Willen thun, so wird es gut
-werden.~
-
-Ihr entsetzt euch über diese Behauptung? Ihr fragt, wozu es der Erzieher
-bedürfe, wenn das Kind immer seinen eigenen Willen thun sollte?
-
-Liebe Freunde! Leset das, was nun folgt, mit einiger Aufmerksamkeit, und
-ich will mich bemühen, so deutlich zu sprechen, als es mir möglich ist, so
-werden wir hoffentlich am Ende einander die Hände geben und miteinander
-eins sein.
-
-Meine Meinung ist diese: Der Erzieher soll den Zögling dahin zu bringen
-suchen, daß er selbst das Gute wolle und es thue, nicht deswegen, weil es
-ihm von anderen geboten und das Gegenteil verboten wird, weil er von der
-Befolgung des Gebots Belohnung, von der Übertretung Strafe zu erwarten
-hat, sondern weil er es selbst will.
-
-Sind wir nun miteinander eins? Ich hoffe es.
-
-Die Frage ist nur, wie man das Kind dahin bringe, daß es das Gute wolle;
-dies ist schwer und nicht schwer, je nachdem man es angreift.
-
-Nach meinen Erfahrungen gehört dazu zweierlei:
-
-1. Daß man dem Kinde stets die Wahrheit sage oder ihm von seinen Pflichten
-die richtige Ansicht gehe.
-
-2. Daß man es dahin bringe, daß es die Wahrheit einsehe.
-
-Hat man es ~dahin~ gebracht, so will es das Gute und bedarf nur einer
-kleinen Erinnerung von Zeit zu Zeit, um es von seinen Verirrungen, die
-freilich nicht fehlen werden, zurückzubringen.
-
-Man sei also stets wahr in seinen Ermahnungen! Die Kinder haben für die
-Wahrheit einen ungemein feinen Sinn, der ihnen aber auch jede Unwahrheit
-bemerkbar macht. Wer also durch Unwahrheit seine Zöglinge zum Guten zu
-lenken sucht, wird sein Ziel gewiß verfehlen.
-
-Schreie nicht, mein Kind! sagte einst eine Mutter, als sie ihr weinendes
-Kind durch das Feld führte, es sind Mäuse hier im Acker, die kommen
-hervor, wenn sie dich schreien hören, und beißen dich.
-
-Wer sieht nicht das Unvernünftige und Unwahre dieser Vorstellung? Das Kind
-schwieg ein paar Augenblicke. Da ihm aber dann wieder ein paar Schreie
-entfuhren, und keine Maus sich zeigte, so schrie es weit stärker als zuvor.
-
-Handeln denn die Erzieher aber vernünftiger, die ihren Zöglingen von der
-Erfüllung der Pflichten Folgen versprechen, die höchst zufällig sind,
-und wegen Verletzung derselben ihnen Strafen drohen, die so selten sich
-einfinden, als ein weinendes Kind von einer Maus gebissen wird?
-
-Fallen nicht ferner diejenigen Erzieher in eben diesen Fehler, die ihren
-Zöglingen manches zur Pflicht machen, wozu sie doch nicht verbunden sind?
-Müssen sie denn nicht lauter falsche Gründe anführen, um ihre Forderungen
-zu beschönigen?
-
-Willst du z. E. deinen lügenhaften Zögling dahin bringen, daß er die
-Wahrheit rede, so kannst du sagen, auf eine Lüge gehört eine Maulschelle,
-und es ihm auch sogleich fühlbar machen. Was wirst du damit ausrichten?
-Er wird gegen dich erbittert werden, aber die Neigung zur Unwahrheit wird
-bleiben.
-
-Oder du kannst sagen, wer lügt, der stiehlt, und wenn du so zu lügen
-fortfährst, so wirst du ein Dieb und kommst an den Galgen. Ist denn dies
-wahr?
-
-Oder du kannst etwas nachdrücklich sagen: »Kind! Wenn du lügst, so glaubt
-man dir nicht mehr. Dies wäre für dich ein großes Unglück.«
-
-Dies ist wahr, und daß es wahr sei, begreift das Kind leicht.[29]
-
-Aber wenn man ihm die Verbindlichkeit, sich aller Bewegungen im Freien zu
-enthalten und acht Stunden täglich stille zu sitzen, begreiflich machen
-will, wie soll man dies anfangen, ohne die Unwahrheit zu reden? Und wie
-kann man einem Kinde zumuten, zu glauben, was nicht wahr ist, und danach
-zu handeln?
-
-Wenn man Kindern die Wahrheit begreiflich machen will, nach welcher sie
-handeln sollen, so vergesse man ja nicht, wen man vor sich habe -- nicht
-Menschen, sondern Geschöpfe, die imstande der Menschwerdung sich befinden,
-bei denen die Vernunft noch klein ist. Alle langen zusammenhängenden
-Ermahnungen, alle abstrakten Grundsätze, die nur mit der Vernunft können
-gefaßt werden, sind unwirksam. Die Kinder verstehen nichts davon.
-
-Sie haben aber eine Nachahmungsbegierde, die sie geneigt macht, alles,
-was ihnen an andern gefällt, nachzuthun. Diese muß in Anspruch genommen
-werden. Man muß ihnen in wahren oder erdichteten Erzählungen von der
-Handlungsart, zu welcher man sie bringen will, Muster vorstellen und sie
-so lebhaft schildern, daß sie glauben dieselben vor sich stehen zu sehen,
-und so gefällig, daß in ihnen der Entschluß entsteht, ebenso zu handeln.
-Dabei muß man sich hüten, die Anwendung geradezu auf sie zu machen und
-sie zu ermahnen, ebenso zu handeln. Denn die Kinder sollen ihren ~eignen~
-Willen ~thun~. Wenn man sie nun die Anwendung auf sich selbst machen läßt,
-und sie fassen dann selbst den Entschluß, so zu handeln, so thun sie ihren
-eignen Willen.
-
-Ich habe von der Wirksamkeit dieser Art des Unterrichts sehr viele
-Erfahrungen gemacht. Oft, nicht immer, aber oft, wenn ich eben recht
-aufgelegt war, in meiner ~Erklärung meines ersten Unterrichts in der
-Sittenlehre~[30] meinen Zöglingen ein gewisses Muster recht darzustellen,
-umschlossen sie mich am Ende der Lehrstunde und baten: O Vater! Laß uns
-doch auch so handeln!
-
-Die Kinder haben ferner Verstand, der auffaßt, was ihm anschaulich
-dargestellt wird. Dieser muß ebenfalls in Anspruch genommen werden.
-Man muß ihnen die Verbindlichkeit, so und nicht anders zu handeln, so
-anschaulich als möglich zu machen suchen. Sobald sie dieselbe gefaßt
-haben, ist auch gewiß der Entschluß da, darnach zu handeln.
-
-Dazu gehört eine eigene Gewandtheit, die nur durch Übung erlangt werden
-kann. Zu allen Zeiten ist man nicht aufgelegt dazu, und da thut man
-besser, wenn man seinen Vortrag so lange verschiebt, bis man sich dazu
-aufgelegt fühlt. Dann kann man aber auch Wunder thun.
-
-Von den vielen Erfahrungen, die ich in dieser Rücksicht gemacht habe, will
-ich nur eine anführen, die ich neuerlich zu machen Gelegenheit hatte. Vor
-einiger Zeit riß bei meinen Pflegesöhnen die üble Gewohnheit ein, daß sie
-immer die Schlüssel zu ihren Schränken und Kisten verloren. Da sie einen
-gefälligen Schlosser zur Seite hatten, der ihnen sogleich drei Schlüssel
-auf einmal verfertigte, so legten sie auf dieselben gar keinen Wert
-mehr. Ich konnte ihnen deswegen scharfe Verweise geben, konnte auf das
-Schlüsselverlieren eine große Strafe setzen und noch mancherlei thun, das
-nichts würde gewirkt haben. Aber eben deswegen, weil ich vorhersah, daß
-dies alles nichts helfen würde, that ich lieber gar nichts und ließ sie
-eine Zeitlang Schlüssel verlieren, so viel sie wollten. Endlich fiel mir
-ein, wie ich ihnen die Verbindlichkeit, ihre Schlüssel in acht zu nehmen,
-anschaulich machen könnte.
-
-Als sie daher einmal in Reihe und Glied vor mir standen, hielt ich einen
-Schlüssel in die Höhe und sagte: Jetzt gebt Achtung! Jetzt, liebe Freunde,
-will ich eine Vorlesung halten über -- den Schlüssel. Die Materie, aus
-welcher der Schlüssel besteht, ist gewöhnlich Eisen. In Ansehung seiner
-Form bemerken wir diesen Teil, der heißt Kamm, und diesen, der ist das
-Rohr, und diesen, das ist der Griff.
-
-Dies habt ihr freilich alles lange schon gewußt, jetzt will ich euch aber
-noch etwas sagen, was wenigstens zwei Dritteilen von euch unbekannt war,
-nämlich ~was eigentlich ein Schlüssel~ ist. Hättet ihr dies gewußt, so
-würdet ihr gewiß auf eure Schlüssel einen größern Wert gelegt haben.
-
-Achtung! (die folgenden Worte wurden langsam und mit großem Nachdrucke
-ausgesprochen). ~Ein Schlüssel ist das Mittel, das Behältnis, zu dem
-er gehört, zu öffnen.~ Wenn ich also den Schlüssel zu meinem Schranke
-verliere, so bekommt der Finder das Mittel in die Hände, meinen Schrank
-zu öffnen. Verliere ich viele Schlüssel, so erhalten die Domestiken, die
-Handwerksleute, die Tagelöhner, die Bettler, die in unsere Häuser kommen,
-nach und nach Mittel, den Schrank zu öffnen. In diesem Falle thäte ich
-besser, wenn ich ihn gar nicht mehr verschlösse, da ersparte ich mir
-doch die Mühe des Auf- und Zuschließens. Das Zuschließen wäre ja doch
-vergeblich. Daß es möglich sei, seinen Schlüssel nicht zu verlieren, dies
-beweist der Schlüssel, den ich hier in der Hand habe, den ich im Jahre
-1766 verfertigen ließ, der also nun beinahe 40 Jahre alt ist.
-
-Mit diesen Worten trat ich ab und überließ die Versammlung ihrem eigenen
-Nachdenken.
-
-Der Erfolg davon war, daß das Schlüsselverlieren ~sogleich~ aufhörte, und
-daß nunmehr seit zwei Monaten von meinen Pflegesöhnen kein einziger nötig
-gehabt hat, sich einen neuen Schlüssel verfertigen zu lassen.
-
-Und worin liegt denn die Zauberkraft, die dies bewirkte?
-
-1. Darin, daß ich durch den sonderbaren Eingang zu meiner Rede aller
-Erwartung spannte und sie zur Aufmerksamkeit brachte. Was hätten die
-triftigsten Vorstellungen vermocht, wenn man nicht darauf aufmerksam
-gewesen wäre?
-
-2. Daß ich den Wert der Schlüssel und die Verbindlichkeit, sie zu
-bewahren, recht anschaulich machte.
-
-3. Daß ich sie dadurch dahin brachte, daß sie die Verbindlichkeit, ihre
-Schlüssel zu bewahren, begriffen und ~sich selbst~ entschlossen, dies zu
-thun.
-
-Ich hielt diesen Vortrag öffentlich, weil er einen Fehler betraf, der fast
-allgemein war.
-
-Man hüte sich ein Gleiches zu thun, wenn man ein einzelnes Kind zur
-Erfüllung einer Pflicht oder Ablegung eines Fehlers bringen will. Man
-wird dabei seinen Zweck gewiß verfehlen, denn die Wirkung öffentlicher
-Ermahnungen, die eine gewisse Person betreffen, ist allemal Beschämung,
-wodurch eine Art von Betäubung hervorgebracht wird, die den Ermahnten
-unfähig macht, aufzumerken; sehr oft wird dadurch auch Erbitterung gegen
-den Ermahner bewirkt, die den Vorsatz erzeugt, die Ermahnung nicht zu
-befolgen.
-
-Die Kinder haben ferner Sinnlichkeit, die man auch benutzen muß. Dies
-geschieht, wenn man durch Ton und Mienen das ausdrückt, was man sagen
-will. Da ich hiervon schon oben gesprochen habe, so ist es überflüssig,
-darüber weitläufiger zu reden. Ich bemerke nur dies noch, daß es ungemein
-wichtig sei, durch Ton und Miene auf Kinder zu wirken, die Vernunftgründe
-noch nicht fassen können. Wer dies versteht, der richtet durch einen
-Blick, ein Wort, die Beifall oder Mißfallen ausdrücken, mehr aus, als ein
-anderer durch eine lange Gottesverehrung.
-
-Die Einwendungen, die gegen diese Erziehungsart werden gemacht werden,
-sehe ich voraus und übergehe sie mit Stillschweigen, weil sie jeder
-Denkende leicht selbst widerlegen kann.
-
-Nur eine kann ich nicht unerörtert lassen.
-
-»Der Mensch, wird man sagen, muß gehorchen lernen, wenn er in die
-menschliche Gesellschaft passen soll. Was soll aus der Gesellschaft
-werden, wenn man ihr Glieder zuzieht, die gewöhnt sind, keinen andern als
-ihren eigenen Willen zu thun? Die Revolutionen, die Staatsumwälzungen, die
-Königsmorde, die in unsern Tagen vorgefallen sind, die sind die Früchte
-der liberalen Erziehung, die man jetzt den jungen Leuten giebt.«
-
-Liebe Freunde! Ereifert euch nicht zu sehr! Denkt nur an die Frauenzimmer
-in N., von denen ich oben gesprochen habe, die an Nervenkrankheiten
-sterben, seitdem die Schnepfenthäler Zöglinge sich im kalten Wasser
-baden![31] Die Staatsumwälzungen und Königsmorde hängen mit der liberalen
-Erziehung ebenso zusammen, wie die Nervenkrankheiten der Frauenzimmer
-in N. mit dem kalten Baden der Schnepfenthäler Zöglinge. Wie? Sind denn
-etwa die berüchtigten Staatsumwälzer nach der hier empfohlenen Methode
-erzogen worden? Oder haben sich diejenigen, die so erzogen wurden, durch
-Insubordination ausgezeichnet? Und wenn es von Hunderten einer that, was
-beweist dieses? Man suche doch junge Leute zu überzeugen (und wie leicht
-ist dies), daß es Pflicht sei, die Vorschriften derer zu befolgen, die
-ihnen vorgesetzt sind, und sie dahin zu bringen, daß sie es sich selbst
-zum Gesetz machen, dies zu thun, so ist es ja gut. Sie werden dann immer
-geneigt sein, die Vorschriften ihrer Vorgesetzten zu befolgen, ohne daß es
-nötig ist, ihnen in jedem einzelnen Falle die Gründe davon anzugeben.
-
-Freilich setze ich voraus, daß ein ~vernünftiger~ Erzieher seinen Zögling
-nicht willkürlich behandle, daß er ihm keine Vorschriften gebe, die nicht
-auf wahren Gründen beruhen; freilich muß ich zugeben, daß der Zögling
-künftig wahrscheinlich in Lagen kommen werde, wo er willkürlich und
-unvernünftig behandelt wird. Was ist denn aber dabei zu thun? Sollen wir
-das Kind vielleicht unvernünftig behandeln, damit es an die unvernünftige
-Behandlung, die seiner in der Zukunft wartet, gewöhnet werde? Dies wäre
-doch wirklich eine sonderbare Forderung.
-
-Man bereite es darauf vor, man zeige ihm in Beispielen, welch'
-willkürliche Behandlung sich oft der Mensch gefallen lassen müsse, und
-mache ihm die Verbindlichkeit begreiflich, sich derselben zu unterwerfen,
-so lange man von dem willkürlichen Behandler abhängig ist, und er nicht
-eine Handlungsart von uns verlangt, die wir für unrecht halten.
-
-Wollt ihr, meine jungen Freunde, euch also der Erziehung widmen, so
-müßt ihr notwendig lernen, den Kindern die praktischen Wahrheiten so
-anschaulich zu machen, daß sie dieselben auffassen, annehmen, sich die
-Befolgung derselben zum Gesetz machen und so ihren eignen Willen thun.
-Gewöhnt ihr sie bloß, durch allerlei Künsteleien, euern Willen zu thun,
-so ist ihre ganze Moralität eine Windmühle, die stille steht, sobald
-sie von einer Anhöhe ins Thal gesetzt wird, auf welches der Wind nicht
-wirken kann. Wollt ihr ihnen die Wahrheit vorpredigen, ohne euch darum zu
-bekümmern, ob sie dieselbe fassen, so erzieht ihr Kinder, an denen, wie
-ihr zu sagen pflegt, Hopfen und Malz verloren ist, bei denen kein Zureden,
-kein Ermahnen etwas hilft, von denen ihr klagt, daß ihr immer tauben Ohren
-predigt. Die Ursache davon liegt nicht in ihren Ohren, sondern in eurer
-leisen Sprache, weil ihr nicht so sprechen gelernt habt, daß es durch die
-Ohren in die Seele dringt.
-
-Statt also euch die Köpfe über das oberste Moralprinzip zu zerbrechen,
-lernt nur die allgemein zuerkannten praktischen Wahrheiten den Kindern
-recht faßlich und annehmlich zu machen.
-
-Der Gewinn, der daraus entspringt, ist groß -- sehr groß. Sobald das Kind
-das Gute selbst will, so erzieht es sich selbst, und fünfzig Kinder, die
-das Gute wollen, sind leichter zu lenken, als ein einziges, dem es noch
-nicht eingefallen ist, gut zu werden. Sobald ein Kind eine Sprache lernen
-will, so lernt es sie, und in einer einzigen Lehrstunde, die ihm darin
-gegeben wird, kommt es weiter, als ein anderes, das diese Sprache nicht
-erlernen will, und vom Morgen bis zum Abend darin Unterricht bekommt.
-
-Ist der Zeitpunkt da, wo sich bei den jungen Leuten Empfänglichkeit für
-das Übersinnliche zeigt, so muß man nun den praktischen Wahrheiten,
-die man sie lehrte, eine höhere Sanktion dadurch geben, daß man sie zu
-überzeugen sucht, daß dieselben Gottes Wille sind. Wie dies anzufangen
-sei, glaube ich in meinem ~Heinrich Gottschalk~ gezeigt zu haben und
-werde es ausführlicher zeigen in dem ~christlichen Religionsunterrichte~,
-den ich nächstens hoffe liefern zu können.[32]
-
-Dabei kommt denn aber freilich wieder viel auf den Vortrag des Lehrers
-an. Er muß so zuversichtlich und eindringlich zu sprechen wissen, daß die
-Zuhörer überzeugt werden, daß er selbst alles, was er sagt, von ganzem
-Herzen glaube, er muß die Wahrheit mit solchen Gründen zu unterstützen
-wissen, daß ihnen kein Zweifel dagegen übrig bleibt.
-
-
-
-
-Plan zur Erziehung der Erzieher.
-
-
-Man errichte vor allen Dingen eine Pflanzschule für Erzieher. Man berufe
-die berühmtesten Erzieher aus allen Weltgegenden zusammen, stelle sie als
-Lehrer der Erziehungskunst an und gebe jedem tausend bis fünfzehnhundert
-Thaler Gehalt, damit er gegen Sorgen gedeckt sei; man stelle einen Lehrer
-der Zergliederungskunst an und sorge dafür, daß es nicht an Leichnamen
-fehle, an denen er den jungen Erziehern den Bau des menschlichen Leibes
-zeigen kann; man berufe ferner einen Lehrer der Heilkunde, welcher
-Vorlesungen über die Kinderkrankheiten hält und die zweckmäßigsten
-Heilmittel kennen lehrt; man errichte eine Büchersammlung, in welche
-alle Schriften aufgenommen werden, die von Griechen, Römern, Franzosen,
-Engländern, Italienern, Deutschen, Dänen, Schweden über die Erziehung sind
-geschrieben worden, damit der künftige Erzieher eine recht vielseitige
-Ansicht von seinem Geschäfte bekomme. Man errichte ferner einen Lesesaal,
-in welchem alle Zeitschriften, die in Deutschland, wo möglich auch in
-anderen gebildeten Ländern Europas, herauskommen, zu finden sind, damit es
-die Pflanzschule sogleich erfahre, wenn irgend jemand etwas Neues in der
-Erziehungskunst erfunden hat. Könnte damit ein Schauspielhaus verbunden
-werden, in welchem die Erzieher monatlich ein paar Schauspiele aufführten,
-so wäre es desto besser, so lernten sie Ton, Miene und Anstand des Körpers
-bilden. Unumgänglich nötig wäre aber die Anlegung eines Gartens, in
-welchen, so viel als möglich, ~alle~ Pflanzen gesetzt würden, die unser
-Erdball hervorbringt.
-
-Die Ausführung dieses Plans würde freilich große Summen kosten; ist die
-Erziehung aber nicht das Wichtigste für den Staat? Werden die Unterthanen
-nicht gern die schwersten Auflagen sich gefallen lassen, wenn sie von dem
-wohlthätigen Zwecke derselben belehrt werden? wenn Schriftsteller und
-Prediger sich vereinigen, ihnen die Wichtigkeit der Sache begreiflich zu
-machen? Wird der Fürst nicht gern seine Schätze öffnen, um solch eine
-Anstalt zu unterstützen, die für den Staat von so unabsehlich wichtigen
-Folgen sein kann und muß?
-
-Solch einen Plan zu entwerfen, wäre ich vielleicht vor vierzig Jahren
-fähig gewesen, da das Blut noch flüchtig durch meine Adern strömte, in
-meinem Gehirne Entwürfe auf Entwürfe sich erzeugten, ohne daß mich die
-Bedenklichkeit beunruhigte, ob sie auch in der wirklichen Welt ausführbar
-wären. Jetzt aber, da das Blut etwas langsamer fließt, fallen nur doch
-gegen diesen Plan allerlei Bedenklichkeiten ein.
-
-Erstlich glaube ich doch, daß es etwas schwer sein werde, die Summen, die
-zur Ausführung desselben nötig sind, aufzubringen; zweitens, wenn dies
-auch wäre, so würde darüber so viel Zeit verfließen, daß unsere jetzt
-lebende Jugend aufwüchse, ohne sich der wohlthätigen Wirkung desselben
-zu erfreuen. Dies wäre doch wirklich schade! Drittens gebe ich zwar zu,
-daß, wenn alles gelänge, der Staat eine Menge vielseitig gebildeter
-Erzieher erhalten würde, die von der Erziehungskunst recht viel sprechen
-und schreiben könnten; ob aber ein einziger imstande sein würde, ein Kind
-wirklich zweckmäßig zu erziehen, daran zweifle ich sehr.[33]
-
-Ich will also diesen Plan, der sich gut lesen, aber schwer ausführen läßt,
-lieber ganz aufgeben und jedem, der sich der Erziehung widmet, einen etwas
-einfachern vorlegen, der in den drei Worten begriffen ist: ~Erziehe dich
-selbst~!
-
-Dieser hat den Vorzug, daß er einfach ist, wenig Geld kostet, gleich nach
-Lesung dieses Buches von allen, die dafür Sinn haben, ausgeführt werden
-kann und Erzieher bilden wird, die nicht bloß von der Erziehung sprechen
-und schreiben, sondern wirklich erziehen können.
-
-Wer nun glaubt, von mir noch etwas lernen zu können, der merke auf die
-Winke, die ich ihm jetzt zur Selbsterziehung geben werde.
-
-
-1. Sei gesund!
-
-Ein kranker Mann ist ein armer Mann, alle Geschäfte werden ihm schwer,
-aber keins schwerer, als die Erziehung. Im krankhaften Zustande ist man
-sehr reizbar, jeder Mutwille, jede Unbesonnenheit der Jugend erregt
-Unwillen. Man muß sich also in einer Gesellschaft, welcher Mutwillen
-und Unbesonnenheit eigen sind, sehr übel befinden, weil man sich alle
-Augenblicke von derselben für beleidigt hält. Und wie will man sie in
-einem steten Zustande unangenehmer Empfindungen erziehen können? Alle
-Ermahnungen werden von Galle triefen oder mit einem zitternden Tone
-vorgebracht werden. Dieser wird nichts wirken, und jene wird schaden. Die
-vielen Klagen, die man über die Unfolgsamkeit der Jugend hören muß, rühren
-gewiß meistens von der Kränklichkeit der Erzieher her, und wie kann man
-sich zutrauen, gesunde Kinder erziehen zu können, wenn man selbst ungesund
-ist?
-
-Dies ist ja aber, wird man sagen, eine sonderbare Forderung: ~Sei gesund~!
-Gesund will freilich ein jeder sein; hängt denn die Gesundheit aber von
-seinem Willen ab?
-
-Allerdings. Vorausgesetzt, daß keins der Eingeweide verletzt ist und du
-deinen Körper nicht durch Ausschweifungen sehr geschwächt hast, so kannst
-du gesund sein, wenn du nur ernstlich willst. Der ernstliche Wille hat auf
-den Körper einen mächtigen Einfluß. Härte ihn nur nach und nach ab, sei
-mäßig und enthaltsam, widme den Tag der Arbeit und die Nacht der Ruhe,
-und wenn du demungeachtet zu kränkeln anfängst, anstatt zur Apotheke
-deine Zuflucht zu nehmen, suche lieber den Grund deines Übelbefindens
-zu erfahren. Dies kannst du, wenn du über deine bisherige Lebensweise
-nachdenkst. Hast du den Grund deines Übelbefindens erst entdeckt, so wird
-es dir leicht sein, dir durch einfache Mittel zu helfen. Unpäßlichkeiten
-z. E., die von Überladung des Magens herrühren, werden oft durch Versagung
-einer Mahlzeit gehoben. Etwas Mehreres hierüber zu sagen, trage ich
-deswegen Bedenken, weil es das Ansehen gewinnen würde, als wenn ich den
-Arzt machen wollte, was mir aber noch nie in den Sinn gekommen ist. Es
-mache sich ein jeder mit seiner Natur bekannt, erforsche, woher seine
-Krankheit komme und lerne die einfachen Mittel kennen, dieselbe zu heben,
-so wird er sich eine dauerhafte Gesundheit erwerben können.
-
-Das geht bei mir nicht! höre ich viele sagen. Lieber Freund, versuche es,
-ich hoffe, es wird gehen. Ich kenne mehrere Personen, die sonst viel mit
-körperlichen Leiden kämpfen mußten, aber durch Befolgung dieser einfachen
-Vorschriften zu einer festen Gesundheit gelangt sind. Geht es bei dir aber
-wirklich nicht, entweder weil dir der Sinn für echte Gesundheitspflege
-fehlt, oder weil dein Körper fehlerhaft gebaut ist, oder weil durch irgend
-eine Ursache etwas darin zerstört worden, so befolge meinen Rat, entsage
-der Erziehung und widme dich einem andern Geschäfte. Sie würde dir äußerst
-lästig werden, und du würdest, auch bei dem besten Willen, mehr Schaden
-als Nutzen stiften.
-
-
-2. Sei immer heiter!
-
-In einer heitern Stunde ist man unter seinen Zöglingen allmächtig. Sie
-hängen an uns mit ganzer Seele, sie fassen alle unsere Worte auf, sie
-befolgen alle unsere Winke. Könntest du immer heiter sein, so wäre
-kein leichter Geschäft als die Erziehung. Es giebt Personen, denen die
-Heiterkeit angeboren ist, denen alles von der lachenden Seite erscheint;
-diese bedürfen dieser Ermunterung nicht, vielmehr muß ich sie erinnern,
-daß zur Erziehung auch Ernst nötig sei, wenn man sein Ansehen behaupten
-und seinen Erinnerungen die nötige Wirksamkeit verschaffen will.
-
-Allein die Zahl derer, die von der Natur mit Heiterkeit beschenkt wurden,
-ist sehr klein, die meisten sind mehr für Mißmut empfänglich und befinden
-sich daher gewöhnlich in einer unzufriedenen Stimmung des Gemüts. Daß
-bei dieser unangenehmen Stimmung die Erziehung sehr schwer wird und
-wenig nutzt, weiß jeder und fühlt daher die Verbindlichkeit, nach steter
-Heiterkeit zu streben. Sich dieselbe zu verschaffen, ist so schwer nicht,
-als manche vielleicht glauben werden.
-
-Man suche nur erst den Ursprung des Mißmuts auf, so wird es etwas Leichtes
-sein, ihn wegzuschaffen. Warum, frage ich dich also, lieber Leser, bist du
-denn immer so mißmutig?
-
-Meine Lage -- antwortest du.
-
-Du irrst dich, mein Freund! es ist wahr, daß immer eine Lage geeigneter
-ist, den Mißmut zu reizen, als die andere; allein der eigentliche Grund
-des Mißmuts liegt doch immer in dir selbst. Ein Mann voll Kraft und hellen
-Einsichten muß imstande sein, sich von seinen Umgebungen unabhängig zu
-machen und seiner Heiterkeit aus sich selbst Nahrung zu geben. Er ist
-ruhig, wenn es auch um ihn her stürmt und wetterleuchtet, und zufrieden,
-wenn um ihn herum Unzufriedenheit herrscht. Ein anderer, dem diese Kraft
-und Einsichten fehlen, ist finster und mißmutig, auch wenn ihn alles
-anlacht.
-
-Der Grund des Mißmuts liegt oft in einem fehlerhaften Zustande des
-Körpers. Wer nun gelernt hat, sich gesund zu erhalten, wird auch gegen
-diese Art des Mißmuts sich schützen können.
-
-Oft, und vielleicht meistenteils, entspringt er aber aus einem
-fehlerhaften Zustande der Seele, und zwar vorzüglich aus der üblen
-Gewohnheit, sich von seinen Umgebungen unangenehme Vorstellungen zu
-machen. Sehet, liebe Freunde! es giebt eine doppelte Welt. Die eine ist
-außer uns, die andere in uns. Jene Welt ist von unseren Vorstellungen
-unabhängig, diese besteht in den Vorstellungen, die wir uns von derselben
-machen. Auf erstere können wir nur wenig wirken, diese aber ist unser
-Werk, wir sind Schöpfer derselben. Ist also die Welt außer dir nicht so,
-wie sie deiner Meinung nach sein sollte, so schaffe dir selbst eine Welt,
-die dich anlacht, die dich zur Heiterkeit stimmt, lerne allen Dingen eine
-angenehme Ansicht abzugewinnen, dir von ihnen beruhigende, aufheiternde
-Vorstellungen zu machen, und -- deine Heiterkeit ist fest, wenigstens
-so fest gegründet, als es in dem Larvenstande, in dem wir uns befinden,
-möglich ist.
-
-Laß uns einmal mit dieser Schöpfung einen Versuch machen und sehen, ob von
-dem Kreise, in dem du wirkst, nicht eine angenehme, reizende Vorstellung
-möglich sei.
-
-Du wandelst und wirkst in einem Kreise von Kindern. Wer sind sie?
-
-Werdende Menschen.
-
-Wer gab sie dir?
-
-Gott, der alles giebt.
-
-In welcher Absicht?
-
-Um sie zu leiten, daß sie sich zu vernünftigen, freien, thätigen,
-glückseligen Wesen bilden, und dir dadurch Gelegenheit zu schaffen, dich
-selbst zu veredeln.
-
-Aber ihre Untugenden?
-
-Sind Reizungen zum Nachdenken über den Ursprung derselben und die besten
-Mittel, sie wegzuschaffen.
-
-Und die Schwierigkeiten, die man dir in den Weg legt?
-
-Sollen dich reizen, deine Kräfte anzustrengen, um sie zu überwinden.
-
-Der Undank, mit dem du belohnt wirst?
-
-Schafft dir Gelegenheit, dich zu üben, rein sittlich zu handeln.
-
-Sind solche Ansichten nicht ungemein aufheiternd? Begreifst du nicht die
-Möglichkeit, wie ein Mann, der sich eine Fertigkeit erworben hat, seinen
-Umgebungen solche Ansichten abzugewinnen, sich die Heiterkeit eigen machen
-kann?
-
-Aber solche Ansichten bekommen zu können, muß man freilich einen höhern
-Standpunkt zu erreichen suchen, auf dem man, über das Sichtbare wegsehend,
-seinen Blick auf das Unsichtbare richten kann. Hier verschwindet alle
-Unordnung, Verwirrung und alles Übel, und öffnet sich ein Feld, wo lauter
-Harmonie und erhabne Zwecke sichtbar sind.
-
-Denen, die Neigung haben, diesen höhern Standpunkt zu erklimmen, habe ich
-dazu die Hand geboten in dem bekannten Buche -- ~Der Himmel auf Erden~.[34]
-
-Ich zweifle nicht, daß junge Erzieher, welche die in diesem Buche
-gegebenen Vorstellungen sich eigen machen, sich bei ihrem Geschäfte zur
-Heiterkeit zu stimmen, erlernen werden.
-
-
-3. Lerne mit Kindern sprechen und umgehen.
-
-Jede Klasse von Menschen hat ihre eigene Sprache und Gewohnheiten,
-mit welchen man viele Bekanntschaft haben muß, wenn man sich bei ihr
-wohlbefinden und gefallen will. Daher ist der Stubengelehrte ängstlich und
-macht sich lächerlich, wenn er in den Kreis der höhern Stände eintritt,
-und weiß nicht, wie er sich benehmen soll, wenn er in eine Gesellschaft
-von Ackerleuten kommt.
-
-Ein ähnliches Schicksal haben junge Männer, die nur mit Büchern und
-erwachsenen Personen umgingen, wenn Kinder ihnen anvertraut werden. Sie
-wissen nicht, wie sie sich benehmen sollen, sie sind immer in Verlegenheit
-und -- gefallen den Kindern nicht, denen ihre Gesellschaft lästig ist.
-Woher kommt dies? Die Sprache und die Gewohnheiten der Kinder sind ihnen
-fremd.
-
-Macht euch also mit denselben bekannt! Statt viel über die Erziehung zu
-lesen und pädagogische Vorlesungen zu hören, sucht lieber Kinder auf, in
-deren Gesellschaft ihr täglich ein paar Stunden verlebt. Kinder giebt es
-ja allenthalben, wo Menschen wohnen, ihr werdet sie gewiß auch antreffen
-auf dem Platze, wo ihr euch befindet. Vielleicht habt ihr einen Hauswirt,
-einen Nachbar, einen Freund oder Verwandten, der mit Kindern gesegnet ist,
-und dem es lieb sein wird, wenn ihr sie bisweilen unterhalten wollt.
-
-Zum Stoffe der Unterhaltung schlage ich zuerst vor ~die Erzählung~.
-
-Die Erzählung hat für alle Kinder Reiz, und sobald eine Person, die gut
-erzählen kann, ihren Mund öffnet, so sammeln sich die Kinder um sie,
-wie die Küchlein, wenn die Mutter lockt. Und dieses Herzudrängen, diese
-sichtbare Begierde nach Erzählung macht denn auch dem Erzähler sein
-Geschäft leicht und angenehm.
-
-In unseren Tagen, wo so viele Bücher für Kinder geschrieben sind, kann es
-an Stoff zur Erzählung nicht fehlen. Das beste, das ich kenne, ist der
-~Campesche Robinson~.[35]
-
-Wenn du nun zu erzählen anfängst, so bemerke wohl, wie sich deine kleinen
-Zuhörer dabei benehmen. Sind ihre Augen und Ohren auf dich gerichtet,
-bitten sie dich, wenn du schließen willst, daß du weiter erzählen sollst,
-so ist es ein Zeichen, daß sie in deiner Erzählung Unterhaltung finden;
-werden sie aber schläfrig oder fangen an zu spielen und sich untereinander
-zu necken, so muß es irgendwo fehlen. Du wirst vielleicht meinen, es fehle
-am guten Willen der Kinder. Ich glaube aber, daß du dich irrst, da die
-Kinder, so weit ich sie kenne, alle an Erzählungen Vergnügen finden. Der
-Fehler liegt vielmehr sicherlich entweder an dem Inhalte der Geschichte,
-die du vorträgst -- oder an dir selbst.
-
-Vielleicht enthält deine Geschichte nichts für Kinder Anziehendes.
-Versuche es daher mit einer andern; fesselt diese ihre Aufmerksamkeit
-mehr, so hättest du vorher in der Auswahl der Erzählung gefehlt. Nur hüte
-dich, deine Kleinen mit Feen- und Zaubergeschichten zu unterhalten. Diese
-hören sie freilich so gern, als sie Pfefferkuchen essen, sie sind aber
-ihrem Geiste so nachteilig, als der Pfefferkuchen ihrem Magen.
-
-Solltest du aber finden, daß die Kinder bei allen deinen Erzählungen
-zerstreut und teilnahmslos bleiben, so liegt der Fehler sicher in dem Tone
-deines Vortrags, und du hast dann umsomehr Ursache, daran zu bessern, da
-die Absicht deiner Erzählung doch vorzüglich ist, mit Kindern sprechen zu
-lernen.
-
-Hier sind einige Winke, wie du deinen Erzählungston verbessern kannst.
-
-Der Mann spricht wie ein Buch, pflegt man zu sagen, wenn man jemandem
-wegen seiner Unterhaltungsgabe einen Lobspruch beilegen will. Wenn du aber
-dich mit deinen Kindern unterhältst, so rate ich dir, sprich nicht wie ein
-Buch, sondern wie ein Mensch im Umgange mit Menschen zu sprechen pflegt,
-sprich die Sprache des gemeinen Lebens. Wenn man ein Buch schreibt, so
-wählt man jedes Wort und jede Redensart und vermeidet viele Ausdrücke des
-gemeinen Lebens als unedel. Vermeide du bei deinen Erzählungen keinen
-Ausdruck als unedel, dessen du dich im täglichen Umgange nicht zu schämen
-pflegst; dadurch bekommt deine Erzählung Leben und wird für Kinder
-anziehend.
-
-Vermeide ferner, so viel du kannst, allgemeine Ausdrücke, weil diese
-Kindern weniger faßlich sind und nenne lieber die Sachen einzeln, die
-dadurch bezeichnet werden. Du kannst z. E. sagen: Die Mutter, als sie von
-ihrer Reise zurückkam, brachte ihren Kindern Früchte und Spielwerk mit;
-du kannst diesen Satz aber auch so ausdrücken: Da die Mutter von ihrer
-Reise zurückkam, brachte sie Fränzchen und Wilhelminchen allerlei artige
-Sachen mit, Äpfel, Birnen, Haselnüsse, eine Schachtel voll kleiner Teller,
-Leuchter, Schüsseln, Löffel, Bilder u. dgl.; die letzte Darstellung hat
-für die Kinder sicher mehr Reiz als die erste.
-
-Sei ferner in deiner Erzählung etwas umständlich und vergiß nicht, in
-dieselbe allerlei Nebenumstände einzuweben, die die Handlung begleiteten.
-So kannst du der obigen Erzählung durch Einflechtung folgender
-Nebenumstände mehr Leben geben.
-
-»Ach, wenn doch die Mutter nur einmal wiederkäme!« sagte Fränzchen zu
-Wilhelminchen. Kaum hatte sie es gesagt, so rasselte etwas unter dem
-Fenster. Fränzchen sah hinaus, erblickte die Mutter in einem Reisewagen,
-sprang mit Wilhelminchen hinaus -- da stieg die Mutter heraus, umarmte
-ihre Kinder, ließ den Koffer vom Wagen nehmen und in die Stube tragen.
-Die Kinder folgten ihr und waren begierig zu sehen, was in dem Koffer
-wäre. Jetzt wurde er geöffnet und ausgepackt. Auch eine Schachtel wurde
-ausgepackt und den Kindern hingesetzt. Neugierig öffneten sie dieselbe
-und fanden darin allerlei artige Sachen, die ihnen Freude machten: Äpfel,
-Birnen u. s. w.
-
-Führe ferner die Personen immer redend ein und laß sie in dem Tone
-sprechen, wie sie wirklich würden gesprochen haben.
-
-Z. E. Fränzchen erblickte ihre Mutter. -- Wilhelmine! rief sie, die Mutter
-ist da. --
-
-Die Mutter? sagte Wilhelmine -- und beide sprangen die Treppe
-hinab -- Mutter! gute liebe Mutter! sagten sie und fielen ihr um den Hals.
-
-Gute Kinder! sprach diese, indem sie dieselben an ihre Brust drückte, wie
-sehr habe ich mich nach euch gesehnt. Ihr seid doch noch gesund?
-
-W. Recht gesund! Hast du uns etwas mitgebracht?
-
-M. Wollen sehen! Hans, trage diesen Koffer in meine Stube.
-
-W. Was wird in dem Koffer sein? u. s. w.
-
-Es versteht sich von selbst, daß du immer in dem Tone sprechen mußt, in
-welchem die Person, die du redend einführst, würde gesprochen haben,
-und dir daher Mühe geben, deine Stimme in deine Gewalt zu bekommen.
-~Wilhelmine, die Mutter ist da!~ muß ganz anders ausgesprochen werden, als
-das: ~Gute Kinder! Wie sehr habe ich mich nach euch gesehnt!~
-
-Durch diese beständige Abwechselung des Tons bekommt nicht nur deine
-Erzählung Leben, sondern deine Stimme bekommt auch die gehörige
-Geschmeidigkeit, die dir unentbehrlich ist, wenn du mit Nachdruck und
-Herzlichkeit zu deinen Pflegebefohlenen sprechen willst.
-
-Endlich suche auch in deine Erzählung Handlung zu bringen. Dies geschieht
-alsdann, wenn du durch deine Mienen und die Bewegung deiner Glieder die
-Handlungen, welche du erzählst, auszudrücken suchst.
-
-Z. E. das: ~Wilhelmine, die Mutter ist da!~ muß mit einer Miene
-ausgesprochen werden, die den höchsten Grad der Freude ausdrückt. Dabei
-darfst du nicht in ruhiger Stellung bleiben, sondern mußt eine solche
-annehmen, in welche ein Kind durch die Freude über die unvermutete
-Zurückkunft der geliebten Mutter versetzt zu werden pflegt.
-
-Zum Stoffe der Unterhaltung mit Kindern schlage ich ferner vor: ~Erklärung
-solcher Bilder, die für Kinder etwas Anziehendes haben~.
-
-Freilich haben alle Bilder für Kinder etwas Anziehendes, aber doch immer
-eins mehr als das andere. Abbildung der lebendigen mehr als Vorstellung
-der leblosen Natur, Tiere mehr als Menschen, handelnde Wesen mehr als
-solche, die sich in einer ruhigen Stellung befinden. Die Abbildung eines
-Hahnenkampfes hat für Kinder sicher mehr Anziehendes, als die Vorstellung
-aller hühnerartigen Vögel. Diese werden Kinder zwar auch einige Zeit mit
-Vergnügen betrachten, aber sich daran bald satt sehen. Bei Betrachtung
-des Hahnenkampfes werden sie hingegen länger verweilen und sie öfters mit
-Vergnügen wiederholen.
-
-Bei Verfertigung der Kupfer zu Konrad Kiefers ABC- und Lesebüchlein, wie
-auch zum ersten Unterrichte in der Sittenlehre, ist auf diese Bemerkungen
-Rücksicht genommen worden.
-
-Alles, was von der Erzählung ist gesagt worden, gilt auch von der
-Erklärung der Bilder; du mußt, wenn sie Kinder an dich ziehen sollen, bei
-derselben die nämlichen Winke befolgen, die ich dir in Ansehung jener
-gegeben habe.
-
-Über beides könnte ich dir noch vieles sagen; wenn du aber Drang fühlst,
-durch Erzählung und Bildererklärung deine Kleinen an dich zu ziehen, so
-wirst du von selbst alles besser lernen, als ich es dir sagen kann.
-
-
-4. Lerne mit Kindern dich beschäftigen.
-
-Bei den jetzt beschriebenen Unterhaltungen bist du die handelnde Person,
-und die Kinder sind bloß Zuhörer und Zuschauer. Dieses Verhältnis, so
-angenehm es ihnen anfänglich ist, würde sie doch ermüden, wenn es zu lange
-dauern sollte, da ihr Trieb zur Selbstthätigkeit dabei keine Befriedigung
-findet. Du mußt daher auch Unterhaltungen suchen, an denen sie thätigen
-Anteil nehmen können. Zu diesen rechne ich zuerst das Spiel, nämlich ein
-solches, das einen nützlichen Zweck hat, entweder dem Leibe eine freie
-Bewegung und Behendigkeit zu verschaffen, oder die geistigen Kräfte zu
-üben.
-
-Diese Spiele kannst du zum Teil von den Kindern selbst lernen, wenn du sie
-von deinen Pflegebefohlenen angeben läßt und bisweilen die Spielplätze
-anderer Kinder besuchst, teils kannst du Anleitung zu denselben finden in
-~Guts-Muths Spielen für Kinder~.[36]
-
-Bei der Wahl derselben hast du auf zweierlei Rücksicht zu nehmen: daß
-sie einen wirklich nützlichen Zweck haben, und daß sie deinen Kleinen
-Vergnügen machen.
-
-O ihr alle, die ihr euch der Erziehung weihet, lernet, ich bitte euch,
-lernet mit Kindern spielen! Ihr werdet durch diese Übung drei wichtige
-Zwecke erreichen: die Kinder an euch ziehen und ihre Liebe und ihr
-Zutrauen erwerben, die Gabe, mit ihnen zu sprechen und sie zu behandeln,
-euch mehr eigen machen -- und Gelegenheit finden, in das Innerste eurer
-Kleinen zu sehen, da sie bei dem Spiele weit offner und freier handeln,
-als in andern Lagen, und sich mit allen ihren Fehlern, Schwachheiten,
-Einfällen, Anlagen, Neigungen zeigen, wie sie wirklich sind.
-
-Wer mit Kindern nicht spielen kann, wer in dem Wahne steht, daß diese Art
-der Unterhaltung mit Kindern unter seiner Würde sei, sollte eigentlich
-nicht Erzieher werden.
-
-Da wir doch aber nicht bloß zum Spielen bestimmt sind, und die Kinder
-desselben bald überdrüssig würden, wenn sie sonst gar keine Beschäftigung
-hätten, so wirst du bald das Bedürfnis anderer, etwas ernstlicherer
-Beschäftigungen fühlen. Worin diese bestehen sollen, ist vorhin gezeigt
-worden.
-
-Jetzt fragt es sich nur, wie du dir die Geschicklichkeit dazu erwerben
-kannst. Daher rate ich dir:
-
-
-5. Bemühe dich, dir deutliche Kenntnisse der Erzeugnisse der Natur zu
-erwerben.
-
-Unter deutliche Kenntnis verstehe ich Kenntnis der Merkmale, wodurch man
-die verschiedenen Klassen und Gattungen der Naturerzeugnisse voneinander
-unterscheiden kann.
-
-Dazu fehlt es mir, antwortest du vielleicht, an Gelegenheit. Wirklich? Du
-lebst ja in der Natur und bist mit Erzeugnissen derselben umgeben, die um
-dich her wachsen und leben.
-
-Gewöhne dich nur, eines derselben nach dem andern genau zu betrachten und
-die Merkmale aufzusuchen, wodurch sie sich von andern, ihnen ähnlichen,
-unterscheiden. Dadurch wirst du deinem Unterscheidungsvermögen schon
-einige Fertigkeit erwerben. Aber die Worte werden dir fehlen, womit du
-jedes Naturerzeugnis und seine Merkmale benennen sollst.
-
-Daher mußt du nun einen Freund aufsuchen, der mit der Natur sich bekannt
-gemacht hat, und der dir einige Anleitung giebt, die Merkmale der
-Naturerzeugnisse, z. E. in der Pflanzenkunde die verschiedenen Teile der
-Blumen, aufzusuchen, und dir die Kunstausdrücke, mit welchen sie pflegen
-benannt zu werden, bekannt macht. In unsern Tagen, wo die Naturkenntnis
-immer weiter sich verbreitet, sind solche Freunde so selten nicht, als
-vor zwanzig Jahren. Solltest du auch einige Stunden weit gehen müssen, um
-diesen Freund zu finden, so ist es doch der Mühe wert, bisweilen einen Weg
-zu ihm zu machen.
-
-Ferner mußt du dir einige Bücher zu verschaffen suchen, die dir Anleitung
-geben, die Natur kennen zu lernen.
-
-Auch hieran ist jetzt ein Überfluß. Unter der Menge derselben nenne ich
-nur in der Pflanzenkunde: ~Dietrichs Anleitung zur Kenntnis der Pflanzen~;
-~Deutschlands Flora von Hofmann und Röhling~; in der Tierkunde: ~Leskens
-Naturgeschichte~, und in beiden: ~Bechsteins gemeinnützige Naturgeschichte
-des In- und Auslandes~.[37]
-
-Findest du nun ein Naturerzeugnis, von dessen Natur und Namen du dir
-Kenntnis zu erwerben wünschest, z. B. eine Pflanze, so siehe zuerst auf
-die Merkmale der Klasse, dann der Gattung, ferner der Ordnung, wobei du
-dich vorzüglich an die Merkmale halten mußt, die am meisten in die Augen
-springen, dann schlage dein Buch nach und suche die Klasse und Gattung
-auf, zu welcher deine Pflanze gehört, so wird es dir nicht schwer sein,
-auch die Ordnung zu finden, zu welcher sie gerechnet, und den Namen, mit
-welchem sie benannt wird. Frage dann bisweilen deinen Freund, ob du dich
-nicht geirrt habest, du wirst dich dann freuen, wenn du wirklich gefunden
-hast, was du suchtest, und selbst dein erkannter Irrtum wird dir lehrreich
-sein und dich vor ähnlichen Verirrungen bewahren.
-
-Ich gebe dir diesen Rat um desto zuversichtlicher, da ich aus Erfahrung
-weiß, daß verschiedene junge Männer während eines kurzen Aufenthalts in
-meiner Anstalt sich auf diesem Wege nicht gemeine Kenntnisse der Natur,
-vorzüglich der Pflanzen, erworben haben.
-
-Da ich vorhin hinlänglich glaube bewiesen zu haben, daß die Betrachtung
-der Natur zur Unterhaltung der Kinder, zur Weckung und Übung ihrer
-Geisteskräfte höchst nötig sei, so ergiebt sich hieraus von selbst, daß
-du mit der Natur dich bekannt machen mußt, wenn du mit Vergnügen und mit
-Nutzen erziehen willst.
-
-Diese Bekanntschaft wird dir große und mannigfaltige Vorteile gewähren.
-Für dich wird sie eine ergiebige Quelle des Vergnügens sein, weil du nun
-nicht mehr durch die Welt als ein Fremdling wandelst, dem alle seine
-Umgebungen unbekannt sind, sondern als ein Einheimischer, der auf den
-Bergen und in Thälern, im Wasser und in dem Innern der Erde, Bekannte
-antrifft, mit denen er sich unterhalten kann. Noch wichtiger wird sie
-dir im Umgange mit deinen Kleinen sein, da sie dir den mannigfaltigsten
-Stoff zur Unterhaltung und zum Unterrichte darbietet, dich deinen Kleinen
-wichtig und unentbehrlich macht und dir Gelegenheit giebt, besonders im
-Sommer, manche Stunde bei deinen Kleinen auf eine höchst nützliche und
-angenehme Art mit dem Sammeln und Trocknen der Pflanzen auszufüllen.
-
-
-6. Lerne die Erzeugnisse des menschlichen Fleißes kennen.
-
-Da diese einen sehr mannigfaltigen Stoff zur lehrreichen Unterhaltung
-mit Kindern geben, wie ich vorhin zeigte, so ist die Kenntnis derselben
-unentbehrlich. Bei der sonst gewöhnlichen Erziehung blieb uns dieselbe
-fast ganz fremd; von den meisten Dingen, die uns umgeben, hatten wir keine
-deutlichen Vorstellungen, und die Namen der verschiedenen Teile derselben
-waren uns unbekannt. Suchen wir uns diese Kenntnis nicht zu verschaffen,
-so können wir sie auch unsern Pflegesöhnen nicht mitteilen; sie werden
-sich daher gewöhnen, ihre Umgebungen nur oberflächlich ansehen, und sich
-mit einer dunkeln Erkenntnis derselben begnügen.
-
-Also, Freund! der du dich der Erziehung widmest, bemühe dich, mit den
-mancherlei Erzeugnissen des menschlichen Fleißes bekannt zu werden, und
-lerne vorzüglich ihre Materie, ihre Teile, ihre Form, ihren Zweck kennen
-und richtig benennen. Die Gelegenheit dazu wirst du finden, wenn du sie
-suchest. Die Person, die die Sache verfertigt hat und die sie gebraucht,
-wird dir über alles, was du zu wissen verlangst, Aufschluß geben können.
-
-Triffst du z. E. einen Ackersmann an, der deinen Gruß freundlich
-erwiedert, so laß dich mit ihm in ein Gespräch ein über sein Geschäft und
-über das Werkzeug, dessen er sich bedient, um Furchen zu ziehen und den
-Acker zur Hervorbringung des Getreides, das dich nährt, zuzubereiten.
-Laß dir von ihm die verschiedenen Teile des Pflugs benennen und die
-Absicht anzeigen, in welcher sie an demselben angebracht sind. Er wird
-mit Vergnügen deine Fragen beantworten, und du wirst da mancherlei kennen
-lernen, das dir zuvor unbekannt war, und dich freuen, es gelernt zu haben.
-
-So besuche die Werkstatt des Schreiners, des Drechslers, des Schmieds
-u. s. w., unterhalte dich mit ihnen über die Materien, die sie bearbeiten,
-über die Form, die sie ihnen geben, die Werkzeuge, deren sie sich
-bedienen, um zu ihren Zwecken zu kommen; besuche ferner die Plätze, wo
-Maschinen aufgestellt sind, die durch den Druck einer mäßigen Kraft große
-Wirkungen hervorbringen, z. E. ein Mühlwerk, und laß dir die verschiedenen
-Teile, ihre Benennungen und Absichten, bekannt machen u. s. w.
-
-Du wirst bei solchen Unterredungen mit der produzierenden Menschenklasse
-oft mehr an nützlichen Kenntnissen und Fertigkeiten erwerben, als in
-dem Hörsaale manches Philosophen. Du wirst mit dieser zahlreichen, so
-wichtigen, der menschlichen Gesellschaft unentbehrlichen Menschenklasse
-umgehen und sprechen lernen, eine Gabe, die nicht immer dem
-Stubengelehrten eigen ist; du wirst einen Schatz von Kenntnissen dir
-erwerben, die du in der Folge im Kreise deiner Pflegesöhne benutzen
-kannst; die gewöhnlichsten Dinge werden dir Stoff zur Unterhaltung
-mit ihnen darbieten; du wirst dich endlich gewöhnen, die Dinge nicht
-oberflächlich, sondern genau anzusehen, und diese Gewohnheit deinen
-Zöglingen mitteilen.
-
-
-7. Lerne deine Hände brauchen.
-
-Wer den Zucker in der Kaffeeschale mit dem Löffelchen herumrührt,
-gebraucht seine Hände zwar auch; aber daß man einen solchen Gebrauch nicht
-verstehe, wenn man den andern ermuntert, seine Hände brauchen zu lernen,
-ergiebt sich von selbst.
-
-Seine Hände brauchen lernen heißt vielmehr, durch mancherlei Übungen alle
-Muskeln derselben in seine Gewalt zu bekommen suchen, um damit mancherlei
-verrichten und verfertigen zu können.
-
-Und da hier von der Bildung zum Erzieher die Rede ist, so mußt du
-vorzüglich solche Geschäfte verrichten und solche Sachen verfertigen
-lernen, die dir bei der Erziehung nützlich sein können.
-
-Personen, von denen du in dieser Hinsicht etwas lernen kannst, findest
-du allenthalben, und sie werden meistenteils geneigt sein, dir die
-Handgriffe, die sie bei ihren Arbeiten anwenden, bekannt zu machen.
-
-Triffst du z. E. eine Person an, die die Geschicklichkeit besitzt, durch
-Biegung des Papiers mancherlei Figuren zu verfertigen, so halte dies
-nicht für zu gering, suche es zu erlernen. Es wird dir in der Folge
-bei den Kindern, die dir anvertraut werden, vorzüglich bei solchen,
-deren Hände noch zu schwach sind, um Werkzeuge gebrauchen zu können,
-mannigfaltige Vorteile gewähren.
-
-So nimm auch Unterricht im Netzstricken, wenn du hierzu Gelegenheit
-findest, weil du auch hiermit deine Kleinen auf eine angenehme und
-nützliche Art wirst beschäftigen können.
-
-Suche auch einen Gärtner auf, bei dem du bisweilen in die Lehre gehen
-kannst. Lerne den Spaten und Rechen gebrauchen, ein Gartenbeet anlegen und
-mache dir die Vorteile bekannt, die bei Aussäung, Pflanzung und Abwartung
-der gewöhnlichen Gartengewächse zu beobachten sind. Wenn dann bei deinen
-Pflegebefohlenen die Neigung zum Gartenbau erwacht, so wirst du derselben
-nicht entgegenarbeiten, du wirst sie zu nähren und zu befriedigen suchen,
-der Gehilfe und Ratgeber der kleinen Gärtner und so für sie eine sehr
-wichtige Person sein.
-
-Vorzüglich suche Gelegenheit, wo du lernen kannst, Holz und Pappe zu
-bearbeiten. Diese Arbeiten empfehle ich dir vorzüglich, weil sie so
-reinlich sind und nicht so, wie viele andere, Veranlassung geben, die
-Hände, Kleidung und das Zimmer zu beschmutzen, und -- weil du dabei
-mancherlei Werkzeuge, das Schnitzmesser, den Hobel, den Meißel, den
-Bohrer, den Hammer, den Schraubstock u. s. w. brauchen lernst.
-
-Weißt du mit solchen Werkzeugen umzugehen, dann ist deine Kraft und
-Wirksamkeit um ein merkliches vergrößert, und du bist in den Stand
-gesetzt, sie auf deine Kleinen überzutragen, und sie zu der so wichtigen,
-nützlichen und angenehmen ~Selbstverfertigung~ anzuführen.
-
-Woher will ich, fragst du, die Zeit hernehmen, um dies alles erlernen zu
-können?
-
-Dadurch veranlassest du mich, dir den achten Wink zu gehen.
-
-
-8. Gewöhne dich mit deiner Zeit sparsam umzugehen.
-
-~Zeit ist Geld~, sagte, wenn ich nicht irre, Franklin, vermutlich um
-Leuten, in deren Augen nichts so großen Wert hat, als Geld, den gewissen
-Wert der Zeit begreiflich zu machen. Ich sage aber, Zeit ist mehr als
-Geld, da man durch gute Verwendung der Zeit viel Geld erwerben, aber
-durch keine Geldsummen sich Zeit erkaufen kann. Die Zahl der Familien ist
-nicht klein, welche über Geldmangel klagen. Sie besuchen die Schauspiele
-und Konzerte, bewirten oft ihre Bekannten an Tafeln, die mit den
-mannigfaltigsten und teuersten Speisen beseht sind, ahmen in Verzierung
-ihrer Zimmer den Personen vom ersten Range nach, richten sich in ihrer
-Bekleidung nach den Gesetzen der Mode und klagen dann, daß ihre Einnahme
-nicht zureichen wolle.
-
-Wie diesen Familien könne geholfen, wie sie in eine Lage könnten versetzt
-werden, wodurch der Geldmangel mit einem Male aufgehoben würde, sieht ein
-jeder, nur sie selbst nicht.
-
-Freund! der du fragst, wo soll ich Zeit hernehmen, dies alles zu erlernen?
-In dem Bilde solcher Familien bist du selbst gezeichnet. Die schönsten
-Stunden des Tages, die Morgenstunden, bringst du vielleicht im Bette zu.
-Dann setzest du dich an den Tisch und liesest die Zeitungen, Zeitschriften
-und andere Schriften, die dir von der Lesegesellschaft, deren Mitglied du
-bist, sind zugeschickt worden; nachmittags besuchst du Gesellschaften,
-abends sitzest du bei dem Spieltische. Wenn ich dir nun rate, die Natur
-kennen und die Hände brauchen zu lernen, so fragst du mich, woher soll ich
-die Zeit nehmen, dies alles zu erlernen?
-
-Denke doch nur darüber nach, wie du deine Zeit am zweckmäßigsten anwenden
-willst, und thue das, was dir deine Vernunft dann raten wird, so wirst du
-Zeit genug haben, nicht nur dieses, wozu ich dir rate, sondern noch weit
-mehr zu erlernen.
-
-Stehe früh auf, so hast du gleich ein paar Stunden gewonnen, in welchen du
-viel lernen kannst.
-
-Da bei der Annäherung des Morgens die ganze Natur, die Nachtvögel
-ausgenommen, erwacht, so ist es unschicklich, daß der Mensch, der in
-gewissen Rücksichten Herr der Natur ist, dann im Schlafe liege. Die
-Abweichung von dieser Ordnung der Natur hat gewiß sehr mannigfaltige
-traurige Folgen, vorzüglich für den Erzieher. Deine Zöglinge müssen doch,
-wenn sie anders gesund bleiben und vor Entkräftung bewahrt werden sollen,
-früh aufstehen. Wirst du sie dazu gewöhnen können, wenn du dich selbst von
-der Sonne in deinem nächtlichen Lager bescheinen läßt?
-
-Denken und beobachten muß immer dein Hauptgeschäft sein; dadurch wird
-deine Geisteskraft geübt, und du sammelst einen Schatz selbsterworbener
-Kenntnisse, von deren Wahrheit du überzeugt bist und die du bei deinen
-Arbeiten anwenden kannst. Lesen mußt du auch, um dir mehr Stoff zum Denken
-zu verschaffen. Geschieht dies mit Mäßigung, mit Auswahl vorzüglich in
-Hinsicht auf das Fach, dem du dich gewidmet hast, so verschaffst du deinem
-Geiste eine gesunde, stärkende Nahrung.
-
-Liesest du aber, so wie es jetzt gewöhnlich ist, unmäßig, so kommst du mir
-vor wie ein Mensch, der den ganzen Tag ißt. Sein stets beladener Magen
-macht ihn zum Denken unfähig, und seine Säfte werden durch die heterogenen
-Nahrungsmittel, die in dieselben übergehen, verderbt. Das beständige Lesen
-füllt den größten Teil des Tages aus und raubt dir die Zeit, die du zum
-Denken und Handeln anwenden solltest. Du fassest eine Menge Begriffe,
-wahre, halbwahre und falsche durcheinander, auf, die dich verwirren und zu
-keiner Selbständigkeit kommen lassen. Heute urteilst du so, die nächste
-Woche behauptest du das Gegenteil, je nachdem das Buch urteilt, das du
-zuletzt durchgelesen hast.
-
-So nachteilig würde dir das unmäßige Lesen sein, wenn du auch keine
-bestimmten Geschäfte hättest. Weit größerer Nachteil entspringt aber
-hieraus, wenn du gewisse bestimmte Geschäfte, wie z. E. die Erziehung,
-übernimmst.
-
-Jetzt trittst du unter deine Kleinen, aber nur mit dem Körper, dein Geist
-ist abwesend und wandelt noch in dem Ideenkreise, in welchen ihn die
-Zeitschrift versetzte, die du eben jetzt aus der Hand gelegt hast. Daher
-hörst du nicht recht und siehst verkehrt, und deinen Reden fehlt der
-nötige Nachdruck. Du übernimmst die Aufsicht über sie mit der Zeitschrift
-in der Hand, verlangst nun von ihnen eine ihnen unnatürliche Stille,
-damit du im Lesen nicht gestört werdest; bei jedem Geräusche, bei jeder
-Frage, die an dich geschieht, wirst du unwillig und läßt dich wohl zu
-einem auffahrenden Tone verleiten. Ihre Handlungen zu beobachten, bist du
-unfähig, und deine Gegenwart wirkt nicht viel mehr als eine Vogelscheuche,
-die in den Weizen gestellt ist, um die Sperlinge abzuhalten. Eine Zeitlang
-fürchten sie dieselbe, nach und nach gewöhnen sie sich daran und setzen
-sich am Ende gar darauf.
-
-Willst du also, Freund! ein wirklich guter Erzieher werden, so befolge
-meinen Rat und mäßige dich im Lesen. Bedenke, daß das Lesen immer nur
-Mittel zur Erreichung höherer Zwecke sein muß, und daß du eine Thorheit
-begehst, wenn du das Mittel zum Zwecke machst. Du wirst dann viel Zeit
-ersparen, die du nun zur Erwerbung solcher Kenntnisse und Fertigkeiten
-anwenden kannst, die dir bei dem Erziehungsgeschäfte unumgänglich nötig
-sind. Denke an Pestalozzi! Würde er wohl der mächtigwirkende Mann geworden
-sein, der er ist, wenn er die Zeit, die er auf das Denken und Beobachten
-verwendete, mit Lesen zugebracht hätte?[38]
-
-Du wirst ferner eine große Zeitersparnis machen, wenn du dich nicht zu
-sehr an die Gesellschaftlichkeit gewöhnst.
-
-Daß die Gesellschaftlichkeit ihre großen Vorteile habe, und der mäßige
-Genuß derselben Bedürfnis sei, wer wird dies leugnen?
-
-Aber mehrere halbe Tage die Woche hindurch in Gesellschaften zu verleben,
-ist Zeitverschwendung, ist wahrer Müßiggang, der, so wie jeder Müßiggang,
-viel Böses lehrt, und dem Erzieher die Zeit raubt, die er auf Vorbereitung
-und Abwartung seines Geschäfts verwenden sollte. Wirst du nur die Hälfte
-der Zeit, die du bisher verplaudertest, in der Natur oder in der Werkstatt
-zubringen, so wirst du bald ein anderer Mann werden.
-
-Noch eins! Du bist doch wohl kein Spieler? Du hast doch wohl nicht die
-Gewohnheit angenommen, halbe Tage oder Abende hinter der Spielkarte
-zuzubringen? Wäre dieses, so mußt du von neuem geboren werden, es
-muß eine gänzliche Änderung mit dir vorgehen, wenn du zum Erzieher
-tüchtig sein willst. Hast du denn noch gar nicht über den Wert der
-Zeit nachgedacht; noch gar nicht überlegt, wie viel ein vernünftiger
-Mensch in einer Stunde denken, lernen und wirken kann? Wie kannst du
-denn mit deinen Lebensstunden so verschwenderisch umgehen? Wie willst
-du denn erziehen können, wenn die Spielsucht dich beherrscht? Wirst du,
-wenn die Spielstunde schlägt und dich zum Spieltische ruft, dich nicht
-von deinen Pflichten losmachen? Wirst du deinen Pflegebefohlenen wohl
-Selbstbeherrschung predigen können, wenn du selbst Sklave der Spielsucht
-bist? Wird dein Exempel nicht auf deine Kleinen Einfluß haben und ihnen
-Neigung zum Kartenspiele beibringen?
-
-Also, Freund! der du mit dieser Sucht behaftet bist, wähle! Entsage dem
-Kartenspiele oder der Erziehung, weil beide sich so wenig miteinander
-vertragen, wie die Arbeiten in einem Hammerwerke mit dem Spielen auf der
-Harmonika.
-
-So glaube ich dir denn die Frage: ~Wo soll ich denn die Zeit hernehmen,
-dies alles zu erlernen?~ hinlänglich beantwortet zu haben. Entsage nur
-allen den Gewohnheiten, die Zeit zu verschwenden, die du bisher angenommen
-hattest, so wirst du überflüssige Zeit haben, das alles zu erlernen, was
-das Erziehungsgeschäft erleichtern und begünstigen kann.
-
-
-9. Suche mit einer Familie oder einer Erziehungsgesellschaft in
-Verbindung zu kommen, deren Kinder oder Pflegesöhne sich durch einen hohen
-Grad von Gesundheit auszeichnen.
-
-Warum? Das wirst du leicht erraten. Wenn du Erzieher werden willst, so
-mußt du auch lernen, deine Pflegebefohlenen gesund zu erhalten. Dazu
-könntest du dir zwar auch die nötigen Kenntnisse in den Schulen der Ärzte
-und aus den Büchern, die sie schreiben, erwerben; ich glaube aber, du
-erwirbst sie dir leichter und sicherer im Umgange mit Personen, die
-es bewiesen haben, daß sie zur Erhaltung der Gesundheit der Kinder die
-nötige Einsicht und Geschicklichkeit besitzen. Siehe! der Baumgärtner hat
-mehrere tausend junge Bäume unter seiner Aufsicht, die bei seiner Pflege
-wachsen und gedeihen, ohne daß er eine genaue Kenntnis ihrer innern Teile
-besitzt, ohne Physiologie der Pflanzen studiert zu haben. Er lernte die
-Behandlungsart derselben von dem Exempel seines Vaters oder Lehrmeisters.
-
-Auf ähnliche Art wirst du auch lernen können, die Gesundheit der Kinder
-zu erhalten. In dem Umgange mit den Personen, mit denen ich dir rate, in
-Verbindung zu kommen, wirst du sehen, wie sie die Kinder behandeln, um
-ihrem Körper Kraft und Festigkeit zu verschaffen, und was sie mit ihnen
-thun, wenn sie sich übel befinden.
-
-Im letztern Falle mußt du dreierlei verstehen: zu erfahren, wo es den
-Kindern fehle, was ihr Übelbefinden veranlaßt habe, und das einfache
-Mittel, wodurch die Unordnung im Körper gehoben werden könne.
-
-Alles dies wird weit sicherer durch den Umgang mit solchen Personen, unter
-deren Aufsicht die Kinder gedeihen, als durch ärztliche Vorlesungen und
-Bücher erlernt, weil man bei dem erstern die Sachen durch die Anschauung
-und bei diesen durch die Beschreibung wahrnimmt, bei deren Anwendung man
-sich so leicht irren kann.
-
-
-10. Suche dir eine Fertigkeit zu erwerben, die Kinder zur innigen
-Überzeugung von ihren Pflichten zu bringen.
-
-Wie nötig dies sei, habe ich vorhin gezeigt. Sobald die Überzeugung da
-ist, entsteht auch der Entschluß zur Pflichterfüllung. Das Kind thut
-nun seine Pflichten, nicht weil sie von anderen geboten, nicht wegen
-der Belohnungen und Strafen, die mit der Erfüllung und Vernachlässigung
-derselben verknüpft sind, sondern weil es überzeugt ist, daß es notwendig
-so sein muß.
-
-Deswegen denke selbst oft über deine Pflichten nach und suche dich
-von der Verbindlichkeit, sie zu erfüllen, zu überzeugen. So lange dir
-diese Überzeugung fehlt, so lange du nur durch die Umstände dich zur
-Pflichterfüllung bestimmen läßt, so lange wird es dir auch schwer sein,
-sie mitzuteilen, und deine Ermahnungen werden so kalt und Unwirksam sein,
-als die Predigten eines Jakobiners von den Pflichten der Unterthanen
-gegen die Obrigkeit. Bist du aber dazu gelangt, so wirst du auch Drang
-empfinden, sie auf deine Kleinen zu übertragen, der dich beredt machen und
-deinem Vortrage die nötige Wärme und Wirksamkeit verschaffen wird. Was von
-Herzen kommt, geht wieder zu Herzen.
-
-Ist z. E. die Überzeugung von der Pflicht der Selbstbeherrschung bei dir
-lebendig geworden, so wird sie dir auch stets gegenwärtig sein, und du
-wirst sie deinen Kleinen leicht anschaulich machen können.
-
-Übe dich nun darin, durch anschauliche Darstellung der Pflichten die
-Kinder zur Überzeugung davon zu bringen. Jede Übung verschafft Fertigkeit,
-und je öfter sie wiederholt wird, desto mehr Vorteile, leicht zum Zweck zu
-kommen, zeigt sie uns.
-
-Dieser Zweck ist bei der Erziehung in moralischer Hinsicht doppelt:
-erstlich den von ihren Pflichten überzeugten Kindern zur Erfüllung Neigung
-einzuflößen; zweitens sie zu bestimmen, gewisse Pflichten sogleich
-auszuüben. Beide Zwecke wirst du erreichen, wenn du eine Fertigkeit dir
-erwirbst, alles recht anschaulich darzustellen und die Pflicht gleichsam
-zu versinnlichen.
-
-Da der Mangel an Geisteskraft die erste und vorzüglichste Ursache ist,
-warum die Kinder gegen die Pflicht Abneigung haben und auch dann, wenn
-die Neigung wirklich da ist, sie doch sehr oft vernachlässigen, so mußt
-du dich mit einem Vorrate von Bildern versehen, unter denen du die
-Notwendigkeit, nach seinen Einsichten zu handeln und die Sinnlichkeit zu
-beherrschen, damit unsere geistige Kraft immer die regierende, der Leib
-mit seinen Begierden die gehorchende sein müsse, vorstellest. Dieses
-kannst du versinnlichen durch das Bild eines Reiters, eines Hausvaters,
-eines Fürsten, kannst zeigen, daß nicht das Roß, nicht das Gesinde, nicht
-die Unterthanen, sondern der Reiter, der Hausvater und der Fürst regieren,
-und das Roß, das Gesinde, die Unterthanen gehorchen müssen, wenn alles
-gut gehen soll; daß das Schicksal eines Reiters sehr traurig sei, der
-sein Pferd nicht bändigen und regieren kann; daß der Hausvater und Fürst,
-die von ihren Untergebenen sich müssen vorschreiben lassen, sich eben so
-übel befinden, und dies der nämliche Fall mit einem Menschen sei, dessen
-Geisteskraft so schwach ist, daß er die Begierden nicht bändigen kann, und
-ihren Forderungen nachgeben muß.
-
-Du mußt dir ferner eine Fertigkeit zu erwerben suchen, die Pflichten zu
-personifizieren oder Personen zum Muster aufzustellen, die sich durch
-Erfüllung gewisser Pflichten auszeichneten. Dazu findest du reichlichen
-Stoff in den Schriften für Kinder, welche erdichtete Erzählungen
-enthalten, deren Zweck Veredelung der Gesinnung ist. Noch weit mehr wirst
-du aber wirken, wenn du die Beispiele von wirklichen Personen aus der
-alten und neuen Geschichte sammelst, die du deinen Kleinen als Muster
-in Erfüllung gewisser Pflichten vorstellen kannst. Erzähle ihnen z. E.
-die edle Handlung des Herrn von Montesquieu, der in der Stille einen in
-barbarischer Sklaverei seufzenden Hausvater loskaufte, ihn kleiden ließ
-und seiner trauernden Familie wieder schenkte, ohne es merken zu lassen,
-wem sie diese Freude zu verdanken habe; oder die Gewissenhaftigkeit jenes
-Mennoniten, der, als er von einem feindlichen Offizier genötigt wurde,
-ihm ein Gerstenstück zum Abmähen für die Pferde zu zeigen, denselben vor
-den Äckern seiner Nachbarn vorbeiführte und ihm sein eignes Gerstenstück
-zeigte -- und du wirst gewiß wahrnehmen, daß deine kleinen Zuhörer das
-Edle dieser Handlungen innig fühlen und von dem Entschlusse werden belebt
-werden, ebenso zu handeln.
-
-Willst du aber deine Kleinen dahin bringen, daß sie gewisse Pflichten
-sogleich erfüllen, so mußt du dir eine Fertigkeit erwerben, ihnen die
-Notwendigkeit derselben recht anschaulich zu machen. Dies kann geschehen,
-wenn du sie das Unschickliche der Vernachlässigung recht innig fühlen
-läßt. Gesetzt, der kleine Hieronymus sollte dahin gebracht werden, zu
-gewissen Stunden bestimmte Arbeiten zu machen, und weigere sich dessen,
-so könntest du sagen: Wenn du glaubst recht zu haben, so wollen wir es
-zum Gesetz machen, daß jedes Glied unserer kleinen Gesellschaft in der
-Arbeitsstunde vornehmen kann, was es will, spielen, singen, umherlaufen,
-wie es will. Er wird das Ungereimte einer solchen Verordnung sogleich
-fühlen und sich zur Arbeit bequemen; oder du kannst auch nur kurzweg
-fragen: Willst du, daß alle Kinder so handeln sollen? und wenn er sich
-merken läßt, daß er das Unschickliche davon fühle, kannst du weiter
-fragen: Aus welchem Grunde willst du denn eine Ausnahme von der Regel
-machen?
-
-Ein andermal, wenn er eine gewisse Pflicht vernachlässigt, kannst du
-auch fragen: Hältst du mich für einen rechtschaffnen Mann? wirklich? wie
-kannst du mir denn zumuten, daß ich der Vernachlässigung deiner Pflichten
-nachsehen soll? Thut das ein rechtschaffner Mann? Würdest du mich nicht
-selbst verachten müssen, wenn ich mein Aufseheramt gewissenlos verwaltete
-und zur Vernachlässigung deiner Pflichten schwiege?
-
-Durch solche und ähnliche Behandlungen wirst du viel bewirken, deine
-Pflegebefohlenen zur Kenntnis und Überzeugung von ihren Pflichten
-bringen, in ihnen der Entschluß, sie zu erfüllen, erzeugen, sie gewöhnen,
-pflichtmäßig zu handeln, und nur selten in die Notwendigkeit versetzt
-werden, ihnen ihre Verirrungen durch Strafen fühlbar zu machen.
-
-
-11. Handle immer so, wie du wünschest, daß deine Zöglinge handeln sollen!
-
-Jedes Kind hat, wie ich schon bemerkt habe, einen Hang so zu handeln, wie
-es andere handeln sieht, und es ist geneigter, Handlungen nachzuahmen, als
-Ermahnungen und Vorschriften zu befolgen.
-
-Dein stetes Bestreben muß also dahin gehen, deinen Zöglingen in jeder
-Hinsicht Muster zu sein, und die Belehrungen, die du ihnen giebst, durch
-dein Beispiel zu bestätigen. Kinder haben ein ungemein feines Gefühl und
-bemerken jeden Fehler ihres Erziehers. Sie vor ihnen zu verbergen, ist
-eine vergebliche Bemühung; sie zu verteidigen, heißt sie ihnen empfehlen.
-Das einzige Mittel, zu verhüten, daß deine Fehler keinen nachteiligen
-Einfluß auf sie haben, ist -- daß du sie ablegst.
-
-Ehe du dich also entschließest, Erzieher zu werden, prüfe dich wohl, ob
-dir deine moralische Besserung ein Ernst sei, und du dir hinlängliche
-Kraft zutrauest, deinen Kleinen in jeder Hinsicht Muster zu sein. Ist dies
-bei dir der Fall nicht, so entsage lieber diesem Geschäfte, bei welchem du
-doch nicht viel Gutes stiften wirst, und wähle ein anderes, bei welchem
-dein Beispiel für deine Mitmenschen weniger ansteckend ist.
-
-Fühlst du aber bei dir Entschlossenheit und Kraft, deinen Kleinen in jeder
-Rücksicht Muster zu werden, so widme dich diesem wichtigen Geschäfte mit
-Freudigkeit und rechne auf einen gesegneten Erfolg desselben. Je eifriger
-du es treibst, desto vollkommner wirst du selbst werden.
-
-Deine Pflegebefohlnen werden deine Erzieher sein, manchen deiner Fehler,
-der deiner Aufmerksamkeit entging, dir bemerklich machen und dich reizen,
-ihn abzulegen. Dein Beispiel wird auf sie wirken, jeder deiner Ermahnungen
-den nötigen Nachdruck geben, und so wie sie durch den steten Umgang mit
-dir deine Mundart, so werden sie auch deine Tugenden annehmen.[I]
-
-
-
-
-Schlußermahnung.
-
-
-Das bekannte Sprichwort: _Non ex quovis ligno fit Mercurius_[40] kann auch
-auf den Erzieher angewendet werden. So wie es nicht jedem Menschen gegeben
-ist, ein Maler oder Dichter, auch bei dem besten Willen und der besten
-Anweisung, zu werden, so ist es auch nicht jedes Menschen Sache, das
-Geschäft der Erziehung mit gutem Erfolg zu treiben. Es gehört dazu eine
-eigene natürliche Anlage. Man kann in hohem Grade rechtschaffen und weise
-sein, viele Wissenschaft und mannigfaltige Geschicklichkeit besitzen und
-doch, wenn jene Gabe fehlt, unvermögend sein, auf Kinder zu wirken und sie
-zu lenken.
-
-Prüfe dich also wohl! Hast du die Winke, die dir in dieser Schrift gegeben
-wurden, befolgt, so beobachte, was dies für Wirkung auf deine Kleinen
-thue, ob sie gern in deiner Gesellschaft sind, ob deine Vorstellungen
-auf sie Eindruck machten und deine Erinnerungen von ihnen befolgt werden.
-Sollte dies der Fall nicht sein, so entrüste dich nicht gegen sie, sondern
-untersuche, wo du gefehlt habest. Könntest du bei einer fortgesetzten
-Untersuchung nichts an dir bemerken, was abzuändern wäre, und daß du,
-auch bei dem redlichsten Bestreben, wenig bei ihnen ausrichten, ihre
-Liebe und ihr Zutrauen nicht erwerben könntest, so wäre dies wohl ein
-bedeutender Wink der Vorsehung, daß sie dich nicht zur Erziehung, sondern
-zu irgend einem andern Geschäfte bestimmt habe, und du thust wohl, wenn
-du diesen Wink befolgest. Du wirst bei fortgesetzter Selbstprüfung gewiß
-eine vorzügliche Neigung und Anlage zu irgend einem andern Geschäfte
-finden. Der Vater der Menschen hat jedes seiner Kinder gut ausgestattet,
-jedem sein Pfund gegeben, mit dem es wuchern, das es durch gute Anwendung
-vergrößern und zur Beförderung seines und des Wohls seiner Brüder benutzen
-kann. Folge also dem Winke der Vorsehung und widme dich dem Geschäfte,
-zu dem du dich berufen fühlst. Du wirst es mit Vergnügen treiben, es gut
-ausrichten und damit viel Gutes wirken.
-
-Wolltest du hingegen ferner der Erziehung, bei aller Unfähigkeit zu
-derselben, dich weihen, so würdest du dir und deinen Pflegesöhnen das
-Leben verleiden und bei dem besten Willen ihrem Charakter eine schiefe
-Richtung geben.
-
-Findest du aber, daß der Umgang mit Kindern dir Freude macht, daß sie an
-dir mit ganzem Herzen hängen, daß du sie mit Leichtigkeit lenken kannst,
-dann glaube, daß der Weltregierer dich zur Erziehung derselben berufen
-habe. Folge seinem Rufe mit Freudigkeit und sei versichert, daß der
-Lohn deiner Berufstreue sehr groß sein werde, daß du im Kreise deiner
-Pflegebefohlenen immer Aufheiterung finden, von deinen Arbeiten reiche
-Früchte sehen und durch dieselben einen sehr beträchtlichen Beitrag zur
-Beförderung des Wohls der Menschenfamilie geben wirst!
-
-
-
-
-Anmerkungen.
-
-
-[1] Die ~Gereokomie~, d. i. die Methode, durch ~Einatmung der jugendlichen
-Ausdünstungen~ den alternden Körper zu verjüngern, beruht auf einem aus
-dem Altertume stammenden Irrtume. Siehe 1. ~Kön.~ 1. Auch ~Hufeland~
-erzählt in seiner ~Makrobiotik~ (Univ.-Bibl. Nr. 481-484) von der
-Anwendung derselben. Die Ausdünstungen der Kinder in den Schulräumen
-sind wegen der Kohlensäure u. dergl., die sie enthalten, der Gesundheit
-nur schädlich, während der Sauerstoff, der so notwendig für die Atmung
-ist, bald verzehrt wird. Es ist deshalb in gesundheitlicher Hinsicht
-dringend notwendig, nach jeder Unterrichtsstunde in geschlossenen Räumen,
-frische Luft in diese einzuführen. Wohl hat dagegen Salzmann Recht,
-wenn er sagt, daß die beständige Munterkeit und Fröhlichkeit der Jugend
-erfrischend auf das Gemüt des Lehrers einwirken. Der herzliche Verkehr,
-der tägliche Umgang mit der frohen Jugend bewahrt das Herz des Erziehers
-vor düsterer Melancholie und finsterer Misanthropie. Dagegen ist die
-körperlich und geistig anstrengende Thätigkeit des Lehrers gewiß der
-Grund, daß nach statistischen Nachweisen der Lehrerstand in Bezug auf sein
-Durchschnittslebensalter nicht hoch steht.
-
-[2] Über das »~Krebsbüchlein~« siehe Einleitung. Das Titelbild dieser
-Schrift zeigte einen alten und drei junge Krebse in einem Teiche mit der
-Unterschrift: »_Faciam, mi papule, si te idem facientem prius videro_«
-(Ich werde's thun, mein Väterchen, wenn ich zuvor sehen werde, daß du's
-thust).
-
-[3] Nach unserer heutigen Kenntnis stimmt der von Salzmann geschilderte
-~Vorgang bei den Ameisen~ nicht mit der Wirklichkeit. Man unterscheidet
-bei den Ameisen: _a_) geflügelte Männchen, _b_) geflügelte Weibchen, _c_)
-verkümmerte, ungeflügelte Weibchen oder geschlechtslose Arbeiter. An
-schönen Augustabenden erheben sich die geflügelten Männchen und Weibchen
-in die Luft, wobei die Begattung im Fluge vor sich geht. Das Aufschwingen
-in die Luft geschieht also nicht ~nach~ geschehener Begattung, wie
-Salzmann irrtümlich meint, sondern ~vor~ derselben. Nach der Begattung
-kommen die männlichen Ameisen um, wogegen die Weibchen sich selbst die
-Flügel abstreifen und neue Kolonien gründen. Die Erziehung wird durch die
-dritte Art besorgt.
-
-[4] In den Jahren 1785-91 gab ~Joh. Heinr. Campe~ unter Mitwirkung
-von Gedike, Resewitz, Trapp, Salzmann, Lieberkühn, Funk u. a. in 16
-Bänden »~Allgemeine Revision des gesamten Schul- und Erziehungswesen
-von einer Gesellschaft praktischer Erzieher~« heraus. In diesem Werke
-werden die wichtigsten Fragen der Erziehung im Sinne der von Rousseau
-und den Philanthropen angebahnten Reform behandelt. Die Arbeiten dieses
-Sammelwerkes enthalten namentlich in Bezug auf leibliche Erziehung
-und Elementarunterricht manches Brauchbare; teilweise waren sie aber
-auch nur Übersetzungen von ~Lockes Gedanken über Erziehung~ und von
-~Rousseaus Emil~ (Univ.-Bibl. Nr. 901-908), mit zahlreichen Glossen der
-Herausgeber versehen. Getadelt wird an »diesem bedeutendstem Denkmal
-des philanthropischen Zeitalters« die bisweilen zu sehr hervortretende
-einseitige Richtung auf das materiell Nützliche, insonderheit in den
-Originalarbeiten, die von Campe selbst herrühren, von dem es heißt, daß er
-das Verdienst dessen, der bei uns den Kartoffelbau einheimisch gemacht,
-oder das Spinnrad erfunden hatte, höher anschlug als das Verdienst des
-Dichters einer Ilias und Odyssee.
-
-[5] Der große Philosoph ~Immanuel Kant~ (1724-1804) hielt in Königsberg
-auch Vorlesungen über Pädagogik, hat aber kein eigentliches System der
-Pädagogik hinterlassen (s. Kant: Über Pädagogik, herausgegeben von Th.
-Vogt, Verlag von Beyer & Söhne, Langensalza). Salzmann denkt an das von
-Kant aufgestellte Prinzip der Moralität: »~Thue die Pflicht um der Pflicht
-willen!~« Dieses ist Kant das höchste sittliche Ziel, und zu dieser
-sittlichen Freiheit soll der Mensch erzogen werden.
-
-[6] Dieser Satz klingt etwas paradox, ist aber, wie Salzmann nachweist,
-für den Erzieher ernst und wichtig. Da Salzmann in Bezug auf sein
-~anthropologisches Prinzip~ auf dem Boden des ~Naturalismus~ stand,
-so suchte er auch nie den Urgrund aller Fehler und Untugenden in der
-angeborenen Verderbtheit der menschlichen Natur, im Menschen selbst,
-sondern stets außerhalb desselben. Auch in Salzmanns anderen Schriften
-kehrt dieser Gedanke wieder. In der Vorrede zum »Krebsbüchlein« heißt
-es: »Der Grund von allen Fehlern, Untugenden und Lastern der Kinder ist
-mehrenteils bei dem Vater oder der Mutter, oder bei beiden zugleich zu
-suchen. Es klingt dies hart, und ist doch wahr.« Und am Schlusse der
-Vorrede: »Eltern und Erzieher! Wenn eure Kinder Untugenden und Fehler an
-sich haben: so sucht den Grund davon nicht in ihnen, sondern -- in euch.«
-Im 19. Kapitel von »Konrad Kiefer« sagt Salzmann: »So lernen diejenigen
-Eltern auch immer besser ihre Kinder erziehen, die fein bescheiden gute
-Lehren annehmen und den Grund von den Fehlern, die die Kinder angenommen
-haben, erst in sich suchen.« Schon ~Rousseau~ stellte in seinem »Emil« den
-ähnlich klingenden Satz auf: »An allen Lügen der Kinder ist der Erzieher
-schuld.« So versucht man auch jetzt vielfach die Schule für die angebliche
-Zunahme der Verrohung und Verwilderung der Bevölkerung, für die Zunahme
-der Verbrechen, verantwortlich zu machen. Trifft der Schule hierin ein
-Vorwurf, so kann das Maß desselben nur gering sein. Außer ihr kommen noch
-viele andere Erziehungsfaktoren in Betracht, auf die die Schule wenig oder
-gar keinen Einfluß hat.
-
-[7] Daß die Pflege des früh im Kinde wach werdenden ~Thätigkeitstriebes~
-nicht erst der Schule anheimfallen muß, sondern daß sie schon im
-Elternhause bezw. durch den Kindergarten stattzufinden hat, habe ich
-in meiner Schrift: »~Einfluß des Fröbelschen Kindergartens auf den
-nachfolgenden Schulunterricht~« näher dargelegt. Daß die Schule die
-~Selbstthätigkeit~ der Kinder ebenfalls fördern soll, ist selbstredend.
-Niemals soll der Lehrer dem Schüler jene Arbeit abnehmen, die dieser
-selbst zu leisten vermag. Was dessen Geisteskräften nur erreichbar ist,
-das gebe man ihm nicht fertig, nein, darnach gestatte man ihm nur seinen
-Geist auszurecken. ~Kehr~ sagt: »Selbstsuchen, selbstsehen, selbstfinden,
-selbstthätig sein, hält den Schüler geistig wach.« Auch ~Salzmann~ legt
-großen Wert auf möglichst selbständiges Arbeiten der Kinder. In seiner
-Schrift: »Noch etwas über die Erziehung« heißt es: »Es ist noch sehr wenig
-Anleitung zum eigenen Beobachten, eigener Erforschung, eigener Erwerbung
-der Kenntnisse, sondern der Lehrer arbeitet den Kindern vor, unterrichtet
-sie von dem, was er durch seine mühsamen Arbeiten herausgebracht hat, und
-das Kind verhält sich mehrenteils leidend.«
-
-[8] kindische = kindliche. Im vorigen Jahrhundert hatte die Endung »isch«
-noch nicht den Begriff des Lächerlichen; diesen hat sie erst in diesem
-Jahrhundert erhalten.
-
-[9] ~Charakter~ ist -- wie ~Lindner~ sagt -- die bleibende Art und Weise,
-zu handeln und zu wollen; sein Kennzeichen ist innere Übereinstimmung
-und Konsequenz. Fassen wir den Begriff Charakter noch schärfer, so ist
-er die vollständige Konsequenz des sämtlichen Wollens und Handelns
-durch Unterordnung desselben unter praktische Grundsätze und dieser
-wieder unter einen obersten praktischen Grundsatz. Das letzte Ziel
-aller Erziehung ist nach ~Herbart~ die ~Heranbildung des sittlichen
-Charakters~ oder, wie er es nennt, ~Charakterstärke der Sittlichkeit~.
-Sittlichkeit und Charakter stehen im engen Verhältnis zum ~Wollen~. Ohne
-Wollen keine Sittlichkeit, kein Charakter, da wir mit Charakter die
-Konsequenz des Denkens und Handelns, angeregt von bewußten Beweggründen
-und geleitet von bewußten festen Grundsätzen, bezeichnen. Von einem
-Charakter ist deshalb beim Kinde nicht gut zu sprechen; es läßt sich
-vielmehr durch die Eingebung des Augenblicks und der Umgebung, durch
-Beispiel und Überredung bestimmen. Es soll erst zum Charakter erzogen
-werden. Zur Entwickelung eines guten und großen Charakters ist _a_) eine
-~günstige Naturanlage~, _b_) die ~Vielseitigkeit~ und ~Einheitlichkeit
-des Unterrichts~, welcher kenntnisreich macht und gleiche Gedanken mit
-möglichst vielen verschiedenen Vorstellungen verknüpft, sie aber alle
-einer Einheit, der ~Sittlichkeit~, unterordnet, nötig; ferner ist _c_)
-namentlich die richtige ~Gewöhnung~ notwendig. Die letztere ist für
-die Entwickelung des sittlichen Charakters sehr wichtig, da sie die
-Individualität veredelt, die Geisteskräfte, besonders das verständige und
-vernünftige Denken stählt, das Gedächtnis des Willens bildet und so die
-Schnelligkeit und Konsequenz des Entschlusses und Handelns fördert, und
-viele Tugenden zur Gewohnheit macht. Was Salzmann hier unter Charakter
-meint, nennen wir jetzt nach heutigem psychologischen Sprachgebrauch
-~Individualität~, d. i. die Summe der allgemeinen und besonderen Merkmale
-oder die Eigentümlichkeiten eines Menschen. Die Individualität wird
-bestimmt: _a_) durch die ~körperliche Beschaffenheit~ nach Alter und
-Geschlecht, Gesundheit oder Kränklichkeit, Naturell u. s. w., _b_) durch
-das ~Temperament~, _c_) durch die besondere Richtung der ~natürlichen
-Anlagen~, _d_) durch die ~Erziehung~. ~Comenius~ unterscheidet in
-seiner _Didactica magna_ sechs Haupttypen von Schülerindividualitäten:
-_a_) die Scharfsinnigen, Lernbegierigen, Bildsamen, _b_) diejenigen,
-die zwar scharfsinnig sind, aber langsam und hierbei gefügig, _c_) die
-Scharfsinnigen und Lernbegierigen, aber dabei Trotzigen und Verstockten,
-_d_) die Willfährigen und zugleich Lernbegierigen, aber Langsamen und
-Schwerfälligen, _e_) jene, die schwachsinnig und überdies nachlässig und
-träge sind, _f_) die Schwachköpfe, die überdies noch von verkehrter und
-bösartiger Beschaffenheit sind. -- Es ist eine Hauptaufgabe der Erziehung,
-die Individualität des Zöglings soviel als möglich unversehrt zu erhalten.
-Es ist deshalb Pflicht des Erziehers, die Individualitäten seiner Schüler
-zu erkennen und diese bei seiner Erziehung und seinem Unterrichte zu
-berücksichtigen. Doch darf er der Individualität nicht einen allzu
-freien Spielraum einräumen, da sonst leicht Sonderlinge, Hartköpfe und
-Egoisten erzogen werden. Deshalb ist in Hinsicht auf die Beachtung der
-Individualität der richtige allgemeine Grundsatz der: »~Der Erzieher
-erforsche die Individualität seiner Zöglinge und bilde sie so, daß sie
-sich stets in Übereinstimmung mit der Mehrheit des gebildeten und edleren
-Teiles der menschlichen Gesellschaft befindet.~« (Petzold.)
-
-[10] »~Erkenne dich selbst!~« war der Wahlspruch des Lakedämoniers
-~Chilon~, eines der sieben griechischen Weisen. Es war ferner die
-Inschrift des delphischen Apollotempels. ~Sokrates~ stellte dieses Wort
-jedem Einzelnen seiner Schüler als Lebensaufgabe, damit er gut handeln
-lerne.
-
-[11] ~Aristoteles~ ward 385 v. Chr. zu Stagira in Thrazien geboren; in
-seinem 17. Jahre ward er Schüler ~Platos~ zu Athen, bei dem er 20 Jahre
-blieb. 343 ward er vom makedonischen Könige ~Philipp~ zur Erziehung seines
-dreizehnjährigen Sohnes ~Alexander~ berufen. Als Alexander später seinen
-Feldzug gegen Persien unternahm, gründete Aristoteles in Athen eine
-Philosophenschule. Er starb 323 v. Chr. zu Chalcis auf Euböa. Aristoteles
-ist nicht nur praktisch als Erzieher thätig gewesen, sondern er hat
-sich auch in seinen Schriften theoretisch vielfach mit der Erziehung
-beschäftigt, so in seiner »~Nikomachischen Ethik~« und in der »~Politik~«.
-Eine besondere von ihm verfaßte Schrift über die Erziehung ist verloren
-gegangen. Aristoteles betrachtet die Erziehung als die schwierigste
-Aufgabe, die gestellt werden, und auch als die höchste, deren Lösung
-versucht werden kann. Das Ziel der gesamten menschlichen Thätigkeit
-ist nach ihm die ~Glückseligkeit~ (Eudämonie), die sich auf die Tugend
-gründet. Im Unterrichte betont er vor allem das Notwendige und zum Leben
-~Nützliche~ (Utilitätsprinzip), wie später auch die Philanthropen.
-
-[12] Die ~Aufgabe der Erziehung~ ist die ~Entwickelung und Übung aller
-Kräfte des Kindes~, der ~leiblichen~ sowohl als auch der ~seelischen~.
-Damit ist aber noch nicht das ~Ziel der Erziehung~, wie auch das ~Wesen~
-derselben festgesetzt. Dieses liegt vielmehr darin, daß das Ebenbild des
-Schöpfers in dem Zöglinge wieder hergestellt werde, oder in der Erreichung
-nicht nur der ~irdischen~, sondern auch der ~himmlischen Glückseligkeit~.
-
-[13] Die ~Laufbänke~ und ~Laufzäume~ (Laufbänder) wurden früher und
-werden auch noch jetzt angewandt, um die Kleinen eher zum Laufen zu
-bringen. Durch die gutartig vor die Brust gelegten Bänder bei den
-Laufzäumen und durch die Leisten bei den Laufbänken wird die Brust
-zum Schaden der Gesundheit eingeengt bezw. gedrückt. Mit Recht eifert
-deshalb Salzmann in seinem »Ameisenbüchlein«, wie auch im »Konrad Kiefer«
-und in »Noch etwas über Erziehung« gegen solche unnatürliche Mittel.
-Schon ~Rousseau~ sagt im zweiten Buche seines »Emils«: »Man lehre den
-Kindern nichts, was sie von selbst lernen; ~so~ z. B. nicht das Gehen.
-Gängelbänder als Laufkorb, Fallhut und andere Hilfen taugen nichts.« Auch
-~Kant~ zieht gegen die Leitbänder und dergl. zu Felde.
-
-[14] Sinnlichkeit = ~Sinne~. Über die Übung der Sinne s. Anm. 21.
-
-[15] Für die Erreichung des Unterrichts- und Erziehungszieles ist zwar
-die ~Gesundheit~ des Kindes ein wesentlicher Faktor; doch ist es von
-Salzmann zuviel behauptet, wenn er sagt, daß bei ungesunden Kindern
-~alle~ Erziehung mißlinge. Wohl erschwert die Kränklichkeit oder die
-Schwäche eines Kindes die Arbeit des Erziehers, da er ja bei derselben
-die physische Natur des Zöglings berücksichtigen muß, und von einem
-schwächlichen Kinde nicht das fordern darf, was er von einem gesunden
-verlangt. Die physische Schwäche wirkt auch oft nachteilig auf Geist
-und Gemüt ein, aber von einem gänzlichen Mißlingen der Erziehung bei
-ungesunden Kindern darf doch nicht die Rede sein. Es erfordert aber
-die schwächliche Beschaffenheit der physischen Natur des Schülers eine
-besondere Berücksichtigung seitens des Lehrers und eine gediegene
-pädagogische Durchbildung desselben.
-
-[16] Wenn Salzmann hier gegen die ~Ärzte~ eifert, so hat dieses
-seinen Grund in dem niederen Standpunkte, den die Arzneikunde im
-vorigen Jahrhundert einnahm. Seitdem sich aber die Medizin und ihre
-Hilfswissenschaften zu wirklichen Wissenschaften erhoben, und berühmte
-Gelehrte der Neuzeit als Virchow, Stromeyer, Koch, Schrötter, Bock,
-Klencke, Esmarch, Fürst, Freerichs u. a. zu ihren Vertretern zählt, ist
-es damit anders geworden. Dies schließt aber nicht aus, daß der Lehrer
-selbst verstehe, die Gesundheit seiner Zöglinge zu fördern, und sie auch
-in der ~Gesundheitspflege~ zu unterweisen. Als einschlägliche Schriften
-seien genannt: ~Kirchhoff~: »Gesundheitspflege«; ~Bock~: »Bau, Leben
-und Pflege des menschlichen Körpers«; ~Correus~:»Der Mensch«; ~Katz~:
-»Fürs Auge«; ~Reclam~: »Gesundheitsschlüssel«, »Gesundheitslehre für
-Schulen«; ~Zwick~: »Körperpflege und Jugenderziehung«; ~Reimann~: »Die
-körperliche Erziehung und die Gesundheitspflege in der Schule«; ~Kohler~:
-»Die Gesundheitslehre in der Volks- und Fortbildungsschule«; ~Gauster~:
-»Die Gesundheitspflege im allgemeinen und hinsichtlich der Schule im
-besonderen«; ~Scholz~: »Leitfaden der Gesundheitslehre«; ~Siegert~:
-»Die Schulkrankheiten«. -- Schon ~Comenius~, ~Montaigne~ und ~Rousseau~
-forderten die Schulhygieine; diesen tritt auch ~Salzmann~ bei. Jetzt wird
-sogar von mehreren Seiten gefordert, daß in jeder Schulkommission ein Arzt
-Sitz und Stimme haben solle. Wohl ist die Mitarbeit des Arztes in der
-Schule wünschenswert, da die Schule weder die körperliche Gesundheit noch
-die geistige Frische des Schülers schädigen darf. Den Ärzten aber jeder
-Zeit freien Zutritt in die Schule zu gestatten, würde viele Störungen des
-Unterrichts herbeiführen. Dagegen ist zu fordern, daß der Gesundheitslehre
-der ihr gebührende Platz im Unterrichte eingeräumt werde, und daß die
-Seminare die angehenden Lehrer in der Schulhygieine unterweisen, diese
-auch bei den Prüfungen der Lehrer Prüfungsgegenstand sei, damit die
-Lehrer zur Erhaltung der Gesundheit der Kinder in der Schule beitragen
-können. Denn »gerade während der Schulzeit ist die ~körperliche Kultur~
-sehr wichtig: erstens, weil der jugendliche Körper des Schülers allen
-Schädlichkeiten der Umgebung mehr offen steht und unter den Folgen übler
-Angewöhnungen mehr leidet, als der abgehärtete Körper des Erwachsenen, und
-zweitens, weil der Unterricht durch den Zwang des Stillsitzens in dicht
-besetzten Schulstuben, sowie durch die andauernde geistige Anstrengung auf
-die Gesundheit des Kindes leicht ungünstig einwirken kann.« (Lindner.) Daß
-die Forderung Salzmanns und der anderen Philanthropen: die Schule habe das
-leibliche Wohl der Schüler zu berücksichtigen und zu fördern, so wichtig
-ist, geht daraus hervor, daß der Körper die ~Wohnung~ und das ~Werkzeug
-der Seele~ ist. Deshalb spricht auch ~Rückert~:
-
- »Ein gutes Werkzeug braucht zur Arbeit der Arbeiter,
- Und gute Waffen auch zum Waffenstreit ein Streiter.
- Du Streiter Gottes und Arbeiter, merk's, o Geist,
- Daß deines eignen Leibs du nicht unachtsam seist
- Das ist dein Arbeitszeug, das ist dein Streitgewaffen,
- Das halte wohl im Stand, zu streiten und zu schaffen!
- O, wie du dich bethörst, wenn du den Leib zerstörst,
- Der dir so angehört, wie du Gott angehörst.
- Wie du Gott angehörst, so hört dein Leib dir an,
- Und ohne deinen Leib bist du kein Gottesmann.«
-
-[17] Hier tritt Salzmann in Gegensatz zu ~Pestalozzi~, der in seiner
-Schrift: »Wie Gertrud ihre Kinder lehrt« (Univ.-Bibl. Nr. 991. 992)
-die Behauptung aufstellt: »Der Mensch ist selbst der erste Vorwurf der
-Anschauung« und diesem Satze gemäß den ~Körper des Kindes und seine
-Glieder~ zuerst als Betrachtungsobjekt behandelt wissen will, wozu er im
-»Buch der Mütter« Anleitung gab. Die neuere Pädagogik stellt sich dagegen
-auf den Standpunkt Salzmanns und stimmt den Worten ~von Türks~, der 1808
-in Ifferten bei Pestalozzi weilte, bei. Türk sagt: »Ich hatte schon
-früher die Idee des Buches der Mütter als gut anerkannt, aber die Wahl
-des Gegenstandes der dort aufgestellten Übungen: des menschlichen Körpers
-gemißbilligt; ich erachte die Umgebungen des Kindes im Hause und in der
-Natur für weit mehr dazu geeignet.«
-
-[18] Mit Recht tadelt Salzmann das Verfahren, ~Naturgeschichte~
-zu lehren, ohne die Kinder selbst in die Natur einzuführen. Schon
-~Rousseau~ sagte: »Eure Philosophen lernen die Naturgeschichte in den
-Naturalienkabinetten, sie besitzen Flitterkram, wissen Namen und haben
-durchaus keine Idee von der Natur.« Auch in seiner Schrift: »Noch etwas
-über die Erziehung« zieht Salzmann gegen den naturgeschichtlichen
-Unterricht, der sich nicht auf ~Anschauung der Natur selbst~ stützt,
-zu Felde. Gewiß ist es jetzt bedeutend besser damit geworden;
-doch wird der naturgeschichtliche Unterricht noch vielfach in zu
-wissenschaftlicher Weise erteilt, indem man sich zu sehr an das System
-hält, während doch die ~Einführung der Kinder in die Natur~ selbst
-die Hauptsache sein sollte. Verbesserungsbestrebungen machen sich
-in neuester Zeit geltend. Es sei in dieser Hinsicht hingewiesen auf
-die Schriften von ~Junge~: »Der Dorfteich«; ~Baade~: »Zur Reform des
-naturgeschichtlichen Unterrichts«; ~Twiehausen~: »Der naturgeschichtliche
-Unterricht in ausgeführten Lektionen«; ~Vögler~: »Präparationen für
-den Naturgeschichtsunterricht«; ~Kießling~ und ~Pfalz~: »Methodisches
-Handbuch für den Unterricht in der Naturgeschichte«. Was Salzmann weiter
-vom naturgeschichtlichen Unterricht sagt, gilt auch namentlich vom
-~ersten Schulunterricht~. Seine Lehrbeispiele, die er im Nachfolgenden
-giebt, beziehen sich besonders auf diesen Unterricht. Hier ist gerade
-die ~Anschauung~ an ihrem Platze. Namentlich findet die Anschauung ihre
-Pflege in dem sog. ~Anschauungsunterrichte~, dessen Ziel sein soll, das
-Kind mit der heimatlichen Umgebung, ihrer Natur und Lebewesen bekannt
-zu machen, weshalb er vielfach auch als »~Heimatskunde~« bezeichnet
-wird. Der angehende Lehrer, dem bekanntlich gerade dieser so wichtige
-Unterricht obliegt, sei auf folgende Schriften hingewiesen: ~Wernecke~:
-»Praxis der Elementarklasse«; ~Strübing~: »Sprachstoffe«; ~Harder~:
-»Anschauungsunterricht«; ~Jütting-Weber~: »Anschauungsunterricht
-und Heimatskunde«; ~Wiedemann~: »Präparationen«; ~Wagner~:
-»Entdeckungsreisen in Haus und Hof, in Wald und Feld &c.«; ~Breiden~: »Der
-Anschauungsunterricht«; ~Fuhr~ und ~Ortmann~: »Anschauungsunterricht«;
-~Niedergesäß~: »Anschauungsunterricht«; ~Stieber~: »Anschauungsunterricht
-im Anschlusse an die Pfeifferschen und Winkelmannschen Bilder«;
-~Heinemann~: »Handbuch für den Anschauungsunterricht und die
-Heimatskunde«; ~Seidel~: »Materialien für den Anschauungs- und
-Sprachunterricht im ersten Schuljahre«; ~Fischer~: »Sprachstoffe zu
-Leutemanns fünfzehn Tierbildern«; ~Richter~: »Der Anschauungsunterricht«.
-
-[19] Die ~lateinischen Namen der Pflanzen~ sind für die Kinder der
-Volksschule nur toter Ballast. Auch hier gilt das Wort: »_Res, non
-verba_.« Was nützen den Kindern die ~Namen~ der Naturdinge, zumal
-die lateinischen, wenn ihnen die ~Kenntnis der Naturkörper~ selbst
-abgeht? ~Hauptsache ist die Betrachtung der Natur~ selbst; dann mag
-der Name hinzutreten, aber nur der deutsche. Man hüte sich, den
-Naturgeschichtsunterricht in bloße Nomenklatur aufgehen zu lassen; die
-Gefahr liegt aber bei dem bloßen Angeben der Namen sehr nahe. Viel ist
-in dieser Hinsicht auf dem Gebiete des naturgeschichtlichen Unterrichts
-gesündigt worden, weshalb die Reformbestrebungen, von denen die Arbeiten
-von Junge, Kießling und Pfalz, Twiehausen, Baade und Vögler zeugen,
-freudig zu begrüßen sind.
-
-[20] In Bezug auf dieses ~Erraten der Pflanzen~, wie Salzmann es will, sei
-erinnert an das ~Versteckspiel~, das ~Wolke~ mit den Zöglingen beim großen
-Examen am Dessauer Philanthropin aufführte, von wo es Salzmann entlehnt
-hat (s. Schummel: Fritzens Reise nach Dessau).
-
-[21] Unter ~Empfindungsvermögen~ versteht Salzmann, was wir nach dem
-heutigen psychologischen Sprachgebrauche ~Sinnesvermögen~ nennen. Salzmann
-nennt dieses Empfindungsvermögen, weil die ersten einfachen Eindrücke,
-die uns durch die Sinne zugehen, ~Empfindungen~ genannt werden, aus denen
-dann die ~Wahrnehmungen~, ~Anschauungen~ und ~Vorstellungen~ hervorgehen.
-Die ~Übung der Sinne~ des Kindes ist sehr wichtig. Deshalb fordert
-auch ~Rousseau~: »Erst Übung der Sinne, dann Übung der Geisteskräfte!
-Sinnenvernunft vor intellektueller Vernunft! Denn die ersten Vermögen,
-die sich in uns bilden und entwickeln, sind die Sinne. Übt nicht bloß die
-Kräfte der Kinder, übt alle Sinne, welche die Kräfte regieren, benutzt
-möglichst jeden Sinn, prüft die Eindrücke des einen Sinnes durch die
-anderen. Meßt, zählt, wägt, vergleicht!« Und ~Comenius~ sagt: »Anfangs
-übe man die Sinne, dann das Gedächtnis, hierauf den Verstand, zuletzt das
-Urteil. Denn die Wissenschaft beginnt mit der sinnlichen Wahrnehmung.«
-Und ~Salzmann~ schreibt in seiner Schrift: Ȇber die Erziehungsanstalt zu
-Schnepfenthal«: »Da wir alle unsere Kenntnisse durch die Sinne bekommen,
-die den Stoff liefern, aus dem die Vernunft ihre Begriffe abzieht, so
-ist es wohl sehr nötig, daß zuerst die Sinne geübt werden,« und in
-seinem »Himmel auf Erden«: »Das richtige Empfinden wird am besten in der
-ersten Jugend gelernt, wenn die mit der Welt noch unbekannte Seele auf
-die Dinge, die um sie sind, aufmerksam gemacht und angeleitet wird, sie
-selbst zu beobachten und darüber selbst zu urteilen.« Wie vorteilhaft
-es für den Schulunterricht ist, wenn die Sinne der Kinder bereits im
-vorschulpflichtigen Alter durch den ~Kindergarten~ geübt und geschärft
-worden sind, habe ich in meiner Schrift: »Der Einfluß des Fröbelschen
-Kindergartens auf den nachfolgenden Schulunterricht« nachgewiesen. (Verlag
-von Siegismund & Volkening, Leipzig.) Daß die Übung der Sinne auch auf den
-oberen Schulstufen zu pflegen ist, ist selbstredend.
-
-[22] Mit Eifer tritt Salzmann gegen das bloße ~Wortlernen~ auf und betont,
-wie es nachher auch von ~Pestalozzi~ geschah, die ~Anschauung~, besonders
-auf den unteren Stufen. Auch ~Basedow~ verlangt in seinem »Methodenbuche«:
-»keine Worte und Sätze zu lehren, mit denen die Kinder noch falsche
-Begriffe verbinden.« ~Locke~ sagt: »Nicht durch Worte, sondern durch Dinge
-und Abbildungen der Dinge erhalten die Kinder die ersten Vorstellungen.«
-Bei ~Comenius~ heißt es: »Alles muß der sinnlichen Anschauung unterstellt
-werden.« Gegen Salzmanns Forderung, daß man bei dem Sprachunterrichte
-z. B. anfänglich lauter solche Bücher gebrauchen müsse, bei deren Lesung
-nur Vorstellungen in den jungen Seelen erzeugt werden, die sie entweder
-selbst durch die Anschauung bekommen haben, oder die doch mit denselben
-in Verwandtschaft stehen, verstoßen z. B. die meisten unserer ~Fibeln~.
-So bringt z. B. eine viel gebrauchte Fibel in ihren Übungsgruppen Wörter,
-deren Inhalt den Kindern ganz fern liegt. Ich nenne nur: Domino, Delta,
-Indien, Tiber, Xerxes, Xantippe, None u. a.
-
-[23] Auch der ~fremdsprachliche Unterricht~ muß, wie Salzmann mit Recht
-bemerkt, die ~Anschauung~ zur Grundlage haben. Wie viele Vokabeln, Sätze
-u. s. w. müssen die Kinder aber lernen, deren Inhalt ihnen ganz fremd
-ist. Auch die heterogensten Übungssätze werden ihnen vorgeführt. In
-der französischen Sprache hat man nun schon angefangen, dieselbe auf
-~Grundlage der Anschauung~ zu lehren. So ~Lehmann~ in seinem »Lehr-
-und Lesebuche der französischen Sprache nach der Anschauungsmethode«,
-~Ducotterd~ und ~Mardner~: »Lehrgang der französischen Sprache auf Grund
-der Anschauung«. In seiner Schrift: »Noch etwas über die Erziehung« giebt
-Salzmann seine Lehrweise der fremden Sprachen an: »Erst wird über die
-verschiedenen Produkte der Natur, die zusammengebracht werden, lateinisch
-(französisch) gesprochen, das Gespräch diktiert und niedergeschrieben,
-dann werden zweckmäßig gewählte Schriftsteller gelesen und dabei die
-grammatikalischen Regeln gegeben, endlich lateinische (französische)
-Aufsätze gemacht.« Salzmann will also die sog. ~direkte Methode~ angewandt
-wissen.
-
-[24] Schon ~Rousseau~ tritt in seinem »Emil« gegen das ~zu frühe
-Bücherlesen~ der Kinder ein. Emil soll vor seinem 12. Jahre kein Buch
-in die Hand bekommen. Wenn Salzmann auch mit Recht nicht so weit geht,
-so sind seine Worte, mit denen er im »Ameisenbüchlein« und im »Konrad
-Kiefer« gegen den zu frühzeitigen Beginn des Lesenlernens eifert,
-wohl beherzenswert. Er sagt mehrmals: »Kinder müssen erst gewöhnt
-werden, aus der ~Natur~ sich zu unterrichten, bevor man ihnen ~Bücher~
-in die Hände giebt.« Das Kind muß erst den Übergang finden aus dem
-lustigen Spielleben der Kinderstube zu der ernsten Arbeit der Schule.
-Mit Recht fordern deshalb namhafte Pädagogen, als ~Türk~, ~Denzel~,
-~Graßmann~, ~Graser~, ~Lüben~, _Dr._ ~K. Schmidt~, ~Kehr~ u. a., daß
-dem Lesenlernen ein ~Vorkursus~ vorangehen müsse; ja einige von ihnen
-wollen erst das Lesenlernen ins ~zweite~ Schuljahr verlegt wissen. Auch
-die »acht Schuljahre« von ~Rein~, ~Pickel~ und ~Scheller~ wissen von
-einem Leseunterrichte im ~ersten~ Schuljahre nichts. Was soll man aber
-sagen, wenn Kleinkinderschulen und Kindergärten den Kindern die Fibel
-in die Hand geben, und wenn ~Therese Focking~ die Lehrerwelt sogar mit
-einer »~Fröbelfibel~« beehrt hat?! Vgl. meine Schrift: »Der Einfluß des
-Fröbelschen Kindergartens auf den nachfolgenden Schulunterricht.«
-
-[25] ~Pestalozzi~ widmete dem ~Vorsagen~ und ~Nachsprechenlassen~ langer
-und verwinkelter Sätze, deren Inhalt den Kindern oft ganz unverständlich
-war, viel Zeit und Kraft (vgl. »Wie Gertrud ihre Kinder lehrt«,
-Univ.-Bibl. Nr. 991. 992). Er wollte die Kinder dadurch im Sprechen
-üben und ihre Sprachkraft stärken. ~Salzmann~ anerkennt auch den Wert
-des ~Nach-~ und des ~Chorsprechens~, will aber nur einen beschränkteren
-Gebrauch davon zu machen wissen. Die heutige Pädagogik steht auf Salzmanns
-Seite. Auch sie betreibt das Chorsprechen, aber nur von dem, was den
-Kindern verständlich ist. ~Wiedemann~ führt in seinem »Lehrer der Kleinen«
-als Gründe für das Chorsprechen an: 1) das Chorsprechen löst vor allen
-Dingen die Zunge; 2) es kultiviert die Aussprache; 3) es giebt auch den
-Schüchternen Mut; 4) es hält bei der Stange; 5) es schützt die Kinder
-vor langer Weile, belebt den Unterricht. Siehe auch: ~Haushalter~: »Das
-Sprechen im Chor«.
-
-[26] Zur Verbesserung des ersten Leseunterrichts schrieb Salzmann »~Konrad
-Kiefers ABC- und Lesebüchlein~«. Es erschien 1806.
-
-[27] In seiner Schrift: »Über die Erziehungsanstalt in Schnepfenthal«
-läßt sich Salzmann eingehend über die Ausbildung der ~Handfertigkeit~
-aus. So sagt er: »Zur Erziehung des Menschen ist unumgänglich nötig:
-Übung seiner Hände und Gewöhnung, von den Werkzeugen, die der
-menschliche Verstand erfand, Gebrauch zu machen.« In Schnepfenthal fand
-der Handfertigkeitsunterricht eingehende Pflege. Die Zöglinge wurden
-unterwiesen in Papparbeiten, Schreinerarbeit, Drechseln, Korbflechten.
-Besonders widmete sich der Lehrer ~Blasche~ diesem Unterrichte. Die
-Handfertigkeitsunterrichtsfrage ist zur Zeit eine brennende, noch
-unentschiedene. In zahlreichen Schriften wird für und gegen den
-Handfertigkeitsunterricht gestritten. Nach unserer Ansicht ist Salzmann
-in vollem Rechte, wenn er die Betreibung von Handarbeiten zur Kräftigung
-des Körpers fordert. Für eine Eingliederung derselben, zumal wenn der
-Handfertigkeitsunterricht nur praktisch-formalen Nutzen gewährt und
-mit der Schularbeit in gar keiner Verbindung steht, können wir uns
-nicht begeistern. Stellt er sich aber in den Dienst des theoretischen
-Unterrichts, wie es z. B. die Schrift vom Seminarlehrer ~Magnus~: »~Der
-praktische Lehrer~« für die Seminare thut, so ist die Sache eine andere.
-Wenn der Handfertigkeitsunterricht dagegen in selbständigen Kursen, wie
-in den ~Knabenhorten~, erteilt wird, so haben wir nichts dagegen zu
-erinnern. Wer sich eingehender über diese heutige Tagesfrage unterrichten
-will, der sei verwiesen auf die Schriften: ~von Schenckendorff~: »Der
-praktische Unterricht, eine Forderung der Zeit an die Schule, sein
-erziehlicher, volkswirtschaftlicher und sozialer Wert«; ~Eckardt~: »Die
-Arbeit als Erziehungsmittel«; ~Hanschmann~: »Die Handarbeit in der
-Knabenschule«; ~Salomon~: »Arbeitsschule und Volksschule«; ~Gelbe~: »Der
-Handfertigkeitsunterricht«; ~Rauscher~: »Der Handfertigkeitsunterricht,
-seine Theorie und Praxis«; ~Barth~ und ~Niederley~: »Des deutschen
-Knaben Handwerksbuch«; ~Elm~: »Der Handfertigkeitsunterricht in Theorie
-und Praxis«; ~Michelsen~: »Die Lehr- und Arbeitsschule zu Alfeld«;
-~Karl Friedrich~ (Professor Biedermann): »Die Erziehung zur Arbeit,
-eine Forderung des Lebens an die Schule«; ~Rißmann~: »Geschichte des
-Arbeitsunterrichtes in Deutschland«; ~Johs Meyer~: »Die geschichtliche
-Entwickelung des Handfertigkeitsunterrichts«; ~von Schenckendorff~:
-»Über Bedeutung und Ziel des Handfertigkeitsunterrichts«; ~Johs
-Meyer~: »Der Handfertigkeitsunterricht und die Schule«; ~Seidel~: »Der
-Arbeitsunterricht, eine pädagogische und soziale Notwendigkeit«; ~Bütow~:
-»Die Volksschule und der Handfertigkeitsunterricht«; ~Kreyenberg~:
-»Handfertigkeit und Schule«.
-
-[28] In Bezug auf sein ~anthropologisches Prinzip~ stand Salzmann wie die
-anderen Philanthropen auf dem Boden des ~Rationalismus~. Sie huldigten
-dem Grundsatze der ~Naturalisten~: ~Der Mensch ist von Natur durchaus
-gut~. (_Pelagianismus._) So sagt ~Rousseau~ am Anfange des »Emil«: »Alles
-ist gut, wie es aus den Händen des Urhebers aller Dinge hervorgeht;
-alles entartet unter den Händen des Menschen.« An einer anderen Stelle
-heißt in derselben Schrift: »Stellen wir als unantastbaren Grundsatz
-fest, daß die ersten Regungen der Natur immer gut sind; ~es giebt keine
-ursprüngliche Verderbtheit in dem menschlichen Herzen~.« Auch ~Salzmann~
-läßt in seinem »Konrad Kiefer« den Pfarrer sprechen: »Lieber Herr Kiefer,
-es giebt eine Erbsünde, eine Regung zum Bösen und eine Abneigung vom
-Guten, die die Kinder von ihren Eltern bekommen; sie wird ihnen aber
-nicht sowohl angeboren, als ~anerzogen~.« Dagegen behaupten die strengen
-Supranaturalisten, daß die menschliche Natur zum Guten aus eigener Kraft
-absolut unfähig ist. Die Wahrheit liegt wohl, wie so oft, so auch hier, in
-der Mitte. In der Natur des Menschen kann kein Absolut-Böses, wohl aber
-die Anlage zum Relativ-Bösen sein. Die gemäßigteren Supranaturalisten
-beschränken ihre Ansicht auch dahin, daß dem Menschen eine Neigung zum
-Bösen angeboren sei, die sich in der frühesten Jugend mit Übergewicht
-äußere.
-
-[29] Wohl enthalten die nachfolgende Worte Salzmanns über die ~sittliche
-Erziehung~ manches Beherzigenswerte, wollen aber mit Vorsicht aufgenommen
-sein. Wenn Salzmann Verbote und Gebote als »moralische Gängelbänder«
-verwirft, so folgt dieses aus seinem anthropologischem Prinzipe, das
-auf den Naturalismus beruht. Das Kind muß den Anordnungen des Erziehers
-nicht folgen, weil es von deren Vernünftigkeit überzeugt ist, sondern aus
-~Gehorsam~, der in der Autorität und in der Liebe zum Lehrer beruht. Das
-erste Haupterfordernis der Zucht ist der Gehorsam. So fordert auch ~Jean
-Paul~, daß alle Erziehung beim Gehorsam anfangen müsse. Erst auf die Stufe
-der Zucht folgt die Stufe der Freiheit des Willens. Doch ist die keimende
-Selbständigkeit des Kindes zu beachten.
-
-[30] Die Schrift: »~Erster Unterricht in der Sittenlehre für Kinder von
-8-10 Jahren~« erschien 1803.
-
-[31] Siehe Salzmanns Anmerkung S. 52. ~Locke~ und ~Rousseau~ hatten das
-~Baden~ im Freien zur Abhärtung des Körpers sehr empfohlen. Ihnen folgten
-die Philanthropen, indem sie dasselbe praktisch ausführten. So hatte
-auch Salzmann das Baden in den zu seinem Besitztume gehörigen Teichen
-eingeführt. Man hielt diese Neuerung vielfach als für die Gesundheit
-nachteilig, namentlich gab man an, daß das Baden im »kalten« Wasser die
-Nerven aufrege. Hierauf beziehen sich Salzmanns Worte. In neuester Zeit
-beginnt man ~Schulbäder~ in den Schulanstalten einzurichten wie z. B. in
-Göttingen, Hannover, Frankfurt am Main.
-
-[32] Die Schrift: »~Heinrich Gottschalk oder erster Religionsunterricht
-für Kinder von 10-12 Jahren~« erschien 1804; ihr folgte 1808 der
-»~Unterricht in der christlichen Religion~«.
-
-[33] Nach diesen Worten scheint Salzmann wenig von einer ~Vorbildung
-zum Lehrerberufe~ auf einer Pflanzschule zu halten, nachdem er doch
-selbst kurz vorher den Umriß zu derselben entworfen hat. Als einfacheren
-Weg stellt er die Regel: »~Erziehe dich selbst!~« auf. Der Grund liegt,
-wie ~Karl Richter~ bemerkt, wohl darin, daß er bei seinem Plane nicht
-sowohl Dorfschulen und ihre Lehrer, sondern junge Theologen als Lehrer
-in Familien und an Privatinstituten im Auge hatte. Schon zu Salzmanns
-Zeit bestanden an vielen Orten Seminare, wie das Berliner Seminar, von
-Hecker gegründet, und die von Friedrich d. G. in Schlesien eingerichteten
-Seminare. Die von Salzmann gegebenen Regeln sind von den Erziehern wohl
-zu beherzigen; sie genügen aber durchaus nicht zur Bildung derselben.
-Wer selbst den Lehrerberuf nicht theoretisch und praktisch erlernt hat,
-wozu sich am besten unsere heutigen Lehrerbildungsanstalten mit ihren
-Übungsschulen eignen, kann kein tüchtiger Erzieher sein. Deshalb wird
-auch bei den Prüfungen der Lehrer auf die pädagogische Ausbildung und
-auf die Lehrprobe das Hauptgewicht gelegt. Zu fordern ist auch, daß die
-Schulaufseher und Schulleiter sowohl theoretisch als praktisch pädagogisch
-geschult sind, was leider bis jetzt noch nicht stets der Fall ist.
-
-[34] »~Der Himmel auf Erden~« erschien 1797. Salzmann zeigt in dieser
-Schrift, daß der Mensch die Glückseligkeit nicht erst im Jenseits
-erwarten solle, sondern daß er sich schon hier auf Erden das Leben zu
-einem Himmel gestalten könne und zwar durch sittliches Handeln und treue
-Pflichterfüllung, durch lebendige Erkenntnis Gottes und im Umgange mit
-ihm, durch fromme Betrachtung seiner Werke. Eine neue Ausgabe dieser
-Schrift ist 1885 von ~August Roth~ besorgt worden (Minden, J.C.C. Bruns'
-Verlag).
-
-[35] Das Original des ~Robinson~ (Univ.-Bibl. Nr. 2194. 2195) hatte
-der Engländer ~Daniel Defoe~ (1661-1731) 1719 nach den Erlebnissen
-eines Matrosen, namens ~Alex. Selkirks~ frei bearbeitet. ~Campe~ gab
-dieses Buch mit vielfach eingestreuten Betrachtungen und langweiligen
-Belehrungen 1779 unter dem Titel: »Robinson der Jüngere« heraus. Mit
-dieser Zeit hat dasselbe viele Auflagen erlebt und gehört noch jetzt zu
-den beliebtesten und vielgelesensten Jugendschriften. Neue treffliche
-Bearbeitungen lieferten ~G.A. Gräbner~, ~Ferd. Schmidt~, ~Mensch~,
-~Höcker~. Schon ~Rousseau~ wies in seinem »~Emil~« auf den Robinson hin.
-Er sagt: »Ein gutes Buch ist es, das mein Emil zuerst lesen soll; es wird
-lange Zeit ganz allein seinen Bücherschatz bilden und wird jederzeit den
-vornehmsten Rang in diesem einnehmen. Es soll der Text sein, von dem
-unsere Unterhaltung über die menschlichen Erfindungen und Wissenschaften
-ausgeht; es soll der Prüfstein sein, an dem ich die Fortschritte in der
-Urteilskraft meines Zöglings erproben will; und so lange sein Geschmack
-einfach und natürlich bleibt, weiß ich, wird die Lesung desselben ihm ein
-immer neues Vergnügen bereiten. Und was ist dies für ein wunderbares Buch?
-Ist es Aristoteles? Ist es Plinius? Ist es Buffon? Nein! Es ist ~Robinson
-Crusoe~.« ~Hettner~ sagt von dem Buch: »Es entrollt sich darin ein Bild
-vor uns, so groß und gewaltig, daß wir hier noch einmal die allmähliche
-Entwickelung des Menschengeschlechts überschauen.« Und in der Vorrede der
-Ausgabe von ~Gräbner~ heißt es: »Der Held hat Fleisch und Blut, er tritt
-in voller Wahrheit vor uns hin; er zeigt sich in den Stunden der Schwäche
-wie in denen der Größe, wie er vom leichtsinnigen Knaben zum gottlosen
-Jünglinge wird, wie er zur Erkenntnis gelangt und wie oft er abermals
-strauchelt, ehe er das wird, was ihm die sittlich-religiöse Bedeutung für
-die Zwecke der Charakterbildung giebt.« Die ~Herbart-Zillersche Schule~
-legt den Robinson dem Gesinnungsunterrichte des zweiten Schuljahres
-(zweite kulturhistorische Stufe) unter. Siehe ~Rein~: Zweites Schuljahr.
-
-[36] Das ~Guts-Muthssche Spielbuch~ ist mehrfach, neu bearbeitet,
-herausgegeben worden. Zuletzt ist es 1884 in sechster Auflage vom
-Seminar-Oberlehrer ~O. Schettler~ unter dem Titel: »Guts-Muths'
-Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes, gesammelt und
-bearbeitet für die Jugend, ihre Erzieher und die Freunde unschuldiger
-Jugendfreuden«(Hof, Grau & Co.) erschienen. Ihm sind seit dem Erlasse
-des preuß. Kultusministers 1882 über die Jugendspiele eine Menge
-neuer Sammlungen von Turnspielen gefolgt. Es seien genannt: ~Ambros~:
-»Spielbuch 400 Spiele und Belustigungen für Schule und Haus«; ~Köhler~:
-»Bewegungsspiele des Kindergartens«; ~Wagner~: »Illustriertes Spielbuch
-für Knaben«; ~Stangenberger~: »Spiele für die Volksschule«; ~Schettler~:
-»Turnspiele für Knaben und Mädchen«; ~Jacobs~: »Deutschlands spielende
-Jugend«; ~Bräunlich~: »Kinderspiele und Liederreigen für Mädchen«;
-~Leske~: »Illustriertes Spielbuch für Mädchen«; ~Lier~: »Turnspiele
-für Deutschlands Jugend«; ~Kohlrausch~ und ~Marten~: »Turnspiele«;
-~Bruns~: »Illustriertes Kinderspielbuch«; ~Wießner~: »Fest- und
-Freizeit-Spielbüchlein«; ~Kümpel~: »Das Spiel der Jugend und seine
-Bedeutung für die Volksschule«; ~Lausch~: »134 Spiele im Freien für die
-Jugend«; ~Matz~: »Über die Spiele der Kinder«; ~Wolter~: »Das Spiel im
-Freien«; ~Zander~: »Über die Bedeutung der Jugendspiele für die Erziehung«.
-
-[37] Die hier genannten Schriften sind jetzt veraltet, doch an ihre Stelle
-neue getreten. Es seien genannt: ~Leunis~: »Synopsis der 3 Naturreiche«;
-~Brehm~: »Illustriertes Tierleben«, »Leben der Vögel«; ~Lenz~:
-»Gemeinnützliche Naturgeschichte des Tierreichs«; ~Lüben~: »Anweisung
-zu einem methodischen Unterrichte in der Pflanzenkunde«; ~Auerswald~:
-»Botanische Unterhaltungen«; ~Teller~: »Wegweiser durch die 3 Reiche
-der Natur«; ~Cürie~: »Anweisung zur Bestimmung der Pflanzen«; ~Garcke~:
-»Flora von Deutschland«; ~Thomé~: »Lehrbuch der Botanik«, »der Zoologie«;
-~Roßmäßler~: »Die 4 Jahreszeiten«, »Flora im Winterkleide«, »der Wald«;
-~Postel~: »Führer durch die Pflanzenwelt«; ~Polack~: »Illustrierte
-Naturgeschichte«; ~Dietlein~: »Tierkunde«; ~Scholz~: »Tierkunde«;
-~Eiben~: »Schulnaturgeschichte des Tierreichs«, »des Pflanzenreichs«;
-~Vogel~: »Erster Unterricht in der Naturgeschichte«; ~Twiehausen~: »Der
-naturgeschichtliche Unterricht in ausgeführten Lektionen«; ~Schleiden~:
-»Die Pflanze und ihr Leben«; ~Grube~: »Biographien aus der Naturkunde«,
-»Naturbilder«; ~Wagner~: »Pflanzenkunde«, »In die Natur«; ~Lüben~:
-»Anweisung zu einem methodischen Unterrichte in der Tierkunde«; ~Masius~:
-»Naturstudien«, »Die gesamten Naturwissenschaften«; ~Taschenberg~: »Was da
-kriecht und fliegt«; ~Schubert~: »Naturgeschichte«.
-
-[38] Gewiß ist das ~unmäßige Lesen~, namentlich, wenn es nur geschieht,
-um zu lesen, von großem Schaden. Der Lehrer lese alles nur in Beziehung
-auf seinen Beruf und seine Lehrfächer. Namentlich gewöhne er sich daran,
-mit der Feder in der Hand zu lesen. Er merkt sich dadurch nicht allein das
-Gelesene besser, sondern er verbessert auch seinen Stil. Er achte aber
-auch auf das Lesen seiner Zöglinge. Er bewahre sie vor dem verderblichen
-Viellesen; deshalb ist die Benutzung der Schülerbibliothek wohl zu
-kontrollieren, und man halte darauf, daß der Schüler über den Inhalt des
-aus derselben entnommenen Buches Bericht erstatte.
-
-[39] Schon im Dessauer Philanthropin gab es ~Meritentafeln~. Von hier
-aus führte Salzmann sie auch in seiner Anstalt ein. Die Meritentafeln
-bestanden bei Salzmann aus einer schwarzen, im Betsaal aufgehängten und
-mit den Namen sämtlicher Schüler versehenen Tafel. Für jede Leistung und
-Arbeit erhielten die Zöglinge je nach dem Werte derselben »~Billette des
-Fleißes~«. Hatte einer 50 von diesen, so ward hinter seinem Namen auf der
-Tafel ein gelber Nagel eingeschlagen = er hatte einen »~goldenen Punkt~«
-erworben. Wer deren 50 hatte, erhielt den »~Orden des Fleißes~«, der bei
-feierlichen Gelegenheiten auf der Brust getragen ward. Er bestand aus
-einem goldenen Kreuze, das in der Mitte ein rundes Schildchen hatte, auf
-dem sich ein erhaben gearbeitetes Grabscheit mit den Buchstaben _D. D. u.
-H._ (= Denken, Dulden und Handeln) befand. Durch diese Auszeichnungen ward
-der Fleiß des Schülers wohl angespornt, aber auch ein falscher Ehrgeiz und
-die Selbstüberschätzung großgezogen. Das Lernen ward dadurch zum Mittel
-zum Zwecke herabgewürdigt, anstatt selbst Zweck zu sein. Nicht äußerliche
-Auszeichnung, sondern der Unterricht des Lehrers soll das ~unmittelbare
-Interesse~ des Lernenden, mit dem dieser sich ganz dem Wissensstoffe
-hingiebt, erwecken. Wenn Salzmann gegen die ~körperliche Züchtigung~
-redet, so hat er diese Ansicht nicht immer gehabt. In »Noch etwas über die
-Erziehung« und im »Konrad Kiefer« empfiehlt er sie noch. Unserer Ansicht
-und Erfahrung nach muß der Lehrer die körperliche Züchtigung nur als
-letztes Strafmittel ansehen, zu dem er erst dann greifen darf, wenn alle
-anderen nichts gefruchtet haben. Auch ~Luther~ empfiehlt einen »eichenen
-Butterwecken« als »geistige Salbe«. Der Pädagoge ~Ludw. Döderlein~ sagt:
-»Es kann eine Schule bestehen ohne körperliche Züchtigung, aber nicht ohne
-die Möglichkeit derselben, nicht ohne die Berechtigung zu derselben.«Gegen
-die körperliche Züchtigung schrieb Schuldirektor _Dr._ ~Th. Mertens~ in
-Hannover (¿ 1887) in seiner Schrift: »Schläge in der Schule?«
-
-[40] »~_Non est quovis ligno fit Mercurius_~« = »Nicht aus jedem Holze
-läßt sich ein Merkur schnitzeln.« Dieses Wort soll von ~Pythagoras~
-herrühren. Dem ~Comenius~ ward auf seine Forderung: ~jeder~ Mensch müsse
-unterrichtet werden, dies Wort entgegengehalten. Seine Antwort war: »Aber
-aus jedem Menschen ein Mensch.«
-
- Ende.
-
-
-
-
-Fußnoten:
-
-
-[A] Ich gebrauche hier und in der Folge das Wort Knaben, weil ich bei
-Ausarbeitung dieses Buches freilich immer die Behandlungsart der Knaben
-vor Augen hatte. Das meiste wird aber auch auf die Mädchenerziehung, mit
-einigen Abänderungen, können angewendet werden.
-
-[B] Seit zwanzig Jahren bin ich Vorsteher einer Erziehungsanstalt, in
-welcher Kinder von allerlei Familien und Nationen zusammen leben; ihre
-Zahl beläuft sich seit einiger Zeit beinahe auf 70. Unter diesen lebe
-und webe ich vom Morgen, bis ich ins Schlafzimmer gehe. Wären nun die
-Kinder so schlimm, wie sie von manchen Erziehern geschildert werden,
-wie könnte ich das aushalten? Müßte ich nicht schon einigemal ein
-Gallenfieber bekommen haben? Das geschieht aber nicht; vielmehr befinde
-ich mich in ihrer Gesellschaft sehr wohl. Dies kommt nicht daher, weil
-sie so vollkommen, so musterhaft wären; sie geben mir vielmehr beständig
-Beispiele von Leichtsinn, Unbesonnenheit u. dergl. Nach geendigter
-Lehrstunde spielen, laufen, springen, jauchzen sie; ich trete unter die
-jubelnde Gesellschaft, und meine Gegenwart macht weiter keine Veränderung.
-In diesem allen finde ich nun nichts Beleidigendes, weil ich glaube,
-Kinder sind Kinder, denken und handeln wie Kinder. Daher gehen Wochen
-hin, ehe ich durch sie einmal geärgert werde. Geschieht dies, und ich
-prüfe mich genau, so finde ich gemeiniglich, daß der Grund davon doch
-in mir selbst liege, weil entweder in meinem Körper Unordnung ist, oder
-weil ein anderer unangenehmer Vorfall mich verstimmt hat, oder weil
-ich mit Geschäften zu sehr überladen bin. Je aufmerksamer ich auf mich
-selbst werde, desto seltener werden auch die Beleidigungen. Ja ich kann
-versichern, daß in den 20 Erziehungsjahren, die ich hier verlebt habe,
-ich mich nicht erinnern kann, daß einer meiner Zöglinge mit Überlegung
-etwas in der Absicht gethan habe, um mich zu kränken. Man verzeihe mir
-dieses offenherzige Geständnis. Es kann mir dasselbe ebensowenig als
-Ruhmredigkeit angerechnet werden, als dem Baumgärtner, wenn er in seinem
-Buche über die Baumzucht bisweilen etwas von seiner eigenen Baumpflanzung
-sagt. Übrigens gestehe ich gern ein, daß von meinen Pflegesöhnen der
-Schluß nicht sogleich auf alle Kinder gemacht werden kann. Denn ob sie
-gleich aus verschiedenen Häusern und Ländern zusammengeführt sind, so
-leben sie doch in einer gewissen Absonderung von der übrigen Welt, und
-das Beispiel der Erwachsenen, das Entgegenwirken der Eltern, Tanten, des
-Gesindes u. dergl., die Verführung der Knaben, die ohne Aufsicht und
-Erziehung aufwachsen, hat auf sie keinen Einfluß.
-
-Ein anderer Erzieher, dem von allen Seiten entgegen gearbeitet wird, hat
-freilich mit größeren Schwierigkeiten zu kämpfen.
-
-[C] Da mehrere Leser diese Behauptung für zu kühn erklären werden, so
-erlaube man mir, daß ich wieder eine Thatsache aus meinem Wirkungskreise
-aufstelle. Ich bin jetzt der Pflegevater von beinahe 70 jungen Leuten,
-die in ganz verschiedenen Himmelsstrichen, von Lissabon bis Moskau,
-geboren wurden, in deren erster Erziehung also notwendig eine große
-Verschiedenheit war. Diese jungen Leute sind ~alle~ gesund, auf ihren
-Köpfen ist nicht der geringste Ausschlag sichtbar, es gehen bisweilen
-drei Jahre hin, ohne daß einer bettlägerig wird, und in den 21 Jahren, in
-denen ich meiner Anstalt vorstehe, ist kein einziger gestorben. Gleichwohl
-bin ich kein Arzt. In den ersten zehn Jahren, die ich hier lebte, betrat
-nie ein Arzt mein Haus. Erst dann, da sich die Zahl meiner Zöglinge sehr
-vergrößerte und zu besorgen war, daß ich etwas bei ihnen übersehen möchte,
-fing ich an, mich ärztlicher Hilfe zu bedienen.
-
-Von der Gesundheit deiner Zöglinge, wird man sagen, sind deine gesunde
-Luft und dein gesundes Wasser die Ursachen.
-
-Diese sind freilich viel wert, allein wenn wir das gesunde Wasser
-nicht tränken, uns darin nicht badeten, uns in der gesunden Luft nicht
-herumtummelten, so würden beide uns wohl wenig helfen.
-
-Die Art, wie wir hier junge Leute behandeln, ist die wahre Ursache, warum
-sie sich so sehr durch Gesundheit auszeichnen und der Tod bisher noch
-nicht zu ihnen kam.
-
-Sollte einmal von den Grundsätzen, nach welchen bisher hier erzogen wurde,
-abgewichen werden, sollte man sich mehr an die in vornehmen Häusern
-gewöhnliche Lebensart anschmiegen, so würde man in Schnepfenthal, ebenso
-wie in anderen Anstalten, Krankenstuben errichten müssen; statt des
-blühenden Rots, das die Wangen der jungen Schnepfenthäler auszeichnet,
-würde Blässe sich einfinden, und unser Gottesacker würde Grabmäler von
-jungen hoffnungsvollen Knaben bekommen, die in der Blüte ihrer Jahre ein
-Raub des Todes wurden.
-
-Dies alles schreibe ich ~bloß~ in der Absicht nieder, um die Leser zu
-überzeugen, daß es allerdings möglich sei, seine Zöglinge gesund zu
-erhalten, ohne sich der Heilkunde beflissen zu haben.
-
-[D] Einige behaupten, die Nervenkrankheiten, die in unseren Tagen so
-gewöhnlich sind, wären eine Folge der kalten Bäder. Deshalb will ich nun
-mit niemandem streiten. Das sage ich aber ganz freimütig und laut, daß von
-den jungen Leuten, die ich erzogen habe und noch erziehe, deren mehrere
-Hundert sind, kein einziger eine Nervenkrankheit bekommen hat (wenn auch
-einmal ein hier erzogener nervenkrank würde, so folgte doch daraus noch
-nicht, daß dies vom kalten Bade komme), daß von alle den nervenkranken
-Personen, die ich kannte, nicht eine einzige sich kalt badete, und daß
-es mir nicht recht glaublich ist, daß die Nervenkrankheiten, an welchen
-die Frauenzimmer in N. leiden, von den kalten Bädern der Zöglinge zu
-Schnepfenthal herrühren sollten.
-
-[E] Ich bemerke ein für allemal, daß ich in diesem Buche mich vorzüglich
-mit Jünglingen unterhalte, die sich zur Erziehung bilden wollen. Sollte
-also dieser und jener bereits gebildete Erzieher manches Bedürfnis
-haben, gegen welches ich hier spreche, manche Fertigkeit nicht besitzen,
-welche ich dem sich bildenden Erzieher empfehle, so soll ihm durch meine
-freimütigen Äußerungen kein Vorwurf gemacht werden. Dies wird mir aber
-jeder zugestehen, daß der Erzieher mit mehr Nachdruck wirken kann, wenn er
-von den Bedürfnissen frei ist, an welche er seine Zöglinge nicht gewöhnen,
-und die Fertigkeit selbst besitzt, die er ihnen beibringen will. Was soll
-nun aber der Erzieher thun, bei dem dies der Fall nicht ist? Freimütig
-heraussagen: diese Angewöhnung, dieser Mangel ist eine Unvollkommenheit,
-die von meiner ersten Erziehung herrührt, gegen welche ich euch auf das
-beste zu verwahren suchen will.
-
-[F] Der aufgesetzte Entwurf ist einen Bogen lang. Um den Raum zu schonen,
-füge ich davon nur dieses Bruchstück bei, das aber hinlänglich sein wird,
-den denkenden Erzieher zu belehren, wie viel an den gewöhnlichsten Dingen
-des gemeinen Lebens bemerkt und unterschieden werden kann.
-
-[G] Dieses laute Nachsprechen der ganzen Versammlung hat gewiß seinen
-sehr großen Nutzen. Es erhält die Kinder in Thätigkeit, reizt sie zum
-Lautsprechen und prägt den Vortrag ihrem Gedächtnisse ein. Man muß aber
-von dieser Übung mit Vorsicht Gebrauch machen. Will man gewisse Wörter
-und Sätze dem Gedächtnisse seiner Kleinen einprägen, so ist das öftere
-laute Aussprechen derselben von der ganzen Versammlung hierzu gewiß ein
-wirksames Mittel. Will man aber durch ~eigenes~ Urteil den Verstand üben,
-so halte ich das chormäßige Aussprechen für zweckwidrig, weil die Kinder
-dadurch vom Selbsturteilen abgezogen und zum Nachbeten gewöhnt werden.[25]
-
-Wie man bei den sonst so verdrießlichen ABC-, Sillabier- und Leseübungen
-die Kinder in einer angenehmen Selbstthätigkeit erhalten kann, glaube ich
-in Konrad Kiefers ABC- und Lesebüchlein hinlänglich gezeigt zu haben.[26]
-
-[H] Da die Erzieher so selten sind, die in ihren Händen Geschicklichkeit
-besitzen, etwas zu arbeiten, so hat es mir Mühe gekostet, den Unterricht
-in einigen Handarbeiten in meiner Anstalt einzuführen. Jetzt lernen meine
-Zöglinge folgendes: anfänglich Verfertigung von allerlei Spielereien aus
-Papier und Netzstricken, ferner allerlei Dinge aus Holz zu schnitzen,
-Korbflechten, Papparbeiten, Lackierern, Schreinern und Drechseln.
-
-[I] Wer mit der Einrichtung meiner Erziehungsanstalt bekannt ist und
-weiß, daß in derselben sich Meritentafeln befinden, an welchen die
-Namen meiner Zöglinge geschrieben, und denselben gelbe Nägel beigefügt
-sind, durch welche der Grad ihres Fleißes bemerkbar gemacht wird, der
-wird sich wundern, daß ich dieses Erziehungsmittels hier gar nicht
-Erwähnung thue. Es ist also wohl nötig, mich hierüber zu erklären, zumal
-da es seit einiger Zeit anfängt gewöhnlich zu werden, daß man, um eine
-Erziehungsanstalt zu empfehlen, mit einem hämischen Seitenblicke auf die
-meinige, von ihr rühmt, sie habe keine Meritentafeln.
-
-Die moralische Erziehung kann nur auf die Art, wie ich sie vorhin
-beschrieben habe, durch lebhafte Überzeugung von den Pflichten bewirkt
-werden und wird auf diese Art in meiner Anstalt betrieben.
-
-Neben der moralischen Bildung ist aber in jeder kleinen und großen
-Gesellschaft eine gewisse Polizei nötig, wodurch die äußerlichen
-Handlungen der Glieder der Gesellschaft geleitet werden. Daher findet man
-in jeder guten Erziehungsanstalt eine Einrichtung, wodurch die fleißigen
-Zöglinge vorgezogen, die unfleißigen zurückgesetzt werden. Für meine Lage
-habe ich die Meritentafel zweckmäßig gefunden, nie aber sie andern zur
-Nachahmung empfohlen, vielmehr mein Mißfallen bezeigt, wenn ich bisweilen
-in ~Familien~ Meritentafeln vorgefunden habe.
-
-Ich erreiche in ~meiner Anstalt~ damit zwei sehr wichtige Zwecke:
-erstlich, daß Kinder, bei denen die Vernunft noch in der Entwickelung
-steht, das Verhältnis, in welchem sie gegeneinander in Ansehung ihres
-Fleißes stehen, immer sinnlich dargestellt erblicken. Zweitens, daß die
-Lehrer ein Mittel in den Händen haben, ihren Zöglingen, ohne körperliche
-Züchtigungen, die ich in dem Kreise meiner Pflegesöhne nicht dulde, ihre
-Pflichtvergessenheit durch den Abzug von Billets, deren fünfzig müssen
-erworben sein, wenn man neben seinem Namen einen gelben Nagel haben
-will, fühlbar zu machen. Wirklich fühlen sie diesen Abzug oft inniger,
-als manches an Schläge gewöhntes Kind eine körperliche Züchtigung. In
-der Zeit, daß ein Zögling sich seine fünfzig Nägel erwirbt, entwickelt
-sich gewöhnlich seine Vernunft so weit, daß er eines solchen sinnlichen
-Leitungsmittels nicht mehr bedarf. Er wird nun eine Zeitlang auf die
-Probe gestellt, ob er auch ohne dieses Leitungsmittel seine Geschäfte
-ordentlich verrichte und die gesellschaftlichen Pflichten erfülle. Hält er
-die Probe aus, so wird er zum Offizier erklärt, als Jüngling behandelt,
-in die Gesellschaft der Erwachsenen gezogen, bekommt Aufsicht über die
-Kleinern u. s. w. Den Orden des Fleißes habe ich schon seit geraumer Zeit
-abgeschafft. Er war eben das, was eine Offiziersstelle ist. Die Sache ist
-geblieben, der Name aufgegeben, und da die gewöhnlichen Menschen mehr an
-dem Namen der Dinge, als an den Dingen selbst hängen, so hoffe ich, daß
-diejenigen beruhigt sein werden, denen der Name ~Orden~ anstößig war.[39]
-
-
-
-
- * * * * * *
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription:
-
-Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
-lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
-
-Beibehalten wurde:
-
- Einige Ausdrücke wurden in beiden Schreibweisen übernommen:
-
- soziale und sozialer (beide Seite 123) und socialpädagogischen (Seite 4)
- Encyklopädie (Seiten 12 und 17) und Enzyklopädisten (Seite 3)
- Schneeballen (Seite 38) und Schneebälle (Seite 39)
- euerm (Seite 43) und eurem (Seite 71)
- euern (Seiten 54, 55, 70, 73 und 86) und euren (Seiten 42, 53, 54 und 70)
- Äußerungen (Fußnote E) und Aeußerungen (Seite 45)
- Ueberzeugung (Seite 46) und Überzeugung (Seite 17, 26, 32, 108, 109
- und 111, Fußnote I)
- neugeborne (Seite 78) und neugeborene (Seite 49)
- danach (Seite 81) und darnach (Seiten 82 und 116)
- größern (Seite 83) und größeren (Seite 43)
- einfachern (Seite 88) und einfacheren (Fußnote 33)
- letzteren (Seite 108) und letzteren (Seite 14)
- erstern (Seite 108) und ersteren (Seite 14)
- eignes (Seite 110) und eigenes (Seite 73)
- rechtschaffnen (Seite 111) und rechtschaffenen (Seite 25)
- Pflegebefohlnen (Seite 112) und Pflegebefohlenen (Seiten 21, 96, 103,
- 107, 111 und 114)
- z. E. und z. B. (verschiedene Seiten)
- u. dgl. und u. dergl. (verschiedene Seiten)
-
-Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:
-
- geändert wurde
- "und namentlich ~Jean Jacque Rousseau~ mit ihren"
- in "und namentlich ~Jean-Jacques Rousseau~ mit ihren"
- (Seite 4)
-
- geändert wurde
- "Es seien genannt ~Guths-Muths~, der Erzvater der Turnerei"
- in "Es seien genannt ~Guts-Muths~, der Erzvater der Turnerei"
- (Seite 9)
-
- geändert wurde
- "als das Erziehungsgegeschäft. Als Lohn"
- in "als das Erziehungsgeschäft. Als Lohn"
- (Seite 15)
-
- geändert wurde
- "der Kinder enthalten, aber Anweisungen zur Erziehung"
- in "der Kinder enthalten, aber an Anweisungen zur Erziehung"
- (Seite 24)
-
- geändert wurde
- "nach und nach eine Gemeine hervor, die"
- in "nach und nach eine Gemeinde hervor, die"
- (Seite 25)
-
- geändert wurde
- "sich eingestünde daß er gefehlt"
- in "sich eingestünde, daß er gefehlt"
- (Seite 31)
-
- geändert wurde
- "ist seine Klasse ein Haufe schändlicher, verworfener Gassenbuben."
- in "ist seine Klasse ein Haufen schändlicher, verworfener Gassenbuben."
- (Seite 41)
-
- geändert wurde
- "So ist es nicht mit Karln."
- in "So ist es nicht mit Karl."
- (Seite 43)
-
- geändert wurde
- "davon geradezu beimessen uud sich auf mein"
- in "davon geradezu beimessen und sich auf mein"
- (Seite 44)
-
- geändert wurde
- "die Laufbänke und Laufzäune entfernt sind, und"
- in "die Laufbänke und Laufzäume entfernt sind, und"
- (Seite 48)
-
- geändert wurde
- "Zöglinge durch Abhärtuug ihre Gesundheit erhalten"
- in "Zöglinge durch Abhärtung ihre Gesundheit erhalten"
- (Seite 53)
-
- geändert wurde
- "nicht nötig, durch weitläuftige Vorstellungen euren Zöglingen"
- in "nicht nötig, durch weitläufige Vorstellungen euren Zöglingen"
- (Seite 54)
-
- geändert wurde
- "Müssen Sie denn nicht lauter"
- in "Müssen sie denn nicht lauter"
- (Seite 80)
-
- geändert wurde
- "eine Gesellschaft von Ackerleuten kömmt."
- in "eine Gesellschaft von Ackerleuten kommt."
- (Seite 93)
-
- geändert wurde
- "zerstreut und teilnamlos bleiben, so"
- in "zerstreut und teilnahmslos bleiben, so"
- (Seite 97)
-
- geändert wurde
- "Feld &c.«; ~Breiden~, »Der Anschauungsunterricht«;"
- in "Feld &c.«; ~Breiden~: »Der Anschauungsunterricht«;"
- (Fußnote 18)
-
- geändert wurde
- "am Anfange des »Emil«: Alles ist"
- in "am Anfange des »Emil«: »Alles ist"
- (Fußnote 21)
-
- geändert wurde
- "~Kohlrausch und Marten~: »Turnspiele«;"
- in "~Kohlrausch~ und ~Marten~: »Turnspiele«;"
- (Fußnote 36)
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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