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-The Project Gutenberg EBook of Deutsche Humoristen (Band 6), by
-E. Th. A. Hoffmann and A. Bayersdorfer and Bettina v. Arnim and Henry F. Urban and Fr. Th. Fischer and L. Thoma
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
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-
-Title: Deutsche Humoristen (Band 6)
- Humoristische Erzählungen
-
-Author: E. Th. A. Hoffmann
- A. Bayersdorfer
- Bettina v. Arnim
- Henry F. Urban
- Fr. Th. Fischer
- L. Thoma
-
-Release Date: December 13, 2015 [EBook #50681]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE HUMORISTEN (BAND 6) ***
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-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
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-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- In Antiqua ausgezeichneter Text ist ~so dargestellt~.
-
- In Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
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-
- Hausbücherei
-
- 31
-
-
- Hiervon erschien
- das
-
- 1.--10. Tausend 1908
- 11.--20. Tausend 1910
- 21.--30. Tausend 1914
- 31.--50. Tausend 1916
- 51.--60. Tausend 1919
-
-
-
-
- Hausbücherei
-
- der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
-
- 31. Band
-
- [Illustration]
-
- Hamburg-Großborstel
- Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
-
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-
-
- Deutsche Humoristen
-
- 6. Band
- Humoristische Erzählungen
-
- E. Th. A. Hoffmann A. Bayersdorfer
- Bettina v. Arnim ▣ Henry F. Urban
- Fr. Th. Vischer ▣ Ludwig Thoma
-
- [Illustration]
-
- Hamburg-Großborstel
- Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
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-[Illustration]
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-
-Deutsche Humoristen
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-
-Jeder Einzelband gebunden 3 Mark.
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-
- =Band 1=: +Friedr. Theodor Vischer+: Humorist. Gedicht. +Peter
- Rosegger+: Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß. Wie wir
- die Gürtelsprenge haben gehalten. +Wilhelm Raabe+: Der Marsch
- nach Hause. +Fritz Reuter+: Woans ick tau 'ne Fru kamm. +Albert
- Roderich+: Nemesis. 71.--90. Tausend.
-
- =Band 2=: +Clemens Brentano+: Die mehreren Wehmüller oder
- ungarische Nationalgesichter. +E. Th. A. Hoffmann+: Die
- Königsbraut. +Heinrich Zschokke+: Die Nacht in Brczwezmcisl.
- 56.--65. Tausend.
-
- =Band 3=: +Hans Hoffmann+: Eistrug. +Otto Ernst+: Die Gemeinschaft
- der Brüder vom geruhigen Leben. +Max Eyth+: Der blinde Passagier.
- +Helene Böhlau+: Die Ratsmädel gehen einem Spuk zu Leibe.
- 56.--70. Tausend.
-
- =Band 4/5= (Doppelband): +Humoristische Gedichte+. Eine
- hervorragende Sammlung der schönsten heiteren Gedichte bis auf
- die neueste Zeit. 352 Seiten. 31.--40. Tausend.
-
- =Band 6=: +E. Th. A. Hoffmann+: Aus »Klein Zaches genannt
- Zinnober«. +Bettina von Arnim+: Die Reise nach Darmstadt. +Fr.
- Th. Vischer+: Die Tücke des Objekts. +Ad. Bayersdorfer+: Die
- militärpflichtige Tante. +Henry F. Urban+: Der Eishund. +Ludwig
- Thoma+: Besserung. 51.--60. Tausend.
-
- =Band 7=: +Ottomar Enking+: Das Kriegerfest in Wettorp. +Anna
- Croissant-Rust+: Der Herr Buchhalter. +Wilhelm Schussen+:
- Pilgrime. +Rudolf Greinz+: Das Hennendiandl. +Sophus Bonde+:
- Jochen Appelbaums Galion. +Ludwig Thoma+: Unser guater alter
- Herzog Karl is a Rindviech. +Wilhelm Fischer-Graz+: Die
- Rebenbäckerin. 31.--40. Tausend.
-
- =Band 8=: +Julius Bierbaum+: Der mutige Revierförster. +Gorch
- Fock+: Schalotte. +Rudolf Presber+: Die 74. Nacht. +Wilhelm
- Schäfer+: Béarnaise. +Karl Schönherr+: Die erste Beicht'. +Ludwig
- Thoma+: Kabale und Liebe. 1.--20. Tausend.
-
-[Illustration]
-
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-[Illustration]
-
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-Inhaltsverzeichnis
-
-
- Seite
-
- Vorbemerkungen zum 6. Bande der »Deutschen Humoristen« 6
-
- Vorwort 7--9
-
- +E. Th. A. Hoffmann+: Aus »Klein Zaches genannt
- Zinnober« 10--63
-
- +Bettina von Arnim+: Die Reise nach Darmstadt 64--93
-
- +Fr. Th. Vischer+: Die Tücke des Objekts 94--118
-
- +Ad. Bayersdorfer+: Die militärpflichtige Tante 119--136
-
- +Henry F. Urban+: Der Eishund 137--149
-
- +Ludwig Thoma+: Besserung 150--160
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Vorbemerkungen
-
-zum 6. Bande der »Deutschen Humoristen«
-
-
-Der Abschnitt »Die Tücke des Objekts« von Fr. Th. Vischer ist mit
-freundlicher Erlaubnis des Sohnes des Verfassers, Herrn Prof. ~Dr.~
-R. Vischer, Göttingen, und der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus dem
-Roman »Auch Einer« (Stuttgart und Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt).
-
-Die Abdruckserlaubnis der Humoreske »Die militärpflichtige Tante« aus
-dem Bande »Heitere Jugendzeit« von Adolph Bayersdorfer ist der Witwe
-des Verfassers und der G. Müller-Mannschen Verlagsbuchhandlung in
-Leipzig zu verdanken.
-
-Die Erzählung »Der Eishund« aus dem Bande »Aus dem Dollarlande« von
-Henry F. Urban ist von dem Verfasser freundlichst zur Verfügung
-gestellt worden (erschienen in der Concordia, Deutsche Verlags-Anstalt
-Hermann Ehbock, Berlin).
-
-»Besserung« von Ludwig Thoma ist mit gütiger Erlaubnis des Verfassers
-und der Verlagsbuchhandlung den »Lausbubengeschichten« entnommen
-(Albert Langen, Verlag, München).
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Vorwort
-
-
-Aus der reichen Fülle des Humors im deutschen Schrifttum greift dieser
-neue Band der »Hausbücherei« der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
-wieder ein paar der freundlichsten Blüten heraus. Das behagliche
-Lachen, die heitere, wolkenlose Laune ist in unsern arbeitsschweren
-Tagen ein seltener Gast geworden. Da sollen diese Bände der
-»Hausbücherei« mit ihrem sonnenhellen Humor, der aus dem Herzen kommt
-und ins Gemüt hinein seinen Weg sucht, ein wenig helfen und im Leser
-etwas aufleuchten lassen, das ihn warm macht in der Kälte des Lebens
-und in ihm das Begehren weckt, immer mehr zu lesen von dem, was
-deutsches, gutes Schrifttum ihm bietet. Denn wenn uns ein schöner Humor
-und eine freundliche Laune mit gutem Lächeln ins Gesicht geschaut und
-uns die Last des Tages von den Schultern genommen haben, dann sind wir
-besser gerüstet und empfänglicher für den Genuß des Schönen und Tiefen,
-als wenn unsere Stirn vom Alltag her noch in Falten liegt.
-
-Dieser 6. Band »Deutscher Humoristen« bringt zunächst die köstlichsten
-Stellen aus +E. Th. A. Hoffmanns+ humorvoller Märchenerzählung »Klein
-Zaches genannt Zinnober«, mit der ergötzlichen Satire auf das Leben
-am Duodezhofe des Fürsten Barsanuph. Unsere moderne Zeit, in der
-die Freude an der Romantik wieder erwacht ist, bringt gerade diesem
-Dichter (1776--1822), in dem eine exzentrische Phantasie, ein Hang zum
-Dämonisch-Grausigen und ein kühner Humor sich vereinen, ein besonders
-lebhaftes Interesse entgegen.
-
-+Bettina von Arnim+ (1785--1859), Goethes junge Freundin, Clemens
-Brentanos Schwester und die Gattin Achim von Arnims, die das
-schönste Buch der Romantik »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde«
-veröffentlichte, gehört mit ihrem ganzen Wesen zu den Romantikern.
-In ihrer kleinen Schilderung »Die Reise nach Darmstadt«, in der
-sie Goethes Mutter, die Frau Rat, reden läßt, zeigt sich auf das
-glücklichste ihr sprudelndes Erzählertalent, ihre beneidenswerte Gabe,
-die humorvollen Seiten der Dinge und Begebenheiten aufzufinden und mit
-sprühendem Temperament zu schildern.
-
-+Friedrich Theodor Vischer+ (1807--1887), der hervorragende Ästhet
-und Kunstkritiker, besaß eine für einen Mann der Wissenschaft ganz
-eigenartige Begabung für Humor, die in vielen Aufzeichnungen und
-Einfällen, in zahlreichen humoristisch-satirischen Liedern, die er
-als Student unter dem Namen Philipp Ulrich Schartenmeyer herausgab,
-ganz besonders aber in seinem großen Roman »Auch Einer« zu lebendigem
-Ausdruck kommt. Diesem Buch ist der in sich abgeschlossene Abschnitt
-»Die Tücke des Objekts« entnommen, in dem in grimmig-lustiger Laune die
-zahlreichen kleinen täglichen Widerwärtigkeiten geschildert werden, die
-uns das Leben oft zur Qual und zur Plage machen können.
-
-Die folgenden drei Stücke sind humoristische Arbeiten neuerer
-Schriftsteller. Die beiden Erzählungen »Die militärpflichtige Tante«
-von +Bayersdorfer+ (1842--1901) und »Der Eishund« von +Henry F. Urban+,
-der als deutscher Schriftsteller von Ruf in New York lebt, werden
-denen willkommen sein, die an launiger Erfindung und gemütvollem Humor
-ohne satirische Schärfe ihre Freude haben. Mit spitzerer Lanze tritt
-der Bayer +Ludwig Thoma+ (geboren 1867) in die Schranke. Geistvoller
-Witz, zielsichere, nicht selten soziale Satire und ein übermütiger,
-bajuvarisch-derber Humor, der über alles Philisterliche der Welt ein
-herzhaftes Lachen anstimmt, mischen sich in diesem Schriftsteller, der
-mit seinen »Lausbubengeschichten« überall ein vergnügtes Gelächter
-geweckt hat. Die letzte Erzählung »Besserung« ist diesen köstlichen
-Bubengeschichten entnommen.
-
-Gr.-Flottbek bei Hamburg.
-
- Kurt Küchler.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-E. Th. A. Hoffmann:
-
-Aus »Klein Zaches genannt Zinnober«
-
-
-Vorbemerkung des Herausgebers
-
- Ein armes Bettel- und Bauernweib hat einen dreieinhalbjährigen
- Sohn, Klein Zaches genannt Zinnober, den häßlichsten Wechselbalg,
- den die Welt je geschaut und den man auf den ersten Blick für ein
- seltsam verknorpeltes Stückchen Holz hätte ansehen können. Das
- Stiftsfräulein von Rosenschön, in Wirklichkeit die gütige Fee
- Rosabelverde, erblickt das kleine Ungetüm am Wege und über so
- viel Jammer und Elend entsetzt, will sie dem Wechselbalg helfen,
- soweit es in ihrer Macht steht. »Sie glaubt, alles, was die Natur
- dem Kleinen stiefmütterlich versagt, dadurch zu ersetzen, wenn sie
- ihn mit der seltsamen geheimnisvollen Gabe beschenkte, vermöge der
- alles, was in seiner Gegenwart irgend ein anderer Vortreffliches
- denkt, spricht oder tut, auf +seine+ Rechnung kommen, ja, daß er
- in der Gesellschaft wohlgebildeter, verständiger, geistreicher
- Personen auch für wohlgebildet, verständig und geistreich geachtet
- werden und überhaupt allemal für den vollkommensten der Gattung,
- mit der er im Konflikt, gelten muss.« Diesen Zauber legt die Fee
- in drei feuerglänzende Haare, die sich über den Scheitel des
- Wechselbalges ziehen. Und zum Schutze dieser wertvollen Haare,
- deren Entfernung den Zusammenbruch des Zaubers herbeiführt,
- verwandelt sie das von Natur struppige Haar des Kleinen in dichte
- Locken. Zur Stärkung des Zaubers aber frisiert die Fee das Haar des
- Wechselbalges jeden neunten Tag mit einem goldenen magischen Kamm.
-
- So ausgerüstet zieht Klein Zaches nun in die Welt und nutzt den
- Zauber aus. Er kommt in das Haus Professor Mosch Terpins und
- an den kleinen Hof des Fürsten Barsanuph und gelangt dort auf
- die ergötzlichste Weise von der Welt zu den höchsten Ehren, bis
- der Student Balthasar, dessen Liebesglück Zinnober kraft seiner
- wundersamen Gabe bedroht, den Zauber bricht, und zwar mit Hilfe des
- Gelehrten Prosper Alpanus, der mächtiger in der Kunst der Magie
- ist, als die gütige Fee Rosabelverde.
-
- Die nachstehenden Abschnitte schildern Zinnobers Glück und Ende in
- der Residenz und am Hofe des Fürsten Barsanuph.
-
-[Illustration]
-
-
- Professor Mosch Terpins literarischer Tee. -- Der junge Prinz.
-
-Daß Balthasar vor lauter Unruhe, vor unbeschreiblichem süßen Bangen
-die ganze Nacht hindurch nicht schlafen konnte: was war natürlicher
-als das. Ganz erfüllt von dem Bilde der Geliebten, setzte er sich hin
-an den Tisch und schrieb eine ziemliche Anzahl artiger wohlklingender
-Verse nieder, die in einer mystischen Erzählung von der Liebe der
-Nachtigall zur Purpurrose seinen Zustand schilderten. Die wollt' er
-mitnehmen in Mosch Terpins literarischen Tee und damit losfahren auf
-Candidas unbewehrtes Herz, wenn und wie es nur möglich.
-
-Fabian lächelte ein wenig, als er der Verabredung gemäß zur bestimmten
-Stunde kam, um seinen Freund Balthasar abzuholen, und ihn zierlicher
-geputzt fand, als er ihn jemals gesehen. Er hatte einen gezackten
-Kragen von den feinsten Brüsseler Kanten umgetan, sein kurzes Kleid
-mit geschlitzten Ärmeln war von gerissenem Sammt. Und dazu trug er
-französische Stiefel mit hohen spitzen Absätzen und silbernen Fransen,
-einen englischen Hut von feinstem Castor und dänische Handschuhe.
-So war er ganz deutsch gekleidet, und der Anzug stand ihm über alle
-Maßen gut, zumal er sein Haar schön kräuseln lassen und das kleine
-Stutzbärtchen wohl aufgekämmt hatte.
-
-Das Herz bebte dem Balthasar vor Entzücken, als in Mosch Terpins
-Hause Candida ihm entgegentrat, ganz in der Tracht der altdeutschen
-Jungfrau, freundlich, anmutig in Blick und Wort, im ganzen Wesen,
-wie man sie immer zu sehen gewohnt. »Mein holdseligstes Fräulein!«
-seufzte Balthasar aus dem Innersten auf, als Candida, die süße Candida
-selbst, eine Tasse dampfenden Tee ihm darbot. Candida schaute ihn aber
-an mit leuchtenden Augen und sprach: »Hier ist Rum und Maraschino,
-Zwieback und Pumpernickel, lieber Herr Balthasar! greifen Sie doch nur
-gefälligst zu nach Ihrem Belieben!« Statt aber auf Rum und Maraschino,
-Zwieback oder Pumpernickel zu schauen oder gar zuzugreifen, konnte der
-begeisterte Balthasar den Blick voll schmerzlicher Wehmut der innigsten
-Liebe nicht abwenden von der holden Jungfrau und rang nach Worten,
-die aus tiefster Seele aussprechen sollten, was er eben empfand. Da
-faßte ihn aber der Professor der Ästhetik, ein großer baumstarker
-Mann, mit gewaltiger Faust von hinten, drehte ihn herum, daß er mehr
-Teewasser auf den Boden verschüttete, als eben schicklich, und rief mit
-donnernder Stimme: »Bester Lukas Kranach, saufen Sie nicht das schnöde
-Wasser, Sie verderben sich den deutschen Magen total -- dort im andern
-Zimmer hat unser tapferer Mosch eine Batterie der schönsten Flaschen
-mit edlem Rheinwein aufgepflanzt, die wollen wir sofort spielen
-lassen!« -- Er schleppte den unglücklichen Jüngling fort.
-
-Doch aus dem Nebenzimmer trat ihnen der Professor Mosch Terpin
-entgegen, ein kleines sehr seltsames Männlein an der Hand führend und
-laut rufend: »Hier, meine Damen und Herren, stelle ich Ihnen einen mit
-den seltensten Eigenschaften hochbegabten Jüngling vor, dem es nicht
-schwer fallen wird, sich Ihr Wohlwollen, Ihre Achtung zu erwerben. Es
-ist der junge Herr Zinnober, der erst gestern auf unsere Universität
-gekommen, und die Rechte zu studieren gedenkt!« -- Fabian und Balthasar
-erkannten auf den ersten Blick den kleinen wunderlichen Knirps, der vor
-dem Tore ihnen entgegengesprengt und vom Pferde gestürzt war.
-
-»Soll ich,« sprach Fabian leise zu Balthasar, »soll ich denn noch das
-Alräunchen herausfordern auf Blasrohr oder Schusterpfriem? Anderer
-Waffen kann ich mich doch nicht bedienen wider diesen furchtbaren
-Gegner.«
-
-»Schäme dich,« erwiderte Balthasar, »schäme dich, daß du den
-verwahrlosten Mann verspottest, der wie du hörst, die seltensten
-Eigenschaften besitzt, und so durch geistigen Wert das ersetzt, was
-die Natur ihm an körperlichen Vorzügen versagte.« Dann wandte er sich
-zum Kleinen und sprach: »Ich hoffe nicht, bester Herr Zinnober, daß
-Ihr gestriger Fall vom Pferde etwa schlimme Folgen gehabt haben wird?«
-Zinnober hob sich aber, indem er einen kleinen Stock, den er in der
-Hand trug, hinten unterstemmte, auf den Fußspitzen in die Höhe, so
-daß er dem Balthasar beinahe bis an den Gürtel reichte, warf den Kopf
-in den Nacken, schaute mit wildfunkelnden Augen herauf und sprach in
-seltsam schnarrendem Baßton: »Ich weiß nicht, was Sie wollen, wovon
-Sie sprechen, mein Herr! -- Vom Pferde gefallen? -- +ich+ vom Pferde
-gefallen? -- Sie wissen wahrscheinlich nicht, daß ich der beste
-Reiter bin, den es geben kann, daß ich niemals vom Pferde falle, daß
-ich als Freiwilliger unter den Kürassieren den Feldzug mitgemacht
-und Offizieren und Gemeinen Unterricht gab im Reiten auf der Manège!
--- hm hm -- vom Pferde fallen -- ich vom Pferde fallen!« -- Damit
-wollte er sich rasch umwenden, der Stock, auf den er sich stützte,
-glitt aber aus, und der Kleine torkelte um und um, dem Balthasar vor
-die Füße. Balthasar griff hinab nach dem Kleinen, ihm aufzuhelfen,
-und berührte dabei unversehens sein Haupt. Da stieß der Kleine einen
-gellenden Schrei aus, daß es im ganzen Saale widerhallte und die Gäste
-erschrocken auffuhren von ihren Sitzen. Man umringte den Balthasar
-und fragte durcheinander, warum er denn um des Himmels willen so
-entsetzlich geschrieen. »Nehmen Sie es nicht übel, bester Herr
-Balthasar,« sprach der Professor Mosch Terpin, »aber das war ein etwas
-wunderlicher Spaß. Denn wahrscheinlich wollten Sie uns doch glauben
-machen, es trete hier jemand einer Katze auf den Schwanz!« »Katze --
-Katze -- weg mit der Katze!« rief eine nervenschwache Dame und fiel
-sofort in Ohnmacht, und mit dem Geschrei: »Katze -- Katze --« rannten
-ein paar alte Herren, die an derselben Idiosynkrasie litten, zur Türe
-hinaus.
-
-Candida, die ihr ganzes Riechfläschchen auf die ohnmächtige Dame
-ausgegossen, sprach leise zu Balthasar: »Aber was richten Sie auch für
-Unheil an mit Ihrem häßlichen gellenden Miau, lieber Herr Balthasar!«
-
-Dieser wußte gar nicht, wie ihm geschah. Glutrot im ganzen Gesicht vor
-Unwillen und Scham, vermochte er kein Wort herauszubringen, nicht zu
-sagen, daß es ja der kleine Herr Zinnober und nicht +er+ gewesen, der
-so entsetzlich gemauzt.
-
-Der Professor Mosch Terpin sah des Jünglings schlimme Verlegenheit. Er
-nahte sich ihm freundlich und sprach: »Nun, nun, lieber Herr Balthasar,
-seien Sie doch nur ruhig. Ich habe wohl alles bemerkt. Sich zur Erde
-bückend, auf allen Vieren hüpfend, ahmten Sie den gemißhandelten
-grimmigen Kater herrlich nach. Ich liebe sonst sehr dergleichen
-naturhistorische Spiele, doch hier im literarischen Tee --« »Aber,«
-platzte Balthasar heraus, »aber vortrefflichster Herr Professor, ich
-war es ja nicht --« »Schon gut -- schon gut,« fiel ihm der Professor
-in die Rede. Candida trat zu ihnen. »Tröste mir,« sprach der Professor
-zu dieser, »tröste mir doch den guten Balthasar, der ganz betreten ist
-über alles Unheil, was geschehen.«
-
-Der gutmütigen Candida tat der arme Balthasar, der ganz verwirrt mit
-niedergesenktem Blick vor ihr stand, herzlich leid. Sie reichte ihm
-die Hand und lispelte mit anmutigem Lächeln: »Es sind aber auch recht
-komische Leute, die sich so entsetzlich vor Katzen fürchten.«
-
-Balthasar drückte Candidas Hand mit Inbrunst an die Lippen. Candida
-ließ den seelenvollen Blick ihrer Himmelsaugen auf ihm ruhen. Er war
-verzückt in den höchsten Himmel und dachte nicht mehr an Zinnober und
-Katzengeschrei. -- Der Tumult war vorüber, die Ruhe wieder hergestellt.
-Am Teetisch saß die nervenschwache Dame und genoß mehreren Zwieback,
-den sie in Rum tunkte, versichernd, an dergleichen erlabe sich das
-von feindlicher Macht bedrohte Gemüt, und dem jähen Schreck folge
-sehnsüchtig Hoffen! --
-
-Auch die beiden alten Herren, denen draußen wirklich ein flüchtiger
-Kater zwischen die Beine gelaufen, kehrten beruhigt zurück, und
-suchten, wie mehrere andere, den Spieltisch.
-
-Balthasar, Fabian, der Professor der Ästhetik, mehrere junge Leute
-setzten sich zu den Frauen. Herr Zinnober hatte sich indessen eine
-Fußbank herangerückt und war mittelst derselben auf das Sofa gestiegen,
-wo er nun in der Mitte zwischen zwei Frauen saß und stolze funkelnde
-Blicke um sich warf.
-
-Balthasar glaubte, daß der rechte Augenblick gekommen, mit seinem
-Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose hervorzurücken.
-Er äußerte daher mit der gehörigen Verschämtheit, wie sie bei jungen
-Dichtern im Brauch ist, daß er, dürfe er nicht fürchten, Überdruß und
-Langeweile zu erregen, dürfe er auf gütige Nachsicht der verehrten
-Versammlung hoffen, es wagen wolle, ein Gedicht, das jüngste Erzeugnis
-seiner Muse, vorzulesen.
-
-Da die Frauen schon hinlänglich über alles verhandelt, was sich neues
-in der Stadt zugetragen, da die Mädchen den letzten Ball bei dem
-Präsidenten gehörig durchgesprochen und sogar über die Normalform der
-neuesten Hüte einig wurden, da die Männer unter zwei Stunden nicht
-auf weitere Speis und Tränkung rechnen durften: so wurde Balthasar
-einstimmig aufgefordert, der Gesellschaft ja den herrlichen Genuß nicht
-vorzuenthalten.
-
-Balthasar zog das sauber geschriebene Manuskript hervor und las.
-
-Sein eigenes Werk, das in der Tat aus wahrhaftem Dichtergemüt mit
-voller Kraft, mit regem Leben hervorgeströmt, begeisterte ihn mehr
-und mehr. Sein Vortrag, immer leidenschaftlicher steigend, verriet
-die innere Glut des liebenden Herzens. Er bebte vor Entzücken, als
-leise Seufzer -- manches leise »Ach« -- der Frauen, mancher Ausruf der
-Männer: »Herrlich -- vortrefflich -- göttlich!« ihn überzeugten, daß
-sein Gedicht alle hinriß.
-
-Endlich hatte er geendet. Da riefen alle: »Welch ein Gedicht! --
-welche Gedanken -- welche Phantasie -- was für schöne Verse --
-welcher Wohlklang -- Dank -- Dank Ihnen, bester Herr Zinnober für den
-göttlichen Genuß« --
-
-»Was? wie?« rief Balthasar; aber niemand achtete auf ihn, sondern
-alle stürzten auf Zinnober zu, der sich auf dem Sofa blähte wie ein
-kleiner Puter und mit widriger Stimme schnarrte: »Bitte recht sehr --
-bitte recht sehr -- müssen so vorlieb nehmen! -- ist eine Kleinigkeit,
-die ich erst vorige Nacht aufschrieb in aller Eile!« -- Aber der
-Professor der Ästhetik schrie: »Vortrefflicher -- göttlicher Zinnober!
--- Herzensfreund, außer mir bist du der erste Dichter, den es jetzt
-gibt auf Erden! -- Komm an meine Brust, schöne Seele!« -- Damit riß
-er den Kleinen vom Sofa auf in die Höhe und herzte und küßte ihn.
-Zinnober betrug sich dabei sehr ungebärdig. Er arbeitete mit den
-kleinen Beinchen auf des Professors dickem Bauch herum und quäkte:
-»Laß mich los -- laß mich los -- es tut mir weh -- weh -- ich kratz'
-dir die Augen aus -- ich beiß' dir die Nase entzwei!« -- »Nein«, rief
-der Professor, indem er den Kleinen niedersetzte auf das Sofa, »nein,
-holder Freund, keine zu weit getriebene Bescheidenheit!« -- Mosch
-Terpin war nun auch vom Spieltisch herangetreten, der nahm Zinnobers
-Händchen, drückte es und sprach sehr ernst: »Vortrefflich, junger Mann!
--- nicht zuviel, nein, nicht genug sprach man mir von dem hohen Genius,
-der Sie beseelt« -- »Wer ist's«, rief nun wieder der Professor der
-Ästhetik in voller Begeisterung aus, »wer ist's von euch Jungfrauen,
-der dem herrlichen Zinnober sein Gedicht, das das innigste Gefühl der
-reinsten Liebe ausspricht, lohnt durch einen Kuß?«
-
-Da stand Candida auf, nahete sich, voll Glut auf den Wangen, dem
-Kleinen, kniete nieder und küßte ihn auf den garstigen Mund mit
-blauen Lippen. »Ja«, schrie nun Balthasar wie vom Wahnsinn plötzlich
-erfaßt, »ja Zinnober -- göttlicher Zinnober, du hast das tiefsinnige
-Gedicht gemacht von der Nachtigall und der Purpurrose, dir gebührt der
-herrliche Lohn, den du erhalten!« --
-
-Und damit riß er den Fabian ins Nebenzimmer hinein und sprach: »Tu mir
-den Gefallen und schaue mich recht fest an und dann sage mir offen und
-ehrlich, ob ich der Student Balthasar bin oder nicht, ob du wirklich
-Fabian bist, ob wir in Mosch Terpins Hause sind, ob wir im Traume
-liegen -- ob wir närrisch sind -- zupfe mich an der Nase oder rüttle
-mich zusammen, damit ich nur erwache aus diesem verfluchten Spuk!« --
-
-»Wie magst«, erwiderte Fabian, »wie magst du dich denn nur so toll
-gebärden, aus purer Eifersucht, weil Candida den Kleinen küßte?
-Gestehen mußt du doch selbst, daß das Gedicht, welches der Kleine
-vorlas, in der Tat vortrefflich war.« -- »Fabian«, rief Balthasar
-mit dem Ausdruck des tiefsten Erstaunens, »was sprichst du denn?«
--- »Nun ja«, fuhr Fabian fort, »nun ja, das Gedicht des Kleinen war
-vortrefflich und gegönnt hab' ich ihm Candidas Kuß. -- Überhaupt
-scheint hinter dem seltsamen Männlein allerlei zu stecken, das mehr
-wert ist als eine schöne Gestalt. Aber was auch selbst seine Figur
-betrifft, so kommt er mir jetzt nichts weniger als so abscheulich
-vor wie anfangs. Beim Ablesen des Gedichts verschönerte die innere
-Begeisterung seine Gesichtszüge, so daß er mir oft ein anmutiger
-wohlgewachsener Jüngling zu sein schien, ungeachtet er doch kaum über
-den Tisch hervorragte. Gib deine unnütze Eifersucht auf, befreunde dich
-als Dichter mit dem Dichter!«
-
-»Was«, schrie Balthasar voll Zorn, »was? -- noch befreunden mit dem
-verfluchten Wechselbalge, den ich erwürgen möchte mit diesen Fäusten?«
-
-»So«, sprach Fabian, »so verschließest du dich denn aller Vernunft.
-Doch laß uns in den Saal zurückkehren, wo sich etwas Neues begeben muß,
-da ich laute Beifallsrufe vernehme.«
-
-Mechanisch folgte Balthasar dem Freunde in den Saal.
-
-Als sie eintraten, stand der Professor Mosch Terpin allein in
-der Mitte, die Instrumente noch in der Hand, womit er irgendein
-physikalisches Experiment gemacht, starres Staunen im Gesicht. Die
-ganze Gesellschaft hatte sich um den kleinen Zinnober gesammelt,
-der, den Stock untergestemmt, auf den Fußspitzen dastand und mit
-stolzem Blick den Beifall einnahm, der ihm von allen Seiten zuströmte.
-Man wandte sich wieder zum Professor, der ein anderes sehr artiges
-Kunststückchen machte. Kaum war er fertig, als wiederum alle den
-Kleinen umringend riefen: »Herrlich -- vortrefflich, lieber Herr
-Zinnober!« --
-
-Endlich sprang auch Mosch Terpin zu dem Kleinen hin und rief zehnmal
-stärker als die übrigen: »Herrlich -- vortrefflich, lieber Herr
-Zinnober!«
-
-Es befand sich in der Gesellschaft der junge Fürst Gregor, der auf
-der Universität studierte. Der Fürst war von der anmutigsten Gestalt,
-die man nur sehen konnte, und dabei war sein Betragen so edel und
-ungezwungen, daß sich die hohe Abkunft, die Gewohnheit, sich in den
-vornehmsten Kreisen zu bewegen, darin deutlich aussprach.
-
-Fürst Gregor war es nun, der gar nicht von Zinnober wich und ihn als
-den herrlichsten Dichter, den geschicktesten Physiker über alle Maßen
-lobte.
-
-Seltsam war die Gruppe, die beide zusammenstehend bildeten. Gegen den
-herrlich gestalteten Gregor stach gar wunderlich das winzige Männlein
-ab, das mit hoch emporgereckter Nase sich kaum auf den dünnen Beinchen
-zu erhalten vermochte. Alle Blicke der Frauen waren hingerichtet, aber
-nicht auf den Fürsten, sondern auf den Kleinen, der, sich auf den
-Fußspitzen hebend, immer wieder hinabsank und so hinauf und hinunter
-wankte wie ein Cartesianisches Teufelchen.
-
-Der Professor Mosch Terpin trat zu Balthasar und sprach: »Was sagen
-Sie zu meinem Schützling, zu meinem lieben Zinnober? Viel steckt
-hinter dem Mann und nun ich ihn so recht anschaue, ahne ich wohl die
-eigentliche Bewandtnis, die es mit ihm haben mag. Der Prediger, der
-ihn erzogen und mir empfohlen hat, drückt sich über seine Abkunft sehr
-geheimnisvoll aus. Betrachten Sie aber nur den edlen Anstand, sein
-vornehmes ungezwungenes Betragen. Er ist gewiß von fürstlichem Geblüt,
-vielleicht gar ein Königssohn!« -- In dem Augenblick wurde gemeldet,
-das Mahl sei angerichtet. Zinnober torkelte ungeschickt hin zur
-Candida, ergriff täppisch ihre Hand und führte sie nach dem Speisesaal.
-
-In voller Wut rannte der unglückliche Balthasar durch die finstre
-Nacht, durch Sturmwind und Regen fort nach Hause.
-
-[Illustration]
-
-
- Wie Fürst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger Goldwasser
- frühstückte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose bekam und den
- Geheimen Sekretär Zinnober zum Geheimen Spezialrat erhob.
-
-Es ist nicht länger zu verhehlen, daß der Minister der auswärtigen
-Angelegenheiten, bei dem Herr Zinnober als Geheimer Expedient
-angenommen, ein Abkömmling jenes Barons Prätextatus von Mondschein
-war, der den Stammbaum der Fee Rosabelverde in den Turnierbüchern und
-Chroniken vergebens suchte. Er hieß, wie sein Ahnherr, Prätextatus
-von Mondschein, war von der feinsten Bildung, den angenehmsten Sitten,
-verwechselte niemals das Mich und Mir, das Ihnen und Sie, schrieb
-seinen Namen mit französischen Lettern, sowie überhaupt eine leserliche
-Hand, und arbeitete sogar zuweilen selbst, vorzüglich wenn das Wetter
-schlecht war. Fürst Barsanuph, ein Nachfolger des großen Paphnutz,
-liebte ihn zärtlich, denn er hatte auf jede Frage eine Antwort, spielte
-in den Erholungsstunden mit dem Fürsten Kegel, verstand sich herrlich
-aufs Geld-Negoz, und suchte in der Gavotte seinesgleichen.
-
-Es begab sich, daß der Baron Prätextatus von Mondschein den Fürsten
-eingeladen hatte zum Frühstück auf Leipziger Lerchen und ein Gläschen
-Danziger Goldwasser. Als er nun hinkam in Mondscheins Haus, fand er im
-Vorsaal unter mehreren angenehmen diplomatischen Herren den kleinen
-Zinnober, der auf seinen Stock gestemmt ihn mit seinen Äugelein
-anfunkelte und ohne sich weiter an ihn zu kehren, eine gebratene
-Lerche ins Maul steckte, die er soeben vom Tische gemaust. Sowie der
-Fürst den Kleinen erblickte, lächelte er ihn gnädig an und sprach zum
-Minister: »Mondschein! was haben Sie da für einen kleinen, hübschen
-verständigen Mann in Ihrem Hause? -- Es ist gewiß derselbe, der die
-wohl stilisierten und schön geschriebenen Berichte verfertigt, die
-ich seit einiger Zeit von Ihnen erhalte?« -- »Allerdings, gnädigster
-Herr«, erwiderte Mondschein. »Mir hat das Geschick ihn zugeführt
-als den geistreichsten, geschicktesten Arbeiter in meinem Büreau.
-Er nennt sich Zinnober, und ich empfehle den jungen herrlichen Mann
-ganz vorzüglich Ihrer Huld und Gnade, mein bester Fürst! -- Erst seit
-wenigen Tagen ist er bei mir.« -- »Und eben deshalb«, sprach ein junger
-hübscher Mann, der sich indessen genähert, »und eben deshalb hat,
-wie Ew. Exzellenz zu bemerken erlauben werden, mein junger kleiner
-Kollege noch gar nichts expediert. Die Berichte, die das Glück hatten,
-von Ihnen, mein durchlauchtigster Fürst, mit Wohlgefallen bemerkt zu
-werden, sind von mir verfaßt.« -- »Was wollen Sie!« fuhr der Fürst ihn
-zornig an. -- Zinnober hatte sich dicht an den Fürsten geschoben und
-schmatzte, die Lerche verzehrend, vor Gier und Appetit. -- Der junge
-Mensch war es wirklich, der jene Berichte verfaßt, aber: »Was wollen
-Sie«, rief der Fürst, »Sie haben ja noch gar nicht die Feder angerührt?
--- Und daß Sie dicht bei mir gebratene Lerchen verzehren, so daß, wie
-ich zu meinem großen Ärger bemerken muß, meine neue Kasimirhose bereits
-einen Butterfleck bekommen, daß Sie dabei so unbillig schmatzen,
-ja! -- alles das beweiset hinlänglich Ihre Untauglichkeit zu jeder
-diplomatischen Laufbahn! -- Gehen Sie fein nach Hause und lassen Sie
-sich nicht wieder vor mir sehen, es sei denn, Sie brächten mir eine
-nützliche Fleckkugel für meine Kasimirhose. -- Vielleicht wird mir dann
-wieder gnädig zu Mute!« Dann zum Zinnober: »Solche Jünglinge, wie Sie,
-werter Zinnober, sind eine Zierde des Staats und verdienen ehrenvoll
-ausgezeichnet zu werden! -- Sie sind Geheimer Spezialrat, mein Bester!«
--- »Danke schönstens«, schnarrte Zinnober, indem er den letzten Bissen
-hinunterschluckte, und sich das Maul wischte mit beiden Händchen,
-»danke schönstens, ich werd' das Ding schon machen, wie es mir zukommt.«
-
-»Wackres Selbstvertrauen«, sprach der Fürst mit erhobener Stimme,
-»wackres Selbstvertrauen zeugt von der innern Kraft, die dem würdigen
-Staatsmann innewohnen muß!« Und auf diesen Spruch nahm der Fürst ein
-Schnäpschen Goldwasser, welches der Minister selbst ihm darreichte und
-das ihm sehr wohl bekam. -- Der neue Rat mußte Platz nehmen zwischen
-dem Fürsten und Minister. Er verzehrte unglaublich viel Lerchen und
-trank Malaga und Goldwasser durcheinander und schnarrte und brummte
-zwischen den Zähnen, und hantierte, da er kaum mit der spitzen Nase
-über den Tisch reichen konnte, gewaltig mit den Händchen und Beinchen.
-
-Als das Frühstück beendigt, riefen beide, der Fürst und der Minister:
-»Es ist ein englischer Mensch, dieser Geheime Spezialrat!« --
-
-[Illustration]
-
-
- Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem Garten frisiert wurde
- und im Grase ein Taubad nahm. -- Der Orden des grüngefleckten
- Tigers. -- Glücklicher Einfall eines Theaterschneiders.
-
-Der Professor Mosch Terpin schwamm in lauter Wonne, »Konnte«, sprach er
-zu sich selbst, »konnte mir denn etwas Glücklicheres begegnen, als daß
-der vortreffliche Geheime Spezialrat in mein Haus kam als Studiosus?
--- Er heiratet meine Tochter -- er wird mein Schwiegersohn, durch ihn
-erlange ich die Gunst des vortrefflichen Fürsten Barsanuph und steige
-nach auf der Leiter, die mein herrliches Zinnoberchen hinaufklimmt.
--- Wahr ist es, daß es mir oft selbst unbegreiflich vorkommt, wie
-das Mädchen, die Candida, so ganz und gar vernarrt sein kann in den
-Kleinen. Sonst sieht das Frauenzimmer wohl mehr auf ein hübsches
-Äußere, als auf besondere Geistesgaben, und schaue ich denn nun
-zuweilen das Spezialmännlein an, so ist es mir, als ob er nicht ganz
-hübsch zu nennen -- sogar -- ~bossu~ -- still -- ßt -- ßt -- die Wände
-haben Ohren. -- Er ist des Fürsten Liebling, wird immer höher steigen
--- höher hinauf, und ist mein Schwiegersohn!« --
-
-Mosch Terpin hatte recht, Candida äußerte die entschiedenste Neigung
-für den Kleinen und sprach, gab hie und da einer, den Zinnobers
-seltsamer Spuk nicht berückt hatte, zu verstehen, daß der Geheime
-Spezialrat doch eigentlich ein fatales mißgestaltetes Ding sei,
-sogleich von den wunderschönen Haaren, womit ihn die Natur begabt.
-
-Niemand lächelte aber, wenn Candida also sprach, hämischer, als der
-Referendarius Pulcher.
-
-Dieser stellte dem Zinnober nach auf Schritten und Tritten, und hierin
-stand ihm getreulich der Geheime Sekretär Adrian bei, eben derselbe
-junge Mensch, den Zinnobers Zauber beinahe aus dem Büreau des Ministers
-verdrängt hätte, und der des Fürsten Gunst nur durch die vortreffliche
-Fleckkugel wieder gewann, die er ihm überreichte.
-
-Der Geheime Spezialrat Zinnober bewohnte ein schönes Haus mit einem
-noch schöneren Garten, in dessen Mitte sich ein mit dichtem Gebüsch
-umgebener Platz befand, auf dem die herrlichsten Rosen blühten. Man
-hatte bemerkt, daß allemal den neunten Tag Zinnober bei Tagesanbruch
-leise aufstand, sich, so sauer es ihm werden mochte, ohne alle Hilfe
-des Bedienten ankleidete, in den Garten hinabstieg und in den Gebüschen
-verschwand, die jenen Platz umgaben.
-
-Pulcher und Adrian, irgend ein Geheimnis ahnend, wagten es in einer
-Nacht, als Zinnober, wie sie von seinem Kammerdiener erfahren, vor
-neun Tagen jenen Platz besucht hatte, die Gartenmauer zu übersteigen
-und sich in den Gebüschen zu verbergen.
-
-Kaum war der Morgen angebrochen, als sie den Kleinen daherwandeln
-sahen, schnupfend und prustend, weil ihm, da er mitten durch ein
-Blumenbeet ging, die tauigten Halme und Stauden um die Nase schlugen.
-
-Als er auf den Rasenplatz bei den Rosen angekommen, ging ein
-süßtönendes Wehen durch die Büsche, und durchdringender wurde der
-Rosenduft. Eine schöne verschleierte Frau mit Flügeln an den Schultern
-schwebte herab, setzte sich auf den zierlichen Stuhl, der mitten unter
-den Rosenbüschen stand, nahm mit den leisen Worten: »Komm, mein liebes
-Kind,« den kleinen Zinnober und kämmte ihm mit einem goldnen Kamm sein
-langes Haar, das den Rücken hinabwallte. Das schien dem Kleinen sehr
-wohlzutun, denn er blinzelte mit den Äugelein und streckte die Beinchen
-lang aus, und knurrte und murrte beinahe wie ein Kater. Das hatte wohl
-fünf Minuten gedauert, da strich noch einmal die zauberische Frau mit
-einem Finger dem Kleinen die Scheitel entlang, und Pulcher und Adrian
-gewahrten einen schmalen, feuerfarb glänzenden Streif auf dem Haupte
-Zinnobers. Nun sprach die Frau: »Lebe wohl, mein süßes Kind! -- Sei
-klug, sei klug, so wie du kannst!« -- Der Kleine sprach: »Adieu,
-Mütterchen, klug bin ich genug, du brauchst mir das gar nicht so oft zu
-wiederholen.«
-
-Die Frau erhob sich langsam und verschwand in den Lüften. --
-
-Pulcher und Adrian waren starr vor Erstaunen. Als nun aber Zinnober
-davonschreiten wollte, sprang der Referendarius hervor und rief laut:
-»Guten Morgen, Herr Geheimer Spezialrat! Ei, wie schön haben Sie
-sich frisieren lassen« Zinnober schaute sich um und wollte, als er
-den Referendarius erblickte, schnell davonrennen. Ungeschickt und
-schwächlich auf den Beinen, wie er nun aber war, stolperte er und fiel
-in das hohe Gras, das die Halme über ihn zusammenschlug und er lag im
-Taubade. Pulcher sprang hinzu und half ihm auf die Beine, aber Zinnober
-schnarrte ihn an: »Herr, wie kommen Sie hier in meinen Garten! scheren
-Sie sich zum Teufel!« Und damit hüpfte und rannte er, so rasch er nur
-vermochte, hinein ins Haus.
-
-Pulcher schrieb dem Balthasar diese wunderbare Begebenheit und
-versprach, seine Aufmerksamkeit auf das kleine zauberische Ungetüm zu
-verdoppeln. Zinnober schien über das, was ihm widerfahren, trostlos. Er
-ließ sich zu Bette bringen und stöhnte und ächzte so, daß die Kunde,
-wie er plötzlich erkrankt, bald zum Minister Mondschein, zum Fürsten
-Barsanuph gelangte.
-
-Fürst Barsanuph schickte sogleich seinen Leibarzt zu dem kleinen
-Liebling.
-
-»Mein vortrefflichster Geheimer Spezialrat«, sprach der Leibarzt, als
-er den Puls befühlt, »Sie opfern sich auf für den Staat. Angestrengte
-Arbeit hat Sie aufs Krankenbett geworfen, anhaltendes Denken Ihnen
-das unsägliche Leiden verursacht, das Sie empfinden müssen. Sie sehen
-im Antlitz sehr blaß und eingefallen aus, aber Ihr wertes Haupt glüht
-schrecklich! -- Ei, ei! -- doch keine Gehirnentzündung? Sollte das Wohl
-des Staates dergleichen hervorgebracht haben? Kaum möglich! -- Erlauben
-Sie doch!«
-
-Der Leibarzt mochte wohl denselben roten Streif auf Zinnobers Haupte
-gewahren, den Pulcher und Adrian entdeckt hatten. Er wollte, nachdem
-er einige magnetische Striche aus der Ferne versucht, den Kranken
-auch verschiedentlich angehaucht, worüber dieser merklich mauzte und
-quinkelierte, nun mit der Hand hinfahren über das Haupt, und berührte
-dasselbe unversehens. Da sprang Zinnober schäumend vor Wut in die Höhe
-und gab mit seinem kleinen Knochenhändchen dem Leibarzt, der sich
-gerade ganz über ihn hingebeugt, eine solche derbe Ohrfeige, daß es im
-ganzen Zimmer widerhallte.
-
-»Was wollen Sie«, schrie Zinnober, »was wollen Sie von mir, was
-krabbeln Sie mir herum auf meinem Kopfe! Ich bin gar nicht krank, ich
-bin gesund, ganz gesund, werde gleich aufstehen und zum Minister fahren
-in die Konferenz; scheren Sie sich fort!« --
-
-Der Leibarzt eilte ganz erschrocken von dannen. Als er aber dem Fürsten
-Barsanuph erzählte, wie es ihm ergangen, rief dieser entzückt aus: »Was
-für ein Eifer für den Dienst des Staats! -- welche Würde, welche Hoheit
-im Betragen! -- welch ein Mensch, dieser Zinnober!«
-
-»Mein bester Geheimer Spezialrat,« sprach der Minister Prätextatus
-von Mondschein zu dem kleinen Zinnober, »wie herrlich ist es, daß Sie
-Ihrer Krankheit nicht achtend in die Konferenz kommen. Ich habe in der
-wichtigen Angelegenheit mit dem Kakatukker Hofe eine Memoire entworfen
--- +selbst+ entworfen, und bitte, daß +Sie+ es dem Fürsten vortragen,
-denn Ihr geistreicher Vortrag hebt das Ganze, für dessen Verfasser mich
-dann der Fürst anerkennen soll.« -- Das Memoire, womit Prätextatus
-glänzen wollte, hatte aber niemand anders verfaßt, als Adrian.
-
-Der Minister begab sich mit dem Kleinen zum Fürsten. -- Zinnober zog
-das Memoire, das ihm der Minister gegeben, aus der Tasche, und fing
-an zu lesen. Da es damit aber nun gar nicht recht gehen wollte und er
-nur lauter unverständliches Zeug murrte und schnurrte, nahm ihm der
-Minister das Papier aus den Händen und las selbst.
-
-Der Fürst schien ganz entzückt, er gab seinen Beifall zu erkennen,
-ein Mal über das andere rufend: »Schön -- gut gesagt -- herrlich --
-treffend!« --
-
-Sowie der Minister geendet, schritt der Fürst geradezu los auf den
-kleinen Zinnober, hob ihn in die Höhe, drückte ihn an seine Brust,
-gerade dahin, wo ihm (dem Fürsten) der große Stern des grüngefleckten
-Tigers saß und stammelte und schluchzte, während ihm häufige Tränen aus
-den Augen flossen: »Nein! -- solch ein Mann -- solch ein Talent! --
-solcher Eifer -- solche Liebe -- es ist zu viel -- zu viel!« -- Dann
-gefaßter: »Zinnober! -- ich erhebe Sie hiermit zu meinem Minister!
--- Bleiben Sie dem Vaterlande hold und treu, bleiben Sie ein wackrer
-Diener der Barsanuphe, von denen Sie geehrt -- geliebt werden.« Und
-nun sich mit verdrießlichem Blick zum Minister wendend: »Ich bemerke,
-lieber Baron von Mondschein, daß seit einiger Zeit Ihre Kräfte
-nachlassen. Ruhe auf Ihren Gütern wird Ihnen heilbringend sein! --
-Leben Sie wohl!« --
-
-Der Minister von Mondschein entfernte sich, unverständliche Worte
-zwischen den Zähnen murmelnd und funkelnde Blicke werfend auf Zinnober,
-der sich, nach seiner Art sein Stöckchen in den Rücken gestemmt, auf
-den Fußspitzen hoch in die Höhe hob und stolz und keck umherblickte.
-
-»Ich muss,« sprach nun der Fürst, »ich muß Sie, mein lieber Zinnober,
-gleich Ihrem hohen Verdienst gemäß auszeichnen; empfangen Sie daher aus
-meinen Händen den Orden des grüngefleckten Tigers!«
-
-Der Fürst wollte ihm nun das Ordensband, das er sich in der
-Schnelligkeit von dem Kammerdiener reichen lassen, umhängen; aber
-Zinnobers mißgestalteter Körperbau bewirkte, daß das Band durchaus
-nicht normalmäßig sitzen wollte, indem es sich bald ungebührlich
-heraufschob, bald ebenso hinabschlotterte.
-
-Der Fürst war in dieser sowie in jeder andern solchen Sache, die
-das eigentlichste Wohl des Staats betraf, sehr genau. Zwischen dem
-Hüftknochen und dem Steißbein, in schräger Richtung drei Sechzehnteil
-Zoll aufwärts vom letztern, mußte das am Bande befindliche
-Ordenszeichen des grüngefleckten Tigers sitzen. Das war nicht
-herauszubringen. Der Kammerdiener, drei Pagen, der Fürst legten Hand
-an, alles Mühen blieb vergebens. Das verräterische Band rutschte hin
-und her, und Zinnober begann unmutig zu quäken: »Was hantieren Sie doch
-so schrecklich an meinem Leibe herum, lassen Sie doch das dumme Ding
-hängen, wie es will, Minister bin ich doch nun einmal und bleib' es!« --
-
-»Wofür,« sprach nun der Fürst zornig, »wofür habe ich denn Ordensräte,
-wenn rücksichts der Bänder solche tolle Einrichtungen existieren, die
-ganz meinem Willen entgegenlaufen? -- Geduld, mein lieber Minister
-Zinnober! bald soll das anders werden!«
-
-Auf Befehl des Fürsten mußte sich nun der Ordensrat versammeln, dem
-noch zwei Philosophen, sowie ein Naturforscher, der eben vom Nordpol
-kommend durchreiste, beigesellt wurden, um über die Frage, wie auf die
-geschickteste Weise dem Minister Zinnober das Band des grüngefleckten
-Tigers anzubringen, zu beratschlagen. Um für diese wichtige Beratung
-gehörige Kräfte zu sammeln, wurde sämtlichen Mitgliedern aufgegeben,
-acht Tage vorher nicht zu denken; um dies besser ausführen zu können
-und doch tätig zu bleiben im Dienste des Staats, aber sich indessen mit
-dem Rechnungswesen zu beschäftigen. Die Straßen vor dem Palast, wo die
-Ordensräte, Philosophen und Naturforscher ihre Sitzung halten sollten,
-wurden mit dickem Stroh belegt, damit das Gerassel der Wagen die
-weisen Männer nicht störe, und ebendaher durfte auch nicht getrommelt,
-Musik gemacht, ja nicht einmal laut gesprochen werden in der Nähe des
-Palastes. Im Palast selbst tappte alles auf dicken Filzschuhen umher,
-und man verständigte sich durch Zeichen.
-
-Sieben Tage hindurch vom frühesten Morgen bis in den späten Abend
-hatten die Sitzungen gedauert, und noch war an keinen Beschluß zu
-denken.
-
-Der Fürst, ganz ungeduldig, schickte einmal über das andere hin und
-ließ ihnen sagen, es solle in des Teufels Namen ihnen doch endlich
-etwas Gescheutes einfallen. Das half aber ganz und gar nichts.
-
-Der Naturforscher hatte soviel als möglich Zinnobers Natur erforscht,
-Höhe und Breite seines Rücken-Auswuchses genommen und die genaueste
-Berechnung darüber dem Ordensrat eingereicht. Er war es auch, der
-endlich vorschlug, ob man nicht den Theaterschneider bei der Beratung
-zuziehen wolle.
-
-So seltsam dieser Vorschlag erscheinen mochte, wurde er doch in der
-Angst und Not, in der sich alle befanden, einstimmig angenommen.
-
-Der Theaterschneider Herr Kees war ein überaus gewandter, pfiffiger
-Mann. Sowie ihm der schwierige Fall vorgetragen worden, sowie er
-die Berechnungen des Naturforschers durchgesehen, war er mit dem
-herrlichsten Mittel, wie das Ordensband zum normalmäßen Sitzen gebracht
-werden könne, bei der Hand.
-
-An Brust und Rücken sollten nämlich eine gewisse Anzahl Knöpfe
-angebracht und das Ordensband daran geknöpft werden. Der Versuch
-gelang über die Maßen wohl.
-
-Der Fürst war entzückt und billigte den Vorschlag des Ordensrates,
-den Orden des grüngefleckten Tigers nunmehro in verschiedene Klassen
-zu teilen, nach der Anzahl der Knöpfe, womit er gegeben wurde. Z. B.
-Orden des grüngefleckten Tigers mit zwei Knöpfen -- mit drei Knöpfen
-usw. Der Minister Zinnober erhielt als ganz besondere Auszeichnung, die
-sonst kein anderer erlangen könne, den Orden mit zwanzig brillantierten
-Knöpfen, denn gerade zwanzig Knöpfe erforderte die wunderliche Form
-seines Körpers.
-
-Der Schneider Kees erhielt den Orden des grüngefleckten Tigers mit
-zwei goldnen Knöpfen, und wurde, da der Fürst ihn seines glücklichen
-Einfalls ungeachtet für einen schlechten Schneider hielt und sich
-daher nicht von ihm kleiden lassen wollte, zum Wirklichen Geheimen
-Groß-Kostümierer des Fürsten ernannt. --
-
-[Illustration]
-
-
- Wie Fürst Barsanuph hinter den Kaminschirm trat und den
- Generaldirektor der natürlichen Angelegenheiten kassierte. --
- Zinnobers Flucht aus Mosch Terpins Hause.
-
-In dem mit hundert Kerzen erleuchteten Saal stand der kleine
-Zinnober im scharlachroten gestickten Kleide, den großen Orden des
-grüngefleckten Tigers mit zwanzig Knöpfen umgetan, Degen an der Seite,
-Federhut unterm Arm. Neben ihm die holde Candida bräutlich geschmückt,
-in aller Anmut und Jugend strahlend. Zinnober hatte ihre Hand gefaßt,
-die er zuweilen an den Mund drückte und dabei recht widrig grinste und
-lächelte. Und jedesmal überflog dann ein höheres Rot Candidas Wangen,
-und sie blickte den Kleinen an mit dem Ausdruck der innigsten Liebe.
-Das war denn wohl recht graulich anzusehen, und nur die Verblendung,
-in die Zinnobers Zauber alle versetzte, war schuld daran, daß man
-nicht, ergrimmt über Candidas heillose Verstrickung, den kleinen
-Hexenkerl packte und ins Kaminfeuer warf. Rings um das Paar im Kreise
-in ehrerbietiger Entfernung hatte sich die Gesellschaft gesammelt. Nur
-Fürst Barsanuph stand neben Candida und mühte sich, bedeutungsvolle
-gnädige Blicke umher zu werfen, auf die indessen niemand sonderlich
-achtete. Alles hatte nur Auge für das Brautpaar und hing an Zinnobers
-Lippen, der hin und wieder einige unverständliche Worte schnurrte,
-denen jedesmal ein leises Ach! der höchsten Bewunderung, das die
-Gesellschaft ausstieß, folgte.
-
-Es war an dem, daß die Verlobungsringe gewechselt werden sollten. Mosch
-Terpin trat in den Kreis mit einem Präsentierteller, auf dem die Ringe
-funkelten. Er räusperte sich -- Zinnober hob sich auf den Fußspitzen
-so hoch als möglich, beinahe reichte er der Braut an den Ellbogen. --
-Alles stand in der gespanntesten Erwartung -- da lassen sich plötzlich
-fremde Stimmen hören, die Türe des Saales springt auf, Balthasar dringt
-ein, mit ihm Pulcher -- Fabian! -- Sie brechen durch den Kreis -- »Was
-ist das, was wollen die Fremden?« ruft alles durcheinander. --
-
-Fürst Barsanuph schreit entsetzt: »Aufruhr -- Rebellion -- Wache!«
-und springt hinter den Kaminschirm. -- Mosch Terpin erkennt den
-Balthasar, der dicht bis zum Zinnober vorgedrungen, und ruft: »Herr
-Studiosus! -- Sind Sie rasend -- sind Sie von Sinnen? -- wie können
-Sie sich unterstehen, hier einzudringen in die Verlobung! -- Leute --
-Gesellschaft -- Bediente, werft den Grobian zur Türe hinaus!« --
-
-Aber ohne sich nur im mindesten an irgend etwas zu kehren, hat
-Balthasar schon eine Lorgnette hervorgezogen und richtet durch dieselbe
-den festen Blick auf Zinnobers Haupt. Wie vom elektrischen Strahl
-getroffen, stößt Zinnober ein gellendes Katzengeschrei aus, daß der
-ganze Saal widerhallt. Candida fällt ohnmächtig auf einen Stuhl; der
-eng geschlossene Kreis der Gesellschaft stäubt auseinander. -- Klar vor
-Balthasars Augen liegt der feuerfarbglänzende Haarstreif, er springt zu
-auf Zinnober -- faßt ihn, +der+ strampelt mit den Beinchen und sträubt
-sich und kratzt und beißt.
-
-»Angepackt -- angepackt!« ruft Balthasar; da fassen Fabian und Pulcher
-den Kleinen, daß er sich nicht zu regen und zu bewegen vermag, und
-Balthasar faßt sicher und behutsam die roten Haare, reißt sie mit einem
-Ruck vom Haupte herab, springt an den Kamin, wirft sie ins Feuer,
-sie prasseln auf, es geschieht ein betäubender Schlag, alle erwachen
-wie aus dem Traum. -- Da steht der kleine Zinnober, der sich mühsam
-aufgerafft von der Erde, und schimpft und schmäht und befiehlt, man
-solle die frechen Ruhestörer, die sich an der geheiligten Person des
-ersten Ministers im Staate vergriffen, sogleich packen und ins tiefste
-Gefängnis werfen! Aber einer fragt den andern: »Wo kommt denn mit einem
-Mal der kleine purzelbäumige Kerl her? -- Was will das kleine Ungetüm?«
--- Und wie der Däumling immerfort tobt und mit den Füßchen den Boden
-stampft und immer dazwischen ruft: »Ich bin der Minister Zinnober --
-ich bin der Minister Zinnober -- der grüngefleckte Tiger mit zwanzig
-Knöpfen!« da bricht alles in ein tolles Gelächter aus. Man umringt den
-Kleinen, die Männer heben ihn auf und werfen sich ihn zu wie einen
-Fangball; ein Ordensknopf nach dem andern springt ihm vom Leibe -- er
-verliert den Hut -- den Degen, die Schuhe. -- Fürst Barsanuph kommt
-hinter dem Kaminschirm hervor und tritt hinein mitten in den Tumult.
-Da kreischt der Kleine: »Fürst Barsanuph -- Durchlaucht -- retten Sie
-Ihren Minister -- Ihren Liebling! -- Hilfe -- Hilfe -- der Staat ist in
-Gefahr -- der grüngefleckte Tiger -- Weh -- weh!« -- Der Fürst wirft
-einen grimmigen Blick auf den Kleinen und schreitet dann rasch vorwärts
-nach der Türe. Mosch Terpin kommt ihm in den Weg, den faßt er, zieht
-ihn in die Ecke und spricht mit zornfunkelnden Augen: »Sie erdreisten
-sich, Ihrem Fürsten, Ihrem Landesvater hier eine dumme Komödie
-vorspielen zu wollen? -- Sie laden mich ein zur Verlobung Ihrer Tochter
-mit meinem würdigen Minister Zinnober, und statt meines Ministers finde
-ich hier eine abscheuliche Mißgeburt, die Sie in glänzende Kleider
-gesteckt? -- Herr, wissen Sie, daß das ein landesverräterischer Spaß
-ist, den ich strenge ahnden würde, wenn Sie nicht ein ganz alberner
-Mensch wären, der ins Tollhaus gehört? -- Ich entsetze Sie des Amts als
-Generaldirektor der natürlichen Angelegenheiten und verbitte mir alles
-weitere Studieren in meinem Keller! -- Adieu!«
-
-Damit stürmte er fort.
-
-Aber Mosch Terpin stürzte zitternd vor Wut los auf den Kleinen, faßte
-ihn bei den langen struppigen Haaren und rannte mit ihm hin nach dem
-Fenster: »Hinunter mit dir«, schrie er, »hinunter mit dir, schändliche
-heillose Mißgeburt, die mich so schmachvoll hintergangen, mich um alles
-Glück des Lebens gebracht hat!«
-
-Er wollte den Kleinen hinabstürzen durch das geöffnete Fenster, doch
-der Aufseher des zoologischen Kabinetts, der auch zugegen, sprang mit
-Blitzesschnelle hinzu, faßte den Kleinen und entriß ihn Mosch Terpins
-Fäusten. »Halten Sie ein,« sprach der Aufseher, »halten Sie ein, Herr
-Professor, vergreifen Sie sich nicht an fürstlichem Eigentum. Es ist
-keine Mißgeburt, es ist der ~Mycetes Belzebub~, ~Simia Belzebub~, der
-dem Museo entlaufen.« »~Simia Belzebub -- Simia Belzebub!~« ertönte
-es von allen Seiten unter schallendem Gelächter. Doch kaum hatte der
-Aufseher den Kleinen auf den Arm genommen und ihn recht angesehen,
-als er unmutig ausrief: »Was sehe ich! -- das ist ja nicht ~Simia
-Belzebub~, das ist ja ein schnöder häßlicher Wurzelmann! Pfui! -- pfui!«
-
-Und damit warf er den Kleinen in die Mitte des Saals. Unter dem lauten
-Hohngelächter der Gesellschaft rannte der Kleine quiekend und knurrend
-durch die Türe fort -- die Treppe hinab -- fort, fort nach seinem
-Hause, ohne daß ihn ein einziger von seinen Dienern bemerkt.
-
-Währenddessen, daß sich dies alles im Saale begab, hatte sich Balthasar
-in das Kabinett entfernt, wo man, wie er wahrgenommen, die ohnmächtige
-Candida hingebracht. Er warf sich ihr zu Füßen, drückte ihre Hände an
-seine Lippen, nannte sie mit den süßesten Namen. Sie erwachte endlich
-mit einem tiefen Seufzer, und als sie den Balthasar erblickte, da rief
-sie voll Entzücken: »Bist du endlich -- endlich da, mein geliebter
-Balthasar! Ach, ich bin ja beinahe vergangen vor Sehnsucht und
-Liebesschmerz! und immer erklangen mir die Töne der Nachtigall, von
-denen berührt der Purpurrose das Herzblut entquillt!« --
-
-Nun erzählte sie, alles, alles um sich her vergessend, wie ein böser
-abscheulicher Traum sie verstrickt, wie es ihr vorgekommen, als habe
-sich ein häßlicher Unhold an ihr Herz gelegt, dem sie ihre Liebe
-schenken müssen, weil sie nicht anders gekonnt. Der Unhold habe sich zu
-verstellen gewußt, daß er ausgesehen wie Balthasar; und wenn sie recht
-lebhaft an Balthasar gedacht, habe sie zwar gewußt, daß der Unhold
-nicht Balthasar, aber dann sei es ihr wieder auf unbegreifliche Weise
-gewesen, als müsse sie den Unhold lieben, eben um Balthasars willen.
-
-Balthasar klärte ihr nur so viel auf, als es geschehen konnte, ohne
-ihre ohnehin aufgeregten Sinne ganz und gar zu verwirren. Dann folgten,
-wie es unter Liebesleuten nicht anders zu geschehen pflegt, tausend
-Versicherungen, tausend Schwüre ewiger Liebe und Treue. Und dabei
-umfingen sie sich und drückten sich mit der Inbrunst der innigsten
-Zärtlichkeit an die Brust und waren ganz und gar umflossen von aller
-Wonne, von allem Entzücken des höchsten Himmels.
-
-[Illustration]
-
-
- Verlogenheit eines treuen Kammerdieners. -- Wie die alte Liese
- eine Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober auf der Flucht
- ausglitschte. -- Auf welche merkwürdige Weise der Leibarzt des
- Fürsten Zinnobers jähen Tod erklärte. -- Wie Fürst Barsanuph sich
- betrübte, Zwiebeln aß, und wie Zinnobers Verlust unersetzlich blieb.
-
-Der Wagen des Ministers Zinnober hatte beinahe die ganze Nacht
-vergeblich vor Mosch Terpins Hause gehalten. Ein Mal über das andere
-versicherte man dem Jäger, Se. Exzellenz müßten schon lange die
-Gesellschaft verlassen haben; der meinte aber dagegen, das sei ganz
-unmöglich, da Se. Exzellenz doch wohl nicht im Regen und Sturm zu
-Fuß nach Hause gerannt sein würden. Als nun endlich alle Lichter
-ausgelöscht und die Türen verschlossen wurden, mußte der Jäger zwar
-fortfahren mit dem leeren Wagen, im Hause des Ministers weckte er
-aber sogleich den Kammerdiener und fragte, ob denn ums Himmels willen
-und auf welche Art der Minister nach Hause gekommen. »Se. Exzellenz«,
-erwiderte der Kammerdiener leise dem Jäger ins Ohr, »Se. Exzellenz
-sind gestern eingetroffen in später Dämmerung, das ist ganz gewiß --
-liegen im Bette und schlafen. -- Aber! -- o mein guter Jäger! -- wie --
-auf welche Weise! -- ich will Ihnen alles erzählen -- doch Siegel auf
-den Mund -- ich bin ein verlorner Mann, wenn Se. Exzellenz erfahren,
-daß ich es war, auf dem finstern Korridor! -- ich komme um meinen
-Dienst, denn Se. Exzellenz sind zwar von kleiner Statur, besitzen
-aber außerordentlich viel Wildheit, alterieren sich leicht, kennen
-sich selbst nicht im Zorn, haben noch gestern eine schnöde Maus, die
-durch Se. Exzellenz Schlafzimmer zu hüpfen sich unterfangen, mit dem
-blankgezogenen Degen durch und durch gerannt. -- Nun gut! -- Also
-in der Dämmerung nehme ich mein Mäntelchen um und will ganz sachte
-hinüberschleichen ins Weinstübchen zu einer Partie Tric-Trac, da
-schurrt und schlurrt mir etwas auf der Treppe entgegen und kommt mir
-auf dem finstern Korridor zwischen die Beine und schlägt hin auf den
-Boden und erhebt ein gellendes Katzengeschrei und grunzt dann wie -- o
-Gott -- Jäger! -- halten Sie das Maul, edler Mann, sonst bin ich hin!
--- kommen Sie ein wenig näher -- und grunzt dann, wie unsere gnädige
-Exzellenz zu grunzen pflegt, wenn der Koch die Kälberkeule verbraten
-oder ihm sonst im Staate was nicht recht ist.«
-
-Die letzten Worte hatte der Kammerdiener mit vorgehaltener Hand ins Ohr
-gesprochen. Der Jäger fuhr zurück, schnitt ein bedenkliches Gesicht und
-rief: »Ist es möglich!« --
-
-»Ja«, fuhr der Kammerdiener fort, »es war unbezweifelt unsere gnädige
-Exzellenz was mir auf dem Korridor durch die Beine fuhr. Ich vernahm
-nun deutlich, wie der Gnädige in den Zimmern die Stühle heranrückte und
-sich die Türe eines Zimmers nach dem andern öffnete, bis er in seinem
-Schlafkabinett angekommen. Ich wagt' es nicht nachzugehen, aber ein
-paar Stündchen nachher schlich ich mich an die Türe des Schlafkabinetts
-und horchte. Da schnarchten die liebe Exzellenz ganz auf die Weise, wie
-es zu geschehen pflegt, wenn Großes im Werke. -- Jäger! es gibt mehr
-Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere Weisheit sich träumt, das
-hört' ich einmal auf dem Theater einen melancholischen Prinzen sagen,
-der ganz schwarz ging und sich vor einem ganz in grauen Pappendeckel
-gekleideten Mann sehr fürchtete. -- Jäger! -- es ist gestern irgend
-etwas Erstaunliches geschehen, das die Exzellenz nach Hause trieb. Der
-Fürst ist bei dem Professor gewesen, vielleicht äußerte er das und das
--- irgend ein hübsches Reformchen -- und da ist nun der Minister gleich
-drüber her, läuft aus der Verlobung heraus und fängt an zu arbeiten
-für das Wohl der Regierung. -- Ich hört's gleich am Schnarchen; ja
-Großes, Entscheidendes wird geschehen. -- O Jäger -- vielleicht lassen
-wir alle über kurz oder lang uns wieder die Zöpfe wachsen! -- Doch,
-teurer Freund, lassen Sie uns hinabgehen und als treue Diener an der
-Türe des Schlafzimmers lauschen, ob Se. Exzellenz auch noch ruhig im
-Bette liegen und die inneren Gedanken ausarbeiten.«
-
-Beide, der Kammerdiener und der Jäger, schlichen sich hin an die Türe
-und horchten. Zinnober schnurrte und orgelte und pfiff durch die
-wundersamsten Tonarten. Beide Diener standen in stummer Ehrfurcht, und
-der Kammerdiener sprach tiefgerührt: »Ein großer Mann ist doch unser
-gnädiger Herr Minister!« --
-
-Schon am frühsten Morgen entstand unten im Hause des Ministers
-ein gewaltiger Lärm. Ein altes erbärmlich in längst verblichenen
-Sonntagsstaat gekleidetes Bauerweib hatte sich ins Haus gedrängt und
-dem Portier angelegen, sie sogleich zu ihrem Söhnlein, zu Klein Zaches
-zu führen. Der Portier hatte sie bedeutet, daß Se. Exzellenz der Herr
-Minister von Zinnober, Ritter des grüngefleckten Tigers mit zwanzig
-Knöpfen, im Hause wohne, und niemand von der Dienerschaft Klein Zaches
-heiße oder so genannt werde. Da hatte das Weib aber ganz toll jubelnd
-geschrieen, der Herr Minister Zinnober mit zwanzig Knöpfen, das sei
-eben ihr liebes Söhnlein, der Klein Zaches. Auf das Geschrei des
-Weibes, auf die donnernden Flüche des Portiers war alles aus dem ganzen
-Hause zusammengelaufen, und das Getöse wurde ärger und ärger. Als der
-Kammerdiener hinabkam, um die Leute auseinander zu jagen, die Se.
-Exzellenz so unverschämt in der Morgenruhe störten, warf man eben das
-Weib, die alle für wahnsinnig hielten, zum Hause heraus.
-
-Auf die steinernen Stufen des gegenüberstehenden Hauses setzte sich
-nun das Weib hin und schluchzte und lamentierte, daß das grobe Volk
-da drinnen sie nicht zu ihrem Herzens-Söhnlein, zu dem Klein Zaches,
-der Minister geworden, lassen wolle. Viele Leute versammelten sich
-nach und nach um sie her, denen sie immer und immer wiederholte, daß
-der Minister Zinnober niemand anders sei, als ihr Sohn, den sie in der
-Jugend Klein Zaches geheißen; so daß die Leute zuletzt nicht wußten, ob
-sie die Frau für toll halten oder gar ahnen sollten, daß wirklich was
-an der Sache.
-
-Die Frau wandte nicht die Augen weg von Zinnobers Fenster. Da schlug
-sie mit einem Mal eine helle Lache auf, klopfte die Hände zusammen und
-rief jubelnd überlaut: »Da ist er -- da ist er, mein Herzensmännlein
--- mein kleines Koboltchen -- Guten Morgen, Klein Zaches! -- Guten
-Morgen, Klein Zaches!« -- Alle Leute guckten hin, und als sie den
-kleinen Zinnober gewahrten, der in seinem gestickten Scharlachkleide,
-das Ordensband des grüngefleckten Tigers umgehängt, vor dem Fenster
-stand, das hinabging bis an den Fußboden, so daß seine ganze Figur
-durch die großen Scheiben deutlich zu sehen, lachten sie ganz übermäßig
-und lärmten und schrieen: »Klein Zaches -- Klein Zaches! Ha, seht
-doch den kleinen geputzten Pavian -- die tolle Mißgeburt -- das
-Wurzelmännlein -- Klein Zaches! Klein Zaches!« -- Der Portier, alle
-Diener Zinnobers rannten hinaus, um zu erschauen, worüber das Volk denn
-so unmäßig lachte und jubiliere. Aber kaum erblickten sie ihren Herrn,
-als sie noch ärger als das Volk im tollsten Gelächter schrieen: »Klein
-Zaches -- Klein Zaches -- Wurzelmann -- Däumling -- Alraun!« --
-
-Der Minister schien erst jetzt zu gewahren, daß der tolle Spuk auf der
-Straße niemand anderm gelte, als ihm selbst. Er riß das Fenster auf,
-schaute mit zornfunkelnden Augen hinab, schrie, raste, machte seltsame
-Sprünge vor Wut -- drohte mit Wache -- Polizei -- Stockhaus und Festung.
-
-Aber je mehr die Exzellenz tobte im Zorn, desto ärger wurde Tumult und
-Gelächter, man fing an, mit Steinen -- Obst -- Gemüse, oder was man
-eben zur Hand bekam, nach dem unglücklichen Minister zu werfen -- er
-mußte hinein! --
-
-»Gott im Himmel«, rief der Kammerdiener entsetzt, »aus dem Fenster
-der gnädigen Exzellenz guckte ja das kleine abscheuliche Ungetüm
-heraus -- was ist das? -- wie ist der kleine Hexenkerl in die Zimmer
-gekommen?« -- Damit rannte er hinauf, aber so wie vorher fand er das
-Schlafkabinett des Ministers fest verschlossen. Er wagte leise zu
-pochen! -- Keine Antwort! --
-
-Indessen war, der Himmel weiß auf welche Weise, ein dumpfes Gemurmel im
-Volke entstanden, das kleine lächerliche Ungetüm dort oben sei wirklich
-Klein Zaches, der den stolzen Namen Zinnober angenommen und sich durch
-allerlei schändlichen Lug und Trug aufgeschwungen. Immer lauter und
-lauter erhoben sich die Stimmen. »Hinunter mit der kleinen Bestie --
-hinunter -- klopft dem Klein Zaches die Ministerjacke aus -- sperrt ihn
-in den Käfig -- laßt ihn für Geld sehen auf dem Jahrmarkt! -- Beklebt
-ihn mit Goldschaum und beschert ihn den Kindern zum Spielzeug! --
-Hinauf -- hinauf!« -- Und damit stürmte das Volk an gegen das Haus.
-
-Der Kammerdiener rang verzweiflungsvoll die Hände. »Rebellion -- Tumult
--- Exzellenz -- machen Sie auf -- retten Sie sich!« -- so schrie er;
-aber keine Antwort, nur ein leises Stöhnen ließ sich vernehmen.
-
-Die Haustüre wurde eingeschlagen, das Volk polterte unter wildem
-Gelächter die Treppe herauf.
-
-»Nun gilt's,« sprach der Kammerdiener und rannte mit aller Macht an
-gegen die Türe des Kabinetts, daß sie klirrend und rasselnd aus den
-Angeln sprang. -- Keine Exzellenz -- kein Zinnober zu finden! --
-
-»Exzellenz -- gnädigste Exzellenz -- vernehmen Sie denn nicht die
-Rebellion? -- Exzellenz -- gnädigste Exzellenz, wo hat Sie denn der --
-Gott verzeih mir die Sünde, wo geruhen Sie sich denn zu befinden?«
-
-So schrie der Kammerdiener in heller Verzweiflung durch die Zimmer
-rennend. Aber keine Antwort, kein Laut, nur der spottende Widerhall
-tönte von den Marmorwänden. Zinnober schien spurlos, tonlos
-verschwunden. -- Draußen war es ruhiger geworden, der Kammerdiener
-vernahm die tiefe klangvolle Stimme eines Frauenzimmers, die zum Volke
-sprach und gewahrte durchs Fenster blickend, wie die Menschen nach und
-nach leise miteinander murmelnd das Haus verließen, bedenkliche Blicke
-hinaufwerfend nach den Fenstern.
-
-»Die Rebellion scheint vorüber«, sprach der Kammerdiener, »nun wird die
-gnädige Exzellenz wohl hervorkommen aus ihrem Schlupfwinkel.«
-
-Er ging nach dem Schlafkabinett zurück, vermutend, dort werde der
-Minister sich doch wohl am Ende befinden.
-
-Er warf spähende Blicke rings umher, da wurde er gewahr, wie aus einem
-schönen silbernen Henkelgefäß, das immer dicht neben der Toilette
-zu stehen pflegte, weil es der Minister als ein teures Geschenk des
-Fürsten sehr wert hielt, ganz kleine dünne Beinchen hervorstarrten.
-
-»Gott -- Gott«, schrie der Kammerdiener entsetzt, »Gott! -- Gott! --
-täuscht mich nicht alles, so gehören die Beinchen dort Sr. Exzellenz
-dem Herrn Minister Zinnober, meinem gnädigen Herrn!« -- Er trat
-heran, er rief, durchbebt von allen Schauern des Schrecks, indem er
-herabschaute: »Exzellenz -- Exzellenz -- um Gott, was machen Sie -- was
-treiben Sie da unten in der Tiefe!«
-
-Da aber Zinnober still blieb, sah der Kammerdiener wohl die Gefahr
-ein, in der die Exzellenz schwebte und daß es an der Zeit sei, allen
-Respekt beiseite zu setzen. Er packte den Zinnober bei den Beinchen
--- zog ihn heraus! -- Ach tot -- tot war die kleine Exzellenz!
-Der Kammerdiener brach aus in ein lautes Jammern; der Jäger, die
-Dienerschaft eilte herbei, man rannte nach dem Leibarzt des Fürsten.
-Indessen trocknete der Kammerdiener seinen armen unglücklichen Herrn
-ab mit saubern Handtüchern, legte ihn ins Bette, bedeckte ihn mit
-seidenen Kissen, so daß nur das kleine verschrumpfte Gesichtchen
-sichtbar blieb.
-
-Hinein trat nun das Fräulein von Rosenschön, Sie hatte erst, der Himmel
-weiß auf welche Art, das Volk beruhigt. Nun schritt sie zu auf den
-entseelten Zinnober, ihr folgte die alte Liese, des kleinen Zaches
-leibliche Mutter. -- Zinnober sah in der Tat hübscher aus im Tode, als
-er jemals in seinem ganzen Leben ausgesehen. Die kleinen Äugelein waren
-geschlossen, das Näschen sehr weiß, der Mund zum sanften Lächeln ein
-wenig verzogen, aber vor allen Dingen wallte das dunkelbraune Haar in
-den schönsten Locken herab. Über das Haupt hin strich das Fräulein den
-Kleinen, und in dem Augenblick blitzte in mattem Schimmer ein roter
-Streif hervor.
-
-»Ach«, sprach die alte Liese, »ach du lieber Gott, das ist ja doch wohl
-nicht mein kleiner Zaches, so hübsch hat +der+ niemals ausgesehen. Da
-bin ich doch nun ganz umsonst nach der Stadt gegangen und Ihr habt mir
-gar nicht gut geraten, mein gnädiges Fräulein!« --
-
-»Murrt nur nicht, Alte«, erwiderte das Fräulein, »hättet Ihr nur meinen
-Rat ordentlich befolgt, und wäret Ihr nicht früher, als ich hier
-war, in dies Haus gedrungen, alles stünde für Euch besser. -- Ich
-wiederhole es, der Kleine, der dort tot im Bette liegt, ist gewiß und
-wahrhaftig Euer Sohn, Klein Zaches!«
-
-»Nun«, rief die Frau mit leuchtenden Augen, »nun, wenn die kleine
-Exzellenz dort wirklich mein Kind ist, so erb' ich ja wohl all' die
-schönen Sachen, die hier rings umherstehen, das ganze Haus mit allem,
-was drinnen ist?«
-
-»Nein«, sprach das Fräulein, »das ist nun ganz und gar vorbei, Ihr habt
-den rechten Augenblick verfehlt, Geld und Gut zu gewinnen. -- Euch
-ist, ich habe es gleich gesagt, Euch ist nun einmal Reichtum nicht
-beschieden.« --
-
-»So darf ich«, fuhr die Frau fort, indem ihr die Tränen in die Augen
-traten, »so darf ich denn nicht wenigstens mein armes kleines Männlein
-in die Schürze nehmen und nach Hause tragen? -- Unser Herr Pfarrer hat
-so viel hübsche ausgestopfte Vögelein und Eichkätzchen, der soll mir
-meinen Klein Zaches ausstopfen lassen, und ich will ihn auf meinen
-Schrank stellen, wie er da ist im roten Rock mit dem breiten Bande und
-dem großen Stern auf der Brust, zum ewigen Andenken!« --
-
-»Das ist«, rief das Fräulein beinahe unwillig, »das ist ein ganz
-einfältiger Gedanke, das geht ganz und gar nicht an!« --
-
-Da fing das Weib an zu schluchzen, zu klagen, zu lamentieren. »Was
-hab' ich«, sprach sie, »nun davon, daß mein Klein Zaches zu hohen
-Würden, zu großem Reichtum gelangt ist! -- Wär' er nur bei mir
-geblieben, hätt' ich ihn nur aufgezogen in meiner Armut, niemals wär'
-er in jenes verdammte silberne Ding gefallen, er lebte noch, und ich
-hätt' vielleicht Freude und Segen von ihm gehabt. Trug ich ihn so herum
-in meinem Holzkorb, Mitleiden hätten die Leute gefühlt und mir manches
-schöne Stücklein Geld zugeworfen, aber nun« --
-
-Es ließen sich Tritte im Vorsaal vernehmen, das Fräulein trieb die
-Alte hinaus mit der Weisung, sie solle unten vor der Türe warten, im
-Wegfahren wolle sie ihr ein untrügliches Mittel vertrauen, wie sie all'
-ihre Not, all' ihr Elend mit einem Mal enden könne.
-
-Nun trat Rosabelverde noch einmal dicht an den Kleinen heran und sprach
-mit der weichen bebenden Stimme des tiefen Mitleids:
-
- »Armer Zaches! -- Stiefkind der Natur! -- ich hatt' es gut mit
- dir gemeint! -- Wohl mocht' es Torheit sein, daß ich glaubte, die
- äußere schöne Gabe, womit ich dich beschenkt, würde hineinstrahlen
- in dein Inneres und eine Stimme erwecken, die dir sagen müßte, du
- bist nicht der, für den man dich hält, aber strebe doch nur an, es
- dem gleich zu tun, auf dessen Fittichen du Lahmer, Unbefiederter
- dich aufschwingst! -- Doch keine innere Stimme erwachte. Dein
- träger toter Geist vermochte sich nicht emporzurichten, du
- ließest nicht nach in deiner Dummheit, Grobheit, Ungebärdigkeit
- -- Ach! -- wärst du nur ein geringes Etwas weniger, ein kleiner
- ungeschlachteter Rüpel geblieben, du entgingst dem schmachvollen
- Tode! -- Prosper Alpanus hat dafür gesorgt, daß man dich jetzt im
- Tode wieder dafür hält, was du im Leben durch meine Macht zu sein
- schienst. Sollt' ich dich vielleicht gar noch wiederschauen als
- kleiner Käfer -- flinke Maus oder behende Eichkatze, so soll es
- mich freuen! -- Schlafe wohl, Klein Zaches!« --
-
-Indem Rosabelverde das Zimmer verließ, trat der Leibarzt des Fürsten
-mit dem Kammerdiener herein.
-
-»Um Gott«, rief der Arzt, als er den toten Zinnober erblickte und sich
-überzeugte, daß alle Mittel, ihn ins Leben zu rufen, vergeblich bleiben
-würden, »um Gott, wie ist das zugegangen, Herr Kämmerer?«
-
-»Ach«, erwiderte dieser, »ach, lieber Herr Doktor, die Rebellion
-oder die Revolution, es ist all' eins, wie Sie es nennen wollen,
-tobte und hantierte draußen auf dem Vorsaale ganz fürchterlich. Se.
-Exzellenz, besorgt um ihr teures Leben, wollten gewiß in die Toilette
-hineinflüchten, glitschten aus und« --
-
-»So ist«, sprach der Doktor feierlich und bewegt, »so ist er aus Furcht
-zu sterben gar gestorben!«
-
-Die Tür sprang auf und herein stürzte Fürst Barsanuph mit verbleichtem
-Antlitz, hinter ihm her sieben noch bleichere Kammerherren.
-
-»Ist es wahr, ist es wahr?« rief der Fürst; aber sowie er des Kleinen
-Leichnam erblickte, prallte er zurück und sprach, die Augen gen Himmel
-gerichtet, mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes: »O Zinnober!« --
-Und die sieben Kammerherren riefen dem Fürsten nach: »O Zinnober!« und
-holten, wie es der Fürst tat, die Schnupftücher aus der Tasche und
-hielten sie sich vor die Augen.
-
-»Welch ein Verlust«, begann nach einer Weile des lautlosen Jammers
-der Fürst, »welch ein unersetzlicher Verlust für den Staat! -- Wo
-einen Mann finden, der den Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig
-Knöpfen mit +der+ Würde trägt, als mein Zinnober! -- Leibarzt, und Sie
-konnten mir +den+ Mann sterben lassen! -- Sagen Sie -- wie ging das
-zu, wie mochte das geschehen -- was war die Ursache -- woran starb der
-Vortreffliche?« --
-
-Der Leibarzt beschaute den Kleinen sehr sorgsam, befühlte manche
-Stellen ehemaliger Pulse, strich das Haupt entlang, räusperte sich
-und begann: »Mein gnädigster Herr! Sollte ich mich begnügen auf
-der Oberfläche zu schwimmen, könnte sagen, der Minister sei an dem
-gänzlichen Ausbleiben des Atems gestorben, dies Ausbleiben des Atems
-sei bewirkt durch die Unmöglichkeit Atem zu schöpfen, und diese
-Unmöglichkeit wieder nur herbeigeführt durch das Element, durch den
-Humor, in den der Minister stürzte. Ich könnte sagen, der Minister sei
-auf diese Weise einen humoristischen Tod gestorben, aber fern von mir
-sei diese Seichtigkeit, fern von mir die Sucht, alles aus schnöden
-physischen Prinzipen erklären zu wollen, was nur im Gebiet des rein
-Psychischen seinen natürlichen unumstößlichen Grund findet. -- Mein
-gnädigster Fürst, frei sei des Mannes Wort! -- Den ersten Keim des
-Todes fand der Minister im Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig
-Knöpfen!« --
-
-»Wie«, rief der Fürst, indem er den Leibarzt mit zornglühenden Augen
-anfunkelte, »wie! -- was sprechen Sie? -- der Orden des grüngefleckten
-Tigers mit zwanzig Knöpfen, den der Selige zum Wohl des Staats mit so
-vieler Anmut, mit so vieler Würde trug? -- +der+ Ursache seines Todes?
--- Beweisen Sie mir das, oder -- Kammerherren, was sagt Ihr dazu?«
-
-»Er muß beweisen, er muß beweisen, oder« -- riefen die sieben blassen
-Kammerherren, und der Leibarzt fuhr fort:
-
-»Mein bester gnädigster Fürst, ich werd' es beweisen, also kein
-+oder+! -- Die Sache hängt folgendermaßen zusammen: Das schwere
-Ordenszeichen am Bande, vorzüglich aber die Knöpfe auf dem Rücken,
-wirkten nachteilig auf die Ganglien des Rückgrats. Zu gleicher Zeit
-verursachte der Ordensstern einen Druck auf jenes knotige fadigte
-Ding zwischen dem Dreifuß und der oberen Gekröspulsader, das wir das
-Sonnengeflecht nennen, und das in dem labyrinthischen Gewebe der
-Nervengeflechte prädominiert. Dies dominierende Organ steht in der
-mannigfaltigsten Beziehung mit dem Cerebralsystem, und natürlich war
-der Angriff auf die Ganglien auch diesem feindlich. Ist aber nicht die
-freie Leitung des Cerebralsystems die Bedingung des Bewußtseins, der
-Persönlichkeit, als Ausdruck der vollkommensten Vereinigung des Ganzen
-in einem Brennpunkt? Ist nicht der Lebensprozeß die Tätigkeit in beiden
-Sphären, in dem Ganglien- und Cerebralsystem? -- Nun! genug, jener
-Angriff störte die Funktionen des psychischen Organism. Erst kamen
-finstre Ideen von unerkannten Aufopferungen für den Staat durch das
-schmerzhafte Tragen jenes Ordens usw., immer verfänglicher wurde der
-Zustand, bis gänzliche Disharmonie des Ganglien- und Cerebralsystems
-endlich gänzliches Aufhören des Bewußtseins, gänzliches Aufgeben
-der Persönlichkeit herbeiführte. Diesen Zustand bezeichnen wir aber
-mit dem Worte +Tod+! -- Ja, gnädigster Herr! -- der Minister hatte
-bereits seine Persönlichkeit aufgegeben, war also schon mausetot, als
-er hineinstürzte in jenes verhängnisvolle Gefäß. -- So hatte sein
-Tod keine physische, wohl aber eine unermeßlich tiefe psychische
-Ursache.« --
-
-»Leibarzt«, sprach der Fürst unmutig, »Leibarzt, Sie schwatzen
-nun schon eine halbe Stunde, und ich will verdammt sein, wenn ich
-eine Silbe davon verstehe. Was wollen Sie mit Ihrem Physischen und
-Psychischen?«
-
-»Das physische Prinzip«, nahm der Arzt wieder das Wort, »ist die
-Bedingung des rein vegetativen Lebens, das psychische bedingt dagegen
-den menschlichen Organism, der nur in dem Geiste, in der Denkkraft das
-Triebrad der Existenz findet.«
-
-»Noch immer«, rief der Fürst im höchsten Unmut, »noch immer verstehe
-ich Sie nicht, Unverständlicher!«
-
-»Ich meine«, sprach der Doktor, »ich meine, Durchlauchtiger, daß das
-Physische sich bloß auf das rein vegetative Leben ohne Denkkraft, wie
-es in Pflanzen stattfindet, das Psychische aber auf die Denkkraft
-bezieht. Da diese nun im menschlichen Organism vorwaltet, so muß der
-Arzt immer bei der Denkkraft, bei dem Geist anfangen und den Leib nur
-als Vasallen des Geistes betrachten, der sich fügen muß, sobald der
-Gebieter es will.«
-
-»Hoho!« rief der Fürst, »hoho Leibarzt, lassen Sie das gut sein! --
-Kurieren Sie meinen Leib und lassen Sie meinen Geist ungeschoren, von
-dem habe ich noch niemals Inkommoditäten verspürt. Überhaupt, Leibarzt,
-Sie sind ein konfuser Mann, und stünde ich hier nicht an der Leiche
-meines Ministers und wäre gerührt, ich wüßte, was ich täte! -- Nun
-Kammerherren! vergießen wir noch einige Zähren hier am Katafalk des
-Verewigten und gehen wir dann zur Tafel.«
-
-Der Fürst hielt das Schnupftuch vor die Augen und schluchzte, die
-Kammerherren taten desgleichen, dann schritten sie alle von dannen.
-
-Vor der Türe stand die alte Liese, welche einige Reihen der
-allerschönsten goldgelben Zwiebeln über den Arm gehängt hatte, die man
-nur sehen konnte. Des Fürsten Blick fiel zufällig auf diese Früchte. Er
-blieb stehen, der Schmerz verschwand aus seinem Antlitz, er lächelte
-mild und gnädig, er sprach: »Hab' ich doch in meinem Leben keine solche
-schöne Zwiebeln gesehen, die müssen von dem herrlichsten Geschmack
-sein. Verkauft Sie die Ware, liebe Frau?«
-
-»O ja«, erwiderte Liese mit einem tiefen Knix, »o ja, gnädigste
-Durchlaucht, von dem Verkauf der Zwiebeln nähre ich mich dürftig,
-so gut es gehn will! -- Sie sind süß wie purer Honig, belieben Sie,
-gnädigster Herr?«
-
-Damit reichte sie eine Reihe der stärksten glänzendsten Zwiebeln dem
-Fürsten hin. Der nahm sie, lächelte, schmatzte ein wenig und rief dann:
-»Kammerherren! geb' mir einer einmal sein Taschenmesser her.« Ein
-Messer erhalten, schälte der Fürst nett und sauber eine Zwiebel ab und
-kostete etwas von dem Mark.
-
-»Welch ein Geschmack, welche Süße, welche Kraft, welches Feuer!« rief
-er, indem ihm die Augen glänzten vor Entzücken, »und dabei ist es mir,
-als säh' ich den verewigten Zinnober vor mir stehen, der mir zuwinkte
-und zulispelte: kaufen Sie -- essen Sie diese Zwiebeln, mein Fürst --
-das Wohl des Staats erfordert es!« -- Der Fürst drückte der alten Liese
-ein paar Goldstücke in die Hand, und die Kammerherren mußten sämtliche
-Reihen Zwiebeln in die Taschen schieben. Noch mehr! -- er verordnete,
-daß niemand anderes die Zwiebellieferung für die fürstlichen Dejeuners
-haben sollte, als Liese. So kam die Mutter des Klein Zaches, ohne
-gerade reich zu werden, aus aller Not, aus allem Elend, und gewiß war
-es wohl, daß ihr ein geheimer Zauber der guten Fee Rosabelverde dazu
-verhalf.
-
-Das Leichenbegängnis des Ministers Zinnober war eins der prächtigsten,
-das man jemals in Kerepes gesehen: der Fürst, alle Ritter des
-grüngefleckten Tigers folgten der Leiche in tiefer Trauer. Alle Glocken
-wurden gezogen, ja sogar die beiden Böller, die der Fürst behufs der
-Feuerwerke mit schweren Kosten angeschafft, mehrmals gelöst. Bürger --
-Volk -- alles weinte und lamentierte, daß der Staat seine beste Stütze
-verloren und wohl niemals mehr ein Mann von dem tiefen Verstande, von
-der Seelengröße, von der Milde, von dem unermüdlichen Eifer für das
-allgemeine Wohl, wie Zinnober, an das Ruder der Regierung kommen werde.
-
-In der Tat blieb auch der Verlust unersetzlich; denn niemals fand
-sich wieder ein Minister, dem der Orden des grüngefleckten Tigers mit
-zwanzig Knöpfen so an den Leib gepaßt haben sollte, wie dem verewigten
-unvergeßlichen Zinnober.
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-[Illustration]
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-[Illustration]
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-Bettina von Arnim:
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-Die Reise nach Darmstadt
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-Vorbemerkung des Herausgebers:
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- Diese kleine liebenswürdige Geschichte der Bettina von Arnim
- ist ihrer berühmten im Jahre 1849 erschienenen Schrift »Dies
- Buch gehört dem König« entnommen, die eine Reihe »der Erinnerung
- abgelauschter Gespräche und Erzählungen von 1807« enthält. Das
- Buch umschließt im wesentlichen sozialpolitisch reformatorische
- Anschauungen der Bettina von Arnim, die sie sämtlich der alten Frau
- Rat, Goethes Mutter, in den Mund legt. Eingeschachtelt in diese
- heute wenig mehr interessierenden sozialpolitischen Betrachtungen
- ist die köstliche Erzählung von der plötzlichen Reise der Frau
- Rat nach Darmstadt, wo sie von der Königin Luise von Preußen mit
- großen Ehrungen empfangen wurde. Indem Bettina von Arnim die
- Schilderung dieser Begegnung durch Goethes Mutter selbst geschehen
- läßt, gelingt es ihr, im lebendigen Frankfurter Dialekt, die feine
- Klugheit, die herzhafte Urwüchsigkeit und die sonnig lächelnde
- Heiterkeit der Frau Rat auf das anschaulichste aufzuzeichnen.
-
-[Illustration]
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-Die Frau Rat erzählt:
-
-Es war an einem recht sommerlichen Tag; ich denk nach, was aus dem
-lieben Sonnenschein all werden soll, den ich da so mutterselig allein
-in mich fressen muß: -- es wird Mittag, die Türmer blasen derweil den
-Ablaß meiner Sünden vom Katharinenturm herunter. -- In dieser Welt, wo
-Böses und Gutes oft in so herzlicher Umarmung einander am Busen liegen,
-da haben irdische und himmlische Angelegenheiten gar einen künstlichen
-Verkehr; an so einem melancholischen Feiertag, da verschmäht der Teufel
-auch eine falsche Trompet nicht, um den Menschen aus seinem geduldigen
-Seelenheil herauszublasen; opfre den Verdruß, den du davon spürst,
-Gott auf, und die Kreide von der Rechnungstafel deiner Sünden ist
-heruntergewischt, denn lieber als das Sündegestöhn, was falscher klingt
-als die Sünd selber, will Gott den Teufel falsch blasen hören. Die
-Langeweil ist nun ganz apart an einem Sonntag in der Stadt Frankfurt,
-aber gar an so einem lange staubige Sommertag, wo man sich in die Sonn
-stellt und denkt wie ein angezünd't Licht am hellen Tag: »Vor was bist
-du da? -- Alles kann bestehn ohne dich!« oder: »Alles geht ja doch
-konfus«, und mit dem Zweifel, ob der blaue Dunst da oben wohl doch der
-Himmel sein könnt, streckt man sich am End seiner Erdentage aus den
-Erdensorgen heraus mit den Himmelssorgen auf dem Herzen und bedenkt
-nicht, daß alle Sorge Irrtum ist.
-
-An so einem langweiligen Tag also, wie der Türmer wirklich in einer
-der Musik sehr mißgünstigen Stimmung in die Stadt herunterblies --
-ich meint als, wenn mir der jung Wein nur nicht auf dem Faß säuerlich
-wird -- eine rauhe Halsarie wie heut, und die Sonn schien mir auf die
-Nas, daß ich nießen mußt, und die Lieschen bekomplimentiert mich da
-drüber, da schellts -- ich ruf: »Guck einmal, wers ist.« -- »Ei, es ist
-der Frau Bethmann ihr Bedienter; ob Sie wollte heunt Nachmittag mit
-ins Kirschenwäldchen fahren?« -- Ei was? -- Ei freilich! Was werd ich
-nicht wollen fahren an diesen einzigen Pläsierort, vor allen schönen
-Orten in ganz Deutschland, wo die Kirschen wie die schönste Rubinen
-im smaragdnen Blätterschmuck an den Bäumen hängen, wo die Frankfurter
-Sonnenstrahlen ein Goldnetz durchwirken und der Himmel sein blaues Zelt
-mit silbernen Wolken drüber spannt.
-
-Jetzt sag ich: »Wir wollen präzis zwölf Uhr essen, dann wird
-alles zurechtgemacht zum Abend, wann ich heim komm; da wird meine
-Wasserflasche hingestellt, das Bett zurecht gemacht, damit mir die
-Zeit vergeht, bis die Füchserchen angetrabt komme, dann setz ich meine
-Haub auf, bloß die mit den Spitzen.« -- »Ei, wollen Sie net die mit
-den Sternblume aufsetzen, die steht schöner!« -- »Nein, die will ich
-nicht aufsetzen, man muß bescheiden sein in der schönen Natur und sie
-nicht überstrahlen wollen, es gelingt einem doch nicht. Was meint sie
-denn, daß so ein Kranz von papierne Blume zu sagen hätt da draußen
-auf der grünen Wies? Ei, ich setz den Fall, ich könnt der Stadtherd
-begegnen, so könnt mich ja der Brummelochs mit einem einzige Maul voll
-Dotterblume, die er vom Weidanger mit seiner lange Zung in einem Hui
-zusammenrafft und wegschnappt, in die größt Beschämung versetze, daß er
-frißt und verdaut, was die Frau Rat in Papier nachgemacht zum Putz auf
-dem Kopf trägt.« -- Jetzt ohne weiter Federlesen die Spitzehaub eweil
-auf der grünen Bouteille aufgepflanzt, dann die Filethandschuh ohne
-Daumen, daß ich sie nicht brauch auszuziehen beim Kirschenessen, das
-Körbchen nehm ich mit, daß ich kann Kirschen mitbringen -- die kleine
-schwarze Salopp und den Sonneparaplü, denn um die jetzig Sommerzeit
-kommt häufig so ein klein erquicklich Regenschauerchen mitten durch den
-Sonnenschein. Da lachts und flennts zu gleicher Zeit am Himmel.
-
-Nun ist alles in Ordnung -- so wird der Tisch gedeckt und aufgetragen
--- denn zwölf Uhr ist schon vorbei. »Was gibts heut?« -- »Brühsupp«. --
-»Fort mit, ich mag keine.« -- »Aber Frau Rat, Ihne Ihr Magen!« -- »Aber
-ich will keine Supp, sag ich; komm sie mir nicht an so einem schöne
-Sommertag mit ihren Magensorgen an, -- was gibts noch?« -- »Stockfisch,
-aufgewärmt von gestern, und Kartoffel.« -- »Den Stockfisch laß mir
-vor der Nase weg, der paßt nit zu meiner Stimmung; ich mag mir keinen
-Stockfischgeruch in den Vorgeschmack aufdampfen lassen, den ich von
-dem Blumenduft drauß auf der Wies schon in Gedanken genieß; aber die
-Kartoffel bring sie, an denen verunreinigt man die erhabenen Gedanken
-nicht, die könnt so ein indischer Priester in seiner Verzückung
-ungestört genieße. -- Ich glaub gewiß, die sind aus dem Manna gewachse,
-das vom Himmel fiel, wie die Juden in der Wüst in der Hungersnot waren,
-das war so ein verzettelter Mannasame, aus dem sind dann die Kartoffeln
-gewachsen, die vor aller Hungersnot bewahren. Ja, damals hatten die
-Juden noch eine Wüst, wo sie sich niederlassen konnten; jetzt ist keine
-Wüst mehr da, und wann die närrische Häns nicht fliegen lerne wie die
-Raubvögel, daß sie als manchmal auf eine vorüberfahrende Segelstang
-sich könne setzen wie die Zugvögel, so weiß ich nicht, wo sie werden
-bleiben, in der Wüste waren sie nit so gierig; hätten sie damals alles
-verschlungen, so wär kein himmlischer Mannasamen übrig geblieben, und
-ich wüßt nicht, was ich heut essen sollt, und jetzt geb nur künftig
-ohne Widerred allemal dem Betteljud zwei Kreuzer, so oft er kommt. Denn
-wir könne den Juden das nicht genug Dank wissen, daß wir Kartoffeln
-essen.« -- Nun war das Essen noch nicht all, es kam noch eine
-gebratne Taub. -- Ich hatte Appetit, fliegt mir grad eine lebendige
-Taub vors Fenster und rucksert mir lauter Vorwürf ins Herz. Ich fahr
-ins Kirschenwäldchen, und das arme Tier mit verschränkte Flügel, mit
-denen es sich hätt können in alle Weltfreude schwingen, liegt in der
-Bratpfann. Der Christ jagt die halb Natur durch den Schlund, damit er
-auf der Erd kann bleibe, um sein Seelenheil zu befördern, und dann
-macht ers grad verkehrt. -- Nun kurz, der Vorwurf von der Taub am
-Fenster lastet mir auf dem Herzen, ich kann keinen Bissen essen. --
-Die Taub wird unberührt wieder in die Speiskammer gestellt; ich ziehe
-mich derweil an, um der Ungeduld etwas weiß zu machen, die Spitzehaub
-wird von der Bouteille herunter genommen, aufgesetzt, und die Nachtmütz
-wird drauf gestülpt, damit ich sie heut abend, wenn ich nach Haus komm,
-gleich auswechsle kann, noch eh Licht kommt; das ist so meine alte
-Gewohnheit.
-
-Nun sitz ich da mit meinem Sonnenschirm in der Hand, im besten Humor,
-und lach die Lieschen aus, mit ihrer Angst wegen meinem leeren Magen.
-Ich guck auf die Uhr -- der Wagen kommt gerappelt; den alten Johann,
-ein ganz gescheuter Kerl, hör ich schon an seinem gewohnten Gange
-die Trepp herauf kommen. -- »Lieschen, geschwind lauf sie hinaus,
-auf den Vorplatz an die Tür, ehs schellt.« Da schellts schon, die
-Lieschen macht die Tür auf, da steht ein goldbordierter Herr mit einem
-dreieckigen Hut und guckt mir ins Gesicht, und mein alter Johann kommt
-hinten nach. -- Ich sag zu dem fremde Wundertier: »Sie sind wohl einen
-unrechten Weg gangen!« -- und will mich an ihm vorbeimachen; aber weil
-er sagt: »Ich bin geschickt von Ihro Majestät der Frau Königin von
-Preußen an die Frau Rätin Goethe«, so guck ich ihn an, ob er wohl nicht
-recht gescheut wär -- »Und«, fährt er fort, »die königlich Equipage
-werden um zwei Uhr kommen, um die Frau Rätin nach Darmstadt abzuholen;
-mit Ihrer Majestät sollen Sie den Tee trinken im Schloßgarten!« -- Ich
-sag: »Johann! Jetzt hör er einmal, was das vor Sachen sind! Wenn einem
-eine Bomeranz aus dem blauen Himmel grad auf die Nas fällt, da soll man
-gleich sein Verstand bei der Hand haben und sie auffangen, das will
-viel heißen!« -- Ei, wem hatt ich denn die Kontenance zu verdanken als
-bloß dem Johann? Der stellt sich an die Seit aus lauter Respekt vor dem
-unvorhergesehenen Ereignis und guckt mich so feierlich an, daß ich mich
-gleich besinn, was ich mir und der Einladung schuldig bin; ich guck ihn
-mit einem Feuerblick an, daß der Kerl in sich geht, denn er war nah
-dran, zu lachen. Ich sag: »Mein Herr Kammerherr, oder was Sie vor ein
-höflicher Beamter sein mögen, rennen Sie nur wieder spornstreichs zur
-Frau Königin und melden, die Frau Rat werden ihrerseits die Ehre haben,
-die von der Frau Königin ihr zugedachte Auszeichnung anzunehmen. Und
-machen Sie nur, daß die Kutsch hübsch akkurat kommt, damit ich auch
-nicht zu spät komm, da das Warten und Wartenlassen meine Sach nicht
-ist.« -- Dabei macht ich so große Augen, daß der preußisch Hoflakei
-gewiß seine Verwundrung wird gehabt haben über den besondern Schlag
-Madamen aus der freien Reichsstadt Frankfurt. Man muß seine Zuflucht
-nehmen zu allerlei Künsten, um seine Würde zu behaupten. Wer kann sonst
-Religion in die Menschen bringen? Daß so ein Hofschranz Respekt hätte
-vor einem Bürger, dazu ist er einmal verdorben; da muß man auf Mittel
-denke, wie er den Kopf ganz verliert und nicht weiß, was er dazu sagen
-soll. Da fiel mir der Türklopper ein von unserm Aderlaßmännchen, dem
-Herrn +Unser+; das ist so ein Löwenfratz, wie sie an Salomon seinem
-Thronsessel zur Verzierung angebracht sind. Den mach ich nach; --
-damit jag ich meinen Herold in die Flucht; er nimmt die Bein an den
-Hals und rennt die Trepp herunter. Ich bleib stockstill stehn, die
-Lieschen bleibt stehn, der Johann rührt sich nicht vom Fleck, bis wir
-die Haustür zumachen hören. »Frau Rat«, sagt der Johann, »Sie werden
-also jetzt unmöglich ins Kirschenwäldchen fahren, und da werd ich dann
-bestelle, warum Sie nicht mit könne fahren?« -- »Ja, lieber Johann, und
-bestell ers doch gleich im Vorbeigehen beim Perückenmacher Heidenblut,
-der soll gleich kommen, und erzähl ers unterwegs alle Leut, so was muß
-stadtbekannt werden.« -- »Ja, das ist gewiß«, sagt der Johann, »und
-wenn mir nur das Herz nit bersten wird, bis ich heraus geplatzt bin
-dermit« -- fort ist der Johann. -- Nun guck ich mein Lieschen an; die
-steht vor mir wie nicht recht gescheut und zittert an alle Glieder.
-»Ei, Lieschen«, sprech ich voll Verwunderung, »wie kommt es, daß ihr
-die Haub hinderst der vörderst sitzt, das war doch vorher nicht.«
--- Und ich weiß nicht, wie das möglich war! Es ist doch wunderlich,
-wie bei überraschende Gelegenheiten die Spukgeister sich allerlei
-Schabernack erlauben mit solchen Leut, die der Sach nicht gewachsen
-sind. Das war nun mein Lieschen wirklich nicht. Sie konnts nicht
-finden, weder Zwickelstrümpf noch Schuh noch sonst ein Kleidungsstück,
-kein Rock konnt sie mir ordentlich über den Kopf werfen. Wenn ich nun
-auch den Kopf verloren hätt, ich wär nicht fertig geworden. Jetzt sag
-ich: »Bring sie mir einmal die gebratne Taub wieder herein, denn ich
-verspür über die königlich Geschicht ein schreiende Hunger. Und nun
-schmeiß sie die Nachthaub von der Bouteille herunter -- ich werd auch
-noch meiner Seel den ganzen Stockfisch herunter fressen. Nun schenk
-sie mir ein Glas Wein ein, ich muß Feuer in den Adern haben.« Der
-Perückenmacher war gleich herbei; über die unbegreiflich Nachricht hat
-er in seinem stumme Erstaune mich aufgedonnert, und nun mußt er mir die
-Haub aufsetze mit den Sternblumen. Es war ein Heidenpläsier, fingerdick
-Schmink hat er mir aufgelegt. »Die Frau Rat sehn superb aus,« sagt der
-Herr Heidenblut. Und die Liesche stand wie eine Gans vor mir, als ob
-sie mich nicht mehr kennte. -- Nu, wir verbringe noch so ein Zeitchen
-vor dem Spiegel, links die Lieschen mit der verkehrte Haub, denn die
-hat sie noch nicht Zeit gehabt herum zu kriegen, rechts der Herr
-Heidenblut mit dem Kamm hinterm Ohr, ganz verzückt in mein Lockenbau,
-ich in der Front mit einem feuerfarbne Schlepprock mit doppelte
-Florspitzen, Diamantbracelett, echte Perlen um den Hals, ein Schlupp
-von Diamante vorgesteckt. Nun, es war zum Malen, die drei Personagen
-da aus dem Spiegel herauslachen zu sehen. Wir wurden ganz lustig und
-dachten nicht, wie die Zukunft mir auf den Hals gerückt kommt. Wenn
-ich doch an all die charmante Witze vom Heideblut mich noch erinnern
-könnt, er mußt sich hinstellen, und ich macht mein Probekompliment vor
-ihm; er verstehts. Er frisiert ja die allerhöchste Theaterprinzesse. --
-Da kommts aber wie ein Sturm angerennt und hält still vor der Haustür.
-Rutsch -- vier Pferd und zwei Lakaie hinten drauf noch ohne den
-Kutscher. -- Jetzt kommen sie herbei gestolpert, faßt mich ein jeder
-unterm Arm und tragen mich schwebend in die Kutsch. Schad, daß die
-Fahrt nicht mit meine vier Pferd durch die Bockheimergass geht am Haus
-vom Herrn Bürgermeister vorbei -- aber das Glück bescherte mir unser
-Herrgott noch, denn kaum biege wir im volle Trab um die Eck, stoßen
-wir auf die Bürgermeisterskutsch mit samt dem Herrn Bürgermeister von
-Holzhausen drin, mit seine zwei Lakaien hinten drauf mit ihre alte
-abgelebte Haarbeutel, -- ich auch -- aber meine Haarbeutel waren ganz
-neu. In vollem Rand fahren wir vorbei am Herrn Bürgermeister, ich grüß
-feierlich mit dem Fächer und hab das Pläsier, zu sehn, daß mein Herr
-von Holzhausen im Wagen sitzen, versteinert, und sehn mich nicht mit
-ihre Glotzaugen; er streckt den Kopf heraus, aber umsonst, wir flogen
-wie der Wind vorbei.
-
-Sollt ich nun alle Gedanken erzählen, die mir auf meiner Reis bis
-Darmstadt eingefallen sind, so müßt ich lügen, denn ich war so zu
-sagen auf einer Schaukel, die schlecht in Schwung gebracht war, bald
-flog ich dort hinaus, bald wieder nach der andren Seit, bald dreht
-sich alles mit mir im Durmel herum, dann dacht ich wieder, wie ichs
-alles meinem Sohn wollte schreiben, und da fing mir das Herz an zu
-klopfen. Ich konnts vor Ungeduld nicht behaglich finden in der Kutsch
--- ich fing an, die Kastanienbäum zu zählen in der Allee, ich wollt
-probieren, ob ichs könnt bis hundert bringe, aber ich bracht keine
-zehn Bäum zusammen, da waren meine Gedanken wieder wo anders. Einmal
-kam mir ein gescheuter Gedanken, ich dacht, was hab ich dervon? ist
-mir die Geschicht angenehm? -- sollt sie mir nur noch ein einzig Mal
-wieder begegnen, da würd ich mich schon besinne, daß sie mir langweilig
-wär. Was war das heunt morgen vor eine Komödie, was ist mir vor eine
-Hitz in den Kopf gestiegen und nun steck ich in einer zweifelhaften
-Unbequemlichkeit -- wo ich da hingeh zu fremde Leut, die gar nicht dran
-denke, wer da angerumpelt kommt. -- -- »Ohne Kurage kein Genie,« hat
-mein Sohn immer gesagt, und will ich oder nicht, so muß ich doch einmal
-die höfliche Schmach auf mich nehmen, mit gesundem Mutterwitz dort in
-dem Fürstensaal vor einer eingebildten Welt zu paradieren und bloß für
-eine Fabelerscheinung mich betrachten zu lassen. Ja, die Welt steht
-auf einem Fuß, wo keiner an die Wirklichkeit vom andern glaubt und sich
-doch selber vergnügt fühlt, wenn er nur von so einem Scheinheiligen
-bescheinigt ist.
-
-Nun, alleweil kamen wir wie ein Sturmwind angerasselt, ganz
-erschrocken, daß ich schon da bin, wie ich eben vor Ungeduld mein,
-es wird nie dazu kommen. Ich steig aus, die Bediente renne wie ein
-Lauffeuer vor mir weg. Ei, ich kann da nicht wie eine Lerch mich ihnen
-nachschwingen, ich seh den Augenblick kommen, wo ich weder Bediente
-noch Weg mehr finden kann. Ich hatt mich ein bißchen versäumt gehabt,
-die Krumplen aus meinem Staatskleid herauszuschütteln, da waren sie
-unterdessen in einer Allee verschwunden wie ein paar Irrlichter; wir
-waren auseinanderkommen. Ich geh so dem Gehör nach, immer im Kreis
-ums Hofgezwitscher herum, immer näher, bis ich endlich aus meinem
-Schattenreich heraus unter den aufgepolsterte Hoftroß trete. Ich hielt
-mich im Hintergrund mit meinen Beobachtungsgaben, grad wie ein General
-bei einer Position, die er dem Feind abluxen will. Denn überraschen laß
-ich mich nicht, Mut hab ich, womit ich den Leuten, wenn sie den Kopf
-verlieren, ihn oft wieder zurecht gesetzt hab. Ja, bei Gelegenheiten,
-von denen eine Frau keinen Verstand zu haben behaupt wird, da steht
-als dem Mann derselbig ihm allein zugemessne Verstand still, daß
-er wehklagt: »Ach, was fangen wir an?« -- Da antwort die Frau und
-schlägt den Nagel auf den Kopf. -- Die Welt wird immer hinkend bleiben,
-wenn der Verstand auf dem Mann seiner Seit hinüber hinkt, mit dem er
-die verrückte Weltangelegenheiten so schwermütig hinter sich drein
-schleppt. Was batts den große Weltgeist, daß er das Eheprinzip in sich
-trägt, wenn der männliche Verstand ein Hagestolz bleibt. -- Also die
-erst Bemerkung, die ich mach in den mich umgebenden Hofzirkel, ist die,
-daß meine amarantfarbne Schleppe nicht grad ein guter Passepartout
-ist, denn nicht Ich mit meinem Vierundzwanzigpfünderblick, nicht meine
-Person wird mit neugierigen Augen betracht, nein, die wird übergesehn,
-aber meine Falbelas, meine Taille, meine Frangen, von unten herauf,
-immer höher und höher werd ich scharf examiniert, bis sie endlich zur
-Florfontange kommen, wo die Sternblumen drauf gepflanzt waren, da
-halten sie an und entdecken, daß auch ein Gesicht mit kommen war; da
-prallen sie wie der Blitz auseinander und melden meine Erscheinung der
-Frau Königin. Die kommt mit einem ehrfurchtsvoll gehaltnen Schritt
-auf mich los, ich -- gleich salutiere mit einem Feuerblicke vom erste
-Kaliber, und nun mache alle Leut Platz, und die Frau Königin wie eine
-schöne Götternymph führt mich an ihrer Hand, und der Wind spielt in
-dem schneehagelweiße Faltengewand und ein Lockenpaar, das spielt an auf
-jeden Tritt, den sie tut, und die blendende Stirn und die wunderschön
-blaßrote Farb von ihrem Gesicht, und der freundlich Mund, der ganz voll
-allerlei Geflüster mich anspricht. Verstanden hab ichs nicht, ich war
-durmlich von Vergnügen und konnt auch nichts weiter vorbringen als:
-»Hochgeschätzter Augenblick und liebwerteste Gegenwart und wundernswert
-vor Götter und vor Menschen --« und wie sie erst die Kett vom Hals sich
-losmacht und hängt sie mir um, und der ganze Hofkreis trippelt und
-guckt. Ich hab innerlich den Apoll und den Jupiter angerufen, diese
-menschenbegreifende Götter sollen mir beistehn, daß ich vernünftig
-bleib und nicht alles um mich her für wunderliche Tiere halt, denn
-alle diese vornehmen Hofchargen kamen mir vor wie ein heraldischer
-Tierkreis. Löwen, Büffel, Pfaue, Paviane, Greife; aber auf ein Gesicht,
-das menschlich schön zu nennen wär, besinn ich mich nicht. Das mag
-davon herkommen, weil diese Menschengattung mehr eine Art politischer
-Schrauben oder Radwerk an der Staatsmaschine und keine rechte Menschen
-sind. Harthörig, hartherzig, kurzsichtig, stolz und eigensinnig Volk,
-und es gehört immer der Zufall und ein Verdienst um sie, absonderlich
-aber ihre eigne Laune dazu, und noch gar viel andre Künste, um von
-ihnen bemerkt und gehört zu werden. Schreien und Poltern oder gar
-Recht haben hilft gar nichts bei ihnen, ja, besonders das Recht haben,
-das kommt der politische Staatsmaschine ihrer hochtragenden Nas immer
-in die Quer. »+Was soll das heißen, daß man mit seim Recht an die
-widerrennen tut?+« -- Sollte das Schicksal diese Nas ausersehen haben,
-daß sie drauf falle, das wär kein Schaden; darum muß man ihr Platz
-machen. Ja, von solchen ist kein christlich Gesinnung zu erwarten,
-das ist übrig. Man soll seines Bestallungsbriefes an die Natur sich
-erinnern, wenn man was mit ihne zu verhandeln hat, damit man an der
-doppel-schneidig-weltbürgerliche Politur nicht auch mit seinen edleren
-Gesinnungen als ausglitscht. Das fehlte noch, daß man wie ein Lauskerl
-vor sich selber dasteht und darf nicht in den Spiegel gucken vom eignen
-Gewissen. --
-
-Solche Gedanke hatte ich in dem Tierkreis, wo die Ordensbänder und
-Stern und goldblitzende Staatsröck rund um mich herum blinkerten wie
-im Traum, und wie im Traum dacht ich: wenn ich König wär, ich hielt
-mir eine aparte Insel vor das heraldische Tiervolk, da könnten sie so
-fortleben, bis sie sterben wollten, aber mir jederzeit unter den Füßen
-herum zu grabeln, daß man alle Augenblicke über sie stolpern müßt, das
-litt ich nicht.
-
-Nun, während ich über den Darmstädter Tierkreis meine Glossen
-mach, wovon ein nicht unbedeutender Teil mit besterntem Bauch,
-mit übereinander schielenden Blicken und überlegenden Mienen des
-Menschenwohls da unter der Herd herumstolpern, spür ich deutlich,
-daß ich in dem Verwunderungsstrudel dagesessen hatte wie ein
-Schaf. Ich schäme mich, daß ich sollte mit einem so unscheinbare
-Antlitz die freie Reichsstadt vertreten, ich such mir eine andere
-Physiognomie aus, den Frankfurter Adler. No! -- wie der Adler, wenn
-er Donner und Blitz bewacht, so sitz ich da, und die lieb Sonn, ohne
-Urlaub zu nemme, setzt sich auf den Reisefuß und ging hinter denen
-schöne Linde bergab spazieren, und der Mond kam herauf, auf den mit
-allerlei poetische Spekulatione angespielt wurde, ich mußt lachen
-über die empfindungsvolle Tonarte, in welche die Gesellschaft da
-überging. Nun, ich kann nicht alles aus dem Gedächtnis hervorkrame.
-Ich schwieg in meiner stolze Position still, denn kein Mensch hatte
-mir ein Wort zu sagen, seit die Paradeszen vorbei war. Ich machte
-daher meine olympische Adlersmiene ohne Unterbrechung fort, und da
-war auch nicht ein Augenblick, wo ich mir nachgegeben hätt und hätt
-meinen Alletagsgesicht auch nur erlaubt durchzublinzeln. -- Auf
-emal! schlägt mir ein Trompetegeschmetter durchs Ohr, ich fahr aus
-einem tiefen Schlaf, in dem ich aller Herrlichkeiten, der um mich
-her vorgingen, vergessen, träume dem Herrn Heideblut und der Jungfer
-Lieschen meine erlebte Abenteuer zu erzähle, und ganz vergnügt bin,
-daß alles überstande ist. -- Ja, der vermeint Adler hat den Kopf in
-sein Spitzekragen gesteckt und war unbewußt seiner entschlummert über
-dem viele Geschwärm von alle bedeutungsvolle Momente, die mir da in
-eim Hui ins Alltagsleben hereingestoben kamen, und ich, als in der
-Meinung, meinen olympischen Götterglanz fortzubehaupten, fall aus der
-Roll heraus und in Schlaf. Mit natürliche Dinge wars zugegangen; denk
-sich einer die verschiedene Motionen, dene ich vom frühen Morgen an
-ausgesetzt gewesen war; es war ja alles wie ein Traum, wars da ein
-Wunder, daß ichs am End für ein Traum hielt und ruhig weiter schlief?
--- Und die Nachtdämmerung -- und ich saß ja da für gar keine weitere
-Geschäfte, als bloß Betrachtung anzustelle, was doch die Parze vor
-eigensinnige Begebenheiten einem in den Lebensfaden einspinne. No! --
-Als ich mit einem Schrecke durch alle Eingeweide aufwach, hat sich die
-Szen verändert, das Gebüsch wirft keinen Schatten mehr auf den leeren
-Platz, weil alles Tageslicht gewichen war, der Trompetenstoß, der
-mich von meinem tiefe Schlaf auferweckt hatte, war aus dem Tanzsaal
-erschallt, wo helle Fackeln brenne, wo die ganze Hofnympheschar in
-einem schwebende Tanz mit dene heraldische Cavaliere herumhüppen;
-aus den unterirdische Kellerhäls dampft ein köstlicher Speisegeruch;
-in denen sieht man die Herrn Köche mit weißen Zipfelmützen munter
-und allert Fett in das Feuer werfe, daß es hell aufflackert; die
-Champagnerflasche hört man im Plotonfeuer losknalle und die Frau Rat,
-die zu diesem Göttermahl feierlichst eingeholt waren mit vier weiße
-Schimmel, die sitzen unter einem Vogelkirschbäumche, welche Frucht man
-bekanntlich nicht esse kann, und spüren Hunger.
-
-Die Nacht war eingebrochen, und ich, unbekannt mit der Hofetikett, und
-doch mit einem Schicklichkeitsgefühl, was vielleicht grad aus grader,
-herzlicher Aufrichtigkeit den entgegengesetzte Weg hätt eingeschlagen
-von dem, was statuiert wär, ich stand in der Klemm, wie ich mich zu
-verhalten hätt, aber ich wurde sehr bald herausgerissen. Die gute Frau
-Königin hat mich in all dem Trubel nicht vergessen. Wie sie ihren
-ersten Tanz ausgemacht hat, da sieht sie sich um nach mir, und wie
-sie mich nicht finden kann, da gibt sie gleich Order. Das konnt ich
-durch die Fensterscheiben bemerken; -- kaum hat sie nach mir gefragt,
-da laufen die Kammerherren, die Lakaien durch den ganzen Saal im
-Kringel herum, um mich zu finden. Aber, dacht ich, sucht ihr nur. --
-Wie sie mich nicht finden können, da fällt ihnen doch ein, daß ich
-vielleicht könnt im Garten geblieben sein. Nun kommen sie heraus und
-verteilen sich in alle Regionen; ich drück mich dicht bei der Tür
-an die Wand, denn im Garten wollt ich mich nicht finden lassen, da
-hätt ich mich zu sehr geschämt. Nun dacht ich, jetzt ist der wichtige
-Moment, da muß ich einen energischen Streich machen und mich auf gut
-Glück wieder ins Meer stürzen, unter die Hofwogen, und mich da um
-die Wett mit denen aufbauschen. Wie also ein Hoflakai wie ein Schuß
-Pulver von der Tür abblitzt in den Garten hinaus, um mich im Gebüsch
-zu suchen, so fahr ich an dem blinde Hans vorbei, grad in den Saal
-herein, wo mir glücklicherweis alle Leut den Rücken drehten. -- Ach!!
--- Gott sei Dank!! -- Denn das Herzklopfen, was ich nach überstandner
-Katastrophe empfand -- nun, -- wer sich das denken kann! -- bis ich
-mich so allmählich wieder beruhigte. -- Denk sich einer, wenn die
-Windbeutel, die Kammerherren und Kammerdiener, da die Frau Rat unter
-dem Vogelkirschbäumchen gefunden hätten und hätten mit ihre Windlichter
-mir unter mein schlafend Angesicht geleucht. Nein, ich frag alle gute
-Freund, ob einer sich das gewünscht hätt? -- Antwort: Nein! -- Aber
-was man sich nicht wünscht, das soll man andern nicht gönnen. Ich auch
-hab mirs nicht gewünscht und hätts meinem Feind nicht gegönnt.
-
-Wie ich mich etwas erleichtert fühlte, so rückte ich allmählich
-hinter den vielen Leuten hervor, die an der Tür standen, und kam so
-ganz nah an die Frau Königin heran; die winkt mir, und nun kommen die
-Kammerjäger von ihrer Jagd durchs Buschwerk zurück und wollen eben mein
-Verschwinden melden, da sehn sie zu ihrer Verwundrung, wie ich eben
-mit denen Prinzen von Gotha, noch ein paar ganz jungen Bürschercher,
-Bekanntschaft mach. Die erzählen von meinem Sohn, weil sie ihn sehr
-gut kenne vom Weimarer Hof, und ich erzähl auch mein Bestes, und das
-war eine ganz vergnügte halbe Stund, wo ich mich ganz mit meinem
-Schicksal wieder aussöhnte. Auch hatte sich meine Verlegenheit nach
-und nach beschwichtigt über meine Toilette, denn ich hatte mir gleich
-vorgenommen gehabt, nur in keinen von denen großen hell erleuchtete
-Wandspiegel zu gucken; das war gar nicht so leicht. -- Daß, wenn
-allenfalls was an mir in Unordnung geraten wär, daß ich nicht auch noch
-+den+ Schreck auf mein gepreßt Herz laden müßt, weil aber die Leut all
-ganz vernünftig mich ansehn und keiner eine zum Lachen gestimmte Miene
-macht, da wag ich's und tu einen Seitenblick und finde mich nicht nur
-ganz menschlich, sondern ich gefalle mir auch sehr wohl mit meinem
-kuraschierten Aug, das da thront über alle verkehrte Eingebildheiten,
-mit dem sie mich rund umher zu überschauen meinten. Ich schaute auf
-sie wieder herab, wie ein Wetterdach, das sie in Schutz genommen hat
-gegen den erfrischenden Regen und den kühlenden Wind, dem sie sich
-auszusetzen Bedenken tragen, und so ließ ich sie mich umirren mit ihren
-nichtssagende Blicke, als bloß wie dürres Laub, was im Wind dahinfliegt.
-
-Die gute Frau Königin sah mirs an, daß es Zeit wär, mich zu entlassen;
-sie nahm da mein Dank recht freundlich auf und erinnert mich an die
-Zeiten, wo sie in meinem Haus unter meinem Schutz gewohnt hatte und
-tausend lustige Spielstunden in meinem Hof sich gemacht. --
-
-Da ich nun entlassen war, so kam gleich wieder so ein dienender Geist
-von morgens früh und frägt mich, ob ich vielleicht den Wagen bestellen
-wollt lassen? -- »Nichts lieber wie das«, sag ich, »bester Freund,
-verdienen Sie sich einen Lohn im Himmel, und helfen Sie mir über die
-königlich Schwell hinüber in mein bürgerlich Dasein.« Wie ich nun
-wieder im Wagen saß, wer war froher wie ich? -- Ich hatte vor allen
-überraschenden Verlegenheiten und Sorgen gar nicht können an meine
-goldne Kett denken; jetzt beguck ich sie im Mondschein, und sie machte
-mir doch großes Pläsier. -- Denn alle Auszeichnungen, die mir werden,
-das weiß ich, die hab ich doch meinem Sohn zu danken, und wie soll das
-eine Mutter nicht freuen? --
-
-Ja, es war eine pläsierliche Fahrt in der Kastanienallee heimwärts.
-Alle Baumschatten flogen im Vorbeifahren mir über meine geblendeten
-Augen, die ganz in tiefen Gedanken mit der in den Mondstrahlen
-blinkenden Kett sich beschäftigten.
-
-Es muß ein Weltengeist geben, der alle wahre und kräftig natürliche
-Gefühle nicht in den Lüften verschwirren läßt. So ein Seufzer aus dem
-Mutterherzen, auf der Darmstädter Chaussee, ist nicht dort geblieben
-als irrender Geist herumzuschweifen. Er wird sein Ziel gefunden
-haben, auch war mein Herz ganz feurig, und ich dacht, so wird auch
-heut nacht die Frau Königin eine vergnügliche Ahnung von mir haben,
-daß sie mich hat so in einen feurigen Rapport gesetzt mit meinem
-Sohn, daß ich ihn da im Mondschein zwischen dem Baumgeflüster vor mir
-schweben sehe, und kann die schönste Rede führen mit ihm, weil da
-allerlei Meldungswürdiges mir begegnet ist. Ach was man sich nicht vor
-unschuldige Unmöglichkeiten einbilden kann! -- Aber Muttergefühl ist
-eine Wünschelrut, die schlägt in allen weiblichen Herzen an. Und die
-Frau Königin auch wird nicht ohne Absicht das Verdienst als Mutter in
-mir belohnt haben, sie wird gedacht haben: wenn sie doch auch so ein
-Sohn möcht zur Welt bringen, der diese mit seiner Unsterblichkeit könnt
-ausfüllen. -- So ein Wunsch ist kein schlecht Gebet für eine erhabne
-Landesmutter -- er begreift das Wohl des ganzen Menschengeschlechts in
-sich und es kann erhört werden, eben weil es der Müh wert ist so zu
-beten, so lohnt es auch dem Schicksalsgott die Erfüllung. -- -- --
-
-Frankfurter Bürgertum ist der best Adel, der sich bis jetzt noch in
-alle Zeiten Respekt erworben hat. Welcher Staat kann sich des rühmen?
-Nun, ich kann Euch sagen, als ich in der Nacht vors Tor kam, so freut
-ich mich über die Maßen: »Sie müssen die Sperr bezahlen!« -- »Königlich
-Equipage!« ruft der Lakai vom Bock herunter. -- Schildwach ruft:
-»Heraus!« -- »Ei was!« sag ich, »freilich will ich die Sperr bezahlen.
-Stecken Sie Ihnen Ihr Seitengewehr ein, Herr Leutnant, ich bins nur und
-sonst niemand!« -- »Ei, um so besser, vor Ihnen präsentiere mer das
-Gewehr mit Vergnüge.« -- Nun, als wir durch den Orkus durchgerumpelt
-waren und endlich vor meinem Haus stillhalten, so kommt mir ein ganzer
-Trupp von Basen und Vettern entgegen gestürzt. -- Ich sag: »Ei, was
-wollt ihr dann? -- Es ist nachtschlafende Zeit!« -- »Ach, Gott seis
-gedankt, daß wir Sie wieder vor unsern Augen sehen, lieb Frau Rat;
-wir hatten gedacht, Sie wären arretiert! Die Jungfer Lieschen hat uns
-in große Ängste zusammen getrummelt, es wär eine Order kommen von
-Ihre Königliche Majestät von Preußen, grad wie Sie hätten wollen ins
-Kirschenwäldchen fahren mit der Frau Bethmann; und kaum daß Sie sich
-hätten was anziehen können, so wären Sie mit Eskorte von drei Mann
-in einem zuenen Wagen mit vier Pferd forttransportiert worden. Und
-so sitzen wir hier schon drei Stund und wissen nicht, was wir sollen
-anfangen, und eben wollten wirs dem Herrn Bürgermeister melden, und wir
-wären Ihnen nachgeeilt, aber die Jungfer hatte den Ort vergessen, wo
-Sie waren hintransportiert worden.« -- --
-
-»Nun, um Gotteswillen! Was sind das vor Sachen! -- Das Rätsel will
-ich Euch morgen lösen; heunt will ich Euch nur eins sagen, daß die
-Jungfer Lieschen eine Hahlgans ist, und ich seh wohl ein jetzt, daß ihr
-die Haub heunt morgen nicht verkehrt auf dem Kopf gesessen hat, daß
-ihr aber der Kopf verkehrt unter der Haub sitzt, davor will ich Euch
-stehn. Ich bedank mich übrigens vor die Teilnahme; und wenn Sie einmal
-arretiert werde sollten, so werd ich auch mein Bestes tun, Sie wieder
-einzuholen. Übrigens, wer meine große Abenteuer genauer will erfahren,
-der muß morgen kommen, heunt sind die Tore gesperrt.« --
-
-Nun, wie ich die gute Nachbarn los war -- so mach ich der Lieschen erst
-Vorwürf, wie sie so dumm könnt sein und mir die Leut über den Hals
-trummelt.
-
-Nun nehm ich meine Sternblumenhaub vom Kopf herunter und stülp sie über
-die Bouteille. Die hat heunt was mit mir erlebt -- ich eröffne meine
-Enveloppe, die Lieschen erstarrt vor der goldnen Kett! -- Sie macht
-mir Vorwürf, daß ich nicht gleich hab vor den Nachbarn, die um meine
-Abwesenheit waren in Sorgen gewesen, meinen Mantel aufgemacht. »Und«,
-sagt sie, »das war einmal nichts, daß die Frau Rat nicht gleich es
-gesagt haben, und morgen bei Tag wird das lang so kein Effekt machen.«
--- »Nun!« sag ich, »es ist nun emal geschehen, nun wollen wir uns ins
-Negligé werfen und ins Bett legen und von denen viele Strabatzen uns
-ausruhen!« --
-
-Nun kommts endlich so weit, daß ich im Bett liege. -- Die Frau Bethmann
-haben einen Korb mit den schönsten Kirsche mitgebracht aus dem
-Kirschenwäldchen, und wenn mirs recht wär, so wollte sie mir zulieb
-morgen noch einmal mit mir hinfahren. »Ei, freilich ist mir das recht!
-Jetzt stell sie mir die treffliche Herzkirschen an mein Bett und die
-Wasserflasche dabei, so werd ich wie eine Prinzeß mirs wohl sein lassen
-und die ganze Nacht Kirschen fressen.« --
-
-Aber die Lieschen hat keine Ruh, sie persuadiert mir noch über die weiß
-Nachtjack die goldne Kett um den Hals -- und nun bewundert sie und
-bedauert, daß es die Nachbarn von rechts und links und gegenherüber
-nicht gesehn haben! »Nun!« sag ich, »schweig sie mit ihrem Lamento, es
-ist emal vorbei; hätt ich ehnder dran gedacht, so hätt ichs freilich
-ihne zeigen können, es würde sie im ersten Augenblick, wo sie noch
-den Schreck in alle Glieder hatten über meine bewußte Arretierung,
-noch mehr gefreut und überrascht haben!« -- »Ach!« ruft die Lieschen,
-»die hab ich gleich wieder beisammen, es ist ja nit weit hin!« und eh
-ich ihr auf ihre Dummheit Kontraorder geben kann, klappt sie mit ihre
-Pantoffel die Trepp hinunter, ich hör die Haustür gehn, ich lieg da in
-der Nachtjack im Bett mit meiner goldne Kett, mit meine Kirschen; ich
-denk: Was soll das werden, alle Leut liegen um ein Uhr in der Nacht im
-tiefsten Schlaf; seit wieviel Jahr hat ein gesunder Frankfurter die
-Stern am Himmel um diese Zeit nicht gesehn; und nun poltert mir die
-Lieschen die Menschen zusammen! -- Ja, richtig, da kommen sie schon mit
-angepoltert! -- Nun, morgen wird die ganze Stadt sagen, ich wär nicht
-recht gescheut. -- Jetzt, der erst Gesell, der die Tür aufmacht, sein
-der Herr Doktor Lehr. »Ei, um Gottes wille, wie kommen Sie daher?« --
-»Ei, wie ich eben in Wagen steigen will bei der Frau Schaket, die eben
-mit einem kleinen Sohn niedergekommen sind, da kommt Ihr Hausjungfer
-Lieschen Hals über Kopf daher gerennt, und im Vorbeirenne frägt sie,
-ob ich nicht wollt die schöne Kett sehen, die Ihne der König von
-Preußen mit eigne Hände hat um den Hals gehängt!« -- Ei, die Lieschen
-ist ja imstand und redet die ganz Stadt auf, um die Kett zu sehn, und
-morgen werden die Leut sagen, ich war nicht recht gescheut! -- Nun,
-weil der Doktor Lehr in Bewundrung über meine Kette dastehn, so kommen
-die andern nachgepoltert, die all von der Lieschen und ihrer Neugierd
-wieder aus dene Betten getrummelt waren, und ich hat nicht weniger wie
-zehn Personen im Zimmer und ein fürchterlich Geschnatter! Ich sagt
-aber nichts und ließ sie gucken und Glossen machen und aß ruhig meine
-Kirschen auf, und mit der letzte Kirsch da sagt der Doktor Lehr: »Nun
-werd ich meine Kindbetterin, noch eh ich nach Haus fahr, besuchen, und
-werd von der golderne Kett noch erzählen!« -- »O«, sag ich, »schicke
-Sie mir nicht auch noch die Stadthebamm übern Hals!« -- Jetzt, kaum
-war der Doktor Lehr fort, so empfehle sich auch die Nachbarsleut und
-bedanke sich, und ich mach meine Entschuldigungen, daß die Lieschen
-ohne mein Wille sie hat wieder aus den Betten geholt, sie gaben aber
-dem Lieschen ganz recht! -- Nun, wie sie der Tür drauß waren und ich
-hör die Haustür gehn, war ich froh, daß ich endlich bei mir allein
-war. Aber da knistert was an der Tür! -- Mein Schrecken! -- ich denk,
-da ist am End heimlich ein Spitzbub hereingeschlichen, ich schrei um
-Hilf, ich will eben ans Fenster springen und die Nachbarsleut wieder
-herbeirufen, die noch nicht weit sein könne, da ich die Absätz von ihre
-Schuh deutlich in der Fern widerhallen hör auf dem Straßenpflaster.
-Aber da kommt ja wahrhaftig die Frau Ahleder herein, die Stadthebamm,
-und sagt, der Herr Doktor Lehr hätts ihr gesagt, ich hätts erlaubt,
-daß sie noch dürft komme und die goldern Kett sehn! -- »Ja«, sag ich,
-»Frau Ahleder, sehe Sie nach Gefallen, aber ich bitt Sie um Gottes
-willen, sagen Sies heut niemand wieder, damit ich doch noch einen
-Teil von der Nachtruh genießen kann!« -- Nun, die war auch die letzt
-Nachtvisit, aber acht Tag hintereinander strömte alle Leut zu mir, und
-ich mußte viele alte Bekanntschafte erneuern und viel neue machen wegen
-der Kett und mußt meine Geschicht von alle Seite erzähle, wo ich dann
-unendlich viel Variation dabei angebracht hab und hab denen besuchende
-Neugierigen einem jeden noch apart mit eingeflochten, was ich meint,
-daß ihm not wär zu bedenken. Den ersten Tag war ich durchgewitscht
-ins Kirschenwäldchen, da sind sie mir ja all nachkommen zu Fuß und zu
-Wagen, und das ganze Kirschenwäldchen war gestopft voll Zuhörer, und
-die Gassenbuben haben Spalier gemacht um mich herum, und ich mußt eine
-Prachterzählung machen, und ich wärs beinah satt geworden, ich war
-froh, wie sich der erst Sturm gelegt hatte. Nun, heunt hab ich wieder
-einmal die alt Geschichte mit besonderm Pläsier aufgewärmt, und ich
-hoffe, daß sie Euch wird eingeleuchtet haben.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Friedrich Theodor Vischer:
-
-Die Tücke des Objekts.
-
-
-Vorbemerkung des Herausgebers.
-
- Der nachfolgende Abschnitt ist dem großen, humoristisch-satirischen
- Reiseroman »Auch Einer« entnommen, den Vischer im Jahre 1879
- veröffentlichte. Eine Fülle geistsprühender Aphorismen, scharf
- pointierte Betrachtungen über alle Dinge in Kunst und Leben ranken
- in bunten Verschlingungen in diesem Buch, das mit derbem Behagen
- und kräftigem Humor einen Menschen schildert, den Reisebekannten
- A. E. (Auch Einer), der sich der Tücke des Objekts, d. h. der
- Widerwärtigkeiten all der kleinen, störenden, an sich unbedeutenden
- Zufallsdinge des Alltags nicht erwehren kann. Auf einer Reise in
- die Schweiz macht der Dichter die Bekanntschaft des sonderbaren
- Helden. Gleich in der ersten Nacht, die sie im selben Hotel Wand an
- Wand verleben, lernt der Dichter aus dem Munde des Herrn A. E. die
- widerwärtige Tücke des Objekts kennen. Vischer erzählt:
-
-[Illustration]
-
-
-Ich konnte lang nicht einschlafen, hörte meinen Wandnachbar in sein
-Zimmer treten, sich auskleiden und zu Bett legen. Das Haus war so
-hörsam, daß selbst das Nagen einer Maus im Nebenzimmer meinem Ohre
-nicht entging. Den unbekannten Bewohner desselben hielt ich für
-längst eingeschlafen, als ich die Worte vernahm: »Ach es fängt an.«
-Es war die Stimme meines armen Verkälteten. Was denn auch wirklich
-anfing, war ein scharfes Husten und häufiges starkes Räuspern und
-Spucken, das, von tiefen Seufzern unterbrochen, zu meiner eignen Qual
-wohl eine Stunde dauerte, dann aber einem fürchterlichen Schnarchen
-Platz machte, das im ganzen Register einer Orgel sich hin und her
-bewegte, oft von stoßenden, plötzlich abschnappenden Tönen und bangen
-Pausen unterbrochen, worin der musikalische Schläfer nach Atem zu
-ringen schien. Ich hätte ernstlich für seine Lunge gefürchtet, wenn
-nicht seine Gesichtsfarbe, gewölbte Brust, Energie der Bewegungen,
-wie ich sie während des Tags beobachtet hatte, eine ausdauernde
-Widerstandskraft verbürgt hätten. Endlich schlief ich doch selbst
-ein, freilich nur, um sehr früh geweckt zu werden und zwar durch ein
-Auf- und Abgehen meines Nachbars, das mit Geräuschen wechselte, aus
-denen ich auf ein ungeduldiges Suchen in Schubladen, auf Tischen, in
-allen Geräten des Zimmers schließen mußte. Das Laufen, Stöbern wurde
-immer heftiger, ein Selbstgespräch, das diese wilden Bewegungen zuerst
-leis begleitete, wurde lauter und lauter und ging dann in wütende
-Ausrufungen, endlich in einen Hagel von Flüchen über, die in der Tat
-nicht christlich, vielmehr türkisch, ja heidnisch zu nennen waren
-und von einem wütenden Stampfen und Wettern begleitet wurden. Ich
-hielt es nicht mehr aus, der Mensch schien mir rein toll geworden, ich
-kleidete mich flüchtig an, klopfte an seiner Tür und trat, in meiner
-Aufregung die Form vernachlässigend, ins Zimmer, ohne auf das »Herein«
-zu warten. Mit zornsprühenden Augen, hochrot im Gesicht, fuhr der
-Bewohner auf mich zu, er schien mich an der Kehle packen zu wollen;
-plötzlich aber faßte er sich, stand unbewegt vor mir, sah mich mit
-durchdringendem Blick an und sagte ruhig streng: »Mein Herr, Sie führt
-ein Bildungsbedürfnis hier herein.« Es war mit meinem Gewissen nicht
-sonderlich bestellt, denn ich hatte doch eine Formverletzung begangen;
-dies machte mich wehrlos, ganz kleinlaut sagte ich: »Ja«, und fragte
-nun, was er denn aber ums Himmels willen eigentlich habe. A. E. -- so
-wollen wir meinen Reisebekannten von nun an der Kürze halber nennen
--- fiel jetzt wieder in seinen Wutzustand und schrie mit Donnerlaut:
-»Meine Brille, meine Brille! Die Canaille hat sich wieder einmal
-verkrochen -- vom Schlüssel, dem kleinen Teufel, vorerst nicht zu
-reden!«
-
-»Also Ihre Brille suchen Sie? Ist dies Objekt es wert, daß man in
-solche Wut gerate? Kennen Sie denn auch gar keine Geduld?«
-
-Er wollte gegen mich auffahren, faßte sich aber auch diesmal wieder,
-sah mich an und sagte: »Schraubenschlüssel? Pfropfzieher?«
-
-»Was soll das?«
-
-»Nun, neulich träumte mir schrecklicherweise, ich habe eine Frau;
-ich lachte sie aus, daß sie die Zeitung unaufgeschnitten lese und
-jahrelang eine Schublade dulde, die nicht geht. Hierauf hielt sie
-mir eine Geduldpredigt und verlangte, ich solle zur Übung dieser
-Tugend an meinem Rock statt Knopflöcher und Knöpfe Schrauben und
-Schraubenmütter tragen, die sich ja ganz elegant von blau angelaufenem
-Metall herstellen ließen, oder auch Pfröpfe, und ich könnte jedesmal,
-wenn ich den Rock öffnen wolle, jene mit einem Schraubenschlüssel,
-diese mit einem Pfropfzieher aufmachen. -- O was! ein Weib ist fähig,
-über einen Schrank einen Teppich so zu legen, daß er über die oberste
-Schublade überhängt und, so oft diese gezogen und geschlossen wird,
-sich einklemmt! Mein Herr, das Weib hat +Zeit+ für den Kampf mit dem
-Racker Objekt, sie +lebt+ in diesem Kampf, er ist ihr Element; ein Mann
-darf und soll keine Zeit hiefür haben, er braucht seine Geduld auf für
-das, was der Geduld +wert+ ist. Über die Zumutung, beides zu verwenden
-an das Unwerte, kann, darf, soll er wüten! Sie können doch wissen,
-daß die elenden Objekte, diese Igel, diese Nickel, sich nie lieber
-einhaken, als wenn wir die höchste Eile haben, etwas fertig zu bringen,
-was nötig und vernünftig ist! Elender Bettel, nichtswürdiger Knopf oder
-Knäuel eines Bündels, Lorgnettenschnur, die sich um meinen Westenknopf
-wickelt, just, wenn es auf der Eisenbahn aufs äußerste eilt, einen
-klein gedruckten Fahrplan nachzusehen, ich hab' ja keine Zeit, keine
-Zeit für euch! Und wenn ich tausend Blutigel an die Ewigkeit setze, sie
-ziehen mir nicht eine Sekunde Zeit für euch heraus!«
-
-»Was nützt aber die Wut?«
-
-»O geistlos! Hat es Luther nichts genutzt -- falls von Nutzen die Rede
-sein soll -- wenn er den Teufel fortschalt? Wißt ihr denn nichts von
-Entlastung der armen Seele? Von der köstlichen Arznei, die im Fluchen
-liegt?«
-
-Der böse Geist kam mit neuer Gewalt über ihn, er schoß wütend im Zimmer
-hin und her und ergoß eine Flut von Schimpfwörtern auf die arme Brille.
-Ich suchte inzwischen am Boden herum; ich hob ein paar Hemden weg, die
-blank, aber zerzaust umherlagen, und mein Blick fiel auf ein Mausloch
-in einem Bretterspalt; ich glaubte, darin etwas schimmern zu sehen,
-strengte meine Augen an, die sich einer guten Sehkraft erfreuen, und
-die Entdeckung war gemacht; ich nahm den schwergeärgerten Mann leicht
-am Arm und deutete schweigend auf die Stelle. Er stierte hin, erkannte
-die vermißten Gläser und begann: »Sehen Sie recht hin! Bemerken Sie
-den Hohn, die teuflische Schadenfreude in diesem rein dämonischen
-Glasblick? Heraus mit dem ertappten Ungeheuer!«
-
-Es war nicht leicht, die Brille aus dem Loch zu ziehen, die Mühe stand
-wirklich im Mißverhältnis zum Werte des Gegenstands, endlich war es
-gelungen, er hielt sie in die Höhe, ließ sie von da fallen, rief mit
-feierlicher Stimme: »Todesurteil! ~Supplicium!~« hob den Fuß und
-zertrat sie mit dem Absatz, daß das Glas in kleinen Splittern und Staub
-umherflog.
-
-»Ja, jetzt haben Sie aber ja keine Brille,« sagte ich nach einer Pause
-des Staunens.
-
-»Wird sich finden, diese Teufelsbestie wenigstens hat ihre Strafe
-für jahrelange unbeschreibliche Bosheit. Kommen Sie, da, sehen Sie«
-Er zog seine Uhr heraus; es war eines der ordinärsten, in der Tat
-gemeinsten Produkte der horologischen Industrie, ganz Zwiebel. »Statt
-dieses redlichen, treuen Wesens«, fuhr er fort, »fungierte früher eine
-goldene Repetieruhr, die, ich kann es sagen, ihr Stück Geld gekostet
-hatte; sie vergalt dieses Opfer jahraus jahrein mit Tücken jeder Art,
-ging nie recht, benutzte arglistig jede Gelegenheit, zu fallen, sich
-zu verstecken, Gläser zerbrachen so viele, daß es mich bald an den
-Bettelstab gebracht hätte, endlich setzte sie sich mit dem Haken der
-goldenen Uhrenkette in Einverständnis, in Verschwörung. Mit den Haken,
-mein Herr, hat es nämlich eine eigne Bewandtnis. Das Tendenziöse,
-was im Objekt überhaupt liegt -- darüber wäre einiges zu sagen, mein
-Herr, aber das ist von langer Hand -- das Tendenziöse spricht sich
-so offenkundig in der Galgenphysiognomie der Haken aus, daß man im
-Umgang mit diesen hämischen Gesichtern leicht unvorsichtig wird; man
-denkt: dich kenne ich ja, dich verrät deine griffige, vor sich selbst
-warnende Bildung, du wirst mich nicht überlisten; eben darüber wird
-man im Gegenteil fahrlässig. Ganz umgekehrt verhält es sich bei so
-manchen andern Objekten. Wer sollte zum Beispiel einem simplen Knopf
-seine Verruchtheit ansehen? Aber ein solcher Racker hat mir neulich
-folgenden Possen gespielt. Ich ließ mich gegen alle meine Grundsätze
-zur Teilnahme an einem Hochzeitsschmaus verleiten; eine große silberne
-Platte, bedeckt mit mehrerlei Zuspeisen, kam vor mich zu stehen; ich
-bemerkte nicht, daß sie sich etwas über den Tischrand heraus gegen
-meine Brust hergeschoben hatte; einer Dame, meiner Nachbarin, fällt die
-Gabel zu Boden, ich will sie aufheben, ein Knopf meines Rockes hatte
-sich mit teuflischer List unter den Rand der Platte gemacht, hebt
-sie, wie ich schnell aufstehe, jäh empor, der ganze Plunder, den sie
-trug, Saucen, Eingemachtes aller Art, zum Teil dunkelrote Flüssigkeit,
-rollt, rumpelt, fließt, schießt über den Tisch, ich will noch retten,
-schmeiße eine Weinflasche um, sie strömt ihren Inhalt über das weiße
-Hochzeitkleid der Braut zu meiner Linken, ich trete der Nachbarin
-rechts heftig auf die Zehen; ein andrer, der helfend eingreifen will,
-stößt eine Gemüseschüssel, ein dritter sein Glas um -- o, es war ein
-Hallo, ein ganzes Donnerwetter, kurz ein echt tragischer Fall: die
-zerbrechliche Welt alles Endlichen überhaupt schien in Scherben gehen
-zu wollen; mich ergreift die Stimmung des Erhabenen, ich fasse zunächst
-eine Champagnerflasche, trete ans Fenster, öffne es, schwinge sie
-empor, der Bräutigam fällt mir in den Arm, ich erzürne mich, es gibt
-bös Blut, die Braut war ohnedies halb ohnmächtig, kurz -- ich mag nicht
-weiter erzählen, denn nun wurde die Sache komisch.«
-
-»Ernst, wollen Sie sagen?«
-
-Er staunte mich an wie einen Menschen, der alle gesunden Begriffe
-verwirrt; ich verzichtete auf weiteres Eingehen und bat ihn, das
-Trauerspiel von Haken und Uhr zu vollenden.
-
-»Ja so, ja, also: der Haken schlich in einer Nacht über das Tischchen,
-worauf ich die Uhr achtsam gelegt, leise hinüber nach dem Bett,
-nestelte sich in eine Naht des Kissenüberzugs ein, das Kissen war mir
-überflüssig, ich hob es rasch und warf es an das Fußende des Bettes,
-die Uhr nun natürlich mit; in einem prächtigen Bogen schwang sie sich
-an die Wand und fiel mit zersplittertem Glase nieder. Es war genug. Ich
-zertrat sie feierlich wie diese Verbrecherin von Brille, der Kobold gab
-dabei einen Ton von sich, einen Pfiff wie eine verfolgte Maus, ich kann
-schwören, daß es ein Laut war, der nicht im Umfange der physikalischen
-Natur liegt. Nun, dann habe ich mir hier diese bescheidene Zeigerin
-der Zeit um niederträchtig geringes Geld gekauft; betrachten Sie die
-Gute: bemerken Sie den Ausdruck von Biederkeit in diesen schlichten
-Zügen; seit zwanzig Jahren dient sie mir -- unberufen, unberufen! --
-treu und ehrlich, ja, ich kann sagen, nicht +einen+ Verdruß hat sie mir
-bereitet. Die goldene Uhrenkette hat jetzt mein Bedienter, der Haken
-wurde zu schmachvollem Tod in der Kloake verdammt, und ich trage meine
-redliche Zwiebel an dieser sanftgearteten seidenen Schnur; Johann, der
-muntre Seifensieder.«
-
-A. E. war während dieser Darstellung, in deren Breite er sich zu
-gefallen schien, ganz ruhig geworden und fuhr gelassen fort:
-
-»Jetzt das übrige! Die übrige Geschichte dieser schwarzen Morgenstunde!
-
-»Zuerst springen an drei Hemden die Knöpfchen ab, da ich sie anziehen
-will. Ja, ja, so ein Hemdknopf! Ein Bär stellt sich ehrlich zum Kampf;
-ich weiß, was ich zu tun, wie ich meine Waffe anzuwenden habe; einen
-hundertjährigen Eichbaum kann ich mit Kraft und Ausdauer umhauen; aber
-der Knirps! Ich soll Kraft anwenden, denn die Bestie will absolut
-nicht durchs Knopfloch, und ich soll sie zugleich ebensosehr gar nicht
-anwenden, sondern ganz fein und leicht mit den Fingerspitzen arbeiten,
-und indem ich mich placke, schinde, abrackere, foltere, töte, das
-Widersprechende zu leisten -- o lustig! springt die Schmachkanaille
-erst recht ab! Die Teufel nehmen Besitz vom Weibe, uns dies Scheußliche
-zu bereiten. Ich habe es von glaubwürdigen, wahrheitliebenden und
-besonnenen Ehemännern: wegen der Hemdknöpfchen heiratet man, und dann
-ist es erst recht nichts damit. -- Weiter! -- Nur im Vorbeigehen will
-ich anführen, daß mich zuerst beim Ankleiden ein höchst ränkesüchtiges
-Armloch gute fünf Minuten lang insultiert hat -- dabei blieb ich aber
-noch ganz ruhig -- denn ich kann mich beherrschen, mein Herr! Nun aber
-sehen Sie diesen Schlüssel« -- er zog einen kleinen Schlüssel hervor,
-der wohl zu seiner Reisetasche gehörte -- »und sodann diesen Leuchter!«
--- er hielt mir den metallenen Leuchter umgekehrt vors Auge, so daß
-ich in die Höhlung seines Fußes sah -- »was glauben, was denken, was
-sagen Sie?«
-
-»Ja, was weiß denn ich?«
-
-»Stark eine halbe Stunde lang habe ich heute morgen diesen Schlüssel
-gesucht -- es war zum Rasendwerden, da finde ich ihn endlich, sehen
-Sie, so!« Er legte den Schlüssel auf das Tischchen am Bett, stellte den
-Leuchter darauf; der Schlüssel fand just, wie ausgemessen, Platz unter
-dem Leuchterfuß.
-
-»Wer kann nun daran denken, wer auf die Vermutung kommen, wer so
-übermenschliche Vorsicht üben, solche Tücke des Objekts zu vermeiden!
-Und dazu lebe ich! An solches hündische Suchen muß ich meine arme,
-kostbare Zeit verschwenden! Suchen, suchen, und wieder suchen! Man
-sollte nicht sagen: so und so lang hat A. oder B. gelebt, nein:
-gesucht! -- Und ich bin sehr, sehr pünktlich, glauben Sie mir das!« --
-
-»Jawohl ist das Leben ein Suchen,« sagte ich mit einem Seufzer, der
-scheinen konnte, den Mühen des Lebens zu gelten, während er in Wahrheit
-von der Langeweile ausgepreßt war, da die breite Beschäftigung mit dem
-Bagatell mich denn doch zu ermüden begann. Daher denn auch die flache
-Bemerkung selbst, die nur um jeden Preis nach einem Inhalt abzulenken
-suchte.
-
-Ich kam schlecht an. »So, mein Herr, symbolisch?« sagte er. »Und das
-soll dann tiefer sein! Ah! O!«
-
-»Nun, was denn?«
-
-»Sehen Sie, mein Herr, suchen im bildlichen Sinn, darüber, daß das
-Leben so ein Suchen ist, darüber klage ich nicht, darüber sollen Sie
-nicht seufzen. Das Moralische versteht sich immer von selbst. Ein
-rechter Kerl sucht, strebt und beschwert sich nicht darüber, sondern
-ist glücklich in diesem Unglück der aufsteigenden und nie anlangenden
-Linie des Lebens. Das ist unser oberes Stockwerk. Aber die Zugabe, die
-Hundenot gleichzeitig im untern Stockwerk des Lebens -- davon ist die
-Rede. Da ist also zum Beispiel das Suchen, das so toll, so nervös,
-so wahnsinnig macht. Man verfällt ja dabei immer in den Theismus.
-Der liebe Gott, der oben herunterschaut, der die Haare auf unserm
-Haupte zählt, der mich nun stundenlang meine Brille suchen sieht --
-er sieht ja auch die Brille, weiß recht gut, wo sie liegt -- ist es
-zum Ertragen, nun denken zu müssen, wie er lachen muß? -- Allgütiges
-Wesen! Meinen Sie, ein solches würde ferner den Katarrh zulassen?
-Leben -- Suchen -- Spucken! Da sagen die törichten Menschen von einem
-Ausgedienten, von einem Erlösten, von dem sie meinen, er gehe als Geist
-um, er spuke! Dummes Zeug, aus hat er gespuckt! O, wir sind geboren, zu
-suchen, Knoten aufzudröseln, die Welt mit Hühneraugen anzusehen, und
-ach! zu niesen, zu husten und zu spucken! Der Mensch mit seines Hauptes
-gewölbter Welt, mit dem strahlenden Auge, dem Geist, der in die Tiefen
-und Weiten blitzt, mit dem Fühlen, das mit Silberschwingen zum Himmel
-aufsteigt, mit der Phantasie, die ihres Feuers goldene Ströme ausgießt
-über Berg und Tal und sterblich Menschenbild zum Gott erklärt, mit dem
-Willen, dem blanken Schwert in der Hand, zu schlichten, zu richten, zu
-bezwingen, mit der frommen Geduld zu pflanzen, zu pflegen, zu wachen,
-daß der Baum des Lebens wachse, gedeihe und Himmelsfrucht jeder sanften
-Bildung trage, der Mensch mit der Engelsgestalt des ewig Schönen im
-ahnenden, sehnenden Busen -- ja, dieser Mensch verwandelt in einen
-schleimigen Mollusken, zur klebrigen Auster erniedrigt, ein Magazin,
-ein Schandschlauch für vergärenden Drüsensaft, eine Schneuzmaschine,
-im Hals ein zackig Kratzeisen, ein Nest von Teufeln, die mit feinen
-Nadeln nächtelang am Kehlkopf kitzeln, die Augen trübe, das Hirn dumpf,
-stumpf, verstört, der Nerv giftig gereizt, und dabei erst nicht als
-Kranker geltend, noch geschont -- und da soll es einen Gott --!«
-
-Hier geriet mein Gottesleugner in ein Niesen und Husten so
-teilnahmwerter Art, daß ich eine Bemerkung, die mir auf der Zunge lag:
-der Katarrh sei denn doch nicht der gewöhnliche Zustand des Menschen,
-gern unterdrückte; ich konnte freilich ohnedies ahnen, daß ich schlecht
-damit gefahren wäre. Dagegen wollte ich mich doch nicht enthalten, als
-der Paroxismus zu Ende war, vorzubringen: »Aber was machen Sie denn,
-wenn Sie ernstlich, schwer krank sind?«
-
-A. E. war inzwischen daran, sich reisefertig zu machen, wurde über
-einem Hindernis, das sich an der Rückseite seiner Beinkleider zu
-befinden schien, noch einmal sichtlich aufgeregt, trat plötzlich hart
-vor mich, machte straff wie ein Soldat rechtsum kehrt und schrie sehr
-laut und schroff: »Hier!«
-
-Ganz verdutzt, als ich nun so breit seinen Rücken vor mir hatte, dachte
-ich, ob denn dies der Anfang des versprochenen Bildungsunterrichts sein
-solle; er ließ mir ziemlich Zeit zur Betrachtung, bis der Aufschluß
-kam: »Sehen Sie die Lappen am Hüftgurt? sind fünfmal, sage fünfmal beim
-Schneider gewesen vor der Abreise; zuerst zu lang oder zu weit, dann
-wieder zu kurz oder zu eng, dann beides noch einmal so -- nun? wie
-steht's mit der Theologie?«
-
-Ich verstand jetzt, daß ich sehen sollte, wie die Lappen einander zu
-nah angenäht waren, die Gürtung also nicht genug angezogen werden
-konnte; er war zufrieden, als ich mein Verständnis kund gab, und nun
-schien der Sturm ausgetobt zu haben. Meine vorige Bemerkung fiel ihm
-jetzt wieder ein.
-
-»Was haben Sie von recht Kranksein gesagt? Nun, das ist ja Geduld wert.
-Das Moralische versteht sich immer von selbst.«
-
-Er hatte inzwischen seine Reisetasche gepackt, wobei er, wie ich
-bemerkte, sehr geschickt zu Werke ging; es galt, viele Kleinigkeiten
-in engen Raum zusammenzufügen, und er brachte es ganz nett zustande;
-Ungeschicklichkeit, das sah ich, konnte nicht die Ursache des
-Kriegszustandes sein, in dem er mit dem Bagatell sich befand. Er
-sagte mir nun, er wolle seine Reise auf der Axenstraße am See zu Fuß
-fortsetzen. Leicht konnte er sich denken, daß ich wahrscheinlich
-ebendasselbe vorhabe, der Gedanke eines Zusammenwanderns lag, da wir
-denn doch schon Bekannte waren, nahe genug, aber es fiel ihm nicht
-ein, auch nur einen Wink zu geben, der entfernt einer Einladung
-gleichgesehen hätte. Ich dachte, er erwarte, daß ich mich ihm erst
-vorstelle, und begann: »Erlauben Sie, es ist doch wohl Zeit, daß ich
-mich Ihnen --«
-
-Er unterbrach mich: »Bitte, danke, lieber nicht -- verzeihen Sie, es
-ist nicht Maske, nicht Geheimtuerei von mir, gewiß nicht, liebe aber,
-auf der Reise wenigstens, alles klar, frei. Name und Stand macht
-Nebengedanken, führt auf Namen-Etymologie und dergleichen, wir sind
-eben jeder ein Ich, eine Person oder, wie Fischart sagt, seelhaftes
-Lebwesen; wir befinden uns besser so.«
-
-Ich war nun schon im Zuge, dem wunderlichen Kauz nichts übel zu nehmen,
-und da, wie ich gestehe, meine Neugierde nach Namen und Stand eben
-auch nicht groß ist, so ließ ich mir's unschwer gefallen, daß ich auch
-nicht erfahren sollte, wen ich eigentlich vor mir habe. Ich reichte auf
-der Schwelle die Hand zum Abschied, und A. E. wollte sie eben nehmen,
-als ihm einfiel, daß er doch erst frühstücken sollte; dieses Werk
-wenigstens noch gemeinsam zu verrichten, dagegen schien er denn doch
-nichts zu haben, und so stieg ich mit ihm in die »~salle à manger~«
-hinab.
-
-[Illustration]
-
-Beim Eintreten bemerkte ich, daß er einen ängstlich suchenden Blick
-nach den vier Ecken des Saales, und zwar auf den Fußboden, warf;
-der Blick kehrte beruhigt zurück, als er in der vierten ein kleines
-Gerät bemerkte, das hustenden Menschen erwünscht sein mag; mit
-höchst gemütlichem Tone sagte er: »Der Saal ist doch ganz ordentlich
-möbliert,« und von da schien eine erträglich gute Laune bei ihm
-einzutreten. Das Frühstück stand nach Art der Schweizer Gasthöfe in
-diesen Frühstunden stets bereit, und A. E. -- nachdem er Honig und
-Butter heftig weggeschoben hatte -- griff rüstig zu, ich desgleichen.
-Wir waren allein im Saale, doch bald trat ein dritter Reisender ein.
-Es war ein Mann von gesetzten Jahren, er trug ein Staubhemd von
-ungebleichter Leinwand mit einem kleinen, über die Schultern hängenden
-Kragen und auf dem Rücken einen nicht ungewichtigen Leinwandtornister,
-auf seiner Stirn lag ein bemerklicher Wanderschweiß, man sah, er hatte
-diesen Morgen schon einige Stunden zurückgelegt; er legte seine Last
-ab, stellte den soliden, bauschigen Regenschirm in eine Ecke, nicht
-ohne ihn mit einem Blick zu betrachten, der eine innere Zufriedenheit
-mit dem gediegenen und nützlichen Gerät ausdrückte, begab sich rasch
-an den Tisch, setzte sich an sein andres Ende, rückte sich den Stuhl
-recht nahe, zog eine Brille hervor, besah sich, was aufgesetzt war,
-schien mit der Vollständigkeit der Dinge, die zu einem englischen
-Frühstück gehören, sehr einverstanden und begann mit dem vollen
-Ausdruck einer Seele, die sich bewußt ist, daß ihr Leib sein Frühstück
-redlich verdient habe, die genußverheißende Arbeit des Schneidens
-und Butterstreichens. Es war leicht zu ersehen, daß der Mann dem
-Gelehrtenstande angehören mußte, und seine etwas bleiche Gesichtsfarbe
-legte den Schluß nahe, daß er zu jener Gattung der Gebirgsreisenden
-gehören möge, die durch starke Fußmärsche in Ferien einzubringen
-suchen, was sie durch sitzende Lebensart das Jahr hindurch ihrem
-Organismus Leides zufügen müssen.
-
-A. E., der inzwischen die Eßlust gestillt, schien zum Abmarsch keine
-besondere Eile zu haben, steckte sich gemächlich eine Zigarre an
-und begann zu mir: »Sie geben also zu, daß die Physik eigentlich
-Metaphysik ist, Lehre vom Geisterreich. Das heißt, ich vermute, daß
-Sie es zugeben, wiewohl ich es Ihnen philosophisch eigentlich noch
-nicht begründet habe, denn was Sie sicherlich bereits erkannt haben,
-das ist die allgemeine Tendenziosität, ja Animosität des Objekts, des
-sogenannten Körpers, was die bisherige Physik geistlos mit Namen wie:
-Gesetz der Schwere, Statik und dergleichen bezeichnet hat, während es
-vielmehr aus Einwohnung böser Geister herzuleiten ist.«
-
-Der Fremde hatte inzwischen einen länglichen Brotlaib höchst
-kunstgerecht wie man es wohl im »Kurmärker und die Picarde«
-vom preußischen Landwehrmann verrichten sieht, der Länge nach
-entzweigeschnitten und war eben beschäftigt, die Butter schön und
-glatt wie mit einem Modellierholz aufzustreichen; er hielt bei diesen
-Worten einen Augenblick inne, warf unter den buschigen Brauen einen
-sonderbaren Blick nach uns herüber und fuhr dann nachdenklich in seinem
-plastischen Geschäfte fort, indem er öfters mit einem Ausdruck von
-Staunen und Ironie den Kopf hin und her wiegte. Es kam mir der Gedanke,
-ob A. E. auf ihn berechne. Es schien entschieden nicht. Er hatte auf
-den Eintretenden nur einen raschen Blick geworfen, freilich einen
-scharf erfassenden, denn sein Auge pflegte zu blicken, als wäre eine
-fest greifende Hand darin, doch nicht ein Zeichen ließ vermuten, daß er
-sich weiter um den Unbekannten kümmere.
-
-»Animos,« fuhr er fort, -- »haben Sie denn auch nur schon beobachtet,
-wie das fallende Papierblatt uns verhöhnt? Sind sie nicht wahrhaft
-graziös, die Spottbewegungen, womit es hin und her flattert? Sagt nicht
-jeder Zug mit blasiert eleganter Frivolität: doch noch gewonnen!? O,
-das Objekt lauert. Ich setze mich nach dem Frühstück frisch, wohlgemut
-an die Arbeit, ahne den Feind nicht. Ich tunke ein, zu schreiben,
-schreibe: ein Härchen in der Feder, damit beginnt es. Der Teufel will
-nicht heraus, ich beflecke die Finger mit Tinte, ein Flecken kommt aufs
-Papier -- dann muß ich ein Blatt suchen, dann ein Buch und so weiter,
-und so weiter, kurz, der schöne Morgen ist hin. Von Tagesanbruch bis
-in die späte Nacht, solang irgend ein Mensch um den Weg ist, denkt
-das Objekt auf Unarten, auf Tücke. Man muß mit ihm umgehen, wie der
-Tierbändiger mit der Bestie, wenn er sich in ihren Käfig gewagt hat;
-er läßt keinen Blick von ihrem Blick und die Bestie keinen von seinem;
-was man da von der moralischen Gewalt des Menschenblickes vorbringt,
-ist nichts, ist Märchen; nein, der starre Blick sagt dem Vieh nur, daß
-der Mensch wacht, auf seiner Hut ist, und Blick gegen Blick, gleich
-fix gespannt, lauert es denn, ob er sich einen Augenblick vergesse.
-So lauert alles Objekt, Bleistift, Feder, Tintenfaß, Papier, Zigarre,
-Glas, Lampe -- alles, alles auf den Augenblick, wo man nicht acht
-gibt. Aber um Gottes willen, wer kann's durchführen? Wer hat Zeit?
-Und wie der Tiger im ersten Moment, wo er sich unbeobachtet sieht,
-mit Wutsprung auf den Unglücklichen stürzt, so das verfluchte Objekt;
-plumper oder feiner, wie es kommt, diabolisch fein zum Beispiel das
-Eisenfeilstäubchen, das mir ins Auge flog am Morgen, als ich eine
-Fußreise antreten wollte, auf die ich mich lange gefreut, und das mich
-ums Auge zu bringen drohte -- o, überhaupt: glauben Sie, wenn ein
-ordentlicher Mensch reisen will, halten die Teufel ein ökumenisches
-Konzil -- Vorschläge -- Anträge -- Amendements -- zum Exempel:
-Antrag: Hühnerauge, Amendement: unter dem Nagel; oder Antrag: Grimmen
-auf der Eisenbahn, Amendement: in Gesellschaft einer Dame; Antrag:
-schlecht Wetter, Amendement: zerrissene Schuhe und die neuen zu eng.
-Doch nicht immer waltet aggressive Form. Das Objekt liebt in seinem
-Teufelshumor namentlich das Verschlupfspiel. Wie die gute, sorgende,
-schützende Natur einige Tiere dem Boden gleich färbt, bildet, auf
-dem sie leben, sich nähren, damit sie der Feind schwerer entdecke
--- Raupe, Schmetterling der Baumrinde, dem Baumblatt, Hase der Erde
-gleich -- so verfahren auch gern die Dämonen: zum Beispiel rotbraunes
-Brillenfutteral versteckt sich auf rotbraunem Möbel; doch Haupttücke
-des Objekts ist, an den Rand kriechen und sich da von der Höhe
-fallen lassen, aus der Hand gleiten -- du vergissest dich kaum einen
-Augenblick und ratsch --«
-
-Wir hörten in diesem Augenblick ein kleines Geräusch von der Seite des
-dritten Gastes her, sahen ihn hastig unter den Tisch fahren und mit
-einem Körper in der Hand wieder auftauchen, den er mit großem Schrecken
-und darauf folgender tiefer Wehmut betrachtete. Es war sein zuerst
-mit Butter, dann mit Honig ebenso korrekt gestrichenes als korrekt
-geschnittenes Brot, und dasselbe war -- »natürlich« würde A. E. sagen
--- auf die gestrichene Seite gefallen.
-
-Ich unterdrückte nur notdürftig einen mächtigen Lachreiz, denn es war
-doch auch gerade, als ob das »Ratsch« und das Fallen des Brotes in
-einem geisterhaften Kausalitätsverhältnis gestanden wären. A. E. sah
-ganz ernst hinüber und nickte sanft mit dem Kopfe, ohne einen Zug des
-Spottes, ja eher mit einem Zug der Teilnahme, als wollte er sagen:
-das kennen wir armen Sterblichen. Der Fremde schoß jetzt nicht nur
-einen, sondern eine Batterie von Blicken, grimmigen, auf uns herüber
-und machte sich höchst verdrießlich an das Geschäft, dem unheilbaren
-Schnitten einen entsprechenden Nachfolger hervorzubringen.
-
-A. E. fuhr ruhig fort: »Dann ist es überhaupt so eine Sache mit
-dem Ding da, den zwei Dingen, was Kant die reinen apriorischen
-Anschauungsformen nannte.«
-
-»Raum und Zeit?«
-
-»Eben. Was ist der Raum denn andres, als die unverschämte Einrichtung,
-vermöge deren ich, um den Körper ~a~ hierherzusetzen (-- er zeigte es
-an Tassen, Kannen, Körbchen, Flaschen, Gläsern, die etwas dicht auf dem
-Tische standen --), vorher ~b~ dort weg, um Platz, für b zu bekommen,
-wieder ~c~ da hinwegstellen muß und so mit Grazie ~in infinitum~ --?
-Und die Zeit? Das ist dasjenige, was man dazu doch nicht hat. Denn
-Donnerwetter und alle tausend Teufel, leben wir dazu, um zehn Griffe
-nötig zu haben zu dem, was kaum eines Griffs wert ist!«
-
-Der Unbekannte bewegte jetzt stärker und ärgerlich lachend den Kopf hin
-und her und eine sichtbare Unruhe kam ihm in die Beine.
-
-A. E. war nun gut im Zuge. »Ein andermal«, fuhr er fort, »sind die
-Nickel unverschämt in entgegengesetzter Richtung. Jetzt will zusammen,
-was nicht zusammengehört. Kennen Sie eine der verfluchtesten Formen:
-das Mitgehen? Wenn so ein liebenswürdiges Blatt, das zum Aktenstoß Y
-gehört, beim Ordnen, Aufbewahren zu unterst an Faszikel Z hinkriecht
-und mit hinein in das Schubfach schlüpft und sich über Tag, Woche
-oder Jahr nicht finden, sich suchen läßt unter Verzweiflung, Wut,
-Rennen bis zum Wahnsinn? Dagegen ist so was, wie das bekannte, ewige
-Unterschlüpfen der Damenkleider unter den Stuhlfuß des Nachbars nur
-ein kleiner, zierlich pikanter Spaß des teufelbesessenen Objekts,
-doch interessant als allein schon hinreichend, unsre dumme Physik zu
-stürzen, denn wer könnte so etwas mechanisch erklären?«
-
-Jetzt fuhr der Fremde auf mit dem Ruf: »Es wird zuviel!« stieg mit
-straffen Schritten auf uns los, pflanzte sich vor A. E. auf und
-mit Zornblick rief er: »Mein Herr! Wissen Sie, ich bin Professor
-der Physik! Sie haben mir aber auch gleichsam mein Butterbrot
-hinuntergeworfen!«
-
-A. E. verweilte auf dem Mann mit einem ganz gelassenen, ganz
-kontemplativen Blick und schwieg. Was werden sollte, wer konnte es
-wissen? Plötzlich stieg ihm eine flammende Röte ins Gesicht, seine
-Augen funkelten, er fuhr auf, und ich, da ich meinen Mann eben doch
-noch nicht so ganz kannte, wurde schon für den Frieden besorgt, als
-er mit Sturmschritten, ja mit Sätzen wie ein Panther quer über das
-Zimmer nach einer Ecke schoß, wo das oben zart erwähnte Gerät stand,
-und nun ging ein Husten, Niesen mit untermischtem Schlucken, seltsamen,
-wilden Gurgel- und Schnapptönen, ein so schreckliches Glucksen,
-Kollern, Fauchen, Raspeln, Schnarren, Stöhnen, schußartiges Bellen los,
-als hörte man die rasende Musik eines Chors von Höllengeistern. Es
-dauerte ziemlich lange, bis diese furchtbare Naturerscheinung vorüber
-war, dann richtete sich der leidende Mann matt in die Höhe, griff
-nach Hut, Tasche, Stab und sagte im Abgehen zu mir mit jammernswert
-fistulierender Stimme: »Bitte, haben Sie die Güte, den Herrn zu
-beruhigen! Guten Tag beiderseits.«
-
-Der Herr war im Schrecken zur Seite getaumelt, als A. E. so jäh in die
-Höhe fuhr; dann sah und hörte er mit starrem Staunen den Evolutionen
-des erschrecklichen Gewitters zu und schickte dem Abgehenden einen
-langen, verwirrten Blick nach. Endlich wandte er sich gegen mich,
-zwinkerte mich mit den Augen an und deutete mit dem Finger auf seine
-Stirn. Ich zuckte die Achseln. Er schien dies für volle Bejahung zu
-nehmen, war nun wirklich beruhigt und schritt mit frischem Eifer an die
-Erneuerung seines Frühstückwerks.
-
-Ich mochte dem Vorangegangenen nicht so schnell folgen; es hätte
-scheinen können, als wolle ich mich aufdrängen. Ich war doch etwas
-ungehalten, daß er so rücksichtslos davongelaufen; indem ich mich
-besann, was ich beginnen solle, um meinen Abmarsch ein halbes Stündchen
-noch hinzuziehen, fiel mir ein: Halt, gefunden! Grobian, deine Strafe
-soll nicht ausbleiben, du sollst beschrieben werden! Ich ging gleich
-an die Vorarbeit, machte mir eine Reihe von Notizen in mein Tagebuch
-und brach auf, als ich annehmen konnte, mein wunderlicher Held habe nun
-genügenden Vorsprung.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Adolph Bayersdorfer:
-
-Die militärpflichtige Tante.
-
-
-Der einzige Mensch, den ich noch mit einem Haarbeutel gesehen habe,
-mit einem solchen nämlich, wie man sie vor Zeiten außen am Kopfe
-trug, war mein alter Großoheim, welcher vordem beim deutschen
-Reichs-Kammergericht in Wetzlar angestellt gewesen und zugleich mit
-diesem berühmten Institut in eine wohlverdiente Pension gegangen war.
-In dem komplizierten Räderwerk des obersten deutschen Gerichtshofes
-hatte er ein ganz kleines Federchen, Rädchen oder Kettchen
-vorgestellt als ein versteckter Unterbeamter einer untergeordneten
-Registraturskanzlei, welche ihrerseits wieder die Unterabteilung
-einer anderen war. Wenn ich nun meines Großoheims ganzen Titel
-herschreiben wollte -- eine einzige monströse Namen-Kumulation, welche
-in pünktlicher Fixierung die Titulaturen aller Stellen von oben herab
-gewissenhaft mit einschloß, bis sie bei seinem bescheidenen Posten
-angelangt war -- so müßte ich mindestens einmal dazwischen frisch
-Tinte schöpfen, gleichwie die Leute, die so viel Zeit hatten, ihn bei
-seinem ganzen Titel rufen zu können, einmal Atem holen mußten unter der
-Absagung dieses einzigen Wortes.
-
-Der gesegnete Träger dieser Titelschleppe, deren Länge, wie
-herkömmlich, im umgekehrten Verhältnisse zum Gehalte ihres Eigentümers
-stand, war ein hagerer, schweigsamer Mann mit knochigem Gesichte,
-der gleich der verkörperten Theorie immer ganz grau und altväterlich
-gekleidet einherging, bis an den Hals zugeknöpft. Pedanterie in
-allen Dingen war wohl seine einzige Passion. Er fand einen Genuß in
-der Pünktlichkeit, mit welcher er jeden Tag zu den gleichen Stunden
-das Gleiche tat, und auf seinen Spaziergängen, die den größten Teil
-seiner Mußestunden (er hatte deren täglich vierundzwanzig) in Anspruch
-nahmen, sah man ihn immer mit denselben Glockenschlägen um dieselben
-Ecken biegen. Der Spaßmacher des Städtchens richtete solange seine Uhr
-scherzweise nach meines Großoheims Spaziergängen, bis er endlich für
-gut fand, diese Art der Zeitregulierung in vollem Ernste beizubehalten.
-
-In der mediatisierten Reichsstadt, woselbst er seine Pension verzehrte,
-war er zur Zeit meiner Schuljahre, wie gesagt, der einzige Mensch mit
-einem Haarbeutel und deswegen für uns reichsstädtische Jugend eine
-besonders interessante Gestalt, welche wir gleich einer Reliquie
-halb mit ehrwürdiger Scheu, halb mit dem aufkeimenden Spotte eines
-zweifelnden Gemütes, das sich der verderblichen Aufklärung zuneigt,
-anzustaunen gewohnt waren.
-
-Mein Großoheim war mit meiner Großtante verheiratet, ein Umstand,
-dessen Zufälligkeit mir als Kind viel zu denken gab. Die Großtante war
-eine altmodische Frau und hatte ihrem Manne drei Töchter beschert,
-welche auch nie recht in die Mode kommen wollten. Die dritte, welche
-fast zwei Jahrzehnte jünger war als ihre Schwestern, hatte den seltenen
-Namen Mauritia und war als meine Tante bei allen Wendepunkten meines
-jungen Lebens, von der Taufe angefangen bis zur Erlangung der ~Toga
-virilis~, mein religiöser Beistand. In ihren späteren Tagen bekam sie
-dasselbe verblichene Kanzlei-Aussehen, wie es ihr Vater gehabt hatte,
-und glich ihm überhaupt mehr, als ihrer Weiblichkeit gut stand.
-
-Das mochte mit den ersten Eindrücken zusammenhängen, welche sie in
-ihrer Jugend erfahren hatte, denn die Geburt meiner Tante fiel in die
-wüsten Kriegsjahre am Anfange unseres Jahrhunderts, und Trommeln und
-Schießen war ihren kleinen Ohren geläufiger geworden, als Wiegenlieder.
-So war sie denn unter dem Zeichen des Mars zur Welt gekommen und
-konnte sich diesem planetarischen Einflusse so wenig entziehen, daß sie
-sogar in ihrem einundzwanzigsten Jahre konskribiert wurde.
-
-Das kam aber so. Als sie ungefähr drei Jahre alt war, nahm der
-schreckliche Kriegslärm, der mit Feuer und Schwert über die Länder
-gezogen war und wie manche Gegend, so auch meines Großoheims Wohnsitz
-doppelt und dreifach heimgesucht hatte, ein ersehntes Ende, und
-ein zaghafter Friede, an den niemand recht glaubte, kam schüchtern
-ins Land geschritten. Mit ihm aber auch eine Anzahl kaiserlicher,
-königlicher, kurfürstlicher und anderer Kommissäre, welche die vielen
-Gemeinde- und Kirchenbücher, Taufregister und Steuerlisten, die von
-der Kriegsfurie waren vernichtet oder verschleudert worden, so gut es
-eben gehen wollte, mit oder gegen den Willen der geliebten Untertanen
-wiederherstellen sollten.
-
-Von dem ersten und wichtigsten Punkte nun, dem der Steuern, abgesehen,
-lag es den huldreichen Landesvätern am Herzen, durch eine sorgfältige
-Aufnahme des Familienstandes ihrer Landeskinder die verloren
-gegangenen Standesregister zu ersetzen, um in späteren Jahren nicht
-der langen Konskriptionslisten entbehren zu müssen und so um die
-schönen blankgeputzten Soldaten betrogen zu werden, die so herrlich
-»Präsentiert's Gewehr« machen können. Die Leute aber hatten in ihrer
-Untertanentreue den väterlichen Kunstgriff bald losbekommen und
-verleugneten ihre männliche Nachkommenschaft, wo und wie sie nur immer
-konnten. Und weil hie und da einer auf dem Betruge ertappt wurde,
-so wurden die mit diesem Geschäfte betrauten Regierungs-Kommissare
-immer strenger und mißtrauischer, kontrollierten ihre Bezirke öfter
-und schrieben manchen zweimal auf, der später nur einmal konskribiert
-werden konnte.
-
-Eines Tages nun erschien ein solcher Regierungsbeamter in Begleitung
-eines Schreibers in der Wohnung meines Großoheims, der eben in einem
-alten vergessenen Buche über ein altes vergessenes Rechtsverfahren las
-und die eintretende Gesellschaft nicht eher bemerkte, als bis ihn das
-plötzliche Stillstehen der schnurrenden Spinnräder seiner Frau und
-Töchter aus dem träumenden Nachdenken weckte. Er klappte also bedächtig
-das Buch zu, nachdem er vorsichtigerweise durch ein eingebogenes
-Eselsohr die Stelle bezeichnet hatte, wo er in einem endlosen
-Fiskalatsprozeß die interessante Lektüre hatte unterbrechen müssen, und
-fragte die Herren nach ihrem Begehr. Die Frau und die beiden Töchter
-standen wie bei jedem Besuche, der in den Hafen ihrer Häuslichkeit
-verschlagen wurde, verlegen und mit überflüssigen Gesichtern in den
-Ecken, als ob sie sich selbst im Wege wären, während sich die kleine
-Mauritia, in der Familie herkömmlich »Moritz« geheißen, hinter die
-geöffnete Tür des Schlafzimmers geflüchtet hatte.
-
-Der Herr Kommissarius nun, der eine Uniform anhatte und für andere
-Leute streng, für sich selbst aber selbstgefällig schlau aussehen
-wollte und aufs Haar einem Narren glich, fragte mit geheimnisvoller
-Weitschweifigkeit vorerst den Familienvater um seinen Namen und
-Stand, dann um Frau und Kinder, worauf ihm der Großoheim die beiden
-Töchter vorstellte. Diese traten, nicht eben reizende Gestalten, mit
-plastischer Unweltläufigkeit, linkisch und hocherrötend, vor und
-hatten ein Ansehen, als erwarteten sie mit schuldbewußten Mienen,
-aber heroisch gefaßt, einen grausigen Urteilsspruch. Doch es wurden
-bloß ihre Namen in die Liste geschrieben, gleichwie vorher die Namen
-von Vater und Mutter. »Habt ihr sonst keine Kinder?« fragte nun der
-fremde Mann sehr strenge. »Doch noch ein kleines«, antwortete die Frau,
-welche ihrem Manne zuvorkommen wollte, »aber Sie werden entschuldigen,
-es ist noch gar nicht gewaschen und ordentlich angezogen.« -- »Das
-hat nichts zu sagen,« erwiderte der Mann mit wunderbarer Mischung von
-Herablassung und Strenge. Die kleine Mauritia mußte also vorgestellt
-werden, und während die Großtante rief: »Moritz, Moritz wo bist du
-denn, komm einmal her und gib dem Herrn Vetter die Hand,« stürzten die
-beiden Töchter mit Häscherschritten hinter die Tür, zogen Fräulein
-Mauritia, die sofort ihr Kriegsgeheul anstimmte, ziemlich gewalttätig
-hervor, putzten ihr mit einer Schürze die Nase und sahen sie drohend
-und grimmig an, froh, daß das unbekannte Verhängnis über ihre eigenen
-Häupter hinweggezogen. Tantchen Moritz aber, in dem beneidenswerten
-Stadium der Erscheinung sich befindend, in dem es auch dem geprüftesten
-Kenner nicht möglich wird, sei es aus der Gesichtsbildung, sei es aus
-der Tracht einen Schluß zu ziehen auf das Geschlecht, dem ein kleiner
-Weltbürger künftig angehören solle -- konzertierte ruhig weiter,
-während der Großoheim dem Beamten Zeit und Ort der Geburt des kleinen
-Schreihalses gewissenhaft angab. Schließlich schrieb dieser strenge
-Mann eigenhändig noch eine Bemerkung in die von seinem Schreiber
-ausgefüllte Liste und empfahl sich. Der Oheim setzte sich wieder
-an seinen Prozeß, nachdem er noch für seine Frau und Töchter die
-erklärenden Worte hatte vernehmen lassen: »Das waren die Herren von der
-neuen Volkszählung,« und Frau und Töchter setzten sich wieder an ihre
-Spinnräder, und der kleine Moritz schluchzte sich in einem Winkel in
-großen Pausen langsam in den Schlaf.
-
-Nach Verlauf von achtzehn Jahren hatte sich manches geändert. Meine
-Großtante hatte das zeitliche gesegnet, und eine ihrer unmodischen
-Töchter, die gewiß zeitlebens eine reine Jungfrau gewesen, war ihr
-nachgefolgt und als grobknochiger Engel und gute Seele zum Himmel
-aufgeflogen. Die andere war bei ihrem alten Vater geblieben, welcher,
-wie es schien, so lange leben wollte, bis die Haarbeutel wieder
-in die Mode kämen. Durch seine geringe Pension allein ließ sich
-wenigstens sein hohes Alter nicht zureichend erklären. Noch jahrelang
-sah man seine melancholische Figur als ungestorbenes Gespenst um den
-Stadtgraben spazieren gehen.
-
-Tante Moritz, »das Jüngste«, war schon mit ihrem zwanzigsten Jahre
-in die Residenzstadt ihres bundespflichtigen Großstaates und engeren
-Vaterlandes gekommen. Durch des Schicksals Gunst war sie die Erzieherin
-der ungezogenen Backfische eines befreundeten Land-Adeligen geworden,
-der infolge einer unerwarteten und unverdienten Erbschaft in die
-Stadt und in die Nähe des Hofes übergesiedelt war, wo er sich und
-seine Söhne in der höheren Kutscherei ausbilden konnte. Da erschien
-nun eines Tages bei meinem Großonkel ein Magistratsbote mit einer
-geschriebenen Aufforderung, daß der militärpflichtige Moritz N., Sohn
-des Reichskammergerichts- usw. usw.-Registraturs-Kanzlisten N.,
-mit 11 Gulden 29 Kreuzern und 2 Pfennigen Strafgeld für versäumte
-Konskriptions-Anmeldung auf dem Bureau Nr. ~X~ zu erscheinen habe.
-Der alte Mann betrachtete kopfschüttelnd das Papier, zog dann seinen
-längsten grauen Rock an, auf dessen hohem Kummetkragen sich der
-Haarbeutel ein fettiges Widerlager zurechtgewetzt hatte, und ging
-ganz gegen seine gewohnte Stundenordnung auf das Amt. Nachdem er dort
-infolge des vorschriftsmäßigen Schreibversehens in der Vorladung aus
-einigen Zimmern hinaus- und in andere hineingebrüllt worden war, kam
-er, der dieses Verfahren aus eigener Praxis kannte und deshalb ohne
-Nebengedanken hinnahm, endlich zu dem richtigen Eisenfresser, dem seine
-Angelegenheit zustand. Mein Großonkel, dem auf dem Wege ein Licht über
-dem Dunkel aufgegangen war, legte nun Rätsel und Auflösung zugleich
-vor, indem er die Vermutung begründete, daß seine Tochter Mauritia
-weiland durch irgendein Versehen als Knabe möchte in die Familienliste
-eingetragen worden sein. Doch er fand sehr ungnädiges Gehör und die
-ungläubige Miene eines unduldsamen Besserwissers. Hatte mein Großonkel
-einen Haarbeutel, so hatte der Beamte einen mächtigen Zopf. Mit
-beleidigender Genauigkeit ließ dieser seine Aussagen zu Protokoll
-nehmen und gab ihm nicht undeutlich zu verstehen, daß er ihn für den
-Mitwisser eines abgekarteten Betruges halte. So wurde er fürs erste mit
-Unheil verkündender Kälte entlassen. Der Mann mit dem Zopf war schnell
-hinter der Sache her. Noch ehe mein Großonkel seine Tochter von dem
-Vorfalle in Kenntnis gesetzt hatte, bekam diese in der Residenz eine
-Vorladung auf die Polizei. Sie wußte freilich nicht, was sie dort zu
-schaffen haben sollte; weil aber mit dem hochlöblichen Institute nicht
-zu spaßen ist, so setzte sie ihren Sonntagshut auf, sah noch einmal in
-den Spiegel und ging befriedigt über ihr Äußeres -- sie die einzige,
-die es je war -- nach dem Polizeiamte. Man sagt zwar: »Jung ist der
-Teufel schön«, aber Tante Moritz machte die zu jeder Regel gehörige
-Ausnahme und war auch jung nicht schön. Sie war groß, knochig und mager
-und sah ihrem Vater ähnlich bis zur Lächerlichkeit. Dieser aber hatte
-nie wie ein Frauenzimmer ausgesehen. In dieser wenig einnehmenden
-Außenhülle barg sie aber eine zarte weibliche Seele, verletzbar und
-scheu, die noch wenig die bittere Gelegenheit gehabt hatte, sich im
-stoßenden, drängenden Weltgetriebe abzustumpfen. Eine emanzipiert
-klingende Altstimme, die ihr bis in ihr hohes Alter verblieb und
-dann der alten Dame besonders würdevoll stand, bildete in ihrer
-Jugend einzig einen angenehmen Gegensatz zu ihrer frauenzimmerlichen
-Häßlichkeit, aber leider nicht zu ihrem männlichen Aussehen.
-
-Als sie das richtige Bureau gefunden hatte, trat sie schüchtern
-ein und blieb erwartend an der Tür stehen. Kaum hatte sie auf die
-ergangene Frage ihren Namen genannt und die Vorladung gezeigt, als
-der Polizeikommissär und sein Schreiber einen schnellen Blick der
-Aufforderung wechselten und dann eine peinliche Pause lang die Gestalt
-an der Tür fixierten. Wieder begegneten sich verständnisinnig und
-mit triumphierendem Ausdrucke ihre Augen; ihr scharfer Beamtenblick
-hatte untrüglich den Simulanten erkannt. In diesem Falle glaubte der
-Kommissär kurz angebunden sein zu müssen und eröffnete das Verhör:
-
-»Sie werden sich denken können, weshalb Sie vorgeladen sind?«
-
-»Nein, leider nicht.«
-
-»Wenn ich Ihnen aber sage, daß dieses das Bureau für
-Konskriptionsangelegenheiten ist.«
-
-»Ich bedaure, daß mir die Sache dadurch nur um so rätselhafter
-erscheint.«
-
-»So muß ich Ihnen denn kurzweg sagen, daß Sie im Verdachte stehen,
-sich durch fortgesetzte Simulation, das heißt, indem Sie weibliche
-Verkleidung tragen und sich seit Ihrem Hiersein durchaus als
-Frauenzimmer geberden, Ihrer Konskriptionspflicht entzogen zu haben,
-respektive noch entziehen zu wollen.«
-
-Versteinerungspause. --
-
-»Auch muß ich Ihnen gestehen, das Ihr Äußeres diesem Verdachte nur
-Vorschub leisten kann.«
-
-Fortsetzung der Pause und anhebende Versenkungsgefühle.
-
-Welche echte Weiblichkeit hätte auch nicht zu sprachlosem Erstaunen
-erstarren müssen bei der Zumutung, sich als renitenten Rekruten zu
-bekennen. Wie Lots Weib nach der Salifizierung stand die Ärmste an der
-Türe. Der Beamte kannte aber diese Kniffe schon und fuhr unerschüttert
-fort:
-
-»Also, gestehen Sie, oder nicht?«
-
-Die Tante schnappte etwas nach Luft und Bewußtsein und stammelte einige
-undeutliche Worte, die zwar keinen Sinn gaben, aber unzweideutig den
-Charakter der Ablehnung trugen, womit sie eine solch ungeheuerliche
-Insinuation von sich wies.
-
-»Wenn Sie bei Ihrer Leugnung verharren, so muß ich Sie auf einige
-Augenblicke in das Zimmer des Gerichtsarztes weisen lassen.«
-
-Er rief einen Boten.
-
-»Bringen Sie diesen Simul--, diese Dame will ich sagen, ins ärztliche
-Bureau, geben Sie dem Doktor diesen Akt, er weiß schon von der Sache,
-und warten Sie vor der Tür.«
-
-Die Tante war vollständig vergeistert und wurde willenlos abgeführt.
-Für sie war gerade Weltuntergang, und der letzte Rest von
-Zurechnungsfähigkeit war von ihr gewichen. Als sie aber mit ihrem
-ungebetenen Beschützer beim Gerichtsarzt eintrat, fand sie dort
-außer diesem Herrn noch die Gerichtsärztin, seine Frau, die, einen
-Koketterie-Marktkorb am Arme, ihrem Manne geschwind den neuesten
-Klatsch mitteilen mußte. Denn dieser hatte sich bei ihr seit dem
-Frühstück in so ungebührlicher Weise aufgestaut, daß sie es unmöglich
-länger allein tragen konnte.
-
-Die geschwätzige rundliche Dame erschien meiner Tante wie dem
-Ertrinkenden eine rettende Fee, die aus geöffnetem Himmel
-herniederschwebt; hier freilich mit einem Gewicht von anderthalb
-Zentnern. Die Erstarrung wich von ihr und machte einer vollständigen
-Auflösung alles geistigen Vermögens in überquellende Schmerzgefühle
-Platz. Noch ehe ein Wort gesprochen worden war, sank sie mit krampfhaft
-losbrechendem Schluchzen der neugierigen Dame, die schon eine monströse
-Neuigkeit witterte und die Tore ihrer fünf Sinne sperrangelweit
-geöffnet hielt, in die fetten Arme. Einer solchen Appellation an
-ihre Menschlichkeit und Souveränität konnte die Gerichtsärztin
-nicht widerstehen. Hatte sie doch nie das eheliche Szepter aus den
-Händen gegeben und auch schon verschiedene Male im Amtszimmer ihr
-Regiment ausgeübt. Sofort machte sie sich zum Herrn der Situation
-und hatte ihrem Manne, der während dieser Szene zur vollständigen
-Bedeutungslosigkeit zusammengeschrumpft war und aller Amtswürde bar
-dastand, als wäre er der Simulant, in wenigen Augenblicken die saubere
-Geschichte abgehorcht. Ihr weiblicher Instinkt war hier nicht im
-geringsten Zweifel und stand weit über der Wissenschaft ihres Mannes.
-Unter Androhung der höchsten ehelichen Strafen erteilte sie ihm den
-gemessenen Befehl, die gekränkte Dame in Frieden zu entlassen und
-dafür zu sorgen, daß dieses auch von anderer Seite geschehe. Hier
-hieß es gehorchen. Mit einer bedauernden Geberde wandte sich der
-arme Leibeigene, dem der Gerichtsarzt ganz abhanden gekommen war, zu
-der fremden Dame und stotterte verbindlichst, er habe überhaupt nie
-gezweifelt --
-
-Ein gebieterischer Blick seiner Frau schnitt ihm die zweite Hälfte des
-Satzes vor dem Munde ab.
-
-Unter Redensarten und Tränen löste sich allmählich die Gruppe auf,
-und während die Gerichtsärztin, erfüllt von der geleisteten Heldentat
-und voll brennenden Verlangens nach mündlicher Erleichterung, in
-das Menschengewoge der Stadt hinausstürzte, führte ihr Mann dem
-erhaltenen Befehle gemäß die weinende Tante unter entschuldigenden
-Beschwichtigungen in das Bureau des Kommissärs zurück, sprach noch
-einige begütigende Worte und empfahl sich hastig, es dem Kommissär
-überlassend, sich aus seinem Gebahren den richtigen Schluß zu ziehen.
-Bei seinem Eintreten hatten dieser und sein Schreiber, als sie die
-höflichen Redensarten des verwirrt dreinblickenden Doktors vernahmen,
-wieder einen raschen Blick gewechselt, diesmal aber mit einer
-trostlosen Jammer- und Schreckensmiene. Sie waren aus dem siebenten
-Himmel ihrer Beamtenweisheit heruntergestürzt, und es blieb von ihnen
-nichts mehr übrig als der gebrechliche Mensch, behaftet mit dem
-Aussatze des Irrtums. Der Schreiber faßte sich schnell; was ging es
-ihn an, wenn sein Vorgesetzter eine Dummheit machte? Mit der brutalen
-Rücksichtslosigkeit eines verantwortungsfreien Subalternbeamten vergrub
-er sich in seine Akten, mit vielem Geräusch rechnend und blätternd,
-und schien über seinem plötzlich eingebrochenen Geschäftseifer alles
-um sich her vergessen zu haben. Treulos im Stiche gelassen, stand
-der Kommissär vor dem still fortweinenden Mädchen. Er nahm einige
-Male einen Anlauf zu wohlgesetzten Entschuldigungen. Sie gerannen
-ihm wie schlechte Milch, noch ehe er sie vollendete. Er wollte sich
-fassen, sein Herz verhärten und sich kaltblütig hinter seine Pflicht
-verschanzen. Es gelang ihm nicht; er stand noch zu sehr unter der
-Wirkung der Überraschung. Jeder Versuch, etwas zu sagen, erweckte
-nur ein vernehmlicheres Schluchzen der Unglücklichen. In heller
-Verzweiflung ließ der entwurzelte Beamte gleich einem gefangenen
-Wilden seine Blicke an den Wänden herumlaufen, wobei sie auch einen
-wütenden Abstecher nach dem fleißigen Schreiber machten. Aber an den
-staubigen Aktenstellagen wollte sich kein rettendes Wunder ereignen;
-keine Öffnung ließ sich dort hineinblicken, durch welche eine gequälte
-Bureaukratenseele hätte entweichen können. Und doch kam ihm von dort
-her ein Lichtstrahl. Woher könnte auch sonst einem braven Beamten eine
-Erleuchtung kommen! »Warten Sie,« sagte er und zog aus einem der Fächer
-ein Formular hervor, füllte es aus und stempelte es geschäftsmäßig ab.
-Mit dieser gewohnten Hantierung hatte er seine Fassung wieder errungen.
-Er faltete den Bogen nicht ohne Feierlichkeit zusammen, näherte sich
-der Dame und sprach: »So, nehmen Sie das, das wird gut tun«, mit einem
-so milden und begütigenden Ausdruck, wie ihn nur der Arzt haben kann,
-der dem stöhnenden Verwundeten den lindernden Verband anlegt.
-
-Mechanisch hatte der weinende Rekrut den papiernen Trost ergriffen
-und schwamm nun in Tränen nach Hause. Kaum fand sich Tante Moritz
-dort in Sicht eines soliden Sofas, als sie auch sofort in die lange
-zurückgehaltene, aber offenbar zur Sache gehörige Ohnmacht fiel unter
-so viel nachfolgenden Krämpfen, als ihrer weiblichen Ehre unumgänglich
-notwendig schienen. Bald hatte sie das ganze Haus auf die Beine
-gebracht. Die jungen Gräfinnen weinten in ihrer Unerfahrenheit, und
-die jungen Grafen standen mit Bereiterstiefeln und Reitpeitschen um
-den Fall herum und machten stehengebliebene Gesichter. Am liebsten
-hätten sie auch geweint, wenn das nicht gegen die Stiefel gewesen wäre.
-Die alte Gräfin und ein Stubenmädchen bemühten sich mit erprobten
-Hausmitteln um die Kranke, und der alte Herr Graf nahm der bewußtlos
-Daliegenden ein zerknittertes Papier aus der Hand, entfaltete es und
-las: »Militär-Entlassungsschein«. In diesem Denkmal polizeilicher
-Konsterniertheit wurde der Moritz N. aus der Altersklasse 1801, Tochter
-des weiland Reichskammergerichts- usw. usw. -Registraturskanzlisten,
-wegen allgemeiner Untauglichkeit seiner Militärdienstpflicht los- und
-lediggesprochen. Die Rubrik »Signalement« war unausgefüllt geblieben;
-selbst der ~item~: »Besondere Kennzeichen« hatte den Beamten zu keiner
-naheliegenden Notiz veranlassen können. Mit diesem Talismann hätte
-freilich Tante Moritz allen künftigen Anforderungen des Kriegsministers
-entgegentreten können, wenn dieser noch einmal Anspruch auf die
-friedliche Amazone hätte erheben wollen.
-
-Natürlich vergingen damals die Krämpfe wieder, und die gute Tante hat
-in der Folge manche schwerere Krankheit zu bestehen gehabt, bis endlich
-eine sie ganz ablöste und aller Konskriptionsgefahr entrückte. Mit dem
-gegilbten und verbleichten Nachlasse der braven alten Jungfer, aus
-dem ich eine ganze Lebensgeschichte von kleinen Freuden und großen
-Entbehrungen, ein standhaft durchgerungenes Dasein von Armut und Ehre
-herauslesen mußte, habe ich auch den Militärentlassungsschein geerbt,
-den ich als ein Andenken an die gute alte Zeit, an die selige Tante, an
-den Großonkel mit dem Haarbeutel und an die verdrehte Polizei meiner
-Vaterstadt noch immer aufbewahre.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Henry F. Urban:
-
-Der Eishund
-
-
-Hört die Geschichte von dem kleinen häßlichen, gelben Eishund, der
-es auf merkwürdige Weise zu einem hervorragenden und vornehmen Hunde
-brachte! Den ganzen Tag war er hungrig und frierend, denn es war
-Winter, in New York herumgelaufen. In der fünften Avenue wichen ihm
-die aristokratischen Hunde der Dollarköniginnen aus und bemerkten
-naserümpfend: »Welch ein vulgärer Köter, welch ein Vagabund! Er
-wird ein Ende mit Schrecken nehmen!« Dann war er bei Anbruch der
-Dunkelheit in den kahlen, düsteren Park gekommen, und dann war er
-plötzlich irgendwo hinuntergefallen, auf eine harte, eisige, weite
-Fläche. Das war wohl das Ende, dachte er. Aber es wurde Tag, ein Tag
-voll Sonnenlicht, und er lebte immer noch. Er befand sich auf einem
-gefrorenen Wasserbecken, das Trinkwasser für die New Yorker enthielt.
-Es bildete ein riesiges, längliches Viereck und war von steinernen
-Böschungen eingefaßt. Nirgends konnte er heraus. An einer Stelle
-erblickte er zwei Menschen. Das waren Pat Flaherty und Fred Kaiser,
-die beiden Parkpolizisten. Sie standen an dem eisernen Geländer des
-Wasserbeckens, schüttelten die Köpfe und blinzelten mit den Augen, weil
-auf Schnee und Eis die Sonne sprühte.
-
-»Da ist ja der kleine Köter noch immer auf dem Wasserbecken!« sagte
-Flaherty. »Er war schon gestern dort.«
-
-»Wahrscheinlich ist er die steile Böschung heruntergerutscht!« meinte
-Kaiser. »Heraus kann er nicht wieder; es wird Zeit, daß wir ihn fangen.
-Sonst verhungert er oder ersäuft, denn es taut. Ich werde mal sehen, ob
-ich ihn fangen kann.«
-
-»Gib acht, Fred!« warnte ihn Flaherty. »Das Eis ist schon dünn an
-manchen Stellen.«
-
-Aber schon war Kaiser etwas seitwärts von dem Aussichtsturm über die
-Einfassung geklettert. Hier ersetzten Felsen die künstliche Böschung
-und erlaubten ihm einen bequemen Abstieg auf das Eis. Er prüfte erst
-vorsichtig das Eis und versicherte sich, daß es ihn trug, denn er wog
-225 Pfund. Aber es schien ihm doch klüger, die Operationen zunächst
-nicht soweit vom Ufer zu beginnen. Also pfiff er dem kleinen Köter der
-weit drüben über das Eis trabte. Der Köter blieb stehen und wandte den
-Kopf nach dem Polizisten. Kaiser pfiff nur noch verlockender. Doch der
-Köter kam nicht. Er mißtraute den Menschen, insonderheit Polizisten.
-Ihre Stiefel waren schwerer und härter als andre Stiefel.
-
-»Es nutzt nichts!« rief ihm Flaherty lachend zu. »Du mußt auf das Eis
-hinaus!«
-
-Rutschend und gleitend, prüfend die Augen auf das Eis heftend, bewegte
-sich Kaiser über die glatte Fläche.
-
-»Es ist fest!« rief er Flaherty zu und lief etwas zuversichtlicher. Als
-er dem Köter nahe war, pfiff er und lockte er von neuem -- abermals
-umsonst. Der Köter ergriff die Flucht. Es war ein ausgesucht häßlicher
-Hund mit graugelben zottigen Haaren. Sein Kopf erinnerte Kaiser an das
-Bild eines Geigenvirtuosen, das er mal in einer Zeitung gesehen hatte.
-Nun lief Kaiser hinter dem Hunde her. Immer, wenn er ihm etwas näher
-kam, bog der Hund scharf zur Seite und Kaiser schlitterte geradeaus.
-Einmal verlor der dicke Polizist den Halt, setzte sich auf das Eis,
-daß es krachte, und rutschte noch ein Stück darüber hin. Vom Ufer her
-erscholl Gelächter. Dort hatten sich ein Dutzend neugierige Leute
-gesammelt und beobachteten die Jagd. Kaiser raffte sich auf, holte
-seinen Helm, klopfte sich die Kleidung rein und marschierte über das
-Eis zurück. Auf halbem Wege kam ihm Flaherty entgegen.
-
-»Fred«, sagte Flaherty, »einer schafft's nicht. Wir wollen's zusammen
-versuchen. Wir jagen ihn in eine Ecke des Beckens, und dort fangen wir
-ihn.«
-
-Das leuchtete Fred ein. Von rechts und links näherten sie sich langsam
-dem Köter und scheuchten ihn nach der einen Ecke des Beckens. Sie
-glaubten schon, sie hätten ihn. Doch er sauste plötzlich in weitem
-Bogen um Flaherty herum und entwischte. Noch einmal versuchten die
-beiden ihr Glück, doch ohne Erfolg. Keuchend und pustend begaben sie
-sich ans Ufer. Dort hatten sich immer mehr Menschen angesammelt, um die
-fröhliche Hatz zu beobachten. Man bestürmte die beiden Polizisten mit
-Fragen, was es mit dem Hund auf sich habe, wie er auf das Eis gekommen
-sei. Flaherty und Kaiser meinten, sie wüßten es selber nicht. Der Köter
-sei zweifellos ein Vagabund. Die Damen bedauerten sein trauriges Los
-und fragten, ob es denn kein Mittel gäbe, das arme Tier aus seiner
-schrecklichen Lage zu befreien. Der eine schlug dies vor, der andere
-das. Inzwischen war auch Bubbles, der unvermeidliche Berichterstatter,
-zufällig des Weges gekommen. Er erkannte, daß die Geschichte ein
-gefundenes Fressen für ihn sei, und beschloß, das weitere abzuwarten.
-
-Ein Parkfeger hatte einen glänzenden Einfall. Man müßte einige lange
-Bretter holen, meinte er, und sie vom Eis auf die Felsen neben dem
-Aussichtsturm legen. Dann müßten ihrer mehrere den Hund auf die Bretter
-zutreiben. Sobald er diese erblickte, würde er zweifellos merken, daß
-hier ein Ausweg für ihn sei, und über die Bretter ans Ufer laufen,
-wo er mit Leichtigkeit gefangen werden könnte. Den beiden Polizisten
-schien der Vorschlag nicht übel, und sie versprachen, das Nötige für
-den Nachmittag zu veranlassen. Damit entfernten sie sich, und da sonst
-niemand etwas unternahm, zerstreute sich die Menge.
-
-Am Nachmittag waren fast dreimal soviel Leute um das Wasserbecken
-versammelt als am Vormittag. Die Kunde von dem Eishund, wie sie
-ihn nannten, hatte sich rasch verbreitet. Auch Bubbles, der
-Berichterstatter, war wieder da, samt dem Photographen seines Blattes.
-Sehr bald kam ein Lastwagen der Parkbehörde mit Brettern und Holzböcken
-angefahren. Auch Kaiser und Flaherty und noch andere Polizisten kamen,
-um den Feldzug gegen den Eishund zu leiten und die Menge in Ordnung zu
-halten.
-
-»Das wird der reine Zirkus!« bemerkte der dicke Flaherty lachend zu
-Kaiser.
-
-»Merkwürdig«, entgegnete Kaiser, »welche Unmasse Maulaffen es in
-New-York gibt, sowie es etwas zu sehen gibt. Und sei es nur ein Köter
-auf dem Eise.«
-
-Die Holzböcke wurden neben dem Aussichtsturm auf das Eis gestellt und
-dann die Bretter darüber gelegt. Dann begaben sich die vier Parkfeger
-auf das Eis und näherten sich dem Köter, der sie mit einem Ausdruck
-höchsten Argwohns herankommen sah. Bald war wieder die schönste
-Hetzjagd im Gange. Dreimal trieben sie ihn unter dem Jubel der Menge
-auf die Bretter zu, doch der Köter schoß jedesmal daran vorüber. Völlig
-erschöpft gaben die vier endlich die Jagd auf und stiegen wieder ans
-Ufer, um sich zu verschnaufen.
-
-»So ein dummes Luder!« knurrte Flaherty und warf dem Köter einen
-giftigen Blick zu. Der saß mitten auf dem Eise, ganz außer Atem, aber
-stolz wie ein siegreicher Toreador in der Arena. Es sah zu lächerlich
-aus. Das Publikum wollte sich schief lachen. Teufel -- das war wirklich
-ein herrlicher Ulk! Und er kostete keinen Cent. Plötzlich erschienen
-drei Studenten auf dem Eise. Sie hatten Schlittschuhe an. Offenbar
-glaubten sie, daß die Schlittschuhe ihnen den Erfolg sichern müßten.
-Pfeilschnell sausten sie auf den Köter zu. Aber der war noch schneller.
-Einmal hatten sie ihn fast. Doch zwei von den Studenten liefen so
-heftig aufeinander, daß es knallte und sie wie der Blitz auf das Eis
-flogen. Unter dem wiehernden Gelächter der Zuschauer verschwanden sie.
-Eine Weile konnte sich der Köter verpusten. Und immer noch schwoll die
-Menschenmenge. Kleine Jungens begannen schon mit leeren Seifenkisten
-zu handeln, auf denen man warm und trocken stehen und über die Menge
-hinwegsehen konnte. Verkäufer von Bonbons und gerösteten Kastanien
-machten gute Geschäfte. Bubbles, der Berichterstatter, photographierte,
-daß der Gummisack am Apparat dampfte. Wer würde der nächste sein, der
-den Kampf mit dem wundervollen Eishund wagte?
-
-Das war Kakadu-Bill, der ehemalige Kuhjunge aus dem Westen, der jetzt
-in New York Kellner war. Er behauptete, der Meisterlassowerfer von
-Amerika zu sein und Roosevelt in dieser schönen Kunst unterrichtet zu
-haben, als er noch als unbekannter Rauhreiter die Prärie durchstreifte.
-Kakadu-Bill habe er als Kuhjunge geheißen, weil er der einzige
-Kuhjunge in Arizona war, der einen Kakadu hatte. Kakadu-Bill hatte
-sich einen langen Strick verschafft und versprach, den Köter innerhalb
-fünf Minuten zu fassen. Eine Kleinigkeit sei's. Als er auf dem Eise
-erschien, brachten ihm die entzückten Zuschauer eine Ovation.
-
-»Der wird's fertig bringen!« sagten sie.
-
-Kakadu-Bill ging vollkommen kunstgerecht zu Werke. Er trabte, immer
-den Lasso schwingend, im Kreise um den Eishund, der ruhig auf den
-Hinterbeinen saß und erstaunt Kakadu-Bill zusah. Er war sich offenbar
-nicht klar, was dessen sonderbares Benehmen bedeutete. Immer enger zog
-Kakadu-Bill den Kreis und plötzlich pfiff der Lasso durch die Luft und
-schlug klatschend auf die Stelle, wo der Eishund eben noch gesessen
-hatte, aber nicht mehr saß. Als Kakadu-Bill das Hohngelächter der Menge
-vernahm, stieß er einen gräßlichen Fluch aus, wickelte seinen Lasso
-wieder auf und jagte abermals hinter dem Eishund her. Aber er kam
-einer dünnen Stelle im Eise zu nahe und brach durch das Eis. Am Ufer
-herrschte gewaltige Aufregung. »Er ertrinkt!« riefen einige. Die Damen
-kreischten und sahen sich nach hübschen jungen Herren um, denen sie
-ohnmächtig in die Arme fallen könnten. Zum Glück war es da nicht tief,
-und Kakadu-Bill fiel nur bis über die Kniee ins Wasser. Das kühlte
-sein wildwestliches Jagdfieber jedoch dermaßen ab, daß er hastig aus
-dem Wasser herauspatschte und samt seinem Lasso so schnell wie möglich
-verduftete. -- Nun schien keiner mehr Lust zu haben, sein Glück zu
-versuchen.
-
-»Er wird wahrscheinlich von selber am Abend oder früh am nächsten
-Morgen über die Bretter ans Land finden!« sagten die Polizisten und
-ersuchten die Menge weiterzugehen.
-
-»Aber er verhungert unterdessen!« meinte eine reizende junge Dame.
-»Oder er ertrinkt, wenn es weiter taut! Das wäre sehr unappetitlich. Es
-ist unser Trinkwasser!«
-
-»Wir werfen ihm etwas Fleisch aufs Eis!« versicherten die Polizisten.
-»Und ein paar Tage hält das Eis noch!«
-
-»Die Vorstellung ist aus!« rief ein vorwitziger Bengel. »Morgen
-vormittag wird sie fortgesetzt!« Und langsam entfernten sich die Leute.
-
-Am nächsten Morgen war die seltsame Geschichte von dem berühmten
-Eishund mit Abbildungen in Bubbles Zeitung. Zu Fuß, zu Pferde und zu
-Wagen kam halb New York, um den berühmten Eishund zu sehen. Gott sei
-Dank! -- da war er noch. Es hatte wirklich noch mehr getaut und niemand
-wagte sich aufs Eis. Niemand? Ein Held, ein einziger Held scheute sich
-nicht, eines erbärmlichen kleinen Köters wegen sein Leben aufs Spiel
-zu setzen. Ein kleiner kugelrunder deutscher Bäcker aus der Avenue A,
-mit rosaroten Backen, war der Held. Er hatte ein ganz neues Verfahren.
-Er war schon am Tage vorher dagewesen, hatte das Schlachtfeld in
-Augenschein genommen und war mit der geheimnisvollen Bemerkung
-fortgegangen, das sei ein eklatanter Fall, wo Moltkesche Strategie
-allein Erfolg verspreche. Denn er sei Sergeant in der deutschen Armee
-gewesen und mit Waldersee in China. Mit dieser Strategie also war er
-jetzt gekommen. Ohne Frage hatte seine Strategie etwas Ungewöhnliches,
-Geniales. Als Hilfsmittel brachte er dreierlei Dinge mit: einen
-Dachshund mit fürchterlich krummen Beinen, eine lange dünne Leine und
-einen riesigen Schinkenknochen, der an der Leine befestigt war. Als
-er mit diesen drei Dingen auf dem Eise erschien, stieß Bubbles, der
-Berichterstatter, ein indianisches Freudengeheul aus. Das Publikum
-schrie Hurra, Flaherty aber wandte sich an Kaiser und sagte:
-
-»Kaiser, ist es wahr, daß Moltke mit Dachshunden und Schinkenknochen
-gearbeitet hat?«
-
-Ein anderer fragte seinen Nachbar, wer eigentlich der Dachshund und
-wer der Bäcker sei. Wahrhaftig -- von weitem sahen sie sich ähnlich,
-wegen der krummen Beine. Man war aufs äußerste gespannt, wie nun
-die Moltkesche Strategie sich betätigen werde. Sie betätigte sich
-wie folgt. Der kugelrunde Bäcker rollte sich auf den gelben Köter
-zu, der freundlich bellte und mit dem Schwanz wedelte, als er einen
-vierbeinigen Kameraden erblickte. Diese beiden, der Mann und der
-Dachshund, machten unzweifelhaft einen friedlichen Eindruck auf den
-Eishund. Nun schleuderte der Bäcker plötzlich seinen Schinkenknochen,
-aber nicht nach dem Köter hin, sondern seitwärts. Sofort stürzte
-sich der krummbeinige Dackel mit fliegenden Ohren auf den Knochen und
-suchte ihn seinem Herrn zu entreißen. Der jedoch hielt ihn mit der
-Leine fest. Das ärgerte Prinz. So hieß nämlich der Dackel. Knurrend
-und keifend zog er aus Leibeskräften an dem Knochen, ebenso kräftig
-zog der Bäcker daran. Der Eishund war eitel Entzücken. Mit lustigem
-Gebell sprang er unausgesetzt um den Dackel herum, dabei begehrliche
-Blicke auf den Knochen werfend. Himmel -- war das ein Knochen! Und ein
-Duft ging von dem Knochen aus, daß ihm der leere Magen in dem dürren
-Leib vor Freude hüpfte. Wenn er diesen Knochen erwischen könnte! Er
-kam ein wenig näher. Aber Prinz schnarrte ihn so grimmig an, daß er
-furchtsam zurückwich. Nun zog der Bäcker stärker und stärker, bis er
-Prinz ganz nahe hatte. Dann sagte er: »Artig, Prinz!« und Prinz ließ
-schweren Herzens den Knochen fahren. Jetzt kugelte sich der Bäcker
-mit lächerlicher Geschwindigkeit davon, den Knochen immer hinter sich
-herschleifend. Prinz und der gelbe Köter folgten. Der Bäcker gab acht,
-daß sie den Knochen nicht erwischten. Eine Weile trieb er's so. Dann
-schleuderte er den Knochen dem gelben Köter zu, der ihn heißhungrig
-erschnappte. Nun begann dasselbe Spiel, das der Bäcker mit Prinz
-getrieben hatte. Näher und näher zog er den Knochen mit dem gelben
-Köter daran, während Prinz mit entrüstetem Bellen um den Nebenbuhler
-herumsprang. Immer näher kam der Köter und jetzt -- ein Griff, er hatte
-ihn, samt dem Knochen. Er nahm ihn unter den Arm und verließ mit ihm,
-gefolgt von Prinz, unter dem brausenden Hurra der Zuschauer das Eis.
-
-»Was hältst du von Moltke?« fragte jetzt Kaiser den dicken Flaherty.
-
-»Es ist ein Sedan, ein vollkommenes Sedan!« gestand Flaherty voll
-Bewunderung. »Jetzt verstehe ich den Krieg von Siebzig!«
-
-Der Bäcker hatte noch kaum über die Bretter das Ufer bestiegen,
-da war er schon von Bubbles Gehilfen dreimal photographiert,
-mitsamt Prinz. Die Leute umringten ihn und beglückwünschten ihn und
-bewunderten den Eishund, der mit scheuen Blicken, aber immer noch
-seinen Schinkenknochen zwischen den Zähnen, unter des Bäckers Arm saß.
-Zwischendurch mußte der Bäcker Bubbles Rede und Antwort stehen, wo er
-herkomme und so weiter. Man erfuhr, daß er Waldersees Liebling gewesen
-sei. Na ja, da hatte er die Moltkesche Strategie gelernt -- kein
-Wunder! Einer erzählte es dem andern. Der Bäcker mußte seine Wohnung
-angeben. Dann gestatteten ihm die Polizisten, den Eishund nach Hause zu
-nehmen.
-
-Und der Eishund war nun ein gemachter Hund -- sozusagen. Feine Damen
-kamen Tag um Tag in Kutschen zu dem tapferen Bäcker gefahren und
-wollten den berühmten Hund sehen. Eine alte reiche Dame erstand ihn, da
-ihn niemand beanspruchte, von dem Bäcker für 25 Dollars und nahm ihn in
-ihr Haus, wo er den Namen Teddy erhielt, dem Präsidenten Roosevelt zu
-Ehren, und ein Leben voller Wonne führte.
-
-»Und das alles,« spöttelten die vornehmen Hunde aus der Fünften Avenue,
-»weil er das Glück hatte, in das Trinkwasserbecken im Park zu fallen.
-Zu albern!«
-
-Das ist die Geschichte von dem Eishund.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Ludwig Thoma:
-
-Besserung
-
-
-Wie ich in die Ostervakanz gefahren bin, hat die Tante Fanny gesagt:
-»Vielleicht kommen wir zum Besuch zu deiner Mutter. Sie hat uns so
-dringend eingeladen, daß wir sie nicht beleidigen dürfen.«
-
-Und Onkel Pepi sagte, er weiß es nicht, ob es geht, weil er so viel
-Arbeit hat, aber er sieht es ein, daß er den Besuch nicht mehr
-hinausschieben darf. Ich fragte ihn, ob er nicht lieber im Sommer
-kommen will, jetzt ist es noch so kalt, und man weiß nicht, ob es nicht
-auf einmal schneit. Aber die Tante sagte: »Nein, deine Mutter muß böse
-werden, wir haben es schon so oft versprochen.« Ich weiß aber schon,
-warum sie kommen wollen; weil wir auf Ostern das Geräucherte haben und
-Eier und Kaffeekuchen, und Onkel Pepi ißt so furchtbar viel. Daheim
-darf er nicht so, weil Tante Fanny gleich sagt, ob er nicht an sein
-Kind denkt.
-
-Sie haben mich an den Postomnibus begleitet, und Onkel Pepi hat
-freundlich getan und hat gesagt, es ist auch gut für mich, wenn er
-kommt, daß er den Aufruhr beschwichtigen kann über mein Zeugnis.
-
-Es ist wahr, daß es furchtbar schlecht gewesen ist, aber ich finde
-schon etwas zum Ausreden. Dazu brauche ich ihn nicht.
-
-Ich habe mich geärgert, daß sie mich begleitet haben, weil ich mir
-Zigarren kaufen wollte für die Heimreise, und jetzt konnte ich nicht.
-Der Fritz war aber im Omnibus und hat zu mir gesagt, daß er genug
-hat, und wenn es nicht reicht, können wir im Bahnhof in Mühldorf noch
-Zigarren kaufen.
-
-Im Omnibus haben wir nicht rauchen dürfen, weil der Oberamtsrichter
-Zirngiebl mit seinem Heinrich darin war, und wir haben gewußt, daß er
-ein Freund vom Rektor ist und ihm alles verschuftet.
-
-Der Heinrich hat ihm gleich gesagt, wer wir sind. Er hat es ihm in das
-Ohr gewispert, und ich habe gehört, wie er bei meinem Namen gesagt hat:
-»Er ist der Letzte in unserer Klasse und hat in der Religion auch einen
-Vierer.«
-
-Da hat mich der Oberamtsrichter angeschaut, als wenn ich aus einer
-Menagerie bin, und auf einmal hat er zu mir und zum Fritz gesagt:
-
-»Nun, ihr Jungens, gebt mir einmal eure Zeugnisse, daß ich sie mit dem
-Heinrich dem seinigen vergleichen kann.«
-
-Ich sagte, daß ich es im Koffer habe, und er liegt auf dem Dache vom
-Omnibus. Da hat er gelacht und hat gesagt, er kennt das schon. Ein
-gutes Zeugnis hat man immer in der Tasche. Alle Leute im Omnibus haben
-gelacht, und ich und der Fritz haben uns furchtbar geärgert, bis wir in
-Mühldorf ausgestiegen sind.
-
-Der Fritz sagte, es reut ihn, daß er nicht gesagt hat, bloß die
-Handwerksburschen müssen dem Gendarm ihr Zeugnis hergeben. Aber es war
-schon zu spät. Wir haben im Bahnhof Bier getrunken, da sind wir wieder
-lustig geworden und sind in die Eisenbahn eingestiegen.
-
-Wir haben vom Konduktör ein Rauchkupee verlangt und sind in eines
-gekommen, wo schon Leute darin waren. Ein dicker Mann ist am Fenster
-gesessen, und an seiner Uhrkette war ein großes silbernes Pferd.
-
-Wenn er gehustet hat, ist das Pferd auf seinem Bauch getanzt und hat
-gescheppert. Auf der anderen Bank ist ein kleiner Mann gesessen mit
-einer Brille, und er hat immer zu dem Dicken gesagt »Herr Landrat«, und
-der Dicke hat zu ihm gesagt »Herr Lehrer«. Wir haben es aber auch so
-gemerkt, daß er ein Lehrer ist, weil er seine Haare nicht geschnitten
-gehabt hat.
-
-Wie der Zug gegangen ist, hat der Fritz eine Zigarre angezündet und den
-Rauch auf die Decke geblasen, und ich habe es auch so gemacht.
-
-Eine Frau ist neben mir gewesen, die ist weggerückt und hat mich
-angeschaut, und in der anderen Abteilung sind die Leute aufgestanden
-und haben herübergeschaut. Wir haben uns furchtbar gefreut, daß sie
-alle so erstaunt sind, und der Fritz hat recht laut gesagt, er muß sich
-von dieser Zigarre fünf Kisten bestellen, weil sie so gut ist.
-
-Da sagte der dicke Mann: »Bravo, so wachst die Jugend her,« und der
-Lehrer sagte: »Es ist kein Wunder, was man lesen muß, wenn man die
-verrohte Jugend sieht.«
-
-Wir haben getan, als wenn es uns nichts angeht, und die Frau ist immer
-weitergerückt, weil ich so viel ausgespuckt habe. Der Lehrer hat so
-giftig geschaut, daß wir uns haben ärgern müssen, und der Fritz sagte,
-ob ich weiß, woher es kommt, daß die Schüler in der ersten Lateinklasse
-so schlechte Fortschritte machen, und er glaubt, daß die Volksschulen
-immer schlechter werden. Da hat der Lehrer furchtbar gehustet, und der
-Dicke hat gesagt, ob es heute kein Mittel nicht mehr gibt für freche
-Lausbuben.
-
-Der Lehrer sagte, man darf es nicht mehr anwenden wegen der falschen
-Humanität, und weil man gestraft wird, wenn man einen bloß ein bißchen
-auf den Kopf haut.
-
-Alle Leute im Wagen haben gebrummt: »Das ist wahr«, und die Frau neben
-mir hat gesagt, daß die Eltern dankbar sein müssen, wenn man solchen
-Burschen ihr Sitzleder verhaut. Und da haben wieder alle gebrummt, und
-ein großer Mann in der anderen Abteilung ist aufgestanden und hat mit
-einem tiefen Baß gesagt: »Leider, leider gibt es keine vernünftigen
-Öltern nicht mehr.«
-
-Der Fritz hat sich gar nichts daraus gemacht und hat mich mit dem Fuß
-gestoßen, daß ich auch lustig sein soll. Er hat einen blauen Zwicker
-aus der Tasche genommen und hat ihn aufgesetzt und hat alle Leute
-angeschaut und hat den Rauch durch die Nase gehen lassen.
-
-Bei der nächsten Station haben wir uns Bier gekauft und wir haben
-es schnell ausgetrunken. Dann haben wir die Gläser zum Fenster
-hinausgeschmissen, ob wir vielleicht einen Bahnwärter treffen.
-
-Da schrie der große Mann: »Diese Burschen muß man züchtigen,« und der
-Lehrer schrie: »Ruhe, sonst bekommt ihr ein paar Ohrfeigen!« Der Fritz
-sagte: »Sie können's schon probieren, wenn Sie eine Schneid haben.« Da
-hat sich der Lehrer nicht getraut, und er hat gesagt: »Man darf keinen
-mehr auf den Kopf hauen, sonst wird man selbst gestraft.« Und der
-große Mann sagte: »Lassen Sie es gehen, ich werde diese Burschen schon
-kriegen.«
-
-Er hat das Fenster aufgemacht und hat gebrüllt: »Konduktör, Konduktör!«
-
-Der Zug hat gerade gehalten, und der Konduktör ist gelaufen, als wenn
-es brennt. Er fragte, was es gibt, und der große Mann sagte: »Die
-Burschen haben Biergläser zum Fenster hinausgeworfen. Sie müssen
-arretiert werden.«
-
-Aber der Konduktör war zornig, weil er gemeint hat, es ist ein Unglück
-geschehen, und es war gar nichts.
-
-Er sagte zu dem Mann: »Deswegen brauchen Sie doch keinen solchen
-Spektakel nicht zu machen.« Und zu uns hat er gesagt: »Sie dürfen
-es nicht tun, meine Herren.« Das hat mich gefreut, und ich sagte:
-»Entschuldigen Sie, Herr Oberkonduktör, wir haben nicht gewußt, wo wir
-die Gläser hinstellen müssen, aber wir schmeißen jetzt kein Glas nicht
-mehr hinaus.« Der Fritz fragte ihn, ob er keine Zigarre nicht will,
-aber er sagte, nein, weil er keine so starken nicht raucht.
-
-Dann ist er wieder gegangen, und der große Mann hat sich hingesetzt und
-hat gesagt, er glaubt, der Konduktör ist ein Preuße. Alle Leute haben
-wieder gebrummt, und der Lehrer sagte immer: »Herr Landrat, ich muß
-mich furchtbar zurückhalten, aber man darf keinen mehr auf den Kopf
-hauen.«
-
-Wir sind weitergefahren, und bei der nächsten Station haben wir uns
-wieder ein Bier gekauft. Wie ich es ausgetrunken habe, ist mir ganz
-schwindlig geworden, und es hat sich alles zu drehen angefangen.
-Ich habe den Kopf zum Fenster hinausgehalten, ob es mir nicht besser
-wird. Aber es ist mir nicht besser geworden, und ich habe mich stark
-zusammengenommen, weil ich glaubte, die Leute meinen sonst, ich kann
-das Rauchen nicht vertragen.
-
-Es hat nichts mehr geholfen, und da habe ich geschwind meinen Hut
-genommen.
-
-Die Frau ist aufgesprungen und hat geschrien, und alle Leute sind
-aufgestanden, und der Lehrer sagte: »Da haben wir es.« Und der große
-Mann sagte in der anderen Abteilung: »Das sind die Burschen, aus denen
-man die Anarchisten macht.«
-
-Mir ist alles gleich gewesen, weil mir so schlecht war. Ich dachte,
-wenn ich wieder gesund werde, will ich nie mehr Zigarren rauchen und
-immer folgen und meiner lieben Mutter keinen Verdruß nicht mehr machen.
-Ich dachte, wieviel schöner möchte es sein, wenn es mir jetzt nicht
-schlecht wäre, und ich hätte ein gutes Zeugnis in der Tasche, als daß
-ich jetzt den Hut in der Hand habe, wo ich mich hineingebrochen habe.
-
-Fritz sagte, er glaubt, daß es mir von einer Wurst schlecht geworden
-ist.
-
-Er wollte mir helfen, daß die Leute glauben, ich bin ein
-Gewohnheitsraucher.
-
-Aber es war mir nicht recht, daß er gelogen hat.
-
-Ich war auf einmal ein braver Sohn und hatte einen Abscheu gegen die
-Lüge.
-
-Ich versprach dem lieben Gott, daß ich keine Sünde nicht mehr tun
-wollte, wenn er mich wieder gesund werden läßt. Die Frau neben mir hat
-nicht gewußt, daß ich mich bessern will, und sie hat immer geschrien,
-wie lange sie den Gestank noch aushalten muß.
-
-Da hat der Fritz den Hut aus meiner Hand genommen und hat ihn zum
-Fenster hinausgehalten und hat ihn ausgeleert. Es ist aber viel auf
-das Trittbrett gefallen, daß es geplatscht hat, und wie der Zug in der
-Station gehalten hat, ist der Expeditor hergelaufen und hat geschrien:
-»Wer ist die Sau gewesen? Herrgottsakrament, Konduktör, was ist das für
-ein Saustall?«
-
-Alle Leute sind an die Fenster gestürzt und haben hinausgeschaut, wo
-das schmutzige Trittbrett gewesen ist. Und der Konduktör ist gekommen
-und hat es angeschaut und hat gebrüllt: »Wer war die Sau?« -- Der große
-Herr sagte zu ihm: »Es ist der nämliche, der mit den Bierflaschen
-schmeißt, und Sie haben es ihm erlaubt.« -- »Was ist das mit den
-Bierflaschen?« fragte der Expeditor. -- »Sie sind ein gemeiner Mensch,«
-sagte der Konduktör, »wenn Sie sagen, daß ich es erlaubt habe, daß er
-mit die Bierflaschen schmeißt.« -- »Was bin ich?« fragte der große
-Herr. -- »Sie sind ein gemeiner Lügner,« sagte der Konduktör, »ich
-habe es nicht erlaubt.« -- »Tun Sie nicht so schimpfen,« sagte der
-Expeditor, »wir müssen es mit Ruhe abmachen.«
-
-Alle Leute im Wagen haben durcheinander geschrien, daß wir solche
-Lausbuben sind, und daß man uns arretieren muß. Am lautesten hat der
-Lehrer gebrüllt, und er hat immer gesagt, er ist selbst ein Schulmann.
-Ich habe nichts sagen können, weil mir so schlecht war, aber der
-Fritz hat für mich geredet, und er hat den Expeditor gefragt, ob man
-arretiert werden muß, wenn man auf einem Bahnhofe eine giftige Wurst
-kriegt. Zuletzt hat der Expeditor gesagt, daß ich nicht arretiert
-werde, aber, daß das Trittbrett gereinigt wird, und ich muß es
-bezahlen. Es kostet eine Mark. Dann ist der Zug wieder gefahren, und
-ich habe immer den Kopf zum Fenster hinausgehalten, daß es mir besser
-wird.
-
-In Endorf ist der Fritz ausgestiegen, und dann ist meine Station
-gekommen. Meine Mutter und Ännchen waren auf dem Bahnhof und haben mich
-erwartet. Es ist mir noch immer ein bißchen schlecht gewesen und ich
-habe so Kopfweh gehabt.
-
-Da war ich froh, daß es schon Nacht war, weil man nicht gesehen hat,
-wie ich blaß bin. Meine Mutter hat mir einen Kuß gegeben und hat
-gleich gefragt: »Nach was riechst du, Ludwig?« Und Ännchen fragte: »Wo
-hast du deinen Hut, Ludwig?« Da habe ich gedacht, wie traurig sie sein
-möchten, wenn ich ihnen die Wahrheit sage, und ich habe gesagt, daß ich
-in Mühldorf eine giftige Wurst gegessen habe, und daß ich froh bin,
-wenn ich einen Kamillentee kriege.
-
-Wir sind heimgegangen, und die Lampe hat im Wohnzimmer gebrannt, und
-der Tisch war aufgedeckt. Unsere alte Köchin Theres ist hergelaufen,
-und wie sie mich gesehen hat, da hat sie gerufen: »Jesus Maria, wie
-schaut unser Bub aus? Das kommt davon, weil Sie ihn so viel studieren
-lassen, Frau Oberförster.«
-
-Meine Mutter sagte, daß ich etwas Unrechtes gegessen habe, und sie soll
-mir schnell einen Tee machen. Da ist die Theres geschwind in die Küche,
-und ich habe mich auf das Kanapee gesetzt.
-
-Unser Bürschel ist immer an mich hinaufgesprungen und hat mich
-abschlecken gewollt. Und alle haben sich gefreut, daß ich da bin. Es
-ist mir ganz weich geworden, und wie mich meine liebe Mutter gefragt
-hat, ob ich brav gewesen bin, habe ich gesagt: »Ja, aber ich will noch
-viel braver werden.«
-
-Ich sagte, wie ich die giftige Wurst drunten hatte, ist mir
-eingefallen, daß ich vielleicht sterben muß, und daß die Leute meinen,
-es ist nicht schade darum. Da habe ich mir vorgenommen, daß ich jetzt
-anders werde und alles tue, was meiner Mutter Freude macht, und viel
-lerne und nie keine Strafe mehr heimbringe, daß sie alle auf mich stolz
-sind.
-
-Ännchen schaute mich an und sagte: »Du hast gewiß ein furchtbar
-schlechtes Zeugnis heimgebracht, Ludwig?« Aber meine Mutter hat es ihr
-verboten, daß sie mich ausspottet, und sie sagte: »Du sollst nicht so
-reden, Ännchen, wenn er doch krank war und sich vorgenommen hat, ein
-neues Leben zu beginnen. Er wird es schon halten und mir viele Freude
-machen.« Da habe ich weinen müssen, und die alte Theres hat es auch
-gehört, daß ich vor meinem Tod solche Vorsätze genommen habe. Sie hat
-furchtbar laut geweint und hat geschrien: »Es kommt von dem vielen
-Studieren, und sie machen unsern Buben noch kaput.« Meine Mutter hat
-sie getröstet, weil sie gar nicht mehr aufgehört hat.
-
-Da bin ich ins Bett gegangen, und es war so schön, wie ich darin
-gelegen bin. Meine Mutter hat noch bei der Türe hereingeleuchtet
-und hat gesagte: »Erhole dich recht gut, Kind.« Ich bin noch lange
-aufgewesen und habe gedacht, wie ich jetzt brav sein werde.
-
-[Illustration]
-
-
- Buchdruckerei Richard Hahn (S. Otto), Leipzig.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert.
-
- Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
-
- S. 52: beseite → beiseite
- allen Respekt {beiseite} zu setzen
-
- S. 71: Kutzsch → Kutsch
- daß die {Kutsch} hübsch akkurat kommt
-
- S. 76: herauszuschüttlen → herausschütteln
- Krumplen aus meinem Staatskleid {herauszuschütteln}
-
- S. 86: begegenet → begegnet
- Meldungswürdiges mir {begegnet} ist
-
- S. 106: Büdung → Bildung
- Himmelsfrucht jeder sanften {Bildung} trage
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Humoristen (Band 6), by
-E. Th. A. Hoffmann and A. Bayersdorfer and Bettina v. Arnim and Henry F. Urban and Fr. Th. Fischer and L. Thoma
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE HUMORISTEN (BAND 6) ***
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- The Project Gutenberg eBook of Deutsche Humoristen, 6. Band, by Hoffmann, Bayersdorfer, v. Arnim, Urban, Vischer Thoma.
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Deutsche Humoristen (Band 6), by
-E. Th. A. Hoffmann and A. Bayersdorfer and Bettina v. Arnim and Henry F. Urban and Fr. Th. Fischer and L. Thoma
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
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-
-
-
-Title: Deutsche Humoristen (Band 6)
- Humoristische Erzählungen
-
-Author: E. Th. A. Hoffmann
- A. Bayersdorfer
- Bettina v. Arnim
- Henry F. Urban
- Fr. Th. Fischer
- L. Thoma
-
-Release Date: December 13, 2015 [EBook #50681]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE HUMORISTEN (BAND 6) ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p>
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p>In Antiqua ausgezeichneter Text ist <em class="antiqua">so dargestellt</em>.</p>
-
-<p>In Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Hausbücherei<br />
-31</p>
-
-<p class="center">Hiervon erschien<br />
-das</p>
-
-<table summary="Auflagenliste">
-<tr>
-<td class="tdr">1.&ndash;10.</td><td>Tausend 1908</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">11.&ndash;20.</td><td>Tausend 1910</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">21.&ndash;30.</td><td>Tausend 1914</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">31.&ndash;50.</td><td>Tausend 1916</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tdr">51.&ndash;60.</td><td>Tausend 1919</td>
-</tr>
-</table>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span></p>
-
-<p class="h2">
-Hausbücherei</p>
-<p class="center">
-der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung</p>
-<p class="center">
-31. Band</p>
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
-<p class="center">
-Hamburg-Großborstel<br />
-Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p>
-
-<h1>
-Deutsche Humoristen<br />
-<span class="smaller">6. Band</span></h1>
-<p class="h2">
-Humoristische Erzählungen</p>
-<p class="center">
-E. Th. A. Hoffmann A. Bayersdorfer<br />
-Bettina v. Arnim ▣ Henry F. Urban<br />
-Fr. Th. Vischer ▣ Ludwig Thoma</p>
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
-<p class="center">
-Hamburg-Großborstel<br />
-Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter">
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-</div>
-
-<p class="h2">Deutsche Humoristen</p>
-</div>
-
-<p class="center">Jeder Einzelband gebunden 3 Mark.</p>
-
-<div class="adv">
-
-<p><b>Band 1</b>: <em class="gesperrt">Friedr. Theodor Vischer</em>: Humorist. Gedicht.
-<em class="gesperrt">Peter Rosegger</em>: Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen
-saß. Wie wir die Gürtelsprenge haben gehalten.
-<em class="gesperrt">Wilhelm Raabe</em>: Der Marsch nach Hause. <em class="gesperrt">Fritz Reuter</em>:
-Woans ick tau 'ne Fru kamm. <em class="gesperrt">Albert Roderich</em>: Nemesis.
-71.&ndash;90. Tausend.</p>
-
-<p><b>Band 2</b>: <em class="gesperrt">Clemens Brentano</em>: Die mehreren Wehmüller
-oder ungarische Nationalgesichter. <em class="gesperrt">E. Th. A. Hoffmann</em>:
-Die Königsbraut. <em class="gesperrt">Heinrich Zschokke</em>: Die Nacht in
-Brczwezmcisl. 56.&ndash;65. Tausend.</p>
-
-<p><b>Band 3</b>: <em class="gesperrt">Hans Hoffmann</em>: Eistrug. <em class="gesperrt">Otto Ernst</em>: Die
-Gemeinschaft der Brüder vom geruhigen Leben. <em class="gesperrt">Max
-Eyth</em>: Der blinde Passagier. <em class="gesperrt">Helene Böhlau</em>: Die
-Ratsmädel gehen einem Spuk zu Leibe. 56.&ndash;70. Tausend.</p>
-
-<p><b>Band 4/5</b> (Doppelband): <em class="gesperrt">Humoristische Gedichte</em>. Eine
-hervorragende Sammlung der schönsten heiteren Gedichte
-bis auf die neueste Zeit. 352 Seiten. 31.&ndash;40. Tausend.</p>
-
-<p><b>Band 6</b>: <em class="gesperrt">E. Th. A. Hoffmann</em>: Aus »Klein Zaches genannt
-Zinnober«. <em class="gesperrt">Bettina von Arnim</em>: Die Reise nach
-Darmstadt. <em class="gesperrt">Fr. Th. Vischer</em>: Die Tücke des Objekts.
-<em class="gesperrt">Ad. Bayersdorfer</em>: Die militärpflichtige Tante. <em class="gesperrt">Henry
-F. Urban</em>: Der Eishund. <em class="gesperrt">Ludwig Thoma</em>: Besserung.
-51.&ndash;60. Tausend.</p>
-
-<p><b>Band 7</b>: <em class="gesperrt">Ottomar Enking</em>: Das Kriegerfest in Wettorp.
-<em class="gesperrt">Anna Croissant-Rust</em>: Der Herr Buchhalter. <em class="gesperrt">Wilhelm
-Schussen</em>: Pilgrime. <em class="gesperrt">Rudolf Greinz</em>: Das Hennendiandl.
-<em class="gesperrt">Sophus Bonde</em>: Jochen Appelbaums Galion.
-<em class="gesperrt">Ludwig Thoma</em>: Unser guater alter Herzog Karl is a
-Rindviech. <em class="gesperrt">Wilhelm Fischer-Graz</em>: Die Rebenbäckerin.
-31.&ndash;40. Tausend.</p>
-
-<p><b>Band 8</b>: <em class="gesperrt">Julius Bierbaum</em>: Der mutige Revierförster.
-<em class="gesperrt">Gorch Fock</em>: Schalotte. <em class="gesperrt">Rudolf Presber</em>: Die 74. Nacht.
-<em class="gesperrt">Wilhelm Schäfer</em>: Béarnaise. <em class="gesperrt">Karl Schönherr</em>: Die
-erste Beicht'. <em class="gesperrt">Ludwig Thoma</em>: Kabale und Liebe.
-1.&ndash;20. Tausend.</p></div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/rule.png" alt="" />
-</div>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p>
-
-<h2 id="Inhaltsverzeichnis">
-<img src="images/rule.png" alt="" />
-<br />
-
-Inhaltsverzeichnis</h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td></td><td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Vorbemerkungen zum 6. Bande der »Deutschen Humoristen«</td>
- <td class="tdr"><a href="#Vorbemerkungen">6</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Vorwort</td>
- <td class="tdr"><a href="#Vorwort">7&ndash;9</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td><em class="gesperrt">E. Th. A. Hoffmann</em>: Aus »Klein Zaches genannt
-Zinnober«</td>
- <td class="tdr"><a href="#E_Th_A_Hoffmann">10&ndash;63</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td><em class="gesperrt">Bettina von Arnim</em>: Die Reise nach Darmstadt</td>
- <td class="tdr"><a href="#Bettina_von_Arnim">64&ndash;93</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td><em class="gesperrt">Fr. Th. Vischer</em>: Die Tücke des Objekts</td>
- <td class="tdr"><a href="#Friedrich_Theodor_Vischer">94&ndash;118</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td><em class="gesperrt">Ad. Bayersdorfer</em>: Die militärpflichtige Tante</td>
- <td class="tdr"><a href="#Adolph_Bayersdorfer">119&ndash;136</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td><em class="gesperrt">Henry F. Urban</em>: Der Eishund</td>
- <td class="tdr"><a href="#Henry_F_Urban">137&ndash;149</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td><em class="gesperrt">Ludwig Thoma</em>: Besserung</td>
- <td class="tdr"><a href="#Ludwig_Thoma">150&ndash;160</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/rule.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p>
-
-<h2 id="Vorbemerkungen">
-<img src="images/rule.png" alt="" />
-<br />
-Vorbemerkungen<br />
-
-<span class="smaller">zum 6. Bande der »Deutschen Humoristen«</span></h2>
-</div>
-
-<p>Der Abschnitt »Die Tücke des Objekts« von Fr.
-Th. Vischer ist mit freundlicher Erlaubnis des
-Sohnes des Verfassers, Herrn Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> R. Vischer,
-Göttingen, und der Verlagsbuchhandlung abgedruckt
-aus dem Roman »Auch Einer« (Stuttgart und
-Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt).</p>
-
-<p>Die Abdruckserlaubnis der Humoreske »Die
-militärpflichtige Tante« aus dem Bande »Heitere
-Jugendzeit« von Adolph Bayersdorfer ist der
-Witwe des Verfassers und der G. Müller-Mannschen
-Verlagsbuchhandlung in Leipzig zu verdanken.</p>
-
-<p>Die Erzählung »Der Eishund« aus dem Bande
-»Aus dem Dollarlande« von Henry F. Urban ist
-von dem Verfasser freundlichst zur Verfügung gestellt
-worden (erschienen in der Concordia, Deutsche
-Verlags-Anstalt Hermann Ehbock, Berlin).</p>
-
-<p>»Besserung« von Ludwig Thoma ist mit gütiger
-Erlaubnis des Verfassers und der Verlagsbuchhandlung
-den »Lausbubengeschichten« entnommen
-(Albert Langen, Verlag, München).</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/rule.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p>
-
-<h2 id="Vorwort">
-<img src="images/rule.png" alt="" /><br />
-Vorwort</h2>
-</div>
-
-<p>Aus der reichen Fülle des Humors im deutschen
-Schrifttum greift dieser neue Band der »Hausbücherei«
-der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung wieder
-ein paar der freundlichsten Blüten heraus. Das
-behagliche Lachen, die heitere, wolkenlose Laune ist
-in unsern arbeitsschweren Tagen ein seltener Gast
-geworden. Da sollen diese Bände der »Hausbücherei«
-mit ihrem sonnenhellen Humor, der aus dem Herzen
-kommt und ins Gemüt hinein seinen Weg sucht,
-ein wenig helfen und im Leser etwas aufleuchten
-lassen, das ihn warm macht in der Kälte des
-Lebens und in ihm das Begehren weckt, immer
-mehr zu lesen von dem, was deutsches, gutes Schrifttum
-ihm bietet. Denn wenn uns ein schöner Humor
-und eine freundliche Laune mit gutem Lächeln ins
-Gesicht geschaut und uns die Last des Tages von
-den Schultern genommen haben, dann sind wir besser
-gerüstet und empfänglicher für den Genuß des
-Schönen und Tiefen, als wenn unsere Stirn vom
-Alltag her noch in Falten liegt.</p>
-
-<p>Dieser 6. Band »Deutscher Humoristen« bringt
-zunächst die köstlichsten Stellen aus <em class="gesperrt">E. Th. A. Hoffmanns</em><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span>
-humorvoller Märchenerzählung »Klein Zaches
-genannt Zinnober«, mit der ergötzlichen Satire
-auf das Leben am Duodezhofe des Fürsten Barsanuph.
-Unsere moderne Zeit, in der die Freude
-an der Romantik wieder erwacht ist, bringt gerade
-diesem Dichter (1776&ndash;1822), in dem eine exzentrische
-Phantasie, ein Hang zum Dämonisch-Grausigen
-und ein kühner Humor sich vereinen, ein
-besonders lebhaftes Interesse entgegen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Bettina von Arnim</em> (1785&ndash;1859), Goethes
-junge Freundin, Clemens Brentanos Schwester und die
-Gattin Achim von Arnims, die das schönste Buch
-der Romantik »Goethes Briefwechsel mit einem
-Kinde« veröffentlichte, gehört mit ihrem ganzen
-Wesen zu den Romantikern. In ihrer kleinen
-Schilderung »Die Reise nach Darmstadt«, in der sie
-Goethes Mutter, die Frau Rat, reden läßt, zeigt sich
-auf das glücklichste ihr sprudelndes Erzählertalent,
-ihre beneidenswerte Gabe, die humorvollen Seiten
-der Dinge und Begebenheiten aufzufinden und mit
-sprühendem Temperament zu schildern.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Friedrich Theodor Vischer</em> (1807&ndash;1887),
-der hervorragende Ästhet und Kunstkritiker, besaß
-eine für einen Mann der Wissenschaft ganz eigenartige
-Begabung für Humor, die in vielen Aufzeichnungen
-und Einfällen, in zahlreichen humoristisch-satirischen
-Liedern, die er als Student unter dem
-Namen Philipp Ulrich Schartenmeyer herausgab,
-ganz besonders aber in seinem großen Roman<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-»Auch Einer« zu lebendigem Ausdruck kommt.
-Diesem Buch ist der in sich abgeschlossene Abschnitt
-»Die Tücke des Objekts« entnommen, in dem in
-grimmig-lustiger Laune die zahlreichen kleinen täglichen
-Widerwärtigkeiten geschildert werden, die uns
-das Leben oft zur Qual und zur Plage machen können.</p>
-
-<p>Die folgenden drei Stücke sind humoristische Arbeiten
-neuerer Schriftsteller. Die beiden Erzählungen
-»Die militärpflichtige Tante« von <em class="gesperrt">Bayersdorfer</em>
-(1842&ndash;1901) und »Der Eishund« von
-<em class="gesperrt">Henry F. Urban</em>, der als deutscher Schriftsteller von
-Ruf in New York lebt, werden denen willkommen
-sein, die an launiger Erfindung und gemütvollem
-Humor ohne satirische Schärfe ihre Freude haben.
-Mit spitzerer Lanze tritt der Bayer <em class="gesperrt">Ludwig Thoma</em>
-(geboren 1867) in die Schranke. Geistvoller Witz,
-zielsichere, nicht selten soziale Satire und ein übermütiger,
-bajuvarisch-derber Humor, der über alles
-Philisterliche der Welt ein herzhaftes Lachen anstimmt,
-mischen sich in diesem Schriftsteller, der
-mit seinen »Lausbubengeschichten« überall ein vergnügtes
-Gelächter geweckt hat. Die letzte Erzählung
-»Besserung« ist diesen köstlichen Bubengeschichten
-entnommen.</p>
-
-<p>
-Gr.-Flottbek bei Hamburg.</p>
-<p class="right">
-Kurt Küchler.
-</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/rule.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span></p>
-
-<h2 id="E_Th_A_Hoffmann">
-<img src="images/rule.png" alt="" /><br />
-E. Th. A. Hoffmann:<br />
-Aus »Klein Zaches genannt Zinnober«</h2>
-</div>
-
-<p class="center">Vorbemerkung des Herausgebers</p>
-
-<div class="subsec">
-
-<p>Ein armes Bettel- und Bauernweib hat einen dreieinhalbjährigen
-Sohn, Klein Zaches genannt Zinnober, den häßlichsten
-Wechselbalg, den die Welt je geschaut und den man auf
-den ersten Blick für ein seltsam verknorpeltes Stückchen Holz
-hätte ansehen können. Das Stiftsfräulein von Rosenschön,
-in Wirklichkeit die gütige Fee Rosabelverde, erblickt das
-kleine Ungetüm am Wege und über so viel Jammer und
-Elend entsetzt, will sie dem Wechselbalg helfen, soweit es in
-ihrer Macht steht. »Sie glaubt, alles, was die Natur dem
-Kleinen stiefmütterlich versagt, dadurch zu ersetzen, wenn sie
-ihn mit der seltsamen geheimnisvollen Gabe beschenkte, vermöge
-der alles, was in seiner Gegenwart irgend ein anderer
-Vortreffliches denkt, spricht oder tut, auf <em class="gesperrt">seine</em> Rechnung
-kommen, ja, daß er in der Gesellschaft wohlgebildeter, verständiger,
-geistreicher Personen auch für wohlgebildet, verständig
-und geistreich geachtet werden und überhaupt allemal
-für den vollkommensten der Gattung, mit der er im Konflikt,
-gelten muss.« Diesen Zauber legt die Fee in drei feuerglänzende
-Haare, die sich über den Scheitel des Wechselbalges
-ziehen. Und zum Schutze dieser wertvollen Haare, deren
-Entfernung den Zusammenbruch des Zaubers herbeiführt,
-verwandelt sie das von Natur struppige Haar des Kleinen
-in dichte Locken. Zur Stärkung des Zaubers aber frisiert
-die Fee das Haar des Wechselbalges jeden neunten Tag mit
-einem goldenen magischen Kamm.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p>
-
-<p>So ausgerüstet zieht Klein Zaches nun in die Welt und
-nutzt den Zauber aus. Er kommt in das Haus Professor Mosch
-Terpins und an den kleinen Hof des Fürsten Barsanuph und gelangt
-dort auf die ergötzlichste Weise von der Welt zu den höchsten
-Ehren, bis der Student Balthasar, dessen Liebesglück Zinnober
-kraft seiner wundersamen Gabe bedroht, den Zauber bricht,
-und zwar mit Hilfe des Gelehrten Prosper Alpanus, der mächtiger
-in der Kunst der Magie ist, als die gütige Fee Rosabelverde.</p>
-
-<p>Die nachstehenden Abschnitte schildern Zinnobers Glück und
-Ende in der Residenz und am Hofe des Fürsten Barsanuph.</p></div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/tb.png" alt="" />
-</div>
-
-<div class="subsec">
-
-<p>Professor Mosch Terpins literarischer Tee. &ndash; Der junge Prinz.</p></div>
-
-<p>Daß Balthasar vor lauter Unruhe, vor unbeschreiblichem
-süßen Bangen die ganze Nacht hindurch
-nicht schlafen konnte: was war natürlicher
-als das. Ganz erfüllt von dem Bilde der Geliebten,
-setzte er sich hin an den Tisch und schrieb eine ziemliche
-Anzahl artiger wohlklingender Verse nieder,
-die in einer mystischen Erzählung von der Liebe
-der Nachtigall zur Purpurrose seinen Zustand
-schilderten. Die wollt' er mitnehmen in Mosch Terpins
-literarischen Tee und damit losfahren auf Candidas
-unbewehrtes Herz, wenn und wie es nur möglich.</p>
-
-<p>Fabian lächelte ein wenig, als er der Verabredung
-gemäß zur bestimmten Stunde kam, um
-seinen Freund Balthasar abzuholen, und ihn zierlicher
-geputzt fand, als er ihn jemals gesehen. Er
-hatte einen gezackten Kragen von den feinsten
-Brüsseler Kanten umgetan, sein kurzes Kleid mit
-geschlitzten Ärmeln war von gerissenem Sammt.<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-Und dazu trug er französische Stiefel mit hohen
-spitzen Absätzen und silbernen Fransen, einen englischen
-Hut von feinstem Castor und dänische Handschuhe.
-So war er ganz deutsch gekleidet, und der
-Anzug stand ihm über alle Maßen gut, zumal er
-sein Haar schön kräuseln lassen und das kleine
-Stutzbärtchen wohl aufgekämmt hatte.</p>
-
-<p>Das Herz bebte dem Balthasar vor Entzücken,
-als in Mosch Terpins Hause Candida ihm entgegentrat,
-ganz in der Tracht der altdeutschen Jungfrau,
-freundlich, anmutig in Blick und Wort, im ganzen
-Wesen, wie man sie immer zu sehen gewohnt.
-»Mein holdseligstes Fräulein!« seufzte Balthasar
-aus dem Innersten auf, als Candida, die süße
-Candida selbst, eine Tasse dampfenden Tee ihm
-darbot. Candida schaute ihn aber an mit leuchtenden
-Augen und sprach: »Hier ist Rum und Maraschino,
-Zwieback und Pumpernickel, lieber Herr
-Balthasar! greifen Sie doch nur gefälligst zu nach
-Ihrem Belieben!« Statt aber auf Rum und Maraschino,
-Zwieback oder Pumpernickel zu schauen oder
-gar zuzugreifen, konnte der begeisterte Balthasar
-den Blick voll schmerzlicher Wehmut der innigsten
-Liebe nicht abwenden von der holden Jungfrau
-und rang nach Worten, die aus tiefster Seele aussprechen
-sollten, was er eben empfand. Da faßte
-ihn aber der Professor der Ästhetik, ein großer<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-baumstarker Mann, mit gewaltiger Faust von hinten,
-drehte ihn herum, daß er mehr Teewasser auf den
-Boden verschüttete, als eben schicklich, und rief mit
-donnernder Stimme: »Bester Lukas Kranach, saufen
-Sie nicht das schnöde Wasser, Sie verderben sich
-den deutschen Magen total &ndash; dort im andern
-Zimmer hat unser tapferer Mosch eine Batterie der
-schönsten Flaschen mit edlem Rheinwein aufgepflanzt,
-die wollen wir sofort spielen lassen!« &ndash; Er schleppte
-den unglücklichen Jüngling fort.</p>
-
-<p>Doch aus dem Nebenzimmer trat ihnen der
-Professor Mosch Terpin entgegen, ein kleines sehr
-seltsames Männlein an der Hand führend und laut
-rufend: »Hier, meine Damen und Herren, stelle ich
-Ihnen einen mit den seltensten Eigenschaften hochbegabten
-Jüngling vor, dem es nicht schwer fallen
-wird, sich Ihr Wohlwollen, Ihre Achtung zu erwerben.
-Es ist der junge Herr Zinnober, der erst
-gestern auf unsere Universität gekommen, und die
-Rechte zu studieren gedenkt!« &ndash; Fabian und Balthasar
-erkannten auf den ersten Blick den kleinen
-wunderlichen Knirps, der vor dem Tore ihnen entgegengesprengt
-und vom Pferde gestürzt war.</p>
-
-<p>»Soll ich,« sprach Fabian leise zu Balthasar, »soll ich
-denn noch das Alräunchen herausfordern auf Blasrohr
-oder Schusterpfriem? Anderer Waffen kann ich mich
-doch nicht bedienen wider diesen furchtbaren Gegner.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span></p>
-
-<p>»Schäme dich,« erwiderte Balthasar, »schäme dich,
-daß du den verwahrlosten Mann verspottest, der
-wie du hörst, die seltensten Eigenschaften besitzt,
-und so durch geistigen Wert das ersetzt, was die
-Natur ihm an körperlichen Vorzügen versagte.«
-Dann wandte er sich zum Kleinen und sprach:
-»Ich hoffe nicht, bester Herr Zinnober, daß Ihr
-gestriger Fall vom Pferde etwa schlimme Folgen
-gehabt haben wird?« Zinnober hob sich aber, indem
-er einen kleinen Stock, den er in der Hand
-trug, hinten unterstemmte, auf den Fußspitzen in
-die Höhe, so daß er dem Balthasar beinahe bis
-an den Gürtel reichte, warf den Kopf in den Nacken,
-schaute mit wildfunkelnden Augen herauf und sprach
-in seltsam schnarrendem Baßton: »Ich weiß nicht,
-was Sie wollen, wovon Sie sprechen, mein Herr!
-&ndash; Vom Pferde gefallen? &ndash; <em class="gesperrt">ich</em> vom Pferde gefallen?
-&ndash; Sie wissen wahrscheinlich nicht, daß ich
-der beste Reiter bin, den es geben kann, daß ich
-niemals vom Pferde falle, daß ich als Freiwilliger
-unter den Kürassieren den Feldzug mitgemacht und
-Offizieren und Gemeinen Unterricht gab im Reiten
-auf der Manège! &ndash; hm hm &ndash; vom Pferde fallen
-&ndash; ich vom Pferde fallen!« &ndash; Damit wollte er sich
-rasch umwenden, der Stock, auf den er sich stützte,
-glitt aber aus, und der Kleine torkelte um und um,
-dem Balthasar vor die Füße. Balthasar griff hinab<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-nach dem Kleinen, ihm aufzuhelfen, und berührte
-dabei unversehens sein Haupt. Da stieß der Kleine
-einen gellenden Schrei aus, daß es im ganzen
-Saale widerhallte und die Gäste erschrocken auffuhren
-von ihren Sitzen. Man umringte den
-Balthasar und fragte durcheinander, warum er denn
-um des Himmels willen so entsetzlich geschrieen.
-»Nehmen Sie es nicht übel, bester Herr Balthasar,«
-sprach der Professor Mosch Terpin, »aber das war
-ein etwas wunderlicher Spaß. Denn wahrscheinlich
-wollten Sie uns doch glauben machen, es trete hier
-jemand einer Katze auf den Schwanz!« »Katze &ndash;
-Katze &ndash; weg mit der Katze!« rief eine nervenschwache
-Dame und fiel sofort in Ohnmacht, und mit dem Geschrei:
-»Katze &ndash; Katze &ndash;« rannten ein paar alte Herren,
-die an derselben Idiosynkrasie litten, zur Türe hinaus.</p>
-
-<p>Candida, die ihr ganzes Riechfläschchen auf die
-ohnmächtige Dame ausgegossen, sprach leise zu
-Balthasar: »Aber was richten Sie auch für Unheil
-an mit Ihrem häßlichen gellenden Miau, lieber
-Herr Balthasar!«</p>
-
-<p>Dieser wußte gar nicht, wie ihm geschah. Glutrot
-im ganzen Gesicht vor Unwillen und Scham,
-vermochte er kein Wort herauszubringen, nicht zu
-sagen, daß es ja der kleine Herr Zinnober und
-nicht <em class="gesperrt">er</em> gewesen, der so entsetzlich gemauzt.</p>
-
-<p>Der Professor Mosch Terpin sah des Jünglings<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-schlimme Verlegenheit. Er nahte sich ihm freundlich
-und sprach: »Nun, nun, lieber Herr Balthasar,
-seien Sie doch nur ruhig. Ich habe wohl alles
-bemerkt. Sich zur Erde bückend, auf allen Vieren
-hüpfend, ahmten Sie den gemißhandelten grimmigen
-Kater herrlich nach. Ich liebe sonst sehr dergleichen
-naturhistorische Spiele, doch hier im literarischen
-Tee &ndash;« »Aber,« platzte Balthasar heraus, »aber vortrefflichster
-Herr Professor, ich war es ja nicht &ndash;«
-»Schon gut &ndash; schon gut,« fiel ihm der Professor
-in die Rede. Candida trat zu ihnen. »Tröste mir,«
-sprach der Professor zu dieser, »tröste mir doch
-den guten Balthasar, der ganz betreten ist über
-alles Unheil, was geschehen.«</p>
-
-<p>Der gutmütigen Candida tat der arme Balthasar,
-der ganz verwirrt mit niedergesenktem Blick vor
-ihr stand, herzlich leid. Sie reichte ihm die Hand
-und lispelte mit anmutigem Lächeln: »Es sind aber
-auch recht komische Leute, die sich so entsetzlich vor
-Katzen fürchten.«</p>
-
-<p>Balthasar drückte Candidas Hand mit Inbrunst
-an die Lippen. Candida ließ den seelenvollen Blick
-ihrer Himmelsaugen auf ihm ruhen. Er war verzückt
-in den höchsten Himmel und dachte nicht mehr
-an Zinnober und Katzengeschrei. &ndash; Der Tumult
-war vorüber, die Ruhe wieder hergestellt. Am
-Teetisch saß die nervenschwache Dame und genoß<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-mehreren Zwieback, den sie in Rum tunkte, versichernd,
-an dergleichen erlabe sich das von feindlicher
-Macht bedrohte Gemüt, und dem jähen Schreck
-folge sehnsüchtig Hoffen!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Auch die beiden alten Herren, denen draußen
-wirklich ein flüchtiger Kater zwischen die Beine gelaufen,
-kehrten beruhigt zurück, und suchten, wie
-mehrere andere, den Spieltisch.</p>
-
-<p>Balthasar, Fabian, der Professor der Ästhetik,
-mehrere junge Leute setzten sich zu den Frauen.
-Herr Zinnober hatte sich indessen eine Fußbank herangerückt
-und war mittelst derselben auf das Sofa gestiegen,
-wo er nun in der Mitte zwischen zwei Frauen
-saß und stolze funkelnde Blicke um sich warf.</p>
-
-<p>Balthasar glaubte, daß der rechte Augenblick gekommen,
-mit seinem Gedicht von der Liebe der
-Nachtigall zur Purpurrose hervorzurücken. Er
-äußerte daher mit der gehörigen Verschämtheit, wie
-sie bei jungen Dichtern im Brauch ist, daß er, dürfe
-er nicht fürchten, Überdruß und Langeweile zu erregen,
-dürfe er auf gütige Nachsicht der verehrten
-Versammlung hoffen, es wagen wolle, ein Gedicht,
-das jüngste Erzeugnis seiner Muse, vorzulesen.</p>
-
-<p>Da die Frauen schon hinlänglich über alles verhandelt,
-was sich neues in der Stadt zugetragen,
-da die Mädchen den letzten Ball bei dem Präsidenten
-gehörig durchgesprochen und sogar über die<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-Normalform der neuesten Hüte einig wurden, da
-die Männer unter zwei Stunden nicht auf weitere
-Speis und Tränkung rechnen durften: so wurde
-Balthasar einstimmig aufgefordert, der Gesellschaft
-ja den herrlichen Genuß nicht vorzuenthalten.</p>
-
-<p>Balthasar zog das sauber geschriebene Manuskript
-hervor und las.</p>
-
-<p>Sein eigenes Werk, das in der Tat aus wahrhaftem
-Dichtergemüt mit voller Kraft, mit regem
-Leben hervorgeströmt, begeisterte ihn mehr und
-mehr. Sein Vortrag, immer leidenschaftlicher steigend,
-verriet die innere Glut des liebenden Herzens. Er
-bebte vor Entzücken, als leise Seufzer &ndash; manches
-leise »Ach« &ndash; der Frauen, mancher Ausruf der
-Männer: »Herrlich &ndash; vortrefflich &ndash; göttlich!« ihn
-überzeugten, daß sein Gedicht alle hinriß.</p>
-
-<p>Endlich hatte er geendet. Da riefen alle: »Welch
-ein Gedicht! &ndash; welche Gedanken &ndash; welche Phantasie
-&ndash; was für schöne Verse &ndash; welcher Wohlklang
-&ndash; Dank &ndash; Dank Ihnen, bester Herr Zinnober für
-den göttlichen Genuß«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Was? wie?« rief Balthasar; aber niemand
-achtete auf ihn, sondern alle stürzten auf Zinnober
-zu, der sich auf dem Sofa blähte wie ein kleiner
-Puter und mit widriger Stimme schnarrte: »Bitte
-recht sehr &ndash; bitte recht sehr &ndash; müssen so vorlieb
-nehmen! &ndash; ist eine Kleinigkeit, die ich erst vorige<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span>
-Nacht aufschrieb in aller Eile!« &ndash; Aber der Professor
-der Ästhetik schrie: »Vortrefflicher &ndash; göttlicher
-Zinnober! &ndash; Herzensfreund, außer mir bist du der
-erste Dichter, den es jetzt gibt auf Erden! &ndash; Komm
-an meine Brust, schöne Seele!« &ndash; Damit riß er
-den Kleinen vom Sofa auf in die Höhe und herzte
-und küßte ihn. Zinnober betrug sich dabei sehr
-ungebärdig. Er arbeitete mit den kleinen Beinchen
-auf des Professors dickem Bauch herum und quäkte:
-»Laß mich los &ndash; laß mich los &ndash; es tut mir weh &ndash; weh
-&ndash; ich kratz' dir die Augen aus &ndash; ich beiß' dir die
-Nase entzwei!« &ndash; »Nein«, rief der Professor, indem
-er den Kleinen niedersetzte auf das Sofa, »nein,
-holder Freund, keine zu weit getriebene Bescheidenheit!«
-&ndash; Mosch Terpin war nun auch vom Spieltisch
-herangetreten, der nahm Zinnobers Händchen,
-drückte es und sprach sehr ernst: »Vortrefflich, junger
-Mann! &ndash; nicht zuviel, nein, nicht genug sprach man
-mir von dem hohen Genius, der Sie beseelt« &ndash;
-»Wer ist's«, rief nun wieder der Professor der
-Ästhetik in voller Begeisterung aus, »wer ist's von
-euch Jungfrauen, der dem herrlichen Zinnober sein
-Gedicht, das das innigste Gefühl der reinsten Liebe
-ausspricht, lohnt durch einen Kuß?«</p>
-
-<p>Da stand Candida auf, nahete sich, voll Glut auf
-den Wangen, dem Kleinen, kniete nieder und küßte
-ihn auf den garstigen Mund mit blauen Lippen.<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-»Ja«, schrie nun Balthasar wie vom Wahnsinn
-plötzlich erfaßt, »ja Zinnober &ndash; göttlicher Zinnober,
-du hast das tiefsinnige Gedicht gemacht von der
-Nachtigall und der Purpurrose, dir gebührt der
-herrliche Lohn, den du erhalten!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Und damit riß er den Fabian ins Nebenzimmer
-hinein und sprach: »Tu mir den Gefallen und schaue
-mich recht fest an und dann sage mir offen und
-ehrlich, ob ich der Student Balthasar bin oder nicht,
-ob du wirklich Fabian bist, ob wir in Mosch Terpins
-Hause sind, ob wir im Traume liegen &ndash; ob wir
-närrisch sind &ndash; zupfe mich an der Nase oder rüttle
-mich zusammen, damit ich nur erwache aus diesem
-verfluchten Spuk!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wie magst«, erwiderte Fabian, »wie magst du
-dich denn nur so toll gebärden, aus purer Eifersucht,
-weil Candida den Kleinen küßte? Gestehen
-mußt du doch selbst, daß das Gedicht, welches der
-Kleine vorlas, in der Tat vortrefflich war.« &ndash;
-»Fabian«, rief Balthasar mit dem Ausdruck des
-tiefsten Erstaunens, »was sprichst du denn?« &ndash; »Nun
-ja«, fuhr Fabian fort, »nun ja, das Gedicht des
-Kleinen war vortrefflich und gegönnt hab' ich ihm
-Candidas Kuß. &ndash; Überhaupt scheint hinter dem
-seltsamen Männlein allerlei zu stecken, das mehr
-wert ist als eine schöne Gestalt. Aber was auch
-selbst seine Figur betrifft, so kommt er mir jetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span>
-nichts weniger als so abscheulich vor wie anfangs.
-Beim Ablesen des Gedichts verschönerte die innere
-Begeisterung seine Gesichtszüge, so daß er mir oft
-ein anmutiger wohlgewachsener Jüngling zu sein
-schien, ungeachtet er doch kaum über den Tisch
-hervorragte. Gib deine unnütze Eifersucht auf, befreunde
-dich als Dichter mit dem Dichter!«</p>
-
-<p>»Was«, schrie Balthasar voll Zorn, »was? &ndash;
-noch befreunden mit dem verfluchten Wechselbalge,
-den ich erwürgen möchte mit diesen Fäusten?«</p>
-
-<p>»So«, sprach Fabian, »so verschließest du dich
-denn aller Vernunft. Doch laß uns in den Saal
-zurückkehren, wo sich etwas Neues begeben muß,
-da ich laute Beifallsrufe vernehme.«</p>
-
-<p>Mechanisch folgte Balthasar dem Freunde in
-den Saal.</p>
-
-<p>Als sie eintraten, stand der Professor Mosch
-Terpin allein in der Mitte, die Instrumente noch
-in der Hand, womit er irgendein physikalisches
-Experiment gemacht, starres Staunen im Gesicht.
-Die ganze Gesellschaft hatte sich um den kleinen
-Zinnober gesammelt, der, den Stock untergestemmt,
-auf den Fußspitzen dastand und mit stolzem Blick
-den Beifall einnahm, der ihm von allen Seiten
-zuströmte. Man wandte sich wieder zum Professor,
-der ein anderes sehr artiges Kunststückchen machte.
-Kaum war er fertig, als wiederum alle den Kleinen<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-umringend riefen: »Herrlich &ndash; vortrefflich, lieber
-Herr Zinnober!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Endlich sprang auch Mosch Terpin zu dem Kleinen
-hin und rief zehnmal stärker als die übrigen:
-»Herrlich &ndash; vortrefflich, lieber Herr Zinnober!«</p>
-
-<p>Es befand sich in der Gesellschaft der junge
-Fürst Gregor, der auf der Universität studierte.
-Der Fürst war von der anmutigsten Gestalt, die
-man nur sehen konnte, und dabei war sein Betragen
-so edel und ungezwungen, daß sich die hohe
-Abkunft, die Gewohnheit, sich in den vornehmsten
-Kreisen zu bewegen, darin deutlich aussprach.</p>
-
-<p>Fürst Gregor war es nun, der gar nicht von
-Zinnober wich und ihn als den herrlichsten Dichter,
-den geschicktesten Physiker über alle Maßen lobte.</p>
-
-<p>Seltsam war die Gruppe, die beide zusammenstehend
-bildeten. Gegen den herrlich gestalteten
-Gregor stach gar wunderlich das winzige Männlein
-ab, das mit hoch emporgereckter Nase sich kaum
-auf den dünnen Beinchen zu erhalten vermochte.
-Alle Blicke der Frauen waren hingerichtet, aber
-nicht auf den Fürsten, sondern auf den Kleinen,
-der, sich auf den Fußspitzen hebend, immer wieder
-hinabsank und so hinauf und hinunter wankte wie
-ein Cartesianisches Teufelchen.</p>
-
-<p>Der Professor Mosch Terpin trat zu Balthasar
-und sprach: »Was sagen Sie zu meinem Schützling,<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-zu meinem lieben Zinnober? Viel steckt hinter
-dem Mann und nun ich ihn so recht anschaue, ahne
-ich wohl die eigentliche Bewandtnis, die es mit
-ihm haben mag. Der Prediger, der ihn erzogen
-und mir empfohlen hat, drückt sich über seine Abkunft
-sehr geheimnisvoll aus. Betrachten Sie aber
-nur den edlen Anstand, sein vornehmes ungezwungenes
-Betragen. Er ist gewiß von fürstlichem Geblüt,
-vielleicht gar ein Königssohn!« &ndash; In dem
-Augenblick wurde gemeldet, das Mahl sei angerichtet.
-Zinnober torkelte ungeschickt hin zur Candida, ergriff
-täppisch ihre Hand und führte sie nach dem Speisesaal.</p>
-
-<p>In voller Wut rannte der unglückliche Balthasar
-durch die finstre Nacht, durch Sturmwind und Regen
-fort nach Hause.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/tb.png" alt="" />
-</div>
-
-<div class="subsec">
-
-<p>Wie Fürst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger Goldwasser
-frühstückte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose bekam
-und den Geheimen Sekretär Zinnober zum Geheimen
-Spezialrat erhob.</p></div>
-
-<p>Es ist nicht länger zu verhehlen, daß der Minister
-der auswärtigen Angelegenheiten, bei dem Herr
-Zinnober als Geheimer Expedient angenommen, ein
-Abkömmling jenes Barons Prätextatus von Mondschein
-war, der den Stammbaum der Fee Rosabelverde
-in den Turnierbüchern und Chroniken vergebens
-suchte. Er hieß, wie sein Ahnherr, Prätextatus<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-von Mondschein, war von der feinsten Bildung,
-den angenehmsten Sitten, verwechselte niemals
-das Mich und Mir, das Ihnen und Sie,
-schrieb seinen Namen mit französischen Lettern, sowie
-überhaupt eine leserliche Hand, und arbeitete sogar
-zuweilen selbst, vorzüglich wenn das Wetter schlecht
-war. Fürst Barsanuph, ein Nachfolger des großen
-Paphnutz, liebte ihn zärtlich, denn er hatte auf jede
-Frage eine Antwort, spielte in den Erholungsstunden
-mit dem Fürsten Kegel, verstand sich herrlich aufs
-Geld-Negoz, und suchte in der Gavotte seinesgleichen.</p>
-
-<p>Es begab sich, daß der Baron Prätextatus von
-Mondschein den Fürsten eingeladen hatte zum Frühstück
-auf Leipziger Lerchen und ein Gläschen Danziger
-Goldwasser. Als er nun hinkam in Mondscheins
-Haus, fand er im Vorsaal unter mehreren
-angenehmen diplomatischen Herren den kleinen
-Zinnober, der auf seinen Stock gestemmt ihn mit
-seinen Äugelein anfunkelte und ohne sich weiter an
-ihn zu kehren, eine gebratene Lerche ins Maul
-steckte, die er soeben vom Tische gemaust. Sowie
-der Fürst den Kleinen erblickte, lächelte er ihn
-gnädig an und sprach zum Minister: »Mondschein!
-was haben Sie da für einen kleinen, hübschen verständigen
-Mann in Ihrem Hause? &ndash; Es ist gewiß
-derselbe, der die wohl stilisierten und schön geschriebenen
-Berichte verfertigt, die ich seit einiger<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-Zeit von Ihnen erhalte?« &ndash; »Allerdings, gnädigster
-Herr«, erwiderte Mondschein. »Mir hat das Geschick
-ihn zugeführt als den geistreichsten, geschicktesten
-Arbeiter in meinem Büreau. Er nennt sich Zinnober,
-und ich empfehle den jungen herrlichen Mann
-ganz vorzüglich Ihrer Huld und Gnade, mein
-bester Fürst! &ndash; Erst seit wenigen Tagen ist er bei
-mir.« &ndash; »Und eben deshalb«, sprach ein junger hübscher
-Mann, der sich indessen genähert, »und eben
-deshalb hat, wie Ew. Exzellenz zu bemerken erlauben
-werden, mein junger kleiner Kollege noch
-gar nichts expediert. Die Berichte, die das Glück
-hatten, von Ihnen, mein durchlauchtigster Fürst,
-mit Wohlgefallen bemerkt zu werden, sind von mir
-verfaßt.« &ndash; »Was wollen Sie!« fuhr der Fürst ihn
-zornig an. &ndash; Zinnober hatte sich dicht an den
-Fürsten geschoben und schmatzte, die Lerche verzehrend,
-vor Gier und Appetit. &ndash; Der junge
-Mensch war es wirklich, der jene Berichte verfaßt,
-aber: »Was wollen Sie«, rief der Fürst, »Sie haben
-ja noch gar nicht die Feder angerührt? &ndash; Und
-daß Sie dicht bei mir gebratene Lerchen verzehren,
-so daß, wie ich zu meinem großen Ärger bemerken
-muß, meine neue Kasimirhose bereits einen Butterfleck
-bekommen, daß Sie dabei so unbillig schmatzen,
-ja! &ndash; alles das beweiset hinlänglich Ihre Untauglichkeit
-zu jeder diplomatischen Laufbahn! &ndash; Gehen<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-Sie fein nach Hause und lassen Sie sich nicht wieder
-vor mir sehen, es sei denn, Sie brächten mir eine
-nützliche Fleckkugel für meine Kasimirhose. &ndash; Vielleicht
-wird mir dann wieder gnädig zu Mute!«
-Dann zum Zinnober: »Solche Jünglinge, wie Sie,
-werter Zinnober, sind eine Zierde des Staats und
-verdienen ehrenvoll ausgezeichnet zu werden! &ndash;
-Sie sind Geheimer Spezialrat, mein Bester!« &ndash;
-»Danke schönstens«, schnarrte Zinnober, indem er
-den letzten Bissen hinunterschluckte, und sich das
-Maul wischte mit beiden Händchen, »danke schönstens,
-ich werd' das Ding schon machen, wie es mir zukommt.«</p>
-
-<p>»Wackres Selbstvertrauen«, sprach der Fürst mit
-erhobener Stimme, »wackres Selbstvertrauen zeugt
-von der innern Kraft, die dem würdigen Staatsmann
-innewohnen muß!« Und auf diesen Spruch
-nahm der Fürst ein Schnäpschen Goldwasser, welches
-der Minister selbst ihm darreichte und das ihm
-sehr wohl bekam. &ndash; Der neue Rat mußte Platz
-nehmen zwischen dem Fürsten und Minister. Er
-verzehrte unglaublich viel Lerchen und trank Malaga
-und Goldwasser durcheinander und schnarrte und
-brummte zwischen den Zähnen, und hantierte, da
-er kaum mit der spitzen Nase über den Tisch reichen
-konnte, gewaltig mit den Händchen und Beinchen.</p>
-
-<p>Als das Frühstück beendigt, riefen beide, der<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-Fürst und der Minister: »Es ist ein englischer
-Mensch, dieser Geheime Spezialrat!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/tb.png" alt="" />
-</div>
-
-<div class="subsec">
-
-<p>Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem Garten frisiert
-wurde und im Grase ein Taubad nahm. &ndash; Der Orden des grüngefleckten
-Tigers. &ndash; Glücklicher Einfall eines Theaterschneiders.</p></div>
-
-<p>Der Professor Mosch Terpin schwamm in lauter
-Wonne, »Konnte«, sprach er zu sich selbst, »konnte
-mir denn etwas Glücklicheres begegnen, als daß
-der vortreffliche Geheime Spezialrat in mein Haus
-kam als Studiosus? &ndash; Er heiratet meine Tochter
-&ndash; er wird mein Schwiegersohn, durch ihn erlange
-ich die Gunst des vortrefflichen Fürsten Barsanuph
-und steige nach auf der Leiter, die mein herrliches
-Zinnoberchen hinaufklimmt. &ndash; Wahr ist es, daß
-es mir oft selbst unbegreiflich vorkommt, wie das
-Mädchen, die Candida, so ganz und gar vernarrt
-sein kann in den Kleinen. Sonst sieht das Frauenzimmer
-wohl mehr auf ein hübsches Äußere, als
-auf besondere Geistesgaben, und schaue ich denn
-nun zuweilen das Spezialmännlein an, so ist es mir,
-als ob er nicht ganz hübsch zu nennen &ndash; sogar &ndash;
-<em class="antiqua">bossu</em> &ndash; still &ndash; ßt &ndash; ßt &ndash; die Wände haben Ohren.
-&ndash; Er ist des Fürsten Liebling, wird immer höher steigen
-&ndash; höher hinauf, und ist mein Schwiegersohn!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Mosch Terpin hatte recht, Candida äußerte die<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-entschiedenste Neigung für den Kleinen und sprach,
-gab hie und da einer, den Zinnobers seltsamer
-Spuk nicht berückt hatte, zu verstehen, daß der
-Geheime Spezialrat doch eigentlich ein fatales mißgestaltetes
-Ding sei, sogleich von den wunderschönen
-Haaren, womit ihn die Natur begabt.</p>
-
-<p>Niemand lächelte aber, wenn Candida also sprach,
-hämischer, als der Referendarius Pulcher.</p>
-
-<p>Dieser stellte dem Zinnober nach auf Schritten
-und Tritten, und hierin stand ihm getreulich der
-Geheime Sekretär Adrian bei, eben derselbe junge
-Mensch, den Zinnobers Zauber beinahe aus dem
-Büreau des Ministers verdrängt hätte, und der
-des Fürsten Gunst nur durch die vortreffliche Fleckkugel
-wieder gewann, die er ihm überreichte.</p>
-
-<p>Der Geheime Spezialrat Zinnober bewohnte ein
-schönes Haus mit einem noch schöneren Garten,
-in dessen Mitte sich ein mit dichtem Gebüsch umgebener
-Platz befand, auf dem die herrlichsten
-Rosen blühten. Man hatte bemerkt, daß allemal
-den neunten Tag Zinnober bei Tagesanbruch leise
-aufstand, sich, so sauer es ihm werden mochte, ohne
-alle Hilfe des Bedienten ankleidete, in den Garten
-hinabstieg und in den Gebüschen verschwand, die
-jenen Platz umgaben.</p>
-
-<p>Pulcher und Adrian, irgend ein Geheimnis
-ahnend, wagten es in einer Nacht, als Zinnober,<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-wie sie von seinem Kammerdiener erfahren, vor neun
-Tagen jenen Platz besucht hatte, die Gartenmauer zu
-übersteigen und sich in den Gebüschen zu verbergen.</p>
-
-<p>Kaum war der Morgen angebrochen, als sie den
-Kleinen daherwandeln sahen, schnupfend und prustend,
-weil ihm, da er mitten durch ein Blumenbeet ging,
-die tauigten Halme und Stauden um die Nase schlugen.</p>
-
-<p>Als er auf den Rasenplatz bei den Rosen angekommen,
-ging ein süßtönendes Wehen durch die
-Büsche, und durchdringender wurde der Rosenduft.
-Eine schöne verschleierte Frau mit Flügeln an den
-Schultern schwebte herab, setzte sich auf den zierlichen
-Stuhl, der mitten unter den Rosenbüschen
-stand, nahm mit den leisen Worten: »Komm, mein
-liebes Kind,« den kleinen Zinnober und kämmte
-ihm mit einem goldnen Kamm sein langes Haar,
-das den Rücken hinabwallte. Das schien dem
-Kleinen sehr wohlzutun, denn er blinzelte mit den
-Äugelein und streckte die Beinchen lang aus, und
-knurrte und murrte beinahe wie ein Kater. Das
-hatte wohl fünf Minuten gedauert, da strich noch
-einmal die zauberische Frau mit einem Finger dem
-Kleinen die Scheitel entlang, und Pulcher und Adrian
-gewahrten einen schmalen, feuerfarb glänzenden Streif
-auf dem Haupte Zinnobers. Nun sprach die Frau:
-»Lebe wohl, mein süßes Kind! &ndash; Sei klug, sei
-klug, so wie du kannst!« &ndash; Der Kleine sprach: »Adieu,<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-Mütterchen, klug bin ich genug, du brauchst mir
-das gar nicht so oft zu wiederholen.«</p>
-
-<p>Die Frau erhob sich langsam und verschwand
-in den Lüften.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Pulcher und Adrian waren starr vor Erstaunen.
-Als nun aber Zinnober davonschreiten wollte, sprang
-der Referendarius hervor und rief laut: »Guten
-Morgen, Herr Geheimer Spezialrat! Ei, wie schön
-haben Sie sich frisieren lassen« Zinnober schaute
-sich um und wollte, als er den Referendarius erblickte,
-schnell davonrennen. Ungeschickt und schwächlich
-auf den Beinen, wie er nun aber war, stolperte
-er und fiel in das hohe Gras, das die Halme über
-ihn zusammenschlug und er lag im Taubade. Pulcher
-sprang hinzu und half ihm auf die Beine, aber
-Zinnober schnarrte ihn an: »Herr, wie kommen
-Sie hier in meinen Garten! scheren Sie sich zum
-Teufel!« Und damit hüpfte und rannte er, so rasch
-er nur vermochte, hinein ins Haus.</p>
-
-<p>Pulcher schrieb dem Balthasar diese wunderbare
-Begebenheit und versprach, seine Aufmerksamkeit
-auf das kleine zauberische Ungetüm zu verdoppeln.
-Zinnober schien über das, was ihm widerfahren,
-trostlos. Er ließ sich zu Bette bringen und stöhnte
-und ächzte so, daß die Kunde, wie er plötzlich erkrankt,
-bald zum Minister Mondschein, zum Fürsten
-Barsanuph gelangte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span></p>
-
-<p>Fürst Barsanuph schickte sogleich seinen Leibarzt
-zu dem kleinen Liebling.</p>
-
-<p>»Mein vortrefflichster Geheimer Spezialrat«, sprach
-der Leibarzt, als er den Puls befühlt, »Sie opfern
-sich auf für den Staat. Angestrengte Arbeit hat
-Sie aufs Krankenbett geworfen, anhaltendes Denken
-Ihnen das unsägliche Leiden verursacht, das Sie
-empfinden müssen. Sie sehen im Antlitz sehr blaß
-und eingefallen aus, aber Ihr wertes Haupt glüht
-schrecklich! &ndash; Ei, ei! &ndash; doch keine Gehirnentzündung?
-Sollte das Wohl des Staates dergleichen hervorgebracht
-haben? Kaum möglich! &ndash; Erlauben Sie
-doch!«</p>
-
-<p>Der Leibarzt mochte wohl denselben roten Streif
-auf Zinnobers Haupte gewahren, den Pulcher und
-Adrian entdeckt hatten. Er wollte, nachdem er
-einige magnetische Striche aus der Ferne versucht,
-den Kranken auch verschiedentlich angehaucht, worüber
-dieser merklich mauzte und quinkelierte, nun
-mit der Hand hinfahren über das Haupt, und berührte
-dasselbe unversehens. Da sprang Zinnober
-schäumend vor Wut in die Höhe und gab mit seinem
-kleinen Knochenhändchen dem Leibarzt, der sich gerade
-ganz über ihn hingebeugt, eine solche derbe
-Ohrfeige, daß es im ganzen Zimmer widerhallte.</p>
-
-<p>»Was wollen Sie«, schrie Zinnober, »was wollen
-Sie von mir, was krabbeln Sie mir herum auf<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-meinem Kopfe! Ich bin gar nicht krank, ich bin
-gesund, ganz gesund, werde gleich aufstehen und
-zum Minister fahren in die Konferenz; scheren Sie
-sich fort!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Leibarzt eilte ganz erschrocken von dannen.
-Als er aber dem Fürsten Barsanuph erzählte, wie
-es ihm ergangen, rief dieser entzückt aus: »Was
-für ein Eifer für den Dienst des Staats! &ndash; welche
-Würde, welche Hoheit im Betragen! &ndash; welch ein
-Mensch, dieser Zinnober!«</p>
-
-<p>»Mein bester Geheimer Spezialrat,« sprach der
-Minister Prätextatus von Mondschein zu dem kleinen
-Zinnober, »wie herrlich ist es, daß Sie Ihrer Krankheit
-nicht achtend in die Konferenz kommen. Ich
-habe in der wichtigen Angelegenheit mit dem Kakatukker
-Hofe eine Memoire entworfen &ndash; <em class="gesperrt">selbst</em>
-entworfen, und bitte, daß <em class="gesperrt">Sie</em> es dem Fürsten vortragen,
-denn Ihr geistreicher Vortrag hebt das
-Ganze, für dessen Verfasser mich dann der Fürst
-anerkennen soll.« &ndash; Das Memoire, womit Prätextatus
-glänzen wollte, hatte aber niemand anders
-verfaßt, als Adrian.</p>
-
-<p>Der Minister begab sich mit dem Kleinen zum
-Fürsten. &ndash; Zinnober zog das Memoire, das ihm
-der Minister gegeben, aus der Tasche, und fing an
-zu lesen. Da es damit aber nun gar nicht recht
-gehen wollte und er nur lauter unverständliches<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-Zeug murrte und schnurrte, nahm ihm der Minister
-das Papier aus den Händen und las selbst.</p>
-
-<p>Der Fürst schien ganz entzückt, er gab seinen
-Beifall zu erkennen, ein Mal über das andere
-rufend: »Schön &ndash; gut gesagt &ndash; herrlich &ndash;
-treffend!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Sowie der Minister geendet, schritt der Fürst
-geradezu los auf den kleinen Zinnober, hob ihn
-in die Höhe, drückte ihn an seine Brust, gerade
-dahin, wo ihm (dem Fürsten) der große Stern des
-grüngefleckten Tigers saß und stammelte und schluchzte,
-während ihm häufige Tränen aus den Augen flossen:
-»Nein! &ndash; solch ein Mann &ndash; solch ein Talent! &ndash;
-solcher Eifer &ndash; solche Liebe &ndash; es ist zu viel &ndash;
-zu viel!« &ndash; Dann gefaßter: »Zinnober! &ndash; ich
-erhebe Sie hiermit zu meinem Minister! &ndash; Bleiben
-Sie dem Vaterlande hold und treu, bleiben Sie ein
-wackrer Diener der Barsanuphe, von denen Sie
-geehrt &ndash; geliebt werden.« Und nun sich mit verdrießlichem
-Blick zum Minister wendend: »Ich bemerke,
-lieber Baron von Mondschein, daß seit
-einiger Zeit Ihre Kräfte nachlassen. Ruhe auf
-Ihren Gütern wird Ihnen heilbringend sein! &ndash;
-Leben Sie wohl!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Minister von Mondschein entfernte sich, unverständliche
-Worte zwischen den Zähnen murmelnd
-und funkelnde Blicke werfend auf Zinnober, der sich,<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-nach seiner Art sein Stöckchen in den Rücken gestemmt,
-auf den Fußspitzen hoch in die Höhe hob
-und stolz und keck umherblickte.</p>
-
-<p>»Ich muss,« sprach nun der Fürst, »ich muß Sie,
-mein lieber Zinnober, gleich Ihrem hohen Verdienst
-gemäß auszeichnen; empfangen Sie daher aus
-meinen Händen den Orden des grüngefleckten
-Tigers!«</p>
-
-<p>Der Fürst wollte ihm nun das Ordensband,
-das er sich in der Schnelligkeit von dem Kammerdiener
-reichen lassen, umhängen; aber Zinnobers
-mißgestalteter Körperbau bewirkte, daß das Band
-durchaus nicht normalmäßig sitzen wollte, indem es
-sich bald ungebührlich heraufschob, bald ebenso
-hinabschlotterte.</p>
-
-<p>Der Fürst war in dieser sowie in jeder andern
-solchen Sache, die das eigentlichste Wohl des Staats
-betraf, sehr genau. Zwischen dem Hüftknochen und
-dem Steißbein, in schräger Richtung drei Sechzehnteil
-Zoll aufwärts vom letztern, mußte das am
-Bande befindliche Ordenszeichen des grüngefleckten
-Tigers sitzen. Das war nicht herauszubringen.
-Der Kammerdiener, drei Pagen, der Fürst legten
-Hand an, alles Mühen blieb vergebens. Das verräterische
-Band rutschte hin und her, und Zinnober begann
-unmutig zu quäken: »Was hantieren Sie
-doch so schrecklich an meinem Leibe herum, lassen<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-Sie doch das dumme Ding hängen, wie es will,
-Minister bin ich doch nun einmal und bleib' es!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wofür,« sprach nun der Fürst zornig, »wofür habe
-ich denn Ordensräte, wenn rücksichts der Bänder
-solche tolle Einrichtungen existieren, die ganz meinem
-Willen entgegenlaufen? &ndash; Geduld, mein lieber
-Minister Zinnober! bald soll das anders werden!«</p>
-
-<p>Auf Befehl des Fürsten mußte sich nun der
-Ordensrat versammeln, dem noch zwei Philosophen,
-sowie ein Naturforscher, der eben vom Nordpol
-kommend durchreiste, beigesellt wurden, um über
-die Frage, wie auf die geschickteste Weise dem
-Minister Zinnober das Band des grüngefleckten
-Tigers anzubringen, zu beratschlagen. Um für
-diese wichtige Beratung gehörige Kräfte zu sammeln,
-wurde sämtlichen Mitgliedern aufgegeben, acht
-Tage vorher nicht zu denken; um dies besser ausführen
-zu können und doch tätig zu bleiben im
-Dienste des Staats, aber sich indessen mit dem
-Rechnungswesen zu beschäftigen. Die Straßen vor
-dem Palast, wo die Ordensräte, Philosophen und
-Naturforscher ihre Sitzung halten sollten, wurden
-mit dickem Stroh belegt, damit das Gerassel der
-Wagen die weisen Männer nicht störe, und ebendaher
-durfte auch nicht getrommelt, Musik gemacht,
-ja nicht einmal laut gesprochen werden in der Nähe
-des Palastes. Im Palast selbst tappte alles auf<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-dicken Filzschuhen umher, und man verständigte sich
-durch Zeichen.</p>
-
-<p>Sieben Tage hindurch vom frühesten Morgen bis
-in den späten Abend hatten die Sitzungen gedauert,
-und noch war an keinen Beschluß zu denken.</p>
-
-<p>Der Fürst, ganz ungeduldig, schickte einmal über
-das andere hin und ließ ihnen sagen, es solle in
-des Teufels Namen ihnen doch endlich etwas Gescheutes
-einfallen. Das half aber ganz und gar nichts.</p>
-
-<p>Der Naturforscher hatte soviel als möglich Zinnobers
-Natur erforscht, Höhe und Breite seines Rücken-Auswuchses
-genommen und die genaueste Berechnung
-darüber dem Ordensrat eingereicht. Er war
-es auch, der endlich vorschlug, ob man nicht den
-Theaterschneider bei der Beratung zuziehen wolle.</p>
-
-<p>So seltsam dieser Vorschlag erscheinen mochte,
-wurde er doch in der Angst und Not, in der sich
-alle befanden, einstimmig angenommen.</p>
-
-<p>Der Theaterschneider Herr Kees war ein überaus
-gewandter, pfiffiger Mann. Sowie ihm der
-schwierige Fall vorgetragen worden, sowie er die
-Berechnungen des Naturforschers durchgesehen, war
-er mit dem herrlichsten Mittel, wie das Ordensband
-zum normalmäßen Sitzen gebracht werden
-könne, bei der Hand.</p>
-
-<p>An Brust und Rücken sollten nämlich eine gewisse
-Anzahl Knöpfe angebracht und das Ordensband<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-daran geknöpft werden. Der Versuch gelang
-über die Maßen wohl.</p>
-
-<p>Der Fürst war entzückt und billigte den Vorschlag
-des Ordensrates, den Orden des grüngefleckten
-Tigers nunmehro in verschiedene Klassen zu teilen,
-nach der Anzahl der Knöpfe, womit er gegeben
-wurde. Z. B. Orden des grüngefleckten Tigers
-mit zwei Knöpfen &ndash; mit drei Knöpfen usw. Der
-Minister Zinnober erhielt als ganz besondere Auszeichnung,
-die sonst kein anderer erlangen könne,
-den Orden mit zwanzig brillantierten Knöpfen, denn
-gerade zwanzig Knöpfe erforderte die wunderliche
-Form seines Körpers.</p>
-
-<p>Der Schneider Kees erhielt den Orden des grüngefleckten
-Tigers mit zwei goldnen Knöpfen, und wurde,
-da der Fürst ihn seines glücklichen Einfalls ungeachtet
-für einen schlechten Schneider hielt und sich daher
-nicht von ihm kleiden lassen wollte, zum Wirklichen
-Geheimen Groß-Kostümierer des Fürsten ernannt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/tb.png" alt="" />
-</div>
-
-<div class="subsec">
-
-<p>Wie Fürst Barsanuph hinter den Kaminschirm trat und den
-Generaldirektor der natürlichen Angelegenheiten kassierte. &ndash;
-Zinnobers Flucht aus Mosch Terpins Hause.</p></div>
-
-<p>In dem mit hundert Kerzen erleuchteten Saal
-stand der kleine Zinnober im scharlachroten gestickten
-Kleide, den großen Orden des grüngefleckten Tigers<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-mit zwanzig Knöpfen umgetan, Degen an der Seite,
-Federhut unterm Arm. Neben ihm die holde Candida
-bräutlich geschmückt, in aller Anmut und Jugend
-strahlend. Zinnober hatte ihre Hand gefaßt, die
-er zuweilen an den Mund drückte und dabei recht
-widrig grinste und lächelte. Und jedesmal überflog
-dann ein höheres Rot Candidas Wangen, und sie
-blickte den Kleinen an mit dem Ausdruck der
-innigsten Liebe. Das war denn wohl recht graulich
-anzusehen, und nur die Verblendung, in die Zinnobers
-Zauber alle versetzte, war schuld daran, daß
-man nicht, ergrimmt über Candidas heillose Verstrickung,
-den kleinen Hexenkerl packte und ins
-Kaminfeuer warf. Rings um das Paar im Kreise
-in ehrerbietiger Entfernung hatte sich die Gesellschaft
-gesammelt. Nur Fürst Barsanuph stand neben
-Candida und mühte sich, bedeutungsvolle gnädige
-Blicke umher zu werfen, auf die indessen niemand
-sonderlich achtete. Alles hatte nur Auge für das
-Brautpaar und hing an Zinnobers Lippen, der hin
-und wieder einige unverständliche Worte schnurrte,
-denen jedesmal ein leises Ach! der höchsten Bewunderung,
-das die Gesellschaft ausstieß, folgte.</p>
-
-<p>Es war an dem, daß die Verlobungsringe gewechselt
-werden sollten. Mosch Terpin trat in den
-Kreis mit einem Präsentierteller, auf dem die Ringe
-funkelten. Er räusperte sich &ndash; Zinnober hob sich<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-auf den Fußspitzen so hoch als möglich, beinahe
-reichte er der Braut an den Ellbogen. &ndash; Alles
-stand in der gespanntesten Erwartung &ndash; da lassen
-sich plötzlich fremde Stimmen hören, die Türe des
-Saales springt auf, Balthasar dringt ein, mit ihm
-Pulcher &ndash; Fabian! &ndash; Sie brechen durch den Kreis
-&ndash; »Was ist das, was wollen die Fremden?« ruft
-alles durcheinander.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Fürst Barsanuph schreit entsetzt: »Aufruhr &ndash;
-Rebellion &ndash; Wache!« und springt hinter den Kaminschirm.
-&ndash; Mosch Terpin erkennt den Balthasar, der
-dicht bis zum Zinnober vorgedrungen, und ruft:
-»Herr Studiosus! &ndash; Sind Sie rasend &ndash; sind Sie
-von Sinnen? &ndash; wie können Sie sich unterstehen,
-hier einzudringen in die Verlobung! &ndash; Leute &ndash;
-Gesellschaft &ndash; Bediente, werft den Grobian zur
-Türe hinaus!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aber ohne sich nur im mindesten an irgend etwas
-zu kehren, hat Balthasar schon eine Lorgnette
-hervorgezogen und richtet durch dieselbe den festen
-Blick auf Zinnobers Haupt. Wie vom elektrischen
-Strahl getroffen, stößt Zinnober ein gellendes Katzengeschrei
-aus, daß der ganze Saal widerhallt.
-Candida fällt ohnmächtig auf einen Stuhl; der eng
-geschlossene Kreis der Gesellschaft stäubt auseinander.
-&ndash; Klar vor Balthasars Augen liegt der feuerfarbglänzende
-Haarstreif, er springt zu auf Zinnober<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-&ndash; faßt ihn, <em class="gesperrt">der</em> strampelt mit den Beinchen
-und sträubt sich und kratzt und beißt.</p>
-
-<p>»Angepackt &ndash; angepackt!« ruft Balthasar; da
-fassen Fabian und Pulcher den Kleinen, daß er sich
-nicht zu regen und zu bewegen vermag, und Balthasar
-faßt sicher und behutsam die roten Haare,
-reißt sie mit einem Ruck vom Haupte herab, springt
-an den Kamin, wirft sie ins Feuer, sie prasseln auf,
-es geschieht ein betäubender Schlag, alle erwachen
-wie aus dem Traum. &ndash; Da steht der kleine Zinnober,
-der sich mühsam aufgerafft von der Erde,
-und schimpft und schmäht und befiehlt, man solle
-die frechen Ruhestörer, die sich an der geheiligten
-Person des ersten Ministers im Staate vergriffen,
-sogleich packen und ins tiefste Gefängnis werfen!
-Aber einer fragt den andern: »Wo kommt denn mit
-einem Mal der kleine purzelbäumige Kerl her? &ndash;
-Was will das kleine Ungetüm?« &ndash; Und wie der
-Däumling immerfort tobt und mit den Füßchen
-den Boden stampft und immer dazwischen ruft:
-»Ich bin der Minister Zinnober &ndash; ich bin der
-Minister Zinnober &ndash; der grüngefleckte Tiger mit
-zwanzig Knöpfen!« da bricht alles in ein tolles
-Gelächter aus. Man umringt den Kleinen, die
-Männer heben ihn auf und werfen sich ihn zu wie
-einen Fangball; ein Ordensknopf nach dem andern
-springt ihm vom Leibe &ndash; er verliert den Hut &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-den Degen, die Schuhe. &ndash; Fürst Barsanuph kommt
-hinter dem Kaminschirm hervor und tritt hinein
-mitten in den Tumult. Da kreischt der Kleine:
-»Fürst Barsanuph &ndash; Durchlaucht &ndash; retten Sie
-Ihren Minister &ndash; Ihren Liebling! &ndash; Hilfe &ndash;
-Hilfe &ndash; der Staat ist in Gefahr &ndash; der grüngefleckte
-Tiger &ndash; Weh &ndash; weh!« &ndash; Der Fürst wirft
-einen grimmigen Blick auf den Kleinen und schreitet
-dann rasch vorwärts nach der Türe. Mosch Terpin
-kommt ihm in den Weg, den faßt er, zieht ihn in
-die Ecke und spricht mit zornfunkelnden Augen:
-»Sie erdreisten sich, Ihrem Fürsten, Ihrem Landesvater
-hier eine dumme Komödie vorspielen zu
-wollen? &ndash; Sie laden mich ein zur Verlobung Ihrer
-Tochter mit meinem würdigen Minister Zinnober,
-und statt meines Ministers finde ich hier eine abscheuliche
-Mißgeburt, die Sie in glänzende Kleider
-gesteckt? &ndash; Herr, wissen Sie, daß das ein landesverräterischer
-Spaß ist, den ich strenge ahnden
-würde, wenn Sie nicht ein ganz alberner Mensch
-wären, der ins Tollhaus gehört? &ndash; Ich entsetze
-Sie des Amts als Generaldirektor der natürlichen
-Angelegenheiten und verbitte mir alles weitere
-Studieren in meinem Keller! &ndash; Adieu!«</p>
-
-<p>Damit stürmte er fort.</p>
-
-<p>Aber Mosch Terpin stürzte zitternd vor Wut los
-auf den Kleinen, faßte ihn bei den langen struppigen<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span>
-Haaren und rannte mit ihm hin nach dem Fenster: »Hinunter
-mit dir«, schrie er, »hinunter mit dir, schändliche
-heillose Mißgeburt, die mich so schmachvoll hintergangen,
-mich um alles Glück des Lebens gebracht hat!«</p>
-
-<p>Er wollte den Kleinen hinabstürzen durch das
-geöffnete Fenster, doch der Aufseher des zoologischen
-Kabinetts, der auch zugegen, sprang mit Blitzesschnelle
-hinzu, faßte den Kleinen und entriß ihn
-Mosch Terpins Fäusten. »Halten Sie ein,« sprach
-der Aufseher, »halten Sie ein, Herr Professor, vergreifen
-Sie sich nicht an fürstlichem Eigentum.
-Es ist keine Mißgeburt, es ist der <em class="antiqua">Mycetes Belzebub</em>,
-<em class="antiqua">Simia Belzebub</em>, der dem Museo entlaufen.«
-»<em class="antiqua">Simia Belzebub &ndash; Simia Belzebub!</em>« ertönte es von
-allen Seiten unter schallendem Gelächter. Doch kaum
-hatte der Aufseher den Kleinen auf den Arm genommen
-und ihn recht angesehen, als er unmutig ausrief: »Was
-sehe ich! &ndash; das ist ja nicht <em class="antiqua">Simia Belzebub</em>, das ist
-ja ein schnöder häßlicher Wurzelmann! Pfui! &ndash; pfui!«</p>
-
-<p>Und damit warf er den Kleinen in die Mitte des
-Saals. Unter dem lauten Hohngelächter der Gesellschaft
-rannte der Kleine quiekend und knurrend
-durch die Türe fort &ndash; die Treppe hinab &ndash; fort,
-fort nach seinem Hause, ohne daß ihn ein einziger
-von seinen Dienern bemerkt.</p>
-
-<p>Währenddessen, daß sich dies alles im Saale begab,
-hatte sich Balthasar in das Kabinett entfernt,<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-wo man, wie er wahrgenommen, die ohnmächtige
-Candida hingebracht. Er warf sich ihr zu Füßen,
-drückte ihre Hände an seine Lippen, nannte sie mit
-den süßesten Namen. Sie erwachte endlich mit
-einem tiefen Seufzer, und als sie den Balthasar
-erblickte, da rief sie voll Entzücken: »Bist du endlich
-&ndash; endlich da, mein geliebter Balthasar! Ach,
-ich bin ja beinahe vergangen vor Sehnsucht und
-Liebesschmerz! und immer erklangen mir die Töne
-der Nachtigall, von denen berührt der Purpurrose
-das Herzblut entquillt!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nun erzählte sie, alles, alles um sich her vergessend,
-wie ein böser abscheulicher Traum sie verstrickt, wie
-es ihr vorgekommen, als habe sich ein häßlicher
-Unhold an ihr Herz gelegt, dem sie ihre Liebe
-schenken müssen, weil sie nicht anders gekonnt.
-Der Unhold habe sich zu verstellen gewußt, daß er
-ausgesehen wie Balthasar; und wenn sie recht lebhaft
-an Balthasar gedacht, habe sie zwar gewußt,
-daß der Unhold nicht Balthasar, aber dann sei es ihr
-wieder auf unbegreifliche Weise gewesen, als müsse
-sie den Unhold lieben, eben um Balthasars willen.</p>
-
-<p>Balthasar klärte ihr nur so viel auf, als es geschehen
-konnte, ohne ihre ohnehin aufgeregten Sinne
-ganz und gar zu verwirren. Dann folgten, wie
-es unter Liebesleuten nicht anders zu geschehen
-pflegt, tausend Versicherungen, tausend Schwüre<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-ewiger Liebe und Treue. Und dabei umfingen sie
-sich und drückten sich mit der Inbrunst der innigsten
-Zärtlichkeit an die Brust und waren ganz und
-gar umflossen von aller Wonne, von allem Entzücken
-des höchsten Himmels.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/tb.png" alt="" />
-</div>
-
-<div class="subsec">
-
-<p>Verlogenheit eines treuen Kammerdieners. &ndash; Wie die alte
-Liese eine Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober
-auf der Flucht ausglitschte. &ndash; Auf welche merkwürdige Weise
-der Leibarzt des Fürsten Zinnobers jähen Tod erklärte. &ndash;
-Wie Fürst Barsanuph sich betrübte, Zwiebeln aß, und wie
-Zinnobers Verlust unersetzlich blieb.</p></div>
-
-<p>Der Wagen des Ministers Zinnober hatte beinahe
-die ganze Nacht vergeblich vor Mosch Terpins
-Hause gehalten. Ein Mal über das andere versicherte
-man dem Jäger, Se. Exzellenz müßten schon
-lange die Gesellschaft verlassen haben; der meinte
-aber dagegen, das sei ganz unmöglich, da Se. Exzellenz
-doch wohl nicht im Regen und Sturm zu
-Fuß nach Hause gerannt sein würden. Als nun
-endlich alle Lichter ausgelöscht und die Türen verschlossen
-wurden, mußte der Jäger zwar fortfahren
-mit dem leeren Wagen, im Hause des Ministers
-weckte er aber sogleich den Kammerdiener und
-fragte, ob denn ums Himmels willen und auf welche
-Art der Minister nach Hause gekommen. »Se. Exzellenz«,
-erwiderte der Kammerdiener leise dem<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span>
-Jäger ins Ohr, »Se. Exzellenz sind gestern eingetroffen
-in später Dämmerung, das ist ganz gewiß
-&ndash; liegen im Bette und schlafen. &ndash; Aber! &ndash; o mein
-guter Jäger! &ndash; wie &ndash; auf welche Weise! &ndash; ich
-will Ihnen alles erzählen &ndash; doch Siegel auf den
-Mund &ndash; ich bin ein verlorner Mann, wenn Se.
-Exzellenz erfahren, daß ich es war, auf dem finstern
-Korridor! &ndash; ich komme um meinen Dienst, denn
-Se. Exzellenz sind zwar von kleiner Statur, besitzen
-aber außerordentlich viel Wildheit, alterieren
-sich leicht, kennen sich selbst nicht im Zorn, haben
-noch gestern eine schnöde Maus, die durch Se. Exzellenz
-Schlafzimmer zu hüpfen sich unterfangen,
-mit dem blankgezogenen Degen durch und durch
-gerannt. &ndash; Nun gut! &ndash; Also in der Dämmerung
-nehme ich mein Mäntelchen um und will ganz
-sachte hinüberschleichen ins Weinstübchen zu einer
-Partie Tric-Trac, da schurrt und schlurrt mir etwas
-auf der Treppe entgegen und kommt mir auf dem
-finstern Korridor zwischen die Beine und schlägt
-hin auf den Boden und erhebt ein gellendes Katzengeschrei
-und grunzt dann wie &ndash; o Gott &ndash; Jäger!
-&ndash; halten Sie das Maul, edler Mann, sonst bin
-ich hin! &ndash; kommen Sie ein wenig näher &ndash; und
-grunzt dann, wie unsere gnädige Exzellenz zu grunzen
-pflegt, wenn der Koch die Kälberkeule verbraten
-oder ihm sonst im Staate was nicht recht ist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span></p>
-
-<p>Die letzten Worte hatte der Kammerdiener mit
-vorgehaltener Hand ins Ohr gesprochen. Der Jäger
-fuhr zurück, schnitt ein bedenkliches Gesicht und rief:
-»Ist es möglich!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ja«, fuhr der Kammerdiener fort, »es war
-unbezweifelt unsere gnädige Exzellenz was mir
-auf dem Korridor durch die Beine fuhr. Ich vernahm
-nun deutlich, wie der Gnädige in den
-Zimmern die Stühle heranrückte und sich die Türe
-eines Zimmers nach dem andern öffnete, bis er in
-seinem Schlafkabinett angekommen. Ich wagt' es
-nicht nachzugehen, aber ein paar Stündchen nachher
-schlich ich mich an die Türe des Schlafkabinetts
-und horchte. Da schnarchten die liebe Exzellenz
-ganz auf die Weise, wie es zu geschehen pflegt,
-wenn Großes im Werke. &ndash; Jäger! es gibt mehr
-Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere
-Weisheit sich träumt, das hört' ich einmal auf
-dem Theater einen melancholischen Prinzen sagen,
-der ganz schwarz ging und sich vor einem ganz in
-grauen Pappendeckel gekleideten Mann sehr fürchtete.
-&ndash; Jäger! &ndash; es ist gestern irgend etwas Erstaunliches
-geschehen, das die Exzellenz nach Hause
-trieb. Der Fürst ist bei dem Professor gewesen,
-vielleicht äußerte er das und das &ndash; irgend ein
-hübsches Reformchen &ndash; und da ist nun der Minister
-gleich drüber her, läuft aus der Verlobung heraus<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-und fängt an zu arbeiten für das Wohl der Regierung.
-&ndash; Ich hört's gleich am Schnarchen; ja
-Großes, Entscheidendes wird geschehen. &ndash; O Jäger
-&ndash; vielleicht lassen wir alle über kurz oder lang
-uns wieder die Zöpfe wachsen! &ndash; Doch, teurer
-Freund, lassen Sie uns hinabgehen und als treue
-Diener an der Türe des Schlafzimmers lauschen,
-ob Se. Exzellenz auch noch ruhig im Bette liegen
-und die inneren Gedanken ausarbeiten.«</p>
-
-<p>Beide, der Kammerdiener und der Jäger, schlichen
-sich hin an die Türe und horchten. Zinnober
-schnurrte und orgelte und pfiff durch die wundersamsten
-Tonarten. Beide Diener standen in stummer
-Ehrfurcht, und der Kammerdiener sprach tiefgerührt:
-»Ein großer Mann ist doch unser gnädiger Herr
-Minister!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Schon am frühsten Morgen entstand unten im
-Hause des Ministers ein gewaltiger Lärm. Ein
-altes erbärmlich in längst verblichenen Sonntagsstaat
-gekleidetes Bauerweib hatte sich ins Haus
-gedrängt und dem Portier angelegen, sie sogleich
-zu ihrem Söhnlein, zu Klein Zaches zu führen.
-Der Portier hatte sie bedeutet, daß Se. Exzellenz
-der Herr Minister von Zinnober, Ritter des grüngefleckten
-Tigers mit zwanzig Knöpfen, im Hause
-wohne, und niemand von der Dienerschaft Klein
-Zaches heiße oder so genannt werde. Da hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-das Weib aber ganz toll jubelnd geschrieen, der
-Herr Minister Zinnober mit zwanzig Knöpfen, das
-sei eben ihr liebes Söhnlein, der Klein Zaches.
-Auf das Geschrei des Weibes, auf die donnernden
-Flüche des Portiers war alles aus dem
-ganzen Hause zusammengelaufen, und das Getöse
-wurde ärger und ärger. Als der Kammerdiener
-hinabkam, um die Leute auseinander zu
-jagen, die Se. Exzellenz so unverschämt in der
-Morgenruhe störten, warf man eben das Weib,
-die alle für wahnsinnig hielten, zum Hause heraus.</p>
-
-<p>Auf die steinernen Stufen des gegenüberstehenden
-Hauses setzte sich nun das Weib hin und schluchzte
-und lamentierte, daß das grobe Volk da drinnen
-sie nicht zu ihrem Herzens-Söhnlein, zu dem Klein
-Zaches, der Minister geworden, lassen wolle. Viele
-Leute versammelten sich nach und nach um sie her,
-denen sie immer und immer wiederholte, daß der
-Minister Zinnober niemand anders sei, als ihr
-Sohn, den sie in der Jugend Klein Zaches geheißen;
-so daß die Leute zuletzt nicht wußten, ob sie die
-Frau für toll halten oder gar ahnen sollten, daß
-wirklich was an der Sache.</p>
-
-<p>Die Frau wandte nicht die Augen weg von
-Zinnobers Fenster. Da schlug sie mit einem Mal
-eine helle Lache auf, klopfte die Hände zusammen
-und rief jubelnd überlaut: »Da ist er &ndash; da ist er,<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-mein Herzensmännlein &ndash; mein kleines Koboltchen
-&ndash; Guten Morgen, Klein Zaches! &ndash; Guten Morgen,
-Klein Zaches!« &ndash; Alle Leute guckten hin, und als
-sie den kleinen Zinnober gewahrten, der in seinem
-gestickten Scharlachkleide, das Ordensband des
-grüngefleckten Tigers umgehängt, vor dem Fenster
-stand, das hinabging bis an den Fußboden, so daß
-seine ganze Figur durch die großen Scheiben deutlich
-zu sehen, lachten sie ganz übermäßig und lärmten
-und schrieen: »Klein Zaches &ndash; Klein Zaches! Ha,
-seht doch den kleinen geputzten Pavian &ndash; die tolle
-Mißgeburt &ndash; das Wurzelmännlein &ndash; Klein Zaches!
-Klein Zaches!« &ndash; Der Portier, alle Diener Zinnobers
-rannten hinaus, um zu erschauen, worüber
-das Volk denn so unmäßig lachte und jubiliere.
-Aber kaum erblickten sie ihren Herrn, als sie noch
-ärger als das Volk im tollsten Gelächter schrieen:
-»Klein Zaches &ndash; Klein Zaches &ndash; Wurzelmann &ndash;
-Däumling &ndash; Alraun!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Minister schien erst jetzt zu gewahren, daß
-der tolle Spuk auf der Straße niemand anderm
-gelte, als ihm selbst. Er riß das Fenster auf,
-schaute mit zornfunkelnden Augen hinab, schrie,
-raste, machte seltsame Sprünge vor Wut &ndash; drohte
-mit Wache &ndash; Polizei &ndash; Stockhaus und Festung.</p>
-
-<p>Aber je mehr die Exzellenz tobte im Zorn, desto
-ärger wurde Tumult und Gelächter, man fing an,<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-mit Steinen &ndash; Obst &ndash; Gemüse, oder was man
-eben zur Hand bekam, nach dem unglücklichen
-Minister zu werfen &ndash; er mußte hinein!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Gott im Himmel«, rief der Kammerdiener entsetzt,
-»aus dem Fenster der gnädigen Exzellenz guckte
-ja das kleine abscheuliche Ungetüm heraus &ndash; was
-ist das? &ndash; wie ist der kleine Hexenkerl in die
-Zimmer gekommen?« &ndash; Damit rannte er hinauf,
-aber so wie vorher fand er das Schlafkabinett des
-Ministers fest verschlossen. Er wagte leise zu
-pochen! &ndash; Keine Antwort!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Indessen war, der Himmel weiß auf welche Weise,
-ein dumpfes Gemurmel im Volke entstanden, das
-kleine lächerliche Ungetüm dort oben sei wirklich
-Klein Zaches, der den stolzen Namen Zinnober
-angenommen und sich durch allerlei schändlichen
-Lug und Trug aufgeschwungen. Immer lauter und
-lauter erhoben sich die Stimmen. »Hinunter mit
-der kleinen Bestie &ndash; hinunter &ndash; klopft dem Klein
-Zaches die Ministerjacke aus &ndash; sperrt ihn in den
-Käfig &ndash; laßt ihn für Geld sehen auf dem Jahrmarkt!
-&ndash; Beklebt ihn mit Goldschaum und beschert
-ihn den Kindern zum Spielzeug! &ndash; Hinauf
-&ndash; hinauf!« &ndash; Und damit stürmte das Volk an
-gegen das Haus.</p>
-
-<p>Der Kammerdiener rang verzweiflungsvoll die
-Hände. »Rebellion &ndash; Tumult &ndash; Exzellenz &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-machen Sie auf &ndash; retten Sie sich!« &ndash; so schrie
-er; aber keine Antwort, nur ein leises Stöhnen
-ließ sich vernehmen.</p>
-
-<p>Die Haustüre wurde eingeschlagen, das Volk
-polterte unter wildem Gelächter die Treppe herauf.</p>
-
-<p>»Nun gilt's,« sprach der Kammerdiener und rannte
-mit aller Macht an gegen die Türe des Kabinetts,
-daß sie klirrend und rasselnd aus den Angeln sprang.
-&ndash; Keine Exzellenz &ndash; kein Zinnober zu finden!&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Exzellenz &ndash; gnädigste Exzellenz &ndash; vernehmen
-Sie denn nicht die Rebellion? &ndash; Exzellenz &ndash; gnädigste
-Exzellenz, wo hat Sie denn der &ndash; Gott verzeih mir
-die Sünde, wo geruhen Sie sich denn zu befinden?«</p>
-
-<p>So schrie der Kammerdiener in heller Verzweiflung
-durch die Zimmer rennend. Aber keine Antwort,
-kein Laut, nur der spottende Widerhall
-tönte von den Marmorwänden. Zinnober schien
-spurlos, tonlos verschwunden. &ndash; Draußen war es
-ruhiger geworden, der Kammerdiener vernahm die
-tiefe klangvolle Stimme eines Frauenzimmers, die
-zum Volke sprach und gewahrte durchs Fenster
-blickend, wie die Menschen nach und nach leise miteinander
-murmelnd das Haus verließen, bedenkliche
-Blicke hinaufwerfend nach den Fenstern.</p>
-
-<p>»Die Rebellion scheint vorüber«, sprach der Kammerdiener,
-»nun wird die gnädige Exzellenz wohl hervorkommen
-aus ihrem Schlupfwinkel.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span></p>
-
-<p>Er ging nach dem Schlafkabinett zurück, vermutend,
-dort werde der Minister sich doch wohl
-am Ende befinden.</p>
-
-<p>Er warf spähende Blicke rings umher, da wurde
-er gewahr, wie aus einem schönen silbernen Henkelgefäß,
-das immer dicht neben der Toilette zu stehen
-pflegte, weil es der Minister als ein teures Geschenk
-des Fürsten sehr wert hielt, ganz kleine dünne
-Beinchen hervorstarrten.</p>
-
-<p>»Gott &ndash; Gott«, schrie der Kammerdiener entsetzt,
-»Gott! &ndash; Gott! &ndash; täuscht mich nicht alles, so gehören
-die Beinchen dort Sr. Exzellenz dem Herrn
-Minister Zinnober, meinem gnädigen Herrn!« &ndash;
-Er trat heran, er rief, durchbebt von allen Schauern
-des Schrecks, indem er herabschaute: »Exzellenz &ndash;
-Exzellenz &ndash; um Gott, was machen Sie &ndash; was
-treiben Sie da unten in der Tiefe!«</p>
-
-<p>Da aber Zinnober still blieb, sah der Kammerdiener
-wohl die Gefahr ein, in der die Exzellenz
-schwebte und daß es an der Zeit sei, allen Respekt
-<span id="corr052">beiseite</span> zu setzen. Er packte den Zinnober bei den
-Beinchen &ndash; zog ihn heraus! &ndash; Ach tot &ndash; tot
-war die kleine Exzellenz! Der Kammerdiener brach
-aus in ein lautes Jammern; der Jäger, die Dienerschaft
-eilte herbei, man rannte nach dem Leibarzt
-des Fürsten. Indessen trocknete der Kammerdiener
-seinen armen unglücklichen Herrn ab mit saubern<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-Handtüchern, legte ihn ins Bette, bedeckte ihn mit
-seidenen Kissen, so daß nur das kleine verschrumpfte
-Gesichtchen sichtbar blieb.</p>
-
-<p>Hinein trat nun das Fräulein von Rosenschön,
-Sie hatte erst, der Himmel weiß auf welche Art,
-das Volk beruhigt. Nun schritt sie zu auf den
-entseelten Zinnober, ihr folgte die alte Liese, des
-kleinen Zaches leibliche Mutter. &ndash; Zinnober sah
-in der Tat hübscher aus im Tode, als er jemals
-in seinem ganzen Leben ausgesehen. Die kleinen
-Äugelein waren geschlossen, das Näschen sehr weiß,
-der Mund zum sanften Lächeln ein wenig verzogen,
-aber vor allen Dingen wallte das dunkelbraune
-Haar in den schönsten Locken herab. Über das
-Haupt hin strich das Fräulein den Kleinen, und in
-dem Augenblick blitzte in mattem Schimmer ein
-roter Streif hervor.</p>
-
-<p>»Ach«, sprach die alte Liese, »ach du lieber Gott,
-das ist ja doch wohl nicht mein kleiner Zaches, so
-hübsch hat <em class="gesperrt">der</em> niemals ausgesehen. Da bin ich
-doch nun ganz umsonst nach der Stadt gegangen
-und Ihr habt mir gar nicht gut geraten, mein
-gnädiges Fräulein!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Murrt nur nicht, Alte«, erwiderte das Fräulein,
-»hättet Ihr nur meinen Rat ordentlich befolgt, und
-wäret Ihr nicht früher, als ich hier war, in dies
-Haus gedrungen, alles stünde für Euch besser. &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span>
-Ich wiederhole es, der Kleine, der dort tot im
-Bette liegt, ist gewiß und wahrhaftig Euer Sohn,
-Klein Zaches!«</p>
-
-<p>»Nun«, rief die Frau mit leuchtenden Augen,
-»nun, wenn die kleine Exzellenz dort wirklich mein
-Kind ist, so erb' ich ja wohl all' die schönen Sachen,
-die hier rings umherstehen, das ganze Haus mit
-allem, was drinnen ist?«</p>
-
-<p>»Nein«, sprach das Fräulein, »das ist nun ganz
-und gar vorbei, Ihr habt den rechten Augenblick
-verfehlt, Geld und Gut zu gewinnen. &ndash; Euch ist,
-ich habe es gleich gesagt, Euch ist nun einmal
-Reichtum nicht beschieden.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»So darf ich«, fuhr die Frau fort, indem ihr
-die Tränen in die Augen traten, »so darf ich denn
-nicht wenigstens mein armes kleines Männlein in
-die Schürze nehmen und nach Hause tragen? &ndash;
-Unser Herr Pfarrer hat so viel hübsche ausgestopfte
-Vögelein und Eichkätzchen, der soll mir meinen
-Klein Zaches ausstopfen lassen, und ich will ihn
-auf meinen Schrank stellen, wie er da ist im roten
-Rock mit dem breiten Bande und dem großen Stern
-auf der Brust, zum ewigen Andenken!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Das ist«, rief das Fräulein beinahe unwillig,
-»das ist ein ganz einfältiger Gedanke, das geht
-ganz und gar nicht an!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da fing das Weib an zu schluchzen, zu klagen,<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-zu lamentieren. »Was hab' ich«, sprach sie, »nun
-davon, daß mein Klein Zaches zu hohen Würden,
-zu großem Reichtum gelangt ist! &ndash; Wär' er nur
-bei mir geblieben, hätt' ich ihn nur aufgezogen in
-meiner Armut, niemals wär' er in jenes verdammte
-silberne Ding gefallen, er lebte noch, und ich hätt'
-vielleicht Freude und Segen von ihm gehabt. Trug
-ich ihn so herum in meinem Holzkorb, Mitleiden
-hätten die Leute gefühlt und mir manches schöne
-Stücklein Geld zugeworfen, aber nun«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Es ließen sich Tritte im Vorsaal vernehmen, das
-Fräulein trieb die Alte hinaus mit der Weisung,
-sie solle unten vor der Türe warten, im Wegfahren
-wolle sie ihr ein untrügliches Mittel vertrauen,
-wie sie all' ihre Not, all' ihr Elend mit einem Mal
-enden könne.</p>
-
-<p>Nun trat Rosabelverde noch einmal dicht an den
-Kleinen heran und sprach mit der weichen bebenden
-Stimme des tiefen Mitleids:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>»Armer Zaches! &ndash; Stiefkind der Natur! &ndash; ich
-hatt' es gut mit dir gemeint! &ndash; Wohl mocht'
-es Torheit sein, daß ich glaubte, die äußere
-schöne Gabe, womit ich dich beschenkt, würde
-hineinstrahlen in dein Inneres und eine Stimme
-erwecken, die dir sagen müßte, du bist nicht der,
-für den man dich hält, aber strebe doch nur an,
-es dem gleich zu tun, auf dessen Fittichen du<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-Lahmer, Unbefiederter dich aufschwingst! &ndash;
-Doch keine innere Stimme erwachte. Dein träger
-toter Geist vermochte sich nicht emporzurichten,
-du ließest nicht nach in deiner Dummheit, Grobheit,
-Ungebärdigkeit &ndash; Ach! &ndash; wärst du nur
-ein geringes Etwas weniger, ein kleiner ungeschlachteter
-Rüpel geblieben, du entgingst dem
-schmachvollen Tode! &ndash; Prosper Alpanus hat
-dafür gesorgt, daß man dich jetzt im Tode wieder
-dafür hält, was du im Leben durch meine Macht
-zu sein schienst. Sollt' ich dich vielleicht gar noch
-wiederschauen als kleiner Käfer &ndash; flinke Maus
-oder behende Eichkatze, so soll es mich freuen!
-&ndash; Schlafe wohl, Klein Zaches!«&nbsp;&ndash;</p></div>
-
-<p>Indem Rosabelverde das Zimmer verließ, trat
-der Leibarzt des Fürsten mit dem Kammerdiener
-herein.</p>
-
-<p>»Um Gott«, rief der Arzt, als er den toten
-Zinnober erblickte und sich überzeugte, daß alle
-Mittel, ihn ins Leben zu rufen, vergeblich bleiben
-würden, »um Gott, wie ist das zugegangen, Herr
-Kämmerer?«</p>
-
-<p>»Ach«, erwiderte dieser, »ach, lieber Herr Doktor,
-die Rebellion oder die Revolution, es ist all' eins,
-wie Sie es nennen wollen, tobte und hantierte
-draußen auf dem Vorsaale ganz fürchterlich. Se.
-Exzellenz, besorgt um ihr teures Leben, wollten<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-gewiß in die Toilette hineinflüchten, glitschten aus
-und«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»So ist«, sprach der Doktor feierlich und bewegt,
-»so ist er aus Furcht zu sterben gar gestorben!«</p>
-
-<p>Die Tür sprang auf und herein stürzte Fürst
-Barsanuph mit verbleichtem Antlitz, hinter ihm her
-sieben noch bleichere Kammerherren.</p>
-
-<p>»Ist es wahr, ist es wahr?« rief der Fürst; aber
-sowie er des Kleinen Leichnam erblickte, prallte er
-zurück und sprach, die Augen gen Himmel gerichtet,
-mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes: »O
-Zinnober!« &ndash; Und die sieben Kammerherren riefen
-dem Fürsten nach: »O Zinnober!« und holten, wie
-es der Fürst tat, die Schnupftücher aus der Tasche
-und hielten sie sich vor die Augen.</p>
-
-<p>»Welch ein Verlust«, begann nach einer Weile
-des lautlosen Jammers der Fürst, »welch ein unersetzlicher
-Verlust für den Staat! &ndash; Wo einen
-Mann finden, der den Orden des grüngefleckten
-Tigers mit zwanzig Knöpfen mit <em class="gesperrt">der</em> Würde trägt,
-als mein Zinnober! &ndash; Leibarzt, und Sie konnten
-mir <em class="gesperrt">den</em> Mann sterben lassen! &ndash; Sagen Sie &ndash; wie
-ging das zu, wie mochte das geschehen &ndash;
-was war die Ursache &ndash; woran starb der Vortreffliche?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Der Leibarzt beschaute den Kleinen sehr sorgsam,
-befühlte manche Stellen ehemaliger Pulse, strich das<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-Haupt entlang, räusperte sich und begann: »Mein
-gnädigster Herr! Sollte ich mich begnügen auf der
-Oberfläche zu schwimmen, könnte sagen, der
-Minister sei an dem gänzlichen Ausbleiben des
-Atems gestorben, dies Ausbleiben des Atems sei
-bewirkt durch die Unmöglichkeit Atem zu schöpfen,
-und diese Unmöglichkeit wieder nur herbeigeführt
-durch das Element, durch den Humor, in den der
-Minister stürzte. Ich könnte sagen, der Minister
-sei auf diese Weise einen humoristischen Tod gestorben,
-aber fern von mir sei diese Seichtigkeit,
-fern von mir die Sucht, alles aus schnöden physischen
-Prinzipen erklären zu wollen, was nur im
-Gebiet des rein Psychischen seinen natürlichen unumstößlichen
-Grund findet. &ndash; Mein gnädigster Fürst,
-frei sei des Mannes Wort! &ndash; Den ersten Keim
-des Todes fand der Minister im Orden des grüngefleckten
-Tigers mit zwanzig Knöpfen!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Wie«, rief der Fürst, indem er den Leibarzt
-mit zornglühenden Augen anfunkelte, »wie! &ndash; was
-sprechen Sie? &ndash; der Orden des grüngefleckten Tigers
-mit zwanzig Knöpfen, den der Selige zum Wohl
-des Staats mit so vieler Anmut, mit so vieler
-Würde trug? &ndash; <em class="gesperrt">der</em> Ursache seines Todes? &ndash;
-Beweisen Sie mir das, oder &ndash; Kammerherren,
-was sagt Ihr dazu?«</p>
-
-<p>»Er muß beweisen, er muß beweisen, oder« &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-riefen die sieben blassen Kammerherren, und der
-Leibarzt fuhr fort:</p>
-
-<p>»Mein bester gnädigster Fürst, ich werd' es beweisen,
-also kein <em class="gesperrt">oder</em>! &ndash; Die Sache hängt folgendermaßen
-zusammen: Das schwere Ordenszeichen
-am Bande, vorzüglich aber die Knöpfe auf dem
-Rücken, wirkten nachteilig auf die Ganglien des
-Rückgrats. Zu gleicher Zeit verursachte der Ordensstern
-einen Druck auf jenes knotige fadigte Ding
-zwischen dem Dreifuß und der oberen Gekröspulsader,
-das wir das Sonnengeflecht nennen, und das
-in dem labyrinthischen Gewebe der Nervengeflechte
-prädominiert. Dies dominierende Organ steht in
-der mannigfaltigsten Beziehung mit dem Cerebralsystem,
-und natürlich war der Angriff auf die
-Ganglien auch diesem feindlich. Ist aber nicht die
-freie Leitung des Cerebralsystems die Bedingung
-des Bewußtseins, der Persönlichkeit, als Ausdruck
-der vollkommensten Vereinigung des Ganzen in
-einem Brennpunkt? Ist nicht der Lebensprozeß
-die Tätigkeit in beiden Sphären, in dem Ganglien-
-und Cerebralsystem? &ndash; Nun! genug, jener Angriff
-störte die Funktionen des psychischen Organism.
-Erst kamen finstre Ideen von unerkannten Aufopferungen
-für den Staat durch das schmerzhafte
-Tragen jenes Ordens usw., immer verfänglicher
-wurde der Zustand, bis gänzliche Disharmonie des<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-Ganglien- und Cerebralsystems endlich gänzliches
-Aufhören des Bewußtseins, gänzliches Aufgeben
-der Persönlichkeit herbeiführte. Diesen Zustand
-bezeichnen wir aber mit dem Worte <em class="gesperrt">Tod</em>! &ndash; Ja,
-gnädigster Herr! &ndash; der Minister hatte bereits seine
-Persönlichkeit aufgegeben, war also schon mausetot,
-als er hineinstürzte in jenes verhängnisvolle Gefäß.
-&ndash; So hatte sein Tod keine physische, wohl
-aber eine unermeßlich tiefe psychische Ursache.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Leibarzt«, sprach der Fürst unmutig, »Leibarzt,
-Sie schwatzen nun schon eine halbe Stunde, und
-ich will verdammt sein, wenn ich eine Silbe davon
-verstehe. Was wollen Sie mit Ihrem Physischen
-und Psychischen?«</p>
-
-<p>»Das physische Prinzip«, nahm der Arzt wieder
-das Wort, »ist die Bedingung des rein vegetativen
-Lebens, das psychische bedingt dagegen den menschlichen
-Organism, der nur in dem Geiste, in der
-Denkkraft das Triebrad der Existenz findet.«</p>
-
-<p>»Noch immer«, rief der Fürst im höchsten Unmut,
-»noch immer verstehe ich Sie nicht, Unverständlicher!«</p>
-
-<p>»Ich meine«, sprach der Doktor, »ich meine,
-Durchlauchtiger, daß das Physische sich bloß auf
-das rein vegetative Leben ohne Denkkraft, wie es
-in Pflanzen stattfindet, das Psychische aber auf die
-Denkkraft bezieht. Da diese nun im menschlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-Organism vorwaltet, so muß der Arzt immer bei
-der Denkkraft, bei dem Geist anfangen und den
-Leib nur als Vasallen des Geistes betrachten, der
-sich fügen muß, sobald der Gebieter es will.«</p>
-
-<p>»Hoho!« rief der Fürst, »hoho Leibarzt, lassen
-Sie das gut sein! &ndash; Kurieren Sie meinen Leib
-und lassen Sie meinen Geist ungeschoren, von dem
-habe ich noch niemals Inkommoditäten verspürt.
-Überhaupt, Leibarzt, Sie sind ein konfuser Mann,
-und stünde ich hier nicht an der Leiche meines
-Ministers und wäre gerührt, ich wüßte, was ich
-täte! &ndash; Nun Kammerherren! vergießen wir noch
-einige Zähren hier am Katafalk des Verewigten
-und gehen wir dann zur Tafel.«</p>
-
-<p>Der Fürst hielt das Schnupftuch vor die Augen
-und schluchzte, die Kammerherren taten desgleichen,
-dann schritten sie alle von dannen.</p>
-
-<p>Vor der Türe stand die alte Liese, welche einige
-Reihen der allerschönsten goldgelben Zwiebeln über
-den Arm gehängt hatte, die man nur sehen konnte.
-Des Fürsten Blick fiel zufällig auf diese Früchte.
-Er blieb stehen, der Schmerz verschwand aus seinem
-Antlitz, er lächelte mild und gnädig, er sprach:
-»Hab' ich doch in meinem Leben keine solche schöne
-Zwiebeln gesehen, die müssen von dem herrlichsten
-Geschmack sein. Verkauft Sie die Ware, liebe
-Frau?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p>
-
-<p>»O ja«, erwiderte Liese mit einem tiefen Knix,
-»o ja, gnädigste Durchlaucht, von dem Verkauf
-der Zwiebeln nähre ich mich dürftig, so gut es
-gehn will! &ndash; Sie sind süß wie purer Honig, belieben
-Sie, gnädigster Herr?«</p>
-
-<p>Damit reichte sie eine Reihe der stärksten glänzendsten
-Zwiebeln dem Fürsten hin. Der nahm sie,
-lächelte, schmatzte ein wenig und rief dann: »Kammerherren!
-geb' mir einer einmal sein Taschenmesser
-her.« Ein Messer erhalten, schälte der Fürst nett
-und sauber eine Zwiebel ab und kostete etwas von
-dem Mark.</p>
-
-<p>»Welch ein Geschmack, welche Süße, welche
-Kraft, welches Feuer!« rief er, indem ihm die
-Augen glänzten vor Entzücken, »und dabei ist es
-mir, als säh' ich den verewigten Zinnober vor mir
-stehen, der mir zuwinkte und zulispelte: kaufen
-Sie &ndash; essen Sie diese Zwiebeln, mein Fürst &ndash; das
-Wohl des Staats erfordert es!« &ndash; Der Fürst
-drückte der alten Liese ein paar Goldstücke in die
-Hand, und die Kammerherren mußten sämtliche
-Reihen Zwiebeln in die Taschen schieben. Noch
-mehr! &ndash; er verordnete, daß niemand anderes die
-Zwiebellieferung für die fürstlichen Dejeuners haben
-sollte, als Liese. So kam die Mutter des Klein
-Zaches, ohne gerade reich zu werden, aus aller
-Not, aus allem Elend, und gewiß war es wohl,<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-daß ihr ein geheimer Zauber der guten Fee Rosabelverde
-dazu verhalf.</p>
-
-<p>Das Leichenbegängnis des Ministers Zinnober
-war eins der prächtigsten, das man jemals in
-Kerepes gesehen: der Fürst, alle Ritter des grüngefleckten
-Tigers folgten der Leiche in tiefer Trauer.
-Alle Glocken wurden gezogen, ja sogar die beiden
-Böller, die der Fürst behufs der Feuerwerke mit
-schweren Kosten angeschafft, mehrmals gelöst. Bürger
-&ndash; Volk &ndash; alles weinte und lamentierte, daß der
-Staat seine beste Stütze verloren und wohl niemals
-mehr ein Mann von dem tiefen Verstande, von
-der Seelengröße, von der Milde, von dem unermüdlichen
-Eifer für das allgemeine Wohl, wie
-Zinnober, an das Ruder der Regierung kommen
-werde.</p>
-
-<p>In der Tat blieb auch der Verlust unersetzlich;
-denn niemals fand sich wieder ein Minister, dem
-der Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig
-Knöpfen so an den Leib gepaßt haben sollte, wie
-dem verewigten unvergeßlichen Zinnober.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/rule.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span></p>
-
-<h2 id="Bettina_von_Arnim">
-<img src="images/rule.png" alt="" /><br />
-Bettina von Arnim:<br />
-Die Reise nach Darmstadt</h2>
-</div>
-
-<p class="center">Vorbemerkung des Herausgebers:</p>
-
-<div class="subsec">
-
-<p>Diese kleine liebenswürdige Geschichte der Bettina von
-Arnim ist ihrer berühmten im Jahre 1849 erschienenen
-Schrift »Dies Buch gehört dem König« entnommen, die
-eine Reihe »der Erinnerung abgelauschter Gespräche und
-Erzählungen von 1807« enthält. Das Buch umschließt im
-wesentlichen sozialpolitisch reformatorische Anschauungen der
-Bettina von Arnim, die sie sämtlich der alten Frau Rat,
-Goethes Mutter, in den Mund legt. Eingeschachtelt in
-diese heute wenig mehr interessierenden sozialpolitischen Betrachtungen
-ist die köstliche Erzählung von der plötzlichen
-Reise der Frau Rat nach Darmstadt, wo sie von der
-Königin Luise von Preußen mit großen Ehrungen empfangen
-wurde. Indem Bettina von Arnim die Schilderung
-dieser Begegnung durch Goethes Mutter selbst geschehen
-läßt, gelingt es ihr, im lebendigen Frankfurter Dialekt, die
-feine Klugheit, die herzhafte Urwüchsigkeit und die sonnig
-lächelnde Heiterkeit der Frau Rat auf das anschaulichste
-aufzuzeichnen.</p></div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/tb.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Die Frau Rat erzählt:</p>
-
-<p>Es war an einem recht sommerlichen Tag; ich
-denk nach, was aus dem lieben Sonnenschein all
-werden soll, den ich da so mutterselig allein in mich<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-fressen muß: &ndash; es wird Mittag, die Türmer blasen
-derweil den Ablaß meiner Sünden vom Katharinenturm
-herunter. &ndash; In dieser Welt, wo Böses und
-Gutes oft in so herzlicher Umarmung einander am
-Busen liegen, da haben irdische und himmlische Angelegenheiten
-gar einen künstlichen Verkehr; an so
-einem melancholischen Feiertag, da verschmäht der
-Teufel auch eine falsche Trompet nicht, um den
-Menschen aus seinem geduldigen Seelenheil herauszublasen;
-opfre den Verdruß, den du davon spürst,
-Gott auf, und die Kreide von der Rechnungstafel
-deiner Sünden ist heruntergewischt, denn lieber als
-das Sündegestöhn, was falscher klingt als die Sünd
-selber, will Gott den Teufel falsch blasen hören.
-Die Langeweil ist nun ganz apart an einem Sonntag
-in der Stadt Frankfurt, aber gar an so einem
-lange staubige Sommertag, wo man sich in die
-Sonn stellt und denkt wie ein angezünd't Licht am
-hellen Tag: »Vor was bist du da? &ndash; Alles kann
-bestehn ohne dich!« oder: »Alles geht ja doch
-konfus«, und mit dem Zweifel, ob der blaue Dunst
-da oben wohl doch der Himmel sein könnt, streckt
-man sich am End seiner Erdentage aus den Erdensorgen
-heraus mit den Himmelssorgen auf dem
-Herzen und bedenkt nicht, daß alle Sorge Irrtum ist.</p>
-
-<p>An so einem langweiligen Tag also, wie der
-Türmer wirklich in einer der Musik sehr mißgünstigen<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-Stimmung in die Stadt herunterblies &ndash;
-ich meint als, wenn mir der jung Wein nur nicht
-auf dem Faß säuerlich wird &ndash; eine rauhe Halsarie
-wie heut, und die Sonn schien mir auf die
-Nas, daß ich nießen mußt, und die Lieschen bekomplimentiert
-mich da drüber, da schellts &ndash; ich
-ruf: »Guck einmal, wers ist.« &ndash; »Ei, es ist der Frau
-Bethmann ihr Bedienter; ob Sie wollte heunt
-Nachmittag mit ins Kirschenwäldchen fahren?« &ndash;
-Ei was? &ndash; Ei freilich! Was werd ich nicht wollen
-fahren an diesen einzigen Pläsierort, vor allen schönen
-Orten in ganz Deutschland, wo die Kirschen wie
-die schönste Rubinen im smaragdnen Blätterschmuck
-an den Bäumen hängen, wo die Frankfurter Sonnenstrahlen
-ein Goldnetz durchwirken und der Himmel
-sein blaues Zelt mit silbernen Wolken drüber spannt.</p>
-
-<p>Jetzt sag ich: »Wir wollen präzis zwölf Uhr
-essen, dann wird alles zurechtgemacht zum Abend,
-wann ich heim komm; da wird meine Wasserflasche
-hingestellt, das Bett zurecht gemacht, damit mir
-die Zeit vergeht, bis die Füchserchen angetrabt
-komme, dann setz ich meine Haub auf, bloß die
-mit den Spitzen.« &ndash; »Ei, wollen Sie net die mit
-den Sternblume aufsetzen, die steht schöner!« &ndash;
-»Nein, die will ich nicht aufsetzen, man muß bescheiden
-sein in der schönen Natur und sie nicht
-überstrahlen wollen, es gelingt einem doch nicht.<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-Was meint sie denn, daß so ein Kranz von papierne
-Blume zu sagen hätt da draußen auf der grünen
-Wies? Ei, ich setz den Fall, ich könnt der Stadtherd
-begegnen, so könnt mich ja der Brummelochs
-mit einem einzige Maul voll Dotterblume, die er
-vom Weidanger mit seiner lange Zung in einem
-Hui zusammenrafft und wegschnappt, in die größt
-Beschämung versetze, daß er frißt und verdaut, was
-die Frau Rat in Papier nachgemacht zum Putz
-auf dem Kopf trägt.« &ndash; Jetzt ohne weiter Federlesen
-die Spitzehaub eweil auf der grünen Bouteille aufgepflanzt,
-dann die Filethandschuh ohne Daumen,
-daß ich sie nicht brauch auszuziehen beim Kirschenessen,
-das Körbchen nehm ich mit, daß ich kann
-Kirschen mitbringen &ndash; die kleine schwarze Salopp
-und den Sonneparaplü, denn um die jetzig Sommerzeit
-kommt häufig so ein klein erquicklich Regenschauerchen
-mitten durch den Sonnenschein. Da
-lachts und flennts zu gleicher Zeit am Himmel.</p>
-
-<p>Nun ist alles in Ordnung &ndash; so wird der Tisch
-gedeckt und aufgetragen &ndash; denn zwölf Uhr ist schon
-vorbei. »Was gibts heut?« &ndash; »Brühsupp«. &ndash; »Fort
-mit, ich mag keine.« &ndash; »Aber Frau Rat, Ihne
-Ihr Magen!« &ndash; »Aber ich will keine Supp, sag
-ich; komm sie mir nicht an so einem schöne Sommertag
-mit ihren Magensorgen an, &ndash; was gibts noch?« &ndash;
-»Stockfisch, aufgewärmt von gestern, und Kartoffel.« &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-»Den Stockfisch laß mir vor der Nase weg, der
-paßt nit zu meiner Stimmung; ich mag mir keinen
-Stockfischgeruch in den Vorgeschmack aufdampfen
-lassen, den ich von dem Blumenduft drauß auf der
-Wies schon in Gedanken genieß; aber die Kartoffel
-bring sie, an denen verunreinigt man die erhabenen
-Gedanken nicht, die könnt so ein indischer Priester
-in seiner Verzückung ungestört genieße. &ndash; Ich glaub
-gewiß, die sind aus dem Manna gewachse, das vom
-Himmel fiel, wie die Juden in der Wüst in der
-Hungersnot waren, das war so ein verzettelter
-Mannasame, aus dem sind dann die Kartoffeln gewachsen,
-die vor aller Hungersnot bewahren. Ja,
-damals hatten die Juden noch eine Wüst, wo sie
-sich niederlassen konnten; jetzt ist keine Wüst mehr
-da, und wann die närrische Häns nicht fliegen lerne
-wie die Raubvögel, daß sie als manchmal auf eine
-vorüberfahrende Segelstang sich könne setzen wie
-die Zugvögel, so weiß ich nicht, wo sie werden
-bleiben, in der Wüste waren sie nit so gierig;
-hätten sie damals alles verschlungen, so wär kein
-himmlischer Mannasamen übrig geblieben, und ich
-wüßt nicht, was ich heut essen sollt, und jetzt geb
-nur künftig ohne Widerred allemal dem Betteljud
-zwei Kreuzer, so oft er kommt. Denn wir könne
-den Juden das nicht genug Dank wissen, daß wir
-Kartoffeln essen.« &ndash; Nun war das Essen noch nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-all, es kam noch eine gebratne Taub. &ndash; Ich hatte
-Appetit, fliegt mir grad eine lebendige Taub vors
-Fenster und rucksert mir lauter Vorwürf ins Herz.
-Ich fahr ins Kirschenwäldchen, und das arme Tier
-mit verschränkte Flügel, mit denen es sich hätt
-können in alle Weltfreude schwingen, liegt in der
-Bratpfann. Der Christ jagt die halb Natur durch
-den Schlund, damit er auf der Erd kann bleibe,
-um sein Seelenheil zu befördern, und dann macht
-ers grad verkehrt. &ndash; Nun kurz, der Vorwurf von
-der Taub am Fenster lastet mir auf dem Herzen,
-ich kann keinen Bissen essen. &ndash; Die Taub wird
-unberührt wieder in die Speiskammer gestellt; ich
-ziehe mich derweil an, um der Ungeduld etwas
-weiß zu machen, die Spitzehaub wird von der
-Bouteille herunter genommen, aufgesetzt, und die
-Nachtmütz wird drauf gestülpt, damit ich sie heut
-abend, wenn ich nach Haus komm, gleich auswechsle
-kann, noch eh Licht kommt; das ist so meine alte
-Gewohnheit.</p>
-
-<p>Nun sitz ich da mit meinem Sonnenschirm in der
-Hand, im besten Humor, und lach die Lieschen
-aus, mit ihrer Angst wegen meinem leeren Magen.
-Ich guck auf die Uhr &ndash; der Wagen kommt gerappelt;
-den alten Johann, ein ganz gescheuter
-Kerl, hör ich schon an seinem gewohnten Gange
-die Trepp herauf kommen. &ndash; »Lieschen, geschwind<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-lauf sie hinaus, auf den Vorplatz an die Tür, ehs
-schellt.« Da schellts schon, die Lieschen macht die
-Tür auf, da steht ein goldbordierter Herr mit einem
-dreieckigen Hut und guckt mir ins Gesicht, und
-mein alter Johann kommt hinten nach. &ndash; Ich sag
-zu dem fremde Wundertier: »Sie sind wohl einen
-unrechten Weg gangen!« &ndash; und will mich an ihm
-vorbeimachen; aber weil er sagt: »Ich bin geschickt
-von Ihro Majestät der Frau Königin von Preußen
-an die Frau Rätin Goethe«, so guck ich ihn an,
-ob er wohl nicht recht gescheut wär &ndash; »Und«, fährt
-er fort, »die königlich Equipage werden um zwei
-Uhr kommen, um die Frau Rätin nach Darmstadt
-abzuholen; mit Ihrer Majestät sollen Sie den Tee
-trinken im Schloßgarten!« &ndash; Ich sag: »Johann!
-Jetzt hör er einmal, was das vor Sachen sind!
-Wenn einem eine Bomeranz aus dem blauen
-Himmel grad auf die Nas fällt, da soll man gleich
-sein Verstand bei der Hand haben und sie auffangen,
-das will viel heißen!« &ndash; Ei, wem hatt ich
-denn die Kontenance zu verdanken als bloß dem
-Johann? Der stellt sich an die Seit aus lauter
-Respekt vor dem unvorhergesehenen Ereignis und
-guckt mich so feierlich an, daß ich mich gleich besinn,
-was ich mir und der Einladung schuldig bin;
-ich guck ihn mit einem Feuerblick an, daß der Kerl
-in sich geht, denn er war nah dran, zu lachen. Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-sag: »Mein Herr Kammerherr, oder was Sie vor
-ein höflicher Beamter sein mögen, rennen Sie nur
-wieder spornstreichs zur Frau Königin und melden,
-die Frau Rat werden ihrerseits die Ehre haben,
-die von der Frau Königin ihr zugedachte Auszeichnung
-anzunehmen. Und machen Sie nur, daß
-die <span id="corr071">Kutsch</span> hübsch akkurat kommt, damit ich auch
-nicht zu spät komm, da das Warten und Wartenlassen
-meine Sach nicht ist.« &ndash; Dabei macht ich so
-große Augen, daß der preußisch Hoflakei gewiß
-seine Verwundrung wird gehabt haben über den
-besondern Schlag Madamen aus der freien Reichsstadt
-Frankfurt. Man muß seine Zuflucht nehmen
-zu allerlei Künsten, um seine Würde zu behaupten.
-Wer kann sonst Religion in die Menschen bringen?
-Daß so ein Hofschranz Respekt hätte vor einem
-Bürger, dazu ist er einmal verdorben; da muß man
-auf Mittel denke, wie er den Kopf ganz verliert
-und nicht weiß, was er dazu sagen soll. Da fiel
-mir der Türklopper ein von unserm Aderlaßmännchen,
-dem Herrn <em class="gesperrt">Unser</em>; das ist so ein Löwenfratz, wie
-sie an Salomon seinem Thronsessel zur Verzierung
-angebracht sind. Den mach ich nach; &ndash; damit jag
-ich meinen Herold in die Flucht; er nimmt die Bein
-an den Hals und rennt die Trepp herunter. Ich
-bleib stockstill stehn, die Lieschen bleibt stehn, der
-Johann rührt sich nicht vom Fleck, bis wir die<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-Haustür zumachen hören. »Frau Rat«, sagt der
-Johann, »Sie werden also jetzt unmöglich ins
-Kirschenwäldchen fahren, und da werd ich dann bestelle,
-warum Sie nicht mit könne fahren?« &ndash; »Ja,
-lieber Johann, und bestell ers doch gleich im Vorbeigehen
-beim Perückenmacher Heidenblut, der soll
-gleich kommen, und erzähl ers unterwegs alle Leut,
-so was muß stadtbekannt werden.« &ndash; »Ja, das ist
-gewiß«, sagt der Johann, »und wenn mir nur das
-Herz nit bersten wird, bis ich heraus geplatzt bin
-dermit« &ndash; fort ist der Johann. &ndash; Nun guck ich
-mein Lieschen an; die steht vor mir wie nicht recht
-gescheut und zittert an alle Glieder. »Ei, Lieschen«,
-sprech ich voll Verwunderung, »wie kommt es, daß
-ihr die Haub hinderst der vörderst sitzt, das war
-doch vorher nicht.« &ndash; Und ich weiß nicht, wie das
-möglich war! Es ist doch wunderlich, wie bei
-überraschende Gelegenheiten die Spukgeister sich
-allerlei Schabernack erlauben mit solchen Leut, die
-der Sach nicht gewachsen sind. Das war nun mein
-Lieschen wirklich nicht. Sie konnts nicht finden,
-weder Zwickelstrümpf noch Schuh noch sonst ein
-Kleidungsstück, kein Rock konnt sie mir ordentlich
-über den Kopf werfen. Wenn ich nun auch den
-Kopf verloren hätt, ich wär nicht fertig geworden.
-Jetzt sag ich: »Bring sie mir einmal die gebratne
-Taub wieder herein, denn ich verspür über die<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-königlich Geschicht ein schreiende Hunger. Und
-nun schmeiß sie die Nachthaub von der Bouteille
-herunter &ndash; ich werd auch noch meiner Seel den
-ganzen Stockfisch herunter fressen. Nun schenk sie
-mir ein Glas Wein ein, ich muß Feuer in den
-Adern haben.« Der Perückenmacher war gleich
-herbei; über die unbegreiflich Nachricht hat er in
-seinem stumme Erstaune mich aufgedonnert, und
-nun mußt er mir die Haub aufsetze mit den Sternblumen.
-Es war ein Heidenpläsier, fingerdick
-Schmink hat er mir aufgelegt. »Die Frau Rat
-sehn superb aus,« sagt der Herr Heidenblut. Und
-die Liesche stand wie eine Gans vor mir, als ob
-sie mich nicht mehr kennte. &ndash; Nu, wir verbringe
-noch so ein Zeitchen vor dem Spiegel, links die
-Lieschen mit der verkehrte Haub, denn die hat sie
-noch nicht Zeit gehabt herum zu kriegen, rechts der
-Herr Heidenblut mit dem Kamm hinterm Ohr, ganz
-verzückt in mein Lockenbau, ich in der Front mit
-einem feuerfarbne Schlepprock mit doppelte Florspitzen,
-Diamantbracelett, echte Perlen um den Hals,
-ein Schlupp von Diamante vorgesteckt. Nun, es
-war zum Malen, die drei Personagen da aus dem
-Spiegel herauslachen zu sehen. Wir wurden ganz
-lustig und dachten nicht, wie die Zukunft mir auf
-den Hals gerückt kommt. Wenn ich doch an all
-die charmante Witze vom Heideblut mich noch erinnern<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-könnt, er mußt sich hinstellen, und ich macht
-mein Probekompliment vor ihm; er verstehts. Er
-frisiert ja die allerhöchste Theaterprinzesse. &ndash; Da
-kommts aber wie ein Sturm angerennt und hält
-still vor der Haustür. Rutsch &ndash; vier Pferd und
-zwei Lakaie hinten drauf noch ohne den Kutscher.
-&ndash; Jetzt kommen sie herbei gestolpert, faßt mich
-ein jeder unterm Arm und tragen mich schwebend
-in die Kutsch. Schad, daß die Fahrt nicht mit
-meine vier Pferd durch die Bockheimergass geht
-am Haus vom Herrn Bürgermeister vorbei &ndash; aber
-das Glück bescherte mir unser Herrgott noch, denn
-kaum biege wir im volle Trab um die Eck, stoßen
-wir auf die Bürgermeisterskutsch mit samt dem
-Herrn Bürgermeister von Holzhausen drin, mit seine
-zwei Lakaien hinten drauf mit ihre alte abgelebte
-Haarbeutel, &ndash; ich auch &ndash; aber meine Haarbeutel
-waren ganz neu. In vollem Rand fahren wir
-vorbei am Herrn Bürgermeister, ich grüß feierlich
-mit dem Fächer und hab das Pläsier, zu sehn,
-daß mein Herr von Holzhausen im Wagen sitzen,
-versteinert, und sehn mich nicht mit ihre Glotzaugen;
-er streckt den Kopf heraus, aber umsonst, wir flogen
-wie der Wind vorbei.</p>
-
-<p>Sollt ich nun alle Gedanken erzählen, die mir
-auf meiner Reis bis Darmstadt eingefallen sind, so
-müßt ich lügen, denn ich war so zu sagen auf einer<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-Schaukel, die schlecht in Schwung gebracht war,
-bald flog ich dort hinaus, bald wieder nach der
-andren Seit, bald dreht sich alles mit mir im
-Durmel herum, dann dacht ich wieder, wie ichs
-alles meinem Sohn wollte schreiben, und da fing
-mir das Herz an zu klopfen. Ich konnts vor Ungeduld
-nicht behaglich finden in der Kutsch &ndash; ich
-fing an, die Kastanienbäum zu zählen in der Allee,
-ich wollt probieren, ob ichs könnt bis hundert bringe,
-aber ich bracht keine zehn Bäum zusammen, da
-waren meine Gedanken wieder wo anders. Einmal
-kam mir ein gescheuter Gedanken, ich dacht,
-was hab ich dervon? ist mir die Geschicht angenehm?
-&ndash; sollt sie mir nur noch ein einzig Mal
-wieder begegnen, da würd ich mich schon besinne,
-daß sie mir langweilig wär. Was war das heunt
-morgen vor eine Komödie, was ist mir vor eine
-Hitz in den Kopf gestiegen und nun steck ich in
-einer zweifelhaften Unbequemlichkeit &ndash; wo ich da
-hingeh zu fremde Leut, die gar nicht dran denke,
-wer da angerumpelt kommt. &ndash; &ndash; »Ohne
-Kurage kein Genie,« hat mein Sohn immer gesagt,
-und will ich oder nicht, so muß ich doch einmal
-die höfliche Schmach auf mich nehmen, mit
-gesundem Mutterwitz dort in dem Fürstensaal vor
-einer eingebildten Welt zu paradieren und bloß für
-eine Fabelerscheinung mich betrachten zu lassen. Ja,<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-die Welt steht auf einem Fuß, wo keiner an die
-Wirklichkeit vom andern glaubt und sich doch selber
-vergnügt fühlt, wenn er nur von so einem Scheinheiligen
-bescheinigt ist.</p>
-
-<p>Nun, alleweil kamen wir wie ein Sturmwind
-angerasselt, ganz erschrocken, daß ich schon da bin,
-wie ich eben vor Ungeduld mein, es wird nie dazu
-kommen. Ich steig aus, die Bediente renne wie
-ein Lauffeuer vor mir weg. Ei, ich kann da nicht
-wie eine Lerch mich ihnen nachschwingen, ich seh
-den Augenblick kommen, wo ich weder Bediente
-noch Weg mehr finden kann. Ich hatt mich ein bißchen
-versäumt gehabt, die Krumplen aus meinem Staatskleid
-<span id="corr076">herauszuschütteln</span>, da waren sie unterdessen
-in einer Allee verschwunden wie ein paar Irrlichter;
-wir waren auseinanderkommen. Ich geh so dem
-Gehör nach, immer im Kreis ums Hofgezwitscher
-herum, immer näher, bis ich endlich aus meinem
-Schattenreich heraus unter den aufgepolsterte Hoftroß
-trete. Ich hielt mich im Hintergrund mit
-meinen Beobachtungsgaben, grad wie ein General
-bei einer Position, die er dem Feind abluxen will.
-Denn überraschen laß ich mich nicht, Mut hab ich,
-womit ich den Leuten, wenn sie den Kopf verlieren,
-ihn oft wieder zurecht gesetzt hab. Ja, bei Gelegenheiten,
-von denen eine Frau keinen Verstand zu
-haben behaupt wird, da steht als dem Mann derselbig<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-ihm allein zugemessne Verstand still, daß er
-wehklagt: »Ach, was fangen wir an?« &ndash; Da antwort
-die Frau und schlägt den Nagel auf den
-Kopf. &ndash; Die Welt wird immer hinkend bleiben,
-wenn der Verstand auf dem Mann seiner Seit
-hinüber hinkt, mit dem er die verrückte Weltangelegenheiten
-so schwermütig hinter sich drein schleppt.
-Was batts den große Weltgeist, daß er das Eheprinzip
-in sich trägt, wenn der männliche Verstand
-ein Hagestolz bleibt. &ndash; Also die erst Bemerkung, die
-ich mach in den mich umgebenden Hofzirkel, ist
-die, daß meine amarantfarbne Schleppe nicht grad
-ein guter Passepartout ist, denn nicht Ich mit
-meinem Vierundzwanzigpfünderblick, nicht meine
-Person wird mit neugierigen Augen betracht, nein,
-die wird übergesehn, aber meine Falbelas, meine
-Taille, meine Frangen, von unten herauf, immer
-höher und höher werd ich scharf examiniert, bis
-sie endlich zur Florfontange kommen, wo die Sternblumen
-drauf gepflanzt waren, da halten sie an
-und entdecken, daß auch ein Gesicht mit kommen war;
-da prallen sie wie der Blitz auseinander und melden
-meine Erscheinung der Frau Königin. Die kommt
-mit einem ehrfurchtsvoll gehaltnen Schritt auf mich
-los, ich &ndash; gleich salutiere mit einem Feuerblicke vom
-erste Kaliber, und nun mache alle Leut Platz, und die
-Frau Königin wie eine schöne Götternymph führt mich<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-an ihrer Hand, und der Wind spielt in dem schneehagelweiße
-Faltengewand und ein Lockenpaar, das
-spielt an auf jeden Tritt, den sie tut, und die blendende
-Stirn und die wunderschön blaßrote Farb
-von ihrem Gesicht, und der freundlich Mund, der
-ganz voll allerlei Geflüster mich anspricht. Verstanden
-hab ichs nicht, ich war durmlich von Vergnügen
-und konnt auch nichts weiter vorbringen
-als: »Hochgeschätzter Augenblick und liebwerteste
-Gegenwart und wundernswert vor Götter und vor
-Menschen &ndash;« und wie sie erst die Kett vom Hals
-sich losmacht und hängt sie mir um, und der ganze
-Hofkreis trippelt und guckt. Ich hab innerlich den
-Apoll und den Jupiter angerufen, diese menschenbegreifende
-Götter sollen mir beistehn, daß ich vernünftig
-bleib und nicht alles um mich her für wunderliche
-Tiere halt, denn alle diese vornehmen Hofchargen
-kamen mir vor wie ein heraldischer Tierkreis.
-Löwen, Büffel, Pfaue, Paviane, Greife;
-aber auf ein Gesicht, das menschlich schön zu nennen
-wär, besinn ich mich nicht. Das mag davon herkommen,
-weil diese Menschengattung mehr eine
-Art politischer Schrauben oder Radwerk an der
-Staatsmaschine und keine rechte Menschen sind.
-Harthörig, hartherzig, kurzsichtig, stolz und eigensinnig
-Volk, und es gehört immer der Zufall und
-ein Verdienst um sie, absonderlich aber ihre eigne<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span>
-Laune dazu, und noch gar viel andre Künste, um
-von ihnen bemerkt und gehört zu werden. Schreien
-und Poltern oder gar Recht haben hilft gar nichts
-bei ihnen, ja, besonders das Recht haben, das kommt
-der politische Staatsmaschine ihrer hochtragenden
-Nas immer in die Quer. »<em class="gesperrt">Was soll das heißen,
-daß man mit seim Recht an die widerrennen
-tut?</em>« &ndash; Sollte das Schicksal diese Nas ausersehen
-haben, daß sie drauf falle, das wär kein Schaden;
-darum muß man ihr Platz machen. Ja, von solchen
-ist kein christlich Gesinnung zu erwarten, das ist übrig.
-Man soll seines Bestallungsbriefes an die Natur sich
-erinnern, wenn man was mit ihne zu verhandeln
-hat, damit man an der doppel-schneidig-weltbürgerliche
-Politur nicht auch mit seinen edleren Gesinnungen
-als ausglitscht. Das fehlte noch, daß man
-wie ein Lauskerl vor sich selber dasteht und darf
-nicht in den Spiegel gucken vom eignen Gewissen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Solche Gedanke hatte ich in dem Tierkreis, wo
-die Ordensbänder und Stern und goldblitzende Staatsröck
-rund um mich herum blinkerten wie im Traum,
-und wie im Traum dacht ich: wenn ich König wär,
-ich hielt mir eine aparte Insel vor das heraldische
-Tiervolk, da könnten sie so fortleben, bis sie sterben
-wollten, aber mir jederzeit unter den Füßen herum
-zu grabeln, daß man alle Augenblicke über sie
-stolpern müßt, das litt ich nicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span></p>
-
-<p>Nun, während ich über den Darmstädter Tierkreis
-meine Glossen mach, wovon ein nicht unbedeutender
-Teil mit besterntem Bauch, mit übereinander
-schielenden Blicken und überlegenden Mienen
-des Menschenwohls da unter der Herd herumstolpern,
-spür ich deutlich, daß ich in dem Verwunderungsstrudel
-dagesessen hatte wie ein Schaf. Ich
-schäme mich, daß ich sollte mit einem so unscheinbare
-Antlitz die freie Reichsstadt vertreten, ich
-such mir eine andere Physiognomie aus, den Frankfurter
-Adler. No! &ndash; wie der Adler, wenn er
-Donner und Blitz bewacht, so sitz ich da, und die
-lieb Sonn, ohne Urlaub zu nemme, setzt sich auf
-den Reisefuß und ging hinter denen schöne Linde
-bergab spazieren, und der Mond kam herauf, auf
-den mit allerlei poetische Spekulatione angespielt
-wurde, ich mußt lachen über die empfindungsvolle
-Tonarte, in welche die Gesellschaft da überging.
-Nun, ich kann nicht alles aus dem Gedächtnis
-hervorkrame. Ich schwieg in meiner stolze Position
-still, denn kein Mensch hatte mir ein Wort zu sagen,
-seit die Paradeszen vorbei war. Ich machte daher
-meine olympische Adlersmiene ohne Unterbrechung
-fort, und da war auch nicht ein Augenblick, wo ich
-mir nachgegeben hätt und hätt meinen Alletagsgesicht
-auch nur erlaubt durchzublinzeln. &ndash; Auf emal!
-schlägt mir ein Trompetegeschmetter durchs Ohr,<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-ich fahr aus einem tiefen Schlaf, in dem ich aller
-Herrlichkeiten, der um mich her vorgingen, vergessen,
-träume dem Herrn Heideblut und der Jungfer
-Lieschen meine erlebte Abenteuer zu erzähle, und
-ganz vergnügt bin, daß alles überstande ist. &ndash; Ja,
-der vermeint Adler hat den Kopf in sein Spitzekragen
-gesteckt und war unbewußt seiner entschlummert
-über dem viele Geschwärm von alle
-bedeutungsvolle Momente, die mir da in eim Hui
-ins Alltagsleben hereingestoben kamen, und ich, als
-in der Meinung, meinen olympischen Götterglanz
-fortzubehaupten, fall aus der Roll heraus und in
-Schlaf. Mit natürliche Dinge wars zugegangen;
-denk sich einer die verschiedene Motionen, dene ich
-vom frühen Morgen an ausgesetzt gewesen war;
-es war ja alles wie ein Traum, wars da ein
-Wunder, daß ichs am End für ein Traum hielt
-und ruhig weiter schlief? &ndash; Und die Nachtdämmerung
-&ndash; und ich saß ja da für gar keine weitere
-Geschäfte, als bloß Betrachtung anzustelle, was
-doch die Parze vor eigensinnige Begebenheiten einem
-in den Lebensfaden einspinne. No! &ndash; Als ich mit
-einem Schrecke durch alle Eingeweide aufwach, hat
-sich die Szen verändert, das Gebüsch wirft keinen
-Schatten mehr auf den leeren Platz, weil alles
-Tageslicht gewichen war, der Trompetenstoß, der
-mich von meinem tiefe Schlaf auferweckt hatte,<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-war aus dem Tanzsaal erschallt, wo helle Fackeln
-brenne, wo die ganze Hofnympheschar in einem
-schwebende Tanz mit dene heraldische Cavaliere
-herumhüppen; aus den unterirdische Kellerhäls
-dampft ein köstlicher Speisegeruch; in denen sieht
-man die Herrn Köche mit weißen Zipfelmützen
-munter und allert Fett in das Feuer werfe, daß
-es hell aufflackert; die Champagnerflasche hört man
-im Plotonfeuer losknalle und die Frau Rat, die
-zu diesem Göttermahl feierlichst eingeholt waren mit
-vier weiße Schimmel, die sitzen unter einem Vogelkirschbäumche,
-welche Frucht man bekanntlich nicht
-esse kann, und spüren Hunger.</p>
-
-<p>Die Nacht war eingebrochen, und ich, unbekannt
-mit der Hofetikett, und doch mit einem Schicklichkeitsgefühl,
-was vielleicht grad aus grader, herzlicher
-Aufrichtigkeit den entgegengesetzte Weg hätt
-eingeschlagen von dem, was statuiert wär, ich stand
-in der Klemm, wie ich mich zu verhalten hätt, aber
-ich wurde sehr bald herausgerissen. Die gute Frau
-Königin hat mich in all dem Trubel nicht vergessen.
-Wie sie ihren ersten Tanz ausgemacht hat, da sieht
-sie sich um nach mir, und wie sie mich nicht finden
-kann, da gibt sie gleich Order. Das konnt ich
-durch die Fensterscheiben bemerken; &ndash; kaum hat
-sie nach mir gefragt, da laufen die Kammerherren,
-die Lakaien durch den ganzen Saal im Kringel<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-herum, um mich zu finden. Aber, dacht ich, sucht
-ihr nur. &ndash; Wie sie mich nicht finden können, da
-fällt ihnen doch ein, daß ich vielleicht könnt im
-Garten geblieben sein. Nun kommen sie heraus
-und verteilen sich in alle Regionen; ich drück mich
-dicht bei der Tür an die Wand, denn im Garten
-wollt ich mich nicht finden lassen, da hätt ich mich
-zu sehr geschämt. Nun dacht ich, jetzt ist der
-wichtige Moment, da muß ich einen energischen
-Streich machen und mich auf gut Glück wieder ins
-Meer stürzen, unter die Hofwogen, und mich da
-um die Wett mit denen aufbauschen. Wie also ein
-Hoflakai wie ein Schuß Pulver von der Tür abblitzt
-in den Garten hinaus, um mich im Gebüsch
-zu suchen, so fahr ich an dem blinde Hans vorbei,
-grad in den Saal herein, wo mir glücklicherweis
-alle Leut den Rücken drehten. &ndash; Ach!! &ndash; Gott
-sei Dank!! &ndash; Denn das Herzklopfen, was ich nach
-überstandner Katastrophe empfand &ndash; nun, &ndash; wer
-sich das denken kann! &ndash; bis ich mich so allmählich
-wieder beruhigte. &ndash; Denk sich einer, wenn die
-Windbeutel, die Kammerherren und Kammerdiener,
-da die Frau Rat unter dem Vogelkirschbäumchen
-gefunden hätten und hätten mit ihre Windlichter
-mir unter mein schlafend Angesicht geleucht. Nein,
-ich frag alle gute Freund, ob einer sich das gewünscht
-hätt? &ndash; Antwort: Nein! &ndash; Aber was<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-man sich nicht wünscht, das soll man andern nicht
-gönnen. Ich auch hab mirs nicht gewünscht und
-hätts meinem Feind nicht gegönnt.</p>
-
-<p>Wie ich mich etwas erleichtert fühlte, so rückte
-ich allmählich hinter den vielen Leuten hervor, die
-an der Tür standen, und kam so ganz nah an die
-Frau Königin heran; die winkt mir, und nun
-kommen die Kammerjäger von ihrer Jagd durchs
-Buschwerk zurück und wollen eben mein Verschwinden
-melden, da sehn sie zu ihrer Verwundrung,
-wie ich eben mit denen Prinzen von Gotha,
-noch ein paar ganz jungen Bürschercher, Bekanntschaft
-mach. Die erzählen von meinem Sohn, weil
-sie ihn sehr gut kenne vom Weimarer Hof, und
-ich erzähl auch mein Bestes, und das war eine ganz
-vergnügte halbe Stund, wo ich mich ganz mit
-meinem Schicksal wieder aussöhnte. Auch hatte sich
-meine Verlegenheit nach und nach beschwichtigt über
-meine Toilette, denn ich hatte mir gleich vorgenommen
-gehabt, nur in keinen von denen großen
-hell erleuchtete Wandspiegel zu gucken; das war
-gar nicht so leicht. &ndash; Daß, wenn allenfalls was
-an mir in Unordnung geraten wär, daß ich nicht
-auch noch <em class="gesperrt">den</em> Schreck auf mein gepreßt Herz laden
-müßt, weil aber die Leut all ganz vernünftig mich
-ansehn und keiner eine zum Lachen gestimmte
-Miene macht, da wag ich's und tu einen Seitenblick<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-und finde mich nicht nur ganz menschlich,
-sondern ich gefalle mir auch sehr wohl mit meinem
-kuraschierten Aug, das da thront über alle verkehrte
-Eingebildheiten, mit dem sie mich rund umher zu
-überschauen meinten. Ich schaute auf sie wieder
-herab, wie ein Wetterdach, das sie in Schutz genommen
-hat gegen den erfrischenden Regen und
-den kühlenden Wind, dem sie sich auszusetzen Bedenken
-tragen, und so ließ ich sie mich umirren
-mit ihren nichtssagende Blicke, als bloß wie dürres
-Laub, was im Wind dahinfliegt.</p>
-
-<p>Die gute Frau Königin sah mirs an, daß es
-Zeit wär, mich zu entlassen; sie nahm da mein
-Dank recht freundlich auf und erinnert mich an die
-Zeiten, wo sie in meinem Haus unter meinem
-Schutz gewohnt hatte und tausend lustige Spielstunden
-in meinem Hof sich gemacht.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Da ich nun entlassen war, so kam gleich wieder
-so ein dienender Geist von morgens früh und frägt
-mich, ob ich vielleicht den Wagen bestellen wollt
-lassen? &ndash; »Nichts lieber wie das«, sag ich, »bester
-Freund, verdienen Sie sich einen Lohn im Himmel,
-und helfen Sie mir über die königlich Schwell hinüber
-in mein bürgerlich Dasein.« Wie ich nun
-wieder im Wagen saß, wer war froher wie ich?
-&ndash; Ich hatte vor allen überraschenden Verlegenheiten
-und Sorgen gar nicht können an meine goldne<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span>
-Kett denken; jetzt beguck ich sie im Mondschein,
-und sie machte mir doch großes Pläsier. &ndash; Denn
-alle Auszeichnungen, die mir werden, das weiß ich,
-die hab ich doch meinem Sohn zu danken, und wie
-soll das eine Mutter nicht freuen?&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ja, es war eine pläsierliche Fahrt in der Kastanienallee
-heimwärts. Alle Baumschatten flogen im
-Vorbeifahren mir über meine geblendeten Augen,
-die ganz in tiefen Gedanken mit der in den Mondstrahlen
-blinkenden Kett sich beschäftigten.</p>
-
-<p>Es muß ein Weltengeist geben, der alle wahre
-und kräftig natürliche Gefühle nicht in den Lüften
-verschwirren läßt. So ein Seufzer aus dem Mutterherzen,
-auf der Darmstädter Chaussee, ist nicht dort
-geblieben als irrender Geist herumzuschweifen. Er
-wird sein Ziel gefunden haben, auch war mein Herz
-ganz feurig, und ich dacht, so wird auch heut nacht
-die Frau Königin eine vergnügliche Ahnung von
-mir haben, daß sie mich hat so in einen feurigen
-Rapport gesetzt mit meinem Sohn, daß ich ihn da
-im Mondschein zwischen dem Baumgeflüster vor
-mir schweben sehe, und kann die schönste Rede
-führen mit ihm, weil da allerlei Meldungswürdiges
-mir <span id="corr086">begegnet</span> ist. Ach was man sich nicht vor
-unschuldige Unmöglichkeiten einbilden kann! &ndash; Aber
-Muttergefühl ist eine Wünschelrut, die schlägt in
-allen weiblichen Herzen an. Und die Frau Königin<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-auch wird nicht ohne Absicht das Verdienst als
-Mutter in mir belohnt haben, sie wird gedacht
-haben: wenn sie doch auch so ein Sohn möcht zur
-Welt bringen, der diese mit seiner Unsterblichkeit
-könnt ausfüllen. &ndash; So ein Wunsch ist kein schlecht
-Gebet für eine erhabne Landesmutter &ndash; er begreift
-das Wohl des ganzen Menschengeschlechts in sich
-und es kann erhört werden, eben weil es der Müh
-wert ist so zu beten, so lohnt es auch dem Schicksalsgott
-die Erfüllung.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Frankfurter Bürgertum ist der best Adel, der
-sich bis jetzt noch in alle Zeiten Respekt erworben
-hat. Welcher Staat kann sich des rühmen?
-Nun, ich kann Euch sagen, als ich in der Nacht
-vors Tor kam, so freut ich mich über die Maßen:
-»Sie müssen die Sperr bezahlen!« &ndash; »Königlich
-Equipage!« ruft der Lakai vom Bock herunter. &ndash;
-Schildwach ruft: »Heraus!« &ndash; »Ei was!« sag ich,
-»freilich will ich die Sperr bezahlen. Stecken Sie
-Ihnen Ihr Seitengewehr ein, Herr Leutnant, ich
-bins nur und sonst niemand!« &ndash; »Ei, um so besser,
-vor Ihnen präsentiere mer das Gewehr mit Vergnüge.«
-&ndash; Nun, als wir durch den Orkus durchgerumpelt
-waren und endlich vor meinem Haus
-stillhalten, so kommt mir ein ganzer Trupp von
-Basen und Vettern entgegen gestürzt. &ndash; Ich sag:
-»Ei, was wollt ihr dann? &ndash; Es ist nachtschlafende<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-Zeit!« &ndash; »Ach, Gott seis gedankt, daß wir Sie
-wieder vor unsern Augen sehen, lieb Frau Rat;
-wir hatten gedacht, Sie wären arretiert! Die
-Jungfer Lieschen hat uns in große Ängste zusammen
-getrummelt, es wär eine Order kommen von Ihre
-Königliche Majestät von Preußen, grad wie Sie
-hätten wollen ins Kirschenwäldchen fahren mit der
-Frau Bethmann; und kaum daß Sie sich hätten
-was anziehen können, so wären Sie mit Eskorte
-von drei Mann in einem zuenen Wagen mit vier
-Pferd forttransportiert worden. Und so sitzen wir
-hier schon drei Stund und wissen nicht, was wir
-sollen anfangen, und eben wollten wirs dem Herrn
-Bürgermeister melden, und wir wären Ihnen nachgeeilt,
-aber die Jungfer hatte den Ort vergessen,
-wo Sie waren hintransportiert worden.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Nun, um Gotteswillen! Was sind das vor
-Sachen! &ndash; Das Rätsel will ich Euch morgen lösen;
-heunt will ich Euch nur eins sagen, daß die Jungfer
-Lieschen eine Hahlgans ist, und ich seh wohl ein
-jetzt, daß ihr die Haub heunt morgen nicht verkehrt
-auf dem Kopf gesessen hat, daß ihr aber der
-Kopf verkehrt unter der Haub sitzt, davor will ich
-Euch stehn. Ich bedank mich übrigens vor die
-Teilnahme; und wenn Sie einmal arretiert werde
-sollten, so werd ich auch mein Bestes tun, Sie
-wieder einzuholen. Übrigens, wer meine große<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-Abenteuer genauer will erfahren, der muß morgen
-kommen, heunt sind die Tore gesperrt.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nun, wie ich die gute Nachbarn los war &ndash; so
-mach ich der Lieschen erst Vorwürf, wie sie so
-dumm könnt sein und mir die Leut über den Hals
-trummelt.</p>
-
-<p>Nun nehm ich meine Sternblumenhaub vom Kopf
-herunter und stülp sie über die Bouteille. Die hat
-heunt was mit mir erlebt &ndash; ich eröffne meine Enveloppe,
-die Lieschen erstarrt vor der goldnen Kett!
-&ndash; Sie macht mir Vorwürf, daß ich nicht gleich hab
-vor den Nachbarn, die um meine Abwesenheit waren
-in Sorgen gewesen, meinen Mantel aufgemacht.
-»Und«, sagt sie, »das war einmal nichts, daß die
-Frau Rat nicht gleich es gesagt haben, und morgen
-bei Tag wird das lang so kein Effekt machen.« &ndash;
-»Nun!« sag ich, »es ist nun emal geschehen, nun
-wollen wir uns ins Negligé werfen und ins Bett
-legen und von denen viele Strabatzen uns ausruhen!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nun kommts endlich so weit, daß ich im Bett
-liege. &ndash; Die Frau Bethmann haben einen Korb
-mit den schönsten Kirsche mitgebracht aus dem
-Kirschenwäldchen, und wenn mirs recht wär, so
-wollte sie mir zulieb morgen noch einmal mit mir
-hinfahren. »Ei, freilich ist mir das recht! Jetzt
-stell sie mir die treffliche Herzkirschen an mein Bett<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-und die Wasserflasche dabei, so werd ich wie eine
-Prinzeß mirs wohl sein lassen und die ganze Nacht
-Kirschen fressen.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Aber die Lieschen hat keine Ruh, sie persuadiert
-mir noch über die weiß Nachtjack die goldne Kett
-um den Hals &ndash; und nun bewundert sie und bedauert,
-daß es die Nachbarn von rechts und links
-und gegenherüber nicht gesehn haben! »Nun!« sag
-ich, »schweig sie mit ihrem Lamento, es ist emal
-vorbei; hätt ich ehnder dran gedacht, so hätt ichs
-freilich ihne zeigen können, es würde sie im ersten
-Augenblick, wo sie noch den Schreck in alle Glieder
-hatten über meine bewußte Arretierung, noch mehr
-gefreut und überrascht haben!« &ndash; »Ach!« ruft die
-Lieschen, »die hab ich gleich wieder beisammen,
-es ist ja nit weit hin!« und eh ich ihr auf ihre
-Dummheit Kontraorder geben kann, klappt sie mit
-ihre Pantoffel die Trepp hinunter, ich hör die Haustür
-gehn, ich lieg da in der Nachtjack im Bett mit
-meiner goldne Kett, mit meine Kirschen; ich denk:
-Was soll das werden, alle Leut liegen um ein Uhr
-in der Nacht im tiefsten Schlaf; seit wieviel Jahr
-hat ein gesunder Frankfurter die Stern am Himmel
-um diese Zeit nicht gesehn; und nun poltert mir
-die Lieschen die Menschen zusammen! &ndash; Ja, richtig,
-da kommen sie schon mit angepoltert! &ndash; Nun,
-morgen wird die ganze Stadt sagen, ich wär nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-recht gescheut. &ndash; Jetzt, der erst Gesell, der die Tür
-aufmacht, sein der Herr Doktor Lehr. »Ei, um
-Gottes wille, wie kommen Sie daher?« &ndash; »Ei,
-wie ich eben in Wagen steigen will bei der Frau
-Schaket, die eben mit einem kleinen Sohn niedergekommen
-sind, da kommt Ihr Hausjungfer Lieschen
-Hals über Kopf daher gerennt, und im Vorbeirenne
-frägt sie, ob ich nicht wollt die schöne Kett
-sehen, die Ihne der König von Preußen mit eigne
-Hände hat um den Hals gehängt!« &ndash; Ei, die
-Lieschen ist ja imstand und redet die ganz Stadt
-auf, um die Kett zu sehn, und morgen werden die
-Leut sagen, ich war nicht recht gescheut! &ndash; Nun,
-weil der Doktor Lehr in Bewundrung über meine
-Kette dastehn, so kommen die andern nachgepoltert,
-die all von der Lieschen und ihrer Neugierd wieder
-aus dene Betten getrummelt waren, und ich hat
-nicht weniger wie zehn Personen im Zimmer und
-ein fürchterlich Geschnatter! Ich sagt aber nichts
-und ließ sie gucken und Glossen machen und aß
-ruhig meine Kirschen auf, und mit der letzte Kirsch
-da sagt der Doktor Lehr: »Nun werd ich meine
-Kindbetterin, noch eh ich nach Haus fahr, besuchen,
-und werd von der golderne Kett noch erzählen!« &ndash;
-»O«, sag ich, »schicke Sie mir nicht auch noch die
-Stadthebamm übern Hals!« &ndash; Jetzt, kaum war der
-Doktor Lehr fort, so empfehle sich auch die Nachbarsleut<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-und bedanke sich, und ich mach meine Entschuldigungen,
-daß die Lieschen ohne mein Wille sie
-hat wieder aus den Betten geholt, sie gaben aber
-dem Lieschen ganz recht! &ndash; Nun, wie sie der Tür
-drauß waren und ich hör die Haustür gehn, war
-ich froh, daß ich endlich bei mir allein war. Aber
-da knistert was an der Tür! &ndash; Mein Schrecken!
-&ndash; ich denk, da ist am End heimlich ein Spitzbub
-hereingeschlichen, ich schrei um Hilf, ich will eben
-ans Fenster springen und die Nachbarsleut wieder
-herbeirufen, die noch nicht weit sein könne, da ich
-die Absätz von ihre Schuh deutlich in der Fern
-widerhallen hör auf dem Straßenpflaster. Aber da
-kommt ja wahrhaftig die Frau Ahleder herein, die
-Stadthebamm, und sagt, der Herr Doktor Lehr
-hätts ihr gesagt, ich hätts erlaubt, daß sie noch
-dürft komme und die goldern Kett sehn! &ndash; »Ja«,
-sag ich, »Frau Ahleder, sehe Sie nach Gefallen,
-aber ich bitt Sie um Gottes willen, sagen Sies
-heut niemand wieder, damit ich doch noch einen
-Teil von der Nachtruh genießen kann!« &ndash; Nun, die
-war auch die letzt Nachtvisit, aber acht Tag hintereinander
-strömte alle Leut zu mir, und ich mußte
-viele alte Bekanntschafte erneuern und viel neue
-machen wegen der Kett und mußt meine Geschicht
-von alle Seite erzähle, wo ich dann unendlich viel
-Variation dabei angebracht hab und hab denen besuchende<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-Neugierigen einem jeden noch apart mit
-eingeflochten, was ich meint, daß ihm not wär zu
-bedenken. Den ersten Tag war ich durchgewitscht
-ins Kirschenwäldchen, da sind sie mir ja all nachkommen
-zu Fuß und zu Wagen, und das ganze
-Kirschenwäldchen war gestopft voll Zuhörer, und die
-Gassenbuben haben Spalier gemacht um mich herum,
-und ich mußt eine Prachterzählung machen,
-und ich wärs beinah satt geworden, ich war froh,
-wie sich der erst Sturm gelegt hatte. Nun, heunt
-hab ich wieder einmal die alt Geschichte mit besonderm
-Pläsier aufgewärmt, und ich hoffe, daß sie
-Euch wird eingeleuchtet haben.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/rule.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span></p>
-
-<h2 id="Friedrich_Theodor_Vischer">
-<img src="images/rule.png" alt="" /><br />
-Friedrich Theodor Vischer:<br />
-Die Tücke des Objekts.</h2>
-</div>
-
-<p class="center">Vorbemerkung des Herausgebers.</p>
-
-<div class="subsec">
-
-<p>Der nachfolgende Abschnitt ist dem großen, humoristisch-satirischen
-Reiseroman »Auch Einer« entnommen, den Vischer
-im Jahre 1879 veröffentlichte. Eine Fülle geistsprühender
-Aphorismen, scharf pointierte Betrachtungen über alle Dinge
-in Kunst und Leben ranken in bunten Verschlingungen in
-diesem Buch, das mit derbem Behagen und kräftigem Humor
-einen Menschen schildert, den Reisebekannten A. E. (Auch
-Einer), der sich der Tücke des Objekts, d. h. der Widerwärtigkeiten
-all der kleinen, störenden, an sich unbedeutenden
-Zufallsdinge des Alltags nicht erwehren kann. Auf einer
-Reise in die Schweiz macht der Dichter die Bekanntschaft
-des sonderbaren Helden. Gleich in der ersten Nacht, die sie
-im selben Hotel Wand an Wand verleben, lernt der Dichter
-aus dem Munde des Herrn A. E. die widerwärtige Tücke
-des Objekts kennen. Vischer erzählt:</p></div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/tb.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Ich konnte lang nicht einschlafen, hörte meinen
-Wandnachbar in sein Zimmer treten, sich auskleiden
-und zu Bett legen. Das Haus war so hörsam,
-daß selbst das Nagen einer Maus im Nebenzimmer
-meinem Ohre nicht entging. Den unbekannten Bewohner
-desselben hielt ich für längst eingeschlafen,<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-als ich die Worte vernahm: »Ach es fängt an.«
-Es war die Stimme meines armen Verkälteten.
-Was denn auch wirklich anfing, war ein scharfes
-Husten und häufiges starkes Räuspern und Spucken,
-das, von tiefen Seufzern unterbrochen, zu meiner
-eignen Qual wohl eine Stunde dauerte, dann aber
-einem fürchterlichen Schnarchen Platz machte, das
-im ganzen Register einer Orgel sich hin und her
-bewegte, oft von stoßenden, plötzlich abschnappenden
-Tönen und bangen Pausen unterbrochen, worin
-der musikalische Schläfer nach Atem zu ringen
-schien. Ich hätte ernstlich für seine Lunge gefürchtet,
-wenn nicht seine Gesichtsfarbe, gewölbte
-Brust, Energie der Bewegungen, wie ich sie während
-des Tags beobachtet hatte, eine ausdauernde Widerstandskraft
-verbürgt hätten. Endlich schlief ich doch
-selbst ein, freilich nur, um sehr früh geweckt zu
-werden und zwar durch ein Auf- und Abgehen
-meines Nachbars, das mit Geräuschen wechselte,
-aus denen ich auf ein ungeduldiges Suchen in
-Schubladen, auf Tischen, in allen Geräten des
-Zimmers schließen mußte. Das Laufen, Stöbern
-wurde immer heftiger, ein Selbstgespräch, das diese
-wilden Bewegungen zuerst leis begleitete, wurde
-lauter und lauter und ging dann in wütende Ausrufungen,
-endlich in einen Hagel von Flüchen über,
-die in der Tat nicht christlich, vielmehr türkisch, ja<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-heidnisch zu nennen waren und von einem wütenden
-Stampfen und Wettern begleitet wurden. Ich
-hielt es nicht mehr aus, der Mensch schien mir
-rein toll geworden, ich kleidete mich flüchtig an,
-klopfte an seiner Tür und trat, in meiner Aufregung
-die Form vernachlässigend, ins Zimmer,
-ohne auf das »Herein« zu warten. Mit zornsprühenden
-Augen, hochrot im Gesicht, fuhr der Bewohner
-auf mich zu, er schien mich an der Kehle
-packen zu wollen; plötzlich aber faßte er sich, stand
-unbewegt vor mir, sah mich mit durchdringendem
-Blick an und sagte ruhig streng: »Mein Herr, Sie
-führt ein Bildungsbedürfnis hier herein.« Es war
-mit meinem Gewissen nicht sonderlich bestellt, denn
-ich hatte doch eine Formverletzung begangen; dies
-machte mich wehrlos, ganz kleinlaut sagte ich: »Ja«,
-und fragte nun, was er denn aber ums Himmels
-willen eigentlich habe. A. E. &ndash; so wollen wir
-meinen Reisebekannten von nun an der Kürze
-halber nennen &ndash; fiel jetzt wieder in seinen Wutzustand
-und schrie mit Donnerlaut: »Meine Brille,
-meine Brille! Die Canaille hat sich wieder einmal
-verkrochen &ndash; vom Schlüssel, dem kleinen
-Teufel, vorerst nicht zu reden!«</p>
-
-<p>»Also Ihre Brille suchen Sie? Ist dies Objekt
-es wert, daß man in solche Wut gerate? Kennen
-Sie denn auch gar keine Geduld?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p>
-
-<p>Er wollte gegen mich auffahren, faßte sich aber
-auch diesmal wieder, sah mich an und sagte:
-»Schraubenschlüssel? Pfropfzieher?«</p>
-
-<p>»Was soll das?«</p>
-
-<p>»Nun, neulich träumte mir schrecklicherweise, ich
-habe eine Frau; ich lachte sie aus, daß sie die
-Zeitung unaufgeschnitten lese und jahrelang eine
-Schublade dulde, die nicht geht. Hierauf hielt sie
-mir eine Geduldpredigt und verlangte, ich solle zur
-Übung dieser Tugend an meinem Rock statt Knopflöcher
-und Knöpfe Schrauben und Schraubenmütter
-tragen, die sich ja ganz elegant von blau angelaufenem
-Metall herstellen ließen, oder auch Pfröpfe,
-und ich könnte jedesmal, wenn ich den Rock öffnen
-wolle, jene mit einem Schraubenschlüssel, diese mit
-einem Pfropfzieher aufmachen. &ndash; O was! ein
-Weib ist fähig, über einen Schrank einen Teppich
-so zu legen, daß er über die oberste Schublade
-überhängt und, so oft diese gezogen und geschlossen
-wird, sich einklemmt! Mein Herr, das Weib hat
-<em class="gesperrt">Zeit</em> für den Kampf mit dem Racker Objekt, sie
-<em class="gesperrt">lebt</em> in diesem Kampf, er ist ihr Element; ein
-Mann darf und soll keine Zeit hiefür haben, er
-braucht seine Geduld auf für das, was der Geduld
-<em class="gesperrt">wert</em> ist. Über die Zumutung, beides zu verwenden
-an das Unwerte, kann, darf, soll er wüten! Sie
-können doch wissen, daß die elenden Objekte, diese<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-Igel, diese Nickel, sich nie lieber einhaken, als wenn
-wir die höchste Eile haben, etwas fertig zu bringen,
-was nötig und vernünftig ist! Elender Bettel,
-nichtswürdiger Knopf oder Knäuel eines Bündels,
-Lorgnettenschnur, die sich um meinen Westenknopf
-wickelt, just, wenn es auf der Eisenbahn aufs äußerste
-eilt, einen klein gedruckten Fahrplan nachzusehen,
-ich hab' ja keine Zeit, keine Zeit für euch! Und
-wenn ich tausend Blutigel an die Ewigkeit setze,
-sie ziehen mir nicht eine Sekunde Zeit für euch
-heraus!«</p>
-
-<p>»Was nützt aber die Wut?«</p>
-
-<p>»O geistlos! Hat es Luther nichts genutzt &ndash;
-falls von Nutzen die Rede sein soll &ndash; wenn er
-den Teufel fortschalt? Wißt ihr denn nichts von
-Entlastung der armen Seele? Von der köstlichen
-Arznei, die im Fluchen liegt?«</p>
-
-<p>Der böse Geist kam mit neuer Gewalt über ihn,
-er schoß wütend im Zimmer hin und her und ergoß
-eine Flut von Schimpfwörtern auf die arme
-Brille. Ich suchte inzwischen am Boden herum;
-ich hob ein paar Hemden weg, die blank, aber zerzaust
-umherlagen, und mein Blick fiel auf ein Mausloch
-in einem Bretterspalt; ich glaubte, darin etwas
-schimmern zu sehen, strengte meine Augen an, die
-sich einer guten Sehkraft erfreuen, und die Entdeckung
-war gemacht; ich nahm den schwergeärgerten<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-Mann leicht am Arm und deutete schweigend auf
-die Stelle. Er stierte hin, erkannte die vermißten
-Gläser und begann: »Sehen Sie recht hin! Bemerken
-Sie den Hohn, die teuflische Schadenfreude
-in diesem rein dämonischen Glasblick? Heraus mit
-dem ertappten Ungeheuer!«</p>
-
-<p>Es war nicht leicht, die Brille aus dem Loch zu
-ziehen, die Mühe stand wirklich im Mißverhältnis
-zum Werte des Gegenstands, endlich war es gelungen,
-er hielt sie in die Höhe, ließ sie von da
-fallen, rief mit feierlicher Stimme: »Todesurteil!
-<em class="antiqua">Supplicium!</em>« hob den Fuß und zertrat sie mit
-dem Absatz, daß das Glas in kleinen Splittern
-und Staub umherflog.</p>
-
-<p>»Ja, jetzt haben Sie aber ja keine Brille,« sagte
-ich nach einer Pause des Staunens.</p>
-
-<p>»Wird sich finden, diese Teufelsbestie wenigstens
-hat ihre Strafe für jahrelange unbeschreibliche Bosheit.
-Kommen Sie, da, sehen Sie« Er zog seine
-Uhr heraus; es war eines der ordinärsten, in der
-Tat gemeinsten Produkte der horologischen Industrie,
-ganz Zwiebel. »Statt dieses redlichen, treuen Wesens«,
-fuhr er fort, »fungierte früher eine goldene Repetieruhr,
-die, ich kann es sagen, ihr Stück Geld gekostet
-hatte; sie vergalt dieses Opfer jahraus jahrein mit
-Tücken jeder Art, ging nie recht, benutzte arglistig
-jede Gelegenheit, zu fallen, sich zu verstecken, Gläser<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-zerbrachen so viele, daß es mich bald an den Bettelstab
-gebracht hätte, endlich setzte sie sich mit dem
-Haken der goldenen Uhrenkette in Einverständnis,
-in Verschwörung. Mit den Haken, mein Herr, hat
-es nämlich eine eigne Bewandtnis. Das Tendenziöse,
-was im Objekt überhaupt liegt &ndash; darüber
-wäre einiges zu sagen, mein Herr, aber das ist
-von langer Hand &ndash; das Tendenziöse spricht sich so
-offenkundig in der Galgenphysiognomie der Haken
-aus, daß man im Umgang mit diesen hämischen
-Gesichtern leicht unvorsichtig wird; man denkt: dich
-kenne ich ja, dich verrät deine griffige, vor sich selbst
-warnende Bildung, du wirst mich nicht überlisten;
-eben darüber wird man im Gegenteil fahrlässig.
-Ganz umgekehrt verhält es sich bei so manchen
-andern Objekten. Wer sollte zum Beispiel einem
-simplen Knopf seine Verruchtheit ansehen? Aber
-ein solcher Racker hat mir neulich folgenden Possen
-gespielt. Ich ließ mich gegen alle meine Grundsätze
-zur Teilnahme an einem Hochzeitsschmaus verleiten;
-eine große silberne Platte, bedeckt mit mehrerlei
-Zuspeisen, kam vor mich zu stehen; ich bemerkte
-nicht, daß sie sich etwas über den Tischrand heraus
-gegen meine Brust hergeschoben hatte; einer Dame,
-meiner Nachbarin, fällt die Gabel zu Boden, ich
-will sie aufheben, ein Knopf meines Rockes hatte
-sich mit teuflischer List unter den Rand der Platte<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-gemacht, hebt sie, wie ich schnell aufstehe, jäh empor,
-der ganze Plunder, den sie trug, Saucen, Eingemachtes
-aller Art, zum Teil dunkelrote Flüssigkeit,
-rollt, rumpelt, fließt, schießt über den Tisch, ich will
-noch retten, schmeiße eine Weinflasche um, sie strömt
-ihren Inhalt über das weiße Hochzeitkleid der
-Braut zu meiner Linken, ich trete der Nachbarin
-rechts heftig auf die Zehen; ein andrer, der helfend
-eingreifen will, stößt eine Gemüseschüssel, ein
-dritter sein Glas um &ndash; o, es war ein Hallo, ein
-ganzes Donnerwetter, kurz ein echt tragischer Fall:
-die zerbrechliche Welt alles Endlichen überhaupt
-schien in Scherben gehen zu wollen; mich ergreift
-die Stimmung des Erhabenen, ich fasse zunächst
-eine Champagnerflasche, trete ans Fenster, öffne es,
-schwinge sie empor, der Bräutigam fällt mir in den
-Arm, ich erzürne mich, es gibt bös Blut, die Braut
-war ohnedies halb ohnmächtig, kurz &ndash; ich mag nicht
-weiter erzählen, denn nun wurde die Sache komisch.«</p>
-
-<p>»Ernst, wollen Sie sagen?«</p>
-
-<p>Er staunte mich an wie einen Menschen, der alle
-gesunden Begriffe verwirrt; ich verzichtete auf weiteres
-Eingehen und bat ihn, das Trauerspiel von
-Haken und Uhr zu vollenden.</p>
-
-<p>»Ja so, ja, also: der Haken schlich in einer Nacht
-über das Tischchen, worauf ich die Uhr achtsam
-gelegt, leise hinüber nach dem Bett, nestelte sich in<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span>
-eine Naht des Kissenüberzugs ein, das Kissen war
-mir überflüssig, ich hob es rasch und warf es an
-das Fußende des Bettes, die Uhr nun natürlich
-mit; in einem prächtigen Bogen schwang sie sich
-an die Wand und fiel mit zersplittertem Glase
-nieder. Es war genug. Ich zertrat sie feierlich
-wie diese Verbrecherin von Brille, der Kobold gab
-dabei einen Ton von sich, einen Pfiff wie eine verfolgte
-Maus, ich kann schwören, daß es ein Laut
-war, der nicht im Umfange der physikalischen Natur
-liegt. Nun, dann habe ich mir hier diese bescheidene
-Zeigerin der Zeit um niederträchtig geringes
-Geld gekauft; betrachten Sie die Gute: bemerken
-Sie den Ausdruck von Biederkeit in diesen schlichten
-Zügen; seit zwanzig Jahren dient sie mir &ndash; unberufen,
-unberufen! &ndash; treu und ehrlich, ja, ich kann
-sagen, nicht <em class="gesperrt">einen</em> Verdruß hat sie mir bereitet.
-Die goldene Uhrenkette hat jetzt mein Bedienter,
-der Haken wurde zu schmachvollem Tod in der
-Kloake verdammt, und ich trage meine redliche
-Zwiebel an dieser sanftgearteten seidenen Schnur;
-Johann, der muntre Seifensieder.«</p>
-
-<p>A. E. war während dieser Darstellung, in deren
-Breite er sich zu gefallen schien, ganz ruhig geworden
-und fuhr gelassen fort:</p>
-
-<p>»Jetzt das übrige! Die übrige Geschichte dieser
-schwarzen Morgenstunde!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span></p>
-
-<p>»Zuerst springen an drei Hemden die Knöpfchen
-ab, da ich sie anziehen will. Ja, ja, so ein Hemdknopf!
-Ein Bär stellt sich ehrlich zum Kampf; ich
-weiß, was ich zu tun, wie ich meine Waffe anzuwenden
-habe; einen hundertjährigen Eichbaum kann
-ich mit Kraft und Ausdauer umhauen; aber der
-Knirps! Ich soll Kraft anwenden, denn die Bestie
-will absolut nicht durchs Knopfloch, und ich soll sie
-zugleich ebensosehr gar nicht anwenden, sondern
-ganz fein und leicht mit den Fingerspitzen arbeiten,
-und indem ich mich placke, schinde, abrackere, foltere,
-töte, das Widersprechende zu leisten &ndash; o lustig! springt
-die Schmachkanaille erst recht ab! Die Teufel
-nehmen Besitz vom Weibe, uns dies Scheußliche
-zu bereiten. Ich habe es von glaubwürdigen,
-wahrheitliebenden und besonnenen Ehemännern:
-wegen der Hemdknöpfchen heiratet man, und dann
-ist es erst recht nichts damit. &ndash; Weiter! &ndash; Nur im
-Vorbeigehen will ich anführen, daß mich zuerst
-beim Ankleiden ein höchst ränkesüchtiges Armloch
-gute fünf Minuten lang insultiert hat &ndash; dabei
-blieb ich aber noch ganz ruhig &ndash; denn ich kann
-mich beherrschen, mein Herr! Nun aber sehen Sie
-diesen Schlüssel« &ndash; er zog einen kleinen Schlüssel
-hervor, der wohl zu seiner Reisetasche gehörte &ndash;
-»und sodann diesen Leuchter!« &ndash; er hielt mir den
-metallenen Leuchter umgekehrt vors Auge, so daß<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-ich in die Höhlung seines Fußes sah &ndash; »was
-glauben, was denken, was sagen Sie?«</p>
-
-<p>»Ja, was weiß denn ich?«</p>
-
-<p>»Stark eine halbe Stunde lang habe ich heute
-morgen diesen Schlüssel gesucht &ndash; es war zum
-Rasendwerden, da finde ich ihn endlich, sehen Sie,
-so!« Er legte den Schlüssel auf das Tischchen am
-Bett, stellte den Leuchter darauf; der Schlüssel fand
-just, wie ausgemessen, Platz unter dem Leuchterfuß.</p>
-
-<p>»Wer kann nun daran denken, wer auf die Vermutung
-kommen, wer so übermenschliche Vorsicht
-üben, solche Tücke des Objekts zu vermeiden! Und
-dazu lebe ich! An solches hündische Suchen muß
-ich meine arme, kostbare Zeit verschwenden! Suchen,
-suchen, und wieder suchen! Man sollte nicht sagen:
-so und so lang hat A. oder B. gelebt, nein: gesucht!
-&ndash; Und ich bin sehr, sehr pünktlich, glauben
-Sie mir das!«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Jawohl ist das Leben ein Suchen,« sagte ich
-mit einem Seufzer, der scheinen konnte, den Mühen
-des Lebens zu gelten, während er in Wahrheit
-von der Langeweile ausgepreßt war, da die breite
-Beschäftigung mit dem Bagatell mich denn doch zu
-ermüden begann. Daher denn auch die flache Bemerkung
-selbst, die nur um jeden Preis nach einem
-Inhalt abzulenken suchte.</p>
-
-<p>Ich kam schlecht an. »So, mein Herr, symbolisch?«<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-sagte er. »Und das soll dann tiefer sein!
-Ah! O!«</p>
-
-<p>»Nun, was denn?«</p>
-
-<p>»Sehen Sie, mein Herr, suchen im bildlichen
-Sinn, darüber, daß das Leben so ein Suchen ist,
-darüber klage ich nicht, darüber sollen Sie nicht
-seufzen. Das Moralische versteht sich immer von selbst.
-Ein rechter Kerl sucht, strebt und beschwert sich nicht
-darüber, sondern ist glücklich in diesem Unglück der
-aufsteigenden und nie anlangenden Linie des Lebens.
-Das ist unser oberes Stockwerk. Aber die Zugabe,
-die Hundenot gleichzeitig im untern Stockwerk des
-Lebens &ndash; davon ist die Rede. Da ist also zum
-Beispiel das Suchen, das so toll, so nervös, so
-wahnsinnig macht. Man verfällt ja dabei immer
-in den Theismus. Der liebe Gott, der oben herunterschaut,
-der die Haare auf unserm Haupte
-zählt, der mich nun stundenlang meine Brille suchen
-sieht &ndash; er sieht ja auch die Brille, weiß recht gut,
-wo sie liegt &ndash; ist es zum Ertragen, nun denken
-zu müssen, wie er lachen muß? &ndash; Allgütiges Wesen!
-Meinen Sie, ein solches würde ferner den Katarrh
-zulassen? Leben &ndash; Suchen &ndash; Spucken! Da sagen
-die törichten Menschen von einem Ausgedienten,
-von einem Erlösten, von dem sie meinen, er gehe
-als Geist um, er spuke! Dummes Zeug, aus hat
-er gespuckt! O, wir sind geboren, zu suchen,<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-Knoten aufzudröseln, die Welt mit Hühneraugen
-anzusehen, und ach! zu niesen, zu husten und zu
-spucken! Der Mensch mit seines Hauptes gewölbter
-Welt, mit dem strahlenden Auge, dem Geist, der
-in die Tiefen und Weiten blitzt, mit dem Fühlen,
-das mit Silberschwingen zum Himmel aufsteigt, mit
-der Phantasie, die ihres Feuers goldene Ströme
-ausgießt über Berg und Tal und sterblich Menschenbild
-zum Gott erklärt, mit dem Willen, dem blanken
-Schwert in der Hand, zu schlichten, zu richten, zu
-bezwingen, mit der frommen Geduld zu pflanzen,
-zu pflegen, zu wachen, daß der Baum des Lebens
-wachse, gedeihe und Himmelsfrucht jeder sanften
-<span id="corr106">Bildung</span> trage, der Mensch mit der Engelsgestalt
-des ewig Schönen im ahnenden, sehnenden Busen
-&ndash; ja, dieser Mensch verwandelt in einen
-schleimigen Mollusken, zur klebrigen Auster
-erniedrigt, ein Magazin, ein Schandschlauch für
-vergärenden Drüsensaft, eine Schneuzmaschine, im
-Hals ein zackig Kratzeisen, ein Nest von Teufeln,
-die mit feinen Nadeln nächtelang am Kehlkopf
-kitzeln, die Augen trübe, das Hirn dumpf, stumpf,
-verstört, der Nerv giftig gereizt, und dabei erst nicht
-als Kranker geltend, noch geschont &ndash; und da soll
-es einen Gott&nbsp;&ndash;!«</p>
-
-<p>Hier geriet mein Gottesleugner in ein Niesen
-und Husten so teilnahmwerter Art, daß ich eine<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-Bemerkung, die mir auf der Zunge lag: der
-Katarrh sei denn doch nicht der gewöhnliche Zustand
-des Menschen, gern unterdrückte; ich konnte
-freilich ohnedies ahnen, daß ich schlecht damit gefahren
-wäre. Dagegen wollte ich mich doch nicht
-enthalten, als der Paroxismus zu Ende war, vorzubringen:
-»Aber was machen Sie denn, wenn Sie
-ernstlich, schwer krank sind?«</p>
-
-<p>A. E. war inzwischen daran, sich reisefertig zu
-machen, wurde über einem Hindernis, das sich an
-der Rückseite seiner Beinkleider zu befinden schien,
-noch einmal sichtlich aufgeregt, trat plötzlich hart
-vor mich, machte straff wie ein Soldat rechtsum
-kehrt und schrie sehr laut und schroff: »Hier!«</p>
-
-<p>Ganz verdutzt, als ich nun so breit seinen Rücken
-vor mir hatte, dachte ich, ob denn dies der Anfang
-des versprochenen Bildungsunterrichts sein solle; er
-ließ mir ziemlich Zeit zur Betrachtung, bis der
-Aufschluß kam: »Sehen Sie die Lappen am Hüftgurt?
-sind fünfmal, sage fünfmal beim Schneider
-gewesen vor der Abreise; zuerst zu lang oder zu
-weit, dann wieder zu kurz oder zu eng, dann
-beides noch einmal so &ndash; nun? wie steht's mit der
-Theologie?«</p>
-
-<p>Ich verstand jetzt, daß ich sehen sollte, wie die
-Lappen einander zu nah angenäht waren, die Gürtung
-also nicht genug angezogen werden konnte;<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-er war zufrieden, als ich mein Verständnis kund
-gab, und nun schien der Sturm ausgetobt zu
-haben. Meine vorige Bemerkung fiel ihm jetzt
-wieder ein.</p>
-
-<p>»Was haben Sie von recht Kranksein gesagt?
-Nun, das ist ja Geduld wert. Das Moralische
-versteht sich immer von selbst.«</p>
-
-<p>Er hatte inzwischen seine Reisetasche gepackt,
-wobei er, wie ich bemerkte, sehr geschickt zu Werke
-ging; es galt, viele Kleinigkeiten in engen Raum
-zusammenzufügen, und er brachte es ganz nett zustande;
-Ungeschicklichkeit, das sah ich, konnte nicht
-die Ursache des Kriegszustandes sein, in dem er
-mit dem Bagatell sich befand. Er sagte mir nun,
-er wolle seine Reise auf der Axenstraße am See
-zu Fuß fortsetzen. Leicht konnte er sich denken,
-daß ich wahrscheinlich ebendasselbe vorhabe, der
-Gedanke eines Zusammenwanderns lag, da wir
-denn doch schon Bekannte waren, nahe genug, aber
-es fiel ihm nicht ein, auch nur einen Wink zu geben,
-der entfernt einer Einladung gleichgesehen hätte. Ich
-dachte, er erwarte, daß ich mich ihm erst vorstelle,
-und begann: »Erlauben Sie, es ist doch wohl Zeit,
-daß ich mich Ihnen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Er unterbrach mich: »Bitte, danke, lieber nicht
-&ndash; verzeihen Sie, es ist nicht Maske, nicht Geheimtuerei
-von mir, gewiß nicht, liebe aber, auf der<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-Reise wenigstens, alles klar, frei. Name und
-Stand macht Nebengedanken, führt auf Namen-Etymologie
-und dergleichen, wir sind eben jeder ein
-Ich, eine Person oder, wie Fischart sagt, seelhaftes
-Lebwesen; wir befinden uns besser so.«</p>
-
-<p>Ich war nun schon im Zuge, dem wunderlichen
-Kauz nichts übel zu nehmen, und da, wie ich gestehe,
-meine Neugierde nach Namen und Stand
-eben auch nicht groß ist, so ließ ich mir's unschwer gefallen,
-daß ich auch nicht erfahren sollte, wen ich eigentlich
-vor mir habe. Ich reichte auf der Schwelle die
-Hand zum Abschied, und A. E. wollte sie eben
-nehmen, als ihm einfiel, daß er doch erst frühstücken
-sollte; dieses Werk wenigstens noch gemeinsam
-zu verrichten, dagegen schien er denn doch nichts
-zu haben, und so stieg ich mit ihm in die »<em class="antiqua">salle à
-manger</em>« hinab.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/tb.png" alt="" />
-</div>
-
-<p>Beim Eintreten bemerkte ich, daß er einen ängstlich
-suchenden Blick nach den vier Ecken des Saales,
-und zwar auf den Fußboden, warf; der Blick kehrte
-beruhigt zurück, als er in der vierten ein kleines
-Gerät bemerkte, das hustenden Menschen erwünscht
-sein mag; mit höchst gemütlichem Tone sagte er:
-»Der Saal ist doch ganz ordentlich möbliert,« und<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-von da schien eine erträglich gute Laune bei ihm
-einzutreten. Das Frühstück stand nach Art der
-Schweizer Gasthöfe in diesen Frühstunden stets bereit,
-und A. E. &ndash; nachdem er Honig und Butter
-heftig weggeschoben hatte &ndash; griff rüstig zu, ich
-desgleichen. Wir waren allein im Saale, doch bald
-trat ein dritter Reisender ein. Es war ein Mann
-von gesetzten Jahren, er trug ein Staubhemd von
-ungebleichter Leinwand mit einem kleinen, über die
-Schultern hängenden Kragen und auf dem Rücken
-einen nicht ungewichtigen Leinwandtornister, auf
-seiner Stirn lag ein bemerklicher Wanderschweiß,
-man sah, er hatte diesen Morgen schon einige
-Stunden zurückgelegt; er legte seine Last ab, stellte
-den soliden, bauschigen Regenschirm in eine Ecke,
-nicht ohne ihn mit einem Blick zu betrachten, der
-eine innere Zufriedenheit mit dem gediegenen und
-nützlichen Gerät ausdrückte, begab sich rasch an den
-Tisch, setzte sich an sein andres Ende, rückte sich den
-Stuhl recht nahe, zog eine Brille hervor, besah sich,
-was aufgesetzt war, schien mit der Vollständigkeit
-der Dinge, die zu einem englischen Frühstück gehören,
-sehr einverstanden und begann mit dem
-vollen Ausdruck einer Seele, die sich bewußt ist,
-daß ihr Leib sein Frühstück redlich verdient habe,
-die genußverheißende Arbeit des Schneidens und
-Butterstreichens. Es war leicht zu ersehen, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-der Mann dem Gelehrtenstande angehören mußte,
-und seine etwas bleiche Gesichtsfarbe legte den Schluß
-nahe, daß er zu jener Gattung der Gebirgsreisenden
-gehören möge, die durch starke Fußmärsche in
-Ferien einzubringen suchen, was sie durch sitzende
-Lebensart das Jahr hindurch ihrem Organismus
-Leides zufügen müssen.</p>
-
-<p>A. E., der inzwischen die Eßlust gestillt, schien
-zum Abmarsch keine besondere Eile zu haben, steckte
-sich gemächlich eine Zigarre an und begann zu
-mir: »Sie geben also zu, daß die Physik eigentlich
-Metaphysik ist, Lehre vom Geisterreich. Das heißt,
-ich vermute, daß Sie es zugeben, wiewohl ich es
-Ihnen philosophisch eigentlich noch nicht begründet
-habe, denn was Sie sicherlich bereits erkannt haben,
-das ist die allgemeine Tendenziosität, ja Animosität
-des Objekts, des sogenannten Körpers, was die
-bisherige Physik geistlos mit Namen wie: Gesetz
-der Schwere, Statik und dergleichen bezeichnet hat,
-während es vielmehr aus Einwohnung böser Geister
-herzuleiten ist.«</p>
-
-<p>Der Fremde hatte inzwischen einen länglichen Brotlaib
-höchst kunstgerecht wie man es wohl im »Kurmärker
-und die Picarde« vom preußischen Landwehrmann
-verrichten sieht, der Länge nach entzweigeschnitten
-und war eben beschäftigt, die Butter
-schön und glatt wie mit einem Modellierholz aufzustreichen;<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-er hielt bei diesen Worten einen Augenblick
-inne, warf unter den buschigen Brauen einen
-sonderbaren Blick nach uns herüber und fuhr dann
-nachdenklich in seinem plastischen Geschäfte fort, indem
-er öfters mit einem Ausdruck von Staunen
-und Ironie den Kopf hin und her wiegte. Es kam
-mir der Gedanke, ob A. E. auf ihn berechne. Es
-schien entschieden nicht. Er hatte auf den Eintretenden
-nur einen raschen Blick geworfen, freilich einen
-scharf erfassenden, denn sein Auge pflegte zu blicken,
-als wäre eine fest greifende Hand darin, doch nicht
-ein Zeichen ließ vermuten, daß er sich weiter um
-den Unbekannten kümmere.</p>
-
-<p>»Animos,« fuhr er fort, &ndash; »haben Sie denn
-auch nur schon beobachtet, wie das fallende Papierblatt
-uns verhöhnt? Sind sie nicht wahrhaft
-graziös, die Spottbewegungen, womit es hin und
-her flattert? Sagt nicht jeder Zug mit blasiert
-eleganter Frivolität: doch noch gewonnen!? O,
-das Objekt lauert. Ich setze mich nach dem Frühstück
-frisch, wohlgemut an die Arbeit, ahne den
-Feind nicht. Ich tunke ein, zu schreiben, schreibe:
-ein Härchen in der Feder, damit beginnt es. Der
-Teufel will nicht heraus, ich beflecke die Finger
-mit Tinte, ein Flecken kommt aufs Papier &ndash;
-dann muß ich ein Blatt suchen, dann ein Buch
-und so weiter, und so weiter, kurz, der schöne<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-Morgen ist hin. Von Tagesanbruch bis in die
-späte Nacht, solang irgend ein Mensch um den Weg
-ist, denkt das Objekt auf Unarten, auf Tücke.
-Man muß mit ihm umgehen, wie der Tierbändiger
-mit der Bestie, wenn er sich in ihren Käfig gewagt
-hat; er läßt keinen Blick von ihrem Blick und die
-Bestie keinen von seinem; was man da von der
-moralischen Gewalt des Menschenblickes vorbringt,
-ist nichts, ist Märchen; nein, der starre Blick sagt
-dem Vieh nur, daß der Mensch wacht, auf seiner
-Hut ist, und Blick gegen Blick, gleich fix gespannt,
-lauert es denn, ob er sich einen Augenblick vergesse.
-So lauert alles Objekt, Bleistift, Feder,
-Tintenfaß, Papier, Zigarre, Glas, Lampe &ndash; alles,
-alles auf den Augenblick, wo man nicht acht gibt.
-Aber um Gottes willen, wer kann's durchführen?
-Wer hat Zeit? Und wie der Tiger im ersten
-Moment, wo er sich unbeobachtet sieht, mit Wutsprung
-auf den Unglücklichen stürzt, so das verfluchte
-Objekt; plumper oder feiner, wie es kommt,
-diabolisch fein zum Beispiel das Eisenfeilstäubchen,
-das mir ins Auge flog am Morgen, als ich eine
-Fußreise antreten wollte, auf die ich mich lange
-gefreut, und das mich ums Auge zu bringen drohte
-&ndash; o, überhaupt: glauben Sie, wenn ein ordentlicher
-Mensch reisen will, halten die Teufel ein ökumenisches
-Konzil &ndash; Vorschläge &ndash; Anträge &ndash; Amendements<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-&ndash; zum Exempel: Antrag: Hühnerauge,
-Amendement: unter dem Nagel; oder Antrag:
-Grimmen auf der Eisenbahn, Amendement: in Gesellschaft
-einer Dame; Antrag: schlecht Wetter,
-Amendement: zerrissene Schuhe und die neuen zu
-eng. Doch nicht immer waltet aggressive Form.
-Das Objekt liebt in seinem Teufelshumor namentlich
-das Verschlupfspiel. Wie die gute, sorgende,
-schützende Natur einige Tiere dem Boden gleich
-färbt, bildet, auf dem sie leben, sich nähren, damit
-sie der Feind schwerer entdecke &ndash; Raupe, Schmetterling
-der Baumrinde, dem Baumblatt, Hase der
-Erde gleich &ndash; so verfahren auch gern die Dämonen:
-zum Beispiel rotbraunes Brillenfutteral versteckt
-sich auf rotbraunem Möbel; doch Haupttücke des
-Objekts ist, an den Rand kriechen und sich da von
-der Höhe fallen lassen, aus der Hand gleiten &ndash;
-du vergissest dich kaum einen Augenblick und
-ratsch&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Wir hörten in diesem Augenblick ein kleines
-Geräusch von der Seite des dritten Gastes her,
-sahen ihn hastig unter den Tisch fahren und mit
-einem Körper in der Hand wieder auftauchen, den
-er mit großem Schrecken und darauf folgender
-tiefer Wehmut betrachtete. Es war sein zuerst mit
-Butter, dann mit Honig ebenso korrekt gestrichenes
-als korrekt geschnittenes Brot, und dasselbe war<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-&ndash; »natürlich« würde A. E. sagen &ndash; auf die gestrichene
-Seite gefallen.</p>
-
-<p>Ich unterdrückte nur notdürftig einen mächtigen
-Lachreiz, denn es war doch auch gerade, als ob
-das »Ratsch« und das Fallen des Brotes in einem
-geisterhaften Kausalitätsverhältnis gestanden wären.
-A. E. sah ganz ernst hinüber und nickte sanft mit
-dem Kopfe, ohne einen Zug des Spottes, ja eher
-mit einem Zug der Teilnahme, als wollte er sagen:
-das kennen wir armen Sterblichen. Der Fremde
-schoß jetzt nicht nur einen, sondern eine Batterie
-von Blicken, grimmigen, auf uns herüber und
-machte sich höchst verdrießlich an das Geschäft, dem
-unheilbaren Schnitten einen entsprechenden Nachfolger
-hervorzubringen.</p>
-
-<p>A. E. fuhr ruhig fort: »Dann ist es überhaupt
-so eine Sache mit dem Ding da, den zwei Dingen,
-was Kant die reinen apriorischen Anschauungsformen
-nannte.«</p>
-
-<p>»Raum und Zeit?«</p>
-
-<p>»Eben. Was ist der Raum denn andres, als
-die unverschämte Einrichtung, vermöge deren ich,
-um den Körper <em class="antiqua">a</em> hierherzusetzen (&ndash; er zeigte es
-an Tassen, Kannen, Körbchen, Flaschen, Gläsern,
-die etwas dicht auf dem Tische standen &ndash;), vorher
-<em class="antiqua">b</em> dort weg, um Platz, für b zu bekommen, wieder
-<em class="antiqua">c</em> da hinwegstellen muß und so mit Grazie <em class="antiqua">in infinitum</em><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span>
-&ndash;? Und die Zeit? Das ist dasjenige, was
-man dazu doch nicht hat. Denn Donnerwetter und
-alle tausend Teufel, leben wir dazu, um zehn Griffe
-nötig zu haben zu dem, was kaum eines Griffs
-wert ist!«</p>
-
-<p>Der Unbekannte bewegte jetzt stärker und ärgerlich
-lachend den Kopf hin und her und eine sichtbare
-Unruhe kam ihm in die Beine.</p>
-
-<p>A. E. war nun gut im Zuge. »Ein andermal«, fuhr
-er fort, »sind die Nickel unverschämt in entgegengesetzter
-Richtung. Jetzt will zusammen, was nicht
-zusammengehört. Kennen Sie eine der verfluchtesten
-Formen: das Mitgehen? Wenn so ein liebenswürdiges
-Blatt, das zum Aktenstoß Y gehört, beim
-Ordnen, Aufbewahren zu unterst an Faszikel Z
-hinkriecht und mit hinein in das Schubfach schlüpft
-und sich über Tag, Woche oder Jahr nicht finden,
-sich suchen läßt unter Verzweiflung, Wut, Rennen
-bis zum Wahnsinn? Dagegen ist so was, wie das
-bekannte, ewige Unterschlüpfen der Damenkleider
-unter den Stuhlfuß des Nachbars nur ein kleiner,
-zierlich pikanter Spaß des teufelbesessenen Objekts,
-doch interessant als allein schon hinreichend, unsre
-dumme Physik zu stürzen, denn wer könnte so
-etwas mechanisch erklären?«</p>
-
-<p>Jetzt fuhr der Fremde auf mit dem Ruf: »Es
-wird zuviel!« stieg mit straffen Schritten auf uns<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-los, pflanzte sich vor A. E. auf und mit Zornblick
-rief er: »Mein Herr! Wissen Sie, ich bin Professor
-der Physik! Sie haben mir aber auch gleichsam
-mein Butterbrot hinuntergeworfen!«</p>
-
-<p>A. E. verweilte auf dem Mann mit einem ganz
-gelassenen, ganz kontemplativen Blick und schwieg.
-Was werden sollte, wer konnte es wissen? Plötzlich
-stieg ihm eine flammende Röte ins Gesicht,
-seine Augen funkelten, er fuhr auf, und ich, da ich
-meinen Mann eben doch noch nicht so ganz kannte,
-wurde schon für den Frieden besorgt, als er mit
-Sturmschritten, ja mit Sätzen wie ein Panther quer
-über das Zimmer nach einer Ecke schoß, wo das
-oben zart erwähnte Gerät stand, und nun ging ein
-Husten, Niesen mit untermischtem Schlucken, seltsamen,
-wilden Gurgel- und Schnapptönen, ein so
-schreckliches Glucksen, Kollern, Fauchen, Raspeln,
-Schnarren, Stöhnen, schußartiges Bellen los, als
-hörte man die rasende Musik eines Chors von
-Höllengeistern. Es dauerte ziemlich lange, bis diese
-furchtbare Naturerscheinung vorüber war, dann
-richtete sich der leidende Mann matt in die Höhe,
-griff nach Hut, Tasche, Stab und sagte im Abgehen
-zu mir mit jammernswert fistulierender Stimme:
-»Bitte, haben Sie die Güte, den Herrn zu beruhigen!
-Guten Tag beiderseits.«</p>
-
-<p>Der Herr war im Schrecken zur Seite getaumelt,<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-als A. E. so jäh in die Höhe fuhr; dann sah und
-hörte er mit starrem Staunen den Evolutionen des
-erschrecklichen Gewitters zu und schickte dem Abgehenden
-einen langen, verwirrten Blick nach.
-Endlich wandte er sich gegen mich, zwinkerte mich
-mit den Augen an und deutete mit dem Finger
-auf seine Stirn. Ich zuckte die Achseln. Er schien
-dies für volle Bejahung zu nehmen, war nun
-wirklich beruhigt und schritt mit frischem Eifer an
-die Erneuerung seines Frühstückwerks.</p>
-
-<p>Ich mochte dem Vorangegangenen nicht so schnell
-folgen; es hätte scheinen können, als wolle ich mich
-aufdrängen. Ich war doch etwas ungehalten, daß
-er so rücksichtslos davongelaufen; indem ich mich
-besann, was ich beginnen solle, um meinen Abmarsch
-ein halbes Stündchen noch hinzuziehen, fiel mir ein:
-Halt, gefunden! Grobian, deine Strafe soll nicht
-ausbleiben, du sollst beschrieben werden! Ich ging
-gleich an die Vorarbeit, machte mir eine Reihe
-von Notizen in mein Tagebuch und brach auf, als
-ich annehmen konnte, mein wunderlicher Held habe
-nun genügenden Vorsprung.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/rule.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span></p>
-
-<h2 id="Adolph_Bayersdorfer">
-<img src="images/rule.png" alt="" /><br />
-Adolph Bayersdorfer:<br />
-Die militärpflichtige Tante.</h2>
-</div>
-
-<p>Der einzige Mensch, den ich noch mit einem
-Haarbeutel gesehen habe, mit einem solchen nämlich,
-wie man sie vor Zeiten außen am Kopfe trug,
-war mein alter Großoheim, welcher vordem beim
-deutschen Reichs-Kammergericht in Wetzlar angestellt
-gewesen und zugleich mit diesem berühmten Institut
-in eine wohlverdiente Pension gegangen war. In
-dem komplizierten Räderwerk des obersten deutschen
-Gerichtshofes hatte er ein ganz kleines Federchen,
-Rädchen oder Kettchen vorgestellt als ein versteckter
-Unterbeamter einer untergeordneten Registraturskanzlei,
-welche ihrerseits wieder die Unterabteilung
-einer anderen war. Wenn ich nun meines Großoheims
-ganzen Titel herschreiben wollte &ndash; eine
-einzige monströse Namen-Kumulation, welche in
-pünktlicher Fixierung die Titulaturen aller Stellen
-von oben herab gewissenhaft mit einschloß, bis sie
-bei seinem bescheidenen Posten angelangt war &ndash;
-so müßte ich mindestens einmal dazwischen frisch
-Tinte schöpfen, gleichwie die Leute, die so viel Zeit<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span>
-hatten, ihn bei seinem ganzen Titel rufen zu können,
-einmal Atem holen mußten unter der Absagung
-dieses einzigen Wortes.</p>
-
-<p>Der gesegnete Träger dieser Titelschleppe, deren
-Länge, wie herkömmlich, im umgekehrten Verhältnisse
-zum Gehalte ihres Eigentümers stand, war
-ein hagerer, schweigsamer Mann mit knochigem
-Gesichte, der gleich der verkörperten Theorie immer
-ganz grau und altväterlich gekleidet einherging, bis
-an den Hals zugeknöpft. Pedanterie in allen
-Dingen war wohl seine einzige Passion. Er fand
-einen Genuß in der Pünktlichkeit, mit welcher er
-jeden Tag zu den gleichen Stunden das Gleiche
-tat, und auf seinen Spaziergängen, die den größten
-Teil seiner Mußestunden (er hatte deren täglich vierundzwanzig)
-in Anspruch nahmen, sah man ihn
-immer mit denselben Glockenschlägen um dieselben
-Ecken biegen. Der Spaßmacher des Städtchens
-richtete solange seine Uhr scherzweise nach meines
-Großoheims Spaziergängen, bis er endlich für gut
-fand, diese Art der Zeitregulierung in vollem Ernste
-beizubehalten.</p>
-
-<p>In der mediatisierten Reichsstadt, woselbst er
-seine Pension verzehrte, war er zur Zeit meiner
-Schuljahre, wie gesagt, der einzige Mensch mit
-einem Haarbeutel und deswegen für uns reichsstädtische
-Jugend eine besonders interessante Gestalt,<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-welche wir gleich einer Reliquie halb mit ehrwürdiger
-Scheu, halb mit dem aufkeimenden Spotte
-eines zweifelnden Gemütes, das sich der verderblichen
-Aufklärung zuneigt, anzustaunen gewohnt
-waren.</p>
-
-<p>Mein Großoheim war mit meiner Großtante verheiratet,
-ein Umstand, dessen Zufälligkeit mir als
-Kind viel zu denken gab. Die Großtante war
-eine altmodische Frau und hatte ihrem Manne drei
-Töchter beschert, welche auch nie recht in die Mode
-kommen wollten. Die dritte, welche fast zwei Jahrzehnte
-jünger war als ihre Schwestern, hatte den
-seltenen Namen Mauritia und war als meine Tante
-bei allen Wendepunkten meines jungen Lebens,
-von der Taufe angefangen bis zur Erlangung der
-<em class="antiqua">Toga virilis</em>, mein religiöser Beistand. In ihren
-späteren Tagen bekam sie dasselbe verblichene
-Kanzlei-Aussehen, wie es ihr Vater gehabt hatte,
-und glich ihm überhaupt mehr, als ihrer Weiblichkeit
-gut stand.</p>
-
-<p>Das mochte mit den ersten Eindrücken zusammenhängen,
-welche sie in ihrer Jugend erfahren hatte,
-denn die Geburt meiner Tante fiel in die wüsten
-Kriegsjahre am Anfange unseres Jahrhunderts,
-und Trommeln und Schießen war ihren kleinen
-Ohren geläufiger geworden, als Wiegenlieder. So
-war sie denn unter dem Zeichen des Mars zur Welt<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span>
-gekommen und konnte sich diesem planetarischen
-Einflusse so wenig entziehen, daß sie sogar in ihrem
-einundzwanzigsten Jahre konskribiert wurde.</p>
-
-<p>Das kam aber so. Als sie ungefähr drei Jahre
-alt war, nahm der schreckliche Kriegslärm, der mit
-Feuer und Schwert über die Länder gezogen war
-und wie manche Gegend, so auch meines Großoheims
-Wohnsitz doppelt und dreifach heimgesucht
-hatte, ein ersehntes Ende, und ein zaghafter Friede,
-an den niemand recht glaubte, kam schüchtern ins
-Land geschritten. Mit ihm aber auch eine Anzahl
-kaiserlicher, königlicher, kurfürstlicher und anderer
-Kommissäre, welche die vielen Gemeinde- und Kirchenbücher,
-Taufregister und Steuerlisten, die von der
-Kriegsfurie waren vernichtet oder verschleudert
-worden, so gut es eben gehen wollte, mit oder
-gegen den Willen der geliebten Untertanen wiederherstellen
-sollten.</p>
-
-<p>Von dem ersten und wichtigsten Punkte nun,
-dem der Steuern, abgesehen, lag es den huldreichen
-Landesvätern am Herzen, durch eine sorgfältige
-Aufnahme des Familienstandes ihrer Landeskinder
-die verloren gegangenen Standesregister zu ersetzen,
-um in späteren Jahren nicht der langen Konskriptionslisten
-entbehren zu müssen und so um die
-schönen blankgeputzten Soldaten betrogen zu werden,
-die so herrlich »Präsentiert's Gewehr« machen<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-können. Die Leute aber hatten in ihrer Untertanentreue
-den väterlichen Kunstgriff bald losbekommen
-und verleugneten ihre männliche Nachkommenschaft,
-wo und wie sie nur immer konnten.
-Und weil hie und da einer auf dem Betruge ertappt
-wurde, so wurden die mit diesem Geschäfte
-betrauten Regierungs-Kommissare immer strenger
-und mißtrauischer, kontrollierten ihre Bezirke öfter
-und schrieben manchen zweimal auf, der später nur
-einmal konskribiert werden konnte.</p>
-
-<p>Eines Tages nun erschien ein solcher Regierungsbeamter
-in Begleitung eines Schreibers in der
-Wohnung meines Großoheims, der eben in einem
-alten vergessenen Buche über ein altes vergessenes
-Rechtsverfahren las und die eintretende Gesellschaft
-nicht eher bemerkte, als bis ihn das plötzliche Stillstehen
-der schnurrenden Spinnräder seiner Frau und
-Töchter aus dem träumenden Nachdenken weckte.
-Er klappte also bedächtig das Buch zu, nachdem
-er vorsichtigerweise durch ein eingebogenes Eselsohr
-die Stelle bezeichnet hatte, wo er in einem endlosen
-Fiskalatsprozeß die interessante Lektüre hatte unterbrechen
-müssen, und fragte die Herren nach ihrem
-Begehr. Die Frau und die beiden Töchter standen
-wie bei jedem Besuche, der in den Hafen ihrer
-Häuslichkeit verschlagen wurde, verlegen und mit
-überflüssigen Gesichtern in den Ecken, als ob sie<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-sich selbst im Wege wären, während sich die kleine
-Mauritia, in der Familie herkömmlich »Moritz«
-geheißen, hinter die geöffnete Tür des Schlafzimmers
-geflüchtet hatte.</p>
-
-<p>Der Herr Kommissarius nun, der eine Uniform
-anhatte und für andere Leute streng, für sich selbst
-aber selbstgefällig schlau aussehen wollte und aufs
-Haar einem Narren glich, fragte mit geheimnisvoller
-Weitschweifigkeit vorerst den Familienvater
-um seinen Namen und Stand, dann um Frau und
-Kinder, worauf ihm der Großoheim die beiden
-Töchter vorstellte. Diese traten, nicht eben reizende
-Gestalten, mit plastischer Unweltläufigkeit, linkisch
-und hocherrötend, vor und hatten ein Ansehen,
-als erwarteten sie mit schuldbewußten Mienen, aber
-heroisch gefaßt, einen grausigen Urteilsspruch. Doch
-es wurden bloß ihre Namen in die Liste geschrieben,
-gleichwie vorher die Namen von Vater und Mutter.
-»Habt ihr sonst keine Kinder?« fragte nun der
-fremde Mann sehr strenge. »Doch noch ein kleines«,
-antwortete die Frau, welche ihrem Manne zuvorkommen
-wollte, »aber Sie werden entschuldigen,
-es ist noch gar nicht gewaschen und ordentlich angezogen.«
-&ndash; »Das hat nichts zu sagen,« erwiderte
-der Mann mit wunderbarer Mischung von Herablassung
-und Strenge. Die kleine Mauritia mußte
-also vorgestellt werden, und während die Großtante<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-rief: »Moritz, Moritz wo bist du denn, komm einmal
-her und gib dem Herrn Vetter die Hand,«
-stürzten die beiden Töchter mit Häscherschritten hinter
-die Tür, zogen Fräulein Mauritia, die sofort ihr
-Kriegsgeheul anstimmte, ziemlich gewalttätig hervor,
-putzten ihr mit einer Schürze die Nase und
-sahen sie drohend und grimmig an, froh, daß das
-unbekannte Verhängnis über ihre eigenen Häupter
-hinweggezogen. Tantchen Moritz aber, in dem beneidenswerten
-Stadium der Erscheinung sich befindend,
-in dem es auch dem geprüftesten Kenner
-nicht möglich wird, sei es aus der Gesichtsbildung,
-sei es aus der Tracht einen Schluß zu ziehen auf
-das Geschlecht, dem ein kleiner Weltbürger künftig
-angehören solle &ndash; konzertierte ruhig weiter, während
-der Großoheim dem Beamten Zeit und Ort der
-Geburt des kleinen Schreihalses gewissenhaft angab.
-Schließlich schrieb dieser strenge Mann eigenhändig
-noch eine Bemerkung in die von seinem Schreiber
-ausgefüllte Liste und empfahl sich. Der Oheim
-setzte sich wieder an seinen Prozeß, nachdem er
-noch für seine Frau und Töchter die erklärenden
-Worte hatte vernehmen lassen: »Das waren die
-Herren von der neuen Volkszählung,« und Frau
-und Töchter setzten sich wieder an ihre Spinnräder,
-und der kleine Moritz schluchzte sich in einem Winkel
-in großen Pausen langsam in den Schlaf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span></p>
-
-<p>Nach Verlauf von achtzehn Jahren hatte sich
-manches geändert. Meine Großtante hatte das
-zeitliche gesegnet, und eine ihrer unmodischen Töchter,
-die gewiß zeitlebens eine reine Jungfrau gewesen,
-war ihr nachgefolgt und als grobknochiger Engel
-und gute Seele zum Himmel aufgeflogen. Die
-andere war bei ihrem alten Vater geblieben, welcher,
-wie es schien, so lange leben wollte, bis die Haarbeutel
-wieder in die Mode kämen. Durch seine
-geringe Pension allein ließ sich wenigstens sein hohes
-Alter nicht zureichend erklären. Noch jahrelang
-sah man seine melancholische Figur als ungestorbenes
-Gespenst um den Stadtgraben spazieren
-gehen.</p>
-
-<p>Tante Moritz, »das Jüngste«, war schon mit
-ihrem zwanzigsten Jahre in die Residenzstadt ihres
-bundespflichtigen Großstaates und engeren Vaterlandes
-gekommen. Durch des Schicksals Gunst
-war sie die Erzieherin der ungezogenen Backfische
-eines befreundeten Land-Adeligen geworden, der
-infolge einer unerwarteten und unverdienten Erbschaft
-in die Stadt und in die Nähe des Hofes
-übergesiedelt war, wo er sich und seine Söhne in
-der höheren Kutscherei ausbilden konnte. Da erschien
-nun eines Tages bei meinem Großonkel ein
-Magistratsbote mit einer geschriebenen Aufforderung,
-daß der militärpflichtige Moritz N., Sohn des<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span>
-Reichskammergerichts- usw. usw.-Registraturs-Kanzlisten
-N., mit 11 Gulden 29 Kreuzern und 2 Pfennigen
-Strafgeld für versäumte Konskriptions-Anmeldung
-auf dem Bureau Nr. <em class="antiqua">X</em> zu erscheinen habe.
-Der alte Mann betrachtete kopfschüttelnd das Papier,
-zog dann seinen längsten grauen Rock an, auf
-dessen hohem Kummetkragen sich der Haarbeutel
-ein fettiges Widerlager zurechtgewetzt hatte, und
-ging ganz gegen seine gewohnte Stundenordnung
-auf das Amt. Nachdem er dort infolge des vorschriftsmäßigen
-Schreibversehens in der Vorladung
-aus einigen Zimmern hinaus- und in andere hineingebrüllt
-worden war, kam er, der dieses Verfahren
-aus eigener Praxis kannte und deshalb ohne Nebengedanken
-hinnahm, endlich zu dem richtigen Eisenfresser,
-dem seine Angelegenheit zustand. Mein
-Großonkel, dem auf dem Wege ein Licht über dem
-Dunkel aufgegangen war, legte nun Rätsel und
-Auflösung zugleich vor, indem er die Vermutung
-begründete, daß seine Tochter Mauritia weiland
-durch irgendein Versehen als Knabe möchte in die
-Familienliste eingetragen worden sein. Doch er
-fand sehr ungnädiges Gehör und die ungläubige
-Miene eines unduldsamen Besserwissers. Hatte
-mein Großonkel einen Haarbeutel, so hatte der Beamte
-einen mächtigen Zopf. Mit beleidigender
-Genauigkeit ließ dieser seine Aussagen zu Protokoll<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-nehmen und gab ihm nicht undeutlich zu verstehen,
-daß er ihn für den Mitwisser eines abgekarteten
-Betruges halte. So wurde er fürs erste
-mit Unheil verkündender Kälte entlassen. Der
-Mann mit dem Zopf war schnell hinter der Sache
-her. Noch ehe mein Großonkel seine Tochter von
-dem Vorfalle in Kenntnis gesetzt hatte, bekam diese
-in der Residenz eine Vorladung auf die Polizei.
-Sie wußte freilich nicht, was sie dort zu schaffen
-haben sollte; weil aber mit dem hochlöblichen Institute
-nicht zu spaßen ist, so setzte sie ihren Sonntagshut
-auf, sah noch einmal in den Spiegel und
-ging befriedigt über ihr Äußeres &ndash; sie die einzige,
-die es je war &ndash; nach dem Polizeiamte. Man sagt
-zwar: »Jung ist der Teufel schön«, aber Tante
-Moritz machte die zu jeder Regel gehörige Ausnahme
-und war auch jung nicht schön. Sie war
-groß, knochig und mager und sah ihrem Vater
-ähnlich bis zur Lächerlichkeit. Dieser aber hatte
-nie wie ein Frauenzimmer ausgesehen. In dieser
-wenig einnehmenden Außenhülle barg sie aber eine
-zarte weibliche Seele, verletzbar und scheu, die noch
-wenig die bittere Gelegenheit gehabt hatte, sich im
-stoßenden, drängenden Weltgetriebe abzustumpfen.
-Eine emanzipiert klingende Altstimme, die ihr bis
-in ihr hohes Alter verblieb und dann der alten
-Dame besonders würdevoll stand, bildete in ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-Jugend einzig einen angenehmen Gegensatz zu ihrer
-frauenzimmerlichen Häßlichkeit, aber leider nicht zu
-ihrem männlichen Aussehen.</p>
-
-<p>Als sie das richtige Bureau gefunden hatte, trat
-sie schüchtern ein und blieb erwartend an der Tür
-stehen. Kaum hatte sie auf die ergangene Frage
-ihren Namen genannt und die Vorladung gezeigt,
-als der Polizeikommissär und sein Schreiber einen
-schnellen Blick der Aufforderung wechselten und
-dann eine peinliche Pause lang die Gestalt an der
-Tür fixierten. Wieder begegneten sich verständnisinnig
-und mit triumphierendem Ausdrucke ihre
-Augen; ihr scharfer Beamtenblick hatte untrüglich
-den Simulanten erkannt. In diesem Falle glaubte
-der Kommissär kurz angebunden sein zu müssen
-und eröffnete das Verhör:</p>
-
-<p>»Sie werden sich denken können, weshalb Sie
-vorgeladen sind?«</p>
-
-<p>»Nein, leider nicht.«</p>
-
-<p>»Wenn ich Ihnen aber sage, daß dieses das
-Bureau für Konskriptionsangelegenheiten ist.«</p>
-
-<p>»Ich bedaure, daß mir die Sache dadurch nur
-um so rätselhafter erscheint.«</p>
-
-<p>»So muß ich Ihnen denn kurzweg sagen, daß
-Sie im Verdachte stehen, sich durch fortgesetzte
-Simulation, das heißt, indem Sie weibliche Verkleidung
-tragen und sich seit Ihrem Hiersein durchaus<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-als Frauenzimmer geberden, Ihrer Konskriptionspflicht
-entzogen zu haben, respektive noch entziehen
-zu wollen.«</p>
-
-<p>Versteinerungspause.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Auch muß ich Ihnen gestehen, das Ihr Äußeres
-diesem Verdachte nur Vorschub leisten kann.«</p>
-
-<p>Fortsetzung der Pause und anhebende Versenkungsgefühle.</p>
-
-<p>Welche echte Weiblichkeit hätte auch nicht zu
-sprachlosem Erstaunen erstarren müssen bei der Zumutung,
-sich als renitenten Rekruten zu bekennen.
-Wie Lots Weib nach der Salifizierung stand die
-Ärmste an der Türe. Der Beamte kannte aber
-diese Kniffe schon und fuhr unerschüttert fort:</p>
-
-<p>»Also, gestehen Sie, oder nicht?«</p>
-
-<p>Die Tante schnappte etwas nach Luft und Bewußtsein
-und stammelte einige undeutliche Worte,
-die zwar keinen Sinn gaben, aber unzweideutig
-den Charakter der Ablehnung trugen, womit
-sie eine solch ungeheuerliche Insinuation von sich
-wies.</p>
-
-<p>»Wenn Sie bei Ihrer Leugnung verharren, so
-muß ich Sie auf einige Augenblicke in das Zimmer
-des Gerichtsarztes weisen lassen.«</p>
-
-<p>Er rief einen Boten.</p>
-
-<p>»Bringen Sie diesen Simul&ndash;, diese Dame will
-ich sagen, ins ärztliche Bureau, geben Sie dem<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span>
-Doktor diesen Akt, er weiß schon von der Sache,
-und warten Sie vor der Tür.«</p>
-
-<p>Die Tante war vollständig vergeistert und wurde
-willenlos abgeführt. Für sie war gerade Weltuntergang,
-und der letzte Rest von Zurechnungsfähigkeit
-war von ihr gewichen. Als sie aber mit
-ihrem ungebetenen Beschützer beim Gerichtsarzt
-eintrat, fand sie dort außer diesem Herrn noch die
-Gerichtsärztin, seine Frau, die, einen Koketterie-Marktkorb
-am Arme, ihrem Manne geschwind den
-neuesten Klatsch mitteilen mußte. Denn dieser hatte
-sich bei ihr seit dem Frühstück in so ungebührlicher
-Weise aufgestaut, daß sie es unmöglich länger allein
-tragen konnte.</p>
-
-<p>Die geschwätzige rundliche Dame erschien meiner
-Tante wie dem Ertrinkenden eine rettende Fee, die
-aus geöffnetem Himmel herniederschwebt; hier freilich
-mit einem Gewicht von anderthalb Zentnern.
-Die Erstarrung wich von ihr und machte einer
-vollständigen Auflösung alles geistigen Vermögens
-in überquellende Schmerzgefühle Platz. Noch ehe
-ein Wort gesprochen worden war, sank sie mit
-krampfhaft losbrechendem Schluchzen der neugierigen
-Dame, die schon eine monströse Neuigkeit witterte
-und die Tore ihrer fünf Sinne sperrangelweit geöffnet
-hielt, in die fetten Arme. Einer solchen
-Appellation an ihre Menschlichkeit und Souveränität<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span>
-konnte die Gerichtsärztin nicht widerstehen. Hatte
-sie doch nie das eheliche Szepter aus den Händen
-gegeben und auch schon verschiedene Male im Amtszimmer
-ihr Regiment ausgeübt. Sofort machte sie
-sich zum Herrn der Situation und hatte ihrem
-Manne, der während dieser Szene zur vollständigen
-Bedeutungslosigkeit zusammengeschrumpft war und
-aller Amtswürde bar dastand, als wäre er der
-Simulant, in wenigen Augenblicken die saubere
-Geschichte abgehorcht. Ihr weiblicher Instinkt war
-hier nicht im geringsten Zweifel und stand weit
-über der Wissenschaft ihres Mannes. Unter Androhung
-der höchsten ehelichen Strafen erteilte sie
-ihm den gemessenen Befehl, die gekränkte Dame
-in Frieden zu entlassen und dafür zu sorgen, daß
-dieses auch von anderer Seite geschehe. Hier hieß
-es gehorchen. Mit einer bedauernden Geberde
-wandte sich der arme Leibeigene, dem der Gerichtsarzt
-ganz abhanden gekommen war, zu der fremden
-Dame und stotterte verbindlichst, er habe überhaupt
-nie gezweifelt&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ein gebieterischer Blick seiner Frau schnitt ihm
-die zweite Hälfte des Satzes vor dem Munde ab.</p>
-
-<p>Unter Redensarten und Tränen löste sich allmählich
-die Gruppe auf, und während die Gerichtsärztin,
-erfüllt von der geleisteten Heldentat und voll
-brennenden Verlangens nach mündlicher Erleichterung,<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span>
-in das Menschengewoge der Stadt hinausstürzte,
-führte ihr Mann dem erhaltenen Befehle
-gemäß die weinende Tante unter entschuldigenden
-Beschwichtigungen in das Bureau des Kommissärs
-zurück, sprach noch einige begütigende Worte und
-empfahl sich hastig, es dem Kommissär überlassend,
-sich aus seinem Gebahren den richtigen Schluß zu
-ziehen. Bei seinem Eintreten hatten dieser und
-sein Schreiber, als sie die höflichen Redensarten
-des verwirrt dreinblickenden Doktors vernahmen,
-wieder einen raschen Blick gewechselt, diesmal aber
-mit einer trostlosen Jammer- und Schreckensmiene.
-Sie waren aus dem siebenten Himmel ihrer Beamtenweisheit
-heruntergestürzt, und es blieb von
-ihnen nichts mehr übrig als der gebrechliche Mensch,
-behaftet mit dem Aussatze des Irrtums. Der
-Schreiber faßte sich schnell; was ging es ihn an,
-wenn sein Vorgesetzter eine Dummheit machte?
-Mit der brutalen Rücksichtslosigkeit eines verantwortungsfreien
-Subalternbeamten vergrub er sich
-in seine Akten, mit vielem Geräusch rechnend und
-blätternd, und schien über seinem plötzlich eingebrochenen
-Geschäftseifer alles um sich her vergessen
-zu haben. Treulos im Stiche gelassen, stand der
-Kommissär vor dem still fortweinenden Mädchen.
-Er nahm einige Male einen Anlauf zu wohlgesetzten
-Entschuldigungen. Sie gerannen ihm wie<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-schlechte Milch, noch ehe er sie vollendete. Er wollte
-sich fassen, sein Herz verhärten und sich kaltblütig
-hinter seine Pflicht verschanzen. Es gelang ihm
-nicht; er stand noch zu sehr unter der Wirkung
-der Überraschung. Jeder Versuch, etwas zu sagen,
-erweckte nur ein vernehmlicheres Schluchzen der
-Unglücklichen. In heller Verzweiflung ließ der entwurzelte
-Beamte gleich einem gefangenen Wilden
-seine Blicke an den Wänden herumlaufen, wobei
-sie auch einen wütenden Abstecher nach dem fleißigen
-Schreiber machten. Aber an den staubigen Aktenstellagen
-wollte sich kein rettendes Wunder ereignen;
-keine Öffnung ließ sich dort hineinblicken, durch
-welche eine gequälte Bureaukratenseele hätte entweichen
-können. Und doch kam ihm von dort her
-ein Lichtstrahl. Woher könnte auch sonst einem
-braven Beamten eine Erleuchtung kommen! »Warten
-Sie,« sagte er und zog aus einem der Fächer ein
-Formular hervor, füllte es aus und stempelte es
-geschäftsmäßig ab. Mit dieser gewohnten Hantierung
-hatte er seine Fassung wieder errungen. Er
-faltete den Bogen nicht ohne Feierlichkeit zusammen,
-näherte sich der Dame und sprach: »So, nehmen
-Sie das, das wird gut tun«, mit einem so milden
-und begütigenden Ausdruck, wie ihn nur der Arzt
-haben kann, der dem stöhnenden Verwundeten den
-lindernden Verband anlegt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span></p>
-
-<p>Mechanisch hatte der weinende Rekrut den papiernen
-Trost ergriffen und schwamm nun in Tränen nach
-Hause. Kaum fand sich Tante Moritz dort in Sicht
-eines soliden Sofas, als sie auch sofort in die lange
-zurückgehaltene, aber offenbar zur Sache gehörige
-Ohnmacht fiel unter so viel nachfolgenden Krämpfen,
-als ihrer weiblichen Ehre unumgänglich notwendig
-schienen. Bald hatte sie das ganze Haus auf die
-Beine gebracht. Die jungen Gräfinnen weinten in
-ihrer Unerfahrenheit, und die jungen Grafen standen
-mit Bereiterstiefeln und Reitpeitschen um den Fall
-herum und machten stehengebliebene Gesichter. Am
-liebsten hätten sie auch geweint, wenn das nicht
-gegen die Stiefel gewesen wäre. Die alte Gräfin
-und ein Stubenmädchen bemühten sich mit erprobten
-Hausmitteln um die Kranke, und der alte Herr
-Graf nahm der bewußtlos Daliegenden ein zerknittertes
-Papier aus der Hand, entfaltete es und
-las: »Militär-Entlassungsschein«. In diesem Denkmal
-polizeilicher Konsterniertheit wurde der Moritz N.
-aus der Altersklasse 1801, Tochter des weiland
-Reichskammergerichts- usw. usw. -Registraturskanzlisten,
-wegen allgemeiner Untauglichkeit seiner Militärdienstpflicht
-los- und lediggesprochen. Die Rubrik
-»Signalement« war unausgefüllt geblieben; selbst
-der <em class="antiqua">item</em>: »Besondere Kennzeichen« hatte den Beamten
-zu keiner naheliegenden Notiz veranlassen<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span>
-können. Mit diesem Talismann hätte freilich Tante
-Moritz allen künftigen Anforderungen des Kriegsministers
-entgegentreten können, wenn dieser noch
-einmal Anspruch auf die friedliche Amazone hätte
-erheben wollen.</p>
-
-<p>Natürlich vergingen damals die Krämpfe wieder,
-und die gute Tante hat in der Folge manche
-schwerere Krankheit zu bestehen gehabt, bis endlich
-eine sie ganz ablöste und aller Konskriptionsgefahr
-entrückte. Mit dem gegilbten und verbleichten
-Nachlasse der braven alten Jungfer, aus dem ich
-eine ganze Lebensgeschichte von kleinen Freuden
-und großen Entbehrungen, ein standhaft durchgerungenes
-Dasein von Armut und Ehre herauslesen
-mußte, habe ich auch den Militärentlassungsschein
-geerbt, den ich als ein Andenken an die gute alte
-Zeit, an die selige Tante, an den Großonkel mit
-dem Haarbeutel und an die verdrehte Polizei meiner
-Vaterstadt noch immer aufbewahre.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/rule.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span></p>
-
-<h2 id="Henry_F_Urban">
-<img src="images/rule.png" alt="" /><br />
-Henry F. Urban:<br />
-Der Eishund</h2>
-</div>
-
-<p>Hört die Geschichte von dem kleinen häßlichen,
-gelben Eishund, der es auf merkwürdige Weise
-zu einem hervorragenden und vornehmen Hunde
-brachte! Den ganzen Tag war er hungrig und
-frierend, denn es war Winter, in New York herumgelaufen.
-In der fünften Avenue wichen ihm
-die aristokratischen Hunde der Dollarköniginnen
-aus und bemerkten naserümpfend: »Welch ein
-vulgärer Köter, welch ein Vagabund! Er wird ein
-Ende mit Schrecken nehmen!« Dann war er bei
-Anbruch der Dunkelheit in den kahlen, düsteren
-Park gekommen, und dann war er plötzlich irgendwo
-hinuntergefallen, auf eine harte, eisige, weite
-Fläche. Das war wohl das Ende, dachte er. Aber
-es wurde Tag, ein Tag voll Sonnenlicht, und er
-lebte immer noch. Er befand sich auf einem gefrorenen
-Wasserbecken, das Trinkwasser für die
-New Yorker enthielt. Es bildete ein riesiges, längliches
-Viereck und war von steinernen Böschungen
-eingefaßt. Nirgends konnte er heraus. An einer<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-Stelle erblickte er zwei Menschen. Das waren
-Pat Flaherty und Fred Kaiser, die beiden Parkpolizisten.
-Sie standen an dem eisernen Geländer
-des Wasserbeckens, schüttelten die Köpfe und blinzelten
-mit den Augen, weil auf Schnee und Eis
-die Sonne sprühte.</p>
-
-<p>»Da ist ja der kleine Köter noch immer auf
-dem Wasserbecken!« sagte Flaherty. »Er war
-schon gestern dort.«</p>
-
-<p>»Wahrscheinlich ist er die steile Böschung heruntergerutscht!«
-meinte Kaiser. »Heraus kann er
-nicht wieder; es wird Zeit, daß wir ihn fangen.
-Sonst verhungert er oder ersäuft, denn es taut.
-Ich werde mal sehen, ob ich ihn fangen kann.«</p>
-
-<p>»Gib acht, Fred!« warnte ihn Flaherty. »Das
-Eis ist schon dünn an manchen Stellen.«</p>
-
-<p>Aber schon war Kaiser etwas seitwärts von
-dem Aussichtsturm über die Einfassung geklettert.
-Hier ersetzten Felsen die künstliche Böschung und
-erlaubten ihm einen bequemen Abstieg auf das Eis.
-Er prüfte erst vorsichtig das Eis und versicherte
-sich, daß es ihn trug, denn er wog 225 Pfund.
-Aber es schien ihm doch klüger, die Operationen
-zunächst nicht soweit vom Ufer zu beginnen. Also
-pfiff er dem kleinen Köter der weit drüben über
-das Eis trabte. Der Köter blieb stehen und wandte
-den Kopf nach dem Polizisten. Kaiser pfiff nur<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-noch verlockender. Doch der Köter kam nicht. Er
-mißtraute den Menschen, insonderheit Polizisten. Ihre
-Stiefel waren schwerer und härter als andre Stiefel.</p>
-
-<p>»Es nutzt nichts!« rief ihm Flaherty lachend zu.
-»Du mußt auf das Eis hinaus!«</p>
-
-<p>Rutschend und gleitend, prüfend die Augen auf
-das Eis heftend, bewegte sich Kaiser über die
-glatte Fläche.</p>
-
-<p>»Es ist fest!« rief er Flaherty zu und lief etwas
-zuversichtlicher. Als er dem Köter nahe war, pfiff
-er und lockte er von neuem &ndash; abermals umsonst.
-Der Köter ergriff die Flucht. Es war ein ausgesucht
-häßlicher Hund mit graugelben zottigen
-Haaren. Sein Kopf erinnerte Kaiser an das Bild
-eines Geigenvirtuosen, das er mal in einer Zeitung
-gesehen hatte. Nun lief Kaiser hinter dem Hunde
-her. Immer, wenn er ihm etwas näher kam, bog
-der Hund scharf zur Seite und Kaiser schlitterte
-geradeaus. Einmal verlor der dicke Polizist den
-Halt, setzte sich auf das Eis, daß es krachte, und
-rutschte noch ein Stück darüber hin. Vom Ufer
-her erscholl Gelächter. Dort hatten sich ein Dutzend
-neugierige Leute gesammelt und beobachteten die
-Jagd. Kaiser raffte sich auf, holte seinen Helm,
-klopfte sich die Kleidung rein und marschierte über
-das Eis zurück. Auf halbem Wege kam ihm
-Flaherty entgegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p>
-
-<p>»Fred«, sagte Flaherty, »einer schafft's nicht.
-Wir wollen's zusammen versuchen. Wir jagen
-ihn in eine Ecke des Beckens, und dort fangen
-wir ihn.«</p>
-
-<p>Das leuchtete Fred ein. Von rechts und links
-näherten sie sich langsam dem Köter und scheuchten
-ihn nach der einen Ecke des Beckens. Sie glaubten
-schon, sie hätten ihn. Doch er sauste plötzlich in
-weitem Bogen um Flaherty herum und entwischte.
-Noch einmal versuchten die beiden ihr Glück, doch
-ohne Erfolg. Keuchend und pustend begaben sie
-sich ans Ufer. Dort hatten sich immer mehr
-Menschen angesammelt, um die fröhliche Hatz zu
-beobachten. Man bestürmte die beiden Polizisten
-mit Fragen, was es mit dem Hund auf sich habe,
-wie er auf das Eis gekommen sei. Flaherty und
-Kaiser meinten, sie wüßten es selber nicht. Der
-Köter sei zweifellos ein Vagabund. Die Damen
-bedauerten sein trauriges Los und fragten, ob es
-denn kein Mittel gäbe, das arme Tier aus seiner
-schrecklichen Lage zu befreien. Der eine schlug dies
-vor, der andere das. Inzwischen war auch Bubbles,
-der unvermeidliche Berichterstatter, zufällig des
-Weges gekommen. Er erkannte, daß die Geschichte
-ein gefundenes Fressen für ihn sei, und beschloß,
-das weitere abzuwarten.</p>
-
-<p>Ein Parkfeger hatte einen glänzenden Einfall.<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-Man müßte einige lange Bretter holen, meinte er,
-und sie vom Eis auf die Felsen neben dem Aussichtsturm
-legen. Dann müßten ihrer mehrere den
-Hund auf die Bretter zutreiben. Sobald er
-diese erblickte, würde er zweifellos merken, daß
-hier ein Ausweg für ihn sei, und über die Bretter
-ans Ufer laufen, wo er mit Leichtigkeit gefangen
-werden könnte. Den beiden Polizisten schien der
-Vorschlag nicht übel, und sie versprachen, das
-Nötige für den Nachmittag zu veranlassen. Damit
-entfernten sie sich, und da sonst niemand etwas
-unternahm, zerstreute sich die Menge.</p>
-
-<p>Am Nachmittag waren fast dreimal soviel Leute
-um das Wasserbecken versammelt als am Vormittag.
-Die Kunde von dem Eishund, wie sie ihn
-nannten, hatte sich rasch verbreitet. Auch Bubbles,
-der Berichterstatter, war wieder da, samt dem
-Photographen seines Blattes. Sehr bald kam ein
-Lastwagen der Parkbehörde mit Brettern und Holzböcken
-angefahren. Auch Kaiser und Flaherty und
-noch andere Polizisten kamen, um den Feldzug
-gegen den Eishund zu leiten und die Menge in
-Ordnung zu halten.</p>
-
-<p>»Das wird der reine Zirkus!« bemerkte der
-dicke Flaherty lachend zu Kaiser.</p>
-
-<p>»Merkwürdig«, entgegnete Kaiser, »welche Unmasse
-Maulaffen es in New-York gibt, sowie es<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-etwas zu sehen gibt. Und sei es nur ein Köter
-auf dem Eise.«</p>
-
-<p>Die Holzböcke wurden neben dem Aussichtsturm
-auf das Eis gestellt und dann die Bretter darüber
-gelegt. Dann begaben sich die vier Parkfeger auf
-das Eis und näherten sich dem Köter, der sie mit
-einem Ausdruck höchsten Argwohns herankommen
-sah. Bald war wieder die schönste Hetzjagd im
-Gange. Dreimal trieben sie ihn unter dem Jubel
-der Menge auf die Bretter zu, doch der Köter
-schoß jedesmal daran vorüber. Völlig erschöpft
-gaben die vier endlich die Jagd auf und stiegen
-wieder ans Ufer, um sich zu verschnaufen.</p>
-
-<p>»So ein dummes Luder!« knurrte Flaherty und
-warf dem Köter einen giftigen Blick zu. Der saß
-mitten auf dem Eise, ganz außer Atem, aber stolz
-wie ein siegreicher Toreador in der Arena. Es sah
-zu lächerlich aus. Das Publikum wollte sich schief
-lachen. Teufel &ndash; das war wirklich ein herrlicher
-Ulk! Und er kostete keinen Cent. Plötzlich erschienen
-drei Studenten auf dem Eise. Sie hatten
-Schlittschuhe an. Offenbar glaubten sie, daß die
-Schlittschuhe ihnen den Erfolg sichern müßten.
-Pfeilschnell sausten sie auf den Köter zu. Aber
-der war noch schneller. Einmal hatten sie ihn fast.
-Doch zwei von den Studenten liefen so heftig aufeinander,
-daß es knallte und sie wie der Blitz auf<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span>
-das Eis flogen. Unter dem wiehernden Gelächter
-der Zuschauer verschwanden sie. Eine Weile konnte
-sich der Köter verpusten. Und immer noch schwoll
-die Menschenmenge. Kleine Jungens begannen
-schon mit leeren Seifenkisten zu handeln, auf denen
-man warm und trocken stehen und über die Menge
-hinwegsehen konnte. Verkäufer von Bonbons und
-gerösteten Kastanien machten gute Geschäfte. Bubbles,
-der Berichterstatter, photographierte, daß der Gummisack
-am Apparat dampfte. Wer würde der nächste sein,
-der den Kampf mit dem wundervollen Eishund wagte?</p>
-
-<p>Das war Kakadu-Bill, der ehemalige Kuhjunge
-aus dem Westen, der jetzt in New York Kellner
-war. Er behauptete, der Meisterlassowerfer von
-Amerika zu sein und Roosevelt in dieser schönen
-Kunst unterrichtet zu haben, als er noch als unbekannter
-Rauhreiter die Prärie durchstreifte.
-Kakadu-Bill habe er als Kuhjunge geheißen, weil
-er der einzige Kuhjunge in Arizona war, der einen
-Kakadu hatte. Kakadu-Bill hatte sich einen langen
-Strick verschafft und versprach, den Köter innerhalb
-fünf Minuten zu fassen. Eine Kleinigkeit sei's.
-Als er auf dem Eise erschien, brachten ihm die
-entzückten Zuschauer eine Ovation.</p>
-
-<p>»Der wird's fertig bringen!« sagten sie.</p>
-
-<p>Kakadu-Bill ging vollkommen kunstgerecht zu
-Werke. Er trabte, immer den Lasso schwingend,<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-im Kreise um den Eishund, der ruhig auf den
-Hinterbeinen saß und erstaunt Kakadu-Bill zusah.
-Er war sich offenbar nicht klar, was dessen sonderbares
-Benehmen bedeutete. Immer enger zog
-Kakadu-Bill den Kreis und plötzlich pfiff der Lasso
-durch die Luft und schlug klatschend auf die Stelle,
-wo der Eishund eben noch gesessen hatte, aber
-nicht mehr saß. Als Kakadu-Bill das Hohngelächter
-der Menge vernahm, stieß er einen gräßlichen Fluch
-aus, wickelte seinen Lasso wieder auf und jagte
-abermals hinter dem Eishund her. Aber er kam
-einer dünnen Stelle im Eise zu nahe und brach
-durch das Eis. Am Ufer herrschte gewaltige Aufregung.
-»Er ertrinkt!« riefen einige. Die Damen
-kreischten und sahen sich nach hübschen jungen
-Herren um, denen sie ohnmächtig in die Arme
-fallen könnten. Zum Glück war es da nicht tief,
-und Kakadu-Bill fiel nur bis über die Kniee ins
-Wasser. Das kühlte sein wildwestliches Jagdfieber
-jedoch dermaßen ab, daß er hastig aus dem Wasser
-herauspatschte und samt seinem Lasso so schnell wie
-möglich verduftete. &ndash; Nun schien keiner mehr Lust
-zu haben, sein Glück zu versuchen.</p>
-
-<p>»Er wird wahrscheinlich von selber am Abend
-oder früh am nächsten Morgen über die Bretter
-ans Land finden!« sagten die Polizisten und ersuchten
-die Menge weiterzugehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p>
-
-<p>»Aber er verhungert unterdessen!« meinte eine
-reizende junge Dame. »Oder er ertrinkt, wenn es
-weiter taut! Das wäre sehr unappetitlich. Es ist
-unser Trinkwasser!«</p>
-
-<p>»Wir werfen ihm etwas Fleisch aufs Eis!« versicherten
-die Polizisten. »Und ein paar Tage hält
-das Eis noch!«</p>
-
-<p>»Die Vorstellung ist aus!« rief ein vorwitziger
-Bengel. »Morgen vormittag wird sie fortgesetzt!«
-Und langsam entfernten sich die Leute.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen war die seltsame Geschichte
-von dem berühmten Eishund mit Abbildungen in
-Bubbles Zeitung. Zu Fuß, zu Pferde und zu
-Wagen kam halb New York, um den berühmten
-Eishund zu sehen. Gott sei Dank! &ndash; da war er
-noch. Es hatte wirklich noch mehr getaut und
-niemand wagte sich aufs Eis. Niemand? Ein
-Held, ein einziger Held scheute sich nicht, eines erbärmlichen
-kleinen Köters wegen sein Leben aufs
-Spiel zu setzen. Ein kleiner kugelrunder deutscher
-Bäcker aus der Avenue A, mit rosaroten Backen,
-war der Held. Er hatte ein ganz neues Verfahren.
-Er war schon am Tage vorher dagewesen, hatte
-das Schlachtfeld in Augenschein genommen und war
-mit der geheimnisvollen Bemerkung fortgegangen,
-das sei ein eklatanter Fall, wo Moltkesche Strategie
-allein Erfolg verspreche. Denn er sei Sergeant in<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-der deutschen Armee gewesen und mit Waldersee
-in China. Mit dieser Strategie also war er jetzt
-gekommen. Ohne Frage hatte seine Strategie
-etwas Ungewöhnliches, Geniales. Als Hilfsmittel
-brachte er dreierlei Dinge mit: einen Dachshund
-mit fürchterlich krummen Beinen, eine lange dünne
-Leine und einen riesigen Schinkenknochen, der an
-der Leine befestigt war. Als er mit diesen drei
-Dingen auf dem Eise erschien, stieß Bubbles, der
-Berichterstatter, ein indianisches Freudengeheul aus.
-Das Publikum schrie Hurra, Flaherty aber wandte
-sich an Kaiser und sagte:</p>
-
-<p>»Kaiser, ist es wahr, daß Moltke mit Dachshunden
-und Schinkenknochen gearbeitet hat?«</p>
-
-<p>Ein anderer fragte seinen Nachbar, wer eigentlich
-der Dachshund und wer der Bäcker sei. Wahrhaftig
-&ndash; von weitem sahen sie sich ähnlich, wegen
-der krummen Beine. Man war aufs äußerste gespannt,
-wie nun die Moltkesche Strategie sich betätigen
-werde. Sie betätigte sich wie folgt. Der
-kugelrunde Bäcker rollte sich auf den gelben Köter
-zu, der freundlich bellte und mit dem Schwanz
-wedelte, als er einen vierbeinigen Kameraden erblickte.
-Diese beiden, der Mann und der Dachshund,
-machten unzweifelhaft einen friedlichen Eindruck
-auf den Eishund. Nun schleuderte der Bäcker
-plötzlich seinen Schinkenknochen, aber nicht nach<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span>
-dem Köter hin, sondern seitwärts. Sofort stürzte
-sich der krummbeinige Dackel mit fliegenden Ohren
-auf den Knochen und suchte ihn seinem Herrn zu
-entreißen. Der jedoch hielt ihn mit der Leine fest.
-Das ärgerte Prinz. So hieß nämlich der Dackel.
-Knurrend und keifend zog er aus Leibeskräften
-an dem Knochen, ebenso kräftig zog der Bäcker
-daran. Der Eishund war eitel Entzücken. Mit
-lustigem Gebell sprang er unausgesetzt um den Dackel
-herum, dabei begehrliche Blicke auf den Knochen
-werfend. Himmel &ndash; war das ein Knochen! Und
-ein Duft ging von dem Knochen aus, daß ihm der
-leere Magen in dem dürren Leib vor Freude hüpfte.
-Wenn er diesen Knochen erwischen könnte! Er kam
-ein wenig näher. Aber Prinz schnarrte ihn so
-grimmig an, daß er furchtsam zurückwich. Nun
-zog der Bäcker stärker und stärker, bis er Prinz
-ganz nahe hatte. Dann sagte er: »Artig, Prinz!«
-und Prinz ließ schweren Herzens den Knochen
-fahren. Jetzt kugelte sich der Bäcker mit lächerlicher
-Geschwindigkeit davon, den Knochen immer
-hinter sich herschleifend. Prinz und der gelbe Köter
-folgten. Der Bäcker gab acht, daß sie den Knochen
-nicht erwischten. Eine Weile trieb er's so. Dann
-schleuderte er den Knochen dem gelben Köter zu,
-der ihn heißhungrig erschnappte. Nun begann dasselbe
-Spiel, das der Bäcker mit Prinz getrieben<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-hatte. Näher und näher zog er den Knochen mit
-dem gelben Köter daran, während Prinz mit entrüstetem
-Bellen um den Nebenbuhler herumsprang.
-Immer näher kam der Köter und jetzt &ndash; ein Griff,
-er hatte ihn, samt dem Knochen. Er nahm ihn
-unter den Arm und verließ mit ihm, gefolgt von Prinz,
-unter dem brausenden Hurra der Zuschauer das Eis.</p>
-
-<p>»Was hältst du von Moltke?« fragte jetzt Kaiser
-den dicken Flaherty.</p>
-
-<p>»Es ist ein Sedan, ein vollkommenes Sedan!«
-gestand Flaherty voll Bewunderung. »Jetzt verstehe
-ich den Krieg von Siebzig!«</p>
-
-<p>Der Bäcker hatte noch kaum über die Bretter
-das Ufer bestiegen, da war er schon von Bubbles
-Gehilfen dreimal photographiert, mitsamt Prinz.
-Die Leute umringten ihn und beglückwünschten ihn
-und bewunderten den Eishund, der mit scheuen
-Blicken, aber immer noch seinen Schinkenknochen
-zwischen den Zähnen, unter des Bäckers Arm saß.
-Zwischendurch mußte der Bäcker Bubbles Rede und
-Antwort stehen, wo er herkomme und so weiter.
-Man erfuhr, daß er Waldersees Liebling gewesen
-sei. Na ja, da hatte er die Moltkesche Strategie
-gelernt &ndash; kein Wunder! Einer erzählte es dem
-andern. Der Bäcker mußte seine Wohnung angeben.
-Dann gestatteten ihm die Polizisten, den
-Eishund nach Hause zu nehmen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p>
-
-<p>Und der Eishund war nun ein gemachter Hund
-&ndash; sozusagen. Feine Damen kamen Tag um Tag
-in Kutschen zu dem tapferen Bäcker gefahren und
-wollten den berühmten Hund sehen. Eine alte reiche
-Dame erstand ihn, da ihn niemand beanspruchte,
-von dem Bäcker für 25 Dollars und nahm ihn in
-ihr Haus, wo er den Namen Teddy erhielt, dem
-Präsidenten Roosevelt zu Ehren, und ein Leben
-voller Wonne führte.</p>
-
-<p>»Und das alles,« spöttelten die vornehmen
-Hunde aus der Fünften Avenue, »weil er das
-Glück hatte, in das Trinkwasserbecken im Park zu
-fallen. Zu albern!«</p>
-
-<p>Das ist die Geschichte von dem Eishund.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/rule.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span></p>
-
-<h2 id="Ludwig_Thoma">
-<img src="images/rule.png" alt="" /><br />
-Ludwig Thoma:<br />
-Besserung</h2>
-</div>
-
-<p>Wie ich in die Ostervakanz gefahren bin, hat
-die Tante Fanny gesagt: »Vielleicht kommen wir
-zum Besuch zu deiner Mutter. Sie hat uns so
-dringend eingeladen, daß wir sie nicht beleidigen
-dürfen.«</p>
-
-<p>Und Onkel Pepi sagte, er weiß es nicht, ob es
-geht, weil er so viel Arbeit hat, aber er sieht es
-ein, daß er den Besuch nicht mehr hinausschieben
-darf. Ich fragte ihn, ob er nicht lieber im Sommer
-kommen will, jetzt ist es noch so kalt, und man
-weiß nicht, ob es nicht auf einmal schneit. Aber
-die Tante sagte: »Nein, deine Mutter muß böse
-werden, wir haben es schon so oft versprochen.«
-Ich weiß aber schon, warum sie kommen wollen;
-weil wir auf Ostern das Geräucherte haben und
-Eier und Kaffeekuchen, und Onkel Pepi ißt so
-furchtbar viel. Daheim darf er nicht so, weil Tante
-Fanny gleich sagt, ob er nicht an sein Kind denkt.</p>
-
-<p>Sie haben mich an den Postomnibus begleitet,
-und Onkel Pepi hat freundlich getan und hat gesagt,
-es ist auch gut für mich, wenn er kommt, daß er
-den Aufruhr beschwichtigen kann über mein Zeugnis.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span></p>
-
-<p>Es ist wahr, daß es furchtbar schlecht gewesen
-ist, aber ich finde schon etwas zum Ausreden. Dazu
-brauche ich ihn nicht.</p>
-
-<p>Ich habe mich geärgert, daß sie mich begleitet
-haben, weil ich mir Zigarren kaufen wollte für die
-Heimreise, und jetzt konnte ich nicht. Der Fritz
-war aber im Omnibus und hat zu mir gesagt, daß
-er genug hat, und wenn es nicht reicht, können
-wir im Bahnhof in Mühldorf noch Zigarren kaufen.</p>
-
-<p>Im Omnibus haben wir nicht rauchen dürfen,
-weil der Oberamtsrichter Zirngiebl mit seinem
-Heinrich darin war, und wir haben gewußt, daß
-er ein Freund vom Rektor ist und ihm alles verschuftet.</p>
-
-<p>Der Heinrich hat ihm gleich gesagt, wer wir sind.
-Er hat es ihm in das Ohr gewispert, und ich habe
-gehört, wie er bei meinem Namen gesagt hat: »Er
-ist der Letzte in unserer Klasse und hat in der Religion
-auch einen Vierer.«</p>
-
-<p>Da hat mich der Oberamtsrichter angeschaut, als
-wenn ich aus einer Menagerie bin, und auf einmal
-hat er zu mir und zum Fritz gesagt:</p>
-
-<p>»Nun, ihr Jungens, gebt mir einmal eure Zeugnisse,
-daß ich sie mit dem Heinrich dem seinigen
-vergleichen kann.«</p>
-
-<p>Ich sagte, daß ich es im Koffer habe, und er
-liegt auf dem Dache vom Omnibus. Da hat er<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span>
-gelacht und hat gesagt, er kennt das schon. Ein
-gutes Zeugnis hat man immer in der Tasche. Alle
-Leute im Omnibus haben gelacht, und ich und der
-Fritz haben uns furchtbar geärgert, bis wir in
-Mühldorf ausgestiegen sind.</p>
-
-<p>Der Fritz sagte, es reut ihn, daß er nicht gesagt
-hat, bloß die Handwerksburschen müssen dem
-Gendarm ihr Zeugnis hergeben. Aber es war schon
-zu spät. Wir haben im Bahnhof Bier getrunken,
-da sind wir wieder lustig geworden und sind in die
-Eisenbahn eingestiegen.</p>
-
-<p>Wir haben vom Konduktör ein Rauchkupee
-verlangt und sind in eines gekommen, wo schon
-Leute darin waren. Ein dicker Mann ist am
-Fenster gesessen, und an seiner Uhrkette war ein
-großes silbernes Pferd.</p>
-
-<p>Wenn er gehustet hat, ist das Pferd auf seinem
-Bauch getanzt und hat gescheppert. Auf der anderen
-Bank ist ein kleiner Mann gesessen mit einer Brille,
-und er hat immer zu dem Dicken gesagt »Herr
-Landrat«, und der Dicke hat zu ihm gesagt »Herr
-Lehrer«. Wir haben es aber auch so gemerkt, daß
-er ein Lehrer ist, weil er seine Haare nicht geschnitten
-gehabt hat.</p>
-
-<p>Wie der Zug gegangen ist, hat der Fritz eine
-Zigarre angezündet und den Rauch auf die Decke
-geblasen, und ich habe es auch so gemacht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p>
-
-<p>Eine Frau ist neben mir gewesen, die ist weggerückt
-und hat mich angeschaut, und in der anderen
-Abteilung sind die Leute aufgestanden und haben
-herübergeschaut. Wir haben uns furchtbar gefreut,
-daß sie alle so erstaunt sind, und der Fritz hat recht
-laut gesagt, er muß sich von dieser Zigarre fünf
-Kisten bestellen, weil sie so gut ist.</p>
-
-<p>Da sagte der dicke Mann: »Bravo, so wachst die
-Jugend her,« und der Lehrer sagte: »Es ist kein
-Wunder, was man lesen muß, wenn man die verrohte
-Jugend sieht.«</p>
-
-<p>Wir haben getan, als wenn es uns nichts angeht,
-und die Frau ist immer weitergerückt, weil
-ich so viel ausgespuckt habe. Der Lehrer hat so
-giftig geschaut, daß wir uns haben ärgern müssen,
-und der Fritz sagte, ob ich weiß, woher es kommt,
-daß die Schüler in der ersten Lateinklasse so schlechte
-Fortschritte machen, und er glaubt, daß die Volksschulen
-immer schlechter werden. Da hat der Lehrer
-furchtbar gehustet, und der Dicke hat gesagt, ob es heute
-kein Mittel nicht mehr gibt für freche Lausbuben.</p>
-
-<p>Der Lehrer sagte, man darf es nicht mehr anwenden
-wegen der falschen Humanität, und weil
-man gestraft wird, wenn man einen bloß ein bißchen
-auf den Kopf haut.</p>
-
-<p>Alle Leute im Wagen haben gebrummt: »Das
-ist wahr«, und die Frau neben mir hat gesagt, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-die Eltern dankbar sein müssen, wenn man solchen
-Burschen ihr Sitzleder verhaut. Und da haben
-wieder alle gebrummt, und ein großer Mann in
-der anderen Abteilung ist aufgestanden und hat mit
-einem tiefen Baß gesagt: »Leider, leider gibt es
-keine vernünftigen Öltern nicht mehr.«</p>
-
-<p>Der Fritz hat sich gar nichts daraus gemacht und
-hat mich mit dem Fuß gestoßen, daß ich auch lustig
-sein soll. Er hat einen blauen Zwicker aus der
-Tasche genommen und hat ihn aufgesetzt und hat
-alle Leute angeschaut und hat den Rauch durch die
-Nase gehen lassen.</p>
-
-<p>Bei der nächsten Station haben wir uns Bier
-gekauft und wir haben es schnell ausgetrunken.
-Dann haben wir die Gläser zum Fenster hinausgeschmissen,
-ob wir vielleicht einen Bahnwärter treffen.</p>
-
-<p>Da schrie der große Mann: »Diese Burschen muß
-man züchtigen,« und der Lehrer schrie: »Ruhe, sonst
-bekommt ihr ein paar Ohrfeigen!« Der Fritz sagte:
-»Sie können's schon probieren, wenn Sie eine
-Schneid haben.« Da hat sich der Lehrer nicht getraut,
-und er hat gesagt: »Man darf keinen mehr
-auf den Kopf hauen, sonst wird man selbst gestraft.«
-Und der große Mann sagte: »Lassen Sie es gehen,
-ich werde diese Burschen schon kriegen.«</p>
-
-<p>Er hat das Fenster aufgemacht und hat gebrüllt:
-»Konduktör, Konduktör!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span></p>
-
-<p>Der Zug hat gerade gehalten, und der Konduktör
-ist gelaufen, als wenn es brennt. Er fragte,
-was es gibt, und der große Mann sagte: »Die
-Burschen haben Biergläser zum Fenster hinausgeworfen.
-Sie müssen arretiert werden.«</p>
-
-<p>Aber der Konduktör war zornig, weil er gemeint
-hat, es ist ein Unglück geschehen, und es war
-gar nichts.</p>
-
-<p>Er sagte zu dem Mann: »Deswegen brauchen
-Sie doch keinen solchen Spektakel nicht zu machen.«
-Und zu uns hat er gesagt: »Sie dürfen es nicht
-tun, meine Herren.« Das hat mich gefreut, und
-ich sagte: »Entschuldigen Sie, Herr Oberkonduktör,
-wir haben nicht gewußt, wo wir die Gläser hinstellen
-müssen, aber wir schmeißen jetzt kein Glas
-nicht mehr hinaus.« Der Fritz fragte ihn, ob er
-keine Zigarre nicht will, aber er sagte, nein, weil
-er keine so starken nicht raucht.</p>
-
-<p>Dann ist er wieder gegangen, und der große
-Mann hat sich hingesetzt und hat gesagt, er glaubt,
-der Konduktör ist ein Preuße. Alle Leute haben
-wieder gebrummt, und der Lehrer sagte immer:
-»Herr Landrat, ich muß mich furchtbar zurückhalten,
-aber man darf keinen mehr auf den Kopf hauen.«</p>
-
-<p>Wir sind weitergefahren, und bei der nächsten
-Station haben wir uns wieder ein Bier gekauft.
-Wie ich es ausgetrunken habe, ist mir ganz schwindlig<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-geworden, und es hat sich alles zu drehen angefangen.
-Ich habe den Kopf zum Fenster hinausgehalten,
-ob es mir nicht besser wird. Aber es ist
-mir nicht besser geworden, und ich habe mich stark
-zusammengenommen, weil ich glaubte, die Leute
-meinen sonst, ich kann das Rauchen nicht vertragen.</p>
-
-<p>Es hat nichts mehr geholfen, und da habe ich
-geschwind meinen Hut genommen.</p>
-
-<p>Die Frau ist aufgesprungen und hat geschrien,
-und alle Leute sind aufgestanden, und der Lehrer
-sagte: »Da haben wir es.« Und der große Mann
-sagte in der anderen Abteilung: »Das sind die
-Burschen, aus denen man die Anarchisten macht.«</p>
-
-<p>Mir ist alles gleich gewesen, weil mir so schlecht
-war. Ich dachte, wenn ich wieder gesund werde, will
-ich nie mehr Zigarren rauchen und immer folgen
-und meiner lieben Mutter keinen Verdruß nicht
-mehr machen. Ich dachte, wieviel schöner möchte
-es sein, wenn es mir jetzt nicht schlecht wäre, und
-ich hätte ein gutes Zeugnis in der Tasche, als daß
-ich jetzt den Hut in der Hand habe, wo ich mich
-hineingebrochen habe.</p>
-
-<p>Fritz sagte, er glaubt, daß es mir von einer
-Wurst schlecht geworden ist.</p>
-
-<p>Er wollte mir helfen, daß die Leute glauben, ich
-bin ein Gewohnheitsraucher.</p>
-
-<p>Aber es war mir nicht recht, daß er gelogen hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p>
-
-<p>Ich war auf einmal ein braver Sohn und hatte
-einen Abscheu gegen die Lüge.</p>
-
-<p>Ich versprach dem lieben Gott, daß ich keine
-Sünde nicht mehr tun wollte, wenn er mich wieder
-gesund werden läßt. Die Frau neben mir hat nicht
-gewußt, daß ich mich bessern will, und sie hat
-immer geschrien, wie lange sie den Gestank noch
-aushalten muß.</p>
-
-<p>Da hat der Fritz den Hut aus meiner Hand
-genommen und hat ihn zum Fenster hinausgehalten
-und hat ihn ausgeleert. Es ist aber viel auf das
-Trittbrett gefallen, daß es geplatscht hat, und wie
-der Zug in der Station gehalten hat, ist der Expeditor
-hergelaufen und hat geschrien: »Wer ist die
-Sau gewesen? Herrgottsakrament, Konduktör, was
-ist das für ein Saustall?«</p>
-
-<p>Alle Leute sind an die Fenster gestürzt und
-haben hinausgeschaut, wo das schmutzige Trittbrett
-gewesen ist. Und der Konduktör ist gekommen
-und hat es angeschaut und hat gebrüllt: »Wer war
-die Sau?« &ndash; Der große Herr sagte zu ihm: »Es
-ist der nämliche, der mit den Bierflaschen schmeißt,
-und Sie haben es ihm erlaubt.« &ndash; »Was ist das
-mit den Bierflaschen?« fragte der Expeditor. &ndash;
-»Sie sind ein gemeiner Mensch,« sagte der Konduktör,
-»wenn Sie sagen, daß ich es erlaubt habe,
-daß er mit die Bierflaschen schmeißt.« &ndash; »Was bin<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-ich?« fragte der große Herr. &ndash; »Sie sind ein gemeiner
-Lügner,« sagte der Konduktör, »ich habe es
-nicht erlaubt.« &ndash; »Tun Sie nicht so schimpfen,«
-sagte der Expeditor, »wir müssen es mit Ruhe abmachen.«</p>
-
-<p>Alle Leute im Wagen haben durcheinander geschrien,
-daß wir solche Lausbuben sind, und daß
-man uns arretieren muß. Am lautesten hat der
-Lehrer gebrüllt, und er hat immer gesagt, er ist
-selbst ein Schulmann. Ich habe nichts sagen können,
-weil mir so schlecht war, aber der Fritz hat für
-mich geredet, und er hat den Expeditor gefragt, ob
-man arretiert werden muß, wenn man auf einem
-Bahnhofe eine giftige Wurst kriegt. Zuletzt hat der
-Expeditor gesagt, daß ich nicht arretiert werde, aber,
-daß das Trittbrett gereinigt wird, und ich muß es
-bezahlen. Es kostet eine Mark. Dann ist der Zug
-wieder gefahren, und ich habe immer den Kopf zum
-Fenster hinausgehalten, daß es mir besser wird.</p>
-
-<p>In Endorf ist der Fritz ausgestiegen, und dann
-ist meine Station gekommen. Meine Mutter und
-Ännchen waren auf dem Bahnhof und haben mich
-erwartet. Es ist mir noch immer ein bißchen schlecht
-gewesen und ich habe so Kopfweh gehabt.</p>
-
-<p>Da war ich froh, daß es schon Nacht war, weil
-man nicht gesehen hat, wie ich blaß bin. Meine
-Mutter hat mir einen Kuß gegeben und hat gleich<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-gefragt: »Nach was riechst du, Ludwig?« Und
-Ännchen fragte: »Wo hast du deinen Hut, Ludwig?«
-Da habe ich gedacht, wie traurig sie sein
-möchten, wenn ich ihnen die Wahrheit sage, und
-ich habe gesagt, daß ich in Mühldorf eine giftige
-Wurst gegessen habe, und daß ich froh bin, wenn
-ich einen Kamillentee kriege.</p>
-
-<p>Wir sind heimgegangen, und die Lampe hat im
-Wohnzimmer gebrannt, und der Tisch war aufgedeckt.
-Unsere alte Köchin Theres ist hergelaufen, und
-wie sie mich gesehen hat, da hat sie gerufen: »Jesus
-Maria, wie schaut unser Bub aus? Das kommt
-davon, weil Sie ihn so viel studieren lassen, Frau
-Oberförster.«</p>
-
-<p>Meine Mutter sagte, daß ich etwas Unrechtes
-gegessen habe, und sie soll mir schnell einen Tee
-machen. Da ist die Theres geschwind in die Küche,
-und ich habe mich auf das Kanapee gesetzt.</p>
-
-<p>Unser Bürschel ist immer an mich hinaufgesprungen
-und hat mich abschlecken gewollt. Und
-alle haben sich gefreut, daß ich da bin. Es ist mir
-ganz weich geworden, und wie mich meine liebe
-Mutter gefragt hat, ob ich brav gewesen bin, habe ich
-gesagt: »Ja, aber ich will noch viel braver werden.«</p>
-
-<p>Ich sagte, wie ich die giftige Wurst drunten
-hatte, ist mir eingefallen, daß ich vielleicht sterben
-muß, und daß die Leute meinen, es ist nicht schade<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span>
-darum. Da habe ich mir vorgenommen, daß ich
-jetzt anders werde und alles tue, was meiner Mutter
-Freude macht, und viel lerne und nie keine Strafe
-mehr heimbringe, daß sie alle auf mich stolz sind.</p>
-
-<p>Ännchen schaute mich an und sagte: »Du hast
-gewiß ein furchtbar schlechtes Zeugnis heimgebracht,
-Ludwig?« Aber meine Mutter hat es ihr verboten,
-daß sie mich ausspottet, und sie sagte: »Du sollst nicht
-so reden, Ännchen, wenn er doch krank war und
-sich vorgenommen hat, ein neues Leben zu beginnen.
-Er wird es schon halten und mir viele
-Freude machen.« Da habe ich weinen müssen, und
-die alte Theres hat es auch gehört, daß ich vor
-meinem Tod solche Vorsätze genommen habe. Sie
-hat furchtbar laut geweint und hat geschrien: »Es
-kommt von dem vielen Studieren, und sie machen
-unsern Buben noch kaput.« Meine Mutter hat sie
-getröstet, weil sie gar nicht mehr aufgehört hat.</p>
-
-<p>Da bin ich ins Bett gegangen, und es war so
-schön, wie ich darin gelegen bin. Meine Mutter
-hat noch bei der Türe hereingeleuchtet und hat
-gesagte: »Erhole dich recht gut, Kind.« Ich bin
-noch lange aufgewesen und habe gedacht, wie ich
-jetzt brav sein werde.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/rule.png" alt="" />
-</div>
-
-<p class="center">
-Buchdruckerei Richard Hahn (S. Otto), Leipzig.<br />
-</p>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<div class="transnote" id="tnextra">
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-
-<div class="corr">
-<p>
-S. 52: beseite → beiseite<br />
-allen Respekt <a href="#corr052">beiseite</a> zu setzen</p>
-<p>
-S. 71: Kutzsch → Kutsch<br />
-daß die <a href="#corr071">Kutsch</a> hübsch akkurat kommt</p>
-<p>
-S. 76: herauszuschüttlen → herausschütteln<br />
-Krumplen aus meinem Staatskleid <a href="#corr076">herauszuschütteln</a></p>
-<p>
-S. 86: begegenet → begegnet<br />
-Meldungswürdiges mir <a href="#corr086">begegnet</a> ist</p>
-<p>
-S. 106: Büdung → Bildung<br />
-Himmelsfrucht jeder sanften <a href="#corr106">Bildung</a> trage</p>
-</div>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Humoristen (Band 6), by
-E. Th. A. Hoffmann and A. Bayersdorfer and Bettina v. Arnim and Henry F. Urban and Fr. Th. Fischer and L. Thoma
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE HUMORISTEN (BAND 6) ***
-
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-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
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-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-Literary Archive Foundation
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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