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-The Project Gutenberg EBook of Schriften 4: Phantasus 1, by Ludwig Tieck
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-Title: Schriften 4: Phantasus 1
- Phantasus / Der blonde Eckbert / Der getreue Eckart / Der
- Runenberg / Liebeszauber / Die schöne Magelone / Die Elfen
- / Der Pokal
-
-Author: Ludwig Tieck
-
-Release Date: November 18, 2015 [EBook #50480]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN 4: PHANTASUS 1 ***
-
-
-
-
-Produced by Delphine Lettau, Jens Sadowski, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
- Ludwig Tieck's
- Schriften.
-
- Vierter Band.
-
-
-
-
- Phantasus
- Erster Theil.
-
-
- Berlin,
- bei G. Reimer,
- 1828.
-
- An den
- Dr. und Prof. Schleiermacher
- in Berlin.
-
-Gern erinnere ich mich der Jugendzeit, als wir uns nahe waren und uns
-oft bei gemeinschaftlichen Freunden trafen. Mögen Sie in ernsten
-Forschungen und Geschäften vertieft nicht diese luftigen Gaben der
-Phantasie verschmähen, sondern sich noch eben so gern, wie ehemals,
-durch sie erheitern.
-
- L. Tieck.
-
-
-
-
- Inhalt (hinzugefügt):
-
-
- Einleitung
- Phantasus
- Der blonde Eckbert
- Der getreue Eckart
- Der Runenberg
- Liebeszauber
- Die schöne Magelone
- Die Elfen
- Der Pokal
-
-Weitere Anmerkungen zur Transkription am Ende des Buches.
-
-
-
-
- Phantasus.
- Erster Theil.
-
-
-
-
-
- An
- A. W. Schlegel.
- (Anstatt einer Vorrede.)
-
-
-Es war eine schöne Zeit meines Lebens, als ich Dich und Deinen Bruder
-Friedrich zuerst kennen lernte; eine noch schönere, als wir und Novalis
-für Kunst und Wissenschaft vereinigt lebten, und uns in mannichfaltigen
-Bestrebungen begegneten. Jezt hat uns das Schicksal schon seit vielen
-Jahren getrennt. Ich verfehlte Dich in Rom, und eben so später in Wien
-und München, und fortdauernde Krankheit hielt mich ab, Dich an dem Orte
-Deines Aufenthaltes aufzusuchen; ich konnte nur im Geist und in der
-Erinnerung mit Dir leben.
-
-Von verschiedenen Seiten aufgefordert, war ich schon seit einiger Zeit
-entschlossen, meine jugendlichen Versuche, die sich zerstreut haben, zu
-sammeln, diejenigen hinzuzufügen, welche bis jezt noch ungedruckt waren,
-und andre zu vollenden und auszuarbeiten, die ich schon vor Jahren
-angefangen, oder entworfen hatte. Diese Mährchen, Schauspiele und
-Erzählungen, welche alle eine frühere Periode meines Lebens
-charakterisiren, vereinigt durch mannichfaltige Gespräche
-gleichgesinnter Freunde über Kunst und Literatur, machen den Inhalt
-dieses Buches. Manches, was ich in diesen Dialogen nur flüchtig berühren
-konnte, werde ich an andern Orten bestimmter darzustellen und
-auszuführen suchen. Diejenigen Dichtungen, welche schon bekannt gemacht
-waren, erscheinen hier mit Verbesserungen, und in der Summe der sieben
-verschiedenen Abtheilungen wird man eben so viele neue, als in den
-Volksmährchen, oder anderswo schon abgedruckte, antreffen. Die größeren
-Werke, wie der Zerbino oder die Genoveva schließen sich von dieser
-Sammlung aus.
-
-Es war meine Absicht, meinen Freunden diese Spiele der Phantasie, die
-sie früher schon gütig aufgenommen haben, in einer annehmlichern Gestalt
-vorzulegen. Du warst unter diesen einer der ersten, die mein Talent
-erhoben und ermunterten, Dein männlich heiterer Sinn findet auch im
-Scherze den Ernst, so wie er Gelehrsamkeit und gründliche Forschung
-durch Anmuth belebt: Du wirst gütig diese Blätter aufnehmen, die das
-Bild voriger Zeit und Deines Freundes in dir erneuern.
-
-
-
-
- Einleitung.
- 1811.
-
-
-Dieses romantische Gebirge, sagte Ernst, erinnert mich lebhaft an einen
-der schönsten Tage meines Lebens. In der heitersten Sommerszeit hatte
-ich die Fahrt über den Lago maggiore gemacht und die Borromäischen
-Inseln besucht; von einem kleinen Flecken am See ritt ich dann mit dem
-frühsten Morgen nach Belinzona, das mit seinen Zinnen und Thürmen auf
-Hügeln und im engen Thal ganz alterthümlich sich darstellt, und uns alte
-Sagen und Geschichten wunderlich vergegenwärtigt, und von dort reisete
-ich am Nachmittage ab, um am folgenden Tage den Weg über den Sankt
-Gotthard anzutreten. Am Fuße dieses Berges liegt äußerst anmuthig
-Giarnito, und einige Stunden vorher führt dich der Weg durch das
-reizendste Thal, in welchem Weingebirge und Wald auf das mannigfaltigste
-wechselt, und von allen Bergen große und kleine Wasserfälle klingend und
-wie musizirend niedertanzen; immer enger rücken die Felsen zusammen, je
-mehr du dich dem Orte näherst, und endlich ziehn sich Weinlauben über
-dir hinweg von Berg zu Berg, und verdecken von Zeit zu Zeit den Anblick
-des Himmels. Es wurde Abend, eh ich die Herberge erreichte, beim
-Sternenglanz, den mir die grünen Lauben oft verhüllten, rauschten näher
-und vertraulicher die Wasserfälle, die sich in mannigfachen Krümmungen
-Wege durch das frische Thal suchten; die Lichter des Ortes waren bald
-nahe, bald fern, bald wieder verschwunden, und das Echo, das unsere
-Reden und den Hufschlag der Pferde wiederholte, das Flüstern der Lauben,
-das Rauschen der Bäume, das Brausen und Tönen der Wasser, die wie in
-Freundschaft und Zorn abwechselnd näher und ferner schwazten und
-zankten, vom Bellen wachsamer Hunde aus verschiedenen Richtungen
-unterbrochen, machten diesen Abend, indem noch die grünenden
-Borromäischen Inseln in meiner Phantasie schwammen, zu einem der
-wundervollsten meines Lebens, dessen Musik sich oft wachend und träumend
-in mir wiederholt. Und -- wie ich sagte -- dieses romantische Gebirge
-hier erinnert mich lebhaft an den Genuß jener schönen Tage.
-
-Warum, sagte sein Freund Theodor, hast du nie etwas von deinen Reisen
-deinen nahen und fernen Freunden öffentlich mittheilen wollen?
-
-Nenn' es, antwortete jener, Trägheit, Zaghaftigkeit, oder wie du willst:
-vielleicht auch rührt es von einem einseitigen, zu weit getriebenen
-Abscheu gegen die meisten Reisebeschreibungen ähnlicher Art her, die mir
-bekannt geworden sind. Wenigstens schwebt mir ein ganz andres Bild einer
-solchen Beschreibung vor; den ältern, unästhetischen lasse ich ihren
-Werth: doch jene, in denen Natur und Kunst und Völker aller Art, nebst
-Sitten und Trachten und Staatsverfassungen der witzig-philosophischen
-Eitelkeit des Schriftstellers, wie Affen zum Tanze, aufgeführt werden,
-der sich in jedem Augenblick nicht genug darüber verwundern kann, daß er
-es ist, der alle die Gaukeleien mit so stolzer Demuth beschreibt, und
-der so weltbürgerlich sich mit allen diesen Thorheiten einläßt; o, sie
-sind mir von je so widerlich gewesen, daß die Furcht, in ihre Reihe
-gestellt, oder gar unvermerkt bei ähnlicher Beschäftigung ihnen verwandt
-zu werden, mich von jedem Versuche einer öffentlichen Mittheilung
-abgeschreckt hat.
-
-Doch giebt es vielleicht, sagte Theodor, eine so schlichte und
-unschuldige Manier, eine so einfache Ansicht der Dinge, daß ich mir wohl
-nach Art eines Gedichtes die Beschreibung eines Landes, oder einer
-Reise, denken kann.
-
-Gewiß, sagte Ernst, manche der ältern Reisen nähern sich auch diesem
-Bilde, und es verhält sich ohne Zweifel damit eben so, wie mit der Kunst
-zu reisen selbst. Wie wenigen Menschen ist das Talent verliehn, Reisende
-zu sein! Sie verlassen niemals ihre Heimath, sie werden von allem
-Fremdartigen gedrückt und verlegen, oder bemerken es durchaus gar nicht.
-Wie glücklich, wem es vergönnt ist, in erster Jugend, wenn Herz und Sinn
-noch unbefangen sind, eine große Reise durch schöne Länder zu machen,
-dann tritt ihm alles so natürlich und wahr, so vertraut wie Geschwister,
-entgegen, er bemerkt und lernt, ohne es zu wissen, seine stille
-Begeisterung umfängt alles mit Liebe, und durchdringt mit freundlichem
-Ernst alle Wesen: einem solchen Sinn erhält die Heimath nachher den Reiz
-des Fremden, er versteht nun einheimisch zu sein, das Ferne und Nahe
-wird ihm eins, und in der Vergleichung mannigfaltiger Gegenstände wird
-ihm ein Sinn für Richtigkeit. So war es wohl gemeint, wenn man sonst
-junge Edelleute nach Vollendung ihrer Studien reisen ließ. Der Mensch
-versteht wahrhaft erst das Nahe und Einheimische, wenn ihm das Fremde
-nicht mehr fremd ist.
-
-An diese Reisenden schließe ich mich noch am ersten, sagte Theodor, wenn
-du mir auch unaufhörlich vorwirfst, daß ich meine Reisen, wie das Leben
-selbst, zu leichtsinnig nehme. Freilich ist wohl in meiner Sucht nach
-der Fremde zu viel Widerwille gegen die gewohnte Umgebung, und sehr oft
-ist es mir mehr um den Wechsel der Gegenstände, als um irgend eine
-Belehrung zu thun.
-
-Die zweite und vielleicht noch schönere Art zu reisen, fuhr Ernst fort,
-ist jene, wenn die Reise selbst sich in eine andächtige Wallfahrt
-verwandelt, wenn die jugendliche Neugier und die scharfe Lust an fremden
-Gegenständen schon gebrochen sind, wenn ein reifes Gemüth mit Kenntniß
-und Liebe gleich sehr erfüllt, an die Ruinen und Grabmäler der Vorzeit
-tritt, die Natur und Kunst wie die Erfüllung eines oft geträumten Traums
-begrüßt, auf jedem Schritte alte Freunde findet, und Vorwelt und
-Gegenwart in ein großes, rührend erhabenes Gemälde zerfließen.
-
-Diese elegischen Stimmungen würden mich nur ängstigen, unterbrach ihn
-Theodor. Ihr andern, ihr ernsthaften Leute, verbindet so widerwärtige
-Begriffe mit dem Zerstreutsein, da es doch in einfachen Menschen oft nur
-das wahre Beisammensein mit der Natur ist, wie mit einem frohen
-Spielkameraden; eure Sammlung, euer tiefes Eindringen sehr häufig eine
-unermeßliche Ferne. Auf welche Weise aber, mein Freund, würdest du deine
-Ansicht über dergleichen Gegenstände mittheilen, im Fall du einmal
-deinen Widerwillen künftig etwas mehr bezwingen solltest.
-
-Schon früh, sagte Ernst, bevor ich noch die Welt und mich kennen gelernt
-hatte, war ich mit meiner Erziehung, so wie mit allem Unterricht, den
-ich erfuhr, herzlich unzufrieden. War es doch nicht anders, als
-verschwiege man geflissentlich das, was wissenswürdig sei, oder erwähnte
-es zuweilen nur, um mit hochmüthigem Verhöhnen das zu erniedrigen, was
-selbst in dieser Entstellung mein junges Herz bewegte. Dafür aber suchte
-ich nachher auch, gleichsam wie der Zeit zum Trotz und ihrer falschen
-Bildung, alles als ein Befreundetes und Verwandtes auf, was mir meine
-Bücher und Lehrer nur zu oft als das Abgeschmackte, Dunkle und
-Widerwärtige bezeichnet hatten; ich berauschte mich auf meinem ersten
-Ausfluge in allen Erinnerungen des Alterthums, begeisterte mich an den
-Denkmalen einer längst verloschenen Liebe, ja that wohl manchem Guten
-und Nützlichen mit erwiedertem Verfolgungsgeist unrecht, und stand bald
-unter meiner Umgebung selbst wie eine unverständliche Alterthümlichkeit,
-indem ich ihr Nichtbegreifen nicht begriff, und verzweifeln wollte, daß
-allen andern der Sinn und die Liebe so gänzlich fehlten, die mich bis
-zum Schmerzhaften erregten und rührten.
-
-Freilich, fiel Theodor lachend ein, erschienst du damals mit deiner
-Bekehrungssucht als ein höchst wunderlicher Kauz, und ich erinnere mich
-noch mit Freuden des Tages, als wir uns vor vielen Jahren zuerst in
-Nürnberg trafen, und wie einer deiner ehemaligen Lehrer, der dich dort
-wieder aufgesucht hatte, und für alles Nützliche, Neue, Fabrikartige
-fast fantastisch begeistert war, dich aus den dunkeln Mauern nach Fürth
-führte, wo er in den Spiegelschleifereien, Knopf-Manufakturen und allen
-klappernden und rumorenden Gewerben wahrhaft schwelgte, und deine
-Gleichgültigkeit ebenfalls nicht verstand und dich fast für schlechten
-Herzens erklärt hätte, da er dich nicht stumpfsinnig nennen wollte:
-endlich, bei den Goldschlägern, lebtest du zu seiner Freude wieder auf,
-es geschah aber nur, weil du hier die Gelegenheit hattest, dir die
-Pergamentblätter zeigen zu lassen, die zur Arbeit gebraucht werden; du
-bedauertest zu seinem Verdruß sogar die zerschnittenen Meßbücher, und
-wühltest herum, um vielleicht ein Stück eines altdeutschen Gedichtes zu
-entdecken, wofür der aufgeklärte Lehrer kein Blättchen Goldschaum
-aufgeopfert hätte.
-
-Es ist gut, sagte Ernst, daß die Menschen verschieden denken und sich
-auf mannigfaltige Weise interessiren, doch war die ganze Welt damals zu
-einseitig auf ein Interesse hingespannt, das seitdem auch schon mehr und
-mehr als Irrthum erkannt ist. Dieses Nord-Amerika von Fürth konnte mir
-freilich wohl neben dem altbürgerlichen, germanischen, kunstvollen
-Nürnberg nicht gefallen, und wie sehnsüchtig eilte ich nach der
-geliebten Stadt zurück, in der der theure Dürer gearbeitet hatte, wo die
-Kirchen, das herrliche Rathhaus, so manche Sammlungen, Spuren seiner
-Thätigkeit, und der Johannis-Kirchhof seinen Leichnam selber bewahrte;
-wie gern schweifte ich durch die krummen Gassen, über die Brücken und
-Plätze, wo künstliche Brunnen, Gebilde aller Art, mich an eine schöne
-Periode Deutschlands erinnerten, ja! damals noch die Häuser von außen
-mit Gemälden von Riesen und altdeutschen Helden geschmückt waren.
-
-Doch, sagte Theodor, wird das jezt alles dort, so wie in andern Städten,
-von Geschmackvollen angestrichen, um, wie der Dichter sagt: »zu malen
-auf das Weiß, ihr Antlitz oder ihren Steiß.« -- Allein Fürth war auch
-bei alle dem mit seinen geputzten Damen, die gedrängt am Jahrmarktsfest
-durch die Gassen wandelten, nebst dem guten Wirthshause, und der
-Aussicht aus den Straßen in das Grün an jenem warmen sonnigen Tage nicht
-so durchaus zu verachten. Behüte uns überhaupt nur der Himmel, (wie es
-schon hie und da angeklungen hat) daß dieselbe Liebe und Begeisterung,
-die ich zwar in dir als etwas Aechtes anerkenne, nicht die Thorheit
-einer jüngeren Zeit werde, die dich dann mit leeren Uebertreibungen weit
-überflügeln möchte.
-
-Wenn nur das wahrhaft Gute und Große mehr erkannt und ins Bewußtsein
-gebracht wird, sagte Ernst, wenn wir nur mehr sammeln und lernen, jene
-Vorurtheile der neuern Hoffarth ganz ablegen, und die Vorzeit und also
-das Vaterland wahrhafter und inniger lieben, so kann der Nachtheil einer
-sich bald erschöpfenden Thorheit so groß nicht werden. -- In jenen
-jugendlichen Tagen, als ich zuerst deine Freundschaft gewann, gerieth
-ich oft in die wunderlichste Stimmung, wenn ich die Beschreibungen
-unsers Vaterlandes, die gekannt und gerühmt waren, und welche auf
-allgemein angenommenen Grundsätzen ruhten, mit dem Deutschland verglich,
-wie ich es mit meinen Augen und Empfindungen sah; je mehr ich überlegte,
-nachsann und zu lernen suchte, je mehr wurde ich überzeugt, es sei von
-zwei ganz verschiedenen Ländern die Frage, ja unser Vaterland sei
-überall so unbekannt, wie ein tief in Asien oder Afrika zu entdeckendes
-Reich, von welchem unsichre Sagen umgingen, und das die Neugier unsrer
-wißbegierigen Landsleute eben so, wie jene mythischen Gegenden reizen
-müsse; und so nahm ich mir damals, in jener Frühlingsstimmung meiner
-Seele, vor, der Entdecker dieser ungekannten Zonen zu werden. Auf diese
-Weise bildete sich in jenen Stunden in mir das Ideal einer
-Reisebeschreibung durch Deutschland, das mich auch seitdem noch oft
-überschlichen und mich gereizt hat, einige Blätter wirklich nieder zu
-schreiben. Doch jezt könnt' ich leider Elegien dichten, daß es nun auch
-zu jenen Elegien zu spät ist.
-
-Einige Töne dieser Elegie, sagte Theodor, klingen doch wohl in den
-Worten des Klosterbruders.
-
-Am frühsten, sagte Ernst, in den wenigen Zeilen unsers Dichters über den
-Münster in Straßburg, die ich niemals ohne Bewegung habe lesen können,
-dann in den Blättern von deutscher Art und Kunst; in neueren Tagen hat
-unser Freund, Friedrich Schlegel, mit Liebe an das deutsche Alterthum
-erinnert, und mit tiefem Sinn und Kenntniß manchen Irrthum entfernt,
-auch hat sich die Stimmung unsrer Zeit auffallend zum Bessern verändert,
-wir achten die deutsche Vorzeit und ihre Denkmäler, wir schämen uns
-nicht mehr, wie ehemals, Deutsche zu sein, und glauben nicht unbedingt
-mehr an die Vorzüge fremder Nationen. Das ökonomische Treiben, die
-Verehrung kleinlicher List, die Vergötterung der neusten Zeit ist fast
-erstorben, eine höhere Sehnsucht hat unsern Blick in die Vergangenheit
-geschärft, und neueres Unglück für die vergangenen großen Jahrhunderte
-den edlern Sinn in uns aufgeschlossen. In jenen früheren Tagen aber
-hatten wir noch mehr Ueberreste der alten Zeit selbst vor uns, man fand
-noch Klöster, geistliche Fürstenthümer, freie Reichsstädte, viele alte
-Gebäude waren noch nicht abgetragen oder zerstört, altdeutsche
-Kunstwerke noch nicht verschleppt, manche Sitte noch aus dem Mittelalter
-herüber gebracht, die Volksfeste hatten noch mehr Charakter und
-Fröhlichkeit, und man brauchte nur wenige Meilen zu reisen, um andre
-Gewohnheiten, Gebäude und Verfassungen anzutreffen. Alle diese
-Mannigfaltigkeit zu sehn, zu fühlen und in ein Gemälde darzustellen, war
-damals mein Vorsatz. Was unsre Nation an eigenthümlicher Malerei,
-Sculptur und Architektur besitzt, welche Sitten und Verfassungen jeder
-Provinz und Stadt eigen, und wie sie entstanden, zu erforschen, um den
-Mißverständnissen der neueren kleinlichen Geschichtschreiber zu
-begegnen; welche Natur jeden Menschenstamm umgiebt, ihn bildet und von
-ihm gebildet wird: alles dieses sollte wie in einem Kunstwerke gelöst
-und ausgeführt werden. Den edlen Stamm der Oesterreicher wollte ich
-gegen den Unglimpf jener Tage vertheidigen, die in ihrem fruchtbaren
-Lande und hinter reizenden Bergen den alten Frohsinn bewahren; die
-kriegerischen und fromm gläubigen Baiern loben, die freundlichen,
-sinnvollen, erfindungsreichen Schwaben im Garten ihres Landes schildern,
-von denen schon ein alter Dichter singt:
-
- Ich hab der Schwaben Würdigkeit
- In fremden Landen wohl erfahren;
-
-die berührigen, muntern Franken, in ihrer romantischen, vielfach
-wechselnden Umgebung, denen damals ihr Bamberg ein deutsches Rom war;
-die geistvollen Völker den herrlichen Rhein hinunter, die biederben
-Hessen, die schönen Thüringer, deren Waldgebirge noch die Gestalt und
-den Blick der alten Ritter aufbewahren; die Niederdeutschen, die dem
-treuherzigen Holländer und starken Engländer ähnlich sind: bei jeder
-merkwürdigen Stelle unsrer vaterländischen Erde wollte ich an die alte
-Geschichte erinnern, und so dachte ich die lieben Thäler und Gebirge zu
-durchwandeln, unser edles Land, einst so blühend und groß, vom Rhein und
-der Donau und alten Sagen durchrauscht, von hohen Bergen und alten
-Schlössern und deutschem tapfern Sinn beschirmt, gekränzt mit den einzig
-grünen Wiesen, auf denen so liebe Traulichkeit und einfacher Sinn wohnt.
-Gewiß, wem es gelänge, auf solche Weise ein geliebtes Vaterland zu
-schildern, aus den unmittelbarsten Gefühlen, der würde ohne alle
-Affektation zugleich ein hinreißendes Dichterwerk ersonnen haben.
-
-Oft, fiel Theodor ein, habe ich mich darüber wundern müssen, daß wir
-nicht mit mehr Ehrfurcht die Fußstapfen unsrer Vorfahren aufsuchen, da
-wir vor allem Griechischen und Römischen, ja vor allem Fremden oft mit
-so heiligen Gefühlen stehn und uns durch edle Erinnerungen entzückt
-fühlen; so wie auch darüber, daß unsre Dichter noch so wenig gethan
-haben, diesen Geist zu erwecken.
-
-Manche, sagte Ernst, haben es eine Zeitlang versucht, aber schwach,
-viele verkehrt, und ein hoher Sinn, der Deutschland so liebte und
-einheimisch war, wie der große Shakspear seinem Vaterlande, hat uns
-bisher noch gefehlt.
-
-Wir vergessen aber, rief Theodor, die herrliche Gegend zu genießen, auf
-die Vögel aus dem Dickicht des Waldes und auf das Gemurmel dieser
-lieblichen Bäche zu horchen.
-
-Alles tönt auch unbewußt in unsre Seele hinein, sagte Ernst; auch
-wollten wir ja noch die schöne Ruine besteigen, die dort schon vor uns
-liegt, und auch mit jedem Jahre mehr verfällt: hier arbeitet die Zeit,
-anderswo die Nachlässigkeit der Menschen, an vielen Orten der
-verachtende Leichtsinn, der ganze Gebäude niederreißt, oder sie
-verkauft, um alles Denkmal immer mehr dem Staube und der Vergessenheit
-zu überliefern. Indessen, wenn der Sinn dafür nur um so mehr erwacht, um
-so mehr in der Wirklichkeit zu Grunde geht, so haben wir doch mehr
-gewonnen als verloren.
-
-Ist diese Gegend nicht, durch welche wir wandeln, fing Theodor an, einem
-schönen romantischen Gedichte zu vergleichen? Erst wand sich der Weg
-labirinthisch auf und ab durch den dichten Buchenwald, der nur
-augenblickliche räthselhafte Aussicht in die Landschaft erlaubte: so ist
-die erste Einleitung des Gedichtes; dann geriethen wir an den blauen
-Fluß, der uns plötzlich überraschte und uns den Blick in das
-unvermuthete frisch grüne Thal gönnte: so ist die plötzliche Gegenwart
-einer innigen Liebe; dann die hohen Felsengruppen, die sich edel und
-majestätisch erhuben und höher bis zum Himmel wuchsen, je weiter wir
-gingen: so treten in die alten Erzählungen erhabene Begebenheiten
-hinein, und lenken unsern Sinn von den Blumen ab; dann hatten wir den
-großen Blick auf ein weit ausgebreitetes Thal, mit schwebenden Dörfern
-und Thürmen auf schön geformten Bergen in der Ferne, wir sahen Wälder,
-weidende Heerden, Hütten der Bergleute, aus denen wir das Getöse herüber
-vernahmen: so öffnet sich ein großes Dichterwerk in die
-Mannichfaltigkeit der Welt und entfaltet den Reichthum der Charaktere;
-nun traten wir in den Hain von verschiedenem duftenden Gehölz, in
-welchem die Nachtigall so lieblich klagte, die Sonne sich verbarg, ein
-Bach so leise schluchzend aus den Bergen quoll, und murmelnd jenen
-blauen Strom suchte, den wir plötzlich, um die Felsenecke biegend, in
-aller Herrlichkeit wieder fanden: so schmilzt Sehnsucht und Schmerz, und
-sucht die verwandte Brust des tröstenden Freundes, um sich ganz, ganz in
-dessen lieblich erquickende Fülle zu ergießen, und sich in triumphirende
-Woge zu verwandeln. Wie wird sich diese reizende Landschaft nun ferner
-noch entwickeln? Schon oft habe ich Lust gefühlt, einer romantischen
-Musik ein Gedicht unterzulegen, oder gewünscht, ein genialer Tonkünstler
-möchte mir voraus arbeiten, um nachher den Text seiner Musik zu suchen;
-aber warlich, ich fühle jezt, daß sich aus solchem Wechsel einer
-anmuthigen Landschaft ebenfalls ein reizendes erzählendes Gedicht
-entwickeln ließe.
-
-Zu wiederholten malen, erwiederte Ernst, hat mich unser Freund Manfred
-mit dergleichen Vorstellungen unterhalten, und indem du sprachst, dachte
-ich an den unvergleichlichen Parceval und seine Krone, den Titurell.
-Jeder Spaziergang, der uns befriedigt, hat in unsrer Seele ein Gedicht
-abgelöset, und wiederholt und vollendet es, wenn er uns immer wieder mit
-unsichtbarem Zauber umgiebt.
-
-Sehn wir die Entwickelung der romantischen Verschlingung! rief Theodor;
-Wald und Fluß verschwinden links, unser Weg zieht sich rechts, und viele
-kleine Wasserfälle rauschen aus buschigen Hügeln hervor, und tanzen und
-jauchzen wie muntre Nebenpersonen zur Wiese hinab, um jenem
-schluchzenden Bach zu widersprechen, und in Freude und Lust den
-glänzenden Strom aufzusuchen, den schon die Sonne wieder bescheint, und
-der so lächelnd zu ihnen herüber winkt.
-
-Sieh doch, rief Ernst, wenn mein geübtes Auge etwas weniger scharf wäre,
-so könnte ich mich überreden, dort stände unser Freund Anton! aber seine
-Stellung ist matter und sein Gang schwankender.
-
-Nein, rief Theodor, dein Auge ist nicht scharf genug, sonst würdest du
-keinen Augenblick zweifeln, daß er es nicht selbst in eigner Person sein
-sollte! Sieh, wie er sich jezt bückt, und mit der Hand Wasser schöpft,
-nun schüttelt er die Tropfen ab und dehnt sich; sieh, nur er allein kann
-nun mit solchem leutseligen Anstande die Nase in die Sonne halten, --
-und sein Auge hat uns auch schon gefunden!
-
-Die Freunde, die sich lange nicht gesehn hatten, und sich in schöner
-Einsamkeit so unvermuthet wieder fanden, eilten mit frohem Ausruf auf
-einander zu, umarmten sich, thaten tausend Fragen und erwarteten keine
-Antwort, drückten sich wieder an die Brust und genossen im Taumel ihrer
-freudigen Verwunderung immer wieder die Lust der Ueberraschung. O der
-Freude, dich wieder zu haben, rief Theodor aus, du lieber, lieber
-Freund! Wie fällst du so unvermuthet (doch brauchts ja keine Motive) aus
-diesen allerliebsten Episoden hier in unsre Haupthandlung und Wandlung
-hinein!
-
-Aber du siehst matt und krank aus, sagte Ernst, indem er ihn mit Wehmuth
-betrachtete.
-
-So ist es auch, erwiederte Anton, ich habe mich erst vor einigen Wochen
-vom Krankenlager erhoben, fühlte heut zum erstenmal die Schönheit der
-Natur wieder, und ließ mir nicht träumen, daß ihr wie aus dem Himmel
-noch heut in meinen Himmel fallen würdet. Aber seid mir tausend und
-tausendmal willkommen!
-
-Man ging, man stand dann wieder still, um sich zu betrachten, sich zu
-befragen, und jeder erkundigte sich nun nach den Geschäften, nach den
-Absichten des andern. Meine Reise, sagte Ernst, hat keinen andern
-Endzweck, als mich in der Nähe, nur einige Meilen von hier, über einige
-alte, sogenannte gothische Gebäude zu unterrichten, und dann in der
-Stadt ein altdeutsches Gedicht aufzusuchen.
-
-Und ich, sagte Theodor, bin meiner Gewohnheit nach nur so mitgenommen
-worden, weil ich eben weder etwas zu thun, noch zu versäumen hatte.
-
-Ich besuche unsern Manfred, sagte Anton, der mich auf sein schönes
-Landgut, sieben Meilen von hier, eingeladen hat, da er von meiner
-Krankheit und Genesung Nachricht bekommen.
-
-Wohnt der jezt in diesem Gebirge? fragte Ernst.
-
-Ihr wißt also nicht, fuhr Anton fort, daß er schon seit mehr als zwei
-Jahren verheirathet ist und hier wohnt?
-
-Manfred verheirathet? rief Theodor aus; er, der so viel gegen alle Ehe
-deklamirt, so über alle gepriesene Häuslichkeit gespottet hat, der es zu
-seiner Aufgabe zu machen schien, das Phantastische mit dem wirklichen
-Leben aufs innigste zu verbinden, der vor nichts solchen Abscheu
-äußerte, als vor jener gesetzten, kaltblütig moralischen Philisterei?
-Wie ist es möglich? Ei! der mag sich denn nun auch schön verändert
-haben! Gewiß hat ihn »das Dreherchen der Zeit« so umgedreht, daß er
-nicht wieder zu erkennen ist.
-
-Vielleicht, sagte Ernst, konnte es ihm gerade am ersten gelingen, die
-Jugend beizubehalten, in welcher er sich scheinbar so wild bewegte, denn
-sein Charakter neigte immer zum Ernst, und eben darum war sein
-Widerwille gegen den geheuchelten, läppischen Ernst unserer Tage oft so
-grotesk und bizarr: bei manchen Menschen dient eine wunderliche
-Außenseite nur zum nothwendigen Gegengewicht eines gehaltvollen, oft
-fast melankolischen Innern, und zu diesen scheint mir unser Freund zu
-gehören.
-
-Ich habe ihn schon im vorigen Jahre gesehn, sagte Anton, und ihn gar
-nicht verändert gefunden, er ist eher jünger geworden; seine Haushaltung
-mit seiner Frau und ihrer jüngern Schwester Clara, mit seiner eignen
-Schwester und Schwiegermutter ist die liebenswürdigste, die ich noch
-gesehn habe, so wie sein Landgut die schönste Lage im ganzen Gebirge
-hat: ihr thätet klug, mich dahin zu begleiten, was sich auch sehr gut
-mit deinen gelehrten antiquarischen Untersuchungen vereinigen läßt.
-
-Er muß! rief Theodor, oder ich laß ihn im Stich der gothischen, oder,
-wie er will, altdeutschen Spitzgewölbe.
-
-Darüber läßt sich noch sprechen, sagte Ernst halb zweifelnd; da ihm aber
-Anton noch erzählte, daß sie im nächsten Städtchen die beiden längst
-gesuchten Freunde Lothar und Friedrich finden würden, die ihn
-erwarteten, um mit ihm zum gemeinschaftlichen Freunde Manfred zu reisen,
-und sich einige Wochen bei diesem aufzuhalten, so ließ sich Ernst
-bewegen, seine Antiquitäten auch noch so lange beiseit zu thun, um nach
-vielen Jahren einmal wieder im Kreise seiner Geliebten eine neue Jugend
-zu leben, und die alten theuern Erinnerungen seinem Herzen zu erwecken.
-
-Die Freunde wanderten weiter, und nach geraumer Zeit fragte Theodor: wie
-hast du nur so lange krank sein können?
-
-Verwundre dich doch lieber, antwortete der Kranke, wie ich so bald habe
-genesen können, denn noch ist es mir selber unbegreiflich, daß meine
-Kräfte sich so schnell wieder hergestellt haben.
-
-Wie wird sich der gute Friedrich freuen, sagte Theodor, dich einmal
-wieder zu sehn; denn immer warst du ihm unter seinen Freunden der
-liebste.
-
-Sagt vielmehr, antwortete der Genesene, daß wir uns in manchen Punkten
-unsers Wesens am innigsten berührten und am besten verstanden; denn,
-meine Geliebten, man lebt, wenn man das Glück hat, mehre Freunde zu
-besitzen, mit jedem Freunde ein eignes, abgesondertes Leben; es bilden
-sich mannichfache Kreise von Zärtlichkeit und Freundschaft, die wohl die
-Gefühle der Liebe zu andern in sich aufnehmen und harmonisch mit ihnen
-fortschwingen, dann aber wieder in die alte eigenthümliche Bahn zurück
-kehren. Und eben so wie mir der Vertrauteste in vielen Gesinnungen fremd
-bleibt, so hebt eben derselbe auch vieles Dunkle in meiner eignen Natur
-bloß durch seine Gegenwart hervor, und macht es licht, sein Gespräch,
-wenn es diese Punkte trifft, erweckt es zum klarsten innigsten Leben,
-und eben so wirkt meine Gegenwart auf ihn zurück. Vielleicht war manches
-in Friedrich und mir, was ihr übrigen mißverstandet, was sich in uns
-ergänzte und durch unsre Freundschaft zum Bewußtsein gedieh, so daß wir
-uns mancher Dinge wohl sogar erfreuten, die andre uns lieber hätten
-abgewöhnen mögen.
-
-Was du da sagst, ist sehr wahr, fügte Ernst hinzu, der Mensch, der
-überhaupt das Leben und sich versteht, wird mit jedem seiner Freunde ein
-eignes Vertrauen, eine andre Zärtlichkeit fühlen und üben wollen. O das
-ist ja eben das Himmlische der Freundschaft, sich im geliebten
-Gegenstande ganz zu verlieren, neben dem Verwandten so viel
-Fremdartiges, Geheimnißvolles ahnden, mit herzlichem Glauben und edler
-Zuversicht auch das Nichtverstandne achten, durch diese Liebe Seele zu
-gewinnen und Seele dem Geliebten zu schenken! Wie roh leben diejenigen,
-und verletzen ewig sich und den Freund, die so ganz und unbedingt sich
-verstehn, beurtheilen, abmessen, und dadurch nur scheinbar einander
-angehören wollen! das heißt Bäume fällen, Hügel abtragen und Bäche
-ableiten, um allenthalben flache Durchsicht, Mittheilung und Verknüpfung
-zu gewinnen, und einen schönen romantischen Park verderben. Nicht früh
-genug kann der Jüngling, der so glücklich ist, einen Freund zu gewinnen,
-sich von dieser selbstischen Forderung unsrer roheren Natur, von diesem
-Mißverständniß der jugendlichen Liebe entwöhnen.
-
-Was du da berührst, sagte Anton, berührt zugleich die Wahrheit, daß es
-nicht nur erlaubt, sondern fast nothwendig sei, daß Freunde vor einander
-Geheimnisse haben, ja es erklärt gewissermaßen die seltsame Erscheinung,
-daß man dem einen Freunde wohl etwas anvertrauen mag, was man gern dem
-verschweigt, mit dem man vielleicht in noch vertrautern Verhältnissen
-lebt. Es ist eine Kunst in der Freundschaft wie in allen Dingen, und
-vielleicht daher, daß man sie nicht als Kunst erkennt und treibt,
-entspringt der Mangel an Freundschaft, über welchen alle Welt jezt
-klagt.
-
-Hier kommen wir ja recht, rief Theodor lebhaft aus, in das Gebiet, in
-welchem unser Friedrich so gerne wandelt! Ihn muß man über diese
-Gegenstände reden hören, denn er verlangt und sieht allenthalben
-Geheimniß, das er nicht gestört wissen will, denn es ist ihm das Element
-der Freundschaft und Liebe. Verarge doch dem Freunde nicht, sprach er
-einmal, wenn du ahndest, daß er dir etwas verbirgt, denn dies ist ja nur
-der Beweis einer zärteren Liebe, einer Scheu, die sich ängstlich um dich
-bewirbt, und sittsam an dich schmiegt; o ihr Liebenden, vergeßt doch
-niemals, wie viel ihr wagt, wenn ihr ein Gefühl dem Worte anvertrauen
-wollt! was läßt sich denn überall in Worten sagen? Ist doch für vieles
-schon der Blick zu ungeistig und körperlich! -- O Brüder, Engelherzen,
-wie viel thörichtes Zeug wollen wir mit einander schwatzen!
-
-Thöricht? sagte Anton etwas empfindlich; ja freilich, wie alles thöricht
-ist, was das Materielle zu verlassen strebt, und wie die Liebe selbst in
-dieser Hinsicht Krankheit zu nennen ist, wie Novalis so schön sagt. Hast
-du noch nie ein Wort bereut, das du selbst in der vertrautesten Stunde
-dem vertrautesten Freunde sagtest? Nicht, weil du ihn für einen
-Verräther halten konntest, sondern weil ein Gemüthsgeheimniß nur in
-einem Elemente schwebte, das so leicht seine rohe Natur dagegen wenden
-kann: ja du trauerst wohl selbst über manches, das der Freund in dein
-Herz nieder legen will, und das Wort klingt späterhin mißmüthig und
-disharmonisch in deiner innersten Seele wieder. Oder verstehst du dies
-so gar nicht und hast es nie erlebt?
-
-Nicht böse, du lieber Kranker, sagte Theodor, indem er ihn umarmte; du
-kennst ja meine Art. Schatz, warst du denn nicht eben einverstanden
-darüber, daß es unter Freunden Mißverständnisse geben müsse? diese meine
-Dummheit ist auch ein Geheimniß, glaubt es nur, das ihr auf eine etwas
-zartere Art solltet zu ahnden oder zu entwirren streben.
-
-Alle lachten, worauf Anton sagte: das Lachen wird mir noch beschwerlich
-und greift mich an, ich werde müde und matt in unsre Herberge ankommen.
--- Er schöpfte hierauf wieder aus einem vorüberrollenden Bache etwas
-Wasser, um sich zu erquicken, und wies den Wein ab, den ihm Ernst anbot,
-indem er sagte: ihr könnt es nicht wissen, wie erquickend, wie
-paradiesisch dem Genesenden die kühle Woge ist; schon indem sie mein
-Auge sieht und mein Ohr murmeln hört, bin ich entzückt, ja Gedanken von
-frischen Wäldern und Wassern, von kühlenden Schatten säuseln immerfort
-anmuthig durch mein ermattendes Gemüth und fächeln sehnsuchtvoll die
-Hitze, die immer noch dort brennt. Viel zu körperlich und schwer ist
-dieser süße, sonst so labende Wein, zu heiß und dürr, und würde mir alle
-Träume meines Innern in ihrem lieblichen Schlummer stören.
-
-Jeder nach seinem Geschmack, sagte Theodor, indem er einen herzhaften
-Trunk aus der Flasche that; es lebe die Verschiedenheit der Gesinnungen!
-Womit aber hast du dich in deiner Krankheit beschäftigen können?
-
-Der Arzt verlangte, sagte Anton, ich sollte mich durchaus auf keine
-Weise beschäftigen, wie denn die Aerzte überhaupt Wunder von den Kranken
-fodern; ich weiß nicht, welche Vorstellungen der meinige von den Büchern
-haben mußte, denn er war hauptsächlich gegen das Lesen eingenommen, er
-hielt es in meinem Zustande für eine Art von Gift, und doch bin ich
-überzeugt, daß ich dem Lesen zum Theil meine Genesung zu danken habe.
-
-Unmöglich, sagte Ernst, kann im Zustand des Fiebers, des Ueberreizes und
-der Abspannung diese Anstrengung eine heilsame sein, und ich fürchte,
-dein Arzt hat nur zu sehr Recht gehabt.
-
-Was Recht! rief Anton aus; er hatte einen ganz falschen Begriff von der
-deutschen Literatur, so wie von meiner Kunst des Lesens, denn ich hütete
-mich wohl von selbst vor allem Vortrefflichen, Hinreißenden,
-Pathetischen und Speculativen, was mir in der That hätte übel bekommen
-können; sondern ich wandte mich in jene anmuthige Gegend, die von den
-Kunstverständigen meistentheils zu sehr verachtet und vernachlässigt
-wird, in jenen Wald voll ächt einheimischer und patriotischer Gewächse,
-die mein Gemüth gelinde dehnten, gelinde mein Herz bewegten, still mein
-Blut erwärmten, und mitten im Genuß sanfte Ironie und gelinde Langeweile
-zuließen. Ich versichre euch, einen Tempel der Dankbarkeit möcht' ich
-ihnen genesend widmen; und wie viele auch vortrefflich sein mögen, so
-waren es doch hauptsächlich drei Autoren, die ich studirt und ihre
-Wirkungen beobachtet habe.
-
-Ich bin begierig, sagte Ernst.
-
-Als ich am schwächsten und gefährlichsten war, fuhr Anton fort, begann
-ich sehr weislich, gegen des Arztes ausdrückliches Verbot, mit unserm
-deutschen La Fontaine. Denn ohne alles Lesen ängstigten mich meine
-Gedanken, die Trauer über meine Krankheit, tausend Plane und
-Vorstellungen so ab, daß ich in jener anbefohlnen Muße hätte zu Grunde
-gehen müssen. Kann man nun läugnen, daß dieser Autor nicht manches wahr
-und gut auffaßt, daß er manche Zustände, wie Charaktere, treffend
-schildert, und daß die meisten seiner Bücher sich durch eine gewisse
-Reinlichkeit der Schreibart empfehlen? Ohne alle Ironie sei es gesagt,
-viele seiner kleinen Erzählungen haben mich wahrhaft ergötzt und
-befriediget. Seine größeren Werke, denen die meisten dieser guten
-Eigenschaften abgehn, ersetzen diesen Mangel durch die unerschöpfliche
-Liebe, die schon in Kinderseelen heroisch arbeitet, durch einige
-Verführer im großen Styl und ansehnliche Gräuel, oder gar durch
-Kunsturtheile, die mich vorzüglich inniglich erfreuten, und die er
-leider seinen Büchern nur zu selten einstreut. Wie war ich hingerissen,
-als ich in einem seiner Romane an die ausgeführte Meinung gerieth, mit
-welcher er den Hogarth über Rafael setzt. Ja, meine Freunde, es giebt
-gewisse Vorstellungen, die unmittelbar uns Elasticität des Körpers und
-der Seele zuführen, und so schelte mir keiner die großartige Albernheit,
-denn ich war nach diesem Kapitel unverzüglich besser, und durfte doch
-noch keine China gebrauchen.
-
-So, sagte Theodor, wurde der ganz gesunde Spartaner durch Tyrtäus
-Hymnenklang zum Kriegestanze beflügelt. Was folgte nun auf diese
-Periode?
-
-Diese süßen Träume der Kindheit und Sehnsucht, fuhr Anton fort, lagen
-schon hinter mir, meine mündig werdende Phantasie forderte
-gehaltvolleres Wesen. Trefflich kamen meinem Bedürfniß alle die
-wundervollen, bizarren und tollen Romane unsers Spieß entgegen, von
-denen ich selbst die wieder las, die ich schon in früheren Zeiten
-kannte. Die Tage vergingen mir unglaublich schnell, und am Abend hatte
-ich freundliche Besuche, in deren Gesprächen die Töne jener gräßlichen,
-gespenstigen Begebenheiten wieder verhallten. So ward mein Leben zum
-Traum, und die angenehme Wiederkehr derselben Gegenstände und Gedanken
-fiel mir nicht beschwerlich, auch war ich nun schon so stark, daß ich
-einer guten Schreibart entbehren konnte, und die herzliche
-Abgeschmacktheit der Luftregenten, Petermännchen, Kettenträger,
-Löwenritter, gab mir durch die vielfache und mannichfaltige Erfindung
-einen stärkern Ton; meine Ironie konnte sich nun schon mit der
-Composition beschäftigen, und der Arzt fand die stärkenden Mittel so wie
-eine Nachlassung der zu strengen Diät erlaubt und nicht mehr gefährlich.
-
-Wieder eine Lebens-Periode beendigt, sagte Theodor.
-
-Nun war aber guter Rath theuer, sprach Anton weiter. Ich hatte die
-Schwärmereien des Jünglings überstanden, Geschichte und wirkliche Welt
-lockten mich an, zusammt der nicht zu verachtenden Lebens-Philosophie.
-Mein Fieber hatte zwar nachgelassen, konnte aber immer wieder gefährlich
-werden, ich litt unaussprechlichen Durst, und durfte nicht trinken, was
-mein Schmachten begehrte; immer nur wenig und nichts Kühles, und ich
-träumte nur von kalten Orangen, von Citronen, ja Essig, machte Salat in
-meiner Phantasie zu ungeheuern Portionen und verzehrte sie, trank aus
-Flaschen im Felsenkeller selbst den kühlsten Nierensteiner, und badete
-mich dann in Morgenluft in den Wogen des grün rauschenden Rheins. In
-dieser schwelgenden Stimmung begegnete mir nun der vortreffliche Cramer
-mit seinen Ritter- und andern Romanen, und wie soll ich wohl einem
-kalten, gesunden, vernünftigen Menschen, der trinken darf, wann und wie
-viel er will, die Wonne schildern, die mich auf meinem einsamen Lager
-diese vortreflichsten Werke genießen ließen? Ich kann nun sagen: werdet
-krank, lieben Freunde und leset, und ihr unterschreibt alles, was neben
-euch gehender Rezensent so eben behauptet.
-
-Mäßige dich nur, sagte Theodor, sonst bist du gezwungen, wieder Wasser
-zu schöpfen, um dir den Kopf naß zu machen, und auf diesem anmuthigen
-Hügel haben wir keine Quelle in der Nähe.
-
-Ja, rief Anton aus, Dank diesem biedersten Deutschen für seine Kämpen,
-für seinen Haspar a Spada und den Raugrafen zu Dassel! Wie saß ich mit
-ihnen allen zu Tische und sah und half die Kannen Rüdesheimer und
-Nierensteiner leeren; wir verachteten es, in Becher einzuschenken; nein,
-aus dem vollen Humpen selbst tranken wir Großherzigen das kühle,
-herrliche, duftende Naß, und ich lachte in dieser Gesellschaft meinen
-Arzt rechtschaffen aus: entzückt war ich mit dir, und begleitete dich
-bewundernd, du edelster Bomsen, ich zechte Zug für Zug mit dir, du
-Großer, der schon des Morgens um vier Uhr betrunken zu Rosse steigt, um
-Thaten eines deutschen Mannes adlich zu verrichten. Wie deine
-Gesinnungen, du großer Dichter, so ist auch dein Stil gediegen und
-deutsch, und alle die Prügel und Püffe, die den Feinden oder schlechten
-Menschen zugetheilt werden, oder gar den boshaften Pfaffen, waren mir
-eben so viele Herzstärkungen und Brownische Kurmittel, und darum trug
-ich auch kein Bedenken, deine vorzüglichsten Werke nach der Beendigung
-wieder von vorn zu beginnen, denn hier war ja Erfindung, Charakter,
-Essen, Trinken, Lebens-Philosophie, Wirklichkeit und Geschichte alles
-meiner drängenden Sehnsucht dargebracht, und alles gleich vortrefflich.
-Mein schmachtender Durst trieb sich nun nicht mehr in gigantischen
-Bildern zwecklos um, sondern fand seine Bahn vorgezeichnet und große
-Beispiele, denen er sich anschloß; nun träumte ich nicht mehr als
-Polyphem unter den steinernen Treppen eines Weinberges zu liegen, und
-daß sich vom Himmel herunter eine ungeheure Kelterpresse drücke, die mit
-Einem Wurf den ganzen Weinberg ausquetsche, so daß in Caskaden der Wein
-die Marmorstufen herunter rausche und wie in ein großes Bassin sich
-unten in meinen durstenden Schlund ergösse. Von diesen Riesenbildern war
-ich geheilt, und schon durft' ich mit Vorsicht kühlende Getränke
-genießen, schon widerstanden mir Fleischspeisen nicht mehr, und mein
-Arzt schrieb sich die Namen der vornehmsten Cramerschen Romane auf, um
-sie ähnlichen Kranken zu empfehlen; ich wandelte schon im Zimmer, sah
-bei der ersten Frühlingswärme aus dem Fenster, durfte wieder
-phantasiren, und nach einigen Wochen konnt' ich schon die Hoffnung
-fassen, bald dies Gebirge zu betreten, in welchem ich euch, ihr Lieben,
-zur Vollendung meiner Genesung, gefunden. -- Aber eilt, man läutet schon
-die Abendglocke, wir sind vor dem Städtchen, dort treffen wir die
-Freunde und vernehmen vielleicht wunderliche Dinge von ihnen.
-
- * * * * *
-
-Im Baumgarten des Gasthofes saßen am andern Morgen die fünf Vereinigten
-um einen runden Tisch, ihre Stimmung war heiter wie der schöne Morgen,
-nur Friedrich schien ernst und in sich gekehrt, so sehr auch Lothar jede
-Gelegenheit ergriff, ihn durch Scherz und Frohsinn zu ermuntern.
-
-Warlich! rief Theodor aus, es giebt kein größeres Glück, als Freunde zu
-besitzen, sie nach Jahren in schöner Gegend in anmuthiger Frühlingszeit
-wieder zu finden, mit ihnen zu schwatzen, alle ihre Eigenheiten wieder
-zu erkennen, sich der Vergangenheit zu erinnern und mit dem Zutrauen
-allen in die Augen zu blicken, wie ich es Gottlob! hier thun kann. Nur
-der Friedrich ist nicht, wie sonst. Hast du Gram, mein Lieber?
-
-Laß mich, guter heitrer Freund, sagte Friedrich, es soll nicht lange
-währen, so wirst du und ihr alle mehr von mir erfahren. Weißt du doch
-nicht, ob ich nicht vielleicht am Glücke krank liege.
-
-Wenn das ist, sagte Theodor, so möge Gott nur den Arzt noch recht lange
-von dir entfernt halten. O wärst du doch lieber gar inkurabel! Aber
-leider ist die Heilung dieser Krankheit nur gar zu gewiß; o die Zeit,
-die böse, liebe, gute, alte, vergeßliche und doch mit dem
-unverwüstlichen Gedächtniß, das wiederkäuende große ernste Thier, die
-alles erzeugt und alles verwandelt, sie wird freilich machen, daß wir
-einer den andern und uns selbst nach wenigen Jahren mit ganz veränderten
-Augen ansehn.
-
-Dadurch könntest du ihn noch trauriger machen, fiel Lothar ein: freilich
-will uns alles überreden, daß das Leben kein romantisches Lustspiel sei,
-wie etwa Was ihr wollt, oder Wie es euch gefällt, sondern daß es aus
-diesen Regionen entrinnt, wir möchten es auch noch so gerne so wollen
-und wenn es uns auch über die Maßen gefiele; der Himmel verhütet auch,
-daß es selten in ein großes Trauerspiel ausartet, sondern es verläuft
-sich freilich meist, wie viele unerquickliche Werke mit einzelnen
-schönen Stellen, oder gar wie der herrliche Rhein in Sand und Sumpf.
-
-O nein, sagte Friedrich, glaubt es mir, meine Freunde, das Leben ist
-höheren Ursprungs, und es steht in unserer Gewalt, es seiner edlen
-Geburt würdig zu erziehn und zu erhalten, daß Staub und Vernichtung in
-keinem Augenblicke darüber triumphiren dürfen: ja, es giebt eine ewige
-Jugend, eine Sehnsucht, die ewig währt, weil sie ewig nicht erfüllt
-wird; weder getäuscht noch hintergangen, sondern nur nicht erfüllt,
-damit sie nicht sterbe, denn sie sehnt sich im innersten Herzen nach
-sich selbst, sie spiegelt in unendlich wechselnden Gestalten das Bild
-der nimmer vergänglichen Liebe, das Nahe im Fernen, die himmlische Ferne
-im Allernächsten. Ist es denn möglich, daß der Mensch, der nur einmal
-aus dieser Quelle des heiligen Wahnsinnes trinken durfte, je wieder zur
-Nüchternheit, zum todten Zweifel erwacht?
-
-Bei alledem, sagte Theodor, wäre ein Jungbrunnen, von dem die Alten
-gedichtet haben, nicht zu verschmähn; wär' es auch nur der grauen Haare
-wegen.
-
-Wie könntet ihr, fuhr Friedrich fort, doch die Schönheit nur empfinden,
-oder gar lieben, wenn sie unverwüstlich wäre? Die süße Elegie in der
-Entzückung, die Wehklage um den Adonis und Balder ist ja der
-schmachtende Seufzer, die wollüstige Thräne in der ganzen Natur! dem
-Flüchtigen nacheilen, es festhalten wollen, das uns selbst in
-festgeschlossenen Armen entrinnt, dies macht die Liebe, den
-geheimnißvollen Zauber, die Krankheit der Sehnsucht, das vergötternde
-Schmachten möglich.
-
-Und, fuhr Ernst fort, wie milde redet uns die Ewigkeit an mit ihrem
-majestätischen Antliz, wenn wir auch das nur als Schatten und Traum
-besitzen, oder uns ihm nähern können, was das Göttlichste dieser Erde
-ist? das muß ja unser Herz zum Unendlichen ermuntern und stärken, zur
-Tugend, zum Himmel, zu jener Schöne uns führen, die nie verblüht, deren
-Entzückung ewige Gegenwart ist.
-
-Müßten wir nur nicht vorher aus dem Lethe trinken, sagte Anton, und zur
-Freude sprechen: Was willst du? und zum Lachen: du bist toll!
-
-Theodor sprang vom Tische auf, umarmte jeden und schenkte von dem guten
-Rheinwein in die Römer: ei! rief er aus, daß wir wieder so beisammen
-sind! daß wir wieder einmal unsre zusammen gewickelten Gemüther
-durchklopfen und ausstäuben können, damit sich keine Motten und andres
-Gespinst in die Falten nisten! Wie wohl thut das dem deutschen Herzen
-beim Glase deutschen Weins! Ja, unsre Herzen sind noch frisch, wie
-ehedem, und daß sich auch keiner von uns das Tabackrauchen angewöhnt
-hat, thut mir in der Seele wohl.
-
-Immer der Alte! sagte Lothar, du pflegst immer die Gespräche da zu
-stören, wo sie erst recht zu Gesprächen werden wollen; ich war begierig,
-wohin diese seltsamen Vorstellungen wohl führen, und wie diese
-Gedankenreihe oder dieser Empfindungsgang endigen möchte.
-
-Wie? sagte Theodor, das kann ich dir aufs Haar sagen: sieh, Bruderseele,
-stehn wir erst an der Ewigkeit und solchen Gedanken oder Worten, die
-sich gleichsam ins Unendliche dehnen, so kömmt es mir vor wie ein
-Ablösen der Schildwachen, daß nun bald eine neue Figur auf derselben
-Stelle auf und ab spazieren soll. Ich wette, nach zweien Sekunden hätten
-sie sich angesehn, kein Wort weiter zu sagen gewußt, das Glas genommen,
-getrunken und sich den Mund abgewischt. »Weiter bringt es kein Mensch,
-stell' er sich auch wie er will.« -- O das ist das Erquickliche für
-unser einen, daß das Größte wieder so an das Kleinste gränzen muß, daß
-wir denn doch Alle Menschen, oder gar arme Sünder sind, jeder, nachdem
-sein Genius ihn lenkt.
-
-Du scheust nur, sagte Anton, die liebliche Stille, das Säuseln des
-Geistes, welches in der Mitte der innigsten und höchsten Gedanken wohnt
-und dessen heilige Stummheit dem unverständlich ist, der noch nie an den
-Ohren ist beschnitten worden.
-
-Ohren, antwortete Theodor, klingt im Deutschen immer gemein,
-Gehörwerkzeuge affektirt, Hörvermögen philosophisch, und die Hörer oder
-die Hörenden ist nicht gebräuchlich, kurzum, man kann sie selten nennen,
-ohne anstößig zu sein. Der Spanier vermeidet auch gern, so schlecht hin
-Ohren zu sagen. Am besten braucht man wohl Gehör, wo es paßt, oder das
-Ohr einzeln, wodurch sie beide gleich edler werden.
-
-Dein Tabackrauchen hat aber das vorige Gespräch erstickt, sagte Lothar;
-freilich ist es die unkünstlerischste aller Beschäftigungen und der
-Genuß, der sich am wenigsten poetisch erheben läßt.
-
-Mir ist es über die Gebühr zuwider, sagte Theodor, und darum betrachtete
-ich euch schon alle gestern Abend darauf, denn es giebt einen eignen
-Pfeifenzug im Winkel des Mundes und unter dem Auge, der sich an einem
-starken Raucher unmöglich verkennen läßt; deshalb war ich schon gestern
-über eure Physiognomien beruhigt. Mir scheint die neuste schlimmste Zeit
-erst mit der Verbreitung dieses Krautes entstanden zu sein, und ich kann
-selbst auf den gepriesenen Compaß böse sein, der uns nach Amerika
-führte, um dies Unkraut mit manchen andern Leiden zu uns herüber zu
-holen.
-
-Wie einige Züge im Gesicht durch die Pfeife entstehn, sagte Lothar, so
-werden die feinsten des Witzes und gutmüthigen Spottes, so wie die
-Grazie der Lippen durchaus durch die oft angelegte Pfeife vernichtet.
-
-Ich ließe noch die kalte Pfeife gelten, sagte Ernst, so hielt sich einer
-meiner Freunde eine von Thon, um sie in der gemüthlichsten Stimmung
-zuweilen in den Mund zu nehmen, und dann recht nach seiner Laune zu
-sprechen; aber der böse, beizende, übel riechende Rauch macht das Ding
-fatal. Ich lernte einmal einen Mann kennen, der mir sehr interessant
-war, und der sich auch in meiner Gesellschaft zu gefallen schien; wir
-sprachen viel mit einander, endlich, um uns recht genießen zu können,
-zog er mich in sein Zimmer, ließ sich aber beigehn, zu größerer
-Vertraulichkeit seine Pfeife anzuzünden, und von diesem Augenblick
-konnte ich weder recht hören und begreifen, was er vortrug, noch weniger
-aber war ich im Stande, eine eigne Meinung zu haben, oder nur etwas
-anders als Flüche auf den Rauch in meinem Herzen zu denken, -- »nicht
-laute, aber tiefe« -- wie Macbeth sagt.
-
-Lothar lachte: mit einem trostlosen Liebhaber, fuhr er fort, ist es mir
-einmal noch schlimmer ergangen, er hatte mich hingerissen und gerührt;
-bei einer kleinen Ruhestelle der Klage suchte er seine Pfeife, Schwamm
-und Stein, schlug mit Virtuosität schnell Feuer, und versicherte mich
-nachher in abgebrochenen rauchenden Pausen seiner Verzweiflung. Ich
-mußte lachen, und nur zum Glück daß mich der Rauch in ein starkes Husten
-brachte, sonst hätt' ich dem guten Menschen als ein unnatürlicher Barbar
-erscheinen müssen.
-
-Es läßt sich wohl, sagte Theodor, alles mit Grazie thun, ich kenne
-wenigstens einen großen Philosophen, dem in seiner Liebenswürdigkeit
-auch dies edel steht. Mit dem Caffee wird nach der Mahlzeit eine lange
-Pfeife gebracht, die der Bediente anzündet, es geschehn ruhig und ohne
-alle Leidenschaft einige Züge, und eh man noch die Unbequemlichkeit
-bemerkt, ist die Sache schon wieder beschlossen. Aber schrecklich sind
-freilich die kurzen, am Munde schwebenden Instrumente, die jede Bewegung
-mit machen müssen und sich jeder Thätigkeit fügen, die den ganzen Tag
-die Lippen pressen und selbst die Sprache verändern.
-
-Mir ist es nicht unwahrscheinlich, sagte Anton, daß diese Gewohnheit,
-die so überhand genommen, die Menschen passiver, träger und unwitziger
-gemacht hat. Wir sollen keinen Genuß haben, der uns unaufhörlich
-begleitet, der etwas Stetiges wird, er ist nur erlaubt und edel durch
-das Vorübergehende. Darum verachten wir den Säufer, ob wir alle gleich
-gern Wein trinken, und der Näscher ist lächerlich, der seine Zunge durch
-ununterbrochenes Kosten ermüdet; vom Raucher denkt man billiger, weil es
-eben Gewohnheit geworden ist, die man nicht mehr beurtheilt, doch
-begreif' ich es wenigstens nicht, wie selbst Frauen jezt an vielen Orten
-dagegen tolerant werden.
-
-Könnt ihr euch, sagte Lothar, einen rauchenden Apostel denken?
-
-Eben so wenig, sagte Ernst, als den adlichen Tristan mit der Pfeife,
-oder den hochstrebenden Don Quixote.
-
-Dem Sancho aber, sagte Lothar, fehlt sie beinah; hätten manche
-umarbeitende Uebersetzer mehr Genie gehabt, so hätten sie diese lieber
-hinzu fügen, als so manche Schönheit weglassen dürfen.
-
-Vielleicht ist dieses Bedürfniß, fiel Friedrich ein, ein Surrogat für so
-manches verlorne Bedürfniß des öffentlichen Lebens, der Galanterie der
-Gesellschaft, der Freiheit und der Feste. Vielleicht soll sich zu Zeiten
-der Mensch mehr betäuben, und dann ist es wohl möglich, daß er jenen
-alten verrufenen blauen Dunst für ein wirkliches Gut hält. Nicht bloß
-Taback, auch philosophische Phrasen, Systeme, und manches andre wird
-heut zu Tage geraucht, und beschwert den Nichtrauchenden ebenfalls mit
-unleidlichem Geruch.
-
-Nicht so melankolisch, sagte Theodor, laßt uns diese tiefsinnige
-Betrachtung wenden, denn am Ende kömmt doch in keiner Tugend der ganze
-Mensch so rein zum Vorschein, als in den Thorheiten. Die Berge rauchen
-oft und die Thäler sind voll Nebel, viele Gegenden verlieren ihn oft in
-Monaten nicht, die See dampft, und so laßt denn unserm guten Zeitalter
-auch seinen Dampf. Nur wir wollen unsrer Sitte treu bleiben. Besorgt bin
-ich aber für Manfred, daß er sich diesen Zustand als Appendix der Ehe
-möchte angewöhnt haben, um seine weisen Lehrsprüche aus dampfendem
-Munde, wie Orakel aus rauchenden Höhlen, verehrlicher zu machen, und ich
-gestehe überhaupt, daß ich mich ihm nur mit einer gewissen heimlichen
-Furcht wieder nähern kann.
-
-Du bist ohne Noth besorgt, sagte Lothar. Seit lange kenne ich unsern
-Freund in seinem häuslichen Zustande, und ich habe nicht bemerken
-können, daß er seinen jugendlichen Frohsinn und seine muthwillige Laune
-gegen jene altkluge Hausväterlichkeit vertauscht habe, im Gegentheil,
-kann er oft so ausgelassen sein, daß die Schwiegermutter im Hause so
-wenig lästig oder überflüssig ist, daß sie vielmehr zuweilen als
-kühlende und besonnene Vernunft zum allgemeinen Besten hervortreten muß.
-
-Wenn alles übrige, sagte Theodor, auf denselben Fuß eingerichtet ist, so
-ist seine Haushaltung die vollkommenste in der Welt.
-
-Noch mehr, fuhr Lothar fort, diese Frau ist noch anmuthig und reizend,
-und man glaubt es kaum, daß sie zwei erwachsene Töchter haben könne. Sie
-hat selbst einige annehmlich scheinende Parthien ausgeschlagen, und
-Männer haben sich um sie beworben, die an Jahren weit jünger sind.
-
-Wenn die Mutter schon so gefährlich ist, sagte Theodor, so muß der
-Umgang mit den Töchtern gar herz- und halsbrechend sein.
-
-Die Gattin unsers Manfred, erzählte Lothar weiter, ist sehr still und
-sanft, von zartem Gemüth und rührend schöner Gestalt, er hat noch das
-Betragen des Liebhabers, und sie das blöde geschämige Wesen einer
-Jungfrau; ihre jüngere Schwester Clara ist der Muthwille und die
-Heiterkeit selbst, launig, witzig, und fast immer lachend, im
-beständigen kleinen Kriege mit Manfred; man sollte glauben, wenn man sie
-beisammen sieht, er hätte diese lieben müssen, und die ältere, ihm so
-ungleiche Schwester, hätte ihn nicht rühren können. Allein die Liebe
-fordert vielleicht eine gewisse Verschiedenheit des Wesens und des
-Charakters.
-
-Ich komme darauf zurück, sagte Ernst, daß wir immer noch nicht wissen
-können, wie viel in Manfred angewöhnte Manier ist, und wie viel Natur;
-ich habe oft bemerkt, daß er ernst, ja traurig war, wenn die Umgebung
-ihn für ausschweifend lustig hielt. Er hat es von je gescheut, seine
-innersten Gefühle kund zu thun, und so wirft er sich oft gewaltthätig in
-eine Laune, die ihn quälen kann, indem sie andre ergötzt.
-
-Wie wird es aber, fragte Theodor weiter, mit den Kindern gehalten?
-Wahrscheinlich hat sich doch auch zu ihm die neumodische und weichliche
-Erziehung erstreckt, jene allerliebste Confusion, die jeden
-Gegenwärtigen im ununterbrochenen Schwindel erhält, indem die
-Kinderstube allenthalben, im Gesellschaftszimmer, im Garten und in jedem
-Winkel des Hauses ist, und kein Gespräch und keine Ruhe zuläßt, sondern
-nur ewiges Geschrei und Erziehen sich hervor thut, eine unsterbliche
-Zerstreutheit im scheinbaren Achtgeben; jenes Chaos der meisten
-Haushaltungen, das mir so erschrecklich dünkt, daß ich die neuen
-Pädagogen, die es veranlaßt haben, und jene Entdecker der Mütterlichkeit
-gern als Verdammte in einen eignen Kreis der Danteschen Hölle hinein
-gedichtet hätte, der nur eine solche neuerfundene allgegenwärtige
-Kinderstube mit all ihrem Wirwarr und Schariwari moderner Elternliebe
-darzustellen brauchte, um sie als einen nicht unwürdigen Beitrag jener
-furchtbaren Zirkel anzuschließen.
-
-Auch von dieser neuen, fast allgemein verbreiteten Krankheit, erzählte
-Lothar, findest du in seinem Hause nichts: seine junge Gattin ist eine
-wahre Mutter, fast so, wie es unsre Mütter noch waren; sie liebt ihre
-beiden Kinder über alles, und hat eben darum eine Art von Schaam, in
-Gesellschaft die Mutter zu spielen, und die Kinder wie Dekorationen an
-sich zu hängen; die Wartung und alle Erziehung der Kleinen wird von ihr
-still im Heiligthum eines entlegenen Zimmers besorgt, und weil sie
-ordentlich ist, und weiß, was sie befiehlt, so darf sie die Kinder zu
-Zeiten dem gehorsamen Gesinde überlassen, und sie kann ruhig und heiter
-an der Gesellschaft Theil nehmen, weil sie die Stunde beobachtet; kurz,
-man nimmt an den allerliebsten Creaturen nur so viel Theil, als man
-selbst will, und ich, der ich die Kinder kindlich liebe, bin immer
-gezwungen, sie aufzusuchen.
-
-Vortrefflich! sagte Ernst, dies beweist am meisten für die
-Schwiegermutter, die die Töchter sehr gut und zur Ordnung muß erzogen
-haben. In deiner Beschreibung finde ich gerade die ehrwürdigsten Mütter
-wieder, die ich je gekannt habe. Alles Gute und Rechte soll nur so
-geschehn, daß es ein unachtsames Auge gar nicht gewahr wird. Unser
-Vaterland aber ist das Land der geräuschvollsten Erziehung, und die
-Nation wird bald nur aus Erziehern bestehen; für Mütter und Kinder sind
-Bibliotheken, und hundert Journale und Almanache geschrieben, alle ihre
-Tugenden und Pflichten hat man tausendfältig in Kupfer gestochen und zur
-größern Aufmunterung illuminirt, und aus dem Natürlichsten und
-Einfachsten, was kaum viele Worte zuläßt, haben wir mit Kunst einen
-Götzen der vollständigsten Thorheit geschnitzt, und es im ausgeführten
-System so weit gebracht, daß wir durch Beobachtung, Philosophie und
-Natur uns von allem Menschlichen und Natürlichen auf unendliche Weite
-entfernt haben. Nicht genug, daß man die Kinder fast von der Geburt mit
-Eitelkeit verdirbt, man ruinirt auch die wenigen Schulen, die etwa noch
-im alten Sinn eingerichtet waren; man zwingt die Kinder im siebenten
-Jahr, zu lernen, wie sie Scheintodte zum Leben erwecken sollen, man
-verschreibt Erzieher aus den Gegenden, in welchen diese Produkte am
-besten gerathen; ja die Staaten selbst verbieten das Buchstabiren, und
-machen es zur Gewissenssache, das Lesen anders als auf die neue Weise zu
-erlernen, und fast alle Menschen, selbst die bessern Köpfe nicht
-ausgenommen, drehen sich im Schwindel nach diesem Orient, um von hier
-den Messias und das Heil der Welt baldigst ankommen zu sehen; aber
-gewiß, nach zwanzig Jahren verspotten wir aus einer neuen Thorheit
-heraus diese jetzige. Dies sind auch nur Schildwachen, die sich ablösen,
-und so viel neue Figuren auch kommen, so bleiben sie doch immer auf
-derselben Stelle wandelnd. Jeder Mensch hat etwas, das seinen Zorn
-erregt, und ich gestehe, ich bin meist so schwach, daß die Pädagogik den
-meinigen in Bewegung setzt.
-
-So scheint es, sagte Lothar; ein geistreicher Mann sagte einmal: wir
-sind schlecht erzogen, und es ist nichts aus uns geworden, wie wird es
-erst mit unsern Kindern aussehn, die wir gut erziehn!
-
-Mir däucht, sagte Theodor, es wäre nun wohl an der Zeit, auch eine
-Wochenschrift »der Kinderfeind« zu schreiben, um die Thorheiten
-lächerlich zu machen, und der ehemaligen Strenge und Einfalt wieder Raum
-und Aufnahme vorzubereiten.
-
-Du fändest keine Leser, sagte Ernst, unter dieser Ueberfülle humaner
-Eltern und gereister, ausgebildeter Erzieher.
-
-Friedrich war schon vor einiger Zeit vom Tisch und Gespräch
-aufgestanden, und auf seinen Wink hatte sich Anton zu ihm gesellt. Sie
-gingen unter einen Baumgang, von welchem man weit auf die Landstraße
-hinaus sehen konnte, die sich über einen nahe liegenden Berg hinweg zog.
-Mich kümmern alle diese Dinge nicht, sagte Friedrich, treib' es jeder,
-wie er mag und kann, denn mein Herz ist so ganz und durchaus von einem
-Gegenstande erfüllt, daß mich weder die Thorheiten noch die ernsthaften
-Begebenheiten unserer Zeit ernstlich anziehn. Er vertraute seinem
-Freunde, der seine Verhältnisse schon kannte, daß es ihm endlich
-gelungen sei, alle Bedenklichkeiten seiner geliebten Adelheid zu
-überwinden, und daß sie sich entschlossen habe, auf irgend eine Weise
-das Haus ihres Oheims, des Geheimeraths, zu verlassen; dieser wolle
-einen alten Lieblingsplan fast gewaltthätig durchsetzen, sie mit seinem
-jüngeren Bruder, einem reichen Gutsbesitzer, zu vermälen, weil er sich
-so an die Gesellschaft des schönen liebenswürdigen Kindes gewöhnt habe,
-daß er sich durchaus nicht von ihr trennen könne, er sei gesonnen, nach
-der Heirath zu diesem Bruder zu ziehn, um in seinem kinderlosen
-Wittwerstande gemeinschaftlich mit ihm zu hausen. Es scheint vergeblich,
-so endete Friedrich, diesem Plan unsre Liebe entgegen zu setzen,
-wenigstens hält es Adelheid für unmöglich, und zwar so sehr, daß der
-Oheim noch gar nicht einmal von meinem Verhältnisse zu ihr weiß; so
-erwarte ich nun bei Manfred morgen oder übermorgen einen Boten, der
-unser Schicksal auf immer entscheiden wird. Eine drückende Lage wird oft
-am leichtesten durch eine Gewaltthätigkeit gelöst, und ich hoffe, daß
-Manfred mir durch seine Klugheit und seinen Muth beistehen wird. Ich
-würde mich unserm Ernst auch gern vertrauen, wenn er nicht gar zu gern
-tadelte, wo aller Rath zu spät kömmt.
-
-Doch kann Vorsicht nicht schaden, sagte Anton, und hüte dich nur, dich
-von Manfred, der alles Abentheuerliche übertrieben liebt, in einen Plan
-verwickeln zu lassen, dessen Verdrießlichkeiten vielleicht dein ganzes
-Leben verwirren. Denn es ist gar zu anlockend, auf Unkosten eines andern
-muthig und unternehmend zu sein, der Mensch genießt alsdann das
-Vergnügen des Wagehalses zugleich mit der Lust der Sicherheit.
-
-Mein Freund, sagte Friedrich, ich habe lange geduldet, gefühlt und
-geprüft, und mich gereut, daß ich nicht schon früher gethan habe, was du
-übereilt nennen würdest. Sind wir ganz von einem Gefühl durchdrungen, so
-handeln wir am stärksten und konsequentesten, wenn wir ohne Reflexion
-diesem folgen. Doch, laß uns jezt davon abbrechen.
-
-Ich mißverstehe dich wohl nur, sagte Anton, weil du mir nicht genug
-vertraut hast.
-
-Auch dazu werden sich die Stunden finden, antwortete Friedrich. In der
-Entfernung hatte ich mir vorgesetzt, dir alles zu sagen, und nun du
-zugegen bist, stammelt meine Zunge, und jedes Bekenntniß zittert zurück.
-Ihre Gestalt und Holdseligkeit tönt wie auf einer Harfe ewig in meinem
-Herzen, und jede säuselnde Luft weckt neue Klänge auf; ich liebe dich
-und meine Freunde inniger als sonst, aber ohne Worte fühl' ich mich in
-eurer Brust, und jezt wenigstens schiene mir jedes Wort ein Verrath.
-
-Träume nur deinen schönen Traum zu Ende, sagte Anton, berausche dich in
-deinem Glück, du gehörst jezt nicht der Erde; nachher finden wir uns
-wieder alle beisammen, denn irgend einmal muß der arme Mensch doch
-erwachen und nüchtern werden.
-
-Nein, mein lieber zagender Freund, rief Friedrich plötzlich begeistert
-aus, laß dich nicht von dieser anscheinenden Weisheit beschwatzen, denn
-sie ist die Verzweiflung selbst! Kann die Liebe sterben, dies Gefühl,
-das bis in die fernsten Tiefen meines Wesens blitzt, und die dunkelsten
-Kammern und alle Wunderschätze meines Herzens beleuchtet? Nicht die
-Schönheit meiner Geliebten ist es ja allein, die mich beglückt, nicht
-ihre Holdseligkeit allein, sondern vorzüglich ihre Liebe; und diese
-meine Liebe, die ihr entgegen geht, ist mein heiligster, unsterblichster
-Wille, ja meine Seele selbst, die sich in diesem Gefühl losringt von der
-verdunkelnden Materie; in dieser Liebe seh' ich und fühl' ich Glauben
-und Unsterblichkeit, ja den Unnennbaren selbst inmitten meines Wesens
-und alle Wunder seiner Offenbarung. Die Schönheit kann schwinden, sie
-geht uns nur voran, wo wir sie wieder treffen, der Glaube bleibt uns. O,
-mein Bruder, gestorben, wie man sagt, sind längst Isalde und Sygune, ja,
-du lächelst über mich, denn sie haben wohl nie gelebt, aber das
-Menschengeschlecht lebt fort, und jeder Frühling und jede Liebe zündet
-von neuem das himmlische Feuer, und darum werden die heiligsten Thränen
-in allen Zeiten dem Schönsten nachgesandt, das sich nur scheinbar uns
-entzogen hat, und aus Kinderaugen, von Jungfraunlippen, aus Blumen und
-Quellen uns immer wieder mit geheimnißvollem Erinnern anblitzt und
-anlächelt, und darum sind auch jene Dichtergebilde belebt und
-unsterblich. An dieser heiligen Stätte habe ich mich selbst gefunden,
-und ich müßte mir selbst verloren gehn, ich müßte vernichtet werden
-können, wenn diese Entzückung in irgend einer Zeit ersterben könnte.
-
-Seinem Freunde traten die Thränen in die Augen, weil ihn die Krankheit
-weicher gemacht hatte, und er ohnedies schon reizbar war; er umarmte den
-Begeisterten schweigend, als beide die Landstraße einen offenen Wagen
-mit vier geschmückten hüpfenden Pferden herunter kommen sahn, von einem
-mit Bändern und Federbüschen aufgeputzten Kutscher geführt: in
-wunderlicher bunter Tracht folgte ein Reiter dem Wagen, und die
-Sprechenden nebst den andern drei Freunden gingen vor das Thor des
-Gasthofes hinaus, um das sonderbare Schauspiel näher in Augenschein zu
-nehmen. Ists möglich? rief plötzlich Theodor aus, er selbst, Manfred ist
-es! und eilte den brausenden Pferden entgegen. Diese standen, auf den
-Ruf ihres Führers, er sprang vom Sitz, indem er die Leinen vorsichtig in
-der Hand behielt, und umarmte Theodor und die übrigen Freunde nach der
-Reihe. Er war freudig überrascht, auch Ernst zu finden, den er so wenig
-wie Theodor hatte erwarten können. Ich komme, euch abzuholen; so steigt
-nur gleich ein! rief er in zerstreuter Freude aus.
-
-Der Reiter war indeß abgestiegen und Anton erkannte ihn zuerst: Wie? der
-verständige Wilibald läßt sich auch zu solchen bunten Mummereien
-gebrauchen? rief er verwundert aus.
-
-Muß man nicht, erwiederte dieser, mit den Thörigten thörigt sein? Wir
-wollten euch recht glänzend abholen, und euch zu Ehren seh ich fast so
-wie der Lustigmacher bei herumziehenden Comödianten aus.
-
-Alle betrachteten und umarmten ihn, lachten, und stiegen dann ein, um in
-einer Waldschenke einige Stunden vom Städtchen anzuhalten, und dann noch
-bei guter Zeit die letzten Meilen bis zu Manfreds Wohnung zurück zu
-legen. Manfred begab sich ernsthaft auf seinen Sitz, Wilibald auf sein
-Pferd, und so rollten sie im Gallopp auf der Felsenstraße davon, indem
-ihnen aus jedem Fenster der Stadt ein verwundertes oder lachendes
-Angesicht nachblickte.
-
- * * * * *
-
-Ist es nicht ein reizender Aufenthalt? fragte Wilibald, indem er mit
-Theodor in den Gängen des anmuthigen Gartens auf und nieder schritt.
-
-Manfred ist sehr glücklich, antwortete Theodor; aber wo ist unsre
-Gesellschaft?
-
-Ernst und Lothar sind ausgeritten, erwiederte jener, um einen alten
-Thurm und Mauerwerk in der Nähe zu betrachten, Friedrich und Manfred
-haben sich eingeschlossen, und rathschlagen, so scheint es, über
-Herzensangelegenheit, und Anton, dünkt mich, wandelte vor kurzem noch in
-empfindsamen Gesprächen mit Rosalien, der jungen Frau, und Manfreds
-Schwester, Augusten. Ich fürchte, das Ende vom Liede ist, daß wir uns
-hier alle verlieben.
-
-Und warum nicht? sagte Theodor. Ich sehe wenigstens kein Unglück darin.
-Im Gegentheil finde ich es natürlich und schicklich, daß in jeder
-gemischten Gesellschaft, in welcher sich junge Männer und anmuthige
-Frauen und reizende Mädchen befinden, kleine Romane gespielt werden,
-dies eben erweckt den Witz und belebt und schafft den feinern Geist der
-Unterhaltung; auch kleine Eifersucht kann nicht schaden und artige
-Verläumdung, samt allen Künsten eines edlen Spiels und jener Laune, die
-den Weibern angeboren scheint und wodurch sie die Männer so
-unwiderstehlich fesseln. Dadurch können verlebte Tage von solchem
-poetischen Glanz bestrahlt werden, daß wir das ganze Leben hindurch mit
-Freuden an sie denken, da sie uns außerdem ziemlich trivial und
-langweilig verflossen wären.
-
-Es kann aber mit Anton bei seiner Reizbarkeit Ernst werden, wandte
-Wilibald schüchtern ein; nicht jeder hat die Geschicklichkeit, behutsam
-genug mit der Flamme zu spielen.
-
-Dafür laß du ihn sorgen, sagte Theodor; oder sollte etwa schon die
-Eifersucht aus dir sprechen, mein Theurer? O ja, warlich, deine
-grämliche Miene und dein suchender umschauender Blick sagen mir nichts
-geringeres. Nun, wer ist denn deine Schöne? Clara? oder die junge
-anmuthige Gattin? oder Manfreds Schwester, Auguste? oder die
-liebenswürdige Schwiegermutter, die ihr alle lieber Emilie nennt, und
-die auch freundlich diesem Taufnamen entgegen horcht? oder liebst du sie
-gar alle?
-
-Du bleibst ein Thor, fuhr Wilibald halb lachend auf, und ihr alle seid
-so seltsame liebe und unausstehliche Menschen, daß man eben so wenig
-ohne euch, als mit euch leben kann. In der Ferne sehn' ich mich nach
-euch allen und bin ungemuth, und in der Nähe ärgre ich mich über alle
-eure mannichfaltigen Thorheiten.
-
-Nun, fragte Theodor, was hast du denn Großes an uns auszusetzen?
-
-Du solltest mich nicht zu solchen Klageliedern auffordern, antwortete
-Wilibald: daß ihr alle immer nur so sehr vernünftig und geistreich seid,
-wo es nicht hin gehört, und niemals da, wo ihr Vernunft zeigen müßtet!
-da ist der Manfred, der sich für einen Heros der Männlichkeit hält,
-welcher meint, sich und seine Empfindungen so ganz in der Gewalt zu
-haben, und sich heraus nimmt, jeden zu verachten, den irgend ein Kummer
-quält, und der doch selbst ohne alle Veranlassung so unerträglich
-melankolisch sein kann, daß er über die ganze Welt die Schultern zuckt,
-weil sie eben schwach genug ist, nur zu existiren; so sitzt er in dieser
-Stimmung Tagelang im Winkel und findet jeden Scherz geistlos und jedes
-Gespräch albern, sein Blick und kümmerliches Gesicht schlagen aber auch
-jede Freude und Heiterkeit aus seiner Gesellschaft zurück; er ist zu
-träge, spazieren zu gehn, oder irgend etwas zu treiben: aber nun fällt
-ihn die Laune an, nun soll jedermann lustig sein, nun findet er es
-unbegreiflich, wenn irgend jemand nicht an seinen schwärmenden
-Phantasien Theil nimmt, nun ist jeder ein Philister, der nicht zum
-Zeitvertreib halb mit dem Kopf gegen die Felsen rennt, nun muß man mit
-ihm durch Garten und Gebirge laufen, fallen und klettern; oder er zwingt
-alles Musik zu machen und zu singen; oder, was das Schlimmste ist, er
-liest vor, und verlangt, jedermann soll an irgend einer Schnurre, oder
-einem alten vergessenen Buche denselben krampfhaften Antheil nehmen, zu
-welchem er sich spornt. So geschah es gestern, als er plötzlich den
-Philander von Sittewald herbei holte, ewig lange las, und sich
-verwunderte, daß wir nicht alle mit demselben Heißhunger darüber
-herfielen, wie er, der das Buch in Jahren vielleicht nicht angesehen
-hat; und so bringt er wohl morgen den Fischart, oder Hans Sachs. Wobei
-er sich auch nicht einreden läßt, sondern auf seine Lebenszeit hat er
-sich verwöhnt, daß alle Menschen ihm nur eben als Werkzeuge dienen, an
-welchen sich seine schnell wandelnde Laune offenbart. Nur ein solcher
-Engel von Frau kann mit ihm fertig werden, und mit ihm glücklich sein.
-
-Fahre fort, sagte Theodor; und Friedrich, der sich mit ihm
-eingeschlossen hat.
-
-O, ihr! -- sagte Wilibald, wärt ihr nur nicht sonst so gute Menschen, so
-sollte euch ein Verständiger wohl so abschildern können, daß ihr
-vielleicht in euch ginget, und ordentlicher und besser würdet. Dieser
-Friedrich, der immer in irgend einen Himmel verzückt ist, und den Tag
-für verloren hält, an welchem er nicht eine seiner verwirrten
-Begeisterungen erlebt hat, wie könnte er sein Talent und seine
-Kenntnisse brauchen, um etwas Edles hervor zu bringen, wenn er sich
-nicht so unbedingt diesem schwelgenden Müssiggange ergäbe. Auch
-erschrickt er alle Augenblicke selbst in seinem bösen Gewissen, wenn er
-von diesem oder jenem thätigen Freunde hört, wenn er ihre Fortschritte
-gewahr wird. Will man nun recht von Herzen mit ihm zanken, so wirft er
-sich in seine vornehme hyperpoetische Stimmung, und beweist euch von
-oben herab, daß ihr andern die Taugenichtse seid, er aber bleibt der
-Weise und Thätige. Man soll seinem Freunde nichts Böses wünschen, aber
-so wie er sich nun, weiß Gott wegen welches raren Geheimnisses mit dem
-Manfred eingeschlossen hat, so wäre es mir doch vielleicht nicht ganz
-unlieb, wenn dieser die Gelegenheit der Einsamkeit benutzte, um ihm auf
-prosaische Weise etwas der überflüssigen Poesie auszuklopfen.
-
-Sacht! sacht! rief Theodor, woher diese Neronische Gesinnung? Ergieb
-dich der Billigkeit, Freund, oder du sollst so mit albernen Späßen und
-Wortspielen, welche dir verhaßt sind, gegeißelt werden, daß du den Werth
-der Humanität einsehn lernst. Nun schau auf, geht drüben nicht unser
-Anton einsam, sanft und stille, sein Gemüth und die schöne Natur
-betrachtend? Wie unrecht haben wir ihm so eben gethan.
-
-Dieses mal, antwortete Wilibald, und wissen wir doch nicht, ob ihn die
-Weiber nicht so eben verlassen haben, denen er mit seinem sanften,
-lieben, zuvorkommenden Naturell stets nachschleicht, die ihm gern
-entgegen kommen, weil sie ihm anfühlen, daß er auch das Schwächste und
-Verwerflichste in ihnen ehrt und vertheidigt; denn nicht in ein
-Individuum, sondern in das ganze Geschlecht ist er verliebt: macht er
-hier nicht Claren, ihrer Mutter, der jungen Frau und Augusten emsig den
-Hof? die übrigen lächeln ihn auch stets an, nur sollte er es doch
-fühlen, daß er der letztern zur Last fällt und sie in Ruhe lassen. Alle
-andere Menschen ändern sich doch von Zeit zu Zeit und legen ihre
-Albernheiten ab, ihn aber kannst du nach Jahren wieder antreffen, und er
-trägt dir noch dieselben Kindereien und Meinungen mit seiner ruhigen
-Salbung entgegen, ja, wenn man ihn erinnert, daß er vor geraumer Zeit
-die und jene Angewöhnung gehabt, oder jene Sinnesart geäußert, so dankt
-er dir so herzlich, als wenn du ihm einen verlornen Schatz wieder
-fändest, und sucht beides von neuem hervor, im Fall er es vergessen
-haben sollte.
-
-Dann muß dir aber doch der wandelbare und empfängliche Lothar ganz nach
-Wunsche sein, erwiederte Theodor.
-
-Noch weniger als Anton, fuhr Wilibald in seiner Kritik fort, denn eben
-seine zu große Empfänglichkeit hindert ihn, sich und andre zu der Ruhe
-kommen zu lassen, die durchaus unentbehrlich ist, wenn aus Bildung oder
-Geselligkeit irgend etwas werden soll. Er kann weder in einer guten noch
-schlechten Gesellschaft sein, daß ihn nicht die Lust anwandelt, Comödie
-zu spielen, ^ex tempore^ oder nach memorirten Rollen; es scheint fast,
-daß ihm in seiner eigenen Haut so unbehaglich ist, daß er lieber die
-eines jeden andern Narren über zieht, um seiner selbst nur los zu
-werden. Die heilige Stelle in der Welt, sein Tempel, ist das Theater,
-und selbst jedes schlechte Subjekt, das nur einmal die Bretter
-öffentlich betreten hat, ist ihm mit einer gewissen Glorie umgeben.
-Gestern den ganzen Abend unterhielt er uns mit seiner ehemaligen
-Bekehrungssucht und Proselytenmacherei, wie er jeden armen Sünder zum
-Shakspear wenden und ihn von dessen Herrlichkeit hatte durchdringen
-wollen; er erzählte so launig, wie und auf welchen Wegen er nach so
-manchen komischen Verirrungen von dieser Schwachheit zurück gekommen
-sei, und, siehe, noch in derselben Stunde nahm er den alten Landjunker
-von drüben in die Beichte und suchte ihm das Verständniß für den Hamlet
-aufzuschließen, der nur immer wieder darauf zurück kam, daß man beim
-Aufführen die Todtengräber-Scene nicht auslassen dürfe, weil sie die
-beste im ganzen Stücke sei. Mir scheint es eine wahre Krankheit, sich in
-einen Autor, habe er Namen wie er wolle, so durchaus zu vertiefen, und
-ich glaube, daß durch das zu starre Hinschauen das Auge am Ende eben so
-geblendet werde, wie durch ein irres Herumfahren von einem Gegenstande
-zum andern. Selbst bei Weibern, die Schmeicheleien von ihm erwarten,
-bricht er in Lobpreisungen des Lear und Macbeth aus, und die
-einfältigste kann ihm liebenswürdig und klug erscheinen, wenn sie nur
-Geduld genug hat, ihm stundenlang zuzuhören.
-
-Gegen unsern Ernst kannst du wohl schwerlich dergleichen einwenden?
-fragte Theodor.
-
-Er ist mir vielleicht der verdrießlichste von allen, fiel Wilibald ein;
-er, der alles besser weiß, besser würde gemacht haben, der schon seit
-Jahren gesehn hat, wohin alles kommen wird, der selten jemand
-aussprechen läßt, ihn zu verstehn sich aber niemals die Mühe giebt, weil
-er schon im voraus überzeugt ist, er müsse erst hinzufügen, was in der
-fremden Meinung etwa Sinn haben könne. Er ist der thätigste und zugleich
-der trägste aller Menschen: bald ist er auf dieser, bald auf jener
-Reise, weil er alles mit eigenen Augen sehen will, alles will er lernen,
-keine Bibliothek ist ihm vollständig genug, kein Ort so entfernt, von
-dem er nicht Bücher verschriebe; bald ist es Geschichte, bald Poesie
-oder Kunst, bald Physik, oder gar Mystik, was er studirt; er lächelt
-nur, wenn andre sprechen, als wollt' er sagen: laßt mich nur gewähren,
-laßt mich nur zur Rede kommen, so sollt ihr Wunder hören! Und wenn man
-nun wartet, und Jahre lang wartet, ihn dann endlich auffordert, daß er
-sein Licht leuchten lasse, so muß er wieder dieses Werk nachlesen, jene
-Reise erst machen, so fehlt es gerade am Allernothwendigsten, und so
-vertröstet er sich selbst und andre auf eine nimmer erscheinende
-Zukunft. Die übrigen ärgern mich nur, er aber macht mich böse; denn das
-ist das verdrüßlichste am Menschen, wenn er vor lauter Gründlichkeit
-auch nicht einmal an die Oberfläche der Dinge gelangen kann: es ist die
-Gründlichkeit der Danaiden, die auch immer hofften, der nächste Guß
-würde nun der rechte und letzte sein, und nicht gewahr wurden, daß es
-eben an Boden mangle.
-
-Wollt ihr mir nun nicht auch von mir »ein liebes kräftig Wörtchen
-sagen?« neckte ihn Theodor.
-
-An dir, sagte Wilibald, ist auch das verloren, denn so wie du mit jeder
-Feder eine andere Hand schreibst, klein, groß, ängstlich oder flüchtig,
-so bist du auch nur der Anhang eines jeden, mit dem du lebst; seine
-Leidenschaften, Liebhabereien, Kenntnisse, Zeitverderb, hast und treibst
-du mit ihm, und nur dein Leichtsinn ist es, welcher alles, auch das
-widersprechendste, in dir verbindet. Du bist hauptsächlich die Ursach,
-daß wir, so oft wir noch beisammen gewesen sind, zu keinem zweckmäßigen
-Leben haben kommen können, weil du dir nur in Unordnung und leerem
-Hinträumen wohlgefällst. Heute sind wir einmal recht vergnügt gewesen!
-pflegst du am Abend zu sagen, wenn du die übrigen verleitest hast, recht
-viel dummes Zeug zu schwatzen; bei einer Albernheit geht dir das Herz
-auf, -- doch ich verschwende nur meinen Athem, denn ich sehe du lachst
-auch hierüber.
-
-Allerdings, rief Theodor im frohesten Muthe aus, o mein zorniger,
-mißmuthiger Camerad! du Ordentlicher, Bedächtlicher, der die ganze Welt
-nach seiner Taschenuhr stellen möchte, du, der in jede Gesellschaft eine
-Stunde zu früh kommt, um ja nicht eine halbe Viertelstunde zu spät
-anzulangen, du, der du wohl ins Theater gegangen bist, bevor die Casse
-noch eröffnet war, der auch dann im ledigen Hause beim schönsten Wetter
-sitzen bleibt, um sich nur den besten Platz auszusuchen, mit dem er
-nachher im Verlauf des Stückes doch wieder unzufrieden wird. Ich habe es
-ja erlebt, daß du zu einem Balle fuhrst, und mich und meine Gesellschaft
-so über die Gebühr triebst, daß wir anlangten, als die Bedienten noch
-den Tanzsaal ausstäubten und kein einziges Licht angezündet war. Diese
-deine Ordnung willst du in jede Gesellschaft einführen, um nur alles
-eine Stunde früher als gewöhnlich zu thun, und gäbe man dir selbst diese
-Stunde nach, so würdest du wieder eine Stunde zuverlangen, so daß man,
-um mit dir ordentlich zu leben, immer im Zirkel um die vier und zwanzig
-Stunden des Tages mit Frühstück, Mittag- und Abendessen herum fahren
-müßte. Weil gestern die Gesellschaft noch nicht versammelt war, als die
-Suppe auf dem Tische stand, und jeder nach seiner Gelegenheit etwas
-später kam, darüber bist du noch heut verstimmt, du Heimtückischer,
-Nachtragender! noch mehr aber darüber, daß wir aus Scherz die geheime
-Abrede trafen, dich durchaus von Augustens Seite wegzuschieben, zu der
-du dich mit öffentlichem Geheimniß so geflissentlich drängst, und
-meinst, wir alle haben keine Augen und Sinne, um deine feurigen Augen
-und wohlgesetzten verliebten Redensarten wahrzunehmen. Sieh, Freund, man
-kennt dich auch, und weiß auch deine empfindliche Seite zu treffen.
-
-Wilibald zwang sich zu lachen und ging empfindlich fort; indem sah man
-Lothar und Ernst von der Straße des Berges, der über dem Garten und
-Hause lag, herunter reiten. Der einsame Anton gesellte sich zu Theodor
-und beide sprachen über Wilibald; es ist doch seltsam, sagte Anton, daß
-die Furcht vor der Affektation bei einem Menschen so weit gehen kann,
-daß er darüber in ein herbes widerspenstiges Wesen geräth, wie es unserm
-Freunde ergeht; er argwöhnt allenthalben Affektation und
-Unnatürlichkeit, er sieht sie allenthalben und will sie jedem Freunde
-und Bekannten abgewöhnen, und damit man ihm nur nicht etwas
-Unnatürliches zutraue, fällt er lieber oft in eine gewisse rauhe Manier,
-die von der Liebenswürdigkeit ziemlich entfernt ist.
-
-So will er die Weiber auch immer männlich machen, sagte Theodor, ging'
-es nach ihm, so müßten sie gerade alles das ablegen, was sie so
-unbeschreiblich liebenswürdig macht.
-
-Eine eigne Rubrik, fügte Anton hinzu, hält er, welche er Kindereien
-überschreibt, und in die er so ziemlich alles hinein trägt, was
-Sehnsucht, Liebe, Schwärmerei, ja Religion genannt werden muß. Wie die
-Welt wohl überhaupt aussähe, wenn sie nach seinem vernünftigen Plane
-formirt wäre?
-
-Selbst Sonne und Mond, sagte Theodor, halten nicht einmal die gehörige
-Ordnung, des Uebrigen zu geschweigen. Die Abweichung der Magnetnadel muß
-nach ihm entweder Affektation oder Kinderei sein, und statt sich in den
-Euripus zu stürzen, weil er die vielfache Ebbe und Fluth nicht begreifen
-konnte, hätte er ruhig am Ufer gestanden, und bloß den Kopf ein wenig
-geschüttelt und gemurmelt: läppisch! läppisch!
-
-Bis zum Abentheuerlichen unnatürlich sind die Cometen, versetzte Anton,
-ja alle Existenz hat wohl nur wie ein umgekehrter Handschuh die unrechte
-Seite herausgedreht, und ist dadurch existirend geworden.
-
-Zweifelt ihr daran, ihr armen Sünder? rief Wilibald aus dem nächsten
-Laubengange heraus, in welchem er alles gehört hatte; könnt ihr euch
-euren doppelten unbefriedigten Zustand anders erklären? Habt ihr dies
-nicht schon oft im Ernst denken müssen, wenn ihr überhaupt darüber
-gedacht habt, was ihr jezt als Spaß aussprecht? Und wenn die
-Menschenseele sich selbst unvollendet und umgedreht empfindet, warum
-soll denn alles übrige Geschaffene richtiger und besser sein? Ihr
-hoffärtigen Erdenwürmer neigt euch in den Staub, und macht euch nicht
-über Leute lustig, die, wenn es die Noth erfordert, auch wohl über
-Milchstraßen und Trabanten und Sonnensysteme zu sprechen wissen.
-
-Ernst und Lothar traten hinzu und erzählten viel von der anmuthigen Lage
-der merkwürdigen Ruine, und Ernst zürnte über den frevelnden Leichtsinn
-der Zeit, der schon so viel Herrliches zerstört habe und es allenthalben
-zu vernichten fortfahre. Wie tief, rief er aus, wird uns eine bessere
-Nachwelt verachten, und über unsern anmaßlichen Kunstsinn und die fast
-krankhafte Liebhaberei an Poesie und Wissenschaft lächeln, wenn sie
-hört, daß wir Denkmale aus gemeinem, fast thierischem Nichtachten, oder
-aus kläglichem Eigennutz abgetragen haben, die aus einer Heldenzeit zu
-uns herüber gekommen sind, an der wir unsern erlahmten Sinn für
-Vaterland und alles Große wieder aufrichten könnten. So braucht man
-herrliche Gebäude zu Wollspinnereien und schlägt dürftige Kammern in die
-Pracht alter Rittersäle hinein, als wenn es uns an Raum gebräche, um die
-Armseligkeit unsers Zustandes nur recht in die Augen zu rücken, der in
-Pallästen der Heroen seine traurige Thätigkeit ausspannt, und große
-Kirchen in Scheuern und Rumpelkammern verwandelt.
-
-Ist ihnen doch die Vorzeit selbst nichts anders, sagte Lothar, und des
-Vaterlandes rührende Geschichte, eben so haben sie sich in diese mit
-ihren unersprießlichen Zwecken hinein geklemmt, und verwundern sich
-lächelnd darüber, wie man ehemals nur das Bedürfniß solcher Größe haben
-mochte.
-
-Jezt zeigte sich die übrige Gesellschaft. Manfred führte seine
-Schwiegermutter, Friedrich, welcher verweinte Augen hatte, die schöne
-Rosalie, Anton bot seinen Arm der freundlichen Clara, und Wilibald
-gesellte sich zu Augusten, indem er dem lächelnden Theodor einen
-triumphirenden Blick zuwarf. Man wandelte in den breiten Gängen, welche
-oben gegen den eindringenden Sonnenstrahl gewölbt und dicht verflochten
-waren, in heitern Gesprächen auf und nieder, und Lothar sagte nach
-einiger Zeit: wir sprachen eben von den Ruinen altdeutscher Baukunst,
-und bedauerten, daß viele Schlösser und Kirchen gänzlich verfallen, die
-mit geringen Kosten als Denkmale unsern Nachkommen könnten erhalten
-werden; aber indem ich den Schatten dieser Gänge genieße, erinnere ich
-mich der seltsamen Verirrung, daß man jezt vorsätzlich auch viele Gärten
-zerstört, die in dem sogenannten französischen Geschmack angelegt sind,
-um eine unerfreuliche Verwirrung von Bäumen und Gesträuchen an die
-Stelle zu setzen, die man nach dem Modeausdrucke Park benamt, und so
-bloß einer todten Formel fröhnt, indem man sich im Wahn befindet, etwas
-Schönes zu erschaffen.
-
-Du erinnerst mich, sagte Ernst, an die Eremitage bei Baireuth und
-manchen andern Garten; wenn diese Einsiedelei auch manche aufgemauerte
-Kindereien zeigt, so war sie doch in ihrer alten Gestalt höchst
-erfreulich; ich verwunderte mich nicht wenig, sie vor einigen Jahren
-ganz verwildert wieder zu finden.
-
-Es fehlt unsrer Zeit, sagte Friedrich, so sehr sie die Natur sucht, eben
-der Sinn für Natur, denn nicht allein diese regelmäßigen Gärten, die dem
-jetzigen Geschmacke zuwider sind, bekehrt man zum Romantischen, sondern
-auch wahrhaft romantische Wildnisse werden verfolgt, und zur Regel und
-Verfassung der neuen Gartenkunst erzogen. So war ehemals nur die große
-wundervolle Heidelberger Ruine eine so grüne, frische, poetische und
-wilde Einsamkeit, die so schön mit den verfallenen Thürmen, den großen
-Höfen, und der herrlichen Natur umher in Harmonie stand, daß sie auf das
-Gemüth eben so wie ein vollendetes Gedicht aus dem Mittelalter wirkte;
-ich war so entzückt über diesen einzigen Fleck unsrer deutschen Erde,
-daß das grünende Bild seit Jahren meiner Phantasie vorschwebte, aber vor
-einiger Zeit fand ich auch hier eine Art von Park wieder, der zwar dem
-Wandelnden manchen schönen Platz und manche schöne Aussicht gönnt, der
-auf bequemen Pfaden zu Stellen führt, die man vormals nur mit Gefahr
-erklettern konnte, der selbst erlaubt, Erfrischungen an anmuthigen
-Räumen ruhig und sicher zu genießen; doch wiegen alle diese Vortheile
-nicht die großartige und einzige Schönheit auf, die hier aus der besten
-Absicht ist zerstört worden.
-
-Hier wurde das Gespräch unterbrochen, indem der Bediente meldete, daß
-angerichtet sei.
-
- * * * * *
-
-Man ging durch die großen offenen Thüren des Speisesaales, der
-unmittelbar an den Garten stieß, und aus dem man den gegenüber liegenden
-Berg mit seinen vielfach grünenden Gebüschen und schönen Waldparthien
-vor sich hatte; zunächst war ein runder Wiesenplan des Gartens, welchen
-die lieblichsten Blumengruppen umdufteten, und als Krone des grünen
-Platzes glänzte und rauschte in der Mitte ein Springbrunnen, der durch
-sein liebliches Getön gleich sehr zum Schweigen wie zum Sprechen einlud.
-
-Alle setzten sich, Wilibald zwischen Auguste und Clara, neben dieser
-ließ Anton sich nieder, und ihm zunächst Emilie, zwischen ihr und
-Rosalien hatte Friedrich seinen Platz gefunden, an welche sich Lothar
-schloß, und neben ihm saßen die übrigen Männer. Auf dem Tische prangten
-Blumen in geschmackvollen Gefäßen und in zierlichen Körben frische
-Kirschen. Wie kommt es, fing die ältere Emilie nach einer Pause an, daß
-es bei jeder Tischgesellschaft im Anfang still zugeht? Man ist
-nachdenkend und sieht vor sich nieder, auch erwartet Niemand ein
-lebhaftes Gespräch, denn es scheint, daß die Suppe eine gewisse ernste,
-ruhige Stimmung veranlaßt, die gewöhnlich sehr mit dem Beschluß der
-Mahlzeit und dem Nachtische kontrastirt.
-
-Vieles erklärt der Hunger, sagte Wilibald, der sich meistentheils erst
-durch die Nähe der Speisen meldet, besonders, wenn man später zu Tische
-geht, als es festgesetzt war, denn Warten macht hungrig, dann durstig,
-und wenn es zu lange spannt, erregt es wahre Uebelkeit, fast Ohnmacht.
-
-Sehr wahr, sagte Rosalie, und die Herren sollten das nur bedenken, die
-uns Frauen fast immer warten lassen, wenn sie eine Jagd, einen
-Spazierritt, oder ein sogenanntes Geschäft vorhaben.
-
-Lassen denn die Damen nicht eben so oft auf sich warten, erwiederte
-Wilibald, und wohl länger, wenn sie mit ihrem Anzug nicht einig oder
-fertig werden können? Da überdies die meisten niemals wissen, wie viel
-es an der Uhr ist, ja daß es überhaupt eine Zeitabtheilung giebt.
-
-Recht! sagte Manfred; neulich wollten sie einen Besuch in der
-Nachbarschaft machen, noch vorher eine Oper durchsingen, und ein wenig
-spazieren gehn, um dabei zugleich das kranke Kind im Dorfe zu besuchen,
-dann wollte man bei Zeiten wieder zu Hause sein und etwas früher essen
-als gewöhnlich, weil wir den Nachmittag einmal recht genießen wollten;
-als man aber, um doch anzufangen, nach der Uhr sah, fand sichs, daß es
-gerade nur noch eine halbe Stunde bis zur gewöhnlichen Tischzeit war,
-und die lieben Zeitlosen kaum noch Zeit sich umzukleiden hatten.
-
-Doch bitt' ich mich auszunehmen, sagte Rosalie, tadelst du mich doch
-sonst immer, daß ich zu pünktlich, zu sehr nach der Stunde bin, sonst
-würde es auch mit den Einrichtungen der Wirthschaft übel aussehn.
-
-Dich nehm' ich aus, sagte Manfred, und einer Hausfrau steht auch nichts
-so liebenswürdig, als eine stille, unerschütterliche Ordnung: aber auch
-nur die stille Ordnung, denn noch schlimmer als die Unordentlichen sind
-die für die Ordnung Wüthenden, in deren Häusern nichts als Einrichtung,
-Abrichten der Domestiken, Aufräumen und Staubabwischen zu finden ist;
-eine solche Frau haben, wäre eben so wie unter der großen Kirchenuhr und
-den Glocken wohnen, wo man nichts als den Perpendikel und das
-fürchterliche Schlagen der Stunden hört: auch eine männlich ordentliche
-und unternehmende Therese ist widerwärtig. Aber in aller liebenswürdigen
-weiblichen Unordnung schweift meine theure Schwester Auguste etwas zu
-sehr aus.
-
-Das weiß Gott! fuhr Wilibald etwas übereilt heraus; denn wenn ein
-Spaziergang abgeredet ist, so muß man wohl anderthalb Stunden mit dem
-Stock in der Hand unten stehn und warten, und dann hat die
-liebenswürdige Dame entweder den Spaziergang ganz vergessen, und besinnt
-sich erst darauf, wenn man einigemal hat erinnern lassen, oder sie kommt
-auch wohl endlich, aber nun hat man nicht an Handschuh und Sonnenschirm
-und Tuch gedacht; man geht zurück, man kramt, und fällt dabei nicht
-selten wieder in eine Beschäftigung, die den Spaziergang von neuem mit
-Schiffbruch bedroht. O Gott! und nach allen diesen Leiden soll unser
-eins nachher noch liebenswürdig sein!
-
-Das ist ja eben die Liebenswürdigkeit, sagte Auguste, denn wenn euch
-alles entgegen getragen, allen euren Launen geschmeichelt wird, wenn man
-euch so schlicht hin für Herrscher erklärt, daß ihr dann zuweilen ein
-wenig liebenswürdig seid, ist doch warlich kein Verdienst.
-
-Um wieder auf die Suppe zu kommen, die jezt genossen ist, sagte Lothar,
-so rührt es wohl nicht so sehr von einem materiellen Bedürfniß her, daß
-man bei ihr wenig spricht, sondern mich dünkt, jedes Mahl und Fest ist
-einem Schauspiel, am besten einem Shakspearschen Lustspiel, zu
-vergleichen, und hat seine Regeln und Nothwendigkeiten, die sich auch
-unbewußt in den meisten Fällen aussprechen.
-
-Wie könnte es wohl einem verständigen Menschen etwas anders sein?
-unterbrach ihn Wilibald mit Lachen; o wie oft ist doch unbewußt der
-Lustspieldichter selbst ein erfreulicher Gegenstand für ein Lustspiel!
-
-Laß ihn sprechen, sagte Manfred, magst du doch die Mahlzeit nachher mit
-einer Schlacht, oder gar mit der Weltgeschichte vergleichen; am Tisch
-muß unbedingte Gedanken- und Eßfreiheit herrschen.
-
-Daß die abwechselnden Gerichte und Gänge, fuhr Lothar fort, sich mit
-Akten und Scenen sehr gut vergleichen lassen, fällt in die Augen; eben
-so ausgemacht ist es für den denkenden und höhern Esser (ich ignorire
-jene gemeinere Naturen, die an allem zweifeln, und etwa in materieller
-Dumpfheit meinen können, das Essen geschehe nur, um den Hunger zu
-vertreiben), daß eine gewisse allgemeine Empfindung ausgesprochen werden
-soll, der in der ganzen Composition der Tafel nichts widersprechen darf,
-sei es von Seiten der Speisen, der Weine, oder der Gespräche, denn aus
-allem soll sich eine romantische Composition entwickeln, die mich
-unterhält, befriedigt und ergötzt, ohne meine Neugier und Theilnahme zu
-heftig zu spannen, ohne mich zu täuschen, oder mir bittre
-Rückerinnrungen zu lassen. Die epigrammatischen Gerichte zum Beispiel,
-die manchmal zur Täuschung aufgetragen werden, sind gerade zu
-abgeschmackt zu nennen.
-
-Im nördlichen Deutschland, sagte Ernst, sah ich einmal Zuckergebacknes
-als Torf aufsetzen, und es gefiel den Gästen sehr.
-
-O ihr unkünstlich Speisenden! rief Lothar aus; warum laßt ihr euch den
-Marzipan nicht lieber als die Physiognomien eurer Gegner backen, und
-zerschneidet und verzehrt sie mit Wohlgefallen und Herzenswuth? dürften
-die Rezensenten, oder sonst verhaßte Menschen, gleich so auf den Märkten
-zum Verkauf ausgeboten werden?
-
-Von höchst abentheuerlichen Festen, sagte Clara, habe ich einmal im
-Vasari gelesen, welche die Florentinischen Maler einander gaben, und die
-mich nur würden geängstigt haben, denn diese trieben die Verkehrtheit
-vielleicht auf das äußerste. Nicht bloß, daß sie Palläste und Tempel von
-verschiedenen Speisen errichteten und verzehrten, sondern selbst die
-Hölle mit ihren Gespenstern mußte ihrem poetischen Uebermuthe dienen,
-und Kröten und Schlangen enthielten gut zubereitete Gerichte, und der
-Nachtisch von Zucker bestand aus Schädeln und Todtengebeinen.
-
-Gern, sagte Manfred, hätt' ich an diesen bizarren, phantastischen Dingen
-Theil genommen, ich habe jene Beschreibung nie ohne die größte Freude
-lesen können. Warum sollte denn nicht Furcht, Abscheu, Angst,
-Ueberraschung zur Abwechselung auch einmal in unser nächstes und
-alltäglichstes Leben hinein gespielt werden? Alles, auch das Seltsamste
-und Widersinnigste hat seine Zeit.
-
-Freilich mußt du so sprechen, sagte Lothar, der du auch die
-Abentheuerlichkeiten des Höllen-Breughels liebst, und der du, wenn deine
-Laune dich anstößt, allen Geschmack gänzlich läugnest und aus der Reihe
-der Dinge ausstreichen willst.
-
-Wüßten wir doch nur, sagte Manfred, wo diese Sphinx sich aufhält, die
-alle wollen gesehen haben, und von der doch Niemand Rechenschaft zu
-geben weiß: bald glaubt man an das Gespenst, bald nicht, wie an die
-Dulcinea des Don Quixote, und das ist wohl der Spaß an diesem
-Tagegeiste, daß er zugleich ist und nicht ist.
-
-Seltsam, aber nicht selten, fiel Friedrich ein, ist die Erscheinung (die
-deinen Unglauben fast bestätigen könnte), daß Menschen, die von Jugend
-auf sich scheinbar mit dem Geiste des klassischen Alterthums genährt,
-die immer das Ideal von Kunst im Munde führen, und unbillig selbst das
-Schönste der Modernen verachten, sich doch plötzlich aus wunderlicher
-Leidenschaft so in das Abgeschmackte und Verzerrte der neuern Welt
-vergaffen können, daß ihr Zustand sehr nahe an Verrücktheit gränzt.
-
-Weil sie die neue Welt gar nicht kannten, antwortete Lothar, war ihre
-Liebe zur alten auch keine freie und gebildete, sondern nur Aberglaube,
-der die Form für den Geist nahm. Mir kam auch einmal ein scheinbar
-gebildeter junger Mann vor, der, nachdem er lange nur den Sophokles und
-Aeschylus angebetet hatte, ziemlich plötzlich und ohne scheinbaren
-Uebergang als ächter Patriot unsern ungriechischen Kotzebue vergötterte.
-
-Ich bin deiner Meinung, so nahm Ernst das Wort: kein Mensch ist wohl
-seiner Ueberzeugung oder seines Glaubens versichert, wenn er nicht die
-gegenüber liegende Reihe von Gedanken und Empfindungen schon in sich
-erlebt hat, darum ist es nie so schwer gewesen, als es beim ersten
-Augenblick scheinen möchte, die ausgemachtesten Freigeister zu bekehren,
-weil von irgend einer Seite ihres Wesens sich gewiß die
-Glaubensfähigkeit erwecken läßt, die dann, einmal erregt, alle
-Empfindungen mit sich reißt, und die ehemaligen Ansichten und Gedanken
-zertrümmert. Eben so wenig aber steht der Fromme, der nicht mit allen
-seinen Kräften schon die Regionen des Zweifels durchwandert hat, seine
-Seele müßte dann etwa ganz Glaube und einfältiges Vertrauen sein, auf
-einem festen Grunde.
-
-Vorzüglich, sagte Friedrich, sind es die Leidenschaften, die so oft im
-Menschen das zerstören, was vorher als sein eigenthümlichstes Wesen
-erscheinen konnte. Ich habe Wüstlinge gekannt, wahre Gottesläugner der
-Liebe und freche Verhöhner alles Heiligen, die lange mit der stolzesten
-Ueberzeugung ihr verächtliches Leben führten, und endlich, schon an der
-Grenze des Alters, von einer höhern Leidenschaft, sogar zu unwürdigen
-Wesen, wunderbar genug ergriffen wurden, so daß sie fromm, demüthig und
-gläubig wurden, ihre verlorne Jugend beklagten, und endlich noch einigen
-Schimmer der Liebe kennen lernten, deren Himmelsglanz sie in besseren
-Tagen verspottet hatten.
-
-Könnte man nur immer, fügte Anton hinzu, jungen Menschen, welche in die
-Welt treten, und sich nur leicht von den scheinbar Reichen und Freien
-beherrschen und stimmen lassen, die Ueberzeugung mitgeben, wie arm und
-welche gebundene Sklaven jene sind, die gern alle ihre falschen
-Flitterschätze um ein Gefühl der Kindlichkeit, der Unschuld, oder gar
-der Liebe hingeben möchten, wenn es sie so beglücken wollte, in ihren
-dunkeln Kerker hinein zu leuchten. Wie oft ist der überhaupt in der Welt
-der Beneidete, der sich selber mitleidswürdig dünkt, und weit mehr
-Schlimmes geschieht aus falscher Schaam, als aus wirklich böser Neigung,
-ein mißverstandner Trieb der Nachahmung und Verehrung verlockt viel
-häufiger den Verirrten, als Neigung zum Laster.
-
-Wie aber das Böse nicht zu läugnen ist, sagte Ernst, eben so wenig in
-den Künsten und Neigungen das Abgeschmackte, und man soll sich wohl vor
-beiden gleich sehr hüten. Vielleicht, daß auch beides genauer zusammen
-hängt, als man gewöhnlich glaubt. Wir sollen weder den moralischen noch
-physischen Ekel in uns zu vernichten streben.
-
-Aber auch nicht zu krankhaft ausbilden, wandte Manfred ein. -- Ein
-Weltumsegler unsers Innern wird auch wohl noch einmal die Rundung unsrer
-Seele entdecken, und daß man nothwendig auf denselben Punkt der Ausfahrt
-zurück kommen muß, wenn man sich gar zu weit davon entfernen will.
-
-Dies führt, sagte Theodor, indem er mit Wilibald anstieß, zur
-liebenswürdigen Billigkeit und Humanität.
-
-Es führt, antwortete dieser, wie alles, was die letzte Spitze und den
-wahrhaften Schwindel mit einem gewissen Witze sucht, zu gar nichts.
-Theurer Lothar, laß uns wieder vernünftig sprechen, und führe deine
-Vergleichung einer Mahlzeit und des Schauspiels noch etwas weiter.
-
-Um deiner Wißbegier genug zu thun, fuhr Lothar fort, erklär' ich also,
-daß bei einem Schauspiele die Einleitung eine der wichtigsten Parthien
-ist; sie kann hauptsächlich auf dreierlei Art geschehen. Entweder, daß
-in ruhiger Erzählung die Lage der Dinge auf die einfachste und
-natürlichste Weise auseinander gesetzt wird, so wie in »den Irrungen,«
-oder daß uns der Dichter sogleich in Getümmel und Unruhe wirft, woraus
-sich nach und nach die Klarheit und das Verständniß eröffnen, so wie im
-»Romeo« und dem »Oldcastle,« die gar mit Schlägerei beginnen, oder auf
-die dritte Weise, die uns zwar auch sogleich in die Mitte der Dinge
-führt, aber mit ruhiger Besonnenheit, wie in »Was ihr wollt.« Es ist
-keine Frage, daß die letztere Art beim Gastmahl die vorzüglichere sei,
-und daß deshalb die zivilisirten Nationen, und Menschen, die nicht
-bizarr leben und essen wollen, ihre Mahlzeit mit einer kräftigen, aber
-milden, ruhig bedächtigen Suppe eröffnen. Wie nun alle Menschen Hang zum
-Drama haben, und dunkel die Ahnung in ihnen schläft, daß alles Drama
-sei, so hüten sie sich mit Recht, zu witzig, zu geistreich, oder auch
-nur zu gesprächig zu sein, so lange die Suppe vor ihnen steht.
-
-Emilie lachte und winkte ihm Beifall, und Lothar fuhr also fort: so wie
-sich in dem eben genannten Lustspiele nach der fast elegischen
-Einleitung die anmuthigen Personen des Junkers Tobias, der Maria und der
-Fieberwange als reizende Episode einführen, so genießt man zum Anbeginn
-der Mahlzeit Sardellen, oder Kaviar, oder irgend etwas Reizendes,
-welches noch nicht unmittelbar das Bedürfniß befriedigt, und so, um
-nicht zu weitläufig zu werden, wechselt Befriedigung und Reiz in
-angenehmen Schwingungen bis zum Nachtisch, der ganz launig, poetisch und
-muthwillig ist, wie jenes Lustspiel sich nach seinem Beschluß mit dem
-allerliebsten albernen, aber bedeutenden Gesang des liebenswürdigsten
-Narren beschließt, wie »Viel Lärmen um nichts,« und »Wie es euch
-gefällt« mit einem Tanze endigen, oder das »Wintermährchen« mit der
-lebendigen Bildsäule.
-
-Ich sehe wohl, sagte Clara, man sollte das Essen eben so gut in Schulen
-lernen, als die übrigen Wissenschaften.
-
-Gewiß, sagte Lothar, ziemt einem gebildeten Menschen nichts so wenig,
-als ungeschickt zu essen, denn eben, weil die Nahrung ein Bedürfniß
-unserer Natur ist, muß hiebei entweder die allerhöchste Simplizität
-obwalten, oder Anstand und Frohsinn müssen eintreten und anmuthige
-Heiterkeit verbreiten.
-
-Freilich, sagte Ernst, stört nichts so sehr, als eine schwankende
-Mischung von Sparsamkeit und unerfreulicher Verschwendung, wie man wohl
-mit vortrefflichem Wein zum Genuß geringer und schlecht zubereiteter
-Speisen überschüttet wird, oder zu schmackhaften leckern Gerichten im
-Angesicht trefflicher Geschirre elenden Wein hinunter würgen muß. Dieses
-sind die wahren Tragikomödien, die jedes gesetzte Gemüth, das nach
-Harmonie strebt, zu gewaltsam erschüttern. Ist das Gespräch solcher
-Tafel zugleich lärmend und wild, so hat man noch lange nachher am Mißton
-der Festlichkeit zu leiden, denn auch bei diesem Genuß muß die Schaam
-unsichtbar regieren, und Unverschämtheit muß in edle Gesellschaft
-niemals eintreten können.
-
-Dazu, sagte Anton, gehört das übermäßige Trinken aus Ambition, oder wenn
-ein begeisterter Wirth im halben Rausch zudringend zum Trinken nöthigt,
-indem er laut und lauter versichert, der Wein verdien' es, diese Flasche
-koste so viel und jene noch mehr, es komme ihm aber unter guten Freunden
-nicht darauf an, und er könne es wohl aushalten, wenn selbst noch mehr
-darauf gehn sollte. Dergleichen Menschen rechnen im Hochmuth des Geldes
-nicht nur her, was dieses Fest kostet und jeder einzelne Gast verzehrt,
-sondern sie ruhen nicht, bis man den Preis jedes Tisches und Schrankes
-erfahren hat. Wenn sie Kunstwerke oder Raritäten besitzen, sind sie gar
-unerträglich, und ihr höchster Genuß besteht darin, wenn sie in aller
-Freundschaftlichkeit ihren Gast können fühlen machen, daß es ihm, gegen
-den Wirth gerechnet, eigentlich wohl an Gelde gebreche.
-
-Das führt darauf, fuhr Lothar fort, daß so wie in den Gefäßen und
-Speisen Harmonie sein muß, diese auch durch die herrschenden Gespräche
-nicht darf verletzt werden. Die einleitende Suppe werde, wie schon
-gesagt, mit Stille, Sammlung und Aufmerksamkeit begleitet, nachher ist
-wohl gelinde Politik erlaubt, und kleine Geschichtchen, oder leichte
-philosophische Bemerkungen: ist eine Gesellschaft ihres Scherzes und
-Witzes nicht sehr gewiß, so verschwende sie ihn ja nicht zu früh, denn
-mit dem Confect und Obst und den feinen Weinen soll aller Ernst völlig
-verschwinden, nun muß erlaubt sein, was noch vor einer Viertelstunde
-unschicklich gewesen wäre; durch ein lauteres Lachen werden selbst die
-Damen dreister, die Liebe erklärt sich unverholner, die Eifersucht zeigt
-sich mit unverstecktern Ausfällen, jeder giebt mehr Blöße und scheut
-sich nicht, dem treffenden Spott des Freundes sich hinzugeben, selbst
-eine und die andre ärgerliche Geschichte witzig vorgetragen darf
-umlaufen. Große Herren ließen ehemals mit dem Zucker ihre Narren und
-Lustigmacher hereinkommen, um am Schluß des Mahls sich ganz als
-Menschen, heiter froh und ausgelassen zu fühlen.
-
-Jezt, sagte Theodor, bringt man um die Zeit die kleinen Kinder herein,
-wenn sie nicht schon alle in Reih' und Glied bei Tische selber gesessen
-haben.
-
-Freilich, sagte Manfred, und das Gespräch erhebt sich zum Rührenden über
-die hohen idealischen Tugenden der Kleinen und ihrer unnennbaren Liebe
-zu den Eltern, und der Eltern hinwieder zu den Kindern.
-
-Und wenn es recht hoch hergeht, sagte Theodor, so werden Thränen
-vergossen, als die letzte und kostbarste Flüssigkeit, die aufzubringen
-ist, und so beschließt sich das Mahl mit den höchsten Erschütterungen
-des Herzens.
-
-Nicht genug, fing Lothar wieder an, daß man diese Unarten vermeiden muß,
-jede Tischunterhaltung sollte selbst ein Kunstwerk sein, das auf
-gehörige Art das Mahl accompagnirte und im richtigen Generalbaß mit ihm
-gesetzt wäre. Von jenen schrecklichen großen Gesellschaften spreche ich
-gar nicht, die leider in unserm Vaterlande fast allgemeine Sitte
-geworden sind, wo Bekannte und Unbekannte, Freunde und Feinde,
-Geistreiche und Aberwitzige, junge Mädchen und alte Gevatterinnen an
-einer langen Tafel nach dem Loose durch einander gesetzt werden; jene
-Mahlzeiten, für welche die Wirthin schon seit acht Tagen sorgt und läuft
-und von ihnen träumt, um alles mit großem Prunk und noch größerer
-Geschmacklosigkeit einzurichten, um nur endlich, endlich der Fete los zu
-werden, die man schon längst von ihr erwartet, weil sie wohl zwölf und
-mehr ähnliche Gastmahle überstanden hat, zu der sie nun zum Ueberfluß
-noch jeden einladet, dem sie irgend eine Artigkeit schuldig zu sein
-glaubt, und gern noch ein Dutzend Durchreisende in ihrem Garne auffängt,
-um ihrer Besuche nachher entübrigt zu bleiben; nein, ich rede nicht von
-jenen Tafeln, an welchen Niemand spricht, oder Alle zugleich reden, an
-welchen das Chaos herrscht, und kaum noch in seltnen Minuten sich ein
-einzelner Privatspaß heraus wickeln kann, wo jedes Gespräch schon als
-todte Frucht zur Welt kommt, oder im Augenblicke nachher sterben muß,
-wie der Fisch auf dem trocknen Lande; ich meine nicht jene Gastgebote,
-bei denen der Wirth sich auf die Folter begeben muß, um den guten Wirth
-zu machen, zu Zeiten um den Tisch wandeln, selbst einschenken und
-frostige Scherze in das Ohr albern lächelnder Damen niederlegen; kurz,
-schweigen wir von dieser Barbarei unserer Zeit, von diesem Tode aller
-Geselligkeit und Gastfreiheit, die neben so vielen andern barbarischen
-Gewohnheiten auch ihre Stelle bei uns gefunden hat.
-
-Die krankhafte Karikatur von diesen Anstalten, fügte Wilibald hinzu,
-sind die noch größern Theegesellschaften und kalten Abendmahlzeiten, wo
-das Vergnügen erhöht wird, indem alles durch einander läuft, und wie in
-der Sprachverwirrung die Bedienten, gerufen und ungerufen, mit allen
-möglichen Erfrischungen balanzirend, dazwischen tanzen, jeder Geladene
-durch alle Zimmer schweift, um zu suchen, er weiß nicht was, und ein
-Ordnungsliebender gern am Ofen, oder an irgend einem Fenster Posto faßt,
-um in der allgemeinen Flucht nur nicht umgelaufen, oder von der
-völkerwandernden Unterhaltung erfaßt und mitgenommen zu werden.
-
-Dieses, sagte Manfred, ist der wahre hohe Styl unsers geselligen Lebens,
-Michel Angelo's jüngstes Gericht gegen die Miniaturbilder alter
-Gastlichkeit und traulicher Freundschaft, der Beschluß der Kunst, das
-Endziel der Imagination, die Vollendung der Zeiten, von der alle
-Propheten nur haben weissagen können.
-
-Vergessen wir nur nicht, unterbrach Ernst, die Festlichkeiten des
-Mittelalters, wo nicht selten Tausende vom Adel als Gäste versammelt
-waren; doch hatte jener freimüthige frohe Sinn nichts von der
-Zerstreutheit unserer Zeit, und ihre glänzenden Waffenkämpfe, diese
-Spiele, bei denen die Kraft mit der Gefahr scherzte, vereinigten alle
-Gemüther zu einem herrlichen Mittelpunkte hin. Die Schätze der Welt sind
-wohl noch niemals so öffentlich und in so schönem großen Sinne genossen
-worden.
-
-Wie soll denn nun aber nach deiner Vorstellung ein Gastmahl endigen?
-fragte Wilibald; was sollte denn wohl auf diesen lustigen Leichtsinn
-folgen können, um würdig zu beschließen, oder wieder in das gewöhnliche
-Leben einzulenken?
-
-Der orientalische Ernst des Caffee, antwortete Lothar, und nach diesem,
-wie neulich schon ausgemacht wurde, vielleicht sogar die Pfeife. Da
-befinden wir uns plötzlich wieder in der Mitte eines herabgestimmten
-Lebens, und denken an unsere vorige Lust nur wie an einen Traum zurück.
-
-Sollte man so bewußtlos leben, essen und trinken, warf Clara ein, so
-wäre es eben eine herzliche Last, sich mit dem Leben überall
-einzulassen.
-
-Es kömmt wohl nur auf die Uebung an, sagte Theodor, haben doch
-Elephanten gelernt auf dem Seile tanzen. Die meisten Menschen machen
-sich außerdem ihr Leben noch viel beschwerlicher, und sie leben es doch
-ab: o warlich, hätten sie nur etwas Leichtsinn in den Kauf bekommen, so
-entschlössen sich viele, sich sterben zu lassen.
-
-Ich sage ja nur, antwortete Lothar, daß uns dunkel dergleichen
-Vorstellung eines Drama vorschwebt, wie bei allen Dingen, in die wir uns
-bestreben, Sinn und Zusammenhang hinein zu bringen.
-
-Da man sich schon dem Nachtische näherte, so ließ Manfred heißern Wein
-geben und ermunterte seine Freunde zum Trinken. Du wolltest, dünkt mich,
-noch über die Tischgespräche etwas sagen, so wandte er sich nach einiger
-Zeit an Lothar.
-
-Ich wollte noch bemerken, antwortete dieser, daß nicht jedes Gespräch,
-auch wenn es an sich gut ist, an die Tafel paßt, oder wenigstens nicht
-in jede Gesellschaft. Beim stillen häuslichen Mahl darf unter wenigen
-Freunden oder in der Familie mehr Ernst, selbst Unterricht und
-Gründlichkeit herrschen, je mehr es sich aber dem Feste nähert, um so
-mehr müssen Geist und Frohsinn an die Stelle treten.
-
-Frage nun, sagte Wilibald, ob wir auch die gehörigen Diskurse führen?
-Bist du, dramatischer Lothar, in deinem Gewissen ganz beruhigt?
-
-Auch hiebei, erwiederte dieser, ist das gute Bestreben alles, was wir
-geben können, auch hier muß jenes Glück unsichtbar hinzutreten und die
-letzte Hand anlegen, um ein erfreuliches wahres Kunstwerk hervor zu
-bringen.
-
-Während dieser Gespräche, sagte Manfred, ist mir eingefallen, daß ich
-wohl unsre Schriftsteller und Dichter nach meinem Geschmack mit den
-verschiedenartigen Gerichten vergleichen könnte.
-
-Zum Beispiel? fragte Auguste; das wäre eine Geschmackslehre, die mir
-sehr willkommen sein würde, und wonach ich mir alles am besten merken
-und eintheilen könnte.
-
-Ein andermal, sagte Manfred, wenn du für dergleichen ernsthafte Dinge
-mehr gestimmt bist; jezt würdest du es wohl nur sehr frivol aufnehmen,
-und ich bin doch überzeugt, daß diese Vergleichungen sich eben auch so
-gründlich durchführen lassen, wie alle übrigen.
-
-Es war eine Zeit, sagte Emilie, in der es die Schriftsteller, die über
-die Poesie schrieben, niedrig und gemein finden wollten, das Geschmack
-zu nennen, was in Werken der Künste das Gute von dem Schlechten sondert.
-
-Das war eben in jener geschmacklosen Zeit, sagte Theodor.
-
-Wer noch nie über das Tiefe und Innige des Geschmacks, über seine
-chemischen Zersetzungen und universellen Urtheile nachgedacht hat,
-versetzte Ernst, der dürfte nur einiges über diesen Gegenstand in den
-Schriften mancher Mystiker lesen, um zu erstaunen, und die Verächter
-dieses Sinnes zu verachten.
-
-Er dürfte auch nur hungern, sagte Wilibald, und dann essen.
-
-Lieber noch dursten, sagte Anton, und dann trinken, indem er selber
-bedächtig trank.
-
-Am kürzesten ist es gewiß, antwortete Friedrich, indeß wie selten werden
-wir darauf geführt, das zu beobachten, und uns über dasjenige zu
-unterrichten, was wir in uns Instinkt nennen, und doch ist der Philosoph
-nur ein unvollkommener, der in diese Gegend seinen spähenden Geist noch
-niemals ausgesendet hat.
-
-So ist es freilich mit allen Sinnen, fuhr Ernst fort, auch mit denen,
-die schon dem Gedanken verwandter scheinen, wie das Ohr und das noch
-hellere Auge. Wie wundersam, sich nur in eine Farbe als bloße Farbe
-recht zu vertiefen? Wie kommt es denn, daß das helle ferne Blau des
-Himmels unsre Sehnsucht erweckt, und des Abends Purpurroth uns rührt,
-ein helles goldenes Gelb uns trösten und beruhigen kann, und woher nur
-dieses unermüdete Entzücken am frischen Grün, an dem sich der Durst des
-Auges nie satt trinken mag?
-
-Auf heiliger Stätte stehen wir hier, sagte Friedrich, hier will der
-Traum in uns in noch süßeren, noch geheimnißvolleren Traum zerfließen,
-um keine Erklärung, wohl aber ein Verständniß, ein Sein im Befreundeten
-selbst hinein zu wachsen und zu erbilden: hier findet der Seher die
-göttlichen ewigen Kräfte ihm begegnend, und der Unheilige läßt sich an
-der nämlichen Schwelle zum Götzendienste verlocken.
-
-Die Kunst, sagte Manfred, hat diese Geheimnisse wohl unter ihren
-vielfarbigen Mantel genommen, um sie den Menschen sittsam und in
-fliehenden Augenblicken zu zeigen, dann hat sie sie über sich selbst
-vergessen, und phantasirt seitdem so oft in allen Tönen und
-Erinnerungen, um diese alten Töne und Erinnerungen wieder zu finden.
-Daher die wilde Verzweiflung in der Lust mancher bacchantischen Dichter;
-es reißen sich wohl Laute in schmerzhafter üppiger Freude, in der Angst
-keine Scheu mehr achtend, aus dem Innersten hervor, und verrathen, was
-der heiligere Wahnsinn verschweigt. So wollten wild schwärmende
-Corybanten und Priesterinnen ein Unbekanntes in Raserei entdecken, und
-alle Lust die über die Gränze schweift nippt von dem Kelch der Ambrosia,
-um Angst und Wuth mit der Freude laut tobend zu verwirren. Auch der
-Dichter wird noch einmal erscheinen, der dem Grausen und der wilden
-Sehnsucht mehr die Zunge lößt.
-
-Schon glaub' ich die Mänade zu hören, sagte Ernst, nur Paukenton und
-Cymbelnklang fehlt, um dreister die Worte tanzen zu lassen, und die
-Gedanken in wilderer Geberde.
-
-Sein wir auch im Phantasiren mäßig, und auch im Aberwitz noch ein wenig
-witzig, bemerkte Wilibald.
-
-Ja wohl, fügte Auguste hinzu, sonst könnte man vor dergleichen Reden
-eben so angst, wie vor Gespenstergeschichten werden; das beste ist, daß
-keiner sich leicht dergleichen wahrhaft zu Gemüth zieht, sonst möchten
-sich vielleicht wunderliche Erscheinungen aufthun.
-
-Du sprichst wie eine Seherin, sagte Manfred, dieser Leichtsinn und diese
-Trägheit erhält den Menschen und giebt ihm Kraft und Ausdauer zu allem
-Guten, aber beide reißen ihn auch immerdar zurück von allem Guten und
-Hohen, und weisen ihn wieder auf die niedrige Erde an.
-
-Es gemahnt mir, bemerkte Theodor unhöflich, wie die Hunde, die, wenn
-auch noch so geschickt, nicht lange auf zwei Beinen dienen können,
-sondern immer bald wieder zu ihrem Wohlbehagen als ordinäre Hunde zurück
-fallen.
-
-Laßt uns also, erinnerte Wilibald, auch ohne Hunde zu sein, auf der Erde
-bleiben, denn gewiß ist alles gut, was nicht anders sein kann.
-
-Wir sprachen ja von Künsten, fuhr Theodor fort, und ich erinnere mich
-dabei nur mit Verdruß, daß ein Mensch, der seine Hunde ihre
-mannichfaltigen Geschicklichkeiten öffentlich zeigen ließ, jeden seiner
-Scholaren mit der größten Ernsthaftigkeit und Unschuld einen Künstler
-nannte.
-
-O welch liebliches Licht, rief Rosalie aus, breitet sich jezt nach dem
-sanften Regen über unsern Garten! So ist wohl dem zu Muthe, der aus
-einem schweren Traum am heitern Morgen erwacht.
-
-Ich werde nie, sagte Ernst, den lieblichen Eindruck vergessen, den mir
-dieser Garten mit seiner Umgebung machte, als ich ihn zuerst von der
-Höhe jenes Berges entdeckte. Du hattest mir dort, in der Waldschenke,
-mein Freund Manfred, nur im allgemeinen von dieser Gegend erzählt, und
-ich stellte mir ziemlich unbestimmt eine Sammlung grüner Gebüsche vor,
-die man so häufig jezt Garten nennt; wie erstaunte ich, als wir den
-rauhen Berg nun erstiegen hatten, und unter mir die grünen Thäler mit
-ihren blitzenden Bächen lagen, so wie die zusammenschlagenden Blätter
-eines herrlichen alten Gedichtes, aus welchem uns schon einzelne
-liebliche Verse entgegen äugeln, die uns auf das Ganze um so lüsterner
-machen: nun entdeckt' ich in der grünenden Verwirrung das hellrothe Dach
-deines Hauses und die reinlich glänzenden Wände, ich sah in den
-viereckten Hof hinein, und daneben in den Garten, den gerade Bäumgänge
-bildeten und verschlossene Lauben, die Wege so genau abgemessen, die
-Springbrunnen schimmernd; alles dies schien mir eben so wie ein helles
-Miniaturbild aus beschriebenen Pergamentblättern alter Vorzeit entgegen,
-und befangen von poetischen Erinnerungen fuhr ich herunter, und stieg
-noch mit diesen Empfindungen in deinem Hause ab, wo ich nun alles so
-lieblich und reizend gefunden habe. Ich gestehe gern, ich liebe die
-Gärten vor allen, die auch unsern Vorfahren so theuer waren, die nur
-eine grünende geräumige Fortsetzung des Hauses sind, wo ich die geraden
-Wände wieder antreffe, wo keine unvermuthete Beugung mich überrascht, wo
-mein Auge sich schon im voraus unter den Baumstämmen ergeht, wo ich im
-Freien die großen und breiden Blumenfelder finde, und vorzüglich die
-lebendigen spielenden Wasserkünste, die mir ein unbeschreibliches
-Wohlgefallen erregen.
-
-Mit derselben Empfindung, antwortete Manfred, betrat ich zuerst diese
-Gegend, dieser Garten lockte mich sogleich freundlich an. Ich liebe es,
-im Freien gesellschaftlich wandeln zu können, im ungestörten Gespräch,
-die Blumen sehen mich an, die Bäume rauschen, oder ich höre halb auf das
-Geschwätz der Brunnen hin; belästigt die Sonne, so empfangen uns die
-dichtverflochtenen Buchengänge, in denen das Licht zum Smaragd
-verwandelt wird, und wo die lieblichsten Nachtigallen flattern und
-singen.
-
-Mit Entzücken, so redete Ernst weiter, muß ich an die schönen Gärten bei
-Rom und in manchen Gegenden Italiens denken, und sie haben meine
-Phantasie so eingenommen, daß ich oft des Nachts im Traum zwischen ihren
-hohen Myrthen- und Lorbeergängen wandle, daß ich oftmals, wie die
-unvermuthete Stimme eines lange abwesenden Freundes, das liebliche
-Sprudeln ihrer Brunnen zu vernehmen wähne. Hat sich irgendwo ein edles
-Gemüth so ganz wie in einem vielseitigen Gedicht ausgesprochen, so ist
-es vor allen dasjenige, welches die Borghesische Villa angelegt und
-ausgeführt hat. Was die Welt an Blumen und zarten Pflanzen, an hohen
-schönen Bäumen besitzt, allen Reiz großer und freier Räume, wo uns
-labend die Luft des heitern Himmels umgiebt, labyrinthische Baumgewinde,
-wo sich Epheu um alte Stämme im Dunkel schlingt, und in der süßen
-Heimlichkeit kleine Brunnen in perlenden Stralen klingend tropfen, und
-Turteltauben girren: der anmuthigste Wald mit wilden Hirschen und Rehen,
-Feld und Wiesen dazwischen, und Kunstgebilde an den bedeutendsten
-Stellen, alles findet sich in diesem elysischen Garten, dessen Reize nie
-veralten, und der jezt eben wieder wie eine Insel der Seligen vor meiner
-Einbildung schwebt.
-
-Doch hab' ich in vielen Büchern gelesen, wandte Emilie ein, daß die
-Gartenkunst der Italiäner noch in der Kindheit sei, und daß sie weit
-hinter den Deutschen zurückstehen.
-
-In allen menschlichen Angelegenheiten, antwortete Ernst, herrscht die
-Mode, aus der sich, wenn sie erst weit um sich gegriffen hat, leicht
-Sektengeist erzeugt, welchen man oft genug als Fortschritt der Kunst
-oder Menschheit unter dem Namen des Geistes der Zeit muß preisen hören,
-und so gehören auch diese Aeußerungen und Glaubensmeinungen in das
-System so mancher andern, gegen die ich mich fast unbedingt erklären
-möchte. Wo sind denn in Deutschland die vortrefflichen Gärten im
-sogenannten Englischen Geschmack, gegen die der gebildete Sinn nicht
-sehr Vieles einzuwenden hätte?
-
-Sprechen sie weiter! rief Clara lebhaft; schon einige empfindsame
-Reisende haben unsern muntern Garten als altfränkisch getadelt und
-meiner Mutter auf vielfache Weise gerathen, einen krummen, und wenn man
-den nächsten Hügel mit hinein zöge, auch auf- und absteigenden Park mit
-allen möglichen Effekten, anzulegen, und meine gute Mutter hatte sich
-schon vor einigen Jahren nicht abgeneigt gezeigt, so daß ich schon für
-meine Blumenbeete und für die Wasserkünste, die selbst in der Stille der
-Nacht fortlachen, gezittert habe.
-
-Wir dürfen nur, fuhr Ernst fort, auf das Bedürfniß zurück gehn, aus
-welchem unsre Gärten entstanden sind, um auf dem kürzesten Wege
-einzusehn, welche Anlagen im Allgemeinen die richtigeren sein mögen. Der
-Landmann hat neben seiner einfachen Wohnung seinen Baumgarten, der ihm
-vor seiner Thür Früchte und Küchengewächse liefert; gern läßt er das
-Gras zwischen den Bäumen wachsen, sowohl, weil er es ebenfalls nutzen
-kann, als auch weil es ihm Arbeit erspart, indem er es schont. Sehn wir
-in dieser wilden grünen Anstalt noch irgend ein Fleckchen den
-Gartenblumen besonders gewidmet und mit Liebe ausgespart, so hat diese
-natürlichste Anlage, im Gebirge wie im flachen Lande, einen gewissen
-Zauber, der uns still und rührend anspricht, ja in der Blüthenzeit kann
-ein solcher Raum mit seinen dicht gedrängten Bäumen entzückend sein.
-Diese sind unter den Gärten die wahren Idyllen, die kleinen
-Naturgedichte, die eben deswegen gefallen, weil sie von aller Kunst
-völlig ausgeschlossen sind.
-
-Ein Mühlbach, der an solchem Garten vorüberrinnt, sagte Clara, und
-Lämmchen drinne hüpfend und blökend in der Frühlingszeit, und
-krausbebuschte Berge dahinter, aus denen ein Holzschlag in den Gesang
-der Waldvögel tönt, dies kann vorzüglich Abends, oder am frühsten Morgen
-so himmlische Eindrücke von Ruhe, Einsamkeit und lieblicher Befangenheit
-erregen, daß unser Gemüth in diesen Augenblicken sich nichts Höheres
-wünschen kann.
-
-Die Gärten der alten Burgen und Schlösser waren auf ihren Höhen gewiß
-nur beschränkt, sagte Ernst, der jagdliebende Ritter lebte im Walde, und
-auf Reisen und Turnieren, oder in Fehden und Kriegen. Als die neueren
-Palläste entstanden und die fürstliche Architektur, als mit dem milderen
-Leben Kunst, Witz und heitere Geselligkeit in die Schlösser der Großen
-und Reichen zogen, wandte sich die architektonische Regel ebenfalls in
-die Gärten; in ihnen sollte dieselbe Reinlichkeit und Ordnung herrschen,
-wie in den Säulengängen und Sälen der Palläste, sie sollten der
-Geselligkeit den heitersten Raum gewähren, und so entstanden die
-regelmäßigen, weiten und vielfachen Baumgänge, so wurde der
-unordentliche Wuchs zu grünen Wänden erzogen, Hügel ordneten sich in
-Terrassen und bequemen breiten Treppen, die Blumen standen in Reihen und
-Beeten, und alles Wildscheinende, so wie alles, was an das Bedürfniß
-erinnert, wurde sorgfältigst entfernt; auf großen runden oder viereckten
-Plätzen suchte man gern die Frühlingssonne, die dichten Baumschatten
-waren zu Bögen gegen die Hitze gewölbt, verflochtene Laubengänge waren
-künstlich selbst mit unsichtbaren Käfigen umgeben, in denen Vögel aller
-Art in scheinbarer Freiheit schwärmten, die Springbrunnen, die die
-Stille unterbrachen und wie Naturmusik dazwischen redeten, und deren
-geordnete Stralen und Ströme in vielfachen Linien aus Muscheln,
-Seepferden und Statuen von Wassergöttern sich ebenfalls nach Regeln
-erhoben, dienten als phantastischer Schmuck dem wohlberechneten Ganzen.
-Der bunte grünende Raum war Fortsetzung der Säle und Zimmer, für viele
-Gesellschaften geeignet, den mannichfaltigsten Sinnen zubereitet, dem
-Geräusch und Prunk anpassend, und auch in der Einsamkeit ein lieblicher
-Genuß; denn der Frohwandelnde, wie jener, der sich in stille Betrachtung
-senkt, fand nichts, was ihn störte und irrte, sondern die lebendige
-Natur umgab sie zauberisch in denselben Regeln, in denen der Mensch von
-Verstand und Vernunft, und der innern unsichtbaren Mathematik seines
-Wesens ewig umschlossen ist.
-
-Siehst du, liebe Mutter, sagte Clara, welche philosophische Miene unser
-oft getadelte Garten anzunehmen weiß, wenn er nur seinen Sachwalter
-findet?
-
-Alles, was ich sagen kann, fuhr Ernst fort, steht schon im Woldemar viel
-besser und gründlicher, als Zurechtweisung eines einseitigen und
-mißverstandenen Hanges zur Natur.
-
-Finden Sie denn aber wirklich alle Gärten dieser Art schön? fragte
-Auguste.
-
-So wenig, antwortete Ernst, daß ich im Gegentheil viele gesehen habe,
-die mir durch ihre vollendete Abgeschmacktheit eine Art von Grausen
-erregt haben. Es giebt vielleicht in der ganzen Natur keine traurigere
-Einsamkeit, als uns die erstorbene Formel dieser Gartenkunst in dem
-barocken übertriebenen holländischen Geschmack darbietet, wo es den Reiz
-ausmachen soll, die Bäume nicht als solche wieder zu erkennen, wo
-Muscheln, Porzellan und glänzende Glaskugeln um fürchterlich verzerrte
-Bildsäulen auf gefärbtem Sande leuchten, wo das springende Wasser selbst
-seine liebliche Natur eingebüßt hat, und zum Possenreißer geworden ist,
-und wo auch sogar der heiterste blaue Himmel nur wie ein ernstes
-mißbilligendes Auge über dem vollendeten Unfug steht: Mond und Sterne
-über diesen Fratzen leuchtend und schimmernd, sind furchtbar, wie die
-lichten Gedanken im Geschwätz eines Verrückten.
-
-Vom Wasser, fiel Theodor ein, wird überhaupt oft ein kindischer
-Mißbrauch gemacht; diese Vexirkünste, um uns plötzlich naß zu machen,
-sind den abgeschmackten neumodischen Gespenstergeschichten mit
-natürlichen Erklärungen zu vergleichen; der Verdruß ist viel größer als
-der Schreck.
-
-Da man nun so häufig, sprach Ernst weiter, diese Gespenster von Gärten
-sah, so erwachte zu derselben Zeit, als man in allen Künsten die
-Natürlichkeit forderte, auch in der Gartenkunst bei unsern Landsleuten
-ein gewisser Sinn für Natur. Wir hörten von den englischen Parks, von
-denen viele in der That in hoher Schönheit prangen, sehr viele aber auch
-die Wohnung trüber Melankolie sind, und so fing man denn in Deutschland
-ebenfalls an, mit Bäumen, Stauden und Felsen auf mannigfache Weise zu
-malen, lebendige Wasser und Wasserfälle mußten die springenden Brunnen
-verdrängen, so wie alle geraden Linien nebst allem Anschein von Kunst
-verschwanden, um der Natur und ihren Wirkungen auf unser Gemüth Raum zu
-gewähren. Weil man sich nun hier in einem unbeschränkten Felde bewegte,
-eigentlich keine Vorbilder zur Nachahmung hatte, und der Sinn, der auf
-diese Weise malen und zusammen setzen soll, vom feinsten Geschmack, vom
-zartesten Gefühl für das Romantische der Natur geleitet werden muß, ja,
-weil jede Lage, jede Umgebung einen eigenthümlichen Garten dieser Art
-erfordert, und jeder also nur einmal existiren kann, so konnte es nicht
-fehlen, daß man, von jenem ächten Natursinn verlassen, in Verwirrung
-gerieth, und bald Gärten entstanden, die nicht weniger widerlich, als
-jene holländischen waren. Bald genügten die Effekte der Natur und der
-sinnigen Bäume und Pflanzen nicht mehr, dem bizarren Streben waren diese
-Wirkungen zu gelinde, man baute Felsenmassen, Labyrinthe, hängende
-Brücken, chinesische Thürmchen auf steilen Abhängen, gothische Burgen,
-Ruinen aller Art, und so waren diese verworrenen Räume am Ende mehr auf
-ein unangenehmes Erschrecken, oder unbehagliche Aengstlichkeit, als für
-einen stillen Genuß eingerichtet.
-
-Und dabei doch alles kleinlich, fiel Manfred ein, nicht phantastisch,
-sondern nur arm sind diese Tempel der Nacht und der Sonne, mit ihren
-bunten affektirten Lichtern, und kommen nicht einmal unsern
-gewöhnlichsten Theater-Effekten gleich.
-
-Für das Erschrecken reizbarer oder träumerischer Menschen ist oft
-hinlänglich gesorgt, sagte Anton, wenn unvermuthet ein Bergmann aus
-einem Schacht neben dem Wege heraus zu steigen scheint, oder im einsamen
-Dickicht eine andre widrige Puppe als Eremit vor einem Crucifixe kniet.
-Selbst Schädel und Beingerippe müssen dem Wandelnden zum Ergötzen
-dienen.
-
-Ohne weiteren Schreck, sagte Wilibald, erregen schon die krummen, ewig
-sich verwickelnden Wege Angst genug. Man sieht Menschen in der Ferne und
-vermuthet einen Freund unter diesen; aber wie in aller Welt soll man es
-anstellen, sich ihnen zu nähern? Man nimmt die Richtung nach jenem
-Punkt, allein der Weg läßt sich nicht so gehn, wie du möchtest, bald
-bist du hinter deinem vorigen Standpunkte zurück, und so ist es auch
-wahrscheinlich jenem drüben ergangen; tagelang rennt man sich aus dem
-Wege, wenn man sich nicht in einer albernen Moschee, oder otahitischen
-Hütte, in die man gegen den Regen unterduckt, ganz unvermuthet findet.
-
-Eben so wenig, fuhr Theodor fort, kannst du aber dem ausweichen, dem du
-nicht begegnen willst, und das ist oft noch schlimmer. Nichts
-alberneres, als zwei Menschen, die sich nicht leiden mögen, und die sich
-plötzlich in gezwungener Einsamkeit in einer dunkeln Grotte eng neben
-einander befinden, da brummt man was von schöner Natur und rennt aus
-einander, als müßte man die nächste Schönheit noch eilig ertappen, die
-sich sonst vielleicht auf flüchtigen Füßen davon machen möchte; und,
-siehe da, indem du dich bald nachher eine enge Felsentreppe hinauf
-quälst, kommt dir wieder die fatale Personage von oben herunter entgegen
-gestiegen, man muß sich sogar beim Vorbeidrängen körperlich berühren,
-eine nothgedrungene Freundlichkeit anlegen, und der lieben Humanität
-wegen recht entzückt sein über das herrlich romantische Wesen, um nur
-der leidigen Versuchung auszuweichen, jenen in den zauber- aber nicht
-wasserreichen Wasserfall hinab zu stoßen. Die Entdeckung und Anpflanzung
-der lombardischen Pappel, die weder Gestalt noch Farbe hat, ist den
-Verfertigern der schönen Natur sehr zu statten gekommen, ihrem Wirrwarr
-recht eilig auf die Beine helfen zu können. Das Zeug wächst fast
-zusehends, und nun haben unsre guten alten einheimischen Bäume das
-Nachsehn. Diese Pappeln sind mir in geraden und krummen Gängen gleich
-widerwärtig. Wie schön sind unsre alten Linden, die vormals so manche
-Landstraße zierten, wie erfreulich die ehrwürdigen Nußbäume der
-Bergstraße, und wie melankolisch sind die Pappelgassen, die sich um
-Carlsruh nach allen Seiten in das Land so finster hinaus strecken.
-
-In gebirgigen Gegenden, sagte Friedrich, scheint mir ein Garten, wie
-dieser hier, nicht nur der angemessenste, sondern auch ohne Frage der
-schönste, denn nur in diesem kann man sich von den erhabenen Reizen und
-großen Eindrücken erholen, die die mächtigen Berge beim Durchwandeln in
-uns erregen. Jedes Bestreben, hier etwas Romantisches erschaffen, und
-Baum und Waldgegenden malen zu wollen, würde jenen Wäldern und
-Felsenschluften, den wundersamen Thälern, der majestätischen Einsamkeit
-gegenüber nur albern erscheinen. So aber liegt dieser Garten in stiller
-Demuth zu den Füßen jener Riesen, mit ihren Wäldern und Wasserbächen,
-und spielt mit seinen Blumen, Laubengängen und Brunnen wie ein Kind in
-einfältigen Phantasien. Dagegen ist mir in einer der traurigsten
-Gegenden Deutschlands ein Garten bekannt, der allen romantischen Zauber
-auf die sinnigste Weise in sich vereinigt, weil er, nicht um Effekt zu
-machen, sondern um die innerlichen Bildungen eines schönen Gemüthes in
-Pflanzen und Bäumen äußerlich zu erschaffen vollendet wurde; in jener
-Gegend, wo der edle Herausgeber der Arethusa nach alter Weise im Kreise
-seiner liebenswürdigen Familie lebt; dieser grüne, herrliche Raum
-schmückt wahrhaft die dortige Erde, von ihm umfangen, vergißt man das
-unfreundliche Land, und wähnt in lieblichen Thälern und göttergeweihten
-Hainen des Alterthums zu wandeln; in jedem Freunde der Natur, der diese
-lieblichen Schatten besucht, müssen sich dieselben heitern Gefühle
-erregen, mit denen der sinnvolle Pflanzer die anmuthigste Landschaft
-hier mit dem Schmuck der schönsten Bäume dichtete, die auf sanften
-Hügeln und in stillen Gründen mannichfaltig wechselt, und durch rührende
-Reize den Sinn des Gebildeten beruhigt und befriedigt. Denn ein wahres
-und vollkommenes Gedicht muß ein solcher Garten sein, ein schönes
-Individuum, das aus dem eigensten Gemüthe entsprungen ist, sonst wird
-ihm der Vorwurf jener oben gerügten Verwirrung und Unerfreulichkeit
-gewiß nicht entstehn können.
-
-Die Damen machten schon Miene sich zu erheben, als Manfred rief: nur
-noch diese Flasche, meine Freunde, des lieblichen Constanzerweins, jedem
-ein volles Glas, und mit ihm trinke jeder eine Gesundheit recht von
-Herzen!
-
-Ernst erhub das flüssige Gold, und sagte nicht ohne Feierlichkeit:
-Wohlauf, er lebe, der Vater und Befreier unsrer Kunst, der edle deutsche
-Mann, unser Göthe, auf den wir stolz sein dürfen, und um den uns andre
-Nationen beneiden werden!
-
-Alle stießen an, und als Theodor an ein neuliches Gespräch erinnern
-wollte, rief Manfred: nein, Freunde, keine Kritiken jezt, alle Freude
-unsrer Jugend, alles was wir ihm zu danken haben, vereinigen wir in
-unserer Erinnrung in diesem Augenblick!
-
-Wilibald sagte: du hast Recht, der Moment begeisterter Liebe kann nur
-Liebe sein, und darum laßt uns Schillers Andenken mit seinem Namen
-vereinigen, dessen ernster groß strebender Sinn wohl noch länger unter
-uns hätte verweilen sollen.
-
-Ich trinke dieses Glas, sprach Anton bewegt, dem edelsten und
-freundlichsten Gemüth, dem liebenswürdigsten Greise, dem es wohl gehn
-solle, dem Weisen, der nie Sektirer war, dem kindlichen Jacobi, den uns
-ein sanftes Schicksal noch viele Jahre gönnen möge!
-
-Wir endigen unser Mahl feierlich, sagte Emilie, man kann sich der
-Rührung nicht erwehren, auf diese Weise an geliebte Abwesende zu denken.
-
-Ergeben wir uns, rief Manfred lebhaft aus, dieser schönen Bewegung, und
-darum stoßt an, und feiert hoch das Andenken unsers phantasievollen,
-witzigen, ja wahrhaft begeisterten Jean Paul! Nicht sollst du ihn
-vergessen, du deutsche Jugend. Gedankt sei ihm für seine Irrgärten und
-wundervollen Ersinnungen: möchte er in diesem Augenblick freundlich an
-uns denken, wie wir uns mit Rührung der Zeit erinnern, als er gern und
-mit schöner Herzlichkeit an unserm Kreise Theil nahm!
-
-Nie sei vergessen, rief Theodor mit einem Ernst, der an ihm nicht
-gewöhnlich war, das brüderliche Gestirn deutscher Männer, unser
-Friedrich und Wilhelm Schlegel, die so viel Schönes befördert und
-geweckt haben: des einen Tiefsinn und Ernst, des andern Kunst und Liebe
-sei von dankbaren Deutschen durch alle Zeiten gefeiert!
-
-So sei es denn erlaubt, sprach Lothar, einen Genius zu nennen, der schon
-lange von uns geschieden ist, der aber uns wohl umschweben mag, wenn
-alle Herzen mit innerlichster Sehnsucht und Verehrung ihn zu sich rufen:
-der große Britte, der ächte Mensch, der Erhabene, der immer Kind blieb,
-der einzige Shakspear sei von uns und unsern Nachkommen durch alle
-Zeitalter gepriesen, geliebt und verehrt!
-
-Alle waren in stürmischer Bewegung und Friedrich stand auf und sagte:
-ja, meine Geliebten, wie wir hier nur beisammen sind in Freundschaft und
-Liebe und dadurch eins, so umgiebt uns auch aus der Ferne das Angedenken
-edler Freunde, und ihre Herzen sind vielleicht eben jezt hieher
-gewendet; aber auch den Abgeschiedenen zieht unser Glaube andächtig zu
-unsern Mahlen, Freuden und Scherzen, mit Sehnsucht, Liebe und
-Freudenthränen herbei, und so beschließt sich am würdigsten ein heitrer
-Genuß; der Tod ist keine Trennung, sein Antlitz ist nicht furchtbar:
-opfert diese letzten Tropfen dem vielgeliebten Novalis, dem Verkündiger
-der Religion, der Liebe und Unschuld, er ein ahndungsvolles Morgenroth
-besserer Zukunft.
-
-Rosalie stieß stillschweigend und gerührt mit an: ihm sollen die Frauen
-danken, sprach sie leise und bewegt. Alle erhuben sich, die Freunde
-umarmten sich stürmisch und jedem standen Thränen in den Augen. Man ging
-schweigend in den Garten.
-
- * * * * *
-
-Die Gesellschaft saß um den größten Springbrunnen, der in der Mitte des
-Gartens spielte, horchte auf das liebliche Getön und fühlte in dieser
-Pause kein Bedürfniß, das Gespräch fort zu setzen; endlich sagte Clara:
-von allen Naturerscheinungen kommt mir das Wasser als die wunderbarste
-vor, denn es ist nicht anders, wenn man recht darauf sieht und hört, als
-wohne in ihm ein uns befreundetes Wesen, das uns versteht und sich uns
-mittheilen möchte, so klar und lockend schaut es uns an; es lacht mit
-uns, wenn wir fröhlich sind, es klagt und schluchzt, wenn wir trauern,
-es schwatzt und plaudert kindisch und thöricht, wenn wir uns zum
-Schwatzen aufgelegt fühlen, kurz, es macht alles mit; auch tönt ein
-rauschender Bach in der Einsamkeit der Gebirge wohl wie ein Orakel, von
-dem wir die prophetischen, tiefsinnigen Worte gern verstehn lernen
-möchten. Warlich, kein Glaube ist dem Menschen so natürlich, als der an
-Nixen und Wassernymphen, und ich glaube auch, daß wir ihn nie ganz
-abgelegen.
-
-Anton, der neben ihr saß, sah sie mit einem freundlichen, fast
-begeisterten Blicke an, weil dieses Wort die theuerste Gegend seines
-heimlichen Aberglaubens liebkosend besuchte; er wollte ihr etwas
-erwiedern, als Ernst das Wort nahm und sich so vernehmen ließ: nicht so
-willkührlich, wie es auf den ersten Anblick scheinen möchte, haben die
-ältesten Philosophen, so wie neuere Mystiker, dem Wasser schaffende
-Kräfte und ein geheimnißvolles Wesen zuschreiben wollen, denn ich kenne
-nichts, was unsre Seele so ganz unmittelbar mit sich nimmt, als der
-Anblick eines großen Stromes, oder gar des Meeres; ich weiß nichts, was
-unsern Geist und unser Bewußtsein so in sich reißt und verschlingt, wie
-das Schauspiel vom Sturz des Wassers, wie des Teverone zu Tivoli, oder
-der Anblick des Rheinfalls. Darum ermüdet und sättigt dieser wundervolle
-Genuß auch nicht, denn wir sind uns, möchte ich sagen, selbst verloren
-gegangen, unsre Seele mit allen ihren Kräften braust mit den großen
-Wogen eben so unermüdlich den Abgrund hinunter: das ist es auch, daß wir
-vergeblich nach Worten suchen, mit Vorstellungen ringen, um aus unsrer
-Brust die erhabene Erscheinung wieder auszutönen, um in Ausdrücken der
-Sprache die gewaltige Leidenschaft, den furchtbaren Zorn, den Trieb zur
-Vernichtung, das heftige Toben im Schluchzen und Weinen, das harte
-gellende Lachen in der tiefsinnigen Klage, vermischt mit uralten
-Erinnerungen, verwirrt mit den Ahndungen seltsamer Zukunft zu bilden und
-auszumalen, und keiner Anstrengung kann dieses Bestreben auch jemals
-gelingen.
-
-Da die Sprache schon so unzulänglich ist, sagte Lothar, so sollten es
-sich die Künstler doch endlich abgewöhnen, Wasserfälle malen zu wollen,
-denn ohne ihr sinnvolles, in tausendfachen Melodien abwechselndes
-Rauschen sehn auch die bessern in ihrer Stummheit nur albern aus.
-Dergleichen Erscheinungen, die keinen Moment des Stillstandes haben und
-nur in ewigem Wechsel existiren, lassen sich niemals auf der Leinwand
-darstellen.
-
-Darum, fuhr Friedrich fort, sind Teiche, Bäche, Quellen, sanfte blaue
-Ströme, für den Landschafter so vortreffliche Gegenstände, und dienen
-ihm vorzüglich, jene sanfte Rührung und Sehnsucht hervor zu bringen, die
-wir so oft beim Anblick des ruhigen Wassers empfinden.
-
-Die Menge der lebendigen rauschenden Brunnen, sagte Ernst, gehört zu den
-Wundern Roms, und sie tragen mit dazu bei, den Aufenthalt in dieser
-Stadt so lieblich zu machen. Entzückt uns in freier Landschaft oder in
-den Gärten das Spiel des Wassers, so ergreift uns neben Pallästen und
-Kirchen, im Geräusch der Straßen und Märkte, dieses tönende Rauschen und
-Sprudeln noch seltsamer. Ich kann nicht sagen, wie in der stillen Nacht
-der Abreise mich diese Brunnen rührten, denn mir dünkte, daß sie alle
-Abschied von mir nähmen, mir ein Lebewohl nachriefen, und mich an alle
-Herrlichkeiten dieser Hauptstadt der Welt so wehmüthig erinnerten; ich
-begriff in dieser Stunde nicht, wie ich mich vorher oft so innig nach
-Deutschland hatte sehnen können, denn schon bevor ich aus dem Thor
-gefahren war, sehnte ich mich herzlich nach Rom zurück, wie viel mehr
-nicht seitdem!
-
-So ist der Mensch, fiel Theodor ein, nichts als Inkonsequenz und
-Widerspruch! So hat Lothar uns heut weitläuftig auseinandergesetzt, mit
-welcher Heiterkeit und mit welchem ausgelassenen Witze sich ein Mahl
-beschließen müsse, und wir endigten es höchst unbedacht mit Rührung, was
-ganz gegen die Abrede war.
-
-Doch nicht minder gut, sagte Ernst, denn wir waren auch in dieser
-Bewegung fröhlich. Ich verstehe überhaupt die Freude der meisten
-Menschen nicht. Scheint es doch, als müßten sie alle Erinnerungen des
-wahren Lebens von sich entfernt halten, um nur in blinder Zerstreutheit
-auf kümmerliche Weise sich das anzueignen, was sie Ergötzung und
-Fröhlichkeit nennen. Die Fülle des Lebens, ein gesundes kräftiges Gefühl
-des Daseins bedarf selbst einer gewissen Trauer, um die Lust desto
-inniger zu empfinden, so wie diese Gesundheit die Tragödie erfunden hat,
-und auch nur genießen kann. Je schwächer der Mensch, je lebensmüder er
-wird, um so mehr hat er nur noch Freude am Lachen, und an dem
-kleinlichen Lustspiel neuerer Zeit. Geh dem aus dem Wege, der nur noch
-lachen mag und kann, denn mit dem Ernst und der edlen Trauer ist auch
-aller Inhalt seines Lebens entschwunden; er ist bös, wenn er etwas mehr
-als Thor sein kann. Je höher wir unser Dasein in Lust und Liebe
-empfinden, je lauter wir in uns aufjauchzen in jenen seltenen Minuten,
-die uns nur sparsam ein geizendes Schicksal gönnt, um so freigebiger und
-reicher sollen wir uns auch in diesen Sekunden fühlen; warum also in
-diesen schönsten Lebensmomenten unsre ehemaligen Freunde und ihre Liebe
-von uns weisen? Hat der Tod sie denn zu unsern Feinden gemacht? Oder ist
-ihr Zustand nach unsrer Meinung so durchaus bejammernswerth, daß ihr
-Bild unsre Lust zerstören muß? In jenen seligen Stimmungen möchte ich
-ausrufen: laßt sie zu uns, in unsre Arme, in unsre Herzen kommen, daß
-unser Reichthum noch reicher werde! Könnt ihr euch aber mit dem Glauben
-vertragen, daß sie vielleicht hülflos, auf lange in Wüsten hinaus
-gestoßen sind, o so laßt ihnen einige Tropfen von der Ueberfülle eurer
-Lust zufließen! Aber nein, du theurer geliebter Abgeschiedener, in
-diesen Empfindungen fühl' ich mich zu dir in den Zustand deiner Ruhe und
-Freude hinüber, und du bist mehr der meine, als nur je in diesem
-irdischen Leben, denn neben meiner ganzen Liebe gehört dir nun auch mein
-höchster Schmerz um dich, jener namenlose, unbegreifliche, jenes
-angstvollste Ringen mit dem fürchterlichsten Zweifel, als ob ich dich
-auf ewig verloren hätte; da hat meine Liebe erst alle ihre Kräfte
-aufrufen und erkennen müssen, da hab' ich dich erst im Triumph dem Tode
-abgewonnen, um dich nie mehr zu verlieren, und seitdem bist du ohne
-Wandel, ohne Krankheit, ohne Mißverständniß mein, und lächelst jedes
-Lächeln mit, und schwimmst in jeder Thräne: wo kann ich dich besser
-herbergen, als in diesem Herzen, wenn es der Freude geöffnet ist? Mit
-diesem Gaste sprech' ich nicht mehr zu ihr: was willst du? oder: du bist
-toll! denn sie ist durch deine holde Gegenwart edler, milder und
-menschlicher.
-
-Clara weinte, und Anton überließ sich seiner Wehmuth. Höre auf, rief
-dieser, ich fühle diese Wahrheit trotz ihrer Freundlichkeit zu
-schmerzlich, eben weil sie so ganz das Wesen meines Lebens ist.
-
-Was ist es nur, fing Clara nach einiger Zeit wieder an, das uns in der
-Heiligkeit des Schmerzes oft wie im Triumph hoch, hoch hinauf hebt, und
-das uns, möcht' ich doch fast sagen, mit der Angst eines Jubilirens
-befällt, eines tiefen Mitleidens, einer so innigen Liebe, eines solchen
-Gefühls, das wir nicht nennen können, sondern daß wir nur gleich in
-Thränen untergehn und sterben möchten? So ist es mir oft gewesen, wenn
-ich im Plutarch von den großen Menschen las, wie sie unglücklich sind,
-und wie sie ihre Leiden und den Tod erdulden, oder wie Timoleon sein
-Glück und Schicksal trägt. Das Leben möchte brechen vor Lust und
-Schmerz, und wenn dann ein Fremder fragt: was fehlt dir? so möchte man
-antworten: »o ich habe eine Welt zu viel! Warum kann ich in Demuth als
-Seufzer nicht für den verwehen, den ich so innig verehren muß?«
-
-Wer nicht auf diese Weise, sagte Friedrich, das Evangelium lesen kann,
-der sollte es nie lesen wollen, denn was kann er anders dort finden, als
-die höchste Liebe und ihre heiligen Schmerzen? Diese Begier sich
-aufzuopfern, sich ganz, ganz hinzuwerfen dem geliebten Gegenstande
-unsrer Verehrung, ist das Höchste in uns; es ruft aus uns über
-Jahrtausende hinüber: fühlst du mich denn auch? Siehe, du hast nicht
-umsonst gelebt, ich weiß von dir, nur ein Herold der Menschheit bin ich,
-nur ein Laut aus der unzählbaren Schaar! -- Sollte ein solches Gefühl
-nicht unmittelbare Gemeinschaft mit dem geliebten Wesen erzeugen können?
-
-Und so ist die Welt unser, fuhr Lothar heftig fort, wenn wir dieser Welt
-nur würdig sind! Aber leider sind wir meist zu träge und todt, um die zu
-bewundern, deren Leben ein Wunder war; denn nicht was unser leeres
-Erstaunen erregt, was wir nicht begreifen, sollten wir so nennen,
-sondern die Kraft jener Weltüberwinder, die über Schicksal und Tod
-siegten, diese Helden sollten wir als Wunderthäter verehren; unser
-äußerer Mensch versteht und faßt sie auch nicht, aber der innere fühlt
-sie, und in Andacht und Liebe sind sie ihm vertraut und mehr als
-verständlich.
-
-Alles, was wir wachend von Schmerz und Rührung wissen, sagte Anton, ist
-doch nur kalt zu nennen gegen jene Thränen, die wir in Träumen
-vergießen, gegen jenes Herzklopfen, das wir im Schlaf empfinden. Dann
-ist die letzte Härte unsers Wesens zerschmolzen, und die ganze Seele
-fluthet in den Wogen des Schmerzes. Im wachenden Zustande bleiben immer
-noch einige Felsenklippen übrig, an denen die Fluth sich bricht.
-
-Gewiß, fuhr Friedrich fort, sollten wir die Zustände des Wachens und
-Schlafens mehr als Geschwister behandeln, wir würden dann klarer wachen
-und leichter träumen. Suchen wir doch am Tage mit der Phantasie auf
-diesem Fuße zu leben, und wie viel könnten wir von ihr als
-Nachtwandlerin lernen, wenn wir sie als solche mehr achteten und
-beachteten. So finden wir auch in der alten Welt die Träume nicht so
-vernachläßigt, sondern aus ihren Ahndungen ging oft durch den Glauben
-der Menschen eine glänzende Wirklichkeit hervor.
-
-Wir träumen ja auch nur die Natur, sagte Ernst, und möchten diesen Traum
-ausdeuten; auf dieselbe Weise entfernt und nahe ist uns die Schönheit,
-und so wahrsagen wir auch aus dem Heiligthum unsers Innern, wie aus
-einer Welt des Traumes heraus.
-
-So könnte man denn wohl, unterbrach Theodor, aus witziger Willkühr mit
-der Wirklichkeit wie mit Träumen spielen, und die Geburten der
-Dunkelheit als das Rechte und Wahre anerkennen wollen.
-
-Thun denn so viele Menschen etwas anders? fragte Wilibald.
-
-Und thun sie denn so gar unrecht? antwortete Ernst mit neuer Frage.
-
-Wir gerathen auf diesem Wege, sagte Emilie, in das Gebiet der Räthsel
-und Wunder. Doch führt uns vielleicht der Versuch, alles umkehren zu
-wollen, am Ende selbst wieder in das Gewöhnliche zurück.
-
-Damit ich euch scheinbar kreuze, fiel Manfred ein, so bleiben nach
-meinem Gefühl Witz und Scherz immer etwas sehr Nüchternes, wenn sie
-nicht unter ihrer Verhüllung eine Wahrheit aussprechen können, so wie
-ich auch glaube, daß es keine Wahrheit giebt, der Witz und Scherz nicht
-das Lächerliche abgewinnen mögen. Lachen wir doch auch nur recht
-herzlich und gemüthlich, und wahrhaft nur ganz unschuldig, über unsre
-Freunde, die wir lieben, und derjenige, der sich noch nicht seinem
-Freunde zum Scherze gern hingegeben hat, hat noch keinen Freund recht
-von ganzer Seele geliebt; ja aus Aufopferungssucht hilft der Liebende
-selbst dem Spotte nach, und enthüllt freiwillig das Lächerliche in sich,
-um sich gleichsam dem Freunde zu vernichten; denn, um es heraus zu
-sagen, das Lachen ist den Thränen wohl näher verwandt, als die meisten
-glauben, endigt es doch auch, wie die Rührung, mit diesen.
-
-Ernst fuhr fort: der Satz, den wir so oft haben wiederholen hören: daß
-die Menschen die Lächerlichkeit fürchten, und daß deshalb der komische
-Dichter, oder Satiriker, oder wie sie ihn nennen mögen, diese allgemeine
-höchste Reizbarkeit der Menschen benutzen müsse, um sie zu bessern;
-dieser Satz ist gewiß in der Anwendung falsch, und an sich selbst nur
-einseitig wahr. Das Lächerliche, welches sich mit dem Verächtlichen
-verbindet, und welches so manche Dichter zur Verfolgung, und wo möglich
-Vernichtung, dieser oder jener sogenannten Thorheit, oder einer Meinung,
-oder Verirrung haben brauchen wollen, ist allerdings so gehässig und
-bitter, daß wohl zu keiner Zeit ein edler Mensch sich diesem
-Lächerlichen hat bloß stellen mögen, denn ein feindliches Wesen, das
-irgend ein Leben zu vernichten strebte, kämpfte in diesem wilden,
-anmaßlichen Lachen; auch gestehe ich gern, daß ich diesen sogenannten
-Satirikern, besonders der neuern Zeiten, niemals Freude und Lust habe
-abgewinnen können, ich weiß auch nicht, ob ich eben bei ihren
-Darstellungen gelacht habe. Eben so wenig mögen wir uns an der Stelle
-des Narren befinden, der seine Menschheit wegwirft und sich unter den
-Affen erniedrigt, um seinem rohen Herrn ein Schauspiel des Ergötzens
-darzubieten, von welchem der Edlere sich mit Ekel hinweg wendet. Es
-gehört schon ein höherer, ein wahrhaft menschlicher Sinn dazu, um auf
-die rechte Art und bei den richtigen Veranlassungen zu lachen, und wenn
-die Thräne dich wohl hintergehn kann, so kann dich das Lachen eines
-Menschen schwerlich über das Niedrige oder Edle seiner Gesinnung
-täuschen. Wie unterschieden ist aber von jener hassenden Bitterkeit und
-traurigen Verächtlichkeit die Lust der Freude, das Entzücken unsrer
-ganzen Seele, (in der sich wohl, wie Manfred wähnt, alle Urkraft des
-Wahren in uns ahndungsvoll mit erregen mag) wenn alle unsere
-Anschauungen und Erinnerungen in jenem wundersamen Strudel der Wonne auf
-eine Zeit untergehn, welcher die Töne des Gelächters aus der
-Verborgenheit herauf erschallen läßt. Erregt ein wahrer Schauspieler
-diesen Zustand in uns, so ist er uns ein hoch verehrtes Wesen, und so
-wenig gesellt sich ein Gefühl der Verachtung zu unserer Freude, daß wir
-im Gegentheil ihn als unsern Freund und Geliebten in unser innerstes
-Herz schließen; der Dichter, der diesen Strom der Lust in der Wüste aus
-dem Felsen schlägt, erscheint uns wunderthätig. Ja, ich behaupte, daß
-unsre Liebe, wenn sie einen Gegenstand wahrhaft lieben soll, an diesem
-irgend einen Schein des Lächerlichen finden muß, weil sie ihn dadurch
-gleichsam erst besitzt; auch daß wir keinen Freund oder keine Geliebte
-haben möchten, über die wir in keinem Augenblick ihres Daseins lachen
-oder lächeln könnten; der Held eines Gedichts ist erst dann unsers
-Herzens gewiß, wenn er uns einigemal ein stilles Lächeln abgenöthigt
-hat, und dies ist ein Theil der Zauberkraft Homers und der Nibelungen
-Helden. Sogar (und ich sage wohl nichts Widersinniges, wenn ich diese
-Meinung ausspreche), sogar den heiligsten und erhabensten Gegenständen
-ist dieses Gefühl so wie das des Mitleidens nicht nachtheilig und
-feindlich, oder hebt unsere Liebe und hohe Rührung auf, sondern wir
-können den heiligen Wahnsinn der großen Religionshelden bewundernd
-beweinen, und doch kann ein geheimes Lächeln über der Verehrung
-schweben, denn diese seltsame Regung erhebt sich zugleich mit allen
-Kräften aus den Tiefen der Seele; wir fühlen, wie so vielen Gemüthern
-das, was wir anbeten, nur belachenswerth sein dürfte, und weil diese vor
-den Augen unsers äußern Verstandes nicht Unrecht haben, und sich für
-diesen Zweifel auch eine geheime Sympathie in unserm innersten Wesen
-regt, so eilen wir so dringender mit unserer Verehrung und unserem
-Mitleid hülfreich und rettend hinzu, um in angstvoller Liebe an dem
-Gegenstande unserer Bewunderung ein höheres Recht auszuüben. Der alte
-Ausdruck von den Helden der Religion: »sie haben sich zu Thoren gemacht
-vor der Welt,« ist vortrefflich.
-
-Gewiß, sagte Manfred, ist das Lächerliche in seiner Tiefe noch niemals
-angeschaut und die wunderbare Natur des Witzes auch nur einigermaßen
-erklärt; wer wird uns denn noch einmal etwas deutlicheres darüber sagen
-können, warum wir lachen? Das Lachen an sich selbst ist den meisten
-Menschen nur eine leichte Sache, aber woher es kommt und wohin es geht,
-ist noch schwerer als vom Winde zu sagen. Hier hatte ich meinen Jean
-Paul in seiner Vorhalle zur Aesthetik erwartet, und gerade hier habe ich
-nur so wenig von ihm gefunden.
-
-Dieses Gespräch, sagte Theodor, erinnert mich an jene Unschuld des
-Komischen, welches ich immer allen andern bedeutenderen Arten des
-Lächerlichen vorgezogen habe. Ich meine jenes leichte Berühren aller
-Gegenstände, jenes gemüthliche Spiel mit allen Wesen und ihren Gedanken
-und Empfindungen, welches neben seiner kraftvollen kecken Darstellung
-einer der herrlichsten Vorzüge Shakspears ist, den man nicht leicht
-demjenigen deutlich machen kann, der im Witz nur eine Charade oder ein
-sinnreiches Räthsel sucht, der aus der Anwendung und dem Treffenden nach
-Außen erst rückwärts das Komische verstehn kann, und dem es leere
-Albernheit ist, wenn es ohne eine solche prosaische Bedeutung auftreten
-will.
-
-Von hier aus, meinte Wilibald, müsse es eine vortreffliche Ausbeugung in
-das wahre Gebiet der Albernheit und in die Gründe ihrer Rechtfertigung
-geben, denn diese triebe die Unschuld sogar so weit, daß sie selbst ohne
-alles Leben und also vielleicht am meisten poetisch lebendig sei; doch
-Lothar, ohne auf diesen Angriff zu achten, oder ihn zu bemerken,
-bemeisterte sich des Gespräches und fuhr so fort: Da unser ganzes Leben
-aus dem doppelten Bestreben besteht, uns in uns zu vertiefen, und uns
-selbst zu vergessen und aus uns heraus zu gehn, und dieser Wechsel den
-Reiz unseres Daseins ausmacht, so hat es mir immer geschienen, daß die
-geistigste und witzigste Entwickelung unserer Kräfte und unsers
-Individuums diejenige sei, uns selbst ganz in ein anderes Wesen hinein
-verloren zu geben, indem wir es mit aller Anstrengung unsrer geistigen
-Stimmung darzustellen suchen: mit einem Wort, wenn wir in einem guten
-Schauspiel eine Rolle übernehmen und uns bestreben, die Erscheinung des
-Einzelnen wie des Ganzen mit der höchsten Wahrheit und in der
-vollkommensten Harmonie hervor zu bringen. Es giebt wohl auch nur wenige
-Menschen, die dem Reiz dieser Versuchung auf immer widerstehn können,
-und wenn das Talent des Schauspielers auch selten sein mag, so ist die
-Lust zur Mimik doch fast in allen Menschen thätig.
-
-Wir haben diesem Triebe, fuhr Ernst fort, gewiß unendlich viel zu
-danken, unser innerlicher Mensch ahmt oft lange einen Gedanken, oder die
-Vortrefflichkeit einer Gesinnung, ja selbst eine Empfindung nur mimisch
-nach, bis wir, gerade wie die Kinder lernen, uns die Sache selbst durch
-Wiederholung und Angewöhnung zu eigen machen können.
-
-Vergessen wir nur nicht, sagte Wilibald verdrüßlich, daß aus demselben
-Triebe auch alle Affektation, Ziererei, Unnatürlichkeit, kurz, alles
-äffische Wesen im Menschen entspringt, so daß diese Sucht wenigstens
-eben so schädlich ist, als sie, was ich nicht beurtheilen kann,
-wohlthätig sein mag.
-
-Wir wollen diese Untersuchung fallen lassen, fuhr Lothar ungestört fort,
-da wir sie jezt doch nicht erschöpfen können; ich wollte nur auf die
-Bemerkung einlenken, wie es zu verwundern sei, daß es noch keinem von
-uns eingefallen ist, mit dieser zahlreichen und ohne Zweifel
-talentvollen Gesellschaft irgend ein dramatisches Werk, am liebsten eins
-von Shakspear, darzustellen. Welchen Genuß würde jedem von uns dieser
-Dichter gewähren, wenn wir eins seiner Lustspiele, zum Beispiel »Was ihr
-wollt,« bis ins Innerste studirten, und neben dem Vergnügen, welches das
-Ganze gewährt, auf das vertrauteste mit jeder einzelnen Schönheit und
-ihrer Beziehung und Nothwendigkeit zum Ganzen bekannt würden, und so mit
-vereinigter Liebe eins seiner herrlichsten Gedichte auch äußerlich vor
-uns hinzustellen suchten.
-
-Du hast ja diesen Einfall und Verstand für uns alle gehabt, versetzte
-Wilibald, auch kannst du zur Noth, wie Zettel, drei oder vier Rollen
-übernehmen. Schade nur, daß kein romantisch brüllender Löwe in diesem
-Lustspiel auftritt, um dein ganzes Talent zu entwickeln.
-
-Die Eintheilung der Rollen, antwortete Lothar, habe ich schon ziemlich
-übersehn: den Malvolio würdest du selbst unvergleichlich darstellen,
-unser Manfred übernähme den Tobias und ich den Junker Christoph; den
-liebenswürdigen Narren Theodor, und Friedrich den Sebastian, Ernst den
-Antonio, Anton den Herzog; Auguste würde zierlich und witzig die Marie
-geben, Rosalia unvergleichlich die Viola und Clara höchst anmuthig die
-Olivia; alles übrige findet sich von selbst.
-
-Wie kommt es nur, sagte Theodor, daß eine geistreiche Gesellschaft, ohne
-Rollen auswendig zu lernen, niemals auf den Gedanken verfällt, aus sich
-selbst unter gewissen angenommenen Bedingungen und Masken ein poetisches
-Lustspiel ohne vorgezeichnete Ver- und Entwickelung auszuführen? Der
-eine wäre der mürrische, mit sich und aller Welt unzufriedene Liebhaber,
-der andere der Eifersüchtige, jener der leichtsinnig Flatterhafte,
-dieser der Melankolische; die Damen theilten sich in witzige und
-zärtliche Charaktere, und alle suchten ihrer angenommenen Rolle treu zu
-bleiben, um Heiterkeit und Geselligkeit zu erregen und zu befördern.
-Warum streben wir in unsern Gesellschaften immer das eine ermüdende Bild
-eines negativen wohlgezogenen Menschen darzustellen, oder uns in
-hergebrachter Liebenswürdigkeit abzuquälen?
-
-Die wahre gute Gesellschaft, sagte Ernst, thut schon unbewußt das, was
-du verlangst, und verwechselt auch mit Leichtigkeit die verschiedenen
-Rollen. Sonst erinnert deine Beschreibung an manche ehemaligen gelehrten
-Gesellschaften, und an die verschiedenen charakteristischen Beinamen
-ihrer Mitglieder.
-
-Eine, wie die andre Darstellung, sagte Emilie, möchte für uns Frauen
-beschwerlich, wo nicht unmöglich sein, aber ich war schon gestern auf
-dem Wege, Ihnen einen andern Vorschlag zu thun. Ich weiß, daß Sie alle
-Dichter sind, und höre von Manfred, daß Sie glücklicherweise manche
-Ihrer Arbeiten mitgebracht haben; wie wäre es also, wenn Sie uns diese
-nach Lust und Laune mittheilten, und so manche Stunde angenehm
-ausfüllten, die uns die Musik, oder die Besuche und Spaziergänge übrig
-lassen?
-
-O vortrefflich! rief Clara aus, und dann wollen wir Mädchen und Frauen
-nach der Lektüre die Rezensenten spielen, und uns über alles lustig
-machen, was wir nicht verstanden, oder was uns nicht gefallen hat.
-
-Rosalie fügte ihre Bitten zu denen ihrer Mutter, auch Auguste vereinigte
-sich mit beiden, und als Lothar die Freunde stillschweigend ein Weilchen
-angesehn hatte, schlug sich auch Manfred zu der Parthei der Damen und
-rief: o ich bitte euch so inbrünstig, als man nur bitten kann, schlagt
-uns diesen bittenden Vorschlag nicht ab, denn schon längst habe ich Lust
-gehabt, einige meiner Thorheiten euch und diesen guten wißbegierigen
-Frauen mitzutheilen, und keine Gelegenheit dazu gefunden; o ihr Edlen,
-wenn ihr eine Ahndung davon habt, wie sehr dem Dichter sein Manuskript
-in der Tasche brennen kann, wenn ihn Niemand darum befragt, so laut man
-es auch rascheln hört, wenn ihr selbst jemals gerne vorgelesen habt, o
-so seid nicht so grausam, mir diesen Genuß zu rauben, und mein poetisch
-beladenes Herz auszuschütten. Aber vielleicht sind einige von Euch in
-derselben Verfassung.
-
-Lothar lachte und sagte: der Dichter theilt sich gern mit, vorzüglich in
-einem Kreise, wie der gegenwärtige ist. Wir führen wirklich einige
-Jugendversuche mit uns, die wir zum Theil vor kurzem vollendet und
-übergearbeitet haben, und wenn unsre Rezensenten nicht zu strenge sein
-wollen, so überwinden wir vielleicht die Furcht, diese Bildungen nach so
-manchem Jahre wieder auftreten zu lassen.
-
-Als die Frauen eifrig darauf antrugen, sogleich mit irgend einer
-Erzählung den Anfang zu machen, rief Wilibald aus: halt! ich protestire
-mit aller Macht gegen diese Uebereilung und Anarchie! denn wie könnte
-ein wahrer Genuß entstehn, wenn wir es dem Zufall so ganz überließen, in
-welcher Folge unsre Versuche auftreten sollten? In allen Dingen ist die
-Ordnung zu loben, und so laßt uns nachdenken, auf welche Art und Weise
-wir dieser Unterhaltung durch eine gewisse Einrichtung etwas mehr Würze
-geben können.
-
-So möge denn auch hier, sagte Lothar, eine Art von dramatischer
-Einrichtung statt finden. Sei jeder von uns nach der Reihe Anführer und
-Herrscher, und bestimme und gebiete, welcherlei Poesien vorgetragen
-werden sollen, so steht zu hoffen, daß solche sich vereinigen werden,
-die durch eine gewisse Aehnlichkeit freundschaftlich zusammen gehören.
-
-Diese Einrichtung, wandte Manfred ein, ist vielleicht zu gefährlich,
-weil sie an den Boccaccio erinnern dürfte.
-
-Sie erinnert, sagte Ernst, fast an alle italiänischen Novellisten, die
-mit minder oder mehr Glück von dieser Erfindung Gebrauch gemacht haben.
-
-Doch werden Sie, sagte Emilie, uns in andrer Hinsicht nicht an diesen
-berühmten Autor erinnern wollen, denn gewiß verschonen Sie uns mit
-dergleichen ärgerlichen und anstößigen Geschichtchen, deren er nur zu
-viele erzählt.
-
-Wir können dergleichen wohl nicht so ganz unbedingt versprechen,
-antwortete Manfred, wenn wir uns nicht darüber erst etwas verständigt
-haben, was wir ärgerlich oder anstößig nennen wollen. Davor, daß wir
-keine Erzählungen, die ihm ähnlich oder nachgeahmt sind, vortragen
-werden, sind Sie hinlänglich gesichert, denn es erfordert das glänzende
-Talent seiner gediegenen, scharfen und bestimmten Darstellung, welche
-nie zu viel oder zu wenig sagt, die nichts verhüllt und doch immer von
-den Grazien gelenkt wird, um dergleichen allerliebste Seltsamkeiten
-vorzutragen: alle seine Nachahmer, selbst den Bandello nicht ausgenommen
--- gar des ganz verunglückten französischen La Fontaine oder des neueren
-Casti zu geschweigen -- bleiben weit hinter ihm zurück, sei nun von
-Styl, Erfindung oder Schmuck des Gegenstandes die Rede. Doch abgesehn
-davon, muß ich bezweifeln, daß der Dekameron gebildeten und freundlichen
-Gemüthern wirklich anstößig sein könnte.
-
-Diesen Zweifel verstehe ich nicht, sagte Anton, da er das zartere Gemüth
-und die höhere Stimmung doch nur zu oft verletzt.
-
-Wie man es eben nimmt, antwortete Manfred. Wir stehn hier auf der
-Stelle, auf welcher sich der Dualismus unserer Natur und Empfindung am
-wunderbarsten, reichhaltigsten und grellsten offenbart. Sich den Witz
-und die Schalkheit der Natur im Heiligsten und Lieblichsten verschweigen
-wollen, ist vielleicht nur möglich, wenn man geradezu Karthäuser wird,
-und vom Schweigen und Verschweigen Profession macht. Wenn der Frühling
-sich mit allen seinen Schätzen aufthut, und die Blumen gedrängt um dich
-lachen, so kannst du dich in deiner rührenden Freude nicht erwehren,
-ihre Gestalten zu beobachten und manche Erinnerungen an diese zu
-knüpfen, ja selbst die holdselige Rose ruft dir erröthend die
-räthselhaften Reime alter Dichter entgegen, und sie wird dir darum nicht
-unlieber; so fallen dir wohl gar bei andern farbigen Kindern der Sonne
-die unbescheidenen Namen ein, welche die Königin im Hamlet verschweigt,
---
-
- ^-- crow -- flowers, nettles, daisies, and long purples,^
- ^That liberal shepherds give a grosser name,^
- ^But our cold maids do dead men's fingers call them.^
-
-Welche Verse, sagte Lothar, Schlegel nicht hätte auslassen sollen. Doch
-dies nur im Vorbeigehn: fahre fort.
-
-So wunderbar und noch mehr, begann Manfred wieder, ist es mit der Liebe.
-Es giebt eine solche Heiligkeit dieses Gefühls, eine so wundersame
-paradisische Unschuld, daß im Unbewußtsein, in der Unkenntniß der
-gegenseitigen Liebe wohl oft die höchste Seligkeit ruht; der erste
-erwachende, sich begegnende Blick hat diesen Frühling entlaubt, und das
-erste Wort des Geständnisses kann der Tod dieser stillen Wonne sein.
-Nirgend fühlt der Mensch so sehr, wie er verlieren muß, um zu gewinnen,
-wie jedes Glück ein Geheimniß ist, welches angerührt und ausgesprochen
-seine Blüte abwirft.
-
-Friedrich stand schnell auf und schien von wunderbaren Gedanken
-ergriffen; man sah ihn im Buchengange auf und nieder wandeln, indem er
-sich öfter die Augen abtrocknete; Manfred aber fuhr so fort: wie es wohl
-Menschen mag gegeben haben, die schon mit diesem ersten Seufzer die
-Blume ihres Lebens verloren, so ist es doch natürlicher und wahrer, sich
-auch in dieser wundervollen Lebensgegend, so wie bei allen Dingen mit
-einem gewissen Heroismus zu waffnen, und früh zu erfahren, daß wir
-alles, was wir besitzen, nur durch den Glauben besitzen, und daß am
-wenigsten die Liebe eine bloße Begebenheit in uns sei, sondern daß sie,
-wie alles Gute, von unserm Willen abhängt; denn von ihm geht sie aus,
-nachher wird er zwar von ihr bezwungen und gebrochen, kann aber
-späterhin nur durch ihn allein als Liebe dauern und bestehn. Ein solcher
-Sinn und kräftiger aber frommer Wille verliert des Herzens Unschuld nie,
-der Scherz ist ihm nur Scherz, und er wird nicht anstehn, auch mit dem
-zu tändeln, was ihm das Heiligste und Liebste ist, denn wahrlich dem
-Reinen ist alles rein.
-
-Diese Beschreibung, sagte Ernst, charakterisirt die gesunde Zeit unsers
-deutschen Mittelalters, als neben den Nibelungen und dem Titurell der
-süße Tristan seinen Platz in aller Herzen fand, und auch neben diesen
-großen Liebesgedichten so viele muntre und schalkhafte Erzählungen. Die
-später auftretende übersinnliche, oder außersinnliche Liebe, war noch
-nicht von der sinnlichen getrennt, sondern sie waren wie Leib und Seele
-verbunden, in der höchsten Vergeistigung gesund, in dem freiesten
-Scherze unschuldig.
-
-Warum, fuhr Manfred fort, würde denn die Liebe allmächtig genannt? Sie
-wäre ja ohnmächtig, wenn sie nicht die scheinbar äußersten Enden
-freundlich verknüpfen könnte. Könnte sie den unendlich mannichfaltigen
-Zauber denn wohl ausüben, wenn sie nicht Alles besäße, und sich nicht,
-eben wie die Geliebte, mit allen Reizen dem sehnsüchtigen Herzen ergäbe?
-Der verdorbene Mensch kann deshalb auch nicht den Scherz der Liebe und
-ihren Dichter verstehn, er faßt nicht das holde Wesen, welches sich dem
-Höchsten und Geistigsten zum scheinbaren Kampfe gegenüber stellt, so
-sehr er auch einzig diesem Spiele nachjagt, welches begeisterte Dichter
-damit trieben, und der Liebende kennt freilich nichts Verhaßteres als
-diese Menschen und ihre Gesinnungen, die im Herzen seines Lebens mit ihm
-zusammen zu treffen scheinen.
-
-Daher, sagte Ernst, der mißverstandene Spott dieser niedrigen Menschen
-über die Hochgestimmten und ihre Liebe, daher die scheinbare
-Waffenlosigkeit dieser Unschuldigen, und bei ihrem Reichthum ihre
-unbeholfene Beschämung von jenen Bettlern. Diese Uneingeweihten lästern
-die Liebe und alles Göttliche, und sind von allem Scherz und Spiel, auch
-wenn sie witzig zu sein scheinen, weit entfernt, denn sie sind in Kampf
-und Krieg gegen die Sehnsucht nach dem Ueberirdischen. Um nun auf das
-Vorige einzulenken, so lebte Boccaz freilich schon an der Gränze jener
-heroischen Zeit, als die Menschheit, weniger gesund, sich aus der
-Tragödie und dem großen Epos mehr nach dem Lustspiel und der Parodie
-sehnte, als die Trennung des Gemüthes sich schon schärfer gegenüber
-stand, und eine kräftiger robuste Malerei den sanften Schmelz und die
-stille Harmonie der alten großsinnigen Gemälde verdunkelte. Sein
-Dekameron ward deshalb nach einiger Zeit das Lieblingsbuch aller
-Nationen, und die komische, lächerliche und niedrigere Natur der Liebe
-ward immer mehr gesungen, gepriesen und gefühlt, ihr holdes Wesen schien
-immer tiefer zu entarten, und immer mehr den Menschen dem Thiere näher
-zu führen, (indeß nun diesem Streben gegenüber schon die ganz reine,
-überirdische Idee der Liebe, oft bis zum Götzendienste entstellt, sich
-auszubilden suchte) bis wir in Peter Aretins und Brantome's Schriften
-endlich die kalte Frechheit ohne allen Reiz und Grazie auftreten sehn.
-Doch kann diese Beschuldigung nicht den Boccaz und seine freien Scherze
-treffen, denn in ihm regt sich und spricht der edle und vollständige
-Mensch, der zwar ohne ängstliche Züchtigkeit, aber nicht ohne Schaam
-ist, der wie Ariost immer die Schönheit fühlt und singt, und der nur
-jene frecheren Blumen nicht zu seinem Kranze verschmäht, sondern sie im
-Gegentheil gern so reicht und flicht, daß ihr symbolischer Sinn
-unverholen in die Augen fällt. Sein Buch kann uns also wohl nicht leicht
-verletzen; aber freilich müssen wir jezt, da verdorbene Generationen und
-Bücher voran gegangen sind, und edlere Menschen die Verwerflichkeit
-mancher schaamlosen Produkte eines Diderot, Voltaire und andrer einsahn,
-um nur den Ruhm der Züchtigkeit zu empfangen, auch den Schein einer
-gewissen Prüderie beibehalten, die das Zeitalter einmal zum Kennzeichen
-der Sitte gestempelt hat. So hat der Mensch nach überstandener Krankheit
-noch lange das Ansehn eines Kranken, und muß auf einige Zeit noch etwas
-von dessen Diät beibehalten. Eben so verbreitete sich in England nach
-einem Zeitalter der Zügellosigkeit, von der Sekte der Puritaner aus,
-eine Aengstlichkeit und steife Feierlichkeit der Sitte, die seitdem noch
-immer das Wort führt, so daß ein gesittetes Mädchen oder eine züchtige
-Frau von jezt oder aus Shakspears Zeit zwei im Aeußern sehr verschiedene
-Wesen sein mögen. Die Reformation hatte in Deutschland schon früher eine
-ähnliche Stimmung hervor gebracht, und auch die katholischen Provinzen
-bestrebten sich seitdem, eine strengere Sitte zur Schau zu tragen, um
-von dieser Seite die Vorwürfe ihrer Gegner zu entkräften. Fast
-allenthalben aber werden wir nur Heuchelei statt der Züchtigkeit gewahr,
-denn wenn die ehrbaren Herren unter sich sind, ergötzen sie sich um so
-lebhafter an der rohesten und unsittlichsten Frechheit, und weil der
-öffentliche Scherz und die Gegenwart der Grazien und Musen, so wie die
-liebenswürdigen Weiber von diesen Orgien völlig ausgeschlossen sind, so
-sind sie nun in ihrer Einsamkeit um so niedriger und verächtlicher
-geworden, am schlimmsten, wenn sie das Gewand der Moral umlegen, und
-wehe dem Zarteren, der das Unglück hat einem Ottern- und Krötenschmause
-beiwohnen zu müssen, den sich eine solche tugendhafte Gesellschaft
-giebt, die darauf ausgeht, recht vollständig ihren Haß gegen die
-Untugend an den Tag zu legen.
-
-Als in Spanien, sagte Lothar, ein etwas zu strenger Geist in der Poesie
-zu herrschen anfing, und Cervantes die frühere Celestina als zu frei
-tadelte, als man in Frankreich und Italien die schaamlosesten Werke las
-und schrieb, und in Deutschland sich kaum noch Spuren von Witz oder
-Unwitz antreffen ließen, erhob der edle Shakspear, das, was so viele
-hatten verächtlich machen wollen, wieder zum Scherz, geistreichen Witz
-und zur Menschenwürde, und dichtete seine schalkhaften Rosalinden und
-Beatricen, die freilich unser jetziges verwöhntes Zeitalter ebenfalls
-anstößig findet.
-
-Was ist es denn, was uns wahrhaft anstößig, ja als Menschen unerträglich
-sein soll? rief Friedrich, der wieder zur Gesellschaft getreten war, im
-edlen Unwillen aus. Nicht der freieste Scherz, noch der kühnste Witz,
-denn sie spielen nur in Unschuld; nicht die kräftige Zeichnung der
-thierischen Natur im Menschen und ihrer Verirrung, denn nur als solche
-gegeben, spricht sie niemals unserm edleren Wesen Hohn: sondern dann
-soll sich unser Unwille erheben und ohne alle Duldung aus uns sprechen,
-wenn ein Sophist uns sagen will, und in jeder Dichtung beweisen, daß
-gegen die Sinnenlust keine Tugend, Andacht oder Seelenerhebung bestehen
-könne. Ein solcher durchaus zu verwerfender ist der jüngere Crebillon,
-und nicht ist jener Deutsche, der ihn so vielfältig nachgeahmt und die
-edlere Natur des Menschen verkannt hat, von dem Vorwurf einer
-verdorbenen Phantasie und eines zu nüchternen Herzens frei zu sprechen:
-für schwache Wesen, (aber auch nur für solche) können diese beiden
-Schriftsteller allerdings gefährlich werden, so sehr sich auch der
-letzte gegen diese Beschuldigung zu verwahren gesucht hat, denn nicht
-darin besteht das Verderbliche, daß man das Thier im Menschen als Thier
-darstellt, sondern darin, daß man diese doppelte Natur gänzlich läugnet,
-und mit moralischer Gleißnerei und sophistischer Kunst das Edelste im
-Menschen zum Wahn macht, und Thierheit und Menschheit für
-gleichbedeutend ausgiebt.
-
-Seine Bücher, sagte Emilie, haben mich immer zurück geschreckt, und ich
-habe früher meinen Töchtern lieber manche andre erlaubt, die nicht in so
-gutem Rufe stehn, denn gerade ihre weichliche Zierlichkeit habe ich für
-schädlich gehalten. Ich hoffe, jezt können sie auch diese ohne allen
-Nachtheil lesen, da ihr Geist gestärkt ist, und ihr Sinn das Edlere
-erstrebt.
-
-Mit Recht, sagte Manfred, macht Jean Paul Thümmeln den Vorwurf, daß er
-zu unsauber sei (denn dessen Reisen gehören recht zu jenen eben gerügten
-Werken, und die Bekehrung des lockern Passagiers in den letzten Bänden
-ist noch die schlimmste Sünde des Autors); ich aber möchte unserm
-witzigen Jean Paul mit demselben Rechte einen andern Vorwurf machen, daß
-er zwar nicht zu keusch, wohl aber zu prüde sei. Ein Autor, der so das
-Gesammte der Menschennatur, das Seltsamste, Wildeste und Tollste in
-seinen humoristischen Ergießungen aussprechen will, darf in diesen
-Regionen des Witzes und der Laune kein Fremdling sein, oder aus
-mißverstandner Moral mit der Unzucht und Unsitte auch die Schalkheit
-verachten wollen. Noch seltsamer aber, daß er die medizinischen und
-wahrhaft ekelhaften Späße liebt, die kaum Witz zulassen und meist nur
-Widerwillen erregen, wenn man nicht die Feder des Rabelais besitzt, der
-freilich wohl sein Kapital von der ^Gaya Ciencia^ schreiben durfte.
-Aber, theure Emilie, und Gattin und Schwestern, um auf das zurück zu
-kommen, wovon wir ausgingen, so mag freilich wohl hie und da in unsern
-Dichtungen (vielleicht nur in meinen, der ich ein oder zweimal das
-Hausrecht brauchen und den Wirth spielen möchte) etwas vorkommen, was
-die übertriebene Delikatesse kränkelnder Menschen (ich meine dich,
-Anton, nicht hiemit) anstößig finden möchte, was aber, hoffe ich, nach
-dem in unserm Gespräch angegebenen Unterschied keinem gebildeten und
-heitern Menschen ärgerlich werden kann. Wir wollen aber weder zu viel
-versprechen noch drohen, sondern laßt uns vielmehr beginnen, und wählt
-also, ihr Frauen, denjenigen aus, welcher zuerst der Anführer und
-Gebieter im Felde unsrer poetischen Spiele und Wettkämpfe sein soll.
-
-Clara gab ihren Blumenstrauß dem neben ihr sitzenden Anton und sagte:
-Sie haben fast immer geschwiegen, sprechen Sie nun. Anton verbeugte sich
-und heftete die Blumen an seine Brust: so wollen wir denn, sagte er, mit
-Mährchen der einfachsten Composition beginnen, und jeder bringe morgen
-das seinige vor unsre Richter.
-
-Mit Mährchen, sagte Clara, fängt das Leben an; in ihnen entwickelt sich
-das Gefühl der Kinder zuerst, und ihre Spiele und Puppen, ihre
-Lehrstunden und Spaziergänge werden von ihrer Phantasie zu Mährchen, die
-ich noch immer ganz vorzüglich liebe, das heißt, wenn sie so sind, wie
-ich sie liebe.
-
-So gebe die Muse, daß Ihnen die unsrigen wohl gefallen, sagte Anton.
-
-Indem stand die Gesellschaft auf, um vom nächsten Hügel den schönen
-Untergang der Sonne zu genießen. Auch ein Mährchen, sagte Rosalie, indem
-sie die Hand vor die Augen hielt, und dem blendenden Scheine nachsah; so
-wie der Frühling und die Pracht der Blumen, es blüht auf in aller Fülle
-und Herrlichkeit, der Schatten faßt den Glanz und zieht ihn hinab, und
-wir schauen ihm sehnsuchtsvoll nach.
-
-So wie dem Mährchen-Gedicht der Schönheit, sagte Anton; und Friedrich
-fügte hinzu: doch bleibt unser Herz und seine Liebe die unwandelbare
-Sonne. --
-
- * * * * *
-
-Ein glänzender Sternenhimmel stand über der Landschaft, das Rauschen der
-Wasserfälle und Wälder tönte in die ruhige Einsamkeit des Gartens
-herüber, in welchem Theodor auf und nieder ging und die Wirkungen
-bewunderte, welche das Licht der Sterne und die letzten goldnen Streifen
-des Horizontes in den springenden Quellen hervorbrachten. Jezt ertönte
-Manfreds Waldhorn aus dessen Zimmer und die melankolischen
-durchdringlichen Töne zitterten vom Gebirge zurück, als Ernst, der von
-den Hügeln herunter kam, durch das Thor des Gartens trat, und sich zu
-dem einsamen Theodor gesellte. Wie schön, fing er an, schließt diese
-heitre Nacht die Genüsse des Tages; die Sonne und unsre Geliebten sind
-zur Ruhe, Wälder und Wasser rauschen fort, die Erde träumt, und unser
-Freund gießt noch einen herzlichen Abschied über die entschlummerte
-Natur hin.
-
-Anton, sagte Theodor, schläft auch noch nicht, er sitzt im Gartensaale
-und schreibt ein Gedicht, welches unsern Vorlesungen als Einleitung oder
-Vorrede dienen soll. Seine Genesung wird sich hier ganz vollenden.
-
-Ich hoffe, sagte Ernst, auch Friedrich soll genesen; ich hege das schöne
-Vertrauen, daß unser aller Freundschaft sich hier noch fester knüpfen
-und für die Ewigkeit härten wird. Sieh, mein Geliebter, das Flimmern in
-lauer Luft dieser vergänglichen flüchtigen Leben, die wie Diamanten
-durch das dunkle Grün der Gebüsche zucken, und bald in zitternden
-Wolken, bald einzeln schimmernd, wie sanfte Töne, unsre Rührung wecken,
--- und über uns den Glanz der ewigen Gestirne! Steht nicht der Himmel
-über der stillen dunkeln Erde wie ein Freund, aus dessen Augen Liebe und
-Zuversicht leuchten, dem man so recht mit ganzem Herzen in allen
-Lebensgefahren und allem Wandel vertrauen möchte? Diese heilige ernste
-Ruhe erweckt im Herzen alle entschlafenen Schmerzen, die zu stillen
-Freuden werden, und so schaut mich jezt groß und milde mit seinem
-menschlichen Blick der edle Novalis an, und erinnert mich jener Nacht,
-als ich nach einem fröhlichen Feste in schöner Gegend mit ihm durch
-Berge schweifte, und wir, keine so nahe Trennung ahndend, von der Natur
-und ihrer Schönheit und dem Göttlichen der Freundschaft sprachen.
-Vielleicht da ich so innig seiner gedenke, umfängt mich sein Herz so
-liebend, wie dieser glühende Sternenhimmel. Ruhe sanft, ich will mich
-auf mein Lager werfen, um ihm im Traum zu begegnen.
-
-Die Freunde trennten sich. Da erhub eine Nachtigall ihr klagendes Lied
-aus voller Brust, und zündete, wie eine Feuerflamme, rings in den
-Gebüschen die Töne andrer Sängerinnen an; aus einer Jasminlaube
-erklangen die Laute einer Guitarre, und der glückliche Friedrich wollte
-sein Leid, diese Phantasie singend, besänftigen:
-
- Wenn in Schmerzen Herzen sich verzehren,
- Und im Sehnen Thränen uns verklären,
- Geister: Hülfe! rufen tief im Innern,
- Und wie Morgenroth ein seliges Erinnern
- Aufsteigt aus der stillen dunkeln Nacht,
- Alle rothen Küsse mitgebracht,
- Alles Lächeln, das die Liebste je gelacht,
- O dann saugt mit ihrem Purpurmunde
- Himmels-Wollust unsre Wunde,
- Sie entsaugt das Gift,
- Das vom Bogen dunkler Schwermuth trifft.
- Wie die kleinen fleißgen Bienen
- Gehn, um Blumenlippen zu benagen,
- Wie sich Schmetterlinge jagen,
- Wie die Vögel in dem grünen Dunkeln
- Springen, und die Lieder tönen,
- Also gaukeln, flattern, funkeln
- Alle Worte, alle Blicke, süße Mienen
- Von der schönsten einzgen Schönen,
- Und in tiefer Winternacht
- Lacht und wacht um mich des Frühlings Pracht,
- Und die Schmerzen scherzen mit den Zähren,
- Und im Weinen scheinen mild sich zu verklären
- Leiden in den Freuden, Wonnen in dem Gram,
- Wie in der holden Braut die Liebe kämpft mit Schaam,
- Und Leid und Lust nun muß vereinigt ziehen
- Und schweben nach der Liebe süßen Harmonien.
-
-
-
-
- Erste Abtheilung.
- 1811.
-
-
-Die Gesellschaft stand vom Tische auf und ging in den Garten, um die
-Luft zu genießen, welche am Morgen ein Gewitter lieblich abgekühlt
-hatte. Nun, sagte Clara, sind Sie alle Ihres Versprechens eingedenk
-gewesen? Wo sind die Mährchen?
-
-Du bist sehr eilig, sagte Manfred, weißt du doch nicht, ob sie dir
-wirklich Freude machen werden.
-
-Sie müssen, antwortete sie lachend, wenn ich nicht auf die Autoren sehr
-ungehalten werden soll.
-
-Es ist schwer, sagte Anton, zu bestimmen, worin denn ein Mährchen
-eigentlich bestehen und welchen Ton es halten soll. Wir wissen nicht,
-was es ist, und können auch nur wenige Rechenschaft darüber geben, wie
-es entstanden sein mag. Wir finden es vor, jeder bearbeitet es auf eigne
-Weise und denkt sich etwas anderes dabei, und doch kommen fast alle in
-gewissen Dingen überein, selbst die witzigen nicht ausgenommen, die
-jenes Colorit nicht ganz entbehren können, jenen wundersamen Ton, der in
-uns anschlägt, wenn wir nur das Wort Mährchen nennen hören.
-
-Die witzigen, sagte Clara, sind mir von je verhaßt gewesen. So habe ich
-den Hamiltonschen nie viel Geschmack abgewinnen können, so berühmt sie
-auch sind; die dahlenden im Feen-Cabinet zogen mich vor Jahren an, um
-mich nachher desto gründlicher zu ermüden und zurück zu stoßen, und
-unserm Musäus bin ich oft recht böse gewesen, daß er mit seinem
-spaßhaften Ton, mit seiner Manier, den Leser zu necken, und ihm queer in
-seine Empfindung und Täuschung hineinzufallen, oft die schönsten
-Erfindungen und Sagen nur entstellt und fast verdorben hat. Dagegen
-finde ich die arabischen Mährchen, auch die lustigen, äußerst
-ergötzlich.
-
-Es scheint, sagte Anton, Sie verlangen einen still fortschreitenden Ton
-der Erzählung, eine gewisse Unschuld der Darstellung in diesen
-Gedichten, die wie sanft phantasirende Musik ohne Lärm und Geräusch die
-Seele fesselt, und ich glaube, daß ich mit Ihnen derselben Meinung bin.
-Darum ist das Göthische Mährchen ein Meisterstück zu nennen.
-
-Gewiß, sagte Rosalie, in so fern wir mit einem Gedicht zufrieden sein
-können, das keinen Inhalt hat. Ein Werk der Phantasie soll zwar keinen
-bittern Nachgeschmack zurück lassen, aber doch ein Nachgenießen und
-Nachtönen; dieses verfliegt und zersplittert aber noch mehr als ein
-Traum, und ich habe deshalb das herrliche Mährchen von Novalis, so weit
-ich es verstehn konnte, diesem weit vorgezogen, welches auch alle
-Erinnerungen anregt, aber uns zugleich rührt und begeistert und den
-lieblichsten Wohllaut in der Seele noch lange nachtönen läßt.
-
-Du hast hiemit zugleich, sagte Manfred, die große Mährchenwelt des
-Ariost getadelt, dem es auch an einem Mittelpunkte und wahrem
-Zusammenhange gebricht. Die Frage ist nur, ob ein Gedicht schon
-vollendet ist, dessen einzelne Theile es sind, und in wie fern die Seele
-dann bei einer so vielseitigen Composition jene Foderung eines innigeren
-Zusammenhanges vergessen kann.
-
-Diese Frage, fiel Ernst ein, kann gar nicht Statt finden, denn diese
-Theile sind ja nur durch das organische Ganze Theile zu nennen, können
-aber ohne dieses im strengeren Sinne nur Fragmente von und zu Gedichten
-heißen und als solche geliebt werden. Bei aller dieser scheinbaren
-Vortrefflichkeit fehlt die beherrschende ordnende Seele, die der
-flüchtigen Schönheit den ewigen Reiz geben muß. Der Dichter will
-
- Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ründen,
- Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen,
- Die reizend unterhalten und zuletzt
- Wie lose Worte nur verklingend täuschen.
-
-Ich kenne dich und Friedrich schon, sagte Manfred, als Rigoristen und
-Ketzermacher, aber ich und Theodor werden euch zu gefallen den Ariost
-nicht anders wünschen, als er nun einmal ist, die Reise nach dem Monde
-und den Evangelisten Johannes ausgenommen, denn beide sind für diese so
-kühne Fiktion etwas zu matt ausgefallen. Ueber diesen Dichter, sagte
-Anton, dürfte sich ein langer Streit entspinnen, der sich nur schwer
-beilegen ließe; sein Werk besteht, strenge genommen, nur aus Novellen,
-von denen er die längsten an verschiedenen Stellen mit scheinbarer Kunst
-durchschnitten hat, dasjenige, was alle verbindet, ist ein
-gleichförmiger Ton lieblichen Wohllauts; ich möchte also ebenfalls
-behaupten, daß sein Gedicht eigentlich weder Anfang, Mitte noch Ende
-hat, so wie ich davon fest überzeugt bin, daß nur wenige Verehrer,
-selbst in Italien, ihn oftmals von Anfang zu Ende durchgelesen haben, so
-sehr auch alle mit den einzelnen berühmten und anlockenden Stellen
-vertraut sind.
-
-Es giebt, sagte Lothar, eine Gattung der Poesie, welche ich, ohne damit
-ihrer Vortrefflichkeit zu nahe treten zu wollen, die bequeme oder
-erfreuliche nennen möchte, und in dieser stelle ich den Ariost oben an.
-Sehn wir auf großer Ebene den hohen weit ausgespannten blauen Himmel
-über uns, so erschreckt und ermüdet in seiner Reinheit dieser Anblick;
-doch wenn Wölkchen mit verschiedenen Lichtern in diesem blauen Kristalle
-schwimmen, wenn die Sonne sich neigt, und unten am Horizont wie über uns
-die lebendigen Düfte in vielfachen Schimmer sich tauchen, dann erfüllt
-ein liebliches Ergötzen unsre Seele. So wollen wir die große Wiese mit
-Gebüschen und Bäumen unterbrochen sehn, und auf gleiche Weise fühlen wir
-in unsrer nächsten Umgebung, in unserm Hause, am dringendsten das
-Bedürfniß einer gewissen Kunst. Die weißen leeren Wände unsrer Zimmer
-und Säle sind uns unleidlich, Arabesken, Blumen, Thiere und Früchte
-umgeben uns in gefärbten und vielfach durchbrochenen Linien und Flächen
-mit mancherlei Gestalt, und selbst der Fußboden muß sich zum Schmuck und
-zur anständigen Zier zusammen fügen. Alles soll den äußern Sinn erregen
-und dadurch auch den innerlichen beschäftigen, und Rafaels Wandgemälde
-im Vatikan sind für Wohnzimmer vielleicht schon zu erhaben, und also als
-immerwährende Gesellschaft unbequem. Dieses durchaus edle Kunstbedürfniß
-des gebildeten Menschen erfüllt Ariost, er ist mehr Gefährte und Freund
-als Dichter, und wir thun wohl nicht Unrecht, wenn wir über die
-vollendete Schönheit des Einzelnen, über diese Fülle der Gestalten, über
-diesen zarten blumenartigen Witz, über diese ernste und milde Weisheit
-eines heitern Sinnes die Zusammensetzung vergessen.
-
-Es scheint mir sehr richtig, fuhr Anton fort, daß diese gesellige Kunst
-auch in der Poesie sich zeigen dürfe, und hier finde ich Gelegenheit, an
-unser gestriges Gespräch über die Gärten zu erinnern, welches nach
-meiner Meinung abbrach, ohne zu beschließen. Die hohe Empfindung, welche
-uns der Anblick der Natur gewährt, sei es das Gefühl des Waldes, des
-Meeres oder Gebirges, läßt sich in keinen Garten ziehn, denn diese
-Gefühle sind wechselnd, unbeschränkt, unaussprechlich. Diejenigen,
-welche in Parks das Seltsam-Schauerliche, oder das Erhaben-Majestätische
-erregen wollten, haben sich im größten Irrthume befunden, und es war
-natürlich, daß ihre Bestrebungen in Fratzen ausarten mußten. Das Schöne
-und Rührende ist es, welches Hügel, Baumgruppen, kleine Flüsse,
-Wasserfälle und Seen erregen können, ein schwärmendes musikalisches
-Gefühl, welches ziemlich deutlich den Künstler, welcher den Garten
-anlegen will, bewegen muß, und welches im Beschauen eben so wiedertönt.
-Dieser Gärtner wird also wohl die Natur, aber nicht das Natürliche
-ausschließen, und darum zieht mancher Künstler gern kleine Saatfelder in
-seinen Park, um eine ganz bestimmte Empfindung von der beschränkten
-Beschäftigung der Landwirthschaft zu erregen, ein kleiner Weinberg zeigt
-sich wohl auch, als ein reizendes Widerspiel der Haine und Baumgruppen.
-Wie mich nun zwar alles an die Natur erinnert, so kann ich sie doch hier
-so wenig, wie im Gedicht oder in der Malerei unmittelbar empfinden,
-sondern ich soll die Kunst in jedem Augenblicke genießen. Wenden wir uns
-nun zu der sogenannten französischen Gartenkunst, so finden wir hier
-eine dieser natürlichen völlig widersprechende. Wie sie alle Natur aus
-ihren Gränzen entfernt, eben so die Erinnerung an das Natürliche; denn
-so wenig Getreide und Obst ihren Platz hier finden, eben so wenig
-Baum-Parthien, die die Durchsicht decken, oder abwechselnd reizende
-Gebüsche, und jene süße Schwärmerei und musikalische Empfindung
-verschlungener Haine und malerischer Ansichten. Alles dient hier einer
-Empfindung, die ich am liebsten im Gegensatz jener musikalisch
-schwärmerischen Gefühle eine pathetische Entzückung nennen möchte; alles
-erhebt die Seele zur Begeisterung, alles ist klar und unverworren;
-gleich vom ersten Eintritt fühle und übersehe ich den Plan des Ganzen,
-und aus jedem Punkte finde ich mich unmittelbar in den Mittelpunkt der
-großartigen Composition zurück. Dazu dienen die großen freien Plätze,
-die geraden Baumgänge, die bedeckten und verflochtenen Lauben. Statuen
-und Wasserkünste verhalten sich zu diesem Garten so, wie gegenüber
-Saatfelder und Weinberge; sie wollen recht bestimmt das Gebildete
-aussprechen und darstellen, und wie man den Park mit Unrecht die
-Nachahmung einer gemalten Landschaft nennen würde, da der Gärtner und
-Maler vielmehr aus einer gemeinschaftlichen poetischen Quelle schöpfen,
-so thäte man auch diesem Kunstgarten Unrecht, ihn aus der Architektur
-abzuleiten, da auch der Architekt nur aus jener mathematischen Poesie
-des Gemüthes seine Erfindungen nimmt. Daher scheint es mir auch geradezu
-unmöglich, in Bergen einen Park anzulegen, weil die Natur, die
-unmittelbar hinein blickt, die Kunst-Effekte, die ihr hier verwandt sein
-sollen, vernichtet. Nach der Natur aber selbst sehnt sich gewiß jeder
-aus beiderlei Gärten vielmals hinaus und Niemand kann sie entbehren. Der
-regelmäßige Garten schließt vielleicht im Hintergrunde am angenehmsten
-mit einem parkähnlichen, so wie der englische am schicklichsten nahe am
-Hause freie Räume und eine gewisse Regelmäßigkeit ausspart. Es ergiebt
-sich auch von selbst, daß der regelmäßige Kunstgarten eine allgemeinere
-Form hat und leichter, vom Geschmack geleitet, zweckmäßig nachgeahmt
-werden kann, daß aber der Park sich nicht leicht wiederholen läßt,
-sondern in jeder neuen Gestalt ein anderes Individuum auftreten muß. Es
-ist aber wohl möglich, daß es demohngeachtet nur wenige Hauptformen
-giebt, unter welche alle Gärten dieser Art sich vereinigen lassen, und
-trotz der anscheinenden Einförmigkeit dürften dann die französischen
-Gärten wohl eben so viele Gattungen aufweisen können. Ist es erlaubt ein
-Ding durch ein vergleichendes Bild deutlich zu machen, so möchte ich am
-liebsten den Park mit einem Shakespearschen, und den regelmäßigen Garten
-mit einem Calderonschen Lustspiel vergleichen. Scheinbare Willkühr in
-jenem, von einem unsichtbaren Geist der Ordnung gelenkt, Künstlichkeit,
-in anscheinender Natürlichkeit, der Anklang aller Empfindungen auf
-phantasirende Weise, Ernst und Heiterkeit wechselnd, Erinnerung an das
-Leben und seine Bedürfnisse, und ein Sinn der Liebe und Freundschaft,
-welcher alle Theile verbindet. Im südlichen Garten und Gedicht Regel und
-Richtschnur, Ehre, Liebe, Eifersucht in großen Massen und scharfen
-Antithesen, eben so Freundschaft und Haß, aber ohne tiefe oder bizarre
-Individualität, oft mit den nehmlichen Bildern und Worten wiederholt,
-Künstlichkeit und Erhabenheit der Sprache, Entfernung alles dessen, was
-unmittelbar an Natur erinnert, das Ganze endlich verbunden durch einen
-begeisterten hohen Sinn, der wohl trunken, aber nicht berauscht
-erscheint. Ich lasse das Gegenbild des Gartens unausgemalt, aber man
-könnte selbst die Reden in Stanzen oder andern künstlichen Versmaßen
-(die sich gewiß ganz von dem, was die Naturalisten Natur nennen wollen,
-entfernen) mit den beschnittenen glänzenden Taxus- und Buxus-Wänden
-vergleichen, wenn man witzig im Bilde fortspielen wollte.
-
-Auch diese, sagte Manfred, dürfen in einem Kunstgarten nicht fehlen,
-auch vertragen diese Baumarten die Scheere am besten, da ihr festes
-glänzendes Laub nur langsam wieder nachwächst, und sie sich überhaupt
-weit mehr als empfindsame Linden und jugendlich kühne Buchen darein
-fügen. Doch glaub' ich, können geschnitzte Piramiden und ähnliche
-Figuren füglich aus jedem Garten ausgeschlossen werden.
-
-Unser Garten, liebe Mutter, rief Clara, ist nun hoffentlich auf alle
-Zeiten gerettet, denn es steht vielleicht zu erwarten, daß man in der
-Zukunft manche der natürlichen Parks wieder in dergleichen künstliche
-Anlagen umarbeiten möchte. -- -- Nicht wahr, mein Freund, (so wandte sie
-sich gegen Anton) es ist überhaupt wohl schwer zu sagen, was denn Natur
-oder natürlich sei?
-
-Vielen Mißbrauch, erwiederte dieser, hat man oft mit diesen Worten
-getrieben, am meisten in jener Zeit, als man sich von einem steifen
-Ceremoniel zu befreien strebte, welches man irrigerweise Kunst nannte,
-und nun gegenüber ein Wesen suchte, welches uns unter allen Bedingungen
-das Richtige und die Wahrheit geben sollte. Kunst und Natur sind aber
-beide, richtig verstanden, in der Poesie wie in den Künsten, nur ein und
-dasselbe.
-
-Am seltsamsten, sagte Theodor, ist mir das Geschlecht der Naturjäger
-vorgekommen, welches noch nicht ausgestorben ist, vor einigen Jahren
-aber noch mehr verbreitet war; diejenigen meine ich, welche auf
-Sonnen-Auf- und Untergänge von hohen Bergen, auf Wasserfälle und
-Naturphänomene wahrhaft Jagd machen, und sich und andern manchen Morgen
-verderben, um einen Genuß zu erwarten, der oft nicht kömmt, und den sie
-nachher erheucheln müssen. Diese Leute behandeln die Natur gerade so,
-wie sie mit den merkwürdigen Männern umgehn, sie laufen ihnen ins Haus
-und stellen sich ihnen gegenüber; da stehn sie nun an der bekannten und
-oftmals besprochenen Stelle, und wenn in ihrer Seele nun gar nichts
-vorgeht, so sind sie nachher wenigstens doch dort gewesen.
-
-Die Natur, fuhr Anton fort, nimmt nicht in jeder Stunde jedweden
-vorwitzigen Besuch an, oder vielmehr sind wir nicht immer gestimmt, ihre
-Heiligkeit zu fühlen. In uns selbst muß die Harmonie schon sein, um sie
-außer uns zu finden, sonst behelfen wir uns freilich nur mit leeren
-Phrasen, ohne die Schönheit zu genießen: oder es kann auch wohl ein
-unvermuthetes Entzücken vom Himmel herab in unser Herz fallen, und uns
-die höchste Begeisterung aufschließen: dazu aber können wir nichts thun,
-wir können dergleichen nicht erwarten, sondern eine solche Offenbarung
-begiebt sich in uns nur. So viel ist gewiß, daß jeder Mensch wohl nur
-zwei- oder dreimal in seinem Leben das Glück haben kann, wahrhaft einen
-Sonnen-Aufgang zu sehn: dergleichen geht auch dann nicht, wie
-Sommerwolken, unserm Gemüth vorüber, sondern es macht Epoche in unserm
-Leben, wir brauchen lange Zeit, um uns von solcher Entzückung wieder zu
-erholen, und viele Jahre zehren noch von diesen erhabenen Minuten. Aber
-nur Stille und Einsamkeit vergönnen diese Gaben; eine Gesellschaft, die
-sich zu dergleichen auf einem Berge versammelt, steht nur vor dem
-Theater, und bringt auch gewöhnlich dieselbe alberne Freude und leere
-Kritik wie dort mit herunter.
-
-Noch seltsamer, sagte Ernst, daß so wenige Menschen den wundervollen
-Schauer, die Beängstigung empfinden, oder sich gestehn, die in manchen
-Stunden die Natur unserm Herzen erregt. Nicht bloß auf den
-ausgestorbenen Höhen des Gotthard erregt sich unser Gemüth zum Grauen,
-nicht bloß
-
- -- wenn es hin zur Fluth euch lockt, --
- -- zum grausen Wipfel jenes Felsen,
- Der in die See nickt über seinen Fuß, --
- Der Ort an sich bringt Grillen der Verzweiflung
- Auch ohne weitern Grund in jedes Hirn,
- Der so viel Klafter niederschaut zur See,
- Und hört sie unten brüllen;
-
-sondern selbst die schönste Gegend hat Gespenster, die durch unser Herz
-schreiten, sie kann so seltsame Ahndungen, so verwirrte Schatten durch
-unsre Phantasie jagen, daß wir ihr entfliehen, und uns in das Getümmel
-der Welt hinein retten möchten. Auf diese Weise entstehn nun wohl auch
-in unserm Innern Gedichte und Mährchen, indem wir die ungeheure Leere,
-das furchtbare Chaos mit Gestalten bevölkern, und kunstmäßig den
-unerfreulichen Raum schmücken; diese Gebilde aber können dann freilich
-nicht den Charakter ihres Erzeugers verläugnen. In diesen Natur-Mährchen
-mischt sich das Liebliche mit dem Schrecklichen, das Seltsame mit dem
-Kindischen, und verwirrt unsre Phantasie bis zum poetischen Wahnsinn, um
-diesen selbst nur in unserm Innern zu lösen und frei zu machen.
-
-Sind die Mährchen, fragte Clara, die Sie uns mittheilen wollen, von
-dieser Art?
-
-Vielleicht, antwortete Ernst.
-
-Doch nicht allegorisch?
-
-Wie wir es nennen wollen, sagte jener. Es giebt vielleicht keine
-Erfindung, die nicht die Allegorie, auch unbewußt, zum Grund und Boden
-ihres Wesens hätte. Gut und böse ist die doppelte Erscheinung, die schon
-das Kind in jeder Dichtung am leichtesten versteht, die uns in jeder
-Darstellung von neuem ergreift, die uns aus jedem Räthsel in den
-mannichfaltigsten Formen anspricht, und sich selbst zum Verständniß
-ringend auflösen will. Es giebt eine Art, das gewöhnlichste Leben wie
-ein Mährchen anzusehn, eben so kann man sich mit dem Wundervollsten, als
-wäre es das Alltäglichste, vertraut machen. Man könnte sagen, alles, das
-Gewöhnlichste, wie das Wunderbarste, Leichteste und Lustigste habe nur
-Wahrheit und ergreife uns nur darum, weil diese Allegorie im letzten
-Hintergrunde als Halt dem Ganzen dient, und eben darum sind auch Dante's
-Allegorien so überzeugend, weil sie sich bis zur greiflichsten
-Wirklichkeit durchgearbeitet haben. Novalis sagt: nur _die_ Geschichte
-ist eine Geschichte, die auch Fabel sein kann. Doch giebt es auch viele
-kranke und schwache Dichtungen dieser Art, die uns nur in Begriffen
-herum schleppen, ohne unsre Phantasie mit zu nehmen, und diese sind die
-ermüdendste Unterhaltung. -- Allein Anton mag uns jezt sein einleitendes
-Gedicht vorlesen, welches er uns versprochen hat.
-
-Anton zog einige Blätter hervor und las:
-
-
-
-
- Phantasus.
-
-
- Betrübt saß ich in meiner Kammer,
- Dacht' an die Noth, an all den Jammer,
- Der rundum drückt die weite Erde,
- Daß man nur schaut Trauergeberde,
- Daß Lust und Sang und frohe Weisen
- Gezogen weit von uns auf Reisen,
- Daß Argwohn, Mißtraun unsre Gäste,
- So Furcht wie Angst bei jedem Feste,
- Daß jedermann nur frägt in Sorgen:
- Wie wird es mit dir heut und morgen?
- Dazu war ich noch schwach und krank,
- Mir war so Tag wie Nacht zu lang;
- Ich sorgte, was mein Arzt ermessen,
- Was ich nicht trinken durft' und essen,
- Wie meine Pein zu lindern wäre,
- Was mir den Schlaf, die Ruh nicht störe:
- So saß ich still in mich gebückt,
- Den Kopf in meine Hand gedrückt,
- Als ich, so sinnend, es vernahm
- Daß jemand an die Thüre kam,
- Es klopfte, und ich rief: herein!
- Da öffnet schnell ein Händelein
- So weiß wie Baumesblüth, herfür
- Trat dann ein Knäblein in die Thür,
- Das Haupt gekränzt mit jungen Rosen,
- Die eben aus den Knospen losen,
- Wie Rosengluth die Lippen hold,
- Das krause Haar ein funkelnd Gold,
- Die Augen dunkel, violbraun,
- Der Leib gar lieblich anzuschaun.
- Er trat vor mich und thät sich neigen,
- Und sprach alsdann nach kurzem Schweigen:
- Wie kömmts, mein lieber kranker Freund,
- Daß ihr hier sitzt, da Sonne scheint?
- Der Frühling geht umher mit Pracht,
- Hat Laub des Waldes angefacht,
- Es brennt das grüne Feuer wieder,
- Und drein ertönen tausend Lieder,
- Die Erde trägt ihr Sommerkleid,
- Der Plan erglänzt von Blumen weit,
- Es spielt der Fisch in blauem See,
- Vom Obstbaum hängt der Blüthenschnee,
- Die Lieb- und Segen-schwangre Luft
- Durchspielt in Wogen Kraft und Duft,
- Das Kindlein lacht die Blüthen an
- Aus rothem Mund mit weißem Zahn,
- Der Jüngling sieht sein Herz und Lieben
- In Blumenschrift mit Glanz geschrieben,
- Sich hebt der Jungfrau schöne Brust
- In ahndungsvoller Liebeslust,
- Der Greis erfrischt die alten Glieder
- Und dünkt sich in der Kindheit wieder,
- Und jedermann fühlt freudenschwanger
- Den dunkeln Wald, den lichten Anger.
- Du nur willst sitzen hier gekauert,
- In deinen Sorgen eingemauert,
- Von Schwermuths-Wolken rings umhängt,
- In Noth und Zweifeln eingeengt?
- Ich kenne dich nicht wieder schier;
- Hinaus mach' stracks dich vor die Thür,
- Und thu dein menschlich Angesicht
- Hinein in holdes Himmelslicht,
- Laß nicht die Stirn dir so verrunzeln,
- Der Lippen Frische ganz verschrunzeln,
- Das Auge, das sonst Strahlen scharf,
- Von seinem lichten Bogen warf,
- Ist tief hinein zum Haupt geschmolzen
- Und schießt nur schwer' und stumpfe Bolzen;
- Entzweit hat sich dein Mund mit Lachen,
- Scherz, Kuß sind ihm wildfremde Sachen,
- In deiner gelb verschrumpften Haut
- Der Kummer sich im Spiegel schaut;
- Nicht, Creatur, mach' Schand' und Spott,
- Der dich geschaffen, deinem Gott,
- Schau aus, als seist nach seinem Bilde
- Formiret edel, heiter, milde,
- Verbrümmelt nicht und ungelachsen,
- Als sein in dir zusamm gewachsen
- All Unkraut, Stacheln, Disteln, Dorn,
- Mit Schimmel, Pilzen fest verworrn;
- Frisch auf, laß dich von mir regieren,
- Ins Frühlings-Reich will ich dich führen.
- Er schwang in seiner Rechten zart
- Die Tulpenblum seltsamer Art,
- Wie er sie auf und nieder regte
- Ein farbig Feuer sich bewegte,
- Und lichte Sterne kreisten, welche
- Sich schüttelten aus goldnem Kelche,
- Sie flogen wie die Vöglein munter
- Mir um das Haupt, herauf, herunter,
- Und neckten mich mit Flammenleuchte,
- Wie ich auch bang sie von mir scheuchte.
- Ich sprach halb zornig: wer bist du,
- Der mich gestört in meiner Ruh,
- Du Knäblein laut, vorwitziglich,
- Der du also bespöttelst mich,
- Und willst, weil du ein Kindlein frei,
- Daß alle Welt auch kindisch sei?
- Ich habe mehr gelernt, erfahren,
- Bin auch jetzund was mehr bei Jahren,
- Daß Spiel, unnützer Zeitvertreib
- Nicht mehr gefallen meinem Leib,
- Auch ist umher die ganze Welt
- Auf Ernst, Nachdenklichkeit gestellt,
- Daß der nur Thor jedwedem scheint,
- Der sich nicht höherm Zweck vereint,
- Du aber, Knäblein, bist inmitten
- Der Bildung nicht mit fortgeschritten,
- Meinst noch, daß man nach Blum' und Kraut
- Und all den Kinderein ausschaut,
- Das hält man jezt für Rauch und Dunst,
- Mein Sohn, die Zeit ist nicht wie sunst.
- Der Knabe lacht', daß sich das Gold
- Der Locken in einander rollt
- Und sprach: sonst hast mich wohl gekannt,
- Ich bin der Phantasus genannt,
- Heimathlich war ich sonst bei dir,
- Dein Spielgefährte für und für,
- Als du mich noch am Herzen hegtest
- Und väterlich und freundlich pflegtest,
- Da war dein Sinn anders gestellt,
- Mit dir zufrieden und der Welt
- War dir die Arbeit Lust und Scherz,
- Frisch und gesund dein junges Herz.
- Mein Auge, sprach ich, ist wohl blind;
- Du also bist dasselbe Kind,
- Das täglich Blumen mir gebracht,
- Holdseeliglich mich angelacht,
- Das mir verscherzt die muntern Stunden,
- Vielfältig Spielzeug mir erfunden?
- Seitdem bist du von mir entwichen
- Und anderwärts umher gestrichen,
- Da kamen Ernst, Vernunft, Verstand,
- Und gaben mir in meine Hand
- Der Bücher viel und mancherlei
- Voll tiefen Sinns, Philosophei,
- Ich strebte, mich aus rohem Wilden
- Zum wahren Menschen umzubilden;
- Drauf ich auch zur Geschichte kam,
- Die Noth der Welt zu Herzen nahm,
- Die Chronikbücher unverdrossen
- Hab' ich in Nächten aufgeschlossen,
- Die Vorzeit stieg zu mir herüber
- Und immer ernster wards und trüber:
- Bald schien mich an ein flüchtig Blitzen,
- Dann glaubt' ich Wahrheit zu besitzen,
- Dann kam die Dämmrung, faßt' es wieder
- Und taucht' es in die Finstre nieder;
- Die Nacht ward wieder Lichtes schwanger,
- Das neue Licht macht' mich noch banger,
- Wohl ahndend, daß, wenns ausgegohren,
- Die Finstre neu draus wird geboren:
- So wies Histori mir nur Noth,
- Im Leben auch nur Grab und Tod,
- Das Schöne stirbt, der Glanz löscht aus,
- Das Irdisch-Schlechte baut sein Haus,
- Und spricht von seinem Felsenthron
- Den hohen Göttersöhnen Hohn:
- Natur hab' ich ergründen wollen,
- Da kam ich gar auf seltsam Schrollen,
- Verlor mich in ein steinern Reich,
- Ich glaubte all's, nichts doch zugleich,
- Wollt' Pflanz, Metall und Stein verstehn,
- Mußt' mir doch selbst verloren gehn,
- Hatt' viel Kunstworte bald erstanden,
- Ich selbst gekommen nur abhanden,
- Um endlich wieder zu gelangen
- Noch dummer wo ich ausgegangen:
- Vielleicht weil du, mein Sohn, gefehlt,
- Hab' ich in Angst mich abgequält,
- Verstehst du wohl die alten Schriften,
- Wandelst wohl auch auf Weisheits-Triften?
- Doch still, ich will dich jezt nicht plagen,
- Komm, laß uns in den schönen Tagen
- So spielen, wie wir sonst gepflogen,
- Wenn du mir etwas noch gewogen.
-
- Der Kleine schmeichelt' sich an mich,
- Drückt' an mein Knie mit Lächeln sich,
- Wandt' sich hieher und dorthin nun,
- Fast wie die jungen Kätzlein thun.
- Da gehn wir aus dem Haus, und warm
- Nimmt Sommer mich in seinen Arm,
- Die Lerch' in Lüften jubilirt,
- Hänfling und Drossel musizirt,
- Das Grün schmiegt sich um Plan und Hügel,
- Der Schmetterling wiegt Purpurflügel,
- Die Blumen roth, braun, gold und blau
- Stehn dicht gedrängt auf grüner Au,
- Die Bienen summen lustig, nippen
- Den Honigseim von Blumenlippen,
- Duft, röthlich Glanz kreucht aus dem Baum,
- Hängt von dem Zweig, ein süßer Traum.
- Wie ist, sprach ich, die Welt so bunt,
- Von neuem tönt und schwazt der Mund
- Der kindschen Quellen, Frühlings Hand
- Nahm von den Zungen ab das Band,
- Daß Winter jährlich um sie legt,
- Daß sich kein lautes Wörtchen regt,
- Die Sommergäst' auch sind mit Schalle
- Ins Land zurück gekommen alle.
- Indem wand sich der Buchenhain
- Vom Plane ab den Weg hinein,
- Der Glanz mit Grün schön war gemischt,
- Die stille Luft vom Wind erfrischt,
- Die wilden Tauben hört' ich girren,
- Zeisig und Fink in Nestern schwirren,
- Ein Duft süß aus den Bäumen floß,
- Ein Rieseln sänftlich sich ergoß
- Aus Tannenbäumen, die vom Winde
- Sanft angespielt erklangen linde,
- Das all war meinem kranken Leben
- Als Labsal und Arznei gegeben.
- Wo sind wir, Liebster? rief ich aus,
- Sei mir gegrüßt, du grünes Haus,
- Gegrüßt ihr frischen Bogengänge,
- Willkommen mir ihr Waldesklänge!
- Ich war noch nie in den Revieren,
- Sprich, wohin willst du mich denn führen?
- Er sagte nichts, nur freundlich winkt
- Sein Aug', das mir ins Auge blinkt.
- Einsamer ward der dichte Hain,
- Gespaltener des Lichtes Schein,
- Der sich in Gattern um uns legte
- Und mit des Luftes Zug bewegte;
- Da hört' ich Wild von ferne schrein,
- Da sangen fremde Vögel drein
- Mit wundersamen Ton, es klangen
- Viel Bächlein, die aus Felsen sprangen,
- Wie Schatten zog es her und hin,
- Ein Schauer flog durch meinen Sinn.
- Nun wars, als hört' ich Kinder plaudern,
- Hin lief ich ohne länger Zaudern,
- Und als ich nach dem Ort gekommen,
- Von wo ich erst den Ton vernommen,
- Da that sich auf des Waldes Dunkel,
- Und vor mir lag ein hell Gefunkel,
- Roth sah ich wilde Nelken blühn,
- Sammt lichten Sternen von Jasmin,
- Und duftend Kraut Je länger lieber,
- Das rankte eine Grott' hinüber,
- An die sich hoch der Epheu schlang,
- Und aus der Höhle kam Gesang.
- Da schaut ich in den Fels hinein,
- Dort saß ein Bild mit lichtem Schein,
- Güldnes Gewand den Leib umfloß,
- An den sich Spang' und Gürtel schloß,
- Das Antliz bleich, entfärbt die Wange,
- Sie schien in Furcht und Zittern bange
- Und schloß sich an ein Mannsgebild,
- Das schaute aus den Augen wild,
- Doch lächelt' er mit Freundlichkeit:
- Er war in schwarz Gewand gekleidt,
- Ein dunkles Haar hing um das Haupt,
- Er trug von wildem Wein umlaubt
- Den güldnen Stab in seiner Hand,
- Geflochten war um sein Gewand
- Epheu und Tannenzweig' in Kränzen,
- Wozwischen rothe Rosen glänzen;
- Er sprach und sang der Schönen vor,
- Und flüsterte ihr oft ins Ohr.
- Da fragt' ich: Kind, wer sind die beide?
- Der Knabe sprach: im schwarzen Kleide
- Der ist der Schreck, von Mährchen alten
- Beschreibt er gern die Schau'rgestalten;
- Das Mägdlein da im lichten Kleid
- Ist meine liebe Albernheit,
- Sie ängstet sich und um so gerner
- Hört sie den andern reden ferner,
- Sie fürchtet sich vor dem Erschrecken,
- Läßt sich doch spielend davon necken,
- Sie lächelt, und vor Schauder weint
- Ihr Lachen, das in Thränen scheint,
- Sie freut sich und wird voraus bleich,
- So spielt sie mit dem Geisterreich,
- Wenn Schreck ihr sagt: nun sprech' ich jezt,
- Was dich recht durch und durch entsetzt!
- Dann bittet sie: so schweige lieber, --
- Nein, spricht sie dann, erzähl' es, Lieber;
- Nun rauscht der schwarze Tannenhain,
- Dann weinen Felsenbäche drein,
- Sie meint, sie stirbt vor Angst und Schmerz
- Und drückt dem Schreck sich fest ans Herz.
- Da sah ich einen Kleinen gaukeln
- Und sich in allen Blumen schaukeln,
- Ein herzigs Kind, das auf und nieder
- Im Tanze schwang die zarten Glieder,
- Bald klettert' es in Epheuranken
- Und ließ sich kühn vom Winde schwanken,
- Bald stand oben am Fels der Lose
- Und duckte sich in eine Rose.
- So eilig, daß der Stengel knickte
- Wie er sich in die Röthe bückte,
- Dann fiel er lachend auf die Au
- Und war benetzt vom Rosenthau:
- In Blättern, aus Jasmin gezogen,
- Beschifft' er dann des Baches Wogen,
- Und bracht' als Kriegsgefangne heim
- Die Bienen mit dem Honigseim;
- Dann sucht' er Muscheln sich im Sande
- Und Stein' und Kiesel vielerhande,
- Und putzte drin das Felsenhaus
- Mit vielen artgen Schnörkeln aus:
- Auf einmal ließ er alles liegen
- Und schien durch Lüfte schnell zu fliegen,
- Nun auf dem höchsten Tannenbaum
- Stand er und übersah den Raum,
- Mit Riesenstärke bog er dann
- Des Baumes Wipfel auf den Plan
- Und ließ ihn dann zurücke schießen;
- Des Baches Wogen mußten fließen
- In Wasserfällen laut und brausend,
- Der mächtge Wald dazwischen sausend,
- Ein furchtbar Echo, das von oben
- Hin durch den Thalgrund sprach mit Toben,
- Dazu des Donners Krachen viel,
- Schien alles ihm nur Harfenspiel.
- Er selbst, der erst ein kleiner Zwerg,
- War jezt großmächtig wie ein Berg,
- Und sprang so schnell wie Blitzes Lauf,
- Zur Höhe des Gebirgs hinauf,
- Riß aus der Wurzel mächtge Felsen,
- Die ließ er sich zum Thale wälzen
- Mit lautem Donnern, furchtbarm Krachen,
- Das machte ihn von Herzen lachen,
- Wie sie im Pürzen, Springen, Kollern,
- So ungeschlacht zur Ebne schollern,
- Wie sie die nackten Hauer fletschen
- Und Wald und Berg im Sturz zerquetschen.
- Da war ich bang und furchtsam fast,
- Ich sprach: wer ist der schlimme Gast,
- Der erst ein Kindlein thörigt spielte,
- An Bienen nur sein Müthlein kühlte,
- Ein Tandmann schien, doch nun erwachsen
- So ungeheuer, ungelachsen,
- Daß kaum noch so viel Kraft der Welt,
- Daß sie ihn sich vom Halse hält?
- Das ist der Scherz, so sprach mein Freund,
- Der Groß und Klein dasselbe scheint;
- Oft ist er zart und lieb unschuldig,
- Doch wird er wild und ungeduldig,
- So kühlt er seinen Muth, den frechen,
- Und all's muß biegen oder brechen. --
- Kann man nicht, fragt' ich, Sitt' ihm lehren? --
- Das hieß ihn nur, sprach er, verkehren,
- Er acht't kein noch so klug Gebot,
- Und schreit nur, das thut mir nicht noth!
- So lassen sie ihm seinen Willen. --
- Da schlug urplötzlich aus dem Stillen
- Der Sang von tausend Nachtigallen,
- Die ließen ihre Klage schallen,
- Und aus dem grünen Waldesraum
- Erglänzt' ein leuchtend goldner Saum,
- Von Purpurkleidern, die erbeben
- In Gluth, wie sich die Glieder heben
- Vom schönsten weiblichen Gebilde,
- Sie schritt nun lächelnd zum Gefilde,
- Und kam aus dunkelm Wald hervor
- Wie Sonne durch des Morgens Thor,
- Das goldne Haar in Wellen fließend,
- Das lichte Aug' die Welt begrüßend,
- Das rothe Lächeln Wonne streuend,
- Des Leibes Glanz rings all erfreuend;
- So wie die Augen leuchtend gingen,
- Die Blumen an zu blühen fingen,
- Das Gras ward grüner, Wonnebeben
- Schien Stein und Felsen zu beleben,
- Die Wasser jauchzten, und im Innern
- Bewegt ein seliges Erinnern
- Der Erde allertiefstes Herz,
- Demant erwuchs und Goldes-Erz.
- Wer ist, fragt ich, die dort regiert,
- So zart und edel gliedmasirt,
- Die Klare, Holde, minniglich'?
- Nenn' ihren Namen, Knabe, sprich!
- Dir ist es also nicht bewußt,
- Sprach, Phantasus, in deiner Brust,
- Was Thier' und Pflanzen, Stein' empfinden,
- Ich muß dir ihren Namen künden?
- Die Liebe ist sie! Und alsbald
- Kannt' ich die göttliche Gestalt,
- Ich sprach im Flehn zu ihr: demüthig
- Komm' ich zu dir, o sei mir gütig,
- Wie du die ganze Welt beglückst,
- In jedes Herz die Wonne schickst,
- Gedenke mein, laß nicht mein Leben
- Als liebeleeren Traum verschweben.
- Gebietend hob sie auf die Hand,
- Da kamen aus dem grünen Land,
- Von Bergen, aus dem niedern Thal,
- Die Geister wimmelnd ohne Zahl,
- Aus Bächen huben sie sich schnell
- Und leuchteten von Schimmern hell,
- Die Bäume thaten all sich auf,
- Es sprangen vor mit munterm Lauf,
- Die zarten Elfen, und aus kleinen
- Blümlein wollten sie auch erscheinen,
- Gar klein gestalt, in Farben bunt:
- Da sang ein tausendfacher Mund
- Der hohen Göttin Lob und Dank,
- Gar wundersam war der Gesang,
- Sie sonnten sich in ihrem Lächeln
- Berauscht von ihres Othems Fächeln.
- Da wandt' sich Phantasus zu mir:
- Nun, Werther, wie gefällts dir hier?
- Ich wollte sprechen: seeliglich
- Dünkt mir dies Leben sicherlich,
- Doch nahm der allergrößte Schreck
- Mir plötzlich Stimm und Othem weg;
- Was ich für Grott' und Berg gehalten,
- Für Wald und Flur und Felsgestalten,
- Das war ein einzigs großes Haupt,
- Statt Haar und Bart mit Wald umlaubt,
- Still lächelt er, daß seine Kind'
- In Spielen glücklich vor ihm sind,
- Er winkt, und ahndungsvolles Brausen
- Wogt her in Waldes heil'gem Sausen,
- Da fiel ich auf die Knie nieder,
- Mir zitterten in Angst die Glieder,
- Ich sprach zum Kleinen nur das Wort:
- Sag an, was ist das Große dort?
- Der Kleine sprach: Dich faßt sein Graun,
- Weil du ihn darfst so plötzlich schaun,
- Das ist der Vater, unser Alter,
- Heißt Pan, von allem der Erhalter. --
- Ein mächt'ger Schauder faßte mich,
- Mit Zittern schnell erwachte ich,
- Und so bewegt von dem Gesicht
- Verkünd' ichs euch, verschweig' es nicht.
-
- * * * * *
-
-Nach einer Pause sagte Clara: ich glaube Ihren Sinn zu verstehn, aber
-unartig, ja grausam finde ich es, daß Sie über Ihre Krankheit scherzen,
-und zur Strafe dafür sollen Sie uns ohne auszuruhen sogleich das erste
-Mährchen mittheilen, denn ich hörte gestern, daß Ihnen der Beginn dieser
-Erzählungen zugesprochen sei. Anton fing an zu lesen.
-
-
-
-
- Der blonde Eckbert.
- 1796.
-
-
-In einer Gegend des Harzes wohnte ein Ritter, den man gewöhnlich nur den
-blonden Eckbert nannte. Er war ohngefähr vierzig Jahr alt, kaum von
-mittler Größe, und kurze hellblonde Haare lagen schlicht und dicht an
-seinem blassen eingefallenen Gesichte. Er lebte sehr ruhig für sich und
-war niemals in den Fehden seiner Nachbarn verwickelt, auch sah man ihn
-nur selten außerhalb den Ringmauern seines kleinen Schlosses. Sein Weib
-liebte die Einsamkeit eben so sehr, und beide schienen sich von Herzen
-zu lieben, nur klagten sie gewöhnlich darüber, daß der Himmel ihre Ehe
-mit keinen Kindern segnen wolle.
-
-Nur selten wurde Eckbert von Gästen besucht, und wenn es auch geschah,
-so wurde ihretwegen fast nichts in dem gewöhnlichen Gange des Lebens
-geändert, die Mäßigkeit wohnte dort, und die Sparsamkeit selbst schien
-alles anzuordnen. Eckbert war alsdann heiter und aufgeräumt, nur wenn er
-allein war, bemerkte man an ihm eine gewisse Verschlossenheit, eine
-stille zurückhaltende Melankolie.
-
-Niemand kam so häufig auf die Burg als Philipp Walther, ein Mann, dem
-sich Eckbert angeschlossen hatte, weil er an diesem ohngefähr dieselbe
-Art zu denken fand, der auch er am meisten zugethan war. Dieser wohnte
-eigentlich in Franken, hielt sich aber oft über ein halbes Jahr in der
-Nähe von Eckberts Burg auf, sammelte Kräuter und Steine, und
-beschäftigte sich damit, sie in Ordnung zu bringen, er lebte von einem
-kleinen Vermögen und war von Niemand abhängig. Eckbert begleitete ihn
-oft auf seinen einsamen Spaziergängen, und mit jedem Jahre entspann sich
-zwischen ihnen eine innigere Freundschaft.
-
-Es giebt Stunden, in denen es den Menschen ängstigt, wenn er vor seinem
-Freunde ein Geheimniß haben soll, was er bis dahin oft mit vieler
-Sorgfalt verborgen hat, die Seele fühlt dann einen unwiderstehlichen
-Trieb, sich ganz mitzutheilen, dem Freunde auch das Innerste
-aufzuschließen, damit er um so mehr unser Freund werde. In diesen
-Augenblicken geben sich die zarten Seelen einander zu erkennen, und
-zuweilen geschieht es wohl auch, daß einer vor der Bekanntschaft des
-andern zurück schreckt.
-
-Es war schon im Herbst, als Eckbert an einem neblichten Abend mit seinem
-Freunde und seinem Weibe Bertha um das Feuer eines Kamines saß. Die
-Flamme warf einen hellen Schein durch das Gemach und spielte oben an der
-Decke, die Nacht sah schwarz zu den Fenstern herein, und die Bäume
-draußen schüttelten sich vor nasser Kälte. Walther klagte über den
-weiten Rückweg, den er habe, und Eckbert schlug ihm vor, bei ihm zu
-bleiben, die halbe Nacht unter traulichen Gesprächen hinzubringen, und
-dann in einem Gemache des Hauses bis am Morgen zu schlafen. Walther ging
-den Vorschlag ein, und nun ward Wein und die Abendmahlzeit
-hereingebracht, das Feuer durch Holz vermehrt, und das Gespräch der
-Freunde heitrer und vertraulicher.
-
-Als das Abendessen abgetragen war, und sich die Knechte wieder entfernt
-hatten, nahm Eckbert die Hand Walthers und sagte: Freund, ihr solltet
-euch einmal von meiner Frau die Geschichte ihrer Jugend erzählen lassen,
-die seltsam genug ist. -- Gern, sagte Walther, und man setzte sich
-wieder um den Kamin.
-
-Es war jezt gerade Mitternacht, der Mond sah abwechselnd durch die
-vorüber flatternden Wolken. Ihr müßt mich nicht für zudringlich halten,
-fing Bertha an, mein Mann sagt, daß ihr so edel denkt, daß es unrecht
-sei, euch etwas zu verhehlen. Nur haltet meine Erzählung für kein
-Mährchen, so sonderbar sie auch klingen mag.
-
-Ich bin in einem Dorfe geboren, mein Vater war ein armer Hirte. Die
-Haushaltung bei meinen Eltern war nicht zum Besten bestellt, sie wußten
-sehr oft nicht, wo sie das Brod hernehmen sollten. Was mich aber noch
-weit mehr jammerte, war, daß mein Vater und meine Mutter sich oft über
-ihre Armuth entzweiten, und einer dem andern dann bittere Vorwürfe
-machte. Sonst hört' ich beständig von mir, daß ich ein einfältiges
-dummes Kind sei, das nicht das unbedeutendste Geschäft auszurichten
-wisse, und wirklich war ich äußerst ungeschickt und unbeholfen, ich ließ
-alles aus den Händen fallen, ich lernte weder nähen noch spinnen, ich
-konnte nichts in der Wirthschaft helfen, nur die Noth meiner Eltern
-verstand ich sehr gut. Oft saß ich dann im Winkel und füllte meine
-Vorstellungen damit an, wie ich ihnen helfen wollte, wenn ich plötzlich
-reich würde, wie ich sie mit Gold und Silber überschütten und mich an
-ihrem Erstaunen laben möchte, dann sah ich Geister herauf schweben, die
-mir unterirdische Schätze entdeckten, oder mir kleine Kiesel gaben, die
-sich in Edelsteine verwandelten, kurz, die wunderbarsten Phantasien
-beschäftigten mich, und wenn ich nun aufstehn mußte, um irgend etwas zu
-helfen, oder zu tragen, so zeigte ich mich noch viel ungeschickter, weil
-mir der Kopf von allen den seltsamen Vorstellungen schwindelte.
-
-Mein Vater war immer sehr ergrimmt auf mich, daß ich eine so ganz
-unnütze Last des Hauswesens sei, er behandelte mich daher oft ziemlich
-grausam, und es war selten, daß ich ein freundliches Wort von ihm
-vernahm. So war ich ungefähr acht Jahr alt geworden, und es wurden nun
-ernstliche Anstalten gemacht, daß ich etwas thun, oder lernen sollte.
-Mein Vater glaubte, es wäre nur Eigensinn oder Trägheit von mir, um
-meine Tage in Müssiggang hinzubringen, genug, er setzte mir mit
-Drohungen unbeschreiblich zu, da diese aber doch nichts fruchteten,
-züchtigte er mich auf die grausamste Art, indem er sagte, daß diese
-Strafe mit jedem Tage wiederkehren sollte, weil ich doch nur ein
-unnützes Geschöpf sei.
-
-Die ganze Nacht hindurch weint' ich herzlich, ich fühlte mich so
-außerordentlich verlassen, ich hatte ein solches Mitleid mit mir selber,
-daß ich zu sterben wünschte. Ich fürchtete den Anbruch des Tages, ich
-wußte durchaus nicht, was ich anfangen sollte, ich wünschte mir alle
-mögliche Geschicklichkeit und konnte gar nicht begreifen, warum ich
-einfältiger sei, als die übrigen Kinder meiner Bekanntschaft. Ich war
-der Verzweiflung nahe.
-
-Als der Tag graute, stand ich auf und eröffnete, fast ohne daß ich es
-wußte, die Thür unsrer kleinen Hütte. Ich stand auf dem freien Felde,
-bald darauf war ich in einem Walde, in den der Tag kaum noch hinein
-blickte. Ich lief immerfort, ohne mich umzusehn, ich fühlte keine
-Müdigkeit, denn ich glaubte immer, mein Vater würde mich noch wieder
-einholen, und, durch meine Flucht gereizt, mich noch grausamer
-behandeln.
-
-Als ich aus dem Walde wieder heraus trat, stand die Sonne schon ziemlich
-hoch, ich sah jezt etwas Dunkles vor mir liegen, welches ein dichter
-Nebel bedeckte. Bald mußte ich über Hügel klettern, bald durch einen
-zwischen Felsen gewundenen Weg gehn, und ich errieth nun, daß ich mich
-wohl in dem benachbarten Gebirge befinden müsse, worüber ich anfing mich
-in der Einsamkeit zu fürchten. Denn ich hatte in der Ebene noch keine
-Berge gesehn, und das bloße Wort Gebirge, wenn ich davon hatte reden
-hören, war meinem kindischen Ohr ein fürchterlicher Ton gewesen. Ich
-hatte nicht das Herz zurück zu gehn, meine Angst trieb mich vorwärts;
-oft sah ich mich erschrocken um, wenn der Wind über mir weg durch die
-Bäume fuhr, oder ein ferner Holzschlag weit durch den stillen Morgen
-hintönte. Als mir Köhler und Bergleute endlich begegneten und ich eine
-fremde Aussprache hörte, wäre ich vor Entsetzen fast in Ohnmacht
-gesunken.
-
-Ich kam durch mehrere Dörfer und bettelte, weil ich jezt Hunger und
-Durst empfand, ich half mir so ziemlich mit meinen Antworten durch, wenn
-ich gefragt wurde. So war ich ohngefähr vier Tage fortgewandert, als ich
-auf einen kleinen Fußsteig gerieth, der mich von der großen Straße immer
-mehr entfernte. Die Felsen um mich her gewannen jezt eine andre, weit
-seltsamere Gestalt. Es waren Klippen, so auf einander gepackt, daß es
-das Ansehn hatte, als wenn sie der erste Windstoß durch einander werfen
-würde. Ich wußte nicht, ob ich weiter gehn sollte. Ich hatte des Nachts
-immer im Walde geschlafen, denn es war gerade zur schönsten Jahrszeit,
-oder in abgelegenen Schäferhütten; hier traf ich aber gar keine
-menschliche Wohnung, und konnte auch nicht vermuthen, in dieser Wildniß
-auf eine zu stoßen; die Felsen wurden immer furchtbarer, ich mußte oft
-dicht an schwindlichten Abgründen vorbeigehn, und endlich hörte sogar
-der Weg unter meinen Füßen auf. Ich war ganz trostlos, ich weinte und
-schrie, und in den Felsenthälern hallte meine Stimme auf eine
-schreckliche Art zurück. Nun brach die Nacht herein, und ich suchte mir
-eine Moosstelle aus, um dort zu ruhn. Ich konnte nicht schlafen; in der
-Nacht hörte ich die seltsamsten Töne, bald hielt ich es für wilde
-Thiere, bald für den Wind, der durch die Felsen klage, bald für fremde
-Vögel. Ich betete, und ich schlief nur spät gegen Morgen ein.
-
-Ich erwachte, als mir der Tag ins Gesicht schien. Vor mir war ein
-steiler Felsen, ich kletterte in der Hoffnung hinauf, von dort den
-Ausgang aus der Wildniß zu entdecken, und vielleicht Wohnungen oder
-Menschen gewahr zu werden. Als ich aber oben stand, war alles, so weit
-nur mein Auge reichte, eben so, wie um mich her, alles war mit einem
-neblichten Dufte überzogen, der Tag war grau und trübe, und keinen Baum,
-keine Wiese, selbst kein Gebüsch konnte mein Auge erspähn, einzelne
-Sträucher ausgenommen, die einsam und betrübt in engen Felsenritzen
-empor geschossen waren. Es ist unbeschreiblich, welche Sehnsucht ich
-empfand, nur eines Menschen ansichtig zu werden, wäre es auch, daß ich
-mich vor ihm hätte fürchten müssen. Zugleich fühlte ich einen
-peinigenden Hunger, ich setzte mich nieder und beschloß zu sterben. Aber
-nach einiger Zeit trug die Lust zu leben dennoch den Sieg davon, ich
-raffte mich auf und ging unter Thränen, unter abgebrochenen Seufzern den
-ganzen Tag hindurch; am Ende war ich mir meiner kaum noch bewußt, ich
-war müde und erschöpft, ich wünschte kaum noch zu leben, und fürchtete
-doch den Tod.
-
-Gegen Abend schien die Gegend umher etwas freundlicher zu werden, meine
-Gedanken, meine Wünsche lebten wieder auf, die Lust zum Leben erwachte
-in allen meinen Adern. Ich glaubte jezt das Gesause einer Mühle aus der
-Ferne zu hören, ich verdoppelte meine Schritte, und wie wohl, wie leicht
-ward mir, als ich endlich wirklich die Gränzen der öden Felsen
-erreichte; ich sah Wälder und Wiesen mit fernen angenehmen Bergen wieder
-vor mir liegen. Mir war, als wenn ich aus der Hölle in ein Paradies
-getreten wäre, die Einsamkeit und meine Hülflosigkeit schienen mir nun
-gar nicht fürchterlich.
-
-Statt der gehofften Mühle stieß ich auf einen Wasserfall, der meine
-Freude freilich um vieles minderte; ich schöpfte mit der Hand einen
-Trunk aus dem Bache, als mir plötzlich war, als höre ich in einiger
-Entfernung ein leises Husten. Nie bin ich so angenehm überrascht worden,
-als in diesem Augenblick, ich ging näher und ward an der Ecke des Waldes
-eine alte Frau gewahr, die auszuruhen schien. Sie war fast ganz schwarz
-gekleidet und eine schwarze Kappe bedeckte ihren Kopf und einen großen
-Theil des Gesichtes, in der Hand hielt sie einen Krückenstock.
-
-Ich näherte mich ihr und bat um ihre Hülfe; sie ließ mich neben sich
-niedersitzen und gab mir Brod und etwas Wein. Indem ich aß, sang sie mit
-kreischendem Ton ein geistliches Lied. Als sie geendet hatte, sagte sie
-mir, ich möchte ihr folgen.
-
-Ich war über diesen Antrag sehr erfreut, so wunderlich mir auch die
-Stimme und das Wesen der Alten vorkam. Mit ihrem Krückenstocke ging sie
-ziemlich behende, und bei jedem Schritte verzog sie ihr Gesicht so, daß
-ich im Anfange darüber lachen mußte. Die wilden Felsen traten immer
-weiter hinter uns zurück, wir gingen über eine angenehme Wiese, und dann
-durch einen ziemlich langen Wald. Als wir heraus traten, ging die Sonne
-gerade unter, und ich werde den Anblick und die Empfindung dieses Abends
-nie vergessen. In das sanfteste Roth und Gold war alles verschmolzen,
-die Bäume standen mit ihren Wipfeln in der Abendröthe, und über den
-Feldern lag der entzückende Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume
-standen still, der reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes
-Paradies, und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das Flüstern
-der Bäume tönte durch die heitre Stille wie in wehmüthiger Freude. Meine
-junge Seele bekam jezt zuerst eine Ahndung von der Welt und ihren
-Begebenheiten. Ich vergaß mich und meine Führerin, mein Geist und meine
-Augen schwärmten nur zwischen den goldnen Wolken.
-
-Wir stiegen nun einen Hügel hinan, der mit Birken bepflanzt war, von
-oben sah man in ein grünes Thal voller Birken hinein, und unten mitten
-in den Bäumen lag eine kleine Hütte. Ein munteres Bellen kam uns
-entgegen, und bald sprang ein kleiner behender Hund die Alte an, und
-wedelte, dann kam er zu mir, besah mich von allen Seiten, und kehrte mit
-freundlichen Geberden zur Alten zurück.
-
-Als wir vom Hügel hinunter gingen, hörte ich einen wunderbaren Gesang,
-der aus der Hütte zu kommen schien, wie von einem Vogel, es sang also:
-
- Waldeinsamkeit,
- Die mich erfreut,
- So morgen wie heut
- In ewger Zeit,
- O wie mich freut
- Waldeinsamkeit.
-
-Diese wenigen Worte wurden beständig wiederholt; wenn ich es beschreiben
-soll, so war es fast, als wenn Waldhorn und Schallmeie ganz in der Ferne
-durch einander spielen.
-
-Meine Neugier war außerordentlich gespannt; ohne daß ich auf den Befehl
-der Alten wartete, trat ich mit in die Hütte. Die Dämmerung war schon
-eingebrochen, alles war ordentlich aufgeräumt, einige Becher standen auf
-einem Wandschranke, fremdartige Gefäße auf einem Tische, in einem
-glänzenden Käfig hing ein Vogel am Fenster, und er war es wirklich, der
-die Worte sang. Die Alte keichte und hustete, sie schien sich gar nicht
-wieder erholen zu können, bald streichelte sie den kleinen Hund, bald
-sprach sie mit dem Vogel, der ihr nur mit seinem gewöhnlichen Liede
-Antwort gab; übrigens that sie gar nicht, als wenn ich zugegen wäre.
-Indem ich sie so betrachtete, überlief mich mancher Schauer: denn ihr
-Gesicht war in einer ewigen Bewegung, indem sie dazu wie vor Alter mit
-dem Kopfe schüttelte, so daß ich durchaus nicht wissen konnte, wie ihr
-eigentliches Aussehn beschaffen war.
-
-Als sie sich erholt hatte, zündete sie Licht an, deckte einen ganz
-kleinen Tisch und trug das Abendessen auf. Jezt sah sie sich nach mir
-um, und hieß mir einen von den geflochtenen Rohrstühlen nehmen. So saß
-ich ihr nun dicht gegenüber und das Licht stand zwischen uns. Sie
-faltete ihre knöchernen Hände und betete laut, indem sie ihre
-Gesichtsverzerrungen machte, so daß es mich beinahe wieder zum Lachen
-gebracht hätte; aber ich nahm mich sehr in Acht, um sie nicht zu
-erboßen.
-
-Nach dem Abendessen betete sie wieder, und dann wies sie mir in einer
-niedrigen und engen Kammer ein Bett an; sie schlief in der Stube. Ich
-blieb nicht lange munter, ich war halb betäubt, aber in der Nacht wachte
-ich einigemal auf, und dann hörte ich die Alte husten und mit dem Hunde
-sprechen, und den Vogel dazwischen, der im Traum zu sein schien, und
-immer nur einzelne Worte von seinem Liede sang. Das machte mit den
-Birken, die vor dem Fenster rauschten, und mit dem Gesang einer
-entfernten Nachtigall ein so wunderbares Gemisch, daß es mir immer nicht
-war, als sei ich erwacht, sondern als fiele ich nur in einen andern noch
-seltsamern Traum.
-
-Am Morgen weckte mich die Alte, und wies mich bald nachher zur Arbeit
-an. Ich mußte spinnen, und ich begriff es auch bald, dabei hatte ich
-noch für den Hund und für den Vogel zu sorgen. Ich lernte mich schnell
-in die Wirthschaft finden, und alle Gegenstände umher wurden mir
-bekannt; nun war mir, als müßte alles so sein, ich dachte gar nicht mehr
-daran, daß die Alte etwas Seltsames an sich habe, daß die Wohnung
-abentheuerlich und von allen Menschen entfernt liege, und daß an dem
-Vogel etwas Außerordentliches sei. Seine Schönheit fiel mir zwar immer
-auf, denn seine Federn glänzten mit allen möglichen Farben, das schönste
-Hellblau und das brennendste Roth wechselten an seinem Halse und Leibe,
-und wenn er sang, blähte er sich stolz auf, so daß sich seine Federn
-noch prächtiger zeigten.
-
-Oft ging die Alte aus und kam erst am Abend zurück, ich ging ihr dann
-mit dem Hunde entgegen, und sie nannte mich Kind und Tochter. Ich ward
-ihr endlich von Herzen gut, wie sich unser Sinn denn an alles, besonders
-in der Kindheit, gewöhnt. In den Abendstunden lehrte sie mich lesen, ich
-fand mich leicht in die Kunst, und es ward nachher in meiner Einsamkeit
-eine Quelle von unendlichem Vergnügen, denn sie hatte einige alte
-geschriebene Bücher, die wunderbare Geschichten enthielten.
-
-Die Erinnerung an meine damalige Lebensart ist mir noch bis jezt immer
-seltsam: von keinem menschlichen Geschöpfe besucht, nur in einem so
-kleinen Familienzirkel einheimisch, denn der Hund und der Vogel machten
-denselben Eindruck auf mich, den sonst nur längst gekannte Freunde
-hervorbringen. Ich habe mich immer nicht wieder auf den seltsamen Namen
-des Hundes besinnen können, so oft ich ihn auch damals nannte.
-
-Vier Jahre hatte ich so mit der Alten gelebt, und ich mochte ohngefähr
-zwölf Jahr alt sein, als sie mir endlich mehr vertraute, und mir ein
-Geheimniß entdeckte. Der Vogel legte nehmlich an jedem Tage ein Ei, in
-dem sich eine Perl oder ein Edelstein befand. Ich hatte schon immer
-bemerkt, daß sie heimlich in dem Käfige wirthschafte, mich aber nie
-genauer darum bekümmert. Sie trug mir jezt das Geschäft auf, in ihrer
-Abwesenheit diese Eier zu nehmen und in den fremdartigen Gefäßen wohl zu
-verwahren. Sie ließ mir meine Nahrung zurück, und blieb nun länger aus,
-Wochen, Monate; mein Rädchen schnurrte, der Hund bellte, der wunderbare
-Vogel sang und dabei war alles so still in der Gegend umher, daß ich
-mich in der ganzen Zeit keines Sturmwindes, keines Gewitters erinnere.
-Kein Mensch verirrte sich dorthin, kein Wild kam unserer Behausung nahe,
-ich war zufrieden und arbeitete mich von einem Tage zum andern hinüber.
--- Der Mensch wäre vielleicht recht glücklich, wenn er so ungestört sein
-Leben bis ans Ende fortführen könnte.
-
-Aus dem wenigen, was ich las, bildete ich mir ganz wunderliche
-Vorstellungen von der Welt und den Menschen, alles war von mir und
-meiner Gesellschaft hergenommen: wenn von lustigen Leuten die Rede war,
-konnte ich sie mir nicht anders vorstellen wie den kleinen Spitz,
-prächtige Damen sahen immer wie der Vogel aus, alle alte Frauen wie
-meine wunderliche Alte. Ich hatte auch von Liebe etwas gelesen, und
-spielte nun in meiner Phantasie seltsame Geschichten mit mir selber. Ich
-dachte mir den schönsten Ritter von der Welt, ich schmückte ihn mit
-allen Vortrefflichkeiten aus, ohne eigentlich zu wissen, wie er nun nach
-allen meinen Bemühungen aussah: aber ich konnte ein rechtes Mitleid mit
-mir selber haben, wenn er mich nicht wieder liebte; dann sagte ich lange
-rührende Reden in Gedanken her, zuweilen auch wohl laut, um ihn nur zu
-gewinnen. -- Ihr lächelt! wir sind jezt freilich alle über diese Zeit
-der Jugend hinüber.
-
-Es war mir jezt lieber, wenn ich allein war, denn alsdann war ich selbst
-die Gebieterin im Hause. Der Hund liebte mich sehr und that alles was
-ich wollte, der Vogel antwortete mir in seinem Liede auf alle meine
-Fragen, mein Rädchen drehte sich immer munter, und so fühlte ich im
-Grunde nie einen Wunsch nach Veränderung. Wenn die Alte von ihren langen
-Wanderungen zurück kam, lobte sie meine Aufmerksamkeit, sie sagte, daß
-ihre Haushaltung, seit ich dazu gehöre, weit ordentlicher geführt werde,
-sie freute sich über mein Wachsthum und mein gesundes Aussehn, kurz, sie
-ging ganz mit mir wie mit einer Tochter um.
-
-Du bist brav, mein Kind! sagte sie einst zu mir mit einem schnarrenden
-Tone; wenn du so fort fährst, wird es dir auch immer gut gehn: aber nie
-gedeiht es, wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe folgt
-nach, wenn auch noch so spät. -- Indem sie das sagte, achtete ich eben
-nicht sehr darauf, denn ich war in allen meinen Bewegungen und meinem
-ganzen Wesen sehr lebhaft; aber in der Nacht fiel es mir wieder ein, und
-ich konnte nicht begreifen, was sie damit hatte sagen wollen. Ich
-überlegte alle Worte genau, ich hatte wohl von Reichthümern gelesen, und
-am Ende fiel mir ein, daß ihre Perlen und Edelsteine wohl etwas
-Kostbares sein könnten. Dieser Gedanke wurde mir bald noch deutlicher.
-Aber was konnte sie mit der rechten Bahn meinen? Ganz konnte ich den
-Sinn ihrer Worte noch immer nicht fassen.
-
-Ich war jezt vierzehn Jahr alt, und es ist ein Unglück für den Menschen,
-daß er seinen Verstand nur darum bekömmt, um die Unschuld seiner Seele
-zu verlieren. Ich begriff nehmlich wohl, daß es nur auf mich ankomme, in
-der Abwesenheit der Alten den Vogel und die Kleinodien zu nehmen, und
-damit die Welt, von der ich gelesen hatte, aufzusuchen. Zugleich war es
-mir dann vielleicht möglich, den überaus schönen Ritter anzutreffen, der
-mir immer noch im Gedächtnisse lag.
-
-Im Anfange war dieser Gedanke nichts weiter als jeder andre Gedanke,
-aber wenn ich so an meinem Rade saß, so kam er mir immer wider Willen
-zurück, und ich verlor mich so in ihm, daß ich mich schon herrlich
-geschmückt sah, und Ritter und Prinzen um mich her. Wenn ich mich so
-vergessen hatte, konnte ich ordentlich betrübt werden, wenn ich wieder
-aufschaute, und mich in der kleinen Wohnung antraf. Uebrigens, wenn ich
-meine Geschäfte that, bekümmerte sich die Alte nicht weiter um mein
-Wesen.
-
-An einem Tage ging meine Wirthin wieder fort, und sagte mir, daß sie
-diesmal länger als gewöhnlich ausbleiben werde, ich solle ja auf alles
-ordentlich Acht geben und mir die Zeit nicht lang werden lassen. Ich
-nahm mit einer gewissen Bangigkeit von ihr Abschied, denn es war mir,
-als würde ich sie nicht wieder sehn. Ich sah ihr lange nach und wußte
-selbst nicht, warum ich so beängstigt war; es war fast, als wenn mein
-Vorhaben schon vor mir stände, ohne mich dessen deutlich bewußt zu sein.
-
-Nie hab' ich des Hundes und des Vogels mit einer solchen Aemsigkeit
-gepflegt, sie lagen mir näher am Herzen, als sonst. Die Alte war schon
-einige Tage abwesend, als ich mit dem festen Vorsatze aufstand, mit dem
-Vogel die Hütte zu verlassen, und die sogenannte Welt aufzusuchen. Es
-war mir enge und bedrängt zu Sinne, ich wünschte wieder da zu bleiben,
-und doch war mir der Gedanke widerwärtig; es war ein seltsamer Kampf in
-meiner Seele, wie ein Streiten von zwei widerspenstigen Geistern in mir.
-In einem Augenblicke kam mir die ruhige Einsamkeit so schön vor, dann
-entzückte mich wieder die Vorstellung einer neuen Welt, mit allen ihren
-wunderbaren Mannichfaltigkeiten.
-
-Ich wußte nicht, was ich aus mir selber machen sollte, der Hund sprang
-mich unaufhörlich an, der Sonnenschein breitete sich munter über die
-Felder aus, die grünen Birken funkelten: ich hatte die Empfindung, als
-wenn ich etwas sehr Eiliges zu thun hätte, ich griff also den kleinen
-Hund, band ihn in der Stube fest, und nahm dann den Käfig mit dem Vogel
-unter den Arm. Der Hund krümmte sich und winselte über diese ungewohnte
-Behandlung, er sah mich mit bittenden Augen an, aber ich fürchtete mich,
-ihn mit mir zu nehmen. Noch nahm ich eins von den Gefäßen, das mit
-Edelsteinen angefüllt war, und steckte es zu mir, die übrigen ließ ich
-stehn.
-
-Der Vogel drehte den Kopf auf eine wunderliche Weise, als ich mit ihm
-zur Thür hinaus trat, der Hund strengte sich sehr an, mir nachzukommen,
-aber er mußte zurück bleiben.
-
-Ich vermied den Weg nach den wilden Felsen und ging nach der
-entgegengesetzten Seite. Der Hund bellte und winselte immerfort, und es
-rührte mich recht inniglich, der Vogel wollte einigemal zu singen
-anfangen, aber da er getragen ward, mußte es ihm wohl unbequem fallen.
-
-So wie ich weiter ging, hörte ich das Bellen immer schwächer, und
-endlich hörte es ganz auf. Ich weinte und wäre beinahe wieder umgekehrt,
-aber die Sucht etwas Neues zu sehn, trieb mich vorwärts.
-
-Schon war ich über Berge und durch einige Wälder gekommen, als es Abend
-ward, und ich in einem Dorfe einkehren mußte. Ich war sehr blöde, als
-ich in die Schenke trat, man wies mir eine Stube und ein Bette an, ich
-schlief ziemlich ruhig, nur daß ich von der Alten träumte, die mir
-drohte.
-
-Meine Reise war ziemlich einförmig, aber je weiter ich ging, je mehr
-ängstigte mich die Vorstellung von der Alten und dem kleinen Hunde; ich
-dachte daran, daß er wahrscheinlich ohne meine Hülfe verhungern müsse,
-im Walde glaubt' ich oft die Alte würde mir plötzlich entgegen treten.
-So legte ich unter Thränen und Seufzern den Weg zurück; so oft ich
-ruhte, und den Käfig auf den Boden stellte, sang der Vogel sein
-wunderliches Lied, und ich erinnerte mich dabei recht lebhaft des
-schönen verlassenen Aufenthalts. Wie die menschliche Natur vergeßlich
-ist, so glaubt' ich jezt, meine vormalige Reise in der Kindheit sei
-nicht so trübselig gewesen als meine jetzige; ich wünschte wieder in
-derselben Lage zu sein.
-
-Ich hatte einige Edelsteine verkauft und kam nun nach einer Wanderschaft
-von vielen Tagen in einem Dorfe an. Schon beim Eintritt ward mir
-wundersam zu Muthe, ich erschrak und wußte nicht worüber; aber bald
-erkannt' ich mich, denn es war dasselbe Dorf, in welchem ich geboren
-war. Wie ward ich überrascht! Wie liefen mir vor Freuden, wegen tausend
-seltsamer Erinnerungen, die Thränen von den Wangen! Vieles war
-verändert, es waren neue Häuser entstanden, andre, die man damals erst
-errichtet hatte, waren jezt verfallen, ich traf auch Brandstellen; alles
-war weit kleiner, gedrängter als ich erwartet hatte. Unendlich freute
-ich mich darauf, meine Eltern nun nach so manchen Jahren wieder zu sehn;
-ich fand das kleine Haus, die wohlbekannte Schwelle, der Griff der Thür
-war noch ganz so wie damals, es war mir, als hätte ich sie nur gestern
-angelehnt; mein Herz klopfte ungestüm, ich öffnete sie hastig, -- aber
-ganz fremde Gesichter saßen in der Stube umher und stierten mich an. Ich
-fragte nach dem Schäfer Martin, und man sagte mir, er sei schon seit
-drei Jahren mit seiner Frau gestorben. -- Ich trat schnell zurück, und
-ging laut weinend aus dem Dorfe hinaus.
-
-Ich hatte es mir so schön gedacht, sie mit meinem Reichthume zu
-überraschen; durch den seltsamsten Zufall war das nun wirklich geworden,
-was ich in der Kindheit immer nur träumte, -- und jezt war alles
-umsonst, sie konnten sich nicht mit mir freuen, und das, worauf ich am
-meisten immer im Leben gehofft hatte, war für mich auf ewig verloren.
-
-In einer angenehmen Stadt miethete ich mir ein kleines Haus mit einem
-Garten, und nahm eine Aufwärterin zu mir. So wunderbar, als ich es
-vermuthet hatte, kam mir die Welt nicht vor, aber ich vergaß die Alte
-und meinen ehemaligen Aufenthalt etwas mehr, und so lebt' ich im Ganzen
-recht zufrieden.
-
-Der Vogel hatte schon seit lange nicht mehr gesungen; ich erschrak daher
-nicht wenig, als er in einer Nacht plötzlich wieder anfing, und zwar mit
-einem veränderten Liede. Er sang:
-
- Waldeinsamkeit
- Wie liegst du weit!
- O dich gereut
- Einst mit der Zeit. --
- Ach einzge Freud
- Waldeinsamkeit!
-
-Ich konnte die Nacht hindurch nicht schlafen, alles fiel mir von neuem
-in die Gedanken, und mehr als jemals fühlt' ich, daß ich Unrecht gethan
-hatte. Als ich aufstand, war mir der Anblick des Vogels ordentlich
-zuwider, er sah immer nach mir hin, und seine Gegenwart ängstigte mich.
-Er hörte nun mit seinem Liede gar nicht wieder auf, und er sang es
-lauter und schallender, als er es sonst gewohnt gewesen war. Je mehr ich
-ihn betrachtete, je bänger machte er mich; ich öffnete endlich den
-Käfig, steckte die Hand hinein und faßte seinen Hals, herzhaft drückte
-ich die Finger zusammen, er sah mich bittend an, ich ließ los, aber er
-war schon gestorben. -- Ich begrub ihn im Garten.
-
-Jezt wandelte mich oft eine Furcht vor meiner Aufwärterin an, ich dachte
-an mich selbst zurück, und glaubte, daß sie mich auch einst berauben
-oder wohl gar ermorden könne. -- Schon lange kannt' ich einen jungen
-Ritter, der mir überaus gefiel, ich gab ihm meine Hand, -- und hiermit,
-Herr Walther, ist meine Geschichte geendigt.
-
-Ihr hättet sie damals sehn sollen, fiel Eckbert hastig ein, -- ihre
-Jugend, ihre Schönheit, und welch einen unbeschreiblichen Reiz ihr ihre
-einsame Erziehung gegeben hatte. Sie kam mir vor wie ein Wunder, und ich
-liebte sie ganz über alles Maaß. Ich hatte kein Vermögen, aber durch
-ihre Liebe kam ich in diesen Wohlstand, wir zogen hieher, und unsere
-Verbindung hat uns bis jezt noch keinen Augenblick gereut. --
-
-Aber über unser Schwatzen, fing Bertha wieder an, ist es schon tief in
-die Nacht geworden, -- wir wollen uns schlafen legen.
-
-Sie stand auf und ging nach ihrer Kammer. Walther wünschte ihr mit einem
-Handkusse eine gute Nacht, und sagte: Edle Frau, ich danke Euch, ich
-kann mir Euch recht vorstellen, mit dem seltsamen Vogel, und wie Ihr den
-kleinen _Strohmian_ füttert.
-
-Auch Walther legte sich schlafen, nur Eckbert ging noch unruhig im Saale
-auf und ab. -- Ist der Mensch nicht ein Thor? fing er endlich an; ich
-bin erst die Veranlassung, daß meine Frau ihre Geschichte erzählt, und
-jezt gereut mich diese Vertraulichkeit! -- Wird er sie nicht
-mißbrauchen? Wird er sie nicht andern mittheilen? Wird er nicht
-vielleicht, denn das ist die Natur des Menschen, eine unselige Habsucht
-nach unsern Edelgesteinen empfinden, und deswegen Plane anlegen und sich
-verstellen?
-
-Es fiel ihm ein, daß Walther nicht so herzlich von ihm Abschied genommen
-hatte, als es nach einer solchen Vertraulichkeit wohl natürlich gewesen
-wäre. Wenn die Seele erst einmal zum Argwohn gespannt ist, so trifft sie
-auch in allen Kleinigkeiten Bestätigungen an. Dann warf sich Eckbert
-wieder sein unedles Mißtrauen gegen seinen wackern Freund vor, und
-konnte doch nicht davon zurück kehren. Er schlug sich die ganze Nacht
-mit diesen Vorstellungen herum, und schlief nur wenig.
-
-Bertha war krank und konnte nicht zum Frühstück erscheinen; Walther
-schien sich nicht viel darum zu kümmern, und verließ auch den Ritter
-ziemlich gleichgültig. Eckbert konnte sein Betragen nicht begreifen; er
-besuchte seine Gattin, sie lag in einer Fieberhitze und sagte, die
-Erzählung in der Nacht müsse sie auf diese Art gespannt haben.
-
-Seit diesem Abend besuchte Walther nur selten die Burg seines Freundes,
-und wenn er auch kam, ging er nach einigen unbedeutenden Worten wieder
-weg. Eckbert ward durch dieses Betragen im äußersten Grade gepeinigt; er
-ließ sich zwar gegen Bertha und Walther nichts davon merken, aber jeder
-mußte doch seine innerliche Unruhe an ihm gewahr werden.
-
-Mit Berthas Krankheit ward es immer bedenklicher; der Arzt ward
-ängstlich, die Röthe von ihren Wangen war verschwunden, und ihre Augen
-wurden immer glühender. -- An einem Morgen ließ sie ihren Mann an ihr
-Bette rufen, die Mägde mußten sich entfernen.
-
-Lieber Mann, fing sie an, ich muß dir etwas entdecken, das mich fast um
-meinen Verstand gebracht hat, das meine Gesundheit zerrüttet, so eine
-unbedeutende Kleinigkeit es auch an sich scheinen möchte. -- Du weißt,
-daß ich mich immer nicht, so oft ich von meiner Kindheit sprach, trotz
-aller angewandten Mühe auf den Namen des kleinen Hundes besinnen konnte,
-mit welchem ich so lange umging; an jenem Abend sagte Walther beim
-Abschiede plötzlich zu mir: ich kann mir euch recht vorstellen, wie ihr
-den kleinen _Strohmian_ füttert. Ist das Zufall? Hat er den Namen
-errathen, weiß er ihn und hat er ihn mit Vorsatz genannt? Und wie hängt
-dieser Mensch dann mit meinem Schicksale zusammen? Zuweilen kämpfe ich
-mit mir, als ob ich mir diese Seltsamkeit nur einbilde, aber es ist
-gewiß, nur zu gewiß. Ein gewaltiges Entsetzen befiel mich, als mir ein
-fremder Mensch so zu meinen Erinnerungen half. Was sagst du, Eckbert?
-
-Eckbert sah seine leidende Gattin mit einem tiefen Gefühle an; er
-schwieg und dachte bei sich nach, dann sagte er ihr einige tröstende
-Worte und verließ sie. In einem abgelegenen Gemache ging er in
-unbeschreiblicher Unruhe auf und ab. Walther war seit vielen Jahren sein
-einziger Umgang gewesen, und doch war dieser Mensch jezt der einzige in
-der Welt, dessen Dasein ihn drückte und peinigte. Es schien ihm, als
-würde ihm froh und leicht sein, wenn nur dieses einzige Wesen aus seinem
-Wege gerückt werden könnte. Er nahm seine Armbrust, um sich zu
-zerstreuen und auf die Jagd zu gehn.
-
-Es war ein rauher stürmischer Wintertag, tiefer Schnee lag auf den
-Bergen und bog die Zweige der Bäume nieder. Er streifte umher, der
-Schweiß stand ihm auf der Stirne, er traf auf kein Wild, und das
-vermehrte seinen Unmuth. Plötzlich sah er sich etwas in der Ferne
-bewegen, es war Walther, der Moos von den Bäumen sammelte; ohne zu
-wissen was er that legte er an, Walther sah sich um, und drohte mit
-einer stummen Geberde, aber indem flog der Bolzen ab, und Walther
-stürzte nieder.
-
-Eckbert fühlte sich leicht und beruhigt, und doch trieb ihn ein Schauder
-nach seiner Burg zurück; er hatte einen großen Weg zu machen, denn er
-war weit hinein in die Wälder verirrt. -- Als er ankam, war Bertha schon
-gestorben; sie hatte vor ihrem Tode noch viel von Walther und der Alten
-gesprochen.
-
-Eckbert lebte nun eine lange Zeit in der größten Einsamkeit; er war
-schon sonst immer schwermüthig gewesen, weil ihn die seltsame Geschichte
-seiner Gattin beunruhigte, und er irgend einen unglücklichen Vorfall,
-der sich ereignen könnte, befürchtete: aber jezt war er ganz mit sich
-zerfallen. Die Ermordung seines Freundes stand ihm unaufhörlich vor
-Augen, er lebte unter ewigen innern Vorwürfen.
-
-Um sich zu zerstreuen, begab er sich zuweilen nach der nächsten großen
-Stadt, wo er Gesellschaften und Feste besuchte. Er wünschte durch irgend
-einen Freund die Leere in seiner Seele auszufüllen, und wenn er dann
-wieder an Walther zurück dachte, so erschrak er vor dem Gedanken, einen
-Freund zu finden, denn er war überzeugt, daß er nur unglücklich mit
-jedwedem Freunde sein könne. Er hatte so lange mit Bertha in einer
-schönen Ruhe gelebt, die Freundschaft Walthers hatte ihn so manches Jahr
-hindurch beglückt, und jezt waren beide so plötzlich dahin gerafft, daß
-ihm sein Leben in manchen Augenblicken mehr wie ein seltsames Mährchen,
-als wie ein wirklicher Lebenslauf erschien.
-
-Ein junger Ritter, _Hugo_, schloß sich an den stillen betrübten Eckbert,
-und schien eine wahrhafte Zuneigung gegen ihn zu empfinden. Eckbert fand
-sich auf eine wunderbare Art überrascht, er kam der Freundschaft des
-Ritters um so schneller entgegen, je weniger er sie vermuthet hatte.
-Beide waren nun häufig beisammen, der Fremde erzeigte Eckbert alle
-möglichen Gefälligkeiten, einer ritt fast nicht mehr ohne den andern
-aus; in allen Gesellschaften trafen sie sich, kurz, sie schienen
-unzertrennlich.
-
-Eckbert war immer nur auf kurze Augenblicke froh, denn er fühlte es
-deutlich, daß ihn Hugo nur aus einem Irrthume liebe; jener kannte ihn
-nicht, wußte seine Geschichte nicht, und er fühlte wieder denselben
-Drang, sich ihm ganz mitzutheilen, damit er versichert sein könne, ob
-jener auch wahrhaft sein Freund sei. Dann hielten ihn wieder
-Bedenklichkeiten und die Furcht, verabscheut zu werden, zurück. In
-manchen Stunden war er so sehr von seiner Nichtswürdigkeit überzeugt,
-daß er glaubte, kein Mensch, für den er nicht ein völliger Fremdling
-sei, könne ihn seiner Achtung würdigen. Aber dennoch konnte er sich
-nicht widerstehn; auf einem einsamen Spazierritte entdeckte er seinem
-Freunde seine ganze Geschichte, und fragte ihn dann, ob er wohl einen
-Mörder lieben könne. Hugo war gerührt, und suchte ihn zu trösten;
-Eckbert folgte ihm mit leichterm Herzen zur Stadt.
-
-Es schien aber seine Verdammniß zu seyn, gerade in der Stunde des
-Vertrauens Argwohn zu schöpfen, denn kaum waren sie in den Saal
-getreten, als ihm beim Schein der vielen Lichter die Mienen seines
-Freundes nicht gefielen. Er glaubte ein hämisches Lächeln zu bemerken,
-es fiel ihm auf, daß er nur wenig mit ihm spreche, daß er mit den
-Anwesenden viel rede, und seiner gar nicht zu achten scheine. Ein alter
-Ritter war in der Gesellschaft, der sich immer als den Gegner Eckberts
-gezeigt, und sich oft nach seinem Reichthum und seiner Frau auf eine
-eigne Weise erkundigt hatte; zu diesem gesellte sich Hugo, und beide
-sprachen eine Zeitlang heimlich, indem sie nach Eckbert hindeuteten.
-Dieser sah jezt seinen Argwohn bestätigt, er glaubte sich verrathen, und
-eine schreckliche Wuth bemeisterte sich seiner. Indem er noch immer
-hinstarrte, sah er plötzlich Walthers Gesicht, alle seine Mienen, die
-ganze, ihm so wohl bekannte Gestalt, er sah noch immer hin und ward
-überzeugt, daß Niemand als _Walther_ mit dem Alten spreche. -- Sein
-Entsetzen war unbeschreiblich; außer sich stürzte er hinaus, verließ
-noch in der Nacht die Stadt, und kehrte nach vielen Irrwegen auf seine
-Burg zurück.
-
-Wie ein unruhiger Geist eilte er jezt von Gemach zu Gemach, kein Gedanke
-hielt ihm Stand, er verfiel von entsetzlichen Vorstellungen auf noch
-entsetzlichere, und kein Schlaf kam in seine Augen. Oft dachte er, daß
-er wahnsinnig sei, und sich nur selber durch seine Einbildung alles
-erschaffe; dann erinnerte er sich wieder der Züge Walthers, und alles
-ward ihm immer mehr ein Räthsel. Er beschloß eine Reise zu machen, um
-seine Vorstellungen wieder zu ordnen; den Gedanken an Freundschaft, den
-Wunsch nach Umgang hatte er nun auf ewig aufgegeben.
-
-Er zog fort, ohne sich einen bestimmten Weg vorzusetzen, ja er
-betrachtete die Gegenden nur wenig, die vor ihm lagen. Als er im
-stärksten Trabe seines Pferdes einige Tage so fort geeilt war, sah er
-sich plötzlich in einem Gewinde von Felsen verirrt, in denen sich
-nirgend ein Ausweg entdecken ließ. Endlich traf er auf einen alten
-Bauer, der ihm einen Pfad, einem Wasserfall vorüber, zeigte: er wollte
-ihm zur Danksagung einige Münzen geben, der Bauer aber schlug sie aus.
--- Was gilts, sagte Eckbert zu sich selber, ich könnte mir wieder
-einbilden, daß dies Niemand anders als Walther sei? -- Und indem sah er
-sich noch einmal um, und es war Niemand anders als Walther. -- Eckbert
-spornte sein Roß so schnell es nur laufen konnte, durch Wiesen und
-Wälder, bis es erschöpft unter ihm zusammen stürzte. -- Unbekümmert
-darüber setzte er nun seine Reise zu Fuß fort.
-
-Er stieg träumend einen Hügel hinan; es war, als wenn er ein nahes
-munteres Bellen vernahm, Birken säuselten dazwischen, und er hörte mit
-wunderlichen Tönen ein Lied singen:
-
- Waldeinsamkeit
- Mich wieder freut,
- Mir geschieht kein Leid,
- Hier wohnt kein Neid,
- Von neuem mich freut
- Waldeinsamkeit.
-
-Jezt war es um das Bewußtsein, um die Sinne Eckberts geschehn; er konnte
-sich nicht aus dem Räthsel heraus finden, ob er jezt träume, oder
-ehemals von einem Weibe Bertha geträumt habe; das Wunderbarste
-vermischte sich mit dem Gewöhnlichsten, die Welt um ihn her war
-verzaubert, und er keines Gedankens, keiner Erinnerung mächtig.
-
-Eine krummgebückte Alte schlich hustend mit einer Krücke den Hügel
-heran. Bringst du mir meinen Vogel? Meine Perlen? Meinen Hund? schrie
-sie ihm entgegen. Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst: Niemand als
-ich war dein Freund Walther, dein Hugo. --
-
-Gott im Himmel! sagte Eckbert stille vor sich hin, -- in welcher
-entsetzlichen Einsamkeit hab' ich dann mein Leben hingebracht! --
-
-Und Bertha war deine Schwester.
-
-Eckbert fiel zu Boden.
-
-Warum verließ sie mich tückisch? Sonst hätte sich alles gut und schön
-geendet, ihre Probezeit war ja schon vorüber. Sie war die Tochter eines
-Ritters, die er bei einem Hirten erziehn ließ, die Tochter deines
-Vaters.
-
-Warum hab' ich diesen schrecklichen Gedanken immer geahndet? rief
-Eckbert aus.
-
-Weil du in früher Jugend deinen Vater einst davon erzählen hörtest; er
-durfte seiner Frau wegen diese Tochter nicht bei sich erziehn lassen,
-denn sie war von einem andern Weibe. --
-
-Eckbert lag wahnsinnig und verscheidend auf dem Boden; dumpf und
-verworren hörte er die Alte sprechen, den Hund bellen, und den Vogel
-sein Lied wiederholen.
-
- * * * * *
-
-Nach einer Pause sagte Clara: Sie sehn, lieber Anton, daß uns allen jene
-Thränen eines heimlichen Grauens in den Augen stehen, und ich denke, Sie
-haben großentheils das Versprechen Ihres Phantasus erfüllt. Aber
-erlauben Sie mir zu fragen: ist diese Erzählung Ihre eigene Erfindung,
-oder eine nachgeahmte?
-
-Ich darf sie, antwortete Anton, wohl für meine Erfindung ausgeben, da
-ich mich nicht erinnere, eine ähnliche Geschichte anderswo gelesen zu
-haben; auch denke ich, ist es in der Aufgabe begriffen gewesen, daß nur
-selbst ersonnene Mährchen vorgetragen werden sollen; wenigstens habe ich
-es so verstanden, und ich hoffe, daß auch alle meine Freunde meinem
-Beispiele heute folgen werden.
-
-Versprich dies nicht so im Allgemeinen, wandte Friedrich ein.
-
-Wollte man freilich, fuhr Anton fort, genau erzählen, aus welchen
-Erinnerungen der Kindheit, aus welchen Bildern, die man im Lesen, oder
-oft aus ganz unbedeutenden mündlichen Erzählungen aufgreift, dergleichen
-sogenannte Erfindungen zusammengesetzt werden, so könnte man daraus
-wieder eine Art von seltsamer, mährchenartiger Geschichte bilden.
-
-Es ist ängstlich, sagte Ernst, dergleichen Kleinigkeiten zu gründlich zu
-nehmen. Ich erinnere mich mancher Gesellschaft, in der spitz- und
-salzlose Anekdoten schlecht vorgetragen wurden, die man nachher eben so
-unwitzig kritisirte, mit Schrecken, und wenn auch etwas ähnliches hier
-nicht zu besorgen steht, so wünschte ich doch wohl, daß unsre schönen
-Richterinnen sich nicht zu eifrig um den Grund und Boden bekümmern
-möchten, auf welchem unsre Poesien gewachsen sind; ein wesenloser Traum
-büßt, auch durch geringe Störung, zu leicht seine ganze Wirkung ein.
-
-Daß ich fragte, antwortete Clara, geschah nicht aus kritischem
-Interesse, sondern weil ich, was vielleicht Schwäche sein mag, auf die
-ursprüngliche Erfindung einer Dichtung sehr viel halte, denn die Kraft
-des Erfindens scheint mir, mit aller Ehrfurcht von der übrigen Kunst
-gesprochen, etwas so Eigenthümliches, daß ich mich für denjenigen
-Dichter besonders interessire, welcher nicht nachahmt, sondern zum
-erstenmal ein Ding vorträgt, welches unsre Imagination ergreift. Beim
-dramatischen Dichter, wenn er es wahrhaft ist, tritt wohl eine andere
-Erfindungskunst ein, als beim erzählenden, denn freilich möchte ich
-lieber eine Scene in »Wie es Euch gefällt« geschrieben haben, als die
-Novelle erfunden, aus welcher dies Lustspiel entsprungen ist. Der
-Erzähler kann seinen Gegenstand, wenn dieser interessant ist, schmücken
-und erheben, seinen Geschmack und seine Kunst in der Umbildung beweisen;
-ich frage aber immer gern: wer hat diese Sache zuerst ersonnen, falls
-sie sich nicht wirklich zugetragen hat?
-
-Ich gebe Ihnen gern Recht, sagte Ernst, und um so lieber, weil ich Ihnen
-mit meinem Gedichte dann etwas dreister nahen darf, da ich es wenigstens
-für eigene Erfindung ausgeben kann. In sofern freilich nicht, als die
-Vorstellung vom verzauberten Berge der Venus im Mittelalter allgemein
-verbreitet war, aber das Gedicht vom Tannenhäuser hatte ich, damals so
-wie jezt, noch nicht gelesen, eben so wenig kannte ich damals die
-Niebelungen, sondern nur das Heldenbuch, in dessen Vorrede ein getreuer
-Eckart erwähnt wird, der die jungen Harlungen beschützt, und der nachher
-beim Hans Sachs und andern Dichtern oftmals sprichwörtlich vorkömmt, und
-immer vor dem Berge der Venus Wache hält. Aus diesen allgemeinen,
-unbestimmten Vorstellungen, in welche ich noch die Sage von dem
-berüchtigten Rattenfänger von Hameln aufgenommen und verkleidet habe,
-ist folgendes Gedicht entstanden.
-
-
-
-
- Der getreue Eckart
- und
- der Tannenhäuser.
- In zwei Abschnitten.
- 1799.
-
-
-
-
- Erster Abschnitt.
-
-
- Der edle Herzog groß
- Von dem Burgunder Lande
- Litt manchen Feindesstoß
- Wohl auf dem ebnen Sande.
-
- Er sprach: mich schlägt der Feind,
- Mein Muth ist mir entwichen,
- Die Freunde sind erblichen,
- Die Knecht' geflohen seind!
-
- Ich kann mich nicht mehr regen,
- Nicht Waffen führen kann:
- Wo bleibt der edle Degen,
- Eckart der treue Mann?
-
- Er war mir sonst zur Seite
- In jedem harten Strauß,
- Doch leider blieb er heute
- Daheim bei sich zu Haus.
-
- Es mehren sich die Haufen,
- Ich muß gefangen sein,
- Mag nicht wie Knecht entlaufen,
- Drum will ich sterben fein! --
-
- So klagt der von Burgund,
- Will sein Schwert in sich stechen:
- Da kommt zur selben Stund
- Eckart, den Feind zu brechen.
-
- Geharnischt reit't der Degen
- Keck in den Feind hinein,
- Ihm folgt die Schaar verwegen
- Und auch der Sohne sein.
-
- Burgund erkennt die Zeichen,
- Und ruft: Gott sei gelobt!
- Die Feinde mußten weichen
- Die wüthend erst getobt.
-
- Da schlug mit treuem Muthe
- Eckart ins Volk hinein,
- Doch schwamm im rothen Blute
- Sein zartes Söhnelein.
-
- Als nun der Feind bezwungen,
- Da sprach der Herzog laut:
- Es ist dir wohl gelungen,
- Doch so, daß es mir graut;
-
- Du hast viel Mann geworben
- Zu retten Reich und Leben,
- Dein Söhnlein liegt erstorben,
- Kann's dir nicht wieder geben. --
-
- Der Eckart weinet fast,
- Bückt sich der starke Held,
- Und nimmt die theure Last,
- Den Sohn in Armen hält.
-
- Wie starbst du, Heinz, so frühe,
- Und warst noch kaum ein Mann?
- Mich reut nicht meine Mühe,
- Ich seh' dich gerne an,
-
- Weil wir dich, Fürst, erlösten,
- Aus deiner Feinde Hohn,
- Und drum will ich mich trösten,
- Ich schenke dir den Sohn.
-
- Da ward dem Burgund trübe
- Vor seiner Augen Licht,
- Weil diese große Liebe
- Sein edles Herze bricht.
-
- Er weint die hellen Zähren
- Und fällt ihm an die Brust:
- Dich, Held, muß ich verehren,
- Spricht er in Leid und Lust,
-
- So treu bist du geblieben,
- Da alles von mir wich,
- So will ich nun auch lieben
- Wie meinen Bruder dich,
-
- Und sollst in ganz Burgunde
- So gelten wie der Herr,
- Wenn ich mehr lohnen kunnte,
- Ich gäbe gern noch mehr.
-
- Als dies das Land erfahren,
- So freut sich jedermann,
- Man nennt den Held seit Jahren
- Eckart den treuen Mann.
-
-Die Stimme eines alten Landmanns klang über die Felsen herüber, der
-dieses Lied sang, und der getreue Eckart saß in seinem Unmuthe auf dem
-Berghang und weinte laut. Sein jüngstes Söhnlein stand neben ihm und
-fragte: Warum weinst du also laut, mein Vater Eckart? Wie bist du doch
-so groß und stark, höher und kräftiger, als alle übrige Männer, vor wem
-darfst du dich denn fürchten?
-
-Indem zog die Jagd des Herzogs heim nach Hause. Burgund saß auf einem
-stattlichen, schön geschmückten Rosse, und Gold und Geschmeide des
-fürstlichen Herzogs flimmerte und blinkte in der Abendsonne, so daß der
-junge Conrad den herrlichen Aufzug nicht genug sehn, nicht genug preisen
-konnte. Der getreue Eckart erhob sich und schaute finster hinüber, und
-der junge Conrad sang, nachdem er die Jagd aus dem Gesichte verloren
-hatte:
-
- Wann du willt
- Schwerdt und Schild,
- Gutes Roß,
- Speer und Geschoß
- Führen:
- Muß dein Mark
- In Beinen stark,
- Dir im Blut
- Mannesmuth
- Gar kräftiglich regieren!
-
-Der Alte nahm den Sohn und herzte ihn, wobei er gerührt seine großen
-hellblauen Augen anschaute. Hast du das Lied jenes guten Mannes gehört?
-fragte er ihn dann.
-
-Wie nicht? sprach der Sohn, hat er es doch laut genug gesungen, und bist
-du ja doch der getreue Eckart, so daß ich gern zuhörte.
-
-Derselbe Herzog ist jezt mein Feind, sprach der alte Vater; er hält mir
-meinen zweiten Sohn gefangen, ja hat ihn schon hingerichtet, wenn ich
-dem trauen darf, was die Leute im Lande sagen.
-
-Nimm dein großes Schwerdt und duld' es nicht, sagte der Sohn; sie müssen
-ja alle vor dir zittern, und alle Leute im ganzen Lande werden dir
-beistehn, denn du bist ihr größter Held im Lande.
-
-Nicht also, mein Sohn, sprach jener, dann wäre ich der, für den mich
-meine Feinde ausgeben, ich darf nicht an meinem Landesherren ungetreu
-werden, nein, ich darf nicht den Frieden brechen, den ich ihm angelobt
-und in seine Hände versprochen.
-
-Aber was will er von uns? fragte Conrad ungeduldig.
-
-Der Eckart setzte sich wieder nieder und sagte: mein Sohn, die ganze
-Erzählung davon würde zu umständlich lauten, und du würdest es dennoch
-kaum verstehn. Der Mächtige hat immer seinen größten Feind in seinem
-eigenen Herzen, den er so Tag wie Nacht fürchtet: so meint der Burgund
-nunmehr, er habe mir zu viel getraut, und in mir eine Schlange an seinem
-Busen auferzogen. Sie nennen mich im Land den kühnsten Degen, sie sagen
-laut, daß er mir Reich und Leben zu danken, ich heiße der getreue
-Eckart, und so wenden sich Bedrängte und Nothleidende zu mir, daß ich
-ihnen Hülfe schaffe; das kann er nicht leiden. So hat er Groll auf mich
-geworfen, und jeder, der bei ihm gelten möchte, vermehrt sein Mißtrauen
-zu mir: so hat sich endlich sein Herz von mir abgewendet.
-
-Hierauf erzählte ihm der Held Eckart mit schlichten Worten, daß ihn der
-Herzog von seinem Angesichte verbannt habe, und daß sie sich ganz fremd
-geworden seien, weil jener geargwohnt, er wolle ihm gar sein Herzogthum
-entreißen. In Betrübniß fuhr er fort, wie der Herzog ihm seinen Sohn
-gefangen genommen, und ihm selber, als einem Verräther, nach dem Leben
-stehe. Conrad sprach zu seinem Vater: so laß mich nun hingehn, mein
-alter Vater, und mit dem Herzoge reden, damit er verständig und dir
-gewogen werde; hat er meinen Bruder erwürgt, so ist er ein böser Mann,
-und du sollst ihn strafen, doch kann es nicht sein, weil er nicht so
-schnöde deiner großen Dienste vergessen kann.
-
-Weißt du nicht den alten Spruch, sagte Eckart:
-
- Wenn der Mächtge dein begehrt,
- Bist du ihm als Freund was werth,
- Wie die Noth von ihm gewichen,
- Ist die Freundschaft auch erblichen.
-
-Ja, mein ganzes Leben ist unnütz verschwendet: warum machte er mich
-groß, um mich dann desto tiefer hinab zu werfen? Die Freundschaft der
-Fürsten ist wie ein tödtendes Gift, das man nur gegen Feinde nützen
-kann, und womit sich der Eigner aus Unbedacht endlich selbst erwürgt.
-
-Ich will zum Herzoge hin, rief Conrad aus, ich will ihm alles, was du
-gethan, was du für ihn gelitten, in die Seele zurück rufen, und er wird
-wieder seyn, wie ehemals.
-
-Du hast vergessen, sagte Eckart, daß man uns für Verräther ausgerufen
-hat, darum laß uns mit einander flüchten, in ein fremdes Land, wo wir
-wohl ein besseres Glück antreffen mögen.
-
-In deinem Alter, sagte Conrad, willst du deiner lieben Heimath noch den
-Rücken wenden? Nein, laß uns lieber alles andere versuchen. Ich will zum
-Burgunder, ihn versöhnen und zufrieden stellen; denn was kann er mir
-thun wollen, wenn er dich auch haßt und fürchtet?
-
-Ich lasse dich sehr ungern, sagte Eckart, meine Seele weissagt mir
-nichts Gutes, und doch möcht' ich gern mit ihm versöhnt sein, denn er
-ist mein alter Freund, auch deinen Bruder erretten, der in gefänglicher
-Haft bei ihm schmachtet.
-
-Die Sonne warf ihre letzten milden Strahlen auf die grüne Erde, und
-Eckart setzte sich nachdenkend nieder, an einem Baumstamm gelehnt, er
-beschaute den Conrad lange Zeit und sagte dann: wenn du gehen willst,
-mein Sohn, so gehe jezt, bevor die Nacht vollends herein bricht; die
-Fenster in der herzoglichen Burg glänzen schon von Lichtern, ich
-vernehme aus der Ferne Trompetentöne vom Feste, vielleicht ist die
-Gemalin seines Sohnes schon angelangt und sein Gemüth freundlicher gegen
-uns.
-
-Ungern ließ er den Sohn von sich, weil er seinem Glücke nicht mehr
-traute; der junge Conrad aber war um so muthiger, weil es ihm ein
-leichtes dünkte, das Gemüth des Herzoges umzuwenden, der noch vor
-weniger Zeit so freundlich mit ihm gespielt hatte. Kommst du mir gewiß
-zurück, mein liebstes Kind? klagte der Alte, wenn du mir verloren gehst,
-ist keiner mehr von meinem Stamme übrig. Der Knabe tröstete ihn, und
-schmeichelte mit Liebkosungen dem Greise; sie trennten sich endlich.
-
-Conrad klopfte an die Pforte der Burg und ward eingelassen, der alte
-Eckart blieb draußen in der Nacht allein. Auch diesen habe ich verloren,
-klagte er in der Einsamkeit, ich werde sein Angesicht nicht wieder sehn.
-Indem er so jammerte, wankte an einem Stabe ein Greis daher, der die
-Felsen hinab steigen wollte, und bei jedem Schritte zu fürchten schien,
-daß er in den Abgrund stürzen möchte. Wie Eckart die Gebrechlichkeit des
-Alten wahrnahm, reichte er ihm die Hand, daß er sicher herunter steigen
-möchte. Woher des Weges? fragte ihn Eckart.
-
-Der Alte setzte sich nieder und fing an zu weinen, daß ihm die hellen
-Thränen die Wangen hinunter liefen. Eckart wollte ihn mit gelinden und
-vernünftigen Worten trösten, aber der sehr bekümmerte Greis schien auf
-seine wohlgemeinten Reden nicht zu achten, sondern sich seinen Schmerzen
-noch ungemäßigter zu ergeben. Welcher Gram kann euch denn so gar sehr
-niederbeugen, fragte er endlich, daß ihr gänzlich davon überwältigt
-seid?
-
-Ach meine Kinder! klagte der Alte. Da dachte Eckart an Conrad, Heinz und
-Dietrich, und war selbst alles Trostes verlustig; ja, wenn eure Kinder
-gestorben sind, sprach er, dann ist euer Elend warlich sehr groß.
-
-Schlimmer als gestorben, versetzte hierauf der Alte mit seiner
-jammernden Stimme, denn sie sind nicht todt, aber ewig für mich
-verloren. O wollte der Himmel, daß sie nur gestorben wären!
-
-Der Held erschrak über diese seltsamen Worte, und bat den Greis, ihm
-dieses Räthsel aufzulösen, worauf jener sagte: Wir leben warlich in
-einer wunderbarlichen Zeit, die wohl die letzten Tage bald herbei führen
-wird, denn die erschrecklichsten Zeichen fallen dräuend in die Welt
-herein. Alles Unheil macht sich von den alten Ketten los, und streift
-nun frank und frei herum; die Furcht Gottes versiegt und verrinnt, und
-findet kein Strombett, in das sie sich sammeln möchte, und die bösen
-Kräfte stehn kecklich in ihren Winkeln auf, und feiern ihren Triumph. O
-mein lieber Herr, wir sind alt geworden, aber für dergleichen
-Wundergeschichten noch nicht alt genug. Ihr werdet ohne Zweifel den
-Cometen gesehen haben, dieses wunderbare Himmelslicht, das so
-prophetisch hernieder scheint; alle Welt weissagt Uebles, und keiner
-denkt daran, mit sich selbst die Besserung anzufahn und so die Ruthe
-abzuwenden. Dies ist nicht genug, sondern aus der Erde thun sich
-Wunderwerke hervor und brechen geheimnißvoll von unten herauf, wie das
-Licht schrecklich von oben herniederscheint. Habt ihr niemals von dem
-Berge gehört, den die Leute nur den Berg der Venus nennen?
-
-Niemalen, sagte Eckart, so weit ich auch herum gekommen bin.
-
-Darüber muß ich mich verwundern, sagte der Alte, denn die Sache ist jezt
-eben so bekannt, als sie wahrhaftig ist. In diesen Berg haben sich die
-Teufel hinein geflüchtet, und sich in den wüsten Mittelpunkt der Erde
-gerettet, als das aufwachsende heilige Christenthum den heidnischen
-Götzendienst stürzte. Hier, sagt man nun, solle vor allen Frau Venus Hof
-halten, und alle ihre höllischen Heerschaaren der weltlichen Lüste und
-verbotenen Wünsche um sich versammeln, so daß das Gebirge auch verflucht
-seit undenklichen Zeiten gelegen hat.
-
-Doch nach welcher Gegend liegt der Berg? fragte Eckart.
-
-Das ist das Geheimniß, sprach der Alte, daß dieses Niemand zu sagen
-weiß, als der sich schon dem Satan zu eigen gegeben, es fällt auch
-keinem Unschuldigen ein, ihn aufsuchen zu wollen. Ein Spielmann von
-wunderseltner Art ist plötzlich von unten hervor gekommen, den die
-Höllischen als ihren Abgesandten ausgeschickt haben; dieser durchzieht
-die Welt, und spielt und musizirt auf einer Pfeifen, daß die Töne weit
-in den Gegenden wieder klingen. Wer nun diese Klänge vernimmt, der wird
-von ihnen mit offenbarer, doch unerklärlicher Gewalt erfaßt, und fort,
-fort in die Wildniß getrieben, er sieht den Weg nicht, den er geht, er
-wandert und wandert und wird nicht müde, seine Kräfte nehmen zu wie
-seine Eile, keine Macht kann ihn aufhalten, so rennt er rasend in den
-Berg hinein, und findet ewig niemals den Rückweg wieder. Diese Macht ist
-der Hölle jezt zurück gegeben, und von entgegengesetzten Richtungen
-wandeln nun die unglückseligen verkehrten Pilgrimme hin, wo keine
-Rettung zu erwarten steht. Ich hatte an meinen beiden Söhnen schon seit
-lange keine Freude mehr erlebt, sie waren wüst und ohne Sitten, sie
-verachteten so Eltern wie Religion; nun hat sie der Klang ergriffen und
-angefaßt, sie sind davon und in die Weite, die Welt ist ihnen zu enge,
-und sie suchen in der Hölle Raum.
-
-Und was denkt ihr bei diesen Dingen zu thun? fragte Eckart.
-
-Mit dieser Krücke habe ich mich aufgemacht, antwortete der Alte, um die
-Welt zu durchstreifen, sie wieder zu finden, oder vor Müdigkeit und Gram
-zu sterben.
-
-Mit diesen Worten riß er sich mit großer Anstrengung aus seiner Ruhe
-auf, und eilte fort so schnell er nur konnte, als wenn er sein Liebstes
-auf der Welt versäumen möchte, und Eckart sah mit Bedauern seiner
-unnützen Bemühung nach, und achtete ihn in seinen Gedanken für
-wahnwitzig. --
-
-Es war Nacht geworden und wurde Tag, und Conrad kam nicht zurück; da
-irrte Eckart durch das Gebirge und wandte seine sehnenden Augen nach dem
-Schlosse, aber er ersah ihn nicht. Ein Getümmel zog aus der Burg daher,
-da trachtete er nicht mehr, sich zu verbergen, sondern er bestieg sein
-Roß, das frei weidete, und ritt in die Schaar hinein, die fröhlich und
-guter Dinge über das Blachfeld zog. Als er unter ihnen war, erkannten
-sie ihn, aber keiner wagte Hand an ihn zu legen, oder ihm ein hartes
-Wort zu sagen, sondern sie wurden aus Ehrerbietung stumm, umgaben ihn in
-Verwunderung, und gingen dann ihres Weges. Einen von den Knechten rief
-er zurück, und fragte ihn: Wo ist mein Sohn Conrad? O fragt mich nicht,
-sagte der Knecht, denn es würde euch doch nur Jammer und Wehklagen
-erregen. Und Dietrich? rief der Vater. Nennt ihre Namen nicht mehr,
-sprach der alte Knecht, denn sie sind dahin, der Zorn des Herrn war
-gegen sie entbrannt, er gedachte euch in ihnen zu strafen.
-
-Ein heißer Zorn stieg in Eckarts Gemüth auf, und er war vor Schmerz und
-Wuth sein selber nicht mehr mächtig. Er spornte sein Roß mit aller
-Gewalt und ritt in das Burgthor hinein. Alle traten ihm mit scheuer
-Ehrfurcht aus dem Wege, und so ritt er vor den Pallast. Er schwang sich
-vom Rosse und ging mit wankenden Schritten die großen Stiegen hinan. Bin
-ich hier in der Wohnung des Mannes, sagte er zu sich selber, der sonst
-mein Freund war? Er wollte seine Gedanken sammeln, aber immer wildere
-Gestalten bewegten sich vor seinen Augen, und so trat er in das Gemach
-des Fürsten.
-
-Der Herzog von Burgund war sich seiner nicht gewärtig, und erschrak
-heftig, als er den Eckart vor sich sah. Bist du der Herzog von Burgund?
-redete dieser ihn an. Worauf der Herzog mit Ja antwortete. Und du hast
-meinen Sohn Dietrichen hinrichten lassen? Der Herzog sagte Ja. Und auch
-mein jüngstes Söhnlein Conrad, rief Eckart im Schmerz, ist dir nicht zu
-gut gewesen, und du hast ihn auch umbringen lassen? Worauf der Herzog
-wieder mit Ja antwortete.
-
-Hier ward Eckart übermannt und sprach in Thränen: O antworte mir nicht
-so, Burgund, denn diese Reden kann ich nicht aushalten, sprich nur, daß
-es dich gereut, daß du es jezt ungeschehen wünschest, und ich will mich
-zu trösten suchen; aber so bist du meinem Herzen überall zuwider.
-
-Der Herzog sagte: entferne dich von meinem Angesichte, ungetreuer
-Verräther, denn du bist mir der ärgste Feind, den ich nur auf Erden
-haben kann.
-
-Eckart sagte: du hast mich wohl ehedem deinen Freund genannt, aber diese
-Gedanken sind dir nunmehr fremd; nie hab' ich dir zuwider gehandelt,
-stets hab' ich dich als meinen Fürsten geehrt und geliebt, und behüte
-mich Gott, daß ich nun, wie ich wohl könnte, die Hand an mein Schwerdt
-legen sollte, um mir Rache zu schaffen. Nein, ich will mich selbst von
-deinem Angesichte verbannen, und in der Einsamkeit sterben.
-
-Mit diesen Worten ging er fort, und der Burgund war in seinem Gemüthe
-bewegt, doch erschienen auf seinen Ruf die Leibwächter mit den Lanzen,
-die ihn von allen Seiten umgaben, und den Eckart mit ihren Spießen aus
-dem Gemache treiben wollten.
-
- Es schwang sich auf sein Pferd
- Eckart der edle Held,
- Und sprach: in aller Welt
- Ist mir nun nichts mehr werth.
-
- Die Söhn' hab' ich verloren,
- So find' ich nirgend Trost,
- Der Fürst ist mir erbost,
- Hat meinen Tod geschworen.
-
- Da reitet er zu Wald
- Und klagt aus vollem Herzen
- Die übergroßen Schmerzen,
- Daß weit die Stimme schallt:
-
- Die Menschen sind mir todt,
- Ich muß mir Freunde suchen
- In Eichen, wilden Buchen,
- Ihn'n klagen meine Noth.
-
- Kein Kind, das mich ergötzt,
- Erwürgt von schlimmen Leuen
- Blieb keiner von den dreien,
- Der Liebste starb zuletzt.
-
- Wie Eckart also klagte,
- Verlor er Sinn und Muth,
- Er reit't in Zorneswuth,
- Als schon der Morgen tagte.
-
- Das Roß, das treu geblieben,
- Stürzt hin im wilden Lauf,
- Er achtet nicht darauf
- Und will nun nichts mehr lieben.
-
- Er thut die Rüstung abe,
- Wirft sich zu Boden hin,
- Auf Sterben steht sein Sinn,
- Sein Wunsch nur nach dem Grabe.
-
-Niemand in der Gegend wußte, wohin sich der Eckart gewendet, denn er
-hatte sich in die wüsten Waldungen hinein verirrt, und vor keinem
-Menschen ließ er sich sehen. Der Herzog fürchtete seinen Sinn, und es
-gereute ihn nun, daß er ihn von sich gelassen, ohne ihn zu fangen. Darum
-machte er sich an einem Morgen auf, mit einem großen Zuge von Jägern und
-anderm Gefolge, um die Wälder zu durchstreifen und den Eckart
-aufzusuchen, denn er meinte, daß dessen Tod nur ihn völlig sicher
-stellte. Alle waren unermüdet, und ließen sich den Eifer nicht
-verdrießen, aber die Sonne war schon untergegangen, ohne daß sie von
-Eckart eine Spur angetroffen hätten.
-
-Ein Sturm brach herein, und große Wolken flogen sausend über dem Walde
-hin, der Donner rollte, und Blitze fuhren in die hohen Eichen; von einem
-ungestümen Schrecken wurden alle angefaßt, und einzeln in den Gebüschen
-und auf den Fluren zerstreut. Das Roß des Herzogs rannte in das Dickicht
-hinein, sein Knappe vermochte nicht, ihm zu folgen; das edle Roß stürzte
-nieder, und der Burgund rief im Gewitter vergeblich nach seinen Dienern,
-denn es war keiner, der ihn hören mochte.
-
-Wie ein wildes Thier war Eckart umher geirrt, ohne von sich, von seinem
-Unglücke etwas zu wissen, er hatte sich selber verloren und in dumpfer
-Betäubung seinen Hunger mit Kräutern und Wurzeln gesättigt; unkenntlich
-wäre der Held jezt jedem seiner Freunde gewesen, so hatten ihn die Tage
-seiner Verzweiflung entstellt. Wie der Sturm aufbrach, erwachte er aus
-seiner Betäubung, er fand sich in seinen Schmerzen wieder und erkannte
-sein Unglück. Da erhub er ein lautes Jammergeschrei um seine Kinder, er
-raufte seine weißen Haare und klagte im Brausen des Sturmes: Wohin,
-wohin seid ihr gekommen, ihr Theile meines Herzens? Und wie ist mir denn
-so alle Macht genommen, daß ich euren Tod nicht mindestens rächen darf?
-Warum hielt ich denn meinen Arm zurück, und gab nicht dem den Tod, der
-meinem Herzen den tödtlichsten Stich zutheilte? Ha, du verdienst es,
-Wahnsinniger, daß der Tyrann dich verhöhnt, weil dein unmächtiger Arm,
-dein blödes Herz nicht dem Mörder widerstrebt! Jezt, jezt sollte er so
-vor mir stehn! Vergeblich wünsch' ich jezt die Rache, da der Augenblick
-vorüber ist.
-
-So kam die Nacht herauf, und Eckart irrte in seinem Jammer umher. Da
-hörte er aus der Ferne wie eine Stimme, die um Hülfe rief. Er richtete
-seine Schritte nach dem Schalle, und traf endlich in der Dunkelheit auf
-einen Mann, der an einen Baumstamm gelehnt, ihn wehmüthig bat, ihm
-wieder auf die rechte Straße zu helfen. Eckart erschrak vor der Stimme,
-denn sie schien ihm bekannt, und bald ermannte er sich und erkannte, daß
-der Verirrte der Herzog von Burgunden sei. Da erhub er seine Hand und
-wollte sein Schwerdt fassen, um den Mann nieder zu hauen, der der Mörder
-seiner Kinder war; es überfiel ihn die Wuth mit neuen Kräften, und er
-war des festen Willens, jenem den Garaus zu machen, als er plötzlich
-inne hielt, und seines Schwures und des gegebenen Wortes gedachte. Er
-faßte die Hand seines Feindes, und führte ihn nach der Gegend, wo er die
-Straße vermuthete.
-
- Der Herzog sank darnieder
- Im wilden dunkeln Hain,
- Da nahm der Helde bieder
- Ihn auf die Schultern sein.
-
- Er sprach: gar viel Beschwerden
- Mach' ich dir, guter Mann;
- Der sagte: auf der Erden
- Muß man gar viel bestahn.
-
- Doch sollst du, sprach Burgund,
- Dich freun, bei meinem Worte,
- Komm ich nur erst gesund
- Zu Haus und sicherm Orte.
-
- Der Held fühlt Thränen heiß
- Auf seinen alten Wangen,
- Er sprach: auf keine Weis'
- Trag ich nach Lohn Verlangen.
-
- Es mehren sich die Plagen,
- Sprach der Burgund in Noth;
- Wohin willst du mich tragen?
- Du bist wohl gar der Tod? --
-
- Tod bin ich nicht genannt,
- Sprach Eckart noch im Weinen,
- Du stehst in Gottes Hand,
- Sein Licht mag dich bescheinen.
-
- Ach, wohl ist mir bewußt,
- Sprach jener drauf in Reue,
- Daß sündvoll meine Brust,
- Drum zittr' ich, daß er dräue.
-
- Ich hab' dem treusten Freunde
- Die Kinder umgebracht,
- Drum steht er mir zum Feinde
- In dieser finstern Nacht.
-
- Er war mir recht ergeben,
- Als wie der treuste Knecht,
- Und war im ganzen Leben
- Mir niemals ungerecht.
-
- Die Kindlein ließ ich tödten,
- Das kann er nie verzeihn,
- Ich fürcht', in diesen Nöthen
- Treff' ich ihn hier im Hain:
-
- Das sagt mir mein Gewissen,
- Mein Herze innerlich,
- Die Kind hab ich zerrissen,
- Dafür zerreißt er mich.
-
- Der Eckart sprach: empfinden
- Muß ich so schwere Last,
- Weil du nicht rein von Sünden
- Und schwer gefrevelt hast.
-
- Daß du den Mann wirst schauen,
- Ist auch gewißlich wahr,
- Doch magst du mir vertrauen,
- So krümmt er dir kein Haar.
-
-So gingen sie in Gesprächen fort, als ihnen im Walde eine andre
-Mannsgestalt begegnete, es war Wolfram, der Knappe des Herzogs, der
-seinen Herrn schon seit lange gesucht hatte. Die dunkle Nacht lag noch
-über ihnen, und kein Sternlein blickte zwischen den schwarzen Wolken
-hervor. Der Herzog fühlte sich schwächer, und wünschte eine Herberge zu
-erreichen, in der er die Nacht schlafen möchte; dabei zitterte er, auf
-den Eckart zu treffen, der wie ein Gespenst vor seiner Seele stand. Er
-glaubte nicht den Morgen zu erleben, und schauderte von neuem zusammen,
-wenn sich der Wind wieder in den hohen Bäumen regte, wenn der Sturm von
-unten herauf aus den Bergschluften kam und über ihren Häuptern hinweg
-ging. Besteige, Wolfram, rief der Herzog in seiner Angst, diese hohe
-Tanne, und schaue umher, ob du kein Lichtlein, kein Haus, oder keine
-Hütte erspähst, zu der wir uns wenden mögen.
-
-Der Knappe kletterte mit Gefahr seines Lebens zum hohen Tannenbaum
-hinauf, den der Sturm von einer Seite zur andern warf, und je zuweilen
-fast bis zur Erde den Wipfel beugte, so daß der Knappe wie ein
-Eichkätzlein oben schwankte. Endlich hatte er den Gipfel erklommen und
-rief: Im Thal da unten seh' ich den Schein eines Lichtes, dorthin müssen
-wir uns wenden! Sogleich stieg er ab und zeigte den beiden den Weg, und
-nach einiger Zeit sahen alle den erfreulichen Schein, worüber der Herzog
-anfing, sich wieder wohl zu gehaben. Eckart blieb immer stumm und in
-sich gekehrt, er sprach kein Wort und schaute seinen innern Gedanken zu.
-Als sie vor der Hütte standen, klopften sie an, und ein altes Mütterlein
-öffnete ihnen die Thür; so wie sie hinein traten, ließ der starke Eckart
-den Herzog von seinen Schultern nieder, der sich alsbald auf seine Knie
-warf und Gott in einem brünstigen Gebete für seine Rettung dankte.
-Eckart setzte sich in einen finstern Winkel nieder und traf dort den
-Greis schlafend, der ihm unlängst sein großes Unglück mit seinen Söhnen
-erzählt hatte, welche er aufzusuchen ging.
-
-Als der Herzog sein Gebet vollendet, sprach er: Wunderbar ist mir in
-dieser Nacht zu Sinne geworden, und die Güte Gottes wie seine Allmacht
-haben sich meinem verstockten Herzen noch niemals so nahe gezeigt; auch
-daß ich bald sterbe, sagt mir mein Gemüth, und ich wünsche nichts so
-sehr, als daß Gott mir vorher meine vielen und schweren Sünden vergeben
-möge. Euch beide aber, die ihr mich hieher geführt habt, will ich vor
-meinem Ende noch belohnen, so viel ich kann. Dir, meinem Knappen,
-schenk' ich die beiden Schlösser, die hier auf den nächsten Bergen
-liegen; doch sollst du dich künftig, zum Gedächtniß dieser grauenvollen
-Nacht, den Tannenhäuser nennen. Und wer bist du, Mann, fuhr er fort, der
-sich dorten im Winkel gelagert hat? Komm hervor, damit ich auch dir für
-deine Mühe und Liebe lohnen möge.
-
- Da stand der Eckart von der Erden
- Und trat herfür ans helle Licht,
- Er zeigt mit traurigen Geberden
- Sein hochbekümmert Angesicht.
-
- Da fehlt dem Burgund Kraft und Muth,
- Den Blick des Mannes auszuhalten,
- Den Adern sein entweicht das Blut,
- In Ohnmacht ist er festgehalten.
-
- Es stürzen ihm die matten Glieder
- Von neuem auf den Boden nieder.
- Allmächt'ger Gott! so schreit er laut,
- Du bist es, den mein Auge schaut?
- Wohin soll ich vor dir entfliehn?
- Mußt du mich aus dem Walde ziehn?
- Dem ich die Kinder hab' erschlagen,
- Der muß mich in den Armen tragen?
-
- So klagt Burgund und weint im Sprechen,
- Und fühlt das Herz im Busen brechen,
- Er sinkt dem Eckart an die Brust,
- Ist sich sein selber nicht bewußt. --
- Der Eckart leise zu ihm spricht:
- Der Schmach gedenk' ich fürder nicht,
- Damit die Welt es sehe frei,
- Der Eckart war dir stets getreu.
-
-So verging die Nacht. Am andern Morgen kamen andre Diener, die den
-kranken Herzog fanden. Sie legten ihn auf Maulthiere und führten ihn in
-sein Schloß zurück. Eckart durfte nicht von seiner Seite kommen, oft
-aber nahm er seine Hand und drückte sie sich gegen seine Brust, und sah
-ihn mit einem flehenden Blicke an. Eckart umarmte ihn dann, und sprach
-einige liebevolle Worte, mit denen sich der Fürst beruhigte. Er
-versammelte alle seine Räthe um sich her, und sagte ihnen, daß er den
-Eckart, den getreuen Mann, zum Vormunde über seine Söhne setze, weil
-dieser sich als den edelsten erwiesen. So starb er.
-
-Seitdem nahm sich Eckart der Regierung mit allem Fleiße an, und
-jedermann im Lande mußte seinen hohen männlichen Muth bewundern. Es
-währte nicht lange, so verbreitete sich in allen Gegenden das wunderbare
-Gerücht von dem Spielmanne, der aus dem Venusberge gekommen, das ganze
-Land durchziehe und mit seinen Tönen die Menschen entführe, welche
-verschwänden, ohne daß man eine Spur von ihnen wieder finden könne.
-Viele glaubten dem Gerüchte, andre nicht, und Eckart gedachte des
-unglücklichen Greises wieder.
-
-Ich habe euch zu meinen Söhnen angenommen, sprach er zu den unmündigen
-Jünglingen, als er sich einst mit ihnen auf dem Berge vor dem Schlosse
-befand; euer Glück ist jezt meine Nachkommenschaft, ich will in eurer
-Freude nach meinem Tode fortleben. Sie lagerten sich auf dem Abhange,
-von wo sie weit in das schöne Land hinein sehn konnten, und Eckart
-unterdrückte das Andenken an seine Kinder, denn sie schienen ihm von den
-Bergen herüber zu schreiten, indem er aus der Ferne einen lieblichen
-Klang vernahm.
-
- Kommt es nicht wie Träumen
- Aus den grünen Räumen
- Zu uns wallend nieder,
- Wie Verstorbner Lieder?
-
- Spricht er zu den jungen Herrn,
- Vernimmt den Zauberklang von fern.
- Wie sich die Tön' herüberschwungen
- Erwachet in den frommen Jungen
- Ein seltsam böser Geist,
- Der sich nach unbekannter Ferne reißt.
-
- Wir wollen in die Berge, in die Felder,
- Uns rufen die Quellen, es locken die Wälder,
- Gar heimliche Stimmen entgegen singen,
- Ins irdische Paradies uns zu bringen!
-
- Der Spielmann kommt in fremder Tracht
- Den Söhnen Burgunds ins Gesicht,
- Und höher schwillt der Töne Macht,
- Und heller glänzt der Sonne Licht,
- Die Blumen scheinen trunken,
- Ein Abendroth nieder gesunken,
- Und zwischen Korn und Gräsern schweifen
- Sanft irrend blau und goldne Streifen.
-
- Wie ein Schatten ist hinweg gehoben
- Was sonst den Sinn zur Erden zieht,
- Gestillt ist alles ird'sche Toben,
- Die Welt zu Einer Blum' erblüht,
- Die Felsen schwanken lichterloh,
- Die Triften jauchzen und sind froh,
- Es wirrt und irrt alles in die Klänge hinein
- Und will in der Freude heimisch sein,
- Des Menschen Seele reißen die Funken,
- Sie ist im holden Wahnsinn ganz versunken.
-
- Es wurde Eckart rege
- Und wundert sich dabei,
- Er hört der Töne Schläge
- Und fragt sich, was es sei.
-
- Ihm dünkt die Welt erneuet,
- In andern Farben blühn,
- Er weiß nicht, was ihn freuet,
- Fühlt sich in Wonne glühn.
-
- Ha! bringen nicht die Töne,
- So fragt er sich entzückt,
- Mir Weib und liebe Söhne,
- Und was mich sonst beglückt?
-
- Doch faßt ein heimlich Grauen
- Den Helden plötzlich an,
- Er darf nur um sich schauen
- Und fühlt sich bald ein Mann.
-
- Da sieht er schon das Wüthen
- Der ihm vertrauten Kind,
- Die sich der Hölle bieten
- Und unbezwinglich sind.
-
- Sie werden fortgezogen
- Und kennen ihn nicht mehr,
- Sie toben wie die Wogen
- Im wildempörten Meer.
-
- Was soll er da beginnen?
- Ihn ruft sein Wort und Pflicht,
- Ihm wanken selbst die Sinnen,
- Er kennt sich selber nicht.
-
- Da kömmt die Todesstunde
- Von seinem Freund zurück,
- Er höret den Burgunde
- Und sieht den letzten Blick.
-
- So schirmt er sein Gemüthe
- Und steht gewappnet da,
- Indem kommt im Gemüthe
- Der Spielmann selbst ihm nah.
-
- Er will den Degen schwingen
- Und schlagen jenes Haupt:
- Er hört die Pfeife klingen,
- Die Kraft ist ihm geraubt.
-
- Es stürzen aus den Bergen
- Gestalten wunderlich,
- Ein wüstes Heer von Zwergen,
- Sie nahen grauerlich.
-
- Die Söhne sind gefangen
- Und toben in dem Schwarm,
- Umsonst ist sein Verlangen,
- Gelähmt sein tapfrer Arm.
-
- Es stürmt der Zug an Vesten,
- An Schlössern wild vorbei,
- Sie ziehn von Ost nach Westen
- Mit jauchzendem Geschrei.
-
- Eckart ist unter ihnen,
- Es reißt die Macht ihn hin,
- Er muß der Hölle dienen,
- Bezwungen ist sein Sinn.
-
- Da nahen sie dem Berge,
- Aus dem Musik erschallt,
- Und also gleich die Zwerge
- Stillstehn und machen Halt.
-
- Der Fels springt von einander,
- Ein bunt Gewimmel drein,
- Man sieht Gestalten wandern
- Im wunderlichen Schein.
-
- Da faßt er seinen Degen
- Und sprach: ich bleibe treu!
- Und haut mit Kraft verwegen
- In alle Schaaren frei.
-
- Die Kinder sind errungen,
- Sie fliehen durch das Thal,
- Der Feind noch unbezwungen
- Mehrt sich zu Eckarts Quaal.
-
- Die Zwerge sinken nieder,
- Sie fassen neuen Muth,
- Es kommen andre wieder,
- Und jeder kämpft mit Wuth.
-
- Da sieht der Held schon ferne
- Die Kind in Sicherheit,
- Sprach: nun verlier' ich gerne
- Mein Leben hier im Streit.
-
- Sein tapfres Schwerdt thut blinken
- Im hellen Sonnenstrahl,
- Die Zwerge niedersinken
- Zu Haufen dort im Thal.
-
- Die Kinder sind entschwunden
- Im allerfernsten Feld,
- Da fühlt er seine Wunden,
- Da stirbt der tapfre Held.
-
- So fand er seine Stunde
- Wild kämpfend wie der Leu,
- Und blieb noch dem Burgunde
- Im Tode selber treu.
-
- Als nun der Held erschlagen
- Regiert der ältste Sohn,
- Dankbar hört man ihn sagen:
- Eckart hat meinen Thron
-
- Erkämpft mit vielen Wunden
- Und seinem besten Blut,
- Und alle Lebensstunden
- Verdank' ich seinem Muth.
-
- Bald hört man Wundersagen
- Im ganzen Land umgehn,
- Daß, wer es wolle wagen
- Der Venus Berg zu sehn,
-
- Der werde dorten schauen
- Des treuen Eckart Geist,
- Der jeden mit Vertrauen
- Zurück vom Felsen weist.
-
- Wo er nach seinem Sterben
- Noch Schutz und Wache hält.
- Es preisen alle Erben
- Eckart den treuen Held.
-
-
-
-
- Zweiter Abschnitt.
-
-
-Es waren mehr als vier Jahrhunderte seit dem Tode des getreuen Eckart
-verflossen, als am Hofe ein edler Tannenhäuser als kaiserlicher Rath im
-großen Ansehen stand. Der Sohn dieses Ritters übertraf an Schönheit alle
-übrigen Edlen des Landes, weswegen er auch von jedermann geliebt und
-hochgeschätzt wurde. Plötzlich aber verschwand er, nachdem sich einige
-wunderbare Dinge mit ihm zugetragen hatten, und kein Mensch wußte zu
-sagen, wohin er gekommen sei. Seit der Zeit des getreuen Eckart gab es
-vom Venusberge eine Sage im Lande, und manche sprachen, daß er dorthin
-gewandert und also auf ewig verloren sei.
-
-Einer von seinen Freunden, Friedrich von Wolfsburg, härmte sich von
-allen am meisten um den jungen Tannenhäuser. Sie waren mit einander
-erwachsen und ihre gegenseitige Freundschaft schien jedem ein Bedürfniß
-seines Lebens geworden zu sein. Tannenhäusers alter Vater war gestorben,
-Friedrich vermälte sich nach einigen Jahren; schon umgab ihn ein Kreis
-von fröhlichen Kindern, und immer noch hatte er keine Nachricht von
-seinem Jugendfreunde vernommen, so daß er ihn auch für gestorben halten
-mußte.
-
-Er stand eines Abends unter dem Thor seiner Burg, als er aus der Ferne
-einen Pilgrim daher kommen sah, der sich seinem Schlosse näherte. Der
-fremde Mann war in seltsame Tracht gekleidet, und sein Gang wie seine
-Geberden erschienen dem Ritter wunderlich. Als jener näher gekommen,
-glaubte er ihn zu kennen, und endlich war er mit sich einig, daß der
-Fremde kein anderer als sein ehemaliger Freund der Tannenhäuser sein
-könne. Er erstaunte und ein heimlicher Schauer bemächtigte sich seiner,
-als er die durchaus veränderten Züge deutlich gewahr wurde.
-
-Die beiden Freunde umarmten sich, und erschraken dann einer vor dem
-andern, sie staunten sich an, wie fremde Wesen. Der Fragen, der
-verworrenen Antworten gab es viele; Friedrich erbebte oft vor dem wilden
-Blicke seines Freundes, in dem ein unverständliches Feuer brannte.
-Nachdem sich der Tannenhäuser einige Tage erholt hatte, erfuhr
-Friedrich, daß er auf einer Wallfahrt nach Rom begriffen sei.
-
-Die beiden Freunde erneuerten bald ihre ehemaligen Gespräche und
-erzählten sich die Geschichte ihrer Jugend, doch verschwieg der
-Tannenhäuser noch immer sorgfältig, wo er seitdem gewesen. Friedrich
-aber drang in ihn, nachdem sie sich in ihre sonstige Vertraulichkeit
-wieder hinein gefunden hatten, jener suchte sich lange den
-freundschaftlichen Bitten zu entziehen, doch endlich rief er aus: Nun,
-so mag dein Wille erfüllt werden, du sollst alles erfahren, mache mir
-aber nachher keine Vorwürfe, wenn dich die Geschichte mit Bekümmerniß
-und Grauen erfüllt.
-
-Sie gingen ins Freie und wandelten durch einen grünen Lustwald, wo sie
-sich niedersetzten, worauf der Tannenhäuser sein Haupt im grünen Grase
-verbarg und unter lautem Schluchzen seinem Freunde abgewandt die rechte
-Hand reichte, die dieser zärtlich drückte. Der trübselige Pilgrim
-richtete sich wieder auf, und begann seine Erzählung auf folgende Weise:
-
-Glaube mir, mein Theurer, daß manchem von uns ein böser Geist von seiner
-Geburt an mitgegeben wird, der ihn durch das Leben dahin ängstigt und
-ihn nicht ruhen läßt, bis er an das Ziel seiner schwarzen Bestimmung
-gelangt ist. So geschahe mir, und mein ganzer Lebenslauf ist nur ein
-dauerndes Geburtswehe, und mein Erwachen wird in der Hölle sein. Darum
-habe ich nun schon so viele mühselige Schritte gethan, und so manche
-stehn mir noch auf meiner Pilgerschaft bevor, ob ich vielleicht beim
-heiligen Vater zu Rom Vergebung erlangen möchte: vor ihm will ich die
-schwere Ladung meiner Sünden ablegen, oder im Druck erliegen und
-verzweifelnd sterben.
-
-Friedrich wollte ihn trösten, doch schien der Tannenhäuser auf seine
-Reden nicht sonderlich Acht zu geben, sondern fuhr nach einer kleinen
-Weile mit folgenden Worten fort: Man hat ein altes Mährchen, daß vor
-vielen Jahrhunderten ein Ritter mit dem Namen des getreuen Eckart gelebt
-habe; man erzählt, wie damals aus einem seltsamen Berge ein Spielmann
-gekommen sei, dessen wunderbarliche Töne so tiefe Sehnsucht, so wilde
-Wünsche in den Herzen aller Hörenden auferweckt haben, daß sie
-unwiderstreblich den Klängen nachgerissen worden, um sich in jenem
-Gebirge zu verlieren. Die Hölle hat damals ihre Pforten den armen
-Menschen weit aufgethan, und sie mit lieblicher Musik zu sich herein
-gespielt. Ich hörte als Knabe diese Erzählung oft und wurde nicht
-sonderlich davon gerührt, doch währte es nicht lange, so erinnerte mich
-die ganze Natur, jedweder Klang, jedwede Blume an die Sage von diesen
-herzergreifenden Tönen. Ich kann dir nicht ausdrücken, welche Wehmuth,
-welche unaussprechliche Sehnsucht mich plötzlich ergriff, und wie in
-Banden hielt und fortführen wollte, wenn ich dem Zug der Wolken
-nachsahe, die lichte herrliche Bläue erblickte, die zwischen ihnen
-hervordrang, welche Erinnerungen Wies' und Wald in meinem tiefsten
-Herzen erwecken wollten. Oft ergriff mich die Lieblichkeit und Fülle der
-herrlichen Natur, daß ich die Arme ausstreckte und wie mit Flügeln
-hineinstreben wollte, um mich, wie der Geist der Natur, über Berg und
-Thal auszugießen, und mich in Gras und Büschen allseitig zu regen und
-die Fülle des Segens einzuathmen. Hatte mich am Tage die freie
-Landschaft entzückt, so ängstigten mich in der Nacht dunkle Traumbilder
-und stellten sich grauenhaft vor mich hin, als wenn sie mir den Weg zu
-allem Leben versperren wollten. Vor allen ließ ein Traum einen
-unauslöschlichen Eindruck in meinem Gemüthe zurück, ob ich gleich nicht
-die Bilder deutlich wieder in meine Phantasie zurückrufen konnte. Mir
-dünkte, als wäre ein großes Gewühl in den Gassen, ich vernahm
-undeutliche Gespräche durcheinander, darauf ging ich, es war dunkle
-Nacht, in das Haus meiner Eltern, und nur mein Vater war zugegen und
-krank. Am nächsten Morgen fiel ich meinen Eltern um den Hals, umarmte
-sie inbrünstig und drückte sie an meine Brust, als wenn uns eine
-feindliche Gewalt von einander reißen wollte. Sollt' ich dich verlieren?
-sprach ich zum theuren Vater, o wie unglücklich und einsam wäre ich ohne
-dich in dieser Welt! Sie trösteten mich, aber es gelang ihnen nicht, das
-dunkle Bild aus meinem Gedächtnisse zu entfernen.
-
-Ich ward älter, indem ich mich stets von andern Knaben meines Alters
-entfernt hielt. Oft streifte ich einsam durch die Felder, und so geschah
-es an einem Morgen, daß ich meinen Weg verlor, und in einem dunkeln
-Walde, um Hülfe rufend, herum irrte. Nachdem ich so lange Zeit
-vergeblich nach einem Wege gesucht hatte, stand ich endlich plötzlich
-vor einem eisernen Gatterwerk, welches einen Garten umschloß. Durch
-dasselbe sah ich schöne dunkle Gänge vor mir, Fruchtbäume und Blumen,
-voran standen Rosengebüsche, die im Schein der Sonne glänzten. Ein
-unnennbares Sehnen zu den Rosen ergriff mich, ich konnte mich nicht
-zurückhalten, ich drängte mich mit Gewalt durch die eisernen Stäbe, und
-war nun im Garten. Alsbald fiel ich nieder, umfaßte mit meinen Armen die
-Gebüsche, küßte die Rosen auf ihren rothen Mund, und ergoß mich in
-Thränen. Als ich mich eine Zeit in dieser Entzückung verloren hatte,
-kamen zwei Mädchen durch die Baumgänge, die eine älter, die andre von
-meinen Jahren. Ich erwachte aus meiner Betäubung, um mich einer höheren
-Trunkenheit hinzugeben. Mein Auge fiel auf die jüngere, und mir war in
-diesem Augenblicke, als würde ich von allen meinen unbekannten Schmerzen
-geheilt. Man nahm mich im Hause auf, die Eltern der beiden Kinder
-erkundigten sich nach meinem Namen, und schickten meinem Vater
-Botschaft, der mich gegen Abend selber wieder abholte.
-
-Von diesem Tage hatte der ungewisse Lauf meines Lebens eine bestimmte
-Richtung gewonnen, meine Gedanken eilten immer wieder nach dem Schlosse
-und dem Mädchen zurück, denn hier schien mir die Heimath aller meiner
-Wünsche. Ich vergaß meiner gewohnten Freuden, ich vernachlässigte meine
-Gespielen, und besuchte oft den Garten, das Schloß und das Mädchen. Bald
-war ich dort wie ein Kind vom Hause, so daß man sich nicht mehr
-verwunderte, wenn ich zugegen war, und Emma ward mir mit jedem Tage
-lieber. So vergingen mir die Stunden, und eine Zärtlichkeit hatte mein
-Herz gefangen genommen, ohne daß ich es selber wußte. Meine ganze
-Bestimmung schien mir nun erfüllt, ich hatte keine andere Wünsche, als
-immer wieder zu kommen, und wenn ich fortging, dieselbe Aussicht auf den
-künftigen Tag zu haben.
-
-Um die Zeit ward ein junger Ritter in der Familie bekannt, der auch
-zugleich ein Freund meiner Eltern war, und sich bald eben so, wie ich,
-an Emma schloß. Ich haßte ihn von diesem Augenblicke wie meinen
-Todfeind. Unbeschreiblich aber waren meine Gefühle, als ich wahrzunehmen
-glaubte, daß Emma seine Gesellschaft der meinigen vorziehe. Von dieser
-Stunde an war es, als wenn die Musik, die mich bis dahin begleitet
-hatte, in meinem Busen unterginge. Ich dachte nur Tod und Haß, wilde
-Gedanken erwachten in meiner Brust, wenn Emma nun auf der Laute die
-bekannten Gesänge sang. Auch verbarg ich meinen Widerwillen nicht, und
-bezeigte mich gegen meine Eltern, die mir Vorwürfe machten, wild und
-widerspenstig.
-
-Nun irrte ich in den Wäldern und zwischen Felsen umher, gegen mich
-selber wüthend: den Tod meines Gegners hatte ich beschlossen. Der junge
-Ritter hielt nach einigen Monden bei den Eltern um meine Geliebte an,
-sie wurde ihm zugesagt. Was mich sonst wunderbar in der ganzen vollen
-Natur angezogen und gereizt hatte, hatte sich mir in Emmas Bilde
-vereiniget; ich wußte, kannte und wollte kein anderes Glück als sie, ja
-ich hatte mir willkührlich vorgesetzt, daß ihren Verlust und mein
-Verderben ein und derselbe Tag herbei führen solle.
-
-Meine Eltern grämten sich über meine Verwilderung, meine Mutter war
-krank geworden, aber es rührte mich nicht, ich kümmerte mich wenig um
-ihren Zustand, und sah sie nur selten. Der Hochzeitstag meines Feindes
-rückte heran, und mit ihm wuchs meine Angst, die mich durch die Wälder
-und über die Berge trieb. Ich verwünschte Emma und mich mit den
-gräßlichsten Flüchen. Um die Zeit hatte ich keinen Freund, kein Mensch
-wollte sich meiner annehmen, weil mich alle verloren gaben.
-
-Die schreckliche Nacht vor dem Vermählungstage brach heran. Ich hatte
-mich unter Klippen verirrt und hörte unter mir die Waldströme brausen,
-oft erschrak ich vor mir selber. Als es Morgen war, sah ich meinen Feind
-von den Bergen hernieder steigen, ich fiel ihn mit beschimpfenden Reden
-an, er vertheidigte sich, wir griffen zu den Schwerdtern, und bald sank
-er unter meinen wüthenden Hieben nieder.
-
-Ich eilte fort, ich sah mich nicht nach ihm um, aber seine Begleiter
-trugen den Leichnam fort. Nachts schwärmte ich um die Wohnung, die meine
-Emma einschloß, und nach wenigen Tagen vernahm ich im benachbarten
-Kloster Todtengeläute und den Grabgesang der Nonnen. Ich fragte: man
-sagte mir, daß Fräulein Emma aus Gram über den Tod ihres Bräutigams
-gestorben sei.
-
-Ich wußte nicht zu bleiben, ich zweifelte, ob ich lebe, ob alles
-Wahrheit sei. Ich eilte zurück zu meinen Eltern, und kam in der
-folgenden Nacht spät in die Stadt, in der sie wohnten. Alles war in
-Unruhe, Pferde und Rüstwagen erfüllten die Straßen, Lanzenknechte
-tummelten sich durch einander und sprachen in verwirrten Reden: es war
-gerade an dem, daß der Kaiser einen Feldzug gegen seine Feinde
-unternehmen wollte. Ein einsames Licht brannte in der väterlichen
-Wohnung als ich herein trat; eine drückende Beklemmung lag auf meiner
-Brust. Auf mein Anklopfen kommt mir mein Vater selbst mit leisem
-bedächtigen Schritte entgegen; sogleich erinnere ich mich des alten
-Traumes aus meinen Kinderjahren, und fühle mit innigster Bewegung, daß
-es dasselbe sei, was ich nun erlebe. Ich bin bestürzt, ich frage: Warum,
-Vater, seid ihr so spät noch auf? Er führt mich hinein und spricht: ich
-muß wohl wachen, denn deine Mutter ist ja nun auch todt.
-
-Die Worte fielen wie Blitze in meine Seele. Er setzte sich bedächtig
-nieder, ich mich an seine Seite, die Leiche lag auf einem Bette und war
-mit Tüchern seltsam zugehängt. Mein Herz wollte zerspringen. Ich halte
-Wache, sprach der Alte, denn meine Gattin sitzt noch immer neben mir.
-Meine Sinne vergingen, ich heftete meine Augen in einen Winkel, und nach
-kurzer Weile regte es sich wie ein Dunst, es wallte und wogte, und die
-bekannte Bildung meiner Mutter zog sich sichtbarlich zusammen, die nach
-mir mit ernsten Mienen schaute. Ich wollte fort, ich konnte nicht, denn
-die mütterliche Gestalt winkte und mein Vater hielt mich fest in den
-Armen, welcher mir leise zuflüsterte: sie ist aus Gram um dich
-gestorben. Ich umfaßte ihn mit aller kindlichen Brünstigkeit, ich vergoß
-brennende Thränen an seiner Brust. Er küßte mich, und mir schauderte,
-als seine Lippen kalt wie die Lippen eines Todten mich berührten. Wie
-ist dir, Vater? rief ich mit Entsetzen aus. Er zuckte schmerzhaft in
-sich zusammen und antwortete nicht. In wenigen Augenblicken fühlte ich
-ihn kälter werden, ich suchte nach seinem Herzen, es stand still, und im
-wehmüthigen Wahnsinn hielt ich die Leiche in meiner Umarmung fest
-eingeklammert.
-
-Wie ein Schein, gleich der ersten Morgenröthe, flog es durch das dunkle
-Gemach; da saß der Geist meines Vaters neben dem Bilde meiner Mutter,
-und beide sahen nach mir mitleidig hin, wie ich die theure Leiche
-festhielt. Seitdem war es um mein Bewußtsein geschehn, wahnsinnig und
-kraftlos fanden mich die Diener am Morgen in der Todtenkammer. --
-
-Bis hieher war der Tannenhäuser mit seiner Erzählung gekommen, indem ihm
-sein Freund Friedrich mit dem größten Erstaunen zuhörte, als er
-plötzlich abbrach und mit dem Ausdruck des größten Schmerzes inne hielt.
-Friedrich war verlegen und nachdenkend, die beiden Freunde gingen in die
-Burg zurück, doch blieben sie in einem Zimmer allein.
-
-Nachdem der Tannenhäuser eine Weile geschwiegen hatte, fing er wieder
-an: Immer noch erschüttert mich das Andenken dieser Stunden tief, und
-ich begreife nicht, wie ich sie habe überleben können. Nunmehr schien
-mir die Erde und das Leben völlig ausgestorben und verwüstet, ich
-schleppte mich ohne Gedanken und Wunsch von einem Tage zum andern
-hinüber. Dann gerieth ich in eine Gesellschaft von wilden jungen Leuten,
-und in Trunk und Wollust suchte ich den pochenden bösen Geist in mir zu
-besänftigen. Die alte brennende Ungeduld erwachte in meiner Brust von
-neuem, und ich konnte mich und meine Wünsche selber nicht verstehn. Ein
-Wüstling, Rudolf genannt, war mein Vertrauter geworden, der aber immer
-meine Klagen wie meine Sehnsucht verlachte. So mochte ein Jahr
-verflossen sein, als meine Angst bis zur Verzweiflung stieg; es drängte
-mich weiter, weiter hinein in eine unbekannte Ferne, ich hätte mich von
-den hohen Bergen hinab in den Glanz der Wiesenfarben, in das kühle
-Gebrause der Ströme stürzen mögen, um den glühenden Durst der Seele, die
-Unersättlichkeit zu löschen; ich sehnte mich nach der Vernichtung und
-wieder wie goldne Morgenwolken schwebten Hoffnung und Lebenslust vor mir
-hin und lockten mich nach. Da kam ich auf den Gedanken, daß die Hölle
-nach mir lüstern sei, und mir so Schmerzen wie Freuden entgegen sende,
-um mich zu verderben, daß ein tückischer Geist alle meine Seelenkräfte
-nach der dunkeln Behausung richte und mich hinunter zügle. Da gab ich
-mich gefangen, um der Quaalen, der wechselnden Entzückungen los zu
-werden. In der dunkelsten Nacht bestieg ich einen hohen Berg und rief
-mit allen Herzenskräften den Feind Gottes und der Menschen zu mir, so
-daß ich fühlte, er würde mir gehorchen müssen. Meine Worte zogen ihn
-herbei, er stand plötzlich neben mir und ich empfand kein Grauen. Da
-ging im Gespräch mit ihm der Glaube an jenen wunderbaren Berg von neuem
-in mir auf, und er lehrte mich ein Lied, das mich von selbst auf die
-rechte Straße dahin führen würde. Er verschwand, und ich war zum
-erstenmal, seit ich lebte, mit mir allein, denn nun verstand ich meine
-abirrenden Gedanken, die aus dem Mittelpunkte heraus strebten, um eine
-neue Welt zu finden. Ich machte mich auf den Weg, und das Lied, das ich
-mit lauter Stimme sang, führte mich über wunderbare Einöden fort, und
-alles übrige in mir und außer mir hatte ich vergessen; es trug mich wie
-auf großen Flügeln der Sehnsucht nach meiner Heimath, ich wollte dem
-Schatten entfliehen, der uns auch aus dem Glanze noch dräut, den wilden
-Tönen, die noch in der zartesten Musik auf uns schelten. So kam ich in
-einer Nacht, als der Mond hinter dunkeln Wolken matt hervor schien, vor
-dem Berge an. Ich setzte mein Lied fort, und eine Riesengestalt stand da
-und winkte mich mit ihrem Stabe zurück. Ich ging näher. Ich bin der
-getreue Eckart, rief die übermenschliche Bildung, ich bin von Gottes
-Güte hieher zum Wächter gesetzt, um des Menschen bösen Fürwitz zurück zu
-halten. -- Ich drang hindurch.
-
-Wie in einem unterirdischen Bergwerke war nun mein Weg. Der Steg war so
-schmal, daß ich mich hindurch drängen mußte, ich vernahm den Klang der
-verborgenen wandernden Gewässer, ich hörte die Geister, die die Erze und
-Gold und Silber bildeten, um den Menschengeist zu locken, ich fand die
-tiefen Klänge und Töne hier einzeln und verborgen, aus denen die
-irdische Musik entsteht; je tiefer ich ging, je mehr fiel es wie ein
-Schleier vor meinem Angesichte hinweg.
-
-Ich ruhte aus und sah andre Menschengestalten heran wanken, mein Freund
-Rudolf war unter ihnen; ich begriff gar nicht, wie sie mir vorbei kommen
-würden, da der Weg so sehr enge war, aber sie gingen mitten durch die
-Steine hindurch, ohne daß sie mich gewahr wurden.
-
-Alsbald vernahm ich Musik, aber eine ganz andre, als bis dahin zu meinem
-Gehör gedrungen war, meine Geister in mir arbeiteten den Tönen entgegen;
-ich kam ins Freie, und wunderhelle Farben glänzten mich von allen Seiten
-an. Das war es, was ich immer gewünscht hatte. Dicht am Herzen fühlte
-ich die Gegenwart der gesuchten, endlich gefundenen Herrlichkeit, und in
-mich spielten die Entzückungen mit allen ihren Kräften hinein. So kam
-mir das Gewimmel der frohen heidnischen Götter entgegen, Frau Venus an
-ihrer Spitze, alle begrüßten mich; sie sind dorthin gebannt von der
-Gewalt des Allmächtigen, und ihr Dienst ist von der Erde vertilgt; nun
-wirken sie von dort in ihrer Heimlichkeit.
-
-Alle Freuden, die die Erde beut, genoß und schmeckte ich hier in ihrer
-vollsten Blüthe, unersättlich war mein Busen und unendlich der Genuß.
-Die berühmten Schönheiten der alten Welt waren zugegen, was mein Gedanke
-wünschte, war in meinem Besitz, eine Trunkenheit folgte der andern, mit
-jedem Tage schien um mich her die Welt in bunteren Farben zu brennen.
-Ströme des köstlichsten Weines löschten den grimmen Durst, und die
-holdseligsten Gestalten gaukelten dann in der Luft, ein Gewimmel von
-nackten Mädchen umgab mich einladend, Düfte schwangen sich bezaubernd um
-mein Haupt, wie aus dem innersten Herzen der seligsten Natur erklang
-eine Musik, und kühlte mit ihren frischen Wogen der Begierde wilde
-Lüsternheit; ein Grauen, das so heimlich über die Blumenfelder schlich,
-erhöhte den entzückenden Rausch. Wie viele Jahre so verschwunden sind,
-weiß ich nicht zu sagen, denn hier gab es keine Zeit und keine
-Unterschiede, in den Blumen brannte der Mädchen und der Lüste Reiz, in
-den Körpern der Weiber blühte der Zauber der Blumen, die Farben führten
-hier eine andre Sprache, die Töne sagten neue Worte, die ganze
-Sinnenwelt war hier in einer Blüthe fest gebunden, und die Geister
-drinnen feierten ewig einen brünstigen Triumph.
-
-Doch wie es geschah, kann ich so wenig sagen wie fassen, daß mich nun in
-aller Sünderherrlichkeit der Trieb nach der Ruhe, der Wunsch zur alten
-unschuldigen Erde mit ihren dürftigen Freuden eben so ergriff, wie mich
-vormals die Sehnsucht hieher gedrängt hatte. Es zog mich an, wieder
-jenes Leben zu leben, das die Menschen in aller Bewußtlosigkeit führen,
-mit Leiden und abwechselnden Freuden; ich war von dem Glanz gesättigt
-und suchte gern die vorige Heimath wieder. Eine unbegreifliche Gnade des
-Allmächtigen verschaffte mir die Rückkehr, ich befand mich plötzlich
-wieder in der Welt, und denke nun meinen sündigen Busen vor den Stuhl
-unsers allerheiligsten Vaters in Rom auszuschütten, daß er mir vergebe
-und ich den übrigen Menschen wieder zugezählt werde. --
-
-Der Tannenhäuser schwieg still, und Friedrich betrachtete ihn lange mit
-einem prüfenden Blicke; dann nahm er die Hand seines Freundes und sagte:
-immer noch kann ich nicht von meinem Erstaunen zurück kommen, auch kann
-ich deine Erzählung nicht begreifen, denn es ist nicht anders möglich,
-als daß alles, was du mir vorgetragen hast, nur eine Einbildung von dir
-sein muß. Denn noch lebt Emma, sie ist meine Gattin, und nie haben wir
-gekämpft oder uns gehaßt, wie du glaubst; doch verschwandest du noch vor
-unsrer Hochzeit aus der Gegend, auch hast du mir damals nie mit einem
-einzigen Worte gesagt, daß Emma dir lieb sei.
-
-Er nahm hierauf den verwirrten Tannenhäuser bei der Hand und führte ihn
-in ein anderes Zimmer zu seiner Gattin, die eben von einem Besuch ihrer
-Schwester, bei der sie einige Tage verweilt, auf das Schloß zurück
-gekommen war. Der Tannenhäuser war stumm und nachdenkend, er beschaute
-still die Bildung und das Antlitz der Frau, dann schüttelte er mit dem
-Kopfe und sagte: bei Gott, das ist noch die seltsamste von allen meinen
-Begebenheiten!
-
-Friedrich erzählte ihm im Zusammenhange alles, was ihm seitdem
-zugestoßen war, und suchte seinem Freunde deutlich zu machen, daß ihn
-ein seltsamer Wahnsinn nur seit manchem Jahre beängstiget habe. Ich weiß
-recht gut wie es ist, rief der Tannenhäuser aus, jezt bin ich getäuscht
-und wahnsinnig, die Hölle will mir dies Blendwerk vorgaukeln, damit ich
-nicht nach Rom gehn und meiner Sünden ledig werden soll.
-
-Emma suchte ihn an seine Kindheit zu erinnern, aber der Tannenhäuser
-ließ sich nicht überreden. So reiste er schnell ab, um in kurzer Zeit in
-Rom vom Pabste Absolution zu erhalten.
-
-Friedrich und Emma sprachen noch oft über den seltsamen Pilgrim. Einige
-Monden waren verflossen, als der Tannenhäuser bleich und abgezehrt, in
-zerrissenen Wallfahrtskleidern und barfuß in Friedrichs Gemach trat,
-indem dieser noch schlief. Er küßte ihn auf den Mund und sagte dann
-schnell die Worte: der heilige Vater will und kann mir nicht vergeben,
-ich muß in meinen alten Wohnsitz zurück. Hierauf entfernte er sich
-eilig.
-
-Friedrich ermunterte sich, der unglückliche Pilger war schon
-verschwunden. Er ging nach dem Zimmer seiner Gattin, und die Weiber
-stürzten ihm mit Geheul entgegen; der Tannenhäuser war hier früh am Tage
-herein gedrungen und hatte die Worte gesagt: diese soll mich nicht in
-meinem Laufe stören! Man fand Emma ermordet.
-
-Noch konnte sich Friedrich nicht besinnen, als es ihn wie Entsetzen
-befiel; er konnte nicht ruhn, er rannte ins Freie. Man wollte ihn zurück
-halten, aber er erzählte, wie ihm der Pilgrim einen Kuß auf die Lippen
-gegeben habe, und wie dieser Kuß ihn brenne, bis er jenen wieder
-gefunden. So rannte er in unbegreiflicher Eile fort, den wunderlichen
-Berg und den Tannenhäuser zu suchen, und man sah ihn seitdem nicht mehr.
-Die Leute sagten, wer einen Kuß von einem aus dem Berge bekommen, der
-könne der Lockung nicht widerstehn, die ihn auch mit Zaubergewalt in die
-unterirdischen Klüfte reiße. --
-
- * * * * *
-
-Alle waren nach geendigter Erzählung still und in sich gekehrt, worauf
-Manfred sagte: ohne alle Vorbereitung und einleitende Vorrede will ich
-sogleich die Vorlesung meines Werkes beginnen, das, wie ich wohl nicht
-erst zu versichern brauche, Original und eigne Erfindung ist. Da unsre
-schöne Clara auf die Originalität so viel giebt, so hoffe ich, daß sie
-auch diesem Mährchen ihren Beifall nicht wird versagen können. Er las
-hierauf folgende Erzählung.
-
-
-
-
- Der Runenberg.
- 1802.
-
-
-Ein junger Jäger saß im innersten Gebirge nachdenkend bei einem
-Vogelheerde, indem das Rauschen der Gewässer und des Waldes in der
-Einsamkeit tönte. Er bedachte sein Schicksal, wie er so jung sei, und
-Vater und Mutter, die wohlbekannte Heimath, und alle Befreundeten seines
-Dorfes verlassen hatte, um eine fremde Umgebung zu suchen, um sich aus
-dem Kreise der wiederkehrenden Gewöhnlichkeit zu entfernen, und er
-blickte mit einer Art von Verwunderung auf, daß er sich nun in diesem
-Thale, in dieser Beschäftigung wieder fand. Große Wolken zogen durch den
-Himmel und verloren sich hinter den Bergen, Vögel sangen aus den
-Gebüschen und ein Wiederschall antwortete ihnen. Er stieg langsam den
-Berg hinunter, und setzte sich an den Rand eines Baches nieder, der über
-vorragendes Gestein schäumend murmelte. Er hörte auf die wechselnde
-Melodie des Wassers, und es schien, als wenn ihm die Wogen in
-unverständlichen Worten tausend Dinge sagten, die ihm so wichtig waren,
-und er mußte sich innig betrüben, daß er ihre Reden nicht verstehen
-konnte. Wieder sah er dann umher und ihm dünkte, er sei froh und
-glücklich; so faßte er wieder neuen Muth und sang mit lauter Stimme
-einen Jägergesang.
-
- Froh und lustig zwischen Steinen
- Geht der Jüngling auf die Jagd,
- Seine Beute muß erscheinen
- In den grünlebendgen Hainen,
- Sucht' er auch bis in die Nacht.
-
- Seine treuen Hunde bellen
- Durch die schöne Einsamkeit,
- Durch den Wald die Hörner gellen,
- Daß die Herzen muthig schwellen:
- O du schöne Jägerzeit!
-
- Seine Heimath sind die Klüfte,
- Alle Bäume grüßen ihn,
- Rauschen strenge Herbsteslüfte
- Find't er Hirsch und Reh, die Schlüfte
- Muß er jauchzend dann durchziehn.
-
- Laß dem Landmann seine Mühen
- Und dem Schiffer nur sein Meer,
- Keiner sieht in Morgens Frühen
- So Aurora's Augen glühen,
- Hängt der Thau am Grase schwer,
-
- Als wer Jagd, Wild, Wälder kennet
- Und Diana lacht ihn an,
- Einst das schönste Bild entbrennet
- Die er seine Liebste nennet:
- O beglückter Jägersmann!
-
-Während dieses Gesanges war die Sonne tiefer gesunken und breite
-Schatten fielen durch das enge Thal. Eine kühlende Dämmerung schlich
-über den Boden weg, und nur noch die Wipfel der Bäume, wie die runden
-Bergspitzen waren vom Schein des Abends vergoldet. Christians Gemüth
-ward immer trübseliger, er mochte nicht nach seinem Vogelheerde zurück
-kehren, und dennoch mochte er nicht bleiben; es dünkte ihm so einsam und
-er sehnte sich nach Menschen. Jezt wünschte er sich die alten Bücher,
-die er sonst bei seinem Vater gesehn, und die er niemals lesen mögen, so
-oft ihn auch der Vater dazu angetrieben hatte; es fielen ihm die Scenen
-seiner Kindheit ein, die Spiele mit der Jugend des Dorfes, seine
-Bekanntschaften unter den Kindern, die Schule, die ihm so drückend
-gewesen war, und er sehnte sich in alle diese Umgebungen zurück, die er
-freiwillig verlassen hatte, um sein Glück in unbekannten Gegenden, in
-Bergen, unter fremden Menschen, in einer neuen Beschäftigung zu finden.
-Indem es finstrer wurde, und der Bach lauter rauschte, und das Geflügel
-der Nacht seine irre Wanderung mit umschweifendem Fluge begann, saß er
-noch immer mißvergnügt und in sich versunken; er hätte weinen mögen, und
-er war durchaus unentschlossen, was er thun und vornehmen solle.
-Gedankenlos zog er eine hervorragende Wurzel aus der Erde, und plötzlich
-hörte er erschreckend ein dumpfes Winseln im Boden, das sich
-unterirdisch in klagenden Tönen fortzog, und erst in der Ferne wehmüthig
-verscholl. Der Ton durchdrang sein innerstes Herz, er ergriff ihn, als
-wenn er unvermuthet die Wunde berührt habe, an der der sterbende
-Leichnam der Natur in Schmerzen verscheiden wolle. Er sprang auf und
-wollte entfliehen, denn er hatte wohl ehemals von der seltsamen
-Alrunenwurzel gehört, die beim Ausreißen so herzdurchschneidende
-Klagetöne von sich gebe, daß der Mensch von ihrem Gewinsel wahnsinnig
-werden müsse. Indem er fortgehen wollte, stand ein fremder Mann hinter
-ihm, welcher ihn freundlich ansah und fragte, wohin er wolle. Christian
-hatte sich Gesellschaft gewünscht, und doch erschrak er von neuem vor
-dieser freundlichen Gegenwart. Wohin so eilig? fragte der Fremde noch
-einmal. Der junge Jäger suchte sich zu sammeln und erzählte, wie ihm
-plötzlich die Einsamkeit so schrecklich vorgekommen sei, daß er sich
-habe retten wollen, der Abend sei so dunkel, die grünen Schatten des
-Waldes so traurig, der Bach spreche in lauter Klagen, die Wolken des
-Himmels zögen seine Sehnsucht jenseit den Bergen hinüber. Ihr seid noch
-jung, sagte der Fremde, und könnt wohl die Strenge der Einsamkeit noch
-nicht ertragen, ich will euch begleiten, denn ihr findet doch kein Haus
-oder Dorf im Umkreis einer Meile, wir mögen unterwegs etwas sprechen und
-uns erzählen, so verliert ihr die trüben Gedanken; in einer Stunde kommt
-der Mond hinter den Bergen hervor, sein Licht wird dann wohl auch eure
-Seele lichter machen.
-
-Sie gingen fort, und der Fremde dünkte dem Jünglinge bald ein alter
-Bekannter zu sein. Wie seid ihr in dieses Gebürge gekommen, fragte
-jener, ihr seid hier, eurer Sprache nach, nicht einheimisch. -- Ach
-darüber, sagte der Jüngling, ließe sich viel sagen, und doch ist es
-wieder keiner Rede, keiner Erzählung werth; es hat mich wie mit fremder
-Gewalt aus dem Kreise meiner Eltern und Verwandten hinweg genommen, mein
-Geist war seiner selbst nicht mächtig; wie ein Vogel, der in einem Netz
-gefangen ist und sich vergeblich sträubt, so verstrickt war meine Seele
-in seltsamen Vorstellungen und Wünschen. Wir wohnten weit von hier in
-einer Ebene, in der man rund umher keinen Berg, kaum eine Anhöhe
-erblickte; wenige Bäume schmückten den grünen Plan, aber Wiesen,
-fruchtbare Kornfelder und Gärten zogen sich hin, so weit das Auge
-reichen konnte, ein großer Fluß glänzte wie ein mächtiger Geist an den
-Wiesen und Feldern vorbei. Mein Vater war Gärtner im Schloß und hatte
-vor, mich ebenfalls zu seiner Beschäftigung zu erziehen; er liebte die
-Pflanzen und Blumen über alles und konnte sich tagelang unermüdet mit
-ihrer Wartung und Pflege abgeben. Ja er ging so weit, daß er behauptete,
-er könne fast mit ihnen sprechen; er lerne von ihrem Wachsthum und
-Gedeihen, so wie von der verschiedenen Gestalt und Farbe ihrer Blätter.
-Mir war die Gartenarbeit zuwider, um so mehr, als mein Vater mir
-zuredete, oder gar mit Drohungen mich zu zwingen versuchte. Ich wollte
-Fischer werden, und machte den Versuch, allein das Leben auf dem Wasser
-stand mir auch nicht an; ich wurde dann zu einem Handelsmann in die
-Stadt gegeben, und kam auch von ihm bald in das väterliche Haus zurück.
-Auf einmal hörte ich meinen Vater von Gebirgen erzählen, die er in
-seiner Jugend bereiset hatte, von den unterirdischen Bergwerken und
-ihren Arbeitern, von Jägern und ihrer Beschäftigung, und plötzlich
-erwachte in mir der bestimmteste Trieb, das Gefühl, daß ich nun die für
-mich bestimmte Lebensweise gefunden habe. Tag und Nacht sann ich und
-stellte mir hohe Berge, Klüfte und Tannenwälder vor; meine Einbildung
-erschuf sich ungeheure Felsen, ich hörte in Gedanken das Getöse der
-Jagd, die Hörner, und das Geschrei der Hunde und des Wildes; alle meine
-Träume waren damit angefüllt und darüber hatte ich nun weder Rast noch
-Ruhe mehr. Die Ebene, das Schloß, der kleine beschränkte Garten meines
-Vaters mit den geordneten Blumenbeeten, die enge Wohnung, der weite
-Himmel, der sich ringsum so traurig ausdehnte, und keine Höhe, keinen
-erhabenen Berg umarmte, alles ward mir noch betrübter und verhaßter.
-Es schien mir, als wenn alle Menschen um mich her in der
-bejammernswürdigsten Unwissenheit lebten, und daß alle eben so denken
-und empfinden würden, wie ich, wenn ihnen dieses Gefühl ihres Elendes
-nur ein einziges mal in ihrer Seele aufginge. So trieb ich mich um, bis
-ich an einem Morgen den Entschluß faßte, das Haus meiner Eltern auf
-immer zu verlassen. Ich hatte in einem Buche Nachrichten vom nächsten
-großen Gebirge gefunden, Abbildungen einiger Gegenden, und darnach
-richtete ich meinen Weg ein. Es war im ersten Frühlinge und ich fühlte
-mich durchaus froh und leicht. Ich eilte, um nur recht bald das Ebene zu
-verlassen, und an einem Abende sah ich in der Ferne die dunkeln Umrisse
-des Gebirges vor mir liegen. Ich konnte in der Herberge kaum schlafen,
-so ungeduldig war ich, die Gegend zu betreten, die ich für meine Heimath
-ansah; mit dem Frühesten war ich munter und wieder auf der Reise.
-Nachmittags befand ich mich schon unter den vielgeliebten Bergen, und
-wie ein Trunkner ging ich, stand dann eine Weile, schaute rückwärts, und
-berauschte mich in allen mir fremden und doch so wohlbekannten
-Gegenständen. Bald verlor ich die Ebene hinter mir aus dem Gesichte, die
-Waldströme rauschten mir entgegen, Buchen und Eichen brausten mit
-bewegtem Laube von steilen Abhängen herunter; mein Weg führte mich
-schwindlichten Abgründen vorüber, blaue Berge standen groß und ehrwürdig
-im Hintergrunde. Eine neue Welt war mir aufgeschlossen, ich wurde nicht
-müde. So kam ich nach einigen Tagen, indem ich einen großen Theil des
-Gebürges durchstreift hatte, zu einem alten Förster, der mich auf mein
-inständiges Bitten zu sich nahm, um mich in der Kunst der Jägerei zu
-unterrichten. Jezt bin ich seit drei Monaten in seinen Diensten. Ich
-nahm von der Gegend, in der ich meinen Aufenthalt hatte, wie von einem
-Königreiche Besitz; ich lernte jede Klippe, jede Schluft des Gebürges
-kennen, ich war in meiner Beschäftigung, wenn wir am frühen Morgen nach
-dem Walde zogen, wenn wir Bäume im Forste fällten, wenn ich mein Auge
-und meine Büchse übte, und die treuen Gefährten, die Hunde zu ihren
-Geschicklichkeiten abrichtete, überaus glücklich. Jezt sitze ich seit
-acht Tagen hier oben auf dem Vogelheerde, im einsamsten Gebürge, und am
-Abend wurde mir heut so traurig zu Sinne, wie noch niemals in meinem
-Leben; ich kam mir so verloren, so ganz unglückselig vor, und noch kann
-ich mich nicht von dieser trüben Stimmung erhohlen.
-
-Der fremde Mann hatte aufmerksam zugehört, indem beide durch einen
-dunkeln Gang des Waldes gewandert waren. Jezt traten sie ins Freie, und
-das Licht des Mondes, der oben mit seinen Hörnern über der Bergspitze
-stand, begrüßte sie freundlich: in unkenntlichen Formen und vielen
-gesonderten Massen, die der bleiche Schimmer wieder räthselhaft
-vereinigte, lag das gespaltene Gebürge vor ihnen, im Hintergrunde ein
-steiler Berg, auf welchem uralte verwitterte Ruinen schauerlich im
-weißen Lichte sich zeigten. Unser Weg trennt sich hier, sagte der
-Fremde, ich gehe in diese Tiefe hinunter, dort bei jenem alten Schacht
-ist meine Wohnung: die Erze sind meine Nachbarn, die Berggewässer
-erzählen mir Wunderdinge in der Nacht, dahin kannst du mir doch nicht
-folgen. Aber siehe dort den Runenberg mit seinem schroffen Mauerwerke,
-wie schön und anlockend das alte Gestein zu uns herblickt! Bist du
-niemals dorten gewesen? Niemals, sagte der junge Christian, ich hörte
-einmal meinen alten Förster wundersame Dinge von diesem Berge erzählen,
-die ich thöricht genug wieder vergessen habe; aber ich erinnere mich,
-daß mir an jenem Abend grauenhaft zu Muthe war. Ich möchte wohl einmal
-die Höhe besteigen, denn die Lichter sind dort am schönsten, das Gras
-muß dorten recht grün sein, die Welt umher recht seltsam, auch mag sichs
-wohl treffen, daß man noch manch Wunder aus der alten Zeit da oben
-fände.
-
-Es kann fast nicht fehlen, sagte jener, wer nur zu suchen versteht,
-wessen Herz recht innerlich hingezogen wird, der findet uralte Freunde
-dort und Herrlichkeiten, alles, was er am eifrigsten wünscht. -- Mit
-diesen Worten stieg der Fremde schnell hinunter, ohne seinem Gefährten
-Lebewohl zu sagen, bald war er im Dickicht des Gebüsches verschwunden,
-und kurz nachher verhallte auch der Tritt seiner Füße. Der junge Jäger
-war nicht verwundert, er verdoppelte nur seine Schritte nach dem
-Runenberge zu, alles winkte ihm dorthin, die Sterne schienen dorthin zu
-leuchten, der Mond wies mit einer hellen Straße nach den Trümmern,
-lichte Wolken zogen hinauf, und aus der Tiefe redeten ihm Gewässer und
-rauschende Wälder zu und sprachen ihm Muth ein. Seine Schritte waren wie
-beflügelt, sein Herz klopfte, er fühlte eine so große Freudigkeit in
-seinem Innern, daß sie zu einer Angst empor wuchs. -- Er kam in
-Gegenden, in denen er nie gewesen war, die Felsen wurden steiler, das
-Grün verlor sich, die kahlen Wände riefen ihn wie mit zürnenden Stimmen
-an, und ein einsam klagender Wind jagte ihn vor sich her. So eilte er
-ohne Stillstand fort, und kam spät nach Mitternacht auf einen schmalen
-Fußsteig, der hart an einem Abgrunde hinlief. Er achtete nicht auf die
-Tiefe, die unter ihm gähnte und ihn zu verschlingen drohte, so sehr
-spornten ihn irre Vorstellungen und unverständliche Wünsche. Jezt zog
-ihn der gefährliche Weg neben eine hohe Mauer hin, die sich in den
-Wolken zu verlieren schien; der Steig ward mit jedem Schritte schmaler,
-und der Jüngling mußte sich an vorragenden Steinen fest halten, um nicht
-hinunter zu stürzen. Endlich konnte er nicht weiter, der Pfad endigte
-unter einem Fenster, er mußte still stehen und wußte jezt nicht, ob er
-umkehren, ob er bleiben solle. Plötzlich sah er ein Licht, das sich
-hinter dem alten Gemäuer zu bewegen schien. Er sah dem Scheine nach, und
-entdeckte, daß er in einen alten geräumigen Saal blicken konnte, der
-wunderlich verziert von mancherlei Gesteinen und Kristallen in
-vielfältigen Schimmern funkelte, die sich geheimnißvoll von dem
-wandelnden Lichte durcheinander bewegten, welches eine große weibliche
-Gestalt trug, die sinnend im Gemache auf und nieder ging. Sie schien
-nicht den Sterblichen anzugehören, so groß, so mächtig waren ihre
-Glieder, so streng ihr Gesicht, aber doch dünkte dem entzückten
-Jünglinge, daß er noch niemals solche Schönheit gesehn oder geahnet
-habe. Er zitterte und wünschte doch heimlich, daß sie zum Fenster treten
-und ihn wahrnehmen möchte. Endlich stand sie still, setzte das Licht auf
-einen kristallenen Tisch nieder, schaute in die Höhe und sang mit
-durchdringlicher Stimme:
-
- Wo die Alten weilen,
- Daß sie nicht erscheinen?
- Die Kristallen weinen,
- Von demantnen Säulen
- Fließen Thränenquellen,
- Töne klingen drein;
- In den klaren hellen
- Schön durchsichtgen Wellen
- Bildet sich der Schein,
- Der die Seelen ziehet,
- Dem das Herz erglühet.
- Kommt ihr Geister alle
- Zu der goldnen Halle,
- Hebt aus tiefen Dunkeln
- Häupter, welche funkeln!
- Macht der Herzen und der Geister,
- Die so durstig sind im Sehnen,
- Mit den leuchtend schönen Thränen
- Allgewaltig euch zum Meister!
-
-Als sie geendigt hatte, fing sie an sich zu entkleiden, und ihre
-Gewänder in einen kostbaren Wandschrank zu legen. Erst nahm sie einen
-goldenen Schleier vom Haupte, und ein langes schwarzes Haar floß in
-geringelter Fülle bis über die Hüften hinab; dann löste sie das Gewand
-des Busens, und der Jüngling vergaß sich und die Welt im Anschauen der
-überirdischen Schönheit. Er wagte kaum zu athmen, als sie nach und nach
-alle Hüllen löste; nackt schritt sie endlich im Saale auf und nieder,
-und ihre schweren schwebenden Locken bildeten um sie her ein dunkel
-wogendes Meer, aus dem wie Marmor die glänzenden Formen des reinen
-Leibes abwechselnd hervor strahlten. Nach geraumer Zeit näherte sie sich
-einem andern goldenen Schranke, nahm eine Tafel heraus, die von vielen
-eingelegten Steinen, Rubinen, Diamanten und allen Juwelen glänzte, und
-betrachtete sie lange prüfend. Die Tafel schien eine wunderliche
-unverständliche Figur mit ihren unterschiedlichen Farben und Linien zu
-bilden; zuweilen war, nachdem der Schimmer ihm entgegen spiegelte, der
-Jüngling schmerzhaft geblendet, dann wieder besänftigten grüne und blau
-spielende Scheine sein Auge: er aber stand, die Gegenstände mit seinen
-Blicken verschlingend, und zugleich tief in sich selbst versunken. In
-seinem Innern hatte sich ein Abgrund von Gestalten und Wohllaut, von
-Sehnsucht und Wollust aufgethan, Schaaren von beflügelten Tönen und
-wehmüthigen und freudigen Melodien zogen durch sein Gemüth, das bis auf
-den Grund bewegt war: er sah eine Welt von Schmerz und Hoffnung in sich
-aufgehen, mächtige Wunderfelsen von Vertrauen und trotzender Zuversicht,
-große Wasserströme, wie voll Wehmuth fließend. Er kannte sich nicht
-wieder, und erschrak, als die Schöne das Fenster öffnete, ihm die
-magische steinerne Tafel reichte und die wenigen Worte sprach: Nimm
-dieses zu meinem Angedenken! Er faßte die Tafel und fühlte die Figur,
-die unsichtbar sogleich in sein Inneres überging, und das Licht und die
-mächtige Schönheit und der seltsame Saal waren verschwunden. Wie eine
-dunkele Nacht mit Wolkenvorhängen fiel es in sein Inneres hinein, er
-suchte nach seinen vorigen Gefühlen, nach jener Begeisterung und
-unbegreiflichen Liebe, er beschaute die kostbare Tafel, in welcher sich
-der untersinkende Mond schwach und bläulich spiegelte.
-
-Noch hielt er die Tafel fest in seinen Händen gepreßt, als der Morgen
-graute und er erschöpft, schwindelnd und halb schlafend die steile Höhe
-hinunter stürzte. --
-
-Die Sonne schien dem betäubten Schläfer auf sein Gesicht, der sich
-erwachend auf einem anmuthigen Hügel wieder fand. Er sah umher, und
-erblickte weit hinter sich und kaum noch kennbar am äußersten Horizont
-die Trümmer des Runenberges: er suchte nach jener Tafel, und fand sie
-nirgend. Erstaunt und verwirrt wollte er sich sammeln und seine
-Erinnerungen anknüpfen, aber sein Gedächtniß war wie mit einem wüsten
-Nebel angefüllt, in welchem sich formlose Gestalten wild und unkenntlich
-durch einander bewegten. Sein ganzes voriges Leben lag wie in einer
-tiefen Ferne hinter ihm; das Seltsamste und das Gewöhnliche war so in
-einander vermischt, daß er es unmöglich sondern konnte. Nach langem
-Streite mit sich selbst glaubte er endlich, ein Traum oder ein
-plötzlicher Wahnsinn habe ihn in dieser Nacht befallen, nur begriff er
-immer nicht, wie er sich so weit in eine fremde entlegene Gegend habe
-verirren können.
-
-Noch fast schlaftrunken stieg er den Hügel hinab, und gerieth auf einen
-gebahnten Weg, der ihn vom Gebirge hinunter in das flache Land führte.
-Alles war ihm fremd, er glaubte anfangs, er würde in seine Heimath
-gelangen, aber er sah eine ganz verschiedene Gegend, und vermuthete
-endlich, daß er sich jenseit der südlichen Gränze des Gebirges befinden
-müsse, welches er im Frühling von Norden her betreten hatte. Gegen
-Mittag stand er über einem Dorfe, aus dessen Hütten ein friedlicher
-Rauch in die Höhe stieg, Kinder spielten auf einem grünen Platze
-festtäglich geputzt, und aus der kleinen Kirche erscholl der Orgelklang
-und das Singen der Gemeine. Alles ergriff ihn mit unbeschreiblich süßer
-Wehmuth, alles rührte ihn so herzlich, daß er weinen mußte. Die engen
-Gärten, die kleinen Hütten mit ihren rauchenden Schornsteinen, die
-gerade abgetheilten Kornfelder erinnerten ihn an die Bedürftigkeit des
-armen Menschengeschlechts, an seine Abhängigkeit vom freundlichen
-Erdboden, dessen Milde es sich vertrauen muß; dabei erfüllte der Gesang
-und der Ton der Orgel sein Herz mit einer nie gefühlten Frömmigkeit.
-Seine Empfindungen und Wünsche der Nacht erschienen ihm ruchlos und
-frevelhaft, er wollte sich wieder kindlich, bedürftig und demüthig an
-die Menschen wie an seine Brüder schließen, und sich von den gottlosen
-Gefühlen und Vorsätzen entfernen. Reizend und anlockend dünkte ihm die
-Ebene mit dem kleinen Fluß, der sich in mannichfaltigen Krümmungen um
-Wiesen und Gärten schmiegte; mit Furcht gedachte er an seinen Aufenthalt
-in dem einsamen Gebirge und zwischen den wüsten Steinen, er sehnte sich,
-in diesem friedlichen Dorfe wohnen zu dürfen, und trat mit diesen
-Empfindungen in die menschenerfüllte Kirche.
-
-Der Gesang war eben beendigt und der Priester hatte seine Predigt
-begonnen, von den Wohlthaten Gottes in der Erndte: wie seine Güte alles
-speiset und sättiget was lebt, wie wunderbar im Getraide für die
-Erhaltung des Menschengeschlechtes gesorgt sei, wie die Liebe Gottes
-sich unaufhörlich im Brodte mittheile und der andächtige Christ so ein
-unvergängliches Abendmahl gerührt feiern könne. Die Gemeine war erbaut,
-des Jägers Blicke ruhten auf dem frommen Redner, und bemerkten dicht
-neben der Kanzel ein junges Mädchen, das vor allen andern der Andacht
-und Aufmerksamkeit hingegeben schien. Sie war schlank und blond, ihr
-blaues Auge glänzte von der durchdringendsten Sanftheit, ihr Antliz war
-wie durchsichtig und in den zartesten Farben blühend. Der fremde
-Jüngling hatte sich und sein Herz noch niemals so empfunden, so voll
-Liebe und so beruhigt, so den stillsten und erquickendsten Gefühlen
-hingegeben. Er beugte sich weinend, als der Priester endlich den Segen
-sprach, er fühlte sich bei den heiligen Worten wie von einer
-unsichtbaren Gewalt durchdrungen, und das Schattenbild der Nacht in die
-tiefste Entfernung wie ein Gespenst hinab gerückt. Er verließ die
-Kirche, verweilte unter einer großen Linde, und dankte Gott in einem
-inbrünstigen Gebete, daß er ihn ohne sein Verdienst wieder aus den
-Netzen des bösen Geistes befreit habe.
-
-Das Dorf feierte an diesem Tage das Erndtefest und alle Menschen waren
-fröhlich gestimmt; die geputzten Kinder freuten sich auf die Tänze und
-Kuchen, die jungen Burschen richteten auf dem Platze im Dorfe, der von
-jungen Bäumen umgeben war, alles zu ihrer herbstlichen Festlichkeit ein,
-die Musikanten saßen und probirten ihre Instrumente. Christian ging noch
-einmal in das Feld hinaus, um sein Gemüth zu sammeln und seinen
-Betrachtungen nachzuhängen, dann kam er in das Dorf zurück, als sich
-schon alles zur Fröhlichkeit und zur Begehung des Festes vereiniget
-hatte. Auch die blonde Elisabeth war mit ihren Eltern zugegen, und der
-Fremde mischte sich in den frohen Haufen. Elisabeth tanzte, und er hatte
-unterdeß bald mit dem Vater ein Gespräch angesponnen, der ein Pachter
-war und einer der reichsten Leute im Dorfe. Ihm schien die Jugend und
-das Gespräch des fremden Gastes zu gefallen, und so wurden sie in kurzer
-Zeit dahin einig, daß Christian als Gärtner bei ihm einziehen solle.
-Dieser konnte es unternehmen, denn er hoffte, daß ihm nun die Kenntnisse
-und Beschäftigungen zu statten kommen würden, die er in seiner Heimath
-so sehr verachtet hatte.
-
-Jezt begann ein neues Leben für ihn. Er zog bei dem Pachter ein und ward
-zu dessen Familie gerechnet; mit seinem Stande veränderte er auch seine
-Tracht. Er war so gut, so dienstfertig und immer freundlich, er stand
-seiner Arbeit so fleißig vor, daß ihm bald alle im Hause, vorzüglich
-aber die Tochter, gewogen wurden. So oft er sie am Sonntage zur Kirche
-gehn sah, hielt er ihr einen schönen Blumenstrauß in Bereitschaft, für
-den sie ihm mit erröthender Freundlichkeit dankte; er vermißte sie, wenn
-er sie an einem Tage nicht sah, dann erzählte sie ihm am Abend Mährchen
-und lustige Geschichten. Sie wurden sich immer nothwendiger, und die
-Alten, welche es bemerkten, schienen nichts dagegen zu haben, denn
-Christian war der fleißigste und schönste Bursche im Dorfe; sie selbst
-hatten vom ersten Augenblick einen Zug der Liebe und Freundschaft zu ihm
-gefühlt. Nach einem halben Jahre war Elisabeth seine Gattin. Es war
-wieder Frühling, die Schwalben und die Vögel des Gesanges kamen in das
-Land, der Garten stand in seinem schönsten Schmuck, die Hochzeit wurde
-mit aller Fröhlichkeit gefeiert, Braut und Bräutigam schienen trunken
-von ihrem Glücke. Am Abend spät, als sie in die Kammer gingen, sagte der
-junge Gatte zu seiner Geliebten: Nein, nicht jenes Bild bist du, welches
-mich einst im Traum entzückte und das ich niemals ganz vergessen kann,
-aber doch bin ich glücklich in deiner Nähe und seelig in deinen Armen.
-
-Wie vergnügt war die Familie, als sie nach einem Jahre durch eine kleine
-Tochter vermehrt wurde, welche man Leonora nannte. Christian wurde zwar
-zuweilen etwas ernster, indem er das Kind betrachtete, aber doch kam
-seine jugendliche Heiterkeit immer wieder zurück. Er gedachte kaum noch
-seiner vorigen Lebensweise, denn er fühlte sich ganz einheimisch und
-befriedigt. Nach einigen Monaten fielen ihm aber seine Eltern in die
-Gedanken, und wie sehr sich besonders sein Vater über sein ruhiges
-Glück, über seinen Stand als Gärtner und Landmann freuen würde; es
-ängstigte ihn, daß er Vater und Mutter seit so langer Zeit ganz hatte
-vergessen können, sein eigenes Kind erinnerte ihn, welche Freude die
-Kinder den Eltern sind, und so beschloß er dann endlich, sich auf die
-Reise zu machen und seine Heimath wieder zu besuchen.
-
-Ungern verließ er seine Gattin; alle wünschten ihm Glück, und er machte
-sich in der schönen Jahreszeit zu Fuß auf den Weg. Er fühlte schon nach
-wenigen Stunden, wie ihn das Scheiden peinige, zum erstenmal empfand er
-in seinem Leben die Schmerzen der Trennung; die fremden Gegenstände
-erschienen ihm fast wild, ihm war, als sei er in einer feindseligen
-Einsamkeit verloren. Da kam ihm der Gedanke, daß seine Jugend vorüber
-sei, daß er eine Heimath gefunden, der er angehöre, in die sein Herz
-Wurzel geschlagen habe; er wollte fast den verlornen Leichtsinn der
-vorigen Jahre beklagen, und es war ihm äußerst trübselig zu Muthe, als
-er für die Nacht auf einem Dorfe in dem Wirthshause einkehren mußte. Er
-begriff nicht, warum er sich von seiner freundlichen Gattin und den
-erworbenen Eltern entfernt habe, und verdrießlich und murrend machte er
-sich am Morgen auf den Weg, um seine Reise fortzusetzen.
-
-Seine Angst nahm zu, indem er sich dem Gebirge näherte, die fernen
-Ruinen wurden schon sichtbar und traten nach und nach kenntlicher
-hervor, viele Bergspitzen hoben sich abgeründet aus dem blauen Nebel.
-Sein Schritt wurde zaghaft, er blieb oft stehen und verwunderte sich
-über seine Furcht, über die Schauer, die ihm mit jedem Schritte
-gedrängter nahe kamen. Ich kenne dich Wahnsinn wohl, rief er aus, und
-dein gefährliches Locken, aber ich will dir männlich widerstehn!
-Elisabeth ist kein schnöder Traum, ich weiß, daß sie jezt an mich denkt,
-daß sie auf mich wartet und liebevoll die Stunden meiner Abwesenheit
-zählt. Sehe ich nicht schon Wälder wie schwarze Haare vor mir? Schauen
-nicht aus dem Bache die blitzenden Augen nach mir her? Schreiten die
-großen Glieder nicht aus den Bergen auf mich zu? -- Mit diesen Worten
-wollte er sich um auszuruhen unter einen Baum nieder werfen, als er im
-Schatten desselben einen alten Mann sitzen sah, der mit der größten
-Aufmerksamkeit eine Blume betrachtete, sie bald gegen die Sonne hielt,
-bald wieder mit seiner Hand beschattete, ihre Blätter zählte, und
-überhaupt sich bemühte, sie seinem Gedächtnisse genau einzuprägen. Als
-er näher ging, erschien ihm die Gestalt bekannt, und bald blieb ihm kein
-Zweifel übrig, daß der Alte mit der Blume sein Vater sei. Er stürzte ihm
-mit dem Ausdruck der heftigsten Freude in die Arme; jener war vergnügt,
-aber nicht überrascht, ihn so plötzlich wieder zu sehen. Kömmst du mir
-schon entgegen, mein Sohn? sagte der Alte, ich wußte, daß ich dich bald
-finden würde, aber ich glaubte nicht, daß mir schon am heutigen Tage die
-Freude widerfahren sollte. -- Woher wußtet ihr, Vater, daß ihr mich
-antreffen würdet? -- An dieser Blume, sprach der alte Gärtner; seit ich
-lebe, habe ich mir gewünscht, sie einmal sehen zu können, aber niemals
-ist es mir so gut geworden, weil sie sehr selten ist, und nur in
-Gebirgen wächst: ich machte mich auf dich zu suchen, weil deine Mutter
-gestorben ist und mir zu Hause die Einsamkeit zu drückend und trübselig
-war. Ich wußte nicht, wohin ich meinen Weg richten sollte, endlich
-wanderte ich durch das Gebirge, so traurig mir auch die Reise vorkam;
-ich suchte beiher nach der Blume, konnte sie aber nirgends entdecken,
-und nun finde ich sie ganz unvermuthet hier, wo schon die schöne Ebene
-sich ausstreckt; daraus wußte ich, daß ich dich bald finden mußte, und
-sieh, wie die liebe Blume mir geweissagt hat! Sie umarmten sich wieder,
-und Christian beweinte seine Mutter; der Alte aber faßte seine Hand und
-sagte: laß uns gehen, daß wir die Schatten des Gebirges bald aus den
-Augen verlieren, mir ist immer noch weh ums Herz von den steilen wilden
-Gestalten, von dem gräßlichen Geklüft, von den schluchzenden
-Wasserbächen; laß uns das gute, fromme, ebene Land besuchen.
-
-Sie wanderten zurück, und Christian ward wieder froher. Er erzählte
-seinem Vater von seinem neuen Glücke, von seinem Kinde und seiner
-Heimath; sein Gespräch machte ihn selbst wie trunken, und er fühlte im
-Reden erst recht, wie nichts mehr zu seiner Zufriedenheit ermangle. So
-kamen sie unter Erzählungen, traurigen und fröhlichen, in dem Dorfe an.
-Alle waren über die frühe Beendigung der Reise vergnügt, am meisten
-Elisabeth. Der alte Vater zog zu ihnen, und gab sein kleines Vermögen in
-ihre Wirthschaft; sie bildeten den zufriedensten und einträchtigsten
-Kreis von Menschen. Der Acker gedieh, der Viehstand mehrte sich,
-Christians Haus wurde in wenigen Jahren eins der ansehnlichsten im Orte;
-auch sah er sich bald als den Vater von mehreren Kindern.
-
-Fünf Jahre waren auf diese Weise verflossen, als ein Fremder auf seiner
-Reise in ihrem Dorfe einkehrte, und in Christians Hause, weil es die
-ansehnlichste Wohnung war, seinen Aufenthalt nahm. Er war ein
-freundlicher, gesprächiger Mann, der vieles von seinen Reisen erzählte,
-der mit den Kindern spielte und ihnen Geschenke machte, und dem in
-kurzem alle gewogen waren. Es gefiel ihm so wohl in der Gegend, daß er
-sich einige Tage hier aufhalten wollte; aber aus den Tagen wurden
-Wochen, und endlich Monate. Keiner wunderte sich über die Verzögerung,
-denn alle hatten sich schon daran gewöhnt, ihn mit zur Familie zu
-zählen. Christian saß nur oft nachdenklich, denn es kam ihm vor, als
-kenne er den Reisenden schon von ehemals, und doch konnte er sich keiner
-Gelegenheit erinnern, bei welcher er ihn gesehen haben möchte. Nach
-dreien Monaten nahm der Fremde endlich Abschied und sagte: Lieben
-Freunde, ein wunderbares Schicksal und seltsame Erwartungen treiben mich
-in das nächste Gebirge hinein, ein zaubervolles Bild, dem ich nicht
-widerstehen kann, lockt mich; ich verlasse euch jezt, und ich weiß
-nicht, ob ich wieder zu euch zurück kommen werde; ich habe eine Summe
-Geldes bei mir, die in euren Händen sicherer ist als in den meinigen,
-und deshalb bitte ich euch, sie zu verwahren; komme ich in Jahresfrist
-nicht zurück, so behaltet sie, und nehmet sie als einen Dank für eure
-mir bewiesene Freundschaft an.
-
-So reiste der Fremde ab, und Christian nahm das Geld in Verwahrung. Er
-verschloß es sorgfältig und sah aus übertriebener Aengstlichkeit
-zuweilen wieder nach, zählte es über, ob nichts daran fehle, und machte
-sich viel damit zu thun. Diese Summe könnte uns recht glücklich machen,
-sagte er einmal zu seinem Vater, wenn der Fremde nicht zurück kommen
-sollte, für uns und unsre Kinder wäre auf immer gesorgt. Laß das Gold,
-sagte der Alte, darinne liegt das Glück nicht, uns hat bisher noch
-gottlob nichts gemangelt, und entschlage dich überhaupt dieser Gedanken.
-
-Oft stand Christian in der Nacht auf, um die Knechte zur Arbeit zu
-wecken und selbst nach allem zu sehn; der Vater war besorgt, daß er
-durch übertriebenen Fleiß seiner Jugend und Gesundheit schaden möchte:
-daher machte er sich in einer Nacht auf, um ihn zu ermahnen, seine
-übertriebene Thätigkeit einzuschränken, als er ihn zu seinem Erstaunen
-bei einer kleinen Lampe am Tische sitzend fand, indem er wieder mit der
-größten Aemsigkeit die Goldstücke zählte. Mein Sohn, sagte der Alte mit
-Schmerzen, soll es dahin mit dir kommen, ist dieses verfluchte Metall
-nur zu unserm Unglück unter dieses Dach gebracht? Besinne dich, mein
-Lieber, so muß dir der böse Feind Blut und Leben verzehren. -- Ja, sagte
-Christian, ich verstehe mich selber nicht mehr, weder bei Tage noch in
-der Nacht läßt es mir Ruhe; seht, wie es mich jezt wieder anblickt, daß
-mir der rothe Glanz tief in mein Herz hinein geht! Horcht, wie es
-klingt, dies güldene Blut! das ruft mich, wenn ich schlafe, ich höre es,
-wenn Musik tönt, wenn der Wind bläst, wenn Leute auf der Gasse sprechen;
-scheint die Sonne, so sehe ich nur diese gelben Augen, wie es mir
-zublinzelt, und mir heimlich ein Liebeswort ins Ohr sagen will: so muß
-ich mich wohl nächtlicher Weise aufmachen, um nur seinem Liebesdrang
-genug zu thun, und dann fühle ich es innerlich jauchzen und frohlocken,
-wenn ich es mit meinen Fingern berühre, es wird vor Freuden immer röther
-und herrlicher; schaut nur selbst die Glut der Entzückung an! -- Der
-Greis nahm schaudernd und weinend den Sohn in seine Arme, betete und
-sprach dann: Christel, du mußt dich wieder zum Worte Gottes wenden, du
-mußt fleißiger und andächtiger in die Kirche gehen, sonst wirst du
-verschmachten und im traurigsten Elende dich verzehren.
-
-Das Geld wurde wieder weggeschlossen, Christian versprach sich zu ändern
-und in sich zu gehn, und der Alte ward beruhigt. Schon war ein Jahr und
-mehr vergangen, und man hatte von dem Fremden noch nichts wieder in
-Erfahrung bringen können; der Alte gab nun endlich den Bitten seines
-Sohnes nach, und das zurückgelassene Geld wurde in Ländereien und auf
-andere Weise angelegt. Im Dorfe wurde bald von dem Reichthum des jungen
-Pachters gesprochen, und Christian schien außerordentlich zufrieden und
-vergnügt, so daß der Vater sich glücklich pries, ihn so wohl und heiter
-zu sehn: alle Furcht war jezt in seiner Seele verschwunden. Wie sehr
-mußte er daher erstaunen, als ihn an einem Abend Elisabeth beiseit nahm
-und unter Thränen erzählte, wie sie ihren Mann nicht mehr verstehe, er
-spreche so irre, vorzüglich des Nachts, er träume schwer, gehe oft im
-Schlafe lange in der Stube herum, ohne es zu wissen, und erzähle
-wunderbare Dinge, vor denen sie oft schaudern müsse. Am schrecklichsten
-sei ihr seine Lustigkeit am Tage, denn sein Lachen sei so wild und
-frech, sein Blick irre und fremd. Der Vater erschrak und die betrübte
-Gattin fuhr fort: Immer spricht er von dem Fremden, und behauptet, daß
-er ihn schon sonst gekannt habe, denn dieser fremde Mann sei eigentlich
-ein wunderschönes Weib; auch will er gar nicht mehr auf das Feld hinaus
-gehn oder im Garten arbeiten, denn er sagt, er höre ein unterirdisches
-fürchterliches Aechzen, so wie er nur eine Wurzel ausziehe; er fährt
-zusammen und scheint sich vor allen Pflanzen und Kräutern wie vor
-Gespenstern zu entsetzen. -- Allgütiger Gott! rief der Vater aus, ist
-der fürchterliche Hunger in ihn schon so fest hinein gewachsen, daß es
-dahin hat kommen können? So ist sein verzaubertes Herz nicht menschlich
-mehr, sondern von kaltem Metall; wer keine Blume mehr liebt, dem ist
-alle Liebe und Gottesfurcht verloren.
-
-Am folgenden Tage ging der Vater mit dem Sohne spazieren, und sagte ihm
-manches wieder, was er von Elisabeth gehört hatte; er ermahnte ihn zur
-Frömmigkeit, und daß er seinen Geist heiligen Betrachtungen widmen
-solle. Christian sagte: gern, Vater, auch ist mir oft ganz wohl, und es
-gelingt mir alles gut; ich kann auf lange Zeit, auf Jahre, die wahre
-Gestalt meines Innern vergessen, und gleichsam ein fremdes Leben mit
-Leichtigkeit führen: dann geht aber plötzlich wie ein neuer Mond das
-regierende Gestirn, welches ich selber bin, in meinem Herzen auf, und
-besiegt die fremde Macht. Ich könnte ganz froh seyn, aber einmal, in
-einer seltsamen Nacht, ist mir durch die Hand ein geheimnißvolles
-Zeichen tief in mein Gemüth hinein geprägt; oft schläft und ruht die
-magische Figur, ich meine sie ist vergangen, aber dann quillt sie wie
-ein Gift plötzlich wieder hervor, und wegt sich in allen Linien. Dann
-kann ich sie nur denken und fühlen, und alles umher ist verwandelt, oder
-vielmehr von dieser Gestaltung verschlungen worden. Wie der Wahnsinnige
-beim Anblick des Wassers sich entsetzt, und das empfangene Gift noch
-giftiger in ihm wird, so geschieht es mir bei allen eckigen Figuren, bei
-jeder Linie, bei jedem Strahl, alles will dann die inwohnende Gestalt
-entbinden und zur Geburt befördern, und mein Geist und Körper fühlt die
-Angst; wie sie das Gemüth durch ein Gefühl von außen empfing, so will es
-sie dann wieder quälend und ringend zum äußern Gefühl hinaus arbeiten,
-um ihrer los und ruhig zu werden.
-
-Ein unglückliches Gestirn war es, sprach der Alte, das dich von uns
-hinweg zog; du warst für ein stilles Leben geboren, dein Sinn neigte
-sich zur Ruhe und zu den Pflanzen, da führte dich deine Ungeduld hinweg,
-in die Gesellschaft der verwilderten Steine: die Felsen, die zerrissenen
-Klippen mit ihren schroffen Gestalten haben dein Gemüth zerrüttet, und
-den verwüstenden Hunger nach dem Metall in dich gepflanzt. Immer hättest
-du dich vor dem Anblick des Gebirges hüten und bewahren müssen, und so
-dachte ich dich auch zu erziehen, aber es hat nicht seyn sollen. Deine
-Demuth, deine Ruhe, dein kindlicher Sinn ist von Trotz, Wildheit und
-Uebermuth verschüttet.
-
-Nein, sagte der Sohn, ich erinnere mich ganz deutlich, daß mir eine
-Pflanze zuerst das Unglück der ganzen Erde bekannt gemacht hat, seitdem
-verstehe ich erst die Seufzer und Klagen, die allenthalben in der ganzen
-Natur vernehmbar sind, wenn man nur darauf hören will; in den Pflanzen,
-Kräutern, Blumen und Bäumen regt und bewegt sich schmerzhaft nur eine
-große Wunde, sie sind der Leichnam vormaliger herrlicher Steinwelten,
-sie bieten unserm Auge die schrecklichste Verwesung dar. Jezt verstehe
-ich es wohl, daß es dies war, was mir jene Wurzel mit ihrem tiefgeholten
-Aechzen sagen wollte, sie vergaß sich in ihrem Schmerze und verrieth mir
-alles. Darum sind alle grünen Gewächse so erzürnt auf mich, und stehn
-mir nach dem Leben; sie wollen jene geliebte Figur in meinem Herzen
-auslöschen, und in jedem Frühling mit ihrer verzerrten Leichenmiene
-meine Seele gewinnen. Unerlaubt und tückisch ist es, wie sie dich, alter
-Mann, hintergangen haben, denn von deiner Seele haben sie gänzlich
-Besitz genommen. Frage nur die Steine, du wirst erstaunen, wenn du sie
-reden hörst.
-
-Der Vater sah ihn lange an, und konnte ihm nichts mehr antworten. Sie
-gingen schweigend zurück nach Hause, und der Alte mußte sich jezt
-ebenfalls vor der Lustigkeit seines Sohnes entsetzen, denn sie dünkte
-ihm ganz fremdartig, und als wenn ein andres Wesen aus ihm, wie aus
-einer Maschine, unbeholfen und ungeschickt heraus spiele. --
-
-Das Erndtefest sollte wieder gefeiert werden, die Gemeine ging in die
-Kirche, und auch Elisabeth zog sich mit den Kindern an, um dem
-Gottesdienste beizuwohnen; ihr Mann machte auch Anstalten, sie zu
-begleiten, aber noch vor der Kirchenthür kehrte er um, und ging
-tiefsinnend vor das Dorf hinaus. Er setzte sich auf die Anhöhe, und sahe
-wieder die rauchenden Dächer unter sich, er hörte den Gesang und
-Orgelton von der Kirche her, geputzte Kinder tanzten und spielten auf
-dem grünen Rasen. Wie habe ich mein Leben in einem Traume verloren!
-sagte er zu sich selbst; Jahre sind verflossen, daß ich von hier
-hinunter stieg, unter die Kinder hinein; die damals hier spielten, sind
-heute dort ernsthaft in der Kirche; ich trat auch in das Gebäude, aber
-heut ist Elisabeth nicht mehr ein blühendes kindliches Mädchen, ihre
-Jugend ist vorüber, ich kann nicht mit der Sehnsucht wie damals den
-Blick ihrer Augen aufsuchen: so habe ich muthwillig ein hohes ewiges
-Glück aus der Acht gelassen, um ein vergängliches und zeitliches zu
-gewinnen.
-
-Er ging sehnsuchtsvoll nach dem benachbarten Walde, und vertiefte sich
-in seine dichtesten Schatten. Eine schauerliche Stille umgab ihn, keine
-Luft rührte sich in den Blättern. Indem sah er einen Mann von ferne auf
-sich zukommen, den er für den Fremden erkannte; er erschrak, und sein
-erster Gedanke war, jener würde sein Geld von ihm zurück fordern. Als
-die Gestalt etwas näher kam, sah er, wie sehr er sich geirrt hatte, denn
-die Umrisse, welche er wahrzunehmen gewähnt, zerbrachen wie in sich
-selber; ein altes Weib von der äußersten Häßlichkeit kam auf ihn zu, sie
-war in schmuzige Lumpen gekleidet, ein zerrissenes Tuch hielt einige
-greise Haare zusammen, sie hinkte an einer Krücke. Mit fürchterlicher
-Stimme redete sie Christian an, und fragte nach seinem Namen und Stande;
-er antwortete ihr umständlich und sagte darauf: aber wer bist du? Man
-nennt mich das Waldweib, sagte jene, und jedes Kind weiß von mir zu
-erzählen; hast du mich niemals gekannt? Mit den letzten Worten wandte
-sie sich um, und Christian glaubte zwischen den Bäumen den goldenen
-Schleier, den hohen Gang, den mächtigen Bau der Glieder wieder zu
-erkennen. Er wollte ihr nacheilen, aber seine Augen fanden sie nicht
-mehr.
-
-Indem zog etwas Glänzendes seine Blicke in das grüne Gras nieder. Er hob
-es auf und sahe die magische Tafel mit den farbigen Edelgesteinen, mit
-der seltsamen Figur wieder, die er vor so manchem Jahr verloren hatte.
-Die Gestalt und die bunten Lichter drückten mit der plötzlichsten Gewalt
-auf alle seine Sinne. Er faßte sie recht fest an, um sich zu überzeugen,
-daß er sie wieder in seinen Händen halte, und eilte dann damit nach dem
-Dorfe zurück. Der Vater begegnete ihm. Seht, rief er ihm zu, das, wovon
-ich euch so oft erzählt habe, was ich nur im Traum zu sehn glaubte, ist
-jezt gewiß und wahrhaftig mein. Der Alte betrachtete die Tafel lange und
-sagte: mein Sohn, mir schaudert recht im Herzen, wenn ich die Lineamente
-dieser Steine betrachte und ahnend den Sinn dieser Wortfügung errathe;
-sieh her, wie kalt sie funkeln, welche grausame Blicke sie von sich
-geben, blutdürstig, wie das rothe Auge des Tiegers. Wirf diese Schrift
-weg, die dich kalt und grausam macht, die dein Herz versteinern muß:
-
- Sieh die zarten Blüthen keimen,
- Wie sie aus sich selbst erwachen,
- Und wie Kinder aus den Träumen
- Dir entgegen lieblich lachen.
-
- Ihre Farbe ist im Spielen
- Zugekehrt der goldnen Sonne,
- Deren heißen Kuß zu fühlen,
- Das ist ihre höchste Wonne:
-
- An den Küssen zu verschmachten,
- Zu vergehn in Lieb' und Wehmuth;
- Also stehn, die eben lachten,
- Bald verwelkt in stiller Demuth.
-
- Das ist ihre höchste Freude,
- Im Geliebten sich verzehren,
- Sich im Tode zu verklären,
- Zu vergehn in süßem Leide.
-
- Dann ergießen sie die Düfte,
- Ihre Geister, mit Entzücken,
- Es berauschen sich die Lüfte
- Im balsamischen Erquicken.
-
- Liebe kommt zum Menschenherzen,
- Regt die goldnen Saitenspiele,
- Und die Seele spricht: ich fühle
- Was das Schönste sei, wonach ich ziele,
- Wehmuth, Sehnsucht und der Liebe Schmerzen.
-
-Wunderbare, unermeßliche Schätze, antwortete der Sohn, muß es noch in
-den Tiefen der Erde geben. Wer diese ergründen, heben und an sich reißen
-könnte! Wer die Erde so wie eine geliebte Braut an sich zu drücken
-vermöchte, daß sie ihm in Angst und Liebe gern ihr Kostbarstes gönnte!
-Das Waldweib hat mich gerufen, ich gehe sie zu suchen. Hier neben an ist
-ein alter verfallener Schacht, schon vor Jahrhunderten von einem
-Bergmanne ausgegraben; vielleicht, daß ich sie dort finde!
-
-Er eilte fort. Vergeblich strebte der Alte, ihn zurück zu halten, jener
-war seinen Blicken bald entschwunden. Nach einigen Stunden, nach vieler
-Anstrengung gelangte der Vater an den alten Schacht; er sah die
-Fußstapfen im Sande am Eingange eingedrückt, und kehrte weinend um, in
-der Ueberzeugung, daß sein Sohn im Wahnsinn hinein gegangen, und in alte
-gesammelte Wässer und Untiefen versunken sei.
-
-Seitdem war er unaufhörlich betrübt und in Thränen. Das ganze Dorf
-trauerte um den jungen Pachter, Elisabeth war untröstlich, die Kinder
-jammerten laut. Nach einem halben Jahre war der alte Vater gestorben,
-Elisabeths Eltern folgten ihm bald nach, und sie mußte die große
-Wirthschaft allein verwalten. Die angehäuften Geschäfte entfernten sie
-etwas von ihrem Kummer, die Erziehung der Kinder, die Bewirthschaftung
-des Gutes ließen ihr für Sorge und Gram keine Zeit übrig. So entschloß
-sie sich nach zwei Jahren zu einer neuen Heirath, sie gab ihre Hand
-einem jungen heitern Manne, der sie von Jugend auf geliebt hatte. Aber
-bald gewann alles im Hause eine andre Gestalt. Das Vieh starb, Knechte
-und Mägde waren untreu, Scheuren mit Früchten wurden vom Feuer verzehrt,
-Leute in der Stadt, bei welchen Summen standen, entwichen mit dem Gelde.
-Bald sah sich der Wirth genöthigt, einige Aecker und Wiesen zu
-verkaufen; aber ein Mißwachs und theures Jahr brachten ihn nur in neue
-Verlegenheit. Es schien nicht anders, als wenn das so wunderbar
-erworbene Geld auf allen Wegen eine schleunige Flucht suchte; indessen
-mehrten sich die Kinder, und Elisabeth sowohl als ihr Mann wurden in der
-Verzweiflung unachtsam und saumselig; er suchte sich zu zerstreuen, und
-trank häufigen und starken Wein, der ihn verdrießlich und jähzornig
-machte, so daß oft Elisabeth mit heißen Zähren ihr Elend beweinte. So
-wie ihr Glück wich, zogen sich auch die Freunde im Dorfe von ihnen
-zurück, so daß sie sich nach einigen Jahren ganz verlassen sahn, und
-sich nur mit Mühe von einer Woche zur andern hinüber fristeten.
-
-Es waren ihnen nur wenige Schaafe und eine Kuh übrig geblieben, welche
-Elisabeth oft selber mit den Kindern hütete. So saß sie einst mit ihrer
-Arbeit auf dem Anger, Leonore zu ihrer Seite und ein säugendes Kind an
-der Brust, als sie von ferne herauf eine wunderbare Gestalt kommen
-sahen. Es war ein Mann in einem ganz zerrissenen Rocke, barfüßig, sein
-Gesicht schwarzbraun von der Sonne verbrannt, von einem langen
-struppigen Bart noch mehr entstellt; er trug keine Bedeckung auf dem
-Kopf, hatte aber von grünem Laube einen Kranz durch sein Haar
-geflochten, welcher sein wildes Ansehn noch seltsamer und
-unbegreiflicher machte. Auf dem Rücken trug er in einem festgeschnürten
-Sack eine schwere Ladung, im Gehen stützte er sich auf eine junge
-Fichte.
-
-Als er näher kam, setzte er seine Last nieder, und holte schwer Athem.
-Er bot der Frau guten Tag, die sich vor seinem Anblicke entsetzte, das
-Mädchen schmiegte sich an ihre Mutter. Als er ein wenig geruht hatte,
-sagte er: nun komme ich von einer sehr beschwerlichen Wanderschaft aus
-dem rauhesten Gebirge auf Erden, aber ich habe dafür auch endlich die
-kostbarsten Schätze mitgebracht, die die Einbildung nur denken oder das
-Herz sich wünschen kann. Seht hier, und erstaunt! -- Er öffnete hierauf
-seinen Sack und schüttete ihn aus; dieser war voller Kiesel, unter denen
-große Stücke Quarz, nebst andern Steinen lagen. Es ist nur, fuhr er
-fort, daß diese Juwelen noch nicht polirt und geschliffen sind, darum
-fehlt es ihnen noch an Auge und Blick; das äußerliche Feuer mit seinem
-Glanze ist noch zu sehr in ihren inwendigen Herzen begraben, aber man
-muß es nur herausschlagen, daß sie sich fürchten, daß keine Verstellung
-ihnen mehr nützt, so sieht man wohl, wes Geistes Kind sie sind. -- Er
-nahm mit diesen Worten einen harten Stein und schlug ihn heftig gegen
-einen andern, so daß die rothen Funken heraussprangen. Habt ihr den
-Glanz gesehen? rief er aus; so sind sie ganz Feuer und Licht, sie
-erhellen das Dunkel mit ihrem Lachen, aber noch thun sie es nicht
-freiwillig. -- Er packte hierauf alles wieder sorgfältig in seinen Sack,
-welchen er fest zusammen schnürte. Ich kenne dich recht gut, sagte er
-dann wehmüthig, du bist Elisabeth. -- Die Frau erschrak. Wie ist dir
-doch mein Name bekannt, fragte sie mit ahnendem Zittern. -- Ach, lieber
-Gott! sagte der Unglückselige, ich bin ja der Christian, der einst als
-Jäger zu euch kam, kennst du mich denn nicht mehr?
-
-Sie wußte nicht, was sie im Erschrecken und tiefsten Mitleiden sagen
-sollte. Er fiel ihr um den Hals, und küßte sie. Elisabeth rief aus: O
-Gott! mein Mann kommt!
-
-Sei ruhig, sagte er, ich bin dir so gut wie gestorben; dort im Walde
-wartet schon meine Schöne, die Gewaltige, auf mich, die mit dem goldenen
-Schleier geschmückt ist. Dieses ist mein liebstes Kind, Leonore. Komm
-her, mein theures, liebes Herz, und gieb mir auch einen Kuß, nur einen
-einzigen, daß ich einmal wieder deinen Mund auf meinen Lippen fühle,
-dann will ich euch verlassen.
-
-Leonore weinte; sie schmiegte sich an ihre Mutter, die in Schluchzen und
-Thränen sie halb zum Wandrer lenkte, halb zog sie dieser zu sich, nahm
-sie in die Arme, und drückte sie an seine Brust. -- Dann ging er still
-fort, und im Walde sahen sie ihn mit dem entsetzlichen Waldweibe
-sprechen.
-
-Was ist euch? fragte der Mann, als er Mutter und Tochter blaß und in
-Thränen aufgelöst fand. Keiner wollte ihm Antwort geben.
-
-Der Unglückliche ward aber seitdem nicht wieder gesehen.
-
- * * * * *
-
-Manfred endigte und sah auf: ich merke, sagte er, meine Zuhörer, noch
-auffallender aber meine Zuhörerinnen, sind blaß geworden.
-
-Gewiß, sagte Emilie, denn der Schluß ist zu schrecklich; es ist aber dem
-Vorleser nicht besser ergangen, denn er hat während seinem Vortrage mehr
-als einmal die Farbe gewechselt.
-
-Vielleicht, sagte Lothar, kann die Erzählung, die ich ihnen nun
-vorzutragen habe, durch ihr grelles Colorit jene zu trübe Empfindung
-unterbrechen, wenn auch nicht erheitern. Ich erbitte mir also einige
-Aufmerksamkeit für den Inhalt dieser Blätter.
-
-
-
-
- Liebeszauber.
- 1811.
-
-
-Tief denkend saß Emil an seinem Tische und erwartete seinen Freund
-Roderich. Das Licht brannte vor ihm, der Winterabend war kalt, und er
-wünschte heut seinen Reisegefährten herbei, so gern er wohl sonst dessen
-Gesellschaft vermied; denn an diesem Abend wollte er ihm ein Geheimniß
-entdecken und sich Rath von ihm erbitten. Der menschenscheue Emil fand
-bei allen Geschäften und Vorfällen des Lebens so viele Schwierigkeiten,
-so unübersteigliche Hindernisse, daß ihm das Schicksal fast in einer
-ironischen Laune diesen Roderich zugeführt zu haben schien, der in allen
-Dingen das Gegentheil seines Freundes zu nennen war. Unstät,
-flatterhaft, von jedem ersten Eindruck bestimmt und begeistert,
-unternahm er alles, wußte für alles Rath, war ihm keine Unternehmung zu
-schwierig, konnte ihn kein Hinderniß abschrecken: aber im Verlaufe eines
-Geschäftes ermüdete und erlahmte er eben so schnell, als er anfangs
-elastisch und begeistert gewesen war, alles was ihn dann hinderte, war
-für ihn kein Sporn, seinen Eifer zu vermehren, sondern es veranlaßte ihn
-nur, das zu verachten, was er so hitzig unternommen hatte, so daß
-Roderich alle seine Plane eben so ohne Ursach liegen ließ und saumselig
-vergaß, als er sie unbesonnen unternommen hatte. Daher verging kein Tag,
-daß beide Freunde nicht in Krieg geriethen, der ihrer Freundschaft den
-Tod zu drohen schien, doch war vielleicht dasjenige, was sie dem
-Anscheine nach trennte, nur das, was sie am innigsten verband; beide
-liebten sich herzlich, aber beide fanden eine große Genugthuung darin,
-daß einer über den andern die gegründetsten Klagen führen konnte.
-
-Emil, ein reicher junger Mann von reizbarem und melankolischem
-Temperament, war nach dem Tode seiner Eltern Herr seines Vermögens; er
-hatte eine Reise angetreten, um sich auszubilden, befand sich aber nun
-schon seit einigen Monaten in einer ansehnlichen Stadt, die Freuden des
-Carnevals zu genießen, um welche er sich niemals bemühte, um bedeutende
-Verabredungen über sein Vermögen mit Verwandten zu treffen, die er kaum
-noch besucht hatte. Unterwegs war er auf den unsteten allzubeweglichen
-Roderich gestoßen, der mit seinen Vormündern in Unfrieden lebte, und um
-sich ganz von diesen und ihren lästigen Vermahnungen los zu machen,
-begierig die Gelegenheit ergriff, welche ihm sein neuer Freund anbot,
-ihn als Gefährten auf seiner Reise mitzunehmen. Auf dem Wege hatten sie
-sich schon oft wieder trennen wollen, aber beide hatten in jeder
-Streitigkeit nur um so deutlicher gefühlt, wie unentbehrlich sie sich
-wären. Kaum waren sie in einer Stadt aus dem Wagen gestiegen, so hatte
-Roderich schon alle Merkwürdigkeiten des Orts gesehen, um sie am
-folgenden Tage zu vergessen, während Emil sich eine Woche aus Büchern
-gründlich vorbereitete, um nichts aus der Acht zu lassen, wovon er doch
-nachher aus Trägheit vieles seiner Aufmerksamkeit nicht würdigte;
-Roderich hatte gleich tausend Bekanntschaften gemacht und alle
-öffentlichen Oerter besucht, führte auch nicht selten seine neu
-erworbenen Freunde auf Emils einsames Zimmer, wo er diesen dann mit
-ihnen allein ließ, wenn sie anfingen ihm Langeweile zu machen. Eben so
-oft brachte er den bescheidenen Emil in Verlegenheit, wenn er dessen
-Verdienste und Kenntnisse gegen Gelehrte und einsichtsvolle Männer über
-die Gebühr erhob, und diesen zu verstehn gab, wie vieles sie in
-Sprachen, Alterthümern, oder Kunstkenntnissen von seinem Freunde lernen
-könnten, ob er gleich selbst niemals die Zeit finden konnte, über diese
-Gegenstände seinen Gefährten anzuhören, wenn sich das Gespräch dahin
-lenkte. War nun Emil einmal zur Thätigkeit aufgelegt, so konnte er fast
-darauf rechnen, daß sein schwärmender Freund sich in der Nacht auf einem
-Balle, oder einer Schlittenfarth erkältet habe, und das Bett hüten
-müsse, so daß Emil in Gesellschaft des lebendigsten, unruhigsten und
-mittheilsamsten aller Menschen in der größten Einsamkeit lebte.
-
-Heute erwartete ihn Emil gewiß, weil er ihm das feierliche Versprechen
-hatte geben müssen, den Abend mit ihm zuzubringen, um zu erfahren, was
-schon seit Wochen seinen tiefsinnigen Freund gedrückt und beängstigt
-habe. Emil schrieb indeß folgende Verse nieder.
-
- Wie lieb und hold ist Frühlingsleben,
- Wenn alle Nachtigallen singen,
- Und wie die Tön' in Bäumen klingen,
- In Wonne Laub und Blüthen beben.
-
- Wie schön im goldnen Mondenscheine
- Das Spiel der lauen Abendlüfte,
- Die, auf den Flügeln Lindendüfte,
- Sich jagen durch die stillen Haine.
-
- Wie herrlich glänzt die Rosenpracht,
- Wenn Liebreiz rings die Felder schmücket,
- Die Lieb' aus tausend Rosen blicket,
- Aus Sternen ihrer Wonne-Nacht.
-
- Doch schöner dünkt mir, holder, lieber,
- Des kleinen Lichtleins blaß Geflimmer,
- Wenn sie sich zeigt im engen Zimmer,
- Späh' ich in Nacht zu ihr hinüber.
-
- Wie sie die Flechten löst und bindet,
- Wie sie im Schwung der weißen Hand
- Anschmiegt dem Leibe hell Gewand,
- Und Kränz' in braune Locken windet.
-
- Wie sie die Laute läßt erklingen,
- Und Töne, aufgejagt, erwachen,
- Berührt von zarten Fingern lachen,
- Und scherzend durch die Saiten springen;
-
- Sie einzufangen schickt sie Klänge
- Gesanges fort, da flieht mit Scherzen
- Der Ton, sucht Schirm in meinem Herzen,
- Dahin verfolgen die Gesänge.
-
- O laßt mich doch, ihr Bösen, frei!
- Sie riegeln sich dort ein und sprechen:
- Nicht weichen wir, bis dies wird brechen,
- Damit du weißt, was Lieben sei.
-
-Emil stand ungeduldig auf. Es ward finsterer und Roderich kam nicht, dem
-er seine Liebe zu einer Unbekannten, die ihm gegen über wohnte und ihn
-tagelang zu Hause, und Nächte hindurch wachend erhielt, bekennen wollte.
-Jezt schallten Fußtritte die Treppe herauf, die Thür, ohne daß man
-anklopfte, eröffnete sich, und herein traten zwei bunte Masken mit
-widrigen Angesichtern, der eine ein Türke, in rother und blauer Seide
-gekleidet, der andere ein Spanier, blaßgelb und röthlich, mit vielen
-schwankenden Federn auf dem Hute. Als Emil ungeduldig werden wollte,
-nahm Roderich die Maske ab, zeigte sein wohl bekanntes lachendes Gesicht
-und sagte: ei, mein Liebster, welche grämliche Miene! Sieht man so aus
-zur Carnevalszeit? Ich und unser lieber junger Offizier kommen dich
-abzuholen, heut ist großer Ball auf dem Maskensaale, und da ich weiß,
-daß du es verschworen hast, anders, als in deinen schwarzen Kleidern zu
-gehn, die du täglich trägst, so komm nur so mit, wie du da bist, denn es
-ist schon ziemlich spät.
-
-Emil war erzürnt und sagte: du hast, wie es scheint, deiner Gewohnheit
-nach ganz unsre Abrede vergessen: sehr leid thut es mir, (indem er sich
-zum Fremden wandte) daß ich Sie unmöglich begleiten kann, mein Freund
-ist zu voreilig gewesen, es in meinem Namen zu versprechen; ich kann
-überhaupt nicht ausgehn, da ich etwas Wichtiges mit ihm abzureden habe.
-
-Der Fremde, welcher bescheiden war und Emils Absicht verstand, entfernte
-sich: Roderich aber nahm höchst gleichgültig die Maske wieder vor,
-stellte sich vor den Spiegel und sagte: nicht wahr, man sieht eigentlich
-ganz scheußlich aus? Es ist im Grunde eine geschmacklose widerwärtige
-Erfindung.
-
-Das ist gar keine Frage, erwiederte Emil im höchsten Unwillen. Dich zur
-Carikatur machen, und dich betäuben, gehört eben zu den Vergnügungen,
-denen du am liebsten nachjagst.
-
-Weil du nicht tanzen magst, sagte jener, und den Tanz für eine
-verderbliche Erfindung hältst, so soll auch Niemand anders lustig seyn.
-Wie verdrüßlich, wenn ein Mensch aus lauter Eigenheiten zusammen gesetzt
-ist.
-
-Gewiß, erwiederte der erzürnte Freund, und ich habe Gelegenheit genug,
-dies an dir zu beobachten; ich glaubte, daß du mir nach unsrer Abrede
-diesen Abend schenken würdest, aber --
-
-Aber es ist ja Carneval, fuhr jener fort, und alle meine Bekannten und
-einige Damen erwarten mich auf dem heutigen großen Balle. Bedenke nur,
-mein Lieber, daß es wahre Krankheit in dir ist, daß dir dergleichen
-Anstalten so unbillig zuwider sind.
-
-Emil sagte: wer von uns beiden krank zu nennen ist, will ich nicht
-untersuchen; dein unbegreiflicher Leichtsinn, deine Sucht, dich zu
-zerstreuen, dein Jagen nach Vergnügungen, die dein Herz leer lassen,
-scheint mir wenigstens keine Seelengesundheit; auch in gewissen Dingen
-könntest du wohl meiner Schwachheit, wenn es denn einmal dergleichen
-sein soll, nachgeben, und es giebt nichts auf der Welt, was mich so
-durch und durch verstimmt, als ein Ball mit seiner fürchterlichen Musik.
-Man hat sonst wohl gesagt, die Tanzenden müßten einem Tauben, welcher
-die Musik nicht vernimmt, als Rasende erscheinen; ich aber meine, daß
-diese schreckliche Musik selbst, dies Umherwirbeln weniger Töne in
-widerlicher Schnelligkeit, in jenen vermaledeiten Melodien, die sich
-unserm Gedächtnisse, ja ich möchte sagen unserm Blut unmittelbar
-mittheilen, und die man nachher auf lange nicht wieder los werden kann,
-daß dies die Tollheit und Raserei selbst sei; denn wenn mir das Tanzen
-noch irgend erträglich sein sollte, so müßte es ohne Musik geschehn.
-
-Nun sieh, wie paradox! antwortete der Maskirte; du kömmst so weit, daß
-du das Natürlichste, Unschuldigste und Heiterste von der Welt
-unnatürlich, ja gräßlich finden willst.
-
-Ich kann nicht für mein Gefühl, sagte der Ernste, daß mich diese Töne
-von Kindheit auf unglücklich gemacht, und oft bis zur Verzweiflung
-getrieben haben: in der Tonwelt sind sie für mich die Gespenster, Larven
-und Furien, und so flattern sie mir auch ums Haupt, und grinsen mich mit
-entsetzlichem Lachen an.
-
-Nervenschwäche, sagte jener, so wie dein übertriebener Abscheu gegen
-Spinnen und manch anderes unschuldiges Gewürm.
-
-Unschuldig nennst du sie, sagte der Verstimmte, weil sie dir nicht
-zuwider sind. Für denjenigen aber, dem die Empfindung des Ekels und des
-Abscheus, dasselbe unnennbare Grauen, wie mir, bei ihrem Anblick in der
-Seele aufgeht und durch sein ganzes Wesen zuckt, sind diese gräßlichen
-Unthiere, wie Kröten und Spinnen, oder gar die widerwärtigste aller
-Creaturen, die Fledermaus, nicht gleichgültig und unbedeutend, sondern
-ihr Dasein ist dem seinigen auf das feindlichste entgegengesetzt.
-Wahrlich, man möchte über die Ungläubigen lächeln, mit deren Imagination
-sich Gespenster und grauenhafte Larven, sammt jenen Geburten der Nacht
-nicht vereinigen lassen, die wir in Krankheiten sehn, oder die uns
-Dantes Gemälde zeigen, da die gewöhnlichste Wirklichkeit um uns her die
-fürchterlichen verzerrten Musterbilder dieser Schrecken uns vorhält.
-Sollten wir in der That das Schöne lieben können, ohne uns vor diesen
-Fratzen zu entsetzen?
-
-Warum entsetzen? fragte Roderich, warum soll uns das große Reich der
-Gewässer und der Meere gerade diese Furchtbarkeit vorhalten, an die sich
-deine Vorstellung gewöhnt hat, und nicht vielmehr seltsame,
-unterhaltende und possirliche Verkleidungen, so daß das ganze Gebiet
-nicht anders, als etwa wie ein komischer Ballsaal anzusehn wäre? Deine
-Eigenheiten aber gehn noch weiter, denn so wie du die Rose mit einer
-gewissen Abgötterei liebst, so sind dir andre Blumen eben so lebhaft
-verhaßt; was hat dir nur die gute liebe Feuerlilie gethan, wie so manch
-andres Kind des Sommers? So sind dir manche Farben zuwider, manche Düfte
-und viele Gedanken, und du thust nichts dazu, dich gegen diese
-Stimmungen zu verhärten, sondern du giebst ihnen weichlich nach, und am
-Ende wird eine Sammlung von dergleichen Seltsamkeiten die Stelle
-einnehmen, die dein Ich besitzen sollte.
-
-Emil war im tiefsten Herzen erzürnt und antwortete nicht. Er hatte es
-nun schon aufgegeben, sich jenem mitzutheilen, auch schien der
-leichtsinnige Freund gar keine Begier zu haben, das Geheimniß zu
-erfahren, welches ihm sein melankolischer Gefährte mit so wichtiger
-Miene angekündigt hatte; er saß gleichgültig im Lehnsessel, mit seiner
-Maske spielend, als er plötzlich ausrief: sei doch so gut, Emil, und
-leih mir deinen großen Mantel.
-
-Wozu? fragte jener.
-
-Ich höre drüben in der Kirche Musik, antwortete Roderich, und habe schon
-alle Abend diese Stunde versäumt; heut kömmt sie mir recht gelegen,
-unter deinem Mantel kann ich diese Kleidung verbergen, auch Maske und
-Turban darunter verstecken, und wenn sie geendigt ist, mich sogleich
-nach dem Balle begeben.
-
-Murrend suchte Emil den Mantel aus dem Schranke, gab ihn dem
-Aufgestandenen, und zwang sich zu einem ironischen Lächeln. Da hast du
-meinen türkischen Dolch, den ich gestern gekauft habe, sagte Roderich,
-indem er sich einhüllte, heb' ihn auf; es taugt nicht, dergleichen
-ernsthaftes Zeug als Spielerei bei sich zu haben; man kann denn doch
-nicht wissen, wozu es gemißbraucht würde, wenn Zank oder anderer Unfug
-die Gelegenheit herbei führte; morgen sehn wir uns wieder, lebe wohl und
-bleibe vergnügt. Er wartete auf keine Erwiederung, sondern eilte die
-Treppe hinunter.
-
-Als Emil allein war, suchte er seinen Zorn zu vergessen und das Betragen
-seines Freundes von der lächerlichen Seite zu nehmen. Er betrachtete den
-blanken schön gearbeiteten Dolch, und sagte, wie muß es doch dem
-Menschen sein, der solch scharfes Eisen in die Brust des Gegners stößt,
-oder gar einen geliebten Gegenstand damit verletzt? er schloß ihn ein,
-lehnte dann behutsam die Läden seines Fensters zurück und sah über die
-enge Gasse. Aber kein Licht regte sich, es war finster im Hause
-gegenüber; die theure Gestalt, die dort wohnte, und sich um diese Zeit
-bei häuslicher Beschäftigung zu zeigen pflegte, schien entfernt.
-Vielleicht gar auf dem Balle, dachte Emil, so wenig es auch ihrer
-eingezogenen Lebensart ziemte. Plötzlich aber zeigte sich ein Licht, und
-die Kleine, welche seine unbekannte Geliebte um sich hatte, und mit der
-sie sich am Tage wie am Abend vielfältig abgab, trug ein Licht durch das
-Zimmer und lehnte die Fensterläden an. Eine Spalte blieb hell, groß
-genug, um von Emils Standpunkt einen Theil des kleinen Zimmers zu
-überschauen, und dort stand oft der Glückliche bis nach Mitternacht wie
-bezaubert, und beobachtete jede Bewegung der Hand, jede Miene seiner
-Geliebten: er freute sich, wenn sie dem kleinen Kinde lesen lehrte, oder
-es im Nähen und Stricken unterrichtete. Auf seine Erkundigung hatte er
-erfahren, daß die Kleine eine arme Waise sei, die das schöne Mädchen
-mitleidig zu sich genommen hatte, um sie zu erziehn. Emils Freunde
-begriffen nicht, warum er in dieser engen Gasse wohne in einem
-unbequemen Hause, weshalb man ihn so wenig in Gesellschaften sehe, und
-womit er sich beschäftige. Unbeschäftigt, in der Einsamkeit, war er
-glücklich, nur unzufrieden mit sich und seinem menschenscheuen
-Charakter, daß er es nicht wage die nähere Bekanntschaft dieses schönen
-Wesens zu suchen, so freundlich sie auch einigemal am Tage gegrüßt und
-gedankt hatte. Er wußte nicht, daß sie eben so trunken zu ihm hinüber
-spähte, und ahnete nicht, welche Wünsche sich in ihrem Herzen bildeten,
-welcher Anstrengung, welcher Opfer sie sich fähig fühlte, um nur zum
-Besitz seiner Liebe zu gelangen.
-
-Nachdem er einigemal auf und nieder gegangen war, und das Licht sich mit
-dem Kinde wieder entfernt hatte, faßte er plötzlich den Entschluß,
-seiner Neigung und Natur zuwider auf den Ball zu gehen, weil es ihm
-einfiel, daß seine Unbekannte eine Ausnahme von ihrer eingezogenen
-Lebensweise könne gemacht haben, um auch einmal die Welt und ihre
-Zerstreuungen zu genießen. Die Gassen waren hell erleuchtet, der Schnee
-knisterte unter seinen Füßen, Wagen rollten ihm vorüber und Masken in
-den verschiedensten Trachten pfiffen und zwitscherten an ihm vorbei. Aus
-vielen Häusern ertönte ihm die so verhaßte Tanzmusik, und er konnte es
-nicht über sich gewinnen, auf dem kürzesten Wege nach dem Saale zu gehn,
-zu welchem aus allen Richtungen die Menschen strömten und drängten. Er
-ging um die alte Kirche, beschaute den hohen Thurm, der sich ernst in
-den nächtlichen Himmel erhub, und freute sich der Stille und Einsamkeit
-des abgelegenen Platzes. In der Vertiefung einer großen Kirchenthür,
-deren mannichfaltiges Bildwerk er immer mit Lust beschaut, und sich
-dabei der alten Kunst und vergangener Zeiten erinnert hatte, nahm er
-auch jezo Platz, um sich auf wenige Augenblicke seinen Betrachtungen zu
-überlassen. Er stand nicht lange, als eine Figur seine Aufmerksamkeit an
-sich zog, die unruhig auf und nieder ging, und jemand zu erwarten
-schien. Beim Schein einer Laterne, die vor einem Marienbilde brannte,
-unterschied er genau das Gesicht, so wie die wunderliche Kleidung. Es
-war ein altes Weib von der äußersten Häßlichkeit, die um so mehr in die
-Augen fiel, weil sie gegen ein scharlachrothes Leibchen, das mit Gold
-besetzt war, höchst abentheuerlich abstach; der Rock, den sie trug, war
-dunkel, und die Haube ihres Kopfes glänzte ebenfalls von Gold. Emil
-glaubte anfangs eine geschmacklose Maske zu sehn, die sich hieher
-verirrt habe, aber bald war er beim hellen Scheine überzeugt, daß das
-alte braune und runzlichte Gesicht ein wirkliches und kein nachgeahmtes
-sei. Es währte nicht lange, so erschienen zwei Männer in Mänteln
-gehüllt, die sich dem Orte mit behutsamen Schritten zu nähern schienen,
-indem sie öfter von den Seiten schauten, ob ihnen Niemand folge. Die
-Alte ging auf sie zu. Habt ihr die Lichter? fragte sie hastig und mit
-einer rauhen Stimme. Hier sind sie, sagte der Eine, der Preis ist euch
-bekannt, macht die Sache gleich richtig. Die Alte schien Geld zu geben,
-welches der Mann unter seinem Mantel nachzählte. Ich verlasse mich
-darauf, fing die Alte wieder an, daß sie ganz nach der Vorschrift und
-Kunst gegossen sind, damit die Wirkung nicht ausbleibt. Seid ohne
-Sorgen, sagte jener, und entfernte sich schnell.
-
-Der andre, welcher zurück geblieben, war ein junger Mann; er nahm die
-Alte bei der Hand und sagte: ist es möglich, Alexia, daß dergleichen
-Ceremonien und Formeln, diese seltsamen alten Sagen, an welche ich nie
-habe glauben können, den freien Willen des Menschen fesseln, und Liebe
-und Haß erregen könnten? So ist es, sprach das rothe Weib, aber eins muß
-zum andern kommen, nicht bloß diese Lichter, in der Mitternacht des
-Neumonden gegossen, mit Menschenblut getränkt, nicht die Zauberformeln
-und Anrufungen allein können es ausrichten, sondern noch manches andre
-gehört dazu, das der Kunstverständige wohl kennt. So verlaß ich mich auf
-dich, sagte der Fremde. Morgen nach Mitternacht bin ich euch zu
-Diensten, antwortete die Alte; ihr werdet ja nicht der erste sein, der
-mit meiner Kundschaft unzufrieden ist; heute, wie ihr gehört habt, bin
-ich für jemand anders bestellt, auf dessen Sinn und Verstand unsere
-Kunst gewiß nachdrücklich wirken soll. Die letzten Worte sagte sie mit
-halbem Lachen, und beide gingen aus einander und entfernten sich nach
-verschiedenen Richtungen. Emil trat schaudernd aus der dunkeln Nische
-hervor und erhob seine Blicke zum Bilde der Jungfrau mit dem Kinde; vor
-deinen Augen, du Holdselige, sagte er halb laut, erfrechen sich die
-Greuel ihre Abrede zu treffen, um ihren abscheulichen Betrug zu
-verhandeln, doch so, wie du dein Kind in Liebe umfängst, so hält uns
-alle die unsichtbare Liebe in fühlbaren Armen, und unser armes Herz
-klopft in Freude wie in Angst einem größeren entgegen, das uns niemals
-verlassen wird. Wolken zogen über die Spitze des Thurms und das schroffe
-Dach der Kirche hinweg, die ewigen Sterne schauten funkelnd und mit
-freundlichem Ernst hernieder, und Emil wandte sich entschlossen von
-diesen nächtlichen Schauern und gedachte der Schönheit seiner
-Unbekannten. Er betrat wieder die belebten Gassen, und lenkte nach dem
-hellerleuchteten Ballhause ein, von welchem ihm Stimmen, Wagengerassel,
-und in einzelnen Pausen die lärmende Musik entgegen schallten.
-
-Im Saale verlor er sich sogleich im fluthenden Getümmel, Tänzer
-umsprangen ihn, Masken schossen an ihm hin und her, Pauken und Trompeten
-betäubten sein Ohr, und ihm war, als sei das menschliche Leben selber
-nur ein Traum. Er ging durch die Reihen, und nur sein Auge blieb wach,
-um jene geliebten Augen und jenes schöne Haupt mit den braunen Locken
-aufzusuchen, nach dessen Anblick er sich heut inniger sehnte als sonst,
-und dem angebeteten Wesen doch innerlich Vorwürfe machte, daß es sich in
-diesem stürmenden Meer der Verwirrung und Thorheit untertauchen und
-verlieren könne. Nein, sprach er zu sich selbst, kein Herz, welches
-liebt, wird sich diesem wüsten Brausen öffnen wollen, in welchem
-Sehnsucht und Thränen verhöhnt und mit dem schmetternden Gelächter
-wilder Trompeten verspottet werden. Das Säuseln der Bäume, das Rieseln
-der Quellen, Lautenschlag und edler Gesang, welcher voll aus dem
-bewegten Busen strömt, sind die Töne, in welchen Liebe wohnt. So aber
-donnert und jubelt die Hölle in der Raserei ihrer Verzweiflung.
-
-Er fand nicht, was er suchte, denn zu dem Glauben, daß sein geliebtes
-Angesicht sich vielleicht unter eine widrige Maske verborgen habe,
-konnte er sich unmöglich bequemen. Schon war er dreimal den Saal auf-
-und abgewandert und hatte alle sitzenden und unmaskirten Damen
-vergeblich gemustert, als sich der Spanier zu ihm gesellte und sagte:
-schön, daß sie doch noch gekommen sind; sie suchen vielleicht ihren
-Freund?
-
-Emil hatte ihn ganz vergessen; er sagte aber beschämt: in der That, ich
-wundre mich, ihn hier nicht zu treffen, denn seine Maske ist kenntlich
-genug.
-
-Wissen sie, was der wunderliche Mensch treibt? antwortete der junge
-Offizier; er hat weder getanzt, noch sich lange im Saale aufgehalten,
-denn er fand sogleich seinen Freund Anderson, der vom Lande herein
-gekommen ist; ihr Gespräch fiel auf die Literatur, und da dieser das
-neulich herausgekommene Gedicht noch nicht kannte, so hat Roderich nicht
-eher geruht, bis man ihm eins der hintern Zimmer aufgeschlossen hat,
-dort sitzt er mit seinem Gefährten bei einer einsamen Kerze und liest
-ihm das ganze Werk vor.
-
-Das sieht ihm ähnlich, sagte Emil, denn er besteht ganz aus Laune. Ich
-habe alles angewandt, und selbst freundschaftliche Zwistigkeiten nicht
-gescheut, um es ihm abzugewöhnen, immer ^ex tempore^ zu leben und sein
-ganzes Dasein in Impromptüs auszuspielen: allein diese Thorheiten sind
-ihm so ans Herz gewachsen, daß er sich eher vom liebsten Freunde, als
-von ihnen trennen würde. Das nämliche Werk, welches er so liebt, daß er
-es immer bei sich trägt, hat er mir neulich vorlesen wollen, und ich
-hatte ihn sogar dringend darum gebeten; wir waren aber kaum über den
-Anfang, indeß ich ganz den Schönheiten hingegeben war, als er plötzlich
-aufsprang, mit der Küchenschürze umgethan zurückkehrte, mit vielen
-Umständen Feuer anschüren ließ, um mir Beefsteaks zu rösten, zu welchen
-ich kein Verlangen trug, und die er sich am besten in Europa zu machen
-einbildet, ob sie ihm gleich die meisten Male verunglücken.
-
-Der Spanier lachte. Ist er nie verliebt gewesen? fragte er.
-
-Auf seine Weise, erwiederte Emil sehr ernst; so, als wollte er über sich
-und die Liebe spotten, in viele zugleich, und nach seinen Worten bis zur
-Verzweiflung, die er aber insgesamt in acht Tagen wieder vergessen
-hatte.
-
-Sie trennten sich im Getümmel, und Emil begab sich nach dem abgelegenen
-Zimmer, aus welchem er seinen Freund schon von fern laut deklamiren
-hörte. Ah, da bist du ja auch, rief ihm dieser entgegen; das trifft sich
-gut, ich bin nur eben über die Stelle hinüber, bei der wir neulich
-unterbrochen wurden; setze dich, so kannst du mit zuhören.
-
-Ich bin jezt nicht in der Stimmung, sagte Emil, auch scheint mir diese
-Stunde und dieser Ort wenig geschickt zu einer solchen Unterhaltung.
-
-Warum nicht? antwortete Roderich; es muß sich alles nach unserm Willen
-bequemen, jede Zeit ist gut dazu, sich auf eine edle Weise zu
-beschäftigen. Oder willst du lieber tanzen? Es fehlt an Tänzern, und du
-kannst dich heut mit einigen Stunden Herumspringens und einem Paar
-ermüdender Beine bei vielen dankbaren Damen ziemlich beliebt machen.
-
-Lebe wohl, rief jener schon in der Thür, ich gehe nach Hause.
-
-Noch ein Wort! rief ihm Roderich nach: ich verreise morgen in aller
-Frühe mit diesem Herrn auf einige Tage über Land; ich spreche aber noch
-bei dir vor, um Abschied zu nehmen. Schläfst du, wie es wahrscheinlich
-ist, so bemühe dich nur nicht, aufzuwachen, denn in drei Tagen bin ich
-wieder bei dir. -- Der wunderlichste aller Menschen, fuhr er fort, gegen
-seinen neuen Freund gewandt, so schwerfällig, mißlaunig, ernsthaft, daß
-er sich jede Freude verdirbt, oder vielmehr, daß es für ihn keine Freude
-giebt. Alles soll edel, groß, erhaben sein, sein Herz soll an allem
-Antheil nehmen, und wenn er selbst vor einem Puppenspiele stände; wenn
-sich dergleichen nun nicht zu seinen Prätensionen verstehen will, die
-warlich ganz unsinnig sind, so wird er tragisch gestimmt, und findet die
-ganze Welt roh und barbarisch; da draußen verlangt er ohne Zweifel, daß
-unter den Masken einem Pantalon und Policinell das Herz voll Sehnsucht
-und überirdischer Triebe glühe, und daß der Arlechin über die
-Nichtigkeit der Welt tiefsinnig philosophiren soll, und wenn diese
-Erwartungen nicht eintreffen, so treten ihm gewiß die Thränen in die
-Augen, und er wendet dem bunten Schauspiel zerknirscht und verachtend
-den Rücken.
-
-Er ist also melankolisch? fragte der Zuhörer.
-
-Das eigentlich nicht, antwortete Roderich, sondern nur von zu zärtlichen
-Eltern und sich selbst verzogen. Er hatte sich angewöhnt, regelmäßig wie
-Ebbe und Fluth sein Herz bewegen zu lassen, und bleibt diese Rührung
-einmal aus, so schreit er Mirakel und möchte Prämien aussetzen, um
-Physiker aufzumuntern, diese Naturerscheinung genügend zu erklären. Er
-ist der beste Mensch unter der Sonne, aber alle meine Mühe, ihm diese
-Verkehrtheit abzugewöhnen, ist ganz umsonst und verloren, und wenn ich
-nicht für meine gute Meinung Undank davon tragen will, muß ich ihn
-gewähren lassen.
-
-Er sollte vielleicht den Arzt gebrauchen, bemerkte jener.
-
-Es gehört mit zu seinen Eigenheiten, antwortete Roderich, die Medizin
-durch und durch zu verachten, denn er meint, jede Krankheit sei in
-jeglichem Menschen ein Individuum, und könne nicht nach ältern
-Wahrnehmungen, oder gar nach sogenannten Theorien geheilt werden; er
-würde eher alte Weiber und sympathetische Kuren gebrauchen. Eben so
-verachtet er auch in andrer Hinsicht alle Vorsicht und alles was man
-Ordnung und Mäßigkeit nennt. Von Kindheit auf ist ein edler Mann sein
-Ideal gewesen, und sein höchstes Bestreben, das aus sich zu bilden, was
-er so nennt, das heißt hauptsächlich eine Person, die die Verachtung der
-Dinge mit der des Geldes anfängt; denn um nur nicht in den Verdacht zu
-gerathen, daß er haushälterisch sei, ungern ausgebe, oder irgend
-Rücksicht auf Geld nehme, so wirft er es höchst thöricht weg, ist bei
-seiner reichlichen Einnahme immer arm und in Verlegenheit, und wird der
-Thor von jedwedem, der nicht ganz in dem Sinne edel ist, in welchem er
-es sich zu sein vorgesetzt hat. Sein Freund zu sein, ist aber die
-Aufgabe aller Aufgaben, denn er ist so reizbar, daß man nur husten,
-nicht edel genug essen, oder gar die Zähne stochern darf, um ihn
-tödtlich zu beleidigen.
-
-War er nie verliebt? fragte der Freund vom Lande.
-
-Wen sollte er lieben? antwortete Roderich, er verachtete alle Töchter
-der Erde, und er dürfte nur bemerken, daß sein Ideal sich gern putzte,
-oder gar tanzte, so würde sein Herz brechen; noch schrecklicher, wenn
-sie das Unglück hätte, den Schnupfen zu bekommen.
-
-Emil stand indessen wieder im Getümmel; aber plötzlich überfiel ihn jene
-Angst, der Schreck, der so oft schon in solcher erregten Menschenmenge
-sein Herz ergriffen hatte, und jagte ihn aus dem Saale und Hause, über
-die öden Gassen hinweg, und erst auf seinem einsamen Zimmer fand er sich
-und seine ruhige Besinnung wieder. Das Nachtlicht war schon angezündet,
-er hieß dem Bedienten sich nieder legen; drüben war alles still und
-finster, und er setzte sich, um in einem Gedichte seine Empfindungen
-über den Ball auszuströmen. --
-
- Im Herzen war es stille,
- Der Wahnsinn lag an Ketten;
- Da regt sich böser Wille,
- Vom Kerker ihn zu retten,
- Den Tollen los zu machen:
- Da hört man Pauken klingen,
- Da bricht hervor mit Lachen
- Trommeten-Klang und Krachen,
- Dazwischen Flöten singen,
- Und Pfeifentöne springen
- Mit gellendem Geschrei
- Zwischen dröhnenden tönenden Geigen
- In rasender Wuth herbei,
- Das wilde Gemüth zu zeigen,
- Und grimmig zu morden das stille kindliche Schweigen. --
-
- Wohin dreht sich der Reigen?
- Was sucht die springende Menge
- Im windenden Gedränge? --
- Vorüber! Es glänzen die Lichter,
- Wir tummeln uns näher und dichter,
- Es jauchzt in uns das blöde Herz;
- Lauter tönet,
- Grimmer dröhnet
- Ihr Cymbeln, ihr Pfeifen! betäubet den Schmerz,
- Er werde zum Scherz! --
-
- Du winkst mir, holdes Angesicht?
- Es lacht der Mund, der Augen Licht;
- Herbei, daß ich dich fasse,
- Im Schweben wieder lasse;
- Ich weiß, die Schönheit bald zerbricht,
- Der Mund verstummt, der lieblich spricht,
- Dich faßt des Todes Arm.
- Was winkst du, Schädel, freundlich mir?
- Kein Kummer mir, nicht Angst und Harm,
- Daß du so bald erbleichest hier,
- Wohl heut, wohl morgen.
- Was sollen die Sorgen?
- Ich lebe und schwebe im Reigen vorüber vor dir. --
-
- Heut lieb ich dich,
- Jezt meinst du mich;
- Ach, Noth und Angst sie lauern
- Schon hinter diesen Mauern,
- Und Seufzer schwer und thränend Leid
- Stehn schon bereit,
- Dich zu umstricken;
- Froh laß uns blicken
- Vernichtung an und grausen Tod;
- Was will die Angst, was will uns Noth?
- Wir drücken
- Im Taumel die Hand;
- Mich rührt dein Gewand,
- Du schwebest dahin, ich taumle zurück --
- Auch Verzweiflung ist Glück.
-
- Aus diesem Entzücken,
- Und was wir heut lachten,
- Entsprießt wohl Verachten
- Und giftiger Neid;
- O herrliche Zeit!
- Wenn ich dich verhöhne,
- Winkt dort mir die Schöne,
- Und wird meine Braut;
- Die andere schaut
- Noch kühner darein;
- Soll dies' es denn sein? --
-
- So taumeln wir alle
- Im Schwindel die Halle
- Des Lebens hinab,
- Kein Lieben, kein Leben,
- Kein Sein uns gegeben,
- Nur Träumen und Grab:
- Da unten bedecken
- Wohl Blumen und Klee
- Noch grimmere Schrecken,
- Noch wilderes Weh;
- Drum lauter ihr Cymbeln, du Paukenklang,
- Noch schreiender gellender Hörnergesang!
- Ermuthiget schwingt, dringt, springt ohne Ruh,
- Weil Lieb uns nicht Leben
- Kein Herz hat gegeben,
- Mit Jauchzen dem greulichen Abgrunde zu! --
-
-Er hatte geendigt und stand am Fenster. Da kam sie gegen über herein, so
-schön, wie er sie noch nie gesehn hatte, das braune Haar aufgelöst wogte
-und spielte in muthwilligen Locken um den weißesten Nacken; sie war nur
-leicht bekleidet und schien noch vor Schlafengehn zu später Nachtzeit
-einige häusliche Arbeiten verrichten zu wollen, denn sie stellte zwei
-Lichter in zwei Ecken des Zimmers, ordnete den Teppich auf dem Tische,
-und entfernte sich wieder. Noch war Emil in seinen süßen Träumereien
-versunken, und wiederholte sich in seiner Phantasie das Bild seiner
-Geliebten, als zu seinem Entsetzen die fürchterliche, die rothe Alte
-durch das Zimmer schritt; gräßlich leuchtete von ihrem Haupt und Busen
-das Gold im Widerschein der Lichter. Sie war wieder verschwunden. Sollte
-er seinen Augen trauen? War es kein Blendwerk der Nacht, welches ihm
-seine eigne Einbildung gespenstisch vorüber geführt hatte?
-
-Aber nein, sie kehrte zurück, noch gräßlicher als zuvor, denn ein langes
-greises und schwarzes Haar flog wild und ungeordnet um Brust und Rücken;
-das schöne Mädchen folgte ihr, blaß, entstellt, die schönsten Brüste
-ohne Hülle, aber das ganze Bild einer Statue von Marmor ähnlich. Sie
-hatten zwischen sich das kleine liebliche Kind, welches weinte und sich
-an die Schöne bittend schmiegte, die nicht zu ihm hernieder sah. Das
-Kindlein hielt flehend die Händchen empor, streichelte Hals und Wange
-der blassen Schönen. Sie aber hielt es fest am Haar und mit der andern
-Hand ein silbernes Becken; die Alte zuckte murmelnd das Messer und
-durchschnitt den weißen Hals der Kleinen. Da wand sich hinter ihnen
-etwas hervor, das beide nicht zu sehen schienen, sonst hätten sie sich
-wohl eben so inniglich wie Emil entsetzt. Ein scheußlicher Drachenhals
-wälzte sich schuppig länger und länger aus der Dunkelheit, neigte sich
-über das Kind hin, das mit aufgelösten Gliedern der Alten in den Armen
-hing, die schwarze Zunge leckte vom sprudelnden rothen Blut, und ein
-grün funkelndes Auge traf durch die Spalte hinüber in Emils Blick und
-Gehirn und Herz, daß er im selben Augenblick zu Boden stürzte.
-
-Leblos traf ihn Roderich nach einigen Stunden.
-
- * * * * *
-
-Am heitersten Sommermorgen saß in grüner Laube eine Gesellschaft von
-Freunden um ein schmackhaftes Frühstück versammelt. Man lachte und
-scherzte, alle stießen freudig oft mit den Gläsern auf die Gesundheit
-des jungen Brautpaares an, und wünschten ihm Heil und Glück. Bräutigam
-und Braut waren nicht zugegen, denn die Schöne war noch mit ihrem
-Schmucke beschäftiget, und der junge Ehemann lustwandelte, seinem Glücke
-nachsinnend, einsam in einem entfernten Baumgange. Schade, sagte
-Anderson, daß wir keine Musik haben sollen; alle unsere Damen sind
-unzufrieden und haben noch nie so sehr zu tanzen gewünscht, als gerade
-heut, da es nicht geschehn kann; aber es ist ihm zu sehr zuwider.
-
-Ich kann es euch wohl verrathen, sagte ein junger Officier, daß wir
-dennoch einen Ball haben werden, und zwar einen recht tollen und
-geräuschigen; alles ist schon eingerichtet und die Musikanten sind schon
-heimlich angekommen und unsichtbar einquartiert. Roderich hat alle diese
-Einrichtungen getroffen, denn er sagt, man müsse ihm nicht zu viel
-nachgeben, und am wenigsten heut seine wunderlichen Launen anerkennen.
-
-Er ist auch schon viel menschlicher und umgänglicher als ehemals, sagte
-ein anderer junger Mann, und darum glaube ich, wird ihm diese Abänderung
-nicht einmal unangenehm auffallen. Ist doch diese ganze Heirath so
-plötzlich gegen unser aller Erwarten eingetreten.
-
-Sein ganzes Leben, fuhr Anderson fort, ist so sonderbar, wie sein
-Charakter. Ihr wißt ja alle, wie er im vorigen Herbst auf einer Reise,
-die er machen wollte, in unsrer Stadt ankam, sich den Winter hier
-aufhielt, wie ein Melankolischer fast nur in seinem Zimmer lebte, und
-sich weder um unser Theater noch andre Vergnügungen kümmerte. Er war
-beinah mit Roderich, seinem vertrautesten Freunde, zerfallen, weil
-dieser ihn zu zerstreuen suchte, und nicht jeder seiner finstern Launen
-nachgeben wollte. Im Grunde war seine übertriebene Reizbarkeit und
-Verstimmung wohl Krankheit, die sich in seinem Körper zubereitete; denn,
-wie euch nicht unbekannt ist, wurde er vor vier Monaten vom heftigsten
-Nervenfieber befallen, so, daß wir ihn alle schon aufgeben mußten.
-Nachdem seine Phantasien ausgeraset hatten, und er wieder zu sich kam,
-hatte er sein Gedächtniß fast ganz eingebüßt, nur seine früheren Kinder-
-und Jugendjahre waren ihm gegenwärtig, und er konnte sich durchaus nicht
-erinnern, was während seiner Reise oder vor seiner Krankheit sich mit
-ihm zugetragen habe. Er mußte alle seine Freunde, selbst den Roderich,
-von neuem kennen lernen; nur nach und nach ward es lichter in seinem
-Innern, und die Vergangenheit und was ihm widerfahren, trat wieder,
-jedoch immer nur schwach beleuchtet, in sein Gedächtniß zurück. Sein
-Oheim hatte ihn zu sich in das Haus genommen, um ihn besser zu
-verpflegen, und er war wie ein Kind, und ließ alles mit sich machen. Als
-er zum erstenmal ausfuhr, und bei der Frühlingswärme den Park besuchte,
-sah er abseits vom Wege ein Mädchen in tiefen Gedanken sitzen. Sie sah
-auf, ihr Blick traf den seinigen, und wie von einer unbegreiflichen
-Begeisterung ergriffen, ließ er anhalten, stieg aus, setzte sich zu ihr,
-faßte ihre Hände, und ergoß sich in einen Strom von Thränen. Man war von
-neuem für seinen Verstand besorgt; aber er wurde ruhig, heiter und
-gesprächig, ließ sich bei den Eltern des Mädchens vorstellen, und hielt
-sogleich beim ersten Besuch um ihre Hand an, die sie ihm auch zusagte,
-da die Eltern ihre Einwilligung nicht verweigerten. Er war glücklich und
-ein neues Leben ging in ihm auf; mit jedem Tage ward er gesunder und
-zufriedener. So besuchte er mich vor acht Tagen auf meinem Landgute
-hier; es gefiel ihm über die Maßen, und zwar so, daß er nicht ruhte,
-bis ich es ihm verkaufen mußte. Es lag nur an mir, seine
-Leidenschaftlichkeit zu meinem Vortheil und seinem Schaden zu benutzen,
-denn was er will, will er heftig und plötzlich vollendet. Sogleich
-machte er seine Einrichtungen, ließ Geräthe herschaffen, um hier noch
-die Sommermonate zu wohnen, und so sind wir denn alle heut zu seiner
-Hochzeit in meinem ehemaligen Wohnsitze versammelt.
-
-Das Haus war groß und lag in der schönsten Gegend. Die eine Seite sah
-nach einem Flusse und angenehmen Hügeln hinüber, rund um von
-mannichfaltigen Gebüschen und Bäumen umgeben, unmittelbar davor lag ein
-Garten mit duftenden Blumen. Hier waren die Orangen und Citronen-Bäume
-in einem großen offenen Saale aufgestellt, und kleine Thüren führten zu
-Vorrathskammern, Kellern und Speisegewölben. Von der andern Seite
-breitete sich ein grünender Wiesenplan aus, an welchen ohne andre
-Verbindung ein Park gränzte; hier bildeten die beiden langen Flügel des
-Hauses einen geräumigen Hof, und auf dreien über einander stehenden
-Säulenreihen verbanden breite offene Gänge alle Zimmer und Säle des
-Gebäudes, wodurch der Wohnsitz von dieser Seite einen reizenden, ja
-wunderbaren Charakter erhielt, indem sich beständig Figuren in
-mannichfaltigen Geschäften in diesen geräumigeren Hallen bewegten;
-zwischen den Säulen und aus jedem Zimmer traten neue Gestalten hervor,
-und erschienen oben oder unten wieder, um sich in andern Thüren zu
-verlieren; auch versammelte sich Gesellschaft dort zum Thee oder Spiel,
-und dadurch gewann von unten das Ganze das Ansehn eines Theaters, vor
-welchem jedermann mit Lust verweilte, und in Gedanken die seltsamsten
-und anziehendsten Begebenheiten oben erwartete.
-
-Die Gesellschaft der jungen Leute wollte eben aufstehn, als die
-geschmückte Braut durch den Garten ging und zu ihnen trat. Sie war in
-violettem Sammet gekleidet, ein funkelnder Halsschmuck wiegte sich auf
-dem glänzenden Nacken, kostbare Spitzen ließen den weißen schwellenden
-Busen durchschimmern, das braune Haar ward durch den Myrthen- und
-Blumenkranz reizender gefärbt. Sie grüßte alle freundlich, und die
-Jünglinge waren von der hohen Schönheit überrascht. Sie hatte Blumen im
-Garten gepflückt, und wandte sich jezt nach dem innern Hause, um nach
-der Ordnung des Mahles zu sehen. Man hatte in dem untern offnen Gange
-die Tafeln hingestellt: blendend schimmerten die Tische mit den weißen
-Gedecken und Kristallen, eine Fülle mannichfarbiger Blumen glänzte aus
-zierlichen Gefäßen herunter, duftende grüne und bunte Kränze schlangen
-sich um die Säulen, und reizend war der Anblick, als die Braut sich jezt
-mit holdseliger Bewegung zwischen dem Schimmer der Blumen neben den
-Tischen und Säulen wandelnd bewegte, das Ganze prüfend überschaute, und
-dann verschwand, und höher hinauf noch einmal wieder erschien, um ihr
-Zimmer zu öffnen. Sie ist das reizendste und schönste Mädchen, das ich
-je gekannt habe! rief Anderson aus: unser Freund ist glücklich!
-
-Selbst ihre Blässe, nahm der Offizier das Wort, erhöht ihre Schönheit:
-die braunen Augen blitzen über den bleichen Wangen und unter den dunkeln
-Haaren so mächtiger hervor; und diese wunderbare fast brennende Röthe
-der Lippen macht ihr Angesicht zu einem wahrhaft zauberischen Bilde.
-
-Der Schein stiller Melankolie, sagte Anderson, welcher sie umgiebt,
-umfließt sie wie mit hoher Majestät.
-
-Der Bräutigam trat zu ihnen, und fragte nach Roderich; sie hatten ihn
-alle schon längst vermißt und konnten nicht begreifen, wo er sich
-aufhalten möchte. Alle gingen, um ihn zu suchen. Er ist unten im Saal,
-sagte endlich ein junger Mensch, den sie ebenfalls fragten, zwischen
-allen Bedienten und Kutschern, denen er Kartenkünste macht, die sie
-nicht genug bewundern können. Sie traten hinein und unterbrachen die
-schallende Verwunderung der Dienerschaft, indeß sich Roderich nicht
-stören ließ, sondern frei in seinen magischen Kunststücken fortfuhr. Als
-er geendigt hatte, ging er mit den übrigen in den Garten und sagte: ich
-thue es nur, um diese Menschen im Glauben zu stärken, denn diese Künste
-bringen ihrer Kutscher-Freigeisterei auf lange einen Stoß bei, und
-helfen zu ihrer Bekehrung.
-
-Ich sehe, sagte der Bräutigam, daß mein Freund unter seinen übrigen
-Talenten auch das eines Charlatans nicht zu geringe achtet, um es
-auszubilden.
-
-Wir leben in einer wunderlichen Zeit, antwortete jener: man soll heut zu
-Tage nichts verachten, denn man weiß nicht, wozu es zu gebrauchen ist.
-
-Als die beiden Freunde sich allein befanden, wandte sich Emil wieder in
-den dunkeln Baumgang und sagte: Warum bin ich an diesem Tage, welcher
-der glücklichste meines Lebens ist, so trübe gestimmt? Aber ich
-versichere dich, so wenig du es auch glauben willst, es paßt nicht für
-mich, mich in dieser Menge von Menschen zu bewegen, für jeden
-Aufmerksamkeit zu haben, keinen dieser Verwandten von ihrer und meiner
-Seite zu vernachlässigen, den Eltern Ehrfurcht zu beweisen, die Damen
-bekomplimentiren, die Ankommenden empfangen, und die Dienstboten und
-Pferde gehörig zu versorgen.
-
-Das macht sich ja alles von selbst, sagte Roderich; sieh, dein Haus ist
-recht auf dergleichen eingerichtet, und dein Haushofmeister, der alle
-Hände voll zu thun und alle Beine voll zu laufen hat, ist recht wie dazu
-geschaffen, alles ordentlich zu betreiben, um die allergrößte
-Gesellschaft aus Verwirrung zu erretten und mit Anstand zu bewirthen.
-Ueberlaß das ihm und deiner schönen Braut.
-
-Heute Morgen, noch vor Sonnenaufgang, sagte Emil, wandelte ich durch das
-Gehölz; mir war feierlich zu Muthe, ich fühlte recht im Innern, wie mein
-Leben nun bestimmt sei und ernst werde, wie diese Liebe mir Heimath und
-Beruf erschaffen hat. Ich kam dort der Laube vorüber; ich hörte Stimmen:
-es war meine Geliebte in einem traulichen Gespräch. Ist es nun, sagte
-eine fremde Stimme, nicht so gekommen, wie ich gesagt hatte? Gerade so,
-wie ich wußte, daß es geschehen würde? Ihr habt euren Wunsch, darum seid
-nun auch froh. Ich mochte nicht zu ihnen treten; nachher ging ich der
-Laube näher, doch hatten sich beide schon entfernt. Aber ich sinne und
-sinne: was wollen diese Worte bedeuten?
-
-Roderich sagte: sie mag dich vielleicht schon längst geliebt haben, ohne
-daß du es wußtest; du bist desto glücklicher.
-
-Eine späte Nachtigall erhub jezt ihren Gesang und schien dem Liebenden
-Heil und Wonne zuzurufen. Emil wurde tiefsinniger. Komm mit mir, um dich
-aufzuheitern, sagte Roderich, in das Dorf hinunter, da sollst du ein
-zweites Brautpaar sehn, denn du mußt dir nicht einbilden, daß du heut
-allein Hochzeit feierst. Ein junger Knecht ist in Langeweile und
-Einsamkeit mit einer ältern garstigen Magd zu vertraut geworden, und der
-Pinsel hält sich nun für verpflichtet, sie zu seiner Frau zu machen.
-Jezt müssen sie beide schon geputzt sein; diesen Anblick wollen wir
-nicht versäumen, denn er ist ohne Zweifel interessant.
-
-Der Trauernde lies sich von dem schwatzenden heitern Freunde fortziehn,
-und sie kamen bald zu der Hütte. Eben trat der Zug heraus, um sich nach
-der Kirche zu begeben. Der junge Knecht war in seinem gewöhnlichen
-leinenen Kittel, und prangte nur mit einem Paar ledernen Beinkleidern,
-die er so hell als möglich angestrichen hatte; er war von einfältiger
-Miene und schien verlegen. Die Braut war von der Sonne verbrannt, nur
-wenige letzte Spuren der Jugend waren an ihr sichtbar; sie war grob und
-arm aber reinlich gekleidet, einige rothe und blaue seidne Bänder, schon
-etwas entfärbt, flatterten von ihrem Mieder, am meisten aber war sie
-dadurch entstellt, daß man ihr die Haare steif mit Fett, Mehl und Nadeln
-aus der Stirn gestrichen und oben zusammen geheftet hatte, auf dieser
-Spitze des aufgethürmten Haars stand der Kranz. Sie lächelte und schien
-fröhlich, doch war sie verschämt und blöde. Die alten Eltern folgten;
-der Vater war auch nur Knecht auf dem Hofe, und die Hütte, der Hausrath
-so wie die Kleidung, alles verrieth die äußerste Armuth. Ein schielender
-schmuziger Musikant folgte dem Zuge, der greinend auf einer Geige strich
-und dazu schrie, diese war halb aus Pappe und Holz zusammen geleimt, und
-statt der Saiten mit drei Bindfäden bezogen. Der Zug machte Halt, als
-der neue gnädige Herr zu den Leuten trat. Einige muthwillige
-Dienstboten, junge Bursche und Mägde schäkerten und lachten, und
-verspotteten das Brautpaar, vorzüglich die Kammerjungfern, die sich
-schöner dünkten und sich unendlich besser gekleidet sahen. Ein Schauer
-erfaßte Emil, er blickte nach Roderich um, dieser war aber schon wieder
-entlaufen. Ein naseweiser Bursche mit einem Tituskopf, der Bedienter
-eines Fremden, drängte sich, um witzig zu erscheinen, an Emil und rief:
-Nun gnädiger Herr, was sagen Sie zu dem glänzenden Brautpaar? Beide
-wissen noch nicht, wo sie morgen Brod hernehmen sollen, und heut
-Nachmittag werden sie doch einen Ball geben, der Virtuos dort ist schon
-bestellt. -- Kein Brod; sagte Emil! giebt es so etwas? -- Ihr ganzes
-Elend ist dem Volke bekannt, fuhr jener schwatzend fort, aber der Kerl
-sagt, er bleibe dem Wesen dennoch gut, wenn sie auch nichts zubrächte! O
-ja freilich, die Liebe ist allgewaltig! das Lumpenpack hat nicht einmal
-Betten, sie müssen sogar diese Nacht auf der Streu schlafen; das
-Dünnbier haben sie sich zusammen gebettelt, worin sie sich besaufen
-wollen. Alle umher lachten laut, und die beiden verspotteten
-Unglücklichen schlugen die Augen nieder. Emil stieß zornig den Schwätzer
-von sich; nehmt! rief er aus, und warf in die Hand des erstarrten
-Bräutigams hundert Dukaten, welche er am Morgen eingenommen hatte. Die
-Alten und die Brautleute weinten laut, warfen sich ungeschickt auf die
-Kniee und küßten ihm Hände und Kleider, er wollte sich losmachen. Haltet
-euch damit das Elend vom Leibe, so lange ihr könnt! rief er betäubt. O
-auf zeitlebens, mein gnädigster Herr, sind wir glücklich! schrieen alle.
-
-Er wußte nicht, wie er fort gekommen war; er fand sich allein, und eilte
-mit wankenden Schritten in den Wald. Die dichteste einsamste Stelle
-suchte er auf, und warf sich auf einen Rasenhügel nieder, indem er den
-ausbrechenden Strom seiner Thränen nicht mehr zurückhielt. Mir ekelt das
-Leben! schluchzte er in tiefer Bewegung; ich kann nicht froh und
-glücklich sein, ich will es nicht! Empfange mich bald, du freundlicher
-Boden, verbirg mich in deinen kühlen Armen vor den wilden Thieren, die
-sich Menschen nennen! O Gott im Himmel, wie verdien' ich es, daß ich auf
-Daunen ruhe und Seide trage, daß mir die Traube ihr kostbarstes Blut
-spendet, und alles mir Ehre und Liebe dringend anbietet und darbringt?
-Dieser Arme ist besser und edler als ich, und das Elend ist seine Amme,
-und Hohn und giftiger Spott sein Glückwunsch. Sündlich dünkt mir jeder
-Leckerbissen, den ich genieße, jeder Trunk aus geschliffenem Glase, mein
-Ruhen auf weichen Betten, das Tragen von Gold und Geschmeide, da die
-Welt viel tausend mal tausend Unglückliche umher jagt, die nach dem
-weggeworfenen vertrockneten Brode hungern, die nicht wissen, was Labsal
-ist. O jezt versteh' ich euch, ihr frommen Heiligen, ihr Verschmähten,
-ihr Verhöhnten, die ihr Alles, bis auf euer Gewand, der Armuth
-ausstreutet, einen Sack um eure Lenden gürtetet, und selbst als Bettler
-die Schmähungen und Fußstöße erdulden wolltet, mit denen roher Uebermuth
-und reiche Schwelgerei das Elend von ihren Tafeln weisen, selbst elend
-wurdet ihr, um nur diese Sünde des Ueberflusses von euch zu werfen.
-
-Alle Gebilde der Welt schwankten wie ein Nebel vor seinen Augen! er nahm
-sich vor, die Verstoßenen als seine Brüder anzusehn, und sich von den
-Glücklichen zu entfernen. Lange hatte man schon im Saale seiner zur
-Trauung gewartet, die Braut war in Sorge, die Eltern suchten ihn im
-Garten und Park: endlich kam er ausgeweint und leichter zurück, und die
-feierliche Handlung ward vollzogen.
-
-Man begab sich aus dem untern Saal nach der offnen Halle, um sich zu
-Tische zu setzen. Braut und Bräutigam gingen voran, und die übrigen
-folgten im Zuge; Roderich bot seinen Arm einem jungen Mädchen, die
-munter und geschwätzig war. Warum nur die Bräute immer weinen und bei
-der Trauung so ernsthaft aussehn, sagte diese, indem sie zur Gallerie
-hinauf stiegen.
-
-Weil sie in diesem Augenblick am lebhaftesten von der Wichtigkeit und
-dem Geheimnißvollen des Lebens durchdrungen werden, antwortete Roderich.
-
-Aber unsre Braut, fuhr jene fort, übertrifft noch an Feierlichkeit alle,
-die ich jemals gesehn habe; sie ist überhaupt immer schwermüthig, man
-sieht sie nie recht heiter lachen.
-
-Dies macht ihrem Herzen um so mehr Ehre, antwortete Roderich, gegen
-seine Gewohnheit verstimmt. Sie wissen vielleicht nicht, mein Fräulein,
-daß die Braut vor einigen Jahren ein allerliebstes verwaistes Kind, ein
-Mädchen, zu sich genommen hatte, um es zu erziehn. Dieser Kleinen
-widmete sie alle ihre Zeit, und die Liebe des zarten Geschöpfes war ihr
-süßester Lohn. Dieses Mädchen war sieben Jahr alt geworden, als sie sich
-auf einem Spaziergange in der Stadt verlor, und aller angewandten Mühe
-ungeachtet, noch nicht wieder hat aufgefunden werden können. Diesen
-Unfall hat sich das edle Wesen so zu Gemüth gezogen, daß sie seitdem an
-einer stillen Melankolie leidet, und durch nichts von dieser Sehnsucht
-nach ihrer kleinen Gespielin kann abgezogen werden.
-
-Wahrhaftig, recht interessant! sagte das Fräulein; das kann sich in der
-Zukunft recht romantisch entwickeln, und zum angenehmsten Gedichte
-Gelegenheit geben.
-
-Man ordnete sich an der Tafel; Braut und Bräutigam nahmen die Mitte ein,
-und sahen in die heitere Landschaft hinaus. Man schwatzte und trank
-Gesundheiten, die munterste Laune herrschte; die Eltern der Braut waren
-ganz glücklich, nur der Bräutigam war still und in sich gekehrt, genoß
-nur wenig, und nahm an den Gesprächen keinen Antheil. Er erschrak, als
-sich musikalische Töne durch die Luft von oben hernieder warfen; doch
-beruhigte er sich wieder, da es sanfte Hörnertöne blieben, die angenehm
-über die Gebüsche hinweg rauschten, sich durch den Park zogen, und am
-fernen Berge verhallten. Roderich hatte sie auf die Gallerie über die
-Speisenden gestellt, und Emil war mit dieser Einrichtung zufrieden.
-Gegen das Ende der Mahlzeit ließ er seinen Haushofmeister kommen, und
-sagte zur Braut gewendet: liebe Freundin, laß auch die Armuth an unserm
-Ueberflusse Theil nehmen. Er befahl hierauf, eine Anzahl Flaschen Wein,
-Gebackenes, und verschiedene Gerichte in reichlichen Portionen dem armen
-Brautpaar hinüber zu senden, damit ihnen dieser Tag auch ein Freudentag
-sein könne, dessen sie sich nachher gern erinnern möchten. Sieh, Freund,
-rief Roderich aus, wie schön alles in der Welt zusammen hängt! Mein
-unnützes Umtreiben und Schwatzen, das du so oft an mir tadelst, hat doch
-nun diese gute Handlung veranlaßt. Viele wollten dem Wirthe über sein
-Mitleid und gutes Herz etwas Artiges sagen, und das Fräulein sprach von
-schöner Gesinnung und Edelmuth. O schweigen wir! rief Emil zornig: es
-ist keine gute Handlung, ja überhaupt keine Handlung, es ist nichts!
-Wenn Schwalben und Hänflinge sich von den weggeworfenen Brosamen dieses
-Ueberflusses nähren, und sie zu ihren Jungen in die Nester tragen,
-sollte ich nicht eines armen Mitbruders gedenken, der mein bedarf? Wenn
-ich meinem Herzen folgen dürfte, so würdet ihr mich eben so gut wie
-manchen andern verlachen und verspotten, der in die Wüste zog, um nichts
-mehr von der Welt und ihrem Edelmuth zu erfahren.
-
-Man schwieg, und Roderich erkannte in den glühenden Augen seines
-Freundes den heftigsten Unwillen; er besorgte, daß er sich in seiner
-Verstimmung noch mehr vergessen möchte, und suchte schnell das Gespräch
-auf andere Gegenstände zu lenken. Doch Emil war unruhig und zerstreut
-geworden; hauptsächlich wendeten sich seine Blicke oft nach der obersten
-Gallerie, auf welcher die Bedienten, die das letzte Stockwerk bewohnten,
-vielerlei zu schaffen hatten. Wer ist die widerliche Alte, die dort so
-geschäftig ist, und so oft in ihrem grauen Mantel wieder kommt? fragte
-er endlich. Sie gehört zu meiner Bedienung, sagte die Braut; sie soll
-die Aufsicht über die Kammerjungfern und jüngern Mägde führen. Wie
-kannst du solche Häßlichkeit in deiner Nähe dulden? erwiederte Emil. Laß
-sie, antwortete die junge Frau, wollen die Häßlichen doch auch leben,
-und da sie gut und redlich ist, kann sie uns von großem Nutzen sein.
-
-Man erhob sich von der Tafel, und alles umgab den neuen Gatten, wünschte
-nochmals Glück, und drängte dann mit Bitten um die Erlaubniß zum Ball.
-Die Braut umarmte ihn äußerst freundlich und sagte: meine erste Bitte,
-Geliebter, wirst du mir nicht abschlagen, denn wir haben uns alle darauf
-gefreut: Ich habe so lange nicht getanzt, und du selbst hast mich noch
-niemals tanzen sehn. Bist du denn gar nicht neugierig darauf, wie ich
-mich in dieser Bewegung ausnehme?
-
-So heiter, sagte Emil, habe ich dich noch niemals gesehn. Ich will kein
-Störer eurer Freude sein, macht, was ihr wollt; nur verlange keiner von
-mir, daß ich mich selbst mit linkischen Sprüngen lächerlich machen soll.
-
-Wenn du ein schlechter Tänzer bist, sagte sie lachend, so kannst du
-sicher sein, daß dich jedermann gern in Ruhe lassen wird. Die Braut
-entfernte sich hierauf, um sich umzuziehn und ihr Ballkleid anzulegen.
-
-Sie weiß es nicht, sagte Emil zu Roderich, mit dem er sich entfernte,
-daß ich aus einem andern Zimmer in das ihrige durch eine verborgene Thür
-kommen kann, ich werde sie beim Umkleiden überraschen.
-
-Als Emil fortgegangen war, und viele der Damen sich auch entfernt
-hatten, um die zum Tanz nöthigen Veränderungen des Putzes zu treffen,
-nahm Roderich die jüngeren Leute beiseit und führte sie auf sein Zimmer.
-Es wird schon Abend, sagte er hier, bald ist es finster; jezt geschwind
-jeder in seine Verkleidung, um diese Nacht recht bunt und toll zu
-verschwärmen. Was ihr nur ersinnen könnt; genirt euch nicht, je ärger,
-je besser! Je scheußlicher die Fratzen sind, die ihr aus euch hervor
-bringt, je mehr will ich euch loben. Da muß es keinen so widerlichen
-Höcker, keinen so ungestalten Bauch, keine so widersinnige Kleidung
-geben, die nicht heute paradirt. Eine Hochzeit ist eine so wundersame
-Begebenheit, ein ganz neuer ungewohnter Zustand wird den Verheiratheten
-so plötzlich wie ein Mährchen über den Hals geworfen, daß man dieses
-Fest nicht verwirrt und unklug genug anfangen kann, um nur irgend für
-die Eheleute die plötzliche Veränderung zu motiviren, so daß sie wie in
-einem phantastischen Traum in die neue Lage hinüber schwimmen, und darum
-laßt uns nur recht in diese Nacht hinein wüthen, und nehmt keine Einrede
-von denen an, die sich verständig stellen möchten.
-
-Sei ohne Sorge, sagte Anderson, wir haben einen großen Koffer voll
-Masken und toller bunter Kleidungsstücke aus der Stadt mitgebracht, du
-wirst dich selbst darüber verwundern.
-
-Aber seht her, sagte Roderich, was ich von meinem Schneider eingekauft
-habe, der diesen kostbaren Schatz schon in Läppchen verschneiden wollte!
-Er hat diese Tracht von einer alten Gevatterin erhandelt, die damit
-gewiß bei Lucifer auf dem Blocksberge Galla gemacht hat. Seht dieses
-scharlachrothe Mieder, mit diesen goldenen Tressen und Franzen, und
-diese goldglänzende Haube, die mir unendlich ehrwürdig stehen muß, dazu
-nehm' ich diesen grünseidnen Rock mit safrangelbem Besatz und diese
-scheußliche Maske, und führe nachher als altes Weib den ganzen Chor der
-Carrikaturen in das Schlafzimmer. Macht, daß ihr fertig werdet! wir
-wollen dann feierlich die junge Frau abholen.
-
-Die Hörner musizirten noch, die Gesellschaft wandelte im Garten, oder
-saß vor dem Hause. Die Sonne war hinter trüben Wolken untergegangen, und
-die Gegend lag im grauen Dämmer, als plötzlich unter der Wolkendecke der
-scheidende Stral noch einmal hervor brach, und rings die Gegend,
-vorzüglich aber das Gebäude mit seinen Gängen, Säulen und
-Blumengewinden, wie mit rothem Blute besprengte. Da sahen die Eltern der
-Braut, und die übrigen Zuschauer den abentheuerlichsten Zug nach dem
-obern Corredor schweben: Roderich als die rothe Alte voran, und ihr
-nachfolgend Bucklichte, dickbauchige Fratzen, ungeheure Perucken,
-Tartaglias, Policinells und gespenstische Pierrots, weibliche Figuren in
-ausgespannten Reifröcken und ellenhohen Frisuren, die widerwärtigsten
-Gestalten, alle wie aus einem ängstlichen Traum. Sie zogen gaukelnd und
-sich drehend und wackelnd, trippelnd und sich brüstend über den Gang,
-und verschwanden dann in eine der Thüren. Nur wenige der Zuschauer waren
-zum Lachen gekommen, so hatte sie der seltsamste Anblick überrascht.
-Plötzlich brach ein gellender Schrei aus den innern Zimmern, und hervor
-stürzte in das blutige Abendroth die bleiche Braut, im weißen kurzen
-Kleide, um welches Blumenranken flatterten; der schöne Busen ganz frei,
-die Fülle der Locken in Lüften schwebend. Wie wahnsinnig, die Augen
-rollend, das Gesicht entstellt, stürzte sie über die Gallerie, und fand
-in ihrer Angst verblindet keine Thür und Treppe, und gleich darauf, ihr
-nachrennend, Emil, den blanken türkischen Dolch in hoch erhobener Faust.
-Jezt war sie am Ende des Ganges, sie konnte nicht weiter, er erreichte
-sie. Die maskirten Freunde und die graue Alte waren ihm nach gestürzt.
-Aber schon hatte er wüthend ihre Brust durchbohrt, und den weißen Hals
-durchschnitten, ihr Blut strömte im Glanz des Abends. Die Alte hatte
-sich mit ihm umfaßt, ihn zurück zu reißen; kämpfend schleuderte er sich
-mit ihr über das Geländer, und beide fielen zerschmettert zu den Füßen
-der Verwandten nieder, die mit stummem Entsetzen der blutigen Scene
-zugeschaut hatten. Oben und im Hofe, oder von den Gallerien und Treppen
-herunter eilend, standen und rannten die scheußlichen Larven in
-mannichfaltigen Gruppen, höllischen Dämonen ähnlich.
-
-Roderich nahm den Sterbenden in seine Arme. Mit dem Dolche spielend
-hatte er ihn im Zimmer seiner Gattin gefunden. Sie war fast angekleidet
-bei seinem Eintreten; beim Anblick des rothen widrigen Kleides hatte
-sich seine Erinnerung belebt, das Schreckbild jener Nacht war vor seine
-Sinne getreten; knirschend war er auf die zitternde, fliehende Braut
-zugesprungen, um den Mord und ihr teuflisches Kunststück zu bestrafen.
-Die Alte bestätigte sterbend den verübten Frevel, und das ganze Haus war
-plötzlich in Leid, Trauer und Entsetzen verwandelt worden.
-
- * * * * *
-
-Alle Zuhörer waren bewegt, am meisten aber Clara, die schon früher
-Zeichen von Ungeduld gegeben hatte. Nein! rief sie aus und erhob sich:
-es ist nicht auszuhalten! Diese Geschichten gehn zu schneidend durch
-Mark und Bein, und ich weiß mich vor Schauder in keinen meiner Gedanken
-mehr zu retten. Es ist geradezu abscheulich, dergleichen zu erfinden.
-Ich zittre und ängste mich, und vermuthe, daß aus jedem Busche, aus
-jeder Laube ein Ungeheuer auf mich zutreten möchte, daß die theuersten
-bekanntesten Gestalten sich plötzlich in fremd gespenstische Wesen
-verwandeln dürften, und man ist und bleibt thöricht, und hört zu, läßt
-sich von den Worten immer weiter und weiter verlocken, bis das
-ungeheuerste Grauen uns plötzlich erfaßt, und alle vorigen Empfindungen
-wie in einen Strudel gewaltthätig verschlingt. Es fängt an Abend zu
-werden, laßt uns hinein gehn und aufhören.
-
-Das ist aber ganz gegen die Abrede, sagte Manfred; wollt ihr Weiber
-einer Akademie vorstehn und die Talente aufmuntern, so müßt ihr auch
-mehr Muth und Ausdauer haben. Kannst du den guten Lothar mit dieser
-unbilligen Kritik so kränken? Habt ihr es denn nicht vorher gewußt, daß
-man euch würde zu fürchten machen? Worüber beklagt ihr euch also? Mir
-hat seine Erzählung so wohl gefallen, daß ich, in Nachahmung Alexanders,
-ausrufen könnte: ich möchte diesen Liebeszauber geschrieben haben, wenn
-ich nicht meinen Runenberg gedichtet hätte! Darum, ihr Besten, laßt die
-Narrheit fahren und bleibt hübsch thöricht und in der Ordnung.
-
-Diese Geschichte und die deinige, Bruder Manfred, sagte Auguste, haben
-uns eben alle Lust genommen, noch etwas anzuhören, denn sie sind zu
-gräßlich.
-
-^Et tu, Brute?^ rief Manfred aus; Schwester, du bist ja meine Schwester,
-wir sind ja hoffentlich Ein Blut! nicht gegen die eigne Familie und das
-verwandte Fleisch richte dein Rezensenten-Wüthen. Und du, Clara, warum
-nicht deinen Zorn gegen unsern Anton wenden, der mit seinem Mährchen
-zuerst diesen Ton angegeben hat? Aber ich sehe wohl, wir Autoren stehen
-so wenig hier, wie irgend wo, vor einem unpartheiischen Richterstuhl;
-die Leidenschaften, Vorliebe und Haß regen sich bei jeder
-Rezensir-Anstalt. O wohin entfliehen aus dieser verderbten Welt? Ich
-werde von nun an gar kein Publikum mehr anerkennen!
-
-Wir sollen also, sagte Rosalie sanft und erröthend, auch nicht einmal
-die kleine Genugthuung haben, zu schelten, wenn man uns durch die Mittel
-der Dichtkunst fast aus unsern Sinnen geängstigt hat?
-
-Laßt es euch doch für diesmal so gefallen, sagte Manfred, wir wollen
-euch ein andermal einschläfern und Langeweile genug machen. Habt ihr
-aber was zu klagen, so klagt über Anton, den ihr selbst zum Könige
-dieses Tages erwählt habt, und der uns befohlen hat, dergleichen Zeug an
-den Tag zu fördern.
-
-Es wäre unbillig, sagte Emilie, ihn zu schelten, der uns so anmuthig
-unterhalten hat, und der nur mit leisem Schreck, wie aus der Ferne, die
-Schilderung der stillen Einsamkeit wunderbarer und anziehender machte.
-
-Wie ihr nun seid, fuhr Manfred fort, das eine ist vielleicht gut, und
-das andre darum noch nicht schlimm. Die Phantasie, die Dichtung also
-wollt ihr verklagen? Aber eure Wirklichkeit! Thut doch nur die Augen
-auf, angenehme Gegner und Widersacher, und seht, daß es dort, vor euren
-Augen, hinter eurem Rücken, wenn ihr euch nur erkundigt, weit schlimmer
-hergeht. Schlimmer und herber, und also auch viel gräßlicher, weil das
-Schrecken hier durch nichts Poetisches gemildert wird. Soll ich euch
-dergleichen Dinge aus dem alltäglichsten Leben, oder aus der Geschichte
-erzählen? Ich bin nicht von den schwächsten Nerven, aber ich weiß noch
-wohl, daß ich einige Nächte nicht schlafen konnte, weil mich das Bild
-des armen gefolterten Grandier die Tage hindurch bei allen meinen
-Geschäften verfolgte, so daß ich selbst das Buch, worin ich sein
-Schicksal gelesen, mit Grauen betrachtete. Dieser Mann, ein Geistlicher,
-ward durch den gemeinsten abgeschmacktesten Neid der Zauberei
-beschuldigt, unkluge Nonnen stellten sich besessen und klagten ihn als
-den Urheber ihres Zustandes an; Richelieu, der sich irrigerweise von dem
-gebildeten und nicht unwitzigen Manne beleidigt glaubte, ging in die
-verächtliche Kabale ein. Grandier lachte anfangs, aber er ward vor
-Gericht gezogen, unmenschlich, bis zum Sterben fast, zermartert, und
-dann auf die grausamste Weise verbrannt. Alle seine Richter waren von
-seiner Unschuld überzeugt, sein hoher Verfolger am innigsten; eine
-aufgeklärte witzige Nation spottete über den Prozeß, man besuchte von
-Paris die besessenen Nonnen als eine unterhaltende Abentheuerlichkeit:
-und doch wurde diese Abscheulichkeit verübt, unsern Tagen ziemlich nahe,
-in den Tagen der Philosophie (nicht etwa im sogenannten barbarischen
-Mittel-Alter), die ehrwürdige Form der Gerechtigkeit wurde gemißbraucht
-und geschändet, die Religion verhöhnt, und alles dies, worüber unser
-Eingeweide entbrennt und Rache schreit, hatte weiter keine Folgen, als
-daß die Pariser den Zermarterten gutmüthig bedauerten. Soll ich euch aus
-den ^causes celèbres^ diese ungeheure Begebenheit vorlesen? Oder jene
-Trauergeschichte, welche erzählt, wie ein Familien-Vater unschuldig auf
-die Galeeren gesandt wird und dort stirbt, sein Weib und seine unmündige
-Tochter aber lange im Kerker schmachten müssen, weil ein Prozeß über
-einen bedeutenden Diebstahl schlecht eingeleitet ward, und die Richter
-sich vom Stande des Klägers verleiten ließen, übereilt zu verfahren; der
-unschuldig Beklagte aber Vermögen, Ehre und Leben auf das schmählichste
-einbüßte? Die Kollekte, die das junge Mädchen nachher für ihre Mutter
-und sich erhielt und erbettelte, konnte ihnen den Vater nicht wieder
-geben, noch den ungeheuren Jammer von ihrer Seele nehmen. Nicht wahr,
-diese sind die ächten Gespenstergeschichten? Und wer lebt denn wohl, der
-nicht dergleichen zu erzählen wüßte, von der Grausamkeit der Menschen,
-der Bestechlichkeit der Aemter, der Unterdrückung des Armen? Von dem
-Elend, welches große und kleine Tyrannen erschaffen? Hier könnt ihr euch
-nirgend trösten und euch sagen: es ist nur ersonnen! die Kunstform
-beruhigt euer Gemüth nicht mit der Nothwendigkeit, ja ihr könnt oft in
-diesem Jammer nicht einmal ein Schicksal sehn, sondern nur das Blinde,
-Schreckliche, das was sagt: so ist es nun einmal! In dergleichen
-mährchenhaften Erfindungen aber kann ja dieses Elend der Welt nur wie
-von vielen muntern Farben gebrochen hineinspielen, und ich dächte, auch
-ein nicht starkes Auge müßte es auf diese Weise ertragen können.
-
-Und wenn du auch Recht hättest, sagte Clara, so bleibe ich doch
-unerbittlich!
-
-Nun gut, sagte Manfred,
-
- Sei ganz ein Weib und gieb
- Dich hin dem Triebe, der dich zügellos
- Ergreift und dahin oder dorthin reißt.
-
-Wie macht ihr Zarten, Weichen, Sanftgestimmten, es aber nur in unsern
-Theatern? Ich habe mich oft verwundern müssen, daß eure Nerven die
-Abscheulichkeiten aushalten können, die wir doch fast täglich dorten
-sehen und hören müssen. Ich rede nicht von jenen verfehlten Tragödien,
-die, um erhaben zu sein, das Oberste im Menschen zu unterst kehren, denn
-über diese kann man lächeln und sich an ihnen unterhalten, immer wird
-doch irgend eine That, Begebenheit oder Schicksal dargestellt, welches
-mich beruhigt, auch ist hie und da wohl ein Zug oder eine Scene
-gelungen, die für das Ganze dann gut stehn müssen; sondern von jenem
-kleinlichen Zwitterschauspiele spreche ich, von jenen Familiengemälden
-und Hofrathsstücken, von den Hunger- und Elends-Festen von der Noth und
-Angst, die bis in den fünften Akt die Seelen zerdrückt, und ein edles
-Mädchen fast dahin bringt, einen Lump zu heirathen und das brillanteste
-Herz sitzen zu lassen; oder wo ein hochstrebender Sohn den Vater
-bestiehlt und zur Verzweiflung bringt, oder Brüder mißhellig sind,
-Frauen den Schweiß des Gatten verschwenden, und so weiter: denn wer
-vermöchte die unendliche Variation des großen Einerlei auszusprechen?
-Bei diesen Jammer-Lustspielen, kann ich nicht läugnen, bin ich ein zu
-nervenschwacher Zuschauer, um nicht auf das Aeußerste verstimmt und im
-Innern unglücklich zu werden. Denn diese Dichter haben nicht daran
-genug, dergleichen Elend nach der Wahrheit zu schildern, wodurch ihre
-Kompositionen bloß unkünstlich würden, sondern sie ziehn mit einem
-Handgriff, den sie sich alle zu eigen gemacht haben, das Edelste und
-Höchste der Menschheit, Kindes- und Elternliebe, Freundschaft, die
-theuersten Verhältnisse, die menschlichsten, natürlichsten und
-herzlichsten Rührungen in ihre Karrikaturen hinein, und schlagen die
-Töne an, die immer anklingen müssen, wenn ein gutmüthiges Publikum kein
-heitres Kunstwerk, sondern nur eine prekaire Wahrheit verlangt, und
-erregen dadurch die Thränenschauer, auf welche sie in ihren Vorreden so
-stolz sind. Dieser Thränen (ich muß sie selbst vergießen, gesteh ich)
-sollten wir uns aber schämen, sie sollten uns gerade am meisten in Zorn
-gegen den Dichter entzünden, der das Höchste und Theuerste zum
-Niedrigsten macht, und auf dem Trödelmarkt ausbietet. Nicht wahr, es
-würde uns alle empören, ein Erbstück eines geliebten Vaters, das wir nur
-unserm kostbarsten Schranke anvertrauen, plötzlich in der schmuzigen
-Judengasse öffentlich ausstehn zu sehn? Gerade so empören mich jene
-Dinge, von denen sich unser Publikum so oft erhoben und gebessert fühlt,
-denn eben die unwürdigste Taschenspielerei jener Autoren ist es, an ihr
-Machwerk die Empfindungen zu knüpfen, die uns als Menschen ewig heilig
-und unverletzlich sein sollen.
-
-Ich verstehe jezt, sagte Emilie, ihren Zorn etwas mehr, der mir oft
-genug paradox erschien, indem ich sah, daß sie sich einer gewissen
-Rührung nicht erwehren konnten.
-
-Wie könnt ihr Weiber, fuhr Manfred in seinem Eifer fort, es nur dulden,
-daß man eure Mütterlichkeit, eure Liebe, euer zartes Hingeben, eure
-ehelichen Tugenden, eure Keuschheit, dort als verzerrte Bilder so
-öffentlich an den Pranger stellt? denn das ist es eigentlich, wie sehr
-sich alle diese Herren auch die Miene geben wollen, euch und euren Beruf
-zu verherrlichen. Und eben so mit den Romanen. In mein Haus soll mir
-gewiß kein Buch für Mütter, oder Gattinnen, oder Weiber wie sie sein
-sollen, und dergleichen Unkraut kommen, aus der Verkehrtheit unsers
-Treibens erwachsen und von der Eitelkeit des Zeitalters genährt. Und
-dieselben Herren, die dergleichen wahrhaft unmoralisches Zeug schreiben
-und preisen, wollen dem Bauer seinen Siegfried, Oktavian und
-Eulenspiegel nehmen, um die Moralität der niedern Stände nicht verderben
-zu lassen! Kann es etwas Tolleres und Verkehrteres geben?
-
-Sollte denn aber, sagte Anton, meine Regierung gleich so verstümmelt
-beginnen, zum gefährlichen Beispiel aller meiner Thronfolger, und diese
-Abtheilung, die mir zugefallen ist, gar nicht vollendet werden? Was
-werden dazu unsre Freunde Friedrich, Wilibald und Theodor sagen?
-Warlich, wenn ich meine Pflicht nur irgend nachleben will, darf ich es
-nicht zugeben. Die liebenswürdige Clara wird also hiemit für eine
-Rebellin erklärt, und ihr eine Minute Frist gestattet, sich zu besinnen,
-widrigenfalls sie sich der Strafe aussetzen wird, daß man ihr ganz
-allein in der Einsamkeit die Oktavia, oder Armuth und Edelsinn, oder
-irgend etwas dem Aehnliches, Großartiges vorlesen soll.
-
-Ich ergebe mich, sagte Clara; der furchtbare Herrscher, sehe ich, hat zu
-schreckliche Strafen in seiner Hand, er will uns zwar nicht mit
-Skorpionen, aber doch mit bösem Gewürm geißeln, und darum ziehe ich es
-vor, mich dem Lesen dieser Mährchen zu ergeben, wenn denn doch einmal
-gelesen werden soll. Nur lebe ich der Hoffnung, daß die drei
-Erzählungen, welche noch zurückbleiben, nicht ^crescendo^ dieses Grauen
-erhöhen, sondern uns ^decrescendo^ wieder in den ersten Ton zurück
-führen werden.
-
-Vor allem laßt uns in den Saal treten, sagte Emilie; es ist ungewöhnlich
-kühl geworden, und unser genesender Beherrscher dürfte von der Abendluft
-mehr, wie wir von der Poesie zu befürchten haben.
-
-Als man den Garten verlassen und sich im offnen Saale wieder geordnet
-hatte, sagte Theodor: ich kann wenigstens versichern, daß dasjenige, was
-ich mitzutheilen habe, schwerlich Schrecken erregen kann.
-
-Von meiner Erfindung kann ich das nämliche zusagen, fügte Wilibald
-hinzu.
-
-Wenn Friedrich uns dasselbe verspricht, sagte Clara, so möge denn also
-diese Mährchenwelt wieder erscheinen.
-
-Nur mit Beschämung, sagte Friedrich, kann ich Ihnen diese Blätter
-mittheilen, da ich der einzige bin, der seine Erzählung nicht erfunden
-hat, sondern mich gezwungen sehe, Ihnen einen Jugendversuch vorzulegen,
-welcher nur eine alte Geschichte nacherzählt. Auch ist die Darstellung
-so gefaßt, daß ich fürchten muß, dem Gedicht das größte Unrecht gethan
-zu haben. Doch erlauben Sie mir ohne weitere Entschuldigung anzufangen.
-
-Friedrich las: --
-
-
-
-
- Liebesgeschichte
- der
- schönen Magelone
- und des
- Grafen Peter von Provence.
- 1796
-
-
-
-
- 1.
- Vorbericht.
-
-
-Ist es dir wohl schon je, vielgeliebter Leser, so recht traurig in die
-Seele gefallen, wie betrübt es sei, daß das rauschende Rad der Zeit sich
-immer weiter dreht, und daß bald das zu unterst gekehrt wird, was
-ehemals hoch oben war? So fährt Ruhm, Glanz, Pracht und weltberühmte
-Schönheit hin, wie goldene Abendwolken, die hinter fernen Bergen nieder
-sinken, und nur auf kurze Zeit noch schwachen gelblichen Schimmer hinter
-sich lassen: die Nacht tritt ernst und feierlich herauf, die schwarzen
-Heere von Wolken ziehn unter Sternenglanz auf und ab, und der letzte
-Schein erlöscht furchtsam; Wind fährt durch den Eichenforst und kein
-Hüttenbewohner denkt an die Röthe des Abends zurück. Im Winkel sitzt
-wohl ein Knabe in sich versunken und sieht im dämmernden Wiederschein
-der Lampe ein Bild der fröhlichen Morgenröthe; ihm dünkt, er höre schon
-die muntern Hähne krähen, und wie ein kühler Wind durch die Blätter
-rauscht und alle Blumen der Wiese aus ihrem stillen Schlafe weckt; er
-vergißt sich selbst und nickt nach und nach ein, indem das Feuer
-ausbrennt. Dann kommen Träume über ihn, dann sieht er alles im Glanze
-der Sonne vor sich: die wohlbekannte Heimath, über die wunderbare fremde
-Gestalten schreiten, Bäume wachsen hervor, die er nie gesehn, sie
-scheinen zu reden und menschlichen Sinn, Liebe und Vertrauen zu ihm
-ausdrücken zu wollen. Wie fühlt er sich der Welt befreundet, wie schaut
-ihn alles mit zärtlichem Wohlgefallen an! die Büsche flüstern ihm liebe
-Worte ins Ohr, indem er vorübergeht, fromme Lämmer drängen sich um ihn,
-die Quelle scheint mit lockendem Murmeln ihn mit sich nehmen zu wollen,
-das Gras unter seinen Füßen quillt frischer und grüner hervor.
-
-Unter diesem Bilde mag dir, geliebter Leser, der Dichter erscheinen, und
-er bittet, daß du ihm vergönnen mögest, dir seinen Traum vorzuführen.
-Jene alte Geschichte, die manchen sonst ergötzte, die vergessen ward,
-und die er gern mit neuem Lichte bekleiden möchte.
-
- Der Dichter sieht bemooste Leichensteine,
- Die keiner seiner Freunde kennt,
- Dann fühlt er, daß beim Mondenscheine
- Im Busen fromme Ahndung brennt:
- Er steht und sinnt, es rauschen alle Haine,
- Es flieht, was ihn von den Gestorbnen trennt,
- Freudigen Schrecks er sie als alte Freunde nennt.
-
- Gern wandl' ich in der stillen Ferne,
- In unsrer Väter frommen Zeit,
- Ich seh, wie jeder sich so gerne
- Der alten guten Mährchen freut,
- Oft wiederholt ergötzen sie noch immer,
- Sie kehren wieder wie dasselbe Mal,
- Der Hörer fühlt des Lebens Lust und Quaal,
- Der Liebe holden Frühlingsschimmer.
-
- Ob ihr die alten Töne gerne hört?
- Das Lied aus längst verfloßnen Tagen?
- Verzeiht dem Sänger, den es so bethört,
- Daß er beginnt das Mährchen anzusagen.
-
-
-
-
- 2.
- Wie ein fremder Sänger an den Hof
- des Grafen von Provence kam.
-
-
-In der Provence herrschte vor langer Zeit ein Graf, der einen überaus
-schönen und herrlichen Sohn hatte, welcher als die Freude des Vaters und
-der Mutter erwuchs. Er war groß und stark, und glänzende blonde Haare
-flossen um seinen Nacken und beschatteten sein zartes jugendliches
-Gesicht; dabei war er in aller Waffenübung wohl erfahren, keiner führte
-im Lande und auch außerhalb die Lanze und das Schwerdt so wie er, so daß
-ihn Jung und Alt, Groß und Klein, Adel und Unadel bewunderte.
-
-Er war oft gern in sich gekehrt, als wenn er irgend einem geheimen
-Wunsche nachginge, und viele erfahrene Leute glaubten und schlossen
-daher, er sei in Liebe; es wollte ihn darum keiner aus seinen Träumen
-aufwecken, weil sie wohl wußten, daß die Liebe ein süßer Ton ist, der im
-Ohre schläft und wie aus einem Traume seine phantasiereiche Melodie
-fortredet, so daß ihn der Beherberger selbst nur wie ein dunkles Räthsel
-versteht, geschweige denn ein Fremder, und daß er oft nur allzuschnell
-entflieht, und seine Wohnung in dem Aether und goldenen Morgenwolken
-wieder sucht.
-
-Aber der junge Graf Peter kannte seine eigenen Wünsche nicht; es war
-ihm, als wenn ferne Stimmen unvernehmlich durch einen Wald riefen, er
-wollte folgen, und Furcht hielt ihn zurück, doch Ahndung drängte ihn
-vor.
-
-Sein Vater gab ein großes Turnier, zu welchem viele Ritter geladen
-wurden. Es war ein Wunder anzusehn, wie der zarte Jüngling die
-Erfahrensten aus dem Sattel hob, so daß es auch allen Zuschauern
-unbegreiflich schien. Er ward von allen gerühmt und für den besten und
-stärksten geachtet; aber kein Lob machte ihn stolz, sondern er schämte
-sich manchmal selber, daß er so alte und würdige Rittersmänner sollte
-überwunden haben.
-
-Unter andern war auch ein Sänger mit herbei gekommen, der viele fremde
-Länder gesehen hatte; er war kein Ritter, aber an Einsicht und Erfahrung
-übertraf er manchen Edlen. Dieser gesellte sich zu Graf Peter und lobte
-ihn ungemein, schloß aber seine Rede mit diesen Worten: Ritter, wenn ich
-euch rathen sollte, so müßt ihr nicht hier bleiben, sondern fremde
-Gegenden und Menschen sehn und wohl betrachten, auf daß sich eure
-Einsichten, die in der Heimath nur immer einheimisch bleiben,
-verbessern, und ihr am Ende das Fremde mit dem Bekannten verbinden
-könnt.
-
-Er nahm seine Laute und sang:
-
- Keinem hat es noch gereut,
- Der das Roß bestiegen,
- Und in frischer Jugendzeit
- Durch die Welt zu fliegen.
-
- Berge und Auen,
- Einsamer Wald,
- Mädchen und Frauen
- Prächtig im Kleide,
- Golden Geschmeide,
- Alles erfreut ihn mit schöner Gestalt.
-
- Wunderlich fliehen
- Gestalten dahin,
- Schwärmerisch glühen
- Wünsche in jugendlich trunkenem Sinn.
-
- Ruhm streut ihm Rosen,
- Schnell in die Bahn,
- Lieben und Kosen,
- Lorbeer und Rosen
- Führen ihn höher und höher hinan.
-
- Rund um ihn Freuden,
- Feinde beneiden,
- Erliegend, den Held, --
- Dann wählt er bescheiden
- Das Fräulein, das ihm nur vor allen gefällt.
-
- Und Berge und Felder
- Und einsame Wälder
- Mißt er zurück.
- Die Eltern in Thränen,
- Ach alle ihr Sehnen, --
- Sie alle vereinigt das lieblichste Glück.
-
- Sind Jahre verschwunden,
- Erzählt er dem Sohn
- In traulichen Stunden,
- Und zeigt seine Wunden,
- Der Tapferkeit Lohn.
- So bleibt das Alter selbst noch jung,
- Ein Lichtstrahl in der Dämmerung.
-
-Der Jüngling hörte still dem Gesange zu; als er geendigt war, blieb er
-eine Weile in sich gekehrt, dann sagte er: ja, nunmehr weiß ich, was mir
-fehlt, ich kenne nun alle meine Wünsche, in der Ferne wohnt mein Sinn,
-und mancherlei wechselnde buntfarbige Bilder ziehn durch mein Gemüth.
-Keine größere Wollust für den jungen Rittersmann, als durch Thal und
-über Feld dahin ziehn: hier liegt eine hoch erhabene Burg im Glanz der
-Morgensonne, dort tönt über die Wiese durch den dichten Wald des
-Schäfers Schallmei, ein edles Fräulein fliegt auf einem weißen Zelter
-vorüber, Ritter und Knappen begegnen mir in blanker Rüstung und
-Abentheuer drängen sich; ungekannt zieh ich durch die berühmten Städte,
-der wunderbarste Wechsel, ein ewig neues Leben umgiebt mich, und ich
-begreife mich selber kaum, wenn ich an die Heimath und den stets
-wiederkehrenden Kreis der hiesigen Begebenheiten zurück denke. O ich
-möchte schon auf meinem guten Rosse sitzen, ich möchte sogleich dem
-väterlichen Hause Lebewohl sagen.
-
-Er war von diesen neuen Vorstellungen erhitzt, und ging sogleich in das
-Gemach seiner Mutter, wo er auch den Grafen, seinen Vater, traf. Peter
-ließ sich alsbald demüthig auf ein Knie nieder und trug seine Bitte vor,
-daß seine Eltern ihm erlauben möchten zu reisen und Abentheuer
-aufzusuchen; denn, so schloß er seine Rede: wer immer nur in der Heimath
-bleibt, behält auch für seine Lebenszeit nur einen einheimischen Sinn,
-aber in der Fremde lernt man das Niegesehene mit dem Wohlbekannten
-verbinden, darum versagt mir eure Erlaubniß nicht.
-
-Der alte Graf erschrak über den Antrag seines Sohnes, noch mehr aber die
-Mutter, denn sie hatten sich dessen am wenigsten versehn. Der Graf
-sagte: mein Sohn, deine Bitte kömmt mir ungelegen, denn du bist mein
-einziger Erbe; wenn ich nun während deiner Abwesenheit mit Tode abginge,
-was sollte da aus meinem Lande werden? Aber Peter blieb bei seinem
-Gesuch, worüber die Mutter anfing zu weinen und zu ihm sagte: Lieber,
-einziger Sohn, du hast noch kein Ungemach des Lebens gekostet und siehst
-nur deine schönen Hoffnungen vor dir; allein bedenke, daß es gar wohl
-sein kann, daß, wenn du abreisest, tausend Mühseligkeiten schon bereit
-stehn, um dir in den Weg zu treten; du hast dann vielleicht mit Elend zu
-kämpfen, und wünschest dich zu uns zurück.
-
-Peter lag noch immer demüthig auf den Knien und antwortete: Vielgeliebte
-Eltern, ich kann nicht dafür, aber es ist jezt mein einziger Wunsch, in
-die weite fremde Welt zu reisen, um Freud und Mühseligkeit zu erleben,
-und dann als ein bekannter und geehrter Mann in die Heimath zurück zu
-kehren. Dazu seid ihr ja auch, mein Vater, in eurer Jugend in der Fremde
-gewesen, und habt euch weit und breit einen Namen gemacht; aus einem
-fremden Lande habt ihr euch meine Mutter zum Gemal geholt, die damals
-für die größte Schönheit geachtet wurde; laßt mich ein gleiches Glück
-versuchen, seht, mit Thränen bitte ich euch darum.
-
-Er nahm eine Laute, die er sehr schön zu spielen verstand, und sang das
-Lied, das er vom Harfenspieler gelernt hatte, und am Schlusse weinte er
-heftig. Die Eltern waren auch gerührt, besonders aber die Mutter; sie
-sagte: nun, so will ich dir meinerseits meinen Segen geben, geliebter
-Sohn, denn es ist freilich alles wahr, was du da gesagt hast. Der Vater
-stand gleichfalls auf und segnete ihn, und Peter war im Herzen vergnügt,
-daß er so die Einwilligung seiner Eltern erhalten hatte.
-
-Es ward nun Befehl gegeben, alles zu seinem Zuge zu rüsten, und die
-Mutter ließ Petern heimlich zu sich kommen. Sie gab ihm drei kostbare
-Ringe und sagte: Siehe, mein Sohn, diese drei kostbaren Ringe habe ich
-von meiner Jugend an sorgfältig bewahrt; nimm sie mit dir und halte sie
-in Ehren, und so du ein Fräulein findest, das du liebst und das dir
-wieder gewogen ist, so darfst du sie ihr schenken. Er küßte dankbar ihre
-Hand, und es kam der Morgen, an welchem er von dannen schied.
-
-
-
-
- 3.
- Wie der Ritter Peter von seinen
- Eltern zog.
-
-
-Als Peter sein Pferd besteigen wollte, segnete ihn sein Vater noch
-einmal, und sagte zu ihm: mein Sohn, immer möge dich das Glück
-begleiten, so daß wir dich gesund und wohlbehalten wieder sehn; denke
-stets meiner Lehren, die ich deiner zarten Jugend einprägte: suche die
-gute und meide die böse Gesellschaft; halte immer die Gesetze des
-Ritterstandes in Ehren, und vergiß sie in keinem Augenblicke, denn sie
-sind das edelste, was die edelsten Männer in ihren besten Stunden
-erdacht haben; sei immer redlich, wenn du auch betrogen wirst, denn das
-ist der Probierstein des Wackern, daß er selten auf rechtliche Menschen
-trifft, und doch sich selber gleich bleibt. -- Lebe wohl! --
-
-Peter ritt fort, allein und ohne Knappen, denn er wollte allenthalben,
-wie es oft die jungen Ritter zu thun pflegten, unbekannt bleiben. Die
-Sonne war herrlich aufgegangen, und der frische Thau glänzte auf den
-Wiesen. Peter war frohen Muthes und spornte sein gutes Roß, daß es oft
-muthig aufsprang. Es lag ihm ein altes Lied im Sinne und er sang es
-laut:
-
- Traun! Bogen und Pfeil
- Sind gut für den Feind,
- Hülflos alleweil
- Der Elende weint;
- Dem Edlen blüht Heil
- Wo Sonne nur scheint,
- Die Felsen sind steil,
- Doch Glück ist sein Freund.
-
-Er kam nach vielen Tagereisen in die edle und vornehme Stadt Neapolis.
-Schon unterwegs hatte er viel vom Könige und seiner überaus schönen
-Tochter Magelone reden hören, so daß er sehr begierig war, sie von
-Angesicht zu Angesicht zu sehn. Er stieg in einer Herberge ab, und
-erkundigte sich nach Neuigkeiten; da hörte er vom Wirthe, daß ein
-vornehmer Ritter, Herr Heinrich von Carpone, angekommen sei, und daß ihm
-zu Ehren ein schönes Turnier gehalten werden solle. Er erfuhr zugleich,
-daß auch den Fremden der Zutritt erlaubt sei, wenn sie nach den
-Turniergesetzen geharnischt erschienen. Da nahm sich Peter sogleich vor,
-auch dabei zu sein, und seine Geschicklichkeit und Stärke zu versuchen.
-
-
-
-
- 4.
- Peter sieht die schöne Magelone.
-
-
-Als der Tag des Turniers erschienen war, legte Peter seine Waffenrüstung
-an, und begab sich in die Schranken. Er hatte sich auf seinen Helm zwei
-schöne silberne Schlüssel setzen lassen, von ungemein feiner Arbeit, so
-war auch sein Schild mit Schlüsseln geziert, auch die Decke seines
-Pferdes. Dies hatte er seinem Namen zu Gefallen gethan und zu Ehren des
-Apostels Petrus, den er sehr liebte. Von Jugend auf hatte er sich ihm
-zum Schirm und Schutz empfohlen, und deswegen wählte er sich auch jezt
-dieses Wahrzeichen, da er unbekannt bleiben wollte.
-
-Unter Trompetenschall trat ein Herold auf, der das Turnier ausrief, das
-zu Ehren der schönen Magelone eröffnet wurde. Sie selbst saß auf einem
-erhabenen Söller und sah auf die Versammlung der Ritter hinab. Peter
-schaute hinauf, er konnte sie aber nicht genau betrachten, weil sie zu
-entfernt war.
-
-Herr Heinrich von Carpone trat zuerst in die Schranken und gegen ihn
-stellte sich ein Ritter des Königes. Sie trafen auf einander und der
-Königsche wurde bügellos, aber er traf zufälligerweise mit seiner Lanze
-das Pferd des Herrn Heinrich vorn an den Schienbeinen, so daß das Roß
-mit seinem Reiter zu Boden stürzte. Darüber wurde dem Diener des Königes
-der Sieg zugesprochen, als einem, der den Herrn Heinrich umgerennt
-hätte. Das verdroß Petern gar sehr, denn Herr Heinrich war ein namhafter
-Renner; dazu so berühmte sich der Diener laut und öffentlich seines
-Sieges, den er doch nur dem Zufall zu danken hatte. Peter stellte sich
-also gegen ihn in die Schranken und rannte ihn vom Pferde hinunter, daß
-sich alle über seine Kraft verwundern mußten; er that aber zu aller
-Erstaunen noch mehr, denn er machte auch bald die übrigen Sättel ledig,
-so daß sich in kurzer Zeit kein Gegner vor ihm mehr finden ließ. Darüber
-waren alle begierig, den Namen des fremden Ritters zu wissen, und der
-König von Neapel schickte selbst seinen Herold an ihn ab, um ihn zu
-erfahren; aber Peter bat in Demuth um die Erlaubniß, daß man ihm noch
-ferner erlauben möchte, unbekannt zu bleiben, denn sein Name sei dunkel
-und von keinen Thaten verherrlicht; dazu so sei er ein armer geringer
-Edelmann aus Frankreich, er wolle seinen Namen daher so lange
-verschweigen, bis er es durch Thaten werth geworden sei, sich nennen zu
-dürfen. Dem König freute diese Antwort, weil sie ein Beweis von der
-Bescheidenheit des Ritters war.
-
-Es währte nicht lange, so wurde ein zweites Turnier gehalten, und die
-schöne Magelone wünschte heimlich im Herzen, daß sie des Ritters mit den
-silbernen Schlüsseln wieder ansichtig werden möchte; denn sie war ihm
-zugethan, hatte es aber noch Niemand anvertraut, ja sich selber kaum,
-denn die erste Liebe ist zaghaft, und hält sich selbst für einen
-Verräther. Sie ward roth, als Peter wieder mit seiner kenntlichen
-Waffenrüstung in die Schranken trat, und nun die Trommeten schmetterten,
-und bald darauf die Spieße an den Schilden krachten. Unverwandt blickte
-sie auf Peter, und er blieb in jedem Kampfe Sieger; sie verwunderte sich
-endlich darüber nicht mehr, weil ihr war, als könne es nicht anders
-sein. Die Feierlichkeit war geendigt, und Peter hatte von neuem großes
-Lob und große Ehre eingesammelt.
-
-Der König ließ ihn an seine Tafel laden, wo Peter der Prinzessin
-gegenüber saß und über ihre Schönheit erstaunte, denn er sah sie jezt
-zum erstenmal in der Nähe. Sie blickte immer freundlich auf ihn hin, und
-dadurch kam er in große Verwirrung; sein Sprechen belustigte den König,
-und sein edler und kräftiger Anstand setzte das Hofgesinde in Erstaunen.
-Im Saale kam er nachher mit der Prinzessin allein zu sprechen, und sie
-lud ihn ein, öfter wieder zu kommen, worauf er Abschied nahm, und sie
-ihn noch zuletzt mit einem sehr freundlichen Blicke entließ.
-
-Peter ging wie berauscht durch die Straßen; er eilte in einen schönen
-Garten, und wandelte mit verschränkten Armen auf und nieder, bald
-langsam, bald schnell, und die Zeit verfloß, ohne daß er begreifen
-konnte, wie die Stunden vorüber waren. Er hörte nichts um sich her, denn
-eine innerliche Musik übertönte das Flüstern der Bäume und das rieselnde
-Plätschern der Wasserkünste. Tausendmal sagte er sich in Gedanken den
-Namen Magelone vor, und erschrak dann plötzlich, weil er glaubte, er
-habe ihn laut durch den Garten ausgerufen. Gegen Abend erscholl in der
-Gegend eine süße Musik, und nun setzte er sich in das frische Gras
-hinter einem Busche und weinte und schluchzte; es war ihm, als wenn sich
-der Himmel umgewendet und nun seine Schönheit und paradisische Seite zum
-erstenmal herausgekehrt hätte; und doch machte ihn diese Empfindung so
-unglücklich, unter allen Freuden fühlte er sich so gänzlich verlassen.
-Die Musik floß wie ein murmelnder Bach durch den stillen Garten, und er
-sah die Anmuth der Fürstin auf den silbernen Wellen hoch einher
-schwimmen, wie die Wogen der Musik den Saum ihres Gewandes küßten, und
-wetteiferten, ihr nachzufolgen; gleich einer Morgenröthe schien sie in
-die dämmernde Nacht hinein, und die Sterne standen in ihrem Laufe still,
-die Bäume hielten sich ruhig und die Winde schwiegen; die Musik war jezt
-die einzige Bewegung, das einzige Leben in der Natur, und alle Töne
-schlüpften so süß über die Grasspitzen und durch die Baumgipfel hin, als
-wenn sie die schlafende Liebe suchten und sie nicht wecken wollten, als
-wenn sie, so wie der weinende Jüngling, zitterten, bemerkt zu werden.
-
-Jezt erklangen die letzten Accente, und wie ein blauer Lichtstrom
-versank der Ton, und die Bäume rauschten wieder, und Peter erwachte aus
-sich selber und fühlte, daß seine Wange von Thränen naß sei. Die
-Springbrunnen plätscherten stärker und führten von den entferntesten
-Gegenden des Gartens her laute Gespräche. Peter sang leise folgendes
-Lied:
-
- Sind es Schmerzen, sind es Freuden,
- Die durch meinen Busen ziehn?
- Alle alten Wünsche scheiden,
- Tausend neue Blumen blühn.
-
- Durch die Dämmerung der Thränen
- Seh' ich ferne Sonnen stehn, --
- Welches Schmachten! welches Sehnen!
- Wag' ich's? soll ich näher gehn?
-
- Ach, und fällt die Thräne nieder,
- Ist es dunkel um mich her;
- Dennoch kömmt kein Wunsch mir wieder,
- Zukunft ist von Hoffnung leer.
-
- So schlage denn, strebendes Herz,
- So fließet denn, Thränen, herab,
- Ach Lust ist nur tieferer Schmerz,
- Leben ist dunkeles Grab. --
- Ohne Verschulden
- Soll ich erdulden?
- Wie ists, daß mir im Traum
- Alle Gedanken
- Auf und nieder schwanken!
- Ich kenne mich noch kaum.
-
- O hört mich, ihr gütigen Sterne,
- O höre mich, grünende Flur,
- Du, Liebe, den heiligen Schwur:
- Bleib' ich ihr ferne,
- Sterb' ich gerne.
- Ach! nur im Licht von ihrem Blick
- Wohnt Leben und Hoffnung und Glück!
-
-Er hatte sich selber etwas getröstet, und schwur sich, Magelonens Liebe
-zu erwerben, oder unterzugehn. Spät in der Nacht ging er nach Hause und
-setzte sich in seinem Zimmer nieder, und sprach sich jedes Wort wieder
-vor, das sie ihm gesagt hatte; bald glaubte er Ursach zu finden, sich zu
-freuen, dann wurde er wieder betrübt, und war von neuem in Zweifel. Er
-wollte seinem Vater schreiben und richtete in Gedanken die Worte an
-Magelonen, und trauerte dann über seine Zerstreuung, daß er es wage, ihr
-zu schreiben, die er nicht kenne. Nun erschrak er vor dem Gedanken, daß
-ihm das Wesen fremd sei, welches er vor allen übrigen in der Welt so
-unaussprechlich theuer liebe.
-
-Ein süßer Schlummer überraschte ihn endlich und durchstrich seine
-Zweifel und Schmerzen, und wunderbare Träume von Liebe und Entführungen,
-einsamen Wäldern und Stürmen auf dem Meere tanzten in seinem Gemach auf
-und nieder, und bedeckten wie schöne bunte Tapeten die leeren Wände.
-
-
-
-
- 5.
- Wie der Ritter der schönen Magelone
- Botschaft sandte.
-
-
-In derselben Nacht war Magelone eben so bewegt als ihr Ritter. Es
-däuchte ihr, als könne sie sich auf ihrem einsamen Zimmer nicht lassen;
-sie ging oft an das Fenster und sah nachdenklich in den Garten hinab,
-und alles war ihr trübe und schwermüthig; sie behorchte die Bäume, die
-gegen einander rauschten, dann sah sie nach den Sternen, die sich im
-Meere spiegelten; sie warf es dem Unbekannten vor, daß er nicht im
-Garten unter ihrem Fenster stehe, dann weinte sie, weil sie gedachte,
-daß es ihm unmöglich sei. Sie warf sich auf ihr Bett, aber sie konnte
-nur wenig schlafen, und wenn sie die Augen schloß, sah sie das Turnier
-und den geliebten Unbekannten, welcher Sieger ward und mit sehnsüchtiger
-Hoffnung zu ihrem Altan hinauf blickte. Bald weidete sie sich an diesen
-Phantasieen, bald schalt sie auf sich selber; erst gegen Morgen fiel sie
-in einen leichten Schlummer.
-
-Sie beschloß, ihre Zuneigung ihrer geliebten Amme zu entdecken, vor der
-sie kein Geheimniß hatte. In einer traulichen Abendstunde sagte sie
-daher zu ihr: Liebe Amme, ich habe schon seit lange etwas auf dem
-Herzen, welches mir fast das Herz zerdrückt; ich muß es dir nur endlich
-sagen und du mußt mir mit deinem mütterlichen Rathe beistehn, denn ich
-weiß mir selber nicht mehr zu rathen. Die Amme antwortete: vertraue dich
-mir, geliebtes Kind, denn eben darum bin ich älter und liebe dich wie
-eine Mutter, daß ich dir guten Anschlag geben möge, denn freilich weiß
-sich die Jugend nie selber zu helfen.
-
-Da die Prinzessin diese freundlichen Worte von ihrer Amme hörte, ward
-sie noch dreister und zutraulicher, und fuhr daher also fort: o
-Gertraud, hast du wohl den unbekannten Ritter mit den silbernen
-Schlüsseln bemerkt? Gewiß hast du ihn gesehn, denn er ist der einzige,
-der bemerkenswerth war, alle übrigen dienten nur, ihn zu verherrlichen,
-allen Sonnenschein des Ruhms auf ihn zu häufen, und selbst in dunkler
-einsamer Nacht zu wohnen. Er ist der einzige Mann, der schönste
-Jüngling, der tapferste Held. Seit ich ihn gesehn habe, sind meine Augen
-unnütz, denn ich sehe nur meine Gedanken, in denen er wohnt, wie er in
-aller seiner Herrlichkeit vor mir steht. Wüßte ich nur noch, daß er aus
-einem hohen Geschlechte sei, so wollte ich alle meine Hoffnung auf ihn
-setzen. Aber er kann aus keinem unedlen Hause stammen, denn wer wäre
-alsdann edel zu nennen? O antworte mir, tröste mich, liebe Amme, und
-gieb mir nun Rath.
-
-Die Amme erschrak sehr, als sie diese Rede verstanden hatte; sie
-antwortete: liebes Kind, schon seit lange waren meine Erwartungen so wie
-meine Neugier darauf gerichtet, daß du mir gestehn solltest, welchen von
-den Edlen des Königreichs, oder welchen Auswärtigen du liebtest, denn
-selbst die Höchsten und sogar Könige begehren dein. Aber warum hast du
-nun deine Neigung auf einen Unbekannten geworfen, von dem Niemand weiß,
-woher er gekommen? Ich zittre, wenn der König, dein Vater, deine Liebe
-bemerkt.
-
-Nun und warum zitterst du? fiel ihr Magelone mit heftigem Weinen in die
-Rede. Wenn er sie bemerkt, so wird er zürnen, der fremde Ritter wird den
-Hof und das Land verlassen, und ich werde in treuer hoffnungsloser Liebe
-sterben; und sterben muß ich, wenn der Unbekannte mich nicht wieder
-liebt, wenn ich auf ihn nicht die Hoffnung der ganzen Zukunft setzen
-darf. Alsdann bin ich zur Ruhe, und weder mein Vater noch du, keiner
-wird mich je mehr verfolgen.
-
-Da die Amme diese Worte hörte, ward sie sehr betrübt und weinte
-ebenfalls. Höre auf mit deinen Thränen, liebes Kind, so rief sie
-schluchzend aus: alles will ich ertragen, nur kann ich dich unmöglich
-weinen sehn; es ist mir, als müßte ich das größte Elend der Erden
-erdulden, wenn dein liebes Gesicht nicht freundlich ist.
-
-Nicht wahr, man muß ihn lieben? sagte Magelone, und umarmte ihre Amme.
-Ich hätte nie einen Mann geliebt, wenn mein Auge ihn nicht gesehn hätte;
-wär es also nicht Sünde, ihn nicht zu lieben, da ich so glücklich
-gewesen bin, ihn zu finden? Gieb nur Acht auf ihn, wie alle
-Vortrefflichkeiten, die sonst schon einzeln andre Ritter edel machen, in
-ihm vereinigt glänzen; wie einnehmend sein fremder Anstand ist, daß er
-die hiesige italiänische Sitte nicht in seiner Gewalt hat, wie seine
-stille Bescheidenheit weit mehr wahre Höflichkeit ist, als die studirte
-und gewandte Galanterie der hiesigen Ritter. Er ist immer in
-Verlegenheit, daß er Niemand besseres ist, als er, und doch sollte er
-stolz darauf sein, daß er niemand anders ist, denn so wie er ist, ist er
-das Schönste, was die Natur nur je hervor gebracht hat. O such' ihn auf,
-Gertraud, und frage ihn nach seinem Stand und Namen, damit ich weiß, ob
-ich leben oder sterben muß; wenn ich ihn fragen lasse, wird er kein
-Geheimniß daraus machen, denn ich möchte vor ihm kein Geheimniß haben.
-
-Als der Morgen kam, ging die Amme in die Kirche und betete; sie sah den
-Ritter, der auch in einem andächtigen Gebete auf den Knien lag. Als er
-geendet hatte, näherte er sich der Amme und grüßte sie höflich, denn er
-kannte sie und hatte sie am Hofe gesehn. Die Amme richtete den Auftrag
-des Fräuleins aus, daß sie ihn um seinen Stand und Namen ersuche, weil
-es einem so edlen Manne nicht gezieme, sich verborgen zu halten.
-
-Peter bekam eine große Freude und das Herz schlug ihm, denn er sah aus
-diesen Worten, daß ihn Magelone liebe; worauf er sagte: man erlaube mir,
-meinen Namen noch zu verschweigen, aber das könnt ihr der Prinzessin
-sagen, daß ich aus einem hohen adelichen Geschlechte bin, und daß der
-Name meiner Ahnherrn in den Geschichtsbüchern rühmlich bekannt ist.
-Nehmt indeß dies zum Angedenken meiner, und laßt es einen kleinen Lohn
-sein für die fröhliche Botschaft, so ihr mir wider alles Verhoffen
-gebracht habt.
-
-Er gab hierauf der Amme einen von den dreien köstlichen Ringen, und
-Gertraud eilte sogleich zur Prinzessin, ihr die erhaltene Kundschaft
-anzusagen, auch zeigte sie ihr den köstlichen Ring, der allein schon
-bewies, daß der Ritter aus einem vornehmen Hause stammen müsse. Er hatte
-der Amme zugleich ein Pergamentblatt mitgegeben, in Hoffnung, daß
-Magelone die Worte lesen würde, die er im Gefühl seiner Liebe
-niedergeschrieben hatte.
-
- Liebe kam aus fernen Landen
- Und kein Wesen folgte ihr,
- Und die Göttin winkte mir,
- Schlang mich ein mit süßen Banden.
-
- Da begonn ich Schmerz zu fühlen,
- Thränen dämmerten den Blick:
- Ach! was ist der Liebe Glück,
- Klagt' ich, wozu dieses Spielen?
-
- Keinen hab' ich weit gefunden,
- Sagte lieblich die Gestalt,
- Fühle du nun die Gewalt,
- Die die Herzen sonst gebunden.
-
- Alle meine Wünsche flogen
- In der Lüfte blauen Raum,
- Ruhm schien mir ein Morgentraum,
- Nur ein Klang der Meereswogen.
-
- Ach! wer löst nun meine Ketten?
- Denn gefesselt ist der Arm,
- Mich umfleugt der Sorgen Schwarm;
- Keiner, keiner will mich retten?
-
- Darf ich in den Spiegel schauen,
- Den die Hoffnung vor mir hält?
- Ach, wie trügend ist die Welt!
- Nein, ich kann ihr nicht vertrauen.
-
- O und dennoch laß nicht wanken
- Was dir nur noch Stärke giebt,
- Wenn die Einzge dich nicht liebt,
- Bleibt nur bittrer Tod dem Kranken.
-
-Dieses Lied rührte Magelonen; sie las es und las es von neuem, es war
-ganz ihre eigene Empfindung, wie von einem Echo nachgesprochen. Sie
-betrachtete den köstlichen Ring, und bat die Amme flehentlich, ihr
-denselben gegen ein andres Kleinod auszutauschen; die Amme wurde
-betrübt, da sie sahe, daß das Herz der Prinzessin so ganz von Liebe
-eingenommen sei, sie sagte daher: mein Kind, es schmerzt mich innig, daß
-du dich einem Fremden gleich so willig und ganz hingeben willst.
-Magelone wurde sehr zornig, als sie diese Worte hörte. Fremd? rief sie
-aus; o wer ist dann meinem Herzen nahe, wenn er mir fremd ist? Wehe
-müsse dir deine Zunge auf lange thun, für diese Rede, denn sie hat mein
-Herz gespalten. Wie kann er mir denn fremd sein, wenn ich selbst mein
-eigen bin, da er nichts ist, als was ich bin, da ich nur das sein kann,
-was er mir zu sein vergönnt? Die Luft, den Athem, das Leben, alles,
-alles darf ich ihm nur danken, mein Herz gehört mir selbst nicht mehr,
-seit ich ihn kenne; o, liebe Gertraud, was wär ich in der Welt, und was
-wäre die ganze unermeßliche Welt mir, wenn er mir fremd sein müßte?
-
-Gertraud tröstete sie, und die Prinzessin legte sich schlafen, vorher
-aber hing sie an einer feinen Perlenschnur den Ring um den Nacken, daß
-er ihr auf der Brust zu liegen kam. Im Schlafe sah sie sich in einem
-schönen und lustigen Garten, der hellste Sonnenschein flimmerte auf
-allen grünen Blättern, und wie von Harfensaiten tönte das Lied ihres
-Geliebten aus dem blauen Himmel herunter, und goldbeschwingte Vögel
-staunten zum Himmel hinauf und merkten auf die Noten; lichte Wolken
-zogen unter der Melodie hinweg und wurden rosenroth gefärbt und tönten
-wieder. Dann kam der Unbekannte in aller Lieblichkeit aus einem dunkeln
-Gange, er umarmte Magelonen und steckte ihr einen noch köstlichern Ring
-an den Finger, und die Töne vom Himmel herunter schlangen sich um beide
-wie ein goldenes Netz, und die Lichtwolken umkleideten sie, und sie
-waren von der Welt getrennt nur bei sich selber und in ihrer Liebe
-wohnend, und wie ein fernes Klaggetön hörten sie Nachtigallen singen und
-Büsche flüstern, daß sie von der Wonne des Himmels ausgeschlossen waren.
-
-Als Magelone von ihrem schönen Traume erwachte, erzählte sie alles der
-Amme, und diese sah jezt ein, daß sie ihren ganzen Sinn auf den
-Unbekannten gesetzt hätte, und daß er ihr Glück oder Unglück sein müsse,
-worüber sie sehr nachdenklich wurde.
-
-
-
-
- 6.
- Wie der Ritter Magelonen einen Ring
- übersandte.
-
-
-Die Amme wandte vielen Fleiß an, den Ritter wieder anzutreffen, und es
-geschah, daß sie sich in derselben Kirche wieder fanden. Peter war froh,
-als er die Amme ansichtig wurde, und ging sogleich auf sie zu und
-erkundigte sich nach dem Fräulein. Sie erzählte ihm alles, wie sie für
-großer Liebe den Ring für sich behalten, und die geschriebenen Worte
-gelesen, und wie sie in der Nacht von ihm geträumt. Peter ward roth vor
-Freuden, als er diese Umstände erzählen hörte und sagte: Ach, liebe
-Amme, sagt ihr doch die Empfindungen meines Herzens, und daß ich vor
-Sehnsucht verschmachten muß, wenn ich sie nicht bald sprechen kann;
-spreche ich sie aber mündlich, so will ich ihr, wie ich sonst Niemand
-thue, meinen Stand und Namen entdecken; aber ich liebe sie mit einer
-Liebe, wie kein andres Herz es fähig ist, und alle meine Gebete zum
-Himmel sind nur der Wunsch, daß ich sie zum ehelichen Gemal überkommen
-möchte, und daß ihre Gedanken nur etlichermaßen so nach mir gerichtet
-wären, wie die meinigen zu ihr. Gebt ihr auch diesen Ring, und bittet
-sie, ihn als ein geringes Andenken von mir zu tragen.
-
-Die Amme eilte schnell zu Magelonen zurück, die vor übergroßer Liebe
-krank war und auf ihrem Ruhebette lag. Sie sprang auf, als sie ihre
-Kundschafterin erblickte, umarmte sie und fragte nach Neuigkeiten. Die
-Amme erzählte ihr alles und gab ihr auch den kostbaren Ring. Sieh! rief
-die Prinzessin aus, das ist eben der Ring, von dem ich geträumt habe; o!
-so muß auch das übrige in Erfüllung gehn. Ein Blatt enthielt dieses
-Lied:
-
- Willst du des Armen
- Dich gnädig erbarmen?
- So ist es kein Traum?
- Wie rieseln die Quellen,
- Wie tönen die Wellen,
- Wie rauschet der Baum!
-
- Tief lag ich in bangen
- Gemäuern gefangen,
- Nun grüßt mich das Licht;
- Wie spielen die Strahlen!
- Sie blenden und malen
- Mein schüchtern Gesicht.
-
- Und soll ich es glauben?
- Wird keiner mir rauben
- Den köstlichen Wahn?
- Doch Träume entschweben,
- Nur lieben heißt leben:
- Willkommene Bahn!
-
- Wie frei und wie heiter!
- Nicht eile nun weiter,
- Den Pilgerstab fort!
- Du hast überwunden,
- Du hast ihn gefunden,
- Den seligsten Ort!
-
-Magelone sang das Lied, dann küßte sie den Ring, und dann auch den
-ersten, um ihn nicht zu kränken; dann las sie die Worte von neuem, und
-sprach sie laut, und so trieb sie es in der Einsamkeit bis spät in die
-Nacht.
-
-
-
-
- 7.
- Wie der edle Ritter wieder eine Botschaft empfing
- von der schönen Magelone.
-
-
-Der Ritter befand sich am folgenden Morgen wieder in der Kirche, weil er
-hoffte, von der Geliebten seiner Seele dort eine Nachricht zu
-überkommen. Die Amme fand ihn, und es traf sich, daß sie beide in der
-Kirche allein waren. Er erkundigte sich nach Magelonen und die Amme
-Gertraud erzählte ihm alles, worauf sie sagte: Wenn ihr mir versichert,
-Herr Ritter, daß ihr mein Fräulein in aller Zucht und Tugend lieben
-wollt, so will ich euch auch nunmehr sagen, wo ihr sie sprechen könnt.
-Peter ließ sich auf ein Knie nieder und hob seine Finger in die Höhe.
-Ich schwöre, sagte er, daß meine reinsten Gedanken stets um Magelone
-sind; ich liebe sie in aller Zucht und Anständigkeit, wie es dem
-ehrbaren Ritter ziemt, und so dies nicht wahr ist, so verlasse mich Gott
-in meiner allergrößten Noth. Amen! Die Amme war mit diesem Schwure wohl
-zufrieden, sie vertraute ihm nun gänzlich und sagte: ich sehe, daß ihr
-nicht nur der tapferste, sondern auch der edelste Ritter seid auf Gottes
-weiter Erde; ihr sollt euch daher auch alles Beistandes von mir
-gewärtiget sein. Ihr seid glücklich in Magelonen und sie ist glücklich
-in euch; macht euch daher morgen Nachmittag fertig, durch die heimliche
-Pforte des Gartens zu gehn, und sie dann auf meiner Kammer zu sprechen.
-Ich will euch allein lassen, damit ihr ganz unverholen eure
-Herzensmeinungen ausreden könnt.
-
-Sie nannte ihm die Stunde, und verließ ihn. Der Ritter stand noch lange
-und sah ihr im trunkenen Staunen nach, denn er vertraute dem nicht, was
-er gehört hatte. Das Glück, das er so sehnlichst erharrt, rückte ihm nun
-so unerwartet näher, daß er es im frohen Entsetzen nicht zu genießen
-wagte. Der Mensch erschrickt über den Zufall, selbst wenn er ihn
-glücklich macht; wenn unser Schicksal sich plötzlich zur Wonne umändert,
-so zweifeln wir in diesem Augenblicke gar zu leicht an der Wirklichkeit
-des Lebens. Dies dachte auch Peter bei sich, als er alle seine Sinne in
-trüber Verwirrung bemerkte. Wie bin ich so vom Glücke überschüttet, rief
-er aus, daß ich gar nicht zu mir selber kommen kann! Wie wohl würde mir
-jezt ein Besinnen auf meinen Zustand thun, aber es ist unmöglich! Wenn
-wir unsre kühnen Hoffnungen in der Ferne sehn, so freuen wir uns an
-ihrem edlen Gange, an ihren goldnen Schwingen, aber jezt flattern sie
-mir plötzlich so nahe ums Haupt, daß ich weder sie noch die übrige Welt
-wahrzunehmen vermag.
-
-Er ging nach Hause, und glaubte in manchen Augenblicken, die Zeit stehe
-seit der Stunde still, in der er die treue Amme gesprochen hatte, denn
-es wollte nicht Abend werden; als es Abend war, saß er ohne Licht in
-seiner Kammer und betrachtete die Wolken und Sterne, und sein Herz
-schlug ihm ungestüm, wenn er dann plötzlich an sich und Magelonen
-dachte. Er glaubte nicht, daß es wieder Tag werden könne, und daß es die
-bezeichnete Stunde wagen werde, herauf zu kommen. Eingedämmert von
-Erwartungen, banger Sehnsucht und ängstlicher Hoffnung, schlief er auf
-seinem Ruhebette ein, und erwachte, als muntre Sonnenstrahlen in seine
-Kammer herein spielten, und hell und fröhlich an den Wänden zuckten.
-
-Er raffte sich auf, und dachte, was er ihr sagen wolle; er erschrak jezt
-vor dem Gedanken, daß er sie sprechen müsse; dennoch war es sein
-herzinniglichster Wunsch, er konnte sich nicht besänftigen, darum nahm
-er die Laute und sang:
-
- Wie soll ich die Freude,
- Die Wonne denn tragen?
- Daß unter dem Schlagen
- Des Herzens die Seele nicht scheide?
-
- Und wenn nun die Stunden
- Der Liebe verschwunden,
- Wozu das Gelüste,
- In trauriger Wüste
- Noch weiter ein lustleeres Leben zu ziehn,
- Wenn nirgend dem Ufer mehr Blumen entblühn?
-
- Wie geht mit bleibehangnen Füßen
- Die Zeit bedächtig Schritt vor Schritt!
- Und wenn ich werde scheiden müssen,
- Wie federleicht fliegt dann ihr Tritt!
-
- Schlage, sehnsüchtige Gewalt,
- In tiefer treuer Brust!
- Wie Lautenton vorüber hallt,
- Entflieht des Lebens schönste Lust.
- Ach, wie bald
- Bin ich der Wonne mir kaum noch bewußt.
-
- Rausche, rausche weiter fort,
- Tiefer Strom der Zeit,
- Wandelst bald aus Morgen Heut,
- Gehst von Ort zu Ort;
- Hast du mich bisher getragen,
- Lustig bald, dann still,
- Will es nun auch weiter wagen,
- Wie es werden will.
-
- Darf mich doch nicht elend achten
- Da die Einzge winkt,
- Liebe läßt mich nicht verschmachten,
- Bis dies Leben sinkt;
- Nein, der Strom wird immer breiter,
- Himmel bleibt mir immer heiter,
- Fröhlichen Ruderschlags fahr ich hinab,
- Bring Liebe und Leben zugleich an das Grab.
-
-
-
-
- 8.
- Wie Peter die schöne Magelone besuchte.
-
-
-Jezt war die Zeit da, und die Stunde gekommen, in welcher der Ritter
-seine geliebte Magelone besuchen sollte. Er ging heimlicherweise durch
-die Pforte des Gartens und auf die Kammer der Amme, wo er die Prinzessin
-fand. Magelone saß auf einem Ruhebett und wollte aufstehn, als sie den
-Ritter eintreten sah, und ihm um den Hals fallen, und ihn mit Thränen
-und Küssen in die Wette bedecken. Doch mäßigte sie sich und blieb
-sitzen, aber eine scharlachene Röthe überzog ihr ganzes Gesicht, so daß
-sie aussah wie eine Rose, die sich noch nicht entfaltet hat, und die
-jezt der warme Sonnenschein badet, und ihre Blätter aus einander lockt.
-Eben so war auch der Ritter, der mit verschämtem Gesicht vor ihr stand,
-auf welchem holdselige Freude und Verwirrung sich wechselsweise
-ablösten.
-
-Die Amme verließ das Gemach, und Peter warf sich ohne zu sprechen auf
-ein Knie nieder; Magelone reichte ihm die schöne Hand, hieß ihn aufstehn
-und sich neben sie nieder setzen. Peter that es, und zitterte an ihrer
-Seite; seine Augen waren wie zwei glänzende Sterne, so trunken war er
-vor Entzückung, daß er nun die Geliebteste seiner Seele so dicht vor
-seinen Augen sah. Lange wollte kein Gespräch in den Gang kommen; ihre
-zärtlichen Blicke, die sich verstohlen begegneten, störten die Worte;
-aber endlich entdeckte sich ihr der Jüngling, und sagte, daß er sich ihr
-ganz zu eigen ergeben habe, seit er sie zuerst gesehn, daß ihr sein
-ganzes Leben gewidmet sei, und daß er sich durch ihre Liebe wie von
-Engelshänden berührt, aus einem tiefen Schlafe erwacht fühle.
-
-Er schenkte ihr den dritten Ring, welcher der kostbarste von allen war,
-wobei er ihre lilienweiße Hand küßte. Sie war über seine Treue innig
-bewegt, stand auf und holte eine köstliche güldene Kette, die sie ihm um
-den Hals legte und sagte: hiemit erkenne ich euch für mein und mich für
-die eurige, nehmt dieses Andenken, und tragt es immer, so lieb ihr mich
-habt. Dann nahm sie den erschrockenen Ritter in die Arme und küßte ihn
-herzlich auf den Mund, und er erwiederte den Kuß und drückte sie gegen
-sein Herz.
-
-Sie mußten scheiden, und Peter eilte sogleich nach seinem Zimmer, als
-wenn er seinen Waffenstücken und seiner Laute sein Glück erzählen müsse;
-er war so froh, als er noch nie gewesen war. Er ging mit großen
-Schritten auf und ab und griff in die Saiten, küßte das Instrument und
-weinte heftig. Dann sang er mit großer Inbrunst:
-
- War es dir, dem diese Lippen bebten,
- Dir der dargebotne süße Kuß?
- Giebt ein irdisch Leben so Genuß?
- Ha! wie Licht und Glanz vor meinen Augen schwebten,
- Alle Sinne nach den Lippen strebten!
-
- In den klaren Augen blinkte
- Sehnsucht, die mir zärtlich winkte,
- Alles klang im Herzen wieder,
- Meine Blicke sanken nieder,
- Und die Lüfte tönten Liebeslieder!
-
- Wie ein Sternenpaar
- Glänzten die Augen, die Wangen
- Wiegten das goldene Haar,
- Blick und Lächeln schwangen
- Flügel, und die süßen Worte gar
- Weckten das tiefste Verlangen:
- O Kuß! wie war dein Mund so brennend roth!
- Da starb ich, fand ein Leben erst im schönsten Tod.
-
-
-
-
- 9.
- Turnier zu Ehren der schönen Magelone.
-
-
-Der König Magelon von Neapel wünschte jezt, daß seine schöne Tochter in
-kurzer Zeit mit Herrn Heinrich von Carpone vermält würde, der sich in
-dieser Absicht schon seit lange am Hofe aufhielt. Es ward daher wieder
-ein glänzendes Turnier ausgeschrieben, welches alle vorhergehenden an
-Pracht übertreffen sollte, und viele berühmte Ritter aus Italien und
-Frankreich versammelten sich. Ein Oheim Peters kam auch aus der
-Provence, um dem Turniere beizuwohnen: es war derselbe, der den jungen
-Grafen zum Ritter geschlagen hatte.
-
-Das Kampfspiel nahm seinen Anfang, und alle die großen Ritter zogen auf
-den Plan, und hielten sich männlich. Peter war ungeduldig und einer der
-ersten, welche aufzogen. Er hielt sich so wacker, daß er viele Ritter
-von ihren Rossen stach, unter andern auch den Herrn Heinrich. Magelone
-stand oben auf dem Altane, und wurde vor Furcht und herzinnigen Wünschen
-bald roth und bald blaß. Gegen Peter stellte sich endlich sein Oheim,
-der ihn nicht kannte; aber Peter kannte ihn gar wohl, er rief deshalb
-den Herold zu sich, und schickte ihn mit diesen Worten an seinen Vetter:
-er habe ihm einst in der Ritterschaft einen großen Dienst erwiesen,
-deshalb möchte er nicht gegen ihn rennen, sondern er erkenne ihn
-ohnedies für den besseren Ritter. Aber der alte Rittersmann ward über
-den Antrag zornig, und sagte: habe ich ihm je einen Dienst erwiesen, so
-sollte er um so lieber eine Lanze mit mir brechen, um auch mir zu
-Gefallen zu leben; meint er denn, daß ich seiner nicht werth sei. Denn
-er wird hier für einen überaus tapfern Ritter geachtet, wie auch seine
-Thaten genugsam an den Tag legen, daß dem wirklich so sei. Blieb also
-mit seinem Rosse auf der Bahn stehn, und dem jungen Ritter ward vom
-Herolde die zornige Antwort überbracht. Sie rannten gegen einander, aber
-Peter trug seine Lanze in der Quere, um seinen Verwandten nicht zu
-verletzen. Jener, Herr Jakob genannt, rannte den Peter so an, daß die
-Lanze zersplitterte, und er selber fast bügellos wurde. Alle
-verwunderten sich und die beiden Gegner maßen noch einmal die Bahn
-zurück, dann ritten sie wieder gegen einander, und Peter trug seine
-Lanze wie das erstemal; alle waren in Erstaunen, nur Magelone sah die
-Ursach ein, und wußte wohl warum es geschah. Herr Jakob rannte wieder
-mit heftiger Gewalt auf seinen Gegner, seine Lanze traf auf Peters
-Brustharnisch, aber der junge Ritter blieb unbeweglich im Sattel sitzen,
-und der Stoß war so gewaltig, daß Herr Jakob dadurch von sich selber vom
-Pferde abfiel. Da das Jakob merkte, zog er sich zurück, und hatte keine
-Lust mehr mit dem jungen Ritter zu stechen. Peter besiegte auch die
-übrigen Ritter, so daß ihm der Preis mußte zuerkannt werden; der König
-und alle vom Hofe waren in Erstaunen, und die übrigen Herren zogen
-ergrimmt nach ihrer Heimath zurück, da sie den Namen des unbekannten
-Siegers durchaus nicht erfahren konnten. --
-
-Peter hatte seine Geliebte indessen schon zum öftern heimlich besucht,
-und so nahm er sich einmal vor, ihre Liebe auf die Probe zu stellen. Als
-er sie daher wieder sah, that er sehr betrübt, und sagte mit kläglicher
-Stimme, daß er bald scheiden müsse, denn seine Eltern würden seinetwegen
-in der größten Betrübniß leben, da sie ihn so lange nicht gesehn, auch
-keine Nachricht von ihm bekommen hätten. Als Magelone diese Worte hörte,
-ward sie blaß, dann fing sie heftig an zu weinen, und sank in den Sessel
-zurück. Ja, reiset nur ab, sagte sie, und alle meine traurigen Ahndungen
-sind dann in Erfüllung gegangen, ich sehe euch nicht wieder und mein Tod
-ist gewiß. Was kümmert er euch? Nun also, was kümmert er mich? -- O
-verzeiht, mein Geliebter, nein, es ist wahr, ihr müßt eure Eltern wieder
-sehn, ihr habt euch meinetwegen schon zu lange hier aufgehalten; wie
-werden sie um euch trauern, wie sehr nach eurer Anwesenheit seufzen. Ja,
-lebt dann wohl, auf ewig wohl!
-
-Peter sagte: nein, meine theuerste Magelone, ich bleibe; wie könnte ich
-fortziehn, und dich nicht mehr sehn, nicht mehr diese theuren Augen
-erblicken und Hoffnung und Stärke in ihnen finden, diese liebe Stimme
-nicht mehr hören, die wie ein Gesang aus dem Paradiese in mein Ohr
-dringt? Nein, ich bleibe; kein Gedanke nach meiner Heimath und meinen
-Eltern, denn alle meine Gedanken wohnen hier.
-
-Magelone wurde wieder fröhlicher, dann besann sie sich eine Weile. Wenn
-ihr mich liebt, fing sie wieder an, so sollt ihr dennoch reisen. Eure
-Worte haben einen Gedanken in mir erweckt, der schon seit lange in
-meiner Seele schlummert, denn ich muß euch sagen, es ist jezt an dem,
-daß mich mein Vater mit dem Herrn Heinrich von Carpone vermälen will.
-Darum flieht von hier, und nehmt mich mit euch, denn ich traue eurem
-Edelmuthe; haltet morgen in der Nacht mit zwei starken Pferden vor der
-Gartenpforte, aber laßt es Pferde sein, die eine weite und schnelle
-Reise wohl vertragen können, denn so man uns einholte, wären wir alle
-elend.
-
-Der Jüngling hörte mit frohem Erstaunen diese Worte. Ja, rief er aus,
-wir fliehen schnell zu meinem Vater, und das schönste Band soll uns dann
-auf ewig verbinden.
-
-Er eilte sogleich fort, um die nöthigen Anstalten schnell und heimlich
-zu treffen. Magelone besorgte ihrerseits auch das Nöthige, sagte aber
-ihrer Amme kein Wort von ihrem Entschlusse, aus Furcht, daß sie alles
-verrathen möchte.
-
-Peter nahm Abschied von seiner Kammer, von den Gegenden der Stadt, durch
-die er so oft in seliger Trunkenheit gewandelt war, und die er alle als
-Zeugen seiner Liebe betrachtete. Es war ihm rührend, als er die getreue
-Laute auf seinem Tische liegen sah, die so oft von seinen Fingern
-gerührt die Gefühle seines Herzens ausgesprochen hatte, die eine
-Mitwisserin des süßen Geheimnisses war. Er nahm sie noch einmal und
-sang:
-
- Wir müssen uns trennen,
- Geliebtes Saitenspiel,
- Zeit ist es, zu rennen
- Nach dem fernen erwünschten Ziel.
-
- Ich ziehe zum Streite,
- Zum Raube hinaus,
- Und hab' ich die Beute,
- Dann flieg ich nach Haus.
-
- Im röthlichen Glanze
- Entflieh ich mit ihr,
- Es schützt uns die Lanze,
- Der Stahlharnisch hier.
-
- Kommt, liebe Waffenstücke,
- Zum Scherz oft angethan,
- Beschirmet jezt mein Glücke
- Auf dieser neuen Bahn.
-
- Ich werfe mich rasch in die Wogen,
- Ich grüße den herrlichen Lauf,
- Schon mancher ward nieder gezogen,
- Der tapfere Schwimmer bleibt oben auf.
-
- Ha! Lust zu vergeuden
- Das edele Blut!
- Zu schützen die Freuden,
- Mein köstliches Gut!
- Nicht Hohn zu erleiden,
- Wem fehlt es an Muth?
-
- Senke die Zügel,
- Glückliche Nacht!
- Spanne die Flügel,
- Daß über ferne Hügel
- Uns schon der Morgen lacht!
-
-
-
-
- 10.
- Wie Magelone mit ihrem Ritter entfloh.
-
-
-Die Nacht war gekommen. Magelone schlich mit einigen Kostbarkeiten durch
-den Garten; der Himmel war mit Wolken bedeckt, und ein sparsames
-Mondlicht drang durch die Finsterniß. Sie ging mit wehmüthigen
-Empfindungen ihren lieben Blumen vorüber, die sie nun auf immer
-verlassen wollte. Ein feuchter Wind wehte durch den Garten und ihr war,
-als wenn die Gesträuche winselten und klagten, und ihr ein zärtliches
-Lebewohl nachriefen.
-
-Vor der Pforte hielt Peter mit drei Pferden, darunter war ein Zelter von
-einem leichten und bequemen Gange für das Fräulein; auf einem andern
-Pferde waren Lebensmittel, damit sie auf der Flucht nicht nöthig hätten
-in Herbergen einzukehren. Peter hob das Fräulein auf den Zelter, und so
-flohen sie heimlicherweise und unter dem Schutze der Nacht davon.
-
-Die Amme vermißte am Morgen die Prinzessin, und so fand sich auch bald,
-daß der Ritter in der Nacht abgereiset sei; der König merkte daraus, daß
-er seine Tochter entführt habe. Er schickte daher viele Leute aus, um
-sie aufzusuchen; diese forschten fleißig nach, aber alle kamen nach
-verschiedenen Tagen unverrichteter Sache zurück.
-
-Peter hatte die Vorsicht gebraucht, daß er nach den Wäldern zugeritten
-war, die in der Nähe des Meeres lagen; dort waren die Wege am einsamsten
-und fast gar nicht besucht, hier floh er mit seiner Geliebten sicher
-unter dem dichten Schutze der Nacht hinweg. Der Tritt von den Pferden
-hallte im Forste weit hinab, die Wipfel der Bäume rauschten furchtbar in
-der Dunkelheit, aber Magelonens Herz war frei und fröhlich, denn sie
-hatte immer ihren Geliebten neben sich. Sie weidete sich an seinem
-Antlitze, wenn sie über einen freien Platz trabten; sie fragte ihn
-mancherlei von seinen Eltern und seiner Heimath, und so verging ihnen
-unter banger Erwartung, Gespräch und schönen Hoffnungen die langwierige
-Nacht.
-
-Beim Anbruch des Morgens zogen dichte weiße Nebel durch den Wald, wie
-Gottes Segen, der seine Reise antrat und durch unwegsame Büsche den
-Saatfeldern zueilte, wo er als Thau niederregnete. Sie zogen durch den
-Flug des Nebels weiter, und durch den Morgenwind, der die ganze Natur
-aus ihrem tiefen Schlafe wach schüttelte. Magelone klagte über keine
-Beschwer, denn sie empfand keine.
-
-Jezt brach die liebliche Sonne hervor, und äugelte mit glühendem Funkeln
-durch den dichten Wald; das grüne Gras schien am Boden zu brennen, und
-der wankende Thau erbebte mit tausend blendenden Strahlen. Die Rosse
-wieherten, die Vögel erwachten und sprangen mit ihren Liedern von Zweig
-zu Zweig, gelbbeschwingte badeten sich im Thau der Wiesen und flatterten
-im Glanz des jungen Lichtes dicht über dem Boden hinweg; durch den
-blauen Himmel zogen goldene Streifen herauf und bahnten der
-aufgegangenen Sonne den Weg; Gesänge ertönten aus allen Büschen, die
-muntern Lerchen flogen empor und sangen von oben in die rothdämmernde
-Welt hinein.
-
-Auch Peter stimmte ein fröhliches Lied an, und der schönen Magelone ging
-darüber das Herz vor Freuden auf. Seine Stimme zitterte durch alle Bäume
-hinab, und ein ferner Wiederhall sang ihm nach. Die beiden Reisenden
-sahen in der Gluth des Himmels, im Glanz des frischen Waldes nur einen
-Wiederschein ihrer Liebe; jeder Ton rief ihr Herz an, und erfüllte es
-mit wehmüthiger Freude.
-
-Die Sonne stieg höher hinauf, und gegen Mittag fühlte Magelone eine
-große Müdigkeit; beide stiegen daher an einer schönen kühlen Stelle des
-Waldes von ihren Pferden. Weiches Gras und Moos war auf einer kleinen
-Anhöhe zart empor geschossen; hier setzte sich Peter nieder und breitete
-seinen Mantel aus, auf diesen lagerte sich Magelone und ihr Haupt ruhte
-in dem Schooße des Ritters. Sie blickten sich beide mit zärtlichen Augen
-an, und Magelone sagte: Wie wohl ist mir hier, mein Geliebter, wie
-sicher ruht sichs hier unter dem Schirmdach dieses grünen Baums, der mit
-allen seinen Blättern, wie mit eben so vielen Zungen, ein liebliches
-Geschwätze macht, dem ich gerne zuhöre; aus dem dichten Walde schallt
-Vogelgesang herauf, und vermischt sich mit den rieselnden Quellen; es
-ist hier so einsam und tönt so wunderbar aus den Thälern unter uns, als
-wenn sich mancherlei Geister durch die Einsamkeit zuriefen und Antwort
-gäben; wenn ich dir ins Auge sehe, ergreift mich ein freudiges
-Erschrecken, daß wir nun hier sind; von den Menschen fern und einer dem
-andern ganz eigen. Laß noch deine süße Stimme durch dieses harmonische
-Gewirr ertönen, damit die schöne Musik vollständig sei, ich will
-versuchen ein wenig zu schlafen; aber wecke mich ja zur rechten Zeit,
-damit wir bald bei deinen lieben Eltern anlangen können.
-
-Peter lächelte, er sah wie ihr die schönen Augen zufielen, und die
-langen schwarzen Wimpern einen lieblichen Schatten auf dem holden
-Angesichte bildeten; er sang:
-
- Ruhe, Süßliebchen im Schatten
- Der grünen dämmernden Nacht,
- Es säuselt das Gras auf den Matten,
- Es fächelt und kühlt dich der Schatten,
- Und treue Liebe wacht.
- Schlafe, schlaf' ein,
- Leiser rauschet der Hain, --
- Ewig bin ich dein.
-
- Schweigt, ihr versteckten Gesänge,
- Und stört nicht die süßeste Ruh!
- Es lauscht der Vögel Gedränge,
- Es ruhen die lauten Gesänge,
- Schließ, Liebchen, dein Auge zu.
- Schlafe, schlaf' ein,
- Im dämmernden Schein, --
- Ich will dein Wächter sein.
-
- Murmelt fort ihr Melodieen,
- Rausche nur, du stiller Bach,
- Schöne Liebesphantasieen
- Sprechen in den Melodieen,
- Zarte Träume schwimmen nach,
- Durch den flüsternden Hain
- Schwärmen goldene Bienelein,
- Und summen zum Schlummer dich ein.
-
-
-
-
- 11.
- Wie Peter die schöne Magelone verließ.
-
-
-Peter war durch seinen Gesang beinahe auch eingeschläfert, aber er
-ermunterte sich wieder, und betrachtete das holdselige Angesicht der
-schönen Magelone, die im Schlafe süß lächelte. Dann sah er über sich und
-bemerkte, wie eine Menge schöner und zarter Vögel oben in den Zweigen
-sich versammelten, die nicht scheu thaten, sondern hin und her hüpften,
-auch jezuweilen auf den kleinen Grasplatz zu ihm herunter kamen. Es
-ergötzte ihn, daß diese unvernünftigen Kreaturen an der schönen Magelone
-ein Wohlgefallen zu bezeigen schienen. Da sah er aber in dem Baume einen
-schwarzen Raben sitzen, und dachte bei sich: wie kommt doch dieser
-häßliche Vogel in die Gesellschaft dieser bunten Thierchen, es dünkt mir
-nicht anders, als wenn sich ein grober ungeschliffener Knecht unter edle
-Ritter eindrängen wollte.
-
-Ihm däuchte, als wenn Magelone mit Bangigkeit Athem holte, er schnürte
-sie daher etwas auf, und ihr weißer schöner Busen trat aus den
-verhüllenden Gewändern hervor. Peter war über die unaussprechliche
-Schönheit entzückt, er glaubte im Himmel zu sein, und alle seine Sinne
-wandten sich um; er konnte nicht aufhören seine Augen zu weiden und sich
-an dem Glanze zu berauschen. Mit jedem Athemzuge hob sich die zarte
-Brust und sank wieder. Der Ritter fühlte, daß er Magelonen noch nie so
-geliebt habe, daß er noch niemals so glücklich gewesen sei. Zwischen den
-Brüsten versteckt, bemerkte er einen rothen Zindel; er war neugierig zu
-erfahren, was es sein möchte; er nahm ihn und wickelte ihn aus einander.
-Da fand er die drei kostbaren Ringe, die er seiner Geliebten geschenkt
-hatte, und er war innig gerührt, daß sie sie so liebevoll und sorgfältig
-bewahrte. Er wickelte sie wieder ein, und legte sie neben sich in das
-Gras; aber plötzlich flog der Rabe vom Baume hernieder und führte den
-Zindel hinweg, den er für ein Stück Fleisch ansehn mochte. Peter
-erschrak sehr und besorgte, daß Magelone unwillig werden möchte, wenn
-ihr beim Erwachen die Ringe fehlten. Er legte ihr also sorgfältig seinen
-Mantel unter das Haupt zusammen, und stand leise auf, um zu sehn, wo der
-Vogel mit den Ringen bleiben würde. Der Rabe flog vor ihm her, und Peter
-warf nach ihm mit Steinen, in der Meinung, ihn zu tödten, oder ihn
-wenigstens zu zwingen, seinen Raub wieder fallen zu lassen. Aber der
-Vogel flog immer weiter und Peter verfolgte ihn unermüdet, doch keiner
-von den Steinwürfen wollte den Raben treffen. So war ihm Peter schon
-eine ziemliche Weile gefolgt, und kam jezt an das Meerufer. Nicht weit
-vom Ufer stand im Meere eine spitzige Klippe, auf diese setzte sich der
-Rabe, und Peter warf von neuem nach ihm mit Steinen; der Vogel ließ
-endlich den Zindel fallen, und flog mit großem Geschrei davon. Peter sah
-im Meere nicht weit vom Ufer roth den Zindel schwimmen; er ging am Lande
-hin und her, um etwas zu finden, worauf er die wenigen Schritte in das
-Wasser hinein fahren könne. Er fand auch endlich einen kleinen, alten,
-verwitterten Kahn, den die Fischer hier hatten stehen lassen, weil er
-ihnen nichts mehr nützte. Peter stieg rasch hinein, nahm einen Zweig,
-und ruderte damit, so gut er nur konnte, nach dem Zindel hin.
-
-Aber plötzlich erhob sich vom Lande her ein starker Wind, die Wellen
-jagten sich über einander und ergriffen den kleinen Kahn, in welchem
-Peter stand. Peter setzte sich mit allen Kräften dagegen, aber das
-Schiff ward dennoch der Klippe vorüber, ins Meer hinein getrieben, und
-weiter und immer weiter. Peter sah zurück, und kaum bemerkte er noch den
-rothen Flecken, den der Zindel im Meere machte, und jezt verschwand er
-völlig, auch das Land lag schon ziemlich entfernt. Nun gedachte Peter an
-seine Magelone zurück, die er im wüsten Holze schlafend verlassen hatte;
-das Schiff trug ihn wider Willen immer weiter in die See hinein, und er
-kam in Angst und Verzweiflung. Er war im Begriff, sich in das Meer zu
-stürzen, er schrie und klagte, und alle seine Töne gab ein Echo zurück,
-und die Wellen plätscherten laut dazwischen.
-
-Das Land lag nun schon weit zurück in einer unkenntlichen Ferne, die
-Dämmerung des Abends brach herein. Ach theuerste Magelone! rief Peter in
-der höchsten Betrübniß seiner Seelen heftig aus: wie wunderlich werden
-wir von einander geschieden! Eine schwarze Hand treibt mich von deiner
-Seite in das wüste Meer hinaus, und du bist allein und ohne Hülfe. Was
-willst du Unglückselige im wüsten Walde beginnen? Ach! ich bin Schuld an
-deinem Tode! Mußte ich dich darum, dich Königstochter von deinen Eltern
-entführen, um dich der härtesten Noth Preis zu geben? Bist du darum so
-zart und edel erzogen, daß du nun vielleicht eine Beute der wilden
-Thiere werden mußt? Was wird sie nun machen, wenn sie erwacht, und den
-vermißt, den sie für den Getreuesten auf der ganzen Erde hielt? Warum
-mußte mein Vorwitz nur die Ringe hervor suchen, konnte ich sie nicht an
-ihrem schönsten Platze lassen, wo sie so sicher waren? O weh mir, nun
-ist alles verloren und ich muß mich in mein Verderben finden!
-
-Solche Klagen trieb er, und geberdete sich auf dem wüsten Meere äußerst
-trübselig. Er verlor alle Hoffnung, und gab sein Leben auf. Der Mond
-schien vom Himmel herab und erfüllte die Welt mit goldener Dämmerung;
-alles war still, nur die Wellen seufzten und plätscherten, und Vögel
-flatterten zu Zeiten mit seltsamen Tönen über ihn dahin. Die Sterne
-standen ernst am Himmel und die Wölbung spiegelte sich in der wogenden
-Fluth. Peter warf sich nieder, und sang mit lauter Stimme:
-
- So tönet dann, schäumende Wellen,
- Und windet euch rund um mich her!
- Mag Unglück doch laut um mich bellen,
- Erbost sein das grausame Meer!
-
- Ich lache den stürmenden Wettern,
- Verachte den Zorngrimm der Fluth;
- O mögen mich Felsen zerschmettern!
- Denn nimmer wird es gut.
-
- Nicht klag' ich, und mag ich nun scheitern,
- In wäßrigen Tiefen vergehn!
- Mein Blick wird sich nie mehr erheitern,
- Den Stern meiner Liebe zu sehn.
-
- So wälzt euch bergab mit Gewittern,
- Und raset, ihr Stürme, mich an,
- Daß Felsen an Felsen zersplittern!
- Ich bin ein verlorener Mann.
-
-Er lag im Kahne ausgestreckt, und eine dumpfe Betäubung ergriff ihn; er
-wußte vor Uebermaß des Schmerzes nicht mehr, wo er war, und ließ sich
-gleichgültig von Wind und Wellen weiter treiben; endlich verfiel er in
-einen Zustand, der fast einem Schlafe glich.
-
-
-
-
- 12.
- Die Klagen der schönen Magelone.
-
-
-Magelone erwachte, nachdem sie sich durch einen süßen Schlaf erquickt
-hatte, und meinte, daß ihr Geliebter noch bei ihr säße. Sie erschrak,
-als sie sich aufrichtete und ihn nicht mehr fand; sie wartete erst eine
-Weile, ob er nicht wieder kommen möchte, dann ging sie hin und her, und
-rief seinen Namen mit lauter Stimme aus. Da sie keine Antwort vernahm,
-fing sie an zu weinen und zu schluchzen, wandte sich dann im Holze nach
-allen Orten hin, und rief so lange, bis sie heiser war, aber sie erhielt
-keine Antwort. Da wurde sie so betrübt, daß sie einen heftigen Schmerz
-im Haupte empfand, sie sank auf den Boden nieder, und lag eine Weile in
-einer schmerzlichen Ohnmacht. Als sie wieder zu sich erwachte, däuchte
-ihr, daß es ein Leichtes sein müsse, jezt gar zu sterben; nun sah sie
-nicht mehr auf die Vögel, die scherzend um sie hüpften, denn wenn sie
-die Augen aufschlug, war es ihr zu Sinne, daß jede Kreatur, die sich
-regte und bewegte, glücklicher sei, als sie.
-
-Mit vieler Mühe stieg sie auf einen Baum, um sich in der Gegend
-umzusehn, ob sie nichts entdecken könne, aber sie sah nichts als Wälder
-auf der einen Seite, keine Wohnung, kein Dorf, so weit ihr Auge reichte,
-auf der andern Seite das wüste unabsehliche Meer. Trostlos stieg sie
-wieder herab, und weinte und klagte von neuem: O ungetreuer Ritter, rief
-sie aus, warum hast du deine unschuldige Geliebte verlassen? Hast du
-mich darum meinen Eltern geraubt, damit ich hier in der Wüstenei
-verschmachten soll? Was hab' ich dir gethan? Hab' ich dich zu sehr
-geliebt? Bist du mein überdrüßig, weil ich dir mein schwaches Herz zu
-früh zu erkennen gab? O, so bist du der Elendeste unter den Menschen!
-
-Sie ging wie wahnsinnig im Walde hin und her; da traf sie die Rosse, die
-noch so angebunden standen, wie Peter sie fest gemacht hatte. O vergieb
-mir, mein Geliebter! rief sie aus, jezt werde ich wohl gewahr, daß du
-unschuldig bist und daß du mich nicht vorsätzlicherweise verlassen hast.
-Welches Abentheuer hat uns denn von einander getrennt?
-
-Die Finsterniß brach mit der Nacht herein, und der Mond warf gebrochne
-Strahlen durch den Wald; seltsame fremde Stimmen ließen sich in der
-Ferne hören, und Magelone fürchtete, daß es das Geschrei wilder Thiere
-sei. Mühsam stieg sie wieder auf einen Baum. Die Wolken wechselten am
-Himmel wunderlich vom Monde beglänzt, und jagten sich durch einander;
-bald sah sie in diesen Lufterscheinungen ihren Ritter, der mit
-Ungeheuern kämpfte und sie besiegte; dann verwandelte sich im Zuge das
-Wolkengebilde in ein andres; ihr dämmerndes Auge glaubte dann am Himmel
-Städte mit hohen Thürmen zu erblicken, oder Berge, auf denen feurige
-Castelle brannten, Reiter, die in Geschwadern auszogen, und dem Feinde
-im Thale begegneten. Wie Blitze flatterte es dann durch die Landschaft,
-und die hellgrüne Himmelsebene lag prächtig zwischen den getrennten
-Wolkenbildern; dann fühlte sie, daß sie nur geschwärmt habe, und mit
-bangem Grauen warf sie den Blick auf die Wälder unter sich, die schwarz
-in ernsten unbeweglichen Gestalten ruhten; sie sah nach der See hinab,
-die in unermeßlicher Fläche vor ihren Augen bebte und dämmerte. In der
-stillen Nacht kam das Plätschern der Wellen zu ihrem Ohre, das bald wie
-Gewinsel, bald wie zürnende Scheltworte klang; dann glaubte sie die
-Stimme ihres Vaters und ihrer Mutter zu hören, und so trieb sich ihr
-Gemüth unter Phantasieen auf und ab, bis der Morgen empor kam. Wie
-verschieden war diese Morgenröthe von der gestrigen! Wie weit stand jezt
-die Hoffnung weg, die gestern noch mit leichten Flügeln wie ein blauer
-Schmetterling vor ihr hintanzte, die ihr den Weg nach einer lieben
-Heimath wies, und alle Blumen am Wege aufsuchte und auf sie hindeutete.
-
-Das Waldgeflügel ließ seine Gesänge wieder klingen, das frühe Roth
-arbeitete sich durch den dichten Wald, schlich gebückt und wundersam
-durch die niedrigen Gesträuche, und weckte Gras und Blumen auf; der Wald
-brannte in dunkelrothen Flammen und der Nebel wand sich in goldenen
-Säulen um die Baumstämme. Magelone hatte in der Nacht beschlossen, nicht
-zu ihrem Vater zurückzukehren, denn sie fürchtete seinen Zorn, sie
-wollte irgend eine stille Wohnung aufsuchen, von den Menschen
-abgesondert, dort immer an ihren Geliebten denken und so in Frömmigkeit
-und Treue hinsterben. Sie stieg daher vom Baum herunter und ging wieder
-zu den treuen Pferden, die noch angebunden standen, und den Kopf betrübt
-zur Erde senkten. Sie löste ihre Zügel, so daß sie gehn konnten, wohin
-sie wollten, indem sie sagte: so wandert nun auch hin durch die weite
-traurige Welt, und suchet euren Herrn wieder, so wie ich ihn suchen
-will. Die Rosse gingen betrübt fort, jedes einen andern Weg.
-
-Magelone wanderte durch die dichten Wälder, sie hatte einige Nahrung mit
-sich genommen. Um sich unkenntlich zu machen, verbarg sie ihre langen
-goldenen Haare und zog einen Schleier über ihr Gesicht; sie suchte auch
-ihre Kleidung zu verändern. So kam sie durch manche Dörfer und Städte
-und blieb immer betrübt.
-
-Nach einer Wanderung von vielen Tagen stand sie gegen Abend auf einer
-freundlichen stillen Wiese, gegenüber lag eine kleine Hütte, und Vieh
-weidete auf den nahen Hügeln, das mit seinen Glocken ein angenehmes
-Getöne durch die Ruhe des Abends machte: auf der andern Seite lag ein
-Wald, und Magelonens Seele wurde hier zum erstenmale nach langer Zeit
-ruhig und heiter. Sie faßte daher den Wunsch, in dieser friedlichen
-Gegend zu wohnen. Sie ging auf die Hütte zu, aus der ihr ein alter
-Schäfer entgegen trat, der hier mit seiner Frau sich angesiedelt hatte,
-und fern von der Welt und den Menschen fromme Lämmer groß zog, und einen
-kleinen Acker baute. Sie redete ihn an, und flehte als eine Unglückliche
-um Schutz und Hülfe. Er nahm sie gerne auf, und sie unterzog sich den
-Diensten willig, die sie leisten konnte, dabei aber verschwieg sie ihrem
-Wirthe ihre Geschichte. Es geschah manchmal, daß sie einem Unglücklichen
-beistehn konnten, wenn ihn der Schiffbruch an die nahgelegene Küste
-trieb, und dann zeigte sich besonders Magelone hülfreich und thätig.
-Wenn die Alten ausgingen, bewachte sie das Haus, und sang dann manchmal
-in der Einsamkeit mit der Spindel vor der Thüre sitzend:
-
- Wie schnell verschwindet
- So Licht als Glanz,
- Der Morgen findet
- Verwelkt den Kranz,
-
- Der gestern glühte
- In aller Pracht,
- Denn er verblühte
- In dunkler Nacht.
-
- Es schwimmt die Welle
- Des Lebens hin,
- Und färbt sich helle,
- Hats nicht Gewinn;
-
- Die Sonne neiget,
- Die Röthe flieht,
- Der Schatten steiget
- Und Dunkel zieht:
-
- So schwimmt die Liebe
- Zu Wüsten ab,
- Ach! daß sie bliebe
- Bis an das Grab!
-
- Doch wir erwachen
- Zu tiefer Quaal:
- Es bricht der Nachen,
- Es löscht der Strahl,
-
- Vom schönen Lande
- Weit weggebracht
- Zum öden Strande,
- Wo um uns Nacht.
-
-
-
-
- 13.
- Peter unter den Heiden.
-
-
-Peter erholte sich aus seiner Betäubung, als die Sonne eben in aller
-Majestät über die große Meeresfluth herauf stieg. Ein furchtbarer Glanz
-schwang sich durch den Himmel und löschte Mond und Sterne mit glühenden
-Strahlen aus; die Wasser erklangen und verwandelten sich in Purpur,
-Wolkenzüge trieben vor der Sonne her und segelten, wie von der Majestät
-geschreckt, über das Meer hinweg, und ein sprühender Regen von Funken
-verbreitete sich weit umher, und ergoß sich in Bogen über die Fluth.
-Peter fühlte wieder männlichen Muth in seiner Brust, die Quaalen des
-Lebens so wie seine Freuden zu erdulden.
-
-Ein großes Schiff segelte auf ihn zu, das von Mohren und Heiden besetzt
-war; sie nahmen ihn ein und freuten sich über diese Beute, denn Peter
-war gar schön und herrlich von Gestalt, dazu gab ihm seine Jugend ein
-zartes und einnehmendes Wesen, so daß niemand sein Feind sein konnte.
-Der Anführer des Schiffes beschloß, ihn dem Sultan als ein Geschenk
-mitzubringen.
-
-Man landete, und Peter ward sogleich dem Sultan vorgestellt, der einen
-großen Gefallen an ihm fand, und ihn bei der Tafel aufwarten ließ, ihm
-auch die Aufsicht über einen schönen Garten anvertraute. Peter war
-allgemein beliebt, weil er vom Sultan so gnädig angesehen wurde. Oft
-ging er einsam zwischen den Blumen des Gartens, und dachte an seine
-geliebte Magelone, oft nahm er auch in der Abendstunde eine Zither und
-sang:
-
- Muß es eine Trennung geben,
- Die das treue Herz zerbricht?
- Nein dies nenne ich nicht leben,
- Sterben ist so bitter nicht.
-
- Hör' ich eines Schäfers Flöte,
- Härme ich mich inniglich,
- Seh ich in die Abendröthe,
- Denk ich brünstiglich an dich.
-
- Giebt es denn kein wahres Lieben?
- Muß denn Schmerz und Trauer sein?
- Wär' ich ungeliebt geblieben,
- Hätt' ich doch noch Hoffnungsschein.
-
- Aber so muß ich nun klagen:
- Wo ist Hoffnung, als das Grab?
- Fern muß ich mein Elend tragen,
- Heimlich stirbt das Herz mir ab.
-
-
-
-
- 14.
- Die Heidin Sulima liebt den Ritter.
-
-
-Peter mochte hier vergnügt leben, wenn die Liebe nicht seine Jugend
-verzehrt hätte. Er war nun schon seit lange am Hofe des Sultans und von
-ihm und den übrigen geschätzt; er hatte viele Freiheit und ward von
-manchem Hofdiener beneidet; aber er verdiente diesen Neid nicht, denn er
-ward von seiner Unruhe hin und her getrieben, er seufzte und klagte
-laut, wenn er sich im Garten allein befand.
-
-So verstrich eine Woche nach der andern und er war nun beinahe zwei Jahr
-unter den Heiden, ohne daß er Hoffnung hatte, jemals in sein geliebtes
-Vaterland zurück zu kehren, denn der Sultan liebte ihn so sehr, daß er
-ihn durchaus nicht von sich entfernen wollte. Dies zog sich Peter auch
-zu Sinne und ward darüber mit jedem Tage betrübter, denn er dachte
-unaufhörlich an seine Eltern und seine Geliebte. Nichts machte ihm
-Freude, und da der Frühling wieder kam, weinte er bei seiner Ankunft,
-und trauerte tief, indem die ganze Natur ihr holdseligstes Fest beging.
-
-Der Sultan hatte eine Tochter, die im ganzen Lande ihrer Schönheit wegen
-berühmt war, mit Namen Sulima. Sie fand oft Gelegenheit, den Fremden zu
-sehn, und ohne daß sie es anfangs wußte, hatte sich eine heftige Liebe
-zu ihm in ihr Herz geschlichen. Die Traurigkeit des Ritters zog sie
-vorzüglich an, sie wünschte ihn trösten zu können, ihm näher zu kommen,
-und mit ihm zu reden. Die Gelegenheit dazu fand sich bald. Eine
-vertraute Sklavin führte den Jüngling heimlich in einen Saal des Gartens
-zu ihr. Peter war erstaunt und in Verlegenheit; er verwunderte sich über
-die Schönheit der Sulima, aber sein Herz hing an Magelonen fest.
-
-Doch der süße Trieb, sein Vaterland wieder zu sehn, bemeisterte sich
-bald aller seiner Sinnen so sehr, daß er einem kühnen Anschlage
-nachdachte. Er sah das Heidenmädchen öfter, und sie sagte ihm, daß sie
-aus Liebe zu ihm mit ihm entfliehen wolle, erst zu einem Verwandten, der
-ein Schiff segelfertig liegen habe, das auf ihren Wink sogleich die
-Anker lichten würde; sie wolle ihm in der bestimmten Nacht durch eine
-Laute und ein kleines Lied ein Zeichen geben, wann er kommen und sie
-abholen solle. Peter überlegte diesen Vorschlag und willigte endlich
-ein, denn er überzeugte sich, daß Magelone gewiß gestorben sei, und er
-komme doch so in die Christenheit und zu seinen Eltern zurück.
-
-Der Garten des Sultans lag am Ufer des Meeres, und die bestimmte Nacht
-war jezt herbei gekommen. Gegen Abend hatte Peter ein wenig unter den
-kühlen Bäumen geschlummert, und Magelone war ihm in aller Herrlichkeit,
-aber mit einer drohenden Geberde, im Traum erschienen. Die ganze
-Vergangenheit zog mit den lebhaftesten Bildern durch seinen Busen, jede
-Stunde seiner glücklichen Liebe kam mit allen seligen Empfindungen
-zurück, und als er nun erwachte, erschrak er vor sich selber und seinem
-Vorsatze. Er hätte sich selber entfliehen mögen, und das Andenken an
-sich und sein Bewußtsein aus seinem Busen vertilgen.
-
-Die Nacht brach indeß herein, und alle Sterne glänzten schon am Himmel;
-der Mond ging auf und warf sein goldenes Netz über das Meer hin, als
-Peter nachdenklich am Ufer auf und nieder ging. Ein frischer Wind blies
-vom Lande her durch den Garten, und die Bäume rauschten munter und
-fröhlich, aber Peter ward dadurch nur desto betrübter.
-
-O ich Treuloser! ich Undankbarer! rief er aus, will ich so ihre Liebe
-belohnen, will ich als ein Meineidiger in mein Vaterland zurück kehren?
-Das wäre mir ein schlechter Ruhm unter meinen Verwandten und der ganzen
-Ritterschaft; und wie sollte ich gegen Magelonen die Augen aufschlagen
-dürfen, wenn sie noch lebt? Und warum sollte sie nicht leben, da ich so
-wunderbar erhalten bin? O ich bin ein feiger Sklave, daß ich für mich
-selber noch nichts gewagt habe! Warum überlaß ich mich nicht dem gütigen
-Schicksal, und fahre in einem dieser Nachen in das Meer hinein?
-Ueberließ ich mich nicht auf einem zerbrochenen Brete der empörten
-Fluth, und kam an dies Gestade? Soll ich nicht auf Gott vertraun, wenn
-von Vaterland, wenn von meiner Liebe die Rede ist?
-
-Er stieg beherzt in ein kleines Boot, das er vom Lande ablöste, dann
-nahm er ein Ruder und arbeitete sich in die See hinein. Es war die
-schönste Sommernacht; alle Gestirne sahen freundlich in die
-mondbeglänzte Welt hinein, das Meer war eine stille ebene Fläche, und
-warme Lüfte spielten über dem ruhigen Spiegel hin. Peters Herz ward groß
-von Sehnsucht, er überließ sich dem Zufall und den Sternen, und ruderte
-muthig weiter; da hörte er das verabredete Zeichen, eine Zither erklang
-aus dem Garten her, und eine liebliche Stimme sang dazu:
-
- Geliebter, wo zaudert
- Dein irrender Fuß?
- Die Nachtigall plaudert
- Von Sehnsucht und Kuß.
-
- Es flüstern die Bäume
- Im goldenen Schein,
- Es schlüpfen mir Träume
- Zum Fenster herein.
-
- Ach! kennst du das Schmachten
- Der klopfenden Brust?
- Dies Sinnen und Trachten
- Voll Quaal und voll Lust?
-
- Beflügle die Eile
- Und rette mich dir,
- Bei nächtlicher Weile
- Entfliehn wir von hier.
-
- Die Segel sie schwellen,
- Die Furcht ist nur Tand:
- Dort, jenseit den Wellen,
- Ist väterlich Land.
-
- Die Heimath entfliehet;
- So fahre sie hin!
- Die Liebe sie ziehet
- Gewaltig den Sinn.
-
- Horch! wollüstig klingen
- Die Wellen im Meer,
- Sie hüpfen und springen
- Muthwillig einher,
-
- Und sollten sie klagen?
- Sie rufen nach dir!
- Sie wissen, sie tragen
- Die Liebe von hier.
-
-Peter erschrak im Herzen, als er diesen Gesang vernahm; das Lied rief
-ihm seine Untreue und seinen Wankelmuth nach. Er ruderte stärker, um
-sich vom Lande zu entfernen und dem Kreise zu entfliehen, den die
-lieblich lockenden Töne in der stillen Abendluft bildeten. Der Geist der
-Liebe schwang sich durch den goldenen Himmel; Liebe wollte ihn rückwärts
-ziehn, Liebe trieb ihn vorwärts, die Wellen murmelten melodisch
-dazwischen, und klangen wie ein Lied in fremder Sprache, dessen Sinn man
-aber dennoch erräth.
-
-Der Gesang vom Ufer her ward immer schwächer. Schon sah Peter die Bäume
-am Gestade nicht mehr; es war, als wenn sich ihm die Musik über das Meer
-nacharbeitete, und endlich matt und kraftlos nicht weiter zu schwimmen
-wagte, sondern zum einheimischen Ufer zurück schlich; denn jezt hörte er
-den Gesang nur noch wie ein leises Wehen des Windes, und jezt erlosch
-auch die letzte Spur, und die Wellen rieselten nur, und der Ruderschlag
-ertönte durch die einsame Stille.
-
-
-
-
- 15.
- Wie Peter wieder zu Christen kam.
-
-
-Wie der Gesang verschollen war, faßte Peter wieder frischen Muth; er
-ließ das Schifflein vom Winde hintreiben, setzte sich nieder und sang:
-
- Wie froh und frisch mein Sinn sich hebt,
- Zurückbleibt alles Bangen,
- Die Brust mit neuem Muthe strebt,
- Erwacht ein neu Verlangen.
-
- Die Sterne spiegeln sich im Meer,
- Und golden glänzt die Fluth. --
- Ich rannte taumelnd hin und her,
- Und war nicht schlimm, nicht gut.
-
- Doch niedergezogen
- Sind Zweifel und wankender Sinn,
- O tragt mich, ihr schaukelnden Wogen,
- Zur längst ersehnten Heimath hin.
-
- In lieber dämmernder Ferne,
- Dort rufen einheimische Lieder,
- Aus jeglichem Sterne
- Blickt sie mit sanftem Auge nieder.
-
- Ebne dich, du treue Welle,
- Führe mich auf fernen Wegen
- Zu der vielgeliebten Schwelle,
- Endlich meinem Glück entgegen!
-
-Als das Morgenroth aufging, sah er das Land nur noch wie eine
-unkenntliche blaue Wolke weit hinunter liegen, und er erschrak beinah,
-als ihn das allmächtige Meer und der gewölbte Himmel so unermeßlich
-umgab. In der Ferne segelte ein Schiff auf ihn zu, und er hätte beinah
-geglaubt, daß er sein ehemaliges Unglück nur von neuem träume; aber als
-es näher gekommen, sah er, daß die Schiffer Christen waren, die ihn
-sogleich willig aufnahmen. Er freute sich, als er hörte, daß sie nach
-Frankreich segelten.
-
-
-
-
- 16.
- Der Ritter auf der Reise.
-
-
-Um die Zeit war der Graf von der Provence nebst seiner Gemalin sehr
-betrübt, weil sie noch gar keine Nachrichten von ihrem geliebten Sohne
-bekommen hatten. Besonders aber war die Mutter in Angst, denn sie hatte
-eine große Sehnsucht, ihren einzigen Sohn nach so langer Zeit wieder zu
-sehn. Sie sprach oft mit dem Grafen von ihrem Kummer, und daß ihr
-schöner Sohn wahrscheinlich umgekommen sei. Da sollte ein Fest gegeben
-werden, und ein Fischer brachte einen großen Fisch in die gräfliche
-Küche; als ihn der Koch aufschnitt, fand er drei Ringe in dessen Bauche,
-die er der Gräfin überbrachte. Die Gräfin verwunderte sich über die
-Maßen, denn sie erkannte sie für eben diejenigen, die sie ihrem Sohne
-gegeben hatte. Sie sagte daher zu ihrem Gemal: jezt bin ich getröstet,
-denn da ich so unvermuthet und auf so wunderbare Weise Kundschaft von
-meinem Sohn bekommen habe, so bin ich auch überzeugt, daß Gott ihn nicht
-verlassen hat, sondern daß er ihn nach vielen überstandenen
-Mühseligkeiten in unsre Arme zurück führen wird. --
-
-Peter stand im Schiffe und sah immer nach der Gegend hin, wo die
-erwünschte Heimath lag. Die Fahrt war glücklich, und man landete an
-einer kleinen unbewohnten Insel, um süßes Wasser einzunehmen. Alles
-Schiffsvolk stieg an das Land, und auch Peter. Er ging durch ein
-anmuthiges Thal und verlor sich hinter einigen Hügeln in das Land
-hinein; da setzte er sich nieder und sah viele schöne Blumen um sich
-stehn. Alle blickten ihn wie mit freundlichen, lieblichen Augen an, und
-er dachte innig an Magelonen, und wie sie ihn geliebt hatte. Wie kann
-der Liebende, rief er aus, sich nur jemals einsam fühlen? Erinnern mich
-nicht diese blauen Kelche an ihre holdseligen Augen, dieses goldene
-Blatt an ihr Haar, die Pracht dieser Lilie und Rose neben einander, an
-ihre zarten Wangen? Ist es doch, als wenn der Wind in den Blumen sich
-bewegt, und es, wie auf Saiten versuchen will, ihren süßen Namen
-auszusprechen; Quellen und Bäume nennen ihn, für die übrigen Menschen
-unverständlich, aber mir laut und vernehmlich.
-
-Er erinnerte sich eines Gesanges, den er vor langer Zeit gedichtet
-hatte, und wiederholte ihn jezt:
-
- Süß ists, mit Gedanken gehn,
- Die uns zur Geliebten leiten,
- Wo von blumbewachsnen Höhn
- Sonnenstrahlen sich verbreiten.
-
- Lilien sagen: unser Licht
- Ist es, was die Wange schmücket;
- Unsern Schein die Liebste blicket:
- So das blaue Veilchen spricht.
-
- Und mit sanfter Röthe lächeln
- Rosen ob dem Uebermuth,
- Kühle Abendwinde fächeln
- Durch die liebevolle Gluth.
-
- All ihr süßen Blümelein,
- Sei es Farbe, sei's Gestalt,
- Malt mit liebender Gewalt
- Meiner Liebsten hellen Schein,
- Zankt nicht, zarte Blümelein.
-
- Rosen, duftende Narzissen,
- Alle Blumen schöner prangen,
- Wenn sie ihren Busen küssen
- Oder in den Locken hangen,
- Blaue Veilchen, bunte Nelken,
- Wenn sie sie zur Zierde pflückt,
- Müssen gern als Putz verwelken,
- Durch den süßen Tod beglückt.
-
- Lehrer sind mir diese Blüthen,
- Und ich thue wie sie thun,
- Folge ihnen, wie sie riethen,
- Ach! ich will gern alles bieten,
- Kann ich ihr am Busen ruhn.
-
- Nicht auf Jahre sie erwerben,
- Nein, nur kurze, kleine Zeit,
- Dann in ihren Armen sterben,
- Sterben ohne Wunsch und Neid.
-
- Ach! wie manche Blume klaget
- Einsam hier im stillen Thal,
- Sie verwelket eh es taget,
- Stirbt beim ersten Sonnenstrahl:
- Ach, so bitter herzlich naget
- Auch an mir die scharfe Quaal,
- Daß ich sie und all mein Glücke,
- Nimmer, nimmermehr erblicke.
-
-Er weinte heftig, indem er die letzten Worte sang, denn er glaubte sein
-Herz zu verstehn, das ihm ein Unglück vorhersagte. Er betrachtete mit
-thränenden Blicken das Blumenlabirinth um sich her, und es war ihm ein
-Ergötzen, die Blumen in seiner Einbildung so zu ordnen, daß sie den
-Namenszug Magelonens ausdrückten. Dann horchte er auf das lispelnde
-Gras, das ihm etwas zu sagen schien, auf die Blüten, die sich oft
-zärtlich zu einander neigten, als wenn sie ein herzliches Gespräch von
-Liebe führen wollten. In der ganzen Natur sah er liebevolle Eintracht,
-und jedes Geräusch klang seinem Ohre wie ein melodischer Gesang. Darüber
-verlor er sich immer mehr in Träumen; von den Thränen ermüdet schlief er
-endlich unter den Blumen ein, und es war ihm im Traum, als wenn er laut
-den Namen Magelone ausrufen hörte; darüber ging ihm sein Herz wie eine
-zugeschlossene Knospe auf, und er fühlte eine übergroße Freude.
-
-
-
-
- 17.
- Peter wird von Fischern aufgefunden.
-
-
-Aber der Wind blies indeß lustig in die Segel, und das Schiffsvolk eilte
-wieder in das Schiff, um abzufahren, nur Peter blieb aus; man rief ihn,
-aber da er nicht kam, fuhren die übrigen fort.
-
-Als sie schon weit vom Ufer entfernt waren, erwachte Peter aus seinem
-erquickenden Schlafe; er erschrak, als er gewahr ward, daß er geschlafen
-hatte. Er eilte an das Ufer, aber Niemand war da, und das Schiff nirgend
-zu sehn. Da senkte sich eine große Traurigkeit in sein Herz, alle seine
-Hoffnungen waren wieder verschwunden: er stürzte nieder und lag am Ufer
-des Meeres ohne Besinnung und in tiefer Ohnmacht, so daß es finstre
-Nacht wurde und er es nicht bemerkte.
-
-Als es nach Mitternacht kam, ging der Mond auf, und einige Fischer
-fuhren mit einem Kahne an die Insel, um ihre Arbeit hier vorzunehmen;
-sie fanden den Jüngling, der für todt auf der Erde ausgestreckt lag. Das
-feste Land war nicht weit von dieser Insel, sie luden ihn daher in ihr
-kleines Schiff, und fuhren wieder ab, um ihn ins Leben zurück zu
-bringen. Schon unterwegs erwachte Peter; es dünkte ihm seltsam, als ihm
-der Mond ins Angesicht schien und er die Ruder seufzen hörte, und wie er
-vernahm, daß zwei fremde Männer mit einander verabredeten, wie sie ihn
-zu einem alten Schäfer bringen wollten, der sein pflegen würde. Oft kam
-es ihm vor wie ein Traum, oft wieder wie Wahrheit, und er zweifelte so
-lange, bis sie endlich mit dem Aufgang der Sonne landeten.
-
-Als Peter eine Weile in den erquickenden Sonnenstrahlen gelegen hatte,
-ward er wieder munter und richtete sich auf; er dankte in einem Gebete
-Gott, daß er ihm wieder von der menschenleeren Insel geholfen habe, dann
-gab er den guten Fischern eine Menge Goldes, und ließ sich den Weg nach
-der Hütte des Schäfers beschreiben.
-
-Er ging durch einen dichten, angenehmen Wald, durch dessen dunkle
-Schatten der Morgen noch dämmerte. Er folgte einem geschlängelten
-Fußpfade, und überdachte schwermüthig sein Schicksal; alles Ungemach,
-das er erlitten, kam frisch in seine Seele, und er ward darüber so
-unmuthig, daß er von Herzen wünschte, endlich zu sterben.
-
-Mit diesen Gedanken trat er aus dem Walde und stand vor einer schönen
-grünen Wiese, die im Morgenlicht glänzte; gegenüber lag eine kleine
-einsame Hütte, und Schaafe wurden von einem alten Manne einen Hügel
-hinan getrieben. Alles schimmerte roth und freundlich, und die stille
-Ruhe umher brachte auch in Peters Seele Ruhe zurück. Er merkte, daß dies
-die Hütte sei, die ihm die Fischer bezeichnet hatten, und er wünschte,
-hier einige Tage zu rasten und sich zu erquicken. Er ging daher über die
-Wiese, auf der viele wilde Blumen roth und gelb und himmelblau blühten,
-der kleinen Hütte näher. Vor der Thüre saß ein schlankes schönes
-Mägdlein, zu deren Füßen ein Lamm im Grase spielte; diese sang, indem er
-über die Wiese schritt:
-
- Beglückt, wer vom Getümmel
- Der Welt sein Leben schließt,
- Das dorten im Gewimmel
- Verworren abwärts fließt.
-
- Hier sind wir all befreundet,
- Mensch, Thier und Blumenreich,
- Von keinem angefeindet
- Macht uns die Liebe gleich.
-
- Die zarten Lämmer springen
- Vergnügt um meinen Fuß,
- Die Turteltauben singen
- Und girren Morgengruß.
-
- Der Rosenstrauch mit Grüßen
- Beut seine Kinder dar,
- Im Thale dort der süßen
- Violen blaue Schaar.
-
- Und wenn ich Kränze winde,
- Ertönt und rauscht der Hain,
- Es duftet mir die Linde
- Im goldnen Mondenschein.
-
- Die Zwietracht bleibt dahinten,
- Und Stolz, Verfolgung, Neid,
- Kann nicht die Wege finden
- Hieher zur goldnen Zeit.
-
- Vor mir stehn holde Scherze
- Und trübe Sorge weicht;
- Allein mein innres Herze
- Wird darum doch nicht leicht.
-
- Weil ich die Liebe kannte
- Und Blick und Kuß verstand,
- So bin ich nun Verbannte
- Weit ab im fernen Land.
-
- Die Freude macht mich trübe,
- Dunkelt den stillen Sinn,
- Denn meine zarte Liebe
- Ist nun auf ewig hin. --
-
- Erinnre und erquicke
- Dich an vergangner Lust,
- Am schwermuthsvollen Glücke,
- Denn sonst zerspringt die Brust.
-
- Die Morgenröthe lächelt
- Mir zwar noch ofte zu,
- Und matte Hoffnung fächelt
- Mich dann in schönre Ruh:
-
- Daß ich ihn wieder finde,
- Den ich wohl sonst gekannt,
- Und daß sich um uns winde
- Ein glückgewirktes Band.
-
- Wer weiß, durch welche Schatten
- Sein Fuß schon heute geht,
- Dann kömmt er über Matten
- Und alles ist verweht,
-
- Die Seufzer und die Thränen,
- Sie löscht das neue Glück,
- Und Hoffen, Fürchten, Sehnen
- Verschmilzt in Einen Blick.
-
-
-
-
- 18.
- Beschluß.
-
-
-Peter fühlte sich von dem Gesange wie von einer lieblichen Gewalt nach
-der Hütte hingezogen. Die Schäferin, welche vor der Thür saß, nahm ihn
-freundlich auf, und ließ ihn in der Hütte ausruhn und sich erquicken.
-Die beiden Alten kamen auch bald zurück, und hießen ihren edlen Gast von
-Herzen willkommen.
-
-Magelone ging indessen im Felde nachdenklich auf und ab, denn sie hatte
-auf den ersten Blick den Ritter erkannt; alle ihre Sorgen waren nun wie
-Schnee vor der Frühlingssonne hinweg geschmolzen, und ihr Lebenslauf lag
-grün und erfrischt vor ihr, so weit nur ihr Auge reichte. Sie ging in
-die Hütte zurück, und gab sich noch nicht zu erkennen.
-
-Nach zweien Tagen war Peter wieder ganz zu Kräften gekommen. Er saß mit
-Magelonen, ohne daß er sie kannte, vor der Thür der Hütte. Bienen und
-Schmetterlinge schwärmten um sie, und Peter faßte ein Zutrauen zu seiner
-Verpflegerin, so daß er ihr seine Geschichte und sein ganzes Unglück
-erzählte. Magelone stand plötzlich auf und ging in ihre Kammer, da löste
-sie ihre goldenen Locken auf, und machte sie von den Banden frei, die
-sie bisher gehalten hatten, dann zog sie ihre köstliche Kleidung an, die
-sie eingeschlossen hielt, und so kam sie plötzlich wieder vor die Augen
-Peters. Er war vor Erstaunen außer sich, er umarmte die wiedergefundene
-Geliebte, dann erzählten sie sich ihre Geschichte wieder, und weinten
-und küßten sich, so daß man hätte ungewiß sein sollen, ob sie vor Jammer
-oder übergroßer Freude so herzbrechend schluchzten. So verging ihnen der
-Tag.
-
-Dann reiste Peter mit Magelonen zu seinen Eltern, sie wurden vermält,
-und alles war in der größten Freude; auch der König von Neapel versöhnte
-sich mit seinem neuen Sohne, und war mit der Heirath wohl zufrieden.
-
-Auf dem Orte, wo Peter seine Magelone wieder gefunden hatte, ließ er
-einen prächtigen Sommerpallast bauen, und setzte den Schäfer zum
-Aufseher hinein, den er mit vielem Lohne überhäufte. Vor dem Pallast
-pflanzte er mit seiner jungen Gattin einen Baum; dann sangen sie
-folgendes Lied, welches sie nachher auf derselben Stelle in jedem
-Frühjahre wiederholten:
-
- Treue Liebe dauert lange,
- Ueberlebet manche Stund,
- Und kein Zweifel macht sie bange,
- Immer bleibt ihr Muth gesund.
-
- Dräuen gleich in dichten Schaaren,
- Fodern gleich zum Wankelmuth
- Sturm und Tod, setzt den Gefahren
- Lieb entgegen treues Blut.
-
- Und wie Nebel stürzt zurücke
- Was den Sinn gefangen hält,
- Und dem heitern Frühlingsblicke
- Oeffnet sich die weite Welt.
-
- Errungen
- Bezwungen
- Von Lieb ist das Glück,
- Verschwunden
- Die Stunden
- Sie fliehen zurück;
- Und selige Lust
- Sie stillet
- Erfüllet
- Die trunkene wonneklopfende Brust,
- Sie scheide
- Von Leide
- Auf immer,
- Und nimmer
- Entschwinde die liebliche, selige, himmlische Lust!
-
- * * * * *
-
-Es war indessen finster geworden. Rosalie klingelte, um Lichter bringen
-zu lassen, worauf sie sich gegen Friedrich wandte und sagte: Mir ist
-seit meiner frühen Jugend schon diese Geschichte bekannt, aber ich danke
-Ihnen dafür, daß Sie das Spital und die Verpflegung der Kranken auf
-diese Weise unnöthig gemacht haben; das ländliche Gemälde der heitern
-Wiese und stillen Einsamkeit sind der Imagination weit angenehmer.
-
-Ich dachte vor Jahren eben so, antwortete Friedrich, und habe mir
-deshalb diese Umänderung erlaubt, mit der ich jezt aber um so
-unzufriedener bin; auch hoffe ich, daß ich Sie wohl noch einmal zu
-meiner Meinung, und zur alten Erzählung zurück führen werde.
-
-Wenn es aber gar nicht erlaubt sein sollte, wandte Auguste ein, alte
-bekannte Geschichten nach Gutdünken und Laune abzuändern, und sie unserm
-Geschmack zuzubereiten, so würden wir ohne Zweifel viel verlieren, denn
-manches ginge ganz unter, das uns so erhalten bleibt. Sind dergleichen
-Erfindungen schon ehemals umgeschrieben und neu erzählt worden, so
-begreife ich nicht, warum diese Freiheit nicht jedem neuern Dichter
-ebenfalls vergönnt sein sollte. In Arabien, wo sie so viele Mährchen
-erzählen, bleibt man gewiß nicht immer der Sache treu, denn in jedem
-Erzähler regt sich die Lust, die Umstände anders zu wenden, sie
-wunderbarer oder anmuthiger zu machen, und sich dadurch die fremde
-Erfindung anzueignen.
-
-Sie mögen nicht Unrecht haben, antwortete Friedrich; wenn aber eine alte
-Erzählung einen so herzlichen Mittelpunkt hat, der der Geschichte einen
-großen und rührenden Charakter giebt, so ist es doch wohl nur die
-Verwöhnung einer neuern Zeit und ihre Beschränktheit, diese Schönheit
-ganz zu verkennen, und sie mit einer willkührlichen Abänderung
-verbessern zu wollen, durch welche das Ganze eben so wohl Mittelpunkt
-als Zweck verliert.
-
-Ich bin Ihrer Meinung, sagte Clara. Giebt es etwas Rührenderes (und zwar
-nicht von der Art des Rührenden, welches man gewöhnlich so nennt), als
-daß sie sich in treuer Liebe und Hoffnungslosigkeit dem Dienst der
-Kranken fromm und andächtig widmet? Lange hat sie dem selbstgewählten
-Berufe mit edler Treue vorgestanden, da kommt er selbst, von Liebe und
-Sehnsucht ermattet, an der Trennung sterbend, in ihre Pflege (nicht, wie
-hier erzählt wird, halb ungetreu); sie kennt ihn nicht, sie nimmt ihn
-auf wie jeden Kranken; da fängt er an zu genesen, er faßt ein Zutrauen
-zu der guten, alt scheinenden Wärterin und erzählt ihr seine Geschichte;
-sie, vor Schrecken und Wonne wie vernichtet, geht in die Kammer, löst
-die rollenden goldgelben Locken auf, wirft das Gewand der Büßenden ab,
-und tritt so im Jugendglanz dem wieder vor Augen, der mit dem Frühling
-der Gesundheit den Lenz der Liebe von neuem aufblühen sieht. Das alte
-Gedicht ist eine Verherrlichung der Liebe und frommen Demuth, die neuere
-Erzählung ist süß freigeisterisch und ungläubig.
-
-Lope de Vega hat unter den Namen der drei Diamanten die Geschichte für
-das Theater bearbeitet, bemerkte Lothar, und sie in seiner etwas lockern
-Manier ausgeführt; auf dasjenige, was nach unserer Meinung der
-Hauptpunkt sein sollte, hat er auch nur wenig Gewicht gelegt. Die Sage
-selbst scheint mir aber auch völlig undramatisch.
-
-Mir nicht, erwiederte Friedrich. Wissen wir doch überhaupt noch nicht
-recht, was wir dramatisch oder undramatisch nennen sollen. Nach unsern
-gewöhnlichen Ansichten gehn die Novelle und Erzählung oft von selbst in
-das Drama über, und viele Novellen sind Komödien nach dieser Meinung, so
-wie wir auch nicht wenige Komödien besitzen, selbst berühmte, die
-durchaus nur dialogisirte Novellen sind. Diese können sehr geistreich
-und witzig sein, wie die des Machiavell zum Beispiel, sind aber darum
-doch noch keine Schauspiele. Damit Erzählung oder Sage Schauspiel werde,
-muß ein neues Element hinzu treten, welches das Ganze allseitig
-durchdringt, und im Mittelpunkte des Gedichtes seine Beglaubigung
-findet: dazu Individualität und scheinbare Willkühr, zugleich eine
-Aufopferung alles dessen, was die Novelle reizend macht, so daß es dem
-ungeübten Auge sogar scheint, als sei eine gute Novelle im Drama nur
-verdorben worden. Nicht selten hat man Shakspears Lustspiele so angesehn
-und beurtheilt. Häufig aber, wenn wir vom Dramatischen sprechen,
-verwechseln wir dieses mit dem Theatralischen, und wiederum ein
-mögliches besseres Theater mit unserm gegenwärtigen und seiner
-ungeschickten Form; und in dieser Verwirrung verwerfen wir viele
-Gegenstände und Gedichte als unschicklich, weil sie sich freilich auf
-unsrer Bühne nicht ausnehmen würden. Sehn wir also ein, daß ein neues
-Element erst das dramatische Werk als ein solches beurkundet, so ist
-wohl ohne Zweifel eine Art der Poesie erlaubt, welche auch das beste
-Theater nicht brauchen kann, sondern in der Phantasie eine Bühne für die
-Phantasie erbaut, und Kompositionen versucht, die vielleicht zugleich
-lyrisch, episch und dramatisch sind, die einen Umfang gewinnen, welcher
-gewissermaßen dem Roman untersagt ist, und sich Kühnheiten aneignen, die
-keinem andern dramatischen Gedichte ziemen. Diese Bühne der Phantasie
-eröffnet der romantischen Dichtkunst ein großes Feld, und auf ihr dürfte
-diese Magelone und manche alte anmuthige Tradition sich wohl zu zeigen
-wagen.
-
-Ernst sagte hierauf: unter einigen gelehrten Italiänern ist es eine alte
-hergebrachte Meinung, daß diese Geschichte, so wie wir sie jezt als
-Volksbuch besitzen, die früheste Uebung des Petrarka gewesen sei, der
-sie so nach einem Manuskript aus dem zwölften Jahrhundert umgearbeitet
-habe. Die Erzählung ist so schön und einfach, daß die Sache an sich
-selbst nicht unwahrscheinlich ist.
-
-Manfred schlug ein lautes Gelächter auf, und sagte nach einiger Zeit: O
-vortrefflich! Die Autoren, die uns den Oktavian und die Heymonskinder in
-ihrer alten treuherzigen Gestalt gaben, waren gewiß auch keine Stümper,
-und wer weiß, ob nicht einst entdeckt wird, daß unser Eulenspiegel
-nichts als eine Umwandlung des berühmten verlorenen Margites ist. Wie
-recht hat Wilhelm Schlegel, wenn er einmal sagt: die gebildeten Stände
-in Deutschland haben noch keine Literatur, aber der Bauer hat sie. Denn
-wohl sind in diesen unscheinbaren schlecht gedruckten Schriften fast
-alle Elemente der Poesie, vom Heroischen bis zum Zärtlichen und hinab
-zum kräftig Komischen, ausgesprochen. Ich muß hier auf meine
-Verwunderung zurück kommen: was meinen nemlich nur die Herren, die mit
-fanatischer Vernünftigkeit und Mangel alles poetischen Sinnes diese
-Bücher verfolgen, sie dem Bauer nehmen und Strafen auf ihre Verbreitung
-setzen? Wenn ich nicht irre, war vor einigen dreißig Jahren der gute
-alte Büsching der erste, welcher auf diesen Krieg antrug; seine Stimme
-wurde damals nicht gehört; jezt aber dringt seine gut gemeinte Thorheit
-durch, zu einer Zeit, wo man sich doch zugleich bemüht, Patriotismus und
-die alten verstorbenen Tugenden, die dem Aufgeklärteren ja auch nur
-Aberglaube waren, wieder aufzupflanzen. Ich möchte mir doch nur das Böse
-nennen und aufzeigen lassen, welches diese unschuldigen Poesien schon
-hervorgebracht haben. Oder hätten diese Herren diese Bücher vielleicht
-gar nicht gelesen? Der Druck ist nicht der beste, die Vignetten sind
-nicht in punktirter Manier, auch hat sich weder Petrarka noch ein andrer
-berühmter Name bei ihrer Herausgabe genannt, und das ist freilich
-verdächtig genug. Sollten denn wirklich etwa die paar freien Späße im
-Eulenspiegel und den Schildbürgern die Nation verderben können? Wird man
-denn die Schenken verschließen, oder einen Polizeiwächter hinein setzen,
-der jeden nicht sittlichen Spaß eines lustigen Bruders aufzeichnet und
-der Behörde einreicht? Oder hofft man wirklich durch das alberne
-moralische Gewäsch, welches sie jezt als Volksbücher drucken lassen, von
-gutgearteten Gatten und saubern Kindern, Birnenmost, Giftkräutern und
-Wohlthätigkeit, die niederen Stände so tief in die edle Gesinnung hinein
-und unterzutauchen, daß keiner mehr eine Zwei- oder Eindeutigkeit
-spricht und denkt? O der glorreichen Aussicht in das künftige
-Jahrhundert!
-
-Suchte man nur etwa, sagte Wilibald, die astrologischen und
-Zauberbücher, deren es noch hie und da, aber auch nur selten giebt, zu
-verbannen, so hätte die Sache Sinn, aber so ist sie freilich eine
-Erscheinung, die im grellsten Widerspruche mit der Zeit steht, die
-dieselben verfolgten Bücher zu achten und zu studiren anfängt.
-
-Im Gegentheil, fuhr Ernst fort, sollten wir dem gemeinen Manne nicht nur
-diese Poesien lassen, sondern ihm auch eine ihm verständliche
-Bearbeitung der Niebelungen und der Heldenbücher in die Hände zu spielen
-suchen, damit er sich vor der weichlichen leeren Leserei bewahre, die
-auch ihn zu ergreifen und auszuhöhlen droht. Der Spanier hat, zu unsrer
-Beschämung, eine höchst wohlfeile Ausgabe seines vortrefflichen Don
-Quixote, mit schlechten Holzschnitten und auf grobem Papier. Aber bei
-uns ist es keinem, auch in der ersten Begeisterung eingefallen, dem
-deutschen Bauer etwa den Götz von Berlichingen so anzubieten. Ließe man
-doch überhaupt das Bewachen des Volks, und lernte es erst kennen, wäre
-dann selber erzogen, um andre zu erziehn, und suchte nicht eine falsche,
-schwächliche Bildung Nationen aufzuprägen.
-
-Mit Verlaub, sagte Theodor, daß ich diesen Diskurs unterbreche, es wird
-sonst Mitternacht, ehe wir unsre Vorlesungen geendigt haben.
-
-Er fing an.
-
-
-
-
- Die Elfen.
- 1811.
-
-
-Wo ist denn die Marie, unser Kind? fragte der Vater.
-
-Sie spielt draußen auf dem grünen Platze, antwortete die Mutter, mit dem
-Sohne unsers Nachbars.
-
-Daß sie sich nicht verlaufen, sagte der Vater besorgt; sie sind
-unbesonnen.
-
-Die Mutter sah nach den Kleinen und brachte ihnen ihr Vesperbrod. Es ist
-heiß! sagte der Bursche, und das kleine Mädchen langte begierig nach den
-rothen Kirschen. Seid nur vorsichtig, Kinder, sprach die Mutter, lauft
-nicht zu weit vom Hause, oder in den Wald hinein, ich und der Vater gehn
-aufs Feld hinaus. Der junge Andres antwortete: o sei ohne Sorge, denn
-vor dem Walde fürchten wir uns, wir bleiben hier beim Hause sitzen, wo
-Menschen in der Nähe sind.
-
-Die Mutter ging und kam bald mit dem Vater wieder heraus. Sie
-verschlossen ihre Wohnung und wandten sich nach dem Felde, um nach den
-Knechten und zugleich auf der Wiese nach der Heuernte zu sehn. Ihr Haus
-lag auf einer kleinen grünen Anhöhe, von einem zierlichen Stakete
-umgeben, welches auch ihren Frucht- und Blumengarten umschloß; das Dorf
-zog sich etwas tiefer hinunter, und jenseit erhob sich das gräfliche
-Schloß. Martin hatte von der Herrschaft das große Gut gepachtet, und
-lebte mit seiner Frau und seinem einzigen Kinde vergnügt, denn er legte
-jährlich zurück, und hatte die Aussicht, durch Thätigkeit ein
-vermögender Mann zu werden, da der Boden ergiebig war und der Graf ihn
-nicht drückte.
-
-Indem er mit seiner Frau nach seinen Feldern ging, schaute er fröhlich
-um sich, und sagte: wie ist doch die Gegend hier so ganz anders,
-Brigitte, als diejenige, in der wir sonst wohnten. Hier ist es so grün,
-das ganze Dorf prangt von dichtgedrängten Obstbäumen, der Boden ist voll
-schöner Kräuter und Blumen, alle Häuser sind munter und reinlich, die
-Einwohner wohlhabend, ja mir dünkt, die Wälder hier sind schöner und der
-Himmel blauer, und so weit nur das Auge reicht, sieht man seine Lust und
-Freude an der freigebigen Natur.
-
-So wie man nur, sagte Brigitte, dort jenseit des Flusses ist, so
-befindet man sich wie auf einer andern Erde, alles so traurig und dürr;
-jeder Reisende behauptet aber auch, daß unser Dorf weit und breit in der
-Runde das schönste sei.
-
-Bis auf jenen Tannengrund, erwiederte der Mann; schau einmal dorthin
-zurück, wie schwarz und traurig der abgelegene Fleck in der ganzen
-heitern Umgebung liegt; hinter den dunkeln Tannenbäumen die rauchige
-Hütte, die verfallenen Ställe, der schwermüthig vorüberfließende Bach.
-
-Es ist wahr, sagte die Frau, indem beide still standen, so oft man sich
-jenem Platze nur nähert, wird man traurig und beängstigt, man weiß
-selbst nicht warum. Wer nur die Menschen eigentlich sein mögen, die dort
-wohnen, und warum sie sich doch nur so von allen in der Gemeinde
-entfernt halten, als wenn sie kein gutes Gewissen hätten.
-
-Armes Gesindel, erwiederte der junge Pachter, dem Anschein nach
-Zigeunervolk, die in der Ferne rauben und betrügen, und hier vielleicht
-ihren Schlupfwinkel haben. Mich wundert nur, daß die gnädige Herrschaft
-sie duldet.
-
-Es können auch wohl, sagte die Frau weichmüthig, arme Leute sein, die
-sich ihrer Armuth schämen, denn man kann ihnen doch eben nichts Böses
-nachsagen; nur ist es bedenklich, daß sie sich nicht zur Kirche halten,
-und man auch eigentlich nicht weiß, wovon sie leben, denn der kleine
-Garten, der noch dazu ganz wüst zu liegen scheint, kann sie unmöglich
-ernähren, und Felder haben sie nicht.
-
-Weiß der liebe Gott, fuhr Martin fort, indem sie weiter gingen, was sie
-treiben mögen; kommt doch auch kein Mensch zu ihnen, denn der Ort, wo
-sie wohnen, ist ja wie verbannt und verhext, so daß sich auch die
-vorwitzigsten Bursche nicht hingetrauen.
-
-Dieses Gespräch setzten sie fort, indem sie sich in das Feld wandten.
-Jene finstre Gegend, von welcher sie sprachen, lag abseits vom Dorfe. In
-einer Vertiefung, welche Tannen umgaben, zeigte sich eine Hütte und
-verschiedene fast zertrümmerte Wirthschaftsgebäude, nur selten sah man
-Rauch dort aufsteigen, noch seltner wurde man Menschen gewahr;
-jezuweilen hatten Neugierige, die sich etwas näher gewagt, auf der Bank
-vor der Hütte einige abscheuliche Weiber in zerlumptem Anzuge
-wahrgenommen, auf deren Schooß eben so häßliche und schmuzige Kinder
-sich wälzten; schwarze Hunde liefen vor dem Reviere, in Abendstunden
-ging wohl ein ungeheurer Mann, den Niemand kannte, über den Steg des
-Baches und verlor sich in die Hütte hinein; dann sah man in der
-Finsterniß sich verschiedene Gestalten, wie Schatten um ein ländliches
-Feuer bewegen. Dieser Grund, die Tannen und die verfallene Hütte machten
-wirklich in der heitern grünen Landschaft, gegen die weißen Häuser des
-Dorfes und gegen das prächtige neue Schloß, den sonderbarsten Abstich.
-
-Die beiden Kinder hatten jezt die Früchte verzehrt; sie verfielen
-darauf, in die Wette zu laufen, und die kleine behende Marie gewann dem
-langsameren Andres immer den Vorsprung ab. So ist es keine Kunst! rief
-endlich dieser aus, aber laß es uns einmal in die Weite versuchen, dann
-wollen wir sehen, wer gewinnt! Wie du willst, sagte die Kleine, nur nach
-dem Strome dürfen wir nicht laufen. Nein, erwiederte Andres, aber dort
-auf jenem Hügel steht der große Birnbaum, eine Viertelstunde von hier,
-ich laufe hier links um den Tannengrund vorbei, du kannst rechts in das
-Feld hinein rennen, daß wir nicht eher als oben wieder zusammen kommen,
-so sehen wir dann, wer der beste ist.
-
-Gut, sagte Marie, und fing schon an zu laufen, so hindern wir uns auch
-nicht auf demselben Wege, und der Vater sagt ja, es sei zum Hügel hinauf
-gleich weit, ob man diesseits, ob man jenseits der Zigeunerwohnung geht.
-
-Andres war schon vorangesprungen und Marie, die sich rechts wandte, sah
-ihn nicht mehr. Er ist eigentlich dumm, sagte sie zu sich selbst, denn
-ich dürfte nur den Muth fassen, über den Steg, bei der Hütte vorbei, und
-drüben wieder über den Hof hinaus zu laufen, so käme ich gewiß viel
-früher an. Schon stand sie vor dem Bache und dem Tannenhügel. Soll ich?
-Nein, es ist doch zu schrecklich, sagte sie. Ein kleines weißes Hündchen
-stand jenseit und bellte aus Leibeskräften. Im Erschrecken kam das Thier
-ihr wie ein Ungeheuer vor, und sie sprang zurück. O weh! sagte sie, nun
-ist der Bengel weit voraus, weil ich hier steh und überlege. Das
-Hündchen bellte immer fort, und da sie es genauer betrachtete, kam es
-ihr nicht mehr fürchterlich, sondern im Gegentheil ganz allerliebst vor:
-es hatte ein rothes Halsband um, mit einer glänzenden Schelle, und so
-wie es den Kopf hob und sich im Bellen schüttelte, erklang die Schelle
-äußerst lieblich. Ei! es will nur gewagt sein! rief die kleine Marie,
-ich renne was ich kann, und bin schnell, schnell jenseit wieder hinaus,
-sie können mich doch eben nicht gleich von der Erde weg auffressen!
-Somit sprang das muntere muthige Kind auf den Steg, rasch an den kleinen
-Hund vorüber, der still ward und sich an ihr schmeichelte, und nun stand
-sie im Grunde, und rund umher verdeckten die schwarzen Tannen die
-Aussicht nach ihrem elterlichen Hause und der übrigen Landschaft.
-
-Aber wie war sie verwundert. Der bunteste, fröhlichste Blumengarten
-umgab sie, in welchem Tulpen, Rosen und Lilien mit den herrlichsten
-Farben leuchteten, blaue und goldrothe Schmetterlinge wiegten sich in
-den Blüten, in Käfigen aus glänzendem Drath hingen an den Spalieren
-vielfarbige Vögel, die herrliche Lieder sangen, und Kinder in weißen
-kurzen Röckchen, mit gelockten gelben Haaren und hellen Augen, sprangen
-umher, einige spielten mit kleinen Lämmern, andere fütterten die Vögel,
-oder sammelten Blumen und schenkten sie einander, andere wieder aßen
-Kirschen, Weintrauben und röthliche Aprikosen. Keine Hütte war zu sehn,
-aber wohl stand ein großes schönes Haus mit eherner Thür und erhabenem
-Bildwerk leuchtend in der Mitte des Raumes. Marie war vor Erstaunen
-außer sich und wußte sich nicht zu finden; da sie aber nicht blöde war,
-ging sie gleich zum ersten Kinde, reichte ihm die Hand und bot ihm guten
-Tag. Kommst du uns auch einmal zu besuchen? sagte das glänzende Kind;
-ich habe dich draußen rennen und springen sehn, aber vor unserm Hündchen
-hast du dich gefürchtet. -- So seid ihr wohl keine Zigeuner und
-Spitzbuben, sagte Marie, wie Andres immer spricht? O freilich ist der
-nur dumm, und redet viel in den Tag hinein. -- Bleib nur bei uns, sagte
-die wunderbare Kleine, es soll dir schon gefallen. -- Aber wir laufen ja
-in die Wette. -- Zu ihm kommst du noch früh genug zurück. Da nimm, und
-iß! -- Marie aß, und fand die Früchte so süß, wie sie noch keine
-geschmeckt hatte, und Andres, der Wettlauf, und das Verbot ihrer Eltern
-waren gänzlich vergessen.
-
-Eine große Frau in glänzendem Kleide trat herzu, und fragte nach dem
-fremden Kinde. Schönste Dame, sagte Marie, von ohngefähr bin ich herein
-gelaufen, und da wollen sie mich hier behalten. Du weißt, Zerina, sagte
-die Schöne, daß es ihr nur kurze Zeit erlaubt ist, auch hättest du mich
-erst fragen sollen. Ich dachte, sagte das glänzende Kind, weil sie doch
-schon über die Brücke gelassen war, könnt' ich es thun; auch haben wir
-sie ja oft im Felde laufen sehn, und du hast dich selber über ihr
-muntres Wesen gefreut; wird sie uns doch früh genug verlassen müssen.
-
-Nein, ich will hier bleiben, sagte die Fremde, denn hier ist es schön,
-auch finde ich hier das beste Spielzeug und dazu Erdbeeren und Kirschen,
-draußen ist es nicht so herrlich.
-
-Die goldbekleidete Frau entfernte sich lächelnd, und viele von den
-Kindern sprangen jezt um die fröhliche Marie mit Lachen her, neckten sie
-und ermunterten sie zu Tänzen, andre brachten ihr Lämmer oder
-wunderbares Spielgeräth, andre machten auf Instrumenten Musik und sangen
-dazu. Am liebsten aber hielt sie sich zu der Gespielin, die ihr zuerst
-entgegen gegangen war, denn sie war die freundlichste und holdseligste
-von allen. Die kleine Marie rief einmal über das andre: ich will immer
-bei euch bleiben und ihr sollt meine Schwestern sein, worüber alle
-Kinder lachten und sie umarmten. Jezt wollen wir ein schönes Spiel
-machen, sagte Zerina. Sie lief eilig in den Pallast und kam mit einem
-goldenen Schächtelchen zurück, in welchem sich glänzender Saamenstaub
-befand. Sie faßte mit den kleinen Fingern, und streute einige Körner auf
-den grünen Boden. Alsbald sah man das Gras wie in Wogen rauschen, und
-nach wenigen Augenblicken schlugen glänzende Rosengebüsche aus der Erde,
-wuchsen schnell empor und entfalteten sich plötzlich, indem der süßeste
-Wohlgeruch den Raum erfüllte. Auch Maria faßte von dem Staube, und als
-sie ihn ausgestreut hatte, tauchten weiße Lilien und die buntesten
-Nelken hervor. Auf einen Wink Zerinas verschwanden die Blumen wieder und
-andre erschienen an ihrer Stelle. Jezt, sagte Zerina, mache dich auf
-etwas Größeres gefaßt. Sie legte zwei Pinienkörner in den Boden und
-stampfte sie heftig mit dem Fuße ein. Zwei grüne Sträucher standen vor
-ihnen. Fasse dich fest mit mir, sagte sie, und Maria schlang die Arme um
-den zarten Leib. Da fühlte sie sich empor gehoben, denn die Bäume
-wuchsen unter ihnen mit der größten Schnelligkeit; die hohen Pinien
-bewegten sich und die beiden Kinder hielten sich hin und wieder
-schwebend in den rothen Abendwolken umarmt und küßten sich; die andern
-Kleinen kletterten mit behender Geschicklichkeit an den Stämmen der
-Bäume auf und nieder, und stießen und neckten sich, wenn sie sich
-begegneten, unter lautem Gelächter. Stürzte eins der Kinder im Gedränge
-hinunter, so flog es durch die Luft und senkte sich langsam und sicher
-zur Erde hinab. Endlich fürchtete sich Marie; die andre Kleine sang
-einige laute Töne, und die Bäume versenkten sich wieder eben so
-allgemach in den Boden, und setzten sie nieder, als sie sich erst in die
-Wolken gehoben hatten.
-
-Sie gingen durch die erzene Thür des Pallastes. Da saßen viele schöne
-Frauen umher, ältere und junge, im runden Saal, sie genossen die
-lieblichsten Früchte, und eine herrliche unsichtbare Musik erklang. In
-der Wölbung der Decke waren Palmen, Blumen und Laubwerk gemalt, zwischen
-denen Kinderfiguren in den anmuthigsten Stellungen kletterten und
-schaukelten; nach den Tönen der Musik verwandelten sich die Bildnisse
-und glühten in den brennendsten Farben; bald war das Grüne und Blaue wie
-helles Licht funkelnd, dann sank die Farbe erblassend zurück, der Purpur
-flammte auf und das Gold entzündete sich; dann schienen die nackten
-Kinder in den Blumengewinden zu leben, und mit den rubinrothen Lippen
-den Athem einzuziehn und auszuhauchen, so daß man wechselnd den Glanz
-der weißen Zähnchen wahrnahm, so wie das Aufleuchten der himmelblauen
-Augen.
-
-Aus dem Saale führten eherne Stufen in ein großes unterirdisches Gemach.
-Hier lag viel Gold und Silber, und Edelsteine von allen Farben funkelten
-dazwischen. Wundersame Gefäße standen an den Wänden umher, alle schienen
-mit Kostbarkeiten angefüllt. Das Gold war in mannichfaltigen Gestalten
-gearbeitet und schimmerte mit der freundlichsten Röthe. Viele kleine
-Zwerge waren beschäftigt, die Stücke auseinander zu suchen und sie in
-die Gefäße zu legen; andre, höckricht und krummbeinicht, mit langen
-rothen Nasen, trugen schwer und vorn über gebückt Säcke herein, so wie
-die Müller Getraide, und schütteten die Goldkörner keuchend auf dem
-Boden aus. Dann sprangen sie ungeschickt rechts und links, und griffen
-die rollenden Kugeln, die sich verlaufen wollten, und es geschah nicht
-selten, daß einer den andern im Eifer umstieß, so daß sie schwer und
-tölpisch zur Erde fielen. Sie machten verdrüßliche Gesichter und sahen
-scheel, als Marie über ihre Geberden und Häßlichkeit lachte. Hinten saß
-ein alter eingeschrumpfter kleiner Mann, welchen Zerina ehrerbietig
-grüßte, und der nur mit ernstem Kopfnicken dankte. Er hielt ein Zepter
-in der Hand und trug eine Krone auf dem Haupte, alle übrigen Zwerge
-schienen ihn für ihren Herren anzuerkennen und seinen Winken zu
-gehorchen. Was giebts wieder? fragte er mürrisch, als die Kinder ihm
-etwas näher kamen. Marie schwieg furchtsam, aber ihre Gespielin
-antwortete, daß sie nur gekommen seien, sich in den Kammern umzuschauen.
-Immer die alten Kindereien! sagte der Alte; wird der Müßiggang nie
-aufhören? Darauf wandte er sich wieder an sein Geschäft und ließ die
-Goldstücke wägen und aussuchen; andre Zwerge schickte er fort, manchen
-schalt er zornig. Wer ist der Herr? fragte Marie; unser Metallfürst,
-sagte die Kleine, indem sie weiter gingen.
-
-Sie schienen sich wieder im Freien zu befinden, denn sie standen an
-einem großen Teiche, aber doch schien keine Sonne, und sie sahen keinen
-Himmel über sich. Ein kleiner Nachen empfing sie, und Zerina ruderte
-sehr ämsig. Die Fahrt ging schnell. Als sie in die Mitte des Teiches
-gekommen waren, sah Marie, daß tausend Röhren, Kanäle und Bäche sich aus
-dem kleinen See nach allen Richtungen verbreiteten. Diese Wasser rechts,
-sagte das glänzende Kind, fließen unter euren Garten hinab, davon blüht
-dort alles so frisch; von hier kömmt man in den großen Strom hinunter.
-Plötzlich kamen aus allen Kanälen und aus dem See unendlich viele Kinder
-auftauchend angeschwommen, viele trugen Kränze von Schilf und
-Wasserlilien, andre hielten rothe Korallenzacken, und wieder andre
-bliesen auf krummen Muscheln; ein verworrenes Getöse schallte lustig von
-den dunkeln Ufern wieder; zwischen den Kleinen bewegten sich schwimmend
-die schönsten Frauen, und oft sprangen viele Kinder zu der einen oder
-der andern, und hingen ihnen mit Küssen um Hals und Nacken. Alle
-begrüßten die Fremde; zwischen diesem Getümmel hindurch fuhren sie aus
-dem See in einen kleinen Fluß hinein, der immer enger und enger ward.
-Endlich stand der Nachen. Man nahm Abschied und Zerina klopfte an den
-Felsen. Wie eine Thür that sich dieser von einander, und eine ganz rothe
-weibliche Gestalt half ihnen aussteigen. Geht es recht lustig zu? fragte
-Zerina. Sie sind eben in Thätigkeit, antwortete jene, und so freudig,
-wie man sie nur sehn kann, aber die Wärme ist auch äußerst angenehm.
-
-Sie stiegen eine Wendeltreppe hinauf, und plötzlich sah sich Marie in
-dem glänzendsten Saal, so daß beim Eintreten ihre Augen vom hellen
-Lichte geblendet waren. Feuerrothe Tapeten bedeckten mit Purpurgluth die
-Wände, und als sich das Auge etwas gewöhnt hatte, sah sie zu ihrem
-Erstaunen, wie im Teppich sich Figuren tanzend auf und nieder in der
-größten Freude bewegten, die so lieblich gebaut und von so schönen
-Verhältnissen waren, daß man nichts Anmuthigeres sehn konnte; ihr Körper
-war wie von röthlichem Kristall, so daß es schien, als flösse und
-spielte in ihnen sichtbar das bewegte Blut. Sie lachten das fremde Kind
-an, und begrüßten es mit verschiedenen Beugungen; aber als Marie näher
-gehen wollte, hielt sie Zerina plötzlich mit Gewalt zurück, und rief: du
-verbrennst dich, Mariechen, denn alles ist Feuer!
-
-Marie fühlte die Hitze. Warum kommen nur, sagte sie, die allerliebsten
-Kreaturen nicht zu uns heraus, und spielen mit uns? Wie du in der Luft
-lebst, sagte jene, so müssen sie immer im Feuer bleiben, und würden hier
-draußen verschmachten. Sieh nur, wie ihnen wohl ist, wie sie lachen und
-kreischen; jene dort unten verbreiten die Feuerflüsse von allen Seiten
-unter der Erde hin, davon wachsen nun die Blumen, die Früchte und der
-Wein; die rothen Ströme gehn neben den Wasserbächen, und so sind die
-flammigen Wesen immer thätig und freudig. Aber dir ist es hier zu heiß,
-wir wollen wieder hinaus in den Garten gehn.
-
-Hier hatte sich die Scene verwandelt. Der Mondschein lag auf allen
-Blumen, die Vögel waren still und die Kinder schliefen in
-mannichfaltigen Gruppen in den grünen Lauben. Marie und ihre Freundin
-fühlten aber keine Müdigkeit, sondern lustwandelten in der warmen
-Sommernacht unter vielerlei Gesprächen bis zum Morgen.
-
-Als der Tag anbrach, erquickten sie sich an Früchten und Milch, und
-Marie sagte: laß uns doch zur Abwechselung einmal nach den Tannen hinaus
-gehn, wie es dort aussehen mag. Gern, sagte Zerina, so kannst du auch
-zugleich dorten unsre Schildwachen besuchen, die dir gewiß gefallen
-werden, sie stehn oben auf dem Walle zwischen den Bäumen. Sie gingen
-durch die Blumengärten, durch anmuthige Haine voller Nachtigallen, dann
-stiegen sie über Rebenhügel, und kamen endlich, nachdem sie lange den
-Windungen eines klaren Baches nachgefolgt waren, zu den Tannen und der
-Erhöhung, welche das Gebiet begränzte. Wie kommt es nur, fragte Marie,
-daß wir hier innerhalb so weit zu gehn haben, da doch draußen der
-Umkreis nur so klein ist? Ich weiß nicht, antwortete die Freundin, wie
-es zugeht, aber es ist so. Sie stiegen zu den finstern Tannen hinauf,
-und ein kalter Wind wehte ihnen von draußen entgegen; ein Nebel schien
-weit umher auf der Landschaft zu liegen. Oben standen wunderliche
-Gestalten, mit mehligen bestäubten Angesichtern, den widerlichen
-Häuptern der weißen Eulen nicht unähnlich; sie waren in faltigen Mänteln
-von zottiger Wolle gekleidet, und hielten Regenschirme von seltsamen
-Häuten ausgespannt über sich; mit Fledermausflügeln, die abentheuerlich
-neben dem Rockelor hervor starrten, wehten und fächelten sie unablässig.
-Ich möchte lachen und mir graut, sagte Marie. Diese sind unsre guten
-fleißigen Wächter, sagte die kleine Gespielin, sie stehen hier und
-wehen, damit jeden kalte Angst und wundersames Fürchten befällt, der
-sich uns nähern will; sie sind aber so bedeckt, weil es jezt draußen
-regnet und friert, was sie nicht vertragen können. Hier unten kommt
-niemals Schnee und Wind, noch kalte Luft her, hier ist ein ewiger Sommer
-und Frühling, doch wenn die da oben nicht oft abgelöst würden, so
-vergingen sie gar.
-
-Aber wer seid ihr denn, fragte Marie, indem sie wieder in die
-Blumendüfte hinunter stiegen, oder habt ihr keinen Namen, woran man euch
-erkennt?
-
-Wir heißen Elfen, sagte das freundliche Kind, man spricht auch wohl in
-der Welt von uns, wie ich gehört habe.
-
-Sie hörten auf der Wiese ein großes Getümmel. Der schöne Vogel ist
-angekommen! riefen ihnen die Kinder entgegen; alles eilte in den Saal.
-Sie sahen indem schon, wie Jung und Alt sich über die Schwelle drängte,
-alle jauchzten und von innen scholl eine jubilirende Musik heraus. Als
-sie hinein getreten waren, sahen sie die große Rundung von den
-mannichfaltigsten Gestalten angefüllt, und alle schauten nach einem
-großen Vogel hinauf, der in der Kuppel mit glänzendem Gefieder langsam
-fliegend vielfache Kreise beschrieb. Die Musik klang fröhlicher als
-sonst, die Farben und Lichter wechselten schneller. Endlich schwieg die
-Musik, und der Vogel schwang sich rauschend auf eine glänzende Krone,
-die unter dem hohen Fenster schwebte, welches von oben die Wölbung
-erleuchtete. Sein Gefieder war purpurn und grün, durch welches sich die
-glänzendsten goldenen Streifen zogen, auf seinem Haupte bewegte sich ein
-Diadem von so hellleuchtenden kleinen Federn, daß sie wie Edelgesteine
-blitzten. Der Schnabel war roth und die Beine glänzend blau. Wie er sich
-regte, schimmerten alle Farben durcheinander, und das Auge war entzückt.
-Seine Größe war die eines Adlers. Aber jezt eröffnete er den leuchtenden
-Schnabel, und so süße Melodie quoll aus seiner bewegten Brust, in
-schönern Tönen, als die der liebesbrünstigen Nachtigall; mächtiger zog
-der Gesang und goß sich wie Lichtstrahlen aus, so daß alle, bis auf die
-kleinsten Kinder selbst, vor Freuden und Entzückungen weinen mußten. Als
-er geendigt hatte, neigten sich alle vor ihm, er umflog wieder in
-Kreisen die Wölbung, schoß dann durch die Thür und schwang sich in den
-lichten Himmel, wo er oben bald nur noch wie ein rother Punkt erglänzte
-und sich den Augen dann schnell verlor.
-
-Warum seid ihr alle so in Freude? fragte Marie und neigte sich zum
-schönen Kinde, das ihr kleiner als gestern vorkam. Der König kommt!
-sagte die Kleine, den haben viele von uns noch gar nicht gesehn, und wo
-er sich hinwendet ist Glück und Fröhlichkeit; wir haben schon lange auf
-ihn gehofft, sehnlicher, als ihr nach langem Winter auf den Frühling
-wartet, und nun hat er durch diesen schönen Botschafter seine Ankunft
-melden lassen. Dieser herrliche und verständige Vogel, der im Dienst des
-Königes gesandt wird, heißt Phönix, er wohnt fern in Arabien auf einem
-Baum, der nur einmal in der Welt ist, so wie es auch keinen zweiten
-Phönix giebt. Wenn er sich alt fühlt, trägt er aus Balsam und Weihrauch
-ein Nest zusammen, zündet es an und verbrennt sich selbst, so stirbt er
-singend, und aus der duftenden Asche schwingt sich dann der verjüngte
-Phönix mit neuer Schönheit wieder auf. Selten nur nimmt er seinen Flug
-so, daß ihn die Menschen sehn, und geschieht es einmal in Jahrhunderten,
-so zeichnen sie es in ihre Denkbücher auf, und erwarten wundervolle
-Begebenheiten. Aber nun, meine Freundin, wirst du auch scheiden müssen,
-denn der Anblick des Königes ist dir nicht vergönnt.
-
-Da wandelte die goldbekleidete schöne Frau durch das Gedränge, winkte
-Marien zu sich und ging mit ihr unter einen einsamen Laubengang; du mußt
-uns verlassen, mein geliebtes Kind, sagte sie; der König will auf
-zwanzig Jahr, und vielleicht auf länger, sein Hoflager hier halten, nun
-wird sich Fruchtbarkeit und Segen weit in die Landschaft verbreiten, am
-meisten hier in der Nähe; alle Brunnen und Bäche werden ergiebiger, alle
-Aecker und Gärten reicher, der Wein edler, die Wiese fetter und der Wald
-frischer und grüner; mildere Luft weht, kein Hagel schadet, keine
-Ueberschwemmung droht. Nimm diesen Ring und gedenke unser, doch hüte
-dich, irgend wem von uns zu erzählen, sonst müssen wir diese Gegend
-fliehen, und alle umher, so wie du selbst, entbehren dann das Glück und
-die Segnung unsrer Nähe: noch einmal küsse deine Gespielin und lebe
-wohl. Sie traten heraus, Zerina weinte, Marie bückte sich, sie zu
-umarmen, sie trennten sich. Schon stand sie auf der schmalen Brücke, die
-kalte Luft wehte hinter ihr aus den Tannen, das Hündchen bellte auf das
-herzhafteste und ließ sein Glöckchen ertönen; sie sah zurück und eilte
-in das Freie, weil die Dunkelheit der Tannen, die Schwärze der
-verfallenen Hütten, die dämmernden Schatten sie mit ängstlicher Furcht
-befielen.
-
-Wie werden sich meine Eltern meinethalb in dieser Nacht geängstigt
-haben! sagte sie zu sich selbst, als sie auf dem Felde stand, und ich
-darf ihnen doch nicht erzählen, wo ich gewesen bin und was ich gesehn
-habe, auch würden sie mir nimmermehr glauben. Zwei Männer gingen an ihr
-vorüber, die sie grüßten, und sie hörte hinter sich sagen: das ist ein
-schönes Mädchen! Wo mag sie nur her sein? Mit eiligeren Schritten
-näherte sie sich dem elterlichen Hause, aber die Bäume, die gestern
-voller Früchte hingen, standen heute dürr und ohne Laub, das Haus war
-anders angestrichen, und eine neue Scheune daneben erbaut. Marie war in
-Verwunderung, und dachte, sie sei im Traum; in dieser Verwirrung öffnete
-sie die Thür des Hauses, und hinter dem Tische saß ihr Vater zwischen
-einer unbekannten Frau und einem fremden Jüngling. Mein Gott, Vater!
-rief sie aus, wo ist denn die Mutter? -- die Mutter? sprach die Frau
-ahndend, und stürzte hervor; ei, du bist doch wohl nicht, -- ja
-freilich, freilich bist du die verlorene, die todt geglaubte, die liebe
-einzige Marie! Sie hatte sie gleich an einem kleinen braunen Male unter
-dem Kinn, an den Augen und der Gestalt erkannt. Alle umarmten sie, alle
-waren freudig bewegt, und die Eltern vergossen Thränen. Marie
-verwunderte sich, daß sie fast zum Vater hinauf reichte, sie begriff
-nicht, wie die Mutter so verändert und geältert sein konnte, sie fragte
-nach dem Namen des jungen Menschen. Es ist ja unsers Nachbars Andres,
-sagte Martin, wie kommst du nur nach sieben langen Jahren so unvermuthet
-wieder? wo bist du gewesen? Warum hast du denn gar nichts von dir hören
-lassen? -- Sieben Jahr? sagte Marie, und konnte sich in ihren
-Vorstellungen und Erinnerungen nicht wieder zurecht finden; sieben
-ganzer Jahre? Ja, ja, sagte Andres lachend, und schüttelte ihr
-treuherzig die Hand; ich habe gewonnen, Mariechen, ich bin schon vor
-sieben Jahren an dem Birnbaum und wieder hieher zurück gewesen, und du
-Langsame, kommst nun heut erst an!
-
-Man fragte von neuem, man drang in sie, doch sie, des Verbotes
-eingedenk, konnte keine Antwort geben. Man legte ihr fast die Erzählung
-in den Mund, daß sie sich verirrt habe, auf einen vorbeifahrenden Wagen
-genommen, und an einen fremden Ort geführt sei, wo sie den Leuten den
-Wohnsitz ihrer Eltern nicht habe bezeichnen können; wie man sie nachher
-nach einer weit entlegenen Stadt gebracht habe, wo gute Menschen sie
-erzogen und geliebt; wie diese nun gestorben, und sie sich endlich
-wieder auf ihre Geburtsgegend besonnen, eine Gelegenheit zur Reise
-ergriffen habe und so zurück gekehrt sei. Laßt alles gut sein, rief die
-Mutter; genug, daß wir dich nur wieder haben, mein Töchterchen, du meine
-Einzige, mein Alles!
-
-Andres blieb zum Abendbrod, und Marie konnte sich noch in nichts finden.
-Das Haus dünkte ihr klein und finster, sie verwunderte sich über ihre
-Tracht, die reinlich und einfach, aber ganz fremd erschien; sie
-betrachtete den Ring am Finger, dessen Gold wundersam glänzte und einen
-roth brennenden Stein künstlich einfaßte. Auf die Frage des Vaters
-antwortete sie, daß der Ring ebenfalls ein Geschenk ihrer Wohlthäter
-sei.
-
-Sie freute sich auf die Schlafenszeit, und eilte zur Ruhe. Am andern
-Morgen fühlte sie sich besonnener, sie hatte ihre Vorstellungen mehr
-geordnet, und konnte den Leuten aus dem Dorfe, die alle sie zu begrüßen
-kamen, besser Red' und Antwort geben. Andres war schon mit dem Frühesten
-wieder da, und zeigte sich äußerst geschäftig, erfreut und dienstfertig.
-Das funfzehnjährige aufgeblühte Mädchen hatte ihm einen tiefen Eindruck
-gemacht, und die Nacht war ihm ohne Schlaf vergangen. Die Herrschaft
-ließ Marien auf das Schloß fordern, sie mußte hier wieder ihre
-Geschichte erzählen, die ihr nun schon geläufig geworden war; der alte
-Herr und die gnädige Frau bewunderten ihre gute Erziehung, denn sie war
-bescheiden, ohne verlegen zu sein, sie antwortete höflich und in guten
-Redensarten auf alle vorgelegten Fragen; die Furcht vor den vornehmen
-Menschen und ihrer Umgebung hatte sich bei ihr verloren, denn wenn sie
-diese Säle und Gestalten mit den Wundern und der hohen Schönheit maß,
-die sie bei den Elfen im heimlichen Aufenthalt gesehen hatte, so
-erschien ihr dieser irdische Glanz nur dunkel, die Gegenwart der
-Menschen fast geringe. Die jungen Herren waren vorzüglich über ihre
-Schönheit entzückt.
-
-Es war im Februar. Die Bäume belaubten sich früher als je, so zeitig
-hatte sich die Nachtigall noch niemals eingestellt, der Frühling kam
-schöner in das Land, als ihn sich die ältesten Greise erinnern konnten.
-Aller Orten thaten sich Bächlein hervor und tränkten die Wiesen und
-Auen; die Hügel schienen zu wachsen, die Rebengeländer erhuben sich
-höher, die Obstbäume blühten wie niemals, und ein schwellender duftender
-Segen hing schwer in Blütenwolken über der Landschaft. Alles gedieh über
-Erwarten, kein rauher Tag, kein Sturm beschädigte die Frucht; der Wein
-quoll erröthend in ungeheuern Trauben, und die Einwohner des Ortes
-staunten sich an, und waren wie in einem süßen Traum befangen. Das
-folgende Jahr war eben so, aber man war schon an das Wundersame mehr
-gewöhnt. Im Herbst gab Marie den dringenden Bitten des Andres und ihrer
-Eltern nach: sie ward seine Braut und im Winter mit ihm verheirathet.
-
-Oft dachte sie mit inniger Sehnsucht an ihren Aufenthalt hinter den
-Tannenbäumen zurück; sie blieb still und ernst. So schön auch alles war,
-was sie umgab, so kannte sie doch etwas noch Schöneres, wodurch eine
-leise Trauer ihr Wesen zu einer sanften Schwermuth stimmte. Schmerzhaft
-traf es sie, wenn der Vater oder ihr Mann von den Zigeunern und Schelmen
-sprachen, die im finstern Grunde wohnten; oft wollte sie sie
-vertheidigen, die sie als Wohlthäter der Gegend kannte, vorzüglich gegen
-Andres, der eine Lust im eifrigen Schelten zu finden schien, aber sie
-zwang das Wort jedesmal in ihre Brust zurück. So verlebte sie das Jahr,
-und im folgenden ward sie durch eine junge Tochter erfreut, welche sie
-Elfriede nannte, indem sie dabei an den Namen der Elfen dachte.
-
-Die jungen Leute wohnten mit Martin und Brigitte in demselben Hause,
-welches geräumig genug war, und halfen den Eltern die ausgebreitete
-Wirthschaft führen. Die kleine Elfriede zeigte bald besondere
-Fähigkeiten und Anlagen, denn sie lief sehr früh, und konnte alles
-sprechen, als sie noch kein Jahr alt war; nach einigen Jahren aber war
-sie so klug und sinnig, und von so wunderbarer Schönheit, daß alle
-Menschen sie mit Erstaunen betrachteten, und ihre Mutter sich nicht der
-Meinung erwehren konnte, sie sehe jenen glänzenden Kindern im
-Tannengrunde ähnlich. Elfriede hielt sich nicht gern zu andern Kindern,
-sondern vermied bis zur Aengstlichkeit ihre geräuschvollen Spiele, und
-war am liebsten allein. Dann zog sie sich in eine Ecke des Gartens
-zurück, und las oder arbeitete eifrig am kleinen Nähzeuge; oft sah man
-sie auch wie tief in sich versunken sitzen, oder daß sie in Gängen
-heftig auf und nieder ging und mit sich selber sprach. Die beiden Eltern
-ließen sie gern gewähren, weil sie gesund war und gedieh, nur machten
-sie die seltsamen verständigen Antworten und Bemerkungen oft besorgt. So
-kluge Kinder, sagte die Großmutter Brigitte vielmals, werden nicht alt,
-sie sind zu gut für diese Welt, auch ist das Kind über die Natur schön,
-und wird sich auf Erden nicht zurecht finden können.
-
-Die Kleine hatte die Eigenheit, daß sie sich höchst ungern bedienen
-ließ, alles wollte sie selber machen. Sie war fast die früheste auf im
-Hause, und wusch sich sorgfältig und kleidete sich selber an; eben so
-sorgsam war sie am Abend, sie achtete sehr darauf, Kleider und Wäsche
-selbst einzupacken, und durchaus Niemand, auch die Mutter nicht, über
-ihre Sachen kommen zu lassen. Die Mutter sah ihr in diesem Eigensinne
-nach, weil sie sich nichts weiter dabei dachte, aber wie erstaunte sie,
-als sie sie an einem Feiertage, zu einem Besuch auf dem Schlosse, mit
-Gewalt umkleidete, so sehr sich auch die Kleine mit Geschrei und Thränen
-dagegen wehrte, und auf ihrer Brust an einem Faden hängend, ein
-Goldstück von seltsamer Form antraf, welches sie sogleich für eines von
-jenen erkannte, deren sie so viele in dem unterirdischen Gewölbe gesehn
-hatte. Die Kleine war sehr erschrocken, und gestand endlich, sie habe es
-im Garten gefunden, und da es ihr sehr wohlgefallen, habe sie es so
-ämsig aufbewahrt; sie bat auch so dringend und herzlich, es ihr zu
-lassen, daß Marie es wieder auf derselben Stelle befestigte und voller
-Gedanken mit ihr stillschweigend zum Schlosse hinauf ging.
-
-Seitwärts vom Hause der Pachterfamilie lagen einige Wirthschaftsgebäude
-zur Aufbewahrung der Früchte und des Feldgeräthes, und hinter diesen
-befand sich ein Grasplatz mit einer alten Laube, die aber kein Mensch
-jezt besuchte, weil sie nach der neuen Einrichtung der Gebäude zu
-entfernt vom Garten war. In dieser Einsamkeit hielt sich Elfriede am
-liebsten auf, und es fiel Niemanden ein, sie hier zu stören, so daß die
-Eltern oft in halben Tagen ihrer nicht ansichtig wurden. An einem
-Nachmittage befand sich die Mutter in den Gebäuden, um aufzuräumen und
-eine verlorene Sache wieder zu finden, als sie wahrnahm, daß durch eine
-Ritze der Mauer ein Lichtstrahl in das Gemach falle. Es kam ihr der
-Gedanke, hindurch zu sehn, um ihr Kind zu beobachten, und es fand sich,
-daß ein locker gewordener Stein sich von der Seite schieben ließ,
-wodurch sie den Blick gerade hinein in die Laube gewann. Elfriede saß
-drinnen auf einem Bänkchen, und neben ihr die wohlbekannte Zerina, und
-beide Kinder spielten und ergötzten sich in holdseliger Eintracht. Die
-Elfe umarmte das schöne Kind und sagte traurig: Ach, du liebes Wesen, so
-wie mit dir habe ich schon mit deiner Mutter gespielt, als sie klein war
-und uns besuchte, aber ihr Menschen wachst zu bald auf und werdet so
-schnell groß und vernünftig; das ist recht betrübt: bliebest du doch so
-lange ein Kind, wie ich!
-
-Gern thät ich dir den Gefallen, sagte Elfriede, aber sie meinen ja alle,
-ich würde bald zu Verstande kommen, und gar nicht mehr spielen, denn ich
-hätte rechte Anlagen, altklug zu werden. Ach! und dann seh' ich dich
-auch nicht wieder, du liebes Zerinchen! Ja, es geht wie mit den
-Baumblüten: wie herrlich der blühende Apfelbaum mit seinen röthlichen
-aufgequollenen Knospen! der Baum thut so groß und breit, und jedermann,
-der drunter weg geht, meint auch, es müsse recht was Besonderes werden;
-dann kommt die Sonne, die Blüte geht so leutselig auf, und da steckt
-schon der böse Kern drunter, der nachher den bunten Putz verdrängt und
-hinunter wirft; nun kann er sich geängstigt und aufwachsend nicht mehr
-helfen, er muß im Herbst zur Frucht werden. Wohl ist ein Apfel auch lieb
-und erfreulich, aber doch nichts gegen die Frühlingsblüte: so geht es
-mit uns Menschen auch; ich kann mich nicht darauf freuen, ein großes
-Mädchen zu werden. Ach, könnt' ich euch doch nur einmal besuchen!
-
-Seit der König bei uns wohnt, sagte Zerina, ist es ganz unmöglich, aber
-ich komme ja so oft zu dir, Liebchen, und keiner sieht mich, keiner weiß
-es, weder hier noch dort; ungesehn geh ich durch die Luft, oder fliege
-als Vogel herüber; o wir wollen noch recht viel beisammen sein, so lange
-du klein bist. Was kann ich dir nur zu Gefallen thun?
-
-Recht lieb sollst du mich haben, sagte Elfriede, so lieb, wie ich dich
-in meinem Herzen trage; doch laß uns auch einmal wieder eine Rose
-machen.
-
-Zerina nahm das bekannte Schächtelchen aus dem Busen, warf zwei Körner
-hin, und plötzlich stand ein grünender Busch mit zweien hochrothen Rosen
-vor ihnen, welche sich zu einander neigten, und sich zu küssen schienen.
-Die Kinder brachen die Rosen lächelnd ab, und das Gebüsch war wieder
-verschwunden. O müßte es nur nicht wieder so schnell sterben, sagte
-Elfriede, das rothe Kind, das Wunder der Erde. Gieb! sagte die kleine
-Elfe, hauchte dreimal die aufknospende Rose an, und küßte sie dreimal;
-nun, sprach sie, indem sie die Blume zurück gab, bleibt sie frisch und
-blühend bis zum Winter. Ich will sie wie ein Bild von dir aufheben,
-sagte Elfriede, sie in meinem Kämmerchen wohl bewahren, und sie Morgens
-und Abends küssen, als wenn du es wärst. Die Sonne geht schon unter,
-sagte jene, ich muß jezt nach Hause. Sie umarmten sich noch einmal, dann
-war Zerina verschwunden.
-
-Am Abend nahm Marie ihr Kind mit einem Gefühl von Beängstigung und
-Ehrfurcht in die Arme; sie ließ dem holden Mädchen nun noch mehr
-Freiheit als sonst, und beruhigte oft ihren Gatten, wenn er, um das Kind
-aufzusuchen, kam, was er seit einiger Zeit wohl that, weil ihm ihre
-Zurückgezogenheit nicht gefiel, und er fürchtete, sie könne darüber
-einfältig, oder gar unklug werden. Die Mutter schlich öfter nach der
-Spalte der Mauer, und fast immer fand sie die kleine glänzende Elfe
-neben ihrem Kinde sitzen, mit Spielen beschäftigt, oder in ernsthaften
-Gesprächen. Möchtest du fliegen können? fragte Zerina einmal ihre
-Freundin. Wie gerne! rief Elfriede aus. Sogleich umfaßte die Fee die
-Sterbliche, und schwebte mit ihr vom Boden empor, so daß sie zur Höhe
-der Laube stiegen. Die besorgte Mutter vergaß ihre Vorsicht, und lehnte
-sich erschreckend mit dem Kopfe hinaus, um ihnen nachzusehn; da erhob
-aus der Luft Zerina den Finger und drohte lächelnd, ließ sich mit dem
-Kinde wieder nieder, herzte sie, und war verschwunden. Es geschah
-nachher noch öfter, daß Marie von dem wunderbaren Kinde gesehen wurde,
-welches jedesmal mit dem Kopfe schüttelte oder drohte, aber mit
-freundlicher Geberde.
-
-Oftmals schon hatte bei vorgefallenem Streite Marie im Eifer zu ihrem
-Manne gesagt: du thust den armen Leuten in der Hütte Unrecht! Wenn
-Andres dann in sie drang, ihm zu erklären, warum sie der Meinung aller
-Leute im Dorfe, ja der Herrschaft selber entgegen sei und es besser
-wissen wolle, brach sie ab, und schwieg verlegen. Heftiger als je ward
-Andres eines Tages nach Tische und behauptete, das Gesindel müsse als
-landesverderblich durchaus fortgeschafft werden; da rief sie im Unwillen
-aus: schweig, denn sie sind deine und unser aller Wohlthäter!
-Wohlthäter? fragte Andres erstaunt; die Landstreicher? In ihrem Zorne
-ließ sie sich verleiten, ihm unter dem Versprechen der tiefsten
-Verschwiegenheit die Geschichte ihrer Jugend zu erzählen, und da er bei
-jedem ihrer Worte ungläubiger wurde und verhöhnend den Kopf schüttelte,
-nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn in das Gemach, von wo er zu
-seinem Erstaunen die leuchtende Elfe mit seinem Kinde in der Laube
-spielen, und es liebkosen sah. Er wußte kein Wort zu sagen; ein Ausruf
-der Verwunderung entfuhr ihm, und Zerina erhob den Blick. Sie wurde
-plötzlich bleich und zitterte heftig, nicht freundlich, sondern mit
-zorniger Miene machte sie die drohende Geberde, und sagte dann zu
-Elfrieden: du kannst nichts dafür, geliebtes Herz, aber sie werden
-niemals klug, so verständig sie sich auch dünken. Sie umarmte die Kleine
-mit stürmender Eil, und flog dann als Rabe mit heiserem Geschrei über
-den Garten hinweg, den Tannenbäumen zu.
-
-Am Abend war die Kleine sehr still und küßte weinend die Rose, Marien
-war ängstlich zu Sinne, Andres sprach wenig. Es wurde Nacht. Plötzlich
-rauschten die Bäume, Vögel flogen mit ängstlichem Geschrei umher, man
-hörte den Donner rollen, die Erde zitterte und Klagetöne winselten in
-der Luft. Marie und Andres hatten nicht den Muth aufzustehn; sie hüllten
-sich in die Decken und erwarteten mit Furcht und Zittern den Tag. Gegen
-Morgen ward es ruhiger, und alles war still, als die Sonne mit ihrem
-Lichte über den Wald hervor drang.
-
-Andres kleidete sich an, und Marie bemerkte, daß der Stein des Ringes an
-ihrem Finger verblaßt war. Als sie die Thür öffneten, schien ihnen die
-Sonne klar entgegen, aber die Landschaft umher kannten sie kaum wieder.
-Die Frische des Waldes war verschwunden, die Hügel hatten sich gesenkt,
-die Bäche flossen matt mit wenigem Wasser, der Himmel schien grau, und
-als man den Blick nach den Tannen hinüber wandte, standen sie nicht
-finstrer oder trauriger da, als die übrigen Bäume; die Hütten hinter
-ihnen hatten nichts Abschreckendes, und mehrere Einwohner des Dorfes
-kamen und erzählten von der seltsamen Nacht, und daß sie über den Hof
-gegangen seien, wo die Zigeuner gewohnt, die wohl fort gegangen sein
-müßten, weil die Hütten leer ständen, und im Innern ganz gewöhnlich wie
-die Wohnungen andrer armen Leute aussähen; einiges vom Hausrath wäre
-zurück geblieben. Elfriede sagte zu ihrer Mutter heimlich: als ich in
-der Nacht nicht schlafen konnte, und in der Angst bei dem Getümmel vom
-Herzen betete, da öffnete sich plötzlich meine Thür, und herein trat
-meine Gespielin, um Abschied von mir zu nehmen. Sie hatte eine
-Reisetasche um, einen Hut auf ihrem Kopf, und einen großen Wanderstab in
-der Hand. Sie war sehr böse auf dich, weil sie deinetwegen nun die
-größten und schmerzhaftesten Strafen aushalten müsse, da sie dich doch
-immer so geliebt habe; denn alle, so wie sie sagte, verließen nur sehr
-ungern diese Gegend.
-
-Marie verbot ihr, davon zu sprechen, und indem kam auch der Fährmann vom
-Strome herüber, welcher Wunderdinge erzählte. Mit einbrechender Nacht
-war ein großer fremder Mann zu ihm gekommen, welcher ihm bis zu
-Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet habe, doch mit der Bedingniß, daß
-er sich still zu Hause halten und schlafen, wenigstens nicht aus der
-Thür treten solle. Ich fürchtete mich, fuhr der Alte fort, aber der
-seltsame Handel ließ mich nicht schlafen. Sacht schlich ich mich ans
-Fenster und schaute nach dem Strome. Große Wolken trieben unruhig durch
-den Himmel und die fernen Wälder rauschten bange; es war, als wenn meine
-Hütte bebte und Klagen und Winseln um das Haus schlich. Da sah ich
-plötzlich ein weißströmendes Licht, das breiter und immer breiter wurde,
-wie viele tausend niedergefallene Sterne funkelnd und wogend bewegte es
-sich von dem finstern Tannengrunde her, zog über das Feld, und
-verbreitete sich nach dem Flusse hin. Da hörte ich ein Trappeln, ein
-Klirren, ein Flüstern und Säuseln näher und näher; es ging nach meiner
-Fähre hin, hinein stiegen alle, große und kleine leuchtende Gestalten,
-Männer und Frauen, wie es schien, und Kinder, und der große fremde Mann
-fuhr sie alle hinüber; im Strome schwammen neben dem Fahrzeuge viel
-tausend helle Gebilde, in der Luft flatterten Lichter und weiße Nebel,
-und alles klagte und jammerte, daß sie so weit, weit reisen müßten, aus
-der geliebten angewöhnten Gegend fort. Der Ruderschlag und das Wasser
-rauschten dazwischen, und dann war wieder plötzlich eine Stille. Oft
-stieß die Fähre an, und kam zurück und ward von neuem beladen, auch
-viele schwere Gefäße nahmen sie mit, die gräßliche kleine Gesellen
-trugen und rollten; waren es Teufel, waren es Kobolde, ich weiß es
-nicht. Dann kam im wogenden Glanz ein stattlicher Zug. Ein Greis schien
-es, auf einem weißen kleinen Rosse, um den sich alles drängte; ich sah
-aber nur den Kopf des Pferdes, denn es war über und über mit kostbaren
-glänzenden Decken verhangen; auf dem Haupt trug der Alte eine Krone, so
-daß ich dachte, als er hinüber gefahren, die Sonne wolle von dorten
-aufgehn, und das Morgenroth funkle mir entgegen. So währte es die ganze
-Nacht; ich schlief endlich in dem Gewirre ein, zum Theil in Freude, zum
-Theil in Schauder. Am Morgen war alles ruhig, aber der Fluß ist wie weg
-gelaufen, so daß ich Noth haben werde mein Fahrzeug zu regieren.
-
-Noch in demselben Jahre war ein Mißwachs, die Wälder starben ab, die
-Quellen vertrockneten, und dieselbe Gegend, die sonst die Freude jedes
-Durchreisenden gewesen war, stand im Herbst verödet, nackt und kahl, und
-zeigte kaum hie und da noch im Meere von Sand ein Plätzchen, wo Gras mit
-fahlem Grün empor wuchs. Die Obstbäume gingen alle aus, die Weinberge
-verdarben, und der Anblick der Landschaft war so traurig, daß der Graf
-im folgenden Jahre mit seiner Familie das Schloß verließ, welches
-nachher verfiel und zur Ruine wurde.
-
-Elfriede betrachtete Tag und Nacht mit der größten Sehnsucht ihre Rose
-und gedachte ihrer Gespielin, und so wie die Blume sich neigte und
-welkte, so senkte sie auch das Köpfchen, und war schon vor dem Frühlinge
-verschmachtet. Marie stand oft auf dem Platze vor der Hütte und beweinte
-das entschwundene Glück. Sie verzehrte sich, wie ihr Kind, und folgte
-ihm in einigen Jahren. Der alte Martin zog mit seinem Schwiegersohne
-nach der Gegend, in der er vormals gelebt hatte.
-
- * * * * *
-
-Die Damen waren mit dieser Erzählung zufrieden. _Wilibald_ war noch
-übrig, um sein Mährchen vorzutragen, und er fing sogleich ohne
-Einleitung an.
-
-
-
-
- Der Pokal.
- 1811.
-
-
-Vom großen Dom erscholl das vormittägige Geläute. Ueber den weiten Platz
-wandelten in verschiedenen Richtungen Männer und Weiber, Wagen fuhren
-vorüber und Priester gingen nach ihren Kirchen. Ferdinand stand auf der
-breiten Treppe, den Wandelnden nachsehend und diejenigen betrachtend,
-welche herauf stiegen, um dem Hochamte beizuwohnen. Der Sonnenschein
-glänzte auf den weißen Steinen, alles suchte den Schatten gegen die
-Hitze; nur er stand schon seit lange sinnend an einen Pfeiler gelehnt,
-in den brennenden Strahlen, ohne sie zu fühlen, denn er verlor sich in
-den Erinnerungen, die in seinem Gedächtnisse aufstiegen. Er dachte
-seinem Leben nach, und begeisterte sich an dem Gefühl, welches sein
-Leben durchdrungen und alle andern Wünsche in ihm ausgelöscht hatte. In
-derselben Stunde stand er hier im vorigen Jahre, um Frauen und Mädchen
-zur Messe kommen zu sehn; mit gleichgültigem Herzen und lächelndem Auge
-hatte er die mannichfaltigen Gestalten betrachtet, mancher holde Blick
-war ihm schalkhaft begegnet und manche jungfräuliche Wange war erröthet;
-sein spähendes Auge sah den niedlichen Füßchen nach, wie sie die Stufen
-herauf schritten, und wie sich das schwebende Gewand mehr oder weniger
-verschob, um die feinen Knöchel zu enthüllen. Da kam über den Markt eine
-jugendliche Gestalt, in Schwarz, schlank und edel, die Augen sittsam vor
-sich hingeheftet, unbefangen schwebte sie die Erhöhung hinauf mit
-lieblicher Anmuth, das seidene Gewand legte sich um den schönsten Körper
-und wiegte sich wie in Musik um die bewegten Glieder; jezt wollte sie
-den letzten Schritt thun, und von ohngefähr erhob sie das Auge und traf
-mit dem blauesten Strahle in seinen Blick. Er ward wie von einem Blitz
-durchdrungen. Sie strauchelte, und so schnell er auch hinzu sprang,
-konnte er doch nicht verhindern, daß sie nicht kurze Zeit in der
-reizendsten Stellung knieend vor seinen Füßen lag. Er hob sie auf, sie
-sah ihn nicht an, sondern war ganz Röthe, antwortete auch nicht auf
-seine Frage, ob sie sich beschädiget habe. Er folgte ihr in die Kirche
-und sah nur das Bildniß, wie sie vor ihm gekniet, und der schönste Busen
-ihm entgegen gewogt. Am folgenden Tage besuchte er die Schwelle des
-Tempels wieder; die Stätte war ihm geweiht. Er hatte abreisen wollen,
-seine Freunde erwarteten ihn ungeduldig in seiner Heimath; aber von nun
-an war hier sein Vaterland, sein Herz war umgewendet. Er sah sie öfter,
-sie vermied ihn nicht, doch waren es nur einzelne und gestohlene
-Augenblicke; denn ihre reiche Familie bewachte sie genau, noch mehr ein
-angesehener eifersüchtiger Bräutigam. Sie gestanden sich ihre Liebe,
-wußten aber keinen Rath in ihrer Lage; denn er war fremd und konnte
-seiner Geliebten kein so großes Glück anbieten, als sie zu erwarten
-berechtiget war. Da fühlte er seine Armuth; doch wenn er an seine vorige
-Lebensweise dachte, dünkte er sich überschwänglich reich, denn sein
-Dasein war geheiligt, sein Herz schwebte immerdar in der schönsten
-Rührung; jezt war ihm die Natur befreundet und ihre Schönheit seinen
-Sinnen offenbar, er fühlte sich der Andacht und Religion nicht mehr
-fremd, und betrat dieselbe Schwelle, das geheimnißvolle Dunkel des
-Tempels jezt mit ganz andern Gefühlen, als in jenen Tagen des
-Leichtsinns. Er zog sich von seinen Bekanntschaften zurück und lebte nur
-der Liebe. Wenn er durch ihre Straße ging und sie nur am Fenster sah,
-war er für diesen Tag glücklich; er hatte sie in der Dämmerung des
-Abends oftmals gesprochen, ihr Garten stieß an den eines Freundes, der
-aber sein Geheimniß nicht wußte. So war ein Jahr vorüber gegangen.
-
-Alle diese Scenen seines neuen Lebens zogen wieder durch sein
-Gedächtniß. Er erhob seinen Blick, da schwebte die edle Gestalt schon
-über den Platz, sie leuchtete ihm wie eine Sonne aus der verworrenen
-Menge hervor. Ein lieblicher Gesang ertönte in seinem sehnsüchtigen
-Herzen, und er trat, wie sie sich annäherte, in die Kirche zurück. Er
-hielt ihr das geweihte Wasser entgegen, ihre weißen Finger zitterten,
-als sie die seinigen berührte, sie neigte sich holdselig. Er folgte ihr
-nach, und kniete in ihrer Nähe. Sein ganzes Herz zerschmolz in Wehmuth
-und Liebe, es dünkte ihm, als wenn aus den Wunden der Sehnsucht sein
-Wesen in andächtigen Gebeten dahin blutete; jedes Wort des Priesters
-durchschauerte ihn, jeder Ton der Musik goß Andacht in seinen Busen;
-seine Lippen bebten, als die Schöne das Crucifix ihres Rosenkranzes an
-den brünstigen rothen Mund drückte. Wie hatte er ehemals diesen Glauben
-und diese Liebe so gar nicht begreifen können. Da erhob der Priester die
-Hostie und die Glocke schallte, sie neigte sich demüthiger und bekreuzte
-ihre Brust; und wie ein Blitz schlug es durch alle seine Kräfte und
-Gefühle, und das Altarbild dünkte ihm lebendig und die farbige Dämmerung
-der Fenster wie ein Licht des Paradieses; Thränen strömten reichlich aus
-seinen Augen und linderten die verzehrende Inbrunst seines Herzens.
-
-Der Gottesdienst war geendigt. Er bot ihr wieder den Weihbrunnen, sie
-sprachen einige Worte und sie entfernte sich. Er blieb zurück, um keine
-Aufmerksamkeit zu erregen; er sah ihr nach, bis der Saum ihres Kleides
-um die Ecke verschwand. Da war ihm wie dem müden verirrten Wanderer, dem
-im dichten Walde der letzte Schein der untergehenden Sonne erlischt. Er
-erwachte aus seiner Träumerei, als ihm eine alte dürre Hand auf die
-Schulter schlug, und ihn jemand bei Namen nannte.
-
-Er fuhr zurück, und erkannte seinen Freund, den mürrischen Albert, der
-von allen Menschen sich zurück zog, und dessen einsames Haus nur dem
-jungen Ferdinand geöffnet war. Seid ihr unsrer Abrede noch eingedenk?
-fragte die heisere Stimme. O ja, antwortete Ferdinand, und werdet ihr
-euer Versprechen heut noch halten? Noch in dieser Stunde, antwortete
-jener, wenn ihr mir folgen wollt.
-
-Sie gingen durch die Stadt und in einer abgelegenen Straße in ein großes
-Gebäude. Heute, sagte der Alte, müßt ihr euch schon mit mir in das
-Hinterhaus bemühn, in mein einsamstes Zimmer, damit wir nicht etwa
-gestört werden. Sie gingen durch viele Gemächer, dann über einige
-Treppen; Gänge empfingen sie, und Ferdinand, der das Haus zu kennen
-glaubte, mußte sich über die Menge der Zimmer, so wie über die seltsame
-Einrichtung des weitläufigen Gebäudes verwundern, noch mehr aber
-darüber, daß der Alte, welcher unverheirathet war, der auch keine
-Familie hatte, es allein mit einem einzigen Bedienten bewohne, und
-niemals an Fremde von dem überflüssigen Raume hatte vermiethen wollen.
-Albert schloß endlich auf und sagte: nun sind wir zur Stelle. Ein großes
-hohes Zimmer empfing sie, das mit rothem Damast ausgeschlagen war, den
-goldene Leisten einfaßten, die Sessel waren von dem nehmlichen Zeuge,
-und durch rothe schwerseidne Vorhänge, welche nieder gelassen waren,
-schimmerte ein purpurnes Licht. Verweilt einen Augenblick, sagte der
-Alte, indem er in ein anderes Gemach ging. Ferdinand betrachtete indeß
-einige Bücher, in welchen er fremde unverständliche Charaktere, Kreise
-und Linien, nebst vielen wunderlichen Zeichnungen fand, und nach dem
-wenigen, was er lesen konnte, schienen es alchemistische Schriften; er
-wußte auch, daß der Alte im Rufe eines Goldmachers stand. Eine Laute lag
-auf dem Tische, welche seltsam mit Perlmutter und farbigen Hölzern
-ausgelegt war und in glänzenden Gestalten Vögel und Blumen darstellte,
-der Stern in der Mitte war ein großes Stück Perlmutter, auf das
-kunstreichste in vielen durchbrochenen Zirkelfiguren, fast wie die
-Fensterrose einer gothischen Kirche, ausgearbeitet. Ihr betrachtet da
-mein Instrument, sagte Albert, welcher zurück kehrte, es ist schon
-zweihundert Jahr alt, und ich habe es als Andenken meiner Reise aus
-Spanien mitgebracht. Doch laßt das alles, und setzt euch jezt.
-
-Sie setzten sich an den Tisch, der ebenfalls mit einem rothen Teppiche
-bedeckt war, und der Alte stellte etwas Verhülltes auf die Tafel. Aus
-Mitleid gegen eure Jugend, fing er an, habe ich euch neulich
-versprochen, euch zu wahrsagen, ob ihr glücklich werden könnt oder
-nicht, und dieses Versprechen will ich in gegenwärtiger Stunde lösen, ob
-ihr gleich die Sache neulich nur für einen Scherz halten wolltet. Ihr
-dürft euch nicht entsetzen, denn, was ich vorhabe, kann ohne Gefahr
-geschehn, und weder furchtbare Citationen sollen von mir vorgenommen
-werden, noch soll euch eine gräßliche Erscheinung erschrecken. Die
-Sache, die ich versuchen will, kann in zweien Fällen mißlingen: wenn ihr
-nämlich nicht so wahrhaft liebt, als ihr mich habt wollen glauben
-machen, denn alsdann ist meine Bemühung umsonst und es zeigt sich gar
-nichts; oder daß ihr das Orakel stört und durch eine unnütze Frage oder
-ein hastiges Auffahren vernichtet, indem ihr euren Sitz verlaßt und das
-Bild zertrümmert; ihr müßt mir also versprechen, euch ganz ruhig zu
-verhalten.
-
-Ferdinand gab das Wort, und der Alte wickelte aus den Tüchern das, was
-er mitgebracht hatte. Es war ein goldener Pokal von sehr künstlicher und
-schöner Arbeit. Um den breiten Fuß lief ein Blumenkranz mit Myrthen und
-verschiedenem Laube und Früchten gemischt, erhaben ausgeführt mit mattem
-oder klarem Golde. Ein ähnliches Band, aber reicher, mit kleinen Figuren
-und fliehenden wilden Thierchen, die sich vor den Kindern fürchteten
-oder mit ihnen spielten, zog sich um die Mitte des Bechers. Der Kelch
-war schön gewunden, er bog sich oben zurück, den Lippen entgegen, und
-inwendig funkelte das Gold mit rother Gluth. Der Alte stellte den Becher
-zwischen sich und den Jüngling, und winkte ihn näher. Fühlt ihr nicht
-etwas, sprach er, wenn euer Auge sich in diesem Glanz verliert? Ja,
-sagte Ferdinand, dieser Schein spiegelt in mein Innres hinein, ich
-möchte sagen, ich fühle ihn wie einen Kuß in meinem sehnsüchtigen Busen.
-So ist es recht! sagte der Alte; nun laßt eure Augen nicht mehr herum
-schweifen, sondern haltet sie fest auf den Glanz dieses Goldes, und
-denkt so lebhaft wie möglich an eure Geliebte.
-
-Beide saßen eine Weile ruhig, und schauten vertieft den leuchtenden
-Becher an. Bald aber fuhr der Alte mit stummer Geberde, erst langsam,
-dann schneller, endlich in eilender Bewegung mit streichendem Finger um
-die Glut des Pokals in ebenmäßigen Kreisen hin. Dann hielt er wieder
-inne und legte die Kreise von der andern Seite. Als er eine Weile dies
-Beginnen fortgesetzt hatte, glaubte Ferdinand Musik zu hören, aber es
-klang wie draußen, in einer fernen Gasse; doch bald kamen die Töne
-näher, sie schlugen lauter und lauter an, sie zitterten bestimmter durch
-die Luft, und es blieb ihm endlich kein Zweifel, daß sie aus dem Innern
-des Bechers hervor quollen. Immer stärker ward die Musik, und von so
-durchdringender Kraft, daß des Jünglings Herz erzitterte und ihm die
-Thränen in die Augen stiegen. Eifrig fuhr die Hand des Alten in
-verschiedenen Richtungen über die Mündung des Bechers, und es schien,
-als wenn Funken aus seinen Fingern fuhren und zuckend gegen das Gold
-leuchtend und klingend zersprangen. Bald mehrten sich die glänzenden
-Punkte und folgten, wie auf einen Faden gereiht, der Bewegung seines
-Fingers hin und wieder; sie glänzten von verschiedenen Farben, und
-drängten sich allgemach dichter und dichter an einander, bis sie in
-Linien zusammen schossen. Nun schien es, als wenn der Alte in der rothen
-Dämmerung ein wundersames Netz über das leuchtende Gold legte, denn er
-zog nach Willkühr die Strahlen hin und wieder, und verwebte mit ihnen
-die Oeffnung des Pokales; sie gehorchten ihm und blieben, einer
-Bedeckung ähnlich, liegen, indem sie hin und wieder webten und in sich
-selber schwankten. Als sie so gefesselt waren, beschrieb er wieder die
-Kreise um den Rand, die Musik sank wieder zurück und wurde leiser und
-leiser, bis sie nicht mehr zu vernehmen war, das leuchtende Netz
-zitterte wie beängstiget. Es brach im zunehmenden Schwanken, und die
-Strahlen regneten tropfend in den Kelch, doch aus den niedertropfenden
-erhob sich wie eine röthliche Wolke, die sich in sich selbst in
-vielfachen Kreisen bewegte, und wie Schaum über der Mündung schwebte.
-Ein hellerer Punkt schwang sich mit der größten Schnelligkeit durch die
-wolkigen Kreise. Da stand das Gebild, und wie ein Auge schaute es
-plötzlich aus dem Duft, wie goldene Locken floß und ringelte es oben,
-und alsbald ging ein sanftes Erröthen in dem wankenden Schatten auf und
-ab, und Ferdinand erkannte das lächelnde Angesicht seiner Geliebten, die
-blauen Augen, die zarten Wangen, den lieblich rothen Mund. Das Haupt
-schwankte hin und her, hob sich deutlicher und sichtbarer auf dem
-schlanken weißen Halse hervor und neigte sich zu dem entzückten
-Jünglinge hin. Der Alte beschrieb immer noch die Kreise um den Becher,
-und heraus traten die glänzenden Schultern, und so wie sich die
-liebliche Bildung aus dem goldenen Bett mehr hervor drängte und
-holdselig hin und wieder wiegte, so erschienen nun die beiden zarten,
-gewölbten und getrennten Brüste, auf deren Spitze die feinste
-Rosenknospe mit süß verhüllter Röthe schimmerte. Ferdinand glaubte den
-Athem zu fühlen, indem das geliebte Bild wogend zu ihm neigte, und ihn
-fast mit den brennenden Lippen berührte; er konnte sich im Taumel nicht
-mehr bewältigen, sondern drängte sich mit einem Kusse an den Mund, und
-wähnte, die schönen Arme zu fassen, um die nackte Gestalt ganz aus dem
-goldenen Gefängniß zu heben. Alsbald durchfuhr ein starkes Zittern das
-liebliche Bild, wie in tausend Linien brach das Haupt und der Leib
-zusammen, und eine Rose lag am Fuß des Pokales, aus deren Röthe noch das
-süße Lächeln schien. Sehnsüchtig ergriff sie Ferdinand, drückte sie an
-seinen Mund, und an seinem brennenden Verlangen verwelkte sie, und war
-in Luft zerflossen.
-
-Du hast schlecht dein Wort gehalten, sagte der Alte verdrüßlich, du
-kannst dir nur selber die Schuld beimessen. Er verhüllte seinen Pokal
-wieder, zog die Vorhänge auf und eröffnete ein Fenster; das helle
-Tageslicht brach herein, und Ferdinand verließ wehmüthig und mit vielen
-Entschuldigungen den murrenden Alten.
-
-Er eilte bewegt durch die Straßen der Stadt. Vor dem Thore setzte er
-sich unter den Bäumen nieder. Sie hatte ihm am Morgen gesagt, daß sie
-mit einigen Verwandten Abends über Land fahren müsse. Bald saß, bald
-wanderte er liebetrunken im Walde; immer sah er das holdselige Bild, wie
-es mehr und mehr aus dem glühenden Golde quoll; jezt erwartete er, sie
-heraus schreiten zu sehn im Glanze ihrer Schönheit, und dann zerbrach
-die schönste Form vor seinen Augen, und er zürnte mit sich, daß er durch
-seine rastlose Liebe und die Verwirrung seiner Sinne das Bildniß und
-vielleicht sein Glück zerstört habe.
-
-Als nach der Mittagsstunde der Spaziergang sich allgemach mit Menschen
-füllte, zog er sich tiefer in das Gebüsch zurück; spähend behielt er
-aber die ferne Landstraße im Auge, und jeder Wagen, der durch das Thor
-kam, wurde aufmerksam von ihm geprüft.
-
-Es näherte sich dem Abende. Rothe Schimmer warf die untergehende Sonne,
-da flog aus dem Thor der reiche vergoldete Wagen, der feurig im
-Abendglanze leuchtete. Er eilte hinzu. Ihr Auge hatte das seinige schon
-gesucht. Freundlich und lächelnd lehnte sie den glänzenden Busen aus dem
-Schlage, er fing ihren liebevollen Gruß und Wink auf; jezt stand er
-neben dem Wagen, ihr voller Blick fiel auf ihn, und indem sie sich
-weiter fahrend wieder zurück zog, flog die Rose, welche ihren Busen
-zierte, heraus, und lag zu seinen Füßen. Er hob sie auf und küßte sie,
-und ihm war, als weissage sie ihm, daß er seine Geliebte nicht wieder
-sehn würde, daß nun sein Glück auf immer zerbrochen sei.
-
- * * * * *
-
-Auf und ab lief man die Treppen, das ganze Haus war in Bewegung, alles
-machte Geschrei und Lärmen zum morgenden großen Feste. Die Mutter war am
-thätigsten so wie am freudigsten; die Braut ließ alles geschehn, und zog
-sich, ihrem Schicksal nachsinnend, in ihr Zimmer zurück. Man erwartete
-noch den Sohn, den Hauptmann mit seiner Frau und zwei ältere Töchter mit
-ihren Männern; Leopold, ein jüngerer Sohn, war muthwillig beschäftigt,
-die Unordnung zu vermehren, den Lärmen zu vergrößern, und alles zu
-verwirren, indem er alles zu betreiben schien. Agathe, seine noch
-unverheirathete Schwester, wollte ihn zur Vernunft bringen und dahin
-bewegen, daß er sich um nichts kümmere, und nur die andern in Ruhe
-lasse; aber die Mutter sagte: störe ihn nicht in seiner Thorheit, denn
-heute kommt es auf etwas mehr oder weniger nicht an; nur darum bitte ich
-euch alle, da ich schon auf so viel zu denken habe, daß ihr mich nicht
-mit irgend etwas behelligt, was ich nicht höchst nöthig erfahren muß; ob
-sie Porzellan zerbrechen, ob einige silberne Löffel fehlen, ob das
-Gesinde der Fremden Scheiben entzwei schlägt, mit solchen Possen ärgert
-mich nicht, daß ihr sie mir wieder erzählt. Sind diese Tage der Unruhe
-vorüber, dann wollen wir Rechnung halten.
-
-Recht so, Mutter! sagte Leopold, das sind Gesinnungen eines Regenten
-würdig! Wenn auch einige Mägde den Hals brechen, der Koch sich betrinkt
-und den Schornstein anzündet, der Kellermeister vor Freude den Malvasier
-auslaufen oder aussaufen läßt, Sie sollen von dergleichen Kindereien
-nichts erfahren. Es müßte denn sein, daß ein Erdbeben das Haus umwürfe;
-Liebste, das ließe sich unmöglich verhehlen.
-
-Wann wird er doch einmal klüger werden! sagte die Mutter; was werden nur
-deine Geschwister denken, wenn sie dich eben so unklug wieder finden,
-als sie dich vor zwei Jahren verlassen haben.
-
-Sie müssen meinem Charakter Gerechtigkeit widerfahren lassen, antwortete
-der lebhafte Jüngling, daß ich nicht so wandelbar bin wie sie oder ihre
-Männer, die sich in wenigen Jahren so sehr, und zwar nicht zu ihrem
-Vortheile verändert haben.
-
-Jezt trat der Bräutigam zu ihnen, und fragte nach der Braut. Die
-Kammerjungfer ward geschickt, sie zu rufen. Hat Leopold Ihnen, liebe
-Mutter, meine Bitte vorgetragen? fragte der Verlobte.
-
-Daß ich nicht wüßte, sagte diese; in der Unordnung hier im Hause kann
-man keinen vernünftigen Gedanken fassen.
-
-Die Braut trat herzu, und die jungen Leute begrüßten sich mit Freuden.
-Die Bitte, deren ich erwähnte, fuhr dann der Bräutigam fort, ist, daß
-Sie es nicht übel deuten mögen, wenn ich Ihnen noch einen Gast in Ihr
-Haus führe, das für diese Tage nur schon zu sehr besetzt ist.
-
-Sie wissen es selbst, sagte die Mutter, daß, so geräumig es auch ist,
-sich schwerlich noch Zimmer einrichten lassen.
-
-Doch, rief Leopold, ich habe schon zum Theil dafür gesorgt, ich habe die
-große Stube im Hinterhause aufräumen lassen.
-
-Ei, die ist nicht anständig genug, sagte die Mutter, seit Jahren ist sie
-ja fast nur zur Polterkammer gebraucht.
-
-Prächtig ist sie hergestellt, sagte Leopold, und der Freund, für den sie
-bestimmt ist, sieht auch auf dergleichen nicht, dem ist es nur um unsre
-Liebe zu thun; auch hat er keine Frau und befindet sich gern in der
-Einsamkeit, so daß sie ihm gerade recht sein wird. Wir haben Mühe genug
-gehabt, ihm zuzureden und ihn wieder unter Menschen zu bringen.
-
-Doch wohl nicht euer trauriger Goldmacher und Geisterbanner? fragte
-Agathe.
-
-Kein andrer als der, erwiederte der Bräutigam, wenn Sie ihn einmal so
-nennen wollen.
-
-Dann erlauben Sie es nur nicht, liebe Mutter, fuhr die Schwester fort;
-was soll ein solcher Mann in unserm Hause? Ich habe ihn einigemal mit
-Leopold über die Straße gehen sehn, und mir ist vor seinem Gesicht bange
-geworden; auch besucht der alte Sünder fast niemals die Kirche, er liebt
-weder Gott noch Menschen, und es bringt keinen Segen, dergleichen
-Ungläubige bei so feierlicher Gelegenheit unter das Dach einzuführen.
-Wer weiß, was daraus entstehn kann!
-
-Wie du nun sprichst! sagte Leopold erzürnt, weil du ihn nicht kennst, so
-verurtheilst du ihn, und weil dir seine Nase nicht gefällt, und er auch
-nicht mehr jung und reizend ist, so muß er, deinem Sinne nach, ein
-Geisterbanner und verruchter Mensch sein.
-
-Gewähren Sie, theure Mutter, sagte der Bräutigam, unserm alten Freunde
-ein Plätzchen in ihrem Hause, und lassen Sie ihn an unserer allgemeinen
-Freude Theil nehmen. Er scheint, liebe Schwester Agathe, viel Unglück
-erlebt zu haben, welches ihn mißtrauisch und menschenfeindlich gemacht
-hat, er vermeidet alle Gesellschaft, und macht nur eine Ausnahme mit mir
-und Leopold; ich habe ihm viel zu danken, er hat zuerst meinem Geiste
-eine bessere Richtung gegeben, ja ich kann sagen, er allein hat mich
-vielleicht der Liebe meiner Julie würdig gemacht.
-
-Mir borgt er alle Bücher, fuhr Leopold fort, und, was mehr sagen will,
-alte Manuskripte, und, was noch mehr sagen will, Geld, auf mein bloßes
-Wort; er hat die christlichste Gesinnung, Schwesterchen, und wer weiß,
-wenn du ihn näher kennen lernst, ob du nicht deine Sprödigkeit fahren
-lässest, und dich in ihn verliebst, so häßlich er dir auch jezt
-vorkommt.
-
-Nun so bringen Sie ihn uns, sagte die Mutter, ich habe schon sonst so
-viel aus Leopolds Munde von ihm hören müssen, daß ich neugierig bin,
-seine Bekanntschaft zu machen. Nur müssen Sie es verantworten, daß wir
-ihm keine bessere Wohnung geben können.
-
-Indem kamen Reisende an. Es waren die Mitglieder der Familie; die
-verheiratheten Töchter, so wie der Offizier, brachten ihre Kinder mit.
-Die gute Alte freute sich, ihre Enkel zu sehn; alles war Bewillkommnung
-und frohes Gespräch, und als der Bräutigam und Leopold auch ihre Grüße
-empfangen und abgelegt hatten, entfernten sie sich, um ihren alten
-mürrischen Freund aufzusuchen.
-
-Dieser wohnte die meiste Zeit des Jahres auf dem Lande, eine Meile von
-der Stadt, aber eine kleine Wohnung behielt er sich auch in einem Garten
-vor dem Thore. Hier hatten ihn zufälligerweise die beiden jungen Leute
-kennen gelernt. Sie trafen ihn jezt auf einem Kaffeehause, wohin sie
-sich bestellt hatten. Da es schon Abend geworden war, begaben sie sich
-nach einigen Gesprächen in das Haus zurück.
-
-Die Mutter nahm den Fremden sehr freundschaftlich auf; die Töchter
-hielten sich etwas entfernt, besonders war Agathe schüchtern und vermied
-seine Blicke sorgfältig. Nach den ersten allgemeinen Gesprächen war das
-Auge des Alten aber unverwandt auf die Braut gerichtet, welche später
-zur Gesellschaft getreten war; er schien entzückt und man bemerkte, daß
-er eine Thräne heimlich abzutrocknen suchte. Der Bräutigam freute sich
-an seiner Freude, und als sie nach einiger Zeit abseits am Fenster
-standen, nahm er die Hand des Alten und fragte ihn: Was sagen Sie von
-meiner geliebten Julie? Ist sie nicht ein Engel? -- O mein Freund,
-erwiederte der Alte gerührt, eine solche Schönheit und Anmuth habe ich
-noch niemals gesehn; oder ich sollte vielmehr sagen, (denn dieser
-Ausdruck ist unrichtig) sie ist so schön, so bezaubernd, so himmlisch,
-daß mir ist, als hätte ich sie längst gekannt, als wäre sie, so fremd
-sie mir ist, das vertrauteste Bild meiner Imagination, das meinem Herzen
-stets einheimisch gewesen.
-
-Ich verstehe Sie, sagte der Jüngling; ja das wahrhaft Schöne, Große und
-Erhabene, so wie es uns in Erstaunen und Verwunderung setzt, überrascht
-uns doch nicht als etwas Fremdes, Unerhörtes und Niegesehenes, sondern
-unser eigenstes Wesen wird uns in solchen Augenblicken klar, unsre
-tiefsten Erinnerungen werden erweckt, und unsre nächsten Empfindungen
-lebendig gemacht.
-
-Beim Abendessen nahm der Fremde an den Gesprächen nur wenigen Antheil;
-sein Blick war unverwandt auf die Braut geheftet, so daß diese endlich
-verlegen und ängstlich wurde. Der Offizier erzählte von einem Feldzuge,
-dem er beigewohnt hatte, der reiche Kaufmann sprach von seinen
-Geschäften und der schlechten Zeit, und der Gutsbesitzer von den
-Verbesserungen, welche er in seiner Landwirthschaft angefangen hatte.
-
-Nach Tische empfahl sich der Bräutigam, um zum letztenmal in seine
-einsame Wohnung zurück zu kehren; denn künftig sollte er mit seiner
-jungen Frau im Hause der Mutter wohnen, ihre Zimmer waren schon
-eingerichtet. Die Gesellschaft zerstreute sich, und Leopold führte den
-Fremden nach seinem Gemach. Ihr entschuldigt es wohl, fing er auf dem
-Gange an, daß ihr etwas entfernt hausen müßt, und nicht so bequem, als
-die Mutter wünscht; aber ihr seht selbst, wie zahlreich unsre Familie
-ist, und morgen kommen noch andre Verwandte. Wenigstens werdet ihr uns
-nicht entlaufen können, denn ihr findet euch gewiß nicht aus dem
-weitläufigen Gebäude heraus.
-
-Sie gingen noch durch einige Gänge; endlich entfernte sich Leopold und
-wünschte gute Nacht. Der Bediente stellte zwei Wachskerzen hin, fragte,
-ob er den Fremden entkleiden solle, und da dieser jede Bedienung verbat,
-zog sich jener zurück, und er befand sich allein. Wie muß es mir denn
-begegnen, sagte er, indem er auf und nieder ging, daß jenes Bildniß so
-lebhaft heut aus meinem Herzen quillt? Ich vergaß die ganze
-Vergangenheit und glaubte sie selbst zu sehn. Ich war wieder jung und
-ihr Ton erklang wie damals; mir dünkte, ich sei aus einem schweren Traum
-erwacht; aber nein, jezt bin ich erwacht, und die holde Täuschung war
-nur ein süßer Traum.
-
-Er war zu unruhig, um zu schlafen, er betrachtete einige Zeichnungen an
-den Wänden und dann das Zimmer. Heute ist mir alles so bekannt, rief er
-aus, könnt' ich mich doch fast so täuschen, daß ich mir einbildete,
-dieses Haus und dieses Gemach seien mir nicht fremd. Er suchte seine
-Erinnerungen anzuknüpfen, und hob einige große Bücher auf, welche in der
-Ecke standen. Als er sie durchblättert hatte, schüttelte er mit dem
-Kopfe. Ein Lautenfutteral lehnte an der Mauer; er eröffnete es und nahm
-ein altes seltsames Instrument heraus, das beschädigt war und dem die
-Saiten fehlten. Nein, ich irre mich nicht, rief er bestürzt: diese Laute
-ist zu kenntlich, es ist die Spanische meines längst verstorbenen
-Freundes Albert; dort stehn seine magischen Bücher, dies ist das Zimmer,
-in welchem er mir jenes holdselige Orakel erwecken wollte; verblichen
-ist die Röthe des Teppichs, die goldene Einfassung ermattet, aber
-wundersam lebhaft ist alles, alles aus jenen Stunden in meinem Gemüth;
-darum schauerte mir, als ich hieher ging, auf jenen langen verwickelten
-Gängen, welche mich Leopold führte; o Himmel, hier auf diesem Tische
-stieg das Bildniß quellend hervor, und wuchs auf wie von der Röthe des
-Goldes getränkt und erfrischt; dasselbe Bild lachte hier mich an,
-welches mich heut Abend dorten im Saale fast wahnsinnig gemacht hat, in
-jenem Saale, in welchem ich so oft mit Albert in vertrauten Gesprächen
-auf und nieder wandelte.
-
-Er entkleidete sich, schlief aber nur wenig. Am Morgen stand er früh
-wieder auf, und betrachtete das Zimmer von neuem; er eröffnete das
-Fenster, und sah dieselben Gärten und Gebäude vor sich, wie damals, nur
-waren indeß viele neue Häuser hinzu gebaut worden. Vierzig Jahre sind
-seitdem verschwunden, seufzte er, und jeder Tag von damals enthielt
-längeres Leben als der ganze übrige Zeitraum.
-
-Er ward wieder zur Gesellschaft gerufen. Der Morgen verging unter
-mannichfaltigen Gesprächen, endlich trat die Braut in ihrem Schmucke
-herein. So wie der Alte ihrer ansichtig ward, gerieth er wie außer sich,
-so daß keinem in der Gesellschaft seine Bewegung entging. Man begab sich
-zur Kirche und die Trauung ward vollzogen. Als sich alle wieder im Hause
-befanden, fragte Leopold seine Mutter: nun, wie gefällt Ihnen unser
-Freund, der gute mürrische Alte?
-
-Ich habe ihn mir, antwortete diese, nach euren Beschreibungen viel
-abschreckender gedacht, er ist ja mild und theilnehmend, man könnte ein
-rechtes Zutrauen zu ihm gewinnen.
-
-Zutrauen? rief Agathe aus, zu diesen fürchterlich brennenden Augen,
-diesen tausendfachen Runzeln, dem blassen eingekniffenen Mund, und
-diesem seltsamen Lachen, das so höhnisch klingt und aussieht? Nein, Gott
-bewahr mich vor solchem Freunde! Wenn böse Geister sich in Menschen
-verkleiden wollen, müssen sie eine solche Gestalt annehmen.
-
-Wahrscheinlich doch eine jüngere und reizendere, antwortete die Mutter;
-aber ich kenne auch diesen guten Alten in deiner Beschreibung nicht
-wieder. Man sieht, daß er von heftigem Temperament ist, und sich gewöhnt
-hat alle seine Empfindungen in sich zu verschließen; er mag, wie Leopold
-sagt, viel Unglück erlebt haben, daher ist er mißtrauisch geworden, und
-hat jene einfache Offenheit verloren, die hauptsächlich nur den
-Glücklichen eigen ist.
-
-Ihr Gespräch wurde unterbrochen, weil die übrige Gesellschaft hinzu
-trat. Man ging zur Tafel, und der Fremde saß neben Agathe und dem
-reichen Kaufmanne. Als man anfing die Gesundheiten zu trinken, rief
-Leopold: haltet noch inne, meine werthen Freunde, dazu müssen wir unsern
-Festpokal hier haben, der dann rundum gehn soll! Er wollte aufstehen,
-aber die Mutter winkte ihm, sitzen zu bleiben; du findest ihn doch
-nicht, sagte sie, denn ich habe alles Silberzeug anders gepackt. Sie
-ging schnell hinaus, um ihn selber zu suchen. Was unsre Alte heut
-geschäftig und munter ist, sagte der Kaufmann, so dick und breit sie
-ist, so behende kann sie sich doch noch bewegen, obgleich sie schon
-sechzig zählt; ihr Gesicht sieht immer heiter und freudig aus, und heut
-ist sie besonders glücklich, weil sie sich in der Schönheit ihrer
-Tochter wieder verjüngt. Der Fremde gab ihm Beifall, und die Mutter kam
-mit dem Pokal zurück. Man schenkte ihn voll Weins, und oben vom Tisch
-fing er an herum zu gehn, indem jeder die Gesundheit dessen ausbrachte,
-was ihm das liebste und erwünschteste war. Die Braut trank das Wohlsein
-ihres Gatten, dieser die Liebe seiner schönen Julie, und so that jeder
-nach der Reihe. Die Mutter zögerte, als der Becher zu ihr kam. Nur
-dreist! sagte der Offizier etwas rauh und voreilig, wir wissen ja doch,
-daß sie alle Männer für ungetreu und keinen einzigen der Liebe einer
-Frau würdig halten; was ist Ihnen also das Liebste? Die Mutter sah ihn
-an, indem sich über die Milde ihres Antlitzes plötzlich ein zürnender
-Ernst verbreitete. Da mein Sohn, sagte sie, mich so genau kennt, und so
-strenge meine Gemüthsart tadelt, so sei es mir auch erlaubt, nicht
-auszusprechen, was ich jetzt eben dachte, und suche er nur dasjenige,
-was er als meine Ueberzeugung kennen will, durch seine ungefälschte
-Liebe unwahr zu machen. Sie gab den Becher, ohne zu trinken, weiter, und
-die Gesellschaft war auf einige Zeit verstimmt.
-
-Man erzählt sich, sagte der Kaufmann leise, indem er sich zum Fremden
-neigte, daß sie ihren Mann nicht geliebt habe, sondern einen andern, der
-ihr aber ungetreu geworden ist; damals soll sie das schönste Mädchen in
-der Stadt gewesen sein.
-
-Als der Becher zu Ferdinand kam, betrachtete ihn dieser mit Erstaunen,
-denn es war derselbe, aus welchem ihm Albert ehemals das schöne Bildniß
-hervor gerufen hatte. Er schaute in das Gold hinein und in die Welle des
-Weines, seine Hand zitterte; es würde ihn nicht verwundert haben, wenn
-aus dem leuchtenden Zaubergefäße jezt wieder jene Gestalt hervor geblüht
-wäre und mit ihr seine entschwundene Jugend. Nein, sagte er nach einiger
-Zeit halblaut, es ist Wein, was hier glüht! Was soll es anders sein?
-sagte der Kaufmann lachend, trinken Sie getrost! Ein Zucken des Schrecks
-durchfuhr den Alten, er sprach den Namen Franziska heftig aus, und
-setzte den Pokal an die brünstigen Lippen. Die Mutter warf einen
-fragenden und verwundernden Blick hinüber. Woher dieser schöne Becher?
-sagte Ferdinand, der sich seiner Zerstreuung schämte. Vor vielen Jahren
-schon, antwortete Leopold, noch ehe ich geboren war, hat ihn mein Vater
-zugleich mit diesem Hause und allen Mobilien von einem alten einsamen
-Hagestolz gekauft, einem stillen Menschen, den die Nachbarschaft umher
-für einen Zauberer hielt. Ferdinand mochte nicht sagen, daß er jenen
-gekannt hatte, denn sein Dasein war ihm zu sehr zum seltsamen Traum
-verwirrt, um auch nur aus der Ferne die übrigen in sein Gemüth schauen
-zu lassen.
-
-Nach aufgehobener Tafel war er mit der Mutter allein, weil die jungen
-Leute sich zurück gezogen hatten, um Anstalten zum Balle zu treffen.
-Setzen Sie sich neben mich, sagte die Mutter, wir wollen ausruhen, denn
-wir sind über die Jahre des Tanzes hinweg, und wenn es nicht
-unbescheiden ist zu fragen, so sagen Sie mir doch, ob Sie unsern Pokal
-schon sonst wo gesehn haben, oder was es war, was Sie so innerlichst
-bewegte.
-
-O gnädige Frau, sagte der Alte, verzeihen Sie meiner thörichten
-Heftigkeit und Rührung; aber seit ich in Ihrem Hause bin, ist es, als
-gehöre ich mir nicht mehr an, denn in jedem Augenblicke vergesse ich es,
-daß mein Haar grau ist, daß meine Geliebten gestorben sind. Ihre schöne
-Tochter, die heute den frohesten Tag ihres Lebens feiert, ist einem
-Mädchen, das ich in meiner Jugend kannte und anbetete, so ähnlich, daß
-ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, nein, der Ausdruck sagt
-zu wenig, sie ist es selbst! Auch hier im Hause bin ich viel gewesen,
-und einmal mit diesem Pokal auf die seltsamste Weise bekannt geworden.
-Er erzählte ihr hierauf sein Abentheuer. An dem Abend dieses Tages, so
-beschloß er, sah ich draußen im Park meine Geliebte zum letzten mal,
-indem sie über Land fuhr. Eine Rose entfiel ihr, diese habe ich
-aufbewahrt; sie selbst ging mir verloren, denn sie ward mir ungetreu und
-bald darauf vermält.
-
-Gott im Himmel! rief die Alte und sprang heftig bewegt auf, du bist doch
-nicht Ferdinand?
-
-So ist mein Name, sagte jener.
-
-Ich bin Franziska, antwortete die Mutter.
-
-Sie wollten sich umarmen, und fuhren schnell zurück. Beide betrachteten
-sich mit prüfenden Blicken, beide suchten aus dem Ruin der Zeit jene
-Lineamente wieder zu entwickeln, die sie ehemals an einander gekannt und
-geliebt hatten, und wie in dunkeln Gewitternächten unter dem Fluge
-schwarzer Wolken einzeln in flüchtigen Momenten die Sterne räthselhaft
-schimmern, um schnell wieder zu erlöschen, so schien ihnen aus den
-Augen, von Stirn und Mund jezuweilen der wohlbekannte Zug
-vorüberblitzend, und es war, als wenn ihre Jugend in der Ferne lächelnd
-weinte. Er bog sich nieder und küßte ihre Hand, indem zwei große Thränen
-herabstürzten, dann umarmten sie sich herzlich.
-
-Ist deine Frau gestorben? fragte die Mutter.
-
-Ich war nie verheirathet, schluchzte Ferdinand.
-
-Himmel! sagte die Alte, die Hände ringend, so bin ich die Ungetreue
-gewesen! Doch nein, nicht ungetreu. Als ich vom Lande zurück kam, wo ich
-zwei Monden gewesen war, hörte ich von allen Menschen, auch von deinen
-Freunden, nicht blos den meinigen, du seist längst abgereist und in
-deinem Vaterlande verheirathet, man zeigte mir die glaubwürdigsten
-Briefe, man drang heftig in mich, man benutzte meine Trostlosigkeit,
-meinen Zorn, und so geschah es, daß ich meine Hand dem verdienstvollen
-Manne gab; mein Herz, meine Gedanken blieben dir immer gewidmet.
-
-Ich habe mich nicht von hier entfernt, sagte Ferdinand, aber nach
-einiger Zeit vernahm ich deine Vermälung. Man wollte uns trennen, und es
-ist ihnen gelungen. Du bist glückliche Mutter, ich lebe in der
-Vergangenheit, und alle deine Kinder will ich wie die meinigen lieben.
-Aber wie wunderbar, daß wir uns seitdem nie wieder gesehen haben.
-
-Ich ging wenig aus, sagte die Mutter, und mein Mann, der bald darauf
-einer Erbschaft wegen einen andern Namen annahm, hat dir auch jeden
-Verdacht dadurch entfernt, daß wir in derselben Stadt wohnen könnten.
-
-Ich vermied die Menschen, sagte Ferdinand, und lebte nur der Einsamkeit;
-Leopold ist beinah der einzige, der mich wieder anzog und unter Menschen
-führte. O geliebte Freundin, es ist wie eine schauerliche
-Geistergeschichte, wie wir uns verloren und wieder gefunden haben.
-
-Die jungen Leute fanden die Alten in Thränen aufgelöst und in tiefster
-Bewegung. Keines sagte, was vorgefallen war, das Geheimniß schien ihnen
-zu heilig. Aber seitdem war der Greis der Freund des Hauses, und der Tod
-nur schied die beiden Wesen, die sich so sonderbar wieder gefunden
-hatten, um sie kurze Zeit nachher wieder zu vereinigen.
-
- * * * * *
-
-Es war über dem Vorlesen dieser Mährchen viele Zeit verflossen, und man
-setzte sich sehr spät zu Tische. Der Abend war wieder so warm, daß man
-die Flügel des Saales eröffnen konnte, um die anmuthige Luft zu
-genießen. Man sprach noch vielerlei über die vorgetragenen Erzählungen,
-und es schien, daß die übrigen Frauen der Meinung Claras beitraten,
-welche die Geschichte vom blonden Eckbert allen übrigen vorzog. Emilie
-wollte im getreuen Eckart eine Disharmonie bemerken, Rosalie nahm die
-Magelone in Schutz und Wilibalds Erzählung, Auguste lobte die Elfen; nur
-in Ansehung des Runenberges und Liebeszaubers blieben alle bei ihrer
-vorgefaßten Meinung; und verwarfen sie gänzlich. Mein theurer Freund,
-sagte Manfred, zu Lothar gewandt, trösten wir uns darüber, daß die
-gegenwärtige Zeit uns nicht versteht, ich appellire an eine bessere
-Nachwelt, die mich dankbar anerkennen wird.
-
-Wo ist die? fragte Lothar lachend.
-
-Dorten schläft sie schon, sagte Manfred, nach der Kinderstube hinauf
-deutend; meine beiden Jungen meine ich; so wie sie nur ein weniges bei
-Kräften sind, lese ich ihnen meine Werke vor, und belohne ihren Beifall
-mit Zuckerwerk, und ich will sehn, ob sie mich nicht auf lange für den
-ersten aller Dichter halten sollen.
-
-Wir sind aber unserm Freunde Lothar eine Vergütigung schuldig, sagte
-Clara, und da er heute als Autor so wenig Glück gemacht hat, so versuche
-er es einmal mit der Königswürde, er übernehme die nächste Abtheilung
-und bestimme sie nach seiner Willkühr.
-
-Lothar verneigte sich, und nahm aus dem Blumenkorbe eine Lilie, um sie
-als Scepter zu gebrauchen. So befehle ich denn, sprach er, daß wir diese
-Mährchenwelt noch nicht verlassen, nur wollen wir den Dichtern die Mühe
-der Erfindung schenken; mögen sie allgemein bekannte Geschichten nehmen,
-wo möglich ganz kindische und alberne, und damit den Versuch machen,
-diesen durch ihre Darstellung ein neues Interesse zu geben; jedes dieser
-Mährchen soll aber ein Drama sein.
-
-Wilibald hustete und Auguste sagte: nur bitten wir Mädchen, daß es auch
-hie und da etwas lustig darin zugehn möge, und nicht allzu poetisch.
-
-Mir erlaube man auch eine Bitte, fügte Emilie hinzu, und zwar diejenige,
-daß wir mit der Zeit etwas ökonomischer umgehn und berechnen mögen, was
-sich vortragen und von den Zuhörern erdulden läßt, denn heute haben wir
-uns offenbar übersättigt, und der Genuß ist fast zur Pein geworden; Sie
-müssen bedenken, daß wir Frauen nicht so an das Verschlingen der Bücher
-gewöhnt sind, wie die Männer.
-
-Auch dieses ist gewährt, sagte Lothar, ich werde mit meinen Räthen eine
-billige und zweckmäßige Einrichtung treffen, besonders bei diesen
-Dramen, von denen einige länger ausfallen dürften, als die meisten der
-heutigen Erzählungen.
-
-Gute Nacht, sagte Manfred, ich bin so müde, und durch Beifall so wenig
-aufgemuntert, daß ich am besten thun werde, mich in die Dunkelheit
-meines Bettes zurück zu ziehn.
-
-Als er sich entfernt hatte, sprach man noch über die seltsame
-Erscheinung, daß im Schrecklichen eine gewisse Lieblichkeit wohnen
-könne, die dem Reiz des Grauenhaften eine Art von Rührung und Wehmuth
-beigeselle. Die letzte der heutigen Erzählungen, sagte Emilie, hat zwar
-nichts Furchtbares, kommt man aber darin überein, wie doch die meisten
-Menschen zu glauben scheinen, daß die Liebe die Blüte des Lebens sei, so
-ist sie vielleicht die traurigste und rührendste von allen, weil die
-erzählte Begebenheit fast durchaus möglich ist und sich an das
-Alltägliche knüpft.
-
-Anton bemerkte, daß die stille Lieblichkeit an sich leicht ermüde und
-einschläfre, wie die meisten neueren Idyllen, und daß man ihnen wohl
-einen Zusatz wünschen müsse, entweder von Schreck, oder Bosheit, oder
-irgend einem andern Ingredienz, um durch diese Würze den Geschmack des
-Lieblichen selber hervor zu heben, wie durch den Firniß die Farben der
-Gemälde.
-
-Darum, sagte Lothar, hat man in Frankreich mit Recht etwas Wolf in
-manche Schäfereien hinein gewünscht. Die reine Unschuld, als solche,
-verträgt keine Darstellung, denn sie liegt außer der Natur, oder falls
-sie natürlich ist, ist sie höchst unpoetisch; ich meine nämlich jene
-hohe, sentimentale, die uns die Dichter so oft haben malen wollen. Ich
-sah einmal eine französische Operette, zwar nur von einem, aber desto
-längeren Akte, in welcher ein junger Mensch von Anfang bis zu Ende
-nichts weiter in der Welt wollte, als seinen Papa lieben, den er
-bekränzte, als er schlief, und ihm Früchte vorsetzte, als er erwachte,
-worauf beide sich umarmten und gerührt waren. Ich will nicht sagen, daß
-dergleichen nicht löblich sein könnte; aber was in aller Welt ging es
-denn die Zuschauer an, die unten standen, und höchst überflüßige Zeugen
-dieser Zärtlichkeit waren?
-
-Die Idyllen der Neueren, sagte Ernst, sind früh sentimental geworden,
-oder allegorisch, in der letzten Zeit bei Franzosen und Deutschen meist
-fade und süßlich. Zwei Gedichte eines Deutschen aber sind mir bekannt,
-die ich vielen der schönsten Poesien an die Seite setzen möchte, den
-Satyr Mopsus nämlich und Bacchidon und Milon vom Maler Müller; die
-frische sinnliche Natur, der lyrische Schwung der Gesänge, die schön
-gewählten und kräftig ausgeführten Bilder haben mich jedesmal bis zur
-Entzückung hingerissen. Trefflich, wenn gleich nicht von dieser
-Vollendung, ist seine Schaafschur, reicher als dieses Gemälde aus
-unserer Zeit, sein Nußkernen. In dem Gedicht »Adams erstes Erwachen«
-befindet er sich freilich auch zuweilen in jener Leere, die sich nicht
-poetisch bevölkern läßt, aber einzelne Stellen sind von großer
-Schönheit, und in der Darstellung der Thiere scheint er mir einzig; ich
-weiß wenigstens keinen Dichter, der sie uns mit dieser geistigen
-Lebendigkeit vor die Augen führte. Wie Schade, daß dieses wahre Genie,
-welches sich so glänzend ankündigte, nicht nachher das Studium der
-Poesie fortgesetzt hat! Sein Geist scheint mir mit dem des Julio Romano
-innig verwandt; dieselbe Fülle und Lieblichkeit, das Scharfe und Bizarre
-der Gedanken, und dieselbe Sucht zur Uebertreibung.
-
-Nach einigen Wendungen des Gespräches kam man auf die Seltsamkeit der
-Träume, und wie wunderbar sich das Ahndungsvermögen des Menschen oftmals
-in ihnen offenbare, und nachdem einige Beispiele erzählt waren, sagte
-Anton: mir ist eine Geschichte dieser Art bekannt, die mir glaubwürdige
-Freunde als eine unbezweifelt wahre mitgetheilt haben, und die ich Ihnen
-noch vortragen will, da sie uns nicht lange aufhalten wird. Ein
-Landedelmann ruhte neben seiner Frau in einem Zimmer des Schlosses.
-Mitternacht war schon vorüber, als er plötzlich aus dem Schlafe auffuhr,
-und seine Gattin weckte. Was ist dir, mein Lieber? fragte diese
-verwundert. Mich hat ein seltsamer Traum auf eine eigne Art bewegt,
-antwortete der Mann. Mir war, als ginge ich auf den Saal hinaus, und wie
-ich mich umsah, stand dein Kammermädchen vor mir, aber so geputzt und
-aufgeschmückt, wie ich sie niemals gesehn habe, auch trug sie einen
-grünen Kranz in den Haaren; sie warf sich vor mir nieder, umfaßte meine
-Knie, und beschwor mich, ich solle ihr beistehn, denn ihr Leben schwebe
-in der größten Gefahr. Ich habe sie so deutlich vor mir gesehn, und bin
-von ihren Thränen und Bitten so gerührt, daß ich nicht weiß, was ich
-davon denken soll. Wer wird, sagte die Frau, über einen zufälligen Traum
-grübeln! Schlafe wohl und störe mich nicht wieder. Beide schliefen ein.
-Nach einer halben Stunde erwachte der Mann in noch größerer
-Beängstigung; er rief seiner Gattin und sagte ihr, daß der nämliche
-Traum mit denselben Umständen ihm wieder vorgekommen sei, und das
-Mädchen habe noch dringender gefleht, noch schmerzlicher geweint. Die
-Frau schalt dieses Wichtignehmen eines leeren Traumes, Grille, fand die
-Wiederholung der nämlichen Scene sehr natürlich und begreiflich; nach
-einem kurzen Gespräche war auch der Mann derselben Meinung, und beide
-hatten sich wieder dem Schlafe überlassen. Sie erstaunte, als sie nach
-einiger Zeit von dem Geräusch erwachte, welches der Mann erregte, den
-sie angekleidet, und mit einem Lichte, welches er angezündet hatte, vor
-dem Bette stehen sah. Was ist dir nur heut? fragte sie halb unwillig.
-Sei es wie es sei, antwortete ihr Gatte, ich will diesesmal einem Traume
-glauben, wenn auch sonst nie wieder, denn das Mädchen ist mir jezt zum
-dritten male eben so erschienen, hat ihre Bitte wiederholt und mit
-ängstlichem Schreien hinzu gefügt: nun ist es die höchste Zeit, in
-einigen Minuten ist es zu spät! Ich will jezt hinauf gehn, und sehn was
-sie macht. Ohne eine Antwort zu erwarten, verließ er das Schlafzimmer.
-Wie erstaunte er, indem er sich die Treppe hinauf begeben wollte, daß
-die breiten Stiegen herunter das Mädchen ihm gerade so entgegen schritt,
-wie er sie im Traume gesehen hatte, im seidenen Kleide, welches ihr nur
-vor wenigen Tagen die gnädige Frau geschenkt hatte: mit Myrthen und
-Blumen in den Haaren, eine kleine Laterne in der Hand; das Licht,
-welches er trug, warf einen vollen Schein über die erschrockene Gestalt,
-die auf die Anrede, wohin sie gehe, und was sie vorhabe, anfangs in
-ihrer Verwirrung nichts zu antworten wußte. Endlich sammelte sie sich
-etwas und fiel ihrem Gebieter zu Fuß, dessen Knie sie mit Thränen
-umfaßte. O Vergebung, mein gnädiger Herr! rief sie aus, vergeben Sie,
-und machen Sie, daß die gnädige Frau mir verzeiht: in dieser Stunde
-wollte ich draußen im Garten hinter der Lindenallee den Gärtner treffen,
-der mir schon seit lange die Ehe versprochen hat, und mit dem ich
-verlobt bin; heute Nacht wollten wir uns heimlich in der Kapelle hier
-neben an trauen lassen, denn ich Unglückliche bin seit fünf Monden von
-ihm guter Hoffnung. Gehe ruhig in dein Zimmer zurück, sagte der Herr;
-ich will den Gärtner selber aufsuchen, ich habe gegen eure Verbindung
-nichts, nur diese Heimlichkeit ist mir anstößig. Er hat es durchaus so
-gewollt, antwortete sie, weil er der Ueberzeugung war, daß Sie uns beide
-nicht in Ihren Diensten behalten würden, wenn Sie die Sache erführen.
-Gieb dich für heut zufrieden, sagte der Herr; morgen wollen wir
-vernünftig darüber sprechen. O Gott, schluchzte sie, so habe ich doch
-heute mein Brautkleid umsonst angelegt! Mit diesen Worten ging sie die
-Treppe wieder hinauf. Der Baron ließ im Saale die Kerze stehn, und begab
-sich in den Garten. Die Nacht war finster und ohne Sterne, ein feuchter
-Herbstwind schlug ihm entgegen, die Bäume sausten winterlich. Er schritt
-durch die bekannten Gänge, und hinter den Linden, an der einsamsten und
-entferntesten Stelle des Gartens, sah er aus dem Boden ein Lichtlein
-schimmern. Als er näher ging, sah er, daß sein Gärtner in einer
-ausgehöhlten Grube stand, und beim Schein einer kleinen Blendlaterne
-eifrig die Höhle wie zu einem Grabe erweiterte. Ein Beil lag neben ihm.
-Ein Schauder ergriff den Herrn. Was macht ihr da? rief er ihn plötzlich
-an. Der Gärtner erschrak und ließ den Spaten fallen, indem er die
-Gestalt seines Gebieters gerade über sich erblickte. Ich will hier
-Früchte für den Winter einlegen, stotterte er verwirrt. Kommt mit mir in
-mein Zimmer, sagte der Baron, ich habe mit euch zu sprechen. Sogleich,
-gnädiger Herr, erwiederte der Gärtner. Er hob die Laterne auf, und stieg
-aus der Grube; aber statt sich nach dem Schlosse zu wenden, blies er
-plötzlich das Licht aus, sprang über die Gartenhecke, und lief in den
-nahen Wald hinein. Seitdem hatte ihn Niemand in der dortigen Gegend
-wieder gesehn. --
-
-O weh! rief Clara, die schrecklichen Geschichten fangen von neuem an,
-und nun ist es gar Nacht und finster! Sie faßte ein Licht, und dasselbe
-thaten die übrigen Frauen, um sich auf ihre Zimmer zu begeben, als ein
-ungeheurer Schlag plötzlich gegen die Thüre erklang. Alle sahen sich
-schweigend an, und herein trat mit zentnerschwerem Schritt die Gestalt
-des steinernen Gastes. Er begab sich bis in die Mitte des Saales, indem
-noch keiner ein Wort auszusprechen wagte.
-
-Ich bin es ja, ihr Narren, rief plötzlich Manfreds bekannte Stimme,
-indem er mit seinem natürlichen Gange näher kam. O er ist unerträglich,
-sagte Rosalie; glaubst du denn, daß ich nicht eben so stark schaudre,
-wenn ich gleich erkenne, daß das Gespenst nur eine weiße Maske ist,
-gerade deshalb, weil du, der Bekannte, der Befreundete, mir so
-grauenvoll erscheinst? Diese Vermischung dessen, was uns lieb und
-entsetzlich ist, ist gerade das Widerwärtigste. So will er auch immer
-nicht begreifen, daß ich mich vor ihm fürchte, wenn er, wandelt ihn
-einmal die Laune an, den Betrunkenen so natürlich spielt, und daß ich
-eben so gern einen wirklich Berauschten oder Wahnsinnigen vor mir sehen
-möchte. Geh, du Ungezogener, und wische dir den Puder aus dem Gesichte.
-
-Nicht eher, sagte Manfred, bis du, und Auguste, und Clara, mir jede
-einen Kuß gegeben haben. Er ging auf sie zu, die drei Frauen aber flohen
-mit den Lichtern, die sie in den Händen hielten, durch den offenen Saal
-in den Garten, und die weiße behelmte Figur rannte ihnen nach. Man hörte
-sie kreischen, und sah die drei Lichter und schlanken Gestalten durch
-den Buchengang schweben, dann um die Laube biegen, und dem Springbrunnen
-vorüber sich in den großen Baumgang verlieren. Plötzlich vernahm man ein
-lautes Aufrauschen im größten Brunnen, wie wenn eine große Wucht hinein
-stürzte, und das Wasser klatschend darüber zusammen schlüge. Die
-Geängstigten stürzten mit ihren Lichtern herzu, und Manfred, welcher
-hinein gesprungen war, gab der zunächst stehenden Clara einen flüchtigen
-Kuß, dann seiner Gattin, und auch Auguste durfte sich nicht weigern,
-weil er schwur, widrigenfalls die ganze Nacht im Bassin zu verharren.
-Nun habe ich meinen Willen gehabt, sagte Manfred ruhig, und nun wird es
-wohl an der Zeit sein, mich umzukleiden oder vielmehr zu entkleiden, und
-mich im Bette zu erwärmen.
-
-Man schalt und lachte, und Emilie war besonders unzufrieden. Die Frauen
-und Manfred gingen hinauf. Die übrigen Freunde blieben noch im Garten,
-wo sie nach einiger Zeit von dem obern Zimmer Gesang ertönen hörten, der
-lieblich durch den Garten scholl. Es war ein Singestück von Palestrina,
-welches die drei Frauen ohne Begleitung eines Instruments ausführten.
-
-Friedrich sagte: alle Empfindungen, schöne wie unangenehme, verschütten
-sie jezt in diese Wogen des Wohllauts. So wird der Tag am schönsten
-beschlossen, und die Nacht am würdigsten gefeiert.
-
-Ich halte es für ein Glück meines Lebens, sagte Ernst, daß ich zeitig
-genug nach Rom kam, um noch oftmals den Gesang der päpstlichen Kapelle
-hören zu können. Die Musik, die man Weihnachten in Maria Maggiore und in
-der Charwoche im Vatikan hörte, vielmals auch im päpstlichen Pallast auf
-Monte Cavallo, war eben so einzig, als es das jüngste Gericht von
-Michael Angelo oder die Stanzen Rafaels sind; man konnte diesen Genuß
-auch nur in dem einzigen Rom haben, und wie diese Hauptstadt der Welt
-der Mittelpunkt der Malerei und Skulptur war, so war sie auch die wahre
-hohe Schule der Musik. Diese Herrlichkeit ist nun auch zertrümmert, und
-man kann davon nur wie von einer alten wunderbaren Sage erzählen. Schon
-früher war es für mich eine Epoche meines Lebens gewesen, diesen alten
-wahren Gesang kennen zu lernen: ich hatte immer nach Musik, nach der
-höchsten, gedürstet, und geglaubt, keinen Sinn für diese Kunst zu
-besitzen, als mit der Kenntniß des Palestrina, Leo, Allegri, und jener
-Alten, die man jezt von den Liebhabern selten oder nie nennen hört; mein
-Gehör und mein Geist erwachte. Seitdem weiß ich wohl, was ich vorher
-suchte, und warum ehemals mich nichts befriedigen wollte. Seitdem glaube
-ich eingesehen zu haben, daß nur dieses die wahre Musik sei, und daß der
-Strom, den man in den weltlichen Luxus unserer Oper hinein geleitet hat,
-um ihn mit Zorn, Rache und allen Leidenschaften zu versetzen, trübe und
-unlauter geworden ist; denn unter den Künsten ist die Musik die
-religiöseste, sie ist ganz Andacht, Sehnsucht, Demuth, Liebe; sie kann
-nicht pathetisch sein, und auf ihre Stärke und Kraft pochen, oder sich
-in Verzweiflung austoben wollen, hier verliert sie ihren Geist, und wird
-nur eine schwache Nachahmerin der Rede und Poesie.
-
-Du scheinst mir jezt zu einseitig, sagte Lothar; erinnere ich mich doch
-der Zeit recht gut, wo du den Mozart hoch verehrtest.
-
-Ich müßte ohne Gefühl sein, antwortete Ernst, wenn ich den wundersamen,
-reichen und tiefen Geist dieses Künstlers nicht ehren und lieben sollte,
-wenn ich mich nicht von seinen Werken hingerissen fühlte. Nur muß man
-mich kein Requiem von ihm wollen hören lassen, oder mich zu überzeugen
-suchen, daß er, so wie die meisten Neueren, wirklich eine geistliche
-Musik habe setzen können. Aber er ist einzig in seiner Kunst. Als die
-Musik ihre himmlische Unschuld verloren, und sich schon längst zu den
-kleinlichen Leidenschaften der Menschen erniedrigt hatte, fand er sie in
-ihrer Entartung, und lehrte ihr aus bewegtem Herzen das Wundersamste,
-Fremdeste, ihr Unnatürlichste austönen; zugleich jene tiefe Leidenschaft
-der Seele, jenes Ringen aller Kräfte in unaussprechlicher Sehnsucht,
-nicht fremd sogar blieb ihr das gespenstische Grauen und Entsetzen. Ich
-sehe hierin die Geschichte des Orpheus und der Euridice. Sie ist
-gestorben; bei den Schatten, in der dunkeln Unterwelt weilt die
-Geliebte; er fühlt Kraft und Muth genug das Licht der Sonne zu
-verlassen, sich der schwarzen Fluth und Dämmerung anzuvertrauen; sein
-Zauberspiel rührt den ernsten, sonst unerbittlichen Gott, die Larven und
-Verdammten genießen in seinen Tönen einer schnell vorüber fliehenden
-Seeligkeit; Euridice folgt seinem Saitenspiel, aber nicht rückwärts soll
-er blicken, ihr nicht ins Angesicht schauen, sie nur im Glauben
-besitzen; sie lockt, sie ruft, sie weint, da wendet sich sein Auge, und
-blasser und blasser zittert die geliebte Gestalt in den gähnenden Orkus
-zurück. Der Sänger tritt mit der Kraft seiner Töne wieder in die
-Oberwelt, sein Lied singt und klagt die Verlorne, alle Melodieen suchen
-sie, aber er hat aus dem tiefen Abgrund, den kein Sänger vor ihm
-besucht, das schwermüthige Rollen der unterirdischen Wässer, das Aechzen
-der Gemarterten, das Stöhnen der Geängstigten und das Hohnlachen der
-Furien, samt allen Gräueln der dunkeln Reiche mit herauf gebracht, und
-alles klingt in vielfach verschlungener Kunst in der Lieblichkeit seiner
-Lieder. Himmel und Hölle, die durch unermeßliche Klüfte getrennt waren,
-sind zauberhaft und zum Erschrecken in der Kunst vereinigt, die
-ursprünglich reines Licht, stille Liebe und lobpreisende Andacht war. So
-erscheint mir Mozarts Musik.
-
-Es war den neuesten Zeiten vorbehalten, fuhr Lothar fort, den
-wundervollen Reichthum des menschlichen Sinnes in dieser Kunst,
-vorzüglich in der Instrumental-Musik auszusprechen. In diesen
-vielstimmigen Compositionen und in den Symphonieen vernehmen wir aus dem
-tiefsten Grunde heraus das unersättliche, aus sich verirrende und in
-sich zurück kehrende Sehnen, jenes unaussprechliche Verlangen, das
-nirgend Erfüllung findet und in verzehrender Leidenschaft sich in den
-Strom des Wahnsinns wirft, nun mit allen Tönen kämpft, bald überwältigt,
-bald siegend aus den Wogen ruft, und Rettung suchend tiefer und tiefer
-versinkt. Und wie es dem Menschen allenthalben geschieht, wenn er alle
-Schranken überfliegen und das Letzte und Höchste erringen will, daß die
-Leidenschaft in sich selbst zerbricht und zersplittert, das Gegentheil
-ihrer ursprünglichen Größe, so geschieht es auch wohl in dieser Kunst
-großen Talenten. Wenn wir Mozart wahnsinnig nennen dürfen, so ist der
-genialische Beethoven oft nicht vom Rasenden zu unterscheiden, der
-selten einen musikalischen Gedanken verfolgt und sich in ihm beruhigt,
-sondern durch die gewaltthätigsten Uebergänge springt und der Phantasie
-gleichsam selbst im rastlosen Kampfe zu entfliehen sucht.
-
-Alle diese neuen tiefsinnigen Bestrebungen, sagte Anton, sind meinem
-Gemüthe nicht fremd, sie tönen wie das Rauschen des Lebensstromes
-zwischen Felsenufern, der über Klippen und hemmendem Gestein in
-romantischer Wildniß musikalisch braust; nur das ist mir unbegreiflich
-geblieben, wie die Schöpfung und die Tageszeiten unsers Haydn fast
-allenthalben haben Glück machen können, deren kindische Malerei
-gegen allen höheren Sinn streitet. Seine Symphonieen und
-Instrumental-Compositionen sind meist so vortrefflich, daß man ihm diese
-Verirrung niemals hätte zutrauen sollen.
-
-Friedrich wandte sich zu Ernst und sagte: Lieber, ehe wir jezt scheiden,
-sage uns noch die drei Sonette vor, welche du dichtetest, als dir jene
-alte große Singe-Musik zuerst bekannt wurde. Diese Verse sind mir immer
-vorzüglich lieb gewesen, weil sie mir nicht so wohl gedichtet als
-eingegeben scheinen.
-
-Ich kann wenigstens sagen, erwiederte Ernst, daß ich sie damals
-niederschreiben mußte, und daß ich von den oft besprochenen
-Schwierigkeiten des Sonetts nichts erlitt. Von dreierlei Art kann die
-geistliche Musik hauptsächlich sein. Entweder ist es der Ton selbst, der
-durch seine Reinheit und Heiligkeit die Andacht erweckt, durch jene
-einfache edle Sympathie, welche harmonisch die befreundeten Klänge
-verbindet und mit einander ausstrahlen läßt, wodurch jene hohe Musik
-entsteht, welche sinnige Alte dem Umschwung der Gestirne ebenfalls
-zuschreiben wollten. Dieser Gesang, ausgehalten, ohne rasche Bewegung,
-sich selbst genügend, ruft in unsre Seele das Bild der Ewigkeit, so wie
-der Schöpfung und der entstehenden Zeit: Palestrina ist der würdigste
-Repräsentant dieser Periode. Oder die Musik ist mit dem Menschen und der
-Schöpfung schon von dieser heiligen reinen Bahn gewichen: alles
-verstummt; da ergreift die Sehnsucht aus dem Innersten hervor den Ton,
-und will in jene alte Unschuld zurück stürmen und das Paradies wieder
-erobern. Leo, und vielleicht Marcello, so wie viele andre,
-charakterisiren diese Epoche. An diese schon mehr leidenschaftliche
-Kunst schlossen sich nachher die weltlichen Musiker. Drittens kann die
-geistliche Musik ganz wie ein unschuldiges Kind spielen und tändeln,
-arglos in der Süßigkeit der Töne wühlen und plätschern, und auf gelinde
-Weise Schmerz und Freude vermischt in den lieblichsten Melodieen
-ausgießen. Der oft von den Gelehrteren verkannte Pergolese scheint mir
-hierin das Höchste erreicht zu haben, den seine Nachahmer wohl eben so
-wenig verstanden, als Correggio von denen gefaßt wurde, die sich nach
-ihm bilden wollten. Das ähnliche sagen folgende Sonette, welche die
-Musik selber spricht.
-
- Im Anfang war das Wort. Die ewgen Tiefen
- Entzündeten sich brünstig im Verlangen,
- Die Liebe nahm das Wort in Lust gefangen,
- Aufschlugen hell die Augen, welche schliefen,
-
- Sehnsüchtge Angst, das Freudezittern, riefen
- Die selgen Thränen auf die heilgen Wangen,
- Daß alle Kräfte wollustreich erklangen,
- Begierig, in sich selbst sich zu vertiefen.
-
- Da brachen sich die Leiden an den Freuden,
- Die Wonne suchte sich im stillen Innern,
- Das Wort empfand die Engel, welche schufen;
-
- Sie gingen aus, entzückend war ihr Scheiden.
- Auf, Gottes Bildniß, deß dich zu erinnern
- Vernimm, wie meine heilgen Töne rufen.
-
- * * * * *
-
- Nacht, Furcht, Tod, Stummheit, Quaal war eingebrochen,
- Ihr Banner wehte auf besiegten Reichen,
- Erschrocken flohen vor dem giftgen Zeichen
- Mit stummer Zunge, welche erst gesprochen.
-
- So ist denn ganz das Liebeswort zerbrochen?
- Es sucht im Wasserfall, will sich erreichen,
- Aus Bäumen strebt es, Quellen, grünen Sträuchen,
- In Wogen klagt es: was hab ich verbrochen?
-
- Die Wasser gehn und finden keine Zungen,
- Dem Wald, dem Fels ist wohl der Laut gebunden,
- Die Angst entzündet sich im Thiere schreiend.
-
- In Menschenstimme ist es ihm gelungen,
- Nun hat das ewge Wort sich wieder funden,
- Klagt, betet, weint, jauchzt laut sich selbst befreiend.
-
- * * * * *
-
- Ich bin ein Engel, Menschenkind, das wisse,
- Mein Flügelpaar klingt in dem Morgenlichte,
- Den grünen Wald erfreut mein Angesichte,
- Das Nachtigallen-Chor giebt seine Grüße.
-
- Wem ich der Sterblichen die Lippen küsse,
- Dem tönt die Welt ein göttliches Gedichte,
- Wald, Wasser, Feld und Luft spricht ihm Geschichte,
- Im Herzen rinnen Paradieses-Flüsse.
-
- Die ewge Liebe, welche nie vergangen,
- Erscheint ihm im Triumph auf allen Wogen,
- Er nimmt den Tönen ihre dunkle Hülle,
-
- Da regt sich, schlägt im Jubel auf die Stille,
- Zur spielenden Glorie wird der Himmelsbogen,
- Der Trunkne hört, was alle Engel sangen.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
-Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
-gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
-wurden ^so^ markiert.
-
-Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend
-beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert,
-teilweise unter Verwendung der Erstausgabe, wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 20]:
- ... nothwendigen Gegenwicht eines gehaltvollen, oft fast ...
- ... nothwendigen Gegengewicht eines gehaltvollen, oft fast ...
-
- [S. 67]:
- ... Drama haben, und dunkel dir Ahnung in ihnen ...
- ... Drama haben, und dunkel die Ahnung in ihnen ...
-
- [S. 69]:
- ... Jezt, sagte Theodor, bingt man um die Zeit die ...
- ... Jezt, sagte Theodor, bringt man um die Zeit die ...
-
- [S. 136]:
- ... Das Winter jährlich um sie legt, ...
- ... Daß Winter jährlich um sie legt, ...
-
- [S. 137]:
- ... Ein Schauer flog durch meinem Sinn. ...
- ... Ein Schauer flog durch meinen Sinn. ...
-
- [S. 151]:
- ... den Anbick und die Empfindung dieses Abends nie ...
- ... den Anblick und die Empfindung dieses Abends nie ...
-
- [S. 165]:
- ... hatte ihn so maches Jahr hindurch beglückt, ...
- ... hatte ihn so manches Jahr hindurch beglückt, ...
-
- [S. 169]:
- ... Ein krummgebückte Alte schlich hustend mit einer ...
- ... Eine krummgebückte Alte schlich hustend mit einer ...
-
- [S. 191]:
- ... traf dort den Greis schlafend, der ihn unlängst sein ...
- ... traf dort den Greis schlafend, der ihm unlängst sein ...
-
- [S. 207]:
- ... abbrach und mit dem Ausruck des größten Schmerzes ...
- ... abbrach und mit dem Ausdruck des größten Schmerzes ...
-
- [S. 213]:
- ... wird versagen können. Es las hierauf folgende Erzählung. ...
- ... wird versagen können. Er las hierauf folgende Erzählung. ...
-
- [S. 226]:
- ... Hütte eine friedlicher Rauch in die Höhe stieg, Kinder ...
- ... Hütten ein friedlicher Rauch in die Höhe stieg, Kinder ...
-
- [S. 241]:
- ... Er sah die Fußstapfen im Sande am Eingange eingedrückt, ...
- ... er sah die Fußstapfen im Sande am Eingange eingedrückt, ...
-
- [S. 243]:
- ... sorgfaltig in seinen Sack, welchen er fest zusammen ...
- ... sorgfältig in seinen Sack, welchen er fest zusammen ...
-
- [S. 245]:
- ... seinem Freund Roderich. Das Licht brannte vor ihm, ...
- ... seinen Freund Roderich. Das Licht brannte vor ihm, ...
-
- [S. 260]:
- ... seinen neuen Frennd gewandt, so schwerfällig, mißlaunig, ...
- ... seinen neuen Freund gewandt, so schwerfällig, mißlaunig, ...
-
- [S. 264]:
- ... Du schwestest dahin, ich taumle zurück -- ...
- ... Du schwebest dahin, ich taumle zurück -- ...
-
- [S. 273]:
- ... es geschehen würde? Ihr habt euren Wnnsch, darum ...
- ... es geschehen würde? Ihr habt euren Wunsch, darum ...
-
- [S. 280]:
- ... uns nur Recht in diese Nacht hinein wüthen, und ...
- ... uns nur recht in diese Nacht hinein wüthen, und ...
-
- [S. 280]:
- ... nehmt kein Einrede von denen an, die sich verständig ...
- ... nehmt keine Einrede von denen an, die sich verständig ...
-
- [S. 316]:
- ... wohl zufrieden, sie vertraute ihn nun gänzlich und ...
- ... wohl zufrieden, sie vertraute ihm nun gänzlich und ...
-
- [S. 327]:
- ... Meeres lagen; dort waren die Wege an einsamsten und ...
- ... Meeres lagen; dort waren die Wege am einsamsten und ...
-
- [S. 329]:
- ... Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertönen, dadamit ...
- ... Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertönen, damit ...
-
- [S. 330]:
- ... und die langen schwarzen Wimper einen lieblichen ...
- ... und die langen schwarzen Wimpern einen lieblichen ...
-
- [S. 349]:
- ... Namen auszusprechen; Quellen und Bäumen nennen ...
- ... Namen auszusprechen; Quellen und Bäume nennen ...
-
- [S. 357]:
- ... Dann reiste Peter mir Magelonen zu seinen Eltern, ...
- ... Dann reiste Peter mit Magelonen zu seinen Eltern, ...
-
- [S. 381]:
- ... Mund, daß sie sich verirrt habe, auf einem vorbeifahrenden ...
- ... Mund, daß sie sich verirrt habe, auf einen vorbeifahrenden ...
-
- [S. 389]:
- ... Andres keidete sich an, und Marie bemerkte, daß ...
- ... Andres kleidete sich an, und Marie bemerkte, daß ...
-
- [S. 390]:
- ... ihn bis zu Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet ...
- ... ihm bis zu Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet ...
-
- [S. 400]:
- ... Netz zitterte wie beängstiget. Er brach im zunehmenden ...
- ... Netz zitterte wie beängstiget. Es brach im zunehmenden ...
-
- [S. 407]:
- ... schlechten Zeit, und der Gutssitzer von den Verbesserungen, ...
- ... schlechten Zeit, und der Gutsbesitzer von den Verbesserungen, ...
-
- [S. 408]:
- ... auf nieder ging, daß jenes Bildniß so lebhaft heut ...
- ... auf und nieder ging, daß jenes Bildniß so lebhaft heut ...
-
- [S. 413]:
- ... das ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, ...
- ... daß ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, ...
-
- [S. 415]:
- ... Aber seitdem war der Greis der Freund der Hauses, ...
- ... Aber seitdem war der Greis der Freund des Hauses, ...
-
- [S. 416]:
- ... Lothar verneigte ich, und nahm aus dem Blumenkorbe ...
- ... Lothar verneigte sich, und nahm aus dem Blumenkorbe ...
-
- [S. 428]:
- ... der über Klippen und hemmenden Gestein in ...
- ... der über Klippen und hemmendem Gestein in ...
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-End of Project Gutenberg's Schriften 4: Phantasus 1, by Ludwig Tieck
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN 4: PHANTASUS 1 ***
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-The Project Gutenberg EBook of Schriften 4: Phantasus 1, by Ludwig Tieck
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-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Schriften 4: Phantasus 1
- Phantasus / Der blonde Eckbert / Der getreue Eckart / Der
- Runenberg / Liebeszauber / Die schöne Magelone / Die Elfen
- / Der Pokal
-
-Author: Ludwig Tieck
-
-Release Date: November 18, 2015 [EBook #50480]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN 4: PHANTASUS 1 ***
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-
-
-Produced by Delphine Lettau, Jens Sadowski, and the Online
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-<div class="titlematter">
-<p class="ser">
-<span class="line1">Ludwig Tieck&rsquo;s</span><br />
-<span class="line2">Schriften.</span>
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-<p class="vol">
-Vierter Band.
-</p>
-
-<h1 class="title">
-Phantasus<br />
-Erster Theil.
-</h1>
-
-<p class="pub">
-Berlin,<br />
-bei G. Reimer,<br />
-1828.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="ded">
-<p class="adr">
-<span class="line1">An den</span><br />
-<span class="line2">Dr. und Prof. Schleiermacher</span><br />
-<span class="line3">in Berlin.</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="ded">
-<p class="vs4 first">
-<span class="firstchar">G</span>ern erinnere ich mich der Jugendzeit, als
-wir uns nahe waren und uns oft bei gemeinschaftlichen
-Freunden trafen. Mögen Sie in
-ernsten Forschungen und Geschäften vertieft
-nicht diese luftigen Gaben der Phantasie verschmähen,
-sondern sich noch eben so gern, wie
-ehemals, durch sie erheitern.
-</p>
-
-<p class="sign">
-L. Tieck.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="trnote">
-<p class="tnhdr">
-Inhalt (hinzugefügt):
-</p>
-
-<p class="tntoc">
-<a href="#part-2">Einleitung</a><br />
-<a href="#part-3">Phantasus</a><br />
-<a href="#part-4">Der blonde Eckbert</a><br />
-<a href="#part-5">Der getreue Eckart</a><br />
-<a href="#part-6">Der Runenberg</a><br />
-<a href="#part-7">Liebeszauber</a><br />
-<a href="#part-8">Die schöne Magelone</a><br />
-<a href="#part-9">Die Elfen</a><br />
-<a href="#part-10">Der Pokal</a>
-</p>
-
-<p>
-Weitere Anmerkungen zur Transkription <a href="#trnote">am Ende des Buches</a>.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="tit">
-<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
-<span class="line1">Phantasus.</span><br />
-<span class="line2">Erster Theil.</span>
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-1">
-<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
-<span class="line1">An</span><br />
-<span class="line2">A. W. Schlegel.</span><br />
-<span class="line3">(Anstatt einer Vorrede.)</span>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>s war eine schöne Zeit meines Lebens, als ich
-Dich und Deinen Bruder Friedrich zuerst kennen
-lernte; eine noch schönere, als wir und Novalis
-für Kunst und Wissenschaft vereinigt lebten, und
-uns in mannichfaltigen Bestrebungen begegneten.
-Jezt hat uns das Schicksal schon seit vielen Jahren
-getrennt. Ich verfehlte Dich in Rom, und
-eben so später in Wien und München, und fortdauernde
-Krankheit hielt mich ab, Dich an dem
-Orte Deines Aufenthaltes aufzusuchen; ich konnte
-nur im Geist und in der Erinnerung mit Dir leben.
-</p>
-
-<p>
-Von verschiedenen Seiten aufgefordert, war
-ich schon seit einiger Zeit entschlossen, meine jugendlichen
-Versuche, die sich zerstreut haben, zu sammeln,
-diejenigen hinzuzufügen, welche bis jezt
-noch ungedruckt waren, und andre zu vollenden
-und auszuarbeiten, die ich schon vor Jahren angefangen,
-oder entworfen hatte. Diese Mährchen,
-Schauspiele und Erzählungen, welche alle eine
-<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
-frühere Periode meines Lebens charakterisiren, vereinigt
-durch mannichfaltige Gespräche gleichgesinnter
-Freunde über Kunst und Literatur, machen
-den Inhalt dieses Buches. Manches, was ich
-in diesen Dialogen nur flüchtig berühren konnte,
-werde ich an andern Orten bestimmter darzustellen
-und auszuführen suchen. Diejenigen Dichtungen,
-welche schon bekannt gemacht waren, erscheinen
-hier mit Verbesserungen, und in der
-Summe der sieben verschiedenen Abtheilungen wird
-man eben so viele neue, als in den Volksmährchen,
-oder anderswo schon abgedruckte, antreffen.
-Die größeren Werke, wie der Zerbino oder die
-Genoveva schließen sich von dieser Sammlung aus.
-</p>
-
-<p>
-Es war meine Absicht, meinen Freunden diese
-Spiele der Phantasie, die sie früher schon gütig
-aufgenommen haben, in einer annehmlichern Gestalt
-vorzulegen. Du warst unter diesen einer
-der ersten, die mein Talent erhoben und ermunterten,
-Dein männlich heiterer Sinn findet auch
-im Scherze den Ernst, so wie er Gelehrsamkeit
-und gründliche Forschung durch Anmuth belebt:
-Du wirst gütig diese Blätter aufnehmen, die
-das Bild voriger Zeit und Deines Freundes in
-dir erneuern.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-2">
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-<span class="line1">Einleitung.</span><br />
-<span class="line2">1811.</span>
-</h2>
-
-<p class="pbb vs4 first">
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-<span class="firstchar">D</span>ieses romantische Gebirge, sagte Ernst, erinnert mich
-lebhaft an einen der schönsten Tage meines Lebens. In
-der heitersten Sommerszeit hatte ich die Fahrt über
-den Lago maggiore gemacht und die Borromäischen
-Inseln besucht; von einem kleinen Flecken am See
-ritt ich dann mit dem frühsten Morgen nach Belinzona,
-das mit seinen Zinnen und Thürmen auf Hügeln
-und im engen Thal ganz alterthümlich sich darstellt,
-und uns alte Sagen und Geschichten wunderlich
-vergegenwärtigt, und von dort reisete ich am Nachmittage
-ab, um am folgenden Tage den Weg über den
-Sankt Gotthard anzutreten. Am Fuße dieses Berges
-liegt äußerst anmuthig Giarnito, und einige Stunden
-vorher führt dich der Weg durch das reizendste Thal,
-in welchem Weingebirge und Wald auf das mannigfaltigste
-wechselt, und von allen Bergen große und
-kleine Wasserfälle klingend und wie musizirend niedertanzen;
-immer enger rücken die Felsen zusammen, je
-mehr du dich dem Orte näherst, und endlich ziehn sich
-Weinlauben über dir hinweg von Berg zu Berg, und
-verdecken von Zeit zu Zeit den Anblick des Himmels.
-Es wurde Abend, eh ich die Herberge erreichte, beim
-Sternenglanz, den mir die grünen Lauben oft verhüllten,
-rauschten näher und vertraulicher die Wasserfälle,
-die sich in mannigfachen Krümmungen Wege durch das
-frische Thal suchten; die Lichter des Ortes waren bald
-nahe, bald fern, bald wieder verschwunden, und das
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-Echo, das unsere Reden und den Hufschlag der Pferde
-wiederholte, das Flüstern der Lauben, das Rauschen der
-Bäume, das Brausen und Tönen der Wasser, die wie
-in Freundschaft und Zorn abwechselnd näher und ferner
-schwazten und zankten, vom Bellen wachsamer Hunde
-aus verschiedenen Richtungen unterbrochen, machten diesen
-Abend, indem noch die grünenden Borromäischen
-Inseln in meiner Phantasie schwammen, zu einem der
-wundervollsten meines Lebens, dessen Musik sich oft wachend
-und träumend in mir wiederholt. Und &mdash; wie ich
-sagte &mdash; dieses romantische Gebirge hier erinnert mich
-lebhaft an den Genuß jener schönen Tage.
-</p>
-
-<p>
-Warum, sagte sein Freund Theodor, hast du nie
-etwas von deinen Reisen deinen nahen und fernen
-Freunden öffentlich mittheilen wollen?
-</p>
-
-<p>
-Nenn&rsquo; es, antwortete jener, Trägheit, Zaghaftigkeit,
-oder wie du willst: vielleicht auch rührt es von
-einem einseitigen, zu weit getriebenen Abscheu gegen
-die meisten Reisebeschreibungen ähnlicher Art her, die
-mir bekannt geworden sind. Wenigstens schwebt mir
-ein ganz andres Bild einer solchen Beschreibung vor;
-den ältern, unästhetischen lasse ich ihren Werth: doch
-jene, in denen Natur und Kunst und Völker aller Art,
-nebst Sitten und Trachten und Staatsverfassungen der
-witzig-philosophischen Eitelkeit des Schriftstellers, wie
-Affen zum Tanze, aufgeführt werden, der sich in jedem
-Augenblick nicht genug darüber verwundern kann, daß
-er es ist, der alle die Gaukeleien mit so stolzer Demuth
-beschreibt, und der so weltbürgerlich sich mit allen diesen
-Thorheiten einläßt; o, sie sind mir von je so widerlich
-gewesen, daß die Furcht, in ihre Reihe gestellt, oder
-gar unvermerkt bei ähnlicher Beschäftigung ihnen verwandt
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-zu werden, mich von jedem Versuche einer öffentlichen
-Mittheilung abgeschreckt hat.
-</p>
-
-<p>
-Doch giebt es vielleicht, sagte Theodor, eine so
-schlichte und unschuldige Manier, eine so einfache Ansicht
-der Dinge, daß ich mir wohl nach Art eines Gedichtes
-die Beschreibung eines Landes, oder einer Reise,
-denken kann.
-</p>
-
-<p>
-Gewiß, sagte Ernst, manche der ältern Reisen nähern
-sich auch diesem Bilde, und es verhält sich ohne
-Zweifel damit eben so, wie mit der Kunst zu reisen selbst.
-Wie wenigen Menschen ist das Talent verliehn, Reisende
-zu sein! Sie verlassen niemals ihre Heimath, sie werden
-von allem Fremdartigen gedrückt und verlegen, oder
-bemerken es durchaus gar nicht. Wie glücklich, wem
-es vergönnt ist, in erster Jugend, wenn Herz und Sinn
-noch unbefangen sind, eine große Reise durch schöne
-Länder zu machen, dann tritt ihm alles so natürlich und
-wahr, so vertraut wie Geschwister, entgegen, er bemerkt
-und lernt, ohne es zu wissen, seine stille Begeisterung
-umfängt alles mit Liebe, und durchdringt mit
-freundlichem Ernst alle Wesen: einem solchen Sinn erhält
-die Heimath nachher den Reiz des Fremden, er
-versteht nun einheimisch zu sein, das Ferne und Nahe
-wird ihm eins, und in der Vergleichung mannigfaltiger
-Gegenstände wird ihm ein Sinn für Richtigkeit. So
-war es wohl gemeint, wenn man sonst junge Edelleute
-nach Vollendung ihrer Studien reisen ließ. Der Mensch
-versteht wahrhaft erst das Nahe und Einheimische, wenn
-ihm das Fremde nicht mehr fremd ist.
-</p>
-
-<p>
-An diese Reisenden schließe ich mich noch am ersten,
-sagte Theodor, wenn du mir auch unaufhörlich vorwirfst,
-daß ich meine Reisen, wie das Leben selbst, zu leichtsinnig
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-nehme. Freilich ist wohl in meiner Sucht nach der
-Fremde zu viel Widerwille gegen die gewohnte Umgebung,
-und sehr oft ist es mir mehr um den Wechsel der Gegenstände,
-als um irgend eine Belehrung zu thun.
-</p>
-
-<p>
-Die zweite und vielleicht noch schönere Art zu reisen,
-fuhr Ernst fort, ist jene, wenn die Reise selbst sich in
-eine andächtige Wallfahrt verwandelt, wenn die jugendliche
-Neugier und die scharfe Lust an fremden Gegenständen
-schon gebrochen sind, wenn ein reifes Gemüth mit
-Kenntniß und Liebe gleich sehr erfüllt, an die Ruinen
-und Grabmäler der Vorzeit tritt, die Natur und Kunst
-wie die Erfüllung eines oft geträumten Traums begrüßt,
-auf jedem Schritte alte Freunde findet, und Vorwelt
-und Gegenwart in ein großes, rührend erhabenes Gemälde
-zerfließen.
-</p>
-
-<p>
-Diese elegischen Stimmungen würden mich nur ängstigen,
-unterbrach ihn Theodor. Ihr andern, ihr ernsthaften
-Leute, verbindet so widerwärtige Begriffe mit dem
-Zerstreutsein, da es doch in einfachen Menschen oft nur
-das wahre Beisammensein mit der Natur ist, wie mit
-einem frohen Spielkameraden; eure Sammlung, euer
-tiefes Eindringen sehr häufig eine unermeßliche Ferne.
-Auf welche Weise aber, mein Freund, würdest du deine
-Ansicht über dergleichen Gegenstände mittheilen, im Fall
-du einmal deinen Widerwillen künftig etwas mehr bezwingen
-solltest.
-</p>
-
-<p>
-Schon früh, sagte Ernst, bevor ich noch die Welt
-und mich kennen gelernt hatte, war ich mit meiner Erziehung,
-so wie mit allem Unterricht, den ich erfuhr,
-herzlich unzufrieden. War es doch nicht anders, als
-verschwiege man geflissentlich das, was wissenswürdig
-sei, oder erwähnte es zuweilen nur, um mit hochmüthigem
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-Verhöhnen das zu erniedrigen, was selbst in dieser
-Entstellung mein junges Herz bewegte. Dafür aber
-suchte ich nachher auch, gleichsam wie der Zeit zum
-Trotz und ihrer falschen Bildung, alles als ein Befreundetes
-und Verwandtes auf, was mir meine Bücher und
-Lehrer nur zu oft als das Abgeschmackte, Dunkle und
-Widerwärtige bezeichnet hatten; ich berauschte mich auf
-meinem ersten Ausfluge in allen Erinnerungen des Alterthums,
-begeisterte mich an den Denkmalen einer längst
-verloschenen Liebe, ja that wohl manchem Guten und
-Nützlichen mit erwiedertem Verfolgungsgeist unrecht, und
-stand bald unter meiner Umgebung selbst wie eine unverständliche
-Alterthümlichkeit, indem ich ihr Nichtbegreifen
-nicht begriff, und verzweifeln wollte, daß allen andern
-der Sinn und die Liebe so gänzlich fehlten, die mich bis
-zum Schmerzhaften erregten und rührten.
-</p>
-
-<p>
-Freilich, fiel Theodor lachend ein, erschienst du damals
-mit deiner Bekehrungssucht als ein höchst wunderlicher
-Kauz, und ich erinnere mich noch mit Freuden
-des Tages, als wir uns vor vielen Jahren zuerst in
-Nürnberg trafen, und wie einer deiner ehemaligen Lehrer,
-der dich dort wieder aufgesucht hatte, und für alles
-Nützliche, Neue, Fabrikartige fast fantastisch begeistert
-war, dich aus den dunkeln Mauern nach Fürth führte,
-wo er in den Spiegelschleifereien, Knopf-Manufakturen
-und allen klappernden und rumorenden Gewerben wahrhaft
-schwelgte, und deine Gleichgültigkeit ebenfalls nicht
-verstand und dich fast für schlechten Herzens erklärt hätte,
-da er dich nicht stumpfsinnig nennen wollte: endlich, bei
-den Goldschlägern, lebtest du zu seiner Freude wieder
-auf, es geschah aber nur, weil du hier die Gelegenheit
-hattest, dir die Pergamentblätter zeigen zu lassen, die
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-zur Arbeit gebraucht werden; du bedauertest zu seinem
-Verdruß sogar die zerschnittenen Meßbücher, und
-wühltest herum, um vielleicht ein Stück eines altdeutschen
-Gedichtes zu entdecken, wofür der aufgeklärte Lehrer
-kein Blättchen Goldschaum aufgeopfert hätte.
-</p>
-
-<p>
-Es ist gut, sagte Ernst, daß die Menschen verschieden
-denken und sich auf mannigfaltige Weise interessiren,
-doch war die ganze Welt damals zu einseitig auf ein Interesse
-hingespannt, das seitdem auch schon mehr und
-mehr als Irrthum erkannt ist. Dieses Nord-Amerika
-von Fürth konnte mir freilich wohl neben dem altbürgerlichen,
-germanischen, kunstvollen Nürnberg nicht gefallen,
-und wie sehnsüchtig eilte ich nach der geliebten
-Stadt zurück, in der der theure Dürer gearbeitet hatte,
-wo die Kirchen, das herrliche Rathhaus, so manche
-Sammlungen, Spuren seiner Thätigkeit, und der Johannis-Kirchhof
-seinen Leichnam selber bewahrte; wie
-gern schweifte ich durch die krummen Gassen, über die
-Brücken und Plätze, wo künstliche Brunnen, Gebilde
-aller Art, mich an eine schöne Periode Deutschlands
-erinnerten, ja! damals noch die Häuser von außen mit
-Gemälden von Riesen und altdeutschen Helden geschmückt
-waren.
-</p>
-
-<p>
-Doch, sagte Theodor, wird das jezt alles dort, so
-wie in andern Städten, von Geschmackvollen angestrichen,
-um, wie der Dichter sagt: &bdquo;zu malen auf das
-Weiß, ihr Antlitz oder ihren Steiß.&ldquo; &mdash; Allein Fürth
-war auch bei alle dem mit seinen geputzten Damen, die
-gedrängt am Jahrmarktsfest durch die Gassen wandelten,
-nebst dem guten Wirthshause, und der Aussicht aus den
-Straßen in das Grün an jenem warmen sonnigen
-Tage nicht so durchaus zu verachten. Behüte uns überhaupt
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-nur der Himmel, (wie es schon hie und da angeklungen
-hat) daß dieselbe Liebe und Begeisterung, die ich
-zwar in dir als etwas Aechtes anerkenne, nicht die Thorheit
-einer jüngeren Zeit werde, die dich dann mit leeren
-Uebertreibungen weit überflügeln möchte.
-</p>
-
-<p>
-Wenn nur das wahrhaft Gute und Große mehr erkannt
-und ins Bewußtsein gebracht wird, sagte Ernst,
-wenn wir nur mehr sammeln und lernen, jene Vorurtheile
-der neuern Hoffarth ganz ablegen, und die Vorzeit
-und also das Vaterland wahrhafter und inniger
-lieben, so kann der Nachtheil einer sich bald erschöpfenden
-Thorheit so groß nicht werden. &mdash; In jenen jugendlichen
-Tagen, als ich zuerst deine Freundschaft gewann,
-gerieth ich oft in die wunderlichste Stimmung, wenn
-ich die Beschreibungen unsers Vaterlandes, die gekannt
-und gerühmt waren, und welche auf allgemein angenommenen
-Grundsätzen ruhten, mit dem Deutschland
-verglich, wie ich es mit meinen Augen und Empfindungen
-sah; je mehr ich überlegte, nachsann und zu lernen
-suchte, je mehr wurde ich überzeugt, es sei von zwei
-ganz verschiedenen Ländern die Frage, ja unser Vaterland
-sei überall so unbekannt, wie ein tief in Asien
-oder Afrika zu entdeckendes Reich, von welchem unsichre
-Sagen umgingen, und das die Neugier unsrer
-wißbegierigen Landsleute eben so, wie jene mythischen
-Gegenden reizen müsse; und so nahm ich mir damals,
-in jener Frühlingsstimmung meiner Seele, vor, der
-Entdecker dieser ungekannten Zonen zu werden. Auf
-diese Weise bildete sich in jenen Stunden in mir das
-Ideal einer Reisebeschreibung durch Deutschland, das
-mich auch seitdem noch oft überschlichen und mich gereizt
-hat, einige Blätter wirklich nieder zu schreiben. Doch
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-jezt könnt&rsquo; ich leider Elegien dichten, daß es nun auch zu
-jenen Elegien zu spät ist.
-</p>
-
-<p>
-Einige Töne dieser Elegie, sagte Theodor, klingen
-doch wohl in den Worten des Klosterbruders.
-</p>
-
-<p>
-Am frühsten, sagte Ernst, in den wenigen Zeilen
-unsers Dichters über den Münster in Straßburg, die ich
-niemals ohne Bewegung habe lesen können, dann in den
-Blättern von deutscher Art und Kunst; in neueren
-Tagen hat unser Freund, Friedrich Schlegel, mit Liebe
-an das deutsche Alterthum erinnert, und mit tiefem
-Sinn und Kenntniß manchen Irrthum entfernt, auch
-hat sich die Stimmung unsrer Zeit auffallend zum Bessern
-verändert, wir achten die deutsche Vorzeit und ihre
-Denkmäler, wir schämen uns nicht mehr, wie ehemals,
-Deutsche zu sein, und glauben nicht unbedingt mehr an
-die Vorzüge fremder Nationen. Das ökonomische Treiben,
-die Verehrung kleinlicher List, die Vergötterung der
-neusten Zeit ist fast erstorben, eine höhere Sehnsucht hat
-unsern Blick in die Vergangenheit geschärft, und neueres
-Unglück für die vergangenen großen Jahrhunderte den
-edlern Sinn in uns aufgeschlossen. In jenen früheren
-Tagen aber hatten wir noch mehr Ueberreste der alten
-Zeit selbst vor uns, man fand noch Klöster, geistliche
-Fürstenthümer, freie Reichsstädte, viele alte Gebäude
-waren noch nicht abgetragen oder zerstört, altdeutsche
-Kunstwerke noch nicht verschleppt, manche Sitte noch
-aus dem Mittelalter herüber gebracht, die Volksfeste
-hatten noch mehr Charakter und Fröhlichkeit, und man
-brauchte nur wenige Meilen zu reisen, um andre Gewohnheiten,
-Gebäude und Verfassungen anzutreffen.
-Alle diese Mannigfaltigkeit zu sehn, zu fühlen und in
-ein Gemälde darzustellen, war damals mein Vorsatz.
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-Was unsre Nation an eigenthümlicher Malerei, Sculptur
-und Architektur besitzt, welche Sitten und Verfassungen
-jeder Provinz und Stadt eigen, und wie sie entstanden,
-zu erforschen, um den Mißverständnissen der neueren
-kleinlichen Geschichtschreiber zu begegnen; welche Natur
-jeden Menschenstamm umgiebt, ihn bildet und von
-ihm gebildet wird: alles dieses sollte wie in einem Kunstwerke
-gelöst und ausgeführt werden. Den edlen Stamm
-der Oesterreicher wollte ich gegen den Unglimpf jener
-Tage vertheidigen, die in ihrem fruchtbaren Lande und
-hinter reizenden Bergen den alten Frohsinn bewahren;
-die kriegerischen und fromm gläubigen Baiern loben,
-die freundlichen, sinnvollen, erfindungsreichen Schwaben
-im Garten ihres Landes schildern, von denen schon
-ein alter Dichter singt:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ich hab der Schwaben Würdigkeit</p>
- <p class="line">In fremden Landen wohl erfahren;</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-die berührigen, muntern Franken, in ihrer romantischen,
-vielfach wechselnden Umgebung, denen damals
-ihr Bamberg ein deutsches Rom war; die geistvollen Völker
-den herrlichen Rhein hinunter, die biederben Hessen,
-die schönen Thüringer, deren Waldgebirge noch die Gestalt
-und den Blick der alten Ritter aufbewahren; die
-Niederdeutschen, die dem treuherzigen Holländer und
-starken Engländer ähnlich sind: bei jeder merkwürdigen
-Stelle unsrer vaterländischen Erde wollte ich an die
-alte Geschichte erinnern, und so dachte ich die lieben
-Thäler und Gebirge zu durchwandeln, unser edles Land,
-einst so blühend und groß, vom Rhein und der Donau
-und alten Sagen durchrauscht, von hohen Bergen und
-alten Schlössern und deutschem tapfern Sinn beschirmt,
-gekränzt mit den einzig grünen Wiesen, auf denen so
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-liebe Traulichkeit und einfacher Sinn wohnt. Gewiß,
-wem es gelänge, auf solche Weise ein geliebtes Vaterland
-zu schildern, aus den unmittelbarsten Gefühlen,
-der würde ohne alle Affektation zugleich ein hinreißendes
-Dichterwerk ersonnen haben.
-</p>
-
-<p>
-Oft, fiel Theodor ein, habe ich mich darüber wundern
-müssen, daß wir nicht mit mehr Ehrfurcht die Fußstapfen
-unsrer Vorfahren aufsuchen, da wir vor allem
-Griechischen und Römischen, ja vor allem Fremden oft
-mit so heiligen Gefühlen stehn und uns durch edle
-Erinnerungen entzückt fühlen; so wie auch darüber,
-daß unsre Dichter noch so wenig gethan haben, diesen
-Geist zu erwecken.
-</p>
-
-<p>
-Manche, sagte Ernst, haben es eine Zeitlang versucht,
-aber schwach, viele verkehrt, und ein hoher Sinn,
-der Deutschland so liebte und einheimisch war, wie der
-große Shakspear seinem Vaterlande, hat uns bisher noch
-gefehlt.
-</p>
-
-<p>
-Wir vergessen aber, rief Theodor, die herrliche Gegend
-zu genießen, auf die Vögel aus dem Dickicht des
-Waldes und auf das Gemurmel dieser lieblichen Bäche
-zu horchen.
-</p>
-
-<p>
-Alles tönt auch unbewußt in unsre Seele hinein,
-sagte Ernst; auch wollten wir ja noch die schöne Ruine
-besteigen, die dort schon vor uns liegt, und auch mit
-jedem Jahre mehr verfällt: hier arbeitet die Zeit, anderswo
-die Nachlässigkeit der Menschen, an vielen Orten
-der verachtende Leichtsinn, der ganze Gebäude niederreißt,
-oder sie verkauft, um alles Denkmal immer mehr
-dem Staube und der Vergessenheit zu überliefern. Indessen,
-wenn der Sinn dafür nur um so mehr erwacht,
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-um so mehr in der Wirklichkeit zu Grunde geht, so haben
-wir doch mehr gewonnen als verloren.
-</p>
-
-<p>
-Ist diese Gegend nicht, durch welche wir wandeln,
-fing Theodor an, einem schönen romantischen Gedichte
-zu vergleichen? Erst wand sich der Weg labirinthisch
-auf und ab durch den dichten Buchenwald, der nur
-augenblickliche räthselhafte Aussicht in die Landschaft
-erlaubte: so ist die erste Einleitung des Gedichtes;
-dann geriethen wir an den blauen Fluß, der uns plötzlich
-überraschte und uns den Blick in das unvermuthete
-frisch grüne Thal gönnte: so ist die plötzliche Gegenwart
-einer innigen Liebe; dann die hohen Felsengruppen,
-die sich edel und majestätisch erhuben und
-höher bis zum Himmel wuchsen, je weiter wir gingen:
-so treten in die alten Erzählungen erhabene Begebenheiten
-hinein, und lenken unsern Sinn von den Blumen
-ab; dann hatten wir den großen Blick auf ein weit
-ausgebreitetes Thal, mit schwebenden Dörfern und
-Thürmen auf schön geformten Bergen in der Ferne,
-wir sahen Wälder, weidende Heerden, Hütten der Bergleute,
-aus denen wir das Getöse herüber vernahmen:
-so öffnet sich ein großes Dichterwerk in die Mannichfaltigkeit
-der Welt und entfaltet den Reichthum der
-Charaktere; nun traten wir in den Hain von verschiedenem
-duftenden Gehölz, in welchem die Nachtigall so
-lieblich klagte, die Sonne sich verbarg, ein Bach so
-leise schluchzend aus den Bergen quoll, und murmelnd
-jenen blauen Strom suchte, den wir plötzlich, um die
-Felsenecke biegend, in aller Herrlichkeit wieder fanden:
-so schmilzt Sehnsucht und Schmerz, und sucht die verwandte
-Brust des tröstenden Freundes, um sich ganz,
-ganz in dessen lieblich erquickende Fülle zu ergießen,
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-und sich in triumphirende Woge zu verwandeln. Wie
-wird sich diese reizende Landschaft nun ferner noch entwickeln?
-Schon oft habe ich Lust gefühlt, einer romantischen
-Musik ein Gedicht unterzulegen, oder gewünscht,
-ein genialer Tonkünstler möchte mir voraus arbeiten,
-um nachher den Text seiner Musik zu suchen; aber
-warlich, ich fühle jezt, daß sich aus solchem Wechsel
-einer anmuthigen Landschaft ebenfalls ein reizendes erzählendes
-Gedicht entwickeln ließe.
-</p>
-
-<p>
-Zu wiederholten malen, erwiederte Ernst, hat mich
-unser Freund Manfred mit dergleichen Vorstellungen
-unterhalten, und indem du sprachst, dachte ich an den
-unvergleichlichen Parceval und seine Krone, den Titurell.
-Jeder Spaziergang, der uns befriedigt, hat in
-unsrer Seele ein Gedicht abgelöset, und wiederholt und
-vollendet es, wenn er uns immer wieder mit unsichtbarem
-Zauber umgiebt.
-</p>
-
-<p>
-Sehn wir die Entwickelung der romantischen Verschlingung!
-rief Theodor; Wald und Fluß verschwinden
-links, unser Weg zieht sich rechts, und viele kleine Wasserfälle
-rauschen aus buschigen Hügeln hervor, und
-tanzen und jauchzen wie muntre Nebenpersonen zur
-Wiese hinab, um jenem schluchzenden Bach zu widersprechen,
-und in Freude und Lust den glänzenden
-Strom aufzusuchen, den schon die Sonne wieder bescheint,
-und der so lächelnd zu ihnen herüber winkt.
-</p>
-
-<p>
-Sieh doch, rief Ernst, wenn mein geübtes Auge
-etwas weniger scharf wäre, so könnte ich mich überreden,
-dort stände unser Freund Anton! aber seine Stellung
-ist matter und sein Gang schwankender.
-</p>
-
-<p>
-Nein, rief Theodor, dein Auge ist nicht scharf genug,
-sonst würdest du keinen Augenblick zweifeln, daß
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-er es nicht selbst in eigner Person sein sollte! Sieh,
-wie er sich jezt bückt, und mit der Hand Wasser
-schöpft, nun schüttelt er die Tropfen ab und dehnt sich;
-sieh, nur er allein kann nun mit solchem leutseligen
-Anstande die Nase in die Sonne halten, &mdash; und sein
-Auge hat uns auch schon gefunden!
-</p>
-
-<p>
-Die Freunde, die sich lange nicht gesehn hatten, und
-sich in schöner Einsamkeit so unvermuthet wieder fanden,
-eilten mit frohem Ausruf auf einander zu, umarmten
-sich, thaten tausend Fragen und erwarteten keine
-Antwort, drückten sich wieder an die Brust und genossen
-im Taumel ihrer freudigen Verwunderung immer
-wieder die Lust der Ueberraschung. O der Freude, dich
-wieder zu haben, rief Theodor aus, du lieber, lieber
-Freund! Wie fällst du so unvermuthet (doch brauchts ja
-keine Motive) aus diesen allerliebsten Episoden hier in
-unsre Haupthandlung und Wandlung hinein!
-</p>
-
-<p>
-Aber du siehst matt und krank aus, sagte Ernst,
-indem er ihn mit Wehmuth betrachtete.
-</p>
-
-<p>
-So ist es auch, erwiederte Anton, ich habe mich
-erst vor einigen Wochen vom Krankenlager erhoben,
-fühlte heut zum erstenmal die Schönheit der Natur
-wieder, und ließ mir nicht träumen, daß ihr wie aus
-dem Himmel noch heut in meinen Himmel fallen würdet.
-Aber seid mir tausend und tausendmal willkommen!
-</p>
-
-<p>
-Man ging, man stand dann wieder still, um sich
-zu betrachten, sich zu befragen, und jeder erkundigte
-sich nun nach den Geschäften, nach den Absichten des
-andern. Meine Reise, sagte Ernst, hat keinen andern
-Endzweck, als mich in der Nähe, nur einige Meilen
-von hier, über einige alte, sogenannte gothische Gebäude
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-zu unterrichten, und dann in der Stadt ein altdeutsches
-Gedicht aufzusuchen.
-</p>
-
-<p>
-Und ich, sagte Theodor, bin meiner Gewohnheit
-nach nur so mitgenommen worden, weil ich eben weder
-etwas zu thun, noch zu versäumen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Ich besuche unsern Manfred, sagte Anton, der mich
-auf sein schönes Landgut, sieben Meilen von hier, eingeladen
-hat, da er von meiner Krankheit und Genesung
-Nachricht bekommen.
-</p>
-
-<p>
-Wohnt der jezt in diesem Gebirge? fragte Ernst.
-</p>
-
-<p>
-Ihr wißt also nicht, fuhr Anton fort, daß er schon
-seit mehr als zwei Jahren verheirathet ist und hier
-wohnt?
-</p>
-
-<p>
-Manfred verheirathet? rief Theodor aus; er, der so
-viel gegen alle Ehe deklamirt, so über alle gepriesene
-Häuslichkeit gespottet hat, der es zu seiner Aufgabe zu
-machen schien, das Phantastische mit dem wirklichen
-Leben aufs innigste zu verbinden, der vor nichts solchen
-Abscheu äußerte, als vor jener gesetzten, kaltblütig
-moralischen Philisterei? Wie ist es möglich? Ei!
-der mag sich denn nun auch schön verändert haben!
-Gewiß hat ihn &bdquo;das Dreherchen der Zeit&ldquo; so umgedreht,
-daß er nicht wieder zu erkennen ist.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht, sagte Ernst, konnte es ihm gerade am
-ersten gelingen, die Jugend beizubehalten, in welcher
-er sich scheinbar so wild bewegte, denn sein Charakter
-neigte immer zum Ernst, und eben darum war sein
-Widerwille gegen den geheuchelten, läppischen Ernst unserer
-Tage oft so grotesk und bizarr: bei manchen
-Menschen dient eine wunderliche Außenseite nur zum
-nothwendigen <a id="corr-0"></a>Gegengewicht eines gehaltvollen, oft fast
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-melankolischen Innern, und zu diesen scheint mir unser
-Freund zu gehören.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe ihn schon im vorigen Jahre gesehn, sagte
-Anton, und ihn gar nicht verändert gefunden, er ist
-eher jünger geworden; seine Haushaltung mit seiner
-Frau und ihrer jüngern Schwester Clara, mit seiner
-eignen Schwester und Schwiegermutter ist die liebenswürdigste,
-die ich noch gesehn habe, so wie sein Landgut
-die schönste Lage im ganzen Gebirge hat: ihr thätet
-klug, mich dahin zu begleiten, was sich auch sehr
-gut mit deinen gelehrten antiquarischen Untersuchungen
-vereinigen läßt.
-</p>
-
-<p>
-Er muß! rief Theodor, oder ich laß ihn im Stich
-der gothischen, oder, wie er will, altdeutschen Spitzgewölbe.
-</p>
-
-<p>
-Darüber läßt sich noch sprechen, sagte Ernst halb
-zweifelnd; da ihm aber Anton noch erzählte, daß sie
-im nächsten Städtchen die beiden längst gesuchten
-Freunde Lothar und Friedrich finden würden, die ihn
-erwarteten, um mit ihm zum gemeinschaftlichen Freunde
-Manfred zu reisen, und sich einige Wochen bei diesem
-aufzuhalten, so ließ sich Ernst bewegen, seine Antiquitäten
-auch noch so lange beiseit zu thun, um nach vielen
-Jahren einmal wieder im Kreise seiner Geliebten
-eine neue Jugend zu leben, und die alten theuern
-Erinnerungen seinem Herzen zu erwecken.
-</p>
-
-<p>
-Die Freunde wanderten weiter, und nach geraumer
-Zeit fragte Theodor: wie hast du nur so lange
-krank sein können?
-</p>
-
-<p>
-Verwundre dich doch lieber, antwortete der Kranke,
-wie ich so bald habe genesen können, denn noch ist es
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-mir selber unbegreiflich, daß meine Kräfte sich so schnell
-wieder hergestellt haben.
-</p>
-
-<p>
-Wie wird sich der gute Friedrich freuen, sagte
-Theodor, dich einmal wieder zu sehn; denn immer
-warst du ihm unter seinen Freunden der liebste.
-</p>
-
-<p>
-Sagt vielmehr, antwortete der Genesene, daß wir
-uns in manchen Punkten unsers Wesens am innigsten
-berührten und am besten verstanden; denn, meine Geliebten,
-man lebt, wenn man das Glück hat, mehre
-Freunde zu besitzen, mit jedem Freunde ein eignes,
-abgesondertes Leben; es bilden sich mannichfache Kreise
-von Zärtlichkeit und Freundschaft, die wohl die Gefühle
-der Liebe zu andern in sich aufnehmen und harmonisch
-mit ihnen fortschwingen, dann aber wieder in die alte
-eigenthümliche Bahn zurück kehren. Und eben so wie
-mir der Vertrauteste in vielen Gesinnungen fremd bleibt,
-so hebt eben derselbe auch vieles Dunkle in meiner
-eignen Natur bloß durch seine Gegenwart hervor, und
-macht es licht, sein Gespräch, wenn es diese Punkte
-trifft, erweckt es zum klarsten innigsten Leben, und
-eben so wirkt meine Gegenwart auf ihn zurück. Vielleicht
-war manches in Friedrich und mir, was ihr
-übrigen mißverstandet, was sich in uns ergänzte und
-durch unsre Freundschaft zum Bewußtsein gedieh, so
-daß wir uns mancher Dinge wohl sogar erfreuten, die
-andre uns lieber hätten abgewöhnen mögen.
-</p>
-
-<p>
-Was du da sagst, ist sehr wahr, fügte Ernst hinzu,
-der Mensch, der überhaupt das Leben und sich versteht,
-wird mit jedem seiner Freunde ein eignes Vertrauen,
-eine andre Zärtlichkeit fühlen und üben wollen. O das
-ist ja eben das Himmlische der Freundschaft, sich im
-geliebten Gegenstande ganz zu verlieren, neben dem
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-Verwandten so viel Fremdartiges, Geheimnißvolles ahnden,
-mit herzlichem Glauben und edler Zuversicht auch
-das Nichtverstandne achten, durch diese Liebe Seele zu
-gewinnen und Seele dem Geliebten zu schenken! Wie
-roh leben diejenigen, und verletzen ewig sich und den
-Freund, die so ganz und unbedingt sich verstehn, beurtheilen,
-abmessen, und dadurch nur scheinbar einander
-angehören wollen! das heißt Bäume fällen, Hügel
-abtragen und Bäche ableiten, um allenthalben flache
-Durchsicht, Mittheilung und Verknüpfung zu gewinnen,
-und einen schönen romantischen Park verderben. Nicht
-früh genug kann der Jüngling, der so glücklich ist,
-einen Freund zu gewinnen, sich von dieser selbstischen
-Forderung unsrer roheren Natur, von diesem Mißverständniß
-der jugendlichen Liebe entwöhnen.
-</p>
-
-<p>
-Was du da berührst, sagte Anton, berührt zugleich
-die Wahrheit, daß es nicht nur erlaubt, sondern fast
-nothwendig sei, daß Freunde vor einander Geheimnisse
-haben, ja es erklärt gewissermaßen die seltsame Erscheinung,
-daß man dem einen Freunde wohl etwas anvertrauen
-mag, was man gern dem verschweigt, mit dem
-man vielleicht in noch vertrautern Verhältnissen lebt. Es
-ist eine Kunst in der Freundschaft wie in allen Dingen,
-und vielleicht daher, daß man sie nicht als Kunst erkennt
-und treibt, entspringt der Mangel an Freundschaft,
-über welchen alle Welt jezt klagt.
-</p>
-
-<p>
-Hier kommen wir ja recht, rief Theodor lebhaft
-aus, in das Gebiet, in welchem unser Friedrich so
-gerne wandelt! Ihn muß man über diese Gegenstände
-reden hören, denn er verlangt und sieht allenthalben
-Geheimniß, das er nicht gestört wissen will, denn es
-ist ihm das Element der Freundschaft und Liebe. Verarge
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-doch dem Freunde nicht, sprach er einmal, wenn
-du ahndest, daß er dir etwas verbirgt, denn dies ist ja
-nur der Beweis einer zärteren Liebe, einer Scheu, die
-sich ängstlich um dich bewirbt, und sittsam an dich
-schmiegt; o ihr Liebenden, vergeßt doch niemals, wie
-viel ihr wagt, wenn ihr ein Gefühl dem Worte anvertrauen
-wollt! was läßt sich denn überall in Worten
-sagen? Ist doch für vieles schon der Blick zu ungeistig
-und körperlich! &mdash; O Brüder, Engelherzen, wie viel
-thörichtes Zeug wollen wir mit einander schwatzen!
-</p>
-
-<p>
-Thöricht? sagte Anton etwas empfindlich; ja freilich,
-wie alles thöricht ist, was das Materielle zu verlassen
-strebt, und wie die Liebe selbst in dieser Hinsicht
-Krankheit zu nennen ist, wie Novalis so schön sagt.
-Hast du noch nie ein Wort bereut, das du selbst in
-der vertrautesten Stunde dem vertrautesten Freunde
-sagtest? Nicht, weil du ihn für einen Verräther halten
-konntest, sondern weil ein Gemüthsgeheimniß nur
-in einem Elemente schwebte, das so leicht seine rohe
-Natur dagegen wenden kann: ja du trauerst wohl selbst
-über manches, das der Freund in dein Herz nieder legen
-will, und das Wort klingt späterhin mißmüthig und
-disharmonisch in deiner innersten Seele wieder. Oder
-verstehst du dies so gar nicht und hast es nie erlebt?
-</p>
-
-<p>
-Nicht böse, du lieber Kranker, sagte Theodor, indem
-er ihn umarmte; du kennst ja meine Art. Schatz,
-warst du denn nicht eben einverstanden darüber, daß
-es unter Freunden Mißverständnisse geben müsse? diese
-meine Dummheit ist auch ein Geheimniß, glaubt es
-nur, das ihr auf eine etwas zartere Art solltet zu
-ahnden oder zu entwirren streben.
-</p>
-
-<p>
-Alle lachten, worauf Anton sagte: das Lachen wird
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-mir noch beschwerlich und greift mich an, ich werde
-müde und matt in unsre Herberge ankommen. &mdash; Er
-schöpfte hierauf wieder aus einem vorüberrollenden Bache
-etwas Wasser, um sich zu erquicken, und wies den Wein
-ab, den ihm Ernst anbot, indem er sagte: ihr könnt
-es nicht wissen, wie erquickend, wie paradiesisch dem
-Genesenden die kühle Woge ist; schon indem sie mein
-Auge sieht und mein Ohr murmeln hört, bin ich entzückt,
-ja Gedanken von frischen Wäldern und Wassern,
-von kühlenden Schatten säuseln immerfort anmuthig
-durch mein ermattendes Gemüth und fächeln sehnsuchtvoll
-die Hitze, die immer noch dort brennt. Viel zu
-körperlich und schwer ist dieser süße, sonst so labende
-Wein, zu heiß und dürr, und würde mir alle Träume
-meines Innern in ihrem lieblichen Schlummer stören.
-</p>
-
-<p>
-Jeder nach seinem Geschmack, sagte Theodor, indem
-er einen herzhaften Trunk aus der Flasche that; es lebe
-die Verschiedenheit der Gesinnungen! Womit aber hast
-du dich in deiner Krankheit beschäftigen können?
-</p>
-
-<p>
-Der Arzt verlangte, sagte Anton, ich sollte mich
-durchaus auf keine Weise beschäftigen, wie denn die
-Aerzte überhaupt Wunder von den Kranken fodern; ich
-weiß nicht, welche Vorstellungen der meinige von den
-Büchern haben mußte, denn er war hauptsächlich gegen
-das Lesen eingenommen, er hielt es in meinem Zustande
-für eine Art von Gift, und doch bin ich überzeugt,
-daß ich dem Lesen zum Theil meine Genesung zu danken
-habe.
-</p>
-
-<p>
-Unmöglich, sagte Ernst, kann im Zustand des Fiebers,
-des Ueberreizes und der Abspannung diese Anstrengung
-eine heilsame sein, und ich fürchte, dein
-Arzt hat nur zu sehr Recht gehabt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-Was Recht! rief Anton aus; er hatte einen ganz
-falschen Begriff von der deutschen Literatur, so wie
-von meiner Kunst des Lesens, denn ich hütete mich
-wohl von selbst vor allem Vortrefflichen, Hinreißenden,
-Pathetischen und Speculativen, was mir in der That
-hätte übel bekommen können; sondern ich wandte mich
-in jene anmuthige Gegend, die von den Kunstverständigen
-meistentheils zu sehr verachtet und vernachlässigt
-wird, in jenen Wald voll ächt einheimischer und patriotischer
-Gewächse, die mein Gemüth gelinde dehnten,
-gelinde mein Herz bewegten, still mein Blut erwärmten,
-und mitten im Genuß sanfte Ironie und gelinde
-Langeweile zuließen. Ich versichre euch, einen Tempel
-der Dankbarkeit möcht&rsquo; ich ihnen genesend widmen;
-und wie viele auch vortrefflich sein mögen, so waren
-es doch hauptsächlich drei Autoren, die ich studirt und
-ihre Wirkungen beobachtet habe.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin begierig, sagte Ernst.
-</p>
-
-<p>
-Als ich am schwächsten und gefährlichsten war, fuhr
-Anton fort, begann ich sehr weislich, gegen des Arztes
-ausdrückliches Verbot, mit unserm deutschen La Fontaine.
-Denn ohne alles Lesen ängstigten mich meine
-Gedanken, die Trauer über meine Krankheit, tausend
-Plane und Vorstellungen so ab, daß ich in jener anbefohlnen
-Muße hätte zu Grunde gehen müssen. Kann
-man nun läugnen, daß dieser Autor nicht manches
-wahr und gut auffaßt, daß er manche Zustände, wie
-Charaktere, treffend schildert, und daß die meisten seiner
-Bücher sich durch eine gewisse Reinlichkeit der Schreibart
-empfehlen? Ohne alle Ironie sei es gesagt, viele
-seiner kleinen Erzählungen haben mich wahrhaft ergötzt
-und befriediget. Seine größeren Werke, denen die meisten
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-dieser guten Eigenschaften abgehn, ersetzen diesen Mangel
-durch die unerschöpfliche Liebe, die schon in Kinderseelen
-heroisch arbeitet, durch einige Verführer im
-großen Styl und ansehnliche Gräuel, oder gar durch
-Kunsturtheile, die mich vorzüglich inniglich erfreuten,
-und die er leider seinen Büchern nur zu selten einstreut.
-Wie war ich hingerissen, als ich in einem seiner Romane
-an die ausgeführte Meinung gerieth, mit welcher er
-den Hogarth über Rafael setzt. Ja, meine Freunde,
-es giebt gewisse Vorstellungen, die unmittelbar uns
-Elasticität des Körpers und der Seele zuführen, und
-so schelte mir keiner die großartige Albernheit, denn ich
-war nach diesem Kapitel unverzüglich besser, und durfte
-doch noch keine China gebrauchen.
-</p>
-
-<p>
-So, sagte Theodor, wurde der ganz gesunde Spartaner
-durch Tyrtäus Hymnenklang zum Kriegestanze
-beflügelt. Was folgte nun auf diese Periode?
-</p>
-
-<p>
-Diese süßen Träume der Kindheit und Sehnsucht,
-fuhr Anton fort, lagen schon hinter mir, meine mündig
-werdende Phantasie forderte gehaltvolleres Wesen.
-Trefflich kamen meinem Bedürfniß alle die wundervollen,
-bizarren und tollen Romane unsers Spieß entgegen,
-von denen ich selbst die wieder las, die ich schon in
-früheren Zeiten kannte. Die Tage vergingen mir unglaublich
-schnell, und am Abend hatte ich freundliche
-Besuche, in deren Gesprächen die Töne jener gräßlichen,
-gespenstigen Begebenheiten wieder verhallten.
-So ward mein Leben zum Traum, und die angenehme
-Wiederkehr derselben Gegenstände und Gedanken fiel mir
-nicht beschwerlich, auch war ich nun schon so stark, daß
-ich einer guten Schreibart entbehren konnte, und die
-herzliche Abgeschmacktheit der Luftregenten, Petermännchen,
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-Kettenträger, Löwenritter, gab mir durch die
-vielfache und mannichfaltige Erfindung einen stärkern
-Ton; meine Ironie konnte sich nun schon mit der Composition
-beschäftigen, und der Arzt fand die stärkenden
-Mittel so wie eine Nachlassung der zu strengen Diät
-erlaubt und nicht mehr gefährlich.
-</p>
-
-<p>
-Wieder eine Lebens-Periode beendigt, sagte Theodor.
-</p>
-
-<p>
-Nun war aber guter Rath theuer, sprach Anton
-weiter. Ich hatte die Schwärmereien des Jünglings
-überstanden, Geschichte und wirkliche Welt lockten mich
-an, zusammt der nicht zu verachtenden Lebens-Philosophie.
-Mein Fieber hatte zwar nachgelassen, konnte
-aber immer wieder gefährlich werden, ich litt unaussprechlichen
-Durst, und durfte nicht trinken, was mein
-Schmachten begehrte; immer nur wenig und nichts
-Kühles, und ich träumte nur von kalten Orangen, von
-Citronen, ja Essig, machte Salat in meiner Phantasie
-zu ungeheuern Portionen und verzehrte sie, trank
-aus Flaschen im Felsenkeller selbst den kühlsten Nierensteiner,
-und badete mich dann in Morgenluft in den
-Wogen des grün rauschenden Rheins. In dieser schwelgenden
-Stimmung begegnete mir nun der vortreffliche
-Cramer mit seinen Ritter- und andern Romanen, und
-wie soll ich wohl einem kalten, gesunden, vernünftigen
-Menschen, der trinken darf, wann und wie viel er
-will, die Wonne schildern, die mich auf meinem einsamen
-Lager diese vortreflichsten Werke genießen ließen?
-Ich kann nun sagen: werdet krank, lieben Freunde
-und leset, und ihr unterschreibt alles, was neben euch
-gehender Rezensent so eben behauptet.
-</p>
-
-<p>
-Mäßige dich nur, sagte Theodor, sonst bist du gezwungen,
-wieder Wasser zu schöpfen, um dir den Kopf naß
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-zu machen, und auf diesem anmuthigen Hügel haben
-wir keine Quelle in der Nähe.
-</p>
-
-<p>
-Ja, rief Anton aus, Dank diesem biedersten Deutschen
-für seine Kämpen, für seinen Haspar a Spada
-und den Raugrafen zu Dassel! Wie saß ich mit ihnen
-allen zu Tische und sah und half die Kannen Rüdesheimer
-und Nierensteiner leeren; wir verachteten es,
-in Becher einzuschenken; nein, aus dem vollen Humpen
-selbst tranken wir Großherzigen das kühle, herrliche,
-duftende Naß, und ich lachte in dieser Gesellschaft meinen
-Arzt rechtschaffen aus: entzückt war ich mit dir, und
-begleitete dich bewundernd, du edelster Bomsen, ich
-zechte Zug für Zug mit dir, du Großer, der schon
-des Morgens um vier Uhr betrunken zu Rosse steigt,
-um Thaten eines deutschen Mannes adlich zu verrichten.
-Wie deine Gesinnungen, du großer Dichter, so
-ist auch dein Stil gediegen und deutsch, und alle die
-Prügel und Püffe, die den Feinden oder schlechten
-Menschen zugetheilt werden, oder gar den boshaften
-Pfaffen, waren mir eben so viele Herzstärkungen und
-Brownische Kurmittel, und darum trug ich auch kein
-Bedenken, deine vorzüglichsten Werke nach der Beendigung
-wieder von vorn zu beginnen, denn hier war
-ja Erfindung, Charakter, Essen, Trinken, Lebens-Philosophie,
-Wirklichkeit und Geschichte alles meiner drängenden
-Sehnsucht dargebracht, und alles gleich vortrefflich.
-Mein schmachtender Durst trieb sich nun nicht
-mehr in gigantischen Bildern zwecklos um, sondern
-fand seine Bahn vorgezeichnet und große Beispiele,
-denen er sich anschloß; nun träumte ich nicht mehr als
-Polyphem unter den steinernen Treppen eines Weinberges
-zu liegen, und daß sich vom Himmel herunter
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-eine ungeheure Kelterpresse drücke, die mit Einem Wurf
-den ganzen Weinberg ausquetsche, so daß in Caskaden
-der Wein die Marmorstufen herunter rausche und wie
-in ein großes Bassin sich unten in meinen durstenden
-Schlund ergösse. Von diesen Riesenbildern war ich
-geheilt, und schon durft&rsquo; ich mit Vorsicht kühlende Getränke
-genießen, schon widerstanden mir Fleischspeisen
-nicht mehr, und mein Arzt schrieb sich die Namen der
-vornehmsten Cramerschen Romane auf, um sie ähnlichen
-Kranken zu empfehlen; ich wandelte schon im
-Zimmer, sah bei der ersten Frühlingswärme aus dem
-Fenster, durfte wieder phantasiren, und nach einigen
-Wochen konnt&rsquo; ich schon die Hoffnung fassen, bald
-dies Gebirge zu betreten, in welchem ich euch, ihr
-Lieben, zur Vollendung meiner Genesung, gefunden. &mdash;
-Aber eilt, man läutet schon die Abendglocke, wir sind
-vor dem Städtchen, dort treffen wir die Freunde und
-vernehmen vielleicht wunderliche Dinge von ihnen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash;&mdash;&mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Im Baumgarten des Gasthofes saßen am andern
-Morgen die fünf Vereinigten um einen runden Tisch,
-ihre Stimmung war heiter wie der schöne Morgen,
-nur Friedrich schien ernst und in sich gekehrt, so sehr
-auch Lothar jede Gelegenheit ergriff, ihn durch Scherz
-und Frohsinn zu ermuntern.
-</p>
-
-<p>
-Warlich! rief Theodor aus, es giebt kein größeres
-Glück, als Freunde zu besitzen, sie nach Jahren in
-schöner Gegend in anmuthiger Frühlingszeit wieder zu
-finden, mit ihnen zu schwatzen, alle ihre Eigenheiten
-wieder zu erkennen, sich der Vergangenheit zu erinnern
-und mit dem Zutrauen allen in die Augen zu blicken,
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-wie ich es Gottlob! hier thun kann. Nur der Friedrich
-ist nicht, wie sonst. Hast du Gram, mein Lieber?
-</p>
-
-<p>
-Laß mich, guter heitrer Freund, sagte Friedrich,
-es soll nicht lange währen, so wirst du und ihr alle
-mehr von mir erfahren. Weißt du doch nicht, ob ich
-nicht vielleicht am Glücke krank liege.
-</p>
-
-<p>
-Wenn das ist, sagte Theodor, so möge Gott nur
-den Arzt noch recht lange von dir entfernt halten. O
-wärst du doch lieber gar inkurabel! Aber leider ist die
-Heilung dieser Krankheit nur gar zu gewiß; o die Zeit,
-die böse, liebe, gute, alte, vergeßliche und doch mit
-dem unverwüstlichen Gedächtniß, das wiederkäuende
-große ernste Thier, die alles erzeugt und alles verwandelt,
-sie wird freilich machen, daß wir einer den andern
-und uns selbst nach wenigen Jahren mit ganz veränderten
-Augen ansehn.
-</p>
-
-<p>
-Dadurch könntest du ihn noch trauriger machen,
-fiel Lothar ein: freilich will uns alles überreden, daß
-das Leben kein romantisches Lustspiel sei, wie etwa
-Was ihr wollt, oder Wie es euch gefällt, sondern daß
-es aus diesen Regionen entrinnt, wir möchten es auch
-noch so gerne so wollen und wenn es uns auch über
-die Maßen gefiele; der Himmel verhütet auch, daß es
-selten in ein großes Trauerspiel ausartet, sondern es
-verläuft sich freilich meist, wie viele unerquickliche Werke
-mit einzelnen schönen Stellen, oder gar wie der herrliche
-Rhein in Sand und Sumpf.
-</p>
-
-<p>
-O nein, sagte Friedrich, glaubt es mir, meine
-Freunde, das Leben ist höheren Ursprungs, und es
-steht in unserer Gewalt, es seiner edlen Geburt würdig
-zu erziehn und zu erhalten, daß Staub und Vernichtung
-in keinem Augenblicke darüber triumphiren dürfen:
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-ja, es giebt eine ewige Jugend, eine Sehnsucht, die
-ewig währt, weil sie ewig nicht erfüllt wird; weder
-getäuscht noch hintergangen, sondern nur nicht erfüllt,
-damit sie nicht sterbe, denn sie sehnt sich im innersten
-Herzen nach sich selbst, sie spiegelt in unendlich wechselnden
-Gestalten das Bild der nimmer vergänglichen
-Liebe, das Nahe im Fernen, die himmlische Ferne im
-Allernächsten. Ist es denn möglich, daß der Mensch,
-der nur einmal aus dieser Quelle des heiligen Wahnsinnes
-trinken durfte, je wieder zur Nüchternheit, zum
-todten Zweifel erwacht?
-</p>
-
-<p>
-Bei alledem, sagte Theodor, wäre ein Jungbrunnen,
-von dem die Alten gedichtet haben, nicht zu verschmähn;
-wär&rsquo; es auch nur der grauen Haare wegen.
-</p>
-
-<p>
-Wie könntet ihr, fuhr Friedrich fort, doch die Schönheit
-nur empfinden, oder gar lieben, wenn sie unverwüstlich
-wäre? Die süße Elegie in der Entzückung,
-die Wehklage um den Adonis und Balder ist ja der
-schmachtende Seufzer, die wollüstige Thräne in der
-ganzen Natur! dem Flüchtigen nacheilen, es festhalten
-wollen, das uns selbst in festgeschlossenen Armen entrinnt,
-dies macht die Liebe, den geheimnißvollen Zauber, die
-Krankheit der Sehnsucht, das vergötternde Schmachten
-möglich.
-</p>
-
-<p>
-Und, fuhr Ernst fort, wie milde redet uns die
-Ewigkeit an mit ihrem majestätischen Antliz, wenn
-wir auch das nur als Schatten und Traum besitzen,
-oder uns ihm nähern können, was das Göttlichste
-dieser Erde ist? das muß ja unser Herz zum Unendlichen
-ermuntern und stärken, zur Tugend, zum Himmel,
-zu jener Schöne uns führen, die nie verblüht,
-deren Entzückung ewige Gegenwart ist.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Müßten wir nur nicht vorher aus dem Lethe trinken,
-sagte Anton, und zur Freude sprechen: Was willst
-du? und zum Lachen: du bist toll!
-</p>
-
-<p>
-Theodor sprang vom Tische auf, umarmte jeden
-und schenkte von dem guten Rheinwein in die Römer:
-ei! rief er aus, daß wir wieder so beisammen sind!
-daß wir wieder einmal unsre zusammen gewickelten Gemüther
-durchklopfen und ausstäuben können, damit
-sich keine Motten und andres Gespinst in die Falten
-nisten! Wie wohl thut das dem deutschen Herzen beim
-Glase deutschen Weins! Ja, unsre Herzen sind noch
-frisch, wie ehedem, und daß sich auch keiner von uns
-das Tabackrauchen angewöhnt hat, thut mir in der
-Seele wohl.
-</p>
-
-<p>
-Immer der Alte! sagte Lothar, du pflegst immer die
-Gespräche da zu stören, wo sie erst recht zu Gesprächen
-werden wollen; ich war begierig, wohin diese seltsamen
-Vorstellungen wohl führen, und wie diese Gedankenreihe
-oder dieser Empfindungsgang endigen möchte.
-</p>
-
-<p>
-Wie? sagte Theodor, das kann ich dir aufs Haar
-sagen: sieh, Bruderseele, stehn wir erst an der Ewigkeit
-und solchen Gedanken oder Worten, die sich gleichsam
-ins Unendliche dehnen, so kömmt es mir vor wie
-ein Ablösen der Schildwachen, daß nun bald eine neue
-Figur auf derselben Stelle auf und ab spazieren soll.
-Ich wette, nach zweien Sekunden hätten sie sich angesehn,
-kein Wort weiter zu sagen gewußt, das Glas genommen,
-getrunken und sich den Mund abgewischt.
-&bdquo;Weiter bringt es kein Mensch, stell&rsquo; er sich auch wie
-er will.&ldquo; &mdash; O das ist das Erquickliche für unser
-einen, daß das Größte wieder so an das Kleinste gränzen
-muß, daß wir denn doch Alle Menschen, oder gar
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-arme Sünder sind, jeder, nachdem sein Genius ihn
-lenkt.
-</p>
-
-<p>
-Du scheust nur, sagte Anton, die liebliche Stille,
-das Säuseln des Geistes, welches in der Mitte der
-innigsten und höchsten Gedanken wohnt und dessen heilige
-Stummheit dem unverständlich ist, der noch nie
-an den Ohren ist beschnitten worden.
-</p>
-
-<p>
-Ohren, antwortete Theodor, klingt im Deutschen
-immer gemein, Gehörwerkzeuge affektirt, Hörvermögen
-philosophisch, und die Hörer oder die Hörenden ist nicht
-gebräuchlich, kurzum, man kann sie selten nennen, ohne
-anstößig zu sein. Der Spanier vermeidet auch gern,
-so schlecht hin Ohren zu sagen. Am besten braucht man
-wohl Gehör, wo es paßt, oder das Ohr einzeln, wodurch
-sie beide gleich edler werden.
-</p>
-
-<p>
-Dein Tabackrauchen hat aber das vorige Gespräch
-erstickt, sagte Lothar; freilich ist es die unkünstlerischste
-aller Beschäftigungen und der Genuß, der sich am wenigsten
-poetisch erheben läßt.
-</p>
-
-<p>
-Mir ist es über die Gebühr zuwider, sagte Theodor,
-und darum betrachtete ich euch schon alle gestern Abend
-darauf, denn es giebt einen eignen Pfeifenzug im
-Winkel des Mundes und unter dem Auge, der sich an
-einem starken Raucher unmöglich verkennen läßt; deshalb
-war ich schon gestern über eure Physiognomien
-beruhigt. Mir scheint die neuste schlimmste Zeit erst
-mit der Verbreitung dieses Krautes entstanden zu sein,
-und ich kann selbst auf den gepriesenen Compaß böse
-sein, der uns nach Amerika führte, um dies Unkraut
-mit manchen andern Leiden zu uns herüber zu holen.
-</p>
-
-<p>
-Wie einige Züge im Gesicht durch die Pfeife entstehn,
-sagte Lothar, so werden die feinsten des Witzes
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-und gutmüthigen Spottes, so wie die Grazie der Lippen
-durchaus durch die oft angelegte Pfeife vernichtet.
-</p>
-
-<p>
-Ich ließe noch die kalte Pfeife gelten, sagte Ernst,
-so hielt sich einer meiner Freunde eine von Thon, um
-sie in der gemüthlichsten Stimmung zuweilen in den
-Mund zu nehmen, und dann recht nach seiner Laune
-zu sprechen; aber der böse, beizende, übel riechende
-Rauch macht das Ding fatal. Ich lernte einmal einen
-Mann kennen, der mir sehr interessant war, und der
-sich auch in meiner Gesellschaft zu gefallen schien; wir
-sprachen viel mit einander, endlich, um uns recht genießen
-zu können, zog er mich in sein Zimmer, ließ sich
-aber beigehn, zu größerer Vertraulichkeit seine Pfeife
-anzuzünden, und von diesem Augenblick konnte ich weder
-recht hören und begreifen, was er vortrug, noch weniger
-aber war ich im Stande, eine eigne Meinung zu haben,
-oder nur etwas anders als Flüche auf den Rauch in
-meinem Herzen zu denken, &mdash; &bdquo;nicht laute, aber tiefe&ldquo;
-&mdash; wie Macbeth sagt.
-</p>
-
-<p>
-Lothar lachte: mit einem trostlosen Liebhaber, fuhr
-er fort, ist es mir einmal noch schlimmer ergangen,
-er hatte mich hingerissen und gerührt; bei einer kleinen
-Ruhestelle der Klage suchte er seine Pfeife, Schwamm
-und Stein, schlug mit Virtuosität schnell Feuer, und
-versicherte mich nachher in abgebrochenen rauchenden
-Pausen seiner Verzweiflung. Ich mußte lachen, und
-nur zum Glück daß mich der Rauch in ein starkes
-Husten brachte, sonst hätt&rsquo; ich dem guten Menschen als
-ein unnatürlicher Barbar erscheinen müssen.
-</p>
-
-<p>
-Es läßt sich wohl, sagte Theodor, alles mit Grazie
-thun, ich kenne wenigstens einen großen Philosophen,
-dem in seiner Liebenswürdigkeit auch dies edel steht.
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-Mit dem Caffee wird nach der Mahlzeit eine lange
-Pfeife gebracht, die der Bediente anzündet, es geschehn
-ruhig und ohne alle Leidenschaft einige Züge, und eh
-man noch die Unbequemlichkeit bemerkt, ist die Sache
-schon wieder beschlossen. Aber schrecklich sind freilich
-die kurzen, am Munde schwebenden Instrumente, die
-jede Bewegung mit machen müssen und sich jeder Thätigkeit
-fügen, die den ganzen Tag die Lippen pressen und
-selbst die Sprache verändern.
-</p>
-
-<p>
-Mir ist es nicht unwahrscheinlich, sagte Anton,
-daß diese Gewohnheit, die so überhand genommen, die
-Menschen passiver, träger und unwitziger gemacht hat.
-Wir sollen keinen Genuß haben, der uns unaufhörlich
-begleitet, der etwas Stetiges wird, er ist nur erlaubt
-und edel durch das Vorübergehende. Darum verachten
-wir den Säufer, ob wir alle gleich gern Wein
-trinken, und der Näscher ist lächerlich, der seine Zunge
-durch ununterbrochenes Kosten ermüdet; vom Raucher
-denkt man billiger, weil es eben Gewohnheit geworden
-ist, die man nicht mehr beurtheilt, doch begreif&rsquo; ich es
-wenigstens nicht, wie selbst Frauen jezt an vielen Orten
-dagegen tolerant werden.
-</p>
-
-<p>
-Könnt ihr euch, sagte Lothar, einen rauchenden
-Apostel denken?
-</p>
-
-<p>
-Eben so wenig, sagte Ernst, als den adlichen
-Tristan mit der Pfeife, oder den hochstrebenden Don
-Quixote.
-</p>
-
-<p>
-Dem Sancho aber, sagte Lothar, fehlt sie beinah;
-hätten manche umarbeitende Uebersetzer mehr Genie
-gehabt, so hätten sie diese lieber hinzu fügen, als so
-manche Schönheit weglassen dürfen.
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht ist dieses Bedürfniß, fiel Friedrich ein,
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-ein Surrogat für so manches verlorne Bedürfniß des
-öffentlichen Lebens, der Galanterie der Gesellschaft, der
-Freiheit und der Feste. Vielleicht soll sich zu Zeiten
-der Mensch mehr betäuben, und dann ist es wohl möglich,
-daß er jenen alten verrufenen blauen Dunst für
-ein wirkliches Gut hält. Nicht bloß Taback, auch
-philosophische Phrasen, Systeme, und manches andre
-wird heut zu Tage geraucht, und beschwert den Nichtrauchenden
-ebenfalls mit unleidlichem Geruch.
-</p>
-
-<p>
-Nicht so melankolisch, sagte Theodor, laßt uns
-diese tiefsinnige Betrachtung wenden, denn am Ende
-kömmt doch in keiner Tugend der ganze Mensch so rein
-zum Vorschein, als in den Thorheiten. Die Berge
-rauchen oft und die Thäler sind voll Nebel, viele Gegenden
-verlieren ihn oft in Monaten nicht, die See dampft,
-und so laßt denn unserm guten Zeitalter auch seinen
-Dampf. Nur wir wollen unsrer Sitte treu bleiben.
-Besorgt bin ich aber für Manfred, daß er sich diesen
-Zustand als Appendix der Ehe möchte angewöhnt haben,
-um seine weisen Lehrsprüche aus dampfendem Munde,
-wie Orakel aus rauchenden Höhlen, verehrlicher zu
-machen, und ich gestehe überhaupt, daß ich mich ihm
-nur mit einer gewissen heimlichen Furcht wieder nähern
-kann.
-</p>
-
-<p>
-Du bist ohne Noth besorgt, sagte Lothar. Seit
-lange kenne ich unsern Freund in seinem häuslichen
-Zustande, und ich habe nicht bemerken können, daß er
-seinen jugendlichen Frohsinn und seine muthwillige Laune
-gegen jene altkluge Hausväterlichkeit vertauscht habe,
-im Gegentheil, kann er oft so ausgelassen sein, daß
-die Schwiegermutter im Hause so wenig lästig oder
-überflüssig ist, daß sie vielmehr zuweilen als kühlende
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-und besonnene Vernunft zum allgemeinen Besten hervortreten
-muß.
-</p>
-
-<p>
-Wenn alles übrige, sagte Theodor, auf denselben
-Fuß eingerichtet ist, so ist seine Haushaltung die vollkommenste
-in der Welt.
-</p>
-
-<p>
-Noch mehr, fuhr Lothar fort, diese Frau ist noch
-anmuthig und reizend, und man glaubt es kaum, daß
-sie zwei erwachsene Töchter haben könne. Sie hat selbst
-einige annehmlich scheinende Parthien ausgeschlagen,
-und Männer haben sich um sie beworben, die an Jahren
-weit jünger sind.
-</p>
-
-<p>
-Wenn die Mutter schon so gefährlich ist, sagte
-Theodor, so muß der Umgang mit den Töchtern gar
-herz- und halsbrechend sein.
-</p>
-
-<p>
-Die Gattin unsers Manfred, erzählte Lothar weiter,
-ist sehr still und sanft, von zartem Gemüth und rührend
-schöner Gestalt, er hat noch das Betragen des
-Liebhabers, und sie das blöde geschämige Wesen einer
-Jungfrau; ihre jüngere Schwester Clara ist der Muthwille
-und die Heiterkeit selbst, launig, witzig, und fast
-immer lachend, im beständigen kleinen Kriege mit
-Manfred; man sollte glauben, wenn man sie beisammen
-sieht, er hätte diese lieben müssen, und die ältere,
-ihm so ungleiche Schwester, hätte ihn nicht rühren
-können. Allein die Liebe fordert vielleicht eine gewisse
-Verschiedenheit des Wesens und des Charakters.
-</p>
-
-<p>
-Ich komme darauf zurück, sagte Ernst, daß wir
-immer noch nicht wissen können, wie viel in Manfred
-angewöhnte Manier ist, und wie viel Natur; ich habe
-oft bemerkt, daß er ernst, ja traurig war, wenn die
-Umgebung ihn für ausschweifend lustig hielt. Er hat
-es von je gescheut, seine innersten Gefühle kund zu
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-thun, und so wirft er sich oft gewaltthätig in eine
-Laune, die ihn quälen kann, indem sie andre ergötzt.
-</p>
-
-<p>
-Wie wird es aber, fragte Theodor weiter, mit den
-Kindern gehalten? Wahrscheinlich hat sich doch auch zu
-ihm die neumodische und weichliche Erziehung erstreckt,
-jene allerliebste Confusion, die jeden Gegenwärtigen im
-ununterbrochenen Schwindel erhält, indem die Kinderstube
-allenthalben, im Gesellschaftszimmer, im Garten
-und in jedem Winkel des Hauses ist, und kein Gespräch
-und keine Ruhe zuläßt, sondern nur ewiges Geschrei
-und Erziehen sich hervor thut, eine unsterbliche Zerstreutheit
-im scheinbaren Achtgeben; jenes Chaos der
-meisten Haushaltungen, das mir so erschrecklich dünkt,
-daß ich die neuen Pädagogen, die es veranlaßt haben,
-und jene Entdecker der Mütterlichkeit gern als Verdammte
-in einen eignen Kreis der Danteschen Hölle
-hinein gedichtet hätte, der nur eine solche neuerfundene
-allgegenwärtige Kinderstube mit all ihrem Wirwarr und
-Schariwari moderner Elternliebe darzustellen brauchte,
-um sie als einen nicht unwürdigen Beitrag jener furchtbaren
-Zirkel anzuschließen.
-</p>
-
-<p>
-Auch von dieser neuen, fast allgemein verbreiteten
-Krankheit, erzählte Lothar, findest du in seinem Hause
-nichts: seine junge Gattin ist eine wahre Mutter, fast
-so, wie es unsre Mütter noch waren; sie liebt ihre
-beiden Kinder über alles, und hat eben darum eine
-Art von Schaam, in Gesellschaft die Mutter zu spielen,
-und die Kinder wie Dekorationen an sich zu hängen;
-die Wartung und alle Erziehung der Kleinen wird von
-ihr still im Heiligthum eines entlegenen Zimmers besorgt,
-und weil sie ordentlich ist, und weiß, was sie befiehlt,
-so darf sie die Kinder zu Zeiten dem gehorsamen Gesinde
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-überlassen, und sie kann ruhig und heiter an der Gesellschaft
-Theil nehmen, weil sie die Stunde beobachtet;
-kurz, man nimmt an den allerliebsten Creaturen nur
-so viel Theil, als man selbst will, und ich, der ich
-die Kinder kindlich liebe, bin immer gezwungen, sie
-aufzusuchen.
-</p>
-
-<p>
-Vortrefflich! sagte Ernst, dies beweist am meisten
-für die Schwiegermutter, die die Töchter sehr gut und
-zur Ordnung muß erzogen haben. In deiner Beschreibung
-finde ich gerade die ehrwürdigsten Mütter wieder,
-die ich je gekannt habe. Alles Gute und Rechte soll
-nur so geschehn, daß es ein unachtsames Auge gar nicht
-gewahr wird. Unser Vaterland aber ist das Land der
-geräuschvollsten Erziehung, und die Nation wird bald
-nur aus Erziehern bestehen; für Mütter und Kinder
-sind Bibliotheken, und hundert Journale und Almanache
-geschrieben, alle ihre Tugenden und Pflichten hat man
-tausendfältig in Kupfer gestochen und zur größern Aufmunterung
-illuminirt, und aus dem Natürlichsten und
-Einfachsten, was kaum viele Worte zuläßt, haben wir
-mit Kunst einen Götzen der vollständigsten Thorheit
-geschnitzt, und es im ausgeführten System so weit
-gebracht, daß wir durch Beobachtung, Philosophie und
-Natur uns von allem Menschlichen und Natürlichen
-auf unendliche Weite entfernt haben. Nicht genug,
-daß man die Kinder fast von der Geburt mit Eitelkeit
-verdirbt, man ruinirt auch die wenigen Schulen, die
-etwa noch im alten Sinn eingerichtet waren; man
-zwingt die Kinder im siebenten Jahr, zu lernen, wie
-sie Scheintodte zum Leben erwecken sollen, man verschreibt
-Erzieher aus den Gegenden, in welchen diese Produkte
-am besten gerathen; ja die Staaten selbst verbieten
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-das Buchstabiren, und machen es zur Gewissenssache,
-das Lesen anders als auf die neue Weise zu erlernen,
-und fast alle Menschen, selbst die bessern Köpfe nicht
-ausgenommen, drehen sich im Schwindel nach diesem
-Orient, um von hier den Messias und das Heil der
-Welt baldigst ankommen zu sehen; aber gewiß, nach
-zwanzig Jahren verspotten wir aus einer neuen Thorheit
-heraus diese jetzige. Dies sind auch nur Schildwachen,
-die sich ablösen, und so viel neue Figuren auch kommen,
-so bleiben sie doch immer auf derselben Stelle wandelnd.
-Jeder Mensch hat etwas, das seinen Zorn erregt, und
-ich gestehe, ich bin meist so schwach, daß die Pädagogik
-den meinigen in Bewegung setzt.
-</p>
-
-<p>
-So scheint es, sagte Lothar; ein geistreicher Mann
-sagte einmal: wir sind schlecht erzogen, und es ist nichts
-aus uns geworden, wie wird es erst mit unsern Kindern
-aussehn, die wir gut erziehn!
-</p>
-
-<p>
-Mir däucht, sagte Theodor, es wäre nun wohl an
-der Zeit, auch eine Wochenschrift &bdquo;der Kinderfeind&ldquo; zu
-schreiben, um die Thorheiten lächerlich zu machen, und
-der ehemaligen Strenge und Einfalt wieder Raum und
-Aufnahme vorzubereiten.
-</p>
-
-<p>
-Du fändest keine Leser, sagte Ernst, unter dieser
-Ueberfülle humaner Eltern und gereister, ausgebildeter
-Erzieher.
-</p>
-
-<p>
-Friedrich war schon vor einiger Zeit vom Tisch und
-Gespräch aufgestanden, und auf seinen Wink hatte sich
-Anton zu ihm gesellt. Sie gingen unter einen Baumgang,
-von welchem man weit auf die Landstraße hinaus
-sehen konnte, die sich über einen nahe liegenden Berg
-hinweg zog. Mich kümmern alle diese Dinge nicht,
-sagte Friedrich, treib&rsquo; es jeder, wie er mag und kann,
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-denn mein Herz ist so ganz und durchaus von einem
-Gegenstande erfüllt, daß mich weder die Thorheiten noch
-die ernsthaften Begebenheiten unserer Zeit ernstlich anziehn.
-Er vertraute seinem Freunde, der seine Verhältnisse
-schon kannte, daß es ihm endlich gelungen sei,
-alle Bedenklichkeiten seiner geliebten Adelheid zu überwinden,
-und daß sie sich entschlossen habe, auf irgend
-eine Weise das Haus ihres Oheims, des Geheimeraths,
-zu verlassen; dieser wolle einen alten Lieblingsplan fast
-gewaltthätig durchsetzen, sie mit seinem jüngeren Bruder,
-einem reichen Gutsbesitzer, zu vermälen, weil er
-sich so an die Gesellschaft des schönen liebenswürdigen
-Kindes gewöhnt habe, daß er sich durchaus nicht von
-ihr trennen könne, er sei gesonnen, nach der Heirath
-zu diesem Bruder zu ziehn, um in seinem kinderlosen
-Wittwerstande gemeinschaftlich mit ihm zu hausen. Es
-scheint vergeblich, so endete Friedrich, diesem Plan
-unsre Liebe entgegen zu setzen, wenigstens hält es Adelheid
-für unmöglich, und zwar so sehr, daß der Oheim
-noch gar nicht einmal von meinem Verhältnisse zu ihr
-weiß; so erwarte ich nun bei Manfred morgen oder
-übermorgen einen Boten, der unser Schicksal auf immer
-entscheiden wird. Eine drückende Lage wird oft am
-leichtesten durch eine Gewaltthätigkeit gelöst, und ich
-hoffe, daß Manfred mir durch seine Klugheit und seinen
-Muth beistehen wird. Ich würde mich unserm
-Ernst auch gern vertrauen, wenn er nicht gar zu gern
-tadelte, wo aller Rath zu spät kömmt.
-</p>
-
-<p>
-Doch kann Vorsicht nicht schaden, sagte Anton,
-und hüte dich nur, dich von Manfred, der alles Abentheuerliche
-übertrieben liebt, in einen Plan verwickeln
-zu lassen, dessen Verdrießlichkeiten vielleicht dein ganzes
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Leben verwirren. Denn es ist gar zu anlockend, auf
-Unkosten eines andern muthig und unternehmend zu
-sein, der Mensch genießt alsdann das Vergnügen des
-Wagehalses zugleich mit der Lust der Sicherheit.
-</p>
-
-<p>
-Mein Freund, sagte Friedrich, ich habe lange geduldet,
-gefühlt und geprüft, und mich gereut, daß ich
-nicht schon früher gethan habe, was du übereilt nennen
-würdest. Sind wir ganz von einem Gefühl durchdrungen,
-so handeln wir am stärksten und konsequentesten,
-wenn wir ohne Reflexion diesem folgen. Doch, laß
-uns jezt davon abbrechen.
-</p>
-
-<p>
-Ich mißverstehe dich wohl nur, sagte Anton, weil
-du mir nicht genug vertraut hast.
-</p>
-
-<p>
-Auch dazu werden sich die Stunden finden, antwortete
-Friedrich. In der Entfernung hatte ich mir
-vorgesetzt, dir alles zu sagen, und nun du zugegen
-bist, stammelt meine Zunge, und jedes Bekenntniß zittert
-zurück. Ihre Gestalt und Holdseligkeit tönt wie
-auf einer Harfe ewig in meinem Herzen, und jede säuselnde
-Luft weckt neue Klänge auf; ich liebe dich und
-meine Freunde inniger als sonst, aber ohne Worte fühl&rsquo;
-ich mich in eurer Brust, und jezt wenigstens schiene mir
-jedes Wort ein Verrath.
-</p>
-
-<p>
-Träume nur deinen schönen Traum zu Ende, sagte
-Anton, berausche dich in deinem Glück, du gehörst jezt
-nicht der Erde; nachher finden wir uns wieder alle beisammen,
-denn irgend einmal muß der arme Mensch
-doch erwachen und nüchtern werden.
-</p>
-
-<p>
-Nein, mein lieber zagender Freund, rief Friedrich
-plötzlich begeistert aus, laß dich nicht von dieser anscheinenden
-Weisheit beschwatzen, denn sie ist die Verzweiflung
-selbst! Kann die Liebe sterben, dies Gefühl,
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-das bis in die fernsten Tiefen meines Wesens blitzt,
-und die dunkelsten Kammern und alle Wunderschätze
-meines Herzens beleuchtet? Nicht die Schönheit meiner
-Geliebten ist es ja allein, die mich beglückt, nicht
-ihre Holdseligkeit allein, sondern vorzüglich ihre Liebe;
-und diese meine Liebe, die ihr entgegen geht, ist mein
-heiligster, unsterblichster Wille, ja meine Seele selbst,
-die sich in diesem Gefühl losringt von der verdunkelnden
-Materie; in dieser Liebe seh&rsquo; ich und fühl&rsquo; ich
-Glauben und Unsterblichkeit, ja den Unnennbaren selbst
-inmitten meines Wesens und alle Wunder seiner Offenbarung.
-Die Schönheit kann schwinden, sie geht
-uns nur voran, wo wir sie wieder treffen, der Glaube
-bleibt uns. O, mein Bruder, gestorben, wie man
-sagt, sind längst Isalde und Sygune, ja, du lächelst
-über mich, denn sie haben wohl nie gelebt, aber das
-Menschengeschlecht lebt fort, und jeder Frühling und
-jede Liebe zündet von neuem das himmlische Feuer,
-und darum werden die heiligsten Thränen in allen Zeiten
-dem Schönsten nachgesandt, das sich nur scheinbar
-uns entzogen hat, und aus Kinderaugen, von Jungfraunlippen,
-aus Blumen und Quellen uns immer
-wieder mit geheimnißvollem Erinnern anblitzt und anlächelt,
-und darum sind auch jene Dichtergebilde belebt
-und unsterblich. An dieser heiligen Stätte habe ich
-mich selbst gefunden, und ich müßte mir selbst verloren
-gehn, ich müßte vernichtet werden können, wenn
-diese Entzückung in irgend einer Zeit ersterben könnte.
-</p>
-
-<p>
-Seinem Freunde traten die Thränen in die Augen,
-weil ihn die Krankheit weicher gemacht hatte, und er
-ohnedies schon reizbar war; er umarmte den Begeisterten
-schweigend, als beide die Landstraße einen offenen
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Wagen mit vier geschmückten hüpfenden Pferden herunter
-kommen sahn, von einem mit Bändern und
-Federbüschen aufgeputzten Kutscher geführt: in wunderlicher
-bunter Tracht folgte ein Reiter dem Wagen,
-und die Sprechenden nebst den andern drei Freunden
-gingen vor das Thor des Gasthofes hinaus, um das
-sonderbare Schauspiel näher in Augenschein zu nehmen.
-Ists möglich? rief plötzlich Theodor aus, er
-selbst, Manfred ist es! und eilte den brausenden Pferden
-entgegen. Diese standen, auf den Ruf ihres Führers,
-er sprang vom Sitz, indem er die Leinen vorsichtig
-in der Hand behielt, und umarmte Theodor und
-die übrigen Freunde nach der Reihe. Er war freudig
-überrascht, auch Ernst zu finden, den er so wenig wie
-Theodor hatte erwarten können. Ich komme, euch abzuholen;
-so steigt nur gleich ein! rief er in zerstreuter
-Freude aus.
-</p>
-
-<p>
-Der Reiter war indeß abgestiegen und Anton erkannte
-ihn zuerst: Wie? der verständige Wilibald läßt
-sich auch zu solchen bunten Mummereien gebrauchen?
-rief er verwundert aus.
-</p>
-
-<p>
-Muß man nicht, erwiederte dieser, mit den Thörigten
-thörigt sein? Wir wollten euch recht glänzend
-abholen, und euch zu Ehren seh ich fast so wie der
-Lustigmacher bei herumziehenden Comödianten aus.
-</p>
-
-<p>
-Alle betrachteten und umarmten ihn, lachten, und
-stiegen dann ein, um in einer Waldschenke einige
-Stunden vom Städtchen anzuhalten, und dann noch
-bei guter Zeit die letzten Meilen bis zu Manfreds
-Wohnung zurück zu legen. Manfred begab sich ernsthaft
-auf seinen Sitz, Wilibald auf sein Pferd, und
-so rollten sie im Gallopp auf der Felsenstraße davon,
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-indem ihnen aus jedem Fenster der Stadt ein verwundertes
-oder lachendes Angesicht nachblickte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash;&mdash;&mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ist es nicht ein reizender Aufenthalt? fragte Wilibald,
-indem er mit Theodor in den Gängen des anmuthigen
-Gartens auf und nieder schritt.
-</p>
-
-<p>
-Manfred ist sehr glücklich, antwortete Theodor;
-aber wo ist unsre Gesellschaft?
-</p>
-
-<p>
-Ernst und Lothar sind ausgeritten, erwiederte jener,
-um einen alten Thurm und Mauerwerk in der Nähe
-zu betrachten, Friedrich und Manfred haben sich eingeschlossen,
-und rathschlagen, so scheint es, über Herzensangelegenheit,
-und Anton, dünkt mich, wandelte
-vor kurzem noch in empfindsamen Gesprächen mit Rosalien,
-der jungen Frau, und Manfreds Schwester,
-Augusten. Ich fürchte, das Ende vom Liede ist, daß
-wir uns hier alle verlieben.
-</p>
-
-<p>
-Und warum nicht? sagte Theodor. Ich sehe
-wenigstens kein Unglück darin. Im Gegentheil finde
-ich es natürlich und schicklich, daß in jeder gemischten
-Gesellschaft, in welcher sich junge Männer und anmuthige
-Frauen und reizende Mädchen befinden, kleine
-Romane gespielt werden, dies eben erweckt den Witz
-und belebt und schafft den feinern Geist der Unterhaltung;
-auch kleine Eifersucht kann nicht schaden und
-artige Verläumdung, samt allen Künsten eines edlen
-Spiels und jener Laune, die den Weibern angeboren
-scheint und wodurch sie die Männer so unwiderstehlich
-fesseln. Dadurch können verlebte Tage von solchem
-poetischen Glanz bestrahlt werden, daß wir das ganze
-Leben hindurch mit Freuden an sie denken, da sie
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-uns außerdem ziemlich trivial und langweilig verflossen
-wären.
-</p>
-
-<p>
-Es kann aber mit Anton bei seiner Reizbarkeit Ernst
-werden, wandte Wilibald schüchtern ein; nicht jeder
-hat die Geschicklichkeit, behutsam genug mit der Flamme
-zu spielen.
-</p>
-
-<p>
-Dafür laß du ihn sorgen, sagte Theodor; oder
-sollte etwa schon die Eifersucht aus dir sprechen, mein
-Theurer? O ja, warlich, deine grämliche Miene und
-dein suchender umschauender Blick sagen mir nichts geringeres.
-Nun, wer ist denn deine Schöne? Clara?
-oder die junge anmuthige Gattin? oder Manfreds
-Schwester, Auguste? oder die liebenswürdige Schwiegermutter,
-die ihr alle lieber Emilie nennt, und die
-auch freundlich diesem Taufnamen entgegen horcht?
-oder liebst du sie gar alle?
-</p>
-
-<p>
-Du bleibst ein Thor, fuhr Wilibald halb lachend
-auf, und ihr alle seid so seltsame liebe und unausstehliche
-Menschen, daß man eben so wenig ohne euch, als
-mit euch leben kann. In der Ferne sehn&rsquo; ich mich nach
-euch allen und bin ungemuth, und in der Nähe ärgre
-ich mich über alle eure mannichfaltigen Thorheiten.
-</p>
-
-<p>
-Nun, fragte Theodor, was hast du denn Großes
-an uns auszusetzen?
-</p>
-
-<p>
-Du solltest mich nicht zu solchen Klageliedern auffordern,
-antwortete Wilibald: daß ihr alle immer nur so
-sehr vernünftig und geistreich seid, wo es nicht hin
-gehört, und niemals da, wo ihr Vernunft zeigen müßtet!
-da ist der Manfred, der sich für einen Heros der
-Männlichkeit hält, welcher meint, sich und seine Empfindungen
-so ganz in der Gewalt zu haben, und sich
-heraus nimmt, jeden zu verachten, den irgend ein
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-Kummer quält, und der doch selbst ohne alle Veranlassung
-so unerträglich melankolisch sein kann, daß er
-über die ganze Welt die Schultern zuckt, weil sie eben
-schwach genug ist, nur zu existiren; so sitzt er in dieser
-Stimmung Tagelang im Winkel und findet jeden
-Scherz geistlos und jedes Gespräch albern, sein Blick
-und kümmerliches Gesicht schlagen aber auch jede Freude
-und Heiterkeit aus seiner Gesellschaft zurück; er ist zu
-träge, spazieren zu gehn, oder irgend etwas zu treiben:
-aber nun fällt ihn die Laune an, nun soll jedermann
-lustig sein, nun findet er es unbegreiflich, wenn irgend
-jemand nicht an seinen schwärmenden Phantasien Theil
-nimmt, nun ist jeder ein Philister, der nicht zum
-Zeitvertreib halb mit dem Kopf gegen die Felsen rennt,
-nun muß man mit ihm durch Garten und Gebirge
-laufen, fallen und klettern; oder er zwingt alles Musik
-zu machen und zu singen; oder, was das Schlimmste
-ist, er liest vor, und verlangt, jedermann soll an irgend
-einer Schnurre, oder einem alten vergessenen Buche
-denselben krampfhaften Antheil nehmen, zu welchem er
-sich spornt. So geschah es gestern, als er plötzlich
-den Philander von Sittewald herbei holte, ewig lange
-las, und sich verwunderte, daß wir nicht alle mit demselben
-Heißhunger darüber herfielen, wie er, der das Buch
-in Jahren vielleicht nicht angesehen hat; und so bringt
-er wohl morgen den Fischart, oder Hans Sachs. Wobei
-er sich auch nicht einreden läßt, sondern auf seine Lebenszeit
-hat er sich verwöhnt, daß alle Menschen ihm nur
-eben als Werkzeuge dienen, an welchen sich seine schnell
-wandelnde Laune offenbart. Nur ein solcher Engel
-von Frau kann mit ihm fertig werden, und mit ihm
-glücklich sein.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-Fahre fort, sagte Theodor; und Friedrich, der sich
-mit ihm eingeschlossen hat.
-</p>
-
-<p>
-O, ihr! &mdash; sagte Wilibald, wärt ihr nur nicht
-sonst so gute Menschen, so sollte euch ein Verständiger
-wohl so abschildern können, daß ihr vielleicht in euch
-ginget, und ordentlicher und besser würdet. Dieser
-Friedrich, der immer in irgend einen Himmel verzückt ist,
-und den Tag für verloren hält, an welchem er nicht
-eine seiner verwirrten Begeisterungen erlebt hat, wie
-könnte er sein Talent und seine Kenntnisse brauchen,
-um etwas Edles hervor zu bringen, wenn er sich nicht
-so unbedingt diesem schwelgenden Müssiggange ergäbe.
-Auch erschrickt er alle Augenblicke selbst in seinem bösen
-Gewissen, wenn er von diesem oder jenem thätigen
-Freunde hört, wenn er ihre Fortschritte gewahr wird.
-Will man nun recht von Herzen mit ihm zanken, so
-wirft er sich in seine vornehme hyperpoetische Stimmung,
-und beweist euch von oben herab, daß ihr
-andern die Taugenichtse seid, er aber bleibt der Weise
-und Thätige. Man soll seinem Freunde nichts Böses
-wünschen, aber so wie er sich nun, weiß Gott wegen
-welches raren Geheimnisses mit dem Manfred eingeschlossen
-hat, so wäre es mir doch vielleicht nicht ganz
-unlieb, wenn dieser die Gelegenheit der Einsamkeit
-benutzte, um ihm auf prosaische Weise etwas der überflüssigen
-Poesie auszuklopfen.
-</p>
-
-<p>
-Sacht! sacht! rief Theodor, woher diese Neronische
-Gesinnung? Ergieb dich der Billigkeit, Freund, oder
-du sollst so mit albernen Späßen und Wortspielen,
-welche dir verhaßt sind, gegeißelt werden, daß du den
-Werth der Humanität einsehn lernst. Nun schau auf,
-geht drüben nicht unser Anton einsam, sanft und stille,
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-sein Gemüth und die schöne Natur betrachtend? Wie
-unrecht haben wir ihm so eben gethan.
-</p>
-
-<p>
-Dieses mal, antwortete Wilibald, und wissen wir
-doch nicht, ob ihn die Weiber nicht so eben verlassen
-haben, denen er mit seinem sanften, lieben, zuvorkommenden
-Naturell stets nachschleicht, die ihm gern
-entgegen kommen, weil sie ihm anfühlen, daß er auch
-das Schwächste und Verwerflichste in ihnen ehrt und
-vertheidigt; denn nicht in ein Individuum, sondern in
-das ganze Geschlecht ist er verliebt: macht er hier
-nicht Claren, ihrer Mutter, der jungen Frau und
-Augusten emsig den Hof? die übrigen lächeln ihn auch
-stets an, nur sollte er es doch fühlen, daß er der
-letztern zur Last fällt und sie in Ruhe lassen. Alle
-andere Menschen ändern sich doch von Zeit zu Zeit
-und legen ihre Albernheiten ab, ihn aber kannst du
-nach Jahren wieder antreffen, und er trägt dir noch
-dieselben Kindereien und Meinungen mit seiner ruhigen
-Salbung entgegen, ja, wenn man ihn erinnert, daß
-er vor geraumer Zeit die und jene Angewöhnung gehabt,
-oder jene Sinnesart geäußert, so dankt er dir so herzlich,
-als wenn du ihm einen verlornen Schatz wieder
-fändest, und sucht beides von neuem hervor, im Fall
-er es vergessen haben sollte.
-</p>
-
-<p>
-Dann muß dir aber doch der wandelbare und empfängliche
-Lothar ganz nach Wunsche sein, erwiederte
-Theodor.
-</p>
-
-<p>
-Noch weniger als Anton, fuhr Wilibald in seiner
-Kritik fort, denn eben seine zu große Empfänglichkeit
-hindert ihn, sich und andre zu der Ruhe kommen zu
-lassen, die durchaus unentbehrlich ist, wenn aus Bildung
-oder Geselligkeit irgend etwas werden soll. Er kann
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-weder in einer guten noch schlechten Gesellschaft sein,
-daß ihn nicht die Lust anwandelt, Comödie zu spielen,
-<span class="antiqua">ex tempore</span> oder nach memorirten Rollen; es scheint
-fast, daß ihm in seiner eigenen Haut so unbehaglich
-ist, daß er lieber die eines jeden andern Narren über
-zieht, um seiner selbst nur los zu werden. Die heilige
-Stelle in der Welt, sein Tempel, ist das Theater,
-und selbst jedes schlechte Subjekt, das nur einmal die
-Bretter öffentlich betreten hat, ist ihm mit einer gewissen
-Glorie umgeben. Gestern den ganzen Abend unterhielt
-er uns mit seiner ehemaligen Bekehrungssucht
-und Proselytenmacherei, wie er jeden armen Sünder
-zum Shakspear wenden und ihn von dessen Herrlichkeit
-hatte durchdringen wollen; er erzählte so launig,
-wie und auf welchen Wegen er nach so manchen komischen
-Verirrungen von dieser Schwachheit zurück gekommen
-sei, und, siehe, noch in derselben Stunde nahm
-er den alten Landjunker von drüben in die Beichte
-und suchte ihm das Verständniß für den Hamlet aufzuschließen,
-der nur immer wieder darauf zurück kam,
-daß man beim Aufführen die Todtengräber-Scene nicht
-auslassen dürfe, weil sie die beste im ganzen Stücke
-sei. Mir scheint es eine wahre Krankheit, sich in
-einen Autor, habe er Namen wie er wolle, so durchaus
-zu vertiefen, und ich glaube, daß durch das zu
-starre Hinschauen das Auge am Ende eben so geblendet
-werde, wie durch ein irres Herumfahren von einem
-Gegenstande zum andern. Selbst bei Weibern, die
-Schmeicheleien von ihm erwarten, bricht er in Lobpreisungen
-des Lear und Macbeth aus, und die einfältigste
-kann ihm liebenswürdig und klug erscheinen, wenn
-sie nur Geduld genug hat, ihm stundenlang zuzuhören.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-Gegen unsern Ernst kannst du wohl schwerlich dergleichen
-einwenden? fragte Theodor.
-</p>
-
-<p>
-Er ist mir vielleicht der verdrießlichste von allen,
-fiel Wilibald ein; er, der alles besser weiß, besser würde
-gemacht haben, der schon seit Jahren gesehn hat, wohin
-alles kommen wird, der selten jemand aussprechen läßt,
-ihn zu verstehn sich aber niemals die Mühe giebt, weil
-er schon im voraus überzeugt ist, er müsse erst hinzufügen,
-was in der fremden Meinung etwa Sinn haben
-könne. Er ist der thätigste und zugleich der trägste
-aller Menschen: bald ist er auf dieser, bald auf jener
-Reise, weil er alles mit eigenen Augen sehen will,
-alles will er lernen, keine Bibliothek ist ihm vollständig
-genug, kein Ort so entfernt, von dem er nicht Bücher
-verschriebe; bald ist es Geschichte, bald Poesie oder
-Kunst, bald Physik, oder gar Mystik, was er studirt;
-er lächelt nur, wenn andre sprechen, als wollt&rsquo; er sagen:
-laßt mich nur gewähren, laßt mich nur zur Rede kommen,
-so sollt ihr Wunder hören! Und wenn man nun
-wartet, und Jahre lang wartet, ihn dann endlich auffordert,
-daß er sein Licht leuchten lasse, so muß er
-wieder dieses Werk nachlesen, jene Reise erst machen,
-so fehlt es gerade am Allernothwendigsten, und so vertröstet
-er sich selbst und andre auf eine nimmer erscheinende
-Zukunft. Die übrigen ärgern mich nur, er aber
-macht mich böse; denn das ist das verdrüßlichste am
-Menschen, wenn er vor lauter Gründlichkeit auch nicht
-einmal an die Oberfläche der Dinge gelangen kann:
-es ist die Gründlichkeit der Danaiden, die auch immer
-hofften, der nächste Guß würde nun der rechte und
-letzte sein, und nicht gewahr wurden, daß es eben an
-Boden mangle.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-Wollt ihr mir nun nicht auch von mir &bdquo;ein liebes
-kräftig Wörtchen sagen?&ldquo; neckte ihn Theodor.
-</p>
-
-<p>
-An dir, sagte Wilibald, ist auch das verloren, denn
-so wie du mit jeder Feder eine andere Hand schreibst,
-klein, groß, ängstlich oder flüchtig, so bist du auch
-nur der Anhang eines jeden, mit dem du lebst; seine
-Leidenschaften, Liebhabereien, Kenntnisse, Zeitverderb,
-hast und treibst du mit ihm, und nur dein Leichtsinn
-ist es, welcher alles, auch das widersprechendste, in dir
-verbindet. Du bist hauptsächlich die Ursach, daß wir,
-so oft wir noch beisammen gewesen sind, zu keinem
-zweckmäßigen Leben haben kommen können, weil du
-dir nur in Unordnung und leerem Hinträumen wohlgefällst.
-Heute sind wir einmal recht vergnügt gewesen!
-pflegst du am Abend zu sagen, wenn du die übrigen
-verleitest hast, recht viel dummes Zeug zu schwatzen;
-bei einer Albernheit geht dir das Herz auf, &mdash; doch
-ich verschwende nur meinen Athem, denn ich sehe du
-lachst auch hierüber.
-</p>
-
-<p>
-Allerdings, rief Theodor im frohesten Muthe aus,
-o mein zorniger, mißmuthiger Camerad! du Ordentlicher,
-Bedächtlicher, der die ganze Welt nach seiner
-Taschenuhr stellen möchte, du, der in jede Gesellschaft
-eine Stunde zu früh kommt, um ja nicht eine halbe
-Viertelstunde zu spät anzulangen, du, der du wohl
-ins Theater gegangen bist, bevor die Casse noch eröffnet
-war, der auch dann im ledigen Hause beim schönsten
-Wetter sitzen bleibt, um sich nur den besten Platz
-auszusuchen, mit dem er nachher im Verlauf des
-Stückes doch wieder unzufrieden wird. Ich habe es
-ja erlebt, daß du zu einem Balle fuhrst, und mich
-und meine Gesellschaft so über die Gebühr triebst, daß
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-wir anlangten, als die Bedienten noch den Tanzsaal
-ausstäubten und kein einziges Licht angezündet war.
-Diese deine Ordnung willst du in jede Gesellschaft einführen,
-um nur alles eine Stunde früher als gewöhnlich
-zu thun, und gäbe man dir selbst diese Stunde
-nach, so würdest du wieder eine Stunde zuverlangen,
-so daß man, um mit dir ordentlich zu leben, immer
-im Zirkel um die vier und zwanzig Stunden des Tages
-mit Frühstück, Mittag- und Abendessen herum fahren
-müßte. Weil gestern die Gesellschaft noch nicht versammelt
-war, als die Suppe auf dem Tische stand,
-und jeder nach seiner Gelegenheit etwas später kam,
-darüber bist du noch heut verstimmt, du Heimtückischer,
-Nachtragender! noch mehr aber darüber, daß wir aus
-Scherz die geheime Abrede trafen, dich durchaus von
-Augustens Seite wegzuschieben, zu der du dich mit
-öffentlichem Geheimniß so geflissentlich drängst, und
-meinst, wir alle haben keine Augen und Sinne, um
-deine feurigen Augen und wohlgesetzten verliebten Redensarten
-wahrzunehmen. Sieh, Freund, man kennt
-dich auch, und weiß auch deine empfindliche Seite
-zu treffen.
-</p>
-
-<p>
-Wilibald zwang sich zu lachen und ging empfindlich
-fort; indem sah man Lothar und Ernst von der Straße
-des Berges, der über dem Garten und Hause lag, herunter
-reiten. Der einsame Anton gesellte sich zu Theodor
-und beide sprachen über Wilibald; es ist doch seltsam,
-sagte Anton, daß die Furcht vor der Affektation
-bei einem Menschen so weit gehen kann, daß er darüber
-in ein herbes widerspenstiges Wesen geräth, wie
-es unserm Freunde ergeht; er argwöhnt allenthalben
-Affektation und Unnatürlichkeit, er sieht sie allenthalben
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-und will sie jedem Freunde und Bekannten abgewöhnen,
-und damit man ihm nur nicht etwas Unnatürliches
-zutraue, fällt er lieber oft in eine gewisse rauhe
-Manier, die von der Liebenswürdigkeit ziemlich entfernt
-ist.
-</p>
-
-<p>
-So will er die Weiber auch immer männlich machen,
-sagte Theodor, ging&rsquo; es nach ihm, so müßten sie gerade
-alles das ablegen, was sie so unbeschreiblich liebenswürdig
-macht.
-</p>
-
-<p>
-Eine eigne Rubrik, fügte Anton hinzu, hält er,
-welche er Kindereien überschreibt, und in die er so ziemlich
-alles hinein trägt, was Sehnsucht, Liebe, Schwärmerei,
-ja Religion genannt werden muß. Wie die Welt
-wohl überhaupt aussähe, wenn sie nach seinem vernünftigen
-Plane formirt wäre?
-</p>
-
-<p>
-Selbst Sonne und Mond, sagte Theodor, halten
-nicht einmal die gehörige Ordnung, des Uebrigen zu
-geschweigen. Die Abweichung der Magnetnadel muß
-nach ihm entweder Affektation oder Kinderei sein, und
-statt sich in den Euripus zu stürzen, weil er die vielfache
-Ebbe und Fluth nicht begreifen konnte, hätte er
-ruhig am Ufer gestanden, und bloß den Kopf ein wenig
-geschüttelt und gemurmelt: läppisch! läppisch!
-</p>
-
-<p>
-Bis zum Abentheuerlichen unnatürlich sind die Cometen,
-versetzte Anton, ja alle Existenz hat wohl nur
-wie ein umgekehrter Handschuh die unrechte Seite herausgedreht,
-und ist dadurch existirend geworden.
-</p>
-
-<p>
-Zweifelt ihr daran, ihr armen Sünder? rief Wilibald
-aus dem nächsten Laubengange heraus, in welchem
-er alles gehört hatte; könnt ihr euch euren doppelten
-unbefriedigten Zustand anders erklären? Habt ihr dies
-nicht schon oft im Ernst denken müssen, wenn ihr überhaupt
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-darüber gedacht habt, was ihr jezt als Spaß
-aussprecht? Und wenn die Menschenseele sich selbst unvollendet
-und umgedreht empfindet, warum soll denn
-alles übrige Geschaffene richtiger und besser sein? Ihr
-hoffärtigen Erdenwürmer neigt euch in den Staub, und
-macht euch nicht über Leute lustig, die, wenn es die
-Noth erfordert, auch wohl über Milchstraßen und Trabanten
-und Sonnensysteme zu sprechen wissen.
-</p>
-
-<p>
-Ernst und Lothar traten hinzu und erzählten viel
-von der anmuthigen Lage der merkwürdigen Ruine,
-und Ernst zürnte über den frevelnden Leichtsinn der
-Zeit, der schon so viel Herrliches zerstört habe und es
-allenthalben zu vernichten fortfahre. Wie tief, rief er
-aus, wird uns eine bessere Nachwelt verachten, und
-über unsern anmaßlichen Kunstsinn und die fast krankhafte
-Liebhaberei an Poesie und Wissenschaft lächeln,
-wenn sie hört, daß wir Denkmale aus gemeinem, fast
-thierischem Nichtachten, oder aus kläglichem Eigennutz
-abgetragen haben, die aus einer Heldenzeit zu uns herüber
-gekommen sind, an der wir unsern erlahmten
-Sinn für Vaterland und alles Große wieder aufrichten
-könnten. So braucht man herrliche Gebäude zu Wollspinnereien
-und schlägt dürftige Kammern in die Pracht
-alter Rittersäle hinein, als wenn es uns an Raum
-gebräche, um die Armseligkeit unsers Zustandes nur
-recht in die Augen zu rücken, der in Pallästen der
-Heroen seine traurige Thätigkeit ausspannt, und große
-Kirchen in Scheuern und Rumpelkammern verwandelt.
-</p>
-
-<p>
-Ist ihnen doch die Vorzeit selbst nichts anders,
-sagte Lothar, und des Vaterlandes rührende Geschichte,
-eben so haben sie sich in diese mit ihren unersprießlichen
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-Zwecken hinein geklemmt, und verwundern sich
-lächelnd darüber, wie man ehemals nur das Bedürfniß
-solcher Größe haben mochte.
-</p>
-
-<p>
-Jezt zeigte sich die übrige Gesellschaft. Manfred
-führte seine Schwiegermutter, Friedrich, welcher verweinte
-Augen hatte, die schöne Rosalie, Anton bot seinen
-Arm der freundlichen Clara, und Wilibald gesellte
-sich zu Augusten, indem er dem lächelnden Theodor
-einen triumphirenden Blick zuwarf. Man wandelte in
-den breiten Gängen, welche oben gegen den eindringenden
-Sonnenstrahl gewölbt und dicht verflochten waren,
-in heitern Gesprächen auf und nieder, und Lothar
-sagte nach einiger Zeit: wir sprachen eben von den
-Ruinen altdeutscher Baukunst, und bedauerten, daß
-viele Schlösser und Kirchen gänzlich verfallen, die mit
-geringen Kosten als Denkmale unsern Nachkommen
-könnten erhalten werden; aber indem ich den Schatten
-dieser Gänge genieße, erinnere ich mich der seltsamen
-Verirrung, daß man jezt vorsätzlich auch viele Gärten
-zerstört, die in dem sogenannten französischen Geschmack
-angelegt sind, um eine unerfreuliche Verwirrung von
-Bäumen und Gesträuchen an die Stelle zu setzen, die
-man nach dem Modeausdrucke Park benamt, und so
-bloß einer todten Formel fröhnt, indem man sich im
-Wahn befindet, etwas Schönes zu erschaffen.
-</p>
-
-<p>
-Du erinnerst mich, sagte Ernst, an die Eremitage
-bei Baireuth und manchen andern Garten; wenn diese
-Einsiedelei auch manche aufgemauerte Kindereien zeigt,
-so war sie doch in ihrer alten Gestalt höchst erfreulich;
-ich verwunderte mich nicht wenig, sie vor einigen Jahren
-ganz verwildert wieder zu finden.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-Es fehlt unsrer Zeit, sagte Friedrich, so sehr sie
-die Natur sucht, eben der Sinn für Natur, denn
-nicht allein diese regelmäßigen Gärten, die dem jetzigen
-Geschmacke zuwider sind, bekehrt man zum Romantischen,
-sondern auch wahrhaft romantische Wildnisse
-werden verfolgt, und zur Regel und Verfassung der
-neuen Gartenkunst erzogen. So war ehemals nur die
-große wundervolle Heidelberger Ruine eine so grüne,
-frische, poetische und wilde Einsamkeit, die so schön mit
-den verfallenen Thürmen, den großen Höfen, und der
-herrlichen Natur umher in Harmonie stand, daß sie
-auf das Gemüth eben so wie ein vollendetes Gedicht
-aus dem Mittelalter wirkte; ich war so entzückt über
-diesen einzigen Fleck unsrer deutschen Erde, daß das
-grünende Bild seit Jahren meiner Phantasie vorschwebte,
-aber vor einiger Zeit fand ich auch hier eine
-Art von Park wieder, der zwar dem Wandelnden manchen
-schönen Platz und manche schöne Aussicht gönnt,
-der auf bequemen Pfaden zu Stellen führt, die man
-vormals nur mit Gefahr erklettern konnte, der selbst
-erlaubt, Erfrischungen an anmuthigen Räumen ruhig
-und sicher zu genießen; doch wiegen alle diese Vortheile
-nicht die großartige und einzige Schönheit auf, die hier
-aus der besten Absicht ist zerstört worden.
-</p>
-
-<p>
-Hier wurde das Gespräch unterbrochen, indem der
-Bediente meldete, daß angerichtet sei.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash;&mdash;&mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Man ging durch die großen offenen Thüren des
-Speisesaales, der unmittelbar an den Garten stieß,
-und aus dem man den gegenüber liegenden Berg mit
-seinen vielfach grünenden Gebüschen und schönen Waldparthien
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-vor sich hatte; zunächst war ein runder Wiesenplan
-des Gartens, welchen die lieblichsten Blumengruppen
-umdufteten, und als Krone des grünen Platzes
-glänzte und rauschte in der Mitte ein Springbrunnen,
-der durch sein liebliches Getön gleich sehr zum Schweigen
-wie zum Sprechen einlud.
-</p>
-
-<p>
-Alle setzten sich, Wilibald zwischen Auguste und
-Clara, neben dieser ließ Anton sich nieder, und ihm
-zunächst Emilie, zwischen ihr und Rosalien hatte Friedrich
-seinen Platz gefunden, an welche sich Lothar
-schloß, und neben ihm saßen die übrigen Männer.
-Auf dem Tische prangten Blumen in geschmackvollen
-Gefäßen und in zierlichen Körben frische Kirschen.
-Wie kommt es, fing die ältere Emilie nach einer Pause
-an, daß es bei jeder Tischgesellschaft im Anfang still
-zugeht? Man ist nachdenkend und sieht vor sich nieder,
-auch erwartet Niemand ein lebhaftes Gespräch,
-denn es scheint, daß die Suppe eine gewisse ernste,
-ruhige Stimmung veranlaßt, die gewöhnlich sehr mit
-dem Beschluß der Mahlzeit und dem Nachtische kontrastirt.
-</p>
-
-<p>
-Vieles erklärt der Hunger, sagte Wilibald, der sich
-meistentheils erst durch die Nähe der Speisen meldet,
-besonders, wenn man später zu Tische geht, als es
-festgesetzt war, denn Warten macht hungrig, dann
-durstig, und wenn es zu lange spannt, erregt es wahre
-Uebelkeit, fast Ohnmacht.
-</p>
-
-<p>
-Sehr wahr, sagte Rosalie, und die Herren sollten
-das nur bedenken, die uns Frauen fast immer warten
-lassen, wenn sie eine Jagd, einen Spazierritt, oder
-ein sogenanntes Geschäft vorhaben.
-</p>
-
-<p>
-Lassen denn die Damen nicht eben so oft auf sich
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-warten, erwiederte Wilibald, und wohl länger, wenn
-sie mit ihrem Anzug nicht einig oder fertig werden
-können? Da überdies die meisten niemals wissen, wie
-viel es an der Uhr ist, ja daß es überhaupt eine Zeitabtheilung
-giebt.
-</p>
-
-<p>
-Recht! sagte Manfred; neulich wollten sie einen
-Besuch in der Nachbarschaft machen, noch vorher eine
-Oper durchsingen, und ein wenig spazieren gehn, um
-dabei zugleich das kranke Kind im Dorfe zu besuchen,
-dann wollte man bei Zeiten wieder zu Hause sein und
-etwas früher essen als gewöhnlich, weil wir den Nachmittag
-einmal recht genießen wollten; als man aber,
-um doch anzufangen, nach der Uhr sah, fand sichs,
-daß es gerade nur noch eine halbe Stunde bis zur
-gewöhnlichen Tischzeit war, und die lieben Zeitlosen
-kaum noch Zeit sich umzukleiden hatten.
-</p>
-
-<p>
-Doch bitt&rsquo; ich mich auszunehmen, sagte Rosalie,
-tadelst du mich doch sonst immer, daß ich zu pünktlich,
-zu sehr nach der Stunde bin, sonst würde es auch mit
-den Einrichtungen der Wirthschaft übel aussehn.
-</p>
-
-<p>
-Dich nehm&rsquo; ich aus, sagte Manfred, und einer
-Hausfrau steht auch nichts so liebenswürdig, als eine
-stille, unerschütterliche Ordnung: aber auch nur die
-stille Ordnung, denn noch schlimmer als die Unordentlichen
-sind die für die Ordnung Wüthenden, in deren
-Häusern nichts als Einrichtung, Abrichten der Domestiken,
-Aufräumen und Staubabwischen zu finden
-ist; eine solche Frau haben, wäre eben so wie unter
-der großen Kirchenuhr und den Glocken wohnen, wo
-man nichts als den Perpendikel und das fürchterliche
-Schlagen der Stunden hört: auch eine männlich ordentliche
-und unternehmende Therese ist widerwärtig. Aber
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-in aller liebenswürdigen weiblichen Unordnung schweift
-meine theure Schwester Auguste etwas zu sehr aus.
-</p>
-
-<p>
-Das weiß Gott! fuhr Wilibald etwas übereilt heraus;
-denn wenn ein Spaziergang abgeredet ist, so muß man
-wohl anderthalb Stunden mit dem Stock in der Hand
-unten stehn und warten, und dann hat die liebenswürdige
-Dame entweder den Spaziergang ganz vergessen,
-und besinnt sich erst darauf, wenn man einigemal
-hat erinnern lassen, oder sie kommt auch wohl
-endlich, aber nun hat man nicht an Handschuh und
-Sonnenschirm und Tuch gedacht; man geht zurück,
-man kramt, und fällt dabei nicht selten wieder in eine
-Beschäftigung, die den Spaziergang von neuem mit
-Schiffbruch bedroht. O Gott! und nach allen diesen
-Leiden soll unser eins nachher noch liebenswürdig sein!
-</p>
-
-<p>
-Das ist ja eben die Liebenswürdigkeit, sagte Auguste,
-denn wenn euch alles entgegen getragen, allen
-euren Launen geschmeichelt wird, wenn man euch so
-schlicht hin für Herrscher erklärt, daß ihr dann zuweilen
-ein wenig liebenswürdig seid, ist doch warlich kein
-Verdienst.
-</p>
-
-<p>
-Um wieder auf die Suppe zu kommen, die jezt
-genossen ist, sagte Lothar, so rührt es wohl nicht so
-sehr von einem materiellen Bedürfniß her, daß man
-bei ihr wenig spricht, sondern mich dünkt, jedes Mahl
-und Fest ist einem Schauspiel, am besten einem
-Shakspearschen Lustspiel, zu vergleichen, und hat seine
-Regeln und Nothwendigkeiten, die sich auch unbewußt
-in den meisten Fällen aussprechen.
-</p>
-
-<p>
-Wie könnte es wohl einem verständigen Menschen
-etwas anders sein? unterbrach ihn Wilibald mit Lachen;
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-o wie oft ist doch unbewußt der Lustspieldichter selbst
-ein erfreulicher Gegenstand für ein Lustspiel!
-</p>
-
-<p>
-Laß ihn sprechen, sagte Manfred, magst du doch
-die Mahlzeit nachher mit einer Schlacht, oder gar mit
-der Weltgeschichte vergleichen; am Tisch muß unbedingte
-Gedanken- und Eßfreiheit herrschen.
-</p>
-
-<p>
-Daß die abwechselnden Gerichte und Gänge, fuhr
-Lothar fort, sich mit Akten und Scenen sehr gut vergleichen
-lassen, fällt in die Augen; eben so ausgemacht
-ist es für den denkenden und höhern Esser (ich ignorire
-jene gemeinere Naturen, die an allem zweifeln, und
-etwa in materieller Dumpfheit meinen können, das
-Essen geschehe nur, um den Hunger zu vertreiben),
-daß eine gewisse allgemeine Empfindung ausgesprochen
-werden soll, der in der ganzen Composition der Tafel
-nichts widersprechen darf, sei es von Seiten der Speisen,
-der Weine, oder der Gespräche, denn aus allem
-soll sich eine romantische Composition entwickeln, die
-mich unterhält, befriedigt und ergötzt, ohne meine Neugier
-und Theilnahme zu heftig zu spannen, ohne mich
-zu täuschen, oder mir bittre Rückerinnrungen zu lassen.
-Die epigrammatischen Gerichte zum Beispiel, die manchmal
-zur Täuschung aufgetragen werden, sind gerade
-zu abgeschmackt zu nennen.
-</p>
-
-<p>
-Im nördlichen Deutschland, sagte Ernst, sah ich
-einmal Zuckergebacknes als Torf aufsetzen, und es gefiel
-den Gästen sehr.
-</p>
-
-<p>
-O ihr unkünstlich Speisenden! rief Lothar aus;
-warum laßt ihr euch den Marzipan nicht lieber als
-die Physiognomien eurer Gegner backen, und zerschneidet
-und verzehrt sie mit Wohlgefallen und Herzenswuth?
-dürften die Rezensenten, oder sonst verhaßte
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-Menschen, gleich so auf den Märkten zum Verkauf
-ausgeboten werden?
-</p>
-
-<p>
-Von höchst abentheuerlichen Festen, sagte Clara,
-habe ich einmal im Vasari gelesen, welche die Florentinischen
-Maler einander gaben, und die mich nur
-würden geängstigt haben, denn diese trieben die Verkehrtheit
-vielleicht auf das äußerste. Nicht bloß, daß
-sie Palläste und Tempel von verschiedenen Speisen
-errichteten und verzehrten, sondern selbst die Hölle mit
-ihren Gespenstern mußte ihrem poetischen Uebermuthe
-dienen, und Kröten und Schlangen enthielten gut zubereitete
-Gerichte, und der Nachtisch von Zucker bestand
-aus Schädeln und Todtengebeinen.
-</p>
-
-<p>
-Gern, sagte Manfred, hätt&rsquo; ich an diesen bizarren,
-phantastischen Dingen Theil genommen, ich habe jene
-Beschreibung nie ohne die größte Freude lesen können.
-Warum sollte denn nicht Furcht, Abscheu, Angst,
-Ueberraschung zur Abwechselung auch einmal in unser
-nächstes und alltäglichstes Leben hinein gespielt werden?
-Alles, auch das Seltsamste und Widersinnigste hat
-seine Zeit.
-</p>
-
-<p>
-Freilich mußt du so sprechen, sagte Lothar, der du
-auch die Abentheuerlichkeiten des Höllen-Breughels liebst,
-und der du, wenn deine Laune dich anstößt, allen
-Geschmack gänzlich läugnest und aus der Reihe der
-Dinge ausstreichen willst.
-</p>
-
-<p>
-Wüßten wir doch nur, sagte Manfred, wo diese
-Sphinx sich aufhält, die alle wollen gesehen haben,
-und von der doch Niemand Rechenschaft zu geben weiß:
-bald glaubt man an das Gespenst, bald nicht, wie an
-die Dulcinea des Don Quixote, und das ist wohl der
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-Spaß an diesem Tagegeiste, daß er zugleich ist und
-nicht ist.
-</p>
-
-<p>
-Seltsam, aber nicht selten, fiel Friedrich ein, ist
-die Erscheinung (die deinen Unglauben fast bestätigen
-könnte), daß Menschen, die von Jugend auf sich scheinbar
-mit dem Geiste des klassischen Alterthums genährt,
-die immer das Ideal von Kunst im Munde führen,
-und unbillig selbst das Schönste der Modernen verachten,
-sich doch plötzlich aus wunderlicher Leidenschaft
-so in das Abgeschmackte und Verzerrte der neuern Welt
-vergaffen können, daß ihr Zustand sehr nahe an Verrücktheit
-gränzt.
-</p>
-
-<p>
-Weil sie die neue Welt gar nicht kannten, antwortete
-Lothar, war ihre Liebe zur alten auch keine
-freie und gebildete, sondern nur Aberglaube, der die
-Form für den Geist nahm. Mir kam auch einmal
-ein scheinbar gebildeter junger Mann vor, der, nachdem
-er lange nur den Sophokles und Aeschylus angebetet
-hatte, ziemlich plötzlich und ohne scheinbaren Uebergang
-als ächter Patriot unsern ungriechischen Kotzebue
-vergötterte.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin deiner Meinung, so nahm Ernst das Wort:
-kein Mensch ist wohl seiner Ueberzeugung oder seines
-Glaubens versichert, wenn er nicht die gegenüber liegende
-Reihe von Gedanken und Empfindungen schon
-in sich erlebt hat, darum ist es nie so schwer gewesen,
-als es beim ersten Augenblick scheinen möchte, die ausgemachtesten
-Freigeister zu bekehren, weil von irgend
-einer Seite ihres Wesens sich gewiß die Glaubensfähigkeit
-erwecken läßt, die dann, einmal erregt, alle
-Empfindungen mit sich reißt, und die ehemaligen Ansichten
-und Gedanken zertrümmert. Eben so wenig
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-aber steht der Fromme, der nicht mit allen seinen Kräften
-schon die Regionen des Zweifels durchwandert hat,
-seine Seele müßte dann etwa ganz Glaube und einfältiges
-Vertrauen sein, auf einem festen Grunde.
-</p>
-
-<p>
-Vorzüglich, sagte Friedrich, sind es die Leidenschaften,
-die so oft im Menschen das zerstören, was vorher
-als sein eigenthümlichstes Wesen erscheinen konnte.
-Ich habe Wüstlinge gekannt, wahre Gottesläugner der
-Liebe und freche Verhöhner alles Heiligen, die lange
-mit der stolzesten Ueberzeugung ihr verächtliches Leben
-führten, und endlich, schon an der Grenze des Alters,
-von einer höhern Leidenschaft, sogar zu unwürdigen
-Wesen, wunderbar genug ergriffen wurden, so daß sie
-fromm, demüthig und gläubig wurden, ihre verlorne
-Jugend beklagten, und endlich noch einigen Schimmer
-der Liebe kennen lernten, deren Himmelsglanz sie in
-besseren Tagen verspottet hatten.
-</p>
-
-<p>
-Könnte man nur immer, fügte Anton hinzu, jungen
-Menschen, welche in die Welt treten, und sich
-nur leicht von den scheinbar Reichen und Freien beherrschen
-und stimmen lassen, die Ueberzeugung mitgeben,
-wie arm und welche gebundene Sklaven jene sind,
-die gern alle ihre falschen Flitterschätze um ein Gefühl
-der Kindlichkeit, der Unschuld, oder gar der Liebe hingeben
-möchten, wenn es sie so beglücken wollte, in
-ihren dunkeln Kerker hinein zu leuchten. Wie oft ist
-der überhaupt in der Welt der Beneidete, der sich selber
-mitleidswürdig dünkt, und weit mehr Schlimmes
-geschieht aus falscher Schaam, als aus wirklich böser
-Neigung, ein mißverstandner Trieb der Nachahmung
-und Verehrung verlockt viel häufiger den Verirrten,
-als Neigung zum Laster.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Wie aber das Böse nicht zu läugnen ist, sagte
-Ernst, eben so wenig in den Künsten und Neigungen
-das Abgeschmackte, und man soll sich wohl vor beiden
-gleich sehr hüten. Vielleicht, daß auch beides genauer
-zusammen hängt, als man gewöhnlich glaubt. Wir sollen
-weder den moralischen noch physischen Ekel in uns
-zu vernichten streben.
-</p>
-
-<p>
-Aber auch nicht zu krankhaft ausbilden, wandte
-Manfred ein. &mdash; Ein Weltumsegler unsers Innern
-wird auch wohl noch einmal die Rundung unsrer Seele
-entdecken, und daß man nothwendig auf denselben
-Punkt der Ausfahrt zurück kommen muß, wenn man
-sich gar zu weit davon entfernen will.
-</p>
-
-<p>
-Dies führt, sagte Theodor, indem er mit Wilibald
-anstieß, zur liebenswürdigen Billigkeit und Humanität.
-</p>
-
-<p>
-Es führt, antwortete dieser, wie alles, was die letzte
-Spitze und den wahrhaften Schwindel mit einem gewissen
-Witze sucht, zu gar nichts. Theurer Lothar,
-laß uns wieder vernünftig sprechen, und führe deine
-Vergleichung einer Mahlzeit und des Schauspiels noch
-etwas weiter.
-</p>
-
-<p>
-Um deiner Wißbegier genug zu thun, fuhr Lothar
-fort, erklär&rsquo; ich also, daß bei einem Schauspiele die
-Einleitung eine der wichtigsten Parthien ist; sie kann
-hauptsächlich auf dreierlei Art geschehen. Entweder,
-daß in ruhiger Erzählung die Lage der Dinge auf die
-einfachste und natürlichste Weise auseinander gesetzt
-wird, so wie in &bdquo;den Irrungen,&ldquo; oder daß uns der
-Dichter sogleich in Getümmel und Unruhe wirft, woraus
-sich nach und nach die Klarheit und das Verständniß
-eröffnen, so wie im &bdquo;Romeo&ldquo; und dem &bdquo;Oldcastle,&ldquo;
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-die gar mit Schlägerei beginnen, oder auf die
-dritte Weise, die uns zwar auch sogleich in die Mitte
-der Dinge führt, aber mit ruhiger Besonnenheit, wie
-in &bdquo;Was ihr wollt.&ldquo; Es ist keine Frage, daß die
-letztere Art beim Gastmahl die vorzüglichere sei, und
-daß deshalb die zivilisirten Nationen, und Menschen,
-die nicht bizarr leben und essen wollen, ihre Mahlzeit
-mit einer kräftigen, aber milden, ruhig bedächtigen
-Suppe eröffnen. Wie nun alle Menschen Hang zum
-Drama haben, und dunkel <a id="corr-1"></a>die Ahnung in ihnen
-schläft, daß alles Drama sei, so hüten sie sich mit
-Recht, zu witzig, zu geistreich, oder auch nur zu gesprächig
-zu sein, so lange die Suppe vor ihnen steht.
-</p>
-
-<p>
-Emilie lachte und winkte ihm Beifall, und Lothar
-fuhr also fort: so wie sich in dem eben genannten
-Lustspiele nach der fast elegischen Einleitung die anmuthigen
-Personen des Junkers Tobias, der Maria und
-der Fieberwange als reizende Episode einführen, so genießt
-man zum Anbeginn der Mahlzeit Sardellen, oder
-Kaviar, oder irgend etwas Reizendes, welches noch
-nicht unmittelbar das Bedürfniß befriedigt, und so,
-um nicht zu weitläufig zu werden, wechselt Befriedigung
-und Reiz in angenehmen Schwingungen bis zum
-Nachtisch, der ganz launig, poetisch und muthwillig
-ist, wie jenes Lustspiel sich nach seinem Beschluß mit
-dem allerliebsten albernen, aber bedeutenden Gesang
-des liebenswürdigsten Narren beschließt, wie &bdquo;Viel
-Lärmen um nichts,&ldquo; und &bdquo;Wie es euch gefällt&ldquo; mit
-einem Tanze endigen, oder das &bdquo;Wintermährchen&ldquo; mit
-der lebendigen Bildsäule.
-</p>
-
-<p>
-Ich sehe wohl, sagte Clara, man sollte das Essen eben
-so gut in Schulen lernen, als die übrigen Wissenschaften.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-Gewiß, sagte Lothar, ziemt einem gebildeten Menschen
-nichts so wenig, als ungeschickt zu essen, denn
-eben, weil die Nahrung ein Bedürfniß unserer Natur
-ist, muß hiebei entweder die allerhöchste Simplizität
-obwalten, oder Anstand und Frohsinn müssen eintreten
-und anmuthige Heiterkeit verbreiten.
-</p>
-
-<p>
-Freilich, sagte Ernst, stört nichts so sehr, als eine
-schwankende Mischung von Sparsamkeit und unerfreulicher
-Verschwendung, wie man wohl mit vortrefflichem
-Wein zum Genuß geringer und schlecht zubereiteter
-Speisen überschüttet wird, oder zu schmackhaften leckern
-Gerichten im Angesicht trefflicher Geschirre elenden Wein
-hinunter würgen muß. Dieses sind die wahren Tragikomödien,
-die jedes gesetzte Gemüth, das nach Harmonie
-strebt, zu gewaltsam erschüttern. Ist das Gespräch
-solcher Tafel zugleich lärmend und wild, so hat
-man noch lange nachher am Mißton der Festlichkeit zu
-leiden, denn auch bei diesem Genuß muß die Schaam
-unsichtbar regieren, und Unverschämtheit muß in edle
-Gesellschaft niemals eintreten können.
-</p>
-
-<p>
-Dazu, sagte Anton, gehört das übermäßige Trinken
-aus Ambition, oder wenn ein begeisterter Wirth
-im halben Rausch zudringend zum Trinken nöthigt,
-indem er laut und lauter versichert, der Wein verdien&rsquo;
-es, diese Flasche koste so viel und jene noch mehr, es
-komme ihm aber unter guten Freunden nicht darauf
-an, und er könne es wohl aushalten, wenn selbst noch
-mehr darauf gehn sollte. Dergleichen Menschen rechnen
-im Hochmuth des Geldes nicht nur her, was dieses
-Fest kostet und jeder einzelne Gast verzehrt, sondern
-sie ruhen nicht, bis man den Preis jedes Tisches
-und Schrankes erfahren hat. Wenn sie Kunstwerke
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-oder Raritäten besitzen, sind sie gar unerträglich, und
-ihr höchster Genuß besteht darin, wenn sie in aller
-Freundschaftlichkeit ihren Gast können fühlen machen,
-daß es ihm, gegen den Wirth gerechnet, eigentlich
-wohl an Gelde gebreche.
-</p>
-
-<p>
-Das führt darauf, fuhr Lothar fort, daß so wie
-in den Gefäßen und Speisen Harmonie sein muß,
-diese auch durch die herrschenden Gespräche nicht darf
-verletzt werden. Die einleitende Suppe werde, wie
-schon gesagt, mit Stille, Sammlung und Aufmerksamkeit
-begleitet, nachher ist wohl gelinde Politik erlaubt,
-und kleine Geschichtchen, oder leichte philosophische
-Bemerkungen: ist eine Gesellschaft ihres Scherzes
-und Witzes nicht sehr gewiß, so verschwende sie ihn
-ja nicht zu früh, denn mit dem Confect und Obst und
-den feinen Weinen soll aller Ernst völlig verschwinden,
-nun muß erlaubt sein, was noch vor einer Viertelstunde
-unschicklich gewesen wäre; durch ein lauteres
-Lachen werden selbst die Damen dreister, die Liebe erklärt
-sich unverholner, die Eifersucht zeigt sich mit unverstecktern
-Ausfällen, jeder giebt mehr Blöße und
-scheut sich nicht, dem treffenden Spott des Freundes
-sich hinzugeben, selbst eine und die andre ärgerliche Geschichte
-witzig vorgetragen darf umlaufen. Große Herren
-ließen ehemals mit dem Zucker ihre Narren und
-Lustigmacher hereinkommen, um am Schluß des Mahls
-sich ganz als Menschen, heiter froh und ausgelassen zu
-fühlen.
-</p>
-
-<p>
-Jezt, sagte Theodor, <a id="corr-2"></a>bringt man um die Zeit die
-kleinen Kinder herein, wenn sie nicht schon alle in
-Reih&rsquo; und Glied bei Tische selber gesessen haben.
-</p>
-
-<p>
-Freilich, sagte Manfred, und das Gespräch erhebt
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-sich zum Rührenden über die hohen idealischen Tugenden
-der Kleinen und ihrer unnennbaren Liebe zu den
-Eltern, und der Eltern hinwieder zu den Kindern.
-</p>
-
-<p>
-Und wenn es recht hoch hergeht, sagte Theodor,
-so werden Thränen vergossen, als die letzte und kostbarste
-Flüssigkeit, die aufzubringen ist, und so beschließt
-sich das Mahl mit den höchsten Erschütterungen
-des Herzens.
-</p>
-
-<p>
-Nicht genug, fing Lothar wieder an, daß man
-diese Unarten vermeiden muß, jede Tischunterhaltung
-sollte selbst ein Kunstwerk sein, das auf gehörige Art
-das Mahl accompagnirte und im richtigen Generalbaß
-mit ihm gesetzt wäre. Von jenen schrecklichen großen
-Gesellschaften spreche ich gar nicht, die leider in unserm
-Vaterlande fast allgemeine Sitte geworden sind,
-wo Bekannte und Unbekannte, Freunde und Feinde,
-Geistreiche und Aberwitzige, junge Mädchen und alte
-Gevatterinnen an einer langen Tafel nach dem Loose
-durch einander gesetzt werden; jene Mahlzeiten, für
-welche die Wirthin schon seit acht Tagen sorgt und
-läuft und von ihnen träumt, um alles mit großem
-Prunk und noch größerer Geschmacklosigkeit einzurichten,
-um nur endlich, endlich der Fete los zu werden,
-die man schon längst von ihr erwartet, weil sie wohl
-zwölf und mehr ähnliche Gastmahle überstanden hat,
-zu der sie nun zum Ueberfluß noch jeden einladet, dem
-sie irgend eine Artigkeit schuldig zu sein glaubt, und
-gern noch ein Dutzend Durchreisende in ihrem Garne
-auffängt, um ihrer Besuche nachher entübrigt zu bleiben;
-nein, ich rede nicht von jenen Tafeln, an welchen
-Niemand spricht, oder Alle zugleich reden, an
-welchen das Chaos herrscht, und kaum noch in seltnen
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Minuten sich ein einzelner Privatspaß heraus wickeln
-kann, wo jedes Gespräch schon als todte Frucht zur
-Welt kommt, oder im Augenblicke nachher sterben muß,
-wie der Fisch auf dem trocknen Lande; ich meine nicht
-jene Gastgebote, bei denen der Wirth sich auf die Folter
-begeben muß, um den guten Wirth zu machen,
-zu Zeiten um den Tisch wandeln, selbst einschenken
-und frostige Scherze in das Ohr albern lächelnder
-Damen niederlegen; kurz, schweigen wir von dieser
-Barbarei unserer Zeit, von diesem Tode aller Geselligkeit
-und Gastfreiheit, die neben so vielen andern barbarischen
-Gewohnheiten auch ihre Stelle bei uns gefunden
-hat.
-</p>
-
-<p>
-Die krankhafte Karikatur von diesen Anstalten,
-fügte Wilibald hinzu, sind die noch größern Theegesellschaften
-und kalten Abendmahlzeiten, wo das Vergnügen
-erhöht wird, indem alles durch einander läuft,
-und wie in der Sprachverwirrung die Bedienten, gerufen
-und ungerufen, mit allen möglichen Erfrischungen
-balanzirend, dazwischen tanzen, jeder Geladene durch
-alle Zimmer schweift, um zu suchen, er weiß nicht
-was, und ein Ordnungsliebender gern am Ofen, oder
-an irgend einem Fenster Posto faßt, um in der allgemeinen
-Flucht nur nicht umgelaufen, oder von der
-völkerwandernden Unterhaltung erfaßt und mitgenommen
-zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Dieses, sagte Manfred, ist der wahre hohe Styl
-unsers geselligen Lebens, Michel Angelo&rsquo;s jüngstes Gericht
-gegen die Miniaturbilder alter Gastlichkeit und
-traulicher Freundschaft, der Beschluß der Kunst, das
-Endziel der Imagination, die Vollendung der Zeiten, von
-der alle Propheten nur haben weissagen können.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-Vergessen wir nur nicht, unterbrach Ernst, die
-Festlichkeiten des Mittelalters, wo nicht selten Tausende
-vom Adel als Gäste versammelt waren; doch hatte
-jener freimüthige frohe Sinn nichts von der Zerstreutheit
-unserer Zeit, und ihre glänzenden Waffenkämpfe,
-diese Spiele, bei denen die Kraft mit der Gefahr
-scherzte, vereinigten alle Gemüther zu einem herrlichen
-Mittelpunkte hin. Die Schätze der Welt sind wohl
-noch niemals so öffentlich und in so schönem großen
-Sinne genossen worden.
-</p>
-
-<p>
-Wie soll denn nun aber nach deiner Vorstellung
-ein Gastmahl endigen? fragte Wilibald; was sollte
-denn wohl auf diesen lustigen Leichtsinn folgen können,
-um würdig zu beschließen, oder wieder in das gewöhnliche
-Leben einzulenken?
-</p>
-
-<p>
-Der orientalische Ernst des Caffee, antwortete Lothar,
-und nach diesem, wie neulich schon ausgemacht
-wurde, vielleicht sogar die Pfeife. Da befinden wir
-uns plötzlich wieder in der Mitte eines herabgestimmten
-Lebens, und denken an unsere vorige Lust nur wie an
-einen Traum zurück.
-</p>
-
-<p>
-Sollte man so bewußtlos leben, essen und trinken,
-warf Clara ein, so wäre es eben eine herzliche Last,
-sich mit dem Leben überall einzulassen.
-</p>
-
-<p>
-Es kömmt wohl nur auf die Uebung an, sagte
-Theodor, haben doch Elephanten gelernt auf dem Seile
-tanzen. Die meisten Menschen machen sich außerdem
-ihr Leben noch viel beschwerlicher, und sie leben es
-doch ab: o warlich, hätten sie nur etwas Leichtsinn
-in den Kauf bekommen, so entschlössen sich viele, sich
-sterben zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-Ich sage ja nur, antwortete Lothar, daß uns
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-dunkel dergleichen Vorstellung eines Drama vorschwebt,
-wie bei allen Dingen, in die wir uns bestreben, Sinn
-und Zusammenhang hinein zu bringen.
-</p>
-
-<p>
-Da man sich schon dem Nachtische näherte, so ließ
-Manfred heißern Wein geben und ermunterte seine
-Freunde zum Trinken. Du wolltest, dünkt mich, noch
-über die Tischgespräche etwas sagen, so wandte er sich
-nach einiger Zeit an Lothar.
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte noch bemerken, antwortete dieser, daß
-nicht jedes Gespräch, auch wenn es an sich gut ist,
-an die Tafel paßt, oder wenigstens nicht in jede Gesellschaft.
-Beim stillen häuslichen Mahl darf unter
-wenigen Freunden oder in der Familie mehr Ernst,
-selbst Unterricht und Gründlichkeit herrschen, je mehr
-es sich aber dem Feste nähert, um so mehr müssen
-Geist und Frohsinn an die Stelle treten.
-</p>
-
-<p>
-Frage nun, sagte Wilibald, ob wir auch die gehörigen
-Diskurse führen? Bist du, dramatischer Lothar,
-in deinem Gewissen ganz beruhigt?
-</p>
-
-<p>
-Auch hiebei, erwiederte dieser, ist das gute Bestreben
-alles, was wir geben können, auch hier muß
-jenes Glück unsichtbar hinzutreten und die letzte Hand
-anlegen, um ein erfreuliches wahres Kunstwerk hervor
-zu bringen.
-</p>
-
-<p>
-Während dieser Gespräche, sagte Manfred, ist mir
-eingefallen, daß ich wohl unsre Schriftsteller und Dichter
-nach meinem Geschmack mit den verschiedenartigen
-Gerichten vergleichen könnte.
-</p>
-
-<p>
-Zum Beispiel? fragte Auguste; das wäre eine
-Geschmackslehre, die mir sehr willkommen sein würde,
-und wonach ich mir alles am besten merken und eintheilen
-könnte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-Ein andermal, sagte Manfred, wenn du für dergleichen
-ernsthafte Dinge mehr gestimmt bist; jezt würdest
-du es wohl nur sehr frivol aufnehmen, und ich
-bin doch überzeugt, daß diese Vergleichungen sich eben
-auch so gründlich durchführen lassen, wie alle übrigen.
-</p>
-
-<p>
-Es war eine Zeit, sagte Emilie, in der es die
-Schriftsteller, die über die Poesie schrieben, niedrig und
-gemein finden wollten, das Geschmack zu nennen, was
-in Werken der Künste das Gute von dem Schlechten
-sondert.
-</p>
-
-<p>
-Das war eben in jener geschmacklosen Zeit, sagte
-Theodor.
-</p>
-
-<p>
-Wer noch nie über das Tiefe und Innige des Geschmacks,
-über seine chemischen Zersetzungen und universellen
-Urtheile nachgedacht hat, versetzte Ernst, der dürfte
-nur einiges über diesen Gegenstand in den Schriften
-mancher Mystiker lesen, um zu erstaunen, und die Verächter
-dieses Sinnes zu verachten.
-</p>
-
-<p>
-Er dürfte auch nur hungern, sagte Wilibald, und
-dann essen.
-</p>
-
-<p>
-Lieber noch dursten, sagte Anton, und dann trinken,
-indem er selber bedächtig trank.
-</p>
-
-<p>
-Am kürzesten ist es gewiß, antwortete Friedrich,
-indeß wie selten werden wir darauf geführt, das zu
-beobachten, und uns über dasjenige zu unterrichten,
-was wir in uns Instinkt nennen, und doch ist der
-Philosoph nur ein unvollkommener, der in diese Gegend
-seinen spähenden Geist noch niemals ausgesendet hat.
-</p>
-
-<p>
-So ist es freilich mit allen Sinnen, fuhr Ernst
-fort, auch mit denen, die schon dem Gedanken verwandter
-scheinen, wie das Ohr und das noch hellere
-Auge. Wie wundersam, sich nur in eine Farbe als
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-bloße Farbe recht zu vertiefen? Wie kommt es denn,
-daß das helle ferne Blau des Himmels unsre Sehnsucht
-erweckt, und des Abends Purpurroth uns rührt,
-ein helles goldenes Gelb uns trösten und beruhigen
-kann, und woher nur dieses unermüdete Entzücken am
-frischen Grün, an dem sich der Durst des Auges nie
-satt trinken mag?
-</p>
-
-<p>
-Auf heiliger Stätte stehen wir hier, sagte Friedrich,
-hier will der Traum in uns in noch süßeren, noch
-geheimnißvolleren Traum zerfließen, um keine Erklärung,
-wohl aber ein Verständniß, ein Sein im Befreundeten
-selbst hinein zu wachsen und zu erbilden: hier findet der
-Seher die göttlichen ewigen Kräfte ihm begegnend, und
-der Unheilige läßt sich an der nämlichen Schwelle zum
-Götzendienste verlocken.
-</p>
-
-<p>
-Die Kunst, sagte Manfred, hat diese Geheimnisse
-wohl unter ihren vielfarbigen Mantel genommen, um
-sie den Menschen sittsam und in fliehenden Augenblicken
-zu zeigen, dann hat sie sie über sich selbst vergessen,
-und phantasirt seitdem so oft in allen Tönen und Erinnerungen,
-um diese alten Töne und Erinnerungen
-wieder zu finden. Daher die wilde Verzweiflung in
-der Lust mancher bacchantischen Dichter; es reißen sich
-wohl Laute in schmerzhafter üppiger Freude, in der
-Angst keine Scheu mehr achtend, aus dem Innersten
-hervor, und verrathen, was der heiligere Wahnsinn
-verschweigt. So wollten wild schwärmende Corybanten
-und Priesterinnen ein Unbekanntes in Raserei entdecken,
-und alle Lust die über die Gränze schweift
-nippt von dem Kelch der Ambrosia, um Angst und Wuth
-mit der Freude laut tobend zu verwirren. Auch der
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-Dichter wird noch einmal erscheinen, der dem Grausen
-und der wilden Sehnsucht mehr die Zunge lößt.
-</p>
-
-<p>
-Schon glaub&rsquo; ich die Mänade zu hören, sagte Ernst,
-nur Paukenton und Cymbelnklang fehlt, um dreister
-die Worte tanzen zu lassen, und die Gedanken in wilderer
-Geberde.
-</p>
-
-<p>
-Sein wir auch im Phantasiren mäßig, und auch
-im Aberwitz noch ein wenig witzig, bemerkte Wilibald.
-</p>
-
-<p>
-Ja wohl, fügte Auguste hinzu, sonst könnte man
-vor dergleichen Reden eben so angst, wie vor Gespenstergeschichten
-werden; das beste ist, daß keiner sich leicht
-dergleichen wahrhaft zu Gemüth zieht, sonst möchten
-sich vielleicht wunderliche Erscheinungen aufthun.
-</p>
-
-<p>
-Du sprichst wie eine Seherin, sagte Manfred, dieser
-Leichtsinn und diese Trägheit erhält den Menschen und
-giebt ihm Kraft und Ausdauer zu allem Guten, aber
-beide reißen ihn auch immerdar zurück von allem Guten
-und Hohen, und weisen ihn wieder auf die niedrige
-Erde an.
-</p>
-
-<p>
-Es gemahnt mir, bemerkte Theodor unhöflich, wie
-die Hunde, die, wenn auch noch so geschickt, nicht
-lange auf zwei Beinen dienen können, sondern immer
-bald wieder zu ihrem Wohlbehagen als ordinäre Hunde
-zurück fallen.
-</p>
-
-<p>
-Laßt uns also, erinnerte Wilibald, auch ohne Hunde
-zu sein, auf der Erde bleiben, denn gewiß ist alles
-gut, was nicht anders sein kann.
-</p>
-
-<p>
-Wir sprachen ja von Künsten, fuhr Theodor fort,
-und ich erinnere mich dabei nur mit Verdruß, daß ein
-Mensch, der seine Hunde ihre mannichfaltigen Geschicklichkeiten
-öffentlich zeigen ließ, jeden seiner Scholaren
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-mit der größten Ernsthaftigkeit und Unschuld einen Künstler
-nannte.
-</p>
-
-<p>
-O welch liebliches Licht, rief Rosalie aus, breitet
-sich jezt nach dem sanften Regen über unsern Garten!
-So ist wohl dem zu Muthe, der aus einem schweren
-Traum am heitern Morgen erwacht.
-</p>
-
-<p>
-Ich werde nie, sagte Ernst, den lieblichen Eindruck
-vergessen, den mir dieser Garten mit seiner Umgebung
-machte, als ich ihn zuerst von der Höhe jenes Berges
-entdeckte. Du hattest mir dort, in der Waldschenke,
-mein Freund Manfred, nur im allgemeinen von dieser
-Gegend erzählt, und ich stellte mir ziemlich unbestimmt
-eine Sammlung grüner Gebüsche vor, die man so
-häufig jezt Garten nennt; wie erstaunte ich, als wir
-den rauhen Berg nun erstiegen hatten, und unter mir
-die grünen Thäler mit ihren blitzenden Bächen lagen,
-so wie die zusammenschlagenden Blätter eines herrlichen
-alten Gedichtes, aus welchem uns schon einzelne liebliche
-Verse entgegen äugeln, die uns auf das Ganze
-um so lüsterner machen: nun entdeckt&rsquo; ich in der grünenden
-Verwirrung das hellrothe Dach deines Hauses
-und die reinlich glänzenden Wände, ich sah in den
-viereckten Hof hinein, und daneben in den Garten,
-den gerade Bäumgänge bildeten und verschlossene Lauben,
-die Wege so genau abgemessen, die Springbrunnen
-schimmernd; alles dies schien mir eben so wie ein
-helles Miniaturbild aus beschriebenen Pergamentblättern
-alter Vorzeit entgegen, und befangen von poetischen
-Erinnerungen fuhr ich herunter, und stieg noch
-mit diesen Empfindungen in deinem Hause ab, wo ich
-nun alles so lieblich und reizend gefunden habe. Ich
-gestehe gern, ich liebe die Gärten vor allen, die auch
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-unsern Vorfahren so theuer waren, die nur eine grünende
-geräumige Fortsetzung des Hauses sind, wo ich
-die geraden Wände wieder antreffe, wo keine unvermuthete
-Beugung mich überrascht, wo mein Auge sich
-schon im voraus unter den Baumstämmen ergeht, wo
-ich im Freien die großen und breiden Blumenfelder
-finde, und vorzüglich die lebendigen spielenden Wasserkünste,
-die mir ein unbeschreibliches Wohlgefallen
-erregen.
-</p>
-
-<p>
-Mit derselben Empfindung, antwortete Manfred,
-betrat ich zuerst diese Gegend, dieser Garten lockte mich
-sogleich freundlich an. Ich liebe es, im Freien gesellschaftlich
-wandeln zu können, im ungestörten Gespräch,
-die Blumen sehen mich an, die Bäume rauschen, oder
-ich höre halb auf das Geschwätz der Brunnen hin;
-belästigt die Sonne, so empfangen uns die dichtverflochtenen
-Buchengänge, in denen das Licht zum Smaragd
-verwandelt wird, und wo die lieblichsten Nachtigallen
-flattern und singen.
-</p>
-
-<p>
-Mit Entzücken, so redete Ernst weiter, muß ich an
-die schönen Gärten bei Rom und in manchen Gegenden
-Italiens denken, und sie haben meine Phantasie
-so eingenommen, daß ich oft des Nachts im Traum
-zwischen ihren hohen Myrthen- und Lorbeergängen wandle,
-daß ich oftmals, wie die unvermuthete Stimme eines
-lange abwesenden Freundes, das liebliche Sprudeln
-ihrer Brunnen zu vernehmen wähne. Hat sich irgendwo
-ein edles Gemüth so ganz wie in einem vielseitigen
-Gedicht ausgesprochen, so ist es vor allen dasjenige,
-welches die Borghesische Villa angelegt und ausgeführt
-hat. Was die Welt an Blumen und zarten Pflanzen,
-an hohen schönen Bäumen besitzt, allen Reiz großer
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-und freier Räume, wo uns labend die Luft des heitern
-Himmels umgiebt, labyrinthische Baumgewinde, wo
-sich Epheu um alte Stämme im Dunkel schlingt, und
-in der süßen Heimlichkeit kleine Brunnen in perlenden
-Stralen klingend tropfen, und Turteltauben girren:
-der anmuthigste Wald mit wilden Hirschen und Rehen,
-Feld und Wiesen dazwischen, und Kunstgebilde an den
-bedeutendsten Stellen, alles findet sich in diesem elysischen
-Garten, dessen Reize nie veralten, und der jezt
-eben wieder wie eine Insel der Seligen vor meiner
-Einbildung schwebt.
-</p>
-
-<p>
-Doch hab&rsquo; ich in vielen Büchern gelesen, wandte
-Emilie ein, daß die Gartenkunst der Italiäner noch in
-der Kindheit sei, und daß sie weit hinter den Deutschen
-zurückstehen.
-</p>
-
-<p>
-In allen menschlichen Angelegenheiten, antwortete
-Ernst, herrscht die Mode, aus der sich, wenn sie erst
-weit um sich gegriffen hat, leicht Sektengeist erzeugt,
-welchen man oft genug als Fortschritt der Kunst oder
-Menschheit unter dem Namen des Geistes der Zeit
-muß preisen hören, und so gehören auch diese Aeußerungen
-und Glaubensmeinungen in das System so mancher
-andern, gegen die ich mich fast unbedingt erklären
-möchte. Wo sind denn in Deutschland die vortrefflichen
-Gärten im sogenannten Englischen Geschmack, gegen
-die der gebildete Sinn nicht sehr Vieles einzuwenden
-hätte?
-</p>
-
-<p>
-Sprechen sie weiter! rief Clara lebhaft; schon einige
-empfindsame Reisende haben unsern muntern Garten
-als altfränkisch getadelt und meiner Mutter auf vielfache
-Weise gerathen, einen krummen, und wenn man
-den nächsten Hügel mit hinein zöge, auch auf- und
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-absteigenden Park mit allen möglichen Effekten, anzulegen,
-und meine gute Mutter hatte sich schon vor
-einigen Jahren nicht abgeneigt gezeigt, so daß ich schon
-für meine Blumenbeete und für die Wasserkünste, die
-selbst in der Stille der Nacht fortlachen, gezittert habe.
-</p>
-
-<p>
-Wir dürfen nur, fuhr Ernst fort, auf das Bedürfniß
-zurück gehn, aus welchem unsre Gärten entstanden
-sind, um auf dem kürzesten Wege einzusehn, welche
-Anlagen im Allgemeinen die richtigeren sein mögen.
-Der Landmann hat neben seiner einfachen Wohnung
-seinen Baumgarten, der ihm vor seiner Thür Früchte
-und Küchengewächse liefert; gern läßt er das Gras
-zwischen den Bäumen wachsen, sowohl, weil er es
-ebenfalls nutzen kann, als auch weil es ihm Arbeit
-erspart, indem er es schont. Sehn wir in dieser wilden
-grünen Anstalt noch irgend ein Fleckchen den Gartenblumen
-besonders gewidmet und mit Liebe ausgespart,
-so hat diese natürlichste Anlage, im Gebirge wie im
-flachen Lande, einen gewissen Zauber, der uns still und
-rührend anspricht, ja in der Blüthenzeit kann ein solcher
-Raum mit seinen dicht gedrängten Bäumen entzückend
-sein. Diese sind unter den Gärten die wahren
-Idyllen, die kleinen Naturgedichte, die eben deswegen
-gefallen, weil sie von aller Kunst völlig ausgeschlossen
-sind.
-</p>
-
-<p>
-Ein Mühlbach, der an solchem Garten vorüberrinnt,
-sagte Clara, und Lämmchen drinne hüpfend und blökend
-in der Frühlingszeit, und krausbebuschte Berge
-dahinter, aus denen ein Holzschlag in den Gesang der
-Waldvögel tönt, dies kann vorzüglich Abends, oder am
-frühsten Morgen so himmlische Eindrücke von Ruhe,
-Einsamkeit und lieblicher Befangenheit erregen, daß
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-unser Gemüth in diesen Augenblicken sich nichts Höheres
-wünschen kann.
-</p>
-
-<p>
-Die Gärten der alten Burgen und Schlösser waren
-auf ihren Höhen gewiß nur beschränkt, sagte Ernst,
-der jagdliebende Ritter lebte im Walde, und auf Reisen
-und Turnieren, oder in Fehden und Kriegen. Als die
-neueren Palläste entstanden und die fürstliche Architektur,
-als mit dem milderen Leben Kunst, Witz und
-heitere Geselligkeit in die Schlösser der Großen und
-Reichen zogen, wandte sich die architektonische Regel
-ebenfalls in die Gärten; in ihnen sollte dieselbe Reinlichkeit
-und Ordnung herrschen, wie in den Säulengängen
-und Sälen der Palläste, sie sollten der Geselligkeit
-den heitersten Raum gewähren, und so entstanden
-die regelmäßigen, weiten und vielfachen Baumgänge,
-so wurde der unordentliche Wuchs zu grünen
-Wänden erzogen, Hügel ordneten sich in Terrassen und
-bequemen breiten Treppen, die Blumen standen in
-Reihen und Beeten, und alles Wildscheinende, so wie
-alles, was an das Bedürfniß erinnert, wurde sorgfältigst
-entfernt; auf großen runden oder viereckten
-Plätzen suchte man gern die Frühlingssonne, die dichten
-Baumschatten waren zu Bögen gegen die Hitze
-gewölbt, verflochtene Laubengänge waren künstlich selbst
-mit unsichtbaren Käfigen umgeben, in denen Vögel aller
-Art in scheinbarer Freiheit schwärmten, die Springbrunnen,
-die die Stille unterbrachen und wie Naturmusik
-dazwischen redeten, und deren geordnete Stralen
-und Ströme in vielfachen Linien aus Muscheln, Seepferden
-und Statuen von Wassergöttern sich ebenfalls
-nach Regeln erhoben, dienten als phantastischer Schmuck
-dem wohlberechneten Ganzen. Der bunte grünende
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-Raum war Fortsetzung der Säle und Zimmer, für
-viele Gesellschaften geeignet, den mannichfaltigsten Sinnen
-zubereitet, dem Geräusch und Prunk anpassend,
-und auch in der Einsamkeit ein lieblicher Genuß; denn
-der Frohwandelnde, wie jener, der sich in stille Betrachtung
-senkt, fand nichts, was ihn störte und irrte,
-sondern die lebendige Natur umgab sie zauberisch in
-denselben Regeln, in denen der Mensch von Verstand
-und Vernunft, und der innern unsichtbaren Mathematik
-seines Wesens ewig umschlossen ist.
-</p>
-
-<p>
-Siehst du, liebe Mutter, sagte Clara, welche philosophische
-Miene unser oft getadelte Garten anzunehmen
-weiß, wenn er nur seinen Sachwalter findet?
-</p>
-
-<p>
-Alles, was ich sagen kann, fuhr Ernst fort, steht
-schon im Woldemar viel besser und gründlicher, als
-Zurechtweisung eines einseitigen und mißverstandenen
-Hanges zur Natur.
-</p>
-
-<p>
-Finden Sie denn aber wirklich alle Gärten dieser
-Art schön? fragte Auguste.
-</p>
-
-<p>
-So wenig, antwortete Ernst, daß ich im Gegentheil
-viele gesehen habe, die mir durch ihre vollendete
-Abgeschmacktheit eine Art von Grausen erregt haben.
-Es giebt vielleicht in der ganzen Natur keine traurigere
-Einsamkeit, als uns die erstorbene Formel dieser Gartenkunst
-in dem barocken übertriebenen holländischen
-Geschmack darbietet, wo es den Reiz ausmachen soll,
-die Bäume nicht als solche wieder zu erkennen, wo
-Muscheln, Porzellan und glänzende Glaskugeln um
-fürchterlich verzerrte Bildsäulen auf gefärbtem Sande
-leuchten, wo das springende Wasser selbst seine liebliche
-Natur eingebüßt hat, und zum Possenreißer geworden
-ist, und wo auch sogar der heiterste blaue Himmel nur
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-wie ein ernstes mißbilligendes Auge über dem vollendeten
-Unfug steht: Mond und Sterne über diesen Fratzen
-leuchtend und schimmernd, sind furchtbar, wie die lichten
-Gedanken im Geschwätz eines Verrückten.
-</p>
-
-<p>
-Vom Wasser, fiel Theodor ein, wird überhaupt oft
-ein kindischer Mißbrauch gemacht; diese Vexirkünste, um
-uns plötzlich naß zu machen, sind den abgeschmackten
-neumodischen Gespenstergeschichten mit natürlichen Erklärungen
-zu vergleichen; der Verdruß ist viel größer als
-der Schreck.
-</p>
-
-<p>
-Da man nun so häufig, sprach Ernst weiter, diese
-Gespenster von Gärten sah, so erwachte zu derselben
-Zeit, als man in allen Künsten die Natürlichkeit forderte,
-auch in der Gartenkunst bei unsern Landsleuten
-ein gewisser Sinn für Natur. Wir hörten von den
-englischen Parks, von denen viele in der That in
-hoher Schönheit prangen, sehr viele aber auch die Wohnung
-trüber Melankolie sind, und so fing man denn
-in Deutschland ebenfalls an, mit Bäumen, Stauden
-und Felsen auf mannigfache Weise zu malen, lebendige
-Wasser und Wasserfälle mußten die springenden Brunnen
-verdrängen, so wie alle geraden Linien nebst allem
-Anschein von Kunst verschwanden, um der Natur und
-ihren Wirkungen auf unser Gemüth Raum zu gewähren.
-Weil man sich nun hier in einem unbeschränkten
-Felde bewegte, eigentlich keine Vorbilder zur Nachahmung
-hatte, und der Sinn, der auf diese Weise
-malen und zusammen setzen soll, vom feinsten Geschmack,
-vom zartesten Gefühl für das Romantische
-der Natur geleitet werden muß, ja, weil jede Lage,
-jede Umgebung einen eigenthümlichen Garten dieser Art
-erfordert, und jeder also nur einmal existiren kann, so
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-konnte es nicht fehlen, daß man, von jenem ächten
-Natursinn verlassen, in Verwirrung gerieth, und bald
-Gärten entstanden, die nicht weniger widerlich, als jene
-holländischen waren. Bald genügten die Effekte der
-Natur und der sinnigen Bäume und Pflanzen nicht
-mehr, dem bizarren Streben waren diese Wirkungen
-zu gelinde, man baute Felsenmassen, Labyrinthe, hängende
-Brücken, chinesische Thürmchen auf steilen Abhängen,
-gothische Burgen, Ruinen aller Art, und so waren
-diese verworrenen Räume am Ende mehr auf ein unangenehmes
-Erschrecken, oder unbehagliche Aengstlichkeit,
-als für einen stillen Genuß eingerichtet.
-</p>
-
-<p>
-Und dabei doch alles kleinlich, fiel Manfred ein,
-nicht phantastisch, sondern nur arm sind diese Tempel
-der Nacht und der Sonne, mit ihren bunten affektirten
-Lichtern, und kommen nicht einmal unsern gewöhnlichsten
-Theater-Effekten gleich.
-</p>
-
-<p>
-Für das Erschrecken reizbarer oder träumerischer Menschen
-ist oft hinlänglich gesorgt, sagte Anton, wenn
-unvermuthet ein Bergmann aus einem Schacht neben
-dem Wege heraus zu steigen scheint, oder im einsamen
-Dickicht eine andre widrige Puppe als Eremit vor einem
-Crucifixe kniet. Selbst Schädel und Beingerippe müssen
-dem Wandelnden zum Ergötzen dienen.
-</p>
-
-<p>
-Ohne weiteren Schreck, sagte Wilibald, erregen schon
-die krummen, ewig sich verwickelnden Wege Angst genug.
-Man sieht Menschen in der Ferne und vermuthet einen
-Freund unter diesen; aber wie in aller Welt soll man
-es anstellen, sich ihnen zu nähern? Man nimmt die
-Richtung nach jenem Punkt, allein der Weg läßt sich
-nicht so gehn, wie du möchtest, bald bist du hinter
-deinem vorigen Standpunkte zurück, und so ist es auch
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-wahrscheinlich jenem drüben ergangen; tagelang rennt
-man sich aus dem Wege, wenn man sich nicht in
-einer albernen Moschee, oder otahitischen Hütte, in
-die man gegen den Regen unterduckt, ganz unvermuthet
-findet.
-</p>
-
-<p>
-Eben so wenig, fuhr Theodor fort, kannst du aber
-dem ausweichen, dem du nicht begegnen willst, und
-das ist oft noch schlimmer. Nichts alberneres, als zwei
-Menschen, die sich nicht leiden mögen, und die sich
-plötzlich in gezwungener Einsamkeit in einer dunkeln
-Grotte eng neben einander befinden, da brummt man
-was von schöner Natur und rennt aus einander, als
-müßte man die nächste Schönheit noch eilig ertappen,
-die sich sonst vielleicht auf flüchtigen Füßen davon
-machen möchte; und, siehe da, indem du dich bald
-nachher eine enge Felsentreppe hinauf quälst, kommt
-dir wieder die fatale Personage von oben herunter entgegen
-gestiegen, man muß sich sogar beim Vorbeidrängen
-körperlich berühren, eine nothgedrungene Freundlichkeit
-anlegen, und der lieben Humanität wegen
-recht entzückt sein über das herrlich romantische Wesen,
-um nur der leidigen Versuchung auszuweichen, jenen
-in den zauber- aber nicht wasserreichen Wasserfall hinab
-zu stoßen. Die Entdeckung und Anpflanzung der lombardischen
-Pappel, die weder Gestalt noch Farbe hat,
-ist den Verfertigern der schönen Natur sehr zu statten
-gekommen, ihrem Wirrwarr recht eilig auf die Beine
-helfen zu können. Das Zeug wächst fast zusehends,
-und nun haben unsre guten alten einheimischen Bäume
-das Nachsehn. Diese Pappeln sind mir in geraden
-und krummen Gängen gleich widerwärtig. Wie schön
-sind unsre alten Linden, die vormals so manche Landstraße
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-zierten, wie erfreulich die ehrwürdigen Nußbäume
-der Bergstraße, und wie melankolisch sind die
-Pappelgassen, die sich um Carlsruh nach allen Seiten
-in das Land so finster hinaus strecken.
-</p>
-
-<p>
-In gebirgigen Gegenden, sagte Friedrich, scheint
-mir ein Garten, wie dieser hier, nicht nur der angemessenste,
-sondern auch ohne Frage der schönste, denn
-nur in diesem kann man sich von den erhabenen Reizen
-und großen Eindrücken erholen, die die mächtigen
-Berge beim Durchwandeln in uns erregen. Jedes
-Bestreben, hier etwas Romantisches erschaffen, und
-Baum und Waldgegenden malen zu wollen, würde
-jenen Wäldern und Felsenschluften, den wundersamen
-Thälern, der majestätischen Einsamkeit gegenüber nur
-albern erscheinen. So aber liegt dieser Garten in
-stiller Demuth zu den Füßen jener Riesen, mit ihren
-Wäldern und Wasserbächen, und spielt mit seinen
-Blumen, Laubengängen und Brunnen wie ein Kind
-in einfältigen Phantasien. Dagegen ist mir in einer
-der traurigsten Gegenden Deutschlands ein Garten bekannt,
-der allen romantischen Zauber auf die sinnigste
-Weise in sich vereinigt, weil er, nicht um Effekt zu
-machen, sondern um die innerlichen Bildungen eines
-schönen Gemüthes in Pflanzen und Bäumen äußerlich zu
-erschaffen vollendet wurde; in jener Gegend, wo der edle
-Herausgeber der Arethusa nach alter Weise im Kreise
-seiner liebenswürdigen Familie lebt; dieser grüne, herrliche
-Raum schmückt wahrhaft die dortige Erde, von
-ihm umfangen, vergißt man das unfreundliche Land,
-und wähnt in lieblichen Thälern und göttergeweihten
-Hainen des Alterthums zu wandeln; in jedem Freunde
-der Natur, der diese lieblichen Schatten besucht, müssen
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-sich dieselben heitern Gefühle erregen, mit denen der
-sinnvolle Pflanzer die anmuthigste Landschaft hier mit
-dem Schmuck der schönsten Bäume dichtete, die auf
-sanften Hügeln und in stillen Gründen mannichfaltig
-wechselt, und durch rührende Reize den Sinn des Gebildeten
-beruhigt und befriedigt. Denn ein wahres
-und vollkommenes Gedicht muß ein solcher Garten
-sein, ein schönes Individuum, das aus dem eigensten
-Gemüthe entsprungen ist, sonst wird ihm der Vorwurf
-jener oben gerügten Verwirrung und Unerfreulichkeit
-gewiß nicht entstehn können.
-</p>
-
-<p>
-Die Damen machten schon Miene sich zu erheben,
-als Manfred rief: nur noch diese Flasche, meine
-Freunde, des lieblichen Constanzerweins, jedem ein
-volles Glas, und mit ihm trinke jeder eine Gesundheit
-recht von Herzen!
-</p>
-
-<p>
-Ernst erhub das flüssige Gold, und sagte nicht
-ohne Feierlichkeit: Wohlauf, er lebe, der Vater und
-Befreier unsrer Kunst, der edle deutsche Mann, unser
-Göthe, auf den wir stolz sein dürfen, und um den
-uns andre Nationen beneiden werden!
-</p>
-
-<p>
-Alle stießen an, und als Theodor an ein neuliches
-Gespräch erinnern wollte, rief Manfred: nein, Freunde,
-keine Kritiken jezt, alle Freude unsrer Jugend, alles
-was wir ihm zu danken haben, vereinigen wir in
-unserer Erinnrung in diesem Augenblick!
-</p>
-
-<p>
-Wilibald sagte: du hast Recht, der Moment begeisterter
-Liebe kann nur Liebe sein, und darum laßt
-uns Schillers Andenken mit seinem Namen vereinigen,
-dessen ernster groß strebender Sinn wohl noch länger
-unter uns hätte verweilen sollen.
-</p>
-
-<p>
-Ich trinke dieses Glas, sprach Anton bewegt, dem
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-edelsten und freundlichsten Gemüth, dem liebenswürdigsten
-Greise, dem es wohl gehn solle, dem Weisen, der
-nie Sektirer war, dem kindlichen Jacobi, den uns ein
-sanftes Schicksal noch viele Jahre gönnen möge!
-</p>
-
-<p>
-Wir endigen unser Mahl feierlich, sagte Emilie,
-man kann sich der Rührung nicht erwehren, auf diese
-Weise an geliebte Abwesende zu denken.
-</p>
-
-<p>
-Ergeben wir uns, rief Manfred lebhaft aus, dieser
-schönen Bewegung, und darum stoßt an, und feiert
-hoch das Andenken unsers phantasievollen, witzigen, ja
-wahrhaft begeisterten Jean Paul! Nicht sollst du ihn
-vergessen, du deutsche Jugend. Gedankt sei ihm für
-seine Irrgärten und wundervollen Ersinnungen: möchte
-er in diesem Augenblick freundlich an uns denken,
-wie wir uns mit Rührung der Zeit erinnern, als er
-gern und mit schöner Herzlichkeit an unserm Kreise
-Theil nahm!
-</p>
-
-<p>
-Nie sei vergessen, rief Theodor mit einem Ernst,
-der an ihm nicht gewöhnlich war, das brüderliche
-Gestirn deutscher Männer, unser Friedrich und Wilhelm
-Schlegel, die so viel Schönes befördert und geweckt
-haben: des einen Tiefsinn und Ernst, des andern
-Kunst und Liebe sei von dankbaren Deutschen durch
-alle Zeiten gefeiert!
-</p>
-
-<p>
-So sei es denn erlaubt, sprach Lothar, einen
-Genius zu nennen, der schon lange von uns geschieden
-ist, der aber uns wohl umschweben mag, wenn
-alle Herzen mit innerlichster Sehnsucht und Verehrung
-ihn zu sich rufen: der große Britte, der ächte Mensch,
-der Erhabene, der immer Kind blieb, der einzige Shakspear
-sei von uns und unsern Nachkommen durch alle
-Zeitalter gepriesen, geliebt und verehrt!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-Alle waren in stürmischer Bewegung und Friedrich
-stand auf und sagte: ja, meine Geliebten, wie wir
-hier nur beisammen sind in Freundschaft und Liebe
-und dadurch eins, so umgiebt uns auch aus der Ferne
-das Angedenken edler Freunde, und ihre Herzen sind
-vielleicht eben jezt hieher gewendet; aber auch den Abgeschiedenen
-zieht unser Glaube andächtig zu unsern
-Mahlen, Freuden und Scherzen, mit Sehnsucht, Liebe
-und Freudenthränen herbei, und so beschließt sich am
-würdigsten ein heitrer Genuß; der Tod ist keine Trennung,
-sein Antlitz ist nicht furchtbar: opfert diese letzten
-Tropfen dem vielgeliebten Novalis, dem Verkündiger
-der Religion, der Liebe und Unschuld, er ein ahndungsvolles
-Morgenroth besserer Zukunft.
-</p>
-
-<p>
-Rosalie stieß stillschweigend und gerührt mit an:
-ihm sollen die Frauen danken, sprach sie leise und
-bewegt. Alle erhuben sich, die Freunde umarmten sich
-stürmisch und jedem standen Thränen in den Augen.
-Man ging schweigend in den Garten.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash;&mdash;&mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die Gesellschaft saß um den größten Springbrunnen,
-der in der Mitte des Gartens spielte, horchte
-auf das liebliche Getön und fühlte in dieser Pause kein
-Bedürfniß, das Gespräch fort zu setzen; endlich sagte
-Clara: von allen Naturerscheinungen kommt mir das
-Wasser als die wunderbarste vor, denn es ist nicht
-anders, wenn man recht darauf sieht und hört, als
-wohne in ihm ein uns befreundetes Wesen, das uns
-versteht und sich uns mittheilen möchte, so klar und
-lockend schaut es uns an; es lacht mit uns, wenn wir
-fröhlich sind, es klagt und schluchzt, wenn wir trauern,
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-es schwatzt und plaudert kindisch und thöricht, wenn
-wir uns zum Schwatzen aufgelegt fühlen, kurz, es
-macht alles mit; auch tönt ein rauschender Bach in
-der Einsamkeit der Gebirge wohl wie ein Orakel, von
-dem wir die prophetischen, tiefsinnigen Worte gern
-verstehn lernen möchten. Warlich, kein Glaube ist dem
-Menschen so natürlich, als der an Nixen und Wassernymphen,
-und ich glaube auch, daß wir ihn nie
-ganz abgelegen.
-</p>
-
-<p>
-Anton, der neben ihr saß, sah sie mit einem freundlichen,
-fast begeisterten Blicke an, weil dieses Wort
-die theuerste Gegend seines heimlichen Aberglaubens
-liebkosend besuchte; er wollte ihr etwas erwiedern, als
-Ernst das Wort nahm und sich so vernehmen ließ:
-nicht so willkührlich, wie es auf den ersten Anblick
-scheinen möchte, haben die ältesten Philosophen, so
-wie neuere Mystiker, dem Wasser schaffende Kräfte und
-ein geheimnißvolles Wesen zuschreiben wollen, denn
-ich kenne nichts, was unsre Seele so ganz unmittelbar
-mit sich nimmt, als der Anblick eines großen
-Stromes, oder gar des Meeres; ich weiß nichts, was
-unsern Geist und unser Bewußtsein so in sich reißt
-und verschlingt, wie das Schauspiel vom Sturz des
-Wassers, wie des Teverone zu Tivoli, oder der Anblick
-des Rheinfalls. Darum ermüdet und sättigt dieser
-wundervolle Genuß auch nicht, denn wir sind uns,
-möchte ich sagen, selbst verloren gegangen, unsre Seele
-mit allen ihren Kräften braust mit den großen Wogen
-eben so unermüdlich den Abgrund hinunter: das ist es
-auch, daß wir vergeblich nach Worten suchen, mit
-Vorstellungen ringen, um aus unsrer Brust die erhabene
-Erscheinung wieder auszutönen, um in Ausdrücken
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-der Sprache die gewaltige Leidenschaft, den furchtbaren
-Zorn, den Trieb zur Vernichtung, das heftige
-Toben im Schluchzen und Weinen, das harte gellende
-Lachen in der tiefsinnigen Klage, vermischt mit uralten
-Erinnerungen, verwirrt mit den Ahndungen seltsamer
-Zukunft zu bilden und auszumalen, und keiner Anstrengung
-kann dieses Bestreben auch jemals gelingen.
-</p>
-
-<p>
-Da die Sprache schon so unzulänglich ist, sagte
-Lothar, so sollten es sich die Künstler doch endlich abgewöhnen,
-Wasserfälle malen zu wollen, denn ohne
-ihr sinnvolles, in tausendfachen Melodien abwechselndes
-Rauschen sehn auch die bessern in ihrer Stummheit
-nur albern aus. Dergleichen Erscheinungen, die
-keinen Moment des Stillstandes haben und nur in
-ewigem Wechsel existiren, lassen sich niemals auf der
-Leinwand darstellen.
-</p>
-
-<p>
-Darum, fuhr Friedrich fort, sind Teiche, Bäche,
-Quellen, sanfte blaue Ströme, für den Landschafter
-so vortreffliche Gegenstände, und dienen ihm vorzüglich,
-jene sanfte Rührung und Sehnsucht hervor zu bringen,
-die wir so oft beim Anblick des ruhigen Wassers
-empfinden.
-</p>
-
-<p>
-Die Menge der lebendigen rauschenden Brunnen,
-sagte Ernst, gehört zu den Wundern Roms, und sie
-tragen mit dazu bei, den Aufenthalt in dieser Stadt
-so lieblich zu machen. Entzückt uns in freier Landschaft
-oder in den Gärten das Spiel des Wassers, so
-ergreift uns neben Pallästen und Kirchen, im Geräusch
-der Straßen und Märkte, dieses tönende Rauschen und
-Sprudeln noch seltsamer. Ich kann nicht sagen, wie
-in der stillen Nacht der Abreise mich diese Brunnen
-rührten, denn mir dünkte, daß sie alle Abschied von
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-mir nähmen, mir ein Lebewohl nachriefen, und mich
-an alle Herrlichkeiten dieser Hauptstadt der Welt so
-wehmüthig erinnerten; ich begriff in dieser Stunde nicht,
-wie ich mich vorher oft so innig nach Deutschland hatte
-sehnen können, denn schon bevor ich aus dem Thor
-gefahren war, sehnte ich mich herzlich nach Rom zurück,
-wie viel mehr nicht seitdem!
-</p>
-
-<p>
-So ist der Mensch, fiel Theodor ein, nichts als
-Inkonsequenz und Widerspruch! So hat Lothar uns
-heut weitläuftig auseinandergesetzt, mit welcher Heiterkeit
-und mit welchem ausgelassenen Witze sich ein Mahl
-beschließen müsse, und wir endigten es höchst unbedacht
-mit Rührung, was ganz gegen die Abrede war.
-</p>
-
-<p>
-Doch nicht minder gut, sagte Ernst, denn wir
-waren auch in dieser Bewegung fröhlich. Ich verstehe
-überhaupt die Freude der meisten Menschen nicht.
-Scheint es doch, als müßten sie alle Erinnerungen
-des wahren Lebens von sich entfernt halten, um nur
-in blinder Zerstreutheit auf kümmerliche Weise sich das
-anzueignen, was sie Ergötzung und Fröhlichkeit nennen.
-Die Fülle des Lebens, ein gesundes kräftiges Gefühl
-des Daseins bedarf selbst einer gewissen Trauer, um
-die Lust desto inniger zu empfinden, so wie diese Gesundheit
-die Tragödie erfunden hat, und auch nur genießen
-kann. Je schwächer der Mensch, je lebensmüder
-er wird, um so mehr hat er nur noch Freude am
-Lachen, und an dem kleinlichen Lustspiel neuerer Zeit.
-Geh dem aus dem Wege, der nur noch lachen mag
-und kann, denn mit dem Ernst und der edlen Trauer
-ist auch aller Inhalt seines Lebens entschwunden; er
-ist bös, wenn er etwas mehr als Thor sein kann. Je
-höher wir unser Dasein in Lust und Liebe empfinden,
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-je lauter wir in uns aufjauchzen in jenen seltenen
-Minuten, die uns nur sparsam ein geizendes Schicksal
-gönnt, um so freigebiger und reicher sollen wir uns
-auch in diesen Sekunden fühlen; warum also in diesen
-schönsten Lebensmomenten unsre ehemaligen Freunde
-und ihre Liebe von uns weisen? Hat der Tod sie denn
-zu unsern Feinden gemacht? Oder ist ihr Zustand nach
-unsrer Meinung so durchaus bejammernswerth, daß
-ihr Bild unsre Lust zerstören muß? In jenen seligen
-Stimmungen möchte ich ausrufen: laßt sie zu uns, in
-unsre Arme, in unsre Herzen kommen, daß unser
-Reichthum noch reicher werde! Könnt ihr euch aber
-mit dem Glauben vertragen, daß sie vielleicht hülflos,
-auf lange in Wüsten hinaus gestoßen sind, o so laßt
-ihnen einige Tropfen von der Ueberfülle eurer Lust
-zufließen! Aber nein, du theurer geliebter Abgeschiedener,
-in diesen Empfindungen fühl&rsquo; ich mich zu dir
-in den Zustand deiner Ruhe und Freude hinüber, und
-du bist mehr der meine, als nur je in diesem irdischen
-Leben, denn neben meiner ganzen Liebe gehört dir nun
-auch mein höchster Schmerz um dich, jener namenlose,
-unbegreifliche, jenes angstvollste Ringen mit dem
-fürchterlichsten Zweifel, als ob ich dich auf ewig verloren
-hätte; da hat meine Liebe erst alle ihre Kräfte
-aufrufen und erkennen müssen, da hab&rsquo; ich dich erst
-im Triumph dem Tode abgewonnen, um dich nie
-mehr zu verlieren, und seitdem bist du ohne Wandel,
-ohne Krankheit, ohne Mißverständniß mein, und lächelst
-jedes Lächeln mit, und schwimmst in jeder Thräne: wo
-kann ich dich besser herbergen, als in diesem Herzen,
-wenn es der Freude geöffnet ist? Mit diesem Gaste
-sprech&rsquo; ich nicht mehr zu ihr: was willst du? oder:
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-du bist toll! denn sie ist durch deine holde Gegenwart
-edler, milder und menschlicher.
-</p>
-
-<p>
-Clara weinte, und Anton überließ sich seiner Wehmuth.
-Höre auf, rief dieser, ich fühle diese Wahrheit
-trotz ihrer Freundlichkeit zu schmerzlich, eben weil sie so
-ganz das Wesen meines Lebens ist.
-</p>
-
-<p>
-Was ist es nur, fing Clara nach einiger Zeit wieder
-an, das uns in der Heiligkeit des Schmerzes oft wie
-im Triumph hoch, hoch hinauf hebt, und das uns,
-möcht&rsquo; ich doch fast sagen, mit der Angst eines Jubilirens
-befällt, eines tiefen Mitleidens, einer so innigen
-Liebe, eines solchen Gefühls, das wir nicht nennen
-können, sondern daß wir nur gleich in Thränen untergehn
-und sterben möchten? So ist es mir oft gewesen,
-wenn ich im Plutarch von den großen Menschen
-las, wie sie unglücklich sind, und wie sie ihre Leiden
-und den Tod erdulden, oder wie Timoleon sein Glück
-und Schicksal trägt. Das Leben möchte brechen vor
-Lust und Schmerz, und wenn dann ein Fremder
-fragt: was fehlt dir? so möchte man antworten:
-&bdquo;o ich habe eine Welt zu viel! Warum kann ich in
-Demuth als Seufzer nicht für den verwehen, den ich
-so innig verehren muß?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Wer nicht auf diese Weise, sagte Friedrich, das
-Evangelium lesen kann, der sollte es nie lesen wollen,
-denn was kann er anders dort finden, als die höchste
-Liebe und ihre heiligen Schmerzen? Diese Begier sich
-aufzuopfern, sich ganz, ganz hinzuwerfen dem geliebten
-Gegenstande unsrer Verehrung, ist das Höchste in uns;
-es ruft aus uns über Jahrtausende hinüber: fühlst du
-mich denn auch? Siehe, du hast nicht umsonst gelebt,
-ich weiß von dir, nur ein Herold der Menschheit bin
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-ich, nur ein Laut aus der unzählbaren Schaar! &mdash;
-Sollte ein solches Gefühl nicht unmittelbare Gemeinschaft
-mit dem geliebten Wesen erzeugen können?
-</p>
-
-<p>
-Und so ist die Welt unser, fuhr Lothar heftig fort,
-wenn wir dieser Welt nur würdig sind! Aber leider
-sind wir meist zu träge und todt, um die zu bewundern,
-deren Leben ein Wunder war; denn nicht was
-unser leeres Erstaunen erregt, was wir nicht begreifen,
-sollten wir so nennen, sondern die Kraft jener Weltüberwinder,
-die über Schicksal und Tod siegten, diese
-Helden sollten wir als Wunderthäter verehren; unser
-äußerer Mensch versteht und faßt sie auch nicht, aber
-der innere fühlt sie, und in Andacht und Liebe sind
-sie ihm vertraut und mehr als verständlich.
-</p>
-
-<p>
-Alles, was wir wachend von Schmerz und Rührung
-wissen, sagte Anton, ist doch nur kalt zu nennen
-gegen jene Thränen, die wir in Träumen vergießen,
-gegen jenes Herzklopfen, das wir im Schlaf empfinden.
-Dann ist die letzte Härte unsers Wesens zerschmolzen,
-und die ganze Seele fluthet in den Wogen
-des Schmerzes. Im wachenden Zustande bleiben immer
-noch einige Felsenklippen übrig, an denen die Fluth
-sich bricht.
-</p>
-
-<p>
-Gewiß, fuhr Friedrich fort, sollten wir die Zustände
-des Wachens und Schlafens mehr als Geschwister
-behandeln, wir würden dann klarer wachen und
-leichter träumen. Suchen wir doch am Tage mit der
-Phantasie auf diesem Fuße zu leben, und wie viel
-könnten wir von ihr als Nachtwandlerin lernen, wenn
-wir sie als solche mehr achteten und beachteten. So
-finden wir auch in der alten Welt die Träume nicht
-so vernachläßigt, sondern aus ihren Ahndungen ging
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-oft durch den Glauben der Menschen eine glänzende
-Wirklichkeit hervor.
-</p>
-
-<p>
-Wir träumen ja auch nur die Natur, sagte Ernst,
-und möchten diesen Traum ausdeuten; auf dieselbe
-Weise entfernt und nahe ist uns die Schönheit, und
-so wahrsagen wir auch aus dem Heiligthum unsers
-Innern, wie aus einer Welt des Traumes heraus.
-</p>
-
-<p>
-So könnte man denn wohl, unterbrach Theodor,
-aus witziger Willkühr mit der Wirklichkeit wie mit
-Träumen spielen, und die Geburten der Dunkelheit
-als das Rechte und Wahre anerkennen wollen.
-</p>
-
-<p>
-Thun denn so viele Menschen etwas anders? fragte
-Wilibald.
-</p>
-
-<p>
-Und thun sie denn so gar unrecht? antwortete Ernst
-mit neuer Frage.
-</p>
-
-<p>
-Wir gerathen auf diesem Wege, sagte Emilie, in
-das Gebiet der Räthsel und Wunder. Doch führt
-uns vielleicht der Versuch, alles umkehren zu wollen,
-am Ende selbst wieder in das Gewöhnliche zurück.
-</p>
-
-<p>
-Damit ich euch scheinbar kreuze, fiel Manfred ein,
-so bleiben nach meinem Gefühl Witz und Scherz
-immer etwas sehr Nüchternes, wenn sie nicht unter
-ihrer Verhüllung eine Wahrheit aussprechen können,
-so wie ich auch glaube, daß es keine Wahrheit giebt,
-der Witz und Scherz nicht das Lächerliche abgewinnen
-mögen. Lachen wir doch auch nur recht herzlich und
-gemüthlich, und wahrhaft nur ganz unschuldig, über
-unsre Freunde, die wir lieben, und derjenige, der sich
-noch nicht seinem Freunde zum Scherze gern hingegeben
-hat, hat noch keinen Freund recht von ganzer
-Seele geliebt; ja aus Aufopferungssucht hilft der Liebende
-selbst dem Spotte nach, und enthüllt freiwillig
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-das Lächerliche in sich, um sich gleichsam dem Freunde
-zu vernichten; denn, um es heraus zu sagen, das Lachen
-ist den Thränen wohl näher verwandt, als die meisten
-glauben, endigt es doch auch, wie die Rührung,
-mit diesen.
-</p>
-
-<p>
-Ernst fuhr fort: der Satz, den wir so oft haben
-wiederholen hören: daß die Menschen die Lächerlichkeit
-fürchten, und daß deshalb der komische Dichter, oder
-Satiriker, oder wie sie ihn nennen mögen, diese allgemeine
-höchste Reizbarkeit der Menschen benutzen müsse,
-um sie zu bessern; dieser Satz ist gewiß in der Anwendung
-falsch, und an sich selbst nur einseitig wahr.
-Das Lächerliche, welches sich mit dem Verächtlichen
-verbindet, und welches so manche Dichter zur Verfolgung,
-und wo möglich Vernichtung, dieser oder
-jener sogenannten Thorheit, oder einer Meinung, oder
-Verirrung haben brauchen wollen, ist allerdings so
-gehässig und bitter, daß wohl zu keiner Zeit ein edler
-Mensch sich diesem Lächerlichen hat bloß stellen mögen,
-denn ein feindliches Wesen, das irgend ein Leben zu
-vernichten strebte, kämpfte in diesem wilden, anmaßlichen
-Lachen; auch gestehe ich gern, daß ich diesen
-sogenannten Satirikern, besonders der neuern Zeiten,
-niemals Freude und Lust habe abgewinnen können, ich
-weiß auch nicht, ob ich eben bei ihren Darstellungen
-gelacht habe. Eben so wenig mögen wir uns an
-der Stelle des Narren befinden, der seine Menschheit
-wegwirft und sich unter den Affen erniedrigt, um seinem
-rohen Herrn ein Schauspiel des Ergötzens darzubieten,
-von welchem der Edlere sich mit Ekel hinweg wendet.
-Es gehört schon ein höherer, ein wahrhaft menschlicher
-Sinn dazu, um auf die rechte Art und bei den
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-richtigen Veranlassungen zu lachen, und wenn die Thräne
-dich wohl hintergehn kann, so kann dich das Lachen
-eines Menschen schwerlich über das Niedrige oder Edle
-seiner Gesinnung täuschen. Wie unterschieden ist aber
-von jener hassenden Bitterkeit und traurigen Verächtlichkeit
-die Lust der Freude, das Entzücken unsrer ganzen
-Seele, (in der sich wohl, wie Manfred wähnt,
-alle Urkraft des Wahren in uns ahndungsvoll mit erregen
-mag) wenn alle unsere Anschauungen und Erinnerungen
-in jenem wundersamen Strudel der Wonne
-auf eine Zeit untergehn, welcher die Töne des Gelächters
-aus der Verborgenheit herauf erschallen läßt. Erregt
-ein wahrer Schauspieler diesen Zustand in uns, so ist
-er uns ein hoch verehrtes Wesen, und so wenig gesellt
-sich ein Gefühl der Verachtung zu unserer Freude, daß
-wir im Gegentheil ihn als unsern Freund und Geliebten
-in unser innerstes Herz schließen; der Dichter, der
-diesen Strom der Lust in der Wüste aus dem Felsen
-schlägt, erscheint uns wunderthätig. Ja, ich behaupte,
-daß unsre Liebe, wenn sie einen Gegenstand wahrhaft
-lieben soll, an diesem irgend einen Schein des Lächerlichen
-finden muß, weil sie ihn dadurch gleichsam erst
-besitzt; auch daß wir keinen Freund oder keine Geliebte
-haben möchten, über die wir in keinem Augenblick
-ihres Daseins lachen oder lächeln könnten; der Held
-eines Gedichts ist erst dann unsers Herzens gewiß,
-wenn er uns einigemal ein stilles Lächeln abgenöthigt
-hat, und dies ist ein Theil der Zauberkraft Homers
-und der Nibelungen Helden. Sogar (und ich sage
-wohl nichts Widersinniges, wenn ich diese Meinung
-ausspreche), sogar den heiligsten und erhabensten Gegenständen
-ist dieses Gefühl so wie das des Mitleidens
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-nicht nachtheilig und feindlich, oder hebt unsere Liebe
-und hohe Rührung auf, sondern wir können den heiligen
-Wahnsinn der großen Religionshelden bewundernd
-beweinen, und doch kann ein geheimes Lächeln über
-der Verehrung schweben, denn diese seltsame Regung
-erhebt sich zugleich mit allen Kräften aus den Tiefen
-der Seele; wir fühlen, wie so vielen Gemüthern das,
-was wir anbeten, nur belachenswerth sein dürfte, und
-weil diese vor den Augen unsers äußern Verstandes
-nicht Unrecht haben, und sich für diesen Zweifel auch
-eine geheime Sympathie in unserm innersten Wesen
-regt, so eilen wir so dringender mit unserer Verehrung
-und unserem Mitleid hülfreich und rettend hinzu, um
-in angstvoller Liebe an dem Gegenstande unserer Bewunderung
-ein höheres Recht auszuüben. Der alte
-Ausdruck von den Helden der Religion: &bdquo;sie haben
-sich zu Thoren gemacht vor der Welt,&ldquo; ist vortrefflich.
-</p>
-
-<p>
-Gewiß, sagte Manfred, ist das Lächerliche in seiner
-Tiefe noch niemals angeschaut und die wunderbare
-Natur des Witzes auch nur einigermaßen erklärt; wer wird
-uns denn noch einmal etwas deutlicheres darüber sagen
-können, warum wir lachen? Das Lachen an sich selbst
-ist den meisten Menschen nur eine leichte Sache, aber
-woher es kommt und wohin es geht, ist noch schwerer
-als vom Winde zu sagen. Hier hatte ich meinen Jean
-Paul in seiner Vorhalle zur Aesthetik erwartet, und
-gerade hier habe ich nur so wenig von ihm gefunden.
-</p>
-
-<p>
-Dieses Gespräch, sagte Theodor, erinnert mich an
-jene Unschuld des Komischen, welches ich immer allen
-andern bedeutenderen Arten des Lächerlichen vorgezogen
-habe. Ich meine jenes leichte Berühren aller Gegenstände,
-jenes gemüthliche Spiel mit allen Wesen und
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-ihren Gedanken und Empfindungen, welches neben
-seiner kraftvollen kecken Darstellung einer der herrlichsten
-Vorzüge Shakspears ist, den man nicht leicht
-demjenigen deutlich machen kann, der im Witz nur
-eine Charade oder ein sinnreiches Räthsel sucht, der
-aus der Anwendung und dem Treffenden nach Außen
-erst rückwärts das Komische verstehn kann, und dem es
-leere Albernheit ist, wenn es ohne eine solche prosaische
-Bedeutung auftreten will.
-</p>
-
-<p>
-Von hier aus, meinte Wilibald, müsse es eine
-vortreffliche Ausbeugung in das wahre Gebiet der Albernheit
-und in die Gründe ihrer Rechtfertigung geben,
-denn diese triebe die Unschuld sogar so weit, daß sie
-selbst ohne alles Leben und also vielleicht am meisten
-poetisch lebendig sei; doch Lothar, ohne auf diesen
-Angriff zu achten, oder ihn zu bemerken, bemeisterte
-sich des Gespräches und fuhr so fort: Da unser ganzes
-Leben aus dem doppelten Bestreben besteht, uns in
-uns zu vertiefen, und uns selbst zu vergessen und aus
-uns heraus zu gehn, und dieser Wechsel den Reiz
-unseres Daseins ausmacht, so hat es mir immer geschienen,
-daß die geistigste und witzigste Entwickelung
-unserer Kräfte und unsers Individuums diejenige sei,
-uns selbst ganz in ein anderes Wesen hinein verloren
-zu geben, indem wir es mit aller Anstrengung unsrer
-geistigen Stimmung darzustellen suchen: mit einem
-Wort, wenn wir in einem guten Schauspiel eine Rolle
-übernehmen und uns bestreben, die Erscheinung des
-Einzelnen wie des Ganzen mit der höchsten Wahrheit
-und in der vollkommensten Harmonie hervor zu bringen.
-Es giebt wohl auch nur wenige Menschen, die dem
-Reiz dieser Versuchung auf immer widerstehn können,
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-und wenn das Talent des Schauspielers auch selten
-sein mag, so ist die Lust zur Mimik doch fast in allen
-Menschen thätig.
-</p>
-
-<p>
-Wir haben diesem Triebe, fuhr Ernst fort, gewiß
-unendlich viel zu danken, unser innerlicher Mensch
-ahmt oft lange einen Gedanken, oder die Vortrefflichkeit
-einer Gesinnung, ja selbst eine Empfindung nur
-mimisch nach, bis wir, gerade wie die Kinder lernen,
-uns die Sache selbst durch Wiederholung und Angewöhnung
-zu eigen machen können.
-</p>
-
-<p>
-Vergessen wir nur nicht, sagte Wilibald verdrüßlich,
-daß aus demselben Triebe auch alle Affektation,
-Ziererei, Unnatürlichkeit, kurz, alles äffische Wesen
-im Menschen entspringt, so daß diese Sucht wenigstens
-eben so schädlich ist, als sie, was ich nicht beurtheilen
-kann, wohlthätig sein mag.
-</p>
-
-<p>
-Wir wollen diese Untersuchung fallen lassen, fuhr
-Lothar ungestört fort, da wir sie jezt doch nicht erschöpfen
-können; ich wollte nur auf die Bemerkung
-einlenken, wie es zu verwundern sei, daß es noch
-keinem von uns eingefallen ist, mit dieser zahlreichen
-und ohne Zweifel talentvollen Gesellschaft irgend ein
-dramatisches Werk, am liebsten eins von Shakspear,
-darzustellen. Welchen Genuß würde jedem von uns
-dieser Dichter gewähren, wenn wir eins seiner Lustspiele,
-zum Beispiel &bdquo;Was ihr wollt,&ldquo; bis ins Innerste
-studirten, und neben dem Vergnügen, welches
-das Ganze gewährt, auf das vertrauteste mit jeder
-einzelnen Schönheit und ihrer Beziehung und Nothwendigkeit
-zum Ganzen bekannt würden, und so mit
-vereinigter Liebe eins seiner herrlichsten Gedichte auch
-äußerlich vor uns hinzustellen suchten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-Du hast ja diesen Einfall und Verstand für uns
-alle gehabt, versetzte Wilibald, auch kannst du zur
-Noth, wie Zettel, drei oder vier Rollen übernehmen.
-Schade nur, daß kein romantisch brüllender Löwe in
-diesem Lustspiel auftritt, um dein ganzes Talent zu
-entwickeln.
-</p>
-
-<p>
-Die Eintheilung der Rollen, antwortete Lothar,
-habe ich schon ziemlich übersehn: den Malvolio würdest
-du selbst unvergleichlich darstellen, unser Manfred übernähme
-den Tobias und ich den Junker Christoph; den
-liebenswürdigen Narren Theodor, und Friedrich den
-Sebastian, Ernst den Antonio, Anton den Herzog;
-Auguste würde zierlich und witzig die Marie geben,
-Rosalia unvergleichlich die Viola und Clara höchst
-anmuthig die Olivia; alles übrige findet sich von selbst.
-</p>
-
-<p>
-Wie kommt es nur, sagte Theodor, daß eine geistreiche
-Gesellschaft, ohne Rollen auswendig zu lernen,
-niemals auf den Gedanken verfällt, aus sich selbst
-unter gewissen angenommenen Bedingungen und Masken
-ein poetisches Lustspiel ohne vorgezeichnete Ver-
-und Entwickelung auszuführen? Der eine wäre der
-mürrische, mit sich und aller Welt unzufriedene Liebhaber,
-der andere der Eifersüchtige, jener der leichtsinnig
-Flatterhafte, dieser der Melankolische; die
-Damen theilten sich in witzige und zärtliche Charaktere,
-und alle suchten ihrer angenommenen Rolle treu zu
-bleiben, um Heiterkeit und Geselligkeit zu erregen und
-zu befördern. Warum streben wir in unsern Gesellschaften
-immer das eine ermüdende Bild eines negativen
-wohlgezogenen Menschen darzustellen, oder uns in
-hergebrachter Liebenswürdigkeit abzuquälen?
-</p>
-
-<p>
-Die wahre gute Gesellschaft, sagte Ernst, thut schon
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-unbewußt das, was du verlangst, und verwechselt auch
-mit Leichtigkeit die verschiedenen Rollen. Sonst erinnert
-deine Beschreibung an manche ehemaligen gelehrten
-Gesellschaften, und an die verschiedenen charakteristischen
-Beinamen ihrer Mitglieder.
-</p>
-
-<p>
-Eine, wie die andre Darstellung, sagte Emilie,
-möchte für uns Frauen beschwerlich, wo nicht unmöglich
-sein, aber ich war schon gestern auf dem Wege,
-Ihnen einen andern Vorschlag zu thun. Ich weiß,
-daß Sie alle Dichter sind, und höre von Manfred,
-daß Sie glücklicherweise manche Ihrer Arbeiten mitgebracht
-haben; wie wäre es also, wenn Sie uns diese
-nach Lust und Laune mittheilten, und so manche
-Stunde angenehm ausfüllten, die uns die Musik, oder
-die Besuche und Spaziergänge übrig lassen?
-</p>
-
-<p>
-O vortrefflich! rief Clara aus, und dann wollen
-wir Mädchen und Frauen nach der Lektüre die Rezensenten
-spielen, und uns über alles lustig machen, was
-wir nicht verstanden, oder was uns nicht gefallen hat.
-</p>
-
-<p>
-Rosalie fügte ihre Bitten zu denen ihrer Mutter,
-auch Auguste vereinigte sich mit beiden, und als Lothar
-die Freunde stillschweigend ein Weilchen angesehn hatte,
-schlug sich auch Manfred zu der Parthei der Damen
-und rief: o ich bitte euch so inbrünstig, als man nur
-bitten kann, schlagt uns diesen bittenden Vorschlag nicht
-ab, denn schon längst habe ich Lust gehabt, einige
-meiner Thorheiten euch und diesen guten wißbegierigen
-Frauen mitzutheilen, und keine Gelegenheit dazu gefunden;
-o ihr Edlen, wenn ihr eine Ahndung davon
-habt, wie sehr dem Dichter sein Manuskript in der
-Tasche brennen kann, wenn ihn Niemand darum befragt,
-so laut man es auch rascheln hört, wenn ihr
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-selbst jemals gerne vorgelesen habt, o so seid nicht so
-grausam, mir diesen Genuß zu rauben, und mein
-poetisch beladenes Herz auszuschütten. Aber vielleicht
-sind einige von Euch in derselben Verfassung.
-</p>
-
-<p>
-Lothar lachte und sagte: der Dichter theilt sich
-gern mit, vorzüglich in einem Kreise, wie der gegenwärtige
-ist. Wir führen wirklich einige Jugendversuche
-mit uns, die wir zum Theil vor kurzem vollendet
-und übergearbeitet haben, und wenn unsre Rezensenten
-nicht zu strenge sein wollen, so überwinden wir
-vielleicht die Furcht, diese Bildungen nach so manchem
-Jahre wieder auftreten zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-Als die Frauen eifrig darauf antrugen, sogleich
-mit irgend einer Erzählung den Anfang zu machen,
-rief Wilibald aus: halt! ich protestire mit aller Macht
-gegen diese Uebereilung und Anarchie! denn wie könnte
-ein wahrer Genuß entstehn, wenn wir es dem Zufall
-so ganz überließen, in welcher Folge unsre Versuche
-auftreten sollten? In allen Dingen ist die Ordnung zu
-loben, und so laßt uns nachdenken, auf welche Art
-und Weise wir dieser Unterhaltung durch eine gewisse
-Einrichtung etwas mehr Würze geben können.
-</p>
-
-<p>
-So möge denn auch hier, sagte Lothar, eine Art
-von dramatischer Einrichtung statt finden. Sei jeder
-von uns nach der Reihe Anführer und Herrscher, und
-bestimme und gebiete, welcherlei Poesien vorgetragen
-werden sollen, so steht zu hoffen, daß solche sich vereinigen
-werden, die durch eine gewisse Aehnlichkeit
-freundschaftlich zusammen gehören.
-</p>
-
-<p>
-Diese Einrichtung, wandte Manfred ein, ist vielleicht
-zu gefährlich, weil sie an den Boccaccio erinnern
-dürfte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-Sie erinnert, sagte Ernst, fast an alle italiänischen
-Novellisten, die mit minder oder mehr Glück von dieser
-Erfindung Gebrauch gemacht haben.
-</p>
-
-<p>
-Doch werden Sie, sagte Emilie, uns in andrer
-Hinsicht nicht an diesen berühmten Autor erinnern
-wollen, denn gewiß verschonen Sie uns mit dergleichen
-ärgerlichen und anstößigen Geschichtchen, deren er
-nur zu viele erzählt.
-</p>
-
-<p>
-Wir können dergleichen wohl nicht so ganz unbedingt
-versprechen, antwortete Manfred, wenn wir uns
-nicht darüber erst etwas verständigt haben, was wir ärgerlich
-oder anstößig nennen wollen. Davor, daß wir
-keine Erzählungen, die ihm ähnlich oder nachgeahmt
-sind, vortragen werden, sind Sie hinlänglich gesichert,
-denn es erfordert das glänzende Talent seiner gediegenen,
-scharfen und bestimmten Darstellung, welche nie zu viel
-oder zu wenig sagt, die nichts verhüllt und doch immer
-von den Grazien gelenkt wird, um dergleichen allerliebste
-Seltsamkeiten vorzutragen: alle seine Nachahmer,
-selbst den Bandello nicht ausgenommen &mdash; gar
-des ganz verunglückten französischen La Fontaine oder
-des neueren Casti zu geschweigen &mdash; bleiben weit hinter
-ihm zurück, sei nun von Styl, Erfindung oder Schmuck
-des Gegenstandes die Rede. Doch abgesehn davon,
-muß ich bezweifeln, daß der Dekameron gebildeten und
-freundlichen Gemüthern wirklich anstößig sein könnte.
-</p>
-
-<p>
-Diesen Zweifel verstehe ich nicht, sagte Anton, da
-er das zartere Gemüth und die höhere Stimmung doch
-nur zu oft verletzt.
-</p>
-
-<p>
-Wie man es eben nimmt, antwortete Manfred.
-Wir stehn hier auf der Stelle, auf welcher sich der
-Dualismus unserer Natur und Empfindung am wunderbarsten,
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-reichhaltigsten und grellsten offenbart. Sich
-den Witz und die Schalkheit der Natur im Heiligsten
-und Lieblichsten verschweigen wollen, ist vielleicht nur
-möglich, wenn man geradezu Karthäuser wird, und
-vom Schweigen und Verschweigen Profession macht.
-Wenn der Frühling sich mit allen seinen Schätzen aufthut,
-und die Blumen gedrängt um dich lachen, so
-kannst du dich in deiner rührenden Freude nicht erwehren,
-ihre Gestalten zu beobachten und manche Erinnerungen
-an diese zu knüpfen, ja selbst die holdselige
-Rose ruft dir erröthend die räthselhaften Reime alter
-Dichter entgegen, und sie wird dir darum nicht unlieber;
-so fallen dir wohl gar bei andern farbigen Kindern
-der Sonne die unbescheidenen Namen ein, welche
-die Königin im Hamlet verschweigt, &mdash;
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line2"><span class="antiqua">&mdash; crow &mdash; flowers, nettles, daisies, and long purples,</span></p>
- <p class="line"><span class="antiqua">That liberal shepherds give a grosser name,</span></p>
- <p class="line"><span class="antiqua">But our cold maids do dead men&rsquo;s fingers call them.</span></p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Welche Verse, sagte Lothar, Schlegel nicht hätte
-auslassen sollen. Doch dies nur im Vorbeigehn:
-fahre fort.
-</p>
-
-<p>
-So wunderbar und noch mehr, begann Manfred
-wieder, ist es mit der Liebe. Es giebt eine solche
-Heiligkeit dieses Gefühls, eine so wundersame paradisische
-Unschuld, daß im Unbewußtsein, in der Unkenntniß
-der gegenseitigen Liebe wohl oft die höchste Seligkeit
-ruht; der erste erwachende, sich begegnende Blick
-hat diesen Frühling entlaubt, und das erste Wort des
-Geständnisses kann der Tod dieser stillen Wonne sein.
-Nirgend fühlt der Mensch so sehr, wie er verlieren
-muß, um zu gewinnen, wie jedes Glück ein Geheimniß
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-ist, welches angerührt und ausgesprochen seine Blüte
-abwirft.
-</p>
-
-<p>
-Friedrich stand schnell auf und schien von wunderbaren
-Gedanken ergriffen; man sah ihn im Buchengange
-auf und nieder wandeln, indem er sich öfter die
-Augen abtrocknete; Manfred aber fuhr so fort: wie
-es wohl Menschen mag gegeben haben, die schon mit
-diesem ersten Seufzer die Blume ihres Lebens verloren,
-so ist es doch natürlicher und wahrer, sich auch in
-dieser wundervollen Lebensgegend, so wie bei allen
-Dingen mit einem gewissen Heroismus zu waffnen,
-und früh zu erfahren, daß wir alles, was wir besitzen,
-nur durch den Glauben besitzen, und daß am
-wenigsten die Liebe eine bloße Begebenheit in uns sei,
-sondern daß sie, wie alles Gute, von unserm Willen
-abhängt; denn von ihm geht sie aus, nachher wird er
-zwar von ihr bezwungen und gebrochen, kann aber
-späterhin nur durch ihn allein als Liebe dauern und
-bestehn. Ein solcher Sinn und kräftiger aber frommer
-Wille verliert des Herzens Unschuld nie, der Scherz ist
-ihm nur Scherz, und er wird nicht anstehn, auch mit
-dem zu tändeln, was ihm das Heiligste und Liebste ist,
-denn wahrlich dem Reinen ist alles rein.
-</p>
-
-<p>
-Diese Beschreibung, sagte Ernst, charakterisirt die
-gesunde Zeit unsers deutschen Mittelalters, als neben
-den Nibelungen und dem Titurell der süße Tristan seinen
-Platz in aller Herzen fand, und auch neben diesen
-großen Liebesgedichten so viele muntre und schalkhafte
-Erzählungen. Die später auftretende übersinnliche, oder
-außersinnliche Liebe, war noch nicht von der sinnlichen
-getrennt, sondern sie waren wie Leib und Seele verbunden,
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-in der höchsten Vergeistigung gesund, in dem
-freiesten Scherze unschuldig.
-</p>
-
-<p>
-Warum, fuhr Manfred fort, würde denn die Liebe
-allmächtig genannt? Sie wäre ja ohnmächtig, wenn sie
-nicht die scheinbar äußersten Enden freundlich verknüpfen
-könnte. Könnte sie den unendlich mannichfaltigen
-Zauber denn wohl ausüben, wenn sie nicht Alles besäße,
-und sich nicht, eben wie die Geliebte, mit allen
-Reizen dem sehnsüchtigen Herzen ergäbe? Der verdorbene
-Mensch kann deshalb auch nicht den Scherz der
-Liebe und ihren Dichter verstehn, er faßt nicht das
-holde Wesen, welches sich dem Höchsten und Geistigsten
-zum scheinbaren Kampfe gegenüber stellt, so sehr er
-auch einzig diesem Spiele nachjagt, welches begeisterte
-Dichter damit trieben, und der Liebende kennt freilich
-nichts Verhaßteres als diese Menschen und ihre Gesinnungen,
-die im Herzen seines Lebens mit ihm zusammen
-zu treffen scheinen.
-</p>
-
-<p>
-Daher, sagte Ernst, der mißverstandene Spott
-dieser niedrigen Menschen über die Hochgestimmten
-und ihre Liebe, daher die scheinbare Waffenlosigkeit
-dieser Unschuldigen, und bei ihrem Reichthum ihre unbeholfene
-Beschämung von jenen Bettlern. Diese Uneingeweihten
-lästern die Liebe und alles Göttliche, und
-sind von allem Scherz und Spiel, auch wenn sie
-witzig zu sein scheinen, weit entfernt, denn sie sind in
-Kampf und Krieg gegen die Sehnsucht nach dem
-Ueberirdischen. Um nun auf das Vorige einzulenken,
-so lebte Boccaz freilich schon an der Gränze jener heroischen
-Zeit, als die Menschheit, weniger gesund, sich
-aus der Tragödie und dem großen Epos mehr nach
-dem Lustspiel und der Parodie sehnte, als die Trennung
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-des Gemüthes sich schon schärfer gegenüber stand, und
-eine kräftiger robuste Malerei den sanften Schmelz
-und die stille Harmonie der alten großsinnigen Gemälde
-verdunkelte. Sein Dekameron ward deshalb
-nach einiger Zeit das Lieblingsbuch aller Nationen,
-und die komische, lächerliche und niedrigere Natur der
-Liebe ward immer mehr gesungen, gepriesen und gefühlt,
-ihr holdes Wesen schien immer tiefer zu entarten,
-und immer mehr den Menschen dem Thiere näher
-zu führen, (indeß nun diesem Streben gegenüber schon
-die ganz reine, überirdische Idee der Liebe, oft bis
-zum Götzendienste entstellt, sich auszubilden suchte) bis
-wir in Peter Aretins und Brantome&rsquo;s Schriften endlich
-die kalte Frechheit ohne allen Reiz und Grazie
-auftreten sehn. Doch kann diese Beschuldigung nicht
-den Boccaz und seine freien Scherze treffen, denn
-in ihm regt sich und spricht der edle und vollständige
-Mensch, der zwar ohne ängstliche Züchtigkeit, aber
-nicht ohne Schaam ist, der wie Ariost immer die
-Schönheit fühlt und singt, und der nur jene frecheren
-Blumen nicht zu seinem Kranze verschmäht, sondern
-sie im Gegentheil gern so reicht und flicht, daß ihr
-symbolischer Sinn unverholen in die Augen fällt.
-Sein Buch kann uns also wohl nicht leicht verletzen;
-aber freilich müssen wir jezt, da verdorbene Generationen
-und Bücher voran gegangen sind, und edlere
-Menschen die Verwerflichkeit mancher schaamlosen Produkte
-eines Diderot, Voltaire und andrer einsahn, um
-nur den Ruhm der Züchtigkeit zu empfangen, auch den
-Schein einer gewissen Prüderie beibehalten, die das
-Zeitalter einmal zum Kennzeichen der Sitte gestempelt
-hat. So hat der Mensch nach überstandener Krankheit
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-noch lange das Ansehn eines Kranken, und muß
-auf einige Zeit noch etwas von dessen Diät beibehalten.
-Eben so verbreitete sich in England nach einem
-Zeitalter der Zügellosigkeit, von der Sekte der Puritaner
-aus, eine Aengstlichkeit und steife Feierlichkeit
-der Sitte, die seitdem noch immer das Wort führt,
-so daß ein gesittetes Mädchen oder eine züchtige Frau
-von jezt oder aus Shakspears Zeit zwei im Aeußern
-sehr verschiedene Wesen sein mögen. Die Reformation
-hatte in Deutschland schon früher eine ähnliche Stimmung
-hervor gebracht, und auch die katholischen Provinzen
-bestrebten sich seitdem, eine strengere Sitte zur
-Schau zu tragen, um von dieser Seite die Vorwürfe
-ihrer Gegner zu entkräften. Fast allenthalben aber
-werden wir nur Heuchelei statt der Züchtigkeit gewahr,
-denn wenn die ehrbaren Herren unter sich sind, ergötzen
-sie sich um so lebhafter an der rohesten und unsittlichsten
-Frechheit, und weil der öffentliche Scherz und
-die Gegenwart der Grazien und Musen, so wie die
-liebenswürdigen Weiber von diesen Orgien völlig ausgeschlossen
-sind, so sind sie nun in ihrer Einsamkeit um
-so niedriger und verächtlicher geworden, am schlimmsten,
-wenn sie das Gewand der Moral umlegen, und
-wehe dem Zarteren, der das Unglück hat einem Ottern- und
-Krötenschmause beiwohnen zu müssen, den sich eine
-solche tugendhafte Gesellschaft giebt, die darauf ausgeht,
-recht vollständig ihren Haß gegen die Untugend an den
-Tag zu legen.
-</p>
-
-<p>
-Als in Spanien, sagte Lothar, ein etwas zu strenger
-Geist in der Poesie zu herrschen anfing, und Cervantes
-die frühere Celestina als zu frei tadelte, als
-man in Frankreich und Italien die schaamlosesten
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-Werke las und schrieb, und in Deutschland sich kaum
-noch Spuren von Witz oder Unwitz antreffen ließen,
-erhob der edle Shakspear, das, was so viele hatten
-verächtlich machen wollen, wieder zum Scherz, geistreichen
-Witz und zur Menschenwürde, und dichtete
-seine schalkhaften Rosalinden und Beatricen, die freilich
-unser jetziges verwöhntes Zeitalter ebenfalls anstößig
-findet.
-</p>
-
-<p>
-Was ist es denn, was uns wahrhaft anstößig, ja
-als Menschen unerträglich sein soll? rief Friedrich, der
-wieder zur Gesellschaft getreten war, im edlen Unwillen
-aus. Nicht der freieste Scherz, noch der kühnste
-Witz, denn sie spielen nur in Unschuld; nicht die kräftige
-Zeichnung der thierischen Natur im Menschen und
-ihrer Verirrung, denn nur als solche gegeben, spricht
-sie niemals unserm edleren Wesen Hohn: sondern dann
-soll sich unser Unwille erheben und ohne alle Duldung
-aus uns sprechen, wenn ein Sophist uns sagen will,
-und in jeder Dichtung beweisen, daß gegen die Sinnenlust
-keine Tugend, Andacht oder Seelenerhebung
-bestehen könne. Ein solcher durchaus zu verwerfender
-ist der jüngere Crebillon, und nicht ist jener Deutsche,
-der ihn so vielfältig nachgeahmt und die edlere Natur
-des Menschen verkannt hat, von dem Vorwurf einer
-verdorbenen Phantasie und eines zu nüchternen Herzens
-frei zu sprechen: für schwache Wesen, (aber auch
-nur für solche) können diese beiden Schriftsteller allerdings
-gefährlich werden, so sehr sich auch der letzte
-gegen diese Beschuldigung zu verwahren gesucht hat,
-denn nicht darin besteht das Verderbliche, daß man das
-Thier im Menschen als Thier darstellt, sondern darin,
-daß man diese doppelte Natur gänzlich läugnet, und
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-mit moralischer Gleißnerei und sophistischer Kunst das
-Edelste im Menschen zum Wahn macht, und Thierheit
-und Menschheit für gleichbedeutend ausgiebt.
-</p>
-
-<p>
-Seine Bücher, sagte Emilie, haben mich immer
-zurück geschreckt, und ich habe früher meinen Töchtern
-lieber manche andre erlaubt, die nicht in so gutem
-Rufe stehn, denn gerade ihre weichliche Zierlichkeit habe
-ich für schädlich gehalten. Ich hoffe, jezt können sie
-auch diese ohne allen Nachtheil lesen, da ihr Geist
-gestärkt ist, und ihr Sinn das Edlere erstrebt.
-</p>
-
-<p>
-Mit Recht, sagte Manfred, macht Jean Paul
-Thümmeln den Vorwurf, daß er zu unsauber sei (denn
-dessen Reisen gehören recht zu jenen eben gerügten Werken,
-und die Bekehrung des lockern Passagiers in den
-letzten Bänden ist noch die schlimmste Sünde des Autors);
-ich aber möchte unserm witzigen Jean Paul mit
-demselben Rechte einen andern Vorwurf machen, daß
-er zwar nicht zu keusch, wohl aber zu prüde sei. Ein
-Autor, der so das Gesammte der Menschennatur, das
-Seltsamste, Wildeste und Tollste in seinen humoristischen
-Ergießungen aussprechen will, darf in diesen Regionen
-des Witzes und der Laune kein Fremdling sein,
-oder aus mißverstandner Moral mit der Unzucht und
-Unsitte auch die Schalkheit verachten wollen. Noch
-seltsamer aber, daß er die medizinischen und wahrhaft
-ekelhaften Späße liebt, die kaum Witz zulassen und
-meist nur Widerwillen erregen, wenn man nicht die
-Feder des Rabelais besitzt, der freilich wohl sein Kapital
-von der <span class="antiqua">Gaya Ciencia</span> schreiben durfte. Aber,
-theure Emilie, und Gattin und Schwestern, um auf
-das zurück zu kommen, wovon wir ausgingen, so
-mag freilich wohl hie und da in unsern Dichtungen
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-(vielleicht nur in meinen, der ich ein oder zweimal das
-Hausrecht brauchen und den Wirth spielen möchte)
-etwas vorkommen, was die übertriebene Delikatesse
-kränkelnder Menschen (ich meine dich, Anton, nicht
-hiemit) anstößig finden möchte, was aber, hoffe ich,
-nach dem in unserm Gespräch angegebenen Unterschied
-keinem gebildeten und heitern Menschen ärgerlich werden
-kann. Wir wollen aber weder zu viel versprechen noch
-drohen, sondern laßt uns vielmehr beginnen, und wählt
-also, ihr Frauen, denjenigen aus, welcher zuerst der
-Anführer und Gebieter im Felde unsrer poetischen Spiele
-und Wettkämpfe sein soll.
-</p>
-
-<p>
-Clara gab ihren Blumenstrauß dem neben ihr sitzenden
-Anton und sagte: Sie haben fast immer geschwiegen,
-sprechen Sie nun. Anton verbeugte sich und
-heftete die Blumen an seine Brust: so wollen wir
-denn, sagte er, mit Mährchen der einfachsten Composition
-beginnen, und jeder bringe morgen das seinige
-vor unsre Richter.
-</p>
-
-<p>
-Mit Mährchen, sagte Clara, fängt das Leben an;
-in ihnen entwickelt sich das Gefühl der Kinder zuerst,
-und ihre Spiele und Puppen, ihre Lehrstunden und
-Spaziergänge werden von ihrer Phantasie zu Mährchen,
-die ich noch immer ganz vorzüglich liebe, das
-heißt, wenn sie so sind, wie ich sie liebe.
-</p>
-
-<p>
-So gebe die Muse, daß Ihnen die unsrigen wohl
-gefallen, sagte Anton.
-</p>
-
-<p>
-Indem stand die Gesellschaft auf, um vom nächsten
-Hügel den schönen Untergang der Sonne zu genießen.
-Auch ein Mährchen, sagte Rosalie, indem sie die Hand
-vor die Augen hielt, und dem blendenden Scheine
-nachsah; so wie der Frühling und die Pracht der Blumen,
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-es blüht auf in aller Fülle und Herrlichkeit, der
-Schatten faßt den Glanz und zieht ihn hinab, und
-wir schauen ihm sehnsuchtsvoll nach.
-</p>
-
-<p>
-So wie dem Mährchen-Gedicht der Schönheit,
-sagte Anton; und Friedrich fügte hinzu: doch bleibt
-unser Herz und seine Liebe die unwandelbare Sonne. &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash;&mdash;&mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Ein glänzender Sternenhimmel stand über der Landschaft,
-das Rauschen der Wasserfälle und Wälder tönte
-in die ruhige Einsamkeit des Gartens herüber, in welchem
-Theodor auf und nieder ging und die Wirkungen
-bewunderte, welche das Licht der Sterne und die letzten
-goldnen Streifen des Horizontes in den springenden
-Quellen hervorbrachten. Jezt ertönte Manfreds Waldhorn
-aus dessen Zimmer und die melankolischen durchdringlichen
-Töne zitterten vom Gebirge zurück, als Ernst,
-der von den Hügeln herunter kam, durch das Thor
-des Gartens trat, und sich zu dem einsamen Theodor
-gesellte. Wie schön, fing er an, schließt diese heitre
-Nacht die Genüsse des Tages; die Sonne und unsre
-Geliebten sind zur Ruhe, Wälder und Wasser rauschen
-fort, die Erde träumt, und unser Freund gießt
-noch einen herzlichen Abschied über die entschlummerte
-Natur hin.
-</p>
-
-<p>
-Anton, sagte Theodor, schläft auch noch nicht, er
-sitzt im Gartensaale und schreibt ein Gedicht, welches
-unsern Vorlesungen als Einleitung oder Vorrede dienen
-soll. Seine Genesung wird sich hier ganz vollenden.
-</p>
-
-<p>
-Ich hoffe, sagte Ernst, auch Friedrich soll genesen;
-ich hege das schöne Vertrauen, daß unser aller Freundschaft
-sich hier noch fester knüpfen und für die Ewigkeit
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-härten wird. Sieh, mein Geliebter, das Flimmern
-in lauer Luft dieser vergänglichen flüchtigen Leben, die
-wie Diamanten durch das dunkle Grün der Gebüsche
-zucken, und bald in zitternden Wolken, bald einzeln
-schimmernd, wie sanfte Töne, unsre Rührung wecken,
-&mdash; und über uns den Glanz der ewigen Gestirne! Steht
-nicht der Himmel über der stillen dunkeln Erde wie ein
-Freund, aus dessen Augen Liebe und Zuversicht leuchten,
-dem man so recht mit ganzem Herzen in allen Lebensgefahren
-und allem Wandel vertrauen möchte? Diese heilige
-ernste Ruhe erweckt im Herzen alle entschlafenen Schmerzen,
-die zu stillen Freuden werden, und so schaut mich jezt
-groß und milde mit seinem menschlichen Blick der edle
-Novalis an, und erinnert mich jener Nacht, als ich
-nach einem fröhlichen Feste in schöner Gegend mit ihm
-durch Berge schweifte, und wir, keine so nahe Trennung
-ahndend, von der Natur und ihrer Schönheit
-und dem Göttlichen der Freundschaft sprachen. Vielleicht
-da ich so innig seiner gedenke, umfängt mich
-sein Herz so liebend, wie dieser glühende Sternenhimmel.
-Ruhe sanft, ich will mich auf mein Lager werfen,
-um ihm im Traum zu begegnen.
-</p>
-
-<p>
-Die Freunde trennten sich. Da erhub eine Nachtigall
-ihr klagendes Lied aus voller Brust, und zündete,
-wie eine Feuerflamme, rings in den Gebüschen die
-Töne andrer Sängerinnen an; aus einer Jasminlaube
-erklangen die Laute einer Guitarre, und der glückliche
-Friedrich wollte sein Leid, diese Phantasie singend, besänftigen:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line2">Wenn in Schmerzen Herzen sich verzehren,</p>
- <p class="line">Und im Sehnen Thränen uns verklären,</p>
- <p class="line">Geister: Hülfe! rufen tief im Innern,</p>
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
- <p class="line">Und wie Morgenroth ein seliges Erinnern</p>
- <p class="line">Aufsteigt aus der stillen dunkeln Nacht,</p>
- <p class="line">Alle rothen Küsse mitgebracht,</p>
- <p class="line">Alles Lächeln, das die Liebste je gelacht,</p>
- <p class="line">O dann saugt mit ihrem Purpurmunde</p>
- <p class="line">Himmels-Wollust unsre Wunde,</p>
- <p class="line">Sie entsaugt das Gift,</p>
- <p class="line">Das vom Bogen dunkler Schwermuth trifft.</p>
- <p class="line2">Wie die kleinen fleißgen Bienen</p>
- <p class="line">Gehn, um Blumenlippen zu benagen,</p>
- <p class="line">Wie sich Schmetterlinge jagen,</p>
- <p class="line">Wie die Vögel in dem grünen Dunkeln</p>
- <p class="line">Springen, und die Lieder tönen,</p>
- <p class="line">Also gaukeln, flattern, funkeln</p>
- <p class="line">Alle Worte, alle Blicke, süße Mienen</p>
- <p class="line">Von der schönsten einzgen Schönen,</p>
- <p class="line">Und in tiefer Winternacht</p>
- <p class="line">Lacht und wacht um mich des Frühlings Pracht,</p>
- <p class="line">Und die Schmerzen scherzen mit den Zähren,</p>
- <p class="line">Und im Weinen scheinen mild sich zu verklären</p>
- <p class="line">Leiden in den Freuden, Wonnen in dem Gram,</p>
- <p class="line">Wie in der holden Braut die Liebe kämpft mit Schaam,</p>
- <p class="line">Und Leid und Lust nun muß vereinigt ziehen</p>
- <p class="line">Und schweben nach der Liebe süßen Harmonien.</p>
-</div>
-
-<p class="tit">
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-<span class="line1">Erste Abtheilung.</span><br />
-<span class="line2">1811.</span>
-</p>
-
-<p class="pbb vs4 first">
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-<span class="firstchar">D</span>ie Gesellschaft stand vom Tische auf und ging in
-den Garten, um die Luft zu genießen, welche am
-Morgen ein Gewitter lieblich abgekühlt hatte. Nun,
-sagte Clara, sind Sie alle Ihres Versprechens eingedenk
-gewesen? Wo sind die Mährchen?
-</p>
-
-<p>
-Du bist sehr eilig, sagte Manfred, weißt du doch
-nicht, ob sie dir wirklich Freude machen werden.
-</p>
-
-<p>
-Sie müssen, antwortete sie lachend, wenn ich nicht
-auf die Autoren sehr ungehalten werden soll.
-</p>
-
-<p>
-Es ist schwer, sagte Anton, zu bestimmen, worin
-denn ein Mährchen eigentlich bestehen und welchen Ton
-es halten soll. Wir wissen nicht, was es ist, und
-können auch nur wenige Rechenschaft darüber geben,
-wie es entstanden sein mag. Wir finden es vor, jeder
-bearbeitet es auf eigne Weise und denkt sich etwas anderes
-dabei, und doch kommen fast alle in gewissen
-Dingen überein, selbst die witzigen nicht ausgenommen,
-die jenes Colorit nicht ganz entbehren können,
-jenen wundersamen Ton, der in uns anschlägt, wenn
-wir nur das Wort Mährchen nennen hören.
-</p>
-
-<p>
-Die witzigen, sagte Clara, sind mir von je verhaßt
-gewesen. So habe ich den Hamiltonschen nie viel Geschmack
-abgewinnen können, so berühmt sie auch sind;
-die dahlenden im Feen-Cabinet zogen mich vor Jahren
-an, um mich nachher desto gründlicher zu ermüden
-und zurück zu stoßen, und unserm Musäus bin ich oft
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-recht böse gewesen, daß er mit seinem spaßhaften Ton,
-mit seiner Manier, den Leser zu necken, und ihm
-queer in seine Empfindung und Täuschung hineinzufallen,
-oft die schönsten Erfindungen und Sagen nur entstellt
-und fast verdorben hat. Dagegen finde ich die arabischen
-Mährchen, auch die lustigen, äußerst ergötzlich.
-</p>
-
-<p>
-Es scheint, sagte Anton, Sie verlangen einen still
-fortschreitenden Ton der Erzählung, eine gewisse Unschuld
-der Darstellung in diesen Gedichten, die wie
-sanft phantasirende Musik ohne Lärm und Geräusch
-die Seele fesselt, und ich glaube, daß ich mit Ihnen
-derselben Meinung bin. Darum ist das Göthische
-Mährchen ein Meisterstück zu nennen.
-</p>
-
-<p>
-Gewiß, sagte Rosalie, in so fern wir mit einem
-Gedicht zufrieden sein können, das keinen Inhalt hat.
-Ein Werk der Phantasie soll zwar keinen bittern
-Nachgeschmack zurück lassen, aber doch ein Nachgenießen
-und Nachtönen; dieses verfliegt und zersplittert
-aber noch mehr als ein Traum, und ich habe deshalb
-das herrliche Mährchen von Novalis, so weit ich es
-verstehn konnte, diesem weit vorgezogen, welches auch
-alle Erinnerungen anregt, aber uns zugleich rührt und
-begeistert und den lieblichsten Wohllaut in der Seele
-noch lange nachtönen läßt.
-</p>
-
-<p>
-Du hast hiemit zugleich, sagte Manfred, die große
-Mährchenwelt des Ariost getadelt, dem es auch an
-einem Mittelpunkte und wahrem Zusammenhange gebricht.
-Die Frage ist nur, ob ein Gedicht schon vollendet
-ist, dessen einzelne Theile es sind, und in wie
-fern die Seele dann bei einer so vielseitigen Composition
-jene Foderung eines innigeren Zusammenhanges
-vergessen kann.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-Diese Frage, fiel Ernst ein, kann gar nicht Statt
-finden, denn diese Theile sind ja nur durch das organische
-Ganze Theile zu nennen, können aber ohne dieses
-im strengeren Sinne nur Fragmente von und zu
-Gedichten heißen und als solche geliebt werden. Bei
-aller dieser scheinbaren Vortrefflichkeit fehlt die beherrschende
-ordnende Seele, die der flüchtigen Schönheit
-den ewigen Reiz geben muß. Der Dichter will
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line2">Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ründen,</p>
- <p class="line">Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen,</p>
- <p class="line">Die reizend unterhalten und zuletzt</p>
- <p class="line">Wie lose Worte nur verklingend täuschen.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Ich kenne dich und Friedrich schon, sagte Manfred,
-als Rigoristen und Ketzermacher, aber ich und
-Theodor werden euch zu gefallen den Ariost nicht anders
-wünschen, als er nun einmal ist, die Reise nach
-dem Monde und den Evangelisten Johannes ausgenommen,
-denn beide sind für diese so kühne Fiktion
-etwas zu matt ausgefallen. Ueber diesen Dichter,
-sagte Anton, dürfte sich ein langer Streit entspinnen,
-der sich nur schwer beilegen ließe; sein Werk besteht,
-strenge genommen, nur aus Novellen, von denen er
-die längsten an verschiedenen Stellen mit scheinbarer
-Kunst durchschnitten hat, dasjenige, was alle verbindet,
-ist ein gleichförmiger Ton lieblichen Wohllauts;
-ich möchte also ebenfalls behaupten, daß sein Gedicht
-eigentlich weder Anfang, Mitte noch Ende hat, so
-wie ich davon fest überzeugt bin, daß nur wenige
-Verehrer, selbst in Italien, ihn oftmals von Anfang zu
-Ende durchgelesen haben, so sehr auch alle mit den einzelnen
-berühmten und anlockenden Stellen vertraut sind.
-</p>
-
-<p>
-Es giebt, sagte Lothar, eine Gattung der Poesie,
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-welche ich, ohne damit ihrer Vortrefflichkeit zu nahe
-treten zu wollen, die bequeme oder erfreuliche nennen
-möchte, und in dieser stelle ich den Ariost oben an.
-Sehn wir auf großer Ebene den hohen weit ausgespannten
-blauen Himmel über uns, so erschreckt und
-ermüdet in seiner Reinheit dieser Anblick; doch wenn
-Wölkchen mit verschiedenen Lichtern in diesem blauen
-Kristalle schwimmen, wenn die Sonne sich neigt, und
-unten am Horizont wie über uns die lebendigen Düfte
-in vielfachen Schimmer sich tauchen, dann erfüllt ein
-liebliches Ergötzen unsre Seele. So wollen wir die
-große Wiese mit Gebüschen und Bäumen unterbrochen
-sehn, und auf gleiche Weise fühlen wir in unsrer
-nächsten Umgebung, in unserm Hause, am dringendsten
-das Bedürfniß einer gewissen Kunst. Die weißen
-leeren Wände unsrer Zimmer und Säle sind uns unleidlich,
-Arabesken, Blumen, Thiere und Früchte umgeben
-uns in gefärbten und vielfach durchbrochenen
-Linien und Flächen mit mancherlei Gestalt, und selbst
-der Fußboden muß sich zum Schmuck und zur anständigen
-Zier zusammen fügen. Alles soll den äußern
-Sinn erregen und dadurch auch den innerlichen beschäftigen,
-und Rafaels Wandgemälde im Vatikan sind
-für Wohnzimmer vielleicht schon zu erhaben, und also
-als immerwährende Gesellschaft unbequem. Dieses
-durchaus edle Kunstbedürfniß des gebildeten Menschen
-erfüllt Ariost, er ist mehr Gefährte und Freund als
-Dichter, und wir thun wohl nicht Unrecht, wenn wir
-über die vollendete Schönheit des Einzelnen, über diese
-Fülle der Gestalten, über diesen zarten blumenartigen
-Witz, über diese ernste und milde Weisheit eines heitern
-Sinnes die Zusammensetzung vergessen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-Es scheint mir sehr richtig, fuhr Anton fort, daß
-diese gesellige Kunst auch in der Poesie sich zeigen dürfe,
-und hier finde ich Gelegenheit, an unser gestriges Gespräch
-über die Gärten zu erinnern, welches nach meiner
-Meinung abbrach, ohne zu beschließen. Die hohe
-Empfindung, welche uns der Anblick der Natur gewährt,
-sei es das Gefühl des Waldes, des Meeres oder Gebirges,
-läßt sich in keinen Garten ziehn, denn diese Gefühle
-sind wechselnd, unbeschränkt, unaussprechlich. Diejenigen,
-welche in Parks das Seltsam-Schauerliche,
-oder das Erhaben-Majestätische erregen wollten, haben
-sich im größten Irrthume befunden, und es war natürlich,
-daß ihre Bestrebungen in Fratzen ausarten mußten.
-Das Schöne und Rührende ist es, welches Hügel,
-Baumgruppen, kleine Flüsse, Wasserfälle und Seen erregen
-können, ein schwärmendes musikalisches Gefühl, welches
-ziemlich deutlich den Künstler, welcher den Garten
-anlegen will, bewegen muß, und welches im Beschauen
-eben so wiedertönt. Dieser Gärtner wird also wohl
-die Natur, aber nicht das Natürliche ausschließen, und
-darum zieht mancher Künstler gern kleine Saatfelder
-in seinen Park, um eine ganz bestimmte Empfindung
-von der beschränkten Beschäftigung der Landwirthschaft
-zu erregen, ein kleiner Weinberg zeigt sich wohl auch,
-als ein reizendes Widerspiel der Haine und Baumgruppen.
-Wie mich nun zwar alles an die Natur erinnert,
-so kann ich sie doch hier so wenig, wie im Gedicht
-oder in der Malerei unmittelbar empfinden, sondern
-ich soll die Kunst in jedem Augenblicke genießen.
-Wenden wir uns nun zu der sogenannten französischen
-Gartenkunst, so finden wir hier eine dieser natürlichen
-völlig widersprechende. Wie sie alle Natur aus ihren
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-Gränzen entfernt, eben so die Erinnerung an das Natürliche;
-denn so wenig Getreide und Obst ihren Platz
-hier finden, eben so wenig Baum-Parthien, die die
-Durchsicht decken, oder abwechselnd reizende Gebüsche,
-und jene süße Schwärmerei und musikalische Empfindung
-verschlungener Haine und malerischer Ansichten.
-Alles dient hier einer Empfindung, die ich am liebsten
-im Gegensatz jener musikalisch schwärmerischen Gefühle
-eine pathetische Entzückung nennen möchte; alles erhebt
-die Seele zur Begeisterung, alles ist klar und unverworren;
-gleich vom ersten Eintritt fühle und übersehe
-ich den Plan des Ganzen, und aus jedem Punkte finde
-ich mich unmittelbar in den Mittelpunkt der großartigen
-Composition zurück. Dazu dienen die großen freien
-Plätze, die geraden Baumgänge, die bedeckten und verflochtenen
-Lauben. Statuen und Wasserkünste verhalten
-sich zu diesem Garten so, wie gegenüber Saatfelder
-und Weinberge; sie wollen recht bestimmt das Gebildete
-aussprechen und darstellen, und wie man den
-Park mit Unrecht die Nachahmung einer gemalten
-Landschaft nennen würde, da der Gärtner und Maler
-vielmehr aus einer gemeinschaftlichen poetischen Quelle
-schöpfen, so thäte man auch diesem Kunstgarten Unrecht,
-ihn aus der Architektur abzuleiten, da auch der
-Architekt nur aus jener mathematischen Poesie des Gemüthes
-seine Erfindungen nimmt. Daher scheint es
-mir auch geradezu unmöglich, in Bergen einen Park
-anzulegen, weil die Natur, die unmittelbar hinein
-blickt, die Kunst-Effekte, die ihr hier verwandt sein
-sollen, vernichtet. Nach der Natur aber selbst sehnt
-sich gewiß jeder aus beiderlei Gärten vielmals hinaus
-und Niemand kann sie entbehren. Der regelmäßige
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-Garten schließt vielleicht im Hintergrunde am angenehmsten
-mit einem parkähnlichen, so wie der englische
-am schicklichsten nahe am Hause freie Räume und eine
-gewisse Regelmäßigkeit ausspart. Es ergiebt sich auch
-von selbst, daß der regelmäßige Kunstgarten eine allgemeinere
-Form hat und leichter, vom Geschmack geleitet,
-zweckmäßig nachgeahmt werden kann, daß aber
-der Park sich nicht leicht wiederholen läßt, sondern in
-jeder neuen Gestalt ein anderes Individuum auftreten
-muß. Es ist aber wohl möglich, daß es demohngeachtet
-nur wenige Hauptformen giebt, unter welche alle
-Gärten dieser Art sich vereinigen lassen, und trotz der
-anscheinenden Einförmigkeit dürften dann die französischen
-Gärten wohl eben so viele Gattungen aufweisen
-können. Ist es erlaubt ein Ding durch ein vergleichendes
-Bild deutlich zu machen, so möchte ich am
-liebsten den Park mit einem Shakespearschen, und den
-regelmäßigen Garten mit einem Calderonschen Lustspiel
-vergleichen. Scheinbare Willkühr in jenem, von einem
-unsichtbaren Geist der Ordnung gelenkt, Künstlichkeit,
-in anscheinender Natürlichkeit, der Anklang aller Empfindungen
-auf phantasirende Weise, Ernst und Heiterkeit
-wechselnd, Erinnerung an das Leben und seine
-Bedürfnisse, und ein Sinn der Liebe und Freundschaft,
-welcher alle Theile verbindet. Im südlichen Garten
-und Gedicht Regel und Richtschnur, Ehre, Liebe,
-Eifersucht in großen Massen und scharfen Antithesen,
-eben so Freundschaft und Haß, aber ohne tiefe oder
-bizarre Individualität, oft mit den nehmlichen Bildern
-und Worten wiederholt, Künstlichkeit und Erhabenheit
-der Sprache, Entfernung alles dessen, was unmittelbar
-an Natur erinnert, das Ganze endlich verbunden
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-durch einen begeisterten hohen Sinn, der wohl trunken,
-aber nicht berauscht erscheint. Ich lasse das Gegenbild
-des Gartens unausgemalt, aber man könnte
-selbst die Reden in Stanzen oder andern künstlichen
-Versmaßen (die sich gewiß ganz von dem, was die
-Naturalisten Natur nennen wollen, entfernen) mit
-den beschnittenen glänzenden Taxus- und Buxus-Wänden
-vergleichen, wenn man witzig im Bilde fortspielen
-wollte.
-</p>
-
-<p>
-Auch diese, sagte Manfred, dürfen in einem Kunstgarten
-nicht fehlen, auch vertragen diese Baumarten die
-Scheere am besten, da ihr festes glänzendes Laub nur
-langsam wieder nachwächst, und sie sich überhaupt weit
-mehr als empfindsame Linden und jugendlich kühne
-Buchen darein fügen. Doch glaub&rsquo; ich, können geschnitzte
-Piramiden und ähnliche Figuren füglich aus
-jedem Garten ausgeschlossen werden.
-</p>
-
-<p>
-Unser Garten, liebe Mutter, rief Clara, ist nun
-hoffentlich auf alle Zeiten gerettet, denn es steht vielleicht
-zu erwarten, daß man in der Zukunft manche
-der natürlichen Parks wieder in dergleichen künstliche
-Anlagen umarbeiten möchte. &mdash; &mdash; Nicht wahr, mein
-Freund, (so wandte sie sich gegen Anton) es ist überhaupt
-wohl schwer zu sagen, was denn Natur oder
-natürlich sei?
-</p>
-
-<p>
-Vielen Mißbrauch, erwiederte dieser, hat man oft
-mit diesen Worten getrieben, am meisten in jener
-Zeit, als man sich von einem steifen Ceremoniel zu
-befreien strebte, welches man irrigerweise Kunst nannte,
-und nun gegenüber ein Wesen suchte, welches uns
-unter allen Bedingungen das Richtige und die Wahrheit
-geben sollte. Kunst und Natur sind aber beide,
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-richtig verstanden, in der Poesie wie in den Künsten,
-nur ein und dasselbe.
-</p>
-
-<p>
-Am seltsamsten, sagte Theodor, ist mir das Geschlecht
-der Naturjäger vorgekommen, welches noch
-nicht ausgestorben ist, vor einigen Jahren aber noch
-mehr verbreitet war; diejenigen meine ich, welche auf
-Sonnen-Auf- und Untergänge von hohen Bergen, auf
-Wasserfälle und Naturphänomene wahrhaft Jagd machen,
-und sich und andern manchen Morgen verderben, um
-einen Genuß zu erwarten, der oft nicht kömmt, und
-den sie nachher erheucheln müssen. Diese Leute behandeln
-die Natur gerade so, wie sie mit den merkwürdigen
-Männern umgehn, sie laufen ihnen ins Haus
-und stellen sich ihnen gegenüber; da stehn sie nun an
-der bekannten und oftmals besprochenen Stelle, und
-wenn in ihrer Seele nun gar nichts vorgeht, so sind
-sie nachher wenigstens doch dort gewesen.
-</p>
-
-<p>
-Die Natur, fuhr Anton fort, nimmt nicht in
-jeder Stunde jedweden vorwitzigen Besuch an, oder
-vielmehr sind wir nicht immer gestimmt, ihre Heiligkeit
-zu fühlen. In uns selbst muß die Harmonie
-schon sein, um sie außer uns zu finden, sonst behelfen
-wir uns freilich nur mit leeren Phrasen, ohne die
-Schönheit zu genießen: oder es kann auch wohl ein
-unvermuthetes Entzücken vom Himmel herab in unser
-Herz fallen, und uns die höchste Begeisterung aufschließen:
-dazu aber können wir nichts thun, wir können
-dergleichen nicht erwarten, sondern eine solche Offenbarung
-begiebt sich in uns nur. So viel ist gewiß, daß
-jeder Mensch wohl nur zwei- oder dreimal in seinem
-Leben das Glück haben kann, wahrhaft einen Sonnen-Aufgang
-zu sehn: dergleichen geht auch dann nicht,
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-wie Sommerwolken, unserm Gemüth vorüber, sondern
-es macht Epoche in unserm Leben, wir brauchen lange
-Zeit, um uns von solcher Entzückung wieder zu erholen,
-und viele Jahre zehren noch von diesen erhabenen
-Minuten. Aber nur Stille und Einsamkeit vergönnen
-diese Gaben; eine Gesellschaft, die sich zu dergleichen
-auf einem Berge versammelt, steht nur vor dem Theater,
-und bringt auch gewöhnlich dieselbe alberne Freude
-und leere Kritik wie dort mit herunter.
-</p>
-
-<p>
-Noch seltsamer, sagte Ernst, daß so wenige Menschen
-den wundervollen Schauer, die Beängstigung
-empfinden, oder sich gestehn, die in manchen Stunden
-die Natur unserm Herzen erregt. Nicht bloß auf den
-ausgestorbenen Höhen des Gotthard erregt sich unser
-Gemüth zum Grauen, nicht bloß
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line2">&mdash; wenn es hin zur Fluth euch lockt, &mdash;</p>
- <p class="line">&mdash; zum grausen Wipfel jenes Felsen,</p>
- <p class="line">Der in die See nickt über seinen Fuß, &mdash;</p>
- <p class="line">Der Ort an sich bringt Grillen der Verzweiflung</p>
- <p class="line">Auch ohne weitern Grund in jedes Hirn,</p>
- <p class="line">Der so viel Klafter niederschaut zur See,</p>
- <p class="line">Und hört sie unten brüllen;</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-sondern selbst die schönste Gegend hat Gespenster, die
-durch unser Herz schreiten, sie kann so seltsame Ahndungen,
-so verwirrte Schatten durch unsre Phantasie
-jagen, daß wir ihr entfliehen, und uns in das Getümmel
-der Welt hinein retten möchten. Auf diese
-Weise entstehn nun wohl auch in unserm Innern Gedichte
-und Mährchen, indem wir die ungeheure Leere,
-das furchtbare Chaos mit Gestalten bevölkern, und
-kunstmäßig den unerfreulichen Raum schmücken; diese
-Gebilde aber können dann freilich nicht den Charakter
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-ihres Erzeugers verläugnen. In diesen Natur-Mährchen
-mischt sich das Liebliche mit dem Schrecklichen,
-das Seltsame mit dem Kindischen, und verwirrt unsre
-Phantasie bis zum poetischen Wahnsinn, um diesen selbst
-nur in unserm Innern zu lösen und frei zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Sind die Mährchen, fragte Clara, die Sie uns
-mittheilen wollen, von dieser Art?
-</p>
-
-<p>
-Vielleicht, antwortete Ernst.
-</p>
-
-<p>
-Doch nicht allegorisch?
-</p>
-
-<p>
-Wie wir es nennen wollen, sagte jener. Es giebt
-vielleicht keine Erfindung, die nicht die Allegorie, auch
-unbewußt, zum Grund und Boden ihres Wesens hätte.
-Gut und böse ist die doppelte Erscheinung, die schon
-das Kind in jeder Dichtung am leichtesten versteht, die
-uns in jeder Darstellung von neuem ergreift, die
-uns aus jedem Räthsel in den mannichfaltigsten Formen
-anspricht, und sich selbst zum Verständniß ringend
-auflösen will. Es giebt eine Art, das gewöhnlichste
-Leben wie ein Mährchen anzusehn, eben so kann man
-sich mit dem Wundervollsten, als wäre es das Alltäglichste,
-vertraut machen. Man könnte sagen, alles,
-das Gewöhnlichste, wie das Wunderbarste, Leichteste
-und Lustigste habe nur Wahrheit und ergreife uns nur
-darum, weil diese Allegorie im letzten Hintergrunde als
-Halt dem Ganzen dient, und eben darum sind auch
-Dante&rsquo;s Allegorien so überzeugend, weil sie sich bis zur
-greiflichsten Wirklichkeit durchgearbeitet haben. Novalis
-sagt: nur <em>die</em> Geschichte ist eine Geschichte, die auch
-Fabel sein kann. Doch giebt es auch viele kranke und
-schwache Dichtungen dieser Art, die uns nur in Begriffen
-herum schleppen, ohne unsre Phantasie mit
-zu nehmen, und diese sind die ermüdendste Unterhaltung.
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-&mdash; Allein Anton mag uns jezt sein einleitendes
-Gedicht vorlesen, welches er uns versprochen
-hat.
-</p>
-
-<p>
-Anton zog einige Blätter hervor und las:
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-3">
-<span class="line1">Phantasus.</span>
-</h2>
-
-<div class="poem first">
- <p class="line"><span class="firstchar">B</span>etrübt saß ich in meiner Kammer,</p>
- <p class="line">Dacht&rsquo; an die Noth, an all den Jammer,</p>
- <p class="line">Der rundum drückt die weite Erde,</p>
- <p class="line">Daß man nur schaut Trauergeberde,</p>
- <p class="line">Daß Lust und Sang und frohe Weisen</p>
- <p class="line">Gezogen weit von uns auf Reisen,</p>
- <p class="line">Daß Argwohn, Mißtraun unsre Gäste,</p>
- <p class="line">So Furcht wie Angst bei jedem Feste,</p>
- <p class="line">Daß jedermann nur frägt in Sorgen:</p>
- <p class="line">Wie wird es mit dir heut und morgen?</p>
- <p class="line">Dazu war ich noch schwach und krank,</p>
- <p class="line">Mir war so Tag wie Nacht zu lang;</p>
- <p class="line">Ich sorgte, was mein Arzt ermessen,</p>
- <p class="line">Was ich nicht trinken durft&rsquo; und essen,</p>
- <p class="line">Wie meine Pein zu lindern wäre,</p>
- <p class="line">Was mir den Schlaf, die Ruh nicht störe:</p>
- <p class="line">So saß ich still in mich gebückt,</p>
- <p class="line">Den Kopf in meine Hand gedrückt,</p>
- <p class="line">Als ich, so sinnend, es vernahm</p>
- <p class="line">Daß jemand an die Thüre kam,</p>
- <p class="line">Es klopfte, und ich rief: herein!</p>
- <p class="line">Da öffnet schnell ein Händelein</p>
- <p class="line">So weiß wie Baumesblüth, herfür</p>
- <p class="line">Trat dann ein Knäblein in die Thür,</p>
- <p class="line">Das Haupt gekränzt mit jungen Rosen,</p>
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
- <p class="line">Die eben aus den Knospen losen,</p>
- <p class="line">Wie Rosengluth die Lippen hold,</p>
- <p class="line">Das krause Haar ein funkelnd Gold,</p>
- <p class="line">Die Augen dunkel, violbraun,</p>
- <p class="line">Der Leib gar lieblich anzuschaun.</p>
- <p class="line">Er trat vor mich und thät sich neigen,</p>
- <p class="line">Und sprach alsdann nach kurzem Schweigen:</p>
- <p class="line">Wie kömmts, mein lieber kranker Freund,</p>
- <p class="line">Daß ihr hier sitzt, da Sonne scheint?</p>
- <p class="line">Der Frühling geht umher mit Pracht,</p>
- <p class="line">Hat Laub des Waldes angefacht,</p>
- <p class="line">Es brennt das grüne Feuer wieder,</p>
- <p class="line">Und drein ertönen tausend Lieder,</p>
- <p class="line">Die Erde trägt ihr Sommerkleid,</p>
- <p class="line">Der Plan erglänzt von Blumen weit,</p>
- <p class="line">Es spielt der Fisch in blauem See,</p>
- <p class="line">Vom Obstbaum hängt der Blüthenschnee,</p>
- <p class="line">Die Lieb- und Segen-schwangre Luft</p>
- <p class="line">Durchspielt in Wogen Kraft und Duft,</p>
- <p class="line">Das Kindlein lacht die Blüthen an</p>
- <p class="line">Aus rothem Mund mit weißem Zahn,</p>
- <p class="line">Der Jüngling sieht sein Herz und Lieben</p>
- <p class="line">In Blumenschrift mit Glanz geschrieben,</p>
- <p class="line">Sich hebt der Jungfrau schöne Brust</p>
- <p class="line">In ahndungsvoller Liebeslust,</p>
- <p class="line">Der Greis erfrischt die alten Glieder</p>
- <p class="line">Und dünkt sich in der Kindheit wieder,</p>
- <p class="line">Und jedermann fühlt freudenschwanger</p>
- <p class="line">Den dunkeln Wald, den lichten Anger.</p>
- <p class="line">Du nur willst sitzen hier gekauert,</p>
- <p class="line">In deinen Sorgen eingemauert,</p>
- <p class="line">Von Schwermuths-Wolken rings umhängt,</p>
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
- <p class="line">In Noth und Zweifeln eingeengt?</p>
- <p class="line">Ich kenne dich nicht wieder schier;</p>
- <p class="line">Hinaus mach&rsquo; stracks dich vor die Thür,</p>
- <p class="line">Und thu dein menschlich Angesicht</p>
- <p class="line">Hinein in holdes Himmelslicht,</p>
- <p class="line">Laß nicht die Stirn dir so verrunzeln,</p>
- <p class="line">Der Lippen Frische ganz verschrunzeln,</p>
- <p class="line">Das Auge, das sonst Strahlen scharf,</p>
- <p class="line">Von seinem lichten Bogen warf,</p>
- <p class="line">Ist tief hinein zum Haupt geschmolzen</p>
- <p class="line">Und schießt nur schwer&rsquo; und stumpfe Bolzen;</p>
- <p class="line">Entzweit hat sich dein Mund mit Lachen,</p>
- <p class="line">Scherz, Kuß sind ihm wildfremde Sachen,</p>
- <p class="line">In deiner gelb verschrumpften Haut</p>
- <p class="line">Der Kummer sich im Spiegel schaut;</p>
- <p class="line">Nicht, Creatur, mach&rsquo; Schand&rsquo; und Spott,</p>
- <p class="line">Der dich geschaffen, deinem Gott,</p>
- <p class="line">Schau aus, als seist nach seinem Bilde</p>
- <p class="line">Formiret edel, heiter, milde,</p>
- <p class="line">Verbrümmelt nicht und ungelachsen,</p>
- <p class="line">Als sein in dir zusamm gewachsen</p>
- <p class="line">All Unkraut, Stacheln, Disteln, Dorn,</p>
- <p class="line">Mit Schimmel, Pilzen fest verworrn;</p>
- <p class="line">Frisch auf, laß dich von mir regieren,</p>
- <p class="line">Ins Frühlings-Reich will ich dich führen.</p>
- <p class="line2">Er schwang in seiner Rechten zart</p>
- <p class="line">Die Tulpenblum seltsamer Art,</p>
- <p class="line">Wie er sie auf und nieder regte</p>
- <p class="line">Ein farbig Feuer sich bewegte,</p>
- <p class="line">Und lichte Sterne kreisten, welche</p>
- <p class="line">Sich schüttelten aus goldnem Kelche,</p>
- <p class="line">Sie flogen wie die Vöglein munter</p>
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
- <p class="line">Mir um das Haupt, herauf, herunter,</p>
- <p class="line">Und neckten mich mit Flammenleuchte,</p>
- <p class="line">Wie ich auch bang sie von mir scheuchte.</p>
- <p class="line">Ich sprach halb zornig: wer bist du,</p>
- <p class="line">Der mich gestört in meiner Ruh,</p>
- <p class="line">Du Knäblein laut, vorwitziglich,</p>
- <p class="line">Der du also bespöttelst mich,</p>
- <p class="line">Und willst, weil du ein Kindlein frei,</p>
- <p class="line">Daß alle Welt auch kindisch sei?</p>
- <p class="line">Ich habe mehr gelernt, erfahren,</p>
- <p class="line">Bin auch jetzund was mehr bei Jahren,</p>
- <p class="line">Daß Spiel, unnützer Zeitvertreib</p>
- <p class="line">Nicht mehr gefallen meinem Leib,</p>
- <p class="line">Auch ist umher die ganze Welt</p>
- <p class="line">Auf Ernst, Nachdenklichkeit gestellt,</p>
- <p class="line">Daß der nur Thor jedwedem scheint,</p>
- <p class="line">Der sich nicht höherm Zweck vereint,</p>
- <p class="line">Du aber, Knäblein, bist inmitten</p>
- <p class="line">Der Bildung nicht mit fortgeschritten,</p>
- <p class="line">Meinst noch, daß man nach Blum&rsquo; und Kraut</p>
- <p class="line">Und all den Kinderein ausschaut,</p>
- <p class="line">Das hält man jezt für Rauch und Dunst,</p>
- <p class="line">Mein Sohn, die Zeit ist nicht wie sunst.</p>
- <p class="line2">Der Knabe lacht&rsquo;, daß sich das Gold</p>
- <p class="line">Der Locken in einander rollt</p>
- <p class="line">Und sprach: sonst hast mich wohl gekannt,</p>
- <p class="line">Ich bin der Phantasus genannt,</p>
- <p class="line">Heimathlich war ich sonst bei dir,</p>
- <p class="line">Dein Spielgefährte für und für,</p>
- <p class="line">Als du mich noch am Herzen hegtest</p>
- <p class="line">Und väterlich und freundlich pflegtest,</p>
- <p class="line">Da war dein Sinn anders gestellt,</p>
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
- <p class="line">Mit dir zufrieden und der Welt</p>
- <p class="line">War dir die Arbeit Lust und Scherz,</p>
- <p class="line">Frisch und gesund dein junges Herz.</p>
- <p class="line2">Mein Auge, sprach ich, ist wohl blind;</p>
- <p class="line">Du also bist dasselbe Kind,</p>
- <p class="line">Das täglich Blumen mir gebracht,</p>
- <p class="line">Holdseeliglich mich angelacht,</p>
- <p class="line">Das mir verscherzt die muntern Stunden,</p>
- <p class="line">Vielfältig Spielzeug mir erfunden?</p>
- <p class="line">Seitdem bist du von mir entwichen</p>
- <p class="line">Und anderwärts umher gestrichen,</p>
- <p class="line">Da kamen Ernst, Vernunft, Verstand,</p>
- <p class="line">Und gaben mir in meine Hand</p>
- <p class="line">Der Bücher viel und mancherlei</p>
- <p class="line">Voll tiefen Sinns, Philosophei,</p>
- <p class="line">Ich strebte, mich aus rohem Wilden</p>
- <p class="line">Zum wahren Menschen umzubilden;</p>
- <p class="line">Drauf ich auch zur Geschichte kam,</p>
- <p class="line">Die Noth der Welt zu Herzen nahm,</p>
- <p class="line">Die Chronikbücher unverdrossen</p>
- <p class="line">Hab&rsquo; ich in Nächten aufgeschlossen,</p>
- <p class="line">Die Vorzeit stieg zu mir herüber</p>
- <p class="line">Und immer ernster wards und trüber:</p>
- <p class="line">Bald schien mich an ein flüchtig Blitzen,</p>
- <p class="line">Dann glaubt&rsquo; ich Wahrheit zu besitzen,</p>
- <p class="line">Dann kam die Dämmrung, faßt&rsquo; es wieder</p>
- <p class="line">Und taucht&rsquo; es in die Finstre nieder;</p>
- <p class="line">Die Nacht ward wieder Lichtes schwanger,</p>
- <p class="line">Das neue Licht macht&rsquo; mich noch banger,</p>
- <p class="line">Wohl ahndend, daß, wenns ausgegohren,</p>
- <p class="line">Die Finstre neu draus wird geboren:</p>
- <p class="line">So wies Histori mir nur Noth,</p>
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
- <p class="line">Im Leben auch nur Grab und Tod,</p>
- <p class="line">Das Schöne stirbt, der Glanz löscht aus,</p>
- <p class="line">Das Irdisch-Schlechte baut sein Haus,</p>
- <p class="line">Und spricht von seinem Felsenthron</p>
- <p class="line">Den hohen Göttersöhnen Hohn:</p>
- <p class="line">Natur hab&rsquo; ich ergründen wollen,</p>
- <p class="line">Da kam ich gar auf seltsam Schrollen,</p>
- <p class="line">Verlor mich in ein steinern Reich,</p>
- <p class="line">Ich glaubte all&rsquo;s, nichts doch zugleich,</p>
- <p class="line">Wollt&rsquo; Pflanz, Metall und Stein verstehn,</p>
- <p class="line">Mußt&rsquo; mir doch selbst verloren gehn,</p>
- <p class="line">Hatt&rsquo; viel Kunstworte bald erstanden,</p>
- <p class="line">Ich selbst gekommen nur abhanden,</p>
- <p class="line">Um endlich wieder zu gelangen</p>
- <p class="line">Noch dummer wo ich ausgegangen:</p>
- <p class="line">Vielleicht weil du, mein Sohn, gefehlt,</p>
- <p class="line">Hab&rsquo; ich in Angst mich abgequält,</p>
- <p class="line">Verstehst du wohl die alten Schriften,</p>
- <p class="line">Wandelst wohl auch auf Weisheits-Triften?</p>
- <p class="line">Doch still, ich will dich jezt nicht plagen,</p>
- <p class="line">Komm, laß uns in den schönen Tagen</p>
- <p class="line">So spielen, wie wir sonst gepflogen,</p>
- <p class="line">Wenn du mir etwas noch gewogen.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line2">Der Kleine schmeichelt&rsquo; sich an mich,</p>
- <p class="line">Drückt&rsquo; an mein Knie mit Lächeln sich,</p>
- <p class="line">Wandt&rsquo; sich hieher und dorthin nun,</p>
- <p class="line">Fast wie die jungen Kätzlein thun.</p>
- <p class="line">Da gehn wir aus dem Haus, und warm</p>
- <p class="line">Nimmt Sommer mich in seinen Arm,</p>
- <p class="line">Die Lerch&rsquo; in Lüften jubilirt,</p>
- <p class="line">Hänfling und Drossel musizirt,</p>
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
- <p class="line">Das Grün schmiegt sich um Plan und Hügel,</p>
- <p class="line">Der Schmetterling wiegt Purpurflügel,</p>
- <p class="line">Die Blumen roth, braun, gold und blau</p>
- <p class="line">Stehn dicht gedrängt auf grüner Au,</p>
- <p class="line">Die Bienen summen lustig, nippen</p>
- <p class="line">Den Honigseim von Blumenlippen,</p>
- <p class="line">Duft, röthlich Glanz kreucht aus dem Baum,</p>
- <p class="line">Hängt von dem Zweig, ein süßer Traum.</p>
- <p class="line">Wie ist, sprach ich, die Welt so bunt,</p>
- <p class="line">Von neuem tönt und schwazt der Mund</p>
- <p class="line">Der kindschen Quellen, Frühlings Hand</p>
- <p class="line">Nahm von den Zungen ab das Band,</p>
- <p class="line"><a id="corr-3"></a>Daß Winter jährlich um sie legt,</p>
- <p class="line">Daß sich kein lautes Wörtchen regt,</p>
- <p class="line">Die Sommergäst&rsquo; auch sind mit Schalle</p>
- <p class="line">Ins Land zurück gekommen alle.</p>
- <p class="line2">Indem wand sich der Buchenhain</p>
- <p class="line">Vom Plane ab den Weg hinein,</p>
- <p class="line">Der Glanz mit Grün schön war gemischt,</p>
- <p class="line">Die stille Luft vom Wind erfrischt,</p>
- <p class="line">Die wilden Tauben hört&rsquo; ich girren,</p>
- <p class="line">Zeisig und Fink in Nestern schwirren,</p>
- <p class="line">Ein Duft süß aus den Bäumen floß,</p>
- <p class="line">Ein Rieseln sänftlich sich ergoß</p>
- <p class="line">Aus Tannenbäumen, die vom Winde</p>
- <p class="line">Sanft angespielt erklangen linde,</p>
- <p class="line">Das all war meinem kranken Leben</p>
- <p class="line">Als Labsal und Arznei gegeben.</p>
- <p class="line">Wo sind wir, Liebster? rief ich aus,</p>
- <p class="line">Sei mir gegrüßt, du grünes Haus,</p>
- <p class="line">Gegrüßt ihr frischen Bogengänge,</p>
- <p class="line">Willkommen mir ihr Waldesklänge!</p>
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
- <p class="line">Ich war noch nie in den Revieren,</p>
- <p class="line">Sprich, wohin willst du mich denn führen?</p>
- <p class="line">Er sagte nichts, nur freundlich winkt</p>
- <p class="line">Sein Aug&rsquo;, das mir ins Auge blinkt.</p>
- <p class="line">Einsamer ward der dichte Hain,</p>
- <p class="line">Gespaltener des Lichtes Schein,</p>
- <p class="line">Der sich in Gattern um uns legte</p>
- <p class="line">Und mit des Luftes Zug bewegte;</p>
- <p class="line">Da hört&rsquo; ich Wild von ferne schrein,</p>
- <p class="line">Da sangen fremde Vögel drein</p>
- <p class="line">Mit wundersamen Ton, es klangen</p>
- <p class="line">Viel Bächlein, die aus Felsen sprangen,</p>
- <p class="line">Wie Schatten zog es her und hin,</p>
- <p class="line">Ein Schauer flog durch <a id="corr-4"></a>meinen Sinn.</p>
- <p class="line">Nun wars, als hört&rsquo; ich Kinder plaudern,</p>
- <p class="line">Hin lief ich ohne länger Zaudern,</p>
- <p class="line">Und als ich nach dem Ort gekommen,</p>
- <p class="line">Von wo ich erst den Ton vernommen,</p>
- <p class="line">Da that sich auf des Waldes Dunkel,</p>
- <p class="line">Und vor mir lag ein hell Gefunkel,</p>
- <p class="line">Roth sah ich wilde Nelken blühn,</p>
- <p class="line">Sammt lichten Sternen von Jasmin,</p>
- <p class="line">Und duftend Kraut Je länger lieber,</p>
- <p class="line">Das rankte eine Grott&rsquo; hinüber,</p>
- <p class="line">An die sich hoch der Epheu schlang,</p>
- <p class="line">Und aus der Höhle kam Gesang.</p>
- <p class="line">Da schaut ich in den Fels hinein,</p>
- <p class="line">Dort saß ein Bild mit lichtem Schein,</p>
- <p class="line">Güldnes Gewand den Leib umfloß,</p>
- <p class="line">An den sich Spang&rsquo; und Gürtel schloß,</p>
- <p class="line">Das Antliz bleich, entfärbt die Wange,</p>
- <p class="line">Sie schien in Furcht und Zittern bange</p>
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
- <p class="line">Und schloß sich an ein Mannsgebild,</p>
- <p class="line">Das schaute aus den Augen wild,</p>
- <p class="line">Doch lächelt&rsquo; er mit Freundlichkeit:</p>
- <p class="line">Er war in schwarz Gewand gekleidt,</p>
- <p class="line">Ein dunkles Haar hing um das Haupt,</p>
- <p class="line">Er trug von wildem Wein umlaubt</p>
- <p class="line">Den güldnen Stab in seiner Hand,</p>
- <p class="line">Geflochten war um sein Gewand</p>
- <p class="line">Epheu und Tannenzweig&rsquo; in Kränzen,</p>
- <p class="line">Wozwischen rothe Rosen glänzen;</p>
- <p class="line">Er sprach und sang der Schönen vor,</p>
- <p class="line">Und flüsterte ihr oft ins Ohr.</p>
- <p class="line">Da fragt&rsquo; ich: Kind, wer sind die beide?</p>
- <p class="line">Der Knabe sprach: im schwarzen Kleide</p>
- <p class="line">Der ist der Schreck, von Mährchen alten</p>
- <p class="line">Beschreibt er gern die Schau&rsquo;rgestalten;</p>
- <p class="line">Das Mägdlein da im lichten Kleid</p>
- <p class="line">Ist meine liebe Albernheit,</p>
- <p class="line">Sie ängstet sich und um so gerner</p>
- <p class="line">Hört sie den andern reden ferner,</p>
- <p class="line">Sie fürchtet sich vor dem Erschrecken,</p>
- <p class="line">Läßt sich doch spielend davon necken,</p>
- <p class="line">Sie lächelt, und vor Schauder weint</p>
- <p class="line">Ihr Lachen, das in Thränen scheint,</p>
- <p class="line">Sie freut sich und wird voraus bleich,</p>
- <p class="line">So spielt sie mit dem Geisterreich,</p>
- <p class="line">Wenn Schreck ihr sagt: nun sprech&rsquo; ich jezt,</p>
- <p class="line">Was dich recht durch und durch entsetzt!</p>
- <p class="line">Dann bittet sie: so schweige lieber, &mdash;</p>
- <p class="line">Nein, spricht sie dann, erzähl&rsquo; es, Lieber;</p>
- <p class="line">Nun rauscht der schwarze Tannenhain,</p>
- <p class="line">Dann weinen Felsenbäche drein,</p>
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
- <p class="line">Sie meint, sie stirbt vor Angst und Schmerz</p>
- <p class="line">Und drückt dem Schreck sich fest ans Herz.</p>
- <p class="line2">Da sah ich einen Kleinen gaukeln</p>
- <p class="line">Und sich in allen Blumen schaukeln,</p>
- <p class="line">Ein herzigs Kind, das auf und nieder</p>
- <p class="line">Im Tanze schwang die zarten Glieder,</p>
- <p class="line">Bald klettert&rsquo; es in Epheuranken</p>
- <p class="line">Und ließ sich kühn vom Winde schwanken,</p>
- <p class="line">Bald stand oben am Fels der Lose</p>
- <p class="line">Und duckte sich in eine Rose.</p>
- <p class="line">So eilig, daß der Stengel knickte</p>
- <p class="line">Wie er sich in die Röthe bückte,</p>
- <p class="line">Dann fiel er lachend auf die Au</p>
- <p class="line">Und war benetzt vom Rosenthau:</p>
- <p class="line">In Blättern, aus Jasmin gezogen,</p>
- <p class="line">Beschifft&rsquo; er dann des Baches Wogen,</p>
- <p class="line">Und bracht&rsquo; als Kriegsgefangne heim</p>
- <p class="line">Die Bienen mit dem Honigseim;</p>
- <p class="line">Dann sucht&rsquo; er Muscheln sich im Sande</p>
- <p class="line">Und Stein&rsquo; und Kiesel vielerhande,</p>
- <p class="line">Und putzte drin das Felsenhaus</p>
- <p class="line">Mit vielen artgen Schnörkeln aus:</p>
- <p class="line">Auf einmal ließ er alles liegen</p>
- <p class="line">Und schien durch Lüfte schnell zu fliegen,</p>
- <p class="line">Nun auf dem höchsten Tannenbaum</p>
- <p class="line">Stand er und übersah den Raum,</p>
- <p class="line">Mit Riesenstärke bog er dann</p>
- <p class="line">Des Baumes Wipfel auf den Plan</p>
- <p class="line">Und ließ ihn dann zurücke schießen;</p>
- <p class="line">Des Baches Wogen mußten fließen</p>
- <p class="line">In Wasserfällen laut und brausend,</p>
- <p class="line">Der mächtge Wald dazwischen sausend,</p>
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
- <p class="line">Ein furchtbar Echo, das von oben</p>
- <p class="line">Hin durch den Thalgrund sprach mit Toben,</p>
- <p class="line">Dazu des Donners Krachen viel,</p>
- <p class="line">Schien alles ihm nur Harfenspiel.</p>
- <p class="line">Er selbst, der erst ein kleiner Zwerg,</p>
- <p class="line">War jezt großmächtig wie ein Berg,</p>
- <p class="line">Und sprang so schnell wie Blitzes Lauf,</p>
- <p class="line">Zur Höhe des Gebirgs hinauf,</p>
- <p class="line">Riß aus der Wurzel mächtge Felsen,</p>
- <p class="line">Die ließ er sich zum Thale wälzen</p>
- <p class="line">Mit lautem Donnern, furchtbarm Krachen,</p>
- <p class="line">Das machte ihn von Herzen lachen,</p>
- <p class="line">Wie sie im Pürzen, Springen, Kollern,</p>
- <p class="line">So ungeschlacht zur Ebne schollern,</p>
- <p class="line">Wie sie die nackten Hauer fletschen</p>
- <p class="line">Und Wald und Berg im Sturz zerquetschen.</p>
- <p class="line">Da war ich bang und furchtsam fast,</p>
- <p class="line">Ich sprach: wer ist der schlimme Gast,</p>
- <p class="line">Der erst ein Kindlein thörigt spielte,</p>
- <p class="line">An Bienen nur sein Müthlein kühlte,</p>
- <p class="line">Ein Tandmann schien, doch nun erwachsen</p>
- <p class="line">So ungeheuer, ungelachsen,</p>
- <p class="line">Daß kaum noch so viel Kraft der Welt,</p>
- <p class="line">Daß sie ihn sich vom Halse hält?</p>
- <p class="line">Das ist der Scherz, so sprach mein Freund,</p>
- <p class="line">Der Groß und Klein dasselbe scheint;</p>
- <p class="line">Oft ist er zart und lieb unschuldig,</p>
- <p class="line">Doch wird er wild und ungeduldig,</p>
- <p class="line">So kühlt er seinen Muth, den frechen,</p>
- <p class="line">Und all&rsquo;s muß biegen oder brechen. &mdash;</p>
- <p class="line">Kann man nicht, fragt&rsquo; ich, Sitt&rsquo; ihm lehren? &mdash;</p>
- <p class="line">Das hieß ihn nur, sprach er, verkehren,</p>
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
- <p class="line">Er acht&rsquo;t kein noch so klug Gebot,</p>
- <p class="line">Und schreit nur, das thut mir nicht noth!</p>
- <p class="line">So lassen sie ihm seinen Willen. &mdash;</p>
- <p class="line">Da schlug urplötzlich aus dem Stillen</p>
- <p class="line">Der Sang von tausend Nachtigallen,</p>
- <p class="line">Die ließen ihre Klage schallen,</p>
- <p class="line">Und aus dem grünen Waldesraum</p>
- <p class="line">Erglänzt&rsquo; ein leuchtend goldner Saum,</p>
- <p class="line">Von Purpurkleidern, die erbeben</p>
- <p class="line">In Gluth, wie sich die Glieder heben</p>
- <p class="line">Vom schönsten weiblichen Gebilde,</p>
- <p class="line">Sie schritt nun lächelnd zum Gefilde,</p>
- <p class="line">Und kam aus dunkelm Wald hervor</p>
- <p class="line">Wie Sonne durch des Morgens Thor,</p>
- <p class="line">Das goldne Haar in Wellen fließend,</p>
- <p class="line">Das lichte Aug&rsquo; die Welt begrüßend,</p>
- <p class="line">Das rothe Lächeln Wonne streuend,</p>
- <p class="line">Des Leibes Glanz rings all erfreuend;</p>
- <p class="line">So wie die Augen leuchtend gingen,</p>
- <p class="line">Die Blumen an zu blühen fingen,</p>
- <p class="line">Das Gras ward grüner, Wonnebeben</p>
- <p class="line">Schien Stein und Felsen zu beleben,</p>
- <p class="line">Die Wasser jauchzten, und im Innern</p>
- <p class="line">Bewegt ein seliges Erinnern</p>
- <p class="line">Der Erde allertiefstes Herz,</p>
- <p class="line">Demant erwuchs und Goldes-Erz.</p>
- <p class="line">Wer ist, fragt ich, die dort regiert,</p>
- <p class="line">So zart und edel gliedmasirt,</p>
- <p class="line">Die Klare, Holde, minniglich&rsquo;?</p>
- <p class="line">Nenn&rsquo; ihren Namen, Knabe, sprich!</p>
- <p class="line2">Dir ist es also nicht bewußt,</p>
- <p class="line">Sprach, Phantasus, in deiner Brust,</p>
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
- <p class="line">Was Thier&rsquo; und Pflanzen, Stein&rsquo; empfinden,</p>
- <p class="line">Ich muß dir ihren Namen künden?</p>
- <p class="line">Die Liebe ist sie! Und alsbald</p>
- <p class="line">Kannt&rsquo; ich die göttliche Gestalt,</p>
- <p class="line">Ich sprach im Flehn zu ihr: demüthig</p>
- <p class="line">Komm&rsquo; ich zu dir, o sei mir gütig,</p>
- <p class="line">Wie du die ganze Welt beglückst,</p>
- <p class="line">In jedes Herz die Wonne schickst,</p>
- <p class="line">Gedenke mein, laß nicht mein Leben</p>
- <p class="line">Als liebeleeren Traum verschweben.</p>
- <p class="line">Gebietend hob sie auf die Hand,</p>
- <p class="line">Da kamen aus dem grünen Land,</p>
- <p class="line">Von Bergen, aus dem niedern Thal,</p>
- <p class="line">Die Geister wimmelnd ohne Zahl,</p>
- <p class="line">Aus Bächen huben sie sich schnell</p>
- <p class="line">Und leuchteten von Schimmern hell,</p>
- <p class="line">Die Bäume thaten all sich auf,</p>
- <p class="line">Es sprangen vor mit munterm Lauf,</p>
- <p class="line">Die zarten Elfen, und aus kleinen</p>
- <p class="line">Blümlein wollten sie auch erscheinen,</p>
- <p class="line">Gar klein gestalt, in Farben bunt:</p>
- <p class="line">Da sang ein tausendfacher Mund</p>
- <p class="line">Der hohen Göttin Lob und Dank,</p>
- <p class="line">Gar wundersam war der Gesang,</p>
- <p class="line">Sie sonnten sich in ihrem Lächeln</p>
- <p class="line">Berauscht von ihres Othems Fächeln.</p>
- <p class="line">Da wandt&rsquo; sich Phantasus zu mir:</p>
- <p class="line">Nun, Werther, wie gefällts dir hier?</p>
- <p class="line">Ich wollte sprechen: seeliglich</p>
- <p class="line">Dünkt mir dies Leben sicherlich,</p>
- <p class="line">Doch nahm der allergrößte Schreck</p>
- <p class="line">Mir plötzlich Stimm und Othem weg;</p>
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
- <p class="line">Was ich für Grott&rsquo; und Berg gehalten,</p>
- <p class="line">Für Wald und Flur und Felsgestalten,</p>
- <p class="line">Das war ein einzigs großes Haupt,</p>
- <p class="line">Statt Haar und Bart mit Wald umlaubt,</p>
- <p class="line">Still lächelt er, daß seine Kind&rsquo;</p>
- <p class="line">In Spielen glücklich vor ihm sind,</p>
- <p class="line">Er winkt, und ahndungsvolles Brausen</p>
- <p class="line">Wogt her in Waldes heil&rsquo;gem Sausen,</p>
- <p class="line">Da fiel ich auf die Knie nieder,</p>
- <p class="line">Mir zitterten in Angst die Glieder,</p>
- <p class="line">Ich sprach zum Kleinen nur das Wort:</p>
- <p class="line">Sag an, was ist das Große dort?</p>
- <p class="line">Der Kleine sprach: Dich faßt sein Graun,</p>
- <p class="line">Weil du ihn darfst so plötzlich schaun,</p>
- <p class="line">Das ist der Vater, unser Alter,</p>
- <p class="line">Heißt Pan, von allem der Erhalter. &mdash;</p>
- <p class="line2">Ein mächt&rsquo;ger Schauder faßte mich,</p>
- <p class="line">Mit Zittern schnell erwachte ich,</p>
- <p class="line">Und so bewegt von dem Gesicht</p>
- <p class="line">Verkünd&rsquo; ichs euch, verschweig&rsquo; es nicht.</p>
-</div>
-
-<p class="tb">
-&mdash;&mdash;&mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Nach einer Pause sagte Clara: ich glaube Ihren
-Sinn zu verstehn, aber unartig, ja grausam finde ich
-es, daß Sie über Ihre Krankheit scherzen, und zur
-Strafe dafür sollen Sie uns ohne auszuruhen sogleich
-das erste Mährchen mittheilen, denn ich hörte gestern,
-daß Ihnen der Beginn dieser Erzählungen zugesprochen
-sei. Anton fing an zu lesen.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-4">
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-<span class="line1">Der blonde Eckbert.</span><br />
-<span class="line2">1796.</span>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>n einer Gegend des Harzes wohnte ein Ritter, den
-man gewöhnlich nur den blonden Eckbert nannte. Er
-war ohngefähr vierzig Jahr alt, kaum von mittler
-Größe, und kurze hellblonde Haare lagen schlicht und
-dicht an seinem blassen eingefallenen Gesichte. Er
-lebte sehr ruhig für sich und war niemals in den Fehden
-seiner Nachbarn verwickelt, auch sah man ihn
-nur selten außerhalb den Ringmauern seines kleinen
-Schlosses. Sein Weib liebte die Einsamkeit eben so
-sehr, und beide schienen sich von Herzen zu lieben,
-nur klagten sie gewöhnlich darüber, daß der Himmel
-ihre Ehe mit keinen Kindern segnen wolle.
-</p>
-
-<p>
-Nur selten wurde Eckbert von Gästen besucht, und
-wenn es auch geschah, so wurde ihretwegen fast nichts
-in dem gewöhnlichen Gange des Lebens geändert, die
-Mäßigkeit wohnte dort, und die Sparsamkeit selbst
-schien alles anzuordnen. Eckbert war alsdann heiter
-und aufgeräumt, nur wenn er allein war, bemerkte
-man an ihm eine gewisse Verschlossenheit, eine stille
-zurückhaltende Melankolie.
-</p>
-
-<p>
-Niemand kam so häufig auf die Burg als Philipp
-Walther, ein Mann, dem sich Eckbert angeschlossen
-hatte, weil er an diesem ohngefähr dieselbe Art zu
-denken fand, der auch er am meisten zugethan war.
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-Dieser wohnte eigentlich in Franken, hielt sich aber
-oft über ein halbes Jahr in der Nähe von Eckberts
-Burg auf, sammelte Kräuter und Steine, und beschäftigte
-sich damit, sie in Ordnung zu bringen, er
-lebte von einem kleinen Vermögen und war von Niemand
-abhängig. Eckbert begleitete ihn oft auf seinen
-einsamen Spaziergängen, und mit jedem Jahre entspann
-sich zwischen ihnen eine innigere Freundschaft.
-</p>
-
-<p>
-Es giebt Stunden, in denen es den Menschen
-ängstigt, wenn er vor seinem Freunde ein Geheimniß
-haben soll, was er bis dahin oft mit vieler Sorgfalt
-verborgen hat, die Seele fühlt dann einen unwiderstehlichen
-Trieb, sich ganz mitzutheilen, dem Freunde
-auch das Innerste aufzuschließen, damit er um so mehr
-unser Freund werde. In diesen Augenblicken geben
-sich die zarten Seelen einander zu erkennen, und zuweilen
-geschieht es wohl auch, daß einer vor der Bekanntschaft
-des andern zurück schreckt.
-</p>
-
-<p>
-Es war schon im Herbst, als Eckbert an einem
-neblichten Abend mit seinem Freunde und seinem Weibe
-Bertha um das Feuer eines Kamines saß. Die Flamme
-warf einen hellen Schein durch das Gemach und
-spielte oben an der Decke, die Nacht sah schwarz zu
-den Fenstern herein, und die Bäume draußen schüttelten
-sich vor nasser Kälte. Walther klagte über den
-weiten Rückweg, den er habe, und Eckbert schlug ihm
-vor, bei ihm zu bleiben, die halbe Nacht unter traulichen
-Gesprächen hinzubringen, und dann in einem
-Gemache des Hauses bis am Morgen zu schlafen.
-Walther ging den Vorschlag ein, und nun ward Wein
-und die Abendmahlzeit hereingebracht, das Feuer durch
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-Holz vermehrt, und das Gespräch der Freunde heitrer
-und vertraulicher.
-</p>
-
-<p>
-Als das Abendessen abgetragen war, und sich die
-Knechte wieder entfernt hatten, nahm Eckbert die Hand
-Walthers und sagte: Freund, ihr solltet euch einmal
-von meiner Frau die Geschichte ihrer Jugend erzählen
-lassen, die seltsam genug ist. &mdash; Gern, sagte Walther,
-und man setzte sich wieder um den Kamin.
-</p>
-
-<p>
-Es war jezt gerade Mitternacht, der Mond sah
-abwechselnd durch die vorüber flatternden Wolken. Ihr
-müßt mich nicht für zudringlich halten, fing Bertha
-an, mein Mann sagt, daß ihr so edel denkt, daß es
-unrecht sei, euch etwas zu verhehlen. Nur haltet meine
-Erzählung für kein Mährchen, so sonderbar sie auch
-klingen mag.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin in einem Dorfe geboren, mein Vater war
-ein armer Hirte. Die Haushaltung bei meinen Eltern
-war nicht zum Besten bestellt, sie wußten sehr oft nicht,
-wo sie das Brod hernehmen sollten. Was mich aber
-noch weit mehr jammerte, war, daß mein Vater und
-meine Mutter sich oft über ihre Armuth entzweiten,
-und einer dem andern dann bittere Vorwürfe machte.
-Sonst hört&rsquo; ich beständig von mir, daß ich ein einfältiges
-dummes Kind sei, das nicht das unbedeutendste
-Geschäft auszurichten wisse, und wirklich war ich äußerst
-ungeschickt und unbeholfen, ich ließ alles aus den Händen
-fallen, ich lernte weder nähen noch spinnen, ich
-konnte nichts in der Wirthschaft helfen, nur die Noth
-meiner Eltern verstand ich sehr gut. Oft saß ich dann
-im Winkel und füllte meine Vorstellungen damit an,
-wie ich ihnen helfen wollte, wenn ich plötzlich reich
-würde, wie ich sie mit Gold und Silber überschütten
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-und mich an ihrem Erstaunen laben möchte, dann sah
-ich Geister herauf schweben, die mir unterirdische Schätze
-entdeckten, oder mir kleine Kiesel gaben, die sich in
-Edelsteine verwandelten, kurz, die wunderbarsten Phantasien
-beschäftigten mich, und wenn ich nun aufstehn
-mußte, um irgend etwas zu helfen, oder zu tragen, so
-zeigte ich mich noch viel ungeschickter, weil mir der
-Kopf von allen den seltsamen Vorstellungen schwindelte.
-</p>
-
-<p>
-Mein Vater war immer sehr ergrimmt auf mich,
-daß ich eine so ganz unnütze Last des Hauswesens sei,
-er behandelte mich daher oft ziemlich grausam, und es
-war selten, daß ich ein freundliches Wort von ihm
-vernahm. So war ich ungefähr acht Jahr alt geworden,
-und es wurden nun ernstliche Anstalten gemacht,
-daß ich etwas thun, oder lernen sollte. Mein Vater
-glaubte, es wäre nur Eigensinn oder Trägheit von
-mir, um meine Tage in Müssiggang hinzubringen,
-genug, er setzte mir mit Drohungen unbeschreiblich zu,
-da diese aber doch nichts fruchteten, züchtigte er mich
-auf die grausamste Art, indem er sagte, daß diese
-Strafe mit jedem Tage wiederkehren sollte, weil ich
-doch nur ein unnützes Geschöpf sei.
-</p>
-
-<p>
-Die ganze Nacht hindurch weint&rsquo; ich herzlich, ich
-fühlte mich so außerordentlich verlassen, ich hatte ein
-solches Mitleid mit mir selber, daß ich zu sterben
-wünschte. Ich fürchtete den Anbruch des Tages, ich
-wußte durchaus nicht, was ich anfangen sollte, ich
-wünschte mir alle mögliche Geschicklichkeit und konnte
-gar nicht begreifen, warum ich einfältiger sei, als die
-übrigen Kinder meiner Bekanntschaft. Ich war der
-Verzweiflung nahe.
-</p>
-
-<p>
-Als der Tag graute, stand ich auf und eröffnete,
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-fast ohne daß ich es wußte, die Thür unsrer kleinen
-Hütte. Ich stand auf dem freien Felde, bald darauf
-war ich in einem Walde, in den der Tag kaum noch
-hinein blickte. Ich lief immerfort, ohne mich umzusehn,
-ich fühlte keine Müdigkeit, denn ich glaubte
-immer, mein Vater würde mich noch wieder einholen,
-und, durch meine Flucht gereizt, mich noch grausamer
-behandeln.
-</p>
-
-<p>
-Als ich aus dem Walde wieder heraus trat, stand
-die Sonne schon ziemlich hoch, ich sah jezt etwas
-Dunkles vor mir liegen, welches ein dichter Nebel
-bedeckte. Bald mußte ich über Hügel klettern, bald
-durch einen zwischen Felsen gewundenen Weg gehn,
-und ich errieth nun, daß ich mich wohl in dem benachbarten
-Gebirge befinden müsse, worüber ich anfing
-mich in der Einsamkeit zu fürchten. Denn ich hatte
-in der Ebene noch keine Berge gesehn, und das bloße
-Wort Gebirge, wenn ich davon hatte reden hören,
-war meinem kindischen Ohr ein fürchterlicher Ton gewesen.
-Ich hatte nicht das Herz zurück zu gehn, meine
-Angst trieb mich vorwärts; oft sah ich mich erschrocken
-um, wenn der Wind über mir weg durch die Bäume
-fuhr, oder ein ferner Holzschlag weit durch den stillen
-Morgen hintönte. Als mir Köhler und Bergleute endlich
-begegneten und ich eine fremde Aussprache hörte,
-wäre ich vor Entsetzen fast in Ohnmacht gesunken.
-</p>
-
-<p>
-Ich kam durch mehrere Dörfer und bettelte, weil
-ich jezt Hunger und Durst empfand, ich half mir so
-ziemlich mit meinen Antworten durch, wenn ich gefragt
-wurde. So war ich ohngefähr vier Tage fortgewandert,
-als ich auf einen kleinen Fußsteig gerieth, der
-mich von der großen Straße immer mehr entfernte.
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-Die Felsen um mich her gewannen jezt eine andre,
-weit seltsamere Gestalt. Es waren Klippen, so auf
-einander gepackt, daß es das Ansehn hatte, als wenn
-sie der erste Windstoß durch einander werfen würde.
-Ich wußte nicht, ob ich weiter gehn sollte. Ich hatte
-des Nachts immer im Walde geschlafen, denn es war
-gerade zur schönsten Jahrszeit, oder in abgelegenen
-Schäferhütten; hier traf ich aber gar keine menschliche
-Wohnung, und konnte auch nicht vermuthen, in dieser
-Wildniß auf eine zu stoßen; die Felsen wurden immer
-furchtbarer, ich mußte oft dicht an schwindlichten Abgründen
-vorbeigehn, und endlich hörte sogar der Weg
-unter meinen Füßen auf. Ich war ganz trostlos, ich
-weinte und schrie, und in den Felsenthälern hallte
-meine Stimme auf eine schreckliche Art zurück. Nun
-brach die Nacht herein, und ich suchte mir eine Moosstelle
-aus, um dort zu ruhn. Ich konnte nicht schlafen;
-in der Nacht hörte ich die seltsamsten Töne, bald
-hielt ich es für wilde Thiere, bald für den Wind, der
-durch die Felsen klage, bald für fremde Vögel. Ich
-betete, und ich schlief nur spät gegen Morgen ein.
-</p>
-
-<p>
-Ich erwachte, als mir der Tag ins Gesicht schien.
-Vor mir war ein steiler Felsen, ich kletterte in der
-Hoffnung hinauf, von dort den Ausgang aus der
-Wildniß zu entdecken, und vielleicht Wohnungen oder
-Menschen gewahr zu werden. Als ich aber oben stand,
-war alles, so weit nur mein Auge reichte, eben so,
-wie um mich her, alles war mit einem neblichten
-Dufte überzogen, der Tag war grau und trübe, und
-keinen Baum, keine Wiese, selbst kein Gebüsch konnte
-mein Auge erspähn, einzelne Sträucher ausgenommen,
-die einsam und betrübt in engen Felsenritzen empor
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-geschossen waren. Es ist unbeschreiblich, welche Sehnsucht
-ich empfand, nur eines Menschen ansichtig zu
-werden, wäre es auch, daß ich mich vor ihm hätte
-fürchten müssen. Zugleich fühlte ich einen peinigenden
-Hunger, ich setzte mich nieder und beschloß zu sterben.
-Aber nach einiger Zeit trug die Lust zu leben dennoch
-den Sieg davon, ich raffte mich auf und ging unter
-Thränen, unter abgebrochenen Seufzern den ganzen
-Tag hindurch; am Ende war ich mir meiner kaum
-noch bewußt, ich war müde und erschöpft, ich wünschte
-kaum noch zu leben, und fürchtete doch den Tod.
-</p>
-
-<p>
-Gegen Abend schien die Gegend umher etwas freundlicher
-zu werden, meine Gedanken, meine Wünsche
-lebten wieder auf, die Lust zum Leben erwachte in allen
-meinen Adern. Ich glaubte jezt das Gesause einer
-Mühle aus der Ferne zu hören, ich verdoppelte meine
-Schritte, und wie wohl, wie leicht ward mir, als ich
-endlich wirklich die Gränzen der öden Felsen erreichte;
-ich sah Wälder und Wiesen mit fernen angenehmen
-Bergen wieder vor mir liegen. Mir war, als wenn
-ich aus der Hölle in ein Paradies getreten wäre, die
-Einsamkeit und meine Hülflosigkeit schienen mir nun
-gar nicht fürchterlich.
-</p>
-
-<p>
-Statt der gehofften Mühle stieß ich auf einen Wasserfall,
-der meine Freude freilich um vieles minderte;
-ich schöpfte mit der Hand einen Trunk aus dem Bache,
-als mir plötzlich war, als höre ich in einiger Entfernung
-ein leises Husten. Nie bin ich so angenehm
-überrascht worden, als in diesem Augenblick, ich ging
-näher und ward an der Ecke des Waldes eine alte
-Frau gewahr, die auszuruhen schien. Sie war fast
-ganz schwarz gekleidet und eine schwarze Kappe bedeckte
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-ihren Kopf und einen großen Theil des Gesichtes, in
-der Hand hielt sie einen Krückenstock.
-</p>
-
-<p>
-Ich näherte mich ihr und bat um ihre Hülfe; sie
-ließ mich neben sich niedersitzen und gab mir Brod
-und etwas Wein. Indem ich aß, sang sie mit kreischendem
-Ton ein geistliches Lied. Als sie geendet
-hatte, sagte sie mir, ich möchte ihr folgen.
-</p>
-
-<p>
-Ich war über diesen Antrag sehr erfreut, so wunderlich
-mir auch die Stimme und das Wesen der Alten
-vorkam. Mit ihrem Krückenstocke ging sie ziemlich
-behende, und bei jedem Schritte verzog sie ihr Gesicht
-so, daß ich im Anfange darüber lachen mußte. Die
-wilden Felsen traten immer weiter hinter uns zurück,
-wir gingen über eine angenehme Wiese, und dann
-durch einen ziemlich langen Wald. Als wir heraus
-traten, ging die Sonne gerade unter, und ich werde
-den <a id="corr-5"></a>Anblick und die Empfindung dieses Abends nie
-vergessen. In das sanfteste Roth und Gold war alles
-verschmolzen, die Bäume standen mit ihren Wipfeln
-in der Abendröthe, und über den Feldern lag der entzückende
-Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume
-standen still, der reine Himmel sah aus wie ein
-aufgeschlossenes Paradies, und das Rieseln der Quellen
-und von Zeit zu Zeit das Flüstern der Bäume tönte
-durch die heitre Stille wie in wehmüthiger Freude.
-Meine junge Seele bekam jezt zuerst eine Ahndung
-von der Welt und ihren Begebenheiten. Ich vergaß
-mich und meine Führerin, mein Geist und meine
-Augen schwärmten nur zwischen den goldnen Wolken.
-</p>
-
-<p>
-Wir stiegen nun einen Hügel hinan, der mit Birken
-bepflanzt war, von oben sah man in ein grünes
-Thal voller Birken hinein, und unten mitten in den
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-Bäumen lag eine kleine Hütte. Ein munteres Bellen
-kam uns entgegen, und bald sprang ein kleiner behender
-Hund die Alte an, und wedelte, dann kam er zu
-mir, besah mich von allen Seiten, und kehrte mit
-freundlichen Geberden zur Alten zurück.
-</p>
-
-<p>
-Als wir vom Hügel hinunter gingen, hörte ich
-einen wunderbaren Gesang, der aus der Hütte zu kommen
-schien, wie von einem Vogel, es sang also:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Waldeinsamkeit,</p>
- <p class="line">Die mich erfreut,</p>
- <p class="line">So morgen wie heut</p>
- <p class="line">In ewger Zeit,</p>
- <p class="line">O wie mich freut</p>
- <p class="line">Waldeinsamkeit.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Diese wenigen Worte wurden beständig wiederholt;
-wenn ich es beschreiben soll, so war es fast, als wenn
-Waldhorn und Schallmeie ganz in der Ferne durch
-einander spielen.
-</p>
-
-<p>
-Meine Neugier war außerordentlich gespannt; ohne
-daß ich auf den Befehl der Alten wartete, trat ich mit
-in die Hütte. Die Dämmerung war schon eingebrochen,
-alles war ordentlich aufgeräumt, einige Becher
-standen auf einem Wandschranke, fremdartige Gefäße
-auf einem Tische, in einem glänzenden Käfig hing ein
-Vogel am Fenster, und er war es wirklich, der die
-Worte sang. Die Alte keichte und hustete, sie schien
-sich gar nicht wieder erholen zu können, bald streichelte
-sie den kleinen Hund, bald sprach sie mit dem Vogel,
-der ihr nur mit seinem gewöhnlichen Liede Antwort
-gab; übrigens that sie gar nicht, als wenn ich zugegen
-wäre. Indem ich sie so betrachtete, überlief mich
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-mancher Schauer: denn ihr Gesicht war in einer ewigen
-Bewegung, indem sie dazu wie vor Alter mit dem
-Kopfe schüttelte, so daß ich durchaus nicht wissen
-konnte, wie ihr eigentliches Aussehn beschaffen war.
-</p>
-
-<p>
-Als sie sich erholt hatte, zündete sie Licht an, deckte
-einen ganz kleinen Tisch und trug das Abendessen auf.
-Jezt sah sie sich nach mir um, und hieß mir einen
-von den geflochtenen Rohrstühlen nehmen. So saß
-ich ihr nun dicht gegenüber und das Licht stand zwischen
-uns. Sie faltete ihre knöchernen Hände und
-betete laut, indem sie ihre Gesichtsverzerrungen machte,
-so daß es mich beinahe wieder zum Lachen gebracht
-hätte; aber ich nahm mich sehr in Acht, um sie nicht
-zu erboßen.
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Abendessen betete sie wieder, und dann
-wies sie mir in einer niedrigen und engen Kammer
-ein Bett an; sie schlief in der Stube. Ich blieb nicht
-lange munter, ich war halb betäubt, aber in der Nacht
-wachte ich einigemal auf, und dann hörte ich die Alte
-husten und mit dem Hunde sprechen, und den Vogel
-dazwischen, der im Traum zu sein schien, und immer
-nur einzelne Worte von seinem Liede sang. Das machte
-mit den Birken, die vor dem Fenster rauschten, und
-mit dem Gesang einer entfernten Nachtigall ein so
-wunderbares Gemisch, daß es mir immer nicht war,
-als sei ich erwacht, sondern als fiele ich nur in einen
-andern noch seltsamern Traum.
-</p>
-
-<p>
-Am Morgen weckte mich die Alte, und wies mich
-bald nachher zur Arbeit an. Ich mußte spinnen, und
-ich begriff es auch bald, dabei hatte ich noch für den
-Hund und für den Vogel zu sorgen. Ich lernte mich
-schnell in die Wirthschaft finden, und alle Gegenstände
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-umher wurden mir bekannt; nun war mir, als müßte
-alles so sein, ich dachte gar nicht mehr daran, daß
-die Alte etwas Seltsames an sich habe, daß die Wohnung
-abentheuerlich und von allen Menschen entfernt
-liege, und daß an dem Vogel etwas Außerordentliches
-sei. Seine Schönheit fiel mir zwar immer auf, denn
-seine Federn glänzten mit allen möglichen Farben, das
-schönste Hellblau und das brennendste Roth wechselten
-an seinem Halse und Leibe, und wenn er sang, blähte
-er sich stolz auf, so daß sich seine Federn noch prächtiger
-zeigten.
-</p>
-
-<p>
-Oft ging die Alte aus und kam erst am Abend
-zurück, ich ging ihr dann mit dem Hunde entgegen,
-und sie nannte mich Kind und Tochter. Ich ward ihr
-endlich von Herzen gut, wie sich unser Sinn denn
-an alles, besonders in der Kindheit, gewöhnt. In
-den Abendstunden lehrte sie mich lesen, ich fand mich
-leicht in die Kunst, und es ward nachher in meiner
-Einsamkeit eine Quelle von unendlichem Vergnügen,
-denn sie hatte einige alte geschriebene Bücher, die
-wunderbare Geschichten enthielten.
-</p>
-
-<p>
-Die Erinnerung an meine damalige Lebensart ist
-mir noch bis jezt immer seltsam: von keinem menschlichen
-Geschöpfe besucht, nur in einem so kleinen Familienzirkel
-einheimisch, denn der Hund und der Vogel
-machten denselben Eindruck auf mich, den sonst nur
-längst gekannte Freunde hervorbringen. Ich habe mich
-immer nicht wieder auf den seltsamen Namen des Hundes
-besinnen können, so oft ich ihn auch damals
-nannte.
-</p>
-
-<p>
-Vier Jahre hatte ich so mit der Alten gelebt, und
-ich mochte ohngefähr zwölf Jahr alt sein, als sie mir
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-endlich mehr vertraute, und mir ein Geheimniß entdeckte.
-Der Vogel legte nehmlich an jedem Tage ein
-Ei, in dem sich eine Perl oder ein Edelstein befand.
-Ich hatte schon immer bemerkt, daß sie heimlich in
-dem Käfige wirthschafte, mich aber nie genauer darum
-bekümmert. Sie trug mir jezt das Geschäft auf, in
-ihrer Abwesenheit diese Eier zu nehmen und in den
-fremdartigen Gefäßen wohl zu verwahren. Sie ließ
-mir meine Nahrung zurück, und blieb nun länger
-aus, Wochen, Monate; mein Rädchen schnurrte, der
-Hund bellte, der wunderbare Vogel sang und dabei
-war alles so still in der Gegend umher, daß ich mich
-in der ganzen Zeit keines Sturmwindes, keines Gewitters
-erinnere. Kein Mensch verirrte sich dorthin, kein
-Wild kam unserer Behausung nahe, ich war zufrieden
-und arbeitete mich von einem Tage zum andern hinüber.
-&mdash; Der Mensch wäre vielleicht recht glücklich,
-wenn er so ungestört sein Leben bis ans Ende fortführen
-könnte.
-</p>
-
-<p>
-Aus dem wenigen, was ich las, bildete ich mir
-ganz wunderliche Vorstellungen von der Welt und den
-Menschen, alles war von mir und meiner Gesellschaft
-hergenommen: wenn von lustigen Leuten die Rede war,
-konnte ich sie mir nicht anders vorstellen wie den kleinen
-Spitz, prächtige Damen sahen immer wie der
-Vogel aus, alle alte Frauen wie meine wunderliche
-Alte. Ich hatte auch von Liebe etwas gelesen, und
-spielte nun in meiner Phantasie seltsame Geschichten
-mit mir selber. Ich dachte mir den schönsten Ritter
-von der Welt, ich schmückte ihn mit allen Vortrefflichkeiten
-aus, ohne eigentlich zu wissen, wie er nun nach
-allen meinen Bemühungen aussah: aber ich konnte ein
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-rechtes Mitleid mit mir selber haben, wenn er mich
-nicht wieder liebte; dann sagte ich lange rührende
-Reden in Gedanken her, zuweilen auch wohl laut,
-um ihn nur zu gewinnen. &mdash; Ihr lächelt! wir sind
-jezt freilich alle über diese Zeit der Jugend hinüber.
-</p>
-
-<p>
-Es war mir jezt lieber, wenn ich allein war, denn
-alsdann war ich selbst die Gebieterin im Hause. Der
-Hund liebte mich sehr und that alles was ich wollte, der
-Vogel antwortete mir in seinem Liede auf alle meine
-Fragen, mein Rädchen drehte sich immer munter, und
-so fühlte ich im Grunde nie einen Wunsch nach Veränderung.
-Wenn die Alte von ihren langen Wanderungen
-zurück kam, lobte sie meine Aufmerksamkeit,
-sie sagte, daß ihre Haushaltung, seit ich dazu gehöre,
-weit ordentlicher geführt werde, sie freute sich über
-mein Wachsthum und mein gesundes Aussehn, kurz, sie
-ging ganz mit mir wie mit einer Tochter um.
-</p>
-
-<p>
-Du bist brav, mein Kind! sagte sie einst zu mir
-mit einem schnarrenden Tone; wenn du so fort fährst,
-wird es dir auch immer gut gehn: aber nie gedeiht es,
-wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe
-folgt nach, wenn auch noch so spät. &mdash; Indem sie
-das sagte, achtete ich eben nicht sehr darauf, denn ich
-war in allen meinen Bewegungen und meinem ganzen
-Wesen sehr lebhaft; aber in der Nacht fiel es mir
-wieder ein, und ich konnte nicht begreifen, was sie
-damit hatte sagen wollen. Ich überlegte alle Worte
-genau, ich hatte wohl von Reichthümern gelesen, und
-am Ende fiel mir ein, daß ihre Perlen und Edelsteine
-wohl etwas Kostbares sein könnten. Dieser Gedanke
-wurde mir bald noch deutlicher. Aber was konnte sie
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-mit der rechten Bahn meinen? Ganz konnte ich den
-Sinn ihrer Worte noch immer nicht fassen.
-</p>
-
-<p>
-Ich war jezt vierzehn Jahr alt, und es ist ein
-Unglück für den Menschen, daß er seinen Verstand
-nur darum bekömmt, um die Unschuld seiner Seele zu
-verlieren. Ich begriff nehmlich wohl, daß es nur auf
-mich ankomme, in der Abwesenheit der Alten den
-Vogel und die Kleinodien zu nehmen, und damit die
-Welt, von der ich gelesen hatte, aufzusuchen. Zugleich
-war es mir dann vielleicht möglich, den überaus schönen
-Ritter anzutreffen, der mir immer noch im Gedächtnisse
-lag.
-</p>
-
-<p>
-Im Anfange war dieser Gedanke nichts weiter als
-jeder andre Gedanke, aber wenn ich so an meinem
-Rade saß, so kam er mir immer wider Willen zurück,
-und ich verlor mich so in ihm, daß ich mich schon
-herrlich geschmückt sah, und Ritter und Prinzen um
-mich her. Wenn ich mich so vergessen hatte, konnte
-ich ordentlich betrübt werden, wenn ich wieder aufschaute,
-und mich in der kleinen Wohnung antraf.
-Uebrigens, wenn ich meine Geschäfte that, bekümmerte
-sich die Alte nicht weiter um mein Wesen.
-</p>
-
-<p>
-An einem Tage ging meine Wirthin wieder fort,
-und sagte mir, daß sie diesmal länger als gewöhnlich
-ausbleiben werde, ich solle ja auf alles ordentlich Acht
-geben und mir die Zeit nicht lang werden lassen. Ich
-nahm mit einer gewissen Bangigkeit von ihr Abschied,
-denn es war mir, als würde ich sie nicht wieder sehn.
-Ich sah ihr lange nach und wußte selbst nicht, warum
-ich so beängstigt war; es war fast, als wenn mein
-Vorhaben schon vor mir stände, ohne mich dessen deutlich
-bewußt zu sein.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-Nie hab&rsquo; ich des Hundes und des Vogels mit einer
-solchen Aemsigkeit gepflegt, sie lagen mir näher am
-Herzen, als sonst. Die Alte war schon einige Tage
-abwesend, als ich mit dem festen Vorsatze aufstand,
-mit dem Vogel die Hütte zu verlassen, und die sogenannte
-Welt aufzusuchen. Es war mir enge und bedrängt
-zu Sinne, ich wünschte wieder da zu bleiben,
-und doch war mir der Gedanke widerwärtig; es war
-ein seltsamer Kampf in meiner Seele, wie ein Streiten
-von zwei widerspenstigen Geistern in mir. In
-einem Augenblicke kam mir die ruhige Einsamkeit so
-schön vor, dann entzückte mich wieder die Vorstellung
-einer neuen Welt, mit allen ihren wunderbaren Mannichfaltigkeiten.
-</p>
-
-<p>
-Ich wußte nicht, was ich aus mir selber machen
-sollte, der Hund sprang mich unaufhörlich an, der
-Sonnenschein breitete sich munter über die Felder aus,
-die grünen Birken funkelten: ich hatte die Empfindung,
-als wenn ich etwas sehr Eiliges zu thun hätte, ich
-griff also den kleinen Hund, band ihn in der Stube
-fest, und nahm dann den Käfig mit dem Vogel unter
-den Arm. Der Hund krümmte sich und winselte über
-diese ungewohnte Behandlung, er sah mich mit bittenden
-Augen an, aber ich fürchtete mich, ihn mit mir
-zu nehmen. Noch nahm ich eins von den Gefäßen,
-das mit Edelsteinen angefüllt war, und steckte es zu
-mir, die übrigen ließ ich stehn.
-</p>
-
-<p>
-Der Vogel drehte den Kopf auf eine wunderliche
-Weise, als ich mit ihm zur Thür hinaus trat, der
-Hund strengte sich sehr an, mir nachzukommen, aber
-er mußte zurück bleiben.
-</p>
-
-<p>
-Ich vermied den Weg nach den wilden Felsen und
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-ging nach der entgegengesetzten Seite. Der Hund
-bellte und winselte immerfort, und es rührte mich recht
-inniglich, der Vogel wollte einigemal zu singen anfangen,
-aber da er getragen ward, mußte es ihm wohl
-unbequem fallen.
-</p>
-
-<p>
-So wie ich weiter ging, hörte ich das Bellen immer
-schwächer, und endlich hörte es ganz auf. Ich weinte
-und wäre beinahe wieder umgekehrt, aber die Sucht
-etwas Neues zu sehn, trieb mich vorwärts.
-</p>
-
-<p>
-Schon war ich über Berge und durch einige Wälder
-gekommen, als es Abend ward, und ich in einem
-Dorfe einkehren mußte. Ich war sehr blöde, als ich in
-die Schenke trat, man wies mir eine Stube und ein
-Bette an, ich schlief ziemlich ruhig, nur daß ich von
-der Alten träumte, die mir drohte.
-</p>
-
-<p>
-Meine Reise war ziemlich einförmig, aber je weiter
-ich ging, je mehr ängstigte mich die Vorstellung von
-der Alten und dem kleinen Hunde; ich dachte daran,
-daß er wahrscheinlich ohne meine Hülfe verhungern
-müsse, im Walde glaubt&rsquo; ich oft die Alte würde mir
-plötzlich entgegen treten. So legte ich unter Thränen
-und Seufzern den Weg zurück; so oft ich ruhte, und
-den Käfig auf den Boden stellte, sang der Vogel sein
-wunderliches Lied, und ich erinnerte mich dabei recht
-lebhaft des schönen verlassenen Aufenthalts. Wie die
-menschliche Natur vergeßlich ist, so glaubt&rsquo; ich jezt,
-meine vormalige Reise in der Kindheit sei nicht so trübselig
-gewesen als meine jetzige; ich wünschte wieder in
-derselben Lage zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Ich hatte einige Edelsteine verkauft und kam nun
-nach einer Wanderschaft von vielen Tagen in einem
-Dorfe an. Schon beim Eintritt ward mir wundersam
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-zu Muthe, ich erschrak und wußte nicht worüber; aber
-bald erkannt&rsquo; ich mich, denn es war dasselbe Dorf, in
-welchem ich geboren war. Wie ward ich überrascht!
-Wie liefen mir vor Freuden, wegen tausend seltsamer
-Erinnerungen, die Thränen von den Wangen! Vieles
-war verändert, es waren neue Häuser entstanden, andre,
-die man damals erst errichtet hatte, waren jezt verfallen,
-ich traf auch Brandstellen; alles war weit kleiner,
-gedrängter als ich erwartet hatte. Unendlich freute
-ich mich darauf, meine Eltern nun nach so manchen
-Jahren wieder zu sehn; ich fand das kleine Haus, die
-wohlbekannte Schwelle, der Griff der Thür war noch
-ganz so wie damals, es war mir, als hätte ich sie
-nur gestern angelehnt; mein Herz klopfte ungestüm,
-ich öffnete sie hastig, &mdash; aber ganz fremde Gesichter
-saßen in der Stube umher und stierten mich an. Ich
-fragte nach dem Schäfer Martin, und man sagte mir,
-er sei schon seit drei Jahren mit seiner Frau gestorben.
-&mdash; Ich trat schnell zurück, und ging laut weinend
-aus dem Dorfe hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Ich hatte es mir so schön gedacht, sie mit meinem
-Reichthume zu überraschen; durch den seltsamsten Zufall
-war das nun wirklich geworden, was ich in der Kindheit
-immer nur träumte, &mdash; und jezt war alles umsonst,
-sie konnten sich nicht mit mir freuen, und das, worauf
-ich am meisten immer im Leben gehofft hatte, war für
-mich auf ewig verloren.
-</p>
-
-<p>
-In einer angenehmen Stadt miethete ich mir ein
-kleines Haus mit einem Garten, und nahm eine Aufwärterin
-zu mir. So wunderbar, als ich es vermuthet
-hatte, kam mir die Welt nicht vor, aber ich vergaß
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-die Alte und meinen ehemaligen Aufenthalt etwas mehr,
-und so lebt&rsquo; ich im Ganzen recht zufrieden.
-</p>
-
-<p>
-Der Vogel hatte schon seit lange nicht mehr gesungen;
-ich erschrak daher nicht wenig, als er in einer
-Nacht plötzlich wieder anfing, und zwar mit einem
-veränderten Liede. Er sang:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Waldeinsamkeit</p>
- <p class="line">Wie liegst du weit!</p>
- <p class="line">O dich gereut</p>
- <p class="line">Einst mit der Zeit. &mdash;</p>
- <p class="line">Ach einzge Freud</p>
- <p class="line">Waldeinsamkeit!</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Ich konnte die Nacht hindurch nicht schlafen, alles
-fiel mir von neuem in die Gedanken, und mehr als
-jemals fühlt&rsquo; ich, daß ich Unrecht gethan hatte. Als
-ich aufstand, war mir der Anblick des Vogels ordentlich
-zuwider, er sah immer nach mir hin, und seine
-Gegenwart ängstigte mich. Er hörte nun mit seinem
-Liede gar nicht wieder auf, und er sang es lauter und
-schallender, als er es sonst gewohnt gewesen war. Je
-mehr ich ihn betrachtete, je bänger machte er mich;
-ich öffnete endlich den Käfig, steckte die Hand hinein
-und faßte seinen Hals, herzhaft drückte ich die Finger
-zusammen, er sah mich bittend an, ich ließ los,
-aber er war schon gestorben. &mdash; Ich begrub ihn im
-Garten.
-</p>
-
-<p>
-Jezt wandelte mich oft eine Furcht vor meiner
-Aufwärterin an, ich dachte an mich selbst zurück, und
-glaubte, daß sie mich auch einst berauben oder wohl
-gar ermorden könne. &mdash; Schon lange kannt&rsquo; ich einen
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-jungen Ritter, der mir überaus gefiel, ich gab ihm
-meine Hand, &mdash; und hiermit, Herr Walther, ist meine
-Geschichte geendigt.
-</p>
-
-<p>
-Ihr hättet sie damals sehn sollen, fiel Eckbert hastig
-ein, &mdash; ihre Jugend, ihre Schönheit, und welch einen
-unbeschreiblichen Reiz ihr ihre einsame Erziehung gegeben
-hatte. Sie kam mir vor wie ein Wunder, und
-ich liebte sie ganz über alles Maaß. Ich hatte kein
-Vermögen, aber durch ihre Liebe kam ich in diesen
-Wohlstand, wir zogen hieher, und unsere Verbindung
-hat uns bis jezt noch keinen Augenblick gereut. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Aber über unser Schwatzen, fing Bertha wieder
-an, ist es schon tief in die Nacht geworden, &mdash; wir
-wollen uns schlafen legen.
-</p>
-
-<p>
-Sie stand auf und ging nach ihrer Kammer. Walther
-wünschte ihr mit einem Handkusse eine gute Nacht,
-und sagte: Edle Frau, ich danke Euch, ich kann mir
-Euch recht vorstellen, mit dem seltsamen Vogel, und
-wie Ihr den kleinen <em>Strohmian</em> füttert.
-</p>
-
-<p>
-Auch Walther legte sich schlafen, nur Eckbert ging
-noch unruhig im Saale auf und ab. &mdash; Ist der Mensch
-nicht ein Thor? fing er endlich an; ich bin erst die
-Veranlassung, daß meine Frau ihre Geschichte erzählt,
-und jezt gereut mich diese Vertraulichkeit! &mdash; Wird er
-sie nicht mißbrauchen? Wird er sie nicht andern mittheilen?
-Wird er nicht vielleicht, denn das ist die Natur
-des Menschen, eine unselige Habsucht nach unsern Edelgesteinen
-empfinden, und deswegen Plane anlegen und
-sich verstellen?
-</p>
-
-<p>
-Es fiel ihm ein, daß Walther nicht so herzlich von
-ihm Abschied genommen hatte, als es nach einer solchen
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-Vertraulichkeit wohl natürlich gewesen wäre. Wenn
-die Seele erst einmal zum Argwohn gespannt ist, so
-trifft sie auch in allen Kleinigkeiten Bestätigungen an.
-Dann warf sich Eckbert wieder sein unedles Mißtrauen
-gegen seinen wackern Freund vor, und konnte doch
-nicht davon zurück kehren. Er schlug sich die ganze
-Nacht mit diesen Vorstellungen herum, und schlief
-nur wenig.
-</p>
-
-<p>
-Bertha war krank und konnte nicht zum Frühstück
-erscheinen; Walther schien sich nicht viel darum zu
-kümmern, und verließ auch den Ritter ziemlich gleichgültig.
-Eckbert konnte sein Betragen nicht begreifen;
-er besuchte seine Gattin, sie lag in einer Fieberhitze
-und sagte, die Erzählung in der Nacht müsse sie auf
-diese Art gespannt haben.
-</p>
-
-<p>
-Seit diesem Abend besuchte Walther nur selten die
-Burg seines Freundes, und wenn er auch kam, ging
-er nach einigen unbedeutenden Worten wieder weg.
-Eckbert ward durch dieses Betragen im äußersten Grade
-gepeinigt; er ließ sich zwar gegen Bertha und Walther
-nichts davon merken, aber jeder mußte doch seine innerliche
-Unruhe an ihm gewahr werden.
-</p>
-
-<p>
-Mit Berthas Krankheit ward es immer bedenklicher;
-der Arzt ward ängstlich, die Röthe von ihren
-Wangen war verschwunden, und ihre Augen wurden
-immer glühender. &mdash; An einem Morgen ließ sie ihren
-Mann an ihr Bette rufen, die Mägde mußten sich
-entfernen.
-</p>
-
-<p>
-Lieber Mann, fing sie an, ich muß dir etwas entdecken,
-das mich fast um meinen Verstand gebracht
-hat, das meine Gesundheit zerrüttet, so eine unbedeutende
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-Kleinigkeit es auch an sich scheinen möchte. &mdash;
-Du weißt, daß ich mich immer nicht, so oft ich von
-meiner Kindheit sprach, trotz aller angewandten Mühe
-auf den Namen des kleinen Hundes besinnen konnte,
-mit welchem ich so lange umging; an jenem Abend
-sagte Walther beim Abschiede plötzlich zu mir: ich kann
-mir euch recht vorstellen, wie ihr den kleinen <em>Strohmian</em>
-füttert. Ist das Zufall? Hat er den Namen
-errathen, weiß er ihn und hat er ihn mit Vorsatz genannt?
-Und wie hängt dieser Mensch dann mit meinem
-Schicksale zusammen? Zuweilen kämpfe ich mit mir,
-als ob ich mir diese Seltsamkeit nur einbilde, aber es
-ist gewiß, nur zu gewiß. Ein gewaltiges Entsetzen
-befiel mich, als mir ein fremder Mensch so zu meinen
-Erinnerungen half. Was sagst du, Eckbert?
-</p>
-
-<p>
-Eckbert sah seine leidende Gattin mit einem tiefen
-Gefühle an; er schwieg und dachte bei sich nach, dann
-sagte er ihr einige tröstende Worte und verließ sie.
-In einem abgelegenen Gemache ging er in unbeschreiblicher
-Unruhe auf und ab. Walther war seit vielen
-Jahren sein einziger Umgang gewesen, und doch war
-dieser Mensch jezt der einzige in der Welt, dessen
-Dasein ihn drückte und peinigte. Es schien ihm, als
-würde ihm froh und leicht sein, wenn nur dieses einzige
-Wesen aus seinem Wege gerückt werden könnte.
-Er nahm seine Armbrust, um sich zu zerstreuen und
-auf die Jagd zu gehn.
-</p>
-
-<p>
-Es war ein rauher stürmischer Wintertag, tiefer
-Schnee lag auf den Bergen und bog die Zweige der
-Bäume nieder. Er streifte umher, der Schweiß stand
-ihm auf der Stirne, er traf auf kein Wild, und das
-vermehrte seinen Unmuth. Plötzlich sah er sich etwas
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-in der Ferne bewegen, es war Walther, der Moos
-von den Bäumen sammelte; ohne zu wissen was er
-that legte er an, Walther sah sich um, und drohte
-mit einer stummen Geberde, aber indem flog der Bolzen
-ab, und Walther stürzte nieder.
-</p>
-
-<p>
-Eckbert fühlte sich leicht und beruhigt, und doch
-trieb ihn ein Schauder nach seiner Burg zurück; er
-hatte einen großen Weg zu machen, denn er war weit
-hinein in die Wälder verirrt. &mdash; Als er ankam, war
-Bertha schon gestorben; sie hatte vor ihrem Tode noch
-viel von Walther und der Alten gesprochen.
-</p>
-
-<p>
-Eckbert lebte nun eine lange Zeit in der größten
-Einsamkeit; er war schon sonst immer schwermüthig
-gewesen, weil ihn die seltsame Geschichte seiner Gattin
-beunruhigte, und er irgend einen unglücklichen Vorfall,
-der sich ereignen könnte, befürchtete: aber jezt war er
-ganz mit sich zerfallen. Die Ermordung seines Freundes
-stand ihm unaufhörlich vor Augen, er lebte unter
-ewigen innern Vorwürfen.
-</p>
-
-<p>
-Um sich zu zerstreuen, begab er sich zuweilen nach
-der nächsten großen Stadt, wo er Gesellschaften und
-Feste besuchte. Er wünschte durch irgend einen Freund
-die Leere in seiner Seele auszufüllen, und wenn er
-dann wieder an Walther zurück dachte, so erschrak
-er vor dem Gedanken, einen Freund zu finden, denn
-er war überzeugt, daß er nur unglücklich mit jedwedem
-Freunde sein könne. Er hatte so lange mit Bertha
-in einer schönen Ruhe gelebt, die Freundschaft Walthers
-hatte ihn so <a id="corr-6"></a>manches Jahr hindurch beglückt,
-und jezt waren beide so plötzlich dahin gerafft, daß
-ihm sein Leben in manchen Augenblicken mehr wie
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-ein seltsames Mährchen, als wie ein wirklicher Lebenslauf
-erschien.
-</p>
-
-<p>
-Ein junger Ritter, <em>Hugo</em>, schloß sich an den stillen
-betrübten Eckbert, und schien eine wahrhafte Zuneigung
-gegen ihn zu empfinden. Eckbert fand sich
-auf eine wunderbare Art überrascht, er kam der Freundschaft
-des Ritters um so schneller entgegen, je weniger
-er sie vermuthet hatte. Beide waren nun häufig beisammen,
-der Fremde erzeigte Eckbert alle möglichen
-Gefälligkeiten, einer ritt fast nicht mehr ohne den andern
-aus; in allen Gesellschaften trafen sie sich, kurz,
-sie schienen unzertrennlich.
-</p>
-
-<p>
-Eckbert war immer nur auf kurze Augenblicke froh,
-denn er fühlte es deutlich, daß ihn Hugo nur aus
-einem Irrthume liebe; jener kannte ihn nicht, wußte
-seine Geschichte nicht, und er fühlte wieder denselben
-Drang, sich ihm ganz mitzutheilen, damit er versichert
-sein könne, ob jener auch wahrhaft sein Freund sei.
-Dann hielten ihn wieder Bedenklichkeiten und die Furcht,
-verabscheut zu werden, zurück. In manchen Stunden
-war er so sehr von seiner Nichtswürdigkeit überzeugt,
-daß er glaubte, kein Mensch, für den er nicht ein völliger
-Fremdling sei, könne ihn seiner Achtung würdigen.
-Aber dennoch konnte er sich nicht widerstehn;
-auf einem einsamen Spazierritte entdeckte er seinem
-Freunde seine ganze Geschichte, und fragte ihn dann,
-ob er wohl einen Mörder lieben könne. Hugo war
-gerührt, und suchte ihn zu trösten; Eckbert folgte ihm
-mit leichterm Herzen zur Stadt.
-</p>
-
-<p>
-Es schien aber seine Verdammniß zu seyn, gerade
-in der Stunde des Vertrauens Argwohn zu schöpfen,
-denn kaum waren sie in den Saal getreten, als ihm
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-beim Schein der vielen Lichter die Mienen seines
-Freundes nicht gefielen. Er glaubte ein hämisches
-Lächeln zu bemerken, es fiel ihm auf, daß er nur
-wenig mit ihm spreche, daß er mit den Anwesenden
-viel rede, und seiner gar nicht zu achten scheine. Ein
-alter Ritter war in der Gesellschaft, der sich immer
-als den Gegner Eckberts gezeigt, und sich oft nach
-seinem Reichthum und seiner Frau auf eine eigne Weise
-erkundigt hatte; zu diesem gesellte sich Hugo, und beide
-sprachen eine Zeitlang heimlich, indem sie nach Eckbert
-hindeuteten. Dieser sah jezt seinen Argwohn bestätigt,
-er glaubte sich verrathen, und eine schreckliche Wuth
-bemeisterte sich seiner. Indem er noch immer hinstarrte,
-sah er plötzlich Walthers Gesicht, alle seine Mienen,
-die ganze, ihm so wohl bekannte Gestalt, er sah noch
-immer hin und ward überzeugt, daß Niemand als
-<em>Walther</em> mit dem Alten spreche. &mdash; Sein Entsetzen
-war unbeschreiblich; außer sich stürzte er hinaus,
-verließ noch in der Nacht die Stadt, und kehrte nach
-vielen Irrwegen auf seine Burg zurück.
-</p>
-
-<p>
-Wie ein unruhiger Geist eilte er jezt von Gemach
-zu Gemach, kein Gedanke hielt ihm Stand, er verfiel
-von entsetzlichen Vorstellungen auf noch entsetzlichere,
-und kein Schlaf kam in seine Augen. Oft dachte er,
-daß er wahnsinnig sei, und sich nur selber durch seine
-Einbildung alles erschaffe; dann erinnerte er sich wieder
-der Züge Walthers, und alles ward ihm immer mehr
-ein Räthsel. Er beschloß eine Reise zu machen, um
-seine Vorstellungen wieder zu ordnen; den Gedanken
-an Freundschaft, den Wunsch nach Umgang hatte er
-nun auf ewig aufgegeben.
-</p>
-
-<p>
-Er zog fort, ohne sich einen bestimmten Weg vorzusetzen,
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-ja er betrachtete die Gegenden nur wenig,
-die vor ihm lagen. Als er im stärksten Trabe seines
-Pferdes einige Tage so fort geeilt war, sah er sich
-plötzlich in einem Gewinde von Felsen verirrt, in denen
-sich nirgend ein Ausweg entdecken ließ. Endlich traf
-er auf einen alten Bauer, der ihm einen Pfad, einem
-Wasserfall vorüber, zeigte: er wollte ihm zur Danksagung
-einige Münzen geben, der Bauer aber schlug
-sie aus. &mdash; Was gilts, sagte Eckbert zu sich selber,
-ich könnte mir wieder einbilden, daß dies Niemand
-anders als Walther sei? &mdash; Und indem sah er sich
-noch einmal um, und es war Niemand anders als
-Walther. &mdash; Eckbert spornte sein Roß so schnell es
-nur laufen konnte, durch Wiesen und Wälder, bis es
-erschöpft unter ihm zusammen stürzte. &mdash; Unbekümmert
-darüber setzte er nun seine Reise zu Fuß fort.
-</p>
-
-<p>
-Er stieg träumend einen Hügel hinan; es war, als
-wenn er ein nahes munteres Bellen vernahm, Birken
-säuselten dazwischen, und er hörte mit wunderlichen
-Tönen ein Lied singen:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Waldeinsamkeit</p>
- <p class="line">Mich wieder freut,</p>
- <p class="line">Mir geschieht kein Leid,</p>
- <p class="line">Hier wohnt kein Neid,</p>
- <p class="line">Von neuem mich freut</p>
- <p class="line">Waldeinsamkeit.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Jezt war es um das Bewußtsein, um die Sinne
-Eckberts geschehn; er konnte sich nicht aus dem Räthsel
-heraus finden, ob er jezt träume, oder ehemals von
-einem Weibe Bertha geträumt habe; das Wunderbarste
-vermischte sich mit dem Gewöhnlichsten, die Welt um
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-ihn her war verzaubert, und er keines Gedankens, keiner
-Erinnerung mächtig.
-</p>
-
-<p>
-<a id="corr-7"></a>Eine krummgebückte Alte schlich hustend mit einer
-Krücke den Hügel heran. Bringst du mir meinen
-Vogel? Meine Perlen? Meinen Hund? schrie sie ihm
-entgegen. Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst: Niemand
-als ich war dein Freund Walther, dein Hugo. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Gott im Himmel! sagte Eckbert stille vor sich hin, &mdash;
-in welcher entsetzlichen Einsamkeit hab&rsquo; ich dann mein
-Leben hingebracht! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Und Bertha war deine Schwester.
-</p>
-
-<p>
-Eckbert fiel zu Boden.
-</p>
-
-<p>
-Warum verließ sie mich tückisch? Sonst hätte sich
-alles gut und schön geendet, ihre Probezeit war ja schon
-vorüber. Sie war die Tochter eines Ritters, die er
-bei einem Hirten erziehn ließ, die Tochter deines
-Vaters.
-</p>
-
-<p>
-Warum hab&rsquo; ich diesen schrecklichen Gedanken immer
-geahndet? rief Eckbert aus.
-</p>
-
-<p>
-Weil du in früher Jugend deinen Vater einst davon
-erzählen hörtest; er durfte seiner Frau wegen diese
-Tochter nicht bei sich erziehn lassen, denn sie war von
-einem andern Weibe. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Eckbert lag wahnsinnig und verscheidend auf dem
-Boden; dumpf und verworren hörte er die Alte sprechen,
-den Hund bellen, und den Vogel sein Lied wiederholen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash;&mdash;&mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Nach einer Pause sagte Clara: Sie sehn, lieber
-Anton, daß uns allen jene Thränen eines heimlichen
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-Grauens in den Augen stehen, und ich denke, Sie
-haben großentheils das Versprechen Ihres Phantasus
-erfüllt. Aber erlauben Sie mir zu fragen: ist diese
-Erzählung Ihre eigene Erfindung, oder eine nachgeahmte?
-</p>
-
-<p>
-Ich darf sie, antwortete Anton, wohl für meine
-Erfindung ausgeben, da ich mich nicht erinnere, eine
-ähnliche Geschichte anderswo gelesen zu haben; auch
-denke ich, ist es in der Aufgabe begriffen gewesen, daß
-nur selbst ersonnene Mährchen vorgetragen werden sollen;
-wenigstens habe ich es so verstanden, und ich hoffe,
-daß auch alle meine Freunde meinem Beispiele heute
-folgen werden.
-</p>
-
-<p>
-Versprich dies nicht so im Allgemeinen, wandte
-Friedrich ein.
-</p>
-
-<p>
-Wollte man freilich, fuhr Anton fort, genau erzählen,
-aus welchen Erinnerungen der Kindheit, aus
-welchen Bildern, die man im Lesen, oder oft aus ganz
-unbedeutenden mündlichen Erzählungen aufgreift, dergleichen
-sogenannte Erfindungen zusammengesetzt werden,
-so könnte man daraus wieder eine Art von seltsamer,
-mährchenartiger Geschichte bilden.
-</p>
-
-<p>
-Es ist ängstlich, sagte Ernst, dergleichen Kleinigkeiten
-zu gründlich zu nehmen. Ich erinnere mich
-mancher Gesellschaft, in der spitz- und salzlose Anekdoten
-schlecht vorgetragen wurden, die man nachher
-eben so unwitzig kritisirte, mit Schrecken, und wenn
-auch etwas ähnliches hier nicht zu besorgen steht, so
-wünschte ich doch wohl, daß unsre schönen Richterinnen
-sich nicht zu eifrig um den Grund und Boden bekümmern
-möchten, auf welchem unsre Poesien gewachsen
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-sind; ein wesenloser Traum büßt, auch durch geringe
-Störung, zu leicht seine ganze Wirkung ein.
-</p>
-
-<p>
-Daß ich fragte, antwortete Clara, geschah nicht
-aus kritischem Interesse, sondern weil ich, was vielleicht
-Schwäche sein mag, auf die ursprüngliche Erfindung
-einer Dichtung sehr viel halte, denn die Kraft
-des Erfindens scheint mir, mit aller Ehrfurcht von der
-übrigen Kunst gesprochen, etwas so Eigenthümliches,
-daß ich mich für denjenigen Dichter besonders interessire,
-welcher nicht nachahmt, sondern zum erstenmal
-ein Ding vorträgt, welches unsre Imagination ergreift.
-Beim dramatischen Dichter, wenn er es wahrhaft ist,
-tritt wohl eine andere Erfindungskunst ein, als beim
-erzählenden, denn freilich möchte ich lieber eine Scene
-in &bdquo;Wie es Euch gefällt&ldquo; geschrieben haben, als die
-Novelle erfunden, aus welcher dies Lustspiel entsprungen
-ist. Der Erzähler kann seinen Gegenstand, wenn
-dieser interessant ist, schmücken und erheben, seinen
-Geschmack und seine Kunst in der Umbildung beweisen;
-ich frage aber immer gern: wer hat diese Sache
-zuerst ersonnen, falls sie sich nicht wirklich zugetragen
-hat?
-</p>
-
-<p>
-Ich gebe Ihnen gern Recht, sagte Ernst, und um
-so lieber, weil ich Ihnen mit meinem Gedichte dann
-etwas dreister nahen darf, da ich es wenigstens für
-eigene Erfindung ausgeben kann. In sofern freilich
-nicht, als die Vorstellung vom verzauberten Berge der
-Venus im Mittelalter allgemein verbreitet war, aber
-das Gedicht vom Tannenhäuser hatte ich, damals so
-wie jezt, noch nicht gelesen, eben so wenig kannte ich
-damals die Niebelungen, sondern nur das Heldenbuch,
-in dessen Vorrede ein getreuer Eckart erwähnt wird,
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-der die jungen Harlungen beschützt, und der nachher
-beim Hans Sachs und andern Dichtern oftmals sprichwörtlich
-vorkömmt, und immer vor dem Berge der
-Venus Wache hält. Aus diesen allgemeinen, unbestimmten
-Vorstellungen, in welche ich noch die Sage
-von dem berüchtigten Rattenfänger von Hameln aufgenommen
-und verkleidet habe, ist folgendes Gedicht
-entstanden.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-5">
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-<span class="line1">Der getreue Eckart</span><br />
-<span class="line2">und</span><br />
-<span class="line3">der Tannenhäuser.</span><br />
-<span class="line4">In zwei Abschnitten.</span><br />
-<span class="line5">1799.</span>
-</h2>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-1">
-<span class="firstline">Erster Abschnitt.</span>
-</h3>
-
-<div class="poem first">
- <p class="line"><span class="firstchar">D</span>er edle Herzog groß</p>
- <p class="line">Von dem Burgunder Lande</p>
- <p class="line">Litt manchen Feindesstoß</p>
- <p class="line">Wohl auf dem ebnen Sande.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Er sprach: mich schlägt der Feind,</p>
- <p class="line">Mein Muth ist mir entwichen,</p>
- <p class="line">Die Freunde sind erblichen,</p>
- <p class="line">Die Knecht&rsquo; geflohen seind!</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ich kann mich nicht mehr regen,</p>
- <p class="line">Nicht Waffen führen kann:</p>
- <p class="line">Wo bleibt der edle Degen,</p>
- <p class="line">Eckart der treue Mann?</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Er war mir sonst zur Seite</p>
- <p class="line">In jedem harten Strauß,</p>
- <p class="line">Doch leider blieb er heute</p>
- <p class="line">Daheim bei sich zu Haus.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
- <p class="line">Es mehren sich die Haufen,</p>
- <p class="line">Ich muß gefangen sein,</p>
- <p class="line">Mag nicht wie Knecht entlaufen,</p>
- <p class="line">Drum will ich sterben fein! &mdash;</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">So klagt der von Burgund,</p>
- <p class="line">Will sein Schwert in sich stechen:</p>
- <p class="line">Da kommt zur selben Stund</p>
- <p class="line">Eckart, den Feind zu brechen.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Geharnischt reit&rsquo;t der Degen</p>
- <p class="line">Keck in den Feind hinein,</p>
- <p class="line">Ihm folgt die Schaar verwegen</p>
- <p class="line">Und auch der Sohne sein.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Burgund erkennt die Zeichen,</p>
- <p class="line">Und ruft: Gott sei gelobt!</p>
- <p class="line">Die Feinde mußten weichen</p>
- <p class="line">Die wüthend erst getobt.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Da schlug mit treuem Muthe</p>
- <p class="line">Eckart ins Volk hinein,</p>
- <p class="line">Doch schwamm im rothen Blute</p>
- <p class="line">Sein zartes Söhnelein.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Als nun der Feind bezwungen,</p>
- <p class="line">Da sprach der Herzog laut:</p>
- <p class="line">Es ist dir wohl gelungen,</p>
- <p class="line">Doch so, daß es mir graut;</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Du hast viel Mann geworben</p>
- <p class="line">Zu retten Reich und Leben,</p>
- <p class="line">Dein Söhnlein liegt erstorben,</p>
- <p class="line">Kann&rsquo;s dir nicht wieder geben. &mdash;</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
- <p class="line">Der Eckart weinet fast,</p>
- <p class="line">Bückt sich der starke Held,</p>
- <p class="line">Und nimmt die theure Last,</p>
- <p class="line">Den Sohn in Armen hält.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wie starbst du, Heinz, so frühe,</p>
- <p class="line">Und warst noch kaum ein Mann?</p>
- <p class="line">Mich reut nicht meine Mühe,</p>
- <p class="line">Ich seh&rsquo; dich gerne an,</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Weil wir dich, Fürst, erlösten,</p>
- <p class="line">Aus deiner Feinde Hohn,</p>
- <p class="line">Und drum will ich mich trösten,</p>
- <p class="line">Ich schenke dir den Sohn.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Da ward dem Burgund trübe</p>
- <p class="line">Vor seiner Augen Licht,</p>
- <p class="line">Weil diese große Liebe</p>
- <p class="line">Sein edles Herze bricht.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Er weint die hellen Zähren</p>
- <p class="line">Und fällt ihm an die Brust:</p>
- <p class="line">Dich, Held, muß ich verehren,</p>
- <p class="line">Spricht er in Leid und Lust,</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">So treu bist du geblieben,</p>
- <p class="line">Da alles von mir wich,</p>
- <p class="line">So will ich nun auch lieben</p>
- <p class="line">Wie meinen Bruder dich,</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Und sollst in ganz Burgunde</p>
- <p class="line">So gelten wie der Herr,</p>
- <p class="line">Wenn ich mehr lohnen kunnte,</p>
- <p class="line">Ich gäbe gern noch mehr.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
- <p class="line">Als dies das Land erfahren,</p>
- <p class="line">So freut sich jedermann,</p>
- <p class="line">Man nennt den Held seit Jahren</p>
- <p class="line">Eckart den treuen Mann.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Die Stimme eines alten Landmanns klang über
-die Felsen herüber, der dieses Lied sang, und der getreue
-Eckart saß in seinem Unmuthe auf dem Berghang
-und weinte laut. Sein jüngstes Söhnlein stand
-neben ihm und fragte: Warum weinst du also laut,
-mein Vater Eckart? Wie bist du doch so groß und
-stark, höher und kräftiger, als alle übrige Männer,
-vor wem darfst du dich denn fürchten?
-</p>
-
-<p>
-Indem zog die Jagd des Herzogs heim nach Hause.
-Burgund saß auf einem stattlichen, schön geschmückten
-Rosse, und Gold und Geschmeide des fürstlichen Herzogs
-flimmerte und blinkte in der Abendsonne, so daß
-der junge Conrad den herrlichen Aufzug nicht genug
-sehn, nicht genug preisen konnte. Der getreue Eckart
-erhob sich und schaute finster hinüber, und der junge
-Conrad sang, nachdem er die Jagd aus dem Gesichte
-verloren hatte:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wann du willt</p>
- <p class="line">Schwerdt und Schild,</p>
- <p class="line">Gutes Roß,</p>
- <p class="line">Speer und Geschoß</p>
- <p class="line">Führen:</p>
- <p class="line">Muß dein Mark</p>
- <p class="line">In Beinen stark,</p>
- <p class="line">Dir im Blut</p>
- <p class="line">Mannesmuth</p>
- <p class="line">Gar kräftiglich regieren!</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-Der Alte nahm den Sohn und herzte ihn, wobei
-er gerührt seine großen hellblauen Augen anschaute.
-Hast du das Lied jenes guten Mannes gehört? fragte
-er ihn dann.
-</p>
-
-<p>
-Wie nicht? sprach der Sohn, hat er es doch laut
-genug gesungen, und bist du ja doch der getreue Eckart,
-so daß ich gern zuhörte.
-</p>
-
-<p>
-Derselbe Herzog ist jezt mein Feind, sprach der
-alte Vater; er hält mir meinen zweiten Sohn gefangen,
-ja hat ihn schon hingerichtet, wenn ich dem trauen
-darf, was die Leute im Lande sagen.
-</p>
-
-<p>
-Nimm dein großes Schwerdt und duld&rsquo; es nicht,
-sagte der Sohn; sie müssen ja alle vor dir zittern, und
-alle Leute im ganzen Lande werden dir beistehn, denn
-du bist ihr größter Held im Lande.
-</p>
-
-<p>
-Nicht also, mein Sohn, sprach jener, dann wäre
-ich der, für den mich meine Feinde ausgeben, ich darf
-nicht an meinem Landesherren ungetreu werden, nein,
-ich darf nicht den Frieden brechen, den ich ihm angelobt
-und in seine Hände versprochen.
-</p>
-
-<p>
-Aber was will er von uns? fragte Conrad ungeduldig.
-</p>
-
-<p>
-Der Eckart setzte sich wieder nieder und sagte: mein
-Sohn, die ganze Erzählung davon würde zu umständlich
-lauten, und du würdest es dennoch kaum verstehn.
-Der Mächtige hat immer seinen größten Feind in seinem
-eigenen Herzen, den er so Tag wie Nacht fürchtet:
-so meint der Burgund nunmehr, er habe mir zu
-viel getraut, und in mir eine Schlange an seinem
-Busen auferzogen. Sie nennen mich im Land den
-kühnsten Degen, sie sagen laut, daß er mir Reich und
-Leben zu danken, ich heiße der getreue Eckart, und so
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-wenden sich Bedrängte und Nothleidende zu mir, daß
-ich ihnen Hülfe schaffe; das kann er nicht leiden. So
-hat er Groll auf mich geworfen, und jeder, der bei
-ihm gelten möchte, vermehrt sein Mißtrauen zu mir:
-so hat sich endlich sein Herz von mir abgewendet.
-</p>
-
-<p>
-Hierauf erzählte ihm der Held Eckart mit schlichten
-Worten, daß ihn der Herzog von seinem Angesichte
-verbannt habe, und daß sie sich ganz fremd geworden
-seien, weil jener geargwohnt, er wolle ihm
-gar sein Herzogthum entreißen. In Betrübniß fuhr
-er fort, wie der Herzog ihm seinen Sohn gefangen
-genommen, und ihm selber, als einem Verräther, nach
-dem Leben stehe. Conrad sprach zu seinem Vater: so
-laß mich nun hingehn, mein alter Vater, und mit
-dem Herzoge reden, damit er verständig und dir gewogen
-werde; hat er meinen Bruder erwürgt, so ist er
-ein böser Mann, und du sollst ihn strafen, doch kann
-es nicht sein, weil er nicht so schnöde deiner großen
-Dienste vergessen kann.
-</p>
-
-<p>
-Weißt du nicht den alten Spruch, sagte Eckart:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wenn der Mächtge dein begehrt,</p>
- <p class="line">Bist du ihm als Freund was werth,</p>
- <p class="line">Wie die Noth von ihm gewichen,</p>
- <p class="line">Ist die Freundschaft auch erblichen.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Ja, mein ganzes Leben ist unnütz verschwendet:
-warum machte er mich groß, um mich dann desto tiefer
-hinab zu werfen? Die Freundschaft der Fürsten
-ist wie ein tödtendes Gift, das man nur gegen Feinde
-nützen kann, und womit sich der Eigner aus Unbedacht
-endlich selbst erwürgt.
-</p>
-
-<p>
-Ich will zum Herzoge hin, rief Conrad aus, ich
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-will ihm alles, was du gethan, was du für ihn gelitten,
-in die Seele zurück rufen, und er wird wieder
-seyn, wie ehemals.
-</p>
-
-<p>
-Du hast vergessen, sagte Eckart, daß man uns für
-Verräther ausgerufen hat, darum laß uns mit einander
-flüchten, in ein fremdes Land, wo wir wohl ein
-besseres Glück antreffen mögen.
-</p>
-
-<p>
-In deinem Alter, sagte Conrad, willst du deiner
-lieben Heimath noch den Rücken wenden? Nein, laß
-uns lieber alles andere versuchen. Ich will zum Burgunder,
-ihn versöhnen und zufrieden stellen; denn was
-kann er mir thun wollen, wenn er dich auch haßt und
-fürchtet?
-</p>
-
-<p>
-Ich lasse dich sehr ungern, sagte Eckart, meine
-Seele weissagt mir nichts Gutes, und doch möcht&rsquo; ich
-gern mit ihm versöhnt sein, denn er ist mein alter
-Freund, auch deinen Bruder erretten, der in gefänglicher
-Haft bei ihm schmachtet.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne warf ihre letzten milden Strahlen auf
-die grüne Erde, und Eckart setzte sich nachdenkend nieder,
-an einem Baumstamm gelehnt, er beschaute den
-Conrad lange Zeit und sagte dann: wenn du gehen
-willst, mein Sohn, so gehe jezt, bevor die Nacht
-vollends herein bricht; die Fenster in der herzoglichen
-Burg glänzen schon von Lichtern, ich vernehme aus
-der Ferne Trompetentöne vom Feste, vielleicht ist die
-Gemalin seines Sohnes schon angelangt und sein Gemüth
-freundlicher gegen uns.
-</p>
-
-<p>
-Ungern ließ er den Sohn von sich, weil er seinem
-Glücke nicht mehr traute; der junge Conrad aber war
-um so muthiger, weil es ihm ein leichtes dünkte, das
-Gemüth des Herzoges umzuwenden, der noch vor weniger
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-Zeit so freundlich mit ihm gespielt hatte. Kommst
-du mir gewiß zurück, mein liebstes Kind? klagte der
-Alte, wenn du mir verloren gehst, ist keiner mehr von
-meinem Stamme übrig. Der Knabe tröstete ihn, und
-schmeichelte mit Liebkosungen dem Greise; sie trennten
-sich endlich.
-</p>
-
-<p>
-Conrad klopfte an die Pforte der Burg und ward eingelassen,
-der alte Eckart blieb draußen in der Nacht allein.
-Auch diesen habe ich verloren, klagte er in der Einsamkeit,
-ich werde sein Angesicht nicht wieder sehn. Indem
-er so jammerte, wankte an einem Stabe ein Greis daher,
-der die Felsen hinab steigen wollte, und bei jedem Schritte
-zu fürchten schien, daß er in den Abgrund stürzen möchte.
-Wie Eckart die Gebrechlichkeit des Alten wahrnahm,
-reichte er ihm die Hand, daß er sicher herunter steigen
-möchte. Woher des Weges? fragte ihn Eckart.
-</p>
-
-<p>
-Der Alte setzte sich nieder und fing an zu weinen,
-daß ihm die hellen Thränen die Wangen hinunter
-liefen. Eckart wollte ihn mit gelinden und vernünftigen
-Worten trösten, aber der sehr bekümmerte Greis
-schien auf seine wohlgemeinten Reden nicht zu achten,
-sondern sich seinen Schmerzen noch ungemäßigter zu
-ergeben. Welcher Gram kann euch denn so gar sehr
-niederbeugen, fragte er endlich, daß ihr gänzlich davon
-überwältigt seid?
-</p>
-
-<p>
-Ach meine Kinder! klagte der Alte. Da dachte
-Eckart an Conrad, Heinz und Dietrich, und war selbst
-alles Trostes verlustig; ja, wenn eure Kinder gestorben
-sind, sprach er, dann ist euer Elend warlich sehr groß.
-</p>
-
-<p>
-Schlimmer als gestorben, versetzte hierauf der Alte
-mit seiner jammernden Stimme, denn sie sind nicht todt,
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-aber ewig für mich verloren. O wollte der Himmel,
-daß sie nur gestorben wären!
-</p>
-
-<p>
-Der Held erschrak über diese seltsamen Worte, und
-bat den Greis, ihm dieses Räthsel aufzulösen, worauf
-jener sagte: Wir leben warlich in einer wunderbarlichen
-Zeit, die wohl die letzten Tage bald herbei führen
-wird, denn die erschrecklichsten Zeichen fallen dräuend
-in die Welt herein. Alles Unheil macht sich von den
-alten Ketten los, und streift nun frank und frei herum;
-die Furcht Gottes versiegt und verrinnt, und findet
-kein Strombett, in das sie sich sammeln möchte, und
-die bösen Kräfte stehn kecklich in ihren Winkeln auf,
-und feiern ihren Triumph. O mein lieber Herr, wir
-sind alt geworden, aber für dergleichen Wundergeschichten
-noch nicht alt genug. Ihr werdet ohne Zweifel
-den Cometen gesehen haben, dieses wunderbare Himmelslicht,
-das so prophetisch hernieder scheint; alle
-Welt weissagt Uebles, und keiner denkt daran, mit sich
-selbst die Besserung anzufahn und so die Ruthe abzuwenden.
-Dies ist nicht genug, sondern aus der Erde
-thun sich Wunderwerke hervor und brechen geheimnißvoll
-von unten herauf, wie das Licht schrecklich von
-oben herniederscheint. Habt ihr niemals von dem
-Berge gehört, den die Leute nur den Berg der Venus
-nennen?
-</p>
-
-<p>
-Niemalen, sagte Eckart, so weit ich auch herum
-gekommen bin.
-</p>
-
-<p>
-Darüber muß ich mich verwundern, sagte der Alte,
-denn die Sache ist jezt eben so bekannt, als sie wahrhaftig
-ist. In diesen Berg haben sich die Teufel hinein
-geflüchtet, und sich in den wüsten Mittelpunkt der Erde
-gerettet, als das aufwachsende heilige Christenthum den
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-heidnischen Götzendienst stürzte. Hier, sagt man nun,
-solle vor allen Frau Venus Hof halten, und alle ihre
-höllischen Heerschaaren der weltlichen Lüste und verbotenen
-Wünsche um sich versammeln, so daß das Gebirge
-auch verflucht seit undenklichen Zeiten gelegen hat.
-</p>
-
-<p>
-Doch nach welcher Gegend liegt der Berg? fragte
-Eckart.
-</p>
-
-<p>
-Das ist das Geheimniß, sprach der Alte, daß dieses
-Niemand zu sagen weiß, als der sich schon dem
-Satan zu eigen gegeben, es fällt auch keinem Unschuldigen
-ein, ihn aufsuchen zu wollen. Ein Spielmann
-von wunderseltner Art ist plötzlich von unten hervor
-gekommen, den die Höllischen als ihren Abgesandten
-ausgeschickt haben; dieser durchzieht die Welt, und
-spielt und musizirt auf einer Pfeifen, daß die Töne
-weit in den Gegenden wieder klingen. Wer nun diese
-Klänge vernimmt, der wird von ihnen mit offenbarer,
-doch unerklärlicher Gewalt erfaßt, und fort, fort in
-die Wildniß getrieben, er sieht den Weg nicht, den er
-geht, er wandert und wandert und wird nicht müde,
-seine Kräfte nehmen zu wie seine Eile, keine Macht
-kann ihn aufhalten, so rennt er rasend in den Berg
-hinein, und findet ewig niemals den Rückweg wieder.
-Diese Macht ist der Hölle jezt zurück gegeben, und von
-entgegengesetzten Richtungen wandeln nun die unglückseligen
-verkehrten Pilgrimme hin, wo keine Rettung zu
-erwarten steht. Ich hatte an meinen beiden Söhnen
-schon seit lange keine Freude mehr erlebt, sie waren wüst
-und ohne Sitten, sie verachteten so Eltern wie Religion;
-nun hat sie der Klang ergriffen und angefaßt,
-sie sind davon und in die Weite, die Welt ist ihnen zu
-enge, und sie suchen in der Hölle Raum.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-Und was denkt ihr bei diesen Dingen zu thun?
-fragte Eckart.
-</p>
-
-<p>
-Mit dieser Krücke habe ich mich aufgemacht, antwortete
-der Alte, um die Welt zu durchstreifen, sie
-wieder zu finden, oder vor Müdigkeit und Gram zu
-sterben.
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten riß er sich mit großer Anstrengung
-aus seiner Ruhe auf, und eilte fort so schnell er
-nur konnte, als wenn er sein Liebstes auf der Welt
-versäumen möchte, und Eckart sah mit Bedauern seiner
-unnützen Bemühung nach, und achtete ihn in seinen
-Gedanken für wahnwitzig. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Es war Nacht geworden und wurde Tag, und
-Conrad kam nicht zurück; da irrte Eckart durch das
-Gebirge und wandte seine sehnenden Augen nach dem
-Schlosse, aber er ersah ihn nicht. Ein Getümmel zog
-aus der Burg daher, da trachtete er nicht mehr, sich
-zu verbergen, sondern er bestieg sein Roß, das frei
-weidete, und ritt in die Schaar hinein, die fröhlich
-und guter Dinge über das Blachfeld zog. Als er unter
-ihnen war, erkannten sie ihn, aber keiner wagte Hand
-an ihn zu legen, oder ihm ein hartes Wort zu sagen,
-sondern sie wurden aus Ehrerbietung stumm, umgaben
-ihn in Verwunderung, und gingen dann ihres Weges.
-Einen von den Knechten rief er zurück, und fragte
-ihn: Wo ist mein Sohn Conrad? O fragt mich nicht,
-sagte der Knecht, denn es würde euch doch nur Jammer
-und Wehklagen erregen. Und Dietrich? rief der
-Vater. Nennt ihre Namen nicht mehr, sprach der
-alte Knecht, denn sie sind dahin, der Zorn des Herrn
-war gegen sie entbrannt, er gedachte euch in ihnen
-zu strafen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-Ein heißer Zorn stieg in Eckarts Gemüth auf, und
-er war vor Schmerz und Wuth sein selber nicht mehr
-mächtig. Er spornte sein Roß mit aller Gewalt und
-ritt in das Burgthor hinein. Alle traten ihm mit
-scheuer Ehrfurcht aus dem Wege, und so ritt er vor
-den Pallast. Er schwang sich vom Rosse und ging
-mit wankenden Schritten die großen Stiegen hinan.
-Bin ich hier in der Wohnung des Mannes, sagte er
-zu sich selber, der sonst mein Freund war? Er wollte
-seine Gedanken sammeln, aber immer wildere Gestalten
-bewegten sich vor seinen Augen, und so trat er in
-das Gemach des Fürsten.
-</p>
-
-<p>
-Der Herzog von Burgund war sich seiner nicht
-gewärtig, und erschrak heftig, als er den Eckart vor
-sich sah. Bist du der Herzog von Burgund? redete
-dieser ihn an. Worauf der Herzog mit Ja antwortete.
-Und du hast meinen Sohn Dietrichen hinrichten lassen?
-Der Herzog sagte Ja. Und auch mein jüngstes Söhnlein
-Conrad, rief Eckart im Schmerz, ist dir nicht zu
-gut gewesen, und du hast ihn auch umbringen lassen?
-Worauf der Herzog wieder mit Ja antwortete.
-</p>
-
-<p>
-Hier ward Eckart übermannt und sprach in Thränen:
-O antworte mir nicht so, Burgund, denn diese
-Reden kann ich nicht aushalten, sprich nur, daß es
-dich gereut, daß du es jezt ungeschehen wünschest, und
-ich will mich zu trösten suchen; aber so bist du meinem
-Herzen überall zuwider.
-</p>
-
-<p>
-Der Herzog sagte: entferne dich von meinem Angesichte,
-ungetreuer Verräther, denn du bist mir der
-ärgste Feind, den ich nur auf Erden haben kann.
-</p>
-
-<p>
-Eckart sagte: du hast mich wohl ehedem deinen
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-Freund genannt, aber diese Gedanken sind dir nunmehr
-fremd; nie hab&rsquo; ich dir zuwider gehandelt, stets
-hab&rsquo; ich dich als meinen Fürsten geehrt und geliebt,
-und behüte mich Gott, daß ich nun, wie ich wohl
-könnte, die Hand an mein Schwerdt legen sollte, um
-mir Rache zu schaffen. Nein, ich will mich selbst
-von deinem Angesichte verbannen, und in der Einsamkeit
-sterben.
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten ging er fort, und der Burgund
-war in seinem Gemüthe bewegt, doch erschienen auf
-seinen Ruf die Leibwächter mit den Lanzen, die ihn
-von allen Seiten umgaben, und den Eckart mit ihren
-Spießen aus dem Gemache treiben wollten.
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Es schwang sich auf sein Pferd</p>
- <p class="line">Eckart der edle Held,</p>
- <p class="line">Und sprach: in aller Welt</p>
- <p class="line">Ist mir nun nichts mehr werth.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die Söhn&rsquo; hab&rsquo; ich verloren,</p>
- <p class="line">So find&rsquo; ich nirgend Trost,</p>
- <p class="line">Der Fürst ist mir erbost,</p>
- <p class="line">Hat meinen Tod geschworen.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Da reitet er zu Wald</p>
- <p class="line">Und klagt aus vollem Herzen</p>
- <p class="line">Die übergroßen Schmerzen,</p>
- <p class="line">Daß weit die Stimme schallt:</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die Menschen sind mir todt,</p>
- <p class="line">Ich muß mir Freunde suchen</p>
- <p class="line">In Eichen, wilden Buchen,</p>
- <p class="line">Ihn&rsquo;n klagen meine Noth.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
- <p class="line">Kein Kind, das mich ergötzt,</p>
- <p class="line">Erwürgt von schlimmen Leuen</p>
- <p class="line">Blieb keiner von den dreien,</p>
- <p class="line">Der Liebste starb zuletzt.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wie Eckart also klagte,</p>
- <p class="line">Verlor er Sinn und Muth,</p>
- <p class="line">Er reit&rsquo;t in Zorneswuth,</p>
- <p class="line">Als schon der Morgen tagte.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Das Roß, das treu geblieben,</p>
- <p class="line">Stürzt hin im wilden Lauf,</p>
- <p class="line">Er achtet nicht darauf</p>
- <p class="line">Und will nun nichts mehr lieben.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Er thut die Rüstung abe,</p>
- <p class="line">Wirft sich zu Boden hin,</p>
- <p class="line">Auf Sterben steht sein Sinn,</p>
- <p class="line">Sein Wunsch nur nach dem Grabe.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Niemand in der Gegend wußte, wohin sich der
-Eckart gewendet, denn er hatte sich in die wüsten Waldungen
-hinein verirrt, und vor keinem Menschen ließ
-er sich sehen. Der Herzog fürchtete seinen Sinn, und
-es gereute ihn nun, daß er ihn von sich gelassen, ohne
-ihn zu fangen. Darum machte er sich an einem Morgen
-auf, mit einem großen Zuge von Jägern und anderm
-Gefolge, um die Wälder zu durchstreifen und den
-Eckart aufzusuchen, denn er meinte, daß dessen Tod nur
-ihn völlig sicher stellte. Alle waren unermüdet, und
-ließen sich den Eifer nicht verdrießen, aber die Sonne
-war schon untergegangen, ohne daß sie von Eckart eine
-Spur angetroffen hätten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-Ein Sturm brach herein, und große Wolken flogen
-sausend über dem Walde hin, der Donner rollte, und
-Blitze fuhren in die hohen Eichen; von einem ungestümen
-Schrecken wurden alle angefaßt, und einzeln
-in den Gebüschen und auf den Fluren zerstreut. Das
-Roß des Herzogs rannte in das Dickicht hinein, sein
-Knappe vermochte nicht, ihm zu folgen; das edle Roß
-stürzte nieder, und der Burgund rief im Gewitter vergeblich
-nach seinen Dienern, denn es war keiner, der
-ihn hören mochte.
-</p>
-
-<p>
-Wie ein wildes Thier war Eckart umher geirrt,
-ohne von sich, von seinem Unglücke etwas zu wissen,
-er hatte sich selber verloren und in dumpfer Betäubung
-seinen Hunger mit Kräutern und Wurzeln gesättigt;
-unkenntlich wäre der Held jezt jedem seiner Freunde
-gewesen, so hatten ihn die Tage seiner Verzweiflung
-entstellt. Wie der Sturm aufbrach, erwachte er aus
-seiner Betäubung, er fand sich in seinen Schmerzen
-wieder und erkannte sein Unglück. Da erhub er ein
-lautes Jammergeschrei um seine Kinder, er raufte seine
-weißen Haare und klagte im Brausen des Sturmes:
-Wohin, wohin seid ihr gekommen, ihr Theile meines
-Herzens? Und wie ist mir denn so alle Macht genommen,
-daß ich euren Tod nicht mindestens rächen darf?
-Warum hielt ich denn meinen Arm zurück, und gab nicht
-dem den Tod, der meinem Herzen den tödtlichsten Stich
-zutheilte? Ha, du verdienst es, Wahnsinniger, daß der
-Tyrann dich verhöhnt, weil dein unmächtiger Arm, dein
-blödes Herz nicht dem Mörder widerstrebt! Jezt, jezt
-sollte er so vor mir stehn! Vergeblich wünsch&rsquo; ich jezt
-die Rache, da der Augenblick vorüber ist.
-</p>
-
-<p>
-So kam die Nacht herauf, und Eckart irrte in
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-seinem Jammer umher. Da hörte er aus der Ferne
-wie eine Stimme, die um Hülfe rief. Er richtete
-seine Schritte nach dem Schalle, und traf endlich in
-der Dunkelheit auf einen Mann, der an einen Baumstamm
-gelehnt, ihn wehmüthig bat, ihm wieder auf
-die rechte Straße zu helfen. Eckart erschrak vor der
-Stimme, denn sie schien ihm bekannt, und bald ermannte
-er sich und erkannte, daß der Verirrte der
-Herzog von Burgunden sei. Da erhub er seine Hand
-und wollte sein Schwerdt fassen, um den Mann nieder
-zu hauen, der der Mörder seiner Kinder war; es überfiel
-ihn die Wuth mit neuen Kräften, und er war
-des festen Willens, jenem den Garaus zu machen, als
-er plötzlich inne hielt, und seines Schwures und des
-gegebenen Wortes gedachte. Er faßte die Hand seines
-Feindes, und führte ihn nach der Gegend, wo er die
-Straße vermuthete.
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Der Herzog sank darnieder</p>
- <p class="line">Im wilden dunkeln Hain,</p>
- <p class="line">Da nahm der Helde bieder</p>
- <p class="line">Ihn auf die Schultern sein.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Er sprach: gar viel Beschwerden</p>
- <p class="line">Mach&rsquo; ich dir, guter Mann;</p>
- <p class="line">Der sagte: auf der Erden</p>
- <p class="line">Muß man gar viel bestahn.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Doch sollst du, sprach Burgund,</p>
- <p class="line">Dich freun, bei meinem Worte,</p>
- <p class="line">Komm ich nur erst gesund</p>
- <p class="line">Zu Haus und sicherm Orte.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
- <p class="line">Der Held fühlt Thränen heiß</p>
- <p class="line">Auf seinen alten Wangen,</p>
- <p class="line">Er sprach: auf keine Weis&rsquo;</p>
- <p class="line">Trag ich nach Lohn Verlangen.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Es mehren sich die Plagen,</p>
- <p class="line">Sprach der Burgund in Noth;</p>
- <p class="line">Wohin willst du mich tragen?</p>
- <p class="line">Du bist wohl gar der Tod? &mdash;</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Tod bin ich nicht genannt,</p>
- <p class="line">Sprach Eckart noch im Weinen,</p>
- <p class="line">Du stehst in Gottes Hand,</p>
- <p class="line">Sein Licht mag dich bescheinen.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ach, wohl ist mir bewußt,</p>
- <p class="line">Sprach jener drauf in Reue,</p>
- <p class="line">Daß sündvoll meine Brust,</p>
- <p class="line">Drum zittr&rsquo; ich, daß er dräue.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ich hab&rsquo; dem treusten Freunde</p>
- <p class="line">Die Kinder umgebracht,</p>
- <p class="line">Drum steht er mir zum Feinde</p>
- <p class="line">In dieser finstern Nacht.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Er war mir recht ergeben,</p>
- <p class="line">Als wie der treuste Knecht,</p>
- <p class="line">Und war im ganzen Leben</p>
- <p class="line">Mir niemals ungerecht.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die Kindlein ließ ich tödten,</p>
- <p class="line">Das kann er nie verzeihn,</p>
- <p class="line">Ich fürcht&rsquo;, in diesen Nöthen</p>
- <p class="line">Treff&rsquo; ich ihn hier im Hain:</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
- <p class="line">Das sagt mir mein Gewissen,</p>
- <p class="line">Mein Herze innerlich,</p>
- <p class="line">Die Kind hab ich zerrissen,</p>
- <p class="line">Dafür zerreißt er mich.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Der Eckart sprach: empfinden</p>
- <p class="line">Muß ich so schwere Last,</p>
- <p class="line">Weil du nicht rein von Sünden</p>
- <p class="line">Und schwer gefrevelt hast.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Daß du den Mann wirst schauen,</p>
- <p class="line">Ist auch gewißlich wahr,</p>
- <p class="line">Doch magst du mir vertrauen,</p>
- <p class="line">So krümmt er dir kein Haar.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-So gingen sie in Gesprächen fort, als ihnen im
-Walde eine andre Mannsgestalt begegnete, es war
-Wolfram, der Knappe des Herzogs, der seinen Herrn
-schon seit lange gesucht hatte. Die dunkle Nacht lag
-noch über ihnen, und kein Sternlein blickte zwischen
-den schwarzen Wolken hervor. Der Herzog fühlte sich
-schwächer, und wünschte eine Herberge zu erreichen, in
-der er die Nacht schlafen möchte; dabei zitterte er, auf
-den Eckart zu treffen, der wie ein Gespenst vor seiner
-Seele stand. Er glaubte nicht den Morgen zu erleben,
-und schauderte von neuem zusammen, wenn sich der
-Wind wieder in den hohen Bäumen regte, wenn der
-Sturm von unten herauf aus den Bergschluften kam
-und über ihren Häuptern hinweg ging. Besteige,
-Wolfram, rief der Herzog in seiner Angst, diese hohe
-Tanne, und schaue umher, ob du kein Lichtlein, kein
-Haus, oder keine Hütte erspähst, zu der wir uns wenden
-mögen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-Der Knappe kletterte mit Gefahr seines Lebens
-zum hohen Tannenbaum hinauf, den der Sturm von
-einer Seite zur andern warf, und je zuweilen fast bis
-zur Erde den Wipfel beugte, so daß der Knappe wie
-ein Eichkätzlein oben schwankte. Endlich hatte er den
-Gipfel erklommen und rief: Im Thal da unten seh&rsquo;
-ich den Schein eines Lichtes, dorthin müssen wir uns
-wenden! Sogleich stieg er ab und zeigte den beiden
-den Weg, und nach einiger Zeit sahen alle den erfreulichen
-Schein, worüber der Herzog anfing, sich
-wieder wohl zu gehaben. Eckart blieb immer stumm
-und in sich gekehrt, er sprach kein Wort und schaute
-seinen innern Gedanken zu. Als sie vor der Hütte
-standen, klopften sie an, und ein altes Mütterlein öffnete
-ihnen die Thür; so wie sie hinein traten, ließ
-der starke Eckart den Herzog von seinen Schultern nieder,
-der sich alsbald auf seine Knie warf und Gott in
-einem brünstigen Gebete für seine Rettung dankte.
-Eckart setzte sich in einen finstern Winkel nieder und
-traf dort den Greis schlafend, der <a id="corr-8"></a>ihm unlängst sein
-großes Unglück mit seinen Söhnen erzählt hatte, welche
-er aufzusuchen ging.
-</p>
-
-<p>
-Als der Herzog sein Gebet vollendet, sprach er:
-Wunderbar ist mir in dieser Nacht zu Sinne geworden,
-und die Güte Gottes wie seine Allmacht haben
-sich meinem verstockten Herzen noch niemals so nahe
-gezeigt; auch daß ich bald sterbe, sagt mir mein Gemüth,
-und ich wünsche nichts so sehr, als daß Gott
-mir vorher meine vielen und schweren Sünden vergeben
-möge. Euch beide aber, die ihr mich hieher geführt
-habt, will ich vor meinem Ende noch belohnen,
-so viel ich kann. Dir, meinem Knappen, schenk&rsquo; ich
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-die beiden Schlösser, die hier auf den nächsten Bergen
-liegen; doch sollst du dich künftig, zum Gedächtniß
-dieser grauenvollen Nacht, den Tannenhäuser nennen.
-Und wer bist du, Mann, fuhr er fort, der sich dorten
-im Winkel gelagert hat? Komm hervor, damit ich
-auch dir für deine Mühe und Liebe lohnen möge.
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Da stand der Eckart von der Erden</p>
- <p class="line">Und trat herfür ans helle Licht,</p>
- <p class="line">Er zeigt mit traurigen Geberden</p>
- <p class="line">Sein hochbekümmert Angesicht.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Da fehlt dem Burgund Kraft und Muth,</p>
- <p class="line">Den Blick des Mannes auszuhalten,</p>
- <p class="line">Den Adern sein entweicht das Blut,</p>
- <p class="line">In Ohnmacht ist er festgehalten.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Es stürzen ihm die matten Glieder</p>
- <p class="line">Von neuem auf den Boden nieder.</p>
- <p class="line">Allmächt&rsquo;ger Gott! so schreit er laut,</p>
- <p class="line">Du bist es, den mein Auge schaut?</p>
- <p class="line">Wohin soll ich vor dir entfliehn?</p>
- <p class="line">Mußt du mich aus dem Walde ziehn?</p>
- <p class="line">Dem ich die Kinder hab&rsquo; erschlagen,</p>
- <p class="line">Der muß mich in den Armen tragen?</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">So klagt Burgund und weint im Sprechen,</p>
- <p class="line">Und fühlt das Herz im Busen brechen,</p>
- <p class="line">Er sinkt dem Eckart an die Brust,</p>
- <p class="line">Ist sich sein selber nicht bewußt. &mdash;</p>
- <p class="line">Der Eckart leise zu ihm spricht:</p>
- <p class="line">Der Schmach gedenk&rsquo; ich fürder nicht,</p>
- <p class="line">Damit die Welt es sehe frei,</p>
- <p class="line">Der Eckart war dir stets getreu.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-So verging die Nacht. Am andern Morgen kamen
-andre Diener, die den kranken Herzog fanden. Sie
-legten ihn auf Maulthiere und führten ihn in sein
-Schloß zurück. Eckart durfte nicht von seiner Seite
-kommen, oft aber nahm er seine Hand und drückte
-sie sich gegen seine Brust, und sah ihn mit einem flehenden
-Blicke an. Eckart umarmte ihn dann, und
-sprach einige liebevolle Worte, mit denen sich der Fürst
-beruhigte. Er versammelte alle seine Räthe um sich
-her, und sagte ihnen, daß er den Eckart, den getreuen
-Mann, zum Vormunde über seine Söhne setze, weil
-dieser sich als den edelsten erwiesen. So starb er.
-</p>
-
-<p>
-Seitdem nahm sich Eckart der Regierung mit allem
-Fleiße an, und jedermann im Lande mußte seinen hohen
-männlichen Muth bewundern. Es währte nicht lange,
-so verbreitete sich in allen Gegenden das wunderbare
-Gerücht von dem Spielmanne, der aus dem Venusberge
-gekommen, das ganze Land durchziehe und mit
-seinen Tönen die Menschen entführe, welche verschwänden,
-ohne daß man eine Spur von ihnen wieder finden
-könne. Viele glaubten dem Gerüchte, andre nicht,
-und Eckart gedachte des unglücklichen Greises wieder.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe euch zu meinen Söhnen angenommen,
-sprach er zu den unmündigen Jünglingen, als er sich
-einst mit ihnen auf dem Berge vor dem Schlosse befand;
-euer Glück ist jezt meine Nachkommenschaft, ich
-will in eurer Freude nach meinem Tode fortleben. Sie
-lagerten sich auf dem Abhange, von wo sie weit in
-das schöne Land hinein sehn konnten, und Eckart unterdrückte
-das Andenken an seine Kinder, denn sie
-schienen ihm von den Bergen herüber zu schreiten, indem
-er aus der Ferne einen lieblichen Klang vernahm.
-</p>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
- <p class="line">Kommt es nicht wie Träumen</p>
- <p class="line">Aus den grünen Räumen</p>
- <p class="line">Zu uns wallend nieder,</p>
- <p class="line">Wie Verstorbner Lieder?</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Spricht er zu den jungen Herrn,</p>
- <p class="line">Vernimmt den Zauberklang von fern.</p>
- <p class="line">Wie sich die Tön&rsquo; herüberschwungen</p>
- <p class="line">Erwachet in den frommen Jungen</p>
- <p class="line">Ein seltsam böser Geist,</p>
- <p class="line">Der sich nach unbekannter Ferne reißt.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wir wollen in die Berge, in die Felder,</p>
- <p class="line">Uns rufen die Quellen, es locken die Wälder,</p>
- <p class="line">Gar heimliche Stimmen entgegen singen,</p>
- <p class="line">Ins irdische Paradies uns zu bringen!</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Der Spielmann kommt in fremder Tracht</p>
- <p class="line">Den Söhnen Burgunds ins Gesicht,</p>
- <p class="line">Und höher schwillt der Töne Macht,</p>
- <p class="line">Und heller glänzt der Sonne Licht,</p>
- <p class="line">Die Blumen scheinen trunken,</p>
- <p class="line">Ein Abendroth nieder gesunken,</p>
- <p class="line">Und zwischen Korn und Gräsern schweifen</p>
- <p class="line">Sanft irrend blau und goldne Streifen.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wie ein Schatten ist hinweg gehoben</p>
- <p class="line">Was sonst den Sinn zur Erden zieht,</p>
- <p class="line">Gestillt ist alles ird&rsquo;sche Toben,</p>
- <p class="line">Die Welt zu Einer Blum&rsquo; erblüht,</p>
- <p class="line">Die Felsen schwanken lichterloh,</p>
- <p class="line">Die Triften jauchzen und sind froh,</p>
- <p class="line">Es wirrt und irrt alles in die Klänge hinein</p>
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
- <p class="line">Und will in der Freude heimisch sein,</p>
- <p class="line">Des Menschen Seele reißen die Funken,</p>
- <p class="line">Sie ist im holden Wahnsinn ganz versunken.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Es wurde Eckart rege</p>
- <p class="line">Und wundert sich dabei,</p>
- <p class="line">Er hört der Töne Schläge</p>
- <p class="line">Und fragt sich, was es sei.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ihm dünkt die Welt erneuet,</p>
- <p class="line">In andern Farben blühn,</p>
- <p class="line">Er weiß nicht, was ihn freuet,</p>
- <p class="line">Fühlt sich in Wonne glühn.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ha! bringen nicht die Töne,</p>
- <p class="line">So fragt er sich entzückt,</p>
- <p class="line">Mir Weib und liebe Söhne,</p>
- <p class="line">Und was mich sonst beglückt?</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Doch faßt ein heimlich Grauen</p>
- <p class="line">Den Helden plötzlich an,</p>
- <p class="line">Er darf nur um sich schauen</p>
- <p class="line">Und fühlt sich bald ein Mann.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Da sieht er schon das Wüthen</p>
- <p class="line">Der ihm vertrauten Kind,</p>
- <p class="line">Die sich der Hölle bieten</p>
- <p class="line">Und unbezwinglich sind.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Sie werden fortgezogen</p>
- <p class="line">Und kennen ihn nicht mehr,</p>
- <p class="line">Sie toben wie die Wogen</p>
- <p class="line">Im wildempörten Meer.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
- <p class="line">Was soll er da beginnen?</p>
- <p class="line">Ihn ruft sein Wort und Pflicht,</p>
- <p class="line">Ihm wanken selbst die Sinnen,</p>
- <p class="line">Er kennt sich selber nicht.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Da kömmt die Todesstunde</p>
- <p class="line">Von seinem Freund zurück,</p>
- <p class="line">Er höret den Burgunde</p>
- <p class="line">Und sieht den letzten Blick.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">So schirmt er sein Gemüthe</p>
- <p class="line">Und steht gewappnet da,</p>
- <p class="line">Indem kommt im Gemüthe</p>
- <p class="line">Der Spielmann selbst ihm nah.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Er will den Degen schwingen</p>
- <p class="line">Und schlagen jenes Haupt:</p>
- <p class="line">Er hört die Pfeife klingen,</p>
- <p class="line">Die Kraft ist ihm geraubt.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Es stürzen aus den Bergen</p>
- <p class="line">Gestalten wunderlich,</p>
- <p class="line">Ein wüstes Heer von Zwergen,</p>
- <p class="line">Sie nahen grauerlich.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die Söhne sind gefangen</p>
- <p class="line">Und toben in dem Schwarm,</p>
- <p class="line">Umsonst ist sein Verlangen,</p>
- <p class="line">Gelähmt sein tapfrer Arm.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Es stürmt der Zug an Vesten,</p>
- <p class="line">An Schlössern wild vorbei,</p>
- <p class="line">Sie ziehn von Ost nach Westen</p>
- <p class="line">Mit jauchzendem Geschrei.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
- <p class="line">Eckart ist unter ihnen,</p>
- <p class="line">Es reißt die Macht ihn hin,</p>
- <p class="line">Er muß der Hölle dienen,</p>
- <p class="line">Bezwungen ist sein Sinn.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Da nahen sie dem Berge,</p>
- <p class="line">Aus dem Musik erschallt,</p>
- <p class="line">Und also gleich die Zwerge</p>
- <p class="line">Stillstehn und machen Halt.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Der Fels springt von einander,</p>
- <p class="line">Ein bunt Gewimmel drein,</p>
- <p class="line">Man sieht Gestalten wandern</p>
- <p class="line">Im wunderlichen Schein.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Da faßt er seinen Degen</p>
- <p class="line">Und sprach: ich bleibe treu!</p>
- <p class="line">Und haut mit Kraft verwegen</p>
- <p class="line">In alle Schaaren frei.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die Kinder sind errungen,</p>
- <p class="line">Sie fliehen durch das Thal,</p>
- <p class="line">Der Feind noch unbezwungen</p>
- <p class="line">Mehrt sich zu Eckarts Quaal.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die Zwerge sinken nieder,</p>
- <p class="line">Sie fassen neuen Muth,</p>
- <p class="line">Es kommen andre wieder,</p>
- <p class="line">Und jeder kämpft mit Wuth.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Da sieht der Held schon ferne</p>
- <p class="line">Die Kind in Sicherheit,</p>
- <p class="line">Sprach: nun verlier&rsquo; ich gerne</p>
- <p class="line">Mein Leben hier im Streit.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
- <p class="line">Sein tapfres Schwerdt thut blinken</p>
- <p class="line">Im hellen Sonnenstrahl,</p>
- <p class="line">Die Zwerge niedersinken</p>
- <p class="line">Zu Haufen dort im Thal.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die Kinder sind entschwunden</p>
- <p class="line">Im allerfernsten Feld,</p>
- <p class="line">Da fühlt er seine Wunden,</p>
- <p class="line">Da stirbt der tapfre Held.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">So fand er seine Stunde</p>
- <p class="line">Wild kämpfend wie der Leu,</p>
- <p class="line">Und blieb noch dem Burgunde</p>
- <p class="line">Im Tode selber treu.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Als nun der Held erschlagen</p>
- <p class="line">Regiert der ältste Sohn,</p>
- <p class="line">Dankbar hört man ihn sagen:</p>
- <p class="line">Eckart hat meinen Thron</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Erkämpft mit vielen Wunden</p>
- <p class="line">Und seinem besten Blut,</p>
- <p class="line">Und alle Lebensstunden</p>
- <p class="line">Verdank&rsquo; ich seinem Muth.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Bald hört man Wundersagen</p>
- <p class="line">Im ganzen Land umgehn,</p>
- <p class="line">Daß, wer es wolle wagen</p>
- <p class="line">Der Venus Berg zu sehn,</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Der werde dorten schauen</p>
- <p class="line">Des treuen Eckart Geist,</p>
- <p class="line">Der jeden mit Vertrauen</p>
- <p class="line">Zurück vom Felsen weist.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
- <p class="line">Wo er nach seinem Sterben</p>
- <p class="line">Noch Schutz und Wache hält.</p>
- <p class="line">Es preisen alle Erben</p>
- <p class="line">Eckart den treuen Held.</p>
-</div>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-2">
-<span class="firstline">Zweiter Abschnitt.</span>
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>s waren mehr als vier Jahrhunderte seit dem Tode
-des getreuen Eckart verflossen, als am Hofe ein edler
-Tannenhäuser als kaiserlicher Rath im großen Ansehen
-stand. Der Sohn dieses Ritters übertraf an Schönheit
-alle übrigen Edlen des Landes, weswegen er auch von
-jedermann geliebt und hochgeschätzt wurde. Plötzlich
-aber verschwand er, nachdem sich einige wunderbare
-Dinge mit ihm zugetragen hatten, und kein Mensch
-wußte zu sagen, wohin er gekommen sei. Seit der
-Zeit des getreuen Eckart gab es vom Venusberge eine
-Sage im Lande, und manche sprachen, daß er dorthin
-gewandert und also auf ewig verloren sei.
-</p>
-
-<p>
-Einer von seinen Freunden, Friedrich von Wolfsburg,
-härmte sich von allen am meisten um den jungen
-Tannenhäuser. Sie waren mit einander erwachsen
-und ihre gegenseitige Freundschaft schien jedem ein
-Bedürfniß seines Lebens geworden zu sein. Tannenhäusers
-alter Vater war gestorben, Friedrich vermälte
-sich nach einigen Jahren; schon umgab ihn ein Kreis
-von fröhlichen Kindern, und immer noch hatte er keine
-Nachricht von seinem Jugendfreunde vernommen, so
-daß er ihn auch für gestorben halten mußte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-Er stand eines Abends unter dem Thor seiner Burg,
-als er aus der Ferne einen Pilgrim daher kommen
-sah, der sich seinem Schlosse näherte. Der fremde
-Mann war in seltsame Tracht gekleidet, und sein Gang
-wie seine Geberden erschienen dem Ritter wunderlich.
-Als jener näher gekommen, glaubte er ihn zu kennen,
-und endlich war er mit sich einig, daß der Fremde kein
-anderer als sein ehemaliger Freund der Tannenhäuser
-sein könne. Er erstaunte und ein heimlicher Schauer
-bemächtigte sich seiner, als er die durchaus veränderten
-Züge deutlich gewahr wurde.
-</p>
-
-<p>
-Die beiden Freunde umarmten sich, und erschraken
-dann einer vor dem andern, sie staunten sich an, wie
-fremde Wesen. Der Fragen, der verworrenen Antworten
-gab es viele; Friedrich erbebte oft vor dem
-wilden Blicke seines Freundes, in dem ein unverständliches
-Feuer brannte. Nachdem sich der Tannenhäuser
-einige Tage erholt hatte, erfuhr Friedrich, daß er auf
-einer Wallfahrt nach Rom begriffen sei.
-</p>
-
-<p>
-Die beiden Freunde erneuerten bald ihre ehemaligen
-Gespräche und erzählten sich die Geschichte ihrer
-Jugend, doch verschwieg der Tannenhäuser noch immer
-sorgfältig, wo er seitdem gewesen. Friedrich aber drang
-in ihn, nachdem sie sich in ihre sonstige Vertraulichkeit
-wieder hinein gefunden hatten, jener suchte sich lange
-den freundschaftlichen Bitten zu entziehen, doch endlich
-rief er aus: Nun, so mag dein Wille erfüllt werden,
-du sollst alles erfahren, mache mir aber nachher keine
-Vorwürfe, wenn dich die Geschichte mit Bekümmerniß
-und Grauen erfüllt.
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen ins Freie und wandelten durch einen
-grünen Lustwald, wo sie sich niedersetzten, worauf der
-<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
-Tannenhäuser sein Haupt im grünen Grase verbarg
-und unter lautem Schluchzen seinem Freunde abgewandt
-die rechte Hand reichte, die dieser zärtlich drückte.
-Der trübselige Pilgrim richtete sich wieder auf, und
-begann seine Erzählung auf folgende Weise:
-</p>
-
-<p>
-Glaube mir, mein Theurer, daß manchem von
-uns ein böser Geist von seiner Geburt an mitgegeben
-wird, der ihn durch das Leben dahin ängstigt und ihn
-nicht ruhen läßt, bis er an das Ziel seiner schwarzen
-Bestimmung gelangt ist. So geschahe mir, und mein
-ganzer Lebenslauf ist nur ein dauerndes Geburtswehe,
-und mein Erwachen wird in der Hölle sein. Darum
-habe ich nun schon so viele mühselige Schritte gethan,
-und so manche stehn mir noch auf meiner Pilgerschaft
-bevor, ob ich vielleicht beim heiligen Vater zu Rom
-Vergebung erlangen möchte: vor ihm will ich die
-schwere Ladung meiner Sünden ablegen, oder im Druck
-erliegen und verzweifelnd sterben.
-</p>
-
-<p>
-Friedrich wollte ihn trösten, doch schien der Tannenhäuser
-auf seine Reden nicht sonderlich Acht zu geben,
-sondern fuhr nach einer kleinen Weile mit folgenden
-Worten fort: Man hat ein altes Mährchen, daß
-vor vielen Jahrhunderten ein Ritter mit dem Namen
-des getreuen Eckart gelebt habe; man erzählt, wie damals
-aus einem seltsamen Berge ein Spielmann gekommen
-sei, dessen wunderbarliche Töne so tiefe Sehnsucht,
-so wilde Wünsche in den Herzen aller Hörenden
-auferweckt haben, daß sie unwiderstreblich den Klängen
-nachgerissen worden, um sich in jenem Gebirge zu
-verlieren. Die Hölle hat damals ihre Pforten den
-armen Menschen weit aufgethan, und sie mit lieblicher
-Musik zu sich herein gespielt. Ich hörte als Knabe
-<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-diese Erzählung oft und wurde nicht sonderlich davon
-gerührt, doch währte es nicht lange, so erinnerte mich
-die ganze Natur, jedweder Klang, jedwede Blume an
-die Sage von diesen herzergreifenden Tönen. Ich kann
-dir nicht ausdrücken, welche Wehmuth, welche unaussprechliche
-Sehnsucht mich plötzlich ergriff, und wie in
-Banden hielt und fortführen wollte, wenn ich dem
-Zug der Wolken nachsahe, die lichte herrliche Bläue
-erblickte, die zwischen ihnen hervordrang, welche Erinnerungen
-Wies&rsquo; und Wald in meinem tiefsten Herzen
-erwecken wollten. Oft ergriff mich die Lieblichkeit und
-Fülle der herrlichen Natur, daß ich die Arme ausstreckte
-und wie mit Flügeln hineinstreben wollte, um
-mich, wie der Geist der Natur, über Berg und Thal
-auszugießen, und mich in Gras und Büschen allseitig
-zu regen und die Fülle des Segens einzuathmen.
-Hatte mich am Tage die freie Landschaft entzückt, so
-ängstigten mich in der Nacht dunkle Traumbilder und
-stellten sich grauenhaft vor mich hin, als wenn sie mir
-den Weg zu allem Leben versperren wollten. Vor allen
-ließ ein Traum einen unauslöschlichen Eindruck in
-meinem Gemüthe zurück, ob ich gleich nicht die Bilder
-deutlich wieder in meine Phantasie zurückrufen konnte.
-Mir dünkte, als wäre ein großes Gewühl in den Gassen,
-ich vernahm undeutliche Gespräche durcheinander,
-darauf ging ich, es war dunkle Nacht, in das Haus
-meiner Eltern, und nur mein Vater war zugegen und
-krank. Am nächsten Morgen fiel ich meinen Eltern
-um den Hals, umarmte sie inbrünstig und drückte sie
-an meine Brust, als wenn uns eine feindliche Gewalt
-von einander reißen wollte. Sollt&rsquo; ich dich verlieren?
-sprach ich zum theuren Vater, o wie unglücklich und
-<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
-einsam wäre ich ohne dich in dieser Welt! Sie trösteten
-mich, aber es gelang ihnen nicht, das dunkle Bild
-aus meinem Gedächtnisse zu entfernen.
-</p>
-
-<p>
-Ich ward älter, indem ich mich stets von andern
-Knaben meines Alters entfernt hielt. Oft streifte ich
-einsam durch die Felder, und so geschah es an einem
-Morgen, daß ich meinen Weg verlor, und in einem
-dunkeln Walde, um Hülfe rufend, herum irrte. Nachdem
-ich so lange Zeit vergeblich nach einem Wege gesucht
-hatte, stand ich endlich plötzlich vor einem eisernen
-Gatterwerk, welches einen Garten umschloß. Durch
-dasselbe sah ich schöne dunkle Gänge vor mir, Fruchtbäume
-und Blumen, voran standen Rosengebüsche, die
-im Schein der Sonne glänzten. Ein unnennbares
-Sehnen zu den Rosen ergriff mich, ich konnte mich
-nicht zurückhalten, ich drängte mich mit Gewalt durch
-die eisernen Stäbe, und war nun im Garten. Alsbald
-fiel ich nieder, umfaßte mit meinen Armen die
-Gebüsche, küßte die Rosen auf ihren rothen Mund,
-und ergoß mich in Thränen. Als ich mich eine Zeit
-in dieser Entzückung verloren hatte, kamen zwei Mädchen
-durch die Baumgänge, die eine älter, die andre
-von meinen Jahren. Ich erwachte aus meiner Betäubung,
-um mich einer höheren Trunkenheit hinzugeben.
-Mein Auge fiel auf die jüngere, und mir war
-in diesem Augenblicke, als würde ich von allen meinen
-unbekannten Schmerzen geheilt. Man nahm mich im
-Hause auf, die Eltern der beiden Kinder erkundigten
-sich nach meinem Namen, und schickten meinem Vater
-Botschaft, der mich gegen Abend selber wieder
-abholte.
-</p>
-
-<p>
-Von diesem Tage hatte der ungewisse Lauf meines
-<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
-Lebens eine bestimmte Richtung gewonnen, meine Gedanken
-eilten immer wieder nach dem Schlosse und
-dem Mädchen zurück, denn hier schien mir die Heimath
-aller meiner Wünsche. Ich vergaß meiner gewohnten
-Freuden, ich vernachlässigte meine Gespielen,
-und besuchte oft den Garten, das Schloß und das
-Mädchen. Bald war ich dort wie ein Kind vom
-Hause, so daß man sich nicht mehr verwunderte, wenn
-ich zugegen war, und Emma ward mir mit jedem
-Tage lieber. So vergingen mir die Stunden, und
-eine Zärtlichkeit hatte mein Herz gefangen genommen,
-ohne daß ich es selber wußte. Meine ganze Bestimmung
-schien mir nun erfüllt, ich hatte keine andere
-Wünsche, als immer wieder zu kommen, und wenn
-ich fortging, dieselbe Aussicht auf den künftigen Tag
-zu haben.
-</p>
-
-<p>
-Um die Zeit ward ein junger Ritter in der Familie
-bekannt, der auch zugleich ein Freund meiner Eltern
-war, und sich bald eben so, wie ich, an Emma schloß.
-Ich haßte ihn von diesem Augenblicke wie meinen
-Todfeind. Unbeschreiblich aber waren meine Gefühle,
-als ich wahrzunehmen glaubte, daß Emma seine Gesellschaft
-der meinigen vorziehe. Von dieser Stunde
-an war es, als wenn die Musik, die mich bis dahin
-begleitet hatte, in meinem Busen unterginge. Ich
-dachte nur Tod und Haß, wilde Gedanken erwachten
-in meiner Brust, wenn Emma nun auf der Laute
-die bekannten Gesänge sang. Auch verbarg ich meinen
-Widerwillen nicht, und bezeigte mich gegen meine Eltern,
-die mir Vorwürfe machten, wild und widerspenstig.
-</p>
-
-<p>
-Nun irrte ich in den Wäldern und zwischen Felsen
-<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-umher, gegen mich selber wüthend: den Tod meines
-Gegners hatte ich beschlossen. Der junge Ritter hielt
-nach einigen Monden bei den Eltern um meine Geliebte
-an, sie wurde ihm zugesagt. Was mich sonst
-wunderbar in der ganzen vollen Natur angezogen und
-gereizt hatte, hatte sich mir in Emmas Bilde vereiniget;
-ich wußte, kannte und wollte kein anderes Glück
-als sie, ja ich hatte mir willkührlich vorgesetzt, daß
-ihren Verlust und mein Verderben ein und derselbe
-Tag herbei führen solle.
-</p>
-
-<p>
-Meine Eltern grämten sich über meine Verwilderung,
-meine Mutter war krank geworden, aber es
-rührte mich nicht, ich kümmerte mich wenig um ihren
-Zustand, und sah sie nur selten. Der Hochzeitstag
-meines Feindes rückte heran, und mit ihm wuchs
-meine Angst, die mich durch die Wälder und über die
-Berge trieb. Ich verwünschte Emma und mich mit
-den gräßlichsten Flüchen. Um die Zeit hatte ich keinen
-Freund, kein Mensch wollte sich meiner annehmen,
-weil mich alle verloren gaben.
-</p>
-
-<p>
-Die schreckliche Nacht vor dem Vermählungstage
-brach heran. Ich hatte mich unter Klippen verirrt
-und hörte unter mir die Waldströme brausen, oft erschrak
-ich vor mir selber. Als es Morgen war, sah
-ich meinen Feind von den Bergen hernieder steigen, ich
-fiel ihn mit beschimpfenden Reden an, er vertheidigte
-sich, wir griffen zu den Schwerdtern, und bald sank
-er unter meinen wüthenden Hieben nieder.
-</p>
-
-<p>
-Ich eilte fort, ich sah mich nicht nach ihm um,
-aber seine Begleiter trugen den Leichnam fort. Nachts
-schwärmte ich um die Wohnung, die meine Emma
-einschloß, und nach wenigen Tagen vernahm ich im
-<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
-benachbarten Kloster Todtengeläute und den Grabgesang
-der Nonnen. Ich fragte: man sagte mir, daß Fräulein
-Emma aus Gram über den Tod ihres Bräutigams
-gestorben sei.
-</p>
-
-<p>
-Ich wußte nicht zu bleiben, ich zweifelte, ob ich
-lebe, ob alles Wahrheit sei. Ich eilte zurück zu meinen
-Eltern, und kam in der folgenden Nacht spät in
-die Stadt, in der sie wohnten. Alles war in Unruhe,
-Pferde und Rüstwagen erfüllten die Straßen, Lanzenknechte
-tummelten sich durch einander und sprachen in
-verwirrten Reden: es war gerade an dem, daß der
-Kaiser einen Feldzug gegen seine Feinde unternehmen
-wollte. Ein einsames Licht brannte in der väterlichen
-Wohnung als ich herein trat; eine drückende Beklemmung
-lag auf meiner Brust. Auf mein Anklopfen
-kommt mir mein Vater selbst mit leisem bedächtigen
-Schritte entgegen; sogleich erinnere ich mich des alten
-Traumes aus meinen Kinderjahren, und fühle mit
-innigster Bewegung, daß es dasselbe sei, was ich nun
-erlebe. Ich bin bestürzt, ich frage: Warum, Vater,
-seid ihr so spät noch auf? Er führt mich hinein und
-spricht: ich muß wohl wachen, denn deine Mutter ist
-ja nun auch todt.
-</p>
-
-<p>
-Die Worte fielen wie Blitze in meine Seele. Er
-setzte sich bedächtig nieder, ich mich an seine Seite, die
-Leiche lag auf einem Bette und war mit Tüchern seltsam
-zugehängt. Mein Herz wollte zerspringen. Ich
-halte Wache, sprach der Alte, denn meine Gattin sitzt
-noch immer neben mir. Meine Sinne vergingen, ich
-heftete meine Augen in einen Winkel, und nach kurzer
-Weile regte es sich wie ein Dunst, es wallte und
-wogte, und die bekannte Bildung meiner Mutter zog
-<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-sich sichtbarlich zusammen, die nach mir mit ernsten
-Mienen schaute. Ich wollte fort, ich konnte nicht,
-denn die mütterliche Gestalt winkte und mein Vater
-hielt mich fest in den Armen, welcher mir leise zuflüsterte:
-sie ist aus Gram um dich gestorben. Ich umfaßte
-ihn mit aller kindlichen Brünstigkeit, ich vergoß
-brennende Thränen an seiner Brust. Er küßte mich,
-und mir schauderte, als seine Lippen kalt wie die Lippen
-eines Todten mich berührten. Wie ist dir, Vater?
-rief ich mit Entsetzen aus. Er zuckte schmerzhaft in
-sich zusammen und antwortete nicht. In wenigen
-Augenblicken fühlte ich ihn kälter werden, ich suchte
-nach seinem Herzen, es stand still, und im wehmüthigen
-Wahnsinn hielt ich die Leiche in meiner Umarmung
-fest eingeklammert.
-</p>
-
-<p>
-Wie ein Schein, gleich der ersten Morgenröthe,
-flog es durch das dunkle Gemach; da saß der Geist
-meines Vaters neben dem Bilde meiner Mutter, und
-beide sahen nach mir mitleidig hin, wie ich die theure
-Leiche festhielt. Seitdem war es um mein Bewußtsein
-geschehn, wahnsinnig und kraftlos fanden mich die Diener
-am Morgen in der Todtenkammer. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Bis hieher war der Tannenhäuser mit seiner Erzählung
-gekommen, indem ihm sein Freund Friedrich
-mit dem größten Erstaunen zuhörte, als er plötzlich
-abbrach und mit dem <a id="corr-9"></a>Ausdruck des größten Schmerzes
-inne hielt. Friedrich war verlegen und nachdenkend,
-die beiden Freunde gingen in die Burg zurück, doch
-blieben sie in einem Zimmer allein.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem der Tannenhäuser eine Weile geschwiegen
-hatte, fing er wieder an: Immer noch erschüttert mich
-das Andenken dieser Stunden tief, und ich begreife
-<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
-nicht, wie ich sie habe überleben können. Nunmehr
-schien mir die Erde und das Leben völlig ausgestorben
-und verwüstet, ich schleppte mich ohne Gedanken und
-Wunsch von einem Tage zum andern hinüber. Dann
-gerieth ich in eine Gesellschaft von wilden jungen Leuten,
-und in Trunk und Wollust suchte ich den pochenden
-bösen Geist in mir zu besänftigen. Die alte brennende
-Ungeduld erwachte in meiner Brust von neuem,
-und ich konnte mich und meine Wünsche selber nicht
-verstehn. Ein Wüstling, Rudolf genannt, war mein
-Vertrauter geworden, der aber immer meine Klagen wie
-meine Sehnsucht verlachte. So mochte ein Jahr verflossen
-sein, als meine Angst bis zur Verzweiflung stieg; es
-drängte mich weiter, weiter hinein in eine unbekannte
-Ferne, ich hätte mich von den hohen Bergen hinab in den
-Glanz der Wiesenfarben, in das kühle Gebrause der
-Ströme stürzen mögen, um den glühenden Durst der
-Seele, die Unersättlichkeit zu löschen; ich sehnte mich
-nach der Vernichtung und wieder wie goldne Morgenwolken
-schwebten Hoffnung und Lebenslust vor mir hin und
-lockten mich nach. Da kam ich auf den Gedanken,
-daß die Hölle nach mir lüstern sei, und mir so Schmerzen
-wie Freuden entgegen sende, um mich zu verderben,
-daß ein tückischer Geist alle meine Seelenkräfte
-nach der dunkeln Behausung richte und mich hinunter
-zügle. Da gab ich mich gefangen, um der Quaalen, der
-wechselnden Entzückungen los zu werden. In der dunkelsten
-Nacht bestieg ich einen hohen Berg und rief mit
-allen Herzenskräften den Feind Gottes und der Menschen
-zu mir, so daß ich fühlte, er würde mir gehorchen
-müssen. Meine Worte zogen ihn herbei, er stand
-plötzlich neben mir und ich empfand kein Grauen. Da
-<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
-ging im Gespräch mit ihm der Glaube an jenen wunderbaren
-Berg von neuem in mir auf, und er lehrte
-mich ein Lied, das mich von selbst auf die rechte Straße
-dahin führen würde. Er verschwand, und ich war zum
-erstenmal, seit ich lebte, mit mir allein, denn nun
-verstand ich meine abirrenden Gedanken, die aus dem
-Mittelpunkte heraus strebten, um eine neue Welt zu
-finden. Ich machte mich auf den Weg, und das Lied,
-das ich mit lauter Stimme sang, führte mich über
-wunderbare Einöden fort, und alles übrige in mir und
-außer mir hatte ich vergessen; es trug mich wie auf
-großen Flügeln der Sehnsucht nach meiner Heimath,
-ich wollte dem Schatten entfliehen, der uns auch aus
-dem Glanze noch dräut, den wilden Tönen, die noch
-in der zartesten Musik auf uns schelten. So kam ich
-in einer Nacht, als der Mond hinter dunkeln Wolken
-matt hervor schien, vor dem Berge an. Ich setzte
-mein Lied fort, und eine Riesengestalt stand da und
-winkte mich mit ihrem Stabe zurück. Ich ging näher.
-Ich bin der getreue Eckart, rief die übermenschliche
-Bildung, ich bin von Gottes Güte hieher zum Wächter
-gesetzt, um des Menschen bösen Fürwitz zurück zu
-halten. &mdash; Ich drang hindurch.
-</p>
-
-<p>
-Wie in einem unterirdischen Bergwerke war nun
-mein Weg. Der Steg war so schmal, daß ich mich
-hindurch drängen mußte, ich vernahm den Klang der
-verborgenen wandernden Gewässer, ich hörte die Geister,
-die die Erze und Gold und Silber bildeten, um den
-Menschengeist zu locken, ich fand die tiefen Klänge und
-Töne hier einzeln und verborgen, aus denen die irdische
-Musik entsteht; je tiefer ich ging, je mehr fiel es
-wie ein Schleier vor meinem Angesichte hinweg.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
-Ich ruhte aus und sah andre Menschengestalten heran
-wanken, mein Freund Rudolf war unter ihnen; ich
-begriff gar nicht, wie sie mir vorbei kommen würden,
-da der Weg so sehr enge war, aber sie gingen mitten
-durch die Steine hindurch, ohne daß sie mich gewahr
-wurden.
-</p>
-
-<p>
-Alsbald vernahm ich Musik, aber eine ganz andre,
-als bis dahin zu meinem Gehör gedrungen war, meine
-Geister in mir arbeiteten den Tönen entgegen; ich kam
-ins Freie, und wunderhelle Farben glänzten mich von
-allen Seiten an. Das war es, was ich immer gewünscht
-hatte. Dicht am Herzen fühlte ich die Gegenwart
-der gesuchten, endlich gefundenen Herrlichkeit, und
-in mich spielten die Entzückungen mit allen ihren Kräften
-hinein. So kam mir das Gewimmel der frohen
-heidnischen Götter entgegen, Frau Venus an ihrer
-Spitze, alle begrüßten mich; sie sind dorthin gebannt
-von der Gewalt des Allmächtigen, und ihr Dienst ist
-von der Erde vertilgt; nun wirken sie von dort in ihrer
-Heimlichkeit.
-</p>
-
-<p>
-Alle Freuden, die die Erde beut, genoß und schmeckte
-ich hier in ihrer vollsten Blüthe, unersättlich war mein
-Busen und unendlich der Genuß. Die berühmten Schönheiten
-der alten Welt waren zugegen, was mein Gedanke
-wünschte, war in meinem Besitz, eine Trunkenheit
-folgte der andern, mit jedem Tage schien um mich
-her die Welt in bunteren Farben zu brennen. Ströme
-des köstlichsten Weines löschten den grimmen Durst, und
-die holdseligsten Gestalten gaukelten dann in der Luft, ein
-Gewimmel von nackten Mädchen umgab mich einladend,
-Düfte schwangen sich bezaubernd um mein Haupt, wie
-aus dem innersten Herzen der seligsten Natur erklang
-<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
-eine Musik, und kühlte mit ihren frischen Wogen der
-Begierde wilde Lüsternheit; ein Grauen, das so heimlich
-über die Blumenfelder schlich, erhöhte den entzückenden
-Rausch. Wie viele Jahre so verschwunden sind,
-weiß ich nicht zu sagen, denn hier gab es keine Zeit
-und keine Unterschiede, in den Blumen brannte der
-Mädchen und der Lüste Reiz, in den Körpern der
-Weiber blühte der Zauber der Blumen, die Farben
-führten hier eine andre Sprache, die Töne sagten neue
-Worte, die ganze Sinnenwelt war hier in einer Blüthe
-fest gebunden, und die Geister drinnen feierten ewig
-einen brünstigen Triumph.
-</p>
-
-<p>
-Doch wie es geschah, kann ich so wenig sagen wie
-fassen, daß mich nun in aller Sünderherrlichkeit der
-Trieb nach der Ruhe, der Wunsch zur alten unschuldigen
-Erde mit ihren dürftigen Freuden eben so ergriff,
-wie mich vormals die Sehnsucht hieher gedrängt hatte.
-Es zog mich an, wieder jenes Leben zu leben, das die
-Menschen in aller Bewußtlosigkeit führen, mit Leiden
-und abwechselnden Freuden; ich war von dem Glanz
-gesättigt und suchte gern die vorige Heimath wieder.
-Eine unbegreifliche Gnade des Allmächtigen verschaffte
-mir die Rückkehr, ich befand mich plötzlich wieder in
-der Welt, und denke nun meinen sündigen Busen vor
-den Stuhl unsers allerheiligsten Vaters in Rom auszuschütten,
-daß er mir vergebe und ich den übrigen Menschen
-wieder zugezählt werde. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Der Tannenhäuser schwieg still, und Friedrich betrachtete
-ihn lange mit einem prüfenden Blicke; dann
-nahm er die Hand seines Freundes und sagte: immer
-noch kann ich nicht von meinem Erstaunen zurück kommen,
-auch kann ich deine Erzählung nicht begreifen,
-<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
-denn es ist nicht anders möglich, als daß alles, was
-du mir vorgetragen hast, nur eine Einbildung von dir
-sein muß. Denn noch lebt Emma, sie ist meine Gattin,
-und nie haben wir gekämpft oder uns gehaßt, wie
-du glaubst; doch verschwandest du noch vor unsrer Hochzeit
-aus der Gegend, auch hast du mir damals nie mit
-einem einzigen Worte gesagt, daß Emma dir lieb sei.
-</p>
-
-<p>
-Er nahm hierauf den verwirrten Tannenhäuser bei
-der Hand und führte ihn in ein anderes Zimmer zu
-seiner Gattin, die eben von einem Besuch ihrer Schwester,
-bei der sie einige Tage verweilt, auf das Schloß
-zurück gekommen war. Der Tannenhäuser war stumm
-und nachdenkend, er beschaute still die Bildung und
-das Antlitz der Frau, dann schüttelte er mit dem Kopfe
-und sagte: bei Gott, das ist noch die seltsamste von
-allen meinen Begebenheiten!
-</p>
-
-<p>
-Friedrich erzählte ihm im Zusammenhange alles,
-was ihm seitdem zugestoßen war, und suchte seinem
-Freunde deutlich zu machen, daß ihn ein seltsamer
-Wahnsinn nur seit manchem Jahre beängstiget habe.
-Ich weiß recht gut wie es ist, rief der Tannenhäuser
-aus, jezt bin ich getäuscht und wahnsinnig, die Hölle
-will mir dies Blendwerk vorgaukeln, damit ich nicht nach
-Rom gehn und meiner Sünden ledig werden soll.
-</p>
-
-<p>
-Emma suchte ihn an seine Kindheit zu erinnern,
-aber der Tannenhäuser ließ sich nicht überreden. So
-reiste er schnell ab, um in kurzer Zeit in Rom vom
-Pabste Absolution zu erhalten.
-</p>
-
-<p>
-Friedrich und Emma sprachen noch oft über den
-seltsamen Pilgrim. Einige Monden waren verflossen,
-als der Tannenhäuser bleich und abgezehrt, in zerrissenen
-Wallfahrtskleidern und barfuß in Friedrichs Gemach trat,
-<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
-indem dieser noch schlief. Er küßte ihn auf den Mund
-und sagte dann schnell die Worte: der heilige Vater will
-und kann mir nicht vergeben, ich muß in meinen alten
-Wohnsitz zurück. Hierauf entfernte er sich eilig.
-</p>
-
-<p>
-Friedrich ermunterte sich, der unglückliche Pilger war
-schon verschwunden. Er ging nach dem Zimmer seiner
-Gattin, und die Weiber stürzten ihm mit Geheul entgegen;
-der Tannenhäuser war hier früh am Tage herein
-gedrungen und hatte die Worte gesagt: diese soll mich nicht
-in meinem Laufe stören! Man fand Emma ermordet.
-</p>
-
-<p>
-Noch konnte sich Friedrich nicht besinnen, als es ihn
-wie Entsetzen befiel; er konnte nicht ruhn, er rannte ins
-Freie. Man wollte ihn zurück halten, aber er erzählte,
-wie ihm der Pilgrim einen Kuß auf die Lippen gegeben
-habe, und wie dieser Kuß ihn brenne, bis er jenen wieder
-gefunden. So rannte er in unbegreiflicher Eile fort, den
-wunderlichen Berg und den Tannenhäuser zu suchen, und
-man sah ihn seitdem nicht mehr. Die Leute sagten, wer
-einen Kuß von einem aus dem Berge bekommen, der könne
-der Lockung nicht widerstehn, die ihn auch mit Zaubergewalt
-in die unterirdischen Klüfte reiße. &mdash;
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash;&mdash;&mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Alle waren nach geendigter Erzählung still und in sich
-gekehrt, worauf Manfred sagte: ohne alle Vorbereitung
-und einleitende Vorrede will ich sogleich die Vorlesung meines
-Werkes beginnen, das, wie ich wohl nicht erst zu
-versichern brauche, Original und eigne Erfindung ist. Da
-unsre schöne Clara auf die Originalität so viel giebt, so
-hoffe ich, daß sie auch diesem Mährchen ihren Beifall nicht
-wird versagen können. <a id="corr-10"></a>Er las hierauf folgende Erzählung.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-6">
-<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
-<span class="line1">Der Runenberg.</span><br />
-<span class="line2">1802.</span>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>in junger Jäger saß im innersten Gebirge nachdenkend
-bei einem Vogelheerde, indem das Rauschen der
-Gewässer und des Waldes in der Einsamkeit tönte.
-Er bedachte sein Schicksal, wie er so jung sei, und
-Vater und Mutter, die wohlbekannte Heimath, und
-alle Befreundeten seines Dorfes verlassen hatte, um
-eine fremde Umgebung zu suchen, um sich aus dem
-Kreise der wiederkehrenden Gewöhnlichkeit zu entfernen,
-und er blickte mit einer Art von Verwunderung auf,
-daß er sich nun in diesem Thale, in dieser Beschäftigung
-wieder fand. Große Wolken zogen durch den
-Himmel und verloren sich hinter den Bergen, Vögel
-sangen aus den Gebüschen und ein Wiederschall antwortete
-ihnen. Er stieg langsam den Berg hinunter,
-und setzte sich an den Rand eines Baches nieder, der
-über vorragendes Gestein schäumend murmelte. Er
-hörte auf die wechselnde Melodie des Wassers, und es
-schien, als wenn ihm die Wogen in unverständlichen
-Worten tausend Dinge sagten, die ihm so wichtig
-waren, und er mußte sich innig betrüben, daß er ihre
-Reden nicht verstehen konnte. Wieder sah er dann
-umher und ihm dünkte, er sei froh und glücklich; so
-faßte er wieder neuen Muth und sang mit lauter Stimme
-einen Jägergesang.
-</p>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
- <p class="line">Froh und lustig zwischen Steinen</p>
- <p class="line">Geht der Jüngling auf die Jagd,</p>
- <p class="line">Seine Beute muß erscheinen</p>
- <p class="line">In den grünlebendgen Hainen,</p>
- <p class="line">Sucht&rsquo; er auch bis in die Nacht.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Seine treuen Hunde bellen</p>
- <p class="line">Durch die schöne Einsamkeit,</p>
- <p class="line">Durch den Wald die Hörner gellen,</p>
- <p class="line">Daß die Herzen muthig schwellen:</p>
- <p class="line">O du schöne Jägerzeit!</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Seine Heimath sind die Klüfte,</p>
- <p class="line">Alle Bäume grüßen ihn,</p>
- <p class="line">Rauschen strenge Herbsteslüfte</p>
- <p class="line">Find&rsquo;t er Hirsch und Reh, die Schlüfte</p>
- <p class="line">Muß er jauchzend dann durchziehn.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Laß dem Landmann seine Mühen</p>
- <p class="line">Und dem Schiffer nur sein Meer,</p>
- <p class="line">Keiner sieht in Morgens Frühen</p>
- <p class="line">So Aurora&rsquo;s Augen glühen,</p>
- <p class="line">Hängt der Thau am Grase schwer,</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Als wer Jagd, Wild, Wälder kennet</p>
- <p class="line">Und Diana lacht ihn an,</p>
- <p class="line">Einst das schönste Bild entbrennet</p>
- <p class="line">Die er seine Liebste nennet:</p>
- <p class="line">O beglückter Jägersmann!</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Während dieses Gesanges war die Sonne tiefer
-gesunken und breite Schatten fielen durch das enge Thal.
-Eine kühlende Dämmerung schlich über den Boden
-weg, und nur noch die Wipfel der Bäume, wie die
-<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
-runden Bergspitzen waren vom Schein des Abends
-vergoldet. Christians Gemüth ward immer trübseliger,
-er mochte nicht nach seinem Vogelheerde zurück kehren,
-und dennoch mochte er nicht bleiben; es dünkte ihm so
-einsam und er sehnte sich nach Menschen. Jezt wünschte
-er sich die alten Bücher, die er sonst bei seinem Vater
-gesehn, und die er niemals lesen mögen, so oft ihn
-auch der Vater dazu angetrieben hatte; es fielen ihm
-die Scenen seiner Kindheit ein, die Spiele mit der
-Jugend des Dorfes, seine Bekanntschaften unter den
-Kindern, die Schule, die ihm so drückend gewesen war,
-und er sehnte sich in alle diese Umgebungen zurück, die
-er freiwillig verlassen hatte, um sein Glück in unbekannten
-Gegenden, in Bergen, unter fremden Menschen,
-in einer neuen Beschäftigung zu finden. Indem
-es finstrer wurde, und der Bach lauter rauschte, und
-das Geflügel der Nacht seine irre Wanderung mit umschweifendem
-Fluge begann, saß er noch immer mißvergnügt
-und in sich versunken; er hätte weinen mögen,
-und er war durchaus unentschlossen, was er thun und
-vornehmen solle. Gedankenlos zog er eine hervorragende
-Wurzel aus der Erde, und plötzlich hörte er
-erschreckend ein dumpfes Winseln im Boden, das sich
-unterirdisch in klagenden Tönen fortzog, und erst in
-der Ferne wehmüthig verscholl. Der Ton durchdrang
-sein innerstes Herz, er ergriff ihn, als wenn er unvermuthet
-die Wunde berührt habe, an der der sterbende
-Leichnam der Natur in Schmerzen verscheiden wolle.
-Er sprang auf und wollte entfliehen, denn er hatte
-wohl ehemals von der seltsamen Alrunenwurzel gehört,
-die beim Ausreißen so herzdurchschneidende Klagetöne
-von sich gebe, daß der Mensch von ihrem Gewinsel
-<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
-wahnsinnig werden müsse. Indem er fortgehen wollte,
-stand ein fremder Mann hinter ihm, welcher ihn freundlich
-ansah und fragte, wohin er wolle. Christian hatte
-sich Gesellschaft gewünscht, und doch erschrak er von
-neuem vor dieser freundlichen Gegenwart. Wohin so
-eilig? fragte der Fremde noch einmal. Der junge
-Jäger suchte sich zu sammeln und erzählte, wie ihm
-plötzlich die Einsamkeit so schrecklich vorgekommen sei,
-daß er sich habe retten wollen, der Abend sei so dunkel,
-die grünen Schatten des Waldes so traurig, der Bach
-spreche in lauter Klagen, die Wolken des Himmels
-zögen seine Sehnsucht jenseit den Bergen hinüber. Ihr
-seid noch jung, sagte der Fremde, und könnt wohl
-die Strenge der Einsamkeit noch nicht ertragen, ich
-will euch begleiten, denn ihr findet doch kein Haus
-oder Dorf im Umkreis einer Meile, wir mögen unterwegs
-etwas sprechen und uns erzählen, so verliert ihr
-die trüben Gedanken; in einer Stunde kommt der Mond
-hinter den Bergen hervor, sein Licht wird dann wohl
-auch eure Seele lichter machen.
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen fort, und der Fremde dünkte dem
-Jünglinge bald ein alter Bekannter zu sein. Wie
-seid ihr in dieses Gebürge gekommen, fragte jener,
-ihr seid hier, eurer Sprache nach, nicht einheimisch. &mdash;
-Ach darüber, sagte der Jüngling, ließe sich viel sagen,
-und doch ist es wieder keiner Rede, keiner Erzählung
-werth; es hat mich wie mit fremder Gewalt aus dem
-Kreise meiner Eltern und Verwandten hinweg genommen,
-mein Geist war seiner selbst nicht mächtig; wie
-ein Vogel, der in einem Netz gefangen ist und sich
-vergeblich sträubt, so verstrickt war meine Seele in
-seltsamen Vorstellungen und Wünschen. Wir wohnten
-<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
-weit von hier in einer Ebene, in der man rund umher
-keinen Berg, kaum eine Anhöhe erblickte; wenige Bäume
-schmückten den grünen Plan, aber Wiesen, fruchtbare
-Kornfelder und Gärten zogen sich hin, so weit das
-Auge reichen konnte, ein großer Fluß glänzte wie ein
-mächtiger Geist an den Wiesen und Feldern vorbei.
-Mein Vater war Gärtner im Schloß und hatte vor,
-mich ebenfalls zu seiner Beschäftigung zu erziehen; er
-liebte die Pflanzen und Blumen über alles und konnte
-sich tagelang unermüdet mit ihrer Wartung und Pflege
-abgeben. Ja er ging so weit, daß er behauptete, er
-könne fast mit ihnen sprechen; er lerne von ihrem
-Wachsthum und Gedeihen, so wie von der verschiedenen
-Gestalt und Farbe ihrer Blätter. Mir war die Gartenarbeit
-zuwider, um so mehr, als mein Vater mir
-zuredete, oder gar mit Drohungen mich zu zwingen
-versuchte. Ich wollte Fischer werden, und machte den
-Versuch, allein das Leben auf dem Wasser stand mir
-auch nicht an; ich wurde dann zu einem Handelsmann
-in die Stadt gegeben, und kam auch von ihm bald in
-das väterliche Haus zurück. Auf einmal hörte ich meinen
-Vater von Gebirgen erzählen, die er in seiner
-Jugend bereiset hatte, von den unterirdischen Bergwerken
-und ihren Arbeitern, von Jägern und ihrer
-Beschäftigung, und plötzlich erwachte in mir der bestimmteste
-Trieb, das Gefühl, daß ich nun die für
-mich bestimmte Lebensweise gefunden habe. Tag und
-Nacht sann ich und stellte mir hohe Berge, Klüfte
-und Tannenwälder vor; meine Einbildung erschuf sich
-ungeheure Felsen, ich hörte in Gedanken das Getöse
-der Jagd, die Hörner, und das Geschrei der Hunde
-und des Wildes; alle meine Träume waren damit
-<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
-angefüllt und darüber hatte ich nun weder Rast noch
-Ruhe mehr. Die Ebene, das Schloß, der kleine beschränkte
-Garten meines Vaters mit den geordneten Blumenbeeten,
-die enge Wohnung, der weite Himmel, der
-sich ringsum so traurig ausdehnte, und keine Höhe,
-keinen erhabenen Berg umarmte, alles ward mir noch
-betrübter und verhaßter. Es schien mir, als wenn
-alle Menschen um mich her in der bejammernswürdigsten
-Unwissenheit lebten, und daß alle eben so denken
-und empfinden würden, wie ich, wenn ihnen dieses
-Gefühl ihres Elendes nur ein einziges mal in ihrer
-Seele aufginge. So trieb ich mich um, bis ich an
-einem Morgen den Entschluß faßte, das Haus meiner
-Eltern auf immer zu verlassen. Ich hatte in einem
-Buche Nachrichten vom nächsten großen Gebirge gefunden,
-Abbildungen einiger Gegenden, und darnach richtete
-ich meinen Weg ein. Es war im ersten Frühlinge
-und ich fühlte mich durchaus froh und leicht. Ich
-eilte, um nur recht bald das Ebene zu verlassen, und
-an einem Abende sah ich in der Ferne die dunkeln Umrisse
-des Gebirges vor mir liegen. Ich konnte in der
-Herberge kaum schlafen, so ungeduldig war ich, die
-Gegend zu betreten, die ich für meine Heimath ansah;
-mit dem Frühesten war ich munter und wieder auf
-der Reise. Nachmittags befand ich mich schon unter
-den vielgeliebten Bergen, und wie ein Trunkner ging
-ich, stand dann eine Weile, schaute rückwärts, und
-berauschte mich in allen mir fremden und doch so wohlbekannten
-Gegenständen. Bald verlor ich die Ebene
-hinter mir aus dem Gesichte, die Waldströme rauschten
-mir entgegen, Buchen und Eichen brausten mit
-bewegtem Laube von steilen Abhängen herunter; mein
-<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
-Weg führte mich schwindlichten Abgründen vorüber,
-blaue Berge standen groß und ehrwürdig im Hintergrunde.
-Eine neue Welt war mir aufgeschlossen, ich
-wurde nicht müde. So kam ich nach einigen Tagen,
-indem ich einen großen Theil des Gebürges durchstreift
-hatte, zu einem alten Förster, der mich auf mein inständiges
-Bitten zu sich nahm, um mich in der Kunst
-der Jägerei zu unterrichten. Jezt bin ich seit drei Monaten
-in seinen Diensten. Ich nahm von der Gegend,
-in der ich meinen Aufenthalt hatte, wie von einem
-Königreiche Besitz; ich lernte jede Klippe, jede Schluft
-des Gebürges kennen, ich war in meiner Beschäftigung,
-wenn wir am frühen Morgen nach dem Walde zogen,
-wenn wir Bäume im Forste fällten, wenn ich mein
-Auge und meine Büchse übte, und die treuen Gefährten,
-die Hunde zu ihren Geschicklichkeiten abrichtete,
-überaus glücklich. Jezt sitze ich seit acht Tagen hier
-oben auf dem Vogelheerde, im einsamsten Gebürge, und
-am Abend wurde mir heut so traurig zu Sinne, wie
-noch niemals in meinem Leben; ich kam mir so verloren,
-so ganz unglückselig vor, und noch kann ich mich
-nicht von dieser trüben Stimmung erhohlen.
-</p>
-
-<p>
-Der fremde Mann hatte aufmerksam zugehört,
-indem beide durch einen dunkeln Gang des Waldes
-gewandert waren. Jezt traten sie ins Freie, und das
-Licht des Mondes, der oben mit seinen Hörnern über
-der Bergspitze stand, begrüßte sie freundlich: in unkenntlichen
-Formen und vielen gesonderten Massen, die
-der bleiche Schimmer wieder räthselhaft vereinigte, lag
-das gespaltene Gebürge vor ihnen, im Hintergrunde
-ein steiler Berg, auf welchem uralte verwitterte Ruinen
-schauerlich im weißen Lichte sich zeigten. Unser Weg
-<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
-trennt sich hier, sagte der Fremde, ich gehe in diese
-Tiefe hinunter, dort bei jenem alten Schacht ist meine
-Wohnung: die Erze sind meine Nachbarn, die Berggewässer
-erzählen mir Wunderdinge in der Nacht, dahin
-kannst du mir doch nicht folgen. Aber siehe dort den
-Runenberg mit seinem schroffen Mauerwerke, wie schön
-und anlockend das alte Gestein zu uns herblickt! Bist
-du niemals dorten gewesen? Niemals, sagte der junge
-Christian, ich hörte einmal meinen alten Förster wundersame
-Dinge von diesem Berge erzählen, die ich
-thöricht genug wieder vergessen habe; aber ich erinnere
-mich, daß mir an jenem Abend grauenhaft zu Muthe
-war. Ich möchte wohl einmal die Höhe besteigen,
-denn die Lichter sind dort am schönsten, das Gras
-muß dorten recht grün sein, die Welt umher recht seltsam,
-auch mag sichs wohl treffen, daß man noch manch
-Wunder aus der alten Zeit da oben fände.
-</p>
-
-<p>
-Es kann fast nicht fehlen, sagte jener, wer nur
-zu suchen versteht, wessen Herz recht innerlich hingezogen
-wird, der findet uralte Freunde dort und Herrlichkeiten,
-alles, was er am eifrigsten wünscht. &mdash; Mit
-diesen Worten stieg der Fremde schnell hinunter, ohne
-seinem Gefährten Lebewohl zu sagen, bald war er im
-Dickicht des Gebüsches verschwunden, und kurz nachher
-verhallte auch der Tritt seiner Füße. Der junge
-Jäger war nicht verwundert, er verdoppelte nur seine
-Schritte nach dem Runenberge zu, alles winkte ihm
-dorthin, die Sterne schienen dorthin zu leuchten, der
-Mond wies mit einer hellen Straße nach den Trümmern,
-lichte Wolken zogen hinauf, und aus der Tiefe
-redeten ihm Gewässer und rauschende Wälder zu und
-sprachen ihm Muth ein. Seine Schritte waren wie
-<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
-beflügelt, sein Herz klopfte, er fühlte eine so große Freudigkeit
-in seinem Innern, daß sie zu einer Angst empor
-wuchs. &mdash; Er kam in Gegenden, in denen er nie
-gewesen war, die Felsen wurden steiler, das Grün
-verlor sich, die kahlen Wände riefen ihn wie mit zürnenden
-Stimmen an, und ein einsam klagender Wind
-jagte ihn vor sich her. So eilte er ohne Stillstand
-fort, und kam spät nach Mitternacht auf einen schmalen
-Fußsteig, der hart an einem Abgrunde hinlief. Er
-achtete nicht auf die Tiefe, die unter ihm gähnte und
-ihn zu verschlingen drohte, so sehr spornten ihn irre
-Vorstellungen und unverständliche Wünsche. Jezt zog
-ihn der gefährliche Weg neben eine hohe Mauer hin,
-die sich in den Wolken zu verlieren schien; der Steig
-ward mit jedem Schritte schmaler, und der Jüngling
-mußte sich an vorragenden Steinen fest halten, um
-nicht hinunter zu stürzen. Endlich konnte er nicht weiter,
-der Pfad endigte unter einem Fenster, er mußte
-still stehen und wußte jezt nicht, ob er umkehren, ob
-er bleiben solle. Plötzlich sah er ein Licht, das sich
-hinter dem alten Gemäuer zu bewegen schien. Er sah
-dem Scheine nach, und entdeckte, daß er in einen
-alten geräumigen Saal blicken konnte, der wunderlich
-verziert von mancherlei Gesteinen und Kristallen in
-vielfältigen Schimmern funkelte, die sich geheimnißvoll
-von dem wandelnden Lichte durcheinander bewegten,
-welches eine große weibliche Gestalt trug, die sinnend
-im Gemache auf und nieder ging. Sie schien nicht
-den Sterblichen anzugehören, so groß, so mächtig waren
-ihre Glieder, so streng ihr Gesicht, aber doch dünkte
-dem entzückten Jünglinge, daß er noch niemals solche
-Schönheit gesehn oder geahnet habe. Er zitterte und
-<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
-wünschte doch heimlich, daß sie zum Fenster treten und
-ihn wahrnehmen möchte. Endlich stand sie still, setzte
-das Licht auf einen kristallenen Tisch nieder, schaute
-in die Höhe und sang mit durchdringlicher Stimme:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wo die Alten weilen,</p>
- <p class="line">Daß sie nicht erscheinen?</p>
- <p class="line">Die Kristallen weinen,</p>
- <p class="line">Von demantnen Säulen</p>
- <p class="line">Fließen Thränenquellen,</p>
- <p class="line">Töne klingen drein;</p>
- <p class="line">In den klaren hellen</p>
- <p class="line">Schön durchsichtgen Wellen</p>
- <p class="line">Bildet sich der Schein,</p>
- <p class="line">Der die Seelen ziehet,</p>
- <p class="line">Dem das Herz erglühet.</p>
- <p class="line">Kommt ihr Geister alle</p>
- <p class="line">Zu der goldnen Halle,</p>
- <p class="line">Hebt aus tiefen Dunkeln</p>
- <p class="line">Häupter, welche funkeln!</p>
- <p class="line">Macht der Herzen und der Geister,</p>
- <p class="line">Die so durstig sind im Sehnen,</p>
- <p class="line">Mit den leuchtend schönen Thränen</p>
- <p class="line">Allgewaltig euch zum Meister!</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Als sie geendigt hatte, fing sie an sich zu entkleiden,
-und ihre Gewänder in einen kostbaren Wandschrank
-zu legen. Erst nahm sie einen goldenen Schleier
-vom Haupte, und ein langes schwarzes Haar floß in
-geringelter Fülle bis über die Hüften hinab; dann löste
-sie das Gewand des Busens, und der Jüngling vergaß
-sich und die Welt im Anschauen der überirdischen
-Schönheit. Er wagte kaum zu athmen, als sie nach
-<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
-und nach alle Hüllen löste; nackt schritt sie endlich im
-Saale auf und nieder, und ihre schweren schwebenden
-Locken bildeten um sie her ein dunkel wogendes Meer,
-aus dem wie Marmor die glänzenden Formen des reinen
-Leibes abwechselnd hervor strahlten. Nach geraumer
-Zeit näherte sie sich einem andern goldenen Schranke,
-nahm eine Tafel heraus, die von vielen eingelegten
-Steinen, Rubinen, Diamanten und allen Juwelen
-glänzte, und betrachtete sie lange prüfend. Die Tafel
-schien eine wunderliche unverständliche Figur mit ihren
-unterschiedlichen Farben und Linien zu bilden; zuweilen
-war, nachdem der Schimmer ihm entgegen spiegelte,
-der Jüngling schmerzhaft geblendet, dann wieder besänftigten
-grüne und blau spielende Scheine sein Auge:
-er aber stand, die Gegenstände mit seinen Blicken verschlingend,
-und zugleich tief in sich selbst versunken.
-In seinem Innern hatte sich ein Abgrund von Gestalten
-und Wohllaut, von Sehnsucht und Wollust
-aufgethan, Schaaren von beflügelten Tönen und wehmüthigen
-und freudigen Melodien zogen durch sein
-Gemüth, das bis auf den Grund bewegt war: er sah
-eine Welt von Schmerz und Hoffnung in sich aufgehen,
-mächtige Wunderfelsen von Vertrauen und trotzender
-Zuversicht, große Wasserströme, wie voll Wehmuth
-fließend. Er kannte sich nicht wieder, und erschrak,
-als die Schöne das Fenster öffnete, ihm die magische
-steinerne Tafel reichte und die wenigen Worte sprach:
-Nimm dieses zu meinem Angedenken! Er faßte die
-Tafel und fühlte die Figur, die unsichtbar sogleich in
-sein Inneres überging, und das Licht und die mächtige
-Schönheit und der seltsame Saal waren verschwunden.
-Wie eine dunkele Nacht mit Wolkenvorhängen fiel es
-<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
-in sein Inneres hinein, er suchte nach seinen vorigen
-Gefühlen, nach jener Begeisterung und unbegreiflichen
-Liebe, er beschaute die kostbare Tafel, in welcher sich
-der untersinkende Mond schwach und bläulich spiegelte.
-</p>
-
-<p>
-Noch hielt er die Tafel fest in seinen Händen
-gepreßt, als der Morgen graute und er erschöpft,
-schwindelnd und halb schlafend die steile Höhe hinunter
-stürzte. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne schien dem betäubten Schläfer auf sein
-Gesicht, der sich erwachend auf einem anmuthigen Hügel
-wieder fand. Er sah umher, und erblickte weit
-hinter sich und kaum noch kennbar am äußersten Horizont
-die Trümmer des Runenberges: er suchte nach
-jener Tafel, und fand sie nirgend. Erstaunt und verwirrt
-wollte er sich sammeln und seine Erinnerungen
-anknüpfen, aber sein Gedächtniß war wie mit einem
-wüsten Nebel angefüllt, in welchem sich formlose Gestalten
-wild und unkenntlich durch einander bewegten.
-Sein ganzes voriges Leben lag wie in einer tiefen
-Ferne hinter ihm; das Seltsamste und das Gewöhnliche
-war so in einander vermischt, daß er es unmöglich
-sondern konnte. Nach langem Streite mit sich
-selbst glaubte er endlich, ein Traum oder ein plötzlicher
-Wahnsinn habe ihn in dieser Nacht befallen, nur
-begriff er immer nicht, wie er sich so weit in eine
-fremde entlegene Gegend habe verirren können.
-</p>
-
-<p>
-Noch fast schlaftrunken stieg er den Hügel hinab,
-und gerieth auf einen gebahnten Weg, der ihn vom
-Gebirge hinunter in das flache Land führte. Alles war
-ihm fremd, er glaubte anfangs, er würde in seine
-Heimath gelangen, aber er sah eine ganz verschiedene
-Gegend, und vermuthete endlich, daß er sich jenseit
-<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
-der südlichen Gränze des Gebirges befinden müsse,
-welches er im Frühling von Norden her betreten hatte.
-Gegen Mittag stand er über einem Dorfe, aus dessen
-<a id="corr-11"></a>Hütten <a id="corr-12"></a>ein friedlicher Rauch in die Höhe stieg, Kinder
-spielten auf einem grünen Platze festtäglich geputzt, und
-aus der kleinen Kirche erscholl der Orgelklang und das
-Singen der Gemeine. Alles ergriff ihn mit unbeschreiblich
-süßer Wehmuth, alles rührte ihn so herzlich,
-daß er weinen mußte. Die engen Gärten, die kleinen
-Hütten mit ihren rauchenden Schornsteinen, die gerade
-abgetheilten Kornfelder erinnerten ihn an die Bedürftigkeit
-des armen Menschengeschlechts, an seine Abhängigkeit
-vom freundlichen Erdboden, dessen Milde es
-sich vertrauen muß; dabei erfüllte der Gesang und der
-Ton der Orgel sein Herz mit einer nie gefühlten Frömmigkeit.
-Seine Empfindungen und Wünsche der Nacht
-erschienen ihm ruchlos und frevelhaft, er wollte sich
-wieder kindlich, bedürftig und demüthig an die Menschen
-wie an seine Brüder schließen, und sich von den
-gottlosen Gefühlen und Vorsätzen entfernen. Reizend
-und anlockend dünkte ihm die Ebene mit dem kleinen
-Fluß, der sich in mannichfaltigen Krümmungen um
-Wiesen und Gärten schmiegte; mit Furcht gedachte er
-an seinen Aufenthalt in dem einsamen Gebirge und
-zwischen den wüsten Steinen, er sehnte sich, in diesem
-friedlichen Dorfe wohnen zu dürfen, und trat mit
-diesen Empfindungen in die menschenerfüllte Kirche.
-</p>
-
-<p>
-Der Gesang war eben beendigt und der Priester
-hatte seine Predigt begonnen, von den Wohlthaten
-Gottes in der Erndte: wie seine Güte alles speiset
-und sättiget was lebt, wie wunderbar im Getraide
-für die Erhaltung des Menschengeschlechtes gesorgt sei,
-<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
-wie die Liebe Gottes sich unaufhörlich im Brodte mittheile
-und der andächtige Christ so ein unvergängliches
-Abendmahl gerührt feiern könne. Die Gemeine war
-erbaut, des Jägers Blicke ruhten auf dem frommen
-Redner, und bemerkten dicht neben der Kanzel ein
-junges Mädchen, das vor allen andern der Andacht
-und Aufmerksamkeit hingegeben schien. Sie war schlank
-und blond, ihr blaues Auge glänzte von der durchdringendsten
-Sanftheit, ihr Antliz war wie durchsichtig
-und in den zartesten Farben blühend. Der fremde
-Jüngling hatte sich und sein Herz noch niemals so
-empfunden, so voll Liebe und so beruhigt, so den
-stillsten und erquickendsten Gefühlen hingegeben. Er
-beugte sich weinend, als der Priester endlich den Segen
-sprach, er fühlte sich bei den heiligen Worten wie
-von einer unsichtbaren Gewalt durchdrungen, und das
-Schattenbild der Nacht in die tiefste Entfernung wie
-ein Gespenst hinab gerückt. Er verließ die Kirche,
-verweilte unter einer großen Linde, und dankte Gott
-in einem inbrünstigen Gebete, daß er ihn ohne sein
-Verdienst wieder aus den Netzen des bösen Geistes
-befreit habe.
-</p>
-
-<p>
-Das Dorf feierte an diesem Tage das Erndtefest
-und alle Menschen waren fröhlich gestimmt; die geputzten
-Kinder freuten sich auf die Tänze und Kuchen, die
-jungen Burschen richteten auf dem Platze im Dorfe,
-der von jungen Bäumen umgeben war, alles zu ihrer
-herbstlichen Festlichkeit ein, die Musikanten saßen und
-probirten ihre Instrumente. Christian ging noch einmal
-in das Feld hinaus, um sein Gemüth zu sammeln
-und seinen Betrachtungen nachzuhängen, dann
-kam er in das Dorf zurück, als sich schon alles zur
-<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
-Fröhlichkeit und zur Begehung des Festes vereiniget
-hatte. Auch die blonde Elisabeth war mit ihren Eltern
-zugegen, und der Fremde mischte sich in den frohen
-Haufen. Elisabeth tanzte, und er hatte unterdeß bald
-mit dem Vater ein Gespräch angesponnen, der ein
-Pachter war und einer der reichsten Leute im Dorfe.
-Ihm schien die Jugend und das Gespräch des fremden
-Gastes zu gefallen, und so wurden sie in kurzer Zeit
-dahin einig, daß Christian als Gärtner bei ihm einziehen
-solle. Dieser konnte es unternehmen, denn er
-hoffte, daß ihm nun die Kenntnisse und Beschäftigungen
-zu statten kommen würden, die er in seiner Heimath
-so sehr verachtet hatte.
-</p>
-
-<p>
-Jezt begann ein neues Leben für ihn. Er zog bei
-dem Pachter ein und ward zu dessen Familie gerechnet;
-mit seinem Stande veränderte er auch seine Tracht.
-Er war so gut, so dienstfertig und immer freundlich,
-er stand seiner Arbeit so fleißig vor, daß ihm bald alle
-im Hause, vorzüglich aber die Tochter, gewogen wurden.
-So oft er sie am Sonntage zur Kirche gehn
-sah, hielt er ihr einen schönen Blumenstrauß in Bereitschaft,
-für den sie ihm mit erröthender Freundlichkeit
-dankte; er vermißte sie, wenn er sie an einem
-Tage nicht sah, dann erzählte sie ihm am Abend Mährchen
-und lustige Geschichten. Sie wurden sich immer
-nothwendiger, und die Alten, welche es bemerkten,
-schienen nichts dagegen zu haben, denn Christian war
-der fleißigste und schönste Bursche im Dorfe; sie selbst
-hatten vom ersten Augenblick einen Zug der Liebe und
-Freundschaft zu ihm gefühlt. Nach einem halben Jahre
-war Elisabeth seine Gattin. Es war wieder Frühling,
-die Schwalben und die Vögel des Gesanges kamen in
-<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
-das Land, der Garten stand in seinem schönsten Schmuck,
-die Hochzeit wurde mit aller Fröhlichkeit gefeiert, Braut
-und Bräutigam schienen trunken von ihrem Glücke.
-Am Abend spät, als sie in die Kammer gingen, sagte
-der junge Gatte zu seiner Geliebten: Nein, nicht jenes
-Bild bist du, welches mich einst im Traum entzückte
-und das ich niemals ganz vergessen kann, aber doch
-bin ich glücklich in deiner Nähe und seelig in deinen
-Armen.
-</p>
-
-<p>
-Wie vergnügt war die Familie, als sie nach einem
-Jahre durch eine kleine Tochter vermehrt wurde, welche
-man Leonora nannte. Christian wurde zwar zuweilen
-etwas ernster, indem er das Kind betrachtete, aber
-doch kam seine jugendliche Heiterkeit immer wieder zurück.
-Er gedachte kaum noch seiner vorigen Lebensweise,
-denn er fühlte sich ganz einheimisch und befriedigt.
-Nach einigen Monaten fielen ihm aber seine
-Eltern in die Gedanken, und wie sehr sich besonders
-sein Vater über sein ruhiges Glück, über seinen Stand
-als Gärtner und Landmann freuen würde; es ängstigte
-ihn, daß er Vater und Mutter seit so langer Zeit ganz
-hatte vergessen können, sein eigenes Kind erinnerte ihn,
-welche Freude die Kinder den Eltern sind, und so beschloß
-er dann endlich, sich auf die Reise zu machen
-und seine Heimath wieder zu besuchen.
-</p>
-
-<p>
-Ungern verließ er seine Gattin; alle wünschten ihm
-Glück, und er machte sich in der schönen Jahreszeit
-zu Fuß auf den Weg. Er fühlte schon nach wenigen
-Stunden, wie ihn das Scheiden peinige, zum erstenmal
-empfand er in seinem Leben die Schmerzen der
-Trennung; die fremden Gegenstände erschienen ihm
-fast wild, ihm war, als sei er in einer feindseligen
-<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
-Einsamkeit verloren. Da kam ihm der Gedanke, daß
-seine Jugend vorüber sei, daß er eine Heimath gefunden,
-der er angehöre, in die sein Herz Wurzel geschlagen
-habe; er wollte fast den verlornen Leichtsinn
-der vorigen Jahre beklagen, und es war ihm äußerst
-trübselig zu Muthe, als er für die Nacht auf einem
-Dorfe in dem Wirthshause einkehren mußte. Er
-begriff nicht, warum er sich von seiner freundlichen
-Gattin und den erworbenen Eltern entfernt habe, und
-verdrießlich und murrend machte er sich am Morgen
-auf den Weg, um seine Reise fortzusetzen.
-</p>
-
-<p>
-Seine Angst nahm zu, indem er sich dem Gebirge
-näherte, die fernen Ruinen wurden schon sichtbar
-und traten nach und nach kenntlicher hervor, viele
-Bergspitzen hoben sich abgeründet aus dem blauen Nebel.
-Sein Schritt wurde zaghaft, er blieb oft stehen
-und verwunderte sich über seine Furcht, über die
-Schauer, die ihm mit jedem Schritte gedrängter nahe
-kamen. Ich kenne dich Wahnsinn wohl, rief er aus,
-und dein gefährliches Locken, aber ich will dir männlich
-widerstehn! Elisabeth ist kein schnöder Traum, ich
-weiß, daß sie jezt an mich denkt, daß sie auf mich
-wartet und liebevoll die Stunden meiner Abwesenheit
-zählt. Sehe ich nicht schon Wälder wie schwarze Haare
-vor mir? Schauen nicht aus dem Bache die blitzenden
-Augen nach mir her? Schreiten die großen Glieder
-nicht aus den Bergen auf mich zu? &mdash; Mit diesen
-Worten wollte er sich um auszuruhen unter einen
-Baum nieder werfen, als er im Schatten desselben
-einen alten Mann sitzen sah, der mit der größten Aufmerksamkeit
-eine Blume betrachtete, sie bald gegen die
-<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
-Sonne hielt, bald wieder mit seiner Hand beschattete,
-ihre Blätter zählte, und überhaupt sich bemühte, sie
-seinem Gedächtnisse genau einzuprägen. Als er näher
-ging, erschien ihm die Gestalt bekannt, und bald blieb
-ihm kein Zweifel übrig, daß der Alte mit der Blume
-sein Vater sei. Er stürzte ihm mit dem Ausdruck der
-heftigsten Freude in die Arme; jener war vergnügt,
-aber nicht überrascht, ihn so plötzlich wieder zu sehen.
-Kömmst du mir schon entgegen, mein Sohn? sagte
-der Alte, ich wußte, daß ich dich bald finden würde,
-aber ich glaubte nicht, daß mir schon am heutigen
-Tage die Freude widerfahren sollte. &mdash; Woher wußtet
-ihr, Vater, daß ihr mich antreffen würdet? &mdash; An
-dieser Blume, sprach der alte Gärtner; seit ich lebe, habe
-ich mir gewünscht, sie einmal sehen zu können, aber
-niemals ist es mir so gut geworden, weil sie sehr selten
-ist, und nur in Gebirgen wächst: ich machte mich
-auf dich zu suchen, weil deine Mutter gestorben ist
-und mir zu Hause die Einsamkeit zu drückend und
-trübselig war. Ich wußte nicht, wohin ich meinen
-Weg richten sollte, endlich wanderte ich durch das
-Gebirge, so traurig mir auch die Reise vorkam; ich
-suchte beiher nach der Blume, konnte sie aber nirgends
-entdecken, und nun finde ich sie ganz unvermuthet hier,
-wo schon die schöne Ebene sich ausstreckt; daraus wußte
-ich, daß ich dich bald finden mußte, und sieh, wie
-die liebe Blume mir geweissagt hat! Sie umarmten
-sich wieder, und Christian beweinte seine Mutter; der
-Alte aber faßte seine Hand und sagte: laß uns gehen,
-daß wir die Schatten des Gebirges bald aus den Augen
-verlieren, mir ist immer noch weh ums Herz von
-den steilen wilden Gestalten, von dem gräßlichen Geklüft,
-<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
-von den schluchzenden Wasserbächen; laß uns
-das gute, fromme, ebene Land besuchen.
-</p>
-
-<p>
-Sie wanderten zurück, und Christian ward wieder
-froher. Er erzählte seinem Vater von seinem neuen
-Glücke, von seinem Kinde und seiner Heimath; sein
-Gespräch machte ihn selbst wie trunken, und er fühlte
-im Reden erst recht, wie nichts mehr zu seiner Zufriedenheit
-ermangle. So kamen sie unter Erzählungen,
-traurigen und fröhlichen, in dem Dorfe an. Alle waren
-über die frühe Beendigung der Reise vergnügt,
-am meisten Elisabeth. Der alte Vater zog zu ihnen,
-und gab sein kleines Vermögen in ihre Wirthschaft;
-sie bildeten den zufriedensten und einträchtigsten Kreis
-von Menschen. Der Acker gedieh, der Viehstand mehrte
-sich, Christians Haus wurde in wenigen Jahren eins
-der ansehnlichsten im Orte; auch sah er sich bald als
-den Vater von mehreren Kindern.
-</p>
-
-<p>
-Fünf Jahre waren auf diese Weise verflossen, als
-ein Fremder auf seiner Reise in ihrem Dorfe einkehrte,
-und in Christians Hause, weil es die ansehnlichste
-Wohnung war, seinen Aufenthalt nahm. Er war ein
-freundlicher, gesprächiger Mann, der vieles von seinen
-Reisen erzählte, der mit den Kindern spielte und ihnen
-Geschenke machte, und dem in kurzem alle gewogen
-waren. Es gefiel ihm so wohl in der Gegend, daß
-er sich einige Tage hier aufhalten wollte; aber aus
-den Tagen wurden Wochen, und endlich Monate.
-Keiner wunderte sich über die Verzögerung, denn alle
-hatten sich schon daran gewöhnt, ihn mit zur Familie
-zu zählen. Christian saß nur oft nachdenklich, denn
-es kam ihm vor, als kenne er den Reisenden schon
-von ehemals, und doch konnte er sich keiner Gelegenheit
-<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
-erinnern, bei welcher er ihn gesehen haben möchte.
-Nach dreien Monaten nahm der Fremde endlich Abschied
-und sagte: Lieben Freunde, ein wunderbares
-Schicksal und seltsame Erwartungen treiben mich in
-das nächste Gebirge hinein, ein zaubervolles Bild, dem
-ich nicht widerstehen kann, lockt mich; ich verlasse euch
-jezt, und ich weiß nicht, ob ich wieder zu euch zurück
-kommen werde; ich habe eine Summe Geldes
-bei mir, die in euren Händen sicherer ist als in den
-meinigen, und deshalb bitte ich euch, sie zu verwahren;
-komme ich in Jahresfrist nicht zurück, so behaltet
-sie, und nehmet sie als einen Dank für eure mir bewiesene
-Freundschaft an.
-</p>
-
-<p>
-So reiste der Fremde ab, und Christian nahm das
-Geld in Verwahrung. Er verschloß es sorgfältig und
-sah aus übertriebener Aengstlichkeit zuweilen wieder nach,
-zählte es über, ob nichts daran fehle, und machte sich
-viel damit zu thun. Diese Summe könnte uns recht
-glücklich machen, sagte er einmal zu seinem Vater,
-wenn der Fremde nicht zurück kommen sollte, für uns
-und unsre Kinder wäre auf immer gesorgt. Laß das
-Gold, sagte der Alte, darinne liegt das Glück nicht, uns
-hat bisher noch gottlob nichts gemangelt, und entschlage
-dich überhaupt dieser Gedanken.
-</p>
-
-<p>
-Oft stand Christian in der Nacht auf, um die
-Knechte zur Arbeit zu wecken und selbst nach allem zu
-sehn; der Vater war besorgt, daß er durch übertriebenen
-Fleiß seiner Jugend und Gesundheit schaden möchte:
-daher machte er sich in einer Nacht auf, um ihn zu
-ermahnen, seine übertriebene Thätigkeit einzuschränken,
-als er ihn zu seinem Erstaunen bei einer kleinen Lampe
-am Tische sitzend fand, indem er wieder mit der größten
-<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
-Aemsigkeit die Goldstücke zählte. Mein Sohn, sagte
-der Alte mit Schmerzen, soll es dahin mit dir kommen,
-ist dieses verfluchte Metall nur zu unserm Unglück
-unter dieses Dach gebracht? Besinne dich, mein
-Lieber, so muß dir der böse Feind Blut und Leben
-verzehren. &mdash; Ja, sagte Christian, ich verstehe mich
-selber nicht mehr, weder bei Tage noch in der Nacht
-läßt es mir Ruhe; seht, wie es mich jezt wieder anblickt,
-daß mir der rothe Glanz tief in mein Herz
-hinein geht! Horcht, wie es klingt, dies güldene Blut!
-das ruft mich, wenn ich schlafe, ich höre es, wenn
-Musik tönt, wenn der Wind bläst, wenn Leute auf
-der Gasse sprechen; scheint die Sonne, so sehe ich nur
-diese gelben Augen, wie es mir zublinzelt, und mir
-heimlich ein Liebeswort ins Ohr sagen will: so muß
-ich mich wohl nächtlicher Weise aufmachen, um nur
-seinem Liebesdrang genug zu thun, und dann fühle ich
-es innerlich jauchzen und frohlocken, wenn ich es mit
-meinen Fingern berühre, es wird vor Freuden immer
-röther und herrlicher; schaut nur selbst die Glut der
-Entzückung an! &mdash; Der Greis nahm schaudernd und
-weinend den Sohn in seine Arme, betete und sprach
-dann: Christel, du mußt dich wieder zum Worte Gottes
-wenden, du mußt fleißiger und andächtiger in die
-Kirche gehen, sonst wirst du verschmachten und im
-traurigsten Elende dich verzehren.
-</p>
-
-<p>
-Das Geld wurde wieder weggeschlossen, Christian
-versprach sich zu ändern und in sich zu gehn, und der
-Alte ward beruhigt. Schon war ein Jahr und mehr
-vergangen, und man hatte von dem Fremden noch
-nichts wieder in Erfahrung bringen können; der Alte
-gab nun endlich den Bitten seines Sohnes nach, und
-<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
-das zurückgelassene Geld wurde in Ländereien und auf
-andere Weise angelegt. Im Dorfe wurde bald von
-dem Reichthum des jungen Pachters gesprochen, und
-Christian schien außerordentlich zufrieden und vergnügt,
-so daß der Vater sich glücklich pries, ihn so wohl und
-heiter zu sehn: alle Furcht war jezt in seiner Seele
-verschwunden. Wie sehr mußte er daher erstaunen,
-als ihn an einem Abend Elisabeth beiseit nahm und
-unter Thränen erzählte, wie sie ihren Mann nicht
-mehr verstehe, er spreche so irre, vorzüglich des Nachts,
-er träume schwer, gehe oft im Schlafe lange in der
-Stube herum, ohne es zu wissen, und erzähle wunderbare
-Dinge, vor denen sie oft schaudern müsse. Am
-schrecklichsten sei ihr seine Lustigkeit am Tage, denn
-sein Lachen sei so wild und frech, sein Blick irre und
-fremd. Der Vater erschrak und die betrübte Gattin
-fuhr fort: Immer spricht er von dem Fremden, und
-behauptet, daß er ihn schon sonst gekannt habe, denn
-dieser fremde Mann sei eigentlich ein wunderschönes
-Weib; auch will er gar nicht mehr auf das Feld hinaus
-gehn oder im Garten arbeiten, denn er sagt, er
-höre ein unterirdisches fürchterliches Aechzen, so wie er
-nur eine Wurzel ausziehe; er fährt zusammen und
-scheint sich vor allen Pflanzen und Kräutern wie vor
-Gespenstern zu entsetzen. &mdash; Allgütiger Gott! rief der
-Vater aus, ist der fürchterliche Hunger in ihn schon
-so fest hinein gewachsen, daß es dahin hat kommen
-können? So ist sein verzaubertes Herz nicht menschlich
-mehr, sondern von kaltem Metall; wer keine Blume
-mehr liebt, dem ist alle Liebe und Gottesfurcht verloren.
-</p>
-
-<p>
-Am folgenden Tage ging der Vater mit dem Sohne
-spazieren, und sagte ihm manches wieder, was er von
-<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
-Elisabeth gehört hatte; er ermahnte ihn zur Frömmigkeit,
-und daß er seinen Geist heiligen Betrachtungen
-widmen solle. Christian sagte: gern, Vater, auch ist
-mir oft ganz wohl, und es gelingt mir alles gut; ich
-kann auf lange Zeit, auf Jahre, die wahre Gestalt
-meines Innern vergessen, und gleichsam ein fremdes
-Leben mit Leichtigkeit führen: dann geht aber plötzlich
-wie ein neuer Mond das regierende Gestirn, welches
-ich selber bin, in meinem Herzen auf, und besiegt die
-fremde Macht. Ich könnte ganz froh seyn, aber einmal,
-in einer seltsamen Nacht, ist mir durch die Hand
-ein geheimnißvolles Zeichen tief in mein Gemüth hinein
-geprägt; oft schläft und ruht die magische Figur,
-ich meine sie ist vergangen, aber dann quillt sie wie
-ein Gift plötzlich wieder hervor, und wegt sich in allen
-Linien. Dann kann ich sie nur denken und fühlen,
-und alles umher ist verwandelt, oder vielmehr von
-dieser Gestaltung verschlungen worden. Wie der Wahnsinnige
-beim Anblick des Wassers sich entsetzt, und das
-empfangene Gift noch giftiger in ihm wird, so geschieht
-es mir bei allen eckigen Figuren, bei jeder Linie, bei
-jedem Strahl, alles will dann die inwohnende Gestalt
-entbinden und zur Geburt befördern, und mein Geist
-und Körper fühlt die Angst; wie sie das Gemüth durch
-ein Gefühl von außen empfing, so will es sie dann
-wieder quälend und ringend zum äußern Gefühl hinaus
-arbeiten, um ihrer los und ruhig zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Ein unglückliches Gestirn war es, sprach der Alte,
-das dich von uns hinweg zog; du warst für ein stilles
-Leben geboren, dein Sinn neigte sich zur Ruhe und
-zu den Pflanzen, da führte dich deine Ungeduld hinweg,
-in die Gesellschaft der verwilderten Steine: die
-<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
-Felsen, die zerrissenen Klippen mit ihren schroffen Gestalten
-haben dein Gemüth zerrüttet, und den verwüstenden
-Hunger nach dem Metall in dich gepflanzt.
-Immer hättest du dich vor dem Anblick des Gebirges
-hüten und bewahren müssen, und so dachte ich dich
-auch zu erziehen, aber es hat nicht seyn sollen. Deine
-Demuth, deine Ruhe, dein kindlicher Sinn ist von
-Trotz, Wildheit und Uebermuth verschüttet.
-</p>
-
-<p>
-Nein, sagte der Sohn, ich erinnere mich ganz
-deutlich, daß mir eine Pflanze zuerst das Unglück der
-ganzen Erde bekannt gemacht hat, seitdem verstehe ich erst
-die Seufzer und Klagen, die allenthalben in der ganzen
-Natur vernehmbar sind, wenn man nur darauf
-hören will; in den Pflanzen, Kräutern, Blumen und
-Bäumen regt und bewegt sich schmerzhaft nur eine
-große Wunde, sie sind der Leichnam vormaliger herrlicher
-Steinwelten, sie bieten unserm Auge die schrecklichste
-Verwesung dar. Jezt verstehe ich es wohl, daß
-es dies war, was mir jene Wurzel mit ihrem tiefgeholten
-Aechzen sagen wollte, sie vergaß sich in ihrem
-Schmerze und verrieth mir alles. Darum sind alle
-grünen Gewächse so erzürnt auf mich, und stehn mir
-nach dem Leben; sie wollen jene geliebte Figur in meinem
-Herzen auslöschen, und in jedem Frühling mit
-ihrer verzerrten Leichenmiene meine Seele gewinnen.
-Unerlaubt und tückisch ist es, wie sie dich, alter Mann,
-hintergangen haben, denn von deiner Seele haben sie
-gänzlich Besitz genommen. Frage nur die Steine, du
-wirst erstaunen, wenn du sie reden hörst.
-</p>
-
-<p>
-Der Vater sah ihn lange an, und konnte ihm
-nichts mehr antworten. Sie gingen schweigend zurück
-nach Hause, und der Alte mußte sich jezt ebenfalls
-<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
-vor der Lustigkeit seines Sohnes entsetzen, denn sie
-dünkte ihm ganz fremdartig, und als wenn ein andres
-Wesen aus ihm, wie aus einer Maschine, unbeholfen
-und ungeschickt heraus spiele. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Das Erndtefest sollte wieder gefeiert werden, die
-Gemeine ging in die Kirche, und auch Elisabeth zog
-sich mit den Kindern an, um dem Gottesdienste beizuwohnen;
-ihr Mann machte auch Anstalten, sie zu
-begleiten, aber noch vor der Kirchenthür kehrte er um,
-und ging tiefsinnend vor das Dorf hinaus. Er setzte
-sich auf die Anhöhe, und sahe wieder die rauchenden
-Dächer unter sich, er hörte den Gesang und Orgelton
-von der Kirche her, geputzte Kinder tanzten und spielten
-auf dem grünen Rasen. Wie habe ich mein Leben
-in einem Traume verloren! sagte er zu sich selbst;
-Jahre sind verflossen, daß ich von hier hinunter stieg,
-unter die Kinder hinein; die damals hier spielten,
-sind heute dort ernsthaft in der Kirche; ich trat auch
-in das Gebäude, aber heut ist Elisabeth nicht mehr
-ein blühendes kindliches Mädchen, ihre Jugend ist vorüber,
-ich kann nicht mit der Sehnsucht wie damals
-den Blick ihrer Augen aufsuchen: so habe ich muthwillig
-ein hohes ewiges Glück aus der Acht gelassen,
-um ein vergängliches und zeitliches zu gewinnen.
-</p>
-
-<p>
-Er ging sehnsuchtsvoll nach dem benachbarten Walde,
-und vertiefte sich in seine dichtesten Schatten. Eine
-schauerliche Stille umgab ihn, keine Luft rührte sich in
-den Blättern. Indem sah er einen Mann von ferne
-auf sich zukommen, den er für den Fremden erkannte;
-er erschrak, und sein erster Gedanke war, jener würde
-sein Geld von ihm zurück fordern. Als die Gestalt
-etwas näher kam, sah er, wie sehr er sich geirrt hatte,
-<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
-denn die Umrisse, welche er wahrzunehmen gewähnt,
-zerbrachen wie in sich selber; ein altes Weib von der
-äußersten Häßlichkeit kam auf ihn zu, sie war in
-schmuzige Lumpen gekleidet, ein zerrissenes Tuch hielt
-einige greise Haare zusammen, sie hinkte an einer
-Krücke. Mit fürchterlicher Stimme redete sie Christian
-an, und fragte nach seinem Namen und Stande; er
-antwortete ihr umständlich und sagte darauf: aber wer
-bist du? Man nennt mich das Waldweib, sagte jene,
-und jedes Kind weiß von mir zu erzählen; hast
-du mich niemals gekannt? Mit den letzten Worten
-wandte sie sich um, und Christian glaubte zwischen
-den Bäumen den goldenen Schleier, den hohen Gang,
-den mächtigen Bau der Glieder wieder zu erkennen.
-Er wollte ihr nacheilen, aber seine Augen fanden sie
-nicht mehr.
-</p>
-
-<p>
-Indem zog etwas Glänzendes seine Blicke in das
-grüne Gras nieder. Er hob es auf und sahe die magische
-Tafel mit den farbigen Edelgesteinen, mit der
-seltsamen Figur wieder, die er vor so manchem Jahr
-verloren hatte. Die Gestalt und die bunten Lichter
-drückten mit der plötzlichsten Gewalt auf alle seine
-Sinne. Er faßte sie recht fest an, um sich zu überzeugen,
-daß er sie wieder in seinen Händen halte, und
-eilte dann damit nach dem Dorfe zurück. Der Vater
-begegnete ihm. Seht, rief er ihm zu, das, wovon
-ich euch so oft erzählt habe, was ich nur im Traum
-zu sehn glaubte, ist jezt gewiß und wahrhaftig mein.
-Der Alte betrachtete die Tafel lange und sagte: mein
-Sohn, mir schaudert recht im Herzen, wenn ich die
-Lineamente dieser Steine betrachte und ahnend den
-Sinn dieser Wortfügung errathe; sieh her, wie kalt
-<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
-sie funkeln, welche grausame Blicke sie von sich geben,
-blutdürstig, wie das rothe Auge des Tiegers. Wirf
-diese Schrift weg, die dich kalt und grausam macht,
-die dein Herz versteinern muß:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Sieh die zarten Blüthen keimen,</p>
- <p class="line">Wie sie aus sich selbst erwachen,</p>
- <p class="line">Und wie Kinder aus den Träumen</p>
- <p class="line">Dir entgegen lieblich lachen.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ihre Farbe ist im Spielen</p>
- <p class="line">Zugekehrt der goldnen Sonne,</p>
- <p class="line">Deren heißen Kuß zu fühlen,</p>
- <p class="line">Das ist ihre höchste Wonne:</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">An den Küssen zu verschmachten,</p>
- <p class="line">Zu vergehn in Lieb&rsquo; und Wehmuth;</p>
- <p class="line">Also stehn, die eben lachten,</p>
- <p class="line">Bald verwelkt in stiller Demuth.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Das ist ihre höchste Freude,</p>
- <p class="line">Im Geliebten sich verzehren,</p>
- <p class="line">Sich im Tode zu verklären,</p>
- <p class="line">Zu vergehn in süßem Leide.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Dann ergießen sie die Düfte,</p>
- <p class="line">Ihre Geister, mit Entzücken,</p>
- <p class="line">Es berauschen sich die Lüfte</p>
- <p class="line">Im balsamischen Erquicken.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Liebe kommt zum Menschenherzen,</p>
- <p class="line">Regt die goldnen Saitenspiele,</p>
- <p class="line">Und die Seele spricht: ich fühle</p>
- <p class="line">Was das Schönste sei, wonach ich ziele,</p>
- <p class="line">Wehmuth, Sehnsucht und der Liebe Schmerzen.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
-Wunderbare, unermeßliche Schätze, antwortete der
-Sohn, muß es noch in den Tiefen der Erde geben.
-Wer diese ergründen, heben und an sich reißen könnte!
-Wer die Erde so wie eine geliebte Braut an sich zu
-drücken vermöchte, daß sie ihm in Angst und Liebe
-gern ihr Kostbarstes gönnte! Das Waldweib hat mich
-gerufen, ich gehe sie zu suchen. Hier neben an ist
-ein alter verfallener Schacht, schon vor Jahrhunderten
-von einem Bergmanne ausgegraben; vielleicht, daß ich
-sie dort finde!
-</p>
-
-<p>
-Er eilte fort. Vergeblich strebte der Alte, ihn
-zurück zu halten, jener war seinen Blicken bald entschwunden.
-Nach einigen Stunden, nach vieler Anstrengung
-gelangte der Vater an den alten Schacht;
-<a id="corr-13"></a>er sah die Fußstapfen im Sande am Eingange eingedrückt,
-und kehrte weinend um, in der Ueberzeugung,
-daß sein Sohn im Wahnsinn hinein gegangen, und in
-alte gesammelte Wässer und Untiefen versunken sei.
-</p>
-
-<p>
-Seitdem war er unaufhörlich betrübt und in Thränen.
-Das ganze Dorf trauerte um den jungen Pachter,
-Elisabeth war untröstlich, die Kinder jammerten
-laut. Nach einem halben Jahre war der alte Vater
-gestorben, Elisabeths Eltern folgten ihm bald nach, und
-sie mußte die große Wirthschaft allein verwalten. Die
-angehäuften Geschäfte entfernten sie etwas von ihrem
-Kummer, die Erziehung der Kinder, die Bewirthschaftung
-des Gutes ließen ihr für Sorge und Gram keine
-Zeit übrig. So entschloß sie sich nach zwei Jahren zu
-einer neuen Heirath, sie gab ihre Hand einem jungen
-heitern Manne, der sie von Jugend auf geliebt hatte.
-Aber bald gewann alles im Hause eine andre Gestalt.
-Das Vieh starb, Knechte und Mägde waren untreu,
-<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
-Scheuren mit Früchten wurden vom Feuer verzehrt,
-Leute in der Stadt, bei welchen Summen standen,
-entwichen mit dem Gelde. Bald sah sich der Wirth
-genöthigt, einige Aecker und Wiesen zu verkaufen;
-aber ein Mißwachs und theures Jahr brachten ihn nur
-in neue Verlegenheit. Es schien nicht anders, als
-wenn das so wunderbar erworbene Geld auf allen
-Wegen eine schleunige Flucht suchte; indessen mehrten
-sich die Kinder, und Elisabeth sowohl als ihr Mann
-wurden in der Verzweiflung unachtsam und saumselig;
-er suchte sich zu zerstreuen, und trank häufigen und starken
-Wein, der ihn verdrießlich und jähzornig machte, so daß
-oft Elisabeth mit heißen Zähren ihr Elend beweinte.
-So wie ihr Glück wich, zogen sich auch die Freunde
-im Dorfe von ihnen zurück, so daß sie sich nach einigen
-Jahren ganz verlassen sahn, und sich nur mit
-Mühe von einer Woche zur andern hinüber fristeten.
-</p>
-
-<p>
-Es waren ihnen nur wenige Schaafe und eine
-Kuh übrig geblieben, welche Elisabeth oft selber mit
-den Kindern hütete. So saß sie einst mit ihrer Arbeit
-auf dem Anger, Leonore zu ihrer Seite und ein säugendes
-Kind an der Brust, als sie von ferne herauf
-eine wunderbare Gestalt kommen sahen. Es war ein
-Mann in einem ganz zerrissenen Rocke, barfüßig, sein
-Gesicht schwarzbraun von der Sonne verbrannt, von
-einem langen struppigen Bart noch mehr entstellt; er
-trug keine Bedeckung auf dem Kopf, hatte aber von
-grünem Laube einen Kranz durch sein Haar geflochten,
-welcher sein wildes Ansehn noch seltsamer und unbegreiflicher
-machte. Auf dem Rücken trug er in einem
-festgeschnürten Sack eine schwere Ladung, im Gehen
-stützte er sich auf eine junge Fichte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
-Als er näher kam, setzte er seine Last nieder, und
-holte schwer Athem. Er bot der Frau guten Tag,
-die sich vor seinem Anblicke entsetzte, das Mädchen
-schmiegte sich an ihre Mutter. Als er ein wenig geruht
-hatte, sagte er: nun komme ich von einer sehr
-beschwerlichen Wanderschaft aus dem rauhesten Gebirge
-auf Erden, aber ich habe dafür auch endlich die kostbarsten
-Schätze mitgebracht, die die Einbildung nur
-denken oder das Herz sich wünschen kann. Seht hier,
-und erstaunt! &mdash; Er öffnete hierauf seinen Sack und
-schüttete ihn aus; dieser war voller Kiesel, unter denen
-große Stücke Quarz, nebst andern Steinen lagen. Es
-ist nur, fuhr er fort, daß diese Juwelen noch nicht
-polirt und geschliffen sind, darum fehlt es ihnen noch
-an Auge und Blick; das äußerliche Feuer mit seinem
-Glanze ist noch zu sehr in ihren inwendigen Herzen
-begraben, aber man muß es nur herausschlagen, daß
-sie sich fürchten, daß keine Verstellung ihnen mehr nützt,
-so sieht man wohl, wes Geistes Kind sie sind. &mdash;
-Er nahm mit diesen Worten einen harten Stein und
-schlug ihn heftig gegen einen andern, so daß die rothen
-Funken heraussprangen. Habt ihr den Glanz gesehen?
-rief er aus; so sind sie ganz Feuer und Licht, sie erhellen
-das Dunkel mit ihrem Lachen, aber noch thun sie
-es nicht freiwillig. &mdash; Er packte hierauf alles wieder
-<a id="corr-14"></a>sorgfältig in seinen Sack, welchen er fest zusammen
-schnürte. Ich kenne dich recht gut, sagte er dann
-wehmüthig, du bist Elisabeth. &mdash; Die Frau erschrak.
-Wie ist dir doch mein Name bekannt, fragte sie mit
-ahnendem Zittern. &mdash; Ach, lieber Gott! sagte der
-Unglückselige, ich bin ja der Christian, der einst als
-Jäger zu euch kam, kennst du mich denn nicht mehr?
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
-Sie wußte nicht, was sie im Erschrecken und tiefsten
-Mitleiden sagen sollte. Er fiel ihr um den Hals,
-und küßte sie. Elisabeth rief aus: O Gott! mein
-Mann kommt!
-</p>
-
-<p>
-Sei ruhig, sagte er, ich bin dir so gut wie gestorben;
-dort im Walde wartet schon meine Schöne, die
-Gewaltige, auf mich, die mit dem goldenen Schleier
-geschmückt ist. Dieses ist mein liebstes Kind, Leonore.
-Komm her, mein theures, liebes Herz, und gieb mir
-auch einen Kuß, nur einen einzigen, daß ich einmal
-wieder deinen Mund auf meinen Lippen fühle, dann
-will ich euch verlassen.
-</p>
-
-<p>
-Leonore weinte; sie schmiegte sich an ihre Mutter,
-die in Schluchzen und Thränen sie halb zum Wandrer
-lenkte, halb zog sie dieser zu sich, nahm sie in die
-Arme, und drückte sie an seine Brust. &mdash; Dann
-ging er still fort, und im Walde sahen sie ihn mit
-dem entsetzlichen Waldweibe sprechen.
-</p>
-
-<p>
-Was ist euch? fragte der Mann, als er Mutter
-und Tochter blaß und in Thränen aufgelöst fand.
-Keiner wollte ihm Antwort geben.
-</p>
-
-<p>
-Der Unglückliche ward aber seitdem nicht wieder
-gesehen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash;&mdash;&mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Manfred endigte und sah auf: ich merke, sagte
-er, meine Zuhörer, noch auffallender aber meine Zuhörerinnen,
-sind blaß geworden.
-</p>
-
-<p>
-Gewiß, sagte Emilie, denn der Schluß ist zu
-schrecklich; es ist aber dem Vorleser nicht besser ergangen,
-denn er hat während seinem Vortrage mehr als
-einmal die Farbe gewechselt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
-Vielleicht, sagte Lothar, kann die Erzählung, die
-ich ihnen nun vorzutragen habe, durch ihr grelles Colorit
-jene zu trübe Empfindung unterbrechen, wenn
-auch nicht erheitern. Ich erbitte mir also einige Aufmerksamkeit
-für den Inhalt dieser Blätter.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-7">
-<span class="line1">Liebeszauber.</span><br />
-<span class="line2">1811.</span>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">T</span>ief denkend saß Emil an seinem Tische und erwartete
-<a id="corr-15"></a>seinen Freund Roderich. Das Licht brannte vor ihm,
-der Winterabend war kalt, und er wünschte heut seinen
-Reisegefährten herbei, so gern er wohl sonst dessen
-Gesellschaft vermied; denn an diesem Abend wollte er
-ihm ein Geheimniß entdecken und sich Rath von ihm
-erbitten. Der menschenscheue Emil fand bei allen Geschäften
-und Vorfällen des Lebens so viele Schwierigkeiten,
-so unübersteigliche Hindernisse, daß ihm das
-Schicksal fast in einer ironischen Laune diesen Roderich
-zugeführt zu haben schien, der in allen Dingen das
-Gegentheil seines Freundes zu nennen war. Unstät,
-flatterhaft, von jedem ersten Eindruck bestimmt und begeistert,
-unternahm er alles, wußte für alles Rath,
-war ihm keine Unternehmung zu schwierig, konnte ihn
-kein Hinderniß abschrecken: aber im Verlaufe eines
-Geschäftes ermüdete und erlahmte er eben so schnell,
-als er anfangs elastisch und begeistert gewesen war,
-<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
-alles was ihn dann hinderte, war für ihn kein Sporn,
-seinen Eifer zu vermehren, sondern es veranlaßte ihn
-nur, das zu verachten, was er so hitzig unternommen
-hatte, so daß Roderich alle seine Plane eben so ohne
-Ursach liegen ließ und saumselig vergaß, als er sie unbesonnen
-unternommen hatte. Daher verging kein Tag,
-daß beide Freunde nicht in Krieg geriethen, der ihrer
-Freundschaft den Tod zu drohen schien, doch war vielleicht
-dasjenige, was sie dem Anscheine nach trennte,
-nur das, was sie am innigsten verband; beide liebten
-sich herzlich, aber beide fanden eine große Genugthuung
-darin, daß einer über den andern die gegründetsten Klagen
-führen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Emil, ein reicher junger Mann von reizbarem und
-melankolischem Temperament, war nach dem Tode seiner
-Eltern Herr seines Vermögens; er hatte eine Reise angetreten,
-um sich auszubilden, befand sich aber nun
-schon seit einigen Monaten in einer ansehnlichen Stadt,
-die Freuden des Carnevals zu genießen, um welche er
-sich niemals bemühte, um bedeutende Verabredungen
-über sein Vermögen mit Verwandten zu treffen, die
-er kaum noch besucht hatte. Unterwegs war er auf
-den unsteten allzubeweglichen Roderich gestoßen, der mit
-seinen Vormündern in Unfrieden lebte, und um sich
-ganz von diesen und ihren lästigen Vermahnungen los
-zu machen, begierig die Gelegenheit ergriff, welche ihm
-sein neuer Freund anbot, ihn als Gefährten auf seiner
-Reise mitzunehmen. Auf dem Wege hatten sie sich
-schon oft wieder trennen wollen, aber beide hatten in
-jeder Streitigkeit nur um so deutlicher gefühlt, wie
-unentbehrlich sie sich wären. Kaum waren sie in einer
-<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
-Stadt aus dem Wagen gestiegen, so hatte Roderich
-schon alle Merkwürdigkeiten des Orts gesehen, um sie
-am folgenden Tage zu vergessen, während Emil sich
-eine Woche aus Büchern gründlich vorbereitete, um
-nichts aus der Acht zu lassen, wovon er doch nachher
-aus Trägheit vieles seiner Aufmerksamkeit nicht würdigte;
-Roderich hatte gleich tausend Bekanntschaften
-gemacht und alle öffentlichen Oerter besucht, führte auch
-nicht selten seine neu erworbenen Freunde auf Emils
-einsames Zimmer, wo er diesen dann mit ihnen allein
-ließ, wenn sie anfingen ihm Langeweile zu machen.
-Eben so oft brachte er den bescheidenen Emil in Verlegenheit,
-wenn er dessen Verdienste und Kenntnisse
-gegen Gelehrte und einsichtsvolle Männer über die Gebühr
-erhob, und diesen zu verstehn gab, wie vieles
-sie in Sprachen, Alterthümern, oder Kunstkenntnissen
-von seinem Freunde lernen könnten, ob er gleich selbst
-niemals die Zeit finden konnte, über diese Gegenstände
-seinen Gefährten anzuhören, wenn sich das Gespräch
-dahin lenkte. War nun Emil einmal zur Thätigkeit
-aufgelegt, so konnte er fast darauf rechnen, daß sein
-schwärmender Freund sich in der Nacht auf einem Balle,
-oder einer Schlittenfarth erkältet habe, und das Bett
-hüten müsse, so daß Emil in Gesellschaft des lebendigsten,
-unruhigsten und mittheilsamsten aller Menschen
-in der größten Einsamkeit lebte.
-</p>
-
-<p>
-Heute erwartete ihn Emil gewiß, weil er ihm das
-feierliche Versprechen hatte geben müssen, den Abend
-mit ihm zuzubringen, um zu erfahren, was schon seit
-Wochen seinen tiefsinnigen Freund gedrückt und beängstigt
-habe. Emil schrieb indeß folgende Verse nieder.
-</p>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
- <p class="line">Wie lieb und hold ist Frühlingsleben,</p>
- <p class="line">Wenn alle Nachtigallen singen,</p>
- <p class="line">Und wie die Tön&rsquo; in Bäumen klingen,</p>
- <p class="line">In Wonne Laub und Blüthen beben.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wie schön im goldnen Mondenscheine</p>
- <p class="line">Das Spiel der lauen Abendlüfte,</p>
- <p class="line">Die, auf den Flügeln Lindendüfte,</p>
- <p class="line">Sich jagen durch die stillen Haine.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wie herrlich glänzt die Rosenpracht,</p>
- <p class="line">Wenn Liebreiz rings die Felder schmücket,</p>
- <p class="line">Die Lieb&rsquo; aus tausend Rosen blicket,</p>
- <p class="line">Aus Sternen ihrer Wonne-Nacht.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Doch schöner dünkt mir, holder, lieber,</p>
- <p class="line">Des kleinen Lichtleins blaß Geflimmer,</p>
- <p class="line">Wenn sie sich zeigt im engen Zimmer,</p>
- <p class="line">Späh&rsquo; ich in Nacht zu ihr hinüber.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wie sie die Flechten löst und bindet,</p>
- <p class="line">Wie sie im Schwung der weißen Hand</p>
- <p class="line">Anschmiegt dem Leibe hell Gewand,</p>
- <p class="line">Und Kränz&rsquo; in braune Locken windet.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wie sie die Laute läßt erklingen,</p>
- <p class="line">Und Töne, aufgejagt, erwachen,</p>
- <p class="line">Berührt von zarten Fingern lachen,</p>
- <p class="line">Und scherzend durch die Saiten springen;</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Sie einzufangen schickt sie Klänge</p>
- <p class="line">Gesanges fort, da flieht mit Scherzen</p>
- <p class="line">Der Ton, sucht Schirm in meinem Herzen,</p>
- <p class="line">Dahin verfolgen die Gesänge.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
- <p class="line2">O laßt mich doch, ihr Bösen, frei!</p>
- <p class="line">Sie riegeln sich dort ein und sprechen:</p>
- <p class="line">Nicht weichen wir, bis dies wird brechen,</p>
- <p class="line">Damit du weißt, was Lieben sei.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Emil stand ungeduldig auf. Es ward finsterer und
-Roderich kam nicht, dem er seine Liebe zu einer Unbekannten,
-die ihm gegen über wohnte und ihn tagelang
-zu Hause, und Nächte hindurch wachend erhielt, bekennen
-wollte. Jezt schallten Fußtritte die Treppe herauf,
-die Thür, ohne daß man anklopfte, eröffnete sich, und
-herein traten zwei bunte Masken mit widrigen Angesichtern,
-der eine ein Türke, in rother und blauer
-Seide gekleidet, der andere ein Spanier, blaßgelb und
-röthlich, mit vielen schwankenden Federn auf dem Hute.
-Als Emil ungeduldig werden wollte, nahm Roderich
-die Maske ab, zeigte sein wohl bekanntes lachendes
-Gesicht und sagte: ei, mein Liebster, welche grämliche
-Miene! Sieht man so aus zur Carnevalszeit? Ich
-und unser lieber junger Offizier kommen dich abzuholen,
-heut ist großer Ball auf dem Maskensaale, und da
-ich weiß, daß du es verschworen hast, anders, als in
-deinen schwarzen Kleidern zu gehn, die du täglich trägst,
-so komm nur so mit, wie du da bist, denn es ist
-schon ziemlich spät.
-</p>
-
-<p>
-Emil war erzürnt und sagte: du hast, wie es
-scheint, deiner Gewohnheit nach ganz unsre Abrede vergessen:
-sehr leid thut es mir, (indem er sich zum Fremden
-wandte) daß ich Sie unmöglich begleiten kann,
-mein Freund ist zu voreilig gewesen, es in meinem
-Namen zu versprechen; ich kann überhaupt nicht ausgehn,
-da ich etwas Wichtiges mit ihm abzureden habe.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
-Der Fremde, welcher bescheiden war und Emils
-Absicht verstand, entfernte sich: Roderich aber nahm
-höchst gleichgültig die Maske wieder vor, stellte sich vor
-den Spiegel und sagte: nicht wahr, man sieht eigentlich
-ganz scheußlich aus? Es ist im Grunde eine geschmacklose
-widerwärtige Erfindung.
-</p>
-
-<p>
-Das ist gar keine Frage, erwiederte Emil im höchsten
-Unwillen. Dich zur Carikatur machen, und dich
-betäuben, gehört eben zu den Vergnügungen, denen du
-am liebsten nachjagst.
-</p>
-
-<p>
-Weil du nicht tanzen magst, sagte jener, und den
-Tanz für eine verderbliche Erfindung hältst, so soll
-auch Niemand anders lustig seyn. Wie verdrüßlich,
-wenn ein Mensch aus lauter Eigenheiten zusammen
-gesetzt ist.
-</p>
-
-<p>
-Gewiß, erwiederte der erzürnte Freund, und ich
-habe Gelegenheit genug, dies an dir zu beobachten;
-ich glaubte, daß du mir nach unsrer Abrede diesen
-Abend schenken würdest, aber &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Aber es ist ja Carneval, fuhr jener fort, und alle
-meine Bekannten und einige Damen erwarten mich
-auf dem heutigen großen Balle. Bedenke nur, mein
-Lieber, daß es wahre Krankheit in dir ist, daß dir
-dergleichen Anstalten so unbillig zuwider sind.
-</p>
-
-<p>
-Emil sagte: wer von uns beiden krank zu nennen
-ist, will ich nicht untersuchen; dein unbegreiflicher
-Leichtsinn, deine Sucht, dich zu zerstreuen, dein Jagen
-nach Vergnügungen, die dein Herz leer lassen, scheint
-mir wenigstens keine Seelengesundheit; auch in gewissen
-Dingen könntest du wohl meiner Schwachheit, wenn
-es denn einmal dergleichen sein soll, nachgeben, und
-es giebt nichts auf der Welt, was mich so durch und
-<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
-durch verstimmt, als ein Ball mit seiner fürchterlichen
-Musik. Man hat sonst wohl gesagt, die Tanzenden
-müßten einem Tauben, welcher die Musik nicht vernimmt,
-als Rasende erscheinen; ich aber meine, daß
-diese schreckliche Musik selbst, dies Umherwirbeln weniger
-Töne in widerlicher Schnelligkeit, in jenen vermaledeiten
-Melodien, die sich unserm Gedächtnisse, ja
-ich möchte sagen unserm Blut unmittelbar mittheilen,
-und die man nachher auf lange nicht wieder los werden
-kann, daß dies die Tollheit und Raserei selbst sei;
-denn wenn mir das Tanzen noch irgend erträglich sein
-sollte, so müßte es ohne Musik geschehn.
-</p>
-
-<p>
-Nun sieh, wie paradox! antwortete der Maskirte;
-du kömmst so weit, daß du das Natürlichste, Unschuldigste
-und Heiterste von der Welt unnatürlich, ja gräßlich
-finden willst.
-</p>
-
-<p>
-Ich kann nicht für mein Gefühl, sagte der Ernste,
-daß mich diese Töne von Kindheit auf unglücklich gemacht,
-und oft bis zur Verzweiflung getrieben haben:
-in der Tonwelt sind sie für mich die Gespenster, Larven
-und Furien, und so flattern sie mir auch ums
-Haupt, und grinsen mich mit entsetzlichem Lachen an.
-</p>
-
-<p>
-Nervenschwäche, sagte jener, so wie dein übertriebener
-Abscheu gegen Spinnen und manch anderes unschuldiges
-Gewürm.
-</p>
-
-<p>
-Unschuldig nennst du sie, sagte der Verstimmte,
-weil sie dir nicht zuwider sind. Für denjenigen aber,
-dem die Empfindung des Ekels und des Abscheus, dasselbe
-unnennbare Grauen, wie mir, bei ihrem Anblick
-in der Seele aufgeht und durch sein ganzes Wesen
-zuckt, sind diese gräßlichen Unthiere, wie Kröten
-und Spinnen, oder gar die widerwärtigste aller Creaturen,
-<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
-die Fledermaus, nicht gleichgültig und unbedeutend,
-sondern ihr Dasein ist dem seinigen auf das
-feindlichste entgegengesetzt. Wahrlich, man möchte über
-die Ungläubigen lächeln, mit deren Imagination sich
-Gespenster und grauenhafte Larven, sammt jenen Geburten
-der Nacht nicht vereinigen lassen, die wir in
-Krankheiten sehn, oder die uns Dantes Gemälde zeigen,
-da die gewöhnlichste Wirklichkeit um uns her die
-fürchterlichen verzerrten Musterbilder dieser Schrecken
-uns vorhält. Sollten wir in der That das Schöne
-lieben können, ohne uns vor diesen Fratzen zu entsetzen?
-</p>
-
-<p>
-Warum entsetzen? fragte Roderich, warum soll uns
-das große Reich der Gewässer und der Meere gerade
-diese Furchtbarkeit vorhalten, an die sich deine Vorstellung
-gewöhnt hat, und nicht vielmehr seltsame, unterhaltende
-und possirliche Verkleidungen, so daß das
-ganze Gebiet nicht anders, als etwa wie ein komischer
-Ballsaal anzusehn wäre? Deine Eigenheiten aber gehn
-noch weiter, denn so wie du die Rose mit einer gewissen
-Abgötterei liebst, so sind dir andre Blumen eben so
-lebhaft verhaßt; was hat dir nur die gute liebe Feuerlilie
-gethan, wie so manch andres Kind des Sommers?
-So sind dir manche Farben zuwider, manche Düfte
-und viele Gedanken, und du thust nichts dazu, dich
-gegen diese Stimmungen zu verhärten, sondern du
-giebst ihnen weichlich nach, und am Ende wird eine
-Sammlung von dergleichen Seltsamkeiten die Stelle
-einnehmen, die dein Ich besitzen sollte.
-</p>
-
-<p>
-Emil war im tiefsten Herzen erzürnt und antwortete
-nicht. Er hatte es nun schon aufgegeben, sich jenem
-mitzutheilen, auch schien der leichtsinnige Freund gar
-<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
-keine Begier zu haben, das Geheimniß zu erfahren,
-welches ihm sein melankolischer Gefährte mit so wichtiger
-Miene angekündigt hatte; er saß gleichgültig im
-Lehnsessel, mit seiner Maske spielend, als er plötzlich
-ausrief: sei doch so gut, Emil, und leih mir deinen
-großen Mantel.
-</p>
-
-<p>
-Wozu? fragte jener.
-</p>
-
-<p>
-Ich höre drüben in der Kirche Musik, antwortete
-Roderich, und habe schon alle Abend diese Stunde
-versäumt; heut kömmt sie mir recht gelegen, unter deinem
-Mantel kann ich diese Kleidung verbergen, auch
-Maske und Turban darunter verstecken, und wenn sie
-geendigt ist, mich sogleich nach dem Balle begeben.
-</p>
-
-<p>
-Murrend suchte Emil den Mantel aus dem Schranke,
-gab ihn dem Aufgestandenen, und zwang sich zu einem
-ironischen Lächeln. Da hast du meinen türkischen Dolch,
-den ich gestern gekauft habe, sagte Roderich, indem er
-sich einhüllte, heb&rsquo; ihn auf; es taugt nicht, dergleichen
-ernsthaftes Zeug als Spielerei bei sich zu haben; man
-kann denn doch nicht wissen, wozu es gemißbraucht
-würde, wenn Zank oder anderer Unfug die Gelegenheit
-herbei führte; morgen sehn wir uns wieder, lebe wohl
-und bleibe vergnügt. Er wartete auf keine Erwiederung,
-sondern eilte die Treppe hinunter.
-</p>
-
-<p>
-Als Emil allein war, suchte er seinen Zorn zu
-vergessen und das Betragen seines Freundes von der
-lächerlichen Seite zu nehmen. Er betrachtete den blanken
-schön gearbeiteten Dolch, und sagte, wie muß es
-doch dem Menschen sein, der solch scharfes Eisen in
-die Brust des Gegners stößt, oder gar einen geliebten
-Gegenstand damit verletzt? er schloß ihn ein, lehnte
-<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
-dann behutsam die Läden seines Fensters zurück und
-sah über die enge Gasse. Aber kein Licht regte sich,
-es war finster im Hause gegenüber; die theure Gestalt,
-die dort wohnte, und sich um diese Zeit bei häuslicher
-Beschäftigung zu zeigen pflegte, schien entfernt. Vielleicht
-gar auf dem Balle, dachte Emil, so wenig es
-auch ihrer eingezogenen Lebensart ziemte. Plötzlich aber
-zeigte sich ein Licht, und die Kleine, welche seine unbekannte
-Geliebte um sich hatte, und mit der sie sich
-am Tage wie am Abend vielfältig abgab, trug ein
-Licht durch das Zimmer und lehnte die Fensterläden
-an. Eine Spalte blieb hell, groß genug, um von
-Emils Standpunkt einen Theil des kleinen Zimmers
-zu überschauen, und dort stand oft der Glückliche bis
-nach Mitternacht wie bezaubert, und beobachtete jede
-Bewegung der Hand, jede Miene seiner Geliebten: er
-freute sich, wenn sie dem kleinen Kinde lesen lehrte,
-oder es im Nähen und Stricken unterrichtete. Auf
-seine Erkundigung hatte er erfahren, daß die Kleine
-eine arme Waise sei, die das schöne Mädchen mitleidig
-zu sich genommen hatte, um sie zu erziehn. Emils
-Freunde begriffen nicht, warum er in dieser engen
-Gasse wohne in einem unbequemen Hause, weshalb
-man ihn so wenig in Gesellschaften sehe, und womit
-er sich beschäftige. Unbeschäftigt, in der Einsamkeit,
-war er glücklich, nur unzufrieden mit sich und
-seinem menschenscheuen Charakter, daß er es nicht
-wage die nähere Bekanntschaft dieses schönen Wesens
-zu suchen, so freundlich sie auch einigemal am Tage
-gegrüßt und gedankt hatte. Er wußte nicht, daß sie
-eben so trunken zu ihm hinüber spähte, und ahnete
-nicht, welche Wünsche sich in ihrem Herzen bildeten,
-<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
-welcher Anstrengung, welcher Opfer sie sich fähig fühlte,
-um nur zum Besitz seiner Liebe zu gelangen.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem er einigemal auf und nieder gegangen
-war, und das Licht sich mit dem Kinde wieder entfernt
-hatte, faßte er plötzlich den Entschluß, seiner Neigung
-und Natur zuwider auf den Ball zu gehen, weil
-es ihm einfiel, daß seine Unbekannte eine Ausnahme
-von ihrer eingezogenen Lebensweise könne gemacht haben,
-um auch einmal die Welt und ihre Zerstreuungen zu
-genießen. Die Gassen waren hell erleuchtet, der Schnee
-knisterte unter seinen Füßen, Wagen rollten ihm vorüber
-und Masken in den verschiedensten Trachten pfiffen
-und zwitscherten an ihm vorbei. Aus vielen Häusern
-ertönte ihm die so verhaßte Tanzmusik, und er
-konnte es nicht über sich gewinnen, auf dem kürzesten
-Wege nach dem Saale zu gehn, zu welchem aus allen
-Richtungen die Menschen strömten und drängten. Er
-ging um die alte Kirche, beschaute den hohen Thurm,
-der sich ernst in den nächtlichen Himmel erhub, und
-freute sich der Stille und Einsamkeit des abgelegenen
-Platzes. In der Vertiefung einer großen Kirchenthür,
-deren mannichfaltiges Bildwerk er immer mit Lust beschaut,
-und sich dabei der alten Kunst und vergangener
-Zeiten erinnert hatte, nahm er auch jezo Platz, um
-sich auf wenige Augenblicke seinen Betrachtungen zu
-überlassen. Er stand nicht lange, als eine Figur seine
-Aufmerksamkeit an sich zog, die unruhig auf und nieder
-ging, und jemand zu erwarten schien. Beim Schein
-einer Laterne, die vor einem Marienbilde brannte, unterschied
-er genau das Gesicht, so wie die wunderliche
-Kleidung. Es war ein altes Weib von der äußersten
-Häßlichkeit, die um so mehr in die Augen fiel, weil
-<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
-sie gegen ein scharlachrothes Leibchen, das mit Gold
-besetzt war, höchst abentheuerlich abstach; der Rock,
-den sie trug, war dunkel, und die Haube ihres Kopfes
-glänzte ebenfalls von Gold. Emil glaubte anfangs
-eine geschmacklose Maske zu sehn, die sich hieher verirrt
-habe, aber bald war er beim hellen Scheine überzeugt,
-daß das alte braune und runzlichte Gesicht ein
-wirkliches und kein nachgeahmtes sei. Es währte nicht
-lange, so erschienen zwei Männer in Mänteln gehüllt, die
-sich dem Orte mit behutsamen Schritten zu nähern schienen,
-indem sie öfter von den Seiten schauten, ob ihnen
-Niemand folge. Die Alte ging auf sie zu. Habt ihr die
-Lichter? fragte sie hastig und mit einer rauhen Stimme.
-Hier sind sie, sagte der Eine, der Preis ist euch bekannt,
-macht die Sache gleich richtig. Die Alte schien
-Geld zu geben, welches der Mann unter seinem Mantel
-nachzählte. Ich verlasse mich darauf, fing die Alte
-wieder an, daß sie ganz nach der Vorschrift und Kunst
-gegossen sind, damit die Wirkung nicht ausbleibt. Seid
-ohne Sorgen, sagte jener, und entfernte sich schnell.
-</p>
-
-<p>
-Der andre, welcher zurück geblieben, war ein junger
-Mann; er nahm die Alte bei der Hand und sagte:
-ist es möglich, Alexia, daß dergleichen Ceremonien und
-Formeln, diese seltsamen alten Sagen, an welche ich
-nie habe glauben können, den freien Willen des Menschen
-fesseln, und Liebe und Haß erregen könnten?
-So ist es, sprach das rothe Weib, aber eins muß
-zum andern kommen, nicht bloß diese Lichter, in der
-Mitternacht des Neumonden gegossen, mit Menschenblut
-getränkt, nicht die Zauberformeln und Anrufungen
-allein können es ausrichten, sondern noch manches
-andre gehört dazu, das der Kunstverständige wohl kennt.
-<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
-So verlaß ich mich auf dich, sagte der Fremde. Morgen
-nach Mitternacht bin ich euch zu Diensten, antwortete
-die Alte; ihr werdet ja nicht der erste sein, der
-mit meiner Kundschaft unzufrieden ist; heute, wie ihr
-gehört habt, bin ich für jemand anders bestellt, auf
-dessen Sinn und Verstand unsere Kunst gewiß nachdrücklich
-wirken soll. Die letzten Worte sagte sie mit
-halbem Lachen, und beide gingen aus einander und
-entfernten sich nach verschiedenen Richtungen. Emil trat
-schaudernd aus der dunkeln Nische hervor und erhob
-seine Blicke zum Bilde der Jungfrau mit dem Kinde;
-vor deinen Augen, du Holdselige, sagte er halb laut,
-erfrechen sich die Greuel ihre Abrede zu treffen, um
-ihren abscheulichen Betrug zu verhandeln, doch so, wie
-du dein Kind in Liebe umfängst, so hält uns alle die
-unsichtbare Liebe in fühlbaren Armen, und unser armes
-Herz klopft in Freude wie in Angst einem größeren
-entgegen, das uns niemals verlassen wird. Wolken
-zogen über die Spitze des Thurms und das schroffe
-Dach der Kirche hinweg, die ewigen Sterne schauten
-funkelnd und mit freundlichem Ernst hernieder, und
-Emil wandte sich entschlossen von diesen nächtlichen
-Schauern und gedachte der Schönheit seiner Unbekannten.
-Er betrat wieder die belebten Gassen, und lenkte
-nach dem hellerleuchteten Ballhause ein, von welchem
-ihm Stimmen, Wagengerassel, und in einzelnen Pausen
-die lärmende Musik entgegen schallten.
-</p>
-
-<p>
-Im Saale verlor er sich sogleich im fluthenden
-Getümmel, Tänzer umsprangen ihn, Masken schossen
-an ihm hin und her, Pauken und Trompeten betäubten
-sein Ohr, und ihm war, als sei das menschliche
-Leben selber nur ein Traum. Er ging durch die Reihen,
-<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
-und nur sein Auge blieb wach, um jene geliebten Augen
-und jenes schöne Haupt mit den braunen Locken
-aufzusuchen, nach dessen Anblick er sich heut inniger
-sehnte als sonst, und dem angebeteten Wesen doch innerlich
-Vorwürfe machte, daß es sich in diesem stürmenden
-Meer der Verwirrung und Thorheit untertauchen
-und verlieren könne. Nein, sprach er zu sich
-selbst, kein Herz, welches liebt, wird sich diesem wüsten
-Brausen öffnen wollen, in welchem Sehnsucht und
-Thränen verhöhnt und mit dem schmetternden Gelächter
-wilder Trompeten verspottet werden. Das Säuseln
-der Bäume, das Rieseln der Quellen, Lautenschlag
-und edler Gesang, welcher voll aus dem bewegten
-Busen strömt, sind die Töne, in welchen Liebe
-wohnt. So aber donnert und jubelt die Hölle in
-der Raserei ihrer Verzweiflung.
-</p>
-
-<p>
-Er fand nicht, was er suchte, denn zu dem Glauben,
-daß sein geliebtes Angesicht sich vielleicht unter eine
-widrige Maske verborgen habe, konnte er sich unmöglich
-bequemen. Schon war er dreimal den Saal auf- und
-abgewandert und hatte alle sitzenden und unmaskirten
-Damen vergeblich gemustert, als sich der Spanier
-zu ihm gesellte und sagte: schön, daß sie doch noch
-gekommen sind; sie suchen vielleicht ihren Freund?
-</p>
-
-<p>
-Emil hatte ihn ganz vergessen; er sagte aber beschämt:
-in der That, ich wundre mich, ihn hier nicht
-zu treffen, denn seine Maske ist kenntlich genug.
-</p>
-
-<p>
-Wissen sie, was der wunderliche Mensch treibt?
-antwortete der junge Offizier; er hat weder getanzt,
-noch sich lange im Saale aufgehalten, denn er fand
-sogleich seinen Freund Anderson, der vom Lande herein
-gekommen ist; ihr Gespräch fiel auf die Literatur, und
-<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
-da dieser das neulich herausgekommene Gedicht noch
-nicht kannte, so hat Roderich nicht eher geruht, bis
-man ihm eins der hintern Zimmer aufgeschlossen hat,
-dort sitzt er mit seinem Gefährten bei einer einsamen
-Kerze und liest ihm das ganze Werk vor.
-</p>
-
-<p>
-Das sieht ihm ähnlich, sagte Emil, denn er besteht
-ganz aus Laune. Ich habe alles angewandt, und selbst
-freundschaftliche Zwistigkeiten nicht gescheut, um es ihm
-abzugewöhnen, immer <span class="antiqua">ex tempore</span> zu leben und sein
-ganzes Dasein in Impromptüs auszuspielen: allein
-diese Thorheiten sind ihm so ans Herz gewachsen, daß
-er sich eher vom liebsten Freunde, als von ihnen trennen
-würde. Das nämliche Werk, welches er so liebt,
-daß er es immer bei sich trägt, hat er mir neulich
-vorlesen wollen, und ich hatte ihn sogar dringend darum
-gebeten; wir waren aber kaum über den Anfang, indeß
-ich ganz den Schönheiten hingegeben war, als er
-plötzlich aufsprang, mit der Küchenschürze umgethan
-zurückkehrte, mit vielen Umständen Feuer anschüren
-ließ, um mir Beefsteaks zu rösten, zu welchen ich kein
-Verlangen trug, und die er sich am besten in Europa
-zu machen einbildet, ob sie ihm gleich die meisten Male
-verunglücken.
-</p>
-
-<p>
-Der Spanier lachte. Ist er nie verliebt gewesen?
-fragte er.
-</p>
-
-<p>
-Auf seine Weise, erwiederte Emil sehr ernst; so,
-als wollte er über sich und die Liebe spotten, in viele
-zugleich, und nach seinen Worten bis zur Verzweiflung,
-die er aber insgesamt in acht Tagen wieder vergessen
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Sie trennten sich im Getümmel, und Emil begab
-sich nach dem abgelegenen Zimmer, aus welchem er
-<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
-seinen Freund schon von fern laut deklamiren hörte.
-Ah, da bist du ja auch, rief ihm dieser entgegen; das
-trifft sich gut, ich bin nur eben über die Stelle hinüber,
-bei der wir neulich unterbrochen wurden; setze
-dich, so kannst du mit zuhören.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin jezt nicht in der Stimmung, sagte Emil,
-auch scheint mir diese Stunde und dieser Ort wenig
-geschickt zu einer solchen Unterhaltung.
-</p>
-
-<p>
-Warum nicht? antwortete Roderich; es muß sich
-alles nach unserm Willen bequemen, jede Zeit ist gut
-dazu, sich auf eine edle Weise zu beschäftigen. Oder
-willst du lieber tanzen? Es fehlt an Tänzern, und
-du kannst dich heut mit einigen Stunden Herumspringens
-und einem Paar ermüdender Beine bei vielen
-dankbaren Damen ziemlich beliebt machen.
-</p>
-
-<p>
-Lebe wohl, rief jener schon in der Thür, ich gehe
-nach Hause.
-</p>
-
-<p>
-Noch ein Wort! rief ihm Roderich nach: ich verreise
-morgen in aller Frühe mit diesem Herrn auf
-einige Tage über Land; ich spreche aber noch bei dir
-vor, um Abschied zu nehmen. Schläfst du, wie es
-wahrscheinlich ist, so bemühe dich nur nicht, aufzuwachen,
-denn in drei Tagen bin ich wieder bei dir. &mdash;
-Der wunderlichste aller Menschen, fuhr er fort, gegen
-seinen neuen <a id="corr-17"></a>Freund gewandt, so schwerfällig, mißlaunig,
-ernsthaft, daß er sich jede Freude verdirbt, oder
-vielmehr, daß es für ihn keine Freude giebt. Alles
-soll edel, groß, erhaben sein, sein Herz soll an allem
-Antheil nehmen, und wenn er selbst vor einem Puppenspiele
-stände; wenn sich dergleichen nun nicht zu
-seinen Prätensionen verstehen will, die warlich ganz
-unsinnig sind, so wird er tragisch gestimmt, und findet
-<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
-die ganze Welt roh und barbarisch; da draußen verlangt
-er ohne Zweifel, daß unter den Masken einem
-Pantalon und Policinell das Herz voll Sehnsucht und
-überirdischer Triebe glühe, und daß der Arlechin über
-die Nichtigkeit der Welt tiefsinnig philosophiren soll,
-und wenn diese Erwartungen nicht eintreffen, so treten
-ihm gewiß die Thränen in die Augen, und er
-wendet dem bunten Schauspiel zerknirscht und verachtend
-den Rücken.
-</p>
-
-<p>
-Er ist also melankolisch? fragte der Zuhörer.
-</p>
-
-<p>
-Das eigentlich nicht, antwortete Roderich, sondern
-nur von zu zärtlichen Eltern und sich selbst verzogen.
-Er hatte sich angewöhnt, regelmäßig wie Ebbe und
-Fluth sein Herz bewegen zu lassen, und bleibt diese
-Rührung einmal aus, so schreit er Mirakel und möchte
-Prämien aussetzen, um Physiker aufzumuntern, diese
-Naturerscheinung genügend zu erklären. Er ist der
-beste Mensch unter der Sonne, aber alle meine Mühe,
-ihm diese Verkehrtheit abzugewöhnen, ist ganz umsonst
-und verloren, und wenn ich nicht für meine gute Meinung
-Undank davon tragen will, muß ich ihn gewähren
-lassen.
-</p>
-
-<p>
-Er sollte vielleicht den Arzt gebrauchen, bemerkte
-jener.
-</p>
-
-<p>
-Es gehört mit zu seinen Eigenheiten, antwortete
-Roderich, die Medizin durch und durch zu verachten,
-denn er meint, jede Krankheit sei in jeglichem Menschen
-ein Individuum, und könne nicht nach ältern
-Wahrnehmungen, oder gar nach sogenannten Theorien
-geheilt werden; er würde eher alte Weiber und sympathetische
-Kuren gebrauchen. Eben so verachtet er auch
-in andrer Hinsicht alle Vorsicht und alles was man
-<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
-Ordnung und Mäßigkeit nennt. Von Kindheit auf ist
-ein edler Mann sein Ideal gewesen, und sein höchstes
-Bestreben, das aus sich zu bilden, was er so nennt,
-das heißt hauptsächlich eine Person, die die Verachtung
-der Dinge mit der des Geldes anfängt; denn um
-nur nicht in den Verdacht zu gerathen, daß er haushälterisch
-sei, ungern ausgebe, oder irgend Rücksicht
-auf Geld nehme, so wirft er es höchst thöricht weg,
-ist bei seiner reichlichen Einnahme immer arm und in
-Verlegenheit, und wird der Thor von jedwedem, der
-nicht ganz in dem Sinne edel ist, in welchem er es
-sich zu sein vorgesetzt hat. Sein Freund zu sein, ist
-aber die Aufgabe aller Aufgaben, denn er ist so reizbar,
-daß man nur husten, nicht edel genug essen, oder
-gar die Zähne stochern darf, um ihn tödtlich zu beleidigen.
-</p>
-
-<p>
-War er nie verliebt? fragte der Freund vom
-Lande.
-</p>
-
-<p>
-Wen sollte er lieben? antwortete Roderich, er verachtete
-alle Töchter der Erde, und er dürfte nur bemerken,
-daß sein Ideal sich gern putzte, oder gar
-tanzte, so würde sein Herz brechen; noch schrecklicher,
-wenn sie das Unglück hätte, den Schnupfen zu bekommen.
-</p>
-
-<p>
-Emil stand indessen wieder im Getümmel; aber
-plötzlich überfiel ihn jene Angst, der Schreck, der so
-oft schon in solcher erregten Menschenmenge sein Herz
-ergriffen hatte, und jagte ihn aus dem Saale und
-Hause, über die öden Gassen hinweg, und erst auf
-seinem einsamen Zimmer fand er sich und seine ruhige
-Besinnung wieder. Das Nachtlicht war schon angezündet,
-er hieß dem Bedienten sich nieder legen; drüben
-<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
-war alles still und finster, und er setzte sich, um
-in einem Gedichte seine Empfindungen über den Ball
-auszuströmen. &mdash;
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Im Herzen war es stille,</p>
- <p class="line">Der Wahnsinn lag an Ketten;</p>
- <p class="line">Da regt sich böser Wille,</p>
- <p class="line">Vom Kerker ihn zu retten,</p>
- <p class="line">Den Tollen los zu machen:</p>
- <p class="line">Da hört man Pauken klingen,</p>
- <p class="line">Da bricht hervor mit Lachen</p>
- <p class="line">Trommeten-Klang und Krachen,</p>
- <p class="line">Dazwischen Flöten singen,</p>
- <p class="line">Und Pfeifentöne springen</p>
- <p class="line">Mit gellendem Geschrei</p>
- <p class="line">Zwischen dröhnenden tönenden Geigen</p>
- <p class="line">In rasender Wuth herbei,</p>
- <p class="line">Das wilde Gemüth zu zeigen,</p>
- <p class="line">Und grimmig zu morden das stille kindliche Schweigen. &mdash;</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wohin dreht sich der Reigen?</p>
- <p class="line">Was sucht die springende Menge</p>
- <p class="line">Im windenden Gedränge? &mdash;</p>
- <p class="line">Vorüber! Es glänzen die Lichter,</p>
- <p class="line">Wir tummeln uns näher und dichter,</p>
- <p class="line">Es jauchzt in uns das blöde Herz;</p>
- <p class="line">Lauter tönet,</p>
- <p class="line">Grimmer dröhnet</p>
- <p class="line">Ihr Cymbeln, ihr Pfeifen! betäubet den Schmerz,</p>
- <p class="line">Er werde zum Scherz! &mdash;</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Du winkst mir, holdes Angesicht?</p>
- <p class="line">Es lacht der Mund, der Augen Licht;</p>
-<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
- <p class="line">Herbei, daß ich dich fasse,</p>
- <p class="line">Im Schweben wieder lasse;</p>
- <p class="line">Ich weiß, die Schönheit bald zerbricht,</p>
- <p class="line">Der Mund verstummt, der lieblich spricht,</p>
- <p class="line">Dich faßt des Todes Arm.</p>
- <p class="line">Was winkst du, Schädel, freundlich mir?</p>
- <p class="line">Kein Kummer mir, nicht Angst und Harm,</p>
- <p class="line">Daß du so bald erbleichest hier,</p>
- <p class="line">Wohl heut, wohl morgen.</p>
- <p class="line">Was sollen die Sorgen?</p>
- <p class="line">Ich lebe und schwebe im Reigen vorüber vor dir. &mdash;</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Heut lieb ich dich,</p>
- <p class="line">Jezt meinst du mich;</p>
- <p class="line">Ach, Noth und Angst sie lauern</p>
- <p class="line">Schon hinter diesen Mauern,</p>
- <p class="line">Und Seufzer schwer und thränend Leid</p>
- <p class="line">Stehn schon bereit,</p>
- <p class="line">Dich zu umstricken;</p>
- <p class="line">Froh laß uns blicken</p>
- <p class="line">Vernichtung an und grausen Tod;</p>
- <p class="line">Was will die Angst, was will uns Noth?</p>
- <p class="line">Wir drücken</p>
- <p class="line">Im Taumel die Hand;</p>
- <p class="line">Mich rührt dein Gewand,</p>
- <p class="line">Du <a id="corr-18"></a>schwebest dahin, ich taumle zurück &mdash;</p>
- <p class="line">Auch Verzweiflung ist Glück.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Aus diesem Entzücken,</p>
- <p class="line">Und was wir heut lachten,</p>
- <p class="line">Entsprießt wohl Verachten</p>
- <p class="line">Und giftiger Neid;</p>
-<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
- <p class="line">O herrliche Zeit!</p>
- <p class="line">Wenn ich dich verhöhne,</p>
- <p class="line">Winkt dort mir die Schöne,</p>
- <p class="line">Und wird meine Braut;</p>
- <p class="line">Die andere schaut</p>
- <p class="line">Noch kühner darein;</p>
- <p class="line">Soll dies&rsquo; es denn sein? &mdash;</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">So taumeln wir alle</p>
- <p class="line">Im Schwindel die Halle</p>
- <p class="line">Des Lebens hinab,</p>
- <p class="line">Kein Lieben, kein Leben,</p>
- <p class="line">Kein Sein uns gegeben,</p>
- <p class="line">Nur Träumen und Grab:</p>
- <p class="line">Da unten bedecken</p>
- <p class="line">Wohl Blumen und Klee</p>
- <p class="line">Noch grimmere Schrecken,</p>
- <p class="line">Noch wilderes Weh;</p>
- <p class="line">Drum lauter ihr Cymbeln, du Paukenklang,</p>
- <p class="line">Noch schreiender gellender Hörnergesang!</p>
- <p class="line">Ermuthiget schwingt, dringt, springt ohne Ruh,</p>
- <p class="line">Weil Lieb uns nicht Leben</p>
- <p class="line">Kein Herz hat gegeben,</p>
- <p class="line">Mit Jauchzen dem greulichen Abgrunde zu! &mdash;</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Er hatte geendigt und stand am Fenster. Da
-kam sie gegen über herein, so schön, wie er sie noch
-nie gesehn hatte, das braune Haar aufgelöst wogte
-und spielte in muthwilligen Locken um den weißesten
-Nacken; sie war nur leicht bekleidet und schien noch
-vor Schlafengehn zu später Nachtzeit einige häusliche
-Arbeiten verrichten zu wollen, denn sie stellte zwei
-<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
-Lichter in zwei Ecken des Zimmers, ordnete den Teppich
-auf dem Tische, und entfernte sich wieder. Noch
-war Emil in seinen süßen Träumereien versunken, und
-wiederholte sich in seiner Phantasie das Bild seiner
-Geliebten, als zu seinem Entsetzen die fürchterliche, die
-rothe Alte durch das Zimmer schritt; gräßlich leuchtete
-von ihrem Haupt und Busen das Gold im Widerschein
-der Lichter. Sie war wieder verschwunden. Sollte
-er seinen Augen trauen? War es kein Blendwerk der
-Nacht, welches ihm seine eigne Einbildung gespenstisch
-vorüber geführt hatte?
-</p>
-
-<p>
-Aber nein, sie kehrte zurück, noch gräßlicher als
-zuvor, denn ein langes greises und schwarzes Haar
-flog wild und ungeordnet um Brust und Rücken; das
-schöne Mädchen folgte ihr, blaß, entstellt, die schönsten
-Brüste ohne Hülle, aber das ganze Bild einer
-Statue von Marmor ähnlich. Sie hatten zwischen sich
-das kleine liebliche Kind, welches weinte und sich an
-die Schöne bittend schmiegte, die nicht zu ihm hernieder
-sah. Das Kindlein hielt flehend die Händchen
-empor, streichelte Hals und Wange der blassen Schönen.
-Sie aber hielt es fest am Haar und mit der
-andern Hand ein silbernes Becken; die Alte zuckte murmelnd
-das Messer und durchschnitt den weißen Hals
-der Kleinen. Da wand sich hinter ihnen etwas hervor,
-das beide nicht zu sehen schienen, sonst hätten sie sich
-wohl eben so inniglich wie Emil entsetzt. Ein scheußlicher
-Drachenhals wälzte sich schuppig länger und länger
-aus der Dunkelheit, neigte sich über das Kind hin,
-das mit aufgelösten Gliedern der Alten in den Armen
-hing, die schwarze Zunge leckte vom sprudelnden rothen
-Blut, und ein grün funkelndes Auge traf durch die
-<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
-Spalte hinüber in Emils Blick und Gehirn und Herz,
-daß er im selben Augenblick zu Boden stürzte.
-</p>
-
-<p>
-Leblos traf ihn Roderich nach einigen Stunden.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash;&mdash;&mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Am heitersten Sommermorgen saß in grüner Laube
-eine Gesellschaft von Freunden um ein schmackhaftes
-Frühstück versammelt. Man lachte und scherzte, alle
-stießen freudig oft mit den Gläsern auf die Gesundheit
-des jungen Brautpaares an, und wünschten ihm Heil
-und Glück. Bräutigam und Braut waren nicht zugegen,
-denn die Schöne war noch mit ihrem Schmucke
-beschäftiget, und der junge Ehemann lustwandelte, seinem
-Glücke nachsinnend, einsam in einem entfernten
-Baumgange. Schade, sagte Anderson, daß wir keine
-Musik haben sollen; alle unsere Damen sind unzufrieden
-und haben noch nie so sehr zu tanzen gewünscht,
-als gerade heut, da es nicht geschehn kann; aber es
-ist ihm zu sehr zuwider.
-</p>
-
-<p>
-Ich kann es euch wohl verrathen, sagte ein junger
-Officier, daß wir dennoch einen Ball haben werden,
-und zwar einen recht tollen und geräuschigen; alles ist
-schon eingerichtet und die Musikanten sind schon heimlich
-angekommen und unsichtbar einquartiert. Roderich
-hat alle diese Einrichtungen getroffen, denn er sagt,
-man müsse ihm nicht zu viel nachgeben, und am wenigsten
-heut seine wunderlichen Launen anerkennen.
-</p>
-
-<p>
-Er ist auch schon viel menschlicher und umgänglicher
-als ehemals, sagte ein anderer junger Mann, und
-darum glaube ich, wird ihm diese Abänderung nicht
-einmal unangenehm auffallen. Ist doch diese ganze
-<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
-Heirath so plötzlich gegen unser aller Erwarten eingetreten.
-</p>
-
-<p>
-Sein ganzes Leben, fuhr Anderson fort, ist so sonderbar,
-wie sein Charakter. Ihr wißt ja alle, wie er
-im vorigen Herbst auf einer Reise, die er machen wollte,
-in unsrer Stadt ankam, sich den Winter hier aufhielt,
-wie ein Melankolischer fast nur in seinem Zimmer lebte,
-und sich weder um unser Theater noch andre Vergnügungen
-kümmerte. Er war beinah mit Roderich, seinem
-vertrautesten Freunde, zerfallen, weil dieser ihn
-zu zerstreuen suchte, und nicht jeder seiner finstern Launen
-nachgeben wollte. Im Grunde war seine übertriebene
-Reizbarkeit und Verstimmung wohl Krankheit,
-die sich in seinem Körper zubereitete; denn, wie euch
-nicht unbekannt ist, wurde er vor vier Monaten vom
-heftigsten Nervenfieber befallen, so, daß wir ihn alle
-schon aufgeben mußten. Nachdem seine Phantasien
-ausgeraset hatten, und er wieder zu sich kam, hatte er
-sein Gedächtniß fast ganz eingebüßt, nur seine früheren
-Kinder- und Jugendjahre waren ihm gegenwärtig,
-und er konnte sich durchaus nicht erinnern, was während
-seiner Reise oder vor seiner Krankheit sich mit
-ihm zugetragen habe. Er mußte alle seine Freunde,
-selbst den Roderich, von neuem kennen lernen; nur
-nach und nach ward es lichter in seinem Innern, und
-die Vergangenheit und was ihm widerfahren, trat wieder,
-jedoch immer nur schwach beleuchtet, in sein Gedächtniß
-zurück. Sein Oheim hatte ihn zu sich in das
-Haus genommen, um ihn besser zu verpflegen, und
-er war wie ein Kind, und ließ alles mit sich machen.
-Als er zum erstenmal ausfuhr, und bei der Frühlingswärme
-den Park besuchte, sah er abseits vom Wege
-<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
-ein Mädchen in tiefen Gedanken sitzen. Sie sah auf,
-ihr Blick traf den seinigen, und wie von einer unbegreiflichen
-Begeisterung ergriffen, ließ er anhalten, stieg
-aus, setzte sich zu ihr, faßte ihre Hände, und ergoß
-sich in einen Strom von Thränen. Man war von
-neuem für seinen Verstand besorgt; aber er wurde
-ruhig, heiter und gesprächig, ließ sich bei den Eltern
-des Mädchens vorstellen, und hielt sogleich beim ersten
-Besuch um ihre Hand an, die sie ihm auch zusagte,
-da die Eltern ihre Einwilligung nicht verweigerten. Er
-war glücklich und ein neues Leben ging in ihm auf;
-mit jedem Tage ward er gesunder und zufriedener.
-So besuchte er mich vor acht Tagen auf meinem Landgute
-hier; es gefiel ihm über die Maßen, und zwar
-so, daß er nicht ruhte, bis ich es ihm verkaufen mußte.
-Es lag nur an mir, seine Leidenschaftlichkeit zu meinem
-Vortheil und seinem Schaden zu benutzen, denn
-was er will, will er heftig und plötzlich vollendet.
-Sogleich machte er seine Einrichtungen, ließ Geräthe
-herschaffen, um hier noch die Sommermonate zu wohnen,
-und so sind wir denn alle heut zu seiner Hochzeit
-in meinem ehemaligen Wohnsitze versammelt.
-</p>
-
-<p>
-Das Haus war groß und lag in der schönsten
-Gegend. Die eine Seite sah nach einem Flusse und
-angenehmen Hügeln hinüber, rund um von mannichfaltigen
-Gebüschen und Bäumen umgeben, unmittelbar
-davor lag ein Garten mit duftenden Blumen. Hier
-waren die Orangen und Citronen-Bäume in einem
-großen offenen Saale aufgestellt, und kleine Thüren
-führten zu Vorrathskammern, Kellern und Speisegewölben.
-Von der andern Seite breitete sich ein grünender
-Wiesenplan aus, an welchen ohne andre Verbindung
-<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
-ein Park gränzte; hier bildeten die beiden
-langen Flügel des Hauses einen geräumigen Hof, und
-auf dreien über einander stehenden Säulenreihen verbanden
-breite offene Gänge alle Zimmer und Säle
-des Gebäudes, wodurch der Wohnsitz von dieser Seite
-einen reizenden, ja wunderbaren Charakter erhielt, indem
-sich beständig Figuren in mannichfaltigen Geschäften
-in diesen geräumigeren Hallen bewegten; zwischen
-den Säulen und aus jedem Zimmer traten neue Gestalten
-hervor, und erschienen oben oder unten wieder,
-um sich in andern Thüren zu verlieren; auch versammelte
-sich Gesellschaft dort zum Thee oder Spiel, und
-dadurch gewann von unten das Ganze das Ansehn
-eines Theaters, vor welchem jedermann mit Lust verweilte,
-und in Gedanken die seltsamsten und anziehendsten
-Begebenheiten oben erwartete.
-</p>
-
-<p>
-Die Gesellschaft der jungen Leute wollte eben aufstehn,
-als die geschmückte Braut durch den Garten
-ging und zu ihnen trat. Sie war in violettem Sammet
-gekleidet, ein funkelnder Halsschmuck wiegte sich
-auf dem glänzenden Nacken, kostbare Spitzen ließen
-den weißen schwellenden Busen durchschimmern, das
-braune Haar ward durch den Myrthen- und Blumenkranz
-reizender gefärbt. Sie grüßte alle freundlich,
-und die Jünglinge waren von der hohen Schönheit
-überrascht. Sie hatte Blumen im Garten gepflückt,
-und wandte sich jezt nach dem innern Hause, um nach
-der Ordnung des Mahles zu sehen. Man hatte in
-dem untern offnen Gange die Tafeln hingestellt: blendend
-schimmerten die Tische mit den weißen Gedecken
-und Kristallen, eine Fülle mannichfarbiger Blumen
-glänzte aus zierlichen Gefäßen herunter, duftende grüne
-<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
-und bunte Kränze schlangen sich um die Säulen, und
-reizend war der Anblick, als die Braut sich jezt mit
-holdseliger Bewegung zwischen dem Schimmer der Blumen
-neben den Tischen und Säulen wandelnd bewegte,
-das Ganze prüfend überschaute, und dann verschwand,
-und höher hinauf noch einmal wieder erschien, um ihr Zimmer
-zu öffnen. Sie ist das reizendste und schönste
-Mädchen, das ich je gekannt habe! rief Anderson aus:
-unser Freund ist glücklich!
-</p>
-
-<p>
-Selbst ihre Blässe, nahm der Offizier das Wort,
-erhöht ihre Schönheit: die braunen Augen blitzen über
-den bleichen Wangen und unter den dunkeln Haaren so
-mächtiger hervor; und diese wunderbare fast brennende
-Röthe der Lippen macht ihr Angesicht zu einem wahrhaft
-zauberischen Bilde.
-</p>
-
-<p>
-Der Schein stiller Melankolie, sagte Anderson, welcher
-sie umgiebt, umfließt sie wie mit hoher Majestät.
-</p>
-
-<p>
-Der Bräutigam trat zu ihnen, und fragte nach
-Roderich; sie hatten ihn alle schon längst vermißt und
-konnten nicht begreifen, wo er sich aufhalten möchte.
-Alle gingen, um ihn zu suchen. Er ist unten im
-Saal, sagte endlich ein junger Mensch, den sie ebenfalls
-fragten, zwischen allen Bedienten und Kutschern,
-denen er Kartenkünste macht, die sie nicht genug bewundern
-können. Sie traten hinein und unterbrachen
-die schallende Verwunderung der Dienerschaft, indeß
-sich Roderich nicht stören ließ, sondern frei in seinen
-magischen Kunststücken fortfuhr. Als er geendigt hatte,
-ging er mit den übrigen in den Garten und sagte:
-ich thue es nur, um diese Menschen im Glauben zu
-stärken, denn diese Künste bringen ihrer Kutscher-Freigeisterei
-<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
-auf lange einen Stoß bei, und helfen zu ihrer
-Bekehrung.
-</p>
-
-<p>
-Ich sehe, sagte der Bräutigam, daß mein Freund
-unter seinen übrigen Talenten auch das eines Charlatans
-nicht zu geringe achtet, um es auszubilden.
-</p>
-
-<p>
-Wir leben in einer wunderlichen Zeit, antwortete
-jener: man soll heut zu Tage nichts verachten, denn
-man weiß nicht, wozu es zu gebrauchen ist.
-</p>
-
-<p>
-Als die beiden Freunde sich allein befanden, wandte
-sich Emil wieder in den dunkeln Baumgang und sagte:
-Warum bin ich an diesem Tage, welcher der glücklichste
-meines Lebens ist, so trübe gestimmt? Aber ich
-versichere dich, so wenig du es auch glauben willst, es
-paßt nicht für mich, mich in dieser Menge von Menschen
-zu bewegen, für jeden Aufmerksamkeit zu haben,
-keinen dieser Verwandten von ihrer und meiner Seite
-zu vernachlässigen, den Eltern Ehrfurcht zu beweisen,
-die Damen bekomplimentiren, die Ankommenden empfangen,
-und die Dienstboten und Pferde gehörig zu
-versorgen.
-</p>
-
-<p>
-Das macht sich ja alles von selbst, sagte Roderich;
-sieh, dein Haus ist recht auf dergleichen eingerichtet,
-und dein Haushofmeister, der alle Hände voll zu thun
-und alle Beine voll zu laufen hat, ist recht wie dazu
-geschaffen, alles ordentlich zu betreiben, um die allergrößte
-Gesellschaft aus Verwirrung zu erretten und mit
-Anstand zu bewirthen. Ueberlaß das ihm und deiner
-schönen Braut.
-</p>
-
-<p>
-Heute Morgen, noch vor Sonnenaufgang, sagte
-Emil, wandelte ich durch das Gehölz; mir war feierlich
-zu Muthe, ich fühlte recht im Innern, wie mein
-Leben nun bestimmt sei und ernst werde, wie diese
-<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
-Liebe mir Heimath und Beruf erschaffen hat. Ich kam
-dort der Laube vorüber; ich hörte Stimmen: es war
-meine Geliebte in einem traulichen Gespräch. Ist es
-nun, sagte eine fremde Stimme, nicht so gekommen,
-wie ich gesagt hatte? Gerade so, wie ich wußte, daß
-es geschehen würde? Ihr habt euren <a id="corr-19"></a>Wunsch, darum
-seid nun auch froh. Ich mochte nicht zu ihnen treten;
-nachher ging ich der Laube näher, doch hatten sich beide
-schon entfernt. Aber ich sinne und sinne: was wollen
-diese Worte bedeuten?
-</p>
-
-<p>
-Roderich sagte: sie mag dich vielleicht schon längst
-geliebt haben, ohne daß du es wußtest; du bist desto
-glücklicher.
-</p>
-
-<p>
-Eine späte Nachtigall erhub jezt ihren Gesang und
-schien dem Liebenden Heil und Wonne zuzurufen. Emil
-wurde tiefsinniger. Komm mit mir, um dich aufzuheitern,
-sagte Roderich, in das Dorf hinunter, da sollst du
-ein zweites Brautpaar sehn, denn du mußt dir nicht
-einbilden, daß du heut allein Hochzeit feierst. Ein junger
-Knecht ist in Langeweile und Einsamkeit mit einer
-ältern garstigen Magd zu vertraut geworden, und der
-Pinsel hält sich nun für verpflichtet, sie zu seiner Frau
-zu machen. Jezt müssen sie beide schon geputzt sein;
-diesen Anblick wollen wir nicht versäumen, denn er ist
-ohne Zweifel interessant.
-</p>
-
-<p>
-Der Trauernde lies sich von dem schwatzenden heitern
-Freunde fortziehn, und sie kamen bald zu der Hütte.
-Eben trat der Zug heraus, um sich nach der Kirche zu
-begeben. Der junge Knecht war in seinem gewöhnlichen
-leinenen Kittel, und prangte nur mit einem Paar
-ledernen Beinkleidern, die er so hell als möglich angestrichen
-hatte; er war von einfältiger Miene und schien
-<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
-verlegen. Die Braut war von der Sonne verbrannt,
-nur wenige letzte Spuren der Jugend waren an ihr
-sichtbar; sie war grob und arm aber reinlich gekleidet,
-einige rothe und blaue seidne Bänder, schon etwas entfärbt,
-flatterten von ihrem Mieder, am meisten aber
-war sie dadurch entstellt, daß man ihr die Haare steif
-mit Fett, Mehl und Nadeln aus der Stirn gestrichen
-und oben zusammen geheftet hatte, auf dieser Spitze
-des aufgethürmten Haars stand der Kranz. Sie lächelte
-und schien fröhlich, doch war sie verschämt und blöde.
-Die alten Eltern folgten; der Vater war auch nur
-Knecht auf dem Hofe, und die Hütte, der Hausrath
-so wie die Kleidung, alles verrieth die äußerste Armuth.
-Ein schielender schmuziger Musikant folgte dem Zuge,
-der greinend auf einer Geige strich und dazu schrie,
-diese war halb aus Pappe und Holz zusammen geleimt,
-und statt der Saiten mit drei Bindfäden bezogen.
-Der Zug machte Halt, als der neue gnädige
-Herr zu den Leuten trat. Einige muthwillige Dienstboten,
-junge Bursche und Mägde schäkerten und lachten,
-und verspotteten das Brautpaar, vorzüglich die
-Kammerjungfern, die sich schöner dünkten und sich unendlich
-besser gekleidet sahen. Ein Schauer erfaßte
-Emil, er blickte nach Roderich um, dieser war aber
-schon wieder entlaufen. Ein naseweiser Bursche mit
-einem Tituskopf, der Bedienter eines Fremden, drängte
-sich, um witzig zu erscheinen, an Emil und rief: Nun
-gnädiger Herr, was sagen Sie zu dem glänzenden Brautpaar?
-Beide wissen noch nicht, wo sie morgen Brod
-hernehmen sollen, und heut Nachmittag werden sie doch
-einen Ball geben, der Virtuos dort ist schon bestellt. &mdash;
-Kein Brod; sagte Emil! giebt es so etwas? &mdash; Ihr
-<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
-ganzes Elend ist dem Volke bekannt, fuhr jener schwatzend
-fort, aber der Kerl sagt, er bleibe dem Wesen
-dennoch gut, wenn sie auch nichts zubrächte! O ja freilich,
-die Liebe ist allgewaltig! das Lumpenpack hat nicht
-einmal Betten, sie müssen sogar diese Nacht auf der
-Streu schlafen; das Dünnbier haben sie sich zusammen
-gebettelt, worin sie sich besaufen wollen. Alle umher
-lachten laut, und die beiden verspotteten Unglücklichen
-schlugen die Augen nieder. Emil stieß zornig den
-Schwätzer von sich; nehmt! rief er aus, und warf in
-die Hand des erstarrten Bräutigams hundert Dukaten,
-welche er am Morgen eingenommen hatte. Die Alten
-und die Brautleute weinten laut, warfen sich ungeschickt
-auf die Kniee und küßten ihm Hände und Kleider, er
-wollte sich losmachen. Haltet euch damit das Elend
-vom Leibe, so lange ihr könnt! rief er betäubt. O auf
-zeitlebens, mein gnädigster Herr, sind wir glücklich!
-schrieen alle.
-</p>
-
-<p>
-Er wußte nicht, wie er fort gekommen war; er
-fand sich allein, und eilte mit wankenden Schritten in
-den Wald. Die dichteste einsamste Stelle suchte er auf,
-und warf sich auf einen Rasenhügel nieder, indem er
-den ausbrechenden Strom seiner Thränen nicht mehr
-zurückhielt. Mir ekelt das Leben! schluchzte er in tiefer
-Bewegung; ich kann nicht froh und glücklich sein,
-ich will es nicht! Empfange mich bald, du freundlicher
-Boden, verbirg mich in deinen kühlen Armen vor
-den wilden Thieren, die sich Menschen nennen! O Gott
-im Himmel, wie verdien&rsquo; ich es, daß ich auf Daunen
-ruhe und Seide trage, daß mir die Traube ihr kostbarstes
-Blut spendet, und alles mir Ehre und Liebe dringend
-anbietet und darbringt? Dieser Arme ist besser und
-<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
-edler als ich, und das Elend ist seine Amme, und Hohn
-und giftiger Spott sein Glückwunsch. Sündlich dünkt mir
-jeder Leckerbissen, den ich genieße, jeder Trunk aus geschliffenem
-Glase, mein Ruhen auf weichen Betten, das
-Tragen von Gold und Geschmeide, da die Welt viel tausend
-mal tausend Unglückliche umher jagt, die nach dem
-weggeworfenen vertrockneten Brode hungern, die nicht
-wissen, was Labsal ist. O jezt versteh&rsquo; ich euch, ihr
-frommen Heiligen, ihr Verschmähten, ihr Verhöhnten,
-die ihr Alles, bis auf euer Gewand, der Armuth ausstreutet,
-einen Sack um eure Lenden gürtetet, und
-selbst als Bettler die Schmähungen und Fußstöße erdulden
-wolltet, mit denen roher Uebermuth und reiche
-Schwelgerei das Elend von ihren Tafeln weisen, selbst
-elend wurdet ihr, um nur diese Sünde des Ueberflusses
-von euch zu werfen.
-</p>
-
-<p>
-Alle Gebilde der Welt schwankten wie ein Nebel
-vor seinen Augen! er nahm sich vor, die Verstoßenen
-als seine Brüder anzusehn, und sich von den Glücklichen
-zu entfernen. Lange hatte man schon im Saale
-seiner zur Trauung gewartet, die Braut war in
-Sorge, die Eltern suchten ihn im Garten und Park:
-endlich kam er ausgeweint und leichter zurück, und die
-feierliche Handlung ward vollzogen.
-</p>
-
-<p>
-Man begab sich aus dem untern Saal nach der
-offnen Halle, um sich zu Tische zu setzen. Braut und
-Bräutigam gingen voran, und die übrigen folgten im
-Zuge; Roderich bot seinen Arm einem jungen Mädchen,
-die munter und geschwätzig war. Warum nur
-die Bräute immer weinen und bei der Trauung so
-ernsthaft aussehn, sagte diese, indem sie zur Gallerie
-hinauf stiegen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
-Weil sie in diesem Augenblick am lebhaftesten von
-der Wichtigkeit und dem Geheimnißvollen des Lebens
-durchdrungen werden, antwortete Roderich.
-</p>
-
-<p>
-Aber unsre Braut, fuhr jene fort, übertrifft noch
-an Feierlichkeit alle, die ich jemals gesehn habe; sie ist
-überhaupt immer schwermüthig, man sieht sie nie recht
-heiter lachen.
-</p>
-
-<p>
-Dies macht ihrem Herzen um so mehr Ehre, antwortete
-Roderich, gegen seine Gewohnheit verstimmt.
-Sie wissen vielleicht nicht, mein Fräulein, daß die
-Braut vor einigen Jahren ein allerliebstes verwaistes
-Kind, ein Mädchen, zu sich genommen hatte, um es
-zu erziehn. Dieser Kleinen widmete sie alle ihre Zeit,
-und die Liebe des zarten Geschöpfes war ihr süßester
-Lohn. Dieses Mädchen war sieben Jahr alt geworden,
-als sie sich auf einem Spaziergange in der Stadt
-verlor, und aller angewandten Mühe ungeachtet, noch
-nicht wieder hat aufgefunden werden können. Diesen
-Unfall hat sich das edle Wesen so zu Gemüth gezogen,
-daß sie seitdem an einer stillen Melankolie leidet, und
-durch nichts von dieser Sehnsucht nach ihrer kleinen
-Gespielin kann abgezogen werden.
-</p>
-
-<p>
-Wahrhaftig, recht interessant! sagte das Fräulein;
-das kann sich in der Zukunft recht romantisch entwickeln,
-und zum angenehmsten Gedichte Gelegenheit geben.
-</p>
-
-<p>
-Man ordnete sich an der Tafel; Braut und Bräutigam
-nahmen die Mitte ein, und sahen in die heitere
-Landschaft hinaus. Man schwatzte und trank Gesundheiten,
-die munterste Laune herrschte; die Eltern der
-Braut waren ganz glücklich, nur der Bräutigam war
-still und in sich gekehrt, genoß nur wenig, und nahm
-an den Gesprächen keinen Antheil. Er erschrak, als sich
-<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
-musikalische Töne durch die Luft von oben hernieder
-warfen; doch beruhigte er sich wieder, da es sanfte
-Hörnertöne blieben, die angenehm über die Gebüsche
-hinweg rauschten, sich durch den Park zogen, und am
-fernen Berge verhallten. Roderich hatte sie auf die
-Gallerie über die Speisenden gestellt, und Emil war
-mit dieser Einrichtung zufrieden. Gegen das Ende der
-Mahlzeit ließ er seinen Haushofmeister kommen, und
-sagte zur Braut gewendet: liebe Freundin, laß auch
-die Armuth an unserm Ueberflusse Theil nehmen. Er
-befahl hierauf, eine Anzahl Flaschen Wein, Gebackenes,
-und verschiedene Gerichte in reichlichen Portionen
-dem armen Brautpaar hinüber zu senden, damit ihnen
-dieser Tag auch ein Freudentag sein könne, dessen sie
-sich nachher gern erinnern möchten. Sieh, Freund,
-rief Roderich aus, wie schön alles in der Welt zusammen
-hängt! Mein unnützes Umtreiben und Schwatzen,
-das du so oft an mir tadelst, hat doch nun diese gute
-Handlung veranlaßt. Viele wollten dem Wirthe über
-sein Mitleid und gutes Herz etwas Artiges sagen, und
-das Fräulein sprach von schöner Gesinnung und Edelmuth.
-O schweigen wir! rief Emil zornig: es ist
-keine gute Handlung, ja überhaupt keine Handlung,
-es ist nichts! Wenn Schwalben und Hänflinge sich
-von den weggeworfenen Brosamen dieses Ueberflusses
-nähren, und sie zu ihren Jungen in die Nester tragen,
-sollte ich nicht eines armen Mitbruders gedenken, der
-mein bedarf? Wenn ich meinem Herzen folgen dürfte,
-so würdet ihr mich eben so gut wie manchen andern
-verlachen und verspotten, der in die Wüste zog, um nichts
-mehr von der Welt und ihrem Edelmuth zu erfahren.
-</p>
-
-<p>
-Man schwieg, und Roderich erkannte in den glühenden
-<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
-Augen seines Freundes den heftigsten Unwillen;
-er besorgte, daß er sich in seiner Verstimmung noch mehr
-vergessen möchte, und suchte schnell das Gespräch auf andere
-Gegenstände zu lenken. Doch Emil war unruhig
-und zerstreut geworden; hauptsächlich wendeten sich seine
-Blicke oft nach der obersten Gallerie, auf welcher die
-Bedienten, die das letzte Stockwerk bewohnten, vielerlei
-zu schaffen hatten. Wer ist die widerliche Alte,
-die dort so geschäftig ist, und so oft in ihrem grauen
-Mantel wieder kommt? fragte er endlich. Sie gehört
-zu meiner Bedienung, sagte die Braut; sie soll die
-Aufsicht über die Kammerjungfern und jüngern Mägde
-führen. Wie kannst du solche Häßlichkeit in deiner
-Nähe dulden? erwiederte Emil. Laß sie, antwortete
-die junge Frau, wollen die Häßlichen doch auch leben,
-und da sie gut und redlich ist, kann sie uns von großem
-Nutzen sein.
-</p>
-
-<p>
-Man erhob sich von der Tafel, und alles umgab
-den neuen Gatten, wünschte nochmals Glück, und
-drängte dann mit Bitten um die Erlaubniß zum Ball.
-Die Braut umarmte ihn äußerst freundlich und sagte:
-meine erste Bitte, Geliebter, wirst du mir nicht abschlagen,
-denn wir haben uns alle darauf gefreut: Ich
-habe so lange nicht getanzt, und du selbst hast mich
-noch niemals tanzen sehn. Bist du denn gar nicht
-neugierig darauf, wie ich mich in dieser Bewegung
-ausnehme?
-</p>
-
-<p>
-So heiter, sagte Emil, habe ich dich noch niemals
-gesehn. Ich will kein Störer eurer Freude sein,
-macht, was ihr wollt; nur verlange keiner von mir,
-daß ich mich selbst mit linkischen Sprüngen lächerlich
-machen soll.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
-Wenn du ein schlechter Tänzer bist, sagte sie lachend,
-so kannst du sicher sein, daß dich jedermann gern in
-Ruhe lassen wird. Die Braut entfernte sich hierauf,
-um sich umzuziehn und ihr Ballkleid anzulegen.
-</p>
-
-<p>
-Sie weiß es nicht, sagte Emil zu Roderich, mit
-dem er sich entfernte, daß ich aus einem andern Zimmer
-in das ihrige durch eine verborgene Thür kommen kann,
-ich werde sie beim Umkleiden überraschen.
-</p>
-
-<p>
-Als Emil fortgegangen war, und viele der Damen
-sich auch entfernt hatten, um die zum Tanz nöthigen
-Veränderungen des Putzes zu treffen, nahm Roderich
-die jüngeren Leute beiseit und führte sie auf sein Zimmer.
-Es wird schon Abend, sagte er hier, bald ist es
-finster; jezt geschwind jeder in seine Verkleidung, um
-diese Nacht recht bunt und toll zu verschwärmen. Was
-ihr nur ersinnen könnt; genirt euch nicht, je ärger, je
-besser! Je scheußlicher die Fratzen sind, die ihr aus
-euch hervor bringt, je mehr will ich euch loben. Da
-muß es keinen so widerlichen Höcker, keinen so ungestalten
-Bauch, keine so widersinnige Kleidung geben,
-die nicht heute paradirt. Eine Hochzeit ist eine so wundersame
-Begebenheit, ein ganz neuer ungewohnter Zustand
-wird den Verheiratheten so plötzlich wie ein Mährchen
-über den Hals geworfen, daß man dieses Fest nicht
-verwirrt und unklug genug anfangen kann, um nur
-irgend für die Eheleute die plötzliche Veränderung zu
-motiviren, so daß sie wie in einem phantastischen Traum
-in die neue Lage hinüber schwimmen, und darum laßt
-uns nur <a id="corr-20"></a>recht in diese Nacht hinein wüthen, und
-nehmt <a id="corr-21"></a>keine Einrede von denen an, die sich verständig
-stellen möchten.
-</p>
-
-<p>
-Sei ohne Sorge, sagte Anderson, wir haben einen
-<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
-großen Koffer voll Masken und toller bunter Kleidungsstücke
-aus der Stadt mitgebracht, du wirst dich selbst
-darüber verwundern.
-</p>
-
-<p>
-Aber seht her, sagte Roderich, was ich von meinem
-Schneider eingekauft habe, der diesen kostbaren Schatz
-schon in Läppchen verschneiden wollte! Er hat diese
-Tracht von einer alten Gevatterin erhandelt, die damit
-gewiß bei Lucifer auf dem Blocksberge Galla gemacht
-hat. Seht dieses scharlachrothe Mieder, mit diesen
-goldenen Tressen und Franzen, und diese goldglänzende
-Haube, die mir unendlich ehrwürdig stehen muß, dazu
-nehm&rsquo; ich diesen grünseidnen Rock mit safrangelbem
-Besatz und diese scheußliche Maske, und führe nachher
-als altes Weib den ganzen Chor der Carrikaturen in
-das Schlafzimmer. Macht, daß ihr fertig werdet!
-wir wollen dann feierlich die junge Frau abholen.
-</p>
-
-<p>
-Die Hörner musizirten noch, die Gesellschaft wandelte
-im Garten, oder saß vor dem Hause. Die Sonne
-war hinter trüben Wolken untergegangen, und die
-Gegend lag im grauen Dämmer, als plötzlich unter
-der Wolkendecke der scheidende Stral noch einmal hervor
-brach, und rings die Gegend, vorzüglich aber das Gebäude
-mit seinen Gängen, Säulen und Blumengewinden,
-wie mit rothem Blute besprengte. Da sahen die
-Eltern der Braut, und die übrigen Zuschauer den
-abentheuerlichsten Zug nach dem obern Corredor schweben:
-Roderich als die rothe Alte voran, und ihr nachfolgend
-Bucklichte, dickbauchige Fratzen, ungeheure Perucken,
-Tartaglias, Policinells und gespenstische Pierrots,
-weibliche Figuren in ausgespannten Reifröcken und ellenhohen
-Frisuren, die widerwärtigsten Gestalten, alle wie
-aus einem ängstlichen Traum. Sie zogen gaukelnd und
-<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
-sich drehend und wackelnd, trippelnd und sich brüstend
-über den Gang, und verschwanden dann in eine der
-Thüren. Nur wenige der Zuschauer waren zum Lachen
-gekommen, so hatte sie der seltsamste Anblick überrascht.
-Plötzlich brach ein gellender Schrei aus den innern
-Zimmern, und hervor stürzte in das blutige Abendroth
-die bleiche Braut, im weißen kurzen Kleide, um welches
-Blumenranken flatterten; der schöne Busen ganz frei,
-die Fülle der Locken in Lüften schwebend. Wie wahnsinnig,
-die Augen rollend, das Gesicht entstellt, stürzte
-sie über die Gallerie, und fand in ihrer Angst verblindet
-keine Thür und Treppe, und gleich darauf, ihr
-nachrennend, Emil, den blanken türkischen Dolch in
-hoch erhobener Faust. Jezt war sie am Ende des Ganges,
-sie konnte nicht weiter, er erreichte sie. Die maskirten
-Freunde und die graue Alte waren ihm nach
-gestürzt. Aber schon hatte er wüthend ihre Brust durchbohrt,
-und den weißen Hals durchschnitten, ihr Blut
-strömte im Glanz des Abends. Die Alte hatte sich
-mit ihm umfaßt, ihn zurück zu reißen; kämpfend schleuderte
-er sich mit ihr über das Geländer, und beide
-fielen zerschmettert zu den Füßen der Verwandten nieder,
-die mit stummem Entsetzen der blutigen Scene zugeschaut
-hatten. Oben und im Hofe, oder von den Gallerien
-und Treppen herunter eilend, standen und rannten die
-scheußlichen Larven in mannichfaltigen Gruppen, höllischen
-Dämonen ähnlich.
-</p>
-
-<p>
-Roderich nahm den Sterbenden in seine Arme. Mit
-dem Dolche spielend hatte er ihn im Zimmer seiner
-Gattin gefunden. Sie war fast angekleidet bei seinem
-Eintreten; beim Anblick des rothen widrigen Kleides
-hatte sich seine Erinnerung belebt, das Schreckbild jener
-<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
-Nacht war vor seine Sinne getreten; knirschend war er
-auf die zitternde, fliehende Braut zugesprungen, um
-den Mord und ihr teuflisches Kunststück zu bestrafen.
-Die Alte bestätigte sterbend den verübten Frevel, und
-das ganze Haus war plötzlich in Leid, Trauer und Entsetzen
-verwandelt worden.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash;&mdash;&mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Alle Zuhörer waren bewegt, am meisten aber Clara,
-die schon früher Zeichen von Ungeduld gegeben hatte.
-Nein! rief sie aus und erhob sich: es ist nicht auszuhalten!
-Diese Geschichten gehn zu schneidend durch
-Mark und Bein, und ich weiß mich vor Schauder in
-keinen meiner Gedanken mehr zu retten. Es ist geradezu
-abscheulich, dergleichen zu erfinden. Ich zittre und
-ängste mich, und vermuthe, daß aus jedem Busche, aus
-jeder Laube ein Ungeheuer auf mich zutreten möchte,
-daß die theuersten bekanntesten Gestalten sich plötzlich
-in fremd gespenstische Wesen verwandeln dürften, und
-man ist und bleibt thöricht, und hört zu, läßt sich
-von den Worten immer weiter und weiter verlocken,
-bis das ungeheuerste Grauen uns plötzlich erfaßt, und
-alle vorigen Empfindungen wie in einen Strudel gewaltthätig
-verschlingt. Es fängt an Abend zu werden,
-laßt uns hinein gehn und aufhören.
-</p>
-
-<p>
-Das ist aber ganz gegen die Abrede, sagte Manfred;
-wollt ihr Weiber einer Akademie vorstehn und
-die Talente aufmuntern, so müßt ihr auch mehr Muth
-und Ausdauer haben. Kannst du den guten Lothar
-mit dieser unbilligen Kritik so kränken? Habt ihr es
-denn nicht vorher gewußt, daß man euch würde zu
-fürchten machen? Worüber beklagt ihr euch also? Mir
-<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a>
-hat seine Erzählung so wohl gefallen, daß ich, in
-Nachahmung Alexanders, ausrufen könnte: ich möchte
-diesen Liebeszauber geschrieben haben, wenn ich nicht
-meinen Runenberg gedichtet hätte! Darum, ihr Besten,
-laßt die Narrheit fahren und bleibt hübsch thöricht und
-in der Ordnung.
-</p>
-
-<p>
-Diese Geschichte und die deinige, Bruder Manfred,
-sagte Auguste, haben uns eben alle Lust genommen,
-noch etwas anzuhören, denn sie sind zu gräßlich.
-</p>
-
-<p>
-<span class="antiqua">Et tu, Brute?</span> rief Manfred aus; Schwester,
-du bist ja meine Schwester, wir sind ja hoffentlich
-Ein Blut! nicht gegen die eigne Familie und das verwandte
-Fleisch richte dein Rezensenten-Wüthen. Und
-du, Clara, warum nicht deinen Zorn gegen unsern
-Anton wenden, der mit seinem Mährchen zuerst diesen
-Ton angegeben hat? Aber ich sehe wohl, wir Autoren
-stehen so wenig hier, wie irgend wo, vor einem unpartheiischen
-Richterstuhl; die Leidenschaften, Vorliebe
-und Haß regen sich bei jeder Rezensir-Anstalt. O wohin
-entfliehen aus dieser verderbten Welt? Ich werde von
-nun an gar kein Publikum mehr anerkennen!
-</p>
-
-<p>
-Wir sollen also, sagte Rosalie sanft und erröthend,
-auch nicht einmal die kleine Genugthuung haben, zu
-schelten, wenn man uns durch die Mittel der Dichtkunst
-fast aus unsern Sinnen geängstigt hat?
-</p>
-
-<p>
-Laßt es euch doch für diesmal so gefallen, sagte
-Manfred, wir wollen euch ein andermal einschläfern
-und Langeweile genug machen. Habt ihr aber was zu
-klagen, so klagt über Anton, den ihr selbst zum Könige
-dieses Tages erwählt habt, und der uns befohlen hat,
-dergleichen Zeug an den Tag zu fördern.
-</p>
-
-<p>
-Es wäre unbillig, sagte Emilie, ihn zu schelten,
-<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
-der uns so anmuthig unterhalten hat, und der nur
-mit leisem Schreck, wie aus der Ferne, die Schilderung
-der stillen Einsamkeit wunderbarer und anziehender
-machte.
-</p>
-
-<p>
-Wie ihr nun seid, fuhr Manfred fort, das eine ist
-vielleicht gut, und das andre darum noch nicht schlimm.
-Die Phantasie, die Dichtung also wollt ihr verklagen?
-Aber eure Wirklichkeit! Thut doch nur die Augen auf,
-angenehme Gegner und Widersacher, und seht, daß
-es dort, vor euren Augen, hinter eurem Rücken, wenn
-ihr euch nur erkundigt, weit schlimmer hergeht. Schlimmer
-und herber, und also auch viel gräßlicher, weil
-das Schrecken hier durch nichts Poetisches gemildert
-wird. Soll ich euch dergleichen Dinge aus dem alltäglichsten
-Leben, oder aus der Geschichte erzählen?
-Ich bin nicht von den schwächsten Nerven, aber ich
-weiß noch wohl, daß ich einige Nächte nicht schlafen
-konnte, weil mich das Bild des armen gefolterten
-Grandier die Tage hindurch bei allen meinen Geschäften
-verfolgte, so daß ich selbst das Buch, worin ich
-sein Schicksal gelesen, mit Grauen betrachtete. Dieser
-Mann, ein Geistlicher, ward durch den gemeinsten abgeschmacktesten
-Neid der Zauberei beschuldigt, unkluge
-Nonnen stellten sich besessen und klagten ihn als den
-Urheber ihres Zustandes an; Richelieu, der sich irrigerweise
-von dem gebildeten und nicht unwitzigen Manne
-beleidigt glaubte, ging in die verächtliche Kabale ein.
-Grandier lachte anfangs, aber er ward vor Gericht
-gezogen, unmenschlich, bis zum Sterben fast, zermartert,
-und dann auf die grausamste Weise verbrannt.
-Alle seine Richter waren von seiner Unschuld überzeugt,
-sein hoher Verfolger am innigsten; eine aufgeklärte
-<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a>
-witzige Nation spottete über den Prozeß, man besuchte
-von Paris die besessenen Nonnen als eine unterhaltende
-Abentheuerlichkeit: und doch wurde diese Abscheulichkeit
-verübt, unsern Tagen ziemlich nahe, in den
-Tagen der Philosophie (nicht etwa im sogenannten
-barbarischen Mittel-Alter), die ehrwürdige Form der
-Gerechtigkeit wurde gemißbraucht und geschändet, die
-Religion verhöhnt, und alles dies, worüber unser Eingeweide
-entbrennt und Rache schreit, hatte weiter keine
-Folgen, als daß die Pariser den Zermarterten gutmüthig
-bedauerten. Soll ich euch aus den <span class="antiqua">causes celèbres</span>
-diese ungeheure Begebenheit vorlesen? Oder jene
-Trauergeschichte, welche erzählt, wie ein Familien-Vater
-unschuldig auf die Galeeren gesandt wird und dort
-stirbt, sein Weib und seine unmündige Tochter aber
-lange im Kerker schmachten müssen, weil ein Prozeß
-über einen bedeutenden Diebstahl schlecht eingeleitet
-ward, und die Richter sich vom Stande des Klägers
-verleiten ließen, übereilt zu verfahren; der unschuldig
-Beklagte aber Vermögen, Ehre und Leben auf das
-schmählichste einbüßte? Die Kollekte, die das junge
-Mädchen nachher für ihre Mutter und sich erhielt und
-erbettelte, konnte ihnen den Vater nicht wieder geben,
-noch den ungeheuren Jammer von ihrer Seele nehmen.
-Nicht wahr, diese sind die ächten Gespenstergeschichten?
-Und wer lebt denn wohl, der nicht dergleichen zu erzählen
-wüßte, von der Grausamkeit der Menschen, der
-Bestechlichkeit der Aemter, der Unterdrückung des Armen?
-Von dem Elend, welches große und kleine
-Tyrannen erschaffen? Hier könnt ihr euch nirgend trösten
-und euch sagen: es ist nur ersonnen! die Kunstform
-beruhigt euer Gemüth nicht mit der Nothwendigkeit,
-<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
-ja ihr könnt oft in diesem Jammer nicht einmal
-ein Schicksal sehn, sondern nur das Blinde,
-Schreckliche, das was sagt: so ist es nun einmal! In
-dergleichen mährchenhaften Erfindungen aber kann ja dieses
-Elend der Welt nur wie von vielen muntern Farben
-gebrochen hineinspielen, und ich dächte, auch ein nicht
-starkes Auge müßte es auf diese Weise ertragen können.
-</p>
-
-<p>
-Und wenn du auch Recht hättest, sagte Clara, so
-bleibe ich doch unerbittlich!
-</p>
-
-<p>
-Nun gut, sagte Manfred,
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Sei ganz ein Weib und gieb</p>
- <p class="line">Dich hin dem Triebe, der dich zügellos</p>
- <p class="line">Ergreift und dahin oder dorthin reißt.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Wie macht ihr Zarten, Weichen, Sanftgestimmten, es
-aber nur in unsern Theatern? Ich habe mich oft verwundern
-müssen, daß eure Nerven die Abscheulichkeiten
-aushalten können, die wir doch fast täglich dorten sehen
-und hören müssen. Ich rede nicht von jenen verfehlten
-Tragödien, die, um erhaben zu sein, das Oberste
-im Menschen zu unterst kehren, denn über diese kann man
-lächeln und sich an ihnen unterhalten, immer wird
-doch irgend eine That, Begebenheit oder Schicksal dargestellt,
-welches mich beruhigt, auch ist hie und da
-wohl ein Zug oder eine Scene gelungen, die für das
-Ganze dann gut stehn müssen; sondern von jenem kleinlichen
-Zwitterschauspiele spreche ich, von jenen Familiengemälden
-und Hofrathsstücken, von den Hunger-
-und Elends-Festen von der Noth und Angst, die bis
-in den fünften Akt die Seelen zerdrückt, und ein edles
-Mädchen fast dahin bringt, einen Lump zu heirathen
-<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a>
-und das brillanteste Herz sitzen zu lassen; oder wo ein
-hochstrebender Sohn den Vater bestiehlt und zur Verzweiflung
-bringt, oder Brüder mißhellig sind, Frauen
-den Schweiß des Gatten verschwenden, und so weiter:
-denn wer vermöchte die unendliche Variation des großen
-Einerlei auszusprechen? Bei diesen Jammer-Lustspielen,
-kann ich nicht läugnen, bin ich ein zu nervenschwacher
-Zuschauer, um nicht auf das Aeußerste verstimmt
-und im Innern unglücklich zu werden. Denn
-diese Dichter haben nicht daran genug, dergleichen
-Elend nach der Wahrheit zu schildern, wodurch ihre
-Kompositionen bloß unkünstlich würden, sondern sie
-ziehn mit einem Handgriff, den sie sich alle zu eigen
-gemacht haben, das Edelste und Höchste der Menschheit,
-Kindes- und Elternliebe, Freundschaft, die theuersten
-Verhältnisse, die menschlichsten, natürlichsten und
-herzlichsten Rührungen in ihre Karrikaturen hinein, und
-schlagen die Töne an, die immer anklingen müssen,
-wenn ein gutmüthiges Publikum kein heitres Kunstwerk,
-sondern nur eine prekaire Wahrheit verlangt,
-und erregen dadurch die Thränenschauer, auf welche
-sie in ihren Vorreden so stolz sind. Dieser Thränen
-(ich muß sie selbst vergießen, gesteh ich) sollten wir
-uns aber schämen, sie sollten uns gerade am meisten
-in Zorn gegen den Dichter entzünden, der das Höchste
-und Theuerste zum Niedrigsten macht, und auf dem
-Trödelmarkt ausbietet. Nicht wahr, es würde uns alle
-empören, ein Erbstück eines geliebten Vaters, das wir
-nur unserm kostbarsten Schranke anvertrauen, plötzlich
-in der schmuzigen Judengasse öffentlich ausstehn zu
-sehn? Gerade so empören mich jene Dinge, von denen
-sich unser Publikum so oft erhoben und gebessert fühlt,
-<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
-denn eben die unwürdigste Taschenspielerei jener Autoren
-ist es, an ihr Machwerk die Empfindungen zu knüpfen,
-die uns als Menschen ewig heilig und unverletzlich
-sein sollen.
-</p>
-
-<p>
-Ich verstehe jezt, sagte Emilie, ihren Zorn etwas
-mehr, der mir oft genug paradox erschien, indem ich
-sah, daß sie sich einer gewissen Rührung nicht erwehren
-konnten.
-</p>
-
-<p>
-Wie könnt ihr Weiber, fuhr Manfred in seinem
-Eifer fort, es nur dulden, daß man eure Mütterlichkeit,
-eure Liebe, euer zartes Hingeben, eure ehelichen
-Tugenden, eure Keuschheit, dort als verzerrte Bilder
-so öffentlich an den Pranger stellt? denn das ist es
-eigentlich, wie sehr sich alle diese Herren auch die Miene
-geben wollen, euch und euren Beruf zu verherrlichen.
-Und eben so mit den Romanen. In mein Haus soll
-mir gewiß kein Buch für Mütter, oder Gattinnen,
-oder Weiber wie sie sein sollen, und dergleichen Unkraut
-kommen, aus der Verkehrtheit unsers Treibens
-erwachsen und von der Eitelkeit des Zeitalters genährt.
-Und dieselben Herren, die dergleichen wahrhaft unmoralisches
-Zeug schreiben und preisen, wollen dem Bauer
-seinen Siegfried, Oktavian und Eulenspiegel nehmen,
-um die Moralität der niedern Stände nicht verderben
-zu lassen! Kann es etwas Tolleres und Verkehrteres
-geben?
-</p>
-
-<p>
-Sollte denn aber, sagte Anton, meine Regierung
-gleich so verstümmelt beginnen, zum gefährlichen Beispiel
-aller meiner Thronfolger, und diese Abtheilung,
-die mir zugefallen ist, gar nicht vollendet werden?
-Was werden dazu unsre Freunde Friedrich, Wilibald
-<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a>
-und Theodor sagen? Warlich, wenn ich meine Pflicht
-nur irgend nachleben will, darf ich es nicht zugeben.
-Die liebenswürdige Clara wird also hiemit für eine
-Rebellin erklärt, und ihr eine Minute Frist gestattet,
-sich zu besinnen, widrigenfalls sie sich der Strafe aussetzen
-wird, daß man ihr ganz allein in der Einsamkeit
-die Oktavia, oder Armuth und Edelsinn, oder irgend
-etwas dem Aehnliches, Großartiges vorlesen soll.
-</p>
-
-<p>
-Ich ergebe mich, sagte Clara; der furchtbare Herrscher,
-sehe ich, hat zu schreckliche Strafen in seiner
-Hand, er will uns zwar nicht mit Skorpionen, aber
-doch mit bösem Gewürm geißeln, und darum ziehe ich
-es vor, mich dem Lesen dieser Mährchen zu ergeben,
-wenn denn doch einmal gelesen werden soll. Nur lebe
-ich der Hoffnung, daß die drei Erzählungen, welche
-noch zurückbleiben, nicht <span class="antiqua">crescendo</span> dieses Grauen erhöhen,
-sondern uns <span class="antiqua">decrescendo</span> wieder in den ersten
-Ton zurück führen werden.
-</p>
-
-<p>
-Vor allem laßt uns in den Saal treten, sagte
-Emilie; es ist ungewöhnlich kühl geworden, und unser
-genesender Beherrscher dürfte von der Abendluft mehr,
-wie wir von der Poesie zu befürchten haben.
-</p>
-
-<p>
-Als man den Garten verlassen und sich im offnen
-Saale wieder geordnet hatte, sagte Theodor: ich kann
-wenigstens versichern, daß dasjenige, was ich mitzutheilen
-habe, schwerlich Schrecken erregen kann.
-</p>
-
-<p>
-Von meiner Erfindung kann ich das nämliche zusagen,
-fügte Wilibald hinzu.
-</p>
-
-<p>
-Wenn Friedrich uns dasselbe verspricht, sagte Clara,
-so möge denn also diese Mährchenwelt wieder erscheinen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
-Nur mit Beschämung, sagte Friedrich, kann ich
-Ihnen diese Blätter mittheilen, da ich der einzige bin,
-der seine Erzählung nicht erfunden hat, sondern mich
-gezwungen sehe, Ihnen einen Jugendversuch vorzulegen,
-welcher nur eine alte Geschichte nacherzählt.
-Auch ist die Darstellung so gefaßt, daß ich fürchten
-muß, dem Gedicht das größte Unrecht gethan zu haben.
-Doch erlauben Sie mir ohne weitere Entschuldigung
-anzufangen.
-</p>
-
-<p>
-Friedrich las: &mdash;
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-8">
-<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a>
-<span class="line1">Liebesgeschichte</span><br />
-<span class="line2">der</span><br />
-<span class="line3">schönen Magelone</span><br />
-<span class="line4">und des</span><br />
-<span class="line5">Grafen Peter von Provence.</span><br />
-<span class="line6">1796</span>
-</h2>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-1">
-<span class="firstline">1.</span><br />
-Vorbericht.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>st es dir wohl schon je, vielgeliebter Leser, so recht
-traurig in die Seele gefallen, wie betrübt es sei, daß
-das rauschende Rad der Zeit sich immer weiter dreht,
-und daß bald das zu unterst gekehrt wird, was ehemals
-hoch oben war? So fährt Ruhm, Glanz, Pracht
-und weltberühmte Schönheit hin, wie goldene Abendwolken,
-die hinter fernen Bergen nieder sinken, und
-nur auf kurze Zeit noch schwachen gelblichen Schimmer
-hinter sich lassen: die Nacht tritt ernst und feierlich
-herauf, die schwarzen Heere von Wolken ziehn unter
-Sternenglanz auf und ab, und der letzte Schein erlöscht
-furchtsam; Wind fährt durch den Eichenforst und
-kein Hüttenbewohner denkt an die Röthe des Abends
-zurück. Im Winkel sitzt wohl ein Knabe in sich versunken
-<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
-und sieht im dämmernden Wiederschein der Lampe
-ein Bild der fröhlichen Morgenröthe; ihm dünkt, er
-höre schon die muntern Hähne krähen, und wie ein
-kühler Wind durch die Blätter rauscht und alle Blumen
-der Wiese aus ihrem stillen Schlafe weckt; er vergißt
-sich selbst und nickt nach und nach ein, indem das
-Feuer ausbrennt. Dann kommen Träume über ihn,
-dann sieht er alles im Glanze der Sonne vor sich:
-die wohlbekannte Heimath, über die wunderbare fremde
-Gestalten schreiten, Bäume wachsen hervor, die er nie
-gesehn, sie scheinen zu reden und menschlichen Sinn,
-Liebe und Vertrauen zu ihm ausdrücken zu wollen.
-Wie fühlt er sich der Welt befreundet, wie schaut ihn
-alles mit zärtlichem Wohlgefallen an! die Büsche flüstern
-ihm liebe Worte ins Ohr, indem er vorübergeht,
-fromme Lämmer drängen sich um ihn, die Quelle
-scheint mit lockendem Murmeln ihn mit sich nehmen
-zu wollen, das Gras unter seinen Füßen quillt frischer
-und grüner hervor.
-</p>
-
-<p>
-Unter diesem Bilde mag dir, geliebter Leser, der
-Dichter erscheinen, und er bittet, daß du ihm vergönnen
-mögest, dir seinen Traum vorzuführen. Jene alte
-Geschichte, die manchen sonst ergötzte, die vergessen
-ward, und die er gern mit neuem Lichte bekleiden möchte.
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Der Dichter sieht bemooste Leichensteine,</p>
- <p class="line">Die keiner seiner Freunde kennt,</p>
- <p class="line">Dann fühlt er, daß beim Mondenscheine</p>
- <p class="line">Im Busen fromme Ahndung brennt:</p>
- <p class="line">Er steht und sinnt, es rauschen alle Haine,</p>
- <p class="line">Es flieht, was ihn von den Gestorbnen trennt,</p>
- <p class="line">Freudigen Schrecks er sie als alte Freunde nennt.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
- <p class="line">Gern wandl&rsquo; ich in der stillen Ferne,</p>
- <p class="line">In unsrer Väter frommen Zeit,</p>
- <p class="line">Ich seh, wie jeder sich so gerne</p>
- <p class="line">Der alten guten Mährchen freut,</p>
- <p class="line">Oft wiederholt ergötzen sie noch immer,</p>
- <p class="line">Sie kehren wieder wie dasselbe Mal,</p>
- <p class="line">Der Hörer fühlt des Lebens Lust und Quaal,</p>
- <p class="line">Der Liebe holden Frühlingsschimmer.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ob ihr die alten Töne gerne hört?</p>
- <p class="line">Das Lied aus längst verfloßnen Tagen?</p>
- <p class="line">Verzeiht dem Sänger, den es so bethört,</p>
- <p class="line">Daß er beginnt das Mährchen anzusagen.</p>
-</div>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-2">
-<span class="firstline">2.</span><br />
-Wie ein fremder Sänger an den Hof
-des Grafen von Provence kam.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>n der Provence herrschte vor langer Zeit ein Graf,
-der einen überaus schönen und herrlichen Sohn hatte,
-welcher als die Freude des Vaters und der Mutter
-erwuchs. Er war groß und stark, und glänzende blonde
-Haare flossen um seinen Nacken und beschatteten sein
-zartes jugendliches Gesicht; dabei war er in aller Waffenübung
-wohl erfahren, keiner führte im Lande und
-auch außerhalb die Lanze und das Schwerdt so wie er,
-so daß ihn Jung und Alt, Groß und Klein, Adel
-und Unadel bewunderte.
-</p>
-
-<p>
-Er war oft gern in sich gekehrt, als wenn er irgend
-einem geheimen Wunsche nachginge, und viele erfahrene
-<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
-Leute glaubten und schlossen daher, er sei in Liebe;
-es wollte ihn darum keiner aus seinen Träumen aufwecken,
-weil sie wohl wußten, daß die Liebe ein süßer
-Ton ist, der im Ohre schläft und wie aus einem
-Traume seine phantasiereiche Melodie fortredet, so daß
-ihn der Beherberger selbst nur wie ein dunkles Räthsel
-versteht, geschweige denn ein Fremder, und daß er oft
-nur allzuschnell entflieht, und seine Wohnung in dem
-Aether und goldenen Morgenwolken wieder sucht.
-</p>
-
-<p>
-Aber der junge Graf Peter kannte seine eigenen
-Wünsche nicht; es war ihm, als wenn ferne Stimmen
-unvernehmlich durch einen Wald riefen, er wollte folgen,
-und Furcht hielt ihn zurück, doch Ahndung drängte
-ihn vor.
-</p>
-
-<p>
-Sein Vater gab ein großes Turnier, zu welchem
-viele Ritter geladen wurden. Es war ein Wunder
-anzusehn, wie der zarte Jüngling die Erfahrensten aus
-dem Sattel hob, so daß es auch allen Zuschauern unbegreiflich
-schien. Er ward von allen gerühmt und
-für den besten und stärksten geachtet; aber kein Lob
-machte ihn stolz, sondern er schämte sich manchmal
-selber, daß er so alte und würdige Rittersmänner sollte
-überwunden haben.
-</p>
-
-<p>
-Unter andern war auch ein Sänger mit herbei
-gekommen, der viele fremde Länder gesehen hatte; er
-war kein Ritter, aber an Einsicht und Erfahrung übertraf
-er manchen Edlen. Dieser gesellte sich zu Graf
-Peter und lobte ihn ungemein, schloß aber seine Rede
-mit diesen Worten: Ritter, wenn ich euch rathen
-sollte, so müßt ihr nicht hier bleiben, sondern fremde
-Gegenden und Menschen sehn und wohl betrachten,
-<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
-auf daß sich eure Einsichten, die in der Heimath nur
-immer einheimisch bleiben, verbessern, und ihr am
-Ende das Fremde mit dem Bekannten verbinden könnt.
-</p>
-
-<p>
-Er nahm seine Laute und sang:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Keinem hat es noch gereut,</p>
- <p class="line">Der das Roß bestiegen,</p>
- <p class="line">Und in frischer Jugendzeit</p>
- <p class="line">Durch die Welt zu fliegen.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Berge und Auen,</p>
- <p class="line">Einsamer Wald,</p>
- <p class="line">Mädchen und Frauen</p>
- <p class="line">Prächtig im Kleide,</p>
- <p class="line">Golden Geschmeide,</p>
- <p class="line">Alles erfreut ihn mit schöner Gestalt.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wunderlich fliehen</p>
- <p class="line">Gestalten dahin,</p>
- <p class="line">Schwärmerisch glühen</p>
- <p class="line">Wünsche in jugendlich trunkenem Sinn.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ruhm streut ihm Rosen,</p>
- <p class="line">Schnell in die Bahn,</p>
- <p class="line">Lieben und Kosen,</p>
- <p class="line">Lorbeer und Rosen</p>
- <p class="line">Führen ihn höher und höher hinan.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Rund um ihn Freuden,</p>
- <p class="line">Feinde beneiden,</p>
- <p class="line">Erliegend, den Held, &mdash;</p>
- <p class="line">Dann wählt er bescheiden</p>
- <p class="line">Das Fräulein, das ihm nur vor allen gefällt.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
- <p class="line">Und Berge und Felder</p>
- <p class="line">Und einsame Wälder</p>
- <p class="line">Mißt er zurück.</p>
- <p class="line">Die Eltern in Thränen,</p>
- <p class="line">Ach alle ihr Sehnen, &mdash;</p>
- <p class="line">Sie alle vereinigt das lieblichste Glück.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Sind Jahre verschwunden,</p>
- <p class="line">Erzählt er dem Sohn</p>
- <p class="line">In traulichen Stunden,</p>
- <p class="line">Und zeigt seine Wunden,</p>
- <p class="line">Der Tapferkeit Lohn.</p>
- <p class="line">So bleibt das Alter selbst noch jung,</p>
- <p class="line">Ein Lichtstrahl in der Dämmerung.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Der Jüngling hörte still dem Gesange zu; als er
-geendigt war, blieb er eine Weile in sich gekehrt, dann
-sagte er: ja, nunmehr weiß ich, was mir fehlt, ich
-kenne nun alle meine Wünsche, in der Ferne wohnt
-mein Sinn, und mancherlei wechselnde buntfarbige
-Bilder ziehn durch mein Gemüth. Keine größere Wollust
-für den jungen Rittersmann, als durch Thal und
-über Feld dahin ziehn: hier liegt eine hoch erhabene Burg
-im Glanz der Morgensonne, dort tönt über die Wiese
-durch den dichten Wald des Schäfers Schallmei, ein
-edles Fräulein fliegt auf einem weißen Zelter vorüber,
-Ritter und Knappen begegnen mir in blanker Rüstung
-und Abentheuer drängen sich; ungekannt zieh ich durch
-die berühmten Städte, der wunderbarste Wechsel, ein
-ewig neues Leben umgiebt mich, und ich begreife mich
-selber kaum, wenn ich an die Heimath und den stets
-wiederkehrenden Kreis der hiesigen Begebenheiten zurück
-denke. O ich möchte schon auf meinem guten
-<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
-Rosse sitzen, ich möchte sogleich dem väterlichen Hause
-Lebewohl sagen.
-</p>
-
-<p>
-Er war von diesen neuen Vorstellungen erhitzt, und
-ging sogleich in das Gemach seiner Mutter, wo er
-auch den Grafen, seinen Vater, traf. Peter ließ sich
-alsbald demüthig auf ein Knie nieder und trug seine
-Bitte vor, daß seine Eltern ihm erlauben möchten zu
-reisen und Abentheuer aufzusuchen; denn, so schloß er
-seine Rede: wer immer nur in der Heimath bleibt,
-behält auch für seine Lebenszeit nur einen einheimischen
-Sinn, aber in der Fremde lernt man das Niegesehene
-mit dem Wohlbekannten verbinden, darum
-versagt mir eure Erlaubniß nicht.
-</p>
-
-<p>
-Der alte Graf erschrak über den Antrag seines
-Sohnes, noch mehr aber die Mutter, denn sie hatten
-sich dessen am wenigsten versehn. Der Graf sagte:
-mein Sohn, deine Bitte kömmt mir ungelegen, denn
-du bist mein einziger Erbe; wenn ich nun während
-deiner Abwesenheit mit Tode abginge, was sollte da
-aus meinem Lande werden? Aber Peter blieb bei seinem
-Gesuch, worüber die Mutter anfing zu weinen
-und zu ihm sagte: Lieber, einziger Sohn, du hast
-noch kein Ungemach des Lebens gekostet und siehst nur
-deine schönen Hoffnungen vor dir; allein bedenke, daß
-es gar wohl sein kann, daß, wenn du abreisest, tausend
-Mühseligkeiten schon bereit stehn, um dir in den
-Weg zu treten; du hast dann vielleicht mit Elend zu
-kämpfen, und wünschest dich zu uns zurück.
-</p>
-
-<p>
-Peter lag noch immer demüthig auf den Knien
-und antwortete: Vielgeliebte Eltern, ich kann nicht
-dafür, aber es ist jezt mein einziger Wunsch, in die
-weite fremde Welt zu reisen, um Freud und Mühseligkeit
-<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
-zu erleben, und dann als ein bekannter und
-geehrter Mann in die Heimath zurück zu kehren. Dazu
-seid ihr ja auch, mein Vater, in eurer Jugend in
-der Fremde gewesen, und habt euch weit und breit
-einen Namen gemacht; aus einem fremden Lande habt
-ihr euch meine Mutter zum Gemal geholt, die damals
-für die größte Schönheit geachtet wurde; laßt mich
-ein gleiches Glück versuchen, seht, mit Thränen bitte
-ich euch darum.
-</p>
-
-<p>
-Er nahm eine Laute, die er sehr schön zu spielen
-verstand, und sang das Lied, das er vom Harfenspieler
-gelernt hatte, und am Schlusse weinte er heftig. Die
-Eltern waren auch gerührt, besonders aber die Mutter;
-sie sagte: nun, so will ich dir meinerseits meinen Segen
-geben, geliebter Sohn, denn es ist freilich alles
-wahr, was du da gesagt hast. Der Vater stand gleichfalls
-auf und segnete ihn, und Peter war im Herzen
-vergnügt, daß er so die Einwilligung seiner Eltern erhalten
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Es ward nun Befehl gegeben, alles zu seinem
-Zuge zu rüsten, und die Mutter ließ Petern heimlich
-zu sich kommen. Sie gab ihm drei kostbare Ringe
-und sagte: Siehe, mein Sohn, diese drei kostbaren
-Ringe habe ich von meiner Jugend an sorgfältig bewahrt;
-nimm sie mit dir und halte sie in Ehren, und
-so du ein Fräulein findest, das du liebst und das dir
-wieder gewogen ist, so darfst du sie ihr schenken. Er
-küßte dankbar ihre Hand, und es kam der Morgen,
-an welchem er von dannen schied.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-3">
-<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
-<span class="firstline">3.</span><br />
-Wie der Ritter Peter von seinen
-Eltern zog.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>ls Peter sein Pferd besteigen wollte, segnete ihn sein
-Vater noch einmal, und sagte zu ihm: mein Sohn,
-immer möge dich das Glück begleiten, so daß wir dich
-gesund und wohlbehalten wieder sehn; denke stets meiner
-Lehren, die ich deiner zarten Jugend einprägte:
-suche die gute und meide die böse Gesellschaft; halte
-immer die Gesetze des Ritterstandes in Ehren, und
-vergiß sie in keinem Augenblicke, denn sie sind das
-edelste, was die edelsten Männer in ihren besten Stunden
-erdacht haben; sei immer redlich, wenn du auch
-betrogen wirst, denn das ist der Probierstein des Wackern,
-daß er selten auf rechtliche Menschen trifft, und
-doch sich selber gleich bleibt. &mdash; Lebe wohl! &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Peter ritt fort, allein und ohne Knappen, denn
-er wollte allenthalben, wie es oft die jungen Ritter
-zu thun pflegten, unbekannt bleiben. Die Sonne war
-herrlich aufgegangen, und der frische Thau glänzte auf
-den Wiesen. Peter war frohen Muthes und spornte
-sein gutes Roß, daß es oft muthig aufsprang. Es lag
-ihm ein altes Lied im Sinne und er sang es laut:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Traun! Bogen und Pfeil</p>
- <p class="line">Sind gut für den Feind,</p>
- <p class="line">Hülflos alleweil</p>
- <p class="line">Der Elende weint;</p>
- <p class="line">Dem Edlen blüht Heil</p>
- <p class="line">Wo Sonne nur scheint,</p>
-<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
- <p class="line">Die Felsen sind steil,</p>
- <p class="line">Doch Glück ist sein Freund.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Er kam nach vielen Tagereisen in die edle und
-vornehme Stadt Neapolis. Schon unterwegs hatte er
-viel vom Könige und seiner überaus schönen Tochter
-Magelone reden hören, so daß er sehr begierig war,
-sie von Angesicht zu Angesicht zu sehn. Er stieg in
-einer Herberge ab, und erkundigte sich nach Neuigkeiten;
-da hörte er vom Wirthe, daß ein vornehmer
-Ritter, Herr Heinrich von Carpone, angekommen sei,
-und daß ihm zu Ehren ein schönes Turnier gehalten
-werden solle. Er erfuhr zugleich, daß auch den Fremden
-der Zutritt erlaubt sei, wenn sie nach den Turniergesetzen
-geharnischt erschienen. Da nahm sich Peter
-sogleich vor, auch dabei zu sein, und seine Geschicklichkeit
-und Stärke zu versuchen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-4">
-<span class="firstline">4.</span><br />
-Peter sieht die schöne Magelone.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>ls der Tag des Turniers erschienen war, legte Peter
-seine Waffenrüstung an, und begab sich in die Schranken.
-Er hatte sich auf seinen Helm zwei schöne silberne
-Schlüssel setzen lassen, von ungemein feiner Arbeit, so
-war auch sein Schild mit Schlüsseln geziert, auch die
-Decke seines Pferdes. Dies hatte er seinem Namen zu
-Gefallen gethan und zu Ehren des Apostels Petrus, den
-er sehr liebte. Von Jugend auf hatte er sich ihm zum
-Schirm und Schutz empfohlen, und deswegen wählte
-<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a>
-er sich auch jezt dieses Wahrzeichen, da er unbekannt
-bleiben wollte.
-</p>
-
-<p>
-Unter Trompetenschall trat ein Herold auf, der das
-Turnier ausrief, das zu Ehren der schönen Magelone
-eröffnet wurde. Sie selbst saß auf einem erhabenen
-Söller und sah auf die Versammlung der Ritter hinab.
-Peter schaute hinauf, er konnte sie aber nicht genau
-betrachten, weil sie zu entfernt war.
-</p>
-
-<p>
-Herr Heinrich von Carpone trat zuerst in die
-Schranken und gegen ihn stellte sich ein Ritter des
-Königes. Sie trafen auf einander und der Königsche
-wurde bügellos, aber er traf zufälligerweise mit seiner
-Lanze das Pferd des Herrn Heinrich vorn an den Schienbeinen,
-so daß das Roß mit seinem Reiter zu Boden
-stürzte. Darüber wurde dem Diener des Königes der
-Sieg zugesprochen, als einem, der den Herrn Heinrich
-umgerennt hätte. Das verdroß Petern gar sehr, denn
-Herr Heinrich war ein namhafter Renner; dazu so
-berühmte sich der Diener laut und öffentlich seines
-Sieges, den er doch nur dem Zufall zu danken hatte.
-Peter stellte sich also gegen ihn in die Schranken und
-rannte ihn vom Pferde hinunter, daß sich alle über
-seine Kraft verwundern mußten; er that aber zu aller
-Erstaunen noch mehr, denn er machte auch bald die übrigen
-Sättel ledig, so daß sich in kurzer Zeit kein Gegner
-vor ihm mehr finden ließ. Darüber waren alle begierig,
-den Namen des fremden Ritters zu wissen, und
-der König von Neapel schickte selbst seinen Herold an
-ihn ab, um ihn zu erfahren; aber Peter bat in Demuth
-um die Erlaubniß, daß man ihm noch ferner erlauben
-möchte, unbekannt zu bleiben, denn sein Name sei
-dunkel und von keinen Thaten verherrlicht; dazu so sei
-<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
-er ein armer geringer Edelmann aus Frankreich, er wolle
-seinen Namen daher so lange verschweigen, bis er es
-durch Thaten werth geworden sei, sich nennen zu dürfen.
-Dem König freute diese Antwort, weil sie ein
-Beweis von der Bescheidenheit des Ritters war.
-</p>
-
-<p>
-Es währte nicht lange, so wurde ein zweites Turnier
-gehalten, und die schöne Magelone wünschte heimlich
-im Herzen, daß sie des Ritters mit den silbernen
-Schlüsseln wieder ansichtig werden möchte; denn sie
-war ihm zugethan, hatte es aber noch Niemand anvertraut,
-ja sich selber kaum, denn die erste Liebe ist zaghaft,
-und hält sich selbst für einen Verräther. Sie ward
-roth, als Peter wieder mit seiner kenntlichen Waffenrüstung
-in die Schranken trat, und nun die Trommeten
-schmetterten, und bald darauf die Spieße an den Schilden
-krachten. Unverwandt blickte sie auf Peter, und
-er blieb in jedem Kampfe Sieger; sie verwunderte sich
-endlich darüber nicht mehr, weil ihr war, als könne
-es nicht anders sein. Die Feierlichkeit war geendigt,
-und Peter hatte von neuem großes Lob und große
-Ehre eingesammelt.
-</p>
-
-<p>
-Der König ließ ihn an seine Tafel laden, wo
-Peter der Prinzessin gegenüber saß und über ihre
-Schönheit erstaunte, denn er sah sie jezt zum erstenmal
-in der Nähe. Sie blickte immer freundlich auf
-ihn hin, und dadurch kam er in große Verwirrung;
-sein Sprechen belustigte den König, und sein edler
-und kräftiger Anstand setzte das Hofgesinde in Erstaunen.
-Im Saale kam er nachher mit der Prinzessin
-allein zu sprechen, und sie lud ihn ein, öfter wieder zu
-kommen, worauf er Abschied nahm, und sie ihn noch
-zuletzt mit einem sehr freundlichen Blicke entließ.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a>
-Peter ging wie berauscht durch die Straßen; er
-eilte in einen schönen Garten, und wandelte mit verschränkten
-Armen auf und nieder, bald langsam, bald
-schnell, und die Zeit verfloß, ohne daß er begreifen
-konnte, wie die Stunden vorüber waren. Er hörte
-nichts um sich her, denn eine innerliche Musik übertönte
-das Flüstern der Bäume und das rieselnde Plätschern
-der Wasserkünste. Tausendmal sagte er sich in
-Gedanken den Namen Magelone vor, und erschrak
-dann plötzlich, weil er glaubte, er habe ihn laut durch
-den Garten ausgerufen. Gegen Abend erscholl in der
-Gegend eine süße Musik, und nun setzte er sich in das
-frische Gras hinter einem Busche und weinte und
-schluchzte; es war ihm, als wenn sich der Himmel umgewendet
-und nun seine Schönheit und paradisische
-Seite zum erstenmal herausgekehrt hätte; und doch
-machte ihn diese Empfindung so unglücklich, unter allen
-Freuden fühlte er sich so gänzlich verlassen. Die Musik
-floß wie ein murmelnder Bach durch den stillen Garten,
-und er sah die Anmuth der Fürstin auf den silbernen
-Wellen hoch einher schwimmen, wie die Wogen
-der Musik den Saum ihres Gewandes küßten, und
-wetteiferten, ihr nachzufolgen; gleich einer Morgenröthe
-schien sie in die dämmernde Nacht hinein, und
-die Sterne standen in ihrem Laufe still, die Bäume
-hielten sich ruhig und die Winde schwiegen; die Musik
-war jezt die einzige Bewegung, das einzige Leben in
-der Natur, und alle Töne schlüpften so süß über die
-Grasspitzen und durch die Baumgipfel hin, als wenn
-sie die schlafende Liebe suchten und sie nicht wecken
-wollten, als wenn sie, so wie der weinende Jüngling,
-zitterten, bemerkt zu werden.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
-Jezt erklangen die letzten Accente, und wie ein
-blauer Lichtstrom versank der Ton, und die Bäume
-rauschten wieder, und Peter erwachte aus sich selber
-und fühlte, daß seine Wange von Thränen naß sei.
-Die Springbrunnen plätscherten stärker und führten
-von den entferntesten Gegenden des Gartens her laute
-Gespräche. Peter sang leise folgendes Lied:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Sind es Schmerzen, sind es Freuden,</p>
- <p class="line">Die durch meinen Busen ziehn?</p>
- <p class="line">Alle alten Wünsche scheiden,</p>
- <p class="line">Tausend neue Blumen blühn.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Durch die Dämmerung der Thränen</p>
- <p class="line">Seh&rsquo; ich ferne Sonnen stehn, &mdash;</p>
- <p class="line">Welches Schmachten! welches Sehnen!</p>
- <p class="line">Wag&rsquo; ich&rsquo;s? soll ich näher gehn?</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ach, und fällt die Thräne nieder,</p>
- <p class="line">Ist es dunkel um mich her;</p>
- <p class="line">Dennoch kömmt kein Wunsch mir wieder,</p>
- <p class="line">Zukunft ist von Hoffnung leer.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">So schlage denn, strebendes Herz,</p>
- <p class="line">So fließet denn, Thränen, herab,</p>
- <p class="line">Ach Lust ist nur tieferer Schmerz,</p>
- <p class="line">Leben ist dunkeles Grab. &mdash;</p>
- <p class="line2">Ohne Verschulden</p>
- <p class="line2">Soll ich erdulden?</p>
- <p class="line">Wie ists, daß mir im Traum</p>
- <p class="line2">Alle Gedanken</p>
- <p class="line2">Auf und nieder schwanken!</p>
- <p class="line">Ich kenne mich noch kaum.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
- <p class="line">O hört mich, ihr gütigen Sterne,</p>
- <p class="line">O höre mich, grünende Flur,</p>
- <p class="line">Du, Liebe, den heiligen Schwur:</p>
- <p class="line2">Bleib&rsquo; ich ihr ferne,</p>
- <p class="line2">Sterb&rsquo; ich gerne.</p>
- <p class="line">Ach! nur im Licht von ihrem Blick</p>
- <p class="line">Wohnt Leben und Hoffnung und Glück!</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Er hatte sich selber etwas getröstet, und schwur sich,
-Magelonens Liebe zu erwerben, oder unterzugehn. Spät
-in der Nacht ging er nach Hause und setzte sich in
-seinem Zimmer nieder, und sprach sich jedes Wort
-wieder vor, das sie ihm gesagt hatte; bald glaubte er
-Ursach zu finden, sich zu freuen, dann wurde er wieder
-betrübt, und war von neuem in Zweifel. Er
-wollte seinem Vater schreiben und richtete in Gedanken
-die Worte an Magelonen, und trauerte dann über
-seine Zerstreuung, daß er es wage, ihr zu schreiben,
-die er nicht kenne. Nun erschrak er vor dem Gedanken,
-daß ihm das Wesen fremd sei, welches er vor allen
-übrigen in der Welt so unaussprechlich theuer liebe.
-</p>
-
-<p>
-Ein süßer Schlummer überraschte ihn endlich und
-durchstrich seine Zweifel und Schmerzen, und wunderbare
-Träume von Liebe und Entführungen, einsamen
-Wäldern und Stürmen auf dem Meere tanzten in seinem
-Gemach auf und nieder, und bedeckten wie schöne
-bunte Tapeten die leeren Wände.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-5">
-<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
-<span class="firstline">5.</span><br />
-Wie der Ritter der schönen Magelone
-Botschaft sandte.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>n derselben Nacht war Magelone eben so bewegt
-als ihr Ritter. Es däuchte ihr, als könne sie sich auf
-ihrem einsamen Zimmer nicht lassen; sie ging oft an
-das Fenster und sah nachdenklich in den Garten hinab,
-und alles war ihr trübe und schwermüthig; sie behorchte
-die Bäume, die gegen einander rauschten, dann sah
-sie nach den Sternen, die sich im Meere spiegelten;
-sie warf es dem Unbekannten vor, daß er nicht im
-Garten unter ihrem Fenster stehe, dann weinte sie,
-weil sie gedachte, daß es ihm unmöglich sei. Sie warf
-sich auf ihr Bett, aber sie konnte nur wenig schlafen,
-und wenn sie die Augen schloß, sah sie das Turnier
-und den geliebten Unbekannten, welcher Sieger ward
-und mit sehnsüchtiger Hoffnung zu ihrem Altan hinauf
-blickte. Bald weidete sie sich an diesen Phantasieen,
-bald schalt sie auf sich selber; erst gegen Morgen fiel
-sie in einen leichten Schlummer.
-</p>
-
-<p>
-Sie beschloß, ihre Zuneigung ihrer geliebten Amme
-zu entdecken, vor der sie kein Geheimniß hatte. In
-einer traulichen Abendstunde sagte sie daher zu ihr:
-Liebe Amme, ich habe schon seit lange etwas auf dem
-Herzen, welches mir fast das Herz zerdrückt; ich muß
-es dir nur endlich sagen und du mußt mir mit deinem
-mütterlichen Rathe beistehn, denn ich weiß mir selber
-nicht mehr zu rathen. Die Amme antwortete: vertraue
-dich mir, geliebtes Kind, denn eben darum bin
-ich älter und liebe dich wie eine Mutter, daß ich dir
-<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a>
-guten Anschlag geben möge, denn freilich weiß sich
-die Jugend nie selber zu helfen.
-</p>
-
-<p>
-Da die Prinzessin diese freundlichen Worte von
-ihrer Amme hörte, ward sie noch dreister und zutraulicher,
-und fuhr daher also fort: o Gertraud, hast du
-wohl den unbekannten Ritter mit den silbernen Schlüsseln
-bemerkt? Gewiß hast du ihn gesehn, denn er ist
-der einzige, der bemerkenswerth war, alle übrigen dienten
-nur, ihn zu verherrlichen, allen Sonnenschein
-des Ruhms auf ihn zu häufen, und selbst in dunkler
-einsamer Nacht zu wohnen. Er ist der einzige Mann,
-der schönste Jüngling, der tapferste Held. Seit ich
-ihn gesehn habe, sind meine Augen unnütz, denn ich
-sehe nur meine Gedanken, in denen er wohnt, wie er
-in aller seiner Herrlichkeit vor mir steht. Wüßte ich
-nur noch, daß er aus einem hohen Geschlechte sei, so
-wollte ich alle meine Hoffnung auf ihn setzen. Aber er
-kann aus keinem unedlen Hause stammen, denn wer
-wäre alsdann edel zu nennen? O antworte mir, tröste
-mich, liebe Amme, und gieb mir nun Rath.
-</p>
-
-<p>
-Die Amme erschrak sehr, als sie diese Rede verstanden
-hatte; sie antwortete: liebes Kind, schon seit
-lange waren meine Erwartungen so wie meine Neugier
-darauf gerichtet, daß du mir gestehn solltest, welchen
-von den Edlen des Königreichs, oder welchen Auswärtigen
-du liebtest, denn selbst die Höchsten und sogar
-Könige begehren dein. Aber warum hast du nun deine
-Neigung auf einen Unbekannten geworfen, von dem
-Niemand weiß, woher er gekommen? Ich zittre, wenn
-der König, dein Vater, deine Liebe bemerkt.
-</p>
-
-<p>
-Nun und warum zitterst du? fiel ihr Magelone
-mit heftigem Weinen in die Rede. Wenn er sie
-<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a>
-bemerkt, so wird er zürnen, der fremde Ritter wird
-den Hof und das Land verlassen, und ich werde in
-treuer hoffnungsloser Liebe sterben; und sterben muß ich,
-wenn der Unbekannte mich nicht wieder liebt, wenn ich
-auf ihn nicht die Hoffnung der ganzen Zukunft setzen
-darf. Alsdann bin ich zur Ruhe, und weder mein
-Vater noch du, keiner wird mich je mehr verfolgen.
-</p>
-
-<p>
-Da die Amme diese Worte hörte, ward sie sehr betrübt
-und weinte ebenfalls. Höre auf mit deinen Thränen,
-liebes Kind, so rief sie schluchzend aus: alles
-will ich ertragen, nur kann ich dich unmöglich weinen
-sehn; es ist mir, als müßte ich das größte Elend der
-Erden erdulden, wenn dein liebes Gesicht nicht freundlich
-ist.
-</p>
-
-<p>
-Nicht wahr, man muß ihn lieben? sagte Magelone,
-und umarmte ihre Amme. Ich hätte nie einen Mann
-geliebt, wenn mein Auge ihn nicht gesehn hätte; wär
-es also nicht Sünde, ihn nicht zu lieben, da ich so
-glücklich gewesen bin, ihn zu finden? Gieb nur Acht
-auf ihn, wie alle Vortrefflichkeiten, die sonst schon einzeln
-andre Ritter edel machen, in ihm vereinigt glänzen;
-wie einnehmend sein fremder Anstand ist, daß er
-die hiesige italiänische Sitte nicht in seiner Gewalt hat,
-wie seine stille Bescheidenheit weit mehr wahre Höflichkeit
-ist, als die studirte und gewandte Galanterie der
-hiesigen Ritter. Er ist immer in Verlegenheit, daß er
-Niemand besseres ist, als er, und doch sollte er stolz
-darauf sein, daß er niemand anders ist, denn so wie
-er ist, ist er das Schönste, was die Natur nur je hervor
-gebracht hat. O such&rsquo; ihn auf, Gertraud, und frage
-ihn nach seinem Stand und Namen, damit ich weiß,
-ob ich leben oder sterben muß; wenn ich ihn fragen
-<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a>
-lasse, wird er kein Geheimniß daraus machen, denn
-ich möchte vor ihm kein Geheimniß haben.
-</p>
-
-<p>
-Als der Morgen kam, ging die Amme in die Kirche
-und betete; sie sah den Ritter, der auch in einem andächtigen
-Gebete auf den Knien lag. Als er geendet
-hatte, näherte er sich der Amme und grüßte sie höflich,
-denn er kannte sie und hatte sie am Hofe gesehn.
-Die Amme richtete den Auftrag des Fräuleins aus,
-daß sie ihn um seinen Stand und Namen ersuche,
-weil es einem so edlen Manne nicht gezieme, sich verborgen
-zu halten.
-</p>
-
-<p>
-Peter bekam eine große Freude und das Herz schlug
-ihm, denn er sah aus diesen Worten, daß ihn Magelone
-liebe; worauf er sagte: man erlaube mir, meinen
-Namen noch zu verschweigen, aber das könnt ihr
-der Prinzessin sagen, daß ich aus einem hohen adelichen
-Geschlechte bin, und daß der Name meiner Ahnherrn
-in den Geschichtsbüchern rühmlich bekannt ist.
-Nehmt indeß dies zum Angedenken meiner, und laßt
-es einen kleinen Lohn sein für die fröhliche Botschaft,
-so ihr mir wider alles Verhoffen gebracht habt.
-</p>
-
-<p>
-Er gab hierauf der Amme einen von den dreien
-köstlichen Ringen, und Gertraud eilte sogleich zur Prinzessin,
-ihr die erhaltene Kundschaft anzusagen, auch
-zeigte sie ihr den köstlichen Ring, der allein schon bewies,
-daß der Ritter aus einem vornehmen Hause
-stammen müsse. Er hatte der Amme zugleich ein Pergamentblatt
-mitgegeben, in Hoffnung, daß Magelone
-die Worte lesen würde, die er im Gefühl seiner Liebe
-niedergeschrieben hatte.
-</p>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a>
- <p class="line">Liebe kam aus fernen Landen</p>
- <p class="line">Und kein Wesen folgte ihr,</p>
- <p class="line">Und die Göttin winkte mir,</p>
- <p class="line">Schlang mich ein mit süßen Banden.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Da begonn ich Schmerz zu fühlen,</p>
- <p class="line">Thränen dämmerten den Blick:</p>
- <p class="line">Ach! was ist der Liebe Glück,</p>
- <p class="line">Klagt&rsquo; ich, wozu dieses Spielen?</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Keinen hab&rsquo; ich weit gefunden,</p>
- <p class="line">Sagte lieblich die Gestalt,</p>
- <p class="line">Fühle du nun die Gewalt,</p>
- <p class="line">Die die Herzen sonst gebunden.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Alle meine Wünsche flogen</p>
- <p class="line">In der Lüfte blauen Raum,</p>
- <p class="line">Ruhm schien mir ein Morgentraum,</p>
- <p class="line">Nur ein Klang der Meereswogen.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ach! wer löst nun meine Ketten?</p>
- <p class="line">Denn gefesselt ist der Arm,</p>
- <p class="line">Mich umfleugt der Sorgen Schwarm;</p>
- <p class="line">Keiner, keiner will mich retten?</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Darf ich in den Spiegel schauen,</p>
- <p class="line">Den die Hoffnung vor mir hält?</p>
- <p class="line">Ach, wie trügend ist die Welt!</p>
- <p class="line">Nein, ich kann ihr nicht vertrauen.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">O und dennoch laß nicht wanken</p>
- <p class="line">Was dir nur noch Stärke giebt,</p>
- <p class="line">Wenn die Einzge dich nicht liebt,</p>
- <p class="line">Bleibt nur bittrer Tod dem Kranken.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a>
-Dieses Lied rührte Magelonen; sie las es und las
-es von neuem, es war ganz ihre eigene Empfindung,
-wie von einem Echo nachgesprochen. Sie betrachtete
-den köstlichen Ring, und bat die Amme flehentlich, ihr
-denselben gegen ein andres Kleinod auszutauschen; die
-Amme wurde betrübt, da sie sahe, daß das Herz der
-Prinzessin so ganz von Liebe eingenommen sei, sie
-sagte daher: mein Kind, es schmerzt mich innig, daß
-du dich einem Fremden gleich so willig und ganz hingeben
-willst. Magelone wurde sehr zornig, als sie
-diese Worte hörte. Fremd? rief sie aus; o wer ist
-dann meinem Herzen nahe, wenn er mir fremd ist?
-Wehe müsse dir deine Zunge auf lange thun, für diese
-Rede, denn sie hat mein Herz gespalten. Wie kann
-er mir denn fremd sein, wenn ich selbst mein eigen
-bin, da er nichts ist, als was ich bin, da ich nur
-das sein kann, was er mir zu sein vergönnt? Die
-Luft, den Athem, das Leben, alles, alles darf ich ihm
-nur danken, mein Herz gehört mir selbst nicht mehr,
-seit ich ihn kenne; o, liebe Gertraud, was wär ich in
-der Welt, und was wäre die ganze unermeßliche Welt
-mir, wenn er mir fremd sein müßte?
-</p>
-
-<p>
-Gertraud tröstete sie, und die Prinzessin legte sich
-schlafen, vorher aber hing sie an einer feinen Perlenschnur
-den Ring um den Nacken, daß er ihr auf der
-Brust zu liegen kam. Im Schlafe sah sie sich in
-einem schönen und lustigen Garten, der hellste Sonnenschein
-flimmerte auf allen grünen Blättern, und
-wie von Harfensaiten tönte das Lied ihres Geliebten
-aus dem blauen Himmel herunter, und goldbeschwingte
-Vögel staunten zum Himmel hinauf und merkten auf
-die Noten; lichte Wolken zogen unter der Melodie
-<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a>
-hinweg und wurden rosenroth gefärbt und tönten wieder.
-Dann kam der Unbekannte in aller Lieblichkeit
-aus einem dunkeln Gange, er umarmte Magelonen
-und steckte ihr einen noch köstlichern Ring an den Finger,
-und die Töne vom Himmel herunter schlangen sich
-um beide wie ein goldenes Netz, und die Lichtwolken
-umkleideten sie, und sie waren von der Welt getrennt
-nur bei sich selber und in ihrer Liebe wohnend, und
-wie ein fernes Klaggetön hörten sie Nachtigallen singen
-und Büsche flüstern, daß sie von der Wonne des Himmels
-ausgeschlossen waren.
-</p>
-
-<p>
-Als Magelone von ihrem schönen Traume erwachte,
-erzählte sie alles der Amme, und diese sah jezt ein,
-daß sie ihren ganzen Sinn auf den Unbekannten gesetzt
-hätte, und daß er ihr Glück oder Unglück sein
-müsse, worüber sie sehr nachdenklich wurde.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-6">
-<span class="firstline">6.</span><br />
-Wie der Ritter Magelonen einen Ring
-übersandte.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ie Amme wandte vielen Fleiß an, den Ritter wieder
-anzutreffen, und es geschah, daß sie sich in derselben
-Kirche wieder fanden. Peter war froh, als er
-die Amme ansichtig wurde, und ging sogleich auf sie
-zu und erkundigte sich nach dem Fräulein. Sie erzählte
-ihm alles, wie sie für großer Liebe den Ring
-für sich behalten, und die geschriebenen Worte gelesen,
-und wie sie in der Nacht von ihm geträumt. Peter
-<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a>
-ward roth vor Freuden, als er diese Umstände erzählen
-hörte und sagte: Ach, liebe Amme, sagt ihr doch die
-Empfindungen meines Herzens, und daß ich vor Sehnsucht
-verschmachten muß, wenn ich sie nicht bald sprechen
-kann; spreche ich sie aber mündlich, so will ich
-ihr, wie ich sonst Niemand thue, meinen Stand und
-Namen entdecken; aber ich liebe sie mit einer Liebe,
-wie kein andres Herz es fähig ist, und alle meine Gebete
-zum Himmel sind nur der Wunsch, daß ich sie zum
-ehelichen Gemal überkommen möchte, und daß ihre
-Gedanken nur etlichermaßen so nach mir gerichtet wären,
-wie die meinigen zu ihr. Gebt ihr auch diesen
-Ring, und bittet sie, ihn als ein geringes Andenken
-von mir zu tragen.
-</p>
-
-<p>
-Die Amme eilte schnell zu Magelonen zurück, die
-vor übergroßer Liebe krank war und auf ihrem Ruhebette
-lag. Sie sprang auf, als sie ihre Kundschafterin
-erblickte, umarmte sie und fragte nach Neuigkeiten.
-Die Amme erzählte ihr alles und gab ihr auch den
-kostbaren Ring. Sieh! rief die Prinzessin aus, das
-ist eben der Ring, von dem ich geträumt habe; o! so
-muß auch das übrige in Erfüllung gehn. Ein Blatt
-enthielt dieses Lied:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Willst du des Armen</p>
- <p class="line">Dich gnädig erbarmen?</p>
- <p class="line2">So ist es kein Traum?</p>
- <p class="line">Wie rieseln die Quellen,</p>
- <p class="line">Wie tönen die Wellen,</p>
- <p class="line2">Wie rauschet der Baum!</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a>
- <p class="line">Tief lag ich in bangen</p>
- <p class="line">Gemäuern gefangen,</p>
- <p class="line2">Nun grüßt mich das Licht;</p>
- <p class="line">Wie spielen die Strahlen!</p>
- <p class="line">Sie blenden und malen</p>
- <p class="line2">Mein schüchtern Gesicht.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Und soll ich es glauben?</p>
- <p class="line">Wird keiner mir rauben</p>
- <p class="line2">Den köstlichen Wahn?</p>
- <p class="line">Doch Träume entschweben,</p>
- <p class="line">Nur lieben heißt leben:</p>
- <p class="line2">Willkommene Bahn!</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wie frei und wie heiter!</p>
- <p class="line">Nicht eile nun weiter,</p>
- <p class="line2">Den Pilgerstab fort!</p>
- <p class="line">Du hast überwunden,</p>
- <p class="line">Du hast ihn gefunden,</p>
- <p class="line2">Den seligsten Ort!</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Magelone sang das Lied, dann küßte sie den Ring,
-und dann auch den ersten, um ihn nicht zu kränken;
-dann las sie die Worte von neuem, und sprach sie
-laut, und so trieb sie es in der Einsamkeit bis spät
-in die Nacht.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-7">
-<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a>
-<span class="firstline">7.</span><br />
-Wie der edle Ritter wieder eine Botschaft empfing
-von der schönen Magelone.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>er Ritter befand sich am folgenden Morgen wieder
-in der Kirche, weil er hoffte, von der Geliebten seiner
-Seele dort eine Nachricht zu überkommen. Die Amme
-fand ihn, und es traf sich, daß sie beide in der Kirche
-allein waren. Er erkundigte sich nach Magelonen und
-die Amme Gertraud erzählte ihm alles, worauf sie
-sagte: Wenn ihr mir versichert, Herr Ritter, daß ihr
-mein Fräulein in aller Zucht und Tugend lieben wollt,
-so will ich euch auch nunmehr sagen, wo ihr sie sprechen
-könnt. Peter ließ sich auf ein Knie nieder und
-hob seine Finger in die Höhe. Ich schwöre, sagte
-er, daß meine reinsten Gedanken stets um Magelone
-sind; ich liebe sie in aller Zucht und Anständigkeit,
-wie es dem ehrbaren Ritter ziemt, und so dies nicht
-wahr ist, so verlasse mich Gott in meiner allergrößten
-Noth. Amen! Die Amme war mit diesem Schwure
-wohl zufrieden, sie vertraute <a id="corr-22"></a>ihm nun gänzlich und
-sagte: ich sehe, daß ihr nicht nur der tapferste, sondern
-auch der edelste Ritter seid auf Gottes weiter
-Erde; ihr sollt euch daher auch alles Beistandes von
-mir gewärtiget sein. Ihr seid glücklich in Magelonen
-und sie ist glücklich in euch; macht euch daher morgen
-Nachmittag fertig, durch die heimliche Pforte des Gartens
-zu gehn, und sie dann auf meiner Kammer zu
-sprechen. Ich will euch allein lassen, damit ihr ganz
-unverholen eure Herzensmeinungen ausreden könnt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a>
-Sie nannte ihm die Stunde, und verließ ihn.
-Der Ritter stand noch lange und sah ihr im trunkenen
-Staunen nach, denn er vertraute dem nicht, was er
-gehört hatte. Das Glück, das er so sehnlichst erharrt,
-rückte ihm nun so unerwartet näher, daß er es im
-frohen Entsetzen nicht zu genießen wagte. Der Mensch
-erschrickt über den Zufall, selbst wenn er ihn glücklich
-macht; wenn unser Schicksal sich plötzlich zur Wonne
-umändert, so zweifeln wir in diesem Augenblicke gar
-zu leicht an der Wirklichkeit des Lebens. Dies dachte
-auch Peter bei sich, als er alle seine Sinne in trüber
-Verwirrung bemerkte. Wie bin ich so vom Glücke
-überschüttet, rief er aus, daß ich gar nicht zu mir
-selber kommen kann! Wie wohl würde mir jezt ein
-Besinnen auf meinen Zustand thun, aber es ist unmöglich!
-Wenn wir unsre kühnen Hoffnungen in der
-Ferne sehn, so freuen wir uns an ihrem edlen Gange,
-an ihren goldnen Schwingen, aber jezt flattern sie mir
-plötzlich so nahe ums Haupt, daß ich weder sie noch
-die übrige Welt wahrzunehmen vermag.
-</p>
-
-<p>
-Er ging nach Hause, und glaubte in manchen Augenblicken,
-die Zeit stehe seit der Stunde still, in der
-er die treue Amme gesprochen hatte, denn es wollte
-nicht Abend werden; als es Abend war, saß er ohne
-Licht in seiner Kammer und betrachtete die Wolken
-und Sterne, und sein Herz schlug ihm ungestüm,
-wenn er dann plötzlich an sich und Magelonen dachte.
-Er glaubte nicht, daß es wieder Tag werden könne,
-und daß es die bezeichnete Stunde wagen werde, herauf
-zu kommen. Eingedämmert von Erwartungen, banger
-Sehnsucht und ängstlicher Hoffnung, schlief er auf
-seinem Ruhebette ein, und erwachte, als muntre Sonnenstrahlen
-<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a>
-in seine Kammer herein spielten, und hell
-und fröhlich an den Wänden zuckten.
-</p>
-
-<p>
-Er raffte sich auf, und dachte, was er ihr sagen
-wolle; er erschrak jezt vor dem Gedanken, daß er sie
-sprechen müsse; dennoch war es sein herzinniglichster
-Wunsch, er konnte sich nicht besänftigen, darum nahm
-er die Laute und sang:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wie soll ich die Freude,</p>
- <p class="line">Die Wonne denn tragen?</p>
- <p class="line">Daß unter dem Schlagen</p>
- <p class="line">Des Herzens die Seele nicht scheide?</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Und wenn nun die Stunden</p>
- <p class="line">Der Liebe verschwunden,</p>
- <p class="line">Wozu das Gelüste,</p>
- <p class="line">In trauriger Wüste</p>
- <p class="line">Noch weiter ein lustleeres Leben zu ziehn,</p>
- <p class="line">Wenn nirgend dem Ufer mehr Blumen entblühn?</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wie geht mit bleibehangnen Füßen</p>
- <p class="line">Die Zeit bedächtig Schritt vor Schritt!</p>
- <p class="line">Und wenn ich werde scheiden müssen,</p>
- <p class="line">Wie federleicht fliegt dann ihr Tritt!</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Schlage, sehnsüchtige Gewalt,</p>
- <p class="line">In tiefer treuer Brust!</p>
- <p class="line">Wie Lautenton vorüber hallt,</p>
- <p class="line">Entflieht des Lebens schönste Lust.</p>
- <p class="line">Ach, wie bald</p>
- <p class="line">Bin ich der Wonne mir kaum noch bewußt.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Rausche, rausche weiter fort,</p>
- <p class="line">Tiefer Strom der Zeit,</p>
-<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a>
- <p class="line">Wandelst bald aus Morgen Heut,</p>
- <p class="line">Gehst von Ort zu Ort;</p>
- <p class="line">Hast du mich bisher getragen,</p>
- <p class="line">Lustig bald, dann still,</p>
- <p class="line">Will es nun auch weiter wagen,</p>
- <p class="line">Wie es werden will.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Darf mich doch nicht elend achten</p>
- <p class="line">Da die Einzge winkt,</p>
- <p class="line">Liebe läßt mich nicht verschmachten,</p>
- <p class="line">Bis dies Leben sinkt;</p>
- <p class="line">Nein, der Strom wird immer breiter,</p>
- <p class="line">Himmel bleibt mir immer heiter,</p>
- <p class="line">Fröhlichen Ruderschlags fahr ich hinab,</p>
- <p class="line">Bring Liebe und Leben zugleich an das Grab.</p>
-</div>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-8">
-<span class="firstline">8.</span><br />
-Wie Peter die schöne Magelone besuchte.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">J</span>ezt war die Zeit da, und die Stunde gekommen,
-in welcher der Ritter seine geliebte Magelone besuchen
-sollte. Er ging heimlicherweise durch die Pforte des
-Gartens und auf die Kammer der Amme, wo er die
-Prinzessin fand. Magelone saß auf einem Ruhebett
-und wollte aufstehn, als sie den Ritter eintreten sah,
-und ihm um den Hals fallen, und ihn mit Thränen
-und Küssen in die Wette bedecken. Doch mäßigte sie
-sich und blieb sitzen, aber eine scharlachene Röthe überzog
-ihr ganzes Gesicht, so daß sie aussah wie eine
-Rose, die sich noch nicht entfaltet hat, und die jezt
-<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a>
-der warme Sonnenschein badet, und ihre Blätter aus
-einander lockt. Eben so war auch der Ritter, der mit
-verschämtem Gesicht vor ihr stand, auf welchem holdselige
-Freude und Verwirrung sich wechselsweise ablösten.
-</p>
-
-<p>
-Die Amme verließ das Gemach, und Peter warf
-sich ohne zu sprechen auf ein Knie nieder; Magelone
-reichte ihm die schöne Hand, hieß ihn aufstehn und
-sich neben sie nieder setzen. Peter that es, und zitterte
-an ihrer Seite; seine Augen waren wie zwei glänzende
-Sterne, so trunken war er vor Entzückung, daß er
-nun die Geliebteste seiner Seele so dicht vor seinen
-Augen sah. Lange wollte kein Gespräch in den Gang
-kommen; ihre zärtlichen Blicke, die sich verstohlen begegneten,
-störten die Worte; aber endlich entdeckte sich
-ihr der Jüngling, und sagte, daß er sich ihr ganz zu
-eigen ergeben habe, seit er sie zuerst gesehn, daß ihr
-sein ganzes Leben gewidmet sei, und daß er sich durch
-ihre Liebe wie von Engelshänden berührt, aus einem
-tiefen Schlafe erwacht fühle.
-</p>
-
-<p>
-Er schenkte ihr den dritten Ring, welcher der kostbarste
-von allen war, wobei er ihre lilienweiße Hand
-küßte. Sie war über seine Treue innig bewegt, stand
-auf und holte eine köstliche güldene Kette, die sie ihm
-um den Hals legte und sagte: hiemit erkenne ich euch
-für mein und mich für die eurige, nehmt dieses Andenken,
-und tragt es immer, so lieb ihr mich habt.
-Dann nahm sie den erschrockenen Ritter in die Arme
-und küßte ihn herzlich auf den Mund, und er erwiederte
-den Kuß und drückte sie gegen sein Herz.
-</p>
-
-<p>
-Sie mußten scheiden, und Peter eilte sogleich nach
-seinem Zimmer, als wenn er seinen Waffenstücken und
-seiner Laute sein Glück erzählen müsse; er war so froh,
-<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a>
-als er noch nie gewesen war. Er ging mit großen
-Schritten auf und ab und griff in die Saiten, küßte
-das Instrument und weinte heftig. Dann sang er mit
-großer Inbrunst:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">War es dir, dem diese Lippen bebten,</p>
- <p class="line">Dir der dargebotne süße Kuß?</p>
- <p class="line">Giebt ein irdisch Leben so Genuß?</p>
- <p class="line">Ha! wie Licht und Glanz vor meinen Augen schwebten,</p>
- <p class="line">Alle Sinne nach den Lippen strebten!</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">In den klaren Augen blinkte</p>
- <p class="line">Sehnsucht, die mir zärtlich winkte,</p>
- <p class="line">Alles klang im Herzen wieder,</p>
- <p class="line">Meine Blicke sanken nieder,</p>
- <p class="line">Und die Lüfte tönten Liebeslieder!</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wie ein Sternenpaar</p>
- <p class="line">Glänzten die Augen, die Wangen</p>
- <p class="line">Wiegten das goldene Haar,</p>
- <p class="line">Blick und Lächeln schwangen</p>
- <p class="line">Flügel, und die süßen Worte gar</p>
- <p class="line">Weckten das tiefste Verlangen:</p>
- <p class="line">O Kuß! wie war dein Mund so brennend roth!</p>
- <p class="line">Da starb ich, fand ein Leben erst im schönsten Tod.</p>
-</div>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-9">
-<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a>
-<span class="firstline">9.</span><br />
-Turnier zu Ehren der schönen Magelone.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>er König Magelon von Neapel wünschte jezt, daß
-seine schöne Tochter in kurzer Zeit mit Herrn Heinrich
-von Carpone vermält würde, der sich in dieser Absicht
-schon seit lange am Hofe aufhielt. Es ward daher
-wieder ein glänzendes Turnier ausgeschrieben, welches
-alle vorhergehenden an Pracht übertreffen sollte, und
-viele berühmte Ritter aus Italien und Frankreich versammelten
-sich. Ein Oheim Peters kam auch aus der
-Provence, um dem Turniere beizuwohnen: es war derselbe,
-der den jungen Grafen zum Ritter geschlagen
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Das Kampfspiel nahm seinen Anfang, und alle
-die großen Ritter zogen auf den Plan, und hielten sich
-männlich. Peter war ungeduldig und einer der ersten,
-welche aufzogen. Er hielt sich so wacker, daß er viele
-Ritter von ihren Rossen stach, unter andern auch den
-Herrn Heinrich. Magelone stand oben auf dem Altane,
-und wurde vor Furcht und herzinnigen Wünschen bald
-roth und bald blaß. Gegen Peter stellte sich endlich
-sein Oheim, der ihn nicht kannte; aber Peter kannte
-ihn gar wohl, er rief deshalb den Herold zu sich, und
-schickte ihn mit diesen Worten an seinen Vetter: er
-habe ihm einst in der Ritterschaft einen großen Dienst
-erwiesen, deshalb möchte er nicht gegen ihn rennen,
-sondern er erkenne ihn ohnedies für den besseren Ritter.
-Aber der alte Rittersmann ward über den Antrag zornig,
-und sagte: habe ich ihm je einen Dienst erwiesen,
-so sollte er um so lieber eine Lanze mit mir brechen,
-<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a>
-um auch mir zu Gefallen zu leben; meint er denn,
-daß ich seiner nicht werth sei. Denn er wird hier
-für einen überaus tapfern Ritter geachtet, wie auch
-seine Thaten genugsam an den Tag legen, daß dem
-wirklich so sei. Blieb also mit seinem Rosse auf der
-Bahn stehn, und dem jungen Ritter ward vom Herolde
-die zornige Antwort überbracht. Sie rannten gegen
-einander, aber Peter trug seine Lanze in der Quere,
-um seinen Verwandten nicht zu verletzen. Jener, Herr
-Jakob genannt, rannte den Peter so an, daß die Lanze
-zersplitterte, und er selber fast bügellos wurde. Alle
-verwunderten sich und die beiden Gegner maßen noch
-einmal die Bahn zurück, dann ritten sie wieder gegen
-einander, und Peter trug seine Lanze wie das erstemal;
-alle waren in Erstaunen, nur Magelone sah die
-Ursach ein, und wußte wohl warum es geschah. Herr
-Jakob rannte wieder mit heftiger Gewalt auf seinen
-Gegner, seine Lanze traf auf Peters Brustharnisch,
-aber der junge Ritter blieb unbeweglich im Sattel
-sitzen, und der Stoß war so gewaltig, daß Herr Jakob
-dadurch von sich selber vom Pferde abfiel. Da das
-Jakob merkte, zog er sich zurück, und hatte keine Lust
-mehr mit dem jungen Ritter zu stechen. Peter besiegte
-auch die übrigen Ritter, so daß ihm der Preis
-mußte zuerkannt werden; der König und alle vom Hofe
-waren in Erstaunen, und die übrigen Herren zogen
-ergrimmt nach ihrer Heimath zurück, da sie den Namen
-des unbekannten Siegers durchaus nicht erfahren
-konnten. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Peter hatte seine Geliebte indessen schon zum öftern
-heimlich besucht, und so nahm er sich einmal vor, ihre
-Liebe auf die Probe zu stellen. Als er sie daher wieder
-<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a>
-sah, that er sehr betrübt, und sagte mit kläglicher
-Stimme, daß er bald scheiden müsse, denn seine Eltern
-würden seinetwegen in der größten Betrübniß leben,
-da sie ihn so lange nicht gesehn, auch keine Nachricht
-von ihm bekommen hätten. Als Magelone diese Worte
-hörte, ward sie blaß, dann fing sie heftig an zu weinen,
-und sank in den Sessel zurück. Ja, reiset nur
-ab, sagte sie, und alle meine traurigen Ahndungen
-sind dann in Erfüllung gegangen, ich sehe euch nicht
-wieder und mein Tod ist gewiß. Was kümmert er
-euch? Nun also, was kümmert er mich? &mdash; O verzeiht,
-mein Geliebter, nein, es ist wahr, ihr müßt
-eure Eltern wieder sehn, ihr habt euch meinetwegen
-schon zu lange hier aufgehalten; wie werden sie um
-euch trauern, wie sehr nach eurer Anwesenheit seufzen.
-Ja, lebt dann wohl, auf ewig wohl!
-</p>
-
-<p>
-Peter sagte: nein, meine theuerste Magelone, ich
-bleibe; wie könnte ich fortziehn, und dich nicht mehr
-sehn, nicht mehr diese theuren Augen erblicken und
-Hoffnung und Stärke in ihnen finden, diese liebe
-Stimme nicht mehr hören, die wie ein Gesang aus
-dem Paradiese in mein Ohr dringt? Nein, ich bleibe;
-kein Gedanke nach meiner Heimath und meinen Eltern,
-denn alle meine Gedanken wohnen hier.
-</p>
-
-<p>
-Magelone wurde wieder fröhlicher, dann besann sie
-sich eine Weile. Wenn ihr mich liebt, fing sie wieder
-an, so sollt ihr dennoch reisen. Eure Worte haben
-einen Gedanken in mir erweckt, der schon seit lange
-in meiner Seele schlummert, denn ich muß euch sagen,
-es ist jezt an dem, daß mich mein Vater mit dem
-Herrn Heinrich von Carpone vermälen will. Darum
-flieht von hier, und nehmt mich mit euch, denn ich
-<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a>
-traue eurem Edelmuthe; haltet morgen in der Nacht
-mit zwei starken Pferden vor der Gartenpforte, aber
-laßt es Pferde sein, die eine weite und schnelle Reise
-wohl vertragen können, denn so man uns einholte,
-wären wir alle elend.
-</p>
-
-<p>
-Der Jüngling hörte mit frohem Erstaunen diese
-Worte. Ja, rief er aus, wir fliehen schnell zu meinem
-Vater, und das schönste Band soll uns dann auf
-ewig verbinden.
-</p>
-
-<p>
-Er eilte sogleich fort, um die nöthigen Anstalten
-schnell und heimlich zu treffen. Magelone besorgte ihrerseits
-auch das Nöthige, sagte aber ihrer Amme kein
-Wort von ihrem Entschlusse, aus Furcht, daß sie alles
-verrathen möchte.
-</p>
-
-<p>
-Peter nahm Abschied von seiner Kammer, von den
-Gegenden der Stadt, durch die er so oft in seliger
-Trunkenheit gewandelt war, und die er alle als Zeugen
-seiner Liebe betrachtete. Es war ihm rührend,
-als er die getreue Laute auf seinem Tische liegen sah,
-die so oft von seinen Fingern gerührt die Gefühle
-seines Herzens ausgesprochen hatte, die eine Mitwisserin
-des süßen Geheimnisses war. Er nahm sie noch
-einmal und sang:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wir müssen uns trennen,</p>
- <p class="line">Geliebtes Saitenspiel,</p>
- <p class="line">Zeit ist es, zu rennen</p>
- <p class="line">Nach dem fernen erwünschten Ziel.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ich ziehe zum Streite,</p>
- <p class="line">Zum Raube hinaus,</p>
- <p class="line">Und hab&rsquo; ich die Beute,</p>
- <p class="line">Dann flieg ich nach Haus.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a>
- <p class="line">Im röthlichen Glanze</p>
- <p class="line">Entflieh ich mit ihr,</p>
- <p class="line">Es schützt uns die Lanze,</p>
- <p class="line">Der Stahlharnisch hier.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Kommt, liebe Waffenstücke,</p>
- <p class="line">Zum Scherz oft angethan,</p>
- <p class="line">Beschirmet jezt mein Glücke</p>
- <p class="line">Auf dieser neuen Bahn.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ich werfe mich rasch in die Wogen,</p>
- <p class="line">Ich grüße den herrlichen Lauf,</p>
- <p class="line">Schon mancher ward nieder gezogen,</p>
- <p class="line">Der tapfere Schwimmer bleibt oben auf.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ha! Lust zu vergeuden</p>
- <p class="line">Das edele Blut!</p>
- <p class="line">Zu schützen die Freuden,</p>
- <p class="line">Mein köstliches Gut!</p>
- <p class="line">Nicht Hohn zu erleiden,</p>
- <p class="line">Wem fehlt es an Muth?</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Senke die Zügel,</p>
- <p class="line">Glückliche Nacht!</p>
- <p class="line">Spanne die Flügel,</p>
- <p class="line">Daß über ferne Hügel</p>
- <p class="line">Uns schon der Morgen lacht!</p>
-</div>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-10">
-<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a>
-<span class="firstline">10.</span><br />
-Wie Magelone mit ihrem Ritter entfloh.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>ie Nacht war gekommen. Magelone schlich mit
-einigen Kostbarkeiten durch den Garten; der Himmel
-war mit Wolken bedeckt, und ein sparsames Mondlicht
-drang durch die Finsterniß. Sie ging mit wehmüthigen
-Empfindungen ihren lieben Blumen vorüber, die sie nun
-auf immer verlassen wollte. Ein feuchter Wind wehte
-durch den Garten und ihr war, als wenn die Gesträuche
-winselten und klagten, und ihr ein zärtliches
-Lebewohl nachriefen.
-</p>
-
-<p>
-Vor der Pforte hielt Peter mit drei Pferden, darunter
-war ein Zelter von einem leichten und bequemen
-Gange für das Fräulein; auf einem andern Pferde
-waren Lebensmittel, damit sie auf der Flucht nicht
-nöthig hätten in Herbergen einzukehren. Peter hob
-das Fräulein auf den Zelter, und so flohen sie heimlicherweise
-und unter dem Schutze der Nacht davon.
-</p>
-
-<p>
-Die Amme vermißte am Morgen die Prinzessin,
-und so fand sich auch bald, daß der Ritter in der
-Nacht abgereiset sei; der König merkte daraus, daß er
-seine Tochter entführt habe. Er schickte daher viele
-Leute aus, um sie aufzusuchen; diese forschten fleißig
-nach, aber alle kamen nach verschiedenen Tagen unverrichteter
-Sache zurück.
-</p>
-
-<p>
-Peter hatte die Vorsicht gebraucht, daß er nach
-den Wäldern zugeritten war, die in der Nähe des
-Meeres lagen; dort waren die Wege <a id="corr-23"></a>am einsamsten und
-fast gar nicht besucht, hier floh er mit seiner Geliebten
-sicher unter dem dichten Schutze der Nacht hinweg.
-<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a>
-Der Tritt von den Pferden hallte im Forste weit hinab,
-die Wipfel der Bäume rauschten furchtbar in der
-Dunkelheit, aber Magelonens Herz war frei und fröhlich,
-denn sie hatte immer ihren Geliebten neben sich.
-Sie weidete sich an seinem Antlitze, wenn sie über
-einen freien Platz trabten; sie fragte ihn mancherlei
-von seinen Eltern und seiner Heimath, und so verging
-ihnen unter banger Erwartung, Gespräch und schönen
-Hoffnungen die langwierige Nacht.
-</p>
-
-<p>
-Beim Anbruch des Morgens zogen dichte weiße
-Nebel durch den Wald, wie Gottes Segen, der seine
-Reise antrat und durch unwegsame Büsche den Saatfeldern
-zueilte, wo er als Thau niederregnete. Sie
-zogen durch den Flug des Nebels weiter, und durch
-den Morgenwind, der die ganze Natur aus ihrem tiefen
-Schlafe wach schüttelte. Magelone klagte über
-keine Beschwer, denn sie empfand keine.
-</p>
-
-<p>
-Jezt brach die liebliche Sonne hervor, und äugelte
-mit glühendem Funkeln durch den dichten Wald; das
-grüne Gras schien am Boden zu brennen, und der
-wankende Thau erbebte mit tausend blendenden Strahlen.
-Die Rosse wieherten, die Vögel erwachten und
-sprangen mit ihren Liedern von Zweig zu Zweig, gelbbeschwingte
-badeten sich im Thau der Wiesen und flatterten
-im Glanz des jungen Lichtes dicht über dem
-Boden hinweg; durch den blauen Himmel zogen goldene
-Streifen herauf und bahnten der aufgegangenen
-Sonne den Weg; Gesänge ertönten aus allen Büschen,
-die muntern Lerchen flogen empor und sangen von oben
-in die rothdämmernde Welt hinein.
-</p>
-
-<p>
-Auch Peter stimmte ein fröhliches Lied an, und
-der schönen Magelone ging darüber das Herz vor
-<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a>
-Freuden auf. Seine Stimme zitterte durch alle Bäume
-hinab, und ein ferner Wiederhall sang ihm nach. Die
-beiden Reisenden sahen in der Gluth des Himmels,
-im Glanz des frischen Waldes nur einen Wiederschein
-ihrer Liebe; jeder Ton rief ihr Herz an, und erfüllte
-es mit wehmüthiger Freude.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne stieg höher hinauf, und gegen Mittag
-fühlte Magelone eine große Müdigkeit; beide stiegen
-daher an einer schönen kühlen Stelle des Waldes von
-ihren Pferden. Weiches Gras und Moos war auf
-einer kleinen Anhöhe zart empor geschossen; hier setzte
-sich Peter nieder und breitete seinen Mantel aus, auf
-diesen lagerte sich Magelone und ihr Haupt ruhte in
-dem Schooße des Ritters. Sie blickten sich beide mit
-zärtlichen Augen an, und Magelone sagte: Wie wohl
-ist mir hier, mein Geliebter, wie sicher ruht sichs hier
-unter dem Schirmdach dieses grünen Baums, der mit
-allen seinen Blättern, wie mit eben so vielen Zungen,
-ein liebliches Geschwätze macht, dem ich gerne zuhöre;
-aus dem dichten Walde schallt Vogelgesang herauf, und
-vermischt sich mit den rieselnden Quellen; es ist hier
-so einsam und tönt so wunderbar aus den Thälern
-unter uns, als wenn sich mancherlei Geister durch die
-Einsamkeit zuriefen und Antwort gäben; wenn ich dir
-ins Auge sehe, ergreift mich ein freudiges Erschrecken,
-daß wir nun hier sind; von den Menschen fern und
-einer dem andern ganz eigen. Laß noch deine süße
-Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertönen, <a id="corr-24"></a>damit
-die schöne Musik vollständig sei, ich will versuchen
-ein wenig zu schlafen; aber wecke mich ja zur rechten
-Zeit, damit wir bald bei deinen lieben Eltern anlangen
-können.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a>
-Peter lächelte, er sah wie ihr die schönen Augen zufielen,
-und die langen schwarzen <a id="corr-25"></a>Wimpern einen lieblichen
-Schatten auf dem holden Angesichte bildeten; er sang:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ruhe, Süßliebchen im Schatten</p>
- <p class="line2">Der grünen dämmernden Nacht,</p>
- <p class="line">Es säuselt das Gras auf den Matten,</p>
- <p class="line">Es fächelt und kühlt dich der Schatten,</p>
- <p class="line2">Und treue Liebe wacht.</p>
- <p class="line3">Schlafe, schlaf&rsquo; ein,</p>
- <p class="line2">Leiser rauschet der Hain, &mdash;</p>
- <p class="line2">Ewig bin ich dein.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Schweigt, ihr versteckten Gesänge,</p>
- <p class="line2">Und stört nicht die süßeste Ruh!</p>
- <p class="line">Es lauscht der Vögel Gedränge,</p>
- <p class="line">Es ruhen die lauten Gesänge,</p>
- <p class="line2">Schließ, Liebchen, dein Auge zu.</p>
- <p class="line3">Schlafe, schlaf&rsquo; ein,</p>
- <p class="line2">Im dämmernden Schein, &mdash;</p>
- <p class="line2">Ich will dein Wächter sein.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Murmelt fort ihr Melodieen,</p>
- <p class="line2">Rausche nur, du stiller Bach,</p>
- <p class="line">Schöne Liebesphantasieen</p>
- <p class="line">Sprechen in den Melodieen,</p>
- <p class="line2">Zarte Träume schwimmen nach,</p>
- <p class="line3">Durch den flüsternden Hain</p>
- <p class="line2">Schwärmen goldene Bienelein,</p>
- <p class="line2">Und summen zum Schlummer dich ein.</p>
-</div>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-11">
-<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a>
-<span class="firstline">11.</span><br />
-Wie Peter die schöne Magelone verließ.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">P</span>eter war durch seinen Gesang beinahe auch eingeschläfert,
-aber er ermunterte sich wieder, und betrachtete
-das holdselige Angesicht der schönen Magelone, die
-im Schlafe süß lächelte. Dann sah er über sich und
-bemerkte, wie eine Menge schöner und zarter Vögel
-oben in den Zweigen sich versammelten, die nicht scheu
-thaten, sondern hin und her hüpften, auch jezuweilen
-auf den kleinen Grasplatz zu ihm herunter kamen. Es
-ergötzte ihn, daß diese unvernünftigen Kreaturen an der
-schönen Magelone ein Wohlgefallen zu bezeigen schienen.
-Da sah er aber in dem Baume einen schwarzen Raben
-sitzen, und dachte bei sich: wie kommt doch dieser häßliche
-Vogel in die Gesellschaft dieser bunten Thierchen,
-es dünkt mir nicht anders, als wenn sich ein grober
-ungeschliffener Knecht unter edle Ritter eindrängen wollte.
-</p>
-
-<p>
-Ihm däuchte, als wenn Magelone mit Bangigkeit
-Athem holte, er schnürte sie daher etwas auf, und ihr
-weißer schöner Busen trat aus den verhüllenden Gewändern
-hervor. Peter war über die unaussprechliche
-Schönheit entzückt, er glaubte im Himmel zu sein,
-und alle seine Sinne wandten sich um; er konnte nicht
-aufhören seine Augen zu weiden und sich an dem Glanze
-zu berauschen. Mit jedem Athemzuge hob sich die zarte
-Brust und sank wieder. Der Ritter fühlte, daß er
-Magelonen noch nie so geliebt habe, daß er noch niemals
-so glücklich gewesen sei. Zwischen den Brüsten
-versteckt, bemerkte er einen rothen Zindel; er war neugierig
-zu erfahren, was es sein möchte; er nahm ihn
-<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a>
-und wickelte ihn aus einander. Da fand er die drei
-kostbaren Ringe, die er seiner Geliebten geschenkt hatte,
-und er war innig gerührt, daß sie sie so liebevoll und
-sorgfältig bewahrte. Er wickelte sie wieder ein, und
-legte sie neben sich in das Gras; aber plötzlich flog der
-Rabe vom Baume hernieder und führte den Zindel hinweg,
-den er für ein Stück Fleisch ansehn mochte. Peter
-erschrak sehr und besorgte, daß Magelone unwillig werden
-möchte, wenn ihr beim Erwachen die Ringe fehlten.
-Er legte ihr also sorgfältig seinen Mantel unter
-das Haupt zusammen, und stand leise auf, um zu
-sehn, wo der Vogel mit den Ringen bleiben würde.
-Der Rabe flog vor ihm her, und Peter warf nach
-ihm mit Steinen, in der Meinung, ihn zu tödten,
-oder ihn wenigstens zu zwingen, seinen Raub wieder
-fallen zu lassen. Aber der Vogel flog immer weiter
-und Peter verfolgte ihn unermüdet, doch keiner von
-den Steinwürfen wollte den Raben treffen. So war
-ihm Peter schon eine ziemliche Weile gefolgt, und kam
-jezt an das Meerufer. Nicht weit vom Ufer stand im
-Meere eine spitzige Klippe, auf diese setzte sich der Rabe,
-und Peter warf von neuem nach ihm mit Steinen;
-der Vogel ließ endlich den Zindel fallen, und flog mit
-großem Geschrei davon. Peter sah im Meere nicht
-weit vom Ufer roth den Zindel schwimmen; er ging
-am Lande hin und her, um etwas zu finden, worauf
-er die wenigen Schritte in das Wasser hinein fahren
-könne. Er fand auch endlich einen kleinen, alten, verwitterten
-Kahn, den die Fischer hier hatten stehen lassen,
-weil er ihnen nichts mehr nützte. Peter stieg rasch
-hinein, nahm einen Zweig, und ruderte damit, so gut
-er nur konnte, nach dem Zindel hin.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a>
-Aber plötzlich erhob sich vom Lande her ein starker
-Wind, die Wellen jagten sich über einander und ergriffen
-den kleinen Kahn, in welchem Peter stand. Peter
-setzte sich mit allen Kräften dagegen, aber das Schiff
-ward dennoch der Klippe vorüber, ins Meer hinein
-getrieben, und weiter und immer weiter. Peter sah
-zurück, und kaum bemerkte er noch den rothen Flecken,
-den der Zindel im Meere machte, und jezt verschwand
-er völlig, auch das Land lag schon ziemlich entfernt.
-Nun gedachte Peter an seine Magelone zurück, die er
-im wüsten Holze schlafend verlassen hatte; das Schiff
-trug ihn wider Willen immer weiter in die See hinein,
-und er kam in Angst und Verzweiflung. Er war im
-Begriff, sich in das Meer zu stürzen, er schrie und
-klagte, und alle seine Töne gab ein Echo zurück, und
-die Wellen plätscherten laut dazwischen.
-</p>
-
-<p>
-Das Land lag nun schon weit zurück in einer unkenntlichen
-Ferne, die Dämmerung des Abends brach
-herein. Ach theuerste Magelone! rief Peter in der
-höchsten Betrübniß seiner Seelen heftig aus: wie wunderlich
-werden wir von einander geschieden! Eine schwarze
-Hand treibt mich von deiner Seite in das wüste Meer
-hinaus, und du bist allein und ohne Hülfe. Was
-willst du Unglückselige im wüsten Walde beginnen? Ach!
-ich bin Schuld an deinem Tode! Mußte ich dich darum,
-dich Königstochter von deinen Eltern entführen, um dich
-der härtesten Noth Preis zu geben? Bist du darum so
-zart und edel erzogen, daß du nun vielleicht eine Beute
-der wilden Thiere werden mußt? Was wird sie nun
-machen, wenn sie erwacht, und den vermißt, den sie für
-den Getreuesten auf der ganzen Erde hielt? Warum
-mußte mein Vorwitz nur die Ringe hervor suchen, konnte
-<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a>
-ich sie nicht an ihrem schönsten Platze lassen, wo sie so
-sicher waren? O weh mir, nun ist alles verloren und
-ich muß mich in mein Verderben finden!
-</p>
-
-<p>
-Solche Klagen trieb er, und geberdete sich auf
-dem wüsten Meere äußerst trübselig. Er verlor alle
-Hoffnung, und gab sein Leben auf. Der Mond schien
-vom Himmel herab und erfüllte die Welt mit goldener
-Dämmerung; alles war still, nur die Wellen seufzten
-und plätscherten, und Vögel flatterten zu Zeiten mit
-seltsamen Tönen über ihn dahin. Die Sterne standen
-ernst am Himmel und die Wölbung spiegelte sich in
-der wogenden Fluth. Peter warf sich nieder, und
-sang mit lauter Stimme:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">So tönet dann, schäumende Wellen,</p>
- <p class="line">Und windet euch rund um mich her!</p>
- <p class="line">Mag Unglück doch laut um mich bellen,</p>
- <p class="line">Erbost sein das grausame Meer!</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ich lache den stürmenden Wettern,</p>
- <p class="line">Verachte den Zorngrimm der Fluth;</p>
- <p class="line">O mögen mich Felsen zerschmettern!</p>
- <p class="line">Denn nimmer wird es gut.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Nicht klag&rsquo; ich, und mag ich nun scheitern,</p>
- <p class="line">In wäßrigen Tiefen vergehn!</p>
- <p class="line">Mein Blick wird sich nie mehr erheitern,</p>
- <p class="line">Den Stern meiner Liebe zu sehn.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">So wälzt euch bergab mit Gewittern,</p>
- <p class="line">Und raset, ihr Stürme, mich an,</p>
- <p class="line">Daß Felsen an Felsen zersplittern!</p>
- <p class="line">Ich bin ein verlorener Mann.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a>
-Er lag im Kahne ausgestreckt, und eine dumpfe
-Betäubung ergriff ihn; er wußte vor Uebermaß des
-Schmerzes nicht mehr, wo er war, und ließ sich gleichgültig
-von Wind und Wellen weiter treiben; endlich
-verfiel er in einen Zustand, der fast einem Schlafe glich.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-12">
-<span class="firstline">12.</span><br />
-Die Klagen der schönen Magelone.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span>agelone erwachte, nachdem sie sich durch einen süßen
-Schlaf erquickt hatte, und meinte, daß ihr Geliebter
-noch bei ihr säße. Sie erschrak, als sie sich aufrichtete
-und ihn nicht mehr fand; sie wartete erst eine Weile,
-ob er nicht wieder kommen möchte, dann ging sie hin
-und her, und rief seinen Namen mit lauter Stimme
-aus. Da sie keine Antwort vernahm, fing sie an zu
-weinen und zu schluchzen, wandte sich dann im Holze
-nach allen Orten hin, und rief so lange, bis sie heiser
-war, aber sie erhielt keine Antwort. Da wurde sie so
-betrübt, daß sie einen heftigen Schmerz im Haupte
-empfand, sie sank auf den Boden nieder, und lag eine
-Weile in einer schmerzlichen Ohnmacht. Als sie wieder
-zu sich erwachte, däuchte ihr, daß es ein Leichtes sein
-müsse, jezt gar zu sterben; nun sah sie nicht mehr auf
-die Vögel, die scherzend um sie hüpften, denn wenn
-sie die Augen aufschlug, war es ihr zu Sinne, daß
-jede Kreatur, die sich regte und bewegte, glücklicher sei,
-als sie.
-</p>
-
-<p>
-Mit vieler Mühe stieg sie auf einen Baum, um
-sich in der Gegend umzusehn, ob sie nichts entdecken
-<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a>
-könne, aber sie sah nichts als Wälder auf der einen
-Seite, keine Wohnung, kein Dorf, so weit ihr Auge
-reichte, auf der andern Seite das wüste unabsehliche
-Meer. Trostlos stieg sie wieder herab, und weinte
-und klagte von neuem: O ungetreuer Ritter, rief sie
-aus, warum hast du deine unschuldige Geliebte verlassen?
-Hast du mich darum meinen Eltern geraubt,
-damit ich hier in der Wüstenei verschmachten soll?
-Was hab&rsquo; ich dir gethan? Hab&rsquo; ich dich zu sehr geliebt?
-Bist du mein überdrüßig, weil ich dir mein
-schwaches Herz zu früh zu erkennen gab? O, so bist
-du der Elendeste unter den Menschen!
-</p>
-
-<p>
-Sie ging wie wahnsinnig im Walde hin und her;
-da traf sie die Rosse, die noch so angebunden standen,
-wie Peter sie fest gemacht hatte. O vergieb mir, mein
-Geliebter! rief sie aus, jezt werde ich wohl gewahr,
-daß du unschuldig bist und daß du mich nicht vorsätzlicherweise
-verlassen hast. Welches Abentheuer hat uns
-denn von einander getrennt?
-</p>
-
-<p>
-Die Finsterniß brach mit der Nacht herein, und
-der Mond warf gebrochne Strahlen durch den Wald;
-seltsame fremde Stimmen ließen sich in der Ferne
-hören, und Magelone fürchtete, daß es das Geschrei
-wilder Thiere sei. Mühsam stieg sie wieder auf einen
-Baum. Die Wolken wechselten am Himmel wunderlich
-vom Monde beglänzt, und jagten sich durch einander;
-bald sah sie in diesen Lufterscheinungen ihren
-Ritter, der mit Ungeheuern kämpfte und sie besiegte;
-dann verwandelte sich im Zuge das Wolkengebilde in
-ein andres; ihr dämmerndes Auge glaubte dann am
-Himmel Städte mit hohen Thürmen zu erblicken, oder
-Berge, auf denen feurige Castelle brannten, Reiter,
-<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a>
-die in Geschwadern auszogen, und dem Feinde im
-Thale begegneten. Wie Blitze flatterte es dann durch
-die Landschaft, und die hellgrüne Himmelsebene lag prächtig
-zwischen den getrennten Wolkenbildern; dann fühlte
-sie, daß sie nur geschwärmt habe, und mit bangem
-Grauen warf sie den Blick auf die Wälder unter sich, die
-schwarz in ernsten unbeweglichen Gestalten ruhten; sie
-sah nach der See hinab, die in unermeßlicher Fläche
-vor ihren Augen bebte und dämmerte. In der stillen
-Nacht kam das Plätschern der Wellen zu ihrem Ohre,
-das bald wie Gewinsel, bald wie zürnende Scheltworte
-klang; dann glaubte sie die Stimme ihres Vaters und
-ihrer Mutter zu hören, und so trieb sich ihr Gemüth
-unter Phantasieen auf und ab, bis der Morgen empor
-kam. Wie verschieden war diese Morgenröthe von der
-gestrigen! Wie weit stand jezt die Hoffnung weg, die
-gestern noch mit leichten Flügeln wie ein blauer Schmetterling
-vor ihr hintanzte, die ihr den Weg nach einer
-lieben Heimath wies, und alle Blumen am Wege aufsuchte
-und auf sie hindeutete.
-</p>
-
-<p>
-Das Waldgeflügel ließ seine Gesänge wieder klingen,
-das frühe Roth arbeitete sich durch den dichten
-Wald, schlich gebückt und wundersam durch die niedrigen
-Gesträuche, und weckte Gras und Blumen auf;
-der Wald brannte in dunkelrothen Flammen und der
-Nebel wand sich in goldenen Säulen um die Baumstämme.
-Magelone hatte in der Nacht beschlossen, nicht
-zu ihrem Vater zurückzukehren, denn sie fürchtete seinen
-Zorn, sie wollte irgend eine stille Wohnung aufsuchen,
-von den Menschen abgesondert, dort immer an ihren
-Geliebten denken und so in Frömmigkeit und Treue
-hinsterben. Sie stieg daher vom Baum herunter und
-<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a>
-ging wieder zu den treuen Pferden, die noch angebunden
-standen, und den Kopf betrübt zur Erde senkten.
-Sie löste ihre Zügel, so daß sie gehn konnten,
-wohin sie wollten, indem sie sagte: so wandert nun
-auch hin durch die weite traurige Welt, und suchet
-euren Herrn wieder, so wie ich ihn suchen will. Die
-Rosse gingen betrübt fort, jedes einen andern Weg.
-</p>
-
-<p>
-Magelone wanderte durch die dichten Wälder, sie
-hatte einige Nahrung mit sich genommen. Um sich
-unkenntlich zu machen, verbarg sie ihre langen goldenen
-Haare und zog einen Schleier über ihr Gesicht;
-sie suchte auch ihre Kleidung zu verändern. So kam
-sie durch manche Dörfer und Städte und blieb immer
-betrübt.
-</p>
-
-<p>
-Nach einer Wanderung von vielen Tagen stand sie
-gegen Abend auf einer freundlichen stillen Wiese, gegenüber
-lag eine kleine Hütte, und Vieh weidete auf den
-nahen Hügeln, das mit seinen Glocken ein angenehmes
-Getöne durch die Ruhe des Abends machte: auf der
-andern Seite lag ein Wald, und Magelonens Seele
-wurde hier zum erstenmale nach langer Zeit ruhig und
-heiter. Sie faßte daher den Wunsch, in dieser friedlichen
-Gegend zu wohnen. Sie ging auf die Hütte zu,
-aus der ihr ein alter Schäfer entgegen trat, der hier
-mit seiner Frau sich angesiedelt hatte, und fern von
-der Welt und den Menschen fromme Lämmer groß zog,
-und einen kleinen Acker baute. Sie redete ihn an, und
-flehte als eine Unglückliche um Schutz und Hülfe. Er
-nahm sie gerne auf, und sie unterzog sich den Diensten
-willig, die sie leisten konnte, dabei aber verschwieg sie
-ihrem Wirthe ihre Geschichte. Es geschah manchmal,
-daß sie einem Unglücklichen beistehn konnten, wenn ihn
-<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a>
-der Schiffbruch an die nahgelegene Küste trieb, und dann
-zeigte sich besonders Magelone hülfreich und thätig. Wenn
-die Alten ausgingen, bewachte sie das Haus, und sang
-dann manchmal in der Einsamkeit mit der Spindel vor
-der Thüre sitzend:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wie schnell verschwindet</p>
- <p class="line">So Licht als Glanz,</p>
- <p class="line">Der Morgen findet</p>
- <p class="line">Verwelkt den Kranz,</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Der gestern glühte</p>
- <p class="line">In aller Pracht,</p>
- <p class="line">Denn er verblühte</p>
- <p class="line">In dunkler Nacht.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Es schwimmt die Welle</p>
- <p class="line">Des Lebens hin,</p>
- <p class="line">Und färbt sich helle,</p>
- <p class="line">Hats nicht Gewinn;</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die Sonne neiget,</p>
- <p class="line">Die Röthe flieht,</p>
- <p class="line">Der Schatten steiget</p>
- <p class="line">Und Dunkel zieht:</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">So schwimmt die Liebe</p>
- <p class="line">Zu Wüsten ab,</p>
- <p class="line">Ach! daß sie bliebe</p>
- <p class="line">Bis an das Grab!</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Doch wir erwachen</p>
- <p class="line">Zu tiefer Quaal:</p>
- <p class="line">Es bricht der Nachen,</p>
- <p class="line">Es löscht der Strahl,</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a>
- <p class="line">Vom schönen Lande</p>
- <p class="line">Weit weggebracht</p>
- <p class="line">Zum öden Strande,</p>
- <p class="line">Wo um uns Nacht.</p>
-</div>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-13">
-<span class="firstline">13.</span><br />
-Peter unter den Heiden.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">P</span>eter erholte sich aus seiner Betäubung, als die Sonne
-eben in aller Majestät über die große Meeresfluth herauf
-stieg. Ein furchtbarer Glanz schwang sich durch
-den Himmel und löschte Mond und Sterne mit glühenden
-Strahlen aus; die Wasser erklangen und verwandelten
-sich in Purpur, Wolkenzüge trieben vor der
-Sonne her und segelten, wie von der Majestät geschreckt,
-über das Meer hinweg, und ein sprühender
-Regen von Funken verbreitete sich weit umher, und
-ergoß sich in Bogen über die Fluth. Peter fühlte
-wieder männlichen Muth in seiner Brust, die Quaalen
-des Lebens so wie seine Freuden zu erdulden.
-</p>
-
-<p>
-Ein großes Schiff segelte auf ihn zu, das von
-Mohren und Heiden besetzt war; sie nahmen ihn ein
-und freuten sich über diese Beute, denn Peter war
-gar schön und herrlich von Gestalt, dazu gab ihm seine
-Jugend ein zartes und einnehmendes Wesen, so daß
-niemand sein Feind sein konnte. Der Anführer des
-Schiffes beschloß, ihn dem Sultan als ein Geschenk
-mitzubringen.
-</p>
-
-<p>
-Man landete, und Peter ward sogleich dem Sultan
-vorgestellt, der einen großen Gefallen an ihm fand,
-<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a>
-und ihn bei der Tafel aufwarten ließ, ihm auch die
-Aufsicht über einen schönen Garten anvertraute. Peter
-war allgemein beliebt, weil er vom Sultan so gnädig
-angesehen wurde. Oft ging er einsam zwischen den
-Blumen des Gartens, und dachte an seine geliebte
-Magelone, oft nahm er auch in der Abendstunde eine
-Zither und sang:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Muß es eine Trennung geben,</p>
- <p class="line">Die das treue Herz zerbricht?</p>
- <p class="line">Nein dies nenne ich nicht leben,</p>
- <p class="line">Sterben ist so bitter nicht.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Hör&rsquo; ich eines Schäfers Flöte,</p>
- <p class="line">Härme ich mich inniglich,</p>
- <p class="line">Seh ich in die Abendröthe,</p>
- <p class="line">Denk ich brünstiglich an dich.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Giebt es denn kein wahres Lieben?</p>
- <p class="line">Muß denn Schmerz und Trauer sein?</p>
- <p class="line">Wär&rsquo; ich ungeliebt geblieben,</p>
- <p class="line">Hätt&rsquo; ich doch noch Hoffnungsschein.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Aber so muß ich nun klagen:</p>
- <p class="line">Wo ist Hoffnung, als das Grab?</p>
- <p class="line">Fern muß ich mein Elend tragen,</p>
- <p class="line">Heimlich stirbt das Herz mir ab.</p>
-</div>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-14">
-<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a>
-<span class="firstline">14.</span><br />
-Die Heidin Sulima liebt den Ritter.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">P</span>eter mochte hier vergnügt leben, wenn die Liebe
-nicht seine Jugend verzehrt hätte. Er war nun schon
-seit lange am Hofe des Sultans und von ihm und
-den übrigen geschätzt; er hatte viele Freiheit und ward
-von manchem Hofdiener beneidet; aber er verdiente
-diesen Neid nicht, denn er ward von seiner Unruhe
-hin und her getrieben, er seufzte und klagte laut, wenn
-er sich im Garten allein befand.
-</p>
-
-<p>
-So verstrich eine Woche nach der andern und er
-war nun beinahe zwei Jahr unter den Heiden, ohne
-daß er Hoffnung hatte, jemals in sein geliebtes Vaterland
-zurück zu kehren, denn der Sultan liebte ihn so
-sehr, daß er ihn durchaus nicht von sich entfernen wollte.
-Dies zog sich Peter auch zu Sinne und ward darüber
-mit jedem Tage betrübter, denn er dachte unaufhörlich
-an seine Eltern und seine Geliebte. Nichts machte ihm
-Freude, und da der Frühling wieder kam, weinte er
-bei seiner Ankunft, und trauerte tief, indem die ganze
-Natur ihr holdseligstes Fest beging.
-</p>
-
-<p>
-Der Sultan hatte eine Tochter, die im ganzen
-Lande ihrer Schönheit wegen berühmt war, mit Namen
-Sulima. Sie fand oft Gelegenheit, den Fremden zu
-sehn, und ohne daß sie es anfangs wußte, hatte sich
-eine heftige Liebe zu ihm in ihr Herz geschlichen. Die
-Traurigkeit des Ritters zog sie vorzüglich an, sie wünschte
-ihn trösten zu können, ihm näher zu kommen, und mit
-ihm zu reden. Die Gelegenheit dazu fand sich bald.
-Eine vertraute Sklavin führte den Jüngling heimlich in
-<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a>
-einen Saal des Gartens zu ihr. Peter war erstaunt
-und in Verlegenheit; er verwunderte sich über die
-Schönheit der Sulima, aber sein Herz hing an Magelonen
-fest.
-</p>
-
-<p>
-Doch der süße Trieb, sein Vaterland wieder zu
-sehn, bemeisterte sich bald aller seiner Sinnen so sehr,
-daß er einem kühnen Anschlage nachdachte. Er sah
-das Heidenmädchen öfter, und sie sagte ihm, daß sie
-aus Liebe zu ihm mit ihm entfliehen wolle, erst zu
-einem Verwandten, der ein Schiff segelfertig liegen
-habe, das auf ihren Wink sogleich die Anker lichten
-würde; sie wolle ihm in der bestimmten Nacht durch
-eine Laute und ein kleines Lied ein Zeichen geben,
-wann er kommen und sie abholen solle. Peter überlegte
-diesen Vorschlag und willigte endlich ein, denn
-er überzeugte sich, daß Magelone gewiß gestorben sei,
-und er komme doch so in die Christenheit und zu seinen
-Eltern zurück.
-</p>
-
-<p>
-Der Garten des Sultans lag am Ufer des Meeres,
-und die bestimmte Nacht war jezt herbei gekommen.
-Gegen Abend hatte Peter ein wenig unter den
-kühlen Bäumen geschlummert, und Magelone war ihm
-in aller Herrlichkeit, aber mit einer drohenden Geberde,
-im Traum erschienen. Die ganze Vergangenheit zog
-mit den lebhaftesten Bildern durch seinen Busen, jede
-Stunde seiner glücklichen Liebe kam mit allen seligen
-Empfindungen zurück, und als er nun erwachte, erschrak
-er vor sich selber und seinem Vorsatze. Er hätte sich
-selber entfliehen mögen, und das Andenken an sich und
-sein Bewußtsein aus seinem Busen vertilgen.
-</p>
-
-<p>
-Die Nacht brach indeß herein, und alle Sterne
-glänzten schon am Himmel; der Mond ging auf und
-<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a>
-warf sein goldenes Netz über das Meer hin, als
-Peter nachdenklich am Ufer auf und nieder ging. Ein
-frischer Wind blies vom Lande her durch den Garten,
-und die Bäume rauschten munter und fröhlich, aber
-Peter ward dadurch nur desto betrübter.
-</p>
-
-<p>
-O ich Treuloser! ich Undankbarer! rief er aus,
-will ich so ihre Liebe belohnen, will ich als ein Meineidiger
-in mein Vaterland zurück kehren? Das wäre
-mir ein schlechter Ruhm unter meinen Verwandten und
-der ganzen Ritterschaft; und wie sollte ich gegen Magelonen
-die Augen aufschlagen dürfen, wenn sie noch
-lebt? Und warum sollte sie nicht leben, da ich so wunderbar
-erhalten bin? O ich bin ein feiger Sklave, daß
-ich für mich selber noch nichts gewagt habe! Warum
-überlaß ich mich nicht dem gütigen Schicksal, und fahre
-in einem dieser Nachen in das Meer hinein? Ueberließ
-ich mich nicht auf einem zerbrochenen Brete der empörten
-Fluth, und kam an dies Gestade? Soll ich nicht
-auf Gott vertraun, wenn von Vaterland, wenn von
-meiner Liebe die Rede ist?
-</p>
-
-<p>
-Er stieg beherzt in ein kleines Boot, das er vom
-Lande ablöste, dann nahm er ein Ruder und arbeitete
-sich in die See hinein. Es war die schönste Sommernacht;
-alle Gestirne sahen freundlich in die mondbeglänzte
-Welt hinein, das Meer war eine stille ebene
-Fläche, und warme Lüfte spielten über dem ruhigen
-Spiegel hin. Peters Herz ward groß von Sehnsucht,
-er überließ sich dem Zufall und den Sternen, und
-ruderte muthig weiter; da hörte er das verabredete
-Zeichen, eine Zither erklang aus dem Garten her, und
-eine liebliche Stimme sang dazu:
-</p>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a>
- <p class="line">Geliebter, wo zaudert</p>
- <p class="line">Dein irrender Fuß?</p>
- <p class="line">Die Nachtigall plaudert</p>
- <p class="line">Von Sehnsucht und Kuß.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Es flüstern die Bäume</p>
- <p class="line">Im goldenen Schein,</p>
- <p class="line">Es schlüpfen mir Träume</p>
- <p class="line">Zum Fenster herein.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ach! kennst du das Schmachten</p>
- <p class="line">Der klopfenden Brust?</p>
- <p class="line">Dies Sinnen und Trachten</p>
- <p class="line">Voll Quaal und voll Lust?</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Beflügle die Eile</p>
- <p class="line">Und rette mich dir,</p>
- <p class="line">Bei nächtlicher Weile</p>
- <p class="line">Entfliehn wir von hier.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die Segel sie schwellen,</p>
- <p class="line">Die Furcht ist nur Tand:</p>
- <p class="line">Dort, jenseit den Wellen,</p>
- <p class="line">Ist väterlich Land.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die Heimath entfliehet;</p>
- <p class="line">So fahre sie hin!</p>
- <p class="line">Die Liebe sie ziehet</p>
- <p class="line">Gewaltig den Sinn.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Horch! wollüstig klingen</p>
- <p class="line">Die Wellen im Meer,</p>
- <p class="line">Sie hüpfen und springen</p>
- <p class="line">Muthwillig einher,</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a>
- <p class="line">Und sollten sie klagen?</p>
- <p class="line">Sie rufen nach dir!</p>
- <p class="line">Sie wissen, sie tragen</p>
- <p class="line">Die Liebe von hier.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Peter erschrak im Herzen, als er diesen Gesang
-vernahm; das Lied rief ihm seine Untreue und seinen
-Wankelmuth nach. Er ruderte stärker, um sich vom
-Lande zu entfernen und dem Kreise zu entfliehen, den
-die lieblich lockenden Töne in der stillen Abendluft bildeten.
-Der Geist der Liebe schwang sich durch den
-goldenen Himmel; Liebe wollte ihn rückwärts ziehn,
-Liebe trieb ihn vorwärts, die Wellen murmelten melodisch
-dazwischen, und klangen wie ein Lied in fremder
-Sprache, dessen Sinn man aber dennoch erräth.
-</p>
-
-<p>
-Der Gesang vom Ufer her ward immer schwächer.
-Schon sah Peter die Bäume am Gestade nicht mehr;
-es war, als wenn sich ihm die Musik über das Meer
-nacharbeitete, und endlich matt und kraftlos nicht weiter
-zu schwimmen wagte, sondern zum einheimischen Ufer
-zurück schlich; denn jezt hörte er den Gesang nur noch
-wie ein leises Wehen des Windes, und jezt erlosch
-auch die letzte Spur, und die Wellen rieselten nur,
-und der Ruderschlag ertönte durch die einsame Stille.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-15">
-<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a>
-<span class="firstline">15.</span><br />
-Wie Peter wieder zu Christen kam.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>ie der Gesang verschollen war, faßte Peter wieder
-frischen Muth; er ließ das Schifflein vom Winde hintreiben,
-setzte sich nieder und sang:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wie froh und frisch mein Sinn sich hebt,</p>
- <p class="line">Zurückbleibt alles Bangen,</p>
- <p class="line">Die Brust mit neuem Muthe strebt,</p>
- <p class="line">Erwacht ein neu Verlangen.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die Sterne spiegeln sich im Meer,</p>
- <p class="line">Und golden glänzt die Fluth. &mdash;</p>
- <p class="line">Ich rannte taumelnd hin und her,</p>
- <p class="line">Und war nicht schlimm, nicht gut.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Doch niedergezogen</p>
- <p class="line">Sind Zweifel und wankender Sinn,</p>
- <p class="line">O tragt mich, ihr schaukelnden Wogen,</p>
- <p class="line">Zur längst ersehnten Heimath hin.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">In lieber dämmernder Ferne,</p>
- <p class="line">Dort rufen einheimische Lieder,</p>
- <p class="line">Aus jeglichem Sterne</p>
- <p class="line">Blickt sie mit sanftem Auge nieder.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ebne dich, du treue Welle,</p>
- <p class="line">Führe mich auf fernen Wegen</p>
- <p class="line">Zu der vielgeliebten Schwelle,</p>
- <p class="line">Endlich meinem Glück entgegen!</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a>
-Als das Morgenroth aufging, sah er das Land
-nur noch wie eine unkenntliche blaue Wolke weit hinunter
-liegen, und er erschrak beinah, als ihn das allmächtige
-Meer und der gewölbte Himmel so unermeßlich
-umgab. In der Ferne segelte ein Schiff auf ihn
-zu, und er hätte beinah geglaubt, daß er sein ehemaliges
-Unglück nur von neuem träume; aber als es
-näher gekommen, sah er, daß die Schiffer Christen
-waren, die ihn sogleich willig aufnahmen. Er freute
-sich, als er hörte, daß sie nach Frankreich segelten.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-16">
-<span class="firstline">16.</span><br />
-Der Ritter auf der Reise.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">U</span>m die Zeit war der Graf von der Provence nebst
-seiner Gemalin sehr betrübt, weil sie noch gar keine
-Nachrichten von ihrem geliebten Sohne bekommen hatten.
-Besonders aber war die Mutter in Angst, denn
-sie hatte eine große Sehnsucht, ihren einzigen Sohn
-nach so langer Zeit wieder zu sehn. Sie sprach oft
-mit dem Grafen von ihrem Kummer, und daß ihr
-schöner Sohn wahrscheinlich umgekommen sei. Da
-sollte ein Fest gegeben werden, und ein Fischer brachte
-einen großen Fisch in die gräfliche Küche; als ihn der
-Koch aufschnitt, fand er drei Ringe in dessen Bauche,
-die er der Gräfin überbrachte. Die Gräfin verwunderte
-sich über die Maßen, denn sie erkannte sie für
-eben diejenigen, die sie ihrem Sohne gegeben hatte.
-Sie sagte daher zu ihrem Gemal: jezt bin ich getröstet,
-denn da ich so unvermuthet und auf so wunderbare
-<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a>
-Weise Kundschaft von meinem Sohn bekommen
-habe, so bin ich auch überzeugt, daß Gott ihn nicht
-verlassen hat, sondern daß er ihn nach vielen überstandenen
-Mühseligkeiten in unsre Arme zurück führen
-wird. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Peter stand im Schiffe und sah immer nach der
-Gegend hin, wo die erwünschte Heimath lag. Die
-Fahrt war glücklich, und man landete an einer kleinen
-unbewohnten Insel, um süßes Wasser einzunehmen.
-Alles Schiffsvolk stieg an das Land, und auch Peter.
-Er ging durch ein anmuthiges Thal und verlor sich
-hinter einigen Hügeln in das Land hinein; da setzte er
-sich nieder und sah viele schöne Blumen um sich stehn.
-Alle blickten ihn wie mit freundlichen, lieblichen Augen
-an, und er dachte innig an Magelonen, und wie sie
-ihn geliebt hatte. Wie kann der Liebende, rief er aus,
-sich nur jemals einsam fühlen? Erinnern mich nicht
-diese blauen Kelche an ihre holdseligen Augen, dieses goldene
-Blatt an ihr Haar, die Pracht dieser Lilie und
-Rose neben einander, an ihre zarten Wangen? Ist es
-doch, als wenn der Wind in den Blumen sich bewegt,
-und es, wie auf Saiten versuchen will, ihren süßen
-Namen auszusprechen; Quellen und <a id="corr-27"></a>Bäume nennen
-ihn, für die übrigen Menschen unverständlich, aber mir
-laut und vernehmlich.
-</p>
-
-<p>
-Er erinnerte sich eines Gesanges, den er vor langer
-Zeit gedichtet hatte, und wiederholte ihn jezt:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Süß ists, mit Gedanken gehn,</p>
- <p class="line">Die uns zur Geliebten leiten,</p>
- <p class="line">Wo von blumbewachsnen Höhn</p>
- <p class="line">Sonnenstrahlen sich verbreiten.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a>
- <p class="line">Lilien sagen: unser Licht</p>
- <p class="line">Ist es, was die Wange schmücket;</p>
- <p class="line">Unsern Schein die Liebste blicket:</p>
- <p class="line">So das blaue Veilchen spricht.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Und mit sanfter Röthe lächeln</p>
- <p class="line">Rosen ob dem Uebermuth,</p>
- <p class="line">Kühle Abendwinde fächeln</p>
- <p class="line">Durch die liebevolle Gluth.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">All ihr süßen Blümelein,</p>
- <p class="line">Sei es Farbe, sei&rsquo;s Gestalt,</p>
- <p class="line">Malt mit liebender Gewalt</p>
- <p class="line">Meiner Liebsten hellen Schein,</p>
- <p class="line">Zankt nicht, zarte Blümelein.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Rosen, duftende Narzissen,</p>
- <p class="line">Alle Blumen schöner prangen,</p>
- <p class="line">Wenn sie ihren Busen küssen</p>
- <p class="line">Oder in den Locken hangen,</p>
- <p class="line">Blaue Veilchen, bunte Nelken,</p>
- <p class="line">Wenn sie sie zur Zierde pflückt,</p>
- <p class="line">Müssen gern als Putz verwelken,</p>
- <p class="line">Durch den süßen Tod beglückt.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Lehrer sind mir diese Blüthen,</p>
- <p class="line">Und ich thue wie sie thun,</p>
- <p class="line">Folge ihnen, wie sie riethen,</p>
- <p class="line">Ach! ich will gern alles bieten,</p>
- <p class="line">Kann ich ihr am Busen ruhn.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Nicht auf Jahre sie erwerben,</p>
- <p class="line">Nein, nur kurze, kleine Zeit,</p>
-<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a>
- <p class="line">Dann in ihren Armen sterben,</p>
- <p class="line">Sterben ohne Wunsch und Neid.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Ach! wie manche Blume klaget</p>
- <p class="line">Einsam hier im stillen Thal,</p>
- <p class="line">Sie verwelket eh es taget,</p>
- <p class="line">Stirbt beim ersten Sonnenstrahl:</p>
- <p class="line">Ach, so bitter herzlich naget</p>
- <p class="line">Auch an mir die scharfe Quaal,</p>
- <p class="line">Daß ich sie und all mein Glücke,</p>
- <p class="line">Nimmer, nimmermehr erblicke.</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Er weinte heftig, indem er die letzten Worte sang,
-denn er glaubte sein Herz zu verstehn, das ihm ein Unglück
-vorhersagte. Er betrachtete mit thränenden Blicken
-das Blumenlabirinth um sich her, und es war ihm
-ein Ergötzen, die Blumen in seiner Einbildung so zu
-ordnen, daß sie den Namenszug Magelonens ausdrückten.
-Dann horchte er auf das lispelnde Gras, das
-ihm etwas zu sagen schien, auf die Blüten, die sich
-oft zärtlich zu einander neigten, als wenn sie ein herzliches
-Gespräch von Liebe führen wollten. In der ganzen
-Natur sah er liebevolle Eintracht, und jedes Geräusch
-klang seinem Ohre wie ein melodischer Gesang.
-Darüber verlor er sich immer mehr in Träumen; von
-den Thränen ermüdet schlief er endlich unter den Blumen
-ein, und es war ihm im Traum, als wenn er
-laut den Namen Magelone ausrufen hörte; darüber ging
-ihm sein Herz wie eine zugeschlossene Knospe auf, und
-er fühlte eine übergroße Freude.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-17">
-<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a>
-<span class="firstline">17.</span><br />
-Peter wird von Fischern aufgefunden.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>ber der Wind blies indeß lustig in die Segel, und
-das Schiffsvolk eilte wieder in das Schiff, um abzufahren,
-nur Peter blieb aus; man rief ihn, aber da
-er nicht kam, fuhren die übrigen fort.
-</p>
-
-<p>
-Als sie schon weit vom Ufer entfernt waren, erwachte
-Peter aus seinem erquickenden Schlafe; er erschrak,
-als er gewahr ward, daß er geschlafen hatte.
-Er eilte an das Ufer, aber Niemand war da, und
-das Schiff nirgend zu sehn. Da senkte sich eine große
-Traurigkeit in sein Herz, alle seine Hoffnungen waren
-wieder verschwunden: er stürzte nieder und lag am
-Ufer des Meeres ohne Besinnung und in tiefer Ohnmacht,
-so daß es finstre Nacht wurde und er es nicht
-bemerkte.
-</p>
-
-<p>
-Als es nach Mitternacht kam, ging der Mond auf,
-und einige Fischer fuhren mit einem Kahne an die
-Insel, um ihre Arbeit hier vorzunehmen; sie fanden
-den Jüngling, der für todt auf der Erde ausgestreckt
-lag. Das feste Land war nicht weit von dieser Insel,
-sie luden ihn daher in ihr kleines Schiff, und fuhren
-wieder ab, um ihn ins Leben zurück zu bringen. Schon
-unterwegs erwachte Peter; es dünkte ihm seltsam, als
-ihm der Mond ins Angesicht schien und er die Ruder
-seufzen hörte, und wie er vernahm, daß zwei fremde
-Männer mit einander verabredeten, wie sie ihn zu
-einem alten Schäfer bringen wollten, der sein pflegen
-würde. Oft kam es ihm vor wie ein Traum, oft
-<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a>
-wieder wie Wahrheit, und er zweifelte so lange, bis
-sie endlich mit dem Aufgang der Sonne landeten.
-</p>
-
-<p>
-Als Peter eine Weile in den erquickenden Sonnenstrahlen
-gelegen hatte, ward er wieder munter und
-richtete sich auf; er dankte in einem Gebete Gott, daß
-er ihm wieder von der menschenleeren Insel geholfen
-habe, dann gab er den guten Fischern eine Menge
-Goldes, und ließ sich den Weg nach der Hütte des
-Schäfers beschreiben.
-</p>
-
-<p>
-Er ging durch einen dichten, angenehmen Wald,
-durch dessen dunkle Schatten der Morgen noch dämmerte.
-Er folgte einem geschlängelten Fußpfade, und
-überdachte schwermüthig sein Schicksal; alles Ungemach,
-das er erlitten, kam frisch in seine Seele, und er ward
-darüber so unmuthig, daß er von Herzen wünschte,
-endlich zu sterben.
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Gedanken trat er aus dem Walde und
-stand vor einer schönen grünen Wiese, die im Morgenlicht
-glänzte; gegenüber lag eine kleine einsame Hütte,
-und Schaafe wurden von einem alten Manne einen
-Hügel hinan getrieben. Alles schimmerte roth und
-freundlich, und die stille Ruhe umher brachte auch in
-Peters Seele Ruhe zurück. Er merkte, daß dies die
-Hütte sei, die ihm die Fischer bezeichnet hatten, und
-er wünschte, hier einige Tage zu rasten und sich zu
-erquicken. Er ging daher über die Wiese, auf der
-viele wilde Blumen roth und gelb und himmelblau
-blühten, der kleinen Hütte näher. Vor der Thüre saß
-ein schlankes schönes Mägdlein, zu deren Füßen ein
-Lamm im Grase spielte; diese sang, indem er über
-die Wiese schritt:
-</p>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a>
- <p class="line">Beglückt, wer vom Getümmel</p>
- <p class="line">Der Welt sein Leben schließt,</p>
- <p class="line">Das dorten im Gewimmel</p>
- <p class="line">Verworren abwärts fließt.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Hier sind wir all befreundet,</p>
- <p class="line">Mensch, Thier und Blumenreich,</p>
- <p class="line">Von keinem angefeindet</p>
- <p class="line">Macht uns die Liebe gleich.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die zarten Lämmer springen</p>
- <p class="line">Vergnügt um meinen Fuß,</p>
- <p class="line">Die Turteltauben singen</p>
- <p class="line">Und girren Morgengruß.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Der Rosenstrauch mit Grüßen</p>
- <p class="line">Beut seine Kinder dar,</p>
- <p class="line">Im Thale dort der süßen</p>
- <p class="line">Violen blaue Schaar.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Und wenn ich Kränze winde,</p>
- <p class="line">Ertönt und rauscht der Hain,</p>
- <p class="line">Es duftet mir die Linde</p>
- <p class="line">Im goldnen Mondenschein.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die Zwietracht bleibt dahinten,</p>
- <p class="line">Und Stolz, Verfolgung, Neid,</p>
- <p class="line">Kann nicht die Wege finden</p>
- <p class="line">Hieher zur goldnen Zeit.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Vor mir stehn holde Scherze</p>
- <p class="line">Und trübe Sorge weicht;</p>
- <p class="line">Allein mein innres Herze</p>
- <p class="line">Wird darum doch nicht leicht.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a>
- <p class="line">Weil ich die Liebe kannte</p>
- <p class="line">Und Blick und Kuß verstand,</p>
- <p class="line">So bin ich nun Verbannte</p>
- <p class="line">Weit ab im fernen Land.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die Freude macht mich trübe,</p>
- <p class="line">Dunkelt den stillen Sinn,</p>
- <p class="line">Denn meine zarte Liebe</p>
- <p class="line">Ist nun auf ewig hin. &mdash;</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Erinnre und erquicke</p>
- <p class="line">Dich an vergangner Lust,</p>
- <p class="line">Am schwermuthsvollen Glücke,</p>
- <p class="line">Denn sonst zerspringt die Brust.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die Morgenröthe lächelt</p>
- <p class="line">Mir zwar noch ofte zu,</p>
- <p class="line">Und matte Hoffnung fächelt</p>
- <p class="line">Mich dann in schönre Ruh:</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Daß ich ihn wieder finde,</p>
- <p class="line">Den ich wohl sonst gekannt,</p>
- <p class="line">Und daß sich um uns winde</p>
- <p class="line">Ein glückgewirktes Band.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wer weiß, durch welche Schatten</p>
- <p class="line">Sein Fuß schon heute geht,</p>
- <p class="line">Dann kömmt er über Matten</p>
- <p class="line">Und alles ist verweht,</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die Seufzer und die Thränen,</p>
- <p class="line">Sie löscht das neue Glück,</p>
- <p class="line">Und Hoffen, Fürchten, Sehnen</p>
- <p class="line">Verschmilzt in Einen Blick.</p>
-</div>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-8-18">
-<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a>
-<span class="firstline">18.</span><br />
-Beschluß.
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">P</span>eter fühlte sich von dem Gesange wie von einer lieblichen
-Gewalt nach der Hütte hingezogen. Die Schäferin,
-welche vor der Thür saß, nahm ihn freundlich
-auf, und ließ ihn in der Hütte ausruhn und sich erquicken.
-Die beiden Alten kamen auch bald zurück,
-und hießen ihren edlen Gast von Herzen willkommen.
-</p>
-
-<p>
-Magelone ging indessen im Felde nachdenklich auf
-und ab, denn sie hatte auf den ersten Blick den Ritter
-erkannt; alle ihre Sorgen waren nun wie Schnee vor
-der Frühlingssonne hinweg geschmolzen, und ihr Lebenslauf
-lag grün und erfrischt vor ihr, so weit nur
-ihr Auge reichte. Sie ging in die Hütte zurück, und
-gab sich noch nicht zu erkennen.
-</p>
-
-<p>
-Nach zweien Tagen war Peter wieder ganz zu
-Kräften gekommen. Er saß mit Magelonen, ohne daß
-er sie kannte, vor der Thür der Hütte. Bienen und
-Schmetterlinge schwärmten um sie, und Peter faßte
-ein Zutrauen zu seiner Verpflegerin, so daß er ihr
-seine Geschichte und sein ganzes Unglück erzählte. Magelone
-stand plötzlich auf und ging in ihre Kammer,
-da löste sie ihre goldenen Locken auf, und machte sie
-von den Banden frei, die sie bisher gehalten hatten,
-dann zog sie ihre köstliche Kleidung an, die sie eingeschlossen
-hielt, und so kam sie plötzlich wieder vor die
-Augen Peters. Er war vor Erstaunen außer sich, er
-umarmte die wiedergefundene Geliebte, dann erzählten
-sie sich ihre Geschichte wieder, und weinten und küßten
-sich, so daß man hätte ungewiß sein sollen, ob sie vor
-<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a>
-Jammer oder übergroßer Freude so herzbrechend schluchzten.
-So verging ihnen der Tag.
-</p>
-
-<p>
-Dann reiste Peter <a id="corr-28"></a>mit Magelonen zu seinen Eltern,
-sie wurden vermält, und alles war in der größten
-Freude; auch der König von Neapel versöhnte sich mit
-seinem neuen Sohne, und war mit der Heirath wohl
-zufrieden.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Orte, wo Peter seine Magelone wieder
-gefunden hatte, ließ er einen prächtigen Sommerpallast
-bauen, und setzte den Schäfer zum Aufseher hinein,
-den er mit vielem Lohne überhäufte. Vor dem Pallast
-pflanzte er mit seiner jungen Gattin einen Baum; dann
-sangen sie folgendes Lied, welches sie nachher auf derselben
-Stelle in jedem Frühjahre wiederholten:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Treue Liebe dauert lange,</p>
- <p class="line">Ueberlebet manche Stund,</p>
- <p class="line">Und kein Zweifel macht sie bange,</p>
- <p class="line">Immer bleibt ihr Muth gesund.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Dräuen gleich in dichten Schaaren,</p>
- <p class="line">Fodern gleich zum Wankelmuth</p>
- <p class="line">Sturm und Tod, setzt den Gefahren</p>
- <p class="line">Lieb entgegen treues Blut.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Und wie Nebel stürzt zurücke</p>
- <p class="line">Was den Sinn gefangen hält,</p>
- <p class="line">Und dem heitern Frühlingsblicke</p>
- <p class="line">Oeffnet sich die weite Welt.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line3">Errungen</p>
- <p class="line3">Bezwungen</p>
- <p class="line">Von Lieb ist das Glück,</p>
-<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a>
- <p class="line3">Verschwunden</p>
- <p class="line3">Die Stunden</p>
- <p class="line">Sie fliehen zurück;</p>
- <p class="line">Und selige Lust</p>
- <p class="line3">Sie stillet</p>
- <p class="line3">Erfüllet</p>
- <p class="line">Die trunkene wonneklopfende Brust,</p>
- <p class="line3">Sie scheide</p>
- <p class="line3">Von Leide</p>
- <p class="line3">Auf immer,</p>
- <p class="line3">Und nimmer</p>
- <p class="line">Entschwinde die liebliche, selige, himmlische Lust!</p>
-</div>
-
-<p class="tb">
-&mdash;&mdash;&mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Es war indessen finster geworden. Rosalie klingelte,
-um Lichter bringen zu lassen, worauf sie sich gegen
-Friedrich wandte und sagte: Mir ist seit meiner frühen
-Jugend schon diese Geschichte bekannt, aber ich
-danke Ihnen dafür, daß Sie das Spital und die Verpflegung
-der Kranken auf diese Weise unnöthig gemacht
-haben; das ländliche Gemälde der heitern Wiese und
-stillen Einsamkeit sind der Imagination weit angenehmer.
-</p>
-
-<p>
-Ich dachte vor Jahren eben so, antwortete Friedrich,
-und habe mir deshalb diese Umänderung erlaubt,
-mit der ich jezt aber um so unzufriedener bin; auch
-hoffe ich, daß ich Sie wohl noch einmal zu meiner
-Meinung, und zur alten Erzählung zurück führen
-werde.
-</p>
-
-<p>
-Wenn es aber gar nicht erlaubt sein sollte, wandte
-Auguste ein, alte bekannte Geschichten nach Gutdünken
-und Laune abzuändern, und sie unserm Geschmack
-<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a>
-zuzubereiten, so würden wir ohne Zweifel viel verlieren,
-denn manches ginge ganz unter, das uns so erhalten
-bleibt. Sind dergleichen Erfindungen schon ehemals
-umgeschrieben und neu erzählt worden, so begreife ich
-nicht, warum diese Freiheit nicht jedem neuern Dichter
-ebenfalls vergönnt sein sollte. In Arabien, wo sie so
-viele Mährchen erzählen, bleibt man gewiß nicht immer
-der Sache treu, denn in jedem Erzähler regt sich die
-Lust, die Umstände anders zu wenden, sie wunderbarer
-oder anmuthiger zu machen, und sich dadurch die fremde
-Erfindung anzueignen.
-</p>
-
-<p>
-Sie mögen nicht Unrecht haben, antwortete Friedrich;
-wenn aber eine alte Erzählung einen so herzlichen
-Mittelpunkt hat, der der Geschichte einen großen
-und rührenden Charakter giebt, so ist es doch wohl
-nur die Verwöhnung einer neuern Zeit und ihre Beschränktheit,
-diese Schönheit ganz zu verkennen, und
-sie mit einer willkührlichen Abänderung verbessern zu
-wollen, durch welche das Ganze eben so wohl Mittelpunkt
-als Zweck verliert.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin Ihrer Meinung, sagte Clara. Giebt es
-etwas Rührenderes (und zwar nicht von der Art des
-Rührenden, welches man gewöhnlich so nennt), als
-daß sie sich in treuer Liebe und Hoffnungslosigkeit dem
-Dienst der Kranken fromm und andächtig widmet?
-Lange hat sie dem selbstgewählten Berufe mit edler
-Treue vorgestanden, da kommt er selbst, von Liebe und
-Sehnsucht ermattet, an der Trennung sterbend, in ihre
-Pflege (nicht, wie hier erzählt wird, halb ungetreu);
-sie kennt ihn nicht, sie nimmt ihn auf wie jeden Kranken;
-da fängt er an zu genesen, er faßt ein Zutrauen
-zu der guten, alt scheinenden Wärterin und erzählt ihr
-<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a>
-seine Geschichte; sie, vor Schrecken und Wonne wie
-vernichtet, geht in die Kammer, löst die rollenden
-goldgelben Locken auf, wirft das Gewand der Büßenden
-ab, und tritt so im Jugendglanz dem wieder vor
-Augen, der mit dem Frühling der Gesundheit den Lenz
-der Liebe von neuem aufblühen sieht. Das alte Gedicht
-ist eine Verherrlichung der Liebe und frommen
-Demuth, die neuere Erzählung ist süß freigeisterisch
-und ungläubig.
-</p>
-
-<p>
-Lope de Vega hat unter den Namen der drei Diamanten
-die Geschichte für das Theater bearbeitet, bemerkte
-Lothar, und sie in seiner etwas lockern Manier
-ausgeführt; auf dasjenige, was nach unserer Meinung
-der Hauptpunkt sein sollte, hat er auch nur wenig Gewicht
-gelegt. Die Sage selbst scheint mir aber auch
-völlig undramatisch.
-</p>
-
-<p>
-Mir nicht, erwiederte Friedrich. Wissen wir doch
-überhaupt noch nicht recht, was wir dramatisch oder
-undramatisch nennen sollen. Nach unsern gewöhnlichen
-Ansichten gehn die Novelle und Erzählung oft von
-selbst in das Drama über, und viele Novellen sind
-Komödien nach dieser Meinung, so wie wir auch nicht
-wenige Komödien besitzen, selbst berühmte, die durchaus
-nur dialogisirte Novellen sind. Diese können sehr
-geistreich und witzig sein, wie die des Machiavell zum
-Beispiel, sind aber darum doch noch keine Schauspiele.
-Damit Erzählung oder Sage Schauspiel werde, muß
-ein neues Element hinzu treten, welches das Ganze
-allseitig durchdringt, und im Mittelpunkte des Gedichtes
-seine Beglaubigung findet: dazu Individualität und
-scheinbare Willkühr, zugleich eine Aufopferung alles
-<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a>
-dessen, was die Novelle reizend macht, so daß es dem
-ungeübten Auge sogar scheint, als sei eine gute Novelle
-im Drama nur verdorben worden. Nicht selten hat
-man Shakspears Lustspiele so angesehn und beurtheilt.
-Häufig aber, wenn wir vom Dramatischen sprechen,
-verwechseln wir dieses mit dem Theatralischen, und
-wiederum ein mögliches besseres Theater mit unserm
-gegenwärtigen und seiner ungeschickten Form; und in
-dieser Verwirrung verwerfen wir viele Gegenstände und
-Gedichte als unschicklich, weil sie sich freilich auf unsrer
-Bühne nicht ausnehmen würden. Sehn wir also ein,
-daß ein neues Element erst das dramatische Werk als
-ein solches beurkundet, so ist wohl ohne Zweifel eine Art
-der Poesie erlaubt, welche auch das beste Theater nicht
-brauchen kann, sondern in der Phantasie eine Bühne
-für die Phantasie erbaut, und Kompositionen versucht,
-die vielleicht zugleich lyrisch, episch und dramatisch
-sind, die einen Umfang gewinnen, welcher gewissermaßen
-dem Roman untersagt ist, und sich Kühnheiten
-aneignen, die keinem andern dramatischen Gedichte
-ziemen. Diese Bühne der Phantasie eröffnet der romantischen
-Dichtkunst ein großes Feld, und auf ihr
-dürfte diese Magelone und manche alte anmuthige Tradition
-sich wohl zu zeigen wagen.
-</p>
-
-<p>
-Ernst sagte hierauf: unter einigen gelehrten Italiänern
-ist es eine alte hergebrachte Meinung, daß diese
-Geschichte, so wie wir sie jezt als Volksbuch besitzen,
-die früheste Uebung des Petrarka gewesen sei, der sie
-so nach einem Manuskript aus dem zwölften Jahrhundert
-umgearbeitet habe. Die Erzählung ist so schön
-und einfach, daß die Sache an sich selbst nicht unwahrscheinlich
-ist.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a>
-Manfred schlug ein lautes Gelächter auf, und sagte
-nach einiger Zeit: O vortrefflich! Die Autoren, die uns
-den Oktavian und die Heymonskinder in ihrer alten treuherzigen
-Gestalt gaben, waren gewiß auch keine Stümper,
-und wer weiß, ob nicht einst entdeckt wird, daß
-unser Eulenspiegel nichts als eine Umwandlung des berühmten
-verlorenen Margites ist. Wie recht hat Wilhelm
-Schlegel, wenn er einmal sagt: die gebildeten
-Stände in Deutschland haben noch keine Literatur, aber
-der Bauer hat sie. Denn wohl sind in diesen unscheinbaren
-schlecht gedruckten Schriften fast alle Elemente
-der Poesie, vom Heroischen bis zum Zärtlichen und
-hinab zum kräftig Komischen, ausgesprochen. Ich muß
-hier auf meine Verwunderung zurück kommen: was
-meinen nemlich nur die Herren, die mit fanatischer
-Vernünftigkeit und Mangel alles poetischen Sinnes diese
-Bücher verfolgen, sie dem Bauer nehmen und Strafen
-auf ihre Verbreitung setzen? Wenn ich nicht irre, war
-vor einigen dreißig Jahren der gute alte Büsching der
-erste, welcher auf diesen Krieg antrug; seine Stimme
-wurde damals nicht gehört; jezt aber dringt seine gut
-gemeinte Thorheit durch, zu einer Zeit, wo man sich
-doch zugleich bemüht, Patriotismus und die alten verstorbenen
-Tugenden, die dem Aufgeklärteren ja auch nur
-Aberglaube waren, wieder aufzupflanzen. Ich möchte
-mir doch nur das Böse nennen und aufzeigen lassen,
-welches diese unschuldigen Poesien schon hervorgebracht
-haben. Oder hätten diese Herren diese Bücher vielleicht
-gar nicht gelesen? Der Druck ist nicht der beste, die
-Vignetten sind nicht in punktirter Manier, auch hat
-sich weder Petrarka noch ein andrer berühmter Name
-bei ihrer Herausgabe genannt, und das ist freilich verdächtig
-<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a>
-genug. Sollten denn wirklich etwa die paar
-freien Späße im Eulenspiegel und den Schildbürgern
-die Nation verderben können? Wird man denn die
-Schenken verschließen, oder einen Polizeiwächter hinein
-setzen, der jeden nicht sittlichen Spaß eines lustigen
-Bruders aufzeichnet und der Behörde einreicht? Oder
-hofft man wirklich durch das alberne moralische Gewäsch,
-welches sie jezt als Volksbücher drucken lassen,
-von gutgearteten Gatten und saubern Kindern, Birnenmost,
-Giftkräutern und Wohlthätigkeit, die niederen
-Stände so tief in die edle Gesinnung hinein und
-unterzutauchen, daß keiner mehr eine Zwei- oder Eindeutigkeit
-spricht und denkt? O der glorreichen Aussicht
-in das künftige Jahrhundert!
-</p>
-
-<p>
-Suchte man nur etwa, sagte Wilibald, die astrologischen
-und Zauberbücher, deren es noch hie und da,
-aber auch nur selten giebt, zu verbannen, so hätte die
-Sache Sinn, aber so ist sie freilich eine Erscheinung,
-die im grellsten Widerspruche mit der Zeit steht, die
-dieselben verfolgten Bücher zu achten und zu studiren
-anfängt.
-</p>
-
-<p>
-Im Gegentheil, fuhr Ernst fort, sollten wir dem
-gemeinen Manne nicht nur diese Poesien lassen, sondern
-ihm auch eine ihm verständliche Bearbeitung der Niebelungen
-und der Heldenbücher in die Hände zu spielen
-suchen, damit er sich vor der weichlichen leeren Leserei
-bewahre, die auch ihn zu ergreifen und auszuhöhlen
-droht. Der Spanier hat, zu unsrer Beschämung,
-eine höchst wohlfeile Ausgabe seines vortrefflichen Don
-Quixote, mit schlechten Holzschnitten und auf grobem
-Papier. Aber bei uns ist es keinem, auch in der
-<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a>
-ersten Begeisterung eingefallen, dem deutschen Bauer
-etwa den Götz von Berlichingen so anzubieten. Ließe
-man doch überhaupt das Bewachen des Volks, und
-lernte es erst kennen, wäre dann selber erzogen, um
-andre zu erziehn, und suchte nicht eine falsche, schwächliche
-Bildung Nationen aufzuprägen.
-</p>
-
-<p>
-Mit Verlaub, sagte Theodor, daß ich diesen Diskurs
-unterbreche, es wird sonst Mitternacht, ehe wir
-unsre Vorlesungen geendigt haben.
-</p>
-
-<p>
-Er fing an.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-9">
-<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a>
-<span class="line1">Die Elfen.</span><br />
-<span class="line2">1811.</span>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>o ist denn die Marie, unser Kind? fragte der
-Vater.
-</p>
-
-<p>
-Sie spielt draußen auf dem grünen Platze, antwortete
-die Mutter, mit dem Sohne unsers Nachbars.
-</p>
-
-<p>
-Daß sie sich nicht verlaufen, sagte der Vater besorgt;
-sie sind unbesonnen.
-</p>
-
-<p>
-Die Mutter sah nach den Kleinen und brachte ihnen
-ihr Vesperbrod. Es ist heiß! sagte der Bursche, und
-das kleine Mädchen langte begierig nach den rothen
-Kirschen. Seid nur vorsichtig, Kinder, sprach die
-Mutter, lauft nicht zu weit vom Hause, oder in den
-Wald hinein, ich und der Vater gehn aufs Feld hinaus.
-Der junge Andres antwortete: o sei ohne Sorge,
-denn vor dem Walde fürchten wir uns, wir bleiben
-hier beim Hause sitzen, wo Menschen in der Nähe sind.
-</p>
-
-<p>
-Die Mutter ging und kam bald mit dem Vater
-wieder heraus. Sie verschlossen ihre Wohnung und
-wandten sich nach dem Felde, um nach den Knechten
-und zugleich auf der Wiese nach der Heuernte zu sehn.
-Ihr Haus lag auf einer kleinen grünen Anhöhe, von
-einem zierlichen Stakete umgeben, welches auch ihren
-Frucht- und Blumengarten umschloß; das Dorf zog sich
-etwas tiefer hinunter, und jenseit erhob sich das gräfliche
-Schloß. Martin hatte von der Herrschaft das
-<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a>
-große Gut gepachtet, und lebte mit seiner Frau und
-seinem einzigen Kinde vergnügt, denn er legte jährlich
-zurück, und hatte die Aussicht, durch Thätigkeit ein
-vermögender Mann zu werden, da der Boden ergiebig
-war und der Graf ihn nicht drückte.
-</p>
-
-<p>
-Indem er mit seiner Frau nach seinen Feldern
-ging, schaute er fröhlich um sich, und sagte: wie ist
-doch die Gegend hier so ganz anders, Brigitte, als
-diejenige, in der wir sonst wohnten. Hier ist es so
-grün, das ganze Dorf prangt von dichtgedrängten
-Obstbäumen, der Boden ist voll schöner Kräuter und
-Blumen, alle Häuser sind munter und reinlich, die
-Einwohner wohlhabend, ja mir dünkt, die Wälder hier
-sind schöner und der Himmel blauer, und so weit nur
-das Auge reicht, sieht man seine Lust und Freude an
-der freigebigen Natur.
-</p>
-
-<p>
-So wie man nur, sagte Brigitte, dort jenseit des
-Flusses ist, so befindet man sich wie auf einer andern
-Erde, alles so traurig und dürr; jeder Reisende behauptet
-aber auch, daß unser Dorf weit und breit in
-der Runde das schönste sei.
-</p>
-
-<p>
-Bis auf jenen Tannengrund, erwiederte der Mann;
-schau einmal dorthin zurück, wie schwarz und traurig
-der abgelegene Fleck in der ganzen heitern Umgebung
-liegt; hinter den dunkeln Tannenbäumen die rauchige
-Hütte, die verfallenen Ställe, der schwermüthig vorüberfließende
-Bach.
-</p>
-
-<p>
-Es ist wahr, sagte die Frau, indem beide still standen,
-so oft man sich jenem Platze nur nähert, wird
-man traurig und beängstigt, man weiß selbst nicht
-warum. Wer nur die Menschen eigentlich sein mögen,
-die dort wohnen, und warum sie sich doch nur so von
-<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a>
-allen in der Gemeinde entfernt halten, als wenn sie
-kein gutes Gewissen hätten.
-</p>
-
-<p>
-Armes Gesindel, erwiederte der junge Pachter, dem
-Anschein nach Zigeunervolk, die in der Ferne rauben
-und betrügen, und hier vielleicht ihren Schlupfwinkel
-haben. Mich wundert nur, daß die gnädige Herrschaft
-sie duldet.
-</p>
-
-<p>
-Es können auch wohl, sagte die Frau weichmüthig,
-arme Leute sein, die sich ihrer Armuth schämen, denn
-man kann ihnen doch eben nichts Böses nachsagen; nur
-ist es bedenklich, daß sie sich nicht zur Kirche halten,
-und man auch eigentlich nicht weiß, wovon sie leben,
-denn der kleine Garten, der noch dazu ganz wüst zu
-liegen scheint, kann sie unmöglich ernähren, und Felder
-haben sie nicht.
-</p>
-
-<p>
-Weiß der liebe Gott, fuhr Martin fort, indem sie
-weiter gingen, was sie treiben mögen; kommt doch
-auch kein Mensch zu ihnen, denn der Ort, wo sie wohnen,
-ist ja wie verbannt und verhext, so daß sich auch
-die vorwitzigsten Bursche nicht hingetrauen.
-</p>
-
-<p>
-Dieses Gespräch setzten sie fort, indem sie sich in
-das Feld wandten. Jene finstre Gegend, von welcher
-sie sprachen, lag abseits vom Dorfe. In einer Vertiefung,
-welche Tannen umgaben, zeigte sich eine Hütte
-und verschiedene fast zertrümmerte Wirthschaftsgebäude,
-nur selten sah man Rauch dort aufsteigen, noch seltner
-wurde man Menschen gewahr; jezuweilen hatten Neugierige,
-die sich etwas näher gewagt, auf der Bank vor
-der Hütte einige abscheuliche Weiber in zerlumptem
-Anzuge wahrgenommen, auf deren Schooß eben so
-häßliche und schmuzige Kinder sich wälzten; schwarze
-Hunde liefen vor dem Reviere, in Abendstunden ging
-<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a>
-wohl ein ungeheurer Mann, den Niemand kannte, über
-den Steg des Baches und verlor sich in die Hütte hinein;
-dann sah man in der Finsterniß sich verschiedene Gestalten,
-wie Schatten um ein ländliches Feuer bewegen.
-Dieser Grund, die Tannen und die verfallene Hütte
-machten wirklich in der heitern grünen Landschaft, gegen
-die weißen Häuser des Dorfes und gegen das prächtige
-neue Schloß, den sonderbarsten Abstich.
-</p>
-
-<p>
-Die beiden Kinder hatten jezt die Früchte verzehrt;
-sie verfielen darauf, in die Wette zu laufen, und die
-kleine behende Marie gewann dem langsameren Andres
-immer den Vorsprung ab. So ist es keine Kunst!
-rief endlich dieser aus, aber laß es uns einmal in die
-Weite versuchen, dann wollen wir sehen, wer gewinnt!
-Wie du willst, sagte die Kleine, nur nach dem Strome
-dürfen wir nicht laufen. Nein, erwiederte Andres,
-aber dort auf jenem Hügel steht der große Birnbaum,
-eine Viertelstunde von hier, ich laufe hier links um
-den Tannengrund vorbei, du kannst rechts in das Feld
-hinein rennen, daß wir nicht eher als oben wieder zusammen
-kommen, so sehen wir dann, wer der beste ist.
-</p>
-
-<p>
-Gut, sagte Marie, und fing schon an zu laufen,
-so hindern wir uns auch nicht auf demselben Wege,
-und der Vater sagt ja, es sei zum Hügel hinauf gleich
-weit, ob man diesseits, ob man jenseits der Zigeunerwohnung
-geht.
-</p>
-
-<p>
-Andres war schon vorangesprungen und Marie, die
-sich rechts wandte, sah ihn nicht mehr. Er ist eigentlich
-dumm, sagte sie zu sich selbst, denn ich dürfte nur
-den Muth fassen, über den Steg, bei der Hütte vorbei,
-und drüben wieder über den Hof hinaus zu laufen,
-so käme ich gewiß viel früher an. Schon stand sie vor
-<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a>
-dem Bache und dem Tannenhügel. Soll ich? Nein,
-es ist doch zu schrecklich, sagte sie. Ein kleines weißes
-Hündchen stand jenseit und bellte aus Leibeskräften.
-Im Erschrecken kam das Thier ihr wie ein Ungeheuer
-vor, und sie sprang zurück. O weh! sagte sie, nun
-ist der Bengel weit voraus, weil ich hier steh und
-überlege. Das Hündchen bellte immer fort, und da
-sie es genauer betrachtete, kam es ihr nicht mehr fürchterlich,
-sondern im Gegentheil ganz allerliebst vor: es
-hatte ein rothes Halsband um, mit einer glänzenden
-Schelle, und so wie es den Kopf hob und sich im
-Bellen schüttelte, erklang die Schelle äußerst lieblich.
-Ei! es will nur gewagt sein! rief die kleine Marie,
-ich renne was ich kann, und bin schnell, schnell jenseit
-wieder hinaus, sie können mich doch eben nicht
-gleich von der Erde weg auffressen! Somit sprang das
-muntere muthige Kind auf den Steg, rasch an den
-kleinen Hund vorüber, der still ward und sich an ihr
-schmeichelte, und nun stand sie im Grunde, und rund
-umher verdeckten die schwarzen Tannen die Aussicht
-nach ihrem elterlichen Hause und der übrigen Landschaft.
-</p>
-
-<p>
-Aber wie war sie verwundert. Der bunteste, fröhlichste
-Blumengarten umgab sie, in welchem Tulpen,
-Rosen und Lilien mit den herrlichsten Farben leuchteten,
-blaue und goldrothe Schmetterlinge wiegten sich
-in den Blüten, in Käfigen aus glänzendem Drath hingen
-an den Spalieren vielfarbige Vögel, die herrliche
-Lieder sangen, und Kinder in weißen kurzen Röckchen,
-mit gelockten gelben Haaren und hellen Augen,
-sprangen umher, einige spielten mit kleinen Lämmern,
-andere fütterten die Vögel, oder sammelten Blumen
-und schenkten sie einander, andere wieder aßen Kirschen,
-<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a>
-Weintrauben und röthliche Aprikosen. Keine Hütte war
-zu sehn, aber wohl stand ein großes schönes Haus mit
-eherner Thür und erhabenem Bildwerk leuchtend in
-der Mitte des Raumes. Marie war vor Erstaunen
-außer sich und wußte sich nicht zu finden; da sie aber
-nicht blöde war, ging sie gleich zum ersten Kinde,
-reichte ihm die Hand und bot ihm guten Tag. Kommst
-du uns auch einmal zu besuchen? sagte das glänzende
-Kind; ich habe dich draußen rennen und springen sehn,
-aber vor unserm Hündchen hast du dich gefürchtet. &mdash;
-So seid ihr wohl keine Zigeuner und Spitzbuben, sagte
-Marie, wie Andres immer spricht? O freilich ist der
-nur dumm, und redet viel in den Tag hinein. &mdash;
-Bleib nur bei uns, sagte die wunderbare Kleine, es
-soll dir schon gefallen. &mdash; Aber wir laufen ja in die
-Wette. &mdash; Zu ihm kommst du noch früh genug zurück.
-Da nimm, und iß! &mdash; Marie aß, und fand
-die Früchte so süß, wie sie noch keine geschmeckt hatte,
-und Andres, der Wettlauf, und das Verbot ihrer Eltern
-waren gänzlich vergessen.
-</p>
-
-<p>
-Eine große Frau in glänzendem Kleide trat herzu,
-und fragte nach dem fremden Kinde. Schönste Dame,
-sagte Marie, von ohngefähr bin ich herein gelaufen,
-und da wollen sie mich hier behalten. Du weißt, Zerina,
-sagte die Schöne, daß es ihr nur kurze Zeit
-erlaubt ist, auch hättest du mich erst fragen sollen.
-Ich dachte, sagte das glänzende Kind, weil sie doch
-schon über die Brücke gelassen war, könnt&rsquo; ich es thun;
-auch haben wir sie ja oft im Felde laufen sehn, und
-du hast dich selber über ihr muntres Wesen gefreut;
-wird sie uns doch früh genug verlassen müssen.
-</p>
-
-<p>
-Nein, ich will hier bleiben, sagte die Fremde, denn
-<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a>
-hier ist es schön, auch finde ich hier das beste Spielzeug
-und dazu Erdbeeren und Kirschen, draußen ist es
-nicht so herrlich.
-</p>
-
-<p>
-Die goldbekleidete Frau entfernte sich lächelnd, und
-viele von den Kindern sprangen jezt um die fröhliche
-Marie mit Lachen her, neckten sie und ermunterten sie
-zu Tänzen, andre brachten ihr Lämmer oder wunderbares
-Spielgeräth, andre machten auf Instrumenten
-Musik und sangen dazu. Am liebsten aber hielt sie
-sich zu der Gespielin, die ihr zuerst entgegen gegangen
-war, denn sie war die freundlichste und holdseligste von
-allen. Die kleine Marie rief einmal über das andre:
-ich will immer bei euch bleiben und ihr sollt meine
-Schwestern sein, worüber alle Kinder lachten und sie
-umarmten. Jezt wollen wir ein schönes Spiel machen,
-sagte Zerina. Sie lief eilig in den Pallast und kam
-mit einem goldenen Schächtelchen zurück, in welchem
-sich glänzender Saamenstaub befand. Sie faßte mit
-den kleinen Fingern, und streute einige Körner auf
-den grünen Boden. Alsbald sah man das Gras wie
-in Wogen rauschen, und nach wenigen Augenblicken
-schlugen glänzende Rosengebüsche aus der Erde, wuchsen
-schnell empor und entfalteten sich plötzlich, indem
-der süßeste Wohlgeruch den Raum erfüllte. Auch Maria
-faßte von dem Staube, und als sie ihn ausgestreut
-hatte, tauchten weiße Lilien und die buntesten Nelken
-hervor. Auf einen Wink Zerinas verschwanden die
-Blumen wieder und andre erschienen an ihrer Stelle.
-Jezt, sagte Zerina, mache dich auf etwas Größeres
-gefaßt. Sie legte zwei Pinienkörner in den Boden
-und stampfte sie heftig mit dem Fuße ein. Zwei grüne
-Sträucher standen vor ihnen. Fasse dich fest mit mir,
-<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a>
-sagte sie, und Maria schlang die Arme um den zarten
-Leib. Da fühlte sie sich empor gehoben, denn die
-Bäume wuchsen unter ihnen mit der größten Schnelligkeit;
-die hohen Pinien bewegten sich und die beiden
-Kinder hielten sich hin und wieder schwebend in den
-rothen Abendwolken umarmt und küßten sich; die andern
-Kleinen kletterten mit behender Geschicklichkeit an
-den Stämmen der Bäume auf und nieder, und stießen
-und neckten sich, wenn sie sich begegneten, unter lautem
-Gelächter. Stürzte eins der Kinder im Gedränge
-hinunter, so flog es durch die Luft und senkte sich
-langsam und sicher zur Erde hinab. Endlich fürchtete
-sich Marie; die andre Kleine sang einige laute Töne,
-und die Bäume versenkten sich wieder eben so allgemach
-in den Boden, und setzten sie nieder, als sie sich
-erst in die Wolken gehoben hatten.
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen durch die erzene Thür des Pallastes.
-Da saßen viele schöne Frauen umher, ältere und junge,
-im runden Saal, sie genossen die lieblichsten Früchte,
-und eine herrliche unsichtbare Musik erklang. In der
-Wölbung der Decke waren Palmen, Blumen und
-Laubwerk gemalt, zwischen denen Kinderfiguren in den
-anmuthigsten Stellungen kletterten und schaukelten; nach
-den Tönen der Musik verwandelten sich die Bildnisse
-und glühten in den brennendsten Farben; bald war
-das Grüne und Blaue wie helles Licht funkelnd, dann
-sank die Farbe erblassend zurück, der Purpur flammte
-auf und das Gold entzündete sich; dann schienen die
-nackten Kinder in den Blumengewinden zu leben, und
-mit den rubinrothen Lippen den Athem einzuziehn und
-auszuhauchen, so daß man wechselnd den Glanz der
-<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a>
-weißen Zähnchen wahrnahm, so wie das Aufleuchten
-der himmelblauen Augen.
-</p>
-
-<p>
-Aus dem Saale führten eherne Stufen in ein
-großes unterirdisches Gemach. Hier lag viel Gold und
-Silber, und Edelsteine von allen Farben funkelten dazwischen.
-Wundersame Gefäße standen an den Wänden
-umher, alle schienen mit Kostbarkeiten angefüllt.
-Das Gold war in mannichfaltigen Gestalten gearbeitet
-und schimmerte mit der freundlichsten Röthe. Viele
-kleine Zwerge waren beschäftigt, die Stücke auseinander
-zu suchen und sie in die Gefäße zu legen; andre,
-höckricht und krummbeinicht, mit langen rothen Nasen,
-trugen schwer und vorn über gebückt Säcke herein,
-so wie die Müller Getraide, und schütteten die Goldkörner
-keuchend auf dem Boden aus. Dann sprangen
-sie ungeschickt rechts und links, und griffen die rollenden
-Kugeln, die sich verlaufen wollten, und es geschah
-nicht selten, daß einer den andern im Eifer umstieß,
-so daß sie schwer und tölpisch zur Erde fielen. Sie
-machten verdrüßliche Gesichter und sahen scheel, als
-Marie über ihre Geberden und Häßlichkeit lachte. Hinten
-saß ein alter eingeschrumpfter kleiner Mann, welchen
-Zerina ehrerbietig grüßte, und der nur mit ernstem
-Kopfnicken dankte. Er hielt ein Zepter in der
-Hand und trug eine Krone auf dem Haupte, alle übrigen
-Zwerge schienen ihn für ihren Herren anzuerkennen
-und seinen Winken zu gehorchen. Was giebts
-wieder? fragte er mürrisch, als die Kinder ihm etwas
-näher kamen. Marie schwieg furchtsam, aber ihre Gespielin
-antwortete, daß sie nur gekommen seien, sich in
-den Kammern umzuschauen. Immer die alten Kindereien!
-sagte der Alte; wird der Müßiggang nie aufhören?
-<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a>
-Darauf wandte er sich wieder an sein Geschäft
-und ließ die Goldstücke wägen und aussuchen;
-andre Zwerge schickte er fort, manchen schalt er zornig.
-Wer ist der Herr? fragte Marie; unser Metallfürst,
-sagte die Kleine, indem sie weiter gingen.
-</p>
-
-<p>
-Sie schienen sich wieder im Freien zu befinden,
-denn sie standen an einem großen Teiche, aber doch
-schien keine Sonne, und sie sahen keinen Himmel über
-sich. Ein kleiner Nachen empfing sie, und Zerina ruderte
-sehr ämsig. Die Fahrt ging schnell. Als sie in
-die Mitte des Teiches gekommen waren, sah Marie,
-daß tausend Röhren, Kanäle und Bäche sich aus dem
-kleinen See nach allen Richtungen verbreiteten. Diese
-Wasser rechts, sagte das glänzende Kind, fließen unter
-euren Garten hinab, davon blüht dort alles so frisch;
-von hier kömmt man in den großen Strom hinunter.
-Plötzlich kamen aus allen Kanälen und aus dem See
-unendlich viele Kinder auftauchend angeschwommen, viele
-trugen Kränze von Schilf und Wasserlilien, andre
-hielten rothe Korallenzacken, und wieder andre bliesen
-auf krummen Muscheln; ein verworrenes Getöse
-schallte lustig von den dunkeln Ufern wieder; zwischen
-den Kleinen bewegten sich schwimmend die schönsten
-Frauen, und oft sprangen viele Kinder zu der einen
-oder der andern, und hingen ihnen mit Küssen um
-Hals und Nacken. Alle begrüßten die Fremde; zwischen
-diesem Getümmel hindurch fuhren sie aus dem
-See in einen kleinen Fluß hinein, der immer enger
-und enger ward. Endlich stand der Nachen. Man
-nahm Abschied und Zerina klopfte an den Felsen. Wie
-eine Thür that sich dieser von einander, und eine ganz
-rothe weibliche Gestalt half ihnen aussteigen. Geht es
-<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a>
-recht lustig zu? fragte Zerina. Sie sind eben in
-Thätigkeit, antwortete jene, und so freudig, wie man
-sie nur sehn kann, aber die Wärme ist auch äußerst
-angenehm.
-</p>
-
-<p>
-Sie stiegen eine Wendeltreppe hinauf, und plötzlich
-sah sich Marie in dem glänzendsten Saal, so daß beim
-Eintreten ihre Augen vom hellen Lichte geblendet waren.
-Feuerrothe Tapeten bedeckten mit Purpurgluth
-die Wände, und als sich das Auge etwas gewöhnt
-hatte, sah sie zu ihrem Erstaunen, wie im Teppich sich
-Figuren tanzend auf und nieder in der größten Freude
-bewegten, die so lieblich gebaut und von so schönen
-Verhältnissen waren, daß man nichts Anmuthigeres
-sehn konnte; ihr Körper war wie von röthlichem Kristall,
-so daß es schien, als flösse und spielte in ihnen
-sichtbar das bewegte Blut. Sie lachten das fremde
-Kind an, und begrüßten es mit verschiedenen Beugungen;
-aber als Marie näher gehen wollte, hielt sie Zerina
-plötzlich mit Gewalt zurück, und rief: du verbrennst
-dich, Mariechen, denn alles ist Feuer!
-</p>
-
-<p>
-Marie fühlte die Hitze. Warum kommen nur, sagte
-sie, die allerliebsten Kreaturen nicht zu uns heraus,
-und spielen mit uns? Wie du in der Luft lebst, sagte
-jene, so müssen sie immer im Feuer bleiben, und
-würden hier draußen verschmachten. Sieh nur, wie
-ihnen wohl ist, wie sie lachen und kreischen; jene dort
-unten verbreiten die Feuerflüsse von allen Seiten unter
-der Erde hin, davon wachsen nun die Blumen, die
-Früchte und der Wein; die rothen Ströme gehn neben
-den Wasserbächen, und so sind die flammigen Wesen
-immer thätig und freudig. Aber dir ist es hier zu heiß,
-wir wollen wieder hinaus in den Garten gehn.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a>
-Hier hatte sich die Scene verwandelt. Der Mondschein
-lag auf allen Blumen, die Vögel waren still
-und die Kinder schliefen in mannichfaltigen Gruppen
-in den grünen Lauben. Marie und ihre Freundin
-fühlten aber keine Müdigkeit, sondern lustwandelten in
-der warmen Sommernacht unter vielerlei Gesprächen
-bis zum Morgen.
-</p>
-
-<p>
-Als der Tag anbrach, erquickten sie sich an Früchten
-und Milch, und Marie sagte: laß uns doch zur
-Abwechselung einmal nach den Tannen hinaus gehn,
-wie es dort aussehen mag. Gern, sagte Zerina, so
-kannst du auch zugleich dorten unsre Schildwachen besuchen,
-die dir gewiß gefallen werden, sie stehn oben
-auf dem Walle zwischen den Bäumen. Sie gingen
-durch die Blumengärten, durch anmuthige Haine voller
-Nachtigallen, dann stiegen sie über Rebenhügel, und
-kamen endlich, nachdem sie lange den Windungen eines
-klaren Baches nachgefolgt waren, zu den Tannen und
-der Erhöhung, welche das Gebiet begränzte. Wie
-kommt es nur, fragte Marie, daß wir hier innerhalb
-so weit zu gehn haben, da doch draußen der Umkreis
-nur so klein ist? Ich weiß nicht, antwortete die
-Freundin, wie es zugeht, aber es ist so. Sie stiegen
-zu den finstern Tannen hinauf, und ein kalter Wind
-wehte ihnen von draußen entgegen; ein Nebel schien
-weit umher auf der Landschaft zu liegen. Oben standen
-wunderliche Gestalten, mit mehligen bestäubten
-Angesichtern, den widerlichen Häuptern der weißen Eulen
-nicht unähnlich; sie waren in faltigen Mänteln
-von zottiger Wolle gekleidet, und hielten Regenschirme
-von seltsamen Häuten ausgespannt über sich; mit Fledermausflügeln,
-die abentheuerlich neben dem Rockelor
-<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a>
-hervor starrten, wehten und fächelten sie unablässig.
-Ich möchte lachen und mir graut, sagte Marie. Diese
-sind unsre guten fleißigen Wächter, sagte die kleine
-Gespielin, sie stehen hier und wehen, damit jeden kalte
-Angst und wundersames Fürchten befällt, der sich uns
-nähern will; sie sind aber so bedeckt, weil es jezt
-draußen regnet und friert, was sie nicht vertragen
-können. Hier unten kommt niemals Schnee und Wind,
-noch kalte Luft her, hier ist ein ewiger Sommer und
-Frühling, doch wenn die da oben nicht oft abgelöst
-würden, so vergingen sie gar.
-</p>
-
-<p>
-Aber wer seid ihr denn, fragte Marie, indem sie
-wieder in die Blumendüfte hinunter stiegen, oder habt
-ihr keinen Namen, woran man euch erkennt?
-</p>
-
-<p>
-Wir heißen Elfen, sagte das freundliche Kind,
-man spricht auch wohl in der Welt von uns, wie ich
-gehört habe.
-</p>
-
-<p>
-Sie hörten auf der Wiese ein großes Getümmel.
-Der schöne Vogel ist angekommen! riefen ihnen die
-Kinder entgegen; alles eilte in den Saal. Sie sahen
-indem schon, wie Jung und Alt sich über die Schwelle
-drängte, alle jauchzten und von innen scholl eine jubilirende
-Musik heraus. Als sie hinein getreten waren,
-sahen sie die große Rundung von den mannichfaltigsten
-Gestalten angefüllt, und alle schauten nach einem großen
-Vogel hinauf, der in der Kuppel mit glänzendem Gefieder
-langsam fliegend vielfache Kreise beschrieb. Die
-Musik klang fröhlicher als sonst, die Farben und Lichter
-wechselten schneller. Endlich schwieg die Musik, und
-der Vogel schwang sich rauschend auf eine glänzende
-Krone, die unter dem hohen Fenster schwebte, welches
-von oben die Wölbung erleuchtete. Sein Gefieder war
-<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a>
-purpurn und grün, durch welches sich die glänzendsten
-goldenen Streifen zogen, auf seinem Haupte bewegte
-sich ein Diadem von so hellleuchtenden kleinen Federn,
-daß sie wie Edelgesteine blitzten. Der Schnabel war
-roth und die Beine glänzend blau. Wie er sich regte,
-schimmerten alle Farben durcheinander, und das Auge
-war entzückt. Seine Größe war die eines Adlers.
-Aber jezt eröffnete er den leuchtenden Schnabel, und
-so süße Melodie quoll aus seiner bewegten Brust, in
-schönern Tönen, als die der liebesbrünstigen Nachtigall;
-mächtiger zog der Gesang und goß sich wie Lichtstrahlen
-aus, so daß alle, bis auf die kleinsten Kinder selbst,
-vor Freuden und Entzückungen weinen mußten. Als
-er geendigt hatte, neigten sich alle vor ihm, er umflog
-wieder in Kreisen die Wölbung, schoß dann durch die
-Thür und schwang sich in den lichten Himmel, wo er
-oben bald nur noch wie ein rother Punkt erglänzte
-und sich den Augen dann schnell verlor.
-</p>
-
-<p>
-Warum seid ihr alle so in Freude? fragte Marie
-und neigte sich zum schönen Kinde, das ihr kleiner als
-gestern vorkam. Der König kommt! sagte die Kleine,
-den haben viele von uns noch gar nicht gesehn, und
-wo er sich hinwendet ist Glück und Fröhlichkeit; wir
-haben schon lange auf ihn gehofft, sehnlicher, als ihr
-nach langem Winter auf den Frühling wartet, und
-nun hat er durch diesen schönen Botschafter seine Ankunft
-melden lassen. Dieser herrliche und verständige
-Vogel, der im Dienst des Königes gesandt wird, heißt
-Phönix, er wohnt fern in Arabien auf einem Baum,
-der nur einmal in der Welt ist, so wie es auch keinen
-zweiten Phönix giebt. Wenn er sich alt fühlt, trägt
-er aus Balsam und Weihrauch ein Nest zusammen,
-<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a>
-zündet es an und verbrennt sich selbst, so stirbt er singend,
-und aus der duftenden Asche schwingt sich dann
-der verjüngte Phönix mit neuer Schönheit wieder auf.
-Selten nur nimmt er seinen Flug so, daß ihn die
-Menschen sehn, und geschieht es einmal in Jahrhunderten,
-so zeichnen sie es in ihre Denkbücher auf, und
-erwarten wundervolle Begebenheiten. Aber nun, meine
-Freundin, wirst du auch scheiden müssen, denn der
-Anblick des Königes ist dir nicht vergönnt.
-</p>
-
-<p>
-Da wandelte die goldbekleidete schöne Frau durch
-das Gedränge, winkte Marien zu sich und ging mit
-ihr unter einen einsamen Laubengang; du mußt uns
-verlassen, mein geliebtes Kind, sagte sie; der König
-will auf zwanzig Jahr, und vielleicht auf länger, sein
-Hoflager hier halten, nun wird sich Fruchtbarkeit
-und Segen weit in die Landschaft verbreiten, am meisten
-hier in der Nähe; alle Brunnen und Bäche werden
-ergiebiger, alle Aecker und Gärten reicher, der
-Wein edler, die Wiese fetter und der Wald frischer
-und grüner; mildere Luft weht, kein Hagel schadet,
-keine Ueberschwemmung droht. Nimm diesen Ring
-und gedenke unser, doch hüte dich, irgend wem von
-uns zu erzählen, sonst müssen wir diese Gegend fliehen,
-und alle umher, so wie du selbst, entbehren dann
-das Glück und die Segnung unsrer Nähe: noch einmal
-küsse deine Gespielin und lebe wohl. Sie traten
-heraus, Zerina weinte, Marie bückte sich, sie zu umarmen,
-sie trennten sich. Schon stand sie auf der schmalen
-Brücke, die kalte Luft wehte hinter ihr aus den
-Tannen, das Hündchen bellte auf das herzhafteste und
-ließ sein Glöckchen ertönen; sie sah zurück und eilte
-in das Freie, weil die Dunkelheit der Tannen, die
-<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a>
-Schwärze der verfallenen Hütten, die dämmernden
-Schatten sie mit ängstlicher Furcht befielen.
-</p>
-
-<p>
-Wie werden sich meine Eltern meinethalb in dieser
-Nacht geängstigt haben! sagte sie zu sich selbst, als sie
-auf dem Felde stand, und ich darf ihnen doch nicht
-erzählen, wo ich gewesen bin und was ich gesehn habe,
-auch würden sie mir nimmermehr glauben. Zwei Männer
-gingen an ihr vorüber, die sie grüßten, und sie
-hörte hinter sich sagen: das ist ein schönes Mädchen!
-Wo mag sie nur her sein? Mit eiligeren Schritten
-näherte sie sich dem elterlichen Hause, aber die Bäume,
-die gestern voller Früchte hingen, standen heute dürr
-und ohne Laub, das Haus war anders angestrichen,
-und eine neue Scheune daneben erbaut. Marie war
-in Verwunderung, und dachte, sie sei im Traum; in
-dieser Verwirrung öffnete sie die Thür des Hauses, und
-hinter dem Tische saß ihr Vater zwischen einer unbekannten
-Frau und einem fremden Jüngling. Mein
-Gott, Vater! rief sie aus, wo ist denn die Mutter?
-&mdash; die Mutter? sprach die Frau ahndend, und stürzte
-hervor; ei, du bist doch wohl nicht, &mdash; ja freilich,
-freilich bist du die verlorene, die todt geglaubte, die
-liebe einzige Marie! Sie hatte sie gleich an einem kleinen
-braunen Male unter dem Kinn, an den Augen
-und der Gestalt erkannt. Alle umarmten sie, alle waren
-freudig bewegt, und die Eltern vergossen Thränen.
-Marie verwunderte sich, daß sie fast zum Vater hinauf
-reichte, sie begriff nicht, wie die Mutter so verändert
-und geältert sein konnte, sie fragte nach dem Namen des
-jungen Menschen. Es ist ja unsers Nachbars Andres,
-sagte Martin, wie kommst du nur nach sieben langen
-Jahren so unvermuthet wieder? wo bist du gewesen?
-<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a>
-Warum hast du denn gar nichts von dir hören lassen?
-&mdash; Sieben Jahr? sagte Marie, und konnte sich in
-ihren Vorstellungen und Erinnerungen nicht wieder zurecht
-finden; sieben ganzer Jahre? Ja, ja, sagte Andres
-lachend, und schüttelte ihr treuherzig die Hand; ich
-habe gewonnen, Mariechen, ich bin schon vor sieben
-Jahren an dem Birnbaum und wieder hieher zurück
-gewesen, und du Langsame, kommst nun heut erst an!
-</p>
-
-<p>
-Man fragte von neuem, man drang in sie, doch
-sie, des Verbotes eingedenk, konnte keine Antwort
-geben. Man legte ihr fast die Erzählung in den
-Mund, daß sie sich verirrt habe, auf <a id="corr-29"></a>einen vorbeifahrenden
-Wagen genommen, und an einen fremden Ort
-geführt sei, wo sie den Leuten den Wohnsitz ihrer
-Eltern nicht habe bezeichnen können; wie man sie
-nachher nach einer weit entlegenen Stadt gebracht habe,
-wo gute Menschen sie erzogen und geliebt; wie diese
-nun gestorben, und sie sich endlich wieder auf ihre
-Geburtsgegend besonnen, eine Gelegenheit zur Reise
-ergriffen habe und so zurück gekehrt sei. Laßt alles
-gut sein, rief die Mutter; genug, daß wir dich nur
-wieder haben, mein Töchterchen, du meine Einzige,
-mein Alles!
-</p>
-
-<p>
-Andres blieb zum Abendbrod, und Marie konnte
-sich noch in nichts finden. Das Haus dünkte ihr
-klein und finster, sie verwunderte sich über ihre Tracht,
-die reinlich und einfach, aber ganz fremd erschien; sie
-betrachtete den Ring am Finger, dessen Gold wundersam
-glänzte und einen roth brennenden Stein künstlich
-einfaßte. Auf die Frage des Vaters antwortete
-sie, daß der Ring ebenfalls ein Geschenk ihrer Wohlthäter
-sei.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a>
-Sie freute sich auf die Schlafenszeit, und eilte
-zur Ruhe. Am andern Morgen fühlte sie sich besonnener,
-sie hatte ihre Vorstellungen mehr geordnet, und
-konnte den Leuten aus dem Dorfe, die alle sie zu begrüßen
-kamen, besser Red&rsquo; und Antwort geben. Andres
-war schon mit dem Frühesten wieder da, und
-zeigte sich äußerst geschäftig, erfreut und dienstfertig.
-Das funfzehnjährige aufgeblühte Mädchen hatte ihm
-einen tiefen Eindruck gemacht, und die Nacht war ihm
-ohne Schlaf vergangen. Die Herrschaft ließ Marien
-auf das Schloß fordern, sie mußte hier wieder ihre
-Geschichte erzählen, die ihr nun schon geläufig geworden
-war; der alte Herr und die gnädige Frau bewunderten
-ihre gute Erziehung, denn sie war bescheiden,
-ohne verlegen zu sein, sie antwortete höflich und in
-guten Redensarten auf alle vorgelegten Fragen; die
-Furcht vor den vornehmen Menschen und ihrer Umgebung
-hatte sich bei ihr verloren, denn wenn sie diese
-Säle und Gestalten mit den Wundern und der hohen
-Schönheit maß, die sie bei den Elfen im heimlichen
-Aufenthalt gesehen hatte, so erschien ihr dieser irdische
-Glanz nur dunkel, die Gegenwart der Menschen fast
-geringe. Die jungen Herren waren vorzüglich über
-ihre Schönheit entzückt.
-</p>
-
-<p>
-Es war im Februar. Die Bäume belaubten sich
-früher als je, so zeitig hatte sich die Nachtigall noch
-niemals eingestellt, der Frühling kam schöner in das
-Land, als ihn sich die ältesten Greise erinnern konnten.
-Aller Orten thaten sich Bächlein hervor und tränkten
-die Wiesen und Auen; die Hügel schienen zu wachsen,
-die Rebengeländer erhuben sich höher, die Obstbäume
-blühten wie niemals, und ein schwellender duftender
-<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a>
-Segen hing schwer in Blütenwolken über der Landschaft.
-Alles gedieh über Erwarten, kein rauher Tag,
-kein Sturm beschädigte die Frucht; der Wein quoll erröthend
-in ungeheuern Trauben, und die Einwohner des
-Ortes staunten sich an, und waren wie in einem süßen
-Traum befangen. Das folgende Jahr war eben so,
-aber man war schon an das Wundersame mehr gewöhnt.
-Im Herbst gab Marie den dringenden Bitten
-des Andres und ihrer Eltern nach: sie ward seine
-Braut und im Winter mit ihm verheirathet.
-</p>
-
-<p>
-Oft dachte sie mit inniger Sehnsucht an ihren
-Aufenthalt hinter den Tannenbäumen zurück; sie blieb
-still und ernst. So schön auch alles war, was sie
-umgab, so kannte sie doch etwas noch Schöneres,
-wodurch eine leise Trauer ihr Wesen zu einer sanften
-Schwermuth stimmte. Schmerzhaft traf es sie, wenn
-der Vater oder ihr Mann von den Zigeunern und
-Schelmen sprachen, die im finstern Grunde wohnten;
-oft wollte sie sie vertheidigen, die sie als Wohlthäter
-der Gegend kannte, vorzüglich gegen Andres, der eine
-Lust im eifrigen Schelten zu finden schien, aber sie
-zwang das Wort jedesmal in ihre Brust zurück. So
-verlebte sie das Jahr, und im folgenden ward sie durch
-eine junge Tochter erfreut, welche sie Elfriede nannte,
-indem sie dabei an den Namen der Elfen dachte.
-</p>
-
-<p>
-Die jungen Leute wohnten mit Martin und Brigitte
-in demselben Hause, welches geräumig genug
-war, und halfen den Eltern die ausgebreitete Wirthschaft
-führen. Die kleine Elfriede zeigte bald besondere
-Fähigkeiten und Anlagen, denn sie lief sehr früh, und
-konnte alles sprechen, als sie noch kein Jahr alt war;
-nach einigen Jahren aber war sie so klug und sinnig,
-<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a>
-und von so wunderbarer Schönheit, daß alle Menschen
-sie mit Erstaunen betrachteten, und ihre Mutter sich
-nicht der Meinung erwehren konnte, sie sehe jenen glänzenden
-Kindern im Tannengrunde ähnlich. Elfriede
-hielt sich nicht gern zu andern Kindern, sondern vermied
-bis zur Aengstlichkeit ihre geräuschvollen Spiele,
-und war am liebsten allein. Dann zog sie sich in eine
-Ecke des Gartens zurück, und las oder arbeitete eifrig
-am kleinen Nähzeuge; oft sah man sie auch wie tief
-in sich versunken sitzen, oder daß sie in Gängen heftig
-auf und nieder ging und mit sich selber sprach. Die
-beiden Eltern ließen sie gern gewähren, weil sie gesund
-war und gedieh, nur machten sie die seltsamen verständigen
-Antworten und Bemerkungen oft besorgt. So
-kluge Kinder, sagte die Großmutter Brigitte vielmals,
-werden nicht alt, sie sind zu gut für diese Welt, auch
-ist das Kind über die Natur schön, und wird sich auf
-Erden nicht zurecht finden können.
-</p>
-
-<p>
-Die Kleine hatte die Eigenheit, daß sie sich höchst
-ungern bedienen ließ, alles wollte sie selber machen.
-Sie war fast die früheste auf im Hause, und wusch
-sich sorgfältig und kleidete sich selber an; eben so sorgsam
-war sie am Abend, sie achtete sehr darauf, Kleider
-und Wäsche selbst einzupacken, und durchaus Niemand,
-auch die Mutter nicht, über ihre Sachen kommen
-zu lassen. Die Mutter sah ihr in diesem Eigensinne
-nach, weil sie sich nichts weiter dabei dachte,
-aber wie erstaunte sie, als sie sie an einem Feiertage,
-zu einem Besuch auf dem Schlosse, mit Gewalt umkleidete,
-so sehr sich auch die Kleine mit Geschrei und
-Thränen dagegen wehrte, und auf ihrer Brust an einem
-Faden hängend, ein Goldstück von seltsamer Form
-<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a>
-antraf, welches sie sogleich für eines von jenen erkannte,
-deren sie so viele in dem unterirdischen Gewölbe gesehn
-hatte. Die Kleine war sehr erschrocken, und gestand
-endlich, sie habe es im Garten gefunden, und da es
-ihr sehr wohlgefallen, habe sie es so ämsig aufbewahrt;
-sie bat auch so dringend und herzlich, es ihr zu lassen,
-daß Marie es wieder auf derselben Stelle befestigte und
-voller Gedanken mit ihr stillschweigend zum Schlosse
-hinauf ging.
-</p>
-
-<p>
-Seitwärts vom Hause der Pachterfamilie lagen einige
-Wirthschaftsgebäude zur Aufbewahrung der Früchte und
-des Feldgeräthes, und hinter diesen befand sich ein Grasplatz
-mit einer alten Laube, die aber kein Mensch jezt
-besuchte, weil sie nach der neuen Einrichtung der Gebäude
-zu entfernt vom Garten war. In dieser Einsamkeit
-hielt sich Elfriede am liebsten auf, und es fiel Niemanden
-ein, sie hier zu stören, so daß die Eltern oft in
-halben Tagen ihrer nicht ansichtig wurden. An einem
-Nachmittage befand sich die Mutter in den Gebäuden,
-um aufzuräumen und eine verlorene Sache wieder zu
-finden, als sie wahrnahm, daß durch eine Ritze der
-Mauer ein Lichtstrahl in das Gemach falle. Es kam
-ihr der Gedanke, hindurch zu sehn, um ihr Kind zu
-beobachten, und es fand sich, daß ein locker gewordener
-Stein sich von der Seite schieben ließ, wodurch sie
-den Blick gerade hinein in die Laube gewann. Elfriede
-saß drinnen auf einem Bänkchen, und neben ihr die
-wohlbekannte Zerina, und beide Kinder spielten und
-ergötzten sich in holdseliger Eintracht. Die Elfe umarmte
-das schöne Kind und sagte traurig: Ach, du
-liebes Wesen, so wie mit dir habe ich schon mit deiner
-Mutter gespielt, als sie klein war und uns besuchte,
-<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a>
-aber ihr Menschen wachst zu bald auf und werdet so
-schnell groß und vernünftig; das ist recht betrübt:
-bliebest du doch so lange ein Kind, wie ich!
-</p>
-
-<p>
-Gern thät ich dir den Gefallen, sagte Elfriede,
-aber sie meinen ja alle, ich würde bald zu Verstande
-kommen, und gar nicht mehr spielen, denn ich hätte
-rechte Anlagen, altklug zu werden. Ach! und dann
-seh&rsquo; ich dich auch nicht wieder, du liebes Zerinchen!
-Ja, es geht wie mit den Baumblüten: wie herrlich
-der blühende Apfelbaum mit seinen röthlichen aufgequollenen
-Knospen! der Baum thut so groß und breit,
-und jedermann, der drunter weg geht, meint auch, es
-müsse recht was Besonderes werden; dann kommt die
-Sonne, die Blüte geht so leutselig auf, und da steckt
-schon der böse Kern drunter, der nachher den bunten
-Putz verdrängt und hinunter wirft; nun kann er sich
-geängstigt und aufwachsend nicht mehr helfen, er muß
-im Herbst zur Frucht werden. Wohl ist ein Apfel
-auch lieb und erfreulich, aber doch nichts gegen die
-Frühlingsblüte: so geht es mit uns Menschen auch;
-ich kann mich nicht darauf freuen, ein großes Mädchen
-zu werden. Ach, könnt&rsquo; ich euch doch nur einmal
-besuchen!
-</p>
-
-<p>
-Seit der König bei uns wohnt, sagte Zerina, ist
-es ganz unmöglich, aber ich komme ja so oft zu dir,
-Liebchen, und keiner sieht mich, keiner weiß es, weder
-hier noch dort; ungesehn geh ich durch die Luft, oder
-fliege als Vogel herüber; o wir wollen noch recht viel
-beisammen sein, so lange du klein bist. Was kann
-ich dir nur zu Gefallen thun?
-</p>
-
-<p>
-Recht lieb sollst du mich haben, sagte Elfriede, so
-<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a>
-lieb, wie ich dich in meinem Herzen trage; doch laß
-uns auch einmal wieder eine Rose machen.
-</p>
-
-<p>
-Zerina nahm das bekannte Schächtelchen aus dem
-Busen, warf zwei Körner hin, und plötzlich stand ein
-grünender Busch mit zweien hochrothen Rosen vor
-ihnen, welche sich zu einander neigten, und sich zu
-küssen schienen. Die Kinder brachen die Rosen lächelnd
-ab, und das Gebüsch war wieder verschwunden. O
-müßte es nur nicht wieder so schnell sterben, sagte
-Elfriede, das rothe Kind, das Wunder der Erde. Gieb!
-sagte die kleine Elfe, hauchte dreimal die aufknospende
-Rose an, und küßte sie dreimal; nun, sprach sie, indem
-sie die Blume zurück gab, bleibt sie frisch und
-blühend bis zum Winter. Ich will sie wie ein Bild
-von dir aufheben, sagte Elfriede, sie in meinem
-Kämmerchen wohl bewahren, und sie Morgens und
-Abends küssen, als wenn du es wärst. Die Sonne
-geht schon unter, sagte jene, ich muß jezt nach Hause.
-Sie umarmten sich noch einmal, dann war Zerina
-verschwunden.
-</p>
-
-<p>
-Am Abend nahm Marie ihr Kind mit einem Gefühl
-von Beängstigung und Ehrfurcht in die Arme;
-sie ließ dem holden Mädchen nun noch mehr Freiheit
-als sonst, und beruhigte oft ihren Gatten, wenn er,
-um das Kind aufzusuchen, kam, was er seit einiger
-Zeit wohl that, weil ihm ihre Zurückgezogenheit nicht
-gefiel, und er fürchtete, sie könne darüber einfältig,
-oder gar unklug werden. Die Mutter schlich öfter
-nach der Spalte der Mauer, und fast immer fand sie
-die kleine glänzende Elfe neben ihrem Kinde sitzen, mit
-Spielen beschäftigt, oder in ernsthaften Gesprächen.
-Möchtest du fliegen können? fragte Zerina einmal ihre
-<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a>
-Freundin. Wie gerne! rief Elfriede aus. Sogleich
-umfaßte die Fee die Sterbliche, und schwebte mit ihr
-vom Boden empor, so daß sie zur Höhe der Laube
-stiegen. Die besorgte Mutter vergaß ihre Vorsicht, und
-lehnte sich erschreckend mit dem Kopfe hinaus, um
-ihnen nachzusehn; da erhob aus der Luft Zerina den
-Finger und drohte lächelnd, ließ sich mit dem Kinde
-wieder nieder, herzte sie, und war verschwunden. Es
-geschah nachher noch öfter, daß Marie von dem wunderbaren
-Kinde gesehen wurde, welches jedesmal mit
-dem Kopfe schüttelte oder drohte, aber mit freundlicher
-Geberde.
-</p>
-
-<p>
-Oftmals schon hatte bei vorgefallenem Streite Marie
-im Eifer zu ihrem Manne gesagt: du thust den armen
-Leuten in der Hütte Unrecht! Wenn Andres dann in
-sie drang, ihm zu erklären, warum sie der Meinung
-aller Leute im Dorfe, ja der Herrschaft selber entgegen
-sei und es besser wissen wolle, brach sie ab, und schwieg
-verlegen. Heftiger als je ward Andres eines Tages
-nach Tische und behauptete, das Gesindel müsse als
-landesverderblich durchaus fortgeschafft werden; da rief
-sie im Unwillen aus: schweig, denn sie sind deine und
-unser aller Wohlthäter! Wohlthäter? fragte Andres erstaunt;
-die Landstreicher? In ihrem Zorne ließ sie sich
-verleiten, ihm unter dem Versprechen der tiefsten Verschwiegenheit
-die Geschichte ihrer Jugend zu erzählen,
-und da er bei jedem ihrer Worte ungläubiger wurde
-und verhöhnend den Kopf schüttelte, nahm sie ihn bei
-der Hand und führte ihn in das Gemach, von wo er
-zu seinem Erstaunen die leuchtende Elfe mit seinem
-Kinde in der Laube spielen, und es liebkosen sah. Er
-wußte kein Wort zu sagen; ein Ausruf der Verwunderung
-<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a>
-entfuhr ihm, und Zerina erhob den Blick. Sie
-wurde plötzlich bleich und zitterte heftig, nicht freundlich,
-sondern mit zorniger Miene machte sie die drohende
-Geberde, und sagte dann zu Elfrieden: du kannst
-nichts dafür, geliebtes Herz, aber sie werden niemals
-klug, so verständig sie sich auch dünken. Sie umarmte
-die Kleine mit stürmender Eil, und flog dann als
-Rabe mit heiserem Geschrei über den Garten hinweg,
-den Tannenbäumen zu.
-</p>
-
-<p>
-Am Abend war die Kleine sehr still und küßte weinend
-die Rose, Marien war ängstlich zu Sinne, Andres
-sprach wenig. Es wurde Nacht. Plötzlich rauschten
-die Bäume, Vögel flogen mit ängstlichem Geschrei umher,
-man hörte den Donner rollen, die Erde zitterte
-und Klagetöne winselten in der Luft. Marie und Andres
-hatten nicht den Muth aufzustehn; sie hüllten sich
-in die Decken und erwarteten mit Furcht und Zittern
-den Tag. Gegen Morgen ward es ruhiger, und alles
-war still, als die Sonne mit ihrem Lichte über den Wald
-hervor drang.
-</p>
-
-<p>
-Andres <a id="corr-30"></a>kleidete sich an, und Marie bemerkte, daß
-der Stein des Ringes an ihrem Finger verblaßt war.
-Als sie die Thür öffneten, schien ihnen die Sonne klar
-entgegen, aber die Landschaft umher kannten sie kaum
-wieder. Die Frische des Waldes war verschwunden,
-die Hügel hatten sich gesenkt, die Bäche flossen matt
-mit wenigem Wasser, der Himmel schien grau, und
-als man den Blick nach den Tannen hinüber wandte,
-standen sie nicht finstrer oder trauriger da, als die übrigen
-Bäume; die Hütten hinter ihnen hatten nichts
-Abschreckendes, und mehrere Einwohner des Dorfes
-kamen und erzählten von der seltsamen Nacht, und
-<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a>
-daß sie über den Hof gegangen seien, wo die Zigeuner
-gewohnt, die wohl fort gegangen sein müßten, weil die
-Hütten leer ständen, und im Innern ganz gewöhnlich
-wie die Wohnungen andrer armen Leute aussähen;
-einiges vom Hausrath wäre zurück geblieben. Elfriede
-sagte zu ihrer Mutter heimlich: als ich in der Nacht
-nicht schlafen konnte, und in der Angst bei dem Getümmel
-vom Herzen betete, da öffnete sich plötzlich
-meine Thür, und herein trat meine Gespielin, um Abschied
-von mir zu nehmen. Sie hatte eine Reisetasche
-um, einen Hut auf ihrem Kopf, und einen großen Wanderstab
-in der Hand. Sie war sehr böse auf dich, weil
-sie deinetwegen nun die größten und schmerzhaftesten
-Strafen aushalten müsse, da sie dich doch immer so
-geliebt habe; denn alle, so wie sie sagte, verließen
-nur sehr ungern diese Gegend.
-</p>
-
-<p>
-Marie verbot ihr, davon zu sprechen, und indem
-kam auch der Fährmann vom Strome herüber, welcher
-Wunderdinge erzählte. Mit einbrechender Nacht war
-ein großer fremder Mann zu ihm gekommen, welcher
-<a id="corr-31"></a>ihm bis zu Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet
-habe, doch mit der Bedingniß, daß er sich still zu
-Hause halten und schlafen, wenigstens nicht aus der
-Thür treten solle. Ich fürchtete mich, fuhr der Alte
-fort, aber der seltsame Handel ließ mich nicht schlafen.
-Sacht schlich ich mich ans Fenster und schaute nach dem
-Strome. Große Wolken trieben unruhig durch den
-Himmel und die fernen Wälder rauschten bange; es war,
-als wenn meine Hütte bebte und Klagen und Winseln
-um das Haus schlich. Da sah ich plötzlich ein weißströmendes
-Licht, das breiter und immer breiter wurde,
-wie viele tausend niedergefallene Sterne funkelnd und
-<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a>
-wogend bewegte es sich von dem finstern Tannengrunde
-her, zog über das Feld, und verbreitete sich nach dem
-Flusse hin. Da hörte ich ein Trappeln, ein Klirren,
-ein Flüstern und Säuseln näher und näher; es ging
-nach meiner Fähre hin, hinein stiegen alle, große und
-kleine leuchtende Gestalten, Männer und Frauen, wie
-es schien, und Kinder, und der große fremde Mann
-fuhr sie alle hinüber; im Strome schwammen neben dem
-Fahrzeuge viel tausend helle Gebilde, in der Luft flatterten
-Lichter und weiße Nebel, und alles klagte und
-jammerte, daß sie so weit, weit reisen müßten, aus der
-geliebten angewöhnten Gegend fort. Der Ruderschlag
-und das Wasser rauschten dazwischen, und dann war
-wieder plötzlich eine Stille. Oft stieß die Fähre an, und
-kam zurück und ward von neuem beladen, auch viele
-schwere Gefäße nahmen sie mit, die gräßliche kleine Gesellen
-trugen und rollten; waren es Teufel, waren es
-Kobolde, ich weiß es nicht. Dann kam im wogenden
-Glanz ein stattlicher Zug. Ein Greis schien es, auf
-einem weißen kleinen Rosse, um den sich alles drängte;
-ich sah aber nur den Kopf des Pferdes, denn es war
-über und über mit kostbaren glänzenden Decken verhangen;
-auf dem Haupt trug der Alte eine Krone, so daß
-ich dachte, als er hinüber gefahren, die Sonne wolle
-von dorten aufgehn, und das Morgenroth funkle mir
-entgegen. So währte es die ganze Nacht; ich schlief
-endlich in dem Gewirre ein, zum Theil in Freude, zum
-Theil in Schauder. Am Morgen war alles ruhig, aber
-der Fluß ist wie weg gelaufen, so daß ich Noth haben
-werde mein Fahrzeug zu regieren.
-</p>
-
-<p>
-Noch in demselben Jahre war ein Mißwachs, die
-Wälder starben ab, die Quellen vertrockneten, und dieselbe
-<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a>
-Gegend, die sonst die Freude jedes Durchreisenden
-gewesen war, stand im Herbst verödet, nackt und kahl,
-und zeigte kaum hie und da noch im Meere von Sand
-ein Plätzchen, wo Gras mit fahlem Grün empor wuchs.
-Die Obstbäume gingen alle aus, die Weinberge verdarben,
-und der Anblick der Landschaft war so traurig,
-daß der Graf im folgenden Jahre mit seiner Familie
-das Schloß verließ, welches nachher verfiel und zur
-Ruine wurde.
-</p>
-
-<p>
-Elfriede betrachtete Tag und Nacht mit der größten
-Sehnsucht ihre Rose und gedachte ihrer Gespielin, und
-so wie die Blume sich neigte und welkte, so senkte sie
-auch das Köpfchen, und war schon vor dem Frühlinge
-verschmachtet. Marie stand oft auf dem Platze vor
-der Hütte und beweinte das entschwundene Glück. Sie
-verzehrte sich, wie ihr Kind, und folgte ihm in einigen
-Jahren. Der alte Martin zog mit seinem Schwiegersohne
-nach der Gegend, in der er vormals gelebt hatte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash;&mdash;&mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Die Damen waren mit dieser Erzählung zufrieden.
-<em>Wilibald</em> war noch übrig, um sein Mährchen vorzutragen,
-und er fing sogleich ohne Einleitung an.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-10">
-<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a>
-<span class="line1">Der Pokal.</span><br />
-<span class="line2">1811.</span>
-</h2>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">V</span>om großen Dom erscholl das vormittägige Geläute.
-Ueber den weiten Platz wandelten in verschiedenen Richtungen
-Männer und Weiber, Wagen fuhren vorüber
-und Priester gingen nach ihren Kirchen. Ferdinand
-stand auf der breiten Treppe, den Wandelnden nachsehend
-und diejenigen betrachtend, welche herauf stiegen,
-um dem Hochamte beizuwohnen. Der Sonnenschein
-glänzte auf den weißen Steinen, alles suchte
-den Schatten gegen die Hitze; nur er stand schon seit
-lange sinnend an einen Pfeiler gelehnt, in den brennenden
-Strahlen, ohne sie zu fühlen, denn er verlor
-sich in den Erinnerungen, die in seinem Gedächtnisse
-aufstiegen. Er dachte seinem Leben nach, und begeisterte
-sich an dem Gefühl, welches sein Leben durchdrungen
-und alle andern Wünsche in ihm ausgelöscht
-hatte. In derselben Stunde stand er hier im vorigen
-Jahre, um Frauen und Mädchen zur Messe kommen
-zu sehn; mit gleichgültigem Herzen und lächelndem
-Auge hatte er die mannichfaltigen Gestalten betrachtet,
-mancher holde Blick war ihm schalkhaft begegnet und
-manche jungfräuliche Wange war erröthet; sein spähendes
-Auge sah den niedlichen Füßchen nach, wie sie
-die Stufen herauf schritten, und wie sich das schwebende
-Gewand mehr oder weniger verschob, um die
-<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a>
-feinen Knöchel zu enthüllen. Da kam über den Markt
-eine jugendliche Gestalt, in Schwarz, schlank und edel,
-die Augen sittsam vor sich hingeheftet, unbefangen schwebte
-sie die Erhöhung hinauf mit lieblicher Anmuth, das seidene
-Gewand legte sich um den schönsten Körper und wiegte
-sich wie in Musik um die bewegten Glieder; jezt wollte
-sie den letzten Schritt thun, und von ohngefähr erhob
-sie das Auge und traf mit dem blauesten Strahle in
-seinen Blick. Er ward wie von einem Blitz durchdrungen.
-Sie strauchelte, und so schnell er auch hinzu
-sprang, konnte er doch nicht verhindern, daß sie nicht
-kurze Zeit in der reizendsten Stellung knieend vor seinen
-Füßen lag. Er hob sie auf, sie sah ihn nicht an,
-sondern war ganz Röthe, antwortete auch nicht auf
-seine Frage, ob sie sich beschädiget habe. Er folgte
-ihr in die Kirche und sah nur das Bildniß, wie sie
-vor ihm gekniet, und der schönste Busen ihm entgegen
-gewogt. Am folgenden Tage besuchte er die Schwelle
-des Tempels wieder; die Stätte war ihm geweiht. Er
-hatte abreisen wollen, seine Freunde erwarteten ihn ungeduldig
-in seiner Heimath; aber von nun an war hier
-sein Vaterland, sein Herz war umgewendet. Er sah
-sie öfter, sie vermied ihn nicht, doch waren es nur
-einzelne und gestohlene Augenblicke; denn ihre reiche
-Familie bewachte sie genau, noch mehr ein angesehener
-eifersüchtiger Bräutigam. Sie gestanden sich ihre Liebe,
-wußten aber keinen Rath in ihrer Lage; denn er war
-fremd und konnte seiner Geliebten kein so großes Glück
-anbieten, als sie zu erwarten berechtiget war. Da
-fühlte er seine Armuth; doch wenn er an seine vorige
-Lebensweise dachte, dünkte er sich überschwänglich reich,
-denn sein Dasein war geheiligt, sein Herz schwebte
-<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a>
-immerdar in der schönsten Rührung; jezt war ihm die
-Natur befreundet und ihre Schönheit seinen Sinnen
-offenbar, er fühlte sich der Andacht und Religion nicht
-mehr fremd, und betrat dieselbe Schwelle, das geheimnißvolle
-Dunkel des Tempels jezt mit ganz andern Gefühlen,
-als in jenen Tagen des Leichtsinns. Er zog
-sich von seinen Bekanntschaften zurück und lebte nur
-der Liebe. Wenn er durch ihre Straße ging und sie
-nur am Fenster sah, war er für diesen Tag glücklich;
-er hatte sie in der Dämmerung des Abends oftmals
-gesprochen, ihr Garten stieß an den eines Freundes,
-der aber sein Geheimniß nicht wußte. So war ein
-Jahr vorüber gegangen.
-</p>
-
-<p>
-Alle diese Scenen seines neuen Lebens zogen wieder
-durch sein Gedächtniß. Er erhob seinen Blick, da
-schwebte die edle Gestalt schon über den Platz, sie
-leuchtete ihm wie eine Sonne aus der verworrenen
-Menge hervor. Ein lieblicher Gesang ertönte in seinem
-sehnsüchtigen Herzen, und er trat, wie sie sich
-annäherte, in die Kirche zurück. Er hielt ihr das geweihte
-Wasser entgegen, ihre weißen Finger zitterten,
-als sie die seinigen berührte, sie neigte sich holdselig.
-Er folgte ihr nach, und kniete in ihrer Nähe. Sein
-ganzes Herz zerschmolz in Wehmuth und Liebe, es
-dünkte ihm, als wenn aus den Wunden der Sehnsucht
-sein Wesen in andächtigen Gebeten dahin blutete;
-jedes Wort des Priesters durchschauerte ihn, jeder
-Ton der Musik goß Andacht in seinen Busen; seine
-Lippen bebten, als die Schöne das Crucifix ihres Rosenkranzes
-an den brünstigen rothen Mund drückte.
-Wie hatte er ehemals diesen Glauben und diese Liebe
-so gar nicht begreifen können. Da erhob der Priester
-<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a>
-die Hostie und die Glocke schallte, sie neigte sich demüthiger
-und bekreuzte ihre Brust; und wie ein Blitz
-schlug es durch alle seine Kräfte und Gefühle, und das
-Altarbild dünkte ihm lebendig und die farbige Dämmerung
-der Fenster wie ein Licht des Paradieses; Thränen
-strömten reichlich aus seinen Augen und linderten
-die verzehrende Inbrunst seines Herzens.
-</p>
-
-<p>
-Der Gottesdienst war geendigt. Er bot ihr wieder
-den Weihbrunnen, sie sprachen einige Worte und sie
-entfernte sich. Er blieb zurück, um keine Aufmerksamkeit
-zu erregen; er sah ihr nach, bis der Saum ihres
-Kleides um die Ecke verschwand. Da war ihm wie dem
-müden verirrten Wanderer, dem im dichten Walde der letzte
-Schein der untergehenden Sonne erlischt. Er erwachte
-aus seiner Träumerei, als ihm eine alte dürre Hand auf
-die Schulter schlug, und ihn jemand bei Namen nannte.
-</p>
-
-<p>
-Er fuhr zurück, und erkannte seinen Freund, den
-mürrischen Albert, der von allen Menschen sich zurück
-zog, und dessen einsames Haus nur dem jungen Ferdinand
-geöffnet war. Seid ihr unsrer Abrede noch eingedenk?
-fragte die heisere Stimme. O ja, antwortete
-Ferdinand, und werdet ihr euer Versprechen heut noch
-halten? Noch in dieser Stunde, antwortete jener, wenn
-ihr mir folgen wollt.
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen durch die Stadt und in einer abgelegenen
-Straße in ein großes Gebäude. Heute, sagte der
-Alte, müßt ihr euch schon mit mir in das Hinterhaus
-bemühn, in mein einsamstes Zimmer, damit wir nicht
-etwa gestört werden. Sie gingen durch viele Gemächer,
-dann über einige Treppen; Gänge empfingen sie, und
-Ferdinand, der das Haus zu kennen glaubte, mußte
-sich über die Menge der Zimmer, so wie über die
-<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a>
-seltsame Einrichtung des weitläufigen Gebäudes verwundern,
-noch mehr aber darüber, daß der Alte,
-welcher unverheirathet war, der auch keine Familie
-hatte, es allein mit einem einzigen Bedienten bewohne,
-und niemals an Fremde von dem überflüssigen
-Raume hatte vermiethen wollen. Albert schloß
-endlich auf und sagte: nun sind wir zur Stelle. Ein
-großes hohes Zimmer empfing sie, das mit rothem
-Damast ausgeschlagen war, den goldene Leisten einfaßten,
-die Sessel waren von dem nehmlichen Zeuge,
-und durch rothe schwerseidne Vorhänge, welche nieder
-gelassen waren, schimmerte ein purpurnes Licht. Verweilt
-einen Augenblick, sagte der Alte, indem er in
-ein anderes Gemach ging. Ferdinand betrachtete indeß
-einige Bücher, in welchen er fremde unverständliche Charaktere,
-Kreise und Linien, nebst vielen wunderlichen
-Zeichnungen fand, und nach dem wenigen, was er
-lesen konnte, schienen es alchemistische Schriften; er
-wußte auch, daß der Alte im Rufe eines Goldmachers
-stand. Eine Laute lag auf dem Tische, welche seltsam
-mit Perlmutter und farbigen Hölzern ausgelegt war
-und in glänzenden Gestalten Vögel und Blumen darstellte,
-der Stern in der Mitte war ein großes Stück
-Perlmutter, auf das kunstreichste in vielen durchbrochenen
-Zirkelfiguren, fast wie die Fensterrose einer gothischen
-Kirche, ausgearbeitet. Ihr betrachtet da mein
-Instrument, sagte Albert, welcher zurück kehrte, es ist
-schon zweihundert Jahr alt, und ich habe es als Andenken
-meiner Reise aus Spanien mitgebracht. Doch
-laßt das alles, und setzt euch jezt.
-</p>
-
-<p>
-Sie setzten sich an den Tisch, der ebenfalls mit
-einem rothen Teppiche bedeckt war, und der Alte stellte
-<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a>
-etwas Verhülltes auf die Tafel. Aus Mitleid gegen
-eure Jugend, fing er an, habe ich euch neulich versprochen,
-euch zu wahrsagen, ob ihr glücklich werden
-könnt oder nicht, und dieses Versprechen will ich in
-gegenwärtiger Stunde lösen, ob ihr gleich die Sache
-neulich nur für einen Scherz halten wolltet. Ihr dürft
-euch nicht entsetzen, denn, was ich vorhabe, kann ohne
-Gefahr geschehn, und weder furchtbare Citationen sollen
-von mir vorgenommen werden, noch soll euch eine
-gräßliche Erscheinung erschrecken. Die Sache, die ich
-versuchen will, kann in zweien Fällen mißlingen: wenn
-ihr nämlich nicht so wahrhaft liebt, als ihr mich habt
-wollen glauben machen, denn alsdann ist meine Bemühung
-umsonst und es zeigt sich gar nichts; oder
-daß ihr das Orakel stört und durch eine unnütze Frage
-oder ein hastiges Auffahren vernichtet, indem ihr euren
-Sitz verlaßt und das Bild zertrümmert; ihr müßt mir
-also versprechen, euch ganz ruhig zu verhalten.
-</p>
-
-<p>
-Ferdinand gab das Wort, und der Alte wickelte
-aus den Tüchern das, was er mitgebracht hatte. Es
-war ein goldener Pokal von sehr künstlicher und schöner
-Arbeit. Um den breiten Fuß lief ein Blumenkranz
-mit Myrthen und verschiedenem Laube und Früchten
-gemischt, erhaben ausgeführt mit mattem oder klarem
-Golde. Ein ähnliches Band, aber reicher, mit kleinen
-Figuren und fliehenden wilden Thierchen, die sich vor
-den Kindern fürchteten oder mit ihnen spielten, zog
-sich um die Mitte des Bechers. Der Kelch war schön
-gewunden, er bog sich oben zurück, den Lippen entgegen,
-und inwendig funkelte das Gold mit rother Gluth.
-Der Alte stellte den Becher zwischen sich und den Jüngling,
-und winkte ihn näher. Fühlt ihr nicht etwas,
-<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a>
-sprach er, wenn euer Auge sich in diesem Glanz verliert?
-Ja, sagte Ferdinand, dieser Schein spiegelt in
-mein Innres hinein, ich möchte sagen, ich fühle ihn
-wie einen Kuß in meinem sehnsüchtigen Busen. So
-ist es recht! sagte der Alte; nun laßt eure Augen nicht
-mehr herum schweifen, sondern haltet sie fest auf den
-Glanz dieses Goldes, und denkt so lebhaft wie möglich
-an eure Geliebte.
-</p>
-
-<p>
-Beide saßen eine Weile ruhig, und schauten vertieft
-den leuchtenden Becher an. Bald aber fuhr der
-Alte mit stummer Geberde, erst langsam, dann schneller,
-endlich in eilender Bewegung mit streichendem Finger
-um die Glut des Pokals in ebenmäßigen Kreisen
-hin. Dann hielt er wieder inne und legte die Kreise
-von der andern Seite. Als er eine Weile dies Beginnen
-fortgesetzt hatte, glaubte Ferdinand Musik zu
-hören, aber es klang wie draußen, in einer fernen
-Gasse; doch bald kamen die Töne näher, sie schlugen
-lauter und lauter an, sie zitterten bestimmter
-durch die Luft, und es blieb ihm endlich kein Zweifel,
-daß sie aus dem Innern des Bechers hervor quollen.
-Immer stärker ward die Musik, und von so durchdringender
-Kraft, daß des Jünglings Herz erzitterte und
-ihm die Thränen in die Augen stiegen. Eifrig fuhr
-die Hand des Alten in verschiedenen Richtungen über
-die Mündung des Bechers, und es schien, als wenn
-Funken aus seinen Fingern fuhren und zuckend gegen
-das Gold leuchtend und klingend zersprangen. Bald
-mehrten sich die glänzenden Punkte und folgten, wie
-auf einen Faden gereiht, der Bewegung seines Fingers
-hin und wieder; sie glänzten von verschiedenen
-Farben, und drängten sich allgemach dichter und dichter
-<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a>
-an einander, bis sie in Linien zusammen schossen. Nun
-schien es, als wenn der Alte in der rothen Dämmerung
-ein wundersames Netz über das leuchtende Gold
-legte, denn er zog nach Willkühr die Strahlen hin
-und wieder, und verwebte mit ihnen die Oeffnung des
-Pokales; sie gehorchten ihm und blieben, einer Bedeckung
-ähnlich, liegen, indem sie hin und wieder webten
-und in sich selber schwankten. Als sie so gefesselt
-waren, beschrieb er wieder die Kreise um den Rand,
-die Musik sank wieder zurück und wurde leiser und
-leiser, bis sie nicht mehr zu vernehmen war, das leuchtende
-Netz zitterte wie beängstiget. <a id="corr-32"></a>Es brach im zunehmenden
-Schwanken, und die Strahlen regneten
-tropfend in den Kelch, doch aus den niedertropfenden
-erhob sich wie eine röthliche Wolke, die sich in sich
-selbst in vielfachen Kreisen bewegte, und wie Schaum
-über der Mündung schwebte. Ein hellerer Punkt
-schwang sich mit der größten Schnelligkeit durch die
-wolkigen Kreise. Da stand das Gebild, und wie ein
-Auge schaute es plötzlich aus dem Duft, wie goldene
-Locken floß und ringelte es oben, und alsbald ging ein
-sanftes Erröthen in dem wankenden Schatten auf und
-ab, und Ferdinand erkannte das lächelnde Angesicht
-seiner Geliebten, die blauen Augen, die zarten Wangen,
-den lieblich rothen Mund. Das Haupt schwankte hin
-und her, hob sich deutlicher und sichtbarer auf dem
-schlanken weißen Halse hervor und neigte sich zu dem
-entzückten Jünglinge hin. Der Alte beschrieb immer
-noch die Kreise um den Becher, und heraus traten
-die glänzenden Schultern, und so wie sich die liebliche
-Bildung aus dem goldenen Bett mehr hervor drängte
-und holdselig hin und wieder wiegte, so erschienen nun
-<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a>
-die beiden zarten, gewölbten und getrennten Brüste, auf
-deren Spitze die feinste Rosenknospe mit süß verhüllter
-Röthe schimmerte. Ferdinand glaubte den Athem zu
-fühlen, indem das geliebte Bild wogend zu ihm neigte,
-und ihn fast mit den brennenden Lippen berührte; er
-konnte sich im Taumel nicht mehr bewältigen, sondern
-drängte sich mit einem Kusse an den Mund, und
-wähnte, die schönen Arme zu fassen, um die nackte Gestalt
-ganz aus dem goldenen Gefängniß zu heben. Alsbald
-durchfuhr ein starkes Zittern das liebliche Bild,
-wie in tausend Linien brach das Haupt und der Leib
-zusammen, und eine Rose lag am Fuß des Pokales,
-aus deren Röthe noch das süße Lächeln schien. Sehnsüchtig
-ergriff sie Ferdinand, drückte sie an seinen Mund,
-und an seinem brennenden Verlangen verwelkte sie,
-und war in Luft zerflossen.
-</p>
-
-<p>
-Du hast schlecht dein Wort gehalten, sagte der Alte
-verdrüßlich, du kannst dir nur selber die Schuld beimessen.
-Er verhüllte seinen Pokal wieder, zog die
-Vorhänge auf und eröffnete ein Fenster; das helle
-Tageslicht brach herein, und Ferdinand verließ wehmüthig
-und mit vielen Entschuldigungen den murrenden
-Alten.
-</p>
-
-<p>
-Er eilte bewegt durch die Straßen der Stadt. Vor
-dem Thore setzte er sich unter den Bäumen nieder.
-Sie hatte ihm am Morgen gesagt, daß sie mit einigen
-Verwandten Abends über Land fahren müsse. Bald
-saß, bald wanderte er liebetrunken im Walde; immer
-sah er das holdselige Bild, wie es mehr und mehr aus
-dem glühenden Golde quoll; jezt erwartete er, sie heraus
-schreiten zu sehn im Glanze ihrer Schönheit, und
-dann zerbrach die schönste Form vor seinen Augen, und
-<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a>
-er zürnte mit sich, daß er durch seine rastlose Liebe
-und die Verwirrung seiner Sinne das Bildniß und
-vielleicht sein Glück zerstört habe.
-</p>
-
-<p>
-Als nach der Mittagsstunde der Spaziergang sich
-allgemach mit Menschen füllte, zog er sich tiefer in
-das Gebüsch zurück; spähend behielt er aber die ferne
-Landstraße im Auge, und jeder Wagen, der durch das
-Thor kam, wurde aufmerksam von ihm geprüft.
-</p>
-
-<p>
-Es näherte sich dem Abende. Rothe Schimmer
-warf die untergehende Sonne, da flog aus dem Thor
-der reiche vergoldete Wagen, der feurig im Abendglanze
-leuchtete. Er eilte hinzu. Ihr Auge hatte das seinige
-schon gesucht. Freundlich und lächelnd lehnte sie den
-glänzenden Busen aus dem Schlage, er fing ihren liebevollen
-Gruß und Wink auf; jezt stand er neben dem
-Wagen, ihr voller Blick fiel auf ihn, und indem sie sich
-weiter fahrend wieder zurück zog, flog die Rose, welche
-ihren Busen zierte, heraus, und lag zu seinen Füßen.
-Er hob sie auf und küßte sie, und ihm war, als weissage
-sie ihm, daß er seine Geliebte nicht wieder sehn
-würde, daß nun sein Glück auf immer zerbrochen sei.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash;&mdash;&mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Auf und ab lief man die Treppen, das ganze Haus
-war in Bewegung, alles machte Geschrei und Lärmen
-zum morgenden großen Feste. Die Mutter war am
-thätigsten so wie am freudigsten; die Braut ließ alles
-geschehn, und zog sich, ihrem Schicksal nachsinnend,
-in ihr Zimmer zurück. Man erwartete noch den Sohn,
-den Hauptmann mit seiner Frau und zwei ältere Töchter
-mit ihren Männern; Leopold, ein jüngerer Sohn, war
-muthwillig beschäftigt, die Unordnung zu vermehren,
-<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a>
-den Lärmen zu vergrößern, und alles zu verwirren,
-indem er alles zu betreiben schien. Agathe, seine noch
-unverheirathete Schwester, wollte ihn zur Vernunft
-bringen und dahin bewegen, daß er sich um nichts
-kümmere, und nur die andern in Ruhe lasse; aber die
-Mutter sagte: störe ihn nicht in seiner Thorheit, denn
-heute kommt es auf etwas mehr oder weniger nicht an;
-nur darum bitte ich euch alle, da ich schon auf so
-viel zu denken habe, daß ihr mich nicht mit irgend
-etwas behelligt, was ich nicht höchst nöthig erfahren
-muß; ob sie Porzellan zerbrechen, ob einige silberne
-Löffel fehlen, ob das Gesinde der Fremden Scheiben
-entzwei schlägt, mit solchen Possen ärgert mich nicht,
-daß ihr sie mir wieder erzählt. Sind diese Tage der
-Unruhe vorüber, dann wollen wir Rechnung halten.
-</p>
-
-<p>
-Recht so, Mutter! sagte Leopold, das sind Gesinnungen
-eines Regenten würdig! Wenn auch einige
-Mägde den Hals brechen, der Koch sich betrinkt und
-den Schornstein anzündet, der Kellermeister vor Freude
-den Malvasier auslaufen oder aussaufen läßt, Sie sollen
-von dergleichen Kindereien nichts erfahren. Es
-müßte denn sein, daß ein Erdbeben das Haus umwürfe;
-Liebste, das ließe sich unmöglich verhehlen.
-</p>
-
-<p>
-Wann wird er doch einmal klüger werden! sagte
-die Mutter; was werden nur deine Geschwister denken,
-wenn sie dich eben so unklug wieder finden, als sie
-dich vor zwei Jahren verlassen haben.
-</p>
-
-<p>
-Sie müssen meinem Charakter Gerechtigkeit widerfahren
-lassen, antwortete der lebhafte Jüngling, daß
-ich nicht so wandelbar bin wie sie oder ihre Männer,
-die sich in wenigen Jahren so sehr, und zwar nicht
-zu ihrem Vortheile verändert haben.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a>
-Jezt trat der Bräutigam zu ihnen, und fragte nach
-der Braut. Die Kammerjungfer ward geschickt, sie zu
-rufen. Hat Leopold Ihnen, liebe Mutter, meine Bitte
-vorgetragen? fragte der Verlobte.
-</p>
-
-<p>
-Daß ich nicht wüßte, sagte diese; in der Unordnung
-hier im Hause kann man keinen vernünftigen
-Gedanken fassen.
-</p>
-
-<p>
-Die Braut trat herzu, und die jungen Leute begrüßten
-sich mit Freuden. Die Bitte, deren ich erwähnte,
-fuhr dann der Bräutigam fort, ist, daß Sie
-es nicht übel deuten mögen, wenn ich Ihnen noch
-einen Gast in Ihr Haus führe, das für diese Tage
-nur schon zu sehr besetzt ist.
-</p>
-
-<p>
-Sie wissen es selbst, sagte die Mutter, daß, so
-geräumig es auch ist, sich schwerlich noch Zimmer einrichten
-lassen.
-</p>
-
-<p>
-Doch, rief Leopold, ich habe schon zum Theil dafür
-gesorgt, ich habe die große Stube im Hinterhause aufräumen
-lassen.
-</p>
-
-<p>
-Ei, die ist nicht anständig genug, sagte die Mutter,
-seit Jahren ist sie ja fast nur zur Polterkammer
-gebraucht.
-</p>
-
-<p>
-Prächtig ist sie hergestellt, sagte Leopold, und der
-Freund, für den sie bestimmt ist, sieht auch auf dergleichen
-nicht, dem ist es nur um unsre Liebe zu thun;
-auch hat er keine Frau und befindet sich gern in der
-Einsamkeit, so daß sie ihm gerade recht sein wird. Wir
-haben Mühe genug gehabt, ihm zuzureden und ihn
-wieder unter Menschen zu bringen.
-</p>
-
-<p>
-Doch wohl nicht euer trauriger Goldmacher und
-Geisterbanner? fragte Agathe.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a>
-Kein andrer als der, erwiederte der Bräutigam,
-wenn Sie ihn einmal so nennen wollen.
-</p>
-
-<p>
-Dann erlauben Sie es nur nicht, liebe Mutter,
-fuhr die Schwester fort; was soll ein solcher Mann in
-unserm Hause? Ich habe ihn einigemal mit Leopold
-über die Straße gehen sehn, und mir ist vor seinem
-Gesicht bange geworden; auch besucht der alte Sünder
-fast niemals die Kirche, er liebt weder Gott noch Menschen,
-und es bringt keinen Segen, dergleichen Ungläubige
-bei so feierlicher Gelegenheit unter das Dach
-einzuführen. Wer weiß, was daraus entstehn kann!
-</p>
-
-<p>
-Wie du nun sprichst! sagte Leopold erzürnt, weil
-du ihn nicht kennst, so verurtheilst du ihn, und weil
-dir seine Nase nicht gefällt, und er auch nicht mehr
-jung und reizend ist, so muß er, deinem Sinne nach,
-ein Geisterbanner und verruchter Mensch sein.
-</p>
-
-<p>
-Gewähren Sie, theure Mutter, sagte der Bräutigam,
-unserm alten Freunde ein Plätzchen in ihrem
-Hause, und lassen Sie ihn an unserer allgemeinen
-Freude Theil nehmen. Er scheint, liebe Schwester Agathe,
-viel Unglück erlebt zu haben, welches ihn mißtrauisch
-und menschenfeindlich gemacht hat, er vermeidet
-alle Gesellschaft, und macht nur eine Ausnahme
-mit mir und Leopold; ich habe ihm viel zu danken,
-er hat zuerst meinem Geiste eine bessere Richtung gegeben,
-ja ich kann sagen, er allein hat mich vielleicht
-der Liebe meiner Julie würdig gemacht.
-</p>
-
-<p>
-Mir borgt er alle Bücher, fuhr Leopold fort, und,
-was mehr sagen will, alte Manuskripte, und, was
-noch mehr sagen will, Geld, auf mein bloßes Wort;
-er hat die christlichste Gesinnung, Schwesterchen, und
-wer weiß, wenn du ihn näher kennen lernst, ob du
-<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a>
-nicht deine Sprödigkeit fahren lässest, und dich in ihn
-verliebst, so häßlich er dir auch jezt vorkommt.
-</p>
-
-<p>
-Nun so bringen Sie ihn uns, sagte die Mutter,
-ich habe schon sonst so viel aus Leopolds Munde von
-ihm hören müssen, daß ich neugierig bin, seine Bekanntschaft
-zu machen. Nur müssen Sie es verantworten,
-daß wir ihm keine bessere Wohnung geben
-können.
-</p>
-
-<p>
-Indem kamen Reisende an. Es waren die Mitglieder
-der Familie; die verheiratheten Töchter, so wie
-der Offizier, brachten ihre Kinder mit. Die gute Alte
-freute sich, ihre Enkel zu sehn; alles war Bewillkommnung
-und frohes Gespräch, und als der Bräutigam
-und Leopold auch ihre Grüße empfangen und abgelegt
-hatten, entfernten sie sich, um ihren alten mürrischen
-Freund aufzusuchen.
-</p>
-
-<p>
-Dieser wohnte die meiste Zeit des Jahres auf dem
-Lande, eine Meile von der Stadt, aber eine kleine
-Wohnung behielt er sich auch in einem Garten vor
-dem Thore. Hier hatten ihn zufälligerweise die beiden
-jungen Leute kennen gelernt. Sie trafen ihn jezt auf
-einem Kaffeehause, wohin sie sich bestellt hatten. Da
-es schon Abend geworden war, begaben sie sich nach
-einigen Gesprächen in das Haus zurück.
-</p>
-
-<p>
-Die Mutter nahm den Fremden sehr freundschaftlich
-auf; die Töchter hielten sich etwas entfernt, besonders
-war Agathe schüchtern und vermied seine Blicke
-sorgfältig. Nach den ersten allgemeinen Gesprächen
-war das Auge des Alten aber unverwandt auf die Braut
-gerichtet, welche später zur Gesellschaft getreten war;
-er schien entzückt und man bemerkte, daß er eine Thräne
-heimlich abzutrocknen suchte. Der Bräutigam freute
-<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a>
-sich an seiner Freude, und als sie nach einiger Zeit
-abseits am Fenster standen, nahm er die Hand des
-Alten und fragte ihn: Was sagen Sie von meiner
-geliebten Julie? Ist sie nicht ein Engel? &mdash; O mein
-Freund, erwiederte der Alte gerührt, eine solche Schönheit
-und Anmuth habe ich noch niemals gesehn; oder
-ich sollte vielmehr sagen, (denn dieser Ausdruck ist unrichtig)
-sie ist so schön, so bezaubernd, so himmlisch,
-daß mir ist, als hätte ich sie längst gekannt, als wäre
-sie, so fremd sie mir ist, das vertrauteste Bild meiner
-Imagination, das meinem Herzen stets einheimisch
-gewesen.
-</p>
-
-<p>
-Ich verstehe Sie, sagte der Jüngling; ja das wahrhaft
-Schöne, Große und Erhabene, so wie es uns in
-Erstaunen und Verwunderung setzt, überrascht uns doch
-nicht als etwas Fremdes, Unerhörtes und Niegesehenes,
-sondern unser eigenstes Wesen wird uns in solchen
-Augenblicken klar, unsre tiefsten Erinnerungen werden
-erweckt, und unsre nächsten Empfindungen lebendig
-gemacht.
-</p>
-
-<p>
-Beim Abendessen nahm der Fremde an den Gesprächen
-nur wenigen Antheil; sein Blick war unverwandt
-auf die Braut geheftet, so daß diese endlich
-verlegen und ängstlich wurde. Der Offizier erzählte
-von einem Feldzuge, dem er beigewohnt hatte, der
-reiche Kaufmann sprach von seinen Geschäften und der
-schlechten Zeit, und der <a id="corr-33"></a>Gutsbesitzer von den Verbesserungen,
-welche er in seiner Landwirthschaft angefangen
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Nach Tische empfahl sich der Bräutigam, um zum
-letztenmal in seine einsame Wohnung zurück zu kehren;
-denn künftig sollte er mit seiner jungen Frau im Hause
-<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a>
-der Mutter wohnen, ihre Zimmer waren schon eingerichtet.
-Die Gesellschaft zerstreute sich, und Leopold
-führte den Fremden nach seinem Gemach. Ihr entschuldigt
-es wohl, fing er auf dem Gange an, daß
-ihr etwas entfernt hausen müßt, und nicht so bequem,
-als die Mutter wünscht; aber ihr seht selbst, wie zahlreich
-unsre Familie ist, und morgen kommen noch andre
-Verwandte. Wenigstens werdet ihr uns nicht entlaufen
-können, denn ihr findet euch gewiß nicht aus dem weitläufigen
-Gebäude heraus.
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen noch durch einige Gänge; endlich entfernte
-sich Leopold und wünschte gute Nacht. Der Bediente
-stellte zwei Wachskerzen hin, fragte, ob er den
-Fremden entkleiden solle, und da dieser jede Bedienung
-verbat, zog sich jener zurück, und er befand sich allein.
-Wie muß es mir denn begegnen, sagte er, indem er
-auf <a id="corr-34"></a>und nieder ging, daß jenes Bildniß so lebhaft heut
-aus meinem Herzen quillt? Ich vergaß die ganze Vergangenheit
-und glaubte sie selbst zu sehn. Ich war
-wieder jung und ihr Ton erklang wie damals; mir
-dünkte, ich sei aus einem schweren Traum erwacht;
-aber nein, jezt bin ich erwacht, und die holde Täuschung
-war nur ein süßer Traum.
-</p>
-
-<p>
-Er war zu unruhig, um zu schlafen, er betrachtete
-einige Zeichnungen an den Wänden und dann das
-Zimmer. Heute ist mir alles so bekannt, rief er aus,
-könnt&rsquo; ich mich doch fast so täuschen, daß ich mir einbildete,
-dieses Haus und dieses Gemach seien mir nicht
-fremd. Er suchte seine Erinnerungen anzuknüpfen, und
-hob einige große Bücher auf, welche in der Ecke standen.
-Als er sie durchblättert hatte, schüttelte er mit
-dem Kopfe. Ein Lautenfutteral lehnte an der Mauer;
-<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a>
-er eröffnete es und nahm ein altes seltsames Instrument
-heraus, das beschädigt war und dem die Saiten
-fehlten. Nein, ich irre mich nicht, rief er bestürzt:
-diese Laute ist zu kenntlich, es ist die Spanische meines
-längst verstorbenen Freundes Albert; dort stehn seine
-magischen Bücher, dies ist das Zimmer, in welchem
-er mir jenes holdselige Orakel erwecken wollte; verblichen
-ist die Röthe des Teppichs, die goldene Einfassung
-ermattet, aber wundersam lebhaft ist alles, alles
-aus jenen Stunden in meinem Gemüth; darum schauerte
-mir, als ich hieher ging, auf jenen langen verwickelten
-Gängen, welche mich Leopold führte; o Himmel,
-hier auf diesem Tische stieg das Bildniß quellend
-hervor, und wuchs auf wie von der Röthe des Goldes
-getränkt und erfrischt; dasselbe Bild lachte hier mich
-an, welches mich heut Abend dorten im Saale fast
-wahnsinnig gemacht hat, in jenem Saale, in welchem
-ich so oft mit Albert in vertrauten Gesprächen auf und
-nieder wandelte.
-</p>
-
-<p>
-Er entkleidete sich, schlief aber nur wenig. Am
-Morgen stand er früh wieder auf, und betrachtete das
-Zimmer von neuem; er eröffnete das Fenster, und sah
-dieselben Gärten und Gebäude vor sich, wie damals,
-nur waren indeß viele neue Häuser hinzu gebaut worden.
-Vierzig Jahre sind seitdem verschwunden, seufzte
-er, und jeder Tag von damals enthielt längeres Leben
-als der ganze übrige Zeitraum.
-</p>
-
-<p>
-Er ward wieder zur Gesellschaft gerufen. Der
-Morgen verging unter mannichfaltigen Gesprächen, endlich
-trat die Braut in ihrem Schmucke herein. So wie
-der Alte ihrer ansichtig ward, gerieth er wie außer sich,
-<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a>
-so daß keinem in der Gesellschaft seine Bewegung entging.
-Man begab sich zur Kirche und die Trauung
-ward vollzogen. Als sich alle wieder im Hause befanden,
-fragte Leopold seine Mutter: nun, wie gefällt
-Ihnen unser Freund, der gute mürrische Alte?
-</p>
-
-<p>
-Ich habe ihn mir, antwortete diese, nach euren
-Beschreibungen viel abschreckender gedacht, er ist ja mild
-und theilnehmend, man könnte ein rechtes Zutrauen
-zu ihm gewinnen.
-</p>
-
-<p>
-Zutrauen? rief Agathe aus, zu diesen fürchterlich
-brennenden Augen, diesen tausendfachen Runzeln, dem
-blassen eingekniffenen Mund, und diesem seltsamen
-Lachen, das so höhnisch klingt und aussieht? Nein,
-Gott bewahr mich vor solchem Freunde! Wenn böse
-Geister sich in Menschen verkleiden wollen, müssen sie
-eine solche Gestalt annehmen.
-</p>
-
-<p>
-Wahrscheinlich doch eine jüngere und reizendere,
-antwortete die Mutter; aber ich kenne auch diesen guten
-Alten in deiner Beschreibung nicht wieder. Man sieht,
-daß er von heftigem Temperament ist, und sich gewöhnt
-hat alle seine Empfindungen in sich zu verschließen;
-er mag, wie Leopold sagt, viel Unglück erlebt
-haben, daher ist er mißtrauisch geworden, und hat
-jene einfache Offenheit verloren, die hauptsächlich nur
-den Glücklichen eigen ist.
-</p>
-
-<p>
-Ihr Gespräch wurde unterbrochen, weil die übrige
-Gesellschaft hinzu trat. Man ging zur Tafel, und der
-Fremde saß neben Agathe und dem reichen Kaufmanne.
-Als man anfing die Gesundheiten zu trinken, rief Leopold:
-haltet noch inne, meine werthen Freunde, dazu
-müssen wir unsern Festpokal hier haben, der dann rundum
-<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a>
-gehn soll! Er wollte aufstehen, aber die Mutter
-winkte ihm, sitzen zu bleiben; du findest ihn doch nicht,
-sagte sie, denn ich habe alles Silberzeug anders gepackt.
-Sie ging schnell hinaus, um ihn selber zu suchen.
-Was unsre Alte heut geschäftig und munter ist, sagte
-der Kaufmann, so dick und breit sie ist, so behende
-kann sie sich doch noch bewegen, obgleich sie schon
-sechzig zählt; ihr Gesicht sieht immer heiter und freudig
-aus, und heut ist sie besonders glücklich, weil sie sich
-in der Schönheit ihrer Tochter wieder verjüngt. Der
-Fremde gab ihm Beifall, und die Mutter kam mit dem
-Pokal zurück. Man schenkte ihn voll Weins, und oben
-vom Tisch fing er an herum zu gehn, indem jeder die Gesundheit
-dessen ausbrachte, was ihm das liebste und erwünschteste
-war. Die Braut trank das Wohlsein ihres Gatten,
-dieser die Liebe seiner schönen Julie, und so that jeder nach
-der Reihe. Die Mutter zögerte, als der Becher zu ihr
-kam. Nur dreist! sagte der Offizier etwas rauh und voreilig,
-wir wissen ja doch, daß sie alle Männer für ungetreu
-und keinen einzigen der Liebe einer Frau würdig
-halten; was ist Ihnen also das Liebste? Die Mutter
-sah ihn an, indem sich über die Milde ihres Antlitzes
-plötzlich ein zürnender Ernst verbreitete. Da mein
-Sohn, sagte sie, mich so genau kennt, und so strenge
-meine Gemüthsart tadelt, so sei es mir auch erlaubt,
-nicht auszusprechen, was ich jetzt eben dachte, und suche
-er nur dasjenige, was er als meine Ueberzeugung kennen
-will, durch seine ungefälschte Liebe unwahr zu
-machen. Sie gab den Becher, ohne zu trinken, weiter,
-und die Gesellschaft war auf einige Zeit verstimmt.
-</p>
-
-<p>
-Man erzählt sich, sagte der Kaufmann leise, indem
-er sich zum Fremden neigte, daß sie ihren Mann nicht
-<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a>
-geliebt habe, sondern einen andern, der ihr aber ungetreu
-geworden ist; damals soll sie das schönste Mädchen
-in der Stadt gewesen sein.
-</p>
-
-<p>
-Als der Becher zu Ferdinand kam, betrachtete ihn
-dieser mit Erstaunen, denn es war derselbe, aus welchem
-ihm Albert ehemals das schöne Bildniß hervor
-gerufen hatte. Er schaute in das Gold hinein und in
-die Welle des Weines, seine Hand zitterte; es würde
-ihn nicht verwundert haben, wenn aus dem leuchtenden
-Zaubergefäße jezt wieder jene Gestalt hervor geblüht
-wäre und mit ihr seine entschwundene Jugend.
-Nein, sagte er nach einiger Zeit halblaut, es ist
-Wein, was hier glüht! Was soll es anders sein?
-sagte der Kaufmann lachend, trinken Sie getrost! Ein
-Zucken des Schrecks durchfuhr den Alten, er sprach den
-Namen Franziska heftig aus, und setzte den Pokal an
-die brünstigen Lippen. Die Mutter warf einen fragenden
-und verwundernden Blick hinüber. Woher dieser
-schöne Becher? sagte Ferdinand, der sich seiner Zerstreuung
-schämte. Vor vielen Jahren schon, antwortete
-Leopold, noch ehe ich geboren war, hat ihn mein Vater
-zugleich mit diesem Hause und allen Mobilien von einem
-alten einsamen Hagestolz gekauft, einem stillen Menschen,
-den die Nachbarschaft umher für einen Zauberer hielt.
-Ferdinand mochte nicht sagen, daß er jenen gekannt
-hatte, denn sein Dasein war ihm zu sehr zum seltsamen
-Traum verwirrt, um auch nur aus der Ferne die
-übrigen in sein Gemüth schauen zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-Nach aufgehobener Tafel war er mit der Mutter
-allein, weil die jungen Leute sich zurück gezogen hatten,
-um Anstalten zum Balle zu treffen. Setzen Sie
-sich neben mich, sagte die Mutter, wir wollen ausruhen,
-<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a>
-denn wir sind über die Jahre des Tanzes hinweg,
-und wenn es nicht unbescheiden ist zu fragen, so sagen
-Sie mir doch, ob Sie unsern Pokal schon sonst wo
-gesehn haben, oder was es war, was Sie so innerlichst
-bewegte.
-</p>
-
-<p>
-O gnädige Frau, sagte der Alte, verzeihen Sie meiner
-thörichten Heftigkeit und Rührung; aber seit ich in
-Ihrem Hause bin, ist es, als gehöre ich mir nicht
-mehr an, denn in jedem Augenblicke vergesse ich es,
-daß mein Haar grau ist, daß meine Geliebten gestorben
-sind. Ihre schöne Tochter, die heute den frohesten
-Tag ihres Lebens feiert, ist einem Mädchen, das
-ich in meiner Jugend kannte und anbetete, so ähnlich,
-<a id="corr-35"></a>daß ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich,
-nein, der Ausdruck sagt zu wenig, sie ist es selbst!
-Auch hier im Hause bin ich viel gewesen, und einmal
-mit diesem Pokal auf die seltsamste Weise bekannt geworden.
-Er erzählte ihr hierauf sein Abentheuer. An
-dem Abend dieses Tages, so beschloß er, sah ich draußen
-im Park meine Geliebte zum letzten mal, indem sie
-über Land fuhr. Eine Rose entfiel ihr, diese habe ich
-aufbewahrt; sie selbst ging mir verloren, denn sie ward
-mir ungetreu und bald darauf vermält.
-</p>
-
-<p>
-Gott im Himmel! rief die Alte und sprang heftig
-bewegt auf, du bist doch nicht Ferdinand?
-</p>
-
-<p>
-So ist mein Name, sagte jener.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin Franziska, antwortete die Mutter.
-</p>
-
-<p>
-Sie wollten sich umarmen, und fuhren schnell
-zurück. Beide betrachteten sich mit prüfenden Blicken,
-beide suchten aus dem Ruin der Zeit jene Lineamente
-wieder zu entwickeln, die sie ehemals an einander gekannt
-und geliebt hatten, und wie in dunkeln Gewitternächten
-<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a>
-unter dem Fluge schwarzer Wolken einzeln
-in flüchtigen Momenten die Sterne räthselhaft schimmern,
-um schnell wieder zu erlöschen, so schien ihnen
-aus den Augen, von Stirn und Mund jezuweilen der
-wohlbekannte Zug vorüberblitzend, und es war, als
-wenn ihre Jugend in der Ferne lächelnd weinte. Er
-bog sich nieder und küßte ihre Hand, indem zwei große
-Thränen herabstürzten, dann umarmten sie sich herzlich.
-</p>
-
-<p>
-Ist deine Frau gestorben? fragte die Mutter.
-</p>
-
-<p>
-Ich war nie verheirathet, schluchzte Ferdinand.
-</p>
-
-<p>
-Himmel! sagte die Alte, die Hände ringend, so
-bin ich die Ungetreue gewesen! Doch nein, nicht ungetreu.
-Als ich vom Lande zurück kam, wo ich zwei
-Monden gewesen war, hörte ich von allen Menschen,
-auch von deinen Freunden, nicht blos den meinigen,
-du seist längst abgereist und in deinem Vaterlande verheirathet,
-man zeigte mir die glaubwürdigsten Briefe,
-man drang heftig in mich, man benutzte meine Trostlosigkeit,
-meinen Zorn, und so geschah es, daß ich
-meine Hand dem verdienstvollen Manne gab; mein
-Herz, meine Gedanken blieben dir immer gewidmet.
-</p>
-
-<p>
-Ich habe mich nicht von hier entfernt, sagte Ferdinand,
-aber nach einiger Zeit vernahm ich deine Vermälung.
-Man wollte uns trennen, und es ist ihnen
-gelungen. Du bist glückliche Mutter, ich lebe in der
-Vergangenheit, und alle deine Kinder will ich wie die
-meinigen lieben. Aber wie wunderbar, daß wir uns
-seitdem nie wieder gesehen haben.
-</p>
-
-<p>
-Ich ging wenig aus, sagte die Mutter, und mein
-Mann, der bald darauf einer Erbschaft wegen einen
-<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a>
-andern Namen annahm, hat dir auch jeden Verdacht
-dadurch entfernt, daß wir in derselben Stadt wohnen
-könnten.
-</p>
-
-<p>
-Ich vermied die Menschen, sagte Ferdinand, und
-lebte nur der Einsamkeit; Leopold ist beinah der einzige,
-der mich wieder anzog und unter Menschen führte.
-O geliebte Freundin, es ist wie eine schauerliche Geistergeschichte,
-wie wir uns verloren und wieder gefunden
-haben.
-</p>
-
-<p>
-Die jungen Leute fanden die Alten in Thränen aufgelöst
-und in tiefster Bewegung. Keines sagte, was
-vorgefallen war, das Geheimniß schien ihnen zu heilig.
-Aber seitdem war der Greis der Freund <a id="corr-36"></a>des Hauses,
-und der Tod nur schied die beiden Wesen, die sich so
-sonderbar wieder gefunden hatten, um sie kurze Zeit
-nachher wieder zu vereinigen.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&mdash;&mdash;&mdash;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Es war über dem Vorlesen dieser Mährchen viele
-Zeit verflossen, und man setzte sich sehr spät zu Tische.
-Der Abend war wieder so warm, daß man die Flügel
-des Saales eröffnen konnte, um die anmuthige Luft
-zu genießen. Man sprach noch vielerlei über die vorgetragenen
-Erzählungen, und es schien, daß die übrigen
-Frauen der Meinung Claras beitraten, welche die
-Geschichte vom blonden Eckbert allen übrigen vorzog.
-Emilie wollte im getreuen Eckart eine Disharmonie
-bemerken, Rosalie nahm die Magelone in Schutz und
-Wilibalds Erzählung, Auguste lobte die Elfen; nur in
-Ansehung des Runenberges und Liebeszaubers blieben
-<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a>
-alle bei ihrer vorgefaßten Meinung; und verwarfen sie
-gänzlich. Mein theurer Freund, sagte Manfred, zu
-Lothar gewandt, trösten wir uns darüber, daß die gegenwärtige
-Zeit uns nicht versteht, ich appellire an eine
-bessere Nachwelt, die mich dankbar anerkennen wird.
-</p>
-
-<p>
-Wo ist die? fragte Lothar lachend.
-</p>
-
-<p>
-Dorten schläft sie schon, sagte Manfred, nach der
-Kinderstube hinauf deutend; meine beiden Jungen meine
-ich; so wie sie nur ein weniges bei Kräften sind, lese
-ich ihnen meine Werke vor, und belohne ihren Beifall
-mit Zuckerwerk, und ich will sehn, ob sie mich nicht
-auf lange für den ersten aller Dichter halten sollen.
-</p>
-
-<p>
-Wir sind aber unserm Freunde Lothar eine Vergütigung
-schuldig, sagte Clara, und da er heute als
-Autor so wenig Glück gemacht hat, so versuche er es
-einmal mit der Königswürde, er übernehme die nächste
-Abtheilung und bestimme sie nach seiner Willkühr.
-</p>
-
-<p>
-Lothar verneigte <a id="corr-37"></a>sich, und nahm aus dem Blumenkorbe
-eine Lilie, um sie als Scepter zu gebrauchen.
-So befehle ich denn, sprach er, daß wir diese Mährchenwelt
-noch nicht verlassen, nur wollen wir den
-Dichtern die Mühe der Erfindung schenken; mögen sie
-allgemein bekannte Geschichten nehmen, wo möglich
-ganz kindische und alberne, und damit den Versuch
-machen, diesen durch ihre Darstellung ein neues Interesse
-zu geben; jedes dieser Mährchen soll aber ein
-Drama sein.
-</p>
-
-<p>
-Wilibald hustete und Auguste sagte: nur bitten wir
-Mädchen, daß es auch hie und da etwas lustig darin
-zugehn möge, und nicht allzu poetisch.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a>
-Mir erlaube man auch eine Bitte, fügte Emilie
-hinzu, und zwar diejenige, daß wir mit der Zeit etwas
-ökonomischer umgehn und berechnen mögen, was sich
-vortragen und von den Zuhörern erdulden läßt, denn
-heute haben wir uns offenbar übersättigt, und der
-Genuß ist fast zur Pein geworden; Sie müssen bedenken,
-daß wir Frauen nicht so an das Verschlingen der
-Bücher gewöhnt sind, wie die Männer.
-</p>
-
-<p>
-Auch dieses ist gewährt, sagte Lothar, ich werde
-mit meinen Räthen eine billige und zweckmäßige Einrichtung
-treffen, besonders bei diesen Dramen, von denen
-einige länger ausfallen dürften, als die meisten der
-heutigen Erzählungen.
-</p>
-
-<p>
-Gute Nacht, sagte Manfred, ich bin so müde,
-und durch Beifall so wenig aufgemuntert, daß ich am
-besten thun werde, mich in die Dunkelheit meines
-Bettes zurück zu ziehn.
-</p>
-
-<p>
-Als er sich entfernt hatte, sprach man noch über
-die seltsame Erscheinung, daß im Schrecklichen eine
-gewisse Lieblichkeit wohnen könne, die dem Reiz des
-Grauenhaften eine Art von Rührung und Wehmuth
-beigeselle. Die letzte der heutigen Erzählungen, sagte
-Emilie, hat zwar nichts Furchtbares, kommt man aber
-darin überein, wie doch die meisten Menschen zu glauben
-scheinen, daß die Liebe die Blüte des Lebens sei,
-so ist sie vielleicht die traurigste und rührendste von allen,
-weil die erzählte Begebenheit fast durchaus möglich ist
-und sich an das Alltägliche knüpft.
-</p>
-
-<p>
-Anton bemerkte, daß die stille Lieblichkeit an sich
-leicht ermüde und einschläfre, wie die meisten neueren
-<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a>
-Idyllen, und daß man ihnen wohl einen Zusatz wünschen
-müsse, entweder von Schreck, oder Bosheit, oder
-irgend einem andern Ingredienz, um durch diese Würze
-den Geschmack des Lieblichen selber hervor zu heben,
-wie durch den Firniß die Farben der Gemälde.
-</p>
-
-<p>
-Darum, sagte Lothar, hat man in Frankreich mit
-Recht etwas Wolf in manche Schäfereien hinein gewünscht.
-Die reine Unschuld, als solche, verträgt
-keine Darstellung, denn sie liegt außer der Natur, oder
-falls sie natürlich ist, ist sie höchst unpoetisch; ich meine
-nämlich jene hohe, sentimentale, die uns die Dichter
-so oft haben malen wollen. Ich sah einmal eine französische
-Operette, zwar nur von einem, aber desto längeren
-Akte, in welcher ein junger Mensch von Anfang
-bis zu Ende nichts weiter in der Welt wollte, als
-seinen Papa lieben, den er bekränzte, als er schlief,
-und ihm Früchte vorsetzte, als er erwachte, worauf
-beide sich umarmten und gerührt waren. Ich will
-nicht sagen, daß dergleichen nicht löblich sein könnte;
-aber was in aller Welt ging es denn die Zuschauer
-an, die unten standen, und höchst überflüßige Zeugen
-dieser Zärtlichkeit waren?
-</p>
-
-<p>
-Die Idyllen der Neueren, sagte Ernst, sind früh
-sentimental geworden, oder allegorisch, in der letzten
-Zeit bei Franzosen und Deutschen meist fade und süßlich.
-Zwei Gedichte eines Deutschen aber sind mir
-bekannt, die ich vielen der schönsten Poesien an die
-Seite setzen möchte, den Satyr Mopsus nämlich und
-Bacchidon und Milon vom Maler Müller; die frische
-sinnliche Natur, der lyrische Schwung der Gesänge,
-<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a>
-die schön gewählten und kräftig ausgeführten Bilder
-haben mich jedesmal bis zur Entzückung hingerissen.
-Trefflich, wenn gleich nicht von dieser Vollendung, ist
-seine Schaafschur, reicher als dieses Gemälde aus unserer
-Zeit, sein Nußkernen. In dem Gedicht &bdquo;Adams
-erstes Erwachen&ldquo; befindet er sich freilich auch zuweilen
-in jener Leere, die sich nicht poetisch bevölkern läßt,
-aber einzelne Stellen sind von großer Schönheit, und
-in der Darstellung der Thiere scheint er mir einzig;
-ich weiß wenigstens keinen Dichter, der sie uns mit
-dieser geistigen Lebendigkeit vor die Augen führte. Wie
-Schade, daß dieses wahre Genie, welches sich so glänzend
-ankündigte, nicht nachher das Studium der Poesie
-fortgesetzt hat! Sein Geist scheint mir mit dem des
-Julio Romano innig verwandt; dieselbe Fülle und Lieblichkeit,
-das Scharfe und Bizarre der Gedanken, und
-dieselbe Sucht zur Uebertreibung.
-</p>
-
-<p>
-Nach einigen Wendungen des Gespräches kam man
-auf die Seltsamkeit der Träume, und wie wunderbar
-sich das Ahndungsvermögen des Menschen oftmals in
-ihnen offenbare, und nachdem einige Beispiele erzählt
-waren, sagte Anton: mir ist eine Geschichte dieser Art
-bekannt, die mir glaubwürdige Freunde als eine unbezweifelt
-wahre mitgetheilt haben, und die ich Ihnen
-noch vortragen will, da sie uns nicht lange aufhalten
-wird. Ein Landedelmann ruhte neben seiner Frau in
-einem Zimmer des Schlosses. Mitternacht war schon
-vorüber, als er plötzlich aus dem Schlafe auffuhr, und
-seine Gattin weckte. Was ist dir, mein Lieber? fragte
-diese verwundert. Mich hat ein seltsamer Traum auf
-<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a>
-eine eigne Art bewegt, antwortete der Mann. Mir
-war, als ginge ich auf den Saal hinaus, und wie
-ich mich umsah, stand dein Kammermädchen vor mir,
-aber so geputzt und aufgeschmückt, wie ich sie niemals
-gesehn habe, auch trug sie einen grünen Kranz in den
-Haaren; sie warf sich vor mir nieder, umfaßte meine
-Knie, und beschwor mich, ich solle ihr beistehn, denn
-ihr Leben schwebe in der größten Gefahr. Ich habe
-sie so deutlich vor mir gesehn, und bin von ihren
-Thränen und Bitten so gerührt, daß ich nicht weiß,
-was ich davon denken soll. Wer wird, sagte die Frau,
-über einen zufälligen Traum grübeln! Schlafe wohl
-und störe mich nicht wieder. Beide schliefen ein. Nach
-einer halben Stunde erwachte der Mann in noch größerer
-Beängstigung; er rief seiner Gattin und sagte ihr,
-daß der nämliche Traum mit denselben Umständen ihm
-wieder vorgekommen sei, und das Mädchen habe noch
-dringender gefleht, noch schmerzlicher geweint. Die
-Frau schalt dieses Wichtignehmen eines leeren Traumes,
-Grille, fand die Wiederholung der nämlichen
-Scene sehr natürlich und begreiflich; nach einem kurzen
-Gespräche war auch der Mann derselben Meinung,
-und beide hatten sich wieder dem Schlafe überlassen.
-Sie erstaunte, als sie nach einiger Zeit von dem Geräusch
-erwachte, welches der Mann erregte, den sie
-angekleidet, und mit einem Lichte, welches er angezündet
-hatte, vor dem Bette stehen sah. Was ist dir nur
-heut? fragte sie halb unwillig. Sei es wie es sei, antwortete
-ihr Gatte, ich will diesesmal einem Traume
-glauben, wenn auch sonst nie wieder, denn das Mädchen
-ist mir jezt zum dritten male eben so erschienen,
-<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a>
-hat ihre Bitte wiederholt und mit ängstlichem Schreien
-hinzu gefügt: nun ist es die höchste Zeit, in einigen
-Minuten ist es zu spät! Ich will jezt hinauf gehn,
-und sehn was sie macht. Ohne eine Antwort zu erwarten,
-verließ er das Schlafzimmer. Wie erstaunte
-er, indem er sich die Treppe hinauf begeben wollte,
-daß die breiten Stiegen herunter das Mädchen ihm
-gerade so entgegen schritt, wie er sie im Traume gesehen
-hatte, im seidenen Kleide, welches ihr nur vor
-wenigen Tagen die gnädige Frau geschenkt hatte: mit
-Myrthen und Blumen in den Haaren, eine kleine Laterne
-in der Hand; das Licht, welches er trug, warf
-einen vollen Schein über die erschrockene Gestalt, die
-auf die Anrede, wohin sie gehe, und was sie vorhabe,
-anfangs in ihrer Verwirrung nichts zu antworten wußte.
-Endlich sammelte sie sich etwas und fiel ihrem Gebieter zu
-Fuß, dessen Knie sie mit Thränen umfaßte. O Vergebung,
-mein gnädiger Herr! rief sie aus, vergeben Sie,
-und machen Sie, daß die gnädige Frau mir verzeiht:
-in dieser Stunde wollte ich draußen im Garten hinter
-der Lindenallee den Gärtner treffen, der mir schon seit
-lange die Ehe versprochen hat, und mit dem ich verlobt
-bin; heute Nacht wollten wir uns heimlich in der
-Kapelle hier neben an trauen lassen, denn ich Unglückliche
-bin seit fünf Monden von ihm guter Hoffnung.
-Gehe ruhig in dein Zimmer zurück, sagte der Herr;
-ich will den Gärtner selber aufsuchen, ich habe gegen
-eure Verbindung nichts, nur diese Heimlichkeit ist mir
-anstößig. Er hat es durchaus so gewollt, antwortete
-sie, weil er der Ueberzeugung war, daß Sie uns beide
-nicht in Ihren Diensten behalten würden, wenn Sie
-<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a>
-die Sache erführen. Gieb dich für heut zufrieden,
-sagte der Herr; morgen wollen wir vernünftig darüber
-sprechen. O Gott, schluchzte sie, so habe ich doch heute
-mein Brautkleid umsonst angelegt! Mit diesen Worten
-ging sie die Treppe wieder hinauf. Der Baron ließ
-im Saale die Kerze stehn, und begab sich in den Garten.
-Die Nacht war finster und ohne Sterne, ein
-feuchter Herbstwind schlug ihm entgegen, die Bäume
-sausten winterlich. Er schritt durch die bekannten Gänge,
-und hinter den Linden, an der einsamsten und entferntesten
-Stelle des Gartens, sah er aus dem Boden ein
-Lichtlein schimmern. Als er näher ging, sah er, daß
-sein Gärtner in einer ausgehöhlten Grube stand, und
-beim Schein einer kleinen Blendlaterne eifrig die Höhle
-wie zu einem Grabe erweiterte. Ein Beil lag neben
-ihm. Ein Schauder ergriff den Herrn. Was macht
-ihr da? rief er ihn plötzlich an. Der Gärtner erschrak
-und ließ den Spaten fallen, indem er die Gestalt seines
-Gebieters gerade über sich erblickte. Ich will hier
-Früchte für den Winter einlegen, stotterte er verwirrt.
-Kommt mit mir in mein Zimmer, sagte der Baron,
-ich habe mit euch zu sprechen. Sogleich, gnädiger
-Herr, erwiederte der Gärtner. Er hob die Laterne auf,
-und stieg aus der Grube; aber statt sich nach dem
-Schlosse zu wenden, blies er plötzlich das Licht aus,
-sprang über die Gartenhecke, und lief in den nahen
-Wald hinein. Seitdem hatte ihn Niemand in der
-dortigen Gegend wieder gesehn. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-O weh! rief Clara, die schrecklichen Geschichten
-fangen von neuem an, und nun ist es gar Nacht und
-finster! Sie faßte ein Licht, und dasselbe thaten die
-<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a>
-übrigen Frauen, um sich auf ihre Zimmer zu begeben,
-als ein ungeheurer Schlag plötzlich gegen die Thüre erklang.
-Alle sahen sich schweigend an, und herein trat mit
-zentnerschwerem Schritt die Gestalt des steinernen Gastes.
-Er begab sich bis in die Mitte des Saales, indem
-noch keiner ein Wort auszusprechen wagte.
-</p>
-
-<p>
-Ich bin es ja, ihr Narren, rief plötzlich Manfreds
-bekannte Stimme, indem er mit seinem natürlichen
-Gange näher kam. O er ist unerträglich, sagte Rosalie;
-glaubst du denn, daß ich nicht eben so stark
-schaudre, wenn ich gleich erkenne, daß das Gespenst
-nur eine weiße Maske ist, gerade deshalb, weil du,
-der Bekannte, der Befreundete, mir so grauenvoll erscheinst?
-Diese Vermischung dessen, was uns lieb und
-entsetzlich ist, ist gerade das Widerwärtigste. So will
-er auch immer nicht begreifen, daß ich mich vor ihm
-fürchte, wenn er, wandelt ihn einmal die Laune an,
-den Betrunkenen so natürlich spielt, und daß ich eben
-so gern einen wirklich Berauschten oder Wahnsinnigen
-vor mir sehen möchte. Geh, du Ungezogener, und
-wische dir den Puder aus dem Gesichte.
-</p>
-
-<p>
-Nicht eher, sagte Manfred, bis du, und Auguste,
-und Clara, mir jede einen Kuß gegeben haben. Er
-ging auf sie zu, die drei Frauen aber flohen mit den
-Lichtern, die sie in den Händen hielten, durch den
-offenen Saal in den Garten, und die weiße behelmte
-Figur rannte ihnen nach. Man hörte sie kreischen,
-und sah die drei Lichter und schlanken Gestalten durch
-den Buchengang schweben, dann um die Laube biegen,
-und dem Springbrunnen vorüber sich in den großen
-<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a>
-Baumgang verlieren. Plötzlich vernahm man ein lautes
-Aufrauschen im größten Brunnen, wie wenn eine
-große Wucht hinein stürzte, und das Wasser klatschend
-darüber zusammen schlüge. Die Geängstigten stürzten
-mit ihren Lichtern herzu, und Manfred, welcher hinein
-gesprungen war, gab der zunächst stehenden Clara
-einen flüchtigen Kuß, dann seiner Gattin, und auch
-Auguste durfte sich nicht weigern, weil er schwur, widrigenfalls
-die ganze Nacht im Bassin zu verharren.
-Nun habe ich meinen Willen gehabt, sagte Manfred
-ruhig, und nun wird es wohl an der Zeit sein, mich
-umzukleiden oder vielmehr zu entkleiden, und mich im
-Bette zu erwärmen.
-</p>
-
-<p>
-Man schalt und lachte, und Emilie war besonders
-unzufrieden. Die Frauen und Manfred gingen hinauf.
-Die übrigen Freunde blieben noch im Garten, wo sie
-nach einiger Zeit von dem obern Zimmer Gesang ertönen
-hörten, der lieblich durch den Garten scholl. Es war ein
-Singestück von Palestrina, welches die drei Frauen ohne
-Begleitung eines Instruments ausführten.
-</p>
-
-<p>
-Friedrich sagte: alle Empfindungen, schöne wie unangenehme,
-verschütten sie jezt in diese Wogen des Wohllauts.
-So wird der Tag am schönsten beschlossen, und
-die Nacht am würdigsten gefeiert.
-</p>
-
-<p>
-Ich halte es für ein Glück meines Lebens, sagte Ernst,
-daß ich zeitig genug nach Rom kam, um noch oftmals
-den Gesang der päpstlichen Kapelle hören zu können.
-Die Musik, die man Weihnachten in Maria Maggiore
-und in der Charwoche im Vatikan hörte, vielmals auch
-im päpstlichen Pallast auf Monte Cavallo, war eben so
-<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a>
-einzig, als es das jüngste Gericht von Michael Angelo
-oder die Stanzen Rafaels sind; man konnte diesen
-Genuß auch nur in dem einzigen Rom haben, und
-wie diese Hauptstadt der Welt der Mittelpunkt der
-Malerei und Skulptur war, so war sie auch die
-wahre hohe Schule der Musik. Diese Herrlichkeit ist
-nun auch zertrümmert, und man kann davon nur wie
-von einer alten wunderbaren Sage erzählen. Schon
-früher war es für mich eine Epoche meines Lebens gewesen,
-diesen alten wahren Gesang kennen zu lernen:
-ich hatte immer nach Musik, nach der höchsten, gedürstet,
-und geglaubt, keinen Sinn für diese Kunst zu besitzen,
-als mit der Kenntniß des Palestrina, Leo, Allegri,
-und jener Alten, die man jezt von den Liebhabern
-selten oder nie nennen hört; mein Gehör und mein
-Geist erwachte. Seitdem weiß ich wohl, was ich vorher
-suchte, und warum ehemals mich nichts befriedigen
-wollte. Seitdem glaube ich eingesehen zu haben, daß
-nur dieses die wahre Musik sei, und daß der Strom,
-den man in den weltlichen Luxus unserer Oper hinein
-geleitet hat, um ihn mit Zorn, Rache und allen Leidenschaften
-zu versetzen, trübe und unlauter geworden
-ist; denn unter den Künsten ist die Musik die religiöseste,
-sie ist ganz Andacht, Sehnsucht, Demuth, Liebe; sie kann
-nicht pathetisch sein, und auf ihre Stärke und Kraft
-pochen, oder sich in Verzweiflung austoben wollen, hier
-verliert sie ihren Geist, und wird nur eine schwache
-Nachahmerin der Rede und Poesie.
-</p>
-
-<p>
-Du scheinst mir jezt zu einseitig, sagte Lothar;
-erinnere ich mich doch der Zeit recht gut, wo du den
-Mozart hoch verehrtest.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a>
-Ich müßte ohne Gefühl sein, antwortete Ernst,
-wenn ich den wundersamen, reichen und tiefen Geist
-dieses Künstlers nicht ehren und lieben sollte, wenn ich
-mich nicht von seinen Werken hingerissen fühlte. Nur
-muß man mich kein Requiem von ihm wollen hören
-lassen, oder mich zu überzeugen suchen, daß er, so wie
-die meisten Neueren, wirklich eine geistliche Musik habe
-setzen können. Aber er ist einzig in seiner Kunst. Als
-die Musik ihre himmlische Unschuld verloren, und sich
-schon längst zu den kleinlichen Leidenschaften der Menschen
-erniedrigt hatte, fand er sie in ihrer Entartung,
-und lehrte ihr aus bewegtem Herzen das Wundersamste,
-Fremdeste, ihr Unnatürlichste austönen; zugleich jene
-tiefe Leidenschaft der Seele, jenes Ringen aller Kräfte
-in unaussprechlicher Sehnsucht, nicht fremd sogar blieb
-ihr das gespenstische Grauen und Entsetzen. Ich sehe
-hierin die Geschichte des Orpheus und der Euridice. Sie
-ist gestorben; bei den Schatten, in der dunkeln Unterwelt
-weilt die Geliebte; er fühlt Kraft und Muth genug
-das Licht der Sonne zu verlassen, sich der schwarzen
-Fluth und Dämmerung anzuvertrauen; sein Zauberspiel
-rührt den ernsten, sonst unerbittlichen Gott, die
-Larven und Verdammten genießen in seinen Tönen einer
-schnell vorüber fliehenden Seeligkeit; Euridice folgt seinem
-Saitenspiel, aber nicht rückwärts soll er blicken,
-ihr nicht ins Angesicht schauen, sie nur im Glauben
-besitzen; sie lockt, sie ruft, sie weint, da wendet sich sein
-Auge, und blasser und blasser zittert die geliebte Gestalt in
-den gähnenden Orkus zurück. Der Sänger tritt mit der
-Kraft seiner Töne wieder in die Oberwelt, sein Lied
-singt und klagt die Verlorne, alle Melodieen suchen sie,
-<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a>
-aber er hat aus dem tiefen Abgrund, den kein Sänger
-vor ihm besucht, das schwermüthige Rollen der unterirdischen
-Wässer, das Aechzen der Gemarterten, das
-Stöhnen der Geängstigten und das Hohnlachen der Furien,
-samt allen Gräueln der dunkeln Reiche mit herauf
-gebracht, und alles klingt in vielfach verschlungener Kunst
-in der Lieblichkeit seiner Lieder. Himmel und Hölle, die
-durch unermeßliche Klüfte getrennt waren, sind zauberhaft
-und zum Erschrecken in der Kunst vereinigt, die
-ursprünglich reines Licht, stille Liebe und lobpreisende
-Andacht war. So erscheint mir Mozarts Musik.
-</p>
-
-<p>
-Es war den neuesten Zeiten vorbehalten, fuhr Lothar
-fort, den wundervollen Reichthum des menschlichen Sinnes
-in dieser Kunst, vorzüglich in der Instrumental-Musik
-auszusprechen. In diesen vielstimmigen Compositionen
-und in den Symphonieen vernehmen wir aus
-dem tiefsten Grunde heraus das unersättliche, aus sich
-verirrende und in sich zurück kehrende Sehnen, jenes
-unaussprechliche Verlangen, das nirgend Erfüllung findet
-und in verzehrender Leidenschaft sich in den Strom
-des Wahnsinns wirft, nun mit allen Tönen kämpft,
-bald überwältigt, bald siegend aus den Wogen ruft,
-und Rettung suchend tiefer und tiefer versinkt. Und
-wie es dem Menschen allenthalben geschieht, wenn er
-alle Schranken überfliegen und das Letzte und Höchste
-erringen will, daß die Leidenschaft in sich selbst zerbricht
-und zersplittert, das Gegentheil ihrer ursprünglichen
-Größe, so geschieht es auch wohl in dieser Kunst
-großen Talenten. Wenn wir Mozart wahnsinnig nennen
-dürfen, so ist der genialische Beethoven oft nicht
-<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a>
-vom Rasenden zu unterscheiden, der selten einen musikalischen
-Gedanken verfolgt und sich in ihm beruhigt,
-sondern durch die gewaltthätigsten Uebergänge springt
-und der Phantasie gleichsam selbst im rastlosen Kampfe
-zu entfliehen sucht.
-</p>
-
-<p>
-Alle diese neuen tiefsinnigen Bestrebungen, sagte
-Anton, sind meinem Gemüthe nicht fremd, sie tönen
-wie das Rauschen des Lebensstromes zwischen Felsenufern,
-der über Klippen und <a id="corr-38"></a>hemmendem Gestein in
-romantischer Wildniß musikalisch braust; nur das ist
-mir unbegreiflich geblieben, wie die Schöpfung und die
-Tageszeiten unsers Haydn fast allenthalben haben Glück
-machen können, deren kindische Malerei gegen allen
-höheren Sinn streitet. Seine Symphonieen und Instrumental-Compositionen
-sind meist so vortrefflich, daß
-man ihm diese Verirrung niemals hätte zutrauen sollen.
-</p>
-
-<p>
-Friedrich wandte sich zu Ernst und sagte: Lieber,
-ehe wir jezt scheiden, sage uns noch die drei Sonette
-vor, welche du dichtetest, als dir jene alte große Singe-Musik
-zuerst bekannt wurde. Diese Verse sind mir
-immer vorzüglich lieb gewesen, weil sie mir nicht so
-wohl gedichtet als eingegeben scheinen.
-</p>
-
-<p>
-Ich kann wenigstens sagen, erwiederte Ernst, daß
-ich sie damals niederschreiben mußte, und daß ich von
-den oft besprochenen Schwierigkeiten des Sonetts nichts
-erlitt. Von dreierlei Art kann die geistliche Musik
-hauptsächlich sein. Entweder ist es der Ton selbst, der
-durch seine Reinheit und Heiligkeit die Andacht erweckt,
-durch jene einfache edle Sympathie, welche harmonisch
-die befreundeten Klänge verbindet und mit einander
-<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a>
-ausstrahlen läßt, wodurch jene hohe Musik entsteht,
-welche sinnige Alte dem Umschwung der Gestirne ebenfalls
-zuschreiben wollten. Dieser Gesang, ausgehalten,
-ohne rasche Bewegung, sich selbst genügend, ruft
-in unsre Seele das Bild der Ewigkeit, so wie der
-Schöpfung und der entstehenden Zeit: Palestrina ist
-der würdigste Repräsentant dieser Periode. Oder die
-Musik ist mit dem Menschen und der Schöpfung schon
-von dieser heiligen reinen Bahn gewichen: alles verstummt;
-da ergreift die Sehnsucht aus dem Innersten
-hervor den Ton, und will in jene alte Unschuld zurück
-stürmen und das Paradies wieder erobern. Leo, und
-vielleicht Marcello, so wie viele andre, charakterisiren
-diese Epoche. An diese schon mehr leidenschaftliche
-Kunst schlossen sich nachher die weltlichen Musiker.
-Drittens kann die geistliche Musik ganz wie ein unschuldiges
-Kind spielen und tändeln, arglos in der
-Süßigkeit der Töne wühlen und plätschern, und auf
-gelinde Weise Schmerz und Freude vermischt in den
-lieblichsten Melodieen ausgießen. Der oft von den Gelehrteren
-verkannte Pergolese scheint mir hierin das
-Höchste erreicht zu haben, den seine Nachahmer wohl
-eben so wenig verstanden, als Correggio von denen
-gefaßt wurde, die sich nach ihm bilden wollten. Das
-ähnliche sagen folgende Sonette, welche die Musik
-selber spricht.
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Im Anfang war das Wort. Die ewgen Tiefen</p>
- <p class="line2">Entzündeten sich brünstig im Verlangen,</p>
- <p class="line2">Die Liebe nahm das Wort in Lust gefangen,</p>
- <p class="line2">Aufschlugen hell die Augen, welche schliefen,</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a>
- <p class="line">Sehnsüchtge Angst, das Freudezittern, riefen</p>
- <p class="line2">Die selgen Thränen auf die heilgen Wangen,</p>
- <p class="line2">Daß alle Kräfte wollustreich erklangen,</p>
- <p class="line2">Begierig, in sich selbst sich zu vertiefen.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Da brachen sich die Leiden an den Freuden,</p>
- <p class="line2">Die Wonne suchte sich im stillen Innern,</p>
- <p class="line2">Das Wort empfand die Engel, welche schufen;</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Sie gingen aus, entzückend war ihr Scheiden.</p>
- <p class="line2">Auf, Gottes Bildniß, deß dich zu erinnern</p>
- <p class="line2">Vernimm, wie meine heilgen Töne rufen.</p>
-</div>
-
-<div class="poem tb">
- <p class="tb">&mdash;&mdash;&mdash;</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Nacht, Furcht, Tod, Stummheit, Quaal war eingebrochen,</p>
- <p class="line2">Ihr Banner wehte auf besiegten Reichen,</p>
- <p class="line2">Erschrocken flohen vor dem giftgen Zeichen</p>
- <p class="line2">Mit stummer Zunge, welche erst gesprochen.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">So ist denn ganz das Liebeswort zerbrochen?</p>
- <p class="line2">Es sucht im Wasserfall, will sich erreichen,</p>
- <p class="line2">Aus Bäumen strebt es, Quellen, grünen Sträuchen,</p>
- <p class="line2">In Wogen klagt es: was hab ich verbrochen?</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die Wasser gehn und finden keine Zungen,</p>
- <p class="line2">Dem Wald, dem Fels ist wohl der Laut gebunden,</p>
- <p class="line2">Die Angst entzündet sich im Thiere schreiend.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">In Menschenstimme ist es ihm gelungen,</p>
- <p class="line2">Nun hat das ewge Wort sich wieder funden,</p>
- <p class="line2">Klagt, betet, weint, jauchzt laut sich selbst befreiend.</p>
-</div>
-
-<div class="poem tb">
- <p class="tb">&mdash;&mdash;&mdash;</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
-<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a>
- <p class="line">Ich bin ein Engel, Menschenkind, das wisse,</p>
- <p class="line2">Mein Flügelpaar klingt in dem Morgenlichte,</p>
- <p class="line2">Den grünen Wald erfreut mein Angesichte,</p>
- <p class="line2">Das Nachtigallen-Chor giebt seine Grüße.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Wem ich der Sterblichen die Lippen küsse,</p>
- <p class="line2">Dem tönt die Welt ein göttliches Gedichte,</p>
- <p class="line2">Wald, Wasser, Feld und Luft spricht ihm Geschichte,</p>
- <p class="line2">Im Herzen rinnen Paradieses-Flüsse.</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Die ewge Liebe, welche nie vergangen,</p>
- <p class="line2">Erscheint ihm im Triumph auf allen Wogen,</p>
- <p class="line2">Er nimmt den Tönen ihre dunkle Hülle,</p>
-</div>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">Da regt sich, schlägt im Jubel auf die Stille,</p>
- <p class="line2">Zur spielenden Glorie wird der Himmelsbogen,</p>
- <p class="line2">Der Trunkne hört, was alle Engel sangen.</p>
-</div>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="tnhdr part">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>
-Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Fremdsprachige Textstellen,
-die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einem
-<span class="antiqua">anderen Schriftstil</span> markiert.
-</p>
-
-<p>
-Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend
-beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert,
-teilweise unter Verwendung der Erstausgabe, wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
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-<li>
-... wohl zufrieden, sie vertraute <span class="underline">ihn</span> nun gänzlich und ...<br />
-... wohl zufrieden, sie vertraute <a href="#corr-22"><span class="underline">ihm</span></a> nun gänzlich und ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Meeres lagen; dort waren die Wege <span class="underline">an</span> einsamsten und ...<br />
-... Meeres lagen; dort waren die Wege <a href="#corr-23"><span class="underline">am</span></a> einsamsten und ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertönen, <span class="underline">dadamit</span> ...<br />
-... Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertönen, <a href="#corr-24"><span class="underline">damit</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... und die langen schwarzen <span class="underline">Wimper</span> einen lieblichen ...<br />
-... und die langen schwarzen <a href="#corr-25"><span class="underline">Wimpern</span></a> einen lieblichen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Namen auszusprechen; Quellen und <span class="underline">Bäumen</span> nennen ...<br />
-... Namen auszusprechen; Quellen und <a href="#corr-27"><span class="underline">Bäume</span></a> nennen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Dann reiste Peter <span class="underline">mir</span> Magelonen zu seinen Eltern, ...<br />
-... Dann reiste Peter <a href="#corr-28"><span class="underline">mit</span></a> Magelonen zu seinen Eltern, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Mund, daß sie sich verirrt habe, auf <span class="underline">einem</span> vorbeifahrenden ...<br />
-... Mund, daß sie sich verirrt habe, auf <a href="#corr-29"><span class="underline">einen</span></a> vorbeifahrenden ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Andres <span class="underline">keidete</span> sich an, und Marie bemerkte, daß ...<br />
-... Andres <a href="#corr-30"><span class="underline">kleidete</span></a> sich an, und Marie bemerkte, daß ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">ihn</span> bis zu Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet ...<br />
-... <a href="#corr-31"><span class="underline">ihm</span></a> bis zu Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Netz zitterte wie beängstiget. <span class="underline">Er</span> brach im zunehmenden ...<br />
-... Netz zitterte wie beängstiget. <a href="#corr-32"><span class="underline">Es</span></a> brach im zunehmenden ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... schlechten Zeit, und der <span class="underline">Gutssitzer</span> von den Verbesserungen, ...<br />
-... schlechten Zeit, und der <a href="#corr-33"><span class="underline">Gutsbesitzer</span></a> von den Verbesserungen, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... auf nieder ging, daß jenes Bildniß so lebhaft heut ...<br />
-... auf <a href="#corr-34"><span class="underline">und</span></a> nieder ging, daß jenes Bildniß so lebhaft heut ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">das</span> ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, ...<br />
-... <a href="#corr-35"><span class="underline">daß</span></a> ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Aber seitdem war der Greis der Freund <span class="underline">der</span> Hauses, ...<br />
-... Aber seitdem war der Greis der Freund <a href="#corr-36"><span class="underline">des</span></a> Hauses, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Lothar verneigte <span class="underline">ich</span>, und nahm aus dem Blumenkorbe ...<br />
-... Lothar verneigte <a href="#corr-37"><span class="underline">sich</span></a>, und nahm aus dem Blumenkorbe ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... der über Klippen und <span class="underline">hemmenden</span> Gestein in ...<br />
-... der über Klippen und <a href="#corr-38"><span class="underline">hemmendem</span></a> Gestein in ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Schriften 4: Phantasus 1, by Ludwig Tieck
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN 4: PHANTASUS 1 ***
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