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-The Project Gutenberg EBook of Schriften 4: Phantasus 1, by Ludwig Tieck
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-
-Title: Schriften 4: Phantasus 1
- Phantasus / Der blonde Eckbert / Der getreue Eckart / Der
- Runenberg / Liebeszauber / Die schöne Magelone / Die Elfen
- / Der Pokal
-
-Author: Ludwig Tieck
-
-Release Date: November 18, 2015 [EBook #50480]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN 4: PHANTASUS 1 ***
-
-
-
-
-Produced by Delphine Lettau, Jens Sadowski, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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-
-
-
- Ludwig Tieck's
- Schriften.
-
- Vierter Band.
-
-
-
-
- Phantasus
- Erster Theil.
-
-
- Berlin,
- bei G. Reimer,
- 1828.
-
- An den
- Dr. und Prof. Schleiermacher
- in Berlin.
-
-Gern erinnere ich mich der Jugendzeit, als wir uns nahe waren und uns
-oft bei gemeinschaftlichen Freunden trafen. Mögen Sie in ernsten
-Forschungen und Geschäften vertieft nicht diese luftigen Gaben der
-Phantasie verschmähen, sondern sich noch eben so gern, wie ehemals,
-durch sie erheitern.
-
- L. Tieck.
-
-
-
-
- Inhalt (hinzugefügt):
-
-
- Einleitung
- Phantasus
- Der blonde Eckbert
- Der getreue Eckart
- Der Runenberg
- Liebeszauber
- Die schöne Magelone
- Die Elfen
- Der Pokal
-
-Weitere Anmerkungen zur Transkription am Ende des Buches.
-
-
-
-
- Phantasus.
- Erster Theil.
-
-
-
-
-
- An
- A. W. Schlegel.
- (Anstatt einer Vorrede.)
-
-
-Es war eine schöne Zeit meines Lebens, als ich Dich und Deinen Bruder
-Friedrich zuerst kennen lernte; eine noch schönere, als wir und Novalis
-für Kunst und Wissenschaft vereinigt lebten, und uns in mannichfaltigen
-Bestrebungen begegneten. Jezt hat uns das Schicksal schon seit vielen
-Jahren getrennt. Ich verfehlte Dich in Rom, und eben so später in Wien
-und München, und fortdauernde Krankheit hielt mich ab, Dich an dem Orte
-Deines Aufenthaltes aufzusuchen; ich konnte nur im Geist und in der
-Erinnerung mit Dir leben.
-
-Von verschiedenen Seiten aufgefordert, war ich schon seit einiger Zeit
-entschlossen, meine jugendlichen Versuche, die sich zerstreut haben, zu
-sammeln, diejenigen hinzuzufügen, welche bis jezt noch ungedruckt waren,
-und andre zu vollenden und auszuarbeiten, die ich schon vor Jahren
-angefangen, oder entworfen hatte. Diese Mährchen, Schauspiele und
-Erzählungen, welche alle eine frühere Periode meines Lebens
-charakterisiren, vereinigt durch mannichfaltige Gespräche
-gleichgesinnter Freunde über Kunst und Literatur, machen den Inhalt
-dieses Buches. Manches, was ich in diesen Dialogen nur flüchtig berühren
-konnte, werde ich an andern Orten bestimmter darzustellen und
-auszuführen suchen. Diejenigen Dichtungen, welche schon bekannt gemacht
-waren, erscheinen hier mit Verbesserungen, und in der Summe der sieben
-verschiedenen Abtheilungen wird man eben so viele neue, als in den
-Volksmährchen, oder anderswo schon abgedruckte, antreffen. Die größeren
-Werke, wie der Zerbino oder die Genoveva schließen sich von dieser
-Sammlung aus.
-
-Es war meine Absicht, meinen Freunden diese Spiele der Phantasie, die
-sie früher schon gütig aufgenommen haben, in einer annehmlichern Gestalt
-vorzulegen. Du warst unter diesen einer der ersten, die mein Talent
-erhoben und ermunterten, Dein männlich heiterer Sinn findet auch im
-Scherze den Ernst, so wie er Gelehrsamkeit und gründliche Forschung
-durch Anmuth belebt: Du wirst gütig diese Blätter aufnehmen, die das
-Bild voriger Zeit und Deines Freundes in dir erneuern.
-
-
-
-
- Einleitung.
- 1811.
-
-
-Dieses romantische Gebirge, sagte Ernst, erinnert mich lebhaft an einen
-der schönsten Tage meines Lebens. In der heitersten Sommerszeit hatte
-ich die Fahrt über den Lago maggiore gemacht und die Borromäischen
-Inseln besucht; von einem kleinen Flecken am See ritt ich dann mit dem
-frühsten Morgen nach Belinzona, das mit seinen Zinnen und Thürmen auf
-Hügeln und im engen Thal ganz alterthümlich sich darstellt, und uns alte
-Sagen und Geschichten wunderlich vergegenwärtigt, und von dort reisete
-ich am Nachmittage ab, um am folgenden Tage den Weg über den Sankt
-Gotthard anzutreten. Am Fuße dieses Berges liegt äußerst anmuthig
-Giarnito, und einige Stunden vorher führt dich der Weg durch das
-reizendste Thal, in welchem Weingebirge und Wald auf das mannigfaltigste
-wechselt, und von allen Bergen große und kleine Wasserfälle klingend und
-wie musizirend niedertanzen; immer enger rücken die Felsen zusammen, je
-mehr du dich dem Orte näherst, und endlich ziehn sich Weinlauben über
-dir hinweg von Berg zu Berg, und verdecken von Zeit zu Zeit den Anblick
-des Himmels. Es wurde Abend, eh ich die Herberge erreichte, beim
-Sternenglanz, den mir die grünen Lauben oft verhüllten, rauschten näher
-und vertraulicher die Wasserfälle, die sich in mannigfachen Krümmungen
-Wege durch das frische Thal suchten; die Lichter des Ortes waren bald
-nahe, bald fern, bald wieder verschwunden, und das Echo, das unsere
-Reden und den Hufschlag der Pferde wiederholte, das Flüstern der Lauben,
-das Rauschen der Bäume, das Brausen und Tönen der Wasser, die wie in
-Freundschaft und Zorn abwechselnd näher und ferner schwazten und
-zankten, vom Bellen wachsamer Hunde aus verschiedenen Richtungen
-unterbrochen, machten diesen Abend, indem noch die grünenden
-Borromäischen Inseln in meiner Phantasie schwammen, zu einem der
-wundervollsten meines Lebens, dessen Musik sich oft wachend und träumend
-in mir wiederholt. Und -- wie ich sagte -- dieses romantische Gebirge
-hier erinnert mich lebhaft an den Genuß jener schönen Tage.
-
-Warum, sagte sein Freund Theodor, hast du nie etwas von deinen Reisen
-deinen nahen und fernen Freunden öffentlich mittheilen wollen?
-
-Nenn' es, antwortete jener, Trägheit, Zaghaftigkeit, oder wie du willst:
-vielleicht auch rührt es von einem einseitigen, zu weit getriebenen
-Abscheu gegen die meisten Reisebeschreibungen ähnlicher Art her, die mir
-bekannt geworden sind. Wenigstens schwebt mir ein ganz andres Bild einer
-solchen Beschreibung vor; den ältern, unästhetischen lasse ich ihren
-Werth: doch jene, in denen Natur und Kunst und Völker aller Art, nebst
-Sitten und Trachten und Staatsverfassungen der witzig-philosophischen
-Eitelkeit des Schriftstellers, wie Affen zum Tanze, aufgeführt werden,
-der sich in jedem Augenblick nicht genug darüber verwundern kann, daß er
-es ist, der alle die Gaukeleien mit so stolzer Demuth beschreibt, und
-der so weltbürgerlich sich mit allen diesen Thorheiten einläßt; o, sie
-sind mir von je so widerlich gewesen, daß die Furcht, in ihre Reihe
-gestellt, oder gar unvermerkt bei ähnlicher Beschäftigung ihnen verwandt
-zu werden, mich von jedem Versuche einer öffentlichen Mittheilung
-abgeschreckt hat.
-
-Doch giebt es vielleicht, sagte Theodor, eine so schlichte und
-unschuldige Manier, eine so einfache Ansicht der Dinge, daß ich mir wohl
-nach Art eines Gedichtes die Beschreibung eines Landes, oder einer
-Reise, denken kann.
-
-Gewiß, sagte Ernst, manche der ältern Reisen nähern sich auch diesem
-Bilde, und es verhält sich ohne Zweifel damit eben so, wie mit der Kunst
-zu reisen selbst. Wie wenigen Menschen ist das Talent verliehn, Reisende
-zu sein! Sie verlassen niemals ihre Heimath, sie werden von allem
-Fremdartigen gedrückt und verlegen, oder bemerken es durchaus gar nicht.
-Wie glücklich, wem es vergönnt ist, in erster Jugend, wenn Herz und Sinn
-noch unbefangen sind, eine große Reise durch schöne Länder zu machen,
-dann tritt ihm alles so natürlich und wahr, so vertraut wie Geschwister,
-entgegen, er bemerkt und lernt, ohne es zu wissen, seine stille
-Begeisterung umfängt alles mit Liebe, und durchdringt mit freundlichem
-Ernst alle Wesen: einem solchen Sinn erhält die Heimath nachher den Reiz
-des Fremden, er versteht nun einheimisch zu sein, das Ferne und Nahe
-wird ihm eins, und in der Vergleichung mannigfaltiger Gegenstände wird
-ihm ein Sinn für Richtigkeit. So war es wohl gemeint, wenn man sonst
-junge Edelleute nach Vollendung ihrer Studien reisen ließ. Der Mensch
-versteht wahrhaft erst das Nahe und Einheimische, wenn ihm das Fremde
-nicht mehr fremd ist.
-
-An diese Reisenden schließe ich mich noch am ersten, sagte Theodor, wenn
-du mir auch unaufhörlich vorwirfst, daß ich meine Reisen, wie das Leben
-selbst, zu leichtsinnig nehme. Freilich ist wohl in meiner Sucht nach
-der Fremde zu viel Widerwille gegen die gewohnte Umgebung, und sehr oft
-ist es mir mehr um den Wechsel der Gegenstände, als um irgend eine
-Belehrung zu thun.
-
-Die zweite und vielleicht noch schönere Art zu reisen, fuhr Ernst fort,
-ist jene, wenn die Reise selbst sich in eine andächtige Wallfahrt
-verwandelt, wenn die jugendliche Neugier und die scharfe Lust an fremden
-Gegenständen schon gebrochen sind, wenn ein reifes Gemüth mit Kenntniß
-und Liebe gleich sehr erfüllt, an die Ruinen und Grabmäler der Vorzeit
-tritt, die Natur und Kunst wie die Erfüllung eines oft geträumten Traums
-begrüßt, auf jedem Schritte alte Freunde findet, und Vorwelt und
-Gegenwart in ein großes, rührend erhabenes Gemälde zerfließen.
-
-Diese elegischen Stimmungen würden mich nur ängstigen, unterbrach ihn
-Theodor. Ihr andern, ihr ernsthaften Leute, verbindet so widerwärtige
-Begriffe mit dem Zerstreutsein, da es doch in einfachen Menschen oft nur
-das wahre Beisammensein mit der Natur ist, wie mit einem frohen
-Spielkameraden; eure Sammlung, euer tiefes Eindringen sehr häufig eine
-unermeßliche Ferne. Auf welche Weise aber, mein Freund, würdest du deine
-Ansicht über dergleichen Gegenstände mittheilen, im Fall du einmal
-deinen Widerwillen künftig etwas mehr bezwingen solltest.
-
-Schon früh, sagte Ernst, bevor ich noch die Welt und mich kennen gelernt
-hatte, war ich mit meiner Erziehung, so wie mit allem Unterricht, den
-ich erfuhr, herzlich unzufrieden. War es doch nicht anders, als
-verschwiege man geflissentlich das, was wissenswürdig sei, oder erwähnte
-es zuweilen nur, um mit hochmüthigem Verhöhnen das zu erniedrigen, was
-selbst in dieser Entstellung mein junges Herz bewegte. Dafür aber suchte
-ich nachher auch, gleichsam wie der Zeit zum Trotz und ihrer falschen
-Bildung, alles als ein Befreundetes und Verwandtes auf, was mir meine
-Bücher und Lehrer nur zu oft als das Abgeschmackte, Dunkle und
-Widerwärtige bezeichnet hatten; ich berauschte mich auf meinem ersten
-Ausfluge in allen Erinnerungen des Alterthums, begeisterte mich an den
-Denkmalen einer längst verloschenen Liebe, ja that wohl manchem Guten
-und Nützlichen mit erwiedertem Verfolgungsgeist unrecht, und stand bald
-unter meiner Umgebung selbst wie eine unverständliche Alterthümlichkeit,
-indem ich ihr Nichtbegreifen nicht begriff, und verzweifeln wollte, daß
-allen andern der Sinn und die Liebe so gänzlich fehlten, die mich bis
-zum Schmerzhaften erregten und rührten.
-
-Freilich, fiel Theodor lachend ein, erschienst du damals mit deiner
-Bekehrungssucht als ein höchst wunderlicher Kauz, und ich erinnere mich
-noch mit Freuden des Tages, als wir uns vor vielen Jahren zuerst in
-Nürnberg trafen, und wie einer deiner ehemaligen Lehrer, der dich dort
-wieder aufgesucht hatte, und für alles Nützliche, Neue, Fabrikartige
-fast fantastisch begeistert war, dich aus den dunkeln Mauern nach Fürth
-führte, wo er in den Spiegelschleifereien, Knopf-Manufakturen und allen
-klappernden und rumorenden Gewerben wahrhaft schwelgte, und deine
-Gleichgültigkeit ebenfalls nicht verstand und dich fast für schlechten
-Herzens erklärt hätte, da er dich nicht stumpfsinnig nennen wollte:
-endlich, bei den Goldschlägern, lebtest du zu seiner Freude wieder auf,
-es geschah aber nur, weil du hier die Gelegenheit hattest, dir die
-Pergamentblätter zeigen zu lassen, die zur Arbeit gebraucht werden; du
-bedauertest zu seinem Verdruß sogar die zerschnittenen Meßbücher, und
-wühltest herum, um vielleicht ein Stück eines altdeutschen Gedichtes zu
-entdecken, wofür der aufgeklärte Lehrer kein Blättchen Goldschaum
-aufgeopfert hätte.
-
-Es ist gut, sagte Ernst, daß die Menschen verschieden denken und sich
-auf mannigfaltige Weise interessiren, doch war die ganze Welt damals zu
-einseitig auf ein Interesse hingespannt, das seitdem auch schon mehr und
-mehr als Irrthum erkannt ist. Dieses Nord-Amerika von Fürth konnte mir
-freilich wohl neben dem altbürgerlichen, germanischen, kunstvollen
-Nürnberg nicht gefallen, und wie sehnsüchtig eilte ich nach der
-geliebten Stadt zurück, in der der theure Dürer gearbeitet hatte, wo die
-Kirchen, das herrliche Rathhaus, so manche Sammlungen, Spuren seiner
-Thätigkeit, und der Johannis-Kirchhof seinen Leichnam selber bewahrte;
-wie gern schweifte ich durch die krummen Gassen, über die Brücken und
-Plätze, wo künstliche Brunnen, Gebilde aller Art, mich an eine schöne
-Periode Deutschlands erinnerten, ja! damals noch die Häuser von außen
-mit Gemälden von Riesen und altdeutschen Helden geschmückt waren.
-
-Doch, sagte Theodor, wird das jezt alles dort, so wie in andern Städten,
-von Geschmackvollen angestrichen, um, wie der Dichter sagt: »zu malen
-auf das Weiß, ihr Antlitz oder ihren Steiß.« -- Allein Fürth war auch
-bei alle dem mit seinen geputzten Damen, die gedrängt am Jahrmarktsfest
-durch die Gassen wandelten, nebst dem guten Wirthshause, und der
-Aussicht aus den Straßen in das Grün an jenem warmen sonnigen Tage nicht
-so durchaus zu verachten. Behüte uns überhaupt nur der Himmel, (wie es
-schon hie und da angeklungen hat) daß dieselbe Liebe und Begeisterung,
-die ich zwar in dir als etwas Aechtes anerkenne, nicht die Thorheit
-einer jüngeren Zeit werde, die dich dann mit leeren Uebertreibungen weit
-überflügeln möchte.
-
-Wenn nur das wahrhaft Gute und Große mehr erkannt und ins Bewußtsein
-gebracht wird, sagte Ernst, wenn wir nur mehr sammeln und lernen, jene
-Vorurtheile der neuern Hoffarth ganz ablegen, und die Vorzeit und also
-das Vaterland wahrhafter und inniger lieben, so kann der Nachtheil einer
-sich bald erschöpfenden Thorheit so groß nicht werden. -- In jenen
-jugendlichen Tagen, als ich zuerst deine Freundschaft gewann, gerieth
-ich oft in die wunderlichste Stimmung, wenn ich die Beschreibungen
-unsers Vaterlandes, die gekannt und gerühmt waren, und welche auf
-allgemein angenommenen Grundsätzen ruhten, mit dem Deutschland verglich,
-wie ich es mit meinen Augen und Empfindungen sah; je mehr ich überlegte,
-nachsann und zu lernen suchte, je mehr wurde ich überzeugt, es sei von
-zwei ganz verschiedenen Ländern die Frage, ja unser Vaterland sei
-überall so unbekannt, wie ein tief in Asien oder Afrika zu entdeckendes
-Reich, von welchem unsichre Sagen umgingen, und das die Neugier unsrer
-wißbegierigen Landsleute eben so, wie jene mythischen Gegenden reizen
-müsse; und so nahm ich mir damals, in jener Frühlingsstimmung meiner
-Seele, vor, der Entdecker dieser ungekannten Zonen zu werden. Auf diese
-Weise bildete sich in jenen Stunden in mir das Ideal einer
-Reisebeschreibung durch Deutschland, das mich auch seitdem noch oft
-überschlichen und mich gereizt hat, einige Blätter wirklich nieder zu
-schreiben. Doch jezt könnt' ich leider Elegien dichten, daß es nun auch
-zu jenen Elegien zu spät ist.
-
-Einige Töne dieser Elegie, sagte Theodor, klingen doch wohl in den
-Worten des Klosterbruders.
-
-Am frühsten, sagte Ernst, in den wenigen Zeilen unsers Dichters über den
-Münster in Straßburg, die ich niemals ohne Bewegung habe lesen können,
-dann in den Blättern von deutscher Art und Kunst; in neueren Tagen hat
-unser Freund, Friedrich Schlegel, mit Liebe an das deutsche Alterthum
-erinnert, und mit tiefem Sinn und Kenntniß manchen Irrthum entfernt,
-auch hat sich die Stimmung unsrer Zeit auffallend zum Bessern verändert,
-wir achten die deutsche Vorzeit und ihre Denkmäler, wir schämen uns
-nicht mehr, wie ehemals, Deutsche zu sein, und glauben nicht unbedingt
-mehr an die Vorzüge fremder Nationen. Das ökonomische Treiben, die
-Verehrung kleinlicher List, die Vergötterung der neusten Zeit ist fast
-erstorben, eine höhere Sehnsucht hat unsern Blick in die Vergangenheit
-geschärft, und neueres Unglück für die vergangenen großen Jahrhunderte
-den edlern Sinn in uns aufgeschlossen. In jenen früheren Tagen aber
-hatten wir noch mehr Ueberreste der alten Zeit selbst vor uns, man fand
-noch Klöster, geistliche Fürstenthümer, freie Reichsstädte, viele alte
-Gebäude waren noch nicht abgetragen oder zerstört, altdeutsche
-Kunstwerke noch nicht verschleppt, manche Sitte noch aus dem Mittelalter
-herüber gebracht, die Volksfeste hatten noch mehr Charakter und
-Fröhlichkeit, und man brauchte nur wenige Meilen zu reisen, um andre
-Gewohnheiten, Gebäude und Verfassungen anzutreffen. Alle diese
-Mannigfaltigkeit zu sehn, zu fühlen und in ein Gemälde darzustellen, war
-damals mein Vorsatz. Was unsre Nation an eigenthümlicher Malerei,
-Sculptur und Architektur besitzt, welche Sitten und Verfassungen jeder
-Provinz und Stadt eigen, und wie sie entstanden, zu erforschen, um den
-Mißverständnissen der neueren kleinlichen Geschichtschreiber zu
-begegnen; welche Natur jeden Menschenstamm umgiebt, ihn bildet und von
-ihm gebildet wird: alles dieses sollte wie in einem Kunstwerke gelöst
-und ausgeführt werden. Den edlen Stamm der Oesterreicher wollte ich
-gegen den Unglimpf jener Tage vertheidigen, die in ihrem fruchtbaren
-Lande und hinter reizenden Bergen den alten Frohsinn bewahren; die
-kriegerischen und fromm gläubigen Baiern loben, die freundlichen,
-sinnvollen, erfindungsreichen Schwaben im Garten ihres Landes schildern,
-von denen schon ein alter Dichter singt:
-
- Ich hab der Schwaben Würdigkeit
- In fremden Landen wohl erfahren;
-
-die berührigen, muntern Franken, in ihrer romantischen, vielfach
-wechselnden Umgebung, denen damals ihr Bamberg ein deutsches Rom war;
-die geistvollen Völker den herrlichen Rhein hinunter, die biederben
-Hessen, die schönen Thüringer, deren Waldgebirge noch die Gestalt und
-den Blick der alten Ritter aufbewahren; die Niederdeutschen, die dem
-treuherzigen Holländer und starken Engländer ähnlich sind: bei jeder
-merkwürdigen Stelle unsrer vaterländischen Erde wollte ich an die alte
-Geschichte erinnern, und so dachte ich die lieben Thäler und Gebirge zu
-durchwandeln, unser edles Land, einst so blühend und groß, vom Rhein und
-der Donau und alten Sagen durchrauscht, von hohen Bergen und alten
-Schlössern und deutschem tapfern Sinn beschirmt, gekränzt mit den einzig
-grünen Wiesen, auf denen so liebe Traulichkeit und einfacher Sinn wohnt.
-Gewiß, wem es gelänge, auf solche Weise ein geliebtes Vaterland zu
-schildern, aus den unmittelbarsten Gefühlen, der würde ohne alle
-Affektation zugleich ein hinreißendes Dichterwerk ersonnen haben.
-
-Oft, fiel Theodor ein, habe ich mich darüber wundern müssen, daß wir
-nicht mit mehr Ehrfurcht die Fußstapfen unsrer Vorfahren aufsuchen, da
-wir vor allem Griechischen und Römischen, ja vor allem Fremden oft mit
-so heiligen Gefühlen stehn und uns durch edle Erinnerungen entzückt
-fühlen; so wie auch darüber, daß unsre Dichter noch so wenig gethan
-haben, diesen Geist zu erwecken.
-
-Manche, sagte Ernst, haben es eine Zeitlang versucht, aber schwach,
-viele verkehrt, und ein hoher Sinn, der Deutschland so liebte und
-einheimisch war, wie der große Shakspear seinem Vaterlande, hat uns
-bisher noch gefehlt.
-
-Wir vergessen aber, rief Theodor, die herrliche Gegend zu genießen, auf
-die Vögel aus dem Dickicht des Waldes und auf das Gemurmel dieser
-lieblichen Bäche zu horchen.
-
-Alles tönt auch unbewußt in unsre Seele hinein, sagte Ernst; auch
-wollten wir ja noch die schöne Ruine besteigen, die dort schon vor uns
-liegt, und auch mit jedem Jahre mehr verfällt: hier arbeitet die Zeit,
-anderswo die Nachlässigkeit der Menschen, an vielen Orten der
-verachtende Leichtsinn, der ganze Gebäude niederreißt, oder sie
-verkauft, um alles Denkmal immer mehr dem Staube und der Vergessenheit
-zu überliefern. Indessen, wenn der Sinn dafür nur um so mehr erwacht, um
-so mehr in der Wirklichkeit zu Grunde geht, so haben wir doch mehr
-gewonnen als verloren.
-
-Ist diese Gegend nicht, durch welche wir wandeln, fing Theodor an, einem
-schönen romantischen Gedichte zu vergleichen? Erst wand sich der Weg
-labirinthisch auf und ab durch den dichten Buchenwald, der nur
-augenblickliche räthselhafte Aussicht in die Landschaft erlaubte: so ist
-die erste Einleitung des Gedichtes; dann geriethen wir an den blauen
-Fluß, der uns plötzlich überraschte und uns den Blick in das
-unvermuthete frisch grüne Thal gönnte: so ist die plötzliche Gegenwart
-einer innigen Liebe; dann die hohen Felsengruppen, die sich edel und
-majestätisch erhuben und höher bis zum Himmel wuchsen, je weiter wir
-gingen: so treten in die alten Erzählungen erhabene Begebenheiten
-hinein, und lenken unsern Sinn von den Blumen ab; dann hatten wir den
-großen Blick auf ein weit ausgebreitetes Thal, mit schwebenden Dörfern
-und Thürmen auf schön geformten Bergen in der Ferne, wir sahen Wälder,
-weidende Heerden, Hütten der Bergleute, aus denen wir das Getöse herüber
-vernahmen: so öffnet sich ein großes Dichterwerk in die
-Mannichfaltigkeit der Welt und entfaltet den Reichthum der Charaktere;
-nun traten wir in den Hain von verschiedenem duftenden Gehölz, in
-welchem die Nachtigall so lieblich klagte, die Sonne sich verbarg, ein
-Bach so leise schluchzend aus den Bergen quoll, und murmelnd jenen
-blauen Strom suchte, den wir plötzlich, um die Felsenecke biegend, in
-aller Herrlichkeit wieder fanden: so schmilzt Sehnsucht und Schmerz, und
-sucht die verwandte Brust des tröstenden Freundes, um sich ganz, ganz in
-dessen lieblich erquickende Fülle zu ergießen, und sich in triumphirende
-Woge zu verwandeln. Wie wird sich diese reizende Landschaft nun ferner
-noch entwickeln? Schon oft habe ich Lust gefühlt, einer romantischen
-Musik ein Gedicht unterzulegen, oder gewünscht, ein genialer Tonkünstler
-möchte mir voraus arbeiten, um nachher den Text seiner Musik zu suchen;
-aber warlich, ich fühle jezt, daß sich aus solchem Wechsel einer
-anmuthigen Landschaft ebenfalls ein reizendes erzählendes Gedicht
-entwickeln ließe.
-
-Zu wiederholten malen, erwiederte Ernst, hat mich unser Freund Manfred
-mit dergleichen Vorstellungen unterhalten, und indem du sprachst, dachte
-ich an den unvergleichlichen Parceval und seine Krone, den Titurell.
-Jeder Spaziergang, der uns befriedigt, hat in unsrer Seele ein Gedicht
-abgelöset, und wiederholt und vollendet es, wenn er uns immer wieder mit
-unsichtbarem Zauber umgiebt.
-
-Sehn wir die Entwickelung der romantischen Verschlingung! rief Theodor;
-Wald und Fluß verschwinden links, unser Weg zieht sich rechts, und viele
-kleine Wasserfälle rauschen aus buschigen Hügeln hervor, und tanzen und
-jauchzen wie muntre Nebenpersonen zur Wiese hinab, um jenem
-schluchzenden Bach zu widersprechen, und in Freude und Lust den
-glänzenden Strom aufzusuchen, den schon die Sonne wieder bescheint, und
-der so lächelnd zu ihnen herüber winkt.
-
-Sieh doch, rief Ernst, wenn mein geübtes Auge etwas weniger scharf wäre,
-so könnte ich mich überreden, dort stände unser Freund Anton! aber seine
-Stellung ist matter und sein Gang schwankender.
-
-Nein, rief Theodor, dein Auge ist nicht scharf genug, sonst würdest du
-keinen Augenblick zweifeln, daß er es nicht selbst in eigner Person sein
-sollte! Sieh, wie er sich jezt bückt, und mit der Hand Wasser schöpft,
-nun schüttelt er die Tropfen ab und dehnt sich; sieh, nur er allein kann
-nun mit solchem leutseligen Anstande die Nase in die Sonne halten, --
-und sein Auge hat uns auch schon gefunden!
-
-Die Freunde, die sich lange nicht gesehn hatten, und sich in schöner
-Einsamkeit so unvermuthet wieder fanden, eilten mit frohem Ausruf auf
-einander zu, umarmten sich, thaten tausend Fragen und erwarteten keine
-Antwort, drückten sich wieder an die Brust und genossen im Taumel ihrer
-freudigen Verwunderung immer wieder die Lust der Ueberraschung. O der
-Freude, dich wieder zu haben, rief Theodor aus, du lieber, lieber
-Freund! Wie fällst du so unvermuthet (doch brauchts ja keine Motive) aus
-diesen allerliebsten Episoden hier in unsre Haupthandlung und Wandlung
-hinein!
-
-Aber du siehst matt und krank aus, sagte Ernst, indem er ihn mit Wehmuth
-betrachtete.
-
-So ist es auch, erwiederte Anton, ich habe mich erst vor einigen Wochen
-vom Krankenlager erhoben, fühlte heut zum erstenmal die Schönheit der
-Natur wieder, und ließ mir nicht träumen, daß ihr wie aus dem Himmel
-noch heut in meinen Himmel fallen würdet. Aber seid mir tausend und
-tausendmal willkommen!
-
-Man ging, man stand dann wieder still, um sich zu betrachten, sich zu
-befragen, und jeder erkundigte sich nun nach den Geschäften, nach den
-Absichten des andern. Meine Reise, sagte Ernst, hat keinen andern
-Endzweck, als mich in der Nähe, nur einige Meilen von hier, über einige
-alte, sogenannte gothische Gebäude zu unterrichten, und dann in der
-Stadt ein altdeutsches Gedicht aufzusuchen.
-
-Und ich, sagte Theodor, bin meiner Gewohnheit nach nur so mitgenommen
-worden, weil ich eben weder etwas zu thun, noch zu versäumen hatte.
-
-Ich besuche unsern Manfred, sagte Anton, der mich auf sein schönes
-Landgut, sieben Meilen von hier, eingeladen hat, da er von meiner
-Krankheit und Genesung Nachricht bekommen.
-
-Wohnt der jezt in diesem Gebirge? fragte Ernst.
-
-Ihr wißt also nicht, fuhr Anton fort, daß er schon seit mehr als zwei
-Jahren verheirathet ist und hier wohnt?
-
-Manfred verheirathet? rief Theodor aus; er, der so viel gegen alle Ehe
-deklamirt, so über alle gepriesene Häuslichkeit gespottet hat, der es zu
-seiner Aufgabe zu machen schien, das Phantastische mit dem wirklichen
-Leben aufs innigste zu verbinden, der vor nichts solchen Abscheu
-äußerte, als vor jener gesetzten, kaltblütig moralischen Philisterei?
-Wie ist es möglich? Ei! der mag sich denn nun auch schön verändert
-haben! Gewiß hat ihn »das Dreherchen der Zeit« so umgedreht, daß er
-nicht wieder zu erkennen ist.
-
-Vielleicht, sagte Ernst, konnte es ihm gerade am ersten gelingen, die
-Jugend beizubehalten, in welcher er sich scheinbar so wild bewegte, denn
-sein Charakter neigte immer zum Ernst, und eben darum war sein
-Widerwille gegen den geheuchelten, läppischen Ernst unserer Tage oft so
-grotesk und bizarr: bei manchen Menschen dient eine wunderliche
-Außenseite nur zum nothwendigen Gegengewicht eines gehaltvollen, oft
-fast melankolischen Innern, und zu diesen scheint mir unser Freund zu
-gehören.
-
-Ich habe ihn schon im vorigen Jahre gesehn, sagte Anton, und ihn gar
-nicht verändert gefunden, er ist eher jünger geworden; seine Haushaltung
-mit seiner Frau und ihrer jüngern Schwester Clara, mit seiner eignen
-Schwester und Schwiegermutter ist die liebenswürdigste, die ich noch
-gesehn habe, so wie sein Landgut die schönste Lage im ganzen Gebirge
-hat: ihr thätet klug, mich dahin zu begleiten, was sich auch sehr gut
-mit deinen gelehrten antiquarischen Untersuchungen vereinigen läßt.
-
-Er muß! rief Theodor, oder ich laß ihn im Stich der gothischen, oder,
-wie er will, altdeutschen Spitzgewölbe.
-
-Darüber läßt sich noch sprechen, sagte Ernst halb zweifelnd; da ihm aber
-Anton noch erzählte, daß sie im nächsten Städtchen die beiden längst
-gesuchten Freunde Lothar und Friedrich finden würden, die ihn
-erwarteten, um mit ihm zum gemeinschaftlichen Freunde Manfred zu reisen,
-und sich einige Wochen bei diesem aufzuhalten, so ließ sich Ernst
-bewegen, seine Antiquitäten auch noch so lange beiseit zu thun, um nach
-vielen Jahren einmal wieder im Kreise seiner Geliebten eine neue Jugend
-zu leben, und die alten theuern Erinnerungen seinem Herzen zu erwecken.
-
-Die Freunde wanderten weiter, und nach geraumer Zeit fragte Theodor: wie
-hast du nur so lange krank sein können?
-
-Verwundre dich doch lieber, antwortete der Kranke, wie ich so bald habe
-genesen können, denn noch ist es mir selber unbegreiflich, daß meine
-Kräfte sich so schnell wieder hergestellt haben.
-
-Wie wird sich der gute Friedrich freuen, sagte Theodor, dich einmal
-wieder zu sehn; denn immer warst du ihm unter seinen Freunden der
-liebste.
-
-Sagt vielmehr, antwortete der Genesene, daß wir uns in manchen Punkten
-unsers Wesens am innigsten berührten und am besten verstanden; denn,
-meine Geliebten, man lebt, wenn man das Glück hat, mehre Freunde zu
-besitzen, mit jedem Freunde ein eignes, abgesondertes Leben; es bilden
-sich mannichfache Kreise von Zärtlichkeit und Freundschaft, die wohl die
-Gefühle der Liebe zu andern in sich aufnehmen und harmonisch mit ihnen
-fortschwingen, dann aber wieder in die alte eigenthümliche Bahn zurück
-kehren. Und eben so wie mir der Vertrauteste in vielen Gesinnungen fremd
-bleibt, so hebt eben derselbe auch vieles Dunkle in meiner eignen Natur
-bloß durch seine Gegenwart hervor, und macht es licht, sein Gespräch,
-wenn es diese Punkte trifft, erweckt es zum klarsten innigsten Leben,
-und eben so wirkt meine Gegenwart auf ihn zurück. Vielleicht war manches
-in Friedrich und mir, was ihr übrigen mißverstandet, was sich in uns
-ergänzte und durch unsre Freundschaft zum Bewußtsein gedieh, so daß wir
-uns mancher Dinge wohl sogar erfreuten, die andre uns lieber hätten
-abgewöhnen mögen.
-
-Was du da sagst, ist sehr wahr, fügte Ernst hinzu, der Mensch, der
-überhaupt das Leben und sich versteht, wird mit jedem seiner Freunde ein
-eignes Vertrauen, eine andre Zärtlichkeit fühlen und üben wollen. O das
-ist ja eben das Himmlische der Freundschaft, sich im geliebten
-Gegenstande ganz zu verlieren, neben dem Verwandten so viel
-Fremdartiges, Geheimnißvolles ahnden, mit herzlichem Glauben und edler
-Zuversicht auch das Nichtverstandne achten, durch diese Liebe Seele zu
-gewinnen und Seele dem Geliebten zu schenken! Wie roh leben diejenigen,
-und verletzen ewig sich und den Freund, die so ganz und unbedingt sich
-verstehn, beurtheilen, abmessen, und dadurch nur scheinbar einander
-angehören wollen! das heißt Bäume fällen, Hügel abtragen und Bäche
-ableiten, um allenthalben flache Durchsicht, Mittheilung und Verknüpfung
-zu gewinnen, und einen schönen romantischen Park verderben. Nicht früh
-genug kann der Jüngling, der so glücklich ist, einen Freund zu gewinnen,
-sich von dieser selbstischen Forderung unsrer roheren Natur, von diesem
-Mißverständniß der jugendlichen Liebe entwöhnen.
-
-Was du da berührst, sagte Anton, berührt zugleich die Wahrheit, daß es
-nicht nur erlaubt, sondern fast nothwendig sei, daß Freunde vor einander
-Geheimnisse haben, ja es erklärt gewissermaßen die seltsame Erscheinung,
-daß man dem einen Freunde wohl etwas anvertrauen mag, was man gern dem
-verschweigt, mit dem man vielleicht in noch vertrautern Verhältnissen
-lebt. Es ist eine Kunst in der Freundschaft wie in allen Dingen, und
-vielleicht daher, daß man sie nicht als Kunst erkennt und treibt,
-entspringt der Mangel an Freundschaft, über welchen alle Welt jezt
-klagt.
-
-Hier kommen wir ja recht, rief Theodor lebhaft aus, in das Gebiet, in
-welchem unser Friedrich so gerne wandelt! Ihn muß man über diese
-Gegenstände reden hören, denn er verlangt und sieht allenthalben
-Geheimniß, das er nicht gestört wissen will, denn es ist ihm das Element
-der Freundschaft und Liebe. Verarge doch dem Freunde nicht, sprach er
-einmal, wenn du ahndest, daß er dir etwas verbirgt, denn dies ist ja nur
-der Beweis einer zärteren Liebe, einer Scheu, die sich ängstlich um dich
-bewirbt, und sittsam an dich schmiegt; o ihr Liebenden, vergeßt doch
-niemals, wie viel ihr wagt, wenn ihr ein Gefühl dem Worte anvertrauen
-wollt! was läßt sich denn überall in Worten sagen? Ist doch für vieles
-schon der Blick zu ungeistig und körperlich! -- O Brüder, Engelherzen,
-wie viel thörichtes Zeug wollen wir mit einander schwatzen!
-
-Thöricht? sagte Anton etwas empfindlich; ja freilich, wie alles thöricht
-ist, was das Materielle zu verlassen strebt, und wie die Liebe selbst in
-dieser Hinsicht Krankheit zu nennen ist, wie Novalis so schön sagt. Hast
-du noch nie ein Wort bereut, das du selbst in der vertrautesten Stunde
-dem vertrautesten Freunde sagtest? Nicht, weil du ihn für einen
-Verräther halten konntest, sondern weil ein Gemüthsgeheimniß nur in
-einem Elemente schwebte, das so leicht seine rohe Natur dagegen wenden
-kann: ja du trauerst wohl selbst über manches, das der Freund in dein
-Herz nieder legen will, und das Wort klingt späterhin mißmüthig und
-disharmonisch in deiner innersten Seele wieder. Oder verstehst du dies
-so gar nicht und hast es nie erlebt?
-
-Nicht böse, du lieber Kranker, sagte Theodor, indem er ihn umarmte; du
-kennst ja meine Art. Schatz, warst du denn nicht eben einverstanden
-darüber, daß es unter Freunden Mißverständnisse geben müsse? diese meine
-Dummheit ist auch ein Geheimniß, glaubt es nur, das ihr auf eine etwas
-zartere Art solltet zu ahnden oder zu entwirren streben.
-
-Alle lachten, worauf Anton sagte: das Lachen wird mir noch beschwerlich
-und greift mich an, ich werde müde und matt in unsre Herberge ankommen.
--- Er schöpfte hierauf wieder aus einem vorüberrollenden Bache etwas
-Wasser, um sich zu erquicken, und wies den Wein ab, den ihm Ernst anbot,
-indem er sagte: ihr könnt es nicht wissen, wie erquickend, wie
-paradiesisch dem Genesenden die kühle Woge ist; schon indem sie mein
-Auge sieht und mein Ohr murmeln hört, bin ich entzückt, ja Gedanken von
-frischen Wäldern und Wassern, von kühlenden Schatten säuseln immerfort
-anmuthig durch mein ermattendes Gemüth und fächeln sehnsuchtvoll die
-Hitze, die immer noch dort brennt. Viel zu körperlich und schwer ist
-dieser süße, sonst so labende Wein, zu heiß und dürr, und würde mir alle
-Träume meines Innern in ihrem lieblichen Schlummer stören.
-
-Jeder nach seinem Geschmack, sagte Theodor, indem er einen herzhaften
-Trunk aus der Flasche that; es lebe die Verschiedenheit der Gesinnungen!
-Womit aber hast du dich in deiner Krankheit beschäftigen können?
-
-Der Arzt verlangte, sagte Anton, ich sollte mich durchaus auf keine
-Weise beschäftigen, wie denn die Aerzte überhaupt Wunder von den Kranken
-fodern; ich weiß nicht, welche Vorstellungen der meinige von den Büchern
-haben mußte, denn er war hauptsächlich gegen das Lesen eingenommen, er
-hielt es in meinem Zustande für eine Art von Gift, und doch bin ich
-überzeugt, daß ich dem Lesen zum Theil meine Genesung zu danken habe.
-
-Unmöglich, sagte Ernst, kann im Zustand des Fiebers, des Ueberreizes und
-der Abspannung diese Anstrengung eine heilsame sein, und ich fürchte,
-dein Arzt hat nur zu sehr Recht gehabt.
-
-Was Recht! rief Anton aus; er hatte einen ganz falschen Begriff von der
-deutschen Literatur, so wie von meiner Kunst des Lesens, denn ich hütete
-mich wohl von selbst vor allem Vortrefflichen, Hinreißenden,
-Pathetischen und Speculativen, was mir in der That hätte übel bekommen
-können; sondern ich wandte mich in jene anmuthige Gegend, die von den
-Kunstverständigen meistentheils zu sehr verachtet und vernachlässigt
-wird, in jenen Wald voll ächt einheimischer und patriotischer Gewächse,
-die mein Gemüth gelinde dehnten, gelinde mein Herz bewegten, still mein
-Blut erwärmten, und mitten im Genuß sanfte Ironie und gelinde Langeweile
-zuließen. Ich versichre euch, einen Tempel der Dankbarkeit möcht' ich
-ihnen genesend widmen; und wie viele auch vortrefflich sein mögen, so
-waren es doch hauptsächlich drei Autoren, die ich studirt und ihre
-Wirkungen beobachtet habe.
-
-Ich bin begierig, sagte Ernst.
-
-Als ich am schwächsten und gefährlichsten war, fuhr Anton fort, begann
-ich sehr weislich, gegen des Arztes ausdrückliches Verbot, mit unserm
-deutschen La Fontaine. Denn ohne alles Lesen ängstigten mich meine
-Gedanken, die Trauer über meine Krankheit, tausend Plane und
-Vorstellungen so ab, daß ich in jener anbefohlnen Muße hätte zu Grunde
-gehen müssen. Kann man nun läugnen, daß dieser Autor nicht manches wahr
-und gut auffaßt, daß er manche Zustände, wie Charaktere, treffend
-schildert, und daß die meisten seiner Bücher sich durch eine gewisse
-Reinlichkeit der Schreibart empfehlen? Ohne alle Ironie sei es gesagt,
-viele seiner kleinen Erzählungen haben mich wahrhaft ergötzt und
-befriediget. Seine größeren Werke, denen die meisten dieser guten
-Eigenschaften abgehn, ersetzen diesen Mangel durch die unerschöpfliche
-Liebe, die schon in Kinderseelen heroisch arbeitet, durch einige
-Verführer im großen Styl und ansehnliche Gräuel, oder gar durch
-Kunsturtheile, die mich vorzüglich inniglich erfreuten, und die er
-leider seinen Büchern nur zu selten einstreut. Wie war ich hingerissen,
-als ich in einem seiner Romane an die ausgeführte Meinung gerieth, mit
-welcher er den Hogarth über Rafael setzt. Ja, meine Freunde, es giebt
-gewisse Vorstellungen, die unmittelbar uns Elasticität des Körpers und
-der Seele zuführen, und so schelte mir keiner die großartige Albernheit,
-denn ich war nach diesem Kapitel unverzüglich besser, und durfte doch
-noch keine China gebrauchen.
-
-So, sagte Theodor, wurde der ganz gesunde Spartaner durch Tyrtäus
-Hymnenklang zum Kriegestanze beflügelt. Was folgte nun auf diese
-Periode?
-
-Diese süßen Träume der Kindheit und Sehnsucht, fuhr Anton fort, lagen
-schon hinter mir, meine mündig werdende Phantasie forderte
-gehaltvolleres Wesen. Trefflich kamen meinem Bedürfniß alle die
-wundervollen, bizarren und tollen Romane unsers Spieß entgegen, von
-denen ich selbst die wieder las, die ich schon in früheren Zeiten
-kannte. Die Tage vergingen mir unglaublich schnell, und am Abend hatte
-ich freundliche Besuche, in deren Gesprächen die Töne jener gräßlichen,
-gespenstigen Begebenheiten wieder verhallten. So ward mein Leben zum
-Traum, und die angenehme Wiederkehr derselben Gegenstände und Gedanken
-fiel mir nicht beschwerlich, auch war ich nun schon so stark, daß ich
-einer guten Schreibart entbehren konnte, und die herzliche
-Abgeschmacktheit der Luftregenten, Petermännchen, Kettenträger,
-Löwenritter, gab mir durch die vielfache und mannichfaltige Erfindung
-einen stärkern Ton; meine Ironie konnte sich nun schon mit der
-Composition beschäftigen, und der Arzt fand die stärkenden Mittel so wie
-eine Nachlassung der zu strengen Diät erlaubt und nicht mehr gefährlich.
-
-Wieder eine Lebens-Periode beendigt, sagte Theodor.
-
-Nun war aber guter Rath theuer, sprach Anton weiter. Ich hatte die
-Schwärmereien des Jünglings überstanden, Geschichte und wirkliche Welt
-lockten mich an, zusammt der nicht zu verachtenden Lebens-Philosophie.
-Mein Fieber hatte zwar nachgelassen, konnte aber immer wieder gefährlich
-werden, ich litt unaussprechlichen Durst, und durfte nicht trinken, was
-mein Schmachten begehrte; immer nur wenig und nichts Kühles, und ich
-träumte nur von kalten Orangen, von Citronen, ja Essig, machte Salat in
-meiner Phantasie zu ungeheuern Portionen und verzehrte sie, trank aus
-Flaschen im Felsenkeller selbst den kühlsten Nierensteiner, und badete
-mich dann in Morgenluft in den Wogen des grün rauschenden Rheins. In
-dieser schwelgenden Stimmung begegnete mir nun der vortreffliche Cramer
-mit seinen Ritter- und andern Romanen, und wie soll ich wohl einem
-kalten, gesunden, vernünftigen Menschen, der trinken darf, wann und wie
-viel er will, die Wonne schildern, die mich auf meinem einsamen Lager
-diese vortreflichsten Werke genießen ließen? Ich kann nun sagen: werdet
-krank, lieben Freunde und leset, und ihr unterschreibt alles, was neben
-euch gehender Rezensent so eben behauptet.
-
-Mäßige dich nur, sagte Theodor, sonst bist du gezwungen, wieder Wasser
-zu schöpfen, um dir den Kopf naß zu machen, und auf diesem anmuthigen
-Hügel haben wir keine Quelle in der Nähe.
-
-Ja, rief Anton aus, Dank diesem biedersten Deutschen für seine Kämpen,
-für seinen Haspar a Spada und den Raugrafen zu Dassel! Wie saß ich mit
-ihnen allen zu Tische und sah und half die Kannen Rüdesheimer und
-Nierensteiner leeren; wir verachteten es, in Becher einzuschenken; nein,
-aus dem vollen Humpen selbst tranken wir Großherzigen das kühle,
-herrliche, duftende Naß, und ich lachte in dieser Gesellschaft meinen
-Arzt rechtschaffen aus: entzückt war ich mit dir, und begleitete dich
-bewundernd, du edelster Bomsen, ich zechte Zug für Zug mit dir, du
-Großer, der schon des Morgens um vier Uhr betrunken zu Rosse steigt, um
-Thaten eines deutschen Mannes adlich zu verrichten. Wie deine
-Gesinnungen, du großer Dichter, so ist auch dein Stil gediegen und
-deutsch, und alle die Prügel und Püffe, die den Feinden oder schlechten
-Menschen zugetheilt werden, oder gar den boshaften Pfaffen, waren mir
-eben so viele Herzstärkungen und Brownische Kurmittel, und darum trug
-ich auch kein Bedenken, deine vorzüglichsten Werke nach der Beendigung
-wieder von vorn zu beginnen, denn hier war ja Erfindung, Charakter,
-Essen, Trinken, Lebens-Philosophie, Wirklichkeit und Geschichte alles
-meiner drängenden Sehnsucht dargebracht, und alles gleich vortrefflich.
-Mein schmachtender Durst trieb sich nun nicht mehr in gigantischen
-Bildern zwecklos um, sondern fand seine Bahn vorgezeichnet und große
-Beispiele, denen er sich anschloß; nun träumte ich nicht mehr als
-Polyphem unter den steinernen Treppen eines Weinberges zu liegen, und
-daß sich vom Himmel herunter eine ungeheure Kelterpresse drücke, die mit
-Einem Wurf den ganzen Weinberg ausquetsche, so daß in Caskaden der Wein
-die Marmorstufen herunter rausche und wie in ein großes Bassin sich
-unten in meinen durstenden Schlund ergösse. Von diesen Riesenbildern war
-ich geheilt, und schon durft' ich mit Vorsicht kühlende Getränke
-genießen, schon widerstanden mir Fleischspeisen nicht mehr, und mein
-Arzt schrieb sich die Namen der vornehmsten Cramerschen Romane auf, um
-sie ähnlichen Kranken zu empfehlen; ich wandelte schon im Zimmer, sah
-bei der ersten Frühlingswärme aus dem Fenster, durfte wieder
-phantasiren, und nach einigen Wochen konnt' ich schon die Hoffnung
-fassen, bald dies Gebirge zu betreten, in welchem ich euch, ihr Lieben,
-zur Vollendung meiner Genesung, gefunden. -- Aber eilt, man läutet schon
-die Abendglocke, wir sind vor dem Städtchen, dort treffen wir die
-Freunde und vernehmen vielleicht wunderliche Dinge von ihnen.
-
- * * * * *
-
-Im Baumgarten des Gasthofes saßen am andern Morgen die fünf Vereinigten
-um einen runden Tisch, ihre Stimmung war heiter wie der schöne Morgen,
-nur Friedrich schien ernst und in sich gekehrt, so sehr auch Lothar jede
-Gelegenheit ergriff, ihn durch Scherz und Frohsinn zu ermuntern.
-
-Warlich! rief Theodor aus, es giebt kein größeres Glück, als Freunde zu
-besitzen, sie nach Jahren in schöner Gegend in anmuthiger Frühlingszeit
-wieder zu finden, mit ihnen zu schwatzen, alle ihre Eigenheiten wieder
-zu erkennen, sich der Vergangenheit zu erinnern und mit dem Zutrauen
-allen in die Augen zu blicken, wie ich es Gottlob! hier thun kann. Nur
-der Friedrich ist nicht, wie sonst. Hast du Gram, mein Lieber?
-
-Laß mich, guter heitrer Freund, sagte Friedrich, es soll nicht lange
-währen, so wirst du und ihr alle mehr von mir erfahren. Weißt du doch
-nicht, ob ich nicht vielleicht am Glücke krank liege.
-
-Wenn das ist, sagte Theodor, so möge Gott nur den Arzt noch recht lange
-von dir entfernt halten. O wärst du doch lieber gar inkurabel! Aber
-leider ist die Heilung dieser Krankheit nur gar zu gewiß; o die Zeit,
-die böse, liebe, gute, alte, vergeßliche und doch mit dem
-unverwüstlichen Gedächtniß, das wiederkäuende große ernste Thier, die
-alles erzeugt und alles verwandelt, sie wird freilich machen, daß wir
-einer den andern und uns selbst nach wenigen Jahren mit ganz veränderten
-Augen ansehn.
-
-Dadurch könntest du ihn noch trauriger machen, fiel Lothar ein: freilich
-will uns alles überreden, daß das Leben kein romantisches Lustspiel sei,
-wie etwa Was ihr wollt, oder Wie es euch gefällt, sondern daß es aus
-diesen Regionen entrinnt, wir möchten es auch noch so gerne so wollen
-und wenn es uns auch über die Maßen gefiele; der Himmel verhütet auch,
-daß es selten in ein großes Trauerspiel ausartet, sondern es verläuft
-sich freilich meist, wie viele unerquickliche Werke mit einzelnen
-schönen Stellen, oder gar wie der herrliche Rhein in Sand und Sumpf.
-
-O nein, sagte Friedrich, glaubt es mir, meine Freunde, das Leben ist
-höheren Ursprungs, und es steht in unserer Gewalt, es seiner edlen
-Geburt würdig zu erziehn und zu erhalten, daß Staub und Vernichtung in
-keinem Augenblicke darüber triumphiren dürfen: ja, es giebt eine ewige
-Jugend, eine Sehnsucht, die ewig währt, weil sie ewig nicht erfüllt
-wird; weder getäuscht noch hintergangen, sondern nur nicht erfüllt,
-damit sie nicht sterbe, denn sie sehnt sich im innersten Herzen nach
-sich selbst, sie spiegelt in unendlich wechselnden Gestalten das Bild
-der nimmer vergänglichen Liebe, das Nahe im Fernen, die himmlische Ferne
-im Allernächsten. Ist es denn möglich, daß der Mensch, der nur einmal
-aus dieser Quelle des heiligen Wahnsinnes trinken durfte, je wieder zur
-Nüchternheit, zum todten Zweifel erwacht?
-
-Bei alledem, sagte Theodor, wäre ein Jungbrunnen, von dem die Alten
-gedichtet haben, nicht zu verschmähn; wär' es auch nur der grauen Haare
-wegen.
-
-Wie könntet ihr, fuhr Friedrich fort, doch die Schönheit nur empfinden,
-oder gar lieben, wenn sie unverwüstlich wäre? Die süße Elegie in der
-Entzückung, die Wehklage um den Adonis und Balder ist ja der
-schmachtende Seufzer, die wollüstige Thräne in der ganzen Natur! dem
-Flüchtigen nacheilen, es festhalten wollen, das uns selbst in
-festgeschlossenen Armen entrinnt, dies macht die Liebe, den
-geheimnißvollen Zauber, die Krankheit der Sehnsucht, das vergötternde
-Schmachten möglich.
-
-Und, fuhr Ernst fort, wie milde redet uns die Ewigkeit an mit ihrem
-majestätischen Antliz, wenn wir auch das nur als Schatten und Traum
-besitzen, oder uns ihm nähern können, was das Göttlichste dieser Erde
-ist? das muß ja unser Herz zum Unendlichen ermuntern und stärken, zur
-Tugend, zum Himmel, zu jener Schöne uns führen, die nie verblüht, deren
-Entzückung ewige Gegenwart ist.
-
-Müßten wir nur nicht vorher aus dem Lethe trinken, sagte Anton, und zur
-Freude sprechen: Was willst du? und zum Lachen: du bist toll!
-
-Theodor sprang vom Tische auf, umarmte jeden und schenkte von dem guten
-Rheinwein in die Römer: ei! rief er aus, daß wir wieder so beisammen
-sind! daß wir wieder einmal unsre zusammen gewickelten Gemüther
-durchklopfen und ausstäuben können, damit sich keine Motten und andres
-Gespinst in die Falten nisten! Wie wohl thut das dem deutschen Herzen
-beim Glase deutschen Weins! Ja, unsre Herzen sind noch frisch, wie
-ehedem, und daß sich auch keiner von uns das Tabackrauchen angewöhnt
-hat, thut mir in der Seele wohl.
-
-Immer der Alte! sagte Lothar, du pflegst immer die Gespräche da zu
-stören, wo sie erst recht zu Gesprächen werden wollen; ich war begierig,
-wohin diese seltsamen Vorstellungen wohl führen, und wie diese
-Gedankenreihe oder dieser Empfindungsgang endigen möchte.
-
-Wie? sagte Theodor, das kann ich dir aufs Haar sagen: sieh, Bruderseele,
-stehn wir erst an der Ewigkeit und solchen Gedanken oder Worten, die
-sich gleichsam ins Unendliche dehnen, so kömmt es mir vor wie ein
-Ablösen der Schildwachen, daß nun bald eine neue Figur auf derselben
-Stelle auf und ab spazieren soll. Ich wette, nach zweien Sekunden hätten
-sie sich angesehn, kein Wort weiter zu sagen gewußt, das Glas genommen,
-getrunken und sich den Mund abgewischt. »Weiter bringt es kein Mensch,
-stell' er sich auch wie er will.« -- O das ist das Erquickliche für
-unser einen, daß das Größte wieder so an das Kleinste gränzen muß, daß
-wir denn doch Alle Menschen, oder gar arme Sünder sind, jeder, nachdem
-sein Genius ihn lenkt.
-
-Du scheust nur, sagte Anton, die liebliche Stille, das Säuseln des
-Geistes, welches in der Mitte der innigsten und höchsten Gedanken wohnt
-und dessen heilige Stummheit dem unverständlich ist, der noch nie an den
-Ohren ist beschnitten worden.
-
-Ohren, antwortete Theodor, klingt im Deutschen immer gemein,
-Gehörwerkzeuge affektirt, Hörvermögen philosophisch, und die Hörer oder
-die Hörenden ist nicht gebräuchlich, kurzum, man kann sie selten nennen,
-ohne anstößig zu sein. Der Spanier vermeidet auch gern, so schlecht hin
-Ohren zu sagen. Am besten braucht man wohl Gehör, wo es paßt, oder das
-Ohr einzeln, wodurch sie beide gleich edler werden.
-
-Dein Tabackrauchen hat aber das vorige Gespräch erstickt, sagte Lothar;
-freilich ist es die unkünstlerischste aller Beschäftigungen und der
-Genuß, der sich am wenigsten poetisch erheben läßt.
-
-Mir ist es über die Gebühr zuwider, sagte Theodor, und darum betrachtete
-ich euch schon alle gestern Abend darauf, denn es giebt einen eignen
-Pfeifenzug im Winkel des Mundes und unter dem Auge, der sich an einem
-starken Raucher unmöglich verkennen läßt; deshalb war ich schon gestern
-über eure Physiognomien beruhigt. Mir scheint die neuste schlimmste Zeit
-erst mit der Verbreitung dieses Krautes entstanden zu sein, und ich kann
-selbst auf den gepriesenen Compaß böse sein, der uns nach Amerika
-führte, um dies Unkraut mit manchen andern Leiden zu uns herüber zu
-holen.
-
-Wie einige Züge im Gesicht durch die Pfeife entstehn, sagte Lothar, so
-werden die feinsten des Witzes und gutmüthigen Spottes, so wie die
-Grazie der Lippen durchaus durch die oft angelegte Pfeife vernichtet.
-
-Ich ließe noch die kalte Pfeife gelten, sagte Ernst, so hielt sich einer
-meiner Freunde eine von Thon, um sie in der gemüthlichsten Stimmung
-zuweilen in den Mund zu nehmen, und dann recht nach seiner Laune zu
-sprechen; aber der böse, beizende, übel riechende Rauch macht das Ding
-fatal. Ich lernte einmal einen Mann kennen, der mir sehr interessant
-war, und der sich auch in meiner Gesellschaft zu gefallen schien; wir
-sprachen viel mit einander, endlich, um uns recht genießen zu können,
-zog er mich in sein Zimmer, ließ sich aber beigehn, zu größerer
-Vertraulichkeit seine Pfeife anzuzünden, und von diesem Augenblick
-konnte ich weder recht hören und begreifen, was er vortrug, noch weniger
-aber war ich im Stande, eine eigne Meinung zu haben, oder nur etwas
-anders als Flüche auf den Rauch in meinem Herzen zu denken, -- »nicht
-laute, aber tiefe« -- wie Macbeth sagt.
-
-Lothar lachte: mit einem trostlosen Liebhaber, fuhr er fort, ist es mir
-einmal noch schlimmer ergangen, er hatte mich hingerissen und gerührt;
-bei einer kleinen Ruhestelle der Klage suchte er seine Pfeife, Schwamm
-und Stein, schlug mit Virtuosität schnell Feuer, und versicherte mich
-nachher in abgebrochenen rauchenden Pausen seiner Verzweiflung. Ich
-mußte lachen, und nur zum Glück daß mich der Rauch in ein starkes Husten
-brachte, sonst hätt' ich dem guten Menschen als ein unnatürlicher Barbar
-erscheinen müssen.
-
-Es läßt sich wohl, sagte Theodor, alles mit Grazie thun, ich kenne
-wenigstens einen großen Philosophen, dem in seiner Liebenswürdigkeit
-auch dies edel steht. Mit dem Caffee wird nach der Mahlzeit eine lange
-Pfeife gebracht, die der Bediente anzündet, es geschehn ruhig und ohne
-alle Leidenschaft einige Züge, und eh man noch die Unbequemlichkeit
-bemerkt, ist die Sache schon wieder beschlossen. Aber schrecklich sind
-freilich die kurzen, am Munde schwebenden Instrumente, die jede Bewegung
-mit machen müssen und sich jeder Thätigkeit fügen, die den ganzen Tag
-die Lippen pressen und selbst die Sprache verändern.
-
-Mir ist es nicht unwahrscheinlich, sagte Anton, daß diese Gewohnheit,
-die so überhand genommen, die Menschen passiver, träger und unwitziger
-gemacht hat. Wir sollen keinen Genuß haben, der uns unaufhörlich
-begleitet, der etwas Stetiges wird, er ist nur erlaubt und edel durch
-das Vorübergehende. Darum verachten wir den Säufer, ob wir alle gleich
-gern Wein trinken, und der Näscher ist lächerlich, der seine Zunge durch
-ununterbrochenes Kosten ermüdet; vom Raucher denkt man billiger, weil es
-eben Gewohnheit geworden ist, die man nicht mehr beurtheilt, doch
-begreif' ich es wenigstens nicht, wie selbst Frauen jezt an vielen Orten
-dagegen tolerant werden.
-
-Könnt ihr euch, sagte Lothar, einen rauchenden Apostel denken?
-
-Eben so wenig, sagte Ernst, als den adlichen Tristan mit der Pfeife,
-oder den hochstrebenden Don Quixote.
-
-Dem Sancho aber, sagte Lothar, fehlt sie beinah; hätten manche
-umarbeitende Uebersetzer mehr Genie gehabt, so hätten sie diese lieber
-hinzu fügen, als so manche Schönheit weglassen dürfen.
-
-Vielleicht ist dieses Bedürfniß, fiel Friedrich ein, ein Surrogat für so
-manches verlorne Bedürfniß des öffentlichen Lebens, der Galanterie der
-Gesellschaft, der Freiheit und der Feste. Vielleicht soll sich zu Zeiten
-der Mensch mehr betäuben, und dann ist es wohl möglich, daß er jenen
-alten verrufenen blauen Dunst für ein wirkliches Gut hält. Nicht bloß
-Taback, auch philosophische Phrasen, Systeme, und manches andre wird
-heut zu Tage geraucht, und beschwert den Nichtrauchenden ebenfalls mit
-unleidlichem Geruch.
-
-Nicht so melankolisch, sagte Theodor, laßt uns diese tiefsinnige
-Betrachtung wenden, denn am Ende kömmt doch in keiner Tugend der ganze
-Mensch so rein zum Vorschein, als in den Thorheiten. Die Berge rauchen
-oft und die Thäler sind voll Nebel, viele Gegenden verlieren ihn oft in
-Monaten nicht, die See dampft, und so laßt denn unserm guten Zeitalter
-auch seinen Dampf. Nur wir wollen unsrer Sitte treu bleiben. Besorgt bin
-ich aber für Manfred, daß er sich diesen Zustand als Appendix der Ehe
-möchte angewöhnt haben, um seine weisen Lehrsprüche aus dampfendem
-Munde, wie Orakel aus rauchenden Höhlen, verehrlicher zu machen, und ich
-gestehe überhaupt, daß ich mich ihm nur mit einer gewissen heimlichen
-Furcht wieder nähern kann.
-
-Du bist ohne Noth besorgt, sagte Lothar. Seit lange kenne ich unsern
-Freund in seinem häuslichen Zustande, und ich habe nicht bemerken
-können, daß er seinen jugendlichen Frohsinn und seine muthwillige Laune
-gegen jene altkluge Hausväterlichkeit vertauscht habe, im Gegentheil,
-kann er oft so ausgelassen sein, daß die Schwiegermutter im Hause so
-wenig lästig oder überflüssig ist, daß sie vielmehr zuweilen als
-kühlende und besonnene Vernunft zum allgemeinen Besten hervortreten muß.
-
-Wenn alles übrige, sagte Theodor, auf denselben Fuß eingerichtet ist, so
-ist seine Haushaltung die vollkommenste in der Welt.
-
-Noch mehr, fuhr Lothar fort, diese Frau ist noch anmuthig und reizend,
-und man glaubt es kaum, daß sie zwei erwachsene Töchter haben könne. Sie
-hat selbst einige annehmlich scheinende Parthien ausgeschlagen, und
-Männer haben sich um sie beworben, die an Jahren weit jünger sind.
-
-Wenn die Mutter schon so gefährlich ist, sagte Theodor, so muß der
-Umgang mit den Töchtern gar herz- und halsbrechend sein.
-
-Die Gattin unsers Manfred, erzählte Lothar weiter, ist sehr still und
-sanft, von zartem Gemüth und rührend schöner Gestalt, er hat noch das
-Betragen des Liebhabers, und sie das blöde geschämige Wesen einer
-Jungfrau; ihre jüngere Schwester Clara ist der Muthwille und die
-Heiterkeit selbst, launig, witzig, und fast immer lachend, im
-beständigen kleinen Kriege mit Manfred; man sollte glauben, wenn man sie
-beisammen sieht, er hätte diese lieben müssen, und die ältere, ihm so
-ungleiche Schwester, hätte ihn nicht rühren können. Allein die Liebe
-fordert vielleicht eine gewisse Verschiedenheit des Wesens und des
-Charakters.
-
-Ich komme darauf zurück, sagte Ernst, daß wir immer noch nicht wissen
-können, wie viel in Manfred angewöhnte Manier ist, und wie viel Natur;
-ich habe oft bemerkt, daß er ernst, ja traurig war, wenn die Umgebung
-ihn für ausschweifend lustig hielt. Er hat es von je gescheut, seine
-innersten Gefühle kund zu thun, und so wirft er sich oft gewaltthätig in
-eine Laune, die ihn quälen kann, indem sie andre ergötzt.
-
-Wie wird es aber, fragte Theodor weiter, mit den Kindern gehalten?
-Wahrscheinlich hat sich doch auch zu ihm die neumodische und weichliche
-Erziehung erstreckt, jene allerliebste Confusion, die jeden
-Gegenwärtigen im ununterbrochenen Schwindel erhält, indem die
-Kinderstube allenthalben, im Gesellschaftszimmer, im Garten und in jedem
-Winkel des Hauses ist, und kein Gespräch und keine Ruhe zuläßt, sondern
-nur ewiges Geschrei und Erziehen sich hervor thut, eine unsterbliche
-Zerstreutheit im scheinbaren Achtgeben; jenes Chaos der meisten
-Haushaltungen, das mir so erschrecklich dünkt, daß ich die neuen
-Pädagogen, die es veranlaßt haben, und jene Entdecker der Mütterlichkeit
-gern als Verdammte in einen eignen Kreis der Danteschen Hölle hinein
-gedichtet hätte, der nur eine solche neuerfundene allgegenwärtige
-Kinderstube mit all ihrem Wirwarr und Schariwari moderner Elternliebe
-darzustellen brauchte, um sie als einen nicht unwürdigen Beitrag jener
-furchtbaren Zirkel anzuschließen.
-
-Auch von dieser neuen, fast allgemein verbreiteten Krankheit, erzählte
-Lothar, findest du in seinem Hause nichts: seine junge Gattin ist eine
-wahre Mutter, fast so, wie es unsre Mütter noch waren; sie liebt ihre
-beiden Kinder über alles, und hat eben darum eine Art von Schaam, in
-Gesellschaft die Mutter zu spielen, und die Kinder wie Dekorationen an
-sich zu hängen; die Wartung und alle Erziehung der Kleinen wird von ihr
-still im Heiligthum eines entlegenen Zimmers besorgt, und weil sie
-ordentlich ist, und weiß, was sie befiehlt, so darf sie die Kinder zu
-Zeiten dem gehorsamen Gesinde überlassen, und sie kann ruhig und heiter
-an der Gesellschaft Theil nehmen, weil sie die Stunde beobachtet; kurz,
-man nimmt an den allerliebsten Creaturen nur so viel Theil, als man
-selbst will, und ich, der ich die Kinder kindlich liebe, bin immer
-gezwungen, sie aufzusuchen.
-
-Vortrefflich! sagte Ernst, dies beweist am meisten für die
-Schwiegermutter, die die Töchter sehr gut und zur Ordnung muß erzogen
-haben. In deiner Beschreibung finde ich gerade die ehrwürdigsten Mütter
-wieder, die ich je gekannt habe. Alles Gute und Rechte soll nur so
-geschehn, daß es ein unachtsames Auge gar nicht gewahr wird. Unser
-Vaterland aber ist das Land der geräuschvollsten Erziehung, und die
-Nation wird bald nur aus Erziehern bestehen; für Mütter und Kinder sind
-Bibliotheken, und hundert Journale und Almanache geschrieben, alle ihre
-Tugenden und Pflichten hat man tausendfältig in Kupfer gestochen und zur
-größern Aufmunterung illuminirt, und aus dem Natürlichsten und
-Einfachsten, was kaum viele Worte zuläßt, haben wir mit Kunst einen
-Götzen der vollständigsten Thorheit geschnitzt, und es im ausgeführten
-System so weit gebracht, daß wir durch Beobachtung, Philosophie und
-Natur uns von allem Menschlichen und Natürlichen auf unendliche Weite
-entfernt haben. Nicht genug, daß man die Kinder fast von der Geburt mit
-Eitelkeit verdirbt, man ruinirt auch die wenigen Schulen, die etwa noch
-im alten Sinn eingerichtet waren; man zwingt die Kinder im siebenten
-Jahr, zu lernen, wie sie Scheintodte zum Leben erwecken sollen, man
-verschreibt Erzieher aus den Gegenden, in welchen diese Produkte am
-besten gerathen; ja die Staaten selbst verbieten das Buchstabiren, und
-machen es zur Gewissenssache, das Lesen anders als auf die neue Weise zu
-erlernen, und fast alle Menschen, selbst die bessern Köpfe nicht
-ausgenommen, drehen sich im Schwindel nach diesem Orient, um von hier
-den Messias und das Heil der Welt baldigst ankommen zu sehen; aber
-gewiß, nach zwanzig Jahren verspotten wir aus einer neuen Thorheit
-heraus diese jetzige. Dies sind auch nur Schildwachen, die sich ablösen,
-und so viel neue Figuren auch kommen, so bleiben sie doch immer auf
-derselben Stelle wandelnd. Jeder Mensch hat etwas, das seinen Zorn
-erregt, und ich gestehe, ich bin meist so schwach, daß die Pädagogik den
-meinigen in Bewegung setzt.
-
-So scheint es, sagte Lothar; ein geistreicher Mann sagte einmal: wir
-sind schlecht erzogen, und es ist nichts aus uns geworden, wie wird es
-erst mit unsern Kindern aussehn, die wir gut erziehn!
-
-Mir däucht, sagte Theodor, es wäre nun wohl an der Zeit, auch eine
-Wochenschrift »der Kinderfeind« zu schreiben, um die Thorheiten
-lächerlich zu machen, und der ehemaligen Strenge und Einfalt wieder Raum
-und Aufnahme vorzubereiten.
-
-Du fändest keine Leser, sagte Ernst, unter dieser Ueberfülle humaner
-Eltern und gereister, ausgebildeter Erzieher.
-
-Friedrich war schon vor einiger Zeit vom Tisch und Gespräch
-aufgestanden, und auf seinen Wink hatte sich Anton zu ihm gesellt. Sie
-gingen unter einen Baumgang, von welchem man weit auf die Landstraße
-hinaus sehen konnte, die sich über einen nahe liegenden Berg hinweg zog.
-Mich kümmern alle diese Dinge nicht, sagte Friedrich, treib' es jeder,
-wie er mag und kann, denn mein Herz ist so ganz und durchaus von einem
-Gegenstande erfüllt, daß mich weder die Thorheiten noch die ernsthaften
-Begebenheiten unserer Zeit ernstlich anziehn. Er vertraute seinem
-Freunde, der seine Verhältnisse schon kannte, daß es ihm endlich
-gelungen sei, alle Bedenklichkeiten seiner geliebten Adelheid zu
-überwinden, und daß sie sich entschlossen habe, auf irgend eine Weise
-das Haus ihres Oheims, des Geheimeraths, zu verlassen; dieser wolle
-einen alten Lieblingsplan fast gewaltthätig durchsetzen, sie mit seinem
-jüngeren Bruder, einem reichen Gutsbesitzer, zu vermälen, weil er sich
-so an die Gesellschaft des schönen liebenswürdigen Kindes gewöhnt habe,
-daß er sich durchaus nicht von ihr trennen könne, er sei gesonnen, nach
-der Heirath zu diesem Bruder zu ziehn, um in seinem kinderlosen
-Wittwerstande gemeinschaftlich mit ihm zu hausen. Es scheint vergeblich,
-so endete Friedrich, diesem Plan unsre Liebe entgegen zu setzen,
-wenigstens hält es Adelheid für unmöglich, und zwar so sehr, daß der
-Oheim noch gar nicht einmal von meinem Verhältnisse zu ihr weiß; so
-erwarte ich nun bei Manfred morgen oder übermorgen einen Boten, der
-unser Schicksal auf immer entscheiden wird. Eine drückende Lage wird oft
-am leichtesten durch eine Gewaltthätigkeit gelöst, und ich hoffe, daß
-Manfred mir durch seine Klugheit und seinen Muth beistehen wird. Ich
-würde mich unserm Ernst auch gern vertrauen, wenn er nicht gar zu gern
-tadelte, wo aller Rath zu spät kömmt.
-
-Doch kann Vorsicht nicht schaden, sagte Anton, und hüte dich nur, dich
-von Manfred, der alles Abentheuerliche übertrieben liebt, in einen Plan
-verwickeln zu lassen, dessen Verdrießlichkeiten vielleicht dein ganzes
-Leben verwirren. Denn es ist gar zu anlockend, auf Unkosten eines andern
-muthig und unternehmend zu sein, der Mensch genießt alsdann das
-Vergnügen des Wagehalses zugleich mit der Lust der Sicherheit.
-
-Mein Freund, sagte Friedrich, ich habe lange geduldet, gefühlt und
-geprüft, und mich gereut, daß ich nicht schon früher gethan habe, was du
-übereilt nennen würdest. Sind wir ganz von einem Gefühl durchdrungen, so
-handeln wir am stärksten und konsequentesten, wenn wir ohne Reflexion
-diesem folgen. Doch, laß uns jezt davon abbrechen.
-
-Ich mißverstehe dich wohl nur, sagte Anton, weil du mir nicht genug
-vertraut hast.
-
-Auch dazu werden sich die Stunden finden, antwortete Friedrich. In der
-Entfernung hatte ich mir vorgesetzt, dir alles zu sagen, und nun du
-zugegen bist, stammelt meine Zunge, und jedes Bekenntniß zittert zurück.
-Ihre Gestalt und Holdseligkeit tönt wie auf einer Harfe ewig in meinem
-Herzen, und jede säuselnde Luft weckt neue Klänge auf; ich liebe dich
-und meine Freunde inniger als sonst, aber ohne Worte fühl' ich mich in
-eurer Brust, und jezt wenigstens schiene mir jedes Wort ein Verrath.
-
-Träume nur deinen schönen Traum zu Ende, sagte Anton, berausche dich in
-deinem Glück, du gehörst jezt nicht der Erde; nachher finden wir uns
-wieder alle beisammen, denn irgend einmal muß der arme Mensch doch
-erwachen und nüchtern werden.
-
-Nein, mein lieber zagender Freund, rief Friedrich plötzlich begeistert
-aus, laß dich nicht von dieser anscheinenden Weisheit beschwatzen, denn
-sie ist die Verzweiflung selbst! Kann die Liebe sterben, dies Gefühl,
-das bis in die fernsten Tiefen meines Wesens blitzt, und die dunkelsten
-Kammern und alle Wunderschätze meines Herzens beleuchtet? Nicht die
-Schönheit meiner Geliebten ist es ja allein, die mich beglückt, nicht
-ihre Holdseligkeit allein, sondern vorzüglich ihre Liebe; und diese
-meine Liebe, die ihr entgegen geht, ist mein heiligster, unsterblichster
-Wille, ja meine Seele selbst, die sich in diesem Gefühl losringt von der
-verdunkelnden Materie; in dieser Liebe seh' ich und fühl' ich Glauben
-und Unsterblichkeit, ja den Unnennbaren selbst inmitten meines Wesens
-und alle Wunder seiner Offenbarung. Die Schönheit kann schwinden, sie
-geht uns nur voran, wo wir sie wieder treffen, der Glaube bleibt uns. O,
-mein Bruder, gestorben, wie man sagt, sind längst Isalde und Sygune, ja,
-du lächelst über mich, denn sie haben wohl nie gelebt, aber das
-Menschengeschlecht lebt fort, und jeder Frühling und jede Liebe zündet
-von neuem das himmlische Feuer, und darum werden die heiligsten Thränen
-in allen Zeiten dem Schönsten nachgesandt, das sich nur scheinbar uns
-entzogen hat, und aus Kinderaugen, von Jungfraunlippen, aus Blumen und
-Quellen uns immer wieder mit geheimnißvollem Erinnern anblitzt und
-anlächelt, und darum sind auch jene Dichtergebilde belebt und
-unsterblich. An dieser heiligen Stätte habe ich mich selbst gefunden,
-und ich müßte mir selbst verloren gehn, ich müßte vernichtet werden
-können, wenn diese Entzückung in irgend einer Zeit ersterben könnte.
-
-Seinem Freunde traten die Thränen in die Augen, weil ihn die Krankheit
-weicher gemacht hatte, und er ohnedies schon reizbar war; er umarmte den
-Begeisterten schweigend, als beide die Landstraße einen offenen Wagen
-mit vier geschmückten hüpfenden Pferden herunter kommen sahn, von einem
-mit Bändern und Federbüschen aufgeputzten Kutscher geführt: in
-wunderlicher bunter Tracht folgte ein Reiter dem Wagen, und die
-Sprechenden nebst den andern drei Freunden gingen vor das Thor des
-Gasthofes hinaus, um das sonderbare Schauspiel näher in Augenschein zu
-nehmen. Ists möglich? rief plötzlich Theodor aus, er selbst, Manfred ist
-es! und eilte den brausenden Pferden entgegen. Diese standen, auf den
-Ruf ihres Führers, er sprang vom Sitz, indem er die Leinen vorsichtig in
-der Hand behielt, und umarmte Theodor und die übrigen Freunde nach der
-Reihe. Er war freudig überrascht, auch Ernst zu finden, den er so wenig
-wie Theodor hatte erwarten können. Ich komme, euch abzuholen; so steigt
-nur gleich ein! rief er in zerstreuter Freude aus.
-
-Der Reiter war indeß abgestiegen und Anton erkannte ihn zuerst: Wie? der
-verständige Wilibald läßt sich auch zu solchen bunten Mummereien
-gebrauchen? rief er verwundert aus.
-
-Muß man nicht, erwiederte dieser, mit den Thörigten thörigt sein? Wir
-wollten euch recht glänzend abholen, und euch zu Ehren seh ich fast so
-wie der Lustigmacher bei herumziehenden Comödianten aus.
-
-Alle betrachteten und umarmten ihn, lachten, und stiegen dann ein, um in
-einer Waldschenke einige Stunden vom Städtchen anzuhalten, und dann noch
-bei guter Zeit die letzten Meilen bis zu Manfreds Wohnung zurück zu
-legen. Manfred begab sich ernsthaft auf seinen Sitz, Wilibald auf sein
-Pferd, und so rollten sie im Gallopp auf der Felsenstraße davon, indem
-ihnen aus jedem Fenster der Stadt ein verwundertes oder lachendes
-Angesicht nachblickte.
-
- * * * * *
-
-Ist es nicht ein reizender Aufenthalt? fragte Wilibald, indem er mit
-Theodor in den Gängen des anmuthigen Gartens auf und nieder schritt.
-
-Manfred ist sehr glücklich, antwortete Theodor; aber wo ist unsre
-Gesellschaft?
-
-Ernst und Lothar sind ausgeritten, erwiederte jener, um einen alten
-Thurm und Mauerwerk in der Nähe zu betrachten, Friedrich und Manfred
-haben sich eingeschlossen, und rathschlagen, so scheint es, über
-Herzensangelegenheit, und Anton, dünkt mich, wandelte vor kurzem noch in
-empfindsamen Gesprächen mit Rosalien, der jungen Frau, und Manfreds
-Schwester, Augusten. Ich fürchte, das Ende vom Liede ist, daß wir uns
-hier alle verlieben.
-
-Und warum nicht? sagte Theodor. Ich sehe wenigstens kein Unglück darin.
-Im Gegentheil finde ich es natürlich und schicklich, daß in jeder
-gemischten Gesellschaft, in welcher sich junge Männer und anmuthige
-Frauen und reizende Mädchen befinden, kleine Romane gespielt werden,
-dies eben erweckt den Witz und belebt und schafft den feinern Geist der
-Unterhaltung; auch kleine Eifersucht kann nicht schaden und artige
-Verläumdung, samt allen Künsten eines edlen Spiels und jener Laune, die
-den Weibern angeboren scheint und wodurch sie die Männer so
-unwiderstehlich fesseln. Dadurch können verlebte Tage von solchem
-poetischen Glanz bestrahlt werden, daß wir das ganze Leben hindurch mit
-Freuden an sie denken, da sie uns außerdem ziemlich trivial und
-langweilig verflossen wären.
-
-Es kann aber mit Anton bei seiner Reizbarkeit Ernst werden, wandte
-Wilibald schüchtern ein; nicht jeder hat die Geschicklichkeit, behutsam
-genug mit der Flamme zu spielen.
-
-Dafür laß du ihn sorgen, sagte Theodor; oder sollte etwa schon die
-Eifersucht aus dir sprechen, mein Theurer? O ja, warlich, deine
-grämliche Miene und dein suchender umschauender Blick sagen mir nichts
-geringeres. Nun, wer ist denn deine Schöne? Clara? oder die junge
-anmuthige Gattin? oder Manfreds Schwester, Auguste? oder die
-liebenswürdige Schwiegermutter, die ihr alle lieber Emilie nennt, und
-die auch freundlich diesem Taufnamen entgegen horcht? oder liebst du sie
-gar alle?
-
-Du bleibst ein Thor, fuhr Wilibald halb lachend auf, und ihr alle seid
-so seltsame liebe und unausstehliche Menschen, daß man eben so wenig
-ohne euch, als mit euch leben kann. In der Ferne sehn' ich mich nach
-euch allen und bin ungemuth, und in der Nähe ärgre ich mich über alle
-eure mannichfaltigen Thorheiten.
-
-Nun, fragte Theodor, was hast du denn Großes an uns auszusetzen?
-
-Du solltest mich nicht zu solchen Klageliedern auffordern, antwortete
-Wilibald: daß ihr alle immer nur so sehr vernünftig und geistreich seid,
-wo es nicht hin gehört, und niemals da, wo ihr Vernunft zeigen müßtet!
-da ist der Manfred, der sich für einen Heros der Männlichkeit hält,
-welcher meint, sich und seine Empfindungen so ganz in der Gewalt zu
-haben, und sich heraus nimmt, jeden zu verachten, den irgend ein Kummer
-quält, und der doch selbst ohne alle Veranlassung so unerträglich
-melankolisch sein kann, daß er über die ganze Welt die Schultern zuckt,
-weil sie eben schwach genug ist, nur zu existiren; so sitzt er in dieser
-Stimmung Tagelang im Winkel und findet jeden Scherz geistlos und jedes
-Gespräch albern, sein Blick und kümmerliches Gesicht schlagen aber auch
-jede Freude und Heiterkeit aus seiner Gesellschaft zurück; er ist zu
-träge, spazieren zu gehn, oder irgend etwas zu treiben: aber nun fällt
-ihn die Laune an, nun soll jedermann lustig sein, nun findet er es
-unbegreiflich, wenn irgend jemand nicht an seinen schwärmenden
-Phantasien Theil nimmt, nun ist jeder ein Philister, der nicht zum
-Zeitvertreib halb mit dem Kopf gegen die Felsen rennt, nun muß man mit
-ihm durch Garten und Gebirge laufen, fallen und klettern; oder er zwingt
-alles Musik zu machen und zu singen; oder, was das Schlimmste ist, er
-liest vor, und verlangt, jedermann soll an irgend einer Schnurre, oder
-einem alten vergessenen Buche denselben krampfhaften Antheil nehmen, zu
-welchem er sich spornt. So geschah es gestern, als er plötzlich den
-Philander von Sittewald herbei holte, ewig lange las, und sich
-verwunderte, daß wir nicht alle mit demselben Heißhunger darüber
-herfielen, wie er, der das Buch in Jahren vielleicht nicht angesehen
-hat; und so bringt er wohl morgen den Fischart, oder Hans Sachs. Wobei
-er sich auch nicht einreden läßt, sondern auf seine Lebenszeit hat er
-sich verwöhnt, daß alle Menschen ihm nur eben als Werkzeuge dienen, an
-welchen sich seine schnell wandelnde Laune offenbart. Nur ein solcher
-Engel von Frau kann mit ihm fertig werden, und mit ihm glücklich sein.
-
-Fahre fort, sagte Theodor; und Friedrich, der sich mit ihm
-eingeschlossen hat.
-
-O, ihr! -- sagte Wilibald, wärt ihr nur nicht sonst so gute Menschen, so
-sollte euch ein Verständiger wohl so abschildern können, daß ihr
-vielleicht in euch ginget, und ordentlicher und besser würdet. Dieser
-Friedrich, der immer in irgend einen Himmel verzückt ist, und den Tag
-für verloren hält, an welchem er nicht eine seiner verwirrten
-Begeisterungen erlebt hat, wie könnte er sein Talent und seine
-Kenntnisse brauchen, um etwas Edles hervor zu bringen, wenn er sich
-nicht so unbedingt diesem schwelgenden Müssiggange ergäbe. Auch
-erschrickt er alle Augenblicke selbst in seinem bösen Gewissen, wenn er
-von diesem oder jenem thätigen Freunde hört, wenn er ihre Fortschritte
-gewahr wird. Will man nun recht von Herzen mit ihm zanken, so wirft er
-sich in seine vornehme hyperpoetische Stimmung, und beweist euch von
-oben herab, daß ihr andern die Taugenichtse seid, er aber bleibt der
-Weise und Thätige. Man soll seinem Freunde nichts Böses wünschen, aber
-so wie er sich nun, weiß Gott wegen welches raren Geheimnisses mit dem
-Manfred eingeschlossen hat, so wäre es mir doch vielleicht nicht ganz
-unlieb, wenn dieser die Gelegenheit der Einsamkeit benutzte, um ihm auf
-prosaische Weise etwas der überflüssigen Poesie auszuklopfen.
-
-Sacht! sacht! rief Theodor, woher diese Neronische Gesinnung? Ergieb
-dich der Billigkeit, Freund, oder du sollst so mit albernen Späßen und
-Wortspielen, welche dir verhaßt sind, gegeißelt werden, daß du den Werth
-der Humanität einsehn lernst. Nun schau auf, geht drüben nicht unser
-Anton einsam, sanft und stille, sein Gemüth und die schöne Natur
-betrachtend? Wie unrecht haben wir ihm so eben gethan.
-
-Dieses mal, antwortete Wilibald, und wissen wir doch nicht, ob ihn die
-Weiber nicht so eben verlassen haben, denen er mit seinem sanften,
-lieben, zuvorkommenden Naturell stets nachschleicht, die ihm gern
-entgegen kommen, weil sie ihm anfühlen, daß er auch das Schwächste und
-Verwerflichste in ihnen ehrt und vertheidigt; denn nicht in ein
-Individuum, sondern in das ganze Geschlecht ist er verliebt: macht er
-hier nicht Claren, ihrer Mutter, der jungen Frau und Augusten emsig den
-Hof? die übrigen lächeln ihn auch stets an, nur sollte er es doch
-fühlen, daß er der letztern zur Last fällt und sie in Ruhe lassen. Alle
-andere Menschen ändern sich doch von Zeit zu Zeit und legen ihre
-Albernheiten ab, ihn aber kannst du nach Jahren wieder antreffen, und er
-trägt dir noch dieselben Kindereien und Meinungen mit seiner ruhigen
-Salbung entgegen, ja, wenn man ihn erinnert, daß er vor geraumer Zeit
-die und jene Angewöhnung gehabt, oder jene Sinnesart geäußert, so dankt
-er dir so herzlich, als wenn du ihm einen verlornen Schatz wieder
-fändest, und sucht beides von neuem hervor, im Fall er es vergessen
-haben sollte.
-
-Dann muß dir aber doch der wandelbare und empfängliche Lothar ganz nach
-Wunsche sein, erwiederte Theodor.
-
-Noch weniger als Anton, fuhr Wilibald in seiner Kritik fort, denn eben
-seine zu große Empfänglichkeit hindert ihn, sich und andre zu der Ruhe
-kommen zu lassen, die durchaus unentbehrlich ist, wenn aus Bildung oder
-Geselligkeit irgend etwas werden soll. Er kann weder in einer guten noch
-schlechten Gesellschaft sein, daß ihn nicht die Lust anwandelt, Comödie
-zu spielen, ^ex tempore^ oder nach memorirten Rollen; es scheint fast,
-daß ihm in seiner eigenen Haut so unbehaglich ist, daß er lieber die
-eines jeden andern Narren über zieht, um seiner selbst nur los zu
-werden. Die heilige Stelle in der Welt, sein Tempel, ist das Theater,
-und selbst jedes schlechte Subjekt, das nur einmal die Bretter
-öffentlich betreten hat, ist ihm mit einer gewissen Glorie umgeben.
-Gestern den ganzen Abend unterhielt er uns mit seiner ehemaligen
-Bekehrungssucht und Proselytenmacherei, wie er jeden armen Sünder zum
-Shakspear wenden und ihn von dessen Herrlichkeit hatte durchdringen
-wollen; er erzählte so launig, wie und auf welchen Wegen er nach so
-manchen komischen Verirrungen von dieser Schwachheit zurück gekommen
-sei, und, siehe, noch in derselben Stunde nahm er den alten Landjunker
-von drüben in die Beichte und suchte ihm das Verständniß für den Hamlet
-aufzuschließen, der nur immer wieder darauf zurück kam, daß man beim
-Aufführen die Todtengräber-Scene nicht auslassen dürfe, weil sie die
-beste im ganzen Stücke sei. Mir scheint es eine wahre Krankheit, sich in
-einen Autor, habe er Namen wie er wolle, so durchaus zu vertiefen, und
-ich glaube, daß durch das zu starre Hinschauen das Auge am Ende eben so
-geblendet werde, wie durch ein irres Herumfahren von einem Gegenstande
-zum andern. Selbst bei Weibern, die Schmeicheleien von ihm erwarten,
-bricht er in Lobpreisungen des Lear und Macbeth aus, und die
-einfältigste kann ihm liebenswürdig und klug erscheinen, wenn sie nur
-Geduld genug hat, ihm stundenlang zuzuhören.
-
-Gegen unsern Ernst kannst du wohl schwerlich dergleichen einwenden?
-fragte Theodor.
-
-Er ist mir vielleicht der verdrießlichste von allen, fiel Wilibald ein;
-er, der alles besser weiß, besser würde gemacht haben, der schon seit
-Jahren gesehn hat, wohin alles kommen wird, der selten jemand
-aussprechen läßt, ihn zu verstehn sich aber niemals die Mühe giebt, weil
-er schon im voraus überzeugt ist, er müsse erst hinzufügen, was in der
-fremden Meinung etwa Sinn haben könne. Er ist der thätigste und zugleich
-der trägste aller Menschen: bald ist er auf dieser, bald auf jener
-Reise, weil er alles mit eigenen Augen sehen will, alles will er lernen,
-keine Bibliothek ist ihm vollständig genug, kein Ort so entfernt, von
-dem er nicht Bücher verschriebe; bald ist es Geschichte, bald Poesie
-oder Kunst, bald Physik, oder gar Mystik, was er studirt; er lächelt
-nur, wenn andre sprechen, als wollt' er sagen: laßt mich nur gewähren,
-laßt mich nur zur Rede kommen, so sollt ihr Wunder hören! Und wenn man
-nun wartet, und Jahre lang wartet, ihn dann endlich auffordert, daß er
-sein Licht leuchten lasse, so muß er wieder dieses Werk nachlesen, jene
-Reise erst machen, so fehlt es gerade am Allernothwendigsten, und so
-vertröstet er sich selbst und andre auf eine nimmer erscheinende
-Zukunft. Die übrigen ärgern mich nur, er aber macht mich böse; denn das
-ist das verdrüßlichste am Menschen, wenn er vor lauter Gründlichkeit
-auch nicht einmal an die Oberfläche der Dinge gelangen kann: es ist die
-Gründlichkeit der Danaiden, die auch immer hofften, der nächste Guß
-würde nun der rechte und letzte sein, und nicht gewahr wurden, daß es
-eben an Boden mangle.
-
-Wollt ihr mir nun nicht auch von mir »ein liebes kräftig Wörtchen
-sagen?« neckte ihn Theodor.
-
-An dir, sagte Wilibald, ist auch das verloren, denn so wie du mit jeder
-Feder eine andere Hand schreibst, klein, groß, ängstlich oder flüchtig,
-so bist du auch nur der Anhang eines jeden, mit dem du lebst; seine
-Leidenschaften, Liebhabereien, Kenntnisse, Zeitverderb, hast und treibst
-du mit ihm, und nur dein Leichtsinn ist es, welcher alles, auch das
-widersprechendste, in dir verbindet. Du bist hauptsächlich die Ursach,
-daß wir, so oft wir noch beisammen gewesen sind, zu keinem zweckmäßigen
-Leben haben kommen können, weil du dir nur in Unordnung und leerem
-Hinträumen wohlgefällst. Heute sind wir einmal recht vergnügt gewesen!
-pflegst du am Abend zu sagen, wenn du die übrigen verleitest hast, recht
-viel dummes Zeug zu schwatzen; bei einer Albernheit geht dir das Herz
-auf, -- doch ich verschwende nur meinen Athem, denn ich sehe du lachst
-auch hierüber.
-
-Allerdings, rief Theodor im frohesten Muthe aus, o mein zorniger,
-mißmuthiger Camerad! du Ordentlicher, Bedächtlicher, der die ganze Welt
-nach seiner Taschenuhr stellen möchte, du, der in jede Gesellschaft eine
-Stunde zu früh kommt, um ja nicht eine halbe Viertelstunde zu spät
-anzulangen, du, der du wohl ins Theater gegangen bist, bevor die Casse
-noch eröffnet war, der auch dann im ledigen Hause beim schönsten Wetter
-sitzen bleibt, um sich nur den besten Platz auszusuchen, mit dem er
-nachher im Verlauf des Stückes doch wieder unzufrieden wird. Ich habe es
-ja erlebt, daß du zu einem Balle fuhrst, und mich und meine Gesellschaft
-so über die Gebühr triebst, daß wir anlangten, als die Bedienten noch
-den Tanzsaal ausstäubten und kein einziges Licht angezündet war. Diese
-deine Ordnung willst du in jede Gesellschaft einführen, um nur alles
-eine Stunde früher als gewöhnlich zu thun, und gäbe man dir selbst diese
-Stunde nach, so würdest du wieder eine Stunde zuverlangen, so daß man,
-um mit dir ordentlich zu leben, immer im Zirkel um die vier und zwanzig
-Stunden des Tages mit Frühstück, Mittag- und Abendessen herum fahren
-müßte. Weil gestern die Gesellschaft noch nicht versammelt war, als die
-Suppe auf dem Tische stand, und jeder nach seiner Gelegenheit etwas
-später kam, darüber bist du noch heut verstimmt, du Heimtückischer,
-Nachtragender! noch mehr aber darüber, daß wir aus Scherz die geheime
-Abrede trafen, dich durchaus von Augustens Seite wegzuschieben, zu der
-du dich mit öffentlichem Geheimniß so geflissentlich drängst, und
-meinst, wir alle haben keine Augen und Sinne, um deine feurigen Augen
-und wohlgesetzten verliebten Redensarten wahrzunehmen. Sieh, Freund, man
-kennt dich auch, und weiß auch deine empfindliche Seite zu treffen.
-
-Wilibald zwang sich zu lachen und ging empfindlich fort; indem sah man
-Lothar und Ernst von der Straße des Berges, der über dem Garten und
-Hause lag, herunter reiten. Der einsame Anton gesellte sich zu Theodor
-und beide sprachen über Wilibald; es ist doch seltsam, sagte Anton, daß
-die Furcht vor der Affektation bei einem Menschen so weit gehen kann,
-daß er darüber in ein herbes widerspenstiges Wesen geräth, wie es unserm
-Freunde ergeht; er argwöhnt allenthalben Affektation und
-Unnatürlichkeit, er sieht sie allenthalben und will sie jedem Freunde
-und Bekannten abgewöhnen, und damit man ihm nur nicht etwas
-Unnatürliches zutraue, fällt er lieber oft in eine gewisse rauhe Manier,
-die von der Liebenswürdigkeit ziemlich entfernt ist.
-
-So will er die Weiber auch immer männlich machen, sagte Theodor, ging'
-es nach ihm, so müßten sie gerade alles das ablegen, was sie so
-unbeschreiblich liebenswürdig macht.
-
-Eine eigne Rubrik, fügte Anton hinzu, hält er, welche er Kindereien
-überschreibt, und in die er so ziemlich alles hinein trägt, was
-Sehnsucht, Liebe, Schwärmerei, ja Religion genannt werden muß. Wie die
-Welt wohl überhaupt aussähe, wenn sie nach seinem vernünftigen Plane
-formirt wäre?
-
-Selbst Sonne und Mond, sagte Theodor, halten nicht einmal die gehörige
-Ordnung, des Uebrigen zu geschweigen. Die Abweichung der Magnetnadel muß
-nach ihm entweder Affektation oder Kinderei sein, und statt sich in den
-Euripus zu stürzen, weil er die vielfache Ebbe und Fluth nicht begreifen
-konnte, hätte er ruhig am Ufer gestanden, und bloß den Kopf ein wenig
-geschüttelt und gemurmelt: läppisch! läppisch!
-
-Bis zum Abentheuerlichen unnatürlich sind die Cometen, versetzte Anton,
-ja alle Existenz hat wohl nur wie ein umgekehrter Handschuh die unrechte
-Seite herausgedreht, und ist dadurch existirend geworden.
-
-Zweifelt ihr daran, ihr armen Sünder? rief Wilibald aus dem nächsten
-Laubengange heraus, in welchem er alles gehört hatte; könnt ihr euch
-euren doppelten unbefriedigten Zustand anders erklären? Habt ihr dies
-nicht schon oft im Ernst denken müssen, wenn ihr überhaupt darüber
-gedacht habt, was ihr jezt als Spaß aussprecht? Und wenn die
-Menschenseele sich selbst unvollendet und umgedreht empfindet, warum
-soll denn alles übrige Geschaffene richtiger und besser sein? Ihr
-hoffärtigen Erdenwürmer neigt euch in den Staub, und macht euch nicht
-über Leute lustig, die, wenn es die Noth erfordert, auch wohl über
-Milchstraßen und Trabanten und Sonnensysteme zu sprechen wissen.
-
-Ernst und Lothar traten hinzu und erzählten viel von der anmuthigen Lage
-der merkwürdigen Ruine, und Ernst zürnte über den frevelnden Leichtsinn
-der Zeit, der schon so viel Herrliches zerstört habe und es allenthalben
-zu vernichten fortfahre. Wie tief, rief er aus, wird uns eine bessere
-Nachwelt verachten, und über unsern anmaßlichen Kunstsinn und die fast
-krankhafte Liebhaberei an Poesie und Wissenschaft lächeln, wenn sie
-hört, daß wir Denkmale aus gemeinem, fast thierischem Nichtachten, oder
-aus kläglichem Eigennutz abgetragen haben, die aus einer Heldenzeit zu
-uns herüber gekommen sind, an der wir unsern erlahmten Sinn für
-Vaterland und alles Große wieder aufrichten könnten. So braucht man
-herrliche Gebäude zu Wollspinnereien und schlägt dürftige Kammern in die
-Pracht alter Rittersäle hinein, als wenn es uns an Raum gebräche, um die
-Armseligkeit unsers Zustandes nur recht in die Augen zu rücken, der in
-Pallästen der Heroen seine traurige Thätigkeit ausspannt, und große
-Kirchen in Scheuern und Rumpelkammern verwandelt.
-
-Ist ihnen doch die Vorzeit selbst nichts anders, sagte Lothar, und des
-Vaterlandes rührende Geschichte, eben so haben sie sich in diese mit
-ihren unersprießlichen Zwecken hinein geklemmt, und verwundern sich
-lächelnd darüber, wie man ehemals nur das Bedürfniß solcher Größe haben
-mochte.
-
-Jezt zeigte sich die übrige Gesellschaft. Manfred führte seine
-Schwiegermutter, Friedrich, welcher verweinte Augen hatte, die schöne
-Rosalie, Anton bot seinen Arm der freundlichen Clara, und Wilibald
-gesellte sich zu Augusten, indem er dem lächelnden Theodor einen
-triumphirenden Blick zuwarf. Man wandelte in den breiten Gängen, welche
-oben gegen den eindringenden Sonnenstrahl gewölbt und dicht verflochten
-waren, in heitern Gesprächen auf und nieder, und Lothar sagte nach
-einiger Zeit: wir sprachen eben von den Ruinen altdeutscher Baukunst,
-und bedauerten, daß viele Schlösser und Kirchen gänzlich verfallen, die
-mit geringen Kosten als Denkmale unsern Nachkommen könnten erhalten
-werden; aber indem ich den Schatten dieser Gänge genieße, erinnere ich
-mich der seltsamen Verirrung, daß man jezt vorsätzlich auch viele Gärten
-zerstört, die in dem sogenannten französischen Geschmack angelegt sind,
-um eine unerfreuliche Verwirrung von Bäumen und Gesträuchen an die
-Stelle zu setzen, die man nach dem Modeausdrucke Park benamt, und so
-bloß einer todten Formel fröhnt, indem man sich im Wahn befindet, etwas
-Schönes zu erschaffen.
-
-Du erinnerst mich, sagte Ernst, an die Eremitage bei Baireuth und
-manchen andern Garten; wenn diese Einsiedelei auch manche aufgemauerte
-Kindereien zeigt, so war sie doch in ihrer alten Gestalt höchst
-erfreulich; ich verwunderte mich nicht wenig, sie vor einigen Jahren
-ganz verwildert wieder zu finden.
-
-Es fehlt unsrer Zeit, sagte Friedrich, so sehr sie die Natur sucht, eben
-der Sinn für Natur, denn nicht allein diese regelmäßigen Gärten, die dem
-jetzigen Geschmacke zuwider sind, bekehrt man zum Romantischen, sondern
-auch wahrhaft romantische Wildnisse werden verfolgt, und zur Regel und
-Verfassung der neuen Gartenkunst erzogen. So war ehemals nur die große
-wundervolle Heidelberger Ruine eine so grüne, frische, poetische und
-wilde Einsamkeit, die so schön mit den verfallenen Thürmen, den großen
-Höfen, und der herrlichen Natur umher in Harmonie stand, daß sie auf das
-Gemüth eben so wie ein vollendetes Gedicht aus dem Mittelalter wirkte;
-ich war so entzückt über diesen einzigen Fleck unsrer deutschen Erde,
-daß das grünende Bild seit Jahren meiner Phantasie vorschwebte, aber vor
-einiger Zeit fand ich auch hier eine Art von Park wieder, der zwar dem
-Wandelnden manchen schönen Platz und manche schöne Aussicht gönnt, der
-auf bequemen Pfaden zu Stellen führt, die man vormals nur mit Gefahr
-erklettern konnte, der selbst erlaubt, Erfrischungen an anmuthigen
-Räumen ruhig und sicher zu genießen; doch wiegen alle diese Vortheile
-nicht die großartige und einzige Schönheit auf, die hier aus der besten
-Absicht ist zerstört worden.
-
-Hier wurde das Gespräch unterbrochen, indem der Bediente meldete, daß
-angerichtet sei.
-
- * * * * *
-
-Man ging durch die großen offenen Thüren des Speisesaales, der
-unmittelbar an den Garten stieß, und aus dem man den gegenüber liegenden
-Berg mit seinen vielfach grünenden Gebüschen und schönen Waldparthien
-vor sich hatte; zunächst war ein runder Wiesenplan des Gartens, welchen
-die lieblichsten Blumengruppen umdufteten, und als Krone des grünen
-Platzes glänzte und rauschte in der Mitte ein Springbrunnen, der durch
-sein liebliches Getön gleich sehr zum Schweigen wie zum Sprechen einlud.
-
-Alle setzten sich, Wilibald zwischen Auguste und Clara, neben dieser
-ließ Anton sich nieder, und ihm zunächst Emilie, zwischen ihr und
-Rosalien hatte Friedrich seinen Platz gefunden, an welche sich Lothar
-schloß, und neben ihm saßen die übrigen Männer. Auf dem Tische prangten
-Blumen in geschmackvollen Gefäßen und in zierlichen Körben frische
-Kirschen. Wie kommt es, fing die ältere Emilie nach einer Pause an, daß
-es bei jeder Tischgesellschaft im Anfang still zugeht? Man ist
-nachdenkend und sieht vor sich nieder, auch erwartet Niemand ein
-lebhaftes Gespräch, denn es scheint, daß die Suppe eine gewisse ernste,
-ruhige Stimmung veranlaßt, die gewöhnlich sehr mit dem Beschluß der
-Mahlzeit und dem Nachtische kontrastirt.
-
-Vieles erklärt der Hunger, sagte Wilibald, der sich meistentheils erst
-durch die Nähe der Speisen meldet, besonders, wenn man später zu Tische
-geht, als es festgesetzt war, denn Warten macht hungrig, dann durstig,
-und wenn es zu lange spannt, erregt es wahre Uebelkeit, fast Ohnmacht.
-
-Sehr wahr, sagte Rosalie, und die Herren sollten das nur bedenken, die
-uns Frauen fast immer warten lassen, wenn sie eine Jagd, einen
-Spazierritt, oder ein sogenanntes Geschäft vorhaben.
-
-Lassen denn die Damen nicht eben so oft auf sich warten, erwiederte
-Wilibald, und wohl länger, wenn sie mit ihrem Anzug nicht einig oder
-fertig werden können? Da überdies die meisten niemals wissen, wie viel
-es an der Uhr ist, ja daß es überhaupt eine Zeitabtheilung giebt.
-
-Recht! sagte Manfred; neulich wollten sie einen Besuch in der
-Nachbarschaft machen, noch vorher eine Oper durchsingen, und ein wenig
-spazieren gehn, um dabei zugleich das kranke Kind im Dorfe zu besuchen,
-dann wollte man bei Zeiten wieder zu Hause sein und etwas früher essen
-als gewöhnlich, weil wir den Nachmittag einmal recht genießen wollten;
-als man aber, um doch anzufangen, nach der Uhr sah, fand sichs, daß es
-gerade nur noch eine halbe Stunde bis zur gewöhnlichen Tischzeit war,
-und die lieben Zeitlosen kaum noch Zeit sich umzukleiden hatten.
-
-Doch bitt' ich mich auszunehmen, sagte Rosalie, tadelst du mich doch
-sonst immer, daß ich zu pünktlich, zu sehr nach der Stunde bin, sonst
-würde es auch mit den Einrichtungen der Wirthschaft übel aussehn.
-
-Dich nehm' ich aus, sagte Manfred, und einer Hausfrau steht auch nichts
-so liebenswürdig, als eine stille, unerschütterliche Ordnung: aber auch
-nur die stille Ordnung, denn noch schlimmer als die Unordentlichen sind
-die für die Ordnung Wüthenden, in deren Häusern nichts als Einrichtung,
-Abrichten der Domestiken, Aufräumen und Staubabwischen zu finden ist;
-eine solche Frau haben, wäre eben so wie unter der großen Kirchenuhr und
-den Glocken wohnen, wo man nichts als den Perpendikel und das
-fürchterliche Schlagen der Stunden hört: auch eine männlich ordentliche
-und unternehmende Therese ist widerwärtig. Aber in aller liebenswürdigen
-weiblichen Unordnung schweift meine theure Schwester Auguste etwas zu
-sehr aus.
-
-Das weiß Gott! fuhr Wilibald etwas übereilt heraus; denn wenn ein
-Spaziergang abgeredet ist, so muß man wohl anderthalb Stunden mit dem
-Stock in der Hand unten stehn und warten, und dann hat die
-liebenswürdige Dame entweder den Spaziergang ganz vergessen, und besinnt
-sich erst darauf, wenn man einigemal hat erinnern lassen, oder sie kommt
-auch wohl endlich, aber nun hat man nicht an Handschuh und Sonnenschirm
-und Tuch gedacht; man geht zurück, man kramt, und fällt dabei nicht
-selten wieder in eine Beschäftigung, die den Spaziergang von neuem mit
-Schiffbruch bedroht. O Gott! und nach allen diesen Leiden soll unser
-eins nachher noch liebenswürdig sein!
-
-Das ist ja eben die Liebenswürdigkeit, sagte Auguste, denn wenn euch
-alles entgegen getragen, allen euren Launen geschmeichelt wird, wenn man
-euch so schlicht hin für Herrscher erklärt, daß ihr dann zuweilen ein
-wenig liebenswürdig seid, ist doch warlich kein Verdienst.
-
-Um wieder auf die Suppe zu kommen, die jezt genossen ist, sagte Lothar,
-so rührt es wohl nicht so sehr von einem materiellen Bedürfniß her, daß
-man bei ihr wenig spricht, sondern mich dünkt, jedes Mahl und Fest ist
-einem Schauspiel, am besten einem Shakspearschen Lustspiel, zu
-vergleichen, und hat seine Regeln und Nothwendigkeiten, die sich auch
-unbewußt in den meisten Fällen aussprechen.
-
-Wie könnte es wohl einem verständigen Menschen etwas anders sein?
-unterbrach ihn Wilibald mit Lachen; o wie oft ist doch unbewußt der
-Lustspieldichter selbst ein erfreulicher Gegenstand für ein Lustspiel!
-
-Laß ihn sprechen, sagte Manfred, magst du doch die Mahlzeit nachher mit
-einer Schlacht, oder gar mit der Weltgeschichte vergleichen; am Tisch
-muß unbedingte Gedanken- und Eßfreiheit herrschen.
-
-Daß die abwechselnden Gerichte und Gänge, fuhr Lothar fort, sich mit
-Akten und Scenen sehr gut vergleichen lassen, fällt in die Augen; eben
-so ausgemacht ist es für den denkenden und höhern Esser (ich ignorire
-jene gemeinere Naturen, die an allem zweifeln, und etwa in materieller
-Dumpfheit meinen können, das Essen geschehe nur, um den Hunger zu
-vertreiben), daß eine gewisse allgemeine Empfindung ausgesprochen werden
-soll, der in der ganzen Composition der Tafel nichts widersprechen darf,
-sei es von Seiten der Speisen, der Weine, oder der Gespräche, denn aus
-allem soll sich eine romantische Composition entwickeln, die mich
-unterhält, befriedigt und ergötzt, ohne meine Neugier und Theilnahme zu
-heftig zu spannen, ohne mich zu täuschen, oder mir bittre
-Rückerinnrungen zu lassen. Die epigrammatischen Gerichte zum Beispiel,
-die manchmal zur Täuschung aufgetragen werden, sind gerade zu
-abgeschmackt zu nennen.
-
-Im nördlichen Deutschland, sagte Ernst, sah ich einmal Zuckergebacknes
-als Torf aufsetzen, und es gefiel den Gästen sehr.
-
-O ihr unkünstlich Speisenden! rief Lothar aus; warum laßt ihr euch den
-Marzipan nicht lieber als die Physiognomien eurer Gegner backen, und
-zerschneidet und verzehrt sie mit Wohlgefallen und Herzenswuth? dürften
-die Rezensenten, oder sonst verhaßte Menschen, gleich so auf den Märkten
-zum Verkauf ausgeboten werden?
-
-Von höchst abentheuerlichen Festen, sagte Clara, habe ich einmal im
-Vasari gelesen, welche die Florentinischen Maler einander gaben, und die
-mich nur würden geängstigt haben, denn diese trieben die Verkehrtheit
-vielleicht auf das äußerste. Nicht bloß, daß sie Palläste und Tempel von
-verschiedenen Speisen errichteten und verzehrten, sondern selbst die
-Hölle mit ihren Gespenstern mußte ihrem poetischen Uebermuthe dienen,
-und Kröten und Schlangen enthielten gut zubereitete Gerichte, und der
-Nachtisch von Zucker bestand aus Schädeln und Todtengebeinen.
-
-Gern, sagte Manfred, hätt' ich an diesen bizarren, phantastischen Dingen
-Theil genommen, ich habe jene Beschreibung nie ohne die größte Freude
-lesen können. Warum sollte denn nicht Furcht, Abscheu, Angst,
-Ueberraschung zur Abwechselung auch einmal in unser nächstes und
-alltäglichstes Leben hinein gespielt werden? Alles, auch das Seltsamste
-und Widersinnigste hat seine Zeit.
-
-Freilich mußt du so sprechen, sagte Lothar, der du auch die
-Abentheuerlichkeiten des Höllen-Breughels liebst, und der du, wenn deine
-Laune dich anstößt, allen Geschmack gänzlich läugnest und aus der Reihe
-der Dinge ausstreichen willst.
-
-Wüßten wir doch nur, sagte Manfred, wo diese Sphinx sich aufhält, die
-alle wollen gesehen haben, und von der doch Niemand Rechenschaft zu
-geben weiß: bald glaubt man an das Gespenst, bald nicht, wie an die
-Dulcinea des Don Quixote, und das ist wohl der Spaß an diesem
-Tagegeiste, daß er zugleich ist und nicht ist.
-
-Seltsam, aber nicht selten, fiel Friedrich ein, ist die Erscheinung (die
-deinen Unglauben fast bestätigen könnte), daß Menschen, die von Jugend
-auf sich scheinbar mit dem Geiste des klassischen Alterthums genährt,
-die immer das Ideal von Kunst im Munde führen, und unbillig selbst das
-Schönste der Modernen verachten, sich doch plötzlich aus wunderlicher
-Leidenschaft so in das Abgeschmackte und Verzerrte der neuern Welt
-vergaffen können, daß ihr Zustand sehr nahe an Verrücktheit gränzt.
-
-Weil sie die neue Welt gar nicht kannten, antwortete Lothar, war ihre
-Liebe zur alten auch keine freie und gebildete, sondern nur Aberglaube,
-der die Form für den Geist nahm. Mir kam auch einmal ein scheinbar
-gebildeter junger Mann vor, der, nachdem er lange nur den Sophokles und
-Aeschylus angebetet hatte, ziemlich plötzlich und ohne scheinbaren
-Uebergang als ächter Patriot unsern ungriechischen Kotzebue vergötterte.
-
-Ich bin deiner Meinung, so nahm Ernst das Wort: kein Mensch ist wohl
-seiner Ueberzeugung oder seines Glaubens versichert, wenn er nicht die
-gegenüber liegende Reihe von Gedanken und Empfindungen schon in sich
-erlebt hat, darum ist es nie so schwer gewesen, als es beim ersten
-Augenblick scheinen möchte, die ausgemachtesten Freigeister zu bekehren,
-weil von irgend einer Seite ihres Wesens sich gewiß die
-Glaubensfähigkeit erwecken läßt, die dann, einmal erregt, alle
-Empfindungen mit sich reißt, und die ehemaligen Ansichten und Gedanken
-zertrümmert. Eben so wenig aber steht der Fromme, der nicht mit allen
-seinen Kräften schon die Regionen des Zweifels durchwandert hat, seine
-Seele müßte dann etwa ganz Glaube und einfältiges Vertrauen sein, auf
-einem festen Grunde.
-
-Vorzüglich, sagte Friedrich, sind es die Leidenschaften, die so oft im
-Menschen das zerstören, was vorher als sein eigenthümlichstes Wesen
-erscheinen konnte. Ich habe Wüstlinge gekannt, wahre Gottesläugner der
-Liebe und freche Verhöhner alles Heiligen, die lange mit der stolzesten
-Ueberzeugung ihr verächtliches Leben führten, und endlich, schon an der
-Grenze des Alters, von einer höhern Leidenschaft, sogar zu unwürdigen
-Wesen, wunderbar genug ergriffen wurden, so daß sie fromm, demüthig und
-gläubig wurden, ihre verlorne Jugend beklagten, und endlich noch einigen
-Schimmer der Liebe kennen lernten, deren Himmelsglanz sie in besseren
-Tagen verspottet hatten.
-
-Könnte man nur immer, fügte Anton hinzu, jungen Menschen, welche in die
-Welt treten, und sich nur leicht von den scheinbar Reichen und Freien
-beherrschen und stimmen lassen, die Ueberzeugung mitgeben, wie arm und
-welche gebundene Sklaven jene sind, die gern alle ihre falschen
-Flitterschätze um ein Gefühl der Kindlichkeit, der Unschuld, oder gar
-der Liebe hingeben möchten, wenn es sie so beglücken wollte, in ihren
-dunkeln Kerker hinein zu leuchten. Wie oft ist der überhaupt in der Welt
-der Beneidete, der sich selber mitleidswürdig dünkt, und weit mehr
-Schlimmes geschieht aus falscher Schaam, als aus wirklich böser Neigung,
-ein mißverstandner Trieb der Nachahmung und Verehrung verlockt viel
-häufiger den Verirrten, als Neigung zum Laster.
-
-Wie aber das Böse nicht zu läugnen ist, sagte Ernst, eben so wenig in
-den Künsten und Neigungen das Abgeschmackte, und man soll sich wohl vor
-beiden gleich sehr hüten. Vielleicht, daß auch beides genauer zusammen
-hängt, als man gewöhnlich glaubt. Wir sollen weder den moralischen noch
-physischen Ekel in uns zu vernichten streben.
-
-Aber auch nicht zu krankhaft ausbilden, wandte Manfred ein. -- Ein
-Weltumsegler unsers Innern wird auch wohl noch einmal die Rundung unsrer
-Seele entdecken, und daß man nothwendig auf denselben Punkt der Ausfahrt
-zurück kommen muß, wenn man sich gar zu weit davon entfernen will.
-
-Dies führt, sagte Theodor, indem er mit Wilibald anstieß, zur
-liebenswürdigen Billigkeit und Humanität.
-
-Es führt, antwortete dieser, wie alles, was die letzte Spitze und den
-wahrhaften Schwindel mit einem gewissen Witze sucht, zu gar nichts.
-Theurer Lothar, laß uns wieder vernünftig sprechen, und führe deine
-Vergleichung einer Mahlzeit und des Schauspiels noch etwas weiter.
-
-Um deiner Wißbegier genug zu thun, fuhr Lothar fort, erklär' ich also,
-daß bei einem Schauspiele die Einleitung eine der wichtigsten Parthien
-ist; sie kann hauptsächlich auf dreierlei Art geschehen. Entweder, daß
-in ruhiger Erzählung die Lage der Dinge auf die einfachste und
-natürlichste Weise auseinander gesetzt wird, so wie in »den Irrungen,«
-oder daß uns der Dichter sogleich in Getümmel und Unruhe wirft, woraus
-sich nach und nach die Klarheit und das Verständniß eröffnen, so wie im
-»Romeo« und dem »Oldcastle,« die gar mit Schlägerei beginnen, oder auf
-die dritte Weise, die uns zwar auch sogleich in die Mitte der Dinge
-führt, aber mit ruhiger Besonnenheit, wie in »Was ihr wollt.« Es ist
-keine Frage, daß die letztere Art beim Gastmahl die vorzüglichere sei,
-und daß deshalb die zivilisirten Nationen, und Menschen, die nicht
-bizarr leben und essen wollen, ihre Mahlzeit mit einer kräftigen, aber
-milden, ruhig bedächtigen Suppe eröffnen. Wie nun alle Menschen Hang zum
-Drama haben, und dunkel die Ahnung in ihnen schläft, daß alles Drama
-sei, so hüten sie sich mit Recht, zu witzig, zu geistreich, oder auch
-nur zu gesprächig zu sein, so lange die Suppe vor ihnen steht.
-
-Emilie lachte und winkte ihm Beifall, und Lothar fuhr also fort: so wie
-sich in dem eben genannten Lustspiele nach der fast elegischen
-Einleitung die anmuthigen Personen des Junkers Tobias, der Maria und der
-Fieberwange als reizende Episode einführen, so genießt man zum Anbeginn
-der Mahlzeit Sardellen, oder Kaviar, oder irgend etwas Reizendes,
-welches noch nicht unmittelbar das Bedürfniß befriedigt, und so, um
-nicht zu weitläufig zu werden, wechselt Befriedigung und Reiz in
-angenehmen Schwingungen bis zum Nachtisch, der ganz launig, poetisch und
-muthwillig ist, wie jenes Lustspiel sich nach seinem Beschluß mit dem
-allerliebsten albernen, aber bedeutenden Gesang des liebenswürdigsten
-Narren beschließt, wie »Viel Lärmen um nichts,« und »Wie es euch
-gefällt« mit einem Tanze endigen, oder das »Wintermährchen« mit der
-lebendigen Bildsäule.
-
-Ich sehe wohl, sagte Clara, man sollte das Essen eben so gut in Schulen
-lernen, als die übrigen Wissenschaften.
-
-Gewiß, sagte Lothar, ziemt einem gebildeten Menschen nichts so wenig,
-als ungeschickt zu essen, denn eben, weil die Nahrung ein Bedürfniß
-unserer Natur ist, muß hiebei entweder die allerhöchste Simplizität
-obwalten, oder Anstand und Frohsinn müssen eintreten und anmuthige
-Heiterkeit verbreiten.
-
-Freilich, sagte Ernst, stört nichts so sehr, als eine schwankende
-Mischung von Sparsamkeit und unerfreulicher Verschwendung, wie man wohl
-mit vortrefflichem Wein zum Genuß geringer und schlecht zubereiteter
-Speisen überschüttet wird, oder zu schmackhaften leckern Gerichten im
-Angesicht trefflicher Geschirre elenden Wein hinunter würgen muß. Dieses
-sind die wahren Tragikomödien, die jedes gesetzte Gemüth, das nach
-Harmonie strebt, zu gewaltsam erschüttern. Ist das Gespräch solcher
-Tafel zugleich lärmend und wild, so hat man noch lange nachher am Mißton
-der Festlichkeit zu leiden, denn auch bei diesem Genuß muß die Schaam
-unsichtbar regieren, und Unverschämtheit muß in edle Gesellschaft
-niemals eintreten können.
-
-Dazu, sagte Anton, gehört das übermäßige Trinken aus Ambition, oder wenn
-ein begeisterter Wirth im halben Rausch zudringend zum Trinken nöthigt,
-indem er laut und lauter versichert, der Wein verdien' es, diese Flasche
-koste so viel und jene noch mehr, es komme ihm aber unter guten Freunden
-nicht darauf an, und er könne es wohl aushalten, wenn selbst noch mehr
-darauf gehn sollte. Dergleichen Menschen rechnen im Hochmuth des Geldes
-nicht nur her, was dieses Fest kostet und jeder einzelne Gast verzehrt,
-sondern sie ruhen nicht, bis man den Preis jedes Tisches und Schrankes
-erfahren hat. Wenn sie Kunstwerke oder Raritäten besitzen, sind sie gar
-unerträglich, und ihr höchster Genuß besteht darin, wenn sie in aller
-Freundschaftlichkeit ihren Gast können fühlen machen, daß es ihm, gegen
-den Wirth gerechnet, eigentlich wohl an Gelde gebreche.
-
-Das führt darauf, fuhr Lothar fort, daß so wie in den Gefäßen und
-Speisen Harmonie sein muß, diese auch durch die herrschenden Gespräche
-nicht darf verletzt werden. Die einleitende Suppe werde, wie schon
-gesagt, mit Stille, Sammlung und Aufmerksamkeit begleitet, nachher ist
-wohl gelinde Politik erlaubt, und kleine Geschichtchen, oder leichte
-philosophische Bemerkungen: ist eine Gesellschaft ihres Scherzes und
-Witzes nicht sehr gewiß, so verschwende sie ihn ja nicht zu früh, denn
-mit dem Confect und Obst und den feinen Weinen soll aller Ernst völlig
-verschwinden, nun muß erlaubt sein, was noch vor einer Viertelstunde
-unschicklich gewesen wäre; durch ein lauteres Lachen werden selbst die
-Damen dreister, die Liebe erklärt sich unverholner, die Eifersucht zeigt
-sich mit unverstecktern Ausfällen, jeder giebt mehr Blöße und scheut
-sich nicht, dem treffenden Spott des Freundes sich hinzugeben, selbst
-eine und die andre ärgerliche Geschichte witzig vorgetragen darf
-umlaufen. Große Herren ließen ehemals mit dem Zucker ihre Narren und
-Lustigmacher hereinkommen, um am Schluß des Mahls sich ganz als
-Menschen, heiter froh und ausgelassen zu fühlen.
-
-Jezt, sagte Theodor, bringt man um die Zeit die kleinen Kinder herein,
-wenn sie nicht schon alle in Reih' und Glied bei Tische selber gesessen
-haben.
-
-Freilich, sagte Manfred, und das Gespräch erhebt sich zum Rührenden über
-die hohen idealischen Tugenden der Kleinen und ihrer unnennbaren Liebe
-zu den Eltern, und der Eltern hinwieder zu den Kindern.
-
-Und wenn es recht hoch hergeht, sagte Theodor, so werden Thränen
-vergossen, als die letzte und kostbarste Flüssigkeit, die aufzubringen
-ist, und so beschließt sich das Mahl mit den höchsten Erschütterungen
-des Herzens.
-
-Nicht genug, fing Lothar wieder an, daß man diese Unarten vermeiden muß,
-jede Tischunterhaltung sollte selbst ein Kunstwerk sein, das auf
-gehörige Art das Mahl accompagnirte und im richtigen Generalbaß mit ihm
-gesetzt wäre. Von jenen schrecklichen großen Gesellschaften spreche ich
-gar nicht, die leider in unserm Vaterlande fast allgemeine Sitte
-geworden sind, wo Bekannte und Unbekannte, Freunde und Feinde,
-Geistreiche und Aberwitzige, junge Mädchen und alte Gevatterinnen an
-einer langen Tafel nach dem Loose durch einander gesetzt werden; jene
-Mahlzeiten, für welche die Wirthin schon seit acht Tagen sorgt und läuft
-und von ihnen träumt, um alles mit großem Prunk und noch größerer
-Geschmacklosigkeit einzurichten, um nur endlich, endlich der Fete los zu
-werden, die man schon längst von ihr erwartet, weil sie wohl zwölf und
-mehr ähnliche Gastmahle überstanden hat, zu der sie nun zum Ueberfluß
-noch jeden einladet, dem sie irgend eine Artigkeit schuldig zu sein
-glaubt, und gern noch ein Dutzend Durchreisende in ihrem Garne auffängt,
-um ihrer Besuche nachher entübrigt zu bleiben; nein, ich rede nicht von
-jenen Tafeln, an welchen Niemand spricht, oder Alle zugleich reden, an
-welchen das Chaos herrscht, und kaum noch in seltnen Minuten sich ein
-einzelner Privatspaß heraus wickeln kann, wo jedes Gespräch schon als
-todte Frucht zur Welt kommt, oder im Augenblicke nachher sterben muß,
-wie der Fisch auf dem trocknen Lande; ich meine nicht jene Gastgebote,
-bei denen der Wirth sich auf die Folter begeben muß, um den guten Wirth
-zu machen, zu Zeiten um den Tisch wandeln, selbst einschenken und
-frostige Scherze in das Ohr albern lächelnder Damen niederlegen; kurz,
-schweigen wir von dieser Barbarei unserer Zeit, von diesem Tode aller
-Geselligkeit und Gastfreiheit, die neben so vielen andern barbarischen
-Gewohnheiten auch ihre Stelle bei uns gefunden hat.
-
-Die krankhafte Karikatur von diesen Anstalten, fügte Wilibald hinzu,
-sind die noch größern Theegesellschaften und kalten Abendmahlzeiten, wo
-das Vergnügen erhöht wird, indem alles durch einander läuft, und wie in
-der Sprachverwirrung die Bedienten, gerufen und ungerufen, mit allen
-möglichen Erfrischungen balanzirend, dazwischen tanzen, jeder Geladene
-durch alle Zimmer schweift, um zu suchen, er weiß nicht was, und ein
-Ordnungsliebender gern am Ofen, oder an irgend einem Fenster Posto faßt,
-um in der allgemeinen Flucht nur nicht umgelaufen, oder von der
-völkerwandernden Unterhaltung erfaßt und mitgenommen zu werden.
-
-Dieses, sagte Manfred, ist der wahre hohe Styl unsers geselligen Lebens,
-Michel Angelo's jüngstes Gericht gegen die Miniaturbilder alter
-Gastlichkeit und traulicher Freundschaft, der Beschluß der Kunst, das
-Endziel der Imagination, die Vollendung der Zeiten, von der alle
-Propheten nur haben weissagen können.
-
-Vergessen wir nur nicht, unterbrach Ernst, die Festlichkeiten des
-Mittelalters, wo nicht selten Tausende vom Adel als Gäste versammelt
-waren; doch hatte jener freimüthige frohe Sinn nichts von der
-Zerstreutheit unserer Zeit, und ihre glänzenden Waffenkämpfe, diese
-Spiele, bei denen die Kraft mit der Gefahr scherzte, vereinigten alle
-Gemüther zu einem herrlichen Mittelpunkte hin. Die Schätze der Welt sind
-wohl noch niemals so öffentlich und in so schönem großen Sinne genossen
-worden.
-
-Wie soll denn nun aber nach deiner Vorstellung ein Gastmahl endigen?
-fragte Wilibald; was sollte denn wohl auf diesen lustigen Leichtsinn
-folgen können, um würdig zu beschließen, oder wieder in das gewöhnliche
-Leben einzulenken?
-
-Der orientalische Ernst des Caffee, antwortete Lothar, und nach diesem,
-wie neulich schon ausgemacht wurde, vielleicht sogar die Pfeife. Da
-befinden wir uns plötzlich wieder in der Mitte eines herabgestimmten
-Lebens, und denken an unsere vorige Lust nur wie an einen Traum zurück.
-
-Sollte man so bewußtlos leben, essen und trinken, warf Clara ein, so
-wäre es eben eine herzliche Last, sich mit dem Leben überall
-einzulassen.
-
-Es kömmt wohl nur auf die Uebung an, sagte Theodor, haben doch
-Elephanten gelernt auf dem Seile tanzen. Die meisten Menschen machen
-sich außerdem ihr Leben noch viel beschwerlicher, und sie leben es doch
-ab: o warlich, hätten sie nur etwas Leichtsinn in den Kauf bekommen, so
-entschlössen sich viele, sich sterben zu lassen.
-
-Ich sage ja nur, antwortete Lothar, daß uns dunkel dergleichen
-Vorstellung eines Drama vorschwebt, wie bei allen Dingen, in die wir uns
-bestreben, Sinn und Zusammenhang hinein zu bringen.
-
-Da man sich schon dem Nachtische näherte, so ließ Manfred heißern Wein
-geben und ermunterte seine Freunde zum Trinken. Du wolltest, dünkt mich,
-noch über die Tischgespräche etwas sagen, so wandte er sich nach einiger
-Zeit an Lothar.
-
-Ich wollte noch bemerken, antwortete dieser, daß nicht jedes Gespräch,
-auch wenn es an sich gut ist, an die Tafel paßt, oder wenigstens nicht
-in jede Gesellschaft. Beim stillen häuslichen Mahl darf unter wenigen
-Freunden oder in der Familie mehr Ernst, selbst Unterricht und
-Gründlichkeit herrschen, je mehr es sich aber dem Feste nähert, um so
-mehr müssen Geist und Frohsinn an die Stelle treten.
-
-Frage nun, sagte Wilibald, ob wir auch die gehörigen Diskurse führen?
-Bist du, dramatischer Lothar, in deinem Gewissen ganz beruhigt?
-
-Auch hiebei, erwiederte dieser, ist das gute Bestreben alles, was wir
-geben können, auch hier muß jenes Glück unsichtbar hinzutreten und die
-letzte Hand anlegen, um ein erfreuliches wahres Kunstwerk hervor zu
-bringen.
-
-Während dieser Gespräche, sagte Manfred, ist mir eingefallen, daß ich
-wohl unsre Schriftsteller und Dichter nach meinem Geschmack mit den
-verschiedenartigen Gerichten vergleichen könnte.
-
-Zum Beispiel? fragte Auguste; das wäre eine Geschmackslehre, die mir
-sehr willkommen sein würde, und wonach ich mir alles am besten merken
-und eintheilen könnte.
-
-Ein andermal, sagte Manfred, wenn du für dergleichen ernsthafte Dinge
-mehr gestimmt bist; jezt würdest du es wohl nur sehr frivol aufnehmen,
-und ich bin doch überzeugt, daß diese Vergleichungen sich eben auch so
-gründlich durchführen lassen, wie alle übrigen.
-
-Es war eine Zeit, sagte Emilie, in der es die Schriftsteller, die über
-die Poesie schrieben, niedrig und gemein finden wollten, das Geschmack
-zu nennen, was in Werken der Künste das Gute von dem Schlechten sondert.
-
-Das war eben in jener geschmacklosen Zeit, sagte Theodor.
-
-Wer noch nie über das Tiefe und Innige des Geschmacks, über seine
-chemischen Zersetzungen und universellen Urtheile nachgedacht hat,
-versetzte Ernst, der dürfte nur einiges über diesen Gegenstand in den
-Schriften mancher Mystiker lesen, um zu erstaunen, und die Verächter
-dieses Sinnes zu verachten.
-
-Er dürfte auch nur hungern, sagte Wilibald, und dann essen.
-
-Lieber noch dursten, sagte Anton, und dann trinken, indem er selber
-bedächtig trank.
-
-Am kürzesten ist es gewiß, antwortete Friedrich, indeß wie selten werden
-wir darauf geführt, das zu beobachten, und uns über dasjenige zu
-unterrichten, was wir in uns Instinkt nennen, und doch ist der Philosoph
-nur ein unvollkommener, der in diese Gegend seinen spähenden Geist noch
-niemals ausgesendet hat.
-
-So ist es freilich mit allen Sinnen, fuhr Ernst fort, auch mit denen,
-die schon dem Gedanken verwandter scheinen, wie das Ohr und das noch
-hellere Auge. Wie wundersam, sich nur in eine Farbe als bloße Farbe
-recht zu vertiefen? Wie kommt es denn, daß das helle ferne Blau des
-Himmels unsre Sehnsucht erweckt, und des Abends Purpurroth uns rührt,
-ein helles goldenes Gelb uns trösten und beruhigen kann, und woher nur
-dieses unermüdete Entzücken am frischen Grün, an dem sich der Durst des
-Auges nie satt trinken mag?
-
-Auf heiliger Stätte stehen wir hier, sagte Friedrich, hier will der
-Traum in uns in noch süßeren, noch geheimnißvolleren Traum zerfließen,
-um keine Erklärung, wohl aber ein Verständniß, ein Sein im Befreundeten
-selbst hinein zu wachsen und zu erbilden: hier findet der Seher die
-göttlichen ewigen Kräfte ihm begegnend, und der Unheilige läßt sich an
-der nämlichen Schwelle zum Götzendienste verlocken.
-
-Die Kunst, sagte Manfred, hat diese Geheimnisse wohl unter ihren
-vielfarbigen Mantel genommen, um sie den Menschen sittsam und in
-fliehenden Augenblicken zu zeigen, dann hat sie sie über sich selbst
-vergessen, und phantasirt seitdem so oft in allen Tönen und
-Erinnerungen, um diese alten Töne und Erinnerungen wieder zu finden.
-Daher die wilde Verzweiflung in der Lust mancher bacchantischen Dichter;
-es reißen sich wohl Laute in schmerzhafter üppiger Freude, in der Angst
-keine Scheu mehr achtend, aus dem Innersten hervor, und verrathen, was
-der heiligere Wahnsinn verschweigt. So wollten wild schwärmende
-Corybanten und Priesterinnen ein Unbekanntes in Raserei entdecken, und
-alle Lust die über die Gränze schweift nippt von dem Kelch der Ambrosia,
-um Angst und Wuth mit der Freude laut tobend zu verwirren. Auch der
-Dichter wird noch einmal erscheinen, der dem Grausen und der wilden
-Sehnsucht mehr die Zunge lößt.
-
-Schon glaub' ich die Mänade zu hören, sagte Ernst, nur Paukenton und
-Cymbelnklang fehlt, um dreister die Worte tanzen zu lassen, und die
-Gedanken in wilderer Geberde.
-
-Sein wir auch im Phantasiren mäßig, und auch im Aberwitz noch ein wenig
-witzig, bemerkte Wilibald.
-
-Ja wohl, fügte Auguste hinzu, sonst könnte man vor dergleichen Reden
-eben so angst, wie vor Gespenstergeschichten werden; das beste ist, daß
-keiner sich leicht dergleichen wahrhaft zu Gemüth zieht, sonst möchten
-sich vielleicht wunderliche Erscheinungen aufthun.
-
-Du sprichst wie eine Seherin, sagte Manfred, dieser Leichtsinn und diese
-Trägheit erhält den Menschen und giebt ihm Kraft und Ausdauer zu allem
-Guten, aber beide reißen ihn auch immerdar zurück von allem Guten und
-Hohen, und weisen ihn wieder auf die niedrige Erde an.
-
-Es gemahnt mir, bemerkte Theodor unhöflich, wie die Hunde, die, wenn
-auch noch so geschickt, nicht lange auf zwei Beinen dienen können,
-sondern immer bald wieder zu ihrem Wohlbehagen als ordinäre Hunde zurück
-fallen.
-
-Laßt uns also, erinnerte Wilibald, auch ohne Hunde zu sein, auf der Erde
-bleiben, denn gewiß ist alles gut, was nicht anders sein kann.
-
-Wir sprachen ja von Künsten, fuhr Theodor fort, und ich erinnere mich
-dabei nur mit Verdruß, daß ein Mensch, der seine Hunde ihre
-mannichfaltigen Geschicklichkeiten öffentlich zeigen ließ, jeden seiner
-Scholaren mit der größten Ernsthaftigkeit und Unschuld einen Künstler
-nannte.
-
-O welch liebliches Licht, rief Rosalie aus, breitet sich jezt nach dem
-sanften Regen über unsern Garten! So ist wohl dem zu Muthe, der aus
-einem schweren Traum am heitern Morgen erwacht.
-
-Ich werde nie, sagte Ernst, den lieblichen Eindruck vergessen, den mir
-dieser Garten mit seiner Umgebung machte, als ich ihn zuerst von der
-Höhe jenes Berges entdeckte. Du hattest mir dort, in der Waldschenke,
-mein Freund Manfred, nur im allgemeinen von dieser Gegend erzählt, und
-ich stellte mir ziemlich unbestimmt eine Sammlung grüner Gebüsche vor,
-die man so häufig jezt Garten nennt; wie erstaunte ich, als wir den
-rauhen Berg nun erstiegen hatten, und unter mir die grünen Thäler mit
-ihren blitzenden Bächen lagen, so wie die zusammenschlagenden Blätter
-eines herrlichen alten Gedichtes, aus welchem uns schon einzelne
-liebliche Verse entgegen äugeln, die uns auf das Ganze um so lüsterner
-machen: nun entdeckt' ich in der grünenden Verwirrung das hellrothe Dach
-deines Hauses und die reinlich glänzenden Wände, ich sah in den
-viereckten Hof hinein, und daneben in den Garten, den gerade Bäumgänge
-bildeten und verschlossene Lauben, die Wege so genau abgemessen, die
-Springbrunnen schimmernd; alles dies schien mir eben so wie ein helles
-Miniaturbild aus beschriebenen Pergamentblättern alter Vorzeit entgegen,
-und befangen von poetischen Erinnerungen fuhr ich herunter, und stieg
-noch mit diesen Empfindungen in deinem Hause ab, wo ich nun alles so
-lieblich und reizend gefunden habe. Ich gestehe gern, ich liebe die
-Gärten vor allen, die auch unsern Vorfahren so theuer waren, die nur
-eine grünende geräumige Fortsetzung des Hauses sind, wo ich die geraden
-Wände wieder antreffe, wo keine unvermuthete Beugung mich überrascht, wo
-mein Auge sich schon im voraus unter den Baumstämmen ergeht, wo ich im
-Freien die großen und breiden Blumenfelder finde, und vorzüglich die
-lebendigen spielenden Wasserkünste, die mir ein unbeschreibliches
-Wohlgefallen erregen.
-
-Mit derselben Empfindung, antwortete Manfred, betrat ich zuerst diese
-Gegend, dieser Garten lockte mich sogleich freundlich an. Ich liebe es,
-im Freien gesellschaftlich wandeln zu können, im ungestörten Gespräch,
-die Blumen sehen mich an, die Bäume rauschen, oder ich höre halb auf das
-Geschwätz der Brunnen hin; belästigt die Sonne, so empfangen uns die
-dichtverflochtenen Buchengänge, in denen das Licht zum Smaragd
-verwandelt wird, und wo die lieblichsten Nachtigallen flattern und
-singen.
-
-Mit Entzücken, so redete Ernst weiter, muß ich an die schönen Gärten bei
-Rom und in manchen Gegenden Italiens denken, und sie haben meine
-Phantasie so eingenommen, daß ich oft des Nachts im Traum zwischen ihren
-hohen Myrthen- und Lorbeergängen wandle, daß ich oftmals, wie die
-unvermuthete Stimme eines lange abwesenden Freundes, das liebliche
-Sprudeln ihrer Brunnen zu vernehmen wähne. Hat sich irgendwo ein edles
-Gemüth so ganz wie in einem vielseitigen Gedicht ausgesprochen, so ist
-es vor allen dasjenige, welches die Borghesische Villa angelegt und
-ausgeführt hat. Was die Welt an Blumen und zarten Pflanzen, an hohen
-schönen Bäumen besitzt, allen Reiz großer und freier Räume, wo uns
-labend die Luft des heitern Himmels umgiebt, labyrinthische Baumgewinde,
-wo sich Epheu um alte Stämme im Dunkel schlingt, und in der süßen
-Heimlichkeit kleine Brunnen in perlenden Stralen klingend tropfen, und
-Turteltauben girren: der anmuthigste Wald mit wilden Hirschen und Rehen,
-Feld und Wiesen dazwischen, und Kunstgebilde an den bedeutendsten
-Stellen, alles findet sich in diesem elysischen Garten, dessen Reize nie
-veralten, und der jezt eben wieder wie eine Insel der Seligen vor meiner
-Einbildung schwebt.
-
-Doch hab' ich in vielen Büchern gelesen, wandte Emilie ein, daß die
-Gartenkunst der Italiäner noch in der Kindheit sei, und daß sie weit
-hinter den Deutschen zurückstehen.
-
-In allen menschlichen Angelegenheiten, antwortete Ernst, herrscht die
-Mode, aus der sich, wenn sie erst weit um sich gegriffen hat, leicht
-Sektengeist erzeugt, welchen man oft genug als Fortschritt der Kunst
-oder Menschheit unter dem Namen des Geistes der Zeit muß preisen hören,
-und so gehören auch diese Aeußerungen und Glaubensmeinungen in das
-System so mancher andern, gegen die ich mich fast unbedingt erklären
-möchte. Wo sind denn in Deutschland die vortrefflichen Gärten im
-sogenannten Englischen Geschmack, gegen die der gebildete Sinn nicht
-sehr Vieles einzuwenden hätte?
-
-Sprechen sie weiter! rief Clara lebhaft; schon einige empfindsame
-Reisende haben unsern muntern Garten als altfränkisch getadelt und
-meiner Mutter auf vielfache Weise gerathen, einen krummen, und wenn man
-den nächsten Hügel mit hinein zöge, auch auf- und absteigenden Park mit
-allen möglichen Effekten, anzulegen, und meine gute Mutter hatte sich
-schon vor einigen Jahren nicht abgeneigt gezeigt, so daß ich schon für
-meine Blumenbeete und für die Wasserkünste, die selbst in der Stille der
-Nacht fortlachen, gezittert habe.
-
-Wir dürfen nur, fuhr Ernst fort, auf das Bedürfniß zurück gehn, aus
-welchem unsre Gärten entstanden sind, um auf dem kürzesten Wege
-einzusehn, welche Anlagen im Allgemeinen die richtigeren sein mögen. Der
-Landmann hat neben seiner einfachen Wohnung seinen Baumgarten, der ihm
-vor seiner Thür Früchte und Küchengewächse liefert; gern läßt er das
-Gras zwischen den Bäumen wachsen, sowohl, weil er es ebenfalls nutzen
-kann, als auch weil es ihm Arbeit erspart, indem er es schont. Sehn wir
-in dieser wilden grünen Anstalt noch irgend ein Fleckchen den
-Gartenblumen besonders gewidmet und mit Liebe ausgespart, so hat diese
-natürlichste Anlage, im Gebirge wie im flachen Lande, einen gewissen
-Zauber, der uns still und rührend anspricht, ja in der Blüthenzeit kann
-ein solcher Raum mit seinen dicht gedrängten Bäumen entzückend sein.
-Diese sind unter den Gärten die wahren Idyllen, die kleinen
-Naturgedichte, die eben deswegen gefallen, weil sie von aller Kunst
-völlig ausgeschlossen sind.
-
-Ein Mühlbach, der an solchem Garten vorüberrinnt, sagte Clara, und
-Lämmchen drinne hüpfend und blökend in der Frühlingszeit, und
-krausbebuschte Berge dahinter, aus denen ein Holzschlag in den Gesang
-der Waldvögel tönt, dies kann vorzüglich Abends, oder am frühsten Morgen
-so himmlische Eindrücke von Ruhe, Einsamkeit und lieblicher Befangenheit
-erregen, daß unser Gemüth in diesen Augenblicken sich nichts Höheres
-wünschen kann.
-
-Die Gärten der alten Burgen und Schlösser waren auf ihren Höhen gewiß
-nur beschränkt, sagte Ernst, der jagdliebende Ritter lebte im Walde, und
-auf Reisen und Turnieren, oder in Fehden und Kriegen. Als die neueren
-Palläste entstanden und die fürstliche Architektur, als mit dem milderen
-Leben Kunst, Witz und heitere Geselligkeit in die Schlösser der Großen
-und Reichen zogen, wandte sich die architektonische Regel ebenfalls in
-die Gärten; in ihnen sollte dieselbe Reinlichkeit und Ordnung herrschen,
-wie in den Säulengängen und Sälen der Palläste, sie sollten der
-Geselligkeit den heitersten Raum gewähren, und so entstanden die
-regelmäßigen, weiten und vielfachen Baumgänge, so wurde der
-unordentliche Wuchs zu grünen Wänden erzogen, Hügel ordneten sich in
-Terrassen und bequemen breiten Treppen, die Blumen standen in Reihen und
-Beeten, und alles Wildscheinende, so wie alles, was an das Bedürfniß
-erinnert, wurde sorgfältigst entfernt; auf großen runden oder viereckten
-Plätzen suchte man gern die Frühlingssonne, die dichten Baumschatten
-waren zu Bögen gegen die Hitze gewölbt, verflochtene Laubengänge waren
-künstlich selbst mit unsichtbaren Käfigen umgeben, in denen Vögel aller
-Art in scheinbarer Freiheit schwärmten, die Springbrunnen, die die
-Stille unterbrachen und wie Naturmusik dazwischen redeten, und deren
-geordnete Stralen und Ströme in vielfachen Linien aus Muscheln,
-Seepferden und Statuen von Wassergöttern sich ebenfalls nach Regeln
-erhoben, dienten als phantastischer Schmuck dem wohlberechneten Ganzen.
-Der bunte grünende Raum war Fortsetzung der Säle und Zimmer, für viele
-Gesellschaften geeignet, den mannichfaltigsten Sinnen zubereitet, dem
-Geräusch und Prunk anpassend, und auch in der Einsamkeit ein lieblicher
-Genuß; denn der Frohwandelnde, wie jener, der sich in stille Betrachtung
-senkt, fand nichts, was ihn störte und irrte, sondern die lebendige
-Natur umgab sie zauberisch in denselben Regeln, in denen der Mensch von
-Verstand und Vernunft, und der innern unsichtbaren Mathematik seines
-Wesens ewig umschlossen ist.
-
-Siehst du, liebe Mutter, sagte Clara, welche philosophische Miene unser
-oft getadelte Garten anzunehmen weiß, wenn er nur seinen Sachwalter
-findet?
-
-Alles, was ich sagen kann, fuhr Ernst fort, steht schon im Woldemar viel
-besser und gründlicher, als Zurechtweisung eines einseitigen und
-mißverstandenen Hanges zur Natur.
-
-Finden Sie denn aber wirklich alle Gärten dieser Art schön? fragte
-Auguste.
-
-So wenig, antwortete Ernst, daß ich im Gegentheil viele gesehen habe,
-die mir durch ihre vollendete Abgeschmacktheit eine Art von Grausen
-erregt haben. Es giebt vielleicht in der ganzen Natur keine traurigere
-Einsamkeit, als uns die erstorbene Formel dieser Gartenkunst in dem
-barocken übertriebenen holländischen Geschmack darbietet, wo es den Reiz
-ausmachen soll, die Bäume nicht als solche wieder zu erkennen, wo
-Muscheln, Porzellan und glänzende Glaskugeln um fürchterlich verzerrte
-Bildsäulen auf gefärbtem Sande leuchten, wo das springende Wasser selbst
-seine liebliche Natur eingebüßt hat, und zum Possenreißer geworden ist,
-und wo auch sogar der heiterste blaue Himmel nur wie ein ernstes
-mißbilligendes Auge über dem vollendeten Unfug steht: Mond und Sterne
-über diesen Fratzen leuchtend und schimmernd, sind furchtbar, wie die
-lichten Gedanken im Geschwätz eines Verrückten.
-
-Vom Wasser, fiel Theodor ein, wird überhaupt oft ein kindischer
-Mißbrauch gemacht; diese Vexirkünste, um uns plötzlich naß zu machen,
-sind den abgeschmackten neumodischen Gespenstergeschichten mit
-natürlichen Erklärungen zu vergleichen; der Verdruß ist viel größer als
-der Schreck.
-
-Da man nun so häufig, sprach Ernst weiter, diese Gespenster von Gärten
-sah, so erwachte zu derselben Zeit, als man in allen Künsten die
-Natürlichkeit forderte, auch in der Gartenkunst bei unsern Landsleuten
-ein gewisser Sinn für Natur. Wir hörten von den englischen Parks, von
-denen viele in der That in hoher Schönheit prangen, sehr viele aber auch
-die Wohnung trüber Melankolie sind, und so fing man denn in Deutschland
-ebenfalls an, mit Bäumen, Stauden und Felsen auf mannigfache Weise zu
-malen, lebendige Wasser und Wasserfälle mußten die springenden Brunnen
-verdrängen, so wie alle geraden Linien nebst allem Anschein von Kunst
-verschwanden, um der Natur und ihren Wirkungen auf unser Gemüth Raum zu
-gewähren. Weil man sich nun hier in einem unbeschränkten Felde bewegte,
-eigentlich keine Vorbilder zur Nachahmung hatte, und der Sinn, der auf
-diese Weise malen und zusammen setzen soll, vom feinsten Geschmack, vom
-zartesten Gefühl für das Romantische der Natur geleitet werden muß, ja,
-weil jede Lage, jede Umgebung einen eigenthümlichen Garten dieser Art
-erfordert, und jeder also nur einmal existiren kann, so konnte es nicht
-fehlen, daß man, von jenem ächten Natursinn verlassen, in Verwirrung
-gerieth, und bald Gärten entstanden, die nicht weniger widerlich, als
-jene holländischen waren. Bald genügten die Effekte der Natur und der
-sinnigen Bäume und Pflanzen nicht mehr, dem bizarren Streben waren diese
-Wirkungen zu gelinde, man baute Felsenmassen, Labyrinthe, hängende
-Brücken, chinesische Thürmchen auf steilen Abhängen, gothische Burgen,
-Ruinen aller Art, und so waren diese verworrenen Räume am Ende mehr auf
-ein unangenehmes Erschrecken, oder unbehagliche Aengstlichkeit, als für
-einen stillen Genuß eingerichtet.
-
-Und dabei doch alles kleinlich, fiel Manfred ein, nicht phantastisch,
-sondern nur arm sind diese Tempel der Nacht und der Sonne, mit ihren
-bunten affektirten Lichtern, und kommen nicht einmal unsern
-gewöhnlichsten Theater-Effekten gleich.
-
-Für das Erschrecken reizbarer oder träumerischer Menschen ist oft
-hinlänglich gesorgt, sagte Anton, wenn unvermuthet ein Bergmann aus
-einem Schacht neben dem Wege heraus zu steigen scheint, oder im einsamen
-Dickicht eine andre widrige Puppe als Eremit vor einem Crucifixe kniet.
-Selbst Schädel und Beingerippe müssen dem Wandelnden zum Ergötzen
-dienen.
-
-Ohne weiteren Schreck, sagte Wilibald, erregen schon die krummen, ewig
-sich verwickelnden Wege Angst genug. Man sieht Menschen in der Ferne und
-vermuthet einen Freund unter diesen; aber wie in aller Welt soll man es
-anstellen, sich ihnen zu nähern? Man nimmt die Richtung nach jenem
-Punkt, allein der Weg läßt sich nicht so gehn, wie du möchtest, bald
-bist du hinter deinem vorigen Standpunkte zurück, und so ist es auch
-wahrscheinlich jenem drüben ergangen; tagelang rennt man sich aus dem
-Wege, wenn man sich nicht in einer albernen Moschee, oder otahitischen
-Hütte, in die man gegen den Regen unterduckt, ganz unvermuthet findet.
-
-Eben so wenig, fuhr Theodor fort, kannst du aber dem ausweichen, dem du
-nicht begegnen willst, und das ist oft noch schlimmer. Nichts
-alberneres, als zwei Menschen, die sich nicht leiden mögen, und die sich
-plötzlich in gezwungener Einsamkeit in einer dunkeln Grotte eng neben
-einander befinden, da brummt man was von schöner Natur und rennt aus
-einander, als müßte man die nächste Schönheit noch eilig ertappen, die
-sich sonst vielleicht auf flüchtigen Füßen davon machen möchte; und,
-siehe da, indem du dich bald nachher eine enge Felsentreppe hinauf
-quälst, kommt dir wieder die fatale Personage von oben herunter entgegen
-gestiegen, man muß sich sogar beim Vorbeidrängen körperlich berühren,
-eine nothgedrungene Freundlichkeit anlegen, und der lieben Humanität
-wegen recht entzückt sein über das herrlich romantische Wesen, um nur
-der leidigen Versuchung auszuweichen, jenen in den zauber- aber nicht
-wasserreichen Wasserfall hinab zu stoßen. Die Entdeckung und Anpflanzung
-der lombardischen Pappel, die weder Gestalt noch Farbe hat, ist den
-Verfertigern der schönen Natur sehr zu statten gekommen, ihrem Wirrwarr
-recht eilig auf die Beine helfen zu können. Das Zeug wächst fast
-zusehends, und nun haben unsre guten alten einheimischen Bäume das
-Nachsehn. Diese Pappeln sind mir in geraden und krummen Gängen gleich
-widerwärtig. Wie schön sind unsre alten Linden, die vormals so manche
-Landstraße zierten, wie erfreulich die ehrwürdigen Nußbäume der
-Bergstraße, und wie melankolisch sind die Pappelgassen, die sich um
-Carlsruh nach allen Seiten in das Land so finster hinaus strecken.
-
-In gebirgigen Gegenden, sagte Friedrich, scheint mir ein Garten, wie
-dieser hier, nicht nur der angemessenste, sondern auch ohne Frage der
-schönste, denn nur in diesem kann man sich von den erhabenen Reizen und
-großen Eindrücken erholen, die die mächtigen Berge beim Durchwandeln in
-uns erregen. Jedes Bestreben, hier etwas Romantisches erschaffen, und
-Baum und Waldgegenden malen zu wollen, würde jenen Wäldern und
-Felsenschluften, den wundersamen Thälern, der majestätischen Einsamkeit
-gegenüber nur albern erscheinen. So aber liegt dieser Garten in stiller
-Demuth zu den Füßen jener Riesen, mit ihren Wäldern und Wasserbächen,
-und spielt mit seinen Blumen, Laubengängen und Brunnen wie ein Kind in
-einfältigen Phantasien. Dagegen ist mir in einer der traurigsten
-Gegenden Deutschlands ein Garten bekannt, der allen romantischen Zauber
-auf die sinnigste Weise in sich vereinigt, weil er, nicht um Effekt zu
-machen, sondern um die innerlichen Bildungen eines schönen Gemüthes in
-Pflanzen und Bäumen äußerlich zu erschaffen vollendet wurde; in jener
-Gegend, wo der edle Herausgeber der Arethusa nach alter Weise im Kreise
-seiner liebenswürdigen Familie lebt; dieser grüne, herrliche Raum
-schmückt wahrhaft die dortige Erde, von ihm umfangen, vergißt man das
-unfreundliche Land, und wähnt in lieblichen Thälern und göttergeweihten
-Hainen des Alterthums zu wandeln; in jedem Freunde der Natur, der diese
-lieblichen Schatten besucht, müssen sich dieselben heitern Gefühle
-erregen, mit denen der sinnvolle Pflanzer die anmuthigste Landschaft
-hier mit dem Schmuck der schönsten Bäume dichtete, die auf sanften
-Hügeln und in stillen Gründen mannichfaltig wechselt, und durch rührende
-Reize den Sinn des Gebildeten beruhigt und befriedigt. Denn ein wahres
-und vollkommenes Gedicht muß ein solcher Garten sein, ein schönes
-Individuum, das aus dem eigensten Gemüthe entsprungen ist, sonst wird
-ihm der Vorwurf jener oben gerügten Verwirrung und Unerfreulichkeit
-gewiß nicht entstehn können.
-
-Die Damen machten schon Miene sich zu erheben, als Manfred rief: nur
-noch diese Flasche, meine Freunde, des lieblichen Constanzerweins, jedem
-ein volles Glas, und mit ihm trinke jeder eine Gesundheit recht von
-Herzen!
-
-Ernst erhub das flüssige Gold, und sagte nicht ohne Feierlichkeit:
-Wohlauf, er lebe, der Vater und Befreier unsrer Kunst, der edle deutsche
-Mann, unser Göthe, auf den wir stolz sein dürfen, und um den uns andre
-Nationen beneiden werden!
-
-Alle stießen an, und als Theodor an ein neuliches Gespräch erinnern
-wollte, rief Manfred: nein, Freunde, keine Kritiken jezt, alle Freude
-unsrer Jugend, alles was wir ihm zu danken haben, vereinigen wir in
-unserer Erinnrung in diesem Augenblick!
-
-Wilibald sagte: du hast Recht, der Moment begeisterter Liebe kann nur
-Liebe sein, und darum laßt uns Schillers Andenken mit seinem Namen
-vereinigen, dessen ernster groß strebender Sinn wohl noch länger unter
-uns hätte verweilen sollen.
-
-Ich trinke dieses Glas, sprach Anton bewegt, dem edelsten und
-freundlichsten Gemüth, dem liebenswürdigsten Greise, dem es wohl gehn
-solle, dem Weisen, der nie Sektirer war, dem kindlichen Jacobi, den uns
-ein sanftes Schicksal noch viele Jahre gönnen möge!
-
-Wir endigen unser Mahl feierlich, sagte Emilie, man kann sich der
-Rührung nicht erwehren, auf diese Weise an geliebte Abwesende zu denken.
-
-Ergeben wir uns, rief Manfred lebhaft aus, dieser schönen Bewegung, und
-darum stoßt an, und feiert hoch das Andenken unsers phantasievollen,
-witzigen, ja wahrhaft begeisterten Jean Paul! Nicht sollst du ihn
-vergessen, du deutsche Jugend. Gedankt sei ihm für seine Irrgärten und
-wundervollen Ersinnungen: möchte er in diesem Augenblick freundlich an
-uns denken, wie wir uns mit Rührung der Zeit erinnern, als er gern und
-mit schöner Herzlichkeit an unserm Kreise Theil nahm!
-
-Nie sei vergessen, rief Theodor mit einem Ernst, der an ihm nicht
-gewöhnlich war, das brüderliche Gestirn deutscher Männer, unser
-Friedrich und Wilhelm Schlegel, die so viel Schönes befördert und
-geweckt haben: des einen Tiefsinn und Ernst, des andern Kunst und Liebe
-sei von dankbaren Deutschen durch alle Zeiten gefeiert!
-
-So sei es denn erlaubt, sprach Lothar, einen Genius zu nennen, der schon
-lange von uns geschieden ist, der aber uns wohl umschweben mag, wenn
-alle Herzen mit innerlichster Sehnsucht und Verehrung ihn zu sich rufen:
-der große Britte, der ächte Mensch, der Erhabene, der immer Kind blieb,
-der einzige Shakspear sei von uns und unsern Nachkommen durch alle
-Zeitalter gepriesen, geliebt und verehrt!
-
-Alle waren in stürmischer Bewegung und Friedrich stand auf und sagte:
-ja, meine Geliebten, wie wir hier nur beisammen sind in Freundschaft und
-Liebe und dadurch eins, so umgiebt uns auch aus der Ferne das Angedenken
-edler Freunde, und ihre Herzen sind vielleicht eben jezt hieher
-gewendet; aber auch den Abgeschiedenen zieht unser Glaube andächtig zu
-unsern Mahlen, Freuden und Scherzen, mit Sehnsucht, Liebe und
-Freudenthränen herbei, und so beschließt sich am würdigsten ein heitrer
-Genuß; der Tod ist keine Trennung, sein Antlitz ist nicht furchtbar:
-opfert diese letzten Tropfen dem vielgeliebten Novalis, dem Verkündiger
-der Religion, der Liebe und Unschuld, er ein ahndungsvolles Morgenroth
-besserer Zukunft.
-
-Rosalie stieß stillschweigend und gerührt mit an: ihm sollen die Frauen
-danken, sprach sie leise und bewegt. Alle erhuben sich, die Freunde
-umarmten sich stürmisch und jedem standen Thränen in den Augen. Man ging
-schweigend in den Garten.
-
- * * * * *
-
-Die Gesellschaft saß um den größten Springbrunnen, der in der Mitte des
-Gartens spielte, horchte auf das liebliche Getön und fühlte in dieser
-Pause kein Bedürfniß, das Gespräch fort zu setzen; endlich sagte Clara:
-von allen Naturerscheinungen kommt mir das Wasser als die wunderbarste
-vor, denn es ist nicht anders, wenn man recht darauf sieht und hört, als
-wohne in ihm ein uns befreundetes Wesen, das uns versteht und sich uns
-mittheilen möchte, so klar und lockend schaut es uns an; es lacht mit
-uns, wenn wir fröhlich sind, es klagt und schluchzt, wenn wir trauern,
-es schwatzt und plaudert kindisch und thöricht, wenn wir uns zum
-Schwatzen aufgelegt fühlen, kurz, es macht alles mit; auch tönt ein
-rauschender Bach in der Einsamkeit der Gebirge wohl wie ein Orakel, von
-dem wir die prophetischen, tiefsinnigen Worte gern verstehn lernen
-möchten. Warlich, kein Glaube ist dem Menschen so natürlich, als der an
-Nixen und Wassernymphen, und ich glaube auch, daß wir ihn nie ganz
-abgelegen.
-
-Anton, der neben ihr saß, sah sie mit einem freundlichen, fast
-begeisterten Blicke an, weil dieses Wort die theuerste Gegend seines
-heimlichen Aberglaubens liebkosend besuchte; er wollte ihr etwas
-erwiedern, als Ernst das Wort nahm und sich so vernehmen ließ: nicht so
-willkührlich, wie es auf den ersten Anblick scheinen möchte, haben die
-ältesten Philosophen, so wie neuere Mystiker, dem Wasser schaffende
-Kräfte und ein geheimnißvolles Wesen zuschreiben wollen, denn ich kenne
-nichts, was unsre Seele so ganz unmittelbar mit sich nimmt, als der
-Anblick eines großen Stromes, oder gar des Meeres; ich weiß nichts, was
-unsern Geist und unser Bewußtsein so in sich reißt und verschlingt, wie
-das Schauspiel vom Sturz des Wassers, wie des Teverone zu Tivoli, oder
-der Anblick des Rheinfalls. Darum ermüdet und sättigt dieser wundervolle
-Genuß auch nicht, denn wir sind uns, möchte ich sagen, selbst verloren
-gegangen, unsre Seele mit allen ihren Kräften braust mit den großen
-Wogen eben so unermüdlich den Abgrund hinunter: das ist es auch, daß wir
-vergeblich nach Worten suchen, mit Vorstellungen ringen, um aus unsrer
-Brust die erhabene Erscheinung wieder auszutönen, um in Ausdrücken der
-Sprache die gewaltige Leidenschaft, den furchtbaren Zorn, den Trieb zur
-Vernichtung, das heftige Toben im Schluchzen und Weinen, das harte
-gellende Lachen in der tiefsinnigen Klage, vermischt mit uralten
-Erinnerungen, verwirrt mit den Ahndungen seltsamer Zukunft zu bilden und
-auszumalen, und keiner Anstrengung kann dieses Bestreben auch jemals
-gelingen.
-
-Da die Sprache schon so unzulänglich ist, sagte Lothar, so sollten es
-sich die Künstler doch endlich abgewöhnen, Wasserfälle malen zu wollen,
-denn ohne ihr sinnvolles, in tausendfachen Melodien abwechselndes
-Rauschen sehn auch die bessern in ihrer Stummheit nur albern aus.
-Dergleichen Erscheinungen, die keinen Moment des Stillstandes haben und
-nur in ewigem Wechsel existiren, lassen sich niemals auf der Leinwand
-darstellen.
-
-Darum, fuhr Friedrich fort, sind Teiche, Bäche, Quellen, sanfte blaue
-Ströme, für den Landschafter so vortreffliche Gegenstände, und dienen
-ihm vorzüglich, jene sanfte Rührung und Sehnsucht hervor zu bringen, die
-wir so oft beim Anblick des ruhigen Wassers empfinden.
-
-Die Menge der lebendigen rauschenden Brunnen, sagte Ernst, gehört zu den
-Wundern Roms, und sie tragen mit dazu bei, den Aufenthalt in dieser
-Stadt so lieblich zu machen. Entzückt uns in freier Landschaft oder in
-den Gärten das Spiel des Wassers, so ergreift uns neben Pallästen und
-Kirchen, im Geräusch der Straßen und Märkte, dieses tönende Rauschen und
-Sprudeln noch seltsamer. Ich kann nicht sagen, wie in der stillen Nacht
-der Abreise mich diese Brunnen rührten, denn mir dünkte, daß sie alle
-Abschied von mir nähmen, mir ein Lebewohl nachriefen, und mich an alle
-Herrlichkeiten dieser Hauptstadt der Welt so wehmüthig erinnerten; ich
-begriff in dieser Stunde nicht, wie ich mich vorher oft so innig nach
-Deutschland hatte sehnen können, denn schon bevor ich aus dem Thor
-gefahren war, sehnte ich mich herzlich nach Rom zurück, wie viel mehr
-nicht seitdem!
-
-So ist der Mensch, fiel Theodor ein, nichts als Inkonsequenz und
-Widerspruch! So hat Lothar uns heut weitläuftig auseinandergesetzt, mit
-welcher Heiterkeit und mit welchem ausgelassenen Witze sich ein Mahl
-beschließen müsse, und wir endigten es höchst unbedacht mit Rührung, was
-ganz gegen die Abrede war.
-
-Doch nicht minder gut, sagte Ernst, denn wir waren auch in dieser
-Bewegung fröhlich. Ich verstehe überhaupt die Freude der meisten
-Menschen nicht. Scheint es doch, als müßten sie alle Erinnerungen des
-wahren Lebens von sich entfernt halten, um nur in blinder Zerstreutheit
-auf kümmerliche Weise sich das anzueignen, was sie Ergötzung und
-Fröhlichkeit nennen. Die Fülle des Lebens, ein gesundes kräftiges Gefühl
-des Daseins bedarf selbst einer gewissen Trauer, um die Lust desto
-inniger zu empfinden, so wie diese Gesundheit die Tragödie erfunden hat,
-und auch nur genießen kann. Je schwächer der Mensch, je lebensmüder er
-wird, um so mehr hat er nur noch Freude am Lachen, und an dem
-kleinlichen Lustspiel neuerer Zeit. Geh dem aus dem Wege, der nur noch
-lachen mag und kann, denn mit dem Ernst und der edlen Trauer ist auch
-aller Inhalt seines Lebens entschwunden; er ist bös, wenn er etwas mehr
-als Thor sein kann. Je höher wir unser Dasein in Lust und Liebe
-empfinden, je lauter wir in uns aufjauchzen in jenen seltenen Minuten,
-die uns nur sparsam ein geizendes Schicksal gönnt, um so freigebiger und
-reicher sollen wir uns auch in diesen Sekunden fühlen; warum also in
-diesen schönsten Lebensmomenten unsre ehemaligen Freunde und ihre Liebe
-von uns weisen? Hat der Tod sie denn zu unsern Feinden gemacht? Oder ist
-ihr Zustand nach unsrer Meinung so durchaus bejammernswerth, daß ihr
-Bild unsre Lust zerstören muß? In jenen seligen Stimmungen möchte ich
-ausrufen: laßt sie zu uns, in unsre Arme, in unsre Herzen kommen, daß
-unser Reichthum noch reicher werde! Könnt ihr euch aber mit dem Glauben
-vertragen, daß sie vielleicht hülflos, auf lange in Wüsten hinaus
-gestoßen sind, o so laßt ihnen einige Tropfen von der Ueberfülle eurer
-Lust zufließen! Aber nein, du theurer geliebter Abgeschiedener, in
-diesen Empfindungen fühl' ich mich zu dir in den Zustand deiner Ruhe und
-Freude hinüber, und du bist mehr der meine, als nur je in diesem
-irdischen Leben, denn neben meiner ganzen Liebe gehört dir nun auch mein
-höchster Schmerz um dich, jener namenlose, unbegreifliche, jenes
-angstvollste Ringen mit dem fürchterlichsten Zweifel, als ob ich dich
-auf ewig verloren hätte; da hat meine Liebe erst alle ihre Kräfte
-aufrufen und erkennen müssen, da hab' ich dich erst im Triumph dem Tode
-abgewonnen, um dich nie mehr zu verlieren, und seitdem bist du ohne
-Wandel, ohne Krankheit, ohne Mißverständniß mein, und lächelst jedes
-Lächeln mit, und schwimmst in jeder Thräne: wo kann ich dich besser
-herbergen, als in diesem Herzen, wenn es der Freude geöffnet ist? Mit
-diesem Gaste sprech' ich nicht mehr zu ihr: was willst du? oder: du bist
-toll! denn sie ist durch deine holde Gegenwart edler, milder und
-menschlicher.
-
-Clara weinte, und Anton überließ sich seiner Wehmuth. Höre auf, rief
-dieser, ich fühle diese Wahrheit trotz ihrer Freundlichkeit zu
-schmerzlich, eben weil sie so ganz das Wesen meines Lebens ist.
-
-Was ist es nur, fing Clara nach einiger Zeit wieder an, das uns in der
-Heiligkeit des Schmerzes oft wie im Triumph hoch, hoch hinauf hebt, und
-das uns, möcht' ich doch fast sagen, mit der Angst eines Jubilirens
-befällt, eines tiefen Mitleidens, einer so innigen Liebe, eines solchen
-Gefühls, das wir nicht nennen können, sondern daß wir nur gleich in
-Thränen untergehn und sterben möchten? So ist es mir oft gewesen, wenn
-ich im Plutarch von den großen Menschen las, wie sie unglücklich sind,
-und wie sie ihre Leiden und den Tod erdulden, oder wie Timoleon sein
-Glück und Schicksal trägt. Das Leben möchte brechen vor Lust und
-Schmerz, und wenn dann ein Fremder fragt: was fehlt dir? so möchte man
-antworten: »o ich habe eine Welt zu viel! Warum kann ich in Demuth als
-Seufzer nicht für den verwehen, den ich so innig verehren muß?«
-
-Wer nicht auf diese Weise, sagte Friedrich, das Evangelium lesen kann,
-der sollte es nie lesen wollen, denn was kann er anders dort finden, als
-die höchste Liebe und ihre heiligen Schmerzen? Diese Begier sich
-aufzuopfern, sich ganz, ganz hinzuwerfen dem geliebten Gegenstande
-unsrer Verehrung, ist das Höchste in uns; es ruft aus uns über
-Jahrtausende hinüber: fühlst du mich denn auch? Siehe, du hast nicht
-umsonst gelebt, ich weiß von dir, nur ein Herold der Menschheit bin ich,
-nur ein Laut aus der unzählbaren Schaar! -- Sollte ein solches Gefühl
-nicht unmittelbare Gemeinschaft mit dem geliebten Wesen erzeugen können?
-
-Und so ist die Welt unser, fuhr Lothar heftig fort, wenn wir dieser Welt
-nur würdig sind! Aber leider sind wir meist zu träge und todt, um die zu
-bewundern, deren Leben ein Wunder war; denn nicht was unser leeres
-Erstaunen erregt, was wir nicht begreifen, sollten wir so nennen,
-sondern die Kraft jener Weltüberwinder, die über Schicksal und Tod
-siegten, diese Helden sollten wir als Wunderthäter verehren; unser
-äußerer Mensch versteht und faßt sie auch nicht, aber der innere fühlt
-sie, und in Andacht und Liebe sind sie ihm vertraut und mehr als
-verständlich.
-
-Alles, was wir wachend von Schmerz und Rührung wissen, sagte Anton, ist
-doch nur kalt zu nennen gegen jene Thränen, die wir in Träumen
-vergießen, gegen jenes Herzklopfen, das wir im Schlaf empfinden. Dann
-ist die letzte Härte unsers Wesens zerschmolzen, und die ganze Seele
-fluthet in den Wogen des Schmerzes. Im wachenden Zustande bleiben immer
-noch einige Felsenklippen übrig, an denen die Fluth sich bricht.
-
-Gewiß, fuhr Friedrich fort, sollten wir die Zustände des Wachens und
-Schlafens mehr als Geschwister behandeln, wir würden dann klarer wachen
-und leichter träumen. Suchen wir doch am Tage mit der Phantasie auf
-diesem Fuße zu leben, und wie viel könnten wir von ihr als
-Nachtwandlerin lernen, wenn wir sie als solche mehr achteten und
-beachteten. So finden wir auch in der alten Welt die Träume nicht so
-vernachläßigt, sondern aus ihren Ahndungen ging oft durch den Glauben
-der Menschen eine glänzende Wirklichkeit hervor.
-
-Wir träumen ja auch nur die Natur, sagte Ernst, und möchten diesen Traum
-ausdeuten; auf dieselbe Weise entfernt und nahe ist uns die Schönheit,
-und so wahrsagen wir auch aus dem Heiligthum unsers Innern, wie aus
-einer Welt des Traumes heraus.
-
-So könnte man denn wohl, unterbrach Theodor, aus witziger Willkühr mit
-der Wirklichkeit wie mit Träumen spielen, und die Geburten der
-Dunkelheit als das Rechte und Wahre anerkennen wollen.
-
-Thun denn so viele Menschen etwas anders? fragte Wilibald.
-
-Und thun sie denn so gar unrecht? antwortete Ernst mit neuer Frage.
-
-Wir gerathen auf diesem Wege, sagte Emilie, in das Gebiet der Räthsel
-und Wunder. Doch führt uns vielleicht der Versuch, alles umkehren zu
-wollen, am Ende selbst wieder in das Gewöhnliche zurück.
-
-Damit ich euch scheinbar kreuze, fiel Manfred ein, so bleiben nach
-meinem Gefühl Witz und Scherz immer etwas sehr Nüchternes, wenn sie
-nicht unter ihrer Verhüllung eine Wahrheit aussprechen können, so wie
-ich auch glaube, daß es keine Wahrheit giebt, der Witz und Scherz nicht
-das Lächerliche abgewinnen mögen. Lachen wir doch auch nur recht
-herzlich und gemüthlich, und wahrhaft nur ganz unschuldig, über unsre
-Freunde, die wir lieben, und derjenige, der sich noch nicht seinem
-Freunde zum Scherze gern hingegeben hat, hat noch keinen Freund recht
-von ganzer Seele geliebt; ja aus Aufopferungssucht hilft der Liebende
-selbst dem Spotte nach, und enthüllt freiwillig das Lächerliche in sich,
-um sich gleichsam dem Freunde zu vernichten; denn, um es heraus zu
-sagen, das Lachen ist den Thränen wohl näher verwandt, als die meisten
-glauben, endigt es doch auch, wie die Rührung, mit diesen.
-
-Ernst fuhr fort: der Satz, den wir so oft haben wiederholen hören: daß
-die Menschen die Lächerlichkeit fürchten, und daß deshalb der komische
-Dichter, oder Satiriker, oder wie sie ihn nennen mögen, diese allgemeine
-höchste Reizbarkeit der Menschen benutzen müsse, um sie zu bessern;
-dieser Satz ist gewiß in der Anwendung falsch, und an sich selbst nur
-einseitig wahr. Das Lächerliche, welches sich mit dem Verächtlichen
-verbindet, und welches so manche Dichter zur Verfolgung, und wo möglich
-Vernichtung, dieser oder jener sogenannten Thorheit, oder einer Meinung,
-oder Verirrung haben brauchen wollen, ist allerdings so gehässig und
-bitter, daß wohl zu keiner Zeit ein edler Mensch sich diesem
-Lächerlichen hat bloß stellen mögen, denn ein feindliches Wesen, das
-irgend ein Leben zu vernichten strebte, kämpfte in diesem wilden,
-anmaßlichen Lachen; auch gestehe ich gern, daß ich diesen sogenannten
-Satirikern, besonders der neuern Zeiten, niemals Freude und Lust habe
-abgewinnen können, ich weiß auch nicht, ob ich eben bei ihren
-Darstellungen gelacht habe. Eben so wenig mögen wir uns an der Stelle
-des Narren befinden, der seine Menschheit wegwirft und sich unter den
-Affen erniedrigt, um seinem rohen Herrn ein Schauspiel des Ergötzens
-darzubieten, von welchem der Edlere sich mit Ekel hinweg wendet. Es
-gehört schon ein höherer, ein wahrhaft menschlicher Sinn dazu, um auf
-die rechte Art und bei den richtigen Veranlassungen zu lachen, und wenn
-die Thräne dich wohl hintergehn kann, so kann dich das Lachen eines
-Menschen schwerlich über das Niedrige oder Edle seiner Gesinnung
-täuschen. Wie unterschieden ist aber von jener hassenden Bitterkeit und
-traurigen Verächtlichkeit die Lust der Freude, das Entzücken unsrer
-ganzen Seele, (in der sich wohl, wie Manfred wähnt, alle Urkraft des
-Wahren in uns ahndungsvoll mit erregen mag) wenn alle unsere
-Anschauungen und Erinnerungen in jenem wundersamen Strudel der Wonne auf
-eine Zeit untergehn, welcher die Töne des Gelächters aus der
-Verborgenheit herauf erschallen läßt. Erregt ein wahrer Schauspieler
-diesen Zustand in uns, so ist er uns ein hoch verehrtes Wesen, und so
-wenig gesellt sich ein Gefühl der Verachtung zu unserer Freude, daß wir
-im Gegentheil ihn als unsern Freund und Geliebten in unser innerstes
-Herz schließen; der Dichter, der diesen Strom der Lust in der Wüste aus
-dem Felsen schlägt, erscheint uns wunderthätig. Ja, ich behaupte, daß
-unsre Liebe, wenn sie einen Gegenstand wahrhaft lieben soll, an diesem
-irgend einen Schein des Lächerlichen finden muß, weil sie ihn dadurch
-gleichsam erst besitzt; auch daß wir keinen Freund oder keine Geliebte
-haben möchten, über die wir in keinem Augenblick ihres Daseins lachen
-oder lächeln könnten; der Held eines Gedichts ist erst dann unsers
-Herzens gewiß, wenn er uns einigemal ein stilles Lächeln abgenöthigt
-hat, und dies ist ein Theil der Zauberkraft Homers und der Nibelungen
-Helden. Sogar (und ich sage wohl nichts Widersinniges, wenn ich diese
-Meinung ausspreche), sogar den heiligsten und erhabensten Gegenständen
-ist dieses Gefühl so wie das des Mitleidens nicht nachtheilig und
-feindlich, oder hebt unsere Liebe und hohe Rührung auf, sondern wir
-können den heiligen Wahnsinn der großen Religionshelden bewundernd
-beweinen, und doch kann ein geheimes Lächeln über der Verehrung
-schweben, denn diese seltsame Regung erhebt sich zugleich mit allen
-Kräften aus den Tiefen der Seele; wir fühlen, wie so vielen Gemüthern
-das, was wir anbeten, nur belachenswerth sein dürfte, und weil diese vor
-den Augen unsers äußern Verstandes nicht Unrecht haben, und sich für
-diesen Zweifel auch eine geheime Sympathie in unserm innersten Wesen
-regt, so eilen wir so dringender mit unserer Verehrung und unserem
-Mitleid hülfreich und rettend hinzu, um in angstvoller Liebe an dem
-Gegenstande unserer Bewunderung ein höheres Recht auszuüben. Der alte
-Ausdruck von den Helden der Religion: »sie haben sich zu Thoren gemacht
-vor der Welt,« ist vortrefflich.
-
-Gewiß, sagte Manfred, ist das Lächerliche in seiner Tiefe noch niemals
-angeschaut und die wunderbare Natur des Witzes auch nur einigermaßen
-erklärt; wer wird uns denn noch einmal etwas deutlicheres darüber sagen
-können, warum wir lachen? Das Lachen an sich selbst ist den meisten
-Menschen nur eine leichte Sache, aber woher es kommt und wohin es geht,
-ist noch schwerer als vom Winde zu sagen. Hier hatte ich meinen Jean
-Paul in seiner Vorhalle zur Aesthetik erwartet, und gerade hier habe ich
-nur so wenig von ihm gefunden.
-
-Dieses Gespräch, sagte Theodor, erinnert mich an jene Unschuld des
-Komischen, welches ich immer allen andern bedeutenderen Arten des
-Lächerlichen vorgezogen habe. Ich meine jenes leichte Berühren aller
-Gegenstände, jenes gemüthliche Spiel mit allen Wesen und ihren Gedanken
-und Empfindungen, welches neben seiner kraftvollen kecken Darstellung
-einer der herrlichsten Vorzüge Shakspears ist, den man nicht leicht
-demjenigen deutlich machen kann, der im Witz nur eine Charade oder ein
-sinnreiches Räthsel sucht, der aus der Anwendung und dem Treffenden nach
-Außen erst rückwärts das Komische verstehn kann, und dem es leere
-Albernheit ist, wenn es ohne eine solche prosaische Bedeutung auftreten
-will.
-
-Von hier aus, meinte Wilibald, müsse es eine vortreffliche Ausbeugung in
-das wahre Gebiet der Albernheit und in die Gründe ihrer Rechtfertigung
-geben, denn diese triebe die Unschuld sogar so weit, daß sie selbst ohne
-alles Leben und also vielleicht am meisten poetisch lebendig sei; doch
-Lothar, ohne auf diesen Angriff zu achten, oder ihn zu bemerken,
-bemeisterte sich des Gespräches und fuhr so fort: Da unser ganzes Leben
-aus dem doppelten Bestreben besteht, uns in uns zu vertiefen, und uns
-selbst zu vergessen und aus uns heraus zu gehn, und dieser Wechsel den
-Reiz unseres Daseins ausmacht, so hat es mir immer geschienen, daß die
-geistigste und witzigste Entwickelung unserer Kräfte und unsers
-Individuums diejenige sei, uns selbst ganz in ein anderes Wesen hinein
-verloren zu geben, indem wir es mit aller Anstrengung unsrer geistigen
-Stimmung darzustellen suchen: mit einem Wort, wenn wir in einem guten
-Schauspiel eine Rolle übernehmen und uns bestreben, die Erscheinung des
-Einzelnen wie des Ganzen mit der höchsten Wahrheit und in der
-vollkommensten Harmonie hervor zu bringen. Es giebt wohl auch nur wenige
-Menschen, die dem Reiz dieser Versuchung auf immer widerstehn können,
-und wenn das Talent des Schauspielers auch selten sein mag, so ist die
-Lust zur Mimik doch fast in allen Menschen thätig.
-
-Wir haben diesem Triebe, fuhr Ernst fort, gewiß unendlich viel zu
-danken, unser innerlicher Mensch ahmt oft lange einen Gedanken, oder die
-Vortrefflichkeit einer Gesinnung, ja selbst eine Empfindung nur mimisch
-nach, bis wir, gerade wie die Kinder lernen, uns die Sache selbst durch
-Wiederholung und Angewöhnung zu eigen machen können.
-
-Vergessen wir nur nicht, sagte Wilibald verdrüßlich, daß aus demselben
-Triebe auch alle Affektation, Ziererei, Unnatürlichkeit, kurz, alles
-äffische Wesen im Menschen entspringt, so daß diese Sucht wenigstens
-eben so schädlich ist, als sie, was ich nicht beurtheilen kann,
-wohlthätig sein mag.
-
-Wir wollen diese Untersuchung fallen lassen, fuhr Lothar ungestört fort,
-da wir sie jezt doch nicht erschöpfen können; ich wollte nur auf die
-Bemerkung einlenken, wie es zu verwundern sei, daß es noch keinem von
-uns eingefallen ist, mit dieser zahlreichen und ohne Zweifel
-talentvollen Gesellschaft irgend ein dramatisches Werk, am liebsten eins
-von Shakspear, darzustellen. Welchen Genuß würde jedem von uns dieser
-Dichter gewähren, wenn wir eins seiner Lustspiele, zum Beispiel »Was ihr
-wollt,« bis ins Innerste studirten, und neben dem Vergnügen, welches das
-Ganze gewährt, auf das vertrauteste mit jeder einzelnen Schönheit und
-ihrer Beziehung und Nothwendigkeit zum Ganzen bekannt würden, und so mit
-vereinigter Liebe eins seiner herrlichsten Gedichte auch äußerlich vor
-uns hinzustellen suchten.
-
-Du hast ja diesen Einfall und Verstand für uns alle gehabt, versetzte
-Wilibald, auch kannst du zur Noth, wie Zettel, drei oder vier Rollen
-übernehmen. Schade nur, daß kein romantisch brüllender Löwe in diesem
-Lustspiel auftritt, um dein ganzes Talent zu entwickeln.
-
-Die Eintheilung der Rollen, antwortete Lothar, habe ich schon ziemlich
-übersehn: den Malvolio würdest du selbst unvergleichlich darstellen,
-unser Manfred übernähme den Tobias und ich den Junker Christoph; den
-liebenswürdigen Narren Theodor, und Friedrich den Sebastian, Ernst den
-Antonio, Anton den Herzog; Auguste würde zierlich und witzig die Marie
-geben, Rosalia unvergleichlich die Viola und Clara höchst anmuthig die
-Olivia; alles übrige findet sich von selbst.
-
-Wie kommt es nur, sagte Theodor, daß eine geistreiche Gesellschaft, ohne
-Rollen auswendig zu lernen, niemals auf den Gedanken verfällt, aus sich
-selbst unter gewissen angenommenen Bedingungen und Masken ein poetisches
-Lustspiel ohne vorgezeichnete Ver- und Entwickelung auszuführen? Der
-eine wäre der mürrische, mit sich und aller Welt unzufriedene Liebhaber,
-der andere der Eifersüchtige, jener der leichtsinnig Flatterhafte,
-dieser der Melankolische; die Damen theilten sich in witzige und
-zärtliche Charaktere, und alle suchten ihrer angenommenen Rolle treu zu
-bleiben, um Heiterkeit und Geselligkeit zu erregen und zu befördern.
-Warum streben wir in unsern Gesellschaften immer das eine ermüdende Bild
-eines negativen wohlgezogenen Menschen darzustellen, oder uns in
-hergebrachter Liebenswürdigkeit abzuquälen?
-
-Die wahre gute Gesellschaft, sagte Ernst, thut schon unbewußt das, was
-du verlangst, und verwechselt auch mit Leichtigkeit die verschiedenen
-Rollen. Sonst erinnert deine Beschreibung an manche ehemaligen gelehrten
-Gesellschaften, und an die verschiedenen charakteristischen Beinamen
-ihrer Mitglieder.
-
-Eine, wie die andre Darstellung, sagte Emilie, möchte für uns Frauen
-beschwerlich, wo nicht unmöglich sein, aber ich war schon gestern auf
-dem Wege, Ihnen einen andern Vorschlag zu thun. Ich weiß, daß Sie alle
-Dichter sind, und höre von Manfred, daß Sie glücklicherweise manche
-Ihrer Arbeiten mitgebracht haben; wie wäre es also, wenn Sie uns diese
-nach Lust und Laune mittheilten, und so manche Stunde angenehm
-ausfüllten, die uns die Musik, oder die Besuche und Spaziergänge übrig
-lassen?
-
-O vortrefflich! rief Clara aus, und dann wollen wir Mädchen und Frauen
-nach der Lektüre die Rezensenten spielen, und uns über alles lustig
-machen, was wir nicht verstanden, oder was uns nicht gefallen hat.
-
-Rosalie fügte ihre Bitten zu denen ihrer Mutter, auch Auguste vereinigte
-sich mit beiden, und als Lothar die Freunde stillschweigend ein Weilchen
-angesehn hatte, schlug sich auch Manfred zu der Parthei der Damen und
-rief: o ich bitte euch so inbrünstig, als man nur bitten kann, schlagt
-uns diesen bittenden Vorschlag nicht ab, denn schon längst habe ich Lust
-gehabt, einige meiner Thorheiten euch und diesen guten wißbegierigen
-Frauen mitzutheilen, und keine Gelegenheit dazu gefunden; o ihr Edlen,
-wenn ihr eine Ahndung davon habt, wie sehr dem Dichter sein Manuskript
-in der Tasche brennen kann, wenn ihn Niemand darum befragt, so laut man
-es auch rascheln hört, wenn ihr selbst jemals gerne vorgelesen habt, o
-so seid nicht so grausam, mir diesen Genuß zu rauben, und mein poetisch
-beladenes Herz auszuschütten. Aber vielleicht sind einige von Euch in
-derselben Verfassung.
-
-Lothar lachte und sagte: der Dichter theilt sich gern mit, vorzüglich in
-einem Kreise, wie der gegenwärtige ist. Wir führen wirklich einige
-Jugendversuche mit uns, die wir zum Theil vor kurzem vollendet und
-übergearbeitet haben, und wenn unsre Rezensenten nicht zu strenge sein
-wollen, so überwinden wir vielleicht die Furcht, diese Bildungen nach so
-manchem Jahre wieder auftreten zu lassen.
-
-Als die Frauen eifrig darauf antrugen, sogleich mit irgend einer
-Erzählung den Anfang zu machen, rief Wilibald aus: halt! ich protestire
-mit aller Macht gegen diese Uebereilung und Anarchie! denn wie könnte
-ein wahrer Genuß entstehn, wenn wir es dem Zufall so ganz überließen, in
-welcher Folge unsre Versuche auftreten sollten? In allen Dingen ist die
-Ordnung zu loben, und so laßt uns nachdenken, auf welche Art und Weise
-wir dieser Unterhaltung durch eine gewisse Einrichtung etwas mehr Würze
-geben können.
-
-So möge denn auch hier, sagte Lothar, eine Art von dramatischer
-Einrichtung statt finden. Sei jeder von uns nach der Reihe Anführer und
-Herrscher, und bestimme und gebiete, welcherlei Poesien vorgetragen
-werden sollen, so steht zu hoffen, daß solche sich vereinigen werden,
-die durch eine gewisse Aehnlichkeit freundschaftlich zusammen gehören.
-
-Diese Einrichtung, wandte Manfred ein, ist vielleicht zu gefährlich,
-weil sie an den Boccaccio erinnern dürfte.
-
-Sie erinnert, sagte Ernst, fast an alle italiänischen Novellisten, die
-mit minder oder mehr Glück von dieser Erfindung Gebrauch gemacht haben.
-
-Doch werden Sie, sagte Emilie, uns in andrer Hinsicht nicht an diesen
-berühmten Autor erinnern wollen, denn gewiß verschonen Sie uns mit
-dergleichen ärgerlichen und anstößigen Geschichtchen, deren er nur zu
-viele erzählt.
-
-Wir können dergleichen wohl nicht so ganz unbedingt versprechen,
-antwortete Manfred, wenn wir uns nicht darüber erst etwas verständigt
-haben, was wir ärgerlich oder anstößig nennen wollen. Davor, daß wir
-keine Erzählungen, die ihm ähnlich oder nachgeahmt sind, vortragen
-werden, sind Sie hinlänglich gesichert, denn es erfordert das glänzende
-Talent seiner gediegenen, scharfen und bestimmten Darstellung, welche
-nie zu viel oder zu wenig sagt, die nichts verhüllt und doch immer von
-den Grazien gelenkt wird, um dergleichen allerliebste Seltsamkeiten
-vorzutragen: alle seine Nachahmer, selbst den Bandello nicht ausgenommen
--- gar des ganz verunglückten französischen La Fontaine oder des neueren
-Casti zu geschweigen -- bleiben weit hinter ihm zurück, sei nun von
-Styl, Erfindung oder Schmuck des Gegenstandes die Rede. Doch abgesehn
-davon, muß ich bezweifeln, daß der Dekameron gebildeten und freundlichen
-Gemüthern wirklich anstößig sein könnte.
-
-Diesen Zweifel verstehe ich nicht, sagte Anton, da er das zartere Gemüth
-und die höhere Stimmung doch nur zu oft verletzt.
-
-Wie man es eben nimmt, antwortete Manfred. Wir stehn hier auf der
-Stelle, auf welcher sich der Dualismus unserer Natur und Empfindung am
-wunderbarsten, reichhaltigsten und grellsten offenbart. Sich den Witz
-und die Schalkheit der Natur im Heiligsten und Lieblichsten verschweigen
-wollen, ist vielleicht nur möglich, wenn man geradezu Karthäuser wird,
-und vom Schweigen und Verschweigen Profession macht. Wenn der Frühling
-sich mit allen seinen Schätzen aufthut, und die Blumen gedrängt um dich
-lachen, so kannst du dich in deiner rührenden Freude nicht erwehren,
-ihre Gestalten zu beobachten und manche Erinnerungen an diese zu
-knüpfen, ja selbst die holdselige Rose ruft dir erröthend die
-räthselhaften Reime alter Dichter entgegen, und sie wird dir darum nicht
-unlieber; so fallen dir wohl gar bei andern farbigen Kindern der Sonne
-die unbescheidenen Namen ein, welche die Königin im Hamlet verschweigt,
---
-
- ^-- crow -- flowers, nettles, daisies, and long purples,^
- ^That liberal shepherds give a grosser name,^
- ^But our cold maids do dead men's fingers call them.^
-
-Welche Verse, sagte Lothar, Schlegel nicht hätte auslassen sollen. Doch
-dies nur im Vorbeigehn: fahre fort.
-
-So wunderbar und noch mehr, begann Manfred wieder, ist es mit der Liebe.
-Es giebt eine solche Heiligkeit dieses Gefühls, eine so wundersame
-paradisische Unschuld, daß im Unbewußtsein, in der Unkenntniß der
-gegenseitigen Liebe wohl oft die höchste Seligkeit ruht; der erste
-erwachende, sich begegnende Blick hat diesen Frühling entlaubt, und das
-erste Wort des Geständnisses kann der Tod dieser stillen Wonne sein.
-Nirgend fühlt der Mensch so sehr, wie er verlieren muß, um zu gewinnen,
-wie jedes Glück ein Geheimniß ist, welches angerührt und ausgesprochen
-seine Blüte abwirft.
-
-Friedrich stand schnell auf und schien von wunderbaren Gedanken
-ergriffen; man sah ihn im Buchengange auf und nieder wandeln, indem er
-sich öfter die Augen abtrocknete; Manfred aber fuhr so fort: wie es wohl
-Menschen mag gegeben haben, die schon mit diesem ersten Seufzer die
-Blume ihres Lebens verloren, so ist es doch natürlicher und wahrer, sich
-auch in dieser wundervollen Lebensgegend, so wie bei allen Dingen mit
-einem gewissen Heroismus zu waffnen, und früh zu erfahren, daß wir
-alles, was wir besitzen, nur durch den Glauben besitzen, und daß am
-wenigsten die Liebe eine bloße Begebenheit in uns sei, sondern daß sie,
-wie alles Gute, von unserm Willen abhängt; denn von ihm geht sie aus,
-nachher wird er zwar von ihr bezwungen und gebrochen, kann aber
-späterhin nur durch ihn allein als Liebe dauern und bestehn. Ein solcher
-Sinn und kräftiger aber frommer Wille verliert des Herzens Unschuld nie,
-der Scherz ist ihm nur Scherz, und er wird nicht anstehn, auch mit dem
-zu tändeln, was ihm das Heiligste und Liebste ist, denn wahrlich dem
-Reinen ist alles rein.
-
-Diese Beschreibung, sagte Ernst, charakterisirt die gesunde Zeit unsers
-deutschen Mittelalters, als neben den Nibelungen und dem Titurell der
-süße Tristan seinen Platz in aller Herzen fand, und auch neben diesen
-großen Liebesgedichten so viele muntre und schalkhafte Erzählungen. Die
-später auftretende übersinnliche, oder außersinnliche Liebe, war noch
-nicht von der sinnlichen getrennt, sondern sie waren wie Leib und Seele
-verbunden, in der höchsten Vergeistigung gesund, in dem freiesten
-Scherze unschuldig.
-
-Warum, fuhr Manfred fort, würde denn die Liebe allmächtig genannt? Sie
-wäre ja ohnmächtig, wenn sie nicht die scheinbar äußersten Enden
-freundlich verknüpfen könnte. Könnte sie den unendlich mannichfaltigen
-Zauber denn wohl ausüben, wenn sie nicht Alles besäße, und sich nicht,
-eben wie die Geliebte, mit allen Reizen dem sehnsüchtigen Herzen ergäbe?
-Der verdorbene Mensch kann deshalb auch nicht den Scherz der Liebe und
-ihren Dichter verstehn, er faßt nicht das holde Wesen, welches sich dem
-Höchsten und Geistigsten zum scheinbaren Kampfe gegenüber stellt, so
-sehr er auch einzig diesem Spiele nachjagt, welches begeisterte Dichter
-damit trieben, und der Liebende kennt freilich nichts Verhaßteres als
-diese Menschen und ihre Gesinnungen, die im Herzen seines Lebens mit ihm
-zusammen zu treffen scheinen.
-
-Daher, sagte Ernst, der mißverstandene Spott dieser niedrigen Menschen
-über die Hochgestimmten und ihre Liebe, daher die scheinbare
-Waffenlosigkeit dieser Unschuldigen, und bei ihrem Reichthum ihre
-unbeholfene Beschämung von jenen Bettlern. Diese Uneingeweihten lästern
-die Liebe und alles Göttliche, und sind von allem Scherz und Spiel, auch
-wenn sie witzig zu sein scheinen, weit entfernt, denn sie sind in Kampf
-und Krieg gegen die Sehnsucht nach dem Ueberirdischen. Um nun auf das
-Vorige einzulenken, so lebte Boccaz freilich schon an der Gränze jener
-heroischen Zeit, als die Menschheit, weniger gesund, sich aus der
-Tragödie und dem großen Epos mehr nach dem Lustspiel und der Parodie
-sehnte, als die Trennung des Gemüthes sich schon schärfer gegenüber
-stand, und eine kräftiger robuste Malerei den sanften Schmelz und die
-stille Harmonie der alten großsinnigen Gemälde verdunkelte. Sein
-Dekameron ward deshalb nach einiger Zeit das Lieblingsbuch aller
-Nationen, und die komische, lächerliche und niedrigere Natur der Liebe
-ward immer mehr gesungen, gepriesen und gefühlt, ihr holdes Wesen schien
-immer tiefer zu entarten, und immer mehr den Menschen dem Thiere näher
-zu führen, (indeß nun diesem Streben gegenüber schon die ganz reine,
-überirdische Idee der Liebe, oft bis zum Götzendienste entstellt, sich
-auszubilden suchte) bis wir in Peter Aretins und Brantome's Schriften
-endlich die kalte Frechheit ohne allen Reiz und Grazie auftreten sehn.
-Doch kann diese Beschuldigung nicht den Boccaz und seine freien Scherze
-treffen, denn in ihm regt sich und spricht der edle und vollständige
-Mensch, der zwar ohne ängstliche Züchtigkeit, aber nicht ohne Schaam
-ist, der wie Ariost immer die Schönheit fühlt und singt, und der nur
-jene frecheren Blumen nicht zu seinem Kranze verschmäht, sondern sie im
-Gegentheil gern so reicht und flicht, daß ihr symbolischer Sinn
-unverholen in die Augen fällt. Sein Buch kann uns also wohl nicht leicht
-verletzen; aber freilich müssen wir jezt, da verdorbene Generationen und
-Bücher voran gegangen sind, und edlere Menschen die Verwerflichkeit
-mancher schaamlosen Produkte eines Diderot, Voltaire und andrer einsahn,
-um nur den Ruhm der Züchtigkeit zu empfangen, auch den Schein einer
-gewissen Prüderie beibehalten, die das Zeitalter einmal zum Kennzeichen
-der Sitte gestempelt hat. So hat der Mensch nach überstandener Krankheit
-noch lange das Ansehn eines Kranken, und muß auf einige Zeit noch etwas
-von dessen Diät beibehalten. Eben so verbreitete sich in England nach
-einem Zeitalter der Zügellosigkeit, von der Sekte der Puritaner aus,
-eine Aengstlichkeit und steife Feierlichkeit der Sitte, die seitdem noch
-immer das Wort führt, so daß ein gesittetes Mädchen oder eine züchtige
-Frau von jezt oder aus Shakspears Zeit zwei im Aeußern sehr verschiedene
-Wesen sein mögen. Die Reformation hatte in Deutschland schon früher eine
-ähnliche Stimmung hervor gebracht, und auch die katholischen Provinzen
-bestrebten sich seitdem, eine strengere Sitte zur Schau zu tragen, um
-von dieser Seite die Vorwürfe ihrer Gegner zu entkräften. Fast
-allenthalben aber werden wir nur Heuchelei statt der Züchtigkeit gewahr,
-denn wenn die ehrbaren Herren unter sich sind, ergötzen sie sich um so
-lebhafter an der rohesten und unsittlichsten Frechheit, und weil der
-öffentliche Scherz und die Gegenwart der Grazien und Musen, so wie die
-liebenswürdigen Weiber von diesen Orgien völlig ausgeschlossen sind, so
-sind sie nun in ihrer Einsamkeit um so niedriger und verächtlicher
-geworden, am schlimmsten, wenn sie das Gewand der Moral umlegen, und
-wehe dem Zarteren, der das Unglück hat einem Ottern- und Krötenschmause
-beiwohnen zu müssen, den sich eine solche tugendhafte Gesellschaft
-giebt, die darauf ausgeht, recht vollständig ihren Haß gegen die
-Untugend an den Tag zu legen.
-
-Als in Spanien, sagte Lothar, ein etwas zu strenger Geist in der Poesie
-zu herrschen anfing, und Cervantes die frühere Celestina als zu frei
-tadelte, als man in Frankreich und Italien die schaamlosesten Werke las
-und schrieb, und in Deutschland sich kaum noch Spuren von Witz oder
-Unwitz antreffen ließen, erhob der edle Shakspear, das, was so viele
-hatten verächtlich machen wollen, wieder zum Scherz, geistreichen Witz
-und zur Menschenwürde, und dichtete seine schalkhaften Rosalinden und
-Beatricen, die freilich unser jetziges verwöhntes Zeitalter ebenfalls
-anstößig findet.
-
-Was ist es denn, was uns wahrhaft anstößig, ja als Menschen unerträglich
-sein soll? rief Friedrich, der wieder zur Gesellschaft getreten war, im
-edlen Unwillen aus. Nicht der freieste Scherz, noch der kühnste Witz,
-denn sie spielen nur in Unschuld; nicht die kräftige Zeichnung der
-thierischen Natur im Menschen und ihrer Verirrung, denn nur als solche
-gegeben, spricht sie niemals unserm edleren Wesen Hohn: sondern dann
-soll sich unser Unwille erheben und ohne alle Duldung aus uns sprechen,
-wenn ein Sophist uns sagen will, und in jeder Dichtung beweisen, daß
-gegen die Sinnenlust keine Tugend, Andacht oder Seelenerhebung bestehen
-könne. Ein solcher durchaus zu verwerfender ist der jüngere Crebillon,
-und nicht ist jener Deutsche, der ihn so vielfältig nachgeahmt und die
-edlere Natur des Menschen verkannt hat, von dem Vorwurf einer
-verdorbenen Phantasie und eines zu nüchternen Herzens frei zu sprechen:
-für schwache Wesen, (aber auch nur für solche) können diese beiden
-Schriftsteller allerdings gefährlich werden, so sehr sich auch der
-letzte gegen diese Beschuldigung zu verwahren gesucht hat, denn nicht
-darin besteht das Verderbliche, daß man das Thier im Menschen als Thier
-darstellt, sondern darin, daß man diese doppelte Natur gänzlich läugnet,
-und mit moralischer Gleißnerei und sophistischer Kunst das Edelste im
-Menschen zum Wahn macht, und Thierheit und Menschheit für
-gleichbedeutend ausgiebt.
-
-Seine Bücher, sagte Emilie, haben mich immer zurück geschreckt, und ich
-habe früher meinen Töchtern lieber manche andre erlaubt, die nicht in so
-gutem Rufe stehn, denn gerade ihre weichliche Zierlichkeit habe ich für
-schädlich gehalten. Ich hoffe, jezt können sie auch diese ohne allen
-Nachtheil lesen, da ihr Geist gestärkt ist, und ihr Sinn das Edlere
-erstrebt.
-
-Mit Recht, sagte Manfred, macht Jean Paul Thümmeln den Vorwurf, daß er
-zu unsauber sei (denn dessen Reisen gehören recht zu jenen eben gerügten
-Werken, und die Bekehrung des lockern Passagiers in den letzten Bänden
-ist noch die schlimmste Sünde des Autors); ich aber möchte unserm
-witzigen Jean Paul mit demselben Rechte einen andern Vorwurf machen, daß
-er zwar nicht zu keusch, wohl aber zu prüde sei. Ein Autor, der so das
-Gesammte der Menschennatur, das Seltsamste, Wildeste und Tollste in
-seinen humoristischen Ergießungen aussprechen will, darf in diesen
-Regionen des Witzes und der Laune kein Fremdling sein, oder aus
-mißverstandner Moral mit der Unzucht und Unsitte auch die Schalkheit
-verachten wollen. Noch seltsamer aber, daß er die medizinischen und
-wahrhaft ekelhaften Späße liebt, die kaum Witz zulassen und meist nur
-Widerwillen erregen, wenn man nicht die Feder des Rabelais besitzt, der
-freilich wohl sein Kapital von der ^Gaya Ciencia^ schreiben durfte.
-Aber, theure Emilie, und Gattin und Schwestern, um auf das zurück zu
-kommen, wovon wir ausgingen, so mag freilich wohl hie und da in unsern
-Dichtungen (vielleicht nur in meinen, der ich ein oder zweimal das
-Hausrecht brauchen und den Wirth spielen möchte) etwas vorkommen, was
-die übertriebene Delikatesse kränkelnder Menschen (ich meine dich,
-Anton, nicht hiemit) anstößig finden möchte, was aber, hoffe ich, nach
-dem in unserm Gespräch angegebenen Unterschied keinem gebildeten und
-heitern Menschen ärgerlich werden kann. Wir wollen aber weder zu viel
-versprechen noch drohen, sondern laßt uns vielmehr beginnen, und wählt
-also, ihr Frauen, denjenigen aus, welcher zuerst der Anführer und
-Gebieter im Felde unsrer poetischen Spiele und Wettkämpfe sein soll.
-
-Clara gab ihren Blumenstrauß dem neben ihr sitzenden Anton und sagte:
-Sie haben fast immer geschwiegen, sprechen Sie nun. Anton verbeugte sich
-und heftete die Blumen an seine Brust: so wollen wir denn, sagte er, mit
-Mährchen der einfachsten Composition beginnen, und jeder bringe morgen
-das seinige vor unsre Richter.
-
-Mit Mährchen, sagte Clara, fängt das Leben an; in ihnen entwickelt sich
-das Gefühl der Kinder zuerst, und ihre Spiele und Puppen, ihre
-Lehrstunden und Spaziergänge werden von ihrer Phantasie zu Mährchen, die
-ich noch immer ganz vorzüglich liebe, das heißt, wenn sie so sind, wie
-ich sie liebe.
-
-So gebe die Muse, daß Ihnen die unsrigen wohl gefallen, sagte Anton.
-
-Indem stand die Gesellschaft auf, um vom nächsten Hügel den schönen
-Untergang der Sonne zu genießen. Auch ein Mährchen, sagte Rosalie, indem
-sie die Hand vor die Augen hielt, und dem blendenden Scheine nachsah; so
-wie der Frühling und die Pracht der Blumen, es blüht auf in aller Fülle
-und Herrlichkeit, der Schatten faßt den Glanz und zieht ihn hinab, und
-wir schauen ihm sehnsuchtsvoll nach.
-
-So wie dem Mährchen-Gedicht der Schönheit, sagte Anton; und Friedrich
-fügte hinzu: doch bleibt unser Herz und seine Liebe die unwandelbare
-Sonne. --
-
- * * * * *
-
-Ein glänzender Sternenhimmel stand über der Landschaft, das Rauschen der
-Wasserfälle und Wälder tönte in die ruhige Einsamkeit des Gartens
-herüber, in welchem Theodor auf und nieder ging und die Wirkungen
-bewunderte, welche das Licht der Sterne und die letzten goldnen Streifen
-des Horizontes in den springenden Quellen hervorbrachten. Jezt ertönte
-Manfreds Waldhorn aus dessen Zimmer und die melankolischen
-durchdringlichen Töne zitterten vom Gebirge zurück, als Ernst, der von
-den Hügeln herunter kam, durch das Thor des Gartens trat, und sich zu
-dem einsamen Theodor gesellte. Wie schön, fing er an, schließt diese
-heitre Nacht die Genüsse des Tages; die Sonne und unsre Geliebten sind
-zur Ruhe, Wälder und Wasser rauschen fort, die Erde träumt, und unser
-Freund gießt noch einen herzlichen Abschied über die entschlummerte
-Natur hin.
-
-Anton, sagte Theodor, schläft auch noch nicht, er sitzt im Gartensaale
-und schreibt ein Gedicht, welches unsern Vorlesungen als Einleitung oder
-Vorrede dienen soll. Seine Genesung wird sich hier ganz vollenden.
-
-Ich hoffe, sagte Ernst, auch Friedrich soll genesen; ich hege das schöne
-Vertrauen, daß unser aller Freundschaft sich hier noch fester knüpfen
-und für die Ewigkeit härten wird. Sieh, mein Geliebter, das Flimmern in
-lauer Luft dieser vergänglichen flüchtigen Leben, die wie Diamanten
-durch das dunkle Grün der Gebüsche zucken, und bald in zitternden
-Wolken, bald einzeln schimmernd, wie sanfte Töne, unsre Rührung wecken,
--- und über uns den Glanz der ewigen Gestirne! Steht nicht der Himmel
-über der stillen dunkeln Erde wie ein Freund, aus dessen Augen Liebe und
-Zuversicht leuchten, dem man so recht mit ganzem Herzen in allen
-Lebensgefahren und allem Wandel vertrauen möchte? Diese heilige ernste
-Ruhe erweckt im Herzen alle entschlafenen Schmerzen, die zu stillen
-Freuden werden, und so schaut mich jezt groß und milde mit seinem
-menschlichen Blick der edle Novalis an, und erinnert mich jener Nacht,
-als ich nach einem fröhlichen Feste in schöner Gegend mit ihm durch
-Berge schweifte, und wir, keine so nahe Trennung ahndend, von der Natur
-und ihrer Schönheit und dem Göttlichen der Freundschaft sprachen.
-Vielleicht da ich so innig seiner gedenke, umfängt mich sein Herz so
-liebend, wie dieser glühende Sternenhimmel. Ruhe sanft, ich will mich
-auf mein Lager werfen, um ihm im Traum zu begegnen.
-
-Die Freunde trennten sich. Da erhub eine Nachtigall ihr klagendes Lied
-aus voller Brust, und zündete, wie eine Feuerflamme, rings in den
-Gebüschen die Töne andrer Sängerinnen an; aus einer Jasminlaube
-erklangen die Laute einer Guitarre, und der glückliche Friedrich wollte
-sein Leid, diese Phantasie singend, besänftigen:
-
- Wenn in Schmerzen Herzen sich verzehren,
- Und im Sehnen Thränen uns verklären,
- Geister: Hülfe! rufen tief im Innern,
- Und wie Morgenroth ein seliges Erinnern
- Aufsteigt aus der stillen dunkeln Nacht,
- Alle rothen Küsse mitgebracht,
- Alles Lächeln, das die Liebste je gelacht,
- O dann saugt mit ihrem Purpurmunde
- Himmels-Wollust unsre Wunde,
- Sie entsaugt das Gift,
- Das vom Bogen dunkler Schwermuth trifft.
- Wie die kleinen fleißgen Bienen
- Gehn, um Blumenlippen zu benagen,
- Wie sich Schmetterlinge jagen,
- Wie die Vögel in dem grünen Dunkeln
- Springen, und die Lieder tönen,
- Also gaukeln, flattern, funkeln
- Alle Worte, alle Blicke, süße Mienen
- Von der schönsten einzgen Schönen,
- Und in tiefer Winternacht
- Lacht und wacht um mich des Frühlings Pracht,
- Und die Schmerzen scherzen mit den Zähren,
- Und im Weinen scheinen mild sich zu verklären
- Leiden in den Freuden, Wonnen in dem Gram,
- Wie in der holden Braut die Liebe kämpft mit Schaam,
- Und Leid und Lust nun muß vereinigt ziehen
- Und schweben nach der Liebe süßen Harmonien.
-
-
-
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- Erste Abtheilung.
- 1811.
-
-
-Die Gesellschaft stand vom Tische auf und ging in den Garten, um die
-Luft zu genießen, welche am Morgen ein Gewitter lieblich abgekühlt
-hatte. Nun, sagte Clara, sind Sie alle Ihres Versprechens eingedenk
-gewesen? Wo sind die Mährchen?
-
-Du bist sehr eilig, sagte Manfred, weißt du doch nicht, ob sie dir
-wirklich Freude machen werden.
-
-Sie müssen, antwortete sie lachend, wenn ich nicht auf die Autoren sehr
-ungehalten werden soll.
-
-Es ist schwer, sagte Anton, zu bestimmen, worin denn ein Mährchen
-eigentlich bestehen und welchen Ton es halten soll. Wir wissen nicht,
-was es ist, und können auch nur wenige Rechenschaft darüber geben, wie
-es entstanden sein mag. Wir finden es vor, jeder bearbeitet es auf eigne
-Weise und denkt sich etwas anderes dabei, und doch kommen fast alle in
-gewissen Dingen überein, selbst die witzigen nicht ausgenommen, die
-jenes Colorit nicht ganz entbehren können, jenen wundersamen Ton, der in
-uns anschlägt, wenn wir nur das Wort Mährchen nennen hören.
-
-Die witzigen, sagte Clara, sind mir von je verhaßt gewesen. So habe ich
-den Hamiltonschen nie viel Geschmack abgewinnen können, so berühmt sie
-auch sind; die dahlenden im Feen-Cabinet zogen mich vor Jahren an, um
-mich nachher desto gründlicher zu ermüden und zurück zu stoßen, und
-unserm Musäus bin ich oft recht böse gewesen, daß er mit seinem
-spaßhaften Ton, mit seiner Manier, den Leser zu necken, und ihm queer in
-seine Empfindung und Täuschung hineinzufallen, oft die schönsten
-Erfindungen und Sagen nur entstellt und fast verdorben hat. Dagegen
-finde ich die arabischen Mährchen, auch die lustigen, äußerst
-ergötzlich.
-
-Es scheint, sagte Anton, Sie verlangen einen still fortschreitenden Ton
-der Erzählung, eine gewisse Unschuld der Darstellung in diesen
-Gedichten, die wie sanft phantasirende Musik ohne Lärm und Geräusch die
-Seele fesselt, und ich glaube, daß ich mit Ihnen derselben Meinung bin.
-Darum ist das Göthische Mährchen ein Meisterstück zu nennen.
-
-Gewiß, sagte Rosalie, in so fern wir mit einem Gedicht zufrieden sein
-können, das keinen Inhalt hat. Ein Werk der Phantasie soll zwar keinen
-bittern Nachgeschmack zurück lassen, aber doch ein Nachgenießen und
-Nachtönen; dieses verfliegt und zersplittert aber noch mehr als ein
-Traum, und ich habe deshalb das herrliche Mährchen von Novalis, so weit
-ich es verstehn konnte, diesem weit vorgezogen, welches auch alle
-Erinnerungen anregt, aber uns zugleich rührt und begeistert und den
-lieblichsten Wohllaut in der Seele noch lange nachtönen läßt.
-
-Du hast hiemit zugleich, sagte Manfred, die große Mährchenwelt des
-Ariost getadelt, dem es auch an einem Mittelpunkte und wahrem
-Zusammenhange gebricht. Die Frage ist nur, ob ein Gedicht schon
-vollendet ist, dessen einzelne Theile es sind, und in wie fern die Seele
-dann bei einer so vielseitigen Composition jene Foderung eines innigeren
-Zusammenhanges vergessen kann.
-
-Diese Frage, fiel Ernst ein, kann gar nicht Statt finden, denn diese
-Theile sind ja nur durch das organische Ganze Theile zu nennen, können
-aber ohne dieses im strengeren Sinne nur Fragmente von und zu Gedichten
-heißen und als solche geliebt werden. Bei aller dieser scheinbaren
-Vortrefflichkeit fehlt die beherrschende ordnende Seele, die der
-flüchtigen Schönheit den ewigen Reiz geben muß. Der Dichter will
-
- Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ründen,
- Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen,
- Die reizend unterhalten und zuletzt
- Wie lose Worte nur verklingend täuschen.
-
-Ich kenne dich und Friedrich schon, sagte Manfred, als Rigoristen und
-Ketzermacher, aber ich und Theodor werden euch zu gefallen den Ariost
-nicht anders wünschen, als er nun einmal ist, die Reise nach dem Monde
-und den Evangelisten Johannes ausgenommen, denn beide sind für diese so
-kühne Fiktion etwas zu matt ausgefallen. Ueber diesen Dichter, sagte
-Anton, dürfte sich ein langer Streit entspinnen, der sich nur schwer
-beilegen ließe; sein Werk besteht, strenge genommen, nur aus Novellen,
-von denen er die längsten an verschiedenen Stellen mit scheinbarer Kunst
-durchschnitten hat, dasjenige, was alle verbindet, ist ein
-gleichförmiger Ton lieblichen Wohllauts; ich möchte also ebenfalls
-behaupten, daß sein Gedicht eigentlich weder Anfang, Mitte noch Ende
-hat, so wie ich davon fest überzeugt bin, daß nur wenige Verehrer,
-selbst in Italien, ihn oftmals von Anfang zu Ende durchgelesen haben, so
-sehr auch alle mit den einzelnen berühmten und anlockenden Stellen
-vertraut sind.
-
-Es giebt, sagte Lothar, eine Gattung der Poesie, welche ich, ohne damit
-ihrer Vortrefflichkeit zu nahe treten zu wollen, die bequeme oder
-erfreuliche nennen möchte, und in dieser stelle ich den Ariost oben an.
-Sehn wir auf großer Ebene den hohen weit ausgespannten blauen Himmel
-über uns, so erschreckt und ermüdet in seiner Reinheit dieser Anblick;
-doch wenn Wölkchen mit verschiedenen Lichtern in diesem blauen Kristalle
-schwimmen, wenn die Sonne sich neigt, und unten am Horizont wie über uns
-die lebendigen Düfte in vielfachen Schimmer sich tauchen, dann erfüllt
-ein liebliches Ergötzen unsre Seele. So wollen wir die große Wiese mit
-Gebüschen und Bäumen unterbrochen sehn, und auf gleiche Weise fühlen wir
-in unsrer nächsten Umgebung, in unserm Hause, am dringendsten das
-Bedürfniß einer gewissen Kunst. Die weißen leeren Wände unsrer Zimmer
-und Säle sind uns unleidlich, Arabesken, Blumen, Thiere und Früchte
-umgeben uns in gefärbten und vielfach durchbrochenen Linien und Flächen
-mit mancherlei Gestalt, und selbst der Fußboden muß sich zum Schmuck und
-zur anständigen Zier zusammen fügen. Alles soll den äußern Sinn erregen
-und dadurch auch den innerlichen beschäftigen, und Rafaels Wandgemälde
-im Vatikan sind für Wohnzimmer vielleicht schon zu erhaben, und also als
-immerwährende Gesellschaft unbequem. Dieses durchaus edle Kunstbedürfniß
-des gebildeten Menschen erfüllt Ariost, er ist mehr Gefährte und Freund
-als Dichter, und wir thun wohl nicht Unrecht, wenn wir über die
-vollendete Schönheit des Einzelnen, über diese Fülle der Gestalten, über
-diesen zarten blumenartigen Witz, über diese ernste und milde Weisheit
-eines heitern Sinnes die Zusammensetzung vergessen.
-
-Es scheint mir sehr richtig, fuhr Anton fort, daß diese gesellige Kunst
-auch in der Poesie sich zeigen dürfe, und hier finde ich Gelegenheit, an
-unser gestriges Gespräch über die Gärten zu erinnern, welches nach
-meiner Meinung abbrach, ohne zu beschließen. Die hohe Empfindung, welche
-uns der Anblick der Natur gewährt, sei es das Gefühl des Waldes, des
-Meeres oder Gebirges, läßt sich in keinen Garten ziehn, denn diese
-Gefühle sind wechselnd, unbeschränkt, unaussprechlich. Diejenigen,
-welche in Parks das Seltsam-Schauerliche, oder das Erhaben-Majestätische
-erregen wollten, haben sich im größten Irrthume befunden, und es war
-natürlich, daß ihre Bestrebungen in Fratzen ausarten mußten. Das Schöne
-und Rührende ist es, welches Hügel, Baumgruppen, kleine Flüsse,
-Wasserfälle und Seen erregen können, ein schwärmendes musikalisches
-Gefühl, welches ziemlich deutlich den Künstler, welcher den Garten
-anlegen will, bewegen muß, und welches im Beschauen eben so wiedertönt.
-Dieser Gärtner wird also wohl die Natur, aber nicht das Natürliche
-ausschließen, und darum zieht mancher Künstler gern kleine Saatfelder in
-seinen Park, um eine ganz bestimmte Empfindung von der beschränkten
-Beschäftigung der Landwirthschaft zu erregen, ein kleiner Weinberg zeigt
-sich wohl auch, als ein reizendes Widerspiel der Haine und Baumgruppen.
-Wie mich nun zwar alles an die Natur erinnert, so kann ich sie doch hier
-so wenig, wie im Gedicht oder in der Malerei unmittelbar empfinden,
-sondern ich soll die Kunst in jedem Augenblicke genießen. Wenden wir uns
-nun zu der sogenannten französischen Gartenkunst, so finden wir hier
-eine dieser natürlichen völlig widersprechende. Wie sie alle Natur aus
-ihren Gränzen entfernt, eben so die Erinnerung an das Natürliche; denn
-so wenig Getreide und Obst ihren Platz hier finden, eben so wenig
-Baum-Parthien, die die Durchsicht decken, oder abwechselnd reizende
-Gebüsche, und jene süße Schwärmerei und musikalische Empfindung
-verschlungener Haine und malerischer Ansichten. Alles dient hier einer
-Empfindung, die ich am liebsten im Gegensatz jener musikalisch
-schwärmerischen Gefühle eine pathetische Entzückung nennen möchte; alles
-erhebt die Seele zur Begeisterung, alles ist klar und unverworren;
-gleich vom ersten Eintritt fühle und übersehe ich den Plan des Ganzen,
-und aus jedem Punkte finde ich mich unmittelbar in den Mittelpunkt der
-großartigen Composition zurück. Dazu dienen die großen freien Plätze,
-die geraden Baumgänge, die bedeckten und verflochtenen Lauben. Statuen
-und Wasserkünste verhalten sich zu diesem Garten so, wie gegenüber
-Saatfelder und Weinberge; sie wollen recht bestimmt das Gebildete
-aussprechen und darstellen, und wie man den Park mit Unrecht die
-Nachahmung einer gemalten Landschaft nennen würde, da der Gärtner und
-Maler vielmehr aus einer gemeinschaftlichen poetischen Quelle schöpfen,
-so thäte man auch diesem Kunstgarten Unrecht, ihn aus der Architektur
-abzuleiten, da auch der Architekt nur aus jener mathematischen Poesie
-des Gemüthes seine Erfindungen nimmt. Daher scheint es mir auch geradezu
-unmöglich, in Bergen einen Park anzulegen, weil die Natur, die
-unmittelbar hinein blickt, die Kunst-Effekte, die ihr hier verwandt sein
-sollen, vernichtet. Nach der Natur aber selbst sehnt sich gewiß jeder
-aus beiderlei Gärten vielmals hinaus und Niemand kann sie entbehren. Der
-regelmäßige Garten schließt vielleicht im Hintergrunde am angenehmsten
-mit einem parkähnlichen, so wie der englische am schicklichsten nahe am
-Hause freie Räume und eine gewisse Regelmäßigkeit ausspart. Es ergiebt
-sich auch von selbst, daß der regelmäßige Kunstgarten eine allgemeinere
-Form hat und leichter, vom Geschmack geleitet, zweckmäßig nachgeahmt
-werden kann, daß aber der Park sich nicht leicht wiederholen läßt,
-sondern in jeder neuen Gestalt ein anderes Individuum auftreten muß. Es
-ist aber wohl möglich, daß es demohngeachtet nur wenige Hauptformen
-giebt, unter welche alle Gärten dieser Art sich vereinigen lassen, und
-trotz der anscheinenden Einförmigkeit dürften dann die französischen
-Gärten wohl eben so viele Gattungen aufweisen können. Ist es erlaubt ein
-Ding durch ein vergleichendes Bild deutlich zu machen, so möchte ich am
-liebsten den Park mit einem Shakespearschen, und den regelmäßigen Garten
-mit einem Calderonschen Lustspiel vergleichen. Scheinbare Willkühr in
-jenem, von einem unsichtbaren Geist der Ordnung gelenkt, Künstlichkeit,
-in anscheinender Natürlichkeit, der Anklang aller Empfindungen auf
-phantasirende Weise, Ernst und Heiterkeit wechselnd, Erinnerung an das
-Leben und seine Bedürfnisse, und ein Sinn der Liebe und Freundschaft,
-welcher alle Theile verbindet. Im südlichen Garten und Gedicht Regel und
-Richtschnur, Ehre, Liebe, Eifersucht in großen Massen und scharfen
-Antithesen, eben so Freundschaft und Haß, aber ohne tiefe oder bizarre
-Individualität, oft mit den nehmlichen Bildern und Worten wiederholt,
-Künstlichkeit und Erhabenheit der Sprache, Entfernung alles dessen, was
-unmittelbar an Natur erinnert, das Ganze endlich verbunden durch einen
-begeisterten hohen Sinn, der wohl trunken, aber nicht berauscht
-erscheint. Ich lasse das Gegenbild des Gartens unausgemalt, aber man
-könnte selbst die Reden in Stanzen oder andern künstlichen Versmaßen
-(die sich gewiß ganz von dem, was die Naturalisten Natur nennen wollen,
-entfernen) mit den beschnittenen glänzenden Taxus- und Buxus-Wänden
-vergleichen, wenn man witzig im Bilde fortspielen wollte.
-
-Auch diese, sagte Manfred, dürfen in einem Kunstgarten nicht fehlen,
-auch vertragen diese Baumarten die Scheere am besten, da ihr festes
-glänzendes Laub nur langsam wieder nachwächst, und sie sich überhaupt
-weit mehr als empfindsame Linden und jugendlich kühne Buchen darein
-fügen. Doch glaub' ich, können geschnitzte Piramiden und ähnliche
-Figuren füglich aus jedem Garten ausgeschlossen werden.
-
-Unser Garten, liebe Mutter, rief Clara, ist nun hoffentlich auf alle
-Zeiten gerettet, denn es steht vielleicht zu erwarten, daß man in der
-Zukunft manche der natürlichen Parks wieder in dergleichen künstliche
-Anlagen umarbeiten möchte. -- -- Nicht wahr, mein Freund, (so wandte sie
-sich gegen Anton) es ist überhaupt wohl schwer zu sagen, was denn Natur
-oder natürlich sei?
-
-Vielen Mißbrauch, erwiederte dieser, hat man oft mit diesen Worten
-getrieben, am meisten in jener Zeit, als man sich von einem steifen
-Ceremoniel zu befreien strebte, welches man irrigerweise Kunst nannte,
-und nun gegenüber ein Wesen suchte, welches uns unter allen Bedingungen
-das Richtige und die Wahrheit geben sollte. Kunst und Natur sind aber
-beide, richtig verstanden, in der Poesie wie in den Künsten, nur ein und
-dasselbe.
-
-Am seltsamsten, sagte Theodor, ist mir das Geschlecht der Naturjäger
-vorgekommen, welches noch nicht ausgestorben ist, vor einigen Jahren
-aber noch mehr verbreitet war; diejenigen meine ich, welche auf
-Sonnen-Auf- und Untergänge von hohen Bergen, auf Wasserfälle und
-Naturphänomene wahrhaft Jagd machen, und sich und andern manchen Morgen
-verderben, um einen Genuß zu erwarten, der oft nicht kömmt, und den sie
-nachher erheucheln müssen. Diese Leute behandeln die Natur gerade so,
-wie sie mit den merkwürdigen Männern umgehn, sie laufen ihnen ins Haus
-und stellen sich ihnen gegenüber; da stehn sie nun an der bekannten und
-oftmals besprochenen Stelle, und wenn in ihrer Seele nun gar nichts
-vorgeht, so sind sie nachher wenigstens doch dort gewesen.
-
-Die Natur, fuhr Anton fort, nimmt nicht in jeder Stunde jedweden
-vorwitzigen Besuch an, oder vielmehr sind wir nicht immer gestimmt, ihre
-Heiligkeit zu fühlen. In uns selbst muß die Harmonie schon sein, um sie
-außer uns zu finden, sonst behelfen wir uns freilich nur mit leeren
-Phrasen, ohne die Schönheit zu genießen: oder es kann auch wohl ein
-unvermuthetes Entzücken vom Himmel herab in unser Herz fallen, und uns
-die höchste Begeisterung aufschließen: dazu aber können wir nichts thun,
-wir können dergleichen nicht erwarten, sondern eine solche Offenbarung
-begiebt sich in uns nur. So viel ist gewiß, daß jeder Mensch wohl nur
-zwei- oder dreimal in seinem Leben das Glück haben kann, wahrhaft einen
-Sonnen-Aufgang zu sehn: dergleichen geht auch dann nicht, wie
-Sommerwolken, unserm Gemüth vorüber, sondern es macht Epoche in unserm
-Leben, wir brauchen lange Zeit, um uns von solcher Entzückung wieder zu
-erholen, und viele Jahre zehren noch von diesen erhabenen Minuten. Aber
-nur Stille und Einsamkeit vergönnen diese Gaben; eine Gesellschaft, die
-sich zu dergleichen auf einem Berge versammelt, steht nur vor dem
-Theater, und bringt auch gewöhnlich dieselbe alberne Freude und leere
-Kritik wie dort mit herunter.
-
-Noch seltsamer, sagte Ernst, daß so wenige Menschen den wundervollen
-Schauer, die Beängstigung empfinden, oder sich gestehn, die in manchen
-Stunden die Natur unserm Herzen erregt. Nicht bloß auf den
-ausgestorbenen Höhen des Gotthard erregt sich unser Gemüth zum Grauen,
-nicht bloß
-
- -- wenn es hin zur Fluth euch lockt, --
- -- zum grausen Wipfel jenes Felsen,
- Der in die See nickt über seinen Fuß, --
- Der Ort an sich bringt Grillen der Verzweiflung
- Auch ohne weitern Grund in jedes Hirn,
- Der so viel Klafter niederschaut zur See,
- Und hört sie unten brüllen;
-
-sondern selbst die schönste Gegend hat Gespenster, die durch unser Herz
-schreiten, sie kann so seltsame Ahndungen, so verwirrte Schatten durch
-unsre Phantasie jagen, daß wir ihr entfliehen, und uns in das Getümmel
-der Welt hinein retten möchten. Auf diese Weise entstehn nun wohl auch
-in unserm Innern Gedichte und Mährchen, indem wir die ungeheure Leere,
-das furchtbare Chaos mit Gestalten bevölkern, und kunstmäßig den
-unerfreulichen Raum schmücken; diese Gebilde aber können dann freilich
-nicht den Charakter ihres Erzeugers verläugnen. In diesen Natur-Mährchen
-mischt sich das Liebliche mit dem Schrecklichen, das Seltsame mit dem
-Kindischen, und verwirrt unsre Phantasie bis zum poetischen Wahnsinn, um
-diesen selbst nur in unserm Innern zu lösen und frei zu machen.
-
-Sind die Mährchen, fragte Clara, die Sie uns mittheilen wollen, von
-dieser Art?
-
-Vielleicht, antwortete Ernst.
-
-Doch nicht allegorisch?
-
-Wie wir es nennen wollen, sagte jener. Es giebt vielleicht keine
-Erfindung, die nicht die Allegorie, auch unbewußt, zum Grund und Boden
-ihres Wesens hätte. Gut und böse ist die doppelte Erscheinung, die schon
-das Kind in jeder Dichtung am leichtesten versteht, die uns in jeder
-Darstellung von neuem ergreift, die uns aus jedem Räthsel in den
-mannichfaltigsten Formen anspricht, und sich selbst zum Verständniß
-ringend auflösen will. Es giebt eine Art, das gewöhnlichste Leben wie
-ein Mährchen anzusehn, eben so kann man sich mit dem Wundervollsten, als
-wäre es das Alltäglichste, vertraut machen. Man könnte sagen, alles, das
-Gewöhnlichste, wie das Wunderbarste, Leichteste und Lustigste habe nur
-Wahrheit und ergreife uns nur darum, weil diese Allegorie im letzten
-Hintergrunde als Halt dem Ganzen dient, und eben darum sind auch Dante's
-Allegorien so überzeugend, weil sie sich bis zur greiflichsten
-Wirklichkeit durchgearbeitet haben. Novalis sagt: nur _die_ Geschichte
-ist eine Geschichte, die auch Fabel sein kann. Doch giebt es auch viele
-kranke und schwache Dichtungen dieser Art, die uns nur in Begriffen
-herum schleppen, ohne unsre Phantasie mit zu nehmen, und diese sind die
-ermüdendste Unterhaltung. -- Allein Anton mag uns jezt sein einleitendes
-Gedicht vorlesen, welches er uns versprochen hat.
-
-Anton zog einige Blätter hervor und las:
-
-
-
-
- Phantasus.
-
-
- Betrübt saß ich in meiner Kammer,
- Dacht' an die Noth, an all den Jammer,
- Der rundum drückt die weite Erde,
- Daß man nur schaut Trauergeberde,
- Daß Lust und Sang und frohe Weisen
- Gezogen weit von uns auf Reisen,
- Daß Argwohn, Mißtraun unsre Gäste,
- So Furcht wie Angst bei jedem Feste,
- Daß jedermann nur frägt in Sorgen:
- Wie wird es mit dir heut und morgen?
- Dazu war ich noch schwach und krank,
- Mir war so Tag wie Nacht zu lang;
- Ich sorgte, was mein Arzt ermessen,
- Was ich nicht trinken durft' und essen,
- Wie meine Pein zu lindern wäre,
- Was mir den Schlaf, die Ruh nicht störe:
- So saß ich still in mich gebückt,
- Den Kopf in meine Hand gedrückt,
- Als ich, so sinnend, es vernahm
- Daß jemand an die Thüre kam,
- Es klopfte, und ich rief: herein!
- Da öffnet schnell ein Händelein
- So weiß wie Baumesblüth, herfür
- Trat dann ein Knäblein in die Thür,
- Das Haupt gekränzt mit jungen Rosen,
- Die eben aus den Knospen losen,
- Wie Rosengluth die Lippen hold,
- Das krause Haar ein funkelnd Gold,
- Die Augen dunkel, violbraun,
- Der Leib gar lieblich anzuschaun.
- Er trat vor mich und thät sich neigen,
- Und sprach alsdann nach kurzem Schweigen:
- Wie kömmts, mein lieber kranker Freund,
- Daß ihr hier sitzt, da Sonne scheint?
- Der Frühling geht umher mit Pracht,
- Hat Laub des Waldes angefacht,
- Es brennt das grüne Feuer wieder,
- Und drein ertönen tausend Lieder,
- Die Erde trägt ihr Sommerkleid,
- Der Plan erglänzt von Blumen weit,
- Es spielt der Fisch in blauem See,
- Vom Obstbaum hängt der Blüthenschnee,
- Die Lieb- und Segen-schwangre Luft
- Durchspielt in Wogen Kraft und Duft,
- Das Kindlein lacht die Blüthen an
- Aus rothem Mund mit weißem Zahn,
- Der Jüngling sieht sein Herz und Lieben
- In Blumenschrift mit Glanz geschrieben,
- Sich hebt der Jungfrau schöne Brust
- In ahndungsvoller Liebeslust,
- Der Greis erfrischt die alten Glieder
- Und dünkt sich in der Kindheit wieder,
- Und jedermann fühlt freudenschwanger
- Den dunkeln Wald, den lichten Anger.
- Du nur willst sitzen hier gekauert,
- In deinen Sorgen eingemauert,
- Von Schwermuths-Wolken rings umhängt,
- In Noth und Zweifeln eingeengt?
- Ich kenne dich nicht wieder schier;
- Hinaus mach' stracks dich vor die Thür,
- Und thu dein menschlich Angesicht
- Hinein in holdes Himmelslicht,
- Laß nicht die Stirn dir so verrunzeln,
- Der Lippen Frische ganz verschrunzeln,
- Das Auge, das sonst Strahlen scharf,
- Von seinem lichten Bogen warf,
- Ist tief hinein zum Haupt geschmolzen
- Und schießt nur schwer' und stumpfe Bolzen;
- Entzweit hat sich dein Mund mit Lachen,
- Scherz, Kuß sind ihm wildfremde Sachen,
- In deiner gelb verschrumpften Haut
- Der Kummer sich im Spiegel schaut;
- Nicht, Creatur, mach' Schand' und Spott,
- Der dich geschaffen, deinem Gott,
- Schau aus, als seist nach seinem Bilde
- Formiret edel, heiter, milde,
- Verbrümmelt nicht und ungelachsen,
- Als sein in dir zusamm gewachsen
- All Unkraut, Stacheln, Disteln, Dorn,
- Mit Schimmel, Pilzen fest verworrn;
- Frisch auf, laß dich von mir regieren,
- Ins Frühlings-Reich will ich dich führen.
- Er schwang in seiner Rechten zart
- Die Tulpenblum seltsamer Art,
- Wie er sie auf und nieder regte
- Ein farbig Feuer sich bewegte,
- Und lichte Sterne kreisten, welche
- Sich schüttelten aus goldnem Kelche,
- Sie flogen wie die Vöglein munter
- Mir um das Haupt, herauf, herunter,
- Und neckten mich mit Flammenleuchte,
- Wie ich auch bang sie von mir scheuchte.
- Ich sprach halb zornig: wer bist du,
- Der mich gestört in meiner Ruh,
- Du Knäblein laut, vorwitziglich,
- Der du also bespöttelst mich,
- Und willst, weil du ein Kindlein frei,
- Daß alle Welt auch kindisch sei?
- Ich habe mehr gelernt, erfahren,
- Bin auch jetzund was mehr bei Jahren,
- Daß Spiel, unnützer Zeitvertreib
- Nicht mehr gefallen meinem Leib,
- Auch ist umher die ganze Welt
- Auf Ernst, Nachdenklichkeit gestellt,
- Daß der nur Thor jedwedem scheint,
- Der sich nicht höherm Zweck vereint,
- Du aber, Knäblein, bist inmitten
- Der Bildung nicht mit fortgeschritten,
- Meinst noch, daß man nach Blum' und Kraut
- Und all den Kinderein ausschaut,
- Das hält man jezt für Rauch und Dunst,
- Mein Sohn, die Zeit ist nicht wie sunst.
- Der Knabe lacht', daß sich das Gold
- Der Locken in einander rollt
- Und sprach: sonst hast mich wohl gekannt,
- Ich bin der Phantasus genannt,
- Heimathlich war ich sonst bei dir,
- Dein Spielgefährte für und für,
- Als du mich noch am Herzen hegtest
- Und väterlich und freundlich pflegtest,
- Da war dein Sinn anders gestellt,
- Mit dir zufrieden und der Welt
- War dir die Arbeit Lust und Scherz,
- Frisch und gesund dein junges Herz.
- Mein Auge, sprach ich, ist wohl blind;
- Du also bist dasselbe Kind,
- Das täglich Blumen mir gebracht,
- Holdseeliglich mich angelacht,
- Das mir verscherzt die muntern Stunden,
- Vielfältig Spielzeug mir erfunden?
- Seitdem bist du von mir entwichen
- Und anderwärts umher gestrichen,
- Da kamen Ernst, Vernunft, Verstand,
- Und gaben mir in meine Hand
- Der Bücher viel und mancherlei
- Voll tiefen Sinns, Philosophei,
- Ich strebte, mich aus rohem Wilden
- Zum wahren Menschen umzubilden;
- Drauf ich auch zur Geschichte kam,
- Die Noth der Welt zu Herzen nahm,
- Die Chronikbücher unverdrossen
- Hab' ich in Nächten aufgeschlossen,
- Die Vorzeit stieg zu mir herüber
- Und immer ernster wards und trüber:
- Bald schien mich an ein flüchtig Blitzen,
- Dann glaubt' ich Wahrheit zu besitzen,
- Dann kam die Dämmrung, faßt' es wieder
- Und taucht' es in die Finstre nieder;
- Die Nacht ward wieder Lichtes schwanger,
- Das neue Licht macht' mich noch banger,
- Wohl ahndend, daß, wenns ausgegohren,
- Die Finstre neu draus wird geboren:
- So wies Histori mir nur Noth,
- Im Leben auch nur Grab und Tod,
- Das Schöne stirbt, der Glanz löscht aus,
- Das Irdisch-Schlechte baut sein Haus,
- Und spricht von seinem Felsenthron
- Den hohen Göttersöhnen Hohn:
- Natur hab' ich ergründen wollen,
- Da kam ich gar auf seltsam Schrollen,
- Verlor mich in ein steinern Reich,
- Ich glaubte all's, nichts doch zugleich,
- Wollt' Pflanz, Metall und Stein verstehn,
- Mußt' mir doch selbst verloren gehn,
- Hatt' viel Kunstworte bald erstanden,
- Ich selbst gekommen nur abhanden,
- Um endlich wieder zu gelangen
- Noch dummer wo ich ausgegangen:
- Vielleicht weil du, mein Sohn, gefehlt,
- Hab' ich in Angst mich abgequält,
- Verstehst du wohl die alten Schriften,
- Wandelst wohl auch auf Weisheits-Triften?
- Doch still, ich will dich jezt nicht plagen,
- Komm, laß uns in den schönen Tagen
- So spielen, wie wir sonst gepflogen,
- Wenn du mir etwas noch gewogen.
-
- Der Kleine schmeichelt' sich an mich,
- Drückt' an mein Knie mit Lächeln sich,
- Wandt' sich hieher und dorthin nun,
- Fast wie die jungen Kätzlein thun.
- Da gehn wir aus dem Haus, und warm
- Nimmt Sommer mich in seinen Arm,
- Die Lerch' in Lüften jubilirt,
- Hänfling und Drossel musizirt,
- Das Grün schmiegt sich um Plan und Hügel,
- Der Schmetterling wiegt Purpurflügel,
- Die Blumen roth, braun, gold und blau
- Stehn dicht gedrängt auf grüner Au,
- Die Bienen summen lustig, nippen
- Den Honigseim von Blumenlippen,
- Duft, röthlich Glanz kreucht aus dem Baum,
- Hängt von dem Zweig, ein süßer Traum.
- Wie ist, sprach ich, die Welt so bunt,
- Von neuem tönt und schwazt der Mund
- Der kindschen Quellen, Frühlings Hand
- Nahm von den Zungen ab das Band,
- Daß Winter jährlich um sie legt,
- Daß sich kein lautes Wörtchen regt,
- Die Sommergäst' auch sind mit Schalle
- Ins Land zurück gekommen alle.
- Indem wand sich der Buchenhain
- Vom Plane ab den Weg hinein,
- Der Glanz mit Grün schön war gemischt,
- Die stille Luft vom Wind erfrischt,
- Die wilden Tauben hört' ich girren,
- Zeisig und Fink in Nestern schwirren,
- Ein Duft süß aus den Bäumen floß,
- Ein Rieseln sänftlich sich ergoß
- Aus Tannenbäumen, die vom Winde
- Sanft angespielt erklangen linde,
- Das all war meinem kranken Leben
- Als Labsal und Arznei gegeben.
- Wo sind wir, Liebster? rief ich aus,
- Sei mir gegrüßt, du grünes Haus,
- Gegrüßt ihr frischen Bogengänge,
- Willkommen mir ihr Waldesklänge!
- Ich war noch nie in den Revieren,
- Sprich, wohin willst du mich denn führen?
- Er sagte nichts, nur freundlich winkt
- Sein Aug', das mir ins Auge blinkt.
- Einsamer ward der dichte Hain,
- Gespaltener des Lichtes Schein,
- Der sich in Gattern um uns legte
- Und mit des Luftes Zug bewegte;
- Da hört' ich Wild von ferne schrein,
- Da sangen fremde Vögel drein
- Mit wundersamen Ton, es klangen
- Viel Bächlein, die aus Felsen sprangen,
- Wie Schatten zog es her und hin,
- Ein Schauer flog durch meinen Sinn.
- Nun wars, als hört' ich Kinder plaudern,
- Hin lief ich ohne länger Zaudern,
- Und als ich nach dem Ort gekommen,
- Von wo ich erst den Ton vernommen,
- Da that sich auf des Waldes Dunkel,
- Und vor mir lag ein hell Gefunkel,
- Roth sah ich wilde Nelken blühn,
- Sammt lichten Sternen von Jasmin,
- Und duftend Kraut Je länger lieber,
- Das rankte eine Grott' hinüber,
- An die sich hoch der Epheu schlang,
- Und aus der Höhle kam Gesang.
- Da schaut ich in den Fels hinein,
- Dort saß ein Bild mit lichtem Schein,
- Güldnes Gewand den Leib umfloß,
- An den sich Spang' und Gürtel schloß,
- Das Antliz bleich, entfärbt die Wange,
- Sie schien in Furcht und Zittern bange
- Und schloß sich an ein Mannsgebild,
- Das schaute aus den Augen wild,
- Doch lächelt' er mit Freundlichkeit:
- Er war in schwarz Gewand gekleidt,
- Ein dunkles Haar hing um das Haupt,
- Er trug von wildem Wein umlaubt
- Den güldnen Stab in seiner Hand,
- Geflochten war um sein Gewand
- Epheu und Tannenzweig' in Kränzen,
- Wozwischen rothe Rosen glänzen;
- Er sprach und sang der Schönen vor,
- Und flüsterte ihr oft ins Ohr.
- Da fragt' ich: Kind, wer sind die beide?
- Der Knabe sprach: im schwarzen Kleide
- Der ist der Schreck, von Mährchen alten
- Beschreibt er gern die Schau'rgestalten;
- Das Mägdlein da im lichten Kleid
- Ist meine liebe Albernheit,
- Sie ängstet sich und um so gerner
- Hört sie den andern reden ferner,
- Sie fürchtet sich vor dem Erschrecken,
- Läßt sich doch spielend davon necken,
- Sie lächelt, und vor Schauder weint
- Ihr Lachen, das in Thränen scheint,
- Sie freut sich und wird voraus bleich,
- So spielt sie mit dem Geisterreich,
- Wenn Schreck ihr sagt: nun sprech' ich jezt,
- Was dich recht durch und durch entsetzt!
- Dann bittet sie: so schweige lieber, --
- Nein, spricht sie dann, erzähl' es, Lieber;
- Nun rauscht der schwarze Tannenhain,
- Dann weinen Felsenbäche drein,
- Sie meint, sie stirbt vor Angst und Schmerz
- Und drückt dem Schreck sich fest ans Herz.
- Da sah ich einen Kleinen gaukeln
- Und sich in allen Blumen schaukeln,
- Ein herzigs Kind, das auf und nieder
- Im Tanze schwang die zarten Glieder,
- Bald klettert' es in Epheuranken
- Und ließ sich kühn vom Winde schwanken,
- Bald stand oben am Fels der Lose
- Und duckte sich in eine Rose.
- So eilig, daß der Stengel knickte
- Wie er sich in die Röthe bückte,
- Dann fiel er lachend auf die Au
- Und war benetzt vom Rosenthau:
- In Blättern, aus Jasmin gezogen,
- Beschifft' er dann des Baches Wogen,
- Und bracht' als Kriegsgefangne heim
- Die Bienen mit dem Honigseim;
- Dann sucht' er Muscheln sich im Sande
- Und Stein' und Kiesel vielerhande,
- Und putzte drin das Felsenhaus
- Mit vielen artgen Schnörkeln aus:
- Auf einmal ließ er alles liegen
- Und schien durch Lüfte schnell zu fliegen,
- Nun auf dem höchsten Tannenbaum
- Stand er und übersah den Raum,
- Mit Riesenstärke bog er dann
- Des Baumes Wipfel auf den Plan
- Und ließ ihn dann zurücke schießen;
- Des Baches Wogen mußten fließen
- In Wasserfällen laut und brausend,
- Der mächtge Wald dazwischen sausend,
- Ein furchtbar Echo, das von oben
- Hin durch den Thalgrund sprach mit Toben,
- Dazu des Donners Krachen viel,
- Schien alles ihm nur Harfenspiel.
- Er selbst, der erst ein kleiner Zwerg,
- War jezt großmächtig wie ein Berg,
- Und sprang so schnell wie Blitzes Lauf,
- Zur Höhe des Gebirgs hinauf,
- Riß aus der Wurzel mächtge Felsen,
- Die ließ er sich zum Thale wälzen
- Mit lautem Donnern, furchtbarm Krachen,
- Das machte ihn von Herzen lachen,
- Wie sie im Pürzen, Springen, Kollern,
- So ungeschlacht zur Ebne schollern,
- Wie sie die nackten Hauer fletschen
- Und Wald und Berg im Sturz zerquetschen.
- Da war ich bang und furchtsam fast,
- Ich sprach: wer ist der schlimme Gast,
- Der erst ein Kindlein thörigt spielte,
- An Bienen nur sein Müthlein kühlte,
- Ein Tandmann schien, doch nun erwachsen
- So ungeheuer, ungelachsen,
- Daß kaum noch so viel Kraft der Welt,
- Daß sie ihn sich vom Halse hält?
- Das ist der Scherz, so sprach mein Freund,
- Der Groß und Klein dasselbe scheint;
- Oft ist er zart und lieb unschuldig,
- Doch wird er wild und ungeduldig,
- So kühlt er seinen Muth, den frechen,
- Und all's muß biegen oder brechen. --
- Kann man nicht, fragt' ich, Sitt' ihm lehren? --
- Das hieß ihn nur, sprach er, verkehren,
- Er acht't kein noch so klug Gebot,
- Und schreit nur, das thut mir nicht noth!
- So lassen sie ihm seinen Willen. --
- Da schlug urplötzlich aus dem Stillen
- Der Sang von tausend Nachtigallen,
- Die ließen ihre Klage schallen,
- Und aus dem grünen Waldesraum
- Erglänzt' ein leuchtend goldner Saum,
- Von Purpurkleidern, die erbeben
- In Gluth, wie sich die Glieder heben
- Vom schönsten weiblichen Gebilde,
- Sie schritt nun lächelnd zum Gefilde,
- Und kam aus dunkelm Wald hervor
- Wie Sonne durch des Morgens Thor,
- Das goldne Haar in Wellen fließend,
- Das lichte Aug' die Welt begrüßend,
- Das rothe Lächeln Wonne streuend,
- Des Leibes Glanz rings all erfreuend;
- So wie die Augen leuchtend gingen,
- Die Blumen an zu blühen fingen,
- Das Gras ward grüner, Wonnebeben
- Schien Stein und Felsen zu beleben,
- Die Wasser jauchzten, und im Innern
- Bewegt ein seliges Erinnern
- Der Erde allertiefstes Herz,
- Demant erwuchs und Goldes-Erz.
- Wer ist, fragt ich, die dort regiert,
- So zart und edel gliedmasirt,
- Die Klare, Holde, minniglich'?
- Nenn' ihren Namen, Knabe, sprich!
- Dir ist es also nicht bewußt,
- Sprach, Phantasus, in deiner Brust,
- Was Thier' und Pflanzen, Stein' empfinden,
- Ich muß dir ihren Namen künden?
- Die Liebe ist sie! Und alsbald
- Kannt' ich die göttliche Gestalt,
- Ich sprach im Flehn zu ihr: demüthig
- Komm' ich zu dir, o sei mir gütig,
- Wie du die ganze Welt beglückst,
- In jedes Herz die Wonne schickst,
- Gedenke mein, laß nicht mein Leben
- Als liebeleeren Traum verschweben.
- Gebietend hob sie auf die Hand,
- Da kamen aus dem grünen Land,
- Von Bergen, aus dem niedern Thal,
- Die Geister wimmelnd ohne Zahl,
- Aus Bächen huben sie sich schnell
- Und leuchteten von Schimmern hell,
- Die Bäume thaten all sich auf,
- Es sprangen vor mit munterm Lauf,
- Die zarten Elfen, und aus kleinen
- Blümlein wollten sie auch erscheinen,
- Gar klein gestalt, in Farben bunt:
- Da sang ein tausendfacher Mund
- Der hohen Göttin Lob und Dank,
- Gar wundersam war der Gesang,
- Sie sonnten sich in ihrem Lächeln
- Berauscht von ihres Othems Fächeln.
- Da wandt' sich Phantasus zu mir:
- Nun, Werther, wie gefällts dir hier?
- Ich wollte sprechen: seeliglich
- Dünkt mir dies Leben sicherlich,
- Doch nahm der allergrößte Schreck
- Mir plötzlich Stimm und Othem weg;
- Was ich für Grott' und Berg gehalten,
- Für Wald und Flur und Felsgestalten,
- Das war ein einzigs großes Haupt,
- Statt Haar und Bart mit Wald umlaubt,
- Still lächelt er, daß seine Kind'
- In Spielen glücklich vor ihm sind,
- Er winkt, und ahndungsvolles Brausen
- Wogt her in Waldes heil'gem Sausen,
- Da fiel ich auf die Knie nieder,
- Mir zitterten in Angst die Glieder,
- Ich sprach zum Kleinen nur das Wort:
- Sag an, was ist das Große dort?
- Der Kleine sprach: Dich faßt sein Graun,
- Weil du ihn darfst so plötzlich schaun,
- Das ist der Vater, unser Alter,
- Heißt Pan, von allem der Erhalter. --
- Ein mächt'ger Schauder faßte mich,
- Mit Zittern schnell erwachte ich,
- Und so bewegt von dem Gesicht
- Verkünd' ichs euch, verschweig' es nicht.
-
- * * * * *
-
-Nach einer Pause sagte Clara: ich glaube Ihren Sinn zu verstehn, aber
-unartig, ja grausam finde ich es, daß Sie über Ihre Krankheit scherzen,
-und zur Strafe dafür sollen Sie uns ohne auszuruhen sogleich das erste
-Mährchen mittheilen, denn ich hörte gestern, daß Ihnen der Beginn dieser
-Erzählungen zugesprochen sei. Anton fing an zu lesen.
-
-
-
-
- Der blonde Eckbert.
- 1796.
-
-
-In einer Gegend des Harzes wohnte ein Ritter, den man gewöhnlich nur den
-blonden Eckbert nannte. Er war ohngefähr vierzig Jahr alt, kaum von
-mittler Größe, und kurze hellblonde Haare lagen schlicht und dicht an
-seinem blassen eingefallenen Gesichte. Er lebte sehr ruhig für sich und
-war niemals in den Fehden seiner Nachbarn verwickelt, auch sah man ihn
-nur selten außerhalb den Ringmauern seines kleinen Schlosses. Sein Weib
-liebte die Einsamkeit eben so sehr, und beide schienen sich von Herzen
-zu lieben, nur klagten sie gewöhnlich darüber, daß der Himmel ihre Ehe
-mit keinen Kindern segnen wolle.
-
-Nur selten wurde Eckbert von Gästen besucht, und wenn es auch geschah,
-so wurde ihretwegen fast nichts in dem gewöhnlichen Gange des Lebens
-geändert, die Mäßigkeit wohnte dort, und die Sparsamkeit selbst schien
-alles anzuordnen. Eckbert war alsdann heiter und aufgeräumt, nur wenn er
-allein war, bemerkte man an ihm eine gewisse Verschlossenheit, eine
-stille zurückhaltende Melankolie.
-
-Niemand kam so häufig auf die Burg als Philipp Walther, ein Mann, dem
-sich Eckbert angeschlossen hatte, weil er an diesem ohngefähr dieselbe
-Art zu denken fand, der auch er am meisten zugethan war. Dieser wohnte
-eigentlich in Franken, hielt sich aber oft über ein halbes Jahr in der
-Nähe von Eckberts Burg auf, sammelte Kräuter und Steine, und
-beschäftigte sich damit, sie in Ordnung zu bringen, er lebte von einem
-kleinen Vermögen und war von Niemand abhängig. Eckbert begleitete ihn
-oft auf seinen einsamen Spaziergängen, und mit jedem Jahre entspann sich
-zwischen ihnen eine innigere Freundschaft.
-
-Es giebt Stunden, in denen es den Menschen ängstigt, wenn er vor seinem
-Freunde ein Geheimniß haben soll, was er bis dahin oft mit vieler
-Sorgfalt verborgen hat, die Seele fühlt dann einen unwiderstehlichen
-Trieb, sich ganz mitzutheilen, dem Freunde auch das Innerste
-aufzuschließen, damit er um so mehr unser Freund werde. In diesen
-Augenblicken geben sich die zarten Seelen einander zu erkennen, und
-zuweilen geschieht es wohl auch, daß einer vor der Bekanntschaft des
-andern zurück schreckt.
-
-Es war schon im Herbst, als Eckbert an einem neblichten Abend mit seinem
-Freunde und seinem Weibe Bertha um das Feuer eines Kamines saß. Die
-Flamme warf einen hellen Schein durch das Gemach und spielte oben an der
-Decke, die Nacht sah schwarz zu den Fenstern herein, und die Bäume
-draußen schüttelten sich vor nasser Kälte. Walther klagte über den
-weiten Rückweg, den er habe, und Eckbert schlug ihm vor, bei ihm zu
-bleiben, die halbe Nacht unter traulichen Gesprächen hinzubringen, und
-dann in einem Gemache des Hauses bis am Morgen zu schlafen. Walther ging
-den Vorschlag ein, und nun ward Wein und die Abendmahlzeit
-hereingebracht, das Feuer durch Holz vermehrt, und das Gespräch der
-Freunde heitrer und vertraulicher.
-
-Als das Abendessen abgetragen war, und sich die Knechte wieder entfernt
-hatten, nahm Eckbert die Hand Walthers und sagte: Freund, ihr solltet
-euch einmal von meiner Frau die Geschichte ihrer Jugend erzählen lassen,
-die seltsam genug ist. -- Gern, sagte Walther, und man setzte sich
-wieder um den Kamin.
-
-Es war jezt gerade Mitternacht, der Mond sah abwechselnd durch die
-vorüber flatternden Wolken. Ihr müßt mich nicht für zudringlich halten,
-fing Bertha an, mein Mann sagt, daß ihr so edel denkt, daß es unrecht
-sei, euch etwas zu verhehlen. Nur haltet meine Erzählung für kein
-Mährchen, so sonderbar sie auch klingen mag.
-
-Ich bin in einem Dorfe geboren, mein Vater war ein armer Hirte. Die
-Haushaltung bei meinen Eltern war nicht zum Besten bestellt, sie wußten
-sehr oft nicht, wo sie das Brod hernehmen sollten. Was mich aber noch
-weit mehr jammerte, war, daß mein Vater und meine Mutter sich oft über
-ihre Armuth entzweiten, und einer dem andern dann bittere Vorwürfe
-machte. Sonst hört' ich beständig von mir, daß ich ein einfältiges
-dummes Kind sei, das nicht das unbedeutendste Geschäft auszurichten
-wisse, und wirklich war ich äußerst ungeschickt und unbeholfen, ich ließ
-alles aus den Händen fallen, ich lernte weder nähen noch spinnen, ich
-konnte nichts in der Wirthschaft helfen, nur die Noth meiner Eltern
-verstand ich sehr gut. Oft saß ich dann im Winkel und füllte meine
-Vorstellungen damit an, wie ich ihnen helfen wollte, wenn ich plötzlich
-reich würde, wie ich sie mit Gold und Silber überschütten und mich an
-ihrem Erstaunen laben möchte, dann sah ich Geister herauf schweben, die
-mir unterirdische Schätze entdeckten, oder mir kleine Kiesel gaben, die
-sich in Edelsteine verwandelten, kurz, die wunderbarsten Phantasien
-beschäftigten mich, und wenn ich nun aufstehn mußte, um irgend etwas zu
-helfen, oder zu tragen, so zeigte ich mich noch viel ungeschickter, weil
-mir der Kopf von allen den seltsamen Vorstellungen schwindelte.
-
-Mein Vater war immer sehr ergrimmt auf mich, daß ich eine so ganz
-unnütze Last des Hauswesens sei, er behandelte mich daher oft ziemlich
-grausam, und es war selten, daß ich ein freundliches Wort von ihm
-vernahm. So war ich ungefähr acht Jahr alt geworden, und es wurden nun
-ernstliche Anstalten gemacht, daß ich etwas thun, oder lernen sollte.
-Mein Vater glaubte, es wäre nur Eigensinn oder Trägheit von mir, um
-meine Tage in Müssiggang hinzubringen, genug, er setzte mir mit
-Drohungen unbeschreiblich zu, da diese aber doch nichts fruchteten,
-züchtigte er mich auf die grausamste Art, indem er sagte, daß diese
-Strafe mit jedem Tage wiederkehren sollte, weil ich doch nur ein
-unnützes Geschöpf sei.
-
-Die ganze Nacht hindurch weint' ich herzlich, ich fühlte mich so
-außerordentlich verlassen, ich hatte ein solches Mitleid mit mir selber,
-daß ich zu sterben wünschte. Ich fürchtete den Anbruch des Tages, ich
-wußte durchaus nicht, was ich anfangen sollte, ich wünschte mir alle
-mögliche Geschicklichkeit und konnte gar nicht begreifen, warum ich
-einfältiger sei, als die übrigen Kinder meiner Bekanntschaft. Ich war
-der Verzweiflung nahe.
-
-Als der Tag graute, stand ich auf und eröffnete, fast ohne daß ich es
-wußte, die Thür unsrer kleinen Hütte. Ich stand auf dem freien Felde,
-bald darauf war ich in einem Walde, in den der Tag kaum noch hinein
-blickte. Ich lief immerfort, ohne mich umzusehn, ich fühlte keine
-Müdigkeit, denn ich glaubte immer, mein Vater würde mich noch wieder
-einholen, und, durch meine Flucht gereizt, mich noch grausamer
-behandeln.
-
-Als ich aus dem Walde wieder heraus trat, stand die Sonne schon ziemlich
-hoch, ich sah jezt etwas Dunkles vor mir liegen, welches ein dichter
-Nebel bedeckte. Bald mußte ich über Hügel klettern, bald durch einen
-zwischen Felsen gewundenen Weg gehn, und ich errieth nun, daß ich mich
-wohl in dem benachbarten Gebirge befinden müsse, worüber ich anfing mich
-in der Einsamkeit zu fürchten. Denn ich hatte in der Ebene noch keine
-Berge gesehn, und das bloße Wort Gebirge, wenn ich davon hatte reden
-hören, war meinem kindischen Ohr ein fürchterlicher Ton gewesen. Ich
-hatte nicht das Herz zurück zu gehn, meine Angst trieb mich vorwärts;
-oft sah ich mich erschrocken um, wenn der Wind über mir weg durch die
-Bäume fuhr, oder ein ferner Holzschlag weit durch den stillen Morgen
-hintönte. Als mir Köhler und Bergleute endlich begegneten und ich eine
-fremde Aussprache hörte, wäre ich vor Entsetzen fast in Ohnmacht
-gesunken.
-
-Ich kam durch mehrere Dörfer und bettelte, weil ich jezt Hunger und
-Durst empfand, ich half mir so ziemlich mit meinen Antworten durch, wenn
-ich gefragt wurde. So war ich ohngefähr vier Tage fortgewandert, als ich
-auf einen kleinen Fußsteig gerieth, der mich von der großen Straße immer
-mehr entfernte. Die Felsen um mich her gewannen jezt eine andre, weit
-seltsamere Gestalt. Es waren Klippen, so auf einander gepackt, daß es
-das Ansehn hatte, als wenn sie der erste Windstoß durch einander werfen
-würde. Ich wußte nicht, ob ich weiter gehn sollte. Ich hatte des Nachts
-immer im Walde geschlafen, denn es war gerade zur schönsten Jahrszeit,
-oder in abgelegenen Schäferhütten; hier traf ich aber gar keine
-menschliche Wohnung, und konnte auch nicht vermuthen, in dieser Wildniß
-auf eine zu stoßen; die Felsen wurden immer furchtbarer, ich mußte oft
-dicht an schwindlichten Abgründen vorbeigehn, und endlich hörte sogar
-der Weg unter meinen Füßen auf. Ich war ganz trostlos, ich weinte und
-schrie, und in den Felsenthälern hallte meine Stimme auf eine
-schreckliche Art zurück. Nun brach die Nacht herein, und ich suchte mir
-eine Moosstelle aus, um dort zu ruhn. Ich konnte nicht schlafen; in der
-Nacht hörte ich die seltsamsten Töne, bald hielt ich es für wilde
-Thiere, bald für den Wind, der durch die Felsen klage, bald für fremde
-Vögel. Ich betete, und ich schlief nur spät gegen Morgen ein.
-
-Ich erwachte, als mir der Tag ins Gesicht schien. Vor mir war ein
-steiler Felsen, ich kletterte in der Hoffnung hinauf, von dort den
-Ausgang aus der Wildniß zu entdecken, und vielleicht Wohnungen oder
-Menschen gewahr zu werden. Als ich aber oben stand, war alles, so weit
-nur mein Auge reichte, eben so, wie um mich her, alles war mit einem
-neblichten Dufte überzogen, der Tag war grau und trübe, und keinen Baum,
-keine Wiese, selbst kein Gebüsch konnte mein Auge erspähn, einzelne
-Sträucher ausgenommen, die einsam und betrübt in engen Felsenritzen
-empor geschossen waren. Es ist unbeschreiblich, welche Sehnsucht ich
-empfand, nur eines Menschen ansichtig zu werden, wäre es auch, daß ich
-mich vor ihm hätte fürchten müssen. Zugleich fühlte ich einen
-peinigenden Hunger, ich setzte mich nieder und beschloß zu sterben. Aber
-nach einiger Zeit trug die Lust zu leben dennoch den Sieg davon, ich
-raffte mich auf und ging unter Thränen, unter abgebrochenen Seufzern den
-ganzen Tag hindurch; am Ende war ich mir meiner kaum noch bewußt, ich
-war müde und erschöpft, ich wünschte kaum noch zu leben, und fürchtete
-doch den Tod.
-
-Gegen Abend schien die Gegend umher etwas freundlicher zu werden, meine
-Gedanken, meine Wünsche lebten wieder auf, die Lust zum Leben erwachte
-in allen meinen Adern. Ich glaubte jezt das Gesause einer Mühle aus der
-Ferne zu hören, ich verdoppelte meine Schritte, und wie wohl, wie leicht
-ward mir, als ich endlich wirklich die Gränzen der öden Felsen
-erreichte; ich sah Wälder und Wiesen mit fernen angenehmen Bergen wieder
-vor mir liegen. Mir war, als wenn ich aus der Hölle in ein Paradies
-getreten wäre, die Einsamkeit und meine Hülflosigkeit schienen mir nun
-gar nicht fürchterlich.
-
-Statt der gehofften Mühle stieß ich auf einen Wasserfall, der meine
-Freude freilich um vieles minderte; ich schöpfte mit der Hand einen
-Trunk aus dem Bache, als mir plötzlich war, als höre ich in einiger
-Entfernung ein leises Husten. Nie bin ich so angenehm überrascht worden,
-als in diesem Augenblick, ich ging näher und ward an der Ecke des Waldes
-eine alte Frau gewahr, die auszuruhen schien. Sie war fast ganz schwarz
-gekleidet und eine schwarze Kappe bedeckte ihren Kopf und einen großen
-Theil des Gesichtes, in der Hand hielt sie einen Krückenstock.
-
-Ich näherte mich ihr und bat um ihre Hülfe; sie ließ mich neben sich
-niedersitzen und gab mir Brod und etwas Wein. Indem ich aß, sang sie mit
-kreischendem Ton ein geistliches Lied. Als sie geendet hatte, sagte sie
-mir, ich möchte ihr folgen.
-
-Ich war über diesen Antrag sehr erfreut, so wunderlich mir auch die
-Stimme und das Wesen der Alten vorkam. Mit ihrem Krückenstocke ging sie
-ziemlich behende, und bei jedem Schritte verzog sie ihr Gesicht so, daß
-ich im Anfange darüber lachen mußte. Die wilden Felsen traten immer
-weiter hinter uns zurück, wir gingen über eine angenehme Wiese, und dann
-durch einen ziemlich langen Wald. Als wir heraus traten, ging die Sonne
-gerade unter, und ich werde den Anblick und die Empfindung dieses Abends
-nie vergessen. In das sanfteste Roth und Gold war alles verschmolzen,
-die Bäume standen mit ihren Wipfeln in der Abendröthe, und über den
-Feldern lag der entzückende Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume
-standen still, der reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes
-Paradies, und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das Flüstern
-der Bäume tönte durch die heitre Stille wie in wehmüthiger Freude. Meine
-junge Seele bekam jezt zuerst eine Ahndung von der Welt und ihren
-Begebenheiten. Ich vergaß mich und meine Führerin, mein Geist und meine
-Augen schwärmten nur zwischen den goldnen Wolken.
-
-Wir stiegen nun einen Hügel hinan, der mit Birken bepflanzt war, von
-oben sah man in ein grünes Thal voller Birken hinein, und unten mitten
-in den Bäumen lag eine kleine Hütte. Ein munteres Bellen kam uns
-entgegen, und bald sprang ein kleiner behender Hund die Alte an, und
-wedelte, dann kam er zu mir, besah mich von allen Seiten, und kehrte mit
-freundlichen Geberden zur Alten zurück.
-
-Als wir vom Hügel hinunter gingen, hörte ich einen wunderbaren Gesang,
-der aus der Hütte zu kommen schien, wie von einem Vogel, es sang also:
-
- Waldeinsamkeit,
- Die mich erfreut,
- So morgen wie heut
- In ewger Zeit,
- O wie mich freut
- Waldeinsamkeit.
-
-Diese wenigen Worte wurden beständig wiederholt; wenn ich es beschreiben
-soll, so war es fast, als wenn Waldhorn und Schallmeie ganz in der Ferne
-durch einander spielen.
-
-Meine Neugier war außerordentlich gespannt; ohne daß ich auf den Befehl
-der Alten wartete, trat ich mit in die Hütte. Die Dämmerung war schon
-eingebrochen, alles war ordentlich aufgeräumt, einige Becher standen auf
-einem Wandschranke, fremdartige Gefäße auf einem Tische, in einem
-glänzenden Käfig hing ein Vogel am Fenster, und er war es wirklich, der
-die Worte sang. Die Alte keichte und hustete, sie schien sich gar nicht
-wieder erholen zu können, bald streichelte sie den kleinen Hund, bald
-sprach sie mit dem Vogel, der ihr nur mit seinem gewöhnlichen Liede
-Antwort gab; übrigens that sie gar nicht, als wenn ich zugegen wäre.
-Indem ich sie so betrachtete, überlief mich mancher Schauer: denn ihr
-Gesicht war in einer ewigen Bewegung, indem sie dazu wie vor Alter mit
-dem Kopfe schüttelte, so daß ich durchaus nicht wissen konnte, wie ihr
-eigentliches Aussehn beschaffen war.
-
-Als sie sich erholt hatte, zündete sie Licht an, deckte einen ganz
-kleinen Tisch und trug das Abendessen auf. Jezt sah sie sich nach mir
-um, und hieß mir einen von den geflochtenen Rohrstühlen nehmen. So saß
-ich ihr nun dicht gegenüber und das Licht stand zwischen uns. Sie
-faltete ihre knöchernen Hände und betete laut, indem sie ihre
-Gesichtsverzerrungen machte, so daß es mich beinahe wieder zum Lachen
-gebracht hätte; aber ich nahm mich sehr in Acht, um sie nicht zu
-erboßen.
-
-Nach dem Abendessen betete sie wieder, und dann wies sie mir in einer
-niedrigen und engen Kammer ein Bett an; sie schlief in der Stube. Ich
-blieb nicht lange munter, ich war halb betäubt, aber in der Nacht wachte
-ich einigemal auf, und dann hörte ich die Alte husten und mit dem Hunde
-sprechen, und den Vogel dazwischen, der im Traum zu sein schien, und
-immer nur einzelne Worte von seinem Liede sang. Das machte mit den
-Birken, die vor dem Fenster rauschten, und mit dem Gesang einer
-entfernten Nachtigall ein so wunderbares Gemisch, daß es mir immer nicht
-war, als sei ich erwacht, sondern als fiele ich nur in einen andern noch
-seltsamern Traum.
-
-Am Morgen weckte mich die Alte, und wies mich bald nachher zur Arbeit
-an. Ich mußte spinnen, und ich begriff es auch bald, dabei hatte ich
-noch für den Hund und für den Vogel zu sorgen. Ich lernte mich schnell
-in die Wirthschaft finden, und alle Gegenstände umher wurden mir
-bekannt; nun war mir, als müßte alles so sein, ich dachte gar nicht mehr
-daran, daß die Alte etwas Seltsames an sich habe, daß die Wohnung
-abentheuerlich und von allen Menschen entfernt liege, und daß an dem
-Vogel etwas Außerordentliches sei. Seine Schönheit fiel mir zwar immer
-auf, denn seine Federn glänzten mit allen möglichen Farben, das schönste
-Hellblau und das brennendste Roth wechselten an seinem Halse und Leibe,
-und wenn er sang, blähte er sich stolz auf, so daß sich seine Federn
-noch prächtiger zeigten.
-
-Oft ging die Alte aus und kam erst am Abend zurück, ich ging ihr dann
-mit dem Hunde entgegen, und sie nannte mich Kind und Tochter. Ich ward
-ihr endlich von Herzen gut, wie sich unser Sinn denn an alles, besonders
-in der Kindheit, gewöhnt. In den Abendstunden lehrte sie mich lesen, ich
-fand mich leicht in die Kunst, und es ward nachher in meiner Einsamkeit
-eine Quelle von unendlichem Vergnügen, denn sie hatte einige alte
-geschriebene Bücher, die wunderbare Geschichten enthielten.
-
-Die Erinnerung an meine damalige Lebensart ist mir noch bis jezt immer
-seltsam: von keinem menschlichen Geschöpfe besucht, nur in einem so
-kleinen Familienzirkel einheimisch, denn der Hund und der Vogel machten
-denselben Eindruck auf mich, den sonst nur längst gekannte Freunde
-hervorbringen. Ich habe mich immer nicht wieder auf den seltsamen Namen
-des Hundes besinnen können, so oft ich ihn auch damals nannte.
-
-Vier Jahre hatte ich so mit der Alten gelebt, und ich mochte ohngefähr
-zwölf Jahr alt sein, als sie mir endlich mehr vertraute, und mir ein
-Geheimniß entdeckte. Der Vogel legte nehmlich an jedem Tage ein Ei, in
-dem sich eine Perl oder ein Edelstein befand. Ich hatte schon immer
-bemerkt, daß sie heimlich in dem Käfige wirthschafte, mich aber nie
-genauer darum bekümmert. Sie trug mir jezt das Geschäft auf, in ihrer
-Abwesenheit diese Eier zu nehmen und in den fremdartigen Gefäßen wohl zu
-verwahren. Sie ließ mir meine Nahrung zurück, und blieb nun länger aus,
-Wochen, Monate; mein Rädchen schnurrte, der Hund bellte, der wunderbare
-Vogel sang und dabei war alles so still in der Gegend umher, daß ich
-mich in der ganzen Zeit keines Sturmwindes, keines Gewitters erinnere.
-Kein Mensch verirrte sich dorthin, kein Wild kam unserer Behausung nahe,
-ich war zufrieden und arbeitete mich von einem Tage zum andern hinüber.
--- Der Mensch wäre vielleicht recht glücklich, wenn er so ungestört sein
-Leben bis ans Ende fortführen könnte.
-
-Aus dem wenigen, was ich las, bildete ich mir ganz wunderliche
-Vorstellungen von der Welt und den Menschen, alles war von mir und
-meiner Gesellschaft hergenommen: wenn von lustigen Leuten die Rede war,
-konnte ich sie mir nicht anders vorstellen wie den kleinen Spitz,
-prächtige Damen sahen immer wie der Vogel aus, alle alte Frauen wie
-meine wunderliche Alte. Ich hatte auch von Liebe etwas gelesen, und
-spielte nun in meiner Phantasie seltsame Geschichten mit mir selber. Ich
-dachte mir den schönsten Ritter von der Welt, ich schmückte ihn mit
-allen Vortrefflichkeiten aus, ohne eigentlich zu wissen, wie er nun nach
-allen meinen Bemühungen aussah: aber ich konnte ein rechtes Mitleid mit
-mir selber haben, wenn er mich nicht wieder liebte; dann sagte ich lange
-rührende Reden in Gedanken her, zuweilen auch wohl laut, um ihn nur zu
-gewinnen. -- Ihr lächelt! wir sind jezt freilich alle über diese Zeit
-der Jugend hinüber.
-
-Es war mir jezt lieber, wenn ich allein war, denn alsdann war ich selbst
-die Gebieterin im Hause. Der Hund liebte mich sehr und that alles was
-ich wollte, der Vogel antwortete mir in seinem Liede auf alle meine
-Fragen, mein Rädchen drehte sich immer munter, und so fühlte ich im
-Grunde nie einen Wunsch nach Veränderung. Wenn die Alte von ihren langen
-Wanderungen zurück kam, lobte sie meine Aufmerksamkeit, sie sagte, daß
-ihre Haushaltung, seit ich dazu gehöre, weit ordentlicher geführt werde,
-sie freute sich über mein Wachsthum und mein gesundes Aussehn, kurz, sie
-ging ganz mit mir wie mit einer Tochter um.
-
-Du bist brav, mein Kind! sagte sie einst zu mir mit einem schnarrenden
-Tone; wenn du so fort fährst, wird es dir auch immer gut gehn: aber nie
-gedeiht es, wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe folgt
-nach, wenn auch noch so spät. -- Indem sie das sagte, achtete ich eben
-nicht sehr darauf, denn ich war in allen meinen Bewegungen und meinem
-ganzen Wesen sehr lebhaft; aber in der Nacht fiel es mir wieder ein, und
-ich konnte nicht begreifen, was sie damit hatte sagen wollen. Ich
-überlegte alle Worte genau, ich hatte wohl von Reichthümern gelesen, und
-am Ende fiel mir ein, daß ihre Perlen und Edelsteine wohl etwas
-Kostbares sein könnten. Dieser Gedanke wurde mir bald noch deutlicher.
-Aber was konnte sie mit der rechten Bahn meinen? Ganz konnte ich den
-Sinn ihrer Worte noch immer nicht fassen.
-
-Ich war jezt vierzehn Jahr alt, und es ist ein Unglück für den Menschen,
-daß er seinen Verstand nur darum bekömmt, um die Unschuld seiner Seele
-zu verlieren. Ich begriff nehmlich wohl, daß es nur auf mich ankomme, in
-der Abwesenheit der Alten den Vogel und die Kleinodien zu nehmen, und
-damit die Welt, von der ich gelesen hatte, aufzusuchen. Zugleich war es
-mir dann vielleicht möglich, den überaus schönen Ritter anzutreffen, der
-mir immer noch im Gedächtnisse lag.
-
-Im Anfange war dieser Gedanke nichts weiter als jeder andre Gedanke,
-aber wenn ich so an meinem Rade saß, so kam er mir immer wider Willen
-zurück, und ich verlor mich so in ihm, daß ich mich schon herrlich
-geschmückt sah, und Ritter und Prinzen um mich her. Wenn ich mich so
-vergessen hatte, konnte ich ordentlich betrübt werden, wenn ich wieder
-aufschaute, und mich in der kleinen Wohnung antraf. Uebrigens, wenn ich
-meine Geschäfte that, bekümmerte sich die Alte nicht weiter um mein
-Wesen.
-
-An einem Tage ging meine Wirthin wieder fort, und sagte mir, daß sie
-diesmal länger als gewöhnlich ausbleiben werde, ich solle ja auf alles
-ordentlich Acht geben und mir die Zeit nicht lang werden lassen. Ich
-nahm mit einer gewissen Bangigkeit von ihr Abschied, denn es war mir,
-als würde ich sie nicht wieder sehn. Ich sah ihr lange nach und wußte
-selbst nicht, warum ich so beängstigt war; es war fast, als wenn mein
-Vorhaben schon vor mir stände, ohne mich dessen deutlich bewußt zu sein.
-
-Nie hab' ich des Hundes und des Vogels mit einer solchen Aemsigkeit
-gepflegt, sie lagen mir näher am Herzen, als sonst. Die Alte war schon
-einige Tage abwesend, als ich mit dem festen Vorsatze aufstand, mit dem
-Vogel die Hütte zu verlassen, und die sogenannte Welt aufzusuchen. Es
-war mir enge und bedrängt zu Sinne, ich wünschte wieder da zu bleiben,
-und doch war mir der Gedanke widerwärtig; es war ein seltsamer Kampf in
-meiner Seele, wie ein Streiten von zwei widerspenstigen Geistern in mir.
-In einem Augenblicke kam mir die ruhige Einsamkeit so schön vor, dann
-entzückte mich wieder die Vorstellung einer neuen Welt, mit allen ihren
-wunderbaren Mannichfaltigkeiten.
-
-Ich wußte nicht, was ich aus mir selber machen sollte, der Hund sprang
-mich unaufhörlich an, der Sonnenschein breitete sich munter über die
-Felder aus, die grünen Birken funkelten: ich hatte die Empfindung, als
-wenn ich etwas sehr Eiliges zu thun hätte, ich griff also den kleinen
-Hund, band ihn in der Stube fest, und nahm dann den Käfig mit dem Vogel
-unter den Arm. Der Hund krümmte sich und winselte über diese ungewohnte
-Behandlung, er sah mich mit bittenden Augen an, aber ich fürchtete mich,
-ihn mit mir zu nehmen. Noch nahm ich eins von den Gefäßen, das mit
-Edelsteinen angefüllt war, und steckte es zu mir, die übrigen ließ ich
-stehn.
-
-Der Vogel drehte den Kopf auf eine wunderliche Weise, als ich mit ihm
-zur Thür hinaus trat, der Hund strengte sich sehr an, mir nachzukommen,
-aber er mußte zurück bleiben.
-
-Ich vermied den Weg nach den wilden Felsen und ging nach der
-entgegengesetzten Seite. Der Hund bellte und winselte immerfort, und es
-rührte mich recht inniglich, der Vogel wollte einigemal zu singen
-anfangen, aber da er getragen ward, mußte es ihm wohl unbequem fallen.
-
-So wie ich weiter ging, hörte ich das Bellen immer schwächer, und
-endlich hörte es ganz auf. Ich weinte und wäre beinahe wieder umgekehrt,
-aber die Sucht etwas Neues zu sehn, trieb mich vorwärts.
-
-Schon war ich über Berge und durch einige Wälder gekommen, als es Abend
-ward, und ich in einem Dorfe einkehren mußte. Ich war sehr blöde, als
-ich in die Schenke trat, man wies mir eine Stube und ein Bette an, ich
-schlief ziemlich ruhig, nur daß ich von der Alten träumte, die mir
-drohte.
-
-Meine Reise war ziemlich einförmig, aber je weiter ich ging, je mehr
-ängstigte mich die Vorstellung von der Alten und dem kleinen Hunde; ich
-dachte daran, daß er wahrscheinlich ohne meine Hülfe verhungern müsse,
-im Walde glaubt' ich oft die Alte würde mir plötzlich entgegen treten.
-So legte ich unter Thränen und Seufzern den Weg zurück; so oft ich
-ruhte, und den Käfig auf den Boden stellte, sang der Vogel sein
-wunderliches Lied, und ich erinnerte mich dabei recht lebhaft des
-schönen verlassenen Aufenthalts. Wie die menschliche Natur vergeßlich
-ist, so glaubt' ich jezt, meine vormalige Reise in der Kindheit sei
-nicht so trübselig gewesen als meine jetzige; ich wünschte wieder in
-derselben Lage zu sein.
-
-Ich hatte einige Edelsteine verkauft und kam nun nach einer Wanderschaft
-von vielen Tagen in einem Dorfe an. Schon beim Eintritt ward mir
-wundersam zu Muthe, ich erschrak und wußte nicht worüber; aber bald
-erkannt' ich mich, denn es war dasselbe Dorf, in welchem ich geboren
-war. Wie ward ich überrascht! Wie liefen mir vor Freuden, wegen tausend
-seltsamer Erinnerungen, die Thränen von den Wangen! Vieles war
-verändert, es waren neue Häuser entstanden, andre, die man damals erst
-errichtet hatte, waren jezt verfallen, ich traf auch Brandstellen; alles
-war weit kleiner, gedrängter als ich erwartet hatte. Unendlich freute
-ich mich darauf, meine Eltern nun nach so manchen Jahren wieder zu sehn;
-ich fand das kleine Haus, die wohlbekannte Schwelle, der Griff der Thür
-war noch ganz so wie damals, es war mir, als hätte ich sie nur gestern
-angelehnt; mein Herz klopfte ungestüm, ich öffnete sie hastig, -- aber
-ganz fremde Gesichter saßen in der Stube umher und stierten mich an. Ich
-fragte nach dem Schäfer Martin, und man sagte mir, er sei schon seit
-drei Jahren mit seiner Frau gestorben. -- Ich trat schnell zurück, und
-ging laut weinend aus dem Dorfe hinaus.
-
-Ich hatte es mir so schön gedacht, sie mit meinem Reichthume zu
-überraschen; durch den seltsamsten Zufall war das nun wirklich geworden,
-was ich in der Kindheit immer nur träumte, -- und jezt war alles
-umsonst, sie konnten sich nicht mit mir freuen, und das, worauf ich am
-meisten immer im Leben gehofft hatte, war für mich auf ewig verloren.
-
-In einer angenehmen Stadt miethete ich mir ein kleines Haus mit einem
-Garten, und nahm eine Aufwärterin zu mir. So wunderbar, als ich es
-vermuthet hatte, kam mir die Welt nicht vor, aber ich vergaß die Alte
-und meinen ehemaligen Aufenthalt etwas mehr, und so lebt' ich im Ganzen
-recht zufrieden.
-
-Der Vogel hatte schon seit lange nicht mehr gesungen; ich erschrak daher
-nicht wenig, als er in einer Nacht plötzlich wieder anfing, und zwar mit
-einem veränderten Liede. Er sang:
-
- Waldeinsamkeit
- Wie liegst du weit!
- O dich gereut
- Einst mit der Zeit. --
- Ach einzge Freud
- Waldeinsamkeit!
-
-Ich konnte die Nacht hindurch nicht schlafen, alles fiel mir von neuem
-in die Gedanken, und mehr als jemals fühlt' ich, daß ich Unrecht gethan
-hatte. Als ich aufstand, war mir der Anblick des Vogels ordentlich
-zuwider, er sah immer nach mir hin, und seine Gegenwart ängstigte mich.
-Er hörte nun mit seinem Liede gar nicht wieder auf, und er sang es
-lauter und schallender, als er es sonst gewohnt gewesen war. Je mehr ich
-ihn betrachtete, je bänger machte er mich; ich öffnete endlich den
-Käfig, steckte die Hand hinein und faßte seinen Hals, herzhaft drückte
-ich die Finger zusammen, er sah mich bittend an, ich ließ los, aber er
-war schon gestorben. -- Ich begrub ihn im Garten.
-
-Jezt wandelte mich oft eine Furcht vor meiner Aufwärterin an, ich dachte
-an mich selbst zurück, und glaubte, daß sie mich auch einst berauben
-oder wohl gar ermorden könne. -- Schon lange kannt' ich einen jungen
-Ritter, der mir überaus gefiel, ich gab ihm meine Hand, -- und hiermit,
-Herr Walther, ist meine Geschichte geendigt.
-
-Ihr hättet sie damals sehn sollen, fiel Eckbert hastig ein, -- ihre
-Jugend, ihre Schönheit, und welch einen unbeschreiblichen Reiz ihr ihre
-einsame Erziehung gegeben hatte. Sie kam mir vor wie ein Wunder, und ich
-liebte sie ganz über alles Maaß. Ich hatte kein Vermögen, aber durch
-ihre Liebe kam ich in diesen Wohlstand, wir zogen hieher, und unsere
-Verbindung hat uns bis jezt noch keinen Augenblick gereut. --
-
-Aber über unser Schwatzen, fing Bertha wieder an, ist es schon tief in
-die Nacht geworden, -- wir wollen uns schlafen legen.
-
-Sie stand auf und ging nach ihrer Kammer. Walther wünschte ihr mit einem
-Handkusse eine gute Nacht, und sagte: Edle Frau, ich danke Euch, ich
-kann mir Euch recht vorstellen, mit dem seltsamen Vogel, und wie Ihr den
-kleinen _Strohmian_ füttert.
-
-Auch Walther legte sich schlafen, nur Eckbert ging noch unruhig im Saale
-auf und ab. -- Ist der Mensch nicht ein Thor? fing er endlich an; ich
-bin erst die Veranlassung, daß meine Frau ihre Geschichte erzählt, und
-jezt gereut mich diese Vertraulichkeit! -- Wird er sie nicht
-mißbrauchen? Wird er sie nicht andern mittheilen? Wird er nicht
-vielleicht, denn das ist die Natur des Menschen, eine unselige Habsucht
-nach unsern Edelgesteinen empfinden, und deswegen Plane anlegen und sich
-verstellen?
-
-Es fiel ihm ein, daß Walther nicht so herzlich von ihm Abschied genommen
-hatte, als es nach einer solchen Vertraulichkeit wohl natürlich gewesen
-wäre. Wenn die Seele erst einmal zum Argwohn gespannt ist, so trifft sie
-auch in allen Kleinigkeiten Bestätigungen an. Dann warf sich Eckbert
-wieder sein unedles Mißtrauen gegen seinen wackern Freund vor, und
-konnte doch nicht davon zurück kehren. Er schlug sich die ganze Nacht
-mit diesen Vorstellungen herum, und schlief nur wenig.
-
-Bertha war krank und konnte nicht zum Frühstück erscheinen; Walther
-schien sich nicht viel darum zu kümmern, und verließ auch den Ritter
-ziemlich gleichgültig. Eckbert konnte sein Betragen nicht begreifen; er
-besuchte seine Gattin, sie lag in einer Fieberhitze und sagte, die
-Erzählung in der Nacht müsse sie auf diese Art gespannt haben.
-
-Seit diesem Abend besuchte Walther nur selten die Burg seines Freundes,
-und wenn er auch kam, ging er nach einigen unbedeutenden Worten wieder
-weg. Eckbert ward durch dieses Betragen im äußersten Grade gepeinigt; er
-ließ sich zwar gegen Bertha und Walther nichts davon merken, aber jeder
-mußte doch seine innerliche Unruhe an ihm gewahr werden.
-
-Mit Berthas Krankheit ward es immer bedenklicher; der Arzt ward
-ängstlich, die Röthe von ihren Wangen war verschwunden, und ihre Augen
-wurden immer glühender. -- An einem Morgen ließ sie ihren Mann an ihr
-Bette rufen, die Mägde mußten sich entfernen.
-
-Lieber Mann, fing sie an, ich muß dir etwas entdecken, das mich fast um
-meinen Verstand gebracht hat, das meine Gesundheit zerrüttet, so eine
-unbedeutende Kleinigkeit es auch an sich scheinen möchte. -- Du weißt,
-daß ich mich immer nicht, so oft ich von meiner Kindheit sprach, trotz
-aller angewandten Mühe auf den Namen des kleinen Hundes besinnen konnte,
-mit welchem ich so lange umging; an jenem Abend sagte Walther beim
-Abschiede plötzlich zu mir: ich kann mir euch recht vorstellen, wie ihr
-den kleinen _Strohmian_ füttert. Ist das Zufall? Hat er den Namen
-errathen, weiß er ihn und hat er ihn mit Vorsatz genannt? Und wie hängt
-dieser Mensch dann mit meinem Schicksale zusammen? Zuweilen kämpfe ich
-mit mir, als ob ich mir diese Seltsamkeit nur einbilde, aber es ist
-gewiß, nur zu gewiß. Ein gewaltiges Entsetzen befiel mich, als mir ein
-fremder Mensch so zu meinen Erinnerungen half. Was sagst du, Eckbert?
-
-Eckbert sah seine leidende Gattin mit einem tiefen Gefühle an; er
-schwieg und dachte bei sich nach, dann sagte er ihr einige tröstende
-Worte und verließ sie. In einem abgelegenen Gemache ging er in
-unbeschreiblicher Unruhe auf und ab. Walther war seit vielen Jahren sein
-einziger Umgang gewesen, und doch war dieser Mensch jezt der einzige in
-der Welt, dessen Dasein ihn drückte und peinigte. Es schien ihm, als
-würde ihm froh und leicht sein, wenn nur dieses einzige Wesen aus seinem
-Wege gerückt werden könnte. Er nahm seine Armbrust, um sich zu
-zerstreuen und auf die Jagd zu gehn.
-
-Es war ein rauher stürmischer Wintertag, tiefer Schnee lag auf den
-Bergen und bog die Zweige der Bäume nieder. Er streifte umher, der
-Schweiß stand ihm auf der Stirne, er traf auf kein Wild, und das
-vermehrte seinen Unmuth. Plötzlich sah er sich etwas in der Ferne
-bewegen, es war Walther, der Moos von den Bäumen sammelte; ohne zu
-wissen was er that legte er an, Walther sah sich um, und drohte mit
-einer stummen Geberde, aber indem flog der Bolzen ab, und Walther
-stürzte nieder.
-
-Eckbert fühlte sich leicht und beruhigt, und doch trieb ihn ein Schauder
-nach seiner Burg zurück; er hatte einen großen Weg zu machen, denn er
-war weit hinein in die Wälder verirrt. -- Als er ankam, war Bertha schon
-gestorben; sie hatte vor ihrem Tode noch viel von Walther und der Alten
-gesprochen.
-
-Eckbert lebte nun eine lange Zeit in der größten Einsamkeit; er war
-schon sonst immer schwermüthig gewesen, weil ihn die seltsame Geschichte
-seiner Gattin beunruhigte, und er irgend einen unglücklichen Vorfall,
-der sich ereignen könnte, befürchtete: aber jezt war er ganz mit sich
-zerfallen. Die Ermordung seines Freundes stand ihm unaufhörlich vor
-Augen, er lebte unter ewigen innern Vorwürfen.
-
-Um sich zu zerstreuen, begab er sich zuweilen nach der nächsten großen
-Stadt, wo er Gesellschaften und Feste besuchte. Er wünschte durch irgend
-einen Freund die Leere in seiner Seele auszufüllen, und wenn er dann
-wieder an Walther zurück dachte, so erschrak er vor dem Gedanken, einen
-Freund zu finden, denn er war überzeugt, daß er nur unglücklich mit
-jedwedem Freunde sein könne. Er hatte so lange mit Bertha in einer
-schönen Ruhe gelebt, die Freundschaft Walthers hatte ihn so manches Jahr
-hindurch beglückt, und jezt waren beide so plötzlich dahin gerafft, daß
-ihm sein Leben in manchen Augenblicken mehr wie ein seltsames Mährchen,
-als wie ein wirklicher Lebenslauf erschien.
-
-Ein junger Ritter, _Hugo_, schloß sich an den stillen betrübten Eckbert,
-und schien eine wahrhafte Zuneigung gegen ihn zu empfinden. Eckbert fand
-sich auf eine wunderbare Art überrascht, er kam der Freundschaft des
-Ritters um so schneller entgegen, je weniger er sie vermuthet hatte.
-Beide waren nun häufig beisammen, der Fremde erzeigte Eckbert alle
-möglichen Gefälligkeiten, einer ritt fast nicht mehr ohne den andern
-aus; in allen Gesellschaften trafen sie sich, kurz, sie schienen
-unzertrennlich.
-
-Eckbert war immer nur auf kurze Augenblicke froh, denn er fühlte es
-deutlich, daß ihn Hugo nur aus einem Irrthume liebe; jener kannte ihn
-nicht, wußte seine Geschichte nicht, und er fühlte wieder denselben
-Drang, sich ihm ganz mitzutheilen, damit er versichert sein könne, ob
-jener auch wahrhaft sein Freund sei. Dann hielten ihn wieder
-Bedenklichkeiten und die Furcht, verabscheut zu werden, zurück. In
-manchen Stunden war er so sehr von seiner Nichtswürdigkeit überzeugt,
-daß er glaubte, kein Mensch, für den er nicht ein völliger Fremdling
-sei, könne ihn seiner Achtung würdigen. Aber dennoch konnte er sich
-nicht widerstehn; auf einem einsamen Spazierritte entdeckte er seinem
-Freunde seine ganze Geschichte, und fragte ihn dann, ob er wohl einen
-Mörder lieben könne. Hugo war gerührt, und suchte ihn zu trösten;
-Eckbert folgte ihm mit leichterm Herzen zur Stadt.
-
-Es schien aber seine Verdammniß zu seyn, gerade in der Stunde des
-Vertrauens Argwohn zu schöpfen, denn kaum waren sie in den Saal
-getreten, als ihm beim Schein der vielen Lichter die Mienen seines
-Freundes nicht gefielen. Er glaubte ein hämisches Lächeln zu bemerken,
-es fiel ihm auf, daß er nur wenig mit ihm spreche, daß er mit den
-Anwesenden viel rede, und seiner gar nicht zu achten scheine. Ein alter
-Ritter war in der Gesellschaft, der sich immer als den Gegner Eckberts
-gezeigt, und sich oft nach seinem Reichthum und seiner Frau auf eine
-eigne Weise erkundigt hatte; zu diesem gesellte sich Hugo, und beide
-sprachen eine Zeitlang heimlich, indem sie nach Eckbert hindeuteten.
-Dieser sah jezt seinen Argwohn bestätigt, er glaubte sich verrathen, und
-eine schreckliche Wuth bemeisterte sich seiner. Indem er noch immer
-hinstarrte, sah er plötzlich Walthers Gesicht, alle seine Mienen, die
-ganze, ihm so wohl bekannte Gestalt, er sah noch immer hin und ward
-überzeugt, daß Niemand als _Walther_ mit dem Alten spreche. -- Sein
-Entsetzen war unbeschreiblich; außer sich stürzte er hinaus, verließ
-noch in der Nacht die Stadt, und kehrte nach vielen Irrwegen auf seine
-Burg zurück.
-
-Wie ein unruhiger Geist eilte er jezt von Gemach zu Gemach, kein Gedanke
-hielt ihm Stand, er verfiel von entsetzlichen Vorstellungen auf noch
-entsetzlichere, und kein Schlaf kam in seine Augen. Oft dachte er, daß
-er wahnsinnig sei, und sich nur selber durch seine Einbildung alles
-erschaffe; dann erinnerte er sich wieder der Züge Walthers, und alles
-ward ihm immer mehr ein Räthsel. Er beschloß eine Reise zu machen, um
-seine Vorstellungen wieder zu ordnen; den Gedanken an Freundschaft, den
-Wunsch nach Umgang hatte er nun auf ewig aufgegeben.
-
-Er zog fort, ohne sich einen bestimmten Weg vorzusetzen, ja er
-betrachtete die Gegenden nur wenig, die vor ihm lagen. Als er im
-stärksten Trabe seines Pferdes einige Tage so fort geeilt war, sah er
-sich plötzlich in einem Gewinde von Felsen verirrt, in denen sich
-nirgend ein Ausweg entdecken ließ. Endlich traf er auf einen alten
-Bauer, der ihm einen Pfad, einem Wasserfall vorüber, zeigte: er wollte
-ihm zur Danksagung einige Münzen geben, der Bauer aber schlug sie aus.
--- Was gilts, sagte Eckbert zu sich selber, ich könnte mir wieder
-einbilden, daß dies Niemand anders als Walther sei? -- Und indem sah er
-sich noch einmal um, und es war Niemand anders als Walther. -- Eckbert
-spornte sein Roß so schnell es nur laufen konnte, durch Wiesen und
-Wälder, bis es erschöpft unter ihm zusammen stürzte. -- Unbekümmert
-darüber setzte er nun seine Reise zu Fuß fort.
-
-Er stieg träumend einen Hügel hinan; es war, als wenn er ein nahes
-munteres Bellen vernahm, Birken säuselten dazwischen, und er hörte mit
-wunderlichen Tönen ein Lied singen:
-
- Waldeinsamkeit
- Mich wieder freut,
- Mir geschieht kein Leid,
- Hier wohnt kein Neid,
- Von neuem mich freut
- Waldeinsamkeit.
-
-Jezt war es um das Bewußtsein, um die Sinne Eckberts geschehn; er konnte
-sich nicht aus dem Räthsel heraus finden, ob er jezt träume, oder
-ehemals von einem Weibe Bertha geträumt habe; das Wunderbarste
-vermischte sich mit dem Gewöhnlichsten, die Welt um ihn her war
-verzaubert, und er keines Gedankens, keiner Erinnerung mächtig.
-
-Eine krummgebückte Alte schlich hustend mit einer Krücke den Hügel
-heran. Bringst du mir meinen Vogel? Meine Perlen? Meinen Hund? schrie
-sie ihm entgegen. Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst: Niemand als
-ich war dein Freund Walther, dein Hugo. --
-
-Gott im Himmel! sagte Eckbert stille vor sich hin, -- in welcher
-entsetzlichen Einsamkeit hab' ich dann mein Leben hingebracht! --
-
-Und Bertha war deine Schwester.
-
-Eckbert fiel zu Boden.
-
-Warum verließ sie mich tückisch? Sonst hätte sich alles gut und schön
-geendet, ihre Probezeit war ja schon vorüber. Sie war die Tochter eines
-Ritters, die er bei einem Hirten erziehn ließ, die Tochter deines
-Vaters.
-
-Warum hab' ich diesen schrecklichen Gedanken immer geahndet? rief
-Eckbert aus.
-
-Weil du in früher Jugend deinen Vater einst davon erzählen hörtest; er
-durfte seiner Frau wegen diese Tochter nicht bei sich erziehn lassen,
-denn sie war von einem andern Weibe. --
-
-Eckbert lag wahnsinnig und verscheidend auf dem Boden; dumpf und
-verworren hörte er die Alte sprechen, den Hund bellen, und den Vogel
-sein Lied wiederholen.
-
- * * * * *
-
-Nach einer Pause sagte Clara: Sie sehn, lieber Anton, daß uns allen jene
-Thränen eines heimlichen Grauens in den Augen stehen, und ich denke, Sie
-haben großentheils das Versprechen Ihres Phantasus erfüllt. Aber
-erlauben Sie mir zu fragen: ist diese Erzählung Ihre eigene Erfindung,
-oder eine nachgeahmte?
-
-Ich darf sie, antwortete Anton, wohl für meine Erfindung ausgeben, da
-ich mich nicht erinnere, eine ähnliche Geschichte anderswo gelesen zu
-haben; auch denke ich, ist es in der Aufgabe begriffen gewesen, daß nur
-selbst ersonnene Mährchen vorgetragen werden sollen; wenigstens habe ich
-es so verstanden, und ich hoffe, daß auch alle meine Freunde meinem
-Beispiele heute folgen werden.
-
-Versprich dies nicht so im Allgemeinen, wandte Friedrich ein.
-
-Wollte man freilich, fuhr Anton fort, genau erzählen, aus welchen
-Erinnerungen der Kindheit, aus welchen Bildern, die man im Lesen, oder
-oft aus ganz unbedeutenden mündlichen Erzählungen aufgreift, dergleichen
-sogenannte Erfindungen zusammengesetzt werden, so könnte man daraus
-wieder eine Art von seltsamer, mährchenartiger Geschichte bilden.
-
-Es ist ängstlich, sagte Ernst, dergleichen Kleinigkeiten zu gründlich zu
-nehmen. Ich erinnere mich mancher Gesellschaft, in der spitz- und
-salzlose Anekdoten schlecht vorgetragen wurden, die man nachher eben so
-unwitzig kritisirte, mit Schrecken, und wenn auch etwas ähnliches hier
-nicht zu besorgen steht, so wünschte ich doch wohl, daß unsre schönen
-Richterinnen sich nicht zu eifrig um den Grund und Boden bekümmern
-möchten, auf welchem unsre Poesien gewachsen sind; ein wesenloser Traum
-büßt, auch durch geringe Störung, zu leicht seine ganze Wirkung ein.
-
-Daß ich fragte, antwortete Clara, geschah nicht aus kritischem
-Interesse, sondern weil ich, was vielleicht Schwäche sein mag, auf die
-ursprüngliche Erfindung einer Dichtung sehr viel halte, denn die Kraft
-des Erfindens scheint mir, mit aller Ehrfurcht von der übrigen Kunst
-gesprochen, etwas so Eigenthümliches, daß ich mich für denjenigen
-Dichter besonders interessire, welcher nicht nachahmt, sondern zum
-erstenmal ein Ding vorträgt, welches unsre Imagination ergreift. Beim
-dramatischen Dichter, wenn er es wahrhaft ist, tritt wohl eine andere
-Erfindungskunst ein, als beim erzählenden, denn freilich möchte ich
-lieber eine Scene in »Wie es Euch gefällt« geschrieben haben, als die
-Novelle erfunden, aus welcher dies Lustspiel entsprungen ist. Der
-Erzähler kann seinen Gegenstand, wenn dieser interessant ist, schmücken
-und erheben, seinen Geschmack und seine Kunst in der Umbildung beweisen;
-ich frage aber immer gern: wer hat diese Sache zuerst ersonnen, falls
-sie sich nicht wirklich zugetragen hat?
-
-Ich gebe Ihnen gern Recht, sagte Ernst, und um so lieber, weil ich Ihnen
-mit meinem Gedichte dann etwas dreister nahen darf, da ich es wenigstens
-für eigene Erfindung ausgeben kann. In sofern freilich nicht, als die
-Vorstellung vom verzauberten Berge der Venus im Mittelalter allgemein
-verbreitet war, aber das Gedicht vom Tannenhäuser hatte ich, damals so
-wie jezt, noch nicht gelesen, eben so wenig kannte ich damals die
-Niebelungen, sondern nur das Heldenbuch, in dessen Vorrede ein getreuer
-Eckart erwähnt wird, der die jungen Harlungen beschützt, und der nachher
-beim Hans Sachs und andern Dichtern oftmals sprichwörtlich vorkömmt, und
-immer vor dem Berge der Venus Wache hält. Aus diesen allgemeinen,
-unbestimmten Vorstellungen, in welche ich noch die Sage von dem
-berüchtigten Rattenfänger von Hameln aufgenommen und verkleidet habe,
-ist folgendes Gedicht entstanden.
-
-
-
-
- Der getreue Eckart
- und
- der Tannenhäuser.
- In zwei Abschnitten.
- 1799.
-
-
-
-
- Erster Abschnitt.
-
-
- Der edle Herzog groß
- Von dem Burgunder Lande
- Litt manchen Feindesstoß
- Wohl auf dem ebnen Sande.
-
- Er sprach: mich schlägt der Feind,
- Mein Muth ist mir entwichen,
- Die Freunde sind erblichen,
- Die Knecht' geflohen seind!
-
- Ich kann mich nicht mehr regen,
- Nicht Waffen führen kann:
- Wo bleibt der edle Degen,
- Eckart der treue Mann?
-
- Er war mir sonst zur Seite
- In jedem harten Strauß,
- Doch leider blieb er heute
- Daheim bei sich zu Haus.
-
- Es mehren sich die Haufen,
- Ich muß gefangen sein,
- Mag nicht wie Knecht entlaufen,
- Drum will ich sterben fein! --
-
- So klagt der von Burgund,
- Will sein Schwert in sich stechen:
- Da kommt zur selben Stund
- Eckart, den Feind zu brechen.
-
- Geharnischt reit't der Degen
- Keck in den Feind hinein,
- Ihm folgt die Schaar verwegen
- Und auch der Sohne sein.
-
- Burgund erkennt die Zeichen,
- Und ruft: Gott sei gelobt!
- Die Feinde mußten weichen
- Die wüthend erst getobt.
-
- Da schlug mit treuem Muthe
- Eckart ins Volk hinein,
- Doch schwamm im rothen Blute
- Sein zartes Söhnelein.
-
- Als nun der Feind bezwungen,
- Da sprach der Herzog laut:
- Es ist dir wohl gelungen,
- Doch so, daß es mir graut;
-
- Du hast viel Mann geworben
- Zu retten Reich und Leben,
- Dein Söhnlein liegt erstorben,
- Kann's dir nicht wieder geben. --
-
- Der Eckart weinet fast,
- Bückt sich der starke Held,
- Und nimmt die theure Last,
- Den Sohn in Armen hält.
-
- Wie starbst du, Heinz, so frühe,
- Und warst noch kaum ein Mann?
- Mich reut nicht meine Mühe,
- Ich seh' dich gerne an,
-
- Weil wir dich, Fürst, erlösten,
- Aus deiner Feinde Hohn,
- Und drum will ich mich trösten,
- Ich schenke dir den Sohn.
-
- Da ward dem Burgund trübe
- Vor seiner Augen Licht,
- Weil diese große Liebe
- Sein edles Herze bricht.
-
- Er weint die hellen Zähren
- Und fällt ihm an die Brust:
- Dich, Held, muß ich verehren,
- Spricht er in Leid und Lust,
-
- So treu bist du geblieben,
- Da alles von mir wich,
- So will ich nun auch lieben
- Wie meinen Bruder dich,
-
- Und sollst in ganz Burgunde
- So gelten wie der Herr,
- Wenn ich mehr lohnen kunnte,
- Ich gäbe gern noch mehr.
-
- Als dies das Land erfahren,
- So freut sich jedermann,
- Man nennt den Held seit Jahren
- Eckart den treuen Mann.
-
-Die Stimme eines alten Landmanns klang über die Felsen herüber, der
-dieses Lied sang, und der getreue Eckart saß in seinem Unmuthe auf dem
-Berghang und weinte laut. Sein jüngstes Söhnlein stand neben ihm und
-fragte: Warum weinst du also laut, mein Vater Eckart? Wie bist du doch
-so groß und stark, höher und kräftiger, als alle übrige Männer, vor wem
-darfst du dich denn fürchten?
-
-Indem zog die Jagd des Herzogs heim nach Hause. Burgund saß auf einem
-stattlichen, schön geschmückten Rosse, und Gold und Geschmeide des
-fürstlichen Herzogs flimmerte und blinkte in der Abendsonne, so daß der
-junge Conrad den herrlichen Aufzug nicht genug sehn, nicht genug preisen
-konnte. Der getreue Eckart erhob sich und schaute finster hinüber, und
-der junge Conrad sang, nachdem er die Jagd aus dem Gesichte verloren
-hatte:
-
- Wann du willt
- Schwerdt und Schild,
- Gutes Roß,
- Speer und Geschoß
- Führen:
- Muß dein Mark
- In Beinen stark,
- Dir im Blut
- Mannesmuth
- Gar kräftiglich regieren!
-
-Der Alte nahm den Sohn und herzte ihn, wobei er gerührt seine großen
-hellblauen Augen anschaute. Hast du das Lied jenes guten Mannes gehört?
-fragte er ihn dann.
-
-Wie nicht? sprach der Sohn, hat er es doch laut genug gesungen, und bist
-du ja doch der getreue Eckart, so daß ich gern zuhörte.
-
-Derselbe Herzog ist jezt mein Feind, sprach der alte Vater; er hält mir
-meinen zweiten Sohn gefangen, ja hat ihn schon hingerichtet, wenn ich
-dem trauen darf, was die Leute im Lande sagen.
-
-Nimm dein großes Schwerdt und duld' es nicht, sagte der Sohn; sie müssen
-ja alle vor dir zittern, und alle Leute im ganzen Lande werden dir
-beistehn, denn du bist ihr größter Held im Lande.
-
-Nicht also, mein Sohn, sprach jener, dann wäre ich der, für den mich
-meine Feinde ausgeben, ich darf nicht an meinem Landesherren ungetreu
-werden, nein, ich darf nicht den Frieden brechen, den ich ihm angelobt
-und in seine Hände versprochen.
-
-Aber was will er von uns? fragte Conrad ungeduldig.
-
-Der Eckart setzte sich wieder nieder und sagte: mein Sohn, die ganze
-Erzählung davon würde zu umständlich lauten, und du würdest es dennoch
-kaum verstehn. Der Mächtige hat immer seinen größten Feind in seinem
-eigenen Herzen, den er so Tag wie Nacht fürchtet: so meint der Burgund
-nunmehr, er habe mir zu viel getraut, und in mir eine Schlange an seinem
-Busen auferzogen. Sie nennen mich im Land den kühnsten Degen, sie sagen
-laut, daß er mir Reich und Leben zu danken, ich heiße der getreue
-Eckart, und so wenden sich Bedrängte und Nothleidende zu mir, daß ich
-ihnen Hülfe schaffe; das kann er nicht leiden. So hat er Groll auf mich
-geworfen, und jeder, der bei ihm gelten möchte, vermehrt sein Mißtrauen
-zu mir: so hat sich endlich sein Herz von mir abgewendet.
-
-Hierauf erzählte ihm der Held Eckart mit schlichten Worten, daß ihn der
-Herzog von seinem Angesichte verbannt habe, und daß sie sich ganz fremd
-geworden seien, weil jener geargwohnt, er wolle ihm gar sein Herzogthum
-entreißen. In Betrübniß fuhr er fort, wie der Herzog ihm seinen Sohn
-gefangen genommen, und ihm selber, als einem Verräther, nach dem Leben
-stehe. Conrad sprach zu seinem Vater: so laß mich nun hingehn, mein
-alter Vater, und mit dem Herzoge reden, damit er verständig und dir
-gewogen werde; hat er meinen Bruder erwürgt, so ist er ein böser Mann,
-und du sollst ihn strafen, doch kann es nicht sein, weil er nicht so
-schnöde deiner großen Dienste vergessen kann.
-
-Weißt du nicht den alten Spruch, sagte Eckart:
-
- Wenn der Mächtge dein begehrt,
- Bist du ihm als Freund was werth,
- Wie die Noth von ihm gewichen,
- Ist die Freundschaft auch erblichen.
-
-Ja, mein ganzes Leben ist unnütz verschwendet: warum machte er mich
-groß, um mich dann desto tiefer hinab zu werfen? Die Freundschaft der
-Fürsten ist wie ein tödtendes Gift, das man nur gegen Feinde nützen
-kann, und womit sich der Eigner aus Unbedacht endlich selbst erwürgt.
-
-Ich will zum Herzoge hin, rief Conrad aus, ich will ihm alles, was du
-gethan, was du für ihn gelitten, in die Seele zurück rufen, und er wird
-wieder seyn, wie ehemals.
-
-Du hast vergessen, sagte Eckart, daß man uns für Verräther ausgerufen
-hat, darum laß uns mit einander flüchten, in ein fremdes Land, wo wir
-wohl ein besseres Glück antreffen mögen.
-
-In deinem Alter, sagte Conrad, willst du deiner lieben Heimath noch den
-Rücken wenden? Nein, laß uns lieber alles andere versuchen. Ich will zum
-Burgunder, ihn versöhnen und zufrieden stellen; denn was kann er mir
-thun wollen, wenn er dich auch haßt und fürchtet?
-
-Ich lasse dich sehr ungern, sagte Eckart, meine Seele weissagt mir
-nichts Gutes, und doch möcht' ich gern mit ihm versöhnt sein, denn er
-ist mein alter Freund, auch deinen Bruder erretten, der in gefänglicher
-Haft bei ihm schmachtet.
-
-Die Sonne warf ihre letzten milden Strahlen auf die grüne Erde, und
-Eckart setzte sich nachdenkend nieder, an einem Baumstamm gelehnt, er
-beschaute den Conrad lange Zeit und sagte dann: wenn du gehen willst,
-mein Sohn, so gehe jezt, bevor die Nacht vollends herein bricht; die
-Fenster in der herzoglichen Burg glänzen schon von Lichtern, ich
-vernehme aus der Ferne Trompetentöne vom Feste, vielleicht ist die
-Gemalin seines Sohnes schon angelangt und sein Gemüth freundlicher gegen
-uns.
-
-Ungern ließ er den Sohn von sich, weil er seinem Glücke nicht mehr
-traute; der junge Conrad aber war um so muthiger, weil es ihm ein
-leichtes dünkte, das Gemüth des Herzoges umzuwenden, der noch vor
-weniger Zeit so freundlich mit ihm gespielt hatte. Kommst du mir gewiß
-zurück, mein liebstes Kind? klagte der Alte, wenn du mir verloren gehst,
-ist keiner mehr von meinem Stamme übrig. Der Knabe tröstete ihn, und
-schmeichelte mit Liebkosungen dem Greise; sie trennten sich endlich.
-
-Conrad klopfte an die Pforte der Burg und ward eingelassen, der alte
-Eckart blieb draußen in der Nacht allein. Auch diesen habe ich verloren,
-klagte er in der Einsamkeit, ich werde sein Angesicht nicht wieder sehn.
-Indem er so jammerte, wankte an einem Stabe ein Greis daher, der die
-Felsen hinab steigen wollte, und bei jedem Schritte zu fürchten schien,
-daß er in den Abgrund stürzen möchte. Wie Eckart die Gebrechlichkeit des
-Alten wahrnahm, reichte er ihm die Hand, daß er sicher herunter steigen
-möchte. Woher des Weges? fragte ihn Eckart.
-
-Der Alte setzte sich nieder und fing an zu weinen, daß ihm die hellen
-Thränen die Wangen hinunter liefen. Eckart wollte ihn mit gelinden und
-vernünftigen Worten trösten, aber der sehr bekümmerte Greis schien auf
-seine wohlgemeinten Reden nicht zu achten, sondern sich seinen Schmerzen
-noch ungemäßigter zu ergeben. Welcher Gram kann euch denn so gar sehr
-niederbeugen, fragte er endlich, daß ihr gänzlich davon überwältigt
-seid?
-
-Ach meine Kinder! klagte der Alte. Da dachte Eckart an Conrad, Heinz und
-Dietrich, und war selbst alles Trostes verlustig; ja, wenn eure Kinder
-gestorben sind, sprach er, dann ist euer Elend warlich sehr groß.
-
-Schlimmer als gestorben, versetzte hierauf der Alte mit seiner
-jammernden Stimme, denn sie sind nicht todt, aber ewig für mich
-verloren. O wollte der Himmel, daß sie nur gestorben wären!
-
-Der Held erschrak über diese seltsamen Worte, und bat den Greis, ihm
-dieses Räthsel aufzulösen, worauf jener sagte: Wir leben warlich in
-einer wunderbarlichen Zeit, die wohl die letzten Tage bald herbei führen
-wird, denn die erschrecklichsten Zeichen fallen dräuend in die Welt
-herein. Alles Unheil macht sich von den alten Ketten los, und streift
-nun frank und frei herum; die Furcht Gottes versiegt und verrinnt, und
-findet kein Strombett, in das sie sich sammeln möchte, und die bösen
-Kräfte stehn kecklich in ihren Winkeln auf, und feiern ihren Triumph. O
-mein lieber Herr, wir sind alt geworden, aber für dergleichen
-Wundergeschichten noch nicht alt genug. Ihr werdet ohne Zweifel den
-Cometen gesehen haben, dieses wunderbare Himmelslicht, das so
-prophetisch hernieder scheint; alle Welt weissagt Uebles, und keiner
-denkt daran, mit sich selbst die Besserung anzufahn und so die Ruthe
-abzuwenden. Dies ist nicht genug, sondern aus der Erde thun sich
-Wunderwerke hervor und brechen geheimnißvoll von unten herauf, wie das
-Licht schrecklich von oben herniederscheint. Habt ihr niemals von dem
-Berge gehört, den die Leute nur den Berg der Venus nennen?
-
-Niemalen, sagte Eckart, so weit ich auch herum gekommen bin.
-
-Darüber muß ich mich verwundern, sagte der Alte, denn die Sache ist jezt
-eben so bekannt, als sie wahrhaftig ist. In diesen Berg haben sich die
-Teufel hinein geflüchtet, und sich in den wüsten Mittelpunkt der Erde
-gerettet, als das aufwachsende heilige Christenthum den heidnischen
-Götzendienst stürzte. Hier, sagt man nun, solle vor allen Frau Venus Hof
-halten, und alle ihre höllischen Heerschaaren der weltlichen Lüste und
-verbotenen Wünsche um sich versammeln, so daß das Gebirge auch verflucht
-seit undenklichen Zeiten gelegen hat.
-
-Doch nach welcher Gegend liegt der Berg? fragte Eckart.
-
-Das ist das Geheimniß, sprach der Alte, daß dieses Niemand zu sagen
-weiß, als der sich schon dem Satan zu eigen gegeben, es fällt auch
-keinem Unschuldigen ein, ihn aufsuchen zu wollen. Ein Spielmann von
-wunderseltner Art ist plötzlich von unten hervor gekommen, den die
-Höllischen als ihren Abgesandten ausgeschickt haben; dieser durchzieht
-die Welt, und spielt und musizirt auf einer Pfeifen, daß die Töne weit
-in den Gegenden wieder klingen. Wer nun diese Klänge vernimmt, der wird
-von ihnen mit offenbarer, doch unerklärlicher Gewalt erfaßt, und fort,
-fort in die Wildniß getrieben, er sieht den Weg nicht, den er geht, er
-wandert und wandert und wird nicht müde, seine Kräfte nehmen zu wie
-seine Eile, keine Macht kann ihn aufhalten, so rennt er rasend in den
-Berg hinein, und findet ewig niemals den Rückweg wieder. Diese Macht ist
-der Hölle jezt zurück gegeben, und von entgegengesetzten Richtungen
-wandeln nun die unglückseligen verkehrten Pilgrimme hin, wo keine
-Rettung zu erwarten steht. Ich hatte an meinen beiden Söhnen schon seit
-lange keine Freude mehr erlebt, sie waren wüst und ohne Sitten, sie
-verachteten so Eltern wie Religion; nun hat sie der Klang ergriffen und
-angefaßt, sie sind davon und in die Weite, die Welt ist ihnen zu enge,
-und sie suchen in der Hölle Raum.
-
-Und was denkt ihr bei diesen Dingen zu thun? fragte Eckart.
-
-Mit dieser Krücke habe ich mich aufgemacht, antwortete der Alte, um die
-Welt zu durchstreifen, sie wieder zu finden, oder vor Müdigkeit und Gram
-zu sterben.
-
-Mit diesen Worten riß er sich mit großer Anstrengung aus seiner Ruhe
-auf, und eilte fort so schnell er nur konnte, als wenn er sein Liebstes
-auf der Welt versäumen möchte, und Eckart sah mit Bedauern seiner
-unnützen Bemühung nach, und achtete ihn in seinen Gedanken für
-wahnwitzig. --
-
-Es war Nacht geworden und wurde Tag, und Conrad kam nicht zurück; da
-irrte Eckart durch das Gebirge und wandte seine sehnenden Augen nach dem
-Schlosse, aber er ersah ihn nicht. Ein Getümmel zog aus der Burg daher,
-da trachtete er nicht mehr, sich zu verbergen, sondern er bestieg sein
-Roß, das frei weidete, und ritt in die Schaar hinein, die fröhlich und
-guter Dinge über das Blachfeld zog. Als er unter ihnen war, erkannten
-sie ihn, aber keiner wagte Hand an ihn zu legen, oder ihm ein hartes
-Wort zu sagen, sondern sie wurden aus Ehrerbietung stumm, umgaben ihn in
-Verwunderung, und gingen dann ihres Weges. Einen von den Knechten rief
-er zurück, und fragte ihn: Wo ist mein Sohn Conrad? O fragt mich nicht,
-sagte der Knecht, denn es würde euch doch nur Jammer und Wehklagen
-erregen. Und Dietrich? rief der Vater. Nennt ihre Namen nicht mehr,
-sprach der alte Knecht, denn sie sind dahin, der Zorn des Herrn war
-gegen sie entbrannt, er gedachte euch in ihnen zu strafen.
-
-Ein heißer Zorn stieg in Eckarts Gemüth auf, und er war vor Schmerz und
-Wuth sein selber nicht mehr mächtig. Er spornte sein Roß mit aller
-Gewalt und ritt in das Burgthor hinein. Alle traten ihm mit scheuer
-Ehrfurcht aus dem Wege, und so ritt er vor den Pallast. Er schwang sich
-vom Rosse und ging mit wankenden Schritten die großen Stiegen hinan. Bin
-ich hier in der Wohnung des Mannes, sagte er zu sich selber, der sonst
-mein Freund war? Er wollte seine Gedanken sammeln, aber immer wildere
-Gestalten bewegten sich vor seinen Augen, und so trat er in das Gemach
-des Fürsten.
-
-Der Herzog von Burgund war sich seiner nicht gewärtig, und erschrak
-heftig, als er den Eckart vor sich sah. Bist du der Herzog von Burgund?
-redete dieser ihn an. Worauf der Herzog mit Ja antwortete. Und du hast
-meinen Sohn Dietrichen hinrichten lassen? Der Herzog sagte Ja. Und auch
-mein jüngstes Söhnlein Conrad, rief Eckart im Schmerz, ist dir nicht zu
-gut gewesen, und du hast ihn auch umbringen lassen? Worauf der Herzog
-wieder mit Ja antwortete.
-
-Hier ward Eckart übermannt und sprach in Thränen: O antworte mir nicht
-so, Burgund, denn diese Reden kann ich nicht aushalten, sprich nur, daß
-es dich gereut, daß du es jezt ungeschehen wünschest, und ich will mich
-zu trösten suchen; aber so bist du meinem Herzen überall zuwider.
-
-Der Herzog sagte: entferne dich von meinem Angesichte, ungetreuer
-Verräther, denn du bist mir der ärgste Feind, den ich nur auf Erden
-haben kann.
-
-Eckart sagte: du hast mich wohl ehedem deinen Freund genannt, aber diese
-Gedanken sind dir nunmehr fremd; nie hab' ich dir zuwider gehandelt,
-stets hab' ich dich als meinen Fürsten geehrt und geliebt, und behüte
-mich Gott, daß ich nun, wie ich wohl könnte, die Hand an mein Schwerdt
-legen sollte, um mir Rache zu schaffen. Nein, ich will mich selbst von
-deinem Angesichte verbannen, und in der Einsamkeit sterben.
-
-Mit diesen Worten ging er fort, und der Burgund war in seinem Gemüthe
-bewegt, doch erschienen auf seinen Ruf die Leibwächter mit den Lanzen,
-die ihn von allen Seiten umgaben, und den Eckart mit ihren Spießen aus
-dem Gemache treiben wollten.
-
- Es schwang sich auf sein Pferd
- Eckart der edle Held,
- Und sprach: in aller Welt
- Ist mir nun nichts mehr werth.
-
- Die Söhn' hab' ich verloren,
- So find' ich nirgend Trost,
- Der Fürst ist mir erbost,
- Hat meinen Tod geschworen.
-
- Da reitet er zu Wald
- Und klagt aus vollem Herzen
- Die übergroßen Schmerzen,
- Daß weit die Stimme schallt:
-
- Die Menschen sind mir todt,
- Ich muß mir Freunde suchen
- In Eichen, wilden Buchen,
- Ihn'n klagen meine Noth.
-
- Kein Kind, das mich ergötzt,
- Erwürgt von schlimmen Leuen
- Blieb keiner von den dreien,
- Der Liebste starb zuletzt.
-
- Wie Eckart also klagte,
- Verlor er Sinn und Muth,
- Er reit't in Zorneswuth,
- Als schon der Morgen tagte.
-
- Das Roß, das treu geblieben,
- Stürzt hin im wilden Lauf,
- Er achtet nicht darauf
- Und will nun nichts mehr lieben.
-
- Er thut die Rüstung abe,
- Wirft sich zu Boden hin,
- Auf Sterben steht sein Sinn,
- Sein Wunsch nur nach dem Grabe.
-
-Niemand in der Gegend wußte, wohin sich der Eckart gewendet, denn er
-hatte sich in die wüsten Waldungen hinein verirrt, und vor keinem
-Menschen ließ er sich sehen. Der Herzog fürchtete seinen Sinn, und es
-gereute ihn nun, daß er ihn von sich gelassen, ohne ihn zu fangen. Darum
-machte er sich an einem Morgen auf, mit einem großen Zuge von Jägern und
-anderm Gefolge, um die Wälder zu durchstreifen und den Eckart
-aufzusuchen, denn er meinte, daß dessen Tod nur ihn völlig sicher
-stellte. Alle waren unermüdet, und ließen sich den Eifer nicht
-verdrießen, aber die Sonne war schon untergegangen, ohne daß sie von
-Eckart eine Spur angetroffen hätten.
-
-Ein Sturm brach herein, und große Wolken flogen sausend über dem Walde
-hin, der Donner rollte, und Blitze fuhren in die hohen Eichen; von einem
-ungestümen Schrecken wurden alle angefaßt, und einzeln in den Gebüschen
-und auf den Fluren zerstreut. Das Roß des Herzogs rannte in das Dickicht
-hinein, sein Knappe vermochte nicht, ihm zu folgen; das edle Roß stürzte
-nieder, und der Burgund rief im Gewitter vergeblich nach seinen Dienern,
-denn es war keiner, der ihn hören mochte.
-
-Wie ein wildes Thier war Eckart umher geirrt, ohne von sich, von seinem
-Unglücke etwas zu wissen, er hatte sich selber verloren und in dumpfer
-Betäubung seinen Hunger mit Kräutern und Wurzeln gesättigt; unkenntlich
-wäre der Held jezt jedem seiner Freunde gewesen, so hatten ihn die Tage
-seiner Verzweiflung entstellt. Wie der Sturm aufbrach, erwachte er aus
-seiner Betäubung, er fand sich in seinen Schmerzen wieder und erkannte
-sein Unglück. Da erhub er ein lautes Jammergeschrei um seine Kinder, er
-raufte seine weißen Haare und klagte im Brausen des Sturmes: Wohin,
-wohin seid ihr gekommen, ihr Theile meines Herzens? Und wie ist mir denn
-so alle Macht genommen, daß ich euren Tod nicht mindestens rächen darf?
-Warum hielt ich denn meinen Arm zurück, und gab nicht dem den Tod, der
-meinem Herzen den tödtlichsten Stich zutheilte? Ha, du verdienst es,
-Wahnsinniger, daß der Tyrann dich verhöhnt, weil dein unmächtiger Arm,
-dein blödes Herz nicht dem Mörder widerstrebt! Jezt, jezt sollte er so
-vor mir stehn! Vergeblich wünsch' ich jezt die Rache, da der Augenblick
-vorüber ist.
-
-So kam die Nacht herauf, und Eckart irrte in seinem Jammer umher. Da
-hörte er aus der Ferne wie eine Stimme, die um Hülfe rief. Er richtete
-seine Schritte nach dem Schalle, und traf endlich in der Dunkelheit auf
-einen Mann, der an einen Baumstamm gelehnt, ihn wehmüthig bat, ihm
-wieder auf die rechte Straße zu helfen. Eckart erschrak vor der Stimme,
-denn sie schien ihm bekannt, und bald ermannte er sich und erkannte, daß
-der Verirrte der Herzog von Burgunden sei. Da erhub er seine Hand und
-wollte sein Schwerdt fassen, um den Mann nieder zu hauen, der der Mörder
-seiner Kinder war; es überfiel ihn die Wuth mit neuen Kräften, und er
-war des festen Willens, jenem den Garaus zu machen, als er plötzlich
-inne hielt, und seines Schwures und des gegebenen Wortes gedachte. Er
-faßte die Hand seines Feindes, und führte ihn nach der Gegend, wo er die
-Straße vermuthete.
-
- Der Herzog sank darnieder
- Im wilden dunkeln Hain,
- Da nahm der Helde bieder
- Ihn auf die Schultern sein.
-
- Er sprach: gar viel Beschwerden
- Mach' ich dir, guter Mann;
- Der sagte: auf der Erden
- Muß man gar viel bestahn.
-
- Doch sollst du, sprach Burgund,
- Dich freun, bei meinem Worte,
- Komm ich nur erst gesund
- Zu Haus und sicherm Orte.
-
- Der Held fühlt Thränen heiß
- Auf seinen alten Wangen,
- Er sprach: auf keine Weis'
- Trag ich nach Lohn Verlangen.
-
- Es mehren sich die Plagen,
- Sprach der Burgund in Noth;
- Wohin willst du mich tragen?
- Du bist wohl gar der Tod? --
-
- Tod bin ich nicht genannt,
- Sprach Eckart noch im Weinen,
- Du stehst in Gottes Hand,
- Sein Licht mag dich bescheinen.
-
- Ach, wohl ist mir bewußt,
- Sprach jener drauf in Reue,
- Daß sündvoll meine Brust,
- Drum zittr' ich, daß er dräue.
-
- Ich hab' dem treusten Freunde
- Die Kinder umgebracht,
- Drum steht er mir zum Feinde
- In dieser finstern Nacht.
-
- Er war mir recht ergeben,
- Als wie der treuste Knecht,
- Und war im ganzen Leben
- Mir niemals ungerecht.
-
- Die Kindlein ließ ich tödten,
- Das kann er nie verzeihn,
- Ich fürcht', in diesen Nöthen
- Treff' ich ihn hier im Hain:
-
- Das sagt mir mein Gewissen,
- Mein Herze innerlich,
- Die Kind hab ich zerrissen,
- Dafür zerreißt er mich.
-
- Der Eckart sprach: empfinden
- Muß ich so schwere Last,
- Weil du nicht rein von Sünden
- Und schwer gefrevelt hast.
-
- Daß du den Mann wirst schauen,
- Ist auch gewißlich wahr,
- Doch magst du mir vertrauen,
- So krümmt er dir kein Haar.
-
-So gingen sie in Gesprächen fort, als ihnen im Walde eine andre
-Mannsgestalt begegnete, es war Wolfram, der Knappe des Herzogs, der
-seinen Herrn schon seit lange gesucht hatte. Die dunkle Nacht lag noch
-über ihnen, und kein Sternlein blickte zwischen den schwarzen Wolken
-hervor. Der Herzog fühlte sich schwächer, und wünschte eine Herberge zu
-erreichen, in der er die Nacht schlafen möchte; dabei zitterte er, auf
-den Eckart zu treffen, der wie ein Gespenst vor seiner Seele stand. Er
-glaubte nicht den Morgen zu erleben, und schauderte von neuem zusammen,
-wenn sich der Wind wieder in den hohen Bäumen regte, wenn der Sturm von
-unten herauf aus den Bergschluften kam und über ihren Häuptern hinweg
-ging. Besteige, Wolfram, rief der Herzog in seiner Angst, diese hohe
-Tanne, und schaue umher, ob du kein Lichtlein, kein Haus, oder keine
-Hütte erspähst, zu der wir uns wenden mögen.
-
-Der Knappe kletterte mit Gefahr seines Lebens zum hohen Tannenbaum
-hinauf, den der Sturm von einer Seite zur andern warf, und je zuweilen
-fast bis zur Erde den Wipfel beugte, so daß der Knappe wie ein
-Eichkätzlein oben schwankte. Endlich hatte er den Gipfel erklommen und
-rief: Im Thal da unten seh' ich den Schein eines Lichtes, dorthin müssen
-wir uns wenden! Sogleich stieg er ab und zeigte den beiden den Weg, und
-nach einiger Zeit sahen alle den erfreulichen Schein, worüber der Herzog
-anfing, sich wieder wohl zu gehaben. Eckart blieb immer stumm und in
-sich gekehrt, er sprach kein Wort und schaute seinen innern Gedanken zu.
-Als sie vor der Hütte standen, klopften sie an, und ein altes Mütterlein
-öffnete ihnen die Thür; so wie sie hinein traten, ließ der starke Eckart
-den Herzog von seinen Schultern nieder, der sich alsbald auf seine Knie
-warf und Gott in einem brünstigen Gebete für seine Rettung dankte.
-Eckart setzte sich in einen finstern Winkel nieder und traf dort den
-Greis schlafend, der ihm unlängst sein großes Unglück mit seinen Söhnen
-erzählt hatte, welche er aufzusuchen ging.
-
-Als der Herzog sein Gebet vollendet, sprach er: Wunderbar ist mir in
-dieser Nacht zu Sinne geworden, und die Güte Gottes wie seine Allmacht
-haben sich meinem verstockten Herzen noch niemals so nahe gezeigt; auch
-daß ich bald sterbe, sagt mir mein Gemüth, und ich wünsche nichts so
-sehr, als daß Gott mir vorher meine vielen und schweren Sünden vergeben
-möge. Euch beide aber, die ihr mich hieher geführt habt, will ich vor
-meinem Ende noch belohnen, so viel ich kann. Dir, meinem Knappen,
-schenk' ich die beiden Schlösser, die hier auf den nächsten Bergen
-liegen; doch sollst du dich künftig, zum Gedächtniß dieser grauenvollen
-Nacht, den Tannenhäuser nennen. Und wer bist du, Mann, fuhr er fort, der
-sich dorten im Winkel gelagert hat? Komm hervor, damit ich auch dir für
-deine Mühe und Liebe lohnen möge.
-
- Da stand der Eckart von der Erden
- Und trat herfür ans helle Licht,
- Er zeigt mit traurigen Geberden
- Sein hochbekümmert Angesicht.
-
- Da fehlt dem Burgund Kraft und Muth,
- Den Blick des Mannes auszuhalten,
- Den Adern sein entweicht das Blut,
- In Ohnmacht ist er festgehalten.
-
- Es stürzen ihm die matten Glieder
- Von neuem auf den Boden nieder.
- Allmächt'ger Gott! so schreit er laut,
- Du bist es, den mein Auge schaut?
- Wohin soll ich vor dir entfliehn?
- Mußt du mich aus dem Walde ziehn?
- Dem ich die Kinder hab' erschlagen,
- Der muß mich in den Armen tragen?
-
- So klagt Burgund und weint im Sprechen,
- Und fühlt das Herz im Busen brechen,
- Er sinkt dem Eckart an die Brust,
- Ist sich sein selber nicht bewußt. --
- Der Eckart leise zu ihm spricht:
- Der Schmach gedenk' ich fürder nicht,
- Damit die Welt es sehe frei,
- Der Eckart war dir stets getreu.
-
-So verging die Nacht. Am andern Morgen kamen andre Diener, die den
-kranken Herzog fanden. Sie legten ihn auf Maulthiere und führten ihn in
-sein Schloß zurück. Eckart durfte nicht von seiner Seite kommen, oft
-aber nahm er seine Hand und drückte sie sich gegen seine Brust, und sah
-ihn mit einem flehenden Blicke an. Eckart umarmte ihn dann, und sprach
-einige liebevolle Worte, mit denen sich der Fürst beruhigte. Er
-versammelte alle seine Räthe um sich her, und sagte ihnen, daß er den
-Eckart, den getreuen Mann, zum Vormunde über seine Söhne setze, weil
-dieser sich als den edelsten erwiesen. So starb er.
-
-Seitdem nahm sich Eckart der Regierung mit allem Fleiße an, und
-jedermann im Lande mußte seinen hohen männlichen Muth bewundern. Es
-währte nicht lange, so verbreitete sich in allen Gegenden das wunderbare
-Gerücht von dem Spielmanne, der aus dem Venusberge gekommen, das ganze
-Land durchziehe und mit seinen Tönen die Menschen entführe, welche
-verschwänden, ohne daß man eine Spur von ihnen wieder finden könne.
-Viele glaubten dem Gerüchte, andre nicht, und Eckart gedachte des
-unglücklichen Greises wieder.
-
-Ich habe euch zu meinen Söhnen angenommen, sprach er zu den unmündigen
-Jünglingen, als er sich einst mit ihnen auf dem Berge vor dem Schlosse
-befand; euer Glück ist jezt meine Nachkommenschaft, ich will in eurer
-Freude nach meinem Tode fortleben. Sie lagerten sich auf dem Abhange,
-von wo sie weit in das schöne Land hinein sehn konnten, und Eckart
-unterdrückte das Andenken an seine Kinder, denn sie schienen ihm von den
-Bergen herüber zu schreiten, indem er aus der Ferne einen lieblichen
-Klang vernahm.
-
- Kommt es nicht wie Träumen
- Aus den grünen Räumen
- Zu uns wallend nieder,
- Wie Verstorbner Lieder?
-
- Spricht er zu den jungen Herrn,
- Vernimmt den Zauberklang von fern.
- Wie sich die Tön' herüberschwungen
- Erwachet in den frommen Jungen
- Ein seltsam böser Geist,
- Der sich nach unbekannter Ferne reißt.
-
- Wir wollen in die Berge, in die Felder,
- Uns rufen die Quellen, es locken die Wälder,
- Gar heimliche Stimmen entgegen singen,
- Ins irdische Paradies uns zu bringen!
-
- Der Spielmann kommt in fremder Tracht
- Den Söhnen Burgunds ins Gesicht,
- Und höher schwillt der Töne Macht,
- Und heller glänzt der Sonne Licht,
- Die Blumen scheinen trunken,
- Ein Abendroth nieder gesunken,
- Und zwischen Korn und Gräsern schweifen
- Sanft irrend blau und goldne Streifen.
-
- Wie ein Schatten ist hinweg gehoben
- Was sonst den Sinn zur Erden zieht,
- Gestillt ist alles ird'sche Toben,
- Die Welt zu Einer Blum' erblüht,
- Die Felsen schwanken lichterloh,
- Die Triften jauchzen und sind froh,
- Es wirrt und irrt alles in die Klänge hinein
- Und will in der Freude heimisch sein,
- Des Menschen Seele reißen die Funken,
- Sie ist im holden Wahnsinn ganz versunken.
-
- Es wurde Eckart rege
- Und wundert sich dabei,
- Er hört der Töne Schläge
- Und fragt sich, was es sei.
-
- Ihm dünkt die Welt erneuet,
- In andern Farben blühn,
- Er weiß nicht, was ihn freuet,
- Fühlt sich in Wonne glühn.
-
- Ha! bringen nicht die Töne,
- So fragt er sich entzückt,
- Mir Weib und liebe Söhne,
- Und was mich sonst beglückt?
-
- Doch faßt ein heimlich Grauen
- Den Helden plötzlich an,
- Er darf nur um sich schauen
- Und fühlt sich bald ein Mann.
-
- Da sieht er schon das Wüthen
- Der ihm vertrauten Kind,
- Die sich der Hölle bieten
- Und unbezwinglich sind.
-
- Sie werden fortgezogen
- Und kennen ihn nicht mehr,
- Sie toben wie die Wogen
- Im wildempörten Meer.
-
- Was soll er da beginnen?
- Ihn ruft sein Wort und Pflicht,
- Ihm wanken selbst die Sinnen,
- Er kennt sich selber nicht.
-
- Da kömmt die Todesstunde
- Von seinem Freund zurück,
- Er höret den Burgunde
- Und sieht den letzten Blick.
-
- So schirmt er sein Gemüthe
- Und steht gewappnet da,
- Indem kommt im Gemüthe
- Der Spielmann selbst ihm nah.
-
- Er will den Degen schwingen
- Und schlagen jenes Haupt:
- Er hört die Pfeife klingen,
- Die Kraft ist ihm geraubt.
-
- Es stürzen aus den Bergen
- Gestalten wunderlich,
- Ein wüstes Heer von Zwergen,
- Sie nahen grauerlich.
-
- Die Söhne sind gefangen
- Und toben in dem Schwarm,
- Umsonst ist sein Verlangen,
- Gelähmt sein tapfrer Arm.
-
- Es stürmt der Zug an Vesten,
- An Schlössern wild vorbei,
- Sie ziehn von Ost nach Westen
- Mit jauchzendem Geschrei.
-
- Eckart ist unter ihnen,
- Es reißt die Macht ihn hin,
- Er muß der Hölle dienen,
- Bezwungen ist sein Sinn.
-
- Da nahen sie dem Berge,
- Aus dem Musik erschallt,
- Und also gleich die Zwerge
- Stillstehn und machen Halt.
-
- Der Fels springt von einander,
- Ein bunt Gewimmel drein,
- Man sieht Gestalten wandern
- Im wunderlichen Schein.
-
- Da faßt er seinen Degen
- Und sprach: ich bleibe treu!
- Und haut mit Kraft verwegen
- In alle Schaaren frei.
-
- Die Kinder sind errungen,
- Sie fliehen durch das Thal,
- Der Feind noch unbezwungen
- Mehrt sich zu Eckarts Quaal.
-
- Die Zwerge sinken nieder,
- Sie fassen neuen Muth,
- Es kommen andre wieder,
- Und jeder kämpft mit Wuth.
-
- Da sieht der Held schon ferne
- Die Kind in Sicherheit,
- Sprach: nun verlier' ich gerne
- Mein Leben hier im Streit.
-
- Sein tapfres Schwerdt thut blinken
- Im hellen Sonnenstrahl,
- Die Zwerge niedersinken
- Zu Haufen dort im Thal.
-
- Die Kinder sind entschwunden
- Im allerfernsten Feld,
- Da fühlt er seine Wunden,
- Da stirbt der tapfre Held.
-
- So fand er seine Stunde
- Wild kämpfend wie der Leu,
- Und blieb noch dem Burgunde
- Im Tode selber treu.
-
- Als nun der Held erschlagen
- Regiert der ältste Sohn,
- Dankbar hört man ihn sagen:
- Eckart hat meinen Thron
-
- Erkämpft mit vielen Wunden
- Und seinem besten Blut,
- Und alle Lebensstunden
- Verdank' ich seinem Muth.
-
- Bald hört man Wundersagen
- Im ganzen Land umgehn,
- Daß, wer es wolle wagen
- Der Venus Berg zu sehn,
-
- Der werde dorten schauen
- Des treuen Eckart Geist,
- Der jeden mit Vertrauen
- Zurück vom Felsen weist.
-
- Wo er nach seinem Sterben
- Noch Schutz und Wache hält.
- Es preisen alle Erben
- Eckart den treuen Held.
-
-
-
-
- Zweiter Abschnitt.
-
-
-Es waren mehr als vier Jahrhunderte seit dem Tode des getreuen Eckart
-verflossen, als am Hofe ein edler Tannenhäuser als kaiserlicher Rath im
-großen Ansehen stand. Der Sohn dieses Ritters übertraf an Schönheit alle
-übrigen Edlen des Landes, weswegen er auch von jedermann geliebt und
-hochgeschätzt wurde. Plötzlich aber verschwand er, nachdem sich einige
-wunderbare Dinge mit ihm zugetragen hatten, und kein Mensch wußte zu
-sagen, wohin er gekommen sei. Seit der Zeit des getreuen Eckart gab es
-vom Venusberge eine Sage im Lande, und manche sprachen, daß er dorthin
-gewandert und also auf ewig verloren sei.
-
-Einer von seinen Freunden, Friedrich von Wolfsburg, härmte sich von
-allen am meisten um den jungen Tannenhäuser. Sie waren mit einander
-erwachsen und ihre gegenseitige Freundschaft schien jedem ein Bedürfniß
-seines Lebens geworden zu sein. Tannenhäusers alter Vater war gestorben,
-Friedrich vermälte sich nach einigen Jahren; schon umgab ihn ein Kreis
-von fröhlichen Kindern, und immer noch hatte er keine Nachricht von
-seinem Jugendfreunde vernommen, so daß er ihn auch für gestorben halten
-mußte.
-
-Er stand eines Abends unter dem Thor seiner Burg, als er aus der Ferne
-einen Pilgrim daher kommen sah, der sich seinem Schlosse näherte. Der
-fremde Mann war in seltsame Tracht gekleidet, und sein Gang wie seine
-Geberden erschienen dem Ritter wunderlich. Als jener näher gekommen,
-glaubte er ihn zu kennen, und endlich war er mit sich einig, daß der
-Fremde kein anderer als sein ehemaliger Freund der Tannenhäuser sein
-könne. Er erstaunte und ein heimlicher Schauer bemächtigte sich seiner,
-als er die durchaus veränderten Züge deutlich gewahr wurde.
-
-Die beiden Freunde umarmten sich, und erschraken dann einer vor dem
-andern, sie staunten sich an, wie fremde Wesen. Der Fragen, der
-verworrenen Antworten gab es viele; Friedrich erbebte oft vor dem wilden
-Blicke seines Freundes, in dem ein unverständliches Feuer brannte.
-Nachdem sich der Tannenhäuser einige Tage erholt hatte, erfuhr
-Friedrich, daß er auf einer Wallfahrt nach Rom begriffen sei.
-
-Die beiden Freunde erneuerten bald ihre ehemaligen Gespräche und
-erzählten sich die Geschichte ihrer Jugend, doch verschwieg der
-Tannenhäuser noch immer sorgfältig, wo er seitdem gewesen. Friedrich
-aber drang in ihn, nachdem sie sich in ihre sonstige Vertraulichkeit
-wieder hinein gefunden hatten, jener suchte sich lange den
-freundschaftlichen Bitten zu entziehen, doch endlich rief er aus: Nun,
-so mag dein Wille erfüllt werden, du sollst alles erfahren, mache mir
-aber nachher keine Vorwürfe, wenn dich die Geschichte mit Bekümmerniß
-und Grauen erfüllt.
-
-Sie gingen ins Freie und wandelten durch einen grünen Lustwald, wo sie
-sich niedersetzten, worauf der Tannenhäuser sein Haupt im grünen Grase
-verbarg und unter lautem Schluchzen seinem Freunde abgewandt die rechte
-Hand reichte, die dieser zärtlich drückte. Der trübselige Pilgrim
-richtete sich wieder auf, und begann seine Erzählung auf folgende Weise:
-
-Glaube mir, mein Theurer, daß manchem von uns ein böser Geist von seiner
-Geburt an mitgegeben wird, der ihn durch das Leben dahin ängstigt und
-ihn nicht ruhen läßt, bis er an das Ziel seiner schwarzen Bestimmung
-gelangt ist. So geschahe mir, und mein ganzer Lebenslauf ist nur ein
-dauerndes Geburtswehe, und mein Erwachen wird in der Hölle sein. Darum
-habe ich nun schon so viele mühselige Schritte gethan, und so manche
-stehn mir noch auf meiner Pilgerschaft bevor, ob ich vielleicht beim
-heiligen Vater zu Rom Vergebung erlangen möchte: vor ihm will ich die
-schwere Ladung meiner Sünden ablegen, oder im Druck erliegen und
-verzweifelnd sterben.
-
-Friedrich wollte ihn trösten, doch schien der Tannenhäuser auf seine
-Reden nicht sonderlich Acht zu geben, sondern fuhr nach einer kleinen
-Weile mit folgenden Worten fort: Man hat ein altes Mährchen, daß vor
-vielen Jahrhunderten ein Ritter mit dem Namen des getreuen Eckart gelebt
-habe; man erzählt, wie damals aus einem seltsamen Berge ein Spielmann
-gekommen sei, dessen wunderbarliche Töne so tiefe Sehnsucht, so wilde
-Wünsche in den Herzen aller Hörenden auferweckt haben, daß sie
-unwiderstreblich den Klängen nachgerissen worden, um sich in jenem
-Gebirge zu verlieren. Die Hölle hat damals ihre Pforten den armen
-Menschen weit aufgethan, und sie mit lieblicher Musik zu sich herein
-gespielt. Ich hörte als Knabe diese Erzählung oft und wurde nicht
-sonderlich davon gerührt, doch währte es nicht lange, so erinnerte mich
-die ganze Natur, jedweder Klang, jedwede Blume an die Sage von diesen
-herzergreifenden Tönen. Ich kann dir nicht ausdrücken, welche Wehmuth,
-welche unaussprechliche Sehnsucht mich plötzlich ergriff, und wie in
-Banden hielt und fortführen wollte, wenn ich dem Zug der Wolken
-nachsahe, die lichte herrliche Bläue erblickte, die zwischen ihnen
-hervordrang, welche Erinnerungen Wies' und Wald in meinem tiefsten
-Herzen erwecken wollten. Oft ergriff mich die Lieblichkeit und Fülle der
-herrlichen Natur, daß ich die Arme ausstreckte und wie mit Flügeln
-hineinstreben wollte, um mich, wie der Geist der Natur, über Berg und
-Thal auszugießen, und mich in Gras und Büschen allseitig zu regen und
-die Fülle des Segens einzuathmen. Hatte mich am Tage die freie
-Landschaft entzückt, so ängstigten mich in der Nacht dunkle Traumbilder
-und stellten sich grauenhaft vor mich hin, als wenn sie mir den Weg zu
-allem Leben versperren wollten. Vor allen ließ ein Traum einen
-unauslöschlichen Eindruck in meinem Gemüthe zurück, ob ich gleich nicht
-die Bilder deutlich wieder in meine Phantasie zurückrufen konnte. Mir
-dünkte, als wäre ein großes Gewühl in den Gassen, ich vernahm
-undeutliche Gespräche durcheinander, darauf ging ich, es war dunkle
-Nacht, in das Haus meiner Eltern, und nur mein Vater war zugegen und
-krank. Am nächsten Morgen fiel ich meinen Eltern um den Hals, umarmte
-sie inbrünstig und drückte sie an meine Brust, als wenn uns eine
-feindliche Gewalt von einander reißen wollte. Sollt' ich dich verlieren?
-sprach ich zum theuren Vater, o wie unglücklich und einsam wäre ich ohne
-dich in dieser Welt! Sie trösteten mich, aber es gelang ihnen nicht, das
-dunkle Bild aus meinem Gedächtnisse zu entfernen.
-
-Ich ward älter, indem ich mich stets von andern Knaben meines Alters
-entfernt hielt. Oft streifte ich einsam durch die Felder, und so geschah
-es an einem Morgen, daß ich meinen Weg verlor, und in einem dunkeln
-Walde, um Hülfe rufend, herum irrte. Nachdem ich so lange Zeit
-vergeblich nach einem Wege gesucht hatte, stand ich endlich plötzlich
-vor einem eisernen Gatterwerk, welches einen Garten umschloß. Durch
-dasselbe sah ich schöne dunkle Gänge vor mir, Fruchtbäume und Blumen,
-voran standen Rosengebüsche, die im Schein der Sonne glänzten. Ein
-unnennbares Sehnen zu den Rosen ergriff mich, ich konnte mich nicht
-zurückhalten, ich drängte mich mit Gewalt durch die eisernen Stäbe, und
-war nun im Garten. Alsbald fiel ich nieder, umfaßte mit meinen Armen die
-Gebüsche, küßte die Rosen auf ihren rothen Mund, und ergoß mich in
-Thränen. Als ich mich eine Zeit in dieser Entzückung verloren hatte,
-kamen zwei Mädchen durch die Baumgänge, die eine älter, die andre von
-meinen Jahren. Ich erwachte aus meiner Betäubung, um mich einer höheren
-Trunkenheit hinzugeben. Mein Auge fiel auf die jüngere, und mir war in
-diesem Augenblicke, als würde ich von allen meinen unbekannten Schmerzen
-geheilt. Man nahm mich im Hause auf, die Eltern der beiden Kinder
-erkundigten sich nach meinem Namen, und schickten meinem Vater
-Botschaft, der mich gegen Abend selber wieder abholte.
-
-Von diesem Tage hatte der ungewisse Lauf meines Lebens eine bestimmte
-Richtung gewonnen, meine Gedanken eilten immer wieder nach dem Schlosse
-und dem Mädchen zurück, denn hier schien mir die Heimath aller meiner
-Wünsche. Ich vergaß meiner gewohnten Freuden, ich vernachlässigte meine
-Gespielen, und besuchte oft den Garten, das Schloß und das Mädchen. Bald
-war ich dort wie ein Kind vom Hause, so daß man sich nicht mehr
-verwunderte, wenn ich zugegen war, und Emma ward mir mit jedem Tage
-lieber. So vergingen mir die Stunden, und eine Zärtlichkeit hatte mein
-Herz gefangen genommen, ohne daß ich es selber wußte. Meine ganze
-Bestimmung schien mir nun erfüllt, ich hatte keine andere Wünsche, als
-immer wieder zu kommen, und wenn ich fortging, dieselbe Aussicht auf den
-künftigen Tag zu haben.
-
-Um die Zeit ward ein junger Ritter in der Familie bekannt, der auch
-zugleich ein Freund meiner Eltern war, und sich bald eben so, wie ich,
-an Emma schloß. Ich haßte ihn von diesem Augenblicke wie meinen
-Todfeind. Unbeschreiblich aber waren meine Gefühle, als ich wahrzunehmen
-glaubte, daß Emma seine Gesellschaft der meinigen vorziehe. Von dieser
-Stunde an war es, als wenn die Musik, die mich bis dahin begleitet
-hatte, in meinem Busen unterginge. Ich dachte nur Tod und Haß, wilde
-Gedanken erwachten in meiner Brust, wenn Emma nun auf der Laute die
-bekannten Gesänge sang. Auch verbarg ich meinen Widerwillen nicht, und
-bezeigte mich gegen meine Eltern, die mir Vorwürfe machten, wild und
-widerspenstig.
-
-Nun irrte ich in den Wäldern und zwischen Felsen umher, gegen mich
-selber wüthend: den Tod meines Gegners hatte ich beschlossen. Der junge
-Ritter hielt nach einigen Monden bei den Eltern um meine Geliebte an,
-sie wurde ihm zugesagt. Was mich sonst wunderbar in der ganzen vollen
-Natur angezogen und gereizt hatte, hatte sich mir in Emmas Bilde
-vereiniget; ich wußte, kannte und wollte kein anderes Glück als sie, ja
-ich hatte mir willkührlich vorgesetzt, daß ihren Verlust und mein
-Verderben ein und derselbe Tag herbei führen solle.
-
-Meine Eltern grämten sich über meine Verwilderung, meine Mutter war
-krank geworden, aber es rührte mich nicht, ich kümmerte mich wenig um
-ihren Zustand, und sah sie nur selten. Der Hochzeitstag meines Feindes
-rückte heran, und mit ihm wuchs meine Angst, die mich durch die Wälder
-und über die Berge trieb. Ich verwünschte Emma und mich mit den
-gräßlichsten Flüchen. Um die Zeit hatte ich keinen Freund, kein Mensch
-wollte sich meiner annehmen, weil mich alle verloren gaben.
-
-Die schreckliche Nacht vor dem Vermählungstage brach heran. Ich hatte
-mich unter Klippen verirrt und hörte unter mir die Waldströme brausen,
-oft erschrak ich vor mir selber. Als es Morgen war, sah ich meinen Feind
-von den Bergen hernieder steigen, ich fiel ihn mit beschimpfenden Reden
-an, er vertheidigte sich, wir griffen zu den Schwerdtern, und bald sank
-er unter meinen wüthenden Hieben nieder.
-
-Ich eilte fort, ich sah mich nicht nach ihm um, aber seine Begleiter
-trugen den Leichnam fort. Nachts schwärmte ich um die Wohnung, die meine
-Emma einschloß, und nach wenigen Tagen vernahm ich im benachbarten
-Kloster Todtengeläute und den Grabgesang der Nonnen. Ich fragte: man
-sagte mir, daß Fräulein Emma aus Gram über den Tod ihres Bräutigams
-gestorben sei.
-
-Ich wußte nicht zu bleiben, ich zweifelte, ob ich lebe, ob alles
-Wahrheit sei. Ich eilte zurück zu meinen Eltern, und kam in der
-folgenden Nacht spät in die Stadt, in der sie wohnten. Alles war in
-Unruhe, Pferde und Rüstwagen erfüllten die Straßen, Lanzenknechte
-tummelten sich durch einander und sprachen in verwirrten Reden: es war
-gerade an dem, daß der Kaiser einen Feldzug gegen seine Feinde
-unternehmen wollte. Ein einsames Licht brannte in der väterlichen
-Wohnung als ich herein trat; eine drückende Beklemmung lag auf meiner
-Brust. Auf mein Anklopfen kommt mir mein Vater selbst mit leisem
-bedächtigen Schritte entgegen; sogleich erinnere ich mich des alten
-Traumes aus meinen Kinderjahren, und fühle mit innigster Bewegung, daß
-es dasselbe sei, was ich nun erlebe. Ich bin bestürzt, ich frage: Warum,
-Vater, seid ihr so spät noch auf? Er führt mich hinein und spricht: ich
-muß wohl wachen, denn deine Mutter ist ja nun auch todt.
-
-Die Worte fielen wie Blitze in meine Seele. Er setzte sich bedächtig
-nieder, ich mich an seine Seite, die Leiche lag auf einem Bette und war
-mit Tüchern seltsam zugehängt. Mein Herz wollte zerspringen. Ich halte
-Wache, sprach der Alte, denn meine Gattin sitzt noch immer neben mir.
-Meine Sinne vergingen, ich heftete meine Augen in einen Winkel, und nach
-kurzer Weile regte es sich wie ein Dunst, es wallte und wogte, und die
-bekannte Bildung meiner Mutter zog sich sichtbarlich zusammen, die nach
-mir mit ernsten Mienen schaute. Ich wollte fort, ich konnte nicht, denn
-die mütterliche Gestalt winkte und mein Vater hielt mich fest in den
-Armen, welcher mir leise zuflüsterte: sie ist aus Gram um dich
-gestorben. Ich umfaßte ihn mit aller kindlichen Brünstigkeit, ich vergoß
-brennende Thränen an seiner Brust. Er küßte mich, und mir schauderte,
-als seine Lippen kalt wie die Lippen eines Todten mich berührten. Wie
-ist dir, Vater? rief ich mit Entsetzen aus. Er zuckte schmerzhaft in
-sich zusammen und antwortete nicht. In wenigen Augenblicken fühlte ich
-ihn kälter werden, ich suchte nach seinem Herzen, es stand still, und im
-wehmüthigen Wahnsinn hielt ich die Leiche in meiner Umarmung fest
-eingeklammert.
-
-Wie ein Schein, gleich der ersten Morgenröthe, flog es durch das dunkle
-Gemach; da saß der Geist meines Vaters neben dem Bilde meiner Mutter,
-und beide sahen nach mir mitleidig hin, wie ich die theure Leiche
-festhielt. Seitdem war es um mein Bewußtsein geschehn, wahnsinnig und
-kraftlos fanden mich die Diener am Morgen in der Todtenkammer. --
-
-Bis hieher war der Tannenhäuser mit seiner Erzählung gekommen, indem ihm
-sein Freund Friedrich mit dem größten Erstaunen zuhörte, als er
-plötzlich abbrach und mit dem Ausdruck des größten Schmerzes inne hielt.
-Friedrich war verlegen und nachdenkend, die beiden Freunde gingen in die
-Burg zurück, doch blieben sie in einem Zimmer allein.
-
-Nachdem der Tannenhäuser eine Weile geschwiegen hatte, fing er wieder
-an: Immer noch erschüttert mich das Andenken dieser Stunden tief, und
-ich begreife nicht, wie ich sie habe überleben können. Nunmehr schien
-mir die Erde und das Leben völlig ausgestorben und verwüstet, ich
-schleppte mich ohne Gedanken und Wunsch von einem Tage zum andern
-hinüber. Dann gerieth ich in eine Gesellschaft von wilden jungen Leuten,
-und in Trunk und Wollust suchte ich den pochenden bösen Geist in mir zu
-besänftigen. Die alte brennende Ungeduld erwachte in meiner Brust von
-neuem, und ich konnte mich und meine Wünsche selber nicht verstehn. Ein
-Wüstling, Rudolf genannt, war mein Vertrauter geworden, der aber immer
-meine Klagen wie meine Sehnsucht verlachte. So mochte ein Jahr
-verflossen sein, als meine Angst bis zur Verzweiflung stieg; es drängte
-mich weiter, weiter hinein in eine unbekannte Ferne, ich hätte mich von
-den hohen Bergen hinab in den Glanz der Wiesenfarben, in das kühle
-Gebrause der Ströme stürzen mögen, um den glühenden Durst der Seele, die
-Unersättlichkeit zu löschen; ich sehnte mich nach der Vernichtung und
-wieder wie goldne Morgenwolken schwebten Hoffnung und Lebenslust vor mir
-hin und lockten mich nach. Da kam ich auf den Gedanken, daß die Hölle
-nach mir lüstern sei, und mir so Schmerzen wie Freuden entgegen sende,
-um mich zu verderben, daß ein tückischer Geist alle meine Seelenkräfte
-nach der dunkeln Behausung richte und mich hinunter zügle. Da gab ich
-mich gefangen, um der Quaalen, der wechselnden Entzückungen los zu
-werden. In der dunkelsten Nacht bestieg ich einen hohen Berg und rief
-mit allen Herzenskräften den Feind Gottes und der Menschen zu mir, so
-daß ich fühlte, er würde mir gehorchen müssen. Meine Worte zogen ihn
-herbei, er stand plötzlich neben mir und ich empfand kein Grauen. Da
-ging im Gespräch mit ihm der Glaube an jenen wunderbaren Berg von neuem
-in mir auf, und er lehrte mich ein Lied, das mich von selbst auf die
-rechte Straße dahin führen würde. Er verschwand, und ich war zum
-erstenmal, seit ich lebte, mit mir allein, denn nun verstand ich meine
-abirrenden Gedanken, die aus dem Mittelpunkte heraus strebten, um eine
-neue Welt zu finden. Ich machte mich auf den Weg, und das Lied, das ich
-mit lauter Stimme sang, führte mich über wunderbare Einöden fort, und
-alles übrige in mir und außer mir hatte ich vergessen; es trug mich wie
-auf großen Flügeln der Sehnsucht nach meiner Heimath, ich wollte dem
-Schatten entfliehen, der uns auch aus dem Glanze noch dräut, den wilden
-Tönen, die noch in der zartesten Musik auf uns schelten. So kam ich in
-einer Nacht, als der Mond hinter dunkeln Wolken matt hervor schien, vor
-dem Berge an. Ich setzte mein Lied fort, und eine Riesengestalt stand da
-und winkte mich mit ihrem Stabe zurück. Ich ging näher. Ich bin der
-getreue Eckart, rief die übermenschliche Bildung, ich bin von Gottes
-Güte hieher zum Wächter gesetzt, um des Menschen bösen Fürwitz zurück zu
-halten. -- Ich drang hindurch.
-
-Wie in einem unterirdischen Bergwerke war nun mein Weg. Der Steg war so
-schmal, daß ich mich hindurch drängen mußte, ich vernahm den Klang der
-verborgenen wandernden Gewässer, ich hörte die Geister, die die Erze und
-Gold und Silber bildeten, um den Menschengeist zu locken, ich fand die
-tiefen Klänge und Töne hier einzeln und verborgen, aus denen die
-irdische Musik entsteht; je tiefer ich ging, je mehr fiel es wie ein
-Schleier vor meinem Angesichte hinweg.
-
-Ich ruhte aus und sah andre Menschengestalten heran wanken, mein Freund
-Rudolf war unter ihnen; ich begriff gar nicht, wie sie mir vorbei kommen
-würden, da der Weg so sehr enge war, aber sie gingen mitten durch die
-Steine hindurch, ohne daß sie mich gewahr wurden.
-
-Alsbald vernahm ich Musik, aber eine ganz andre, als bis dahin zu meinem
-Gehör gedrungen war, meine Geister in mir arbeiteten den Tönen entgegen;
-ich kam ins Freie, und wunderhelle Farben glänzten mich von allen Seiten
-an. Das war es, was ich immer gewünscht hatte. Dicht am Herzen fühlte
-ich die Gegenwart der gesuchten, endlich gefundenen Herrlichkeit, und in
-mich spielten die Entzückungen mit allen ihren Kräften hinein. So kam
-mir das Gewimmel der frohen heidnischen Götter entgegen, Frau Venus an
-ihrer Spitze, alle begrüßten mich; sie sind dorthin gebannt von der
-Gewalt des Allmächtigen, und ihr Dienst ist von der Erde vertilgt; nun
-wirken sie von dort in ihrer Heimlichkeit.
-
-Alle Freuden, die die Erde beut, genoß und schmeckte ich hier in ihrer
-vollsten Blüthe, unersättlich war mein Busen und unendlich der Genuß.
-Die berühmten Schönheiten der alten Welt waren zugegen, was mein Gedanke
-wünschte, war in meinem Besitz, eine Trunkenheit folgte der andern, mit
-jedem Tage schien um mich her die Welt in bunteren Farben zu brennen.
-Ströme des köstlichsten Weines löschten den grimmen Durst, und die
-holdseligsten Gestalten gaukelten dann in der Luft, ein Gewimmel von
-nackten Mädchen umgab mich einladend, Düfte schwangen sich bezaubernd um
-mein Haupt, wie aus dem innersten Herzen der seligsten Natur erklang
-eine Musik, und kühlte mit ihren frischen Wogen der Begierde wilde
-Lüsternheit; ein Grauen, das so heimlich über die Blumenfelder schlich,
-erhöhte den entzückenden Rausch. Wie viele Jahre so verschwunden sind,
-weiß ich nicht zu sagen, denn hier gab es keine Zeit und keine
-Unterschiede, in den Blumen brannte der Mädchen und der Lüste Reiz, in
-den Körpern der Weiber blühte der Zauber der Blumen, die Farben führten
-hier eine andre Sprache, die Töne sagten neue Worte, die ganze
-Sinnenwelt war hier in einer Blüthe fest gebunden, und die Geister
-drinnen feierten ewig einen brünstigen Triumph.
-
-Doch wie es geschah, kann ich so wenig sagen wie fassen, daß mich nun in
-aller Sünderherrlichkeit der Trieb nach der Ruhe, der Wunsch zur alten
-unschuldigen Erde mit ihren dürftigen Freuden eben so ergriff, wie mich
-vormals die Sehnsucht hieher gedrängt hatte. Es zog mich an, wieder
-jenes Leben zu leben, das die Menschen in aller Bewußtlosigkeit führen,
-mit Leiden und abwechselnden Freuden; ich war von dem Glanz gesättigt
-und suchte gern die vorige Heimath wieder. Eine unbegreifliche Gnade des
-Allmächtigen verschaffte mir die Rückkehr, ich befand mich plötzlich
-wieder in der Welt, und denke nun meinen sündigen Busen vor den Stuhl
-unsers allerheiligsten Vaters in Rom auszuschütten, daß er mir vergebe
-und ich den übrigen Menschen wieder zugezählt werde. --
-
-Der Tannenhäuser schwieg still, und Friedrich betrachtete ihn lange mit
-einem prüfenden Blicke; dann nahm er die Hand seines Freundes und sagte:
-immer noch kann ich nicht von meinem Erstaunen zurück kommen, auch kann
-ich deine Erzählung nicht begreifen, denn es ist nicht anders möglich,
-als daß alles, was du mir vorgetragen hast, nur eine Einbildung von dir
-sein muß. Denn noch lebt Emma, sie ist meine Gattin, und nie haben wir
-gekämpft oder uns gehaßt, wie du glaubst; doch verschwandest du noch vor
-unsrer Hochzeit aus der Gegend, auch hast du mir damals nie mit einem
-einzigen Worte gesagt, daß Emma dir lieb sei.
-
-Er nahm hierauf den verwirrten Tannenhäuser bei der Hand und führte ihn
-in ein anderes Zimmer zu seiner Gattin, die eben von einem Besuch ihrer
-Schwester, bei der sie einige Tage verweilt, auf das Schloß zurück
-gekommen war. Der Tannenhäuser war stumm und nachdenkend, er beschaute
-still die Bildung und das Antlitz der Frau, dann schüttelte er mit dem
-Kopfe und sagte: bei Gott, das ist noch die seltsamste von allen meinen
-Begebenheiten!
-
-Friedrich erzählte ihm im Zusammenhange alles, was ihm seitdem
-zugestoßen war, und suchte seinem Freunde deutlich zu machen, daß ihn
-ein seltsamer Wahnsinn nur seit manchem Jahre beängstiget habe. Ich weiß
-recht gut wie es ist, rief der Tannenhäuser aus, jezt bin ich getäuscht
-und wahnsinnig, die Hölle will mir dies Blendwerk vorgaukeln, damit ich
-nicht nach Rom gehn und meiner Sünden ledig werden soll.
-
-Emma suchte ihn an seine Kindheit zu erinnern, aber der Tannenhäuser
-ließ sich nicht überreden. So reiste er schnell ab, um in kurzer Zeit in
-Rom vom Pabste Absolution zu erhalten.
-
-Friedrich und Emma sprachen noch oft über den seltsamen Pilgrim. Einige
-Monden waren verflossen, als der Tannenhäuser bleich und abgezehrt, in
-zerrissenen Wallfahrtskleidern und barfuß in Friedrichs Gemach trat,
-indem dieser noch schlief. Er küßte ihn auf den Mund und sagte dann
-schnell die Worte: der heilige Vater will und kann mir nicht vergeben,
-ich muß in meinen alten Wohnsitz zurück. Hierauf entfernte er sich
-eilig.
-
-Friedrich ermunterte sich, der unglückliche Pilger war schon
-verschwunden. Er ging nach dem Zimmer seiner Gattin, und die Weiber
-stürzten ihm mit Geheul entgegen; der Tannenhäuser war hier früh am Tage
-herein gedrungen und hatte die Worte gesagt: diese soll mich nicht in
-meinem Laufe stören! Man fand Emma ermordet.
-
-Noch konnte sich Friedrich nicht besinnen, als es ihn wie Entsetzen
-befiel; er konnte nicht ruhn, er rannte ins Freie. Man wollte ihn zurück
-halten, aber er erzählte, wie ihm der Pilgrim einen Kuß auf die Lippen
-gegeben habe, und wie dieser Kuß ihn brenne, bis er jenen wieder
-gefunden. So rannte er in unbegreiflicher Eile fort, den wunderlichen
-Berg und den Tannenhäuser zu suchen, und man sah ihn seitdem nicht mehr.
-Die Leute sagten, wer einen Kuß von einem aus dem Berge bekommen, der
-könne der Lockung nicht widerstehn, die ihn auch mit Zaubergewalt in die
-unterirdischen Klüfte reiße. --
-
- * * * * *
-
-Alle waren nach geendigter Erzählung still und in sich gekehrt, worauf
-Manfred sagte: ohne alle Vorbereitung und einleitende Vorrede will ich
-sogleich die Vorlesung meines Werkes beginnen, das, wie ich wohl nicht
-erst zu versichern brauche, Original und eigne Erfindung ist. Da unsre
-schöne Clara auf die Originalität so viel giebt, so hoffe ich, daß sie
-auch diesem Mährchen ihren Beifall nicht wird versagen können. Er las
-hierauf folgende Erzählung.
-
-
-
-
- Der Runenberg.
- 1802.
-
-
-Ein junger Jäger saß im innersten Gebirge nachdenkend bei einem
-Vogelheerde, indem das Rauschen der Gewässer und des Waldes in der
-Einsamkeit tönte. Er bedachte sein Schicksal, wie er so jung sei, und
-Vater und Mutter, die wohlbekannte Heimath, und alle Befreundeten seines
-Dorfes verlassen hatte, um eine fremde Umgebung zu suchen, um sich aus
-dem Kreise der wiederkehrenden Gewöhnlichkeit zu entfernen, und er
-blickte mit einer Art von Verwunderung auf, daß er sich nun in diesem
-Thale, in dieser Beschäftigung wieder fand. Große Wolken zogen durch den
-Himmel und verloren sich hinter den Bergen, Vögel sangen aus den
-Gebüschen und ein Wiederschall antwortete ihnen. Er stieg langsam den
-Berg hinunter, und setzte sich an den Rand eines Baches nieder, der über
-vorragendes Gestein schäumend murmelte. Er hörte auf die wechselnde
-Melodie des Wassers, und es schien, als wenn ihm die Wogen in
-unverständlichen Worten tausend Dinge sagten, die ihm so wichtig waren,
-und er mußte sich innig betrüben, daß er ihre Reden nicht verstehen
-konnte. Wieder sah er dann umher und ihm dünkte, er sei froh und
-glücklich; so faßte er wieder neuen Muth und sang mit lauter Stimme
-einen Jägergesang.
-
- Froh und lustig zwischen Steinen
- Geht der Jüngling auf die Jagd,
- Seine Beute muß erscheinen
- In den grünlebendgen Hainen,
- Sucht' er auch bis in die Nacht.
-
- Seine treuen Hunde bellen
- Durch die schöne Einsamkeit,
- Durch den Wald die Hörner gellen,
- Daß die Herzen muthig schwellen:
- O du schöne Jägerzeit!
-
- Seine Heimath sind die Klüfte,
- Alle Bäume grüßen ihn,
- Rauschen strenge Herbsteslüfte
- Find't er Hirsch und Reh, die Schlüfte
- Muß er jauchzend dann durchziehn.
-
- Laß dem Landmann seine Mühen
- Und dem Schiffer nur sein Meer,
- Keiner sieht in Morgens Frühen
- So Aurora's Augen glühen,
- Hängt der Thau am Grase schwer,
-
- Als wer Jagd, Wild, Wälder kennet
- Und Diana lacht ihn an,
- Einst das schönste Bild entbrennet
- Die er seine Liebste nennet:
- O beglückter Jägersmann!
-
-Während dieses Gesanges war die Sonne tiefer gesunken und breite
-Schatten fielen durch das enge Thal. Eine kühlende Dämmerung schlich
-über den Boden weg, und nur noch die Wipfel der Bäume, wie die runden
-Bergspitzen waren vom Schein des Abends vergoldet. Christians Gemüth
-ward immer trübseliger, er mochte nicht nach seinem Vogelheerde zurück
-kehren, und dennoch mochte er nicht bleiben; es dünkte ihm so einsam und
-er sehnte sich nach Menschen. Jezt wünschte er sich die alten Bücher,
-die er sonst bei seinem Vater gesehn, und die er niemals lesen mögen, so
-oft ihn auch der Vater dazu angetrieben hatte; es fielen ihm die Scenen
-seiner Kindheit ein, die Spiele mit der Jugend des Dorfes, seine
-Bekanntschaften unter den Kindern, die Schule, die ihm so drückend
-gewesen war, und er sehnte sich in alle diese Umgebungen zurück, die er
-freiwillig verlassen hatte, um sein Glück in unbekannten Gegenden, in
-Bergen, unter fremden Menschen, in einer neuen Beschäftigung zu finden.
-Indem es finstrer wurde, und der Bach lauter rauschte, und das Geflügel
-der Nacht seine irre Wanderung mit umschweifendem Fluge begann, saß er
-noch immer mißvergnügt und in sich versunken; er hätte weinen mögen, und
-er war durchaus unentschlossen, was er thun und vornehmen solle.
-Gedankenlos zog er eine hervorragende Wurzel aus der Erde, und plötzlich
-hörte er erschreckend ein dumpfes Winseln im Boden, das sich
-unterirdisch in klagenden Tönen fortzog, und erst in der Ferne wehmüthig
-verscholl. Der Ton durchdrang sein innerstes Herz, er ergriff ihn, als
-wenn er unvermuthet die Wunde berührt habe, an der der sterbende
-Leichnam der Natur in Schmerzen verscheiden wolle. Er sprang auf und
-wollte entfliehen, denn er hatte wohl ehemals von der seltsamen
-Alrunenwurzel gehört, die beim Ausreißen so herzdurchschneidende
-Klagetöne von sich gebe, daß der Mensch von ihrem Gewinsel wahnsinnig
-werden müsse. Indem er fortgehen wollte, stand ein fremder Mann hinter
-ihm, welcher ihn freundlich ansah und fragte, wohin er wolle. Christian
-hatte sich Gesellschaft gewünscht, und doch erschrak er von neuem vor
-dieser freundlichen Gegenwart. Wohin so eilig? fragte der Fremde noch
-einmal. Der junge Jäger suchte sich zu sammeln und erzählte, wie ihm
-plötzlich die Einsamkeit so schrecklich vorgekommen sei, daß er sich
-habe retten wollen, der Abend sei so dunkel, die grünen Schatten des
-Waldes so traurig, der Bach spreche in lauter Klagen, die Wolken des
-Himmels zögen seine Sehnsucht jenseit den Bergen hinüber. Ihr seid noch
-jung, sagte der Fremde, und könnt wohl die Strenge der Einsamkeit noch
-nicht ertragen, ich will euch begleiten, denn ihr findet doch kein Haus
-oder Dorf im Umkreis einer Meile, wir mögen unterwegs etwas sprechen und
-uns erzählen, so verliert ihr die trüben Gedanken; in einer Stunde kommt
-der Mond hinter den Bergen hervor, sein Licht wird dann wohl auch eure
-Seele lichter machen.
-
-Sie gingen fort, und der Fremde dünkte dem Jünglinge bald ein alter
-Bekannter zu sein. Wie seid ihr in dieses Gebürge gekommen, fragte
-jener, ihr seid hier, eurer Sprache nach, nicht einheimisch. -- Ach
-darüber, sagte der Jüngling, ließe sich viel sagen, und doch ist es
-wieder keiner Rede, keiner Erzählung werth; es hat mich wie mit fremder
-Gewalt aus dem Kreise meiner Eltern und Verwandten hinweg genommen, mein
-Geist war seiner selbst nicht mächtig; wie ein Vogel, der in einem Netz
-gefangen ist und sich vergeblich sträubt, so verstrickt war meine Seele
-in seltsamen Vorstellungen und Wünschen. Wir wohnten weit von hier in
-einer Ebene, in der man rund umher keinen Berg, kaum eine Anhöhe
-erblickte; wenige Bäume schmückten den grünen Plan, aber Wiesen,
-fruchtbare Kornfelder und Gärten zogen sich hin, so weit das Auge
-reichen konnte, ein großer Fluß glänzte wie ein mächtiger Geist an den
-Wiesen und Feldern vorbei. Mein Vater war Gärtner im Schloß und hatte
-vor, mich ebenfalls zu seiner Beschäftigung zu erziehen; er liebte die
-Pflanzen und Blumen über alles und konnte sich tagelang unermüdet mit
-ihrer Wartung und Pflege abgeben. Ja er ging so weit, daß er behauptete,
-er könne fast mit ihnen sprechen; er lerne von ihrem Wachsthum und
-Gedeihen, so wie von der verschiedenen Gestalt und Farbe ihrer Blätter.
-Mir war die Gartenarbeit zuwider, um so mehr, als mein Vater mir
-zuredete, oder gar mit Drohungen mich zu zwingen versuchte. Ich wollte
-Fischer werden, und machte den Versuch, allein das Leben auf dem Wasser
-stand mir auch nicht an; ich wurde dann zu einem Handelsmann in die
-Stadt gegeben, und kam auch von ihm bald in das väterliche Haus zurück.
-Auf einmal hörte ich meinen Vater von Gebirgen erzählen, die er in
-seiner Jugend bereiset hatte, von den unterirdischen Bergwerken und
-ihren Arbeitern, von Jägern und ihrer Beschäftigung, und plötzlich
-erwachte in mir der bestimmteste Trieb, das Gefühl, daß ich nun die für
-mich bestimmte Lebensweise gefunden habe. Tag und Nacht sann ich und
-stellte mir hohe Berge, Klüfte und Tannenwälder vor; meine Einbildung
-erschuf sich ungeheure Felsen, ich hörte in Gedanken das Getöse der
-Jagd, die Hörner, und das Geschrei der Hunde und des Wildes; alle meine
-Träume waren damit angefüllt und darüber hatte ich nun weder Rast noch
-Ruhe mehr. Die Ebene, das Schloß, der kleine beschränkte Garten meines
-Vaters mit den geordneten Blumenbeeten, die enge Wohnung, der weite
-Himmel, der sich ringsum so traurig ausdehnte, und keine Höhe, keinen
-erhabenen Berg umarmte, alles ward mir noch betrübter und verhaßter.
-Es schien mir, als wenn alle Menschen um mich her in der
-bejammernswürdigsten Unwissenheit lebten, und daß alle eben so denken
-und empfinden würden, wie ich, wenn ihnen dieses Gefühl ihres Elendes
-nur ein einziges mal in ihrer Seele aufginge. So trieb ich mich um, bis
-ich an einem Morgen den Entschluß faßte, das Haus meiner Eltern auf
-immer zu verlassen. Ich hatte in einem Buche Nachrichten vom nächsten
-großen Gebirge gefunden, Abbildungen einiger Gegenden, und darnach
-richtete ich meinen Weg ein. Es war im ersten Frühlinge und ich fühlte
-mich durchaus froh und leicht. Ich eilte, um nur recht bald das Ebene zu
-verlassen, und an einem Abende sah ich in der Ferne die dunkeln Umrisse
-des Gebirges vor mir liegen. Ich konnte in der Herberge kaum schlafen,
-so ungeduldig war ich, die Gegend zu betreten, die ich für meine Heimath
-ansah; mit dem Frühesten war ich munter und wieder auf der Reise.
-Nachmittags befand ich mich schon unter den vielgeliebten Bergen, und
-wie ein Trunkner ging ich, stand dann eine Weile, schaute rückwärts, und
-berauschte mich in allen mir fremden und doch so wohlbekannten
-Gegenständen. Bald verlor ich die Ebene hinter mir aus dem Gesichte, die
-Waldströme rauschten mir entgegen, Buchen und Eichen brausten mit
-bewegtem Laube von steilen Abhängen herunter; mein Weg führte mich
-schwindlichten Abgründen vorüber, blaue Berge standen groß und ehrwürdig
-im Hintergrunde. Eine neue Welt war mir aufgeschlossen, ich wurde nicht
-müde. So kam ich nach einigen Tagen, indem ich einen großen Theil des
-Gebürges durchstreift hatte, zu einem alten Förster, der mich auf mein
-inständiges Bitten zu sich nahm, um mich in der Kunst der Jägerei zu
-unterrichten. Jezt bin ich seit drei Monaten in seinen Diensten. Ich
-nahm von der Gegend, in der ich meinen Aufenthalt hatte, wie von einem
-Königreiche Besitz; ich lernte jede Klippe, jede Schluft des Gebürges
-kennen, ich war in meiner Beschäftigung, wenn wir am frühen Morgen nach
-dem Walde zogen, wenn wir Bäume im Forste fällten, wenn ich mein Auge
-und meine Büchse übte, und die treuen Gefährten, die Hunde zu ihren
-Geschicklichkeiten abrichtete, überaus glücklich. Jezt sitze ich seit
-acht Tagen hier oben auf dem Vogelheerde, im einsamsten Gebürge, und am
-Abend wurde mir heut so traurig zu Sinne, wie noch niemals in meinem
-Leben; ich kam mir so verloren, so ganz unglückselig vor, und noch kann
-ich mich nicht von dieser trüben Stimmung erhohlen.
-
-Der fremde Mann hatte aufmerksam zugehört, indem beide durch einen
-dunkeln Gang des Waldes gewandert waren. Jezt traten sie ins Freie, und
-das Licht des Mondes, der oben mit seinen Hörnern über der Bergspitze
-stand, begrüßte sie freundlich: in unkenntlichen Formen und vielen
-gesonderten Massen, die der bleiche Schimmer wieder räthselhaft
-vereinigte, lag das gespaltene Gebürge vor ihnen, im Hintergrunde ein
-steiler Berg, auf welchem uralte verwitterte Ruinen schauerlich im
-weißen Lichte sich zeigten. Unser Weg trennt sich hier, sagte der
-Fremde, ich gehe in diese Tiefe hinunter, dort bei jenem alten Schacht
-ist meine Wohnung: die Erze sind meine Nachbarn, die Berggewässer
-erzählen mir Wunderdinge in der Nacht, dahin kannst du mir doch nicht
-folgen. Aber siehe dort den Runenberg mit seinem schroffen Mauerwerke,
-wie schön und anlockend das alte Gestein zu uns herblickt! Bist du
-niemals dorten gewesen? Niemals, sagte der junge Christian, ich hörte
-einmal meinen alten Förster wundersame Dinge von diesem Berge erzählen,
-die ich thöricht genug wieder vergessen habe; aber ich erinnere mich,
-daß mir an jenem Abend grauenhaft zu Muthe war. Ich möchte wohl einmal
-die Höhe besteigen, denn die Lichter sind dort am schönsten, das Gras
-muß dorten recht grün sein, die Welt umher recht seltsam, auch mag sichs
-wohl treffen, daß man noch manch Wunder aus der alten Zeit da oben
-fände.
-
-Es kann fast nicht fehlen, sagte jener, wer nur zu suchen versteht,
-wessen Herz recht innerlich hingezogen wird, der findet uralte Freunde
-dort und Herrlichkeiten, alles, was er am eifrigsten wünscht. -- Mit
-diesen Worten stieg der Fremde schnell hinunter, ohne seinem Gefährten
-Lebewohl zu sagen, bald war er im Dickicht des Gebüsches verschwunden,
-und kurz nachher verhallte auch der Tritt seiner Füße. Der junge Jäger
-war nicht verwundert, er verdoppelte nur seine Schritte nach dem
-Runenberge zu, alles winkte ihm dorthin, die Sterne schienen dorthin zu
-leuchten, der Mond wies mit einer hellen Straße nach den Trümmern,
-lichte Wolken zogen hinauf, und aus der Tiefe redeten ihm Gewässer und
-rauschende Wälder zu und sprachen ihm Muth ein. Seine Schritte waren wie
-beflügelt, sein Herz klopfte, er fühlte eine so große Freudigkeit in
-seinem Innern, daß sie zu einer Angst empor wuchs. -- Er kam in
-Gegenden, in denen er nie gewesen war, die Felsen wurden steiler, das
-Grün verlor sich, die kahlen Wände riefen ihn wie mit zürnenden Stimmen
-an, und ein einsam klagender Wind jagte ihn vor sich her. So eilte er
-ohne Stillstand fort, und kam spät nach Mitternacht auf einen schmalen
-Fußsteig, der hart an einem Abgrunde hinlief. Er achtete nicht auf die
-Tiefe, die unter ihm gähnte und ihn zu verschlingen drohte, so sehr
-spornten ihn irre Vorstellungen und unverständliche Wünsche. Jezt zog
-ihn der gefährliche Weg neben eine hohe Mauer hin, die sich in den
-Wolken zu verlieren schien; der Steig ward mit jedem Schritte schmaler,
-und der Jüngling mußte sich an vorragenden Steinen fest halten, um nicht
-hinunter zu stürzen. Endlich konnte er nicht weiter, der Pfad endigte
-unter einem Fenster, er mußte still stehen und wußte jezt nicht, ob er
-umkehren, ob er bleiben solle. Plötzlich sah er ein Licht, das sich
-hinter dem alten Gemäuer zu bewegen schien. Er sah dem Scheine nach, und
-entdeckte, daß er in einen alten geräumigen Saal blicken konnte, der
-wunderlich verziert von mancherlei Gesteinen und Kristallen in
-vielfältigen Schimmern funkelte, die sich geheimnißvoll von dem
-wandelnden Lichte durcheinander bewegten, welches eine große weibliche
-Gestalt trug, die sinnend im Gemache auf und nieder ging. Sie schien
-nicht den Sterblichen anzugehören, so groß, so mächtig waren ihre
-Glieder, so streng ihr Gesicht, aber doch dünkte dem entzückten
-Jünglinge, daß er noch niemals solche Schönheit gesehn oder geahnet
-habe. Er zitterte und wünschte doch heimlich, daß sie zum Fenster treten
-und ihn wahrnehmen möchte. Endlich stand sie still, setzte das Licht auf
-einen kristallenen Tisch nieder, schaute in die Höhe und sang mit
-durchdringlicher Stimme:
-
- Wo die Alten weilen,
- Daß sie nicht erscheinen?
- Die Kristallen weinen,
- Von demantnen Säulen
- Fließen Thränenquellen,
- Töne klingen drein;
- In den klaren hellen
- Schön durchsichtgen Wellen
- Bildet sich der Schein,
- Der die Seelen ziehet,
- Dem das Herz erglühet.
- Kommt ihr Geister alle
- Zu der goldnen Halle,
- Hebt aus tiefen Dunkeln
- Häupter, welche funkeln!
- Macht der Herzen und der Geister,
- Die so durstig sind im Sehnen,
- Mit den leuchtend schönen Thränen
- Allgewaltig euch zum Meister!
-
-Als sie geendigt hatte, fing sie an sich zu entkleiden, und ihre
-Gewänder in einen kostbaren Wandschrank zu legen. Erst nahm sie einen
-goldenen Schleier vom Haupte, und ein langes schwarzes Haar floß in
-geringelter Fülle bis über die Hüften hinab; dann löste sie das Gewand
-des Busens, und der Jüngling vergaß sich und die Welt im Anschauen der
-überirdischen Schönheit. Er wagte kaum zu athmen, als sie nach und nach
-alle Hüllen löste; nackt schritt sie endlich im Saale auf und nieder,
-und ihre schweren schwebenden Locken bildeten um sie her ein dunkel
-wogendes Meer, aus dem wie Marmor die glänzenden Formen des reinen
-Leibes abwechselnd hervor strahlten. Nach geraumer Zeit näherte sie sich
-einem andern goldenen Schranke, nahm eine Tafel heraus, die von vielen
-eingelegten Steinen, Rubinen, Diamanten und allen Juwelen glänzte, und
-betrachtete sie lange prüfend. Die Tafel schien eine wunderliche
-unverständliche Figur mit ihren unterschiedlichen Farben und Linien zu
-bilden; zuweilen war, nachdem der Schimmer ihm entgegen spiegelte, der
-Jüngling schmerzhaft geblendet, dann wieder besänftigten grüne und blau
-spielende Scheine sein Auge: er aber stand, die Gegenstände mit seinen
-Blicken verschlingend, und zugleich tief in sich selbst versunken. In
-seinem Innern hatte sich ein Abgrund von Gestalten und Wohllaut, von
-Sehnsucht und Wollust aufgethan, Schaaren von beflügelten Tönen und
-wehmüthigen und freudigen Melodien zogen durch sein Gemüth, das bis auf
-den Grund bewegt war: er sah eine Welt von Schmerz und Hoffnung in sich
-aufgehen, mächtige Wunderfelsen von Vertrauen und trotzender Zuversicht,
-große Wasserströme, wie voll Wehmuth fließend. Er kannte sich nicht
-wieder, und erschrak, als die Schöne das Fenster öffnete, ihm die
-magische steinerne Tafel reichte und die wenigen Worte sprach: Nimm
-dieses zu meinem Angedenken! Er faßte die Tafel und fühlte die Figur,
-die unsichtbar sogleich in sein Inneres überging, und das Licht und die
-mächtige Schönheit und der seltsame Saal waren verschwunden. Wie eine
-dunkele Nacht mit Wolkenvorhängen fiel es in sein Inneres hinein, er
-suchte nach seinen vorigen Gefühlen, nach jener Begeisterung und
-unbegreiflichen Liebe, er beschaute die kostbare Tafel, in welcher sich
-der untersinkende Mond schwach und bläulich spiegelte.
-
-Noch hielt er die Tafel fest in seinen Händen gepreßt, als der Morgen
-graute und er erschöpft, schwindelnd und halb schlafend die steile Höhe
-hinunter stürzte. --
-
-Die Sonne schien dem betäubten Schläfer auf sein Gesicht, der sich
-erwachend auf einem anmuthigen Hügel wieder fand. Er sah umher, und
-erblickte weit hinter sich und kaum noch kennbar am äußersten Horizont
-die Trümmer des Runenberges: er suchte nach jener Tafel, und fand sie
-nirgend. Erstaunt und verwirrt wollte er sich sammeln und seine
-Erinnerungen anknüpfen, aber sein Gedächtniß war wie mit einem wüsten
-Nebel angefüllt, in welchem sich formlose Gestalten wild und unkenntlich
-durch einander bewegten. Sein ganzes voriges Leben lag wie in einer
-tiefen Ferne hinter ihm; das Seltsamste und das Gewöhnliche war so in
-einander vermischt, daß er es unmöglich sondern konnte. Nach langem
-Streite mit sich selbst glaubte er endlich, ein Traum oder ein
-plötzlicher Wahnsinn habe ihn in dieser Nacht befallen, nur begriff er
-immer nicht, wie er sich so weit in eine fremde entlegene Gegend habe
-verirren können.
-
-Noch fast schlaftrunken stieg er den Hügel hinab, und gerieth auf einen
-gebahnten Weg, der ihn vom Gebirge hinunter in das flache Land führte.
-Alles war ihm fremd, er glaubte anfangs, er würde in seine Heimath
-gelangen, aber er sah eine ganz verschiedene Gegend, und vermuthete
-endlich, daß er sich jenseit der südlichen Gränze des Gebirges befinden
-müsse, welches er im Frühling von Norden her betreten hatte. Gegen
-Mittag stand er über einem Dorfe, aus dessen Hütten ein friedlicher
-Rauch in die Höhe stieg, Kinder spielten auf einem grünen Platze
-festtäglich geputzt, und aus der kleinen Kirche erscholl der Orgelklang
-und das Singen der Gemeine. Alles ergriff ihn mit unbeschreiblich süßer
-Wehmuth, alles rührte ihn so herzlich, daß er weinen mußte. Die engen
-Gärten, die kleinen Hütten mit ihren rauchenden Schornsteinen, die
-gerade abgetheilten Kornfelder erinnerten ihn an die Bedürftigkeit des
-armen Menschengeschlechts, an seine Abhängigkeit vom freundlichen
-Erdboden, dessen Milde es sich vertrauen muß; dabei erfüllte der Gesang
-und der Ton der Orgel sein Herz mit einer nie gefühlten Frömmigkeit.
-Seine Empfindungen und Wünsche der Nacht erschienen ihm ruchlos und
-frevelhaft, er wollte sich wieder kindlich, bedürftig und demüthig an
-die Menschen wie an seine Brüder schließen, und sich von den gottlosen
-Gefühlen und Vorsätzen entfernen. Reizend und anlockend dünkte ihm die
-Ebene mit dem kleinen Fluß, der sich in mannichfaltigen Krümmungen um
-Wiesen und Gärten schmiegte; mit Furcht gedachte er an seinen Aufenthalt
-in dem einsamen Gebirge und zwischen den wüsten Steinen, er sehnte sich,
-in diesem friedlichen Dorfe wohnen zu dürfen, und trat mit diesen
-Empfindungen in die menschenerfüllte Kirche.
-
-Der Gesang war eben beendigt und der Priester hatte seine Predigt
-begonnen, von den Wohlthaten Gottes in der Erndte: wie seine Güte alles
-speiset und sättiget was lebt, wie wunderbar im Getraide für die
-Erhaltung des Menschengeschlechtes gesorgt sei, wie die Liebe Gottes
-sich unaufhörlich im Brodte mittheile und der andächtige Christ so ein
-unvergängliches Abendmahl gerührt feiern könne. Die Gemeine war erbaut,
-des Jägers Blicke ruhten auf dem frommen Redner, und bemerkten dicht
-neben der Kanzel ein junges Mädchen, das vor allen andern der Andacht
-und Aufmerksamkeit hingegeben schien. Sie war schlank und blond, ihr
-blaues Auge glänzte von der durchdringendsten Sanftheit, ihr Antliz war
-wie durchsichtig und in den zartesten Farben blühend. Der fremde
-Jüngling hatte sich und sein Herz noch niemals so empfunden, so voll
-Liebe und so beruhigt, so den stillsten und erquickendsten Gefühlen
-hingegeben. Er beugte sich weinend, als der Priester endlich den Segen
-sprach, er fühlte sich bei den heiligen Worten wie von einer
-unsichtbaren Gewalt durchdrungen, und das Schattenbild der Nacht in die
-tiefste Entfernung wie ein Gespenst hinab gerückt. Er verließ die
-Kirche, verweilte unter einer großen Linde, und dankte Gott in einem
-inbrünstigen Gebete, daß er ihn ohne sein Verdienst wieder aus den
-Netzen des bösen Geistes befreit habe.
-
-Das Dorf feierte an diesem Tage das Erndtefest und alle Menschen waren
-fröhlich gestimmt; die geputzten Kinder freuten sich auf die Tänze und
-Kuchen, die jungen Burschen richteten auf dem Platze im Dorfe, der von
-jungen Bäumen umgeben war, alles zu ihrer herbstlichen Festlichkeit ein,
-die Musikanten saßen und probirten ihre Instrumente. Christian ging noch
-einmal in das Feld hinaus, um sein Gemüth zu sammeln und seinen
-Betrachtungen nachzuhängen, dann kam er in das Dorf zurück, als sich
-schon alles zur Fröhlichkeit und zur Begehung des Festes vereiniget
-hatte. Auch die blonde Elisabeth war mit ihren Eltern zugegen, und der
-Fremde mischte sich in den frohen Haufen. Elisabeth tanzte, und er hatte
-unterdeß bald mit dem Vater ein Gespräch angesponnen, der ein Pachter
-war und einer der reichsten Leute im Dorfe. Ihm schien die Jugend und
-das Gespräch des fremden Gastes zu gefallen, und so wurden sie in kurzer
-Zeit dahin einig, daß Christian als Gärtner bei ihm einziehen solle.
-Dieser konnte es unternehmen, denn er hoffte, daß ihm nun die Kenntnisse
-und Beschäftigungen zu statten kommen würden, die er in seiner Heimath
-so sehr verachtet hatte.
-
-Jezt begann ein neues Leben für ihn. Er zog bei dem Pachter ein und ward
-zu dessen Familie gerechnet; mit seinem Stande veränderte er auch seine
-Tracht. Er war so gut, so dienstfertig und immer freundlich, er stand
-seiner Arbeit so fleißig vor, daß ihm bald alle im Hause, vorzüglich
-aber die Tochter, gewogen wurden. So oft er sie am Sonntage zur Kirche
-gehn sah, hielt er ihr einen schönen Blumenstrauß in Bereitschaft, für
-den sie ihm mit erröthender Freundlichkeit dankte; er vermißte sie, wenn
-er sie an einem Tage nicht sah, dann erzählte sie ihm am Abend Mährchen
-und lustige Geschichten. Sie wurden sich immer nothwendiger, und die
-Alten, welche es bemerkten, schienen nichts dagegen zu haben, denn
-Christian war der fleißigste und schönste Bursche im Dorfe; sie selbst
-hatten vom ersten Augenblick einen Zug der Liebe und Freundschaft zu ihm
-gefühlt. Nach einem halben Jahre war Elisabeth seine Gattin. Es war
-wieder Frühling, die Schwalben und die Vögel des Gesanges kamen in das
-Land, der Garten stand in seinem schönsten Schmuck, die Hochzeit wurde
-mit aller Fröhlichkeit gefeiert, Braut und Bräutigam schienen trunken
-von ihrem Glücke. Am Abend spät, als sie in die Kammer gingen, sagte der
-junge Gatte zu seiner Geliebten: Nein, nicht jenes Bild bist du, welches
-mich einst im Traum entzückte und das ich niemals ganz vergessen kann,
-aber doch bin ich glücklich in deiner Nähe und seelig in deinen Armen.
-
-Wie vergnügt war die Familie, als sie nach einem Jahre durch eine kleine
-Tochter vermehrt wurde, welche man Leonora nannte. Christian wurde zwar
-zuweilen etwas ernster, indem er das Kind betrachtete, aber doch kam
-seine jugendliche Heiterkeit immer wieder zurück. Er gedachte kaum noch
-seiner vorigen Lebensweise, denn er fühlte sich ganz einheimisch und
-befriedigt. Nach einigen Monaten fielen ihm aber seine Eltern in die
-Gedanken, und wie sehr sich besonders sein Vater über sein ruhiges
-Glück, über seinen Stand als Gärtner und Landmann freuen würde; es
-ängstigte ihn, daß er Vater und Mutter seit so langer Zeit ganz hatte
-vergessen können, sein eigenes Kind erinnerte ihn, welche Freude die
-Kinder den Eltern sind, und so beschloß er dann endlich, sich auf die
-Reise zu machen und seine Heimath wieder zu besuchen.
-
-Ungern verließ er seine Gattin; alle wünschten ihm Glück, und er machte
-sich in der schönen Jahreszeit zu Fuß auf den Weg. Er fühlte schon nach
-wenigen Stunden, wie ihn das Scheiden peinige, zum erstenmal empfand er
-in seinem Leben die Schmerzen der Trennung; die fremden Gegenstände
-erschienen ihm fast wild, ihm war, als sei er in einer feindseligen
-Einsamkeit verloren. Da kam ihm der Gedanke, daß seine Jugend vorüber
-sei, daß er eine Heimath gefunden, der er angehöre, in die sein Herz
-Wurzel geschlagen habe; er wollte fast den verlornen Leichtsinn der
-vorigen Jahre beklagen, und es war ihm äußerst trübselig zu Muthe, als
-er für die Nacht auf einem Dorfe in dem Wirthshause einkehren mußte. Er
-begriff nicht, warum er sich von seiner freundlichen Gattin und den
-erworbenen Eltern entfernt habe, und verdrießlich und murrend machte er
-sich am Morgen auf den Weg, um seine Reise fortzusetzen.
-
-Seine Angst nahm zu, indem er sich dem Gebirge näherte, die fernen
-Ruinen wurden schon sichtbar und traten nach und nach kenntlicher
-hervor, viele Bergspitzen hoben sich abgeründet aus dem blauen Nebel.
-Sein Schritt wurde zaghaft, er blieb oft stehen und verwunderte sich
-über seine Furcht, über die Schauer, die ihm mit jedem Schritte
-gedrängter nahe kamen. Ich kenne dich Wahnsinn wohl, rief er aus, und
-dein gefährliches Locken, aber ich will dir männlich widerstehn!
-Elisabeth ist kein schnöder Traum, ich weiß, daß sie jezt an mich denkt,
-daß sie auf mich wartet und liebevoll die Stunden meiner Abwesenheit
-zählt. Sehe ich nicht schon Wälder wie schwarze Haare vor mir? Schauen
-nicht aus dem Bache die blitzenden Augen nach mir her? Schreiten die
-großen Glieder nicht aus den Bergen auf mich zu? -- Mit diesen Worten
-wollte er sich um auszuruhen unter einen Baum nieder werfen, als er im
-Schatten desselben einen alten Mann sitzen sah, der mit der größten
-Aufmerksamkeit eine Blume betrachtete, sie bald gegen die Sonne hielt,
-bald wieder mit seiner Hand beschattete, ihre Blätter zählte, und
-überhaupt sich bemühte, sie seinem Gedächtnisse genau einzuprägen. Als
-er näher ging, erschien ihm die Gestalt bekannt, und bald blieb ihm kein
-Zweifel übrig, daß der Alte mit der Blume sein Vater sei. Er stürzte ihm
-mit dem Ausdruck der heftigsten Freude in die Arme; jener war vergnügt,
-aber nicht überrascht, ihn so plötzlich wieder zu sehen. Kömmst du mir
-schon entgegen, mein Sohn? sagte der Alte, ich wußte, daß ich dich bald
-finden würde, aber ich glaubte nicht, daß mir schon am heutigen Tage die
-Freude widerfahren sollte. -- Woher wußtet ihr, Vater, daß ihr mich
-antreffen würdet? -- An dieser Blume, sprach der alte Gärtner; seit ich
-lebe, habe ich mir gewünscht, sie einmal sehen zu können, aber niemals
-ist es mir so gut geworden, weil sie sehr selten ist, und nur in
-Gebirgen wächst: ich machte mich auf dich zu suchen, weil deine Mutter
-gestorben ist und mir zu Hause die Einsamkeit zu drückend und trübselig
-war. Ich wußte nicht, wohin ich meinen Weg richten sollte, endlich
-wanderte ich durch das Gebirge, so traurig mir auch die Reise vorkam;
-ich suchte beiher nach der Blume, konnte sie aber nirgends entdecken,
-und nun finde ich sie ganz unvermuthet hier, wo schon die schöne Ebene
-sich ausstreckt; daraus wußte ich, daß ich dich bald finden mußte, und
-sieh, wie die liebe Blume mir geweissagt hat! Sie umarmten sich wieder,
-und Christian beweinte seine Mutter; der Alte aber faßte seine Hand und
-sagte: laß uns gehen, daß wir die Schatten des Gebirges bald aus den
-Augen verlieren, mir ist immer noch weh ums Herz von den steilen wilden
-Gestalten, von dem gräßlichen Geklüft, von den schluchzenden
-Wasserbächen; laß uns das gute, fromme, ebene Land besuchen.
-
-Sie wanderten zurück, und Christian ward wieder froher. Er erzählte
-seinem Vater von seinem neuen Glücke, von seinem Kinde und seiner
-Heimath; sein Gespräch machte ihn selbst wie trunken, und er fühlte im
-Reden erst recht, wie nichts mehr zu seiner Zufriedenheit ermangle. So
-kamen sie unter Erzählungen, traurigen und fröhlichen, in dem Dorfe an.
-Alle waren über die frühe Beendigung der Reise vergnügt, am meisten
-Elisabeth. Der alte Vater zog zu ihnen, und gab sein kleines Vermögen in
-ihre Wirthschaft; sie bildeten den zufriedensten und einträchtigsten
-Kreis von Menschen. Der Acker gedieh, der Viehstand mehrte sich,
-Christians Haus wurde in wenigen Jahren eins der ansehnlichsten im Orte;
-auch sah er sich bald als den Vater von mehreren Kindern.
-
-Fünf Jahre waren auf diese Weise verflossen, als ein Fremder auf seiner
-Reise in ihrem Dorfe einkehrte, und in Christians Hause, weil es die
-ansehnlichste Wohnung war, seinen Aufenthalt nahm. Er war ein
-freundlicher, gesprächiger Mann, der vieles von seinen Reisen erzählte,
-der mit den Kindern spielte und ihnen Geschenke machte, und dem in
-kurzem alle gewogen waren. Es gefiel ihm so wohl in der Gegend, daß er
-sich einige Tage hier aufhalten wollte; aber aus den Tagen wurden
-Wochen, und endlich Monate. Keiner wunderte sich über die Verzögerung,
-denn alle hatten sich schon daran gewöhnt, ihn mit zur Familie zu
-zählen. Christian saß nur oft nachdenklich, denn es kam ihm vor, als
-kenne er den Reisenden schon von ehemals, und doch konnte er sich keiner
-Gelegenheit erinnern, bei welcher er ihn gesehen haben möchte. Nach
-dreien Monaten nahm der Fremde endlich Abschied und sagte: Lieben
-Freunde, ein wunderbares Schicksal und seltsame Erwartungen treiben mich
-in das nächste Gebirge hinein, ein zaubervolles Bild, dem ich nicht
-widerstehen kann, lockt mich; ich verlasse euch jezt, und ich weiß
-nicht, ob ich wieder zu euch zurück kommen werde; ich habe eine Summe
-Geldes bei mir, die in euren Händen sicherer ist als in den meinigen,
-und deshalb bitte ich euch, sie zu verwahren; komme ich in Jahresfrist
-nicht zurück, so behaltet sie, und nehmet sie als einen Dank für eure
-mir bewiesene Freundschaft an.
-
-So reiste der Fremde ab, und Christian nahm das Geld in Verwahrung. Er
-verschloß es sorgfältig und sah aus übertriebener Aengstlichkeit
-zuweilen wieder nach, zählte es über, ob nichts daran fehle, und machte
-sich viel damit zu thun. Diese Summe könnte uns recht glücklich machen,
-sagte er einmal zu seinem Vater, wenn der Fremde nicht zurück kommen
-sollte, für uns und unsre Kinder wäre auf immer gesorgt. Laß das Gold,
-sagte der Alte, darinne liegt das Glück nicht, uns hat bisher noch
-gottlob nichts gemangelt, und entschlage dich überhaupt dieser Gedanken.
-
-Oft stand Christian in der Nacht auf, um die Knechte zur Arbeit zu
-wecken und selbst nach allem zu sehn; der Vater war besorgt, daß er
-durch übertriebenen Fleiß seiner Jugend und Gesundheit schaden möchte:
-daher machte er sich in einer Nacht auf, um ihn zu ermahnen, seine
-übertriebene Thätigkeit einzuschränken, als er ihn zu seinem Erstaunen
-bei einer kleinen Lampe am Tische sitzend fand, indem er wieder mit der
-größten Aemsigkeit die Goldstücke zählte. Mein Sohn, sagte der Alte mit
-Schmerzen, soll es dahin mit dir kommen, ist dieses verfluchte Metall
-nur zu unserm Unglück unter dieses Dach gebracht? Besinne dich, mein
-Lieber, so muß dir der böse Feind Blut und Leben verzehren. -- Ja, sagte
-Christian, ich verstehe mich selber nicht mehr, weder bei Tage noch in
-der Nacht läßt es mir Ruhe; seht, wie es mich jezt wieder anblickt, daß
-mir der rothe Glanz tief in mein Herz hinein geht! Horcht, wie es
-klingt, dies güldene Blut! das ruft mich, wenn ich schlafe, ich höre es,
-wenn Musik tönt, wenn der Wind bläst, wenn Leute auf der Gasse sprechen;
-scheint die Sonne, so sehe ich nur diese gelben Augen, wie es mir
-zublinzelt, und mir heimlich ein Liebeswort ins Ohr sagen will: so muß
-ich mich wohl nächtlicher Weise aufmachen, um nur seinem Liebesdrang
-genug zu thun, und dann fühle ich es innerlich jauchzen und frohlocken,
-wenn ich es mit meinen Fingern berühre, es wird vor Freuden immer röther
-und herrlicher; schaut nur selbst die Glut der Entzückung an! -- Der
-Greis nahm schaudernd und weinend den Sohn in seine Arme, betete und
-sprach dann: Christel, du mußt dich wieder zum Worte Gottes wenden, du
-mußt fleißiger und andächtiger in die Kirche gehen, sonst wirst du
-verschmachten und im traurigsten Elende dich verzehren.
-
-Das Geld wurde wieder weggeschlossen, Christian versprach sich zu ändern
-und in sich zu gehn, und der Alte ward beruhigt. Schon war ein Jahr und
-mehr vergangen, und man hatte von dem Fremden noch nichts wieder in
-Erfahrung bringen können; der Alte gab nun endlich den Bitten seines
-Sohnes nach, und das zurückgelassene Geld wurde in Ländereien und auf
-andere Weise angelegt. Im Dorfe wurde bald von dem Reichthum des jungen
-Pachters gesprochen, und Christian schien außerordentlich zufrieden und
-vergnügt, so daß der Vater sich glücklich pries, ihn so wohl und heiter
-zu sehn: alle Furcht war jezt in seiner Seele verschwunden. Wie sehr
-mußte er daher erstaunen, als ihn an einem Abend Elisabeth beiseit nahm
-und unter Thränen erzählte, wie sie ihren Mann nicht mehr verstehe, er
-spreche so irre, vorzüglich des Nachts, er träume schwer, gehe oft im
-Schlafe lange in der Stube herum, ohne es zu wissen, und erzähle
-wunderbare Dinge, vor denen sie oft schaudern müsse. Am schrecklichsten
-sei ihr seine Lustigkeit am Tage, denn sein Lachen sei so wild und
-frech, sein Blick irre und fremd. Der Vater erschrak und die betrübte
-Gattin fuhr fort: Immer spricht er von dem Fremden, und behauptet, daß
-er ihn schon sonst gekannt habe, denn dieser fremde Mann sei eigentlich
-ein wunderschönes Weib; auch will er gar nicht mehr auf das Feld hinaus
-gehn oder im Garten arbeiten, denn er sagt, er höre ein unterirdisches
-fürchterliches Aechzen, so wie er nur eine Wurzel ausziehe; er fährt
-zusammen und scheint sich vor allen Pflanzen und Kräutern wie vor
-Gespenstern zu entsetzen. -- Allgütiger Gott! rief der Vater aus, ist
-der fürchterliche Hunger in ihn schon so fest hinein gewachsen, daß es
-dahin hat kommen können? So ist sein verzaubertes Herz nicht menschlich
-mehr, sondern von kaltem Metall; wer keine Blume mehr liebt, dem ist
-alle Liebe und Gottesfurcht verloren.
-
-Am folgenden Tage ging der Vater mit dem Sohne spazieren, und sagte ihm
-manches wieder, was er von Elisabeth gehört hatte; er ermahnte ihn zur
-Frömmigkeit, und daß er seinen Geist heiligen Betrachtungen widmen
-solle. Christian sagte: gern, Vater, auch ist mir oft ganz wohl, und es
-gelingt mir alles gut; ich kann auf lange Zeit, auf Jahre, die wahre
-Gestalt meines Innern vergessen, und gleichsam ein fremdes Leben mit
-Leichtigkeit führen: dann geht aber plötzlich wie ein neuer Mond das
-regierende Gestirn, welches ich selber bin, in meinem Herzen auf, und
-besiegt die fremde Macht. Ich könnte ganz froh seyn, aber einmal, in
-einer seltsamen Nacht, ist mir durch die Hand ein geheimnißvolles
-Zeichen tief in mein Gemüth hinein geprägt; oft schläft und ruht die
-magische Figur, ich meine sie ist vergangen, aber dann quillt sie wie
-ein Gift plötzlich wieder hervor, und wegt sich in allen Linien. Dann
-kann ich sie nur denken und fühlen, und alles umher ist verwandelt, oder
-vielmehr von dieser Gestaltung verschlungen worden. Wie der Wahnsinnige
-beim Anblick des Wassers sich entsetzt, und das empfangene Gift noch
-giftiger in ihm wird, so geschieht es mir bei allen eckigen Figuren, bei
-jeder Linie, bei jedem Strahl, alles will dann die inwohnende Gestalt
-entbinden und zur Geburt befördern, und mein Geist und Körper fühlt die
-Angst; wie sie das Gemüth durch ein Gefühl von außen empfing, so will es
-sie dann wieder quälend und ringend zum äußern Gefühl hinaus arbeiten,
-um ihrer los und ruhig zu werden.
-
-Ein unglückliches Gestirn war es, sprach der Alte, das dich von uns
-hinweg zog; du warst für ein stilles Leben geboren, dein Sinn neigte
-sich zur Ruhe und zu den Pflanzen, da führte dich deine Ungeduld hinweg,
-in die Gesellschaft der verwilderten Steine: die Felsen, die zerrissenen
-Klippen mit ihren schroffen Gestalten haben dein Gemüth zerrüttet, und
-den verwüstenden Hunger nach dem Metall in dich gepflanzt. Immer hättest
-du dich vor dem Anblick des Gebirges hüten und bewahren müssen, und so
-dachte ich dich auch zu erziehen, aber es hat nicht seyn sollen. Deine
-Demuth, deine Ruhe, dein kindlicher Sinn ist von Trotz, Wildheit und
-Uebermuth verschüttet.
-
-Nein, sagte der Sohn, ich erinnere mich ganz deutlich, daß mir eine
-Pflanze zuerst das Unglück der ganzen Erde bekannt gemacht hat, seitdem
-verstehe ich erst die Seufzer und Klagen, die allenthalben in der ganzen
-Natur vernehmbar sind, wenn man nur darauf hören will; in den Pflanzen,
-Kräutern, Blumen und Bäumen regt und bewegt sich schmerzhaft nur eine
-große Wunde, sie sind der Leichnam vormaliger herrlicher Steinwelten,
-sie bieten unserm Auge die schrecklichste Verwesung dar. Jezt verstehe
-ich es wohl, daß es dies war, was mir jene Wurzel mit ihrem tiefgeholten
-Aechzen sagen wollte, sie vergaß sich in ihrem Schmerze und verrieth mir
-alles. Darum sind alle grünen Gewächse so erzürnt auf mich, und stehn
-mir nach dem Leben; sie wollen jene geliebte Figur in meinem Herzen
-auslöschen, und in jedem Frühling mit ihrer verzerrten Leichenmiene
-meine Seele gewinnen. Unerlaubt und tückisch ist es, wie sie dich, alter
-Mann, hintergangen haben, denn von deiner Seele haben sie gänzlich
-Besitz genommen. Frage nur die Steine, du wirst erstaunen, wenn du sie
-reden hörst.
-
-Der Vater sah ihn lange an, und konnte ihm nichts mehr antworten. Sie
-gingen schweigend zurück nach Hause, und der Alte mußte sich jezt
-ebenfalls vor der Lustigkeit seines Sohnes entsetzen, denn sie dünkte
-ihm ganz fremdartig, und als wenn ein andres Wesen aus ihm, wie aus
-einer Maschine, unbeholfen und ungeschickt heraus spiele. --
-
-Das Erndtefest sollte wieder gefeiert werden, die Gemeine ging in die
-Kirche, und auch Elisabeth zog sich mit den Kindern an, um dem
-Gottesdienste beizuwohnen; ihr Mann machte auch Anstalten, sie zu
-begleiten, aber noch vor der Kirchenthür kehrte er um, und ging
-tiefsinnend vor das Dorf hinaus. Er setzte sich auf die Anhöhe, und sahe
-wieder die rauchenden Dächer unter sich, er hörte den Gesang und
-Orgelton von der Kirche her, geputzte Kinder tanzten und spielten auf
-dem grünen Rasen. Wie habe ich mein Leben in einem Traume verloren!
-sagte er zu sich selbst; Jahre sind verflossen, daß ich von hier
-hinunter stieg, unter die Kinder hinein; die damals hier spielten, sind
-heute dort ernsthaft in der Kirche; ich trat auch in das Gebäude, aber
-heut ist Elisabeth nicht mehr ein blühendes kindliches Mädchen, ihre
-Jugend ist vorüber, ich kann nicht mit der Sehnsucht wie damals den
-Blick ihrer Augen aufsuchen: so habe ich muthwillig ein hohes ewiges
-Glück aus der Acht gelassen, um ein vergängliches und zeitliches zu
-gewinnen.
-
-Er ging sehnsuchtsvoll nach dem benachbarten Walde, und vertiefte sich
-in seine dichtesten Schatten. Eine schauerliche Stille umgab ihn, keine
-Luft rührte sich in den Blättern. Indem sah er einen Mann von ferne auf
-sich zukommen, den er für den Fremden erkannte; er erschrak, und sein
-erster Gedanke war, jener würde sein Geld von ihm zurück fordern. Als
-die Gestalt etwas näher kam, sah er, wie sehr er sich geirrt hatte, denn
-die Umrisse, welche er wahrzunehmen gewähnt, zerbrachen wie in sich
-selber; ein altes Weib von der äußersten Häßlichkeit kam auf ihn zu, sie
-war in schmuzige Lumpen gekleidet, ein zerrissenes Tuch hielt einige
-greise Haare zusammen, sie hinkte an einer Krücke. Mit fürchterlicher
-Stimme redete sie Christian an, und fragte nach seinem Namen und Stande;
-er antwortete ihr umständlich und sagte darauf: aber wer bist du? Man
-nennt mich das Waldweib, sagte jene, und jedes Kind weiß von mir zu
-erzählen; hast du mich niemals gekannt? Mit den letzten Worten wandte
-sie sich um, und Christian glaubte zwischen den Bäumen den goldenen
-Schleier, den hohen Gang, den mächtigen Bau der Glieder wieder zu
-erkennen. Er wollte ihr nacheilen, aber seine Augen fanden sie nicht
-mehr.
-
-Indem zog etwas Glänzendes seine Blicke in das grüne Gras nieder. Er hob
-es auf und sahe die magische Tafel mit den farbigen Edelgesteinen, mit
-der seltsamen Figur wieder, die er vor so manchem Jahr verloren hatte.
-Die Gestalt und die bunten Lichter drückten mit der plötzlichsten Gewalt
-auf alle seine Sinne. Er faßte sie recht fest an, um sich zu überzeugen,
-daß er sie wieder in seinen Händen halte, und eilte dann damit nach dem
-Dorfe zurück. Der Vater begegnete ihm. Seht, rief er ihm zu, das, wovon
-ich euch so oft erzählt habe, was ich nur im Traum zu sehn glaubte, ist
-jezt gewiß und wahrhaftig mein. Der Alte betrachtete die Tafel lange und
-sagte: mein Sohn, mir schaudert recht im Herzen, wenn ich die Lineamente
-dieser Steine betrachte und ahnend den Sinn dieser Wortfügung errathe;
-sieh her, wie kalt sie funkeln, welche grausame Blicke sie von sich
-geben, blutdürstig, wie das rothe Auge des Tiegers. Wirf diese Schrift
-weg, die dich kalt und grausam macht, die dein Herz versteinern muß:
-
- Sieh die zarten Blüthen keimen,
- Wie sie aus sich selbst erwachen,
- Und wie Kinder aus den Träumen
- Dir entgegen lieblich lachen.
-
- Ihre Farbe ist im Spielen
- Zugekehrt der goldnen Sonne,
- Deren heißen Kuß zu fühlen,
- Das ist ihre höchste Wonne:
-
- An den Küssen zu verschmachten,
- Zu vergehn in Lieb' und Wehmuth;
- Also stehn, die eben lachten,
- Bald verwelkt in stiller Demuth.
-
- Das ist ihre höchste Freude,
- Im Geliebten sich verzehren,
- Sich im Tode zu verklären,
- Zu vergehn in süßem Leide.
-
- Dann ergießen sie die Düfte,
- Ihre Geister, mit Entzücken,
- Es berauschen sich die Lüfte
- Im balsamischen Erquicken.
-
- Liebe kommt zum Menschenherzen,
- Regt die goldnen Saitenspiele,
- Und die Seele spricht: ich fühle
- Was das Schönste sei, wonach ich ziele,
- Wehmuth, Sehnsucht und der Liebe Schmerzen.
-
-Wunderbare, unermeßliche Schätze, antwortete der Sohn, muß es noch in
-den Tiefen der Erde geben. Wer diese ergründen, heben und an sich reißen
-könnte! Wer die Erde so wie eine geliebte Braut an sich zu drücken
-vermöchte, daß sie ihm in Angst und Liebe gern ihr Kostbarstes gönnte!
-Das Waldweib hat mich gerufen, ich gehe sie zu suchen. Hier neben an ist
-ein alter verfallener Schacht, schon vor Jahrhunderten von einem
-Bergmanne ausgegraben; vielleicht, daß ich sie dort finde!
-
-Er eilte fort. Vergeblich strebte der Alte, ihn zurück zu halten, jener
-war seinen Blicken bald entschwunden. Nach einigen Stunden, nach vieler
-Anstrengung gelangte der Vater an den alten Schacht; er sah die
-Fußstapfen im Sande am Eingange eingedrückt, und kehrte weinend um, in
-der Ueberzeugung, daß sein Sohn im Wahnsinn hinein gegangen, und in alte
-gesammelte Wässer und Untiefen versunken sei.
-
-Seitdem war er unaufhörlich betrübt und in Thränen. Das ganze Dorf
-trauerte um den jungen Pachter, Elisabeth war untröstlich, die Kinder
-jammerten laut. Nach einem halben Jahre war der alte Vater gestorben,
-Elisabeths Eltern folgten ihm bald nach, und sie mußte die große
-Wirthschaft allein verwalten. Die angehäuften Geschäfte entfernten sie
-etwas von ihrem Kummer, die Erziehung der Kinder, die Bewirthschaftung
-des Gutes ließen ihr für Sorge und Gram keine Zeit übrig. So entschloß
-sie sich nach zwei Jahren zu einer neuen Heirath, sie gab ihre Hand
-einem jungen heitern Manne, der sie von Jugend auf geliebt hatte. Aber
-bald gewann alles im Hause eine andre Gestalt. Das Vieh starb, Knechte
-und Mägde waren untreu, Scheuren mit Früchten wurden vom Feuer verzehrt,
-Leute in der Stadt, bei welchen Summen standen, entwichen mit dem Gelde.
-Bald sah sich der Wirth genöthigt, einige Aecker und Wiesen zu
-verkaufen; aber ein Mißwachs und theures Jahr brachten ihn nur in neue
-Verlegenheit. Es schien nicht anders, als wenn das so wunderbar
-erworbene Geld auf allen Wegen eine schleunige Flucht suchte; indessen
-mehrten sich die Kinder, und Elisabeth sowohl als ihr Mann wurden in der
-Verzweiflung unachtsam und saumselig; er suchte sich zu zerstreuen, und
-trank häufigen und starken Wein, der ihn verdrießlich und jähzornig
-machte, so daß oft Elisabeth mit heißen Zähren ihr Elend beweinte. So
-wie ihr Glück wich, zogen sich auch die Freunde im Dorfe von ihnen
-zurück, so daß sie sich nach einigen Jahren ganz verlassen sahn, und
-sich nur mit Mühe von einer Woche zur andern hinüber fristeten.
-
-Es waren ihnen nur wenige Schaafe und eine Kuh übrig geblieben, welche
-Elisabeth oft selber mit den Kindern hütete. So saß sie einst mit ihrer
-Arbeit auf dem Anger, Leonore zu ihrer Seite und ein säugendes Kind an
-der Brust, als sie von ferne herauf eine wunderbare Gestalt kommen
-sahen. Es war ein Mann in einem ganz zerrissenen Rocke, barfüßig, sein
-Gesicht schwarzbraun von der Sonne verbrannt, von einem langen
-struppigen Bart noch mehr entstellt; er trug keine Bedeckung auf dem
-Kopf, hatte aber von grünem Laube einen Kranz durch sein Haar
-geflochten, welcher sein wildes Ansehn noch seltsamer und
-unbegreiflicher machte. Auf dem Rücken trug er in einem festgeschnürten
-Sack eine schwere Ladung, im Gehen stützte er sich auf eine junge
-Fichte.
-
-Als er näher kam, setzte er seine Last nieder, und holte schwer Athem.
-Er bot der Frau guten Tag, die sich vor seinem Anblicke entsetzte, das
-Mädchen schmiegte sich an ihre Mutter. Als er ein wenig geruht hatte,
-sagte er: nun komme ich von einer sehr beschwerlichen Wanderschaft aus
-dem rauhesten Gebirge auf Erden, aber ich habe dafür auch endlich die
-kostbarsten Schätze mitgebracht, die die Einbildung nur denken oder das
-Herz sich wünschen kann. Seht hier, und erstaunt! -- Er öffnete hierauf
-seinen Sack und schüttete ihn aus; dieser war voller Kiesel, unter denen
-große Stücke Quarz, nebst andern Steinen lagen. Es ist nur, fuhr er
-fort, daß diese Juwelen noch nicht polirt und geschliffen sind, darum
-fehlt es ihnen noch an Auge und Blick; das äußerliche Feuer mit seinem
-Glanze ist noch zu sehr in ihren inwendigen Herzen begraben, aber man
-muß es nur herausschlagen, daß sie sich fürchten, daß keine Verstellung
-ihnen mehr nützt, so sieht man wohl, wes Geistes Kind sie sind. -- Er
-nahm mit diesen Worten einen harten Stein und schlug ihn heftig gegen
-einen andern, so daß die rothen Funken heraussprangen. Habt ihr den
-Glanz gesehen? rief er aus; so sind sie ganz Feuer und Licht, sie
-erhellen das Dunkel mit ihrem Lachen, aber noch thun sie es nicht
-freiwillig. -- Er packte hierauf alles wieder sorgfältig in seinen Sack,
-welchen er fest zusammen schnürte. Ich kenne dich recht gut, sagte er
-dann wehmüthig, du bist Elisabeth. -- Die Frau erschrak. Wie ist dir
-doch mein Name bekannt, fragte sie mit ahnendem Zittern. -- Ach, lieber
-Gott! sagte der Unglückselige, ich bin ja der Christian, der einst als
-Jäger zu euch kam, kennst du mich denn nicht mehr?
-
-Sie wußte nicht, was sie im Erschrecken und tiefsten Mitleiden sagen
-sollte. Er fiel ihr um den Hals, und küßte sie. Elisabeth rief aus: O
-Gott! mein Mann kommt!
-
-Sei ruhig, sagte er, ich bin dir so gut wie gestorben; dort im Walde
-wartet schon meine Schöne, die Gewaltige, auf mich, die mit dem goldenen
-Schleier geschmückt ist. Dieses ist mein liebstes Kind, Leonore. Komm
-her, mein theures, liebes Herz, und gieb mir auch einen Kuß, nur einen
-einzigen, daß ich einmal wieder deinen Mund auf meinen Lippen fühle,
-dann will ich euch verlassen.
-
-Leonore weinte; sie schmiegte sich an ihre Mutter, die in Schluchzen und
-Thränen sie halb zum Wandrer lenkte, halb zog sie dieser zu sich, nahm
-sie in die Arme, und drückte sie an seine Brust. -- Dann ging er still
-fort, und im Walde sahen sie ihn mit dem entsetzlichen Waldweibe
-sprechen.
-
-Was ist euch? fragte der Mann, als er Mutter und Tochter blaß und in
-Thränen aufgelöst fand. Keiner wollte ihm Antwort geben.
-
-Der Unglückliche ward aber seitdem nicht wieder gesehen.
-
- * * * * *
-
-Manfred endigte und sah auf: ich merke, sagte er, meine Zuhörer, noch
-auffallender aber meine Zuhörerinnen, sind blaß geworden.
-
-Gewiß, sagte Emilie, denn der Schluß ist zu schrecklich; es ist aber dem
-Vorleser nicht besser ergangen, denn er hat während seinem Vortrage mehr
-als einmal die Farbe gewechselt.
-
-Vielleicht, sagte Lothar, kann die Erzählung, die ich ihnen nun
-vorzutragen habe, durch ihr grelles Colorit jene zu trübe Empfindung
-unterbrechen, wenn auch nicht erheitern. Ich erbitte mir also einige
-Aufmerksamkeit für den Inhalt dieser Blätter.
-
-
-
-
- Liebeszauber.
- 1811.
-
-
-Tief denkend saß Emil an seinem Tische und erwartete seinen Freund
-Roderich. Das Licht brannte vor ihm, der Winterabend war kalt, und er
-wünschte heut seinen Reisegefährten herbei, so gern er wohl sonst dessen
-Gesellschaft vermied; denn an diesem Abend wollte er ihm ein Geheimniß
-entdecken und sich Rath von ihm erbitten. Der menschenscheue Emil fand
-bei allen Geschäften und Vorfällen des Lebens so viele Schwierigkeiten,
-so unübersteigliche Hindernisse, daß ihm das Schicksal fast in einer
-ironischen Laune diesen Roderich zugeführt zu haben schien, der in allen
-Dingen das Gegentheil seines Freundes zu nennen war. Unstät,
-flatterhaft, von jedem ersten Eindruck bestimmt und begeistert,
-unternahm er alles, wußte für alles Rath, war ihm keine Unternehmung zu
-schwierig, konnte ihn kein Hinderniß abschrecken: aber im Verlaufe eines
-Geschäftes ermüdete und erlahmte er eben so schnell, als er anfangs
-elastisch und begeistert gewesen war, alles was ihn dann hinderte, war
-für ihn kein Sporn, seinen Eifer zu vermehren, sondern es veranlaßte ihn
-nur, das zu verachten, was er so hitzig unternommen hatte, so daß
-Roderich alle seine Plane eben so ohne Ursach liegen ließ und saumselig
-vergaß, als er sie unbesonnen unternommen hatte. Daher verging kein Tag,
-daß beide Freunde nicht in Krieg geriethen, der ihrer Freundschaft den
-Tod zu drohen schien, doch war vielleicht dasjenige, was sie dem
-Anscheine nach trennte, nur das, was sie am innigsten verband; beide
-liebten sich herzlich, aber beide fanden eine große Genugthuung darin,
-daß einer über den andern die gegründetsten Klagen führen konnte.
-
-Emil, ein reicher junger Mann von reizbarem und melankolischem
-Temperament, war nach dem Tode seiner Eltern Herr seines Vermögens; er
-hatte eine Reise angetreten, um sich auszubilden, befand sich aber nun
-schon seit einigen Monaten in einer ansehnlichen Stadt, die Freuden des
-Carnevals zu genießen, um welche er sich niemals bemühte, um bedeutende
-Verabredungen über sein Vermögen mit Verwandten zu treffen, die er kaum
-noch besucht hatte. Unterwegs war er auf den unsteten allzubeweglichen
-Roderich gestoßen, der mit seinen Vormündern in Unfrieden lebte, und um
-sich ganz von diesen und ihren lästigen Vermahnungen los zu machen,
-begierig die Gelegenheit ergriff, welche ihm sein neuer Freund anbot,
-ihn als Gefährten auf seiner Reise mitzunehmen. Auf dem Wege hatten sie
-sich schon oft wieder trennen wollen, aber beide hatten in jeder
-Streitigkeit nur um so deutlicher gefühlt, wie unentbehrlich sie sich
-wären. Kaum waren sie in einer Stadt aus dem Wagen gestiegen, so hatte
-Roderich schon alle Merkwürdigkeiten des Orts gesehen, um sie am
-folgenden Tage zu vergessen, während Emil sich eine Woche aus Büchern
-gründlich vorbereitete, um nichts aus der Acht zu lassen, wovon er doch
-nachher aus Trägheit vieles seiner Aufmerksamkeit nicht würdigte;
-Roderich hatte gleich tausend Bekanntschaften gemacht und alle
-öffentlichen Oerter besucht, führte auch nicht selten seine neu
-erworbenen Freunde auf Emils einsames Zimmer, wo er diesen dann mit
-ihnen allein ließ, wenn sie anfingen ihm Langeweile zu machen. Eben so
-oft brachte er den bescheidenen Emil in Verlegenheit, wenn er dessen
-Verdienste und Kenntnisse gegen Gelehrte und einsichtsvolle Männer über
-die Gebühr erhob, und diesen zu verstehn gab, wie vieles sie in
-Sprachen, Alterthümern, oder Kunstkenntnissen von seinem Freunde lernen
-könnten, ob er gleich selbst niemals die Zeit finden konnte, über diese
-Gegenstände seinen Gefährten anzuhören, wenn sich das Gespräch dahin
-lenkte. War nun Emil einmal zur Thätigkeit aufgelegt, so konnte er fast
-darauf rechnen, daß sein schwärmender Freund sich in der Nacht auf einem
-Balle, oder einer Schlittenfarth erkältet habe, und das Bett hüten
-müsse, so daß Emil in Gesellschaft des lebendigsten, unruhigsten und
-mittheilsamsten aller Menschen in der größten Einsamkeit lebte.
-
-Heute erwartete ihn Emil gewiß, weil er ihm das feierliche Versprechen
-hatte geben müssen, den Abend mit ihm zuzubringen, um zu erfahren, was
-schon seit Wochen seinen tiefsinnigen Freund gedrückt und beängstigt
-habe. Emil schrieb indeß folgende Verse nieder.
-
- Wie lieb und hold ist Frühlingsleben,
- Wenn alle Nachtigallen singen,
- Und wie die Tön' in Bäumen klingen,
- In Wonne Laub und Blüthen beben.
-
- Wie schön im goldnen Mondenscheine
- Das Spiel der lauen Abendlüfte,
- Die, auf den Flügeln Lindendüfte,
- Sich jagen durch die stillen Haine.
-
- Wie herrlich glänzt die Rosenpracht,
- Wenn Liebreiz rings die Felder schmücket,
- Die Lieb' aus tausend Rosen blicket,
- Aus Sternen ihrer Wonne-Nacht.
-
- Doch schöner dünkt mir, holder, lieber,
- Des kleinen Lichtleins blaß Geflimmer,
- Wenn sie sich zeigt im engen Zimmer,
- Späh' ich in Nacht zu ihr hinüber.
-
- Wie sie die Flechten löst und bindet,
- Wie sie im Schwung der weißen Hand
- Anschmiegt dem Leibe hell Gewand,
- Und Kränz' in braune Locken windet.
-
- Wie sie die Laute läßt erklingen,
- Und Töne, aufgejagt, erwachen,
- Berührt von zarten Fingern lachen,
- Und scherzend durch die Saiten springen;
-
- Sie einzufangen schickt sie Klänge
- Gesanges fort, da flieht mit Scherzen
- Der Ton, sucht Schirm in meinem Herzen,
- Dahin verfolgen die Gesänge.
-
- O laßt mich doch, ihr Bösen, frei!
- Sie riegeln sich dort ein und sprechen:
- Nicht weichen wir, bis dies wird brechen,
- Damit du weißt, was Lieben sei.
-
-Emil stand ungeduldig auf. Es ward finsterer und Roderich kam nicht, dem
-er seine Liebe zu einer Unbekannten, die ihm gegen über wohnte und ihn
-tagelang zu Hause, und Nächte hindurch wachend erhielt, bekennen wollte.
-Jezt schallten Fußtritte die Treppe herauf, die Thür, ohne daß man
-anklopfte, eröffnete sich, und herein traten zwei bunte Masken mit
-widrigen Angesichtern, der eine ein Türke, in rother und blauer Seide
-gekleidet, der andere ein Spanier, blaßgelb und röthlich, mit vielen
-schwankenden Federn auf dem Hute. Als Emil ungeduldig werden wollte,
-nahm Roderich die Maske ab, zeigte sein wohl bekanntes lachendes Gesicht
-und sagte: ei, mein Liebster, welche grämliche Miene! Sieht man so aus
-zur Carnevalszeit? Ich und unser lieber junger Offizier kommen dich
-abzuholen, heut ist großer Ball auf dem Maskensaale, und da ich weiß,
-daß du es verschworen hast, anders, als in deinen schwarzen Kleidern zu
-gehn, die du täglich trägst, so komm nur so mit, wie du da bist, denn es
-ist schon ziemlich spät.
-
-Emil war erzürnt und sagte: du hast, wie es scheint, deiner Gewohnheit
-nach ganz unsre Abrede vergessen: sehr leid thut es mir, (indem er sich
-zum Fremden wandte) daß ich Sie unmöglich begleiten kann, mein Freund
-ist zu voreilig gewesen, es in meinem Namen zu versprechen; ich kann
-überhaupt nicht ausgehn, da ich etwas Wichtiges mit ihm abzureden habe.
-
-Der Fremde, welcher bescheiden war und Emils Absicht verstand, entfernte
-sich: Roderich aber nahm höchst gleichgültig die Maske wieder vor,
-stellte sich vor den Spiegel und sagte: nicht wahr, man sieht eigentlich
-ganz scheußlich aus? Es ist im Grunde eine geschmacklose widerwärtige
-Erfindung.
-
-Das ist gar keine Frage, erwiederte Emil im höchsten Unwillen. Dich zur
-Carikatur machen, und dich betäuben, gehört eben zu den Vergnügungen,
-denen du am liebsten nachjagst.
-
-Weil du nicht tanzen magst, sagte jener, und den Tanz für eine
-verderbliche Erfindung hältst, so soll auch Niemand anders lustig seyn.
-Wie verdrüßlich, wenn ein Mensch aus lauter Eigenheiten zusammen gesetzt
-ist.
-
-Gewiß, erwiederte der erzürnte Freund, und ich habe Gelegenheit genug,
-dies an dir zu beobachten; ich glaubte, daß du mir nach unsrer Abrede
-diesen Abend schenken würdest, aber --
-
-Aber es ist ja Carneval, fuhr jener fort, und alle meine Bekannten und
-einige Damen erwarten mich auf dem heutigen großen Balle. Bedenke nur,
-mein Lieber, daß es wahre Krankheit in dir ist, daß dir dergleichen
-Anstalten so unbillig zuwider sind.
-
-Emil sagte: wer von uns beiden krank zu nennen ist, will ich nicht
-untersuchen; dein unbegreiflicher Leichtsinn, deine Sucht, dich zu
-zerstreuen, dein Jagen nach Vergnügungen, die dein Herz leer lassen,
-scheint mir wenigstens keine Seelengesundheit; auch in gewissen Dingen
-könntest du wohl meiner Schwachheit, wenn es denn einmal dergleichen
-sein soll, nachgeben, und es giebt nichts auf der Welt, was mich so
-durch und durch verstimmt, als ein Ball mit seiner fürchterlichen Musik.
-Man hat sonst wohl gesagt, die Tanzenden müßten einem Tauben, welcher
-die Musik nicht vernimmt, als Rasende erscheinen; ich aber meine, daß
-diese schreckliche Musik selbst, dies Umherwirbeln weniger Töne in
-widerlicher Schnelligkeit, in jenen vermaledeiten Melodien, die sich
-unserm Gedächtnisse, ja ich möchte sagen unserm Blut unmittelbar
-mittheilen, und die man nachher auf lange nicht wieder los werden kann,
-daß dies die Tollheit und Raserei selbst sei; denn wenn mir das Tanzen
-noch irgend erträglich sein sollte, so müßte es ohne Musik geschehn.
-
-Nun sieh, wie paradox! antwortete der Maskirte; du kömmst so weit, daß
-du das Natürlichste, Unschuldigste und Heiterste von der Welt
-unnatürlich, ja gräßlich finden willst.
-
-Ich kann nicht für mein Gefühl, sagte der Ernste, daß mich diese Töne
-von Kindheit auf unglücklich gemacht, und oft bis zur Verzweiflung
-getrieben haben: in der Tonwelt sind sie für mich die Gespenster, Larven
-und Furien, und so flattern sie mir auch ums Haupt, und grinsen mich mit
-entsetzlichem Lachen an.
-
-Nervenschwäche, sagte jener, so wie dein übertriebener Abscheu gegen
-Spinnen und manch anderes unschuldiges Gewürm.
-
-Unschuldig nennst du sie, sagte der Verstimmte, weil sie dir nicht
-zuwider sind. Für denjenigen aber, dem die Empfindung des Ekels und des
-Abscheus, dasselbe unnennbare Grauen, wie mir, bei ihrem Anblick in der
-Seele aufgeht und durch sein ganzes Wesen zuckt, sind diese gräßlichen
-Unthiere, wie Kröten und Spinnen, oder gar die widerwärtigste aller
-Creaturen, die Fledermaus, nicht gleichgültig und unbedeutend, sondern
-ihr Dasein ist dem seinigen auf das feindlichste entgegengesetzt.
-Wahrlich, man möchte über die Ungläubigen lächeln, mit deren Imagination
-sich Gespenster und grauenhafte Larven, sammt jenen Geburten der Nacht
-nicht vereinigen lassen, die wir in Krankheiten sehn, oder die uns
-Dantes Gemälde zeigen, da die gewöhnlichste Wirklichkeit um uns her die
-fürchterlichen verzerrten Musterbilder dieser Schrecken uns vorhält.
-Sollten wir in der That das Schöne lieben können, ohne uns vor diesen
-Fratzen zu entsetzen?
-
-Warum entsetzen? fragte Roderich, warum soll uns das große Reich der
-Gewässer und der Meere gerade diese Furchtbarkeit vorhalten, an die sich
-deine Vorstellung gewöhnt hat, und nicht vielmehr seltsame,
-unterhaltende und possirliche Verkleidungen, so daß das ganze Gebiet
-nicht anders, als etwa wie ein komischer Ballsaal anzusehn wäre? Deine
-Eigenheiten aber gehn noch weiter, denn so wie du die Rose mit einer
-gewissen Abgötterei liebst, so sind dir andre Blumen eben so lebhaft
-verhaßt; was hat dir nur die gute liebe Feuerlilie gethan, wie so manch
-andres Kind des Sommers? So sind dir manche Farben zuwider, manche Düfte
-und viele Gedanken, und du thust nichts dazu, dich gegen diese
-Stimmungen zu verhärten, sondern du giebst ihnen weichlich nach, und am
-Ende wird eine Sammlung von dergleichen Seltsamkeiten die Stelle
-einnehmen, die dein Ich besitzen sollte.
-
-Emil war im tiefsten Herzen erzürnt und antwortete nicht. Er hatte es
-nun schon aufgegeben, sich jenem mitzutheilen, auch schien der
-leichtsinnige Freund gar keine Begier zu haben, das Geheimniß zu
-erfahren, welches ihm sein melankolischer Gefährte mit so wichtiger
-Miene angekündigt hatte; er saß gleichgültig im Lehnsessel, mit seiner
-Maske spielend, als er plötzlich ausrief: sei doch so gut, Emil, und
-leih mir deinen großen Mantel.
-
-Wozu? fragte jener.
-
-Ich höre drüben in der Kirche Musik, antwortete Roderich, und habe schon
-alle Abend diese Stunde versäumt; heut kömmt sie mir recht gelegen,
-unter deinem Mantel kann ich diese Kleidung verbergen, auch Maske und
-Turban darunter verstecken, und wenn sie geendigt ist, mich sogleich
-nach dem Balle begeben.
-
-Murrend suchte Emil den Mantel aus dem Schranke, gab ihn dem
-Aufgestandenen, und zwang sich zu einem ironischen Lächeln. Da hast du
-meinen türkischen Dolch, den ich gestern gekauft habe, sagte Roderich,
-indem er sich einhüllte, heb' ihn auf; es taugt nicht, dergleichen
-ernsthaftes Zeug als Spielerei bei sich zu haben; man kann denn doch
-nicht wissen, wozu es gemißbraucht würde, wenn Zank oder anderer Unfug
-die Gelegenheit herbei führte; morgen sehn wir uns wieder, lebe wohl und
-bleibe vergnügt. Er wartete auf keine Erwiederung, sondern eilte die
-Treppe hinunter.
-
-Als Emil allein war, suchte er seinen Zorn zu vergessen und das Betragen
-seines Freundes von der lächerlichen Seite zu nehmen. Er betrachtete den
-blanken schön gearbeiteten Dolch, und sagte, wie muß es doch dem
-Menschen sein, der solch scharfes Eisen in die Brust des Gegners stößt,
-oder gar einen geliebten Gegenstand damit verletzt? er schloß ihn ein,
-lehnte dann behutsam die Läden seines Fensters zurück und sah über die
-enge Gasse. Aber kein Licht regte sich, es war finster im Hause
-gegenüber; die theure Gestalt, die dort wohnte, und sich um diese Zeit
-bei häuslicher Beschäftigung zu zeigen pflegte, schien entfernt.
-Vielleicht gar auf dem Balle, dachte Emil, so wenig es auch ihrer
-eingezogenen Lebensart ziemte. Plötzlich aber zeigte sich ein Licht, und
-die Kleine, welche seine unbekannte Geliebte um sich hatte, und mit der
-sie sich am Tage wie am Abend vielfältig abgab, trug ein Licht durch das
-Zimmer und lehnte die Fensterläden an. Eine Spalte blieb hell, groß
-genug, um von Emils Standpunkt einen Theil des kleinen Zimmers zu
-überschauen, und dort stand oft der Glückliche bis nach Mitternacht wie
-bezaubert, und beobachtete jede Bewegung der Hand, jede Miene seiner
-Geliebten: er freute sich, wenn sie dem kleinen Kinde lesen lehrte, oder
-es im Nähen und Stricken unterrichtete. Auf seine Erkundigung hatte er
-erfahren, daß die Kleine eine arme Waise sei, die das schöne Mädchen
-mitleidig zu sich genommen hatte, um sie zu erziehn. Emils Freunde
-begriffen nicht, warum er in dieser engen Gasse wohne in einem
-unbequemen Hause, weshalb man ihn so wenig in Gesellschaften sehe, und
-womit er sich beschäftige. Unbeschäftigt, in der Einsamkeit, war er
-glücklich, nur unzufrieden mit sich und seinem menschenscheuen
-Charakter, daß er es nicht wage die nähere Bekanntschaft dieses schönen
-Wesens zu suchen, so freundlich sie auch einigemal am Tage gegrüßt und
-gedankt hatte. Er wußte nicht, daß sie eben so trunken zu ihm hinüber
-spähte, und ahnete nicht, welche Wünsche sich in ihrem Herzen bildeten,
-welcher Anstrengung, welcher Opfer sie sich fähig fühlte, um nur zum
-Besitz seiner Liebe zu gelangen.
-
-Nachdem er einigemal auf und nieder gegangen war, und das Licht sich mit
-dem Kinde wieder entfernt hatte, faßte er plötzlich den Entschluß,
-seiner Neigung und Natur zuwider auf den Ball zu gehen, weil es ihm
-einfiel, daß seine Unbekannte eine Ausnahme von ihrer eingezogenen
-Lebensweise könne gemacht haben, um auch einmal die Welt und ihre
-Zerstreuungen zu genießen. Die Gassen waren hell erleuchtet, der Schnee
-knisterte unter seinen Füßen, Wagen rollten ihm vorüber und Masken in
-den verschiedensten Trachten pfiffen und zwitscherten an ihm vorbei. Aus
-vielen Häusern ertönte ihm die so verhaßte Tanzmusik, und er konnte es
-nicht über sich gewinnen, auf dem kürzesten Wege nach dem Saale zu gehn,
-zu welchem aus allen Richtungen die Menschen strömten und drängten. Er
-ging um die alte Kirche, beschaute den hohen Thurm, der sich ernst in
-den nächtlichen Himmel erhub, und freute sich der Stille und Einsamkeit
-des abgelegenen Platzes. In der Vertiefung einer großen Kirchenthür,
-deren mannichfaltiges Bildwerk er immer mit Lust beschaut, und sich
-dabei der alten Kunst und vergangener Zeiten erinnert hatte, nahm er
-auch jezo Platz, um sich auf wenige Augenblicke seinen Betrachtungen zu
-überlassen. Er stand nicht lange, als eine Figur seine Aufmerksamkeit an
-sich zog, die unruhig auf und nieder ging, und jemand zu erwarten
-schien. Beim Schein einer Laterne, die vor einem Marienbilde brannte,
-unterschied er genau das Gesicht, so wie die wunderliche Kleidung. Es
-war ein altes Weib von der äußersten Häßlichkeit, die um so mehr in die
-Augen fiel, weil sie gegen ein scharlachrothes Leibchen, das mit Gold
-besetzt war, höchst abentheuerlich abstach; der Rock, den sie trug, war
-dunkel, und die Haube ihres Kopfes glänzte ebenfalls von Gold. Emil
-glaubte anfangs eine geschmacklose Maske zu sehn, die sich hieher
-verirrt habe, aber bald war er beim hellen Scheine überzeugt, daß das
-alte braune und runzlichte Gesicht ein wirkliches und kein nachgeahmtes
-sei. Es währte nicht lange, so erschienen zwei Männer in Mänteln
-gehüllt, die sich dem Orte mit behutsamen Schritten zu nähern schienen,
-indem sie öfter von den Seiten schauten, ob ihnen Niemand folge. Die
-Alte ging auf sie zu. Habt ihr die Lichter? fragte sie hastig und mit
-einer rauhen Stimme. Hier sind sie, sagte der Eine, der Preis ist euch
-bekannt, macht die Sache gleich richtig. Die Alte schien Geld zu geben,
-welches der Mann unter seinem Mantel nachzählte. Ich verlasse mich
-darauf, fing die Alte wieder an, daß sie ganz nach der Vorschrift und
-Kunst gegossen sind, damit die Wirkung nicht ausbleibt. Seid ohne
-Sorgen, sagte jener, und entfernte sich schnell.
-
-Der andre, welcher zurück geblieben, war ein junger Mann; er nahm die
-Alte bei der Hand und sagte: ist es möglich, Alexia, daß dergleichen
-Ceremonien und Formeln, diese seltsamen alten Sagen, an welche ich nie
-habe glauben können, den freien Willen des Menschen fesseln, und Liebe
-und Haß erregen könnten? So ist es, sprach das rothe Weib, aber eins muß
-zum andern kommen, nicht bloß diese Lichter, in der Mitternacht des
-Neumonden gegossen, mit Menschenblut getränkt, nicht die Zauberformeln
-und Anrufungen allein können es ausrichten, sondern noch manches andre
-gehört dazu, das der Kunstverständige wohl kennt. So verlaß ich mich auf
-dich, sagte der Fremde. Morgen nach Mitternacht bin ich euch zu
-Diensten, antwortete die Alte; ihr werdet ja nicht der erste sein, der
-mit meiner Kundschaft unzufrieden ist; heute, wie ihr gehört habt, bin
-ich für jemand anders bestellt, auf dessen Sinn und Verstand unsere
-Kunst gewiß nachdrücklich wirken soll. Die letzten Worte sagte sie mit
-halbem Lachen, und beide gingen aus einander und entfernten sich nach
-verschiedenen Richtungen. Emil trat schaudernd aus der dunkeln Nische
-hervor und erhob seine Blicke zum Bilde der Jungfrau mit dem Kinde; vor
-deinen Augen, du Holdselige, sagte er halb laut, erfrechen sich die
-Greuel ihre Abrede zu treffen, um ihren abscheulichen Betrug zu
-verhandeln, doch so, wie du dein Kind in Liebe umfängst, so hält uns
-alle die unsichtbare Liebe in fühlbaren Armen, und unser armes Herz
-klopft in Freude wie in Angst einem größeren entgegen, das uns niemals
-verlassen wird. Wolken zogen über die Spitze des Thurms und das schroffe
-Dach der Kirche hinweg, die ewigen Sterne schauten funkelnd und mit
-freundlichem Ernst hernieder, und Emil wandte sich entschlossen von
-diesen nächtlichen Schauern und gedachte der Schönheit seiner
-Unbekannten. Er betrat wieder die belebten Gassen, und lenkte nach dem
-hellerleuchteten Ballhause ein, von welchem ihm Stimmen, Wagengerassel,
-und in einzelnen Pausen die lärmende Musik entgegen schallten.
-
-Im Saale verlor er sich sogleich im fluthenden Getümmel, Tänzer
-umsprangen ihn, Masken schossen an ihm hin und her, Pauken und Trompeten
-betäubten sein Ohr, und ihm war, als sei das menschliche Leben selber
-nur ein Traum. Er ging durch die Reihen, und nur sein Auge blieb wach,
-um jene geliebten Augen und jenes schöne Haupt mit den braunen Locken
-aufzusuchen, nach dessen Anblick er sich heut inniger sehnte als sonst,
-und dem angebeteten Wesen doch innerlich Vorwürfe machte, daß es sich in
-diesem stürmenden Meer der Verwirrung und Thorheit untertauchen und
-verlieren könne. Nein, sprach er zu sich selbst, kein Herz, welches
-liebt, wird sich diesem wüsten Brausen öffnen wollen, in welchem
-Sehnsucht und Thränen verhöhnt und mit dem schmetternden Gelächter
-wilder Trompeten verspottet werden. Das Säuseln der Bäume, das Rieseln
-der Quellen, Lautenschlag und edler Gesang, welcher voll aus dem
-bewegten Busen strömt, sind die Töne, in welchen Liebe wohnt. So aber
-donnert und jubelt die Hölle in der Raserei ihrer Verzweiflung.
-
-Er fand nicht, was er suchte, denn zu dem Glauben, daß sein geliebtes
-Angesicht sich vielleicht unter eine widrige Maske verborgen habe,
-konnte er sich unmöglich bequemen. Schon war er dreimal den Saal auf-
-und abgewandert und hatte alle sitzenden und unmaskirten Damen
-vergeblich gemustert, als sich der Spanier zu ihm gesellte und sagte:
-schön, daß sie doch noch gekommen sind; sie suchen vielleicht ihren
-Freund?
-
-Emil hatte ihn ganz vergessen; er sagte aber beschämt: in der That, ich
-wundre mich, ihn hier nicht zu treffen, denn seine Maske ist kenntlich
-genug.
-
-Wissen sie, was der wunderliche Mensch treibt? antwortete der junge
-Offizier; er hat weder getanzt, noch sich lange im Saale aufgehalten,
-denn er fand sogleich seinen Freund Anderson, der vom Lande herein
-gekommen ist; ihr Gespräch fiel auf die Literatur, und da dieser das
-neulich herausgekommene Gedicht noch nicht kannte, so hat Roderich nicht
-eher geruht, bis man ihm eins der hintern Zimmer aufgeschlossen hat,
-dort sitzt er mit seinem Gefährten bei einer einsamen Kerze und liest
-ihm das ganze Werk vor.
-
-Das sieht ihm ähnlich, sagte Emil, denn er besteht ganz aus Laune. Ich
-habe alles angewandt, und selbst freundschaftliche Zwistigkeiten nicht
-gescheut, um es ihm abzugewöhnen, immer ^ex tempore^ zu leben und sein
-ganzes Dasein in Impromptüs auszuspielen: allein diese Thorheiten sind
-ihm so ans Herz gewachsen, daß er sich eher vom liebsten Freunde, als
-von ihnen trennen würde. Das nämliche Werk, welches er so liebt, daß er
-es immer bei sich trägt, hat er mir neulich vorlesen wollen, und ich
-hatte ihn sogar dringend darum gebeten; wir waren aber kaum über den
-Anfang, indeß ich ganz den Schönheiten hingegeben war, als er plötzlich
-aufsprang, mit der Küchenschürze umgethan zurückkehrte, mit vielen
-Umständen Feuer anschüren ließ, um mir Beefsteaks zu rösten, zu welchen
-ich kein Verlangen trug, und die er sich am besten in Europa zu machen
-einbildet, ob sie ihm gleich die meisten Male verunglücken.
-
-Der Spanier lachte. Ist er nie verliebt gewesen? fragte er.
-
-Auf seine Weise, erwiederte Emil sehr ernst; so, als wollte er über sich
-und die Liebe spotten, in viele zugleich, und nach seinen Worten bis zur
-Verzweiflung, die er aber insgesamt in acht Tagen wieder vergessen
-hatte.
-
-Sie trennten sich im Getümmel, und Emil begab sich nach dem abgelegenen
-Zimmer, aus welchem er seinen Freund schon von fern laut deklamiren
-hörte. Ah, da bist du ja auch, rief ihm dieser entgegen; das trifft sich
-gut, ich bin nur eben über die Stelle hinüber, bei der wir neulich
-unterbrochen wurden; setze dich, so kannst du mit zuhören.
-
-Ich bin jezt nicht in der Stimmung, sagte Emil, auch scheint mir diese
-Stunde und dieser Ort wenig geschickt zu einer solchen Unterhaltung.
-
-Warum nicht? antwortete Roderich; es muß sich alles nach unserm Willen
-bequemen, jede Zeit ist gut dazu, sich auf eine edle Weise zu
-beschäftigen. Oder willst du lieber tanzen? Es fehlt an Tänzern, und du
-kannst dich heut mit einigen Stunden Herumspringens und einem Paar
-ermüdender Beine bei vielen dankbaren Damen ziemlich beliebt machen.
-
-Lebe wohl, rief jener schon in der Thür, ich gehe nach Hause.
-
-Noch ein Wort! rief ihm Roderich nach: ich verreise morgen in aller
-Frühe mit diesem Herrn auf einige Tage über Land; ich spreche aber noch
-bei dir vor, um Abschied zu nehmen. Schläfst du, wie es wahrscheinlich
-ist, so bemühe dich nur nicht, aufzuwachen, denn in drei Tagen bin ich
-wieder bei dir. -- Der wunderlichste aller Menschen, fuhr er fort, gegen
-seinen neuen Freund gewandt, so schwerfällig, mißlaunig, ernsthaft, daß
-er sich jede Freude verdirbt, oder vielmehr, daß es für ihn keine Freude
-giebt. Alles soll edel, groß, erhaben sein, sein Herz soll an allem
-Antheil nehmen, und wenn er selbst vor einem Puppenspiele stände; wenn
-sich dergleichen nun nicht zu seinen Prätensionen verstehen will, die
-warlich ganz unsinnig sind, so wird er tragisch gestimmt, und findet die
-ganze Welt roh und barbarisch; da draußen verlangt er ohne Zweifel, daß
-unter den Masken einem Pantalon und Policinell das Herz voll Sehnsucht
-und überirdischer Triebe glühe, und daß der Arlechin über die
-Nichtigkeit der Welt tiefsinnig philosophiren soll, und wenn diese
-Erwartungen nicht eintreffen, so treten ihm gewiß die Thränen in die
-Augen, und er wendet dem bunten Schauspiel zerknirscht und verachtend
-den Rücken.
-
-Er ist also melankolisch? fragte der Zuhörer.
-
-Das eigentlich nicht, antwortete Roderich, sondern nur von zu zärtlichen
-Eltern und sich selbst verzogen. Er hatte sich angewöhnt, regelmäßig wie
-Ebbe und Fluth sein Herz bewegen zu lassen, und bleibt diese Rührung
-einmal aus, so schreit er Mirakel und möchte Prämien aussetzen, um
-Physiker aufzumuntern, diese Naturerscheinung genügend zu erklären. Er
-ist der beste Mensch unter der Sonne, aber alle meine Mühe, ihm diese
-Verkehrtheit abzugewöhnen, ist ganz umsonst und verloren, und wenn ich
-nicht für meine gute Meinung Undank davon tragen will, muß ich ihn
-gewähren lassen.
-
-Er sollte vielleicht den Arzt gebrauchen, bemerkte jener.
-
-Es gehört mit zu seinen Eigenheiten, antwortete Roderich, die Medizin
-durch und durch zu verachten, denn er meint, jede Krankheit sei in
-jeglichem Menschen ein Individuum, und könne nicht nach ältern
-Wahrnehmungen, oder gar nach sogenannten Theorien geheilt werden; er
-würde eher alte Weiber und sympathetische Kuren gebrauchen. Eben so
-verachtet er auch in andrer Hinsicht alle Vorsicht und alles was man
-Ordnung und Mäßigkeit nennt. Von Kindheit auf ist ein edler Mann sein
-Ideal gewesen, und sein höchstes Bestreben, das aus sich zu bilden, was
-er so nennt, das heißt hauptsächlich eine Person, die die Verachtung der
-Dinge mit der des Geldes anfängt; denn um nur nicht in den Verdacht zu
-gerathen, daß er haushälterisch sei, ungern ausgebe, oder irgend
-Rücksicht auf Geld nehme, so wirft er es höchst thöricht weg, ist bei
-seiner reichlichen Einnahme immer arm und in Verlegenheit, und wird der
-Thor von jedwedem, der nicht ganz in dem Sinne edel ist, in welchem er
-es sich zu sein vorgesetzt hat. Sein Freund zu sein, ist aber die
-Aufgabe aller Aufgaben, denn er ist so reizbar, daß man nur husten,
-nicht edel genug essen, oder gar die Zähne stochern darf, um ihn
-tödtlich zu beleidigen.
-
-War er nie verliebt? fragte der Freund vom Lande.
-
-Wen sollte er lieben? antwortete Roderich, er verachtete alle Töchter
-der Erde, und er dürfte nur bemerken, daß sein Ideal sich gern putzte,
-oder gar tanzte, so würde sein Herz brechen; noch schrecklicher, wenn
-sie das Unglück hätte, den Schnupfen zu bekommen.
-
-Emil stand indessen wieder im Getümmel; aber plötzlich überfiel ihn jene
-Angst, der Schreck, der so oft schon in solcher erregten Menschenmenge
-sein Herz ergriffen hatte, und jagte ihn aus dem Saale und Hause, über
-die öden Gassen hinweg, und erst auf seinem einsamen Zimmer fand er sich
-und seine ruhige Besinnung wieder. Das Nachtlicht war schon angezündet,
-er hieß dem Bedienten sich nieder legen; drüben war alles still und
-finster, und er setzte sich, um in einem Gedichte seine Empfindungen
-über den Ball auszuströmen. --
-
- Im Herzen war es stille,
- Der Wahnsinn lag an Ketten;
- Da regt sich böser Wille,
- Vom Kerker ihn zu retten,
- Den Tollen los zu machen:
- Da hört man Pauken klingen,
- Da bricht hervor mit Lachen
- Trommeten-Klang und Krachen,
- Dazwischen Flöten singen,
- Und Pfeifentöne springen
- Mit gellendem Geschrei
- Zwischen dröhnenden tönenden Geigen
- In rasender Wuth herbei,
- Das wilde Gemüth zu zeigen,
- Und grimmig zu morden das stille kindliche Schweigen. --
-
- Wohin dreht sich der Reigen?
- Was sucht die springende Menge
- Im windenden Gedränge? --
- Vorüber! Es glänzen die Lichter,
- Wir tummeln uns näher und dichter,
- Es jauchzt in uns das blöde Herz;
- Lauter tönet,
- Grimmer dröhnet
- Ihr Cymbeln, ihr Pfeifen! betäubet den Schmerz,
- Er werde zum Scherz! --
-
- Du winkst mir, holdes Angesicht?
- Es lacht der Mund, der Augen Licht;
- Herbei, daß ich dich fasse,
- Im Schweben wieder lasse;
- Ich weiß, die Schönheit bald zerbricht,
- Der Mund verstummt, der lieblich spricht,
- Dich faßt des Todes Arm.
- Was winkst du, Schädel, freundlich mir?
- Kein Kummer mir, nicht Angst und Harm,
- Daß du so bald erbleichest hier,
- Wohl heut, wohl morgen.
- Was sollen die Sorgen?
- Ich lebe und schwebe im Reigen vorüber vor dir. --
-
- Heut lieb ich dich,
- Jezt meinst du mich;
- Ach, Noth und Angst sie lauern
- Schon hinter diesen Mauern,
- Und Seufzer schwer und thränend Leid
- Stehn schon bereit,
- Dich zu umstricken;
- Froh laß uns blicken
- Vernichtung an und grausen Tod;
- Was will die Angst, was will uns Noth?
- Wir drücken
- Im Taumel die Hand;
- Mich rührt dein Gewand,
- Du schwebest dahin, ich taumle zurück --
- Auch Verzweiflung ist Glück.
-
- Aus diesem Entzücken,
- Und was wir heut lachten,
- Entsprießt wohl Verachten
- Und giftiger Neid;
- O herrliche Zeit!
- Wenn ich dich verhöhne,
- Winkt dort mir die Schöne,
- Und wird meine Braut;
- Die andere schaut
- Noch kühner darein;
- Soll dies' es denn sein? --
-
- So taumeln wir alle
- Im Schwindel die Halle
- Des Lebens hinab,
- Kein Lieben, kein Leben,
- Kein Sein uns gegeben,
- Nur Träumen und Grab:
- Da unten bedecken
- Wohl Blumen und Klee
- Noch grimmere Schrecken,
- Noch wilderes Weh;
- Drum lauter ihr Cymbeln, du Paukenklang,
- Noch schreiender gellender Hörnergesang!
- Ermuthiget schwingt, dringt, springt ohne Ruh,
- Weil Lieb uns nicht Leben
- Kein Herz hat gegeben,
- Mit Jauchzen dem greulichen Abgrunde zu! --
-
-Er hatte geendigt und stand am Fenster. Da kam sie gegen über herein, so
-schön, wie er sie noch nie gesehn hatte, das braune Haar aufgelöst wogte
-und spielte in muthwilligen Locken um den weißesten Nacken; sie war nur
-leicht bekleidet und schien noch vor Schlafengehn zu später Nachtzeit
-einige häusliche Arbeiten verrichten zu wollen, denn sie stellte zwei
-Lichter in zwei Ecken des Zimmers, ordnete den Teppich auf dem Tische,
-und entfernte sich wieder. Noch war Emil in seinen süßen Träumereien
-versunken, und wiederholte sich in seiner Phantasie das Bild seiner
-Geliebten, als zu seinem Entsetzen die fürchterliche, die rothe Alte
-durch das Zimmer schritt; gräßlich leuchtete von ihrem Haupt und Busen
-das Gold im Widerschein der Lichter. Sie war wieder verschwunden. Sollte
-er seinen Augen trauen? War es kein Blendwerk der Nacht, welches ihm
-seine eigne Einbildung gespenstisch vorüber geführt hatte?
-
-Aber nein, sie kehrte zurück, noch gräßlicher als zuvor, denn ein langes
-greises und schwarzes Haar flog wild und ungeordnet um Brust und Rücken;
-das schöne Mädchen folgte ihr, blaß, entstellt, die schönsten Brüste
-ohne Hülle, aber das ganze Bild einer Statue von Marmor ähnlich. Sie
-hatten zwischen sich das kleine liebliche Kind, welches weinte und sich
-an die Schöne bittend schmiegte, die nicht zu ihm hernieder sah. Das
-Kindlein hielt flehend die Händchen empor, streichelte Hals und Wange
-der blassen Schönen. Sie aber hielt es fest am Haar und mit der andern
-Hand ein silbernes Becken; die Alte zuckte murmelnd das Messer und
-durchschnitt den weißen Hals der Kleinen. Da wand sich hinter ihnen
-etwas hervor, das beide nicht zu sehen schienen, sonst hätten sie sich
-wohl eben so inniglich wie Emil entsetzt. Ein scheußlicher Drachenhals
-wälzte sich schuppig länger und länger aus der Dunkelheit, neigte sich
-über das Kind hin, das mit aufgelösten Gliedern der Alten in den Armen
-hing, die schwarze Zunge leckte vom sprudelnden rothen Blut, und ein
-grün funkelndes Auge traf durch die Spalte hinüber in Emils Blick und
-Gehirn und Herz, daß er im selben Augenblick zu Boden stürzte.
-
-Leblos traf ihn Roderich nach einigen Stunden.
-
- * * * * *
-
-Am heitersten Sommermorgen saß in grüner Laube eine Gesellschaft von
-Freunden um ein schmackhaftes Frühstück versammelt. Man lachte und
-scherzte, alle stießen freudig oft mit den Gläsern auf die Gesundheit
-des jungen Brautpaares an, und wünschten ihm Heil und Glück. Bräutigam
-und Braut waren nicht zugegen, denn die Schöne war noch mit ihrem
-Schmucke beschäftiget, und der junge Ehemann lustwandelte, seinem Glücke
-nachsinnend, einsam in einem entfernten Baumgange. Schade, sagte
-Anderson, daß wir keine Musik haben sollen; alle unsere Damen sind
-unzufrieden und haben noch nie so sehr zu tanzen gewünscht, als gerade
-heut, da es nicht geschehn kann; aber es ist ihm zu sehr zuwider.
-
-Ich kann es euch wohl verrathen, sagte ein junger Officier, daß wir
-dennoch einen Ball haben werden, und zwar einen recht tollen und
-geräuschigen; alles ist schon eingerichtet und die Musikanten sind schon
-heimlich angekommen und unsichtbar einquartiert. Roderich hat alle diese
-Einrichtungen getroffen, denn er sagt, man müsse ihm nicht zu viel
-nachgeben, und am wenigsten heut seine wunderlichen Launen anerkennen.
-
-Er ist auch schon viel menschlicher und umgänglicher als ehemals, sagte
-ein anderer junger Mann, und darum glaube ich, wird ihm diese Abänderung
-nicht einmal unangenehm auffallen. Ist doch diese ganze Heirath so
-plötzlich gegen unser aller Erwarten eingetreten.
-
-Sein ganzes Leben, fuhr Anderson fort, ist so sonderbar, wie sein
-Charakter. Ihr wißt ja alle, wie er im vorigen Herbst auf einer Reise,
-die er machen wollte, in unsrer Stadt ankam, sich den Winter hier
-aufhielt, wie ein Melankolischer fast nur in seinem Zimmer lebte, und
-sich weder um unser Theater noch andre Vergnügungen kümmerte. Er war
-beinah mit Roderich, seinem vertrautesten Freunde, zerfallen, weil
-dieser ihn zu zerstreuen suchte, und nicht jeder seiner finstern Launen
-nachgeben wollte. Im Grunde war seine übertriebene Reizbarkeit und
-Verstimmung wohl Krankheit, die sich in seinem Körper zubereitete; denn,
-wie euch nicht unbekannt ist, wurde er vor vier Monaten vom heftigsten
-Nervenfieber befallen, so, daß wir ihn alle schon aufgeben mußten.
-Nachdem seine Phantasien ausgeraset hatten, und er wieder zu sich kam,
-hatte er sein Gedächtniß fast ganz eingebüßt, nur seine früheren Kinder-
-und Jugendjahre waren ihm gegenwärtig, und er konnte sich durchaus nicht
-erinnern, was während seiner Reise oder vor seiner Krankheit sich mit
-ihm zugetragen habe. Er mußte alle seine Freunde, selbst den Roderich,
-von neuem kennen lernen; nur nach und nach ward es lichter in seinem
-Innern, und die Vergangenheit und was ihm widerfahren, trat wieder,
-jedoch immer nur schwach beleuchtet, in sein Gedächtniß zurück. Sein
-Oheim hatte ihn zu sich in das Haus genommen, um ihn besser zu
-verpflegen, und er war wie ein Kind, und ließ alles mit sich machen. Als
-er zum erstenmal ausfuhr, und bei der Frühlingswärme den Park besuchte,
-sah er abseits vom Wege ein Mädchen in tiefen Gedanken sitzen. Sie sah
-auf, ihr Blick traf den seinigen, und wie von einer unbegreiflichen
-Begeisterung ergriffen, ließ er anhalten, stieg aus, setzte sich zu ihr,
-faßte ihre Hände, und ergoß sich in einen Strom von Thränen. Man war von
-neuem für seinen Verstand besorgt; aber er wurde ruhig, heiter und
-gesprächig, ließ sich bei den Eltern des Mädchens vorstellen, und hielt
-sogleich beim ersten Besuch um ihre Hand an, die sie ihm auch zusagte,
-da die Eltern ihre Einwilligung nicht verweigerten. Er war glücklich und
-ein neues Leben ging in ihm auf; mit jedem Tage ward er gesunder und
-zufriedener. So besuchte er mich vor acht Tagen auf meinem Landgute
-hier; es gefiel ihm über die Maßen, und zwar so, daß er nicht ruhte,
-bis ich es ihm verkaufen mußte. Es lag nur an mir, seine
-Leidenschaftlichkeit zu meinem Vortheil und seinem Schaden zu benutzen,
-denn was er will, will er heftig und plötzlich vollendet. Sogleich
-machte er seine Einrichtungen, ließ Geräthe herschaffen, um hier noch
-die Sommermonate zu wohnen, und so sind wir denn alle heut zu seiner
-Hochzeit in meinem ehemaligen Wohnsitze versammelt.
-
-Das Haus war groß und lag in der schönsten Gegend. Die eine Seite sah
-nach einem Flusse und angenehmen Hügeln hinüber, rund um von
-mannichfaltigen Gebüschen und Bäumen umgeben, unmittelbar davor lag ein
-Garten mit duftenden Blumen. Hier waren die Orangen und Citronen-Bäume
-in einem großen offenen Saale aufgestellt, und kleine Thüren führten zu
-Vorrathskammern, Kellern und Speisegewölben. Von der andern Seite
-breitete sich ein grünender Wiesenplan aus, an welchen ohne andre
-Verbindung ein Park gränzte; hier bildeten die beiden langen Flügel des
-Hauses einen geräumigen Hof, und auf dreien über einander stehenden
-Säulenreihen verbanden breite offene Gänge alle Zimmer und Säle des
-Gebäudes, wodurch der Wohnsitz von dieser Seite einen reizenden, ja
-wunderbaren Charakter erhielt, indem sich beständig Figuren in
-mannichfaltigen Geschäften in diesen geräumigeren Hallen bewegten;
-zwischen den Säulen und aus jedem Zimmer traten neue Gestalten hervor,
-und erschienen oben oder unten wieder, um sich in andern Thüren zu
-verlieren; auch versammelte sich Gesellschaft dort zum Thee oder Spiel,
-und dadurch gewann von unten das Ganze das Ansehn eines Theaters, vor
-welchem jedermann mit Lust verweilte, und in Gedanken die seltsamsten
-und anziehendsten Begebenheiten oben erwartete.
-
-Die Gesellschaft der jungen Leute wollte eben aufstehn, als die
-geschmückte Braut durch den Garten ging und zu ihnen trat. Sie war in
-violettem Sammet gekleidet, ein funkelnder Halsschmuck wiegte sich auf
-dem glänzenden Nacken, kostbare Spitzen ließen den weißen schwellenden
-Busen durchschimmern, das braune Haar ward durch den Myrthen- und
-Blumenkranz reizender gefärbt. Sie grüßte alle freundlich, und die
-Jünglinge waren von der hohen Schönheit überrascht. Sie hatte Blumen im
-Garten gepflückt, und wandte sich jezt nach dem innern Hause, um nach
-der Ordnung des Mahles zu sehen. Man hatte in dem untern offnen Gange
-die Tafeln hingestellt: blendend schimmerten die Tische mit den weißen
-Gedecken und Kristallen, eine Fülle mannichfarbiger Blumen glänzte aus
-zierlichen Gefäßen herunter, duftende grüne und bunte Kränze schlangen
-sich um die Säulen, und reizend war der Anblick, als die Braut sich jezt
-mit holdseliger Bewegung zwischen dem Schimmer der Blumen neben den
-Tischen und Säulen wandelnd bewegte, das Ganze prüfend überschaute, und
-dann verschwand, und höher hinauf noch einmal wieder erschien, um ihr
-Zimmer zu öffnen. Sie ist das reizendste und schönste Mädchen, das ich
-je gekannt habe! rief Anderson aus: unser Freund ist glücklich!
-
-Selbst ihre Blässe, nahm der Offizier das Wort, erhöht ihre Schönheit:
-die braunen Augen blitzen über den bleichen Wangen und unter den dunkeln
-Haaren so mächtiger hervor; und diese wunderbare fast brennende Röthe
-der Lippen macht ihr Angesicht zu einem wahrhaft zauberischen Bilde.
-
-Der Schein stiller Melankolie, sagte Anderson, welcher sie umgiebt,
-umfließt sie wie mit hoher Majestät.
-
-Der Bräutigam trat zu ihnen, und fragte nach Roderich; sie hatten ihn
-alle schon längst vermißt und konnten nicht begreifen, wo er sich
-aufhalten möchte. Alle gingen, um ihn zu suchen. Er ist unten im Saal,
-sagte endlich ein junger Mensch, den sie ebenfalls fragten, zwischen
-allen Bedienten und Kutschern, denen er Kartenkünste macht, die sie
-nicht genug bewundern können. Sie traten hinein und unterbrachen die
-schallende Verwunderung der Dienerschaft, indeß sich Roderich nicht
-stören ließ, sondern frei in seinen magischen Kunststücken fortfuhr. Als
-er geendigt hatte, ging er mit den übrigen in den Garten und sagte: ich
-thue es nur, um diese Menschen im Glauben zu stärken, denn diese Künste
-bringen ihrer Kutscher-Freigeisterei auf lange einen Stoß bei, und
-helfen zu ihrer Bekehrung.
-
-Ich sehe, sagte der Bräutigam, daß mein Freund unter seinen übrigen
-Talenten auch das eines Charlatans nicht zu geringe achtet, um es
-auszubilden.
-
-Wir leben in einer wunderlichen Zeit, antwortete jener: man soll heut zu
-Tage nichts verachten, denn man weiß nicht, wozu es zu gebrauchen ist.
-
-Als die beiden Freunde sich allein befanden, wandte sich Emil wieder in
-den dunkeln Baumgang und sagte: Warum bin ich an diesem Tage, welcher
-der glücklichste meines Lebens ist, so trübe gestimmt? Aber ich
-versichere dich, so wenig du es auch glauben willst, es paßt nicht für
-mich, mich in dieser Menge von Menschen zu bewegen, für jeden
-Aufmerksamkeit zu haben, keinen dieser Verwandten von ihrer und meiner
-Seite zu vernachlässigen, den Eltern Ehrfurcht zu beweisen, die Damen
-bekomplimentiren, die Ankommenden empfangen, und die Dienstboten und
-Pferde gehörig zu versorgen.
-
-Das macht sich ja alles von selbst, sagte Roderich; sieh, dein Haus ist
-recht auf dergleichen eingerichtet, und dein Haushofmeister, der alle
-Hände voll zu thun und alle Beine voll zu laufen hat, ist recht wie dazu
-geschaffen, alles ordentlich zu betreiben, um die allergrößte
-Gesellschaft aus Verwirrung zu erretten und mit Anstand zu bewirthen.
-Ueberlaß das ihm und deiner schönen Braut.
-
-Heute Morgen, noch vor Sonnenaufgang, sagte Emil, wandelte ich durch das
-Gehölz; mir war feierlich zu Muthe, ich fühlte recht im Innern, wie mein
-Leben nun bestimmt sei und ernst werde, wie diese Liebe mir Heimath und
-Beruf erschaffen hat. Ich kam dort der Laube vorüber; ich hörte Stimmen:
-es war meine Geliebte in einem traulichen Gespräch. Ist es nun, sagte
-eine fremde Stimme, nicht so gekommen, wie ich gesagt hatte? Gerade so,
-wie ich wußte, daß es geschehen würde? Ihr habt euren Wunsch, darum seid
-nun auch froh. Ich mochte nicht zu ihnen treten; nachher ging ich der
-Laube näher, doch hatten sich beide schon entfernt. Aber ich sinne und
-sinne: was wollen diese Worte bedeuten?
-
-Roderich sagte: sie mag dich vielleicht schon längst geliebt haben, ohne
-daß du es wußtest; du bist desto glücklicher.
-
-Eine späte Nachtigall erhub jezt ihren Gesang und schien dem Liebenden
-Heil und Wonne zuzurufen. Emil wurde tiefsinniger. Komm mit mir, um dich
-aufzuheitern, sagte Roderich, in das Dorf hinunter, da sollst du ein
-zweites Brautpaar sehn, denn du mußt dir nicht einbilden, daß du heut
-allein Hochzeit feierst. Ein junger Knecht ist in Langeweile und
-Einsamkeit mit einer ältern garstigen Magd zu vertraut geworden, und der
-Pinsel hält sich nun für verpflichtet, sie zu seiner Frau zu machen.
-Jezt müssen sie beide schon geputzt sein; diesen Anblick wollen wir
-nicht versäumen, denn er ist ohne Zweifel interessant.
-
-Der Trauernde lies sich von dem schwatzenden heitern Freunde fortziehn,
-und sie kamen bald zu der Hütte. Eben trat der Zug heraus, um sich nach
-der Kirche zu begeben. Der junge Knecht war in seinem gewöhnlichen
-leinenen Kittel, und prangte nur mit einem Paar ledernen Beinkleidern,
-die er so hell als möglich angestrichen hatte; er war von einfältiger
-Miene und schien verlegen. Die Braut war von der Sonne verbrannt, nur
-wenige letzte Spuren der Jugend waren an ihr sichtbar; sie war grob und
-arm aber reinlich gekleidet, einige rothe und blaue seidne Bänder, schon
-etwas entfärbt, flatterten von ihrem Mieder, am meisten aber war sie
-dadurch entstellt, daß man ihr die Haare steif mit Fett, Mehl und Nadeln
-aus der Stirn gestrichen und oben zusammen geheftet hatte, auf dieser
-Spitze des aufgethürmten Haars stand der Kranz. Sie lächelte und schien
-fröhlich, doch war sie verschämt und blöde. Die alten Eltern folgten;
-der Vater war auch nur Knecht auf dem Hofe, und die Hütte, der Hausrath
-so wie die Kleidung, alles verrieth die äußerste Armuth. Ein schielender
-schmuziger Musikant folgte dem Zuge, der greinend auf einer Geige strich
-und dazu schrie, diese war halb aus Pappe und Holz zusammen geleimt, und
-statt der Saiten mit drei Bindfäden bezogen. Der Zug machte Halt, als
-der neue gnädige Herr zu den Leuten trat. Einige muthwillige
-Dienstboten, junge Bursche und Mägde schäkerten und lachten, und
-verspotteten das Brautpaar, vorzüglich die Kammerjungfern, die sich
-schöner dünkten und sich unendlich besser gekleidet sahen. Ein Schauer
-erfaßte Emil, er blickte nach Roderich um, dieser war aber schon wieder
-entlaufen. Ein naseweiser Bursche mit einem Tituskopf, der Bedienter
-eines Fremden, drängte sich, um witzig zu erscheinen, an Emil und rief:
-Nun gnädiger Herr, was sagen Sie zu dem glänzenden Brautpaar? Beide
-wissen noch nicht, wo sie morgen Brod hernehmen sollen, und heut
-Nachmittag werden sie doch einen Ball geben, der Virtuos dort ist schon
-bestellt. -- Kein Brod; sagte Emil! giebt es so etwas? -- Ihr ganzes
-Elend ist dem Volke bekannt, fuhr jener schwatzend fort, aber der Kerl
-sagt, er bleibe dem Wesen dennoch gut, wenn sie auch nichts zubrächte! O
-ja freilich, die Liebe ist allgewaltig! das Lumpenpack hat nicht einmal
-Betten, sie müssen sogar diese Nacht auf der Streu schlafen; das
-Dünnbier haben sie sich zusammen gebettelt, worin sie sich besaufen
-wollen. Alle umher lachten laut, und die beiden verspotteten
-Unglücklichen schlugen die Augen nieder. Emil stieß zornig den Schwätzer
-von sich; nehmt! rief er aus, und warf in die Hand des erstarrten
-Bräutigams hundert Dukaten, welche er am Morgen eingenommen hatte. Die
-Alten und die Brautleute weinten laut, warfen sich ungeschickt auf die
-Kniee und küßten ihm Hände und Kleider, er wollte sich losmachen. Haltet
-euch damit das Elend vom Leibe, so lange ihr könnt! rief er betäubt. O
-auf zeitlebens, mein gnädigster Herr, sind wir glücklich! schrieen alle.
-
-Er wußte nicht, wie er fort gekommen war; er fand sich allein, und eilte
-mit wankenden Schritten in den Wald. Die dichteste einsamste Stelle
-suchte er auf, und warf sich auf einen Rasenhügel nieder, indem er den
-ausbrechenden Strom seiner Thränen nicht mehr zurückhielt. Mir ekelt das
-Leben! schluchzte er in tiefer Bewegung; ich kann nicht froh und
-glücklich sein, ich will es nicht! Empfange mich bald, du freundlicher
-Boden, verbirg mich in deinen kühlen Armen vor den wilden Thieren, die
-sich Menschen nennen! O Gott im Himmel, wie verdien' ich es, daß ich auf
-Daunen ruhe und Seide trage, daß mir die Traube ihr kostbarstes Blut
-spendet, und alles mir Ehre und Liebe dringend anbietet und darbringt?
-Dieser Arme ist besser und edler als ich, und das Elend ist seine Amme,
-und Hohn und giftiger Spott sein Glückwunsch. Sündlich dünkt mir jeder
-Leckerbissen, den ich genieße, jeder Trunk aus geschliffenem Glase, mein
-Ruhen auf weichen Betten, das Tragen von Gold und Geschmeide, da die
-Welt viel tausend mal tausend Unglückliche umher jagt, die nach dem
-weggeworfenen vertrockneten Brode hungern, die nicht wissen, was Labsal
-ist. O jezt versteh' ich euch, ihr frommen Heiligen, ihr Verschmähten,
-ihr Verhöhnten, die ihr Alles, bis auf euer Gewand, der Armuth
-ausstreutet, einen Sack um eure Lenden gürtetet, und selbst als Bettler
-die Schmähungen und Fußstöße erdulden wolltet, mit denen roher Uebermuth
-und reiche Schwelgerei das Elend von ihren Tafeln weisen, selbst elend
-wurdet ihr, um nur diese Sünde des Ueberflusses von euch zu werfen.
-
-Alle Gebilde der Welt schwankten wie ein Nebel vor seinen Augen! er nahm
-sich vor, die Verstoßenen als seine Brüder anzusehn, und sich von den
-Glücklichen zu entfernen. Lange hatte man schon im Saale seiner zur
-Trauung gewartet, die Braut war in Sorge, die Eltern suchten ihn im
-Garten und Park: endlich kam er ausgeweint und leichter zurück, und die
-feierliche Handlung ward vollzogen.
-
-Man begab sich aus dem untern Saal nach der offnen Halle, um sich zu
-Tische zu setzen. Braut und Bräutigam gingen voran, und die übrigen
-folgten im Zuge; Roderich bot seinen Arm einem jungen Mädchen, die
-munter und geschwätzig war. Warum nur die Bräute immer weinen und bei
-der Trauung so ernsthaft aussehn, sagte diese, indem sie zur Gallerie
-hinauf stiegen.
-
-Weil sie in diesem Augenblick am lebhaftesten von der Wichtigkeit und
-dem Geheimnißvollen des Lebens durchdrungen werden, antwortete Roderich.
-
-Aber unsre Braut, fuhr jene fort, übertrifft noch an Feierlichkeit alle,
-die ich jemals gesehn habe; sie ist überhaupt immer schwermüthig, man
-sieht sie nie recht heiter lachen.
-
-Dies macht ihrem Herzen um so mehr Ehre, antwortete Roderich, gegen
-seine Gewohnheit verstimmt. Sie wissen vielleicht nicht, mein Fräulein,
-daß die Braut vor einigen Jahren ein allerliebstes verwaistes Kind, ein
-Mädchen, zu sich genommen hatte, um es zu erziehn. Dieser Kleinen
-widmete sie alle ihre Zeit, und die Liebe des zarten Geschöpfes war ihr
-süßester Lohn. Dieses Mädchen war sieben Jahr alt geworden, als sie sich
-auf einem Spaziergange in der Stadt verlor, und aller angewandten Mühe
-ungeachtet, noch nicht wieder hat aufgefunden werden können. Diesen
-Unfall hat sich das edle Wesen so zu Gemüth gezogen, daß sie seitdem an
-einer stillen Melankolie leidet, und durch nichts von dieser Sehnsucht
-nach ihrer kleinen Gespielin kann abgezogen werden.
-
-Wahrhaftig, recht interessant! sagte das Fräulein; das kann sich in der
-Zukunft recht romantisch entwickeln, und zum angenehmsten Gedichte
-Gelegenheit geben.
-
-Man ordnete sich an der Tafel; Braut und Bräutigam nahmen die Mitte ein,
-und sahen in die heitere Landschaft hinaus. Man schwatzte und trank
-Gesundheiten, die munterste Laune herrschte; die Eltern der Braut waren
-ganz glücklich, nur der Bräutigam war still und in sich gekehrt, genoß
-nur wenig, und nahm an den Gesprächen keinen Antheil. Er erschrak, als
-sich musikalische Töne durch die Luft von oben hernieder warfen; doch
-beruhigte er sich wieder, da es sanfte Hörnertöne blieben, die angenehm
-über die Gebüsche hinweg rauschten, sich durch den Park zogen, und am
-fernen Berge verhallten. Roderich hatte sie auf die Gallerie über die
-Speisenden gestellt, und Emil war mit dieser Einrichtung zufrieden.
-Gegen das Ende der Mahlzeit ließ er seinen Haushofmeister kommen, und
-sagte zur Braut gewendet: liebe Freundin, laß auch die Armuth an unserm
-Ueberflusse Theil nehmen. Er befahl hierauf, eine Anzahl Flaschen Wein,
-Gebackenes, und verschiedene Gerichte in reichlichen Portionen dem armen
-Brautpaar hinüber zu senden, damit ihnen dieser Tag auch ein Freudentag
-sein könne, dessen sie sich nachher gern erinnern möchten. Sieh, Freund,
-rief Roderich aus, wie schön alles in der Welt zusammen hängt! Mein
-unnützes Umtreiben und Schwatzen, das du so oft an mir tadelst, hat doch
-nun diese gute Handlung veranlaßt. Viele wollten dem Wirthe über sein
-Mitleid und gutes Herz etwas Artiges sagen, und das Fräulein sprach von
-schöner Gesinnung und Edelmuth. O schweigen wir! rief Emil zornig: es
-ist keine gute Handlung, ja überhaupt keine Handlung, es ist nichts!
-Wenn Schwalben und Hänflinge sich von den weggeworfenen Brosamen dieses
-Ueberflusses nähren, und sie zu ihren Jungen in die Nester tragen,
-sollte ich nicht eines armen Mitbruders gedenken, der mein bedarf? Wenn
-ich meinem Herzen folgen dürfte, so würdet ihr mich eben so gut wie
-manchen andern verlachen und verspotten, der in die Wüste zog, um nichts
-mehr von der Welt und ihrem Edelmuth zu erfahren.
-
-Man schwieg, und Roderich erkannte in den glühenden Augen seines
-Freundes den heftigsten Unwillen; er besorgte, daß er sich in seiner
-Verstimmung noch mehr vergessen möchte, und suchte schnell das Gespräch
-auf andere Gegenstände zu lenken. Doch Emil war unruhig und zerstreut
-geworden; hauptsächlich wendeten sich seine Blicke oft nach der obersten
-Gallerie, auf welcher die Bedienten, die das letzte Stockwerk bewohnten,
-vielerlei zu schaffen hatten. Wer ist die widerliche Alte, die dort so
-geschäftig ist, und so oft in ihrem grauen Mantel wieder kommt? fragte
-er endlich. Sie gehört zu meiner Bedienung, sagte die Braut; sie soll
-die Aufsicht über die Kammerjungfern und jüngern Mägde führen. Wie
-kannst du solche Häßlichkeit in deiner Nähe dulden? erwiederte Emil. Laß
-sie, antwortete die junge Frau, wollen die Häßlichen doch auch leben,
-und da sie gut und redlich ist, kann sie uns von großem Nutzen sein.
-
-Man erhob sich von der Tafel, und alles umgab den neuen Gatten, wünschte
-nochmals Glück, und drängte dann mit Bitten um die Erlaubniß zum Ball.
-Die Braut umarmte ihn äußerst freundlich und sagte: meine erste Bitte,
-Geliebter, wirst du mir nicht abschlagen, denn wir haben uns alle darauf
-gefreut: Ich habe so lange nicht getanzt, und du selbst hast mich noch
-niemals tanzen sehn. Bist du denn gar nicht neugierig darauf, wie ich
-mich in dieser Bewegung ausnehme?
-
-So heiter, sagte Emil, habe ich dich noch niemals gesehn. Ich will kein
-Störer eurer Freude sein, macht, was ihr wollt; nur verlange keiner von
-mir, daß ich mich selbst mit linkischen Sprüngen lächerlich machen soll.
-
-Wenn du ein schlechter Tänzer bist, sagte sie lachend, so kannst du
-sicher sein, daß dich jedermann gern in Ruhe lassen wird. Die Braut
-entfernte sich hierauf, um sich umzuziehn und ihr Ballkleid anzulegen.
-
-Sie weiß es nicht, sagte Emil zu Roderich, mit dem er sich entfernte,
-daß ich aus einem andern Zimmer in das ihrige durch eine verborgene Thür
-kommen kann, ich werde sie beim Umkleiden überraschen.
-
-Als Emil fortgegangen war, und viele der Damen sich auch entfernt
-hatten, um die zum Tanz nöthigen Veränderungen des Putzes zu treffen,
-nahm Roderich die jüngeren Leute beiseit und führte sie auf sein Zimmer.
-Es wird schon Abend, sagte er hier, bald ist es finster; jezt geschwind
-jeder in seine Verkleidung, um diese Nacht recht bunt und toll zu
-verschwärmen. Was ihr nur ersinnen könnt; genirt euch nicht, je ärger,
-je besser! Je scheußlicher die Fratzen sind, die ihr aus euch hervor
-bringt, je mehr will ich euch loben. Da muß es keinen so widerlichen
-Höcker, keinen so ungestalten Bauch, keine so widersinnige Kleidung
-geben, die nicht heute paradirt. Eine Hochzeit ist eine so wundersame
-Begebenheit, ein ganz neuer ungewohnter Zustand wird den Verheiratheten
-so plötzlich wie ein Mährchen über den Hals geworfen, daß man dieses
-Fest nicht verwirrt und unklug genug anfangen kann, um nur irgend für
-die Eheleute die plötzliche Veränderung zu motiviren, so daß sie wie in
-einem phantastischen Traum in die neue Lage hinüber schwimmen, und darum
-laßt uns nur recht in diese Nacht hinein wüthen, und nehmt keine Einrede
-von denen an, die sich verständig stellen möchten.
-
-Sei ohne Sorge, sagte Anderson, wir haben einen großen Koffer voll
-Masken und toller bunter Kleidungsstücke aus der Stadt mitgebracht, du
-wirst dich selbst darüber verwundern.
-
-Aber seht her, sagte Roderich, was ich von meinem Schneider eingekauft
-habe, der diesen kostbaren Schatz schon in Läppchen verschneiden wollte!
-Er hat diese Tracht von einer alten Gevatterin erhandelt, die damit
-gewiß bei Lucifer auf dem Blocksberge Galla gemacht hat. Seht dieses
-scharlachrothe Mieder, mit diesen goldenen Tressen und Franzen, und
-diese goldglänzende Haube, die mir unendlich ehrwürdig stehen muß, dazu
-nehm' ich diesen grünseidnen Rock mit safrangelbem Besatz und diese
-scheußliche Maske, und führe nachher als altes Weib den ganzen Chor der
-Carrikaturen in das Schlafzimmer. Macht, daß ihr fertig werdet! wir
-wollen dann feierlich die junge Frau abholen.
-
-Die Hörner musizirten noch, die Gesellschaft wandelte im Garten, oder
-saß vor dem Hause. Die Sonne war hinter trüben Wolken untergegangen, und
-die Gegend lag im grauen Dämmer, als plötzlich unter der Wolkendecke der
-scheidende Stral noch einmal hervor brach, und rings die Gegend,
-vorzüglich aber das Gebäude mit seinen Gängen, Säulen und
-Blumengewinden, wie mit rothem Blute besprengte. Da sahen die Eltern der
-Braut, und die übrigen Zuschauer den abentheuerlichsten Zug nach dem
-obern Corredor schweben: Roderich als die rothe Alte voran, und ihr
-nachfolgend Bucklichte, dickbauchige Fratzen, ungeheure Perucken,
-Tartaglias, Policinells und gespenstische Pierrots, weibliche Figuren in
-ausgespannten Reifröcken und ellenhohen Frisuren, die widerwärtigsten
-Gestalten, alle wie aus einem ängstlichen Traum. Sie zogen gaukelnd und
-sich drehend und wackelnd, trippelnd und sich brüstend über den Gang,
-und verschwanden dann in eine der Thüren. Nur wenige der Zuschauer waren
-zum Lachen gekommen, so hatte sie der seltsamste Anblick überrascht.
-Plötzlich brach ein gellender Schrei aus den innern Zimmern, und hervor
-stürzte in das blutige Abendroth die bleiche Braut, im weißen kurzen
-Kleide, um welches Blumenranken flatterten; der schöne Busen ganz frei,
-die Fülle der Locken in Lüften schwebend. Wie wahnsinnig, die Augen
-rollend, das Gesicht entstellt, stürzte sie über die Gallerie, und fand
-in ihrer Angst verblindet keine Thür und Treppe, und gleich darauf, ihr
-nachrennend, Emil, den blanken türkischen Dolch in hoch erhobener Faust.
-Jezt war sie am Ende des Ganges, sie konnte nicht weiter, er erreichte
-sie. Die maskirten Freunde und die graue Alte waren ihm nach gestürzt.
-Aber schon hatte er wüthend ihre Brust durchbohrt, und den weißen Hals
-durchschnitten, ihr Blut strömte im Glanz des Abends. Die Alte hatte
-sich mit ihm umfaßt, ihn zurück zu reißen; kämpfend schleuderte er sich
-mit ihr über das Geländer, und beide fielen zerschmettert zu den Füßen
-der Verwandten nieder, die mit stummem Entsetzen der blutigen Scene
-zugeschaut hatten. Oben und im Hofe, oder von den Gallerien und Treppen
-herunter eilend, standen und rannten die scheußlichen Larven in
-mannichfaltigen Gruppen, höllischen Dämonen ähnlich.
-
-Roderich nahm den Sterbenden in seine Arme. Mit dem Dolche spielend
-hatte er ihn im Zimmer seiner Gattin gefunden. Sie war fast angekleidet
-bei seinem Eintreten; beim Anblick des rothen widrigen Kleides hatte
-sich seine Erinnerung belebt, das Schreckbild jener Nacht war vor seine
-Sinne getreten; knirschend war er auf die zitternde, fliehende Braut
-zugesprungen, um den Mord und ihr teuflisches Kunststück zu bestrafen.
-Die Alte bestätigte sterbend den verübten Frevel, und das ganze Haus war
-plötzlich in Leid, Trauer und Entsetzen verwandelt worden.
-
- * * * * *
-
-Alle Zuhörer waren bewegt, am meisten aber Clara, die schon früher
-Zeichen von Ungeduld gegeben hatte. Nein! rief sie aus und erhob sich:
-es ist nicht auszuhalten! Diese Geschichten gehn zu schneidend durch
-Mark und Bein, und ich weiß mich vor Schauder in keinen meiner Gedanken
-mehr zu retten. Es ist geradezu abscheulich, dergleichen zu erfinden.
-Ich zittre und ängste mich, und vermuthe, daß aus jedem Busche, aus
-jeder Laube ein Ungeheuer auf mich zutreten möchte, daß die theuersten
-bekanntesten Gestalten sich plötzlich in fremd gespenstische Wesen
-verwandeln dürften, und man ist und bleibt thöricht, und hört zu, läßt
-sich von den Worten immer weiter und weiter verlocken, bis das
-ungeheuerste Grauen uns plötzlich erfaßt, und alle vorigen Empfindungen
-wie in einen Strudel gewaltthätig verschlingt. Es fängt an Abend zu
-werden, laßt uns hinein gehn und aufhören.
-
-Das ist aber ganz gegen die Abrede, sagte Manfred; wollt ihr Weiber
-einer Akademie vorstehn und die Talente aufmuntern, so müßt ihr auch
-mehr Muth und Ausdauer haben. Kannst du den guten Lothar mit dieser
-unbilligen Kritik so kränken? Habt ihr es denn nicht vorher gewußt, daß
-man euch würde zu fürchten machen? Worüber beklagt ihr euch also? Mir
-hat seine Erzählung so wohl gefallen, daß ich, in Nachahmung Alexanders,
-ausrufen könnte: ich möchte diesen Liebeszauber geschrieben haben, wenn
-ich nicht meinen Runenberg gedichtet hätte! Darum, ihr Besten, laßt die
-Narrheit fahren und bleibt hübsch thöricht und in der Ordnung.
-
-Diese Geschichte und die deinige, Bruder Manfred, sagte Auguste, haben
-uns eben alle Lust genommen, noch etwas anzuhören, denn sie sind zu
-gräßlich.
-
-^Et tu, Brute?^ rief Manfred aus; Schwester, du bist ja meine Schwester,
-wir sind ja hoffentlich Ein Blut! nicht gegen die eigne Familie und das
-verwandte Fleisch richte dein Rezensenten-Wüthen. Und du, Clara, warum
-nicht deinen Zorn gegen unsern Anton wenden, der mit seinem Mährchen
-zuerst diesen Ton angegeben hat? Aber ich sehe wohl, wir Autoren stehen
-so wenig hier, wie irgend wo, vor einem unpartheiischen Richterstuhl;
-die Leidenschaften, Vorliebe und Haß regen sich bei jeder
-Rezensir-Anstalt. O wohin entfliehen aus dieser verderbten Welt? Ich
-werde von nun an gar kein Publikum mehr anerkennen!
-
-Wir sollen also, sagte Rosalie sanft und erröthend, auch nicht einmal
-die kleine Genugthuung haben, zu schelten, wenn man uns durch die Mittel
-der Dichtkunst fast aus unsern Sinnen geängstigt hat?
-
-Laßt es euch doch für diesmal so gefallen, sagte Manfred, wir wollen
-euch ein andermal einschläfern und Langeweile genug machen. Habt ihr
-aber was zu klagen, so klagt über Anton, den ihr selbst zum Könige
-dieses Tages erwählt habt, und der uns befohlen hat, dergleichen Zeug an
-den Tag zu fördern.
-
-Es wäre unbillig, sagte Emilie, ihn zu schelten, der uns so anmuthig
-unterhalten hat, und der nur mit leisem Schreck, wie aus der Ferne, die
-Schilderung der stillen Einsamkeit wunderbarer und anziehender machte.
-
-Wie ihr nun seid, fuhr Manfred fort, das eine ist vielleicht gut, und
-das andre darum noch nicht schlimm. Die Phantasie, die Dichtung also
-wollt ihr verklagen? Aber eure Wirklichkeit! Thut doch nur die Augen
-auf, angenehme Gegner und Widersacher, und seht, daß es dort, vor euren
-Augen, hinter eurem Rücken, wenn ihr euch nur erkundigt, weit schlimmer
-hergeht. Schlimmer und herber, und also auch viel gräßlicher, weil das
-Schrecken hier durch nichts Poetisches gemildert wird. Soll ich euch
-dergleichen Dinge aus dem alltäglichsten Leben, oder aus der Geschichte
-erzählen? Ich bin nicht von den schwächsten Nerven, aber ich weiß noch
-wohl, daß ich einige Nächte nicht schlafen konnte, weil mich das Bild
-des armen gefolterten Grandier die Tage hindurch bei allen meinen
-Geschäften verfolgte, so daß ich selbst das Buch, worin ich sein
-Schicksal gelesen, mit Grauen betrachtete. Dieser Mann, ein Geistlicher,
-ward durch den gemeinsten abgeschmacktesten Neid der Zauberei
-beschuldigt, unkluge Nonnen stellten sich besessen und klagten ihn als
-den Urheber ihres Zustandes an; Richelieu, der sich irrigerweise von dem
-gebildeten und nicht unwitzigen Manne beleidigt glaubte, ging in die
-verächtliche Kabale ein. Grandier lachte anfangs, aber er ward vor
-Gericht gezogen, unmenschlich, bis zum Sterben fast, zermartert, und
-dann auf die grausamste Weise verbrannt. Alle seine Richter waren von
-seiner Unschuld überzeugt, sein hoher Verfolger am innigsten; eine
-aufgeklärte witzige Nation spottete über den Prozeß, man besuchte von
-Paris die besessenen Nonnen als eine unterhaltende Abentheuerlichkeit:
-und doch wurde diese Abscheulichkeit verübt, unsern Tagen ziemlich nahe,
-in den Tagen der Philosophie (nicht etwa im sogenannten barbarischen
-Mittel-Alter), die ehrwürdige Form der Gerechtigkeit wurde gemißbraucht
-und geschändet, die Religion verhöhnt, und alles dies, worüber unser
-Eingeweide entbrennt und Rache schreit, hatte weiter keine Folgen, als
-daß die Pariser den Zermarterten gutmüthig bedauerten. Soll ich euch aus
-den ^causes celèbres^ diese ungeheure Begebenheit vorlesen? Oder jene
-Trauergeschichte, welche erzählt, wie ein Familien-Vater unschuldig auf
-die Galeeren gesandt wird und dort stirbt, sein Weib und seine unmündige
-Tochter aber lange im Kerker schmachten müssen, weil ein Prozeß über
-einen bedeutenden Diebstahl schlecht eingeleitet ward, und die Richter
-sich vom Stande des Klägers verleiten ließen, übereilt zu verfahren; der
-unschuldig Beklagte aber Vermögen, Ehre und Leben auf das schmählichste
-einbüßte? Die Kollekte, die das junge Mädchen nachher für ihre Mutter
-und sich erhielt und erbettelte, konnte ihnen den Vater nicht wieder
-geben, noch den ungeheuren Jammer von ihrer Seele nehmen. Nicht wahr,
-diese sind die ächten Gespenstergeschichten? Und wer lebt denn wohl, der
-nicht dergleichen zu erzählen wüßte, von der Grausamkeit der Menschen,
-der Bestechlichkeit der Aemter, der Unterdrückung des Armen? Von dem
-Elend, welches große und kleine Tyrannen erschaffen? Hier könnt ihr euch
-nirgend trösten und euch sagen: es ist nur ersonnen! die Kunstform
-beruhigt euer Gemüth nicht mit der Nothwendigkeit, ja ihr könnt oft in
-diesem Jammer nicht einmal ein Schicksal sehn, sondern nur das Blinde,
-Schreckliche, das was sagt: so ist es nun einmal! In dergleichen
-mährchenhaften Erfindungen aber kann ja dieses Elend der Welt nur wie
-von vielen muntern Farben gebrochen hineinspielen, und ich dächte, auch
-ein nicht starkes Auge müßte es auf diese Weise ertragen können.
-
-Und wenn du auch Recht hättest, sagte Clara, so bleibe ich doch
-unerbittlich!
-
-Nun gut, sagte Manfred,
-
- Sei ganz ein Weib und gieb
- Dich hin dem Triebe, der dich zügellos
- Ergreift und dahin oder dorthin reißt.
-
-Wie macht ihr Zarten, Weichen, Sanftgestimmten, es aber nur in unsern
-Theatern? Ich habe mich oft verwundern müssen, daß eure Nerven die
-Abscheulichkeiten aushalten können, die wir doch fast täglich dorten
-sehen und hören müssen. Ich rede nicht von jenen verfehlten Tragödien,
-die, um erhaben zu sein, das Oberste im Menschen zu unterst kehren, denn
-über diese kann man lächeln und sich an ihnen unterhalten, immer wird
-doch irgend eine That, Begebenheit oder Schicksal dargestellt, welches
-mich beruhigt, auch ist hie und da wohl ein Zug oder eine Scene
-gelungen, die für das Ganze dann gut stehn müssen; sondern von jenem
-kleinlichen Zwitterschauspiele spreche ich, von jenen Familiengemälden
-und Hofrathsstücken, von den Hunger- und Elends-Festen von der Noth und
-Angst, die bis in den fünften Akt die Seelen zerdrückt, und ein edles
-Mädchen fast dahin bringt, einen Lump zu heirathen und das brillanteste
-Herz sitzen zu lassen; oder wo ein hochstrebender Sohn den Vater
-bestiehlt und zur Verzweiflung bringt, oder Brüder mißhellig sind,
-Frauen den Schweiß des Gatten verschwenden, und so weiter: denn wer
-vermöchte die unendliche Variation des großen Einerlei auszusprechen?
-Bei diesen Jammer-Lustspielen, kann ich nicht läugnen, bin ich ein zu
-nervenschwacher Zuschauer, um nicht auf das Aeußerste verstimmt und im
-Innern unglücklich zu werden. Denn diese Dichter haben nicht daran
-genug, dergleichen Elend nach der Wahrheit zu schildern, wodurch ihre
-Kompositionen bloß unkünstlich würden, sondern sie ziehn mit einem
-Handgriff, den sie sich alle zu eigen gemacht haben, das Edelste und
-Höchste der Menschheit, Kindes- und Elternliebe, Freundschaft, die
-theuersten Verhältnisse, die menschlichsten, natürlichsten und
-herzlichsten Rührungen in ihre Karrikaturen hinein, und schlagen die
-Töne an, die immer anklingen müssen, wenn ein gutmüthiges Publikum kein
-heitres Kunstwerk, sondern nur eine prekaire Wahrheit verlangt, und
-erregen dadurch die Thränenschauer, auf welche sie in ihren Vorreden so
-stolz sind. Dieser Thränen (ich muß sie selbst vergießen, gesteh ich)
-sollten wir uns aber schämen, sie sollten uns gerade am meisten in Zorn
-gegen den Dichter entzünden, der das Höchste und Theuerste zum
-Niedrigsten macht, und auf dem Trödelmarkt ausbietet. Nicht wahr, es
-würde uns alle empören, ein Erbstück eines geliebten Vaters, das wir nur
-unserm kostbarsten Schranke anvertrauen, plötzlich in der schmuzigen
-Judengasse öffentlich ausstehn zu sehn? Gerade so empören mich jene
-Dinge, von denen sich unser Publikum so oft erhoben und gebessert fühlt,
-denn eben die unwürdigste Taschenspielerei jener Autoren ist es, an ihr
-Machwerk die Empfindungen zu knüpfen, die uns als Menschen ewig heilig
-und unverletzlich sein sollen.
-
-Ich verstehe jezt, sagte Emilie, ihren Zorn etwas mehr, der mir oft
-genug paradox erschien, indem ich sah, daß sie sich einer gewissen
-Rührung nicht erwehren konnten.
-
-Wie könnt ihr Weiber, fuhr Manfred in seinem Eifer fort, es nur dulden,
-daß man eure Mütterlichkeit, eure Liebe, euer zartes Hingeben, eure
-ehelichen Tugenden, eure Keuschheit, dort als verzerrte Bilder so
-öffentlich an den Pranger stellt? denn das ist es eigentlich, wie sehr
-sich alle diese Herren auch die Miene geben wollen, euch und euren Beruf
-zu verherrlichen. Und eben so mit den Romanen. In mein Haus soll mir
-gewiß kein Buch für Mütter, oder Gattinnen, oder Weiber wie sie sein
-sollen, und dergleichen Unkraut kommen, aus der Verkehrtheit unsers
-Treibens erwachsen und von der Eitelkeit des Zeitalters genährt. Und
-dieselben Herren, die dergleichen wahrhaft unmoralisches Zeug schreiben
-und preisen, wollen dem Bauer seinen Siegfried, Oktavian und
-Eulenspiegel nehmen, um die Moralität der niedern Stände nicht verderben
-zu lassen! Kann es etwas Tolleres und Verkehrteres geben?
-
-Sollte denn aber, sagte Anton, meine Regierung gleich so verstümmelt
-beginnen, zum gefährlichen Beispiel aller meiner Thronfolger, und diese
-Abtheilung, die mir zugefallen ist, gar nicht vollendet werden? Was
-werden dazu unsre Freunde Friedrich, Wilibald und Theodor sagen?
-Warlich, wenn ich meine Pflicht nur irgend nachleben will, darf ich es
-nicht zugeben. Die liebenswürdige Clara wird also hiemit für eine
-Rebellin erklärt, und ihr eine Minute Frist gestattet, sich zu besinnen,
-widrigenfalls sie sich der Strafe aussetzen wird, daß man ihr ganz
-allein in der Einsamkeit die Oktavia, oder Armuth und Edelsinn, oder
-irgend etwas dem Aehnliches, Großartiges vorlesen soll.
-
-Ich ergebe mich, sagte Clara; der furchtbare Herrscher, sehe ich, hat zu
-schreckliche Strafen in seiner Hand, er will uns zwar nicht mit
-Skorpionen, aber doch mit bösem Gewürm geißeln, und darum ziehe ich es
-vor, mich dem Lesen dieser Mährchen zu ergeben, wenn denn doch einmal
-gelesen werden soll. Nur lebe ich der Hoffnung, daß die drei
-Erzählungen, welche noch zurückbleiben, nicht ^crescendo^ dieses Grauen
-erhöhen, sondern uns ^decrescendo^ wieder in den ersten Ton zurück
-führen werden.
-
-Vor allem laßt uns in den Saal treten, sagte Emilie; es ist ungewöhnlich
-kühl geworden, und unser genesender Beherrscher dürfte von der Abendluft
-mehr, wie wir von der Poesie zu befürchten haben.
-
-Als man den Garten verlassen und sich im offnen Saale wieder geordnet
-hatte, sagte Theodor: ich kann wenigstens versichern, daß dasjenige, was
-ich mitzutheilen habe, schwerlich Schrecken erregen kann.
-
-Von meiner Erfindung kann ich das nämliche zusagen, fügte Wilibald
-hinzu.
-
-Wenn Friedrich uns dasselbe verspricht, sagte Clara, so möge denn also
-diese Mährchenwelt wieder erscheinen.
-
-Nur mit Beschämung, sagte Friedrich, kann ich Ihnen diese Blätter
-mittheilen, da ich der einzige bin, der seine Erzählung nicht erfunden
-hat, sondern mich gezwungen sehe, Ihnen einen Jugendversuch vorzulegen,
-welcher nur eine alte Geschichte nacherzählt. Auch ist die Darstellung
-so gefaßt, daß ich fürchten muß, dem Gedicht das größte Unrecht gethan
-zu haben. Doch erlauben Sie mir ohne weitere Entschuldigung anzufangen.
-
-Friedrich las: --
-
-
-
-
- Liebesgeschichte
- der
- schönen Magelone
- und des
- Grafen Peter von Provence.
- 1796
-
-
-
-
- 1.
- Vorbericht.
-
-
-Ist es dir wohl schon je, vielgeliebter Leser, so recht traurig in die
-Seele gefallen, wie betrübt es sei, daß das rauschende Rad der Zeit sich
-immer weiter dreht, und daß bald das zu unterst gekehrt wird, was
-ehemals hoch oben war? So fährt Ruhm, Glanz, Pracht und weltberühmte
-Schönheit hin, wie goldene Abendwolken, die hinter fernen Bergen nieder
-sinken, und nur auf kurze Zeit noch schwachen gelblichen Schimmer hinter
-sich lassen: die Nacht tritt ernst und feierlich herauf, die schwarzen
-Heere von Wolken ziehn unter Sternenglanz auf und ab, und der letzte
-Schein erlöscht furchtsam; Wind fährt durch den Eichenforst und kein
-Hüttenbewohner denkt an die Röthe des Abends zurück. Im Winkel sitzt
-wohl ein Knabe in sich versunken und sieht im dämmernden Wiederschein
-der Lampe ein Bild der fröhlichen Morgenröthe; ihm dünkt, er höre schon
-die muntern Hähne krähen, und wie ein kühler Wind durch die Blätter
-rauscht und alle Blumen der Wiese aus ihrem stillen Schlafe weckt; er
-vergißt sich selbst und nickt nach und nach ein, indem das Feuer
-ausbrennt. Dann kommen Träume über ihn, dann sieht er alles im Glanze
-der Sonne vor sich: die wohlbekannte Heimath, über die wunderbare fremde
-Gestalten schreiten, Bäume wachsen hervor, die er nie gesehn, sie
-scheinen zu reden und menschlichen Sinn, Liebe und Vertrauen zu ihm
-ausdrücken zu wollen. Wie fühlt er sich der Welt befreundet, wie schaut
-ihn alles mit zärtlichem Wohlgefallen an! die Büsche flüstern ihm liebe
-Worte ins Ohr, indem er vorübergeht, fromme Lämmer drängen sich um ihn,
-die Quelle scheint mit lockendem Murmeln ihn mit sich nehmen zu wollen,
-das Gras unter seinen Füßen quillt frischer und grüner hervor.
-
-Unter diesem Bilde mag dir, geliebter Leser, der Dichter erscheinen, und
-er bittet, daß du ihm vergönnen mögest, dir seinen Traum vorzuführen.
-Jene alte Geschichte, die manchen sonst ergötzte, die vergessen ward,
-und die er gern mit neuem Lichte bekleiden möchte.
-
- Der Dichter sieht bemooste Leichensteine,
- Die keiner seiner Freunde kennt,
- Dann fühlt er, daß beim Mondenscheine
- Im Busen fromme Ahndung brennt:
- Er steht und sinnt, es rauschen alle Haine,
- Es flieht, was ihn von den Gestorbnen trennt,
- Freudigen Schrecks er sie als alte Freunde nennt.
-
- Gern wandl' ich in der stillen Ferne,
- In unsrer Väter frommen Zeit,
- Ich seh, wie jeder sich so gerne
- Der alten guten Mährchen freut,
- Oft wiederholt ergötzen sie noch immer,
- Sie kehren wieder wie dasselbe Mal,
- Der Hörer fühlt des Lebens Lust und Quaal,
- Der Liebe holden Frühlingsschimmer.
-
- Ob ihr die alten Töne gerne hört?
- Das Lied aus längst verfloßnen Tagen?
- Verzeiht dem Sänger, den es so bethört,
- Daß er beginnt das Mährchen anzusagen.
-
-
-
-
- 2.
- Wie ein fremder Sänger an den Hof
- des Grafen von Provence kam.
-
-
-In der Provence herrschte vor langer Zeit ein Graf, der einen überaus
-schönen und herrlichen Sohn hatte, welcher als die Freude des Vaters und
-der Mutter erwuchs. Er war groß und stark, und glänzende blonde Haare
-flossen um seinen Nacken und beschatteten sein zartes jugendliches
-Gesicht; dabei war er in aller Waffenübung wohl erfahren, keiner führte
-im Lande und auch außerhalb die Lanze und das Schwerdt so wie er, so daß
-ihn Jung und Alt, Groß und Klein, Adel und Unadel bewunderte.
-
-Er war oft gern in sich gekehrt, als wenn er irgend einem geheimen
-Wunsche nachginge, und viele erfahrene Leute glaubten und schlossen
-daher, er sei in Liebe; es wollte ihn darum keiner aus seinen Träumen
-aufwecken, weil sie wohl wußten, daß die Liebe ein süßer Ton ist, der im
-Ohre schläft und wie aus einem Traume seine phantasiereiche Melodie
-fortredet, so daß ihn der Beherberger selbst nur wie ein dunkles Räthsel
-versteht, geschweige denn ein Fremder, und daß er oft nur allzuschnell
-entflieht, und seine Wohnung in dem Aether und goldenen Morgenwolken
-wieder sucht.
-
-Aber der junge Graf Peter kannte seine eigenen Wünsche nicht; es war
-ihm, als wenn ferne Stimmen unvernehmlich durch einen Wald riefen, er
-wollte folgen, und Furcht hielt ihn zurück, doch Ahndung drängte ihn
-vor.
-
-Sein Vater gab ein großes Turnier, zu welchem viele Ritter geladen
-wurden. Es war ein Wunder anzusehn, wie der zarte Jüngling die
-Erfahrensten aus dem Sattel hob, so daß es auch allen Zuschauern
-unbegreiflich schien. Er ward von allen gerühmt und für den besten und
-stärksten geachtet; aber kein Lob machte ihn stolz, sondern er schämte
-sich manchmal selber, daß er so alte und würdige Rittersmänner sollte
-überwunden haben.
-
-Unter andern war auch ein Sänger mit herbei gekommen, der viele fremde
-Länder gesehen hatte; er war kein Ritter, aber an Einsicht und Erfahrung
-übertraf er manchen Edlen. Dieser gesellte sich zu Graf Peter und lobte
-ihn ungemein, schloß aber seine Rede mit diesen Worten: Ritter, wenn ich
-euch rathen sollte, so müßt ihr nicht hier bleiben, sondern fremde
-Gegenden und Menschen sehn und wohl betrachten, auf daß sich eure
-Einsichten, die in der Heimath nur immer einheimisch bleiben,
-verbessern, und ihr am Ende das Fremde mit dem Bekannten verbinden
-könnt.
-
-Er nahm seine Laute und sang:
-
- Keinem hat es noch gereut,
- Der das Roß bestiegen,
- Und in frischer Jugendzeit
- Durch die Welt zu fliegen.
-
- Berge und Auen,
- Einsamer Wald,
- Mädchen und Frauen
- Prächtig im Kleide,
- Golden Geschmeide,
- Alles erfreut ihn mit schöner Gestalt.
-
- Wunderlich fliehen
- Gestalten dahin,
- Schwärmerisch glühen
- Wünsche in jugendlich trunkenem Sinn.
-
- Ruhm streut ihm Rosen,
- Schnell in die Bahn,
- Lieben und Kosen,
- Lorbeer und Rosen
- Führen ihn höher und höher hinan.
-
- Rund um ihn Freuden,
- Feinde beneiden,
- Erliegend, den Held, --
- Dann wählt er bescheiden
- Das Fräulein, das ihm nur vor allen gefällt.
-
- Und Berge und Felder
- Und einsame Wälder
- Mißt er zurück.
- Die Eltern in Thränen,
- Ach alle ihr Sehnen, --
- Sie alle vereinigt das lieblichste Glück.
-
- Sind Jahre verschwunden,
- Erzählt er dem Sohn
- In traulichen Stunden,
- Und zeigt seine Wunden,
- Der Tapferkeit Lohn.
- So bleibt das Alter selbst noch jung,
- Ein Lichtstrahl in der Dämmerung.
-
-Der Jüngling hörte still dem Gesange zu; als er geendigt war, blieb er
-eine Weile in sich gekehrt, dann sagte er: ja, nunmehr weiß ich, was mir
-fehlt, ich kenne nun alle meine Wünsche, in der Ferne wohnt mein Sinn,
-und mancherlei wechselnde buntfarbige Bilder ziehn durch mein Gemüth.
-Keine größere Wollust für den jungen Rittersmann, als durch Thal und
-über Feld dahin ziehn: hier liegt eine hoch erhabene Burg im Glanz der
-Morgensonne, dort tönt über die Wiese durch den dichten Wald des
-Schäfers Schallmei, ein edles Fräulein fliegt auf einem weißen Zelter
-vorüber, Ritter und Knappen begegnen mir in blanker Rüstung und
-Abentheuer drängen sich; ungekannt zieh ich durch die berühmten Städte,
-der wunderbarste Wechsel, ein ewig neues Leben umgiebt mich, und ich
-begreife mich selber kaum, wenn ich an die Heimath und den stets
-wiederkehrenden Kreis der hiesigen Begebenheiten zurück denke. O ich
-möchte schon auf meinem guten Rosse sitzen, ich möchte sogleich dem
-väterlichen Hause Lebewohl sagen.
-
-Er war von diesen neuen Vorstellungen erhitzt, und ging sogleich in das
-Gemach seiner Mutter, wo er auch den Grafen, seinen Vater, traf. Peter
-ließ sich alsbald demüthig auf ein Knie nieder und trug seine Bitte vor,
-daß seine Eltern ihm erlauben möchten zu reisen und Abentheuer
-aufzusuchen; denn, so schloß er seine Rede: wer immer nur in der Heimath
-bleibt, behält auch für seine Lebenszeit nur einen einheimischen Sinn,
-aber in der Fremde lernt man das Niegesehene mit dem Wohlbekannten
-verbinden, darum versagt mir eure Erlaubniß nicht.
-
-Der alte Graf erschrak über den Antrag seines Sohnes, noch mehr aber die
-Mutter, denn sie hatten sich dessen am wenigsten versehn. Der Graf
-sagte: mein Sohn, deine Bitte kömmt mir ungelegen, denn du bist mein
-einziger Erbe; wenn ich nun während deiner Abwesenheit mit Tode abginge,
-was sollte da aus meinem Lande werden? Aber Peter blieb bei seinem
-Gesuch, worüber die Mutter anfing zu weinen und zu ihm sagte: Lieber,
-einziger Sohn, du hast noch kein Ungemach des Lebens gekostet und siehst
-nur deine schönen Hoffnungen vor dir; allein bedenke, daß es gar wohl
-sein kann, daß, wenn du abreisest, tausend Mühseligkeiten schon bereit
-stehn, um dir in den Weg zu treten; du hast dann vielleicht mit Elend zu
-kämpfen, und wünschest dich zu uns zurück.
-
-Peter lag noch immer demüthig auf den Knien und antwortete: Vielgeliebte
-Eltern, ich kann nicht dafür, aber es ist jezt mein einziger Wunsch, in
-die weite fremde Welt zu reisen, um Freud und Mühseligkeit zu erleben,
-und dann als ein bekannter und geehrter Mann in die Heimath zurück zu
-kehren. Dazu seid ihr ja auch, mein Vater, in eurer Jugend in der Fremde
-gewesen, und habt euch weit und breit einen Namen gemacht; aus einem
-fremden Lande habt ihr euch meine Mutter zum Gemal geholt, die damals
-für die größte Schönheit geachtet wurde; laßt mich ein gleiches Glück
-versuchen, seht, mit Thränen bitte ich euch darum.
-
-Er nahm eine Laute, die er sehr schön zu spielen verstand, und sang das
-Lied, das er vom Harfenspieler gelernt hatte, und am Schlusse weinte er
-heftig. Die Eltern waren auch gerührt, besonders aber die Mutter; sie
-sagte: nun, so will ich dir meinerseits meinen Segen geben, geliebter
-Sohn, denn es ist freilich alles wahr, was du da gesagt hast. Der Vater
-stand gleichfalls auf und segnete ihn, und Peter war im Herzen vergnügt,
-daß er so die Einwilligung seiner Eltern erhalten hatte.
-
-Es ward nun Befehl gegeben, alles zu seinem Zuge zu rüsten, und die
-Mutter ließ Petern heimlich zu sich kommen. Sie gab ihm drei kostbare
-Ringe und sagte: Siehe, mein Sohn, diese drei kostbaren Ringe habe ich
-von meiner Jugend an sorgfältig bewahrt; nimm sie mit dir und halte sie
-in Ehren, und so du ein Fräulein findest, das du liebst und das dir
-wieder gewogen ist, so darfst du sie ihr schenken. Er küßte dankbar ihre
-Hand, und es kam der Morgen, an welchem er von dannen schied.
-
-
-
-
- 3.
- Wie der Ritter Peter von seinen
- Eltern zog.
-
-
-Als Peter sein Pferd besteigen wollte, segnete ihn sein Vater noch
-einmal, und sagte zu ihm: mein Sohn, immer möge dich das Glück
-begleiten, so daß wir dich gesund und wohlbehalten wieder sehn; denke
-stets meiner Lehren, die ich deiner zarten Jugend einprägte: suche die
-gute und meide die böse Gesellschaft; halte immer die Gesetze des
-Ritterstandes in Ehren, und vergiß sie in keinem Augenblicke, denn sie
-sind das edelste, was die edelsten Männer in ihren besten Stunden
-erdacht haben; sei immer redlich, wenn du auch betrogen wirst, denn das
-ist der Probierstein des Wackern, daß er selten auf rechtliche Menschen
-trifft, und doch sich selber gleich bleibt. -- Lebe wohl! --
-
-Peter ritt fort, allein und ohne Knappen, denn er wollte allenthalben,
-wie es oft die jungen Ritter zu thun pflegten, unbekannt bleiben. Die
-Sonne war herrlich aufgegangen, und der frische Thau glänzte auf den
-Wiesen. Peter war frohen Muthes und spornte sein gutes Roß, daß es oft
-muthig aufsprang. Es lag ihm ein altes Lied im Sinne und er sang es
-laut:
-
- Traun! Bogen und Pfeil
- Sind gut für den Feind,
- Hülflos alleweil
- Der Elende weint;
- Dem Edlen blüht Heil
- Wo Sonne nur scheint,
- Die Felsen sind steil,
- Doch Glück ist sein Freund.
-
-Er kam nach vielen Tagereisen in die edle und vornehme Stadt Neapolis.
-Schon unterwegs hatte er viel vom Könige und seiner überaus schönen
-Tochter Magelone reden hören, so daß er sehr begierig war, sie von
-Angesicht zu Angesicht zu sehn. Er stieg in einer Herberge ab, und
-erkundigte sich nach Neuigkeiten; da hörte er vom Wirthe, daß ein
-vornehmer Ritter, Herr Heinrich von Carpone, angekommen sei, und daß ihm
-zu Ehren ein schönes Turnier gehalten werden solle. Er erfuhr zugleich,
-daß auch den Fremden der Zutritt erlaubt sei, wenn sie nach den
-Turniergesetzen geharnischt erschienen. Da nahm sich Peter sogleich vor,
-auch dabei zu sein, und seine Geschicklichkeit und Stärke zu versuchen.
-
-
-
-
- 4.
- Peter sieht die schöne Magelone.
-
-
-Als der Tag des Turniers erschienen war, legte Peter seine Waffenrüstung
-an, und begab sich in die Schranken. Er hatte sich auf seinen Helm zwei
-schöne silberne Schlüssel setzen lassen, von ungemein feiner Arbeit, so
-war auch sein Schild mit Schlüsseln geziert, auch die Decke seines
-Pferdes. Dies hatte er seinem Namen zu Gefallen gethan und zu Ehren des
-Apostels Petrus, den er sehr liebte. Von Jugend auf hatte er sich ihm
-zum Schirm und Schutz empfohlen, und deswegen wählte er sich auch jezt
-dieses Wahrzeichen, da er unbekannt bleiben wollte.
-
-Unter Trompetenschall trat ein Herold auf, der das Turnier ausrief, das
-zu Ehren der schönen Magelone eröffnet wurde. Sie selbst saß auf einem
-erhabenen Söller und sah auf die Versammlung der Ritter hinab. Peter
-schaute hinauf, er konnte sie aber nicht genau betrachten, weil sie zu
-entfernt war.
-
-Herr Heinrich von Carpone trat zuerst in die Schranken und gegen ihn
-stellte sich ein Ritter des Königes. Sie trafen auf einander und der
-Königsche wurde bügellos, aber er traf zufälligerweise mit seiner Lanze
-das Pferd des Herrn Heinrich vorn an den Schienbeinen, so daß das Roß
-mit seinem Reiter zu Boden stürzte. Darüber wurde dem Diener des Königes
-der Sieg zugesprochen, als einem, der den Herrn Heinrich umgerennt
-hätte. Das verdroß Petern gar sehr, denn Herr Heinrich war ein namhafter
-Renner; dazu so berühmte sich der Diener laut und öffentlich seines
-Sieges, den er doch nur dem Zufall zu danken hatte. Peter stellte sich
-also gegen ihn in die Schranken und rannte ihn vom Pferde hinunter, daß
-sich alle über seine Kraft verwundern mußten; er that aber zu aller
-Erstaunen noch mehr, denn er machte auch bald die übrigen Sättel ledig,
-so daß sich in kurzer Zeit kein Gegner vor ihm mehr finden ließ. Darüber
-waren alle begierig, den Namen des fremden Ritters zu wissen, und der
-König von Neapel schickte selbst seinen Herold an ihn ab, um ihn zu
-erfahren; aber Peter bat in Demuth um die Erlaubniß, daß man ihm noch
-ferner erlauben möchte, unbekannt zu bleiben, denn sein Name sei dunkel
-und von keinen Thaten verherrlicht; dazu so sei er ein armer geringer
-Edelmann aus Frankreich, er wolle seinen Namen daher so lange
-verschweigen, bis er es durch Thaten werth geworden sei, sich nennen zu
-dürfen. Dem König freute diese Antwort, weil sie ein Beweis von der
-Bescheidenheit des Ritters war.
-
-Es währte nicht lange, so wurde ein zweites Turnier gehalten, und die
-schöne Magelone wünschte heimlich im Herzen, daß sie des Ritters mit den
-silbernen Schlüsseln wieder ansichtig werden möchte; denn sie war ihm
-zugethan, hatte es aber noch Niemand anvertraut, ja sich selber kaum,
-denn die erste Liebe ist zaghaft, und hält sich selbst für einen
-Verräther. Sie ward roth, als Peter wieder mit seiner kenntlichen
-Waffenrüstung in die Schranken trat, und nun die Trommeten schmetterten,
-und bald darauf die Spieße an den Schilden krachten. Unverwandt blickte
-sie auf Peter, und er blieb in jedem Kampfe Sieger; sie verwunderte sich
-endlich darüber nicht mehr, weil ihr war, als könne es nicht anders
-sein. Die Feierlichkeit war geendigt, und Peter hatte von neuem großes
-Lob und große Ehre eingesammelt.
-
-Der König ließ ihn an seine Tafel laden, wo Peter der Prinzessin
-gegenüber saß und über ihre Schönheit erstaunte, denn er sah sie jezt
-zum erstenmal in der Nähe. Sie blickte immer freundlich auf ihn hin, und
-dadurch kam er in große Verwirrung; sein Sprechen belustigte den König,
-und sein edler und kräftiger Anstand setzte das Hofgesinde in Erstaunen.
-Im Saale kam er nachher mit der Prinzessin allein zu sprechen, und sie
-lud ihn ein, öfter wieder zu kommen, worauf er Abschied nahm, und sie
-ihn noch zuletzt mit einem sehr freundlichen Blicke entließ.
-
-Peter ging wie berauscht durch die Straßen; er eilte in einen schönen
-Garten, und wandelte mit verschränkten Armen auf und nieder, bald
-langsam, bald schnell, und die Zeit verfloß, ohne daß er begreifen
-konnte, wie die Stunden vorüber waren. Er hörte nichts um sich her, denn
-eine innerliche Musik übertönte das Flüstern der Bäume und das rieselnde
-Plätschern der Wasserkünste. Tausendmal sagte er sich in Gedanken den
-Namen Magelone vor, und erschrak dann plötzlich, weil er glaubte, er
-habe ihn laut durch den Garten ausgerufen. Gegen Abend erscholl in der
-Gegend eine süße Musik, und nun setzte er sich in das frische Gras
-hinter einem Busche und weinte und schluchzte; es war ihm, als wenn sich
-der Himmel umgewendet und nun seine Schönheit und paradisische Seite zum
-erstenmal herausgekehrt hätte; und doch machte ihn diese Empfindung so
-unglücklich, unter allen Freuden fühlte er sich so gänzlich verlassen.
-Die Musik floß wie ein murmelnder Bach durch den stillen Garten, und er
-sah die Anmuth der Fürstin auf den silbernen Wellen hoch einher
-schwimmen, wie die Wogen der Musik den Saum ihres Gewandes küßten, und
-wetteiferten, ihr nachzufolgen; gleich einer Morgenröthe schien sie in
-die dämmernde Nacht hinein, und die Sterne standen in ihrem Laufe still,
-die Bäume hielten sich ruhig und die Winde schwiegen; die Musik war jezt
-die einzige Bewegung, das einzige Leben in der Natur, und alle Töne
-schlüpften so süß über die Grasspitzen und durch die Baumgipfel hin, als
-wenn sie die schlafende Liebe suchten und sie nicht wecken wollten, als
-wenn sie, so wie der weinende Jüngling, zitterten, bemerkt zu werden.
-
-Jezt erklangen die letzten Accente, und wie ein blauer Lichtstrom
-versank der Ton, und die Bäume rauschten wieder, und Peter erwachte aus
-sich selber und fühlte, daß seine Wange von Thränen naß sei. Die
-Springbrunnen plätscherten stärker und führten von den entferntesten
-Gegenden des Gartens her laute Gespräche. Peter sang leise folgendes
-Lied:
-
- Sind es Schmerzen, sind es Freuden,
- Die durch meinen Busen ziehn?
- Alle alten Wünsche scheiden,
- Tausend neue Blumen blühn.
-
- Durch die Dämmerung der Thränen
- Seh' ich ferne Sonnen stehn, --
- Welches Schmachten! welches Sehnen!
- Wag' ich's? soll ich näher gehn?
-
- Ach, und fällt die Thräne nieder,
- Ist es dunkel um mich her;
- Dennoch kömmt kein Wunsch mir wieder,
- Zukunft ist von Hoffnung leer.
-
- So schlage denn, strebendes Herz,
- So fließet denn, Thränen, herab,
- Ach Lust ist nur tieferer Schmerz,
- Leben ist dunkeles Grab. --
- Ohne Verschulden
- Soll ich erdulden?
- Wie ists, daß mir im Traum
- Alle Gedanken
- Auf und nieder schwanken!
- Ich kenne mich noch kaum.
-
- O hört mich, ihr gütigen Sterne,
- O höre mich, grünende Flur,
- Du, Liebe, den heiligen Schwur:
- Bleib' ich ihr ferne,
- Sterb' ich gerne.
- Ach! nur im Licht von ihrem Blick
- Wohnt Leben und Hoffnung und Glück!
-
-Er hatte sich selber etwas getröstet, und schwur sich, Magelonens Liebe
-zu erwerben, oder unterzugehn. Spät in der Nacht ging er nach Hause und
-setzte sich in seinem Zimmer nieder, und sprach sich jedes Wort wieder
-vor, das sie ihm gesagt hatte; bald glaubte er Ursach zu finden, sich zu
-freuen, dann wurde er wieder betrübt, und war von neuem in Zweifel. Er
-wollte seinem Vater schreiben und richtete in Gedanken die Worte an
-Magelonen, und trauerte dann über seine Zerstreuung, daß er es wage, ihr
-zu schreiben, die er nicht kenne. Nun erschrak er vor dem Gedanken, daß
-ihm das Wesen fremd sei, welches er vor allen übrigen in der Welt so
-unaussprechlich theuer liebe.
-
-Ein süßer Schlummer überraschte ihn endlich und durchstrich seine
-Zweifel und Schmerzen, und wunderbare Träume von Liebe und Entführungen,
-einsamen Wäldern und Stürmen auf dem Meere tanzten in seinem Gemach auf
-und nieder, und bedeckten wie schöne bunte Tapeten die leeren Wände.
-
-
-
-
- 5.
- Wie der Ritter der schönen Magelone
- Botschaft sandte.
-
-
-In derselben Nacht war Magelone eben so bewegt als ihr Ritter. Es
-däuchte ihr, als könne sie sich auf ihrem einsamen Zimmer nicht lassen;
-sie ging oft an das Fenster und sah nachdenklich in den Garten hinab,
-und alles war ihr trübe und schwermüthig; sie behorchte die Bäume, die
-gegen einander rauschten, dann sah sie nach den Sternen, die sich im
-Meere spiegelten; sie warf es dem Unbekannten vor, daß er nicht im
-Garten unter ihrem Fenster stehe, dann weinte sie, weil sie gedachte,
-daß es ihm unmöglich sei. Sie warf sich auf ihr Bett, aber sie konnte
-nur wenig schlafen, und wenn sie die Augen schloß, sah sie das Turnier
-und den geliebten Unbekannten, welcher Sieger ward und mit sehnsüchtiger
-Hoffnung zu ihrem Altan hinauf blickte. Bald weidete sie sich an diesen
-Phantasieen, bald schalt sie auf sich selber; erst gegen Morgen fiel sie
-in einen leichten Schlummer.
-
-Sie beschloß, ihre Zuneigung ihrer geliebten Amme zu entdecken, vor der
-sie kein Geheimniß hatte. In einer traulichen Abendstunde sagte sie
-daher zu ihr: Liebe Amme, ich habe schon seit lange etwas auf dem
-Herzen, welches mir fast das Herz zerdrückt; ich muß es dir nur endlich
-sagen und du mußt mir mit deinem mütterlichen Rathe beistehn, denn ich
-weiß mir selber nicht mehr zu rathen. Die Amme antwortete: vertraue dich
-mir, geliebtes Kind, denn eben darum bin ich älter und liebe dich wie
-eine Mutter, daß ich dir guten Anschlag geben möge, denn freilich weiß
-sich die Jugend nie selber zu helfen.
-
-Da die Prinzessin diese freundlichen Worte von ihrer Amme hörte, ward
-sie noch dreister und zutraulicher, und fuhr daher also fort: o
-Gertraud, hast du wohl den unbekannten Ritter mit den silbernen
-Schlüsseln bemerkt? Gewiß hast du ihn gesehn, denn er ist der einzige,
-der bemerkenswerth war, alle übrigen dienten nur, ihn zu verherrlichen,
-allen Sonnenschein des Ruhms auf ihn zu häufen, und selbst in dunkler
-einsamer Nacht zu wohnen. Er ist der einzige Mann, der schönste
-Jüngling, der tapferste Held. Seit ich ihn gesehn habe, sind meine Augen
-unnütz, denn ich sehe nur meine Gedanken, in denen er wohnt, wie er in
-aller seiner Herrlichkeit vor mir steht. Wüßte ich nur noch, daß er aus
-einem hohen Geschlechte sei, so wollte ich alle meine Hoffnung auf ihn
-setzen. Aber er kann aus keinem unedlen Hause stammen, denn wer wäre
-alsdann edel zu nennen? O antworte mir, tröste mich, liebe Amme, und
-gieb mir nun Rath.
-
-Die Amme erschrak sehr, als sie diese Rede verstanden hatte; sie
-antwortete: liebes Kind, schon seit lange waren meine Erwartungen so wie
-meine Neugier darauf gerichtet, daß du mir gestehn solltest, welchen von
-den Edlen des Königreichs, oder welchen Auswärtigen du liebtest, denn
-selbst die Höchsten und sogar Könige begehren dein. Aber warum hast du
-nun deine Neigung auf einen Unbekannten geworfen, von dem Niemand weiß,
-woher er gekommen? Ich zittre, wenn der König, dein Vater, deine Liebe
-bemerkt.
-
-Nun und warum zitterst du? fiel ihr Magelone mit heftigem Weinen in die
-Rede. Wenn er sie bemerkt, so wird er zürnen, der fremde Ritter wird den
-Hof und das Land verlassen, und ich werde in treuer hoffnungsloser Liebe
-sterben; und sterben muß ich, wenn der Unbekannte mich nicht wieder
-liebt, wenn ich auf ihn nicht die Hoffnung der ganzen Zukunft setzen
-darf. Alsdann bin ich zur Ruhe, und weder mein Vater noch du, keiner
-wird mich je mehr verfolgen.
-
-Da die Amme diese Worte hörte, ward sie sehr betrübt und weinte
-ebenfalls. Höre auf mit deinen Thränen, liebes Kind, so rief sie
-schluchzend aus: alles will ich ertragen, nur kann ich dich unmöglich
-weinen sehn; es ist mir, als müßte ich das größte Elend der Erden
-erdulden, wenn dein liebes Gesicht nicht freundlich ist.
-
-Nicht wahr, man muß ihn lieben? sagte Magelone, und umarmte ihre Amme.
-Ich hätte nie einen Mann geliebt, wenn mein Auge ihn nicht gesehn hätte;
-wär es also nicht Sünde, ihn nicht zu lieben, da ich so glücklich
-gewesen bin, ihn zu finden? Gieb nur Acht auf ihn, wie alle
-Vortrefflichkeiten, die sonst schon einzeln andre Ritter edel machen, in
-ihm vereinigt glänzen; wie einnehmend sein fremder Anstand ist, daß er
-die hiesige italiänische Sitte nicht in seiner Gewalt hat, wie seine
-stille Bescheidenheit weit mehr wahre Höflichkeit ist, als die studirte
-und gewandte Galanterie der hiesigen Ritter. Er ist immer in
-Verlegenheit, daß er Niemand besseres ist, als er, und doch sollte er
-stolz darauf sein, daß er niemand anders ist, denn so wie er ist, ist er
-das Schönste, was die Natur nur je hervor gebracht hat. O such' ihn auf,
-Gertraud, und frage ihn nach seinem Stand und Namen, damit ich weiß, ob
-ich leben oder sterben muß; wenn ich ihn fragen lasse, wird er kein
-Geheimniß daraus machen, denn ich möchte vor ihm kein Geheimniß haben.
-
-Als der Morgen kam, ging die Amme in die Kirche und betete; sie sah den
-Ritter, der auch in einem andächtigen Gebete auf den Knien lag. Als er
-geendet hatte, näherte er sich der Amme und grüßte sie höflich, denn er
-kannte sie und hatte sie am Hofe gesehn. Die Amme richtete den Auftrag
-des Fräuleins aus, daß sie ihn um seinen Stand und Namen ersuche, weil
-es einem so edlen Manne nicht gezieme, sich verborgen zu halten.
-
-Peter bekam eine große Freude und das Herz schlug ihm, denn er sah aus
-diesen Worten, daß ihn Magelone liebe; worauf er sagte: man erlaube mir,
-meinen Namen noch zu verschweigen, aber das könnt ihr der Prinzessin
-sagen, daß ich aus einem hohen adelichen Geschlechte bin, und daß der
-Name meiner Ahnherrn in den Geschichtsbüchern rühmlich bekannt ist.
-Nehmt indeß dies zum Angedenken meiner, und laßt es einen kleinen Lohn
-sein für die fröhliche Botschaft, so ihr mir wider alles Verhoffen
-gebracht habt.
-
-Er gab hierauf der Amme einen von den dreien köstlichen Ringen, und
-Gertraud eilte sogleich zur Prinzessin, ihr die erhaltene Kundschaft
-anzusagen, auch zeigte sie ihr den köstlichen Ring, der allein schon
-bewies, daß der Ritter aus einem vornehmen Hause stammen müsse. Er hatte
-der Amme zugleich ein Pergamentblatt mitgegeben, in Hoffnung, daß
-Magelone die Worte lesen würde, die er im Gefühl seiner Liebe
-niedergeschrieben hatte.
-
- Liebe kam aus fernen Landen
- Und kein Wesen folgte ihr,
- Und die Göttin winkte mir,
- Schlang mich ein mit süßen Banden.
-
- Da begonn ich Schmerz zu fühlen,
- Thränen dämmerten den Blick:
- Ach! was ist der Liebe Glück,
- Klagt' ich, wozu dieses Spielen?
-
- Keinen hab' ich weit gefunden,
- Sagte lieblich die Gestalt,
- Fühle du nun die Gewalt,
- Die die Herzen sonst gebunden.
-
- Alle meine Wünsche flogen
- In der Lüfte blauen Raum,
- Ruhm schien mir ein Morgentraum,
- Nur ein Klang der Meereswogen.
-
- Ach! wer löst nun meine Ketten?
- Denn gefesselt ist der Arm,
- Mich umfleugt der Sorgen Schwarm;
- Keiner, keiner will mich retten?
-
- Darf ich in den Spiegel schauen,
- Den die Hoffnung vor mir hält?
- Ach, wie trügend ist die Welt!
- Nein, ich kann ihr nicht vertrauen.
-
- O und dennoch laß nicht wanken
- Was dir nur noch Stärke giebt,
- Wenn die Einzge dich nicht liebt,
- Bleibt nur bittrer Tod dem Kranken.
-
-Dieses Lied rührte Magelonen; sie las es und las es von neuem, es war
-ganz ihre eigene Empfindung, wie von einem Echo nachgesprochen. Sie
-betrachtete den köstlichen Ring, und bat die Amme flehentlich, ihr
-denselben gegen ein andres Kleinod auszutauschen; die Amme wurde
-betrübt, da sie sahe, daß das Herz der Prinzessin so ganz von Liebe
-eingenommen sei, sie sagte daher: mein Kind, es schmerzt mich innig, daß
-du dich einem Fremden gleich so willig und ganz hingeben willst.
-Magelone wurde sehr zornig, als sie diese Worte hörte. Fremd? rief sie
-aus; o wer ist dann meinem Herzen nahe, wenn er mir fremd ist? Wehe
-müsse dir deine Zunge auf lange thun, für diese Rede, denn sie hat mein
-Herz gespalten. Wie kann er mir denn fremd sein, wenn ich selbst mein
-eigen bin, da er nichts ist, als was ich bin, da ich nur das sein kann,
-was er mir zu sein vergönnt? Die Luft, den Athem, das Leben, alles,
-alles darf ich ihm nur danken, mein Herz gehört mir selbst nicht mehr,
-seit ich ihn kenne; o, liebe Gertraud, was wär ich in der Welt, und was
-wäre die ganze unermeßliche Welt mir, wenn er mir fremd sein müßte?
-
-Gertraud tröstete sie, und die Prinzessin legte sich schlafen, vorher
-aber hing sie an einer feinen Perlenschnur den Ring um den Nacken, daß
-er ihr auf der Brust zu liegen kam. Im Schlafe sah sie sich in einem
-schönen und lustigen Garten, der hellste Sonnenschein flimmerte auf
-allen grünen Blättern, und wie von Harfensaiten tönte das Lied ihres
-Geliebten aus dem blauen Himmel herunter, und goldbeschwingte Vögel
-staunten zum Himmel hinauf und merkten auf die Noten; lichte Wolken
-zogen unter der Melodie hinweg und wurden rosenroth gefärbt und tönten
-wieder. Dann kam der Unbekannte in aller Lieblichkeit aus einem dunkeln
-Gange, er umarmte Magelonen und steckte ihr einen noch köstlichern Ring
-an den Finger, und die Töne vom Himmel herunter schlangen sich um beide
-wie ein goldenes Netz, und die Lichtwolken umkleideten sie, und sie
-waren von der Welt getrennt nur bei sich selber und in ihrer Liebe
-wohnend, und wie ein fernes Klaggetön hörten sie Nachtigallen singen und
-Büsche flüstern, daß sie von der Wonne des Himmels ausgeschlossen waren.
-
-Als Magelone von ihrem schönen Traume erwachte, erzählte sie alles der
-Amme, und diese sah jezt ein, daß sie ihren ganzen Sinn auf den
-Unbekannten gesetzt hätte, und daß er ihr Glück oder Unglück sein müsse,
-worüber sie sehr nachdenklich wurde.
-
-
-
-
- 6.
- Wie der Ritter Magelonen einen Ring
- übersandte.
-
-
-Die Amme wandte vielen Fleiß an, den Ritter wieder anzutreffen, und es
-geschah, daß sie sich in derselben Kirche wieder fanden. Peter war froh,
-als er die Amme ansichtig wurde, und ging sogleich auf sie zu und
-erkundigte sich nach dem Fräulein. Sie erzählte ihm alles, wie sie für
-großer Liebe den Ring für sich behalten, und die geschriebenen Worte
-gelesen, und wie sie in der Nacht von ihm geträumt. Peter ward roth vor
-Freuden, als er diese Umstände erzählen hörte und sagte: Ach, liebe
-Amme, sagt ihr doch die Empfindungen meines Herzens, und daß ich vor
-Sehnsucht verschmachten muß, wenn ich sie nicht bald sprechen kann;
-spreche ich sie aber mündlich, so will ich ihr, wie ich sonst Niemand
-thue, meinen Stand und Namen entdecken; aber ich liebe sie mit einer
-Liebe, wie kein andres Herz es fähig ist, und alle meine Gebete zum
-Himmel sind nur der Wunsch, daß ich sie zum ehelichen Gemal überkommen
-möchte, und daß ihre Gedanken nur etlichermaßen so nach mir gerichtet
-wären, wie die meinigen zu ihr. Gebt ihr auch diesen Ring, und bittet
-sie, ihn als ein geringes Andenken von mir zu tragen.
-
-Die Amme eilte schnell zu Magelonen zurück, die vor übergroßer Liebe
-krank war und auf ihrem Ruhebette lag. Sie sprang auf, als sie ihre
-Kundschafterin erblickte, umarmte sie und fragte nach Neuigkeiten. Die
-Amme erzählte ihr alles und gab ihr auch den kostbaren Ring. Sieh! rief
-die Prinzessin aus, das ist eben der Ring, von dem ich geträumt habe; o!
-so muß auch das übrige in Erfüllung gehn. Ein Blatt enthielt dieses
-Lied:
-
- Willst du des Armen
- Dich gnädig erbarmen?
- So ist es kein Traum?
- Wie rieseln die Quellen,
- Wie tönen die Wellen,
- Wie rauschet der Baum!
-
- Tief lag ich in bangen
- Gemäuern gefangen,
- Nun grüßt mich das Licht;
- Wie spielen die Strahlen!
- Sie blenden und malen
- Mein schüchtern Gesicht.
-
- Und soll ich es glauben?
- Wird keiner mir rauben
- Den köstlichen Wahn?
- Doch Träume entschweben,
- Nur lieben heißt leben:
- Willkommene Bahn!
-
- Wie frei und wie heiter!
- Nicht eile nun weiter,
- Den Pilgerstab fort!
- Du hast überwunden,
- Du hast ihn gefunden,
- Den seligsten Ort!
-
-Magelone sang das Lied, dann küßte sie den Ring, und dann auch den
-ersten, um ihn nicht zu kränken; dann las sie die Worte von neuem, und
-sprach sie laut, und so trieb sie es in der Einsamkeit bis spät in die
-Nacht.
-
-
-
-
- 7.
- Wie der edle Ritter wieder eine Botschaft empfing
- von der schönen Magelone.
-
-
-Der Ritter befand sich am folgenden Morgen wieder in der Kirche, weil er
-hoffte, von der Geliebten seiner Seele dort eine Nachricht zu
-überkommen. Die Amme fand ihn, und es traf sich, daß sie beide in der
-Kirche allein waren. Er erkundigte sich nach Magelonen und die Amme
-Gertraud erzählte ihm alles, worauf sie sagte: Wenn ihr mir versichert,
-Herr Ritter, daß ihr mein Fräulein in aller Zucht und Tugend lieben
-wollt, so will ich euch auch nunmehr sagen, wo ihr sie sprechen könnt.
-Peter ließ sich auf ein Knie nieder und hob seine Finger in die Höhe.
-Ich schwöre, sagte er, daß meine reinsten Gedanken stets um Magelone
-sind; ich liebe sie in aller Zucht und Anständigkeit, wie es dem
-ehrbaren Ritter ziemt, und so dies nicht wahr ist, so verlasse mich Gott
-in meiner allergrößten Noth. Amen! Die Amme war mit diesem Schwure wohl
-zufrieden, sie vertraute ihm nun gänzlich und sagte: ich sehe, daß ihr
-nicht nur der tapferste, sondern auch der edelste Ritter seid auf Gottes
-weiter Erde; ihr sollt euch daher auch alles Beistandes von mir
-gewärtiget sein. Ihr seid glücklich in Magelonen und sie ist glücklich
-in euch; macht euch daher morgen Nachmittag fertig, durch die heimliche
-Pforte des Gartens zu gehn, und sie dann auf meiner Kammer zu sprechen.
-Ich will euch allein lassen, damit ihr ganz unverholen eure
-Herzensmeinungen ausreden könnt.
-
-Sie nannte ihm die Stunde, und verließ ihn. Der Ritter stand noch lange
-und sah ihr im trunkenen Staunen nach, denn er vertraute dem nicht, was
-er gehört hatte. Das Glück, das er so sehnlichst erharrt, rückte ihm nun
-so unerwartet näher, daß er es im frohen Entsetzen nicht zu genießen
-wagte. Der Mensch erschrickt über den Zufall, selbst wenn er ihn
-glücklich macht; wenn unser Schicksal sich plötzlich zur Wonne umändert,
-so zweifeln wir in diesem Augenblicke gar zu leicht an der Wirklichkeit
-des Lebens. Dies dachte auch Peter bei sich, als er alle seine Sinne in
-trüber Verwirrung bemerkte. Wie bin ich so vom Glücke überschüttet, rief
-er aus, daß ich gar nicht zu mir selber kommen kann! Wie wohl würde mir
-jezt ein Besinnen auf meinen Zustand thun, aber es ist unmöglich! Wenn
-wir unsre kühnen Hoffnungen in der Ferne sehn, so freuen wir uns an
-ihrem edlen Gange, an ihren goldnen Schwingen, aber jezt flattern sie
-mir plötzlich so nahe ums Haupt, daß ich weder sie noch die übrige Welt
-wahrzunehmen vermag.
-
-Er ging nach Hause, und glaubte in manchen Augenblicken, die Zeit stehe
-seit der Stunde still, in der er die treue Amme gesprochen hatte, denn
-es wollte nicht Abend werden; als es Abend war, saß er ohne Licht in
-seiner Kammer und betrachtete die Wolken und Sterne, und sein Herz
-schlug ihm ungestüm, wenn er dann plötzlich an sich und Magelonen
-dachte. Er glaubte nicht, daß es wieder Tag werden könne, und daß es die
-bezeichnete Stunde wagen werde, herauf zu kommen. Eingedämmert von
-Erwartungen, banger Sehnsucht und ängstlicher Hoffnung, schlief er auf
-seinem Ruhebette ein, und erwachte, als muntre Sonnenstrahlen in seine
-Kammer herein spielten, und hell und fröhlich an den Wänden zuckten.
-
-Er raffte sich auf, und dachte, was er ihr sagen wolle; er erschrak jezt
-vor dem Gedanken, daß er sie sprechen müsse; dennoch war es sein
-herzinniglichster Wunsch, er konnte sich nicht besänftigen, darum nahm
-er die Laute und sang:
-
- Wie soll ich die Freude,
- Die Wonne denn tragen?
- Daß unter dem Schlagen
- Des Herzens die Seele nicht scheide?
-
- Und wenn nun die Stunden
- Der Liebe verschwunden,
- Wozu das Gelüste,
- In trauriger Wüste
- Noch weiter ein lustleeres Leben zu ziehn,
- Wenn nirgend dem Ufer mehr Blumen entblühn?
-
- Wie geht mit bleibehangnen Füßen
- Die Zeit bedächtig Schritt vor Schritt!
- Und wenn ich werde scheiden müssen,
- Wie federleicht fliegt dann ihr Tritt!
-
- Schlage, sehnsüchtige Gewalt,
- In tiefer treuer Brust!
- Wie Lautenton vorüber hallt,
- Entflieht des Lebens schönste Lust.
- Ach, wie bald
- Bin ich der Wonne mir kaum noch bewußt.
-
- Rausche, rausche weiter fort,
- Tiefer Strom der Zeit,
- Wandelst bald aus Morgen Heut,
- Gehst von Ort zu Ort;
- Hast du mich bisher getragen,
- Lustig bald, dann still,
- Will es nun auch weiter wagen,
- Wie es werden will.
-
- Darf mich doch nicht elend achten
- Da die Einzge winkt,
- Liebe läßt mich nicht verschmachten,
- Bis dies Leben sinkt;
- Nein, der Strom wird immer breiter,
- Himmel bleibt mir immer heiter,
- Fröhlichen Ruderschlags fahr ich hinab,
- Bring Liebe und Leben zugleich an das Grab.
-
-
-
-
- 8.
- Wie Peter die schöne Magelone besuchte.
-
-
-Jezt war die Zeit da, und die Stunde gekommen, in welcher der Ritter
-seine geliebte Magelone besuchen sollte. Er ging heimlicherweise durch
-die Pforte des Gartens und auf die Kammer der Amme, wo er die Prinzessin
-fand. Magelone saß auf einem Ruhebett und wollte aufstehn, als sie den
-Ritter eintreten sah, und ihm um den Hals fallen, und ihn mit Thränen
-und Küssen in die Wette bedecken. Doch mäßigte sie sich und blieb
-sitzen, aber eine scharlachene Röthe überzog ihr ganzes Gesicht, so daß
-sie aussah wie eine Rose, die sich noch nicht entfaltet hat, und die
-jezt der warme Sonnenschein badet, und ihre Blätter aus einander lockt.
-Eben so war auch der Ritter, der mit verschämtem Gesicht vor ihr stand,
-auf welchem holdselige Freude und Verwirrung sich wechselsweise
-ablösten.
-
-Die Amme verließ das Gemach, und Peter warf sich ohne zu sprechen auf
-ein Knie nieder; Magelone reichte ihm die schöne Hand, hieß ihn aufstehn
-und sich neben sie nieder setzen. Peter that es, und zitterte an ihrer
-Seite; seine Augen waren wie zwei glänzende Sterne, so trunken war er
-vor Entzückung, daß er nun die Geliebteste seiner Seele so dicht vor
-seinen Augen sah. Lange wollte kein Gespräch in den Gang kommen; ihre
-zärtlichen Blicke, die sich verstohlen begegneten, störten die Worte;
-aber endlich entdeckte sich ihr der Jüngling, und sagte, daß er sich ihr
-ganz zu eigen ergeben habe, seit er sie zuerst gesehn, daß ihr sein
-ganzes Leben gewidmet sei, und daß er sich durch ihre Liebe wie von
-Engelshänden berührt, aus einem tiefen Schlafe erwacht fühle.
-
-Er schenkte ihr den dritten Ring, welcher der kostbarste von allen war,
-wobei er ihre lilienweiße Hand küßte. Sie war über seine Treue innig
-bewegt, stand auf und holte eine köstliche güldene Kette, die sie ihm um
-den Hals legte und sagte: hiemit erkenne ich euch für mein und mich für
-die eurige, nehmt dieses Andenken, und tragt es immer, so lieb ihr mich
-habt. Dann nahm sie den erschrockenen Ritter in die Arme und küßte ihn
-herzlich auf den Mund, und er erwiederte den Kuß und drückte sie gegen
-sein Herz.
-
-Sie mußten scheiden, und Peter eilte sogleich nach seinem Zimmer, als
-wenn er seinen Waffenstücken und seiner Laute sein Glück erzählen müsse;
-er war so froh, als er noch nie gewesen war. Er ging mit großen
-Schritten auf und ab und griff in die Saiten, küßte das Instrument und
-weinte heftig. Dann sang er mit großer Inbrunst:
-
- War es dir, dem diese Lippen bebten,
- Dir der dargebotne süße Kuß?
- Giebt ein irdisch Leben so Genuß?
- Ha! wie Licht und Glanz vor meinen Augen schwebten,
- Alle Sinne nach den Lippen strebten!
-
- In den klaren Augen blinkte
- Sehnsucht, die mir zärtlich winkte,
- Alles klang im Herzen wieder,
- Meine Blicke sanken nieder,
- Und die Lüfte tönten Liebeslieder!
-
- Wie ein Sternenpaar
- Glänzten die Augen, die Wangen
- Wiegten das goldene Haar,
- Blick und Lächeln schwangen
- Flügel, und die süßen Worte gar
- Weckten das tiefste Verlangen:
- O Kuß! wie war dein Mund so brennend roth!
- Da starb ich, fand ein Leben erst im schönsten Tod.
-
-
-
-
- 9.
- Turnier zu Ehren der schönen Magelone.
-
-
-Der König Magelon von Neapel wünschte jezt, daß seine schöne Tochter in
-kurzer Zeit mit Herrn Heinrich von Carpone vermält würde, der sich in
-dieser Absicht schon seit lange am Hofe aufhielt. Es ward daher wieder
-ein glänzendes Turnier ausgeschrieben, welches alle vorhergehenden an
-Pracht übertreffen sollte, und viele berühmte Ritter aus Italien und
-Frankreich versammelten sich. Ein Oheim Peters kam auch aus der
-Provence, um dem Turniere beizuwohnen: es war derselbe, der den jungen
-Grafen zum Ritter geschlagen hatte.
-
-Das Kampfspiel nahm seinen Anfang, und alle die großen Ritter zogen auf
-den Plan, und hielten sich männlich. Peter war ungeduldig und einer der
-ersten, welche aufzogen. Er hielt sich so wacker, daß er viele Ritter
-von ihren Rossen stach, unter andern auch den Herrn Heinrich. Magelone
-stand oben auf dem Altane, und wurde vor Furcht und herzinnigen Wünschen
-bald roth und bald blaß. Gegen Peter stellte sich endlich sein Oheim,
-der ihn nicht kannte; aber Peter kannte ihn gar wohl, er rief deshalb
-den Herold zu sich, und schickte ihn mit diesen Worten an seinen Vetter:
-er habe ihm einst in der Ritterschaft einen großen Dienst erwiesen,
-deshalb möchte er nicht gegen ihn rennen, sondern er erkenne ihn
-ohnedies für den besseren Ritter. Aber der alte Rittersmann ward über
-den Antrag zornig, und sagte: habe ich ihm je einen Dienst erwiesen, so
-sollte er um so lieber eine Lanze mit mir brechen, um auch mir zu
-Gefallen zu leben; meint er denn, daß ich seiner nicht werth sei. Denn
-er wird hier für einen überaus tapfern Ritter geachtet, wie auch seine
-Thaten genugsam an den Tag legen, daß dem wirklich so sei. Blieb also
-mit seinem Rosse auf der Bahn stehn, und dem jungen Ritter ward vom
-Herolde die zornige Antwort überbracht. Sie rannten gegen einander, aber
-Peter trug seine Lanze in der Quere, um seinen Verwandten nicht zu
-verletzen. Jener, Herr Jakob genannt, rannte den Peter so an, daß die
-Lanze zersplitterte, und er selber fast bügellos wurde. Alle
-verwunderten sich und die beiden Gegner maßen noch einmal die Bahn
-zurück, dann ritten sie wieder gegen einander, und Peter trug seine
-Lanze wie das erstemal; alle waren in Erstaunen, nur Magelone sah die
-Ursach ein, und wußte wohl warum es geschah. Herr Jakob rannte wieder
-mit heftiger Gewalt auf seinen Gegner, seine Lanze traf auf Peters
-Brustharnisch, aber der junge Ritter blieb unbeweglich im Sattel sitzen,
-und der Stoß war so gewaltig, daß Herr Jakob dadurch von sich selber vom
-Pferde abfiel. Da das Jakob merkte, zog er sich zurück, und hatte keine
-Lust mehr mit dem jungen Ritter zu stechen. Peter besiegte auch die
-übrigen Ritter, so daß ihm der Preis mußte zuerkannt werden; der König
-und alle vom Hofe waren in Erstaunen, und die übrigen Herren zogen
-ergrimmt nach ihrer Heimath zurück, da sie den Namen des unbekannten
-Siegers durchaus nicht erfahren konnten. --
-
-Peter hatte seine Geliebte indessen schon zum öftern heimlich besucht,
-und so nahm er sich einmal vor, ihre Liebe auf die Probe zu stellen. Als
-er sie daher wieder sah, that er sehr betrübt, und sagte mit kläglicher
-Stimme, daß er bald scheiden müsse, denn seine Eltern würden seinetwegen
-in der größten Betrübniß leben, da sie ihn so lange nicht gesehn, auch
-keine Nachricht von ihm bekommen hätten. Als Magelone diese Worte hörte,
-ward sie blaß, dann fing sie heftig an zu weinen, und sank in den Sessel
-zurück. Ja, reiset nur ab, sagte sie, und alle meine traurigen Ahndungen
-sind dann in Erfüllung gegangen, ich sehe euch nicht wieder und mein Tod
-ist gewiß. Was kümmert er euch? Nun also, was kümmert er mich? -- O
-verzeiht, mein Geliebter, nein, es ist wahr, ihr müßt eure Eltern wieder
-sehn, ihr habt euch meinetwegen schon zu lange hier aufgehalten; wie
-werden sie um euch trauern, wie sehr nach eurer Anwesenheit seufzen. Ja,
-lebt dann wohl, auf ewig wohl!
-
-Peter sagte: nein, meine theuerste Magelone, ich bleibe; wie könnte ich
-fortziehn, und dich nicht mehr sehn, nicht mehr diese theuren Augen
-erblicken und Hoffnung und Stärke in ihnen finden, diese liebe Stimme
-nicht mehr hören, die wie ein Gesang aus dem Paradiese in mein Ohr
-dringt? Nein, ich bleibe; kein Gedanke nach meiner Heimath und meinen
-Eltern, denn alle meine Gedanken wohnen hier.
-
-Magelone wurde wieder fröhlicher, dann besann sie sich eine Weile. Wenn
-ihr mich liebt, fing sie wieder an, so sollt ihr dennoch reisen. Eure
-Worte haben einen Gedanken in mir erweckt, der schon seit lange in
-meiner Seele schlummert, denn ich muß euch sagen, es ist jezt an dem,
-daß mich mein Vater mit dem Herrn Heinrich von Carpone vermälen will.
-Darum flieht von hier, und nehmt mich mit euch, denn ich traue eurem
-Edelmuthe; haltet morgen in der Nacht mit zwei starken Pferden vor der
-Gartenpforte, aber laßt es Pferde sein, die eine weite und schnelle
-Reise wohl vertragen können, denn so man uns einholte, wären wir alle
-elend.
-
-Der Jüngling hörte mit frohem Erstaunen diese Worte. Ja, rief er aus,
-wir fliehen schnell zu meinem Vater, und das schönste Band soll uns dann
-auf ewig verbinden.
-
-Er eilte sogleich fort, um die nöthigen Anstalten schnell und heimlich
-zu treffen. Magelone besorgte ihrerseits auch das Nöthige, sagte aber
-ihrer Amme kein Wort von ihrem Entschlusse, aus Furcht, daß sie alles
-verrathen möchte.
-
-Peter nahm Abschied von seiner Kammer, von den Gegenden der Stadt, durch
-die er so oft in seliger Trunkenheit gewandelt war, und die er alle als
-Zeugen seiner Liebe betrachtete. Es war ihm rührend, als er die getreue
-Laute auf seinem Tische liegen sah, die so oft von seinen Fingern
-gerührt die Gefühle seines Herzens ausgesprochen hatte, die eine
-Mitwisserin des süßen Geheimnisses war. Er nahm sie noch einmal und
-sang:
-
- Wir müssen uns trennen,
- Geliebtes Saitenspiel,
- Zeit ist es, zu rennen
- Nach dem fernen erwünschten Ziel.
-
- Ich ziehe zum Streite,
- Zum Raube hinaus,
- Und hab' ich die Beute,
- Dann flieg ich nach Haus.
-
- Im röthlichen Glanze
- Entflieh ich mit ihr,
- Es schützt uns die Lanze,
- Der Stahlharnisch hier.
-
- Kommt, liebe Waffenstücke,
- Zum Scherz oft angethan,
- Beschirmet jezt mein Glücke
- Auf dieser neuen Bahn.
-
- Ich werfe mich rasch in die Wogen,
- Ich grüße den herrlichen Lauf,
- Schon mancher ward nieder gezogen,
- Der tapfere Schwimmer bleibt oben auf.
-
- Ha! Lust zu vergeuden
- Das edele Blut!
- Zu schützen die Freuden,
- Mein köstliches Gut!
- Nicht Hohn zu erleiden,
- Wem fehlt es an Muth?
-
- Senke die Zügel,
- Glückliche Nacht!
- Spanne die Flügel,
- Daß über ferne Hügel
- Uns schon der Morgen lacht!
-
-
-
-
- 10.
- Wie Magelone mit ihrem Ritter entfloh.
-
-
-Die Nacht war gekommen. Magelone schlich mit einigen Kostbarkeiten durch
-den Garten; der Himmel war mit Wolken bedeckt, und ein sparsames
-Mondlicht drang durch die Finsterniß. Sie ging mit wehmüthigen
-Empfindungen ihren lieben Blumen vorüber, die sie nun auf immer
-verlassen wollte. Ein feuchter Wind wehte durch den Garten und ihr war,
-als wenn die Gesträuche winselten und klagten, und ihr ein zärtliches
-Lebewohl nachriefen.
-
-Vor der Pforte hielt Peter mit drei Pferden, darunter war ein Zelter von
-einem leichten und bequemen Gange für das Fräulein; auf einem andern
-Pferde waren Lebensmittel, damit sie auf der Flucht nicht nöthig hätten
-in Herbergen einzukehren. Peter hob das Fräulein auf den Zelter, und so
-flohen sie heimlicherweise und unter dem Schutze der Nacht davon.
-
-Die Amme vermißte am Morgen die Prinzessin, und so fand sich auch bald,
-daß der Ritter in der Nacht abgereiset sei; der König merkte daraus, daß
-er seine Tochter entführt habe. Er schickte daher viele Leute aus, um
-sie aufzusuchen; diese forschten fleißig nach, aber alle kamen nach
-verschiedenen Tagen unverrichteter Sache zurück.
-
-Peter hatte die Vorsicht gebraucht, daß er nach den Wäldern zugeritten
-war, die in der Nähe des Meeres lagen; dort waren die Wege am einsamsten
-und fast gar nicht besucht, hier floh er mit seiner Geliebten sicher
-unter dem dichten Schutze der Nacht hinweg. Der Tritt von den Pferden
-hallte im Forste weit hinab, die Wipfel der Bäume rauschten furchtbar in
-der Dunkelheit, aber Magelonens Herz war frei und fröhlich, denn sie
-hatte immer ihren Geliebten neben sich. Sie weidete sich an seinem
-Antlitze, wenn sie über einen freien Platz trabten; sie fragte ihn
-mancherlei von seinen Eltern und seiner Heimath, und so verging ihnen
-unter banger Erwartung, Gespräch und schönen Hoffnungen die langwierige
-Nacht.
-
-Beim Anbruch des Morgens zogen dichte weiße Nebel durch den Wald, wie
-Gottes Segen, der seine Reise antrat und durch unwegsame Büsche den
-Saatfeldern zueilte, wo er als Thau niederregnete. Sie zogen durch den
-Flug des Nebels weiter, und durch den Morgenwind, der die ganze Natur
-aus ihrem tiefen Schlafe wach schüttelte. Magelone klagte über keine
-Beschwer, denn sie empfand keine.
-
-Jezt brach die liebliche Sonne hervor, und äugelte mit glühendem Funkeln
-durch den dichten Wald; das grüne Gras schien am Boden zu brennen, und
-der wankende Thau erbebte mit tausend blendenden Strahlen. Die Rosse
-wieherten, die Vögel erwachten und sprangen mit ihren Liedern von Zweig
-zu Zweig, gelbbeschwingte badeten sich im Thau der Wiesen und flatterten
-im Glanz des jungen Lichtes dicht über dem Boden hinweg; durch den
-blauen Himmel zogen goldene Streifen herauf und bahnten der
-aufgegangenen Sonne den Weg; Gesänge ertönten aus allen Büschen, die
-muntern Lerchen flogen empor und sangen von oben in die rothdämmernde
-Welt hinein.
-
-Auch Peter stimmte ein fröhliches Lied an, und der schönen Magelone ging
-darüber das Herz vor Freuden auf. Seine Stimme zitterte durch alle Bäume
-hinab, und ein ferner Wiederhall sang ihm nach. Die beiden Reisenden
-sahen in der Gluth des Himmels, im Glanz des frischen Waldes nur einen
-Wiederschein ihrer Liebe; jeder Ton rief ihr Herz an, und erfüllte es
-mit wehmüthiger Freude.
-
-Die Sonne stieg höher hinauf, und gegen Mittag fühlte Magelone eine
-große Müdigkeit; beide stiegen daher an einer schönen kühlen Stelle des
-Waldes von ihren Pferden. Weiches Gras und Moos war auf einer kleinen
-Anhöhe zart empor geschossen; hier setzte sich Peter nieder und breitete
-seinen Mantel aus, auf diesen lagerte sich Magelone und ihr Haupt ruhte
-in dem Schooße des Ritters. Sie blickten sich beide mit zärtlichen Augen
-an, und Magelone sagte: Wie wohl ist mir hier, mein Geliebter, wie
-sicher ruht sichs hier unter dem Schirmdach dieses grünen Baums, der mit
-allen seinen Blättern, wie mit eben so vielen Zungen, ein liebliches
-Geschwätze macht, dem ich gerne zuhöre; aus dem dichten Walde schallt
-Vogelgesang herauf, und vermischt sich mit den rieselnden Quellen; es
-ist hier so einsam und tönt so wunderbar aus den Thälern unter uns, als
-wenn sich mancherlei Geister durch die Einsamkeit zuriefen und Antwort
-gäben; wenn ich dir ins Auge sehe, ergreift mich ein freudiges
-Erschrecken, daß wir nun hier sind; von den Menschen fern und einer dem
-andern ganz eigen. Laß noch deine süße Stimme durch dieses harmonische
-Gewirr ertönen, damit die schöne Musik vollständig sei, ich will
-versuchen ein wenig zu schlafen; aber wecke mich ja zur rechten Zeit,
-damit wir bald bei deinen lieben Eltern anlangen können.
-
-Peter lächelte, er sah wie ihr die schönen Augen zufielen, und die
-langen schwarzen Wimpern einen lieblichen Schatten auf dem holden
-Angesichte bildeten; er sang:
-
- Ruhe, Süßliebchen im Schatten
- Der grünen dämmernden Nacht,
- Es säuselt das Gras auf den Matten,
- Es fächelt und kühlt dich der Schatten,
- Und treue Liebe wacht.
- Schlafe, schlaf' ein,
- Leiser rauschet der Hain, --
- Ewig bin ich dein.
-
- Schweigt, ihr versteckten Gesänge,
- Und stört nicht die süßeste Ruh!
- Es lauscht der Vögel Gedränge,
- Es ruhen die lauten Gesänge,
- Schließ, Liebchen, dein Auge zu.
- Schlafe, schlaf' ein,
- Im dämmernden Schein, --
- Ich will dein Wächter sein.
-
- Murmelt fort ihr Melodieen,
- Rausche nur, du stiller Bach,
- Schöne Liebesphantasieen
- Sprechen in den Melodieen,
- Zarte Träume schwimmen nach,
- Durch den flüsternden Hain
- Schwärmen goldene Bienelein,
- Und summen zum Schlummer dich ein.
-
-
-
-
- 11.
- Wie Peter die schöne Magelone verließ.
-
-
-Peter war durch seinen Gesang beinahe auch eingeschläfert, aber er
-ermunterte sich wieder, und betrachtete das holdselige Angesicht der
-schönen Magelone, die im Schlafe süß lächelte. Dann sah er über sich und
-bemerkte, wie eine Menge schöner und zarter Vögel oben in den Zweigen
-sich versammelten, die nicht scheu thaten, sondern hin und her hüpften,
-auch jezuweilen auf den kleinen Grasplatz zu ihm herunter kamen. Es
-ergötzte ihn, daß diese unvernünftigen Kreaturen an der schönen Magelone
-ein Wohlgefallen zu bezeigen schienen. Da sah er aber in dem Baume einen
-schwarzen Raben sitzen, und dachte bei sich: wie kommt doch dieser
-häßliche Vogel in die Gesellschaft dieser bunten Thierchen, es dünkt mir
-nicht anders, als wenn sich ein grober ungeschliffener Knecht unter edle
-Ritter eindrängen wollte.
-
-Ihm däuchte, als wenn Magelone mit Bangigkeit Athem holte, er schnürte
-sie daher etwas auf, und ihr weißer schöner Busen trat aus den
-verhüllenden Gewändern hervor. Peter war über die unaussprechliche
-Schönheit entzückt, er glaubte im Himmel zu sein, und alle seine Sinne
-wandten sich um; er konnte nicht aufhören seine Augen zu weiden und sich
-an dem Glanze zu berauschen. Mit jedem Athemzuge hob sich die zarte
-Brust und sank wieder. Der Ritter fühlte, daß er Magelonen noch nie so
-geliebt habe, daß er noch niemals so glücklich gewesen sei. Zwischen den
-Brüsten versteckt, bemerkte er einen rothen Zindel; er war neugierig zu
-erfahren, was es sein möchte; er nahm ihn und wickelte ihn aus einander.
-Da fand er die drei kostbaren Ringe, die er seiner Geliebten geschenkt
-hatte, und er war innig gerührt, daß sie sie so liebevoll und sorgfältig
-bewahrte. Er wickelte sie wieder ein, und legte sie neben sich in das
-Gras; aber plötzlich flog der Rabe vom Baume hernieder und führte den
-Zindel hinweg, den er für ein Stück Fleisch ansehn mochte. Peter
-erschrak sehr und besorgte, daß Magelone unwillig werden möchte, wenn
-ihr beim Erwachen die Ringe fehlten. Er legte ihr also sorgfältig seinen
-Mantel unter das Haupt zusammen, und stand leise auf, um zu sehn, wo der
-Vogel mit den Ringen bleiben würde. Der Rabe flog vor ihm her, und Peter
-warf nach ihm mit Steinen, in der Meinung, ihn zu tödten, oder ihn
-wenigstens zu zwingen, seinen Raub wieder fallen zu lassen. Aber der
-Vogel flog immer weiter und Peter verfolgte ihn unermüdet, doch keiner
-von den Steinwürfen wollte den Raben treffen. So war ihm Peter schon
-eine ziemliche Weile gefolgt, und kam jezt an das Meerufer. Nicht weit
-vom Ufer stand im Meere eine spitzige Klippe, auf diese setzte sich der
-Rabe, und Peter warf von neuem nach ihm mit Steinen; der Vogel ließ
-endlich den Zindel fallen, und flog mit großem Geschrei davon. Peter sah
-im Meere nicht weit vom Ufer roth den Zindel schwimmen; er ging am Lande
-hin und her, um etwas zu finden, worauf er die wenigen Schritte in das
-Wasser hinein fahren könne. Er fand auch endlich einen kleinen, alten,
-verwitterten Kahn, den die Fischer hier hatten stehen lassen, weil er
-ihnen nichts mehr nützte. Peter stieg rasch hinein, nahm einen Zweig,
-und ruderte damit, so gut er nur konnte, nach dem Zindel hin.
-
-Aber plötzlich erhob sich vom Lande her ein starker Wind, die Wellen
-jagten sich über einander und ergriffen den kleinen Kahn, in welchem
-Peter stand. Peter setzte sich mit allen Kräften dagegen, aber das
-Schiff ward dennoch der Klippe vorüber, ins Meer hinein getrieben, und
-weiter und immer weiter. Peter sah zurück, und kaum bemerkte er noch den
-rothen Flecken, den der Zindel im Meere machte, und jezt verschwand er
-völlig, auch das Land lag schon ziemlich entfernt. Nun gedachte Peter an
-seine Magelone zurück, die er im wüsten Holze schlafend verlassen hatte;
-das Schiff trug ihn wider Willen immer weiter in die See hinein, und er
-kam in Angst und Verzweiflung. Er war im Begriff, sich in das Meer zu
-stürzen, er schrie und klagte, und alle seine Töne gab ein Echo zurück,
-und die Wellen plätscherten laut dazwischen.
-
-Das Land lag nun schon weit zurück in einer unkenntlichen Ferne, die
-Dämmerung des Abends brach herein. Ach theuerste Magelone! rief Peter in
-der höchsten Betrübniß seiner Seelen heftig aus: wie wunderlich werden
-wir von einander geschieden! Eine schwarze Hand treibt mich von deiner
-Seite in das wüste Meer hinaus, und du bist allein und ohne Hülfe. Was
-willst du Unglückselige im wüsten Walde beginnen? Ach! ich bin Schuld an
-deinem Tode! Mußte ich dich darum, dich Königstochter von deinen Eltern
-entführen, um dich der härtesten Noth Preis zu geben? Bist du darum so
-zart und edel erzogen, daß du nun vielleicht eine Beute der wilden
-Thiere werden mußt? Was wird sie nun machen, wenn sie erwacht, und den
-vermißt, den sie für den Getreuesten auf der ganzen Erde hielt? Warum
-mußte mein Vorwitz nur die Ringe hervor suchen, konnte ich sie nicht an
-ihrem schönsten Platze lassen, wo sie so sicher waren? O weh mir, nun
-ist alles verloren und ich muß mich in mein Verderben finden!
-
-Solche Klagen trieb er, und geberdete sich auf dem wüsten Meere äußerst
-trübselig. Er verlor alle Hoffnung, und gab sein Leben auf. Der Mond
-schien vom Himmel herab und erfüllte die Welt mit goldener Dämmerung;
-alles war still, nur die Wellen seufzten und plätscherten, und Vögel
-flatterten zu Zeiten mit seltsamen Tönen über ihn dahin. Die Sterne
-standen ernst am Himmel und die Wölbung spiegelte sich in der wogenden
-Fluth. Peter warf sich nieder, und sang mit lauter Stimme:
-
- So tönet dann, schäumende Wellen,
- Und windet euch rund um mich her!
- Mag Unglück doch laut um mich bellen,
- Erbost sein das grausame Meer!
-
- Ich lache den stürmenden Wettern,
- Verachte den Zorngrimm der Fluth;
- O mögen mich Felsen zerschmettern!
- Denn nimmer wird es gut.
-
- Nicht klag' ich, und mag ich nun scheitern,
- In wäßrigen Tiefen vergehn!
- Mein Blick wird sich nie mehr erheitern,
- Den Stern meiner Liebe zu sehn.
-
- So wälzt euch bergab mit Gewittern,
- Und raset, ihr Stürme, mich an,
- Daß Felsen an Felsen zersplittern!
- Ich bin ein verlorener Mann.
-
-Er lag im Kahne ausgestreckt, und eine dumpfe Betäubung ergriff ihn; er
-wußte vor Uebermaß des Schmerzes nicht mehr, wo er war, und ließ sich
-gleichgültig von Wind und Wellen weiter treiben; endlich verfiel er in
-einen Zustand, der fast einem Schlafe glich.
-
-
-
-
- 12.
- Die Klagen der schönen Magelone.
-
-
-Magelone erwachte, nachdem sie sich durch einen süßen Schlaf erquickt
-hatte, und meinte, daß ihr Geliebter noch bei ihr säße. Sie erschrak,
-als sie sich aufrichtete und ihn nicht mehr fand; sie wartete erst eine
-Weile, ob er nicht wieder kommen möchte, dann ging sie hin und her, und
-rief seinen Namen mit lauter Stimme aus. Da sie keine Antwort vernahm,
-fing sie an zu weinen und zu schluchzen, wandte sich dann im Holze nach
-allen Orten hin, und rief so lange, bis sie heiser war, aber sie erhielt
-keine Antwort. Da wurde sie so betrübt, daß sie einen heftigen Schmerz
-im Haupte empfand, sie sank auf den Boden nieder, und lag eine Weile in
-einer schmerzlichen Ohnmacht. Als sie wieder zu sich erwachte, däuchte
-ihr, daß es ein Leichtes sein müsse, jezt gar zu sterben; nun sah sie
-nicht mehr auf die Vögel, die scherzend um sie hüpften, denn wenn sie
-die Augen aufschlug, war es ihr zu Sinne, daß jede Kreatur, die sich
-regte und bewegte, glücklicher sei, als sie.
-
-Mit vieler Mühe stieg sie auf einen Baum, um sich in der Gegend
-umzusehn, ob sie nichts entdecken könne, aber sie sah nichts als Wälder
-auf der einen Seite, keine Wohnung, kein Dorf, so weit ihr Auge reichte,
-auf der andern Seite das wüste unabsehliche Meer. Trostlos stieg sie
-wieder herab, und weinte und klagte von neuem: O ungetreuer Ritter, rief
-sie aus, warum hast du deine unschuldige Geliebte verlassen? Hast du
-mich darum meinen Eltern geraubt, damit ich hier in der Wüstenei
-verschmachten soll? Was hab' ich dir gethan? Hab' ich dich zu sehr
-geliebt? Bist du mein überdrüßig, weil ich dir mein schwaches Herz zu
-früh zu erkennen gab? O, so bist du der Elendeste unter den Menschen!
-
-Sie ging wie wahnsinnig im Walde hin und her; da traf sie die Rosse, die
-noch so angebunden standen, wie Peter sie fest gemacht hatte. O vergieb
-mir, mein Geliebter! rief sie aus, jezt werde ich wohl gewahr, daß du
-unschuldig bist und daß du mich nicht vorsätzlicherweise verlassen hast.
-Welches Abentheuer hat uns denn von einander getrennt?
-
-Die Finsterniß brach mit der Nacht herein, und der Mond warf gebrochne
-Strahlen durch den Wald; seltsame fremde Stimmen ließen sich in der
-Ferne hören, und Magelone fürchtete, daß es das Geschrei wilder Thiere
-sei. Mühsam stieg sie wieder auf einen Baum. Die Wolken wechselten am
-Himmel wunderlich vom Monde beglänzt, und jagten sich durch einander;
-bald sah sie in diesen Lufterscheinungen ihren Ritter, der mit
-Ungeheuern kämpfte und sie besiegte; dann verwandelte sich im Zuge das
-Wolkengebilde in ein andres; ihr dämmerndes Auge glaubte dann am Himmel
-Städte mit hohen Thürmen zu erblicken, oder Berge, auf denen feurige
-Castelle brannten, Reiter, die in Geschwadern auszogen, und dem Feinde
-im Thale begegneten. Wie Blitze flatterte es dann durch die Landschaft,
-und die hellgrüne Himmelsebene lag prächtig zwischen den getrennten
-Wolkenbildern; dann fühlte sie, daß sie nur geschwärmt habe, und mit
-bangem Grauen warf sie den Blick auf die Wälder unter sich, die schwarz
-in ernsten unbeweglichen Gestalten ruhten; sie sah nach der See hinab,
-die in unermeßlicher Fläche vor ihren Augen bebte und dämmerte. In der
-stillen Nacht kam das Plätschern der Wellen zu ihrem Ohre, das bald wie
-Gewinsel, bald wie zürnende Scheltworte klang; dann glaubte sie die
-Stimme ihres Vaters und ihrer Mutter zu hören, und so trieb sich ihr
-Gemüth unter Phantasieen auf und ab, bis der Morgen empor kam. Wie
-verschieden war diese Morgenröthe von der gestrigen! Wie weit stand jezt
-die Hoffnung weg, die gestern noch mit leichten Flügeln wie ein blauer
-Schmetterling vor ihr hintanzte, die ihr den Weg nach einer lieben
-Heimath wies, und alle Blumen am Wege aufsuchte und auf sie hindeutete.
-
-Das Waldgeflügel ließ seine Gesänge wieder klingen, das frühe Roth
-arbeitete sich durch den dichten Wald, schlich gebückt und wundersam
-durch die niedrigen Gesträuche, und weckte Gras und Blumen auf; der Wald
-brannte in dunkelrothen Flammen und der Nebel wand sich in goldenen
-Säulen um die Baumstämme. Magelone hatte in der Nacht beschlossen, nicht
-zu ihrem Vater zurückzukehren, denn sie fürchtete seinen Zorn, sie
-wollte irgend eine stille Wohnung aufsuchen, von den Menschen
-abgesondert, dort immer an ihren Geliebten denken und so in Frömmigkeit
-und Treue hinsterben. Sie stieg daher vom Baum herunter und ging wieder
-zu den treuen Pferden, die noch angebunden standen, und den Kopf betrübt
-zur Erde senkten. Sie löste ihre Zügel, so daß sie gehn konnten, wohin
-sie wollten, indem sie sagte: so wandert nun auch hin durch die weite
-traurige Welt, und suchet euren Herrn wieder, so wie ich ihn suchen
-will. Die Rosse gingen betrübt fort, jedes einen andern Weg.
-
-Magelone wanderte durch die dichten Wälder, sie hatte einige Nahrung mit
-sich genommen. Um sich unkenntlich zu machen, verbarg sie ihre langen
-goldenen Haare und zog einen Schleier über ihr Gesicht; sie suchte auch
-ihre Kleidung zu verändern. So kam sie durch manche Dörfer und Städte
-und blieb immer betrübt.
-
-Nach einer Wanderung von vielen Tagen stand sie gegen Abend auf einer
-freundlichen stillen Wiese, gegenüber lag eine kleine Hütte, und Vieh
-weidete auf den nahen Hügeln, das mit seinen Glocken ein angenehmes
-Getöne durch die Ruhe des Abends machte: auf der andern Seite lag ein
-Wald, und Magelonens Seele wurde hier zum erstenmale nach langer Zeit
-ruhig und heiter. Sie faßte daher den Wunsch, in dieser friedlichen
-Gegend zu wohnen. Sie ging auf die Hütte zu, aus der ihr ein alter
-Schäfer entgegen trat, der hier mit seiner Frau sich angesiedelt hatte,
-und fern von der Welt und den Menschen fromme Lämmer groß zog, und einen
-kleinen Acker baute. Sie redete ihn an, und flehte als eine Unglückliche
-um Schutz und Hülfe. Er nahm sie gerne auf, und sie unterzog sich den
-Diensten willig, die sie leisten konnte, dabei aber verschwieg sie ihrem
-Wirthe ihre Geschichte. Es geschah manchmal, daß sie einem Unglücklichen
-beistehn konnten, wenn ihn der Schiffbruch an die nahgelegene Küste
-trieb, und dann zeigte sich besonders Magelone hülfreich und thätig.
-Wenn die Alten ausgingen, bewachte sie das Haus, und sang dann manchmal
-in der Einsamkeit mit der Spindel vor der Thüre sitzend:
-
- Wie schnell verschwindet
- So Licht als Glanz,
- Der Morgen findet
- Verwelkt den Kranz,
-
- Der gestern glühte
- In aller Pracht,
- Denn er verblühte
- In dunkler Nacht.
-
- Es schwimmt die Welle
- Des Lebens hin,
- Und färbt sich helle,
- Hats nicht Gewinn;
-
- Die Sonne neiget,
- Die Röthe flieht,
- Der Schatten steiget
- Und Dunkel zieht:
-
- So schwimmt die Liebe
- Zu Wüsten ab,
- Ach! daß sie bliebe
- Bis an das Grab!
-
- Doch wir erwachen
- Zu tiefer Quaal:
- Es bricht der Nachen,
- Es löscht der Strahl,
-
- Vom schönen Lande
- Weit weggebracht
- Zum öden Strande,
- Wo um uns Nacht.
-
-
-
-
- 13.
- Peter unter den Heiden.
-
-
-Peter erholte sich aus seiner Betäubung, als die Sonne eben in aller
-Majestät über die große Meeresfluth herauf stieg. Ein furchtbarer Glanz
-schwang sich durch den Himmel und löschte Mond und Sterne mit glühenden
-Strahlen aus; die Wasser erklangen und verwandelten sich in Purpur,
-Wolkenzüge trieben vor der Sonne her und segelten, wie von der Majestät
-geschreckt, über das Meer hinweg, und ein sprühender Regen von Funken
-verbreitete sich weit umher, und ergoß sich in Bogen über die Fluth.
-Peter fühlte wieder männlichen Muth in seiner Brust, die Quaalen des
-Lebens so wie seine Freuden zu erdulden.
-
-Ein großes Schiff segelte auf ihn zu, das von Mohren und Heiden besetzt
-war; sie nahmen ihn ein und freuten sich über diese Beute, denn Peter
-war gar schön und herrlich von Gestalt, dazu gab ihm seine Jugend ein
-zartes und einnehmendes Wesen, so daß niemand sein Feind sein konnte.
-Der Anführer des Schiffes beschloß, ihn dem Sultan als ein Geschenk
-mitzubringen.
-
-Man landete, und Peter ward sogleich dem Sultan vorgestellt, der einen
-großen Gefallen an ihm fand, und ihn bei der Tafel aufwarten ließ, ihm
-auch die Aufsicht über einen schönen Garten anvertraute. Peter war
-allgemein beliebt, weil er vom Sultan so gnädig angesehen wurde. Oft
-ging er einsam zwischen den Blumen des Gartens, und dachte an seine
-geliebte Magelone, oft nahm er auch in der Abendstunde eine Zither und
-sang:
-
- Muß es eine Trennung geben,
- Die das treue Herz zerbricht?
- Nein dies nenne ich nicht leben,
- Sterben ist so bitter nicht.
-
- Hör' ich eines Schäfers Flöte,
- Härme ich mich inniglich,
- Seh ich in die Abendröthe,
- Denk ich brünstiglich an dich.
-
- Giebt es denn kein wahres Lieben?
- Muß denn Schmerz und Trauer sein?
- Wär' ich ungeliebt geblieben,
- Hätt' ich doch noch Hoffnungsschein.
-
- Aber so muß ich nun klagen:
- Wo ist Hoffnung, als das Grab?
- Fern muß ich mein Elend tragen,
- Heimlich stirbt das Herz mir ab.
-
-
-
-
- 14.
- Die Heidin Sulima liebt den Ritter.
-
-
-Peter mochte hier vergnügt leben, wenn die Liebe nicht seine Jugend
-verzehrt hätte. Er war nun schon seit lange am Hofe des Sultans und von
-ihm und den übrigen geschätzt; er hatte viele Freiheit und ward von
-manchem Hofdiener beneidet; aber er verdiente diesen Neid nicht, denn er
-ward von seiner Unruhe hin und her getrieben, er seufzte und klagte
-laut, wenn er sich im Garten allein befand.
-
-So verstrich eine Woche nach der andern und er war nun beinahe zwei Jahr
-unter den Heiden, ohne daß er Hoffnung hatte, jemals in sein geliebtes
-Vaterland zurück zu kehren, denn der Sultan liebte ihn so sehr, daß er
-ihn durchaus nicht von sich entfernen wollte. Dies zog sich Peter auch
-zu Sinne und ward darüber mit jedem Tage betrübter, denn er dachte
-unaufhörlich an seine Eltern und seine Geliebte. Nichts machte ihm
-Freude, und da der Frühling wieder kam, weinte er bei seiner Ankunft,
-und trauerte tief, indem die ganze Natur ihr holdseligstes Fest beging.
-
-Der Sultan hatte eine Tochter, die im ganzen Lande ihrer Schönheit wegen
-berühmt war, mit Namen Sulima. Sie fand oft Gelegenheit, den Fremden zu
-sehn, und ohne daß sie es anfangs wußte, hatte sich eine heftige Liebe
-zu ihm in ihr Herz geschlichen. Die Traurigkeit des Ritters zog sie
-vorzüglich an, sie wünschte ihn trösten zu können, ihm näher zu kommen,
-und mit ihm zu reden. Die Gelegenheit dazu fand sich bald. Eine
-vertraute Sklavin führte den Jüngling heimlich in einen Saal des Gartens
-zu ihr. Peter war erstaunt und in Verlegenheit; er verwunderte sich über
-die Schönheit der Sulima, aber sein Herz hing an Magelonen fest.
-
-Doch der süße Trieb, sein Vaterland wieder zu sehn, bemeisterte sich
-bald aller seiner Sinnen so sehr, daß er einem kühnen Anschlage
-nachdachte. Er sah das Heidenmädchen öfter, und sie sagte ihm, daß sie
-aus Liebe zu ihm mit ihm entfliehen wolle, erst zu einem Verwandten, der
-ein Schiff segelfertig liegen habe, das auf ihren Wink sogleich die
-Anker lichten würde; sie wolle ihm in der bestimmten Nacht durch eine
-Laute und ein kleines Lied ein Zeichen geben, wann er kommen und sie
-abholen solle. Peter überlegte diesen Vorschlag und willigte endlich
-ein, denn er überzeugte sich, daß Magelone gewiß gestorben sei, und er
-komme doch so in die Christenheit und zu seinen Eltern zurück.
-
-Der Garten des Sultans lag am Ufer des Meeres, und die bestimmte Nacht
-war jezt herbei gekommen. Gegen Abend hatte Peter ein wenig unter den
-kühlen Bäumen geschlummert, und Magelone war ihm in aller Herrlichkeit,
-aber mit einer drohenden Geberde, im Traum erschienen. Die ganze
-Vergangenheit zog mit den lebhaftesten Bildern durch seinen Busen, jede
-Stunde seiner glücklichen Liebe kam mit allen seligen Empfindungen
-zurück, und als er nun erwachte, erschrak er vor sich selber und seinem
-Vorsatze. Er hätte sich selber entfliehen mögen, und das Andenken an
-sich und sein Bewußtsein aus seinem Busen vertilgen.
-
-Die Nacht brach indeß herein, und alle Sterne glänzten schon am Himmel;
-der Mond ging auf und warf sein goldenes Netz über das Meer hin, als
-Peter nachdenklich am Ufer auf und nieder ging. Ein frischer Wind blies
-vom Lande her durch den Garten, und die Bäume rauschten munter und
-fröhlich, aber Peter ward dadurch nur desto betrübter.
-
-O ich Treuloser! ich Undankbarer! rief er aus, will ich so ihre Liebe
-belohnen, will ich als ein Meineidiger in mein Vaterland zurück kehren?
-Das wäre mir ein schlechter Ruhm unter meinen Verwandten und der ganzen
-Ritterschaft; und wie sollte ich gegen Magelonen die Augen aufschlagen
-dürfen, wenn sie noch lebt? Und warum sollte sie nicht leben, da ich so
-wunderbar erhalten bin? O ich bin ein feiger Sklave, daß ich für mich
-selber noch nichts gewagt habe! Warum überlaß ich mich nicht dem gütigen
-Schicksal, und fahre in einem dieser Nachen in das Meer hinein?
-Ueberließ ich mich nicht auf einem zerbrochenen Brete der empörten
-Fluth, und kam an dies Gestade? Soll ich nicht auf Gott vertraun, wenn
-von Vaterland, wenn von meiner Liebe die Rede ist?
-
-Er stieg beherzt in ein kleines Boot, das er vom Lande ablöste, dann
-nahm er ein Ruder und arbeitete sich in die See hinein. Es war die
-schönste Sommernacht; alle Gestirne sahen freundlich in die
-mondbeglänzte Welt hinein, das Meer war eine stille ebene Fläche, und
-warme Lüfte spielten über dem ruhigen Spiegel hin. Peters Herz ward groß
-von Sehnsucht, er überließ sich dem Zufall und den Sternen, und ruderte
-muthig weiter; da hörte er das verabredete Zeichen, eine Zither erklang
-aus dem Garten her, und eine liebliche Stimme sang dazu:
-
- Geliebter, wo zaudert
- Dein irrender Fuß?
- Die Nachtigall plaudert
- Von Sehnsucht und Kuß.
-
- Es flüstern die Bäume
- Im goldenen Schein,
- Es schlüpfen mir Träume
- Zum Fenster herein.
-
- Ach! kennst du das Schmachten
- Der klopfenden Brust?
- Dies Sinnen und Trachten
- Voll Quaal und voll Lust?
-
- Beflügle die Eile
- Und rette mich dir,
- Bei nächtlicher Weile
- Entfliehn wir von hier.
-
- Die Segel sie schwellen,
- Die Furcht ist nur Tand:
- Dort, jenseit den Wellen,
- Ist väterlich Land.
-
- Die Heimath entfliehet;
- So fahre sie hin!
- Die Liebe sie ziehet
- Gewaltig den Sinn.
-
- Horch! wollüstig klingen
- Die Wellen im Meer,
- Sie hüpfen und springen
- Muthwillig einher,
-
- Und sollten sie klagen?
- Sie rufen nach dir!
- Sie wissen, sie tragen
- Die Liebe von hier.
-
-Peter erschrak im Herzen, als er diesen Gesang vernahm; das Lied rief
-ihm seine Untreue und seinen Wankelmuth nach. Er ruderte stärker, um
-sich vom Lande zu entfernen und dem Kreise zu entfliehen, den die
-lieblich lockenden Töne in der stillen Abendluft bildeten. Der Geist der
-Liebe schwang sich durch den goldenen Himmel; Liebe wollte ihn rückwärts
-ziehn, Liebe trieb ihn vorwärts, die Wellen murmelten melodisch
-dazwischen, und klangen wie ein Lied in fremder Sprache, dessen Sinn man
-aber dennoch erräth.
-
-Der Gesang vom Ufer her ward immer schwächer. Schon sah Peter die Bäume
-am Gestade nicht mehr; es war, als wenn sich ihm die Musik über das Meer
-nacharbeitete, und endlich matt und kraftlos nicht weiter zu schwimmen
-wagte, sondern zum einheimischen Ufer zurück schlich; denn jezt hörte er
-den Gesang nur noch wie ein leises Wehen des Windes, und jezt erlosch
-auch die letzte Spur, und die Wellen rieselten nur, und der Ruderschlag
-ertönte durch die einsame Stille.
-
-
-
-
- 15.
- Wie Peter wieder zu Christen kam.
-
-
-Wie der Gesang verschollen war, faßte Peter wieder frischen Muth; er
-ließ das Schifflein vom Winde hintreiben, setzte sich nieder und sang:
-
- Wie froh und frisch mein Sinn sich hebt,
- Zurückbleibt alles Bangen,
- Die Brust mit neuem Muthe strebt,
- Erwacht ein neu Verlangen.
-
- Die Sterne spiegeln sich im Meer,
- Und golden glänzt die Fluth. --
- Ich rannte taumelnd hin und her,
- Und war nicht schlimm, nicht gut.
-
- Doch niedergezogen
- Sind Zweifel und wankender Sinn,
- O tragt mich, ihr schaukelnden Wogen,
- Zur längst ersehnten Heimath hin.
-
- In lieber dämmernder Ferne,
- Dort rufen einheimische Lieder,
- Aus jeglichem Sterne
- Blickt sie mit sanftem Auge nieder.
-
- Ebne dich, du treue Welle,
- Führe mich auf fernen Wegen
- Zu der vielgeliebten Schwelle,
- Endlich meinem Glück entgegen!
-
-Als das Morgenroth aufging, sah er das Land nur noch wie eine
-unkenntliche blaue Wolke weit hinunter liegen, und er erschrak beinah,
-als ihn das allmächtige Meer und der gewölbte Himmel so unermeßlich
-umgab. In der Ferne segelte ein Schiff auf ihn zu, und er hätte beinah
-geglaubt, daß er sein ehemaliges Unglück nur von neuem träume; aber als
-es näher gekommen, sah er, daß die Schiffer Christen waren, die ihn
-sogleich willig aufnahmen. Er freute sich, als er hörte, daß sie nach
-Frankreich segelten.
-
-
-
-
- 16.
- Der Ritter auf der Reise.
-
-
-Um die Zeit war der Graf von der Provence nebst seiner Gemalin sehr
-betrübt, weil sie noch gar keine Nachrichten von ihrem geliebten Sohne
-bekommen hatten. Besonders aber war die Mutter in Angst, denn sie hatte
-eine große Sehnsucht, ihren einzigen Sohn nach so langer Zeit wieder zu
-sehn. Sie sprach oft mit dem Grafen von ihrem Kummer, und daß ihr
-schöner Sohn wahrscheinlich umgekommen sei. Da sollte ein Fest gegeben
-werden, und ein Fischer brachte einen großen Fisch in die gräfliche
-Küche; als ihn der Koch aufschnitt, fand er drei Ringe in dessen Bauche,
-die er der Gräfin überbrachte. Die Gräfin verwunderte sich über die
-Maßen, denn sie erkannte sie für eben diejenigen, die sie ihrem Sohne
-gegeben hatte. Sie sagte daher zu ihrem Gemal: jezt bin ich getröstet,
-denn da ich so unvermuthet und auf so wunderbare Weise Kundschaft von
-meinem Sohn bekommen habe, so bin ich auch überzeugt, daß Gott ihn nicht
-verlassen hat, sondern daß er ihn nach vielen überstandenen
-Mühseligkeiten in unsre Arme zurück führen wird. --
-
-Peter stand im Schiffe und sah immer nach der Gegend hin, wo die
-erwünschte Heimath lag. Die Fahrt war glücklich, und man landete an
-einer kleinen unbewohnten Insel, um süßes Wasser einzunehmen. Alles
-Schiffsvolk stieg an das Land, und auch Peter. Er ging durch ein
-anmuthiges Thal und verlor sich hinter einigen Hügeln in das Land
-hinein; da setzte er sich nieder und sah viele schöne Blumen um sich
-stehn. Alle blickten ihn wie mit freundlichen, lieblichen Augen an, und
-er dachte innig an Magelonen, und wie sie ihn geliebt hatte. Wie kann
-der Liebende, rief er aus, sich nur jemals einsam fühlen? Erinnern mich
-nicht diese blauen Kelche an ihre holdseligen Augen, dieses goldene
-Blatt an ihr Haar, die Pracht dieser Lilie und Rose neben einander, an
-ihre zarten Wangen? Ist es doch, als wenn der Wind in den Blumen sich
-bewegt, und es, wie auf Saiten versuchen will, ihren süßen Namen
-auszusprechen; Quellen und Bäume nennen ihn, für die übrigen Menschen
-unverständlich, aber mir laut und vernehmlich.
-
-Er erinnerte sich eines Gesanges, den er vor langer Zeit gedichtet
-hatte, und wiederholte ihn jezt:
-
- Süß ists, mit Gedanken gehn,
- Die uns zur Geliebten leiten,
- Wo von blumbewachsnen Höhn
- Sonnenstrahlen sich verbreiten.
-
- Lilien sagen: unser Licht
- Ist es, was die Wange schmücket;
- Unsern Schein die Liebste blicket:
- So das blaue Veilchen spricht.
-
- Und mit sanfter Röthe lächeln
- Rosen ob dem Uebermuth,
- Kühle Abendwinde fächeln
- Durch die liebevolle Gluth.
-
- All ihr süßen Blümelein,
- Sei es Farbe, sei's Gestalt,
- Malt mit liebender Gewalt
- Meiner Liebsten hellen Schein,
- Zankt nicht, zarte Blümelein.
-
- Rosen, duftende Narzissen,
- Alle Blumen schöner prangen,
- Wenn sie ihren Busen küssen
- Oder in den Locken hangen,
- Blaue Veilchen, bunte Nelken,
- Wenn sie sie zur Zierde pflückt,
- Müssen gern als Putz verwelken,
- Durch den süßen Tod beglückt.
-
- Lehrer sind mir diese Blüthen,
- Und ich thue wie sie thun,
- Folge ihnen, wie sie riethen,
- Ach! ich will gern alles bieten,
- Kann ich ihr am Busen ruhn.
-
- Nicht auf Jahre sie erwerben,
- Nein, nur kurze, kleine Zeit,
- Dann in ihren Armen sterben,
- Sterben ohne Wunsch und Neid.
-
- Ach! wie manche Blume klaget
- Einsam hier im stillen Thal,
- Sie verwelket eh es taget,
- Stirbt beim ersten Sonnenstrahl:
- Ach, so bitter herzlich naget
- Auch an mir die scharfe Quaal,
- Daß ich sie und all mein Glücke,
- Nimmer, nimmermehr erblicke.
-
-Er weinte heftig, indem er die letzten Worte sang, denn er glaubte sein
-Herz zu verstehn, das ihm ein Unglück vorhersagte. Er betrachtete mit
-thränenden Blicken das Blumenlabirinth um sich her, und es war ihm ein
-Ergötzen, die Blumen in seiner Einbildung so zu ordnen, daß sie den
-Namenszug Magelonens ausdrückten. Dann horchte er auf das lispelnde
-Gras, das ihm etwas zu sagen schien, auf die Blüten, die sich oft
-zärtlich zu einander neigten, als wenn sie ein herzliches Gespräch von
-Liebe führen wollten. In der ganzen Natur sah er liebevolle Eintracht,
-und jedes Geräusch klang seinem Ohre wie ein melodischer Gesang. Darüber
-verlor er sich immer mehr in Träumen; von den Thränen ermüdet schlief er
-endlich unter den Blumen ein, und es war ihm im Traum, als wenn er laut
-den Namen Magelone ausrufen hörte; darüber ging ihm sein Herz wie eine
-zugeschlossene Knospe auf, und er fühlte eine übergroße Freude.
-
-
-
-
- 17.
- Peter wird von Fischern aufgefunden.
-
-
-Aber der Wind blies indeß lustig in die Segel, und das Schiffsvolk eilte
-wieder in das Schiff, um abzufahren, nur Peter blieb aus; man rief ihn,
-aber da er nicht kam, fuhren die übrigen fort.
-
-Als sie schon weit vom Ufer entfernt waren, erwachte Peter aus seinem
-erquickenden Schlafe; er erschrak, als er gewahr ward, daß er geschlafen
-hatte. Er eilte an das Ufer, aber Niemand war da, und das Schiff nirgend
-zu sehn. Da senkte sich eine große Traurigkeit in sein Herz, alle seine
-Hoffnungen waren wieder verschwunden: er stürzte nieder und lag am Ufer
-des Meeres ohne Besinnung und in tiefer Ohnmacht, so daß es finstre
-Nacht wurde und er es nicht bemerkte.
-
-Als es nach Mitternacht kam, ging der Mond auf, und einige Fischer
-fuhren mit einem Kahne an die Insel, um ihre Arbeit hier vorzunehmen;
-sie fanden den Jüngling, der für todt auf der Erde ausgestreckt lag. Das
-feste Land war nicht weit von dieser Insel, sie luden ihn daher in ihr
-kleines Schiff, und fuhren wieder ab, um ihn ins Leben zurück zu
-bringen. Schon unterwegs erwachte Peter; es dünkte ihm seltsam, als ihm
-der Mond ins Angesicht schien und er die Ruder seufzen hörte, und wie er
-vernahm, daß zwei fremde Männer mit einander verabredeten, wie sie ihn
-zu einem alten Schäfer bringen wollten, der sein pflegen würde. Oft kam
-es ihm vor wie ein Traum, oft wieder wie Wahrheit, und er zweifelte so
-lange, bis sie endlich mit dem Aufgang der Sonne landeten.
-
-Als Peter eine Weile in den erquickenden Sonnenstrahlen gelegen hatte,
-ward er wieder munter und richtete sich auf; er dankte in einem Gebete
-Gott, daß er ihm wieder von der menschenleeren Insel geholfen habe, dann
-gab er den guten Fischern eine Menge Goldes, und ließ sich den Weg nach
-der Hütte des Schäfers beschreiben.
-
-Er ging durch einen dichten, angenehmen Wald, durch dessen dunkle
-Schatten der Morgen noch dämmerte. Er folgte einem geschlängelten
-Fußpfade, und überdachte schwermüthig sein Schicksal; alles Ungemach,
-das er erlitten, kam frisch in seine Seele, und er ward darüber so
-unmuthig, daß er von Herzen wünschte, endlich zu sterben.
-
-Mit diesen Gedanken trat er aus dem Walde und stand vor einer schönen
-grünen Wiese, die im Morgenlicht glänzte; gegenüber lag eine kleine
-einsame Hütte, und Schaafe wurden von einem alten Manne einen Hügel
-hinan getrieben. Alles schimmerte roth und freundlich, und die stille
-Ruhe umher brachte auch in Peters Seele Ruhe zurück. Er merkte, daß dies
-die Hütte sei, die ihm die Fischer bezeichnet hatten, und er wünschte,
-hier einige Tage zu rasten und sich zu erquicken. Er ging daher über die
-Wiese, auf der viele wilde Blumen roth und gelb und himmelblau blühten,
-der kleinen Hütte näher. Vor der Thüre saß ein schlankes schönes
-Mägdlein, zu deren Füßen ein Lamm im Grase spielte; diese sang, indem er
-über die Wiese schritt:
-
- Beglückt, wer vom Getümmel
- Der Welt sein Leben schließt,
- Das dorten im Gewimmel
- Verworren abwärts fließt.
-
- Hier sind wir all befreundet,
- Mensch, Thier und Blumenreich,
- Von keinem angefeindet
- Macht uns die Liebe gleich.
-
- Die zarten Lämmer springen
- Vergnügt um meinen Fuß,
- Die Turteltauben singen
- Und girren Morgengruß.
-
- Der Rosenstrauch mit Grüßen
- Beut seine Kinder dar,
- Im Thale dort der süßen
- Violen blaue Schaar.
-
- Und wenn ich Kränze winde,
- Ertönt und rauscht der Hain,
- Es duftet mir die Linde
- Im goldnen Mondenschein.
-
- Die Zwietracht bleibt dahinten,
- Und Stolz, Verfolgung, Neid,
- Kann nicht die Wege finden
- Hieher zur goldnen Zeit.
-
- Vor mir stehn holde Scherze
- Und trübe Sorge weicht;
- Allein mein innres Herze
- Wird darum doch nicht leicht.
-
- Weil ich die Liebe kannte
- Und Blick und Kuß verstand,
- So bin ich nun Verbannte
- Weit ab im fernen Land.
-
- Die Freude macht mich trübe,
- Dunkelt den stillen Sinn,
- Denn meine zarte Liebe
- Ist nun auf ewig hin. --
-
- Erinnre und erquicke
- Dich an vergangner Lust,
- Am schwermuthsvollen Glücke,
- Denn sonst zerspringt die Brust.
-
- Die Morgenröthe lächelt
- Mir zwar noch ofte zu,
- Und matte Hoffnung fächelt
- Mich dann in schönre Ruh:
-
- Daß ich ihn wieder finde,
- Den ich wohl sonst gekannt,
- Und daß sich um uns winde
- Ein glückgewirktes Band.
-
- Wer weiß, durch welche Schatten
- Sein Fuß schon heute geht,
- Dann kömmt er über Matten
- Und alles ist verweht,
-
- Die Seufzer und die Thränen,
- Sie löscht das neue Glück,
- Und Hoffen, Fürchten, Sehnen
- Verschmilzt in Einen Blick.
-
-
-
-
- 18.
- Beschluß.
-
-
-Peter fühlte sich von dem Gesange wie von einer lieblichen Gewalt nach
-der Hütte hingezogen. Die Schäferin, welche vor der Thür saß, nahm ihn
-freundlich auf, und ließ ihn in der Hütte ausruhn und sich erquicken.
-Die beiden Alten kamen auch bald zurück, und hießen ihren edlen Gast von
-Herzen willkommen.
-
-Magelone ging indessen im Felde nachdenklich auf und ab, denn sie hatte
-auf den ersten Blick den Ritter erkannt; alle ihre Sorgen waren nun wie
-Schnee vor der Frühlingssonne hinweg geschmolzen, und ihr Lebenslauf lag
-grün und erfrischt vor ihr, so weit nur ihr Auge reichte. Sie ging in
-die Hütte zurück, und gab sich noch nicht zu erkennen.
-
-Nach zweien Tagen war Peter wieder ganz zu Kräften gekommen. Er saß mit
-Magelonen, ohne daß er sie kannte, vor der Thür der Hütte. Bienen und
-Schmetterlinge schwärmten um sie, und Peter faßte ein Zutrauen zu seiner
-Verpflegerin, so daß er ihr seine Geschichte und sein ganzes Unglück
-erzählte. Magelone stand plötzlich auf und ging in ihre Kammer, da löste
-sie ihre goldenen Locken auf, und machte sie von den Banden frei, die
-sie bisher gehalten hatten, dann zog sie ihre köstliche Kleidung an, die
-sie eingeschlossen hielt, und so kam sie plötzlich wieder vor die Augen
-Peters. Er war vor Erstaunen außer sich, er umarmte die wiedergefundene
-Geliebte, dann erzählten sie sich ihre Geschichte wieder, und weinten
-und küßten sich, so daß man hätte ungewiß sein sollen, ob sie vor Jammer
-oder übergroßer Freude so herzbrechend schluchzten. So verging ihnen der
-Tag.
-
-Dann reiste Peter mit Magelonen zu seinen Eltern, sie wurden vermält,
-und alles war in der größten Freude; auch der König von Neapel versöhnte
-sich mit seinem neuen Sohne, und war mit der Heirath wohl zufrieden.
-
-Auf dem Orte, wo Peter seine Magelone wieder gefunden hatte, ließ er
-einen prächtigen Sommerpallast bauen, und setzte den Schäfer zum
-Aufseher hinein, den er mit vielem Lohne überhäufte. Vor dem Pallast
-pflanzte er mit seiner jungen Gattin einen Baum; dann sangen sie
-folgendes Lied, welches sie nachher auf derselben Stelle in jedem
-Frühjahre wiederholten:
-
- Treue Liebe dauert lange,
- Ueberlebet manche Stund,
- Und kein Zweifel macht sie bange,
- Immer bleibt ihr Muth gesund.
-
- Dräuen gleich in dichten Schaaren,
- Fodern gleich zum Wankelmuth
- Sturm und Tod, setzt den Gefahren
- Lieb entgegen treues Blut.
-
- Und wie Nebel stürzt zurücke
- Was den Sinn gefangen hält,
- Und dem heitern Frühlingsblicke
- Oeffnet sich die weite Welt.
-
- Errungen
- Bezwungen
- Von Lieb ist das Glück,
- Verschwunden
- Die Stunden
- Sie fliehen zurück;
- Und selige Lust
- Sie stillet
- Erfüllet
- Die trunkene wonneklopfende Brust,
- Sie scheide
- Von Leide
- Auf immer,
- Und nimmer
- Entschwinde die liebliche, selige, himmlische Lust!
-
- * * * * *
-
-Es war indessen finster geworden. Rosalie klingelte, um Lichter bringen
-zu lassen, worauf sie sich gegen Friedrich wandte und sagte: Mir ist
-seit meiner frühen Jugend schon diese Geschichte bekannt, aber ich danke
-Ihnen dafür, daß Sie das Spital und die Verpflegung der Kranken auf
-diese Weise unnöthig gemacht haben; das ländliche Gemälde der heitern
-Wiese und stillen Einsamkeit sind der Imagination weit angenehmer.
-
-Ich dachte vor Jahren eben so, antwortete Friedrich, und habe mir
-deshalb diese Umänderung erlaubt, mit der ich jezt aber um so
-unzufriedener bin; auch hoffe ich, daß ich Sie wohl noch einmal zu
-meiner Meinung, und zur alten Erzählung zurück führen werde.
-
-Wenn es aber gar nicht erlaubt sein sollte, wandte Auguste ein, alte
-bekannte Geschichten nach Gutdünken und Laune abzuändern, und sie unserm
-Geschmack zuzubereiten, so würden wir ohne Zweifel viel verlieren, denn
-manches ginge ganz unter, das uns so erhalten bleibt. Sind dergleichen
-Erfindungen schon ehemals umgeschrieben und neu erzählt worden, so
-begreife ich nicht, warum diese Freiheit nicht jedem neuern Dichter
-ebenfalls vergönnt sein sollte. In Arabien, wo sie so viele Mährchen
-erzählen, bleibt man gewiß nicht immer der Sache treu, denn in jedem
-Erzähler regt sich die Lust, die Umstände anders zu wenden, sie
-wunderbarer oder anmuthiger zu machen, und sich dadurch die fremde
-Erfindung anzueignen.
-
-Sie mögen nicht Unrecht haben, antwortete Friedrich; wenn aber eine alte
-Erzählung einen so herzlichen Mittelpunkt hat, der der Geschichte einen
-großen und rührenden Charakter giebt, so ist es doch wohl nur die
-Verwöhnung einer neuern Zeit und ihre Beschränktheit, diese Schönheit
-ganz zu verkennen, und sie mit einer willkührlichen Abänderung
-verbessern zu wollen, durch welche das Ganze eben so wohl Mittelpunkt
-als Zweck verliert.
-
-Ich bin Ihrer Meinung, sagte Clara. Giebt es etwas Rührenderes (und zwar
-nicht von der Art des Rührenden, welches man gewöhnlich so nennt), als
-daß sie sich in treuer Liebe und Hoffnungslosigkeit dem Dienst der
-Kranken fromm und andächtig widmet? Lange hat sie dem selbstgewählten
-Berufe mit edler Treue vorgestanden, da kommt er selbst, von Liebe und
-Sehnsucht ermattet, an der Trennung sterbend, in ihre Pflege (nicht, wie
-hier erzählt wird, halb ungetreu); sie kennt ihn nicht, sie nimmt ihn
-auf wie jeden Kranken; da fängt er an zu genesen, er faßt ein Zutrauen
-zu der guten, alt scheinenden Wärterin und erzählt ihr seine Geschichte;
-sie, vor Schrecken und Wonne wie vernichtet, geht in die Kammer, löst
-die rollenden goldgelben Locken auf, wirft das Gewand der Büßenden ab,
-und tritt so im Jugendglanz dem wieder vor Augen, der mit dem Frühling
-der Gesundheit den Lenz der Liebe von neuem aufblühen sieht. Das alte
-Gedicht ist eine Verherrlichung der Liebe und frommen Demuth, die neuere
-Erzählung ist süß freigeisterisch und ungläubig.
-
-Lope de Vega hat unter den Namen der drei Diamanten die Geschichte für
-das Theater bearbeitet, bemerkte Lothar, und sie in seiner etwas lockern
-Manier ausgeführt; auf dasjenige, was nach unserer Meinung der
-Hauptpunkt sein sollte, hat er auch nur wenig Gewicht gelegt. Die Sage
-selbst scheint mir aber auch völlig undramatisch.
-
-Mir nicht, erwiederte Friedrich. Wissen wir doch überhaupt noch nicht
-recht, was wir dramatisch oder undramatisch nennen sollen. Nach unsern
-gewöhnlichen Ansichten gehn die Novelle und Erzählung oft von selbst in
-das Drama über, und viele Novellen sind Komödien nach dieser Meinung, so
-wie wir auch nicht wenige Komödien besitzen, selbst berühmte, die
-durchaus nur dialogisirte Novellen sind. Diese können sehr geistreich
-und witzig sein, wie die des Machiavell zum Beispiel, sind aber darum
-doch noch keine Schauspiele. Damit Erzählung oder Sage Schauspiel werde,
-muß ein neues Element hinzu treten, welches das Ganze allseitig
-durchdringt, und im Mittelpunkte des Gedichtes seine Beglaubigung
-findet: dazu Individualität und scheinbare Willkühr, zugleich eine
-Aufopferung alles dessen, was die Novelle reizend macht, so daß es dem
-ungeübten Auge sogar scheint, als sei eine gute Novelle im Drama nur
-verdorben worden. Nicht selten hat man Shakspears Lustspiele so angesehn
-und beurtheilt. Häufig aber, wenn wir vom Dramatischen sprechen,
-verwechseln wir dieses mit dem Theatralischen, und wiederum ein
-mögliches besseres Theater mit unserm gegenwärtigen und seiner
-ungeschickten Form; und in dieser Verwirrung verwerfen wir viele
-Gegenstände und Gedichte als unschicklich, weil sie sich freilich auf
-unsrer Bühne nicht ausnehmen würden. Sehn wir also ein, daß ein neues
-Element erst das dramatische Werk als ein solches beurkundet, so ist
-wohl ohne Zweifel eine Art der Poesie erlaubt, welche auch das beste
-Theater nicht brauchen kann, sondern in der Phantasie eine Bühne für die
-Phantasie erbaut, und Kompositionen versucht, die vielleicht zugleich
-lyrisch, episch und dramatisch sind, die einen Umfang gewinnen, welcher
-gewissermaßen dem Roman untersagt ist, und sich Kühnheiten aneignen, die
-keinem andern dramatischen Gedichte ziemen. Diese Bühne der Phantasie
-eröffnet der romantischen Dichtkunst ein großes Feld, und auf ihr dürfte
-diese Magelone und manche alte anmuthige Tradition sich wohl zu zeigen
-wagen.
-
-Ernst sagte hierauf: unter einigen gelehrten Italiänern ist es eine alte
-hergebrachte Meinung, daß diese Geschichte, so wie wir sie jezt als
-Volksbuch besitzen, die früheste Uebung des Petrarka gewesen sei, der
-sie so nach einem Manuskript aus dem zwölften Jahrhundert umgearbeitet
-habe. Die Erzählung ist so schön und einfach, daß die Sache an sich
-selbst nicht unwahrscheinlich ist.
-
-Manfred schlug ein lautes Gelächter auf, und sagte nach einiger Zeit: O
-vortrefflich! Die Autoren, die uns den Oktavian und die Heymonskinder in
-ihrer alten treuherzigen Gestalt gaben, waren gewiß auch keine Stümper,
-und wer weiß, ob nicht einst entdeckt wird, daß unser Eulenspiegel
-nichts als eine Umwandlung des berühmten verlorenen Margites ist. Wie
-recht hat Wilhelm Schlegel, wenn er einmal sagt: die gebildeten Stände
-in Deutschland haben noch keine Literatur, aber der Bauer hat sie. Denn
-wohl sind in diesen unscheinbaren schlecht gedruckten Schriften fast
-alle Elemente der Poesie, vom Heroischen bis zum Zärtlichen und hinab
-zum kräftig Komischen, ausgesprochen. Ich muß hier auf meine
-Verwunderung zurück kommen: was meinen nemlich nur die Herren, die mit
-fanatischer Vernünftigkeit und Mangel alles poetischen Sinnes diese
-Bücher verfolgen, sie dem Bauer nehmen und Strafen auf ihre Verbreitung
-setzen? Wenn ich nicht irre, war vor einigen dreißig Jahren der gute
-alte Büsching der erste, welcher auf diesen Krieg antrug; seine Stimme
-wurde damals nicht gehört; jezt aber dringt seine gut gemeinte Thorheit
-durch, zu einer Zeit, wo man sich doch zugleich bemüht, Patriotismus und
-die alten verstorbenen Tugenden, die dem Aufgeklärteren ja auch nur
-Aberglaube waren, wieder aufzupflanzen. Ich möchte mir doch nur das Böse
-nennen und aufzeigen lassen, welches diese unschuldigen Poesien schon
-hervorgebracht haben. Oder hätten diese Herren diese Bücher vielleicht
-gar nicht gelesen? Der Druck ist nicht der beste, die Vignetten sind
-nicht in punktirter Manier, auch hat sich weder Petrarka noch ein andrer
-berühmter Name bei ihrer Herausgabe genannt, und das ist freilich
-verdächtig genug. Sollten denn wirklich etwa die paar freien Späße im
-Eulenspiegel und den Schildbürgern die Nation verderben können? Wird man
-denn die Schenken verschließen, oder einen Polizeiwächter hinein setzen,
-der jeden nicht sittlichen Spaß eines lustigen Bruders aufzeichnet und
-der Behörde einreicht? Oder hofft man wirklich durch das alberne
-moralische Gewäsch, welches sie jezt als Volksbücher drucken lassen, von
-gutgearteten Gatten und saubern Kindern, Birnenmost, Giftkräutern und
-Wohlthätigkeit, die niederen Stände so tief in die edle Gesinnung hinein
-und unterzutauchen, daß keiner mehr eine Zwei- oder Eindeutigkeit
-spricht und denkt? O der glorreichen Aussicht in das künftige
-Jahrhundert!
-
-Suchte man nur etwa, sagte Wilibald, die astrologischen und
-Zauberbücher, deren es noch hie und da, aber auch nur selten giebt, zu
-verbannen, so hätte die Sache Sinn, aber so ist sie freilich eine
-Erscheinung, die im grellsten Widerspruche mit der Zeit steht, die
-dieselben verfolgten Bücher zu achten und zu studiren anfängt.
-
-Im Gegentheil, fuhr Ernst fort, sollten wir dem gemeinen Manne nicht nur
-diese Poesien lassen, sondern ihm auch eine ihm verständliche
-Bearbeitung der Niebelungen und der Heldenbücher in die Hände zu spielen
-suchen, damit er sich vor der weichlichen leeren Leserei bewahre, die
-auch ihn zu ergreifen und auszuhöhlen droht. Der Spanier hat, zu unsrer
-Beschämung, eine höchst wohlfeile Ausgabe seines vortrefflichen Don
-Quixote, mit schlechten Holzschnitten und auf grobem Papier. Aber bei
-uns ist es keinem, auch in der ersten Begeisterung eingefallen, dem
-deutschen Bauer etwa den Götz von Berlichingen so anzubieten. Ließe man
-doch überhaupt das Bewachen des Volks, und lernte es erst kennen, wäre
-dann selber erzogen, um andre zu erziehn, und suchte nicht eine falsche,
-schwächliche Bildung Nationen aufzuprägen.
-
-Mit Verlaub, sagte Theodor, daß ich diesen Diskurs unterbreche, es wird
-sonst Mitternacht, ehe wir unsre Vorlesungen geendigt haben.
-
-Er fing an.
-
-
-
-
- Die Elfen.
- 1811.
-
-
-Wo ist denn die Marie, unser Kind? fragte der Vater.
-
-Sie spielt draußen auf dem grünen Platze, antwortete die Mutter, mit dem
-Sohne unsers Nachbars.
-
-Daß sie sich nicht verlaufen, sagte der Vater besorgt; sie sind
-unbesonnen.
-
-Die Mutter sah nach den Kleinen und brachte ihnen ihr Vesperbrod. Es ist
-heiß! sagte der Bursche, und das kleine Mädchen langte begierig nach den
-rothen Kirschen. Seid nur vorsichtig, Kinder, sprach die Mutter, lauft
-nicht zu weit vom Hause, oder in den Wald hinein, ich und der Vater gehn
-aufs Feld hinaus. Der junge Andres antwortete: o sei ohne Sorge, denn
-vor dem Walde fürchten wir uns, wir bleiben hier beim Hause sitzen, wo
-Menschen in der Nähe sind.
-
-Die Mutter ging und kam bald mit dem Vater wieder heraus. Sie
-verschlossen ihre Wohnung und wandten sich nach dem Felde, um nach den
-Knechten und zugleich auf der Wiese nach der Heuernte zu sehn. Ihr Haus
-lag auf einer kleinen grünen Anhöhe, von einem zierlichen Stakete
-umgeben, welches auch ihren Frucht- und Blumengarten umschloß; das Dorf
-zog sich etwas tiefer hinunter, und jenseit erhob sich das gräfliche
-Schloß. Martin hatte von der Herrschaft das große Gut gepachtet, und
-lebte mit seiner Frau und seinem einzigen Kinde vergnügt, denn er legte
-jährlich zurück, und hatte die Aussicht, durch Thätigkeit ein
-vermögender Mann zu werden, da der Boden ergiebig war und der Graf ihn
-nicht drückte.
-
-Indem er mit seiner Frau nach seinen Feldern ging, schaute er fröhlich
-um sich, und sagte: wie ist doch die Gegend hier so ganz anders,
-Brigitte, als diejenige, in der wir sonst wohnten. Hier ist es so grün,
-das ganze Dorf prangt von dichtgedrängten Obstbäumen, der Boden ist voll
-schöner Kräuter und Blumen, alle Häuser sind munter und reinlich, die
-Einwohner wohlhabend, ja mir dünkt, die Wälder hier sind schöner und der
-Himmel blauer, und so weit nur das Auge reicht, sieht man seine Lust und
-Freude an der freigebigen Natur.
-
-So wie man nur, sagte Brigitte, dort jenseit des Flusses ist, so
-befindet man sich wie auf einer andern Erde, alles so traurig und dürr;
-jeder Reisende behauptet aber auch, daß unser Dorf weit und breit in der
-Runde das schönste sei.
-
-Bis auf jenen Tannengrund, erwiederte der Mann; schau einmal dorthin
-zurück, wie schwarz und traurig der abgelegene Fleck in der ganzen
-heitern Umgebung liegt; hinter den dunkeln Tannenbäumen die rauchige
-Hütte, die verfallenen Ställe, der schwermüthig vorüberfließende Bach.
-
-Es ist wahr, sagte die Frau, indem beide still standen, so oft man sich
-jenem Platze nur nähert, wird man traurig und beängstigt, man weiß
-selbst nicht warum. Wer nur die Menschen eigentlich sein mögen, die dort
-wohnen, und warum sie sich doch nur so von allen in der Gemeinde
-entfernt halten, als wenn sie kein gutes Gewissen hätten.
-
-Armes Gesindel, erwiederte der junge Pachter, dem Anschein nach
-Zigeunervolk, die in der Ferne rauben und betrügen, und hier vielleicht
-ihren Schlupfwinkel haben. Mich wundert nur, daß die gnädige Herrschaft
-sie duldet.
-
-Es können auch wohl, sagte die Frau weichmüthig, arme Leute sein, die
-sich ihrer Armuth schämen, denn man kann ihnen doch eben nichts Böses
-nachsagen; nur ist es bedenklich, daß sie sich nicht zur Kirche halten,
-und man auch eigentlich nicht weiß, wovon sie leben, denn der kleine
-Garten, der noch dazu ganz wüst zu liegen scheint, kann sie unmöglich
-ernähren, und Felder haben sie nicht.
-
-Weiß der liebe Gott, fuhr Martin fort, indem sie weiter gingen, was sie
-treiben mögen; kommt doch auch kein Mensch zu ihnen, denn der Ort, wo
-sie wohnen, ist ja wie verbannt und verhext, so daß sich auch die
-vorwitzigsten Bursche nicht hingetrauen.
-
-Dieses Gespräch setzten sie fort, indem sie sich in das Feld wandten.
-Jene finstre Gegend, von welcher sie sprachen, lag abseits vom Dorfe. In
-einer Vertiefung, welche Tannen umgaben, zeigte sich eine Hütte und
-verschiedene fast zertrümmerte Wirthschaftsgebäude, nur selten sah man
-Rauch dort aufsteigen, noch seltner wurde man Menschen gewahr;
-jezuweilen hatten Neugierige, die sich etwas näher gewagt, auf der Bank
-vor der Hütte einige abscheuliche Weiber in zerlumptem Anzuge
-wahrgenommen, auf deren Schooß eben so häßliche und schmuzige Kinder
-sich wälzten; schwarze Hunde liefen vor dem Reviere, in Abendstunden
-ging wohl ein ungeheurer Mann, den Niemand kannte, über den Steg des
-Baches und verlor sich in die Hütte hinein; dann sah man in der
-Finsterniß sich verschiedene Gestalten, wie Schatten um ein ländliches
-Feuer bewegen. Dieser Grund, die Tannen und die verfallene Hütte machten
-wirklich in der heitern grünen Landschaft, gegen die weißen Häuser des
-Dorfes und gegen das prächtige neue Schloß, den sonderbarsten Abstich.
-
-Die beiden Kinder hatten jezt die Früchte verzehrt; sie verfielen
-darauf, in die Wette zu laufen, und die kleine behende Marie gewann dem
-langsameren Andres immer den Vorsprung ab. So ist es keine Kunst! rief
-endlich dieser aus, aber laß es uns einmal in die Weite versuchen, dann
-wollen wir sehen, wer gewinnt! Wie du willst, sagte die Kleine, nur nach
-dem Strome dürfen wir nicht laufen. Nein, erwiederte Andres, aber dort
-auf jenem Hügel steht der große Birnbaum, eine Viertelstunde von hier,
-ich laufe hier links um den Tannengrund vorbei, du kannst rechts in das
-Feld hinein rennen, daß wir nicht eher als oben wieder zusammen kommen,
-so sehen wir dann, wer der beste ist.
-
-Gut, sagte Marie, und fing schon an zu laufen, so hindern wir uns auch
-nicht auf demselben Wege, und der Vater sagt ja, es sei zum Hügel hinauf
-gleich weit, ob man diesseits, ob man jenseits der Zigeunerwohnung geht.
-
-Andres war schon vorangesprungen und Marie, die sich rechts wandte, sah
-ihn nicht mehr. Er ist eigentlich dumm, sagte sie zu sich selbst, denn
-ich dürfte nur den Muth fassen, über den Steg, bei der Hütte vorbei, und
-drüben wieder über den Hof hinaus zu laufen, so käme ich gewiß viel
-früher an. Schon stand sie vor dem Bache und dem Tannenhügel. Soll ich?
-Nein, es ist doch zu schrecklich, sagte sie. Ein kleines weißes Hündchen
-stand jenseit und bellte aus Leibeskräften. Im Erschrecken kam das Thier
-ihr wie ein Ungeheuer vor, und sie sprang zurück. O weh! sagte sie, nun
-ist der Bengel weit voraus, weil ich hier steh und überlege. Das
-Hündchen bellte immer fort, und da sie es genauer betrachtete, kam es
-ihr nicht mehr fürchterlich, sondern im Gegentheil ganz allerliebst vor:
-es hatte ein rothes Halsband um, mit einer glänzenden Schelle, und so
-wie es den Kopf hob und sich im Bellen schüttelte, erklang die Schelle
-äußerst lieblich. Ei! es will nur gewagt sein! rief die kleine Marie,
-ich renne was ich kann, und bin schnell, schnell jenseit wieder hinaus,
-sie können mich doch eben nicht gleich von der Erde weg auffressen!
-Somit sprang das muntere muthige Kind auf den Steg, rasch an den kleinen
-Hund vorüber, der still ward und sich an ihr schmeichelte, und nun stand
-sie im Grunde, und rund umher verdeckten die schwarzen Tannen die
-Aussicht nach ihrem elterlichen Hause und der übrigen Landschaft.
-
-Aber wie war sie verwundert. Der bunteste, fröhlichste Blumengarten
-umgab sie, in welchem Tulpen, Rosen und Lilien mit den herrlichsten
-Farben leuchteten, blaue und goldrothe Schmetterlinge wiegten sich in
-den Blüten, in Käfigen aus glänzendem Drath hingen an den Spalieren
-vielfarbige Vögel, die herrliche Lieder sangen, und Kinder in weißen
-kurzen Röckchen, mit gelockten gelben Haaren und hellen Augen, sprangen
-umher, einige spielten mit kleinen Lämmern, andere fütterten die Vögel,
-oder sammelten Blumen und schenkten sie einander, andere wieder aßen
-Kirschen, Weintrauben und röthliche Aprikosen. Keine Hütte war zu sehn,
-aber wohl stand ein großes schönes Haus mit eherner Thür und erhabenem
-Bildwerk leuchtend in der Mitte des Raumes. Marie war vor Erstaunen
-außer sich und wußte sich nicht zu finden; da sie aber nicht blöde war,
-ging sie gleich zum ersten Kinde, reichte ihm die Hand und bot ihm guten
-Tag. Kommst du uns auch einmal zu besuchen? sagte das glänzende Kind;
-ich habe dich draußen rennen und springen sehn, aber vor unserm Hündchen
-hast du dich gefürchtet. -- So seid ihr wohl keine Zigeuner und
-Spitzbuben, sagte Marie, wie Andres immer spricht? O freilich ist der
-nur dumm, und redet viel in den Tag hinein. -- Bleib nur bei uns, sagte
-die wunderbare Kleine, es soll dir schon gefallen. -- Aber wir laufen ja
-in die Wette. -- Zu ihm kommst du noch früh genug zurück. Da nimm, und
-iß! -- Marie aß, und fand die Früchte so süß, wie sie noch keine
-geschmeckt hatte, und Andres, der Wettlauf, und das Verbot ihrer Eltern
-waren gänzlich vergessen.
-
-Eine große Frau in glänzendem Kleide trat herzu, und fragte nach dem
-fremden Kinde. Schönste Dame, sagte Marie, von ohngefähr bin ich herein
-gelaufen, und da wollen sie mich hier behalten. Du weißt, Zerina, sagte
-die Schöne, daß es ihr nur kurze Zeit erlaubt ist, auch hättest du mich
-erst fragen sollen. Ich dachte, sagte das glänzende Kind, weil sie doch
-schon über die Brücke gelassen war, könnt' ich es thun; auch haben wir
-sie ja oft im Felde laufen sehn, und du hast dich selber über ihr
-muntres Wesen gefreut; wird sie uns doch früh genug verlassen müssen.
-
-Nein, ich will hier bleiben, sagte die Fremde, denn hier ist es schön,
-auch finde ich hier das beste Spielzeug und dazu Erdbeeren und Kirschen,
-draußen ist es nicht so herrlich.
-
-Die goldbekleidete Frau entfernte sich lächelnd, und viele von den
-Kindern sprangen jezt um die fröhliche Marie mit Lachen her, neckten sie
-und ermunterten sie zu Tänzen, andre brachten ihr Lämmer oder
-wunderbares Spielgeräth, andre machten auf Instrumenten Musik und sangen
-dazu. Am liebsten aber hielt sie sich zu der Gespielin, die ihr zuerst
-entgegen gegangen war, denn sie war die freundlichste und holdseligste
-von allen. Die kleine Marie rief einmal über das andre: ich will immer
-bei euch bleiben und ihr sollt meine Schwestern sein, worüber alle
-Kinder lachten und sie umarmten. Jezt wollen wir ein schönes Spiel
-machen, sagte Zerina. Sie lief eilig in den Pallast und kam mit einem
-goldenen Schächtelchen zurück, in welchem sich glänzender Saamenstaub
-befand. Sie faßte mit den kleinen Fingern, und streute einige Körner auf
-den grünen Boden. Alsbald sah man das Gras wie in Wogen rauschen, und
-nach wenigen Augenblicken schlugen glänzende Rosengebüsche aus der Erde,
-wuchsen schnell empor und entfalteten sich plötzlich, indem der süßeste
-Wohlgeruch den Raum erfüllte. Auch Maria faßte von dem Staube, und als
-sie ihn ausgestreut hatte, tauchten weiße Lilien und die buntesten
-Nelken hervor. Auf einen Wink Zerinas verschwanden die Blumen wieder und
-andre erschienen an ihrer Stelle. Jezt, sagte Zerina, mache dich auf
-etwas Größeres gefaßt. Sie legte zwei Pinienkörner in den Boden und
-stampfte sie heftig mit dem Fuße ein. Zwei grüne Sträucher standen vor
-ihnen. Fasse dich fest mit mir, sagte sie, und Maria schlang die Arme um
-den zarten Leib. Da fühlte sie sich empor gehoben, denn die Bäume
-wuchsen unter ihnen mit der größten Schnelligkeit; die hohen Pinien
-bewegten sich und die beiden Kinder hielten sich hin und wieder
-schwebend in den rothen Abendwolken umarmt und küßten sich; die andern
-Kleinen kletterten mit behender Geschicklichkeit an den Stämmen der
-Bäume auf und nieder, und stießen und neckten sich, wenn sie sich
-begegneten, unter lautem Gelächter. Stürzte eins der Kinder im Gedränge
-hinunter, so flog es durch die Luft und senkte sich langsam und sicher
-zur Erde hinab. Endlich fürchtete sich Marie; die andre Kleine sang
-einige laute Töne, und die Bäume versenkten sich wieder eben so
-allgemach in den Boden, und setzten sie nieder, als sie sich erst in die
-Wolken gehoben hatten.
-
-Sie gingen durch die erzene Thür des Pallastes. Da saßen viele schöne
-Frauen umher, ältere und junge, im runden Saal, sie genossen die
-lieblichsten Früchte, und eine herrliche unsichtbare Musik erklang. In
-der Wölbung der Decke waren Palmen, Blumen und Laubwerk gemalt, zwischen
-denen Kinderfiguren in den anmuthigsten Stellungen kletterten und
-schaukelten; nach den Tönen der Musik verwandelten sich die Bildnisse
-und glühten in den brennendsten Farben; bald war das Grüne und Blaue wie
-helles Licht funkelnd, dann sank die Farbe erblassend zurück, der Purpur
-flammte auf und das Gold entzündete sich; dann schienen die nackten
-Kinder in den Blumengewinden zu leben, und mit den rubinrothen Lippen
-den Athem einzuziehn und auszuhauchen, so daß man wechselnd den Glanz
-der weißen Zähnchen wahrnahm, so wie das Aufleuchten der himmelblauen
-Augen.
-
-Aus dem Saale führten eherne Stufen in ein großes unterirdisches Gemach.
-Hier lag viel Gold und Silber, und Edelsteine von allen Farben funkelten
-dazwischen. Wundersame Gefäße standen an den Wänden umher, alle schienen
-mit Kostbarkeiten angefüllt. Das Gold war in mannichfaltigen Gestalten
-gearbeitet und schimmerte mit der freundlichsten Röthe. Viele kleine
-Zwerge waren beschäftigt, die Stücke auseinander zu suchen und sie in
-die Gefäße zu legen; andre, höckricht und krummbeinicht, mit langen
-rothen Nasen, trugen schwer und vorn über gebückt Säcke herein, so wie
-die Müller Getraide, und schütteten die Goldkörner keuchend auf dem
-Boden aus. Dann sprangen sie ungeschickt rechts und links, und griffen
-die rollenden Kugeln, die sich verlaufen wollten, und es geschah nicht
-selten, daß einer den andern im Eifer umstieß, so daß sie schwer und
-tölpisch zur Erde fielen. Sie machten verdrüßliche Gesichter und sahen
-scheel, als Marie über ihre Geberden und Häßlichkeit lachte. Hinten saß
-ein alter eingeschrumpfter kleiner Mann, welchen Zerina ehrerbietig
-grüßte, und der nur mit ernstem Kopfnicken dankte. Er hielt ein Zepter
-in der Hand und trug eine Krone auf dem Haupte, alle übrigen Zwerge
-schienen ihn für ihren Herren anzuerkennen und seinen Winken zu
-gehorchen. Was giebts wieder? fragte er mürrisch, als die Kinder ihm
-etwas näher kamen. Marie schwieg furchtsam, aber ihre Gespielin
-antwortete, daß sie nur gekommen seien, sich in den Kammern umzuschauen.
-Immer die alten Kindereien! sagte der Alte; wird der Müßiggang nie
-aufhören? Darauf wandte er sich wieder an sein Geschäft und ließ die
-Goldstücke wägen und aussuchen; andre Zwerge schickte er fort, manchen
-schalt er zornig. Wer ist der Herr? fragte Marie; unser Metallfürst,
-sagte die Kleine, indem sie weiter gingen.
-
-Sie schienen sich wieder im Freien zu befinden, denn sie standen an
-einem großen Teiche, aber doch schien keine Sonne, und sie sahen keinen
-Himmel über sich. Ein kleiner Nachen empfing sie, und Zerina ruderte
-sehr ämsig. Die Fahrt ging schnell. Als sie in die Mitte des Teiches
-gekommen waren, sah Marie, daß tausend Röhren, Kanäle und Bäche sich aus
-dem kleinen See nach allen Richtungen verbreiteten. Diese Wasser rechts,
-sagte das glänzende Kind, fließen unter euren Garten hinab, davon blüht
-dort alles so frisch; von hier kömmt man in den großen Strom hinunter.
-Plötzlich kamen aus allen Kanälen und aus dem See unendlich viele Kinder
-auftauchend angeschwommen, viele trugen Kränze von Schilf und
-Wasserlilien, andre hielten rothe Korallenzacken, und wieder andre
-bliesen auf krummen Muscheln; ein verworrenes Getöse schallte lustig von
-den dunkeln Ufern wieder; zwischen den Kleinen bewegten sich schwimmend
-die schönsten Frauen, und oft sprangen viele Kinder zu der einen oder
-der andern, und hingen ihnen mit Küssen um Hals und Nacken. Alle
-begrüßten die Fremde; zwischen diesem Getümmel hindurch fuhren sie aus
-dem See in einen kleinen Fluß hinein, der immer enger und enger ward.
-Endlich stand der Nachen. Man nahm Abschied und Zerina klopfte an den
-Felsen. Wie eine Thür that sich dieser von einander, und eine ganz rothe
-weibliche Gestalt half ihnen aussteigen. Geht es recht lustig zu? fragte
-Zerina. Sie sind eben in Thätigkeit, antwortete jene, und so freudig,
-wie man sie nur sehn kann, aber die Wärme ist auch äußerst angenehm.
-
-Sie stiegen eine Wendeltreppe hinauf, und plötzlich sah sich Marie in
-dem glänzendsten Saal, so daß beim Eintreten ihre Augen vom hellen
-Lichte geblendet waren. Feuerrothe Tapeten bedeckten mit Purpurgluth die
-Wände, und als sich das Auge etwas gewöhnt hatte, sah sie zu ihrem
-Erstaunen, wie im Teppich sich Figuren tanzend auf und nieder in der
-größten Freude bewegten, die so lieblich gebaut und von so schönen
-Verhältnissen waren, daß man nichts Anmuthigeres sehn konnte; ihr Körper
-war wie von röthlichem Kristall, so daß es schien, als flösse und
-spielte in ihnen sichtbar das bewegte Blut. Sie lachten das fremde Kind
-an, und begrüßten es mit verschiedenen Beugungen; aber als Marie näher
-gehen wollte, hielt sie Zerina plötzlich mit Gewalt zurück, und rief: du
-verbrennst dich, Mariechen, denn alles ist Feuer!
-
-Marie fühlte die Hitze. Warum kommen nur, sagte sie, die allerliebsten
-Kreaturen nicht zu uns heraus, und spielen mit uns? Wie du in der Luft
-lebst, sagte jene, so müssen sie immer im Feuer bleiben, und würden hier
-draußen verschmachten. Sieh nur, wie ihnen wohl ist, wie sie lachen und
-kreischen; jene dort unten verbreiten die Feuerflüsse von allen Seiten
-unter der Erde hin, davon wachsen nun die Blumen, die Früchte und der
-Wein; die rothen Ströme gehn neben den Wasserbächen, und so sind die
-flammigen Wesen immer thätig und freudig. Aber dir ist es hier zu heiß,
-wir wollen wieder hinaus in den Garten gehn.
-
-Hier hatte sich die Scene verwandelt. Der Mondschein lag auf allen
-Blumen, die Vögel waren still und die Kinder schliefen in
-mannichfaltigen Gruppen in den grünen Lauben. Marie und ihre Freundin
-fühlten aber keine Müdigkeit, sondern lustwandelten in der warmen
-Sommernacht unter vielerlei Gesprächen bis zum Morgen.
-
-Als der Tag anbrach, erquickten sie sich an Früchten und Milch, und
-Marie sagte: laß uns doch zur Abwechselung einmal nach den Tannen hinaus
-gehn, wie es dort aussehen mag. Gern, sagte Zerina, so kannst du auch
-zugleich dorten unsre Schildwachen besuchen, die dir gewiß gefallen
-werden, sie stehn oben auf dem Walle zwischen den Bäumen. Sie gingen
-durch die Blumengärten, durch anmuthige Haine voller Nachtigallen, dann
-stiegen sie über Rebenhügel, und kamen endlich, nachdem sie lange den
-Windungen eines klaren Baches nachgefolgt waren, zu den Tannen und der
-Erhöhung, welche das Gebiet begränzte. Wie kommt es nur, fragte Marie,
-daß wir hier innerhalb so weit zu gehn haben, da doch draußen der
-Umkreis nur so klein ist? Ich weiß nicht, antwortete die Freundin, wie
-es zugeht, aber es ist so. Sie stiegen zu den finstern Tannen hinauf,
-und ein kalter Wind wehte ihnen von draußen entgegen; ein Nebel schien
-weit umher auf der Landschaft zu liegen. Oben standen wunderliche
-Gestalten, mit mehligen bestäubten Angesichtern, den widerlichen
-Häuptern der weißen Eulen nicht unähnlich; sie waren in faltigen Mänteln
-von zottiger Wolle gekleidet, und hielten Regenschirme von seltsamen
-Häuten ausgespannt über sich; mit Fledermausflügeln, die abentheuerlich
-neben dem Rockelor hervor starrten, wehten und fächelten sie unablässig.
-Ich möchte lachen und mir graut, sagte Marie. Diese sind unsre guten
-fleißigen Wächter, sagte die kleine Gespielin, sie stehen hier und
-wehen, damit jeden kalte Angst und wundersames Fürchten befällt, der
-sich uns nähern will; sie sind aber so bedeckt, weil es jezt draußen
-regnet und friert, was sie nicht vertragen können. Hier unten kommt
-niemals Schnee und Wind, noch kalte Luft her, hier ist ein ewiger Sommer
-und Frühling, doch wenn die da oben nicht oft abgelöst würden, so
-vergingen sie gar.
-
-Aber wer seid ihr denn, fragte Marie, indem sie wieder in die
-Blumendüfte hinunter stiegen, oder habt ihr keinen Namen, woran man euch
-erkennt?
-
-Wir heißen Elfen, sagte das freundliche Kind, man spricht auch wohl in
-der Welt von uns, wie ich gehört habe.
-
-Sie hörten auf der Wiese ein großes Getümmel. Der schöne Vogel ist
-angekommen! riefen ihnen die Kinder entgegen; alles eilte in den Saal.
-Sie sahen indem schon, wie Jung und Alt sich über die Schwelle drängte,
-alle jauchzten und von innen scholl eine jubilirende Musik heraus. Als
-sie hinein getreten waren, sahen sie die große Rundung von den
-mannichfaltigsten Gestalten angefüllt, und alle schauten nach einem
-großen Vogel hinauf, der in der Kuppel mit glänzendem Gefieder langsam
-fliegend vielfache Kreise beschrieb. Die Musik klang fröhlicher als
-sonst, die Farben und Lichter wechselten schneller. Endlich schwieg die
-Musik, und der Vogel schwang sich rauschend auf eine glänzende Krone,
-die unter dem hohen Fenster schwebte, welches von oben die Wölbung
-erleuchtete. Sein Gefieder war purpurn und grün, durch welches sich die
-glänzendsten goldenen Streifen zogen, auf seinem Haupte bewegte sich ein
-Diadem von so hellleuchtenden kleinen Federn, daß sie wie Edelgesteine
-blitzten. Der Schnabel war roth und die Beine glänzend blau. Wie er sich
-regte, schimmerten alle Farben durcheinander, und das Auge war entzückt.
-Seine Größe war die eines Adlers. Aber jezt eröffnete er den leuchtenden
-Schnabel, und so süße Melodie quoll aus seiner bewegten Brust, in
-schönern Tönen, als die der liebesbrünstigen Nachtigall; mächtiger zog
-der Gesang und goß sich wie Lichtstrahlen aus, so daß alle, bis auf die
-kleinsten Kinder selbst, vor Freuden und Entzückungen weinen mußten. Als
-er geendigt hatte, neigten sich alle vor ihm, er umflog wieder in
-Kreisen die Wölbung, schoß dann durch die Thür und schwang sich in den
-lichten Himmel, wo er oben bald nur noch wie ein rother Punkt erglänzte
-und sich den Augen dann schnell verlor.
-
-Warum seid ihr alle so in Freude? fragte Marie und neigte sich zum
-schönen Kinde, das ihr kleiner als gestern vorkam. Der König kommt!
-sagte die Kleine, den haben viele von uns noch gar nicht gesehn, und wo
-er sich hinwendet ist Glück und Fröhlichkeit; wir haben schon lange auf
-ihn gehofft, sehnlicher, als ihr nach langem Winter auf den Frühling
-wartet, und nun hat er durch diesen schönen Botschafter seine Ankunft
-melden lassen. Dieser herrliche und verständige Vogel, der im Dienst des
-Königes gesandt wird, heißt Phönix, er wohnt fern in Arabien auf einem
-Baum, der nur einmal in der Welt ist, so wie es auch keinen zweiten
-Phönix giebt. Wenn er sich alt fühlt, trägt er aus Balsam und Weihrauch
-ein Nest zusammen, zündet es an und verbrennt sich selbst, so stirbt er
-singend, und aus der duftenden Asche schwingt sich dann der verjüngte
-Phönix mit neuer Schönheit wieder auf. Selten nur nimmt er seinen Flug
-so, daß ihn die Menschen sehn, und geschieht es einmal in Jahrhunderten,
-so zeichnen sie es in ihre Denkbücher auf, und erwarten wundervolle
-Begebenheiten. Aber nun, meine Freundin, wirst du auch scheiden müssen,
-denn der Anblick des Königes ist dir nicht vergönnt.
-
-Da wandelte die goldbekleidete schöne Frau durch das Gedränge, winkte
-Marien zu sich und ging mit ihr unter einen einsamen Laubengang; du mußt
-uns verlassen, mein geliebtes Kind, sagte sie; der König will auf
-zwanzig Jahr, und vielleicht auf länger, sein Hoflager hier halten, nun
-wird sich Fruchtbarkeit und Segen weit in die Landschaft verbreiten, am
-meisten hier in der Nähe; alle Brunnen und Bäche werden ergiebiger, alle
-Aecker und Gärten reicher, der Wein edler, die Wiese fetter und der Wald
-frischer und grüner; mildere Luft weht, kein Hagel schadet, keine
-Ueberschwemmung droht. Nimm diesen Ring und gedenke unser, doch hüte
-dich, irgend wem von uns zu erzählen, sonst müssen wir diese Gegend
-fliehen, und alle umher, so wie du selbst, entbehren dann das Glück und
-die Segnung unsrer Nähe: noch einmal küsse deine Gespielin und lebe
-wohl. Sie traten heraus, Zerina weinte, Marie bückte sich, sie zu
-umarmen, sie trennten sich. Schon stand sie auf der schmalen Brücke, die
-kalte Luft wehte hinter ihr aus den Tannen, das Hündchen bellte auf das
-herzhafteste und ließ sein Glöckchen ertönen; sie sah zurück und eilte
-in das Freie, weil die Dunkelheit der Tannen, die Schwärze der
-verfallenen Hütten, die dämmernden Schatten sie mit ängstlicher Furcht
-befielen.
-
-Wie werden sich meine Eltern meinethalb in dieser Nacht geängstigt
-haben! sagte sie zu sich selbst, als sie auf dem Felde stand, und ich
-darf ihnen doch nicht erzählen, wo ich gewesen bin und was ich gesehn
-habe, auch würden sie mir nimmermehr glauben. Zwei Männer gingen an ihr
-vorüber, die sie grüßten, und sie hörte hinter sich sagen: das ist ein
-schönes Mädchen! Wo mag sie nur her sein? Mit eiligeren Schritten
-näherte sie sich dem elterlichen Hause, aber die Bäume, die gestern
-voller Früchte hingen, standen heute dürr und ohne Laub, das Haus war
-anders angestrichen, und eine neue Scheune daneben erbaut. Marie war in
-Verwunderung, und dachte, sie sei im Traum; in dieser Verwirrung öffnete
-sie die Thür des Hauses, und hinter dem Tische saß ihr Vater zwischen
-einer unbekannten Frau und einem fremden Jüngling. Mein Gott, Vater!
-rief sie aus, wo ist denn die Mutter? -- die Mutter? sprach die Frau
-ahndend, und stürzte hervor; ei, du bist doch wohl nicht, -- ja
-freilich, freilich bist du die verlorene, die todt geglaubte, die liebe
-einzige Marie! Sie hatte sie gleich an einem kleinen braunen Male unter
-dem Kinn, an den Augen und der Gestalt erkannt. Alle umarmten sie, alle
-waren freudig bewegt, und die Eltern vergossen Thränen. Marie
-verwunderte sich, daß sie fast zum Vater hinauf reichte, sie begriff
-nicht, wie die Mutter so verändert und geältert sein konnte, sie fragte
-nach dem Namen des jungen Menschen. Es ist ja unsers Nachbars Andres,
-sagte Martin, wie kommst du nur nach sieben langen Jahren so unvermuthet
-wieder? wo bist du gewesen? Warum hast du denn gar nichts von dir hören
-lassen? -- Sieben Jahr? sagte Marie, und konnte sich in ihren
-Vorstellungen und Erinnerungen nicht wieder zurecht finden; sieben
-ganzer Jahre? Ja, ja, sagte Andres lachend, und schüttelte ihr
-treuherzig die Hand; ich habe gewonnen, Mariechen, ich bin schon vor
-sieben Jahren an dem Birnbaum und wieder hieher zurück gewesen, und du
-Langsame, kommst nun heut erst an!
-
-Man fragte von neuem, man drang in sie, doch sie, des Verbotes
-eingedenk, konnte keine Antwort geben. Man legte ihr fast die Erzählung
-in den Mund, daß sie sich verirrt habe, auf einen vorbeifahrenden Wagen
-genommen, und an einen fremden Ort geführt sei, wo sie den Leuten den
-Wohnsitz ihrer Eltern nicht habe bezeichnen können; wie man sie nachher
-nach einer weit entlegenen Stadt gebracht habe, wo gute Menschen sie
-erzogen und geliebt; wie diese nun gestorben, und sie sich endlich
-wieder auf ihre Geburtsgegend besonnen, eine Gelegenheit zur Reise
-ergriffen habe und so zurück gekehrt sei. Laßt alles gut sein, rief die
-Mutter; genug, daß wir dich nur wieder haben, mein Töchterchen, du meine
-Einzige, mein Alles!
-
-Andres blieb zum Abendbrod, und Marie konnte sich noch in nichts finden.
-Das Haus dünkte ihr klein und finster, sie verwunderte sich über ihre
-Tracht, die reinlich und einfach, aber ganz fremd erschien; sie
-betrachtete den Ring am Finger, dessen Gold wundersam glänzte und einen
-roth brennenden Stein künstlich einfaßte. Auf die Frage des Vaters
-antwortete sie, daß der Ring ebenfalls ein Geschenk ihrer Wohlthäter
-sei.
-
-Sie freute sich auf die Schlafenszeit, und eilte zur Ruhe. Am andern
-Morgen fühlte sie sich besonnener, sie hatte ihre Vorstellungen mehr
-geordnet, und konnte den Leuten aus dem Dorfe, die alle sie zu begrüßen
-kamen, besser Red' und Antwort geben. Andres war schon mit dem Frühesten
-wieder da, und zeigte sich äußerst geschäftig, erfreut und dienstfertig.
-Das funfzehnjährige aufgeblühte Mädchen hatte ihm einen tiefen Eindruck
-gemacht, und die Nacht war ihm ohne Schlaf vergangen. Die Herrschaft
-ließ Marien auf das Schloß fordern, sie mußte hier wieder ihre
-Geschichte erzählen, die ihr nun schon geläufig geworden war; der alte
-Herr und die gnädige Frau bewunderten ihre gute Erziehung, denn sie war
-bescheiden, ohne verlegen zu sein, sie antwortete höflich und in guten
-Redensarten auf alle vorgelegten Fragen; die Furcht vor den vornehmen
-Menschen und ihrer Umgebung hatte sich bei ihr verloren, denn wenn sie
-diese Säle und Gestalten mit den Wundern und der hohen Schönheit maß,
-die sie bei den Elfen im heimlichen Aufenthalt gesehen hatte, so
-erschien ihr dieser irdische Glanz nur dunkel, die Gegenwart der
-Menschen fast geringe. Die jungen Herren waren vorzüglich über ihre
-Schönheit entzückt.
-
-Es war im Februar. Die Bäume belaubten sich früher als je, so zeitig
-hatte sich die Nachtigall noch niemals eingestellt, der Frühling kam
-schöner in das Land, als ihn sich die ältesten Greise erinnern konnten.
-Aller Orten thaten sich Bächlein hervor und tränkten die Wiesen und
-Auen; die Hügel schienen zu wachsen, die Rebengeländer erhuben sich
-höher, die Obstbäume blühten wie niemals, und ein schwellender duftender
-Segen hing schwer in Blütenwolken über der Landschaft. Alles gedieh über
-Erwarten, kein rauher Tag, kein Sturm beschädigte die Frucht; der Wein
-quoll erröthend in ungeheuern Trauben, und die Einwohner des Ortes
-staunten sich an, und waren wie in einem süßen Traum befangen. Das
-folgende Jahr war eben so, aber man war schon an das Wundersame mehr
-gewöhnt. Im Herbst gab Marie den dringenden Bitten des Andres und ihrer
-Eltern nach: sie ward seine Braut und im Winter mit ihm verheirathet.
-
-Oft dachte sie mit inniger Sehnsucht an ihren Aufenthalt hinter den
-Tannenbäumen zurück; sie blieb still und ernst. So schön auch alles war,
-was sie umgab, so kannte sie doch etwas noch Schöneres, wodurch eine
-leise Trauer ihr Wesen zu einer sanften Schwermuth stimmte. Schmerzhaft
-traf es sie, wenn der Vater oder ihr Mann von den Zigeunern und Schelmen
-sprachen, die im finstern Grunde wohnten; oft wollte sie sie
-vertheidigen, die sie als Wohlthäter der Gegend kannte, vorzüglich gegen
-Andres, der eine Lust im eifrigen Schelten zu finden schien, aber sie
-zwang das Wort jedesmal in ihre Brust zurück. So verlebte sie das Jahr,
-und im folgenden ward sie durch eine junge Tochter erfreut, welche sie
-Elfriede nannte, indem sie dabei an den Namen der Elfen dachte.
-
-Die jungen Leute wohnten mit Martin und Brigitte in demselben Hause,
-welches geräumig genug war, und halfen den Eltern die ausgebreitete
-Wirthschaft führen. Die kleine Elfriede zeigte bald besondere
-Fähigkeiten und Anlagen, denn sie lief sehr früh, und konnte alles
-sprechen, als sie noch kein Jahr alt war; nach einigen Jahren aber war
-sie so klug und sinnig, und von so wunderbarer Schönheit, daß alle
-Menschen sie mit Erstaunen betrachteten, und ihre Mutter sich nicht der
-Meinung erwehren konnte, sie sehe jenen glänzenden Kindern im
-Tannengrunde ähnlich. Elfriede hielt sich nicht gern zu andern Kindern,
-sondern vermied bis zur Aengstlichkeit ihre geräuschvollen Spiele, und
-war am liebsten allein. Dann zog sie sich in eine Ecke des Gartens
-zurück, und las oder arbeitete eifrig am kleinen Nähzeuge; oft sah man
-sie auch wie tief in sich versunken sitzen, oder daß sie in Gängen
-heftig auf und nieder ging und mit sich selber sprach. Die beiden Eltern
-ließen sie gern gewähren, weil sie gesund war und gedieh, nur machten
-sie die seltsamen verständigen Antworten und Bemerkungen oft besorgt. So
-kluge Kinder, sagte die Großmutter Brigitte vielmals, werden nicht alt,
-sie sind zu gut für diese Welt, auch ist das Kind über die Natur schön,
-und wird sich auf Erden nicht zurecht finden können.
-
-Die Kleine hatte die Eigenheit, daß sie sich höchst ungern bedienen
-ließ, alles wollte sie selber machen. Sie war fast die früheste auf im
-Hause, und wusch sich sorgfältig und kleidete sich selber an; eben so
-sorgsam war sie am Abend, sie achtete sehr darauf, Kleider und Wäsche
-selbst einzupacken, und durchaus Niemand, auch die Mutter nicht, über
-ihre Sachen kommen zu lassen. Die Mutter sah ihr in diesem Eigensinne
-nach, weil sie sich nichts weiter dabei dachte, aber wie erstaunte sie,
-als sie sie an einem Feiertage, zu einem Besuch auf dem Schlosse, mit
-Gewalt umkleidete, so sehr sich auch die Kleine mit Geschrei und Thränen
-dagegen wehrte, und auf ihrer Brust an einem Faden hängend, ein
-Goldstück von seltsamer Form antraf, welches sie sogleich für eines von
-jenen erkannte, deren sie so viele in dem unterirdischen Gewölbe gesehn
-hatte. Die Kleine war sehr erschrocken, und gestand endlich, sie habe es
-im Garten gefunden, und da es ihr sehr wohlgefallen, habe sie es so
-ämsig aufbewahrt; sie bat auch so dringend und herzlich, es ihr zu
-lassen, daß Marie es wieder auf derselben Stelle befestigte und voller
-Gedanken mit ihr stillschweigend zum Schlosse hinauf ging.
-
-Seitwärts vom Hause der Pachterfamilie lagen einige Wirthschaftsgebäude
-zur Aufbewahrung der Früchte und des Feldgeräthes, und hinter diesen
-befand sich ein Grasplatz mit einer alten Laube, die aber kein Mensch
-jezt besuchte, weil sie nach der neuen Einrichtung der Gebäude zu
-entfernt vom Garten war. In dieser Einsamkeit hielt sich Elfriede am
-liebsten auf, und es fiel Niemanden ein, sie hier zu stören, so daß die
-Eltern oft in halben Tagen ihrer nicht ansichtig wurden. An einem
-Nachmittage befand sich die Mutter in den Gebäuden, um aufzuräumen und
-eine verlorene Sache wieder zu finden, als sie wahrnahm, daß durch eine
-Ritze der Mauer ein Lichtstrahl in das Gemach falle. Es kam ihr der
-Gedanke, hindurch zu sehn, um ihr Kind zu beobachten, und es fand sich,
-daß ein locker gewordener Stein sich von der Seite schieben ließ,
-wodurch sie den Blick gerade hinein in die Laube gewann. Elfriede saß
-drinnen auf einem Bänkchen, und neben ihr die wohlbekannte Zerina, und
-beide Kinder spielten und ergötzten sich in holdseliger Eintracht. Die
-Elfe umarmte das schöne Kind und sagte traurig: Ach, du liebes Wesen, so
-wie mit dir habe ich schon mit deiner Mutter gespielt, als sie klein war
-und uns besuchte, aber ihr Menschen wachst zu bald auf und werdet so
-schnell groß und vernünftig; das ist recht betrübt: bliebest du doch so
-lange ein Kind, wie ich!
-
-Gern thät ich dir den Gefallen, sagte Elfriede, aber sie meinen ja alle,
-ich würde bald zu Verstande kommen, und gar nicht mehr spielen, denn ich
-hätte rechte Anlagen, altklug zu werden. Ach! und dann seh' ich dich
-auch nicht wieder, du liebes Zerinchen! Ja, es geht wie mit den
-Baumblüten: wie herrlich der blühende Apfelbaum mit seinen röthlichen
-aufgequollenen Knospen! der Baum thut so groß und breit, und jedermann,
-der drunter weg geht, meint auch, es müsse recht was Besonderes werden;
-dann kommt die Sonne, die Blüte geht so leutselig auf, und da steckt
-schon der böse Kern drunter, der nachher den bunten Putz verdrängt und
-hinunter wirft; nun kann er sich geängstigt und aufwachsend nicht mehr
-helfen, er muß im Herbst zur Frucht werden. Wohl ist ein Apfel auch lieb
-und erfreulich, aber doch nichts gegen die Frühlingsblüte: so geht es
-mit uns Menschen auch; ich kann mich nicht darauf freuen, ein großes
-Mädchen zu werden. Ach, könnt' ich euch doch nur einmal besuchen!
-
-Seit der König bei uns wohnt, sagte Zerina, ist es ganz unmöglich, aber
-ich komme ja so oft zu dir, Liebchen, und keiner sieht mich, keiner weiß
-es, weder hier noch dort; ungesehn geh ich durch die Luft, oder fliege
-als Vogel herüber; o wir wollen noch recht viel beisammen sein, so lange
-du klein bist. Was kann ich dir nur zu Gefallen thun?
-
-Recht lieb sollst du mich haben, sagte Elfriede, so lieb, wie ich dich
-in meinem Herzen trage; doch laß uns auch einmal wieder eine Rose
-machen.
-
-Zerina nahm das bekannte Schächtelchen aus dem Busen, warf zwei Körner
-hin, und plötzlich stand ein grünender Busch mit zweien hochrothen Rosen
-vor ihnen, welche sich zu einander neigten, und sich zu küssen schienen.
-Die Kinder brachen die Rosen lächelnd ab, und das Gebüsch war wieder
-verschwunden. O müßte es nur nicht wieder so schnell sterben, sagte
-Elfriede, das rothe Kind, das Wunder der Erde. Gieb! sagte die kleine
-Elfe, hauchte dreimal die aufknospende Rose an, und küßte sie dreimal;
-nun, sprach sie, indem sie die Blume zurück gab, bleibt sie frisch und
-blühend bis zum Winter. Ich will sie wie ein Bild von dir aufheben,
-sagte Elfriede, sie in meinem Kämmerchen wohl bewahren, und sie Morgens
-und Abends küssen, als wenn du es wärst. Die Sonne geht schon unter,
-sagte jene, ich muß jezt nach Hause. Sie umarmten sich noch einmal, dann
-war Zerina verschwunden.
-
-Am Abend nahm Marie ihr Kind mit einem Gefühl von Beängstigung und
-Ehrfurcht in die Arme; sie ließ dem holden Mädchen nun noch mehr
-Freiheit als sonst, und beruhigte oft ihren Gatten, wenn er, um das Kind
-aufzusuchen, kam, was er seit einiger Zeit wohl that, weil ihm ihre
-Zurückgezogenheit nicht gefiel, und er fürchtete, sie könne darüber
-einfältig, oder gar unklug werden. Die Mutter schlich öfter nach der
-Spalte der Mauer, und fast immer fand sie die kleine glänzende Elfe
-neben ihrem Kinde sitzen, mit Spielen beschäftigt, oder in ernsthaften
-Gesprächen. Möchtest du fliegen können? fragte Zerina einmal ihre
-Freundin. Wie gerne! rief Elfriede aus. Sogleich umfaßte die Fee die
-Sterbliche, und schwebte mit ihr vom Boden empor, so daß sie zur Höhe
-der Laube stiegen. Die besorgte Mutter vergaß ihre Vorsicht, und lehnte
-sich erschreckend mit dem Kopfe hinaus, um ihnen nachzusehn; da erhob
-aus der Luft Zerina den Finger und drohte lächelnd, ließ sich mit dem
-Kinde wieder nieder, herzte sie, und war verschwunden. Es geschah
-nachher noch öfter, daß Marie von dem wunderbaren Kinde gesehen wurde,
-welches jedesmal mit dem Kopfe schüttelte oder drohte, aber mit
-freundlicher Geberde.
-
-Oftmals schon hatte bei vorgefallenem Streite Marie im Eifer zu ihrem
-Manne gesagt: du thust den armen Leuten in der Hütte Unrecht! Wenn
-Andres dann in sie drang, ihm zu erklären, warum sie der Meinung aller
-Leute im Dorfe, ja der Herrschaft selber entgegen sei und es besser
-wissen wolle, brach sie ab, und schwieg verlegen. Heftiger als je ward
-Andres eines Tages nach Tische und behauptete, das Gesindel müsse als
-landesverderblich durchaus fortgeschafft werden; da rief sie im Unwillen
-aus: schweig, denn sie sind deine und unser aller Wohlthäter!
-Wohlthäter? fragte Andres erstaunt; die Landstreicher? In ihrem Zorne
-ließ sie sich verleiten, ihm unter dem Versprechen der tiefsten
-Verschwiegenheit die Geschichte ihrer Jugend zu erzählen, und da er bei
-jedem ihrer Worte ungläubiger wurde und verhöhnend den Kopf schüttelte,
-nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn in das Gemach, von wo er zu
-seinem Erstaunen die leuchtende Elfe mit seinem Kinde in der Laube
-spielen, und es liebkosen sah. Er wußte kein Wort zu sagen; ein Ausruf
-der Verwunderung entfuhr ihm, und Zerina erhob den Blick. Sie wurde
-plötzlich bleich und zitterte heftig, nicht freundlich, sondern mit
-zorniger Miene machte sie die drohende Geberde, und sagte dann zu
-Elfrieden: du kannst nichts dafür, geliebtes Herz, aber sie werden
-niemals klug, so verständig sie sich auch dünken. Sie umarmte die Kleine
-mit stürmender Eil, und flog dann als Rabe mit heiserem Geschrei über
-den Garten hinweg, den Tannenbäumen zu.
-
-Am Abend war die Kleine sehr still und küßte weinend die Rose, Marien
-war ängstlich zu Sinne, Andres sprach wenig. Es wurde Nacht. Plötzlich
-rauschten die Bäume, Vögel flogen mit ängstlichem Geschrei umher, man
-hörte den Donner rollen, die Erde zitterte und Klagetöne winselten in
-der Luft. Marie und Andres hatten nicht den Muth aufzustehn; sie hüllten
-sich in die Decken und erwarteten mit Furcht und Zittern den Tag. Gegen
-Morgen ward es ruhiger, und alles war still, als die Sonne mit ihrem
-Lichte über den Wald hervor drang.
-
-Andres kleidete sich an, und Marie bemerkte, daß der Stein des Ringes an
-ihrem Finger verblaßt war. Als sie die Thür öffneten, schien ihnen die
-Sonne klar entgegen, aber die Landschaft umher kannten sie kaum wieder.
-Die Frische des Waldes war verschwunden, die Hügel hatten sich gesenkt,
-die Bäche flossen matt mit wenigem Wasser, der Himmel schien grau, und
-als man den Blick nach den Tannen hinüber wandte, standen sie nicht
-finstrer oder trauriger da, als die übrigen Bäume; die Hütten hinter
-ihnen hatten nichts Abschreckendes, und mehrere Einwohner des Dorfes
-kamen und erzählten von der seltsamen Nacht, und daß sie über den Hof
-gegangen seien, wo die Zigeuner gewohnt, die wohl fort gegangen sein
-müßten, weil die Hütten leer ständen, und im Innern ganz gewöhnlich wie
-die Wohnungen andrer armen Leute aussähen; einiges vom Hausrath wäre
-zurück geblieben. Elfriede sagte zu ihrer Mutter heimlich: als ich in
-der Nacht nicht schlafen konnte, und in der Angst bei dem Getümmel vom
-Herzen betete, da öffnete sich plötzlich meine Thür, und herein trat
-meine Gespielin, um Abschied von mir zu nehmen. Sie hatte eine
-Reisetasche um, einen Hut auf ihrem Kopf, und einen großen Wanderstab in
-der Hand. Sie war sehr böse auf dich, weil sie deinetwegen nun die
-größten und schmerzhaftesten Strafen aushalten müsse, da sie dich doch
-immer so geliebt habe; denn alle, so wie sie sagte, verließen nur sehr
-ungern diese Gegend.
-
-Marie verbot ihr, davon zu sprechen, und indem kam auch der Fährmann vom
-Strome herüber, welcher Wunderdinge erzählte. Mit einbrechender Nacht
-war ein großer fremder Mann zu ihm gekommen, welcher ihm bis zu
-Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet habe, doch mit der Bedingniß, daß
-er sich still zu Hause halten und schlafen, wenigstens nicht aus der
-Thür treten solle. Ich fürchtete mich, fuhr der Alte fort, aber der
-seltsame Handel ließ mich nicht schlafen. Sacht schlich ich mich ans
-Fenster und schaute nach dem Strome. Große Wolken trieben unruhig durch
-den Himmel und die fernen Wälder rauschten bange; es war, als wenn meine
-Hütte bebte und Klagen und Winseln um das Haus schlich. Da sah ich
-plötzlich ein weißströmendes Licht, das breiter und immer breiter wurde,
-wie viele tausend niedergefallene Sterne funkelnd und wogend bewegte es
-sich von dem finstern Tannengrunde her, zog über das Feld, und
-verbreitete sich nach dem Flusse hin. Da hörte ich ein Trappeln, ein
-Klirren, ein Flüstern und Säuseln näher und näher; es ging nach meiner
-Fähre hin, hinein stiegen alle, große und kleine leuchtende Gestalten,
-Männer und Frauen, wie es schien, und Kinder, und der große fremde Mann
-fuhr sie alle hinüber; im Strome schwammen neben dem Fahrzeuge viel
-tausend helle Gebilde, in der Luft flatterten Lichter und weiße Nebel,
-und alles klagte und jammerte, daß sie so weit, weit reisen müßten, aus
-der geliebten angewöhnten Gegend fort. Der Ruderschlag und das Wasser
-rauschten dazwischen, und dann war wieder plötzlich eine Stille. Oft
-stieß die Fähre an, und kam zurück und ward von neuem beladen, auch
-viele schwere Gefäße nahmen sie mit, die gräßliche kleine Gesellen
-trugen und rollten; waren es Teufel, waren es Kobolde, ich weiß es
-nicht. Dann kam im wogenden Glanz ein stattlicher Zug. Ein Greis schien
-es, auf einem weißen kleinen Rosse, um den sich alles drängte; ich sah
-aber nur den Kopf des Pferdes, denn es war über und über mit kostbaren
-glänzenden Decken verhangen; auf dem Haupt trug der Alte eine Krone, so
-daß ich dachte, als er hinüber gefahren, die Sonne wolle von dorten
-aufgehn, und das Morgenroth funkle mir entgegen. So währte es die ganze
-Nacht; ich schlief endlich in dem Gewirre ein, zum Theil in Freude, zum
-Theil in Schauder. Am Morgen war alles ruhig, aber der Fluß ist wie weg
-gelaufen, so daß ich Noth haben werde mein Fahrzeug zu regieren.
-
-Noch in demselben Jahre war ein Mißwachs, die Wälder starben ab, die
-Quellen vertrockneten, und dieselbe Gegend, die sonst die Freude jedes
-Durchreisenden gewesen war, stand im Herbst verödet, nackt und kahl, und
-zeigte kaum hie und da noch im Meere von Sand ein Plätzchen, wo Gras mit
-fahlem Grün empor wuchs. Die Obstbäume gingen alle aus, die Weinberge
-verdarben, und der Anblick der Landschaft war so traurig, daß der Graf
-im folgenden Jahre mit seiner Familie das Schloß verließ, welches
-nachher verfiel und zur Ruine wurde.
-
-Elfriede betrachtete Tag und Nacht mit der größten Sehnsucht ihre Rose
-und gedachte ihrer Gespielin, und so wie die Blume sich neigte und
-welkte, so senkte sie auch das Köpfchen, und war schon vor dem Frühlinge
-verschmachtet. Marie stand oft auf dem Platze vor der Hütte und beweinte
-das entschwundene Glück. Sie verzehrte sich, wie ihr Kind, und folgte
-ihm in einigen Jahren. Der alte Martin zog mit seinem Schwiegersohne
-nach der Gegend, in der er vormals gelebt hatte.
-
- * * * * *
-
-Die Damen waren mit dieser Erzählung zufrieden. _Wilibald_ war noch
-übrig, um sein Mährchen vorzutragen, und er fing sogleich ohne
-Einleitung an.
-
-
-
-
- Der Pokal.
- 1811.
-
-
-Vom großen Dom erscholl das vormittägige Geläute. Ueber den weiten Platz
-wandelten in verschiedenen Richtungen Männer und Weiber, Wagen fuhren
-vorüber und Priester gingen nach ihren Kirchen. Ferdinand stand auf der
-breiten Treppe, den Wandelnden nachsehend und diejenigen betrachtend,
-welche herauf stiegen, um dem Hochamte beizuwohnen. Der Sonnenschein
-glänzte auf den weißen Steinen, alles suchte den Schatten gegen die
-Hitze; nur er stand schon seit lange sinnend an einen Pfeiler gelehnt,
-in den brennenden Strahlen, ohne sie zu fühlen, denn er verlor sich in
-den Erinnerungen, die in seinem Gedächtnisse aufstiegen. Er dachte
-seinem Leben nach, und begeisterte sich an dem Gefühl, welches sein
-Leben durchdrungen und alle andern Wünsche in ihm ausgelöscht hatte. In
-derselben Stunde stand er hier im vorigen Jahre, um Frauen und Mädchen
-zur Messe kommen zu sehn; mit gleichgültigem Herzen und lächelndem Auge
-hatte er die mannichfaltigen Gestalten betrachtet, mancher holde Blick
-war ihm schalkhaft begegnet und manche jungfräuliche Wange war erröthet;
-sein spähendes Auge sah den niedlichen Füßchen nach, wie sie die Stufen
-herauf schritten, und wie sich das schwebende Gewand mehr oder weniger
-verschob, um die feinen Knöchel zu enthüllen. Da kam über den Markt eine
-jugendliche Gestalt, in Schwarz, schlank und edel, die Augen sittsam vor
-sich hingeheftet, unbefangen schwebte sie die Erhöhung hinauf mit
-lieblicher Anmuth, das seidene Gewand legte sich um den schönsten Körper
-und wiegte sich wie in Musik um die bewegten Glieder; jezt wollte sie
-den letzten Schritt thun, und von ohngefähr erhob sie das Auge und traf
-mit dem blauesten Strahle in seinen Blick. Er ward wie von einem Blitz
-durchdrungen. Sie strauchelte, und so schnell er auch hinzu sprang,
-konnte er doch nicht verhindern, daß sie nicht kurze Zeit in der
-reizendsten Stellung knieend vor seinen Füßen lag. Er hob sie auf, sie
-sah ihn nicht an, sondern war ganz Röthe, antwortete auch nicht auf
-seine Frage, ob sie sich beschädiget habe. Er folgte ihr in die Kirche
-und sah nur das Bildniß, wie sie vor ihm gekniet, und der schönste Busen
-ihm entgegen gewogt. Am folgenden Tage besuchte er die Schwelle des
-Tempels wieder; die Stätte war ihm geweiht. Er hatte abreisen wollen,
-seine Freunde erwarteten ihn ungeduldig in seiner Heimath; aber von nun
-an war hier sein Vaterland, sein Herz war umgewendet. Er sah sie öfter,
-sie vermied ihn nicht, doch waren es nur einzelne und gestohlene
-Augenblicke; denn ihre reiche Familie bewachte sie genau, noch mehr ein
-angesehener eifersüchtiger Bräutigam. Sie gestanden sich ihre Liebe,
-wußten aber keinen Rath in ihrer Lage; denn er war fremd und konnte
-seiner Geliebten kein so großes Glück anbieten, als sie zu erwarten
-berechtiget war. Da fühlte er seine Armuth; doch wenn er an seine vorige
-Lebensweise dachte, dünkte er sich überschwänglich reich, denn sein
-Dasein war geheiligt, sein Herz schwebte immerdar in der schönsten
-Rührung; jezt war ihm die Natur befreundet und ihre Schönheit seinen
-Sinnen offenbar, er fühlte sich der Andacht und Religion nicht mehr
-fremd, und betrat dieselbe Schwelle, das geheimnißvolle Dunkel des
-Tempels jezt mit ganz andern Gefühlen, als in jenen Tagen des
-Leichtsinns. Er zog sich von seinen Bekanntschaften zurück und lebte nur
-der Liebe. Wenn er durch ihre Straße ging und sie nur am Fenster sah,
-war er für diesen Tag glücklich; er hatte sie in der Dämmerung des
-Abends oftmals gesprochen, ihr Garten stieß an den eines Freundes, der
-aber sein Geheimniß nicht wußte. So war ein Jahr vorüber gegangen.
-
-Alle diese Scenen seines neuen Lebens zogen wieder durch sein
-Gedächtniß. Er erhob seinen Blick, da schwebte die edle Gestalt schon
-über den Platz, sie leuchtete ihm wie eine Sonne aus der verworrenen
-Menge hervor. Ein lieblicher Gesang ertönte in seinem sehnsüchtigen
-Herzen, und er trat, wie sie sich annäherte, in die Kirche zurück. Er
-hielt ihr das geweihte Wasser entgegen, ihre weißen Finger zitterten,
-als sie die seinigen berührte, sie neigte sich holdselig. Er folgte ihr
-nach, und kniete in ihrer Nähe. Sein ganzes Herz zerschmolz in Wehmuth
-und Liebe, es dünkte ihm, als wenn aus den Wunden der Sehnsucht sein
-Wesen in andächtigen Gebeten dahin blutete; jedes Wort des Priesters
-durchschauerte ihn, jeder Ton der Musik goß Andacht in seinen Busen;
-seine Lippen bebten, als die Schöne das Crucifix ihres Rosenkranzes an
-den brünstigen rothen Mund drückte. Wie hatte er ehemals diesen Glauben
-und diese Liebe so gar nicht begreifen können. Da erhob der Priester die
-Hostie und die Glocke schallte, sie neigte sich demüthiger und bekreuzte
-ihre Brust; und wie ein Blitz schlug es durch alle seine Kräfte und
-Gefühle, und das Altarbild dünkte ihm lebendig und die farbige Dämmerung
-der Fenster wie ein Licht des Paradieses; Thränen strömten reichlich aus
-seinen Augen und linderten die verzehrende Inbrunst seines Herzens.
-
-Der Gottesdienst war geendigt. Er bot ihr wieder den Weihbrunnen, sie
-sprachen einige Worte und sie entfernte sich. Er blieb zurück, um keine
-Aufmerksamkeit zu erregen; er sah ihr nach, bis der Saum ihres Kleides
-um die Ecke verschwand. Da war ihm wie dem müden verirrten Wanderer, dem
-im dichten Walde der letzte Schein der untergehenden Sonne erlischt. Er
-erwachte aus seiner Träumerei, als ihm eine alte dürre Hand auf die
-Schulter schlug, und ihn jemand bei Namen nannte.
-
-Er fuhr zurück, und erkannte seinen Freund, den mürrischen Albert, der
-von allen Menschen sich zurück zog, und dessen einsames Haus nur dem
-jungen Ferdinand geöffnet war. Seid ihr unsrer Abrede noch eingedenk?
-fragte die heisere Stimme. O ja, antwortete Ferdinand, und werdet ihr
-euer Versprechen heut noch halten? Noch in dieser Stunde, antwortete
-jener, wenn ihr mir folgen wollt.
-
-Sie gingen durch die Stadt und in einer abgelegenen Straße in ein großes
-Gebäude. Heute, sagte der Alte, müßt ihr euch schon mit mir in das
-Hinterhaus bemühn, in mein einsamstes Zimmer, damit wir nicht etwa
-gestört werden. Sie gingen durch viele Gemächer, dann über einige
-Treppen; Gänge empfingen sie, und Ferdinand, der das Haus zu kennen
-glaubte, mußte sich über die Menge der Zimmer, so wie über die seltsame
-Einrichtung des weitläufigen Gebäudes verwundern, noch mehr aber
-darüber, daß der Alte, welcher unverheirathet war, der auch keine
-Familie hatte, es allein mit einem einzigen Bedienten bewohne, und
-niemals an Fremde von dem überflüssigen Raume hatte vermiethen wollen.
-Albert schloß endlich auf und sagte: nun sind wir zur Stelle. Ein großes
-hohes Zimmer empfing sie, das mit rothem Damast ausgeschlagen war, den
-goldene Leisten einfaßten, die Sessel waren von dem nehmlichen Zeuge,
-und durch rothe schwerseidne Vorhänge, welche nieder gelassen waren,
-schimmerte ein purpurnes Licht. Verweilt einen Augenblick, sagte der
-Alte, indem er in ein anderes Gemach ging. Ferdinand betrachtete indeß
-einige Bücher, in welchen er fremde unverständliche Charaktere, Kreise
-und Linien, nebst vielen wunderlichen Zeichnungen fand, und nach dem
-wenigen, was er lesen konnte, schienen es alchemistische Schriften; er
-wußte auch, daß der Alte im Rufe eines Goldmachers stand. Eine Laute lag
-auf dem Tische, welche seltsam mit Perlmutter und farbigen Hölzern
-ausgelegt war und in glänzenden Gestalten Vögel und Blumen darstellte,
-der Stern in der Mitte war ein großes Stück Perlmutter, auf das
-kunstreichste in vielen durchbrochenen Zirkelfiguren, fast wie die
-Fensterrose einer gothischen Kirche, ausgearbeitet. Ihr betrachtet da
-mein Instrument, sagte Albert, welcher zurück kehrte, es ist schon
-zweihundert Jahr alt, und ich habe es als Andenken meiner Reise aus
-Spanien mitgebracht. Doch laßt das alles, und setzt euch jezt.
-
-Sie setzten sich an den Tisch, der ebenfalls mit einem rothen Teppiche
-bedeckt war, und der Alte stellte etwas Verhülltes auf die Tafel. Aus
-Mitleid gegen eure Jugend, fing er an, habe ich euch neulich
-versprochen, euch zu wahrsagen, ob ihr glücklich werden könnt oder
-nicht, und dieses Versprechen will ich in gegenwärtiger Stunde lösen, ob
-ihr gleich die Sache neulich nur für einen Scherz halten wolltet. Ihr
-dürft euch nicht entsetzen, denn, was ich vorhabe, kann ohne Gefahr
-geschehn, und weder furchtbare Citationen sollen von mir vorgenommen
-werden, noch soll euch eine gräßliche Erscheinung erschrecken. Die
-Sache, die ich versuchen will, kann in zweien Fällen mißlingen: wenn ihr
-nämlich nicht so wahrhaft liebt, als ihr mich habt wollen glauben
-machen, denn alsdann ist meine Bemühung umsonst und es zeigt sich gar
-nichts; oder daß ihr das Orakel stört und durch eine unnütze Frage oder
-ein hastiges Auffahren vernichtet, indem ihr euren Sitz verlaßt und das
-Bild zertrümmert; ihr müßt mir also versprechen, euch ganz ruhig zu
-verhalten.
-
-Ferdinand gab das Wort, und der Alte wickelte aus den Tüchern das, was
-er mitgebracht hatte. Es war ein goldener Pokal von sehr künstlicher und
-schöner Arbeit. Um den breiten Fuß lief ein Blumenkranz mit Myrthen und
-verschiedenem Laube und Früchten gemischt, erhaben ausgeführt mit mattem
-oder klarem Golde. Ein ähnliches Band, aber reicher, mit kleinen Figuren
-und fliehenden wilden Thierchen, die sich vor den Kindern fürchteten
-oder mit ihnen spielten, zog sich um die Mitte des Bechers. Der Kelch
-war schön gewunden, er bog sich oben zurück, den Lippen entgegen, und
-inwendig funkelte das Gold mit rother Gluth. Der Alte stellte den Becher
-zwischen sich und den Jüngling, und winkte ihn näher. Fühlt ihr nicht
-etwas, sprach er, wenn euer Auge sich in diesem Glanz verliert? Ja,
-sagte Ferdinand, dieser Schein spiegelt in mein Innres hinein, ich
-möchte sagen, ich fühle ihn wie einen Kuß in meinem sehnsüchtigen Busen.
-So ist es recht! sagte der Alte; nun laßt eure Augen nicht mehr herum
-schweifen, sondern haltet sie fest auf den Glanz dieses Goldes, und
-denkt so lebhaft wie möglich an eure Geliebte.
-
-Beide saßen eine Weile ruhig, und schauten vertieft den leuchtenden
-Becher an. Bald aber fuhr der Alte mit stummer Geberde, erst langsam,
-dann schneller, endlich in eilender Bewegung mit streichendem Finger um
-die Glut des Pokals in ebenmäßigen Kreisen hin. Dann hielt er wieder
-inne und legte die Kreise von der andern Seite. Als er eine Weile dies
-Beginnen fortgesetzt hatte, glaubte Ferdinand Musik zu hören, aber es
-klang wie draußen, in einer fernen Gasse; doch bald kamen die Töne
-näher, sie schlugen lauter und lauter an, sie zitterten bestimmter durch
-die Luft, und es blieb ihm endlich kein Zweifel, daß sie aus dem Innern
-des Bechers hervor quollen. Immer stärker ward die Musik, und von so
-durchdringender Kraft, daß des Jünglings Herz erzitterte und ihm die
-Thränen in die Augen stiegen. Eifrig fuhr die Hand des Alten in
-verschiedenen Richtungen über die Mündung des Bechers, und es schien,
-als wenn Funken aus seinen Fingern fuhren und zuckend gegen das Gold
-leuchtend und klingend zersprangen. Bald mehrten sich die glänzenden
-Punkte und folgten, wie auf einen Faden gereiht, der Bewegung seines
-Fingers hin und wieder; sie glänzten von verschiedenen Farben, und
-drängten sich allgemach dichter und dichter an einander, bis sie in
-Linien zusammen schossen. Nun schien es, als wenn der Alte in der rothen
-Dämmerung ein wundersames Netz über das leuchtende Gold legte, denn er
-zog nach Willkühr die Strahlen hin und wieder, und verwebte mit ihnen
-die Oeffnung des Pokales; sie gehorchten ihm und blieben, einer
-Bedeckung ähnlich, liegen, indem sie hin und wieder webten und in sich
-selber schwankten. Als sie so gefesselt waren, beschrieb er wieder die
-Kreise um den Rand, die Musik sank wieder zurück und wurde leiser und
-leiser, bis sie nicht mehr zu vernehmen war, das leuchtende Netz
-zitterte wie beängstiget. Es brach im zunehmenden Schwanken, und die
-Strahlen regneten tropfend in den Kelch, doch aus den niedertropfenden
-erhob sich wie eine röthliche Wolke, die sich in sich selbst in
-vielfachen Kreisen bewegte, und wie Schaum über der Mündung schwebte.
-Ein hellerer Punkt schwang sich mit der größten Schnelligkeit durch die
-wolkigen Kreise. Da stand das Gebild, und wie ein Auge schaute es
-plötzlich aus dem Duft, wie goldene Locken floß und ringelte es oben,
-und alsbald ging ein sanftes Erröthen in dem wankenden Schatten auf und
-ab, und Ferdinand erkannte das lächelnde Angesicht seiner Geliebten, die
-blauen Augen, die zarten Wangen, den lieblich rothen Mund. Das Haupt
-schwankte hin und her, hob sich deutlicher und sichtbarer auf dem
-schlanken weißen Halse hervor und neigte sich zu dem entzückten
-Jünglinge hin. Der Alte beschrieb immer noch die Kreise um den Becher,
-und heraus traten die glänzenden Schultern, und so wie sich die
-liebliche Bildung aus dem goldenen Bett mehr hervor drängte und
-holdselig hin und wieder wiegte, so erschienen nun die beiden zarten,
-gewölbten und getrennten Brüste, auf deren Spitze die feinste
-Rosenknospe mit süß verhüllter Röthe schimmerte. Ferdinand glaubte den
-Athem zu fühlen, indem das geliebte Bild wogend zu ihm neigte, und ihn
-fast mit den brennenden Lippen berührte; er konnte sich im Taumel nicht
-mehr bewältigen, sondern drängte sich mit einem Kusse an den Mund, und
-wähnte, die schönen Arme zu fassen, um die nackte Gestalt ganz aus dem
-goldenen Gefängniß zu heben. Alsbald durchfuhr ein starkes Zittern das
-liebliche Bild, wie in tausend Linien brach das Haupt und der Leib
-zusammen, und eine Rose lag am Fuß des Pokales, aus deren Röthe noch das
-süße Lächeln schien. Sehnsüchtig ergriff sie Ferdinand, drückte sie an
-seinen Mund, und an seinem brennenden Verlangen verwelkte sie, und war
-in Luft zerflossen.
-
-Du hast schlecht dein Wort gehalten, sagte der Alte verdrüßlich, du
-kannst dir nur selber die Schuld beimessen. Er verhüllte seinen Pokal
-wieder, zog die Vorhänge auf und eröffnete ein Fenster; das helle
-Tageslicht brach herein, und Ferdinand verließ wehmüthig und mit vielen
-Entschuldigungen den murrenden Alten.
-
-Er eilte bewegt durch die Straßen der Stadt. Vor dem Thore setzte er
-sich unter den Bäumen nieder. Sie hatte ihm am Morgen gesagt, daß sie
-mit einigen Verwandten Abends über Land fahren müsse. Bald saß, bald
-wanderte er liebetrunken im Walde; immer sah er das holdselige Bild, wie
-es mehr und mehr aus dem glühenden Golde quoll; jezt erwartete er, sie
-heraus schreiten zu sehn im Glanze ihrer Schönheit, und dann zerbrach
-die schönste Form vor seinen Augen, und er zürnte mit sich, daß er durch
-seine rastlose Liebe und die Verwirrung seiner Sinne das Bildniß und
-vielleicht sein Glück zerstört habe.
-
-Als nach der Mittagsstunde der Spaziergang sich allgemach mit Menschen
-füllte, zog er sich tiefer in das Gebüsch zurück; spähend behielt er
-aber die ferne Landstraße im Auge, und jeder Wagen, der durch das Thor
-kam, wurde aufmerksam von ihm geprüft.
-
-Es näherte sich dem Abende. Rothe Schimmer warf die untergehende Sonne,
-da flog aus dem Thor der reiche vergoldete Wagen, der feurig im
-Abendglanze leuchtete. Er eilte hinzu. Ihr Auge hatte das seinige schon
-gesucht. Freundlich und lächelnd lehnte sie den glänzenden Busen aus dem
-Schlage, er fing ihren liebevollen Gruß und Wink auf; jezt stand er
-neben dem Wagen, ihr voller Blick fiel auf ihn, und indem sie sich
-weiter fahrend wieder zurück zog, flog die Rose, welche ihren Busen
-zierte, heraus, und lag zu seinen Füßen. Er hob sie auf und küßte sie,
-und ihm war, als weissage sie ihm, daß er seine Geliebte nicht wieder
-sehn würde, daß nun sein Glück auf immer zerbrochen sei.
-
- * * * * *
-
-Auf und ab lief man die Treppen, das ganze Haus war in Bewegung, alles
-machte Geschrei und Lärmen zum morgenden großen Feste. Die Mutter war am
-thätigsten so wie am freudigsten; die Braut ließ alles geschehn, und zog
-sich, ihrem Schicksal nachsinnend, in ihr Zimmer zurück. Man erwartete
-noch den Sohn, den Hauptmann mit seiner Frau und zwei ältere Töchter mit
-ihren Männern; Leopold, ein jüngerer Sohn, war muthwillig beschäftigt,
-die Unordnung zu vermehren, den Lärmen zu vergrößern, und alles zu
-verwirren, indem er alles zu betreiben schien. Agathe, seine noch
-unverheirathete Schwester, wollte ihn zur Vernunft bringen und dahin
-bewegen, daß er sich um nichts kümmere, und nur die andern in Ruhe
-lasse; aber die Mutter sagte: störe ihn nicht in seiner Thorheit, denn
-heute kommt es auf etwas mehr oder weniger nicht an; nur darum bitte ich
-euch alle, da ich schon auf so viel zu denken habe, daß ihr mich nicht
-mit irgend etwas behelligt, was ich nicht höchst nöthig erfahren muß; ob
-sie Porzellan zerbrechen, ob einige silberne Löffel fehlen, ob das
-Gesinde der Fremden Scheiben entzwei schlägt, mit solchen Possen ärgert
-mich nicht, daß ihr sie mir wieder erzählt. Sind diese Tage der Unruhe
-vorüber, dann wollen wir Rechnung halten.
-
-Recht so, Mutter! sagte Leopold, das sind Gesinnungen eines Regenten
-würdig! Wenn auch einige Mägde den Hals brechen, der Koch sich betrinkt
-und den Schornstein anzündet, der Kellermeister vor Freude den Malvasier
-auslaufen oder aussaufen läßt, Sie sollen von dergleichen Kindereien
-nichts erfahren. Es müßte denn sein, daß ein Erdbeben das Haus umwürfe;
-Liebste, das ließe sich unmöglich verhehlen.
-
-Wann wird er doch einmal klüger werden! sagte die Mutter; was werden nur
-deine Geschwister denken, wenn sie dich eben so unklug wieder finden,
-als sie dich vor zwei Jahren verlassen haben.
-
-Sie müssen meinem Charakter Gerechtigkeit widerfahren lassen, antwortete
-der lebhafte Jüngling, daß ich nicht so wandelbar bin wie sie oder ihre
-Männer, die sich in wenigen Jahren so sehr, und zwar nicht zu ihrem
-Vortheile verändert haben.
-
-Jezt trat der Bräutigam zu ihnen, und fragte nach der Braut. Die
-Kammerjungfer ward geschickt, sie zu rufen. Hat Leopold Ihnen, liebe
-Mutter, meine Bitte vorgetragen? fragte der Verlobte.
-
-Daß ich nicht wüßte, sagte diese; in der Unordnung hier im Hause kann
-man keinen vernünftigen Gedanken fassen.
-
-Die Braut trat herzu, und die jungen Leute begrüßten sich mit Freuden.
-Die Bitte, deren ich erwähnte, fuhr dann der Bräutigam fort, ist, daß
-Sie es nicht übel deuten mögen, wenn ich Ihnen noch einen Gast in Ihr
-Haus führe, das für diese Tage nur schon zu sehr besetzt ist.
-
-Sie wissen es selbst, sagte die Mutter, daß, so geräumig es auch ist,
-sich schwerlich noch Zimmer einrichten lassen.
-
-Doch, rief Leopold, ich habe schon zum Theil dafür gesorgt, ich habe die
-große Stube im Hinterhause aufräumen lassen.
-
-Ei, die ist nicht anständig genug, sagte die Mutter, seit Jahren ist sie
-ja fast nur zur Polterkammer gebraucht.
-
-Prächtig ist sie hergestellt, sagte Leopold, und der Freund, für den sie
-bestimmt ist, sieht auch auf dergleichen nicht, dem ist es nur um unsre
-Liebe zu thun; auch hat er keine Frau und befindet sich gern in der
-Einsamkeit, so daß sie ihm gerade recht sein wird. Wir haben Mühe genug
-gehabt, ihm zuzureden und ihn wieder unter Menschen zu bringen.
-
-Doch wohl nicht euer trauriger Goldmacher und Geisterbanner? fragte
-Agathe.
-
-Kein andrer als der, erwiederte der Bräutigam, wenn Sie ihn einmal so
-nennen wollen.
-
-Dann erlauben Sie es nur nicht, liebe Mutter, fuhr die Schwester fort;
-was soll ein solcher Mann in unserm Hause? Ich habe ihn einigemal mit
-Leopold über die Straße gehen sehn, und mir ist vor seinem Gesicht bange
-geworden; auch besucht der alte Sünder fast niemals die Kirche, er liebt
-weder Gott noch Menschen, und es bringt keinen Segen, dergleichen
-Ungläubige bei so feierlicher Gelegenheit unter das Dach einzuführen.
-Wer weiß, was daraus entstehn kann!
-
-Wie du nun sprichst! sagte Leopold erzürnt, weil du ihn nicht kennst, so
-verurtheilst du ihn, und weil dir seine Nase nicht gefällt, und er auch
-nicht mehr jung und reizend ist, so muß er, deinem Sinne nach, ein
-Geisterbanner und verruchter Mensch sein.
-
-Gewähren Sie, theure Mutter, sagte der Bräutigam, unserm alten Freunde
-ein Plätzchen in ihrem Hause, und lassen Sie ihn an unserer allgemeinen
-Freude Theil nehmen. Er scheint, liebe Schwester Agathe, viel Unglück
-erlebt zu haben, welches ihn mißtrauisch und menschenfeindlich gemacht
-hat, er vermeidet alle Gesellschaft, und macht nur eine Ausnahme mit mir
-und Leopold; ich habe ihm viel zu danken, er hat zuerst meinem Geiste
-eine bessere Richtung gegeben, ja ich kann sagen, er allein hat mich
-vielleicht der Liebe meiner Julie würdig gemacht.
-
-Mir borgt er alle Bücher, fuhr Leopold fort, und, was mehr sagen will,
-alte Manuskripte, und, was noch mehr sagen will, Geld, auf mein bloßes
-Wort; er hat die christlichste Gesinnung, Schwesterchen, und wer weiß,
-wenn du ihn näher kennen lernst, ob du nicht deine Sprödigkeit fahren
-lässest, und dich in ihn verliebst, so häßlich er dir auch jezt
-vorkommt.
-
-Nun so bringen Sie ihn uns, sagte die Mutter, ich habe schon sonst so
-viel aus Leopolds Munde von ihm hören müssen, daß ich neugierig bin,
-seine Bekanntschaft zu machen. Nur müssen Sie es verantworten, daß wir
-ihm keine bessere Wohnung geben können.
-
-Indem kamen Reisende an. Es waren die Mitglieder der Familie; die
-verheiratheten Töchter, so wie der Offizier, brachten ihre Kinder mit.
-Die gute Alte freute sich, ihre Enkel zu sehn; alles war Bewillkommnung
-und frohes Gespräch, und als der Bräutigam und Leopold auch ihre Grüße
-empfangen und abgelegt hatten, entfernten sie sich, um ihren alten
-mürrischen Freund aufzusuchen.
-
-Dieser wohnte die meiste Zeit des Jahres auf dem Lande, eine Meile von
-der Stadt, aber eine kleine Wohnung behielt er sich auch in einem Garten
-vor dem Thore. Hier hatten ihn zufälligerweise die beiden jungen Leute
-kennen gelernt. Sie trafen ihn jezt auf einem Kaffeehause, wohin sie
-sich bestellt hatten. Da es schon Abend geworden war, begaben sie sich
-nach einigen Gesprächen in das Haus zurück.
-
-Die Mutter nahm den Fremden sehr freundschaftlich auf; die Töchter
-hielten sich etwas entfernt, besonders war Agathe schüchtern und vermied
-seine Blicke sorgfältig. Nach den ersten allgemeinen Gesprächen war das
-Auge des Alten aber unverwandt auf die Braut gerichtet, welche später
-zur Gesellschaft getreten war; er schien entzückt und man bemerkte, daß
-er eine Thräne heimlich abzutrocknen suchte. Der Bräutigam freute sich
-an seiner Freude, und als sie nach einiger Zeit abseits am Fenster
-standen, nahm er die Hand des Alten und fragte ihn: Was sagen Sie von
-meiner geliebten Julie? Ist sie nicht ein Engel? -- O mein Freund,
-erwiederte der Alte gerührt, eine solche Schönheit und Anmuth habe ich
-noch niemals gesehn; oder ich sollte vielmehr sagen, (denn dieser
-Ausdruck ist unrichtig) sie ist so schön, so bezaubernd, so himmlisch,
-daß mir ist, als hätte ich sie längst gekannt, als wäre sie, so fremd
-sie mir ist, das vertrauteste Bild meiner Imagination, das meinem Herzen
-stets einheimisch gewesen.
-
-Ich verstehe Sie, sagte der Jüngling; ja das wahrhaft Schöne, Große und
-Erhabene, so wie es uns in Erstaunen und Verwunderung setzt, überrascht
-uns doch nicht als etwas Fremdes, Unerhörtes und Niegesehenes, sondern
-unser eigenstes Wesen wird uns in solchen Augenblicken klar, unsre
-tiefsten Erinnerungen werden erweckt, und unsre nächsten Empfindungen
-lebendig gemacht.
-
-Beim Abendessen nahm der Fremde an den Gesprächen nur wenigen Antheil;
-sein Blick war unverwandt auf die Braut geheftet, so daß diese endlich
-verlegen und ängstlich wurde. Der Offizier erzählte von einem Feldzuge,
-dem er beigewohnt hatte, der reiche Kaufmann sprach von seinen
-Geschäften und der schlechten Zeit, und der Gutsbesitzer von den
-Verbesserungen, welche er in seiner Landwirthschaft angefangen hatte.
-
-Nach Tische empfahl sich der Bräutigam, um zum letztenmal in seine
-einsame Wohnung zurück zu kehren; denn künftig sollte er mit seiner
-jungen Frau im Hause der Mutter wohnen, ihre Zimmer waren schon
-eingerichtet. Die Gesellschaft zerstreute sich, und Leopold führte den
-Fremden nach seinem Gemach. Ihr entschuldigt es wohl, fing er auf dem
-Gange an, daß ihr etwas entfernt hausen müßt, und nicht so bequem, als
-die Mutter wünscht; aber ihr seht selbst, wie zahlreich unsre Familie
-ist, und morgen kommen noch andre Verwandte. Wenigstens werdet ihr uns
-nicht entlaufen können, denn ihr findet euch gewiß nicht aus dem
-weitläufigen Gebäude heraus.
-
-Sie gingen noch durch einige Gänge; endlich entfernte sich Leopold und
-wünschte gute Nacht. Der Bediente stellte zwei Wachskerzen hin, fragte,
-ob er den Fremden entkleiden solle, und da dieser jede Bedienung verbat,
-zog sich jener zurück, und er befand sich allein. Wie muß es mir denn
-begegnen, sagte er, indem er auf und nieder ging, daß jenes Bildniß so
-lebhaft heut aus meinem Herzen quillt? Ich vergaß die ganze
-Vergangenheit und glaubte sie selbst zu sehn. Ich war wieder jung und
-ihr Ton erklang wie damals; mir dünkte, ich sei aus einem schweren Traum
-erwacht; aber nein, jezt bin ich erwacht, und die holde Täuschung war
-nur ein süßer Traum.
-
-Er war zu unruhig, um zu schlafen, er betrachtete einige Zeichnungen an
-den Wänden und dann das Zimmer. Heute ist mir alles so bekannt, rief er
-aus, könnt' ich mich doch fast so täuschen, daß ich mir einbildete,
-dieses Haus und dieses Gemach seien mir nicht fremd. Er suchte seine
-Erinnerungen anzuknüpfen, und hob einige große Bücher auf, welche in der
-Ecke standen. Als er sie durchblättert hatte, schüttelte er mit dem
-Kopfe. Ein Lautenfutteral lehnte an der Mauer; er eröffnete es und nahm
-ein altes seltsames Instrument heraus, das beschädigt war und dem die
-Saiten fehlten. Nein, ich irre mich nicht, rief er bestürzt: diese Laute
-ist zu kenntlich, es ist die Spanische meines längst verstorbenen
-Freundes Albert; dort stehn seine magischen Bücher, dies ist das Zimmer,
-in welchem er mir jenes holdselige Orakel erwecken wollte; verblichen
-ist die Röthe des Teppichs, die goldene Einfassung ermattet, aber
-wundersam lebhaft ist alles, alles aus jenen Stunden in meinem Gemüth;
-darum schauerte mir, als ich hieher ging, auf jenen langen verwickelten
-Gängen, welche mich Leopold führte; o Himmel, hier auf diesem Tische
-stieg das Bildniß quellend hervor, und wuchs auf wie von der Röthe des
-Goldes getränkt und erfrischt; dasselbe Bild lachte hier mich an,
-welches mich heut Abend dorten im Saale fast wahnsinnig gemacht hat, in
-jenem Saale, in welchem ich so oft mit Albert in vertrauten Gesprächen
-auf und nieder wandelte.
-
-Er entkleidete sich, schlief aber nur wenig. Am Morgen stand er früh
-wieder auf, und betrachtete das Zimmer von neuem; er eröffnete das
-Fenster, und sah dieselben Gärten und Gebäude vor sich, wie damals, nur
-waren indeß viele neue Häuser hinzu gebaut worden. Vierzig Jahre sind
-seitdem verschwunden, seufzte er, und jeder Tag von damals enthielt
-längeres Leben als der ganze übrige Zeitraum.
-
-Er ward wieder zur Gesellschaft gerufen. Der Morgen verging unter
-mannichfaltigen Gesprächen, endlich trat die Braut in ihrem Schmucke
-herein. So wie der Alte ihrer ansichtig ward, gerieth er wie außer sich,
-so daß keinem in der Gesellschaft seine Bewegung entging. Man begab sich
-zur Kirche und die Trauung ward vollzogen. Als sich alle wieder im Hause
-befanden, fragte Leopold seine Mutter: nun, wie gefällt Ihnen unser
-Freund, der gute mürrische Alte?
-
-Ich habe ihn mir, antwortete diese, nach euren Beschreibungen viel
-abschreckender gedacht, er ist ja mild und theilnehmend, man könnte ein
-rechtes Zutrauen zu ihm gewinnen.
-
-Zutrauen? rief Agathe aus, zu diesen fürchterlich brennenden Augen,
-diesen tausendfachen Runzeln, dem blassen eingekniffenen Mund, und
-diesem seltsamen Lachen, das so höhnisch klingt und aussieht? Nein, Gott
-bewahr mich vor solchem Freunde! Wenn böse Geister sich in Menschen
-verkleiden wollen, müssen sie eine solche Gestalt annehmen.
-
-Wahrscheinlich doch eine jüngere und reizendere, antwortete die Mutter;
-aber ich kenne auch diesen guten Alten in deiner Beschreibung nicht
-wieder. Man sieht, daß er von heftigem Temperament ist, und sich gewöhnt
-hat alle seine Empfindungen in sich zu verschließen; er mag, wie Leopold
-sagt, viel Unglück erlebt haben, daher ist er mißtrauisch geworden, und
-hat jene einfache Offenheit verloren, die hauptsächlich nur den
-Glücklichen eigen ist.
-
-Ihr Gespräch wurde unterbrochen, weil die übrige Gesellschaft hinzu
-trat. Man ging zur Tafel, und der Fremde saß neben Agathe und dem
-reichen Kaufmanne. Als man anfing die Gesundheiten zu trinken, rief
-Leopold: haltet noch inne, meine werthen Freunde, dazu müssen wir unsern
-Festpokal hier haben, der dann rundum gehn soll! Er wollte aufstehen,
-aber die Mutter winkte ihm, sitzen zu bleiben; du findest ihn doch
-nicht, sagte sie, denn ich habe alles Silberzeug anders gepackt. Sie
-ging schnell hinaus, um ihn selber zu suchen. Was unsre Alte heut
-geschäftig und munter ist, sagte der Kaufmann, so dick und breit sie
-ist, so behende kann sie sich doch noch bewegen, obgleich sie schon
-sechzig zählt; ihr Gesicht sieht immer heiter und freudig aus, und heut
-ist sie besonders glücklich, weil sie sich in der Schönheit ihrer
-Tochter wieder verjüngt. Der Fremde gab ihm Beifall, und die Mutter kam
-mit dem Pokal zurück. Man schenkte ihn voll Weins, und oben vom Tisch
-fing er an herum zu gehn, indem jeder die Gesundheit dessen ausbrachte,
-was ihm das liebste und erwünschteste war. Die Braut trank das Wohlsein
-ihres Gatten, dieser die Liebe seiner schönen Julie, und so that jeder
-nach der Reihe. Die Mutter zögerte, als der Becher zu ihr kam. Nur
-dreist! sagte der Offizier etwas rauh und voreilig, wir wissen ja doch,
-daß sie alle Männer für ungetreu und keinen einzigen der Liebe einer
-Frau würdig halten; was ist Ihnen also das Liebste? Die Mutter sah ihn
-an, indem sich über die Milde ihres Antlitzes plötzlich ein zürnender
-Ernst verbreitete. Da mein Sohn, sagte sie, mich so genau kennt, und so
-strenge meine Gemüthsart tadelt, so sei es mir auch erlaubt, nicht
-auszusprechen, was ich jetzt eben dachte, und suche er nur dasjenige,
-was er als meine Ueberzeugung kennen will, durch seine ungefälschte
-Liebe unwahr zu machen. Sie gab den Becher, ohne zu trinken, weiter, und
-die Gesellschaft war auf einige Zeit verstimmt.
-
-Man erzählt sich, sagte der Kaufmann leise, indem er sich zum Fremden
-neigte, daß sie ihren Mann nicht geliebt habe, sondern einen andern, der
-ihr aber ungetreu geworden ist; damals soll sie das schönste Mädchen in
-der Stadt gewesen sein.
-
-Als der Becher zu Ferdinand kam, betrachtete ihn dieser mit Erstaunen,
-denn es war derselbe, aus welchem ihm Albert ehemals das schöne Bildniß
-hervor gerufen hatte. Er schaute in das Gold hinein und in die Welle des
-Weines, seine Hand zitterte; es würde ihn nicht verwundert haben, wenn
-aus dem leuchtenden Zaubergefäße jezt wieder jene Gestalt hervor geblüht
-wäre und mit ihr seine entschwundene Jugend. Nein, sagte er nach einiger
-Zeit halblaut, es ist Wein, was hier glüht! Was soll es anders sein?
-sagte der Kaufmann lachend, trinken Sie getrost! Ein Zucken des Schrecks
-durchfuhr den Alten, er sprach den Namen Franziska heftig aus, und
-setzte den Pokal an die brünstigen Lippen. Die Mutter warf einen
-fragenden und verwundernden Blick hinüber. Woher dieser schöne Becher?
-sagte Ferdinand, der sich seiner Zerstreuung schämte. Vor vielen Jahren
-schon, antwortete Leopold, noch ehe ich geboren war, hat ihn mein Vater
-zugleich mit diesem Hause und allen Mobilien von einem alten einsamen
-Hagestolz gekauft, einem stillen Menschen, den die Nachbarschaft umher
-für einen Zauberer hielt. Ferdinand mochte nicht sagen, daß er jenen
-gekannt hatte, denn sein Dasein war ihm zu sehr zum seltsamen Traum
-verwirrt, um auch nur aus der Ferne die übrigen in sein Gemüth schauen
-zu lassen.
-
-Nach aufgehobener Tafel war er mit der Mutter allein, weil die jungen
-Leute sich zurück gezogen hatten, um Anstalten zum Balle zu treffen.
-Setzen Sie sich neben mich, sagte die Mutter, wir wollen ausruhen, denn
-wir sind über die Jahre des Tanzes hinweg, und wenn es nicht
-unbescheiden ist zu fragen, so sagen Sie mir doch, ob Sie unsern Pokal
-schon sonst wo gesehn haben, oder was es war, was Sie so innerlichst
-bewegte.
-
-O gnädige Frau, sagte der Alte, verzeihen Sie meiner thörichten
-Heftigkeit und Rührung; aber seit ich in Ihrem Hause bin, ist es, als
-gehöre ich mir nicht mehr an, denn in jedem Augenblicke vergesse ich es,
-daß mein Haar grau ist, daß meine Geliebten gestorben sind. Ihre schöne
-Tochter, die heute den frohesten Tag ihres Lebens feiert, ist einem
-Mädchen, das ich in meiner Jugend kannte und anbetete, so ähnlich, daß
-ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, nein, der Ausdruck sagt
-zu wenig, sie ist es selbst! Auch hier im Hause bin ich viel gewesen,
-und einmal mit diesem Pokal auf die seltsamste Weise bekannt geworden.
-Er erzählte ihr hierauf sein Abentheuer. An dem Abend dieses Tages, so
-beschloß er, sah ich draußen im Park meine Geliebte zum letzten mal,
-indem sie über Land fuhr. Eine Rose entfiel ihr, diese habe ich
-aufbewahrt; sie selbst ging mir verloren, denn sie ward mir ungetreu und
-bald darauf vermält.
-
-Gott im Himmel! rief die Alte und sprang heftig bewegt auf, du bist doch
-nicht Ferdinand?
-
-So ist mein Name, sagte jener.
-
-Ich bin Franziska, antwortete die Mutter.
-
-Sie wollten sich umarmen, und fuhren schnell zurück. Beide betrachteten
-sich mit prüfenden Blicken, beide suchten aus dem Ruin der Zeit jene
-Lineamente wieder zu entwickeln, die sie ehemals an einander gekannt und
-geliebt hatten, und wie in dunkeln Gewitternächten unter dem Fluge
-schwarzer Wolken einzeln in flüchtigen Momenten die Sterne räthselhaft
-schimmern, um schnell wieder zu erlöschen, so schien ihnen aus den
-Augen, von Stirn und Mund jezuweilen der wohlbekannte Zug
-vorüberblitzend, und es war, als wenn ihre Jugend in der Ferne lächelnd
-weinte. Er bog sich nieder und küßte ihre Hand, indem zwei große Thränen
-herabstürzten, dann umarmten sie sich herzlich.
-
-Ist deine Frau gestorben? fragte die Mutter.
-
-Ich war nie verheirathet, schluchzte Ferdinand.
-
-Himmel! sagte die Alte, die Hände ringend, so bin ich die Ungetreue
-gewesen! Doch nein, nicht ungetreu. Als ich vom Lande zurück kam, wo ich
-zwei Monden gewesen war, hörte ich von allen Menschen, auch von deinen
-Freunden, nicht blos den meinigen, du seist längst abgereist und in
-deinem Vaterlande verheirathet, man zeigte mir die glaubwürdigsten
-Briefe, man drang heftig in mich, man benutzte meine Trostlosigkeit,
-meinen Zorn, und so geschah es, daß ich meine Hand dem verdienstvollen
-Manne gab; mein Herz, meine Gedanken blieben dir immer gewidmet.
-
-Ich habe mich nicht von hier entfernt, sagte Ferdinand, aber nach
-einiger Zeit vernahm ich deine Vermälung. Man wollte uns trennen, und es
-ist ihnen gelungen. Du bist glückliche Mutter, ich lebe in der
-Vergangenheit, und alle deine Kinder will ich wie die meinigen lieben.
-Aber wie wunderbar, daß wir uns seitdem nie wieder gesehen haben.
-
-Ich ging wenig aus, sagte die Mutter, und mein Mann, der bald darauf
-einer Erbschaft wegen einen andern Namen annahm, hat dir auch jeden
-Verdacht dadurch entfernt, daß wir in derselben Stadt wohnen könnten.
-
-Ich vermied die Menschen, sagte Ferdinand, und lebte nur der Einsamkeit;
-Leopold ist beinah der einzige, der mich wieder anzog und unter Menschen
-führte. O geliebte Freundin, es ist wie eine schauerliche
-Geistergeschichte, wie wir uns verloren und wieder gefunden haben.
-
-Die jungen Leute fanden die Alten in Thränen aufgelöst und in tiefster
-Bewegung. Keines sagte, was vorgefallen war, das Geheimniß schien ihnen
-zu heilig. Aber seitdem war der Greis der Freund des Hauses, und der Tod
-nur schied die beiden Wesen, die sich so sonderbar wieder gefunden
-hatten, um sie kurze Zeit nachher wieder zu vereinigen.
-
- * * * * *
-
-Es war über dem Vorlesen dieser Mährchen viele Zeit verflossen, und man
-setzte sich sehr spät zu Tische. Der Abend war wieder so warm, daß man
-die Flügel des Saales eröffnen konnte, um die anmuthige Luft zu
-genießen. Man sprach noch vielerlei über die vorgetragenen Erzählungen,
-und es schien, daß die übrigen Frauen der Meinung Claras beitraten,
-welche die Geschichte vom blonden Eckbert allen übrigen vorzog. Emilie
-wollte im getreuen Eckart eine Disharmonie bemerken, Rosalie nahm die
-Magelone in Schutz und Wilibalds Erzählung, Auguste lobte die Elfen; nur
-in Ansehung des Runenberges und Liebeszaubers blieben alle bei ihrer
-vorgefaßten Meinung; und verwarfen sie gänzlich. Mein theurer Freund,
-sagte Manfred, zu Lothar gewandt, trösten wir uns darüber, daß die
-gegenwärtige Zeit uns nicht versteht, ich appellire an eine bessere
-Nachwelt, die mich dankbar anerkennen wird.
-
-Wo ist die? fragte Lothar lachend.
-
-Dorten schläft sie schon, sagte Manfred, nach der Kinderstube hinauf
-deutend; meine beiden Jungen meine ich; so wie sie nur ein weniges bei
-Kräften sind, lese ich ihnen meine Werke vor, und belohne ihren Beifall
-mit Zuckerwerk, und ich will sehn, ob sie mich nicht auf lange für den
-ersten aller Dichter halten sollen.
-
-Wir sind aber unserm Freunde Lothar eine Vergütigung schuldig, sagte
-Clara, und da er heute als Autor so wenig Glück gemacht hat, so versuche
-er es einmal mit der Königswürde, er übernehme die nächste Abtheilung
-und bestimme sie nach seiner Willkühr.
-
-Lothar verneigte sich, und nahm aus dem Blumenkorbe eine Lilie, um sie
-als Scepter zu gebrauchen. So befehle ich denn, sprach er, daß wir diese
-Mährchenwelt noch nicht verlassen, nur wollen wir den Dichtern die Mühe
-der Erfindung schenken; mögen sie allgemein bekannte Geschichten nehmen,
-wo möglich ganz kindische und alberne, und damit den Versuch machen,
-diesen durch ihre Darstellung ein neues Interesse zu geben; jedes dieser
-Mährchen soll aber ein Drama sein.
-
-Wilibald hustete und Auguste sagte: nur bitten wir Mädchen, daß es auch
-hie und da etwas lustig darin zugehn möge, und nicht allzu poetisch.
-
-Mir erlaube man auch eine Bitte, fügte Emilie hinzu, und zwar diejenige,
-daß wir mit der Zeit etwas ökonomischer umgehn und berechnen mögen, was
-sich vortragen und von den Zuhörern erdulden läßt, denn heute haben wir
-uns offenbar übersättigt, und der Genuß ist fast zur Pein geworden; Sie
-müssen bedenken, daß wir Frauen nicht so an das Verschlingen der Bücher
-gewöhnt sind, wie die Männer.
-
-Auch dieses ist gewährt, sagte Lothar, ich werde mit meinen Räthen eine
-billige und zweckmäßige Einrichtung treffen, besonders bei diesen
-Dramen, von denen einige länger ausfallen dürften, als die meisten der
-heutigen Erzählungen.
-
-Gute Nacht, sagte Manfred, ich bin so müde, und durch Beifall so wenig
-aufgemuntert, daß ich am besten thun werde, mich in die Dunkelheit
-meines Bettes zurück zu ziehn.
-
-Als er sich entfernt hatte, sprach man noch über die seltsame
-Erscheinung, daß im Schrecklichen eine gewisse Lieblichkeit wohnen
-könne, die dem Reiz des Grauenhaften eine Art von Rührung und Wehmuth
-beigeselle. Die letzte der heutigen Erzählungen, sagte Emilie, hat zwar
-nichts Furchtbares, kommt man aber darin überein, wie doch die meisten
-Menschen zu glauben scheinen, daß die Liebe die Blüte des Lebens sei, so
-ist sie vielleicht die traurigste und rührendste von allen, weil die
-erzählte Begebenheit fast durchaus möglich ist und sich an das
-Alltägliche knüpft.
-
-Anton bemerkte, daß die stille Lieblichkeit an sich leicht ermüde und
-einschläfre, wie die meisten neueren Idyllen, und daß man ihnen wohl
-einen Zusatz wünschen müsse, entweder von Schreck, oder Bosheit, oder
-irgend einem andern Ingredienz, um durch diese Würze den Geschmack des
-Lieblichen selber hervor zu heben, wie durch den Firniß die Farben der
-Gemälde.
-
-Darum, sagte Lothar, hat man in Frankreich mit Recht etwas Wolf in
-manche Schäfereien hinein gewünscht. Die reine Unschuld, als solche,
-verträgt keine Darstellung, denn sie liegt außer der Natur, oder falls
-sie natürlich ist, ist sie höchst unpoetisch; ich meine nämlich jene
-hohe, sentimentale, die uns die Dichter so oft haben malen wollen. Ich
-sah einmal eine französische Operette, zwar nur von einem, aber desto
-längeren Akte, in welcher ein junger Mensch von Anfang bis zu Ende
-nichts weiter in der Welt wollte, als seinen Papa lieben, den er
-bekränzte, als er schlief, und ihm Früchte vorsetzte, als er erwachte,
-worauf beide sich umarmten und gerührt waren. Ich will nicht sagen, daß
-dergleichen nicht löblich sein könnte; aber was in aller Welt ging es
-denn die Zuschauer an, die unten standen, und höchst überflüßige Zeugen
-dieser Zärtlichkeit waren?
-
-Die Idyllen der Neueren, sagte Ernst, sind früh sentimental geworden,
-oder allegorisch, in der letzten Zeit bei Franzosen und Deutschen meist
-fade und süßlich. Zwei Gedichte eines Deutschen aber sind mir bekannt,
-die ich vielen der schönsten Poesien an die Seite setzen möchte, den
-Satyr Mopsus nämlich und Bacchidon und Milon vom Maler Müller; die
-frische sinnliche Natur, der lyrische Schwung der Gesänge, die schön
-gewählten und kräftig ausgeführten Bilder haben mich jedesmal bis zur
-Entzückung hingerissen. Trefflich, wenn gleich nicht von dieser
-Vollendung, ist seine Schaafschur, reicher als dieses Gemälde aus
-unserer Zeit, sein Nußkernen. In dem Gedicht »Adams erstes Erwachen«
-befindet er sich freilich auch zuweilen in jener Leere, die sich nicht
-poetisch bevölkern läßt, aber einzelne Stellen sind von großer
-Schönheit, und in der Darstellung der Thiere scheint er mir einzig; ich
-weiß wenigstens keinen Dichter, der sie uns mit dieser geistigen
-Lebendigkeit vor die Augen führte. Wie Schade, daß dieses wahre Genie,
-welches sich so glänzend ankündigte, nicht nachher das Studium der
-Poesie fortgesetzt hat! Sein Geist scheint mir mit dem des Julio Romano
-innig verwandt; dieselbe Fülle und Lieblichkeit, das Scharfe und Bizarre
-der Gedanken, und dieselbe Sucht zur Uebertreibung.
-
-Nach einigen Wendungen des Gespräches kam man auf die Seltsamkeit der
-Träume, und wie wunderbar sich das Ahndungsvermögen des Menschen oftmals
-in ihnen offenbare, und nachdem einige Beispiele erzählt waren, sagte
-Anton: mir ist eine Geschichte dieser Art bekannt, die mir glaubwürdige
-Freunde als eine unbezweifelt wahre mitgetheilt haben, und die ich Ihnen
-noch vortragen will, da sie uns nicht lange aufhalten wird. Ein
-Landedelmann ruhte neben seiner Frau in einem Zimmer des Schlosses.
-Mitternacht war schon vorüber, als er plötzlich aus dem Schlafe auffuhr,
-und seine Gattin weckte. Was ist dir, mein Lieber? fragte diese
-verwundert. Mich hat ein seltsamer Traum auf eine eigne Art bewegt,
-antwortete der Mann. Mir war, als ginge ich auf den Saal hinaus, und wie
-ich mich umsah, stand dein Kammermädchen vor mir, aber so geputzt und
-aufgeschmückt, wie ich sie niemals gesehn habe, auch trug sie einen
-grünen Kranz in den Haaren; sie warf sich vor mir nieder, umfaßte meine
-Knie, und beschwor mich, ich solle ihr beistehn, denn ihr Leben schwebe
-in der größten Gefahr. Ich habe sie so deutlich vor mir gesehn, und bin
-von ihren Thränen und Bitten so gerührt, daß ich nicht weiß, was ich
-davon denken soll. Wer wird, sagte die Frau, über einen zufälligen Traum
-grübeln! Schlafe wohl und störe mich nicht wieder. Beide schliefen ein.
-Nach einer halben Stunde erwachte der Mann in noch größerer
-Beängstigung; er rief seiner Gattin und sagte ihr, daß der nämliche
-Traum mit denselben Umständen ihm wieder vorgekommen sei, und das
-Mädchen habe noch dringender gefleht, noch schmerzlicher geweint. Die
-Frau schalt dieses Wichtignehmen eines leeren Traumes, Grille, fand die
-Wiederholung der nämlichen Scene sehr natürlich und begreiflich; nach
-einem kurzen Gespräche war auch der Mann derselben Meinung, und beide
-hatten sich wieder dem Schlafe überlassen. Sie erstaunte, als sie nach
-einiger Zeit von dem Geräusch erwachte, welches der Mann erregte, den
-sie angekleidet, und mit einem Lichte, welches er angezündet hatte, vor
-dem Bette stehen sah. Was ist dir nur heut? fragte sie halb unwillig.
-Sei es wie es sei, antwortete ihr Gatte, ich will diesesmal einem Traume
-glauben, wenn auch sonst nie wieder, denn das Mädchen ist mir jezt zum
-dritten male eben so erschienen, hat ihre Bitte wiederholt und mit
-ängstlichem Schreien hinzu gefügt: nun ist es die höchste Zeit, in
-einigen Minuten ist es zu spät! Ich will jezt hinauf gehn, und sehn was
-sie macht. Ohne eine Antwort zu erwarten, verließ er das Schlafzimmer.
-Wie erstaunte er, indem er sich die Treppe hinauf begeben wollte, daß
-die breiten Stiegen herunter das Mädchen ihm gerade so entgegen schritt,
-wie er sie im Traume gesehen hatte, im seidenen Kleide, welches ihr nur
-vor wenigen Tagen die gnädige Frau geschenkt hatte: mit Myrthen und
-Blumen in den Haaren, eine kleine Laterne in der Hand; das Licht,
-welches er trug, warf einen vollen Schein über die erschrockene Gestalt,
-die auf die Anrede, wohin sie gehe, und was sie vorhabe, anfangs in
-ihrer Verwirrung nichts zu antworten wußte. Endlich sammelte sie sich
-etwas und fiel ihrem Gebieter zu Fuß, dessen Knie sie mit Thränen
-umfaßte. O Vergebung, mein gnädiger Herr! rief sie aus, vergeben Sie,
-und machen Sie, daß die gnädige Frau mir verzeiht: in dieser Stunde
-wollte ich draußen im Garten hinter der Lindenallee den Gärtner treffen,
-der mir schon seit lange die Ehe versprochen hat, und mit dem ich
-verlobt bin; heute Nacht wollten wir uns heimlich in der Kapelle hier
-neben an trauen lassen, denn ich Unglückliche bin seit fünf Monden von
-ihm guter Hoffnung. Gehe ruhig in dein Zimmer zurück, sagte der Herr;
-ich will den Gärtner selber aufsuchen, ich habe gegen eure Verbindung
-nichts, nur diese Heimlichkeit ist mir anstößig. Er hat es durchaus so
-gewollt, antwortete sie, weil er der Ueberzeugung war, daß Sie uns beide
-nicht in Ihren Diensten behalten würden, wenn Sie die Sache erführen.
-Gieb dich für heut zufrieden, sagte der Herr; morgen wollen wir
-vernünftig darüber sprechen. O Gott, schluchzte sie, so habe ich doch
-heute mein Brautkleid umsonst angelegt! Mit diesen Worten ging sie die
-Treppe wieder hinauf. Der Baron ließ im Saale die Kerze stehn, und begab
-sich in den Garten. Die Nacht war finster und ohne Sterne, ein feuchter
-Herbstwind schlug ihm entgegen, die Bäume sausten winterlich. Er schritt
-durch die bekannten Gänge, und hinter den Linden, an der einsamsten und
-entferntesten Stelle des Gartens, sah er aus dem Boden ein Lichtlein
-schimmern. Als er näher ging, sah er, daß sein Gärtner in einer
-ausgehöhlten Grube stand, und beim Schein einer kleinen Blendlaterne
-eifrig die Höhle wie zu einem Grabe erweiterte. Ein Beil lag neben ihm.
-Ein Schauder ergriff den Herrn. Was macht ihr da? rief er ihn plötzlich
-an. Der Gärtner erschrak und ließ den Spaten fallen, indem er die
-Gestalt seines Gebieters gerade über sich erblickte. Ich will hier
-Früchte für den Winter einlegen, stotterte er verwirrt. Kommt mit mir in
-mein Zimmer, sagte der Baron, ich habe mit euch zu sprechen. Sogleich,
-gnädiger Herr, erwiederte der Gärtner. Er hob die Laterne auf, und stieg
-aus der Grube; aber statt sich nach dem Schlosse zu wenden, blies er
-plötzlich das Licht aus, sprang über die Gartenhecke, und lief in den
-nahen Wald hinein. Seitdem hatte ihn Niemand in der dortigen Gegend
-wieder gesehn. --
-
-O weh! rief Clara, die schrecklichen Geschichten fangen von neuem an,
-und nun ist es gar Nacht und finster! Sie faßte ein Licht, und dasselbe
-thaten die übrigen Frauen, um sich auf ihre Zimmer zu begeben, als ein
-ungeheurer Schlag plötzlich gegen die Thüre erklang. Alle sahen sich
-schweigend an, und herein trat mit zentnerschwerem Schritt die Gestalt
-des steinernen Gastes. Er begab sich bis in die Mitte des Saales, indem
-noch keiner ein Wort auszusprechen wagte.
-
-Ich bin es ja, ihr Narren, rief plötzlich Manfreds bekannte Stimme,
-indem er mit seinem natürlichen Gange näher kam. O er ist unerträglich,
-sagte Rosalie; glaubst du denn, daß ich nicht eben so stark schaudre,
-wenn ich gleich erkenne, daß das Gespenst nur eine weiße Maske ist,
-gerade deshalb, weil du, der Bekannte, der Befreundete, mir so
-grauenvoll erscheinst? Diese Vermischung dessen, was uns lieb und
-entsetzlich ist, ist gerade das Widerwärtigste. So will er auch immer
-nicht begreifen, daß ich mich vor ihm fürchte, wenn er, wandelt ihn
-einmal die Laune an, den Betrunkenen so natürlich spielt, und daß ich
-eben so gern einen wirklich Berauschten oder Wahnsinnigen vor mir sehen
-möchte. Geh, du Ungezogener, und wische dir den Puder aus dem Gesichte.
-
-Nicht eher, sagte Manfred, bis du, und Auguste, und Clara, mir jede
-einen Kuß gegeben haben. Er ging auf sie zu, die drei Frauen aber flohen
-mit den Lichtern, die sie in den Händen hielten, durch den offenen Saal
-in den Garten, und die weiße behelmte Figur rannte ihnen nach. Man hörte
-sie kreischen, und sah die drei Lichter und schlanken Gestalten durch
-den Buchengang schweben, dann um die Laube biegen, und dem Springbrunnen
-vorüber sich in den großen Baumgang verlieren. Plötzlich vernahm man ein
-lautes Aufrauschen im größten Brunnen, wie wenn eine große Wucht hinein
-stürzte, und das Wasser klatschend darüber zusammen schlüge. Die
-Geängstigten stürzten mit ihren Lichtern herzu, und Manfred, welcher
-hinein gesprungen war, gab der zunächst stehenden Clara einen flüchtigen
-Kuß, dann seiner Gattin, und auch Auguste durfte sich nicht weigern,
-weil er schwur, widrigenfalls die ganze Nacht im Bassin zu verharren.
-Nun habe ich meinen Willen gehabt, sagte Manfred ruhig, und nun wird es
-wohl an der Zeit sein, mich umzukleiden oder vielmehr zu entkleiden, und
-mich im Bette zu erwärmen.
-
-Man schalt und lachte, und Emilie war besonders unzufrieden. Die Frauen
-und Manfred gingen hinauf. Die übrigen Freunde blieben noch im Garten,
-wo sie nach einiger Zeit von dem obern Zimmer Gesang ertönen hörten, der
-lieblich durch den Garten scholl. Es war ein Singestück von Palestrina,
-welches die drei Frauen ohne Begleitung eines Instruments ausführten.
-
-Friedrich sagte: alle Empfindungen, schöne wie unangenehme, verschütten
-sie jezt in diese Wogen des Wohllauts. So wird der Tag am schönsten
-beschlossen, und die Nacht am würdigsten gefeiert.
-
-Ich halte es für ein Glück meines Lebens, sagte Ernst, daß ich zeitig
-genug nach Rom kam, um noch oftmals den Gesang der päpstlichen Kapelle
-hören zu können. Die Musik, die man Weihnachten in Maria Maggiore und in
-der Charwoche im Vatikan hörte, vielmals auch im päpstlichen Pallast auf
-Monte Cavallo, war eben so einzig, als es das jüngste Gericht von
-Michael Angelo oder die Stanzen Rafaels sind; man konnte diesen Genuß
-auch nur in dem einzigen Rom haben, und wie diese Hauptstadt der Welt
-der Mittelpunkt der Malerei und Skulptur war, so war sie auch die wahre
-hohe Schule der Musik. Diese Herrlichkeit ist nun auch zertrümmert, und
-man kann davon nur wie von einer alten wunderbaren Sage erzählen. Schon
-früher war es für mich eine Epoche meines Lebens gewesen, diesen alten
-wahren Gesang kennen zu lernen: ich hatte immer nach Musik, nach der
-höchsten, gedürstet, und geglaubt, keinen Sinn für diese Kunst zu
-besitzen, als mit der Kenntniß des Palestrina, Leo, Allegri, und jener
-Alten, die man jezt von den Liebhabern selten oder nie nennen hört; mein
-Gehör und mein Geist erwachte. Seitdem weiß ich wohl, was ich vorher
-suchte, und warum ehemals mich nichts befriedigen wollte. Seitdem glaube
-ich eingesehen zu haben, daß nur dieses die wahre Musik sei, und daß der
-Strom, den man in den weltlichen Luxus unserer Oper hinein geleitet hat,
-um ihn mit Zorn, Rache und allen Leidenschaften zu versetzen, trübe und
-unlauter geworden ist; denn unter den Künsten ist die Musik die
-religiöseste, sie ist ganz Andacht, Sehnsucht, Demuth, Liebe; sie kann
-nicht pathetisch sein, und auf ihre Stärke und Kraft pochen, oder sich
-in Verzweiflung austoben wollen, hier verliert sie ihren Geist, und wird
-nur eine schwache Nachahmerin der Rede und Poesie.
-
-Du scheinst mir jezt zu einseitig, sagte Lothar; erinnere ich mich doch
-der Zeit recht gut, wo du den Mozart hoch verehrtest.
-
-Ich müßte ohne Gefühl sein, antwortete Ernst, wenn ich den wundersamen,
-reichen und tiefen Geist dieses Künstlers nicht ehren und lieben sollte,
-wenn ich mich nicht von seinen Werken hingerissen fühlte. Nur muß man
-mich kein Requiem von ihm wollen hören lassen, oder mich zu überzeugen
-suchen, daß er, so wie die meisten Neueren, wirklich eine geistliche
-Musik habe setzen können. Aber er ist einzig in seiner Kunst. Als die
-Musik ihre himmlische Unschuld verloren, und sich schon längst zu den
-kleinlichen Leidenschaften der Menschen erniedrigt hatte, fand er sie in
-ihrer Entartung, und lehrte ihr aus bewegtem Herzen das Wundersamste,
-Fremdeste, ihr Unnatürlichste austönen; zugleich jene tiefe Leidenschaft
-der Seele, jenes Ringen aller Kräfte in unaussprechlicher Sehnsucht,
-nicht fremd sogar blieb ihr das gespenstische Grauen und Entsetzen. Ich
-sehe hierin die Geschichte des Orpheus und der Euridice. Sie ist
-gestorben; bei den Schatten, in der dunkeln Unterwelt weilt die
-Geliebte; er fühlt Kraft und Muth genug das Licht der Sonne zu
-verlassen, sich der schwarzen Fluth und Dämmerung anzuvertrauen; sein
-Zauberspiel rührt den ernsten, sonst unerbittlichen Gott, die Larven und
-Verdammten genießen in seinen Tönen einer schnell vorüber fliehenden
-Seeligkeit; Euridice folgt seinem Saitenspiel, aber nicht rückwärts soll
-er blicken, ihr nicht ins Angesicht schauen, sie nur im Glauben
-besitzen; sie lockt, sie ruft, sie weint, da wendet sich sein Auge, und
-blasser und blasser zittert die geliebte Gestalt in den gähnenden Orkus
-zurück. Der Sänger tritt mit der Kraft seiner Töne wieder in die
-Oberwelt, sein Lied singt und klagt die Verlorne, alle Melodieen suchen
-sie, aber er hat aus dem tiefen Abgrund, den kein Sänger vor ihm
-besucht, das schwermüthige Rollen der unterirdischen Wässer, das Aechzen
-der Gemarterten, das Stöhnen der Geängstigten und das Hohnlachen der
-Furien, samt allen Gräueln der dunkeln Reiche mit herauf gebracht, und
-alles klingt in vielfach verschlungener Kunst in der Lieblichkeit seiner
-Lieder. Himmel und Hölle, die durch unermeßliche Klüfte getrennt waren,
-sind zauberhaft und zum Erschrecken in der Kunst vereinigt, die
-ursprünglich reines Licht, stille Liebe und lobpreisende Andacht war. So
-erscheint mir Mozarts Musik.
-
-Es war den neuesten Zeiten vorbehalten, fuhr Lothar fort, den
-wundervollen Reichthum des menschlichen Sinnes in dieser Kunst,
-vorzüglich in der Instrumental-Musik auszusprechen. In diesen
-vielstimmigen Compositionen und in den Symphonieen vernehmen wir aus dem
-tiefsten Grunde heraus das unersättliche, aus sich verirrende und in
-sich zurück kehrende Sehnen, jenes unaussprechliche Verlangen, das
-nirgend Erfüllung findet und in verzehrender Leidenschaft sich in den
-Strom des Wahnsinns wirft, nun mit allen Tönen kämpft, bald überwältigt,
-bald siegend aus den Wogen ruft, und Rettung suchend tiefer und tiefer
-versinkt. Und wie es dem Menschen allenthalben geschieht, wenn er alle
-Schranken überfliegen und das Letzte und Höchste erringen will, daß die
-Leidenschaft in sich selbst zerbricht und zersplittert, das Gegentheil
-ihrer ursprünglichen Größe, so geschieht es auch wohl in dieser Kunst
-großen Talenten. Wenn wir Mozart wahnsinnig nennen dürfen, so ist der
-genialische Beethoven oft nicht vom Rasenden zu unterscheiden, der
-selten einen musikalischen Gedanken verfolgt und sich in ihm beruhigt,
-sondern durch die gewaltthätigsten Uebergänge springt und der Phantasie
-gleichsam selbst im rastlosen Kampfe zu entfliehen sucht.
-
-Alle diese neuen tiefsinnigen Bestrebungen, sagte Anton, sind meinem
-Gemüthe nicht fremd, sie tönen wie das Rauschen des Lebensstromes
-zwischen Felsenufern, der über Klippen und hemmendem Gestein in
-romantischer Wildniß musikalisch braust; nur das ist mir unbegreiflich
-geblieben, wie die Schöpfung und die Tageszeiten unsers Haydn fast
-allenthalben haben Glück machen können, deren kindische Malerei
-gegen allen höheren Sinn streitet. Seine Symphonieen und
-Instrumental-Compositionen sind meist so vortrefflich, daß man ihm diese
-Verirrung niemals hätte zutrauen sollen.
-
-Friedrich wandte sich zu Ernst und sagte: Lieber, ehe wir jezt scheiden,
-sage uns noch die drei Sonette vor, welche du dichtetest, als dir jene
-alte große Singe-Musik zuerst bekannt wurde. Diese Verse sind mir immer
-vorzüglich lieb gewesen, weil sie mir nicht so wohl gedichtet als
-eingegeben scheinen.
-
-Ich kann wenigstens sagen, erwiederte Ernst, daß ich sie damals
-niederschreiben mußte, und daß ich von den oft besprochenen
-Schwierigkeiten des Sonetts nichts erlitt. Von dreierlei Art kann die
-geistliche Musik hauptsächlich sein. Entweder ist es der Ton selbst, der
-durch seine Reinheit und Heiligkeit die Andacht erweckt, durch jene
-einfache edle Sympathie, welche harmonisch die befreundeten Klänge
-verbindet und mit einander ausstrahlen läßt, wodurch jene hohe Musik
-entsteht, welche sinnige Alte dem Umschwung der Gestirne ebenfalls
-zuschreiben wollten. Dieser Gesang, ausgehalten, ohne rasche Bewegung,
-sich selbst genügend, ruft in unsre Seele das Bild der Ewigkeit, so wie
-der Schöpfung und der entstehenden Zeit: Palestrina ist der würdigste
-Repräsentant dieser Periode. Oder die Musik ist mit dem Menschen und der
-Schöpfung schon von dieser heiligen reinen Bahn gewichen: alles
-verstummt; da ergreift die Sehnsucht aus dem Innersten hervor den Ton,
-und will in jene alte Unschuld zurück stürmen und das Paradies wieder
-erobern. Leo, und vielleicht Marcello, so wie viele andre,
-charakterisiren diese Epoche. An diese schon mehr leidenschaftliche
-Kunst schlossen sich nachher die weltlichen Musiker. Drittens kann die
-geistliche Musik ganz wie ein unschuldiges Kind spielen und tändeln,
-arglos in der Süßigkeit der Töne wühlen und plätschern, und auf gelinde
-Weise Schmerz und Freude vermischt in den lieblichsten Melodieen
-ausgießen. Der oft von den Gelehrteren verkannte Pergolese scheint mir
-hierin das Höchste erreicht zu haben, den seine Nachahmer wohl eben so
-wenig verstanden, als Correggio von denen gefaßt wurde, die sich nach
-ihm bilden wollten. Das ähnliche sagen folgende Sonette, welche die
-Musik selber spricht.
-
- Im Anfang war das Wort. Die ewgen Tiefen
- Entzündeten sich brünstig im Verlangen,
- Die Liebe nahm das Wort in Lust gefangen,
- Aufschlugen hell die Augen, welche schliefen,
-
- Sehnsüchtge Angst, das Freudezittern, riefen
- Die selgen Thränen auf die heilgen Wangen,
- Daß alle Kräfte wollustreich erklangen,
- Begierig, in sich selbst sich zu vertiefen.
-
- Da brachen sich die Leiden an den Freuden,
- Die Wonne suchte sich im stillen Innern,
- Das Wort empfand die Engel, welche schufen;
-
- Sie gingen aus, entzückend war ihr Scheiden.
- Auf, Gottes Bildniß, deß dich zu erinnern
- Vernimm, wie meine heilgen Töne rufen.
-
- * * * * *
-
- Nacht, Furcht, Tod, Stummheit, Quaal war eingebrochen,
- Ihr Banner wehte auf besiegten Reichen,
- Erschrocken flohen vor dem giftgen Zeichen
- Mit stummer Zunge, welche erst gesprochen.
-
- So ist denn ganz das Liebeswort zerbrochen?
- Es sucht im Wasserfall, will sich erreichen,
- Aus Bäumen strebt es, Quellen, grünen Sträuchen,
- In Wogen klagt es: was hab ich verbrochen?
-
- Die Wasser gehn und finden keine Zungen,
- Dem Wald, dem Fels ist wohl der Laut gebunden,
- Die Angst entzündet sich im Thiere schreiend.
-
- In Menschenstimme ist es ihm gelungen,
- Nun hat das ewge Wort sich wieder funden,
- Klagt, betet, weint, jauchzt laut sich selbst befreiend.
-
- * * * * *
-
- Ich bin ein Engel, Menschenkind, das wisse,
- Mein Flügelpaar klingt in dem Morgenlichte,
- Den grünen Wald erfreut mein Angesichte,
- Das Nachtigallen-Chor giebt seine Grüße.
-
- Wem ich der Sterblichen die Lippen küsse,
- Dem tönt die Welt ein göttliches Gedichte,
- Wald, Wasser, Feld und Luft spricht ihm Geschichte,
- Im Herzen rinnen Paradieses-Flüsse.
-
- Die ewge Liebe, welche nie vergangen,
- Erscheint ihm im Triumph auf allen Wogen,
- Er nimmt den Tönen ihre dunkle Hülle,
-
- Da regt sich, schlägt im Jubel auf die Stille,
- Zur spielenden Glorie wird der Himmelsbogen,
- Der Trunkne hört, was alle Engel sangen.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
-Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
-gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
-wurden ^so^ markiert.
-
-Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend
-beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert,
-teilweise unter Verwendung der Erstausgabe, wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 20]:
- ... nothwendigen Gegenwicht eines gehaltvollen, oft fast ...
- ... nothwendigen Gegengewicht eines gehaltvollen, oft fast ...
-
- [S. 67]:
- ... Drama haben, und dunkel dir Ahnung in ihnen ...
- ... Drama haben, und dunkel die Ahnung in ihnen ...
-
- [S. 69]:
- ... Jezt, sagte Theodor, bingt man um die Zeit die ...
- ... Jezt, sagte Theodor, bringt man um die Zeit die ...
-
- [S. 136]:
- ... Das Winter jährlich um sie legt, ...
- ... Daß Winter jährlich um sie legt, ...
-
- [S. 137]:
- ... Ein Schauer flog durch meinem Sinn. ...
- ... Ein Schauer flog durch meinen Sinn. ...
-
- [S. 151]:
- ... den Anbick und die Empfindung dieses Abends nie ...
- ... den Anblick und die Empfindung dieses Abends nie ...
-
- [S. 165]:
- ... hatte ihn so maches Jahr hindurch beglückt, ...
- ... hatte ihn so manches Jahr hindurch beglückt, ...
-
- [S. 169]:
- ... Ein krummgebückte Alte schlich hustend mit einer ...
- ... Eine krummgebückte Alte schlich hustend mit einer ...
-
- [S. 191]:
- ... traf dort den Greis schlafend, der ihn unlängst sein ...
- ... traf dort den Greis schlafend, der ihm unlängst sein ...
-
- [S. 207]:
- ... abbrach und mit dem Ausruck des größten Schmerzes ...
- ... abbrach und mit dem Ausdruck des größten Schmerzes ...
-
- [S. 213]:
- ... wird versagen können. Es las hierauf folgende Erzählung. ...
- ... wird versagen können. Er las hierauf folgende Erzählung. ...
-
- [S. 226]:
- ... Hütte eine friedlicher Rauch in die Höhe stieg, Kinder ...
- ... Hütten ein friedlicher Rauch in die Höhe stieg, Kinder ...
-
- [S. 241]:
- ... Er sah die Fußstapfen im Sande am Eingange eingedrückt, ...
- ... er sah die Fußstapfen im Sande am Eingange eingedrückt, ...
-
- [S. 243]:
- ... sorgfaltig in seinen Sack, welchen er fest zusammen ...
- ... sorgfältig in seinen Sack, welchen er fest zusammen ...
-
- [S. 245]:
- ... seinem Freund Roderich. Das Licht brannte vor ihm, ...
- ... seinen Freund Roderich. Das Licht brannte vor ihm, ...
-
- [S. 260]:
- ... seinen neuen Frennd gewandt, so schwerfällig, mißlaunig, ...
- ... seinen neuen Freund gewandt, so schwerfällig, mißlaunig, ...
-
- [S. 264]:
- ... Du schwestest dahin, ich taumle zurück -- ...
- ... Du schwebest dahin, ich taumle zurück -- ...
-
- [S. 273]:
- ... es geschehen würde? Ihr habt euren Wnnsch, darum ...
- ... es geschehen würde? Ihr habt euren Wunsch, darum ...
-
- [S. 280]:
- ... uns nur Recht in diese Nacht hinein wüthen, und ...
- ... uns nur recht in diese Nacht hinein wüthen, und ...
-
- [S. 280]:
- ... nehmt kein Einrede von denen an, die sich verständig ...
- ... nehmt keine Einrede von denen an, die sich verständig ...
-
- [S. 316]:
- ... wohl zufrieden, sie vertraute ihn nun gänzlich und ...
- ... wohl zufrieden, sie vertraute ihm nun gänzlich und ...
-
- [S. 327]:
- ... Meeres lagen; dort waren die Wege an einsamsten und ...
- ... Meeres lagen; dort waren die Wege am einsamsten und ...
-
- [S. 329]:
- ... Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertönen, dadamit ...
- ... Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertönen, damit ...
-
- [S. 330]:
- ... und die langen schwarzen Wimper einen lieblichen ...
- ... und die langen schwarzen Wimpern einen lieblichen ...
-
- [S. 349]:
- ... Namen auszusprechen; Quellen und Bäumen nennen ...
- ... Namen auszusprechen; Quellen und Bäume nennen ...
-
- [S. 357]:
- ... Dann reiste Peter mir Magelonen zu seinen Eltern, ...
- ... Dann reiste Peter mit Magelonen zu seinen Eltern, ...
-
- [S. 381]:
- ... Mund, daß sie sich verirrt habe, auf einem vorbeifahrenden ...
- ... Mund, daß sie sich verirrt habe, auf einen vorbeifahrenden ...
-
- [S. 389]:
- ... Andres keidete sich an, und Marie bemerkte, daß ...
- ... Andres kleidete sich an, und Marie bemerkte, daß ...
-
- [S. 390]:
- ... ihn bis zu Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet ...
- ... ihm bis zu Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet ...
-
- [S. 400]:
- ... Netz zitterte wie beängstiget. Er brach im zunehmenden ...
- ... Netz zitterte wie beängstiget. Es brach im zunehmenden ...
-
- [S. 407]:
- ... schlechten Zeit, und der Gutssitzer von den Verbesserungen, ...
- ... schlechten Zeit, und der Gutsbesitzer von den Verbesserungen, ...
-
- [S. 408]:
- ... auf nieder ging, daß jenes Bildniß so lebhaft heut ...
- ... auf und nieder ging, daß jenes Bildniß so lebhaft heut ...
-
- [S. 413]:
- ... das ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, ...
- ... daß ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, ...
-
- [S. 415]:
- ... Aber seitdem war der Greis der Freund der Hauses, ...
- ... Aber seitdem war der Greis der Freund des Hauses, ...
-
- [S. 416]:
- ... Lothar verneigte ich, und nahm aus dem Blumenkorbe ...
- ... Lothar verneigte sich, und nahm aus dem Blumenkorbe ...
-
- [S. 428]:
- ... der über Klippen und hemmenden Gestein in ...
- ... der über Klippen und hemmendem Gestein in ...
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Schriften 4: Phantasus 1, by Ludwig Tieck
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN 4: PHANTASUS 1 ***
-
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-
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