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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Deutsche Humoristen (Band 6) - Humoristische Erzählungen - -Author: E. Th. A. Hoffmann - A. Bayersdorfer - Bettina v. Arnim - Henry F. Urban - Fr. Th. Fischer - L. Thoma - -Release Date: December 13, 2015 [EBook #50681] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE HUMORISTEN (BAND 6) *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. - - In Antiqua ausgezeichneter Text ist ~so dargestellt~. - - In Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des - Buches. - - - - - Hausbücherei - - 31 - - - Hiervon erschien - das - - 1.--10. Tausend 1908 - 11.--20. Tausend 1910 - 21.--30. Tausend 1914 - 31.--50. Tausend 1916 - 51.--60. Tausend 1919 - - - - - Hausbücherei - - der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung - - 31. Band - - [Illustration] - - Hamburg-Großborstel - Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung - - - - - Deutsche Humoristen - - 6. Band - Humoristische Erzählungen - - E. Th. A. Hoffmann A. Bayersdorfer - Bettina v. Arnim ▣ Henry F. Urban - Fr. Th. Vischer ▣ Ludwig Thoma - - [Illustration] - - Hamburg-Großborstel - Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung - - - - -[Illustration] - - - - -Deutsche Humoristen - - -Jeder Einzelband gebunden 3 Mark. - - - =Band 1=: +Friedr. Theodor Vischer+: Humorist. Gedicht. +Peter - Rosegger+: Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß. Wie wir - die Gürtelsprenge haben gehalten. +Wilhelm Raabe+: Der Marsch - nach Hause. +Fritz Reuter+: Woans ick tau 'ne Fru kamm. +Albert - Roderich+: Nemesis. 71.--90. Tausend. - - =Band 2=: +Clemens Brentano+: Die mehreren Wehmüller oder - ungarische Nationalgesichter. +E. Th. A. Hoffmann+: Die - Königsbraut. +Heinrich Zschokke+: Die Nacht in Brczwezmcisl. - 56.--65. Tausend. - - =Band 3=: +Hans Hoffmann+: Eistrug. +Otto Ernst+: Die Gemeinschaft - der Brüder vom geruhigen Leben. +Max Eyth+: Der blinde Passagier. - +Helene Böhlau+: Die Ratsmädel gehen einem Spuk zu Leibe. - 56.--70. Tausend. - - =Band 4/5= (Doppelband): +Humoristische Gedichte+. Eine - hervorragende Sammlung der schönsten heiteren Gedichte bis auf - die neueste Zeit. 352 Seiten. 31.--40. Tausend. - - =Band 6=: +E. Th. A. Hoffmann+: Aus »Klein Zaches genannt - Zinnober«. +Bettina von Arnim+: Die Reise nach Darmstadt. +Fr. - Th. Vischer+: Die Tücke des Objekts. +Ad. Bayersdorfer+: Die - militärpflichtige Tante. +Henry F. Urban+: Der Eishund. +Ludwig - Thoma+: Besserung. 51.--60. Tausend. - - =Band 7=: +Ottomar Enking+: Das Kriegerfest in Wettorp. +Anna - Croissant-Rust+: Der Herr Buchhalter. +Wilhelm Schussen+: - Pilgrime. +Rudolf Greinz+: Das Hennendiandl. +Sophus Bonde+: - Jochen Appelbaums Galion. +Ludwig Thoma+: Unser guater alter - Herzog Karl is a Rindviech. +Wilhelm Fischer-Graz+: Die - Rebenbäckerin. 31.--40. Tausend. - - =Band 8=: +Julius Bierbaum+: Der mutige Revierförster. +Gorch - Fock+: Schalotte. +Rudolf Presber+: Die 74. Nacht. +Wilhelm - Schäfer+: Béarnaise. +Karl Schönherr+: Die erste Beicht'. +Ludwig - Thoma+: Kabale und Liebe. 1.--20. Tausend. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Inhaltsverzeichnis - - - Seite - - Vorbemerkungen zum 6. Bande der »Deutschen Humoristen« 6 - - Vorwort 7--9 - - +E. Th. A. Hoffmann+: Aus »Klein Zaches genannt - Zinnober« 10--63 - - +Bettina von Arnim+: Die Reise nach Darmstadt 64--93 - - +Fr. Th. Vischer+: Die Tücke des Objekts 94--118 - - +Ad. Bayersdorfer+: Die militärpflichtige Tante 119--136 - - +Henry F. Urban+: Der Eishund 137--149 - - +Ludwig Thoma+: Besserung 150--160 - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Vorbemerkungen - -zum 6. Bande der »Deutschen Humoristen« - - -Der Abschnitt »Die Tücke des Objekts« von Fr. Th. Vischer ist mit -freundlicher Erlaubnis des Sohnes des Verfassers, Herrn Prof. ~Dr.~ -R. Vischer, Göttingen, und der Verlagsbuchhandlung abgedruckt aus dem -Roman »Auch Einer« (Stuttgart und Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt). - -Die Abdruckserlaubnis der Humoreske »Die militärpflichtige Tante« aus -dem Bande »Heitere Jugendzeit« von Adolph Bayersdorfer ist der Witwe -des Verfassers und der G. Müller-Mannschen Verlagsbuchhandlung in -Leipzig zu verdanken. - -Die Erzählung »Der Eishund« aus dem Bande »Aus dem Dollarlande« von -Henry F. Urban ist von dem Verfasser freundlichst zur Verfügung -gestellt worden (erschienen in der Concordia, Deutsche Verlags-Anstalt -Hermann Ehbock, Berlin). - -»Besserung« von Ludwig Thoma ist mit gütiger Erlaubnis des Verfassers -und der Verlagsbuchhandlung den »Lausbubengeschichten« entnommen -(Albert Langen, Verlag, München). - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Vorwort - - -Aus der reichen Fülle des Humors im deutschen Schrifttum greift dieser -neue Band der »Hausbücherei« der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung -wieder ein paar der freundlichsten Blüten heraus. Das behagliche -Lachen, die heitere, wolkenlose Laune ist in unsern arbeitsschweren -Tagen ein seltener Gast geworden. Da sollen diese Bände der -»Hausbücherei« mit ihrem sonnenhellen Humor, der aus dem Herzen kommt -und ins Gemüt hinein seinen Weg sucht, ein wenig helfen und im Leser -etwas aufleuchten lassen, das ihn warm macht in der Kälte des Lebens -und in ihm das Begehren weckt, immer mehr zu lesen von dem, was -deutsches, gutes Schrifttum ihm bietet. Denn wenn uns ein schöner Humor -und eine freundliche Laune mit gutem Lächeln ins Gesicht geschaut und -uns die Last des Tages von den Schultern genommen haben, dann sind wir -besser gerüstet und empfänglicher für den Genuß des Schönen und Tiefen, -als wenn unsere Stirn vom Alltag her noch in Falten liegt. - -Dieser 6. Band »Deutscher Humoristen« bringt zunächst die köstlichsten -Stellen aus +E. Th. A. Hoffmanns+ humorvoller Märchenerzählung »Klein -Zaches genannt Zinnober«, mit der ergötzlichen Satire auf das Leben -am Duodezhofe des Fürsten Barsanuph. Unsere moderne Zeit, in der -die Freude an der Romantik wieder erwacht ist, bringt gerade diesem -Dichter (1776--1822), in dem eine exzentrische Phantasie, ein Hang zum -Dämonisch-Grausigen und ein kühner Humor sich vereinen, ein besonders -lebhaftes Interesse entgegen. - -+Bettina von Arnim+ (1785--1859), Goethes junge Freundin, Clemens -Brentanos Schwester und die Gattin Achim von Arnims, die das -schönste Buch der Romantik »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde« -veröffentlichte, gehört mit ihrem ganzen Wesen zu den Romantikern. -In ihrer kleinen Schilderung »Die Reise nach Darmstadt«, in der -sie Goethes Mutter, die Frau Rat, reden läßt, zeigt sich auf das -glücklichste ihr sprudelndes Erzählertalent, ihre beneidenswerte Gabe, -die humorvollen Seiten der Dinge und Begebenheiten aufzufinden und mit -sprühendem Temperament zu schildern. - -+Friedrich Theodor Vischer+ (1807--1887), der hervorragende Ästhet -und Kunstkritiker, besaß eine für einen Mann der Wissenschaft ganz -eigenartige Begabung für Humor, die in vielen Aufzeichnungen und -Einfällen, in zahlreichen humoristisch-satirischen Liedern, die er -als Student unter dem Namen Philipp Ulrich Schartenmeyer herausgab, -ganz besonders aber in seinem großen Roman »Auch Einer« zu lebendigem -Ausdruck kommt. Diesem Buch ist der in sich abgeschlossene Abschnitt -»Die Tücke des Objekts« entnommen, in dem in grimmig-lustiger Laune die -zahlreichen kleinen täglichen Widerwärtigkeiten geschildert werden, die -uns das Leben oft zur Qual und zur Plage machen können. - -Die folgenden drei Stücke sind humoristische Arbeiten neuerer -Schriftsteller. Die beiden Erzählungen »Die militärpflichtige Tante« -von +Bayersdorfer+ (1842--1901) und »Der Eishund« von +Henry F. Urban+, -der als deutscher Schriftsteller von Ruf in New York lebt, werden -denen willkommen sein, die an launiger Erfindung und gemütvollem Humor -ohne satirische Schärfe ihre Freude haben. Mit spitzerer Lanze tritt -der Bayer +Ludwig Thoma+ (geboren 1867) in die Schranke. Geistvoller -Witz, zielsichere, nicht selten soziale Satire und ein übermütiger, -bajuvarisch-derber Humor, der über alles Philisterliche der Welt ein -herzhaftes Lachen anstimmt, mischen sich in diesem Schriftsteller, der -mit seinen »Lausbubengeschichten« überall ein vergnügtes Gelächter -geweckt hat. Die letzte Erzählung »Besserung« ist diesen köstlichen -Bubengeschichten entnommen. - -Gr.-Flottbek bei Hamburg. - - Kurt Küchler. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -E. Th. A. Hoffmann: - -Aus »Klein Zaches genannt Zinnober« - - -Vorbemerkung des Herausgebers - - Ein armes Bettel- und Bauernweib hat einen dreieinhalbjährigen - Sohn, Klein Zaches genannt Zinnober, den häßlichsten Wechselbalg, - den die Welt je geschaut und den man auf den ersten Blick für ein - seltsam verknorpeltes Stückchen Holz hätte ansehen können. Das - Stiftsfräulein von Rosenschön, in Wirklichkeit die gütige Fee - Rosabelverde, erblickt das kleine Ungetüm am Wege und über so - viel Jammer und Elend entsetzt, will sie dem Wechselbalg helfen, - soweit es in ihrer Macht steht. »Sie glaubt, alles, was die Natur - dem Kleinen stiefmütterlich versagt, dadurch zu ersetzen, wenn sie - ihn mit der seltsamen geheimnisvollen Gabe beschenkte, vermöge der - alles, was in seiner Gegenwart irgend ein anderer Vortreffliches - denkt, spricht oder tut, auf +seine+ Rechnung kommen, ja, daß er - in der Gesellschaft wohlgebildeter, verständiger, geistreicher - Personen auch für wohlgebildet, verständig und geistreich geachtet - werden und überhaupt allemal für den vollkommensten der Gattung, - mit der er im Konflikt, gelten muss.« Diesen Zauber legt die Fee - in drei feuerglänzende Haare, die sich über den Scheitel des - Wechselbalges ziehen. Und zum Schutze dieser wertvollen Haare, - deren Entfernung den Zusammenbruch des Zaubers herbeiführt, - verwandelt sie das von Natur struppige Haar des Kleinen in dichte - Locken. Zur Stärkung des Zaubers aber frisiert die Fee das Haar des - Wechselbalges jeden neunten Tag mit einem goldenen magischen Kamm. - - So ausgerüstet zieht Klein Zaches nun in die Welt und nutzt den - Zauber aus. Er kommt in das Haus Professor Mosch Terpins und - an den kleinen Hof des Fürsten Barsanuph und gelangt dort auf - die ergötzlichste Weise von der Welt zu den höchsten Ehren, bis - der Student Balthasar, dessen Liebesglück Zinnober kraft seiner - wundersamen Gabe bedroht, den Zauber bricht, und zwar mit Hilfe des - Gelehrten Prosper Alpanus, der mächtiger in der Kunst der Magie - ist, als die gütige Fee Rosabelverde. - - Die nachstehenden Abschnitte schildern Zinnobers Glück und Ende in - der Residenz und am Hofe des Fürsten Barsanuph. - -[Illustration] - - - Professor Mosch Terpins literarischer Tee. -- Der junge Prinz. - -Daß Balthasar vor lauter Unruhe, vor unbeschreiblichem süßen Bangen -die ganze Nacht hindurch nicht schlafen konnte: was war natürlicher -als das. Ganz erfüllt von dem Bilde der Geliebten, setzte er sich hin -an den Tisch und schrieb eine ziemliche Anzahl artiger wohlklingender -Verse nieder, die in einer mystischen Erzählung von der Liebe der -Nachtigall zur Purpurrose seinen Zustand schilderten. Die wollt' er -mitnehmen in Mosch Terpins literarischen Tee und damit losfahren auf -Candidas unbewehrtes Herz, wenn und wie es nur möglich. - -Fabian lächelte ein wenig, als er der Verabredung gemäß zur bestimmten -Stunde kam, um seinen Freund Balthasar abzuholen, und ihn zierlicher -geputzt fand, als er ihn jemals gesehen. Er hatte einen gezackten -Kragen von den feinsten Brüsseler Kanten umgetan, sein kurzes Kleid -mit geschlitzten Ärmeln war von gerissenem Sammt. Und dazu trug er -französische Stiefel mit hohen spitzen Absätzen und silbernen Fransen, -einen englischen Hut von feinstem Castor und dänische Handschuhe. -So war er ganz deutsch gekleidet, und der Anzug stand ihm über alle -Maßen gut, zumal er sein Haar schön kräuseln lassen und das kleine -Stutzbärtchen wohl aufgekämmt hatte. - -Das Herz bebte dem Balthasar vor Entzücken, als in Mosch Terpins -Hause Candida ihm entgegentrat, ganz in der Tracht der altdeutschen -Jungfrau, freundlich, anmutig in Blick und Wort, im ganzen Wesen, -wie man sie immer zu sehen gewohnt. »Mein holdseligstes Fräulein!« -seufzte Balthasar aus dem Innersten auf, als Candida, die süße Candida -selbst, eine Tasse dampfenden Tee ihm darbot. Candida schaute ihn aber -an mit leuchtenden Augen und sprach: »Hier ist Rum und Maraschino, -Zwieback und Pumpernickel, lieber Herr Balthasar! greifen Sie doch nur -gefälligst zu nach Ihrem Belieben!« Statt aber auf Rum und Maraschino, -Zwieback oder Pumpernickel zu schauen oder gar zuzugreifen, konnte der -begeisterte Balthasar den Blick voll schmerzlicher Wehmut der innigsten -Liebe nicht abwenden von der holden Jungfrau und rang nach Worten, -die aus tiefster Seele aussprechen sollten, was er eben empfand. Da -faßte ihn aber der Professor der Ästhetik, ein großer baumstarker -Mann, mit gewaltiger Faust von hinten, drehte ihn herum, daß er mehr -Teewasser auf den Boden verschüttete, als eben schicklich, und rief mit -donnernder Stimme: »Bester Lukas Kranach, saufen Sie nicht das schnöde -Wasser, Sie verderben sich den deutschen Magen total -- dort im andern -Zimmer hat unser tapferer Mosch eine Batterie der schönsten Flaschen -mit edlem Rheinwein aufgepflanzt, die wollen wir sofort spielen -lassen!« -- Er schleppte den unglücklichen Jüngling fort. - -Doch aus dem Nebenzimmer trat ihnen der Professor Mosch Terpin -entgegen, ein kleines sehr seltsames Männlein an der Hand führend und -laut rufend: »Hier, meine Damen und Herren, stelle ich Ihnen einen mit -den seltensten Eigenschaften hochbegabten Jüngling vor, dem es nicht -schwer fallen wird, sich Ihr Wohlwollen, Ihre Achtung zu erwerben. Es -ist der junge Herr Zinnober, der erst gestern auf unsere Universität -gekommen, und die Rechte zu studieren gedenkt!« -- Fabian und Balthasar -erkannten auf den ersten Blick den kleinen wunderlichen Knirps, der vor -dem Tore ihnen entgegengesprengt und vom Pferde gestürzt war. - -»Soll ich,« sprach Fabian leise zu Balthasar, »soll ich denn noch das -Alräunchen herausfordern auf Blasrohr oder Schusterpfriem? Anderer -Waffen kann ich mich doch nicht bedienen wider diesen furchtbaren -Gegner.« - -»Schäme dich,« erwiderte Balthasar, »schäme dich, daß du den -verwahrlosten Mann verspottest, der wie du hörst, die seltensten -Eigenschaften besitzt, und so durch geistigen Wert das ersetzt, was -die Natur ihm an körperlichen Vorzügen versagte.« Dann wandte er sich -zum Kleinen und sprach: »Ich hoffe nicht, bester Herr Zinnober, daß -Ihr gestriger Fall vom Pferde etwa schlimme Folgen gehabt haben wird?« -Zinnober hob sich aber, indem er einen kleinen Stock, den er in der -Hand trug, hinten unterstemmte, auf den Fußspitzen in die Höhe, so -daß er dem Balthasar beinahe bis an den Gürtel reichte, warf den Kopf -in den Nacken, schaute mit wildfunkelnden Augen herauf und sprach in -seltsam schnarrendem Baßton: »Ich weiß nicht, was Sie wollen, wovon -Sie sprechen, mein Herr! -- Vom Pferde gefallen? -- +ich+ vom Pferde -gefallen? -- Sie wissen wahrscheinlich nicht, daß ich der beste -Reiter bin, den es geben kann, daß ich niemals vom Pferde falle, daß -ich als Freiwilliger unter den Kürassieren den Feldzug mitgemacht -und Offizieren und Gemeinen Unterricht gab im Reiten auf der Manège! --- hm hm -- vom Pferde fallen -- ich vom Pferde fallen!« -- Damit -wollte er sich rasch umwenden, der Stock, auf den er sich stützte, -glitt aber aus, und der Kleine torkelte um und um, dem Balthasar vor -die Füße. Balthasar griff hinab nach dem Kleinen, ihm aufzuhelfen, -und berührte dabei unversehens sein Haupt. Da stieß der Kleine einen -gellenden Schrei aus, daß es im ganzen Saale widerhallte und die Gäste -erschrocken auffuhren von ihren Sitzen. Man umringte den Balthasar -und fragte durcheinander, warum er denn um des Himmels willen so -entsetzlich geschrieen. »Nehmen Sie es nicht übel, bester Herr -Balthasar,« sprach der Professor Mosch Terpin, »aber das war ein etwas -wunderlicher Spaß. Denn wahrscheinlich wollten Sie uns doch glauben -machen, es trete hier jemand einer Katze auf den Schwanz!« »Katze -- -Katze -- weg mit der Katze!« rief eine nervenschwache Dame und fiel -sofort in Ohnmacht, und mit dem Geschrei: »Katze -- Katze --« rannten -ein paar alte Herren, die an derselben Idiosynkrasie litten, zur Türe -hinaus. - -Candida, die ihr ganzes Riechfläschchen auf die ohnmächtige Dame -ausgegossen, sprach leise zu Balthasar: »Aber was richten Sie auch für -Unheil an mit Ihrem häßlichen gellenden Miau, lieber Herr Balthasar!« - -Dieser wußte gar nicht, wie ihm geschah. Glutrot im ganzen Gesicht vor -Unwillen und Scham, vermochte er kein Wort herauszubringen, nicht zu -sagen, daß es ja der kleine Herr Zinnober und nicht +er+ gewesen, der -so entsetzlich gemauzt. - -Der Professor Mosch Terpin sah des Jünglings schlimme Verlegenheit. Er -nahte sich ihm freundlich und sprach: »Nun, nun, lieber Herr Balthasar, -seien Sie doch nur ruhig. Ich habe wohl alles bemerkt. Sich zur Erde -bückend, auf allen Vieren hüpfend, ahmten Sie den gemißhandelten -grimmigen Kater herrlich nach. Ich liebe sonst sehr dergleichen -naturhistorische Spiele, doch hier im literarischen Tee --« »Aber,« -platzte Balthasar heraus, »aber vortrefflichster Herr Professor, ich -war es ja nicht --« »Schon gut -- schon gut,« fiel ihm der Professor -in die Rede. Candida trat zu ihnen. »Tröste mir,« sprach der Professor -zu dieser, »tröste mir doch den guten Balthasar, der ganz betreten ist -über alles Unheil, was geschehen.« - -Der gutmütigen Candida tat der arme Balthasar, der ganz verwirrt mit -niedergesenktem Blick vor ihr stand, herzlich leid. Sie reichte ihm -die Hand und lispelte mit anmutigem Lächeln: »Es sind aber auch recht -komische Leute, die sich so entsetzlich vor Katzen fürchten.« - -Balthasar drückte Candidas Hand mit Inbrunst an die Lippen. Candida -ließ den seelenvollen Blick ihrer Himmelsaugen auf ihm ruhen. Er war -verzückt in den höchsten Himmel und dachte nicht mehr an Zinnober und -Katzengeschrei. -- Der Tumult war vorüber, die Ruhe wieder hergestellt. -Am Teetisch saß die nervenschwache Dame und genoß mehreren Zwieback, -den sie in Rum tunkte, versichernd, an dergleichen erlabe sich das -von feindlicher Macht bedrohte Gemüt, und dem jähen Schreck folge -sehnsüchtig Hoffen! -- - -Auch die beiden alten Herren, denen draußen wirklich ein flüchtiger -Kater zwischen die Beine gelaufen, kehrten beruhigt zurück, und -suchten, wie mehrere andere, den Spieltisch. - -Balthasar, Fabian, der Professor der Ästhetik, mehrere junge Leute -setzten sich zu den Frauen. Herr Zinnober hatte sich indessen eine -Fußbank herangerückt und war mittelst derselben auf das Sofa gestiegen, -wo er nun in der Mitte zwischen zwei Frauen saß und stolze funkelnde -Blicke um sich warf. - -Balthasar glaubte, daß der rechte Augenblick gekommen, mit seinem -Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose hervorzurücken. -Er äußerte daher mit der gehörigen Verschämtheit, wie sie bei jungen -Dichtern im Brauch ist, daß er, dürfe er nicht fürchten, Überdruß und -Langeweile zu erregen, dürfe er auf gütige Nachsicht der verehrten -Versammlung hoffen, es wagen wolle, ein Gedicht, das jüngste Erzeugnis -seiner Muse, vorzulesen. - -Da die Frauen schon hinlänglich über alles verhandelt, was sich neues -in der Stadt zugetragen, da die Mädchen den letzten Ball bei dem -Präsidenten gehörig durchgesprochen und sogar über die Normalform der -neuesten Hüte einig wurden, da die Männer unter zwei Stunden nicht -auf weitere Speis und Tränkung rechnen durften: so wurde Balthasar -einstimmig aufgefordert, der Gesellschaft ja den herrlichen Genuß nicht -vorzuenthalten. - -Balthasar zog das sauber geschriebene Manuskript hervor und las. - -Sein eigenes Werk, das in der Tat aus wahrhaftem Dichtergemüt mit -voller Kraft, mit regem Leben hervorgeströmt, begeisterte ihn mehr -und mehr. Sein Vortrag, immer leidenschaftlicher steigend, verriet -die innere Glut des liebenden Herzens. Er bebte vor Entzücken, als -leise Seufzer -- manches leise »Ach« -- der Frauen, mancher Ausruf der -Männer: »Herrlich -- vortrefflich -- göttlich!« ihn überzeugten, daß -sein Gedicht alle hinriß. - -Endlich hatte er geendet. Da riefen alle: »Welch ein Gedicht! -- -welche Gedanken -- welche Phantasie -- was für schöne Verse -- -welcher Wohlklang -- Dank -- Dank Ihnen, bester Herr Zinnober für den -göttlichen Genuß« -- - -»Was? wie?« rief Balthasar; aber niemand achtete auf ihn, sondern -alle stürzten auf Zinnober zu, der sich auf dem Sofa blähte wie ein -kleiner Puter und mit widriger Stimme schnarrte: »Bitte recht sehr -- -bitte recht sehr -- müssen so vorlieb nehmen! -- ist eine Kleinigkeit, -die ich erst vorige Nacht aufschrieb in aller Eile!« -- Aber der -Professor der Ästhetik schrie: »Vortrefflicher -- göttlicher Zinnober! --- Herzensfreund, außer mir bist du der erste Dichter, den es jetzt -gibt auf Erden! -- Komm an meine Brust, schöne Seele!« -- Damit riß -er den Kleinen vom Sofa auf in die Höhe und herzte und küßte ihn. -Zinnober betrug sich dabei sehr ungebärdig. Er arbeitete mit den -kleinen Beinchen auf des Professors dickem Bauch herum und quäkte: -»Laß mich los -- laß mich los -- es tut mir weh -- weh -- ich kratz' -dir die Augen aus -- ich beiß' dir die Nase entzwei!« -- »Nein«, rief -der Professor, indem er den Kleinen niedersetzte auf das Sofa, »nein, -holder Freund, keine zu weit getriebene Bescheidenheit!« -- Mosch -Terpin war nun auch vom Spieltisch herangetreten, der nahm Zinnobers -Händchen, drückte es und sprach sehr ernst: »Vortrefflich, junger Mann! --- nicht zuviel, nein, nicht genug sprach man mir von dem hohen Genius, -der Sie beseelt« -- »Wer ist's«, rief nun wieder der Professor der -Ästhetik in voller Begeisterung aus, »wer ist's von euch Jungfrauen, -der dem herrlichen Zinnober sein Gedicht, das das innigste Gefühl der -reinsten Liebe ausspricht, lohnt durch einen Kuß?« - -Da stand Candida auf, nahete sich, voll Glut auf den Wangen, dem -Kleinen, kniete nieder und küßte ihn auf den garstigen Mund mit -blauen Lippen. »Ja«, schrie nun Balthasar wie vom Wahnsinn plötzlich -erfaßt, »ja Zinnober -- göttlicher Zinnober, du hast das tiefsinnige -Gedicht gemacht von der Nachtigall und der Purpurrose, dir gebührt der -herrliche Lohn, den du erhalten!« -- - -Und damit riß er den Fabian ins Nebenzimmer hinein und sprach: »Tu mir -den Gefallen und schaue mich recht fest an und dann sage mir offen und -ehrlich, ob ich der Student Balthasar bin oder nicht, ob du wirklich -Fabian bist, ob wir in Mosch Terpins Hause sind, ob wir im Traume -liegen -- ob wir närrisch sind -- zupfe mich an der Nase oder rüttle -mich zusammen, damit ich nur erwache aus diesem verfluchten Spuk!« -- - -»Wie magst«, erwiderte Fabian, »wie magst du dich denn nur so toll -gebärden, aus purer Eifersucht, weil Candida den Kleinen küßte? -Gestehen mußt du doch selbst, daß das Gedicht, welches der Kleine -vorlas, in der Tat vortrefflich war.« -- »Fabian«, rief Balthasar -mit dem Ausdruck des tiefsten Erstaunens, »was sprichst du denn?« --- »Nun ja«, fuhr Fabian fort, »nun ja, das Gedicht des Kleinen war -vortrefflich und gegönnt hab' ich ihm Candidas Kuß. -- Überhaupt -scheint hinter dem seltsamen Männlein allerlei zu stecken, das mehr -wert ist als eine schöne Gestalt. Aber was auch selbst seine Figur -betrifft, so kommt er mir jetzt nichts weniger als so abscheulich -vor wie anfangs. Beim Ablesen des Gedichts verschönerte die innere -Begeisterung seine Gesichtszüge, so daß er mir oft ein anmutiger -wohlgewachsener Jüngling zu sein schien, ungeachtet er doch kaum über -den Tisch hervorragte. Gib deine unnütze Eifersucht auf, befreunde dich -als Dichter mit dem Dichter!« - -»Was«, schrie Balthasar voll Zorn, »was? -- noch befreunden mit dem -verfluchten Wechselbalge, den ich erwürgen möchte mit diesen Fäusten?« - -»So«, sprach Fabian, »so verschließest du dich denn aller Vernunft. -Doch laß uns in den Saal zurückkehren, wo sich etwas Neues begeben muß, -da ich laute Beifallsrufe vernehme.« - -Mechanisch folgte Balthasar dem Freunde in den Saal. - -Als sie eintraten, stand der Professor Mosch Terpin allein in -der Mitte, die Instrumente noch in der Hand, womit er irgendein -physikalisches Experiment gemacht, starres Staunen im Gesicht. Die -ganze Gesellschaft hatte sich um den kleinen Zinnober gesammelt, -der, den Stock untergestemmt, auf den Fußspitzen dastand und mit -stolzem Blick den Beifall einnahm, der ihm von allen Seiten zuströmte. -Man wandte sich wieder zum Professor, der ein anderes sehr artiges -Kunststückchen machte. Kaum war er fertig, als wiederum alle den -Kleinen umringend riefen: »Herrlich -- vortrefflich, lieber Herr -Zinnober!« -- - -Endlich sprang auch Mosch Terpin zu dem Kleinen hin und rief zehnmal -stärker als die übrigen: »Herrlich -- vortrefflich, lieber Herr -Zinnober!« - -Es befand sich in der Gesellschaft der junge Fürst Gregor, der auf -der Universität studierte. Der Fürst war von der anmutigsten Gestalt, -die man nur sehen konnte, und dabei war sein Betragen so edel und -ungezwungen, daß sich die hohe Abkunft, die Gewohnheit, sich in den -vornehmsten Kreisen zu bewegen, darin deutlich aussprach. - -Fürst Gregor war es nun, der gar nicht von Zinnober wich und ihn als -den herrlichsten Dichter, den geschicktesten Physiker über alle Maßen -lobte. - -Seltsam war die Gruppe, die beide zusammenstehend bildeten. Gegen den -herrlich gestalteten Gregor stach gar wunderlich das winzige Männlein -ab, das mit hoch emporgereckter Nase sich kaum auf den dünnen Beinchen -zu erhalten vermochte. Alle Blicke der Frauen waren hingerichtet, aber -nicht auf den Fürsten, sondern auf den Kleinen, der, sich auf den -Fußspitzen hebend, immer wieder hinabsank und so hinauf und hinunter -wankte wie ein Cartesianisches Teufelchen. - -Der Professor Mosch Terpin trat zu Balthasar und sprach: »Was sagen -Sie zu meinem Schützling, zu meinem lieben Zinnober? Viel steckt -hinter dem Mann und nun ich ihn so recht anschaue, ahne ich wohl die -eigentliche Bewandtnis, die es mit ihm haben mag. Der Prediger, der -ihn erzogen und mir empfohlen hat, drückt sich über seine Abkunft sehr -geheimnisvoll aus. Betrachten Sie aber nur den edlen Anstand, sein -vornehmes ungezwungenes Betragen. Er ist gewiß von fürstlichem Geblüt, -vielleicht gar ein Königssohn!« -- In dem Augenblick wurde gemeldet, -das Mahl sei angerichtet. Zinnober torkelte ungeschickt hin zur -Candida, ergriff täppisch ihre Hand und führte sie nach dem Speisesaal. - -In voller Wut rannte der unglückliche Balthasar durch die finstre -Nacht, durch Sturmwind und Regen fort nach Hause. - -[Illustration] - - - Wie Fürst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger Goldwasser - frühstückte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose bekam und den - Geheimen Sekretär Zinnober zum Geheimen Spezialrat erhob. - -Es ist nicht länger zu verhehlen, daß der Minister der auswärtigen -Angelegenheiten, bei dem Herr Zinnober als Geheimer Expedient -angenommen, ein Abkömmling jenes Barons Prätextatus von Mondschein -war, der den Stammbaum der Fee Rosabelverde in den Turnierbüchern und -Chroniken vergebens suchte. Er hieß, wie sein Ahnherr, Prätextatus -von Mondschein, war von der feinsten Bildung, den angenehmsten Sitten, -verwechselte niemals das Mich und Mir, das Ihnen und Sie, schrieb -seinen Namen mit französischen Lettern, sowie überhaupt eine leserliche -Hand, und arbeitete sogar zuweilen selbst, vorzüglich wenn das Wetter -schlecht war. Fürst Barsanuph, ein Nachfolger des großen Paphnutz, -liebte ihn zärtlich, denn er hatte auf jede Frage eine Antwort, spielte -in den Erholungsstunden mit dem Fürsten Kegel, verstand sich herrlich -aufs Geld-Negoz, und suchte in der Gavotte seinesgleichen. - -Es begab sich, daß der Baron Prätextatus von Mondschein den Fürsten -eingeladen hatte zum Frühstück auf Leipziger Lerchen und ein Gläschen -Danziger Goldwasser. Als er nun hinkam in Mondscheins Haus, fand er im -Vorsaal unter mehreren angenehmen diplomatischen Herren den kleinen -Zinnober, der auf seinen Stock gestemmt ihn mit seinen Äugelein -anfunkelte und ohne sich weiter an ihn zu kehren, eine gebratene -Lerche ins Maul steckte, die er soeben vom Tische gemaust. Sowie der -Fürst den Kleinen erblickte, lächelte er ihn gnädig an und sprach zum -Minister: »Mondschein! was haben Sie da für einen kleinen, hübschen -verständigen Mann in Ihrem Hause? -- Es ist gewiß derselbe, der die -wohl stilisierten und schön geschriebenen Berichte verfertigt, die -ich seit einiger Zeit von Ihnen erhalte?« -- »Allerdings, gnädigster -Herr«, erwiderte Mondschein. »Mir hat das Geschick ihn zugeführt -als den geistreichsten, geschicktesten Arbeiter in meinem Büreau. -Er nennt sich Zinnober, und ich empfehle den jungen herrlichen Mann -ganz vorzüglich Ihrer Huld und Gnade, mein bester Fürst! -- Erst seit -wenigen Tagen ist er bei mir.« -- »Und eben deshalb«, sprach ein junger -hübscher Mann, der sich indessen genähert, »und eben deshalb hat, -wie Ew. Exzellenz zu bemerken erlauben werden, mein junger kleiner -Kollege noch gar nichts expediert. Die Berichte, die das Glück hatten, -von Ihnen, mein durchlauchtigster Fürst, mit Wohlgefallen bemerkt zu -werden, sind von mir verfaßt.« -- »Was wollen Sie!« fuhr der Fürst ihn -zornig an. -- Zinnober hatte sich dicht an den Fürsten geschoben und -schmatzte, die Lerche verzehrend, vor Gier und Appetit. -- Der junge -Mensch war es wirklich, der jene Berichte verfaßt, aber: »Was wollen -Sie«, rief der Fürst, »Sie haben ja noch gar nicht die Feder angerührt? --- Und daß Sie dicht bei mir gebratene Lerchen verzehren, so daß, wie -ich zu meinem großen Ärger bemerken muß, meine neue Kasimirhose bereits -einen Butterfleck bekommen, daß Sie dabei so unbillig schmatzen, -ja! -- alles das beweiset hinlänglich Ihre Untauglichkeit zu jeder -diplomatischen Laufbahn! -- Gehen Sie fein nach Hause und lassen Sie -sich nicht wieder vor mir sehen, es sei denn, Sie brächten mir eine -nützliche Fleckkugel für meine Kasimirhose. -- Vielleicht wird mir dann -wieder gnädig zu Mute!« Dann zum Zinnober: »Solche Jünglinge, wie Sie, -werter Zinnober, sind eine Zierde des Staats und verdienen ehrenvoll -ausgezeichnet zu werden! -- Sie sind Geheimer Spezialrat, mein Bester!« --- »Danke schönstens«, schnarrte Zinnober, indem er den letzten Bissen -hinunterschluckte, und sich das Maul wischte mit beiden Händchen, -»danke schönstens, ich werd' das Ding schon machen, wie es mir zukommt.« - -»Wackres Selbstvertrauen«, sprach der Fürst mit erhobener Stimme, -»wackres Selbstvertrauen zeugt von der innern Kraft, die dem würdigen -Staatsmann innewohnen muß!« Und auf diesen Spruch nahm der Fürst ein -Schnäpschen Goldwasser, welches der Minister selbst ihm darreichte und -das ihm sehr wohl bekam. -- Der neue Rat mußte Platz nehmen zwischen -dem Fürsten und Minister. Er verzehrte unglaublich viel Lerchen und -trank Malaga und Goldwasser durcheinander und schnarrte und brummte -zwischen den Zähnen, und hantierte, da er kaum mit der spitzen Nase -über den Tisch reichen konnte, gewaltig mit den Händchen und Beinchen. - -Als das Frühstück beendigt, riefen beide, der Fürst und der Minister: -»Es ist ein englischer Mensch, dieser Geheime Spezialrat!« -- - -[Illustration] - - - Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem Garten frisiert wurde - und im Grase ein Taubad nahm. -- Der Orden des grüngefleckten - Tigers. -- Glücklicher Einfall eines Theaterschneiders. - -Der Professor Mosch Terpin schwamm in lauter Wonne, »Konnte«, sprach er -zu sich selbst, »konnte mir denn etwas Glücklicheres begegnen, als daß -der vortreffliche Geheime Spezialrat in mein Haus kam als Studiosus? --- Er heiratet meine Tochter -- er wird mein Schwiegersohn, durch ihn -erlange ich die Gunst des vortrefflichen Fürsten Barsanuph und steige -nach auf der Leiter, die mein herrliches Zinnoberchen hinaufklimmt. --- Wahr ist es, daß es mir oft selbst unbegreiflich vorkommt, wie -das Mädchen, die Candida, so ganz und gar vernarrt sein kann in den -Kleinen. Sonst sieht das Frauenzimmer wohl mehr auf ein hübsches -Äußere, als auf besondere Geistesgaben, und schaue ich denn nun -zuweilen das Spezialmännlein an, so ist es mir, als ob er nicht ganz -hübsch zu nennen -- sogar -- ~bossu~ -- still -- ßt -- ßt -- die Wände -haben Ohren. -- Er ist des Fürsten Liebling, wird immer höher steigen --- höher hinauf, und ist mein Schwiegersohn!« -- - -Mosch Terpin hatte recht, Candida äußerte die entschiedenste Neigung -für den Kleinen und sprach, gab hie und da einer, den Zinnobers -seltsamer Spuk nicht berückt hatte, zu verstehen, daß der Geheime -Spezialrat doch eigentlich ein fatales mißgestaltetes Ding sei, -sogleich von den wunderschönen Haaren, womit ihn die Natur begabt. - -Niemand lächelte aber, wenn Candida also sprach, hämischer, als der -Referendarius Pulcher. - -Dieser stellte dem Zinnober nach auf Schritten und Tritten, und hierin -stand ihm getreulich der Geheime Sekretär Adrian bei, eben derselbe -junge Mensch, den Zinnobers Zauber beinahe aus dem Büreau des Ministers -verdrängt hätte, und der des Fürsten Gunst nur durch die vortreffliche -Fleckkugel wieder gewann, die er ihm überreichte. - -Der Geheime Spezialrat Zinnober bewohnte ein schönes Haus mit einem -noch schöneren Garten, in dessen Mitte sich ein mit dichtem Gebüsch -umgebener Platz befand, auf dem die herrlichsten Rosen blühten. Man -hatte bemerkt, daß allemal den neunten Tag Zinnober bei Tagesanbruch -leise aufstand, sich, so sauer es ihm werden mochte, ohne alle Hilfe -des Bedienten ankleidete, in den Garten hinabstieg und in den Gebüschen -verschwand, die jenen Platz umgaben. - -Pulcher und Adrian, irgend ein Geheimnis ahnend, wagten es in einer -Nacht, als Zinnober, wie sie von seinem Kammerdiener erfahren, vor -neun Tagen jenen Platz besucht hatte, die Gartenmauer zu übersteigen -und sich in den Gebüschen zu verbergen. - -Kaum war der Morgen angebrochen, als sie den Kleinen daherwandeln -sahen, schnupfend und prustend, weil ihm, da er mitten durch ein -Blumenbeet ging, die tauigten Halme und Stauden um die Nase schlugen. - -Als er auf den Rasenplatz bei den Rosen angekommen, ging ein -süßtönendes Wehen durch die Büsche, und durchdringender wurde der -Rosenduft. Eine schöne verschleierte Frau mit Flügeln an den Schultern -schwebte herab, setzte sich auf den zierlichen Stuhl, der mitten unter -den Rosenbüschen stand, nahm mit den leisen Worten: »Komm, mein liebes -Kind,« den kleinen Zinnober und kämmte ihm mit einem goldnen Kamm sein -langes Haar, das den Rücken hinabwallte. Das schien dem Kleinen sehr -wohlzutun, denn er blinzelte mit den Äugelein und streckte die Beinchen -lang aus, und knurrte und murrte beinahe wie ein Kater. Das hatte wohl -fünf Minuten gedauert, da strich noch einmal die zauberische Frau mit -einem Finger dem Kleinen die Scheitel entlang, und Pulcher und Adrian -gewahrten einen schmalen, feuerfarb glänzenden Streif auf dem Haupte -Zinnobers. Nun sprach die Frau: »Lebe wohl, mein süßes Kind! -- Sei -klug, sei klug, so wie du kannst!« -- Der Kleine sprach: »Adieu, -Mütterchen, klug bin ich genug, du brauchst mir das gar nicht so oft zu -wiederholen.« - -Die Frau erhob sich langsam und verschwand in den Lüften. -- - -Pulcher und Adrian waren starr vor Erstaunen. Als nun aber Zinnober -davonschreiten wollte, sprang der Referendarius hervor und rief laut: -»Guten Morgen, Herr Geheimer Spezialrat! Ei, wie schön haben Sie -sich frisieren lassen« Zinnober schaute sich um und wollte, als er -den Referendarius erblickte, schnell davonrennen. Ungeschickt und -schwächlich auf den Beinen, wie er nun aber war, stolperte er und fiel -in das hohe Gras, das die Halme über ihn zusammenschlug und er lag im -Taubade. Pulcher sprang hinzu und half ihm auf die Beine, aber Zinnober -schnarrte ihn an: »Herr, wie kommen Sie hier in meinen Garten! scheren -Sie sich zum Teufel!« Und damit hüpfte und rannte er, so rasch er nur -vermochte, hinein ins Haus. - -Pulcher schrieb dem Balthasar diese wunderbare Begebenheit und -versprach, seine Aufmerksamkeit auf das kleine zauberische Ungetüm zu -verdoppeln. Zinnober schien über das, was ihm widerfahren, trostlos. Er -ließ sich zu Bette bringen und stöhnte und ächzte so, daß die Kunde, -wie er plötzlich erkrankt, bald zum Minister Mondschein, zum Fürsten -Barsanuph gelangte. - -Fürst Barsanuph schickte sogleich seinen Leibarzt zu dem kleinen -Liebling. - -»Mein vortrefflichster Geheimer Spezialrat«, sprach der Leibarzt, als -er den Puls befühlt, »Sie opfern sich auf für den Staat. Angestrengte -Arbeit hat Sie aufs Krankenbett geworfen, anhaltendes Denken Ihnen -das unsägliche Leiden verursacht, das Sie empfinden müssen. Sie sehen -im Antlitz sehr blaß und eingefallen aus, aber Ihr wertes Haupt glüht -schrecklich! -- Ei, ei! -- doch keine Gehirnentzündung? Sollte das Wohl -des Staates dergleichen hervorgebracht haben? Kaum möglich! -- Erlauben -Sie doch!« - -Der Leibarzt mochte wohl denselben roten Streif auf Zinnobers Haupte -gewahren, den Pulcher und Adrian entdeckt hatten. Er wollte, nachdem -er einige magnetische Striche aus der Ferne versucht, den Kranken -auch verschiedentlich angehaucht, worüber dieser merklich mauzte und -quinkelierte, nun mit der Hand hinfahren über das Haupt, und berührte -dasselbe unversehens. Da sprang Zinnober schäumend vor Wut in die Höhe -und gab mit seinem kleinen Knochenhändchen dem Leibarzt, der sich -gerade ganz über ihn hingebeugt, eine solche derbe Ohrfeige, daß es im -ganzen Zimmer widerhallte. - -»Was wollen Sie«, schrie Zinnober, »was wollen Sie von mir, was -krabbeln Sie mir herum auf meinem Kopfe! Ich bin gar nicht krank, ich -bin gesund, ganz gesund, werde gleich aufstehen und zum Minister fahren -in die Konferenz; scheren Sie sich fort!« -- - -Der Leibarzt eilte ganz erschrocken von dannen. Als er aber dem Fürsten -Barsanuph erzählte, wie es ihm ergangen, rief dieser entzückt aus: »Was -für ein Eifer für den Dienst des Staats! -- welche Würde, welche Hoheit -im Betragen! -- welch ein Mensch, dieser Zinnober!« - -»Mein bester Geheimer Spezialrat,« sprach der Minister Prätextatus -von Mondschein zu dem kleinen Zinnober, »wie herrlich ist es, daß Sie -Ihrer Krankheit nicht achtend in die Konferenz kommen. Ich habe in der -wichtigen Angelegenheit mit dem Kakatukker Hofe eine Memoire entworfen --- +selbst+ entworfen, und bitte, daß +Sie+ es dem Fürsten vortragen, -denn Ihr geistreicher Vortrag hebt das Ganze, für dessen Verfasser mich -dann der Fürst anerkennen soll.« -- Das Memoire, womit Prätextatus -glänzen wollte, hatte aber niemand anders verfaßt, als Adrian. - -Der Minister begab sich mit dem Kleinen zum Fürsten. -- Zinnober zog -das Memoire, das ihm der Minister gegeben, aus der Tasche, und fing -an zu lesen. Da es damit aber nun gar nicht recht gehen wollte und er -nur lauter unverständliches Zeug murrte und schnurrte, nahm ihm der -Minister das Papier aus den Händen und las selbst. - -Der Fürst schien ganz entzückt, er gab seinen Beifall zu erkennen, -ein Mal über das andere rufend: »Schön -- gut gesagt -- herrlich -- -treffend!« -- - -Sowie der Minister geendet, schritt der Fürst geradezu los auf den -kleinen Zinnober, hob ihn in die Höhe, drückte ihn an seine Brust, -gerade dahin, wo ihm (dem Fürsten) der große Stern des grüngefleckten -Tigers saß und stammelte und schluchzte, während ihm häufige Tränen aus -den Augen flossen: »Nein! -- solch ein Mann -- solch ein Talent! -- -solcher Eifer -- solche Liebe -- es ist zu viel -- zu viel!« -- Dann -gefaßter: »Zinnober! -- ich erhebe Sie hiermit zu meinem Minister! --- Bleiben Sie dem Vaterlande hold und treu, bleiben Sie ein wackrer -Diener der Barsanuphe, von denen Sie geehrt -- geliebt werden.« Und -nun sich mit verdrießlichem Blick zum Minister wendend: »Ich bemerke, -lieber Baron von Mondschein, daß seit einiger Zeit Ihre Kräfte -nachlassen. Ruhe auf Ihren Gütern wird Ihnen heilbringend sein! -- -Leben Sie wohl!« -- - -Der Minister von Mondschein entfernte sich, unverständliche Worte -zwischen den Zähnen murmelnd und funkelnde Blicke werfend auf Zinnober, -der sich, nach seiner Art sein Stöckchen in den Rücken gestemmt, auf -den Fußspitzen hoch in die Höhe hob und stolz und keck umherblickte. - -»Ich muss,« sprach nun der Fürst, »ich muß Sie, mein lieber Zinnober, -gleich Ihrem hohen Verdienst gemäß auszeichnen; empfangen Sie daher aus -meinen Händen den Orden des grüngefleckten Tigers!« - -Der Fürst wollte ihm nun das Ordensband, das er sich in der -Schnelligkeit von dem Kammerdiener reichen lassen, umhängen; aber -Zinnobers mißgestalteter Körperbau bewirkte, daß das Band durchaus -nicht normalmäßig sitzen wollte, indem es sich bald ungebührlich -heraufschob, bald ebenso hinabschlotterte. - -Der Fürst war in dieser sowie in jeder andern solchen Sache, die -das eigentlichste Wohl des Staats betraf, sehr genau. Zwischen dem -Hüftknochen und dem Steißbein, in schräger Richtung drei Sechzehnteil -Zoll aufwärts vom letztern, mußte das am Bande befindliche -Ordenszeichen des grüngefleckten Tigers sitzen. Das war nicht -herauszubringen. Der Kammerdiener, drei Pagen, der Fürst legten Hand -an, alles Mühen blieb vergebens. Das verräterische Band rutschte hin -und her, und Zinnober begann unmutig zu quäken: »Was hantieren Sie doch -so schrecklich an meinem Leibe herum, lassen Sie doch das dumme Ding -hängen, wie es will, Minister bin ich doch nun einmal und bleib' es!« -- - -»Wofür,« sprach nun der Fürst zornig, »wofür habe ich denn Ordensräte, -wenn rücksichts der Bänder solche tolle Einrichtungen existieren, die -ganz meinem Willen entgegenlaufen? -- Geduld, mein lieber Minister -Zinnober! bald soll das anders werden!« - -Auf Befehl des Fürsten mußte sich nun der Ordensrat versammeln, dem -noch zwei Philosophen, sowie ein Naturforscher, der eben vom Nordpol -kommend durchreiste, beigesellt wurden, um über die Frage, wie auf die -geschickteste Weise dem Minister Zinnober das Band des grüngefleckten -Tigers anzubringen, zu beratschlagen. Um für diese wichtige Beratung -gehörige Kräfte zu sammeln, wurde sämtlichen Mitgliedern aufgegeben, -acht Tage vorher nicht zu denken; um dies besser ausführen zu können -und doch tätig zu bleiben im Dienste des Staats, aber sich indessen mit -dem Rechnungswesen zu beschäftigen. Die Straßen vor dem Palast, wo die -Ordensräte, Philosophen und Naturforscher ihre Sitzung halten sollten, -wurden mit dickem Stroh belegt, damit das Gerassel der Wagen die -weisen Männer nicht störe, und ebendaher durfte auch nicht getrommelt, -Musik gemacht, ja nicht einmal laut gesprochen werden in der Nähe des -Palastes. Im Palast selbst tappte alles auf dicken Filzschuhen umher, -und man verständigte sich durch Zeichen. - -Sieben Tage hindurch vom frühesten Morgen bis in den späten Abend -hatten die Sitzungen gedauert, und noch war an keinen Beschluß zu -denken. - -Der Fürst, ganz ungeduldig, schickte einmal über das andere hin und -ließ ihnen sagen, es solle in des Teufels Namen ihnen doch endlich -etwas Gescheutes einfallen. Das half aber ganz und gar nichts. - -Der Naturforscher hatte soviel als möglich Zinnobers Natur erforscht, -Höhe und Breite seines Rücken-Auswuchses genommen und die genaueste -Berechnung darüber dem Ordensrat eingereicht. Er war es auch, der -endlich vorschlug, ob man nicht den Theaterschneider bei der Beratung -zuziehen wolle. - -So seltsam dieser Vorschlag erscheinen mochte, wurde er doch in der -Angst und Not, in der sich alle befanden, einstimmig angenommen. - -Der Theaterschneider Herr Kees war ein überaus gewandter, pfiffiger -Mann. Sowie ihm der schwierige Fall vorgetragen worden, sowie er -die Berechnungen des Naturforschers durchgesehen, war er mit dem -herrlichsten Mittel, wie das Ordensband zum normalmäßen Sitzen gebracht -werden könne, bei der Hand. - -An Brust und Rücken sollten nämlich eine gewisse Anzahl Knöpfe -angebracht und das Ordensband daran geknöpft werden. Der Versuch -gelang über die Maßen wohl. - -Der Fürst war entzückt und billigte den Vorschlag des Ordensrates, -den Orden des grüngefleckten Tigers nunmehro in verschiedene Klassen -zu teilen, nach der Anzahl der Knöpfe, womit er gegeben wurde. Z. B. -Orden des grüngefleckten Tigers mit zwei Knöpfen -- mit drei Knöpfen -usw. Der Minister Zinnober erhielt als ganz besondere Auszeichnung, die -sonst kein anderer erlangen könne, den Orden mit zwanzig brillantierten -Knöpfen, denn gerade zwanzig Knöpfe erforderte die wunderliche Form -seines Körpers. - -Der Schneider Kees erhielt den Orden des grüngefleckten Tigers mit -zwei goldnen Knöpfen, und wurde, da der Fürst ihn seines glücklichen -Einfalls ungeachtet für einen schlechten Schneider hielt und sich -daher nicht von ihm kleiden lassen wollte, zum Wirklichen Geheimen -Groß-Kostümierer des Fürsten ernannt. -- - -[Illustration] - - - Wie Fürst Barsanuph hinter den Kaminschirm trat und den - Generaldirektor der natürlichen Angelegenheiten kassierte. -- - Zinnobers Flucht aus Mosch Terpins Hause. - -In dem mit hundert Kerzen erleuchteten Saal stand der kleine -Zinnober im scharlachroten gestickten Kleide, den großen Orden des -grüngefleckten Tigers mit zwanzig Knöpfen umgetan, Degen an der Seite, -Federhut unterm Arm. Neben ihm die holde Candida bräutlich geschmückt, -in aller Anmut und Jugend strahlend. Zinnober hatte ihre Hand gefaßt, -die er zuweilen an den Mund drückte und dabei recht widrig grinste und -lächelte. Und jedesmal überflog dann ein höheres Rot Candidas Wangen, -und sie blickte den Kleinen an mit dem Ausdruck der innigsten Liebe. -Das war denn wohl recht graulich anzusehen, und nur die Verblendung, -in die Zinnobers Zauber alle versetzte, war schuld daran, daß man -nicht, ergrimmt über Candidas heillose Verstrickung, den kleinen -Hexenkerl packte und ins Kaminfeuer warf. Rings um das Paar im Kreise -in ehrerbietiger Entfernung hatte sich die Gesellschaft gesammelt. Nur -Fürst Barsanuph stand neben Candida und mühte sich, bedeutungsvolle -gnädige Blicke umher zu werfen, auf die indessen niemand sonderlich -achtete. Alles hatte nur Auge für das Brautpaar und hing an Zinnobers -Lippen, der hin und wieder einige unverständliche Worte schnurrte, -denen jedesmal ein leises Ach! der höchsten Bewunderung, das die -Gesellschaft ausstieß, folgte. - -Es war an dem, daß die Verlobungsringe gewechselt werden sollten. Mosch -Terpin trat in den Kreis mit einem Präsentierteller, auf dem die Ringe -funkelten. Er räusperte sich -- Zinnober hob sich auf den Fußspitzen -so hoch als möglich, beinahe reichte er der Braut an den Ellbogen. -- -Alles stand in der gespanntesten Erwartung -- da lassen sich plötzlich -fremde Stimmen hören, die Türe des Saales springt auf, Balthasar dringt -ein, mit ihm Pulcher -- Fabian! -- Sie brechen durch den Kreis -- »Was -ist das, was wollen die Fremden?« ruft alles durcheinander. -- - -Fürst Barsanuph schreit entsetzt: »Aufruhr -- Rebellion -- Wache!« -und springt hinter den Kaminschirm. -- Mosch Terpin erkennt den -Balthasar, der dicht bis zum Zinnober vorgedrungen, und ruft: »Herr -Studiosus! -- Sind Sie rasend -- sind Sie von Sinnen? -- wie können -Sie sich unterstehen, hier einzudringen in die Verlobung! -- Leute -- -Gesellschaft -- Bediente, werft den Grobian zur Türe hinaus!« -- - -Aber ohne sich nur im mindesten an irgend etwas zu kehren, hat -Balthasar schon eine Lorgnette hervorgezogen und richtet durch dieselbe -den festen Blick auf Zinnobers Haupt. Wie vom elektrischen Strahl -getroffen, stößt Zinnober ein gellendes Katzengeschrei aus, daß der -ganze Saal widerhallt. Candida fällt ohnmächtig auf einen Stuhl; der -eng geschlossene Kreis der Gesellschaft stäubt auseinander. -- Klar vor -Balthasars Augen liegt der feuerfarbglänzende Haarstreif, er springt zu -auf Zinnober -- faßt ihn, +der+ strampelt mit den Beinchen und sträubt -sich und kratzt und beißt. - -»Angepackt -- angepackt!« ruft Balthasar; da fassen Fabian und Pulcher -den Kleinen, daß er sich nicht zu regen und zu bewegen vermag, und -Balthasar faßt sicher und behutsam die roten Haare, reißt sie mit einem -Ruck vom Haupte herab, springt an den Kamin, wirft sie ins Feuer, -sie prasseln auf, es geschieht ein betäubender Schlag, alle erwachen -wie aus dem Traum. -- Da steht der kleine Zinnober, der sich mühsam -aufgerafft von der Erde, und schimpft und schmäht und befiehlt, man -solle die frechen Ruhestörer, die sich an der geheiligten Person des -ersten Ministers im Staate vergriffen, sogleich packen und ins tiefste -Gefängnis werfen! Aber einer fragt den andern: »Wo kommt denn mit einem -Mal der kleine purzelbäumige Kerl her? -- Was will das kleine Ungetüm?« --- Und wie der Däumling immerfort tobt und mit den Füßchen den Boden -stampft und immer dazwischen ruft: »Ich bin der Minister Zinnober -- -ich bin der Minister Zinnober -- der grüngefleckte Tiger mit zwanzig -Knöpfen!« da bricht alles in ein tolles Gelächter aus. Man umringt den -Kleinen, die Männer heben ihn auf und werfen sich ihn zu wie einen -Fangball; ein Ordensknopf nach dem andern springt ihm vom Leibe -- er -verliert den Hut -- den Degen, die Schuhe. -- Fürst Barsanuph kommt -hinter dem Kaminschirm hervor und tritt hinein mitten in den Tumult. -Da kreischt der Kleine: »Fürst Barsanuph -- Durchlaucht -- retten Sie -Ihren Minister -- Ihren Liebling! -- Hilfe -- Hilfe -- der Staat ist in -Gefahr -- der grüngefleckte Tiger -- Weh -- weh!« -- Der Fürst wirft -einen grimmigen Blick auf den Kleinen und schreitet dann rasch vorwärts -nach der Türe. Mosch Terpin kommt ihm in den Weg, den faßt er, zieht -ihn in die Ecke und spricht mit zornfunkelnden Augen: »Sie erdreisten -sich, Ihrem Fürsten, Ihrem Landesvater hier eine dumme Komödie -vorspielen zu wollen? -- Sie laden mich ein zur Verlobung Ihrer Tochter -mit meinem würdigen Minister Zinnober, und statt meines Ministers finde -ich hier eine abscheuliche Mißgeburt, die Sie in glänzende Kleider -gesteckt? -- Herr, wissen Sie, daß das ein landesverräterischer Spaß -ist, den ich strenge ahnden würde, wenn Sie nicht ein ganz alberner -Mensch wären, der ins Tollhaus gehört? -- Ich entsetze Sie des Amts als -Generaldirektor der natürlichen Angelegenheiten und verbitte mir alles -weitere Studieren in meinem Keller! -- Adieu!« - -Damit stürmte er fort. - -Aber Mosch Terpin stürzte zitternd vor Wut los auf den Kleinen, faßte -ihn bei den langen struppigen Haaren und rannte mit ihm hin nach dem -Fenster: »Hinunter mit dir«, schrie er, »hinunter mit dir, schändliche -heillose Mißgeburt, die mich so schmachvoll hintergangen, mich um alles -Glück des Lebens gebracht hat!« - -Er wollte den Kleinen hinabstürzen durch das geöffnete Fenster, doch -der Aufseher des zoologischen Kabinetts, der auch zugegen, sprang mit -Blitzesschnelle hinzu, faßte den Kleinen und entriß ihn Mosch Terpins -Fäusten. »Halten Sie ein,« sprach der Aufseher, »halten Sie ein, Herr -Professor, vergreifen Sie sich nicht an fürstlichem Eigentum. Es ist -keine Mißgeburt, es ist der ~Mycetes Belzebub~, ~Simia Belzebub~, der -dem Museo entlaufen.« »~Simia Belzebub -- Simia Belzebub!~« ertönte -es von allen Seiten unter schallendem Gelächter. Doch kaum hatte der -Aufseher den Kleinen auf den Arm genommen und ihn recht angesehen, -als er unmutig ausrief: »Was sehe ich! -- das ist ja nicht ~Simia -Belzebub~, das ist ja ein schnöder häßlicher Wurzelmann! Pfui! -- pfui!« - -Und damit warf er den Kleinen in die Mitte des Saals. Unter dem lauten -Hohngelächter der Gesellschaft rannte der Kleine quiekend und knurrend -durch die Türe fort -- die Treppe hinab -- fort, fort nach seinem -Hause, ohne daß ihn ein einziger von seinen Dienern bemerkt. - -Währenddessen, daß sich dies alles im Saale begab, hatte sich Balthasar -in das Kabinett entfernt, wo man, wie er wahrgenommen, die ohnmächtige -Candida hingebracht. Er warf sich ihr zu Füßen, drückte ihre Hände an -seine Lippen, nannte sie mit den süßesten Namen. Sie erwachte endlich -mit einem tiefen Seufzer, und als sie den Balthasar erblickte, da rief -sie voll Entzücken: »Bist du endlich -- endlich da, mein geliebter -Balthasar! Ach, ich bin ja beinahe vergangen vor Sehnsucht und -Liebesschmerz! und immer erklangen mir die Töne der Nachtigall, von -denen berührt der Purpurrose das Herzblut entquillt!« -- - -Nun erzählte sie, alles, alles um sich her vergessend, wie ein böser -abscheulicher Traum sie verstrickt, wie es ihr vorgekommen, als habe -sich ein häßlicher Unhold an ihr Herz gelegt, dem sie ihre Liebe -schenken müssen, weil sie nicht anders gekonnt. Der Unhold habe sich zu -verstellen gewußt, daß er ausgesehen wie Balthasar; und wenn sie recht -lebhaft an Balthasar gedacht, habe sie zwar gewußt, daß der Unhold -nicht Balthasar, aber dann sei es ihr wieder auf unbegreifliche Weise -gewesen, als müsse sie den Unhold lieben, eben um Balthasars willen. - -Balthasar klärte ihr nur so viel auf, als es geschehen konnte, ohne -ihre ohnehin aufgeregten Sinne ganz und gar zu verwirren. Dann folgten, -wie es unter Liebesleuten nicht anders zu geschehen pflegt, tausend -Versicherungen, tausend Schwüre ewiger Liebe und Treue. Und dabei -umfingen sie sich und drückten sich mit der Inbrunst der innigsten -Zärtlichkeit an die Brust und waren ganz und gar umflossen von aller -Wonne, von allem Entzücken des höchsten Himmels. - -[Illustration] - - - Verlogenheit eines treuen Kammerdieners. -- Wie die alte Liese - eine Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober auf der Flucht - ausglitschte. -- Auf welche merkwürdige Weise der Leibarzt des - Fürsten Zinnobers jähen Tod erklärte. -- Wie Fürst Barsanuph sich - betrübte, Zwiebeln aß, und wie Zinnobers Verlust unersetzlich blieb. - -Der Wagen des Ministers Zinnober hatte beinahe die ganze Nacht -vergeblich vor Mosch Terpins Hause gehalten. Ein Mal über das andere -versicherte man dem Jäger, Se. Exzellenz müßten schon lange die -Gesellschaft verlassen haben; der meinte aber dagegen, das sei ganz -unmöglich, da Se. Exzellenz doch wohl nicht im Regen und Sturm zu -Fuß nach Hause gerannt sein würden. Als nun endlich alle Lichter -ausgelöscht und die Türen verschlossen wurden, mußte der Jäger zwar -fortfahren mit dem leeren Wagen, im Hause des Ministers weckte er -aber sogleich den Kammerdiener und fragte, ob denn ums Himmels willen -und auf welche Art der Minister nach Hause gekommen. »Se. Exzellenz«, -erwiderte der Kammerdiener leise dem Jäger ins Ohr, »Se. Exzellenz -sind gestern eingetroffen in später Dämmerung, das ist ganz gewiß -- -liegen im Bette und schlafen. -- Aber! -- o mein guter Jäger! -- wie -- -auf welche Weise! -- ich will Ihnen alles erzählen -- doch Siegel auf -den Mund -- ich bin ein verlorner Mann, wenn Se. Exzellenz erfahren, -daß ich es war, auf dem finstern Korridor! -- ich komme um meinen -Dienst, denn Se. Exzellenz sind zwar von kleiner Statur, besitzen -aber außerordentlich viel Wildheit, alterieren sich leicht, kennen -sich selbst nicht im Zorn, haben noch gestern eine schnöde Maus, die -durch Se. Exzellenz Schlafzimmer zu hüpfen sich unterfangen, mit dem -blankgezogenen Degen durch und durch gerannt. -- Nun gut! -- Also -in der Dämmerung nehme ich mein Mäntelchen um und will ganz sachte -hinüberschleichen ins Weinstübchen zu einer Partie Tric-Trac, da -schurrt und schlurrt mir etwas auf der Treppe entgegen und kommt mir -auf dem finstern Korridor zwischen die Beine und schlägt hin auf den -Boden und erhebt ein gellendes Katzengeschrei und grunzt dann wie -- o -Gott -- Jäger! -- halten Sie das Maul, edler Mann, sonst bin ich hin! --- kommen Sie ein wenig näher -- und grunzt dann, wie unsere gnädige -Exzellenz zu grunzen pflegt, wenn der Koch die Kälberkeule verbraten -oder ihm sonst im Staate was nicht recht ist.« - -Die letzten Worte hatte der Kammerdiener mit vorgehaltener Hand ins Ohr -gesprochen. Der Jäger fuhr zurück, schnitt ein bedenkliches Gesicht und -rief: »Ist es möglich!« -- - -»Ja«, fuhr der Kammerdiener fort, »es war unbezweifelt unsere gnädige -Exzellenz was mir auf dem Korridor durch die Beine fuhr. Ich vernahm -nun deutlich, wie der Gnädige in den Zimmern die Stühle heranrückte und -sich die Türe eines Zimmers nach dem andern öffnete, bis er in seinem -Schlafkabinett angekommen. Ich wagt' es nicht nachzugehen, aber ein -paar Stündchen nachher schlich ich mich an die Türe des Schlafkabinetts -und horchte. Da schnarchten die liebe Exzellenz ganz auf die Weise, wie -es zu geschehen pflegt, wenn Großes im Werke. -- Jäger! es gibt mehr -Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere Weisheit sich träumt, das -hört' ich einmal auf dem Theater einen melancholischen Prinzen sagen, -der ganz schwarz ging und sich vor einem ganz in grauen Pappendeckel -gekleideten Mann sehr fürchtete. -- Jäger! -- es ist gestern irgend -etwas Erstaunliches geschehen, das die Exzellenz nach Hause trieb. Der -Fürst ist bei dem Professor gewesen, vielleicht äußerte er das und das --- irgend ein hübsches Reformchen -- und da ist nun der Minister gleich -drüber her, läuft aus der Verlobung heraus und fängt an zu arbeiten -für das Wohl der Regierung. -- Ich hört's gleich am Schnarchen; ja -Großes, Entscheidendes wird geschehen. -- O Jäger -- vielleicht lassen -wir alle über kurz oder lang uns wieder die Zöpfe wachsen! -- Doch, -teurer Freund, lassen Sie uns hinabgehen und als treue Diener an der -Türe des Schlafzimmers lauschen, ob Se. Exzellenz auch noch ruhig im -Bette liegen und die inneren Gedanken ausarbeiten.« - -Beide, der Kammerdiener und der Jäger, schlichen sich hin an die Türe -und horchten. Zinnober schnurrte und orgelte und pfiff durch die -wundersamsten Tonarten. Beide Diener standen in stummer Ehrfurcht, und -der Kammerdiener sprach tiefgerührt: »Ein großer Mann ist doch unser -gnädiger Herr Minister!« -- - -Schon am frühsten Morgen entstand unten im Hause des Ministers -ein gewaltiger Lärm. Ein altes erbärmlich in längst verblichenen -Sonntagsstaat gekleidetes Bauerweib hatte sich ins Haus gedrängt und -dem Portier angelegen, sie sogleich zu ihrem Söhnlein, zu Klein Zaches -zu führen. Der Portier hatte sie bedeutet, daß Se. Exzellenz der Herr -Minister von Zinnober, Ritter des grüngefleckten Tigers mit zwanzig -Knöpfen, im Hause wohne, und niemand von der Dienerschaft Klein Zaches -heiße oder so genannt werde. Da hatte das Weib aber ganz toll jubelnd -geschrieen, der Herr Minister Zinnober mit zwanzig Knöpfen, das sei -eben ihr liebes Söhnlein, der Klein Zaches. Auf das Geschrei des -Weibes, auf die donnernden Flüche des Portiers war alles aus dem ganzen -Hause zusammengelaufen, und das Getöse wurde ärger und ärger. Als der -Kammerdiener hinabkam, um die Leute auseinander zu jagen, die Se. -Exzellenz so unverschämt in der Morgenruhe störten, warf man eben das -Weib, die alle für wahnsinnig hielten, zum Hause heraus. - -Auf die steinernen Stufen des gegenüberstehenden Hauses setzte sich -nun das Weib hin und schluchzte und lamentierte, daß das grobe Volk -da drinnen sie nicht zu ihrem Herzens-Söhnlein, zu dem Klein Zaches, -der Minister geworden, lassen wolle. Viele Leute versammelten sich -nach und nach um sie her, denen sie immer und immer wiederholte, daß -der Minister Zinnober niemand anders sei, als ihr Sohn, den sie in der -Jugend Klein Zaches geheißen; so daß die Leute zuletzt nicht wußten, ob -sie die Frau für toll halten oder gar ahnen sollten, daß wirklich was -an der Sache. - -Die Frau wandte nicht die Augen weg von Zinnobers Fenster. Da schlug -sie mit einem Mal eine helle Lache auf, klopfte die Hände zusammen und -rief jubelnd überlaut: »Da ist er -- da ist er, mein Herzensmännlein --- mein kleines Koboltchen -- Guten Morgen, Klein Zaches! -- Guten -Morgen, Klein Zaches!« -- Alle Leute guckten hin, und als sie den -kleinen Zinnober gewahrten, der in seinem gestickten Scharlachkleide, -das Ordensband des grüngefleckten Tigers umgehängt, vor dem Fenster -stand, das hinabging bis an den Fußboden, so daß seine ganze Figur -durch die großen Scheiben deutlich zu sehen, lachten sie ganz übermäßig -und lärmten und schrieen: »Klein Zaches -- Klein Zaches! Ha, seht -doch den kleinen geputzten Pavian -- die tolle Mißgeburt -- das -Wurzelmännlein -- Klein Zaches! Klein Zaches!« -- Der Portier, alle -Diener Zinnobers rannten hinaus, um zu erschauen, worüber das Volk denn -so unmäßig lachte und jubiliere. Aber kaum erblickten sie ihren Herrn, -als sie noch ärger als das Volk im tollsten Gelächter schrieen: »Klein -Zaches -- Klein Zaches -- Wurzelmann -- Däumling -- Alraun!« -- - -Der Minister schien erst jetzt zu gewahren, daß der tolle Spuk auf der -Straße niemand anderm gelte, als ihm selbst. Er riß das Fenster auf, -schaute mit zornfunkelnden Augen hinab, schrie, raste, machte seltsame -Sprünge vor Wut -- drohte mit Wache -- Polizei -- Stockhaus und Festung. - -Aber je mehr die Exzellenz tobte im Zorn, desto ärger wurde Tumult und -Gelächter, man fing an, mit Steinen -- Obst -- Gemüse, oder was man -eben zur Hand bekam, nach dem unglücklichen Minister zu werfen -- er -mußte hinein! -- - -»Gott im Himmel«, rief der Kammerdiener entsetzt, »aus dem Fenster -der gnädigen Exzellenz guckte ja das kleine abscheuliche Ungetüm -heraus -- was ist das? -- wie ist der kleine Hexenkerl in die Zimmer -gekommen?« -- Damit rannte er hinauf, aber so wie vorher fand er das -Schlafkabinett des Ministers fest verschlossen. Er wagte leise zu -pochen! -- Keine Antwort! -- - -Indessen war, der Himmel weiß auf welche Weise, ein dumpfes Gemurmel im -Volke entstanden, das kleine lächerliche Ungetüm dort oben sei wirklich -Klein Zaches, der den stolzen Namen Zinnober angenommen und sich durch -allerlei schändlichen Lug und Trug aufgeschwungen. Immer lauter und -lauter erhoben sich die Stimmen. »Hinunter mit der kleinen Bestie -- -hinunter -- klopft dem Klein Zaches die Ministerjacke aus -- sperrt ihn -in den Käfig -- laßt ihn für Geld sehen auf dem Jahrmarkt! -- Beklebt -ihn mit Goldschaum und beschert ihn den Kindern zum Spielzeug! -- -Hinauf -- hinauf!« -- Und damit stürmte das Volk an gegen das Haus. - -Der Kammerdiener rang verzweiflungsvoll die Hände. »Rebellion -- Tumult --- Exzellenz -- machen Sie auf -- retten Sie sich!« -- so schrie er; -aber keine Antwort, nur ein leises Stöhnen ließ sich vernehmen. - -Die Haustüre wurde eingeschlagen, das Volk polterte unter wildem -Gelächter die Treppe herauf. - -»Nun gilt's,« sprach der Kammerdiener und rannte mit aller Macht an -gegen die Türe des Kabinetts, daß sie klirrend und rasselnd aus den -Angeln sprang. -- Keine Exzellenz -- kein Zinnober zu finden! -- - -»Exzellenz -- gnädigste Exzellenz -- vernehmen Sie denn nicht die -Rebellion? -- Exzellenz -- gnädigste Exzellenz, wo hat Sie denn der -- -Gott verzeih mir die Sünde, wo geruhen Sie sich denn zu befinden?« - -So schrie der Kammerdiener in heller Verzweiflung durch die Zimmer -rennend. Aber keine Antwort, kein Laut, nur der spottende Widerhall -tönte von den Marmorwänden. Zinnober schien spurlos, tonlos -verschwunden. -- Draußen war es ruhiger geworden, der Kammerdiener -vernahm die tiefe klangvolle Stimme eines Frauenzimmers, die zum Volke -sprach und gewahrte durchs Fenster blickend, wie die Menschen nach und -nach leise miteinander murmelnd das Haus verließen, bedenkliche Blicke -hinaufwerfend nach den Fenstern. - -»Die Rebellion scheint vorüber«, sprach der Kammerdiener, »nun wird die -gnädige Exzellenz wohl hervorkommen aus ihrem Schlupfwinkel.« - -Er ging nach dem Schlafkabinett zurück, vermutend, dort werde der -Minister sich doch wohl am Ende befinden. - -Er warf spähende Blicke rings umher, da wurde er gewahr, wie aus einem -schönen silbernen Henkelgefäß, das immer dicht neben der Toilette -zu stehen pflegte, weil es der Minister als ein teures Geschenk des -Fürsten sehr wert hielt, ganz kleine dünne Beinchen hervorstarrten. - -»Gott -- Gott«, schrie der Kammerdiener entsetzt, »Gott! -- Gott! -- -täuscht mich nicht alles, so gehören die Beinchen dort Sr. Exzellenz -dem Herrn Minister Zinnober, meinem gnädigen Herrn!« -- Er trat -heran, er rief, durchbebt von allen Schauern des Schrecks, indem er -herabschaute: »Exzellenz -- Exzellenz -- um Gott, was machen Sie -- was -treiben Sie da unten in der Tiefe!« - -Da aber Zinnober still blieb, sah der Kammerdiener wohl die Gefahr -ein, in der die Exzellenz schwebte und daß es an der Zeit sei, allen -Respekt beiseite zu setzen. Er packte den Zinnober bei den Beinchen --- zog ihn heraus! -- Ach tot -- tot war die kleine Exzellenz! -Der Kammerdiener brach aus in ein lautes Jammern; der Jäger, die -Dienerschaft eilte herbei, man rannte nach dem Leibarzt des Fürsten. -Indessen trocknete der Kammerdiener seinen armen unglücklichen Herrn -ab mit saubern Handtüchern, legte ihn ins Bette, bedeckte ihn mit -seidenen Kissen, so daß nur das kleine verschrumpfte Gesichtchen -sichtbar blieb. - -Hinein trat nun das Fräulein von Rosenschön, Sie hatte erst, der Himmel -weiß auf welche Art, das Volk beruhigt. Nun schritt sie zu auf den -entseelten Zinnober, ihr folgte die alte Liese, des kleinen Zaches -leibliche Mutter. -- Zinnober sah in der Tat hübscher aus im Tode, als -er jemals in seinem ganzen Leben ausgesehen. Die kleinen Äugelein waren -geschlossen, das Näschen sehr weiß, der Mund zum sanften Lächeln ein -wenig verzogen, aber vor allen Dingen wallte das dunkelbraune Haar in -den schönsten Locken herab. Über das Haupt hin strich das Fräulein den -Kleinen, und in dem Augenblick blitzte in mattem Schimmer ein roter -Streif hervor. - -»Ach«, sprach die alte Liese, »ach du lieber Gott, das ist ja doch wohl -nicht mein kleiner Zaches, so hübsch hat +der+ niemals ausgesehen. Da -bin ich doch nun ganz umsonst nach der Stadt gegangen und Ihr habt mir -gar nicht gut geraten, mein gnädiges Fräulein!« -- - -»Murrt nur nicht, Alte«, erwiderte das Fräulein, »hättet Ihr nur meinen -Rat ordentlich befolgt, und wäret Ihr nicht früher, als ich hier -war, in dies Haus gedrungen, alles stünde für Euch besser. -- Ich -wiederhole es, der Kleine, der dort tot im Bette liegt, ist gewiß und -wahrhaftig Euer Sohn, Klein Zaches!« - -»Nun«, rief die Frau mit leuchtenden Augen, »nun, wenn die kleine -Exzellenz dort wirklich mein Kind ist, so erb' ich ja wohl all' die -schönen Sachen, die hier rings umherstehen, das ganze Haus mit allem, -was drinnen ist?« - -»Nein«, sprach das Fräulein, »das ist nun ganz und gar vorbei, Ihr habt -den rechten Augenblick verfehlt, Geld und Gut zu gewinnen. -- Euch -ist, ich habe es gleich gesagt, Euch ist nun einmal Reichtum nicht -beschieden.« -- - -»So darf ich«, fuhr die Frau fort, indem ihr die Tränen in die Augen -traten, »so darf ich denn nicht wenigstens mein armes kleines Männlein -in die Schürze nehmen und nach Hause tragen? -- Unser Herr Pfarrer hat -so viel hübsche ausgestopfte Vögelein und Eichkätzchen, der soll mir -meinen Klein Zaches ausstopfen lassen, und ich will ihn auf meinen -Schrank stellen, wie er da ist im roten Rock mit dem breiten Bande und -dem großen Stern auf der Brust, zum ewigen Andenken!« -- - -»Das ist«, rief das Fräulein beinahe unwillig, »das ist ein ganz -einfältiger Gedanke, das geht ganz und gar nicht an!« -- - -Da fing das Weib an zu schluchzen, zu klagen, zu lamentieren. »Was -hab' ich«, sprach sie, »nun davon, daß mein Klein Zaches zu hohen -Würden, zu großem Reichtum gelangt ist! -- Wär' er nur bei mir -geblieben, hätt' ich ihn nur aufgezogen in meiner Armut, niemals wär' -er in jenes verdammte silberne Ding gefallen, er lebte noch, und ich -hätt' vielleicht Freude und Segen von ihm gehabt. Trug ich ihn so herum -in meinem Holzkorb, Mitleiden hätten die Leute gefühlt und mir manches -schöne Stücklein Geld zugeworfen, aber nun« -- - -Es ließen sich Tritte im Vorsaal vernehmen, das Fräulein trieb die -Alte hinaus mit der Weisung, sie solle unten vor der Türe warten, im -Wegfahren wolle sie ihr ein untrügliches Mittel vertrauen, wie sie all' -ihre Not, all' ihr Elend mit einem Mal enden könne. - -Nun trat Rosabelverde noch einmal dicht an den Kleinen heran und sprach -mit der weichen bebenden Stimme des tiefen Mitleids: - - »Armer Zaches! -- Stiefkind der Natur! -- ich hatt' es gut mit - dir gemeint! -- Wohl mocht' es Torheit sein, daß ich glaubte, die - äußere schöne Gabe, womit ich dich beschenkt, würde hineinstrahlen - in dein Inneres und eine Stimme erwecken, die dir sagen müßte, du - bist nicht der, für den man dich hält, aber strebe doch nur an, es - dem gleich zu tun, auf dessen Fittichen du Lahmer, Unbefiederter - dich aufschwingst! -- Doch keine innere Stimme erwachte. Dein - träger toter Geist vermochte sich nicht emporzurichten, du - ließest nicht nach in deiner Dummheit, Grobheit, Ungebärdigkeit - -- Ach! -- wärst du nur ein geringes Etwas weniger, ein kleiner - ungeschlachteter Rüpel geblieben, du entgingst dem schmachvollen - Tode! -- Prosper Alpanus hat dafür gesorgt, daß man dich jetzt im - Tode wieder dafür hält, was du im Leben durch meine Macht zu sein - schienst. Sollt' ich dich vielleicht gar noch wiederschauen als - kleiner Käfer -- flinke Maus oder behende Eichkatze, so soll es - mich freuen! -- Schlafe wohl, Klein Zaches!« -- - -Indem Rosabelverde das Zimmer verließ, trat der Leibarzt des Fürsten -mit dem Kammerdiener herein. - -»Um Gott«, rief der Arzt, als er den toten Zinnober erblickte und sich -überzeugte, daß alle Mittel, ihn ins Leben zu rufen, vergeblich bleiben -würden, »um Gott, wie ist das zugegangen, Herr Kämmerer?« - -»Ach«, erwiderte dieser, »ach, lieber Herr Doktor, die Rebellion -oder die Revolution, es ist all' eins, wie Sie es nennen wollen, -tobte und hantierte draußen auf dem Vorsaale ganz fürchterlich. Se. -Exzellenz, besorgt um ihr teures Leben, wollten gewiß in die Toilette -hineinflüchten, glitschten aus und« -- - -»So ist«, sprach der Doktor feierlich und bewegt, »so ist er aus Furcht -zu sterben gar gestorben!« - -Die Tür sprang auf und herein stürzte Fürst Barsanuph mit verbleichtem -Antlitz, hinter ihm her sieben noch bleichere Kammerherren. - -»Ist es wahr, ist es wahr?« rief der Fürst; aber sowie er des Kleinen -Leichnam erblickte, prallte er zurück und sprach, die Augen gen Himmel -gerichtet, mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes: »O Zinnober!« -- -Und die sieben Kammerherren riefen dem Fürsten nach: »O Zinnober!« und -holten, wie es der Fürst tat, die Schnupftücher aus der Tasche und -hielten sie sich vor die Augen. - -»Welch ein Verlust«, begann nach einer Weile des lautlosen Jammers -der Fürst, »welch ein unersetzlicher Verlust für den Staat! -- Wo -einen Mann finden, der den Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig -Knöpfen mit +der+ Würde trägt, als mein Zinnober! -- Leibarzt, und Sie -konnten mir +den+ Mann sterben lassen! -- Sagen Sie -- wie ging das -zu, wie mochte das geschehen -- was war die Ursache -- woran starb der -Vortreffliche?« -- - -Der Leibarzt beschaute den Kleinen sehr sorgsam, befühlte manche -Stellen ehemaliger Pulse, strich das Haupt entlang, räusperte sich -und begann: »Mein gnädigster Herr! Sollte ich mich begnügen auf -der Oberfläche zu schwimmen, könnte sagen, der Minister sei an dem -gänzlichen Ausbleiben des Atems gestorben, dies Ausbleiben des Atems -sei bewirkt durch die Unmöglichkeit Atem zu schöpfen, und diese -Unmöglichkeit wieder nur herbeigeführt durch das Element, durch den -Humor, in den der Minister stürzte. Ich könnte sagen, der Minister sei -auf diese Weise einen humoristischen Tod gestorben, aber fern von mir -sei diese Seichtigkeit, fern von mir die Sucht, alles aus schnöden -physischen Prinzipen erklären zu wollen, was nur im Gebiet des rein -Psychischen seinen natürlichen unumstößlichen Grund findet. -- Mein -gnädigster Fürst, frei sei des Mannes Wort! -- Den ersten Keim des -Todes fand der Minister im Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig -Knöpfen!« -- - -»Wie«, rief der Fürst, indem er den Leibarzt mit zornglühenden Augen -anfunkelte, »wie! -- was sprechen Sie? -- der Orden des grüngefleckten -Tigers mit zwanzig Knöpfen, den der Selige zum Wohl des Staats mit so -vieler Anmut, mit so vieler Würde trug? -- +der+ Ursache seines Todes? --- Beweisen Sie mir das, oder -- Kammerherren, was sagt Ihr dazu?« - -»Er muß beweisen, er muß beweisen, oder« -- riefen die sieben blassen -Kammerherren, und der Leibarzt fuhr fort: - -»Mein bester gnädigster Fürst, ich werd' es beweisen, also kein -+oder+! -- Die Sache hängt folgendermaßen zusammen: Das schwere -Ordenszeichen am Bande, vorzüglich aber die Knöpfe auf dem Rücken, -wirkten nachteilig auf die Ganglien des Rückgrats. Zu gleicher Zeit -verursachte der Ordensstern einen Druck auf jenes knotige fadigte -Ding zwischen dem Dreifuß und der oberen Gekröspulsader, das wir das -Sonnengeflecht nennen, und das in dem labyrinthischen Gewebe der -Nervengeflechte prädominiert. Dies dominierende Organ steht in der -mannigfaltigsten Beziehung mit dem Cerebralsystem, und natürlich war -der Angriff auf die Ganglien auch diesem feindlich. Ist aber nicht die -freie Leitung des Cerebralsystems die Bedingung des Bewußtseins, der -Persönlichkeit, als Ausdruck der vollkommensten Vereinigung des Ganzen -in einem Brennpunkt? Ist nicht der Lebensprozeß die Tätigkeit in beiden -Sphären, in dem Ganglien- und Cerebralsystem? -- Nun! genug, jener -Angriff störte die Funktionen des psychischen Organism. Erst kamen -finstre Ideen von unerkannten Aufopferungen für den Staat durch das -schmerzhafte Tragen jenes Ordens usw., immer verfänglicher wurde der -Zustand, bis gänzliche Disharmonie des Ganglien- und Cerebralsystems -endlich gänzliches Aufhören des Bewußtseins, gänzliches Aufgeben -der Persönlichkeit herbeiführte. Diesen Zustand bezeichnen wir aber -mit dem Worte +Tod+! -- Ja, gnädigster Herr! -- der Minister hatte -bereits seine Persönlichkeit aufgegeben, war also schon mausetot, als -er hineinstürzte in jenes verhängnisvolle Gefäß. -- So hatte sein -Tod keine physische, wohl aber eine unermeßlich tiefe psychische -Ursache.« -- - -»Leibarzt«, sprach der Fürst unmutig, »Leibarzt, Sie schwatzen -nun schon eine halbe Stunde, und ich will verdammt sein, wenn ich -eine Silbe davon verstehe. Was wollen Sie mit Ihrem Physischen und -Psychischen?« - -»Das physische Prinzip«, nahm der Arzt wieder das Wort, »ist die -Bedingung des rein vegetativen Lebens, das psychische bedingt dagegen -den menschlichen Organism, der nur in dem Geiste, in der Denkkraft das -Triebrad der Existenz findet.« - -»Noch immer«, rief der Fürst im höchsten Unmut, »noch immer verstehe -ich Sie nicht, Unverständlicher!« - -»Ich meine«, sprach der Doktor, »ich meine, Durchlauchtiger, daß das -Physische sich bloß auf das rein vegetative Leben ohne Denkkraft, wie -es in Pflanzen stattfindet, das Psychische aber auf die Denkkraft -bezieht. Da diese nun im menschlichen Organism vorwaltet, so muß der -Arzt immer bei der Denkkraft, bei dem Geist anfangen und den Leib nur -als Vasallen des Geistes betrachten, der sich fügen muß, sobald der -Gebieter es will.« - -»Hoho!« rief der Fürst, »hoho Leibarzt, lassen Sie das gut sein! -- -Kurieren Sie meinen Leib und lassen Sie meinen Geist ungeschoren, von -dem habe ich noch niemals Inkommoditäten verspürt. Überhaupt, Leibarzt, -Sie sind ein konfuser Mann, und stünde ich hier nicht an der Leiche -meines Ministers und wäre gerührt, ich wüßte, was ich täte! -- Nun -Kammerherren! vergießen wir noch einige Zähren hier am Katafalk des -Verewigten und gehen wir dann zur Tafel.« - -Der Fürst hielt das Schnupftuch vor die Augen und schluchzte, die -Kammerherren taten desgleichen, dann schritten sie alle von dannen. - -Vor der Türe stand die alte Liese, welche einige Reihen der -allerschönsten goldgelben Zwiebeln über den Arm gehängt hatte, die man -nur sehen konnte. Des Fürsten Blick fiel zufällig auf diese Früchte. Er -blieb stehen, der Schmerz verschwand aus seinem Antlitz, er lächelte -mild und gnädig, er sprach: »Hab' ich doch in meinem Leben keine solche -schöne Zwiebeln gesehen, die müssen von dem herrlichsten Geschmack -sein. Verkauft Sie die Ware, liebe Frau?« - -»O ja«, erwiderte Liese mit einem tiefen Knix, »o ja, gnädigste -Durchlaucht, von dem Verkauf der Zwiebeln nähre ich mich dürftig, -so gut es gehn will! -- Sie sind süß wie purer Honig, belieben Sie, -gnädigster Herr?« - -Damit reichte sie eine Reihe der stärksten glänzendsten Zwiebeln dem -Fürsten hin. Der nahm sie, lächelte, schmatzte ein wenig und rief dann: -»Kammerherren! geb' mir einer einmal sein Taschenmesser her.« Ein -Messer erhalten, schälte der Fürst nett und sauber eine Zwiebel ab und -kostete etwas von dem Mark. - -»Welch ein Geschmack, welche Süße, welche Kraft, welches Feuer!« rief -er, indem ihm die Augen glänzten vor Entzücken, »und dabei ist es mir, -als säh' ich den verewigten Zinnober vor mir stehen, der mir zuwinkte -und zulispelte: kaufen Sie -- essen Sie diese Zwiebeln, mein Fürst -- -das Wohl des Staats erfordert es!« -- Der Fürst drückte der alten Liese -ein paar Goldstücke in die Hand, und die Kammerherren mußten sämtliche -Reihen Zwiebeln in die Taschen schieben. Noch mehr! -- er verordnete, -daß niemand anderes die Zwiebellieferung für die fürstlichen Dejeuners -haben sollte, als Liese. So kam die Mutter des Klein Zaches, ohne -gerade reich zu werden, aus aller Not, aus allem Elend, und gewiß war -es wohl, daß ihr ein geheimer Zauber der guten Fee Rosabelverde dazu -verhalf. - -Das Leichenbegängnis des Ministers Zinnober war eins der prächtigsten, -das man jemals in Kerepes gesehen: der Fürst, alle Ritter des -grüngefleckten Tigers folgten der Leiche in tiefer Trauer. Alle Glocken -wurden gezogen, ja sogar die beiden Böller, die der Fürst behufs der -Feuerwerke mit schweren Kosten angeschafft, mehrmals gelöst. Bürger -- -Volk -- alles weinte und lamentierte, daß der Staat seine beste Stütze -verloren und wohl niemals mehr ein Mann von dem tiefen Verstande, von -der Seelengröße, von der Milde, von dem unermüdlichen Eifer für das -allgemeine Wohl, wie Zinnober, an das Ruder der Regierung kommen werde. - -In der Tat blieb auch der Verlust unersetzlich; denn niemals fand -sich wieder ein Minister, dem der Orden des grüngefleckten Tigers mit -zwanzig Knöpfen so an den Leib gepaßt haben sollte, wie dem verewigten -unvergeßlichen Zinnober. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Bettina von Arnim: - -Die Reise nach Darmstadt - - -Vorbemerkung des Herausgebers: - - Diese kleine liebenswürdige Geschichte der Bettina von Arnim - ist ihrer berühmten im Jahre 1849 erschienenen Schrift »Dies - Buch gehört dem König« entnommen, die eine Reihe »der Erinnerung - abgelauschter Gespräche und Erzählungen von 1807« enthält. Das - Buch umschließt im wesentlichen sozialpolitisch reformatorische - Anschauungen der Bettina von Arnim, die sie sämtlich der alten Frau - Rat, Goethes Mutter, in den Mund legt. Eingeschachtelt in diese - heute wenig mehr interessierenden sozialpolitischen Betrachtungen - ist die köstliche Erzählung von der plötzlichen Reise der Frau - Rat nach Darmstadt, wo sie von der Königin Luise von Preußen mit - großen Ehrungen empfangen wurde. Indem Bettina von Arnim die - Schilderung dieser Begegnung durch Goethes Mutter selbst geschehen - läßt, gelingt es ihr, im lebendigen Frankfurter Dialekt, die feine - Klugheit, die herzhafte Urwüchsigkeit und die sonnig lächelnde - Heiterkeit der Frau Rat auf das anschaulichste aufzuzeichnen. - -[Illustration] - - -Die Frau Rat erzählt: - -Es war an einem recht sommerlichen Tag; ich denk nach, was aus dem -lieben Sonnenschein all werden soll, den ich da so mutterselig allein -in mich fressen muß: -- es wird Mittag, die Türmer blasen derweil den -Ablaß meiner Sünden vom Katharinenturm herunter. -- In dieser Welt, wo -Böses und Gutes oft in so herzlicher Umarmung einander am Busen liegen, -da haben irdische und himmlische Angelegenheiten gar einen künstlichen -Verkehr; an so einem melancholischen Feiertag, da verschmäht der Teufel -auch eine falsche Trompet nicht, um den Menschen aus seinem geduldigen -Seelenheil herauszublasen; opfre den Verdruß, den du davon spürst, -Gott auf, und die Kreide von der Rechnungstafel deiner Sünden ist -heruntergewischt, denn lieber als das Sündegestöhn, was falscher klingt -als die Sünd selber, will Gott den Teufel falsch blasen hören. Die -Langeweil ist nun ganz apart an einem Sonntag in der Stadt Frankfurt, -aber gar an so einem lange staubige Sommertag, wo man sich in die Sonn -stellt und denkt wie ein angezünd't Licht am hellen Tag: »Vor was bist -du da? -- Alles kann bestehn ohne dich!« oder: »Alles geht ja doch -konfus«, und mit dem Zweifel, ob der blaue Dunst da oben wohl doch der -Himmel sein könnt, streckt man sich am End seiner Erdentage aus den -Erdensorgen heraus mit den Himmelssorgen auf dem Herzen und bedenkt -nicht, daß alle Sorge Irrtum ist. - -An so einem langweiligen Tag also, wie der Türmer wirklich in einer -der Musik sehr mißgünstigen Stimmung in die Stadt herunterblies -- -ich meint als, wenn mir der jung Wein nur nicht auf dem Faß säuerlich -wird -- eine rauhe Halsarie wie heut, und die Sonn schien mir auf die -Nas, daß ich nießen mußt, und die Lieschen bekomplimentiert mich da -drüber, da schellts -- ich ruf: »Guck einmal, wers ist.« -- »Ei, es ist -der Frau Bethmann ihr Bedienter; ob Sie wollte heunt Nachmittag mit -ins Kirschenwäldchen fahren?« -- Ei was? -- Ei freilich! Was werd ich -nicht wollen fahren an diesen einzigen Pläsierort, vor allen schönen -Orten in ganz Deutschland, wo die Kirschen wie die schönste Rubinen -im smaragdnen Blätterschmuck an den Bäumen hängen, wo die Frankfurter -Sonnenstrahlen ein Goldnetz durchwirken und der Himmel sein blaues Zelt -mit silbernen Wolken drüber spannt. - -Jetzt sag ich: »Wir wollen präzis zwölf Uhr essen, dann wird -alles zurechtgemacht zum Abend, wann ich heim komm; da wird meine -Wasserflasche hingestellt, das Bett zurecht gemacht, damit mir die -Zeit vergeht, bis die Füchserchen angetrabt komme, dann setz ich meine -Haub auf, bloß die mit den Spitzen.« -- »Ei, wollen Sie net die mit -den Sternblume aufsetzen, die steht schöner!« -- »Nein, die will ich -nicht aufsetzen, man muß bescheiden sein in der schönen Natur und sie -nicht überstrahlen wollen, es gelingt einem doch nicht. Was meint sie -denn, daß so ein Kranz von papierne Blume zu sagen hätt da draußen -auf der grünen Wies? Ei, ich setz den Fall, ich könnt der Stadtherd -begegnen, so könnt mich ja der Brummelochs mit einem einzige Maul voll -Dotterblume, die er vom Weidanger mit seiner lange Zung in einem Hui -zusammenrafft und wegschnappt, in die größt Beschämung versetze, daß er -frißt und verdaut, was die Frau Rat in Papier nachgemacht zum Putz auf -dem Kopf trägt.« -- Jetzt ohne weiter Federlesen die Spitzehaub eweil -auf der grünen Bouteille aufgepflanzt, dann die Filethandschuh ohne -Daumen, daß ich sie nicht brauch auszuziehen beim Kirschenessen, das -Körbchen nehm ich mit, daß ich kann Kirschen mitbringen -- die kleine -schwarze Salopp und den Sonneparaplü, denn um die jetzig Sommerzeit -kommt häufig so ein klein erquicklich Regenschauerchen mitten durch den -Sonnenschein. Da lachts und flennts zu gleicher Zeit am Himmel. - -Nun ist alles in Ordnung -- so wird der Tisch gedeckt und aufgetragen --- denn zwölf Uhr ist schon vorbei. »Was gibts heut?« -- »Brühsupp«. -- -»Fort mit, ich mag keine.« -- »Aber Frau Rat, Ihne Ihr Magen!« -- »Aber -ich will keine Supp, sag ich; komm sie mir nicht an so einem schöne -Sommertag mit ihren Magensorgen an, -- was gibts noch?« -- »Stockfisch, -aufgewärmt von gestern, und Kartoffel.« -- »Den Stockfisch laß mir -vor der Nase weg, der paßt nit zu meiner Stimmung; ich mag mir keinen -Stockfischgeruch in den Vorgeschmack aufdampfen lassen, den ich von -dem Blumenduft drauß auf der Wies schon in Gedanken genieß; aber die -Kartoffel bring sie, an denen verunreinigt man die erhabenen Gedanken -nicht, die könnt so ein indischer Priester in seiner Verzückung -ungestört genieße. -- Ich glaub gewiß, die sind aus dem Manna gewachse, -das vom Himmel fiel, wie die Juden in der Wüst in der Hungersnot waren, -das war so ein verzettelter Mannasame, aus dem sind dann die Kartoffeln -gewachsen, die vor aller Hungersnot bewahren. Ja, damals hatten die -Juden noch eine Wüst, wo sie sich niederlassen konnten; jetzt ist keine -Wüst mehr da, und wann die närrische Häns nicht fliegen lerne wie die -Raubvögel, daß sie als manchmal auf eine vorüberfahrende Segelstang -sich könne setzen wie die Zugvögel, so weiß ich nicht, wo sie werden -bleiben, in der Wüste waren sie nit so gierig; hätten sie damals alles -verschlungen, so wär kein himmlischer Mannasamen übrig geblieben, und -ich wüßt nicht, was ich heut essen sollt, und jetzt geb nur künftig -ohne Widerred allemal dem Betteljud zwei Kreuzer, so oft er kommt. Denn -wir könne den Juden das nicht genug Dank wissen, daß wir Kartoffeln -essen.« -- Nun war das Essen noch nicht all, es kam noch eine -gebratne Taub. -- Ich hatte Appetit, fliegt mir grad eine lebendige -Taub vors Fenster und rucksert mir lauter Vorwürf ins Herz. Ich fahr -ins Kirschenwäldchen, und das arme Tier mit verschränkte Flügel, mit -denen es sich hätt können in alle Weltfreude schwingen, liegt in der -Bratpfann. Der Christ jagt die halb Natur durch den Schlund, damit er -auf der Erd kann bleibe, um sein Seelenheil zu befördern, und dann -macht ers grad verkehrt. -- Nun kurz, der Vorwurf von der Taub am -Fenster lastet mir auf dem Herzen, ich kann keinen Bissen essen. -- -Die Taub wird unberührt wieder in die Speiskammer gestellt; ich ziehe -mich derweil an, um der Ungeduld etwas weiß zu machen, die Spitzehaub -wird von der Bouteille herunter genommen, aufgesetzt, und die Nachtmütz -wird drauf gestülpt, damit ich sie heut abend, wenn ich nach Haus komm, -gleich auswechsle kann, noch eh Licht kommt; das ist so meine alte -Gewohnheit. - -Nun sitz ich da mit meinem Sonnenschirm in der Hand, im besten Humor, -und lach die Lieschen aus, mit ihrer Angst wegen meinem leeren Magen. -Ich guck auf die Uhr -- der Wagen kommt gerappelt; den alten Johann, -ein ganz gescheuter Kerl, hör ich schon an seinem gewohnten Gange -die Trepp herauf kommen. -- »Lieschen, geschwind lauf sie hinaus, -auf den Vorplatz an die Tür, ehs schellt.« Da schellts schon, die -Lieschen macht die Tür auf, da steht ein goldbordierter Herr mit einem -dreieckigen Hut und guckt mir ins Gesicht, und mein alter Johann kommt -hinten nach. -- Ich sag zu dem fremde Wundertier: »Sie sind wohl einen -unrechten Weg gangen!« -- und will mich an ihm vorbeimachen; aber weil -er sagt: »Ich bin geschickt von Ihro Majestät der Frau Königin von -Preußen an die Frau Rätin Goethe«, so guck ich ihn an, ob er wohl nicht -recht gescheut wär -- »Und«, fährt er fort, »die königlich Equipage -werden um zwei Uhr kommen, um die Frau Rätin nach Darmstadt abzuholen; -mit Ihrer Majestät sollen Sie den Tee trinken im Schloßgarten!« -- Ich -sag: »Johann! Jetzt hör er einmal, was das vor Sachen sind! Wenn einem -eine Bomeranz aus dem blauen Himmel grad auf die Nas fällt, da soll man -gleich sein Verstand bei der Hand haben und sie auffangen, das will -viel heißen!« -- Ei, wem hatt ich denn die Kontenance zu verdanken als -bloß dem Johann? Der stellt sich an die Seit aus lauter Respekt vor dem -unvorhergesehenen Ereignis und guckt mich so feierlich an, daß ich mich -gleich besinn, was ich mir und der Einladung schuldig bin; ich guck ihn -mit einem Feuerblick an, daß der Kerl in sich geht, denn er war nah -dran, zu lachen. Ich sag: »Mein Herr Kammerherr, oder was Sie vor ein -höflicher Beamter sein mögen, rennen Sie nur wieder spornstreichs zur -Frau Königin und melden, die Frau Rat werden ihrerseits die Ehre haben, -die von der Frau Königin ihr zugedachte Auszeichnung anzunehmen. Und -machen Sie nur, daß die Kutsch hübsch akkurat kommt, damit ich auch -nicht zu spät komm, da das Warten und Wartenlassen meine Sach nicht -ist.« -- Dabei macht ich so große Augen, daß der preußisch Hoflakei -gewiß seine Verwundrung wird gehabt haben über den besondern Schlag -Madamen aus der freien Reichsstadt Frankfurt. Man muß seine Zuflucht -nehmen zu allerlei Künsten, um seine Würde zu behaupten. Wer kann sonst -Religion in die Menschen bringen? Daß so ein Hofschranz Respekt hätte -vor einem Bürger, dazu ist er einmal verdorben; da muß man auf Mittel -denke, wie er den Kopf ganz verliert und nicht weiß, was er dazu sagen -soll. Da fiel mir der Türklopper ein von unserm Aderlaßmännchen, dem -Herrn +Unser+; das ist so ein Löwenfratz, wie sie an Salomon seinem -Thronsessel zur Verzierung angebracht sind. Den mach ich nach; -- -damit jag ich meinen Herold in die Flucht; er nimmt die Bein an den -Hals und rennt die Trepp herunter. Ich bleib stockstill stehn, die -Lieschen bleibt stehn, der Johann rührt sich nicht vom Fleck, bis wir -die Haustür zumachen hören. »Frau Rat«, sagt der Johann, »Sie werden -also jetzt unmöglich ins Kirschenwäldchen fahren, und da werd ich dann -bestelle, warum Sie nicht mit könne fahren?« -- »Ja, lieber Johann, und -bestell ers doch gleich im Vorbeigehen beim Perückenmacher Heidenblut, -der soll gleich kommen, und erzähl ers unterwegs alle Leut, so was muß -stadtbekannt werden.« -- »Ja, das ist gewiß«, sagt der Johann, »und -wenn mir nur das Herz nit bersten wird, bis ich heraus geplatzt bin -dermit« -- fort ist der Johann. -- Nun guck ich mein Lieschen an; die -steht vor mir wie nicht recht gescheut und zittert an alle Glieder. -»Ei, Lieschen«, sprech ich voll Verwunderung, »wie kommt es, daß ihr -die Haub hinderst der vörderst sitzt, das war doch vorher nicht.« --- Und ich weiß nicht, wie das möglich war! Es ist doch wunderlich, -wie bei überraschende Gelegenheiten die Spukgeister sich allerlei -Schabernack erlauben mit solchen Leut, die der Sach nicht gewachsen -sind. Das war nun mein Lieschen wirklich nicht. Sie konnts nicht -finden, weder Zwickelstrümpf noch Schuh noch sonst ein Kleidungsstück, -kein Rock konnt sie mir ordentlich über den Kopf werfen. Wenn ich nun -auch den Kopf verloren hätt, ich wär nicht fertig geworden. Jetzt sag -ich: »Bring sie mir einmal die gebratne Taub wieder herein, denn ich -verspür über die königlich Geschicht ein schreiende Hunger. Und nun -schmeiß sie die Nachthaub von der Bouteille herunter -- ich werd auch -noch meiner Seel den ganzen Stockfisch herunter fressen. Nun schenk -sie mir ein Glas Wein ein, ich muß Feuer in den Adern haben.« Der -Perückenmacher war gleich herbei; über die unbegreiflich Nachricht hat -er in seinem stumme Erstaune mich aufgedonnert, und nun mußt er mir die -Haub aufsetze mit den Sternblumen. Es war ein Heidenpläsier, fingerdick -Schmink hat er mir aufgelegt. »Die Frau Rat sehn superb aus,« sagt der -Herr Heidenblut. Und die Liesche stand wie eine Gans vor mir, als ob -sie mich nicht mehr kennte. -- Nu, wir verbringe noch so ein Zeitchen -vor dem Spiegel, links die Lieschen mit der verkehrte Haub, denn die -hat sie noch nicht Zeit gehabt herum zu kriegen, rechts der Herr -Heidenblut mit dem Kamm hinterm Ohr, ganz verzückt in mein Lockenbau, -ich in der Front mit einem feuerfarbne Schlepprock mit doppelte -Florspitzen, Diamantbracelett, echte Perlen um den Hals, ein Schlupp -von Diamante vorgesteckt. Nun, es war zum Malen, die drei Personagen -da aus dem Spiegel herauslachen zu sehen. Wir wurden ganz lustig und -dachten nicht, wie die Zukunft mir auf den Hals gerückt kommt. Wenn -ich doch an all die charmante Witze vom Heideblut mich noch erinnern -könnt, er mußt sich hinstellen, und ich macht mein Probekompliment vor -ihm; er verstehts. Er frisiert ja die allerhöchste Theaterprinzesse. -- -Da kommts aber wie ein Sturm angerennt und hält still vor der Haustür. -Rutsch -- vier Pferd und zwei Lakaie hinten drauf noch ohne den -Kutscher. -- Jetzt kommen sie herbei gestolpert, faßt mich ein jeder -unterm Arm und tragen mich schwebend in die Kutsch. Schad, daß die -Fahrt nicht mit meine vier Pferd durch die Bockheimergass geht am Haus -vom Herrn Bürgermeister vorbei -- aber das Glück bescherte mir unser -Herrgott noch, denn kaum biege wir im volle Trab um die Eck, stoßen -wir auf die Bürgermeisterskutsch mit samt dem Herrn Bürgermeister von -Holzhausen drin, mit seine zwei Lakaien hinten drauf mit ihre alte -abgelebte Haarbeutel, -- ich auch -- aber meine Haarbeutel waren ganz -neu. In vollem Rand fahren wir vorbei am Herrn Bürgermeister, ich grüß -feierlich mit dem Fächer und hab das Pläsier, zu sehn, daß mein Herr -von Holzhausen im Wagen sitzen, versteinert, und sehn mich nicht mit -ihre Glotzaugen; er streckt den Kopf heraus, aber umsonst, wir flogen -wie der Wind vorbei. - -Sollt ich nun alle Gedanken erzählen, die mir auf meiner Reis bis -Darmstadt eingefallen sind, so müßt ich lügen, denn ich war so zu -sagen auf einer Schaukel, die schlecht in Schwung gebracht war, bald -flog ich dort hinaus, bald wieder nach der andren Seit, bald dreht -sich alles mit mir im Durmel herum, dann dacht ich wieder, wie ichs -alles meinem Sohn wollte schreiben, und da fing mir das Herz an zu -klopfen. Ich konnts vor Ungeduld nicht behaglich finden in der Kutsch --- ich fing an, die Kastanienbäum zu zählen in der Allee, ich wollt -probieren, ob ichs könnt bis hundert bringe, aber ich bracht keine -zehn Bäum zusammen, da waren meine Gedanken wieder wo anders. Einmal -kam mir ein gescheuter Gedanken, ich dacht, was hab ich dervon? ist -mir die Geschicht angenehm? -- sollt sie mir nur noch ein einzig Mal -wieder begegnen, da würd ich mich schon besinne, daß sie mir langweilig -wär. Was war das heunt morgen vor eine Komödie, was ist mir vor eine -Hitz in den Kopf gestiegen und nun steck ich in einer zweifelhaften -Unbequemlichkeit -- wo ich da hingeh zu fremde Leut, die gar nicht dran -denke, wer da angerumpelt kommt. -- -- »Ohne Kurage kein Genie,« hat -mein Sohn immer gesagt, und will ich oder nicht, so muß ich doch einmal -die höfliche Schmach auf mich nehmen, mit gesundem Mutterwitz dort in -dem Fürstensaal vor einer eingebildten Welt zu paradieren und bloß für -eine Fabelerscheinung mich betrachten zu lassen. Ja, die Welt steht -auf einem Fuß, wo keiner an die Wirklichkeit vom andern glaubt und sich -doch selber vergnügt fühlt, wenn er nur von so einem Scheinheiligen -bescheinigt ist. - -Nun, alleweil kamen wir wie ein Sturmwind angerasselt, ganz -erschrocken, daß ich schon da bin, wie ich eben vor Ungeduld mein, -es wird nie dazu kommen. Ich steig aus, die Bediente renne wie ein -Lauffeuer vor mir weg. Ei, ich kann da nicht wie eine Lerch mich ihnen -nachschwingen, ich seh den Augenblick kommen, wo ich weder Bediente -noch Weg mehr finden kann. Ich hatt mich ein bißchen versäumt gehabt, -die Krumplen aus meinem Staatskleid herauszuschütteln, da waren sie -unterdessen in einer Allee verschwunden wie ein paar Irrlichter; wir -waren auseinanderkommen. Ich geh so dem Gehör nach, immer im Kreis -ums Hofgezwitscher herum, immer näher, bis ich endlich aus meinem -Schattenreich heraus unter den aufgepolsterte Hoftroß trete. Ich hielt -mich im Hintergrund mit meinen Beobachtungsgaben, grad wie ein General -bei einer Position, die er dem Feind abluxen will. Denn überraschen laß -ich mich nicht, Mut hab ich, womit ich den Leuten, wenn sie den Kopf -verlieren, ihn oft wieder zurecht gesetzt hab. Ja, bei Gelegenheiten, -von denen eine Frau keinen Verstand zu haben behaupt wird, da steht -als dem Mann derselbig ihm allein zugemessne Verstand still, daß -er wehklagt: »Ach, was fangen wir an?« -- Da antwort die Frau und -schlägt den Nagel auf den Kopf. -- Die Welt wird immer hinkend bleiben, -wenn der Verstand auf dem Mann seiner Seit hinüber hinkt, mit dem er -die verrückte Weltangelegenheiten so schwermütig hinter sich drein -schleppt. Was batts den große Weltgeist, daß er das Eheprinzip in sich -trägt, wenn der männliche Verstand ein Hagestolz bleibt. -- Also die -erst Bemerkung, die ich mach in den mich umgebenden Hofzirkel, ist die, -daß meine amarantfarbne Schleppe nicht grad ein guter Passepartout -ist, denn nicht Ich mit meinem Vierundzwanzigpfünderblick, nicht meine -Person wird mit neugierigen Augen betracht, nein, die wird übergesehn, -aber meine Falbelas, meine Taille, meine Frangen, von unten herauf, -immer höher und höher werd ich scharf examiniert, bis sie endlich zur -Florfontange kommen, wo die Sternblumen drauf gepflanzt waren, da -halten sie an und entdecken, daß auch ein Gesicht mit kommen war; da -prallen sie wie der Blitz auseinander und melden meine Erscheinung der -Frau Königin. Die kommt mit einem ehrfurchtsvoll gehaltnen Schritt -auf mich los, ich -- gleich salutiere mit einem Feuerblicke vom erste -Kaliber, und nun mache alle Leut Platz, und die Frau Königin wie eine -schöne Götternymph führt mich an ihrer Hand, und der Wind spielt in -dem schneehagelweiße Faltengewand und ein Lockenpaar, das spielt an auf -jeden Tritt, den sie tut, und die blendende Stirn und die wunderschön -blaßrote Farb von ihrem Gesicht, und der freundlich Mund, der ganz voll -allerlei Geflüster mich anspricht. Verstanden hab ichs nicht, ich war -durmlich von Vergnügen und konnt auch nichts weiter vorbringen als: -»Hochgeschätzter Augenblick und liebwerteste Gegenwart und wundernswert -vor Götter und vor Menschen --« und wie sie erst die Kett vom Hals sich -losmacht und hängt sie mir um, und der ganze Hofkreis trippelt und -guckt. Ich hab innerlich den Apoll und den Jupiter angerufen, diese -menschenbegreifende Götter sollen mir beistehn, daß ich vernünftig -bleib und nicht alles um mich her für wunderliche Tiere halt, denn -alle diese vornehmen Hofchargen kamen mir vor wie ein heraldischer -Tierkreis. Löwen, Büffel, Pfaue, Paviane, Greife; aber auf ein Gesicht, -das menschlich schön zu nennen wär, besinn ich mich nicht. Das mag -davon herkommen, weil diese Menschengattung mehr eine Art politischer -Schrauben oder Radwerk an der Staatsmaschine und keine rechte Menschen -sind. Harthörig, hartherzig, kurzsichtig, stolz und eigensinnig Volk, -und es gehört immer der Zufall und ein Verdienst um sie, absonderlich -aber ihre eigne Laune dazu, und noch gar viel andre Künste, um von -ihnen bemerkt und gehört zu werden. Schreien und Poltern oder gar -Recht haben hilft gar nichts bei ihnen, ja, besonders das Recht haben, -das kommt der politische Staatsmaschine ihrer hochtragenden Nas immer -in die Quer. »+Was soll das heißen, daß man mit seim Recht an die -widerrennen tut?+« -- Sollte das Schicksal diese Nas ausersehen haben, -daß sie drauf falle, das wär kein Schaden; darum muß man ihr Platz -machen. Ja, von solchen ist kein christlich Gesinnung zu erwarten, -das ist übrig. Man soll seines Bestallungsbriefes an die Natur sich -erinnern, wenn man was mit ihne zu verhandeln hat, damit man an der -doppel-schneidig-weltbürgerliche Politur nicht auch mit seinen edleren -Gesinnungen als ausglitscht. Das fehlte noch, daß man wie ein Lauskerl -vor sich selber dasteht und darf nicht in den Spiegel gucken vom eignen -Gewissen. -- - -Solche Gedanke hatte ich in dem Tierkreis, wo die Ordensbänder und -Stern und goldblitzende Staatsröck rund um mich herum blinkerten wie -im Traum, und wie im Traum dacht ich: wenn ich König wär, ich hielt -mir eine aparte Insel vor das heraldische Tiervolk, da könnten sie so -fortleben, bis sie sterben wollten, aber mir jederzeit unter den Füßen -herum zu grabeln, daß man alle Augenblicke über sie stolpern müßt, das -litt ich nicht. - -Nun, während ich über den Darmstädter Tierkreis meine Glossen -mach, wovon ein nicht unbedeutender Teil mit besterntem Bauch, -mit übereinander schielenden Blicken und überlegenden Mienen des -Menschenwohls da unter der Herd herumstolpern, spür ich deutlich, -daß ich in dem Verwunderungsstrudel dagesessen hatte wie ein -Schaf. Ich schäme mich, daß ich sollte mit einem so unscheinbare -Antlitz die freie Reichsstadt vertreten, ich such mir eine andere -Physiognomie aus, den Frankfurter Adler. No! -- wie der Adler, wenn -er Donner und Blitz bewacht, so sitz ich da, und die lieb Sonn, ohne -Urlaub zu nemme, setzt sich auf den Reisefuß und ging hinter denen -schöne Linde bergab spazieren, und der Mond kam herauf, auf den mit -allerlei poetische Spekulatione angespielt wurde, ich mußt lachen -über die empfindungsvolle Tonarte, in welche die Gesellschaft da -überging. Nun, ich kann nicht alles aus dem Gedächtnis hervorkrame. -Ich schwieg in meiner stolze Position still, denn kein Mensch hatte -mir ein Wort zu sagen, seit die Paradeszen vorbei war. Ich machte -daher meine olympische Adlersmiene ohne Unterbrechung fort, und da -war auch nicht ein Augenblick, wo ich mir nachgegeben hätt und hätt -meinen Alletagsgesicht auch nur erlaubt durchzublinzeln. -- Auf -emal! schlägt mir ein Trompetegeschmetter durchs Ohr, ich fahr aus -einem tiefen Schlaf, in dem ich aller Herrlichkeiten, der um mich -her vorgingen, vergessen, träume dem Herrn Heideblut und der Jungfer -Lieschen meine erlebte Abenteuer zu erzähle, und ganz vergnügt bin, -daß alles überstande ist. -- Ja, der vermeint Adler hat den Kopf in -sein Spitzekragen gesteckt und war unbewußt seiner entschlummert über -dem viele Geschwärm von alle bedeutungsvolle Momente, die mir da in -eim Hui ins Alltagsleben hereingestoben kamen, und ich, als in der -Meinung, meinen olympischen Götterglanz fortzubehaupten, fall aus der -Roll heraus und in Schlaf. Mit natürliche Dinge wars zugegangen; denk -sich einer die verschiedene Motionen, dene ich vom frühen Morgen an -ausgesetzt gewesen war; es war ja alles wie ein Traum, wars da ein -Wunder, daß ichs am End für ein Traum hielt und ruhig weiter schlief? --- Und die Nachtdämmerung -- und ich saß ja da für gar keine weitere -Geschäfte, als bloß Betrachtung anzustelle, was doch die Parze vor -eigensinnige Begebenheiten einem in den Lebensfaden einspinne. No! -- -Als ich mit einem Schrecke durch alle Eingeweide aufwach, hat sich die -Szen verändert, das Gebüsch wirft keinen Schatten mehr auf den leeren -Platz, weil alles Tageslicht gewichen war, der Trompetenstoß, der -mich von meinem tiefe Schlaf auferweckt hatte, war aus dem Tanzsaal -erschallt, wo helle Fackeln brenne, wo die ganze Hofnympheschar in -einem schwebende Tanz mit dene heraldische Cavaliere herumhüppen; -aus den unterirdische Kellerhäls dampft ein köstlicher Speisegeruch; -in denen sieht man die Herrn Köche mit weißen Zipfelmützen munter -und allert Fett in das Feuer werfe, daß es hell aufflackert; die -Champagnerflasche hört man im Plotonfeuer losknalle und die Frau Rat, -die zu diesem Göttermahl feierlichst eingeholt waren mit vier weiße -Schimmel, die sitzen unter einem Vogelkirschbäumche, welche Frucht man -bekanntlich nicht esse kann, und spüren Hunger. - -Die Nacht war eingebrochen, und ich, unbekannt mit der Hofetikett, und -doch mit einem Schicklichkeitsgefühl, was vielleicht grad aus grader, -herzlicher Aufrichtigkeit den entgegengesetzte Weg hätt eingeschlagen -von dem, was statuiert wär, ich stand in der Klemm, wie ich mich zu -verhalten hätt, aber ich wurde sehr bald herausgerissen. Die gute Frau -Königin hat mich in all dem Trubel nicht vergessen. Wie sie ihren -ersten Tanz ausgemacht hat, da sieht sie sich um nach mir, und wie -sie mich nicht finden kann, da gibt sie gleich Order. Das konnt ich -durch die Fensterscheiben bemerken; -- kaum hat sie nach mir gefragt, -da laufen die Kammerherren, die Lakaien durch den ganzen Saal im -Kringel herum, um mich zu finden. Aber, dacht ich, sucht ihr nur. -- -Wie sie mich nicht finden können, da fällt ihnen doch ein, daß ich -vielleicht könnt im Garten geblieben sein. Nun kommen sie heraus und -verteilen sich in alle Regionen; ich drück mich dicht bei der Tür -an die Wand, denn im Garten wollt ich mich nicht finden lassen, da -hätt ich mich zu sehr geschämt. Nun dacht ich, jetzt ist der wichtige -Moment, da muß ich einen energischen Streich machen und mich auf gut -Glück wieder ins Meer stürzen, unter die Hofwogen, und mich da um -die Wett mit denen aufbauschen. Wie also ein Hoflakai wie ein Schuß -Pulver von der Tür abblitzt in den Garten hinaus, um mich im Gebüsch -zu suchen, so fahr ich an dem blinde Hans vorbei, grad in den Saal -herein, wo mir glücklicherweis alle Leut den Rücken drehten. -- Ach!! --- Gott sei Dank!! -- Denn das Herzklopfen, was ich nach überstandner -Katastrophe empfand -- nun, -- wer sich das denken kann! -- bis ich -mich so allmählich wieder beruhigte. -- Denk sich einer, wenn die -Windbeutel, die Kammerherren und Kammerdiener, da die Frau Rat unter -dem Vogelkirschbäumchen gefunden hätten und hätten mit ihre Windlichter -mir unter mein schlafend Angesicht geleucht. Nein, ich frag alle gute -Freund, ob einer sich das gewünscht hätt? -- Antwort: Nein! -- Aber -was man sich nicht wünscht, das soll man andern nicht gönnen. Ich auch -hab mirs nicht gewünscht und hätts meinem Feind nicht gegönnt. - -Wie ich mich etwas erleichtert fühlte, so rückte ich allmählich -hinter den vielen Leuten hervor, die an der Tür standen, und kam so -ganz nah an die Frau Königin heran; die winkt mir, und nun kommen die -Kammerjäger von ihrer Jagd durchs Buschwerk zurück und wollen eben mein -Verschwinden melden, da sehn sie zu ihrer Verwundrung, wie ich eben -mit denen Prinzen von Gotha, noch ein paar ganz jungen Bürschercher, -Bekanntschaft mach. Die erzählen von meinem Sohn, weil sie ihn sehr -gut kenne vom Weimarer Hof, und ich erzähl auch mein Bestes, und das -war eine ganz vergnügte halbe Stund, wo ich mich ganz mit meinem -Schicksal wieder aussöhnte. Auch hatte sich meine Verlegenheit nach -und nach beschwichtigt über meine Toilette, denn ich hatte mir gleich -vorgenommen gehabt, nur in keinen von denen großen hell erleuchtete -Wandspiegel zu gucken; das war gar nicht so leicht. -- Daß, wenn -allenfalls was an mir in Unordnung geraten wär, daß ich nicht auch noch -+den+ Schreck auf mein gepreßt Herz laden müßt, weil aber die Leut all -ganz vernünftig mich ansehn und keiner eine zum Lachen gestimmte Miene -macht, da wag ich's und tu einen Seitenblick und finde mich nicht nur -ganz menschlich, sondern ich gefalle mir auch sehr wohl mit meinem -kuraschierten Aug, das da thront über alle verkehrte Eingebildheiten, -mit dem sie mich rund umher zu überschauen meinten. Ich schaute auf -sie wieder herab, wie ein Wetterdach, das sie in Schutz genommen hat -gegen den erfrischenden Regen und den kühlenden Wind, dem sie sich -auszusetzen Bedenken tragen, und so ließ ich sie mich umirren mit ihren -nichtssagende Blicke, als bloß wie dürres Laub, was im Wind dahinfliegt. - -Die gute Frau Königin sah mirs an, daß es Zeit wär, mich zu entlassen; -sie nahm da mein Dank recht freundlich auf und erinnert mich an die -Zeiten, wo sie in meinem Haus unter meinem Schutz gewohnt hatte und -tausend lustige Spielstunden in meinem Hof sich gemacht. -- - -Da ich nun entlassen war, so kam gleich wieder so ein dienender Geist -von morgens früh und frägt mich, ob ich vielleicht den Wagen bestellen -wollt lassen? -- »Nichts lieber wie das«, sag ich, »bester Freund, -verdienen Sie sich einen Lohn im Himmel, und helfen Sie mir über die -königlich Schwell hinüber in mein bürgerlich Dasein.« Wie ich nun -wieder im Wagen saß, wer war froher wie ich? -- Ich hatte vor allen -überraschenden Verlegenheiten und Sorgen gar nicht können an meine -goldne Kett denken; jetzt beguck ich sie im Mondschein, und sie machte -mir doch großes Pläsier. -- Denn alle Auszeichnungen, die mir werden, -das weiß ich, die hab ich doch meinem Sohn zu danken, und wie soll das -eine Mutter nicht freuen? -- - -Ja, es war eine pläsierliche Fahrt in der Kastanienallee heimwärts. -Alle Baumschatten flogen im Vorbeifahren mir über meine geblendeten -Augen, die ganz in tiefen Gedanken mit der in den Mondstrahlen -blinkenden Kett sich beschäftigten. - -Es muß ein Weltengeist geben, der alle wahre und kräftig natürliche -Gefühle nicht in den Lüften verschwirren läßt. So ein Seufzer aus dem -Mutterherzen, auf der Darmstädter Chaussee, ist nicht dort geblieben -als irrender Geist herumzuschweifen. Er wird sein Ziel gefunden -haben, auch war mein Herz ganz feurig, und ich dacht, so wird auch -heut nacht die Frau Königin eine vergnügliche Ahnung von mir haben, -daß sie mich hat so in einen feurigen Rapport gesetzt mit meinem -Sohn, daß ich ihn da im Mondschein zwischen dem Baumgeflüster vor mir -schweben sehe, und kann die schönste Rede führen mit ihm, weil da -allerlei Meldungswürdiges mir begegnet ist. Ach was man sich nicht vor -unschuldige Unmöglichkeiten einbilden kann! -- Aber Muttergefühl ist -eine Wünschelrut, die schlägt in allen weiblichen Herzen an. Und die -Frau Königin auch wird nicht ohne Absicht das Verdienst als Mutter in -mir belohnt haben, sie wird gedacht haben: wenn sie doch auch so ein -Sohn möcht zur Welt bringen, der diese mit seiner Unsterblichkeit könnt -ausfüllen. -- So ein Wunsch ist kein schlecht Gebet für eine erhabne -Landesmutter -- er begreift das Wohl des ganzen Menschengeschlechts in -sich und es kann erhört werden, eben weil es der Müh wert ist so zu -beten, so lohnt es auch dem Schicksalsgott die Erfüllung. -- -- -- - -Frankfurter Bürgertum ist der best Adel, der sich bis jetzt noch in -alle Zeiten Respekt erworben hat. Welcher Staat kann sich des rühmen? -Nun, ich kann Euch sagen, als ich in der Nacht vors Tor kam, so freut -ich mich über die Maßen: »Sie müssen die Sperr bezahlen!« -- »Königlich -Equipage!« ruft der Lakai vom Bock herunter. -- Schildwach ruft: -»Heraus!« -- »Ei was!« sag ich, »freilich will ich die Sperr bezahlen. -Stecken Sie Ihnen Ihr Seitengewehr ein, Herr Leutnant, ich bins nur und -sonst niemand!« -- »Ei, um so besser, vor Ihnen präsentiere mer das -Gewehr mit Vergnüge.« -- Nun, als wir durch den Orkus durchgerumpelt -waren und endlich vor meinem Haus stillhalten, so kommt mir ein ganzer -Trupp von Basen und Vettern entgegen gestürzt. -- Ich sag: »Ei, was -wollt ihr dann? -- Es ist nachtschlafende Zeit!« -- »Ach, Gott seis -gedankt, daß wir Sie wieder vor unsern Augen sehen, lieb Frau Rat; -wir hatten gedacht, Sie wären arretiert! Die Jungfer Lieschen hat uns -in große Ängste zusammen getrummelt, es wär eine Order kommen von -Ihre Königliche Majestät von Preußen, grad wie Sie hätten wollen ins -Kirschenwäldchen fahren mit der Frau Bethmann; und kaum daß Sie sich -hätten was anziehen können, so wären Sie mit Eskorte von drei Mann -in einem zuenen Wagen mit vier Pferd forttransportiert worden. Und -so sitzen wir hier schon drei Stund und wissen nicht, was wir sollen -anfangen, und eben wollten wirs dem Herrn Bürgermeister melden, und wir -wären Ihnen nachgeeilt, aber die Jungfer hatte den Ort vergessen, wo -Sie waren hintransportiert worden.« -- -- - -»Nun, um Gotteswillen! Was sind das vor Sachen! -- Das Rätsel will -ich Euch morgen lösen; heunt will ich Euch nur eins sagen, daß die -Jungfer Lieschen eine Hahlgans ist, und ich seh wohl ein jetzt, daß ihr -die Haub heunt morgen nicht verkehrt auf dem Kopf gesessen hat, daß -ihr aber der Kopf verkehrt unter der Haub sitzt, davor will ich Euch -stehn. Ich bedank mich übrigens vor die Teilnahme; und wenn Sie einmal -arretiert werde sollten, so werd ich auch mein Bestes tun, Sie wieder -einzuholen. Übrigens, wer meine große Abenteuer genauer will erfahren, -der muß morgen kommen, heunt sind die Tore gesperrt.« -- - -Nun, wie ich die gute Nachbarn los war -- so mach ich der Lieschen erst -Vorwürf, wie sie so dumm könnt sein und mir die Leut über den Hals -trummelt. - -Nun nehm ich meine Sternblumenhaub vom Kopf herunter und stülp sie über -die Bouteille. Die hat heunt was mit mir erlebt -- ich eröffne meine -Enveloppe, die Lieschen erstarrt vor der goldnen Kett! -- Sie macht -mir Vorwürf, daß ich nicht gleich hab vor den Nachbarn, die um meine -Abwesenheit waren in Sorgen gewesen, meinen Mantel aufgemacht. »Und«, -sagt sie, »das war einmal nichts, daß die Frau Rat nicht gleich es -gesagt haben, und morgen bei Tag wird das lang so kein Effekt machen.« --- »Nun!« sag ich, »es ist nun emal geschehen, nun wollen wir uns ins -Negligé werfen und ins Bett legen und von denen viele Strabatzen uns -ausruhen!« -- - -Nun kommts endlich so weit, daß ich im Bett liege. -- Die Frau Bethmann -haben einen Korb mit den schönsten Kirsche mitgebracht aus dem -Kirschenwäldchen, und wenn mirs recht wär, so wollte sie mir zulieb -morgen noch einmal mit mir hinfahren. »Ei, freilich ist mir das recht! -Jetzt stell sie mir die treffliche Herzkirschen an mein Bett und die -Wasserflasche dabei, so werd ich wie eine Prinzeß mirs wohl sein lassen -und die ganze Nacht Kirschen fressen.« -- - -Aber die Lieschen hat keine Ruh, sie persuadiert mir noch über die weiß -Nachtjack die goldne Kett um den Hals -- und nun bewundert sie und -bedauert, daß es die Nachbarn von rechts und links und gegenherüber -nicht gesehn haben! »Nun!« sag ich, »schweig sie mit ihrem Lamento, es -ist emal vorbei; hätt ich ehnder dran gedacht, so hätt ichs freilich -ihne zeigen können, es würde sie im ersten Augenblick, wo sie noch -den Schreck in alle Glieder hatten über meine bewußte Arretierung, -noch mehr gefreut und überrascht haben!« -- »Ach!« ruft die Lieschen, -»die hab ich gleich wieder beisammen, es ist ja nit weit hin!« und eh -ich ihr auf ihre Dummheit Kontraorder geben kann, klappt sie mit ihre -Pantoffel die Trepp hinunter, ich hör die Haustür gehn, ich lieg da in -der Nachtjack im Bett mit meiner goldne Kett, mit meine Kirschen; ich -denk: Was soll das werden, alle Leut liegen um ein Uhr in der Nacht im -tiefsten Schlaf; seit wieviel Jahr hat ein gesunder Frankfurter die -Stern am Himmel um diese Zeit nicht gesehn; und nun poltert mir die -Lieschen die Menschen zusammen! -- Ja, richtig, da kommen sie schon mit -angepoltert! -- Nun, morgen wird die ganze Stadt sagen, ich wär nicht -recht gescheut. -- Jetzt, der erst Gesell, der die Tür aufmacht, sein -der Herr Doktor Lehr. »Ei, um Gottes wille, wie kommen Sie daher?« -- -»Ei, wie ich eben in Wagen steigen will bei der Frau Schaket, die eben -mit einem kleinen Sohn niedergekommen sind, da kommt Ihr Hausjungfer -Lieschen Hals über Kopf daher gerennt, und im Vorbeirenne frägt sie, -ob ich nicht wollt die schöne Kett sehen, die Ihne der König von -Preußen mit eigne Hände hat um den Hals gehängt!« -- Ei, die Lieschen -ist ja imstand und redet die ganz Stadt auf, um die Kett zu sehn, und -morgen werden die Leut sagen, ich war nicht recht gescheut! -- Nun, -weil der Doktor Lehr in Bewundrung über meine Kette dastehn, so kommen -die andern nachgepoltert, die all von der Lieschen und ihrer Neugierd -wieder aus dene Betten getrummelt waren, und ich hat nicht weniger wie -zehn Personen im Zimmer und ein fürchterlich Geschnatter! Ich sagt -aber nichts und ließ sie gucken und Glossen machen und aß ruhig meine -Kirschen auf, und mit der letzte Kirsch da sagt der Doktor Lehr: »Nun -werd ich meine Kindbetterin, noch eh ich nach Haus fahr, besuchen, und -werd von der golderne Kett noch erzählen!« -- »O«, sag ich, »schicke -Sie mir nicht auch noch die Stadthebamm übern Hals!« -- Jetzt, kaum -war der Doktor Lehr fort, so empfehle sich auch die Nachbarsleut und -bedanke sich, und ich mach meine Entschuldigungen, daß die Lieschen -ohne mein Wille sie hat wieder aus den Betten geholt, sie gaben aber -dem Lieschen ganz recht! -- Nun, wie sie der Tür drauß waren und ich -hör die Haustür gehn, war ich froh, daß ich endlich bei mir allein -war. Aber da knistert was an der Tür! -- Mein Schrecken! -- ich denk, -da ist am End heimlich ein Spitzbub hereingeschlichen, ich schrei um -Hilf, ich will eben ans Fenster springen und die Nachbarsleut wieder -herbeirufen, die noch nicht weit sein könne, da ich die Absätz von ihre -Schuh deutlich in der Fern widerhallen hör auf dem Straßenpflaster. -Aber da kommt ja wahrhaftig die Frau Ahleder herein, die Stadthebamm, -und sagt, der Herr Doktor Lehr hätts ihr gesagt, ich hätts erlaubt, -daß sie noch dürft komme und die goldern Kett sehn! -- »Ja«, sag ich, -»Frau Ahleder, sehe Sie nach Gefallen, aber ich bitt Sie um Gottes -willen, sagen Sies heut niemand wieder, damit ich doch noch einen -Teil von der Nachtruh genießen kann!« -- Nun, die war auch die letzt -Nachtvisit, aber acht Tag hintereinander strömte alle Leut zu mir, und -ich mußte viele alte Bekanntschafte erneuern und viel neue machen wegen -der Kett und mußt meine Geschicht von alle Seite erzähle, wo ich dann -unendlich viel Variation dabei angebracht hab und hab denen besuchende -Neugierigen einem jeden noch apart mit eingeflochten, was ich meint, -daß ihm not wär zu bedenken. Den ersten Tag war ich durchgewitscht -ins Kirschenwäldchen, da sind sie mir ja all nachkommen zu Fuß und zu -Wagen, und das ganze Kirschenwäldchen war gestopft voll Zuhörer, und -die Gassenbuben haben Spalier gemacht um mich herum, und ich mußt eine -Prachterzählung machen, und ich wärs beinah satt geworden, ich war -froh, wie sich der erst Sturm gelegt hatte. Nun, heunt hab ich wieder -einmal die alt Geschichte mit besonderm Pläsier aufgewärmt, und ich -hoffe, daß sie Euch wird eingeleuchtet haben. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Friedrich Theodor Vischer: - -Die Tücke des Objekts. - - -Vorbemerkung des Herausgebers. - - Der nachfolgende Abschnitt ist dem großen, humoristisch-satirischen - Reiseroman »Auch Einer« entnommen, den Vischer im Jahre 1879 - veröffentlichte. Eine Fülle geistsprühender Aphorismen, scharf - pointierte Betrachtungen über alle Dinge in Kunst und Leben ranken - in bunten Verschlingungen in diesem Buch, das mit derbem Behagen - und kräftigem Humor einen Menschen schildert, den Reisebekannten - A. E. (Auch Einer), der sich der Tücke des Objekts, d. h. der - Widerwärtigkeiten all der kleinen, störenden, an sich unbedeutenden - Zufallsdinge des Alltags nicht erwehren kann. Auf einer Reise in - die Schweiz macht der Dichter die Bekanntschaft des sonderbaren - Helden. Gleich in der ersten Nacht, die sie im selben Hotel Wand an - Wand verleben, lernt der Dichter aus dem Munde des Herrn A. E. die - widerwärtige Tücke des Objekts kennen. Vischer erzählt: - -[Illustration] - - -Ich konnte lang nicht einschlafen, hörte meinen Wandnachbar in sein -Zimmer treten, sich auskleiden und zu Bett legen. Das Haus war so -hörsam, daß selbst das Nagen einer Maus im Nebenzimmer meinem Ohre -nicht entging. Den unbekannten Bewohner desselben hielt ich für -längst eingeschlafen, als ich die Worte vernahm: »Ach es fängt an.« -Es war die Stimme meines armen Verkälteten. Was denn auch wirklich -anfing, war ein scharfes Husten und häufiges starkes Räuspern und -Spucken, das, von tiefen Seufzern unterbrochen, zu meiner eignen Qual -wohl eine Stunde dauerte, dann aber einem fürchterlichen Schnarchen -Platz machte, das im ganzen Register einer Orgel sich hin und her -bewegte, oft von stoßenden, plötzlich abschnappenden Tönen und bangen -Pausen unterbrochen, worin der musikalische Schläfer nach Atem zu -ringen schien. Ich hätte ernstlich für seine Lunge gefürchtet, wenn -nicht seine Gesichtsfarbe, gewölbte Brust, Energie der Bewegungen, -wie ich sie während des Tags beobachtet hatte, eine ausdauernde -Widerstandskraft verbürgt hätten. Endlich schlief ich doch selbst -ein, freilich nur, um sehr früh geweckt zu werden und zwar durch ein -Auf- und Abgehen meines Nachbars, das mit Geräuschen wechselte, aus -denen ich auf ein ungeduldiges Suchen in Schubladen, auf Tischen, in -allen Geräten des Zimmers schließen mußte. Das Laufen, Stöbern wurde -immer heftiger, ein Selbstgespräch, das diese wilden Bewegungen zuerst -leis begleitete, wurde lauter und lauter und ging dann in wütende -Ausrufungen, endlich in einen Hagel von Flüchen über, die in der Tat -nicht christlich, vielmehr türkisch, ja heidnisch zu nennen waren -und von einem wütenden Stampfen und Wettern begleitet wurden. Ich -hielt es nicht mehr aus, der Mensch schien mir rein toll geworden, ich -kleidete mich flüchtig an, klopfte an seiner Tür und trat, in meiner -Aufregung die Form vernachlässigend, ins Zimmer, ohne auf das »Herein« -zu warten. Mit zornsprühenden Augen, hochrot im Gesicht, fuhr der -Bewohner auf mich zu, er schien mich an der Kehle packen zu wollen; -plötzlich aber faßte er sich, stand unbewegt vor mir, sah mich mit -durchdringendem Blick an und sagte ruhig streng: »Mein Herr, Sie führt -ein Bildungsbedürfnis hier herein.« Es war mit meinem Gewissen nicht -sonderlich bestellt, denn ich hatte doch eine Formverletzung begangen; -dies machte mich wehrlos, ganz kleinlaut sagte ich: »Ja«, und fragte -nun, was er denn aber ums Himmels willen eigentlich habe. A. E. -- so -wollen wir meinen Reisebekannten von nun an der Kürze halber nennen --- fiel jetzt wieder in seinen Wutzustand und schrie mit Donnerlaut: -»Meine Brille, meine Brille! Die Canaille hat sich wieder einmal -verkrochen -- vom Schlüssel, dem kleinen Teufel, vorerst nicht zu -reden!« - -»Also Ihre Brille suchen Sie? Ist dies Objekt es wert, daß man in -solche Wut gerate? Kennen Sie denn auch gar keine Geduld?« - -Er wollte gegen mich auffahren, faßte sich aber auch diesmal wieder, -sah mich an und sagte: »Schraubenschlüssel? Pfropfzieher?« - -»Was soll das?« - -»Nun, neulich träumte mir schrecklicherweise, ich habe eine Frau; -ich lachte sie aus, daß sie die Zeitung unaufgeschnitten lese und -jahrelang eine Schublade dulde, die nicht geht. Hierauf hielt sie -mir eine Geduldpredigt und verlangte, ich solle zur Übung dieser -Tugend an meinem Rock statt Knopflöcher und Knöpfe Schrauben und -Schraubenmütter tragen, die sich ja ganz elegant von blau angelaufenem -Metall herstellen ließen, oder auch Pfröpfe, und ich könnte jedesmal, -wenn ich den Rock öffnen wolle, jene mit einem Schraubenschlüssel, -diese mit einem Pfropfzieher aufmachen. -- O was! ein Weib ist fähig, -über einen Schrank einen Teppich so zu legen, daß er über die oberste -Schublade überhängt und, so oft diese gezogen und geschlossen wird, -sich einklemmt! Mein Herr, das Weib hat +Zeit+ für den Kampf mit dem -Racker Objekt, sie +lebt+ in diesem Kampf, er ist ihr Element; ein Mann -darf und soll keine Zeit hiefür haben, er braucht seine Geduld auf für -das, was der Geduld +wert+ ist. Über die Zumutung, beides zu verwenden -an das Unwerte, kann, darf, soll er wüten! Sie können doch wissen, -daß die elenden Objekte, diese Igel, diese Nickel, sich nie lieber -einhaken, als wenn wir die höchste Eile haben, etwas fertig zu bringen, -was nötig und vernünftig ist! Elender Bettel, nichtswürdiger Knopf oder -Knäuel eines Bündels, Lorgnettenschnur, die sich um meinen Westenknopf -wickelt, just, wenn es auf der Eisenbahn aufs äußerste eilt, einen -klein gedruckten Fahrplan nachzusehen, ich hab' ja keine Zeit, keine -Zeit für euch! Und wenn ich tausend Blutigel an die Ewigkeit setze, sie -ziehen mir nicht eine Sekunde Zeit für euch heraus!« - -»Was nützt aber die Wut?« - -»O geistlos! Hat es Luther nichts genutzt -- falls von Nutzen die Rede -sein soll -- wenn er den Teufel fortschalt? Wißt ihr denn nichts von -Entlastung der armen Seele? Von der köstlichen Arznei, die im Fluchen -liegt?« - -Der böse Geist kam mit neuer Gewalt über ihn, er schoß wütend im Zimmer -hin und her und ergoß eine Flut von Schimpfwörtern auf die arme Brille. -Ich suchte inzwischen am Boden herum; ich hob ein paar Hemden weg, die -blank, aber zerzaust umherlagen, und mein Blick fiel auf ein Mausloch -in einem Bretterspalt; ich glaubte, darin etwas schimmern zu sehen, -strengte meine Augen an, die sich einer guten Sehkraft erfreuen, und -die Entdeckung war gemacht; ich nahm den schwergeärgerten Mann leicht -am Arm und deutete schweigend auf die Stelle. Er stierte hin, erkannte -die vermißten Gläser und begann: »Sehen Sie recht hin! Bemerken Sie -den Hohn, die teuflische Schadenfreude in diesem rein dämonischen -Glasblick? Heraus mit dem ertappten Ungeheuer!« - -Es war nicht leicht, die Brille aus dem Loch zu ziehen, die Mühe stand -wirklich im Mißverhältnis zum Werte des Gegenstands, endlich war es -gelungen, er hielt sie in die Höhe, ließ sie von da fallen, rief mit -feierlicher Stimme: »Todesurteil! ~Supplicium!~« hob den Fuß und -zertrat sie mit dem Absatz, daß das Glas in kleinen Splittern und Staub -umherflog. - -»Ja, jetzt haben Sie aber ja keine Brille,« sagte ich nach einer Pause -des Staunens. - -»Wird sich finden, diese Teufelsbestie wenigstens hat ihre Strafe -für jahrelange unbeschreibliche Bosheit. Kommen Sie, da, sehen Sie« -Er zog seine Uhr heraus; es war eines der ordinärsten, in der Tat -gemeinsten Produkte der horologischen Industrie, ganz Zwiebel. »Statt -dieses redlichen, treuen Wesens«, fuhr er fort, »fungierte früher eine -goldene Repetieruhr, die, ich kann es sagen, ihr Stück Geld gekostet -hatte; sie vergalt dieses Opfer jahraus jahrein mit Tücken jeder Art, -ging nie recht, benutzte arglistig jede Gelegenheit, zu fallen, sich -zu verstecken, Gläser zerbrachen so viele, daß es mich bald an den -Bettelstab gebracht hätte, endlich setzte sie sich mit dem Haken der -goldenen Uhrenkette in Einverständnis, in Verschwörung. Mit den Haken, -mein Herr, hat es nämlich eine eigne Bewandtnis. Das Tendenziöse, -was im Objekt überhaupt liegt -- darüber wäre einiges zu sagen, mein -Herr, aber das ist von langer Hand -- das Tendenziöse spricht sich -so offenkundig in der Galgenphysiognomie der Haken aus, daß man im -Umgang mit diesen hämischen Gesichtern leicht unvorsichtig wird; man -denkt: dich kenne ich ja, dich verrät deine griffige, vor sich selbst -warnende Bildung, du wirst mich nicht überlisten; eben darüber wird -man im Gegenteil fahrlässig. Ganz umgekehrt verhält es sich bei so -manchen andern Objekten. Wer sollte zum Beispiel einem simplen Knopf -seine Verruchtheit ansehen? Aber ein solcher Racker hat mir neulich -folgenden Possen gespielt. Ich ließ mich gegen alle meine Grundsätze -zur Teilnahme an einem Hochzeitsschmaus verleiten; eine große silberne -Platte, bedeckt mit mehrerlei Zuspeisen, kam vor mich zu stehen; ich -bemerkte nicht, daß sie sich etwas über den Tischrand heraus gegen -meine Brust hergeschoben hatte; einer Dame, meiner Nachbarin, fällt die -Gabel zu Boden, ich will sie aufheben, ein Knopf meines Rockes hatte -sich mit teuflischer List unter den Rand der Platte gemacht, hebt -sie, wie ich schnell aufstehe, jäh empor, der ganze Plunder, den sie -trug, Saucen, Eingemachtes aller Art, zum Teil dunkelrote Flüssigkeit, -rollt, rumpelt, fließt, schießt über den Tisch, ich will noch retten, -schmeiße eine Weinflasche um, sie strömt ihren Inhalt über das weiße -Hochzeitkleid der Braut zu meiner Linken, ich trete der Nachbarin -rechts heftig auf die Zehen; ein andrer, der helfend eingreifen will, -stößt eine Gemüseschüssel, ein dritter sein Glas um -- o, es war ein -Hallo, ein ganzes Donnerwetter, kurz ein echt tragischer Fall: die -zerbrechliche Welt alles Endlichen überhaupt schien in Scherben gehen -zu wollen; mich ergreift die Stimmung des Erhabenen, ich fasse zunächst -eine Champagnerflasche, trete ans Fenster, öffne es, schwinge sie -empor, der Bräutigam fällt mir in den Arm, ich erzürne mich, es gibt -bös Blut, die Braut war ohnedies halb ohnmächtig, kurz -- ich mag nicht -weiter erzählen, denn nun wurde die Sache komisch.« - -»Ernst, wollen Sie sagen?« - -Er staunte mich an wie einen Menschen, der alle gesunden Begriffe -verwirrt; ich verzichtete auf weiteres Eingehen und bat ihn, das -Trauerspiel von Haken und Uhr zu vollenden. - -»Ja so, ja, also: der Haken schlich in einer Nacht über das Tischchen, -worauf ich die Uhr achtsam gelegt, leise hinüber nach dem Bett, -nestelte sich in eine Naht des Kissenüberzugs ein, das Kissen war mir -überflüssig, ich hob es rasch und warf es an das Fußende des Bettes, -die Uhr nun natürlich mit; in einem prächtigen Bogen schwang sie sich -an die Wand und fiel mit zersplittertem Glase nieder. Es war genug. Ich -zertrat sie feierlich wie diese Verbrecherin von Brille, der Kobold gab -dabei einen Ton von sich, einen Pfiff wie eine verfolgte Maus, ich kann -schwören, daß es ein Laut war, der nicht im Umfange der physikalischen -Natur liegt. Nun, dann habe ich mir hier diese bescheidene Zeigerin -der Zeit um niederträchtig geringes Geld gekauft; betrachten Sie die -Gute: bemerken Sie den Ausdruck von Biederkeit in diesen schlichten -Zügen; seit zwanzig Jahren dient sie mir -- unberufen, unberufen! -- -treu und ehrlich, ja, ich kann sagen, nicht +einen+ Verdruß hat sie mir -bereitet. Die goldene Uhrenkette hat jetzt mein Bedienter, der Haken -wurde zu schmachvollem Tod in der Kloake verdammt, und ich trage meine -redliche Zwiebel an dieser sanftgearteten seidenen Schnur; Johann, der -muntre Seifensieder.« - -A. E. war während dieser Darstellung, in deren Breite er sich zu -gefallen schien, ganz ruhig geworden und fuhr gelassen fort: - -»Jetzt das übrige! Die übrige Geschichte dieser schwarzen Morgenstunde! - -»Zuerst springen an drei Hemden die Knöpfchen ab, da ich sie anziehen -will. Ja, ja, so ein Hemdknopf! Ein Bär stellt sich ehrlich zum Kampf; -ich weiß, was ich zu tun, wie ich meine Waffe anzuwenden habe; einen -hundertjährigen Eichbaum kann ich mit Kraft und Ausdauer umhauen; aber -der Knirps! Ich soll Kraft anwenden, denn die Bestie will absolut -nicht durchs Knopfloch, und ich soll sie zugleich ebensosehr gar nicht -anwenden, sondern ganz fein und leicht mit den Fingerspitzen arbeiten, -und indem ich mich placke, schinde, abrackere, foltere, töte, das -Widersprechende zu leisten -- o lustig! springt die Schmachkanaille -erst recht ab! Die Teufel nehmen Besitz vom Weibe, uns dies Scheußliche -zu bereiten. Ich habe es von glaubwürdigen, wahrheitliebenden und -besonnenen Ehemännern: wegen der Hemdknöpfchen heiratet man, und dann -ist es erst recht nichts damit. -- Weiter! -- Nur im Vorbeigehen will -ich anführen, daß mich zuerst beim Ankleiden ein höchst ränkesüchtiges -Armloch gute fünf Minuten lang insultiert hat -- dabei blieb ich aber -noch ganz ruhig -- denn ich kann mich beherrschen, mein Herr! Nun aber -sehen Sie diesen Schlüssel« -- er zog einen kleinen Schlüssel hervor, -der wohl zu seiner Reisetasche gehörte -- »und sodann diesen Leuchter!« --- er hielt mir den metallenen Leuchter umgekehrt vors Auge, so daß -ich in die Höhlung seines Fußes sah -- »was glauben, was denken, was -sagen Sie?« - -»Ja, was weiß denn ich?« - -»Stark eine halbe Stunde lang habe ich heute morgen diesen Schlüssel -gesucht -- es war zum Rasendwerden, da finde ich ihn endlich, sehen -Sie, so!« Er legte den Schlüssel auf das Tischchen am Bett, stellte den -Leuchter darauf; der Schlüssel fand just, wie ausgemessen, Platz unter -dem Leuchterfuß. - -»Wer kann nun daran denken, wer auf die Vermutung kommen, wer so -übermenschliche Vorsicht üben, solche Tücke des Objekts zu vermeiden! -Und dazu lebe ich! An solches hündische Suchen muß ich meine arme, -kostbare Zeit verschwenden! Suchen, suchen, und wieder suchen! Man -sollte nicht sagen: so und so lang hat A. oder B. gelebt, nein: -gesucht! -- Und ich bin sehr, sehr pünktlich, glauben Sie mir das!« -- - -»Jawohl ist das Leben ein Suchen,« sagte ich mit einem Seufzer, der -scheinen konnte, den Mühen des Lebens zu gelten, während er in Wahrheit -von der Langeweile ausgepreßt war, da die breite Beschäftigung mit dem -Bagatell mich denn doch zu ermüden begann. Daher denn auch die flache -Bemerkung selbst, die nur um jeden Preis nach einem Inhalt abzulenken -suchte. - -Ich kam schlecht an. »So, mein Herr, symbolisch?« sagte er. »Und das -soll dann tiefer sein! Ah! O!« - -»Nun, was denn?« - -»Sehen Sie, mein Herr, suchen im bildlichen Sinn, darüber, daß das -Leben so ein Suchen ist, darüber klage ich nicht, darüber sollen Sie -nicht seufzen. Das Moralische versteht sich immer von selbst. Ein -rechter Kerl sucht, strebt und beschwert sich nicht darüber, sondern -ist glücklich in diesem Unglück der aufsteigenden und nie anlangenden -Linie des Lebens. Das ist unser oberes Stockwerk. Aber die Zugabe, die -Hundenot gleichzeitig im untern Stockwerk des Lebens -- davon ist die -Rede. Da ist also zum Beispiel das Suchen, das so toll, so nervös, -so wahnsinnig macht. Man verfällt ja dabei immer in den Theismus. -Der liebe Gott, der oben herunterschaut, der die Haare auf unserm -Haupte zählt, der mich nun stundenlang meine Brille suchen sieht -- -er sieht ja auch die Brille, weiß recht gut, wo sie liegt -- ist es -zum Ertragen, nun denken zu müssen, wie er lachen muß? -- Allgütiges -Wesen! Meinen Sie, ein solches würde ferner den Katarrh zulassen? -Leben -- Suchen -- Spucken! Da sagen die törichten Menschen von einem -Ausgedienten, von einem Erlösten, von dem sie meinen, er gehe als Geist -um, er spuke! Dummes Zeug, aus hat er gespuckt! O, wir sind geboren, zu -suchen, Knoten aufzudröseln, die Welt mit Hühneraugen anzusehen, und -ach! zu niesen, zu husten und zu spucken! Der Mensch mit seines Hauptes -gewölbter Welt, mit dem strahlenden Auge, dem Geist, der in die Tiefen -und Weiten blitzt, mit dem Fühlen, das mit Silberschwingen zum Himmel -aufsteigt, mit der Phantasie, die ihres Feuers goldene Ströme ausgießt -über Berg und Tal und sterblich Menschenbild zum Gott erklärt, mit dem -Willen, dem blanken Schwert in der Hand, zu schlichten, zu richten, zu -bezwingen, mit der frommen Geduld zu pflanzen, zu pflegen, zu wachen, -daß der Baum des Lebens wachse, gedeihe und Himmelsfrucht jeder sanften -Bildung trage, der Mensch mit der Engelsgestalt des ewig Schönen im -ahnenden, sehnenden Busen -- ja, dieser Mensch verwandelt in einen -schleimigen Mollusken, zur klebrigen Auster erniedrigt, ein Magazin, -ein Schandschlauch für vergärenden Drüsensaft, eine Schneuzmaschine, -im Hals ein zackig Kratzeisen, ein Nest von Teufeln, die mit feinen -Nadeln nächtelang am Kehlkopf kitzeln, die Augen trübe, das Hirn dumpf, -stumpf, verstört, der Nerv giftig gereizt, und dabei erst nicht als -Kranker geltend, noch geschont -- und da soll es einen Gott --!« - -Hier geriet mein Gottesleugner in ein Niesen und Husten so -teilnahmwerter Art, daß ich eine Bemerkung, die mir auf der Zunge lag: -der Katarrh sei denn doch nicht der gewöhnliche Zustand des Menschen, -gern unterdrückte; ich konnte freilich ohnedies ahnen, daß ich schlecht -damit gefahren wäre. Dagegen wollte ich mich doch nicht enthalten, als -der Paroxismus zu Ende war, vorzubringen: »Aber was machen Sie denn, -wenn Sie ernstlich, schwer krank sind?« - -A. E. war inzwischen daran, sich reisefertig zu machen, wurde über -einem Hindernis, das sich an der Rückseite seiner Beinkleider zu -befinden schien, noch einmal sichtlich aufgeregt, trat plötzlich hart -vor mich, machte straff wie ein Soldat rechtsum kehrt und schrie sehr -laut und schroff: »Hier!« - -Ganz verdutzt, als ich nun so breit seinen Rücken vor mir hatte, dachte -ich, ob denn dies der Anfang des versprochenen Bildungsunterrichts sein -solle; er ließ mir ziemlich Zeit zur Betrachtung, bis der Aufschluß -kam: »Sehen Sie die Lappen am Hüftgurt? sind fünfmal, sage fünfmal beim -Schneider gewesen vor der Abreise; zuerst zu lang oder zu weit, dann -wieder zu kurz oder zu eng, dann beides noch einmal so -- nun? wie -steht's mit der Theologie?« - -Ich verstand jetzt, daß ich sehen sollte, wie die Lappen einander zu -nah angenäht waren, die Gürtung also nicht genug angezogen werden -konnte; er war zufrieden, als ich mein Verständnis kund gab, und nun -schien der Sturm ausgetobt zu haben. Meine vorige Bemerkung fiel ihm -jetzt wieder ein. - -»Was haben Sie von recht Kranksein gesagt? Nun, das ist ja Geduld wert. -Das Moralische versteht sich immer von selbst.« - -Er hatte inzwischen seine Reisetasche gepackt, wobei er, wie ich -bemerkte, sehr geschickt zu Werke ging; es galt, viele Kleinigkeiten -in engen Raum zusammenzufügen, und er brachte es ganz nett zustande; -Ungeschicklichkeit, das sah ich, konnte nicht die Ursache des -Kriegszustandes sein, in dem er mit dem Bagatell sich befand. Er -sagte mir nun, er wolle seine Reise auf der Axenstraße am See zu Fuß -fortsetzen. Leicht konnte er sich denken, daß ich wahrscheinlich -ebendasselbe vorhabe, der Gedanke eines Zusammenwanderns lag, da wir -denn doch schon Bekannte waren, nahe genug, aber es fiel ihm nicht -ein, auch nur einen Wink zu geben, der entfernt einer Einladung -gleichgesehen hätte. Ich dachte, er erwarte, daß ich mich ihm erst -vorstelle, und begann: »Erlauben Sie, es ist doch wohl Zeit, daß ich -mich Ihnen --« - -Er unterbrach mich: »Bitte, danke, lieber nicht -- verzeihen Sie, es -ist nicht Maske, nicht Geheimtuerei von mir, gewiß nicht, liebe aber, -auf der Reise wenigstens, alles klar, frei. Name und Stand macht -Nebengedanken, führt auf Namen-Etymologie und dergleichen, wir sind -eben jeder ein Ich, eine Person oder, wie Fischart sagt, seelhaftes -Lebwesen; wir befinden uns besser so.« - -Ich war nun schon im Zuge, dem wunderlichen Kauz nichts übel zu nehmen, -und da, wie ich gestehe, meine Neugierde nach Namen und Stand eben -auch nicht groß ist, so ließ ich mir's unschwer gefallen, daß ich auch -nicht erfahren sollte, wen ich eigentlich vor mir habe. Ich reichte auf -der Schwelle die Hand zum Abschied, und A. E. wollte sie eben nehmen, -als ihm einfiel, daß er doch erst frühstücken sollte; dieses Werk -wenigstens noch gemeinsam zu verrichten, dagegen schien er denn doch -nichts zu haben, und so stieg ich mit ihm in die »~salle à manger~« -hinab. - -[Illustration] - -Beim Eintreten bemerkte ich, daß er einen ängstlich suchenden Blick -nach den vier Ecken des Saales, und zwar auf den Fußboden, warf; -der Blick kehrte beruhigt zurück, als er in der vierten ein kleines -Gerät bemerkte, das hustenden Menschen erwünscht sein mag; mit -höchst gemütlichem Tone sagte er: »Der Saal ist doch ganz ordentlich -möbliert,« und von da schien eine erträglich gute Laune bei ihm -einzutreten. Das Frühstück stand nach Art der Schweizer Gasthöfe in -diesen Frühstunden stets bereit, und A. E. -- nachdem er Honig und -Butter heftig weggeschoben hatte -- griff rüstig zu, ich desgleichen. -Wir waren allein im Saale, doch bald trat ein dritter Reisender ein. -Es war ein Mann von gesetzten Jahren, er trug ein Staubhemd von -ungebleichter Leinwand mit einem kleinen, über die Schultern hängenden -Kragen und auf dem Rücken einen nicht ungewichtigen Leinwandtornister, -auf seiner Stirn lag ein bemerklicher Wanderschweiß, man sah, er hatte -diesen Morgen schon einige Stunden zurückgelegt; er legte seine Last -ab, stellte den soliden, bauschigen Regenschirm in eine Ecke, nicht -ohne ihn mit einem Blick zu betrachten, der eine innere Zufriedenheit -mit dem gediegenen und nützlichen Gerät ausdrückte, begab sich rasch -an den Tisch, setzte sich an sein andres Ende, rückte sich den Stuhl -recht nahe, zog eine Brille hervor, besah sich, was aufgesetzt war, -schien mit der Vollständigkeit der Dinge, die zu einem englischen -Frühstück gehören, sehr einverstanden und begann mit dem vollen -Ausdruck einer Seele, die sich bewußt ist, daß ihr Leib sein Frühstück -redlich verdient habe, die genußverheißende Arbeit des Schneidens -und Butterstreichens. Es war leicht zu ersehen, daß der Mann dem -Gelehrtenstande angehören mußte, und seine etwas bleiche Gesichtsfarbe -legte den Schluß nahe, daß er zu jener Gattung der Gebirgsreisenden -gehören möge, die durch starke Fußmärsche in Ferien einzubringen -suchen, was sie durch sitzende Lebensart das Jahr hindurch ihrem -Organismus Leides zufügen müssen. - -A. E., der inzwischen die Eßlust gestillt, schien zum Abmarsch keine -besondere Eile zu haben, steckte sich gemächlich eine Zigarre an -und begann zu mir: »Sie geben also zu, daß die Physik eigentlich -Metaphysik ist, Lehre vom Geisterreich. Das heißt, ich vermute, daß -Sie es zugeben, wiewohl ich es Ihnen philosophisch eigentlich noch -nicht begründet habe, denn was Sie sicherlich bereits erkannt haben, -das ist die allgemeine Tendenziosität, ja Animosität des Objekts, des -sogenannten Körpers, was die bisherige Physik geistlos mit Namen wie: -Gesetz der Schwere, Statik und dergleichen bezeichnet hat, während es -vielmehr aus Einwohnung böser Geister herzuleiten ist.« - -Der Fremde hatte inzwischen einen länglichen Brotlaib höchst -kunstgerecht wie man es wohl im »Kurmärker und die Picarde« -vom preußischen Landwehrmann verrichten sieht, der Länge nach -entzweigeschnitten und war eben beschäftigt, die Butter schön und -glatt wie mit einem Modellierholz aufzustreichen; er hielt bei diesen -Worten einen Augenblick inne, warf unter den buschigen Brauen einen -sonderbaren Blick nach uns herüber und fuhr dann nachdenklich in seinem -plastischen Geschäfte fort, indem er öfters mit einem Ausdruck von -Staunen und Ironie den Kopf hin und her wiegte. Es kam mir der Gedanke, -ob A. E. auf ihn berechne. Es schien entschieden nicht. Er hatte auf -den Eintretenden nur einen raschen Blick geworfen, freilich einen -scharf erfassenden, denn sein Auge pflegte zu blicken, als wäre eine -fest greifende Hand darin, doch nicht ein Zeichen ließ vermuten, daß er -sich weiter um den Unbekannten kümmere. - -»Animos,« fuhr er fort, -- »haben Sie denn auch nur schon beobachtet, -wie das fallende Papierblatt uns verhöhnt? Sind sie nicht wahrhaft -graziös, die Spottbewegungen, womit es hin und her flattert? Sagt nicht -jeder Zug mit blasiert eleganter Frivolität: doch noch gewonnen!? O, -das Objekt lauert. Ich setze mich nach dem Frühstück frisch, wohlgemut -an die Arbeit, ahne den Feind nicht. Ich tunke ein, zu schreiben, -schreibe: ein Härchen in der Feder, damit beginnt es. Der Teufel will -nicht heraus, ich beflecke die Finger mit Tinte, ein Flecken kommt aufs -Papier -- dann muß ich ein Blatt suchen, dann ein Buch und so weiter, -und so weiter, kurz, der schöne Morgen ist hin. Von Tagesanbruch bis -in die späte Nacht, solang irgend ein Mensch um den Weg ist, denkt -das Objekt auf Unarten, auf Tücke. Man muß mit ihm umgehen, wie der -Tierbändiger mit der Bestie, wenn er sich in ihren Käfig gewagt hat; -er läßt keinen Blick von ihrem Blick und die Bestie keinen von seinem; -was man da von der moralischen Gewalt des Menschenblickes vorbringt, -ist nichts, ist Märchen; nein, der starre Blick sagt dem Vieh nur, daß -der Mensch wacht, auf seiner Hut ist, und Blick gegen Blick, gleich -fix gespannt, lauert es denn, ob er sich einen Augenblick vergesse. -So lauert alles Objekt, Bleistift, Feder, Tintenfaß, Papier, Zigarre, -Glas, Lampe -- alles, alles auf den Augenblick, wo man nicht acht -gibt. Aber um Gottes willen, wer kann's durchführen? Wer hat Zeit? -Und wie der Tiger im ersten Moment, wo er sich unbeobachtet sieht, -mit Wutsprung auf den Unglücklichen stürzt, so das verfluchte Objekt; -plumper oder feiner, wie es kommt, diabolisch fein zum Beispiel das -Eisenfeilstäubchen, das mir ins Auge flog am Morgen, als ich eine -Fußreise antreten wollte, auf die ich mich lange gefreut, und das mich -ums Auge zu bringen drohte -- o, überhaupt: glauben Sie, wenn ein -ordentlicher Mensch reisen will, halten die Teufel ein ökumenisches -Konzil -- Vorschläge -- Anträge -- Amendements -- zum Exempel: -Antrag: Hühnerauge, Amendement: unter dem Nagel; oder Antrag: Grimmen -auf der Eisenbahn, Amendement: in Gesellschaft einer Dame; Antrag: -schlecht Wetter, Amendement: zerrissene Schuhe und die neuen zu eng. -Doch nicht immer waltet aggressive Form. Das Objekt liebt in seinem -Teufelshumor namentlich das Verschlupfspiel. Wie die gute, sorgende, -schützende Natur einige Tiere dem Boden gleich färbt, bildet, auf -dem sie leben, sich nähren, damit sie der Feind schwerer entdecke --- Raupe, Schmetterling der Baumrinde, dem Baumblatt, Hase der Erde -gleich -- so verfahren auch gern die Dämonen: zum Beispiel rotbraunes -Brillenfutteral versteckt sich auf rotbraunem Möbel; doch Haupttücke -des Objekts ist, an den Rand kriechen und sich da von der Höhe -fallen lassen, aus der Hand gleiten -- du vergissest dich kaum einen -Augenblick und ratsch --« - -Wir hörten in diesem Augenblick ein kleines Geräusch von der Seite des -dritten Gastes her, sahen ihn hastig unter den Tisch fahren und mit -einem Körper in der Hand wieder auftauchen, den er mit großem Schrecken -und darauf folgender tiefer Wehmut betrachtete. Es war sein zuerst -mit Butter, dann mit Honig ebenso korrekt gestrichenes als korrekt -geschnittenes Brot, und dasselbe war -- »natürlich« würde A. E. sagen --- auf die gestrichene Seite gefallen. - -Ich unterdrückte nur notdürftig einen mächtigen Lachreiz, denn es war -doch auch gerade, als ob das »Ratsch« und das Fallen des Brotes in -einem geisterhaften Kausalitätsverhältnis gestanden wären. A. E. sah -ganz ernst hinüber und nickte sanft mit dem Kopfe, ohne einen Zug des -Spottes, ja eher mit einem Zug der Teilnahme, als wollte er sagen: -das kennen wir armen Sterblichen. Der Fremde schoß jetzt nicht nur -einen, sondern eine Batterie von Blicken, grimmigen, auf uns herüber -und machte sich höchst verdrießlich an das Geschäft, dem unheilbaren -Schnitten einen entsprechenden Nachfolger hervorzubringen. - -A. E. fuhr ruhig fort: »Dann ist es überhaupt so eine Sache mit -dem Ding da, den zwei Dingen, was Kant die reinen apriorischen -Anschauungsformen nannte.« - -»Raum und Zeit?« - -»Eben. Was ist der Raum denn andres, als die unverschämte Einrichtung, -vermöge deren ich, um den Körper ~a~ hierherzusetzen (-- er zeigte es -an Tassen, Kannen, Körbchen, Flaschen, Gläsern, die etwas dicht auf dem -Tische standen --), vorher ~b~ dort weg, um Platz, für b zu bekommen, -wieder ~c~ da hinwegstellen muß und so mit Grazie ~in infinitum~ --? -Und die Zeit? Das ist dasjenige, was man dazu doch nicht hat. Denn -Donnerwetter und alle tausend Teufel, leben wir dazu, um zehn Griffe -nötig zu haben zu dem, was kaum eines Griffs wert ist!« - -Der Unbekannte bewegte jetzt stärker und ärgerlich lachend den Kopf hin -und her und eine sichtbare Unruhe kam ihm in die Beine. - -A. E. war nun gut im Zuge. »Ein andermal«, fuhr er fort, »sind die -Nickel unverschämt in entgegengesetzter Richtung. Jetzt will zusammen, -was nicht zusammengehört. Kennen Sie eine der verfluchtesten Formen: -das Mitgehen? Wenn so ein liebenswürdiges Blatt, das zum Aktenstoß Y -gehört, beim Ordnen, Aufbewahren zu unterst an Faszikel Z hinkriecht -und mit hinein in das Schubfach schlüpft und sich über Tag, Woche -oder Jahr nicht finden, sich suchen läßt unter Verzweiflung, Wut, -Rennen bis zum Wahnsinn? Dagegen ist so was, wie das bekannte, ewige -Unterschlüpfen der Damenkleider unter den Stuhlfuß des Nachbars nur -ein kleiner, zierlich pikanter Spaß des teufelbesessenen Objekts, -doch interessant als allein schon hinreichend, unsre dumme Physik zu -stürzen, denn wer könnte so etwas mechanisch erklären?« - -Jetzt fuhr der Fremde auf mit dem Ruf: »Es wird zuviel!« stieg mit -straffen Schritten auf uns los, pflanzte sich vor A. E. auf und -mit Zornblick rief er: »Mein Herr! Wissen Sie, ich bin Professor -der Physik! Sie haben mir aber auch gleichsam mein Butterbrot -hinuntergeworfen!« - -A. E. verweilte auf dem Mann mit einem ganz gelassenen, ganz -kontemplativen Blick und schwieg. Was werden sollte, wer konnte es -wissen? Plötzlich stieg ihm eine flammende Röte ins Gesicht, seine -Augen funkelten, er fuhr auf, und ich, da ich meinen Mann eben doch -noch nicht so ganz kannte, wurde schon für den Frieden besorgt, als -er mit Sturmschritten, ja mit Sätzen wie ein Panther quer über das -Zimmer nach einer Ecke schoß, wo das oben zart erwähnte Gerät stand, -und nun ging ein Husten, Niesen mit untermischtem Schlucken, seltsamen, -wilden Gurgel- und Schnapptönen, ein so schreckliches Glucksen, -Kollern, Fauchen, Raspeln, Schnarren, Stöhnen, schußartiges Bellen los, -als hörte man die rasende Musik eines Chors von Höllengeistern. Es -dauerte ziemlich lange, bis diese furchtbare Naturerscheinung vorüber -war, dann richtete sich der leidende Mann matt in die Höhe, griff -nach Hut, Tasche, Stab und sagte im Abgehen zu mir mit jammernswert -fistulierender Stimme: »Bitte, haben Sie die Güte, den Herrn zu -beruhigen! Guten Tag beiderseits.« - -Der Herr war im Schrecken zur Seite getaumelt, als A. E. so jäh in die -Höhe fuhr; dann sah und hörte er mit starrem Staunen den Evolutionen -des erschrecklichen Gewitters zu und schickte dem Abgehenden einen -langen, verwirrten Blick nach. Endlich wandte er sich gegen mich, -zwinkerte mich mit den Augen an und deutete mit dem Finger auf seine -Stirn. Ich zuckte die Achseln. Er schien dies für volle Bejahung zu -nehmen, war nun wirklich beruhigt und schritt mit frischem Eifer an die -Erneuerung seines Frühstückwerks. - -Ich mochte dem Vorangegangenen nicht so schnell folgen; es hätte -scheinen können, als wolle ich mich aufdrängen. Ich war doch etwas -ungehalten, daß er so rücksichtslos davongelaufen; indem ich mich -besann, was ich beginnen solle, um meinen Abmarsch ein halbes Stündchen -noch hinzuziehen, fiel mir ein: Halt, gefunden! Grobian, deine Strafe -soll nicht ausbleiben, du sollst beschrieben werden! Ich ging gleich -an die Vorarbeit, machte mir eine Reihe von Notizen in mein Tagebuch -und brach auf, als ich annehmen konnte, mein wunderlicher Held habe nun -genügenden Vorsprung. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Adolph Bayersdorfer: - -Die militärpflichtige Tante. - - -Der einzige Mensch, den ich noch mit einem Haarbeutel gesehen habe, -mit einem solchen nämlich, wie man sie vor Zeiten außen am Kopfe -trug, war mein alter Großoheim, welcher vordem beim deutschen -Reichs-Kammergericht in Wetzlar angestellt gewesen und zugleich mit -diesem berühmten Institut in eine wohlverdiente Pension gegangen war. -In dem komplizierten Räderwerk des obersten deutschen Gerichtshofes -hatte er ein ganz kleines Federchen, Rädchen oder Kettchen -vorgestellt als ein versteckter Unterbeamter einer untergeordneten -Registraturskanzlei, welche ihrerseits wieder die Unterabteilung -einer anderen war. Wenn ich nun meines Großoheims ganzen Titel -herschreiben wollte -- eine einzige monströse Namen-Kumulation, welche -in pünktlicher Fixierung die Titulaturen aller Stellen von oben herab -gewissenhaft mit einschloß, bis sie bei seinem bescheidenen Posten -angelangt war -- so müßte ich mindestens einmal dazwischen frisch -Tinte schöpfen, gleichwie die Leute, die so viel Zeit hatten, ihn bei -seinem ganzen Titel rufen zu können, einmal Atem holen mußten unter der -Absagung dieses einzigen Wortes. - -Der gesegnete Träger dieser Titelschleppe, deren Länge, wie -herkömmlich, im umgekehrten Verhältnisse zum Gehalte ihres Eigentümers -stand, war ein hagerer, schweigsamer Mann mit knochigem Gesichte, -der gleich der verkörperten Theorie immer ganz grau und altväterlich -gekleidet einherging, bis an den Hals zugeknöpft. Pedanterie in -allen Dingen war wohl seine einzige Passion. Er fand einen Genuß in -der Pünktlichkeit, mit welcher er jeden Tag zu den gleichen Stunden -das Gleiche tat, und auf seinen Spaziergängen, die den größten Teil -seiner Mußestunden (er hatte deren täglich vierundzwanzig) in Anspruch -nahmen, sah man ihn immer mit denselben Glockenschlägen um dieselben -Ecken biegen. Der Spaßmacher des Städtchens richtete solange seine Uhr -scherzweise nach meines Großoheims Spaziergängen, bis er endlich für -gut fand, diese Art der Zeitregulierung in vollem Ernste beizubehalten. - -In der mediatisierten Reichsstadt, woselbst er seine Pension verzehrte, -war er zur Zeit meiner Schuljahre, wie gesagt, der einzige Mensch mit -einem Haarbeutel und deswegen für uns reichsstädtische Jugend eine -besonders interessante Gestalt, welche wir gleich einer Reliquie -halb mit ehrwürdiger Scheu, halb mit dem aufkeimenden Spotte eines -zweifelnden Gemütes, das sich der verderblichen Aufklärung zuneigt, -anzustaunen gewohnt waren. - -Mein Großoheim war mit meiner Großtante verheiratet, ein Umstand, -dessen Zufälligkeit mir als Kind viel zu denken gab. Die Großtante war -eine altmodische Frau und hatte ihrem Manne drei Töchter beschert, -welche auch nie recht in die Mode kommen wollten. Die dritte, welche -fast zwei Jahrzehnte jünger war als ihre Schwestern, hatte den seltenen -Namen Mauritia und war als meine Tante bei allen Wendepunkten meines -jungen Lebens, von der Taufe angefangen bis zur Erlangung der ~Toga -virilis~, mein religiöser Beistand. In ihren späteren Tagen bekam sie -dasselbe verblichene Kanzlei-Aussehen, wie es ihr Vater gehabt hatte, -und glich ihm überhaupt mehr, als ihrer Weiblichkeit gut stand. - -Das mochte mit den ersten Eindrücken zusammenhängen, welche sie in -ihrer Jugend erfahren hatte, denn die Geburt meiner Tante fiel in die -wüsten Kriegsjahre am Anfange unseres Jahrhunderts, und Trommeln und -Schießen war ihren kleinen Ohren geläufiger geworden, als Wiegenlieder. -So war sie denn unter dem Zeichen des Mars zur Welt gekommen und -konnte sich diesem planetarischen Einflusse so wenig entziehen, daß sie -sogar in ihrem einundzwanzigsten Jahre konskribiert wurde. - -Das kam aber so. Als sie ungefähr drei Jahre alt war, nahm der -schreckliche Kriegslärm, der mit Feuer und Schwert über die Länder -gezogen war und wie manche Gegend, so auch meines Großoheims Wohnsitz -doppelt und dreifach heimgesucht hatte, ein ersehntes Ende, und -ein zaghafter Friede, an den niemand recht glaubte, kam schüchtern -ins Land geschritten. Mit ihm aber auch eine Anzahl kaiserlicher, -königlicher, kurfürstlicher und anderer Kommissäre, welche die vielen -Gemeinde- und Kirchenbücher, Taufregister und Steuerlisten, die von -der Kriegsfurie waren vernichtet oder verschleudert worden, so gut es -eben gehen wollte, mit oder gegen den Willen der geliebten Untertanen -wiederherstellen sollten. - -Von dem ersten und wichtigsten Punkte nun, dem der Steuern, abgesehen, -lag es den huldreichen Landesvätern am Herzen, durch eine sorgfältige -Aufnahme des Familienstandes ihrer Landeskinder die verloren -gegangenen Standesregister zu ersetzen, um in späteren Jahren nicht -der langen Konskriptionslisten entbehren zu müssen und so um die -schönen blankgeputzten Soldaten betrogen zu werden, die so herrlich -»Präsentiert's Gewehr« machen können. Die Leute aber hatten in ihrer -Untertanentreue den väterlichen Kunstgriff bald losbekommen und -verleugneten ihre männliche Nachkommenschaft, wo und wie sie nur immer -konnten. Und weil hie und da einer auf dem Betruge ertappt wurde, -so wurden die mit diesem Geschäfte betrauten Regierungs-Kommissare -immer strenger und mißtrauischer, kontrollierten ihre Bezirke öfter -und schrieben manchen zweimal auf, der später nur einmal konskribiert -werden konnte. - -Eines Tages nun erschien ein solcher Regierungsbeamter in Begleitung -eines Schreibers in der Wohnung meines Großoheims, der eben in einem -alten vergessenen Buche über ein altes vergessenes Rechtsverfahren las -und die eintretende Gesellschaft nicht eher bemerkte, als bis ihn das -plötzliche Stillstehen der schnurrenden Spinnräder seiner Frau und -Töchter aus dem träumenden Nachdenken weckte. Er klappte also bedächtig -das Buch zu, nachdem er vorsichtigerweise durch ein eingebogenes -Eselsohr die Stelle bezeichnet hatte, wo er in einem endlosen -Fiskalatsprozeß die interessante Lektüre hatte unterbrechen müssen, und -fragte die Herren nach ihrem Begehr. Die Frau und die beiden Töchter -standen wie bei jedem Besuche, der in den Hafen ihrer Häuslichkeit -verschlagen wurde, verlegen und mit überflüssigen Gesichtern in den -Ecken, als ob sie sich selbst im Wege wären, während sich die kleine -Mauritia, in der Familie herkömmlich »Moritz« geheißen, hinter die -geöffnete Tür des Schlafzimmers geflüchtet hatte. - -Der Herr Kommissarius nun, der eine Uniform anhatte und für andere -Leute streng, für sich selbst aber selbstgefällig schlau aussehen -wollte und aufs Haar einem Narren glich, fragte mit geheimnisvoller -Weitschweifigkeit vorerst den Familienvater um seinen Namen und -Stand, dann um Frau und Kinder, worauf ihm der Großoheim die beiden -Töchter vorstellte. Diese traten, nicht eben reizende Gestalten, mit -plastischer Unweltläufigkeit, linkisch und hocherrötend, vor und -hatten ein Ansehen, als erwarteten sie mit schuldbewußten Mienen, -aber heroisch gefaßt, einen grausigen Urteilsspruch. Doch es wurden -bloß ihre Namen in die Liste geschrieben, gleichwie vorher die Namen -von Vater und Mutter. »Habt ihr sonst keine Kinder?« fragte nun der -fremde Mann sehr strenge. »Doch noch ein kleines«, antwortete die Frau, -welche ihrem Manne zuvorkommen wollte, »aber Sie werden entschuldigen, -es ist noch gar nicht gewaschen und ordentlich angezogen.« -- »Das -hat nichts zu sagen,« erwiderte der Mann mit wunderbarer Mischung von -Herablassung und Strenge. Die kleine Mauritia mußte also vorgestellt -werden, und während die Großtante rief: »Moritz, Moritz wo bist du -denn, komm einmal her und gib dem Herrn Vetter die Hand,« stürzten die -beiden Töchter mit Häscherschritten hinter die Tür, zogen Fräulein -Mauritia, die sofort ihr Kriegsgeheul anstimmte, ziemlich gewalttätig -hervor, putzten ihr mit einer Schürze die Nase und sahen sie drohend -und grimmig an, froh, daß das unbekannte Verhängnis über ihre eigenen -Häupter hinweggezogen. Tantchen Moritz aber, in dem beneidenswerten -Stadium der Erscheinung sich befindend, in dem es auch dem geprüftesten -Kenner nicht möglich wird, sei es aus der Gesichtsbildung, sei es aus -der Tracht einen Schluß zu ziehen auf das Geschlecht, dem ein kleiner -Weltbürger künftig angehören solle -- konzertierte ruhig weiter, -während der Großoheim dem Beamten Zeit und Ort der Geburt des kleinen -Schreihalses gewissenhaft angab. Schließlich schrieb dieser strenge -Mann eigenhändig noch eine Bemerkung in die von seinem Schreiber -ausgefüllte Liste und empfahl sich. Der Oheim setzte sich wieder -an seinen Prozeß, nachdem er noch für seine Frau und Töchter die -erklärenden Worte hatte vernehmen lassen: »Das waren die Herren von der -neuen Volkszählung,« und Frau und Töchter setzten sich wieder an ihre -Spinnräder, und der kleine Moritz schluchzte sich in einem Winkel in -großen Pausen langsam in den Schlaf. - -Nach Verlauf von achtzehn Jahren hatte sich manches geändert. Meine -Großtante hatte das zeitliche gesegnet, und eine ihrer unmodischen -Töchter, die gewiß zeitlebens eine reine Jungfrau gewesen, war ihr -nachgefolgt und als grobknochiger Engel und gute Seele zum Himmel -aufgeflogen. Die andere war bei ihrem alten Vater geblieben, welcher, -wie es schien, so lange leben wollte, bis die Haarbeutel wieder -in die Mode kämen. Durch seine geringe Pension allein ließ sich -wenigstens sein hohes Alter nicht zureichend erklären. Noch jahrelang -sah man seine melancholische Figur als ungestorbenes Gespenst um den -Stadtgraben spazieren gehen. - -Tante Moritz, »das Jüngste«, war schon mit ihrem zwanzigsten Jahre -in die Residenzstadt ihres bundespflichtigen Großstaates und engeren -Vaterlandes gekommen. Durch des Schicksals Gunst war sie die Erzieherin -der ungezogenen Backfische eines befreundeten Land-Adeligen geworden, -der infolge einer unerwarteten und unverdienten Erbschaft in die -Stadt und in die Nähe des Hofes übergesiedelt war, wo er sich und -seine Söhne in der höheren Kutscherei ausbilden konnte. Da erschien -nun eines Tages bei meinem Großonkel ein Magistratsbote mit einer -geschriebenen Aufforderung, daß der militärpflichtige Moritz N., Sohn -des Reichskammergerichts- usw. usw.-Registraturs-Kanzlisten N., -mit 11 Gulden 29 Kreuzern und 2 Pfennigen Strafgeld für versäumte -Konskriptions-Anmeldung auf dem Bureau Nr. ~X~ zu erscheinen habe. -Der alte Mann betrachtete kopfschüttelnd das Papier, zog dann seinen -längsten grauen Rock an, auf dessen hohem Kummetkragen sich der -Haarbeutel ein fettiges Widerlager zurechtgewetzt hatte, und ging -ganz gegen seine gewohnte Stundenordnung auf das Amt. Nachdem er dort -infolge des vorschriftsmäßigen Schreibversehens in der Vorladung aus -einigen Zimmern hinaus- und in andere hineingebrüllt worden war, kam -er, der dieses Verfahren aus eigener Praxis kannte und deshalb ohne -Nebengedanken hinnahm, endlich zu dem richtigen Eisenfresser, dem seine -Angelegenheit zustand. Mein Großonkel, dem auf dem Wege ein Licht über -dem Dunkel aufgegangen war, legte nun Rätsel und Auflösung zugleich -vor, indem er die Vermutung begründete, daß seine Tochter Mauritia -weiland durch irgendein Versehen als Knabe möchte in die Familienliste -eingetragen worden sein. Doch er fand sehr ungnädiges Gehör und die -ungläubige Miene eines unduldsamen Besserwissers. Hatte mein Großonkel -einen Haarbeutel, so hatte der Beamte einen mächtigen Zopf. Mit -beleidigender Genauigkeit ließ dieser seine Aussagen zu Protokoll -nehmen und gab ihm nicht undeutlich zu verstehen, daß er ihn für den -Mitwisser eines abgekarteten Betruges halte. So wurde er fürs erste mit -Unheil verkündender Kälte entlassen. Der Mann mit dem Zopf war schnell -hinter der Sache her. Noch ehe mein Großonkel seine Tochter von dem -Vorfalle in Kenntnis gesetzt hatte, bekam diese in der Residenz eine -Vorladung auf die Polizei. Sie wußte freilich nicht, was sie dort zu -schaffen haben sollte; weil aber mit dem hochlöblichen Institute nicht -zu spaßen ist, so setzte sie ihren Sonntagshut auf, sah noch einmal in -den Spiegel und ging befriedigt über ihr Äußeres -- sie die einzige, -die es je war -- nach dem Polizeiamte. Man sagt zwar: »Jung ist der -Teufel schön«, aber Tante Moritz machte die zu jeder Regel gehörige -Ausnahme und war auch jung nicht schön. Sie war groß, knochig und mager -und sah ihrem Vater ähnlich bis zur Lächerlichkeit. Dieser aber hatte -nie wie ein Frauenzimmer ausgesehen. In dieser wenig einnehmenden -Außenhülle barg sie aber eine zarte weibliche Seele, verletzbar und -scheu, die noch wenig die bittere Gelegenheit gehabt hatte, sich im -stoßenden, drängenden Weltgetriebe abzustumpfen. Eine emanzipiert -klingende Altstimme, die ihr bis in ihr hohes Alter verblieb und -dann der alten Dame besonders würdevoll stand, bildete in ihrer -Jugend einzig einen angenehmen Gegensatz zu ihrer frauenzimmerlichen -Häßlichkeit, aber leider nicht zu ihrem männlichen Aussehen. - -Als sie das richtige Bureau gefunden hatte, trat sie schüchtern -ein und blieb erwartend an der Tür stehen. Kaum hatte sie auf die -ergangene Frage ihren Namen genannt und die Vorladung gezeigt, als -der Polizeikommissär und sein Schreiber einen schnellen Blick der -Aufforderung wechselten und dann eine peinliche Pause lang die Gestalt -an der Tür fixierten. Wieder begegneten sich verständnisinnig und -mit triumphierendem Ausdrucke ihre Augen; ihr scharfer Beamtenblick -hatte untrüglich den Simulanten erkannt. In diesem Falle glaubte der -Kommissär kurz angebunden sein zu müssen und eröffnete das Verhör: - -»Sie werden sich denken können, weshalb Sie vorgeladen sind?« - -»Nein, leider nicht.« - -»Wenn ich Ihnen aber sage, daß dieses das Bureau für -Konskriptionsangelegenheiten ist.« - -»Ich bedaure, daß mir die Sache dadurch nur um so rätselhafter -erscheint.« - -»So muß ich Ihnen denn kurzweg sagen, daß Sie im Verdachte stehen, -sich durch fortgesetzte Simulation, das heißt, indem Sie weibliche -Verkleidung tragen und sich seit Ihrem Hiersein durchaus als -Frauenzimmer geberden, Ihrer Konskriptionspflicht entzogen zu haben, -respektive noch entziehen zu wollen.« - -Versteinerungspause. -- - -»Auch muß ich Ihnen gestehen, das Ihr Äußeres diesem Verdachte nur -Vorschub leisten kann.« - -Fortsetzung der Pause und anhebende Versenkungsgefühle. - -Welche echte Weiblichkeit hätte auch nicht zu sprachlosem Erstaunen -erstarren müssen bei der Zumutung, sich als renitenten Rekruten zu -bekennen. Wie Lots Weib nach der Salifizierung stand die Ärmste an der -Türe. Der Beamte kannte aber diese Kniffe schon und fuhr unerschüttert -fort: - -»Also, gestehen Sie, oder nicht?« - -Die Tante schnappte etwas nach Luft und Bewußtsein und stammelte einige -undeutliche Worte, die zwar keinen Sinn gaben, aber unzweideutig den -Charakter der Ablehnung trugen, womit sie eine solch ungeheuerliche -Insinuation von sich wies. - -»Wenn Sie bei Ihrer Leugnung verharren, so muß ich Sie auf einige -Augenblicke in das Zimmer des Gerichtsarztes weisen lassen.« - -Er rief einen Boten. - -»Bringen Sie diesen Simul--, diese Dame will ich sagen, ins ärztliche -Bureau, geben Sie dem Doktor diesen Akt, er weiß schon von der Sache, -und warten Sie vor der Tür.« - -Die Tante war vollständig vergeistert und wurde willenlos abgeführt. -Für sie war gerade Weltuntergang, und der letzte Rest von -Zurechnungsfähigkeit war von ihr gewichen. Als sie aber mit ihrem -ungebetenen Beschützer beim Gerichtsarzt eintrat, fand sie dort -außer diesem Herrn noch die Gerichtsärztin, seine Frau, die, einen -Koketterie-Marktkorb am Arme, ihrem Manne geschwind den neuesten -Klatsch mitteilen mußte. Denn dieser hatte sich bei ihr seit dem -Frühstück in so ungebührlicher Weise aufgestaut, daß sie es unmöglich -länger allein tragen konnte. - -Die geschwätzige rundliche Dame erschien meiner Tante wie dem -Ertrinkenden eine rettende Fee, die aus geöffnetem Himmel -herniederschwebt; hier freilich mit einem Gewicht von anderthalb -Zentnern. Die Erstarrung wich von ihr und machte einer vollständigen -Auflösung alles geistigen Vermögens in überquellende Schmerzgefühle -Platz. Noch ehe ein Wort gesprochen worden war, sank sie mit krampfhaft -losbrechendem Schluchzen der neugierigen Dame, die schon eine monströse -Neuigkeit witterte und die Tore ihrer fünf Sinne sperrangelweit -geöffnet hielt, in die fetten Arme. Einer solchen Appellation an -ihre Menschlichkeit und Souveränität konnte die Gerichtsärztin -nicht widerstehen. Hatte sie doch nie das eheliche Szepter aus den -Händen gegeben und auch schon verschiedene Male im Amtszimmer ihr -Regiment ausgeübt. Sofort machte sie sich zum Herrn der Situation -und hatte ihrem Manne, der während dieser Szene zur vollständigen -Bedeutungslosigkeit zusammengeschrumpft war und aller Amtswürde bar -dastand, als wäre er der Simulant, in wenigen Augenblicken die saubere -Geschichte abgehorcht. Ihr weiblicher Instinkt war hier nicht im -geringsten Zweifel und stand weit über der Wissenschaft ihres Mannes. -Unter Androhung der höchsten ehelichen Strafen erteilte sie ihm den -gemessenen Befehl, die gekränkte Dame in Frieden zu entlassen und -dafür zu sorgen, daß dieses auch von anderer Seite geschehe. Hier -hieß es gehorchen. Mit einer bedauernden Geberde wandte sich der -arme Leibeigene, dem der Gerichtsarzt ganz abhanden gekommen war, zu -der fremden Dame und stotterte verbindlichst, er habe überhaupt nie -gezweifelt -- - -Ein gebieterischer Blick seiner Frau schnitt ihm die zweite Hälfte des -Satzes vor dem Munde ab. - -Unter Redensarten und Tränen löste sich allmählich die Gruppe auf, -und während die Gerichtsärztin, erfüllt von der geleisteten Heldentat -und voll brennenden Verlangens nach mündlicher Erleichterung, in -das Menschengewoge der Stadt hinausstürzte, führte ihr Mann dem -erhaltenen Befehle gemäß die weinende Tante unter entschuldigenden -Beschwichtigungen in das Bureau des Kommissärs zurück, sprach noch -einige begütigende Worte und empfahl sich hastig, es dem Kommissär -überlassend, sich aus seinem Gebahren den richtigen Schluß zu ziehen. -Bei seinem Eintreten hatten dieser und sein Schreiber, als sie die -höflichen Redensarten des verwirrt dreinblickenden Doktors vernahmen, -wieder einen raschen Blick gewechselt, diesmal aber mit einer -trostlosen Jammer- und Schreckensmiene. Sie waren aus dem siebenten -Himmel ihrer Beamtenweisheit heruntergestürzt, und es blieb von ihnen -nichts mehr übrig als der gebrechliche Mensch, behaftet mit dem -Aussatze des Irrtums. Der Schreiber faßte sich schnell; was ging es -ihn an, wenn sein Vorgesetzter eine Dummheit machte? Mit der brutalen -Rücksichtslosigkeit eines verantwortungsfreien Subalternbeamten vergrub -er sich in seine Akten, mit vielem Geräusch rechnend und blätternd, -und schien über seinem plötzlich eingebrochenen Geschäftseifer alles -um sich her vergessen zu haben. Treulos im Stiche gelassen, stand -der Kommissär vor dem still fortweinenden Mädchen. Er nahm einige -Male einen Anlauf zu wohlgesetzten Entschuldigungen. Sie gerannen -ihm wie schlechte Milch, noch ehe er sie vollendete. Er wollte sich -fassen, sein Herz verhärten und sich kaltblütig hinter seine Pflicht -verschanzen. Es gelang ihm nicht; er stand noch zu sehr unter der -Wirkung der Überraschung. Jeder Versuch, etwas zu sagen, erweckte -nur ein vernehmlicheres Schluchzen der Unglücklichen. In heller -Verzweiflung ließ der entwurzelte Beamte gleich einem gefangenen -Wilden seine Blicke an den Wänden herumlaufen, wobei sie auch einen -wütenden Abstecher nach dem fleißigen Schreiber machten. Aber an den -staubigen Aktenstellagen wollte sich kein rettendes Wunder ereignen; -keine Öffnung ließ sich dort hineinblicken, durch welche eine gequälte -Bureaukratenseele hätte entweichen können. Und doch kam ihm von dort -her ein Lichtstrahl. Woher könnte auch sonst einem braven Beamten eine -Erleuchtung kommen! »Warten Sie,« sagte er und zog aus einem der Fächer -ein Formular hervor, füllte es aus und stempelte es geschäftsmäßig ab. -Mit dieser gewohnten Hantierung hatte er seine Fassung wieder errungen. -Er faltete den Bogen nicht ohne Feierlichkeit zusammen, näherte sich -der Dame und sprach: »So, nehmen Sie das, das wird gut tun«, mit einem -so milden und begütigenden Ausdruck, wie ihn nur der Arzt haben kann, -der dem stöhnenden Verwundeten den lindernden Verband anlegt. - -Mechanisch hatte der weinende Rekrut den papiernen Trost ergriffen -und schwamm nun in Tränen nach Hause. Kaum fand sich Tante Moritz -dort in Sicht eines soliden Sofas, als sie auch sofort in die lange -zurückgehaltene, aber offenbar zur Sache gehörige Ohnmacht fiel unter -so viel nachfolgenden Krämpfen, als ihrer weiblichen Ehre unumgänglich -notwendig schienen. Bald hatte sie das ganze Haus auf die Beine -gebracht. Die jungen Gräfinnen weinten in ihrer Unerfahrenheit, und -die jungen Grafen standen mit Bereiterstiefeln und Reitpeitschen um -den Fall herum und machten stehengebliebene Gesichter. Am liebsten -hätten sie auch geweint, wenn das nicht gegen die Stiefel gewesen wäre. -Die alte Gräfin und ein Stubenmädchen bemühten sich mit erprobten -Hausmitteln um die Kranke, und der alte Herr Graf nahm der bewußtlos -Daliegenden ein zerknittertes Papier aus der Hand, entfaltete es und -las: »Militär-Entlassungsschein«. In diesem Denkmal polizeilicher -Konsterniertheit wurde der Moritz N. aus der Altersklasse 1801, Tochter -des weiland Reichskammergerichts- usw. usw. -Registraturskanzlisten, -wegen allgemeiner Untauglichkeit seiner Militärdienstpflicht los- und -lediggesprochen. Die Rubrik »Signalement« war unausgefüllt geblieben; -selbst der ~item~: »Besondere Kennzeichen« hatte den Beamten zu keiner -naheliegenden Notiz veranlassen können. Mit diesem Talismann hätte -freilich Tante Moritz allen künftigen Anforderungen des Kriegsministers -entgegentreten können, wenn dieser noch einmal Anspruch auf die -friedliche Amazone hätte erheben wollen. - -Natürlich vergingen damals die Krämpfe wieder, und die gute Tante hat -in der Folge manche schwerere Krankheit zu bestehen gehabt, bis endlich -eine sie ganz ablöste und aller Konskriptionsgefahr entrückte. Mit dem -gegilbten und verbleichten Nachlasse der braven alten Jungfer, aus -dem ich eine ganze Lebensgeschichte von kleinen Freuden und großen -Entbehrungen, ein standhaft durchgerungenes Dasein von Armut und Ehre -herauslesen mußte, habe ich auch den Militärentlassungsschein geerbt, -den ich als ein Andenken an die gute alte Zeit, an die selige Tante, an -den Großonkel mit dem Haarbeutel und an die verdrehte Polizei meiner -Vaterstadt noch immer aufbewahre. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Henry F. Urban: - -Der Eishund - - -Hört die Geschichte von dem kleinen häßlichen, gelben Eishund, der -es auf merkwürdige Weise zu einem hervorragenden und vornehmen Hunde -brachte! Den ganzen Tag war er hungrig und frierend, denn es war -Winter, in New York herumgelaufen. In der fünften Avenue wichen ihm -die aristokratischen Hunde der Dollarköniginnen aus und bemerkten -naserümpfend: »Welch ein vulgärer Köter, welch ein Vagabund! Er -wird ein Ende mit Schrecken nehmen!« Dann war er bei Anbruch der -Dunkelheit in den kahlen, düsteren Park gekommen, und dann war er -plötzlich irgendwo hinuntergefallen, auf eine harte, eisige, weite -Fläche. Das war wohl das Ende, dachte er. Aber es wurde Tag, ein Tag -voll Sonnenlicht, und er lebte immer noch. Er befand sich auf einem -gefrorenen Wasserbecken, das Trinkwasser für die New Yorker enthielt. -Es bildete ein riesiges, längliches Viereck und war von steinernen -Böschungen eingefaßt. Nirgends konnte er heraus. An einer Stelle -erblickte er zwei Menschen. Das waren Pat Flaherty und Fred Kaiser, -die beiden Parkpolizisten. Sie standen an dem eisernen Geländer des -Wasserbeckens, schüttelten die Köpfe und blinzelten mit den Augen, weil -auf Schnee und Eis die Sonne sprühte. - -»Da ist ja der kleine Köter noch immer auf dem Wasserbecken!« sagte -Flaherty. »Er war schon gestern dort.« - -»Wahrscheinlich ist er die steile Böschung heruntergerutscht!« meinte -Kaiser. »Heraus kann er nicht wieder; es wird Zeit, daß wir ihn fangen. -Sonst verhungert er oder ersäuft, denn es taut. Ich werde mal sehen, ob -ich ihn fangen kann.« - -»Gib acht, Fred!« warnte ihn Flaherty. »Das Eis ist schon dünn an -manchen Stellen.« - -Aber schon war Kaiser etwas seitwärts von dem Aussichtsturm über die -Einfassung geklettert. Hier ersetzten Felsen die künstliche Böschung -und erlaubten ihm einen bequemen Abstieg auf das Eis. Er prüfte erst -vorsichtig das Eis und versicherte sich, daß es ihn trug, denn er wog -225 Pfund. Aber es schien ihm doch klüger, die Operationen zunächst -nicht soweit vom Ufer zu beginnen. Also pfiff er dem kleinen Köter der -weit drüben über das Eis trabte. Der Köter blieb stehen und wandte den -Kopf nach dem Polizisten. Kaiser pfiff nur noch verlockender. Doch der -Köter kam nicht. Er mißtraute den Menschen, insonderheit Polizisten. -Ihre Stiefel waren schwerer und härter als andre Stiefel. - -»Es nutzt nichts!« rief ihm Flaherty lachend zu. »Du mußt auf das Eis -hinaus!« - -Rutschend und gleitend, prüfend die Augen auf das Eis heftend, bewegte -sich Kaiser über die glatte Fläche. - -»Es ist fest!« rief er Flaherty zu und lief etwas zuversichtlicher. Als -er dem Köter nahe war, pfiff er und lockte er von neuem -- abermals -umsonst. Der Köter ergriff die Flucht. Es war ein ausgesucht häßlicher -Hund mit graugelben zottigen Haaren. Sein Kopf erinnerte Kaiser an das -Bild eines Geigenvirtuosen, das er mal in einer Zeitung gesehen hatte. -Nun lief Kaiser hinter dem Hunde her. Immer, wenn er ihm etwas näher -kam, bog der Hund scharf zur Seite und Kaiser schlitterte geradeaus. -Einmal verlor der dicke Polizist den Halt, setzte sich auf das Eis, -daß es krachte, und rutschte noch ein Stück darüber hin. Vom Ufer her -erscholl Gelächter. Dort hatten sich ein Dutzend neugierige Leute -gesammelt und beobachteten die Jagd. Kaiser raffte sich auf, holte -seinen Helm, klopfte sich die Kleidung rein und marschierte über das -Eis zurück. Auf halbem Wege kam ihm Flaherty entgegen. - -»Fred«, sagte Flaherty, »einer schafft's nicht. Wir wollen's zusammen -versuchen. Wir jagen ihn in eine Ecke des Beckens, und dort fangen wir -ihn.« - -Das leuchtete Fred ein. Von rechts und links näherten sie sich langsam -dem Köter und scheuchten ihn nach der einen Ecke des Beckens. Sie -glaubten schon, sie hätten ihn. Doch er sauste plötzlich in weitem -Bogen um Flaherty herum und entwischte. Noch einmal versuchten die -beiden ihr Glück, doch ohne Erfolg. Keuchend und pustend begaben sie -sich ans Ufer. Dort hatten sich immer mehr Menschen angesammelt, um die -fröhliche Hatz zu beobachten. Man bestürmte die beiden Polizisten mit -Fragen, was es mit dem Hund auf sich habe, wie er auf das Eis gekommen -sei. Flaherty und Kaiser meinten, sie wüßten es selber nicht. Der Köter -sei zweifellos ein Vagabund. Die Damen bedauerten sein trauriges Los -und fragten, ob es denn kein Mittel gäbe, das arme Tier aus seiner -schrecklichen Lage zu befreien. Der eine schlug dies vor, der andere -das. Inzwischen war auch Bubbles, der unvermeidliche Berichterstatter, -zufällig des Weges gekommen. Er erkannte, daß die Geschichte ein -gefundenes Fressen für ihn sei, und beschloß, das weitere abzuwarten. - -Ein Parkfeger hatte einen glänzenden Einfall. Man müßte einige lange -Bretter holen, meinte er, und sie vom Eis auf die Felsen neben dem -Aussichtsturm legen. Dann müßten ihrer mehrere den Hund auf die Bretter -zutreiben. Sobald er diese erblickte, würde er zweifellos merken, daß -hier ein Ausweg für ihn sei, und über die Bretter ans Ufer laufen, -wo er mit Leichtigkeit gefangen werden könnte. Den beiden Polizisten -schien der Vorschlag nicht übel, und sie versprachen, das Nötige für -den Nachmittag zu veranlassen. Damit entfernten sie sich, und da sonst -niemand etwas unternahm, zerstreute sich die Menge. - -Am Nachmittag waren fast dreimal soviel Leute um das Wasserbecken -versammelt als am Vormittag. Die Kunde von dem Eishund, wie sie -ihn nannten, hatte sich rasch verbreitet. Auch Bubbles, der -Berichterstatter, war wieder da, samt dem Photographen seines Blattes. -Sehr bald kam ein Lastwagen der Parkbehörde mit Brettern und Holzböcken -angefahren. Auch Kaiser und Flaherty und noch andere Polizisten kamen, -um den Feldzug gegen den Eishund zu leiten und die Menge in Ordnung zu -halten. - -»Das wird der reine Zirkus!« bemerkte der dicke Flaherty lachend zu -Kaiser. - -»Merkwürdig«, entgegnete Kaiser, »welche Unmasse Maulaffen es in -New-York gibt, sowie es etwas zu sehen gibt. Und sei es nur ein Köter -auf dem Eise.« - -Die Holzböcke wurden neben dem Aussichtsturm auf das Eis gestellt und -dann die Bretter darüber gelegt. Dann begaben sich die vier Parkfeger -auf das Eis und näherten sich dem Köter, der sie mit einem Ausdruck -höchsten Argwohns herankommen sah. Bald war wieder die schönste -Hetzjagd im Gange. Dreimal trieben sie ihn unter dem Jubel der Menge -auf die Bretter zu, doch der Köter schoß jedesmal daran vorüber. Völlig -erschöpft gaben die vier endlich die Jagd auf und stiegen wieder ans -Ufer, um sich zu verschnaufen. - -»So ein dummes Luder!« knurrte Flaherty und warf dem Köter einen -giftigen Blick zu. Der saß mitten auf dem Eise, ganz außer Atem, aber -stolz wie ein siegreicher Toreador in der Arena. Es sah zu lächerlich -aus. Das Publikum wollte sich schief lachen. Teufel -- das war wirklich -ein herrlicher Ulk! Und er kostete keinen Cent. Plötzlich erschienen -drei Studenten auf dem Eise. Sie hatten Schlittschuhe an. Offenbar -glaubten sie, daß die Schlittschuhe ihnen den Erfolg sichern müßten. -Pfeilschnell sausten sie auf den Köter zu. Aber der war noch schneller. -Einmal hatten sie ihn fast. Doch zwei von den Studenten liefen so -heftig aufeinander, daß es knallte und sie wie der Blitz auf das Eis -flogen. Unter dem wiehernden Gelächter der Zuschauer verschwanden sie. -Eine Weile konnte sich der Köter verpusten. Und immer noch schwoll die -Menschenmenge. Kleine Jungens begannen schon mit leeren Seifenkisten -zu handeln, auf denen man warm und trocken stehen und über die Menge -hinwegsehen konnte. Verkäufer von Bonbons und gerösteten Kastanien -machten gute Geschäfte. Bubbles, der Berichterstatter, photographierte, -daß der Gummisack am Apparat dampfte. Wer würde der nächste sein, der -den Kampf mit dem wundervollen Eishund wagte? - -Das war Kakadu-Bill, der ehemalige Kuhjunge aus dem Westen, der jetzt -in New York Kellner war. Er behauptete, der Meisterlassowerfer von -Amerika zu sein und Roosevelt in dieser schönen Kunst unterrichtet zu -haben, als er noch als unbekannter Rauhreiter die Prärie durchstreifte. -Kakadu-Bill habe er als Kuhjunge geheißen, weil er der einzige -Kuhjunge in Arizona war, der einen Kakadu hatte. Kakadu-Bill hatte -sich einen langen Strick verschafft und versprach, den Köter innerhalb -fünf Minuten zu fassen. Eine Kleinigkeit sei's. Als er auf dem Eise -erschien, brachten ihm die entzückten Zuschauer eine Ovation. - -»Der wird's fertig bringen!« sagten sie. - -Kakadu-Bill ging vollkommen kunstgerecht zu Werke. Er trabte, immer -den Lasso schwingend, im Kreise um den Eishund, der ruhig auf den -Hinterbeinen saß und erstaunt Kakadu-Bill zusah. Er war sich offenbar -nicht klar, was dessen sonderbares Benehmen bedeutete. Immer enger zog -Kakadu-Bill den Kreis und plötzlich pfiff der Lasso durch die Luft und -schlug klatschend auf die Stelle, wo der Eishund eben noch gesessen -hatte, aber nicht mehr saß. Als Kakadu-Bill das Hohngelächter der Menge -vernahm, stieß er einen gräßlichen Fluch aus, wickelte seinen Lasso -wieder auf und jagte abermals hinter dem Eishund her. Aber er kam -einer dünnen Stelle im Eise zu nahe und brach durch das Eis. Am Ufer -herrschte gewaltige Aufregung. »Er ertrinkt!« riefen einige. Die Damen -kreischten und sahen sich nach hübschen jungen Herren um, denen sie -ohnmächtig in die Arme fallen könnten. Zum Glück war es da nicht tief, -und Kakadu-Bill fiel nur bis über die Kniee ins Wasser. Das kühlte -sein wildwestliches Jagdfieber jedoch dermaßen ab, daß er hastig aus -dem Wasser herauspatschte und samt seinem Lasso so schnell wie möglich -verduftete. -- Nun schien keiner mehr Lust zu haben, sein Glück zu -versuchen. - -»Er wird wahrscheinlich von selber am Abend oder früh am nächsten -Morgen über die Bretter ans Land finden!« sagten die Polizisten und -ersuchten die Menge weiterzugehen. - -»Aber er verhungert unterdessen!« meinte eine reizende junge Dame. -»Oder er ertrinkt, wenn es weiter taut! Das wäre sehr unappetitlich. Es -ist unser Trinkwasser!« - -»Wir werfen ihm etwas Fleisch aufs Eis!« versicherten die Polizisten. -»Und ein paar Tage hält das Eis noch!« - -»Die Vorstellung ist aus!« rief ein vorwitziger Bengel. »Morgen -vormittag wird sie fortgesetzt!« Und langsam entfernten sich die Leute. - -Am nächsten Morgen war die seltsame Geschichte von dem berühmten -Eishund mit Abbildungen in Bubbles Zeitung. Zu Fuß, zu Pferde und zu -Wagen kam halb New York, um den berühmten Eishund zu sehen. Gott sei -Dank! -- da war er noch. Es hatte wirklich noch mehr getaut und niemand -wagte sich aufs Eis. Niemand? Ein Held, ein einziger Held scheute sich -nicht, eines erbärmlichen kleinen Köters wegen sein Leben aufs Spiel -zu setzen. Ein kleiner kugelrunder deutscher Bäcker aus der Avenue A, -mit rosaroten Backen, war der Held. Er hatte ein ganz neues Verfahren. -Er war schon am Tage vorher dagewesen, hatte das Schlachtfeld in -Augenschein genommen und war mit der geheimnisvollen Bemerkung -fortgegangen, das sei ein eklatanter Fall, wo Moltkesche Strategie -allein Erfolg verspreche. Denn er sei Sergeant in der deutschen Armee -gewesen und mit Waldersee in China. Mit dieser Strategie also war er -jetzt gekommen. Ohne Frage hatte seine Strategie etwas Ungewöhnliches, -Geniales. Als Hilfsmittel brachte er dreierlei Dinge mit: einen -Dachshund mit fürchterlich krummen Beinen, eine lange dünne Leine und -einen riesigen Schinkenknochen, der an der Leine befestigt war. Als -er mit diesen drei Dingen auf dem Eise erschien, stieß Bubbles, der -Berichterstatter, ein indianisches Freudengeheul aus. Das Publikum -schrie Hurra, Flaherty aber wandte sich an Kaiser und sagte: - -»Kaiser, ist es wahr, daß Moltke mit Dachshunden und Schinkenknochen -gearbeitet hat?« - -Ein anderer fragte seinen Nachbar, wer eigentlich der Dachshund und -wer der Bäcker sei. Wahrhaftig -- von weitem sahen sie sich ähnlich, -wegen der krummen Beine. Man war aufs äußerste gespannt, wie nun -die Moltkesche Strategie sich betätigen werde. Sie betätigte sich -wie folgt. Der kugelrunde Bäcker rollte sich auf den gelben Köter -zu, der freundlich bellte und mit dem Schwanz wedelte, als er einen -vierbeinigen Kameraden erblickte. Diese beiden, der Mann und der -Dachshund, machten unzweifelhaft einen friedlichen Eindruck auf den -Eishund. Nun schleuderte der Bäcker plötzlich seinen Schinkenknochen, -aber nicht nach dem Köter hin, sondern seitwärts. Sofort stürzte -sich der krummbeinige Dackel mit fliegenden Ohren auf den Knochen und -suchte ihn seinem Herrn zu entreißen. Der jedoch hielt ihn mit der -Leine fest. Das ärgerte Prinz. So hieß nämlich der Dackel. Knurrend -und keifend zog er aus Leibeskräften an dem Knochen, ebenso kräftig -zog der Bäcker daran. Der Eishund war eitel Entzücken. Mit lustigem -Gebell sprang er unausgesetzt um den Dackel herum, dabei begehrliche -Blicke auf den Knochen werfend. Himmel -- war das ein Knochen! Und ein -Duft ging von dem Knochen aus, daß ihm der leere Magen in dem dürren -Leib vor Freude hüpfte. Wenn er diesen Knochen erwischen könnte! Er -kam ein wenig näher. Aber Prinz schnarrte ihn so grimmig an, daß er -furchtsam zurückwich. Nun zog der Bäcker stärker und stärker, bis er -Prinz ganz nahe hatte. Dann sagte er: »Artig, Prinz!« und Prinz ließ -schweren Herzens den Knochen fahren. Jetzt kugelte sich der Bäcker -mit lächerlicher Geschwindigkeit davon, den Knochen immer hinter sich -herschleifend. Prinz und der gelbe Köter folgten. Der Bäcker gab acht, -daß sie den Knochen nicht erwischten. Eine Weile trieb er's so. Dann -schleuderte er den Knochen dem gelben Köter zu, der ihn heißhungrig -erschnappte. Nun begann dasselbe Spiel, das der Bäcker mit Prinz -getrieben hatte. Näher und näher zog er den Knochen mit dem gelben -Köter daran, während Prinz mit entrüstetem Bellen um den Nebenbuhler -herumsprang. Immer näher kam der Köter und jetzt -- ein Griff, er hatte -ihn, samt dem Knochen. Er nahm ihn unter den Arm und verließ mit ihm, -gefolgt von Prinz, unter dem brausenden Hurra der Zuschauer das Eis. - -»Was hältst du von Moltke?« fragte jetzt Kaiser den dicken Flaherty. - -»Es ist ein Sedan, ein vollkommenes Sedan!« gestand Flaherty voll -Bewunderung. »Jetzt verstehe ich den Krieg von Siebzig!« - -Der Bäcker hatte noch kaum über die Bretter das Ufer bestiegen, -da war er schon von Bubbles Gehilfen dreimal photographiert, -mitsamt Prinz. Die Leute umringten ihn und beglückwünschten ihn und -bewunderten den Eishund, der mit scheuen Blicken, aber immer noch -seinen Schinkenknochen zwischen den Zähnen, unter des Bäckers Arm saß. -Zwischendurch mußte der Bäcker Bubbles Rede und Antwort stehen, wo er -herkomme und so weiter. Man erfuhr, daß er Waldersees Liebling gewesen -sei. Na ja, da hatte er die Moltkesche Strategie gelernt -- kein -Wunder! Einer erzählte es dem andern. Der Bäcker mußte seine Wohnung -angeben. Dann gestatteten ihm die Polizisten, den Eishund nach Hause zu -nehmen. - -Und der Eishund war nun ein gemachter Hund -- sozusagen. Feine Damen -kamen Tag um Tag in Kutschen zu dem tapferen Bäcker gefahren und -wollten den berühmten Hund sehen. Eine alte reiche Dame erstand ihn, da -ihn niemand beanspruchte, von dem Bäcker für 25 Dollars und nahm ihn in -ihr Haus, wo er den Namen Teddy erhielt, dem Präsidenten Roosevelt zu -Ehren, und ein Leben voller Wonne führte. - -»Und das alles,« spöttelten die vornehmen Hunde aus der Fünften Avenue, -»weil er das Glück hatte, in das Trinkwasserbecken im Park zu fallen. -Zu albern!« - -Das ist die Geschichte von dem Eishund. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Ludwig Thoma: - -Besserung - - -Wie ich in die Ostervakanz gefahren bin, hat die Tante Fanny gesagt: -»Vielleicht kommen wir zum Besuch zu deiner Mutter. Sie hat uns so -dringend eingeladen, daß wir sie nicht beleidigen dürfen.« - -Und Onkel Pepi sagte, er weiß es nicht, ob es geht, weil er so viel -Arbeit hat, aber er sieht es ein, daß er den Besuch nicht mehr -hinausschieben darf. Ich fragte ihn, ob er nicht lieber im Sommer -kommen will, jetzt ist es noch so kalt, und man weiß nicht, ob es nicht -auf einmal schneit. Aber die Tante sagte: »Nein, deine Mutter muß böse -werden, wir haben es schon so oft versprochen.« Ich weiß aber schon, -warum sie kommen wollen; weil wir auf Ostern das Geräucherte haben und -Eier und Kaffeekuchen, und Onkel Pepi ißt so furchtbar viel. Daheim -darf er nicht so, weil Tante Fanny gleich sagt, ob er nicht an sein -Kind denkt. - -Sie haben mich an den Postomnibus begleitet, und Onkel Pepi hat -freundlich getan und hat gesagt, es ist auch gut für mich, wenn er -kommt, daß er den Aufruhr beschwichtigen kann über mein Zeugnis. - -Es ist wahr, daß es furchtbar schlecht gewesen ist, aber ich finde -schon etwas zum Ausreden. Dazu brauche ich ihn nicht. - -Ich habe mich geärgert, daß sie mich begleitet haben, weil ich mir -Zigarren kaufen wollte für die Heimreise, und jetzt konnte ich nicht. -Der Fritz war aber im Omnibus und hat zu mir gesagt, daß er genug -hat, und wenn es nicht reicht, können wir im Bahnhof in Mühldorf noch -Zigarren kaufen. - -Im Omnibus haben wir nicht rauchen dürfen, weil der Oberamtsrichter -Zirngiebl mit seinem Heinrich darin war, und wir haben gewußt, daß er -ein Freund vom Rektor ist und ihm alles verschuftet. - -Der Heinrich hat ihm gleich gesagt, wer wir sind. Er hat es ihm in das -Ohr gewispert, und ich habe gehört, wie er bei meinem Namen gesagt hat: -»Er ist der Letzte in unserer Klasse und hat in der Religion auch einen -Vierer.« - -Da hat mich der Oberamtsrichter angeschaut, als wenn ich aus einer -Menagerie bin, und auf einmal hat er zu mir und zum Fritz gesagt: - -»Nun, ihr Jungens, gebt mir einmal eure Zeugnisse, daß ich sie mit dem -Heinrich dem seinigen vergleichen kann.« - -Ich sagte, daß ich es im Koffer habe, und er liegt auf dem Dache vom -Omnibus. Da hat er gelacht und hat gesagt, er kennt das schon. Ein -gutes Zeugnis hat man immer in der Tasche. Alle Leute im Omnibus haben -gelacht, und ich und der Fritz haben uns furchtbar geärgert, bis wir in -Mühldorf ausgestiegen sind. - -Der Fritz sagte, es reut ihn, daß er nicht gesagt hat, bloß die -Handwerksburschen müssen dem Gendarm ihr Zeugnis hergeben. Aber es war -schon zu spät. Wir haben im Bahnhof Bier getrunken, da sind wir wieder -lustig geworden und sind in die Eisenbahn eingestiegen. - -Wir haben vom Konduktör ein Rauchkupee verlangt und sind in eines -gekommen, wo schon Leute darin waren. Ein dicker Mann ist am Fenster -gesessen, und an seiner Uhrkette war ein großes silbernes Pferd. - -Wenn er gehustet hat, ist das Pferd auf seinem Bauch getanzt und hat -gescheppert. Auf der anderen Bank ist ein kleiner Mann gesessen mit -einer Brille, und er hat immer zu dem Dicken gesagt »Herr Landrat«, und -der Dicke hat zu ihm gesagt »Herr Lehrer«. Wir haben es aber auch so -gemerkt, daß er ein Lehrer ist, weil er seine Haare nicht geschnitten -gehabt hat. - -Wie der Zug gegangen ist, hat der Fritz eine Zigarre angezündet und den -Rauch auf die Decke geblasen, und ich habe es auch so gemacht. - -Eine Frau ist neben mir gewesen, die ist weggerückt und hat mich -angeschaut, und in der anderen Abteilung sind die Leute aufgestanden -und haben herübergeschaut. Wir haben uns furchtbar gefreut, daß sie -alle so erstaunt sind, und der Fritz hat recht laut gesagt, er muß sich -von dieser Zigarre fünf Kisten bestellen, weil sie so gut ist. - -Da sagte der dicke Mann: »Bravo, so wachst die Jugend her,« und der -Lehrer sagte: »Es ist kein Wunder, was man lesen muß, wenn man die -verrohte Jugend sieht.« - -Wir haben getan, als wenn es uns nichts angeht, und die Frau ist immer -weitergerückt, weil ich so viel ausgespuckt habe. Der Lehrer hat so -giftig geschaut, daß wir uns haben ärgern müssen, und der Fritz sagte, -ob ich weiß, woher es kommt, daß die Schüler in der ersten Lateinklasse -so schlechte Fortschritte machen, und er glaubt, daß die Volksschulen -immer schlechter werden. Da hat der Lehrer furchtbar gehustet, und der -Dicke hat gesagt, ob es heute kein Mittel nicht mehr gibt für freche -Lausbuben. - -Der Lehrer sagte, man darf es nicht mehr anwenden wegen der falschen -Humanität, und weil man gestraft wird, wenn man einen bloß ein bißchen -auf den Kopf haut. - -Alle Leute im Wagen haben gebrummt: »Das ist wahr«, und die Frau neben -mir hat gesagt, daß die Eltern dankbar sein müssen, wenn man solchen -Burschen ihr Sitzleder verhaut. Und da haben wieder alle gebrummt, und -ein großer Mann in der anderen Abteilung ist aufgestanden und hat mit -einem tiefen Baß gesagt: »Leider, leider gibt es keine vernünftigen -Öltern nicht mehr.« - -Der Fritz hat sich gar nichts daraus gemacht und hat mich mit dem Fuß -gestoßen, daß ich auch lustig sein soll. Er hat einen blauen Zwicker -aus der Tasche genommen und hat ihn aufgesetzt und hat alle Leute -angeschaut und hat den Rauch durch die Nase gehen lassen. - -Bei der nächsten Station haben wir uns Bier gekauft und wir haben -es schnell ausgetrunken. Dann haben wir die Gläser zum Fenster -hinausgeschmissen, ob wir vielleicht einen Bahnwärter treffen. - -Da schrie der große Mann: »Diese Burschen muß man züchtigen,« und der -Lehrer schrie: »Ruhe, sonst bekommt ihr ein paar Ohrfeigen!« Der Fritz -sagte: »Sie können's schon probieren, wenn Sie eine Schneid haben.« Da -hat sich der Lehrer nicht getraut, und er hat gesagt: »Man darf keinen -mehr auf den Kopf hauen, sonst wird man selbst gestraft.« Und der -große Mann sagte: »Lassen Sie es gehen, ich werde diese Burschen schon -kriegen.« - -Er hat das Fenster aufgemacht und hat gebrüllt: »Konduktör, Konduktör!« - -Der Zug hat gerade gehalten, und der Konduktör ist gelaufen, als wenn -es brennt. Er fragte, was es gibt, und der große Mann sagte: »Die -Burschen haben Biergläser zum Fenster hinausgeworfen. Sie müssen -arretiert werden.« - -Aber der Konduktör war zornig, weil er gemeint hat, es ist ein Unglück -geschehen, und es war gar nichts. - -Er sagte zu dem Mann: »Deswegen brauchen Sie doch keinen solchen -Spektakel nicht zu machen.« Und zu uns hat er gesagt: »Sie dürfen -es nicht tun, meine Herren.« Das hat mich gefreut, und ich sagte: -»Entschuldigen Sie, Herr Oberkonduktör, wir haben nicht gewußt, wo wir -die Gläser hinstellen müssen, aber wir schmeißen jetzt kein Glas nicht -mehr hinaus.« Der Fritz fragte ihn, ob er keine Zigarre nicht will, -aber er sagte, nein, weil er keine so starken nicht raucht. - -Dann ist er wieder gegangen, und der große Mann hat sich hingesetzt und -hat gesagt, er glaubt, der Konduktör ist ein Preuße. Alle Leute haben -wieder gebrummt, und der Lehrer sagte immer: »Herr Landrat, ich muß -mich furchtbar zurückhalten, aber man darf keinen mehr auf den Kopf -hauen.« - -Wir sind weitergefahren, und bei der nächsten Station haben wir uns -wieder ein Bier gekauft. Wie ich es ausgetrunken habe, ist mir ganz -schwindlig geworden, und es hat sich alles zu drehen angefangen. -Ich habe den Kopf zum Fenster hinausgehalten, ob es mir nicht besser -wird. Aber es ist mir nicht besser geworden, und ich habe mich stark -zusammengenommen, weil ich glaubte, die Leute meinen sonst, ich kann -das Rauchen nicht vertragen. - -Es hat nichts mehr geholfen, und da habe ich geschwind meinen Hut -genommen. - -Die Frau ist aufgesprungen und hat geschrien, und alle Leute sind -aufgestanden, und der Lehrer sagte: »Da haben wir es.« Und der große -Mann sagte in der anderen Abteilung: »Das sind die Burschen, aus denen -man die Anarchisten macht.« - -Mir ist alles gleich gewesen, weil mir so schlecht war. Ich dachte, -wenn ich wieder gesund werde, will ich nie mehr Zigarren rauchen und -immer folgen und meiner lieben Mutter keinen Verdruß nicht mehr machen. -Ich dachte, wieviel schöner möchte es sein, wenn es mir jetzt nicht -schlecht wäre, und ich hätte ein gutes Zeugnis in der Tasche, als daß -ich jetzt den Hut in der Hand habe, wo ich mich hineingebrochen habe. - -Fritz sagte, er glaubt, daß es mir von einer Wurst schlecht geworden -ist. - -Er wollte mir helfen, daß die Leute glauben, ich bin ein -Gewohnheitsraucher. - -Aber es war mir nicht recht, daß er gelogen hat. - -Ich war auf einmal ein braver Sohn und hatte einen Abscheu gegen die -Lüge. - -Ich versprach dem lieben Gott, daß ich keine Sünde nicht mehr tun -wollte, wenn er mich wieder gesund werden läßt. Die Frau neben mir hat -nicht gewußt, daß ich mich bessern will, und sie hat immer geschrien, -wie lange sie den Gestank noch aushalten muß. - -Da hat der Fritz den Hut aus meiner Hand genommen und hat ihn zum -Fenster hinausgehalten und hat ihn ausgeleert. Es ist aber viel auf -das Trittbrett gefallen, daß es geplatscht hat, und wie der Zug in der -Station gehalten hat, ist der Expeditor hergelaufen und hat geschrien: -»Wer ist die Sau gewesen? Herrgottsakrament, Konduktör, was ist das für -ein Saustall?« - -Alle Leute sind an die Fenster gestürzt und haben hinausgeschaut, wo -das schmutzige Trittbrett gewesen ist. Und der Konduktör ist gekommen -und hat es angeschaut und hat gebrüllt: »Wer war die Sau?« -- Der große -Herr sagte zu ihm: »Es ist der nämliche, der mit den Bierflaschen -schmeißt, und Sie haben es ihm erlaubt.« -- »Was ist das mit den -Bierflaschen?« fragte der Expeditor. -- »Sie sind ein gemeiner Mensch,« -sagte der Konduktör, »wenn Sie sagen, daß ich es erlaubt habe, daß er -mit die Bierflaschen schmeißt.« -- »Was bin ich?« fragte der große -Herr. -- »Sie sind ein gemeiner Lügner,« sagte der Konduktör, »ich -habe es nicht erlaubt.« -- »Tun Sie nicht so schimpfen,« sagte der -Expeditor, »wir müssen es mit Ruhe abmachen.« - -Alle Leute im Wagen haben durcheinander geschrien, daß wir solche -Lausbuben sind, und daß man uns arretieren muß. Am lautesten hat der -Lehrer gebrüllt, und er hat immer gesagt, er ist selbst ein Schulmann. -Ich habe nichts sagen können, weil mir so schlecht war, aber der -Fritz hat für mich geredet, und er hat den Expeditor gefragt, ob man -arretiert werden muß, wenn man auf einem Bahnhofe eine giftige Wurst -kriegt. Zuletzt hat der Expeditor gesagt, daß ich nicht arretiert -werde, aber, daß das Trittbrett gereinigt wird, und ich muß es -bezahlen. Es kostet eine Mark. Dann ist der Zug wieder gefahren, und -ich habe immer den Kopf zum Fenster hinausgehalten, daß es mir besser -wird. - -In Endorf ist der Fritz ausgestiegen, und dann ist meine Station -gekommen. Meine Mutter und Ännchen waren auf dem Bahnhof und haben mich -erwartet. Es ist mir noch immer ein bißchen schlecht gewesen und ich -habe so Kopfweh gehabt. - -Da war ich froh, daß es schon Nacht war, weil man nicht gesehen hat, -wie ich blaß bin. Meine Mutter hat mir einen Kuß gegeben und hat -gleich gefragt: »Nach was riechst du, Ludwig?« Und Ännchen fragte: »Wo -hast du deinen Hut, Ludwig?« Da habe ich gedacht, wie traurig sie sein -möchten, wenn ich ihnen die Wahrheit sage, und ich habe gesagt, daß ich -in Mühldorf eine giftige Wurst gegessen habe, und daß ich froh bin, -wenn ich einen Kamillentee kriege. - -Wir sind heimgegangen, und die Lampe hat im Wohnzimmer gebrannt, und -der Tisch war aufgedeckt. Unsere alte Köchin Theres ist hergelaufen, -und wie sie mich gesehen hat, da hat sie gerufen: »Jesus Maria, wie -schaut unser Bub aus? Das kommt davon, weil Sie ihn so viel studieren -lassen, Frau Oberförster.« - -Meine Mutter sagte, daß ich etwas Unrechtes gegessen habe, und sie soll -mir schnell einen Tee machen. Da ist die Theres geschwind in die Küche, -und ich habe mich auf das Kanapee gesetzt. - -Unser Bürschel ist immer an mich hinaufgesprungen und hat mich -abschlecken gewollt. Und alle haben sich gefreut, daß ich da bin. Es -ist mir ganz weich geworden, und wie mich meine liebe Mutter gefragt -hat, ob ich brav gewesen bin, habe ich gesagt: »Ja, aber ich will noch -viel braver werden.« - -Ich sagte, wie ich die giftige Wurst drunten hatte, ist mir -eingefallen, daß ich vielleicht sterben muß, und daß die Leute meinen, -es ist nicht schade darum. Da habe ich mir vorgenommen, daß ich jetzt -anders werde und alles tue, was meiner Mutter Freude macht, und viel -lerne und nie keine Strafe mehr heimbringe, daß sie alle auf mich stolz -sind. - -Ännchen schaute mich an und sagte: »Du hast gewiß ein furchtbar -schlechtes Zeugnis heimgebracht, Ludwig?« Aber meine Mutter hat es ihr -verboten, daß sie mich ausspottet, und sie sagte: »Du sollst nicht so -reden, Ännchen, wenn er doch krank war und sich vorgenommen hat, ein -neues Leben zu beginnen. Er wird es schon halten und mir viele Freude -machen.« Da habe ich weinen müssen, und die alte Theres hat es auch -gehört, daß ich vor meinem Tod solche Vorsätze genommen habe. Sie hat -furchtbar laut geweint und hat geschrien: »Es kommt von dem vielen -Studieren, und sie machen unsern Buben noch kaput.« Meine Mutter hat -sie getröstet, weil sie gar nicht mehr aufgehört hat. - -Da bin ich ins Bett gegangen, und es war so schön, wie ich darin -gelegen bin. Meine Mutter hat noch bei der Türe hereingeleuchtet -und hat gesagte: »Erhole dich recht gut, Kind.« Ich bin noch lange -aufgewesen und habe gedacht, wie ich jetzt brav sein werde. - -[Illustration] - - - Buchdruckerei Richard Hahn (S. Otto), Leipzig. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend - korrigiert. - - Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen): - - S. 52: beseite → beiseite - allen Respekt {beiseite} zu setzen - - S. 71: Kutzsch → Kutsch - daß die {Kutsch} hübsch akkurat kommt - - S. 76: herauszuschüttlen → herausschütteln - Krumplen aus meinem Staatskleid {herauszuschütteln} - - S. 86: begegenet → begegnet - Meldungswürdiges mir {begegnet} ist - - S. 106: Büdung → Bildung - Himmelsfrucht jeder sanften {Bildung} trage - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Humoristen (Band 6), by -E. Th. A. Hoffmann and A. Bayersdorfer and Bettina v. Arnim and Henry F. Urban and Fr. Th. Fischer and L. Thoma - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE HUMORISTEN (BAND 6) *** - -***** This file should be named 50681-0.txt or 50681-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/6/8/50681/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - diff --git a/old/50681-0.zip b/old/50681-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index ada59c6..0000000 --- a/old/50681-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/50681-h.zip b/old/50681-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 377ada6..0000000 --- a/old/50681-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/50681-h/50681-h.htm b/old/50681-h/50681-h.htm deleted file mode 100644 index c58bfb3..0000000 --- a/old/50681-h/50681-h.htm +++ /dev/null @@ -1,5439 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Deutsche Humoristen, 6. Band, by Hoffmann, Bayersdorfer, v. Arnim, Urban, Vischer Thoma. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - -.chapter { - page-break-before: always; -} - -h1, h2 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -p { - margin-top: 1ex; - margin-bottom: 1ex; - text-align: justify; - text-indent: 1em; -} - -.h2 { - text-indent: 0; - text-align: center; - font-size: x-large; -} - -.adv p { - margin-left: 3em; - text-indent: -1em; -} - -.subsec p { - text-indent: 0; - margin-left: 2em; - margin-right: 2em; - font-size: small; -} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: 33.5%; - margin-right: 33.5%; - clear: both; -} - -hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; } - -table { - margin-left: auto; - margin-right: auto; -} - -.tdr {text-align: right;} - -.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ - /* visibility: hidden; */ - position: absolute; - left: 90%; - width: 8%; - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-weight: normal; - font-size: small; - text-align: right; -} /* page numbers */ - -.pagenum a { - color: gray; - /*border: 1px gray solid;*/ -} - -.blockquot { - margin-left: 5%; - margin-right: 10%; -} - -.center { - text-align: center; - text-indent: 0; -} - -.right {text-align: right;} - -.smaller { - font-size: smaller; -} - -.antiqua { - font-family: sans-serif; - font-style: normal; - font-size: 95%; -} - -.gesperrt { -/* Original: - letter-spacing: 0.2em; - margin-right: -0.2em; -*/ - font-style: italic; -} - -/* Images */ -img { - max-width: 100%; - height: auto; -} - -.figcenter { - margin-top: 3ex; - margin-left: auto; - margin-right: auto; - text-align: center; -} - -/* Transcriber's notes */ -.transnote {background-color: #E6E6FA; - color: black; - font-size:smaller; - padding:0.5em; - margin-bottom:5em; -} - -.corr p { - margin-left: 2em; - text-indent: -1em; -} - </style> - </head> -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Deutsche Humoristen (Band 6), by -E. Th. A. Hoffmann and A. Bayersdorfer and Bettina v. Arnim and Henry F. Urban and Fr. Th. Fischer and L. Thoma - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Deutsche Humoristen (Band 6) - Humoristische Erzählungen - -Author: E. Th. A. Hoffmann - A. Bayersdorfer - Bettina v. Arnim - Henry F. Urban - Fr. Th. Fischer - L. Thoma - -Release Date: December 13, 2015 [EBook #50681] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE HUMORISTEN (BAND 6) *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p> - -<p>In Antiqua ausgezeichneter Text ist <em class="antiqua">so dargestellt</em>.</p> - -<p>In Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p class="h2">Hausbücherei<br /> -31</p> - -<p class="center">Hiervon erschien<br /> -das</p> - -<table summary="Auflagenliste"> -<tr> -<td class="tdr">1.–10.</td><td>Tausend 1908</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">11.–20.</td><td>Tausend 1910</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">21.–30.</td><td>Tausend 1914</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">31.–50.</td><td>Tausend 1916</td> -</tr> -<tr> -<td class="tdr">51.–60.</td><td>Tausend 1919</td> -</tr> -</table> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span></p> - -<p class="h2"> -Hausbücherei</p> -<p class="center"> -der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung</p> -<p class="center"> -31. Band</p> -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> -<p class="center"> -Hamburg-Großborstel<br /> -Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung -</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span></p> - -<h1> -Deutsche Humoristen<br /> -<span class="smaller">6. Band</span></h1> -<p class="h2"> -Humoristische Erzählungen</p> -<p class="center"> -E. Th. A. Hoffmann A. Bayersdorfer<br /> -Bettina v. Arnim ▣ Henry F. Urban<br /> -Fr. Th. Vischer ▣ Ludwig Thoma</p> -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> -<p class="center"> -Hamburg-Großborstel<br /> -Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung -</p> - -<hr class="chap" /> - -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span></p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/rule.png" alt="" /> -</div> - -<p class="h2">Deutsche Humoristen</p> -</div> - -<p class="center">Jeder Einzelband gebunden 3 Mark.</p> - -<div class="adv"> - -<p><b>Band 1</b>: <em class="gesperrt">Friedr. Theodor Vischer</em>: Humorist. Gedicht. -<em class="gesperrt">Peter Rosegger</em>: Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen -saß. Wie wir die Gürtelsprenge haben gehalten. -<em class="gesperrt">Wilhelm Raabe</em>: Der Marsch nach Hause. <em class="gesperrt">Fritz Reuter</em>: -Woans ick tau 'ne Fru kamm. <em class="gesperrt">Albert Roderich</em>: Nemesis. -71.–90. Tausend.</p> - -<p><b>Band 2</b>: <em class="gesperrt">Clemens Brentano</em>: Die mehreren Wehmüller -oder ungarische Nationalgesichter. <em class="gesperrt">E. Th. A. Hoffmann</em>: -Die Königsbraut. <em class="gesperrt">Heinrich Zschokke</em>: Die Nacht in -Brczwezmcisl. 56.–65. Tausend.</p> - -<p><b>Band 3</b>: <em class="gesperrt">Hans Hoffmann</em>: Eistrug. <em class="gesperrt">Otto Ernst</em>: Die -Gemeinschaft der Brüder vom geruhigen Leben. <em class="gesperrt">Max -Eyth</em>: Der blinde Passagier. <em class="gesperrt">Helene Böhlau</em>: Die -Ratsmädel gehen einem Spuk zu Leibe. 56.–70. Tausend.</p> - -<p><b>Band 4/5</b> (Doppelband): <em class="gesperrt">Humoristische Gedichte</em>. Eine -hervorragende Sammlung der schönsten heiteren Gedichte -bis auf die neueste Zeit. 352 Seiten. 31.–40. Tausend.</p> - -<p><b>Band 6</b>: <em class="gesperrt">E. Th. A. Hoffmann</em>: Aus »Klein Zaches genannt -Zinnober«. <em class="gesperrt">Bettina von Arnim</em>: Die Reise nach -Darmstadt. <em class="gesperrt">Fr. Th. Vischer</em>: Die Tücke des Objekts. -<em class="gesperrt">Ad. Bayersdorfer</em>: Die militärpflichtige Tante. <em class="gesperrt">Henry -F. Urban</em>: Der Eishund. <em class="gesperrt">Ludwig Thoma</em>: Besserung. -51.–60. Tausend.</p> - -<p><b>Band 7</b>: <em class="gesperrt">Ottomar Enking</em>: Das Kriegerfest in Wettorp. -<em class="gesperrt">Anna Croissant-Rust</em>: Der Herr Buchhalter. <em class="gesperrt">Wilhelm -Schussen</em>: Pilgrime. <em class="gesperrt">Rudolf Greinz</em>: Das Hennendiandl. -<em class="gesperrt">Sophus Bonde</em>: Jochen Appelbaums Galion. -<em class="gesperrt">Ludwig Thoma</em>: Unser guater alter Herzog Karl is a -Rindviech. <em class="gesperrt">Wilhelm Fischer-Graz</em>: Die Rebenbäckerin. -31.–40. Tausend.</p> - -<p><b>Band 8</b>: <em class="gesperrt">Julius Bierbaum</em>: Der mutige Revierförster. -<em class="gesperrt">Gorch Fock</em>: Schalotte. <em class="gesperrt">Rudolf Presber</em>: Die 74. Nacht. -<em class="gesperrt">Wilhelm Schäfer</em>: Béarnaise. <em class="gesperrt">Karl Schönherr</em>: Die -erste Beicht'. <em class="gesperrt">Ludwig Thoma</em>: Kabale und Liebe. -1.–20. Tausend.</p></div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/rule.png" alt="" /> -</div> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p> - -<h2 id="Inhaltsverzeichnis"> -<img src="images/rule.png" alt="" /> -<br /> - -Inhaltsverzeichnis</h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td></td><td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td>Vorbemerkungen zum 6. Bande der »Deutschen Humoristen«</td> - <td class="tdr"><a href="#Vorbemerkungen">6</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Vorwort</td> - <td class="tdr"><a href="#Vorwort">7–9</a></td> -</tr> -<tr> -<td><em class="gesperrt">E. Th. A. Hoffmann</em>: Aus »Klein Zaches genannt -Zinnober«</td> - <td class="tdr"><a href="#E_Th_A_Hoffmann">10–63</a></td> -</tr> -<tr> -<td><em class="gesperrt">Bettina von Arnim</em>: Die Reise nach Darmstadt</td> - <td class="tdr"><a href="#Bettina_von_Arnim">64–93</a></td> -</tr> -<tr> -<td><em class="gesperrt">Fr. Th. Vischer</em>: Die Tücke des Objekts</td> - <td class="tdr"><a href="#Friedrich_Theodor_Vischer">94–118</a></td> -</tr> -<tr> -<td><em class="gesperrt">Ad. Bayersdorfer</em>: Die militärpflichtige Tante</td> - <td class="tdr"><a href="#Adolph_Bayersdorfer">119–136</a></td> -</tr> -<tr> -<td><em class="gesperrt">Henry F. Urban</em>: Der Eishund</td> - <td class="tdr"><a href="#Henry_F_Urban">137–149</a></td> -</tr> -<tr> -<td><em class="gesperrt">Ludwig Thoma</em>: Besserung</td> - <td class="tdr"><a href="#Ludwig_Thoma">150–160</a></td> -</tr> -</table> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/rule.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p> - -<h2 id="Vorbemerkungen"> -<img src="images/rule.png" alt="" /> -<br /> -Vorbemerkungen<br /> - -<span class="smaller">zum 6. Bande der »Deutschen Humoristen«</span></h2> -</div> - -<p>Der Abschnitt »Die Tücke des Objekts« von Fr. -Th. Vischer ist mit freundlicher Erlaubnis des -Sohnes des Verfassers, Herrn Prof. <em class="antiqua">Dr.</em> R. Vischer, -Göttingen, und der Verlagsbuchhandlung abgedruckt -aus dem Roman »Auch Einer« (Stuttgart und -Leipzig: Deutsche Verlags-Anstalt).</p> - -<p>Die Abdruckserlaubnis der Humoreske »Die -militärpflichtige Tante« aus dem Bande »Heitere -Jugendzeit« von Adolph Bayersdorfer ist der -Witwe des Verfassers und der G. Müller-Mannschen -Verlagsbuchhandlung in Leipzig zu verdanken.</p> - -<p>Die Erzählung »Der Eishund« aus dem Bande -»Aus dem Dollarlande« von Henry F. Urban ist -von dem Verfasser freundlichst zur Verfügung gestellt -worden (erschienen in der Concordia, Deutsche -Verlags-Anstalt Hermann Ehbock, Berlin).</p> - -<p>»Besserung« von Ludwig Thoma ist mit gütiger -Erlaubnis des Verfassers und der Verlagsbuchhandlung -den »Lausbubengeschichten« entnommen -(Albert Langen, Verlag, München).</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/rule.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p> - -<h2 id="Vorwort"> -<img src="images/rule.png" alt="" /><br /> -Vorwort</h2> -</div> - -<p>Aus der reichen Fülle des Humors im deutschen -Schrifttum greift dieser neue Band der »Hausbücherei« -der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung wieder -ein paar der freundlichsten Blüten heraus. Das -behagliche Lachen, die heitere, wolkenlose Laune ist -in unsern arbeitsschweren Tagen ein seltener Gast -geworden. Da sollen diese Bände der »Hausbücherei« -mit ihrem sonnenhellen Humor, der aus dem Herzen -kommt und ins Gemüt hinein seinen Weg sucht, -ein wenig helfen und im Leser etwas aufleuchten -lassen, das ihn warm macht in der Kälte des -Lebens und in ihm das Begehren weckt, immer -mehr zu lesen von dem, was deutsches, gutes Schrifttum -ihm bietet. Denn wenn uns ein schöner Humor -und eine freundliche Laune mit gutem Lächeln ins -Gesicht geschaut und uns die Last des Tages von -den Schultern genommen haben, dann sind wir besser -gerüstet und empfänglicher für den Genuß des -Schönen und Tiefen, als wenn unsere Stirn vom -Alltag her noch in Falten liegt.</p> - -<p>Dieser 6. Band »Deutscher Humoristen« bringt -zunächst die köstlichsten Stellen aus <em class="gesperrt">E. Th. A. Hoffmanns</em><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span> -humorvoller Märchenerzählung »Klein Zaches -genannt Zinnober«, mit der ergötzlichen Satire -auf das Leben am Duodezhofe des Fürsten Barsanuph. -Unsere moderne Zeit, in der die Freude -an der Romantik wieder erwacht ist, bringt gerade -diesem Dichter (1776–1822), in dem eine exzentrische -Phantasie, ein Hang zum Dämonisch-Grausigen -und ein kühner Humor sich vereinen, ein -besonders lebhaftes Interesse entgegen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Bettina von Arnim</em> (1785–1859), Goethes -junge Freundin, Clemens Brentanos Schwester und die -Gattin Achim von Arnims, die das schönste Buch -der Romantik »Goethes Briefwechsel mit einem -Kinde« veröffentlichte, gehört mit ihrem ganzen -Wesen zu den Romantikern. In ihrer kleinen -Schilderung »Die Reise nach Darmstadt«, in der sie -Goethes Mutter, die Frau Rat, reden läßt, zeigt sich -auf das glücklichste ihr sprudelndes Erzählertalent, -ihre beneidenswerte Gabe, die humorvollen Seiten -der Dinge und Begebenheiten aufzufinden und mit -sprühendem Temperament zu schildern.</p> - -<p><em class="gesperrt">Friedrich Theodor Vischer</em> (1807–1887), -der hervorragende Ästhet und Kunstkritiker, besaß -eine für einen Mann der Wissenschaft ganz eigenartige -Begabung für Humor, die in vielen Aufzeichnungen -und Einfällen, in zahlreichen humoristisch-satirischen -Liedern, die er als Student unter dem -Namen Philipp Ulrich Schartenmeyer herausgab, -ganz besonders aber in seinem großen Roman<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span> -»Auch Einer« zu lebendigem Ausdruck kommt. -Diesem Buch ist der in sich abgeschlossene Abschnitt -»Die Tücke des Objekts« entnommen, in dem in -grimmig-lustiger Laune die zahlreichen kleinen täglichen -Widerwärtigkeiten geschildert werden, die uns -das Leben oft zur Qual und zur Plage machen können.</p> - -<p>Die folgenden drei Stücke sind humoristische Arbeiten -neuerer Schriftsteller. Die beiden Erzählungen -»Die militärpflichtige Tante« von <em class="gesperrt">Bayersdorfer</em> -(1842–1901) und »Der Eishund« von -<em class="gesperrt">Henry F. Urban</em>, der als deutscher Schriftsteller von -Ruf in New York lebt, werden denen willkommen -sein, die an launiger Erfindung und gemütvollem -Humor ohne satirische Schärfe ihre Freude haben. -Mit spitzerer Lanze tritt der Bayer <em class="gesperrt">Ludwig Thoma</em> -(geboren 1867) in die Schranke. Geistvoller Witz, -zielsichere, nicht selten soziale Satire und ein übermütiger, -bajuvarisch-derber Humor, der über alles -Philisterliche der Welt ein herzhaftes Lachen anstimmt, -mischen sich in diesem Schriftsteller, der -mit seinen »Lausbubengeschichten« überall ein vergnügtes -Gelächter geweckt hat. Die letzte Erzählung -»Besserung« ist diesen köstlichen Bubengeschichten -entnommen.</p> - -<p> -Gr.-Flottbek bei Hamburg.</p> -<p class="right"> -Kurt Küchler. -</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/rule.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span></p> - -<h2 id="E_Th_A_Hoffmann"> -<img src="images/rule.png" alt="" /><br /> -E. Th. A. Hoffmann:<br /> -Aus »Klein Zaches genannt Zinnober«</h2> -</div> - -<p class="center">Vorbemerkung des Herausgebers</p> - -<div class="subsec"> - -<p>Ein armes Bettel- und Bauernweib hat einen dreieinhalbjährigen -Sohn, Klein Zaches genannt Zinnober, den häßlichsten -Wechselbalg, den die Welt je geschaut und den man auf -den ersten Blick für ein seltsam verknorpeltes Stückchen Holz -hätte ansehen können. Das Stiftsfräulein von Rosenschön, -in Wirklichkeit die gütige Fee Rosabelverde, erblickt das -kleine Ungetüm am Wege und über so viel Jammer und -Elend entsetzt, will sie dem Wechselbalg helfen, soweit es in -ihrer Macht steht. »Sie glaubt, alles, was die Natur dem -Kleinen stiefmütterlich versagt, dadurch zu ersetzen, wenn sie -ihn mit der seltsamen geheimnisvollen Gabe beschenkte, vermöge -der alles, was in seiner Gegenwart irgend ein anderer -Vortreffliches denkt, spricht oder tut, auf <em class="gesperrt">seine</em> Rechnung -kommen, ja, daß er in der Gesellschaft wohlgebildeter, verständiger, -geistreicher Personen auch für wohlgebildet, verständig -und geistreich geachtet werden und überhaupt allemal -für den vollkommensten der Gattung, mit der er im Konflikt, -gelten muss.« Diesen Zauber legt die Fee in drei feuerglänzende -Haare, die sich über den Scheitel des Wechselbalges -ziehen. Und zum Schutze dieser wertvollen Haare, deren -Entfernung den Zusammenbruch des Zaubers herbeiführt, -verwandelt sie das von Natur struppige Haar des Kleinen -in dichte Locken. Zur Stärkung des Zaubers aber frisiert -die Fee das Haar des Wechselbalges jeden neunten Tag mit -einem goldenen magischen Kamm.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p> - -<p>So ausgerüstet zieht Klein Zaches nun in die Welt und -nutzt den Zauber aus. Er kommt in das Haus Professor Mosch -Terpins und an den kleinen Hof des Fürsten Barsanuph und gelangt -dort auf die ergötzlichste Weise von der Welt zu den höchsten -Ehren, bis der Student Balthasar, dessen Liebesglück Zinnober -kraft seiner wundersamen Gabe bedroht, den Zauber bricht, -und zwar mit Hilfe des Gelehrten Prosper Alpanus, der mächtiger -in der Kunst der Magie ist, als die gütige Fee Rosabelverde.</p> - -<p>Die nachstehenden Abschnitte schildern Zinnobers Glück und -Ende in der Residenz und am Hofe des Fürsten Barsanuph.</p></div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/tb.png" alt="" /> -</div> - -<div class="subsec"> - -<p>Professor Mosch Terpins literarischer Tee. – Der junge Prinz.</p></div> - -<p>Daß Balthasar vor lauter Unruhe, vor unbeschreiblichem -süßen Bangen die ganze Nacht hindurch -nicht schlafen konnte: was war natürlicher -als das. Ganz erfüllt von dem Bilde der Geliebten, -setzte er sich hin an den Tisch und schrieb eine ziemliche -Anzahl artiger wohlklingender Verse nieder, -die in einer mystischen Erzählung von der Liebe -der Nachtigall zur Purpurrose seinen Zustand -schilderten. Die wollt' er mitnehmen in Mosch Terpins -literarischen Tee und damit losfahren auf Candidas -unbewehrtes Herz, wenn und wie es nur möglich.</p> - -<p>Fabian lächelte ein wenig, als er der Verabredung -gemäß zur bestimmten Stunde kam, um -seinen Freund Balthasar abzuholen, und ihn zierlicher -geputzt fand, als er ihn jemals gesehen. Er -hatte einen gezackten Kragen von den feinsten -Brüsseler Kanten umgetan, sein kurzes Kleid mit -geschlitzten Ärmeln war von gerissenem Sammt.<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -Und dazu trug er französische Stiefel mit hohen -spitzen Absätzen und silbernen Fransen, einen englischen -Hut von feinstem Castor und dänische Handschuhe. -So war er ganz deutsch gekleidet, und der -Anzug stand ihm über alle Maßen gut, zumal er -sein Haar schön kräuseln lassen und das kleine -Stutzbärtchen wohl aufgekämmt hatte.</p> - -<p>Das Herz bebte dem Balthasar vor Entzücken, -als in Mosch Terpins Hause Candida ihm entgegentrat, -ganz in der Tracht der altdeutschen Jungfrau, -freundlich, anmutig in Blick und Wort, im ganzen -Wesen, wie man sie immer zu sehen gewohnt. -»Mein holdseligstes Fräulein!« seufzte Balthasar -aus dem Innersten auf, als Candida, die süße -Candida selbst, eine Tasse dampfenden Tee ihm -darbot. Candida schaute ihn aber an mit leuchtenden -Augen und sprach: »Hier ist Rum und Maraschino, -Zwieback und Pumpernickel, lieber Herr -Balthasar! greifen Sie doch nur gefälligst zu nach -Ihrem Belieben!« Statt aber auf Rum und Maraschino, -Zwieback oder Pumpernickel zu schauen oder -gar zuzugreifen, konnte der begeisterte Balthasar -den Blick voll schmerzlicher Wehmut der innigsten -Liebe nicht abwenden von der holden Jungfrau -und rang nach Worten, die aus tiefster Seele aussprechen -sollten, was er eben empfand. Da faßte -ihn aber der Professor der Ästhetik, ein großer<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -baumstarker Mann, mit gewaltiger Faust von hinten, -drehte ihn herum, daß er mehr Teewasser auf den -Boden verschüttete, als eben schicklich, und rief mit -donnernder Stimme: »Bester Lukas Kranach, saufen -Sie nicht das schnöde Wasser, Sie verderben sich -den deutschen Magen total – dort im andern -Zimmer hat unser tapferer Mosch eine Batterie der -schönsten Flaschen mit edlem Rheinwein aufgepflanzt, -die wollen wir sofort spielen lassen!« – Er schleppte -den unglücklichen Jüngling fort.</p> - -<p>Doch aus dem Nebenzimmer trat ihnen der -Professor Mosch Terpin entgegen, ein kleines sehr -seltsames Männlein an der Hand führend und laut -rufend: »Hier, meine Damen und Herren, stelle ich -Ihnen einen mit den seltensten Eigenschaften hochbegabten -Jüngling vor, dem es nicht schwer fallen -wird, sich Ihr Wohlwollen, Ihre Achtung zu erwerben. -Es ist der junge Herr Zinnober, der erst -gestern auf unsere Universität gekommen, und die -Rechte zu studieren gedenkt!« – Fabian und Balthasar -erkannten auf den ersten Blick den kleinen -wunderlichen Knirps, der vor dem Tore ihnen entgegengesprengt -und vom Pferde gestürzt war.</p> - -<p>»Soll ich,« sprach Fabian leise zu Balthasar, »soll ich -denn noch das Alräunchen herausfordern auf Blasrohr -oder Schusterpfriem? Anderer Waffen kann ich mich -doch nicht bedienen wider diesen furchtbaren Gegner.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span></p> - -<p>»Schäme dich,« erwiderte Balthasar, »schäme dich, -daß du den verwahrlosten Mann verspottest, der -wie du hörst, die seltensten Eigenschaften besitzt, -und so durch geistigen Wert das ersetzt, was die -Natur ihm an körperlichen Vorzügen versagte.« -Dann wandte er sich zum Kleinen und sprach: -»Ich hoffe nicht, bester Herr Zinnober, daß Ihr -gestriger Fall vom Pferde etwa schlimme Folgen -gehabt haben wird?« Zinnober hob sich aber, indem -er einen kleinen Stock, den er in der Hand -trug, hinten unterstemmte, auf den Fußspitzen in -die Höhe, so daß er dem Balthasar beinahe bis -an den Gürtel reichte, warf den Kopf in den Nacken, -schaute mit wildfunkelnden Augen herauf und sprach -in seltsam schnarrendem Baßton: »Ich weiß nicht, -was Sie wollen, wovon Sie sprechen, mein Herr! -– Vom Pferde gefallen? – <em class="gesperrt">ich</em> vom Pferde gefallen? -– Sie wissen wahrscheinlich nicht, daß ich -der beste Reiter bin, den es geben kann, daß ich -niemals vom Pferde falle, daß ich als Freiwilliger -unter den Kürassieren den Feldzug mitgemacht und -Offizieren und Gemeinen Unterricht gab im Reiten -auf der Manège! – hm hm – vom Pferde fallen -– ich vom Pferde fallen!« – Damit wollte er sich -rasch umwenden, der Stock, auf den er sich stützte, -glitt aber aus, und der Kleine torkelte um und um, -dem Balthasar vor die Füße. Balthasar griff hinab<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -nach dem Kleinen, ihm aufzuhelfen, und berührte -dabei unversehens sein Haupt. Da stieß der Kleine -einen gellenden Schrei aus, daß es im ganzen -Saale widerhallte und die Gäste erschrocken auffuhren -von ihren Sitzen. Man umringte den -Balthasar und fragte durcheinander, warum er denn -um des Himmels willen so entsetzlich geschrieen. -»Nehmen Sie es nicht übel, bester Herr Balthasar,« -sprach der Professor Mosch Terpin, »aber das war -ein etwas wunderlicher Spaß. Denn wahrscheinlich -wollten Sie uns doch glauben machen, es trete hier -jemand einer Katze auf den Schwanz!« »Katze – -Katze – weg mit der Katze!« rief eine nervenschwache -Dame und fiel sofort in Ohnmacht, und mit dem Geschrei: -»Katze – Katze –« rannten ein paar alte Herren, -die an derselben Idiosynkrasie litten, zur Türe hinaus.</p> - -<p>Candida, die ihr ganzes Riechfläschchen auf die -ohnmächtige Dame ausgegossen, sprach leise zu -Balthasar: »Aber was richten Sie auch für Unheil -an mit Ihrem häßlichen gellenden Miau, lieber -Herr Balthasar!«</p> - -<p>Dieser wußte gar nicht, wie ihm geschah. Glutrot -im ganzen Gesicht vor Unwillen und Scham, -vermochte er kein Wort herauszubringen, nicht zu -sagen, daß es ja der kleine Herr Zinnober und -nicht <em class="gesperrt">er</em> gewesen, der so entsetzlich gemauzt.</p> - -<p>Der Professor Mosch Terpin sah des Jünglings<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -schlimme Verlegenheit. Er nahte sich ihm freundlich -und sprach: »Nun, nun, lieber Herr Balthasar, -seien Sie doch nur ruhig. Ich habe wohl alles -bemerkt. Sich zur Erde bückend, auf allen Vieren -hüpfend, ahmten Sie den gemißhandelten grimmigen -Kater herrlich nach. Ich liebe sonst sehr dergleichen -naturhistorische Spiele, doch hier im literarischen -Tee –« »Aber,« platzte Balthasar heraus, »aber vortrefflichster -Herr Professor, ich war es ja nicht –« -»Schon gut – schon gut,« fiel ihm der Professor -in die Rede. Candida trat zu ihnen. »Tröste mir,« -sprach der Professor zu dieser, »tröste mir doch -den guten Balthasar, der ganz betreten ist über -alles Unheil, was geschehen.«</p> - -<p>Der gutmütigen Candida tat der arme Balthasar, -der ganz verwirrt mit niedergesenktem Blick vor -ihr stand, herzlich leid. Sie reichte ihm die Hand -und lispelte mit anmutigem Lächeln: »Es sind aber -auch recht komische Leute, die sich so entsetzlich vor -Katzen fürchten.«</p> - -<p>Balthasar drückte Candidas Hand mit Inbrunst -an die Lippen. Candida ließ den seelenvollen Blick -ihrer Himmelsaugen auf ihm ruhen. Er war verzückt -in den höchsten Himmel und dachte nicht mehr -an Zinnober und Katzengeschrei. – Der Tumult -war vorüber, die Ruhe wieder hergestellt. Am -Teetisch saß die nervenschwache Dame und genoß<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -mehreren Zwieback, den sie in Rum tunkte, versichernd, -an dergleichen erlabe sich das von feindlicher -Macht bedrohte Gemüt, und dem jähen Schreck -folge sehnsüchtig Hoffen! –</p> - -<p>Auch die beiden alten Herren, denen draußen -wirklich ein flüchtiger Kater zwischen die Beine gelaufen, -kehrten beruhigt zurück, und suchten, wie -mehrere andere, den Spieltisch.</p> - -<p>Balthasar, Fabian, der Professor der Ästhetik, -mehrere junge Leute setzten sich zu den Frauen. -Herr Zinnober hatte sich indessen eine Fußbank herangerückt -und war mittelst derselben auf das Sofa gestiegen, -wo er nun in der Mitte zwischen zwei Frauen -saß und stolze funkelnde Blicke um sich warf.</p> - -<p>Balthasar glaubte, daß der rechte Augenblick gekommen, -mit seinem Gedicht von der Liebe der -Nachtigall zur Purpurrose hervorzurücken. Er -äußerte daher mit der gehörigen Verschämtheit, wie -sie bei jungen Dichtern im Brauch ist, daß er, dürfe -er nicht fürchten, Überdruß und Langeweile zu erregen, -dürfe er auf gütige Nachsicht der verehrten -Versammlung hoffen, es wagen wolle, ein Gedicht, -das jüngste Erzeugnis seiner Muse, vorzulesen.</p> - -<p>Da die Frauen schon hinlänglich über alles verhandelt, -was sich neues in der Stadt zugetragen, -da die Mädchen den letzten Ball bei dem Präsidenten -gehörig durchgesprochen und sogar über die<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -Normalform der neuesten Hüte einig wurden, da -die Männer unter zwei Stunden nicht auf weitere -Speis und Tränkung rechnen durften: so wurde -Balthasar einstimmig aufgefordert, der Gesellschaft -ja den herrlichen Genuß nicht vorzuenthalten.</p> - -<p>Balthasar zog das sauber geschriebene Manuskript -hervor und las.</p> - -<p>Sein eigenes Werk, das in der Tat aus wahrhaftem -Dichtergemüt mit voller Kraft, mit regem -Leben hervorgeströmt, begeisterte ihn mehr und -mehr. Sein Vortrag, immer leidenschaftlicher steigend, -verriet die innere Glut des liebenden Herzens. Er -bebte vor Entzücken, als leise Seufzer – manches -leise »Ach« – der Frauen, mancher Ausruf der -Männer: »Herrlich – vortrefflich – göttlich!« ihn -überzeugten, daß sein Gedicht alle hinriß.</p> - -<p>Endlich hatte er geendet. Da riefen alle: »Welch -ein Gedicht! – welche Gedanken – welche Phantasie -– was für schöne Verse – welcher Wohlklang -– Dank – Dank Ihnen, bester Herr Zinnober für -den göttlichen Genuß« –</p> - -<p>»Was? wie?« rief Balthasar; aber niemand -achtete auf ihn, sondern alle stürzten auf Zinnober -zu, der sich auf dem Sofa blähte wie ein kleiner -Puter und mit widriger Stimme schnarrte: »Bitte -recht sehr – bitte recht sehr – müssen so vorlieb -nehmen! – ist eine Kleinigkeit, die ich erst vorige<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -Nacht aufschrieb in aller Eile!« – Aber der Professor -der Ästhetik schrie: »Vortrefflicher – göttlicher -Zinnober! – Herzensfreund, außer mir bist du der -erste Dichter, den es jetzt gibt auf Erden! – Komm -an meine Brust, schöne Seele!« – Damit riß er -den Kleinen vom Sofa auf in die Höhe und herzte -und küßte ihn. Zinnober betrug sich dabei sehr -ungebärdig. Er arbeitete mit den kleinen Beinchen -auf des Professors dickem Bauch herum und quäkte: -»Laß mich los – laß mich los – es tut mir weh – weh -– ich kratz' dir die Augen aus – ich beiß' dir die -Nase entzwei!« – »Nein«, rief der Professor, indem -er den Kleinen niedersetzte auf das Sofa, »nein, -holder Freund, keine zu weit getriebene Bescheidenheit!« -– Mosch Terpin war nun auch vom Spieltisch -herangetreten, der nahm Zinnobers Händchen, -drückte es und sprach sehr ernst: »Vortrefflich, junger -Mann! – nicht zuviel, nein, nicht genug sprach man -mir von dem hohen Genius, der Sie beseelt« – -»Wer ist's«, rief nun wieder der Professor der -Ästhetik in voller Begeisterung aus, »wer ist's von -euch Jungfrauen, der dem herrlichen Zinnober sein -Gedicht, das das innigste Gefühl der reinsten Liebe -ausspricht, lohnt durch einen Kuß?«</p> - -<p>Da stand Candida auf, nahete sich, voll Glut auf -den Wangen, dem Kleinen, kniete nieder und küßte -ihn auf den garstigen Mund mit blauen Lippen.<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -»Ja«, schrie nun Balthasar wie vom Wahnsinn -plötzlich erfaßt, »ja Zinnober – göttlicher Zinnober, -du hast das tiefsinnige Gedicht gemacht von der -Nachtigall und der Purpurrose, dir gebührt der -herrliche Lohn, den du erhalten!« –</p> - -<p>Und damit riß er den Fabian ins Nebenzimmer -hinein und sprach: »Tu mir den Gefallen und schaue -mich recht fest an und dann sage mir offen und -ehrlich, ob ich der Student Balthasar bin oder nicht, -ob du wirklich Fabian bist, ob wir in Mosch Terpins -Hause sind, ob wir im Traume liegen – ob wir -närrisch sind – zupfe mich an der Nase oder rüttle -mich zusammen, damit ich nur erwache aus diesem -verfluchten Spuk!« –</p> - -<p>»Wie magst«, erwiderte Fabian, »wie magst du -dich denn nur so toll gebärden, aus purer Eifersucht, -weil Candida den Kleinen küßte? Gestehen -mußt du doch selbst, daß das Gedicht, welches der -Kleine vorlas, in der Tat vortrefflich war.« – -»Fabian«, rief Balthasar mit dem Ausdruck des -tiefsten Erstaunens, »was sprichst du denn?« – »Nun -ja«, fuhr Fabian fort, »nun ja, das Gedicht des -Kleinen war vortrefflich und gegönnt hab' ich ihm -Candidas Kuß. – Überhaupt scheint hinter dem -seltsamen Männlein allerlei zu stecken, das mehr -wert ist als eine schöne Gestalt. Aber was auch -selbst seine Figur betrifft, so kommt er mir jetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span> -nichts weniger als so abscheulich vor wie anfangs. -Beim Ablesen des Gedichts verschönerte die innere -Begeisterung seine Gesichtszüge, so daß er mir oft -ein anmutiger wohlgewachsener Jüngling zu sein -schien, ungeachtet er doch kaum über den Tisch -hervorragte. Gib deine unnütze Eifersucht auf, befreunde -dich als Dichter mit dem Dichter!«</p> - -<p>»Was«, schrie Balthasar voll Zorn, »was? – -noch befreunden mit dem verfluchten Wechselbalge, -den ich erwürgen möchte mit diesen Fäusten?«</p> - -<p>»So«, sprach Fabian, »so verschließest du dich -denn aller Vernunft. Doch laß uns in den Saal -zurückkehren, wo sich etwas Neues begeben muß, -da ich laute Beifallsrufe vernehme.«</p> - -<p>Mechanisch folgte Balthasar dem Freunde in -den Saal.</p> - -<p>Als sie eintraten, stand der Professor Mosch -Terpin allein in der Mitte, die Instrumente noch -in der Hand, womit er irgendein physikalisches -Experiment gemacht, starres Staunen im Gesicht. -Die ganze Gesellschaft hatte sich um den kleinen -Zinnober gesammelt, der, den Stock untergestemmt, -auf den Fußspitzen dastand und mit stolzem Blick -den Beifall einnahm, der ihm von allen Seiten -zuströmte. Man wandte sich wieder zum Professor, -der ein anderes sehr artiges Kunststückchen machte. -Kaum war er fertig, als wiederum alle den Kleinen<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -umringend riefen: »Herrlich – vortrefflich, lieber -Herr Zinnober!« –</p> - -<p>Endlich sprang auch Mosch Terpin zu dem Kleinen -hin und rief zehnmal stärker als die übrigen: -»Herrlich – vortrefflich, lieber Herr Zinnober!«</p> - -<p>Es befand sich in der Gesellschaft der junge -Fürst Gregor, der auf der Universität studierte. -Der Fürst war von der anmutigsten Gestalt, die -man nur sehen konnte, und dabei war sein Betragen -so edel und ungezwungen, daß sich die hohe -Abkunft, die Gewohnheit, sich in den vornehmsten -Kreisen zu bewegen, darin deutlich aussprach.</p> - -<p>Fürst Gregor war es nun, der gar nicht von -Zinnober wich und ihn als den herrlichsten Dichter, -den geschicktesten Physiker über alle Maßen lobte.</p> - -<p>Seltsam war die Gruppe, die beide zusammenstehend -bildeten. Gegen den herrlich gestalteten -Gregor stach gar wunderlich das winzige Männlein -ab, das mit hoch emporgereckter Nase sich kaum -auf den dünnen Beinchen zu erhalten vermochte. -Alle Blicke der Frauen waren hingerichtet, aber -nicht auf den Fürsten, sondern auf den Kleinen, -der, sich auf den Fußspitzen hebend, immer wieder -hinabsank und so hinauf und hinunter wankte wie -ein Cartesianisches Teufelchen.</p> - -<p>Der Professor Mosch Terpin trat zu Balthasar -und sprach: »Was sagen Sie zu meinem Schützling,<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -zu meinem lieben Zinnober? Viel steckt hinter -dem Mann und nun ich ihn so recht anschaue, ahne -ich wohl die eigentliche Bewandtnis, die es mit -ihm haben mag. Der Prediger, der ihn erzogen -und mir empfohlen hat, drückt sich über seine Abkunft -sehr geheimnisvoll aus. Betrachten Sie aber -nur den edlen Anstand, sein vornehmes ungezwungenes -Betragen. Er ist gewiß von fürstlichem Geblüt, -vielleicht gar ein Königssohn!« – In dem -Augenblick wurde gemeldet, das Mahl sei angerichtet. -Zinnober torkelte ungeschickt hin zur Candida, ergriff -täppisch ihre Hand und führte sie nach dem Speisesaal.</p> - -<p>In voller Wut rannte der unglückliche Balthasar -durch die finstre Nacht, durch Sturmwind und Regen -fort nach Hause.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/tb.png" alt="" /> -</div> - -<div class="subsec"> - -<p>Wie Fürst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger Goldwasser -frühstückte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose bekam -und den Geheimen Sekretär Zinnober zum Geheimen -Spezialrat erhob.</p></div> - -<p>Es ist nicht länger zu verhehlen, daß der Minister -der auswärtigen Angelegenheiten, bei dem Herr -Zinnober als Geheimer Expedient angenommen, ein -Abkömmling jenes Barons Prätextatus von Mondschein -war, der den Stammbaum der Fee Rosabelverde -in den Turnierbüchern und Chroniken vergebens -suchte. Er hieß, wie sein Ahnherr, Prätextatus<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -von Mondschein, war von der feinsten Bildung, -den angenehmsten Sitten, verwechselte niemals -das Mich und Mir, das Ihnen und Sie, -schrieb seinen Namen mit französischen Lettern, sowie -überhaupt eine leserliche Hand, und arbeitete sogar -zuweilen selbst, vorzüglich wenn das Wetter schlecht -war. Fürst Barsanuph, ein Nachfolger des großen -Paphnutz, liebte ihn zärtlich, denn er hatte auf jede -Frage eine Antwort, spielte in den Erholungsstunden -mit dem Fürsten Kegel, verstand sich herrlich aufs -Geld-Negoz, und suchte in der Gavotte seinesgleichen.</p> - -<p>Es begab sich, daß der Baron Prätextatus von -Mondschein den Fürsten eingeladen hatte zum Frühstück -auf Leipziger Lerchen und ein Gläschen Danziger -Goldwasser. Als er nun hinkam in Mondscheins -Haus, fand er im Vorsaal unter mehreren -angenehmen diplomatischen Herren den kleinen -Zinnober, der auf seinen Stock gestemmt ihn mit -seinen Äugelein anfunkelte und ohne sich weiter an -ihn zu kehren, eine gebratene Lerche ins Maul -steckte, die er soeben vom Tische gemaust. Sowie -der Fürst den Kleinen erblickte, lächelte er ihn -gnädig an und sprach zum Minister: »Mondschein! -was haben Sie da für einen kleinen, hübschen verständigen -Mann in Ihrem Hause? – Es ist gewiß -derselbe, der die wohl stilisierten und schön geschriebenen -Berichte verfertigt, die ich seit einiger<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span> -Zeit von Ihnen erhalte?« – »Allerdings, gnädigster -Herr«, erwiderte Mondschein. »Mir hat das Geschick -ihn zugeführt als den geistreichsten, geschicktesten -Arbeiter in meinem Büreau. Er nennt sich Zinnober, -und ich empfehle den jungen herrlichen Mann -ganz vorzüglich Ihrer Huld und Gnade, mein -bester Fürst! – Erst seit wenigen Tagen ist er bei -mir.« – »Und eben deshalb«, sprach ein junger hübscher -Mann, der sich indessen genähert, »und eben -deshalb hat, wie Ew. Exzellenz zu bemerken erlauben -werden, mein junger kleiner Kollege noch -gar nichts expediert. Die Berichte, die das Glück -hatten, von Ihnen, mein durchlauchtigster Fürst, -mit Wohlgefallen bemerkt zu werden, sind von mir -verfaßt.« – »Was wollen Sie!« fuhr der Fürst ihn -zornig an. – Zinnober hatte sich dicht an den -Fürsten geschoben und schmatzte, die Lerche verzehrend, -vor Gier und Appetit. – Der junge -Mensch war es wirklich, der jene Berichte verfaßt, -aber: »Was wollen Sie«, rief der Fürst, »Sie haben -ja noch gar nicht die Feder angerührt? – Und -daß Sie dicht bei mir gebratene Lerchen verzehren, -so daß, wie ich zu meinem großen Ärger bemerken -muß, meine neue Kasimirhose bereits einen Butterfleck -bekommen, daß Sie dabei so unbillig schmatzen, -ja! – alles das beweiset hinlänglich Ihre Untauglichkeit -zu jeder diplomatischen Laufbahn! – Gehen<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -Sie fein nach Hause und lassen Sie sich nicht wieder -vor mir sehen, es sei denn, Sie brächten mir eine -nützliche Fleckkugel für meine Kasimirhose. – Vielleicht -wird mir dann wieder gnädig zu Mute!« -Dann zum Zinnober: »Solche Jünglinge, wie Sie, -werter Zinnober, sind eine Zierde des Staats und -verdienen ehrenvoll ausgezeichnet zu werden! – -Sie sind Geheimer Spezialrat, mein Bester!« – -»Danke schönstens«, schnarrte Zinnober, indem er -den letzten Bissen hinunterschluckte, und sich das -Maul wischte mit beiden Händchen, »danke schönstens, -ich werd' das Ding schon machen, wie es mir zukommt.«</p> - -<p>»Wackres Selbstvertrauen«, sprach der Fürst mit -erhobener Stimme, »wackres Selbstvertrauen zeugt -von der innern Kraft, die dem würdigen Staatsmann -innewohnen muß!« Und auf diesen Spruch -nahm der Fürst ein Schnäpschen Goldwasser, welches -der Minister selbst ihm darreichte und das ihm -sehr wohl bekam. – Der neue Rat mußte Platz -nehmen zwischen dem Fürsten und Minister. Er -verzehrte unglaublich viel Lerchen und trank Malaga -und Goldwasser durcheinander und schnarrte und -brummte zwischen den Zähnen, und hantierte, da -er kaum mit der spitzen Nase über den Tisch reichen -konnte, gewaltig mit den Händchen und Beinchen.</p> - -<p>Als das Frühstück beendigt, riefen beide, der<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span> -Fürst und der Minister: »Es ist ein englischer -Mensch, dieser Geheime Spezialrat!« –</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/tb.png" alt="" /> -</div> - -<div class="subsec"> - -<p>Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem Garten frisiert -wurde und im Grase ein Taubad nahm. – Der Orden des grüngefleckten -Tigers. – Glücklicher Einfall eines Theaterschneiders.</p></div> - -<p>Der Professor Mosch Terpin schwamm in lauter -Wonne, »Konnte«, sprach er zu sich selbst, »konnte -mir denn etwas Glücklicheres begegnen, als daß -der vortreffliche Geheime Spezialrat in mein Haus -kam als Studiosus? – Er heiratet meine Tochter -– er wird mein Schwiegersohn, durch ihn erlange -ich die Gunst des vortrefflichen Fürsten Barsanuph -und steige nach auf der Leiter, die mein herrliches -Zinnoberchen hinaufklimmt. – Wahr ist es, daß -es mir oft selbst unbegreiflich vorkommt, wie das -Mädchen, die Candida, so ganz und gar vernarrt -sein kann in den Kleinen. Sonst sieht das Frauenzimmer -wohl mehr auf ein hübsches Äußere, als -auf besondere Geistesgaben, und schaue ich denn -nun zuweilen das Spezialmännlein an, so ist es mir, -als ob er nicht ganz hübsch zu nennen – sogar – -<em class="antiqua">bossu</em> – still – ßt – ßt – die Wände haben Ohren. -– Er ist des Fürsten Liebling, wird immer höher steigen -– höher hinauf, und ist mein Schwiegersohn!« –</p> - -<p>Mosch Terpin hatte recht, Candida äußerte die<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -entschiedenste Neigung für den Kleinen und sprach, -gab hie und da einer, den Zinnobers seltsamer -Spuk nicht berückt hatte, zu verstehen, daß der -Geheime Spezialrat doch eigentlich ein fatales mißgestaltetes -Ding sei, sogleich von den wunderschönen -Haaren, womit ihn die Natur begabt.</p> - -<p>Niemand lächelte aber, wenn Candida also sprach, -hämischer, als der Referendarius Pulcher.</p> - -<p>Dieser stellte dem Zinnober nach auf Schritten -und Tritten, und hierin stand ihm getreulich der -Geheime Sekretär Adrian bei, eben derselbe junge -Mensch, den Zinnobers Zauber beinahe aus dem -Büreau des Ministers verdrängt hätte, und der -des Fürsten Gunst nur durch die vortreffliche Fleckkugel -wieder gewann, die er ihm überreichte.</p> - -<p>Der Geheime Spezialrat Zinnober bewohnte ein -schönes Haus mit einem noch schöneren Garten, -in dessen Mitte sich ein mit dichtem Gebüsch umgebener -Platz befand, auf dem die herrlichsten -Rosen blühten. Man hatte bemerkt, daß allemal -den neunten Tag Zinnober bei Tagesanbruch leise -aufstand, sich, so sauer es ihm werden mochte, ohne -alle Hilfe des Bedienten ankleidete, in den Garten -hinabstieg und in den Gebüschen verschwand, die -jenen Platz umgaben.</p> - -<p>Pulcher und Adrian, irgend ein Geheimnis -ahnend, wagten es in einer Nacht, als Zinnober,<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -wie sie von seinem Kammerdiener erfahren, vor neun -Tagen jenen Platz besucht hatte, die Gartenmauer zu -übersteigen und sich in den Gebüschen zu verbergen.</p> - -<p>Kaum war der Morgen angebrochen, als sie den -Kleinen daherwandeln sahen, schnupfend und prustend, -weil ihm, da er mitten durch ein Blumenbeet ging, -die tauigten Halme und Stauden um die Nase schlugen.</p> - -<p>Als er auf den Rasenplatz bei den Rosen angekommen, -ging ein süßtönendes Wehen durch die -Büsche, und durchdringender wurde der Rosenduft. -Eine schöne verschleierte Frau mit Flügeln an den -Schultern schwebte herab, setzte sich auf den zierlichen -Stuhl, der mitten unter den Rosenbüschen -stand, nahm mit den leisen Worten: »Komm, mein -liebes Kind,« den kleinen Zinnober und kämmte -ihm mit einem goldnen Kamm sein langes Haar, -das den Rücken hinabwallte. Das schien dem -Kleinen sehr wohlzutun, denn er blinzelte mit den -Äugelein und streckte die Beinchen lang aus, und -knurrte und murrte beinahe wie ein Kater. Das -hatte wohl fünf Minuten gedauert, da strich noch -einmal die zauberische Frau mit einem Finger dem -Kleinen die Scheitel entlang, und Pulcher und Adrian -gewahrten einen schmalen, feuerfarb glänzenden Streif -auf dem Haupte Zinnobers. Nun sprach die Frau: -»Lebe wohl, mein süßes Kind! – Sei klug, sei -klug, so wie du kannst!« – Der Kleine sprach: »Adieu,<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span> -Mütterchen, klug bin ich genug, du brauchst mir -das gar nicht so oft zu wiederholen.«</p> - -<p>Die Frau erhob sich langsam und verschwand -in den Lüften. –</p> - -<p>Pulcher und Adrian waren starr vor Erstaunen. -Als nun aber Zinnober davonschreiten wollte, sprang -der Referendarius hervor und rief laut: »Guten -Morgen, Herr Geheimer Spezialrat! Ei, wie schön -haben Sie sich frisieren lassen« Zinnober schaute -sich um und wollte, als er den Referendarius erblickte, -schnell davonrennen. Ungeschickt und schwächlich -auf den Beinen, wie er nun aber war, stolperte -er und fiel in das hohe Gras, das die Halme über -ihn zusammenschlug und er lag im Taubade. Pulcher -sprang hinzu und half ihm auf die Beine, aber -Zinnober schnarrte ihn an: »Herr, wie kommen -Sie hier in meinen Garten! scheren Sie sich zum -Teufel!« Und damit hüpfte und rannte er, so rasch -er nur vermochte, hinein ins Haus.</p> - -<p>Pulcher schrieb dem Balthasar diese wunderbare -Begebenheit und versprach, seine Aufmerksamkeit -auf das kleine zauberische Ungetüm zu verdoppeln. -Zinnober schien über das, was ihm widerfahren, -trostlos. Er ließ sich zu Bette bringen und stöhnte -und ächzte so, daß die Kunde, wie er plötzlich erkrankt, -bald zum Minister Mondschein, zum Fürsten -Barsanuph gelangte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span></p> - -<p>Fürst Barsanuph schickte sogleich seinen Leibarzt -zu dem kleinen Liebling.</p> - -<p>»Mein vortrefflichster Geheimer Spezialrat«, sprach -der Leibarzt, als er den Puls befühlt, »Sie opfern -sich auf für den Staat. Angestrengte Arbeit hat -Sie aufs Krankenbett geworfen, anhaltendes Denken -Ihnen das unsägliche Leiden verursacht, das Sie -empfinden müssen. Sie sehen im Antlitz sehr blaß -und eingefallen aus, aber Ihr wertes Haupt glüht -schrecklich! – Ei, ei! – doch keine Gehirnentzündung? -Sollte das Wohl des Staates dergleichen hervorgebracht -haben? Kaum möglich! – Erlauben Sie -doch!«</p> - -<p>Der Leibarzt mochte wohl denselben roten Streif -auf Zinnobers Haupte gewahren, den Pulcher und -Adrian entdeckt hatten. Er wollte, nachdem er -einige magnetische Striche aus der Ferne versucht, -den Kranken auch verschiedentlich angehaucht, worüber -dieser merklich mauzte und quinkelierte, nun -mit der Hand hinfahren über das Haupt, und berührte -dasselbe unversehens. Da sprang Zinnober -schäumend vor Wut in die Höhe und gab mit seinem -kleinen Knochenhändchen dem Leibarzt, der sich gerade -ganz über ihn hingebeugt, eine solche derbe -Ohrfeige, daß es im ganzen Zimmer widerhallte.</p> - -<p>»Was wollen Sie«, schrie Zinnober, »was wollen -Sie von mir, was krabbeln Sie mir herum auf<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -meinem Kopfe! Ich bin gar nicht krank, ich bin -gesund, ganz gesund, werde gleich aufstehen und -zum Minister fahren in die Konferenz; scheren Sie -sich fort!« –</p> - -<p>Der Leibarzt eilte ganz erschrocken von dannen. -Als er aber dem Fürsten Barsanuph erzählte, wie -es ihm ergangen, rief dieser entzückt aus: »Was -für ein Eifer für den Dienst des Staats! – welche -Würde, welche Hoheit im Betragen! – welch ein -Mensch, dieser Zinnober!«</p> - -<p>»Mein bester Geheimer Spezialrat,« sprach der -Minister Prätextatus von Mondschein zu dem kleinen -Zinnober, »wie herrlich ist es, daß Sie Ihrer Krankheit -nicht achtend in die Konferenz kommen. Ich -habe in der wichtigen Angelegenheit mit dem Kakatukker -Hofe eine Memoire entworfen – <em class="gesperrt">selbst</em> -entworfen, und bitte, daß <em class="gesperrt">Sie</em> es dem Fürsten vortragen, -denn Ihr geistreicher Vortrag hebt das -Ganze, für dessen Verfasser mich dann der Fürst -anerkennen soll.« – Das Memoire, womit Prätextatus -glänzen wollte, hatte aber niemand anders -verfaßt, als Adrian.</p> - -<p>Der Minister begab sich mit dem Kleinen zum -Fürsten. – Zinnober zog das Memoire, das ihm -der Minister gegeben, aus der Tasche, und fing an -zu lesen. Da es damit aber nun gar nicht recht -gehen wollte und er nur lauter unverständliches<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -Zeug murrte und schnurrte, nahm ihm der Minister -das Papier aus den Händen und las selbst.</p> - -<p>Der Fürst schien ganz entzückt, er gab seinen -Beifall zu erkennen, ein Mal über das andere -rufend: »Schön – gut gesagt – herrlich – -treffend!« –</p> - -<p>Sowie der Minister geendet, schritt der Fürst -geradezu los auf den kleinen Zinnober, hob ihn -in die Höhe, drückte ihn an seine Brust, gerade -dahin, wo ihm (dem Fürsten) der große Stern des -grüngefleckten Tigers saß und stammelte und schluchzte, -während ihm häufige Tränen aus den Augen flossen: -»Nein! – solch ein Mann – solch ein Talent! – -solcher Eifer – solche Liebe – es ist zu viel – -zu viel!« – Dann gefaßter: »Zinnober! – ich -erhebe Sie hiermit zu meinem Minister! – Bleiben -Sie dem Vaterlande hold und treu, bleiben Sie ein -wackrer Diener der Barsanuphe, von denen Sie -geehrt – geliebt werden.« Und nun sich mit verdrießlichem -Blick zum Minister wendend: »Ich bemerke, -lieber Baron von Mondschein, daß seit -einiger Zeit Ihre Kräfte nachlassen. Ruhe auf -Ihren Gütern wird Ihnen heilbringend sein! – -Leben Sie wohl!« –</p> - -<p>Der Minister von Mondschein entfernte sich, unverständliche -Worte zwischen den Zähnen murmelnd -und funkelnde Blicke werfend auf Zinnober, der sich,<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -nach seiner Art sein Stöckchen in den Rücken gestemmt, -auf den Fußspitzen hoch in die Höhe hob -und stolz und keck umherblickte.</p> - -<p>»Ich muss,« sprach nun der Fürst, »ich muß Sie, -mein lieber Zinnober, gleich Ihrem hohen Verdienst -gemäß auszeichnen; empfangen Sie daher aus -meinen Händen den Orden des grüngefleckten -Tigers!«</p> - -<p>Der Fürst wollte ihm nun das Ordensband, -das er sich in der Schnelligkeit von dem Kammerdiener -reichen lassen, umhängen; aber Zinnobers -mißgestalteter Körperbau bewirkte, daß das Band -durchaus nicht normalmäßig sitzen wollte, indem es -sich bald ungebührlich heraufschob, bald ebenso -hinabschlotterte.</p> - -<p>Der Fürst war in dieser sowie in jeder andern -solchen Sache, die das eigentlichste Wohl des Staats -betraf, sehr genau. Zwischen dem Hüftknochen und -dem Steißbein, in schräger Richtung drei Sechzehnteil -Zoll aufwärts vom letztern, mußte das am -Bande befindliche Ordenszeichen des grüngefleckten -Tigers sitzen. Das war nicht herauszubringen. -Der Kammerdiener, drei Pagen, der Fürst legten -Hand an, alles Mühen blieb vergebens. Das verräterische -Band rutschte hin und her, und Zinnober begann -unmutig zu quäken: »Was hantieren Sie -doch so schrecklich an meinem Leibe herum, lassen<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -Sie doch das dumme Ding hängen, wie es will, -Minister bin ich doch nun einmal und bleib' es!« –</p> - -<p>»Wofür,« sprach nun der Fürst zornig, »wofür habe -ich denn Ordensräte, wenn rücksichts der Bänder -solche tolle Einrichtungen existieren, die ganz meinem -Willen entgegenlaufen? – Geduld, mein lieber -Minister Zinnober! bald soll das anders werden!«</p> - -<p>Auf Befehl des Fürsten mußte sich nun der -Ordensrat versammeln, dem noch zwei Philosophen, -sowie ein Naturforscher, der eben vom Nordpol -kommend durchreiste, beigesellt wurden, um über -die Frage, wie auf die geschickteste Weise dem -Minister Zinnober das Band des grüngefleckten -Tigers anzubringen, zu beratschlagen. Um für -diese wichtige Beratung gehörige Kräfte zu sammeln, -wurde sämtlichen Mitgliedern aufgegeben, acht -Tage vorher nicht zu denken; um dies besser ausführen -zu können und doch tätig zu bleiben im -Dienste des Staats, aber sich indessen mit dem -Rechnungswesen zu beschäftigen. Die Straßen vor -dem Palast, wo die Ordensräte, Philosophen und -Naturforscher ihre Sitzung halten sollten, wurden -mit dickem Stroh belegt, damit das Gerassel der -Wagen die weisen Männer nicht störe, und ebendaher -durfte auch nicht getrommelt, Musik gemacht, -ja nicht einmal laut gesprochen werden in der Nähe -des Palastes. Im Palast selbst tappte alles auf<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -dicken Filzschuhen umher, und man verständigte sich -durch Zeichen.</p> - -<p>Sieben Tage hindurch vom frühesten Morgen bis -in den späten Abend hatten die Sitzungen gedauert, -und noch war an keinen Beschluß zu denken.</p> - -<p>Der Fürst, ganz ungeduldig, schickte einmal über -das andere hin und ließ ihnen sagen, es solle in -des Teufels Namen ihnen doch endlich etwas Gescheutes -einfallen. Das half aber ganz und gar nichts.</p> - -<p>Der Naturforscher hatte soviel als möglich Zinnobers -Natur erforscht, Höhe und Breite seines Rücken-Auswuchses -genommen und die genaueste Berechnung -darüber dem Ordensrat eingereicht. Er war -es auch, der endlich vorschlug, ob man nicht den -Theaterschneider bei der Beratung zuziehen wolle.</p> - -<p>So seltsam dieser Vorschlag erscheinen mochte, -wurde er doch in der Angst und Not, in der sich -alle befanden, einstimmig angenommen.</p> - -<p>Der Theaterschneider Herr Kees war ein überaus -gewandter, pfiffiger Mann. Sowie ihm der -schwierige Fall vorgetragen worden, sowie er die -Berechnungen des Naturforschers durchgesehen, war -er mit dem herrlichsten Mittel, wie das Ordensband -zum normalmäßen Sitzen gebracht werden -könne, bei der Hand.</p> - -<p>An Brust und Rücken sollten nämlich eine gewisse -Anzahl Knöpfe angebracht und das Ordensband<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -daran geknöpft werden. Der Versuch gelang -über die Maßen wohl.</p> - -<p>Der Fürst war entzückt und billigte den Vorschlag -des Ordensrates, den Orden des grüngefleckten -Tigers nunmehro in verschiedene Klassen zu teilen, -nach der Anzahl der Knöpfe, womit er gegeben -wurde. Z. B. Orden des grüngefleckten Tigers -mit zwei Knöpfen – mit drei Knöpfen usw. Der -Minister Zinnober erhielt als ganz besondere Auszeichnung, -die sonst kein anderer erlangen könne, -den Orden mit zwanzig brillantierten Knöpfen, denn -gerade zwanzig Knöpfe erforderte die wunderliche -Form seines Körpers.</p> - -<p>Der Schneider Kees erhielt den Orden des grüngefleckten -Tigers mit zwei goldnen Knöpfen, und wurde, -da der Fürst ihn seines glücklichen Einfalls ungeachtet -für einen schlechten Schneider hielt und sich daher -nicht von ihm kleiden lassen wollte, zum Wirklichen -Geheimen Groß-Kostümierer des Fürsten ernannt. –</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/tb.png" alt="" /> -</div> - -<div class="subsec"> - -<p>Wie Fürst Barsanuph hinter den Kaminschirm trat und den -Generaldirektor der natürlichen Angelegenheiten kassierte. – -Zinnobers Flucht aus Mosch Terpins Hause.</p></div> - -<p>In dem mit hundert Kerzen erleuchteten Saal -stand der kleine Zinnober im scharlachroten gestickten -Kleide, den großen Orden des grüngefleckten Tigers<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -mit zwanzig Knöpfen umgetan, Degen an der Seite, -Federhut unterm Arm. Neben ihm die holde Candida -bräutlich geschmückt, in aller Anmut und Jugend -strahlend. Zinnober hatte ihre Hand gefaßt, die -er zuweilen an den Mund drückte und dabei recht -widrig grinste und lächelte. Und jedesmal überflog -dann ein höheres Rot Candidas Wangen, und sie -blickte den Kleinen an mit dem Ausdruck der -innigsten Liebe. Das war denn wohl recht graulich -anzusehen, und nur die Verblendung, in die Zinnobers -Zauber alle versetzte, war schuld daran, daß -man nicht, ergrimmt über Candidas heillose Verstrickung, -den kleinen Hexenkerl packte und ins -Kaminfeuer warf. Rings um das Paar im Kreise -in ehrerbietiger Entfernung hatte sich die Gesellschaft -gesammelt. Nur Fürst Barsanuph stand neben -Candida und mühte sich, bedeutungsvolle gnädige -Blicke umher zu werfen, auf die indessen niemand -sonderlich achtete. Alles hatte nur Auge für das -Brautpaar und hing an Zinnobers Lippen, der hin -und wieder einige unverständliche Worte schnurrte, -denen jedesmal ein leises Ach! der höchsten Bewunderung, -das die Gesellschaft ausstieß, folgte.</p> - -<p>Es war an dem, daß die Verlobungsringe gewechselt -werden sollten. Mosch Terpin trat in den -Kreis mit einem Präsentierteller, auf dem die Ringe -funkelten. Er räusperte sich – Zinnober hob sich<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span> -auf den Fußspitzen so hoch als möglich, beinahe -reichte er der Braut an den Ellbogen. – Alles -stand in der gespanntesten Erwartung – da lassen -sich plötzlich fremde Stimmen hören, die Türe des -Saales springt auf, Balthasar dringt ein, mit ihm -Pulcher – Fabian! – Sie brechen durch den Kreis -– »Was ist das, was wollen die Fremden?« ruft -alles durcheinander. –</p> - -<p>Fürst Barsanuph schreit entsetzt: »Aufruhr – -Rebellion – Wache!« und springt hinter den Kaminschirm. -– Mosch Terpin erkennt den Balthasar, der -dicht bis zum Zinnober vorgedrungen, und ruft: -»Herr Studiosus! – Sind Sie rasend – sind Sie -von Sinnen? – wie können Sie sich unterstehen, -hier einzudringen in die Verlobung! – Leute – -Gesellschaft – Bediente, werft den Grobian zur -Türe hinaus!« –</p> - -<p>Aber ohne sich nur im mindesten an irgend etwas -zu kehren, hat Balthasar schon eine Lorgnette -hervorgezogen und richtet durch dieselbe den festen -Blick auf Zinnobers Haupt. Wie vom elektrischen -Strahl getroffen, stößt Zinnober ein gellendes Katzengeschrei -aus, daß der ganze Saal widerhallt. -Candida fällt ohnmächtig auf einen Stuhl; der eng -geschlossene Kreis der Gesellschaft stäubt auseinander. -– Klar vor Balthasars Augen liegt der feuerfarbglänzende -Haarstreif, er springt zu auf Zinnober<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -– faßt ihn, <em class="gesperrt">der</em> strampelt mit den Beinchen -und sträubt sich und kratzt und beißt.</p> - -<p>»Angepackt – angepackt!« ruft Balthasar; da -fassen Fabian und Pulcher den Kleinen, daß er sich -nicht zu regen und zu bewegen vermag, und Balthasar -faßt sicher und behutsam die roten Haare, -reißt sie mit einem Ruck vom Haupte herab, springt -an den Kamin, wirft sie ins Feuer, sie prasseln auf, -es geschieht ein betäubender Schlag, alle erwachen -wie aus dem Traum. – Da steht der kleine Zinnober, -der sich mühsam aufgerafft von der Erde, -und schimpft und schmäht und befiehlt, man solle -die frechen Ruhestörer, die sich an der geheiligten -Person des ersten Ministers im Staate vergriffen, -sogleich packen und ins tiefste Gefängnis werfen! -Aber einer fragt den andern: »Wo kommt denn mit -einem Mal der kleine purzelbäumige Kerl her? – -Was will das kleine Ungetüm?« – Und wie der -Däumling immerfort tobt und mit den Füßchen -den Boden stampft und immer dazwischen ruft: -»Ich bin der Minister Zinnober – ich bin der -Minister Zinnober – der grüngefleckte Tiger mit -zwanzig Knöpfen!« da bricht alles in ein tolles -Gelächter aus. Man umringt den Kleinen, die -Männer heben ihn auf und werfen sich ihn zu wie -einen Fangball; ein Ordensknopf nach dem andern -springt ihm vom Leibe – er verliert den Hut –<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -den Degen, die Schuhe. – Fürst Barsanuph kommt -hinter dem Kaminschirm hervor und tritt hinein -mitten in den Tumult. Da kreischt der Kleine: -»Fürst Barsanuph – Durchlaucht – retten Sie -Ihren Minister – Ihren Liebling! – Hilfe – -Hilfe – der Staat ist in Gefahr – der grüngefleckte -Tiger – Weh – weh!« – Der Fürst wirft -einen grimmigen Blick auf den Kleinen und schreitet -dann rasch vorwärts nach der Türe. Mosch Terpin -kommt ihm in den Weg, den faßt er, zieht ihn in -die Ecke und spricht mit zornfunkelnden Augen: -»Sie erdreisten sich, Ihrem Fürsten, Ihrem Landesvater -hier eine dumme Komödie vorspielen zu -wollen? – Sie laden mich ein zur Verlobung Ihrer -Tochter mit meinem würdigen Minister Zinnober, -und statt meines Ministers finde ich hier eine abscheuliche -Mißgeburt, die Sie in glänzende Kleider -gesteckt? – Herr, wissen Sie, daß das ein landesverräterischer -Spaß ist, den ich strenge ahnden -würde, wenn Sie nicht ein ganz alberner Mensch -wären, der ins Tollhaus gehört? – Ich entsetze -Sie des Amts als Generaldirektor der natürlichen -Angelegenheiten und verbitte mir alles weitere -Studieren in meinem Keller! – Adieu!«</p> - -<p>Damit stürmte er fort.</p> - -<p>Aber Mosch Terpin stürzte zitternd vor Wut los -auf den Kleinen, faßte ihn bei den langen struppigen<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -Haaren und rannte mit ihm hin nach dem Fenster: »Hinunter -mit dir«, schrie er, »hinunter mit dir, schändliche -heillose Mißgeburt, die mich so schmachvoll hintergangen, -mich um alles Glück des Lebens gebracht hat!«</p> - -<p>Er wollte den Kleinen hinabstürzen durch das -geöffnete Fenster, doch der Aufseher des zoologischen -Kabinetts, der auch zugegen, sprang mit Blitzesschnelle -hinzu, faßte den Kleinen und entriß ihn -Mosch Terpins Fäusten. »Halten Sie ein,« sprach -der Aufseher, »halten Sie ein, Herr Professor, vergreifen -Sie sich nicht an fürstlichem Eigentum. -Es ist keine Mißgeburt, es ist der <em class="antiqua">Mycetes Belzebub</em>, -<em class="antiqua">Simia Belzebub</em>, der dem Museo entlaufen.« -»<em class="antiqua">Simia Belzebub – Simia Belzebub!</em>« ertönte es von -allen Seiten unter schallendem Gelächter. Doch kaum -hatte der Aufseher den Kleinen auf den Arm genommen -und ihn recht angesehen, als er unmutig ausrief: »Was -sehe ich! – das ist ja nicht <em class="antiqua">Simia Belzebub</em>, das ist -ja ein schnöder häßlicher Wurzelmann! Pfui! – pfui!«</p> - -<p>Und damit warf er den Kleinen in die Mitte des -Saals. Unter dem lauten Hohngelächter der Gesellschaft -rannte der Kleine quiekend und knurrend -durch die Türe fort – die Treppe hinab – fort, -fort nach seinem Hause, ohne daß ihn ein einziger -von seinen Dienern bemerkt.</p> - -<p>Währenddessen, daß sich dies alles im Saale begab, -hatte sich Balthasar in das Kabinett entfernt,<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -wo man, wie er wahrgenommen, die ohnmächtige -Candida hingebracht. Er warf sich ihr zu Füßen, -drückte ihre Hände an seine Lippen, nannte sie mit -den süßesten Namen. Sie erwachte endlich mit -einem tiefen Seufzer, und als sie den Balthasar -erblickte, da rief sie voll Entzücken: »Bist du endlich -– endlich da, mein geliebter Balthasar! Ach, -ich bin ja beinahe vergangen vor Sehnsucht und -Liebesschmerz! und immer erklangen mir die Töne -der Nachtigall, von denen berührt der Purpurrose -das Herzblut entquillt!« –</p> - -<p>Nun erzählte sie, alles, alles um sich her vergessend, -wie ein böser abscheulicher Traum sie verstrickt, wie -es ihr vorgekommen, als habe sich ein häßlicher -Unhold an ihr Herz gelegt, dem sie ihre Liebe -schenken müssen, weil sie nicht anders gekonnt. -Der Unhold habe sich zu verstellen gewußt, daß er -ausgesehen wie Balthasar; und wenn sie recht lebhaft -an Balthasar gedacht, habe sie zwar gewußt, -daß der Unhold nicht Balthasar, aber dann sei es ihr -wieder auf unbegreifliche Weise gewesen, als müsse -sie den Unhold lieben, eben um Balthasars willen.</p> - -<p>Balthasar klärte ihr nur so viel auf, als es geschehen -konnte, ohne ihre ohnehin aufgeregten Sinne -ganz und gar zu verwirren. Dann folgten, wie -es unter Liebesleuten nicht anders zu geschehen -pflegt, tausend Versicherungen, tausend Schwüre<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -ewiger Liebe und Treue. Und dabei umfingen sie -sich und drückten sich mit der Inbrunst der innigsten -Zärtlichkeit an die Brust und waren ganz und -gar umflossen von aller Wonne, von allem Entzücken -des höchsten Himmels.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/tb.png" alt="" /> -</div> - -<div class="subsec"> - -<p>Verlogenheit eines treuen Kammerdieners. – Wie die alte -Liese eine Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober -auf der Flucht ausglitschte. – Auf welche merkwürdige Weise -der Leibarzt des Fürsten Zinnobers jähen Tod erklärte. – -Wie Fürst Barsanuph sich betrübte, Zwiebeln aß, und wie -Zinnobers Verlust unersetzlich blieb.</p></div> - -<p>Der Wagen des Ministers Zinnober hatte beinahe -die ganze Nacht vergeblich vor Mosch Terpins -Hause gehalten. Ein Mal über das andere versicherte -man dem Jäger, Se. Exzellenz müßten schon -lange die Gesellschaft verlassen haben; der meinte -aber dagegen, das sei ganz unmöglich, da Se. Exzellenz -doch wohl nicht im Regen und Sturm zu -Fuß nach Hause gerannt sein würden. Als nun -endlich alle Lichter ausgelöscht und die Türen verschlossen -wurden, mußte der Jäger zwar fortfahren -mit dem leeren Wagen, im Hause des Ministers -weckte er aber sogleich den Kammerdiener und -fragte, ob denn ums Himmels willen und auf welche -Art der Minister nach Hause gekommen. »Se. Exzellenz«, -erwiderte der Kammerdiener leise dem<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -Jäger ins Ohr, »Se. Exzellenz sind gestern eingetroffen -in später Dämmerung, das ist ganz gewiß -– liegen im Bette und schlafen. – Aber! – o mein -guter Jäger! – wie – auf welche Weise! – ich -will Ihnen alles erzählen – doch Siegel auf den -Mund – ich bin ein verlorner Mann, wenn Se. -Exzellenz erfahren, daß ich es war, auf dem finstern -Korridor! – ich komme um meinen Dienst, denn -Se. Exzellenz sind zwar von kleiner Statur, besitzen -aber außerordentlich viel Wildheit, alterieren -sich leicht, kennen sich selbst nicht im Zorn, haben -noch gestern eine schnöde Maus, die durch Se. Exzellenz -Schlafzimmer zu hüpfen sich unterfangen, -mit dem blankgezogenen Degen durch und durch -gerannt. – Nun gut! – Also in der Dämmerung -nehme ich mein Mäntelchen um und will ganz -sachte hinüberschleichen ins Weinstübchen zu einer -Partie Tric-Trac, da schurrt und schlurrt mir etwas -auf der Treppe entgegen und kommt mir auf dem -finstern Korridor zwischen die Beine und schlägt -hin auf den Boden und erhebt ein gellendes Katzengeschrei -und grunzt dann wie – o Gott – Jäger! -– halten Sie das Maul, edler Mann, sonst bin -ich hin! – kommen Sie ein wenig näher – und -grunzt dann, wie unsere gnädige Exzellenz zu grunzen -pflegt, wenn der Koch die Kälberkeule verbraten -oder ihm sonst im Staate was nicht recht ist.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span></p> - -<p>Die letzten Worte hatte der Kammerdiener mit -vorgehaltener Hand ins Ohr gesprochen. Der Jäger -fuhr zurück, schnitt ein bedenkliches Gesicht und rief: -»Ist es möglich!« –</p> - -<p>»Ja«, fuhr der Kammerdiener fort, »es war -unbezweifelt unsere gnädige Exzellenz was mir -auf dem Korridor durch die Beine fuhr. Ich vernahm -nun deutlich, wie der Gnädige in den -Zimmern die Stühle heranrückte und sich die Türe -eines Zimmers nach dem andern öffnete, bis er in -seinem Schlafkabinett angekommen. Ich wagt' es -nicht nachzugehen, aber ein paar Stündchen nachher -schlich ich mich an die Türe des Schlafkabinetts -und horchte. Da schnarchten die liebe Exzellenz -ganz auf die Weise, wie es zu geschehen pflegt, -wenn Großes im Werke. – Jäger! es gibt mehr -Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere -Weisheit sich träumt, das hört' ich einmal auf -dem Theater einen melancholischen Prinzen sagen, -der ganz schwarz ging und sich vor einem ganz in -grauen Pappendeckel gekleideten Mann sehr fürchtete. -– Jäger! – es ist gestern irgend etwas Erstaunliches -geschehen, das die Exzellenz nach Hause -trieb. Der Fürst ist bei dem Professor gewesen, -vielleicht äußerte er das und das – irgend ein -hübsches Reformchen – und da ist nun der Minister -gleich drüber her, läuft aus der Verlobung heraus<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -und fängt an zu arbeiten für das Wohl der Regierung. -– Ich hört's gleich am Schnarchen; ja -Großes, Entscheidendes wird geschehen. – O Jäger -– vielleicht lassen wir alle über kurz oder lang -uns wieder die Zöpfe wachsen! – Doch, teurer -Freund, lassen Sie uns hinabgehen und als treue -Diener an der Türe des Schlafzimmers lauschen, -ob Se. Exzellenz auch noch ruhig im Bette liegen -und die inneren Gedanken ausarbeiten.«</p> - -<p>Beide, der Kammerdiener und der Jäger, schlichen -sich hin an die Türe und horchten. Zinnober -schnurrte und orgelte und pfiff durch die wundersamsten -Tonarten. Beide Diener standen in stummer -Ehrfurcht, und der Kammerdiener sprach tiefgerührt: -»Ein großer Mann ist doch unser gnädiger Herr -Minister!« –</p> - -<p>Schon am frühsten Morgen entstand unten im -Hause des Ministers ein gewaltiger Lärm. Ein -altes erbärmlich in längst verblichenen Sonntagsstaat -gekleidetes Bauerweib hatte sich ins Haus -gedrängt und dem Portier angelegen, sie sogleich -zu ihrem Söhnlein, zu Klein Zaches zu führen. -Der Portier hatte sie bedeutet, daß Se. Exzellenz -der Herr Minister von Zinnober, Ritter des grüngefleckten -Tigers mit zwanzig Knöpfen, im Hause -wohne, und niemand von der Dienerschaft Klein -Zaches heiße oder so genannt werde. Da hatte<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -das Weib aber ganz toll jubelnd geschrieen, der -Herr Minister Zinnober mit zwanzig Knöpfen, das -sei eben ihr liebes Söhnlein, der Klein Zaches. -Auf das Geschrei des Weibes, auf die donnernden -Flüche des Portiers war alles aus dem -ganzen Hause zusammengelaufen, und das Getöse -wurde ärger und ärger. Als der Kammerdiener -hinabkam, um die Leute auseinander zu -jagen, die Se. Exzellenz so unverschämt in der -Morgenruhe störten, warf man eben das Weib, -die alle für wahnsinnig hielten, zum Hause heraus.</p> - -<p>Auf die steinernen Stufen des gegenüberstehenden -Hauses setzte sich nun das Weib hin und schluchzte -und lamentierte, daß das grobe Volk da drinnen -sie nicht zu ihrem Herzens-Söhnlein, zu dem Klein -Zaches, der Minister geworden, lassen wolle. Viele -Leute versammelten sich nach und nach um sie her, -denen sie immer und immer wiederholte, daß der -Minister Zinnober niemand anders sei, als ihr -Sohn, den sie in der Jugend Klein Zaches geheißen; -so daß die Leute zuletzt nicht wußten, ob sie die -Frau für toll halten oder gar ahnen sollten, daß -wirklich was an der Sache.</p> - -<p>Die Frau wandte nicht die Augen weg von -Zinnobers Fenster. Da schlug sie mit einem Mal -eine helle Lache auf, klopfte die Hände zusammen -und rief jubelnd überlaut: »Da ist er – da ist er,<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -mein Herzensmännlein – mein kleines Koboltchen -– Guten Morgen, Klein Zaches! – Guten Morgen, -Klein Zaches!« – Alle Leute guckten hin, und als -sie den kleinen Zinnober gewahrten, der in seinem -gestickten Scharlachkleide, das Ordensband des -grüngefleckten Tigers umgehängt, vor dem Fenster -stand, das hinabging bis an den Fußboden, so daß -seine ganze Figur durch die großen Scheiben deutlich -zu sehen, lachten sie ganz übermäßig und lärmten -und schrieen: »Klein Zaches – Klein Zaches! Ha, -seht doch den kleinen geputzten Pavian – die tolle -Mißgeburt – das Wurzelmännlein – Klein Zaches! -Klein Zaches!« – Der Portier, alle Diener Zinnobers -rannten hinaus, um zu erschauen, worüber -das Volk denn so unmäßig lachte und jubiliere. -Aber kaum erblickten sie ihren Herrn, als sie noch -ärger als das Volk im tollsten Gelächter schrieen: -»Klein Zaches – Klein Zaches – Wurzelmann – -Däumling – Alraun!« –</p> - -<p>Der Minister schien erst jetzt zu gewahren, daß -der tolle Spuk auf der Straße niemand anderm -gelte, als ihm selbst. Er riß das Fenster auf, -schaute mit zornfunkelnden Augen hinab, schrie, -raste, machte seltsame Sprünge vor Wut – drohte -mit Wache – Polizei – Stockhaus und Festung.</p> - -<p>Aber je mehr die Exzellenz tobte im Zorn, desto -ärger wurde Tumult und Gelächter, man fing an,<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -mit Steinen – Obst – Gemüse, oder was man -eben zur Hand bekam, nach dem unglücklichen -Minister zu werfen – er mußte hinein! –</p> - -<p>»Gott im Himmel«, rief der Kammerdiener entsetzt, -»aus dem Fenster der gnädigen Exzellenz guckte -ja das kleine abscheuliche Ungetüm heraus – was -ist das? – wie ist der kleine Hexenkerl in die -Zimmer gekommen?« – Damit rannte er hinauf, -aber so wie vorher fand er das Schlafkabinett des -Ministers fest verschlossen. Er wagte leise zu -pochen! – Keine Antwort! –</p> - -<p>Indessen war, der Himmel weiß auf welche Weise, -ein dumpfes Gemurmel im Volke entstanden, das -kleine lächerliche Ungetüm dort oben sei wirklich -Klein Zaches, der den stolzen Namen Zinnober -angenommen und sich durch allerlei schändlichen -Lug und Trug aufgeschwungen. Immer lauter und -lauter erhoben sich die Stimmen. »Hinunter mit -der kleinen Bestie – hinunter – klopft dem Klein -Zaches die Ministerjacke aus – sperrt ihn in den -Käfig – laßt ihn für Geld sehen auf dem Jahrmarkt! -– Beklebt ihn mit Goldschaum und beschert -ihn den Kindern zum Spielzeug! – Hinauf -– hinauf!« – Und damit stürmte das Volk an -gegen das Haus.</p> - -<p>Der Kammerdiener rang verzweiflungsvoll die -Hände. »Rebellion – Tumult – Exzellenz –<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -machen Sie auf – retten Sie sich!« – so schrie -er; aber keine Antwort, nur ein leises Stöhnen -ließ sich vernehmen.</p> - -<p>Die Haustüre wurde eingeschlagen, das Volk -polterte unter wildem Gelächter die Treppe herauf.</p> - -<p>»Nun gilt's,« sprach der Kammerdiener und rannte -mit aller Macht an gegen die Türe des Kabinetts, -daß sie klirrend und rasselnd aus den Angeln sprang. -– Keine Exzellenz – kein Zinnober zu finden! –</p> - -<p>»Exzellenz – gnädigste Exzellenz – vernehmen -Sie denn nicht die Rebellion? – Exzellenz – gnädigste -Exzellenz, wo hat Sie denn der – Gott verzeih mir -die Sünde, wo geruhen Sie sich denn zu befinden?«</p> - -<p>So schrie der Kammerdiener in heller Verzweiflung -durch die Zimmer rennend. Aber keine Antwort, -kein Laut, nur der spottende Widerhall -tönte von den Marmorwänden. Zinnober schien -spurlos, tonlos verschwunden. – Draußen war es -ruhiger geworden, der Kammerdiener vernahm die -tiefe klangvolle Stimme eines Frauenzimmers, die -zum Volke sprach und gewahrte durchs Fenster -blickend, wie die Menschen nach und nach leise miteinander -murmelnd das Haus verließen, bedenkliche -Blicke hinaufwerfend nach den Fenstern.</p> - -<p>»Die Rebellion scheint vorüber«, sprach der Kammerdiener, -»nun wird die gnädige Exzellenz wohl hervorkommen -aus ihrem Schlupfwinkel.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span></p> - -<p>Er ging nach dem Schlafkabinett zurück, vermutend, -dort werde der Minister sich doch wohl -am Ende befinden.</p> - -<p>Er warf spähende Blicke rings umher, da wurde -er gewahr, wie aus einem schönen silbernen Henkelgefäß, -das immer dicht neben der Toilette zu stehen -pflegte, weil es der Minister als ein teures Geschenk -des Fürsten sehr wert hielt, ganz kleine dünne -Beinchen hervorstarrten.</p> - -<p>»Gott – Gott«, schrie der Kammerdiener entsetzt, -»Gott! – Gott! – täuscht mich nicht alles, so gehören -die Beinchen dort Sr. Exzellenz dem Herrn -Minister Zinnober, meinem gnädigen Herrn!« – -Er trat heran, er rief, durchbebt von allen Schauern -des Schrecks, indem er herabschaute: »Exzellenz – -Exzellenz – um Gott, was machen Sie – was -treiben Sie da unten in der Tiefe!«</p> - -<p>Da aber Zinnober still blieb, sah der Kammerdiener -wohl die Gefahr ein, in der die Exzellenz -schwebte und daß es an der Zeit sei, allen Respekt -<span id="corr052">beiseite</span> zu setzen. Er packte den Zinnober bei den -Beinchen – zog ihn heraus! – Ach tot – tot -war die kleine Exzellenz! Der Kammerdiener brach -aus in ein lautes Jammern; der Jäger, die Dienerschaft -eilte herbei, man rannte nach dem Leibarzt -des Fürsten. Indessen trocknete der Kammerdiener -seinen armen unglücklichen Herrn ab mit saubern<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -Handtüchern, legte ihn ins Bette, bedeckte ihn mit -seidenen Kissen, so daß nur das kleine verschrumpfte -Gesichtchen sichtbar blieb.</p> - -<p>Hinein trat nun das Fräulein von Rosenschön, -Sie hatte erst, der Himmel weiß auf welche Art, -das Volk beruhigt. Nun schritt sie zu auf den -entseelten Zinnober, ihr folgte die alte Liese, des -kleinen Zaches leibliche Mutter. – Zinnober sah -in der Tat hübscher aus im Tode, als er jemals -in seinem ganzen Leben ausgesehen. Die kleinen -Äugelein waren geschlossen, das Näschen sehr weiß, -der Mund zum sanften Lächeln ein wenig verzogen, -aber vor allen Dingen wallte das dunkelbraune -Haar in den schönsten Locken herab. Über das -Haupt hin strich das Fräulein den Kleinen, und in -dem Augenblick blitzte in mattem Schimmer ein -roter Streif hervor.</p> - -<p>»Ach«, sprach die alte Liese, »ach du lieber Gott, -das ist ja doch wohl nicht mein kleiner Zaches, so -hübsch hat <em class="gesperrt">der</em> niemals ausgesehen. Da bin ich -doch nun ganz umsonst nach der Stadt gegangen -und Ihr habt mir gar nicht gut geraten, mein -gnädiges Fräulein!« –</p> - -<p>»Murrt nur nicht, Alte«, erwiderte das Fräulein, -»hättet Ihr nur meinen Rat ordentlich befolgt, und -wäret Ihr nicht früher, als ich hier war, in dies -Haus gedrungen, alles stünde für Euch besser. –<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span> -Ich wiederhole es, der Kleine, der dort tot im -Bette liegt, ist gewiß und wahrhaftig Euer Sohn, -Klein Zaches!«</p> - -<p>»Nun«, rief die Frau mit leuchtenden Augen, -»nun, wenn die kleine Exzellenz dort wirklich mein -Kind ist, so erb' ich ja wohl all' die schönen Sachen, -die hier rings umherstehen, das ganze Haus mit -allem, was drinnen ist?«</p> - -<p>»Nein«, sprach das Fräulein, »das ist nun ganz -und gar vorbei, Ihr habt den rechten Augenblick -verfehlt, Geld und Gut zu gewinnen. – Euch ist, -ich habe es gleich gesagt, Euch ist nun einmal -Reichtum nicht beschieden.« –</p> - -<p>»So darf ich«, fuhr die Frau fort, indem ihr -die Tränen in die Augen traten, »so darf ich denn -nicht wenigstens mein armes kleines Männlein in -die Schürze nehmen und nach Hause tragen? – -Unser Herr Pfarrer hat so viel hübsche ausgestopfte -Vögelein und Eichkätzchen, der soll mir meinen -Klein Zaches ausstopfen lassen, und ich will ihn -auf meinen Schrank stellen, wie er da ist im roten -Rock mit dem breiten Bande und dem großen Stern -auf der Brust, zum ewigen Andenken!« –</p> - -<p>»Das ist«, rief das Fräulein beinahe unwillig, -»das ist ein ganz einfältiger Gedanke, das geht -ganz und gar nicht an!« –</p> - -<p>Da fing das Weib an zu schluchzen, zu klagen,<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span> -zu lamentieren. »Was hab' ich«, sprach sie, »nun -davon, daß mein Klein Zaches zu hohen Würden, -zu großem Reichtum gelangt ist! – Wär' er nur -bei mir geblieben, hätt' ich ihn nur aufgezogen in -meiner Armut, niemals wär' er in jenes verdammte -silberne Ding gefallen, er lebte noch, und ich hätt' -vielleicht Freude und Segen von ihm gehabt. Trug -ich ihn so herum in meinem Holzkorb, Mitleiden -hätten die Leute gefühlt und mir manches schöne -Stücklein Geld zugeworfen, aber nun« –</p> - -<p>Es ließen sich Tritte im Vorsaal vernehmen, das -Fräulein trieb die Alte hinaus mit der Weisung, -sie solle unten vor der Türe warten, im Wegfahren -wolle sie ihr ein untrügliches Mittel vertrauen, -wie sie all' ihre Not, all' ihr Elend mit einem Mal -enden könne.</p> - -<p>Nun trat Rosabelverde noch einmal dicht an den -Kleinen heran und sprach mit der weichen bebenden -Stimme des tiefen Mitleids:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>»Armer Zaches! – Stiefkind der Natur! – ich -hatt' es gut mit dir gemeint! – Wohl mocht' -es Torheit sein, daß ich glaubte, die äußere -schöne Gabe, womit ich dich beschenkt, würde -hineinstrahlen in dein Inneres und eine Stimme -erwecken, die dir sagen müßte, du bist nicht der, -für den man dich hält, aber strebe doch nur an, -es dem gleich zu tun, auf dessen Fittichen du<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -Lahmer, Unbefiederter dich aufschwingst! – -Doch keine innere Stimme erwachte. Dein träger -toter Geist vermochte sich nicht emporzurichten, -du ließest nicht nach in deiner Dummheit, Grobheit, -Ungebärdigkeit – Ach! – wärst du nur -ein geringes Etwas weniger, ein kleiner ungeschlachteter -Rüpel geblieben, du entgingst dem -schmachvollen Tode! – Prosper Alpanus hat -dafür gesorgt, daß man dich jetzt im Tode wieder -dafür hält, was du im Leben durch meine Macht -zu sein schienst. Sollt' ich dich vielleicht gar noch -wiederschauen als kleiner Käfer – flinke Maus -oder behende Eichkatze, so soll es mich freuen! -– Schlafe wohl, Klein Zaches!« –</p></div> - -<p>Indem Rosabelverde das Zimmer verließ, trat -der Leibarzt des Fürsten mit dem Kammerdiener -herein.</p> - -<p>»Um Gott«, rief der Arzt, als er den toten -Zinnober erblickte und sich überzeugte, daß alle -Mittel, ihn ins Leben zu rufen, vergeblich bleiben -würden, »um Gott, wie ist das zugegangen, Herr -Kämmerer?«</p> - -<p>»Ach«, erwiderte dieser, »ach, lieber Herr Doktor, -die Rebellion oder die Revolution, es ist all' eins, -wie Sie es nennen wollen, tobte und hantierte -draußen auf dem Vorsaale ganz fürchterlich. Se. -Exzellenz, besorgt um ihr teures Leben, wollten<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span> -gewiß in die Toilette hineinflüchten, glitschten aus -und« –</p> - -<p>»So ist«, sprach der Doktor feierlich und bewegt, -»so ist er aus Furcht zu sterben gar gestorben!«</p> - -<p>Die Tür sprang auf und herein stürzte Fürst -Barsanuph mit verbleichtem Antlitz, hinter ihm her -sieben noch bleichere Kammerherren.</p> - -<p>»Ist es wahr, ist es wahr?« rief der Fürst; aber -sowie er des Kleinen Leichnam erblickte, prallte er -zurück und sprach, die Augen gen Himmel gerichtet, -mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes: »O -Zinnober!« – Und die sieben Kammerherren riefen -dem Fürsten nach: »O Zinnober!« und holten, wie -es der Fürst tat, die Schnupftücher aus der Tasche -und hielten sie sich vor die Augen.</p> - -<p>»Welch ein Verlust«, begann nach einer Weile -des lautlosen Jammers der Fürst, »welch ein unersetzlicher -Verlust für den Staat! – Wo einen -Mann finden, der den Orden des grüngefleckten -Tigers mit zwanzig Knöpfen mit <em class="gesperrt">der</em> Würde trägt, -als mein Zinnober! – Leibarzt, und Sie konnten -mir <em class="gesperrt">den</em> Mann sterben lassen! – Sagen Sie – wie -ging das zu, wie mochte das geschehen – -was war die Ursache – woran starb der Vortreffliche?« –</p> - -<p>Der Leibarzt beschaute den Kleinen sehr sorgsam, -befühlte manche Stellen ehemaliger Pulse, strich das<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -Haupt entlang, räusperte sich und begann: »Mein -gnädigster Herr! Sollte ich mich begnügen auf der -Oberfläche zu schwimmen, könnte sagen, der -Minister sei an dem gänzlichen Ausbleiben des -Atems gestorben, dies Ausbleiben des Atems sei -bewirkt durch die Unmöglichkeit Atem zu schöpfen, -und diese Unmöglichkeit wieder nur herbeigeführt -durch das Element, durch den Humor, in den der -Minister stürzte. Ich könnte sagen, der Minister -sei auf diese Weise einen humoristischen Tod gestorben, -aber fern von mir sei diese Seichtigkeit, -fern von mir die Sucht, alles aus schnöden physischen -Prinzipen erklären zu wollen, was nur im -Gebiet des rein Psychischen seinen natürlichen unumstößlichen -Grund findet. – Mein gnädigster Fürst, -frei sei des Mannes Wort! – Den ersten Keim -des Todes fand der Minister im Orden des grüngefleckten -Tigers mit zwanzig Knöpfen!« –</p> - -<p>»Wie«, rief der Fürst, indem er den Leibarzt -mit zornglühenden Augen anfunkelte, »wie! – was -sprechen Sie? – der Orden des grüngefleckten Tigers -mit zwanzig Knöpfen, den der Selige zum Wohl -des Staats mit so vieler Anmut, mit so vieler -Würde trug? – <em class="gesperrt">der</em> Ursache seines Todes? – -Beweisen Sie mir das, oder – Kammerherren, -was sagt Ihr dazu?«</p> - -<p>»Er muß beweisen, er muß beweisen, oder« –<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -riefen die sieben blassen Kammerherren, und der -Leibarzt fuhr fort:</p> - -<p>»Mein bester gnädigster Fürst, ich werd' es beweisen, -also kein <em class="gesperrt">oder</em>! – Die Sache hängt folgendermaßen -zusammen: Das schwere Ordenszeichen -am Bande, vorzüglich aber die Knöpfe auf dem -Rücken, wirkten nachteilig auf die Ganglien des -Rückgrats. Zu gleicher Zeit verursachte der Ordensstern -einen Druck auf jenes knotige fadigte Ding -zwischen dem Dreifuß und der oberen Gekröspulsader, -das wir das Sonnengeflecht nennen, und das -in dem labyrinthischen Gewebe der Nervengeflechte -prädominiert. Dies dominierende Organ steht in -der mannigfaltigsten Beziehung mit dem Cerebralsystem, -und natürlich war der Angriff auf die -Ganglien auch diesem feindlich. Ist aber nicht die -freie Leitung des Cerebralsystems die Bedingung -des Bewußtseins, der Persönlichkeit, als Ausdruck -der vollkommensten Vereinigung des Ganzen in -einem Brennpunkt? Ist nicht der Lebensprozeß -die Tätigkeit in beiden Sphären, in dem Ganglien- -und Cerebralsystem? – Nun! genug, jener Angriff -störte die Funktionen des psychischen Organism. -Erst kamen finstre Ideen von unerkannten Aufopferungen -für den Staat durch das schmerzhafte -Tragen jenes Ordens usw., immer verfänglicher -wurde der Zustand, bis gänzliche Disharmonie des<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -Ganglien- und Cerebralsystems endlich gänzliches -Aufhören des Bewußtseins, gänzliches Aufgeben -der Persönlichkeit herbeiführte. Diesen Zustand -bezeichnen wir aber mit dem Worte <em class="gesperrt">Tod</em>! – Ja, -gnädigster Herr! – der Minister hatte bereits seine -Persönlichkeit aufgegeben, war also schon mausetot, -als er hineinstürzte in jenes verhängnisvolle Gefäß. -– So hatte sein Tod keine physische, wohl -aber eine unermeßlich tiefe psychische Ursache.« –</p> - -<p>»Leibarzt«, sprach der Fürst unmutig, »Leibarzt, -Sie schwatzen nun schon eine halbe Stunde, und -ich will verdammt sein, wenn ich eine Silbe davon -verstehe. Was wollen Sie mit Ihrem Physischen -und Psychischen?«</p> - -<p>»Das physische Prinzip«, nahm der Arzt wieder -das Wort, »ist die Bedingung des rein vegetativen -Lebens, das psychische bedingt dagegen den menschlichen -Organism, der nur in dem Geiste, in der -Denkkraft das Triebrad der Existenz findet.«</p> - -<p>»Noch immer«, rief der Fürst im höchsten Unmut, -»noch immer verstehe ich Sie nicht, Unverständlicher!«</p> - -<p>»Ich meine«, sprach der Doktor, »ich meine, -Durchlauchtiger, daß das Physische sich bloß auf -das rein vegetative Leben ohne Denkkraft, wie es -in Pflanzen stattfindet, das Psychische aber auf die -Denkkraft bezieht. Da diese nun im menschlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -Organism vorwaltet, so muß der Arzt immer bei -der Denkkraft, bei dem Geist anfangen und den -Leib nur als Vasallen des Geistes betrachten, der -sich fügen muß, sobald der Gebieter es will.«</p> - -<p>»Hoho!« rief der Fürst, »hoho Leibarzt, lassen -Sie das gut sein! – Kurieren Sie meinen Leib -und lassen Sie meinen Geist ungeschoren, von dem -habe ich noch niemals Inkommoditäten verspürt. -Überhaupt, Leibarzt, Sie sind ein konfuser Mann, -und stünde ich hier nicht an der Leiche meines -Ministers und wäre gerührt, ich wüßte, was ich -täte! – Nun Kammerherren! vergießen wir noch -einige Zähren hier am Katafalk des Verewigten -und gehen wir dann zur Tafel.«</p> - -<p>Der Fürst hielt das Schnupftuch vor die Augen -und schluchzte, die Kammerherren taten desgleichen, -dann schritten sie alle von dannen.</p> - -<p>Vor der Türe stand die alte Liese, welche einige -Reihen der allerschönsten goldgelben Zwiebeln über -den Arm gehängt hatte, die man nur sehen konnte. -Des Fürsten Blick fiel zufällig auf diese Früchte. -Er blieb stehen, der Schmerz verschwand aus seinem -Antlitz, er lächelte mild und gnädig, er sprach: -»Hab' ich doch in meinem Leben keine solche schöne -Zwiebeln gesehen, die müssen von dem herrlichsten -Geschmack sein. Verkauft Sie die Ware, liebe -Frau?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p> - -<p>»O ja«, erwiderte Liese mit einem tiefen Knix, -»o ja, gnädigste Durchlaucht, von dem Verkauf -der Zwiebeln nähre ich mich dürftig, so gut es -gehn will! – Sie sind süß wie purer Honig, belieben -Sie, gnädigster Herr?«</p> - -<p>Damit reichte sie eine Reihe der stärksten glänzendsten -Zwiebeln dem Fürsten hin. Der nahm sie, -lächelte, schmatzte ein wenig und rief dann: »Kammerherren! -geb' mir einer einmal sein Taschenmesser -her.« Ein Messer erhalten, schälte der Fürst nett -und sauber eine Zwiebel ab und kostete etwas von -dem Mark.</p> - -<p>»Welch ein Geschmack, welche Süße, welche -Kraft, welches Feuer!« rief er, indem ihm die -Augen glänzten vor Entzücken, »und dabei ist es -mir, als säh' ich den verewigten Zinnober vor mir -stehen, der mir zuwinkte und zulispelte: kaufen -Sie – essen Sie diese Zwiebeln, mein Fürst – das -Wohl des Staats erfordert es!« – Der Fürst -drückte der alten Liese ein paar Goldstücke in die -Hand, und die Kammerherren mußten sämtliche -Reihen Zwiebeln in die Taschen schieben. Noch -mehr! – er verordnete, daß niemand anderes die -Zwiebellieferung für die fürstlichen Dejeuners haben -sollte, als Liese. So kam die Mutter des Klein -Zaches, ohne gerade reich zu werden, aus aller -Not, aus allem Elend, und gewiß war es wohl,<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -daß ihr ein geheimer Zauber der guten Fee Rosabelverde -dazu verhalf.</p> - -<p>Das Leichenbegängnis des Ministers Zinnober -war eins der prächtigsten, das man jemals in -Kerepes gesehen: der Fürst, alle Ritter des grüngefleckten -Tigers folgten der Leiche in tiefer Trauer. -Alle Glocken wurden gezogen, ja sogar die beiden -Böller, die der Fürst behufs der Feuerwerke mit -schweren Kosten angeschafft, mehrmals gelöst. Bürger -– Volk – alles weinte und lamentierte, daß der -Staat seine beste Stütze verloren und wohl niemals -mehr ein Mann von dem tiefen Verstande, von -der Seelengröße, von der Milde, von dem unermüdlichen -Eifer für das allgemeine Wohl, wie -Zinnober, an das Ruder der Regierung kommen -werde.</p> - -<p>In der Tat blieb auch der Verlust unersetzlich; -denn niemals fand sich wieder ein Minister, dem -der Orden des grüngefleckten Tigers mit zwanzig -Knöpfen so an den Leib gepaßt haben sollte, wie -dem verewigten unvergeßlichen Zinnober.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/rule.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span></p> - -<h2 id="Bettina_von_Arnim"> -<img src="images/rule.png" alt="" /><br /> -Bettina von Arnim:<br /> -Die Reise nach Darmstadt</h2> -</div> - -<p class="center">Vorbemerkung des Herausgebers:</p> - -<div class="subsec"> - -<p>Diese kleine liebenswürdige Geschichte der Bettina von -Arnim ist ihrer berühmten im Jahre 1849 erschienenen -Schrift »Dies Buch gehört dem König« entnommen, die -eine Reihe »der Erinnerung abgelauschter Gespräche und -Erzählungen von 1807« enthält. Das Buch umschließt im -wesentlichen sozialpolitisch reformatorische Anschauungen der -Bettina von Arnim, die sie sämtlich der alten Frau Rat, -Goethes Mutter, in den Mund legt. Eingeschachtelt in -diese heute wenig mehr interessierenden sozialpolitischen Betrachtungen -ist die köstliche Erzählung von der plötzlichen -Reise der Frau Rat nach Darmstadt, wo sie von der -Königin Luise von Preußen mit großen Ehrungen empfangen -wurde. Indem Bettina von Arnim die Schilderung -dieser Begegnung durch Goethes Mutter selbst geschehen -läßt, gelingt es ihr, im lebendigen Frankfurter Dialekt, die -feine Klugheit, die herzhafte Urwüchsigkeit und die sonnig -lächelnde Heiterkeit der Frau Rat auf das anschaulichste -aufzuzeichnen.</p></div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/tb.png" alt="" /> -</div> - -<p>Die Frau Rat erzählt:</p> - -<p>Es war an einem recht sommerlichen Tag; ich -denk nach, was aus dem lieben Sonnenschein all -werden soll, den ich da so mutterselig allein in mich<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -fressen muß: – es wird Mittag, die Türmer blasen -derweil den Ablaß meiner Sünden vom Katharinenturm -herunter. – In dieser Welt, wo Böses und -Gutes oft in so herzlicher Umarmung einander am -Busen liegen, da haben irdische und himmlische Angelegenheiten -gar einen künstlichen Verkehr; an so -einem melancholischen Feiertag, da verschmäht der -Teufel auch eine falsche Trompet nicht, um den -Menschen aus seinem geduldigen Seelenheil herauszublasen; -opfre den Verdruß, den du davon spürst, -Gott auf, und die Kreide von der Rechnungstafel -deiner Sünden ist heruntergewischt, denn lieber als -das Sündegestöhn, was falscher klingt als die Sünd -selber, will Gott den Teufel falsch blasen hören. -Die Langeweil ist nun ganz apart an einem Sonntag -in der Stadt Frankfurt, aber gar an so einem -lange staubige Sommertag, wo man sich in die -Sonn stellt und denkt wie ein angezünd't Licht am -hellen Tag: »Vor was bist du da? – Alles kann -bestehn ohne dich!« oder: »Alles geht ja doch -konfus«, und mit dem Zweifel, ob der blaue Dunst -da oben wohl doch der Himmel sein könnt, streckt -man sich am End seiner Erdentage aus den Erdensorgen -heraus mit den Himmelssorgen auf dem -Herzen und bedenkt nicht, daß alle Sorge Irrtum ist.</p> - -<p>An so einem langweiligen Tag also, wie der -Türmer wirklich in einer der Musik sehr mißgünstigen<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -Stimmung in die Stadt herunterblies – -ich meint als, wenn mir der jung Wein nur nicht -auf dem Faß säuerlich wird – eine rauhe Halsarie -wie heut, und die Sonn schien mir auf die -Nas, daß ich nießen mußt, und die Lieschen bekomplimentiert -mich da drüber, da schellts – ich -ruf: »Guck einmal, wers ist.« – »Ei, es ist der Frau -Bethmann ihr Bedienter; ob Sie wollte heunt -Nachmittag mit ins Kirschenwäldchen fahren?« – -Ei was? – Ei freilich! Was werd ich nicht wollen -fahren an diesen einzigen Pläsierort, vor allen schönen -Orten in ganz Deutschland, wo die Kirschen wie -die schönste Rubinen im smaragdnen Blätterschmuck -an den Bäumen hängen, wo die Frankfurter Sonnenstrahlen -ein Goldnetz durchwirken und der Himmel -sein blaues Zelt mit silbernen Wolken drüber spannt.</p> - -<p>Jetzt sag ich: »Wir wollen präzis zwölf Uhr -essen, dann wird alles zurechtgemacht zum Abend, -wann ich heim komm; da wird meine Wasserflasche -hingestellt, das Bett zurecht gemacht, damit mir -die Zeit vergeht, bis die Füchserchen angetrabt -komme, dann setz ich meine Haub auf, bloß die -mit den Spitzen.« – »Ei, wollen Sie net die mit -den Sternblume aufsetzen, die steht schöner!« – -»Nein, die will ich nicht aufsetzen, man muß bescheiden -sein in der schönen Natur und sie nicht -überstrahlen wollen, es gelingt einem doch nicht.<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span> -Was meint sie denn, daß so ein Kranz von papierne -Blume zu sagen hätt da draußen auf der grünen -Wies? Ei, ich setz den Fall, ich könnt der Stadtherd -begegnen, so könnt mich ja der Brummelochs -mit einem einzige Maul voll Dotterblume, die er -vom Weidanger mit seiner lange Zung in einem -Hui zusammenrafft und wegschnappt, in die größt -Beschämung versetze, daß er frißt und verdaut, was -die Frau Rat in Papier nachgemacht zum Putz -auf dem Kopf trägt.« – Jetzt ohne weiter Federlesen -die Spitzehaub eweil auf der grünen Bouteille aufgepflanzt, -dann die Filethandschuh ohne Daumen, -daß ich sie nicht brauch auszuziehen beim Kirschenessen, -das Körbchen nehm ich mit, daß ich kann -Kirschen mitbringen – die kleine schwarze Salopp -und den Sonneparaplü, denn um die jetzig Sommerzeit -kommt häufig so ein klein erquicklich Regenschauerchen -mitten durch den Sonnenschein. Da -lachts und flennts zu gleicher Zeit am Himmel.</p> - -<p>Nun ist alles in Ordnung – so wird der Tisch -gedeckt und aufgetragen – denn zwölf Uhr ist schon -vorbei. »Was gibts heut?« – »Brühsupp«. – »Fort -mit, ich mag keine.« – »Aber Frau Rat, Ihne -Ihr Magen!« – »Aber ich will keine Supp, sag -ich; komm sie mir nicht an so einem schöne Sommertag -mit ihren Magensorgen an, – was gibts noch?« – -»Stockfisch, aufgewärmt von gestern, und Kartoffel.« –<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -»Den Stockfisch laß mir vor der Nase weg, der -paßt nit zu meiner Stimmung; ich mag mir keinen -Stockfischgeruch in den Vorgeschmack aufdampfen -lassen, den ich von dem Blumenduft drauß auf der -Wies schon in Gedanken genieß; aber die Kartoffel -bring sie, an denen verunreinigt man die erhabenen -Gedanken nicht, die könnt so ein indischer Priester -in seiner Verzückung ungestört genieße. – Ich glaub -gewiß, die sind aus dem Manna gewachse, das vom -Himmel fiel, wie die Juden in der Wüst in der -Hungersnot waren, das war so ein verzettelter -Mannasame, aus dem sind dann die Kartoffeln gewachsen, -die vor aller Hungersnot bewahren. Ja, -damals hatten die Juden noch eine Wüst, wo sie -sich niederlassen konnten; jetzt ist keine Wüst mehr -da, und wann die närrische Häns nicht fliegen lerne -wie die Raubvögel, daß sie als manchmal auf eine -vorüberfahrende Segelstang sich könne setzen wie -die Zugvögel, so weiß ich nicht, wo sie werden -bleiben, in der Wüste waren sie nit so gierig; -hätten sie damals alles verschlungen, so wär kein -himmlischer Mannasamen übrig geblieben, und ich -wüßt nicht, was ich heut essen sollt, und jetzt geb -nur künftig ohne Widerred allemal dem Betteljud -zwei Kreuzer, so oft er kommt. Denn wir könne -den Juden das nicht genug Dank wissen, daß wir -Kartoffeln essen.« – Nun war das Essen noch nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -all, es kam noch eine gebratne Taub. – Ich hatte -Appetit, fliegt mir grad eine lebendige Taub vors -Fenster und rucksert mir lauter Vorwürf ins Herz. -Ich fahr ins Kirschenwäldchen, und das arme Tier -mit verschränkte Flügel, mit denen es sich hätt -können in alle Weltfreude schwingen, liegt in der -Bratpfann. Der Christ jagt die halb Natur durch -den Schlund, damit er auf der Erd kann bleibe, -um sein Seelenheil zu befördern, und dann macht -ers grad verkehrt. – Nun kurz, der Vorwurf von -der Taub am Fenster lastet mir auf dem Herzen, -ich kann keinen Bissen essen. – Die Taub wird -unberührt wieder in die Speiskammer gestellt; ich -ziehe mich derweil an, um der Ungeduld etwas -weiß zu machen, die Spitzehaub wird von der -Bouteille herunter genommen, aufgesetzt, und die -Nachtmütz wird drauf gestülpt, damit ich sie heut -abend, wenn ich nach Haus komm, gleich auswechsle -kann, noch eh Licht kommt; das ist so meine alte -Gewohnheit.</p> - -<p>Nun sitz ich da mit meinem Sonnenschirm in der -Hand, im besten Humor, und lach die Lieschen -aus, mit ihrer Angst wegen meinem leeren Magen. -Ich guck auf die Uhr – der Wagen kommt gerappelt; -den alten Johann, ein ganz gescheuter -Kerl, hör ich schon an seinem gewohnten Gange -die Trepp herauf kommen. – »Lieschen, geschwind<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -lauf sie hinaus, auf den Vorplatz an die Tür, ehs -schellt.« Da schellts schon, die Lieschen macht die -Tür auf, da steht ein goldbordierter Herr mit einem -dreieckigen Hut und guckt mir ins Gesicht, und -mein alter Johann kommt hinten nach. – Ich sag -zu dem fremde Wundertier: »Sie sind wohl einen -unrechten Weg gangen!« – und will mich an ihm -vorbeimachen; aber weil er sagt: »Ich bin geschickt -von Ihro Majestät der Frau Königin von Preußen -an die Frau Rätin Goethe«, so guck ich ihn an, -ob er wohl nicht recht gescheut wär – »Und«, fährt -er fort, »die königlich Equipage werden um zwei -Uhr kommen, um die Frau Rätin nach Darmstadt -abzuholen; mit Ihrer Majestät sollen Sie den Tee -trinken im Schloßgarten!« – Ich sag: »Johann! -Jetzt hör er einmal, was das vor Sachen sind! -Wenn einem eine Bomeranz aus dem blauen -Himmel grad auf die Nas fällt, da soll man gleich -sein Verstand bei der Hand haben und sie auffangen, -das will viel heißen!« – Ei, wem hatt ich -denn die Kontenance zu verdanken als bloß dem -Johann? Der stellt sich an die Seit aus lauter -Respekt vor dem unvorhergesehenen Ereignis und -guckt mich so feierlich an, daß ich mich gleich besinn, -was ich mir und der Einladung schuldig bin; -ich guck ihn mit einem Feuerblick an, daß der Kerl -in sich geht, denn er war nah dran, zu lachen. Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span> -sag: »Mein Herr Kammerherr, oder was Sie vor -ein höflicher Beamter sein mögen, rennen Sie nur -wieder spornstreichs zur Frau Königin und melden, -die Frau Rat werden ihrerseits die Ehre haben, -die von der Frau Königin ihr zugedachte Auszeichnung -anzunehmen. Und machen Sie nur, daß -die <span id="corr071">Kutsch</span> hübsch akkurat kommt, damit ich auch -nicht zu spät komm, da das Warten und Wartenlassen -meine Sach nicht ist.« – Dabei macht ich so -große Augen, daß der preußisch Hoflakei gewiß -seine Verwundrung wird gehabt haben über den -besondern Schlag Madamen aus der freien Reichsstadt -Frankfurt. Man muß seine Zuflucht nehmen -zu allerlei Künsten, um seine Würde zu behaupten. -Wer kann sonst Religion in die Menschen bringen? -Daß so ein Hofschranz Respekt hätte vor einem -Bürger, dazu ist er einmal verdorben; da muß man -auf Mittel denke, wie er den Kopf ganz verliert -und nicht weiß, was er dazu sagen soll. Da fiel -mir der Türklopper ein von unserm Aderlaßmännchen, -dem Herrn <em class="gesperrt">Unser</em>; das ist so ein Löwenfratz, wie -sie an Salomon seinem Thronsessel zur Verzierung -angebracht sind. Den mach ich nach; – damit jag -ich meinen Herold in die Flucht; er nimmt die Bein -an den Hals und rennt die Trepp herunter. Ich -bleib stockstill stehn, die Lieschen bleibt stehn, der -Johann rührt sich nicht vom Fleck, bis wir die<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -Haustür zumachen hören. »Frau Rat«, sagt der -Johann, »Sie werden also jetzt unmöglich ins -Kirschenwäldchen fahren, und da werd ich dann bestelle, -warum Sie nicht mit könne fahren?« – »Ja, -lieber Johann, und bestell ers doch gleich im Vorbeigehen -beim Perückenmacher Heidenblut, der soll -gleich kommen, und erzähl ers unterwegs alle Leut, -so was muß stadtbekannt werden.« – »Ja, das ist -gewiß«, sagt der Johann, »und wenn mir nur das -Herz nit bersten wird, bis ich heraus geplatzt bin -dermit« – fort ist der Johann. – Nun guck ich -mein Lieschen an; die steht vor mir wie nicht recht -gescheut und zittert an alle Glieder. »Ei, Lieschen«, -sprech ich voll Verwunderung, »wie kommt es, daß -ihr die Haub hinderst der vörderst sitzt, das war -doch vorher nicht.« – Und ich weiß nicht, wie das -möglich war! Es ist doch wunderlich, wie bei -überraschende Gelegenheiten die Spukgeister sich -allerlei Schabernack erlauben mit solchen Leut, die -der Sach nicht gewachsen sind. Das war nun mein -Lieschen wirklich nicht. Sie konnts nicht finden, -weder Zwickelstrümpf noch Schuh noch sonst ein -Kleidungsstück, kein Rock konnt sie mir ordentlich -über den Kopf werfen. Wenn ich nun auch den -Kopf verloren hätt, ich wär nicht fertig geworden. -Jetzt sag ich: »Bring sie mir einmal die gebratne -Taub wieder herein, denn ich verspür über die<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span> -königlich Geschicht ein schreiende Hunger. Und -nun schmeiß sie die Nachthaub von der Bouteille -herunter – ich werd auch noch meiner Seel den -ganzen Stockfisch herunter fressen. Nun schenk sie -mir ein Glas Wein ein, ich muß Feuer in den -Adern haben.« Der Perückenmacher war gleich -herbei; über die unbegreiflich Nachricht hat er in -seinem stumme Erstaune mich aufgedonnert, und -nun mußt er mir die Haub aufsetze mit den Sternblumen. -Es war ein Heidenpläsier, fingerdick -Schmink hat er mir aufgelegt. »Die Frau Rat -sehn superb aus,« sagt der Herr Heidenblut. Und -die Liesche stand wie eine Gans vor mir, als ob -sie mich nicht mehr kennte. – Nu, wir verbringe -noch so ein Zeitchen vor dem Spiegel, links die -Lieschen mit der verkehrte Haub, denn die hat sie -noch nicht Zeit gehabt herum zu kriegen, rechts der -Herr Heidenblut mit dem Kamm hinterm Ohr, ganz -verzückt in mein Lockenbau, ich in der Front mit -einem feuerfarbne Schlepprock mit doppelte Florspitzen, -Diamantbracelett, echte Perlen um den Hals, -ein Schlupp von Diamante vorgesteckt. Nun, es -war zum Malen, die drei Personagen da aus dem -Spiegel herauslachen zu sehen. Wir wurden ganz -lustig und dachten nicht, wie die Zukunft mir auf -den Hals gerückt kommt. Wenn ich doch an all -die charmante Witze vom Heideblut mich noch erinnern<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -könnt, er mußt sich hinstellen, und ich macht -mein Probekompliment vor ihm; er verstehts. Er -frisiert ja die allerhöchste Theaterprinzesse. – Da -kommts aber wie ein Sturm angerennt und hält -still vor der Haustür. Rutsch – vier Pferd und -zwei Lakaie hinten drauf noch ohne den Kutscher. -– Jetzt kommen sie herbei gestolpert, faßt mich -ein jeder unterm Arm und tragen mich schwebend -in die Kutsch. Schad, daß die Fahrt nicht mit -meine vier Pferd durch die Bockheimergass geht -am Haus vom Herrn Bürgermeister vorbei – aber -das Glück bescherte mir unser Herrgott noch, denn -kaum biege wir im volle Trab um die Eck, stoßen -wir auf die Bürgermeisterskutsch mit samt dem -Herrn Bürgermeister von Holzhausen drin, mit seine -zwei Lakaien hinten drauf mit ihre alte abgelebte -Haarbeutel, – ich auch – aber meine Haarbeutel -waren ganz neu. In vollem Rand fahren wir -vorbei am Herrn Bürgermeister, ich grüß feierlich -mit dem Fächer und hab das Pläsier, zu sehn, -daß mein Herr von Holzhausen im Wagen sitzen, -versteinert, und sehn mich nicht mit ihre Glotzaugen; -er streckt den Kopf heraus, aber umsonst, wir flogen -wie der Wind vorbei.</p> - -<p>Sollt ich nun alle Gedanken erzählen, die mir -auf meiner Reis bis Darmstadt eingefallen sind, so -müßt ich lügen, denn ich war so zu sagen auf einer<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -Schaukel, die schlecht in Schwung gebracht war, -bald flog ich dort hinaus, bald wieder nach der -andren Seit, bald dreht sich alles mit mir im -Durmel herum, dann dacht ich wieder, wie ichs -alles meinem Sohn wollte schreiben, und da fing -mir das Herz an zu klopfen. Ich konnts vor Ungeduld -nicht behaglich finden in der Kutsch – ich -fing an, die Kastanienbäum zu zählen in der Allee, -ich wollt probieren, ob ichs könnt bis hundert bringe, -aber ich bracht keine zehn Bäum zusammen, da -waren meine Gedanken wieder wo anders. Einmal -kam mir ein gescheuter Gedanken, ich dacht, -was hab ich dervon? ist mir die Geschicht angenehm? -– sollt sie mir nur noch ein einzig Mal -wieder begegnen, da würd ich mich schon besinne, -daß sie mir langweilig wär. Was war das heunt -morgen vor eine Komödie, was ist mir vor eine -Hitz in den Kopf gestiegen und nun steck ich in -einer zweifelhaften Unbequemlichkeit – wo ich da -hingeh zu fremde Leut, die gar nicht dran denke, -wer da angerumpelt kommt. – – »Ohne -Kurage kein Genie,« hat mein Sohn immer gesagt, -und will ich oder nicht, so muß ich doch einmal -die höfliche Schmach auf mich nehmen, mit -gesundem Mutterwitz dort in dem Fürstensaal vor -einer eingebildten Welt zu paradieren und bloß für -eine Fabelerscheinung mich betrachten zu lassen. Ja,<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -die Welt steht auf einem Fuß, wo keiner an die -Wirklichkeit vom andern glaubt und sich doch selber -vergnügt fühlt, wenn er nur von so einem Scheinheiligen -bescheinigt ist.</p> - -<p>Nun, alleweil kamen wir wie ein Sturmwind -angerasselt, ganz erschrocken, daß ich schon da bin, -wie ich eben vor Ungeduld mein, es wird nie dazu -kommen. Ich steig aus, die Bediente renne wie -ein Lauffeuer vor mir weg. Ei, ich kann da nicht -wie eine Lerch mich ihnen nachschwingen, ich seh -den Augenblick kommen, wo ich weder Bediente -noch Weg mehr finden kann. Ich hatt mich ein bißchen -versäumt gehabt, die Krumplen aus meinem Staatskleid -<span id="corr076">herauszuschütteln</span>, da waren sie unterdessen -in einer Allee verschwunden wie ein paar Irrlichter; -wir waren auseinanderkommen. Ich geh so dem -Gehör nach, immer im Kreis ums Hofgezwitscher -herum, immer näher, bis ich endlich aus meinem -Schattenreich heraus unter den aufgepolsterte Hoftroß -trete. Ich hielt mich im Hintergrund mit -meinen Beobachtungsgaben, grad wie ein General -bei einer Position, die er dem Feind abluxen will. -Denn überraschen laß ich mich nicht, Mut hab ich, -womit ich den Leuten, wenn sie den Kopf verlieren, -ihn oft wieder zurecht gesetzt hab. Ja, bei Gelegenheiten, -von denen eine Frau keinen Verstand zu -haben behaupt wird, da steht als dem Mann derselbig<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span> -ihm allein zugemessne Verstand still, daß er -wehklagt: »Ach, was fangen wir an?« – Da antwort -die Frau und schlägt den Nagel auf den -Kopf. – Die Welt wird immer hinkend bleiben, -wenn der Verstand auf dem Mann seiner Seit -hinüber hinkt, mit dem er die verrückte Weltangelegenheiten -so schwermütig hinter sich drein schleppt. -Was batts den große Weltgeist, daß er das Eheprinzip -in sich trägt, wenn der männliche Verstand -ein Hagestolz bleibt. – Also die erst Bemerkung, die -ich mach in den mich umgebenden Hofzirkel, ist -die, daß meine amarantfarbne Schleppe nicht grad -ein guter Passepartout ist, denn nicht Ich mit -meinem Vierundzwanzigpfünderblick, nicht meine -Person wird mit neugierigen Augen betracht, nein, -die wird übergesehn, aber meine Falbelas, meine -Taille, meine Frangen, von unten herauf, immer -höher und höher werd ich scharf examiniert, bis -sie endlich zur Florfontange kommen, wo die Sternblumen -drauf gepflanzt waren, da halten sie an -und entdecken, daß auch ein Gesicht mit kommen war; -da prallen sie wie der Blitz auseinander und melden -meine Erscheinung der Frau Königin. Die kommt -mit einem ehrfurchtsvoll gehaltnen Schritt auf mich -los, ich – gleich salutiere mit einem Feuerblicke vom -erste Kaliber, und nun mache alle Leut Platz, und die -Frau Königin wie eine schöne Götternymph führt mich<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -an ihrer Hand, und der Wind spielt in dem schneehagelweiße -Faltengewand und ein Lockenpaar, das -spielt an auf jeden Tritt, den sie tut, und die blendende -Stirn und die wunderschön blaßrote Farb -von ihrem Gesicht, und der freundlich Mund, der -ganz voll allerlei Geflüster mich anspricht. Verstanden -hab ichs nicht, ich war durmlich von Vergnügen -und konnt auch nichts weiter vorbringen -als: »Hochgeschätzter Augenblick und liebwerteste -Gegenwart und wundernswert vor Götter und vor -Menschen –« und wie sie erst die Kett vom Hals -sich losmacht und hängt sie mir um, und der ganze -Hofkreis trippelt und guckt. Ich hab innerlich den -Apoll und den Jupiter angerufen, diese menschenbegreifende -Götter sollen mir beistehn, daß ich vernünftig -bleib und nicht alles um mich her für wunderliche -Tiere halt, denn alle diese vornehmen Hofchargen -kamen mir vor wie ein heraldischer Tierkreis. -Löwen, Büffel, Pfaue, Paviane, Greife; -aber auf ein Gesicht, das menschlich schön zu nennen -wär, besinn ich mich nicht. Das mag davon herkommen, -weil diese Menschengattung mehr eine -Art politischer Schrauben oder Radwerk an der -Staatsmaschine und keine rechte Menschen sind. -Harthörig, hartherzig, kurzsichtig, stolz und eigensinnig -Volk, und es gehört immer der Zufall und -ein Verdienst um sie, absonderlich aber ihre eigne<span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span> -Laune dazu, und noch gar viel andre Künste, um -von ihnen bemerkt und gehört zu werden. Schreien -und Poltern oder gar Recht haben hilft gar nichts -bei ihnen, ja, besonders das Recht haben, das kommt -der politische Staatsmaschine ihrer hochtragenden -Nas immer in die Quer. »<em class="gesperrt">Was soll das heißen, -daß man mit seim Recht an die widerrennen -tut?</em>« – Sollte das Schicksal diese Nas ausersehen -haben, daß sie drauf falle, das wär kein Schaden; -darum muß man ihr Platz machen. Ja, von solchen -ist kein christlich Gesinnung zu erwarten, das ist übrig. -Man soll seines Bestallungsbriefes an die Natur sich -erinnern, wenn man was mit ihne zu verhandeln -hat, damit man an der doppel-schneidig-weltbürgerliche -Politur nicht auch mit seinen edleren Gesinnungen -als ausglitscht. Das fehlte noch, daß man -wie ein Lauskerl vor sich selber dasteht und darf -nicht in den Spiegel gucken vom eignen Gewissen. –</p> - -<p>Solche Gedanke hatte ich in dem Tierkreis, wo -die Ordensbänder und Stern und goldblitzende Staatsröck -rund um mich herum blinkerten wie im Traum, -und wie im Traum dacht ich: wenn ich König wär, -ich hielt mir eine aparte Insel vor das heraldische -Tiervolk, da könnten sie so fortleben, bis sie sterben -wollten, aber mir jederzeit unter den Füßen herum -zu grabeln, daß man alle Augenblicke über sie -stolpern müßt, das litt ich nicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span></p> - -<p>Nun, während ich über den Darmstädter Tierkreis -meine Glossen mach, wovon ein nicht unbedeutender -Teil mit besterntem Bauch, mit übereinander -schielenden Blicken und überlegenden Mienen -des Menschenwohls da unter der Herd herumstolpern, -spür ich deutlich, daß ich in dem Verwunderungsstrudel -dagesessen hatte wie ein Schaf. Ich -schäme mich, daß ich sollte mit einem so unscheinbare -Antlitz die freie Reichsstadt vertreten, ich -such mir eine andere Physiognomie aus, den Frankfurter -Adler. No! – wie der Adler, wenn er -Donner und Blitz bewacht, so sitz ich da, und die -lieb Sonn, ohne Urlaub zu nemme, setzt sich auf -den Reisefuß und ging hinter denen schöne Linde -bergab spazieren, und der Mond kam herauf, auf -den mit allerlei poetische Spekulatione angespielt -wurde, ich mußt lachen über die empfindungsvolle -Tonarte, in welche die Gesellschaft da überging. -Nun, ich kann nicht alles aus dem Gedächtnis -hervorkrame. Ich schwieg in meiner stolze Position -still, denn kein Mensch hatte mir ein Wort zu sagen, -seit die Paradeszen vorbei war. Ich machte daher -meine olympische Adlersmiene ohne Unterbrechung -fort, und da war auch nicht ein Augenblick, wo ich -mir nachgegeben hätt und hätt meinen Alletagsgesicht -auch nur erlaubt durchzublinzeln. – Auf emal! -schlägt mir ein Trompetegeschmetter durchs Ohr,<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span> -ich fahr aus einem tiefen Schlaf, in dem ich aller -Herrlichkeiten, der um mich her vorgingen, vergessen, -träume dem Herrn Heideblut und der Jungfer -Lieschen meine erlebte Abenteuer zu erzähle, und -ganz vergnügt bin, daß alles überstande ist. – Ja, -der vermeint Adler hat den Kopf in sein Spitzekragen -gesteckt und war unbewußt seiner entschlummert -über dem viele Geschwärm von alle -bedeutungsvolle Momente, die mir da in eim Hui -ins Alltagsleben hereingestoben kamen, und ich, als -in der Meinung, meinen olympischen Götterglanz -fortzubehaupten, fall aus der Roll heraus und in -Schlaf. Mit natürliche Dinge wars zugegangen; -denk sich einer die verschiedene Motionen, dene ich -vom frühen Morgen an ausgesetzt gewesen war; -es war ja alles wie ein Traum, wars da ein -Wunder, daß ichs am End für ein Traum hielt -und ruhig weiter schlief? – Und die Nachtdämmerung -– und ich saß ja da für gar keine weitere -Geschäfte, als bloß Betrachtung anzustelle, was -doch die Parze vor eigensinnige Begebenheiten einem -in den Lebensfaden einspinne. No! – Als ich mit -einem Schrecke durch alle Eingeweide aufwach, hat -sich die Szen verändert, das Gebüsch wirft keinen -Schatten mehr auf den leeren Platz, weil alles -Tageslicht gewichen war, der Trompetenstoß, der -mich von meinem tiefe Schlaf auferweckt hatte,<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -war aus dem Tanzsaal erschallt, wo helle Fackeln -brenne, wo die ganze Hofnympheschar in einem -schwebende Tanz mit dene heraldische Cavaliere -herumhüppen; aus den unterirdische Kellerhäls -dampft ein köstlicher Speisegeruch; in denen sieht -man die Herrn Köche mit weißen Zipfelmützen -munter und allert Fett in das Feuer werfe, daß -es hell aufflackert; die Champagnerflasche hört man -im Plotonfeuer losknalle und die Frau Rat, die -zu diesem Göttermahl feierlichst eingeholt waren mit -vier weiße Schimmel, die sitzen unter einem Vogelkirschbäumche, -welche Frucht man bekanntlich nicht -esse kann, und spüren Hunger.</p> - -<p>Die Nacht war eingebrochen, und ich, unbekannt -mit der Hofetikett, und doch mit einem Schicklichkeitsgefühl, -was vielleicht grad aus grader, herzlicher -Aufrichtigkeit den entgegengesetzte Weg hätt -eingeschlagen von dem, was statuiert wär, ich stand -in der Klemm, wie ich mich zu verhalten hätt, aber -ich wurde sehr bald herausgerissen. Die gute Frau -Königin hat mich in all dem Trubel nicht vergessen. -Wie sie ihren ersten Tanz ausgemacht hat, da sieht -sie sich um nach mir, und wie sie mich nicht finden -kann, da gibt sie gleich Order. Das konnt ich -durch die Fensterscheiben bemerken; – kaum hat -sie nach mir gefragt, da laufen die Kammerherren, -die Lakaien durch den ganzen Saal im Kringel<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -herum, um mich zu finden. Aber, dacht ich, sucht -ihr nur. – Wie sie mich nicht finden können, da -fällt ihnen doch ein, daß ich vielleicht könnt im -Garten geblieben sein. Nun kommen sie heraus -und verteilen sich in alle Regionen; ich drück mich -dicht bei der Tür an die Wand, denn im Garten -wollt ich mich nicht finden lassen, da hätt ich mich -zu sehr geschämt. Nun dacht ich, jetzt ist der -wichtige Moment, da muß ich einen energischen -Streich machen und mich auf gut Glück wieder ins -Meer stürzen, unter die Hofwogen, und mich da -um die Wett mit denen aufbauschen. Wie also ein -Hoflakai wie ein Schuß Pulver von der Tür abblitzt -in den Garten hinaus, um mich im Gebüsch -zu suchen, so fahr ich an dem blinde Hans vorbei, -grad in den Saal herein, wo mir glücklicherweis -alle Leut den Rücken drehten. – Ach!! – Gott -sei Dank!! – Denn das Herzklopfen, was ich nach -überstandner Katastrophe empfand – nun, – wer -sich das denken kann! – bis ich mich so allmählich -wieder beruhigte. – Denk sich einer, wenn die -Windbeutel, die Kammerherren und Kammerdiener, -da die Frau Rat unter dem Vogelkirschbäumchen -gefunden hätten und hätten mit ihre Windlichter -mir unter mein schlafend Angesicht geleucht. Nein, -ich frag alle gute Freund, ob einer sich das gewünscht -hätt? – Antwort: Nein! – Aber was<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span> -man sich nicht wünscht, das soll man andern nicht -gönnen. Ich auch hab mirs nicht gewünscht und -hätts meinem Feind nicht gegönnt.</p> - -<p>Wie ich mich etwas erleichtert fühlte, so rückte -ich allmählich hinter den vielen Leuten hervor, die -an der Tür standen, und kam so ganz nah an die -Frau Königin heran; die winkt mir, und nun -kommen die Kammerjäger von ihrer Jagd durchs -Buschwerk zurück und wollen eben mein Verschwinden -melden, da sehn sie zu ihrer Verwundrung, -wie ich eben mit denen Prinzen von Gotha, -noch ein paar ganz jungen Bürschercher, Bekanntschaft -mach. Die erzählen von meinem Sohn, weil -sie ihn sehr gut kenne vom Weimarer Hof, und -ich erzähl auch mein Bestes, und das war eine ganz -vergnügte halbe Stund, wo ich mich ganz mit -meinem Schicksal wieder aussöhnte. Auch hatte sich -meine Verlegenheit nach und nach beschwichtigt über -meine Toilette, denn ich hatte mir gleich vorgenommen -gehabt, nur in keinen von denen großen -hell erleuchtete Wandspiegel zu gucken; das war -gar nicht so leicht. – Daß, wenn allenfalls was -an mir in Unordnung geraten wär, daß ich nicht -auch noch <em class="gesperrt">den</em> Schreck auf mein gepreßt Herz laden -müßt, weil aber die Leut all ganz vernünftig mich -ansehn und keiner eine zum Lachen gestimmte -Miene macht, da wag ich's und tu einen Seitenblick<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -und finde mich nicht nur ganz menschlich, -sondern ich gefalle mir auch sehr wohl mit meinem -kuraschierten Aug, das da thront über alle verkehrte -Eingebildheiten, mit dem sie mich rund umher zu -überschauen meinten. Ich schaute auf sie wieder -herab, wie ein Wetterdach, das sie in Schutz genommen -hat gegen den erfrischenden Regen und -den kühlenden Wind, dem sie sich auszusetzen Bedenken -tragen, und so ließ ich sie mich umirren -mit ihren nichtssagende Blicke, als bloß wie dürres -Laub, was im Wind dahinfliegt.</p> - -<p>Die gute Frau Königin sah mirs an, daß es -Zeit wär, mich zu entlassen; sie nahm da mein -Dank recht freundlich auf und erinnert mich an die -Zeiten, wo sie in meinem Haus unter meinem -Schutz gewohnt hatte und tausend lustige Spielstunden -in meinem Hof sich gemacht. –</p> - -<p>Da ich nun entlassen war, so kam gleich wieder -so ein dienender Geist von morgens früh und frägt -mich, ob ich vielleicht den Wagen bestellen wollt -lassen? – »Nichts lieber wie das«, sag ich, »bester -Freund, verdienen Sie sich einen Lohn im Himmel, -und helfen Sie mir über die königlich Schwell hinüber -in mein bürgerlich Dasein.« Wie ich nun -wieder im Wagen saß, wer war froher wie ich? -– Ich hatte vor allen überraschenden Verlegenheiten -und Sorgen gar nicht können an meine goldne<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -Kett denken; jetzt beguck ich sie im Mondschein, -und sie machte mir doch großes Pläsier. – Denn -alle Auszeichnungen, die mir werden, das weiß ich, -die hab ich doch meinem Sohn zu danken, und wie -soll das eine Mutter nicht freuen? –</p> - -<p>Ja, es war eine pläsierliche Fahrt in der Kastanienallee -heimwärts. Alle Baumschatten flogen im -Vorbeifahren mir über meine geblendeten Augen, -die ganz in tiefen Gedanken mit der in den Mondstrahlen -blinkenden Kett sich beschäftigten.</p> - -<p>Es muß ein Weltengeist geben, der alle wahre -und kräftig natürliche Gefühle nicht in den Lüften -verschwirren läßt. So ein Seufzer aus dem Mutterherzen, -auf der Darmstädter Chaussee, ist nicht dort -geblieben als irrender Geist herumzuschweifen. Er -wird sein Ziel gefunden haben, auch war mein Herz -ganz feurig, und ich dacht, so wird auch heut nacht -die Frau Königin eine vergnügliche Ahnung von -mir haben, daß sie mich hat so in einen feurigen -Rapport gesetzt mit meinem Sohn, daß ich ihn da -im Mondschein zwischen dem Baumgeflüster vor -mir schweben sehe, und kann die schönste Rede -führen mit ihm, weil da allerlei Meldungswürdiges -mir <span id="corr086">begegnet</span> ist. Ach was man sich nicht vor -unschuldige Unmöglichkeiten einbilden kann! – Aber -Muttergefühl ist eine Wünschelrut, die schlägt in -allen weiblichen Herzen an. Und die Frau Königin<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -auch wird nicht ohne Absicht das Verdienst als -Mutter in mir belohnt haben, sie wird gedacht -haben: wenn sie doch auch so ein Sohn möcht zur -Welt bringen, der diese mit seiner Unsterblichkeit -könnt ausfüllen. – So ein Wunsch ist kein schlecht -Gebet für eine erhabne Landesmutter – er begreift -das Wohl des ganzen Menschengeschlechts in sich -und es kann erhört werden, eben weil es der Müh -wert ist so zu beten, so lohnt es auch dem Schicksalsgott -die Erfüllung. – – –</p> - -<p>Frankfurter Bürgertum ist der best Adel, der -sich bis jetzt noch in alle Zeiten Respekt erworben -hat. Welcher Staat kann sich des rühmen? -Nun, ich kann Euch sagen, als ich in der Nacht -vors Tor kam, so freut ich mich über die Maßen: -»Sie müssen die Sperr bezahlen!« – »Königlich -Equipage!« ruft der Lakai vom Bock herunter. – -Schildwach ruft: »Heraus!« – »Ei was!« sag ich, -»freilich will ich die Sperr bezahlen. Stecken Sie -Ihnen Ihr Seitengewehr ein, Herr Leutnant, ich -bins nur und sonst niemand!« – »Ei, um so besser, -vor Ihnen präsentiere mer das Gewehr mit Vergnüge.« -– Nun, als wir durch den Orkus durchgerumpelt -waren und endlich vor meinem Haus -stillhalten, so kommt mir ein ganzer Trupp von -Basen und Vettern entgegen gestürzt. – Ich sag: -»Ei, was wollt ihr dann? – Es ist nachtschlafende<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -Zeit!« – »Ach, Gott seis gedankt, daß wir Sie -wieder vor unsern Augen sehen, lieb Frau Rat; -wir hatten gedacht, Sie wären arretiert! Die -Jungfer Lieschen hat uns in große Ängste zusammen -getrummelt, es wär eine Order kommen von Ihre -Königliche Majestät von Preußen, grad wie Sie -hätten wollen ins Kirschenwäldchen fahren mit der -Frau Bethmann; und kaum daß Sie sich hätten -was anziehen können, so wären Sie mit Eskorte -von drei Mann in einem zuenen Wagen mit vier -Pferd forttransportiert worden. Und so sitzen wir -hier schon drei Stund und wissen nicht, was wir -sollen anfangen, und eben wollten wirs dem Herrn -Bürgermeister melden, und wir wären Ihnen nachgeeilt, -aber die Jungfer hatte den Ort vergessen, -wo Sie waren hintransportiert worden.« – –</p> - -<p>»Nun, um Gotteswillen! Was sind das vor -Sachen! – Das Rätsel will ich Euch morgen lösen; -heunt will ich Euch nur eins sagen, daß die Jungfer -Lieschen eine Hahlgans ist, und ich seh wohl ein -jetzt, daß ihr die Haub heunt morgen nicht verkehrt -auf dem Kopf gesessen hat, daß ihr aber der -Kopf verkehrt unter der Haub sitzt, davor will ich -Euch stehn. Ich bedank mich übrigens vor die -Teilnahme; und wenn Sie einmal arretiert werde -sollten, so werd ich auch mein Bestes tun, Sie -wieder einzuholen. Übrigens, wer meine große<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -Abenteuer genauer will erfahren, der muß morgen -kommen, heunt sind die Tore gesperrt.« –</p> - -<p>Nun, wie ich die gute Nachbarn los war – so -mach ich der Lieschen erst Vorwürf, wie sie so -dumm könnt sein und mir die Leut über den Hals -trummelt.</p> - -<p>Nun nehm ich meine Sternblumenhaub vom Kopf -herunter und stülp sie über die Bouteille. Die hat -heunt was mit mir erlebt – ich eröffne meine Enveloppe, -die Lieschen erstarrt vor der goldnen Kett! -– Sie macht mir Vorwürf, daß ich nicht gleich hab -vor den Nachbarn, die um meine Abwesenheit waren -in Sorgen gewesen, meinen Mantel aufgemacht. -»Und«, sagt sie, »das war einmal nichts, daß die -Frau Rat nicht gleich es gesagt haben, und morgen -bei Tag wird das lang so kein Effekt machen.« – -»Nun!« sag ich, »es ist nun emal geschehen, nun -wollen wir uns ins Negligé werfen und ins Bett -legen und von denen viele Strabatzen uns ausruhen!« –</p> - -<p>Nun kommts endlich so weit, daß ich im Bett -liege. – Die Frau Bethmann haben einen Korb -mit den schönsten Kirsche mitgebracht aus dem -Kirschenwäldchen, und wenn mirs recht wär, so -wollte sie mir zulieb morgen noch einmal mit mir -hinfahren. »Ei, freilich ist mir das recht! Jetzt -stell sie mir die treffliche Herzkirschen an mein Bett<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -und die Wasserflasche dabei, so werd ich wie eine -Prinzeß mirs wohl sein lassen und die ganze Nacht -Kirschen fressen.« –</p> - -<p>Aber die Lieschen hat keine Ruh, sie persuadiert -mir noch über die weiß Nachtjack die goldne Kett -um den Hals – und nun bewundert sie und bedauert, -daß es die Nachbarn von rechts und links -und gegenherüber nicht gesehn haben! »Nun!« sag -ich, »schweig sie mit ihrem Lamento, es ist emal -vorbei; hätt ich ehnder dran gedacht, so hätt ichs -freilich ihne zeigen können, es würde sie im ersten -Augenblick, wo sie noch den Schreck in alle Glieder -hatten über meine bewußte Arretierung, noch mehr -gefreut und überrascht haben!« – »Ach!« ruft die -Lieschen, »die hab ich gleich wieder beisammen, -es ist ja nit weit hin!« und eh ich ihr auf ihre -Dummheit Kontraorder geben kann, klappt sie mit -ihre Pantoffel die Trepp hinunter, ich hör die Haustür -gehn, ich lieg da in der Nachtjack im Bett mit -meiner goldne Kett, mit meine Kirschen; ich denk: -Was soll das werden, alle Leut liegen um ein Uhr -in der Nacht im tiefsten Schlaf; seit wieviel Jahr -hat ein gesunder Frankfurter die Stern am Himmel -um diese Zeit nicht gesehn; und nun poltert mir -die Lieschen die Menschen zusammen! – Ja, richtig, -da kommen sie schon mit angepoltert! – Nun, -morgen wird die ganze Stadt sagen, ich wär nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -recht gescheut. – Jetzt, der erst Gesell, der die Tür -aufmacht, sein der Herr Doktor Lehr. »Ei, um -Gottes wille, wie kommen Sie daher?« – »Ei, -wie ich eben in Wagen steigen will bei der Frau -Schaket, die eben mit einem kleinen Sohn niedergekommen -sind, da kommt Ihr Hausjungfer Lieschen -Hals über Kopf daher gerennt, und im Vorbeirenne -frägt sie, ob ich nicht wollt die schöne Kett -sehen, die Ihne der König von Preußen mit eigne -Hände hat um den Hals gehängt!« – Ei, die -Lieschen ist ja imstand und redet die ganz Stadt -auf, um die Kett zu sehn, und morgen werden die -Leut sagen, ich war nicht recht gescheut! – Nun, -weil der Doktor Lehr in Bewundrung über meine -Kette dastehn, so kommen die andern nachgepoltert, -die all von der Lieschen und ihrer Neugierd wieder -aus dene Betten getrummelt waren, und ich hat -nicht weniger wie zehn Personen im Zimmer und -ein fürchterlich Geschnatter! Ich sagt aber nichts -und ließ sie gucken und Glossen machen und aß -ruhig meine Kirschen auf, und mit der letzte Kirsch -da sagt der Doktor Lehr: »Nun werd ich meine -Kindbetterin, noch eh ich nach Haus fahr, besuchen, -und werd von der golderne Kett noch erzählen!« – -»O«, sag ich, »schicke Sie mir nicht auch noch die -Stadthebamm übern Hals!« – Jetzt, kaum war der -Doktor Lehr fort, so empfehle sich auch die Nachbarsleut<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -und bedanke sich, und ich mach meine Entschuldigungen, -daß die Lieschen ohne mein Wille sie -hat wieder aus den Betten geholt, sie gaben aber -dem Lieschen ganz recht! – Nun, wie sie der Tür -drauß waren und ich hör die Haustür gehn, war -ich froh, daß ich endlich bei mir allein war. Aber -da knistert was an der Tür! – Mein Schrecken! -– ich denk, da ist am End heimlich ein Spitzbub -hereingeschlichen, ich schrei um Hilf, ich will eben -ans Fenster springen und die Nachbarsleut wieder -herbeirufen, die noch nicht weit sein könne, da ich -die Absätz von ihre Schuh deutlich in der Fern -widerhallen hör auf dem Straßenpflaster. Aber da -kommt ja wahrhaftig die Frau Ahleder herein, die -Stadthebamm, und sagt, der Herr Doktor Lehr -hätts ihr gesagt, ich hätts erlaubt, daß sie noch -dürft komme und die goldern Kett sehn! – »Ja«, -sag ich, »Frau Ahleder, sehe Sie nach Gefallen, -aber ich bitt Sie um Gottes willen, sagen Sies -heut niemand wieder, damit ich doch noch einen -Teil von der Nachtruh genießen kann!« – Nun, die -war auch die letzt Nachtvisit, aber acht Tag hintereinander -strömte alle Leut zu mir, und ich mußte -viele alte Bekanntschafte erneuern und viel neue -machen wegen der Kett und mußt meine Geschicht -von alle Seite erzähle, wo ich dann unendlich viel -Variation dabei angebracht hab und hab denen besuchende<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span> -Neugierigen einem jeden noch apart mit -eingeflochten, was ich meint, daß ihm not wär zu -bedenken. Den ersten Tag war ich durchgewitscht -ins Kirschenwäldchen, da sind sie mir ja all nachkommen -zu Fuß und zu Wagen, und das ganze -Kirschenwäldchen war gestopft voll Zuhörer, und die -Gassenbuben haben Spalier gemacht um mich herum, -und ich mußt eine Prachterzählung machen, -und ich wärs beinah satt geworden, ich war froh, -wie sich der erst Sturm gelegt hatte. Nun, heunt -hab ich wieder einmal die alt Geschichte mit besonderm -Pläsier aufgewärmt, und ich hoffe, daß sie -Euch wird eingeleuchtet haben.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/rule.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span></p> - -<h2 id="Friedrich_Theodor_Vischer"> -<img src="images/rule.png" alt="" /><br /> -Friedrich Theodor Vischer:<br /> -Die Tücke des Objekts.</h2> -</div> - -<p class="center">Vorbemerkung des Herausgebers.</p> - -<div class="subsec"> - -<p>Der nachfolgende Abschnitt ist dem großen, humoristisch-satirischen -Reiseroman »Auch Einer« entnommen, den Vischer -im Jahre 1879 veröffentlichte. Eine Fülle geistsprühender -Aphorismen, scharf pointierte Betrachtungen über alle Dinge -in Kunst und Leben ranken in bunten Verschlingungen in -diesem Buch, das mit derbem Behagen und kräftigem Humor -einen Menschen schildert, den Reisebekannten A. E. (Auch -Einer), der sich der Tücke des Objekts, d. h. der Widerwärtigkeiten -all der kleinen, störenden, an sich unbedeutenden -Zufallsdinge des Alltags nicht erwehren kann. Auf einer -Reise in die Schweiz macht der Dichter die Bekanntschaft -des sonderbaren Helden. Gleich in der ersten Nacht, die sie -im selben Hotel Wand an Wand verleben, lernt der Dichter -aus dem Munde des Herrn A. E. die widerwärtige Tücke -des Objekts kennen. Vischer erzählt:</p></div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/tb.png" alt="" /> -</div> - -<p>Ich konnte lang nicht einschlafen, hörte meinen -Wandnachbar in sein Zimmer treten, sich auskleiden -und zu Bett legen. Das Haus war so hörsam, -daß selbst das Nagen einer Maus im Nebenzimmer -meinem Ohre nicht entging. Den unbekannten Bewohner -desselben hielt ich für längst eingeschlafen,<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -als ich die Worte vernahm: »Ach es fängt an.« -Es war die Stimme meines armen Verkälteten. -Was denn auch wirklich anfing, war ein scharfes -Husten und häufiges starkes Räuspern und Spucken, -das, von tiefen Seufzern unterbrochen, zu meiner -eignen Qual wohl eine Stunde dauerte, dann aber -einem fürchterlichen Schnarchen Platz machte, das -im ganzen Register einer Orgel sich hin und her -bewegte, oft von stoßenden, plötzlich abschnappenden -Tönen und bangen Pausen unterbrochen, worin -der musikalische Schläfer nach Atem zu ringen -schien. Ich hätte ernstlich für seine Lunge gefürchtet, -wenn nicht seine Gesichtsfarbe, gewölbte -Brust, Energie der Bewegungen, wie ich sie während -des Tags beobachtet hatte, eine ausdauernde Widerstandskraft -verbürgt hätten. Endlich schlief ich doch -selbst ein, freilich nur, um sehr früh geweckt zu -werden und zwar durch ein Auf- und Abgehen -meines Nachbars, das mit Geräuschen wechselte, -aus denen ich auf ein ungeduldiges Suchen in -Schubladen, auf Tischen, in allen Geräten des -Zimmers schließen mußte. Das Laufen, Stöbern -wurde immer heftiger, ein Selbstgespräch, das diese -wilden Bewegungen zuerst leis begleitete, wurde -lauter und lauter und ging dann in wütende Ausrufungen, -endlich in einen Hagel von Flüchen über, -die in der Tat nicht christlich, vielmehr türkisch, ja<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -heidnisch zu nennen waren und von einem wütenden -Stampfen und Wettern begleitet wurden. Ich -hielt es nicht mehr aus, der Mensch schien mir -rein toll geworden, ich kleidete mich flüchtig an, -klopfte an seiner Tür und trat, in meiner Aufregung -die Form vernachlässigend, ins Zimmer, -ohne auf das »Herein« zu warten. Mit zornsprühenden -Augen, hochrot im Gesicht, fuhr der Bewohner -auf mich zu, er schien mich an der Kehle -packen zu wollen; plötzlich aber faßte er sich, stand -unbewegt vor mir, sah mich mit durchdringendem -Blick an und sagte ruhig streng: »Mein Herr, Sie -führt ein Bildungsbedürfnis hier herein.« Es war -mit meinem Gewissen nicht sonderlich bestellt, denn -ich hatte doch eine Formverletzung begangen; dies -machte mich wehrlos, ganz kleinlaut sagte ich: »Ja«, -und fragte nun, was er denn aber ums Himmels -willen eigentlich habe. A. E. – so wollen wir -meinen Reisebekannten von nun an der Kürze -halber nennen – fiel jetzt wieder in seinen Wutzustand -und schrie mit Donnerlaut: »Meine Brille, -meine Brille! Die Canaille hat sich wieder einmal -verkrochen – vom Schlüssel, dem kleinen -Teufel, vorerst nicht zu reden!«</p> - -<p>»Also Ihre Brille suchen Sie? Ist dies Objekt -es wert, daß man in solche Wut gerate? Kennen -Sie denn auch gar keine Geduld?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p> - -<p>Er wollte gegen mich auffahren, faßte sich aber -auch diesmal wieder, sah mich an und sagte: -»Schraubenschlüssel? Pfropfzieher?«</p> - -<p>»Was soll das?«</p> - -<p>»Nun, neulich träumte mir schrecklicherweise, ich -habe eine Frau; ich lachte sie aus, daß sie die -Zeitung unaufgeschnitten lese und jahrelang eine -Schublade dulde, die nicht geht. Hierauf hielt sie -mir eine Geduldpredigt und verlangte, ich solle zur -Übung dieser Tugend an meinem Rock statt Knopflöcher -und Knöpfe Schrauben und Schraubenmütter -tragen, die sich ja ganz elegant von blau angelaufenem -Metall herstellen ließen, oder auch Pfröpfe, -und ich könnte jedesmal, wenn ich den Rock öffnen -wolle, jene mit einem Schraubenschlüssel, diese mit -einem Pfropfzieher aufmachen. – O was! ein -Weib ist fähig, über einen Schrank einen Teppich -so zu legen, daß er über die oberste Schublade -überhängt und, so oft diese gezogen und geschlossen -wird, sich einklemmt! Mein Herr, das Weib hat -<em class="gesperrt">Zeit</em> für den Kampf mit dem Racker Objekt, sie -<em class="gesperrt">lebt</em> in diesem Kampf, er ist ihr Element; ein -Mann darf und soll keine Zeit hiefür haben, er -braucht seine Geduld auf für das, was der Geduld -<em class="gesperrt">wert</em> ist. Über die Zumutung, beides zu verwenden -an das Unwerte, kann, darf, soll er wüten! Sie -können doch wissen, daß die elenden Objekte, diese<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -Igel, diese Nickel, sich nie lieber einhaken, als wenn -wir die höchste Eile haben, etwas fertig zu bringen, -was nötig und vernünftig ist! Elender Bettel, -nichtswürdiger Knopf oder Knäuel eines Bündels, -Lorgnettenschnur, die sich um meinen Westenknopf -wickelt, just, wenn es auf der Eisenbahn aufs äußerste -eilt, einen klein gedruckten Fahrplan nachzusehen, -ich hab' ja keine Zeit, keine Zeit für euch! Und -wenn ich tausend Blutigel an die Ewigkeit setze, -sie ziehen mir nicht eine Sekunde Zeit für euch -heraus!«</p> - -<p>»Was nützt aber die Wut?«</p> - -<p>»O geistlos! Hat es Luther nichts genutzt – -falls von Nutzen die Rede sein soll – wenn er -den Teufel fortschalt? Wißt ihr denn nichts von -Entlastung der armen Seele? Von der köstlichen -Arznei, die im Fluchen liegt?«</p> - -<p>Der böse Geist kam mit neuer Gewalt über ihn, -er schoß wütend im Zimmer hin und her und ergoß -eine Flut von Schimpfwörtern auf die arme -Brille. Ich suchte inzwischen am Boden herum; -ich hob ein paar Hemden weg, die blank, aber zerzaust -umherlagen, und mein Blick fiel auf ein Mausloch -in einem Bretterspalt; ich glaubte, darin etwas -schimmern zu sehen, strengte meine Augen an, die -sich einer guten Sehkraft erfreuen, und die Entdeckung -war gemacht; ich nahm den schwergeärgerten<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -Mann leicht am Arm und deutete schweigend auf -die Stelle. Er stierte hin, erkannte die vermißten -Gläser und begann: »Sehen Sie recht hin! Bemerken -Sie den Hohn, die teuflische Schadenfreude -in diesem rein dämonischen Glasblick? Heraus mit -dem ertappten Ungeheuer!«</p> - -<p>Es war nicht leicht, die Brille aus dem Loch zu -ziehen, die Mühe stand wirklich im Mißverhältnis -zum Werte des Gegenstands, endlich war es gelungen, -er hielt sie in die Höhe, ließ sie von da -fallen, rief mit feierlicher Stimme: »Todesurteil! -<em class="antiqua">Supplicium!</em>« hob den Fuß und zertrat sie mit -dem Absatz, daß das Glas in kleinen Splittern -und Staub umherflog.</p> - -<p>»Ja, jetzt haben Sie aber ja keine Brille,« sagte -ich nach einer Pause des Staunens.</p> - -<p>»Wird sich finden, diese Teufelsbestie wenigstens -hat ihre Strafe für jahrelange unbeschreibliche Bosheit. -Kommen Sie, da, sehen Sie« Er zog seine -Uhr heraus; es war eines der ordinärsten, in der -Tat gemeinsten Produkte der horologischen Industrie, -ganz Zwiebel. »Statt dieses redlichen, treuen Wesens«, -fuhr er fort, »fungierte früher eine goldene Repetieruhr, -die, ich kann es sagen, ihr Stück Geld gekostet -hatte; sie vergalt dieses Opfer jahraus jahrein mit -Tücken jeder Art, ging nie recht, benutzte arglistig -jede Gelegenheit, zu fallen, sich zu verstecken, Gläser<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span> -zerbrachen so viele, daß es mich bald an den Bettelstab -gebracht hätte, endlich setzte sie sich mit dem -Haken der goldenen Uhrenkette in Einverständnis, -in Verschwörung. Mit den Haken, mein Herr, hat -es nämlich eine eigne Bewandtnis. Das Tendenziöse, -was im Objekt überhaupt liegt – darüber -wäre einiges zu sagen, mein Herr, aber das ist -von langer Hand – das Tendenziöse spricht sich so -offenkundig in der Galgenphysiognomie der Haken -aus, daß man im Umgang mit diesen hämischen -Gesichtern leicht unvorsichtig wird; man denkt: dich -kenne ich ja, dich verrät deine griffige, vor sich selbst -warnende Bildung, du wirst mich nicht überlisten; -eben darüber wird man im Gegenteil fahrlässig. -Ganz umgekehrt verhält es sich bei so manchen -andern Objekten. Wer sollte zum Beispiel einem -simplen Knopf seine Verruchtheit ansehen? Aber -ein solcher Racker hat mir neulich folgenden Possen -gespielt. Ich ließ mich gegen alle meine Grundsätze -zur Teilnahme an einem Hochzeitsschmaus verleiten; -eine große silberne Platte, bedeckt mit mehrerlei -Zuspeisen, kam vor mich zu stehen; ich bemerkte -nicht, daß sie sich etwas über den Tischrand heraus -gegen meine Brust hergeschoben hatte; einer Dame, -meiner Nachbarin, fällt die Gabel zu Boden, ich -will sie aufheben, ein Knopf meines Rockes hatte -sich mit teuflischer List unter den Rand der Platte<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span> -gemacht, hebt sie, wie ich schnell aufstehe, jäh empor, -der ganze Plunder, den sie trug, Saucen, Eingemachtes -aller Art, zum Teil dunkelrote Flüssigkeit, -rollt, rumpelt, fließt, schießt über den Tisch, ich will -noch retten, schmeiße eine Weinflasche um, sie strömt -ihren Inhalt über das weiße Hochzeitkleid der -Braut zu meiner Linken, ich trete der Nachbarin -rechts heftig auf die Zehen; ein andrer, der helfend -eingreifen will, stößt eine Gemüseschüssel, ein -dritter sein Glas um – o, es war ein Hallo, ein -ganzes Donnerwetter, kurz ein echt tragischer Fall: -die zerbrechliche Welt alles Endlichen überhaupt -schien in Scherben gehen zu wollen; mich ergreift -die Stimmung des Erhabenen, ich fasse zunächst -eine Champagnerflasche, trete ans Fenster, öffne es, -schwinge sie empor, der Bräutigam fällt mir in den -Arm, ich erzürne mich, es gibt bös Blut, die Braut -war ohnedies halb ohnmächtig, kurz – ich mag nicht -weiter erzählen, denn nun wurde die Sache komisch.«</p> - -<p>»Ernst, wollen Sie sagen?«</p> - -<p>Er staunte mich an wie einen Menschen, der alle -gesunden Begriffe verwirrt; ich verzichtete auf weiteres -Eingehen und bat ihn, das Trauerspiel von -Haken und Uhr zu vollenden.</p> - -<p>»Ja so, ja, also: der Haken schlich in einer Nacht -über das Tischchen, worauf ich die Uhr achtsam -gelegt, leise hinüber nach dem Bett, nestelte sich in<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span> -eine Naht des Kissenüberzugs ein, das Kissen war -mir überflüssig, ich hob es rasch und warf es an -das Fußende des Bettes, die Uhr nun natürlich -mit; in einem prächtigen Bogen schwang sie sich -an die Wand und fiel mit zersplittertem Glase -nieder. Es war genug. Ich zertrat sie feierlich -wie diese Verbrecherin von Brille, der Kobold gab -dabei einen Ton von sich, einen Pfiff wie eine verfolgte -Maus, ich kann schwören, daß es ein Laut -war, der nicht im Umfange der physikalischen Natur -liegt. Nun, dann habe ich mir hier diese bescheidene -Zeigerin der Zeit um niederträchtig geringes -Geld gekauft; betrachten Sie die Gute: bemerken -Sie den Ausdruck von Biederkeit in diesen schlichten -Zügen; seit zwanzig Jahren dient sie mir – unberufen, -unberufen! – treu und ehrlich, ja, ich kann -sagen, nicht <em class="gesperrt">einen</em> Verdruß hat sie mir bereitet. -Die goldene Uhrenkette hat jetzt mein Bedienter, -der Haken wurde zu schmachvollem Tod in der -Kloake verdammt, und ich trage meine redliche -Zwiebel an dieser sanftgearteten seidenen Schnur; -Johann, der muntre Seifensieder.«</p> - -<p>A. E. war während dieser Darstellung, in deren -Breite er sich zu gefallen schien, ganz ruhig geworden -und fuhr gelassen fort:</p> - -<p>»Jetzt das übrige! Die übrige Geschichte dieser -schwarzen Morgenstunde!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span></p> - -<p>»Zuerst springen an drei Hemden die Knöpfchen -ab, da ich sie anziehen will. Ja, ja, so ein Hemdknopf! -Ein Bär stellt sich ehrlich zum Kampf; ich -weiß, was ich zu tun, wie ich meine Waffe anzuwenden -habe; einen hundertjährigen Eichbaum kann -ich mit Kraft und Ausdauer umhauen; aber der -Knirps! Ich soll Kraft anwenden, denn die Bestie -will absolut nicht durchs Knopfloch, und ich soll sie -zugleich ebensosehr gar nicht anwenden, sondern -ganz fein und leicht mit den Fingerspitzen arbeiten, -und indem ich mich placke, schinde, abrackere, foltere, -töte, das Widersprechende zu leisten – o lustig! springt -die Schmachkanaille erst recht ab! Die Teufel -nehmen Besitz vom Weibe, uns dies Scheußliche -zu bereiten. Ich habe es von glaubwürdigen, -wahrheitliebenden und besonnenen Ehemännern: -wegen der Hemdknöpfchen heiratet man, und dann -ist es erst recht nichts damit. – Weiter! – Nur im -Vorbeigehen will ich anführen, daß mich zuerst -beim Ankleiden ein höchst ränkesüchtiges Armloch -gute fünf Minuten lang insultiert hat – dabei -blieb ich aber noch ganz ruhig – denn ich kann -mich beherrschen, mein Herr! Nun aber sehen Sie -diesen Schlüssel« – er zog einen kleinen Schlüssel -hervor, der wohl zu seiner Reisetasche gehörte – -»und sodann diesen Leuchter!« – er hielt mir den -metallenen Leuchter umgekehrt vors Auge, so daß<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -ich in die Höhlung seines Fußes sah – »was -glauben, was denken, was sagen Sie?«</p> - -<p>»Ja, was weiß denn ich?«</p> - -<p>»Stark eine halbe Stunde lang habe ich heute -morgen diesen Schlüssel gesucht – es war zum -Rasendwerden, da finde ich ihn endlich, sehen Sie, -so!« Er legte den Schlüssel auf das Tischchen am -Bett, stellte den Leuchter darauf; der Schlüssel fand -just, wie ausgemessen, Platz unter dem Leuchterfuß.</p> - -<p>»Wer kann nun daran denken, wer auf die Vermutung -kommen, wer so übermenschliche Vorsicht -üben, solche Tücke des Objekts zu vermeiden! Und -dazu lebe ich! An solches hündische Suchen muß -ich meine arme, kostbare Zeit verschwenden! Suchen, -suchen, und wieder suchen! Man sollte nicht sagen: -so und so lang hat A. oder B. gelebt, nein: gesucht! -– Und ich bin sehr, sehr pünktlich, glauben -Sie mir das!« –</p> - -<p>»Jawohl ist das Leben ein Suchen,« sagte ich -mit einem Seufzer, der scheinen konnte, den Mühen -des Lebens zu gelten, während er in Wahrheit -von der Langeweile ausgepreßt war, da die breite -Beschäftigung mit dem Bagatell mich denn doch zu -ermüden begann. Daher denn auch die flache Bemerkung -selbst, die nur um jeden Preis nach einem -Inhalt abzulenken suchte.</p> - -<p>Ich kam schlecht an. »So, mein Herr, symbolisch?«<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span> -sagte er. »Und das soll dann tiefer sein! -Ah! O!«</p> - -<p>»Nun, was denn?«</p> - -<p>»Sehen Sie, mein Herr, suchen im bildlichen -Sinn, darüber, daß das Leben so ein Suchen ist, -darüber klage ich nicht, darüber sollen Sie nicht -seufzen. Das Moralische versteht sich immer von selbst. -Ein rechter Kerl sucht, strebt und beschwert sich nicht -darüber, sondern ist glücklich in diesem Unglück der -aufsteigenden und nie anlangenden Linie des Lebens. -Das ist unser oberes Stockwerk. Aber die Zugabe, -die Hundenot gleichzeitig im untern Stockwerk des -Lebens – davon ist die Rede. Da ist also zum -Beispiel das Suchen, das so toll, so nervös, so -wahnsinnig macht. Man verfällt ja dabei immer -in den Theismus. Der liebe Gott, der oben herunterschaut, -der die Haare auf unserm Haupte -zählt, der mich nun stundenlang meine Brille suchen -sieht – er sieht ja auch die Brille, weiß recht gut, -wo sie liegt – ist es zum Ertragen, nun denken -zu müssen, wie er lachen muß? – Allgütiges Wesen! -Meinen Sie, ein solches würde ferner den Katarrh -zulassen? Leben – Suchen – Spucken! Da sagen -die törichten Menschen von einem Ausgedienten, -von einem Erlösten, von dem sie meinen, er gehe -als Geist um, er spuke! Dummes Zeug, aus hat -er gespuckt! O, wir sind geboren, zu suchen,<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span> -Knoten aufzudröseln, die Welt mit Hühneraugen -anzusehen, und ach! zu niesen, zu husten und zu -spucken! Der Mensch mit seines Hauptes gewölbter -Welt, mit dem strahlenden Auge, dem Geist, der -in die Tiefen und Weiten blitzt, mit dem Fühlen, -das mit Silberschwingen zum Himmel aufsteigt, mit -der Phantasie, die ihres Feuers goldene Ströme -ausgießt über Berg und Tal und sterblich Menschenbild -zum Gott erklärt, mit dem Willen, dem blanken -Schwert in der Hand, zu schlichten, zu richten, zu -bezwingen, mit der frommen Geduld zu pflanzen, -zu pflegen, zu wachen, daß der Baum des Lebens -wachse, gedeihe und Himmelsfrucht jeder sanften -<span id="corr106">Bildung</span> trage, der Mensch mit der Engelsgestalt -des ewig Schönen im ahnenden, sehnenden Busen -– ja, dieser Mensch verwandelt in einen -schleimigen Mollusken, zur klebrigen Auster -erniedrigt, ein Magazin, ein Schandschlauch für -vergärenden Drüsensaft, eine Schneuzmaschine, im -Hals ein zackig Kratzeisen, ein Nest von Teufeln, -die mit feinen Nadeln nächtelang am Kehlkopf -kitzeln, die Augen trübe, das Hirn dumpf, stumpf, -verstört, der Nerv giftig gereizt, und dabei erst nicht -als Kranker geltend, noch geschont – und da soll -es einen Gott –!«</p> - -<p>Hier geriet mein Gottesleugner in ein Niesen -und Husten so teilnahmwerter Art, daß ich eine<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span> -Bemerkung, die mir auf der Zunge lag: der -Katarrh sei denn doch nicht der gewöhnliche Zustand -des Menschen, gern unterdrückte; ich konnte -freilich ohnedies ahnen, daß ich schlecht damit gefahren -wäre. Dagegen wollte ich mich doch nicht -enthalten, als der Paroxismus zu Ende war, vorzubringen: -»Aber was machen Sie denn, wenn Sie -ernstlich, schwer krank sind?«</p> - -<p>A. E. war inzwischen daran, sich reisefertig zu -machen, wurde über einem Hindernis, das sich an -der Rückseite seiner Beinkleider zu befinden schien, -noch einmal sichtlich aufgeregt, trat plötzlich hart -vor mich, machte straff wie ein Soldat rechtsum -kehrt und schrie sehr laut und schroff: »Hier!«</p> - -<p>Ganz verdutzt, als ich nun so breit seinen Rücken -vor mir hatte, dachte ich, ob denn dies der Anfang -des versprochenen Bildungsunterrichts sein solle; er -ließ mir ziemlich Zeit zur Betrachtung, bis der -Aufschluß kam: »Sehen Sie die Lappen am Hüftgurt? -sind fünfmal, sage fünfmal beim Schneider -gewesen vor der Abreise; zuerst zu lang oder zu -weit, dann wieder zu kurz oder zu eng, dann -beides noch einmal so – nun? wie steht's mit der -Theologie?«</p> - -<p>Ich verstand jetzt, daß ich sehen sollte, wie die -Lappen einander zu nah angenäht waren, die Gürtung -also nicht genug angezogen werden konnte;<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span> -er war zufrieden, als ich mein Verständnis kund -gab, und nun schien der Sturm ausgetobt zu -haben. Meine vorige Bemerkung fiel ihm jetzt -wieder ein.</p> - -<p>»Was haben Sie von recht Kranksein gesagt? -Nun, das ist ja Geduld wert. Das Moralische -versteht sich immer von selbst.«</p> - -<p>Er hatte inzwischen seine Reisetasche gepackt, -wobei er, wie ich bemerkte, sehr geschickt zu Werke -ging; es galt, viele Kleinigkeiten in engen Raum -zusammenzufügen, und er brachte es ganz nett zustande; -Ungeschicklichkeit, das sah ich, konnte nicht -die Ursache des Kriegszustandes sein, in dem er -mit dem Bagatell sich befand. Er sagte mir nun, -er wolle seine Reise auf der Axenstraße am See -zu Fuß fortsetzen. Leicht konnte er sich denken, -daß ich wahrscheinlich ebendasselbe vorhabe, der -Gedanke eines Zusammenwanderns lag, da wir -denn doch schon Bekannte waren, nahe genug, aber -es fiel ihm nicht ein, auch nur einen Wink zu geben, -der entfernt einer Einladung gleichgesehen hätte. Ich -dachte, er erwarte, daß ich mich ihm erst vorstelle, -und begann: »Erlauben Sie, es ist doch wohl Zeit, -daß ich mich Ihnen –«</p> - -<p>Er unterbrach mich: »Bitte, danke, lieber nicht -– verzeihen Sie, es ist nicht Maske, nicht Geheimtuerei -von mir, gewiß nicht, liebe aber, auf der<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -Reise wenigstens, alles klar, frei. Name und -Stand macht Nebengedanken, führt auf Namen-Etymologie -und dergleichen, wir sind eben jeder ein -Ich, eine Person oder, wie Fischart sagt, seelhaftes -Lebwesen; wir befinden uns besser so.«</p> - -<p>Ich war nun schon im Zuge, dem wunderlichen -Kauz nichts übel zu nehmen, und da, wie ich gestehe, -meine Neugierde nach Namen und Stand -eben auch nicht groß ist, so ließ ich mir's unschwer gefallen, -daß ich auch nicht erfahren sollte, wen ich eigentlich -vor mir habe. Ich reichte auf der Schwelle die -Hand zum Abschied, und A. E. wollte sie eben -nehmen, als ihm einfiel, daß er doch erst frühstücken -sollte; dieses Werk wenigstens noch gemeinsam -zu verrichten, dagegen schien er denn doch nichts -zu haben, und so stieg ich mit ihm in die »<em class="antiqua">salle à -manger</em>« hinab.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/tb.png" alt="" /> -</div> - -<p>Beim Eintreten bemerkte ich, daß er einen ängstlich -suchenden Blick nach den vier Ecken des Saales, -und zwar auf den Fußboden, warf; der Blick kehrte -beruhigt zurück, als er in der vierten ein kleines -Gerät bemerkte, das hustenden Menschen erwünscht -sein mag; mit höchst gemütlichem Tone sagte er: -»Der Saal ist doch ganz ordentlich möbliert,« und<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span> -von da schien eine erträglich gute Laune bei ihm -einzutreten. Das Frühstück stand nach Art der -Schweizer Gasthöfe in diesen Frühstunden stets bereit, -und A. E. – nachdem er Honig und Butter -heftig weggeschoben hatte – griff rüstig zu, ich -desgleichen. Wir waren allein im Saale, doch bald -trat ein dritter Reisender ein. Es war ein Mann -von gesetzten Jahren, er trug ein Staubhemd von -ungebleichter Leinwand mit einem kleinen, über die -Schultern hängenden Kragen und auf dem Rücken -einen nicht ungewichtigen Leinwandtornister, auf -seiner Stirn lag ein bemerklicher Wanderschweiß, -man sah, er hatte diesen Morgen schon einige -Stunden zurückgelegt; er legte seine Last ab, stellte -den soliden, bauschigen Regenschirm in eine Ecke, -nicht ohne ihn mit einem Blick zu betrachten, der -eine innere Zufriedenheit mit dem gediegenen und -nützlichen Gerät ausdrückte, begab sich rasch an den -Tisch, setzte sich an sein andres Ende, rückte sich den -Stuhl recht nahe, zog eine Brille hervor, besah sich, -was aufgesetzt war, schien mit der Vollständigkeit -der Dinge, die zu einem englischen Frühstück gehören, -sehr einverstanden und begann mit dem -vollen Ausdruck einer Seele, die sich bewußt ist, -daß ihr Leib sein Frühstück redlich verdient habe, -die genußverheißende Arbeit des Schneidens und -Butterstreichens. Es war leicht zu ersehen, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -der Mann dem Gelehrtenstande angehören mußte, -und seine etwas bleiche Gesichtsfarbe legte den Schluß -nahe, daß er zu jener Gattung der Gebirgsreisenden -gehören möge, die durch starke Fußmärsche in -Ferien einzubringen suchen, was sie durch sitzende -Lebensart das Jahr hindurch ihrem Organismus -Leides zufügen müssen.</p> - -<p>A. E., der inzwischen die Eßlust gestillt, schien -zum Abmarsch keine besondere Eile zu haben, steckte -sich gemächlich eine Zigarre an und begann zu -mir: »Sie geben also zu, daß die Physik eigentlich -Metaphysik ist, Lehre vom Geisterreich. Das heißt, -ich vermute, daß Sie es zugeben, wiewohl ich es -Ihnen philosophisch eigentlich noch nicht begründet -habe, denn was Sie sicherlich bereits erkannt haben, -das ist die allgemeine Tendenziosität, ja Animosität -des Objekts, des sogenannten Körpers, was die -bisherige Physik geistlos mit Namen wie: Gesetz -der Schwere, Statik und dergleichen bezeichnet hat, -während es vielmehr aus Einwohnung böser Geister -herzuleiten ist.«</p> - -<p>Der Fremde hatte inzwischen einen länglichen Brotlaib -höchst kunstgerecht wie man es wohl im »Kurmärker -und die Picarde« vom preußischen Landwehrmann -verrichten sieht, der Länge nach entzweigeschnitten -und war eben beschäftigt, die Butter -schön und glatt wie mit einem Modellierholz aufzustreichen;<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -er hielt bei diesen Worten einen Augenblick -inne, warf unter den buschigen Brauen einen -sonderbaren Blick nach uns herüber und fuhr dann -nachdenklich in seinem plastischen Geschäfte fort, indem -er öfters mit einem Ausdruck von Staunen -und Ironie den Kopf hin und her wiegte. Es kam -mir der Gedanke, ob A. E. auf ihn berechne. Es -schien entschieden nicht. Er hatte auf den Eintretenden -nur einen raschen Blick geworfen, freilich einen -scharf erfassenden, denn sein Auge pflegte zu blicken, -als wäre eine fest greifende Hand darin, doch nicht -ein Zeichen ließ vermuten, daß er sich weiter um -den Unbekannten kümmere.</p> - -<p>»Animos,« fuhr er fort, – »haben Sie denn -auch nur schon beobachtet, wie das fallende Papierblatt -uns verhöhnt? Sind sie nicht wahrhaft -graziös, die Spottbewegungen, womit es hin und -her flattert? Sagt nicht jeder Zug mit blasiert -eleganter Frivolität: doch noch gewonnen!? O, -das Objekt lauert. Ich setze mich nach dem Frühstück -frisch, wohlgemut an die Arbeit, ahne den -Feind nicht. Ich tunke ein, zu schreiben, schreibe: -ein Härchen in der Feder, damit beginnt es. Der -Teufel will nicht heraus, ich beflecke die Finger -mit Tinte, ein Flecken kommt aufs Papier – -dann muß ich ein Blatt suchen, dann ein Buch -und so weiter, und so weiter, kurz, der schöne<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span> -Morgen ist hin. Von Tagesanbruch bis in die -späte Nacht, solang irgend ein Mensch um den Weg -ist, denkt das Objekt auf Unarten, auf Tücke. -Man muß mit ihm umgehen, wie der Tierbändiger -mit der Bestie, wenn er sich in ihren Käfig gewagt -hat; er läßt keinen Blick von ihrem Blick und die -Bestie keinen von seinem; was man da von der -moralischen Gewalt des Menschenblickes vorbringt, -ist nichts, ist Märchen; nein, der starre Blick sagt -dem Vieh nur, daß der Mensch wacht, auf seiner -Hut ist, und Blick gegen Blick, gleich fix gespannt, -lauert es denn, ob er sich einen Augenblick vergesse. -So lauert alles Objekt, Bleistift, Feder, -Tintenfaß, Papier, Zigarre, Glas, Lampe – alles, -alles auf den Augenblick, wo man nicht acht gibt. -Aber um Gottes willen, wer kann's durchführen? -Wer hat Zeit? Und wie der Tiger im ersten -Moment, wo er sich unbeobachtet sieht, mit Wutsprung -auf den Unglücklichen stürzt, so das verfluchte -Objekt; plumper oder feiner, wie es kommt, -diabolisch fein zum Beispiel das Eisenfeilstäubchen, -das mir ins Auge flog am Morgen, als ich eine -Fußreise antreten wollte, auf die ich mich lange -gefreut, und das mich ums Auge zu bringen drohte -– o, überhaupt: glauben Sie, wenn ein ordentlicher -Mensch reisen will, halten die Teufel ein ökumenisches -Konzil – Vorschläge – Anträge – Amendements<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -– zum Exempel: Antrag: Hühnerauge, -Amendement: unter dem Nagel; oder Antrag: -Grimmen auf der Eisenbahn, Amendement: in Gesellschaft -einer Dame; Antrag: schlecht Wetter, -Amendement: zerrissene Schuhe und die neuen zu -eng. Doch nicht immer waltet aggressive Form. -Das Objekt liebt in seinem Teufelshumor namentlich -das Verschlupfspiel. Wie die gute, sorgende, -schützende Natur einige Tiere dem Boden gleich -färbt, bildet, auf dem sie leben, sich nähren, damit -sie der Feind schwerer entdecke – Raupe, Schmetterling -der Baumrinde, dem Baumblatt, Hase der -Erde gleich – so verfahren auch gern die Dämonen: -zum Beispiel rotbraunes Brillenfutteral versteckt -sich auf rotbraunem Möbel; doch Haupttücke des -Objekts ist, an den Rand kriechen und sich da von -der Höhe fallen lassen, aus der Hand gleiten – -du vergissest dich kaum einen Augenblick und -ratsch –«</p> - -<p>Wir hörten in diesem Augenblick ein kleines -Geräusch von der Seite des dritten Gastes her, -sahen ihn hastig unter den Tisch fahren und mit -einem Körper in der Hand wieder auftauchen, den -er mit großem Schrecken und darauf folgender -tiefer Wehmut betrachtete. Es war sein zuerst mit -Butter, dann mit Honig ebenso korrekt gestrichenes -als korrekt geschnittenes Brot, und dasselbe war<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -– »natürlich« würde A. E. sagen – auf die gestrichene -Seite gefallen.</p> - -<p>Ich unterdrückte nur notdürftig einen mächtigen -Lachreiz, denn es war doch auch gerade, als ob -das »Ratsch« und das Fallen des Brotes in einem -geisterhaften Kausalitätsverhältnis gestanden wären. -A. E. sah ganz ernst hinüber und nickte sanft mit -dem Kopfe, ohne einen Zug des Spottes, ja eher -mit einem Zug der Teilnahme, als wollte er sagen: -das kennen wir armen Sterblichen. Der Fremde -schoß jetzt nicht nur einen, sondern eine Batterie -von Blicken, grimmigen, auf uns herüber und -machte sich höchst verdrießlich an das Geschäft, dem -unheilbaren Schnitten einen entsprechenden Nachfolger -hervorzubringen.</p> - -<p>A. E. fuhr ruhig fort: »Dann ist es überhaupt -so eine Sache mit dem Ding da, den zwei Dingen, -was Kant die reinen apriorischen Anschauungsformen -nannte.«</p> - -<p>»Raum und Zeit?«</p> - -<p>»Eben. Was ist der Raum denn andres, als -die unverschämte Einrichtung, vermöge deren ich, -um den Körper <em class="antiqua">a</em> hierherzusetzen (– er zeigte es -an Tassen, Kannen, Körbchen, Flaschen, Gläsern, -die etwas dicht auf dem Tische standen –), vorher -<em class="antiqua">b</em> dort weg, um Platz, für b zu bekommen, wieder -<em class="antiqua">c</em> da hinwegstellen muß und so mit Grazie <em class="antiqua">in infinitum</em><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span> -–? Und die Zeit? Das ist dasjenige, was -man dazu doch nicht hat. Denn Donnerwetter und -alle tausend Teufel, leben wir dazu, um zehn Griffe -nötig zu haben zu dem, was kaum eines Griffs -wert ist!«</p> - -<p>Der Unbekannte bewegte jetzt stärker und ärgerlich -lachend den Kopf hin und her und eine sichtbare -Unruhe kam ihm in die Beine.</p> - -<p>A. E. war nun gut im Zuge. »Ein andermal«, fuhr -er fort, »sind die Nickel unverschämt in entgegengesetzter -Richtung. Jetzt will zusammen, was nicht -zusammengehört. Kennen Sie eine der verfluchtesten -Formen: das Mitgehen? Wenn so ein liebenswürdiges -Blatt, das zum Aktenstoß Y gehört, beim -Ordnen, Aufbewahren zu unterst an Faszikel Z -hinkriecht und mit hinein in das Schubfach schlüpft -und sich über Tag, Woche oder Jahr nicht finden, -sich suchen läßt unter Verzweiflung, Wut, Rennen -bis zum Wahnsinn? Dagegen ist so was, wie das -bekannte, ewige Unterschlüpfen der Damenkleider -unter den Stuhlfuß des Nachbars nur ein kleiner, -zierlich pikanter Spaß des teufelbesessenen Objekts, -doch interessant als allein schon hinreichend, unsre -dumme Physik zu stürzen, denn wer könnte so -etwas mechanisch erklären?«</p> - -<p>Jetzt fuhr der Fremde auf mit dem Ruf: »Es -wird zuviel!« stieg mit straffen Schritten auf uns<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span> -los, pflanzte sich vor A. E. auf und mit Zornblick -rief er: »Mein Herr! Wissen Sie, ich bin Professor -der Physik! Sie haben mir aber auch gleichsam -mein Butterbrot hinuntergeworfen!«</p> - -<p>A. E. verweilte auf dem Mann mit einem ganz -gelassenen, ganz kontemplativen Blick und schwieg. -Was werden sollte, wer konnte es wissen? Plötzlich -stieg ihm eine flammende Röte ins Gesicht, -seine Augen funkelten, er fuhr auf, und ich, da ich -meinen Mann eben doch noch nicht so ganz kannte, -wurde schon für den Frieden besorgt, als er mit -Sturmschritten, ja mit Sätzen wie ein Panther quer -über das Zimmer nach einer Ecke schoß, wo das -oben zart erwähnte Gerät stand, und nun ging ein -Husten, Niesen mit untermischtem Schlucken, seltsamen, -wilden Gurgel- und Schnapptönen, ein so -schreckliches Glucksen, Kollern, Fauchen, Raspeln, -Schnarren, Stöhnen, schußartiges Bellen los, als -hörte man die rasende Musik eines Chors von -Höllengeistern. Es dauerte ziemlich lange, bis diese -furchtbare Naturerscheinung vorüber war, dann -richtete sich der leidende Mann matt in die Höhe, -griff nach Hut, Tasche, Stab und sagte im Abgehen -zu mir mit jammernswert fistulierender Stimme: -»Bitte, haben Sie die Güte, den Herrn zu beruhigen! -Guten Tag beiderseits.«</p> - -<p>Der Herr war im Schrecken zur Seite getaumelt,<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -als A. E. so jäh in die Höhe fuhr; dann sah und -hörte er mit starrem Staunen den Evolutionen des -erschrecklichen Gewitters zu und schickte dem Abgehenden -einen langen, verwirrten Blick nach. -Endlich wandte er sich gegen mich, zwinkerte mich -mit den Augen an und deutete mit dem Finger -auf seine Stirn. Ich zuckte die Achseln. Er schien -dies für volle Bejahung zu nehmen, war nun -wirklich beruhigt und schritt mit frischem Eifer an -die Erneuerung seines Frühstückwerks.</p> - -<p>Ich mochte dem Vorangegangenen nicht so schnell -folgen; es hätte scheinen können, als wolle ich mich -aufdrängen. Ich war doch etwas ungehalten, daß -er so rücksichtslos davongelaufen; indem ich mich -besann, was ich beginnen solle, um meinen Abmarsch -ein halbes Stündchen noch hinzuziehen, fiel mir ein: -Halt, gefunden! Grobian, deine Strafe soll nicht -ausbleiben, du sollst beschrieben werden! Ich ging -gleich an die Vorarbeit, machte mir eine Reihe -von Notizen in mein Tagebuch und brach auf, als -ich annehmen konnte, mein wunderlicher Held habe -nun genügenden Vorsprung.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/rule.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span></p> - -<h2 id="Adolph_Bayersdorfer"> -<img src="images/rule.png" alt="" /><br /> -Adolph Bayersdorfer:<br /> -Die militärpflichtige Tante.</h2> -</div> - -<p>Der einzige Mensch, den ich noch mit einem -Haarbeutel gesehen habe, mit einem solchen nämlich, -wie man sie vor Zeiten außen am Kopfe trug, -war mein alter Großoheim, welcher vordem beim -deutschen Reichs-Kammergericht in Wetzlar angestellt -gewesen und zugleich mit diesem berühmten Institut -in eine wohlverdiente Pension gegangen war. In -dem komplizierten Räderwerk des obersten deutschen -Gerichtshofes hatte er ein ganz kleines Federchen, -Rädchen oder Kettchen vorgestellt als ein versteckter -Unterbeamter einer untergeordneten Registraturskanzlei, -welche ihrerseits wieder die Unterabteilung -einer anderen war. Wenn ich nun meines Großoheims -ganzen Titel herschreiben wollte – eine -einzige monströse Namen-Kumulation, welche in -pünktlicher Fixierung die Titulaturen aller Stellen -von oben herab gewissenhaft mit einschloß, bis sie -bei seinem bescheidenen Posten angelangt war – -so müßte ich mindestens einmal dazwischen frisch -Tinte schöpfen, gleichwie die Leute, die so viel Zeit<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span> -hatten, ihn bei seinem ganzen Titel rufen zu können, -einmal Atem holen mußten unter der Absagung -dieses einzigen Wortes.</p> - -<p>Der gesegnete Träger dieser Titelschleppe, deren -Länge, wie herkömmlich, im umgekehrten Verhältnisse -zum Gehalte ihres Eigentümers stand, war -ein hagerer, schweigsamer Mann mit knochigem -Gesichte, der gleich der verkörperten Theorie immer -ganz grau und altväterlich gekleidet einherging, bis -an den Hals zugeknöpft. Pedanterie in allen -Dingen war wohl seine einzige Passion. Er fand -einen Genuß in der Pünktlichkeit, mit welcher er -jeden Tag zu den gleichen Stunden das Gleiche -tat, und auf seinen Spaziergängen, die den größten -Teil seiner Mußestunden (er hatte deren täglich vierundzwanzig) -in Anspruch nahmen, sah man ihn -immer mit denselben Glockenschlägen um dieselben -Ecken biegen. Der Spaßmacher des Städtchens -richtete solange seine Uhr scherzweise nach meines -Großoheims Spaziergängen, bis er endlich für gut -fand, diese Art der Zeitregulierung in vollem Ernste -beizubehalten.</p> - -<p>In der mediatisierten Reichsstadt, woselbst er -seine Pension verzehrte, war er zur Zeit meiner -Schuljahre, wie gesagt, der einzige Mensch mit -einem Haarbeutel und deswegen für uns reichsstädtische -Jugend eine besonders interessante Gestalt,<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span> -welche wir gleich einer Reliquie halb mit ehrwürdiger -Scheu, halb mit dem aufkeimenden Spotte -eines zweifelnden Gemütes, das sich der verderblichen -Aufklärung zuneigt, anzustaunen gewohnt -waren.</p> - -<p>Mein Großoheim war mit meiner Großtante verheiratet, -ein Umstand, dessen Zufälligkeit mir als -Kind viel zu denken gab. Die Großtante war -eine altmodische Frau und hatte ihrem Manne drei -Töchter beschert, welche auch nie recht in die Mode -kommen wollten. Die dritte, welche fast zwei Jahrzehnte -jünger war als ihre Schwestern, hatte den -seltenen Namen Mauritia und war als meine Tante -bei allen Wendepunkten meines jungen Lebens, -von der Taufe angefangen bis zur Erlangung der -<em class="antiqua">Toga virilis</em>, mein religiöser Beistand. In ihren -späteren Tagen bekam sie dasselbe verblichene -Kanzlei-Aussehen, wie es ihr Vater gehabt hatte, -und glich ihm überhaupt mehr, als ihrer Weiblichkeit -gut stand.</p> - -<p>Das mochte mit den ersten Eindrücken zusammenhängen, -welche sie in ihrer Jugend erfahren hatte, -denn die Geburt meiner Tante fiel in die wüsten -Kriegsjahre am Anfange unseres Jahrhunderts, -und Trommeln und Schießen war ihren kleinen -Ohren geläufiger geworden, als Wiegenlieder. So -war sie denn unter dem Zeichen des Mars zur Welt<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span> -gekommen und konnte sich diesem planetarischen -Einflusse so wenig entziehen, daß sie sogar in ihrem -einundzwanzigsten Jahre konskribiert wurde.</p> - -<p>Das kam aber so. Als sie ungefähr drei Jahre -alt war, nahm der schreckliche Kriegslärm, der mit -Feuer und Schwert über die Länder gezogen war -und wie manche Gegend, so auch meines Großoheims -Wohnsitz doppelt und dreifach heimgesucht -hatte, ein ersehntes Ende, und ein zaghafter Friede, -an den niemand recht glaubte, kam schüchtern ins -Land geschritten. Mit ihm aber auch eine Anzahl -kaiserlicher, königlicher, kurfürstlicher und anderer -Kommissäre, welche die vielen Gemeinde- und Kirchenbücher, -Taufregister und Steuerlisten, die von der -Kriegsfurie waren vernichtet oder verschleudert -worden, so gut es eben gehen wollte, mit oder -gegen den Willen der geliebten Untertanen wiederherstellen -sollten.</p> - -<p>Von dem ersten und wichtigsten Punkte nun, -dem der Steuern, abgesehen, lag es den huldreichen -Landesvätern am Herzen, durch eine sorgfältige -Aufnahme des Familienstandes ihrer Landeskinder -die verloren gegangenen Standesregister zu ersetzen, -um in späteren Jahren nicht der langen Konskriptionslisten -entbehren zu müssen und so um die -schönen blankgeputzten Soldaten betrogen zu werden, -die so herrlich »Präsentiert's Gewehr« machen<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span> -können. Die Leute aber hatten in ihrer Untertanentreue -den väterlichen Kunstgriff bald losbekommen -und verleugneten ihre männliche Nachkommenschaft, -wo und wie sie nur immer konnten. -Und weil hie und da einer auf dem Betruge ertappt -wurde, so wurden die mit diesem Geschäfte -betrauten Regierungs-Kommissare immer strenger -und mißtrauischer, kontrollierten ihre Bezirke öfter -und schrieben manchen zweimal auf, der später nur -einmal konskribiert werden konnte.</p> - -<p>Eines Tages nun erschien ein solcher Regierungsbeamter -in Begleitung eines Schreibers in der -Wohnung meines Großoheims, der eben in einem -alten vergessenen Buche über ein altes vergessenes -Rechtsverfahren las und die eintretende Gesellschaft -nicht eher bemerkte, als bis ihn das plötzliche Stillstehen -der schnurrenden Spinnräder seiner Frau und -Töchter aus dem träumenden Nachdenken weckte. -Er klappte also bedächtig das Buch zu, nachdem -er vorsichtigerweise durch ein eingebogenes Eselsohr -die Stelle bezeichnet hatte, wo er in einem endlosen -Fiskalatsprozeß die interessante Lektüre hatte unterbrechen -müssen, und fragte die Herren nach ihrem -Begehr. Die Frau und die beiden Töchter standen -wie bei jedem Besuche, der in den Hafen ihrer -Häuslichkeit verschlagen wurde, verlegen und mit -überflüssigen Gesichtern in den Ecken, als ob sie<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span> -sich selbst im Wege wären, während sich die kleine -Mauritia, in der Familie herkömmlich »Moritz« -geheißen, hinter die geöffnete Tür des Schlafzimmers -geflüchtet hatte.</p> - -<p>Der Herr Kommissarius nun, der eine Uniform -anhatte und für andere Leute streng, für sich selbst -aber selbstgefällig schlau aussehen wollte und aufs -Haar einem Narren glich, fragte mit geheimnisvoller -Weitschweifigkeit vorerst den Familienvater -um seinen Namen und Stand, dann um Frau und -Kinder, worauf ihm der Großoheim die beiden -Töchter vorstellte. Diese traten, nicht eben reizende -Gestalten, mit plastischer Unweltläufigkeit, linkisch -und hocherrötend, vor und hatten ein Ansehen, -als erwarteten sie mit schuldbewußten Mienen, aber -heroisch gefaßt, einen grausigen Urteilsspruch. Doch -es wurden bloß ihre Namen in die Liste geschrieben, -gleichwie vorher die Namen von Vater und Mutter. -»Habt ihr sonst keine Kinder?« fragte nun der -fremde Mann sehr strenge. »Doch noch ein kleines«, -antwortete die Frau, welche ihrem Manne zuvorkommen -wollte, »aber Sie werden entschuldigen, -es ist noch gar nicht gewaschen und ordentlich angezogen.« -– »Das hat nichts zu sagen,« erwiderte -der Mann mit wunderbarer Mischung von Herablassung -und Strenge. Die kleine Mauritia mußte -also vorgestellt werden, und während die Großtante<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span> -rief: »Moritz, Moritz wo bist du denn, komm einmal -her und gib dem Herrn Vetter die Hand,« -stürzten die beiden Töchter mit Häscherschritten hinter -die Tür, zogen Fräulein Mauritia, die sofort ihr -Kriegsgeheul anstimmte, ziemlich gewalttätig hervor, -putzten ihr mit einer Schürze die Nase und -sahen sie drohend und grimmig an, froh, daß das -unbekannte Verhängnis über ihre eigenen Häupter -hinweggezogen. Tantchen Moritz aber, in dem beneidenswerten -Stadium der Erscheinung sich befindend, -in dem es auch dem geprüftesten Kenner -nicht möglich wird, sei es aus der Gesichtsbildung, -sei es aus der Tracht einen Schluß zu ziehen auf -das Geschlecht, dem ein kleiner Weltbürger künftig -angehören solle – konzertierte ruhig weiter, während -der Großoheim dem Beamten Zeit und Ort der -Geburt des kleinen Schreihalses gewissenhaft angab. -Schließlich schrieb dieser strenge Mann eigenhändig -noch eine Bemerkung in die von seinem Schreiber -ausgefüllte Liste und empfahl sich. Der Oheim -setzte sich wieder an seinen Prozeß, nachdem er -noch für seine Frau und Töchter die erklärenden -Worte hatte vernehmen lassen: »Das waren die -Herren von der neuen Volkszählung,« und Frau -und Töchter setzten sich wieder an ihre Spinnräder, -und der kleine Moritz schluchzte sich in einem Winkel -in großen Pausen langsam in den Schlaf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span></p> - -<p>Nach Verlauf von achtzehn Jahren hatte sich -manches geändert. Meine Großtante hatte das -zeitliche gesegnet, und eine ihrer unmodischen Töchter, -die gewiß zeitlebens eine reine Jungfrau gewesen, -war ihr nachgefolgt und als grobknochiger Engel -und gute Seele zum Himmel aufgeflogen. Die -andere war bei ihrem alten Vater geblieben, welcher, -wie es schien, so lange leben wollte, bis die Haarbeutel -wieder in die Mode kämen. Durch seine -geringe Pension allein ließ sich wenigstens sein hohes -Alter nicht zureichend erklären. Noch jahrelang -sah man seine melancholische Figur als ungestorbenes -Gespenst um den Stadtgraben spazieren -gehen.</p> - -<p>Tante Moritz, »das Jüngste«, war schon mit -ihrem zwanzigsten Jahre in die Residenzstadt ihres -bundespflichtigen Großstaates und engeren Vaterlandes -gekommen. Durch des Schicksals Gunst -war sie die Erzieherin der ungezogenen Backfische -eines befreundeten Land-Adeligen geworden, der -infolge einer unerwarteten und unverdienten Erbschaft -in die Stadt und in die Nähe des Hofes -übergesiedelt war, wo er sich und seine Söhne in -der höheren Kutscherei ausbilden konnte. Da erschien -nun eines Tages bei meinem Großonkel ein -Magistratsbote mit einer geschriebenen Aufforderung, -daß der militärpflichtige Moritz N., Sohn des<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span> -Reichskammergerichts- usw. usw.-Registraturs-Kanzlisten -N., mit 11 Gulden 29 Kreuzern und 2 Pfennigen -Strafgeld für versäumte Konskriptions-Anmeldung -auf dem Bureau Nr. <em class="antiqua">X</em> zu erscheinen habe. -Der alte Mann betrachtete kopfschüttelnd das Papier, -zog dann seinen längsten grauen Rock an, auf -dessen hohem Kummetkragen sich der Haarbeutel -ein fettiges Widerlager zurechtgewetzt hatte, und -ging ganz gegen seine gewohnte Stundenordnung -auf das Amt. Nachdem er dort infolge des vorschriftsmäßigen -Schreibversehens in der Vorladung -aus einigen Zimmern hinaus- und in andere hineingebrüllt -worden war, kam er, der dieses Verfahren -aus eigener Praxis kannte und deshalb ohne Nebengedanken -hinnahm, endlich zu dem richtigen Eisenfresser, -dem seine Angelegenheit zustand. Mein -Großonkel, dem auf dem Wege ein Licht über dem -Dunkel aufgegangen war, legte nun Rätsel und -Auflösung zugleich vor, indem er die Vermutung -begründete, daß seine Tochter Mauritia weiland -durch irgendein Versehen als Knabe möchte in die -Familienliste eingetragen worden sein. Doch er -fand sehr ungnädiges Gehör und die ungläubige -Miene eines unduldsamen Besserwissers. Hatte -mein Großonkel einen Haarbeutel, so hatte der Beamte -einen mächtigen Zopf. Mit beleidigender -Genauigkeit ließ dieser seine Aussagen zu Protokoll<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -nehmen und gab ihm nicht undeutlich zu verstehen, -daß er ihn für den Mitwisser eines abgekarteten -Betruges halte. So wurde er fürs erste -mit Unheil verkündender Kälte entlassen. Der -Mann mit dem Zopf war schnell hinter der Sache -her. Noch ehe mein Großonkel seine Tochter von -dem Vorfalle in Kenntnis gesetzt hatte, bekam diese -in der Residenz eine Vorladung auf die Polizei. -Sie wußte freilich nicht, was sie dort zu schaffen -haben sollte; weil aber mit dem hochlöblichen Institute -nicht zu spaßen ist, so setzte sie ihren Sonntagshut -auf, sah noch einmal in den Spiegel und -ging befriedigt über ihr Äußeres – sie die einzige, -die es je war – nach dem Polizeiamte. Man sagt -zwar: »Jung ist der Teufel schön«, aber Tante -Moritz machte die zu jeder Regel gehörige Ausnahme -und war auch jung nicht schön. Sie war -groß, knochig und mager und sah ihrem Vater -ähnlich bis zur Lächerlichkeit. Dieser aber hatte -nie wie ein Frauenzimmer ausgesehen. In dieser -wenig einnehmenden Außenhülle barg sie aber eine -zarte weibliche Seele, verletzbar und scheu, die noch -wenig die bittere Gelegenheit gehabt hatte, sich im -stoßenden, drängenden Weltgetriebe abzustumpfen. -Eine emanzipiert klingende Altstimme, die ihr bis -in ihr hohes Alter verblieb und dann der alten -Dame besonders würdevoll stand, bildete in ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -Jugend einzig einen angenehmen Gegensatz zu ihrer -frauenzimmerlichen Häßlichkeit, aber leider nicht zu -ihrem männlichen Aussehen.</p> - -<p>Als sie das richtige Bureau gefunden hatte, trat -sie schüchtern ein und blieb erwartend an der Tür -stehen. Kaum hatte sie auf die ergangene Frage -ihren Namen genannt und die Vorladung gezeigt, -als der Polizeikommissär und sein Schreiber einen -schnellen Blick der Aufforderung wechselten und -dann eine peinliche Pause lang die Gestalt an der -Tür fixierten. Wieder begegneten sich verständnisinnig -und mit triumphierendem Ausdrucke ihre -Augen; ihr scharfer Beamtenblick hatte untrüglich -den Simulanten erkannt. In diesem Falle glaubte -der Kommissär kurz angebunden sein zu müssen -und eröffnete das Verhör:</p> - -<p>»Sie werden sich denken können, weshalb Sie -vorgeladen sind?«</p> - -<p>»Nein, leider nicht.«</p> - -<p>»Wenn ich Ihnen aber sage, daß dieses das -Bureau für Konskriptionsangelegenheiten ist.«</p> - -<p>»Ich bedaure, daß mir die Sache dadurch nur -um so rätselhafter erscheint.«</p> - -<p>»So muß ich Ihnen denn kurzweg sagen, daß -Sie im Verdachte stehen, sich durch fortgesetzte -Simulation, das heißt, indem Sie weibliche Verkleidung -tragen und sich seit Ihrem Hiersein durchaus<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -als Frauenzimmer geberden, Ihrer Konskriptionspflicht -entzogen zu haben, respektive noch entziehen -zu wollen.«</p> - -<p>Versteinerungspause. –</p> - -<p>»Auch muß ich Ihnen gestehen, das Ihr Äußeres -diesem Verdachte nur Vorschub leisten kann.«</p> - -<p>Fortsetzung der Pause und anhebende Versenkungsgefühle.</p> - -<p>Welche echte Weiblichkeit hätte auch nicht zu -sprachlosem Erstaunen erstarren müssen bei der Zumutung, -sich als renitenten Rekruten zu bekennen. -Wie Lots Weib nach der Salifizierung stand die -Ärmste an der Türe. Der Beamte kannte aber -diese Kniffe schon und fuhr unerschüttert fort:</p> - -<p>»Also, gestehen Sie, oder nicht?«</p> - -<p>Die Tante schnappte etwas nach Luft und Bewußtsein -und stammelte einige undeutliche Worte, -die zwar keinen Sinn gaben, aber unzweideutig -den Charakter der Ablehnung trugen, womit -sie eine solch ungeheuerliche Insinuation von sich -wies.</p> - -<p>»Wenn Sie bei Ihrer Leugnung verharren, so -muß ich Sie auf einige Augenblicke in das Zimmer -des Gerichtsarztes weisen lassen.«</p> - -<p>Er rief einen Boten.</p> - -<p>»Bringen Sie diesen Simul–, diese Dame will -ich sagen, ins ärztliche Bureau, geben Sie dem<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span> -Doktor diesen Akt, er weiß schon von der Sache, -und warten Sie vor der Tür.«</p> - -<p>Die Tante war vollständig vergeistert und wurde -willenlos abgeführt. Für sie war gerade Weltuntergang, -und der letzte Rest von Zurechnungsfähigkeit -war von ihr gewichen. Als sie aber mit -ihrem ungebetenen Beschützer beim Gerichtsarzt -eintrat, fand sie dort außer diesem Herrn noch die -Gerichtsärztin, seine Frau, die, einen Koketterie-Marktkorb -am Arme, ihrem Manne geschwind den -neuesten Klatsch mitteilen mußte. Denn dieser hatte -sich bei ihr seit dem Frühstück in so ungebührlicher -Weise aufgestaut, daß sie es unmöglich länger allein -tragen konnte.</p> - -<p>Die geschwätzige rundliche Dame erschien meiner -Tante wie dem Ertrinkenden eine rettende Fee, die -aus geöffnetem Himmel herniederschwebt; hier freilich -mit einem Gewicht von anderthalb Zentnern. -Die Erstarrung wich von ihr und machte einer -vollständigen Auflösung alles geistigen Vermögens -in überquellende Schmerzgefühle Platz. Noch ehe -ein Wort gesprochen worden war, sank sie mit -krampfhaft losbrechendem Schluchzen der neugierigen -Dame, die schon eine monströse Neuigkeit witterte -und die Tore ihrer fünf Sinne sperrangelweit geöffnet -hielt, in die fetten Arme. Einer solchen -Appellation an ihre Menschlichkeit und Souveränität<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span> -konnte die Gerichtsärztin nicht widerstehen. Hatte -sie doch nie das eheliche Szepter aus den Händen -gegeben und auch schon verschiedene Male im Amtszimmer -ihr Regiment ausgeübt. Sofort machte sie -sich zum Herrn der Situation und hatte ihrem -Manne, der während dieser Szene zur vollständigen -Bedeutungslosigkeit zusammengeschrumpft war und -aller Amtswürde bar dastand, als wäre er der -Simulant, in wenigen Augenblicken die saubere -Geschichte abgehorcht. Ihr weiblicher Instinkt war -hier nicht im geringsten Zweifel und stand weit -über der Wissenschaft ihres Mannes. Unter Androhung -der höchsten ehelichen Strafen erteilte sie -ihm den gemessenen Befehl, die gekränkte Dame -in Frieden zu entlassen und dafür zu sorgen, daß -dieses auch von anderer Seite geschehe. Hier hieß -es gehorchen. Mit einer bedauernden Geberde -wandte sich der arme Leibeigene, dem der Gerichtsarzt -ganz abhanden gekommen war, zu der fremden -Dame und stotterte verbindlichst, er habe überhaupt -nie gezweifelt –</p> - -<p>Ein gebieterischer Blick seiner Frau schnitt ihm -die zweite Hälfte des Satzes vor dem Munde ab.</p> - -<p>Unter Redensarten und Tränen löste sich allmählich -die Gruppe auf, und während die Gerichtsärztin, -erfüllt von der geleisteten Heldentat und voll -brennenden Verlangens nach mündlicher Erleichterung,<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span> -in das Menschengewoge der Stadt hinausstürzte, -führte ihr Mann dem erhaltenen Befehle -gemäß die weinende Tante unter entschuldigenden -Beschwichtigungen in das Bureau des Kommissärs -zurück, sprach noch einige begütigende Worte und -empfahl sich hastig, es dem Kommissär überlassend, -sich aus seinem Gebahren den richtigen Schluß zu -ziehen. Bei seinem Eintreten hatten dieser und -sein Schreiber, als sie die höflichen Redensarten -des verwirrt dreinblickenden Doktors vernahmen, -wieder einen raschen Blick gewechselt, diesmal aber -mit einer trostlosen Jammer- und Schreckensmiene. -Sie waren aus dem siebenten Himmel ihrer Beamtenweisheit -heruntergestürzt, und es blieb von -ihnen nichts mehr übrig als der gebrechliche Mensch, -behaftet mit dem Aussatze des Irrtums. Der -Schreiber faßte sich schnell; was ging es ihn an, -wenn sein Vorgesetzter eine Dummheit machte? -Mit der brutalen Rücksichtslosigkeit eines verantwortungsfreien -Subalternbeamten vergrub er sich -in seine Akten, mit vielem Geräusch rechnend und -blätternd, und schien über seinem plötzlich eingebrochenen -Geschäftseifer alles um sich her vergessen -zu haben. Treulos im Stiche gelassen, stand der -Kommissär vor dem still fortweinenden Mädchen. -Er nahm einige Male einen Anlauf zu wohlgesetzten -Entschuldigungen. Sie gerannen ihm wie<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -schlechte Milch, noch ehe er sie vollendete. Er wollte -sich fassen, sein Herz verhärten und sich kaltblütig -hinter seine Pflicht verschanzen. Es gelang ihm -nicht; er stand noch zu sehr unter der Wirkung -der Überraschung. Jeder Versuch, etwas zu sagen, -erweckte nur ein vernehmlicheres Schluchzen der -Unglücklichen. In heller Verzweiflung ließ der entwurzelte -Beamte gleich einem gefangenen Wilden -seine Blicke an den Wänden herumlaufen, wobei -sie auch einen wütenden Abstecher nach dem fleißigen -Schreiber machten. Aber an den staubigen Aktenstellagen -wollte sich kein rettendes Wunder ereignen; -keine Öffnung ließ sich dort hineinblicken, durch -welche eine gequälte Bureaukratenseele hätte entweichen -können. Und doch kam ihm von dort her -ein Lichtstrahl. Woher könnte auch sonst einem -braven Beamten eine Erleuchtung kommen! »Warten -Sie,« sagte er und zog aus einem der Fächer ein -Formular hervor, füllte es aus und stempelte es -geschäftsmäßig ab. Mit dieser gewohnten Hantierung -hatte er seine Fassung wieder errungen. Er -faltete den Bogen nicht ohne Feierlichkeit zusammen, -näherte sich der Dame und sprach: »So, nehmen -Sie das, das wird gut tun«, mit einem so milden -und begütigenden Ausdruck, wie ihn nur der Arzt -haben kann, der dem stöhnenden Verwundeten den -lindernden Verband anlegt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span></p> - -<p>Mechanisch hatte der weinende Rekrut den papiernen -Trost ergriffen und schwamm nun in Tränen nach -Hause. Kaum fand sich Tante Moritz dort in Sicht -eines soliden Sofas, als sie auch sofort in die lange -zurückgehaltene, aber offenbar zur Sache gehörige -Ohnmacht fiel unter so viel nachfolgenden Krämpfen, -als ihrer weiblichen Ehre unumgänglich notwendig -schienen. Bald hatte sie das ganze Haus auf die -Beine gebracht. Die jungen Gräfinnen weinten in -ihrer Unerfahrenheit, und die jungen Grafen standen -mit Bereiterstiefeln und Reitpeitschen um den Fall -herum und machten stehengebliebene Gesichter. Am -liebsten hätten sie auch geweint, wenn das nicht -gegen die Stiefel gewesen wäre. Die alte Gräfin -und ein Stubenmädchen bemühten sich mit erprobten -Hausmitteln um die Kranke, und der alte Herr -Graf nahm der bewußtlos Daliegenden ein zerknittertes -Papier aus der Hand, entfaltete es und -las: »Militär-Entlassungsschein«. In diesem Denkmal -polizeilicher Konsterniertheit wurde der Moritz N. -aus der Altersklasse 1801, Tochter des weiland -Reichskammergerichts- usw. usw. -Registraturskanzlisten, -wegen allgemeiner Untauglichkeit seiner Militärdienstpflicht -los- und lediggesprochen. Die Rubrik -»Signalement« war unausgefüllt geblieben; selbst -der <em class="antiqua">item</em>: »Besondere Kennzeichen« hatte den Beamten -zu keiner naheliegenden Notiz veranlassen<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span> -können. Mit diesem Talismann hätte freilich Tante -Moritz allen künftigen Anforderungen des Kriegsministers -entgegentreten können, wenn dieser noch -einmal Anspruch auf die friedliche Amazone hätte -erheben wollen.</p> - -<p>Natürlich vergingen damals die Krämpfe wieder, -und die gute Tante hat in der Folge manche -schwerere Krankheit zu bestehen gehabt, bis endlich -eine sie ganz ablöste und aller Konskriptionsgefahr -entrückte. Mit dem gegilbten und verbleichten -Nachlasse der braven alten Jungfer, aus dem ich -eine ganze Lebensgeschichte von kleinen Freuden -und großen Entbehrungen, ein standhaft durchgerungenes -Dasein von Armut und Ehre herauslesen -mußte, habe ich auch den Militärentlassungsschein -geerbt, den ich als ein Andenken an die gute alte -Zeit, an die selige Tante, an den Großonkel mit -dem Haarbeutel und an die verdrehte Polizei meiner -Vaterstadt noch immer aufbewahre.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/rule.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span></p> - -<h2 id="Henry_F_Urban"> -<img src="images/rule.png" alt="" /><br /> -Henry F. Urban:<br /> -Der Eishund</h2> -</div> - -<p>Hört die Geschichte von dem kleinen häßlichen, -gelben Eishund, der es auf merkwürdige Weise -zu einem hervorragenden und vornehmen Hunde -brachte! Den ganzen Tag war er hungrig und -frierend, denn es war Winter, in New York herumgelaufen. -In der fünften Avenue wichen ihm -die aristokratischen Hunde der Dollarköniginnen -aus und bemerkten naserümpfend: »Welch ein -vulgärer Köter, welch ein Vagabund! Er wird ein -Ende mit Schrecken nehmen!« Dann war er bei -Anbruch der Dunkelheit in den kahlen, düsteren -Park gekommen, und dann war er plötzlich irgendwo -hinuntergefallen, auf eine harte, eisige, weite -Fläche. Das war wohl das Ende, dachte er. Aber -es wurde Tag, ein Tag voll Sonnenlicht, und er -lebte immer noch. Er befand sich auf einem gefrorenen -Wasserbecken, das Trinkwasser für die -New Yorker enthielt. Es bildete ein riesiges, längliches -Viereck und war von steinernen Böschungen -eingefaßt. Nirgends konnte er heraus. An einer<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -Stelle erblickte er zwei Menschen. Das waren -Pat Flaherty und Fred Kaiser, die beiden Parkpolizisten. -Sie standen an dem eisernen Geländer -des Wasserbeckens, schüttelten die Köpfe und blinzelten -mit den Augen, weil auf Schnee und Eis -die Sonne sprühte.</p> - -<p>»Da ist ja der kleine Köter noch immer auf -dem Wasserbecken!« sagte Flaherty. »Er war -schon gestern dort.«</p> - -<p>»Wahrscheinlich ist er die steile Böschung heruntergerutscht!« -meinte Kaiser. »Heraus kann er -nicht wieder; es wird Zeit, daß wir ihn fangen. -Sonst verhungert er oder ersäuft, denn es taut. -Ich werde mal sehen, ob ich ihn fangen kann.«</p> - -<p>»Gib acht, Fred!« warnte ihn Flaherty. »Das -Eis ist schon dünn an manchen Stellen.«</p> - -<p>Aber schon war Kaiser etwas seitwärts von -dem Aussichtsturm über die Einfassung geklettert. -Hier ersetzten Felsen die künstliche Böschung und -erlaubten ihm einen bequemen Abstieg auf das Eis. -Er prüfte erst vorsichtig das Eis und versicherte -sich, daß es ihn trug, denn er wog 225 Pfund. -Aber es schien ihm doch klüger, die Operationen -zunächst nicht soweit vom Ufer zu beginnen. Also -pfiff er dem kleinen Köter der weit drüben über -das Eis trabte. Der Köter blieb stehen und wandte -den Kopf nach dem Polizisten. Kaiser pfiff nur<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -noch verlockender. Doch der Köter kam nicht. Er -mißtraute den Menschen, insonderheit Polizisten. Ihre -Stiefel waren schwerer und härter als andre Stiefel.</p> - -<p>»Es nutzt nichts!« rief ihm Flaherty lachend zu. -»Du mußt auf das Eis hinaus!«</p> - -<p>Rutschend und gleitend, prüfend die Augen auf -das Eis heftend, bewegte sich Kaiser über die -glatte Fläche.</p> - -<p>»Es ist fest!« rief er Flaherty zu und lief etwas -zuversichtlicher. Als er dem Köter nahe war, pfiff -er und lockte er von neuem – abermals umsonst. -Der Köter ergriff die Flucht. Es war ein ausgesucht -häßlicher Hund mit graugelben zottigen -Haaren. Sein Kopf erinnerte Kaiser an das Bild -eines Geigenvirtuosen, das er mal in einer Zeitung -gesehen hatte. Nun lief Kaiser hinter dem Hunde -her. Immer, wenn er ihm etwas näher kam, bog -der Hund scharf zur Seite und Kaiser schlitterte -geradeaus. Einmal verlor der dicke Polizist den -Halt, setzte sich auf das Eis, daß es krachte, und -rutschte noch ein Stück darüber hin. Vom Ufer -her erscholl Gelächter. Dort hatten sich ein Dutzend -neugierige Leute gesammelt und beobachteten die -Jagd. Kaiser raffte sich auf, holte seinen Helm, -klopfte sich die Kleidung rein und marschierte über -das Eis zurück. Auf halbem Wege kam ihm -Flaherty entgegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p> - -<p>»Fred«, sagte Flaherty, »einer schafft's nicht. -Wir wollen's zusammen versuchen. Wir jagen -ihn in eine Ecke des Beckens, und dort fangen -wir ihn.«</p> - -<p>Das leuchtete Fred ein. Von rechts und links -näherten sie sich langsam dem Köter und scheuchten -ihn nach der einen Ecke des Beckens. Sie glaubten -schon, sie hätten ihn. Doch er sauste plötzlich in -weitem Bogen um Flaherty herum und entwischte. -Noch einmal versuchten die beiden ihr Glück, doch -ohne Erfolg. Keuchend und pustend begaben sie -sich ans Ufer. Dort hatten sich immer mehr -Menschen angesammelt, um die fröhliche Hatz zu -beobachten. Man bestürmte die beiden Polizisten -mit Fragen, was es mit dem Hund auf sich habe, -wie er auf das Eis gekommen sei. Flaherty und -Kaiser meinten, sie wüßten es selber nicht. Der -Köter sei zweifellos ein Vagabund. Die Damen -bedauerten sein trauriges Los und fragten, ob es -denn kein Mittel gäbe, das arme Tier aus seiner -schrecklichen Lage zu befreien. Der eine schlug dies -vor, der andere das. Inzwischen war auch Bubbles, -der unvermeidliche Berichterstatter, zufällig des -Weges gekommen. Er erkannte, daß die Geschichte -ein gefundenes Fressen für ihn sei, und beschloß, -das weitere abzuwarten.</p> - -<p>Ein Parkfeger hatte einen glänzenden Einfall.<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span> -Man müßte einige lange Bretter holen, meinte er, -und sie vom Eis auf die Felsen neben dem Aussichtsturm -legen. Dann müßten ihrer mehrere den -Hund auf die Bretter zutreiben. Sobald er -diese erblickte, würde er zweifellos merken, daß -hier ein Ausweg für ihn sei, und über die Bretter -ans Ufer laufen, wo er mit Leichtigkeit gefangen -werden könnte. Den beiden Polizisten schien der -Vorschlag nicht übel, und sie versprachen, das -Nötige für den Nachmittag zu veranlassen. Damit -entfernten sie sich, und da sonst niemand etwas -unternahm, zerstreute sich die Menge.</p> - -<p>Am Nachmittag waren fast dreimal soviel Leute -um das Wasserbecken versammelt als am Vormittag. -Die Kunde von dem Eishund, wie sie ihn -nannten, hatte sich rasch verbreitet. Auch Bubbles, -der Berichterstatter, war wieder da, samt dem -Photographen seines Blattes. Sehr bald kam ein -Lastwagen der Parkbehörde mit Brettern und Holzböcken -angefahren. Auch Kaiser und Flaherty und -noch andere Polizisten kamen, um den Feldzug -gegen den Eishund zu leiten und die Menge in -Ordnung zu halten.</p> - -<p>»Das wird der reine Zirkus!« bemerkte der -dicke Flaherty lachend zu Kaiser.</p> - -<p>»Merkwürdig«, entgegnete Kaiser, »welche Unmasse -Maulaffen es in New-York gibt, sowie es<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -etwas zu sehen gibt. Und sei es nur ein Köter -auf dem Eise.«</p> - -<p>Die Holzböcke wurden neben dem Aussichtsturm -auf das Eis gestellt und dann die Bretter darüber -gelegt. Dann begaben sich die vier Parkfeger auf -das Eis und näherten sich dem Köter, der sie mit -einem Ausdruck höchsten Argwohns herankommen -sah. Bald war wieder die schönste Hetzjagd im -Gange. Dreimal trieben sie ihn unter dem Jubel -der Menge auf die Bretter zu, doch der Köter -schoß jedesmal daran vorüber. Völlig erschöpft -gaben die vier endlich die Jagd auf und stiegen -wieder ans Ufer, um sich zu verschnaufen.</p> - -<p>»So ein dummes Luder!« knurrte Flaherty und -warf dem Köter einen giftigen Blick zu. Der saß -mitten auf dem Eise, ganz außer Atem, aber stolz -wie ein siegreicher Toreador in der Arena. Es sah -zu lächerlich aus. Das Publikum wollte sich schief -lachen. Teufel – das war wirklich ein herrlicher -Ulk! Und er kostete keinen Cent. Plötzlich erschienen -drei Studenten auf dem Eise. Sie hatten -Schlittschuhe an. Offenbar glaubten sie, daß die -Schlittschuhe ihnen den Erfolg sichern müßten. -Pfeilschnell sausten sie auf den Köter zu. Aber -der war noch schneller. Einmal hatten sie ihn fast. -Doch zwei von den Studenten liefen so heftig aufeinander, -daß es knallte und sie wie der Blitz auf<span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span> -das Eis flogen. Unter dem wiehernden Gelächter -der Zuschauer verschwanden sie. Eine Weile konnte -sich der Köter verpusten. Und immer noch schwoll -die Menschenmenge. Kleine Jungens begannen -schon mit leeren Seifenkisten zu handeln, auf denen -man warm und trocken stehen und über die Menge -hinwegsehen konnte. Verkäufer von Bonbons und -gerösteten Kastanien machten gute Geschäfte. Bubbles, -der Berichterstatter, photographierte, daß der Gummisack -am Apparat dampfte. Wer würde der nächste sein, -der den Kampf mit dem wundervollen Eishund wagte?</p> - -<p>Das war Kakadu-Bill, der ehemalige Kuhjunge -aus dem Westen, der jetzt in New York Kellner -war. Er behauptete, der Meisterlassowerfer von -Amerika zu sein und Roosevelt in dieser schönen -Kunst unterrichtet zu haben, als er noch als unbekannter -Rauhreiter die Prärie durchstreifte. -Kakadu-Bill habe er als Kuhjunge geheißen, weil -er der einzige Kuhjunge in Arizona war, der einen -Kakadu hatte. Kakadu-Bill hatte sich einen langen -Strick verschafft und versprach, den Köter innerhalb -fünf Minuten zu fassen. Eine Kleinigkeit sei's. -Als er auf dem Eise erschien, brachten ihm die -entzückten Zuschauer eine Ovation.</p> - -<p>»Der wird's fertig bringen!« sagten sie.</p> - -<p>Kakadu-Bill ging vollkommen kunstgerecht zu -Werke. Er trabte, immer den Lasso schwingend,<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -im Kreise um den Eishund, der ruhig auf den -Hinterbeinen saß und erstaunt Kakadu-Bill zusah. -Er war sich offenbar nicht klar, was dessen sonderbares -Benehmen bedeutete. Immer enger zog -Kakadu-Bill den Kreis und plötzlich pfiff der Lasso -durch die Luft und schlug klatschend auf die Stelle, -wo der Eishund eben noch gesessen hatte, aber -nicht mehr saß. Als Kakadu-Bill das Hohngelächter -der Menge vernahm, stieß er einen gräßlichen Fluch -aus, wickelte seinen Lasso wieder auf und jagte -abermals hinter dem Eishund her. Aber er kam -einer dünnen Stelle im Eise zu nahe und brach -durch das Eis. Am Ufer herrschte gewaltige Aufregung. -»Er ertrinkt!« riefen einige. Die Damen -kreischten und sahen sich nach hübschen jungen -Herren um, denen sie ohnmächtig in die Arme -fallen könnten. Zum Glück war es da nicht tief, -und Kakadu-Bill fiel nur bis über die Kniee ins -Wasser. Das kühlte sein wildwestliches Jagdfieber -jedoch dermaßen ab, daß er hastig aus dem Wasser -herauspatschte und samt seinem Lasso so schnell wie -möglich verduftete. – Nun schien keiner mehr Lust -zu haben, sein Glück zu versuchen.</p> - -<p>»Er wird wahrscheinlich von selber am Abend -oder früh am nächsten Morgen über die Bretter -ans Land finden!« sagten die Polizisten und ersuchten -die Menge weiterzugehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span></p> - -<p>»Aber er verhungert unterdessen!« meinte eine -reizende junge Dame. »Oder er ertrinkt, wenn es -weiter taut! Das wäre sehr unappetitlich. Es ist -unser Trinkwasser!«</p> - -<p>»Wir werfen ihm etwas Fleisch aufs Eis!« versicherten -die Polizisten. »Und ein paar Tage hält -das Eis noch!«</p> - -<p>»Die Vorstellung ist aus!« rief ein vorwitziger -Bengel. »Morgen vormittag wird sie fortgesetzt!« -Und langsam entfernten sich die Leute.</p> - -<p>Am nächsten Morgen war die seltsame Geschichte -von dem berühmten Eishund mit Abbildungen in -Bubbles Zeitung. Zu Fuß, zu Pferde und zu -Wagen kam halb New York, um den berühmten -Eishund zu sehen. Gott sei Dank! – da war er -noch. Es hatte wirklich noch mehr getaut und -niemand wagte sich aufs Eis. Niemand? Ein -Held, ein einziger Held scheute sich nicht, eines erbärmlichen -kleinen Köters wegen sein Leben aufs -Spiel zu setzen. Ein kleiner kugelrunder deutscher -Bäcker aus der Avenue A, mit rosaroten Backen, -war der Held. Er hatte ein ganz neues Verfahren. -Er war schon am Tage vorher dagewesen, hatte -das Schlachtfeld in Augenschein genommen und war -mit der geheimnisvollen Bemerkung fortgegangen, -das sei ein eklatanter Fall, wo Moltkesche Strategie -allein Erfolg verspreche. Denn er sei Sergeant in<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span> -der deutschen Armee gewesen und mit Waldersee -in China. Mit dieser Strategie also war er jetzt -gekommen. Ohne Frage hatte seine Strategie -etwas Ungewöhnliches, Geniales. Als Hilfsmittel -brachte er dreierlei Dinge mit: einen Dachshund -mit fürchterlich krummen Beinen, eine lange dünne -Leine und einen riesigen Schinkenknochen, der an -der Leine befestigt war. Als er mit diesen drei -Dingen auf dem Eise erschien, stieß Bubbles, der -Berichterstatter, ein indianisches Freudengeheul aus. -Das Publikum schrie Hurra, Flaherty aber wandte -sich an Kaiser und sagte:</p> - -<p>»Kaiser, ist es wahr, daß Moltke mit Dachshunden -und Schinkenknochen gearbeitet hat?«</p> - -<p>Ein anderer fragte seinen Nachbar, wer eigentlich -der Dachshund und wer der Bäcker sei. Wahrhaftig -– von weitem sahen sie sich ähnlich, wegen -der krummen Beine. Man war aufs äußerste gespannt, -wie nun die Moltkesche Strategie sich betätigen -werde. Sie betätigte sich wie folgt. Der -kugelrunde Bäcker rollte sich auf den gelben Köter -zu, der freundlich bellte und mit dem Schwanz -wedelte, als er einen vierbeinigen Kameraden erblickte. -Diese beiden, der Mann und der Dachshund, -machten unzweifelhaft einen friedlichen Eindruck -auf den Eishund. Nun schleuderte der Bäcker -plötzlich seinen Schinkenknochen, aber nicht nach<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span> -dem Köter hin, sondern seitwärts. Sofort stürzte -sich der krummbeinige Dackel mit fliegenden Ohren -auf den Knochen und suchte ihn seinem Herrn zu -entreißen. Der jedoch hielt ihn mit der Leine fest. -Das ärgerte Prinz. So hieß nämlich der Dackel. -Knurrend und keifend zog er aus Leibeskräften -an dem Knochen, ebenso kräftig zog der Bäcker -daran. Der Eishund war eitel Entzücken. Mit -lustigem Gebell sprang er unausgesetzt um den Dackel -herum, dabei begehrliche Blicke auf den Knochen -werfend. Himmel – war das ein Knochen! Und -ein Duft ging von dem Knochen aus, daß ihm der -leere Magen in dem dürren Leib vor Freude hüpfte. -Wenn er diesen Knochen erwischen könnte! Er kam -ein wenig näher. Aber Prinz schnarrte ihn so -grimmig an, daß er furchtsam zurückwich. Nun -zog der Bäcker stärker und stärker, bis er Prinz -ganz nahe hatte. Dann sagte er: »Artig, Prinz!« -und Prinz ließ schweren Herzens den Knochen -fahren. Jetzt kugelte sich der Bäcker mit lächerlicher -Geschwindigkeit davon, den Knochen immer -hinter sich herschleifend. Prinz und der gelbe Köter -folgten. Der Bäcker gab acht, daß sie den Knochen -nicht erwischten. Eine Weile trieb er's so. Dann -schleuderte er den Knochen dem gelben Köter zu, -der ihn heißhungrig erschnappte. Nun begann dasselbe -Spiel, das der Bäcker mit Prinz getrieben<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -hatte. Näher und näher zog er den Knochen mit -dem gelben Köter daran, während Prinz mit entrüstetem -Bellen um den Nebenbuhler herumsprang. -Immer näher kam der Köter und jetzt – ein Griff, -er hatte ihn, samt dem Knochen. Er nahm ihn -unter den Arm und verließ mit ihm, gefolgt von Prinz, -unter dem brausenden Hurra der Zuschauer das Eis.</p> - -<p>»Was hältst du von Moltke?« fragte jetzt Kaiser -den dicken Flaherty.</p> - -<p>»Es ist ein Sedan, ein vollkommenes Sedan!« -gestand Flaherty voll Bewunderung. »Jetzt verstehe -ich den Krieg von Siebzig!«</p> - -<p>Der Bäcker hatte noch kaum über die Bretter -das Ufer bestiegen, da war er schon von Bubbles -Gehilfen dreimal photographiert, mitsamt Prinz. -Die Leute umringten ihn und beglückwünschten ihn -und bewunderten den Eishund, der mit scheuen -Blicken, aber immer noch seinen Schinkenknochen -zwischen den Zähnen, unter des Bäckers Arm saß. -Zwischendurch mußte der Bäcker Bubbles Rede und -Antwort stehen, wo er herkomme und so weiter. -Man erfuhr, daß er Waldersees Liebling gewesen -sei. Na ja, da hatte er die Moltkesche Strategie -gelernt – kein Wunder! Einer erzählte es dem -andern. Der Bäcker mußte seine Wohnung angeben. -Dann gestatteten ihm die Polizisten, den -Eishund nach Hause zu nehmen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p> - -<p>Und der Eishund war nun ein gemachter Hund -– sozusagen. Feine Damen kamen Tag um Tag -in Kutschen zu dem tapferen Bäcker gefahren und -wollten den berühmten Hund sehen. Eine alte reiche -Dame erstand ihn, da ihn niemand beanspruchte, -von dem Bäcker für 25 Dollars und nahm ihn in -ihr Haus, wo er den Namen Teddy erhielt, dem -Präsidenten Roosevelt zu Ehren, und ein Leben -voller Wonne führte.</p> - -<p>»Und das alles,« spöttelten die vornehmen -Hunde aus der Fünften Avenue, »weil er das -Glück hatte, in das Trinkwasserbecken im Park zu -fallen. Zu albern!«</p> - -<p>Das ist die Geschichte von dem Eishund.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/rule.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span></p> - -<h2 id="Ludwig_Thoma"> -<img src="images/rule.png" alt="" /><br /> -Ludwig Thoma:<br /> -Besserung</h2> -</div> - -<p>Wie ich in die Ostervakanz gefahren bin, hat -die Tante Fanny gesagt: »Vielleicht kommen wir -zum Besuch zu deiner Mutter. Sie hat uns so -dringend eingeladen, daß wir sie nicht beleidigen -dürfen.«</p> - -<p>Und Onkel Pepi sagte, er weiß es nicht, ob es -geht, weil er so viel Arbeit hat, aber er sieht es -ein, daß er den Besuch nicht mehr hinausschieben -darf. Ich fragte ihn, ob er nicht lieber im Sommer -kommen will, jetzt ist es noch so kalt, und man -weiß nicht, ob es nicht auf einmal schneit. Aber -die Tante sagte: »Nein, deine Mutter muß böse -werden, wir haben es schon so oft versprochen.« -Ich weiß aber schon, warum sie kommen wollen; -weil wir auf Ostern das Geräucherte haben und -Eier und Kaffeekuchen, und Onkel Pepi ißt so -furchtbar viel. Daheim darf er nicht so, weil Tante -Fanny gleich sagt, ob er nicht an sein Kind denkt.</p> - -<p>Sie haben mich an den Postomnibus begleitet, -und Onkel Pepi hat freundlich getan und hat gesagt, -es ist auch gut für mich, wenn er kommt, daß er -den Aufruhr beschwichtigen kann über mein Zeugnis.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span></p> - -<p>Es ist wahr, daß es furchtbar schlecht gewesen -ist, aber ich finde schon etwas zum Ausreden. Dazu -brauche ich ihn nicht.</p> - -<p>Ich habe mich geärgert, daß sie mich begleitet -haben, weil ich mir Zigarren kaufen wollte für die -Heimreise, und jetzt konnte ich nicht. Der Fritz -war aber im Omnibus und hat zu mir gesagt, daß -er genug hat, und wenn es nicht reicht, können -wir im Bahnhof in Mühldorf noch Zigarren kaufen.</p> - -<p>Im Omnibus haben wir nicht rauchen dürfen, -weil der Oberamtsrichter Zirngiebl mit seinem -Heinrich darin war, und wir haben gewußt, daß -er ein Freund vom Rektor ist und ihm alles verschuftet.</p> - -<p>Der Heinrich hat ihm gleich gesagt, wer wir sind. -Er hat es ihm in das Ohr gewispert, und ich habe -gehört, wie er bei meinem Namen gesagt hat: »Er -ist der Letzte in unserer Klasse und hat in der Religion -auch einen Vierer.«</p> - -<p>Da hat mich der Oberamtsrichter angeschaut, als -wenn ich aus einer Menagerie bin, und auf einmal -hat er zu mir und zum Fritz gesagt:</p> - -<p>»Nun, ihr Jungens, gebt mir einmal eure Zeugnisse, -daß ich sie mit dem Heinrich dem seinigen -vergleichen kann.«</p> - -<p>Ich sagte, daß ich es im Koffer habe, und er -liegt auf dem Dache vom Omnibus. Da hat er<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span> -gelacht und hat gesagt, er kennt das schon. Ein -gutes Zeugnis hat man immer in der Tasche. Alle -Leute im Omnibus haben gelacht, und ich und der -Fritz haben uns furchtbar geärgert, bis wir in -Mühldorf ausgestiegen sind.</p> - -<p>Der Fritz sagte, es reut ihn, daß er nicht gesagt -hat, bloß die Handwerksburschen müssen dem -Gendarm ihr Zeugnis hergeben. Aber es war schon -zu spät. Wir haben im Bahnhof Bier getrunken, -da sind wir wieder lustig geworden und sind in die -Eisenbahn eingestiegen.</p> - -<p>Wir haben vom Konduktör ein Rauchkupee -verlangt und sind in eines gekommen, wo schon -Leute darin waren. Ein dicker Mann ist am -Fenster gesessen, und an seiner Uhrkette war ein -großes silbernes Pferd.</p> - -<p>Wenn er gehustet hat, ist das Pferd auf seinem -Bauch getanzt und hat gescheppert. Auf der anderen -Bank ist ein kleiner Mann gesessen mit einer Brille, -und er hat immer zu dem Dicken gesagt »Herr -Landrat«, und der Dicke hat zu ihm gesagt »Herr -Lehrer«. Wir haben es aber auch so gemerkt, daß -er ein Lehrer ist, weil er seine Haare nicht geschnitten -gehabt hat.</p> - -<p>Wie der Zug gegangen ist, hat der Fritz eine -Zigarre angezündet und den Rauch auf die Decke -geblasen, und ich habe es auch so gemacht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p> - -<p>Eine Frau ist neben mir gewesen, die ist weggerückt -und hat mich angeschaut, und in der anderen -Abteilung sind die Leute aufgestanden und haben -herübergeschaut. Wir haben uns furchtbar gefreut, -daß sie alle so erstaunt sind, und der Fritz hat recht -laut gesagt, er muß sich von dieser Zigarre fünf -Kisten bestellen, weil sie so gut ist.</p> - -<p>Da sagte der dicke Mann: »Bravo, so wachst die -Jugend her,« und der Lehrer sagte: »Es ist kein -Wunder, was man lesen muß, wenn man die verrohte -Jugend sieht.«</p> - -<p>Wir haben getan, als wenn es uns nichts angeht, -und die Frau ist immer weitergerückt, weil -ich so viel ausgespuckt habe. Der Lehrer hat so -giftig geschaut, daß wir uns haben ärgern müssen, -und der Fritz sagte, ob ich weiß, woher es kommt, -daß die Schüler in der ersten Lateinklasse so schlechte -Fortschritte machen, und er glaubt, daß die Volksschulen -immer schlechter werden. Da hat der Lehrer -furchtbar gehustet, und der Dicke hat gesagt, ob es heute -kein Mittel nicht mehr gibt für freche Lausbuben.</p> - -<p>Der Lehrer sagte, man darf es nicht mehr anwenden -wegen der falschen Humanität, und weil -man gestraft wird, wenn man einen bloß ein bißchen -auf den Kopf haut.</p> - -<p>Alle Leute im Wagen haben gebrummt: »Das -ist wahr«, und die Frau neben mir hat gesagt, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span> -die Eltern dankbar sein müssen, wenn man solchen -Burschen ihr Sitzleder verhaut. Und da haben -wieder alle gebrummt, und ein großer Mann in -der anderen Abteilung ist aufgestanden und hat mit -einem tiefen Baß gesagt: »Leider, leider gibt es -keine vernünftigen Öltern nicht mehr.«</p> - -<p>Der Fritz hat sich gar nichts daraus gemacht und -hat mich mit dem Fuß gestoßen, daß ich auch lustig -sein soll. Er hat einen blauen Zwicker aus der -Tasche genommen und hat ihn aufgesetzt und hat -alle Leute angeschaut und hat den Rauch durch die -Nase gehen lassen.</p> - -<p>Bei der nächsten Station haben wir uns Bier -gekauft und wir haben es schnell ausgetrunken. -Dann haben wir die Gläser zum Fenster hinausgeschmissen, -ob wir vielleicht einen Bahnwärter treffen.</p> - -<p>Da schrie der große Mann: »Diese Burschen muß -man züchtigen,« und der Lehrer schrie: »Ruhe, sonst -bekommt ihr ein paar Ohrfeigen!« Der Fritz sagte: -»Sie können's schon probieren, wenn Sie eine -Schneid haben.« Da hat sich der Lehrer nicht getraut, -und er hat gesagt: »Man darf keinen mehr -auf den Kopf hauen, sonst wird man selbst gestraft.« -Und der große Mann sagte: »Lassen Sie es gehen, -ich werde diese Burschen schon kriegen.«</p> - -<p>Er hat das Fenster aufgemacht und hat gebrüllt: -»Konduktör, Konduktör!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span></p> - -<p>Der Zug hat gerade gehalten, und der Konduktör -ist gelaufen, als wenn es brennt. Er fragte, -was es gibt, und der große Mann sagte: »Die -Burschen haben Biergläser zum Fenster hinausgeworfen. -Sie müssen arretiert werden.«</p> - -<p>Aber der Konduktör war zornig, weil er gemeint -hat, es ist ein Unglück geschehen, und es war -gar nichts.</p> - -<p>Er sagte zu dem Mann: »Deswegen brauchen -Sie doch keinen solchen Spektakel nicht zu machen.« -Und zu uns hat er gesagt: »Sie dürfen es nicht -tun, meine Herren.« Das hat mich gefreut, und -ich sagte: »Entschuldigen Sie, Herr Oberkonduktör, -wir haben nicht gewußt, wo wir die Gläser hinstellen -müssen, aber wir schmeißen jetzt kein Glas -nicht mehr hinaus.« Der Fritz fragte ihn, ob er -keine Zigarre nicht will, aber er sagte, nein, weil -er keine so starken nicht raucht.</p> - -<p>Dann ist er wieder gegangen, und der große -Mann hat sich hingesetzt und hat gesagt, er glaubt, -der Konduktör ist ein Preuße. Alle Leute haben -wieder gebrummt, und der Lehrer sagte immer: -»Herr Landrat, ich muß mich furchtbar zurückhalten, -aber man darf keinen mehr auf den Kopf hauen.«</p> - -<p>Wir sind weitergefahren, und bei der nächsten -Station haben wir uns wieder ein Bier gekauft. -Wie ich es ausgetrunken habe, ist mir ganz schwindlig<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -geworden, und es hat sich alles zu drehen angefangen. -Ich habe den Kopf zum Fenster hinausgehalten, -ob es mir nicht besser wird. Aber es ist -mir nicht besser geworden, und ich habe mich stark -zusammengenommen, weil ich glaubte, die Leute -meinen sonst, ich kann das Rauchen nicht vertragen.</p> - -<p>Es hat nichts mehr geholfen, und da habe ich -geschwind meinen Hut genommen.</p> - -<p>Die Frau ist aufgesprungen und hat geschrien, -und alle Leute sind aufgestanden, und der Lehrer -sagte: »Da haben wir es.« Und der große Mann -sagte in der anderen Abteilung: »Das sind die -Burschen, aus denen man die Anarchisten macht.«</p> - -<p>Mir ist alles gleich gewesen, weil mir so schlecht -war. Ich dachte, wenn ich wieder gesund werde, will -ich nie mehr Zigarren rauchen und immer folgen -und meiner lieben Mutter keinen Verdruß nicht -mehr machen. Ich dachte, wieviel schöner möchte -es sein, wenn es mir jetzt nicht schlecht wäre, und -ich hätte ein gutes Zeugnis in der Tasche, als daß -ich jetzt den Hut in der Hand habe, wo ich mich -hineingebrochen habe.</p> - -<p>Fritz sagte, er glaubt, daß es mir von einer -Wurst schlecht geworden ist.</p> - -<p>Er wollte mir helfen, daß die Leute glauben, ich -bin ein Gewohnheitsraucher.</p> - -<p>Aber es war mir nicht recht, daß er gelogen hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p> - -<p>Ich war auf einmal ein braver Sohn und hatte -einen Abscheu gegen die Lüge.</p> - -<p>Ich versprach dem lieben Gott, daß ich keine -Sünde nicht mehr tun wollte, wenn er mich wieder -gesund werden läßt. Die Frau neben mir hat nicht -gewußt, daß ich mich bessern will, und sie hat -immer geschrien, wie lange sie den Gestank noch -aushalten muß.</p> - -<p>Da hat der Fritz den Hut aus meiner Hand -genommen und hat ihn zum Fenster hinausgehalten -und hat ihn ausgeleert. Es ist aber viel auf das -Trittbrett gefallen, daß es geplatscht hat, und wie -der Zug in der Station gehalten hat, ist der Expeditor -hergelaufen und hat geschrien: »Wer ist die -Sau gewesen? Herrgottsakrament, Konduktör, was -ist das für ein Saustall?«</p> - -<p>Alle Leute sind an die Fenster gestürzt und -haben hinausgeschaut, wo das schmutzige Trittbrett -gewesen ist. Und der Konduktör ist gekommen -und hat es angeschaut und hat gebrüllt: »Wer war -die Sau?« – Der große Herr sagte zu ihm: »Es -ist der nämliche, der mit den Bierflaschen schmeißt, -und Sie haben es ihm erlaubt.« – »Was ist das -mit den Bierflaschen?« fragte der Expeditor. – -»Sie sind ein gemeiner Mensch,« sagte der Konduktör, -»wenn Sie sagen, daß ich es erlaubt habe, -daß er mit die Bierflaschen schmeißt.« – »Was bin<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -ich?« fragte der große Herr. – »Sie sind ein gemeiner -Lügner,« sagte der Konduktör, »ich habe es -nicht erlaubt.« – »Tun Sie nicht so schimpfen,« -sagte der Expeditor, »wir müssen es mit Ruhe abmachen.«</p> - -<p>Alle Leute im Wagen haben durcheinander geschrien, -daß wir solche Lausbuben sind, und daß -man uns arretieren muß. Am lautesten hat der -Lehrer gebrüllt, und er hat immer gesagt, er ist -selbst ein Schulmann. Ich habe nichts sagen können, -weil mir so schlecht war, aber der Fritz hat für -mich geredet, und er hat den Expeditor gefragt, ob -man arretiert werden muß, wenn man auf einem -Bahnhofe eine giftige Wurst kriegt. Zuletzt hat der -Expeditor gesagt, daß ich nicht arretiert werde, aber, -daß das Trittbrett gereinigt wird, und ich muß es -bezahlen. Es kostet eine Mark. Dann ist der Zug -wieder gefahren, und ich habe immer den Kopf zum -Fenster hinausgehalten, daß es mir besser wird.</p> - -<p>In Endorf ist der Fritz ausgestiegen, und dann -ist meine Station gekommen. Meine Mutter und -Ännchen waren auf dem Bahnhof und haben mich -erwartet. Es ist mir noch immer ein bißchen schlecht -gewesen und ich habe so Kopfweh gehabt.</p> - -<p>Da war ich froh, daß es schon Nacht war, weil -man nicht gesehen hat, wie ich blaß bin. Meine -Mutter hat mir einen Kuß gegeben und hat gleich<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span> -gefragt: »Nach was riechst du, Ludwig?« Und -Ännchen fragte: »Wo hast du deinen Hut, Ludwig?« -Da habe ich gedacht, wie traurig sie sein -möchten, wenn ich ihnen die Wahrheit sage, und -ich habe gesagt, daß ich in Mühldorf eine giftige -Wurst gegessen habe, und daß ich froh bin, wenn -ich einen Kamillentee kriege.</p> - -<p>Wir sind heimgegangen, und die Lampe hat im -Wohnzimmer gebrannt, und der Tisch war aufgedeckt. -Unsere alte Köchin Theres ist hergelaufen, und -wie sie mich gesehen hat, da hat sie gerufen: »Jesus -Maria, wie schaut unser Bub aus? Das kommt -davon, weil Sie ihn so viel studieren lassen, Frau -Oberförster.«</p> - -<p>Meine Mutter sagte, daß ich etwas Unrechtes -gegessen habe, und sie soll mir schnell einen Tee -machen. Da ist die Theres geschwind in die Küche, -und ich habe mich auf das Kanapee gesetzt.</p> - -<p>Unser Bürschel ist immer an mich hinaufgesprungen -und hat mich abschlecken gewollt. Und -alle haben sich gefreut, daß ich da bin. Es ist mir -ganz weich geworden, und wie mich meine liebe -Mutter gefragt hat, ob ich brav gewesen bin, habe ich -gesagt: »Ja, aber ich will noch viel braver werden.«</p> - -<p>Ich sagte, wie ich die giftige Wurst drunten -hatte, ist mir eingefallen, daß ich vielleicht sterben -muß, und daß die Leute meinen, es ist nicht schade<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span> -darum. Da habe ich mir vorgenommen, daß ich -jetzt anders werde und alles tue, was meiner Mutter -Freude macht, und viel lerne und nie keine Strafe -mehr heimbringe, daß sie alle auf mich stolz sind.</p> - -<p>Ännchen schaute mich an und sagte: »Du hast -gewiß ein furchtbar schlechtes Zeugnis heimgebracht, -Ludwig?« Aber meine Mutter hat es ihr verboten, -daß sie mich ausspottet, und sie sagte: »Du sollst nicht -so reden, Ännchen, wenn er doch krank war und -sich vorgenommen hat, ein neues Leben zu beginnen. -Er wird es schon halten und mir viele -Freude machen.« Da habe ich weinen müssen, und -die alte Theres hat es auch gehört, daß ich vor -meinem Tod solche Vorsätze genommen habe. Sie -hat furchtbar laut geweint und hat geschrien: »Es -kommt von dem vielen Studieren, und sie machen -unsern Buben noch kaput.« Meine Mutter hat sie -getröstet, weil sie gar nicht mehr aufgehört hat.</p> - -<p>Da bin ich ins Bett gegangen, und es war so -schön, wie ich darin gelegen bin. Meine Mutter -hat noch bei der Türe hereingeleuchtet und hat -gesagte: »Erhole dich recht gut, Kind.« Ich bin -noch lange aufgewesen und habe gedacht, wie ich -jetzt brav sein werde.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/rule.png" alt="" /> -</div> - -<p class="center"> -Buchdruckerei Richard Hahn (S. Otto), Leipzig.<br /> -</p> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<div class="transnote" id="tnextra"> -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.</p> - -<p>Korrekturen:</p> - -<div class="corr"> -<p> -S. 52: beseite → beiseite<br /> -allen Respekt <a href="#corr052">beiseite</a> zu setzen</p> -<p> -S. 71: Kutzsch → Kutsch<br /> -daß die <a href="#corr071">Kutsch</a> hübsch akkurat kommt</p> -<p> -S. 76: herauszuschüttlen → herausschütteln<br /> -Krumplen aus meinem Staatskleid <a href="#corr076">herauszuschütteln</a></p> -<p> -S. 86: begegenet → begegnet<br /> -Meldungswürdiges mir <a href="#corr086">begegnet</a> ist</p> -<p> -S. 106: Büdung → Bildung<br /> -Himmelsfrucht jeder sanften <a href="#corr106">Bildung</a> trage</p> -</div> -</div> -</div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Humoristen (Band 6), by -E. Th. A. Hoffmann and A. Bayersdorfer and Bettina v. Arnim and Henry F. Urban and Fr. Th. Fischer and L. Thoma - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE HUMORISTEN (BAND 6) *** - -***** This file should be named 50681-h.htm or 50681-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/6/8/50681/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/50681-h/images/cover.jpg b/old/50681-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 3560546..0000000 --- a/old/50681-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50681-h/images/rule.png b/old/50681-h/images/rule.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 1bf94d5..0000000 --- a/old/50681-h/images/rule.png +++ /dev/null diff --git a/old/50681-h/images/signet.png b/old/50681-h/images/signet.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 6a4f468..0000000 --- a/old/50681-h/images/signet.png +++ /dev/null diff --git a/old/50681-h/images/tb.png b/old/50681-h/images/tb.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 4a76812..0000000 --- a/old/50681-h/images/tb.png +++ /dev/null |
