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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Schriften 4: Phantasus 1 - Phantasus / Der blonde Eckbert / Der getreue Eckart / Der - Runenberg / Liebeszauber / Die schöne Magelone / Die Elfen - / Der Pokal - -Author: Ludwig Tieck - -Release Date: November 18, 2015 [EBook #50480] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN 4: PHANTASUS 1 *** - - - - -Produced by Delphine Lettau, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - Ludwig Tieck's - Schriften. - - Vierter Band. - - - - - Phantasus - Erster Theil. - - - Berlin, - bei G. Reimer, - 1828. - - An den - Dr. und Prof. Schleiermacher - in Berlin. - -Gern erinnere ich mich der Jugendzeit, als wir uns nahe waren und uns -oft bei gemeinschaftlichen Freunden trafen. Mögen Sie in ernsten -Forschungen und Geschäften vertieft nicht diese luftigen Gaben der -Phantasie verschmähen, sondern sich noch eben so gern, wie ehemals, -durch sie erheitern. - - L. Tieck. - - - - - Inhalt (hinzugefügt): - - - Einleitung - Phantasus - Der blonde Eckbert - Der getreue Eckart - Der Runenberg - Liebeszauber - Die schöne Magelone - Die Elfen - Der Pokal - -Weitere Anmerkungen zur Transkription am Ende des Buches. - - - - - Phantasus. - Erster Theil. - - - - - - An - A. W. Schlegel. - (Anstatt einer Vorrede.) - - -Es war eine schöne Zeit meines Lebens, als ich Dich und Deinen Bruder -Friedrich zuerst kennen lernte; eine noch schönere, als wir und Novalis -für Kunst und Wissenschaft vereinigt lebten, und uns in mannichfaltigen -Bestrebungen begegneten. Jezt hat uns das Schicksal schon seit vielen -Jahren getrennt. Ich verfehlte Dich in Rom, und eben so später in Wien -und München, und fortdauernde Krankheit hielt mich ab, Dich an dem Orte -Deines Aufenthaltes aufzusuchen; ich konnte nur im Geist und in der -Erinnerung mit Dir leben. - -Von verschiedenen Seiten aufgefordert, war ich schon seit einiger Zeit -entschlossen, meine jugendlichen Versuche, die sich zerstreut haben, zu -sammeln, diejenigen hinzuzufügen, welche bis jezt noch ungedruckt waren, -und andre zu vollenden und auszuarbeiten, die ich schon vor Jahren -angefangen, oder entworfen hatte. Diese Mährchen, Schauspiele und -Erzählungen, welche alle eine frühere Periode meines Lebens -charakterisiren, vereinigt durch mannichfaltige Gespräche -gleichgesinnter Freunde über Kunst und Literatur, machen den Inhalt -dieses Buches. Manches, was ich in diesen Dialogen nur flüchtig berühren -konnte, werde ich an andern Orten bestimmter darzustellen und -auszuführen suchen. Diejenigen Dichtungen, welche schon bekannt gemacht -waren, erscheinen hier mit Verbesserungen, und in der Summe der sieben -verschiedenen Abtheilungen wird man eben so viele neue, als in den -Volksmährchen, oder anderswo schon abgedruckte, antreffen. Die größeren -Werke, wie der Zerbino oder die Genoveva schließen sich von dieser -Sammlung aus. - -Es war meine Absicht, meinen Freunden diese Spiele der Phantasie, die -sie früher schon gütig aufgenommen haben, in einer annehmlichern Gestalt -vorzulegen. Du warst unter diesen einer der ersten, die mein Talent -erhoben und ermunterten, Dein männlich heiterer Sinn findet auch im -Scherze den Ernst, so wie er Gelehrsamkeit und gründliche Forschung -durch Anmuth belebt: Du wirst gütig diese Blätter aufnehmen, die das -Bild voriger Zeit und Deines Freundes in dir erneuern. - - - - - Einleitung. - 1811. - - -Dieses romantische Gebirge, sagte Ernst, erinnert mich lebhaft an einen -der schönsten Tage meines Lebens. In der heitersten Sommerszeit hatte -ich die Fahrt über den Lago maggiore gemacht und die Borromäischen -Inseln besucht; von einem kleinen Flecken am See ritt ich dann mit dem -frühsten Morgen nach Belinzona, das mit seinen Zinnen und Thürmen auf -Hügeln und im engen Thal ganz alterthümlich sich darstellt, und uns alte -Sagen und Geschichten wunderlich vergegenwärtigt, und von dort reisete -ich am Nachmittage ab, um am folgenden Tage den Weg über den Sankt -Gotthard anzutreten. Am Fuße dieses Berges liegt äußerst anmuthig -Giarnito, und einige Stunden vorher führt dich der Weg durch das -reizendste Thal, in welchem Weingebirge und Wald auf das mannigfaltigste -wechselt, und von allen Bergen große und kleine Wasserfälle klingend und -wie musizirend niedertanzen; immer enger rücken die Felsen zusammen, je -mehr du dich dem Orte näherst, und endlich ziehn sich Weinlauben über -dir hinweg von Berg zu Berg, und verdecken von Zeit zu Zeit den Anblick -des Himmels. Es wurde Abend, eh ich die Herberge erreichte, beim -Sternenglanz, den mir die grünen Lauben oft verhüllten, rauschten näher -und vertraulicher die Wasserfälle, die sich in mannigfachen Krümmungen -Wege durch das frische Thal suchten; die Lichter des Ortes waren bald -nahe, bald fern, bald wieder verschwunden, und das Echo, das unsere -Reden und den Hufschlag der Pferde wiederholte, das Flüstern der Lauben, -das Rauschen der Bäume, das Brausen und Tönen der Wasser, die wie in -Freundschaft und Zorn abwechselnd näher und ferner schwazten und -zankten, vom Bellen wachsamer Hunde aus verschiedenen Richtungen -unterbrochen, machten diesen Abend, indem noch die grünenden -Borromäischen Inseln in meiner Phantasie schwammen, zu einem der -wundervollsten meines Lebens, dessen Musik sich oft wachend und träumend -in mir wiederholt. Und -- wie ich sagte -- dieses romantische Gebirge -hier erinnert mich lebhaft an den Genuß jener schönen Tage. - -Warum, sagte sein Freund Theodor, hast du nie etwas von deinen Reisen -deinen nahen und fernen Freunden öffentlich mittheilen wollen? - -Nenn' es, antwortete jener, Trägheit, Zaghaftigkeit, oder wie du willst: -vielleicht auch rührt es von einem einseitigen, zu weit getriebenen -Abscheu gegen die meisten Reisebeschreibungen ähnlicher Art her, die mir -bekannt geworden sind. Wenigstens schwebt mir ein ganz andres Bild einer -solchen Beschreibung vor; den ältern, unästhetischen lasse ich ihren -Werth: doch jene, in denen Natur und Kunst und Völker aller Art, nebst -Sitten und Trachten und Staatsverfassungen der witzig-philosophischen -Eitelkeit des Schriftstellers, wie Affen zum Tanze, aufgeführt werden, -der sich in jedem Augenblick nicht genug darüber verwundern kann, daß er -es ist, der alle die Gaukeleien mit so stolzer Demuth beschreibt, und -der so weltbürgerlich sich mit allen diesen Thorheiten einläßt; o, sie -sind mir von je so widerlich gewesen, daß die Furcht, in ihre Reihe -gestellt, oder gar unvermerkt bei ähnlicher Beschäftigung ihnen verwandt -zu werden, mich von jedem Versuche einer öffentlichen Mittheilung -abgeschreckt hat. - -Doch giebt es vielleicht, sagte Theodor, eine so schlichte und -unschuldige Manier, eine so einfache Ansicht der Dinge, daß ich mir wohl -nach Art eines Gedichtes die Beschreibung eines Landes, oder einer -Reise, denken kann. - -Gewiß, sagte Ernst, manche der ältern Reisen nähern sich auch diesem -Bilde, und es verhält sich ohne Zweifel damit eben so, wie mit der Kunst -zu reisen selbst. Wie wenigen Menschen ist das Talent verliehn, Reisende -zu sein! Sie verlassen niemals ihre Heimath, sie werden von allem -Fremdartigen gedrückt und verlegen, oder bemerken es durchaus gar nicht. -Wie glücklich, wem es vergönnt ist, in erster Jugend, wenn Herz und Sinn -noch unbefangen sind, eine große Reise durch schöne Länder zu machen, -dann tritt ihm alles so natürlich und wahr, so vertraut wie Geschwister, -entgegen, er bemerkt und lernt, ohne es zu wissen, seine stille -Begeisterung umfängt alles mit Liebe, und durchdringt mit freundlichem -Ernst alle Wesen: einem solchen Sinn erhält die Heimath nachher den Reiz -des Fremden, er versteht nun einheimisch zu sein, das Ferne und Nahe -wird ihm eins, und in der Vergleichung mannigfaltiger Gegenstände wird -ihm ein Sinn für Richtigkeit. So war es wohl gemeint, wenn man sonst -junge Edelleute nach Vollendung ihrer Studien reisen ließ. Der Mensch -versteht wahrhaft erst das Nahe und Einheimische, wenn ihm das Fremde -nicht mehr fremd ist. - -An diese Reisenden schließe ich mich noch am ersten, sagte Theodor, wenn -du mir auch unaufhörlich vorwirfst, daß ich meine Reisen, wie das Leben -selbst, zu leichtsinnig nehme. Freilich ist wohl in meiner Sucht nach -der Fremde zu viel Widerwille gegen die gewohnte Umgebung, und sehr oft -ist es mir mehr um den Wechsel der Gegenstände, als um irgend eine -Belehrung zu thun. - -Die zweite und vielleicht noch schönere Art zu reisen, fuhr Ernst fort, -ist jene, wenn die Reise selbst sich in eine andächtige Wallfahrt -verwandelt, wenn die jugendliche Neugier und die scharfe Lust an fremden -Gegenständen schon gebrochen sind, wenn ein reifes Gemüth mit Kenntniß -und Liebe gleich sehr erfüllt, an die Ruinen und Grabmäler der Vorzeit -tritt, die Natur und Kunst wie die Erfüllung eines oft geträumten Traums -begrüßt, auf jedem Schritte alte Freunde findet, und Vorwelt und -Gegenwart in ein großes, rührend erhabenes Gemälde zerfließen. - -Diese elegischen Stimmungen würden mich nur ängstigen, unterbrach ihn -Theodor. Ihr andern, ihr ernsthaften Leute, verbindet so widerwärtige -Begriffe mit dem Zerstreutsein, da es doch in einfachen Menschen oft nur -das wahre Beisammensein mit der Natur ist, wie mit einem frohen -Spielkameraden; eure Sammlung, euer tiefes Eindringen sehr häufig eine -unermeßliche Ferne. Auf welche Weise aber, mein Freund, würdest du deine -Ansicht über dergleichen Gegenstände mittheilen, im Fall du einmal -deinen Widerwillen künftig etwas mehr bezwingen solltest. - -Schon früh, sagte Ernst, bevor ich noch die Welt und mich kennen gelernt -hatte, war ich mit meiner Erziehung, so wie mit allem Unterricht, den -ich erfuhr, herzlich unzufrieden. War es doch nicht anders, als -verschwiege man geflissentlich das, was wissenswürdig sei, oder erwähnte -es zuweilen nur, um mit hochmüthigem Verhöhnen das zu erniedrigen, was -selbst in dieser Entstellung mein junges Herz bewegte. Dafür aber suchte -ich nachher auch, gleichsam wie der Zeit zum Trotz und ihrer falschen -Bildung, alles als ein Befreundetes und Verwandtes auf, was mir meine -Bücher und Lehrer nur zu oft als das Abgeschmackte, Dunkle und -Widerwärtige bezeichnet hatten; ich berauschte mich auf meinem ersten -Ausfluge in allen Erinnerungen des Alterthums, begeisterte mich an den -Denkmalen einer längst verloschenen Liebe, ja that wohl manchem Guten -und Nützlichen mit erwiedertem Verfolgungsgeist unrecht, und stand bald -unter meiner Umgebung selbst wie eine unverständliche Alterthümlichkeit, -indem ich ihr Nichtbegreifen nicht begriff, und verzweifeln wollte, daß -allen andern der Sinn und die Liebe so gänzlich fehlten, die mich bis -zum Schmerzhaften erregten und rührten. - -Freilich, fiel Theodor lachend ein, erschienst du damals mit deiner -Bekehrungssucht als ein höchst wunderlicher Kauz, und ich erinnere mich -noch mit Freuden des Tages, als wir uns vor vielen Jahren zuerst in -Nürnberg trafen, und wie einer deiner ehemaligen Lehrer, der dich dort -wieder aufgesucht hatte, und für alles Nützliche, Neue, Fabrikartige -fast fantastisch begeistert war, dich aus den dunkeln Mauern nach Fürth -führte, wo er in den Spiegelschleifereien, Knopf-Manufakturen und allen -klappernden und rumorenden Gewerben wahrhaft schwelgte, und deine -Gleichgültigkeit ebenfalls nicht verstand und dich fast für schlechten -Herzens erklärt hätte, da er dich nicht stumpfsinnig nennen wollte: -endlich, bei den Goldschlägern, lebtest du zu seiner Freude wieder auf, -es geschah aber nur, weil du hier die Gelegenheit hattest, dir die -Pergamentblätter zeigen zu lassen, die zur Arbeit gebraucht werden; du -bedauertest zu seinem Verdruß sogar die zerschnittenen Meßbücher, und -wühltest herum, um vielleicht ein Stück eines altdeutschen Gedichtes zu -entdecken, wofür der aufgeklärte Lehrer kein Blättchen Goldschaum -aufgeopfert hätte. - -Es ist gut, sagte Ernst, daß die Menschen verschieden denken und sich -auf mannigfaltige Weise interessiren, doch war die ganze Welt damals zu -einseitig auf ein Interesse hingespannt, das seitdem auch schon mehr und -mehr als Irrthum erkannt ist. Dieses Nord-Amerika von Fürth konnte mir -freilich wohl neben dem altbürgerlichen, germanischen, kunstvollen -Nürnberg nicht gefallen, und wie sehnsüchtig eilte ich nach der -geliebten Stadt zurück, in der der theure Dürer gearbeitet hatte, wo die -Kirchen, das herrliche Rathhaus, so manche Sammlungen, Spuren seiner -Thätigkeit, und der Johannis-Kirchhof seinen Leichnam selber bewahrte; -wie gern schweifte ich durch die krummen Gassen, über die Brücken und -Plätze, wo künstliche Brunnen, Gebilde aller Art, mich an eine schöne -Periode Deutschlands erinnerten, ja! damals noch die Häuser von außen -mit Gemälden von Riesen und altdeutschen Helden geschmückt waren. - -Doch, sagte Theodor, wird das jezt alles dort, so wie in andern Städten, -von Geschmackvollen angestrichen, um, wie der Dichter sagt: »zu malen -auf das Weiß, ihr Antlitz oder ihren Steiß.« -- Allein Fürth war auch -bei alle dem mit seinen geputzten Damen, die gedrängt am Jahrmarktsfest -durch die Gassen wandelten, nebst dem guten Wirthshause, und der -Aussicht aus den Straßen in das Grün an jenem warmen sonnigen Tage nicht -so durchaus zu verachten. Behüte uns überhaupt nur der Himmel, (wie es -schon hie und da angeklungen hat) daß dieselbe Liebe und Begeisterung, -die ich zwar in dir als etwas Aechtes anerkenne, nicht die Thorheit -einer jüngeren Zeit werde, die dich dann mit leeren Uebertreibungen weit -überflügeln möchte. - -Wenn nur das wahrhaft Gute und Große mehr erkannt und ins Bewußtsein -gebracht wird, sagte Ernst, wenn wir nur mehr sammeln und lernen, jene -Vorurtheile der neuern Hoffarth ganz ablegen, und die Vorzeit und also -das Vaterland wahrhafter und inniger lieben, so kann der Nachtheil einer -sich bald erschöpfenden Thorheit so groß nicht werden. -- In jenen -jugendlichen Tagen, als ich zuerst deine Freundschaft gewann, gerieth -ich oft in die wunderlichste Stimmung, wenn ich die Beschreibungen -unsers Vaterlandes, die gekannt und gerühmt waren, und welche auf -allgemein angenommenen Grundsätzen ruhten, mit dem Deutschland verglich, -wie ich es mit meinen Augen und Empfindungen sah; je mehr ich überlegte, -nachsann und zu lernen suchte, je mehr wurde ich überzeugt, es sei von -zwei ganz verschiedenen Ländern die Frage, ja unser Vaterland sei -überall so unbekannt, wie ein tief in Asien oder Afrika zu entdeckendes -Reich, von welchem unsichre Sagen umgingen, und das die Neugier unsrer -wißbegierigen Landsleute eben so, wie jene mythischen Gegenden reizen -müsse; und so nahm ich mir damals, in jener Frühlingsstimmung meiner -Seele, vor, der Entdecker dieser ungekannten Zonen zu werden. Auf diese -Weise bildete sich in jenen Stunden in mir das Ideal einer -Reisebeschreibung durch Deutschland, das mich auch seitdem noch oft -überschlichen und mich gereizt hat, einige Blätter wirklich nieder zu -schreiben. Doch jezt könnt' ich leider Elegien dichten, daß es nun auch -zu jenen Elegien zu spät ist. - -Einige Töne dieser Elegie, sagte Theodor, klingen doch wohl in den -Worten des Klosterbruders. - -Am frühsten, sagte Ernst, in den wenigen Zeilen unsers Dichters über den -Münster in Straßburg, die ich niemals ohne Bewegung habe lesen können, -dann in den Blättern von deutscher Art und Kunst; in neueren Tagen hat -unser Freund, Friedrich Schlegel, mit Liebe an das deutsche Alterthum -erinnert, und mit tiefem Sinn und Kenntniß manchen Irrthum entfernt, -auch hat sich die Stimmung unsrer Zeit auffallend zum Bessern verändert, -wir achten die deutsche Vorzeit und ihre Denkmäler, wir schämen uns -nicht mehr, wie ehemals, Deutsche zu sein, und glauben nicht unbedingt -mehr an die Vorzüge fremder Nationen. Das ökonomische Treiben, die -Verehrung kleinlicher List, die Vergötterung der neusten Zeit ist fast -erstorben, eine höhere Sehnsucht hat unsern Blick in die Vergangenheit -geschärft, und neueres Unglück für die vergangenen großen Jahrhunderte -den edlern Sinn in uns aufgeschlossen. In jenen früheren Tagen aber -hatten wir noch mehr Ueberreste der alten Zeit selbst vor uns, man fand -noch Klöster, geistliche Fürstenthümer, freie Reichsstädte, viele alte -Gebäude waren noch nicht abgetragen oder zerstört, altdeutsche -Kunstwerke noch nicht verschleppt, manche Sitte noch aus dem Mittelalter -herüber gebracht, die Volksfeste hatten noch mehr Charakter und -Fröhlichkeit, und man brauchte nur wenige Meilen zu reisen, um andre -Gewohnheiten, Gebäude und Verfassungen anzutreffen. Alle diese -Mannigfaltigkeit zu sehn, zu fühlen und in ein Gemälde darzustellen, war -damals mein Vorsatz. Was unsre Nation an eigenthümlicher Malerei, -Sculptur und Architektur besitzt, welche Sitten und Verfassungen jeder -Provinz und Stadt eigen, und wie sie entstanden, zu erforschen, um den -Mißverständnissen der neueren kleinlichen Geschichtschreiber zu -begegnen; welche Natur jeden Menschenstamm umgiebt, ihn bildet und von -ihm gebildet wird: alles dieses sollte wie in einem Kunstwerke gelöst -und ausgeführt werden. Den edlen Stamm der Oesterreicher wollte ich -gegen den Unglimpf jener Tage vertheidigen, die in ihrem fruchtbaren -Lande und hinter reizenden Bergen den alten Frohsinn bewahren; die -kriegerischen und fromm gläubigen Baiern loben, die freundlichen, -sinnvollen, erfindungsreichen Schwaben im Garten ihres Landes schildern, -von denen schon ein alter Dichter singt: - - Ich hab der Schwaben Würdigkeit - In fremden Landen wohl erfahren; - -die berührigen, muntern Franken, in ihrer romantischen, vielfach -wechselnden Umgebung, denen damals ihr Bamberg ein deutsches Rom war; -die geistvollen Völker den herrlichen Rhein hinunter, die biederben -Hessen, die schönen Thüringer, deren Waldgebirge noch die Gestalt und -den Blick der alten Ritter aufbewahren; die Niederdeutschen, die dem -treuherzigen Holländer und starken Engländer ähnlich sind: bei jeder -merkwürdigen Stelle unsrer vaterländischen Erde wollte ich an die alte -Geschichte erinnern, und so dachte ich die lieben Thäler und Gebirge zu -durchwandeln, unser edles Land, einst so blühend und groß, vom Rhein und -der Donau und alten Sagen durchrauscht, von hohen Bergen und alten -Schlössern und deutschem tapfern Sinn beschirmt, gekränzt mit den einzig -grünen Wiesen, auf denen so liebe Traulichkeit und einfacher Sinn wohnt. -Gewiß, wem es gelänge, auf solche Weise ein geliebtes Vaterland zu -schildern, aus den unmittelbarsten Gefühlen, der würde ohne alle -Affektation zugleich ein hinreißendes Dichterwerk ersonnen haben. - -Oft, fiel Theodor ein, habe ich mich darüber wundern müssen, daß wir -nicht mit mehr Ehrfurcht die Fußstapfen unsrer Vorfahren aufsuchen, da -wir vor allem Griechischen und Römischen, ja vor allem Fremden oft mit -so heiligen Gefühlen stehn und uns durch edle Erinnerungen entzückt -fühlen; so wie auch darüber, daß unsre Dichter noch so wenig gethan -haben, diesen Geist zu erwecken. - -Manche, sagte Ernst, haben es eine Zeitlang versucht, aber schwach, -viele verkehrt, und ein hoher Sinn, der Deutschland so liebte und -einheimisch war, wie der große Shakspear seinem Vaterlande, hat uns -bisher noch gefehlt. - -Wir vergessen aber, rief Theodor, die herrliche Gegend zu genießen, auf -die Vögel aus dem Dickicht des Waldes und auf das Gemurmel dieser -lieblichen Bäche zu horchen. - -Alles tönt auch unbewußt in unsre Seele hinein, sagte Ernst; auch -wollten wir ja noch die schöne Ruine besteigen, die dort schon vor uns -liegt, und auch mit jedem Jahre mehr verfällt: hier arbeitet die Zeit, -anderswo die Nachlässigkeit der Menschen, an vielen Orten der -verachtende Leichtsinn, der ganze Gebäude niederreißt, oder sie -verkauft, um alles Denkmal immer mehr dem Staube und der Vergessenheit -zu überliefern. Indessen, wenn der Sinn dafür nur um so mehr erwacht, um -so mehr in der Wirklichkeit zu Grunde geht, so haben wir doch mehr -gewonnen als verloren. - -Ist diese Gegend nicht, durch welche wir wandeln, fing Theodor an, einem -schönen romantischen Gedichte zu vergleichen? Erst wand sich der Weg -labirinthisch auf und ab durch den dichten Buchenwald, der nur -augenblickliche räthselhafte Aussicht in die Landschaft erlaubte: so ist -die erste Einleitung des Gedichtes; dann geriethen wir an den blauen -Fluß, der uns plötzlich überraschte und uns den Blick in das -unvermuthete frisch grüne Thal gönnte: so ist die plötzliche Gegenwart -einer innigen Liebe; dann die hohen Felsengruppen, die sich edel und -majestätisch erhuben und höher bis zum Himmel wuchsen, je weiter wir -gingen: so treten in die alten Erzählungen erhabene Begebenheiten -hinein, und lenken unsern Sinn von den Blumen ab; dann hatten wir den -großen Blick auf ein weit ausgebreitetes Thal, mit schwebenden Dörfern -und Thürmen auf schön geformten Bergen in der Ferne, wir sahen Wälder, -weidende Heerden, Hütten der Bergleute, aus denen wir das Getöse herüber -vernahmen: so öffnet sich ein großes Dichterwerk in die -Mannichfaltigkeit der Welt und entfaltet den Reichthum der Charaktere; -nun traten wir in den Hain von verschiedenem duftenden Gehölz, in -welchem die Nachtigall so lieblich klagte, die Sonne sich verbarg, ein -Bach so leise schluchzend aus den Bergen quoll, und murmelnd jenen -blauen Strom suchte, den wir plötzlich, um die Felsenecke biegend, in -aller Herrlichkeit wieder fanden: so schmilzt Sehnsucht und Schmerz, und -sucht die verwandte Brust des tröstenden Freundes, um sich ganz, ganz in -dessen lieblich erquickende Fülle zu ergießen, und sich in triumphirende -Woge zu verwandeln. Wie wird sich diese reizende Landschaft nun ferner -noch entwickeln? Schon oft habe ich Lust gefühlt, einer romantischen -Musik ein Gedicht unterzulegen, oder gewünscht, ein genialer Tonkünstler -möchte mir voraus arbeiten, um nachher den Text seiner Musik zu suchen; -aber warlich, ich fühle jezt, daß sich aus solchem Wechsel einer -anmuthigen Landschaft ebenfalls ein reizendes erzählendes Gedicht -entwickeln ließe. - -Zu wiederholten malen, erwiederte Ernst, hat mich unser Freund Manfred -mit dergleichen Vorstellungen unterhalten, und indem du sprachst, dachte -ich an den unvergleichlichen Parceval und seine Krone, den Titurell. -Jeder Spaziergang, der uns befriedigt, hat in unsrer Seele ein Gedicht -abgelöset, und wiederholt und vollendet es, wenn er uns immer wieder mit -unsichtbarem Zauber umgiebt. - -Sehn wir die Entwickelung der romantischen Verschlingung! rief Theodor; -Wald und Fluß verschwinden links, unser Weg zieht sich rechts, und viele -kleine Wasserfälle rauschen aus buschigen Hügeln hervor, und tanzen und -jauchzen wie muntre Nebenpersonen zur Wiese hinab, um jenem -schluchzenden Bach zu widersprechen, und in Freude und Lust den -glänzenden Strom aufzusuchen, den schon die Sonne wieder bescheint, und -der so lächelnd zu ihnen herüber winkt. - -Sieh doch, rief Ernst, wenn mein geübtes Auge etwas weniger scharf wäre, -so könnte ich mich überreden, dort stände unser Freund Anton! aber seine -Stellung ist matter und sein Gang schwankender. - -Nein, rief Theodor, dein Auge ist nicht scharf genug, sonst würdest du -keinen Augenblick zweifeln, daß er es nicht selbst in eigner Person sein -sollte! Sieh, wie er sich jezt bückt, und mit der Hand Wasser schöpft, -nun schüttelt er die Tropfen ab und dehnt sich; sieh, nur er allein kann -nun mit solchem leutseligen Anstande die Nase in die Sonne halten, -- -und sein Auge hat uns auch schon gefunden! - -Die Freunde, die sich lange nicht gesehn hatten, und sich in schöner -Einsamkeit so unvermuthet wieder fanden, eilten mit frohem Ausruf auf -einander zu, umarmten sich, thaten tausend Fragen und erwarteten keine -Antwort, drückten sich wieder an die Brust und genossen im Taumel ihrer -freudigen Verwunderung immer wieder die Lust der Ueberraschung. O der -Freude, dich wieder zu haben, rief Theodor aus, du lieber, lieber -Freund! Wie fällst du so unvermuthet (doch brauchts ja keine Motive) aus -diesen allerliebsten Episoden hier in unsre Haupthandlung und Wandlung -hinein! - -Aber du siehst matt und krank aus, sagte Ernst, indem er ihn mit Wehmuth -betrachtete. - -So ist es auch, erwiederte Anton, ich habe mich erst vor einigen Wochen -vom Krankenlager erhoben, fühlte heut zum erstenmal die Schönheit der -Natur wieder, und ließ mir nicht träumen, daß ihr wie aus dem Himmel -noch heut in meinen Himmel fallen würdet. Aber seid mir tausend und -tausendmal willkommen! - -Man ging, man stand dann wieder still, um sich zu betrachten, sich zu -befragen, und jeder erkundigte sich nun nach den Geschäften, nach den -Absichten des andern. Meine Reise, sagte Ernst, hat keinen andern -Endzweck, als mich in der Nähe, nur einige Meilen von hier, über einige -alte, sogenannte gothische Gebäude zu unterrichten, und dann in der -Stadt ein altdeutsches Gedicht aufzusuchen. - -Und ich, sagte Theodor, bin meiner Gewohnheit nach nur so mitgenommen -worden, weil ich eben weder etwas zu thun, noch zu versäumen hatte. - -Ich besuche unsern Manfred, sagte Anton, der mich auf sein schönes -Landgut, sieben Meilen von hier, eingeladen hat, da er von meiner -Krankheit und Genesung Nachricht bekommen. - -Wohnt der jezt in diesem Gebirge? fragte Ernst. - -Ihr wißt also nicht, fuhr Anton fort, daß er schon seit mehr als zwei -Jahren verheirathet ist und hier wohnt? - -Manfred verheirathet? rief Theodor aus; er, der so viel gegen alle Ehe -deklamirt, so über alle gepriesene Häuslichkeit gespottet hat, der es zu -seiner Aufgabe zu machen schien, das Phantastische mit dem wirklichen -Leben aufs innigste zu verbinden, der vor nichts solchen Abscheu -äußerte, als vor jener gesetzten, kaltblütig moralischen Philisterei? -Wie ist es möglich? Ei! der mag sich denn nun auch schön verändert -haben! Gewiß hat ihn »das Dreherchen der Zeit« so umgedreht, daß er -nicht wieder zu erkennen ist. - -Vielleicht, sagte Ernst, konnte es ihm gerade am ersten gelingen, die -Jugend beizubehalten, in welcher er sich scheinbar so wild bewegte, denn -sein Charakter neigte immer zum Ernst, und eben darum war sein -Widerwille gegen den geheuchelten, läppischen Ernst unserer Tage oft so -grotesk und bizarr: bei manchen Menschen dient eine wunderliche -Außenseite nur zum nothwendigen Gegengewicht eines gehaltvollen, oft -fast melankolischen Innern, und zu diesen scheint mir unser Freund zu -gehören. - -Ich habe ihn schon im vorigen Jahre gesehn, sagte Anton, und ihn gar -nicht verändert gefunden, er ist eher jünger geworden; seine Haushaltung -mit seiner Frau und ihrer jüngern Schwester Clara, mit seiner eignen -Schwester und Schwiegermutter ist die liebenswürdigste, die ich noch -gesehn habe, so wie sein Landgut die schönste Lage im ganzen Gebirge -hat: ihr thätet klug, mich dahin zu begleiten, was sich auch sehr gut -mit deinen gelehrten antiquarischen Untersuchungen vereinigen läßt. - -Er muß! rief Theodor, oder ich laß ihn im Stich der gothischen, oder, -wie er will, altdeutschen Spitzgewölbe. - -Darüber läßt sich noch sprechen, sagte Ernst halb zweifelnd; da ihm aber -Anton noch erzählte, daß sie im nächsten Städtchen die beiden längst -gesuchten Freunde Lothar und Friedrich finden würden, die ihn -erwarteten, um mit ihm zum gemeinschaftlichen Freunde Manfred zu reisen, -und sich einige Wochen bei diesem aufzuhalten, so ließ sich Ernst -bewegen, seine Antiquitäten auch noch so lange beiseit zu thun, um nach -vielen Jahren einmal wieder im Kreise seiner Geliebten eine neue Jugend -zu leben, und die alten theuern Erinnerungen seinem Herzen zu erwecken. - -Die Freunde wanderten weiter, und nach geraumer Zeit fragte Theodor: wie -hast du nur so lange krank sein können? - -Verwundre dich doch lieber, antwortete der Kranke, wie ich so bald habe -genesen können, denn noch ist es mir selber unbegreiflich, daß meine -Kräfte sich so schnell wieder hergestellt haben. - -Wie wird sich der gute Friedrich freuen, sagte Theodor, dich einmal -wieder zu sehn; denn immer warst du ihm unter seinen Freunden der -liebste. - -Sagt vielmehr, antwortete der Genesene, daß wir uns in manchen Punkten -unsers Wesens am innigsten berührten und am besten verstanden; denn, -meine Geliebten, man lebt, wenn man das Glück hat, mehre Freunde zu -besitzen, mit jedem Freunde ein eignes, abgesondertes Leben; es bilden -sich mannichfache Kreise von Zärtlichkeit und Freundschaft, die wohl die -Gefühle der Liebe zu andern in sich aufnehmen und harmonisch mit ihnen -fortschwingen, dann aber wieder in die alte eigenthümliche Bahn zurück -kehren. Und eben so wie mir der Vertrauteste in vielen Gesinnungen fremd -bleibt, so hebt eben derselbe auch vieles Dunkle in meiner eignen Natur -bloß durch seine Gegenwart hervor, und macht es licht, sein Gespräch, -wenn es diese Punkte trifft, erweckt es zum klarsten innigsten Leben, -und eben so wirkt meine Gegenwart auf ihn zurück. Vielleicht war manches -in Friedrich und mir, was ihr übrigen mißverstandet, was sich in uns -ergänzte und durch unsre Freundschaft zum Bewußtsein gedieh, so daß wir -uns mancher Dinge wohl sogar erfreuten, die andre uns lieber hätten -abgewöhnen mögen. - -Was du da sagst, ist sehr wahr, fügte Ernst hinzu, der Mensch, der -überhaupt das Leben und sich versteht, wird mit jedem seiner Freunde ein -eignes Vertrauen, eine andre Zärtlichkeit fühlen und üben wollen. O das -ist ja eben das Himmlische der Freundschaft, sich im geliebten -Gegenstande ganz zu verlieren, neben dem Verwandten so viel -Fremdartiges, Geheimnißvolles ahnden, mit herzlichem Glauben und edler -Zuversicht auch das Nichtverstandne achten, durch diese Liebe Seele zu -gewinnen und Seele dem Geliebten zu schenken! Wie roh leben diejenigen, -und verletzen ewig sich und den Freund, die so ganz und unbedingt sich -verstehn, beurtheilen, abmessen, und dadurch nur scheinbar einander -angehören wollen! das heißt Bäume fällen, Hügel abtragen und Bäche -ableiten, um allenthalben flache Durchsicht, Mittheilung und Verknüpfung -zu gewinnen, und einen schönen romantischen Park verderben. Nicht früh -genug kann der Jüngling, der so glücklich ist, einen Freund zu gewinnen, -sich von dieser selbstischen Forderung unsrer roheren Natur, von diesem -Mißverständniß der jugendlichen Liebe entwöhnen. - -Was du da berührst, sagte Anton, berührt zugleich die Wahrheit, daß es -nicht nur erlaubt, sondern fast nothwendig sei, daß Freunde vor einander -Geheimnisse haben, ja es erklärt gewissermaßen die seltsame Erscheinung, -daß man dem einen Freunde wohl etwas anvertrauen mag, was man gern dem -verschweigt, mit dem man vielleicht in noch vertrautern Verhältnissen -lebt. Es ist eine Kunst in der Freundschaft wie in allen Dingen, und -vielleicht daher, daß man sie nicht als Kunst erkennt und treibt, -entspringt der Mangel an Freundschaft, über welchen alle Welt jezt -klagt. - -Hier kommen wir ja recht, rief Theodor lebhaft aus, in das Gebiet, in -welchem unser Friedrich so gerne wandelt! Ihn muß man über diese -Gegenstände reden hören, denn er verlangt und sieht allenthalben -Geheimniß, das er nicht gestört wissen will, denn es ist ihm das Element -der Freundschaft und Liebe. Verarge doch dem Freunde nicht, sprach er -einmal, wenn du ahndest, daß er dir etwas verbirgt, denn dies ist ja nur -der Beweis einer zärteren Liebe, einer Scheu, die sich ängstlich um dich -bewirbt, und sittsam an dich schmiegt; o ihr Liebenden, vergeßt doch -niemals, wie viel ihr wagt, wenn ihr ein Gefühl dem Worte anvertrauen -wollt! was läßt sich denn überall in Worten sagen? Ist doch für vieles -schon der Blick zu ungeistig und körperlich! -- O Brüder, Engelherzen, -wie viel thörichtes Zeug wollen wir mit einander schwatzen! - -Thöricht? sagte Anton etwas empfindlich; ja freilich, wie alles thöricht -ist, was das Materielle zu verlassen strebt, und wie die Liebe selbst in -dieser Hinsicht Krankheit zu nennen ist, wie Novalis so schön sagt. Hast -du noch nie ein Wort bereut, das du selbst in der vertrautesten Stunde -dem vertrautesten Freunde sagtest? Nicht, weil du ihn für einen -Verräther halten konntest, sondern weil ein Gemüthsgeheimniß nur in -einem Elemente schwebte, das so leicht seine rohe Natur dagegen wenden -kann: ja du trauerst wohl selbst über manches, das der Freund in dein -Herz nieder legen will, und das Wort klingt späterhin mißmüthig und -disharmonisch in deiner innersten Seele wieder. Oder verstehst du dies -so gar nicht und hast es nie erlebt? - -Nicht böse, du lieber Kranker, sagte Theodor, indem er ihn umarmte; du -kennst ja meine Art. Schatz, warst du denn nicht eben einverstanden -darüber, daß es unter Freunden Mißverständnisse geben müsse? diese meine -Dummheit ist auch ein Geheimniß, glaubt es nur, das ihr auf eine etwas -zartere Art solltet zu ahnden oder zu entwirren streben. - -Alle lachten, worauf Anton sagte: das Lachen wird mir noch beschwerlich -und greift mich an, ich werde müde und matt in unsre Herberge ankommen. --- Er schöpfte hierauf wieder aus einem vorüberrollenden Bache etwas -Wasser, um sich zu erquicken, und wies den Wein ab, den ihm Ernst anbot, -indem er sagte: ihr könnt es nicht wissen, wie erquickend, wie -paradiesisch dem Genesenden die kühle Woge ist; schon indem sie mein -Auge sieht und mein Ohr murmeln hört, bin ich entzückt, ja Gedanken von -frischen Wäldern und Wassern, von kühlenden Schatten säuseln immerfort -anmuthig durch mein ermattendes Gemüth und fächeln sehnsuchtvoll die -Hitze, die immer noch dort brennt. Viel zu körperlich und schwer ist -dieser süße, sonst so labende Wein, zu heiß und dürr, und würde mir alle -Träume meines Innern in ihrem lieblichen Schlummer stören. - -Jeder nach seinem Geschmack, sagte Theodor, indem er einen herzhaften -Trunk aus der Flasche that; es lebe die Verschiedenheit der Gesinnungen! -Womit aber hast du dich in deiner Krankheit beschäftigen können? - -Der Arzt verlangte, sagte Anton, ich sollte mich durchaus auf keine -Weise beschäftigen, wie denn die Aerzte überhaupt Wunder von den Kranken -fodern; ich weiß nicht, welche Vorstellungen der meinige von den Büchern -haben mußte, denn er war hauptsächlich gegen das Lesen eingenommen, er -hielt es in meinem Zustande für eine Art von Gift, und doch bin ich -überzeugt, daß ich dem Lesen zum Theil meine Genesung zu danken habe. - -Unmöglich, sagte Ernst, kann im Zustand des Fiebers, des Ueberreizes und -der Abspannung diese Anstrengung eine heilsame sein, und ich fürchte, -dein Arzt hat nur zu sehr Recht gehabt. - -Was Recht! rief Anton aus; er hatte einen ganz falschen Begriff von der -deutschen Literatur, so wie von meiner Kunst des Lesens, denn ich hütete -mich wohl von selbst vor allem Vortrefflichen, Hinreißenden, -Pathetischen und Speculativen, was mir in der That hätte übel bekommen -können; sondern ich wandte mich in jene anmuthige Gegend, die von den -Kunstverständigen meistentheils zu sehr verachtet und vernachlässigt -wird, in jenen Wald voll ächt einheimischer und patriotischer Gewächse, -die mein Gemüth gelinde dehnten, gelinde mein Herz bewegten, still mein -Blut erwärmten, und mitten im Genuß sanfte Ironie und gelinde Langeweile -zuließen. Ich versichre euch, einen Tempel der Dankbarkeit möcht' ich -ihnen genesend widmen; und wie viele auch vortrefflich sein mögen, so -waren es doch hauptsächlich drei Autoren, die ich studirt und ihre -Wirkungen beobachtet habe. - -Ich bin begierig, sagte Ernst. - -Als ich am schwächsten und gefährlichsten war, fuhr Anton fort, begann -ich sehr weislich, gegen des Arztes ausdrückliches Verbot, mit unserm -deutschen La Fontaine. Denn ohne alles Lesen ängstigten mich meine -Gedanken, die Trauer über meine Krankheit, tausend Plane und -Vorstellungen so ab, daß ich in jener anbefohlnen Muße hätte zu Grunde -gehen müssen. Kann man nun läugnen, daß dieser Autor nicht manches wahr -und gut auffaßt, daß er manche Zustände, wie Charaktere, treffend -schildert, und daß die meisten seiner Bücher sich durch eine gewisse -Reinlichkeit der Schreibart empfehlen? Ohne alle Ironie sei es gesagt, -viele seiner kleinen Erzählungen haben mich wahrhaft ergötzt und -befriediget. Seine größeren Werke, denen die meisten dieser guten -Eigenschaften abgehn, ersetzen diesen Mangel durch die unerschöpfliche -Liebe, die schon in Kinderseelen heroisch arbeitet, durch einige -Verführer im großen Styl und ansehnliche Gräuel, oder gar durch -Kunsturtheile, die mich vorzüglich inniglich erfreuten, und die er -leider seinen Büchern nur zu selten einstreut. Wie war ich hingerissen, -als ich in einem seiner Romane an die ausgeführte Meinung gerieth, mit -welcher er den Hogarth über Rafael setzt. Ja, meine Freunde, es giebt -gewisse Vorstellungen, die unmittelbar uns Elasticität des Körpers und -der Seele zuführen, und so schelte mir keiner die großartige Albernheit, -denn ich war nach diesem Kapitel unverzüglich besser, und durfte doch -noch keine China gebrauchen. - -So, sagte Theodor, wurde der ganz gesunde Spartaner durch Tyrtäus -Hymnenklang zum Kriegestanze beflügelt. Was folgte nun auf diese -Periode? - -Diese süßen Träume der Kindheit und Sehnsucht, fuhr Anton fort, lagen -schon hinter mir, meine mündig werdende Phantasie forderte -gehaltvolleres Wesen. Trefflich kamen meinem Bedürfniß alle die -wundervollen, bizarren und tollen Romane unsers Spieß entgegen, von -denen ich selbst die wieder las, die ich schon in früheren Zeiten -kannte. Die Tage vergingen mir unglaublich schnell, und am Abend hatte -ich freundliche Besuche, in deren Gesprächen die Töne jener gräßlichen, -gespenstigen Begebenheiten wieder verhallten. So ward mein Leben zum -Traum, und die angenehme Wiederkehr derselben Gegenstände und Gedanken -fiel mir nicht beschwerlich, auch war ich nun schon so stark, daß ich -einer guten Schreibart entbehren konnte, und die herzliche -Abgeschmacktheit der Luftregenten, Petermännchen, Kettenträger, -Löwenritter, gab mir durch die vielfache und mannichfaltige Erfindung -einen stärkern Ton; meine Ironie konnte sich nun schon mit der -Composition beschäftigen, und der Arzt fand die stärkenden Mittel so wie -eine Nachlassung der zu strengen Diät erlaubt und nicht mehr gefährlich. - -Wieder eine Lebens-Periode beendigt, sagte Theodor. - -Nun war aber guter Rath theuer, sprach Anton weiter. Ich hatte die -Schwärmereien des Jünglings überstanden, Geschichte und wirkliche Welt -lockten mich an, zusammt der nicht zu verachtenden Lebens-Philosophie. -Mein Fieber hatte zwar nachgelassen, konnte aber immer wieder gefährlich -werden, ich litt unaussprechlichen Durst, und durfte nicht trinken, was -mein Schmachten begehrte; immer nur wenig und nichts Kühles, und ich -träumte nur von kalten Orangen, von Citronen, ja Essig, machte Salat in -meiner Phantasie zu ungeheuern Portionen und verzehrte sie, trank aus -Flaschen im Felsenkeller selbst den kühlsten Nierensteiner, und badete -mich dann in Morgenluft in den Wogen des grün rauschenden Rheins. In -dieser schwelgenden Stimmung begegnete mir nun der vortreffliche Cramer -mit seinen Ritter- und andern Romanen, und wie soll ich wohl einem -kalten, gesunden, vernünftigen Menschen, der trinken darf, wann und wie -viel er will, die Wonne schildern, die mich auf meinem einsamen Lager -diese vortreflichsten Werke genießen ließen? Ich kann nun sagen: werdet -krank, lieben Freunde und leset, und ihr unterschreibt alles, was neben -euch gehender Rezensent so eben behauptet. - -Mäßige dich nur, sagte Theodor, sonst bist du gezwungen, wieder Wasser -zu schöpfen, um dir den Kopf naß zu machen, und auf diesem anmuthigen -Hügel haben wir keine Quelle in der Nähe. - -Ja, rief Anton aus, Dank diesem biedersten Deutschen für seine Kämpen, -für seinen Haspar a Spada und den Raugrafen zu Dassel! Wie saß ich mit -ihnen allen zu Tische und sah und half die Kannen Rüdesheimer und -Nierensteiner leeren; wir verachteten es, in Becher einzuschenken; nein, -aus dem vollen Humpen selbst tranken wir Großherzigen das kühle, -herrliche, duftende Naß, und ich lachte in dieser Gesellschaft meinen -Arzt rechtschaffen aus: entzückt war ich mit dir, und begleitete dich -bewundernd, du edelster Bomsen, ich zechte Zug für Zug mit dir, du -Großer, der schon des Morgens um vier Uhr betrunken zu Rosse steigt, um -Thaten eines deutschen Mannes adlich zu verrichten. Wie deine -Gesinnungen, du großer Dichter, so ist auch dein Stil gediegen und -deutsch, und alle die Prügel und Püffe, die den Feinden oder schlechten -Menschen zugetheilt werden, oder gar den boshaften Pfaffen, waren mir -eben so viele Herzstärkungen und Brownische Kurmittel, und darum trug -ich auch kein Bedenken, deine vorzüglichsten Werke nach der Beendigung -wieder von vorn zu beginnen, denn hier war ja Erfindung, Charakter, -Essen, Trinken, Lebens-Philosophie, Wirklichkeit und Geschichte alles -meiner drängenden Sehnsucht dargebracht, und alles gleich vortrefflich. -Mein schmachtender Durst trieb sich nun nicht mehr in gigantischen -Bildern zwecklos um, sondern fand seine Bahn vorgezeichnet und große -Beispiele, denen er sich anschloß; nun träumte ich nicht mehr als -Polyphem unter den steinernen Treppen eines Weinberges zu liegen, und -daß sich vom Himmel herunter eine ungeheure Kelterpresse drücke, die mit -Einem Wurf den ganzen Weinberg ausquetsche, so daß in Caskaden der Wein -die Marmorstufen herunter rausche und wie in ein großes Bassin sich -unten in meinen durstenden Schlund ergösse. Von diesen Riesenbildern war -ich geheilt, und schon durft' ich mit Vorsicht kühlende Getränke -genießen, schon widerstanden mir Fleischspeisen nicht mehr, und mein -Arzt schrieb sich die Namen der vornehmsten Cramerschen Romane auf, um -sie ähnlichen Kranken zu empfehlen; ich wandelte schon im Zimmer, sah -bei der ersten Frühlingswärme aus dem Fenster, durfte wieder -phantasiren, und nach einigen Wochen konnt' ich schon die Hoffnung -fassen, bald dies Gebirge zu betreten, in welchem ich euch, ihr Lieben, -zur Vollendung meiner Genesung, gefunden. -- Aber eilt, man läutet schon -die Abendglocke, wir sind vor dem Städtchen, dort treffen wir die -Freunde und vernehmen vielleicht wunderliche Dinge von ihnen. - - * * * * * - -Im Baumgarten des Gasthofes saßen am andern Morgen die fünf Vereinigten -um einen runden Tisch, ihre Stimmung war heiter wie der schöne Morgen, -nur Friedrich schien ernst und in sich gekehrt, so sehr auch Lothar jede -Gelegenheit ergriff, ihn durch Scherz und Frohsinn zu ermuntern. - -Warlich! rief Theodor aus, es giebt kein größeres Glück, als Freunde zu -besitzen, sie nach Jahren in schöner Gegend in anmuthiger Frühlingszeit -wieder zu finden, mit ihnen zu schwatzen, alle ihre Eigenheiten wieder -zu erkennen, sich der Vergangenheit zu erinnern und mit dem Zutrauen -allen in die Augen zu blicken, wie ich es Gottlob! hier thun kann. Nur -der Friedrich ist nicht, wie sonst. Hast du Gram, mein Lieber? - -Laß mich, guter heitrer Freund, sagte Friedrich, es soll nicht lange -währen, so wirst du und ihr alle mehr von mir erfahren. Weißt du doch -nicht, ob ich nicht vielleicht am Glücke krank liege. - -Wenn das ist, sagte Theodor, so möge Gott nur den Arzt noch recht lange -von dir entfernt halten. O wärst du doch lieber gar inkurabel! Aber -leider ist die Heilung dieser Krankheit nur gar zu gewiß; o die Zeit, -die böse, liebe, gute, alte, vergeßliche und doch mit dem -unverwüstlichen Gedächtniß, das wiederkäuende große ernste Thier, die -alles erzeugt und alles verwandelt, sie wird freilich machen, daß wir -einer den andern und uns selbst nach wenigen Jahren mit ganz veränderten -Augen ansehn. - -Dadurch könntest du ihn noch trauriger machen, fiel Lothar ein: freilich -will uns alles überreden, daß das Leben kein romantisches Lustspiel sei, -wie etwa Was ihr wollt, oder Wie es euch gefällt, sondern daß es aus -diesen Regionen entrinnt, wir möchten es auch noch so gerne so wollen -und wenn es uns auch über die Maßen gefiele; der Himmel verhütet auch, -daß es selten in ein großes Trauerspiel ausartet, sondern es verläuft -sich freilich meist, wie viele unerquickliche Werke mit einzelnen -schönen Stellen, oder gar wie der herrliche Rhein in Sand und Sumpf. - -O nein, sagte Friedrich, glaubt es mir, meine Freunde, das Leben ist -höheren Ursprungs, und es steht in unserer Gewalt, es seiner edlen -Geburt würdig zu erziehn und zu erhalten, daß Staub und Vernichtung in -keinem Augenblicke darüber triumphiren dürfen: ja, es giebt eine ewige -Jugend, eine Sehnsucht, die ewig währt, weil sie ewig nicht erfüllt -wird; weder getäuscht noch hintergangen, sondern nur nicht erfüllt, -damit sie nicht sterbe, denn sie sehnt sich im innersten Herzen nach -sich selbst, sie spiegelt in unendlich wechselnden Gestalten das Bild -der nimmer vergänglichen Liebe, das Nahe im Fernen, die himmlische Ferne -im Allernächsten. Ist es denn möglich, daß der Mensch, der nur einmal -aus dieser Quelle des heiligen Wahnsinnes trinken durfte, je wieder zur -Nüchternheit, zum todten Zweifel erwacht? - -Bei alledem, sagte Theodor, wäre ein Jungbrunnen, von dem die Alten -gedichtet haben, nicht zu verschmähn; wär' es auch nur der grauen Haare -wegen. - -Wie könntet ihr, fuhr Friedrich fort, doch die Schönheit nur empfinden, -oder gar lieben, wenn sie unverwüstlich wäre? Die süße Elegie in der -Entzückung, die Wehklage um den Adonis und Balder ist ja der -schmachtende Seufzer, die wollüstige Thräne in der ganzen Natur! dem -Flüchtigen nacheilen, es festhalten wollen, das uns selbst in -festgeschlossenen Armen entrinnt, dies macht die Liebe, den -geheimnißvollen Zauber, die Krankheit der Sehnsucht, das vergötternde -Schmachten möglich. - -Und, fuhr Ernst fort, wie milde redet uns die Ewigkeit an mit ihrem -majestätischen Antliz, wenn wir auch das nur als Schatten und Traum -besitzen, oder uns ihm nähern können, was das Göttlichste dieser Erde -ist? das muß ja unser Herz zum Unendlichen ermuntern und stärken, zur -Tugend, zum Himmel, zu jener Schöne uns führen, die nie verblüht, deren -Entzückung ewige Gegenwart ist. - -Müßten wir nur nicht vorher aus dem Lethe trinken, sagte Anton, und zur -Freude sprechen: Was willst du? und zum Lachen: du bist toll! - -Theodor sprang vom Tische auf, umarmte jeden und schenkte von dem guten -Rheinwein in die Römer: ei! rief er aus, daß wir wieder so beisammen -sind! daß wir wieder einmal unsre zusammen gewickelten Gemüther -durchklopfen und ausstäuben können, damit sich keine Motten und andres -Gespinst in die Falten nisten! Wie wohl thut das dem deutschen Herzen -beim Glase deutschen Weins! Ja, unsre Herzen sind noch frisch, wie -ehedem, und daß sich auch keiner von uns das Tabackrauchen angewöhnt -hat, thut mir in der Seele wohl. - -Immer der Alte! sagte Lothar, du pflegst immer die Gespräche da zu -stören, wo sie erst recht zu Gesprächen werden wollen; ich war begierig, -wohin diese seltsamen Vorstellungen wohl führen, und wie diese -Gedankenreihe oder dieser Empfindungsgang endigen möchte. - -Wie? sagte Theodor, das kann ich dir aufs Haar sagen: sieh, Bruderseele, -stehn wir erst an der Ewigkeit und solchen Gedanken oder Worten, die -sich gleichsam ins Unendliche dehnen, so kömmt es mir vor wie ein -Ablösen der Schildwachen, daß nun bald eine neue Figur auf derselben -Stelle auf und ab spazieren soll. Ich wette, nach zweien Sekunden hätten -sie sich angesehn, kein Wort weiter zu sagen gewußt, das Glas genommen, -getrunken und sich den Mund abgewischt. »Weiter bringt es kein Mensch, -stell' er sich auch wie er will.« -- O das ist das Erquickliche für -unser einen, daß das Größte wieder so an das Kleinste gränzen muß, daß -wir denn doch Alle Menschen, oder gar arme Sünder sind, jeder, nachdem -sein Genius ihn lenkt. - -Du scheust nur, sagte Anton, die liebliche Stille, das Säuseln des -Geistes, welches in der Mitte der innigsten und höchsten Gedanken wohnt -und dessen heilige Stummheit dem unverständlich ist, der noch nie an den -Ohren ist beschnitten worden. - -Ohren, antwortete Theodor, klingt im Deutschen immer gemein, -Gehörwerkzeuge affektirt, Hörvermögen philosophisch, und die Hörer oder -die Hörenden ist nicht gebräuchlich, kurzum, man kann sie selten nennen, -ohne anstößig zu sein. Der Spanier vermeidet auch gern, so schlecht hin -Ohren zu sagen. Am besten braucht man wohl Gehör, wo es paßt, oder das -Ohr einzeln, wodurch sie beide gleich edler werden. - -Dein Tabackrauchen hat aber das vorige Gespräch erstickt, sagte Lothar; -freilich ist es die unkünstlerischste aller Beschäftigungen und der -Genuß, der sich am wenigsten poetisch erheben läßt. - -Mir ist es über die Gebühr zuwider, sagte Theodor, und darum betrachtete -ich euch schon alle gestern Abend darauf, denn es giebt einen eignen -Pfeifenzug im Winkel des Mundes und unter dem Auge, der sich an einem -starken Raucher unmöglich verkennen läßt; deshalb war ich schon gestern -über eure Physiognomien beruhigt. Mir scheint die neuste schlimmste Zeit -erst mit der Verbreitung dieses Krautes entstanden zu sein, und ich kann -selbst auf den gepriesenen Compaß böse sein, der uns nach Amerika -führte, um dies Unkraut mit manchen andern Leiden zu uns herüber zu -holen. - -Wie einige Züge im Gesicht durch die Pfeife entstehn, sagte Lothar, so -werden die feinsten des Witzes und gutmüthigen Spottes, so wie die -Grazie der Lippen durchaus durch die oft angelegte Pfeife vernichtet. - -Ich ließe noch die kalte Pfeife gelten, sagte Ernst, so hielt sich einer -meiner Freunde eine von Thon, um sie in der gemüthlichsten Stimmung -zuweilen in den Mund zu nehmen, und dann recht nach seiner Laune zu -sprechen; aber der böse, beizende, übel riechende Rauch macht das Ding -fatal. Ich lernte einmal einen Mann kennen, der mir sehr interessant -war, und der sich auch in meiner Gesellschaft zu gefallen schien; wir -sprachen viel mit einander, endlich, um uns recht genießen zu können, -zog er mich in sein Zimmer, ließ sich aber beigehn, zu größerer -Vertraulichkeit seine Pfeife anzuzünden, und von diesem Augenblick -konnte ich weder recht hören und begreifen, was er vortrug, noch weniger -aber war ich im Stande, eine eigne Meinung zu haben, oder nur etwas -anders als Flüche auf den Rauch in meinem Herzen zu denken, -- »nicht -laute, aber tiefe« -- wie Macbeth sagt. - -Lothar lachte: mit einem trostlosen Liebhaber, fuhr er fort, ist es mir -einmal noch schlimmer ergangen, er hatte mich hingerissen und gerührt; -bei einer kleinen Ruhestelle der Klage suchte er seine Pfeife, Schwamm -und Stein, schlug mit Virtuosität schnell Feuer, und versicherte mich -nachher in abgebrochenen rauchenden Pausen seiner Verzweiflung. Ich -mußte lachen, und nur zum Glück daß mich der Rauch in ein starkes Husten -brachte, sonst hätt' ich dem guten Menschen als ein unnatürlicher Barbar -erscheinen müssen. - -Es läßt sich wohl, sagte Theodor, alles mit Grazie thun, ich kenne -wenigstens einen großen Philosophen, dem in seiner Liebenswürdigkeit -auch dies edel steht. Mit dem Caffee wird nach der Mahlzeit eine lange -Pfeife gebracht, die der Bediente anzündet, es geschehn ruhig und ohne -alle Leidenschaft einige Züge, und eh man noch die Unbequemlichkeit -bemerkt, ist die Sache schon wieder beschlossen. Aber schrecklich sind -freilich die kurzen, am Munde schwebenden Instrumente, die jede Bewegung -mit machen müssen und sich jeder Thätigkeit fügen, die den ganzen Tag -die Lippen pressen und selbst die Sprache verändern. - -Mir ist es nicht unwahrscheinlich, sagte Anton, daß diese Gewohnheit, -die so überhand genommen, die Menschen passiver, träger und unwitziger -gemacht hat. Wir sollen keinen Genuß haben, der uns unaufhörlich -begleitet, der etwas Stetiges wird, er ist nur erlaubt und edel durch -das Vorübergehende. Darum verachten wir den Säufer, ob wir alle gleich -gern Wein trinken, und der Näscher ist lächerlich, der seine Zunge durch -ununterbrochenes Kosten ermüdet; vom Raucher denkt man billiger, weil es -eben Gewohnheit geworden ist, die man nicht mehr beurtheilt, doch -begreif' ich es wenigstens nicht, wie selbst Frauen jezt an vielen Orten -dagegen tolerant werden. - -Könnt ihr euch, sagte Lothar, einen rauchenden Apostel denken? - -Eben so wenig, sagte Ernst, als den adlichen Tristan mit der Pfeife, -oder den hochstrebenden Don Quixote. - -Dem Sancho aber, sagte Lothar, fehlt sie beinah; hätten manche -umarbeitende Uebersetzer mehr Genie gehabt, so hätten sie diese lieber -hinzu fügen, als so manche Schönheit weglassen dürfen. - -Vielleicht ist dieses Bedürfniß, fiel Friedrich ein, ein Surrogat für so -manches verlorne Bedürfniß des öffentlichen Lebens, der Galanterie der -Gesellschaft, der Freiheit und der Feste. Vielleicht soll sich zu Zeiten -der Mensch mehr betäuben, und dann ist es wohl möglich, daß er jenen -alten verrufenen blauen Dunst für ein wirkliches Gut hält. Nicht bloß -Taback, auch philosophische Phrasen, Systeme, und manches andre wird -heut zu Tage geraucht, und beschwert den Nichtrauchenden ebenfalls mit -unleidlichem Geruch. - -Nicht so melankolisch, sagte Theodor, laßt uns diese tiefsinnige -Betrachtung wenden, denn am Ende kömmt doch in keiner Tugend der ganze -Mensch so rein zum Vorschein, als in den Thorheiten. Die Berge rauchen -oft und die Thäler sind voll Nebel, viele Gegenden verlieren ihn oft in -Monaten nicht, die See dampft, und so laßt denn unserm guten Zeitalter -auch seinen Dampf. Nur wir wollen unsrer Sitte treu bleiben. Besorgt bin -ich aber für Manfred, daß er sich diesen Zustand als Appendix der Ehe -möchte angewöhnt haben, um seine weisen Lehrsprüche aus dampfendem -Munde, wie Orakel aus rauchenden Höhlen, verehrlicher zu machen, und ich -gestehe überhaupt, daß ich mich ihm nur mit einer gewissen heimlichen -Furcht wieder nähern kann. - -Du bist ohne Noth besorgt, sagte Lothar. Seit lange kenne ich unsern -Freund in seinem häuslichen Zustande, und ich habe nicht bemerken -können, daß er seinen jugendlichen Frohsinn und seine muthwillige Laune -gegen jene altkluge Hausväterlichkeit vertauscht habe, im Gegentheil, -kann er oft so ausgelassen sein, daß die Schwiegermutter im Hause so -wenig lästig oder überflüssig ist, daß sie vielmehr zuweilen als -kühlende und besonnene Vernunft zum allgemeinen Besten hervortreten muß. - -Wenn alles übrige, sagte Theodor, auf denselben Fuß eingerichtet ist, so -ist seine Haushaltung die vollkommenste in der Welt. - -Noch mehr, fuhr Lothar fort, diese Frau ist noch anmuthig und reizend, -und man glaubt es kaum, daß sie zwei erwachsene Töchter haben könne. Sie -hat selbst einige annehmlich scheinende Parthien ausgeschlagen, und -Männer haben sich um sie beworben, die an Jahren weit jünger sind. - -Wenn die Mutter schon so gefährlich ist, sagte Theodor, so muß der -Umgang mit den Töchtern gar herz- und halsbrechend sein. - -Die Gattin unsers Manfred, erzählte Lothar weiter, ist sehr still und -sanft, von zartem Gemüth und rührend schöner Gestalt, er hat noch das -Betragen des Liebhabers, und sie das blöde geschämige Wesen einer -Jungfrau; ihre jüngere Schwester Clara ist der Muthwille und die -Heiterkeit selbst, launig, witzig, und fast immer lachend, im -beständigen kleinen Kriege mit Manfred; man sollte glauben, wenn man sie -beisammen sieht, er hätte diese lieben müssen, und die ältere, ihm so -ungleiche Schwester, hätte ihn nicht rühren können. Allein die Liebe -fordert vielleicht eine gewisse Verschiedenheit des Wesens und des -Charakters. - -Ich komme darauf zurück, sagte Ernst, daß wir immer noch nicht wissen -können, wie viel in Manfred angewöhnte Manier ist, und wie viel Natur; -ich habe oft bemerkt, daß er ernst, ja traurig war, wenn die Umgebung -ihn für ausschweifend lustig hielt. Er hat es von je gescheut, seine -innersten Gefühle kund zu thun, und so wirft er sich oft gewaltthätig in -eine Laune, die ihn quälen kann, indem sie andre ergötzt. - -Wie wird es aber, fragte Theodor weiter, mit den Kindern gehalten? -Wahrscheinlich hat sich doch auch zu ihm die neumodische und weichliche -Erziehung erstreckt, jene allerliebste Confusion, die jeden -Gegenwärtigen im ununterbrochenen Schwindel erhält, indem die -Kinderstube allenthalben, im Gesellschaftszimmer, im Garten und in jedem -Winkel des Hauses ist, und kein Gespräch und keine Ruhe zuläßt, sondern -nur ewiges Geschrei und Erziehen sich hervor thut, eine unsterbliche -Zerstreutheit im scheinbaren Achtgeben; jenes Chaos der meisten -Haushaltungen, das mir so erschrecklich dünkt, daß ich die neuen -Pädagogen, die es veranlaßt haben, und jene Entdecker der Mütterlichkeit -gern als Verdammte in einen eignen Kreis der Danteschen Hölle hinein -gedichtet hätte, der nur eine solche neuerfundene allgegenwärtige -Kinderstube mit all ihrem Wirwarr und Schariwari moderner Elternliebe -darzustellen brauchte, um sie als einen nicht unwürdigen Beitrag jener -furchtbaren Zirkel anzuschließen. - -Auch von dieser neuen, fast allgemein verbreiteten Krankheit, erzählte -Lothar, findest du in seinem Hause nichts: seine junge Gattin ist eine -wahre Mutter, fast so, wie es unsre Mütter noch waren; sie liebt ihre -beiden Kinder über alles, und hat eben darum eine Art von Schaam, in -Gesellschaft die Mutter zu spielen, und die Kinder wie Dekorationen an -sich zu hängen; die Wartung und alle Erziehung der Kleinen wird von ihr -still im Heiligthum eines entlegenen Zimmers besorgt, und weil sie -ordentlich ist, und weiß, was sie befiehlt, so darf sie die Kinder zu -Zeiten dem gehorsamen Gesinde überlassen, und sie kann ruhig und heiter -an der Gesellschaft Theil nehmen, weil sie die Stunde beobachtet; kurz, -man nimmt an den allerliebsten Creaturen nur so viel Theil, als man -selbst will, und ich, der ich die Kinder kindlich liebe, bin immer -gezwungen, sie aufzusuchen. - -Vortrefflich! sagte Ernst, dies beweist am meisten für die -Schwiegermutter, die die Töchter sehr gut und zur Ordnung muß erzogen -haben. In deiner Beschreibung finde ich gerade die ehrwürdigsten Mütter -wieder, die ich je gekannt habe. Alles Gute und Rechte soll nur so -geschehn, daß es ein unachtsames Auge gar nicht gewahr wird. Unser -Vaterland aber ist das Land der geräuschvollsten Erziehung, und die -Nation wird bald nur aus Erziehern bestehen; für Mütter und Kinder sind -Bibliotheken, und hundert Journale und Almanache geschrieben, alle ihre -Tugenden und Pflichten hat man tausendfältig in Kupfer gestochen und zur -größern Aufmunterung illuminirt, und aus dem Natürlichsten und -Einfachsten, was kaum viele Worte zuläßt, haben wir mit Kunst einen -Götzen der vollständigsten Thorheit geschnitzt, und es im ausgeführten -System so weit gebracht, daß wir durch Beobachtung, Philosophie und -Natur uns von allem Menschlichen und Natürlichen auf unendliche Weite -entfernt haben. Nicht genug, daß man die Kinder fast von der Geburt mit -Eitelkeit verdirbt, man ruinirt auch die wenigen Schulen, die etwa noch -im alten Sinn eingerichtet waren; man zwingt die Kinder im siebenten -Jahr, zu lernen, wie sie Scheintodte zum Leben erwecken sollen, man -verschreibt Erzieher aus den Gegenden, in welchen diese Produkte am -besten gerathen; ja die Staaten selbst verbieten das Buchstabiren, und -machen es zur Gewissenssache, das Lesen anders als auf die neue Weise zu -erlernen, und fast alle Menschen, selbst die bessern Köpfe nicht -ausgenommen, drehen sich im Schwindel nach diesem Orient, um von hier -den Messias und das Heil der Welt baldigst ankommen zu sehen; aber -gewiß, nach zwanzig Jahren verspotten wir aus einer neuen Thorheit -heraus diese jetzige. Dies sind auch nur Schildwachen, die sich ablösen, -und so viel neue Figuren auch kommen, so bleiben sie doch immer auf -derselben Stelle wandelnd. Jeder Mensch hat etwas, das seinen Zorn -erregt, und ich gestehe, ich bin meist so schwach, daß die Pädagogik den -meinigen in Bewegung setzt. - -So scheint es, sagte Lothar; ein geistreicher Mann sagte einmal: wir -sind schlecht erzogen, und es ist nichts aus uns geworden, wie wird es -erst mit unsern Kindern aussehn, die wir gut erziehn! - -Mir däucht, sagte Theodor, es wäre nun wohl an der Zeit, auch eine -Wochenschrift »der Kinderfeind« zu schreiben, um die Thorheiten -lächerlich zu machen, und der ehemaligen Strenge und Einfalt wieder Raum -und Aufnahme vorzubereiten. - -Du fändest keine Leser, sagte Ernst, unter dieser Ueberfülle humaner -Eltern und gereister, ausgebildeter Erzieher. - -Friedrich war schon vor einiger Zeit vom Tisch und Gespräch -aufgestanden, und auf seinen Wink hatte sich Anton zu ihm gesellt. Sie -gingen unter einen Baumgang, von welchem man weit auf die Landstraße -hinaus sehen konnte, die sich über einen nahe liegenden Berg hinweg zog. -Mich kümmern alle diese Dinge nicht, sagte Friedrich, treib' es jeder, -wie er mag und kann, denn mein Herz ist so ganz und durchaus von einem -Gegenstande erfüllt, daß mich weder die Thorheiten noch die ernsthaften -Begebenheiten unserer Zeit ernstlich anziehn. Er vertraute seinem -Freunde, der seine Verhältnisse schon kannte, daß es ihm endlich -gelungen sei, alle Bedenklichkeiten seiner geliebten Adelheid zu -überwinden, und daß sie sich entschlossen habe, auf irgend eine Weise -das Haus ihres Oheims, des Geheimeraths, zu verlassen; dieser wolle -einen alten Lieblingsplan fast gewaltthätig durchsetzen, sie mit seinem -jüngeren Bruder, einem reichen Gutsbesitzer, zu vermälen, weil er sich -so an die Gesellschaft des schönen liebenswürdigen Kindes gewöhnt habe, -daß er sich durchaus nicht von ihr trennen könne, er sei gesonnen, nach -der Heirath zu diesem Bruder zu ziehn, um in seinem kinderlosen -Wittwerstande gemeinschaftlich mit ihm zu hausen. Es scheint vergeblich, -so endete Friedrich, diesem Plan unsre Liebe entgegen zu setzen, -wenigstens hält es Adelheid für unmöglich, und zwar so sehr, daß der -Oheim noch gar nicht einmal von meinem Verhältnisse zu ihr weiß; so -erwarte ich nun bei Manfred morgen oder übermorgen einen Boten, der -unser Schicksal auf immer entscheiden wird. Eine drückende Lage wird oft -am leichtesten durch eine Gewaltthätigkeit gelöst, und ich hoffe, daß -Manfred mir durch seine Klugheit und seinen Muth beistehen wird. Ich -würde mich unserm Ernst auch gern vertrauen, wenn er nicht gar zu gern -tadelte, wo aller Rath zu spät kömmt. - -Doch kann Vorsicht nicht schaden, sagte Anton, und hüte dich nur, dich -von Manfred, der alles Abentheuerliche übertrieben liebt, in einen Plan -verwickeln zu lassen, dessen Verdrießlichkeiten vielleicht dein ganzes -Leben verwirren. Denn es ist gar zu anlockend, auf Unkosten eines andern -muthig und unternehmend zu sein, der Mensch genießt alsdann das -Vergnügen des Wagehalses zugleich mit der Lust der Sicherheit. - -Mein Freund, sagte Friedrich, ich habe lange geduldet, gefühlt und -geprüft, und mich gereut, daß ich nicht schon früher gethan habe, was du -übereilt nennen würdest. Sind wir ganz von einem Gefühl durchdrungen, so -handeln wir am stärksten und konsequentesten, wenn wir ohne Reflexion -diesem folgen. Doch, laß uns jezt davon abbrechen. - -Ich mißverstehe dich wohl nur, sagte Anton, weil du mir nicht genug -vertraut hast. - -Auch dazu werden sich die Stunden finden, antwortete Friedrich. In der -Entfernung hatte ich mir vorgesetzt, dir alles zu sagen, und nun du -zugegen bist, stammelt meine Zunge, und jedes Bekenntniß zittert zurück. -Ihre Gestalt und Holdseligkeit tönt wie auf einer Harfe ewig in meinem -Herzen, und jede säuselnde Luft weckt neue Klänge auf; ich liebe dich -und meine Freunde inniger als sonst, aber ohne Worte fühl' ich mich in -eurer Brust, und jezt wenigstens schiene mir jedes Wort ein Verrath. - -Träume nur deinen schönen Traum zu Ende, sagte Anton, berausche dich in -deinem Glück, du gehörst jezt nicht der Erde; nachher finden wir uns -wieder alle beisammen, denn irgend einmal muß der arme Mensch doch -erwachen und nüchtern werden. - -Nein, mein lieber zagender Freund, rief Friedrich plötzlich begeistert -aus, laß dich nicht von dieser anscheinenden Weisheit beschwatzen, denn -sie ist die Verzweiflung selbst! Kann die Liebe sterben, dies Gefühl, -das bis in die fernsten Tiefen meines Wesens blitzt, und die dunkelsten -Kammern und alle Wunderschätze meines Herzens beleuchtet? Nicht die -Schönheit meiner Geliebten ist es ja allein, die mich beglückt, nicht -ihre Holdseligkeit allein, sondern vorzüglich ihre Liebe; und diese -meine Liebe, die ihr entgegen geht, ist mein heiligster, unsterblichster -Wille, ja meine Seele selbst, die sich in diesem Gefühl losringt von der -verdunkelnden Materie; in dieser Liebe seh' ich und fühl' ich Glauben -und Unsterblichkeit, ja den Unnennbaren selbst inmitten meines Wesens -und alle Wunder seiner Offenbarung. Die Schönheit kann schwinden, sie -geht uns nur voran, wo wir sie wieder treffen, der Glaube bleibt uns. O, -mein Bruder, gestorben, wie man sagt, sind längst Isalde und Sygune, ja, -du lächelst über mich, denn sie haben wohl nie gelebt, aber das -Menschengeschlecht lebt fort, und jeder Frühling und jede Liebe zündet -von neuem das himmlische Feuer, und darum werden die heiligsten Thränen -in allen Zeiten dem Schönsten nachgesandt, das sich nur scheinbar uns -entzogen hat, und aus Kinderaugen, von Jungfraunlippen, aus Blumen und -Quellen uns immer wieder mit geheimnißvollem Erinnern anblitzt und -anlächelt, und darum sind auch jene Dichtergebilde belebt und -unsterblich. An dieser heiligen Stätte habe ich mich selbst gefunden, -und ich müßte mir selbst verloren gehn, ich müßte vernichtet werden -können, wenn diese Entzückung in irgend einer Zeit ersterben könnte. - -Seinem Freunde traten die Thränen in die Augen, weil ihn die Krankheit -weicher gemacht hatte, und er ohnedies schon reizbar war; er umarmte den -Begeisterten schweigend, als beide die Landstraße einen offenen Wagen -mit vier geschmückten hüpfenden Pferden herunter kommen sahn, von einem -mit Bändern und Federbüschen aufgeputzten Kutscher geführt: in -wunderlicher bunter Tracht folgte ein Reiter dem Wagen, und die -Sprechenden nebst den andern drei Freunden gingen vor das Thor des -Gasthofes hinaus, um das sonderbare Schauspiel näher in Augenschein zu -nehmen. Ists möglich? rief plötzlich Theodor aus, er selbst, Manfred ist -es! und eilte den brausenden Pferden entgegen. Diese standen, auf den -Ruf ihres Führers, er sprang vom Sitz, indem er die Leinen vorsichtig in -der Hand behielt, und umarmte Theodor und die übrigen Freunde nach der -Reihe. Er war freudig überrascht, auch Ernst zu finden, den er so wenig -wie Theodor hatte erwarten können. Ich komme, euch abzuholen; so steigt -nur gleich ein! rief er in zerstreuter Freude aus. - -Der Reiter war indeß abgestiegen und Anton erkannte ihn zuerst: Wie? der -verständige Wilibald läßt sich auch zu solchen bunten Mummereien -gebrauchen? rief er verwundert aus. - -Muß man nicht, erwiederte dieser, mit den Thörigten thörigt sein? Wir -wollten euch recht glänzend abholen, und euch zu Ehren seh ich fast so -wie der Lustigmacher bei herumziehenden Comödianten aus. - -Alle betrachteten und umarmten ihn, lachten, und stiegen dann ein, um in -einer Waldschenke einige Stunden vom Städtchen anzuhalten, und dann noch -bei guter Zeit die letzten Meilen bis zu Manfreds Wohnung zurück zu -legen. Manfred begab sich ernsthaft auf seinen Sitz, Wilibald auf sein -Pferd, und so rollten sie im Gallopp auf der Felsenstraße davon, indem -ihnen aus jedem Fenster der Stadt ein verwundertes oder lachendes -Angesicht nachblickte. - - * * * * * - -Ist es nicht ein reizender Aufenthalt? fragte Wilibald, indem er mit -Theodor in den Gängen des anmuthigen Gartens auf und nieder schritt. - -Manfred ist sehr glücklich, antwortete Theodor; aber wo ist unsre -Gesellschaft? - -Ernst und Lothar sind ausgeritten, erwiederte jener, um einen alten -Thurm und Mauerwerk in der Nähe zu betrachten, Friedrich und Manfred -haben sich eingeschlossen, und rathschlagen, so scheint es, über -Herzensangelegenheit, und Anton, dünkt mich, wandelte vor kurzem noch in -empfindsamen Gesprächen mit Rosalien, der jungen Frau, und Manfreds -Schwester, Augusten. Ich fürchte, das Ende vom Liede ist, daß wir uns -hier alle verlieben. - -Und warum nicht? sagte Theodor. Ich sehe wenigstens kein Unglück darin. -Im Gegentheil finde ich es natürlich und schicklich, daß in jeder -gemischten Gesellschaft, in welcher sich junge Männer und anmuthige -Frauen und reizende Mädchen befinden, kleine Romane gespielt werden, -dies eben erweckt den Witz und belebt und schafft den feinern Geist der -Unterhaltung; auch kleine Eifersucht kann nicht schaden und artige -Verläumdung, samt allen Künsten eines edlen Spiels und jener Laune, die -den Weibern angeboren scheint und wodurch sie die Männer so -unwiderstehlich fesseln. Dadurch können verlebte Tage von solchem -poetischen Glanz bestrahlt werden, daß wir das ganze Leben hindurch mit -Freuden an sie denken, da sie uns außerdem ziemlich trivial und -langweilig verflossen wären. - -Es kann aber mit Anton bei seiner Reizbarkeit Ernst werden, wandte -Wilibald schüchtern ein; nicht jeder hat die Geschicklichkeit, behutsam -genug mit der Flamme zu spielen. - -Dafür laß du ihn sorgen, sagte Theodor; oder sollte etwa schon die -Eifersucht aus dir sprechen, mein Theurer? O ja, warlich, deine -grämliche Miene und dein suchender umschauender Blick sagen mir nichts -geringeres. Nun, wer ist denn deine Schöne? Clara? oder die junge -anmuthige Gattin? oder Manfreds Schwester, Auguste? oder die -liebenswürdige Schwiegermutter, die ihr alle lieber Emilie nennt, und -die auch freundlich diesem Taufnamen entgegen horcht? oder liebst du sie -gar alle? - -Du bleibst ein Thor, fuhr Wilibald halb lachend auf, und ihr alle seid -so seltsame liebe und unausstehliche Menschen, daß man eben so wenig -ohne euch, als mit euch leben kann. In der Ferne sehn' ich mich nach -euch allen und bin ungemuth, und in der Nähe ärgre ich mich über alle -eure mannichfaltigen Thorheiten. - -Nun, fragte Theodor, was hast du denn Großes an uns auszusetzen? - -Du solltest mich nicht zu solchen Klageliedern auffordern, antwortete -Wilibald: daß ihr alle immer nur so sehr vernünftig und geistreich seid, -wo es nicht hin gehört, und niemals da, wo ihr Vernunft zeigen müßtet! -da ist der Manfred, der sich für einen Heros der Männlichkeit hält, -welcher meint, sich und seine Empfindungen so ganz in der Gewalt zu -haben, und sich heraus nimmt, jeden zu verachten, den irgend ein Kummer -quält, und der doch selbst ohne alle Veranlassung so unerträglich -melankolisch sein kann, daß er über die ganze Welt die Schultern zuckt, -weil sie eben schwach genug ist, nur zu existiren; so sitzt er in dieser -Stimmung Tagelang im Winkel und findet jeden Scherz geistlos und jedes -Gespräch albern, sein Blick und kümmerliches Gesicht schlagen aber auch -jede Freude und Heiterkeit aus seiner Gesellschaft zurück; er ist zu -träge, spazieren zu gehn, oder irgend etwas zu treiben: aber nun fällt -ihn die Laune an, nun soll jedermann lustig sein, nun findet er es -unbegreiflich, wenn irgend jemand nicht an seinen schwärmenden -Phantasien Theil nimmt, nun ist jeder ein Philister, der nicht zum -Zeitvertreib halb mit dem Kopf gegen die Felsen rennt, nun muß man mit -ihm durch Garten und Gebirge laufen, fallen und klettern; oder er zwingt -alles Musik zu machen und zu singen; oder, was das Schlimmste ist, er -liest vor, und verlangt, jedermann soll an irgend einer Schnurre, oder -einem alten vergessenen Buche denselben krampfhaften Antheil nehmen, zu -welchem er sich spornt. So geschah es gestern, als er plötzlich den -Philander von Sittewald herbei holte, ewig lange las, und sich -verwunderte, daß wir nicht alle mit demselben Heißhunger darüber -herfielen, wie er, der das Buch in Jahren vielleicht nicht angesehen -hat; und so bringt er wohl morgen den Fischart, oder Hans Sachs. Wobei -er sich auch nicht einreden läßt, sondern auf seine Lebenszeit hat er -sich verwöhnt, daß alle Menschen ihm nur eben als Werkzeuge dienen, an -welchen sich seine schnell wandelnde Laune offenbart. Nur ein solcher -Engel von Frau kann mit ihm fertig werden, und mit ihm glücklich sein. - -Fahre fort, sagte Theodor; und Friedrich, der sich mit ihm -eingeschlossen hat. - -O, ihr! -- sagte Wilibald, wärt ihr nur nicht sonst so gute Menschen, so -sollte euch ein Verständiger wohl so abschildern können, daß ihr -vielleicht in euch ginget, und ordentlicher und besser würdet. Dieser -Friedrich, der immer in irgend einen Himmel verzückt ist, und den Tag -für verloren hält, an welchem er nicht eine seiner verwirrten -Begeisterungen erlebt hat, wie könnte er sein Talent und seine -Kenntnisse brauchen, um etwas Edles hervor zu bringen, wenn er sich -nicht so unbedingt diesem schwelgenden Müssiggange ergäbe. Auch -erschrickt er alle Augenblicke selbst in seinem bösen Gewissen, wenn er -von diesem oder jenem thätigen Freunde hört, wenn er ihre Fortschritte -gewahr wird. Will man nun recht von Herzen mit ihm zanken, so wirft er -sich in seine vornehme hyperpoetische Stimmung, und beweist euch von -oben herab, daß ihr andern die Taugenichtse seid, er aber bleibt der -Weise und Thätige. Man soll seinem Freunde nichts Böses wünschen, aber -so wie er sich nun, weiß Gott wegen welches raren Geheimnisses mit dem -Manfred eingeschlossen hat, so wäre es mir doch vielleicht nicht ganz -unlieb, wenn dieser die Gelegenheit der Einsamkeit benutzte, um ihm auf -prosaische Weise etwas der überflüssigen Poesie auszuklopfen. - -Sacht! sacht! rief Theodor, woher diese Neronische Gesinnung? Ergieb -dich der Billigkeit, Freund, oder du sollst so mit albernen Späßen und -Wortspielen, welche dir verhaßt sind, gegeißelt werden, daß du den Werth -der Humanität einsehn lernst. Nun schau auf, geht drüben nicht unser -Anton einsam, sanft und stille, sein Gemüth und die schöne Natur -betrachtend? Wie unrecht haben wir ihm so eben gethan. - -Dieses mal, antwortete Wilibald, und wissen wir doch nicht, ob ihn die -Weiber nicht so eben verlassen haben, denen er mit seinem sanften, -lieben, zuvorkommenden Naturell stets nachschleicht, die ihm gern -entgegen kommen, weil sie ihm anfühlen, daß er auch das Schwächste und -Verwerflichste in ihnen ehrt und vertheidigt; denn nicht in ein -Individuum, sondern in das ganze Geschlecht ist er verliebt: macht er -hier nicht Claren, ihrer Mutter, der jungen Frau und Augusten emsig den -Hof? die übrigen lächeln ihn auch stets an, nur sollte er es doch -fühlen, daß er der letztern zur Last fällt und sie in Ruhe lassen. Alle -andere Menschen ändern sich doch von Zeit zu Zeit und legen ihre -Albernheiten ab, ihn aber kannst du nach Jahren wieder antreffen, und er -trägt dir noch dieselben Kindereien und Meinungen mit seiner ruhigen -Salbung entgegen, ja, wenn man ihn erinnert, daß er vor geraumer Zeit -die und jene Angewöhnung gehabt, oder jene Sinnesart geäußert, so dankt -er dir so herzlich, als wenn du ihm einen verlornen Schatz wieder -fändest, und sucht beides von neuem hervor, im Fall er es vergessen -haben sollte. - -Dann muß dir aber doch der wandelbare und empfängliche Lothar ganz nach -Wunsche sein, erwiederte Theodor. - -Noch weniger als Anton, fuhr Wilibald in seiner Kritik fort, denn eben -seine zu große Empfänglichkeit hindert ihn, sich und andre zu der Ruhe -kommen zu lassen, die durchaus unentbehrlich ist, wenn aus Bildung oder -Geselligkeit irgend etwas werden soll. Er kann weder in einer guten noch -schlechten Gesellschaft sein, daß ihn nicht die Lust anwandelt, Comödie -zu spielen, ^ex tempore^ oder nach memorirten Rollen; es scheint fast, -daß ihm in seiner eigenen Haut so unbehaglich ist, daß er lieber die -eines jeden andern Narren über zieht, um seiner selbst nur los zu -werden. Die heilige Stelle in der Welt, sein Tempel, ist das Theater, -und selbst jedes schlechte Subjekt, das nur einmal die Bretter -öffentlich betreten hat, ist ihm mit einer gewissen Glorie umgeben. -Gestern den ganzen Abend unterhielt er uns mit seiner ehemaligen -Bekehrungssucht und Proselytenmacherei, wie er jeden armen Sünder zum -Shakspear wenden und ihn von dessen Herrlichkeit hatte durchdringen -wollen; er erzählte so launig, wie und auf welchen Wegen er nach so -manchen komischen Verirrungen von dieser Schwachheit zurück gekommen -sei, und, siehe, noch in derselben Stunde nahm er den alten Landjunker -von drüben in die Beichte und suchte ihm das Verständniß für den Hamlet -aufzuschließen, der nur immer wieder darauf zurück kam, daß man beim -Aufführen die Todtengräber-Scene nicht auslassen dürfe, weil sie die -beste im ganzen Stücke sei. Mir scheint es eine wahre Krankheit, sich in -einen Autor, habe er Namen wie er wolle, so durchaus zu vertiefen, und -ich glaube, daß durch das zu starre Hinschauen das Auge am Ende eben so -geblendet werde, wie durch ein irres Herumfahren von einem Gegenstande -zum andern. Selbst bei Weibern, die Schmeicheleien von ihm erwarten, -bricht er in Lobpreisungen des Lear und Macbeth aus, und die -einfältigste kann ihm liebenswürdig und klug erscheinen, wenn sie nur -Geduld genug hat, ihm stundenlang zuzuhören. - -Gegen unsern Ernst kannst du wohl schwerlich dergleichen einwenden? -fragte Theodor. - -Er ist mir vielleicht der verdrießlichste von allen, fiel Wilibald ein; -er, der alles besser weiß, besser würde gemacht haben, der schon seit -Jahren gesehn hat, wohin alles kommen wird, der selten jemand -aussprechen läßt, ihn zu verstehn sich aber niemals die Mühe giebt, weil -er schon im voraus überzeugt ist, er müsse erst hinzufügen, was in der -fremden Meinung etwa Sinn haben könne. Er ist der thätigste und zugleich -der trägste aller Menschen: bald ist er auf dieser, bald auf jener -Reise, weil er alles mit eigenen Augen sehen will, alles will er lernen, -keine Bibliothek ist ihm vollständig genug, kein Ort so entfernt, von -dem er nicht Bücher verschriebe; bald ist es Geschichte, bald Poesie -oder Kunst, bald Physik, oder gar Mystik, was er studirt; er lächelt -nur, wenn andre sprechen, als wollt' er sagen: laßt mich nur gewähren, -laßt mich nur zur Rede kommen, so sollt ihr Wunder hören! Und wenn man -nun wartet, und Jahre lang wartet, ihn dann endlich auffordert, daß er -sein Licht leuchten lasse, so muß er wieder dieses Werk nachlesen, jene -Reise erst machen, so fehlt es gerade am Allernothwendigsten, und so -vertröstet er sich selbst und andre auf eine nimmer erscheinende -Zukunft. Die übrigen ärgern mich nur, er aber macht mich böse; denn das -ist das verdrüßlichste am Menschen, wenn er vor lauter Gründlichkeit -auch nicht einmal an die Oberfläche der Dinge gelangen kann: es ist die -Gründlichkeit der Danaiden, die auch immer hofften, der nächste Guß -würde nun der rechte und letzte sein, und nicht gewahr wurden, daß es -eben an Boden mangle. - -Wollt ihr mir nun nicht auch von mir »ein liebes kräftig Wörtchen -sagen?« neckte ihn Theodor. - -An dir, sagte Wilibald, ist auch das verloren, denn so wie du mit jeder -Feder eine andere Hand schreibst, klein, groß, ängstlich oder flüchtig, -so bist du auch nur der Anhang eines jeden, mit dem du lebst; seine -Leidenschaften, Liebhabereien, Kenntnisse, Zeitverderb, hast und treibst -du mit ihm, und nur dein Leichtsinn ist es, welcher alles, auch das -widersprechendste, in dir verbindet. Du bist hauptsächlich die Ursach, -daß wir, so oft wir noch beisammen gewesen sind, zu keinem zweckmäßigen -Leben haben kommen können, weil du dir nur in Unordnung und leerem -Hinträumen wohlgefällst. Heute sind wir einmal recht vergnügt gewesen! -pflegst du am Abend zu sagen, wenn du die übrigen verleitest hast, recht -viel dummes Zeug zu schwatzen; bei einer Albernheit geht dir das Herz -auf, -- doch ich verschwende nur meinen Athem, denn ich sehe du lachst -auch hierüber. - -Allerdings, rief Theodor im frohesten Muthe aus, o mein zorniger, -mißmuthiger Camerad! du Ordentlicher, Bedächtlicher, der die ganze Welt -nach seiner Taschenuhr stellen möchte, du, der in jede Gesellschaft eine -Stunde zu früh kommt, um ja nicht eine halbe Viertelstunde zu spät -anzulangen, du, der du wohl ins Theater gegangen bist, bevor die Casse -noch eröffnet war, der auch dann im ledigen Hause beim schönsten Wetter -sitzen bleibt, um sich nur den besten Platz auszusuchen, mit dem er -nachher im Verlauf des Stückes doch wieder unzufrieden wird. Ich habe es -ja erlebt, daß du zu einem Balle fuhrst, und mich und meine Gesellschaft -so über die Gebühr triebst, daß wir anlangten, als die Bedienten noch -den Tanzsaal ausstäubten und kein einziges Licht angezündet war. Diese -deine Ordnung willst du in jede Gesellschaft einführen, um nur alles -eine Stunde früher als gewöhnlich zu thun, und gäbe man dir selbst diese -Stunde nach, so würdest du wieder eine Stunde zuverlangen, so daß man, -um mit dir ordentlich zu leben, immer im Zirkel um die vier und zwanzig -Stunden des Tages mit Frühstück, Mittag- und Abendessen herum fahren -müßte. Weil gestern die Gesellschaft noch nicht versammelt war, als die -Suppe auf dem Tische stand, und jeder nach seiner Gelegenheit etwas -später kam, darüber bist du noch heut verstimmt, du Heimtückischer, -Nachtragender! noch mehr aber darüber, daß wir aus Scherz die geheime -Abrede trafen, dich durchaus von Augustens Seite wegzuschieben, zu der -du dich mit öffentlichem Geheimniß so geflissentlich drängst, und -meinst, wir alle haben keine Augen und Sinne, um deine feurigen Augen -und wohlgesetzten verliebten Redensarten wahrzunehmen. Sieh, Freund, man -kennt dich auch, und weiß auch deine empfindliche Seite zu treffen. - -Wilibald zwang sich zu lachen und ging empfindlich fort; indem sah man -Lothar und Ernst von der Straße des Berges, der über dem Garten und -Hause lag, herunter reiten. Der einsame Anton gesellte sich zu Theodor -und beide sprachen über Wilibald; es ist doch seltsam, sagte Anton, daß -die Furcht vor der Affektation bei einem Menschen so weit gehen kann, -daß er darüber in ein herbes widerspenstiges Wesen geräth, wie es unserm -Freunde ergeht; er argwöhnt allenthalben Affektation und -Unnatürlichkeit, er sieht sie allenthalben und will sie jedem Freunde -und Bekannten abgewöhnen, und damit man ihm nur nicht etwas -Unnatürliches zutraue, fällt er lieber oft in eine gewisse rauhe Manier, -die von der Liebenswürdigkeit ziemlich entfernt ist. - -So will er die Weiber auch immer männlich machen, sagte Theodor, ging' -es nach ihm, so müßten sie gerade alles das ablegen, was sie so -unbeschreiblich liebenswürdig macht. - -Eine eigne Rubrik, fügte Anton hinzu, hält er, welche er Kindereien -überschreibt, und in die er so ziemlich alles hinein trägt, was -Sehnsucht, Liebe, Schwärmerei, ja Religion genannt werden muß. Wie die -Welt wohl überhaupt aussähe, wenn sie nach seinem vernünftigen Plane -formirt wäre? - -Selbst Sonne und Mond, sagte Theodor, halten nicht einmal die gehörige -Ordnung, des Uebrigen zu geschweigen. Die Abweichung der Magnetnadel muß -nach ihm entweder Affektation oder Kinderei sein, und statt sich in den -Euripus zu stürzen, weil er die vielfache Ebbe und Fluth nicht begreifen -konnte, hätte er ruhig am Ufer gestanden, und bloß den Kopf ein wenig -geschüttelt und gemurmelt: läppisch! läppisch! - -Bis zum Abentheuerlichen unnatürlich sind die Cometen, versetzte Anton, -ja alle Existenz hat wohl nur wie ein umgekehrter Handschuh die unrechte -Seite herausgedreht, und ist dadurch existirend geworden. - -Zweifelt ihr daran, ihr armen Sünder? rief Wilibald aus dem nächsten -Laubengange heraus, in welchem er alles gehört hatte; könnt ihr euch -euren doppelten unbefriedigten Zustand anders erklären? Habt ihr dies -nicht schon oft im Ernst denken müssen, wenn ihr überhaupt darüber -gedacht habt, was ihr jezt als Spaß aussprecht? Und wenn die -Menschenseele sich selbst unvollendet und umgedreht empfindet, warum -soll denn alles übrige Geschaffene richtiger und besser sein? Ihr -hoffärtigen Erdenwürmer neigt euch in den Staub, und macht euch nicht -über Leute lustig, die, wenn es die Noth erfordert, auch wohl über -Milchstraßen und Trabanten und Sonnensysteme zu sprechen wissen. - -Ernst und Lothar traten hinzu und erzählten viel von der anmuthigen Lage -der merkwürdigen Ruine, und Ernst zürnte über den frevelnden Leichtsinn -der Zeit, der schon so viel Herrliches zerstört habe und es allenthalben -zu vernichten fortfahre. Wie tief, rief er aus, wird uns eine bessere -Nachwelt verachten, und über unsern anmaßlichen Kunstsinn und die fast -krankhafte Liebhaberei an Poesie und Wissenschaft lächeln, wenn sie -hört, daß wir Denkmale aus gemeinem, fast thierischem Nichtachten, oder -aus kläglichem Eigennutz abgetragen haben, die aus einer Heldenzeit zu -uns herüber gekommen sind, an der wir unsern erlahmten Sinn für -Vaterland und alles Große wieder aufrichten könnten. So braucht man -herrliche Gebäude zu Wollspinnereien und schlägt dürftige Kammern in die -Pracht alter Rittersäle hinein, als wenn es uns an Raum gebräche, um die -Armseligkeit unsers Zustandes nur recht in die Augen zu rücken, der in -Pallästen der Heroen seine traurige Thätigkeit ausspannt, und große -Kirchen in Scheuern und Rumpelkammern verwandelt. - -Ist ihnen doch die Vorzeit selbst nichts anders, sagte Lothar, und des -Vaterlandes rührende Geschichte, eben so haben sie sich in diese mit -ihren unersprießlichen Zwecken hinein geklemmt, und verwundern sich -lächelnd darüber, wie man ehemals nur das Bedürfniß solcher Größe haben -mochte. - -Jezt zeigte sich die übrige Gesellschaft. Manfred führte seine -Schwiegermutter, Friedrich, welcher verweinte Augen hatte, die schöne -Rosalie, Anton bot seinen Arm der freundlichen Clara, und Wilibald -gesellte sich zu Augusten, indem er dem lächelnden Theodor einen -triumphirenden Blick zuwarf. Man wandelte in den breiten Gängen, welche -oben gegen den eindringenden Sonnenstrahl gewölbt und dicht verflochten -waren, in heitern Gesprächen auf und nieder, und Lothar sagte nach -einiger Zeit: wir sprachen eben von den Ruinen altdeutscher Baukunst, -und bedauerten, daß viele Schlösser und Kirchen gänzlich verfallen, die -mit geringen Kosten als Denkmale unsern Nachkommen könnten erhalten -werden; aber indem ich den Schatten dieser Gänge genieße, erinnere ich -mich der seltsamen Verirrung, daß man jezt vorsätzlich auch viele Gärten -zerstört, die in dem sogenannten französischen Geschmack angelegt sind, -um eine unerfreuliche Verwirrung von Bäumen und Gesträuchen an die -Stelle zu setzen, die man nach dem Modeausdrucke Park benamt, und so -bloß einer todten Formel fröhnt, indem man sich im Wahn befindet, etwas -Schönes zu erschaffen. - -Du erinnerst mich, sagte Ernst, an die Eremitage bei Baireuth und -manchen andern Garten; wenn diese Einsiedelei auch manche aufgemauerte -Kindereien zeigt, so war sie doch in ihrer alten Gestalt höchst -erfreulich; ich verwunderte mich nicht wenig, sie vor einigen Jahren -ganz verwildert wieder zu finden. - -Es fehlt unsrer Zeit, sagte Friedrich, so sehr sie die Natur sucht, eben -der Sinn für Natur, denn nicht allein diese regelmäßigen Gärten, die dem -jetzigen Geschmacke zuwider sind, bekehrt man zum Romantischen, sondern -auch wahrhaft romantische Wildnisse werden verfolgt, und zur Regel und -Verfassung der neuen Gartenkunst erzogen. So war ehemals nur die große -wundervolle Heidelberger Ruine eine so grüne, frische, poetische und -wilde Einsamkeit, die so schön mit den verfallenen Thürmen, den großen -Höfen, und der herrlichen Natur umher in Harmonie stand, daß sie auf das -Gemüth eben so wie ein vollendetes Gedicht aus dem Mittelalter wirkte; -ich war so entzückt über diesen einzigen Fleck unsrer deutschen Erde, -daß das grünende Bild seit Jahren meiner Phantasie vorschwebte, aber vor -einiger Zeit fand ich auch hier eine Art von Park wieder, der zwar dem -Wandelnden manchen schönen Platz und manche schöne Aussicht gönnt, der -auf bequemen Pfaden zu Stellen führt, die man vormals nur mit Gefahr -erklettern konnte, der selbst erlaubt, Erfrischungen an anmuthigen -Räumen ruhig und sicher zu genießen; doch wiegen alle diese Vortheile -nicht die großartige und einzige Schönheit auf, die hier aus der besten -Absicht ist zerstört worden. - -Hier wurde das Gespräch unterbrochen, indem der Bediente meldete, daß -angerichtet sei. - - * * * * * - -Man ging durch die großen offenen Thüren des Speisesaales, der -unmittelbar an den Garten stieß, und aus dem man den gegenüber liegenden -Berg mit seinen vielfach grünenden Gebüschen und schönen Waldparthien -vor sich hatte; zunächst war ein runder Wiesenplan des Gartens, welchen -die lieblichsten Blumengruppen umdufteten, und als Krone des grünen -Platzes glänzte und rauschte in der Mitte ein Springbrunnen, der durch -sein liebliches Getön gleich sehr zum Schweigen wie zum Sprechen einlud. - -Alle setzten sich, Wilibald zwischen Auguste und Clara, neben dieser -ließ Anton sich nieder, und ihm zunächst Emilie, zwischen ihr und -Rosalien hatte Friedrich seinen Platz gefunden, an welche sich Lothar -schloß, und neben ihm saßen die übrigen Männer. Auf dem Tische prangten -Blumen in geschmackvollen Gefäßen und in zierlichen Körben frische -Kirschen. Wie kommt es, fing die ältere Emilie nach einer Pause an, daß -es bei jeder Tischgesellschaft im Anfang still zugeht? Man ist -nachdenkend und sieht vor sich nieder, auch erwartet Niemand ein -lebhaftes Gespräch, denn es scheint, daß die Suppe eine gewisse ernste, -ruhige Stimmung veranlaßt, die gewöhnlich sehr mit dem Beschluß der -Mahlzeit und dem Nachtische kontrastirt. - -Vieles erklärt der Hunger, sagte Wilibald, der sich meistentheils erst -durch die Nähe der Speisen meldet, besonders, wenn man später zu Tische -geht, als es festgesetzt war, denn Warten macht hungrig, dann durstig, -und wenn es zu lange spannt, erregt es wahre Uebelkeit, fast Ohnmacht. - -Sehr wahr, sagte Rosalie, und die Herren sollten das nur bedenken, die -uns Frauen fast immer warten lassen, wenn sie eine Jagd, einen -Spazierritt, oder ein sogenanntes Geschäft vorhaben. - -Lassen denn die Damen nicht eben so oft auf sich warten, erwiederte -Wilibald, und wohl länger, wenn sie mit ihrem Anzug nicht einig oder -fertig werden können? Da überdies die meisten niemals wissen, wie viel -es an der Uhr ist, ja daß es überhaupt eine Zeitabtheilung giebt. - -Recht! sagte Manfred; neulich wollten sie einen Besuch in der -Nachbarschaft machen, noch vorher eine Oper durchsingen, und ein wenig -spazieren gehn, um dabei zugleich das kranke Kind im Dorfe zu besuchen, -dann wollte man bei Zeiten wieder zu Hause sein und etwas früher essen -als gewöhnlich, weil wir den Nachmittag einmal recht genießen wollten; -als man aber, um doch anzufangen, nach der Uhr sah, fand sichs, daß es -gerade nur noch eine halbe Stunde bis zur gewöhnlichen Tischzeit war, -und die lieben Zeitlosen kaum noch Zeit sich umzukleiden hatten. - -Doch bitt' ich mich auszunehmen, sagte Rosalie, tadelst du mich doch -sonst immer, daß ich zu pünktlich, zu sehr nach der Stunde bin, sonst -würde es auch mit den Einrichtungen der Wirthschaft übel aussehn. - -Dich nehm' ich aus, sagte Manfred, und einer Hausfrau steht auch nichts -so liebenswürdig, als eine stille, unerschütterliche Ordnung: aber auch -nur die stille Ordnung, denn noch schlimmer als die Unordentlichen sind -die für die Ordnung Wüthenden, in deren Häusern nichts als Einrichtung, -Abrichten der Domestiken, Aufräumen und Staubabwischen zu finden ist; -eine solche Frau haben, wäre eben so wie unter der großen Kirchenuhr und -den Glocken wohnen, wo man nichts als den Perpendikel und das -fürchterliche Schlagen der Stunden hört: auch eine männlich ordentliche -und unternehmende Therese ist widerwärtig. Aber in aller liebenswürdigen -weiblichen Unordnung schweift meine theure Schwester Auguste etwas zu -sehr aus. - -Das weiß Gott! fuhr Wilibald etwas übereilt heraus; denn wenn ein -Spaziergang abgeredet ist, so muß man wohl anderthalb Stunden mit dem -Stock in der Hand unten stehn und warten, und dann hat die -liebenswürdige Dame entweder den Spaziergang ganz vergessen, und besinnt -sich erst darauf, wenn man einigemal hat erinnern lassen, oder sie kommt -auch wohl endlich, aber nun hat man nicht an Handschuh und Sonnenschirm -und Tuch gedacht; man geht zurück, man kramt, und fällt dabei nicht -selten wieder in eine Beschäftigung, die den Spaziergang von neuem mit -Schiffbruch bedroht. O Gott! und nach allen diesen Leiden soll unser -eins nachher noch liebenswürdig sein! - -Das ist ja eben die Liebenswürdigkeit, sagte Auguste, denn wenn euch -alles entgegen getragen, allen euren Launen geschmeichelt wird, wenn man -euch so schlicht hin für Herrscher erklärt, daß ihr dann zuweilen ein -wenig liebenswürdig seid, ist doch warlich kein Verdienst. - -Um wieder auf die Suppe zu kommen, die jezt genossen ist, sagte Lothar, -so rührt es wohl nicht so sehr von einem materiellen Bedürfniß her, daß -man bei ihr wenig spricht, sondern mich dünkt, jedes Mahl und Fest ist -einem Schauspiel, am besten einem Shakspearschen Lustspiel, zu -vergleichen, und hat seine Regeln und Nothwendigkeiten, die sich auch -unbewußt in den meisten Fällen aussprechen. - -Wie könnte es wohl einem verständigen Menschen etwas anders sein? -unterbrach ihn Wilibald mit Lachen; o wie oft ist doch unbewußt der -Lustspieldichter selbst ein erfreulicher Gegenstand für ein Lustspiel! - -Laß ihn sprechen, sagte Manfred, magst du doch die Mahlzeit nachher mit -einer Schlacht, oder gar mit der Weltgeschichte vergleichen; am Tisch -muß unbedingte Gedanken- und Eßfreiheit herrschen. - -Daß die abwechselnden Gerichte und Gänge, fuhr Lothar fort, sich mit -Akten und Scenen sehr gut vergleichen lassen, fällt in die Augen; eben -so ausgemacht ist es für den denkenden und höhern Esser (ich ignorire -jene gemeinere Naturen, die an allem zweifeln, und etwa in materieller -Dumpfheit meinen können, das Essen geschehe nur, um den Hunger zu -vertreiben), daß eine gewisse allgemeine Empfindung ausgesprochen werden -soll, der in der ganzen Composition der Tafel nichts widersprechen darf, -sei es von Seiten der Speisen, der Weine, oder der Gespräche, denn aus -allem soll sich eine romantische Composition entwickeln, die mich -unterhält, befriedigt und ergötzt, ohne meine Neugier und Theilnahme zu -heftig zu spannen, ohne mich zu täuschen, oder mir bittre -Rückerinnrungen zu lassen. Die epigrammatischen Gerichte zum Beispiel, -die manchmal zur Täuschung aufgetragen werden, sind gerade zu -abgeschmackt zu nennen. - -Im nördlichen Deutschland, sagte Ernst, sah ich einmal Zuckergebacknes -als Torf aufsetzen, und es gefiel den Gästen sehr. - -O ihr unkünstlich Speisenden! rief Lothar aus; warum laßt ihr euch den -Marzipan nicht lieber als die Physiognomien eurer Gegner backen, und -zerschneidet und verzehrt sie mit Wohlgefallen und Herzenswuth? dürften -die Rezensenten, oder sonst verhaßte Menschen, gleich so auf den Märkten -zum Verkauf ausgeboten werden? - -Von höchst abentheuerlichen Festen, sagte Clara, habe ich einmal im -Vasari gelesen, welche die Florentinischen Maler einander gaben, und die -mich nur würden geängstigt haben, denn diese trieben die Verkehrtheit -vielleicht auf das äußerste. Nicht bloß, daß sie Palläste und Tempel von -verschiedenen Speisen errichteten und verzehrten, sondern selbst die -Hölle mit ihren Gespenstern mußte ihrem poetischen Uebermuthe dienen, -und Kröten und Schlangen enthielten gut zubereitete Gerichte, und der -Nachtisch von Zucker bestand aus Schädeln und Todtengebeinen. - -Gern, sagte Manfred, hätt' ich an diesen bizarren, phantastischen Dingen -Theil genommen, ich habe jene Beschreibung nie ohne die größte Freude -lesen können. Warum sollte denn nicht Furcht, Abscheu, Angst, -Ueberraschung zur Abwechselung auch einmal in unser nächstes und -alltäglichstes Leben hinein gespielt werden? Alles, auch das Seltsamste -und Widersinnigste hat seine Zeit. - -Freilich mußt du so sprechen, sagte Lothar, der du auch die -Abentheuerlichkeiten des Höllen-Breughels liebst, und der du, wenn deine -Laune dich anstößt, allen Geschmack gänzlich läugnest und aus der Reihe -der Dinge ausstreichen willst. - -Wüßten wir doch nur, sagte Manfred, wo diese Sphinx sich aufhält, die -alle wollen gesehen haben, und von der doch Niemand Rechenschaft zu -geben weiß: bald glaubt man an das Gespenst, bald nicht, wie an die -Dulcinea des Don Quixote, und das ist wohl der Spaß an diesem -Tagegeiste, daß er zugleich ist und nicht ist. - -Seltsam, aber nicht selten, fiel Friedrich ein, ist die Erscheinung (die -deinen Unglauben fast bestätigen könnte), daß Menschen, die von Jugend -auf sich scheinbar mit dem Geiste des klassischen Alterthums genährt, -die immer das Ideal von Kunst im Munde führen, und unbillig selbst das -Schönste der Modernen verachten, sich doch plötzlich aus wunderlicher -Leidenschaft so in das Abgeschmackte und Verzerrte der neuern Welt -vergaffen können, daß ihr Zustand sehr nahe an Verrücktheit gränzt. - -Weil sie die neue Welt gar nicht kannten, antwortete Lothar, war ihre -Liebe zur alten auch keine freie und gebildete, sondern nur Aberglaube, -der die Form für den Geist nahm. Mir kam auch einmal ein scheinbar -gebildeter junger Mann vor, der, nachdem er lange nur den Sophokles und -Aeschylus angebetet hatte, ziemlich plötzlich und ohne scheinbaren -Uebergang als ächter Patriot unsern ungriechischen Kotzebue vergötterte. - -Ich bin deiner Meinung, so nahm Ernst das Wort: kein Mensch ist wohl -seiner Ueberzeugung oder seines Glaubens versichert, wenn er nicht die -gegenüber liegende Reihe von Gedanken und Empfindungen schon in sich -erlebt hat, darum ist es nie so schwer gewesen, als es beim ersten -Augenblick scheinen möchte, die ausgemachtesten Freigeister zu bekehren, -weil von irgend einer Seite ihres Wesens sich gewiß die -Glaubensfähigkeit erwecken läßt, die dann, einmal erregt, alle -Empfindungen mit sich reißt, und die ehemaligen Ansichten und Gedanken -zertrümmert. Eben so wenig aber steht der Fromme, der nicht mit allen -seinen Kräften schon die Regionen des Zweifels durchwandert hat, seine -Seele müßte dann etwa ganz Glaube und einfältiges Vertrauen sein, auf -einem festen Grunde. - -Vorzüglich, sagte Friedrich, sind es die Leidenschaften, die so oft im -Menschen das zerstören, was vorher als sein eigenthümlichstes Wesen -erscheinen konnte. Ich habe Wüstlinge gekannt, wahre Gottesläugner der -Liebe und freche Verhöhner alles Heiligen, die lange mit der stolzesten -Ueberzeugung ihr verächtliches Leben führten, und endlich, schon an der -Grenze des Alters, von einer höhern Leidenschaft, sogar zu unwürdigen -Wesen, wunderbar genug ergriffen wurden, so daß sie fromm, demüthig und -gläubig wurden, ihre verlorne Jugend beklagten, und endlich noch einigen -Schimmer der Liebe kennen lernten, deren Himmelsglanz sie in besseren -Tagen verspottet hatten. - -Könnte man nur immer, fügte Anton hinzu, jungen Menschen, welche in die -Welt treten, und sich nur leicht von den scheinbar Reichen und Freien -beherrschen und stimmen lassen, die Ueberzeugung mitgeben, wie arm und -welche gebundene Sklaven jene sind, die gern alle ihre falschen -Flitterschätze um ein Gefühl der Kindlichkeit, der Unschuld, oder gar -der Liebe hingeben möchten, wenn es sie so beglücken wollte, in ihren -dunkeln Kerker hinein zu leuchten. Wie oft ist der überhaupt in der Welt -der Beneidete, der sich selber mitleidswürdig dünkt, und weit mehr -Schlimmes geschieht aus falscher Schaam, als aus wirklich böser Neigung, -ein mißverstandner Trieb der Nachahmung und Verehrung verlockt viel -häufiger den Verirrten, als Neigung zum Laster. - -Wie aber das Böse nicht zu läugnen ist, sagte Ernst, eben so wenig in -den Künsten und Neigungen das Abgeschmackte, und man soll sich wohl vor -beiden gleich sehr hüten. Vielleicht, daß auch beides genauer zusammen -hängt, als man gewöhnlich glaubt. Wir sollen weder den moralischen noch -physischen Ekel in uns zu vernichten streben. - -Aber auch nicht zu krankhaft ausbilden, wandte Manfred ein. -- Ein -Weltumsegler unsers Innern wird auch wohl noch einmal die Rundung unsrer -Seele entdecken, und daß man nothwendig auf denselben Punkt der Ausfahrt -zurück kommen muß, wenn man sich gar zu weit davon entfernen will. - -Dies führt, sagte Theodor, indem er mit Wilibald anstieß, zur -liebenswürdigen Billigkeit und Humanität. - -Es führt, antwortete dieser, wie alles, was die letzte Spitze und den -wahrhaften Schwindel mit einem gewissen Witze sucht, zu gar nichts. -Theurer Lothar, laß uns wieder vernünftig sprechen, und führe deine -Vergleichung einer Mahlzeit und des Schauspiels noch etwas weiter. - -Um deiner Wißbegier genug zu thun, fuhr Lothar fort, erklär' ich also, -daß bei einem Schauspiele die Einleitung eine der wichtigsten Parthien -ist; sie kann hauptsächlich auf dreierlei Art geschehen. Entweder, daß -in ruhiger Erzählung die Lage der Dinge auf die einfachste und -natürlichste Weise auseinander gesetzt wird, so wie in »den Irrungen,« -oder daß uns der Dichter sogleich in Getümmel und Unruhe wirft, woraus -sich nach und nach die Klarheit und das Verständniß eröffnen, so wie im -»Romeo« und dem »Oldcastle,« die gar mit Schlägerei beginnen, oder auf -die dritte Weise, die uns zwar auch sogleich in die Mitte der Dinge -führt, aber mit ruhiger Besonnenheit, wie in »Was ihr wollt.« Es ist -keine Frage, daß die letztere Art beim Gastmahl die vorzüglichere sei, -und daß deshalb die zivilisirten Nationen, und Menschen, die nicht -bizarr leben und essen wollen, ihre Mahlzeit mit einer kräftigen, aber -milden, ruhig bedächtigen Suppe eröffnen. Wie nun alle Menschen Hang zum -Drama haben, und dunkel die Ahnung in ihnen schläft, daß alles Drama -sei, so hüten sie sich mit Recht, zu witzig, zu geistreich, oder auch -nur zu gesprächig zu sein, so lange die Suppe vor ihnen steht. - -Emilie lachte und winkte ihm Beifall, und Lothar fuhr also fort: so wie -sich in dem eben genannten Lustspiele nach der fast elegischen -Einleitung die anmuthigen Personen des Junkers Tobias, der Maria und der -Fieberwange als reizende Episode einführen, so genießt man zum Anbeginn -der Mahlzeit Sardellen, oder Kaviar, oder irgend etwas Reizendes, -welches noch nicht unmittelbar das Bedürfniß befriedigt, und so, um -nicht zu weitläufig zu werden, wechselt Befriedigung und Reiz in -angenehmen Schwingungen bis zum Nachtisch, der ganz launig, poetisch und -muthwillig ist, wie jenes Lustspiel sich nach seinem Beschluß mit dem -allerliebsten albernen, aber bedeutenden Gesang des liebenswürdigsten -Narren beschließt, wie »Viel Lärmen um nichts,« und »Wie es euch -gefällt« mit einem Tanze endigen, oder das »Wintermährchen« mit der -lebendigen Bildsäule. - -Ich sehe wohl, sagte Clara, man sollte das Essen eben so gut in Schulen -lernen, als die übrigen Wissenschaften. - -Gewiß, sagte Lothar, ziemt einem gebildeten Menschen nichts so wenig, -als ungeschickt zu essen, denn eben, weil die Nahrung ein Bedürfniß -unserer Natur ist, muß hiebei entweder die allerhöchste Simplizität -obwalten, oder Anstand und Frohsinn müssen eintreten und anmuthige -Heiterkeit verbreiten. - -Freilich, sagte Ernst, stört nichts so sehr, als eine schwankende -Mischung von Sparsamkeit und unerfreulicher Verschwendung, wie man wohl -mit vortrefflichem Wein zum Genuß geringer und schlecht zubereiteter -Speisen überschüttet wird, oder zu schmackhaften leckern Gerichten im -Angesicht trefflicher Geschirre elenden Wein hinunter würgen muß. Dieses -sind die wahren Tragikomödien, die jedes gesetzte Gemüth, das nach -Harmonie strebt, zu gewaltsam erschüttern. Ist das Gespräch solcher -Tafel zugleich lärmend und wild, so hat man noch lange nachher am Mißton -der Festlichkeit zu leiden, denn auch bei diesem Genuß muß die Schaam -unsichtbar regieren, und Unverschämtheit muß in edle Gesellschaft -niemals eintreten können. - -Dazu, sagte Anton, gehört das übermäßige Trinken aus Ambition, oder wenn -ein begeisterter Wirth im halben Rausch zudringend zum Trinken nöthigt, -indem er laut und lauter versichert, der Wein verdien' es, diese Flasche -koste so viel und jene noch mehr, es komme ihm aber unter guten Freunden -nicht darauf an, und er könne es wohl aushalten, wenn selbst noch mehr -darauf gehn sollte. Dergleichen Menschen rechnen im Hochmuth des Geldes -nicht nur her, was dieses Fest kostet und jeder einzelne Gast verzehrt, -sondern sie ruhen nicht, bis man den Preis jedes Tisches und Schrankes -erfahren hat. Wenn sie Kunstwerke oder Raritäten besitzen, sind sie gar -unerträglich, und ihr höchster Genuß besteht darin, wenn sie in aller -Freundschaftlichkeit ihren Gast können fühlen machen, daß es ihm, gegen -den Wirth gerechnet, eigentlich wohl an Gelde gebreche. - -Das führt darauf, fuhr Lothar fort, daß so wie in den Gefäßen und -Speisen Harmonie sein muß, diese auch durch die herrschenden Gespräche -nicht darf verletzt werden. Die einleitende Suppe werde, wie schon -gesagt, mit Stille, Sammlung und Aufmerksamkeit begleitet, nachher ist -wohl gelinde Politik erlaubt, und kleine Geschichtchen, oder leichte -philosophische Bemerkungen: ist eine Gesellschaft ihres Scherzes und -Witzes nicht sehr gewiß, so verschwende sie ihn ja nicht zu früh, denn -mit dem Confect und Obst und den feinen Weinen soll aller Ernst völlig -verschwinden, nun muß erlaubt sein, was noch vor einer Viertelstunde -unschicklich gewesen wäre; durch ein lauteres Lachen werden selbst die -Damen dreister, die Liebe erklärt sich unverholner, die Eifersucht zeigt -sich mit unverstecktern Ausfällen, jeder giebt mehr Blöße und scheut -sich nicht, dem treffenden Spott des Freundes sich hinzugeben, selbst -eine und die andre ärgerliche Geschichte witzig vorgetragen darf -umlaufen. Große Herren ließen ehemals mit dem Zucker ihre Narren und -Lustigmacher hereinkommen, um am Schluß des Mahls sich ganz als -Menschen, heiter froh und ausgelassen zu fühlen. - -Jezt, sagte Theodor, bringt man um die Zeit die kleinen Kinder herein, -wenn sie nicht schon alle in Reih' und Glied bei Tische selber gesessen -haben. - -Freilich, sagte Manfred, und das Gespräch erhebt sich zum Rührenden über -die hohen idealischen Tugenden der Kleinen und ihrer unnennbaren Liebe -zu den Eltern, und der Eltern hinwieder zu den Kindern. - -Und wenn es recht hoch hergeht, sagte Theodor, so werden Thränen -vergossen, als die letzte und kostbarste Flüssigkeit, die aufzubringen -ist, und so beschließt sich das Mahl mit den höchsten Erschütterungen -des Herzens. - -Nicht genug, fing Lothar wieder an, daß man diese Unarten vermeiden muß, -jede Tischunterhaltung sollte selbst ein Kunstwerk sein, das auf -gehörige Art das Mahl accompagnirte und im richtigen Generalbaß mit ihm -gesetzt wäre. Von jenen schrecklichen großen Gesellschaften spreche ich -gar nicht, die leider in unserm Vaterlande fast allgemeine Sitte -geworden sind, wo Bekannte und Unbekannte, Freunde und Feinde, -Geistreiche und Aberwitzige, junge Mädchen und alte Gevatterinnen an -einer langen Tafel nach dem Loose durch einander gesetzt werden; jene -Mahlzeiten, für welche die Wirthin schon seit acht Tagen sorgt und läuft -und von ihnen träumt, um alles mit großem Prunk und noch größerer -Geschmacklosigkeit einzurichten, um nur endlich, endlich der Fete los zu -werden, die man schon längst von ihr erwartet, weil sie wohl zwölf und -mehr ähnliche Gastmahle überstanden hat, zu der sie nun zum Ueberfluß -noch jeden einladet, dem sie irgend eine Artigkeit schuldig zu sein -glaubt, und gern noch ein Dutzend Durchreisende in ihrem Garne auffängt, -um ihrer Besuche nachher entübrigt zu bleiben; nein, ich rede nicht von -jenen Tafeln, an welchen Niemand spricht, oder Alle zugleich reden, an -welchen das Chaos herrscht, und kaum noch in seltnen Minuten sich ein -einzelner Privatspaß heraus wickeln kann, wo jedes Gespräch schon als -todte Frucht zur Welt kommt, oder im Augenblicke nachher sterben muß, -wie der Fisch auf dem trocknen Lande; ich meine nicht jene Gastgebote, -bei denen der Wirth sich auf die Folter begeben muß, um den guten Wirth -zu machen, zu Zeiten um den Tisch wandeln, selbst einschenken und -frostige Scherze in das Ohr albern lächelnder Damen niederlegen; kurz, -schweigen wir von dieser Barbarei unserer Zeit, von diesem Tode aller -Geselligkeit und Gastfreiheit, die neben so vielen andern barbarischen -Gewohnheiten auch ihre Stelle bei uns gefunden hat. - -Die krankhafte Karikatur von diesen Anstalten, fügte Wilibald hinzu, -sind die noch größern Theegesellschaften und kalten Abendmahlzeiten, wo -das Vergnügen erhöht wird, indem alles durch einander läuft, und wie in -der Sprachverwirrung die Bedienten, gerufen und ungerufen, mit allen -möglichen Erfrischungen balanzirend, dazwischen tanzen, jeder Geladene -durch alle Zimmer schweift, um zu suchen, er weiß nicht was, und ein -Ordnungsliebender gern am Ofen, oder an irgend einem Fenster Posto faßt, -um in der allgemeinen Flucht nur nicht umgelaufen, oder von der -völkerwandernden Unterhaltung erfaßt und mitgenommen zu werden. - -Dieses, sagte Manfred, ist der wahre hohe Styl unsers geselligen Lebens, -Michel Angelo's jüngstes Gericht gegen die Miniaturbilder alter -Gastlichkeit und traulicher Freundschaft, der Beschluß der Kunst, das -Endziel der Imagination, die Vollendung der Zeiten, von der alle -Propheten nur haben weissagen können. - -Vergessen wir nur nicht, unterbrach Ernst, die Festlichkeiten des -Mittelalters, wo nicht selten Tausende vom Adel als Gäste versammelt -waren; doch hatte jener freimüthige frohe Sinn nichts von der -Zerstreutheit unserer Zeit, und ihre glänzenden Waffenkämpfe, diese -Spiele, bei denen die Kraft mit der Gefahr scherzte, vereinigten alle -Gemüther zu einem herrlichen Mittelpunkte hin. Die Schätze der Welt sind -wohl noch niemals so öffentlich und in so schönem großen Sinne genossen -worden. - -Wie soll denn nun aber nach deiner Vorstellung ein Gastmahl endigen? -fragte Wilibald; was sollte denn wohl auf diesen lustigen Leichtsinn -folgen können, um würdig zu beschließen, oder wieder in das gewöhnliche -Leben einzulenken? - -Der orientalische Ernst des Caffee, antwortete Lothar, und nach diesem, -wie neulich schon ausgemacht wurde, vielleicht sogar die Pfeife. Da -befinden wir uns plötzlich wieder in der Mitte eines herabgestimmten -Lebens, und denken an unsere vorige Lust nur wie an einen Traum zurück. - -Sollte man so bewußtlos leben, essen und trinken, warf Clara ein, so -wäre es eben eine herzliche Last, sich mit dem Leben überall -einzulassen. - -Es kömmt wohl nur auf die Uebung an, sagte Theodor, haben doch -Elephanten gelernt auf dem Seile tanzen. Die meisten Menschen machen -sich außerdem ihr Leben noch viel beschwerlicher, und sie leben es doch -ab: o warlich, hätten sie nur etwas Leichtsinn in den Kauf bekommen, so -entschlössen sich viele, sich sterben zu lassen. - -Ich sage ja nur, antwortete Lothar, daß uns dunkel dergleichen -Vorstellung eines Drama vorschwebt, wie bei allen Dingen, in die wir uns -bestreben, Sinn und Zusammenhang hinein zu bringen. - -Da man sich schon dem Nachtische näherte, so ließ Manfred heißern Wein -geben und ermunterte seine Freunde zum Trinken. Du wolltest, dünkt mich, -noch über die Tischgespräche etwas sagen, so wandte er sich nach einiger -Zeit an Lothar. - -Ich wollte noch bemerken, antwortete dieser, daß nicht jedes Gespräch, -auch wenn es an sich gut ist, an die Tafel paßt, oder wenigstens nicht -in jede Gesellschaft. Beim stillen häuslichen Mahl darf unter wenigen -Freunden oder in der Familie mehr Ernst, selbst Unterricht und -Gründlichkeit herrschen, je mehr es sich aber dem Feste nähert, um so -mehr müssen Geist und Frohsinn an die Stelle treten. - -Frage nun, sagte Wilibald, ob wir auch die gehörigen Diskurse führen? -Bist du, dramatischer Lothar, in deinem Gewissen ganz beruhigt? - -Auch hiebei, erwiederte dieser, ist das gute Bestreben alles, was wir -geben können, auch hier muß jenes Glück unsichtbar hinzutreten und die -letzte Hand anlegen, um ein erfreuliches wahres Kunstwerk hervor zu -bringen. - -Während dieser Gespräche, sagte Manfred, ist mir eingefallen, daß ich -wohl unsre Schriftsteller und Dichter nach meinem Geschmack mit den -verschiedenartigen Gerichten vergleichen könnte. - -Zum Beispiel? fragte Auguste; das wäre eine Geschmackslehre, die mir -sehr willkommen sein würde, und wonach ich mir alles am besten merken -und eintheilen könnte. - -Ein andermal, sagte Manfred, wenn du für dergleichen ernsthafte Dinge -mehr gestimmt bist; jezt würdest du es wohl nur sehr frivol aufnehmen, -und ich bin doch überzeugt, daß diese Vergleichungen sich eben auch so -gründlich durchführen lassen, wie alle übrigen. - -Es war eine Zeit, sagte Emilie, in der es die Schriftsteller, die über -die Poesie schrieben, niedrig und gemein finden wollten, das Geschmack -zu nennen, was in Werken der Künste das Gute von dem Schlechten sondert. - -Das war eben in jener geschmacklosen Zeit, sagte Theodor. - -Wer noch nie über das Tiefe und Innige des Geschmacks, über seine -chemischen Zersetzungen und universellen Urtheile nachgedacht hat, -versetzte Ernst, der dürfte nur einiges über diesen Gegenstand in den -Schriften mancher Mystiker lesen, um zu erstaunen, und die Verächter -dieses Sinnes zu verachten. - -Er dürfte auch nur hungern, sagte Wilibald, und dann essen. - -Lieber noch dursten, sagte Anton, und dann trinken, indem er selber -bedächtig trank. - -Am kürzesten ist es gewiß, antwortete Friedrich, indeß wie selten werden -wir darauf geführt, das zu beobachten, und uns über dasjenige zu -unterrichten, was wir in uns Instinkt nennen, und doch ist der Philosoph -nur ein unvollkommener, der in diese Gegend seinen spähenden Geist noch -niemals ausgesendet hat. - -So ist es freilich mit allen Sinnen, fuhr Ernst fort, auch mit denen, -die schon dem Gedanken verwandter scheinen, wie das Ohr und das noch -hellere Auge. Wie wundersam, sich nur in eine Farbe als bloße Farbe -recht zu vertiefen? Wie kommt es denn, daß das helle ferne Blau des -Himmels unsre Sehnsucht erweckt, und des Abends Purpurroth uns rührt, -ein helles goldenes Gelb uns trösten und beruhigen kann, und woher nur -dieses unermüdete Entzücken am frischen Grün, an dem sich der Durst des -Auges nie satt trinken mag? - -Auf heiliger Stätte stehen wir hier, sagte Friedrich, hier will der -Traum in uns in noch süßeren, noch geheimnißvolleren Traum zerfließen, -um keine Erklärung, wohl aber ein Verständniß, ein Sein im Befreundeten -selbst hinein zu wachsen und zu erbilden: hier findet der Seher die -göttlichen ewigen Kräfte ihm begegnend, und der Unheilige läßt sich an -der nämlichen Schwelle zum Götzendienste verlocken. - -Die Kunst, sagte Manfred, hat diese Geheimnisse wohl unter ihren -vielfarbigen Mantel genommen, um sie den Menschen sittsam und in -fliehenden Augenblicken zu zeigen, dann hat sie sie über sich selbst -vergessen, und phantasirt seitdem so oft in allen Tönen und -Erinnerungen, um diese alten Töne und Erinnerungen wieder zu finden. -Daher die wilde Verzweiflung in der Lust mancher bacchantischen Dichter; -es reißen sich wohl Laute in schmerzhafter üppiger Freude, in der Angst -keine Scheu mehr achtend, aus dem Innersten hervor, und verrathen, was -der heiligere Wahnsinn verschweigt. So wollten wild schwärmende -Corybanten und Priesterinnen ein Unbekanntes in Raserei entdecken, und -alle Lust die über die Gränze schweift nippt von dem Kelch der Ambrosia, -um Angst und Wuth mit der Freude laut tobend zu verwirren. Auch der -Dichter wird noch einmal erscheinen, der dem Grausen und der wilden -Sehnsucht mehr die Zunge lößt. - -Schon glaub' ich die Mänade zu hören, sagte Ernst, nur Paukenton und -Cymbelnklang fehlt, um dreister die Worte tanzen zu lassen, und die -Gedanken in wilderer Geberde. - -Sein wir auch im Phantasiren mäßig, und auch im Aberwitz noch ein wenig -witzig, bemerkte Wilibald. - -Ja wohl, fügte Auguste hinzu, sonst könnte man vor dergleichen Reden -eben so angst, wie vor Gespenstergeschichten werden; das beste ist, daß -keiner sich leicht dergleichen wahrhaft zu Gemüth zieht, sonst möchten -sich vielleicht wunderliche Erscheinungen aufthun. - -Du sprichst wie eine Seherin, sagte Manfred, dieser Leichtsinn und diese -Trägheit erhält den Menschen und giebt ihm Kraft und Ausdauer zu allem -Guten, aber beide reißen ihn auch immerdar zurück von allem Guten und -Hohen, und weisen ihn wieder auf die niedrige Erde an. - -Es gemahnt mir, bemerkte Theodor unhöflich, wie die Hunde, die, wenn -auch noch so geschickt, nicht lange auf zwei Beinen dienen können, -sondern immer bald wieder zu ihrem Wohlbehagen als ordinäre Hunde zurück -fallen. - -Laßt uns also, erinnerte Wilibald, auch ohne Hunde zu sein, auf der Erde -bleiben, denn gewiß ist alles gut, was nicht anders sein kann. - -Wir sprachen ja von Künsten, fuhr Theodor fort, und ich erinnere mich -dabei nur mit Verdruß, daß ein Mensch, der seine Hunde ihre -mannichfaltigen Geschicklichkeiten öffentlich zeigen ließ, jeden seiner -Scholaren mit der größten Ernsthaftigkeit und Unschuld einen Künstler -nannte. - -O welch liebliches Licht, rief Rosalie aus, breitet sich jezt nach dem -sanften Regen über unsern Garten! So ist wohl dem zu Muthe, der aus -einem schweren Traum am heitern Morgen erwacht. - -Ich werde nie, sagte Ernst, den lieblichen Eindruck vergessen, den mir -dieser Garten mit seiner Umgebung machte, als ich ihn zuerst von der -Höhe jenes Berges entdeckte. Du hattest mir dort, in der Waldschenke, -mein Freund Manfred, nur im allgemeinen von dieser Gegend erzählt, und -ich stellte mir ziemlich unbestimmt eine Sammlung grüner Gebüsche vor, -die man so häufig jezt Garten nennt; wie erstaunte ich, als wir den -rauhen Berg nun erstiegen hatten, und unter mir die grünen Thäler mit -ihren blitzenden Bächen lagen, so wie die zusammenschlagenden Blätter -eines herrlichen alten Gedichtes, aus welchem uns schon einzelne -liebliche Verse entgegen äugeln, die uns auf das Ganze um so lüsterner -machen: nun entdeckt' ich in der grünenden Verwirrung das hellrothe Dach -deines Hauses und die reinlich glänzenden Wände, ich sah in den -viereckten Hof hinein, und daneben in den Garten, den gerade Bäumgänge -bildeten und verschlossene Lauben, die Wege so genau abgemessen, die -Springbrunnen schimmernd; alles dies schien mir eben so wie ein helles -Miniaturbild aus beschriebenen Pergamentblättern alter Vorzeit entgegen, -und befangen von poetischen Erinnerungen fuhr ich herunter, und stieg -noch mit diesen Empfindungen in deinem Hause ab, wo ich nun alles so -lieblich und reizend gefunden habe. Ich gestehe gern, ich liebe die -Gärten vor allen, die auch unsern Vorfahren so theuer waren, die nur -eine grünende geräumige Fortsetzung des Hauses sind, wo ich die geraden -Wände wieder antreffe, wo keine unvermuthete Beugung mich überrascht, wo -mein Auge sich schon im voraus unter den Baumstämmen ergeht, wo ich im -Freien die großen und breiden Blumenfelder finde, und vorzüglich die -lebendigen spielenden Wasserkünste, die mir ein unbeschreibliches -Wohlgefallen erregen. - -Mit derselben Empfindung, antwortete Manfred, betrat ich zuerst diese -Gegend, dieser Garten lockte mich sogleich freundlich an. Ich liebe es, -im Freien gesellschaftlich wandeln zu können, im ungestörten Gespräch, -die Blumen sehen mich an, die Bäume rauschen, oder ich höre halb auf das -Geschwätz der Brunnen hin; belästigt die Sonne, so empfangen uns die -dichtverflochtenen Buchengänge, in denen das Licht zum Smaragd -verwandelt wird, und wo die lieblichsten Nachtigallen flattern und -singen. - -Mit Entzücken, so redete Ernst weiter, muß ich an die schönen Gärten bei -Rom und in manchen Gegenden Italiens denken, und sie haben meine -Phantasie so eingenommen, daß ich oft des Nachts im Traum zwischen ihren -hohen Myrthen- und Lorbeergängen wandle, daß ich oftmals, wie die -unvermuthete Stimme eines lange abwesenden Freundes, das liebliche -Sprudeln ihrer Brunnen zu vernehmen wähne. Hat sich irgendwo ein edles -Gemüth so ganz wie in einem vielseitigen Gedicht ausgesprochen, so ist -es vor allen dasjenige, welches die Borghesische Villa angelegt und -ausgeführt hat. Was die Welt an Blumen und zarten Pflanzen, an hohen -schönen Bäumen besitzt, allen Reiz großer und freier Räume, wo uns -labend die Luft des heitern Himmels umgiebt, labyrinthische Baumgewinde, -wo sich Epheu um alte Stämme im Dunkel schlingt, und in der süßen -Heimlichkeit kleine Brunnen in perlenden Stralen klingend tropfen, und -Turteltauben girren: der anmuthigste Wald mit wilden Hirschen und Rehen, -Feld und Wiesen dazwischen, und Kunstgebilde an den bedeutendsten -Stellen, alles findet sich in diesem elysischen Garten, dessen Reize nie -veralten, und der jezt eben wieder wie eine Insel der Seligen vor meiner -Einbildung schwebt. - -Doch hab' ich in vielen Büchern gelesen, wandte Emilie ein, daß die -Gartenkunst der Italiäner noch in der Kindheit sei, und daß sie weit -hinter den Deutschen zurückstehen. - -In allen menschlichen Angelegenheiten, antwortete Ernst, herrscht die -Mode, aus der sich, wenn sie erst weit um sich gegriffen hat, leicht -Sektengeist erzeugt, welchen man oft genug als Fortschritt der Kunst -oder Menschheit unter dem Namen des Geistes der Zeit muß preisen hören, -und so gehören auch diese Aeußerungen und Glaubensmeinungen in das -System so mancher andern, gegen die ich mich fast unbedingt erklären -möchte. Wo sind denn in Deutschland die vortrefflichen Gärten im -sogenannten Englischen Geschmack, gegen die der gebildete Sinn nicht -sehr Vieles einzuwenden hätte? - -Sprechen sie weiter! rief Clara lebhaft; schon einige empfindsame -Reisende haben unsern muntern Garten als altfränkisch getadelt und -meiner Mutter auf vielfache Weise gerathen, einen krummen, und wenn man -den nächsten Hügel mit hinein zöge, auch auf- und absteigenden Park mit -allen möglichen Effekten, anzulegen, und meine gute Mutter hatte sich -schon vor einigen Jahren nicht abgeneigt gezeigt, so daß ich schon für -meine Blumenbeete und für die Wasserkünste, die selbst in der Stille der -Nacht fortlachen, gezittert habe. - -Wir dürfen nur, fuhr Ernst fort, auf das Bedürfniß zurück gehn, aus -welchem unsre Gärten entstanden sind, um auf dem kürzesten Wege -einzusehn, welche Anlagen im Allgemeinen die richtigeren sein mögen. Der -Landmann hat neben seiner einfachen Wohnung seinen Baumgarten, der ihm -vor seiner Thür Früchte und Küchengewächse liefert; gern läßt er das -Gras zwischen den Bäumen wachsen, sowohl, weil er es ebenfalls nutzen -kann, als auch weil es ihm Arbeit erspart, indem er es schont. Sehn wir -in dieser wilden grünen Anstalt noch irgend ein Fleckchen den -Gartenblumen besonders gewidmet und mit Liebe ausgespart, so hat diese -natürlichste Anlage, im Gebirge wie im flachen Lande, einen gewissen -Zauber, der uns still und rührend anspricht, ja in der Blüthenzeit kann -ein solcher Raum mit seinen dicht gedrängten Bäumen entzückend sein. -Diese sind unter den Gärten die wahren Idyllen, die kleinen -Naturgedichte, die eben deswegen gefallen, weil sie von aller Kunst -völlig ausgeschlossen sind. - -Ein Mühlbach, der an solchem Garten vorüberrinnt, sagte Clara, und -Lämmchen drinne hüpfend und blökend in der Frühlingszeit, und -krausbebuschte Berge dahinter, aus denen ein Holzschlag in den Gesang -der Waldvögel tönt, dies kann vorzüglich Abends, oder am frühsten Morgen -so himmlische Eindrücke von Ruhe, Einsamkeit und lieblicher Befangenheit -erregen, daß unser Gemüth in diesen Augenblicken sich nichts Höheres -wünschen kann. - -Die Gärten der alten Burgen und Schlösser waren auf ihren Höhen gewiß -nur beschränkt, sagte Ernst, der jagdliebende Ritter lebte im Walde, und -auf Reisen und Turnieren, oder in Fehden und Kriegen. Als die neueren -Palläste entstanden und die fürstliche Architektur, als mit dem milderen -Leben Kunst, Witz und heitere Geselligkeit in die Schlösser der Großen -und Reichen zogen, wandte sich die architektonische Regel ebenfalls in -die Gärten; in ihnen sollte dieselbe Reinlichkeit und Ordnung herrschen, -wie in den Säulengängen und Sälen der Palläste, sie sollten der -Geselligkeit den heitersten Raum gewähren, und so entstanden die -regelmäßigen, weiten und vielfachen Baumgänge, so wurde der -unordentliche Wuchs zu grünen Wänden erzogen, Hügel ordneten sich in -Terrassen und bequemen breiten Treppen, die Blumen standen in Reihen und -Beeten, und alles Wildscheinende, so wie alles, was an das Bedürfniß -erinnert, wurde sorgfältigst entfernt; auf großen runden oder viereckten -Plätzen suchte man gern die Frühlingssonne, die dichten Baumschatten -waren zu Bögen gegen die Hitze gewölbt, verflochtene Laubengänge waren -künstlich selbst mit unsichtbaren Käfigen umgeben, in denen Vögel aller -Art in scheinbarer Freiheit schwärmten, die Springbrunnen, die die -Stille unterbrachen und wie Naturmusik dazwischen redeten, und deren -geordnete Stralen und Ströme in vielfachen Linien aus Muscheln, -Seepferden und Statuen von Wassergöttern sich ebenfalls nach Regeln -erhoben, dienten als phantastischer Schmuck dem wohlberechneten Ganzen. -Der bunte grünende Raum war Fortsetzung der Säle und Zimmer, für viele -Gesellschaften geeignet, den mannichfaltigsten Sinnen zubereitet, dem -Geräusch und Prunk anpassend, und auch in der Einsamkeit ein lieblicher -Genuß; denn der Frohwandelnde, wie jener, der sich in stille Betrachtung -senkt, fand nichts, was ihn störte und irrte, sondern die lebendige -Natur umgab sie zauberisch in denselben Regeln, in denen der Mensch von -Verstand und Vernunft, und der innern unsichtbaren Mathematik seines -Wesens ewig umschlossen ist. - -Siehst du, liebe Mutter, sagte Clara, welche philosophische Miene unser -oft getadelte Garten anzunehmen weiß, wenn er nur seinen Sachwalter -findet? - -Alles, was ich sagen kann, fuhr Ernst fort, steht schon im Woldemar viel -besser und gründlicher, als Zurechtweisung eines einseitigen und -mißverstandenen Hanges zur Natur. - -Finden Sie denn aber wirklich alle Gärten dieser Art schön? fragte -Auguste. - -So wenig, antwortete Ernst, daß ich im Gegentheil viele gesehen habe, -die mir durch ihre vollendete Abgeschmacktheit eine Art von Grausen -erregt haben. Es giebt vielleicht in der ganzen Natur keine traurigere -Einsamkeit, als uns die erstorbene Formel dieser Gartenkunst in dem -barocken übertriebenen holländischen Geschmack darbietet, wo es den Reiz -ausmachen soll, die Bäume nicht als solche wieder zu erkennen, wo -Muscheln, Porzellan und glänzende Glaskugeln um fürchterlich verzerrte -Bildsäulen auf gefärbtem Sande leuchten, wo das springende Wasser selbst -seine liebliche Natur eingebüßt hat, und zum Possenreißer geworden ist, -und wo auch sogar der heiterste blaue Himmel nur wie ein ernstes -mißbilligendes Auge über dem vollendeten Unfug steht: Mond und Sterne -über diesen Fratzen leuchtend und schimmernd, sind furchtbar, wie die -lichten Gedanken im Geschwätz eines Verrückten. - -Vom Wasser, fiel Theodor ein, wird überhaupt oft ein kindischer -Mißbrauch gemacht; diese Vexirkünste, um uns plötzlich naß zu machen, -sind den abgeschmackten neumodischen Gespenstergeschichten mit -natürlichen Erklärungen zu vergleichen; der Verdruß ist viel größer als -der Schreck. - -Da man nun so häufig, sprach Ernst weiter, diese Gespenster von Gärten -sah, so erwachte zu derselben Zeit, als man in allen Künsten die -Natürlichkeit forderte, auch in der Gartenkunst bei unsern Landsleuten -ein gewisser Sinn für Natur. Wir hörten von den englischen Parks, von -denen viele in der That in hoher Schönheit prangen, sehr viele aber auch -die Wohnung trüber Melankolie sind, und so fing man denn in Deutschland -ebenfalls an, mit Bäumen, Stauden und Felsen auf mannigfache Weise zu -malen, lebendige Wasser und Wasserfälle mußten die springenden Brunnen -verdrängen, so wie alle geraden Linien nebst allem Anschein von Kunst -verschwanden, um der Natur und ihren Wirkungen auf unser Gemüth Raum zu -gewähren. Weil man sich nun hier in einem unbeschränkten Felde bewegte, -eigentlich keine Vorbilder zur Nachahmung hatte, und der Sinn, der auf -diese Weise malen und zusammen setzen soll, vom feinsten Geschmack, vom -zartesten Gefühl für das Romantische der Natur geleitet werden muß, ja, -weil jede Lage, jede Umgebung einen eigenthümlichen Garten dieser Art -erfordert, und jeder also nur einmal existiren kann, so konnte es nicht -fehlen, daß man, von jenem ächten Natursinn verlassen, in Verwirrung -gerieth, und bald Gärten entstanden, die nicht weniger widerlich, als -jene holländischen waren. Bald genügten die Effekte der Natur und der -sinnigen Bäume und Pflanzen nicht mehr, dem bizarren Streben waren diese -Wirkungen zu gelinde, man baute Felsenmassen, Labyrinthe, hängende -Brücken, chinesische Thürmchen auf steilen Abhängen, gothische Burgen, -Ruinen aller Art, und so waren diese verworrenen Räume am Ende mehr auf -ein unangenehmes Erschrecken, oder unbehagliche Aengstlichkeit, als für -einen stillen Genuß eingerichtet. - -Und dabei doch alles kleinlich, fiel Manfred ein, nicht phantastisch, -sondern nur arm sind diese Tempel der Nacht und der Sonne, mit ihren -bunten affektirten Lichtern, und kommen nicht einmal unsern -gewöhnlichsten Theater-Effekten gleich. - -Für das Erschrecken reizbarer oder träumerischer Menschen ist oft -hinlänglich gesorgt, sagte Anton, wenn unvermuthet ein Bergmann aus -einem Schacht neben dem Wege heraus zu steigen scheint, oder im einsamen -Dickicht eine andre widrige Puppe als Eremit vor einem Crucifixe kniet. -Selbst Schädel und Beingerippe müssen dem Wandelnden zum Ergötzen -dienen. - -Ohne weiteren Schreck, sagte Wilibald, erregen schon die krummen, ewig -sich verwickelnden Wege Angst genug. Man sieht Menschen in der Ferne und -vermuthet einen Freund unter diesen; aber wie in aller Welt soll man es -anstellen, sich ihnen zu nähern? Man nimmt die Richtung nach jenem -Punkt, allein der Weg läßt sich nicht so gehn, wie du möchtest, bald -bist du hinter deinem vorigen Standpunkte zurück, und so ist es auch -wahrscheinlich jenem drüben ergangen; tagelang rennt man sich aus dem -Wege, wenn man sich nicht in einer albernen Moschee, oder otahitischen -Hütte, in die man gegen den Regen unterduckt, ganz unvermuthet findet. - -Eben so wenig, fuhr Theodor fort, kannst du aber dem ausweichen, dem du -nicht begegnen willst, und das ist oft noch schlimmer. Nichts -alberneres, als zwei Menschen, die sich nicht leiden mögen, und die sich -plötzlich in gezwungener Einsamkeit in einer dunkeln Grotte eng neben -einander befinden, da brummt man was von schöner Natur und rennt aus -einander, als müßte man die nächste Schönheit noch eilig ertappen, die -sich sonst vielleicht auf flüchtigen Füßen davon machen möchte; und, -siehe da, indem du dich bald nachher eine enge Felsentreppe hinauf -quälst, kommt dir wieder die fatale Personage von oben herunter entgegen -gestiegen, man muß sich sogar beim Vorbeidrängen körperlich berühren, -eine nothgedrungene Freundlichkeit anlegen, und der lieben Humanität -wegen recht entzückt sein über das herrlich romantische Wesen, um nur -der leidigen Versuchung auszuweichen, jenen in den zauber- aber nicht -wasserreichen Wasserfall hinab zu stoßen. Die Entdeckung und Anpflanzung -der lombardischen Pappel, die weder Gestalt noch Farbe hat, ist den -Verfertigern der schönen Natur sehr zu statten gekommen, ihrem Wirrwarr -recht eilig auf die Beine helfen zu können. Das Zeug wächst fast -zusehends, und nun haben unsre guten alten einheimischen Bäume das -Nachsehn. Diese Pappeln sind mir in geraden und krummen Gängen gleich -widerwärtig. Wie schön sind unsre alten Linden, die vormals so manche -Landstraße zierten, wie erfreulich die ehrwürdigen Nußbäume der -Bergstraße, und wie melankolisch sind die Pappelgassen, die sich um -Carlsruh nach allen Seiten in das Land so finster hinaus strecken. - -In gebirgigen Gegenden, sagte Friedrich, scheint mir ein Garten, wie -dieser hier, nicht nur der angemessenste, sondern auch ohne Frage der -schönste, denn nur in diesem kann man sich von den erhabenen Reizen und -großen Eindrücken erholen, die die mächtigen Berge beim Durchwandeln in -uns erregen. Jedes Bestreben, hier etwas Romantisches erschaffen, und -Baum und Waldgegenden malen zu wollen, würde jenen Wäldern und -Felsenschluften, den wundersamen Thälern, der majestätischen Einsamkeit -gegenüber nur albern erscheinen. So aber liegt dieser Garten in stiller -Demuth zu den Füßen jener Riesen, mit ihren Wäldern und Wasserbächen, -und spielt mit seinen Blumen, Laubengängen und Brunnen wie ein Kind in -einfältigen Phantasien. Dagegen ist mir in einer der traurigsten -Gegenden Deutschlands ein Garten bekannt, der allen romantischen Zauber -auf die sinnigste Weise in sich vereinigt, weil er, nicht um Effekt zu -machen, sondern um die innerlichen Bildungen eines schönen Gemüthes in -Pflanzen und Bäumen äußerlich zu erschaffen vollendet wurde; in jener -Gegend, wo der edle Herausgeber der Arethusa nach alter Weise im Kreise -seiner liebenswürdigen Familie lebt; dieser grüne, herrliche Raum -schmückt wahrhaft die dortige Erde, von ihm umfangen, vergißt man das -unfreundliche Land, und wähnt in lieblichen Thälern und göttergeweihten -Hainen des Alterthums zu wandeln; in jedem Freunde der Natur, der diese -lieblichen Schatten besucht, müssen sich dieselben heitern Gefühle -erregen, mit denen der sinnvolle Pflanzer die anmuthigste Landschaft -hier mit dem Schmuck der schönsten Bäume dichtete, die auf sanften -Hügeln und in stillen Gründen mannichfaltig wechselt, und durch rührende -Reize den Sinn des Gebildeten beruhigt und befriedigt. Denn ein wahres -und vollkommenes Gedicht muß ein solcher Garten sein, ein schönes -Individuum, das aus dem eigensten Gemüthe entsprungen ist, sonst wird -ihm der Vorwurf jener oben gerügten Verwirrung und Unerfreulichkeit -gewiß nicht entstehn können. - -Die Damen machten schon Miene sich zu erheben, als Manfred rief: nur -noch diese Flasche, meine Freunde, des lieblichen Constanzerweins, jedem -ein volles Glas, und mit ihm trinke jeder eine Gesundheit recht von -Herzen! - -Ernst erhub das flüssige Gold, und sagte nicht ohne Feierlichkeit: -Wohlauf, er lebe, der Vater und Befreier unsrer Kunst, der edle deutsche -Mann, unser Göthe, auf den wir stolz sein dürfen, und um den uns andre -Nationen beneiden werden! - -Alle stießen an, und als Theodor an ein neuliches Gespräch erinnern -wollte, rief Manfred: nein, Freunde, keine Kritiken jezt, alle Freude -unsrer Jugend, alles was wir ihm zu danken haben, vereinigen wir in -unserer Erinnrung in diesem Augenblick! - -Wilibald sagte: du hast Recht, der Moment begeisterter Liebe kann nur -Liebe sein, und darum laßt uns Schillers Andenken mit seinem Namen -vereinigen, dessen ernster groß strebender Sinn wohl noch länger unter -uns hätte verweilen sollen. - -Ich trinke dieses Glas, sprach Anton bewegt, dem edelsten und -freundlichsten Gemüth, dem liebenswürdigsten Greise, dem es wohl gehn -solle, dem Weisen, der nie Sektirer war, dem kindlichen Jacobi, den uns -ein sanftes Schicksal noch viele Jahre gönnen möge! - -Wir endigen unser Mahl feierlich, sagte Emilie, man kann sich der -Rührung nicht erwehren, auf diese Weise an geliebte Abwesende zu denken. - -Ergeben wir uns, rief Manfred lebhaft aus, dieser schönen Bewegung, und -darum stoßt an, und feiert hoch das Andenken unsers phantasievollen, -witzigen, ja wahrhaft begeisterten Jean Paul! Nicht sollst du ihn -vergessen, du deutsche Jugend. Gedankt sei ihm für seine Irrgärten und -wundervollen Ersinnungen: möchte er in diesem Augenblick freundlich an -uns denken, wie wir uns mit Rührung der Zeit erinnern, als er gern und -mit schöner Herzlichkeit an unserm Kreise Theil nahm! - -Nie sei vergessen, rief Theodor mit einem Ernst, der an ihm nicht -gewöhnlich war, das brüderliche Gestirn deutscher Männer, unser -Friedrich und Wilhelm Schlegel, die so viel Schönes befördert und -geweckt haben: des einen Tiefsinn und Ernst, des andern Kunst und Liebe -sei von dankbaren Deutschen durch alle Zeiten gefeiert! - -So sei es denn erlaubt, sprach Lothar, einen Genius zu nennen, der schon -lange von uns geschieden ist, der aber uns wohl umschweben mag, wenn -alle Herzen mit innerlichster Sehnsucht und Verehrung ihn zu sich rufen: -der große Britte, der ächte Mensch, der Erhabene, der immer Kind blieb, -der einzige Shakspear sei von uns und unsern Nachkommen durch alle -Zeitalter gepriesen, geliebt und verehrt! - -Alle waren in stürmischer Bewegung und Friedrich stand auf und sagte: -ja, meine Geliebten, wie wir hier nur beisammen sind in Freundschaft und -Liebe und dadurch eins, so umgiebt uns auch aus der Ferne das Angedenken -edler Freunde, und ihre Herzen sind vielleicht eben jezt hieher -gewendet; aber auch den Abgeschiedenen zieht unser Glaube andächtig zu -unsern Mahlen, Freuden und Scherzen, mit Sehnsucht, Liebe und -Freudenthränen herbei, und so beschließt sich am würdigsten ein heitrer -Genuß; der Tod ist keine Trennung, sein Antlitz ist nicht furchtbar: -opfert diese letzten Tropfen dem vielgeliebten Novalis, dem Verkündiger -der Religion, der Liebe und Unschuld, er ein ahndungsvolles Morgenroth -besserer Zukunft. - -Rosalie stieß stillschweigend und gerührt mit an: ihm sollen die Frauen -danken, sprach sie leise und bewegt. Alle erhuben sich, die Freunde -umarmten sich stürmisch und jedem standen Thränen in den Augen. Man ging -schweigend in den Garten. - - * * * * * - -Die Gesellschaft saß um den größten Springbrunnen, der in der Mitte des -Gartens spielte, horchte auf das liebliche Getön und fühlte in dieser -Pause kein Bedürfniß, das Gespräch fort zu setzen; endlich sagte Clara: -von allen Naturerscheinungen kommt mir das Wasser als die wunderbarste -vor, denn es ist nicht anders, wenn man recht darauf sieht und hört, als -wohne in ihm ein uns befreundetes Wesen, das uns versteht und sich uns -mittheilen möchte, so klar und lockend schaut es uns an; es lacht mit -uns, wenn wir fröhlich sind, es klagt und schluchzt, wenn wir trauern, -es schwatzt und plaudert kindisch und thöricht, wenn wir uns zum -Schwatzen aufgelegt fühlen, kurz, es macht alles mit; auch tönt ein -rauschender Bach in der Einsamkeit der Gebirge wohl wie ein Orakel, von -dem wir die prophetischen, tiefsinnigen Worte gern verstehn lernen -möchten. Warlich, kein Glaube ist dem Menschen so natürlich, als der an -Nixen und Wassernymphen, und ich glaube auch, daß wir ihn nie ganz -abgelegen. - -Anton, der neben ihr saß, sah sie mit einem freundlichen, fast -begeisterten Blicke an, weil dieses Wort die theuerste Gegend seines -heimlichen Aberglaubens liebkosend besuchte; er wollte ihr etwas -erwiedern, als Ernst das Wort nahm und sich so vernehmen ließ: nicht so -willkührlich, wie es auf den ersten Anblick scheinen möchte, haben die -ältesten Philosophen, so wie neuere Mystiker, dem Wasser schaffende -Kräfte und ein geheimnißvolles Wesen zuschreiben wollen, denn ich kenne -nichts, was unsre Seele so ganz unmittelbar mit sich nimmt, als der -Anblick eines großen Stromes, oder gar des Meeres; ich weiß nichts, was -unsern Geist und unser Bewußtsein so in sich reißt und verschlingt, wie -das Schauspiel vom Sturz des Wassers, wie des Teverone zu Tivoli, oder -der Anblick des Rheinfalls. Darum ermüdet und sättigt dieser wundervolle -Genuß auch nicht, denn wir sind uns, möchte ich sagen, selbst verloren -gegangen, unsre Seele mit allen ihren Kräften braust mit den großen -Wogen eben so unermüdlich den Abgrund hinunter: das ist es auch, daß wir -vergeblich nach Worten suchen, mit Vorstellungen ringen, um aus unsrer -Brust die erhabene Erscheinung wieder auszutönen, um in Ausdrücken der -Sprache die gewaltige Leidenschaft, den furchtbaren Zorn, den Trieb zur -Vernichtung, das heftige Toben im Schluchzen und Weinen, das harte -gellende Lachen in der tiefsinnigen Klage, vermischt mit uralten -Erinnerungen, verwirrt mit den Ahndungen seltsamer Zukunft zu bilden und -auszumalen, und keiner Anstrengung kann dieses Bestreben auch jemals -gelingen. - -Da die Sprache schon so unzulänglich ist, sagte Lothar, so sollten es -sich die Künstler doch endlich abgewöhnen, Wasserfälle malen zu wollen, -denn ohne ihr sinnvolles, in tausendfachen Melodien abwechselndes -Rauschen sehn auch die bessern in ihrer Stummheit nur albern aus. -Dergleichen Erscheinungen, die keinen Moment des Stillstandes haben und -nur in ewigem Wechsel existiren, lassen sich niemals auf der Leinwand -darstellen. - -Darum, fuhr Friedrich fort, sind Teiche, Bäche, Quellen, sanfte blaue -Ströme, für den Landschafter so vortreffliche Gegenstände, und dienen -ihm vorzüglich, jene sanfte Rührung und Sehnsucht hervor zu bringen, die -wir so oft beim Anblick des ruhigen Wassers empfinden. - -Die Menge der lebendigen rauschenden Brunnen, sagte Ernst, gehört zu den -Wundern Roms, und sie tragen mit dazu bei, den Aufenthalt in dieser -Stadt so lieblich zu machen. Entzückt uns in freier Landschaft oder in -den Gärten das Spiel des Wassers, so ergreift uns neben Pallästen und -Kirchen, im Geräusch der Straßen und Märkte, dieses tönende Rauschen und -Sprudeln noch seltsamer. Ich kann nicht sagen, wie in der stillen Nacht -der Abreise mich diese Brunnen rührten, denn mir dünkte, daß sie alle -Abschied von mir nähmen, mir ein Lebewohl nachriefen, und mich an alle -Herrlichkeiten dieser Hauptstadt der Welt so wehmüthig erinnerten; ich -begriff in dieser Stunde nicht, wie ich mich vorher oft so innig nach -Deutschland hatte sehnen können, denn schon bevor ich aus dem Thor -gefahren war, sehnte ich mich herzlich nach Rom zurück, wie viel mehr -nicht seitdem! - -So ist der Mensch, fiel Theodor ein, nichts als Inkonsequenz und -Widerspruch! So hat Lothar uns heut weitläuftig auseinandergesetzt, mit -welcher Heiterkeit und mit welchem ausgelassenen Witze sich ein Mahl -beschließen müsse, und wir endigten es höchst unbedacht mit Rührung, was -ganz gegen die Abrede war. - -Doch nicht minder gut, sagte Ernst, denn wir waren auch in dieser -Bewegung fröhlich. Ich verstehe überhaupt die Freude der meisten -Menschen nicht. Scheint es doch, als müßten sie alle Erinnerungen des -wahren Lebens von sich entfernt halten, um nur in blinder Zerstreutheit -auf kümmerliche Weise sich das anzueignen, was sie Ergötzung und -Fröhlichkeit nennen. Die Fülle des Lebens, ein gesundes kräftiges Gefühl -des Daseins bedarf selbst einer gewissen Trauer, um die Lust desto -inniger zu empfinden, so wie diese Gesundheit die Tragödie erfunden hat, -und auch nur genießen kann. Je schwächer der Mensch, je lebensmüder er -wird, um so mehr hat er nur noch Freude am Lachen, und an dem -kleinlichen Lustspiel neuerer Zeit. Geh dem aus dem Wege, der nur noch -lachen mag und kann, denn mit dem Ernst und der edlen Trauer ist auch -aller Inhalt seines Lebens entschwunden; er ist bös, wenn er etwas mehr -als Thor sein kann. Je höher wir unser Dasein in Lust und Liebe -empfinden, je lauter wir in uns aufjauchzen in jenen seltenen Minuten, -die uns nur sparsam ein geizendes Schicksal gönnt, um so freigebiger und -reicher sollen wir uns auch in diesen Sekunden fühlen; warum also in -diesen schönsten Lebensmomenten unsre ehemaligen Freunde und ihre Liebe -von uns weisen? Hat der Tod sie denn zu unsern Feinden gemacht? Oder ist -ihr Zustand nach unsrer Meinung so durchaus bejammernswerth, daß ihr -Bild unsre Lust zerstören muß? In jenen seligen Stimmungen möchte ich -ausrufen: laßt sie zu uns, in unsre Arme, in unsre Herzen kommen, daß -unser Reichthum noch reicher werde! Könnt ihr euch aber mit dem Glauben -vertragen, daß sie vielleicht hülflos, auf lange in Wüsten hinaus -gestoßen sind, o so laßt ihnen einige Tropfen von der Ueberfülle eurer -Lust zufließen! Aber nein, du theurer geliebter Abgeschiedener, in -diesen Empfindungen fühl' ich mich zu dir in den Zustand deiner Ruhe und -Freude hinüber, und du bist mehr der meine, als nur je in diesem -irdischen Leben, denn neben meiner ganzen Liebe gehört dir nun auch mein -höchster Schmerz um dich, jener namenlose, unbegreifliche, jenes -angstvollste Ringen mit dem fürchterlichsten Zweifel, als ob ich dich -auf ewig verloren hätte; da hat meine Liebe erst alle ihre Kräfte -aufrufen und erkennen müssen, da hab' ich dich erst im Triumph dem Tode -abgewonnen, um dich nie mehr zu verlieren, und seitdem bist du ohne -Wandel, ohne Krankheit, ohne Mißverständniß mein, und lächelst jedes -Lächeln mit, und schwimmst in jeder Thräne: wo kann ich dich besser -herbergen, als in diesem Herzen, wenn es der Freude geöffnet ist? Mit -diesem Gaste sprech' ich nicht mehr zu ihr: was willst du? oder: du bist -toll! denn sie ist durch deine holde Gegenwart edler, milder und -menschlicher. - -Clara weinte, und Anton überließ sich seiner Wehmuth. Höre auf, rief -dieser, ich fühle diese Wahrheit trotz ihrer Freundlichkeit zu -schmerzlich, eben weil sie so ganz das Wesen meines Lebens ist. - -Was ist es nur, fing Clara nach einiger Zeit wieder an, das uns in der -Heiligkeit des Schmerzes oft wie im Triumph hoch, hoch hinauf hebt, und -das uns, möcht' ich doch fast sagen, mit der Angst eines Jubilirens -befällt, eines tiefen Mitleidens, einer so innigen Liebe, eines solchen -Gefühls, das wir nicht nennen können, sondern daß wir nur gleich in -Thränen untergehn und sterben möchten? So ist es mir oft gewesen, wenn -ich im Plutarch von den großen Menschen las, wie sie unglücklich sind, -und wie sie ihre Leiden und den Tod erdulden, oder wie Timoleon sein -Glück und Schicksal trägt. Das Leben möchte brechen vor Lust und -Schmerz, und wenn dann ein Fremder fragt: was fehlt dir? so möchte man -antworten: »o ich habe eine Welt zu viel! Warum kann ich in Demuth als -Seufzer nicht für den verwehen, den ich so innig verehren muß?« - -Wer nicht auf diese Weise, sagte Friedrich, das Evangelium lesen kann, -der sollte es nie lesen wollen, denn was kann er anders dort finden, als -die höchste Liebe und ihre heiligen Schmerzen? Diese Begier sich -aufzuopfern, sich ganz, ganz hinzuwerfen dem geliebten Gegenstande -unsrer Verehrung, ist das Höchste in uns; es ruft aus uns über -Jahrtausende hinüber: fühlst du mich denn auch? Siehe, du hast nicht -umsonst gelebt, ich weiß von dir, nur ein Herold der Menschheit bin ich, -nur ein Laut aus der unzählbaren Schaar! -- Sollte ein solches Gefühl -nicht unmittelbare Gemeinschaft mit dem geliebten Wesen erzeugen können? - -Und so ist die Welt unser, fuhr Lothar heftig fort, wenn wir dieser Welt -nur würdig sind! Aber leider sind wir meist zu träge und todt, um die zu -bewundern, deren Leben ein Wunder war; denn nicht was unser leeres -Erstaunen erregt, was wir nicht begreifen, sollten wir so nennen, -sondern die Kraft jener Weltüberwinder, die über Schicksal und Tod -siegten, diese Helden sollten wir als Wunderthäter verehren; unser -äußerer Mensch versteht und faßt sie auch nicht, aber der innere fühlt -sie, und in Andacht und Liebe sind sie ihm vertraut und mehr als -verständlich. - -Alles, was wir wachend von Schmerz und Rührung wissen, sagte Anton, ist -doch nur kalt zu nennen gegen jene Thränen, die wir in Träumen -vergießen, gegen jenes Herzklopfen, das wir im Schlaf empfinden. Dann -ist die letzte Härte unsers Wesens zerschmolzen, und die ganze Seele -fluthet in den Wogen des Schmerzes. Im wachenden Zustande bleiben immer -noch einige Felsenklippen übrig, an denen die Fluth sich bricht. - -Gewiß, fuhr Friedrich fort, sollten wir die Zustände des Wachens und -Schlafens mehr als Geschwister behandeln, wir würden dann klarer wachen -und leichter träumen. Suchen wir doch am Tage mit der Phantasie auf -diesem Fuße zu leben, und wie viel könnten wir von ihr als -Nachtwandlerin lernen, wenn wir sie als solche mehr achteten und -beachteten. So finden wir auch in der alten Welt die Träume nicht so -vernachläßigt, sondern aus ihren Ahndungen ging oft durch den Glauben -der Menschen eine glänzende Wirklichkeit hervor. - -Wir träumen ja auch nur die Natur, sagte Ernst, und möchten diesen Traum -ausdeuten; auf dieselbe Weise entfernt und nahe ist uns die Schönheit, -und so wahrsagen wir auch aus dem Heiligthum unsers Innern, wie aus -einer Welt des Traumes heraus. - -So könnte man denn wohl, unterbrach Theodor, aus witziger Willkühr mit -der Wirklichkeit wie mit Träumen spielen, und die Geburten der -Dunkelheit als das Rechte und Wahre anerkennen wollen. - -Thun denn so viele Menschen etwas anders? fragte Wilibald. - -Und thun sie denn so gar unrecht? antwortete Ernst mit neuer Frage. - -Wir gerathen auf diesem Wege, sagte Emilie, in das Gebiet der Räthsel -und Wunder. Doch führt uns vielleicht der Versuch, alles umkehren zu -wollen, am Ende selbst wieder in das Gewöhnliche zurück. - -Damit ich euch scheinbar kreuze, fiel Manfred ein, so bleiben nach -meinem Gefühl Witz und Scherz immer etwas sehr Nüchternes, wenn sie -nicht unter ihrer Verhüllung eine Wahrheit aussprechen können, so wie -ich auch glaube, daß es keine Wahrheit giebt, der Witz und Scherz nicht -das Lächerliche abgewinnen mögen. Lachen wir doch auch nur recht -herzlich und gemüthlich, und wahrhaft nur ganz unschuldig, über unsre -Freunde, die wir lieben, und derjenige, der sich noch nicht seinem -Freunde zum Scherze gern hingegeben hat, hat noch keinen Freund recht -von ganzer Seele geliebt; ja aus Aufopferungssucht hilft der Liebende -selbst dem Spotte nach, und enthüllt freiwillig das Lächerliche in sich, -um sich gleichsam dem Freunde zu vernichten; denn, um es heraus zu -sagen, das Lachen ist den Thränen wohl näher verwandt, als die meisten -glauben, endigt es doch auch, wie die Rührung, mit diesen. - -Ernst fuhr fort: der Satz, den wir so oft haben wiederholen hören: daß -die Menschen die Lächerlichkeit fürchten, und daß deshalb der komische -Dichter, oder Satiriker, oder wie sie ihn nennen mögen, diese allgemeine -höchste Reizbarkeit der Menschen benutzen müsse, um sie zu bessern; -dieser Satz ist gewiß in der Anwendung falsch, und an sich selbst nur -einseitig wahr. Das Lächerliche, welches sich mit dem Verächtlichen -verbindet, und welches so manche Dichter zur Verfolgung, und wo möglich -Vernichtung, dieser oder jener sogenannten Thorheit, oder einer Meinung, -oder Verirrung haben brauchen wollen, ist allerdings so gehässig und -bitter, daß wohl zu keiner Zeit ein edler Mensch sich diesem -Lächerlichen hat bloß stellen mögen, denn ein feindliches Wesen, das -irgend ein Leben zu vernichten strebte, kämpfte in diesem wilden, -anmaßlichen Lachen; auch gestehe ich gern, daß ich diesen sogenannten -Satirikern, besonders der neuern Zeiten, niemals Freude und Lust habe -abgewinnen können, ich weiß auch nicht, ob ich eben bei ihren -Darstellungen gelacht habe. Eben so wenig mögen wir uns an der Stelle -des Narren befinden, der seine Menschheit wegwirft und sich unter den -Affen erniedrigt, um seinem rohen Herrn ein Schauspiel des Ergötzens -darzubieten, von welchem der Edlere sich mit Ekel hinweg wendet. Es -gehört schon ein höherer, ein wahrhaft menschlicher Sinn dazu, um auf -die rechte Art und bei den richtigen Veranlassungen zu lachen, und wenn -die Thräne dich wohl hintergehn kann, so kann dich das Lachen eines -Menschen schwerlich über das Niedrige oder Edle seiner Gesinnung -täuschen. Wie unterschieden ist aber von jener hassenden Bitterkeit und -traurigen Verächtlichkeit die Lust der Freude, das Entzücken unsrer -ganzen Seele, (in der sich wohl, wie Manfred wähnt, alle Urkraft des -Wahren in uns ahndungsvoll mit erregen mag) wenn alle unsere -Anschauungen und Erinnerungen in jenem wundersamen Strudel der Wonne auf -eine Zeit untergehn, welcher die Töne des Gelächters aus der -Verborgenheit herauf erschallen läßt. Erregt ein wahrer Schauspieler -diesen Zustand in uns, so ist er uns ein hoch verehrtes Wesen, und so -wenig gesellt sich ein Gefühl der Verachtung zu unserer Freude, daß wir -im Gegentheil ihn als unsern Freund und Geliebten in unser innerstes -Herz schließen; der Dichter, der diesen Strom der Lust in der Wüste aus -dem Felsen schlägt, erscheint uns wunderthätig. Ja, ich behaupte, daß -unsre Liebe, wenn sie einen Gegenstand wahrhaft lieben soll, an diesem -irgend einen Schein des Lächerlichen finden muß, weil sie ihn dadurch -gleichsam erst besitzt; auch daß wir keinen Freund oder keine Geliebte -haben möchten, über die wir in keinem Augenblick ihres Daseins lachen -oder lächeln könnten; der Held eines Gedichts ist erst dann unsers -Herzens gewiß, wenn er uns einigemal ein stilles Lächeln abgenöthigt -hat, und dies ist ein Theil der Zauberkraft Homers und der Nibelungen -Helden. Sogar (und ich sage wohl nichts Widersinniges, wenn ich diese -Meinung ausspreche), sogar den heiligsten und erhabensten Gegenständen -ist dieses Gefühl so wie das des Mitleidens nicht nachtheilig und -feindlich, oder hebt unsere Liebe und hohe Rührung auf, sondern wir -können den heiligen Wahnsinn der großen Religionshelden bewundernd -beweinen, und doch kann ein geheimes Lächeln über der Verehrung -schweben, denn diese seltsame Regung erhebt sich zugleich mit allen -Kräften aus den Tiefen der Seele; wir fühlen, wie so vielen Gemüthern -das, was wir anbeten, nur belachenswerth sein dürfte, und weil diese vor -den Augen unsers äußern Verstandes nicht Unrecht haben, und sich für -diesen Zweifel auch eine geheime Sympathie in unserm innersten Wesen -regt, so eilen wir so dringender mit unserer Verehrung und unserem -Mitleid hülfreich und rettend hinzu, um in angstvoller Liebe an dem -Gegenstande unserer Bewunderung ein höheres Recht auszuüben. Der alte -Ausdruck von den Helden der Religion: »sie haben sich zu Thoren gemacht -vor der Welt,« ist vortrefflich. - -Gewiß, sagte Manfred, ist das Lächerliche in seiner Tiefe noch niemals -angeschaut und die wunderbare Natur des Witzes auch nur einigermaßen -erklärt; wer wird uns denn noch einmal etwas deutlicheres darüber sagen -können, warum wir lachen? Das Lachen an sich selbst ist den meisten -Menschen nur eine leichte Sache, aber woher es kommt und wohin es geht, -ist noch schwerer als vom Winde zu sagen. Hier hatte ich meinen Jean -Paul in seiner Vorhalle zur Aesthetik erwartet, und gerade hier habe ich -nur so wenig von ihm gefunden. - -Dieses Gespräch, sagte Theodor, erinnert mich an jene Unschuld des -Komischen, welches ich immer allen andern bedeutenderen Arten des -Lächerlichen vorgezogen habe. Ich meine jenes leichte Berühren aller -Gegenstände, jenes gemüthliche Spiel mit allen Wesen und ihren Gedanken -und Empfindungen, welches neben seiner kraftvollen kecken Darstellung -einer der herrlichsten Vorzüge Shakspears ist, den man nicht leicht -demjenigen deutlich machen kann, der im Witz nur eine Charade oder ein -sinnreiches Räthsel sucht, der aus der Anwendung und dem Treffenden nach -Außen erst rückwärts das Komische verstehn kann, und dem es leere -Albernheit ist, wenn es ohne eine solche prosaische Bedeutung auftreten -will. - -Von hier aus, meinte Wilibald, müsse es eine vortreffliche Ausbeugung in -das wahre Gebiet der Albernheit und in die Gründe ihrer Rechtfertigung -geben, denn diese triebe die Unschuld sogar so weit, daß sie selbst ohne -alles Leben und also vielleicht am meisten poetisch lebendig sei; doch -Lothar, ohne auf diesen Angriff zu achten, oder ihn zu bemerken, -bemeisterte sich des Gespräches und fuhr so fort: Da unser ganzes Leben -aus dem doppelten Bestreben besteht, uns in uns zu vertiefen, und uns -selbst zu vergessen und aus uns heraus zu gehn, und dieser Wechsel den -Reiz unseres Daseins ausmacht, so hat es mir immer geschienen, daß die -geistigste und witzigste Entwickelung unserer Kräfte und unsers -Individuums diejenige sei, uns selbst ganz in ein anderes Wesen hinein -verloren zu geben, indem wir es mit aller Anstrengung unsrer geistigen -Stimmung darzustellen suchen: mit einem Wort, wenn wir in einem guten -Schauspiel eine Rolle übernehmen und uns bestreben, die Erscheinung des -Einzelnen wie des Ganzen mit der höchsten Wahrheit und in der -vollkommensten Harmonie hervor zu bringen. Es giebt wohl auch nur wenige -Menschen, die dem Reiz dieser Versuchung auf immer widerstehn können, -und wenn das Talent des Schauspielers auch selten sein mag, so ist die -Lust zur Mimik doch fast in allen Menschen thätig. - -Wir haben diesem Triebe, fuhr Ernst fort, gewiß unendlich viel zu -danken, unser innerlicher Mensch ahmt oft lange einen Gedanken, oder die -Vortrefflichkeit einer Gesinnung, ja selbst eine Empfindung nur mimisch -nach, bis wir, gerade wie die Kinder lernen, uns die Sache selbst durch -Wiederholung und Angewöhnung zu eigen machen können. - -Vergessen wir nur nicht, sagte Wilibald verdrüßlich, daß aus demselben -Triebe auch alle Affektation, Ziererei, Unnatürlichkeit, kurz, alles -äffische Wesen im Menschen entspringt, so daß diese Sucht wenigstens -eben so schädlich ist, als sie, was ich nicht beurtheilen kann, -wohlthätig sein mag. - -Wir wollen diese Untersuchung fallen lassen, fuhr Lothar ungestört fort, -da wir sie jezt doch nicht erschöpfen können; ich wollte nur auf die -Bemerkung einlenken, wie es zu verwundern sei, daß es noch keinem von -uns eingefallen ist, mit dieser zahlreichen und ohne Zweifel -talentvollen Gesellschaft irgend ein dramatisches Werk, am liebsten eins -von Shakspear, darzustellen. Welchen Genuß würde jedem von uns dieser -Dichter gewähren, wenn wir eins seiner Lustspiele, zum Beispiel »Was ihr -wollt,« bis ins Innerste studirten, und neben dem Vergnügen, welches das -Ganze gewährt, auf das vertrauteste mit jeder einzelnen Schönheit und -ihrer Beziehung und Nothwendigkeit zum Ganzen bekannt würden, und so mit -vereinigter Liebe eins seiner herrlichsten Gedichte auch äußerlich vor -uns hinzustellen suchten. - -Du hast ja diesen Einfall und Verstand für uns alle gehabt, versetzte -Wilibald, auch kannst du zur Noth, wie Zettel, drei oder vier Rollen -übernehmen. Schade nur, daß kein romantisch brüllender Löwe in diesem -Lustspiel auftritt, um dein ganzes Talent zu entwickeln. - -Die Eintheilung der Rollen, antwortete Lothar, habe ich schon ziemlich -übersehn: den Malvolio würdest du selbst unvergleichlich darstellen, -unser Manfred übernähme den Tobias und ich den Junker Christoph; den -liebenswürdigen Narren Theodor, und Friedrich den Sebastian, Ernst den -Antonio, Anton den Herzog; Auguste würde zierlich und witzig die Marie -geben, Rosalia unvergleichlich die Viola und Clara höchst anmuthig die -Olivia; alles übrige findet sich von selbst. - -Wie kommt es nur, sagte Theodor, daß eine geistreiche Gesellschaft, ohne -Rollen auswendig zu lernen, niemals auf den Gedanken verfällt, aus sich -selbst unter gewissen angenommenen Bedingungen und Masken ein poetisches -Lustspiel ohne vorgezeichnete Ver- und Entwickelung auszuführen? Der -eine wäre der mürrische, mit sich und aller Welt unzufriedene Liebhaber, -der andere der Eifersüchtige, jener der leichtsinnig Flatterhafte, -dieser der Melankolische; die Damen theilten sich in witzige und -zärtliche Charaktere, und alle suchten ihrer angenommenen Rolle treu zu -bleiben, um Heiterkeit und Geselligkeit zu erregen und zu befördern. -Warum streben wir in unsern Gesellschaften immer das eine ermüdende Bild -eines negativen wohlgezogenen Menschen darzustellen, oder uns in -hergebrachter Liebenswürdigkeit abzuquälen? - -Die wahre gute Gesellschaft, sagte Ernst, thut schon unbewußt das, was -du verlangst, und verwechselt auch mit Leichtigkeit die verschiedenen -Rollen. Sonst erinnert deine Beschreibung an manche ehemaligen gelehrten -Gesellschaften, und an die verschiedenen charakteristischen Beinamen -ihrer Mitglieder. - -Eine, wie die andre Darstellung, sagte Emilie, möchte für uns Frauen -beschwerlich, wo nicht unmöglich sein, aber ich war schon gestern auf -dem Wege, Ihnen einen andern Vorschlag zu thun. Ich weiß, daß Sie alle -Dichter sind, und höre von Manfred, daß Sie glücklicherweise manche -Ihrer Arbeiten mitgebracht haben; wie wäre es also, wenn Sie uns diese -nach Lust und Laune mittheilten, und so manche Stunde angenehm -ausfüllten, die uns die Musik, oder die Besuche und Spaziergänge übrig -lassen? - -O vortrefflich! rief Clara aus, und dann wollen wir Mädchen und Frauen -nach der Lektüre die Rezensenten spielen, und uns über alles lustig -machen, was wir nicht verstanden, oder was uns nicht gefallen hat. - -Rosalie fügte ihre Bitten zu denen ihrer Mutter, auch Auguste vereinigte -sich mit beiden, und als Lothar die Freunde stillschweigend ein Weilchen -angesehn hatte, schlug sich auch Manfred zu der Parthei der Damen und -rief: o ich bitte euch so inbrünstig, als man nur bitten kann, schlagt -uns diesen bittenden Vorschlag nicht ab, denn schon längst habe ich Lust -gehabt, einige meiner Thorheiten euch und diesen guten wißbegierigen -Frauen mitzutheilen, und keine Gelegenheit dazu gefunden; o ihr Edlen, -wenn ihr eine Ahndung davon habt, wie sehr dem Dichter sein Manuskript -in der Tasche brennen kann, wenn ihn Niemand darum befragt, so laut man -es auch rascheln hört, wenn ihr selbst jemals gerne vorgelesen habt, o -so seid nicht so grausam, mir diesen Genuß zu rauben, und mein poetisch -beladenes Herz auszuschütten. Aber vielleicht sind einige von Euch in -derselben Verfassung. - -Lothar lachte und sagte: der Dichter theilt sich gern mit, vorzüglich in -einem Kreise, wie der gegenwärtige ist. Wir führen wirklich einige -Jugendversuche mit uns, die wir zum Theil vor kurzem vollendet und -übergearbeitet haben, und wenn unsre Rezensenten nicht zu strenge sein -wollen, so überwinden wir vielleicht die Furcht, diese Bildungen nach so -manchem Jahre wieder auftreten zu lassen. - -Als die Frauen eifrig darauf antrugen, sogleich mit irgend einer -Erzählung den Anfang zu machen, rief Wilibald aus: halt! ich protestire -mit aller Macht gegen diese Uebereilung und Anarchie! denn wie könnte -ein wahrer Genuß entstehn, wenn wir es dem Zufall so ganz überließen, in -welcher Folge unsre Versuche auftreten sollten? In allen Dingen ist die -Ordnung zu loben, und so laßt uns nachdenken, auf welche Art und Weise -wir dieser Unterhaltung durch eine gewisse Einrichtung etwas mehr Würze -geben können. - -So möge denn auch hier, sagte Lothar, eine Art von dramatischer -Einrichtung statt finden. Sei jeder von uns nach der Reihe Anführer und -Herrscher, und bestimme und gebiete, welcherlei Poesien vorgetragen -werden sollen, so steht zu hoffen, daß solche sich vereinigen werden, -die durch eine gewisse Aehnlichkeit freundschaftlich zusammen gehören. - -Diese Einrichtung, wandte Manfred ein, ist vielleicht zu gefährlich, -weil sie an den Boccaccio erinnern dürfte. - -Sie erinnert, sagte Ernst, fast an alle italiänischen Novellisten, die -mit minder oder mehr Glück von dieser Erfindung Gebrauch gemacht haben. - -Doch werden Sie, sagte Emilie, uns in andrer Hinsicht nicht an diesen -berühmten Autor erinnern wollen, denn gewiß verschonen Sie uns mit -dergleichen ärgerlichen und anstößigen Geschichtchen, deren er nur zu -viele erzählt. - -Wir können dergleichen wohl nicht so ganz unbedingt versprechen, -antwortete Manfred, wenn wir uns nicht darüber erst etwas verständigt -haben, was wir ärgerlich oder anstößig nennen wollen. Davor, daß wir -keine Erzählungen, die ihm ähnlich oder nachgeahmt sind, vortragen -werden, sind Sie hinlänglich gesichert, denn es erfordert das glänzende -Talent seiner gediegenen, scharfen und bestimmten Darstellung, welche -nie zu viel oder zu wenig sagt, die nichts verhüllt und doch immer von -den Grazien gelenkt wird, um dergleichen allerliebste Seltsamkeiten -vorzutragen: alle seine Nachahmer, selbst den Bandello nicht ausgenommen --- gar des ganz verunglückten französischen La Fontaine oder des neueren -Casti zu geschweigen -- bleiben weit hinter ihm zurück, sei nun von -Styl, Erfindung oder Schmuck des Gegenstandes die Rede. Doch abgesehn -davon, muß ich bezweifeln, daß der Dekameron gebildeten und freundlichen -Gemüthern wirklich anstößig sein könnte. - -Diesen Zweifel verstehe ich nicht, sagte Anton, da er das zartere Gemüth -und die höhere Stimmung doch nur zu oft verletzt. - -Wie man es eben nimmt, antwortete Manfred. Wir stehn hier auf der -Stelle, auf welcher sich der Dualismus unserer Natur und Empfindung am -wunderbarsten, reichhaltigsten und grellsten offenbart. Sich den Witz -und die Schalkheit der Natur im Heiligsten und Lieblichsten verschweigen -wollen, ist vielleicht nur möglich, wenn man geradezu Karthäuser wird, -und vom Schweigen und Verschweigen Profession macht. Wenn der Frühling -sich mit allen seinen Schätzen aufthut, und die Blumen gedrängt um dich -lachen, so kannst du dich in deiner rührenden Freude nicht erwehren, -ihre Gestalten zu beobachten und manche Erinnerungen an diese zu -knüpfen, ja selbst die holdselige Rose ruft dir erröthend die -räthselhaften Reime alter Dichter entgegen, und sie wird dir darum nicht -unlieber; so fallen dir wohl gar bei andern farbigen Kindern der Sonne -die unbescheidenen Namen ein, welche die Königin im Hamlet verschweigt, --- - - ^-- crow -- flowers, nettles, daisies, and long purples,^ - ^That liberal shepherds give a grosser name,^ - ^But our cold maids do dead men's fingers call them.^ - -Welche Verse, sagte Lothar, Schlegel nicht hätte auslassen sollen. Doch -dies nur im Vorbeigehn: fahre fort. - -So wunderbar und noch mehr, begann Manfred wieder, ist es mit der Liebe. -Es giebt eine solche Heiligkeit dieses Gefühls, eine so wundersame -paradisische Unschuld, daß im Unbewußtsein, in der Unkenntniß der -gegenseitigen Liebe wohl oft die höchste Seligkeit ruht; der erste -erwachende, sich begegnende Blick hat diesen Frühling entlaubt, und das -erste Wort des Geständnisses kann der Tod dieser stillen Wonne sein. -Nirgend fühlt der Mensch so sehr, wie er verlieren muß, um zu gewinnen, -wie jedes Glück ein Geheimniß ist, welches angerührt und ausgesprochen -seine Blüte abwirft. - -Friedrich stand schnell auf und schien von wunderbaren Gedanken -ergriffen; man sah ihn im Buchengange auf und nieder wandeln, indem er -sich öfter die Augen abtrocknete; Manfred aber fuhr so fort: wie es wohl -Menschen mag gegeben haben, die schon mit diesem ersten Seufzer die -Blume ihres Lebens verloren, so ist es doch natürlicher und wahrer, sich -auch in dieser wundervollen Lebensgegend, so wie bei allen Dingen mit -einem gewissen Heroismus zu waffnen, und früh zu erfahren, daß wir -alles, was wir besitzen, nur durch den Glauben besitzen, und daß am -wenigsten die Liebe eine bloße Begebenheit in uns sei, sondern daß sie, -wie alles Gute, von unserm Willen abhängt; denn von ihm geht sie aus, -nachher wird er zwar von ihr bezwungen und gebrochen, kann aber -späterhin nur durch ihn allein als Liebe dauern und bestehn. Ein solcher -Sinn und kräftiger aber frommer Wille verliert des Herzens Unschuld nie, -der Scherz ist ihm nur Scherz, und er wird nicht anstehn, auch mit dem -zu tändeln, was ihm das Heiligste und Liebste ist, denn wahrlich dem -Reinen ist alles rein. - -Diese Beschreibung, sagte Ernst, charakterisirt die gesunde Zeit unsers -deutschen Mittelalters, als neben den Nibelungen und dem Titurell der -süße Tristan seinen Platz in aller Herzen fand, und auch neben diesen -großen Liebesgedichten so viele muntre und schalkhafte Erzählungen. Die -später auftretende übersinnliche, oder außersinnliche Liebe, war noch -nicht von der sinnlichen getrennt, sondern sie waren wie Leib und Seele -verbunden, in der höchsten Vergeistigung gesund, in dem freiesten -Scherze unschuldig. - -Warum, fuhr Manfred fort, würde denn die Liebe allmächtig genannt? Sie -wäre ja ohnmächtig, wenn sie nicht die scheinbar äußersten Enden -freundlich verknüpfen könnte. Könnte sie den unendlich mannichfaltigen -Zauber denn wohl ausüben, wenn sie nicht Alles besäße, und sich nicht, -eben wie die Geliebte, mit allen Reizen dem sehnsüchtigen Herzen ergäbe? -Der verdorbene Mensch kann deshalb auch nicht den Scherz der Liebe und -ihren Dichter verstehn, er faßt nicht das holde Wesen, welches sich dem -Höchsten und Geistigsten zum scheinbaren Kampfe gegenüber stellt, so -sehr er auch einzig diesem Spiele nachjagt, welches begeisterte Dichter -damit trieben, und der Liebende kennt freilich nichts Verhaßteres als -diese Menschen und ihre Gesinnungen, die im Herzen seines Lebens mit ihm -zusammen zu treffen scheinen. - -Daher, sagte Ernst, der mißverstandene Spott dieser niedrigen Menschen -über die Hochgestimmten und ihre Liebe, daher die scheinbare -Waffenlosigkeit dieser Unschuldigen, und bei ihrem Reichthum ihre -unbeholfene Beschämung von jenen Bettlern. Diese Uneingeweihten lästern -die Liebe und alles Göttliche, und sind von allem Scherz und Spiel, auch -wenn sie witzig zu sein scheinen, weit entfernt, denn sie sind in Kampf -und Krieg gegen die Sehnsucht nach dem Ueberirdischen. Um nun auf das -Vorige einzulenken, so lebte Boccaz freilich schon an der Gränze jener -heroischen Zeit, als die Menschheit, weniger gesund, sich aus der -Tragödie und dem großen Epos mehr nach dem Lustspiel und der Parodie -sehnte, als die Trennung des Gemüthes sich schon schärfer gegenüber -stand, und eine kräftiger robuste Malerei den sanften Schmelz und die -stille Harmonie der alten großsinnigen Gemälde verdunkelte. Sein -Dekameron ward deshalb nach einiger Zeit das Lieblingsbuch aller -Nationen, und die komische, lächerliche und niedrigere Natur der Liebe -ward immer mehr gesungen, gepriesen und gefühlt, ihr holdes Wesen schien -immer tiefer zu entarten, und immer mehr den Menschen dem Thiere näher -zu führen, (indeß nun diesem Streben gegenüber schon die ganz reine, -überirdische Idee der Liebe, oft bis zum Götzendienste entstellt, sich -auszubilden suchte) bis wir in Peter Aretins und Brantome's Schriften -endlich die kalte Frechheit ohne allen Reiz und Grazie auftreten sehn. -Doch kann diese Beschuldigung nicht den Boccaz und seine freien Scherze -treffen, denn in ihm regt sich und spricht der edle und vollständige -Mensch, der zwar ohne ängstliche Züchtigkeit, aber nicht ohne Schaam -ist, der wie Ariost immer die Schönheit fühlt und singt, und der nur -jene frecheren Blumen nicht zu seinem Kranze verschmäht, sondern sie im -Gegentheil gern so reicht und flicht, daß ihr symbolischer Sinn -unverholen in die Augen fällt. Sein Buch kann uns also wohl nicht leicht -verletzen; aber freilich müssen wir jezt, da verdorbene Generationen und -Bücher voran gegangen sind, und edlere Menschen die Verwerflichkeit -mancher schaamlosen Produkte eines Diderot, Voltaire und andrer einsahn, -um nur den Ruhm der Züchtigkeit zu empfangen, auch den Schein einer -gewissen Prüderie beibehalten, die das Zeitalter einmal zum Kennzeichen -der Sitte gestempelt hat. So hat der Mensch nach überstandener Krankheit -noch lange das Ansehn eines Kranken, und muß auf einige Zeit noch etwas -von dessen Diät beibehalten. Eben so verbreitete sich in England nach -einem Zeitalter der Zügellosigkeit, von der Sekte der Puritaner aus, -eine Aengstlichkeit und steife Feierlichkeit der Sitte, die seitdem noch -immer das Wort führt, so daß ein gesittetes Mädchen oder eine züchtige -Frau von jezt oder aus Shakspears Zeit zwei im Aeußern sehr verschiedene -Wesen sein mögen. Die Reformation hatte in Deutschland schon früher eine -ähnliche Stimmung hervor gebracht, und auch die katholischen Provinzen -bestrebten sich seitdem, eine strengere Sitte zur Schau zu tragen, um -von dieser Seite die Vorwürfe ihrer Gegner zu entkräften. Fast -allenthalben aber werden wir nur Heuchelei statt der Züchtigkeit gewahr, -denn wenn die ehrbaren Herren unter sich sind, ergötzen sie sich um so -lebhafter an der rohesten und unsittlichsten Frechheit, und weil der -öffentliche Scherz und die Gegenwart der Grazien und Musen, so wie die -liebenswürdigen Weiber von diesen Orgien völlig ausgeschlossen sind, so -sind sie nun in ihrer Einsamkeit um so niedriger und verächtlicher -geworden, am schlimmsten, wenn sie das Gewand der Moral umlegen, und -wehe dem Zarteren, der das Unglück hat einem Ottern- und Krötenschmause -beiwohnen zu müssen, den sich eine solche tugendhafte Gesellschaft -giebt, die darauf ausgeht, recht vollständig ihren Haß gegen die -Untugend an den Tag zu legen. - -Als in Spanien, sagte Lothar, ein etwas zu strenger Geist in der Poesie -zu herrschen anfing, und Cervantes die frühere Celestina als zu frei -tadelte, als man in Frankreich und Italien die schaamlosesten Werke las -und schrieb, und in Deutschland sich kaum noch Spuren von Witz oder -Unwitz antreffen ließen, erhob der edle Shakspear, das, was so viele -hatten verächtlich machen wollen, wieder zum Scherz, geistreichen Witz -und zur Menschenwürde, und dichtete seine schalkhaften Rosalinden und -Beatricen, die freilich unser jetziges verwöhntes Zeitalter ebenfalls -anstößig findet. - -Was ist es denn, was uns wahrhaft anstößig, ja als Menschen unerträglich -sein soll? rief Friedrich, der wieder zur Gesellschaft getreten war, im -edlen Unwillen aus. Nicht der freieste Scherz, noch der kühnste Witz, -denn sie spielen nur in Unschuld; nicht die kräftige Zeichnung der -thierischen Natur im Menschen und ihrer Verirrung, denn nur als solche -gegeben, spricht sie niemals unserm edleren Wesen Hohn: sondern dann -soll sich unser Unwille erheben und ohne alle Duldung aus uns sprechen, -wenn ein Sophist uns sagen will, und in jeder Dichtung beweisen, daß -gegen die Sinnenlust keine Tugend, Andacht oder Seelenerhebung bestehen -könne. Ein solcher durchaus zu verwerfender ist der jüngere Crebillon, -und nicht ist jener Deutsche, der ihn so vielfältig nachgeahmt und die -edlere Natur des Menschen verkannt hat, von dem Vorwurf einer -verdorbenen Phantasie und eines zu nüchternen Herzens frei zu sprechen: -für schwache Wesen, (aber auch nur für solche) können diese beiden -Schriftsteller allerdings gefährlich werden, so sehr sich auch der -letzte gegen diese Beschuldigung zu verwahren gesucht hat, denn nicht -darin besteht das Verderbliche, daß man das Thier im Menschen als Thier -darstellt, sondern darin, daß man diese doppelte Natur gänzlich läugnet, -und mit moralischer Gleißnerei und sophistischer Kunst das Edelste im -Menschen zum Wahn macht, und Thierheit und Menschheit für -gleichbedeutend ausgiebt. - -Seine Bücher, sagte Emilie, haben mich immer zurück geschreckt, und ich -habe früher meinen Töchtern lieber manche andre erlaubt, die nicht in so -gutem Rufe stehn, denn gerade ihre weichliche Zierlichkeit habe ich für -schädlich gehalten. Ich hoffe, jezt können sie auch diese ohne allen -Nachtheil lesen, da ihr Geist gestärkt ist, und ihr Sinn das Edlere -erstrebt. - -Mit Recht, sagte Manfred, macht Jean Paul Thümmeln den Vorwurf, daß er -zu unsauber sei (denn dessen Reisen gehören recht zu jenen eben gerügten -Werken, und die Bekehrung des lockern Passagiers in den letzten Bänden -ist noch die schlimmste Sünde des Autors); ich aber möchte unserm -witzigen Jean Paul mit demselben Rechte einen andern Vorwurf machen, daß -er zwar nicht zu keusch, wohl aber zu prüde sei. Ein Autor, der so das -Gesammte der Menschennatur, das Seltsamste, Wildeste und Tollste in -seinen humoristischen Ergießungen aussprechen will, darf in diesen -Regionen des Witzes und der Laune kein Fremdling sein, oder aus -mißverstandner Moral mit der Unzucht und Unsitte auch die Schalkheit -verachten wollen. Noch seltsamer aber, daß er die medizinischen und -wahrhaft ekelhaften Späße liebt, die kaum Witz zulassen und meist nur -Widerwillen erregen, wenn man nicht die Feder des Rabelais besitzt, der -freilich wohl sein Kapital von der ^Gaya Ciencia^ schreiben durfte. -Aber, theure Emilie, und Gattin und Schwestern, um auf das zurück zu -kommen, wovon wir ausgingen, so mag freilich wohl hie und da in unsern -Dichtungen (vielleicht nur in meinen, der ich ein oder zweimal das -Hausrecht brauchen und den Wirth spielen möchte) etwas vorkommen, was -die übertriebene Delikatesse kränkelnder Menschen (ich meine dich, -Anton, nicht hiemit) anstößig finden möchte, was aber, hoffe ich, nach -dem in unserm Gespräch angegebenen Unterschied keinem gebildeten und -heitern Menschen ärgerlich werden kann. Wir wollen aber weder zu viel -versprechen noch drohen, sondern laßt uns vielmehr beginnen, und wählt -also, ihr Frauen, denjenigen aus, welcher zuerst der Anführer und -Gebieter im Felde unsrer poetischen Spiele und Wettkämpfe sein soll. - -Clara gab ihren Blumenstrauß dem neben ihr sitzenden Anton und sagte: -Sie haben fast immer geschwiegen, sprechen Sie nun. Anton verbeugte sich -und heftete die Blumen an seine Brust: so wollen wir denn, sagte er, mit -Mährchen der einfachsten Composition beginnen, und jeder bringe morgen -das seinige vor unsre Richter. - -Mit Mährchen, sagte Clara, fängt das Leben an; in ihnen entwickelt sich -das Gefühl der Kinder zuerst, und ihre Spiele und Puppen, ihre -Lehrstunden und Spaziergänge werden von ihrer Phantasie zu Mährchen, die -ich noch immer ganz vorzüglich liebe, das heißt, wenn sie so sind, wie -ich sie liebe. - -So gebe die Muse, daß Ihnen die unsrigen wohl gefallen, sagte Anton. - -Indem stand die Gesellschaft auf, um vom nächsten Hügel den schönen -Untergang der Sonne zu genießen. Auch ein Mährchen, sagte Rosalie, indem -sie die Hand vor die Augen hielt, und dem blendenden Scheine nachsah; so -wie der Frühling und die Pracht der Blumen, es blüht auf in aller Fülle -und Herrlichkeit, der Schatten faßt den Glanz und zieht ihn hinab, und -wir schauen ihm sehnsuchtsvoll nach. - -So wie dem Mährchen-Gedicht der Schönheit, sagte Anton; und Friedrich -fügte hinzu: doch bleibt unser Herz und seine Liebe die unwandelbare -Sonne. -- - - * * * * * - -Ein glänzender Sternenhimmel stand über der Landschaft, das Rauschen der -Wasserfälle und Wälder tönte in die ruhige Einsamkeit des Gartens -herüber, in welchem Theodor auf und nieder ging und die Wirkungen -bewunderte, welche das Licht der Sterne und die letzten goldnen Streifen -des Horizontes in den springenden Quellen hervorbrachten. Jezt ertönte -Manfreds Waldhorn aus dessen Zimmer und die melankolischen -durchdringlichen Töne zitterten vom Gebirge zurück, als Ernst, der von -den Hügeln herunter kam, durch das Thor des Gartens trat, und sich zu -dem einsamen Theodor gesellte. Wie schön, fing er an, schließt diese -heitre Nacht die Genüsse des Tages; die Sonne und unsre Geliebten sind -zur Ruhe, Wälder und Wasser rauschen fort, die Erde träumt, und unser -Freund gießt noch einen herzlichen Abschied über die entschlummerte -Natur hin. - -Anton, sagte Theodor, schläft auch noch nicht, er sitzt im Gartensaale -und schreibt ein Gedicht, welches unsern Vorlesungen als Einleitung oder -Vorrede dienen soll. Seine Genesung wird sich hier ganz vollenden. - -Ich hoffe, sagte Ernst, auch Friedrich soll genesen; ich hege das schöne -Vertrauen, daß unser aller Freundschaft sich hier noch fester knüpfen -und für die Ewigkeit härten wird. Sieh, mein Geliebter, das Flimmern in -lauer Luft dieser vergänglichen flüchtigen Leben, die wie Diamanten -durch das dunkle Grün der Gebüsche zucken, und bald in zitternden -Wolken, bald einzeln schimmernd, wie sanfte Töne, unsre Rührung wecken, --- und über uns den Glanz der ewigen Gestirne! Steht nicht der Himmel -über der stillen dunkeln Erde wie ein Freund, aus dessen Augen Liebe und -Zuversicht leuchten, dem man so recht mit ganzem Herzen in allen -Lebensgefahren und allem Wandel vertrauen möchte? Diese heilige ernste -Ruhe erweckt im Herzen alle entschlafenen Schmerzen, die zu stillen -Freuden werden, und so schaut mich jezt groß und milde mit seinem -menschlichen Blick der edle Novalis an, und erinnert mich jener Nacht, -als ich nach einem fröhlichen Feste in schöner Gegend mit ihm durch -Berge schweifte, und wir, keine so nahe Trennung ahndend, von der Natur -und ihrer Schönheit und dem Göttlichen der Freundschaft sprachen. -Vielleicht da ich so innig seiner gedenke, umfängt mich sein Herz so -liebend, wie dieser glühende Sternenhimmel. Ruhe sanft, ich will mich -auf mein Lager werfen, um ihm im Traum zu begegnen. - -Die Freunde trennten sich. Da erhub eine Nachtigall ihr klagendes Lied -aus voller Brust, und zündete, wie eine Feuerflamme, rings in den -Gebüschen die Töne andrer Sängerinnen an; aus einer Jasminlaube -erklangen die Laute einer Guitarre, und der glückliche Friedrich wollte -sein Leid, diese Phantasie singend, besänftigen: - - Wenn in Schmerzen Herzen sich verzehren, - Und im Sehnen Thränen uns verklären, - Geister: Hülfe! rufen tief im Innern, - Und wie Morgenroth ein seliges Erinnern - Aufsteigt aus der stillen dunkeln Nacht, - Alle rothen Küsse mitgebracht, - Alles Lächeln, das die Liebste je gelacht, - O dann saugt mit ihrem Purpurmunde - Himmels-Wollust unsre Wunde, - Sie entsaugt das Gift, - Das vom Bogen dunkler Schwermuth trifft. - Wie die kleinen fleißgen Bienen - Gehn, um Blumenlippen zu benagen, - Wie sich Schmetterlinge jagen, - Wie die Vögel in dem grünen Dunkeln - Springen, und die Lieder tönen, - Also gaukeln, flattern, funkeln - Alle Worte, alle Blicke, süße Mienen - Von der schönsten einzgen Schönen, - Und in tiefer Winternacht - Lacht und wacht um mich des Frühlings Pracht, - Und die Schmerzen scherzen mit den Zähren, - Und im Weinen scheinen mild sich zu verklären - Leiden in den Freuden, Wonnen in dem Gram, - Wie in der holden Braut die Liebe kämpft mit Schaam, - Und Leid und Lust nun muß vereinigt ziehen - Und schweben nach der Liebe süßen Harmonien. - - - - - Erste Abtheilung. - 1811. - - -Die Gesellschaft stand vom Tische auf und ging in den Garten, um die -Luft zu genießen, welche am Morgen ein Gewitter lieblich abgekühlt -hatte. Nun, sagte Clara, sind Sie alle Ihres Versprechens eingedenk -gewesen? Wo sind die Mährchen? - -Du bist sehr eilig, sagte Manfred, weißt du doch nicht, ob sie dir -wirklich Freude machen werden. - -Sie müssen, antwortete sie lachend, wenn ich nicht auf die Autoren sehr -ungehalten werden soll. - -Es ist schwer, sagte Anton, zu bestimmen, worin denn ein Mährchen -eigentlich bestehen und welchen Ton es halten soll. Wir wissen nicht, -was es ist, und können auch nur wenige Rechenschaft darüber geben, wie -es entstanden sein mag. Wir finden es vor, jeder bearbeitet es auf eigne -Weise und denkt sich etwas anderes dabei, und doch kommen fast alle in -gewissen Dingen überein, selbst die witzigen nicht ausgenommen, die -jenes Colorit nicht ganz entbehren können, jenen wundersamen Ton, der in -uns anschlägt, wenn wir nur das Wort Mährchen nennen hören. - -Die witzigen, sagte Clara, sind mir von je verhaßt gewesen. So habe ich -den Hamiltonschen nie viel Geschmack abgewinnen können, so berühmt sie -auch sind; die dahlenden im Feen-Cabinet zogen mich vor Jahren an, um -mich nachher desto gründlicher zu ermüden und zurück zu stoßen, und -unserm Musäus bin ich oft recht böse gewesen, daß er mit seinem -spaßhaften Ton, mit seiner Manier, den Leser zu necken, und ihm queer in -seine Empfindung und Täuschung hineinzufallen, oft die schönsten -Erfindungen und Sagen nur entstellt und fast verdorben hat. Dagegen -finde ich die arabischen Mährchen, auch die lustigen, äußerst -ergötzlich. - -Es scheint, sagte Anton, Sie verlangen einen still fortschreitenden Ton -der Erzählung, eine gewisse Unschuld der Darstellung in diesen -Gedichten, die wie sanft phantasirende Musik ohne Lärm und Geräusch die -Seele fesselt, und ich glaube, daß ich mit Ihnen derselben Meinung bin. -Darum ist das Göthische Mährchen ein Meisterstück zu nennen. - -Gewiß, sagte Rosalie, in so fern wir mit einem Gedicht zufrieden sein -können, das keinen Inhalt hat. Ein Werk der Phantasie soll zwar keinen -bittern Nachgeschmack zurück lassen, aber doch ein Nachgenießen und -Nachtönen; dieses verfliegt und zersplittert aber noch mehr als ein -Traum, und ich habe deshalb das herrliche Mährchen von Novalis, so weit -ich es verstehn konnte, diesem weit vorgezogen, welches auch alle -Erinnerungen anregt, aber uns zugleich rührt und begeistert und den -lieblichsten Wohllaut in der Seele noch lange nachtönen läßt. - -Du hast hiemit zugleich, sagte Manfred, die große Mährchenwelt des -Ariost getadelt, dem es auch an einem Mittelpunkte und wahrem -Zusammenhange gebricht. Die Frage ist nur, ob ein Gedicht schon -vollendet ist, dessen einzelne Theile es sind, und in wie fern die Seele -dann bei einer so vielseitigen Composition jene Foderung eines innigeren -Zusammenhanges vergessen kann. - -Diese Frage, fiel Ernst ein, kann gar nicht Statt finden, denn diese -Theile sind ja nur durch das organische Ganze Theile zu nennen, können -aber ohne dieses im strengeren Sinne nur Fragmente von und zu Gedichten -heißen und als solche geliebt werden. Bei aller dieser scheinbaren -Vortrefflichkeit fehlt die beherrschende ordnende Seele, die der -flüchtigen Schönheit den ewigen Reiz geben muß. Der Dichter will - - Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ründen, - Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen, - Die reizend unterhalten und zuletzt - Wie lose Worte nur verklingend täuschen. - -Ich kenne dich und Friedrich schon, sagte Manfred, als Rigoristen und -Ketzermacher, aber ich und Theodor werden euch zu gefallen den Ariost -nicht anders wünschen, als er nun einmal ist, die Reise nach dem Monde -und den Evangelisten Johannes ausgenommen, denn beide sind für diese so -kühne Fiktion etwas zu matt ausgefallen. Ueber diesen Dichter, sagte -Anton, dürfte sich ein langer Streit entspinnen, der sich nur schwer -beilegen ließe; sein Werk besteht, strenge genommen, nur aus Novellen, -von denen er die längsten an verschiedenen Stellen mit scheinbarer Kunst -durchschnitten hat, dasjenige, was alle verbindet, ist ein -gleichförmiger Ton lieblichen Wohllauts; ich möchte also ebenfalls -behaupten, daß sein Gedicht eigentlich weder Anfang, Mitte noch Ende -hat, so wie ich davon fest überzeugt bin, daß nur wenige Verehrer, -selbst in Italien, ihn oftmals von Anfang zu Ende durchgelesen haben, so -sehr auch alle mit den einzelnen berühmten und anlockenden Stellen -vertraut sind. - -Es giebt, sagte Lothar, eine Gattung der Poesie, welche ich, ohne damit -ihrer Vortrefflichkeit zu nahe treten zu wollen, die bequeme oder -erfreuliche nennen möchte, und in dieser stelle ich den Ariost oben an. -Sehn wir auf großer Ebene den hohen weit ausgespannten blauen Himmel -über uns, so erschreckt und ermüdet in seiner Reinheit dieser Anblick; -doch wenn Wölkchen mit verschiedenen Lichtern in diesem blauen Kristalle -schwimmen, wenn die Sonne sich neigt, und unten am Horizont wie über uns -die lebendigen Düfte in vielfachen Schimmer sich tauchen, dann erfüllt -ein liebliches Ergötzen unsre Seele. So wollen wir die große Wiese mit -Gebüschen und Bäumen unterbrochen sehn, und auf gleiche Weise fühlen wir -in unsrer nächsten Umgebung, in unserm Hause, am dringendsten das -Bedürfniß einer gewissen Kunst. Die weißen leeren Wände unsrer Zimmer -und Säle sind uns unleidlich, Arabesken, Blumen, Thiere und Früchte -umgeben uns in gefärbten und vielfach durchbrochenen Linien und Flächen -mit mancherlei Gestalt, und selbst der Fußboden muß sich zum Schmuck und -zur anständigen Zier zusammen fügen. Alles soll den äußern Sinn erregen -und dadurch auch den innerlichen beschäftigen, und Rafaels Wandgemälde -im Vatikan sind für Wohnzimmer vielleicht schon zu erhaben, und also als -immerwährende Gesellschaft unbequem. Dieses durchaus edle Kunstbedürfniß -des gebildeten Menschen erfüllt Ariost, er ist mehr Gefährte und Freund -als Dichter, und wir thun wohl nicht Unrecht, wenn wir über die -vollendete Schönheit des Einzelnen, über diese Fülle der Gestalten, über -diesen zarten blumenartigen Witz, über diese ernste und milde Weisheit -eines heitern Sinnes die Zusammensetzung vergessen. - -Es scheint mir sehr richtig, fuhr Anton fort, daß diese gesellige Kunst -auch in der Poesie sich zeigen dürfe, und hier finde ich Gelegenheit, an -unser gestriges Gespräch über die Gärten zu erinnern, welches nach -meiner Meinung abbrach, ohne zu beschließen. Die hohe Empfindung, welche -uns der Anblick der Natur gewährt, sei es das Gefühl des Waldes, des -Meeres oder Gebirges, läßt sich in keinen Garten ziehn, denn diese -Gefühle sind wechselnd, unbeschränkt, unaussprechlich. Diejenigen, -welche in Parks das Seltsam-Schauerliche, oder das Erhaben-Majestätische -erregen wollten, haben sich im größten Irrthume befunden, und es war -natürlich, daß ihre Bestrebungen in Fratzen ausarten mußten. Das Schöne -und Rührende ist es, welches Hügel, Baumgruppen, kleine Flüsse, -Wasserfälle und Seen erregen können, ein schwärmendes musikalisches -Gefühl, welches ziemlich deutlich den Künstler, welcher den Garten -anlegen will, bewegen muß, und welches im Beschauen eben so wiedertönt. -Dieser Gärtner wird also wohl die Natur, aber nicht das Natürliche -ausschließen, und darum zieht mancher Künstler gern kleine Saatfelder in -seinen Park, um eine ganz bestimmte Empfindung von der beschränkten -Beschäftigung der Landwirthschaft zu erregen, ein kleiner Weinberg zeigt -sich wohl auch, als ein reizendes Widerspiel der Haine und Baumgruppen. -Wie mich nun zwar alles an die Natur erinnert, so kann ich sie doch hier -so wenig, wie im Gedicht oder in der Malerei unmittelbar empfinden, -sondern ich soll die Kunst in jedem Augenblicke genießen. Wenden wir uns -nun zu der sogenannten französischen Gartenkunst, so finden wir hier -eine dieser natürlichen völlig widersprechende. Wie sie alle Natur aus -ihren Gränzen entfernt, eben so die Erinnerung an das Natürliche; denn -so wenig Getreide und Obst ihren Platz hier finden, eben so wenig -Baum-Parthien, die die Durchsicht decken, oder abwechselnd reizende -Gebüsche, und jene süße Schwärmerei und musikalische Empfindung -verschlungener Haine und malerischer Ansichten. Alles dient hier einer -Empfindung, die ich am liebsten im Gegensatz jener musikalisch -schwärmerischen Gefühle eine pathetische Entzückung nennen möchte; alles -erhebt die Seele zur Begeisterung, alles ist klar und unverworren; -gleich vom ersten Eintritt fühle und übersehe ich den Plan des Ganzen, -und aus jedem Punkte finde ich mich unmittelbar in den Mittelpunkt der -großartigen Composition zurück. Dazu dienen die großen freien Plätze, -die geraden Baumgänge, die bedeckten und verflochtenen Lauben. Statuen -und Wasserkünste verhalten sich zu diesem Garten so, wie gegenüber -Saatfelder und Weinberge; sie wollen recht bestimmt das Gebildete -aussprechen und darstellen, und wie man den Park mit Unrecht die -Nachahmung einer gemalten Landschaft nennen würde, da der Gärtner und -Maler vielmehr aus einer gemeinschaftlichen poetischen Quelle schöpfen, -so thäte man auch diesem Kunstgarten Unrecht, ihn aus der Architektur -abzuleiten, da auch der Architekt nur aus jener mathematischen Poesie -des Gemüthes seine Erfindungen nimmt. Daher scheint es mir auch geradezu -unmöglich, in Bergen einen Park anzulegen, weil die Natur, die -unmittelbar hinein blickt, die Kunst-Effekte, die ihr hier verwandt sein -sollen, vernichtet. Nach der Natur aber selbst sehnt sich gewiß jeder -aus beiderlei Gärten vielmals hinaus und Niemand kann sie entbehren. Der -regelmäßige Garten schließt vielleicht im Hintergrunde am angenehmsten -mit einem parkähnlichen, so wie der englische am schicklichsten nahe am -Hause freie Räume und eine gewisse Regelmäßigkeit ausspart. Es ergiebt -sich auch von selbst, daß der regelmäßige Kunstgarten eine allgemeinere -Form hat und leichter, vom Geschmack geleitet, zweckmäßig nachgeahmt -werden kann, daß aber der Park sich nicht leicht wiederholen läßt, -sondern in jeder neuen Gestalt ein anderes Individuum auftreten muß. Es -ist aber wohl möglich, daß es demohngeachtet nur wenige Hauptformen -giebt, unter welche alle Gärten dieser Art sich vereinigen lassen, und -trotz der anscheinenden Einförmigkeit dürften dann die französischen -Gärten wohl eben so viele Gattungen aufweisen können. Ist es erlaubt ein -Ding durch ein vergleichendes Bild deutlich zu machen, so möchte ich am -liebsten den Park mit einem Shakespearschen, und den regelmäßigen Garten -mit einem Calderonschen Lustspiel vergleichen. Scheinbare Willkühr in -jenem, von einem unsichtbaren Geist der Ordnung gelenkt, Künstlichkeit, -in anscheinender Natürlichkeit, der Anklang aller Empfindungen auf -phantasirende Weise, Ernst und Heiterkeit wechselnd, Erinnerung an das -Leben und seine Bedürfnisse, und ein Sinn der Liebe und Freundschaft, -welcher alle Theile verbindet. Im südlichen Garten und Gedicht Regel und -Richtschnur, Ehre, Liebe, Eifersucht in großen Massen und scharfen -Antithesen, eben so Freundschaft und Haß, aber ohne tiefe oder bizarre -Individualität, oft mit den nehmlichen Bildern und Worten wiederholt, -Künstlichkeit und Erhabenheit der Sprache, Entfernung alles dessen, was -unmittelbar an Natur erinnert, das Ganze endlich verbunden durch einen -begeisterten hohen Sinn, der wohl trunken, aber nicht berauscht -erscheint. Ich lasse das Gegenbild des Gartens unausgemalt, aber man -könnte selbst die Reden in Stanzen oder andern künstlichen Versmaßen -(die sich gewiß ganz von dem, was die Naturalisten Natur nennen wollen, -entfernen) mit den beschnittenen glänzenden Taxus- und Buxus-Wänden -vergleichen, wenn man witzig im Bilde fortspielen wollte. - -Auch diese, sagte Manfred, dürfen in einem Kunstgarten nicht fehlen, -auch vertragen diese Baumarten die Scheere am besten, da ihr festes -glänzendes Laub nur langsam wieder nachwächst, und sie sich überhaupt -weit mehr als empfindsame Linden und jugendlich kühne Buchen darein -fügen. Doch glaub' ich, können geschnitzte Piramiden und ähnliche -Figuren füglich aus jedem Garten ausgeschlossen werden. - -Unser Garten, liebe Mutter, rief Clara, ist nun hoffentlich auf alle -Zeiten gerettet, denn es steht vielleicht zu erwarten, daß man in der -Zukunft manche der natürlichen Parks wieder in dergleichen künstliche -Anlagen umarbeiten möchte. -- -- Nicht wahr, mein Freund, (so wandte sie -sich gegen Anton) es ist überhaupt wohl schwer zu sagen, was denn Natur -oder natürlich sei? - -Vielen Mißbrauch, erwiederte dieser, hat man oft mit diesen Worten -getrieben, am meisten in jener Zeit, als man sich von einem steifen -Ceremoniel zu befreien strebte, welches man irrigerweise Kunst nannte, -und nun gegenüber ein Wesen suchte, welches uns unter allen Bedingungen -das Richtige und die Wahrheit geben sollte. Kunst und Natur sind aber -beide, richtig verstanden, in der Poesie wie in den Künsten, nur ein und -dasselbe. - -Am seltsamsten, sagte Theodor, ist mir das Geschlecht der Naturjäger -vorgekommen, welches noch nicht ausgestorben ist, vor einigen Jahren -aber noch mehr verbreitet war; diejenigen meine ich, welche auf -Sonnen-Auf- und Untergänge von hohen Bergen, auf Wasserfälle und -Naturphänomene wahrhaft Jagd machen, und sich und andern manchen Morgen -verderben, um einen Genuß zu erwarten, der oft nicht kömmt, und den sie -nachher erheucheln müssen. Diese Leute behandeln die Natur gerade so, -wie sie mit den merkwürdigen Männern umgehn, sie laufen ihnen ins Haus -und stellen sich ihnen gegenüber; da stehn sie nun an der bekannten und -oftmals besprochenen Stelle, und wenn in ihrer Seele nun gar nichts -vorgeht, so sind sie nachher wenigstens doch dort gewesen. - -Die Natur, fuhr Anton fort, nimmt nicht in jeder Stunde jedweden -vorwitzigen Besuch an, oder vielmehr sind wir nicht immer gestimmt, ihre -Heiligkeit zu fühlen. In uns selbst muß die Harmonie schon sein, um sie -außer uns zu finden, sonst behelfen wir uns freilich nur mit leeren -Phrasen, ohne die Schönheit zu genießen: oder es kann auch wohl ein -unvermuthetes Entzücken vom Himmel herab in unser Herz fallen, und uns -die höchste Begeisterung aufschließen: dazu aber können wir nichts thun, -wir können dergleichen nicht erwarten, sondern eine solche Offenbarung -begiebt sich in uns nur. So viel ist gewiß, daß jeder Mensch wohl nur -zwei- oder dreimal in seinem Leben das Glück haben kann, wahrhaft einen -Sonnen-Aufgang zu sehn: dergleichen geht auch dann nicht, wie -Sommerwolken, unserm Gemüth vorüber, sondern es macht Epoche in unserm -Leben, wir brauchen lange Zeit, um uns von solcher Entzückung wieder zu -erholen, und viele Jahre zehren noch von diesen erhabenen Minuten. Aber -nur Stille und Einsamkeit vergönnen diese Gaben; eine Gesellschaft, die -sich zu dergleichen auf einem Berge versammelt, steht nur vor dem -Theater, und bringt auch gewöhnlich dieselbe alberne Freude und leere -Kritik wie dort mit herunter. - -Noch seltsamer, sagte Ernst, daß so wenige Menschen den wundervollen -Schauer, die Beängstigung empfinden, oder sich gestehn, die in manchen -Stunden die Natur unserm Herzen erregt. Nicht bloß auf den -ausgestorbenen Höhen des Gotthard erregt sich unser Gemüth zum Grauen, -nicht bloß - - -- wenn es hin zur Fluth euch lockt, -- - -- zum grausen Wipfel jenes Felsen, - Der in die See nickt über seinen Fuß, -- - Der Ort an sich bringt Grillen der Verzweiflung - Auch ohne weitern Grund in jedes Hirn, - Der so viel Klafter niederschaut zur See, - Und hört sie unten brüllen; - -sondern selbst die schönste Gegend hat Gespenster, die durch unser Herz -schreiten, sie kann so seltsame Ahndungen, so verwirrte Schatten durch -unsre Phantasie jagen, daß wir ihr entfliehen, und uns in das Getümmel -der Welt hinein retten möchten. Auf diese Weise entstehn nun wohl auch -in unserm Innern Gedichte und Mährchen, indem wir die ungeheure Leere, -das furchtbare Chaos mit Gestalten bevölkern, und kunstmäßig den -unerfreulichen Raum schmücken; diese Gebilde aber können dann freilich -nicht den Charakter ihres Erzeugers verläugnen. In diesen Natur-Mährchen -mischt sich das Liebliche mit dem Schrecklichen, das Seltsame mit dem -Kindischen, und verwirrt unsre Phantasie bis zum poetischen Wahnsinn, um -diesen selbst nur in unserm Innern zu lösen und frei zu machen. - -Sind die Mährchen, fragte Clara, die Sie uns mittheilen wollen, von -dieser Art? - -Vielleicht, antwortete Ernst. - -Doch nicht allegorisch? - -Wie wir es nennen wollen, sagte jener. Es giebt vielleicht keine -Erfindung, die nicht die Allegorie, auch unbewußt, zum Grund und Boden -ihres Wesens hätte. Gut und böse ist die doppelte Erscheinung, die schon -das Kind in jeder Dichtung am leichtesten versteht, die uns in jeder -Darstellung von neuem ergreift, die uns aus jedem Räthsel in den -mannichfaltigsten Formen anspricht, und sich selbst zum Verständniß -ringend auflösen will. Es giebt eine Art, das gewöhnlichste Leben wie -ein Mährchen anzusehn, eben so kann man sich mit dem Wundervollsten, als -wäre es das Alltäglichste, vertraut machen. Man könnte sagen, alles, das -Gewöhnlichste, wie das Wunderbarste, Leichteste und Lustigste habe nur -Wahrheit und ergreife uns nur darum, weil diese Allegorie im letzten -Hintergrunde als Halt dem Ganzen dient, und eben darum sind auch Dante's -Allegorien so überzeugend, weil sie sich bis zur greiflichsten -Wirklichkeit durchgearbeitet haben. Novalis sagt: nur _die_ Geschichte -ist eine Geschichte, die auch Fabel sein kann. Doch giebt es auch viele -kranke und schwache Dichtungen dieser Art, die uns nur in Begriffen -herum schleppen, ohne unsre Phantasie mit zu nehmen, und diese sind die -ermüdendste Unterhaltung. -- Allein Anton mag uns jezt sein einleitendes -Gedicht vorlesen, welches er uns versprochen hat. - -Anton zog einige Blätter hervor und las: - - - - - Phantasus. - - - Betrübt saß ich in meiner Kammer, - Dacht' an die Noth, an all den Jammer, - Der rundum drückt die weite Erde, - Daß man nur schaut Trauergeberde, - Daß Lust und Sang und frohe Weisen - Gezogen weit von uns auf Reisen, - Daß Argwohn, Mißtraun unsre Gäste, - So Furcht wie Angst bei jedem Feste, - Daß jedermann nur frägt in Sorgen: - Wie wird es mit dir heut und morgen? - Dazu war ich noch schwach und krank, - Mir war so Tag wie Nacht zu lang; - Ich sorgte, was mein Arzt ermessen, - Was ich nicht trinken durft' und essen, - Wie meine Pein zu lindern wäre, - Was mir den Schlaf, die Ruh nicht störe: - So saß ich still in mich gebückt, - Den Kopf in meine Hand gedrückt, - Als ich, so sinnend, es vernahm - Daß jemand an die Thüre kam, - Es klopfte, und ich rief: herein! - Da öffnet schnell ein Händelein - So weiß wie Baumesblüth, herfür - Trat dann ein Knäblein in die Thür, - Das Haupt gekränzt mit jungen Rosen, - Die eben aus den Knospen losen, - Wie Rosengluth die Lippen hold, - Das krause Haar ein funkelnd Gold, - Die Augen dunkel, violbraun, - Der Leib gar lieblich anzuschaun. - Er trat vor mich und thät sich neigen, - Und sprach alsdann nach kurzem Schweigen: - Wie kömmts, mein lieber kranker Freund, - Daß ihr hier sitzt, da Sonne scheint? - Der Frühling geht umher mit Pracht, - Hat Laub des Waldes angefacht, - Es brennt das grüne Feuer wieder, - Und drein ertönen tausend Lieder, - Die Erde trägt ihr Sommerkleid, - Der Plan erglänzt von Blumen weit, - Es spielt der Fisch in blauem See, - Vom Obstbaum hängt der Blüthenschnee, - Die Lieb- und Segen-schwangre Luft - Durchspielt in Wogen Kraft und Duft, - Das Kindlein lacht die Blüthen an - Aus rothem Mund mit weißem Zahn, - Der Jüngling sieht sein Herz und Lieben - In Blumenschrift mit Glanz geschrieben, - Sich hebt der Jungfrau schöne Brust - In ahndungsvoller Liebeslust, - Der Greis erfrischt die alten Glieder - Und dünkt sich in der Kindheit wieder, - Und jedermann fühlt freudenschwanger - Den dunkeln Wald, den lichten Anger. - Du nur willst sitzen hier gekauert, - In deinen Sorgen eingemauert, - Von Schwermuths-Wolken rings umhängt, - In Noth und Zweifeln eingeengt? - Ich kenne dich nicht wieder schier; - Hinaus mach' stracks dich vor die Thür, - Und thu dein menschlich Angesicht - Hinein in holdes Himmelslicht, - Laß nicht die Stirn dir so verrunzeln, - Der Lippen Frische ganz verschrunzeln, - Das Auge, das sonst Strahlen scharf, - Von seinem lichten Bogen warf, - Ist tief hinein zum Haupt geschmolzen - Und schießt nur schwer' und stumpfe Bolzen; - Entzweit hat sich dein Mund mit Lachen, - Scherz, Kuß sind ihm wildfremde Sachen, - In deiner gelb verschrumpften Haut - Der Kummer sich im Spiegel schaut; - Nicht, Creatur, mach' Schand' und Spott, - Der dich geschaffen, deinem Gott, - Schau aus, als seist nach seinem Bilde - Formiret edel, heiter, milde, - Verbrümmelt nicht und ungelachsen, - Als sein in dir zusamm gewachsen - All Unkraut, Stacheln, Disteln, Dorn, - Mit Schimmel, Pilzen fest verworrn; - Frisch auf, laß dich von mir regieren, - Ins Frühlings-Reich will ich dich führen. - Er schwang in seiner Rechten zart - Die Tulpenblum seltsamer Art, - Wie er sie auf und nieder regte - Ein farbig Feuer sich bewegte, - Und lichte Sterne kreisten, welche - Sich schüttelten aus goldnem Kelche, - Sie flogen wie die Vöglein munter - Mir um das Haupt, herauf, herunter, - Und neckten mich mit Flammenleuchte, - Wie ich auch bang sie von mir scheuchte. - Ich sprach halb zornig: wer bist du, - Der mich gestört in meiner Ruh, - Du Knäblein laut, vorwitziglich, - Der du also bespöttelst mich, - Und willst, weil du ein Kindlein frei, - Daß alle Welt auch kindisch sei? - Ich habe mehr gelernt, erfahren, - Bin auch jetzund was mehr bei Jahren, - Daß Spiel, unnützer Zeitvertreib - Nicht mehr gefallen meinem Leib, - Auch ist umher die ganze Welt - Auf Ernst, Nachdenklichkeit gestellt, - Daß der nur Thor jedwedem scheint, - Der sich nicht höherm Zweck vereint, - Du aber, Knäblein, bist inmitten - Der Bildung nicht mit fortgeschritten, - Meinst noch, daß man nach Blum' und Kraut - Und all den Kinderein ausschaut, - Das hält man jezt für Rauch und Dunst, - Mein Sohn, die Zeit ist nicht wie sunst. - Der Knabe lacht', daß sich das Gold - Der Locken in einander rollt - Und sprach: sonst hast mich wohl gekannt, - Ich bin der Phantasus genannt, - Heimathlich war ich sonst bei dir, - Dein Spielgefährte für und für, - Als du mich noch am Herzen hegtest - Und väterlich und freundlich pflegtest, - Da war dein Sinn anders gestellt, - Mit dir zufrieden und der Welt - War dir die Arbeit Lust und Scherz, - Frisch und gesund dein junges Herz. - Mein Auge, sprach ich, ist wohl blind; - Du also bist dasselbe Kind, - Das täglich Blumen mir gebracht, - Holdseeliglich mich angelacht, - Das mir verscherzt die muntern Stunden, - Vielfältig Spielzeug mir erfunden? - Seitdem bist du von mir entwichen - Und anderwärts umher gestrichen, - Da kamen Ernst, Vernunft, Verstand, - Und gaben mir in meine Hand - Der Bücher viel und mancherlei - Voll tiefen Sinns, Philosophei, - Ich strebte, mich aus rohem Wilden - Zum wahren Menschen umzubilden; - Drauf ich auch zur Geschichte kam, - Die Noth der Welt zu Herzen nahm, - Die Chronikbücher unverdrossen - Hab' ich in Nächten aufgeschlossen, - Die Vorzeit stieg zu mir herüber - Und immer ernster wards und trüber: - Bald schien mich an ein flüchtig Blitzen, - Dann glaubt' ich Wahrheit zu besitzen, - Dann kam die Dämmrung, faßt' es wieder - Und taucht' es in die Finstre nieder; - Die Nacht ward wieder Lichtes schwanger, - Das neue Licht macht' mich noch banger, - Wohl ahndend, daß, wenns ausgegohren, - Die Finstre neu draus wird geboren: - So wies Histori mir nur Noth, - Im Leben auch nur Grab und Tod, - Das Schöne stirbt, der Glanz löscht aus, - Das Irdisch-Schlechte baut sein Haus, - Und spricht von seinem Felsenthron - Den hohen Göttersöhnen Hohn: - Natur hab' ich ergründen wollen, - Da kam ich gar auf seltsam Schrollen, - Verlor mich in ein steinern Reich, - Ich glaubte all's, nichts doch zugleich, - Wollt' Pflanz, Metall und Stein verstehn, - Mußt' mir doch selbst verloren gehn, - Hatt' viel Kunstworte bald erstanden, - Ich selbst gekommen nur abhanden, - Um endlich wieder zu gelangen - Noch dummer wo ich ausgegangen: - Vielleicht weil du, mein Sohn, gefehlt, - Hab' ich in Angst mich abgequält, - Verstehst du wohl die alten Schriften, - Wandelst wohl auch auf Weisheits-Triften? - Doch still, ich will dich jezt nicht plagen, - Komm, laß uns in den schönen Tagen - So spielen, wie wir sonst gepflogen, - Wenn du mir etwas noch gewogen. - - Der Kleine schmeichelt' sich an mich, - Drückt' an mein Knie mit Lächeln sich, - Wandt' sich hieher und dorthin nun, - Fast wie die jungen Kätzlein thun. - Da gehn wir aus dem Haus, und warm - Nimmt Sommer mich in seinen Arm, - Die Lerch' in Lüften jubilirt, - Hänfling und Drossel musizirt, - Das Grün schmiegt sich um Plan und Hügel, - Der Schmetterling wiegt Purpurflügel, - Die Blumen roth, braun, gold und blau - Stehn dicht gedrängt auf grüner Au, - Die Bienen summen lustig, nippen - Den Honigseim von Blumenlippen, - Duft, röthlich Glanz kreucht aus dem Baum, - Hängt von dem Zweig, ein süßer Traum. - Wie ist, sprach ich, die Welt so bunt, - Von neuem tönt und schwazt der Mund - Der kindschen Quellen, Frühlings Hand - Nahm von den Zungen ab das Band, - Daß Winter jährlich um sie legt, - Daß sich kein lautes Wörtchen regt, - Die Sommergäst' auch sind mit Schalle - Ins Land zurück gekommen alle. - Indem wand sich der Buchenhain - Vom Plane ab den Weg hinein, - Der Glanz mit Grün schön war gemischt, - Die stille Luft vom Wind erfrischt, - Die wilden Tauben hört' ich girren, - Zeisig und Fink in Nestern schwirren, - Ein Duft süß aus den Bäumen floß, - Ein Rieseln sänftlich sich ergoß - Aus Tannenbäumen, die vom Winde - Sanft angespielt erklangen linde, - Das all war meinem kranken Leben - Als Labsal und Arznei gegeben. - Wo sind wir, Liebster? rief ich aus, - Sei mir gegrüßt, du grünes Haus, - Gegrüßt ihr frischen Bogengänge, - Willkommen mir ihr Waldesklänge! - Ich war noch nie in den Revieren, - Sprich, wohin willst du mich denn führen? - Er sagte nichts, nur freundlich winkt - Sein Aug', das mir ins Auge blinkt. - Einsamer ward der dichte Hain, - Gespaltener des Lichtes Schein, - Der sich in Gattern um uns legte - Und mit des Luftes Zug bewegte; - Da hört' ich Wild von ferne schrein, - Da sangen fremde Vögel drein - Mit wundersamen Ton, es klangen - Viel Bächlein, die aus Felsen sprangen, - Wie Schatten zog es her und hin, - Ein Schauer flog durch meinen Sinn. - Nun wars, als hört' ich Kinder plaudern, - Hin lief ich ohne länger Zaudern, - Und als ich nach dem Ort gekommen, - Von wo ich erst den Ton vernommen, - Da that sich auf des Waldes Dunkel, - Und vor mir lag ein hell Gefunkel, - Roth sah ich wilde Nelken blühn, - Sammt lichten Sternen von Jasmin, - Und duftend Kraut Je länger lieber, - Das rankte eine Grott' hinüber, - An die sich hoch der Epheu schlang, - Und aus der Höhle kam Gesang. - Da schaut ich in den Fels hinein, - Dort saß ein Bild mit lichtem Schein, - Güldnes Gewand den Leib umfloß, - An den sich Spang' und Gürtel schloß, - Das Antliz bleich, entfärbt die Wange, - Sie schien in Furcht und Zittern bange - Und schloß sich an ein Mannsgebild, - Das schaute aus den Augen wild, - Doch lächelt' er mit Freundlichkeit: - Er war in schwarz Gewand gekleidt, - Ein dunkles Haar hing um das Haupt, - Er trug von wildem Wein umlaubt - Den güldnen Stab in seiner Hand, - Geflochten war um sein Gewand - Epheu und Tannenzweig' in Kränzen, - Wozwischen rothe Rosen glänzen; - Er sprach und sang der Schönen vor, - Und flüsterte ihr oft ins Ohr. - Da fragt' ich: Kind, wer sind die beide? - Der Knabe sprach: im schwarzen Kleide - Der ist der Schreck, von Mährchen alten - Beschreibt er gern die Schau'rgestalten; - Das Mägdlein da im lichten Kleid - Ist meine liebe Albernheit, - Sie ängstet sich und um so gerner - Hört sie den andern reden ferner, - Sie fürchtet sich vor dem Erschrecken, - Läßt sich doch spielend davon necken, - Sie lächelt, und vor Schauder weint - Ihr Lachen, das in Thränen scheint, - Sie freut sich und wird voraus bleich, - So spielt sie mit dem Geisterreich, - Wenn Schreck ihr sagt: nun sprech' ich jezt, - Was dich recht durch und durch entsetzt! - Dann bittet sie: so schweige lieber, -- - Nein, spricht sie dann, erzähl' es, Lieber; - Nun rauscht der schwarze Tannenhain, - Dann weinen Felsenbäche drein, - Sie meint, sie stirbt vor Angst und Schmerz - Und drückt dem Schreck sich fest ans Herz. - Da sah ich einen Kleinen gaukeln - Und sich in allen Blumen schaukeln, - Ein herzigs Kind, das auf und nieder - Im Tanze schwang die zarten Glieder, - Bald klettert' es in Epheuranken - Und ließ sich kühn vom Winde schwanken, - Bald stand oben am Fels der Lose - Und duckte sich in eine Rose. - So eilig, daß der Stengel knickte - Wie er sich in die Röthe bückte, - Dann fiel er lachend auf die Au - Und war benetzt vom Rosenthau: - In Blättern, aus Jasmin gezogen, - Beschifft' er dann des Baches Wogen, - Und bracht' als Kriegsgefangne heim - Die Bienen mit dem Honigseim; - Dann sucht' er Muscheln sich im Sande - Und Stein' und Kiesel vielerhande, - Und putzte drin das Felsenhaus - Mit vielen artgen Schnörkeln aus: - Auf einmal ließ er alles liegen - Und schien durch Lüfte schnell zu fliegen, - Nun auf dem höchsten Tannenbaum - Stand er und übersah den Raum, - Mit Riesenstärke bog er dann - Des Baumes Wipfel auf den Plan - Und ließ ihn dann zurücke schießen; - Des Baches Wogen mußten fließen - In Wasserfällen laut und brausend, - Der mächtge Wald dazwischen sausend, - Ein furchtbar Echo, das von oben - Hin durch den Thalgrund sprach mit Toben, - Dazu des Donners Krachen viel, - Schien alles ihm nur Harfenspiel. - Er selbst, der erst ein kleiner Zwerg, - War jezt großmächtig wie ein Berg, - Und sprang so schnell wie Blitzes Lauf, - Zur Höhe des Gebirgs hinauf, - Riß aus der Wurzel mächtge Felsen, - Die ließ er sich zum Thale wälzen - Mit lautem Donnern, furchtbarm Krachen, - Das machte ihn von Herzen lachen, - Wie sie im Pürzen, Springen, Kollern, - So ungeschlacht zur Ebne schollern, - Wie sie die nackten Hauer fletschen - Und Wald und Berg im Sturz zerquetschen. - Da war ich bang und furchtsam fast, - Ich sprach: wer ist der schlimme Gast, - Der erst ein Kindlein thörigt spielte, - An Bienen nur sein Müthlein kühlte, - Ein Tandmann schien, doch nun erwachsen - So ungeheuer, ungelachsen, - Daß kaum noch so viel Kraft der Welt, - Daß sie ihn sich vom Halse hält? - Das ist der Scherz, so sprach mein Freund, - Der Groß und Klein dasselbe scheint; - Oft ist er zart und lieb unschuldig, - Doch wird er wild und ungeduldig, - So kühlt er seinen Muth, den frechen, - Und all's muß biegen oder brechen. -- - Kann man nicht, fragt' ich, Sitt' ihm lehren? -- - Das hieß ihn nur, sprach er, verkehren, - Er acht't kein noch so klug Gebot, - Und schreit nur, das thut mir nicht noth! - So lassen sie ihm seinen Willen. -- - Da schlug urplötzlich aus dem Stillen - Der Sang von tausend Nachtigallen, - Die ließen ihre Klage schallen, - Und aus dem grünen Waldesraum - Erglänzt' ein leuchtend goldner Saum, - Von Purpurkleidern, die erbeben - In Gluth, wie sich die Glieder heben - Vom schönsten weiblichen Gebilde, - Sie schritt nun lächelnd zum Gefilde, - Und kam aus dunkelm Wald hervor - Wie Sonne durch des Morgens Thor, - Das goldne Haar in Wellen fließend, - Das lichte Aug' die Welt begrüßend, - Das rothe Lächeln Wonne streuend, - Des Leibes Glanz rings all erfreuend; - So wie die Augen leuchtend gingen, - Die Blumen an zu blühen fingen, - Das Gras ward grüner, Wonnebeben - Schien Stein und Felsen zu beleben, - Die Wasser jauchzten, und im Innern - Bewegt ein seliges Erinnern - Der Erde allertiefstes Herz, - Demant erwuchs und Goldes-Erz. - Wer ist, fragt ich, die dort regiert, - So zart und edel gliedmasirt, - Die Klare, Holde, minniglich'? - Nenn' ihren Namen, Knabe, sprich! - Dir ist es also nicht bewußt, - Sprach, Phantasus, in deiner Brust, - Was Thier' und Pflanzen, Stein' empfinden, - Ich muß dir ihren Namen künden? - Die Liebe ist sie! Und alsbald - Kannt' ich die göttliche Gestalt, - Ich sprach im Flehn zu ihr: demüthig - Komm' ich zu dir, o sei mir gütig, - Wie du die ganze Welt beglückst, - In jedes Herz die Wonne schickst, - Gedenke mein, laß nicht mein Leben - Als liebeleeren Traum verschweben. - Gebietend hob sie auf die Hand, - Da kamen aus dem grünen Land, - Von Bergen, aus dem niedern Thal, - Die Geister wimmelnd ohne Zahl, - Aus Bächen huben sie sich schnell - Und leuchteten von Schimmern hell, - Die Bäume thaten all sich auf, - Es sprangen vor mit munterm Lauf, - Die zarten Elfen, und aus kleinen - Blümlein wollten sie auch erscheinen, - Gar klein gestalt, in Farben bunt: - Da sang ein tausendfacher Mund - Der hohen Göttin Lob und Dank, - Gar wundersam war der Gesang, - Sie sonnten sich in ihrem Lächeln - Berauscht von ihres Othems Fächeln. - Da wandt' sich Phantasus zu mir: - Nun, Werther, wie gefällts dir hier? - Ich wollte sprechen: seeliglich - Dünkt mir dies Leben sicherlich, - Doch nahm der allergrößte Schreck - Mir plötzlich Stimm und Othem weg; - Was ich für Grott' und Berg gehalten, - Für Wald und Flur und Felsgestalten, - Das war ein einzigs großes Haupt, - Statt Haar und Bart mit Wald umlaubt, - Still lächelt er, daß seine Kind' - In Spielen glücklich vor ihm sind, - Er winkt, und ahndungsvolles Brausen - Wogt her in Waldes heil'gem Sausen, - Da fiel ich auf die Knie nieder, - Mir zitterten in Angst die Glieder, - Ich sprach zum Kleinen nur das Wort: - Sag an, was ist das Große dort? - Der Kleine sprach: Dich faßt sein Graun, - Weil du ihn darfst so plötzlich schaun, - Das ist der Vater, unser Alter, - Heißt Pan, von allem der Erhalter. -- - Ein mächt'ger Schauder faßte mich, - Mit Zittern schnell erwachte ich, - Und so bewegt von dem Gesicht - Verkünd' ichs euch, verschweig' es nicht. - - * * * * * - -Nach einer Pause sagte Clara: ich glaube Ihren Sinn zu verstehn, aber -unartig, ja grausam finde ich es, daß Sie über Ihre Krankheit scherzen, -und zur Strafe dafür sollen Sie uns ohne auszuruhen sogleich das erste -Mährchen mittheilen, denn ich hörte gestern, daß Ihnen der Beginn dieser -Erzählungen zugesprochen sei. Anton fing an zu lesen. - - - - - Der blonde Eckbert. - 1796. - - -In einer Gegend des Harzes wohnte ein Ritter, den man gewöhnlich nur den -blonden Eckbert nannte. Er war ohngefähr vierzig Jahr alt, kaum von -mittler Größe, und kurze hellblonde Haare lagen schlicht und dicht an -seinem blassen eingefallenen Gesichte. Er lebte sehr ruhig für sich und -war niemals in den Fehden seiner Nachbarn verwickelt, auch sah man ihn -nur selten außerhalb den Ringmauern seines kleinen Schlosses. Sein Weib -liebte die Einsamkeit eben so sehr, und beide schienen sich von Herzen -zu lieben, nur klagten sie gewöhnlich darüber, daß der Himmel ihre Ehe -mit keinen Kindern segnen wolle. - -Nur selten wurde Eckbert von Gästen besucht, und wenn es auch geschah, -so wurde ihretwegen fast nichts in dem gewöhnlichen Gange des Lebens -geändert, die Mäßigkeit wohnte dort, und die Sparsamkeit selbst schien -alles anzuordnen. Eckbert war alsdann heiter und aufgeräumt, nur wenn er -allein war, bemerkte man an ihm eine gewisse Verschlossenheit, eine -stille zurückhaltende Melankolie. - -Niemand kam so häufig auf die Burg als Philipp Walther, ein Mann, dem -sich Eckbert angeschlossen hatte, weil er an diesem ohngefähr dieselbe -Art zu denken fand, der auch er am meisten zugethan war. Dieser wohnte -eigentlich in Franken, hielt sich aber oft über ein halbes Jahr in der -Nähe von Eckberts Burg auf, sammelte Kräuter und Steine, und -beschäftigte sich damit, sie in Ordnung zu bringen, er lebte von einem -kleinen Vermögen und war von Niemand abhängig. Eckbert begleitete ihn -oft auf seinen einsamen Spaziergängen, und mit jedem Jahre entspann sich -zwischen ihnen eine innigere Freundschaft. - -Es giebt Stunden, in denen es den Menschen ängstigt, wenn er vor seinem -Freunde ein Geheimniß haben soll, was er bis dahin oft mit vieler -Sorgfalt verborgen hat, die Seele fühlt dann einen unwiderstehlichen -Trieb, sich ganz mitzutheilen, dem Freunde auch das Innerste -aufzuschließen, damit er um so mehr unser Freund werde. In diesen -Augenblicken geben sich die zarten Seelen einander zu erkennen, und -zuweilen geschieht es wohl auch, daß einer vor der Bekanntschaft des -andern zurück schreckt. - -Es war schon im Herbst, als Eckbert an einem neblichten Abend mit seinem -Freunde und seinem Weibe Bertha um das Feuer eines Kamines saß. Die -Flamme warf einen hellen Schein durch das Gemach und spielte oben an der -Decke, die Nacht sah schwarz zu den Fenstern herein, und die Bäume -draußen schüttelten sich vor nasser Kälte. Walther klagte über den -weiten Rückweg, den er habe, und Eckbert schlug ihm vor, bei ihm zu -bleiben, die halbe Nacht unter traulichen Gesprächen hinzubringen, und -dann in einem Gemache des Hauses bis am Morgen zu schlafen. Walther ging -den Vorschlag ein, und nun ward Wein und die Abendmahlzeit -hereingebracht, das Feuer durch Holz vermehrt, und das Gespräch der -Freunde heitrer und vertraulicher. - -Als das Abendessen abgetragen war, und sich die Knechte wieder entfernt -hatten, nahm Eckbert die Hand Walthers und sagte: Freund, ihr solltet -euch einmal von meiner Frau die Geschichte ihrer Jugend erzählen lassen, -die seltsam genug ist. -- Gern, sagte Walther, und man setzte sich -wieder um den Kamin. - -Es war jezt gerade Mitternacht, der Mond sah abwechselnd durch die -vorüber flatternden Wolken. Ihr müßt mich nicht für zudringlich halten, -fing Bertha an, mein Mann sagt, daß ihr so edel denkt, daß es unrecht -sei, euch etwas zu verhehlen. Nur haltet meine Erzählung für kein -Mährchen, so sonderbar sie auch klingen mag. - -Ich bin in einem Dorfe geboren, mein Vater war ein armer Hirte. Die -Haushaltung bei meinen Eltern war nicht zum Besten bestellt, sie wußten -sehr oft nicht, wo sie das Brod hernehmen sollten. Was mich aber noch -weit mehr jammerte, war, daß mein Vater und meine Mutter sich oft über -ihre Armuth entzweiten, und einer dem andern dann bittere Vorwürfe -machte. Sonst hört' ich beständig von mir, daß ich ein einfältiges -dummes Kind sei, das nicht das unbedeutendste Geschäft auszurichten -wisse, und wirklich war ich äußerst ungeschickt und unbeholfen, ich ließ -alles aus den Händen fallen, ich lernte weder nähen noch spinnen, ich -konnte nichts in der Wirthschaft helfen, nur die Noth meiner Eltern -verstand ich sehr gut. Oft saß ich dann im Winkel und füllte meine -Vorstellungen damit an, wie ich ihnen helfen wollte, wenn ich plötzlich -reich würde, wie ich sie mit Gold und Silber überschütten und mich an -ihrem Erstaunen laben möchte, dann sah ich Geister herauf schweben, die -mir unterirdische Schätze entdeckten, oder mir kleine Kiesel gaben, die -sich in Edelsteine verwandelten, kurz, die wunderbarsten Phantasien -beschäftigten mich, und wenn ich nun aufstehn mußte, um irgend etwas zu -helfen, oder zu tragen, so zeigte ich mich noch viel ungeschickter, weil -mir der Kopf von allen den seltsamen Vorstellungen schwindelte. - -Mein Vater war immer sehr ergrimmt auf mich, daß ich eine so ganz -unnütze Last des Hauswesens sei, er behandelte mich daher oft ziemlich -grausam, und es war selten, daß ich ein freundliches Wort von ihm -vernahm. So war ich ungefähr acht Jahr alt geworden, und es wurden nun -ernstliche Anstalten gemacht, daß ich etwas thun, oder lernen sollte. -Mein Vater glaubte, es wäre nur Eigensinn oder Trägheit von mir, um -meine Tage in Müssiggang hinzubringen, genug, er setzte mir mit -Drohungen unbeschreiblich zu, da diese aber doch nichts fruchteten, -züchtigte er mich auf die grausamste Art, indem er sagte, daß diese -Strafe mit jedem Tage wiederkehren sollte, weil ich doch nur ein -unnützes Geschöpf sei. - -Die ganze Nacht hindurch weint' ich herzlich, ich fühlte mich so -außerordentlich verlassen, ich hatte ein solches Mitleid mit mir selber, -daß ich zu sterben wünschte. Ich fürchtete den Anbruch des Tages, ich -wußte durchaus nicht, was ich anfangen sollte, ich wünschte mir alle -mögliche Geschicklichkeit und konnte gar nicht begreifen, warum ich -einfältiger sei, als die übrigen Kinder meiner Bekanntschaft. Ich war -der Verzweiflung nahe. - -Als der Tag graute, stand ich auf und eröffnete, fast ohne daß ich es -wußte, die Thür unsrer kleinen Hütte. Ich stand auf dem freien Felde, -bald darauf war ich in einem Walde, in den der Tag kaum noch hinein -blickte. Ich lief immerfort, ohne mich umzusehn, ich fühlte keine -Müdigkeit, denn ich glaubte immer, mein Vater würde mich noch wieder -einholen, und, durch meine Flucht gereizt, mich noch grausamer -behandeln. - -Als ich aus dem Walde wieder heraus trat, stand die Sonne schon ziemlich -hoch, ich sah jezt etwas Dunkles vor mir liegen, welches ein dichter -Nebel bedeckte. Bald mußte ich über Hügel klettern, bald durch einen -zwischen Felsen gewundenen Weg gehn, und ich errieth nun, daß ich mich -wohl in dem benachbarten Gebirge befinden müsse, worüber ich anfing mich -in der Einsamkeit zu fürchten. Denn ich hatte in der Ebene noch keine -Berge gesehn, und das bloße Wort Gebirge, wenn ich davon hatte reden -hören, war meinem kindischen Ohr ein fürchterlicher Ton gewesen. Ich -hatte nicht das Herz zurück zu gehn, meine Angst trieb mich vorwärts; -oft sah ich mich erschrocken um, wenn der Wind über mir weg durch die -Bäume fuhr, oder ein ferner Holzschlag weit durch den stillen Morgen -hintönte. Als mir Köhler und Bergleute endlich begegneten und ich eine -fremde Aussprache hörte, wäre ich vor Entsetzen fast in Ohnmacht -gesunken. - -Ich kam durch mehrere Dörfer und bettelte, weil ich jezt Hunger und -Durst empfand, ich half mir so ziemlich mit meinen Antworten durch, wenn -ich gefragt wurde. So war ich ohngefähr vier Tage fortgewandert, als ich -auf einen kleinen Fußsteig gerieth, der mich von der großen Straße immer -mehr entfernte. Die Felsen um mich her gewannen jezt eine andre, weit -seltsamere Gestalt. Es waren Klippen, so auf einander gepackt, daß es -das Ansehn hatte, als wenn sie der erste Windstoß durch einander werfen -würde. Ich wußte nicht, ob ich weiter gehn sollte. Ich hatte des Nachts -immer im Walde geschlafen, denn es war gerade zur schönsten Jahrszeit, -oder in abgelegenen Schäferhütten; hier traf ich aber gar keine -menschliche Wohnung, und konnte auch nicht vermuthen, in dieser Wildniß -auf eine zu stoßen; die Felsen wurden immer furchtbarer, ich mußte oft -dicht an schwindlichten Abgründen vorbeigehn, und endlich hörte sogar -der Weg unter meinen Füßen auf. Ich war ganz trostlos, ich weinte und -schrie, und in den Felsenthälern hallte meine Stimme auf eine -schreckliche Art zurück. Nun brach die Nacht herein, und ich suchte mir -eine Moosstelle aus, um dort zu ruhn. Ich konnte nicht schlafen; in der -Nacht hörte ich die seltsamsten Töne, bald hielt ich es für wilde -Thiere, bald für den Wind, der durch die Felsen klage, bald für fremde -Vögel. Ich betete, und ich schlief nur spät gegen Morgen ein. - -Ich erwachte, als mir der Tag ins Gesicht schien. Vor mir war ein -steiler Felsen, ich kletterte in der Hoffnung hinauf, von dort den -Ausgang aus der Wildniß zu entdecken, und vielleicht Wohnungen oder -Menschen gewahr zu werden. Als ich aber oben stand, war alles, so weit -nur mein Auge reichte, eben so, wie um mich her, alles war mit einem -neblichten Dufte überzogen, der Tag war grau und trübe, und keinen Baum, -keine Wiese, selbst kein Gebüsch konnte mein Auge erspähn, einzelne -Sträucher ausgenommen, die einsam und betrübt in engen Felsenritzen -empor geschossen waren. Es ist unbeschreiblich, welche Sehnsucht ich -empfand, nur eines Menschen ansichtig zu werden, wäre es auch, daß ich -mich vor ihm hätte fürchten müssen. Zugleich fühlte ich einen -peinigenden Hunger, ich setzte mich nieder und beschloß zu sterben. Aber -nach einiger Zeit trug die Lust zu leben dennoch den Sieg davon, ich -raffte mich auf und ging unter Thränen, unter abgebrochenen Seufzern den -ganzen Tag hindurch; am Ende war ich mir meiner kaum noch bewußt, ich -war müde und erschöpft, ich wünschte kaum noch zu leben, und fürchtete -doch den Tod. - -Gegen Abend schien die Gegend umher etwas freundlicher zu werden, meine -Gedanken, meine Wünsche lebten wieder auf, die Lust zum Leben erwachte -in allen meinen Adern. Ich glaubte jezt das Gesause einer Mühle aus der -Ferne zu hören, ich verdoppelte meine Schritte, und wie wohl, wie leicht -ward mir, als ich endlich wirklich die Gränzen der öden Felsen -erreichte; ich sah Wälder und Wiesen mit fernen angenehmen Bergen wieder -vor mir liegen. Mir war, als wenn ich aus der Hölle in ein Paradies -getreten wäre, die Einsamkeit und meine Hülflosigkeit schienen mir nun -gar nicht fürchterlich. - -Statt der gehofften Mühle stieß ich auf einen Wasserfall, der meine -Freude freilich um vieles minderte; ich schöpfte mit der Hand einen -Trunk aus dem Bache, als mir plötzlich war, als höre ich in einiger -Entfernung ein leises Husten. Nie bin ich so angenehm überrascht worden, -als in diesem Augenblick, ich ging näher und ward an der Ecke des Waldes -eine alte Frau gewahr, die auszuruhen schien. Sie war fast ganz schwarz -gekleidet und eine schwarze Kappe bedeckte ihren Kopf und einen großen -Theil des Gesichtes, in der Hand hielt sie einen Krückenstock. - -Ich näherte mich ihr und bat um ihre Hülfe; sie ließ mich neben sich -niedersitzen und gab mir Brod und etwas Wein. Indem ich aß, sang sie mit -kreischendem Ton ein geistliches Lied. Als sie geendet hatte, sagte sie -mir, ich möchte ihr folgen. - -Ich war über diesen Antrag sehr erfreut, so wunderlich mir auch die -Stimme und das Wesen der Alten vorkam. Mit ihrem Krückenstocke ging sie -ziemlich behende, und bei jedem Schritte verzog sie ihr Gesicht so, daß -ich im Anfange darüber lachen mußte. Die wilden Felsen traten immer -weiter hinter uns zurück, wir gingen über eine angenehme Wiese, und dann -durch einen ziemlich langen Wald. Als wir heraus traten, ging die Sonne -gerade unter, und ich werde den Anblick und die Empfindung dieses Abends -nie vergessen. In das sanfteste Roth und Gold war alles verschmolzen, -die Bäume standen mit ihren Wipfeln in der Abendröthe, und über den -Feldern lag der entzückende Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume -standen still, der reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes -Paradies, und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das Flüstern -der Bäume tönte durch die heitre Stille wie in wehmüthiger Freude. Meine -junge Seele bekam jezt zuerst eine Ahndung von der Welt und ihren -Begebenheiten. Ich vergaß mich und meine Führerin, mein Geist und meine -Augen schwärmten nur zwischen den goldnen Wolken. - -Wir stiegen nun einen Hügel hinan, der mit Birken bepflanzt war, von -oben sah man in ein grünes Thal voller Birken hinein, und unten mitten -in den Bäumen lag eine kleine Hütte. Ein munteres Bellen kam uns -entgegen, und bald sprang ein kleiner behender Hund die Alte an, und -wedelte, dann kam er zu mir, besah mich von allen Seiten, und kehrte mit -freundlichen Geberden zur Alten zurück. - -Als wir vom Hügel hinunter gingen, hörte ich einen wunderbaren Gesang, -der aus der Hütte zu kommen schien, wie von einem Vogel, es sang also: - - Waldeinsamkeit, - Die mich erfreut, - So morgen wie heut - In ewger Zeit, - O wie mich freut - Waldeinsamkeit. - -Diese wenigen Worte wurden beständig wiederholt; wenn ich es beschreiben -soll, so war es fast, als wenn Waldhorn und Schallmeie ganz in der Ferne -durch einander spielen. - -Meine Neugier war außerordentlich gespannt; ohne daß ich auf den Befehl -der Alten wartete, trat ich mit in die Hütte. Die Dämmerung war schon -eingebrochen, alles war ordentlich aufgeräumt, einige Becher standen auf -einem Wandschranke, fremdartige Gefäße auf einem Tische, in einem -glänzenden Käfig hing ein Vogel am Fenster, und er war es wirklich, der -die Worte sang. Die Alte keichte und hustete, sie schien sich gar nicht -wieder erholen zu können, bald streichelte sie den kleinen Hund, bald -sprach sie mit dem Vogel, der ihr nur mit seinem gewöhnlichen Liede -Antwort gab; übrigens that sie gar nicht, als wenn ich zugegen wäre. -Indem ich sie so betrachtete, überlief mich mancher Schauer: denn ihr -Gesicht war in einer ewigen Bewegung, indem sie dazu wie vor Alter mit -dem Kopfe schüttelte, so daß ich durchaus nicht wissen konnte, wie ihr -eigentliches Aussehn beschaffen war. - -Als sie sich erholt hatte, zündete sie Licht an, deckte einen ganz -kleinen Tisch und trug das Abendessen auf. Jezt sah sie sich nach mir -um, und hieß mir einen von den geflochtenen Rohrstühlen nehmen. So saß -ich ihr nun dicht gegenüber und das Licht stand zwischen uns. Sie -faltete ihre knöchernen Hände und betete laut, indem sie ihre -Gesichtsverzerrungen machte, so daß es mich beinahe wieder zum Lachen -gebracht hätte; aber ich nahm mich sehr in Acht, um sie nicht zu -erboßen. - -Nach dem Abendessen betete sie wieder, und dann wies sie mir in einer -niedrigen und engen Kammer ein Bett an; sie schlief in der Stube. Ich -blieb nicht lange munter, ich war halb betäubt, aber in der Nacht wachte -ich einigemal auf, und dann hörte ich die Alte husten und mit dem Hunde -sprechen, und den Vogel dazwischen, der im Traum zu sein schien, und -immer nur einzelne Worte von seinem Liede sang. Das machte mit den -Birken, die vor dem Fenster rauschten, und mit dem Gesang einer -entfernten Nachtigall ein so wunderbares Gemisch, daß es mir immer nicht -war, als sei ich erwacht, sondern als fiele ich nur in einen andern noch -seltsamern Traum. - -Am Morgen weckte mich die Alte, und wies mich bald nachher zur Arbeit -an. Ich mußte spinnen, und ich begriff es auch bald, dabei hatte ich -noch für den Hund und für den Vogel zu sorgen. Ich lernte mich schnell -in die Wirthschaft finden, und alle Gegenstände umher wurden mir -bekannt; nun war mir, als müßte alles so sein, ich dachte gar nicht mehr -daran, daß die Alte etwas Seltsames an sich habe, daß die Wohnung -abentheuerlich und von allen Menschen entfernt liege, und daß an dem -Vogel etwas Außerordentliches sei. Seine Schönheit fiel mir zwar immer -auf, denn seine Federn glänzten mit allen möglichen Farben, das schönste -Hellblau und das brennendste Roth wechselten an seinem Halse und Leibe, -und wenn er sang, blähte er sich stolz auf, so daß sich seine Federn -noch prächtiger zeigten. - -Oft ging die Alte aus und kam erst am Abend zurück, ich ging ihr dann -mit dem Hunde entgegen, und sie nannte mich Kind und Tochter. Ich ward -ihr endlich von Herzen gut, wie sich unser Sinn denn an alles, besonders -in der Kindheit, gewöhnt. In den Abendstunden lehrte sie mich lesen, ich -fand mich leicht in die Kunst, und es ward nachher in meiner Einsamkeit -eine Quelle von unendlichem Vergnügen, denn sie hatte einige alte -geschriebene Bücher, die wunderbare Geschichten enthielten. - -Die Erinnerung an meine damalige Lebensart ist mir noch bis jezt immer -seltsam: von keinem menschlichen Geschöpfe besucht, nur in einem so -kleinen Familienzirkel einheimisch, denn der Hund und der Vogel machten -denselben Eindruck auf mich, den sonst nur längst gekannte Freunde -hervorbringen. Ich habe mich immer nicht wieder auf den seltsamen Namen -des Hundes besinnen können, so oft ich ihn auch damals nannte. - -Vier Jahre hatte ich so mit der Alten gelebt, und ich mochte ohngefähr -zwölf Jahr alt sein, als sie mir endlich mehr vertraute, und mir ein -Geheimniß entdeckte. Der Vogel legte nehmlich an jedem Tage ein Ei, in -dem sich eine Perl oder ein Edelstein befand. Ich hatte schon immer -bemerkt, daß sie heimlich in dem Käfige wirthschafte, mich aber nie -genauer darum bekümmert. Sie trug mir jezt das Geschäft auf, in ihrer -Abwesenheit diese Eier zu nehmen und in den fremdartigen Gefäßen wohl zu -verwahren. Sie ließ mir meine Nahrung zurück, und blieb nun länger aus, -Wochen, Monate; mein Rädchen schnurrte, der Hund bellte, der wunderbare -Vogel sang und dabei war alles so still in der Gegend umher, daß ich -mich in der ganzen Zeit keines Sturmwindes, keines Gewitters erinnere. -Kein Mensch verirrte sich dorthin, kein Wild kam unserer Behausung nahe, -ich war zufrieden und arbeitete mich von einem Tage zum andern hinüber. --- Der Mensch wäre vielleicht recht glücklich, wenn er so ungestört sein -Leben bis ans Ende fortführen könnte. - -Aus dem wenigen, was ich las, bildete ich mir ganz wunderliche -Vorstellungen von der Welt und den Menschen, alles war von mir und -meiner Gesellschaft hergenommen: wenn von lustigen Leuten die Rede war, -konnte ich sie mir nicht anders vorstellen wie den kleinen Spitz, -prächtige Damen sahen immer wie der Vogel aus, alle alte Frauen wie -meine wunderliche Alte. Ich hatte auch von Liebe etwas gelesen, und -spielte nun in meiner Phantasie seltsame Geschichten mit mir selber. Ich -dachte mir den schönsten Ritter von der Welt, ich schmückte ihn mit -allen Vortrefflichkeiten aus, ohne eigentlich zu wissen, wie er nun nach -allen meinen Bemühungen aussah: aber ich konnte ein rechtes Mitleid mit -mir selber haben, wenn er mich nicht wieder liebte; dann sagte ich lange -rührende Reden in Gedanken her, zuweilen auch wohl laut, um ihn nur zu -gewinnen. -- Ihr lächelt! wir sind jezt freilich alle über diese Zeit -der Jugend hinüber. - -Es war mir jezt lieber, wenn ich allein war, denn alsdann war ich selbst -die Gebieterin im Hause. Der Hund liebte mich sehr und that alles was -ich wollte, der Vogel antwortete mir in seinem Liede auf alle meine -Fragen, mein Rädchen drehte sich immer munter, und so fühlte ich im -Grunde nie einen Wunsch nach Veränderung. Wenn die Alte von ihren langen -Wanderungen zurück kam, lobte sie meine Aufmerksamkeit, sie sagte, daß -ihre Haushaltung, seit ich dazu gehöre, weit ordentlicher geführt werde, -sie freute sich über mein Wachsthum und mein gesundes Aussehn, kurz, sie -ging ganz mit mir wie mit einer Tochter um. - -Du bist brav, mein Kind! sagte sie einst zu mir mit einem schnarrenden -Tone; wenn du so fort fährst, wird es dir auch immer gut gehn: aber nie -gedeiht es, wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe folgt -nach, wenn auch noch so spät. -- Indem sie das sagte, achtete ich eben -nicht sehr darauf, denn ich war in allen meinen Bewegungen und meinem -ganzen Wesen sehr lebhaft; aber in der Nacht fiel es mir wieder ein, und -ich konnte nicht begreifen, was sie damit hatte sagen wollen. Ich -überlegte alle Worte genau, ich hatte wohl von Reichthümern gelesen, und -am Ende fiel mir ein, daß ihre Perlen und Edelsteine wohl etwas -Kostbares sein könnten. Dieser Gedanke wurde mir bald noch deutlicher. -Aber was konnte sie mit der rechten Bahn meinen? Ganz konnte ich den -Sinn ihrer Worte noch immer nicht fassen. - -Ich war jezt vierzehn Jahr alt, und es ist ein Unglück für den Menschen, -daß er seinen Verstand nur darum bekömmt, um die Unschuld seiner Seele -zu verlieren. Ich begriff nehmlich wohl, daß es nur auf mich ankomme, in -der Abwesenheit der Alten den Vogel und die Kleinodien zu nehmen, und -damit die Welt, von der ich gelesen hatte, aufzusuchen. Zugleich war es -mir dann vielleicht möglich, den überaus schönen Ritter anzutreffen, der -mir immer noch im Gedächtnisse lag. - -Im Anfange war dieser Gedanke nichts weiter als jeder andre Gedanke, -aber wenn ich so an meinem Rade saß, so kam er mir immer wider Willen -zurück, und ich verlor mich so in ihm, daß ich mich schon herrlich -geschmückt sah, und Ritter und Prinzen um mich her. Wenn ich mich so -vergessen hatte, konnte ich ordentlich betrübt werden, wenn ich wieder -aufschaute, und mich in der kleinen Wohnung antraf. Uebrigens, wenn ich -meine Geschäfte that, bekümmerte sich die Alte nicht weiter um mein -Wesen. - -An einem Tage ging meine Wirthin wieder fort, und sagte mir, daß sie -diesmal länger als gewöhnlich ausbleiben werde, ich solle ja auf alles -ordentlich Acht geben und mir die Zeit nicht lang werden lassen. Ich -nahm mit einer gewissen Bangigkeit von ihr Abschied, denn es war mir, -als würde ich sie nicht wieder sehn. Ich sah ihr lange nach und wußte -selbst nicht, warum ich so beängstigt war; es war fast, als wenn mein -Vorhaben schon vor mir stände, ohne mich dessen deutlich bewußt zu sein. - -Nie hab' ich des Hundes und des Vogels mit einer solchen Aemsigkeit -gepflegt, sie lagen mir näher am Herzen, als sonst. Die Alte war schon -einige Tage abwesend, als ich mit dem festen Vorsatze aufstand, mit dem -Vogel die Hütte zu verlassen, und die sogenannte Welt aufzusuchen. Es -war mir enge und bedrängt zu Sinne, ich wünschte wieder da zu bleiben, -und doch war mir der Gedanke widerwärtig; es war ein seltsamer Kampf in -meiner Seele, wie ein Streiten von zwei widerspenstigen Geistern in mir. -In einem Augenblicke kam mir die ruhige Einsamkeit so schön vor, dann -entzückte mich wieder die Vorstellung einer neuen Welt, mit allen ihren -wunderbaren Mannichfaltigkeiten. - -Ich wußte nicht, was ich aus mir selber machen sollte, der Hund sprang -mich unaufhörlich an, der Sonnenschein breitete sich munter über die -Felder aus, die grünen Birken funkelten: ich hatte die Empfindung, als -wenn ich etwas sehr Eiliges zu thun hätte, ich griff also den kleinen -Hund, band ihn in der Stube fest, und nahm dann den Käfig mit dem Vogel -unter den Arm. Der Hund krümmte sich und winselte über diese ungewohnte -Behandlung, er sah mich mit bittenden Augen an, aber ich fürchtete mich, -ihn mit mir zu nehmen. Noch nahm ich eins von den Gefäßen, das mit -Edelsteinen angefüllt war, und steckte es zu mir, die übrigen ließ ich -stehn. - -Der Vogel drehte den Kopf auf eine wunderliche Weise, als ich mit ihm -zur Thür hinaus trat, der Hund strengte sich sehr an, mir nachzukommen, -aber er mußte zurück bleiben. - -Ich vermied den Weg nach den wilden Felsen und ging nach der -entgegengesetzten Seite. Der Hund bellte und winselte immerfort, und es -rührte mich recht inniglich, der Vogel wollte einigemal zu singen -anfangen, aber da er getragen ward, mußte es ihm wohl unbequem fallen. - -So wie ich weiter ging, hörte ich das Bellen immer schwächer, und -endlich hörte es ganz auf. Ich weinte und wäre beinahe wieder umgekehrt, -aber die Sucht etwas Neues zu sehn, trieb mich vorwärts. - -Schon war ich über Berge und durch einige Wälder gekommen, als es Abend -ward, und ich in einem Dorfe einkehren mußte. Ich war sehr blöde, als -ich in die Schenke trat, man wies mir eine Stube und ein Bette an, ich -schlief ziemlich ruhig, nur daß ich von der Alten träumte, die mir -drohte. - -Meine Reise war ziemlich einförmig, aber je weiter ich ging, je mehr -ängstigte mich die Vorstellung von der Alten und dem kleinen Hunde; ich -dachte daran, daß er wahrscheinlich ohne meine Hülfe verhungern müsse, -im Walde glaubt' ich oft die Alte würde mir plötzlich entgegen treten. -So legte ich unter Thränen und Seufzern den Weg zurück; so oft ich -ruhte, und den Käfig auf den Boden stellte, sang der Vogel sein -wunderliches Lied, und ich erinnerte mich dabei recht lebhaft des -schönen verlassenen Aufenthalts. Wie die menschliche Natur vergeßlich -ist, so glaubt' ich jezt, meine vormalige Reise in der Kindheit sei -nicht so trübselig gewesen als meine jetzige; ich wünschte wieder in -derselben Lage zu sein. - -Ich hatte einige Edelsteine verkauft und kam nun nach einer Wanderschaft -von vielen Tagen in einem Dorfe an. Schon beim Eintritt ward mir -wundersam zu Muthe, ich erschrak und wußte nicht worüber; aber bald -erkannt' ich mich, denn es war dasselbe Dorf, in welchem ich geboren -war. Wie ward ich überrascht! Wie liefen mir vor Freuden, wegen tausend -seltsamer Erinnerungen, die Thränen von den Wangen! Vieles war -verändert, es waren neue Häuser entstanden, andre, die man damals erst -errichtet hatte, waren jezt verfallen, ich traf auch Brandstellen; alles -war weit kleiner, gedrängter als ich erwartet hatte. Unendlich freute -ich mich darauf, meine Eltern nun nach so manchen Jahren wieder zu sehn; -ich fand das kleine Haus, die wohlbekannte Schwelle, der Griff der Thür -war noch ganz so wie damals, es war mir, als hätte ich sie nur gestern -angelehnt; mein Herz klopfte ungestüm, ich öffnete sie hastig, -- aber -ganz fremde Gesichter saßen in der Stube umher und stierten mich an. Ich -fragte nach dem Schäfer Martin, und man sagte mir, er sei schon seit -drei Jahren mit seiner Frau gestorben. -- Ich trat schnell zurück, und -ging laut weinend aus dem Dorfe hinaus. - -Ich hatte es mir so schön gedacht, sie mit meinem Reichthume zu -überraschen; durch den seltsamsten Zufall war das nun wirklich geworden, -was ich in der Kindheit immer nur träumte, -- und jezt war alles -umsonst, sie konnten sich nicht mit mir freuen, und das, worauf ich am -meisten immer im Leben gehofft hatte, war für mich auf ewig verloren. - -In einer angenehmen Stadt miethete ich mir ein kleines Haus mit einem -Garten, und nahm eine Aufwärterin zu mir. So wunderbar, als ich es -vermuthet hatte, kam mir die Welt nicht vor, aber ich vergaß die Alte -und meinen ehemaligen Aufenthalt etwas mehr, und so lebt' ich im Ganzen -recht zufrieden. - -Der Vogel hatte schon seit lange nicht mehr gesungen; ich erschrak daher -nicht wenig, als er in einer Nacht plötzlich wieder anfing, und zwar mit -einem veränderten Liede. Er sang: - - Waldeinsamkeit - Wie liegst du weit! - O dich gereut - Einst mit der Zeit. -- - Ach einzge Freud - Waldeinsamkeit! - -Ich konnte die Nacht hindurch nicht schlafen, alles fiel mir von neuem -in die Gedanken, und mehr als jemals fühlt' ich, daß ich Unrecht gethan -hatte. Als ich aufstand, war mir der Anblick des Vogels ordentlich -zuwider, er sah immer nach mir hin, und seine Gegenwart ängstigte mich. -Er hörte nun mit seinem Liede gar nicht wieder auf, und er sang es -lauter und schallender, als er es sonst gewohnt gewesen war. Je mehr ich -ihn betrachtete, je bänger machte er mich; ich öffnete endlich den -Käfig, steckte die Hand hinein und faßte seinen Hals, herzhaft drückte -ich die Finger zusammen, er sah mich bittend an, ich ließ los, aber er -war schon gestorben. -- Ich begrub ihn im Garten. - -Jezt wandelte mich oft eine Furcht vor meiner Aufwärterin an, ich dachte -an mich selbst zurück, und glaubte, daß sie mich auch einst berauben -oder wohl gar ermorden könne. -- Schon lange kannt' ich einen jungen -Ritter, der mir überaus gefiel, ich gab ihm meine Hand, -- und hiermit, -Herr Walther, ist meine Geschichte geendigt. - -Ihr hättet sie damals sehn sollen, fiel Eckbert hastig ein, -- ihre -Jugend, ihre Schönheit, und welch einen unbeschreiblichen Reiz ihr ihre -einsame Erziehung gegeben hatte. Sie kam mir vor wie ein Wunder, und ich -liebte sie ganz über alles Maaß. Ich hatte kein Vermögen, aber durch -ihre Liebe kam ich in diesen Wohlstand, wir zogen hieher, und unsere -Verbindung hat uns bis jezt noch keinen Augenblick gereut. -- - -Aber über unser Schwatzen, fing Bertha wieder an, ist es schon tief in -die Nacht geworden, -- wir wollen uns schlafen legen. - -Sie stand auf und ging nach ihrer Kammer. Walther wünschte ihr mit einem -Handkusse eine gute Nacht, und sagte: Edle Frau, ich danke Euch, ich -kann mir Euch recht vorstellen, mit dem seltsamen Vogel, und wie Ihr den -kleinen _Strohmian_ füttert. - -Auch Walther legte sich schlafen, nur Eckbert ging noch unruhig im Saale -auf und ab. -- Ist der Mensch nicht ein Thor? fing er endlich an; ich -bin erst die Veranlassung, daß meine Frau ihre Geschichte erzählt, und -jezt gereut mich diese Vertraulichkeit! -- Wird er sie nicht -mißbrauchen? Wird er sie nicht andern mittheilen? Wird er nicht -vielleicht, denn das ist die Natur des Menschen, eine unselige Habsucht -nach unsern Edelgesteinen empfinden, und deswegen Plane anlegen und sich -verstellen? - -Es fiel ihm ein, daß Walther nicht so herzlich von ihm Abschied genommen -hatte, als es nach einer solchen Vertraulichkeit wohl natürlich gewesen -wäre. Wenn die Seele erst einmal zum Argwohn gespannt ist, so trifft sie -auch in allen Kleinigkeiten Bestätigungen an. Dann warf sich Eckbert -wieder sein unedles Mißtrauen gegen seinen wackern Freund vor, und -konnte doch nicht davon zurück kehren. Er schlug sich die ganze Nacht -mit diesen Vorstellungen herum, und schlief nur wenig. - -Bertha war krank und konnte nicht zum Frühstück erscheinen; Walther -schien sich nicht viel darum zu kümmern, und verließ auch den Ritter -ziemlich gleichgültig. Eckbert konnte sein Betragen nicht begreifen; er -besuchte seine Gattin, sie lag in einer Fieberhitze und sagte, die -Erzählung in der Nacht müsse sie auf diese Art gespannt haben. - -Seit diesem Abend besuchte Walther nur selten die Burg seines Freundes, -und wenn er auch kam, ging er nach einigen unbedeutenden Worten wieder -weg. Eckbert ward durch dieses Betragen im äußersten Grade gepeinigt; er -ließ sich zwar gegen Bertha und Walther nichts davon merken, aber jeder -mußte doch seine innerliche Unruhe an ihm gewahr werden. - -Mit Berthas Krankheit ward es immer bedenklicher; der Arzt ward -ängstlich, die Röthe von ihren Wangen war verschwunden, und ihre Augen -wurden immer glühender. -- An einem Morgen ließ sie ihren Mann an ihr -Bette rufen, die Mägde mußten sich entfernen. - -Lieber Mann, fing sie an, ich muß dir etwas entdecken, das mich fast um -meinen Verstand gebracht hat, das meine Gesundheit zerrüttet, so eine -unbedeutende Kleinigkeit es auch an sich scheinen möchte. -- Du weißt, -daß ich mich immer nicht, so oft ich von meiner Kindheit sprach, trotz -aller angewandten Mühe auf den Namen des kleinen Hundes besinnen konnte, -mit welchem ich so lange umging; an jenem Abend sagte Walther beim -Abschiede plötzlich zu mir: ich kann mir euch recht vorstellen, wie ihr -den kleinen _Strohmian_ füttert. Ist das Zufall? Hat er den Namen -errathen, weiß er ihn und hat er ihn mit Vorsatz genannt? Und wie hängt -dieser Mensch dann mit meinem Schicksale zusammen? Zuweilen kämpfe ich -mit mir, als ob ich mir diese Seltsamkeit nur einbilde, aber es ist -gewiß, nur zu gewiß. Ein gewaltiges Entsetzen befiel mich, als mir ein -fremder Mensch so zu meinen Erinnerungen half. Was sagst du, Eckbert? - -Eckbert sah seine leidende Gattin mit einem tiefen Gefühle an; er -schwieg und dachte bei sich nach, dann sagte er ihr einige tröstende -Worte und verließ sie. In einem abgelegenen Gemache ging er in -unbeschreiblicher Unruhe auf und ab. Walther war seit vielen Jahren sein -einziger Umgang gewesen, und doch war dieser Mensch jezt der einzige in -der Welt, dessen Dasein ihn drückte und peinigte. Es schien ihm, als -würde ihm froh und leicht sein, wenn nur dieses einzige Wesen aus seinem -Wege gerückt werden könnte. Er nahm seine Armbrust, um sich zu -zerstreuen und auf die Jagd zu gehn. - -Es war ein rauher stürmischer Wintertag, tiefer Schnee lag auf den -Bergen und bog die Zweige der Bäume nieder. Er streifte umher, der -Schweiß stand ihm auf der Stirne, er traf auf kein Wild, und das -vermehrte seinen Unmuth. Plötzlich sah er sich etwas in der Ferne -bewegen, es war Walther, der Moos von den Bäumen sammelte; ohne zu -wissen was er that legte er an, Walther sah sich um, und drohte mit -einer stummen Geberde, aber indem flog der Bolzen ab, und Walther -stürzte nieder. - -Eckbert fühlte sich leicht und beruhigt, und doch trieb ihn ein Schauder -nach seiner Burg zurück; er hatte einen großen Weg zu machen, denn er -war weit hinein in die Wälder verirrt. -- Als er ankam, war Bertha schon -gestorben; sie hatte vor ihrem Tode noch viel von Walther und der Alten -gesprochen. - -Eckbert lebte nun eine lange Zeit in der größten Einsamkeit; er war -schon sonst immer schwermüthig gewesen, weil ihn die seltsame Geschichte -seiner Gattin beunruhigte, und er irgend einen unglücklichen Vorfall, -der sich ereignen könnte, befürchtete: aber jezt war er ganz mit sich -zerfallen. Die Ermordung seines Freundes stand ihm unaufhörlich vor -Augen, er lebte unter ewigen innern Vorwürfen. - -Um sich zu zerstreuen, begab er sich zuweilen nach der nächsten großen -Stadt, wo er Gesellschaften und Feste besuchte. Er wünschte durch irgend -einen Freund die Leere in seiner Seele auszufüllen, und wenn er dann -wieder an Walther zurück dachte, so erschrak er vor dem Gedanken, einen -Freund zu finden, denn er war überzeugt, daß er nur unglücklich mit -jedwedem Freunde sein könne. Er hatte so lange mit Bertha in einer -schönen Ruhe gelebt, die Freundschaft Walthers hatte ihn so manches Jahr -hindurch beglückt, und jezt waren beide so plötzlich dahin gerafft, daß -ihm sein Leben in manchen Augenblicken mehr wie ein seltsames Mährchen, -als wie ein wirklicher Lebenslauf erschien. - -Ein junger Ritter, _Hugo_, schloß sich an den stillen betrübten Eckbert, -und schien eine wahrhafte Zuneigung gegen ihn zu empfinden. Eckbert fand -sich auf eine wunderbare Art überrascht, er kam der Freundschaft des -Ritters um so schneller entgegen, je weniger er sie vermuthet hatte. -Beide waren nun häufig beisammen, der Fremde erzeigte Eckbert alle -möglichen Gefälligkeiten, einer ritt fast nicht mehr ohne den andern -aus; in allen Gesellschaften trafen sie sich, kurz, sie schienen -unzertrennlich. - -Eckbert war immer nur auf kurze Augenblicke froh, denn er fühlte es -deutlich, daß ihn Hugo nur aus einem Irrthume liebe; jener kannte ihn -nicht, wußte seine Geschichte nicht, und er fühlte wieder denselben -Drang, sich ihm ganz mitzutheilen, damit er versichert sein könne, ob -jener auch wahrhaft sein Freund sei. Dann hielten ihn wieder -Bedenklichkeiten und die Furcht, verabscheut zu werden, zurück. In -manchen Stunden war er so sehr von seiner Nichtswürdigkeit überzeugt, -daß er glaubte, kein Mensch, für den er nicht ein völliger Fremdling -sei, könne ihn seiner Achtung würdigen. Aber dennoch konnte er sich -nicht widerstehn; auf einem einsamen Spazierritte entdeckte er seinem -Freunde seine ganze Geschichte, und fragte ihn dann, ob er wohl einen -Mörder lieben könne. Hugo war gerührt, und suchte ihn zu trösten; -Eckbert folgte ihm mit leichterm Herzen zur Stadt. - -Es schien aber seine Verdammniß zu seyn, gerade in der Stunde des -Vertrauens Argwohn zu schöpfen, denn kaum waren sie in den Saal -getreten, als ihm beim Schein der vielen Lichter die Mienen seines -Freundes nicht gefielen. Er glaubte ein hämisches Lächeln zu bemerken, -es fiel ihm auf, daß er nur wenig mit ihm spreche, daß er mit den -Anwesenden viel rede, und seiner gar nicht zu achten scheine. Ein alter -Ritter war in der Gesellschaft, der sich immer als den Gegner Eckberts -gezeigt, und sich oft nach seinem Reichthum und seiner Frau auf eine -eigne Weise erkundigt hatte; zu diesem gesellte sich Hugo, und beide -sprachen eine Zeitlang heimlich, indem sie nach Eckbert hindeuteten. -Dieser sah jezt seinen Argwohn bestätigt, er glaubte sich verrathen, und -eine schreckliche Wuth bemeisterte sich seiner. Indem er noch immer -hinstarrte, sah er plötzlich Walthers Gesicht, alle seine Mienen, die -ganze, ihm so wohl bekannte Gestalt, er sah noch immer hin und ward -überzeugt, daß Niemand als _Walther_ mit dem Alten spreche. -- Sein -Entsetzen war unbeschreiblich; außer sich stürzte er hinaus, verließ -noch in der Nacht die Stadt, und kehrte nach vielen Irrwegen auf seine -Burg zurück. - -Wie ein unruhiger Geist eilte er jezt von Gemach zu Gemach, kein Gedanke -hielt ihm Stand, er verfiel von entsetzlichen Vorstellungen auf noch -entsetzlichere, und kein Schlaf kam in seine Augen. Oft dachte er, daß -er wahnsinnig sei, und sich nur selber durch seine Einbildung alles -erschaffe; dann erinnerte er sich wieder der Züge Walthers, und alles -ward ihm immer mehr ein Räthsel. Er beschloß eine Reise zu machen, um -seine Vorstellungen wieder zu ordnen; den Gedanken an Freundschaft, den -Wunsch nach Umgang hatte er nun auf ewig aufgegeben. - -Er zog fort, ohne sich einen bestimmten Weg vorzusetzen, ja er -betrachtete die Gegenden nur wenig, die vor ihm lagen. Als er im -stärksten Trabe seines Pferdes einige Tage so fort geeilt war, sah er -sich plötzlich in einem Gewinde von Felsen verirrt, in denen sich -nirgend ein Ausweg entdecken ließ. Endlich traf er auf einen alten -Bauer, der ihm einen Pfad, einem Wasserfall vorüber, zeigte: er wollte -ihm zur Danksagung einige Münzen geben, der Bauer aber schlug sie aus. --- Was gilts, sagte Eckbert zu sich selber, ich könnte mir wieder -einbilden, daß dies Niemand anders als Walther sei? -- Und indem sah er -sich noch einmal um, und es war Niemand anders als Walther. -- Eckbert -spornte sein Roß so schnell es nur laufen konnte, durch Wiesen und -Wälder, bis es erschöpft unter ihm zusammen stürzte. -- Unbekümmert -darüber setzte er nun seine Reise zu Fuß fort. - -Er stieg träumend einen Hügel hinan; es war, als wenn er ein nahes -munteres Bellen vernahm, Birken säuselten dazwischen, und er hörte mit -wunderlichen Tönen ein Lied singen: - - Waldeinsamkeit - Mich wieder freut, - Mir geschieht kein Leid, - Hier wohnt kein Neid, - Von neuem mich freut - Waldeinsamkeit. - -Jezt war es um das Bewußtsein, um die Sinne Eckberts geschehn; er konnte -sich nicht aus dem Räthsel heraus finden, ob er jezt träume, oder -ehemals von einem Weibe Bertha geträumt habe; das Wunderbarste -vermischte sich mit dem Gewöhnlichsten, die Welt um ihn her war -verzaubert, und er keines Gedankens, keiner Erinnerung mächtig. - -Eine krummgebückte Alte schlich hustend mit einer Krücke den Hügel -heran. Bringst du mir meinen Vogel? Meine Perlen? Meinen Hund? schrie -sie ihm entgegen. Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst: Niemand als -ich war dein Freund Walther, dein Hugo. -- - -Gott im Himmel! sagte Eckbert stille vor sich hin, -- in welcher -entsetzlichen Einsamkeit hab' ich dann mein Leben hingebracht! -- - -Und Bertha war deine Schwester. - -Eckbert fiel zu Boden. - -Warum verließ sie mich tückisch? Sonst hätte sich alles gut und schön -geendet, ihre Probezeit war ja schon vorüber. Sie war die Tochter eines -Ritters, die er bei einem Hirten erziehn ließ, die Tochter deines -Vaters. - -Warum hab' ich diesen schrecklichen Gedanken immer geahndet? rief -Eckbert aus. - -Weil du in früher Jugend deinen Vater einst davon erzählen hörtest; er -durfte seiner Frau wegen diese Tochter nicht bei sich erziehn lassen, -denn sie war von einem andern Weibe. -- - -Eckbert lag wahnsinnig und verscheidend auf dem Boden; dumpf und -verworren hörte er die Alte sprechen, den Hund bellen, und den Vogel -sein Lied wiederholen. - - * * * * * - -Nach einer Pause sagte Clara: Sie sehn, lieber Anton, daß uns allen jene -Thränen eines heimlichen Grauens in den Augen stehen, und ich denke, Sie -haben großentheils das Versprechen Ihres Phantasus erfüllt. Aber -erlauben Sie mir zu fragen: ist diese Erzählung Ihre eigene Erfindung, -oder eine nachgeahmte? - -Ich darf sie, antwortete Anton, wohl für meine Erfindung ausgeben, da -ich mich nicht erinnere, eine ähnliche Geschichte anderswo gelesen zu -haben; auch denke ich, ist es in der Aufgabe begriffen gewesen, daß nur -selbst ersonnene Mährchen vorgetragen werden sollen; wenigstens habe ich -es so verstanden, und ich hoffe, daß auch alle meine Freunde meinem -Beispiele heute folgen werden. - -Versprich dies nicht so im Allgemeinen, wandte Friedrich ein. - -Wollte man freilich, fuhr Anton fort, genau erzählen, aus welchen -Erinnerungen der Kindheit, aus welchen Bildern, die man im Lesen, oder -oft aus ganz unbedeutenden mündlichen Erzählungen aufgreift, dergleichen -sogenannte Erfindungen zusammengesetzt werden, so könnte man daraus -wieder eine Art von seltsamer, mährchenartiger Geschichte bilden. - -Es ist ängstlich, sagte Ernst, dergleichen Kleinigkeiten zu gründlich zu -nehmen. Ich erinnere mich mancher Gesellschaft, in der spitz- und -salzlose Anekdoten schlecht vorgetragen wurden, die man nachher eben so -unwitzig kritisirte, mit Schrecken, und wenn auch etwas ähnliches hier -nicht zu besorgen steht, so wünschte ich doch wohl, daß unsre schönen -Richterinnen sich nicht zu eifrig um den Grund und Boden bekümmern -möchten, auf welchem unsre Poesien gewachsen sind; ein wesenloser Traum -büßt, auch durch geringe Störung, zu leicht seine ganze Wirkung ein. - -Daß ich fragte, antwortete Clara, geschah nicht aus kritischem -Interesse, sondern weil ich, was vielleicht Schwäche sein mag, auf die -ursprüngliche Erfindung einer Dichtung sehr viel halte, denn die Kraft -des Erfindens scheint mir, mit aller Ehrfurcht von der übrigen Kunst -gesprochen, etwas so Eigenthümliches, daß ich mich für denjenigen -Dichter besonders interessire, welcher nicht nachahmt, sondern zum -erstenmal ein Ding vorträgt, welches unsre Imagination ergreift. Beim -dramatischen Dichter, wenn er es wahrhaft ist, tritt wohl eine andere -Erfindungskunst ein, als beim erzählenden, denn freilich möchte ich -lieber eine Scene in »Wie es Euch gefällt« geschrieben haben, als die -Novelle erfunden, aus welcher dies Lustspiel entsprungen ist. Der -Erzähler kann seinen Gegenstand, wenn dieser interessant ist, schmücken -und erheben, seinen Geschmack und seine Kunst in der Umbildung beweisen; -ich frage aber immer gern: wer hat diese Sache zuerst ersonnen, falls -sie sich nicht wirklich zugetragen hat? - -Ich gebe Ihnen gern Recht, sagte Ernst, und um so lieber, weil ich Ihnen -mit meinem Gedichte dann etwas dreister nahen darf, da ich es wenigstens -für eigene Erfindung ausgeben kann. In sofern freilich nicht, als die -Vorstellung vom verzauberten Berge der Venus im Mittelalter allgemein -verbreitet war, aber das Gedicht vom Tannenhäuser hatte ich, damals so -wie jezt, noch nicht gelesen, eben so wenig kannte ich damals die -Niebelungen, sondern nur das Heldenbuch, in dessen Vorrede ein getreuer -Eckart erwähnt wird, der die jungen Harlungen beschützt, und der nachher -beim Hans Sachs und andern Dichtern oftmals sprichwörtlich vorkömmt, und -immer vor dem Berge der Venus Wache hält. Aus diesen allgemeinen, -unbestimmten Vorstellungen, in welche ich noch die Sage von dem -berüchtigten Rattenfänger von Hameln aufgenommen und verkleidet habe, -ist folgendes Gedicht entstanden. - - - - - Der getreue Eckart - und - der Tannenhäuser. - In zwei Abschnitten. - 1799. - - - - - Erster Abschnitt. - - - Der edle Herzog groß - Von dem Burgunder Lande - Litt manchen Feindesstoß - Wohl auf dem ebnen Sande. - - Er sprach: mich schlägt der Feind, - Mein Muth ist mir entwichen, - Die Freunde sind erblichen, - Die Knecht' geflohen seind! - - Ich kann mich nicht mehr regen, - Nicht Waffen führen kann: - Wo bleibt der edle Degen, - Eckart der treue Mann? - - Er war mir sonst zur Seite - In jedem harten Strauß, - Doch leider blieb er heute - Daheim bei sich zu Haus. - - Es mehren sich die Haufen, - Ich muß gefangen sein, - Mag nicht wie Knecht entlaufen, - Drum will ich sterben fein! -- - - So klagt der von Burgund, - Will sein Schwert in sich stechen: - Da kommt zur selben Stund - Eckart, den Feind zu brechen. - - Geharnischt reit't der Degen - Keck in den Feind hinein, - Ihm folgt die Schaar verwegen - Und auch der Sohne sein. - - Burgund erkennt die Zeichen, - Und ruft: Gott sei gelobt! - Die Feinde mußten weichen - Die wüthend erst getobt. - - Da schlug mit treuem Muthe - Eckart ins Volk hinein, - Doch schwamm im rothen Blute - Sein zartes Söhnelein. - - Als nun der Feind bezwungen, - Da sprach der Herzog laut: - Es ist dir wohl gelungen, - Doch so, daß es mir graut; - - Du hast viel Mann geworben - Zu retten Reich und Leben, - Dein Söhnlein liegt erstorben, - Kann's dir nicht wieder geben. -- - - Der Eckart weinet fast, - Bückt sich der starke Held, - Und nimmt die theure Last, - Den Sohn in Armen hält. - - Wie starbst du, Heinz, so frühe, - Und warst noch kaum ein Mann? - Mich reut nicht meine Mühe, - Ich seh' dich gerne an, - - Weil wir dich, Fürst, erlösten, - Aus deiner Feinde Hohn, - Und drum will ich mich trösten, - Ich schenke dir den Sohn. - - Da ward dem Burgund trübe - Vor seiner Augen Licht, - Weil diese große Liebe - Sein edles Herze bricht. - - Er weint die hellen Zähren - Und fällt ihm an die Brust: - Dich, Held, muß ich verehren, - Spricht er in Leid und Lust, - - So treu bist du geblieben, - Da alles von mir wich, - So will ich nun auch lieben - Wie meinen Bruder dich, - - Und sollst in ganz Burgunde - So gelten wie der Herr, - Wenn ich mehr lohnen kunnte, - Ich gäbe gern noch mehr. - - Als dies das Land erfahren, - So freut sich jedermann, - Man nennt den Held seit Jahren - Eckart den treuen Mann. - -Die Stimme eines alten Landmanns klang über die Felsen herüber, der -dieses Lied sang, und der getreue Eckart saß in seinem Unmuthe auf dem -Berghang und weinte laut. Sein jüngstes Söhnlein stand neben ihm und -fragte: Warum weinst du also laut, mein Vater Eckart? Wie bist du doch -so groß und stark, höher und kräftiger, als alle übrige Männer, vor wem -darfst du dich denn fürchten? - -Indem zog die Jagd des Herzogs heim nach Hause. Burgund saß auf einem -stattlichen, schön geschmückten Rosse, und Gold und Geschmeide des -fürstlichen Herzogs flimmerte und blinkte in der Abendsonne, so daß der -junge Conrad den herrlichen Aufzug nicht genug sehn, nicht genug preisen -konnte. Der getreue Eckart erhob sich und schaute finster hinüber, und -der junge Conrad sang, nachdem er die Jagd aus dem Gesichte verloren -hatte: - - Wann du willt - Schwerdt und Schild, - Gutes Roß, - Speer und Geschoß - Führen: - Muß dein Mark - In Beinen stark, - Dir im Blut - Mannesmuth - Gar kräftiglich regieren! - -Der Alte nahm den Sohn und herzte ihn, wobei er gerührt seine großen -hellblauen Augen anschaute. Hast du das Lied jenes guten Mannes gehört? -fragte er ihn dann. - -Wie nicht? sprach der Sohn, hat er es doch laut genug gesungen, und bist -du ja doch der getreue Eckart, so daß ich gern zuhörte. - -Derselbe Herzog ist jezt mein Feind, sprach der alte Vater; er hält mir -meinen zweiten Sohn gefangen, ja hat ihn schon hingerichtet, wenn ich -dem trauen darf, was die Leute im Lande sagen. - -Nimm dein großes Schwerdt und duld' es nicht, sagte der Sohn; sie müssen -ja alle vor dir zittern, und alle Leute im ganzen Lande werden dir -beistehn, denn du bist ihr größter Held im Lande. - -Nicht also, mein Sohn, sprach jener, dann wäre ich der, für den mich -meine Feinde ausgeben, ich darf nicht an meinem Landesherren ungetreu -werden, nein, ich darf nicht den Frieden brechen, den ich ihm angelobt -und in seine Hände versprochen. - -Aber was will er von uns? fragte Conrad ungeduldig. - -Der Eckart setzte sich wieder nieder und sagte: mein Sohn, die ganze -Erzählung davon würde zu umständlich lauten, und du würdest es dennoch -kaum verstehn. Der Mächtige hat immer seinen größten Feind in seinem -eigenen Herzen, den er so Tag wie Nacht fürchtet: so meint der Burgund -nunmehr, er habe mir zu viel getraut, und in mir eine Schlange an seinem -Busen auferzogen. Sie nennen mich im Land den kühnsten Degen, sie sagen -laut, daß er mir Reich und Leben zu danken, ich heiße der getreue -Eckart, und so wenden sich Bedrängte und Nothleidende zu mir, daß ich -ihnen Hülfe schaffe; das kann er nicht leiden. So hat er Groll auf mich -geworfen, und jeder, der bei ihm gelten möchte, vermehrt sein Mißtrauen -zu mir: so hat sich endlich sein Herz von mir abgewendet. - -Hierauf erzählte ihm der Held Eckart mit schlichten Worten, daß ihn der -Herzog von seinem Angesichte verbannt habe, und daß sie sich ganz fremd -geworden seien, weil jener geargwohnt, er wolle ihm gar sein Herzogthum -entreißen. In Betrübniß fuhr er fort, wie der Herzog ihm seinen Sohn -gefangen genommen, und ihm selber, als einem Verräther, nach dem Leben -stehe. Conrad sprach zu seinem Vater: so laß mich nun hingehn, mein -alter Vater, und mit dem Herzoge reden, damit er verständig und dir -gewogen werde; hat er meinen Bruder erwürgt, so ist er ein böser Mann, -und du sollst ihn strafen, doch kann es nicht sein, weil er nicht so -schnöde deiner großen Dienste vergessen kann. - -Weißt du nicht den alten Spruch, sagte Eckart: - - Wenn der Mächtge dein begehrt, - Bist du ihm als Freund was werth, - Wie die Noth von ihm gewichen, - Ist die Freundschaft auch erblichen. - -Ja, mein ganzes Leben ist unnütz verschwendet: warum machte er mich -groß, um mich dann desto tiefer hinab zu werfen? Die Freundschaft der -Fürsten ist wie ein tödtendes Gift, das man nur gegen Feinde nützen -kann, und womit sich der Eigner aus Unbedacht endlich selbst erwürgt. - -Ich will zum Herzoge hin, rief Conrad aus, ich will ihm alles, was du -gethan, was du für ihn gelitten, in die Seele zurück rufen, und er wird -wieder seyn, wie ehemals. - -Du hast vergessen, sagte Eckart, daß man uns für Verräther ausgerufen -hat, darum laß uns mit einander flüchten, in ein fremdes Land, wo wir -wohl ein besseres Glück antreffen mögen. - -In deinem Alter, sagte Conrad, willst du deiner lieben Heimath noch den -Rücken wenden? Nein, laß uns lieber alles andere versuchen. Ich will zum -Burgunder, ihn versöhnen und zufrieden stellen; denn was kann er mir -thun wollen, wenn er dich auch haßt und fürchtet? - -Ich lasse dich sehr ungern, sagte Eckart, meine Seele weissagt mir -nichts Gutes, und doch möcht' ich gern mit ihm versöhnt sein, denn er -ist mein alter Freund, auch deinen Bruder erretten, der in gefänglicher -Haft bei ihm schmachtet. - -Die Sonne warf ihre letzten milden Strahlen auf die grüne Erde, und -Eckart setzte sich nachdenkend nieder, an einem Baumstamm gelehnt, er -beschaute den Conrad lange Zeit und sagte dann: wenn du gehen willst, -mein Sohn, so gehe jezt, bevor die Nacht vollends herein bricht; die -Fenster in der herzoglichen Burg glänzen schon von Lichtern, ich -vernehme aus der Ferne Trompetentöne vom Feste, vielleicht ist die -Gemalin seines Sohnes schon angelangt und sein Gemüth freundlicher gegen -uns. - -Ungern ließ er den Sohn von sich, weil er seinem Glücke nicht mehr -traute; der junge Conrad aber war um so muthiger, weil es ihm ein -leichtes dünkte, das Gemüth des Herzoges umzuwenden, der noch vor -weniger Zeit so freundlich mit ihm gespielt hatte. Kommst du mir gewiß -zurück, mein liebstes Kind? klagte der Alte, wenn du mir verloren gehst, -ist keiner mehr von meinem Stamme übrig. Der Knabe tröstete ihn, und -schmeichelte mit Liebkosungen dem Greise; sie trennten sich endlich. - -Conrad klopfte an die Pforte der Burg und ward eingelassen, der alte -Eckart blieb draußen in der Nacht allein. Auch diesen habe ich verloren, -klagte er in der Einsamkeit, ich werde sein Angesicht nicht wieder sehn. -Indem er so jammerte, wankte an einem Stabe ein Greis daher, der die -Felsen hinab steigen wollte, und bei jedem Schritte zu fürchten schien, -daß er in den Abgrund stürzen möchte. Wie Eckart die Gebrechlichkeit des -Alten wahrnahm, reichte er ihm die Hand, daß er sicher herunter steigen -möchte. Woher des Weges? fragte ihn Eckart. - -Der Alte setzte sich nieder und fing an zu weinen, daß ihm die hellen -Thränen die Wangen hinunter liefen. Eckart wollte ihn mit gelinden und -vernünftigen Worten trösten, aber der sehr bekümmerte Greis schien auf -seine wohlgemeinten Reden nicht zu achten, sondern sich seinen Schmerzen -noch ungemäßigter zu ergeben. Welcher Gram kann euch denn so gar sehr -niederbeugen, fragte er endlich, daß ihr gänzlich davon überwältigt -seid? - -Ach meine Kinder! klagte der Alte. Da dachte Eckart an Conrad, Heinz und -Dietrich, und war selbst alles Trostes verlustig; ja, wenn eure Kinder -gestorben sind, sprach er, dann ist euer Elend warlich sehr groß. - -Schlimmer als gestorben, versetzte hierauf der Alte mit seiner -jammernden Stimme, denn sie sind nicht todt, aber ewig für mich -verloren. O wollte der Himmel, daß sie nur gestorben wären! - -Der Held erschrak über diese seltsamen Worte, und bat den Greis, ihm -dieses Räthsel aufzulösen, worauf jener sagte: Wir leben warlich in -einer wunderbarlichen Zeit, die wohl die letzten Tage bald herbei führen -wird, denn die erschrecklichsten Zeichen fallen dräuend in die Welt -herein. Alles Unheil macht sich von den alten Ketten los, und streift -nun frank und frei herum; die Furcht Gottes versiegt und verrinnt, und -findet kein Strombett, in das sie sich sammeln möchte, und die bösen -Kräfte stehn kecklich in ihren Winkeln auf, und feiern ihren Triumph. O -mein lieber Herr, wir sind alt geworden, aber für dergleichen -Wundergeschichten noch nicht alt genug. Ihr werdet ohne Zweifel den -Cometen gesehen haben, dieses wunderbare Himmelslicht, das so -prophetisch hernieder scheint; alle Welt weissagt Uebles, und keiner -denkt daran, mit sich selbst die Besserung anzufahn und so die Ruthe -abzuwenden. Dies ist nicht genug, sondern aus der Erde thun sich -Wunderwerke hervor und brechen geheimnißvoll von unten herauf, wie das -Licht schrecklich von oben herniederscheint. Habt ihr niemals von dem -Berge gehört, den die Leute nur den Berg der Venus nennen? - -Niemalen, sagte Eckart, so weit ich auch herum gekommen bin. - -Darüber muß ich mich verwundern, sagte der Alte, denn die Sache ist jezt -eben so bekannt, als sie wahrhaftig ist. In diesen Berg haben sich die -Teufel hinein geflüchtet, und sich in den wüsten Mittelpunkt der Erde -gerettet, als das aufwachsende heilige Christenthum den heidnischen -Götzendienst stürzte. Hier, sagt man nun, solle vor allen Frau Venus Hof -halten, und alle ihre höllischen Heerschaaren der weltlichen Lüste und -verbotenen Wünsche um sich versammeln, so daß das Gebirge auch verflucht -seit undenklichen Zeiten gelegen hat. - -Doch nach welcher Gegend liegt der Berg? fragte Eckart. - -Das ist das Geheimniß, sprach der Alte, daß dieses Niemand zu sagen -weiß, als der sich schon dem Satan zu eigen gegeben, es fällt auch -keinem Unschuldigen ein, ihn aufsuchen zu wollen. Ein Spielmann von -wunderseltner Art ist plötzlich von unten hervor gekommen, den die -Höllischen als ihren Abgesandten ausgeschickt haben; dieser durchzieht -die Welt, und spielt und musizirt auf einer Pfeifen, daß die Töne weit -in den Gegenden wieder klingen. Wer nun diese Klänge vernimmt, der wird -von ihnen mit offenbarer, doch unerklärlicher Gewalt erfaßt, und fort, -fort in die Wildniß getrieben, er sieht den Weg nicht, den er geht, er -wandert und wandert und wird nicht müde, seine Kräfte nehmen zu wie -seine Eile, keine Macht kann ihn aufhalten, so rennt er rasend in den -Berg hinein, und findet ewig niemals den Rückweg wieder. Diese Macht ist -der Hölle jezt zurück gegeben, und von entgegengesetzten Richtungen -wandeln nun die unglückseligen verkehrten Pilgrimme hin, wo keine -Rettung zu erwarten steht. Ich hatte an meinen beiden Söhnen schon seit -lange keine Freude mehr erlebt, sie waren wüst und ohne Sitten, sie -verachteten so Eltern wie Religion; nun hat sie der Klang ergriffen und -angefaßt, sie sind davon und in die Weite, die Welt ist ihnen zu enge, -und sie suchen in der Hölle Raum. - -Und was denkt ihr bei diesen Dingen zu thun? fragte Eckart. - -Mit dieser Krücke habe ich mich aufgemacht, antwortete der Alte, um die -Welt zu durchstreifen, sie wieder zu finden, oder vor Müdigkeit und Gram -zu sterben. - -Mit diesen Worten riß er sich mit großer Anstrengung aus seiner Ruhe -auf, und eilte fort so schnell er nur konnte, als wenn er sein Liebstes -auf der Welt versäumen möchte, und Eckart sah mit Bedauern seiner -unnützen Bemühung nach, und achtete ihn in seinen Gedanken für -wahnwitzig. -- - -Es war Nacht geworden und wurde Tag, und Conrad kam nicht zurück; da -irrte Eckart durch das Gebirge und wandte seine sehnenden Augen nach dem -Schlosse, aber er ersah ihn nicht. Ein Getümmel zog aus der Burg daher, -da trachtete er nicht mehr, sich zu verbergen, sondern er bestieg sein -Roß, das frei weidete, und ritt in die Schaar hinein, die fröhlich und -guter Dinge über das Blachfeld zog. Als er unter ihnen war, erkannten -sie ihn, aber keiner wagte Hand an ihn zu legen, oder ihm ein hartes -Wort zu sagen, sondern sie wurden aus Ehrerbietung stumm, umgaben ihn in -Verwunderung, und gingen dann ihres Weges. Einen von den Knechten rief -er zurück, und fragte ihn: Wo ist mein Sohn Conrad? O fragt mich nicht, -sagte der Knecht, denn es würde euch doch nur Jammer und Wehklagen -erregen. Und Dietrich? rief der Vater. Nennt ihre Namen nicht mehr, -sprach der alte Knecht, denn sie sind dahin, der Zorn des Herrn war -gegen sie entbrannt, er gedachte euch in ihnen zu strafen. - -Ein heißer Zorn stieg in Eckarts Gemüth auf, und er war vor Schmerz und -Wuth sein selber nicht mehr mächtig. Er spornte sein Roß mit aller -Gewalt und ritt in das Burgthor hinein. Alle traten ihm mit scheuer -Ehrfurcht aus dem Wege, und so ritt er vor den Pallast. Er schwang sich -vom Rosse und ging mit wankenden Schritten die großen Stiegen hinan. Bin -ich hier in der Wohnung des Mannes, sagte er zu sich selber, der sonst -mein Freund war? Er wollte seine Gedanken sammeln, aber immer wildere -Gestalten bewegten sich vor seinen Augen, und so trat er in das Gemach -des Fürsten. - -Der Herzog von Burgund war sich seiner nicht gewärtig, und erschrak -heftig, als er den Eckart vor sich sah. Bist du der Herzog von Burgund? -redete dieser ihn an. Worauf der Herzog mit Ja antwortete. Und du hast -meinen Sohn Dietrichen hinrichten lassen? Der Herzog sagte Ja. Und auch -mein jüngstes Söhnlein Conrad, rief Eckart im Schmerz, ist dir nicht zu -gut gewesen, und du hast ihn auch umbringen lassen? Worauf der Herzog -wieder mit Ja antwortete. - -Hier ward Eckart übermannt und sprach in Thränen: O antworte mir nicht -so, Burgund, denn diese Reden kann ich nicht aushalten, sprich nur, daß -es dich gereut, daß du es jezt ungeschehen wünschest, und ich will mich -zu trösten suchen; aber so bist du meinem Herzen überall zuwider. - -Der Herzog sagte: entferne dich von meinem Angesichte, ungetreuer -Verräther, denn du bist mir der ärgste Feind, den ich nur auf Erden -haben kann. - -Eckart sagte: du hast mich wohl ehedem deinen Freund genannt, aber diese -Gedanken sind dir nunmehr fremd; nie hab' ich dir zuwider gehandelt, -stets hab' ich dich als meinen Fürsten geehrt und geliebt, und behüte -mich Gott, daß ich nun, wie ich wohl könnte, die Hand an mein Schwerdt -legen sollte, um mir Rache zu schaffen. Nein, ich will mich selbst von -deinem Angesichte verbannen, und in der Einsamkeit sterben. - -Mit diesen Worten ging er fort, und der Burgund war in seinem Gemüthe -bewegt, doch erschienen auf seinen Ruf die Leibwächter mit den Lanzen, -die ihn von allen Seiten umgaben, und den Eckart mit ihren Spießen aus -dem Gemache treiben wollten. - - Es schwang sich auf sein Pferd - Eckart der edle Held, - Und sprach: in aller Welt - Ist mir nun nichts mehr werth. - - Die Söhn' hab' ich verloren, - So find' ich nirgend Trost, - Der Fürst ist mir erbost, - Hat meinen Tod geschworen. - - Da reitet er zu Wald - Und klagt aus vollem Herzen - Die übergroßen Schmerzen, - Daß weit die Stimme schallt: - - Die Menschen sind mir todt, - Ich muß mir Freunde suchen - In Eichen, wilden Buchen, - Ihn'n klagen meine Noth. - - Kein Kind, das mich ergötzt, - Erwürgt von schlimmen Leuen - Blieb keiner von den dreien, - Der Liebste starb zuletzt. - - Wie Eckart also klagte, - Verlor er Sinn und Muth, - Er reit't in Zorneswuth, - Als schon der Morgen tagte. - - Das Roß, das treu geblieben, - Stürzt hin im wilden Lauf, - Er achtet nicht darauf - Und will nun nichts mehr lieben. - - Er thut die Rüstung abe, - Wirft sich zu Boden hin, - Auf Sterben steht sein Sinn, - Sein Wunsch nur nach dem Grabe. - -Niemand in der Gegend wußte, wohin sich der Eckart gewendet, denn er -hatte sich in die wüsten Waldungen hinein verirrt, und vor keinem -Menschen ließ er sich sehen. Der Herzog fürchtete seinen Sinn, und es -gereute ihn nun, daß er ihn von sich gelassen, ohne ihn zu fangen. Darum -machte er sich an einem Morgen auf, mit einem großen Zuge von Jägern und -anderm Gefolge, um die Wälder zu durchstreifen und den Eckart -aufzusuchen, denn er meinte, daß dessen Tod nur ihn völlig sicher -stellte. Alle waren unermüdet, und ließen sich den Eifer nicht -verdrießen, aber die Sonne war schon untergegangen, ohne daß sie von -Eckart eine Spur angetroffen hätten. - -Ein Sturm brach herein, und große Wolken flogen sausend über dem Walde -hin, der Donner rollte, und Blitze fuhren in die hohen Eichen; von einem -ungestümen Schrecken wurden alle angefaßt, und einzeln in den Gebüschen -und auf den Fluren zerstreut. Das Roß des Herzogs rannte in das Dickicht -hinein, sein Knappe vermochte nicht, ihm zu folgen; das edle Roß stürzte -nieder, und der Burgund rief im Gewitter vergeblich nach seinen Dienern, -denn es war keiner, der ihn hören mochte. - -Wie ein wildes Thier war Eckart umher geirrt, ohne von sich, von seinem -Unglücke etwas zu wissen, er hatte sich selber verloren und in dumpfer -Betäubung seinen Hunger mit Kräutern und Wurzeln gesättigt; unkenntlich -wäre der Held jezt jedem seiner Freunde gewesen, so hatten ihn die Tage -seiner Verzweiflung entstellt. Wie der Sturm aufbrach, erwachte er aus -seiner Betäubung, er fand sich in seinen Schmerzen wieder und erkannte -sein Unglück. Da erhub er ein lautes Jammergeschrei um seine Kinder, er -raufte seine weißen Haare und klagte im Brausen des Sturmes: Wohin, -wohin seid ihr gekommen, ihr Theile meines Herzens? Und wie ist mir denn -so alle Macht genommen, daß ich euren Tod nicht mindestens rächen darf? -Warum hielt ich denn meinen Arm zurück, und gab nicht dem den Tod, der -meinem Herzen den tödtlichsten Stich zutheilte? Ha, du verdienst es, -Wahnsinniger, daß der Tyrann dich verhöhnt, weil dein unmächtiger Arm, -dein blödes Herz nicht dem Mörder widerstrebt! Jezt, jezt sollte er so -vor mir stehn! Vergeblich wünsch' ich jezt die Rache, da der Augenblick -vorüber ist. - -So kam die Nacht herauf, und Eckart irrte in seinem Jammer umher. Da -hörte er aus der Ferne wie eine Stimme, die um Hülfe rief. Er richtete -seine Schritte nach dem Schalle, und traf endlich in der Dunkelheit auf -einen Mann, der an einen Baumstamm gelehnt, ihn wehmüthig bat, ihm -wieder auf die rechte Straße zu helfen. Eckart erschrak vor der Stimme, -denn sie schien ihm bekannt, und bald ermannte er sich und erkannte, daß -der Verirrte der Herzog von Burgunden sei. Da erhub er seine Hand und -wollte sein Schwerdt fassen, um den Mann nieder zu hauen, der der Mörder -seiner Kinder war; es überfiel ihn die Wuth mit neuen Kräften, und er -war des festen Willens, jenem den Garaus zu machen, als er plötzlich -inne hielt, und seines Schwures und des gegebenen Wortes gedachte. Er -faßte die Hand seines Feindes, und führte ihn nach der Gegend, wo er die -Straße vermuthete. - - Der Herzog sank darnieder - Im wilden dunkeln Hain, - Da nahm der Helde bieder - Ihn auf die Schultern sein. - - Er sprach: gar viel Beschwerden - Mach' ich dir, guter Mann; - Der sagte: auf der Erden - Muß man gar viel bestahn. - - Doch sollst du, sprach Burgund, - Dich freun, bei meinem Worte, - Komm ich nur erst gesund - Zu Haus und sicherm Orte. - - Der Held fühlt Thränen heiß - Auf seinen alten Wangen, - Er sprach: auf keine Weis' - Trag ich nach Lohn Verlangen. - - Es mehren sich die Plagen, - Sprach der Burgund in Noth; - Wohin willst du mich tragen? - Du bist wohl gar der Tod? -- - - Tod bin ich nicht genannt, - Sprach Eckart noch im Weinen, - Du stehst in Gottes Hand, - Sein Licht mag dich bescheinen. - - Ach, wohl ist mir bewußt, - Sprach jener drauf in Reue, - Daß sündvoll meine Brust, - Drum zittr' ich, daß er dräue. - - Ich hab' dem treusten Freunde - Die Kinder umgebracht, - Drum steht er mir zum Feinde - In dieser finstern Nacht. - - Er war mir recht ergeben, - Als wie der treuste Knecht, - Und war im ganzen Leben - Mir niemals ungerecht. - - Die Kindlein ließ ich tödten, - Das kann er nie verzeihn, - Ich fürcht', in diesen Nöthen - Treff' ich ihn hier im Hain: - - Das sagt mir mein Gewissen, - Mein Herze innerlich, - Die Kind hab ich zerrissen, - Dafür zerreißt er mich. - - Der Eckart sprach: empfinden - Muß ich so schwere Last, - Weil du nicht rein von Sünden - Und schwer gefrevelt hast. - - Daß du den Mann wirst schauen, - Ist auch gewißlich wahr, - Doch magst du mir vertrauen, - So krümmt er dir kein Haar. - -So gingen sie in Gesprächen fort, als ihnen im Walde eine andre -Mannsgestalt begegnete, es war Wolfram, der Knappe des Herzogs, der -seinen Herrn schon seit lange gesucht hatte. Die dunkle Nacht lag noch -über ihnen, und kein Sternlein blickte zwischen den schwarzen Wolken -hervor. Der Herzog fühlte sich schwächer, und wünschte eine Herberge zu -erreichen, in der er die Nacht schlafen möchte; dabei zitterte er, auf -den Eckart zu treffen, der wie ein Gespenst vor seiner Seele stand. Er -glaubte nicht den Morgen zu erleben, und schauderte von neuem zusammen, -wenn sich der Wind wieder in den hohen Bäumen regte, wenn der Sturm von -unten herauf aus den Bergschluften kam und über ihren Häuptern hinweg -ging. Besteige, Wolfram, rief der Herzog in seiner Angst, diese hohe -Tanne, und schaue umher, ob du kein Lichtlein, kein Haus, oder keine -Hütte erspähst, zu der wir uns wenden mögen. - -Der Knappe kletterte mit Gefahr seines Lebens zum hohen Tannenbaum -hinauf, den der Sturm von einer Seite zur andern warf, und je zuweilen -fast bis zur Erde den Wipfel beugte, so daß der Knappe wie ein -Eichkätzlein oben schwankte. Endlich hatte er den Gipfel erklommen und -rief: Im Thal da unten seh' ich den Schein eines Lichtes, dorthin müssen -wir uns wenden! Sogleich stieg er ab und zeigte den beiden den Weg, und -nach einiger Zeit sahen alle den erfreulichen Schein, worüber der Herzog -anfing, sich wieder wohl zu gehaben. Eckart blieb immer stumm und in -sich gekehrt, er sprach kein Wort und schaute seinen innern Gedanken zu. -Als sie vor der Hütte standen, klopften sie an, und ein altes Mütterlein -öffnete ihnen die Thür; so wie sie hinein traten, ließ der starke Eckart -den Herzog von seinen Schultern nieder, der sich alsbald auf seine Knie -warf und Gott in einem brünstigen Gebete für seine Rettung dankte. -Eckart setzte sich in einen finstern Winkel nieder und traf dort den -Greis schlafend, der ihm unlängst sein großes Unglück mit seinen Söhnen -erzählt hatte, welche er aufzusuchen ging. - -Als der Herzog sein Gebet vollendet, sprach er: Wunderbar ist mir in -dieser Nacht zu Sinne geworden, und die Güte Gottes wie seine Allmacht -haben sich meinem verstockten Herzen noch niemals so nahe gezeigt; auch -daß ich bald sterbe, sagt mir mein Gemüth, und ich wünsche nichts so -sehr, als daß Gott mir vorher meine vielen und schweren Sünden vergeben -möge. Euch beide aber, die ihr mich hieher geführt habt, will ich vor -meinem Ende noch belohnen, so viel ich kann. Dir, meinem Knappen, -schenk' ich die beiden Schlösser, die hier auf den nächsten Bergen -liegen; doch sollst du dich künftig, zum Gedächtniß dieser grauenvollen -Nacht, den Tannenhäuser nennen. Und wer bist du, Mann, fuhr er fort, der -sich dorten im Winkel gelagert hat? Komm hervor, damit ich auch dir für -deine Mühe und Liebe lohnen möge. - - Da stand der Eckart von der Erden - Und trat herfür ans helle Licht, - Er zeigt mit traurigen Geberden - Sein hochbekümmert Angesicht. - - Da fehlt dem Burgund Kraft und Muth, - Den Blick des Mannes auszuhalten, - Den Adern sein entweicht das Blut, - In Ohnmacht ist er festgehalten. - - Es stürzen ihm die matten Glieder - Von neuem auf den Boden nieder. - Allmächt'ger Gott! so schreit er laut, - Du bist es, den mein Auge schaut? - Wohin soll ich vor dir entfliehn? - Mußt du mich aus dem Walde ziehn? - Dem ich die Kinder hab' erschlagen, - Der muß mich in den Armen tragen? - - So klagt Burgund und weint im Sprechen, - Und fühlt das Herz im Busen brechen, - Er sinkt dem Eckart an die Brust, - Ist sich sein selber nicht bewußt. -- - Der Eckart leise zu ihm spricht: - Der Schmach gedenk' ich fürder nicht, - Damit die Welt es sehe frei, - Der Eckart war dir stets getreu. - -So verging die Nacht. Am andern Morgen kamen andre Diener, die den -kranken Herzog fanden. Sie legten ihn auf Maulthiere und führten ihn in -sein Schloß zurück. Eckart durfte nicht von seiner Seite kommen, oft -aber nahm er seine Hand und drückte sie sich gegen seine Brust, und sah -ihn mit einem flehenden Blicke an. Eckart umarmte ihn dann, und sprach -einige liebevolle Worte, mit denen sich der Fürst beruhigte. Er -versammelte alle seine Räthe um sich her, und sagte ihnen, daß er den -Eckart, den getreuen Mann, zum Vormunde über seine Söhne setze, weil -dieser sich als den edelsten erwiesen. So starb er. - -Seitdem nahm sich Eckart der Regierung mit allem Fleiße an, und -jedermann im Lande mußte seinen hohen männlichen Muth bewundern. Es -währte nicht lange, so verbreitete sich in allen Gegenden das wunderbare -Gerücht von dem Spielmanne, der aus dem Venusberge gekommen, das ganze -Land durchziehe und mit seinen Tönen die Menschen entführe, welche -verschwänden, ohne daß man eine Spur von ihnen wieder finden könne. -Viele glaubten dem Gerüchte, andre nicht, und Eckart gedachte des -unglücklichen Greises wieder. - -Ich habe euch zu meinen Söhnen angenommen, sprach er zu den unmündigen -Jünglingen, als er sich einst mit ihnen auf dem Berge vor dem Schlosse -befand; euer Glück ist jezt meine Nachkommenschaft, ich will in eurer -Freude nach meinem Tode fortleben. Sie lagerten sich auf dem Abhange, -von wo sie weit in das schöne Land hinein sehn konnten, und Eckart -unterdrückte das Andenken an seine Kinder, denn sie schienen ihm von den -Bergen herüber zu schreiten, indem er aus der Ferne einen lieblichen -Klang vernahm. - - Kommt es nicht wie Träumen - Aus den grünen Räumen - Zu uns wallend nieder, - Wie Verstorbner Lieder? - - Spricht er zu den jungen Herrn, - Vernimmt den Zauberklang von fern. - Wie sich die Tön' herüberschwungen - Erwachet in den frommen Jungen - Ein seltsam böser Geist, - Der sich nach unbekannter Ferne reißt. - - Wir wollen in die Berge, in die Felder, - Uns rufen die Quellen, es locken die Wälder, - Gar heimliche Stimmen entgegen singen, - Ins irdische Paradies uns zu bringen! - - Der Spielmann kommt in fremder Tracht - Den Söhnen Burgunds ins Gesicht, - Und höher schwillt der Töne Macht, - Und heller glänzt der Sonne Licht, - Die Blumen scheinen trunken, - Ein Abendroth nieder gesunken, - Und zwischen Korn und Gräsern schweifen - Sanft irrend blau und goldne Streifen. - - Wie ein Schatten ist hinweg gehoben - Was sonst den Sinn zur Erden zieht, - Gestillt ist alles ird'sche Toben, - Die Welt zu Einer Blum' erblüht, - Die Felsen schwanken lichterloh, - Die Triften jauchzen und sind froh, - Es wirrt und irrt alles in die Klänge hinein - Und will in der Freude heimisch sein, - Des Menschen Seele reißen die Funken, - Sie ist im holden Wahnsinn ganz versunken. - - Es wurde Eckart rege - Und wundert sich dabei, - Er hört der Töne Schläge - Und fragt sich, was es sei. - - Ihm dünkt die Welt erneuet, - In andern Farben blühn, - Er weiß nicht, was ihn freuet, - Fühlt sich in Wonne glühn. - - Ha! bringen nicht die Töne, - So fragt er sich entzückt, - Mir Weib und liebe Söhne, - Und was mich sonst beglückt? - - Doch faßt ein heimlich Grauen - Den Helden plötzlich an, - Er darf nur um sich schauen - Und fühlt sich bald ein Mann. - - Da sieht er schon das Wüthen - Der ihm vertrauten Kind, - Die sich der Hölle bieten - Und unbezwinglich sind. - - Sie werden fortgezogen - Und kennen ihn nicht mehr, - Sie toben wie die Wogen - Im wildempörten Meer. - - Was soll er da beginnen? - Ihn ruft sein Wort und Pflicht, - Ihm wanken selbst die Sinnen, - Er kennt sich selber nicht. - - Da kömmt die Todesstunde - Von seinem Freund zurück, - Er höret den Burgunde - Und sieht den letzten Blick. - - So schirmt er sein Gemüthe - Und steht gewappnet da, - Indem kommt im Gemüthe - Der Spielmann selbst ihm nah. - - Er will den Degen schwingen - Und schlagen jenes Haupt: - Er hört die Pfeife klingen, - Die Kraft ist ihm geraubt. - - Es stürzen aus den Bergen - Gestalten wunderlich, - Ein wüstes Heer von Zwergen, - Sie nahen grauerlich. - - Die Söhne sind gefangen - Und toben in dem Schwarm, - Umsonst ist sein Verlangen, - Gelähmt sein tapfrer Arm. - - Es stürmt der Zug an Vesten, - An Schlössern wild vorbei, - Sie ziehn von Ost nach Westen - Mit jauchzendem Geschrei. - - Eckart ist unter ihnen, - Es reißt die Macht ihn hin, - Er muß der Hölle dienen, - Bezwungen ist sein Sinn. - - Da nahen sie dem Berge, - Aus dem Musik erschallt, - Und also gleich die Zwerge - Stillstehn und machen Halt. - - Der Fels springt von einander, - Ein bunt Gewimmel drein, - Man sieht Gestalten wandern - Im wunderlichen Schein. - - Da faßt er seinen Degen - Und sprach: ich bleibe treu! - Und haut mit Kraft verwegen - In alle Schaaren frei. - - Die Kinder sind errungen, - Sie fliehen durch das Thal, - Der Feind noch unbezwungen - Mehrt sich zu Eckarts Quaal. - - Die Zwerge sinken nieder, - Sie fassen neuen Muth, - Es kommen andre wieder, - Und jeder kämpft mit Wuth. - - Da sieht der Held schon ferne - Die Kind in Sicherheit, - Sprach: nun verlier' ich gerne - Mein Leben hier im Streit. - - Sein tapfres Schwerdt thut blinken - Im hellen Sonnenstrahl, - Die Zwerge niedersinken - Zu Haufen dort im Thal. - - Die Kinder sind entschwunden - Im allerfernsten Feld, - Da fühlt er seine Wunden, - Da stirbt der tapfre Held. - - So fand er seine Stunde - Wild kämpfend wie der Leu, - Und blieb noch dem Burgunde - Im Tode selber treu. - - Als nun der Held erschlagen - Regiert der ältste Sohn, - Dankbar hört man ihn sagen: - Eckart hat meinen Thron - - Erkämpft mit vielen Wunden - Und seinem besten Blut, - Und alle Lebensstunden - Verdank' ich seinem Muth. - - Bald hört man Wundersagen - Im ganzen Land umgehn, - Daß, wer es wolle wagen - Der Venus Berg zu sehn, - - Der werde dorten schauen - Des treuen Eckart Geist, - Der jeden mit Vertrauen - Zurück vom Felsen weist. - - Wo er nach seinem Sterben - Noch Schutz und Wache hält. - Es preisen alle Erben - Eckart den treuen Held. - - - - - Zweiter Abschnitt. - - -Es waren mehr als vier Jahrhunderte seit dem Tode des getreuen Eckart -verflossen, als am Hofe ein edler Tannenhäuser als kaiserlicher Rath im -großen Ansehen stand. Der Sohn dieses Ritters übertraf an Schönheit alle -übrigen Edlen des Landes, weswegen er auch von jedermann geliebt und -hochgeschätzt wurde. Plötzlich aber verschwand er, nachdem sich einige -wunderbare Dinge mit ihm zugetragen hatten, und kein Mensch wußte zu -sagen, wohin er gekommen sei. Seit der Zeit des getreuen Eckart gab es -vom Venusberge eine Sage im Lande, und manche sprachen, daß er dorthin -gewandert und also auf ewig verloren sei. - -Einer von seinen Freunden, Friedrich von Wolfsburg, härmte sich von -allen am meisten um den jungen Tannenhäuser. Sie waren mit einander -erwachsen und ihre gegenseitige Freundschaft schien jedem ein Bedürfniß -seines Lebens geworden zu sein. Tannenhäusers alter Vater war gestorben, -Friedrich vermälte sich nach einigen Jahren; schon umgab ihn ein Kreis -von fröhlichen Kindern, und immer noch hatte er keine Nachricht von -seinem Jugendfreunde vernommen, so daß er ihn auch für gestorben halten -mußte. - -Er stand eines Abends unter dem Thor seiner Burg, als er aus der Ferne -einen Pilgrim daher kommen sah, der sich seinem Schlosse näherte. Der -fremde Mann war in seltsame Tracht gekleidet, und sein Gang wie seine -Geberden erschienen dem Ritter wunderlich. Als jener näher gekommen, -glaubte er ihn zu kennen, und endlich war er mit sich einig, daß der -Fremde kein anderer als sein ehemaliger Freund der Tannenhäuser sein -könne. Er erstaunte und ein heimlicher Schauer bemächtigte sich seiner, -als er die durchaus veränderten Züge deutlich gewahr wurde. - -Die beiden Freunde umarmten sich, und erschraken dann einer vor dem -andern, sie staunten sich an, wie fremde Wesen. Der Fragen, der -verworrenen Antworten gab es viele; Friedrich erbebte oft vor dem wilden -Blicke seines Freundes, in dem ein unverständliches Feuer brannte. -Nachdem sich der Tannenhäuser einige Tage erholt hatte, erfuhr -Friedrich, daß er auf einer Wallfahrt nach Rom begriffen sei. - -Die beiden Freunde erneuerten bald ihre ehemaligen Gespräche und -erzählten sich die Geschichte ihrer Jugend, doch verschwieg der -Tannenhäuser noch immer sorgfältig, wo er seitdem gewesen. Friedrich -aber drang in ihn, nachdem sie sich in ihre sonstige Vertraulichkeit -wieder hinein gefunden hatten, jener suchte sich lange den -freundschaftlichen Bitten zu entziehen, doch endlich rief er aus: Nun, -so mag dein Wille erfüllt werden, du sollst alles erfahren, mache mir -aber nachher keine Vorwürfe, wenn dich die Geschichte mit Bekümmerniß -und Grauen erfüllt. - -Sie gingen ins Freie und wandelten durch einen grünen Lustwald, wo sie -sich niedersetzten, worauf der Tannenhäuser sein Haupt im grünen Grase -verbarg und unter lautem Schluchzen seinem Freunde abgewandt die rechte -Hand reichte, die dieser zärtlich drückte. Der trübselige Pilgrim -richtete sich wieder auf, und begann seine Erzählung auf folgende Weise: - -Glaube mir, mein Theurer, daß manchem von uns ein böser Geist von seiner -Geburt an mitgegeben wird, der ihn durch das Leben dahin ängstigt und -ihn nicht ruhen läßt, bis er an das Ziel seiner schwarzen Bestimmung -gelangt ist. So geschahe mir, und mein ganzer Lebenslauf ist nur ein -dauerndes Geburtswehe, und mein Erwachen wird in der Hölle sein. Darum -habe ich nun schon so viele mühselige Schritte gethan, und so manche -stehn mir noch auf meiner Pilgerschaft bevor, ob ich vielleicht beim -heiligen Vater zu Rom Vergebung erlangen möchte: vor ihm will ich die -schwere Ladung meiner Sünden ablegen, oder im Druck erliegen und -verzweifelnd sterben. - -Friedrich wollte ihn trösten, doch schien der Tannenhäuser auf seine -Reden nicht sonderlich Acht zu geben, sondern fuhr nach einer kleinen -Weile mit folgenden Worten fort: Man hat ein altes Mährchen, daß vor -vielen Jahrhunderten ein Ritter mit dem Namen des getreuen Eckart gelebt -habe; man erzählt, wie damals aus einem seltsamen Berge ein Spielmann -gekommen sei, dessen wunderbarliche Töne so tiefe Sehnsucht, so wilde -Wünsche in den Herzen aller Hörenden auferweckt haben, daß sie -unwiderstreblich den Klängen nachgerissen worden, um sich in jenem -Gebirge zu verlieren. Die Hölle hat damals ihre Pforten den armen -Menschen weit aufgethan, und sie mit lieblicher Musik zu sich herein -gespielt. Ich hörte als Knabe diese Erzählung oft und wurde nicht -sonderlich davon gerührt, doch währte es nicht lange, so erinnerte mich -die ganze Natur, jedweder Klang, jedwede Blume an die Sage von diesen -herzergreifenden Tönen. Ich kann dir nicht ausdrücken, welche Wehmuth, -welche unaussprechliche Sehnsucht mich plötzlich ergriff, und wie in -Banden hielt und fortführen wollte, wenn ich dem Zug der Wolken -nachsahe, die lichte herrliche Bläue erblickte, die zwischen ihnen -hervordrang, welche Erinnerungen Wies' und Wald in meinem tiefsten -Herzen erwecken wollten. Oft ergriff mich die Lieblichkeit und Fülle der -herrlichen Natur, daß ich die Arme ausstreckte und wie mit Flügeln -hineinstreben wollte, um mich, wie der Geist der Natur, über Berg und -Thal auszugießen, und mich in Gras und Büschen allseitig zu regen und -die Fülle des Segens einzuathmen. Hatte mich am Tage die freie -Landschaft entzückt, so ängstigten mich in der Nacht dunkle Traumbilder -und stellten sich grauenhaft vor mich hin, als wenn sie mir den Weg zu -allem Leben versperren wollten. Vor allen ließ ein Traum einen -unauslöschlichen Eindruck in meinem Gemüthe zurück, ob ich gleich nicht -die Bilder deutlich wieder in meine Phantasie zurückrufen konnte. Mir -dünkte, als wäre ein großes Gewühl in den Gassen, ich vernahm -undeutliche Gespräche durcheinander, darauf ging ich, es war dunkle -Nacht, in das Haus meiner Eltern, und nur mein Vater war zugegen und -krank. Am nächsten Morgen fiel ich meinen Eltern um den Hals, umarmte -sie inbrünstig und drückte sie an meine Brust, als wenn uns eine -feindliche Gewalt von einander reißen wollte. Sollt' ich dich verlieren? -sprach ich zum theuren Vater, o wie unglücklich und einsam wäre ich ohne -dich in dieser Welt! Sie trösteten mich, aber es gelang ihnen nicht, das -dunkle Bild aus meinem Gedächtnisse zu entfernen. - -Ich ward älter, indem ich mich stets von andern Knaben meines Alters -entfernt hielt. Oft streifte ich einsam durch die Felder, und so geschah -es an einem Morgen, daß ich meinen Weg verlor, und in einem dunkeln -Walde, um Hülfe rufend, herum irrte. Nachdem ich so lange Zeit -vergeblich nach einem Wege gesucht hatte, stand ich endlich plötzlich -vor einem eisernen Gatterwerk, welches einen Garten umschloß. Durch -dasselbe sah ich schöne dunkle Gänge vor mir, Fruchtbäume und Blumen, -voran standen Rosengebüsche, die im Schein der Sonne glänzten. Ein -unnennbares Sehnen zu den Rosen ergriff mich, ich konnte mich nicht -zurückhalten, ich drängte mich mit Gewalt durch die eisernen Stäbe, und -war nun im Garten. Alsbald fiel ich nieder, umfaßte mit meinen Armen die -Gebüsche, küßte die Rosen auf ihren rothen Mund, und ergoß mich in -Thränen. Als ich mich eine Zeit in dieser Entzückung verloren hatte, -kamen zwei Mädchen durch die Baumgänge, die eine älter, die andre von -meinen Jahren. Ich erwachte aus meiner Betäubung, um mich einer höheren -Trunkenheit hinzugeben. Mein Auge fiel auf die jüngere, und mir war in -diesem Augenblicke, als würde ich von allen meinen unbekannten Schmerzen -geheilt. Man nahm mich im Hause auf, die Eltern der beiden Kinder -erkundigten sich nach meinem Namen, und schickten meinem Vater -Botschaft, der mich gegen Abend selber wieder abholte. - -Von diesem Tage hatte der ungewisse Lauf meines Lebens eine bestimmte -Richtung gewonnen, meine Gedanken eilten immer wieder nach dem Schlosse -und dem Mädchen zurück, denn hier schien mir die Heimath aller meiner -Wünsche. Ich vergaß meiner gewohnten Freuden, ich vernachlässigte meine -Gespielen, und besuchte oft den Garten, das Schloß und das Mädchen. Bald -war ich dort wie ein Kind vom Hause, so daß man sich nicht mehr -verwunderte, wenn ich zugegen war, und Emma ward mir mit jedem Tage -lieber. So vergingen mir die Stunden, und eine Zärtlichkeit hatte mein -Herz gefangen genommen, ohne daß ich es selber wußte. Meine ganze -Bestimmung schien mir nun erfüllt, ich hatte keine andere Wünsche, als -immer wieder zu kommen, und wenn ich fortging, dieselbe Aussicht auf den -künftigen Tag zu haben. - -Um die Zeit ward ein junger Ritter in der Familie bekannt, der auch -zugleich ein Freund meiner Eltern war, und sich bald eben so, wie ich, -an Emma schloß. Ich haßte ihn von diesem Augenblicke wie meinen -Todfeind. Unbeschreiblich aber waren meine Gefühle, als ich wahrzunehmen -glaubte, daß Emma seine Gesellschaft der meinigen vorziehe. Von dieser -Stunde an war es, als wenn die Musik, die mich bis dahin begleitet -hatte, in meinem Busen unterginge. Ich dachte nur Tod und Haß, wilde -Gedanken erwachten in meiner Brust, wenn Emma nun auf der Laute die -bekannten Gesänge sang. Auch verbarg ich meinen Widerwillen nicht, und -bezeigte mich gegen meine Eltern, die mir Vorwürfe machten, wild und -widerspenstig. - -Nun irrte ich in den Wäldern und zwischen Felsen umher, gegen mich -selber wüthend: den Tod meines Gegners hatte ich beschlossen. Der junge -Ritter hielt nach einigen Monden bei den Eltern um meine Geliebte an, -sie wurde ihm zugesagt. Was mich sonst wunderbar in der ganzen vollen -Natur angezogen und gereizt hatte, hatte sich mir in Emmas Bilde -vereiniget; ich wußte, kannte und wollte kein anderes Glück als sie, ja -ich hatte mir willkührlich vorgesetzt, daß ihren Verlust und mein -Verderben ein und derselbe Tag herbei führen solle. - -Meine Eltern grämten sich über meine Verwilderung, meine Mutter war -krank geworden, aber es rührte mich nicht, ich kümmerte mich wenig um -ihren Zustand, und sah sie nur selten. Der Hochzeitstag meines Feindes -rückte heran, und mit ihm wuchs meine Angst, die mich durch die Wälder -und über die Berge trieb. Ich verwünschte Emma und mich mit den -gräßlichsten Flüchen. Um die Zeit hatte ich keinen Freund, kein Mensch -wollte sich meiner annehmen, weil mich alle verloren gaben. - -Die schreckliche Nacht vor dem Vermählungstage brach heran. Ich hatte -mich unter Klippen verirrt und hörte unter mir die Waldströme brausen, -oft erschrak ich vor mir selber. Als es Morgen war, sah ich meinen Feind -von den Bergen hernieder steigen, ich fiel ihn mit beschimpfenden Reden -an, er vertheidigte sich, wir griffen zu den Schwerdtern, und bald sank -er unter meinen wüthenden Hieben nieder. - -Ich eilte fort, ich sah mich nicht nach ihm um, aber seine Begleiter -trugen den Leichnam fort. Nachts schwärmte ich um die Wohnung, die meine -Emma einschloß, und nach wenigen Tagen vernahm ich im benachbarten -Kloster Todtengeläute und den Grabgesang der Nonnen. Ich fragte: man -sagte mir, daß Fräulein Emma aus Gram über den Tod ihres Bräutigams -gestorben sei. - -Ich wußte nicht zu bleiben, ich zweifelte, ob ich lebe, ob alles -Wahrheit sei. Ich eilte zurück zu meinen Eltern, und kam in der -folgenden Nacht spät in die Stadt, in der sie wohnten. Alles war in -Unruhe, Pferde und Rüstwagen erfüllten die Straßen, Lanzenknechte -tummelten sich durch einander und sprachen in verwirrten Reden: es war -gerade an dem, daß der Kaiser einen Feldzug gegen seine Feinde -unternehmen wollte. Ein einsames Licht brannte in der väterlichen -Wohnung als ich herein trat; eine drückende Beklemmung lag auf meiner -Brust. Auf mein Anklopfen kommt mir mein Vater selbst mit leisem -bedächtigen Schritte entgegen; sogleich erinnere ich mich des alten -Traumes aus meinen Kinderjahren, und fühle mit innigster Bewegung, daß -es dasselbe sei, was ich nun erlebe. Ich bin bestürzt, ich frage: Warum, -Vater, seid ihr so spät noch auf? Er führt mich hinein und spricht: ich -muß wohl wachen, denn deine Mutter ist ja nun auch todt. - -Die Worte fielen wie Blitze in meine Seele. Er setzte sich bedächtig -nieder, ich mich an seine Seite, die Leiche lag auf einem Bette und war -mit Tüchern seltsam zugehängt. Mein Herz wollte zerspringen. Ich halte -Wache, sprach der Alte, denn meine Gattin sitzt noch immer neben mir. -Meine Sinne vergingen, ich heftete meine Augen in einen Winkel, und nach -kurzer Weile regte es sich wie ein Dunst, es wallte und wogte, und die -bekannte Bildung meiner Mutter zog sich sichtbarlich zusammen, die nach -mir mit ernsten Mienen schaute. Ich wollte fort, ich konnte nicht, denn -die mütterliche Gestalt winkte und mein Vater hielt mich fest in den -Armen, welcher mir leise zuflüsterte: sie ist aus Gram um dich -gestorben. Ich umfaßte ihn mit aller kindlichen Brünstigkeit, ich vergoß -brennende Thränen an seiner Brust. Er küßte mich, und mir schauderte, -als seine Lippen kalt wie die Lippen eines Todten mich berührten. Wie -ist dir, Vater? rief ich mit Entsetzen aus. Er zuckte schmerzhaft in -sich zusammen und antwortete nicht. In wenigen Augenblicken fühlte ich -ihn kälter werden, ich suchte nach seinem Herzen, es stand still, und im -wehmüthigen Wahnsinn hielt ich die Leiche in meiner Umarmung fest -eingeklammert. - -Wie ein Schein, gleich der ersten Morgenröthe, flog es durch das dunkle -Gemach; da saß der Geist meines Vaters neben dem Bilde meiner Mutter, -und beide sahen nach mir mitleidig hin, wie ich die theure Leiche -festhielt. Seitdem war es um mein Bewußtsein geschehn, wahnsinnig und -kraftlos fanden mich die Diener am Morgen in der Todtenkammer. -- - -Bis hieher war der Tannenhäuser mit seiner Erzählung gekommen, indem ihm -sein Freund Friedrich mit dem größten Erstaunen zuhörte, als er -plötzlich abbrach und mit dem Ausdruck des größten Schmerzes inne hielt. -Friedrich war verlegen und nachdenkend, die beiden Freunde gingen in die -Burg zurück, doch blieben sie in einem Zimmer allein. - -Nachdem der Tannenhäuser eine Weile geschwiegen hatte, fing er wieder -an: Immer noch erschüttert mich das Andenken dieser Stunden tief, und -ich begreife nicht, wie ich sie habe überleben können. Nunmehr schien -mir die Erde und das Leben völlig ausgestorben und verwüstet, ich -schleppte mich ohne Gedanken und Wunsch von einem Tage zum andern -hinüber. Dann gerieth ich in eine Gesellschaft von wilden jungen Leuten, -und in Trunk und Wollust suchte ich den pochenden bösen Geist in mir zu -besänftigen. Die alte brennende Ungeduld erwachte in meiner Brust von -neuem, und ich konnte mich und meine Wünsche selber nicht verstehn. Ein -Wüstling, Rudolf genannt, war mein Vertrauter geworden, der aber immer -meine Klagen wie meine Sehnsucht verlachte. So mochte ein Jahr -verflossen sein, als meine Angst bis zur Verzweiflung stieg; es drängte -mich weiter, weiter hinein in eine unbekannte Ferne, ich hätte mich von -den hohen Bergen hinab in den Glanz der Wiesenfarben, in das kühle -Gebrause der Ströme stürzen mögen, um den glühenden Durst der Seele, die -Unersättlichkeit zu löschen; ich sehnte mich nach der Vernichtung und -wieder wie goldne Morgenwolken schwebten Hoffnung und Lebenslust vor mir -hin und lockten mich nach. Da kam ich auf den Gedanken, daß die Hölle -nach mir lüstern sei, und mir so Schmerzen wie Freuden entgegen sende, -um mich zu verderben, daß ein tückischer Geist alle meine Seelenkräfte -nach der dunkeln Behausung richte und mich hinunter zügle. Da gab ich -mich gefangen, um der Quaalen, der wechselnden Entzückungen los zu -werden. In der dunkelsten Nacht bestieg ich einen hohen Berg und rief -mit allen Herzenskräften den Feind Gottes und der Menschen zu mir, so -daß ich fühlte, er würde mir gehorchen müssen. Meine Worte zogen ihn -herbei, er stand plötzlich neben mir und ich empfand kein Grauen. Da -ging im Gespräch mit ihm der Glaube an jenen wunderbaren Berg von neuem -in mir auf, und er lehrte mich ein Lied, das mich von selbst auf die -rechte Straße dahin führen würde. Er verschwand, und ich war zum -erstenmal, seit ich lebte, mit mir allein, denn nun verstand ich meine -abirrenden Gedanken, die aus dem Mittelpunkte heraus strebten, um eine -neue Welt zu finden. Ich machte mich auf den Weg, und das Lied, das ich -mit lauter Stimme sang, führte mich über wunderbare Einöden fort, und -alles übrige in mir und außer mir hatte ich vergessen; es trug mich wie -auf großen Flügeln der Sehnsucht nach meiner Heimath, ich wollte dem -Schatten entfliehen, der uns auch aus dem Glanze noch dräut, den wilden -Tönen, die noch in der zartesten Musik auf uns schelten. So kam ich in -einer Nacht, als der Mond hinter dunkeln Wolken matt hervor schien, vor -dem Berge an. Ich setzte mein Lied fort, und eine Riesengestalt stand da -und winkte mich mit ihrem Stabe zurück. Ich ging näher. Ich bin der -getreue Eckart, rief die übermenschliche Bildung, ich bin von Gottes -Güte hieher zum Wächter gesetzt, um des Menschen bösen Fürwitz zurück zu -halten. -- Ich drang hindurch. - -Wie in einem unterirdischen Bergwerke war nun mein Weg. Der Steg war so -schmal, daß ich mich hindurch drängen mußte, ich vernahm den Klang der -verborgenen wandernden Gewässer, ich hörte die Geister, die die Erze und -Gold und Silber bildeten, um den Menschengeist zu locken, ich fand die -tiefen Klänge und Töne hier einzeln und verborgen, aus denen die -irdische Musik entsteht; je tiefer ich ging, je mehr fiel es wie ein -Schleier vor meinem Angesichte hinweg. - -Ich ruhte aus und sah andre Menschengestalten heran wanken, mein Freund -Rudolf war unter ihnen; ich begriff gar nicht, wie sie mir vorbei kommen -würden, da der Weg so sehr enge war, aber sie gingen mitten durch die -Steine hindurch, ohne daß sie mich gewahr wurden. - -Alsbald vernahm ich Musik, aber eine ganz andre, als bis dahin zu meinem -Gehör gedrungen war, meine Geister in mir arbeiteten den Tönen entgegen; -ich kam ins Freie, und wunderhelle Farben glänzten mich von allen Seiten -an. Das war es, was ich immer gewünscht hatte. Dicht am Herzen fühlte -ich die Gegenwart der gesuchten, endlich gefundenen Herrlichkeit, und in -mich spielten die Entzückungen mit allen ihren Kräften hinein. So kam -mir das Gewimmel der frohen heidnischen Götter entgegen, Frau Venus an -ihrer Spitze, alle begrüßten mich; sie sind dorthin gebannt von der -Gewalt des Allmächtigen, und ihr Dienst ist von der Erde vertilgt; nun -wirken sie von dort in ihrer Heimlichkeit. - -Alle Freuden, die die Erde beut, genoß und schmeckte ich hier in ihrer -vollsten Blüthe, unersättlich war mein Busen und unendlich der Genuß. -Die berühmten Schönheiten der alten Welt waren zugegen, was mein Gedanke -wünschte, war in meinem Besitz, eine Trunkenheit folgte der andern, mit -jedem Tage schien um mich her die Welt in bunteren Farben zu brennen. -Ströme des köstlichsten Weines löschten den grimmen Durst, und die -holdseligsten Gestalten gaukelten dann in der Luft, ein Gewimmel von -nackten Mädchen umgab mich einladend, Düfte schwangen sich bezaubernd um -mein Haupt, wie aus dem innersten Herzen der seligsten Natur erklang -eine Musik, und kühlte mit ihren frischen Wogen der Begierde wilde -Lüsternheit; ein Grauen, das so heimlich über die Blumenfelder schlich, -erhöhte den entzückenden Rausch. Wie viele Jahre so verschwunden sind, -weiß ich nicht zu sagen, denn hier gab es keine Zeit und keine -Unterschiede, in den Blumen brannte der Mädchen und der Lüste Reiz, in -den Körpern der Weiber blühte der Zauber der Blumen, die Farben führten -hier eine andre Sprache, die Töne sagten neue Worte, die ganze -Sinnenwelt war hier in einer Blüthe fest gebunden, und die Geister -drinnen feierten ewig einen brünstigen Triumph. - -Doch wie es geschah, kann ich so wenig sagen wie fassen, daß mich nun in -aller Sünderherrlichkeit der Trieb nach der Ruhe, der Wunsch zur alten -unschuldigen Erde mit ihren dürftigen Freuden eben so ergriff, wie mich -vormals die Sehnsucht hieher gedrängt hatte. Es zog mich an, wieder -jenes Leben zu leben, das die Menschen in aller Bewußtlosigkeit führen, -mit Leiden und abwechselnden Freuden; ich war von dem Glanz gesättigt -und suchte gern die vorige Heimath wieder. Eine unbegreifliche Gnade des -Allmächtigen verschaffte mir die Rückkehr, ich befand mich plötzlich -wieder in der Welt, und denke nun meinen sündigen Busen vor den Stuhl -unsers allerheiligsten Vaters in Rom auszuschütten, daß er mir vergebe -und ich den übrigen Menschen wieder zugezählt werde. -- - -Der Tannenhäuser schwieg still, und Friedrich betrachtete ihn lange mit -einem prüfenden Blicke; dann nahm er die Hand seines Freundes und sagte: -immer noch kann ich nicht von meinem Erstaunen zurück kommen, auch kann -ich deine Erzählung nicht begreifen, denn es ist nicht anders möglich, -als daß alles, was du mir vorgetragen hast, nur eine Einbildung von dir -sein muß. Denn noch lebt Emma, sie ist meine Gattin, und nie haben wir -gekämpft oder uns gehaßt, wie du glaubst; doch verschwandest du noch vor -unsrer Hochzeit aus der Gegend, auch hast du mir damals nie mit einem -einzigen Worte gesagt, daß Emma dir lieb sei. - -Er nahm hierauf den verwirrten Tannenhäuser bei der Hand und führte ihn -in ein anderes Zimmer zu seiner Gattin, die eben von einem Besuch ihrer -Schwester, bei der sie einige Tage verweilt, auf das Schloß zurück -gekommen war. Der Tannenhäuser war stumm und nachdenkend, er beschaute -still die Bildung und das Antlitz der Frau, dann schüttelte er mit dem -Kopfe und sagte: bei Gott, das ist noch die seltsamste von allen meinen -Begebenheiten! - -Friedrich erzählte ihm im Zusammenhange alles, was ihm seitdem -zugestoßen war, und suchte seinem Freunde deutlich zu machen, daß ihn -ein seltsamer Wahnsinn nur seit manchem Jahre beängstiget habe. Ich weiß -recht gut wie es ist, rief der Tannenhäuser aus, jezt bin ich getäuscht -und wahnsinnig, die Hölle will mir dies Blendwerk vorgaukeln, damit ich -nicht nach Rom gehn und meiner Sünden ledig werden soll. - -Emma suchte ihn an seine Kindheit zu erinnern, aber der Tannenhäuser -ließ sich nicht überreden. So reiste er schnell ab, um in kurzer Zeit in -Rom vom Pabste Absolution zu erhalten. - -Friedrich und Emma sprachen noch oft über den seltsamen Pilgrim. Einige -Monden waren verflossen, als der Tannenhäuser bleich und abgezehrt, in -zerrissenen Wallfahrtskleidern und barfuß in Friedrichs Gemach trat, -indem dieser noch schlief. Er küßte ihn auf den Mund und sagte dann -schnell die Worte: der heilige Vater will und kann mir nicht vergeben, -ich muß in meinen alten Wohnsitz zurück. Hierauf entfernte er sich -eilig. - -Friedrich ermunterte sich, der unglückliche Pilger war schon -verschwunden. Er ging nach dem Zimmer seiner Gattin, und die Weiber -stürzten ihm mit Geheul entgegen; der Tannenhäuser war hier früh am Tage -herein gedrungen und hatte die Worte gesagt: diese soll mich nicht in -meinem Laufe stören! Man fand Emma ermordet. - -Noch konnte sich Friedrich nicht besinnen, als es ihn wie Entsetzen -befiel; er konnte nicht ruhn, er rannte ins Freie. Man wollte ihn zurück -halten, aber er erzählte, wie ihm der Pilgrim einen Kuß auf die Lippen -gegeben habe, und wie dieser Kuß ihn brenne, bis er jenen wieder -gefunden. So rannte er in unbegreiflicher Eile fort, den wunderlichen -Berg und den Tannenhäuser zu suchen, und man sah ihn seitdem nicht mehr. -Die Leute sagten, wer einen Kuß von einem aus dem Berge bekommen, der -könne der Lockung nicht widerstehn, die ihn auch mit Zaubergewalt in die -unterirdischen Klüfte reiße. -- - - * * * * * - -Alle waren nach geendigter Erzählung still und in sich gekehrt, worauf -Manfred sagte: ohne alle Vorbereitung und einleitende Vorrede will ich -sogleich die Vorlesung meines Werkes beginnen, das, wie ich wohl nicht -erst zu versichern brauche, Original und eigne Erfindung ist. Da unsre -schöne Clara auf die Originalität so viel giebt, so hoffe ich, daß sie -auch diesem Mährchen ihren Beifall nicht wird versagen können. Er las -hierauf folgende Erzählung. - - - - - Der Runenberg. - 1802. - - -Ein junger Jäger saß im innersten Gebirge nachdenkend bei einem -Vogelheerde, indem das Rauschen der Gewässer und des Waldes in der -Einsamkeit tönte. Er bedachte sein Schicksal, wie er so jung sei, und -Vater und Mutter, die wohlbekannte Heimath, und alle Befreundeten seines -Dorfes verlassen hatte, um eine fremde Umgebung zu suchen, um sich aus -dem Kreise der wiederkehrenden Gewöhnlichkeit zu entfernen, und er -blickte mit einer Art von Verwunderung auf, daß er sich nun in diesem -Thale, in dieser Beschäftigung wieder fand. Große Wolken zogen durch den -Himmel und verloren sich hinter den Bergen, Vögel sangen aus den -Gebüschen und ein Wiederschall antwortete ihnen. Er stieg langsam den -Berg hinunter, und setzte sich an den Rand eines Baches nieder, der über -vorragendes Gestein schäumend murmelte. Er hörte auf die wechselnde -Melodie des Wassers, und es schien, als wenn ihm die Wogen in -unverständlichen Worten tausend Dinge sagten, die ihm so wichtig waren, -und er mußte sich innig betrüben, daß er ihre Reden nicht verstehen -konnte. Wieder sah er dann umher und ihm dünkte, er sei froh und -glücklich; so faßte er wieder neuen Muth und sang mit lauter Stimme -einen Jägergesang. - - Froh und lustig zwischen Steinen - Geht der Jüngling auf die Jagd, - Seine Beute muß erscheinen - In den grünlebendgen Hainen, - Sucht' er auch bis in die Nacht. - - Seine treuen Hunde bellen - Durch die schöne Einsamkeit, - Durch den Wald die Hörner gellen, - Daß die Herzen muthig schwellen: - O du schöne Jägerzeit! - - Seine Heimath sind die Klüfte, - Alle Bäume grüßen ihn, - Rauschen strenge Herbsteslüfte - Find't er Hirsch und Reh, die Schlüfte - Muß er jauchzend dann durchziehn. - - Laß dem Landmann seine Mühen - Und dem Schiffer nur sein Meer, - Keiner sieht in Morgens Frühen - So Aurora's Augen glühen, - Hängt der Thau am Grase schwer, - - Als wer Jagd, Wild, Wälder kennet - Und Diana lacht ihn an, - Einst das schönste Bild entbrennet - Die er seine Liebste nennet: - O beglückter Jägersmann! - -Während dieses Gesanges war die Sonne tiefer gesunken und breite -Schatten fielen durch das enge Thal. Eine kühlende Dämmerung schlich -über den Boden weg, und nur noch die Wipfel der Bäume, wie die runden -Bergspitzen waren vom Schein des Abends vergoldet. Christians Gemüth -ward immer trübseliger, er mochte nicht nach seinem Vogelheerde zurück -kehren, und dennoch mochte er nicht bleiben; es dünkte ihm so einsam und -er sehnte sich nach Menschen. Jezt wünschte er sich die alten Bücher, -die er sonst bei seinem Vater gesehn, und die er niemals lesen mögen, so -oft ihn auch der Vater dazu angetrieben hatte; es fielen ihm die Scenen -seiner Kindheit ein, die Spiele mit der Jugend des Dorfes, seine -Bekanntschaften unter den Kindern, die Schule, die ihm so drückend -gewesen war, und er sehnte sich in alle diese Umgebungen zurück, die er -freiwillig verlassen hatte, um sein Glück in unbekannten Gegenden, in -Bergen, unter fremden Menschen, in einer neuen Beschäftigung zu finden. -Indem es finstrer wurde, und der Bach lauter rauschte, und das Geflügel -der Nacht seine irre Wanderung mit umschweifendem Fluge begann, saß er -noch immer mißvergnügt und in sich versunken; er hätte weinen mögen, und -er war durchaus unentschlossen, was er thun und vornehmen solle. -Gedankenlos zog er eine hervorragende Wurzel aus der Erde, und plötzlich -hörte er erschreckend ein dumpfes Winseln im Boden, das sich -unterirdisch in klagenden Tönen fortzog, und erst in der Ferne wehmüthig -verscholl. Der Ton durchdrang sein innerstes Herz, er ergriff ihn, als -wenn er unvermuthet die Wunde berührt habe, an der der sterbende -Leichnam der Natur in Schmerzen verscheiden wolle. Er sprang auf und -wollte entfliehen, denn er hatte wohl ehemals von der seltsamen -Alrunenwurzel gehört, die beim Ausreißen so herzdurchschneidende -Klagetöne von sich gebe, daß der Mensch von ihrem Gewinsel wahnsinnig -werden müsse. Indem er fortgehen wollte, stand ein fremder Mann hinter -ihm, welcher ihn freundlich ansah und fragte, wohin er wolle. Christian -hatte sich Gesellschaft gewünscht, und doch erschrak er von neuem vor -dieser freundlichen Gegenwart. Wohin so eilig? fragte der Fremde noch -einmal. Der junge Jäger suchte sich zu sammeln und erzählte, wie ihm -plötzlich die Einsamkeit so schrecklich vorgekommen sei, daß er sich -habe retten wollen, der Abend sei so dunkel, die grünen Schatten des -Waldes so traurig, der Bach spreche in lauter Klagen, die Wolken des -Himmels zögen seine Sehnsucht jenseit den Bergen hinüber. Ihr seid noch -jung, sagte der Fremde, und könnt wohl die Strenge der Einsamkeit noch -nicht ertragen, ich will euch begleiten, denn ihr findet doch kein Haus -oder Dorf im Umkreis einer Meile, wir mögen unterwegs etwas sprechen und -uns erzählen, so verliert ihr die trüben Gedanken; in einer Stunde kommt -der Mond hinter den Bergen hervor, sein Licht wird dann wohl auch eure -Seele lichter machen. - -Sie gingen fort, und der Fremde dünkte dem Jünglinge bald ein alter -Bekannter zu sein. Wie seid ihr in dieses Gebürge gekommen, fragte -jener, ihr seid hier, eurer Sprache nach, nicht einheimisch. -- Ach -darüber, sagte der Jüngling, ließe sich viel sagen, und doch ist es -wieder keiner Rede, keiner Erzählung werth; es hat mich wie mit fremder -Gewalt aus dem Kreise meiner Eltern und Verwandten hinweg genommen, mein -Geist war seiner selbst nicht mächtig; wie ein Vogel, der in einem Netz -gefangen ist und sich vergeblich sträubt, so verstrickt war meine Seele -in seltsamen Vorstellungen und Wünschen. Wir wohnten weit von hier in -einer Ebene, in der man rund umher keinen Berg, kaum eine Anhöhe -erblickte; wenige Bäume schmückten den grünen Plan, aber Wiesen, -fruchtbare Kornfelder und Gärten zogen sich hin, so weit das Auge -reichen konnte, ein großer Fluß glänzte wie ein mächtiger Geist an den -Wiesen und Feldern vorbei. Mein Vater war Gärtner im Schloß und hatte -vor, mich ebenfalls zu seiner Beschäftigung zu erziehen; er liebte die -Pflanzen und Blumen über alles und konnte sich tagelang unermüdet mit -ihrer Wartung und Pflege abgeben. Ja er ging so weit, daß er behauptete, -er könne fast mit ihnen sprechen; er lerne von ihrem Wachsthum und -Gedeihen, so wie von der verschiedenen Gestalt und Farbe ihrer Blätter. -Mir war die Gartenarbeit zuwider, um so mehr, als mein Vater mir -zuredete, oder gar mit Drohungen mich zu zwingen versuchte. Ich wollte -Fischer werden, und machte den Versuch, allein das Leben auf dem Wasser -stand mir auch nicht an; ich wurde dann zu einem Handelsmann in die -Stadt gegeben, und kam auch von ihm bald in das väterliche Haus zurück. -Auf einmal hörte ich meinen Vater von Gebirgen erzählen, die er in -seiner Jugend bereiset hatte, von den unterirdischen Bergwerken und -ihren Arbeitern, von Jägern und ihrer Beschäftigung, und plötzlich -erwachte in mir der bestimmteste Trieb, das Gefühl, daß ich nun die für -mich bestimmte Lebensweise gefunden habe. Tag und Nacht sann ich und -stellte mir hohe Berge, Klüfte und Tannenwälder vor; meine Einbildung -erschuf sich ungeheure Felsen, ich hörte in Gedanken das Getöse der -Jagd, die Hörner, und das Geschrei der Hunde und des Wildes; alle meine -Träume waren damit angefüllt und darüber hatte ich nun weder Rast noch -Ruhe mehr. Die Ebene, das Schloß, der kleine beschränkte Garten meines -Vaters mit den geordneten Blumenbeeten, die enge Wohnung, der weite -Himmel, der sich ringsum so traurig ausdehnte, und keine Höhe, keinen -erhabenen Berg umarmte, alles ward mir noch betrübter und verhaßter. -Es schien mir, als wenn alle Menschen um mich her in der -bejammernswürdigsten Unwissenheit lebten, und daß alle eben so denken -und empfinden würden, wie ich, wenn ihnen dieses Gefühl ihres Elendes -nur ein einziges mal in ihrer Seele aufginge. So trieb ich mich um, bis -ich an einem Morgen den Entschluß faßte, das Haus meiner Eltern auf -immer zu verlassen. Ich hatte in einem Buche Nachrichten vom nächsten -großen Gebirge gefunden, Abbildungen einiger Gegenden, und darnach -richtete ich meinen Weg ein. Es war im ersten Frühlinge und ich fühlte -mich durchaus froh und leicht. Ich eilte, um nur recht bald das Ebene zu -verlassen, und an einem Abende sah ich in der Ferne die dunkeln Umrisse -des Gebirges vor mir liegen. Ich konnte in der Herberge kaum schlafen, -so ungeduldig war ich, die Gegend zu betreten, die ich für meine Heimath -ansah; mit dem Frühesten war ich munter und wieder auf der Reise. -Nachmittags befand ich mich schon unter den vielgeliebten Bergen, und -wie ein Trunkner ging ich, stand dann eine Weile, schaute rückwärts, und -berauschte mich in allen mir fremden und doch so wohlbekannten -Gegenständen. Bald verlor ich die Ebene hinter mir aus dem Gesichte, die -Waldströme rauschten mir entgegen, Buchen und Eichen brausten mit -bewegtem Laube von steilen Abhängen herunter; mein Weg führte mich -schwindlichten Abgründen vorüber, blaue Berge standen groß und ehrwürdig -im Hintergrunde. Eine neue Welt war mir aufgeschlossen, ich wurde nicht -müde. So kam ich nach einigen Tagen, indem ich einen großen Theil des -Gebürges durchstreift hatte, zu einem alten Förster, der mich auf mein -inständiges Bitten zu sich nahm, um mich in der Kunst der Jägerei zu -unterrichten. Jezt bin ich seit drei Monaten in seinen Diensten. Ich -nahm von der Gegend, in der ich meinen Aufenthalt hatte, wie von einem -Königreiche Besitz; ich lernte jede Klippe, jede Schluft des Gebürges -kennen, ich war in meiner Beschäftigung, wenn wir am frühen Morgen nach -dem Walde zogen, wenn wir Bäume im Forste fällten, wenn ich mein Auge -und meine Büchse übte, und die treuen Gefährten, die Hunde zu ihren -Geschicklichkeiten abrichtete, überaus glücklich. Jezt sitze ich seit -acht Tagen hier oben auf dem Vogelheerde, im einsamsten Gebürge, und am -Abend wurde mir heut so traurig zu Sinne, wie noch niemals in meinem -Leben; ich kam mir so verloren, so ganz unglückselig vor, und noch kann -ich mich nicht von dieser trüben Stimmung erhohlen. - -Der fremde Mann hatte aufmerksam zugehört, indem beide durch einen -dunkeln Gang des Waldes gewandert waren. Jezt traten sie ins Freie, und -das Licht des Mondes, der oben mit seinen Hörnern über der Bergspitze -stand, begrüßte sie freundlich: in unkenntlichen Formen und vielen -gesonderten Massen, die der bleiche Schimmer wieder räthselhaft -vereinigte, lag das gespaltene Gebürge vor ihnen, im Hintergrunde ein -steiler Berg, auf welchem uralte verwitterte Ruinen schauerlich im -weißen Lichte sich zeigten. Unser Weg trennt sich hier, sagte der -Fremde, ich gehe in diese Tiefe hinunter, dort bei jenem alten Schacht -ist meine Wohnung: die Erze sind meine Nachbarn, die Berggewässer -erzählen mir Wunderdinge in der Nacht, dahin kannst du mir doch nicht -folgen. Aber siehe dort den Runenberg mit seinem schroffen Mauerwerke, -wie schön und anlockend das alte Gestein zu uns herblickt! Bist du -niemals dorten gewesen? Niemals, sagte der junge Christian, ich hörte -einmal meinen alten Förster wundersame Dinge von diesem Berge erzählen, -die ich thöricht genug wieder vergessen habe; aber ich erinnere mich, -daß mir an jenem Abend grauenhaft zu Muthe war. Ich möchte wohl einmal -die Höhe besteigen, denn die Lichter sind dort am schönsten, das Gras -muß dorten recht grün sein, die Welt umher recht seltsam, auch mag sichs -wohl treffen, daß man noch manch Wunder aus der alten Zeit da oben -fände. - -Es kann fast nicht fehlen, sagte jener, wer nur zu suchen versteht, -wessen Herz recht innerlich hingezogen wird, der findet uralte Freunde -dort und Herrlichkeiten, alles, was er am eifrigsten wünscht. -- Mit -diesen Worten stieg der Fremde schnell hinunter, ohne seinem Gefährten -Lebewohl zu sagen, bald war er im Dickicht des Gebüsches verschwunden, -und kurz nachher verhallte auch der Tritt seiner Füße. Der junge Jäger -war nicht verwundert, er verdoppelte nur seine Schritte nach dem -Runenberge zu, alles winkte ihm dorthin, die Sterne schienen dorthin zu -leuchten, der Mond wies mit einer hellen Straße nach den Trümmern, -lichte Wolken zogen hinauf, und aus der Tiefe redeten ihm Gewässer und -rauschende Wälder zu und sprachen ihm Muth ein. Seine Schritte waren wie -beflügelt, sein Herz klopfte, er fühlte eine so große Freudigkeit in -seinem Innern, daß sie zu einer Angst empor wuchs. -- Er kam in -Gegenden, in denen er nie gewesen war, die Felsen wurden steiler, das -Grün verlor sich, die kahlen Wände riefen ihn wie mit zürnenden Stimmen -an, und ein einsam klagender Wind jagte ihn vor sich her. So eilte er -ohne Stillstand fort, und kam spät nach Mitternacht auf einen schmalen -Fußsteig, der hart an einem Abgrunde hinlief. Er achtete nicht auf die -Tiefe, die unter ihm gähnte und ihn zu verschlingen drohte, so sehr -spornten ihn irre Vorstellungen und unverständliche Wünsche. Jezt zog -ihn der gefährliche Weg neben eine hohe Mauer hin, die sich in den -Wolken zu verlieren schien; der Steig ward mit jedem Schritte schmaler, -und der Jüngling mußte sich an vorragenden Steinen fest halten, um nicht -hinunter zu stürzen. Endlich konnte er nicht weiter, der Pfad endigte -unter einem Fenster, er mußte still stehen und wußte jezt nicht, ob er -umkehren, ob er bleiben solle. Plötzlich sah er ein Licht, das sich -hinter dem alten Gemäuer zu bewegen schien. Er sah dem Scheine nach, und -entdeckte, daß er in einen alten geräumigen Saal blicken konnte, der -wunderlich verziert von mancherlei Gesteinen und Kristallen in -vielfältigen Schimmern funkelte, die sich geheimnißvoll von dem -wandelnden Lichte durcheinander bewegten, welches eine große weibliche -Gestalt trug, die sinnend im Gemache auf und nieder ging. Sie schien -nicht den Sterblichen anzugehören, so groß, so mächtig waren ihre -Glieder, so streng ihr Gesicht, aber doch dünkte dem entzückten -Jünglinge, daß er noch niemals solche Schönheit gesehn oder geahnet -habe. Er zitterte und wünschte doch heimlich, daß sie zum Fenster treten -und ihn wahrnehmen möchte. Endlich stand sie still, setzte das Licht auf -einen kristallenen Tisch nieder, schaute in die Höhe und sang mit -durchdringlicher Stimme: - - Wo die Alten weilen, - Daß sie nicht erscheinen? - Die Kristallen weinen, - Von demantnen Säulen - Fließen Thränenquellen, - Töne klingen drein; - In den klaren hellen - Schön durchsichtgen Wellen - Bildet sich der Schein, - Der die Seelen ziehet, - Dem das Herz erglühet. - Kommt ihr Geister alle - Zu der goldnen Halle, - Hebt aus tiefen Dunkeln - Häupter, welche funkeln! - Macht der Herzen und der Geister, - Die so durstig sind im Sehnen, - Mit den leuchtend schönen Thränen - Allgewaltig euch zum Meister! - -Als sie geendigt hatte, fing sie an sich zu entkleiden, und ihre -Gewänder in einen kostbaren Wandschrank zu legen. Erst nahm sie einen -goldenen Schleier vom Haupte, und ein langes schwarzes Haar floß in -geringelter Fülle bis über die Hüften hinab; dann löste sie das Gewand -des Busens, und der Jüngling vergaß sich und die Welt im Anschauen der -überirdischen Schönheit. Er wagte kaum zu athmen, als sie nach und nach -alle Hüllen löste; nackt schritt sie endlich im Saale auf und nieder, -und ihre schweren schwebenden Locken bildeten um sie her ein dunkel -wogendes Meer, aus dem wie Marmor die glänzenden Formen des reinen -Leibes abwechselnd hervor strahlten. Nach geraumer Zeit näherte sie sich -einem andern goldenen Schranke, nahm eine Tafel heraus, die von vielen -eingelegten Steinen, Rubinen, Diamanten und allen Juwelen glänzte, und -betrachtete sie lange prüfend. Die Tafel schien eine wunderliche -unverständliche Figur mit ihren unterschiedlichen Farben und Linien zu -bilden; zuweilen war, nachdem der Schimmer ihm entgegen spiegelte, der -Jüngling schmerzhaft geblendet, dann wieder besänftigten grüne und blau -spielende Scheine sein Auge: er aber stand, die Gegenstände mit seinen -Blicken verschlingend, und zugleich tief in sich selbst versunken. In -seinem Innern hatte sich ein Abgrund von Gestalten und Wohllaut, von -Sehnsucht und Wollust aufgethan, Schaaren von beflügelten Tönen und -wehmüthigen und freudigen Melodien zogen durch sein Gemüth, das bis auf -den Grund bewegt war: er sah eine Welt von Schmerz und Hoffnung in sich -aufgehen, mächtige Wunderfelsen von Vertrauen und trotzender Zuversicht, -große Wasserströme, wie voll Wehmuth fließend. Er kannte sich nicht -wieder, und erschrak, als die Schöne das Fenster öffnete, ihm die -magische steinerne Tafel reichte und die wenigen Worte sprach: Nimm -dieses zu meinem Angedenken! Er faßte die Tafel und fühlte die Figur, -die unsichtbar sogleich in sein Inneres überging, und das Licht und die -mächtige Schönheit und der seltsame Saal waren verschwunden. Wie eine -dunkele Nacht mit Wolkenvorhängen fiel es in sein Inneres hinein, er -suchte nach seinen vorigen Gefühlen, nach jener Begeisterung und -unbegreiflichen Liebe, er beschaute die kostbare Tafel, in welcher sich -der untersinkende Mond schwach und bläulich spiegelte. - -Noch hielt er die Tafel fest in seinen Händen gepreßt, als der Morgen -graute und er erschöpft, schwindelnd und halb schlafend die steile Höhe -hinunter stürzte. -- - -Die Sonne schien dem betäubten Schläfer auf sein Gesicht, der sich -erwachend auf einem anmuthigen Hügel wieder fand. Er sah umher, und -erblickte weit hinter sich und kaum noch kennbar am äußersten Horizont -die Trümmer des Runenberges: er suchte nach jener Tafel, und fand sie -nirgend. Erstaunt und verwirrt wollte er sich sammeln und seine -Erinnerungen anknüpfen, aber sein Gedächtniß war wie mit einem wüsten -Nebel angefüllt, in welchem sich formlose Gestalten wild und unkenntlich -durch einander bewegten. Sein ganzes voriges Leben lag wie in einer -tiefen Ferne hinter ihm; das Seltsamste und das Gewöhnliche war so in -einander vermischt, daß er es unmöglich sondern konnte. Nach langem -Streite mit sich selbst glaubte er endlich, ein Traum oder ein -plötzlicher Wahnsinn habe ihn in dieser Nacht befallen, nur begriff er -immer nicht, wie er sich so weit in eine fremde entlegene Gegend habe -verirren können. - -Noch fast schlaftrunken stieg er den Hügel hinab, und gerieth auf einen -gebahnten Weg, der ihn vom Gebirge hinunter in das flache Land führte. -Alles war ihm fremd, er glaubte anfangs, er würde in seine Heimath -gelangen, aber er sah eine ganz verschiedene Gegend, und vermuthete -endlich, daß er sich jenseit der südlichen Gränze des Gebirges befinden -müsse, welches er im Frühling von Norden her betreten hatte. Gegen -Mittag stand er über einem Dorfe, aus dessen Hütten ein friedlicher -Rauch in die Höhe stieg, Kinder spielten auf einem grünen Platze -festtäglich geputzt, und aus der kleinen Kirche erscholl der Orgelklang -und das Singen der Gemeine. Alles ergriff ihn mit unbeschreiblich süßer -Wehmuth, alles rührte ihn so herzlich, daß er weinen mußte. Die engen -Gärten, die kleinen Hütten mit ihren rauchenden Schornsteinen, die -gerade abgetheilten Kornfelder erinnerten ihn an die Bedürftigkeit des -armen Menschengeschlechts, an seine Abhängigkeit vom freundlichen -Erdboden, dessen Milde es sich vertrauen muß; dabei erfüllte der Gesang -und der Ton der Orgel sein Herz mit einer nie gefühlten Frömmigkeit. -Seine Empfindungen und Wünsche der Nacht erschienen ihm ruchlos und -frevelhaft, er wollte sich wieder kindlich, bedürftig und demüthig an -die Menschen wie an seine Brüder schließen, und sich von den gottlosen -Gefühlen und Vorsätzen entfernen. Reizend und anlockend dünkte ihm die -Ebene mit dem kleinen Fluß, der sich in mannichfaltigen Krümmungen um -Wiesen und Gärten schmiegte; mit Furcht gedachte er an seinen Aufenthalt -in dem einsamen Gebirge und zwischen den wüsten Steinen, er sehnte sich, -in diesem friedlichen Dorfe wohnen zu dürfen, und trat mit diesen -Empfindungen in die menschenerfüllte Kirche. - -Der Gesang war eben beendigt und der Priester hatte seine Predigt -begonnen, von den Wohlthaten Gottes in der Erndte: wie seine Güte alles -speiset und sättiget was lebt, wie wunderbar im Getraide für die -Erhaltung des Menschengeschlechtes gesorgt sei, wie die Liebe Gottes -sich unaufhörlich im Brodte mittheile und der andächtige Christ so ein -unvergängliches Abendmahl gerührt feiern könne. Die Gemeine war erbaut, -des Jägers Blicke ruhten auf dem frommen Redner, und bemerkten dicht -neben der Kanzel ein junges Mädchen, das vor allen andern der Andacht -und Aufmerksamkeit hingegeben schien. Sie war schlank und blond, ihr -blaues Auge glänzte von der durchdringendsten Sanftheit, ihr Antliz war -wie durchsichtig und in den zartesten Farben blühend. Der fremde -Jüngling hatte sich und sein Herz noch niemals so empfunden, so voll -Liebe und so beruhigt, so den stillsten und erquickendsten Gefühlen -hingegeben. Er beugte sich weinend, als der Priester endlich den Segen -sprach, er fühlte sich bei den heiligen Worten wie von einer -unsichtbaren Gewalt durchdrungen, und das Schattenbild der Nacht in die -tiefste Entfernung wie ein Gespenst hinab gerückt. Er verließ die -Kirche, verweilte unter einer großen Linde, und dankte Gott in einem -inbrünstigen Gebete, daß er ihn ohne sein Verdienst wieder aus den -Netzen des bösen Geistes befreit habe. - -Das Dorf feierte an diesem Tage das Erndtefest und alle Menschen waren -fröhlich gestimmt; die geputzten Kinder freuten sich auf die Tänze und -Kuchen, die jungen Burschen richteten auf dem Platze im Dorfe, der von -jungen Bäumen umgeben war, alles zu ihrer herbstlichen Festlichkeit ein, -die Musikanten saßen und probirten ihre Instrumente. Christian ging noch -einmal in das Feld hinaus, um sein Gemüth zu sammeln und seinen -Betrachtungen nachzuhängen, dann kam er in das Dorf zurück, als sich -schon alles zur Fröhlichkeit und zur Begehung des Festes vereiniget -hatte. Auch die blonde Elisabeth war mit ihren Eltern zugegen, und der -Fremde mischte sich in den frohen Haufen. Elisabeth tanzte, und er hatte -unterdeß bald mit dem Vater ein Gespräch angesponnen, der ein Pachter -war und einer der reichsten Leute im Dorfe. Ihm schien die Jugend und -das Gespräch des fremden Gastes zu gefallen, und so wurden sie in kurzer -Zeit dahin einig, daß Christian als Gärtner bei ihm einziehen solle. -Dieser konnte es unternehmen, denn er hoffte, daß ihm nun die Kenntnisse -und Beschäftigungen zu statten kommen würden, die er in seiner Heimath -so sehr verachtet hatte. - -Jezt begann ein neues Leben für ihn. Er zog bei dem Pachter ein und ward -zu dessen Familie gerechnet; mit seinem Stande veränderte er auch seine -Tracht. Er war so gut, so dienstfertig und immer freundlich, er stand -seiner Arbeit so fleißig vor, daß ihm bald alle im Hause, vorzüglich -aber die Tochter, gewogen wurden. So oft er sie am Sonntage zur Kirche -gehn sah, hielt er ihr einen schönen Blumenstrauß in Bereitschaft, für -den sie ihm mit erröthender Freundlichkeit dankte; er vermißte sie, wenn -er sie an einem Tage nicht sah, dann erzählte sie ihm am Abend Mährchen -und lustige Geschichten. Sie wurden sich immer nothwendiger, und die -Alten, welche es bemerkten, schienen nichts dagegen zu haben, denn -Christian war der fleißigste und schönste Bursche im Dorfe; sie selbst -hatten vom ersten Augenblick einen Zug der Liebe und Freundschaft zu ihm -gefühlt. Nach einem halben Jahre war Elisabeth seine Gattin. Es war -wieder Frühling, die Schwalben und die Vögel des Gesanges kamen in das -Land, der Garten stand in seinem schönsten Schmuck, die Hochzeit wurde -mit aller Fröhlichkeit gefeiert, Braut und Bräutigam schienen trunken -von ihrem Glücke. Am Abend spät, als sie in die Kammer gingen, sagte der -junge Gatte zu seiner Geliebten: Nein, nicht jenes Bild bist du, welches -mich einst im Traum entzückte und das ich niemals ganz vergessen kann, -aber doch bin ich glücklich in deiner Nähe und seelig in deinen Armen. - -Wie vergnügt war die Familie, als sie nach einem Jahre durch eine kleine -Tochter vermehrt wurde, welche man Leonora nannte. Christian wurde zwar -zuweilen etwas ernster, indem er das Kind betrachtete, aber doch kam -seine jugendliche Heiterkeit immer wieder zurück. Er gedachte kaum noch -seiner vorigen Lebensweise, denn er fühlte sich ganz einheimisch und -befriedigt. Nach einigen Monaten fielen ihm aber seine Eltern in die -Gedanken, und wie sehr sich besonders sein Vater über sein ruhiges -Glück, über seinen Stand als Gärtner und Landmann freuen würde; es -ängstigte ihn, daß er Vater und Mutter seit so langer Zeit ganz hatte -vergessen können, sein eigenes Kind erinnerte ihn, welche Freude die -Kinder den Eltern sind, und so beschloß er dann endlich, sich auf die -Reise zu machen und seine Heimath wieder zu besuchen. - -Ungern verließ er seine Gattin; alle wünschten ihm Glück, und er machte -sich in der schönen Jahreszeit zu Fuß auf den Weg. Er fühlte schon nach -wenigen Stunden, wie ihn das Scheiden peinige, zum erstenmal empfand er -in seinem Leben die Schmerzen der Trennung; die fremden Gegenstände -erschienen ihm fast wild, ihm war, als sei er in einer feindseligen -Einsamkeit verloren. Da kam ihm der Gedanke, daß seine Jugend vorüber -sei, daß er eine Heimath gefunden, der er angehöre, in die sein Herz -Wurzel geschlagen habe; er wollte fast den verlornen Leichtsinn der -vorigen Jahre beklagen, und es war ihm äußerst trübselig zu Muthe, als -er für die Nacht auf einem Dorfe in dem Wirthshause einkehren mußte. Er -begriff nicht, warum er sich von seiner freundlichen Gattin und den -erworbenen Eltern entfernt habe, und verdrießlich und murrend machte er -sich am Morgen auf den Weg, um seine Reise fortzusetzen. - -Seine Angst nahm zu, indem er sich dem Gebirge näherte, die fernen -Ruinen wurden schon sichtbar und traten nach und nach kenntlicher -hervor, viele Bergspitzen hoben sich abgeründet aus dem blauen Nebel. -Sein Schritt wurde zaghaft, er blieb oft stehen und verwunderte sich -über seine Furcht, über die Schauer, die ihm mit jedem Schritte -gedrängter nahe kamen. Ich kenne dich Wahnsinn wohl, rief er aus, und -dein gefährliches Locken, aber ich will dir männlich widerstehn! -Elisabeth ist kein schnöder Traum, ich weiß, daß sie jezt an mich denkt, -daß sie auf mich wartet und liebevoll die Stunden meiner Abwesenheit -zählt. Sehe ich nicht schon Wälder wie schwarze Haare vor mir? Schauen -nicht aus dem Bache die blitzenden Augen nach mir her? Schreiten die -großen Glieder nicht aus den Bergen auf mich zu? -- Mit diesen Worten -wollte er sich um auszuruhen unter einen Baum nieder werfen, als er im -Schatten desselben einen alten Mann sitzen sah, der mit der größten -Aufmerksamkeit eine Blume betrachtete, sie bald gegen die Sonne hielt, -bald wieder mit seiner Hand beschattete, ihre Blätter zählte, und -überhaupt sich bemühte, sie seinem Gedächtnisse genau einzuprägen. Als -er näher ging, erschien ihm die Gestalt bekannt, und bald blieb ihm kein -Zweifel übrig, daß der Alte mit der Blume sein Vater sei. Er stürzte ihm -mit dem Ausdruck der heftigsten Freude in die Arme; jener war vergnügt, -aber nicht überrascht, ihn so plötzlich wieder zu sehen. Kömmst du mir -schon entgegen, mein Sohn? sagte der Alte, ich wußte, daß ich dich bald -finden würde, aber ich glaubte nicht, daß mir schon am heutigen Tage die -Freude widerfahren sollte. -- Woher wußtet ihr, Vater, daß ihr mich -antreffen würdet? -- An dieser Blume, sprach der alte Gärtner; seit ich -lebe, habe ich mir gewünscht, sie einmal sehen zu können, aber niemals -ist es mir so gut geworden, weil sie sehr selten ist, und nur in -Gebirgen wächst: ich machte mich auf dich zu suchen, weil deine Mutter -gestorben ist und mir zu Hause die Einsamkeit zu drückend und trübselig -war. Ich wußte nicht, wohin ich meinen Weg richten sollte, endlich -wanderte ich durch das Gebirge, so traurig mir auch die Reise vorkam; -ich suchte beiher nach der Blume, konnte sie aber nirgends entdecken, -und nun finde ich sie ganz unvermuthet hier, wo schon die schöne Ebene -sich ausstreckt; daraus wußte ich, daß ich dich bald finden mußte, und -sieh, wie die liebe Blume mir geweissagt hat! Sie umarmten sich wieder, -und Christian beweinte seine Mutter; der Alte aber faßte seine Hand und -sagte: laß uns gehen, daß wir die Schatten des Gebirges bald aus den -Augen verlieren, mir ist immer noch weh ums Herz von den steilen wilden -Gestalten, von dem gräßlichen Geklüft, von den schluchzenden -Wasserbächen; laß uns das gute, fromme, ebene Land besuchen. - -Sie wanderten zurück, und Christian ward wieder froher. Er erzählte -seinem Vater von seinem neuen Glücke, von seinem Kinde und seiner -Heimath; sein Gespräch machte ihn selbst wie trunken, und er fühlte im -Reden erst recht, wie nichts mehr zu seiner Zufriedenheit ermangle. So -kamen sie unter Erzählungen, traurigen und fröhlichen, in dem Dorfe an. -Alle waren über die frühe Beendigung der Reise vergnügt, am meisten -Elisabeth. Der alte Vater zog zu ihnen, und gab sein kleines Vermögen in -ihre Wirthschaft; sie bildeten den zufriedensten und einträchtigsten -Kreis von Menschen. Der Acker gedieh, der Viehstand mehrte sich, -Christians Haus wurde in wenigen Jahren eins der ansehnlichsten im Orte; -auch sah er sich bald als den Vater von mehreren Kindern. - -Fünf Jahre waren auf diese Weise verflossen, als ein Fremder auf seiner -Reise in ihrem Dorfe einkehrte, und in Christians Hause, weil es die -ansehnlichste Wohnung war, seinen Aufenthalt nahm. Er war ein -freundlicher, gesprächiger Mann, der vieles von seinen Reisen erzählte, -der mit den Kindern spielte und ihnen Geschenke machte, und dem in -kurzem alle gewogen waren. Es gefiel ihm so wohl in der Gegend, daß er -sich einige Tage hier aufhalten wollte; aber aus den Tagen wurden -Wochen, und endlich Monate. Keiner wunderte sich über die Verzögerung, -denn alle hatten sich schon daran gewöhnt, ihn mit zur Familie zu -zählen. Christian saß nur oft nachdenklich, denn es kam ihm vor, als -kenne er den Reisenden schon von ehemals, und doch konnte er sich keiner -Gelegenheit erinnern, bei welcher er ihn gesehen haben möchte. Nach -dreien Monaten nahm der Fremde endlich Abschied und sagte: Lieben -Freunde, ein wunderbares Schicksal und seltsame Erwartungen treiben mich -in das nächste Gebirge hinein, ein zaubervolles Bild, dem ich nicht -widerstehen kann, lockt mich; ich verlasse euch jezt, und ich weiß -nicht, ob ich wieder zu euch zurück kommen werde; ich habe eine Summe -Geldes bei mir, die in euren Händen sicherer ist als in den meinigen, -und deshalb bitte ich euch, sie zu verwahren; komme ich in Jahresfrist -nicht zurück, so behaltet sie, und nehmet sie als einen Dank für eure -mir bewiesene Freundschaft an. - -So reiste der Fremde ab, und Christian nahm das Geld in Verwahrung. Er -verschloß es sorgfältig und sah aus übertriebener Aengstlichkeit -zuweilen wieder nach, zählte es über, ob nichts daran fehle, und machte -sich viel damit zu thun. Diese Summe könnte uns recht glücklich machen, -sagte er einmal zu seinem Vater, wenn der Fremde nicht zurück kommen -sollte, für uns und unsre Kinder wäre auf immer gesorgt. Laß das Gold, -sagte der Alte, darinne liegt das Glück nicht, uns hat bisher noch -gottlob nichts gemangelt, und entschlage dich überhaupt dieser Gedanken. - -Oft stand Christian in der Nacht auf, um die Knechte zur Arbeit zu -wecken und selbst nach allem zu sehn; der Vater war besorgt, daß er -durch übertriebenen Fleiß seiner Jugend und Gesundheit schaden möchte: -daher machte er sich in einer Nacht auf, um ihn zu ermahnen, seine -übertriebene Thätigkeit einzuschränken, als er ihn zu seinem Erstaunen -bei einer kleinen Lampe am Tische sitzend fand, indem er wieder mit der -größten Aemsigkeit die Goldstücke zählte. Mein Sohn, sagte der Alte mit -Schmerzen, soll es dahin mit dir kommen, ist dieses verfluchte Metall -nur zu unserm Unglück unter dieses Dach gebracht? Besinne dich, mein -Lieber, so muß dir der böse Feind Blut und Leben verzehren. -- Ja, sagte -Christian, ich verstehe mich selber nicht mehr, weder bei Tage noch in -der Nacht läßt es mir Ruhe; seht, wie es mich jezt wieder anblickt, daß -mir der rothe Glanz tief in mein Herz hinein geht! Horcht, wie es -klingt, dies güldene Blut! das ruft mich, wenn ich schlafe, ich höre es, -wenn Musik tönt, wenn der Wind bläst, wenn Leute auf der Gasse sprechen; -scheint die Sonne, so sehe ich nur diese gelben Augen, wie es mir -zublinzelt, und mir heimlich ein Liebeswort ins Ohr sagen will: so muß -ich mich wohl nächtlicher Weise aufmachen, um nur seinem Liebesdrang -genug zu thun, und dann fühle ich es innerlich jauchzen und frohlocken, -wenn ich es mit meinen Fingern berühre, es wird vor Freuden immer röther -und herrlicher; schaut nur selbst die Glut der Entzückung an! -- Der -Greis nahm schaudernd und weinend den Sohn in seine Arme, betete und -sprach dann: Christel, du mußt dich wieder zum Worte Gottes wenden, du -mußt fleißiger und andächtiger in die Kirche gehen, sonst wirst du -verschmachten und im traurigsten Elende dich verzehren. - -Das Geld wurde wieder weggeschlossen, Christian versprach sich zu ändern -und in sich zu gehn, und der Alte ward beruhigt. Schon war ein Jahr und -mehr vergangen, und man hatte von dem Fremden noch nichts wieder in -Erfahrung bringen können; der Alte gab nun endlich den Bitten seines -Sohnes nach, und das zurückgelassene Geld wurde in Ländereien und auf -andere Weise angelegt. Im Dorfe wurde bald von dem Reichthum des jungen -Pachters gesprochen, und Christian schien außerordentlich zufrieden und -vergnügt, so daß der Vater sich glücklich pries, ihn so wohl und heiter -zu sehn: alle Furcht war jezt in seiner Seele verschwunden. Wie sehr -mußte er daher erstaunen, als ihn an einem Abend Elisabeth beiseit nahm -und unter Thränen erzählte, wie sie ihren Mann nicht mehr verstehe, er -spreche so irre, vorzüglich des Nachts, er träume schwer, gehe oft im -Schlafe lange in der Stube herum, ohne es zu wissen, und erzähle -wunderbare Dinge, vor denen sie oft schaudern müsse. Am schrecklichsten -sei ihr seine Lustigkeit am Tage, denn sein Lachen sei so wild und -frech, sein Blick irre und fremd. Der Vater erschrak und die betrübte -Gattin fuhr fort: Immer spricht er von dem Fremden, und behauptet, daß -er ihn schon sonst gekannt habe, denn dieser fremde Mann sei eigentlich -ein wunderschönes Weib; auch will er gar nicht mehr auf das Feld hinaus -gehn oder im Garten arbeiten, denn er sagt, er höre ein unterirdisches -fürchterliches Aechzen, so wie er nur eine Wurzel ausziehe; er fährt -zusammen und scheint sich vor allen Pflanzen und Kräutern wie vor -Gespenstern zu entsetzen. -- Allgütiger Gott! rief der Vater aus, ist -der fürchterliche Hunger in ihn schon so fest hinein gewachsen, daß es -dahin hat kommen können? So ist sein verzaubertes Herz nicht menschlich -mehr, sondern von kaltem Metall; wer keine Blume mehr liebt, dem ist -alle Liebe und Gottesfurcht verloren. - -Am folgenden Tage ging der Vater mit dem Sohne spazieren, und sagte ihm -manches wieder, was er von Elisabeth gehört hatte; er ermahnte ihn zur -Frömmigkeit, und daß er seinen Geist heiligen Betrachtungen widmen -solle. Christian sagte: gern, Vater, auch ist mir oft ganz wohl, und es -gelingt mir alles gut; ich kann auf lange Zeit, auf Jahre, die wahre -Gestalt meines Innern vergessen, und gleichsam ein fremdes Leben mit -Leichtigkeit führen: dann geht aber plötzlich wie ein neuer Mond das -regierende Gestirn, welches ich selber bin, in meinem Herzen auf, und -besiegt die fremde Macht. Ich könnte ganz froh seyn, aber einmal, in -einer seltsamen Nacht, ist mir durch die Hand ein geheimnißvolles -Zeichen tief in mein Gemüth hinein geprägt; oft schläft und ruht die -magische Figur, ich meine sie ist vergangen, aber dann quillt sie wie -ein Gift plötzlich wieder hervor, und wegt sich in allen Linien. Dann -kann ich sie nur denken und fühlen, und alles umher ist verwandelt, oder -vielmehr von dieser Gestaltung verschlungen worden. Wie der Wahnsinnige -beim Anblick des Wassers sich entsetzt, und das empfangene Gift noch -giftiger in ihm wird, so geschieht es mir bei allen eckigen Figuren, bei -jeder Linie, bei jedem Strahl, alles will dann die inwohnende Gestalt -entbinden und zur Geburt befördern, und mein Geist und Körper fühlt die -Angst; wie sie das Gemüth durch ein Gefühl von außen empfing, so will es -sie dann wieder quälend und ringend zum äußern Gefühl hinaus arbeiten, -um ihrer los und ruhig zu werden. - -Ein unglückliches Gestirn war es, sprach der Alte, das dich von uns -hinweg zog; du warst für ein stilles Leben geboren, dein Sinn neigte -sich zur Ruhe und zu den Pflanzen, da führte dich deine Ungeduld hinweg, -in die Gesellschaft der verwilderten Steine: die Felsen, die zerrissenen -Klippen mit ihren schroffen Gestalten haben dein Gemüth zerrüttet, und -den verwüstenden Hunger nach dem Metall in dich gepflanzt. Immer hättest -du dich vor dem Anblick des Gebirges hüten und bewahren müssen, und so -dachte ich dich auch zu erziehen, aber es hat nicht seyn sollen. Deine -Demuth, deine Ruhe, dein kindlicher Sinn ist von Trotz, Wildheit und -Uebermuth verschüttet. - -Nein, sagte der Sohn, ich erinnere mich ganz deutlich, daß mir eine -Pflanze zuerst das Unglück der ganzen Erde bekannt gemacht hat, seitdem -verstehe ich erst die Seufzer und Klagen, die allenthalben in der ganzen -Natur vernehmbar sind, wenn man nur darauf hören will; in den Pflanzen, -Kräutern, Blumen und Bäumen regt und bewegt sich schmerzhaft nur eine -große Wunde, sie sind der Leichnam vormaliger herrlicher Steinwelten, -sie bieten unserm Auge die schrecklichste Verwesung dar. Jezt verstehe -ich es wohl, daß es dies war, was mir jene Wurzel mit ihrem tiefgeholten -Aechzen sagen wollte, sie vergaß sich in ihrem Schmerze und verrieth mir -alles. Darum sind alle grünen Gewächse so erzürnt auf mich, und stehn -mir nach dem Leben; sie wollen jene geliebte Figur in meinem Herzen -auslöschen, und in jedem Frühling mit ihrer verzerrten Leichenmiene -meine Seele gewinnen. Unerlaubt und tückisch ist es, wie sie dich, alter -Mann, hintergangen haben, denn von deiner Seele haben sie gänzlich -Besitz genommen. Frage nur die Steine, du wirst erstaunen, wenn du sie -reden hörst. - -Der Vater sah ihn lange an, und konnte ihm nichts mehr antworten. Sie -gingen schweigend zurück nach Hause, und der Alte mußte sich jezt -ebenfalls vor der Lustigkeit seines Sohnes entsetzen, denn sie dünkte -ihm ganz fremdartig, und als wenn ein andres Wesen aus ihm, wie aus -einer Maschine, unbeholfen und ungeschickt heraus spiele. -- - -Das Erndtefest sollte wieder gefeiert werden, die Gemeine ging in die -Kirche, und auch Elisabeth zog sich mit den Kindern an, um dem -Gottesdienste beizuwohnen; ihr Mann machte auch Anstalten, sie zu -begleiten, aber noch vor der Kirchenthür kehrte er um, und ging -tiefsinnend vor das Dorf hinaus. Er setzte sich auf die Anhöhe, und sahe -wieder die rauchenden Dächer unter sich, er hörte den Gesang und -Orgelton von der Kirche her, geputzte Kinder tanzten und spielten auf -dem grünen Rasen. Wie habe ich mein Leben in einem Traume verloren! -sagte er zu sich selbst; Jahre sind verflossen, daß ich von hier -hinunter stieg, unter die Kinder hinein; die damals hier spielten, sind -heute dort ernsthaft in der Kirche; ich trat auch in das Gebäude, aber -heut ist Elisabeth nicht mehr ein blühendes kindliches Mädchen, ihre -Jugend ist vorüber, ich kann nicht mit der Sehnsucht wie damals den -Blick ihrer Augen aufsuchen: so habe ich muthwillig ein hohes ewiges -Glück aus der Acht gelassen, um ein vergängliches und zeitliches zu -gewinnen. - -Er ging sehnsuchtsvoll nach dem benachbarten Walde, und vertiefte sich -in seine dichtesten Schatten. Eine schauerliche Stille umgab ihn, keine -Luft rührte sich in den Blättern. Indem sah er einen Mann von ferne auf -sich zukommen, den er für den Fremden erkannte; er erschrak, und sein -erster Gedanke war, jener würde sein Geld von ihm zurück fordern. Als -die Gestalt etwas näher kam, sah er, wie sehr er sich geirrt hatte, denn -die Umrisse, welche er wahrzunehmen gewähnt, zerbrachen wie in sich -selber; ein altes Weib von der äußersten Häßlichkeit kam auf ihn zu, sie -war in schmuzige Lumpen gekleidet, ein zerrissenes Tuch hielt einige -greise Haare zusammen, sie hinkte an einer Krücke. Mit fürchterlicher -Stimme redete sie Christian an, und fragte nach seinem Namen und Stande; -er antwortete ihr umständlich und sagte darauf: aber wer bist du? Man -nennt mich das Waldweib, sagte jene, und jedes Kind weiß von mir zu -erzählen; hast du mich niemals gekannt? Mit den letzten Worten wandte -sie sich um, und Christian glaubte zwischen den Bäumen den goldenen -Schleier, den hohen Gang, den mächtigen Bau der Glieder wieder zu -erkennen. Er wollte ihr nacheilen, aber seine Augen fanden sie nicht -mehr. - -Indem zog etwas Glänzendes seine Blicke in das grüne Gras nieder. Er hob -es auf und sahe die magische Tafel mit den farbigen Edelgesteinen, mit -der seltsamen Figur wieder, die er vor so manchem Jahr verloren hatte. -Die Gestalt und die bunten Lichter drückten mit der plötzlichsten Gewalt -auf alle seine Sinne. Er faßte sie recht fest an, um sich zu überzeugen, -daß er sie wieder in seinen Händen halte, und eilte dann damit nach dem -Dorfe zurück. Der Vater begegnete ihm. Seht, rief er ihm zu, das, wovon -ich euch so oft erzählt habe, was ich nur im Traum zu sehn glaubte, ist -jezt gewiß und wahrhaftig mein. Der Alte betrachtete die Tafel lange und -sagte: mein Sohn, mir schaudert recht im Herzen, wenn ich die Lineamente -dieser Steine betrachte und ahnend den Sinn dieser Wortfügung errathe; -sieh her, wie kalt sie funkeln, welche grausame Blicke sie von sich -geben, blutdürstig, wie das rothe Auge des Tiegers. Wirf diese Schrift -weg, die dich kalt und grausam macht, die dein Herz versteinern muß: - - Sieh die zarten Blüthen keimen, - Wie sie aus sich selbst erwachen, - Und wie Kinder aus den Träumen - Dir entgegen lieblich lachen. - - Ihre Farbe ist im Spielen - Zugekehrt der goldnen Sonne, - Deren heißen Kuß zu fühlen, - Das ist ihre höchste Wonne: - - An den Küssen zu verschmachten, - Zu vergehn in Lieb' und Wehmuth; - Also stehn, die eben lachten, - Bald verwelkt in stiller Demuth. - - Das ist ihre höchste Freude, - Im Geliebten sich verzehren, - Sich im Tode zu verklären, - Zu vergehn in süßem Leide. - - Dann ergießen sie die Düfte, - Ihre Geister, mit Entzücken, - Es berauschen sich die Lüfte - Im balsamischen Erquicken. - - Liebe kommt zum Menschenherzen, - Regt die goldnen Saitenspiele, - Und die Seele spricht: ich fühle - Was das Schönste sei, wonach ich ziele, - Wehmuth, Sehnsucht und der Liebe Schmerzen. - -Wunderbare, unermeßliche Schätze, antwortete der Sohn, muß es noch in -den Tiefen der Erde geben. Wer diese ergründen, heben und an sich reißen -könnte! Wer die Erde so wie eine geliebte Braut an sich zu drücken -vermöchte, daß sie ihm in Angst und Liebe gern ihr Kostbarstes gönnte! -Das Waldweib hat mich gerufen, ich gehe sie zu suchen. Hier neben an ist -ein alter verfallener Schacht, schon vor Jahrhunderten von einem -Bergmanne ausgegraben; vielleicht, daß ich sie dort finde! - -Er eilte fort. Vergeblich strebte der Alte, ihn zurück zu halten, jener -war seinen Blicken bald entschwunden. Nach einigen Stunden, nach vieler -Anstrengung gelangte der Vater an den alten Schacht; er sah die -Fußstapfen im Sande am Eingange eingedrückt, und kehrte weinend um, in -der Ueberzeugung, daß sein Sohn im Wahnsinn hinein gegangen, und in alte -gesammelte Wässer und Untiefen versunken sei. - -Seitdem war er unaufhörlich betrübt und in Thränen. Das ganze Dorf -trauerte um den jungen Pachter, Elisabeth war untröstlich, die Kinder -jammerten laut. Nach einem halben Jahre war der alte Vater gestorben, -Elisabeths Eltern folgten ihm bald nach, und sie mußte die große -Wirthschaft allein verwalten. Die angehäuften Geschäfte entfernten sie -etwas von ihrem Kummer, die Erziehung der Kinder, die Bewirthschaftung -des Gutes ließen ihr für Sorge und Gram keine Zeit übrig. So entschloß -sie sich nach zwei Jahren zu einer neuen Heirath, sie gab ihre Hand -einem jungen heitern Manne, der sie von Jugend auf geliebt hatte. Aber -bald gewann alles im Hause eine andre Gestalt. Das Vieh starb, Knechte -und Mägde waren untreu, Scheuren mit Früchten wurden vom Feuer verzehrt, -Leute in der Stadt, bei welchen Summen standen, entwichen mit dem Gelde. -Bald sah sich der Wirth genöthigt, einige Aecker und Wiesen zu -verkaufen; aber ein Mißwachs und theures Jahr brachten ihn nur in neue -Verlegenheit. Es schien nicht anders, als wenn das so wunderbar -erworbene Geld auf allen Wegen eine schleunige Flucht suchte; indessen -mehrten sich die Kinder, und Elisabeth sowohl als ihr Mann wurden in der -Verzweiflung unachtsam und saumselig; er suchte sich zu zerstreuen, und -trank häufigen und starken Wein, der ihn verdrießlich und jähzornig -machte, so daß oft Elisabeth mit heißen Zähren ihr Elend beweinte. So -wie ihr Glück wich, zogen sich auch die Freunde im Dorfe von ihnen -zurück, so daß sie sich nach einigen Jahren ganz verlassen sahn, und -sich nur mit Mühe von einer Woche zur andern hinüber fristeten. - -Es waren ihnen nur wenige Schaafe und eine Kuh übrig geblieben, welche -Elisabeth oft selber mit den Kindern hütete. So saß sie einst mit ihrer -Arbeit auf dem Anger, Leonore zu ihrer Seite und ein säugendes Kind an -der Brust, als sie von ferne herauf eine wunderbare Gestalt kommen -sahen. Es war ein Mann in einem ganz zerrissenen Rocke, barfüßig, sein -Gesicht schwarzbraun von der Sonne verbrannt, von einem langen -struppigen Bart noch mehr entstellt; er trug keine Bedeckung auf dem -Kopf, hatte aber von grünem Laube einen Kranz durch sein Haar -geflochten, welcher sein wildes Ansehn noch seltsamer und -unbegreiflicher machte. Auf dem Rücken trug er in einem festgeschnürten -Sack eine schwere Ladung, im Gehen stützte er sich auf eine junge -Fichte. - -Als er näher kam, setzte er seine Last nieder, und holte schwer Athem. -Er bot der Frau guten Tag, die sich vor seinem Anblicke entsetzte, das -Mädchen schmiegte sich an ihre Mutter. Als er ein wenig geruht hatte, -sagte er: nun komme ich von einer sehr beschwerlichen Wanderschaft aus -dem rauhesten Gebirge auf Erden, aber ich habe dafür auch endlich die -kostbarsten Schätze mitgebracht, die die Einbildung nur denken oder das -Herz sich wünschen kann. Seht hier, und erstaunt! -- Er öffnete hierauf -seinen Sack und schüttete ihn aus; dieser war voller Kiesel, unter denen -große Stücke Quarz, nebst andern Steinen lagen. Es ist nur, fuhr er -fort, daß diese Juwelen noch nicht polirt und geschliffen sind, darum -fehlt es ihnen noch an Auge und Blick; das äußerliche Feuer mit seinem -Glanze ist noch zu sehr in ihren inwendigen Herzen begraben, aber man -muß es nur herausschlagen, daß sie sich fürchten, daß keine Verstellung -ihnen mehr nützt, so sieht man wohl, wes Geistes Kind sie sind. -- Er -nahm mit diesen Worten einen harten Stein und schlug ihn heftig gegen -einen andern, so daß die rothen Funken heraussprangen. Habt ihr den -Glanz gesehen? rief er aus; so sind sie ganz Feuer und Licht, sie -erhellen das Dunkel mit ihrem Lachen, aber noch thun sie es nicht -freiwillig. -- Er packte hierauf alles wieder sorgfältig in seinen Sack, -welchen er fest zusammen schnürte. Ich kenne dich recht gut, sagte er -dann wehmüthig, du bist Elisabeth. -- Die Frau erschrak. Wie ist dir -doch mein Name bekannt, fragte sie mit ahnendem Zittern. -- Ach, lieber -Gott! sagte der Unglückselige, ich bin ja der Christian, der einst als -Jäger zu euch kam, kennst du mich denn nicht mehr? - -Sie wußte nicht, was sie im Erschrecken und tiefsten Mitleiden sagen -sollte. Er fiel ihr um den Hals, und küßte sie. Elisabeth rief aus: O -Gott! mein Mann kommt! - -Sei ruhig, sagte er, ich bin dir so gut wie gestorben; dort im Walde -wartet schon meine Schöne, die Gewaltige, auf mich, die mit dem goldenen -Schleier geschmückt ist. Dieses ist mein liebstes Kind, Leonore. Komm -her, mein theures, liebes Herz, und gieb mir auch einen Kuß, nur einen -einzigen, daß ich einmal wieder deinen Mund auf meinen Lippen fühle, -dann will ich euch verlassen. - -Leonore weinte; sie schmiegte sich an ihre Mutter, die in Schluchzen und -Thränen sie halb zum Wandrer lenkte, halb zog sie dieser zu sich, nahm -sie in die Arme, und drückte sie an seine Brust. -- Dann ging er still -fort, und im Walde sahen sie ihn mit dem entsetzlichen Waldweibe -sprechen. - -Was ist euch? fragte der Mann, als er Mutter und Tochter blaß und in -Thränen aufgelöst fand. Keiner wollte ihm Antwort geben. - -Der Unglückliche ward aber seitdem nicht wieder gesehen. - - * * * * * - -Manfred endigte und sah auf: ich merke, sagte er, meine Zuhörer, noch -auffallender aber meine Zuhörerinnen, sind blaß geworden. - -Gewiß, sagte Emilie, denn der Schluß ist zu schrecklich; es ist aber dem -Vorleser nicht besser ergangen, denn er hat während seinem Vortrage mehr -als einmal die Farbe gewechselt. - -Vielleicht, sagte Lothar, kann die Erzählung, die ich ihnen nun -vorzutragen habe, durch ihr grelles Colorit jene zu trübe Empfindung -unterbrechen, wenn auch nicht erheitern. Ich erbitte mir also einige -Aufmerksamkeit für den Inhalt dieser Blätter. - - - - - Liebeszauber. - 1811. - - -Tief denkend saß Emil an seinem Tische und erwartete seinen Freund -Roderich. Das Licht brannte vor ihm, der Winterabend war kalt, und er -wünschte heut seinen Reisegefährten herbei, so gern er wohl sonst dessen -Gesellschaft vermied; denn an diesem Abend wollte er ihm ein Geheimniß -entdecken und sich Rath von ihm erbitten. Der menschenscheue Emil fand -bei allen Geschäften und Vorfällen des Lebens so viele Schwierigkeiten, -so unübersteigliche Hindernisse, daß ihm das Schicksal fast in einer -ironischen Laune diesen Roderich zugeführt zu haben schien, der in allen -Dingen das Gegentheil seines Freundes zu nennen war. Unstät, -flatterhaft, von jedem ersten Eindruck bestimmt und begeistert, -unternahm er alles, wußte für alles Rath, war ihm keine Unternehmung zu -schwierig, konnte ihn kein Hinderniß abschrecken: aber im Verlaufe eines -Geschäftes ermüdete und erlahmte er eben so schnell, als er anfangs -elastisch und begeistert gewesen war, alles was ihn dann hinderte, war -für ihn kein Sporn, seinen Eifer zu vermehren, sondern es veranlaßte ihn -nur, das zu verachten, was er so hitzig unternommen hatte, so daß -Roderich alle seine Plane eben so ohne Ursach liegen ließ und saumselig -vergaß, als er sie unbesonnen unternommen hatte. Daher verging kein Tag, -daß beide Freunde nicht in Krieg geriethen, der ihrer Freundschaft den -Tod zu drohen schien, doch war vielleicht dasjenige, was sie dem -Anscheine nach trennte, nur das, was sie am innigsten verband; beide -liebten sich herzlich, aber beide fanden eine große Genugthuung darin, -daß einer über den andern die gegründetsten Klagen führen konnte. - -Emil, ein reicher junger Mann von reizbarem und melankolischem -Temperament, war nach dem Tode seiner Eltern Herr seines Vermögens; er -hatte eine Reise angetreten, um sich auszubilden, befand sich aber nun -schon seit einigen Monaten in einer ansehnlichen Stadt, die Freuden des -Carnevals zu genießen, um welche er sich niemals bemühte, um bedeutende -Verabredungen über sein Vermögen mit Verwandten zu treffen, die er kaum -noch besucht hatte. Unterwegs war er auf den unsteten allzubeweglichen -Roderich gestoßen, der mit seinen Vormündern in Unfrieden lebte, und um -sich ganz von diesen und ihren lästigen Vermahnungen los zu machen, -begierig die Gelegenheit ergriff, welche ihm sein neuer Freund anbot, -ihn als Gefährten auf seiner Reise mitzunehmen. Auf dem Wege hatten sie -sich schon oft wieder trennen wollen, aber beide hatten in jeder -Streitigkeit nur um so deutlicher gefühlt, wie unentbehrlich sie sich -wären. Kaum waren sie in einer Stadt aus dem Wagen gestiegen, so hatte -Roderich schon alle Merkwürdigkeiten des Orts gesehen, um sie am -folgenden Tage zu vergessen, während Emil sich eine Woche aus Büchern -gründlich vorbereitete, um nichts aus der Acht zu lassen, wovon er doch -nachher aus Trägheit vieles seiner Aufmerksamkeit nicht würdigte; -Roderich hatte gleich tausend Bekanntschaften gemacht und alle -öffentlichen Oerter besucht, führte auch nicht selten seine neu -erworbenen Freunde auf Emils einsames Zimmer, wo er diesen dann mit -ihnen allein ließ, wenn sie anfingen ihm Langeweile zu machen. Eben so -oft brachte er den bescheidenen Emil in Verlegenheit, wenn er dessen -Verdienste und Kenntnisse gegen Gelehrte und einsichtsvolle Männer über -die Gebühr erhob, und diesen zu verstehn gab, wie vieles sie in -Sprachen, Alterthümern, oder Kunstkenntnissen von seinem Freunde lernen -könnten, ob er gleich selbst niemals die Zeit finden konnte, über diese -Gegenstände seinen Gefährten anzuhören, wenn sich das Gespräch dahin -lenkte. War nun Emil einmal zur Thätigkeit aufgelegt, so konnte er fast -darauf rechnen, daß sein schwärmender Freund sich in der Nacht auf einem -Balle, oder einer Schlittenfarth erkältet habe, und das Bett hüten -müsse, so daß Emil in Gesellschaft des lebendigsten, unruhigsten und -mittheilsamsten aller Menschen in der größten Einsamkeit lebte. - -Heute erwartete ihn Emil gewiß, weil er ihm das feierliche Versprechen -hatte geben müssen, den Abend mit ihm zuzubringen, um zu erfahren, was -schon seit Wochen seinen tiefsinnigen Freund gedrückt und beängstigt -habe. Emil schrieb indeß folgende Verse nieder. - - Wie lieb und hold ist Frühlingsleben, - Wenn alle Nachtigallen singen, - Und wie die Tön' in Bäumen klingen, - In Wonne Laub und Blüthen beben. - - Wie schön im goldnen Mondenscheine - Das Spiel der lauen Abendlüfte, - Die, auf den Flügeln Lindendüfte, - Sich jagen durch die stillen Haine. - - Wie herrlich glänzt die Rosenpracht, - Wenn Liebreiz rings die Felder schmücket, - Die Lieb' aus tausend Rosen blicket, - Aus Sternen ihrer Wonne-Nacht. - - Doch schöner dünkt mir, holder, lieber, - Des kleinen Lichtleins blaß Geflimmer, - Wenn sie sich zeigt im engen Zimmer, - Späh' ich in Nacht zu ihr hinüber. - - Wie sie die Flechten löst und bindet, - Wie sie im Schwung der weißen Hand - Anschmiegt dem Leibe hell Gewand, - Und Kränz' in braune Locken windet. - - Wie sie die Laute läßt erklingen, - Und Töne, aufgejagt, erwachen, - Berührt von zarten Fingern lachen, - Und scherzend durch die Saiten springen; - - Sie einzufangen schickt sie Klänge - Gesanges fort, da flieht mit Scherzen - Der Ton, sucht Schirm in meinem Herzen, - Dahin verfolgen die Gesänge. - - O laßt mich doch, ihr Bösen, frei! - Sie riegeln sich dort ein und sprechen: - Nicht weichen wir, bis dies wird brechen, - Damit du weißt, was Lieben sei. - -Emil stand ungeduldig auf. Es ward finsterer und Roderich kam nicht, dem -er seine Liebe zu einer Unbekannten, die ihm gegen über wohnte und ihn -tagelang zu Hause, und Nächte hindurch wachend erhielt, bekennen wollte. -Jezt schallten Fußtritte die Treppe herauf, die Thür, ohne daß man -anklopfte, eröffnete sich, und herein traten zwei bunte Masken mit -widrigen Angesichtern, der eine ein Türke, in rother und blauer Seide -gekleidet, der andere ein Spanier, blaßgelb und röthlich, mit vielen -schwankenden Federn auf dem Hute. Als Emil ungeduldig werden wollte, -nahm Roderich die Maske ab, zeigte sein wohl bekanntes lachendes Gesicht -und sagte: ei, mein Liebster, welche grämliche Miene! Sieht man so aus -zur Carnevalszeit? Ich und unser lieber junger Offizier kommen dich -abzuholen, heut ist großer Ball auf dem Maskensaale, und da ich weiß, -daß du es verschworen hast, anders, als in deinen schwarzen Kleidern zu -gehn, die du täglich trägst, so komm nur so mit, wie du da bist, denn es -ist schon ziemlich spät. - -Emil war erzürnt und sagte: du hast, wie es scheint, deiner Gewohnheit -nach ganz unsre Abrede vergessen: sehr leid thut es mir, (indem er sich -zum Fremden wandte) daß ich Sie unmöglich begleiten kann, mein Freund -ist zu voreilig gewesen, es in meinem Namen zu versprechen; ich kann -überhaupt nicht ausgehn, da ich etwas Wichtiges mit ihm abzureden habe. - -Der Fremde, welcher bescheiden war und Emils Absicht verstand, entfernte -sich: Roderich aber nahm höchst gleichgültig die Maske wieder vor, -stellte sich vor den Spiegel und sagte: nicht wahr, man sieht eigentlich -ganz scheußlich aus? Es ist im Grunde eine geschmacklose widerwärtige -Erfindung. - -Das ist gar keine Frage, erwiederte Emil im höchsten Unwillen. Dich zur -Carikatur machen, und dich betäuben, gehört eben zu den Vergnügungen, -denen du am liebsten nachjagst. - -Weil du nicht tanzen magst, sagte jener, und den Tanz für eine -verderbliche Erfindung hältst, so soll auch Niemand anders lustig seyn. -Wie verdrüßlich, wenn ein Mensch aus lauter Eigenheiten zusammen gesetzt -ist. - -Gewiß, erwiederte der erzürnte Freund, und ich habe Gelegenheit genug, -dies an dir zu beobachten; ich glaubte, daß du mir nach unsrer Abrede -diesen Abend schenken würdest, aber -- - -Aber es ist ja Carneval, fuhr jener fort, und alle meine Bekannten und -einige Damen erwarten mich auf dem heutigen großen Balle. Bedenke nur, -mein Lieber, daß es wahre Krankheit in dir ist, daß dir dergleichen -Anstalten so unbillig zuwider sind. - -Emil sagte: wer von uns beiden krank zu nennen ist, will ich nicht -untersuchen; dein unbegreiflicher Leichtsinn, deine Sucht, dich zu -zerstreuen, dein Jagen nach Vergnügungen, die dein Herz leer lassen, -scheint mir wenigstens keine Seelengesundheit; auch in gewissen Dingen -könntest du wohl meiner Schwachheit, wenn es denn einmal dergleichen -sein soll, nachgeben, und es giebt nichts auf der Welt, was mich so -durch und durch verstimmt, als ein Ball mit seiner fürchterlichen Musik. -Man hat sonst wohl gesagt, die Tanzenden müßten einem Tauben, welcher -die Musik nicht vernimmt, als Rasende erscheinen; ich aber meine, daß -diese schreckliche Musik selbst, dies Umherwirbeln weniger Töne in -widerlicher Schnelligkeit, in jenen vermaledeiten Melodien, die sich -unserm Gedächtnisse, ja ich möchte sagen unserm Blut unmittelbar -mittheilen, und die man nachher auf lange nicht wieder los werden kann, -daß dies die Tollheit und Raserei selbst sei; denn wenn mir das Tanzen -noch irgend erträglich sein sollte, so müßte es ohne Musik geschehn. - -Nun sieh, wie paradox! antwortete der Maskirte; du kömmst so weit, daß -du das Natürlichste, Unschuldigste und Heiterste von der Welt -unnatürlich, ja gräßlich finden willst. - -Ich kann nicht für mein Gefühl, sagte der Ernste, daß mich diese Töne -von Kindheit auf unglücklich gemacht, und oft bis zur Verzweiflung -getrieben haben: in der Tonwelt sind sie für mich die Gespenster, Larven -und Furien, und so flattern sie mir auch ums Haupt, und grinsen mich mit -entsetzlichem Lachen an. - -Nervenschwäche, sagte jener, so wie dein übertriebener Abscheu gegen -Spinnen und manch anderes unschuldiges Gewürm. - -Unschuldig nennst du sie, sagte der Verstimmte, weil sie dir nicht -zuwider sind. Für denjenigen aber, dem die Empfindung des Ekels und des -Abscheus, dasselbe unnennbare Grauen, wie mir, bei ihrem Anblick in der -Seele aufgeht und durch sein ganzes Wesen zuckt, sind diese gräßlichen -Unthiere, wie Kröten und Spinnen, oder gar die widerwärtigste aller -Creaturen, die Fledermaus, nicht gleichgültig und unbedeutend, sondern -ihr Dasein ist dem seinigen auf das feindlichste entgegengesetzt. -Wahrlich, man möchte über die Ungläubigen lächeln, mit deren Imagination -sich Gespenster und grauenhafte Larven, sammt jenen Geburten der Nacht -nicht vereinigen lassen, die wir in Krankheiten sehn, oder die uns -Dantes Gemälde zeigen, da die gewöhnlichste Wirklichkeit um uns her die -fürchterlichen verzerrten Musterbilder dieser Schrecken uns vorhält. -Sollten wir in der That das Schöne lieben können, ohne uns vor diesen -Fratzen zu entsetzen? - -Warum entsetzen? fragte Roderich, warum soll uns das große Reich der -Gewässer und der Meere gerade diese Furchtbarkeit vorhalten, an die sich -deine Vorstellung gewöhnt hat, und nicht vielmehr seltsame, -unterhaltende und possirliche Verkleidungen, so daß das ganze Gebiet -nicht anders, als etwa wie ein komischer Ballsaal anzusehn wäre? Deine -Eigenheiten aber gehn noch weiter, denn so wie du die Rose mit einer -gewissen Abgötterei liebst, so sind dir andre Blumen eben so lebhaft -verhaßt; was hat dir nur die gute liebe Feuerlilie gethan, wie so manch -andres Kind des Sommers? So sind dir manche Farben zuwider, manche Düfte -und viele Gedanken, und du thust nichts dazu, dich gegen diese -Stimmungen zu verhärten, sondern du giebst ihnen weichlich nach, und am -Ende wird eine Sammlung von dergleichen Seltsamkeiten die Stelle -einnehmen, die dein Ich besitzen sollte. - -Emil war im tiefsten Herzen erzürnt und antwortete nicht. Er hatte es -nun schon aufgegeben, sich jenem mitzutheilen, auch schien der -leichtsinnige Freund gar keine Begier zu haben, das Geheimniß zu -erfahren, welches ihm sein melankolischer Gefährte mit so wichtiger -Miene angekündigt hatte; er saß gleichgültig im Lehnsessel, mit seiner -Maske spielend, als er plötzlich ausrief: sei doch so gut, Emil, und -leih mir deinen großen Mantel. - -Wozu? fragte jener. - -Ich höre drüben in der Kirche Musik, antwortete Roderich, und habe schon -alle Abend diese Stunde versäumt; heut kömmt sie mir recht gelegen, -unter deinem Mantel kann ich diese Kleidung verbergen, auch Maske und -Turban darunter verstecken, und wenn sie geendigt ist, mich sogleich -nach dem Balle begeben. - -Murrend suchte Emil den Mantel aus dem Schranke, gab ihn dem -Aufgestandenen, und zwang sich zu einem ironischen Lächeln. Da hast du -meinen türkischen Dolch, den ich gestern gekauft habe, sagte Roderich, -indem er sich einhüllte, heb' ihn auf; es taugt nicht, dergleichen -ernsthaftes Zeug als Spielerei bei sich zu haben; man kann denn doch -nicht wissen, wozu es gemißbraucht würde, wenn Zank oder anderer Unfug -die Gelegenheit herbei führte; morgen sehn wir uns wieder, lebe wohl und -bleibe vergnügt. Er wartete auf keine Erwiederung, sondern eilte die -Treppe hinunter. - -Als Emil allein war, suchte er seinen Zorn zu vergessen und das Betragen -seines Freundes von der lächerlichen Seite zu nehmen. Er betrachtete den -blanken schön gearbeiteten Dolch, und sagte, wie muß es doch dem -Menschen sein, der solch scharfes Eisen in die Brust des Gegners stößt, -oder gar einen geliebten Gegenstand damit verletzt? er schloß ihn ein, -lehnte dann behutsam die Läden seines Fensters zurück und sah über die -enge Gasse. Aber kein Licht regte sich, es war finster im Hause -gegenüber; die theure Gestalt, die dort wohnte, und sich um diese Zeit -bei häuslicher Beschäftigung zu zeigen pflegte, schien entfernt. -Vielleicht gar auf dem Balle, dachte Emil, so wenig es auch ihrer -eingezogenen Lebensart ziemte. Plötzlich aber zeigte sich ein Licht, und -die Kleine, welche seine unbekannte Geliebte um sich hatte, und mit der -sie sich am Tage wie am Abend vielfältig abgab, trug ein Licht durch das -Zimmer und lehnte die Fensterläden an. Eine Spalte blieb hell, groß -genug, um von Emils Standpunkt einen Theil des kleinen Zimmers zu -überschauen, und dort stand oft der Glückliche bis nach Mitternacht wie -bezaubert, und beobachtete jede Bewegung der Hand, jede Miene seiner -Geliebten: er freute sich, wenn sie dem kleinen Kinde lesen lehrte, oder -es im Nähen und Stricken unterrichtete. Auf seine Erkundigung hatte er -erfahren, daß die Kleine eine arme Waise sei, die das schöne Mädchen -mitleidig zu sich genommen hatte, um sie zu erziehn. Emils Freunde -begriffen nicht, warum er in dieser engen Gasse wohne in einem -unbequemen Hause, weshalb man ihn so wenig in Gesellschaften sehe, und -womit er sich beschäftige. Unbeschäftigt, in der Einsamkeit, war er -glücklich, nur unzufrieden mit sich und seinem menschenscheuen -Charakter, daß er es nicht wage die nähere Bekanntschaft dieses schönen -Wesens zu suchen, so freundlich sie auch einigemal am Tage gegrüßt und -gedankt hatte. Er wußte nicht, daß sie eben so trunken zu ihm hinüber -spähte, und ahnete nicht, welche Wünsche sich in ihrem Herzen bildeten, -welcher Anstrengung, welcher Opfer sie sich fähig fühlte, um nur zum -Besitz seiner Liebe zu gelangen. - -Nachdem er einigemal auf und nieder gegangen war, und das Licht sich mit -dem Kinde wieder entfernt hatte, faßte er plötzlich den Entschluß, -seiner Neigung und Natur zuwider auf den Ball zu gehen, weil es ihm -einfiel, daß seine Unbekannte eine Ausnahme von ihrer eingezogenen -Lebensweise könne gemacht haben, um auch einmal die Welt und ihre -Zerstreuungen zu genießen. Die Gassen waren hell erleuchtet, der Schnee -knisterte unter seinen Füßen, Wagen rollten ihm vorüber und Masken in -den verschiedensten Trachten pfiffen und zwitscherten an ihm vorbei. Aus -vielen Häusern ertönte ihm die so verhaßte Tanzmusik, und er konnte es -nicht über sich gewinnen, auf dem kürzesten Wege nach dem Saale zu gehn, -zu welchem aus allen Richtungen die Menschen strömten und drängten. Er -ging um die alte Kirche, beschaute den hohen Thurm, der sich ernst in -den nächtlichen Himmel erhub, und freute sich der Stille und Einsamkeit -des abgelegenen Platzes. In der Vertiefung einer großen Kirchenthür, -deren mannichfaltiges Bildwerk er immer mit Lust beschaut, und sich -dabei der alten Kunst und vergangener Zeiten erinnert hatte, nahm er -auch jezo Platz, um sich auf wenige Augenblicke seinen Betrachtungen zu -überlassen. Er stand nicht lange, als eine Figur seine Aufmerksamkeit an -sich zog, die unruhig auf und nieder ging, und jemand zu erwarten -schien. Beim Schein einer Laterne, die vor einem Marienbilde brannte, -unterschied er genau das Gesicht, so wie die wunderliche Kleidung. Es -war ein altes Weib von der äußersten Häßlichkeit, die um so mehr in die -Augen fiel, weil sie gegen ein scharlachrothes Leibchen, das mit Gold -besetzt war, höchst abentheuerlich abstach; der Rock, den sie trug, war -dunkel, und die Haube ihres Kopfes glänzte ebenfalls von Gold. Emil -glaubte anfangs eine geschmacklose Maske zu sehn, die sich hieher -verirrt habe, aber bald war er beim hellen Scheine überzeugt, daß das -alte braune und runzlichte Gesicht ein wirkliches und kein nachgeahmtes -sei. Es währte nicht lange, so erschienen zwei Männer in Mänteln -gehüllt, die sich dem Orte mit behutsamen Schritten zu nähern schienen, -indem sie öfter von den Seiten schauten, ob ihnen Niemand folge. Die -Alte ging auf sie zu. Habt ihr die Lichter? fragte sie hastig und mit -einer rauhen Stimme. Hier sind sie, sagte der Eine, der Preis ist euch -bekannt, macht die Sache gleich richtig. Die Alte schien Geld zu geben, -welches der Mann unter seinem Mantel nachzählte. Ich verlasse mich -darauf, fing die Alte wieder an, daß sie ganz nach der Vorschrift und -Kunst gegossen sind, damit die Wirkung nicht ausbleibt. Seid ohne -Sorgen, sagte jener, und entfernte sich schnell. - -Der andre, welcher zurück geblieben, war ein junger Mann; er nahm die -Alte bei der Hand und sagte: ist es möglich, Alexia, daß dergleichen -Ceremonien und Formeln, diese seltsamen alten Sagen, an welche ich nie -habe glauben können, den freien Willen des Menschen fesseln, und Liebe -und Haß erregen könnten? So ist es, sprach das rothe Weib, aber eins muß -zum andern kommen, nicht bloß diese Lichter, in der Mitternacht des -Neumonden gegossen, mit Menschenblut getränkt, nicht die Zauberformeln -und Anrufungen allein können es ausrichten, sondern noch manches andre -gehört dazu, das der Kunstverständige wohl kennt. So verlaß ich mich auf -dich, sagte der Fremde. Morgen nach Mitternacht bin ich euch zu -Diensten, antwortete die Alte; ihr werdet ja nicht der erste sein, der -mit meiner Kundschaft unzufrieden ist; heute, wie ihr gehört habt, bin -ich für jemand anders bestellt, auf dessen Sinn und Verstand unsere -Kunst gewiß nachdrücklich wirken soll. Die letzten Worte sagte sie mit -halbem Lachen, und beide gingen aus einander und entfernten sich nach -verschiedenen Richtungen. Emil trat schaudernd aus der dunkeln Nische -hervor und erhob seine Blicke zum Bilde der Jungfrau mit dem Kinde; vor -deinen Augen, du Holdselige, sagte er halb laut, erfrechen sich die -Greuel ihre Abrede zu treffen, um ihren abscheulichen Betrug zu -verhandeln, doch so, wie du dein Kind in Liebe umfängst, so hält uns -alle die unsichtbare Liebe in fühlbaren Armen, und unser armes Herz -klopft in Freude wie in Angst einem größeren entgegen, das uns niemals -verlassen wird. Wolken zogen über die Spitze des Thurms und das schroffe -Dach der Kirche hinweg, die ewigen Sterne schauten funkelnd und mit -freundlichem Ernst hernieder, und Emil wandte sich entschlossen von -diesen nächtlichen Schauern und gedachte der Schönheit seiner -Unbekannten. Er betrat wieder die belebten Gassen, und lenkte nach dem -hellerleuchteten Ballhause ein, von welchem ihm Stimmen, Wagengerassel, -und in einzelnen Pausen die lärmende Musik entgegen schallten. - -Im Saale verlor er sich sogleich im fluthenden Getümmel, Tänzer -umsprangen ihn, Masken schossen an ihm hin und her, Pauken und Trompeten -betäubten sein Ohr, und ihm war, als sei das menschliche Leben selber -nur ein Traum. Er ging durch die Reihen, und nur sein Auge blieb wach, -um jene geliebten Augen und jenes schöne Haupt mit den braunen Locken -aufzusuchen, nach dessen Anblick er sich heut inniger sehnte als sonst, -und dem angebeteten Wesen doch innerlich Vorwürfe machte, daß es sich in -diesem stürmenden Meer der Verwirrung und Thorheit untertauchen und -verlieren könne. Nein, sprach er zu sich selbst, kein Herz, welches -liebt, wird sich diesem wüsten Brausen öffnen wollen, in welchem -Sehnsucht und Thränen verhöhnt und mit dem schmetternden Gelächter -wilder Trompeten verspottet werden. Das Säuseln der Bäume, das Rieseln -der Quellen, Lautenschlag und edler Gesang, welcher voll aus dem -bewegten Busen strömt, sind die Töne, in welchen Liebe wohnt. So aber -donnert und jubelt die Hölle in der Raserei ihrer Verzweiflung. - -Er fand nicht, was er suchte, denn zu dem Glauben, daß sein geliebtes -Angesicht sich vielleicht unter eine widrige Maske verborgen habe, -konnte er sich unmöglich bequemen. Schon war er dreimal den Saal auf- -und abgewandert und hatte alle sitzenden und unmaskirten Damen -vergeblich gemustert, als sich der Spanier zu ihm gesellte und sagte: -schön, daß sie doch noch gekommen sind; sie suchen vielleicht ihren -Freund? - -Emil hatte ihn ganz vergessen; er sagte aber beschämt: in der That, ich -wundre mich, ihn hier nicht zu treffen, denn seine Maske ist kenntlich -genug. - -Wissen sie, was der wunderliche Mensch treibt? antwortete der junge -Offizier; er hat weder getanzt, noch sich lange im Saale aufgehalten, -denn er fand sogleich seinen Freund Anderson, der vom Lande herein -gekommen ist; ihr Gespräch fiel auf die Literatur, und da dieser das -neulich herausgekommene Gedicht noch nicht kannte, so hat Roderich nicht -eher geruht, bis man ihm eins der hintern Zimmer aufgeschlossen hat, -dort sitzt er mit seinem Gefährten bei einer einsamen Kerze und liest -ihm das ganze Werk vor. - -Das sieht ihm ähnlich, sagte Emil, denn er besteht ganz aus Laune. Ich -habe alles angewandt, und selbst freundschaftliche Zwistigkeiten nicht -gescheut, um es ihm abzugewöhnen, immer ^ex tempore^ zu leben und sein -ganzes Dasein in Impromptüs auszuspielen: allein diese Thorheiten sind -ihm so ans Herz gewachsen, daß er sich eher vom liebsten Freunde, als -von ihnen trennen würde. Das nämliche Werk, welches er so liebt, daß er -es immer bei sich trägt, hat er mir neulich vorlesen wollen, und ich -hatte ihn sogar dringend darum gebeten; wir waren aber kaum über den -Anfang, indeß ich ganz den Schönheiten hingegeben war, als er plötzlich -aufsprang, mit der Küchenschürze umgethan zurückkehrte, mit vielen -Umständen Feuer anschüren ließ, um mir Beefsteaks zu rösten, zu welchen -ich kein Verlangen trug, und die er sich am besten in Europa zu machen -einbildet, ob sie ihm gleich die meisten Male verunglücken. - -Der Spanier lachte. Ist er nie verliebt gewesen? fragte er. - -Auf seine Weise, erwiederte Emil sehr ernst; so, als wollte er über sich -und die Liebe spotten, in viele zugleich, und nach seinen Worten bis zur -Verzweiflung, die er aber insgesamt in acht Tagen wieder vergessen -hatte. - -Sie trennten sich im Getümmel, und Emil begab sich nach dem abgelegenen -Zimmer, aus welchem er seinen Freund schon von fern laut deklamiren -hörte. Ah, da bist du ja auch, rief ihm dieser entgegen; das trifft sich -gut, ich bin nur eben über die Stelle hinüber, bei der wir neulich -unterbrochen wurden; setze dich, so kannst du mit zuhören. - -Ich bin jezt nicht in der Stimmung, sagte Emil, auch scheint mir diese -Stunde und dieser Ort wenig geschickt zu einer solchen Unterhaltung. - -Warum nicht? antwortete Roderich; es muß sich alles nach unserm Willen -bequemen, jede Zeit ist gut dazu, sich auf eine edle Weise zu -beschäftigen. Oder willst du lieber tanzen? Es fehlt an Tänzern, und du -kannst dich heut mit einigen Stunden Herumspringens und einem Paar -ermüdender Beine bei vielen dankbaren Damen ziemlich beliebt machen. - -Lebe wohl, rief jener schon in der Thür, ich gehe nach Hause. - -Noch ein Wort! rief ihm Roderich nach: ich verreise morgen in aller -Frühe mit diesem Herrn auf einige Tage über Land; ich spreche aber noch -bei dir vor, um Abschied zu nehmen. Schläfst du, wie es wahrscheinlich -ist, so bemühe dich nur nicht, aufzuwachen, denn in drei Tagen bin ich -wieder bei dir. -- Der wunderlichste aller Menschen, fuhr er fort, gegen -seinen neuen Freund gewandt, so schwerfällig, mißlaunig, ernsthaft, daß -er sich jede Freude verdirbt, oder vielmehr, daß es für ihn keine Freude -giebt. Alles soll edel, groß, erhaben sein, sein Herz soll an allem -Antheil nehmen, und wenn er selbst vor einem Puppenspiele stände; wenn -sich dergleichen nun nicht zu seinen Prätensionen verstehen will, die -warlich ganz unsinnig sind, so wird er tragisch gestimmt, und findet die -ganze Welt roh und barbarisch; da draußen verlangt er ohne Zweifel, daß -unter den Masken einem Pantalon und Policinell das Herz voll Sehnsucht -und überirdischer Triebe glühe, und daß der Arlechin über die -Nichtigkeit der Welt tiefsinnig philosophiren soll, und wenn diese -Erwartungen nicht eintreffen, so treten ihm gewiß die Thränen in die -Augen, und er wendet dem bunten Schauspiel zerknirscht und verachtend -den Rücken. - -Er ist also melankolisch? fragte der Zuhörer. - -Das eigentlich nicht, antwortete Roderich, sondern nur von zu zärtlichen -Eltern und sich selbst verzogen. Er hatte sich angewöhnt, regelmäßig wie -Ebbe und Fluth sein Herz bewegen zu lassen, und bleibt diese Rührung -einmal aus, so schreit er Mirakel und möchte Prämien aussetzen, um -Physiker aufzumuntern, diese Naturerscheinung genügend zu erklären. Er -ist der beste Mensch unter der Sonne, aber alle meine Mühe, ihm diese -Verkehrtheit abzugewöhnen, ist ganz umsonst und verloren, und wenn ich -nicht für meine gute Meinung Undank davon tragen will, muß ich ihn -gewähren lassen. - -Er sollte vielleicht den Arzt gebrauchen, bemerkte jener. - -Es gehört mit zu seinen Eigenheiten, antwortete Roderich, die Medizin -durch und durch zu verachten, denn er meint, jede Krankheit sei in -jeglichem Menschen ein Individuum, und könne nicht nach ältern -Wahrnehmungen, oder gar nach sogenannten Theorien geheilt werden; er -würde eher alte Weiber und sympathetische Kuren gebrauchen. Eben so -verachtet er auch in andrer Hinsicht alle Vorsicht und alles was man -Ordnung und Mäßigkeit nennt. Von Kindheit auf ist ein edler Mann sein -Ideal gewesen, und sein höchstes Bestreben, das aus sich zu bilden, was -er so nennt, das heißt hauptsächlich eine Person, die die Verachtung der -Dinge mit der des Geldes anfängt; denn um nur nicht in den Verdacht zu -gerathen, daß er haushälterisch sei, ungern ausgebe, oder irgend -Rücksicht auf Geld nehme, so wirft er es höchst thöricht weg, ist bei -seiner reichlichen Einnahme immer arm und in Verlegenheit, und wird der -Thor von jedwedem, der nicht ganz in dem Sinne edel ist, in welchem er -es sich zu sein vorgesetzt hat. Sein Freund zu sein, ist aber die -Aufgabe aller Aufgaben, denn er ist so reizbar, daß man nur husten, -nicht edel genug essen, oder gar die Zähne stochern darf, um ihn -tödtlich zu beleidigen. - -War er nie verliebt? fragte der Freund vom Lande. - -Wen sollte er lieben? antwortete Roderich, er verachtete alle Töchter -der Erde, und er dürfte nur bemerken, daß sein Ideal sich gern putzte, -oder gar tanzte, so würde sein Herz brechen; noch schrecklicher, wenn -sie das Unglück hätte, den Schnupfen zu bekommen. - -Emil stand indessen wieder im Getümmel; aber plötzlich überfiel ihn jene -Angst, der Schreck, der so oft schon in solcher erregten Menschenmenge -sein Herz ergriffen hatte, und jagte ihn aus dem Saale und Hause, über -die öden Gassen hinweg, und erst auf seinem einsamen Zimmer fand er sich -und seine ruhige Besinnung wieder. Das Nachtlicht war schon angezündet, -er hieß dem Bedienten sich nieder legen; drüben war alles still und -finster, und er setzte sich, um in einem Gedichte seine Empfindungen -über den Ball auszuströmen. -- - - Im Herzen war es stille, - Der Wahnsinn lag an Ketten; - Da regt sich böser Wille, - Vom Kerker ihn zu retten, - Den Tollen los zu machen: - Da hört man Pauken klingen, - Da bricht hervor mit Lachen - Trommeten-Klang und Krachen, - Dazwischen Flöten singen, - Und Pfeifentöne springen - Mit gellendem Geschrei - Zwischen dröhnenden tönenden Geigen - In rasender Wuth herbei, - Das wilde Gemüth zu zeigen, - Und grimmig zu morden das stille kindliche Schweigen. -- - - Wohin dreht sich der Reigen? - Was sucht die springende Menge - Im windenden Gedränge? -- - Vorüber! Es glänzen die Lichter, - Wir tummeln uns näher und dichter, - Es jauchzt in uns das blöde Herz; - Lauter tönet, - Grimmer dröhnet - Ihr Cymbeln, ihr Pfeifen! betäubet den Schmerz, - Er werde zum Scherz! -- - - Du winkst mir, holdes Angesicht? - Es lacht der Mund, der Augen Licht; - Herbei, daß ich dich fasse, - Im Schweben wieder lasse; - Ich weiß, die Schönheit bald zerbricht, - Der Mund verstummt, der lieblich spricht, - Dich faßt des Todes Arm. - Was winkst du, Schädel, freundlich mir? - Kein Kummer mir, nicht Angst und Harm, - Daß du so bald erbleichest hier, - Wohl heut, wohl morgen. - Was sollen die Sorgen? - Ich lebe und schwebe im Reigen vorüber vor dir. -- - - Heut lieb ich dich, - Jezt meinst du mich; - Ach, Noth und Angst sie lauern - Schon hinter diesen Mauern, - Und Seufzer schwer und thränend Leid - Stehn schon bereit, - Dich zu umstricken; - Froh laß uns blicken - Vernichtung an und grausen Tod; - Was will die Angst, was will uns Noth? - Wir drücken - Im Taumel die Hand; - Mich rührt dein Gewand, - Du schwebest dahin, ich taumle zurück -- - Auch Verzweiflung ist Glück. - - Aus diesem Entzücken, - Und was wir heut lachten, - Entsprießt wohl Verachten - Und giftiger Neid; - O herrliche Zeit! - Wenn ich dich verhöhne, - Winkt dort mir die Schöne, - Und wird meine Braut; - Die andere schaut - Noch kühner darein; - Soll dies' es denn sein? -- - - So taumeln wir alle - Im Schwindel die Halle - Des Lebens hinab, - Kein Lieben, kein Leben, - Kein Sein uns gegeben, - Nur Träumen und Grab: - Da unten bedecken - Wohl Blumen und Klee - Noch grimmere Schrecken, - Noch wilderes Weh; - Drum lauter ihr Cymbeln, du Paukenklang, - Noch schreiender gellender Hörnergesang! - Ermuthiget schwingt, dringt, springt ohne Ruh, - Weil Lieb uns nicht Leben - Kein Herz hat gegeben, - Mit Jauchzen dem greulichen Abgrunde zu! -- - -Er hatte geendigt und stand am Fenster. Da kam sie gegen über herein, so -schön, wie er sie noch nie gesehn hatte, das braune Haar aufgelöst wogte -und spielte in muthwilligen Locken um den weißesten Nacken; sie war nur -leicht bekleidet und schien noch vor Schlafengehn zu später Nachtzeit -einige häusliche Arbeiten verrichten zu wollen, denn sie stellte zwei -Lichter in zwei Ecken des Zimmers, ordnete den Teppich auf dem Tische, -und entfernte sich wieder. Noch war Emil in seinen süßen Träumereien -versunken, und wiederholte sich in seiner Phantasie das Bild seiner -Geliebten, als zu seinem Entsetzen die fürchterliche, die rothe Alte -durch das Zimmer schritt; gräßlich leuchtete von ihrem Haupt und Busen -das Gold im Widerschein der Lichter. Sie war wieder verschwunden. Sollte -er seinen Augen trauen? War es kein Blendwerk der Nacht, welches ihm -seine eigne Einbildung gespenstisch vorüber geführt hatte? - -Aber nein, sie kehrte zurück, noch gräßlicher als zuvor, denn ein langes -greises und schwarzes Haar flog wild und ungeordnet um Brust und Rücken; -das schöne Mädchen folgte ihr, blaß, entstellt, die schönsten Brüste -ohne Hülle, aber das ganze Bild einer Statue von Marmor ähnlich. Sie -hatten zwischen sich das kleine liebliche Kind, welches weinte und sich -an die Schöne bittend schmiegte, die nicht zu ihm hernieder sah. Das -Kindlein hielt flehend die Händchen empor, streichelte Hals und Wange -der blassen Schönen. Sie aber hielt es fest am Haar und mit der andern -Hand ein silbernes Becken; die Alte zuckte murmelnd das Messer und -durchschnitt den weißen Hals der Kleinen. Da wand sich hinter ihnen -etwas hervor, das beide nicht zu sehen schienen, sonst hätten sie sich -wohl eben so inniglich wie Emil entsetzt. Ein scheußlicher Drachenhals -wälzte sich schuppig länger und länger aus der Dunkelheit, neigte sich -über das Kind hin, das mit aufgelösten Gliedern der Alten in den Armen -hing, die schwarze Zunge leckte vom sprudelnden rothen Blut, und ein -grün funkelndes Auge traf durch die Spalte hinüber in Emils Blick und -Gehirn und Herz, daß er im selben Augenblick zu Boden stürzte. - -Leblos traf ihn Roderich nach einigen Stunden. - - * * * * * - -Am heitersten Sommermorgen saß in grüner Laube eine Gesellschaft von -Freunden um ein schmackhaftes Frühstück versammelt. Man lachte und -scherzte, alle stießen freudig oft mit den Gläsern auf die Gesundheit -des jungen Brautpaares an, und wünschten ihm Heil und Glück. Bräutigam -und Braut waren nicht zugegen, denn die Schöne war noch mit ihrem -Schmucke beschäftiget, und der junge Ehemann lustwandelte, seinem Glücke -nachsinnend, einsam in einem entfernten Baumgange. Schade, sagte -Anderson, daß wir keine Musik haben sollen; alle unsere Damen sind -unzufrieden und haben noch nie so sehr zu tanzen gewünscht, als gerade -heut, da es nicht geschehn kann; aber es ist ihm zu sehr zuwider. - -Ich kann es euch wohl verrathen, sagte ein junger Officier, daß wir -dennoch einen Ball haben werden, und zwar einen recht tollen und -geräuschigen; alles ist schon eingerichtet und die Musikanten sind schon -heimlich angekommen und unsichtbar einquartiert. Roderich hat alle diese -Einrichtungen getroffen, denn er sagt, man müsse ihm nicht zu viel -nachgeben, und am wenigsten heut seine wunderlichen Launen anerkennen. - -Er ist auch schon viel menschlicher und umgänglicher als ehemals, sagte -ein anderer junger Mann, und darum glaube ich, wird ihm diese Abänderung -nicht einmal unangenehm auffallen. Ist doch diese ganze Heirath so -plötzlich gegen unser aller Erwarten eingetreten. - -Sein ganzes Leben, fuhr Anderson fort, ist so sonderbar, wie sein -Charakter. Ihr wißt ja alle, wie er im vorigen Herbst auf einer Reise, -die er machen wollte, in unsrer Stadt ankam, sich den Winter hier -aufhielt, wie ein Melankolischer fast nur in seinem Zimmer lebte, und -sich weder um unser Theater noch andre Vergnügungen kümmerte. Er war -beinah mit Roderich, seinem vertrautesten Freunde, zerfallen, weil -dieser ihn zu zerstreuen suchte, und nicht jeder seiner finstern Launen -nachgeben wollte. Im Grunde war seine übertriebene Reizbarkeit und -Verstimmung wohl Krankheit, die sich in seinem Körper zubereitete; denn, -wie euch nicht unbekannt ist, wurde er vor vier Monaten vom heftigsten -Nervenfieber befallen, so, daß wir ihn alle schon aufgeben mußten. -Nachdem seine Phantasien ausgeraset hatten, und er wieder zu sich kam, -hatte er sein Gedächtniß fast ganz eingebüßt, nur seine früheren Kinder- -und Jugendjahre waren ihm gegenwärtig, und er konnte sich durchaus nicht -erinnern, was während seiner Reise oder vor seiner Krankheit sich mit -ihm zugetragen habe. Er mußte alle seine Freunde, selbst den Roderich, -von neuem kennen lernen; nur nach und nach ward es lichter in seinem -Innern, und die Vergangenheit und was ihm widerfahren, trat wieder, -jedoch immer nur schwach beleuchtet, in sein Gedächtniß zurück. Sein -Oheim hatte ihn zu sich in das Haus genommen, um ihn besser zu -verpflegen, und er war wie ein Kind, und ließ alles mit sich machen. Als -er zum erstenmal ausfuhr, und bei der Frühlingswärme den Park besuchte, -sah er abseits vom Wege ein Mädchen in tiefen Gedanken sitzen. Sie sah -auf, ihr Blick traf den seinigen, und wie von einer unbegreiflichen -Begeisterung ergriffen, ließ er anhalten, stieg aus, setzte sich zu ihr, -faßte ihre Hände, und ergoß sich in einen Strom von Thränen. Man war von -neuem für seinen Verstand besorgt; aber er wurde ruhig, heiter und -gesprächig, ließ sich bei den Eltern des Mädchens vorstellen, und hielt -sogleich beim ersten Besuch um ihre Hand an, die sie ihm auch zusagte, -da die Eltern ihre Einwilligung nicht verweigerten. Er war glücklich und -ein neues Leben ging in ihm auf; mit jedem Tage ward er gesunder und -zufriedener. So besuchte er mich vor acht Tagen auf meinem Landgute -hier; es gefiel ihm über die Maßen, und zwar so, daß er nicht ruhte, -bis ich es ihm verkaufen mußte. Es lag nur an mir, seine -Leidenschaftlichkeit zu meinem Vortheil und seinem Schaden zu benutzen, -denn was er will, will er heftig und plötzlich vollendet. Sogleich -machte er seine Einrichtungen, ließ Geräthe herschaffen, um hier noch -die Sommermonate zu wohnen, und so sind wir denn alle heut zu seiner -Hochzeit in meinem ehemaligen Wohnsitze versammelt. - -Das Haus war groß und lag in der schönsten Gegend. Die eine Seite sah -nach einem Flusse und angenehmen Hügeln hinüber, rund um von -mannichfaltigen Gebüschen und Bäumen umgeben, unmittelbar davor lag ein -Garten mit duftenden Blumen. Hier waren die Orangen und Citronen-Bäume -in einem großen offenen Saale aufgestellt, und kleine Thüren führten zu -Vorrathskammern, Kellern und Speisegewölben. Von der andern Seite -breitete sich ein grünender Wiesenplan aus, an welchen ohne andre -Verbindung ein Park gränzte; hier bildeten die beiden langen Flügel des -Hauses einen geräumigen Hof, und auf dreien über einander stehenden -Säulenreihen verbanden breite offene Gänge alle Zimmer und Säle des -Gebäudes, wodurch der Wohnsitz von dieser Seite einen reizenden, ja -wunderbaren Charakter erhielt, indem sich beständig Figuren in -mannichfaltigen Geschäften in diesen geräumigeren Hallen bewegten; -zwischen den Säulen und aus jedem Zimmer traten neue Gestalten hervor, -und erschienen oben oder unten wieder, um sich in andern Thüren zu -verlieren; auch versammelte sich Gesellschaft dort zum Thee oder Spiel, -und dadurch gewann von unten das Ganze das Ansehn eines Theaters, vor -welchem jedermann mit Lust verweilte, und in Gedanken die seltsamsten -und anziehendsten Begebenheiten oben erwartete. - -Die Gesellschaft der jungen Leute wollte eben aufstehn, als die -geschmückte Braut durch den Garten ging und zu ihnen trat. Sie war in -violettem Sammet gekleidet, ein funkelnder Halsschmuck wiegte sich auf -dem glänzenden Nacken, kostbare Spitzen ließen den weißen schwellenden -Busen durchschimmern, das braune Haar ward durch den Myrthen- und -Blumenkranz reizender gefärbt. Sie grüßte alle freundlich, und die -Jünglinge waren von der hohen Schönheit überrascht. Sie hatte Blumen im -Garten gepflückt, und wandte sich jezt nach dem innern Hause, um nach -der Ordnung des Mahles zu sehen. Man hatte in dem untern offnen Gange -die Tafeln hingestellt: blendend schimmerten die Tische mit den weißen -Gedecken und Kristallen, eine Fülle mannichfarbiger Blumen glänzte aus -zierlichen Gefäßen herunter, duftende grüne und bunte Kränze schlangen -sich um die Säulen, und reizend war der Anblick, als die Braut sich jezt -mit holdseliger Bewegung zwischen dem Schimmer der Blumen neben den -Tischen und Säulen wandelnd bewegte, das Ganze prüfend überschaute, und -dann verschwand, und höher hinauf noch einmal wieder erschien, um ihr -Zimmer zu öffnen. Sie ist das reizendste und schönste Mädchen, das ich -je gekannt habe! rief Anderson aus: unser Freund ist glücklich! - -Selbst ihre Blässe, nahm der Offizier das Wort, erhöht ihre Schönheit: -die braunen Augen blitzen über den bleichen Wangen und unter den dunkeln -Haaren so mächtiger hervor; und diese wunderbare fast brennende Röthe -der Lippen macht ihr Angesicht zu einem wahrhaft zauberischen Bilde. - -Der Schein stiller Melankolie, sagte Anderson, welcher sie umgiebt, -umfließt sie wie mit hoher Majestät. - -Der Bräutigam trat zu ihnen, und fragte nach Roderich; sie hatten ihn -alle schon längst vermißt und konnten nicht begreifen, wo er sich -aufhalten möchte. Alle gingen, um ihn zu suchen. Er ist unten im Saal, -sagte endlich ein junger Mensch, den sie ebenfalls fragten, zwischen -allen Bedienten und Kutschern, denen er Kartenkünste macht, die sie -nicht genug bewundern können. Sie traten hinein und unterbrachen die -schallende Verwunderung der Dienerschaft, indeß sich Roderich nicht -stören ließ, sondern frei in seinen magischen Kunststücken fortfuhr. Als -er geendigt hatte, ging er mit den übrigen in den Garten und sagte: ich -thue es nur, um diese Menschen im Glauben zu stärken, denn diese Künste -bringen ihrer Kutscher-Freigeisterei auf lange einen Stoß bei, und -helfen zu ihrer Bekehrung. - -Ich sehe, sagte der Bräutigam, daß mein Freund unter seinen übrigen -Talenten auch das eines Charlatans nicht zu geringe achtet, um es -auszubilden. - -Wir leben in einer wunderlichen Zeit, antwortete jener: man soll heut zu -Tage nichts verachten, denn man weiß nicht, wozu es zu gebrauchen ist. - -Als die beiden Freunde sich allein befanden, wandte sich Emil wieder in -den dunkeln Baumgang und sagte: Warum bin ich an diesem Tage, welcher -der glücklichste meines Lebens ist, so trübe gestimmt? Aber ich -versichere dich, so wenig du es auch glauben willst, es paßt nicht für -mich, mich in dieser Menge von Menschen zu bewegen, für jeden -Aufmerksamkeit zu haben, keinen dieser Verwandten von ihrer und meiner -Seite zu vernachlässigen, den Eltern Ehrfurcht zu beweisen, die Damen -bekomplimentiren, die Ankommenden empfangen, und die Dienstboten und -Pferde gehörig zu versorgen. - -Das macht sich ja alles von selbst, sagte Roderich; sieh, dein Haus ist -recht auf dergleichen eingerichtet, und dein Haushofmeister, der alle -Hände voll zu thun und alle Beine voll zu laufen hat, ist recht wie dazu -geschaffen, alles ordentlich zu betreiben, um die allergrößte -Gesellschaft aus Verwirrung zu erretten und mit Anstand zu bewirthen. -Ueberlaß das ihm und deiner schönen Braut. - -Heute Morgen, noch vor Sonnenaufgang, sagte Emil, wandelte ich durch das -Gehölz; mir war feierlich zu Muthe, ich fühlte recht im Innern, wie mein -Leben nun bestimmt sei und ernst werde, wie diese Liebe mir Heimath und -Beruf erschaffen hat. Ich kam dort der Laube vorüber; ich hörte Stimmen: -es war meine Geliebte in einem traulichen Gespräch. Ist es nun, sagte -eine fremde Stimme, nicht so gekommen, wie ich gesagt hatte? Gerade so, -wie ich wußte, daß es geschehen würde? Ihr habt euren Wunsch, darum seid -nun auch froh. Ich mochte nicht zu ihnen treten; nachher ging ich der -Laube näher, doch hatten sich beide schon entfernt. Aber ich sinne und -sinne: was wollen diese Worte bedeuten? - -Roderich sagte: sie mag dich vielleicht schon längst geliebt haben, ohne -daß du es wußtest; du bist desto glücklicher. - -Eine späte Nachtigall erhub jezt ihren Gesang und schien dem Liebenden -Heil und Wonne zuzurufen. Emil wurde tiefsinniger. Komm mit mir, um dich -aufzuheitern, sagte Roderich, in das Dorf hinunter, da sollst du ein -zweites Brautpaar sehn, denn du mußt dir nicht einbilden, daß du heut -allein Hochzeit feierst. Ein junger Knecht ist in Langeweile und -Einsamkeit mit einer ältern garstigen Magd zu vertraut geworden, und der -Pinsel hält sich nun für verpflichtet, sie zu seiner Frau zu machen. -Jezt müssen sie beide schon geputzt sein; diesen Anblick wollen wir -nicht versäumen, denn er ist ohne Zweifel interessant. - -Der Trauernde lies sich von dem schwatzenden heitern Freunde fortziehn, -und sie kamen bald zu der Hütte. Eben trat der Zug heraus, um sich nach -der Kirche zu begeben. Der junge Knecht war in seinem gewöhnlichen -leinenen Kittel, und prangte nur mit einem Paar ledernen Beinkleidern, -die er so hell als möglich angestrichen hatte; er war von einfältiger -Miene und schien verlegen. Die Braut war von der Sonne verbrannt, nur -wenige letzte Spuren der Jugend waren an ihr sichtbar; sie war grob und -arm aber reinlich gekleidet, einige rothe und blaue seidne Bänder, schon -etwas entfärbt, flatterten von ihrem Mieder, am meisten aber war sie -dadurch entstellt, daß man ihr die Haare steif mit Fett, Mehl und Nadeln -aus der Stirn gestrichen und oben zusammen geheftet hatte, auf dieser -Spitze des aufgethürmten Haars stand der Kranz. Sie lächelte und schien -fröhlich, doch war sie verschämt und blöde. Die alten Eltern folgten; -der Vater war auch nur Knecht auf dem Hofe, und die Hütte, der Hausrath -so wie die Kleidung, alles verrieth die äußerste Armuth. Ein schielender -schmuziger Musikant folgte dem Zuge, der greinend auf einer Geige strich -und dazu schrie, diese war halb aus Pappe und Holz zusammen geleimt, und -statt der Saiten mit drei Bindfäden bezogen. Der Zug machte Halt, als -der neue gnädige Herr zu den Leuten trat. Einige muthwillige -Dienstboten, junge Bursche und Mägde schäkerten und lachten, und -verspotteten das Brautpaar, vorzüglich die Kammerjungfern, die sich -schöner dünkten und sich unendlich besser gekleidet sahen. Ein Schauer -erfaßte Emil, er blickte nach Roderich um, dieser war aber schon wieder -entlaufen. Ein naseweiser Bursche mit einem Tituskopf, der Bedienter -eines Fremden, drängte sich, um witzig zu erscheinen, an Emil und rief: -Nun gnädiger Herr, was sagen Sie zu dem glänzenden Brautpaar? Beide -wissen noch nicht, wo sie morgen Brod hernehmen sollen, und heut -Nachmittag werden sie doch einen Ball geben, der Virtuos dort ist schon -bestellt. -- Kein Brod; sagte Emil! giebt es so etwas? -- Ihr ganzes -Elend ist dem Volke bekannt, fuhr jener schwatzend fort, aber der Kerl -sagt, er bleibe dem Wesen dennoch gut, wenn sie auch nichts zubrächte! O -ja freilich, die Liebe ist allgewaltig! das Lumpenpack hat nicht einmal -Betten, sie müssen sogar diese Nacht auf der Streu schlafen; das -Dünnbier haben sie sich zusammen gebettelt, worin sie sich besaufen -wollen. Alle umher lachten laut, und die beiden verspotteten -Unglücklichen schlugen die Augen nieder. Emil stieß zornig den Schwätzer -von sich; nehmt! rief er aus, und warf in die Hand des erstarrten -Bräutigams hundert Dukaten, welche er am Morgen eingenommen hatte. Die -Alten und die Brautleute weinten laut, warfen sich ungeschickt auf die -Kniee und küßten ihm Hände und Kleider, er wollte sich losmachen. Haltet -euch damit das Elend vom Leibe, so lange ihr könnt! rief er betäubt. O -auf zeitlebens, mein gnädigster Herr, sind wir glücklich! schrieen alle. - -Er wußte nicht, wie er fort gekommen war; er fand sich allein, und eilte -mit wankenden Schritten in den Wald. Die dichteste einsamste Stelle -suchte er auf, und warf sich auf einen Rasenhügel nieder, indem er den -ausbrechenden Strom seiner Thränen nicht mehr zurückhielt. Mir ekelt das -Leben! schluchzte er in tiefer Bewegung; ich kann nicht froh und -glücklich sein, ich will es nicht! Empfange mich bald, du freundlicher -Boden, verbirg mich in deinen kühlen Armen vor den wilden Thieren, die -sich Menschen nennen! O Gott im Himmel, wie verdien' ich es, daß ich auf -Daunen ruhe und Seide trage, daß mir die Traube ihr kostbarstes Blut -spendet, und alles mir Ehre und Liebe dringend anbietet und darbringt? -Dieser Arme ist besser und edler als ich, und das Elend ist seine Amme, -und Hohn und giftiger Spott sein Glückwunsch. Sündlich dünkt mir jeder -Leckerbissen, den ich genieße, jeder Trunk aus geschliffenem Glase, mein -Ruhen auf weichen Betten, das Tragen von Gold und Geschmeide, da die -Welt viel tausend mal tausend Unglückliche umher jagt, die nach dem -weggeworfenen vertrockneten Brode hungern, die nicht wissen, was Labsal -ist. O jezt versteh' ich euch, ihr frommen Heiligen, ihr Verschmähten, -ihr Verhöhnten, die ihr Alles, bis auf euer Gewand, der Armuth -ausstreutet, einen Sack um eure Lenden gürtetet, und selbst als Bettler -die Schmähungen und Fußstöße erdulden wolltet, mit denen roher Uebermuth -und reiche Schwelgerei das Elend von ihren Tafeln weisen, selbst elend -wurdet ihr, um nur diese Sünde des Ueberflusses von euch zu werfen. - -Alle Gebilde der Welt schwankten wie ein Nebel vor seinen Augen! er nahm -sich vor, die Verstoßenen als seine Brüder anzusehn, und sich von den -Glücklichen zu entfernen. Lange hatte man schon im Saale seiner zur -Trauung gewartet, die Braut war in Sorge, die Eltern suchten ihn im -Garten und Park: endlich kam er ausgeweint und leichter zurück, und die -feierliche Handlung ward vollzogen. - -Man begab sich aus dem untern Saal nach der offnen Halle, um sich zu -Tische zu setzen. Braut und Bräutigam gingen voran, und die übrigen -folgten im Zuge; Roderich bot seinen Arm einem jungen Mädchen, die -munter und geschwätzig war. Warum nur die Bräute immer weinen und bei -der Trauung so ernsthaft aussehn, sagte diese, indem sie zur Gallerie -hinauf stiegen. - -Weil sie in diesem Augenblick am lebhaftesten von der Wichtigkeit und -dem Geheimnißvollen des Lebens durchdrungen werden, antwortete Roderich. - -Aber unsre Braut, fuhr jene fort, übertrifft noch an Feierlichkeit alle, -die ich jemals gesehn habe; sie ist überhaupt immer schwermüthig, man -sieht sie nie recht heiter lachen. - -Dies macht ihrem Herzen um so mehr Ehre, antwortete Roderich, gegen -seine Gewohnheit verstimmt. Sie wissen vielleicht nicht, mein Fräulein, -daß die Braut vor einigen Jahren ein allerliebstes verwaistes Kind, ein -Mädchen, zu sich genommen hatte, um es zu erziehn. Dieser Kleinen -widmete sie alle ihre Zeit, und die Liebe des zarten Geschöpfes war ihr -süßester Lohn. Dieses Mädchen war sieben Jahr alt geworden, als sie sich -auf einem Spaziergange in der Stadt verlor, und aller angewandten Mühe -ungeachtet, noch nicht wieder hat aufgefunden werden können. Diesen -Unfall hat sich das edle Wesen so zu Gemüth gezogen, daß sie seitdem an -einer stillen Melankolie leidet, und durch nichts von dieser Sehnsucht -nach ihrer kleinen Gespielin kann abgezogen werden. - -Wahrhaftig, recht interessant! sagte das Fräulein; das kann sich in der -Zukunft recht romantisch entwickeln, und zum angenehmsten Gedichte -Gelegenheit geben. - -Man ordnete sich an der Tafel; Braut und Bräutigam nahmen die Mitte ein, -und sahen in die heitere Landschaft hinaus. Man schwatzte und trank -Gesundheiten, die munterste Laune herrschte; die Eltern der Braut waren -ganz glücklich, nur der Bräutigam war still und in sich gekehrt, genoß -nur wenig, und nahm an den Gesprächen keinen Antheil. Er erschrak, als -sich musikalische Töne durch die Luft von oben hernieder warfen; doch -beruhigte er sich wieder, da es sanfte Hörnertöne blieben, die angenehm -über die Gebüsche hinweg rauschten, sich durch den Park zogen, und am -fernen Berge verhallten. Roderich hatte sie auf die Gallerie über die -Speisenden gestellt, und Emil war mit dieser Einrichtung zufrieden. -Gegen das Ende der Mahlzeit ließ er seinen Haushofmeister kommen, und -sagte zur Braut gewendet: liebe Freundin, laß auch die Armuth an unserm -Ueberflusse Theil nehmen. Er befahl hierauf, eine Anzahl Flaschen Wein, -Gebackenes, und verschiedene Gerichte in reichlichen Portionen dem armen -Brautpaar hinüber zu senden, damit ihnen dieser Tag auch ein Freudentag -sein könne, dessen sie sich nachher gern erinnern möchten. Sieh, Freund, -rief Roderich aus, wie schön alles in der Welt zusammen hängt! Mein -unnützes Umtreiben und Schwatzen, das du so oft an mir tadelst, hat doch -nun diese gute Handlung veranlaßt. Viele wollten dem Wirthe über sein -Mitleid und gutes Herz etwas Artiges sagen, und das Fräulein sprach von -schöner Gesinnung und Edelmuth. O schweigen wir! rief Emil zornig: es -ist keine gute Handlung, ja überhaupt keine Handlung, es ist nichts! -Wenn Schwalben und Hänflinge sich von den weggeworfenen Brosamen dieses -Ueberflusses nähren, und sie zu ihren Jungen in die Nester tragen, -sollte ich nicht eines armen Mitbruders gedenken, der mein bedarf? Wenn -ich meinem Herzen folgen dürfte, so würdet ihr mich eben so gut wie -manchen andern verlachen und verspotten, der in die Wüste zog, um nichts -mehr von der Welt und ihrem Edelmuth zu erfahren. - -Man schwieg, und Roderich erkannte in den glühenden Augen seines -Freundes den heftigsten Unwillen; er besorgte, daß er sich in seiner -Verstimmung noch mehr vergessen möchte, und suchte schnell das Gespräch -auf andere Gegenstände zu lenken. Doch Emil war unruhig und zerstreut -geworden; hauptsächlich wendeten sich seine Blicke oft nach der obersten -Gallerie, auf welcher die Bedienten, die das letzte Stockwerk bewohnten, -vielerlei zu schaffen hatten. Wer ist die widerliche Alte, die dort so -geschäftig ist, und so oft in ihrem grauen Mantel wieder kommt? fragte -er endlich. Sie gehört zu meiner Bedienung, sagte die Braut; sie soll -die Aufsicht über die Kammerjungfern und jüngern Mägde führen. Wie -kannst du solche Häßlichkeit in deiner Nähe dulden? erwiederte Emil. Laß -sie, antwortete die junge Frau, wollen die Häßlichen doch auch leben, -und da sie gut und redlich ist, kann sie uns von großem Nutzen sein. - -Man erhob sich von der Tafel, und alles umgab den neuen Gatten, wünschte -nochmals Glück, und drängte dann mit Bitten um die Erlaubniß zum Ball. -Die Braut umarmte ihn äußerst freundlich und sagte: meine erste Bitte, -Geliebter, wirst du mir nicht abschlagen, denn wir haben uns alle darauf -gefreut: Ich habe so lange nicht getanzt, und du selbst hast mich noch -niemals tanzen sehn. Bist du denn gar nicht neugierig darauf, wie ich -mich in dieser Bewegung ausnehme? - -So heiter, sagte Emil, habe ich dich noch niemals gesehn. Ich will kein -Störer eurer Freude sein, macht, was ihr wollt; nur verlange keiner von -mir, daß ich mich selbst mit linkischen Sprüngen lächerlich machen soll. - -Wenn du ein schlechter Tänzer bist, sagte sie lachend, so kannst du -sicher sein, daß dich jedermann gern in Ruhe lassen wird. Die Braut -entfernte sich hierauf, um sich umzuziehn und ihr Ballkleid anzulegen. - -Sie weiß es nicht, sagte Emil zu Roderich, mit dem er sich entfernte, -daß ich aus einem andern Zimmer in das ihrige durch eine verborgene Thür -kommen kann, ich werde sie beim Umkleiden überraschen. - -Als Emil fortgegangen war, und viele der Damen sich auch entfernt -hatten, um die zum Tanz nöthigen Veränderungen des Putzes zu treffen, -nahm Roderich die jüngeren Leute beiseit und führte sie auf sein Zimmer. -Es wird schon Abend, sagte er hier, bald ist es finster; jezt geschwind -jeder in seine Verkleidung, um diese Nacht recht bunt und toll zu -verschwärmen. Was ihr nur ersinnen könnt; genirt euch nicht, je ärger, -je besser! Je scheußlicher die Fratzen sind, die ihr aus euch hervor -bringt, je mehr will ich euch loben. Da muß es keinen so widerlichen -Höcker, keinen so ungestalten Bauch, keine so widersinnige Kleidung -geben, die nicht heute paradirt. Eine Hochzeit ist eine so wundersame -Begebenheit, ein ganz neuer ungewohnter Zustand wird den Verheiratheten -so plötzlich wie ein Mährchen über den Hals geworfen, daß man dieses -Fest nicht verwirrt und unklug genug anfangen kann, um nur irgend für -die Eheleute die plötzliche Veränderung zu motiviren, so daß sie wie in -einem phantastischen Traum in die neue Lage hinüber schwimmen, und darum -laßt uns nur recht in diese Nacht hinein wüthen, und nehmt keine Einrede -von denen an, die sich verständig stellen möchten. - -Sei ohne Sorge, sagte Anderson, wir haben einen großen Koffer voll -Masken und toller bunter Kleidungsstücke aus der Stadt mitgebracht, du -wirst dich selbst darüber verwundern. - -Aber seht her, sagte Roderich, was ich von meinem Schneider eingekauft -habe, der diesen kostbaren Schatz schon in Läppchen verschneiden wollte! -Er hat diese Tracht von einer alten Gevatterin erhandelt, die damit -gewiß bei Lucifer auf dem Blocksberge Galla gemacht hat. Seht dieses -scharlachrothe Mieder, mit diesen goldenen Tressen und Franzen, und -diese goldglänzende Haube, die mir unendlich ehrwürdig stehen muß, dazu -nehm' ich diesen grünseidnen Rock mit safrangelbem Besatz und diese -scheußliche Maske, und führe nachher als altes Weib den ganzen Chor der -Carrikaturen in das Schlafzimmer. Macht, daß ihr fertig werdet! wir -wollen dann feierlich die junge Frau abholen. - -Die Hörner musizirten noch, die Gesellschaft wandelte im Garten, oder -saß vor dem Hause. Die Sonne war hinter trüben Wolken untergegangen, und -die Gegend lag im grauen Dämmer, als plötzlich unter der Wolkendecke der -scheidende Stral noch einmal hervor brach, und rings die Gegend, -vorzüglich aber das Gebäude mit seinen Gängen, Säulen und -Blumengewinden, wie mit rothem Blute besprengte. Da sahen die Eltern der -Braut, und die übrigen Zuschauer den abentheuerlichsten Zug nach dem -obern Corredor schweben: Roderich als die rothe Alte voran, und ihr -nachfolgend Bucklichte, dickbauchige Fratzen, ungeheure Perucken, -Tartaglias, Policinells und gespenstische Pierrots, weibliche Figuren in -ausgespannten Reifröcken und ellenhohen Frisuren, die widerwärtigsten -Gestalten, alle wie aus einem ängstlichen Traum. Sie zogen gaukelnd und -sich drehend und wackelnd, trippelnd und sich brüstend über den Gang, -und verschwanden dann in eine der Thüren. Nur wenige der Zuschauer waren -zum Lachen gekommen, so hatte sie der seltsamste Anblick überrascht. -Plötzlich brach ein gellender Schrei aus den innern Zimmern, und hervor -stürzte in das blutige Abendroth die bleiche Braut, im weißen kurzen -Kleide, um welches Blumenranken flatterten; der schöne Busen ganz frei, -die Fülle der Locken in Lüften schwebend. Wie wahnsinnig, die Augen -rollend, das Gesicht entstellt, stürzte sie über die Gallerie, und fand -in ihrer Angst verblindet keine Thür und Treppe, und gleich darauf, ihr -nachrennend, Emil, den blanken türkischen Dolch in hoch erhobener Faust. -Jezt war sie am Ende des Ganges, sie konnte nicht weiter, er erreichte -sie. Die maskirten Freunde und die graue Alte waren ihm nach gestürzt. -Aber schon hatte er wüthend ihre Brust durchbohrt, und den weißen Hals -durchschnitten, ihr Blut strömte im Glanz des Abends. Die Alte hatte -sich mit ihm umfaßt, ihn zurück zu reißen; kämpfend schleuderte er sich -mit ihr über das Geländer, und beide fielen zerschmettert zu den Füßen -der Verwandten nieder, die mit stummem Entsetzen der blutigen Scene -zugeschaut hatten. Oben und im Hofe, oder von den Gallerien und Treppen -herunter eilend, standen und rannten die scheußlichen Larven in -mannichfaltigen Gruppen, höllischen Dämonen ähnlich. - -Roderich nahm den Sterbenden in seine Arme. Mit dem Dolche spielend -hatte er ihn im Zimmer seiner Gattin gefunden. Sie war fast angekleidet -bei seinem Eintreten; beim Anblick des rothen widrigen Kleides hatte -sich seine Erinnerung belebt, das Schreckbild jener Nacht war vor seine -Sinne getreten; knirschend war er auf die zitternde, fliehende Braut -zugesprungen, um den Mord und ihr teuflisches Kunststück zu bestrafen. -Die Alte bestätigte sterbend den verübten Frevel, und das ganze Haus war -plötzlich in Leid, Trauer und Entsetzen verwandelt worden. - - * * * * * - -Alle Zuhörer waren bewegt, am meisten aber Clara, die schon früher -Zeichen von Ungeduld gegeben hatte. Nein! rief sie aus und erhob sich: -es ist nicht auszuhalten! Diese Geschichten gehn zu schneidend durch -Mark und Bein, und ich weiß mich vor Schauder in keinen meiner Gedanken -mehr zu retten. Es ist geradezu abscheulich, dergleichen zu erfinden. -Ich zittre und ängste mich, und vermuthe, daß aus jedem Busche, aus -jeder Laube ein Ungeheuer auf mich zutreten möchte, daß die theuersten -bekanntesten Gestalten sich plötzlich in fremd gespenstische Wesen -verwandeln dürften, und man ist und bleibt thöricht, und hört zu, läßt -sich von den Worten immer weiter und weiter verlocken, bis das -ungeheuerste Grauen uns plötzlich erfaßt, und alle vorigen Empfindungen -wie in einen Strudel gewaltthätig verschlingt. Es fängt an Abend zu -werden, laßt uns hinein gehn und aufhören. - -Das ist aber ganz gegen die Abrede, sagte Manfred; wollt ihr Weiber -einer Akademie vorstehn und die Talente aufmuntern, so müßt ihr auch -mehr Muth und Ausdauer haben. Kannst du den guten Lothar mit dieser -unbilligen Kritik so kränken? Habt ihr es denn nicht vorher gewußt, daß -man euch würde zu fürchten machen? Worüber beklagt ihr euch also? Mir -hat seine Erzählung so wohl gefallen, daß ich, in Nachahmung Alexanders, -ausrufen könnte: ich möchte diesen Liebeszauber geschrieben haben, wenn -ich nicht meinen Runenberg gedichtet hätte! Darum, ihr Besten, laßt die -Narrheit fahren und bleibt hübsch thöricht und in der Ordnung. - -Diese Geschichte und die deinige, Bruder Manfred, sagte Auguste, haben -uns eben alle Lust genommen, noch etwas anzuhören, denn sie sind zu -gräßlich. - -^Et tu, Brute?^ rief Manfred aus; Schwester, du bist ja meine Schwester, -wir sind ja hoffentlich Ein Blut! nicht gegen die eigne Familie und das -verwandte Fleisch richte dein Rezensenten-Wüthen. Und du, Clara, warum -nicht deinen Zorn gegen unsern Anton wenden, der mit seinem Mährchen -zuerst diesen Ton angegeben hat? Aber ich sehe wohl, wir Autoren stehen -so wenig hier, wie irgend wo, vor einem unpartheiischen Richterstuhl; -die Leidenschaften, Vorliebe und Haß regen sich bei jeder -Rezensir-Anstalt. O wohin entfliehen aus dieser verderbten Welt? Ich -werde von nun an gar kein Publikum mehr anerkennen! - -Wir sollen also, sagte Rosalie sanft und erröthend, auch nicht einmal -die kleine Genugthuung haben, zu schelten, wenn man uns durch die Mittel -der Dichtkunst fast aus unsern Sinnen geängstigt hat? - -Laßt es euch doch für diesmal so gefallen, sagte Manfred, wir wollen -euch ein andermal einschläfern und Langeweile genug machen. Habt ihr -aber was zu klagen, so klagt über Anton, den ihr selbst zum Könige -dieses Tages erwählt habt, und der uns befohlen hat, dergleichen Zeug an -den Tag zu fördern. - -Es wäre unbillig, sagte Emilie, ihn zu schelten, der uns so anmuthig -unterhalten hat, und der nur mit leisem Schreck, wie aus der Ferne, die -Schilderung der stillen Einsamkeit wunderbarer und anziehender machte. - -Wie ihr nun seid, fuhr Manfred fort, das eine ist vielleicht gut, und -das andre darum noch nicht schlimm. Die Phantasie, die Dichtung also -wollt ihr verklagen? Aber eure Wirklichkeit! Thut doch nur die Augen -auf, angenehme Gegner und Widersacher, und seht, daß es dort, vor euren -Augen, hinter eurem Rücken, wenn ihr euch nur erkundigt, weit schlimmer -hergeht. Schlimmer und herber, und also auch viel gräßlicher, weil das -Schrecken hier durch nichts Poetisches gemildert wird. Soll ich euch -dergleichen Dinge aus dem alltäglichsten Leben, oder aus der Geschichte -erzählen? Ich bin nicht von den schwächsten Nerven, aber ich weiß noch -wohl, daß ich einige Nächte nicht schlafen konnte, weil mich das Bild -des armen gefolterten Grandier die Tage hindurch bei allen meinen -Geschäften verfolgte, so daß ich selbst das Buch, worin ich sein -Schicksal gelesen, mit Grauen betrachtete. Dieser Mann, ein Geistlicher, -ward durch den gemeinsten abgeschmacktesten Neid der Zauberei -beschuldigt, unkluge Nonnen stellten sich besessen und klagten ihn als -den Urheber ihres Zustandes an; Richelieu, der sich irrigerweise von dem -gebildeten und nicht unwitzigen Manne beleidigt glaubte, ging in die -verächtliche Kabale ein. Grandier lachte anfangs, aber er ward vor -Gericht gezogen, unmenschlich, bis zum Sterben fast, zermartert, und -dann auf die grausamste Weise verbrannt. Alle seine Richter waren von -seiner Unschuld überzeugt, sein hoher Verfolger am innigsten; eine -aufgeklärte witzige Nation spottete über den Prozeß, man besuchte von -Paris die besessenen Nonnen als eine unterhaltende Abentheuerlichkeit: -und doch wurde diese Abscheulichkeit verübt, unsern Tagen ziemlich nahe, -in den Tagen der Philosophie (nicht etwa im sogenannten barbarischen -Mittel-Alter), die ehrwürdige Form der Gerechtigkeit wurde gemißbraucht -und geschändet, die Religion verhöhnt, und alles dies, worüber unser -Eingeweide entbrennt und Rache schreit, hatte weiter keine Folgen, als -daß die Pariser den Zermarterten gutmüthig bedauerten. Soll ich euch aus -den ^causes celèbres^ diese ungeheure Begebenheit vorlesen? Oder jene -Trauergeschichte, welche erzählt, wie ein Familien-Vater unschuldig auf -die Galeeren gesandt wird und dort stirbt, sein Weib und seine unmündige -Tochter aber lange im Kerker schmachten müssen, weil ein Prozeß über -einen bedeutenden Diebstahl schlecht eingeleitet ward, und die Richter -sich vom Stande des Klägers verleiten ließen, übereilt zu verfahren; der -unschuldig Beklagte aber Vermögen, Ehre und Leben auf das schmählichste -einbüßte? Die Kollekte, die das junge Mädchen nachher für ihre Mutter -und sich erhielt und erbettelte, konnte ihnen den Vater nicht wieder -geben, noch den ungeheuren Jammer von ihrer Seele nehmen. Nicht wahr, -diese sind die ächten Gespenstergeschichten? Und wer lebt denn wohl, der -nicht dergleichen zu erzählen wüßte, von der Grausamkeit der Menschen, -der Bestechlichkeit der Aemter, der Unterdrückung des Armen? Von dem -Elend, welches große und kleine Tyrannen erschaffen? Hier könnt ihr euch -nirgend trösten und euch sagen: es ist nur ersonnen! die Kunstform -beruhigt euer Gemüth nicht mit der Nothwendigkeit, ja ihr könnt oft in -diesem Jammer nicht einmal ein Schicksal sehn, sondern nur das Blinde, -Schreckliche, das was sagt: so ist es nun einmal! In dergleichen -mährchenhaften Erfindungen aber kann ja dieses Elend der Welt nur wie -von vielen muntern Farben gebrochen hineinspielen, und ich dächte, auch -ein nicht starkes Auge müßte es auf diese Weise ertragen können. - -Und wenn du auch Recht hättest, sagte Clara, so bleibe ich doch -unerbittlich! - -Nun gut, sagte Manfred, - - Sei ganz ein Weib und gieb - Dich hin dem Triebe, der dich zügellos - Ergreift und dahin oder dorthin reißt. - -Wie macht ihr Zarten, Weichen, Sanftgestimmten, es aber nur in unsern -Theatern? Ich habe mich oft verwundern müssen, daß eure Nerven die -Abscheulichkeiten aushalten können, die wir doch fast täglich dorten -sehen und hören müssen. Ich rede nicht von jenen verfehlten Tragödien, -die, um erhaben zu sein, das Oberste im Menschen zu unterst kehren, denn -über diese kann man lächeln und sich an ihnen unterhalten, immer wird -doch irgend eine That, Begebenheit oder Schicksal dargestellt, welches -mich beruhigt, auch ist hie und da wohl ein Zug oder eine Scene -gelungen, die für das Ganze dann gut stehn müssen; sondern von jenem -kleinlichen Zwitterschauspiele spreche ich, von jenen Familiengemälden -und Hofrathsstücken, von den Hunger- und Elends-Festen von der Noth und -Angst, die bis in den fünften Akt die Seelen zerdrückt, und ein edles -Mädchen fast dahin bringt, einen Lump zu heirathen und das brillanteste -Herz sitzen zu lassen; oder wo ein hochstrebender Sohn den Vater -bestiehlt und zur Verzweiflung bringt, oder Brüder mißhellig sind, -Frauen den Schweiß des Gatten verschwenden, und so weiter: denn wer -vermöchte die unendliche Variation des großen Einerlei auszusprechen? -Bei diesen Jammer-Lustspielen, kann ich nicht läugnen, bin ich ein zu -nervenschwacher Zuschauer, um nicht auf das Aeußerste verstimmt und im -Innern unglücklich zu werden. Denn diese Dichter haben nicht daran -genug, dergleichen Elend nach der Wahrheit zu schildern, wodurch ihre -Kompositionen bloß unkünstlich würden, sondern sie ziehn mit einem -Handgriff, den sie sich alle zu eigen gemacht haben, das Edelste und -Höchste der Menschheit, Kindes- und Elternliebe, Freundschaft, die -theuersten Verhältnisse, die menschlichsten, natürlichsten und -herzlichsten Rührungen in ihre Karrikaturen hinein, und schlagen die -Töne an, die immer anklingen müssen, wenn ein gutmüthiges Publikum kein -heitres Kunstwerk, sondern nur eine prekaire Wahrheit verlangt, und -erregen dadurch die Thränenschauer, auf welche sie in ihren Vorreden so -stolz sind. Dieser Thränen (ich muß sie selbst vergießen, gesteh ich) -sollten wir uns aber schämen, sie sollten uns gerade am meisten in Zorn -gegen den Dichter entzünden, der das Höchste und Theuerste zum -Niedrigsten macht, und auf dem Trödelmarkt ausbietet. Nicht wahr, es -würde uns alle empören, ein Erbstück eines geliebten Vaters, das wir nur -unserm kostbarsten Schranke anvertrauen, plötzlich in der schmuzigen -Judengasse öffentlich ausstehn zu sehn? Gerade so empören mich jene -Dinge, von denen sich unser Publikum so oft erhoben und gebessert fühlt, -denn eben die unwürdigste Taschenspielerei jener Autoren ist es, an ihr -Machwerk die Empfindungen zu knüpfen, die uns als Menschen ewig heilig -und unverletzlich sein sollen. - -Ich verstehe jezt, sagte Emilie, ihren Zorn etwas mehr, der mir oft -genug paradox erschien, indem ich sah, daß sie sich einer gewissen -Rührung nicht erwehren konnten. - -Wie könnt ihr Weiber, fuhr Manfred in seinem Eifer fort, es nur dulden, -daß man eure Mütterlichkeit, eure Liebe, euer zartes Hingeben, eure -ehelichen Tugenden, eure Keuschheit, dort als verzerrte Bilder so -öffentlich an den Pranger stellt? denn das ist es eigentlich, wie sehr -sich alle diese Herren auch die Miene geben wollen, euch und euren Beruf -zu verherrlichen. Und eben so mit den Romanen. In mein Haus soll mir -gewiß kein Buch für Mütter, oder Gattinnen, oder Weiber wie sie sein -sollen, und dergleichen Unkraut kommen, aus der Verkehrtheit unsers -Treibens erwachsen und von der Eitelkeit des Zeitalters genährt. Und -dieselben Herren, die dergleichen wahrhaft unmoralisches Zeug schreiben -und preisen, wollen dem Bauer seinen Siegfried, Oktavian und -Eulenspiegel nehmen, um die Moralität der niedern Stände nicht verderben -zu lassen! Kann es etwas Tolleres und Verkehrteres geben? - -Sollte denn aber, sagte Anton, meine Regierung gleich so verstümmelt -beginnen, zum gefährlichen Beispiel aller meiner Thronfolger, und diese -Abtheilung, die mir zugefallen ist, gar nicht vollendet werden? Was -werden dazu unsre Freunde Friedrich, Wilibald und Theodor sagen? -Warlich, wenn ich meine Pflicht nur irgend nachleben will, darf ich es -nicht zugeben. Die liebenswürdige Clara wird also hiemit für eine -Rebellin erklärt, und ihr eine Minute Frist gestattet, sich zu besinnen, -widrigenfalls sie sich der Strafe aussetzen wird, daß man ihr ganz -allein in der Einsamkeit die Oktavia, oder Armuth und Edelsinn, oder -irgend etwas dem Aehnliches, Großartiges vorlesen soll. - -Ich ergebe mich, sagte Clara; der furchtbare Herrscher, sehe ich, hat zu -schreckliche Strafen in seiner Hand, er will uns zwar nicht mit -Skorpionen, aber doch mit bösem Gewürm geißeln, und darum ziehe ich es -vor, mich dem Lesen dieser Mährchen zu ergeben, wenn denn doch einmal -gelesen werden soll. Nur lebe ich der Hoffnung, daß die drei -Erzählungen, welche noch zurückbleiben, nicht ^crescendo^ dieses Grauen -erhöhen, sondern uns ^decrescendo^ wieder in den ersten Ton zurück -führen werden. - -Vor allem laßt uns in den Saal treten, sagte Emilie; es ist ungewöhnlich -kühl geworden, und unser genesender Beherrscher dürfte von der Abendluft -mehr, wie wir von der Poesie zu befürchten haben. - -Als man den Garten verlassen und sich im offnen Saale wieder geordnet -hatte, sagte Theodor: ich kann wenigstens versichern, daß dasjenige, was -ich mitzutheilen habe, schwerlich Schrecken erregen kann. - -Von meiner Erfindung kann ich das nämliche zusagen, fügte Wilibald -hinzu. - -Wenn Friedrich uns dasselbe verspricht, sagte Clara, so möge denn also -diese Mährchenwelt wieder erscheinen. - -Nur mit Beschämung, sagte Friedrich, kann ich Ihnen diese Blätter -mittheilen, da ich der einzige bin, der seine Erzählung nicht erfunden -hat, sondern mich gezwungen sehe, Ihnen einen Jugendversuch vorzulegen, -welcher nur eine alte Geschichte nacherzählt. Auch ist die Darstellung -so gefaßt, daß ich fürchten muß, dem Gedicht das größte Unrecht gethan -zu haben. Doch erlauben Sie mir ohne weitere Entschuldigung anzufangen. - -Friedrich las: -- - - - - - Liebesgeschichte - der - schönen Magelone - und des - Grafen Peter von Provence. - 1796 - - - - - 1. - Vorbericht. - - -Ist es dir wohl schon je, vielgeliebter Leser, so recht traurig in die -Seele gefallen, wie betrübt es sei, daß das rauschende Rad der Zeit sich -immer weiter dreht, und daß bald das zu unterst gekehrt wird, was -ehemals hoch oben war? So fährt Ruhm, Glanz, Pracht und weltberühmte -Schönheit hin, wie goldene Abendwolken, die hinter fernen Bergen nieder -sinken, und nur auf kurze Zeit noch schwachen gelblichen Schimmer hinter -sich lassen: die Nacht tritt ernst und feierlich herauf, die schwarzen -Heere von Wolken ziehn unter Sternenglanz auf und ab, und der letzte -Schein erlöscht furchtsam; Wind fährt durch den Eichenforst und kein -Hüttenbewohner denkt an die Röthe des Abends zurück. Im Winkel sitzt -wohl ein Knabe in sich versunken und sieht im dämmernden Wiederschein -der Lampe ein Bild der fröhlichen Morgenröthe; ihm dünkt, er höre schon -die muntern Hähne krähen, und wie ein kühler Wind durch die Blätter -rauscht und alle Blumen der Wiese aus ihrem stillen Schlafe weckt; er -vergißt sich selbst und nickt nach und nach ein, indem das Feuer -ausbrennt. Dann kommen Träume über ihn, dann sieht er alles im Glanze -der Sonne vor sich: die wohlbekannte Heimath, über die wunderbare fremde -Gestalten schreiten, Bäume wachsen hervor, die er nie gesehn, sie -scheinen zu reden und menschlichen Sinn, Liebe und Vertrauen zu ihm -ausdrücken zu wollen. Wie fühlt er sich der Welt befreundet, wie schaut -ihn alles mit zärtlichem Wohlgefallen an! die Büsche flüstern ihm liebe -Worte ins Ohr, indem er vorübergeht, fromme Lämmer drängen sich um ihn, -die Quelle scheint mit lockendem Murmeln ihn mit sich nehmen zu wollen, -das Gras unter seinen Füßen quillt frischer und grüner hervor. - -Unter diesem Bilde mag dir, geliebter Leser, der Dichter erscheinen, und -er bittet, daß du ihm vergönnen mögest, dir seinen Traum vorzuführen. -Jene alte Geschichte, die manchen sonst ergötzte, die vergessen ward, -und die er gern mit neuem Lichte bekleiden möchte. - - Der Dichter sieht bemooste Leichensteine, - Die keiner seiner Freunde kennt, - Dann fühlt er, daß beim Mondenscheine - Im Busen fromme Ahndung brennt: - Er steht und sinnt, es rauschen alle Haine, - Es flieht, was ihn von den Gestorbnen trennt, - Freudigen Schrecks er sie als alte Freunde nennt. - - Gern wandl' ich in der stillen Ferne, - In unsrer Väter frommen Zeit, - Ich seh, wie jeder sich so gerne - Der alten guten Mährchen freut, - Oft wiederholt ergötzen sie noch immer, - Sie kehren wieder wie dasselbe Mal, - Der Hörer fühlt des Lebens Lust und Quaal, - Der Liebe holden Frühlingsschimmer. - - Ob ihr die alten Töne gerne hört? - Das Lied aus längst verfloßnen Tagen? - Verzeiht dem Sänger, den es so bethört, - Daß er beginnt das Mährchen anzusagen. - - - - - 2. - Wie ein fremder Sänger an den Hof - des Grafen von Provence kam. - - -In der Provence herrschte vor langer Zeit ein Graf, der einen überaus -schönen und herrlichen Sohn hatte, welcher als die Freude des Vaters und -der Mutter erwuchs. Er war groß und stark, und glänzende blonde Haare -flossen um seinen Nacken und beschatteten sein zartes jugendliches -Gesicht; dabei war er in aller Waffenübung wohl erfahren, keiner führte -im Lande und auch außerhalb die Lanze und das Schwerdt so wie er, so daß -ihn Jung und Alt, Groß und Klein, Adel und Unadel bewunderte. - -Er war oft gern in sich gekehrt, als wenn er irgend einem geheimen -Wunsche nachginge, und viele erfahrene Leute glaubten und schlossen -daher, er sei in Liebe; es wollte ihn darum keiner aus seinen Träumen -aufwecken, weil sie wohl wußten, daß die Liebe ein süßer Ton ist, der im -Ohre schläft und wie aus einem Traume seine phantasiereiche Melodie -fortredet, so daß ihn der Beherberger selbst nur wie ein dunkles Räthsel -versteht, geschweige denn ein Fremder, und daß er oft nur allzuschnell -entflieht, und seine Wohnung in dem Aether und goldenen Morgenwolken -wieder sucht. - -Aber der junge Graf Peter kannte seine eigenen Wünsche nicht; es war -ihm, als wenn ferne Stimmen unvernehmlich durch einen Wald riefen, er -wollte folgen, und Furcht hielt ihn zurück, doch Ahndung drängte ihn -vor. - -Sein Vater gab ein großes Turnier, zu welchem viele Ritter geladen -wurden. Es war ein Wunder anzusehn, wie der zarte Jüngling die -Erfahrensten aus dem Sattel hob, so daß es auch allen Zuschauern -unbegreiflich schien. Er ward von allen gerühmt und für den besten und -stärksten geachtet; aber kein Lob machte ihn stolz, sondern er schämte -sich manchmal selber, daß er so alte und würdige Rittersmänner sollte -überwunden haben. - -Unter andern war auch ein Sänger mit herbei gekommen, der viele fremde -Länder gesehen hatte; er war kein Ritter, aber an Einsicht und Erfahrung -übertraf er manchen Edlen. Dieser gesellte sich zu Graf Peter und lobte -ihn ungemein, schloß aber seine Rede mit diesen Worten: Ritter, wenn ich -euch rathen sollte, so müßt ihr nicht hier bleiben, sondern fremde -Gegenden und Menschen sehn und wohl betrachten, auf daß sich eure -Einsichten, die in der Heimath nur immer einheimisch bleiben, -verbessern, und ihr am Ende das Fremde mit dem Bekannten verbinden -könnt. - -Er nahm seine Laute und sang: - - Keinem hat es noch gereut, - Der das Roß bestiegen, - Und in frischer Jugendzeit - Durch die Welt zu fliegen. - - Berge und Auen, - Einsamer Wald, - Mädchen und Frauen - Prächtig im Kleide, - Golden Geschmeide, - Alles erfreut ihn mit schöner Gestalt. - - Wunderlich fliehen - Gestalten dahin, - Schwärmerisch glühen - Wünsche in jugendlich trunkenem Sinn. - - Ruhm streut ihm Rosen, - Schnell in die Bahn, - Lieben und Kosen, - Lorbeer und Rosen - Führen ihn höher und höher hinan. - - Rund um ihn Freuden, - Feinde beneiden, - Erliegend, den Held, -- - Dann wählt er bescheiden - Das Fräulein, das ihm nur vor allen gefällt. - - Und Berge und Felder - Und einsame Wälder - Mißt er zurück. - Die Eltern in Thränen, - Ach alle ihr Sehnen, -- - Sie alle vereinigt das lieblichste Glück. - - Sind Jahre verschwunden, - Erzählt er dem Sohn - In traulichen Stunden, - Und zeigt seine Wunden, - Der Tapferkeit Lohn. - So bleibt das Alter selbst noch jung, - Ein Lichtstrahl in der Dämmerung. - -Der Jüngling hörte still dem Gesange zu; als er geendigt war, blieb er -eine Weile in sich gekehrt, dann sagte er: ja, nunmehr weiß ich, was mir -fehlt, ich kenne nun alle meine Wünsche, in der Ferne wohnt mein Sinn, -und mancherlei wechselnde buntfarbige Bilder ziehn durch mein Gemüth. -Keine größere Wollust für den jungen Rittersmann, als durch Thal und -über Feld dahin ziehn: hier liegt eine hoch erhabene Burg im Glanz der -Morgensonne, dort tönt über die Wiese durch den dichten Wald des -Schäfers Schallmei, ein edles Fräulein fliegt auf einem weißen Zelter -vorüber, Ritter und Knappen begegnen mir in blanker Rüstung und -Abentheuer drängen sich; ungekannt zieh ich durch die berühmten Städte, -der wunderbarste Wechsel, ein ewig neues Leben umgiebt mich, und ich -begreife mich selber kaum, wenn ich an die Heimath und den stets -wiederkehrenden Kreis der hiesigen Begebenheiten zurück denke. O ich -möchte schon auf meinem guten Rosse sitzen, ich möchte sogleich dem -väterlichen Hause Lebewohl sagen. - -Er war von diesen neuen Vorstellungen erhitzt, und ging sogleich in das -Gemach seiner Mutter, wo er auch den Grafen, seinen Vater, traf. Peter -ließ sich alsbald demüthig auf ein Knie nieder und trug seine Bitte vor, -daß seine Eltern ihm erlauben möchten zu reisen und Abentheuer -aufzusuchen; denn, so schloß er seine Rede: wer immer nur in der Heimath -bleibt, behält auch für seine Lebenszeit nur einen einheimischen Sinn, -aber in der Fremde lernt man das Niegesehene mit dem Wohlbekannten -verbinden, darum versagt mir eure Erlaubniß nicht. - -Der alte Graf erschrak über den Antrag seines Sohnes, noch mehr aber die -Mutter, denn sie hatten sich dessen am wenigsten versehn. Der Graf -sagte: mein Sohn, deine Bitte kömmt mir ungelegen, denn du bist mein -einziger Erbe; wenn ich nun während deiner Abwesenheit mit Tode abginge, -was sollte da aus meinem Lande werden? Aber Peter blieb bei seinem -Gesuch, worüber die Mutter anfing zu weinen und zu ihm sagte: Lieber, -einziger Sohn, du hast noch kein Ungemach des Lebens gekostet und siehst -nur deine schönen Hoffnungen vor dir; allein bedenke, daß es gar wohl -sein kann, daß, wenn du abreisest, tausend Mühseligkeiten schon bereit -stehn, um dir in den Weg zu treten; du hast dann vielleicht mit Elend zu -kämpfen, und wünschest dich zu uns zurück. - -Peter lag noch immer demüthig auf den Knien und antwortete: Vielgeliebte -Eltern, ich kann nicht dafür, aber es ist jezt mein einziger Wunsch, in -die weite fremde Welt zu reisen, um Freud und Mühseligkeit zu erleben, -und dann als ein bekannter und geehrter Mann in die Heimath zurück zu -kehren. Dazu seid ihr ja auch, mein Vater, in eurer Jugend in der Fremde -gewesen, und habt euch weit und breit einen Namen gemacht; aus einem -fremden Lande habt ihr euch meine Mutter zum Gemal geholt, die damals -für die größte Schönheit geachtet wurde; laßt mich ein gleiches Glück -versuchen, seht, mit Thränen bitte ich euch darum. - -Er nahm eine Laute, die er sehr schön zu spielen verstand, und sang das -Lied, das er vom Harfenspieler gelernt hatte, und am Schlusse weinte er -heftig. Die Eltern waren auch gerührt, besonders aber die Mutter; sie -sagte: nun, so will ich dir meinerseits meinen Segen geben, geliebter -Sohn, denn es ist freilich alles wahr, was du da gesagt hast. Der Vater -stand gleichfalls auf und segnete ihn, und Peter war im Herzen vergnügt, -daß er so die Einwilligung seiner Eltern erhalten hatte. - -Es ward nun Befehl gegeben, alles zu seinem Zuge zu rüsten, und die -Mutter ließ Petern heimlich zu sich kommen. Sie gab ihm drei kostbare -Ringe und sagte: Siehe, mein Sohn, diese drei kostbaren Ringe habe ich -von meiner Jugend an sorgfältig bewahrt; nimm sie mit dir und halte sie -in Ehren, und so du ein Fräulein findest, das du liebst und das dir -wieder gewogen ist, so darfst du sie ihr schenken. Er küßte dankbar ihre -Hand, und es kam der Morgen, an welchem er von dannen schied. - - - - - 3. - Wie der Ritter Peter von seinen - Eltern zog. - - -Als Peter sein Pferd besteigen wollte, segnete ihn sein Vater noch -einmal, und sagte zu ihm: mein Sohn, immer möge dich das Glück -begleiten, so daß wir dich gesund und wohlbehalten wieder sehn; denke -stets meiner Lehren, die ich deiner zarten Jugend einprägte: suche die -gute und meide die böse Gesellschaft; halte immer die Gesetze des -Ritterstandes in Ehren, und vergiß sie in keinem Augenblicke, denn sie -sind das edelste, was die edelsten Männer in ihren besten Stunden -erdacht haben; sei immer redlich, wenn du auch betrogen wirst, denn das -ist der Probierstein des Wackern, daß er selten auf rechtliche Menschen -trifft, und doch sich selber gleich bleibt. -- Lebe wohl! -- - -Peter ritt fort, allein und ohne Knappen, denn er wollte allenthalben, -wie es oft die jungen Ritter zu thun pflegten, unbekannt bleiben. Die -Sonne war herrlich aufgegangen, und der frische Thau glänzte auf den -Wiesen. Peter war frohen Muthes und spornte sein gutes Roß, daß es oft -muthig aufsprang. Es lag ihm ein altes Lied im Sinne und er sang es -laut: - - Traun! Bogen und Pfeil - Sind gut für den Feind, - Hülflos alleweil - Der Elende weint; - Dem Edlen blüht Heil - Wo Sonne nur scheint, - Die Felsen sind steil, - Doch Glück ist sein Freund. - -Er kam nach vielen Tagereisen in die edle und vornehme Stadt Neapolis. -Schon unterwegs hatte er viel vom Könige und seiner überaus schönen -Tochter Magelone reden hören, so daß er sehr begierig war, sie von -Angesicht zu Angesicht zu sehn. Er stieg in einer Herberge ab, und -erkundigte sich nach Neuigkeiten; da hörte er vom Wirthe, daß ein -vornehmer Ritter, Herr Heinrich von Carpone, angekommen sei, und daß ihm -zu Ehren ein schönes Turnier gehalten werden solle. Er erfuhr zugleich, -daß auch den Fremden der Zutritt erlaubt sei, wenn sie nach den -Turniergesetzen geharnischt erschienen. Da nahm sich Peter sogleich vor, -auch dabei zu sein, und seine Geschicklichkeit und Stärke zu versuchen. - - - - - 4. - Peter sieht die schöne Magelone. - - -Als der Tag des Turniers erschienen war, legte Peter seine Waffenrüstung -an, und begab sich in die Schranken. Er hatte sich auf seinen Helm zwei -schöne silberne Schlüssel setzen lassen, von ungemein feiner Arbeit, so -war auch sein Schild mit Schlüsseln geziert, auch die Decke seines -Pferdes. Dies hatte er seinem Namen zu Gefallen gethan und zu Ehren des -Apostels Petrus, den er sehr liebte. Von Jugend auf hatte er sich ihm -zum Schirm und Schutz empfohlen, und deswegen wählte er sich auch jezt -dieses Wahrzeichen, da er unbekannt bleiben wollte. - -Unter Trompetenschall trat ein Herold auf, der das Turnier ausrief, das -zu Ehren der schönen Magelone eröffnet wurde. Sie selbst saß auf einem -erhabenen Söller und sah auf die Versammlung der Ritter hinab. Peter -schaute hinauf, er konnte sie aber nicht genau betrachten, weil sie zu -entfernt war. - -Herr Heinrich von Carpone trat zuerst in die Schranken und gegen ihn -stellte sich ein Ritter des Königes. Sie trafen auf einander und der -Königsche wurde bügellos, aber er traf zufälligerweise mit seiner Lanze -das Pferd des Herrn Heinrich vorn an den Schienbeinen, so daß das Roß -mit seinem Reiter zu Boden stürzte. Darüber wurde dem Diener des Königes -der Sieg zugesprochen, als einem, der den Herrn Heinrich umgerennt -hätte. Das verdroß Petern gar sehr, denn Herr Heinrich war ein namhafter -Renner; dazu so berühmte sich der Diener laut und öffentlich seines -Sieges, den er doch nur dem Zufall zu danken hatte. Peter stellte sich -also gegen ihn in die Schranken und rannte ihn vom Pferde hinunter, daß -sich alle über seine Kraft verwundern mußten; er that aber zu aller -Erstaunen noch mehr, denn er machte auch bald die übrigen Sättel ledig, -so daß sich in kurzer Zeit kein Gegner vor ihm mehr finden ließ. Darüber -waren alle begierig, den Namen des fremden Ritters zu wissen, und der -König von Neapel schickte selbst seinen Herold an ihn ab, um ihn zu -erfahren; aber Peter bat in Demuth um die Erlaubniß, daß man ihm noch -ferner erlauben möchte, unbekannt zu bleiben, denn sein Name sei dunkel -und von keinen Thaten verherrlicht; dazu so sei er ein armer geringer -Edelmann aus Frankreich, er wolle seinen Namen daher so lange -verschweigen, bis er es durch Thaten werth geworden sei, sich nennen zu -dürfen. Dem König freute diese Antwort, weil sie ein Beweis von der -Bescheidenheit des Ritters war. - -Es währte nicht lange, so wurde ein zweites Turnier gehalten, und die -schöne Magelone wünschte heimlich im Herzen, daß sie des Ritters mit den -silbernen Schlüsseln wieder ansichtig werden möchte; denn sie war ihm -zugethan, hatte es aber noch Niemand anvertraut, ja sich selber kaum, -denn die erste Liebe ist zaghaft, und hält sich selbst für einen -Verräther. Sie ward roth, als Peter wieder mit seiner kenntlichen -Waffenrüstung in die Schranken trat, und nun die Trommeten schmetterten, -und bald darauf die Spieße an den Schilden krachten. Unverwandt blickte -sie auf Peter, und er blieb in jedem Kampfe Sieger; sie verwunderte sich -endlich darüber nicht mehr, weil ihr war, als könne es nicht anders -sein. Die Feierlichkeit war geendigt, und Peter hatte von neuem großes -Lob und große Ehre eingesammelt. - -Der König ließ ihn an seine Tafel laden, wo Peter der Prinzessin -gegenüber saß und über ihre Schönheit erstaunte, denn er sah sie jezt -zum erstenmal in der Nähe. Sie blickte immer freundlich auf ihn hin, und -dadurch kam er in große Verwirrung; sein Sprechen belustigte den König, -und sein edler und kräftiger Anstand setzte das Hofgesinde in Erstaunen. -Im Saale kam er nachher mit der Prinzessin allein zu sprechen, und sie -lud ihn ein, öfter wieder zu kommen, worauf er Abschied nahm, und sie -ihn noch zuletzt mit einem sehr freundlichen Blicke entließ. - -Peter ging wie berauscht durch die Straßen; er eilte in einen schönen -Garten, und wandelte mit verschränkten Armen auf und nieder, bald -langsam, bald schnell, und die Zeit verfloß, ohne daß er begreifen -konnte, wie die Stunden vorüber waren. Er hörte nichts um sich her, denn -eine innerliche Musik übertönte das Flüstern der Bäume und das rieselnde -Plätschern der Wasserkünste. Tausendmal sagte er sich in Gedanken den -Namen Magelone vor, und erschrak dann plötzlich, weil er glaubte, er -habe ihn laut durch den Garten ausgerufen. Gegen Abend erscholl in der -Gegend eine süße Musik, und nun setzte er sich in das frische Gras -hinter einem Busche und weinte und schluchzte; es war ihm, als wenn sich -der Himmel umgewendet und nun seine Schönheit und paradisische Seite zum -erstenmal herausgekehrt hätte; und doch machte ihn diese Empfindung so -unglücklich, unter allen Freuden fühlte er sich so gänzlich verlassen. -Die Musik floß wie ein murmelnder Bach durch den stillen Garten, und er -sah die Anmuth der Fürstin auf den silbernen Wellen hoch einher -schwimmen, wie die Wogen der Musik den Saum ihres Gewandes küßten, und -wetteiferten, ihr nachzufolgen; gleich einer Morgenröthe schien sie in -die dämmernde Nacht hinein, und die Sterne standen in ihrem Laufe still, -die Bäume hielten sich ruhig und die Winde schwiegen; die Musik war jezt -die einzige Bewegung, das einzige Leben in der Natur, und alle Töne -schlüpften so süß über die Grasspitzen und durch die Baumgipfel hin, als -wenn sie die schlafende Liebe suchten und sie nicht wecken wollten, als -wenn sie, so wie der weinende Jüngling, zitterten, bemerkt zu werden. - -Jezt erklangen die letzten Accente, und wie ein blauer Lichtstrom -versank der Ton, und die Bäume rauschten wieder, und Peter erwachte aus -sich selber und fühlte, daß seine Wange von Thränen naß sei. Die -Springbrunnen plätscherten stärker und führten von den entferntesten -Gegenden des Gartens her laute Gespräche. Peter sang leise folgendes -Lied: - - Sind es Schmerzen, sind es Freuden, - Die durch meinen Busen ziehn? - Alle alten Wünsche scheiden, - Tausend neue Blumen blühn. - - Durch die Dämmerung der Thränen - Seh' ich ferne Sonnen stehn, -- - Welches Schmachten! welches Sehnen! - Wag' ich's? soll ich näher gehn? - - Ach, und fällt die Thräne nieder, - Ist es dunkel um mich her; - Dennoch kömmt kein Wunsch mir wieder, - Zukunft ist von Hoffnung leer. - - So schlage denn, strebendes Herz, - So fließet denn, Thränen, herab, - Ach Lust ist nur tieferer Schmerz, - Leben ist dunkeles Grab. -- - Ohne Verschulden - Soll ich erdulden? - Wie ists, daß mir im Traum - Alle Gedanken - Auf und nieder schwanken! - Ich kenne mich noch kaum. - - O hört mich, ihr gütigen Sterne, - O höre mich, grünende Flur, - Du, Liebe, den heiligen Schwur: - Bleib' ich ihr ferne, - Sterb' ich gerne. - Ach! nur im Licht von ihrem Blick - Wohnt Leben und Hoffnung und Glück! - -Er hatte sich selber etwas getröstet, und schwur sich, Magelonens Liebe -zu erwerben, oder unterzugehn. Spät in der Nacht ging er nach Hause und -setzte sich in seinem Zimmer nieder, und sprach sich jedes Wort wieder -vor, das sie ihm gesagt hatte; bald glaubte er Ursach zu finden, sich zu -freuen, dann wurde er wieder betrübt, und war von neuem in Zweifel. Er -wollte seinem Vater schreiben und richtete in Gedanken die Worte an -Magelonen, und trauerte dann über seine Zerstreuung, daß er es wage, ihr -zu schreiben, die er nicht kenne. Nun erschrak er vor dem Gedanken, daß -ihm das Wesen fremd sei, welches er vor allen übrigen in der Welt so -unaussprechlich theuer liebe. - -Ein süßer Schlummer überraschte ihn endlich und durchstrich seine -Zweifel und Schmerzen, und wunderbare Träume von Liebe und Entführungen, -einsamen Wäldern und Stürmen auf dem Meere tanzten in seinem Gemach auf -und nieder, und bedeckten wie schöne bunte Tapeten die leeren Wände. - - - - - 5. - Wie der Ritter der schönen Magelone - Botschaft sandte. - - -In derselben Nacht war Magelone eben so bewegt als ihr Ritter. Es -däuchte ihr, als könne sie sich auf ihrem einsamen Zimmer nicht lassen; -sie ging oft an das Fenster und sah nachdenklich in den Garten hinab, -und alles war ihr trübe und schwermüthig; sie behorchte die Bäume, die -gegen einander rauschten, dann sah sie nach den Sternen, die sich im -Meere spiegelten; sie warf es dem Unbekannten vor, daß er nicht im -Garten unter ihrem Fenster stehe, dann weinte sie, weil sie gedachte, -daß es ihm unmöglich sei. Sie warf sich auf ihr Bett, aber sie konnte -nur wenig schlafen, und wenn sie die Augen schloß, sah sie das Turnier -und den geliebten Unbekannten, welcher Sieger ward und mit sehnsüchtiger -Hoffnung zu ihrem Altan hinauf blickte. Bald weidete sie sich an diesen -Phantasieen, bald schalt sie auf sich selber; erst gegen Morgen fiel sie -in einen leichten Schlummer. - -Sie beschloß, ihre Zuneigung ihrer geliebten Amme zu entdecken, vor der -sie kein Geheimniß hatte. In einer traulichen Abendstunde sagte sie -daher zu ihr: Liebe Amme, ich habe schon seit lange etwas auf dem -Herzen, welches mir fast das Herz zerdrückt; ich muß es dir nur endlich -sagen und du mußt mir mit deinem mütterlichen Rathe beistehn, denn ich -weiß mir selber nicht mehr zu rathen. Die Amme antwortete: vertraue dich -mir, geliebtes Kind, denn eben darum bin ich älter und liebe dich wie -eine Mutter, daß ich dir guten Anschlag geben möge, denn freilich weiß -sich die Jugend nie selber zu helfen. - -Da die Prinzessin diese freundlichen Worte von ihrer Amme hörte, ward -sie noch dreister und zutraulicher, und fuhr daher also fort: o -Gertraud, hast du wohl den unbekannten Ritter mit den silbernen -Schlüsseln bemerkt? Gewiß hast du ihn gesehn, denn er ist der einzige, -der bemerkenswerth war, alle übrigen dienten nur, ihn zu verherrlichen, -allen Sonnenschein des Ruhms auf ihn zu häufen, und selbst in dunkler -einsamer Nacht zu wohnen. Er ist der einzige Mann, der schönste -Jüngling, der tapferste Held. Seit ich ihn gesehn habe, sind meine Augen -unnütz, denn ich sehe nur meine Gedanken, in denen er wohnt, wie er in -aller seiner Herrlichkeit vor mir steht. Wüßte ich nur noch, daß er aus -einem hohen Geschlechte sei, so wollte ich alle meine Hoffnung auf ihn -setzen. Aber er kann aus keinem unedlen Hause stammen, denn wer wäre -alsdann edel zu nennen? O antworte mir, tröste mich, liebe Amme, und -gieb mir nun Rath. - -Die Amme erschrak sehr, als sie diese Rede verstanden hatte; sie -antwortete: liebes Kind, schon seit lange waren meine Erwartungen so wie -meine Neugier darauf gerichtet, daß du mir gestehn solltest, welchen von -den Edlen des Königreichs, oder welchen Auswärtigen du liebtest, denn -selbst die Höchsten und sogar Könige begehren dein. Aber warum hast du -nun deine Neigung auf einen Unbekannten geworfen, von dem Niemand weiß, -woher er gekommen? Ich zittre, wenn der König, dein Vater, deine Liebe -bemerkt. - -Nun und warum zitterst du? fiel ihr Magelone mit heftigem Weinen in die -Rede. Wenn er sie bemerkt, so wird er zürnen, der fremde Ritter wird den -Hof und das Land verlassen, und ich werde in treuer hoffnungsloser Liebe -sterben; und sterben muß ich, wenn der Unbekannte mich nicht wieder -liebt, wenn ich auf ihn nicht die Hoffnung der ganzen Zukunft setzen -darf. Alsdann bin ich zur Ruhe, und weder mein Vater noch du, keiner -wird mich je mehr verfolgen. - -Da die Amme diese Worte hörte, ward sie sehr betrübt und weinte -ebenfalls. Höre auf mit deinen Thränen, liebes Kind, so rief sie -schluchzend aus: alles will ich ertragen, nur kann ich dich unmöglich -weinen sehn; es ist mir, als müßte ich das größte Elend der Erden -erdulden, wenn dein liebes Gesicht nicht freundlich ist. - -Nicht wahr, man muß ihn lieben? sagte Magelone, und umarmte ihre Amme. -Ich hätte nie einen Mann geliebt, wenn mein Auge ihn nicht gesehn hätte; -wär es also nicht Sünde, ihn nicht zu lieben, da ich so glücklich -gewesen bin, ihn zu finden? Gieb nur Acht auf ihn, wie alle -Vortrefflichkeiten, die sonst schon einzeln andre Ritter edel machen, in -ihm vereinigt glänzen; wie einnehmend sein fremder Anstand ist, daß er -die hiesige italiänische Sitte nicht in seiner Gewalt hat, wie seine -stille Bescheidenheit weit mehr wahre Höflichkeit ist, als die studirte -und gewandte Galanterie der hiesigen Ritter. Er ist immer in -Verlegenheit, daß er Niemand besseres ist, als er, und doch sollte er -stolz darauf sein, daß er niemand anders ist, denn so wie er ist, ist er -das Schönste, was die Natur nur je hervor gebracht hat. O such' ihn auf, -Gertraud, und frage ihn nach seinem Stand und Namen, damit ich weiß, ob -ich leben oder sterben muß; wenn ich ihn fragen lasse, wird er kein -Geheimniß daraus machen, denn ich möchte vor ihm kein Geheimniß haben. - -Als der Morgen kam, ging die Amme in die Kirche und betete; sie sah den -Ritter, der auch in einem andächtigen Gebete auf den Knien lag. Als er -geendet hatte, näherte er sich der Amme und grüßte sie höflich, denn er -kannte sie und hatte sie am Hofe gesehn. Die Amme richtete den Auftrag -des Fräuleins aus, daß sie ihn um seinen Stand und Namen ersuche, weil -es einem so edlen Manne nicht gezieme, sich verborgen zu halten. - -Peter bekam eine große Freude und das Herz schlug ihm, denn er sah aus -diesen Worten, daß ihn Magelone liebe; worauf er sagte: man erlaube mir, -meinen Namen noch zu verschweigen, aber das könnt ihr der Prinzessin -sagen, daß ich aus einem hohen adelichen Geschlechte bin, und daß der -Name meiner Ahnherrn in den Geschichtsbüchern rühmlich bekannt ist. -Nehmt indeß dies zum Angedenken meiner, und laßt es einen kleinen Lohn -sein für die fröhliche Botschaft, so ihr mir wider alles Verhoffen -gebracht habt. - -Er gab hierauf der Amme einen von den dreien köstlichen Ringen, und -Gertraud eilte sogleich zur Prinzessin, ihr die erhaltene Kundschaft -anzusagen, auch zeigte sie ihr den köstlichen Ring, der allein schon -bewies, daß der Ritter aus einem vornehmen Hause stammen müsse. Er hatte -der Amme zugleich ein Pergamentblatt mitgegeben, in Hoffnung, daß -Magelone die Worte lesen würde, die er im Gefühl seiner Liebe -niedergeschrieben hatte. - - Liebe kam aus fernen Landen - Und kein Wesen folgte ihr, - Und die Göttin winkte mir, - Schlang mich ein mit süßen Banden. - - Da begonn ich Schmerz zu fühlen, - Thränen dämmerten den Blick: - Ach! was ist der Liebe Glück, - Klagt' ich, wozu dieses Spielen? - - Keinen hab' ich weit gefunden, - Sagte lieblich die Gestalt, - Fühle du nun die Gewalt, - Die die Herzen sonst gebunden. - - Alle meine Wünsche flogen - In der Lüfte blauen Raum, - Ruhm schien mir ein Morgentraum, - Nur ein Klang der Meereswogen. - - Ach! wer löst nun meine Ketten? - Denn gefesselt ist der Arm, - Mich umfleugt der Sorgen Schwarm; - Keiner, keiner will mich retten? - - Darf ich in den Spiegel schauen, - Den die Hoffnung vor mir hält? - Ach, wie trügend ist die Welt! - Nein, ich kann ihr nicht vertrauen. - - O und dennoch laß nicht wanken - Was dir nur noch Stärke giebt, - Wenn die Einzge dich nicht liebt, - Bleibt nur bittrer Tod dem Kranken. - -Dieses Lied rührte Magelonen; sie las es und las es von neuem, es war -ganz ihre eigene Empfindung, wie von einem Echo nachgesprochen. Sie -betrachtete den köstlichen Ring, und bat die Amme flehentlich, ihr -denselben gegen ein andres Kleinod auszutauschen; die Amme wurde -betrübt, da sie sahe, daß das Herz der Prinzessin so ganz von Liebe -eingenommen sei, sie sagte daher: mein Kind, es schmerzt mich innig, daß -du dich einem Fremden gleich so willig und ganz hingeben willst. -Magelone wurde sehr zornig, als sie diese Worte hörte. Fremd? rief sie -aus; o wer ist dann meinem Herzen nahe, wenn er mir fremd ist? Wehe -müsse dir deine Zunge auf lange thun, für diese Rede, denn sie hat mein -Herz gespalten. Wie kann er mir denn fremd sein, wenn ich selbst mein -eigen bin, da er nichts ist, als was ich bin, da ich nur das sein kann, -was er mir zu sein vergönnt? Die Luft, den Athem, das Leben, alles, -alles darf ich ihm nur danken, mein Herz gehört mir selbst nicht mehr, -seit ich ihn kenne; o, liebe Gertraud, was wär ich in der Welt, und was -wäre die ganze unermeßliche Welt mir, wenn er mir fremd sein müßte? - -Gertraud tröstete sie, und die Prinzessin legte sich schlafen, vorher -aber hing sie an einer feinen Perlenschnur den Ring um den Nacken, daß -er ihr auf der Brust zu liegen kam. Im Schlafe sah sie sich in einem -schönen und lustigen Garten, der hellste Sonnenschein flimmerte auf -allen grünen Blättern, und wie von Harfensaiten tönte das Lied ihres -Geliebten aus dem blauen Himmel herunter, und goldbeschwingte Vögel -staunten zum Himmel hinauf und merkten auf die Noten; lichte Wolken -zogen unter der Melodie hinweg und wurden rosenroth gefärbt und tönten -wieder. Dann kam der Unbekannte in aller Lieblichkeit aus einem dunkeln -Gange, er umarmte Magelonen und steckte ihr einen noch köstlichern Ring -an den Finger, und die Töne vom Himmel herunter schlangen sich um beide -wie ein goldenes Netz, und die Lichtwolken umkleideten sie, und sie -waren von der Welt getrennt nur bei sich selber und in ihrer Liebe -wohnend, und wie ein fernes Klaggetön hörten sie Nachtigallen singen und -Büsche flüstern, daß sie von der Wonne des Himmels ausgeschlossen waren. - -Als Magelone von ihrem schönen Traume erwachte, erzählte sie alles der -Amme, und diese sah jezt ein, daß sie ihren ganzen Sinn auf den -Unbekannten gesetzt hätte, und daß er ihr Glück oder Unglück sein müsse, -worüber sie sehr nachdenklich wurde. - - - - - 6. - Wie der Ritter Magelonen einen Ring - übersandte. - - -Die Amme wandte vielen Fleiß an, den Ritter wieder anzutreffen, und es -geschah, daß sie sich in derselben Kirche wieder fanden. Peter war froh, -als er die Amme ansichtig wurde, und ging sogleich auf sie zu und -erkundigte sich nach dem Fräulein. Sie erzählte ihm alles, wie sie für -großer Liebe den Ring für sich behalten, und die geschriebenen Worte -gelesen, und wie sie in der Nacht von ihm geträumt. Peter ward roth vor -Freuden, als er diese Umstände erzählen hörte und sagte: Ach, liebe -Amme, sagt ihr doch die Empfindungen meines Herzens, und daß ich vor -Sehnsucht verschmachten muß, wenn ich sie nicht bald sprechen kann; -spreche ich sie aber mündlich, so will ich ihr, wie ich sonst Niemand -thue, meinen Stand und Namen entdecken; aber ich liebe sie mit einer -Liebe, wie kein andres Herz es fähig ist, und alle meine Gebete zum -Himmel sind nur der Wunsch, daß ich sie zum ehelichen Gemal überkommen -möchte, und daß ihre Gedanken nur etlichermaßen so nach mir gerichtet -wären, wie die meinigen zu ihr. Gebt ihr auch diesen Ring, und bittet -sie, ihn als ein geringes Andenken von mir zu tragen. - -Die Amme eilte schnell zu Magelonen zurück, die vor übergroßer Liebe -krank war und auf ihrem Ruhebette lag. Sie sprang auf, als sie ihre -Kundschafterin erblickte, umarmte sie und fragte nach Neuigkeiten. Die -Amme erzählte ihr alles und gab ihr auch den kostbaren Ring. Sieh! rief -die Prinzessin aus, das ist eben der Ring, von dem ich geträumt habe; o! -so muß auch das übrige in Erfüllung gehn. Ein Blatt enthielt dieses -Lied: - - Willst du des Armen - Dich gnädig erbarmen? - So ist es kein Traum? - Wie rieseln die Quellen, - Wie tönen die Wellen, - Wie rauschet der Baum! - - Tief lag ich in bangen - Gemäuern gefangen, - Nun grüßt mich das Licht; - Wie spielen die Strahlen! - Sie blenden und malen - Mein schüchtern Gesicht. - - Und soll ich es glauben? - Wird keiner mir rauben - Den köstlichen Wahn? - Doch Träume entschweben, - Nur lieben heißt leben: - Willkommene Bahn! - - Wie frei und wie heiter! - Nicht eile nun weiter, - Den Pilgerstab fort! - Du hast überwunden, - Du hast ihn gefunden, - Den seligsten Ort! - -Magelone sang das Lied, dann küßte sie den Ring, und dann auch den -ersten, um ihn nicht zu kränken; dann las sie die Worte von neuem, und -sprach sie laut, und so trieb sie es in der Einsamkeit bis spät in die -Nacht. - - - - - 7. - Wie der edle Ritter wieder eine Botschaft empfing - von der schönen Magelone. - - -Der Ritter befand sich am folgenden Morgen wieder in der Kirche, weil er -hoffte, von der Geliebten seiner Seele dort eine Nachricht zu -überkommen. Die Amme fand ihn, und es traf sich, daß sie beide in der -Kirche allein waren. Er erkundigte sich nach Magelonen und die Amme -Gertraud erzählte ihm alles, worauf sie sagte: Wenn ihr mir versichert, -Herr Ritter, daß ihr mein Fräulein in aller Zucht und Tugend lieben -wollt, so will ich euch auch nunmehr sagen, wo ihr sie sprechen könnt. -Peter ließ sich auf ein Knie nieder und hob seine Finger in die Höhe. -Ich schwöre, sagte er, daß meine reinsten Gedanken stets um Magelone -sind; ich liebe sie in aller Zucht und Anständigkeit, wie es dem -ehrbaren Ritter ziemt, und so dies nicht wahr ist, so verlasse mich Gott -in meiner allergrößten Noth. Amen! Die Amme war mit diesem Schwure wohl -zufrieden, sie vertraute ihm nun gänzlich und sagte: ich sehe, daß ihr -nicht nur der tapferste, sondern auch der edelste Ritter seid auf Gottes -weiter Erde; ihr sollt euch daher auch alles Beistandes von mir -gewärtiget sein. Ihr seid glücklich in Magelonen und sie ist glücklich -in euch; macht euch daher morgen Nachmittag fertig, durch die heimliche -Pforte des Gartens zu gehn, und sie dann auf meiner Kammer zu sprechen. -Ich will euch allein lassen, damit ihr ganz unverholen eure -Herzensmeinungen ausreden könnt. - -Sie nannte ihm die Stunde, und verließ ihn. Der Ritter stand noch lange -und sah ihr im trunkenen Staunen nach, denn er vertraute dem nicht, was -er gehört hatte. Das Glück, das er so sehnlichst erharrt, rückte ihm nun -so unerwartet näher, daß er es im frohen Entsetzen nicht zu genießen -wagte. Der Mensch erschrickt über den Zufall, selbst wenn er ihn -glücklich macht; wenn unser Schicksal sich plötzlich zur Wonne umändert, -so zweifeln wir in diesem Augenblicke gar zu leicht an der Wirklichkeit -des Lebens. Dies dachte auch Peter bei sich, als er alle seine Sinne in -trüber Verwirrung bemerkte. Wie bin ich so vom Glücke überschüttet, rief -er aus, daß ich gar nicht zu mir selber kommen kann! Wie wohl würde mir -jezt ein Besinnen auf meinen Zustand thun, aber es ist unmöglich! Wenn -wir unsre kühnen Hoffnungen in der Ferne sehn, so freuen wir uns an -ihrem edlen Gange, an ihren goldnen Schwingen, aber jezt flattern sie -mir plötzlich so nahe ums Haupt, daß ich weder sie noch die übrige Welt -wahrzunehmen vermag. - -Er ging nach Hause, und glaubte in manchen Augenblicken, die Zeit stehe -seit der Stunde still, in der er die treue Amme gesprochen hatte, denn -es wollte nicht Abend werden; als es Abend war, saß er ohne Licht in -seiner Kammer und betrachtete die Wolken und Sterne, und sein Herz -schlug ihm ungestüm, wenn er dann plötzlich an sich und Magelonen -dachte. Er glaubte nicht, daß es wieder Tag werden könne, und daß es die -bezeichnete Stunde wagen werde, herauf zu kommen. Eingedämmert von -Erwartungen, banger Sehnsucht und ängstlicher Hoffnung, schlief er auf -seinem Ruhebette ein, und erwachte, als muntre Sonnenstrahlen in seine -Kammer herein spielten, und hell und fröhlich an den Wänden zuckten. - -Er raffte sich auf, und dachte, was er ihr sagen wolle; er erschrak jezt -vor dem Gedanken, daß er sie sprechen müsse; dennoch war es sein -herzinniglichster Wunsch, er konnte sich nicht besänftigen, darum nahm -er die Laute und sang: - - Wie soll ich die Freude, - Die Wonne denn tragen? - Daß unter dem Schlagen - Des Herzens die Seele nicht scheide? - - Und wenn nun die Stunden - Der Liebe verschwunden, - Wozu das Gelüste, - In trauriger Wüste - Noch weiter ein lustleeres Leben zu ziehn, - Wenn nirgend dem Ufer mehr Blumen entblühn? - - Wie geht mit bleibehangnen Füßen - Die Zeit bedächtig Schritt vor Schritt! - Und wenn ich werde scheiden müssen, - Wie federleicht fliegt dann ihr Tritt! - - Schlage, sehnsüchtige Gewalt, - In tiefer treuer Brust! - Wie Lautenton vorüber hallt, - Entflieht des Lebens schönste Lust. - Ach, wie bald - Bin ich der Wonne mir kaum noch bewußt. - - Rausche, rausche weiter fort, - Tiefer Strom der Zeit, - Wandelst bald aus Morgen Heut, - Gehst von Ort zu Ort; - Hast du mich bisher getragen, - Lustig bald, dann still, - Will es nun auch weiter wagen, - Wie es werden will. - - Darf mich doch nicht elend achten - Da die Einzge winkt, - Liebe läßt mich nicht verschmachten, - Bis dies Leben sinkt; - Nein, der Strom wird immer breiter, - Himmel bleibt mir immer heiter, - Fröhlichen Ruderschlags fahr ich hinab, - Bring Liebe und Leben zugleich an das Grab. - - - - - 8. - Wie Peter die schöne Magelone besuchte. - - -Jezt war die Zeit da, und die Stunde gekommen, in welcher der Ritter -seine geliebte Magelone besuchen sollte. Er ging heimlicherweise durch -die Pforte des Gartens und auf die Kammer der Amme, wo er die Prinzessin -fand. Magelone saß auf einem Ruhebett und wollte aufstehn, als sie den -Ritter eintreten sah, und ihm um den Hals fallen, und ihn mit Thränen -und Küssen in die Wette bedecken. Doch mäßigte sie sich und blieb -sitzen, aber eine scharlachene Röthe überzog ihr ganzes Gesicht, so daß -sie aussah wie eine Rose, die sich noch nicht entfaltet hat, und die -jezt der warme Sonnenschein badet, und ihre Blätter aus einander lockt. -Eben so war auch der Ritter, der mit verschämtem Gesicht vor ihr stand, -auf welchem holdselige Freude und Verwirrung sich wechselsweise -ablösten. - -Die Amme verließ das Gemach, und Peter warf sich ohne zu sprechen auf -ein Knie nieder; Magelone reichte ihm die schöne Hand, hieß ihn aufstehn -und sich neben sie nieder setzen. Peter that es, und zitterte an ihrer -Seite; seine Augen waren wie zwei glänzende Sterne, so trunken war er -vor Entzückung, daß er nun die Geliebteste seiner Seele so dicht vor -seinen Augen sah. Lange wollte kein Gespräch in den Gang kommen; ihre -zärtlichen Blicke, die sich verstohlen begegneten, störten die Worte; -aber endlich entdeckte sich ihr der Jüngling, und sagte, daß er sich ihr -ganz zu eigen ergeben habe, seit er sie zuerst gesehn, daß ihr sein -ganzes Leben gewidmet sei, und daß er sich durch ihre Liebe wie von -Engelshänden berührt, aus einem tiefen Schlafe erwacht fühle. - -Er schenkte ihr den dritten Ring, welcher der kostbarste von allen war, -wobei er ihre lilienweiße Hand küßte. Sie war über seine Treue innig -bewegt, stand auf und holte eine köstliche güldene Kette, die sie ihm um -den Hals legte und sagte: hiemit erkenne ich euch für mein und mich für -die eurige, nehmt dieses Andenken, und tragt es immer, so lieb ihr mich -habt. Dann nahm sie den erschrockenen Ritter in die Arme und küßte ihn -herzlich auf den Mund, und er erwiederte den Kuß und drückte sie gegen -sein Herz. - -Sie mußten scheiden, und Peter eilte sogleich nach seinem Zimmer, als -wenn er seinen Waffenstücken und seiner Laute sein Glück erzählen müsse; -er war so froh, als er noch nie gewesen war. Er ging mit großen -Schritten auf und ab und griff in die Saiten, küßte das Instrument und -weinte heftig. Dann sang er mit großer Inbrunst: - - War es dir, dem diese Lippen bebten, - Dir der dargebotne süße Kuß? - Giebt ein irdisch Leben so Genuß? - Ha! wie Licht und Glanz vor meinen Augen schwebten, - Alle Sinne nach den Lippen strebten! - - In den klaren Augen blinkte - Sehnsucht, die mir zärtlich winkte, - Alles klang im Herzen wieder, - Meine Blicke sanken nieder, - Und die Lüfte tönten Liebeslieder! - - Wie ein Sternenpaar - Glänzten die Augen, die Wangen - Wiegten das goldene Haar, - Blick und Lächeln schwangen - Flügel, und die süßen Worte gar - Weckten das tiefste Verlangen: - O Kuß! wie war dein Mund so brennend roth! - Da starb ich, fand ein Leben erst im schönsten Tod. - - - - - 9. - Turnier zu Ehren der schönen Magelone. - - -Der König Magelon von Neapel wünschte jezt, daß seine schöne Tochter in -kurzer Zeit mit Herrn Heinrich von Carpone vermält würde, der sich in -dieser Absicht schon seit lange am Hofe aufhielt. Es ward daher wieder -ein glänzendes Turnier ausgeschrieben, welches alle vorhergehenden an -Pracht übertreffen sollte, und viele berühmte Ritter aus Italien und -Frankreich versammelten sich. Ein Oheim Peters kam auch aus der -Provence, um dem Turniere beizuwohnen: es war derselbe, der den jungen -Grafen zum Ritter geschlagen hatte. - -Das Kampfspiel nahm seinen Anfang, und alle die großen Ritter zogen auf -den Plan, und hielten sich männlich. Peter war ungeduldig und einer der -ersten, welche aufzogen. Er hielt sich so wacker, daß er viele Ritter -von ihren Rossen stach, unter andern auch den Herrn Heinrich. Magelone -stand oben auf dem Altane, und wurde vor Furcht und herzinnigen Wünschen -bald roth und bald blaß. Gegen Peter stellte sich endlich sein Oheim, -der ihn nicht kannte; aber Peter kannte ihn gar wohl, er rief deshalb -den Herold zu sich, und schickte ihn mit diesen Worten an seinen Vetter: -er habe ihm einst in der Ritterschaft einen großen Dienst erwiesen, -deshalb möchte er nicht gegen ihn rennen, sondern er erkenne ihn -ohnedies für den besseren Ritter. Aber der alte Rittersmann ward über -den Antrag zornig, und sagte: habe ich ihm je einen Dienst erwiesen, so -sollte er um so lieber eine Lanze mit mir brechen, um auch mir zu -Gefallen zu leben; meint er denn, daß ich seiner nicht werth sei. Denn -er wird hier für einen überaus tapfern Ritter geachtet, wie auch seine -Thaten genugsam an den Tag legen, daß dem wirklich so sei. Blieb also -mit seinem Rosse auf der Bahn stehn, und dem jungen Ritter ward vom -Herolde die zornige Antwort überbracht. Sie rannten gegen einander, aber -Peter trug seine Lanze in der Quere, um seinen Verwandten nicht zu -verletzen. Jener, Herr Jakob genannt, rannte den Peter so an, daß die -Lanze zersplitterte, und er selber fast bügellos wurde. Alle -verwunderten sich und die beiden Gegner maßen noch einmal die Bahn -zurück, dann ritten sie wieder gegen einander, und Peter trug seine -Lanze wie das erstemal; alle waren in Erstaunen, nur Magelone sah die -Ursach ein, und wußte wohl warum es geschah. Herr Jakob rannte wieder -mit heftiger Gewalt auf seinen Gegner, seine Lanze traf auf Peters -Brustharnisch, aber der junge Ritter blieb unbeweglich im Sattel sitzen, -und der Stoß war so gewaltig, daß Herr Jakob dadurch von sich selber vom -Pferde abfiel. Da das Jakob merkte, zog er sich zurück, und hatte keine -Lust mehr mit dem jungen Ritter zu stechen. Peter besiegte auch die -übrigen Ritter, so daß ihm der Preis mußte zuerkannt werden; der König -und alle vom Hofe waren in Erstaunen, und die übrigen Herren zogen -ergrimmt nach ihrer Heimath zurück, da sie den Namen des unbekannten -Siegers durchaus nicht erfahren konnten. -- - -Peter hatte seine Geliebte indessen schon zum öftern heimlich besucht, -und so nahm er sich einmal vor, ihre Liebe auf die Probe zu stellen. Als -er sie daher wieder sah, that er sehr betrübt, und sagte mit kläglicher -Stimme, daß er bald scheiden müsse, denn seine Eltern würden seinetwegen -in der größten Betrübniß leben, da sie ihn so lange nicht gesehn, auch -keine Nachricht von ihm bekommen hätten. Als Magelone diese Worte hörte, -ward sie blaß, dann fing sie heftig an zu weinen, und sank in den Sessel -zurück. Ja, reiset nur ab, sagte sie, und alle meine traurigen Ahndungen -sind dann in Erfüllung gegangen, ich sehe euch nicht wieder und mein Tod -ist gewiß. Was kümmert er euch? Nun also, was kümmert er mich? -- O -verzeiht, mein Geliebter, nein, es ist wahr, ihr müßt eure Eltern wieder -sehn, ihr habt euch meinetwegen schon zu lange hier aufgehalten; wie -werden sie um euch trauern, wie sehr nach eurer Anwesenheit seufzen. Ja, -lebt dann wohl, auf ewig wohl! - -Peter sagte: nein, meine theuerste Magelone, ich bleibe; wie könnte ich -fortziehn, und dich nicht mehr sehn, nicht mehr diese theuren Augen -erblicken und Hoffnung und Stärke in ihnen finden, diese liebe Stimme -nicht mehr hören, die wie ein Gesang aus dem Paradiese in mein Ohr -dringt? Nein, ich bleibe; kein Gedanke nach meiner Heimath und meinen -Eltern, denn alle meine Gedanken wohnen hier. - -Magelone wurde wieder fröhlicher, dann besann sie sich eine Weile. Wenn -ihr mich liebt, fing sie wieder an, so sollt ihr dennoch reisen. Eure -Worte haben einen Gedanken in mir erweckt, der schon seit lange in -meiner Seele schlummert, denn ich muß euch sagen, es ist jezt an dem, -daß mich mein Vater mit dem Herrn Heinrich von Carpone vermälen will. -Darum flieht von hier, und nehmt mich mit euch, denn ich traue eurem -Edelmuthe; haltet morgen in der Nacht mit zwei starken Pferden vor der -Gartenpforte, aber laßt es Pferde sein, die eine weite und schnelle -Reise wohl vertragen können, denn so man uns einholte, wären wir alle -elend. - -Der Jüngling hörte mit frohem Erstaunen diese Worte. Ja, rief er aus, -wir fliehen schnell zu meinem Vater, und das schönste Band soll uns dann -auf ewig verbinden. - -Er eilte sogleich fort, um die nöthigen Anstalten schnell und heimlich -zu treffen. Magelone besorgte ihrerseits auch das Nöthige, sagte aber -ihrer Amme kein Wort von ihrem Entschlusse, aus Furcht, daß sie alles -verrathen möchte. - -Peter nahm Abschied von seiner Kammer, von den Gegenden der Stadt, durch -die er so oft in seliger Trunkenheit gewandelt war, und die er alle als -Zeugen seiner Liebe betrachtete. Es war ihm rührend, als er die getreue -Laute auf seinem Tische liegen sah, die so oft von seinen Fingern -gerührt die Gefühle seines Herzens ausgesprochen hatte, die eine -Mitwisserin des süßen Geheimnisses war. Er nahm sie noch einmal und -sang: - - Wir müssen uns trennen, - Geliebtes Saitenspiel, - Zeit ist es, zu rennen - Nach dem fernen erwünschten Ziel. - - Ich ziehe zum Streite, - Zum Raube hinaus, - Und hab' ich die Beute, - Dann flieg ich nach Haus. - - Im röthlichen Glanze - Entflieh ich mit ihr, - Es schützt uns die Lanze, - Der Stahlharnisch hier. - - Kommt, liebe Waffenstücke, - Zum Scherz oft angethan, - Beschirmet jezt mein Glücke - Auf dieser neuen Bahn. - - Ich werfe mich rasch in die Wogen, - Ich grüße den herrlichen Lauf, - Schon mancher ward nieder gezogen, - Der tapfere Schwimmer bleibt oben auf. - - Ha! Lust zu vergeuden - Das edele Blut! - Zu schützen die Freuden, - Mein köstliches Gut! - Nicht Hohn zu erleiden, - Wem fehlt es an Muth? - - Senke die Zügel, - Glückliche Nacht! - Spanne die Flügel, - Daß über ferne Hügel - Uns schon der Morgen lacht! - - - - - 10. - Wie Magelone mit ihrem Ritter entfloh. - - -Die Nacht war gekommen. Magelone schlich mit einigen Kostbarkeiten durch -den Garten; der Himmel war mit Wolken bedeckt, und ein sparsames -Mondlicht drang durch die Finsterniß. Sie ging mit wehmüthigen -Empfindungen ihren lieben Blumen vorüber, die sie nun auf immer -verlassen wollte. Ein feuchter Wind wehte durch den Garten und ihr war, -als wenn die Gesträuche winselten und klagten, und ihr ein zärtliches -Lebewohl nachriefen. - -Vor der Pforte hielt Peter mit drei Pferden, darunter war ein Zelter von -einem leichten und bequemen Gange für das Fräulein; auf einem andern -Pferde waren Lebensmittel, damit sie auf der Flucht nicht nöthig hätten -in Herbergen einzukehren. Peter hob das Fräulein auf den Zelter, und so -flohen sie heimlicherweise und unter dem Schutze der Nacht davon. - -Die Amme vermißte am Morgen die Prinzessin, und so fand sich auch bald, -daß der Ritter in der Nacht abgereiset sei; der König merkte daraus, daß -er seine Tochter entführt habe. Er schickte daher viele Leute aus, um -sie aufzusuchen; diese forschten fleißig nach, aber alle kamen nach -verschiedenen Tagen unverrichteter Sache zurück. - -Peter hatte die Vorsicht gebraucht, daß er nach den Wäldern zugeritten -war, die in der Nähe des Meeres lagen; dort waren die Wege am einsamsten -und fast gar nicht besucht, hier floh er mit seiner Geliebten sicher -unter dem dichten Schutze der Nacht hinweg. Der Tritt von den Pferden -hallte im Forste weit hinab, die Wipfel der Bäume rauschten furchtbar in -der Dunkelheit, aber Magelonens Herz war frei und fröhlich, denn sie -hatte immer ihren Geliebten neben sich. Sie weidete sich an seinem -Antlitze, wenn sie über einen freien Platz trabten; sie fragte ihn -mancherlei von seinen Eltern und seiner Heimath, und so verging ihnen -unter banger Erwartung, Gespräch und schönen Hoffnungen die langwierige -Nacht. - -Beim Anbruch des Morgens zogen dichte weiße Nebel durch den Wald, wie -Gottes Segen, der seine Reise antrat und durch unwegsame Büsche den -Saatfeldern zueilte, wo er als Thau niederregnete. Sie zogen durch den -Flug des Nebels weiter, und durch den Morgenwind, der die ganze Natur -aus ihrem tiefen Schlafe wach schüttelte. Magelone klagte über keine -Beschwer, denn sie empfand keine. - -Jezt brach die liebliche Sonne hervor, und äugelte mit glühendem Funkeln -durch den dichten Wald; das grüne Gras schien am Boden zu brennen, und -der wankende Thau erbebte mit tausend blendenden Strahlen. Die Rosse -wieherten, die Vögel erwachten und sprangen mit ihren Liedern von Zweig -zu Zweig, gelbbeschwingte badeten sich im Thau der Wiesen und flatterten -im Glanz des jungen Lichtes dicht über dem Boden hinweg; durch den -blauen Himmel zogen goldene Streifen herauf und bahnten der -aufgegangenen Sonne den Weg; Gesänge ertönten aus allen Büschen, die -muntern Lerchen flogen empor und sangen von oben in die rothdämmernde -Welt hinein. - -Auch Peter stimmte ein fröhliches Lied an, und der schönen Magelone ging -darüber das Herz vor Freuden auf. Seine Stimme zitterte durch alle Bäume -hinab, und ein ferner Wiederhall sang ihm nach. Die beiden Reisenden -sahen in der Gluth des Himmels, im Glanz des frischen Waldes nur einen -Wiederschein ihrer Liebe; jeder Ton rief ihr Herz an, und erfüllte es -mit wehmüthiger Freude. - -Die Sonne stieg höher hinauf, und gegen Mittag fühlte Magelone eine -große Müdigkeit; beide stiegen daher an einer schönen kühlen Stelle des -Waldes von ihren Pferden. Weiches Gras und Moos war auf einer kleinen -Anhöhe zart empor geschossen; hier setzte sich Peter nieder und breitete -seinen Mantel aus, auf diesen lagerte sich Magelone und ihr Haupt ruhte -in dem Schooße des Ritters. Sie blickten sich beide mit zärtlichen Augen -an, und Magelone sagte: Wie wohl ist mir hier, mein Geliebter, wie -sicher ruht sichs hier unter dem Schirmdach dieses grünen Baums, der mit -allen seinen Blättern, wie mit eben so vielen Zungen, ein liebliches -Geschwätze macht, dem ich gerne zuhöre; aus dem dichten Walde schallt -Vogelgesang herauf, und vermischt sich mit den rieselnden Quellen; es -ist hier so einsam und tönt so wunderbar aus den Thälern unter uns, als -wenn sich mancherlei Geister durch die Einsamkeit zuriefen und Antwort -gäben; wenn ich dir ins Auge sehe, ergreift mich ein freudiges -Erschrecken, daß wir nun hier sind; von den Menschen fern und einer dem -andern ganz eigen. Laß noch deine süße Stimme durch dieses harmonische -Gewirr ertönen, damit die schöne Musik vollständig sei, ich will -versuchen ein wenig zu schlafen; aber wecke mich ja zur rechten Zeit, -damit wir bald bei deinen lieben Eltern anlangen können. - -Peter lächelte, er sah wie ihr die schönen Augen zufielen, und die -langen schwarzen Wimpern einen lieblichen Schatten auf dem holden -Angesichte bildeten; er sang: - - Ruhe, Süßliebchen im Schatten - Der grünen dämmernden Nacht, - Es säuselt das Gras auf den Matten, - Es fächelt und kühlt dich der Schatten, - Und treue Liebe wacht. - Schlafe, schlaf' ein, - Leiser rauschet der Hain, -- - Ewig bin ich dein. - - Schweigt, ihr versteckten Gesänge, - Und stört nicht die süßeste Ruh! - Es lauscht der Vögel Gedränge, - Es ruhen die lauten Gesänge, - Schließ, Liebchen, dein Auge zu. - Schlafe, schlaf' ein, - Im dämmernden Schein, -- - Ich will dein Wächter sein. - - Murmelt fort ihr Melodieen, - Rausche nur, du stiller Bach, - Schöne Liebesphantasieen - Sprechen in den Melodieen, - Zarte Träume schwimmen nach, - Durch den flüsternden Hain - Schwärmen goldene Bienelein, - Und summen zum Schlummer dich ein. - - - - - 11. - Wie Peter die schöne Magelone verließ. - - -Peter war durch seinen Gesang beinahe auch eingeschläfert, aber er -ermunterte sich wieder, und betrachtete das holdselige Angesicht der -schönen Magelone, die im Schlafe süß lächelte. Dann sah er über sich und -bemerkte, wie eine Menge schöner und zarter Vögel oben in den Zweigen -sich versammelten, die nicht scheu thaten, sondern hin und her hüpften, -auch jezuweilen auf den kleinen Grasplatz zu ihm herunter kamen. Es -ergötzte ihn, daß diese unvernünftigen Kreaturen an der schönen Magelone -ein Wohlgefallen zu bezeigen schienen. Da sah er aber in dem Baume einen -schwarzen Raben sitzen, und dachte bei sich: wie kommt doch dieser -häßliche Vogel in die Gesellschaft dieser bunten Thierchen, es dünkt mir -nicht anders, als wenn sich ein grober ungeschliffener Knecht unter edle -Ritter eindrängen wollte. - -Ihm däuchte, als wenn Magelone mit Bangigkeit Athem holte, er schnürte -sie daher etwas auf, und ihr weißer schöner Busen trat aus den -verhüllenden Gewändern hervor. Peter war über die unaussprechliche -Schönheit entzückt, er glaubte im Himmel zu sein, und alle seine Sinne -wandten sich um; er konnte nicht aufhören seine Augen zu weiden und sich -an dem Glanze zu berauschen. Mit jedem Athemzuge hob sich die zarte -Brust und sank wieder. Der Ritter fühlte, daß er Magelonen noch nie so -geliebt habe, daß er noch niemals so glücklich gewesen sei. Zwischen den -Brüsten versteckt, bemerkte er einen rothen Zindel; er war neugierig zu -erfahren, was es sein möchte; er nahm ihn und wickelte ihn aus einander. -Da fand er die drei kostbaren Ringe, die er seiner Geliebten geschenkt -hatte, und er war innig gerührt, daß sie sie so liebevoll und sorgfältig -bewahrte. Er wickelte sie wieder ein, und legte sie neben sich in das -Gras; aber plötzlich flog der Rabe vom Baume hernieder und führte den -Zindel hinweg, den er für ein Stück Fleisch ansehn mochte. Peter -erschrak sehr und besorgte, daß Magelone unwillig werden möchte, wenn -ihr beim Erwachen die Ringe fehlten. Er legte ihr also sorgfältig seinen -Mantel unter das Haupt zusammen, und stand leise auf, um zu sehn, wo der -Vogel mit den Ringen bleiben würde. Der Rabe flog vor ihm her, und Peter -warf nach ihm mit Steinen, in der Meinung, ihn zu tödten, oder ihn -wenigstens zu zwingen, seinen Raub wieder fallen zu lassen. Aber der -Vogel flog immer weiter und Peter verfolgte ihn unermüdet, doch keiner -von den Steinwürfen wollte den Raben treffen. So war ihm Peter schon -eine ziemliche Weile gefolgt, und kam jezt an das Meerufer. Nicht weit -vom Ufer stand im Meere eine spitzige Klippe, auf diese setzte sich der -Rabe, und Peter warf von neuem nach ihm mit Steinen; der Vogel ließ -endlich den Zindel fallen, und flog mit großem Geschrei davon. Peter sah -im Meere nicht weit vom Ufer roth den Zindel schwimmen; er ging am Lande -hin und her, um etwas zu finden, worauf er die wenigen Schritte in das -Wasser hinein fahren könne. Er fand auch endlich einen kleinen, alten, -verwitterten Kahn, den die Fischer hier hatten stehen lassen, weil er -ihnen nichts mehr nützte. Peter stieg rasch hinein, nahm einen Zweig, -und ruderte damit, so gut er nur konnte, nach dem Zindel hin. - -Aber plötzlich erhob sich vom Lande her ein starker Wind, die Wellen -jagten sich über einander und ergriffen den kleinen Kahn, in welchem -Peter stand. Peter setzte sich mit allen Kräften dagegen, aber das -Schiff ward dennoch der Klippe vorüber, ins Meer hinein getrieben, und -weiter und immer weiter. Peter sah zurück, und kaum bemerkte er noch den -rothen Flecken, den der Zindel im Meere machte, und jezt verschwand er -völlig, auch das Land lag schon ziemlich entfernt. Nun gedachte Peter an -seine Magelone zurück, die er im wüsten Holze schlafend verlassen hatte; -das Schiff trug ihn wider Willen immer weiter in die See hinein, und er -kam in Angst und Verzweiflung. Er war im Begriff, sich in das Meer zu -stürzen, er schrie und klagte, und alle seine Töne gab ein Echo zurück, -und die Wellen plätscherten laut dazwischen. - -Das Land lag nun schon weit zurück in einer unkenntlichen Ferne, die -Dämmerung des Abends brach herein. Ach theuerste Magelone! rief Peter in -der höchsten Betrübniß seiner Seelen heftig aus: wie wunderlich werden -wir von einander geschieden! Eine schwarze Hand treibt mich von deiner -Seite in das wüste Meer hinaus, und du bist allein und ohne Hülfe. Was -willst du Unglückselige im wüsten Walde beginnen? Ach! ich bin Schuld an -deinem Tode! Mußte ich dich darum, dich Königstochter von deinen Eltern -entführen, um dich der härtesten Noth Preis zu geben? Bist du darum so -zart und edel erzogen, daß du nun vielleicht eine Beute der wilden -Thiere werden mußt? Was wird sie nun machen, wenn sie erwacht, und den -vermißt, den sie für den Getreuesten auf der ganzen Erde hielt? Warum -mußte mein Vorwitz nur die Ringe hervor suchen, konnte ich sie nicht an -ihrem schönsten Platze lassen, wo sie so sicher waren? O weh mir, nun -ist alles verloren und ich muß mich in mein Verderben finden! - -Solche Klagen trieb er, und geberdete sich auf dem wüsten Meere äußerst -trübselig. Er verlor alle Hoffnung, und gab sein Leben auf. Der Mond -schien vom Himmel herab und erfüllte die Welt mit goldener Dämmerung; -alles war still, nur die Wellen seufzten und plätscherten, und Vögel -flatterten zu Zeiten mit seltsamen Tönen über ihn dahin. Die Sterne -standen ernst am Himmel und die Wölbung spiegelte sich in der wogenden -Fluth. Peter warf sich nieder, und sang mit lauter Stimme: - - So tönet dann, schäumende Wellen, - Und windet euch rund um mich her! - Mag Unglück doch laut um mich bellen, - Erbost sein das grausame Meer! - - Ich lache den stürmenden Wettern, - Verachte den Zorngrimm der Fluth; - O mögen mich Felsen zerschmettern! - Denn nimmer wird es gut. - - Nicht klag' ich, und mag ich nun scheitern, - In wäßrigen Tiefen vergehn! - Mein Blick wird sich nie mehr erheitern, - Den Stern meiner Liebe zu sehn. - - So wälzt euch bergab mit Gewittern, - Und raset, ihr Stürme, mich an, - Daß Felsen an Felsen zersplittern! - Ich bin ein verlorener Mann. - -Er lag im Kahne ausgestreckt, und eine dumpfe Betäubung ergriff ihn; er -wußte vor Uebermaß des Schmerzes nicht mehr, wo er war, und ließ sich -gleichgültig von Wind und Wellen weiter treiben; endlich verfiel er in -einen Zustand, der fast einem Schlafe glich. - - - - - 12. - Die Klagen der schönen Magelone. - - -Magelone erwachte, nachdem sie sich durch einen süßen Schlaf erquickt -hatte, und meinte, daß ihr Geliebter noch bei ihr säße. Sie erschrak, -als sie sich aufrichtete und ihn nicht mehr fand; sie wartete erst eine -Weile, ob er nicht wieder kommen möchte, dann ging sie hin und her, und -rief seinen Namen mit lauter Stimme aus. Da sie keine Antwort vernahm, -fing sie an zu weinen und zu schluchzen, wandte sich dann im Holze nach -allen Orten hin, und rief so lange, bis sie heiser war, aber sie erhielt -keine Antwort. Da wurde sie so betrübt, daß sie einen heftigen Schmerz -im Haupte empfand, sie sank auf den Boden nieder, und lag eine Weile in -einer schmerzlichen Ohnmacht. Als sie wieder zu sich erwachte, däuchte -ihr, daß es ein Leichtes sein müsse, jezt gar zu sterben; nun sah sie -nicht mehr auf die Vögel, die scherzend um sie hüpften, denn wenn sie -die Augen aufschlug, war es ihr zu Sinne, daß jede Kreatur, die sich -regte und bewegte, glücklicher sei, als sie. - -Mit vieler Mühe stieg sie auf einen Baum, um sich in der Gegend -umzusehn, ob sie nichts entdecken könne, aber sie sah nichts als Wälder -auf der einen Seite, keine Wohnung, kein Dorf, so weit ihr Auge reichte, -auf der andern Seite das wüste unabsehliche Meer. Trostlos stieg sie -wieder herab, und weinte und klagte von neuem: O ungetreuer Ritter, rief -sie aus, warum hast du deine unschuldige Geliebte verlassen? Hast du -mich darum meinen Eltern geraubt, damit ich hier in der Wüstenei -verschmachten soll? Was hab' ich dir gethan? Hab' ich dich zu sehr -geliebt? Bist du mein überdrüßig, weil ich dir mein schwaches Herz zu -früh zu erkennen gab? O, so bist du der Elendeste unter den Menschen! - -Sie ging wie wahnsinnig im Walde hin und her; da traf sie die Rosse, die -noch so angebunden standen, wie Peter sie fest gemacht hatte. O vergieb -mir, mein Geliebter! rief sie aus, jezt werde ich wohl gewahr, daß du -unschuldig bist und daß du mich nicht vorsätzlicherweise verlassen hast. -Welches Abentheuer hat uns denn von einander getrennt? - -Die Finsterniß brach mit der Nacht herein, und der Mond warf gebrochne -Strahlen durch den Wald; seltsame fremde Stimmen ließen sich in der -Ferne hören, und Magelone fürchtete, daß es das Geschrei wilder Thiere -sei. Mühsam stieg sie wieder auf einen Baum. Die Wolken wechselten am -Himmel wunderlich vom Monde beglänzt, und jagten sich durch einander; -bald sah sie in diesen Lufterscheinungen ihren Ritter, der mit -Ungeheuern kämpfte und sie besiegte; dann verwandelte sich im Zuge das -Wolkengebilde in ein andres; ihr dämmerndes Auge glaubte dann am Himmel -Städte mit hohen Thürmen zu erblicken, oder Berge, auf denen feurige -Castelle brannten, Reiter, die in Geschwadern auszogen, und dem Feinde -im Thale begegneten. Wie Blitze flatterte es dann durch die Landschaft, -und die hellgrüne Himmelsebene lag prächtig zwischen den getrennten -Wolkenbildern; dann fühlte sie, daß sie nur geschwärmt habe, und mit -bangem Grauen warf sie den Blick auf die Wälder unter sich, die schwarz -in ernsten unbeweglichen Gestalten ruhten; sie sah nach der See hinab, -die in unermeßlicher Fläche vor ihren Augen bebte und dämmerte. In der -stillen Nacht kam das Plätschern der Wellen zu ihrem Ohre, das bald wie -Gewinsel, bald wie zürnende Scheltworte klang; dann glaubte sie die -Stimme ihres Vaters und ihrer Mutter zu hören, und so trieb sich ihr -Gemüth unter Phantasieen auf und ab, bis der Morgen empor kam. Wie -verschieden war diese Morgenröthe von der gestrigen! Wie weit stand jezt -die Hoffnung weg, die gestern noch mit leichten Flügeln wie ein blauer -Schmetterling vor ihr hintanzte, die ihr den Weg nach einer lieben -Heimath wies, und alle Blumen am Wege aufsuchte und auf sie hindeutete. - -Das Waldgeflügel ließ seine Gesänge wieder klingen, das frühe Roth -arbeitete sich durch den dichten Wald, schlich gebückt und wundersam -durch die niedrigen Gesträuche, und weckte Gras und Blumen auf; der Wald -brannte in dunkelrothen Flammen und der Nebel wand sich in goldenen -Säulen um die Baumstämme. Magelone hatte in der Nacht beschlossen, nicht -zu ihrem Vater zurückzukehren, denn sie fürchtete seinen Zorn, sie -wollte irgend eine stille Wohnung aufsuchen, von den Menschen -abgesondert, dort immer an ihren Geliebten denken und so in Frömmigkeit -und Treue hinsterben. Sie stieg daher vom Baum herunter und ging wieder -zu den treuen Pferden, die noch angebunden standen, und den Kopf betrübt -zur Erde senkten. Sie löste ihre Zügel, so daß sie gehn konnten, wohin -sie wollten, indem sie sagte: so wandert nun auch hin durch die weite -traurige Welt, und suchet euren Herrn wieder, so wie ich ihn suchen -will. Die Rosse gingen betrübt fort, jedes einen andern Weg. - -Magelone wanderte durch die dichten Wälder, sie hatte einige Nahrung mit -sich genommen. Um sich unkenntlich zu machen, verbarg sie ihre langen -goldenen Haare und zog einen Schleier über ihr Gesicht; sie suchte auch -ihre Kleidung zu verändern. So kam sie durch manche Dörfer und Städte -und blieb immer betrübt. - -Nach einer Wanderung von vielen Tagen stand sie gegen Abend auf einer -freundlichen stillen Wiese, gegenüber lag eine kleine Hütte, und Vieh -weidete auf den nahen Hügeln, das mit seinen Glocken ein angenehmes -Getöne durch die Ruhe des Abends machte: auf der andern Seite lag ein -Wald, und Magelonens Seele wurde hier zum erstenmale nach langer Zeit -ruhig und heiter. Sie faßte daher den Wunsch, in dieser friedlichen -Gegend zu wohnen. Sie ging auf die Hütte zu, aus der ihr ein alter -Schäfer entgegen trat, der hier mit seiner Frau sich angesiedelt hatte, -und fern von der Welt und den Menschen fromme Lämmer groß zog, und einen -kleinen Acker baute. Sie redete ihn an, und flehte als eine Unglückliche -um Schutz und Hülfe. Er nahm sie gerne auf, und sie unterzog sich den -Diensten willig, die sie leisten konnte, dabei aber verschwieg sie ihrem -Wirthe ihre Geschichte. Es geschah manchmal, daß sie einem Unglücklichen -beistehn konnten, wenn ihn der Schiffbruch an die nahgelegene Küste -trieb, und dann zeigte sich besonders Magelone hülfreich und thätig. -Wenn die Alten ausgingen, bewachte sie das Haus, und sang dann manchmal -in der Einsamkeit mit der Spindel vor der Thüre sitzend: - - Wie schnell verschwindet - So Licht als Glanz, - Der Morgen findet - Verwelkt den Kranz, - - Der gestern glühte - In aller Pracht, - Denn er verblühte - In dunkler Nacht. - - Es schwimmt die Welle - Des Lebens hin, - Und färbt sich helle, - Hats nicht Gewinn; - - Die Sonne neiget, - Die Röthe flieht, - Der Schatten steiget - Und Dunkel zieht: - - So schwimmt die Liebe - Zu Wüsten ab, - Ach! daß sie bliebe - Bis an das Grab! - - Doch wir erwachen - Zu tiefer Quaal: - Es bricht der Nachen, - Es löscht der Strahl, - - Vom schönen Lande - Weit weggebracht - Zum öden Strande, - Wo um uns Nacht. - - - - - 13. - Peter unter den Heiden. - - -Peter erholte sich aus seiner Betäubung, als die Sonne eben in aller -Majestät über die große Meeresfluth herauf stieg. Ein furchtbarer Glanz -schwang sich durch den Himmel und löschte Mond und Sterne mit glühenden -Strahlen aus; die Wasser erklangen und verwandelten sich in Purpur, -Wolkenzüge trieben vor der Sonne her und segelten, wie von der Majestät -geschreckt, über das Meer hinweg, und ein sprühender Regen von Funken -verbreitete sich weit umher, und ergoß sich in Bogen über die Fluth. -Peter fühlte wieder männlichen Muth in seiner Brust, die Quaalen des -Lebens so wie seine Freuden zu erdulden. - -Ein großes Schiff segelte auf ihn zu, das von Mohren und Heiden besetzt -war; sie nahmen ihn ein und freuten sich über diese Beute, denn Peter -war gar schön und herrlich von Gestalt, dazu gab ihm seine Jugend ein -zartes und einnehmendes Wesen, so daß niemand sein Feind sein konnte. -Der Anführer des Schiffes beschloß, ihn dem Sultan als ein Geschenk -mitzubringen. - -Man landete, und Peter ward sogleich dem Sultan vorgestellt, der einen -großen Gefallen an ihm fand, und ihn bei der Tafel aufwarten ließ, ihm -auch die Aufsicht über einen schönen Garten anvertraute. Peter war -allgemein beliebt, weil er vom Sultan so gnädig angesehen wurde. Oft -ging er einsam zwischen den Blumen des Gartens, und dachte an seine -geliebte Magelone, oft nahm er auch in der Abendstunde eine Zither und -sang: - - Muß es eine Trennung geben, - Die das treue Herz zerbricht? - Nein dies nenne ich nicht leben, - Sterben ist so bitter nicht. - - Hör' ich eines Schäfers Flöte, - Härme ich mich inniglich, - Seh ich in die Abendröthe, - Denk ich brünstiglich an dich. - - Giebt es denn kein wahres Lieben? - Muß denn Schmerz und Trauer sein? - Wär' ich ungeliebt geblieben, - Hätt' ich doch noch Hoffnungsschein. - - Aber so muß ich nun klagen: - Wo ist Hoffnung, als das Grab? - Fern muß ich mein Elend tragen, - Heimlich stirbt das Herz mir ab. - - - - - 14. - Die Heidin Sulima liebt den Ritter. - - -Peter mochte hier vergnügt leben, wenn die Liebe nicht seine Jugend -verzehrt hätte. Er war nun schon seit lange am Hofe des Sultans und von -ihm und den übrigen geschätzt; er hatte viele Freiheit und ward von -manchem Hofdiener beneidet; aber er verdiente diesen Neid nicht, denn er -ward von seiner Unruhe hin und her getrieben, er seufzte und klagte -laut, wenn er sich im Garten allein befand. - -So verstrich eine Woche nach der andern und er war nun beinahe zwei Jahr -unter den Heiden, ohne daß er Hoffnung hatte, jemals in sein geliebtes -Vaterland zurück zu kehren, denn der Sultan liebte ihn so sehr, daß er -ihn durchaus nicht von sich entfernen wollte. Dies zog sich Peter auch -zu Sinne und ward darüber mit jedem Tage betrübter, denn er dachte -unaufhörlich an seine Eltern und seine Geliebte. Nichts machte ihm -Freude, und da der Frühling wieder kam, weinte er bei seiner Ankunft, -und trauerte tief, indem die ganze Natur ihr holdseligstes Fest beging. - -Der Sultan hatte eine Tochter, die im ganzen Lande ihrer Schönheit wegen -berühmt war, mit Namen Sulima. Sie fand oft Gelegenheit, den Fremden zu -sehn, und ohne daß sie es anfangs wußte, hatte sich eine heftige Liebe -zu ihm in ihr Herz geschlichen. Die Traurigkeit des Ritters zog sie -vorzüglich an, sie wünschte ihn trösten zu können, ihm näher zu kommen, -und mit ihm zu reden. Die Gelegenheit dazu fand sich bald. Eine -vertraute Sklavin führte den Jüngling heimlich in einen Saal des Gartens -zu ihr. Peter war erstaunt und in Verlegenheit; er verwunderte sich über -die Schönheit der Sulima, aber sein Herz hing an Magelonen fest. - -Doch der süße Trieb, sein Vaterland wieder zu sehn, bemeisterte sich -bald aller seiner Sinnen so sehr, daß er einem kühnen Anschlage -nachdachte. Er sah das Heidenmädchen öfter, und sie sagte ihm, daß sie -aus Liebe zu ihm mit ihm entfliehen wolle, erst zu einem Verwandten, der -ein Schiff segelfertig liegen habe, das auf ihren Wink sogleich die -Anker lichten würde; sie wolle ihm in der bestimmten Nacht durch eine -Laute und ein kleines Lied ein Zeichen geben, wann er kommen und sie -abholen solle. Peter überlegte diesen Vorschlag und willigte endlich -ein, denn er überzeugte sich, daß Magelone gewiß gestorben sei, und er -komme doch so in die Christenheit und zu seinen Eltern zurück. - -Der Garten des Sultans lag am Ufer des Meeres, und die bestimmte Nacht -war jezt herbei gekommen. Gegen Abend hatte Peter ein wenig unter den -kühlen Bäumen geschlummert, und Magelone war ihm in aller Herrlichkeit, -aber mit einer drohenden Geberde, im Traum erschienen. Die ganze -Vergangenheit zog mit den lebhaftesten Bildern durch seinen Busen, jede -Stunde seiner glücklichen Liebe kam mit allen seligen Empfindungen -zurück, und als er nun erwachte, erschrak er vor sich selber und seinem -Vorsatze. Er hätte sich selber entfliehen mögen, und das Andenken an -sich und sein Bewußtsein aus seinem Busen vertilgen. - -Die Nacht brach indeß herein, und alle Sterne glänzten schon am Himmel; -der Mond ging auf und warf sein goldenes Netz über das Meer hin, als -Peter nachdenklich am Ufer auf und nieder ging. Ein frischer Wind blies -vom Lande her durch den Garten, und die Bäume rauschten munter und -fröhlich, aber Peter ward dadurch nur desto betrübter. - -O ich Treuloser! ich Undankbarer! rief er aus, will ich so ihre Liebe -belohnen, will ich als ein Meineidiger in mein Vaterland zurück kehren? -Das wäre mir ein schlechter Ruhm unter meinen Verwandten und der ganzen -Ritterschaft; und wie sollte ich gegen Magelonen die Augen aufschlagen -dürfen, wenn sie noch lebt? Und warum sollte sie nicht leben, da ich so -wunderbar erhalten bin? O ich bin ein feiger Sklave, daß ich für mich -selber noch nichts gewagt habe! Warum überlaß ich mich nicht dem gütigen -Schicksal, und fahre in einem dieser Nachen in das Meer hinein? -Ueberließ ich mich nicht auf einem zerbrochenen Brete der empörten -Fluth, und kam an dies Gestade? Soll ich nicht auf Gott vertraun, wenn -von Vaterland, wenn von meiner Liebe die Rede ist? - -Er stieg beherzt in ein kleines Boot, das er vom Lande ablöste, dann -nahm er ein Ruder und arbeitete sich in die See hinein. Es war die -schönste Sommernacht; alle Gestirne sahen freundlich in die -mondbeglänzte Welt hinein, das Meer war eine stille ebene Fläche, und -warme Lüfte spielten über dem ruhigen Spiegel hin. Peters Herz ward groß -von Sehnsucht, er überließ sich dem Zufall und den Sternen, und ruderte -muthig weiter; da hörte er das verabredete Zeichen, eine Zither erklang -aus dem Garten her, und eine liebliche Stimme sang dazu: - - Geliebter, wo zaudert - Dein irrender Fuß? - Die Nachtigall plaudert - Von Sehnsucht und Kuß. - - Es flüstern die Bäume - Im goldenen Schein, - Es schlüpfen mir Träume - Zum Fenster herein. - - Ach! kennst du das Schmachten - Der klopfenden Brust? - Dies Sinnen und Trachten - Voll Quaal und voll Lust? - - Beflügle die Eile - Und rette mich dir, - Bei nächtlicher Weile - Entfliehn wir von hier. - - Die Segel sie schwellen, - Die Furcht ist nur Tand: - Dort, jenseit den Wellen, - Ist väterlich Land. - - Die Heimath entfliehet; - So fahre sie hin! - Die Liebe sie ziehet - Gewaltig den Sinn. - - Horch! wollüstig klingen - Die Wellen im Meer, - Sie hüpfen und springen - Muthwillig einher, - - Und sollten sie klagen? - Sie rufen nach dir! - Sie wissen, sie tragen - Die Liebe von hier. - -Peter erschrak im Herzen, als er diesen Gesang vernahm; das Lied rief -ihm seine Untreue und seinen Wankelmuth nach. Er ruderte stärker, um -sich vom Lande zu entfernen und dem Kreise zu entfliehen, den die -lieblich lockenden Töne in der stillen Abendluft bildeten. Der Geist der -Liebe schwang sich durch den goldenen Himmel; Liebe wollte ihn rückwärts -ziehn, Liebe trieb ihn vorwärts, die Wellen murmelten melodisch -dazwischen, und klangen wie ein Lied in fremder Sprache, dessen Sinn man -aber dennoch erräth. - -Der Gesang vom Ufer her ward immer schwächer. Schon sah Peter die Bäume -am Gestade nicht mehr; es war, als wenn sich ihm die Musik über das Meer -nacharbeitete, und endlich matt und kraftlos nicht weiter zu schwimmen -wagte, sondern zum einheimischen Ufer zurück schlich; denn jezt hörte er -den Gesang nur noch wie ein leises Wehen des Windes, und jezt erlosch -auch die letzte Spur, und die Wellen rieselten nur, und der Ruderschlag -ertönte durch die einsame Stille. - - - - - 15. - Wie Peter wieder zu Christen kam. - - -Wie der Gesang verschollen war, faßte Peter wieder frischen Muth; er -ließ das Schifflein vom Winde hintreiben, setzte sich nieder und sang: - - Wie froh und frisch mein Sinn sich hebt, - Zurückbleibt alles Bangen, - Die Brust mit neuem Muthe strebt, - Erwacht ein neu Verlangen. - - Die Sterne spiegeln sich im Meer, - Und golden glänzt die Fluth. -- - Ich rannte taumelnd hin und her, - Und war nicht schlimm, nicht gut. - - Doch niedergezogen - Sind Zweifel und wankender Sinn, - O tragt mich, ihr schaukelnden Wogen, - Zur längst ersehnten Heimath hin. - - In lieber dämmernder Ferne, - Dort rufen einheimische Lieder, - Aus jeglichem Sterne - Blickt sie mit sanftem Auge nieder. - - Ebne dich, du treue Welle, - Führe mich auf fernen Wegen - Zu der vielgeliebten Schwelle, - Endlich meinem Glück entgegen! - -Als das Morgenroth aufging, sah er das Land nur noch wie eine -unkenntliche blaue Wolke weit hinunter liegen, und er erschrak beinah, -als ihn das allmächtige Meer und der gewölbte Himmel so unermeßlich -umgab. In der Ferne segelte ein Schiff auf ihn zu, und er hätte beinah -geglaubt, daß er sein ehemaliges Unglück nur von neuem träume; aber als -es näher gekommen, sah er, daß die Schiffer Christen waren, die ihn -sogleich willig aufnahmen. Er freute sich, als er hörte, daß sie nach -Frankreich segelten. - - - - - 16. - Der Ritter auf der Reise. - - -Um die Zeit war der Graf von der Provence nebst seiner Gemalin sehr -betrübt, weil sie noch gar keine Nachrichten von ihrem geliebten Sohne -bekommen hatten. Besonders aber war die Mutter in Angst, denn sie hatte -eine große Sehnsucht, ihren einzigen Sohn nach so langer Zeit wieder zu -sehn. Sie sprach oft mit dem Grafen von ihrem Kummer, und daß ihr -schöner Sohn wahrscheinlich umgekommen sei. Da sollte ein Fest gegeben -werden, und ein Fischer brachte einen großen Fisch in die gräfliche -Küche; als ihn der Koch aufschnitt, fand er drei Ringe in dessen Bauche, -die er der Gräfin überbrachte. Die Gräfin verwunderte sich über die -Maßen, denn sie erkannte sie für eben diejenigen, die sie ihrem Sohne -gegeben hatte. Sie sagte daher zu ihrem Gemal: jezt bin ich getröstet, -denn da ich so unvermuthet und auf so wunderbare Weise Kundschaft von -meinem Sohn bekommen habe, so bin ich auch überzeugt, daß Gott ihn nicht -verlassen hat, sondern daß er ihn nach vielen überstandenen -Mühseligkeiten in unsre Arme zurück führen wird. -- - -Peter stand im Schiffe und sah immer nach der Gegend hin, wo die -erwünschte Heimath lag. Die Fahrt war glücklich, und man landete an -einer kleinen unbewohnten Insel, um süßes Wasser einzunehmen. Alles -Schiffsvolk stieg an das Land, und auch Peter. Er ging durch ein -anmuthiges Thal und verlor sich hinter einigen Hügeln in das Land -hinein; da setzte er sich nieder und sah viele schöne Blumen um sich -stehn. Alle blickten ihn wie mit freundlichen, lieblichen Augen an, und -er dachte innig an Magelonen, und wie sie ihn geliebt hatte. Wie kann -der Liebende, rief er aus, sich nur jemals einsam fühlen? Erinnern mich -nicht diese blauen Kelche an ihre holdseligen Augen, dieses goldene -Blatt an ihr Haar, die Pracht dieser Lilie und Rose neben einander, an -ihre zarten Wangen? Ist es doch, als wenn der Wind in den Blumen sich -bewegt, und es, wie auf Saiten versuchen will, ihren süßen Namen -auszusprechen; Quellen und Bäume nennen ihn, für die übrigen Menschen -unverständlich, aber mir laut und vernehmlich. - -Er erinnerte sich eines Gesanges, den er vor langer Zeit gedichtet -hatte, und wiederholte ihn jezt: - - Süß ists, mit Gedanken gehn, - Die uns zur Geliebten leiten, - Wo von blumbewachsnen Höhn - Sonnenstrahlen sich verbreiten. - - Lilien sagen: unser Licht - Ist es, was die Wange schmücket; - Unsern Schein die Liebste blicket: - So das blaue Veilchen spricht. - - Und mit sanfter Röthe lächeln - Rosen ob dem Uebermuth, - Kühle Abendwinde fächeln - Durch die liebevolle Gluth. - - All ihr süßen Blümelein, - Sei es Farbe, sei's Gestalt, - Malt mit liebender Gewalt - Meiner Liebsten hellen Schein, - Zankt nicht, zarte Blümelein. - - Rosen, duftende Narzissen, - Alle Blumen schöner prangen, - Wenn sie ihren Busen küssen - Oder in den Locken hangen, - Blaue Veilchen, bunte Nelken, - Wenn sie sie zur Zierde pflückt, - Müssen gern als Putz verwelken, - Durch den süßen Tod beglückt. - - Lehrer sind mir diese Blüthen, - Und ich thue wie sie thun, - Folge ihnen, wie sie riethen, - Ach! ich will gern alles bieten, - Kann ich ihr am Busen ruhn. - - Nicht auf Jahre sie erwerben, - Nein, nur kurze, kleine Zeit, - Dann in ihren Armen sterben, - Sterben ohne Wunsch und Neid. - - Ach! wie manche Blume klaget - Einsam hier im stillen Thal, - Sie verwelket eh es taget, - Stirbt beim ersten Sonnenstrahl: - Ach, so bitter herzlich naget - Auch an mir die scharfe Quaal, - Daß ich sie und all mein Glücke, - Nimmer, nimmermehr erblicke. - -Er weinte heftig, indem er die letzten Worte sang, denn er glaubte sein -Herz zu verstehn, das ihm ein Unglück vorhersagte. Er betrachtete mit -thränenden Blicken das Blumenlabirinth um sich her, und es war ihm ein -Ergötzen, die Blumen in seiner Einbildung so zu ordnen, daß sie den -Namenszug Magelonens ausdrückten. Dann horchte er auf das lispelnde -Gras, das ihm etwas zu sagen schien, auf die Blüten, die sich oft -zärtlich zu einander neigten, als wenn sie ein herzliches Gespräch von -Liebe führen wollten. In der ganzen Natur sah er liebevolle Eintracht, -und jedes Geräusch klang seinem Ohre wie ein melodischer Gesang. Darüber -verlor er sich immer mehr in Träumen; von den Thränen ermüdet schlief er -endlich unter den Blumen ein, und es war ihm im Traum, als wenn er laut -den Namen Magelone ausrufen hörte; darüber ging ihm sein Herz wie eine -zugeschlossene Knospe auf, und er fühlte eine übergroße Freude. - - - - - 17. - Peter wird von Fischern aufgefunden. - - -Aber der Wind blies indeß lustig in die Segel, und das Schiffsvolk eilte -wieder in das Schiff, um abzufahren, nur Peter blieb aus; man rief ihn, -aber da er nicht kam, fuhren die übrigen fort. - -Als sie schon weit vom Ufer entfernt waren, erwachte Peter aus seinem -erquickenden Schlafe; er erschrak, als er gewahr ward, daß er geschlafen -hatte. Er eilte an das Ufer, aber Niemand war da, und das Schiff nirgend -zu sehn. Da senkte sich eine große Traurigkeit in sein Herz, alle seine -Hoffnungen waren wieder verschwunden: er stürzte nieder und lag am Ufer -des Meeres ohne Besinnung und in tiefer Ohnmacht, so daß es finstre -Nacht wurde und er es nicht bemerkte. - -Als es nach Mitternacht kam, ging der Mond auf, und einige Fischer -fuhren mit einem Kahne an die Insel, um ihre Arbeit hier vorzunehmen; -sie fanden den Jüngling, der für todt auf der Erde ausgestreckt lag. Das -feste Land war nicht weit von dieser Insel, sie luden ihn daher in ihr -kleines Schiff, und fuhren wieder ab, um ihn ins Leben zurück zu -bringen. Schon unterwegs erwachte Peter; es dünkte ihm seltsam, als ihm -der Mond ins Angesicht schien und er die Ruder seufzen hörte, und wie er -vernahm, daß zwei fremde Männer mit einander verabredeten, wie sie ihn -zu einem alten Schäfer bringen wollten, der sein pflegen würde. Oft kam -es ihm vor wie ein Traum, oft wieder wie Wahrheit, und er zweifelte so -lange, bis sie endlich mit dem Aufgang der Sonne landeten. - -Als Peter eine Weile in den erquickenden Sonnenstrahlen gelegen hatte, -ward er wieder munter und richtete sich auf; er dankte in einem Gebete -Gott, daß er ihm wieder von der menschenleeren Insel geholfen habe, dann -gab er den guten Fischern eine Menge Goldes, und ließ sich den Weg nach -der Hütte des Schäfers beschreiben. - -Er ging durch einen dichten, angenehmen Wald, durch dessen dunkle -Schatten der Morgen noch dämmerte. Er folgte einem geschlängelten -Fußpfade, und überdachte schwermüthig sein Schicksal; alles Ungemach, -das er erlitten, kam frisch in seine Seele, und er ward darüber so -unmuthig, daß er von Herzen wünschte, endlich zu sterben. - -Mit diesen Gedanken trat er aus dem Walde und stand vor einer schönen -grünen Wiese, die im Morgenlicht glänzte; gegenüber lag eine kleine -einsame Hütte, und Schaafe wurden von einem alten Manne einen Hügel -hinan getrieben. Alles schimmerte roth und freundlich, und die stille -Ruhe umher brachte auch in Peters Seele Ruhe zurück. Er merkte, daß dies -die Hütte sei, die ihm die Fischer bezeichnet hatten, und er wünschte, -hier einige Tage zu rasten und sich zu erquicken. Er ging daher über die -Wiese, auf der viele wilde Blumen roth und gelb und himmelblau blühten, -der kleinen Hütte näher. Vor der Thüre saß ein schlankes schönes -Mägdlein, zu deren Füßen ein Lamm im Grase spielte; diese sang, indem er -über die Wiese schritt: - - Beglückt, wer vom Getümmel - Der Welt sein Leben schließt, - Das dorten im Gewimmel - Verworren abwärts fließt. - - Hier sind wir all befreundet, - Mensch, Thier und Blumenreich, - Von keinem angefeindet - Macht uns die Liebe gleich. - - Die zarten Lämmer springen - Vergnügt um meinen Fuß, - Die Turteltauben singen - Und girren Morgengruß. - - Der Rosenstrauch mit Grüßen - Beut seine Kinder dar, - Im Thale dort der süßen - Violen blaue Schaar. - - Und wenn ich Kränze winde, - Ertönt und rauscht der Hain, - Es duftet mir die Linde - Im goldnen Mondenschein. - - Die Zwietracht bleibt dahinten, - Und Stolz, Verfolgung, Neid, - Kann nicht die Wege finden - Hieher zur goldnen Zeit. - - Vor mir stehn holde Scherze - Und trübe Sorge weicht; - Allein mein innres Herze - Wird darum doch nicht leicht. - - Weil ich die Liebe kannte - Und Blick und Kuß verstand, - So bin ich nun Verbannte - Weit ab im fernen Land. - - Die Freude macht mich trübe, - Dunkelt den stillen Sinn, - Denn meine zarte Liebe - Ist nun auf ewig hin. -- - - Erinnre und erquicke - Dich an vergangner Lust, - Am schwermuthsvollen Glücke, - Denn sonst zerspringt die Brust. - - Die Morgenröthe lächelt - Mir zwar noch ofte zu, - Und matte Hoffnung fächelt - Mich dann in schönre Ruh: - - Daß ich ihn wieder finde, - Den ich wohl sonst gekannt, - Und daß sich um uns winde - Ein glückgewirktes Band. - - Wer weiß, durch welche Schatten - Sein Fuß schon heute geht, - Dann kömmt er über Matten - Und alles ist verweht, - - Die Seufzer und die Thränen, - Sie löscht das neue Glück, - Und Hoffen, Fürchten, Sehnen - Verschmilzt in Einen Blick. - - - - - 18. - Beschluß. - - -Peter fühlte sich von dem Gesange wie von einer lieblichen Gewalt nach -der Hütte hingezogen. Die Schäferin, welche vor der Thür saß, nahm ihn -freundlich auf, und ließ ihn in der Hütte ausruhn und sich erquicken. -Die beiden Alten kamen auch bald zurück, und hießen ihren edlen Gast von -Herzen willkommen. - -Magelone ging indessen im Felde nachdenklich auf und ab, denn sie hatte -auf den ersten Blick den Ritter erkannt; alle ihre Sorgen waren nun wie -Schnee vor der Frühlingssonne hinweg geschmolzen, und ihr Lebenslauf lag -grün und erfrischt vor ihr, so weit nur ihr Auge reichte. Sie ging in -die Hütte zurück, und gab sich noch nicht zu erkennen. - -Nach zweien Tagen war Peter wieder ganz zu Kräften gekommen. Er saß mit -Magelonen, ohne daß er sie kannte, vor der Thür der Hütte. Bienen und -Schmetterlinge schwärmten um sie, und Peter faßte ein Zutrauen zu seiner -Verpflegerin, so daß er ihr seine Geschichte und sein ganzes Unglück -erzählte. Magelone stand plötzlich auf und ging in ihre Kammer, da löste -sie ihre goldenen Locken auf, und machte sie von den Banden frei, die -sie bisher gehalten hatten, dann zog sie ihre köstliche Kleidung an, die -sie eingeschlossen hielt, und so kam sie plötzlich wieder vor die Augen -Peters. Er war vor Erstaunen außer sich, er umarmte die wiedergefundene -Geliebte, dann erzählten sie sich ihre Geschichte wieder, und weinten -und küßten sich, so daß man hätte ungewiß sein sollen, ob sie vor Jammer -oder übergroßer Freude so herzbrechend schluchzten. So verging ihnen der -Tag. - -Dann reiste Peter mit Magelonen zu seinen Eltern, sie wurden vermält, -und alles war in der größten Freude; auch der König von Neapel versöhnte -sich mit seinem neuen Sohne, und war mit der Heirath wohl zufrieden. - -Auf dem Orte, wo Peter seine Magelone wieder gefunden hatte, ließ er -einen prächtigen Sommerpallast bauen, und setzte den Schäfer zum -Aufseher hinein, den er mit vielem Lohne überhäufte. Vor dem Pallast -pflanzte er mit seiner jungen Gattin einen Baum; dann sangen sie -folgendes Lied, welches sie nachher auf derselben Stelle in jedem -Frühjahre wiederholten: - - Treue Liebe dauert lange, - Ueberlebet manche Stund, - Und kein Zweifel macht sie bange, - Immer bleibt ihr Muth gesund. - - Dräuen gleich in dichten Schaaren, - Fodern gleich zum Wankelmuth - Sturm und Tod, setzt den Gefahren - Lieb entgegen treues Blut. - - Und wie Nebel stürzt zurücke - Was den Sinn gefangen hält, - Und dem heitern Frühlingsblicke - Oeffnet sich die weite Welt. - - Errungen - Bezwungen - Von Lieb ist das Glück, - Verschwunden - Die Stunden - Sie fliehen zurück; - Und selige Lust - Sie stillet - Erfüllet - Die trunkene wonneklopfende Brust, - Sie scheide - Von Leide - Auf immer, - Und nimmer - Entschwinde die liebliche, selige, himmlische Lust! - - * * * * * - -Es war indessen finster geworden. Rosalie klingelte, um Lichter bringen -zu lassen, worauf sie sich gegen Friedrich wandte und sagte: Mir ist -seit meiner frühen Jugend schon diese Geschichte bekannt, aber ich danke -Ihnen dafür, daß Sie das Spital und die Verpflegung der Kranken auf -diese Weise unnöthig gemacht haben; das ländliche Gemälde der heitern -Wiese und stillen Einsamkeit sind der Imagination weit angenehmer. - -Ich dachte vor Jahren eben so, antwortete Friedrich, und habe mir -deshalb diese Umänderung erlaubt, mit der ich jezt aber um so -unzufriedener bin; auch hoffe ich, daß ich Sie wohl noch einmal zu -meiner Meinung, und zur alten Erzählung zurück führen werde. - -Wenn es aber gar nicht erlaubt sein sollte, wandte Auguste ein, alte -bekannte Geschichten nach Gutdünken und Laune abzuändern, und sie unserm -Geschmack zuzubereiten, so würden wir ohne Zweifel viel verlieren, denn -manches ginge ganz unter, das uns so erhalten bleibt. Sind dergleichen -Erfindungen schon ehemals umgeschrieben und neu erzählt worden, so -begreife ich nicht, warum diese Freiheit nicht jedem neuern Dichter -ebenfalls vergönnt sein sollte. In Arabien, wo sie so viele Mährchen -erzählen, bleibt man gewiß nicht immer der Sache treu, denn in jedem -Erzähler regt sich die Lust, die Umstände anders zu wenden, sie -wunderbarer oder anmuthiger zu machen, und sich dadurch die fremde -Erfindung anzueignen. - -Sie mögen nicht Unrecht haben, antwortete Friedrich; wenn aber eine alte -Erzählung einen so herzlichen Mittelpunkt hat, der der Geschichte einen -großen und rührenden Charakter giebt, so ist es doch wohl nur die -Verwöhnung einer neuern Zeit und ihre Beschränktheit, diese Schönheit -ganz zu verkennen, und sie mit einer willkührlichen Abänderung -verbessern zu wollen, durch welche das Ganze eben so wohl Mittelpunkt -als Zweck verliert. - -Ich bin Ihrer Meinung, sagte Clara. Giebt es etwas Rührenderes (und zwar -nicht von der Art des Rührenden, welches man gewöhnlich so nennt), als -daß sie sich in treuer Liebe und Hoffnungslosigkeit dem Dienst der -Kranken fromm und andächtig widmet? Lange hat sie dem selbstgewählten -Berufe mit edler Treue vorgestanden, da kommt er selbst, von Liebe und -Sehnsucht ermattet, an der Trennung sterbend, in ihre Pflege (nicht, wie -hier erzählt wird, halb ungetreu); sie kennt ihn nicht, sie nimmt ihn -auf wie jeden Kranken; da fängt er an zu genesen, er faßt ein Zutrauen -zu der guten, alt scheinenden Wärterin und erzählt ihr seine Geschichte; -sie, vor Schrecken und Wonne wie vernichtet, geht in die Kammer, löst -die rollenden goldgelben Locken auf, wirft das Gewand der Büßenden ab, -und tritt so im Jugendglanz dem wieder vor Augen, der mit dem Frühling -der Gesundheit den Lenz der Liebe von neuem aufblühen sieht. Das alte -Gedicht ist eine Verherrlichung der Liebe und frommen Demuth, die neuere -Erzählung ist süß freigeisterisch und ungläubig. - -Lope de Vega hat unter den Namen der drei Diamanten die Geschichte für -das Theater bearbeitet, bemerkte Lothar, und sie in seiner etwas lockern -Manier ausgeführt; auf dasjenige, was nach unserer Meinung der -Hauptpunkt sein sollte, hat er auch nur wenig Gewicht gelegt. Die Sage -selbst scheint mir aber auch völlig undramatisch. - -Mir nicht, erwiederte Friedrich. Wissen wir doch überhaupt noch nicht -recht, was wir dramatisch oder undramatisch nennen sollen. Nach unsern -gewöhnlichen Ansichten gehn die Novelle und Erzählung oft von selbst in -das Drama über, und viele Novellen sind Komödien nach dieser Meinung, so -wie wir auch nicht wenige Komödien besitzen, selbst berühmte, die -durchaus nur dialogisirte Novellen sind. Diese können sehr geistreich -und witzig sein, wie die des Machiavell zum Beispiel, sind aber darum -doch noch keine Schauspiele. Damit Erzählung oder Sage Schauspiel werde, -muß ein neues Element hinzu treten, welches das Ganze allseitig -durchdringt, und im Mittelpunkte des Gedichtes seine Beglaubigung -findet: dazu Individualität und scheinbare Willkühr, zugleich eine -Aufopferung alles dessen, was die Novelle reizend macht, so daß es dem -ungeübten Auge sogar scheint, als sei eine gute Novelle im Drama nur -verdorben worden. Nicht selten hat man Shakspears Lustspiele so angesehn -und beurtheilt. Häufig aber, wenn wir vom Dramatischen sprechen, -verwechseln wir dieses mit dem Theatralischen, und wiederum ein -mögliches besseres Theater mit unserm gegenwärtigen und seiner -ungeschickten Form; und in dieser Verwirrung verwerfen wir viele -Gegenstände und Gedichte als unschicklich, weil sie sich freilich auf -unsrer Bühne nicht ausnehmen würden. Sehn wir also ein, daß ein neues -Element erst das dramatische Werk als ein solches beurkundet, so ist -wohl ohne Zweifel eine Art der Poesie erlaubt, welche auch das beste -Theater nicht brauchen kann, sondern in der Phantasie eine Bühne für die -Phantasie erbaut, und Kompositionen versucht, die vielleicht zugleich -lyrisch, episch und dramatisch sind, die einen Umfang gewinnen, welcher -gewissermaßen dem Roman untersagt ist, und sich Kühnheiten aneignen, die -keinem andern dramatischen Gedichte ziemen. Diese Bühne der Phantasie -eröffnet der romantischen Dichtkunst ein großes Feld, und auf ihr dürfte -diese Magelone und manche alte anmuthige Tradition sich wohl zu zeigen -wagen. - -Ernst sagte hierauf: unter einigen gelehrten Italiänern ist es eine alte -hergebrachte Meinung, daß diese Geschichte, so wie wir sie jezt als -Volksbuch besitzen, die früheste Uebung des Petrarka gewesen sei, der -sie so nach einem Manuskript aus dem zwölften Jahrhundert umgearbeitet -habe. Die Erzählung ist so schön und einfach, daß die Sache an sich -selbst nicht unwahrscheinlich ist. - -Manfred schlug ein lautes Gelächter auf, und sagte nach einiger Zeit: O -vortrefflich! Die Autoren, die uns den Oktavian und die Heymonskinder in -ihrer alten treuherzigen Gestalt gaben, waren gewiß auch keine Stümper, -und wer weiß, ob nicht einst entdeckt wird, daß unser Eulenspiegel -nichts als eine Umwandlung des berühmten verlorenen Margites ist. Wie -recht hat Wilhelm Schlegel, wenn er einmal sagt: die gebildeten Stände -in Deutschland haben noch keine Literatur, aber der Bauer hat sie. Denn -wohl sind in diesen unscheinbaren schlecht gedruckten Schriften fast -alle Elemente der Poesie, vom Heroischen bis zum Zärtlichen und hinab -zum kräftig Komischen, ausgesprochen. Ich muß hier auf meine -Verwunderung zurück kommen: was meinen nemlich nur die Herren, die mit -fanatischer Vernünftigkeit und Mangel alles poetischen Sinnes diese -Bücher verfolgen, sie dem Bauer nehmen und Strafen auf ihre Verbreitung -setzen? Wenn ich nicht irre, war vor einigen dreißig Jahren der gute -alte Büsching der erste, welcher auf diesen Krieg antrug; seine Stimme -wurde damals nicht gehört; jezt aber dringt seine gut gemeinte Thorheit -durch, zu einer Zeit, wo man sich doch zugleich bemüht, Patriotismus und -die alten verstorbenen Tugenden, die dem Aufgeklärteren ja auch nur -Aberglaube waren, wieder aufzupflanzen. Ich möchte mir doch nur das Böse -nennen und aufzeigen lassen, welches diese unschuldigen Poesien schon -hervorgebracht haben. Oder hätten diese Herren diese Bücher vielleicht -gar nicht gelesen? Der Druck ist nicht der beste, die Vignetten sind -nicht in punktirter Manier, auch hat sich weder Petrarka noch ein andrer -berühmter Name bei ihrer Herausgabe genannt, und das ist freilich -verdächtig genug. Sollten denn wirklich etwa die paar freien Späße im -Eulenspiegel und den Schildbürgern die Nation verderben können? Wird man -denn die Schenken verschließen, oder einen Polizeiwächter hinein setzen, -der jeden nicht sittlichen Spaß eines lustigen Bruders aufzeichnet und -der Behörde einreicht? Oder hofft man wirklich durch das alberne -moralische Gewäsch, welches sie jezt als Volksbücher drucken lassen, von -gutgearteten Gatten und saubern Kindern, Birnenmost, Giftkräutern und -Wohlthätigkeit, die niederen Stände so tief in die edle Gesinnung hinein -und unterzutauchen, daß keiner mehr eine Zwei- oder Eindeutigkeit -spricht und denkt? O der glorreichen Aussicht in das künftige -Jahrhundert! - -Suchte man nur etwa, sagte Wilibald, die astrologischen und -Zauberbücher, deren es noch hie und da, aber auch nur selten giebt, zu -verbannen, so hätte die Sache Sinn, aber so ist sie freilich eine -Erscheinung, die im grellsten Widerspruche mit der Zeit steht, die -dieselben verfolgten Bücher zu achten und zu studiren anfängt. - -Im Gegentheil, fuhr Ernst fort, sollten wir dem gemeinen Manne nicht nur -diese Poesien lassen, sondern ihm auch eine ihm verständliche -Bearbeitung der Niebelungen und der Heldenbücher in die Hände zu spielen -suchen, damit er sich vor der weichlichen leeren Leserei bewahre, die -auch ihn zu ergreifen und auszuhöhlen droht. Der Spanier hat, zu unsrer -Beschämung, eine höchst wohlfeile Ausgabe seines vortrefflichen Don -Quixote, mit schlechten Holzschnitten und auf grobem Papier. Aber bei -uns ist es keinem, auch in der ersten Begeisterung eingefallen, dem -deutschen Bauer etwa den Götz von Berlichingen so anzubieten. Ließe man -doch überhaupt das Bewachen des Volks, und lernte es erst kennen, wäre -dann selber erzogen, um andre zu erziehn, und suchte nicht eine falsche, -schwächliche Bildung Nationen aufzuprägen. - -Mit Verlaub, sagte Theodor, daß ich diesen Diskurs unterbreche, es wird -sonst Mitternacht, ehe wir unsre Vorlesungen geendigt haben. - -Er fing an. - - - - - Die Elfen. - 1811. - - -Wo ist denn die Marie, unser Kind? fragte der Vater. - -Sie spielt draußen auf dem grünen Platze, antwortete die Mutter, mit dem -Sohne unsers Nachbars. - -Daß sie sich nicht verlaufen, sagte der Vater besorgt; sie sind -unbesonnen. - -Die Mutter sah nach den Kleinen und brachte ihnen ihr Vesperbrod. Es ist -heiß! sagte der Bursche, und das kleine Mädchen langte begierig nach den -rothen Kirschen. Seid nur vorsichtig, Kinder, sprach die Mutter, lauft -nicht zu weit vom Hause, oder in den Wald hinein, ich und der Vater gehn -aufs Feld hinaus. Der junge Andres antwortete: o sei ohne Sorge, denn -vor dem Walde fürchten wir uns, wir bleiben hier beim Hause sitzen, wo -Menschen in der Nähe sind. - -Die Mutter ging und kam bald mit dem Vater wieder heraus. Sie -verschlossen ihre Wohnung und wandten sich nach dem Felde, um nach den -Knechten und zugleich auf der Wiese nach der Heuernte zu sehn. Ihr Haus -lag auf einer kleinen grünen Anhöhe, von einem zierlichen Stakete -umgeben, welches auch ihren Frucht- und Blumengarten umschloß; das Dorf -zog sich etwas tiefer hinunter, und jenseit erhob sich das gräfliche -Schloß. Martin hatte von der Herrschaft das große Gut gepachtet, und -lebte mit seiner Frau und seinem einzigen Kinde vergnügt, denn er legte -jährlich zurück, und hatte die Aussicht, durch Thätigkeit ein -vermögender Mann zu werden, da der Boden ergiebig war und der Graf ihn -nicht drückte. - -Indem er mit seiner Frau nach seinen Feldern ging, schaute er fröhlich -um sich, und sagte: wie ist doch die Gegend hier so ganz anders, -Brigitte, als diejenige, in der wir sonst wohnten. Hier ist es so grün, -das ganze Dorf prangt von dichtgedrängten Obstbäumen, der Boden ist voll -schöner Kräuter und Blumen, alle Häuser sind munter und reinlich, die -Einwohner wohlhabend, ja mir dünkt, die Wälder hier sind schöner und der -Himmel blauer, und so weit nur das Auge reicht, sieht man seine Lust und -Freude an der freigebigen Natur. - -So wie man nur, sagte Brigitte, dort jenseit des Flusses ist, so -befindet man sich wie auf einer andern Erde, alles so traurig und dürr; -jeder Reisende behauptet aber auch, daß unser Dorf weit und breit in der -Runde das schönste sei. - -Bis auf jenen Tannengrund, erwiederte der Mann; schau einmal dorthin -zurück, wie schwarz und traurig der abgelegene Fleck in der ganzen -heitern Umgebung liegt; hinter den dunkeln Tannenbäumen die rauchige -Hütte, die verfallenen Ställe, der schwermüthig vorüberfließende Bach. - -Es ist wahr, sagte die Frau, indem beide still standen, so oft man sich -jenem Platze nur nähert, wird man traurig und beängstigt, man weiß -selbst nicht warum. Wer nur die Menschen eigentlich sein mögen, die dort -wohnen, und warum sie sich doch nur so von allen in der Gemeinde -entfernt halten, als wenn sie kein gutes Gewissen hätten. - -Armes Gesindel, erwiederte der junge Pachter, dem Anschein nach -Zigeunervolk, die in der Ferne rauben und betrügen, und hier vielleicht -ihren Schlupfwinkel haben. Mich wundert nur, daß die gnädige Herrschaft -sie duldet. - -Es können auch wohl, sagte die Frau weichmüthig, arme Leute sein, die -sich ihrer Armuth schämen, denn man kann ihnen doch eben nichts Böses -nachsagen; nur ist es bedenklich, daß sie sich nicht zur Kirche halten, -und man auch eigentlich nicht weiß, wovon sie leben, denn der kleine -Garten, der noch dazu ganz wüst zu liegen scheint, kann sie unmöglich -ernähren, und Felder haben sie nicht. - -Weiß der liebe Gott, fuhr Martin fort, indem sie weiter gingen, was sie -treiben mögen; kommt doch auch kein Mensch zu ihnen, denn der Ort, wo -sie wohnen, ist ja wie verbannt und verhext, so daß sich auch die -vorwitzigsten Bursche nicht hingetrauen. - -Dieses Gespräch setzten sie fort, indem sie sich in das Feld wandten. -Jene finstre Gegend, von welcher sie sprachen, lag abseits vom Dorfe. In -einer Vertiefung, welche Tannen umgaben, zeigte sich eine Hütte und -verschiedene fast zertrümmerte Wirthschaftsgebäude, nur selten sah man -Rauch dort aufsteigen, noch seltner wurde man Menschen gewahr; -jezuweilen hatten Neugierige, die sich etwas näher gewagt, auf der Bank -vor der Hütte einige abscheuliche Weiber in zerlumptem Anzuge -wahrgenommen, auf deren Schooß eben so häßliche und schmuzige Kinder -sich wälzten; schwarze Hunde liefen vor dem Reviere, in Abendstunden -ging wohl ein ungeheurer Mann, den Niemand kannte, über den Steg des -Baches und verlor sich in die Hütte hinein; dann sah man in der -Finsterniß sich verschiedene Gestalten, wie Schatten um ein ländliches -Feuer bewegen. Dieser Grund, die Tannen und die verfallene Hütte machten -wirklich in der heitern grünen Landschaft, gegen die weißen Häuser des -Dorfes und gegen das prächtige neue Schloß, den sonderbarsten Abstich. - -Die beiden Kinder hatten jezt die Früchte verzehrt; sie verfielen -darauf, in die Wette zu laufen, und die kleine behende Marie gewann dem -langsameren Andres immer den Vorsprung ab. So ist es keine Kunst! rief -endlich dieser aus, aber laß es uns einmal in die Weite versuchen, dann -wollen wir sehen, wer gewinnt! Wie du willst, sagte die Kleine, nur nach -dem Strome dürfen wir nicht laufen. Nein, erwiederte Andres, aber dort -auf jenem Hügel steht der große Birnbaum, eine Viertelstunde von hier, -ich laufe hier links um den Tannengrund vorbei, du kannst rechts in das -Feld hinein rennen, daß wir nicht eher als oben wieder zusammen kommen, -so sehen wir dann, wer der beste ist. - -Gut, sagte Marie, und fing schon an zu laufen, so hindern wir uns auch -nicht auf demselben Wege, und der Vater sagt ja, es sei zum Hügel hinauf -gleich weit, ob man diesseits, ob man jenseits der Zigeunerwohnung geht. - -Andres war schon vorangesprungen und Marie, die sich rechts wandte, sah -ihn nicht mehr. Er ist eigentlich dumm, sagte sie zu sich selbst, denn -ich dürfte nur den Muth fassen, über den Steg, bei der Hütte vorbei, und -drüben wieder über den Hof hinaus zu laufen, so käme ich gewiß viel -früher an. Schon stand sie vor dem Bache und dem Tannenhügel. Soll ich? -Nein, es ist doch zu schrecklich, sagte sie. Ein kleines weißes Hündchen -stand jenseit und bellte aus Leibeskräften. Im Erschrecken kam das Thier -ihr wie ein Ungeheuer vor, und sie sprang zurück. O weh! sagte sie, nun -ist der Bengel weit voraus, weil ich hier steh und überlege. Das -Hündchen bellte immer fort, und da sie es genauer betrachtete, kam es -ihr nicht mehr fürchterlich, sondern im Gegentheil ganz allerliebst vor: -es hatte ein rothes Halsband um, mit einer glänzenden Schelle, und so -wie es den Kopf hob und sich im Bellen schüttelte, erklang die Schelle -äußerst lieblich. Ei! es will nur gewagt sein! rief die kleine Marie, -ich renne was ich kann, und bin schnell, schnell jenseit wieder hinaus, -sie können mich doch eben nicht gleich von der Erde weg auffressen! -Somit sprang das muntere muthige Kind auf den Steg, rasch an den kleinen -Hund vorüber, der still ward und sich an ihr schmeichelte, und nun stand -sie im Grunde, und rund umher verdeckten die schwarzen Tannen die -Aussicht nach ihrem elterlichen Hause und der übrigen Landschaft. - -Aber wie war sie verwundert. Der bunteste, fröhlichste Blumengarten -umgab sie, in welchem Tulpen, Rosen und Lilien mit den herrlichsten -Farben leuchteten, blaue und goldrothe Schmetterlinge wiegten sich in -den Blüten, in Käfigen aus glänzendem Drath hingen an den Spalieren -vielfarbige Vögel, die herrliche Lieder sangen, und Kinder in weißen -kurzen Röckchen, mit gelockten gelben Haaren und hellen Augen, sprangen -umher, einige spielten mit kleinen Lämmern, andere fütterten die Vögel, -oder sammelten Blumen und schenkten sie einander, andere wieder aßen -Kirschen, Weintrauben und röthliche Aprikosen. Keine Hütte war zu sehn, -aber wohl stand ein großes schönes Haus mit eherner Thür und erhabenem -Bildwerk leuchtend in der Mitte des Raumes. Marie war vor Erstaunen -außer sich und wußte sich nicht zu finden; da sie aber nicht blöde war, -ging sie gleich zum ersten Kinde, reichte ihm die Hand und bot ihm guten -Tag. Kommst du uns auch einmal zu besuchen? sagte das glänzende Kind; -ich habe dich draußen rennen und springen sehn, aber vor unserm Hündchen -hast du dich gefürchtet. -- So seid ihr wohl keine Zigeuner und -Spitzbuben, sagte Marie, wie Andres immer spricht? O freilich ist der -nur dumm, und redet viel in den Tag hinein. -- Bleib nur bei uns, sagte -die wunderbare Kleine, es soll dir schon gefallen. -- Aber wir laufen ja -in die Wette. -- Zu ihm kommst du noch früh genug zurück. Da nimm, und -iß! -- Marie aß, und fand die Früchte so süß, wie sie noch keine -geschmeckt hatte, und Andres, der Wettlauf, und das Verbot ihrer Eltern -waren gänzlich vergessen. - -Eine große Frau in glänzendem Kleide trat herzu, und fragte nach dem -fremden Kinde. Schönste Dame, sagte Marie, von ohngefähr bin ich herein -gelaufen, und da wollen sie mich hier behalten. Du weißt, Zerina, sagte -die Schöne, daß es ihr nur kurze Zeit erlaubt ist, auch hättest du mich -erst fragen sollen. Ich dachte, sagte das glänzende Kind, weil sie doch -schon über die Brücke gelassen war, könnt' ich es thun; auch haben wir -sie ja oft im Felde laufen sehn, und du hast dich selber über ihr -muntres Wesen gefreut; wird sie uns doch früh genug verlassen müssen. - -Nein, ich will hier bleiben, sagte die Fremde, denn hier ist es schön, -auch finde ich hier das beste Spielzeug und dazu Erdbeeren und Kirschen, -draußen ist es nicht so herrlich. - -Die goldbekleidete Frau entfernte sich lächelnd, und viele von den -Kindern sprangen jezt um die fröhliche Marie mit Lachen her, neckten sie -und ermunterten sie zu Tänzen, andre brachten ihr Lämmer oder -wunderbares Spielgeräth, andre machten auf Instrumenten Musik und sangen -dazu. Am liebsten aber hielt sie sich zu der Gespielin, die ihr zuerst -entgegen gegangen war, denn sie war die freundlichste und holdseligste -von allen. Die kleine Marie rief einmal über das andre: ich will immer -bei euch bleiben und ihr sollt meine Schwestern sein, worüber alle -Kinder lachten und sie umarmten. Jezt wollen wir ein schönes Spiel -machen, sagte Zerina. Sie lief eilig in den Pallast und kam mit einem -goldenen Schächtelchen zurück, in welchem sich glänzender Saamenstaub -befand. Sie faßte mit den kleinen Fingern, und streute einige Körner auf -den grünen Boden. Alsbald sah man das Gras wie in Wogen rauschen, und -nach wenigen Augenblicken schlugen glänzende Rosengebüsche aus der Erde, -wuchsen schnell empor und entfalteten sich plötzlich, indem der süßeste -Wohlgeruch den Raum erfüllte. Auch Maria faßte von dem Staube, und als -sie ihn ausgestreut hatte, tauchten weiße Lilien und die buntesten -Nelken hervor. Auf einen Wink Zerinas verschwanden die Blumen wieder und -andre erschienen an ihrer Stelle. Jezt, sagte Zerina, mache dich auf -etwas Größeres gefaßt. Sie legte zwei Pinienkörner in den Boden und -stampfte sie heftig mit dem Fuße ein. Zwei grüne Sträucher standen vor -ihnen. Fasse dich fest mit mir, sagte sie, und Maria schlang die Arme um -den zarten Leib. Da fühlte sie sich empor gehoben, denn die Bäume -wuchsen unter ihnen mit der größten Schnelligkeit; die hohen Pinien -bewegten sich und die beiden Kinder hielten sich hin und wieder -schwebend in den rothen Abendwolken umarmt und küßten sich; die andern -Kleinen kletterten mit behender Geschicklichkeit an den Stämmen der -Bäume auf und nieder, und stießen und neckten sich, wenn sie sich -begegneten, unter lautem Gelächter. Stürzte eins der Kinder im Gedränge -hinunter, so flog es durch die Luft und senkte sich langsam und sicher -zur Erde hinab. Endlich fürchtete sich Marie; die andre Kleine sang -einige laute Töne, und die Bäume versenkten sich wieder eben so -allgemach in den Boden, und setzten sie nieder, als sie sich erst in die -Wolken gehoben hatten. - -Sie gingen durch die erzene Thür des Pallastes. Da saßen viele schöne -Frauen umher, ältere und junge, im runden Saal, sie genossen die -lieblichsten Früchte, und eine herrliche unsichtbare Musik erklang. In -der Wölbung der Decke waren Palmen, Blumen und Laubwerk gemalt, zwischen -denen Kinderfiguren in den anmuthigsten Stellungen kletterten und -schaukelten; nach den Tönen der Musik verwandelten sich die Bildnisse -und glühten in den brennendsten Farben; bald war das Grüne und Blaue wie -helles Licht funkelnd, dann sank die Farbe erblassend zurück, der Purpur -flammte auf und das Gold entzündete sich; dann schienen die nackten -Kinder in den Blumengewinden zu leben, und mit den rubinrothen Lippen -den Athem einzuziehn und auszuhauchen, so daß man wechselnd den Glanz -der weißen Zähnchen wahrnahm, so wie das Aufleuchten der himmelblauen -Augen. - -Aus dem Saale führten eherne Stufen in ein großes unterirdisches Gemach. -Hier lag viel Gold und Silber, und Edelsteine von allen Farben funkelten -dazwischen. Wundersame Gefäße standen an den Wänden umher, alle schienen -mit Kostbarkeiten angefüllt. Das Gold war in mannichfaltigen Gestalten -gearbeitet und schimmerte mit der freundlichsten Röthe. Viele kleine -Zwerge waren beschäftigt, die Stücke auseinander zu suchen und sie in -die Gefäße zu legen; andre, höckricht und krummbeinicht, mit langen -rothen Nasen, trugen schwer und vorn über gebückt Säcke herein, so wie -die Müller Getraide, und schütteten die Goldkörner keuchend auf dem -Boden aus. Dann sprangen sie ungeschickt rechts und links, und griffen -die rollenden Kugeln, die sich verlaufen wollten, und es geschah nicht -selten, daß einer den andern im Eifer umstieß, so daß sie schwer und -tölpisch zur Erde fielen. Sie machten verdrüßliche Gesichter und sahen -scheel, als Marie über ihre Geberden und Häßlichkeit lachte. Hinten saß -ein alter eingeschrumpfter kleiner Mann, welchen Zerina ehrerbietig -grüßte, und der nur mit ernstem Kopfnicken dankte. Er hielt ein Zepter -in der Hand und trug eine Krone auf dem Haupte, alle übrigen Zwerge -schienen ihn für ihren Herren anzuerkennen und seinen Winken zu -gehorchen. Was giebts wieder? fragte er mürrisch, als die Kinder ihm -etwas näher kamen. Marie schwieg furchtsam, aber ihre Gespielin -antwortete, daß sie nur gekommen seien, sich in den Kammern umzuschauen. -Immer die alten Kindereien! sagte der Alte; wird der Müßiggang nie -aufhören? Darauf wandte er sich wieder an sein Geschäft und ließ die -Goldstücke wägen und aussuchen; andre Zwerge schickte er fort, manchen -schalt er zornig. Wer ist der Herr? fragte Marie; unser Metallfürst, -sagte die Kleine, indem sie weiter gingen. - -Sie schienen sich wieder im Freien zu befinden, denn sie standen an -einem großen Teiche, aber doch schien keine Sonne, und sie sahen keinen -Himmel über sich. Ein kleiner Nachen empfing sie, und Zerina ruderte -sehr ämsig. Die Fahrt ging schnell. Als sie in die Mitte des Teiches -gekommen waren, sah Marie, daß tausend Röhren, Kanäle und Bäche sich aus -dem kleinen See nach allen Richtungen verbreiteten. Diese Wasser rechts, -sagte das glänzende Kind, fließen unter euren Garten hinab, davon blüht -dort alles so frisch; von hier kömmt man in den großen Strom hinunter. -Plötzlich kamen aus allen Kanälen und aus dem See unendlich viele Kinder -auftauchend angeschwommen, viele trugen Kränze von Schilf und -Wasserlilien, andre hielten rothe Korallenzacken, und wieder andre -bliesen auf krummen Muscheln; ein verworrenes Getöse schallte lustig von -den dunkeln Ufern wieder; zwischen den Kleinen bewegten sich schwimmend -die schönsten Frauen, und oft sprangen viele Kinder zu der einen oder -der andern, und hingen ihnen mit Küssen um Hals und Nacken. Alle -begrüßten die Fremde; zwischen diesem Getümmel hindurch fuhren sie aus -dem See in einen kleinen Fluß hinein, der immer enger und enger ward. -Endlich stand der Nachen. Man nahm Abschied und Zerina klopfte an den -Felsen. Wie eine Thür that sich dieser von einander, und eine ganz rothe -weibliche Gestalt half ihnen aussteigen. Geht es recht lustig zu? fragte -Zerina. Sie sind eben in Thätigkeit, antwortete jene, und so freudig, -wie man sie nur sehn kann, aber die Wärme ist auch äußerst angenehm. - -Sie stiegen eine Wendeltreppe hinauf, und plötzlich sah sich Marie in -dem glänzendsten Saal, so daß beim Eintreten ihre Augen vom hellen -Lichte geblendet waren. Feuerrothe Tapeten bedeckten mit Purpurgluth die -Wände, und als sich das Auge etwas gewöhnt hatte, sah sie zu ihrem -Erstaunen, wie im Teppich sich Figuren tanzend auf und nieder in der -größten Freude bewegten, die so lieblich gebaut und von so schönen -Verhältnissen waren, daß man nichts Anmuthigeres sehn konnte; ihr Körper -war wie von röthlichem Kristall, so daß es schien, als flösse und -spielte in ihnen sichtbar das bewegte Blut. Sie lachten das fremde Kind -an, und begrüßten es mit verschiedenen Beugungen; aber als Marie näher -gehen wollte, hielt sie Zerina plötzlich mit Gewalt zurück, und rief: du -verbrennst dich, Mariechen, denn alles ist Feuer! - -Marie fühlte die Hitze. Warum kommen nur, sagte sie, die allerliebsten -Kreaturen nicht zu uns heraus, und spielen mit uns? Wie du in der Luft -lebst, sagte jene, so müssen sie immer im Feuer bleiben, und würden hier -draußen verschmachten. Sieh nur, wie ihnen wohl ist, wie sie lachen und -kreischen; jene dort unten verbreiten die Feuerflüsse von allen Seiten -unter der Erde hin, davon wachsen nun die Blumen, die Früchte und der -Wein; die rothen Ströme gehn neben den Wasserbächen, und so sind die -flammigen Wesen immer thätig und freudig. Aber dir ist es hier zu heiß, -wir wollen wieder hinaus in den Garten gehn. - -Hier hatte sich die Scene verwandelt. Der Mondschein lag auf allen -Blumen, die Vögel waren still und die Kinder schliefen in -mannichfaltigen Gruppen in den grünen Lauben. Marie und ihre Freundin -fühlten aber keine Müdigkeit, sondern lustwandelten in der warmen -Sommernacht unter vielerlei Gesprächen bis zum Morgen. - -Als der Tag anbrach, erquickten sie sich an Früchten und Milch, und -Marie sagte: laß uns doch zur Abwechselung einmal nach den Tannen hinaus -gehn, wie es dort aussehen mag. Gern, sagte Zerina, so kannst du auch -zugleich dorten unsre Schildwachen besuchen, die dir gewiß gefallen -werden, sie stehn oben auf dem Walle zwischen den Bäumen. Sie gingen -durch die Blumengärten, durch anmuthige Haine voller Nachtigallen, dann -stiegen sie über Rebenhügel, und kamen endlich, nachdem sie lange den -Windungen eines klaren Baches nachgefolgt waren, zu den Tannen und der -Erhöhung, welche das Gebiet begränzte. Wie kommt es nur, fragte Marie, -daß wir hier innerhalb so weit zu gehn haben, da doch draußen der -Umkreis nur so klein ist? Ich weiß nicht, antwortete die Freundin, wie -es zugeht, aber es ist so. Sie stiegen zu den finstern Tannen hinauf, -und ein kalter Wind wehte ihnen von draußen entgegen; ein Nebel schien -weit umher auf der Landschaft zu liegen. Oben standen wunderliche -Gestalten, mit mehligen bestäubten Angesichtern, den widerlichen -Häuptern der weißen Eulen nicht unähnlich; sie waren in faltigen Mänteln -von zottiger Wolle gekleidet, und hielten Regenschirme von seltsamen -Häuten ausgespannt über sich; mit Fledermausflügeln, die abentheuerlich -neben dem Rockelor hervor starrten, wehten und fächelten sie unablässig. -Ich möchte lachen und mir graut, sagte Marie. Diese sind unsre guten -fleißigen Wächter, sagte die kleine Gespielin, sie stehen hier und -wehen, damit jeden kalte Angst und wundersames Fürchten befällt, der -sich uns nähern will; sie sind aber so bedeckt, weil es jezt draußen -regnet und friert, was sie nicht vertragen können. Hier unten kommt -niemals Schnee und Wind, noch kalte Luft her, hier ist ein ewiger Sommer -und Frühling, doch wenn die da oben nicht oft abgelöst würden, so -vergingen sie gar. - -Aber wer seid ihr denn, fragte Marie, indem sie wieder in die -Blumendüfte hinunter stiegen, oder habt ihr keinen Namen, woran man euch -erkennt? - -Wir heißen Elfen, sagte das freundliche Kind, man spricht auch wohl in -der Welt von uns, wie ich gehört habe. - -Sie hörten auf der Wiese ein großes Getümmel. Der schöne Vogel ist -angekommen! riefen ihnen die Kinder entgegen; alles eilte in den Saal. -Sie sahen indem schon, wie Jung und Alt sich über die Schwelle drängte, -alle jauchzten und von innen scholl eine jubilirende Musik heraus. Als -sie hinein getreten waren, sahen sie die große Rundung von den -mannichfaltigsten Gestalten angefüllt, und alle schauten nach einem -großen Vogel hinauf, der in der Kuppel mit glänzendem Gefieder langsam -fliegend vielfache Kreise beschrieb. Die Musik klang fröhlicher als -sonst, die Farben und Lichter wechselten schneller. Endlich schwieg die -Musik, und der Vogel schwang sich rauschend auf eine glänzende Krone, -die unter dem hohen Fenster schwebte, welches von oben die Wölbung -erleuchtete. Sein Gefieder war purpurn und grün, durch welches sich die -glänzendsten goldenen Streifen zogen, auf seinem Haupte bewegte sich ein -Diadem von so hellleuchtenden kleinen Federn, daß sie wie Edelgesteine -blitzten. Der Schnabel war roth und die Beine glänzend blau. Wie er sich -regte, schimmerten alle Farben durcheinander, und das Auge war entzückt. -Seine Größe war die eines Adlers. Aber jezt eröffnete er den leuchtenden -Schnabel, und so süße Melodie quoll aus seiner bewegten Brust, in -schönern Tönen, als die der liebesbrünstigen Nachtigall; mächtiger zog -der Gesang und goß sich wie Lichtstrahlen aus, so daß alle, bis auf die -kleinsten Kinder selbst, vor Freuden und Entzückungen weinen mußten. Als -er geendigt hatte, neigten sich alle vor ihm, er umflog wieder in -Kreisen die Wölbung, schoß dann durch die Thür und schwang sich in den -lichten Himmel, wo er oben bald nur noch wie ein rother Punkt erglänzte -und sich den Augen dann schnell verlor. - -Warum seid ihr alle so in Freude? fragte Marie und neigte sich zum -schönen Kinde, das ihr kleiner als gestern vorkam. Der König kommt! -sagte die Kleine, den haben viele von uns noch gar nicht gesehn, und wo -er sich hinwendet ist Glück und Fröhlichkeit; wir haben schon lange auf -ihn gehofft, sehnlicher, als ihr nach langem Winter auf den Frühling -wartet, und nun hat er durch diesen schönen Botschafter seine Ankunft -melden lassen. Dieser herrliche und verständige Vogel, der im Dienst des -Königes gesandt wird, heißt Phönix, er wohnt fern in Arabien auf einem -Baum, der nur einmal in der Welt ist, so wie es auch keinen zweiten -Phönix giebt. Wenn er sich alt fühlt, trägt er aus Balsam und Weihrauch -ein Nest zusammen, zündet es an und verbrennt sich selbst, so stirbt er -singend, und aus der duftenden Asche schwingt sich dann der verjüngte -Phönix mit neuer Schönheit wieder auf. Selten nur nimmt er seinen Flug -so, daß ihn die Menschen sehn, und geschieht es einmal in Jahrhunderten, -so zeichnen sie es in ihre Denkbücher auf, und erwarten wundervolle -Begebenheiten. Aber nun, meine Freundin, wirst du auch scheiden müssen, -denn der Anblick des Königes ist dir nicht vergönnt. - -Da wandelte die goldbekleidete schöne Frau durch das Gedränge, winkte -Marien zu sich und ging mit ihr unter einen einsamen Laubengang; du mußt -uns verlassen, mein geliebtes Kind, sagte sie; der König will auf -zwanzig Jahr, und vielleicht auf länger, sein Hoflager hier halten, nun -wird sich Fruchtbarkeit und Segen weit in die Landschaft verbreiten, am -meisten hier in der Nähe; alle Brunnen und Bäche werden ergiebiger, alle -Aecker und Gärten reicher, der Wein edler, die Wiese fetter und der Wald -frischer und grüner; mildere Luft weht, kein Hagel schadet, keine -Ueberschwemmung droht. Nimm diesen Ring und gedenke unser, doch hüte -dich, irgend wem von uns zu erzählen, sonst müssen wir diese Gegend -fliehen, und alle umher, so wie du selbst, entbehren dann das Glück und -die Segnung unsrer Nähe: noch einmal küsse deine Gespielin und lebe -wohl. Sie traten heraus, Zerina weinte, Marie bückte sich, sie zu -umarmen, sie trennten sich. Schon stand sie auf der schmalen Brücke, die -kalte Luft wehte hinter ihr aus den Tannen, das Hündchen bellte auf das -herzhafteste und ließ sein Glöckchen ertönen; sie sah zurück und eilte -in das Freie, weil die Dunkelheit der Tannen, die Schwärze der -verfallenen Hütten, die dämmernden Schatten sie mit ängstlicher Furcht -befielen. - -Wie werden sich meine Eltern meinethalb in dieser Nacht geängstigt -haben! sagte sie zu sich selbst, als sie auf dem Felde stand, und ich -darf ihnen doch nicht erzählen, wo ich gewesen bin und was ich gesehn -habe, auch würden sie mir nimmermehr glauben. Zwei Männer gingen an ihr -vorüber, die sie grüßten, und sie hörte hinter sich sagen: das ist ein -schönes Mädchen! Wo mag sie nur her sein? Mit eiligeren Schritten -näherte sie sich dem elterlichen Hause, aber die Bäume, die gestern -voller Früchte hingen, standen heute dürr und ohne Laub, das Haus war -anders angestrichen, und eine neue Scheune daneben erbaut. Marie war in -Verwunderung, und dachte, sie sei im Traum; in dieser Verwirrung öffnete -sie die Thür des Hauses, und hinter dem Tische saß ihr Vater zwischen -einer unbekannten Frau und einem fremden Jüngling. Mein Gott, Vater! -rief sie aus, wo ist denn die Mutter? -- die Mutter? sprach die Frau -ahndend, und stürzte hervor; ei, du bist doch wohl nicht, -- ja -freilich, freilich bist du die verlorene, die todt geglaubte, die liebe -einzige Marie! Sie hatte sie gleich an einem kleinen braunen Male unter -dem Kinn, an den Augen und der Gestalt erkannt. Alle umarmten sie, alle -waren freudig bewegt, und die Eltern vergossen Thränen. Marie -verwunderte sich, daß sie fast zum Vater hinauf reichte, sie begriff -nicht, wie die Mutter so verändert und geältert sein konnte, sie fragte -nach dem Namen des jungen Menschen. Es ist ja unsers Nachbars Andres, -sagte Martin, wie kommst du nur nach sieben langen Jahren so unvermuthet -wieder? wo bist du gewesen? Warum hast du denn gar nichts von dir hören -lassen? -- Sieben Jahr? sagte Marie, und konnte sich in ihren -Vorstellungen und Erinnerungen nicht wieder zurecht finden; sieben -ganzer Jahre? Ja, ja, sagte Andres lachend, und schüttelte ihr -treuherzig die Hand; ich habe gewonnen, Mariechen, ich bin schon vor -sieben Jahren an dem Birnbaum und wieder hieher zurück gewesen, und du -Langsame, kommst nun heut erst an! - -Man fragte von neuem, man drang in sie, doch sie, des Verbotes -eingedenk, konnte keine Antwort geben. Man legte ihr fast die Erzählung -in den Mund, daß sie sich verirrt habe, auf einen vorbeifahrenden Wagen -genommen, und an einen fremden Ort geführt sei, wo sie den Leuten den -Wohnsitz ihrer Eltern nicht habe bezeichnen können; wie man sie nachher -nach einer weit entlegenen Stadt gebracht habe, wo gute Menschen sie -erzogen und geliebt; wie diese nun gestorben, und sie sich endlich -wieder auf ihre Geburtsgegend besonnen, eine Gelegenheit zur Reise -ergriffen habe und so zurück gekehrt sei. Laßt alles gut sein, rief die -Mutter; genug, daß wir dich nur wieder haben, mein Töchterchen, du meine -Einzige, mein Alles! - -Andres blieb zum Abendbrod, und Marie konnte sich noch in nichts finden. -Das Haus dünkte ihr klein und finster, sie verwunderte sich über ihre -Tracht, die reinlich und einfach, aber ganz fremd erschien; sie -betrachtete den Ring am Finger, dessen Gold wundersam glänzte und einen -roth brennenden Stein künstlich einfaßte. Auf die Frage des Vaters -antwortete sie, daß der Ring ebenfalls ein Geschenk ihrer Wohlthäter -sei. - -Sie freute sich auf die Schlafenszeit, und eilte zur Ruhe. Am andern -Morgen fühlte sie sich besonnener, sie hatte ihre Vorstellungen mehr -geordnet, und konnte den Leuten aus dem Dorfe, die alle sie zu begrüßen -kamen, besser Red' und Antwort geben. Andres war schon mit dem Frühesten -wieder da, und zeigte sich äußerst geschäftig, erfreut und dienstfertig. -Das funfzehnjährige aufgeblühte Mädchen hatte ihm einen tiefen Eindruck -gemacht, und die Nacht war ihm ohne Schlaf vergangen. Die Herrschaft -ließ Marien auf das Schloß fordern, sie mußte hier wieder ihre -Geschichte erzählen, die ihr nun schon geläufig geworden war; der alte -Herr und die gnädige Frau bewunderten ihre gute Erziehung, denn sie war -bescheiden, ohne verlegen zu sein, sie antwortete höflich und in guten -Redensarten auf alle vorgelegten Fragen; die Furcht vor den vornehmen -Menschen und ihrer Umgebung hatte sich bei ihr verloren, denn wenn sie -diese Säle und Gestalten mit den Wundern und der hohen Schönheit maß, -die sie bei den Elfen im heimlichen Aufenthalt gesehen hatte, so -erschien ihr dieser irdische Glanz nur dunkel, die Gegenwart der -Menschen fast geringe. Die jungen Herren waren vorzüglich über ihre -Schönheit entzückt. - -Es war im Februar. Die Bäume belaubten sich früher als je, so zeitig -hatte sich die Nachtigall noch niemals eingestellt, der Frühling kam -schöner in das Land, als ihn sich die ältesten Greise erinnern konnten. -Aller Orten thaten sich Bächlein hervor und tränkten die Wiesen und -Auen; die Hügel schienen zu wachsen, die Rebengeländer erhuben sich -höher, die Obstbäume blühten wie niemals, und ein schwellender duftender -Segen hing schwer in Blütenwolken über der Landschaft. Alles gedieh über -Erwarten, kein rauher Tag, kein Sturm beschädigte die Frucht; der Wein -quoll erröthend in ungeheuern Trauben, und die Einwohner des Ortes -staunten sich an, und waren wie in einem süßen Traum befangen. Das -folgende Jahr war eben so, aber man war schon an das Wundersame mehr -gewöhnt. Im Herbst gab Marie den dringenden Bitten des Andres und ihrer -Eltern nach: sie ward seine Braut und im Winter mit ihm verheirathet. - -Oft dachte sie mit inniger Sehnsucht an ihren Aufenthalt hinter den -Tannenbäumen zurück; sie blieb still und ernst. So schön auch alles war, -was sie umgab, so kannte sie doch etwas noch Schöneres, wodurch eine -leise Trauer ihr Wesen zu einer sanften Schwermuth stimmte. Schmerzhaft -traf es sie, wenn der Vater oder ihr Mann von den Zigeunern und Schelmen -sprachen, die im finstern Grunde wohnten; oft wollte sie sie -vertheidigen, die sie als Wohlthäter der Gegend kannte, vorzüglich gegen -Andres, der eine Lust im eifrigen Schelten zu finden schien, aber sie -zwang das Wort jedesmal in ihre Brust zurück. So verlebte sie das Jahr, -und im folgenden ward sie durch eine junge Tochter erfreut, welche sie -Elfriede nannte, indem sie dabei an den Namen der Elfen dachte. - -Die jungen Leute wohnten mit Martin und Brigitte in demselben Hause, -welches geräumig genug war, und halfen den Eltern die ausgebreitete -Wirthschaft führen. Die kleine Elfriede zeigte bald besondere -Fähigkeiten und Anlagen, denn sie lief sehr früh, und konnte alles -sprechen, als sie noch kein Jahr alt war; nach einigen Jahren aber war -sie so klug und sinnig, und von so wunderbarer Schönheit, daß alle -Menschen sie mit Erstaunen betrachteten, und ihre Mutter sich nicht der -Meinung erwehren konnte, sie sehe jenen glänzenden Kindern im -Tannengrunde ähnlich. Elfriede hielt sich nicht gern zu andern Kindern, -sondern vermied bis zur Aengstlichkeit ihre geräuschvollen Spiele, und -war am liebsten allein. Dann zog sie sich in eine Ecke des Gartens -zurück, und las oder arbeitete eifrig am kleinen Nähzeuge; oft sah man -sie auch wie tief in sich versunken sitzen, oder daß sie in Gängen -heftig auf und nieder ging und mit sich selber sprach. Die beiden Eltern -ließen sie gern gewähren, weil sie gesund war und gedieh, nur machten -sie die seltsamen verständigen Antworten und Bemerkungen oft besorgt. So -kluge Kinder, sagte die Großmutter Brigitte vielmals, werden nicht alt, -sie sind zu gut für diese Welt, auch ist das Kind über die Natur schön, -und wird sich auf Erden nicht zurecht finden können. - -Die Kleine hatte die Eigenheit, daß sie sich höchst ungern bedienen -ließ, alles wollte sie selber machen. Sie war fast die früheste auf im -Hause, und wusch sich sorgfältig und kleidete sich selber an; eben so -sorgsam war sie am Abend, sie achtete sehr darauf, Kleider und Wäsche -selbst einzupacken, und durchaus Niemand, auch die Mutter nicht, über -ihre Sachen kommen zu lassen. Die Mutter sah ihr in diesem Eigensinne -nach, weil sie sich nichts weiter dabei dachte, aber wie erstaunte sie, -als sie sie an einem Feiertage, zu einem Besuch auf dem Schlosse, mit -Gewalt umkleidete, so sehr sich auch die Kleine mit Geschrei und Thränen -dagegen wehrte, und auf ihrer Brust an einem Faden hängend, ein -Goldstück von seltsamer Form antraf, welches sie sogleich für eines von -jenen erkannte, deren sie so viele in dem unterirdischen Gewölbe gesehn -hatte. Die Kleine war sehr erschrocken, und gestand endlich, sie habe es -im Garten gefunden, und da es ihr sehr wohlgefallen, habe sie es so -ämsig aufbewahrt; sie bat auch so dringend und herzlich, es ihr zu -lassen, daß Marie es wieder auf derselben Stelle befestigte und voller -Gedanken mit ihr stillschweigend zum Schlosse hinauf ging. - -Seitwärts vom Hause der Pachterfamilie lagen einige Wirthschaftsgebäude -zur Aufbewahrung der Früchte und des Feldgeräthes, und hinter diesen -befand sich ein Grasplatz mit einer alten Laube, die aber kein Mensch -jezt besuchte, weil sie nach der neuen Einrichtung der Gebäude zu -entfernt vom Garten war. In dieser Einsamkeit hielt sich Elfriede am -liebsten auf, und es fiel Niemanden ein, sie hier zu stören, so daß die -Eltern oft in halben Tagen ihrer nicht ansichtig wurden. An einem -Nachmittage befand sich die Mutter in den Gebäuden, um aufzuräumen und -eine verlorene Sache wieder zu finden, als sie wahrnahm, daß durch eine -Ritze der Mauer ein Lichtstrahl in das Gemach falle. Es kam ihr der -Gedanke, hindurch zu sehn, um ihr Kind zu beobachten, und es fand sich, -daß ein locker gewordener Stein sich von der Seite schieben ließ, -wodurch sie den Blick gerade hinein in die Laube gewann. Elfriede saß -drinnen auf einem Bänkchen, und neben ihr die wohlbekannte Zerina, und -beide Kinder spielten und ergötzten sich in holdseliger Eintracht. Die -Elfe umarmte das schöne Kind und sagte traurig: Ach, du liebes Wesen, so -wie mit dir habe ich schon mit deiner Mutter gespielt, als sie klein war -und uns besuchte, aber ihr Menschen wachst zu bald auf und werdet so -schnell groß und vernünftig; das ist recht betrübt: bliebest du doch so -lange ein Kind, wie ich! - -Gern thät ich dir den Gefallen, sagte Elfriede, aber sie meinen ja alle, -ich würde bald zu Verstande kommen, und gar nicht mehr spielen, denn ich -hätte rechte Anlagen, altklug zu werden. Ach! und dann seh' ich dich -auch nicht wieder, du liebes Zerinchen! Ja, es geht wie mit den -Baumblüten: wie herrlich der blühende Apfelbaum mit seinen röthlichen -aufgequollenen Knospen! der Baum thut so groß und breit, und jedermann, -der drunter weg geht, meint auch, es müsse recht was Besonderes werden; -dann kommt die Sonne, die Blüte geht so leutselig auf, und da steckt -schon der böse Kern drunter, der nachher den bunten Putz verdrängt und -hinunter wirft; nun kann er sich geängstigt und aufwachsend nicht mehr -helfen, er muß im Herbst zur Frucht werden. Wohl ist ein Apfel auch lieb -und erfreulich, aber doch nichts gegen die Frühlingsblüte: so geht es -mit uns Menschen auch; ich kann mich nicht darauf freuen, ein großes -Mädchen zu werden. Ach, könnt' ich euch doch nur einmal besuchen! - -Seit der König bei uns wohnt, sagte Zerina, ist es ganz unmöglich, aber -ich komme ja so oft zu dir, Liebchen, und keiner sieht mich, keiner weiß -es, weder hier noch dort; ungesehn geh ich durch die Luft, oder fliege -als Vogel herüber; o wir wollen noch recht viel beisammen sein, so lange -du klein bist. Was kann ich dir nur zu Gefallen thun? - -Recht lieb sollst du mich haben, sagte Elfriede, so lieb, wie ich dich -in meinem Herzen trage; doch laß uns auch einmal wieder eine Rose -machen. - -Zerina nahm das bekannte Schächtelchen aus dem Busen, warf zwei Körner -hin, und plötzlich stand ein grünender Busch mit zweien hochrothen Rosen -vor ihnen, welche sich zu einander neigten, und sich zu küssen schienen. -Die Kinder brachen die Rosen lächelnd ab, und das Gebüsch war wieder -verschwunden. O müßte es nur nicht wieder so schnell sterben, sagte -Elfriede, das rothe Kind, das Wunder der Erde. Gieb! sagte die kleine -Elfe, hauchte dreimal die aufknospende Rose an, und küßte sie dreimal; -nun, sprach sie, indem sie die Blume zurück gab, bleibt sie frisch und -blühend bis zum Winter. Ich will sie wie ein Bild von dir aufheben, -sagte Elfriede, sie in meinem Kämmerchen wohl bewahren, und sie Morgens -und Abends küssen, als wenn du es wärst. Die Sonne geht schon unter, -sagte jene, ich muß jezt nach Hause. Sie umarmten sich noch einmal, dann -war Zerina verschwunden. - -Am Abend nahm Marie ihr Kind mit einem Gefühl von Beängstigung und -Ehrfurcht in die Arme; sie ließ dem holden Mädchen nun noch mehr -Freiheit als sonst, und beruhigte oft ihren Gatten, wenn er, um das Kind -aufzusuchen, kam, was er seit einiger Zeit wohl that, weil ihm ihre -Zurückgezogenheit nicht gefiel, und er fürchtete, sie könne darüber -einfältig, oder gar unklug werden. Die Mutter schlich öfter nach der -Spalte der Mauer, und fast immer fand sie die kleine glänzende Elfe -neben ihrem Kinde sitzen, mit Spielen beschäftigt, oder in ernsthaften -Gesprächen. Möchtest du fliegen können? fragte Zerina einmal ihre -Freundin. Wie gerne! rief Elfriede aus. Sogleich umfaßte die Fee die -Sterbliche, und schwebte mit ihr vom Boden empor, so daß sie zur Höhe -der Laube stiegen. Die besorgte Mutter vergaß ihre Vorsicht, und lehnte -sich erschreckend mit dem Kopfe hinaus, um ihnen nachzusehn; da erhob -aus der Luft Zerina den Finger und drohte lächelnd, ließ sich mit dem -Kinde wieder nieder, herzte sie, und war verschwunden. Es geschah -nachher noch öfter, daß Marie von dem wunderbaren Kinde gesehen wurde, -welches jedesmal mit dem Kopfe schüttelte oder drohte, aber mit -freundlicher Geberde. - -Oftmals schon hatte bei vorgefallenem Streite Marie im Eifer zu ihrem -Manne gesagt: du thust den armen Leuten in der Hütte Unrecht! Wenn -Andres dann in sie drang, ihm zu erklären, warum sie der Meinung aller -Leute im Dorfe, ja der Herrschaft selber entgegen sei und es besser -wissen wolle, brach sie ab, und schwieg verlegen. Heftiger als je ward -Andres eines Tages nach Tische und behauptete, das Gesindel müsse als -landesverderblich durchaus fortgeschafft werden; da rief sie im Unwillen -aus: schweig, denn sie sind deine und unser aller Wohlthäter! -Wohlthäter? fragte Andres erstaunt; die Landstreicher? In ihrem Zorne -ließ sie sich verleiten, ihm unter dem Versprechen der tiefsten -Verschwiegenheit die Geschichte ihrer Jugend zu erzählen, und da er bei -jedem ihrer Worte ungläubiger wurde und verhöhnend den Kopf schüttelte, -nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn in das Gemach, von wo er zu -seinem Erstaunen die leuchtende Elfe mit seinem Kinde in der Laube -spielen, und es liebkosen sah. Er wußte kein Wort zu sagen; ein Ausruf -der Verwunderung entfuhr ihm, und Zerina erhob den Blick. Sie wurde -plötzlich bleich und zitterte heftig, nicht freundlich, sondern mit -zorniger Miene machte sie die drohende Geberde, und sagte dann zu -Elfrieden: du kannst nichts dafür, geliebtes Herz, aber sie werden -niemals klug, so verständig sie sich auch dünken. Sie umarmte die Kleine -mit stürmender Eil, und flog dann als Rabe mit heiserem Geschrei über -den Garten hinweg, den Tannenbäumen zu. - -Am Abend war die Kleine sehr still und küßte weinend die Rose, Marien -war ängstlich zu Sinne, Andres sprach wenig. Es wurde Nacht. Plötzlich -rauschten die Bäume, Vögel flogen mit ängstlichem Geschrei umher, man -hörte den Donner rollen, die Erde zitterte und Klagetöne winselten in -der Luft. Marie und Andres hatten nicht den Muth aufzustehn; sie hüllten -sich in die Decken und erwarteten mit Furcht und Zittern den Tag. Gegen -Morgen ward es ruhiger, und alles war still, als die Sonne mit ihrem -Lichte über den Wald hervor drang. - -Andres kleidete sich an, und Marie bemerkte, daß der Stein des Ringes an -ihrem Finger verblaßt war. Als sie die Thür öffneten, schien ihnen die -Sonne klar entgegen, aber die Landschaft umher kannten sie kaum wieder. -Die Frische des Waldes war verschwunden, die Hügel hatten sich gesenkt, -die Bäche flossen matt mit wenigem Wasser, der Himmel schien grau, und -als man den Blick nach den Tannen hinüber wandte, standen sie nicht -finstrer oder trauriger da, als die übrigen Bäume; die Hütten hinter -ihnen hatten nichts Abschreckendes, und mehrere Einwohner des Dorfes -kamen und erzählten von der seltsamen Nacht, und daß sie über den Hof -gegangen seien, wo die Zigeuner gewohnt, die wohl fort gegangen sein -müßten, weil die Hütten leer ständen, und im Innern ganz gewöhnlich wie -die Wohnungen andrer armen Leute aussähen; einiges vom Hausrath wäre -zurück geblieben. Elfriede sagte zu ihrer Mutter heimlich: als ich in -der Nacht nicht schlafen konnte, und in der Angst bei dem Getümmel vom -Herzen betete, da öffnete sich plötzlich meine Thür, und herein trat -meine Gespielin, um Abschied von mir zu nehmen. Sie hatte eine -Reisetasche um, einen Hut auf ihrem Kopf, und einen großen Wanderstab in -der Hand. Sie war sehr böse auf dich, weil sie deinetwegen nun die -größten und schmerzhaftesten Strafen aushalten müsse, da sie dich doch -immer so geliebt habe; denn alle, so wie sie sagte, verließen nur sehr -ungern diese Gegend. - -Marie verbot ihr, davon zu sprechen, und indem kam auch der Fährmann vom -Strome herüber, welcher Wunderdinge erzählte. Mit einbrechender Nacht -war ein großer fremder Mann zu ihm gekommen, welcher ihm bis zu -Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet habe, doch mit der Bedingniß, daß -er sich still zu Hause halten und schlafen, wenigstens nicht aus der -Thür treten solle. Ich fürchtete mich, fuhr der Alte fort, aber der -seltsame Handel ließ mich nicht schlafen. Sacht schlich ich mich ans -Fenster und schaute nach dem Strome. Große Wolken trieben unruhig durch -den Himmel und die fernen Wälder rauschten bange; es war, als wenn meine -Hütte bebte und Klagen und Winseln um das Haus schlich. Da sah ich -plötzlich ein weißströmendes Licht, das breiter und immer breiter wurde, -wie viele tausend niedergefallene Sterne funkelnd und wogend bewegte es -sich von dem finstern Tannengrunde her, zog über das Feld, und -verbreitete sich nach dem Flusse hin. Da hörte ich ein Trappeln, ein -Klirren, ein Flüstern und Säuseln näher und näher; es ging nach meiner -Fähre hin, hinein stiegen alle, große und kleine leuchtende Gestalten, -Männer und Frauen, wie es schien, und Kinder, und der große fremde Mann -fuhr sie alle hinüber; im Strome schwammen neben dem Fahrzeuge viel -tausend helle Gebilde, in der Luft flatterten Lichter und weiße Nebel, -und alles klagte und jammerte, daß sie so weit, weit reisen müßten, aus -der geliebten angewöhnten Gegend fort. Der Ruderschlag und das Wasser -rauschten dazwischen, und dann war wieder plötzlich eine Stille. Oft -stieß die Fähre an, und kam zurück und ward von neuem beladen, auch -viele schwere Gefäße nahmen sie mit, die gräßliche kleine Gesellen -trugen und rollten; waren es Teufel, waren es Kobolde, ich weiß es -nicht. Dann kam im wogenden Glanz ein stattlicher Zug. Ein Greis schien -es, auf einem weißen kleinen Rosse, um den sich alles drängte; ich sah -aber nur den Kopf des Pferdes, denn es war über und über mit kostbaren -glänzenden Decken verhangen; auf dem Haupt trug der Alte eine Krone, so -daß ich dachte, als er hinüber gefahren, die Sonne wolle von dorten -aufgehn, und das Morgenroth funkle mir entgegen. So währte es die ganze -Nacht; ich schlief endlich in dem Gewirre ein, zum Theil in Freude, zum -Theil in Schauder. Am Morgen war alles ruhig, aber der Fluß ist wie weg -gelaufen, so daß ich Noth haben werde mein Fahrzeug zu regieren. - -Noch in demselben Jahre war ein Mißwachs, die Wälder starben ab, die -Quellen vertrockneten, und dieselbe Gegend, die sonst die Freude jedes -Durchreisenden gewesen war, stand im Herbst verödet, nackt und kahl, und -zeigte kaum hie und da noch im Meere von Sand ein Plätzchen, wo Gras mit -fahlem Grün empor wuchs. Die Obstbäume gingen alle aus, die Weinberge -verdarben, und der Anblick der Landschaft war so traurig, daß der Graf -im folgenden Jahre mit seiner Familie das Schloß verließ, welches -nachher verfiel und zur Ruine wurde. - -Elfriede betrachtete Tag und Nacht mit der größten Sehnsucht ihre Rose -und gedachte ihrer Gespielin, und so wie die Blume sich neigte und -welkte, so senkte sie auch das Köpfchen, und war schon vor dem Frühlinge -verschmachtet. Marie stand oft auf dem Platze vor der Hütte und beweinte -das entschwundene Glück. Sie verzehrte sich, wie ihr Kind, und folgte -ihm in einigen Jahren. Der alte Martin zog mit seinem Schwiegersohne -nach der Gegend, in der er vormals gelebt hatte. - - * * * * * - -Die Damen waren mit dieser Erzählung zufrieden. _Wilibald_ war noch -übrig, um sein Mährchen vorzutragen, und er fing sogleich ohne -Einleitung an. - - - - - Der Pokal. - 1811. - - -Vom großen Dom erscholl das vormittägige Geläute. Ueber den weiten Platz -wandelten in verschiedenen Richtungen Männer und Weiber, Wagen fuhren -vorüber und Priester gingen nach ihren Kirchen. Ferdinand stand auf der -breiten Treppe, den Wandelnden nachsehend und diejenigen betrachtend, -welche herauf stiegen, um dem Hochamte beizuwohnen. Der Sonnenschein -glänzte auf den weißen Steinen, alles suchte den Schatten gegen die -Hitze; nur er stand schon seit lange sinnend an einen Pfeiler gelehnt, -in den brennenden Strahlen, ohne sie zu fühlen, denn er verlor sich in -den Erinnerungen, die in seinem Gedächtnisse aufstiegen. Er dachte -seinem Leben nach, und begeisterte sich an dem Gefühl, welches sein -Leben durchdrungen und alle andern Wünsche in ihm ausgelöscht hatte. In -derselben Stunde stand er hier im vorigen Jahre, um Frauen und Mädchen -zur Messe kommen zu sehn; mit gleichgültigem Herzen und lächelndem Auge -hatte er die mannichfaltigen Gestalten betrachtet, mancher holde Blick -war ihm schalkhaft begegnet und manche jungfräuliche Wange war erröthet; -sein spähendes Auge sah den niedlichen Füßchen nach, wie sie die Stufen -herauf schritten, und wie sich das schwebende Gewand mehr oder weniger -verschob, um die feinen Knöchel zu enthüllen. Da kam über den Markt eine -jugendliche Gestalt, in Schwarz, schlank und edel, die Augen sittsam vor -sich hingeheftet, unbefangen schwebte sie die Erhöhung hinauf mit -lieblicher Anmuth, das seidene Gewand legte sich um den schönsten Körper -und wiegte sich wie in Musik um die bewegten Glieder; jezt wollte sie -den letzten Schritt thun, und von ohngefähr erhob sie das Auge und traf -mit dem blauesten Strahle in seinen Blick. Er ward wie von einem Blitz -durchdrungen. Sie strauchelte, und so schnell er auch hinzu sprang, -konnte er doch nicht verhindern, daß sie nicht kurze Zeit in der -reizendsten Stellung knieend vor seinen Füßen lag. Er hob sie auf, sie -sah ihn nicht an, sondern war ganz Röthe, antwortete auch nicht auf -seine Frage, ob sie sich beschädiget habe. Er folgte ihr in die Kirche -und sah nur das Bildniß, wie sie vor ihm gekniet, und der schönste Busen -ihm entgegen gewogt. Am folgenden Tage besuchte er die Schwelle des -Tempels wieder; die Stätte war ihm geweiht. Er hatte abreisen wollen, -seine Freunde erwarteten ihn ungeduldig in seiner Heimath; aber von nun -an war hier sein Vaterland, sein Herz war umgewendet. Er sah sie öfter, -sie vermied ihn nicht, doch waren es nur einzelne und gestohlene -Augenblicke; denn ihre reiche Familie bewachte sie genau, noch mehr ein -angesehener eifersüchtiger Bräutigam. Sie gestanden sich ihre Liebe, -wußten aber keinen Rath in ihrer Lage; denn er war fremd und konnte -seiner Geliebten kein so großes Glück anbieten, als sie zu erwarten -berechtiget war. Da fühlte er seine Armuth; doch wenn er an seine vorige -Lebensweise dachte, dünkte er sich überschwänglich reich, denn sein -Dasein war geheiligt, sein Herz schwebte immerdar in der schönsten -Rührung; jezt war ihm die Natur befreundet und ihre Schönheit seinen -Sinnen offenbar, er fühlte sich der Andacht und Religion nicht mehr -fremd, und betrat dieselbe Schwelle, das geheimnißvolle Dunkel des -Tempels jezt mit ganz andern Gefühlen, als in jenen Tagen des -Leichtsinns. Er zog sich von seinen Bekanntschaften zurück und lebte nur -der Liebe. Wenn er durch ihre Straße ging und sie nur am Fenster sah, -war er für diesen Tag glücklich; er hatte sie in der Dämmerung des -Abends oftmals gesprochen, ihr Garten stieß an den eines Freundes, der -aber sein Geheimniß nicht wußte. So war ein Jahr vorüber gegangen. - -Alle diese Scenen seines neuen Lebens zogen wieder durch sein -Gedächtniß. Er erhob seinen Blick, da schwebte die edle Gestalt schon -über den Platz, sie leuchtete ihm wie eine Sonne aus der verworrenen -Menge hervor. Ein lieblicher Gesang ertönte in seinem sehnsüchtigen -Herzen, und er trat, wie sie sich annäherte, in die Kirche zurück. Er -hielt ihr das geweihte Wasser entgegen, ihre weißen Finger zitterten, -als sie die seinigen berührte, sie neigte sich holdselig. Er folgte ihr -nach, und kniete in ihrer Nähe. Sein ganzes Herz zerschmolz in Wehmuth -und Liebe, es dünkte ihm, als wenn aus den Wunden der Sehnsucht sein -Wesen in andächtigen Gebeten dahin blutete; jedes Wort des Priesters -durchschauerte ihn, jeder Ton der Musik goß Andacht in seinen Busen; -seine Lippen bebten, als die Schöne das Crucifix ihres Rosenkranzes an -den brünstigen rothen Mund drückte. Wie hatte er ehemals diesen Glauben -und diese Liebe so gar nicht begreifen können. Da erhob der Priester die -Hostie und die Glocke schallte, sie neigte sich demüthiger und bekreuzte -ihre Brust; und wie ein Blitz schlug es durch alle seine Kräfte und -Gefühle, und das Altarbild dünkte ihm lebendig und die farbige Dämmerung -der Fenster wie ein Licht des Paradieses; Thränen strömten reichlich aus -seinen Augen und linderten die verzehrende Inbrunst seines Herzens. - -Der Gottesdienst war geendigt. Er bot ihr wieder den Weihbrunnen, sie -sprachen einige Worte und sie entfernte sich. Er blieb zurück, um keine -Aufmerksamkeit zu erregen; er sah ihr nach, bis der Saum ihres Kleides -um die Ecke verschwand. Da war ihm wie dem müden verirrten Wanderer, dem -im dichten Walde der letzte Schein der untergehenden Sonne erlischt. Er -erwachte aus seiner Träumerei, als ihm eine alte dürre Hand auf die -Schulter schlug, und ihn jemand bei Namen nannte. - -Er fuhr zurück, und erkannte seinen Freund, den mürrischen Albert, der -von allen Menschen sich zurück zog, und dessen einsames Haus nur dem -jungen Ferdinand geöffnet war. Seid ihr unsrer Abrede noch eingedenk? -fragte die heisere Stimme. O ja, antwortete Ferdinand, und werdet ihr -euer Versprechen heut noch halten? Noch in dieser Stunde, antwortete -jener, wenn ihr mir folgen wollt. - -Sie gingen durch die Stadt und in einer abgelegenen Straße in ein großes -Gebäude. Heute, sagte der Alte, müßt ihr euch schon mit mir in das -Hinterhaus bemühn, in mein einsamstes Zimmer, damit wir nicht etwa -gestört werden. Sie gingen durch viele Gemächer, dann über einige -Treppen; Gänge empfingen sie, und Ferdinand, der das Haus zu kennen -glaubte, mußte sich über die Menge der Zimmer, so wie über die seltsame -Einrichtung des weitläufigen Gebäudes verwundern, noch mehr aber -darüber, daß der Alte, welcher unverheirathet war, der auch keine -Familie hatte, es allein mit einem einzigen Bedienten bewohne, und -niemals an Fremde von dem überflüssigen Raume hatte vermiethen wollen. -Albert schloß endlich auf und sagte: nun sind wir zur Stelle. Ein großes -hohes Zimmer empfing sie, das mit rothem Damast ausgeschlagen war, den -goldene Leisten einfaßten, die Sessel waren von dem nehmlichen Zeuge, -und durch rothe schwerseidne Vorhänge, welche nieder gelassen waren, -schimmerte ein purpurnes Licht. Verweilt einen Augenblick, sagte der -Alte, indem er in ein anderes Gemach ging. Ferdinand betrachtete indeß -einige Bücher, in welchen er fremde unverständliche Charaktere, Kreise -und Linien, nebst vielen wunderlichen Zeichnungen fand, und nach dem -wenigen, was er lesen konnte, schienen es alchemistische Schriften; er -wußte auch, daß der Alte im Rufe eines Goldmachers stand. Eine Laute lag -auf dem Tische, welche seltsam mit Perlmutter und farbigen Hölzern -ausgelegt war und in glänzenden Gestalten Vögel und Blumen darstellte, -der Stern in der Mitte war ein großes Stück Perlmutter, auf das -kunstreichste in vielen durchbrochenen Zirkelfiguren, fast wie die -Fensterrose einer gothischen Kirche, ausgearbeitet. Ihr betrachtet da -mein Instrument, sagte Albert, welcher zurück kehrte, es ist schon -zweihundert Jahr alt, und ich habe es als Andenken meiner Reise aus -Spanien mitgebracht. Doch laßt das alles, und setzt euch jezt. - -Sie setzten sich an den Tisch, der ebenfalls mit einem rothen Teppiche -bedeckt war, und der Alte stellte etwas Verhülltes auf die Tafel. Aus -Mitleid gegen eure Jugend, fing er an, habe ich euch neulich -versprochen, euch zu wahrsagen, ob ihr glücklich werden könnt oder -nicht, und dieses Versprechen will ich in gegenwärtiger Stunde lösen, ob -ihr gleich die Sache neulich nur für einen Scherz halten wolltet. Ihr -dürft euch nicht entsetzen, denn, was ich vorhabe, kann ohne Gefahr -geschehn, und weder furchtbare Citationen sollen von mir vorgenommen -werden, noch soll euch eine gräßliche Erscheinung erschrecken. Die -Sache, die ich versuchen will, kann in zweien Fällen mißlingen: wenn ihr -nämlich nicht so wahrhaft liebt, als ihr mich habt wollen glauben -machen, denn alsdann ist meine Bemühung umsonst und es zeigt sich gar -nichts; oder daß ihr das Orakel stört und durch eine unnütze Frage oder -ein hastiges Auffahren vernichtet, indem ihr euren Sitz verlaßt und das -Bild zertrümmert; ihr müßt mir also versprechen, euch ganz ruhig zu -verhalten. - -Ferdinand gab das Wort, und der Alte wickelte aus den Tüchern das, was -er mitgebracht hatte. Es war ein goldener Pokal von sehr künstlicher und -schöner Arbeit. Um den breiten Fuß lief ein Blumenkranz mit Myrthen und -verschiedenem Laube und Früchten gemischt, erhaben ausgeführt mit mattem -oder klarem Golde. Ein ähnliches Band, aber reicher, mit kleinen Figuren -und fliehenden wilden Thierchen, die sich vor den Kindern fürchteten -oder mit ihnen spielten, zog sich um die Mitte des Bechers. Der Kelch -war schön gewunden, er bog sich oben zurück, den Lippen entgegen, und -inwendig funkelte das Gold mit rother Gluth. Der Alte stellte den Becher -zwischen sich und den Jüngling, und winkte ihn näher. Fühlt ihr nicht -etwas, sprach er, wenn euer Auge sich in diesem Glanz verliert? Ja, -sagte Ferdinand, dieser Schein spiegelt in mein Innres hinein, ich -möchte sagen, ich fühle ihn wie einen Kuß in meinem sehnsüchtigen Busen. -So ist es recht! sagte der Alte; nun laßt eure Augen nicht mehr herum -schweifen, sondern haltet sie fest auf den Glanz dieses Goldes, und -denkt so lebhaft wie möglich an eure Geliebte. - -Beide saßen eine Weile ruhig, und schauten vertieft den leuchtenden -Becher an. Bald aber fuhr der Alte mit stummer Geberde, erst langsam, -dann schneller, endlich in eilender Bewegung mit streichendem Finger um -die Glut des Pokals in ebenmäßigen Kreisen hin. Dann hielt er wieder -inne und legte die Kreise von der andern Seite. Als er eine Weile dies -Beginnen fortgesetzt hatte, glaubte Ferdinand Musik zu hören, aber es -klang wie draußen, in einer fernen Gasse; doch bald kamen die Töne -näher, sie schlugen lauter und lauter an, sie zitterten bestimmter durch -die Luft, und es blieb ihm endlich kein Zweifel, daß sie aus dem Innern -des Bechers hervor quollen. Immer stärker ward die Musik, und von so -durchdringender Kraft, daß des Jünglings Herz erzitterte und ihm die -Thränen in die Augen stiegen. Eifrig fuhr die Hand des Alten in -verschiedenen Richtungen über die Mündung des Bechers, und es schien, -als wenn Funken aus seinen Fingern fuhren und zuckend gegen das Gold -leuchtend und klingend zersprangen. Bald mehrten sich die glänzenden -Punkte und folgten, wie auf einen Faden gereiht, der Bewegung seines -Fingers hin und wieder; sie glänzten von verschiedenen Farben, und -drängten sich allgemach dichter und dichter an einander, bis sie in -Linien zusammen schossen. Nun schien es, als wenn der Alte in der rothen -Dämmerung ein wundersames Netz über das leuchtende Gold legte, denn er -zog nach Willkühr die Strahlen hin und wieder, und verwebte mit ihnen -die Oeffnung des Pokales; sie gehorchten ihm und blieben, einer -Bedeckung ähnlich, liegen, indem sie hin und wieder webten und in sich -selber schwankten. Als sie so gefesselt waren, beschrieb er wieder die -Kreise um den Rand, die Musik sank wieder zurück und wurde leiser und -leiser, bis sie nicht mehr zu vernehmen war, das leuchtende Netz -zitterte wie beängstiget. Es brach im zunehmenden Schwanken, und die -Strahlen regneten tropfend in den Kelch, doch aus den niedertropfenden -erhob sich wie eine röthliche Wolke, die sich in sich selbst in -vielfachen Kreisen bewegte, und wie Schaum über der Mündung schwebte. -Ein hellerer Punkt schwang sich mit der größten Schnelligkeit durch die -wolkigen Kreise. Da stand das Gebild, und wie ein Auge schaute es -plötzlich aus dem Duft, wie goldene Locken floß und ringelte es oben, -und alsbald ging ein sanftes Erröthen in dem wankenden Schatten auf und -ab, und Ferdinand erkannte das lächelnde Angesicht seiner Geliebten, die -blauen Augen, die zarten Wangen, den lieblich rothen Mund. Das Haupt -schwankte hin und her, hob sich deutlicher und sichtbarer auf dem -schlanken weißen Halse hervor und neigte sich zu dem entzückten -Jünglinge hin. Der Alte beschrieb immer noch die Kreise um den Becher, -und heraus traten die glänzenden Schultern, und so wie sich die -liebliche Bildung aus dem goldenen Bett mehr hervor drängte und -holdselig hin und wieder wiegte, so erschienen nun die beiden zarten, -gewölbten und getrennten Brüste, auf deren Spitze die feinste -Rosenknospe mit süß verhüllter Röthe schimmerte. Ferdinand glaubte den -Athem zu fühlen, indem das geliebte Bild wogend zu ihm neigte, und ihn -fast mit den brennenden Lippen berührte; er konnte sich im Taumel nicht -mehr bewältigen, sondern drängte sich mit einem Kusse an den Mund, und -wähnte, die schönen Arme zu fassen, um die nackte Gestalt ganz aus dem -goldenen Gefängniß zu heben. Alsbald durchfuhr ein starkes Zittern das -liebliche Bild, wie in tausend Linien brach das Haupt und der Leib -zusammen, und eine Rose lag am Fuß des Pokales, aus deren Röthe noch das -süße Lächeln schien. Sehnsüchtig ergriff sie Ferdinand, drückte sie an -seinen Mund, und an seinem brennenden Verlangen verwelkte sie, und war -in Luft zerflossen. - -Du hast schlecht dein Wort gehalten, sagte der Alte verdrüßlich, du -kannst dir nur selber die Schuld beimessen. Er verhüllte seinen Pokal -wieder, zog die Vorhänge auf und eröffnete ein Fenster; das helle -Tageslicht brach herein, und Ferdinand verließ wehmüthig und mit vielen -Entschuldigungen den murrenden Alten. - -Er eilte bewegt durch die Straßen der Stadt. Vor dem Thore setzte er -sich unter den Bäumen nieder. Sie hatte ihm am Morgen gesagt, daß sie -mit einigen Verwandten Abends über Land fahren müsse. Bald saß, bald -wanderte er liebetrunken im Walde; immer sah er das holdselige Bild, wie -es mehr und mehr aus dem glühenden Golde quoll; jezt erwartete er, sie -heraus schreiten zu sehn im Glanze ihrer Schönheit, und dann zerbrach -die schönste Form vor seinen Augen, und er zürnte mit sich, daß er durch -seine rastlose Liebe und die Verwirrung seiner Sinne das Bildniß und -vielleicht sein Glück zerstört habe. - -Als nach der Mittagsstunde der Spaziergang sich allgemach mit Menschen -füllte, zog er sich tiefer in das Gebüsch zurück; spähend behielt er -aber die ferne Landstraße im Auge, und jeder Wagen, der durch das Thor -kam, wurde aufmerksam von ihm geprüft. - -Es näherte sich dem Abende. Rothe Schimmer warf die untergehende Sonne, -da flog aus dem Thor der reiche vergoldete Wagen, der feurig im -Abendglanze leuchtete. Er eilte hinzu. Ihr Auge hatte das seinige schon -gesucht. Freundlich und lächelnd lehnte sie den glänzenden Busen aus dem -Schlage, er fing ihren liebevollen Gruß und Wink auf; jezt stand er -neben dem Wagen, ihr voller Blick fiel auf ihn, und indem sie sich -weiter fahrend wieder zurück zog, flog die Rose, welche ihren Busen -zierte, heraus, und lag zu seinen Füßen. Er hob sie auf und küßte sie, -und ihm war, als weissage sie ihm, daß er seine Geliebte nicht wieder -sehn würde, daß nun sein Glück auf immer zerbrochen sei. - - * * * * * - -Auf und ab lief man die Treppen, das ganze Haus war in Bewegung, alles -machte Geschrei und Lärmen zum morgenden großen Feste. Die Mutter war am -thätigsten so wie am freudigsten; die Braut ließ alles geschehn, und zog -sich, ihrem Schicksal nachsinnend, in ihr Zimmer zurück. Man erwartete -noch den Sohn, den Hauptmann mit seiner Frau und zwei ältere Töchter mit -ihren Männern; Leopold, ein jüngerer Sohn, war muthwillig beschäftigt, -die Unordnung zu vermehren, den Lärmen zu vergrößern, und alles zu -verwirren, indem er alles zu betreiben schien. Agathe, seine noch -unverheirathete Schwester, wollte ihn zur Vernunft bringen und dahin -bewegen, daß er sich um nichts kümmere, und nur die andern in Ruhe -lasse; aber die Mutter sagte: störe ihn nicht in seiner Thorheit, denn -heute kommt es auf etwas mehr oder weniger nicht an; nur darum bitte ich -euch alle, da ich schon auf so viel zu denken habe, daß ihr mich nicht -mit irgend etwas behelligt, was ich nicht höchst nöthig erfahren muß; ob -sie Porzellan zerbrechen, ob einige silberne Löffel fehlen, ob das -Gesinde der Fremden Scheiben entzwei schlägt, mit solchen Possen ärgert -mich nicht, daß ihr sie mir wieder erzählt. Sind diese Tage der Unruhe -vorüber, dann wollen wir Rechnung halten. - -Recht so, Mutter! sagte Leopold, das sind Gesinnungen eines Regenten -würdig! Wenn auch einige Mägde den Hals brechen, der Koch sich betrinkt -und den Schornstein anzündet, der Kellermeister vor Freude den Malvasier -auslaufen oder aussaufen läßt, Sie sollen von dergleichen Kindereien -nichts erfahren. Es müßte denn sein, daß ein Erdbeben das Haus umwürfe; -Liebste, das ließe sich unmöglich verhehlen. - -Wann wird er doch einmal klüger werden! sagte die Mutter; was werden nur -deine Geschwister denken, wenn sie dich eben so unklug wieder finden, -als sie dich vor zwei Jahren verlassen haben. - -Sie müssen meinem Charakter Gerechtigkeit widerfahren lassen, antwortete -der lebhafte Jüngling, daß ich nicht so wandelbar bin wie sie oder ihre -Männer, die sich in wenigen Jahren so sehr, und zwar nicht zu ihrem -Vortheile verändert haben. - -Jezt trat der Bräutigam zu ihnen, und fragte nach der Braut. Die -Kammerjungfer ward geschickt, sie zu rufen. Hat Leopold Ihnen, liebe -Mutter, meine Bitte vorgetragen? fragte der Verlobte. - -Daß ich nicht wüßte, sagte diese; in der Unordnung hier im Hause kann -man keinen vernünftigen Gedanken fassen. - -Die Braut trat herzu, und die jungen Leute begrüßten sich mit Freuden. -Die Bitte, deren ich erwähnte, fuhr dann der Bräutigam fort, ist, daß -Sie es nicht übel deuten mögen, wenn ich Ihnen noch einen Gast in Ihr -Haus führe, das für diese Tage nur schon zu sehr besetzt ist. - -Sie wissen es selbst, sagte die Mutter, daß, so geräumig es auch ist, -sich schwerlich noch Zimmer einrichten lassen. - -Doch, rief Leopold, ich habe schon zum Theil dafür gesorgt, ich habe die -große Stube im Hinterhause aufräumen lassen. - -Ei, die ist nicht anständig genug, sagte die Mutter, seit Jahren ist sie -ja fast nur zur Polterkammer gebraucht. - -Prächtig ist sie hergestellt, sagte Leopold, und der Freund, für den sie -bestimmt ist, sieht auch auf dergleichen nicht, dem ist es nur um unsre -Liebe zu thun; auch hat er keine Frau und befindet sich gern in der -Einsamkeit, so daß sie ihm gerade recht sein wird. Wir haben Mühe genug -gehabt, ihm zuzureden und ihn wieder unter Menschen zu bringen. - -Doch wohl nicht euer trauriger Goldmacher und Geisterbanner? fragte -Agathe. - -Kein andrer als der, erwiederte der Bräutigam, wenn Sie ihn einmal so -nennen wollen. - -Dann erlauben Sie es nur nicht, liebe Mutter, fuhr die Schwester fort; -was soll ein solcher Mann in unserm Hause? Ich habe ihn einigemal mit -Leopold über die Straße gehen sehn, und mir ist vor seinem Gesicht bange -geworden; auch besucht der alte Sünder fast niemals die Kirche, er liebt -weder Gott noch Menschen, und es bringt keinen Segen, dergleichen -Ungläubige bei so feierlicher Gelegenheit unter das Dach einzuführen. -Wer weiß, was daraus entstehn kann! - -Wie du nun sprichst! sagte Leopold erzürnt, weil du ihn nicht kennst, so -verurtheilst du ihn, und weil dir seine Nase nicht gefällt, und er auch -nicht mehr jung und reizend ist, so muß er, deinem Sinne nach, ein -Geisterbanner und verruchter Mensch sein. - -Gewähren Sie, theure Mutter, sagte der Bräutigam, unserm alten Freunde -ein Plätzchen in ihrem Hause, und lassen Sie ihn an unserer allgemeinen -Freude Theil nehmen. Er scheint, liebe Schwester Agathe, viel Unglück -erlebt zu haben, welches ihn mißtrauisch und menschenfeindlich gemacht -hat, er vermeidet alle Gesellschaft, und macht nur eine Ausnahme mit mir -und Leopold; ich habe ihm viel zu danken, er hat zuerst meinem Geiste -eine bessere Richtung gegeben, ja ich kann sagen, er allein hat mich -vielleicht der Liebe meiner Julie würdig gemacht. - -Mir borgt er alle Bücher, fuhr Leopold fort, und, was mehr sagen will, -alte Manuskripte, und, was noch mehr sagen will, Geld, auf mein bloßes -Wort; er hat die christlichste Gesinnung, Schwesterchen, und wer weiß, -wenn du ihn näher kennen lernst, ob du nicht deine Sprödigkeit fahren -lässest, und dich in ihn verliebst, so häßlich er dir auch jezt -vorkommt. - -Nun so bringen Sie ihn uns, sagte die Mutter, ich habe schon sonst so -viel aus Leopolds Munde von ihm hören müssen, daß ich neugierig bin, -seine Bekanntschaft zu machen. Nur müssen Sie es verantworten, daß wir -ihm keine bessere Wohnung geben können. - -Indem kamen Reisende an. Es waren die Mitglieder der Familie; die -verheiratheten Töchter, so wie der Offizier, brachten ihre Kinder mit. -Die gute Alte freute sich, ihre Enkel zu sehn; alles war Bewillkommnung -und frohes Gespräch, und als der Bräutigam und Leopold auch ihre Grüße -empfangen und abgelegt hatten, entfernten sie sich, um ihren alten -mürrischen Freund aufzusuchen. - -Dieser wohnte die meiste Zeit des Jahres auf dem Lande, eine Meile von -der Stadt, aber eine kleine Wohnung behielt er sich auch in einem Garten -vor dem Thore. Hier hatten ihn zufälligerweise die beiden jungen Leute -kennen gelernt. Sie trafen ihn jezt auf einem Kaffeehause, wohin sie -sich bestellt hatten. Da es schon Abend geworden war, begaben sie sich -nach einigen Gesprächen in das Haus zurück. - -Die Mutter nahm den Fremden sehr freundschaftlich auf; die Töchter -hielten sich etwas entfernt, besonders war Agathe schüchtern und vermied -seine Blicke sorgfältig. Nach den ersten allgemeinen Gesprächen war das -Auge des Alten aber unverwandt auf die Braut gerichtet, welche später -zur Gesellschaft getreten war; er schien entzückt und man bemerkte, daß -er eine Thräne heimlich abzutrocknen suchte. Der Bräutigam freute sich -an seiner Freude, und als sie nach einiger Zeit abseits am Fenster -standen, nahm er die Hand des Alten und fragte ihn: Was sagen Sie von -meiner geliebten Julie? Ist sie nicht ein Engel? -- O mein Freund, -erwiederte der Alte gerührt, eine solche Schönheit und Anmuth habe ich -noch niemals gesehn; oder ich sollte vielmehr sagen, (denn dieser -Ausdruck ist unrichtig) sie ist so schön, so bezaubernd, so himmlisch, -daß mir ist, als hätte ich sie längst gekannt, als wäre sie, so fremd -sie mir ist, das vertrauteste Bild meiner Imagination, das meinem Herzen -stets einheimisch gewesen. - -Ich verstehe Sie, sagte der Jüngling; ja das wahrhaft Schöne, Große und -Erhabene, so wie es uns in Erstaunen und Verwunderung setzt, überrascht -uns doch nicht als etwas Fremdes, Unerhörtes und Niegesehenes, sondern -unser eigenstes Wesen wird uns in solchen Augenblicken klar, unsre -tiefsten Erinnerungen werden erweckt, und unsre nächsten Empfindungen -lebendig gemacht. - -Beim Abendessen nahm der Fremde an den Gesprächen nur wenigen Antheil; -sein Blick war unverwandt auf die Braut geheftet, so daß diese endlich -verlegen und ängstlich wurde. Der Offizier erzählte von einem Feldzuge, -dem er beigewohnt hatte, der reiche Kaufmann sprach von seinen -Geschäften und der schlechten Zeit, und der Gutsbesitzer von den -Verbesserungen, welche er in seiner Landwirthschaft angefangen hatte. - -Nach Tische empfahl sich der Bräutigam, um zum letztenmal in seine -einsame Wohnung zurück zu kehren; denn künftig sollte er mit seiner -jungen Frau im Hause der Mutter wohnen, ihre Zimmer waren schon -eingerichtet. Die Gesellschaft zerstreute sich, und Leopold führte den -Fremden nach seinem Gemach. Ihr entschuldigt es wohl, fing er auf dem -Gange an, daß ihr etwas entfernt hausen müßt, und nicht so bequem, als -die Mutter wünscht; aber ihr seht selbst, wie zahlreich unsre Familie -ist, und morgen kommen noch andre Verwandte. Wenigstens werdet ihr uns -nicht entlaufen können, denn ihr findet euch gewiß nicht aus dem -weitläufigen Gebäude heraus. - -Sie gingen noch durch einige Gänge; endlich entfernte sich Leopold und -wünschte gute Nacht. Der Bediente stellte zwei Wachskerzen hin, fragte, -ob er den Fremden entkleiden solle, und da dieser jede Bedienung verbat, -zog sich jener zurück, und er befand sich allein. Wie muß es mir denn -begegnen, sagte er, indem er auf und nieder ging, daß jenes Bildniß so -lebhaft heut aus meinem Herzen quillt? Ich vergaß die ganze -Vergangenheit und glaubte sie selbst zu sehn. Ich war wieder jung und -ihr Ton erklang wie damals; mir dünkte, ich sei aus einem schweren Traum -erwacht; aber nein, jezt bin ich erwacht, und die holde Täuschung war -nur ein süßer Traum. - -Er war zu unruhig, um zu schlafen, er betrachtete einige Zeichnungen an -den Wänden und dann das Zimmer. Heute ist mir alles so bekannt, rief er -aus, könnt' ich mich doch fast so täuschen, daß ich mir einbildete, -dieses Haus und dieses Gemach seien mir nicht fremd. Er suchte seine -Erinnerungen anzuknüpfen, und hob einige große Bücher auf, welche in der -Ecke standen. Als er sie durchblättert hatte, schüttelte er mit dem -Kopfe. Ein Lautenfutteral lehnte an der Mauer; er eröffnete es und nahm -ein altes seltsames Instrument heraus, das beschädigt war und dem die -Saiten fehlten. Nein, ich irre mich nicht, rief er bestürzt: diese Laute -ist zu kenntlich, es ist die Spanische meines längst verstorbenen -Freundes Albert; dort stehn seine magischen Bücher, dies ist das Zimmer, -in welchem er mir jenes holdselige Orakel erwecken wollte; verblichen -ist die Röthe des Teppichs, die goldene Einfassung ermattet, aber -wundersam lebhaft ist alles, alles aus jenen Stunden in meinem Gemüth; -darum schauerte mir, als ich hieher ging, auf jenen langen verwickelten -Gängen, welche mich Leopold führte; o Himmel, hier auf diesem Tische -stieg das Bildniß quellend hervor, und wuchs auf wie von der Röthe des -Goldes getränkt und erfrischt; dasselbe Bild lachte hier mich an, -welches mich heut Abend dorten im Saale fast wahnsinnig gemacht hat, in -jenem Saale, in welchem ich so oft mit Albert in vertrauten Gesprächen -auf und nieder wandelte. - -Er entkleidete sich, schlief aber nur wenig. Am Morgen stand er früh -wieder auf, und betrachtete das Zimmer von neuem; er eröffnete das -Fenster, und sah dieselben Gärten und Gebäude vor sich, wie damals, nur -waren indeß viele neue Häuser hinzu gebaut worden. Vierzig Jahre sind -seitdem verschwunden, seufzte er, und jeder Tag von damals enthielt -längeres Leben als der ganze übrige Zeitraum. - -Er ward wieder zur Gesellschaft gerufen. Der Morgen verging unter -mannichfaltigen Gesprächen, endlich trat die Braut in ihrem Schmucke -herein. So wie der Alte ihrer ansichtig ward, gerieth er wie außer sich, -so daß keinem in der Gesellschaft seine Bewegung entging. Man begab sich -zur Kirche und die Trauung ward vollzogen. Als sich alle wieder im Hause -befanden, fragte Leopold seine Mutter: nun, wie gefällt Ihnen unser -Freund, der gute mürrische Alte? - -Ich habe ihn mir, antwortete diese, nach euren Beschreibungen viel -abschreckender gedacht, er ist ja mild und theilnehmend, man könnte ein -rechtes Zutrauen zu ihm gewinnen. - -Zutrauen? rief Agathe aus, zu diesen fürchterlich brennenden Augen, -diesen tausendfachen Runzeln, dem blassen eingekniffenen Mund, und -diesem seltsamen Lachen, das so höhnisch klingt und aussieht? Nein, Gott -bewahr mich vor solchem Freunde! Wenn böse Geister sich in Menschen -verkleiden wollen, müssen sie eine solche Gestalt annehmen. - -Wahrscheinlich doch eine jüngere und reizendere, antwortete die Mutter; -aber ich kenne auch diesen guten Alten in deiner Beschreibung nicht -wieder. Man sieht, daß er von heftigem Temperament ist, und sich gewöhnt -hat alle seine Empfindungen in sich zu verschließen; er mag, wie Leopold -sagt, viel Unglück erlebt haben, daher ist er mißtrauisch geworden, und -hat jene einfache Offenheit verloren, die hauptsächlich nur den -Glücklichen eigen ist. - -Ihr Gespräch wurde unterbrochen, weil die übrige Gesellschaft hinzu -trat. Man ging zur Tafel, und der Fremde saß neben Agathe und dem -reichen Kaufmanne. Als man anfing die Gesundheiten zu trinken, rief -Leopold: haltet noch inne, meine werthen Freunde, dazu müssen wir unsern -Festpokal hier haben, der dann rundum gehn soll! Er wollte aufstehen, -aber die Mutter winkte ihm, sitzen zu bleiben; du findest ihn doch -nicht, sagte sie, denn ich habe alles Silberzeug anders gepackt. Sie -ging schnell hinaus, um ihn selber zu suchen. Was unsre Alte heut -geschäftig und munter ist, sagte der Kaufmann, so dick und breit sie -ist, so behende kann sie sich doch noch bewegen, obgleich sie schon -sechzig zählt; ihr Gesicht sieht immer heiter und freudig aus, und heut -ist sie besonders glücklich, weil sie sich in der Schönheit ihrer -Tochter wieder verjüngt. Der Fremde gab ihm Beifall, und die Mutter kam -mit dem Pokal zurück. Man schenkte ihn voll Weins, und oben vom Tisch -fing er an herum zu gehn, indem jeder die Gesundheit dessen ausbrachte, -was ihm das liebste und erwünschteste war. Die Braut trank das Wohlsein -ihres Gatten, dieser die Liebe seiner schönen Julie, und so that jeder -nach der Reihe. Die Mutter zögerte, als der Becher zu ihr kam. Nur -dreist! sagte der Offizier etwas rauh und voreilig, wir wissen ja doch, -daß sie alle Männer für ungetreu und keinen einzigen der Liebe einer -Frau würdig halten; was ist Ihnen also das Liebste? Die Mutter sah ihn -an, indem sich über die Milde ihres Antlitzes plötzlich ein zürnender -Ernst verbreitete. Da mein Sohn, sagte sie, mich so genau kennt, und so -strenge meine Gemüthsart tadelt, so sei es mir auch erlaubt, nicht -auszusprechen, was ich jetzt eben dachte, und suche er nur dasjenige, -was er als meine Ueberzeugung kennen will, durch seine ungefälschte -Liebe unwahr zu machen. Sie gab den Becher, ohne zu trinken, weiter, und -die Gesellschaft war auf einige Zeit verstimmt. - -Man erzählt sich, sagte der Kaufmann leise, indem er sich zum Fremden -neigte, daß sie ihren Mann nicht geliebt habe, sondern einen andern, der -ihr aber ungetreu geworden ist; damals soll sie das schönste Mädchen in -der Stadt gewesen sein. - -Als der Becher zu Ferdinand kam, betrachtete ihn dieser mit Erstaunen, -denn es war derselbe, aus welchem ihm Albert ehemals das schöne Bildniß -hervor gerufen hatte. Er schaute in das Gold hinein und in die Welle des -Weines, seine Hand zitterte; es würde ihn nicht verwundert haben, wenn -aus dem leuchtenden Zaubergefäße jezt wieder jene Gestalt hervor geblüht -wäre und mit ihr seine entschwundene Jugend. Nein, sagte er nach einiger -Zeit halblaut, es ist Wein, was hier glüht! Was soll es anders sein? -sagte der Kaufmann lachend, trinken Sie getrost! Ein Zucken des Schrecks -durchfuhr den Alten, er sprach den Namen Franziska heftig aus, und -setzte den Pokal an die brünstigen Lippen. Die Mutter warf einen -fragenden und verwundernden Blick hinüber. Woher dieser schöne Becher? -sagte Ferdinand, der sich seiner Zerstreuung schämte. Vor vielen Jahren -schon, antwortete Leopold, noch ehe ich geboren war, hat ihn mein Vater -zugleich mit diesem Hause und allen Mobilien von einem alten einsamen -Hagestolz gekauft, einem stillen Menschen, den die Nachbarschaft umher -für einen Zauberer hielt. Ferdinand mochte nicht sagen, daß er jenen -gekannt hatte, denn sein Dasein war ihm zu sehr zum seltsamen Traum -verwirrt, um auch nur aus der Ferne die übrigen in sein Gemüth schauen -zu lassen. - -Nach aufgehobener Tafel war er mit der Mutter allein, weil die jungen -Leute sich zurück gezogen hatten, um Anstalten zum Balle zu treffen. -Setzen Sie sich neben mich, sagte die Mutter, wir wollen ausruhen, denn -wir sind über die Jahre des Tanzes hinweg, und wenn es nicht -unbescheiden ist zu fragen, so sagen Sie mir doch, ob Sie unsern Pokal -schon sonst wo gesehn haben, oder was es war, was Sie so innerlichst -bewegte. - -O gnädige Frau, sagte der Alte, verzeihen Sie meiner thörichten -Heftigkeit und Rührung; aber seit ich in Ihrem Hause bin, ist es, als -gehöre ich mir nicht mehr an, denn in jedem Augenblicke vergesse ich es, -daß mein Haar grau ist, daß meine Geliebten gestorben sind. Ihre schöne -Tochter, die heute den frohesten Tag ihres Lebens feiert, ist einem -Mädchen, das ich in meiner Jugend kannte und anbetete, so ähnlich, daß -ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, nein, der Ausdruck sagt -zu wenig, sie ist es selbst! Auch hier im Hause bin ich viel gewesen, -und einmal mit diesem Pokal auf die seltsamste Weise bekannt geworden. -Er erzählte ihr hierauf sein Abentheuer. An dem Abend dieses Tages, so -beschloß er, sah ich draußen im Park meine Geliebte zum letzten mal, -indem sie über Land fuhr. Eine Rose entfiel ihr, diese habe ich -aufbewahrt; sie selbst ging mir verloren, denn sie ward mir ungetreu und -bald darauf vermält. - -Gott im Himmel! rief die Alte und sprang heftig bewegt auf, du bist doch -nicht Ferdinand? - -So ist mein Name, sagte jener. - -Ich bin Franziska, antwortete die Mutter. - -Sie wollten sich umarmen, und fuhren schnell zurück. Beide betrachteten -sich mit prüfenden Blicken, beide suchten aus dem Ruin der Zeit jene -Lineamente wieder zu entwickeln, die sie ehemals an einander gekannt und -geliebt hatten, und wie in dunkeln Gewitternächten unter dem Fluge -schwarzer Wolken einzeln in flüchtigen Momenten die Sterne räthselhaft -schimmern, um schnell wieder zu erlöschen, so schien ihnen aus den -Augen, von Stirn und Mund jezuweilen der wohlbekannte Zug -vorüberblitzend, und es war, als wenn ihre Jugend in der Ferne lächelnd -weinte. Er bog sich nieder und küßte ihre Hand, indem zwei große Thränen -herabstürzten, dann umarmten sie sich herzlich. - -Ist deine Frau gestorben? fragte die Mutter. - -Ich war nie verheirathet, schluchzte Ferdinand. - -Himmel! sagte die Alte, die Hände ringend, so bin ich die Ungetreue -gewesen! Doch nein, nicht ungetreu. Als ich vom Lande zurück kam, wo ich -zwei Monden gewesen war, hörte ich von allen Menschen, auch von deinen -Freunden, nicht blos den meinigen, du seist längst abgereist und in -deinem Vaterlande verheirathet, man zeigte mir die glaubwürdigsten -Briefe, man drang heftig in mich, man benutzte meine Trostlosigkeit, -meinen Zorn, und so geschah es, daß ich meine Hand dem verdienstvollen -Manne gab; mein Herz, meine Gedanken blieben dir immer gewidmet. - -Ich habe mich nicht von hier entfernt, sagte Ferdinand, aber nach -einiger Zeit vernahm ich deine Vermälung. Man wollte uns trennen, und es -ist ihnen gelungen. Du bist glückliche Mutter, ich lebe in der -Vergangenheit, und alle deine Kinder will ich wie die meinigen lieben. -Aber wie wunderbar, daß wir uns seitdem nie wieder gesehen haben. - -Ich ging wenig aus, sagte die Mutter, und mein Mann, der bald darauf -einer Erbschaft wegen einen andern Namen annahm, hat dir auch jeden -Verdacht dadurch entfernt, daß wir in derselben Stadt wohnen könnten. - -Ich vermied die Menschen, sagte Ferdinand, und lebte nur der Einsamkeit; -Leopold ist beinah der einzige, der mich wieder anzog und unter Menschen -führte. O geliebte Freundin, es ist wie eine schauerliche -Geistergeschichte, wie wir uns verloren und wieder gefunden haben. - -Die jungen Leute fanden die Alten in Thränen aufgelöst und in tiefster -Bewegung. Keines sagte, was vorgefallen war, das Geheimniß schien ihnen -zu heilig. Aber seitdem war der Greis der Freund des Hauses, und der Tod -nur schied die beiden Wesen, die sich so sonderbar wieder gefunden -hatten, um sie kurze Zeit nachher wieder zu vereinigen. - - * * * * * - -Es war über dem Vorlesen dieser Mährchen viele Zeit verflossen, und man -setzte sich sehr spät zu Tische. Der Abend war wieder so warm, daß man -die Flügel des Saales eröffnen konnte, um die anmuthige Luft zu -genießen. Man sprach noch vielerlei über die vorgetragenen Erzählungen, -und es schien, daß die übrigen Frauen der Meinung Claras beitraten, -welche die Geschichte vom blonden Eckbert allen übrigen vorzog. Emilie -wollte im getreuen Eckart eine Disharmonie bemerken, Rosalie nahm die -Magelone in Schutz und Wilibalds Erzählung, Auguste lobte die Elfen; nur -in Ansehung des Runenberges und Liebeszaubers blieben alle bei ihrer -vorgefaßten Meinung; und verwarfen sie gänzlich. Mein theurer Freund, -sagte Manfred, zu Lothar gewandt, trösten wir uns darüber, daß die -gegenwärtige Zeit uns nicht versteht, ich appellire an eine bessere -Nachwelt, die mich dankbar anerkennen wird. - -Wo ist die? fragte Lothar lachend. - -Dorten schläft sie schon, sagte Manfred, nach der Kinderstube hinauf -deutend; meine beiden Jungen meine ich; so wie sie nur ein weniges bei -Kräften sind, lese ich ihnen meine Werke vor, und belohne ihren Beifall -mit Zuckerwerk, und ich will sehn, ob sie mich nicht auf lange für den -ersten aller Dichter halten sollen. - -Wir sind aber unserm Freunde Lothar eine Vergütigung schuldig, sagte -Clara, und da er heute als Autor so wenig Glück gemacht hat, so versuche -er es einmal mit der Königswürde, er übernehme die nächste Abtheilung -und bestimme sie nach seiner Willkühr. - -Lothar verneigte sich, und nahm aus dem Blumenkorbe eine Lilie, um sie -als Scepter zu gebrauchen. So befehle ich denn, sprach er, daß wir diese -Mährchenwelt noch nicht verlassen, nur wollen wir den Dichtern die Mühe -der Erfindung schenken; mögen sie allgemein bekannte Geschichten nehmen, -wo möglich ganz kindische und alberne, und damit den Versuch machen, -diesen durch ihre Darstellung ein neues Interesse zu geben; jedes dieser -Mährchen soll aber ein Drama sein. - -Wilibald hustete und Auguste sagte: nur bitten wir Mädchen, daß es auch -hie und da etwas lustig darin zugehn möge, und nicht allzu poetisch. - -Mir erlaube man auch eine Bitte, fügte Emilie hinzu, und zwar diejenige, -daß wir mit der Zeit etwas ökonomischer umgehn und berechnen mögen, was -sich vortragen und von den Zuhörern erdulden läßt, denn heute haben wir -uns offenbar übersättigt, und der Genuß ist fast zur Pein geworden; Sie -müssen bedenken, daß wir Frauen nicht so an das Verschlingen der Bücher -gewöhnt sind, wie die Männer. - -Auch dieses ist gewährt, sagte Lothar, ich werde mit meinen Räthen eine -billige und zweckmäßige Einrichtung treffen, besonders bei diesen -Dramen, von denen einige länger ausfallen dürften, als die meisten der -heutigen Erzählungen. - -Gute Nacht, sagte Manfred, ich bin so müde, und durch Beifall so wenig -aufgemuntert, daß ich am besten thun werde, mich in die Dunkelheit -meines Bettes zurück zu ziehn. - -Als er sich entfernt hatte, sprach man noch über die seltsame -Erscheinung, daß im Schrecklichen eine gewisse Lieblichkeit wohnen -könne, die dem Reiz des Grauenhaften eine Art von Rührung und Wehmuth -beigeselle. Die letzte der heutigen Erzählungen, sagte Emilie, hat zwar -nichts Furchtbares, kommt man aber darin überein, wie doch die meisten -Menschen zu glauben scheinen, daß die Liebe die Blüte des Lebens sei, so -ist sie vielleicht die traurigste und rührendste von allen, weil die -erzählte Begebenheit fast durchaus möglich ist und sich an das -Alltägliche knüpft. - -Anton bemerkte, daß die stille Lieblichkeit an sich leicht ermüde und -einschläfre, wie die meisten neueren Idyllen, und daß man ihnen wohl -einen Zusatz wünschen müsse, entweder von Schreck, oder Bosheit, oder -irgend einem andern Ingredienz, um durch diese Würze den Geschmack des -Lieblichen selber hervor zu heben, wie durch den Firniß die Farben der -Gemälde. - -Darum, sagte Lothar, hat man in Frankreich mit Recht etwas Wolf in -manche Schäfereien hinein gewünscht. Die reine Unschuld, als solche, -verträgt keine Darstellung, denn sie liegt außer der Natur, oder falls -sie natürlich ist, ist sie höchst unpoetisch; ich meine nämlich jene -hohe, sentimentale, die uns die Dichter so oft haben malen wollen. Ich -sah einmal eine französische Operette, zwar nur von einem, aber desto -längeren Akte, in welcher ein junger Mensch von Anfang bis zu Ende -nichts weiter in der Welt wollte, als seinen Papa lieben, den er -bekränzte, als er schlief, und ihm Früchte vorsetzte, als er erwachte, -worauf beide sich umarmten und gerührt waren. Ich will nicht sagen, daß -dergleichen nicht löblich sein könnte; aber was in aller Welt ging es -denn die Zuschauer an, die unten standen, und höchst überflüßige Zeugen -dieser Zärtlichkeit waren? - -Die Idyllen der Neueren, sagte Ernst, sind früh sentimental geworden, -oder allegorisch, in der letzten Zeit bei Franzosen und Deutschen meist -fade und süßlich. Zwei Gedichte eines Deutschen aber sind mir bekannt, -die ich vielen der schönsten Poesien an die Seite setzen möchte, den -Satyr Mopsus nämlich und Bacchidon und Milon vom Maler Müller; die -frische sinnliche Natur, der lyrische Schwung der Gesänge, die schön -gewählten und kräftig ausgeführten Bilder haben mich jedesmal bis zur -Entzückung hingerissen. Trefflich, wenn gleich nicht von dieser -Vollendung, ist seine Schaafschur, reicher als dieses Gemälde aus -unserer Zeit, sein Nußkernen. In dem Gedicht »Adams erstes Erwachen« -befindet er sich freilich auch zuweilen in jener Leere, die sich nicht -poetisch bevölkern läßt, aber einzelne Stellen sind von großer -Schönheit, und in der Darstellung der Thiere scheint er mir einzig; ich -weiß wenigstens keinen Dichter, der sie uns mit dieser geistigen -Lebendigkeit vor die Augen führte. Wie Schade, daß dieses wahre Genie, -welches sich so glänzend ankündigte, nicht nachher das Studium der -Poesie fortgesetzt hat! Sein Geist scheint mir mit dem des Julio Romano -innig verwandt; dieselbe Fülle und Lieblichkeit, das Scharfe und Bizarre -der Gedanken, und dieselbe Sucht zur Uebertreibung. - -Nach einigen Wendungen des Gespräches kam man auf die Seltsamkeit der -Träume, und wie wunderbar sich das Ahndungsvermögen des Menschen oftmals -in ihnen offenbare, und nachdem einige Beispiele erzählt waren, sagte -Anton: mir ist eine Geschichte dieser Art bekannt, die mir glaubwürdige -Freunde als eine unbezweifelt wahre mitgetheilt haben, und die ich Ihnen -noch vortragen will, da sie uns nicht lange aufhalten wird. Ein -Landedelmann ruhte neben seiner Frau in einem Zimmer des Schlosses. -Mitternacht war schon vorüber, als er plötzlich aus dem Schlafe auffuhr, -und seine Gattin weckte. Was ist dir, mein Lieber? fragte diese -verwundert. Mich hat ein seltsamer Traum auf eine eigne Art bewegt, -antwortete der Mann. Mir war, als ginge ich auf den Saal hinaus, und wie -ich mich umsah, stand dein Kammermädchen vor mir, aber so geputzt und -aufgeschmückt, wie ich sie niemals gesehn habe, auch trug sie einen -grünen Kranz in den Haaren; sie warf sich vor mir nieder, umfaßte meine -Knie, und beschwor mich, ich solle ihr beistehn, denn ihr Leben schwebe -in der größten Gefahr. Ich habe sie so deutlich vor mir gesehn, und bin -von ihren Thränen und Bitten so gerührt, daß ich nicht weiß, was ich -davon denken soll. Wer wird, sagte die Frau, über einen zufälligen Traum -grübeln! Schlafe wohl und störe mich nicht wieder. Beide schliefen ein. -Nach einer halben Stunde erwachte der Mann in noch größerer -Beängstigung; er rief seiner Gattin und sagte ihr, daß der nämliche -Traum mit denselben Umständen ihm wieder vorgekommen sei, und das -Mädchen habe noch dringender gefleht, noch schmerzlicher geweint. Die -Frau schalt dieses Wichtignehmen eines leeren Traumes, Grille, fand die -Wiederholung der nämlichen Scene sehr natürlich und begreiflich; nach -einem kurzen Gespräche war auch der Mann derselben Meinung, und beide -hatten sich wieder dem Schlafe überlassen. Sie erstaunte, als sie nach -einiger Zeit von dem Geräusch erwachte, welches der Mann erregte, den -sie angekleidet, und mit einem Lichte, welches er angezündet hatte, vor -dem Bette stehen sah. Was ist dir nur heut? fragte sie halb unwillig. -Sei es wie es sei, antwortete ihr Gatte, ich will diesesmal einem Traume -glauben, wenn auch sonst nie wieder, denn das Mädchen ist mir jezt zum -dritten male eben so erschienen, hat ihre Bitte wiederholt und mit -ängstlichem Schreien hinzu gefügt: nun ist es die höchste Zeit, in -einigen Minuten ist es zu spät! Ich will jezt hinauf gehn, und sehn was -sie macht. Ohne eine Antwort zu erwarten, verließ er das Schlafzimmer. -Wie erstaunte er, indem er sich die Treppe hinauf begeben wollte, daß -die breiten Stiegen herunter das Mädchen ihm gerade so entgegen schritt, -wie er sie im Traume gesehen hatte, im seidenen Kleide, welches ihr nur -vor wenigen Tagen die gnädige Frau geschenkt hatte: mit Myrthen und -Blumen in den Haaren, eine kleine Laterne in der Hand; das Licht, -welches er trug, warf einen vollen Schein über die erschrockene Gestalt, -die auf die Anrede, wohin sie gehe, und was sie vorhabe, anfangs in -ihrer Verwirrung nichts zu antworten wußte. Endlich sammelte sie sich -etwas und fiel ihrem Gebieter zu Fuß, dessen Knie sie mit Thränen -umfaßte. O Vergebung, mein gnädiger Herr! rief sie aus, vergeben Sie, -und machen Sie, daß die gnädige Frau mir verzeiht: in dieser Stunde -wollte ich draußen im Garten hinter der Lindenallee den Gärtner treffen, -der mir schon seit lange die Ehe versprochen hat, und mit dem ich -verlobt bin; heute Nacht wollten wir uns heimlich in der Kapelle hier -neben an trauen lassen, denn ich Unglückliche bin seit fünf Monden von -ihm guter Hoffnung. Gehe ruhig in dein Zimmer zurück, sagte der Herr; -ich will den Gärtner selber aufsuchen, ich habe gegen eure Verbindung -nichts, nur diese Heimlichkeit ist mir anstößig. Er hat es durchaus so -gewollt, antwortete sie, weil er der Ueberzeugung war, daß Sie uns beide -nicht in Ihren Diensten behalten würden, wenn Sie die Sache erführen. -Gieb dich für heut zufrieden, sagte der Herr; morgen wollen wir -vernünftig darüber sprechen. O Gott, schluchzte sie, so habe ich doch -heute mein Brautkleid umsonst angelegt! Mit diesen Worten ging sie die -Treppe wieder hinauf. Der Baron ließ im Saale die Kerze stehn, und begab -sich in den Garten. Die Nacht war finster und ohne Sterne, ein feuchter -Herbstwind schlug ihm entgegen, die Bäume sausten winterlich. Er schritt -durch die bekannten Gänge, und hinter den Linden, an der einsamsten und -entferntesten Stelle des Gartens, sah er aus dem Boden ein Lichtlein -schimmern. Als er näher ging, sah er, daß sein Gärtner in einer -ausgehöhlten Grube stand, und beim Schein einer kleinen Blendlaterne -eifrig die Höhle wie zu einem Grabe erweiterte. Ein Beil lag neben ihm. -Ein Schauder ergriff den Herrn. Was macht ihr da? rief er ihn plötzlich -an. Der Gärtner erschrak und ließ den Spaten fallen, indem er die -Gestalt seines Gebieters gerade über sich erblickte. Ich will hier -Früchte für den Winter einlegen, stotterte er verwirrt. Kommt mit mir in -mein Zimmer, sagte der Baron, ich habe mit euch zu sprechen. Sogleich, -gnädiger Herr, erwiederte der Gärtner. Er hob die Laterne auf, und stieg -aus der Grube; aber statt sich nach dem Schlosse zu wenden, blies er -plötzlich das Licht aus, sprang über die Gartenhecke, und lief in den -nahen Wald hinein. Seitdem hatte ihn Niemand in der dortigen Gegend -wieder gesehn. -- - -O weh! rief Clara, die schrecklichen Geschichten fangen von neuem an, -und nun ist es gar Nacht und finster! Sie faßte ein Licht, und dasselbe -thaten die übrigen Frauen, um sich auf ihre Zimmer zu begeben, als ein -ungeheurer Schlag plötzlich gegen die Thüre erklang. Alle sahen sich -schweigend an, und herein trat mit zentnerschwerem Schritt die Gestalt -des steinernen Gastes. Er begab sich bis in die Mitte des Saales, indem -noch keiner ein Wort auszusprechen wagte. - -Ich bin es ja, ihr Narren, rief plötzlich Manfreds bekannte Stimme, -indem er mit seinem natürlichen Gange näher kam. O er ist unerträglich, -sagte Rosalie; glaubst du denn, daß ich nicht eben so stark schaudre, -wenn ich gleich erkenne, daß das Gespenst nur eine weiße Maske ist, -gerade deshalb, weil du, der Bekannte, der Befreundete, mir so -grauenvoll erscheinst? Diese Vermischung dessen, was uns lieb und -entsetzlich ist, ist gerade das Widerwärtigste. So will er auch immer -nicht begreifen, daß ich mich vor ihm fürchte, wenn er, wandelt ihn -einmal die Laune an, den Betrunkenen so natürlich spielt, und daß ich -eben so gern einen wirklich Berauschten oder Wahnsinnigen vor mir sehen -möchte. Geh, du Ungezogener, und wische dir den Puder aus dem Gesichte. - -Nicht eher, sagte Manfred, bis du, und Auguste, und Clara, mir jede -einen Kuß gegeben haben. Er ging auf sie zu, die drei Frauen aber flohen -mit den Lichtern, die sie in den Händen hielten, durch den offenen Saal -in den Garten, und die weiße behelmte Figur rannte ihnen nach. Man hörte -sie kreischen, und sah die drei Lichter und schlanken Gestalten durch -den Buchengang schweben, dann um die Laube biegen, und dem Springbrunnen -vorüber sich in den großen Baumgang verlieren. Plötzlich vernahm man ein -lautes Aufrauschen im größten Brunnen, wie wenn eine große Wucht hinein -stürzte, und das Wasser klatschend darüber zusammen schlüge. Die -Geängstigten stürzten mit ihren Lichtern herzu, und Manfred, welcher -hinein gesprungen war, gab der zunächst stehenden Clara einen flüchtigen -Kuß, dann seiner Gattin, und auch Auguste durfte sich nicht weigern, -weil er schwur, widrigenfalls die ganze Nacht im Bassin zu verharren. -Nun habe ich meinen Willen gehabt, sagte Manfred ruhig, und nun wird es -wohl an der Zeit sein, mich umzukleiden oder vielmehr zu entkleiden, und -mich im Bette zu erwärmen. - -Man schalt und lachte, und Emilie war besonders unzufrieden. Die Frauen -und Manfred gingen hinauf. Die übrigen Freunde blieben noch im Garten, -wo sie nach einiger Zeit von dem obern Zimmer Gesang ertönen hörten, der -lieblich durch den Garten scholl. Es war ein Singestück von Palestrina, -welches die drei Frauen ohne Begleitung eines Instruments ausführten. - -Friedrich sagte: alle Empfindungen, schöne wie unangenehme, verschütten -sie jezt in diese Wogen des Wohllauts. So wird der Tag am schönsten -beschlossen, und die Nacht am würdigsten gefeiert. - -Ich halte es für ein Glück meines Lebens, sagte Ernst, daß ich zeitig -genug nach Rom kam, um noch oftmals den Gesang der päpstlichen Kapelle -hören zu können. Die Musik, die man Weihnachten in Maria Maggiore und in -der Charwoche im Vatikan hörte, vielmals auch im päpstlichen Pallast auf -Monte Cavallo, war eben so einzig, als es das jüngste Gericht von -Michael Angelo oder die Stanzen Rafaels sind; man konnte diesen Genuß -auch nur in dem einzigen Rom haben, und wie diese Hauptstadt der Welt -der Mittelpunkt der Malerei und Skulptur war, so war sie auch die wahre -hohe Schule der Musik. Diese Herrlichkeit ist nun auch zertrümmert, und -man kann davon nur wie von einer alten wunderbaren Sage erzählen. Schon -früher war es für mich eine Epoche meines Lebens gewesen, diesen alten -wahren Gesang kennen zu lernen: ich hatte immer nach Musik, nach der -höchsten, gedürstet, und geglaubt, keinen Sinn für diese Kunst zu -besitzen, als mit der Kenntniß des Palestrina, Leo, Allegri, und jener -Alten, die man jezt von den Liebhabern selten oder nie nennen hört; mein -Gehör und mein Geist erwachte. Seitdem weiß ich wohl, was ich vorher -suchte, und warum ehemals mich nichts befriedigen wollte. Seitdem glaube -ich eingesehen zu haben, daß nur dieses die wahre Musik sei, und daß der -Strom, den man in den weltlichen Luxus unserer Oper hinein geleitet hat, -um ihn mit Zorn, Rache und allen Leidenschaften zu versetzen, trübe und -unlauter geworden ist; denn unter den Künsten ist die Musik die -religiöseste, sie ist ganz Andacht, Sehnsucht, Demuth, Liebe; sie kann -nicht pathetisch sein, und auf ihre Stärke und Kraft pochen, oder sich -in Verzweiflung austoben wollen, hier verliert sie ihren Geist, und wird -nur eine schwache Nachahmerin der Rede und Poesie. - -Du scheinst mir jezt zu einseitig, sagte Lothar; erinnere ich mich doch -der Zeit recht gut, wo du den Mozart hoch verehrtest. - -Ich müßte ohne Gefühl sein, antwortete Ernst, wenn ich den wundersamen, -reichen und tiefen Geist dieses Künstlers nicht ehren und lieben sollte, -wenn ich mich nicht von seinen Werken hingerissen fühlte. Nur muß man -mich kein Requiem von ihm wollen hören lassen, oder mich zu überzeugen -suchen, daß er, so wie die meisten Neueren, wirklich eine geistliche -Musik habe setzen können. Aber er ist einzig in seiner Kunst. Als die -Musik ihre himmlische Unschuld verloren, und sich schon längst zu den -kleinlichen Leidenschaften der Menschen erniedrigt hatte, fand er sie in -ihrer Entartung, und lehrte ihr aus bewegtem Herzen das Wundersamste, -Fremdeste, ihr Unnatürlichste austönen; zugleich jene tiefe Leidenschaft -der Seele, jenes Ringen aller Kräfte in unaussprechlicher Sehnsucht, -nicht fremd sogar blieb ihr das gespenstische Grauen und Entsetzen. Ich -sehe hierin die Geschichte des Orpheus und der Euridice. Sie ist -gestorben; bei den Schatten, in der dunkeln Unterwelt weilt die -Geliebte; er fühlt Kraft und Muth genug das Licht der Sonne zu -verlassen, sich der schwarzen Fluth und Dämmerung anzuvertrauen; sein -Zauberspiel rührt den ernsten, sonst unerbittlichen Gott, die Larven und -Verdammten genießen in seinen Tönen einer schnell vorüber fliehenden -Seeligkeit; Euridice folgt seinem Saitenspiel, aber nicht rückwärts soll -er blicken, ihr nicht ins Angesicht schauen, sie nur im Glauben -besitzen; sie lockt, sie ruft, sie weint, da wendet sich sein Auge, und -blasser und blasser zittert die geliebte Gestalt in den gähnenden Orkus -zurück. Der Sänger tritt mit der Kraft seiner Töne wieder in die -Oberwelt, sein Lied singt und klagt die Verlorne, alle Melodieen suchen -sie, aber er hat aus dem tiefen Abgrund, den kein Sänger vor ihm -besucht, das schwermüthige Rollen der unterirdischen Wässer, das Aechzen -der Gemarterten, das Stöhnen der Geängstigten und das Hohnlachen der -Furien, samt allen Gräueln der dunkeln Reiche mit herauf gebracht, und -alles klingt in vielfach verschlungener Kunst in der Lieblichkeit seiner -Lieder. Himmel und Hölle, die durch unermeßliche Klüfte getrennt waren, -sind zauberhaft und zum Erschrecken in der Kunst vereinigt, die -ursprünglich reines Licht, stille Liebe und lobpreisende Andacht war. So -erscheint mir Mozarts Musik. - -Es war den neuesten Zeiten vorbehalten, fuhr Lothar fort, den -wundervollen Reichthum des menschlichen Sinnes in dieser Kunst, -vorzüglich in der Instrumental-Musik auszusprechen. In diesen -vielstimmigen Compositionen und in den Symphonieen vernehmen wir aus dem -tiefsten Grunde heraus das unersättliche, aus sich verirrende und in -sich zurück kehrende Sehnen, jenes unaussprechliche Verlangen, das -nirgend Erfüllung findet und in verzehrender Leidenschaft sich in den -Strom des Wahnsinns wirft, nun mit allen Tönen kämpft, bald überwältigt, -bald siegend aus den Wogen ruft, und Rettung suchend tiefer und tiefer -versinkt. Und wie es dem Menschen allenthalben geschieht, wenn er alle -Schranken überfliegen und das Letzte und Höchste erringen will, daß die -Leidenschaft in sich selbst zerbricht und zersplittert, das Gegentheil -ihrer ursprünglichen Größe, so geschieht es auch wohl in dieser Kunst -großen Talenten. Wenn wir Mozart wahnsinnig nennen dürfen, so ist der -genialische Beethoven oft nicht vom Rasenden zu unterscheiden, der -selten einen musikalischen Gedanken verfolgt und sich in ihm beruhigt, -sondern durch die gewaltthätigsten Uebergänge springt und der Phantasie -gleichsam selbst im rastlosen Kampfe zu entfliehen sucht. - -Alle diese neuen tiefsinnigen Bestrebungen, sagte Anton, sind meinem -Gemüthe nicht fremd, sie tönen wie das Rauschen des Lebensstromes -zwischen Felsenufern, der über Klippen und hemmendem Gestein in -romantischer Wildniß musikalisch braust; nur das ist mir unbegreiflich -geblieben, wie die Schöpfung und die Tageszeiten unsers Haydn fast -allenthalben haben Glück machen können, deren kindische Malerei -gegen allen höheren Sinn streitet. Seine Symphonieen und -Instrumental-Compositionen sind meist so vortrefflich, daß man ihm diese -Verirrung niemals hätte zutrauen sollen. - -Friedrich wandte sich zu Ernst und sagte: Lieber, ehe wir jezt scheiden, -sage uns noch die drei Sonette vor, welche du dichtetest, als dir jene -alte große Singe-Musik zuerst bekannt wurde. Diese Verse sind mir immer -vorzüglich lieb gewesen, weil sie mir nicht so wohl gedichtet als -eingegeben scheinen. - -Ich kann wenigstens sagen, erwiederte Ernst, daß ich sie damals -niederschreiben mußte, und daß ich von den oft besprochenen -Schwierigkeiten des Sonetts nichts erlitt. Von dreierlei Art kann die -geistliche Musik hauptsächlich sein. Entweder ist es der Ton selbst, der -durch seine Reinheit und Heiligkeit die Andacht erweckt, durch jene -einfache edle Sympathie, welche harmonisch die befreundeten Klänge -verbindet und mit einander ausstrahlen läßt, wodurch jene hohe Musik -entsteht, welche sinnige Alte dem Umschwung der Gestirne ebenfalls -zuschreiben wollten. Dieser Gesang, ausgehalten, ohne rasche Bewegung, -sich selbst genügend, ruft in unsre Seele das Bild der Ewigkeit, so wie -der Schöpfung und der entstehenden Zeit: Palestrina ist der würdigste -Repräsentant dieser Periode. Oder die Musik ist mit dem Menschen und der -Schöpfung schon von dieser heiligen reinen Bahn gewichen: alles -verstummt; da ergreift die Sehnsucht aus dem Innersten hervor den Ton, -und will in jene alte Unschuld zurück stürmen und das Paradies wieder -erobern. Leo, und vielleicht Marcello, so wie viele andre, -charakterisiren diese Epoche. An diese schon mehr leidenschaftliche -Kunst schlossen sich nachher die weltlichen Musiker. Drittens kann die -geistliche Musik ganz wie ein unschuldiges Kind spielen und tändeln, -arglos in der Süßigkeit der Töne wühlen und plätschern, und auf gelinde -Weise Schmerz und Freude vermischt in den lieblichsten Melodieen -ausgießen. Der oft von den Gelehrteren verkannte Pergolese scheint mir -hierin das Höchste erreicht zu haben, den seine Nachahmer wohl eben so -wenig verstanden, als Correggio von denen gefaßt wurde, die sich nach -ihm bilden wollten. Das ähnliche sagen folgende Sonette, welche die -Musik selber spricht. - - Im Anfang war das Wort. Die ewgen Tiefen - Entzündeten sich brünstig im Verlangen, - Die Liebe nahm das Wort in Lust gefangen, - Aufschlugen hell die Augen, welche schliefen, - - Sehnsüchtge Angst, das Freudezittern, riefen - Die selgen Thränen auf die heilgen Wangen, - Daß alle Kräfte wollustreich erklangen, - Begierig, in sich selbst sich zu vertiefen. - - Da brachen sich die Leiden an den Freuden, - Die Wonne suchte sich im stillen Innern, - Das Wort empfand die Engel, welche schufen; - - Sie gingen aus, entzückend war ihr Scheiden. - Auf, Gottes Bildniß, deß dich zu erinnern - Vernimm, wie meine heilgen Töne rufen. - - * * * * * - - Nacht, Furcht, Tod, Stummheit, Quaal war eingebrochen, - Ihr Banner wehte auf besiegten Reichen, - Erschrocken flohen vor dem giftgen Zeichen - Mit stummer Zunge, welche erst gesprochen. - - So ist denn ganz das Liebeswort zerbrochen? - Es sucht im Wasserfall, will sich erreichen, - Aus Bäumen strebt es, Quellen, grünen Sträuchen, - In Wogen klagt es: was hab ich verbrochen? - - Die Wasser gehn und finden keine Zungen, - Dem Wald, dem Fels ist wohl der Laut gebunden, - Die Angst entzündet sich im Thiere schreiend. - - In Menschenstimme ist es ihm gelungen, - Nun hat das ewge Wort sich wieder funden, - Klagt, betet, weint, jauchzt laut sich selbst befreiend. - - * * * * * - - Ich bin ein Engel, Menschenkind, das wisse, - Mein Flügelpaar klingt in dem Morgenlichte, - Den grünen Wald erfreut mein Angesichte, - Das Nachtigallen-Chor giebt seine Grüße. - - Wem ich der Sterblichen die Lippen küsse, - Dem tönt die Welt ein göttliches Gedichte, - Wald, Wasser, Feld und Luft spricht ihm Geschichte, - Im Herzen rinnen Paradieses-Flüsse. - - Die ewge Liebe, welche nie vergangen, - Erscheint ihm im Triumph auf allen Wogen, - Er nimmt den Tönen ihre dunkle Hülle, - - Da regt sich, schlägt im Jubel auf die Stille, - Zur spielenden Glorie wird der Himmelsbogen, - Der Trunkne hört, was alle Engel sangen. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im -Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ -gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, -wurden ^so^ markiert. - -Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend -beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, -teilweise unter Verwendung der Erstausgabe, wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - [S. 20]: - ... nothwendigen Gegenwicht eines gehaltvollen, oft fast ... - ... nothwendigen Gegengewicht eines gehaltvollen, oft fast ... - - [S. 67]: - ... Drama haben, und dunkel dir Ahnung in ihnen ... - ... Drama haben, und dunkel die Ahnung in ihnen ... - - [S. 69]: - ... Jezt, sagte Theodor, bingt man um die Zeit die ... - ... Jezt, sagte Theodor, bringt man um die Zeit die ... - - [S. 136]: - ... Das Winter jährlich um sie legt, ... - ... Daß Winter jährlich um sie legt, ... - - [S. 137]: - ... Ein Schauer flog durch meinem Sinn. ... - ... Ein Schauer flog durch meinen Sinn. ... - - [S. 151]: - ... den Anbick und die Empfindung dieses Abends nie ... - ... den Anblick und die Empfindung dieses Abends nie ... - - [S. 165]: - ... hatte ihn so maches Jahr hindurch beglückt, ... - ... hatte ihn so manches Jahr hindurch beglückt, ... - - [S. 169]: - ... Ein krummgebückte Alte schlich hustend mit einer ... - ... Eine krummgebückte Alte schlich hustend mit einer ... - - [S. 191]: - ... traf dort den Greis schlafend, der ihn unlängst sein ... - ... traf dort den Greis schlafend, der ihm unlängst sein ... - - [S. 207]: - ... abbrach und mit dem Ausruck des größten Schmerzes ... - ... abbrach und mit dem Ausdruck des größten Schmerzes ... - - [S. 213]: - ... wird versagen können. Es las hierauf folgende Erzählung. ... - ... wird versagen können. Er las hierauf folgende Erzählung. ... - - [S. 226]: - ... Hütte eine friedlicher Rauch in die Höhe stieg, Kinder ... - ... Hütten ein friedlicher Rauch in die Höhe stieg, Kinder ... - - [S. 241]: - ... Er sah die Fußstapfen im Sande am Eingange eingedrückt, ... - ... er sah die Fußstapfen im Sande am Eingange eingedrückt, ... - - [S. 243]: - ... sorgfaltig in seinen Sack, welchen er fest zusammen ... - ... sorgfältig in seinen Sack, welchen er fest zusammen ... - - [S. 245]: - ... seinem Freund Roderich. Das Licht brannte vor ihm, ... - ... seinen Freund Roderich. Das Licht brannte vor ihm, ... - - [S. 260]: - ... seinen neuen Frennd gewandt, so schwerfällig, mißlaunig, ... - ... seinen neuen Freund gewandt, so schwerfällig, mißlaunig, ... - - [S. 264]: - ... Du schwestest dahin, ich taumle zurück -- ... - ... Du schwebest dahin, ich taumle zurück -- ... - - [S. 273]: - ... es geschehen würde? Ihr habt euren Wnnsch, darum ... - ... es geschehen würde? Ihr habt euren Wunsch, darum ... - - [S. 280]: - ... uns nur Recht in diese Nacht hinein wüthen, und ... - ... uns nur recht in diese Nacht hinein wüthen, und ... - - [S. 280]: - ... nehmt kein Einrede von denen an, die sich verständig ... - ... nehmt keine Einrede von denen an, die sich verständig ... - - [S. 316]: - ... wohl zufrieden, sie vertraute ihn nun gänzlich und ... - ... wohl zufrieden, sie vertraute ihm nun gänzlich und ... - - [S. 327]: - ... Meeres lagen; dort waren die Wege an einsamsten und ... - ... Meeres lagen; dort waren die Wege am einsamsten und ... - - [S. 329]: - ... Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertönen, dadamit ... - ... Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertönen, damit ... - - [S. 330]: - ... und die langen schwarzen Wimper einen lieblichen ... - ... und die langen schwarzen Wimpern einen lieblichen ... - - [S. 349]: - ... Namen auszusprechen; Quellen und Bäumen nennen ... - ... Namen auszusprechen; Quellen und Bäume nennen ... - - [S. 357]: - ... Dann reiste Peter mir Magelonen zu seinen Eltern, ... - ... Dann reiste Peter mit Magelonen zu seinen Eltern, ... - - [S. 381]: - ... Mund, daß sie sich verirrt habe, auf einem vorbeifahrenden ... - ... Mund, daß sie sich verirrt habe, auf einen vorbeifahrenden ... - - [S. 389]: - ... Andres keidete sich an, und Marie bemerkte, daß ... - ... Andres kleidete sich an, und Marie bemerkte, daß ... - - [S. 390]: - ... ihn bis zu Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet ... - ... ihm bis zu Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet ... - - [S. 400]: - ... Netz zitterte wie beängstiget. Er brach im zunehmenden ... - ... Netz zitterte wie beängstiget. Es brach im zunehmenden ... - - [S. 407]: - ... schlechten Zeit, und der Gutssitzer von den Verbesserungen, ... - ... schlechten Zeit, und der Gutsbesitzer von den Verbesserungen, ... - - [S. 408]: - ... auf nieder ging, daß jenes Bildniß so lebhaft heut ... - ... auf und nieder ging, daß jenes Bildniß so lebhaft heut ... - - [S. 413]: - ... das ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, ... - ... daß ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, ... - - [S. 415]: - ... Aber seitdem war der Greis der Freund der Hauses, ... - ... Aber seitdem war der Greis der Freund des Hauses, ... - - [S. 416]: - ... Lothar verneigte ich, und nahm aus dem Blumenkorbe ... - ... Lothar verneigte sich, und nahm aus dem Blumenkorbe ... - - [S. 428]: - ... der über Klippen und hemmenden Gestein in ... - ... der über Klippen und hemmendem Gestein in ... - - - - - - -End of Project Gutenberg's Schriften 4: Phantasus 1, by Ludwig Tieck - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN 4: PHANTASUS 1 *** - -***** This file should be named 50480-8.txt or 50480-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/4/8/50480/ - -Produced by Delphine Lettau, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Schriften 4: Phantasus 1 - Phantasus / Der blonde Eckbert / Der getreue Eckart / Der - Runenberg / Liebeszauber / Die schöne Magelone / Die Elfen - / Der Pokal - -Author: Ludwig Tieck - -Release Date: November 18, 2015 [EBook #50480] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN 4: PHANTASUS 1 *** - - - - -Produced by Delphine Lettau, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="titlematter"> -<p class="ser"> -<span class="line1">Ludwig Tieck’s</span><br /> -<span class="line2">Schriften.</span> -</p> - -<p class="vol"> -Vierter Band. -</p> - -<h1 class="title"> -Phantasus<br /> -Erster Theil. -</h1> - -<p class="pub"> -Berlin,<br /> -bei G. Reimer,<br /> -1828. -</p> - -</div> - -<div class="ded"> -<p class="adr"> -<span class="line1">An den</span><br /> -<span class="line2">Dr. und Prof. Schleiermacher</span><br /> -<span class="line3">in Berlin.</span> -</p> - -</div> - -<div class="ded"> -<p class="vs4 first"> -<span class="firstchar">G</span>ern erinnere ich mich der Jugendzeit, als -wir uns nahe waren und uns oft bei gemeinschaftlichen -Freunden trafen. Mögen Sie in -ernsten Forschungen und Geschäften vertieft -nicht diese luftigen Gaben der Phantasie verschmähen, -sondern sich noch eben so gern, wie -ehemals, durch sie erheitern. -</p> - -<p class="sign"> -L. Tieck. -</p> - -</div> - -<div class="trnote"> -<p class="tnhdr"> -Inhalt (hinzugefügt): -</p> - -<p class="tntoc"> -<a href="#part-2">Einleitung</a><br /> -<a href="#part-3">Phantasus</a><br /> -<a href="#part-4">Der blonde Eckbert</a><br /> -<a href="#part-5">Der getreue Eckart</a><br /> -<a href="#part-6">Der Runenberg</a><br /> -<a href="#part-7">Liebeszauber</a><br /> -<a href="#part-8">Die schöne Magelone</a><br /> -<a href="#part-9">Die Elfen</a><br /> -<a href="#part-10">Der Pokal</a> -</p> - -<p> -Weitere Anmerkungen zur Transkription <a href="#trnote">am Ende des Buches</a>. -</p> - -</div> - -<p class="tit"> -<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> -<span class="line1">Phantasus.</span><br /> -<span class="line2">Erster Theil.</span> -</p> - -<h2 class="part" id="part-1"> -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -<span class="line1">An</span><br /> -<span class="line2">A. W. Schlegel.</span><br /> -<span class="line3">(Anstatt einer Vorrede.)</span> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>s war eine schöne Zeit meines Lebens, als ich -Dich und Deinen Bruder Friedrich zuerst kennen -lernte; eine noch schönere, als wir und Novalis -für Kunst und Wissenschaft vereinigt lebten, und -uns in mannichfaltigen Bestrebungen begegneten. -Jezt hat uns das Schicksal schon seit vielen Jahren -getrennt. Ich verfehlte Dich in Rom, und -eben so später in Wien und München, und fortdauernde -Krankheit hielt mich ab, Dich an dem -Orte Deines Aufenthaltes aufzusuchen; ich konnte -nur im Geist und in der Erinnerung mit Dir leben. -</p> - -<p> -Von verschiedenen Seiten aufgefordert, war -ich schon seit einiger Zeit entschlossen, meine jugendlichen -Versuche, die sich zerstreut haben, zu sammeln, -diejenigen hinzuzufügen, welche bis jezt -noch ungedruckt waren, und andre zu vollenden -und auszuarbeiten, die ich schon vor Jahren angefangen, -oder entworfen hatte. Diese Mährchen, -Schauspiele und Erzählungen, welche alle eine -<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -frühere Periode meines Lebens charakterisiren, vereinigt -durch mannichfaltige Gespräche gleichgesinnter -Freunde über Kunst und Literatur, machen -den Inhalt dieses Buches. Manches, was ich -in diesen Dialogen nur flüchtig berühren konnte, -werde ich an andern Orten bestimmter darzustellen -und auszuführen suchen. Diejenigen Dichtungen, -welche schon bekannt gemacht waren, erscheinen -hier mit Verbesserungen, und in der -Summe der sieben verschiedenen Abtheilungen wird -man eben so viele neue, als in den Volksmährchen, -oder anderswo schon abgedruckte, antreffen. -Die größeren Werke, wie der Zerbino oder die -Genoveva schließen sich von dieser Sammlung aus. -</p> - -<p> -Es war meine Absicht, meinen Freunden diese -Spiele der Phantasie, die sie früher schon gütig -aufgenommen haben, in einer annehmlichern Gestalt -vorzulegen. Du warst unter diesen einer -der ersten, die mein Talent erhoben und ermunterten, -Dein männlich heiterer Sinn findet auch -im Scherze den Ernst, so wie er Gelehrsamkeit -und gründliche Forschung durch Anmuth belebt: -Du wirst gütig diese Blätter aufnehmen, die -das Bild voriger Zeit und Deines Freundes in -dir erneuern. -</p> - -<h2 class="part" id="part-2"> -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -<span class="line1">Einleitung.</span><br /> -<span class="line2">1811.</span> -</h2> - -<p class="pbb vs4 first"> -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -<span class="firstchar">D</span>ieses romantische Gebirge, sagte Ernst, erinnert mich -lebhaft an einen der schönsten Tage meines Lebens. In -der heitersten Sommerszeit hatte ich die Fahrt über -den Lago maggiore gemacht und die Borromäischen -Inseln besucht; von einem kleinen Flecken am See -ritt ich dann mit dem frühsten Morgen nach Belinzona, -das mit seinen Zinnen und Thürmen auf Hügeln -und im engen Thal ganz alterthümlich sich darstellt, -und uns alte Sagen und Geschichten wunderlich -vergegenwärtigt, und von dort reisete ich am Nachmittage -ab, um am folgenden Tage den Weg über den -Sankt Gotthard anzutreten. Am Fuße dieses Berges -liegt äußerst anmuthig Giarnito, und einige Stunden -vorher führt dich der Weg durch das reizendste Thal, -in welchem Weingebirge und Wald auf das mannigfaltigste -wechselt, und von allen Bergen große und -kleine Wasserfälle klingend und wie musizirend niedertanzen; -immer enger rücken die Felsen zusammen, je -mehr du dich dem Orte näherst, und endlich ziehn sich -Weinlauben über dir hinweg von Berg zu Berg, und -verdecken von Zeit zu Zeit den Anblick des Himmels. -Es wurde Abend, eh ich die Herberge erreichte, beim -Sternenglanz, den mir die grünen Lauben oft verhüllten, -rauschten näher und vertraulicher die Wasserfälle, -die sich in mannigfachen Krümmungen Wege durch das -frische Thal suchten; die Lichter des Ortes waren bald -nahe, bald fern, bald wieder verschwunden, und das -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -Echo, das unsere Reden und den Hufschlag der Pferde -wiederholte, das Flüstern der Lauben, das Rauschen der -Bäume, das Brausen und Tönen der Wasser, die wie -in Freundschaft und Zorn abwechselnd näher und ferner -schwazten und zankten, vom Bellen wachsamer Hunde -aus verschiedenen Richtungen unterbrochen, machten diesen -Abend, indem noch die grünenden Borromäischen -Inseln in meiner Phantasie schwammen, zu einem der -wundervollsten meines Lebens, dessen Musik sich oft wachend -und träumend in mir wiederholt. Und — wie ich -sagte — dieses romantische Gebirge hier erinnert mich -lebhaft an den Genuß jener schönen Tage. -</p> - -<p> -Warum, sagte sein Freund Theodor, hast du nie -etwas von deinen Reisen deinen nahen und fernen -Freunden öffentlich mittheilen wollen? -</p> - -<p> -Nenn’ es, antwortete jener, Trägheit, Zaghaftigkeit, -oder wie du willst: vielleicht auch rührt es von -einem einseitigen, zu weit getriebenen Abscheu gegen -die meisten Reisebeschreibungen ähnlicher Art her, die -mir bekannt geworden sind. Wenigstens schwebt mir -ein ganz andres Bild einer solchen Beschreibung vor; -den ältern, unästhetischen lasse ich ihren Werth: doch -jene, in denen Natur und Kunst und Völker aller Art, -nebst Sitten und Trachten und Staatsverfassungen der -witzig-philosophischen Eitelkeit des Schriftstellers, wie -Affen zum Tanze, aufgeführt werden, der sich in jedem -Augenblick nicht genug darüber verwundern kann, daß -er es ist, der alle die Gaukeleien mit so stolzer Demuth -beschreibt, und der so weltbürgerlich sich mit allen diesen -Thorheiten einläßt; o, sie sind mir von je so widerlich -gewesen, daß die Furcht, in ihre Reihe gestellt, oder -gar unvermerkt bei ähnlicher Beschäftigung ihnen verwandt -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -zu werden, mich von jedem Versuche einer öffentlichen -Mittheilung abgeschreckt hat. -</p> - -<p> -Doch giebt es vielleicht, sagte Theodor, eine so -schlichte und unschuldige Manier, eine so einfache Ansicht -der Dinge, daß ich mir wohl nach Art eines Gedichtes -die Beschreibung eines Landes, oder einer Reise, -denken kann. -</p> - -<p> -Gewiß, sagte Ernst, manche der ältern Reisen nähern -sich auch diesem Bilde, und es verhält sich ohne -Zweifel damit eben so, wie mit der Kunst zu reisen selbst. -Wie wenigen Menschen ist das Talent verliehn, Reisende -zu sein! Sie verlassen niemals ihre Heimath, sie werden -von allem Fremdartigen gedrückt und verlegen, oder -bemerken es durchaus gar nicht. Wie glücklich, wem -es vergönnt ist, in erster Jugend, wenn Herz und Sinn -noch unbefangen sind, eine große Reise durch schöne -Länder zu machen, dann tritt ihm alles so natürlich und -wahr, so vertraut wie Geschwister, entgegen, er bemerkt -und lernt, ohne es zu wissen, seine stille Begeisterung -umfängt alles mit Liebe, und durchdringt mit -freundlichem Ernst alle Wesen: einem solchen Sinn erhält -die Heimath nachher den Reiz des Fremden, er -versteht nun einheimisch zu sein, das Ferne und Nahe -wird ihm eins, und in der Vergleichung mannigfaltiger -Gegenstände wird ihm ein Sinn für Richtigkeit. So -war es wohl gemeint, wenn man sonst junge Edelleute -nach Vollendung ihrer Studien reisen ließ. Der Mensch -versteht wahrhaft erst das Nahe und Einheimische, wenn -ihm das Fremde nicht mehr fremd ist. -</p> - -<p> -An diese Reisenden schließe ich mich noch am ersten, -sagte Theodor, wenn du mir auch unaufhörlich vorwirfst, -daß ich meine Reisen, wie das Leben selbst, zu leichtsinnig -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -nehme. Freilich ist wohl in meiner Sucht nach der -Fremde zu viel Widerwille gegen die gewohnte Umgebung, -und sehr oft ist es mir mehr um den Wechsel der Gegenstände, -als um irgend eine Belehrung zu thun. -</p> - -<p> -Die zweite und vielleicht noch schönere Art zu reisen, -fuhr Ernst fort, ist jene, wenn die Reise selbst sich in -eine andächtige Wallfahrt verwandelt, wenn die jugendliche -Neugier und die scharfe Lust an fremden Gegenständen -schon gebrochen sind, wenn ein reifes Gemüth mit -Kenntniß und Liebe gleich sehr erfüllt, an die Ruinen -und Grabmäler der Vorzeit tritt, die Natur und Kunst -wie die Erfüllung eines oft geträumten Traums begrüßt, -auf jedem Schritte alte Freunde findet, und Vorwelt -und Gegenwart in ein großes, rührend erhabenes Gemälde -zerfließen. -</p> - -<p> -Diese elegischen Stimmungen würden mich nur ängstigen, -unterbrach ihn Theodor. Ihr andern, ihr ernsthaften -Leute, verbindet so widerwärtige Begriffe mit dem -Zerstreutsein, da es doch in einfachen Menschen oft nur -das wahre Beisammensein mit der Natur ist, wie mit -einem frohen Spielkameraden; eure Sammlung, euer -tiefes Eindringen sehr häufig eine unermeßliche Ferne. -Auf welche Weise aber, mein Freund, würdest du deine -Ansicht über dergleichen Gegenstände mittheilen, im Fall -du einmal deinen Widerwillen künftig etwas mehr bezwingen -solltest. -</p> - -<p> -Schon früh, sagte Ernst, bevor ich noch die Welt -und mich kennen gelernt hatte, war ich mit meiner Erziehung, -so wie mit allem Unterricht, den ich erfuhr, -herzlich unzufrieden. War es doch nicht anders, als -verschwiege man geflissentlich das, was wissenswürdig -sei, oder erwähnte es zuweilen nur, um mit hochmüthigem -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -Verhöhnen das zu erniedrigen, was selbst in dieser -Entstellung mein junges Herz bewegte. Dafür aber -suchte ich nachher auch, gleichsam wie der Zeit zum -Trotz und ihrer falschen Bildung, alles als ein Befreundetes -und Verwandtes auf, was mir meine Bücher und -Lehrer nur zu oft als das Abgeschmackte, Dunkle und -Widerwärtige bezeichnet hatten; ich berauschte mich auf -meinem ersten Ausfluge in allen Erinnerungen des Alterthums, -begeisterte mich an den Denkmalen einer längst -verloschenen Liebe, ja that wohl manchem Guten und -Nützlichen mit erwiedertem Verfolgungsgeist unrecht, und -stand bald unter meiner Umgebung selbst wie eine unverständliche -Alterthümlichkeit, indem ich ihr Nichtbegreifen -nicht begriff, und verzweifeln wollte, daß allen andern -der Sinn und die Liebe so gänzlich fehlten, die mich bis -zum Schmerzhaften erregten und rührten. -</p> - -<p> -Freilich, fiel Theodor lachend ein, erschienst du damals -mit deiner Bekehrungssucht als ein höchst wunderlicher -Kauz, und ich erinnere mich noch mit Freuden -des Tages, als wir uns vor vielen Jahren zuerst in -Nürnberg trafen, und wie einer deiner ehemaligen Lehrer, -der dich dort wieder aufgesucht hatte, und für alles -Nützliche, Neue, Fabrikartige fast fantastisch begeistert -war, dich aus den dunkeln Mauern nach Fürth führte, -wo er in den Spiegelschleifereien, Knopf-Manufakturen -und allen klappernden und rumorenden Gewerben wahrhaft -schwelgte, und deine Gleichgültigkeit ebenfalls nicht -verstand und dich fast für schlechten Herzens erklärt hätte, -da er dich nicht stumpfsinnig nennen wollte: endlich, bei -den Goldschlägern, lebtest du zu seiner Freude wieder -auf, es geschah aber nur, weil du hier die Gelegenheit -hattest, dir die Pergamentblätter zeigen zu lassen, die -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -zur Arbeit gebraucht werden; du bedauertest zu seinem -Verdruß sogar die zerschnittenen Meßbücher, und -wühltest herum, um vielleicht ein Stück eines altdeutschen -Gedichtes zu entdecken, wofür der aufgeklärte Lehrer -kein Blättchen Goldschaum aufgeopfert hätte. -</p> - -<p> -Es ist gut, sagte Ernst, daß die Menschen verschieden -denken und sich auf mannigfaltige Weise interessiren, -doch war die ganze Welt damals zu einseitig auf ein Interesse -hingespannt, das seitdem auch schon mehr und -mehr als Irrthum erkannt ist. Dieses Nord-Amerika -von Fürth konnte mir freilich wohl neben dem altbürgerlichen, -germanischen, kunstvollen Nürnberg nicht gefallen, -und wie sehnsüchtig eilte ich nach der geliebten -Stadt zurück, in der der theure Dürer gearbeitet hatte, -wo die Kirchen, das herrliche Rathhaus, so manche -Sammlungen, Spuren seiner Thätigkeit, und der Johannis-Kirchhof -seinen Leichnam selber bewahrte; wie -gern schweifte ich durch die krummen Gassen, über die -Brücken und Plätze, wo künstliche Brunnen, Gebilde -aller Art, mich an eine schöne Periode Deutschlands -erinnerten, ja! damals noch die Häuser von außen mit -Gemälden von Riesen und altdeutschen Helden geschmückt -waren. -</p> - -<p> -Doch, sagte Theodor, wird das jezt alles dort, so -wie in andern Städten, von Geschmackvollen angestrichen, -um, wie der Dichter sagt: „zu malen auf das -Weiß, ihr Antlitz oder ihren Steiß.“ — Allein Fürth -war auch bei alle dem mit seinen geputzten Damen, die -gedrängt am Jahrmarktsfest durch die Gassen wandelten, -nebst dem guten Wirthshause, und der Aussicht aus den -Straßen in das Grün an jenem warmen sonnigen -Tage nicht so durchaus zu verachten. Behüte uns überhaupt -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -nur der Himmel, (wie es schon hie und da angeklungen -hat) daß dieselbe Liebe und Begeisterung, die ich -zwar in dir als etwas Aechtes anerkenne, nicht die Thorheit -einer jüngeren Zeit werde, die dich dann mit leeren -Uebertreibungen weit überflügeln möchte. -</p> - -<p> -Wenn nur das wahrhaft Gute und Große mehr erkannt -und ins Bewußtsein gebracht wird, sagte Ernst, -wenn wir nur mehr sammeln und lernen, jene Vorurtheile -der neuern Hoffarth ganz ablegen, und die Vorzeit -und also das Vaterland wahrhafter und inniger -lieben, so kann der Nachtheil einer sich bald erschöpfenden -Thorheit so groß nicht werden. — In jenen jugendlichen -Tagen, als ich zuerst deine Freundschaft gewann, -gerieth ich oft in die wunderlichste Stimmung, wenn -ich die Beschreibungen unsers Vaterlandes, die gekannt -und gerühmt waren, und welche auf allgemein angenommenen -Grundsätzen ruhten, mit dem Deutschland -verglich, wie ich es mit meinen Augen und Empfindungen -sah; je mehr ich überlegte, nachsann und zu lernen -suchte, je mehr wurde ich überzeugt, es sei von zwei -ganz verschiedenen Ländern die Frage, ja unser Vaterland -sei überall so unbekannt, wie ein tief in Asien -oder Afrika zu entdeckendes Reich, von welchem unsichre -Sagen umgingen, und das die Neugier unsrer -wißbegierigen Landsleute eben so, wie jene mythischen -Gegenden reizen müsse; und so nahm ich mir damals, -in jener Frühlingsstimmung meiner Seele, vor, der -Entdecker dieser ungekannten Zonen zu werden. Auf -diese Weise bildete sich in jenen Stunden in mir das -Ideal einer Reisebeschreibung durch Deutschland, das -mich auch seitdem noch oft überschlichen und mich gereizt -hat, einige Blätter wirklich nieder zu schreiben. Doch -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -jezt könnt’ ich leider Elegien dichten, daß es nun auch zu -jenen Elegien zu spät ist. -</p> - -<p> -Einige Töne dieser Elegie, sagte Theodor, klingen -doch wohl in den Worten des Klosterbruders. -</p> - -<p> -Am frühsten, sagte Ernst, in den wenigen Zeilen -unsers Dichters über den Münster in Straßburg, die ich -niemals ohne Bewegung habe lesen können, dann in den -Blättern von deutscher Art und Kunst; in neueren -Tagen hat unser Freund, Friedrich Schlegel, mit Liebe -an das deutsche Alterthum erinnert, und mit tiefem -Sinn und Kenntniß manchen Irrthum entfernt, auch -hat sich die Stimmung unsrer Zeit auffallend zum Bessern -verändert, wir achten die deutsche Vorzeit und ihre -Denkmäler, wir schämen uns nicht mehr, wie ehemals, -Deutsche zu sein, und glauben nicht unbedingt mehr an -die Vorzüge fremder Nationen. Das ökonomische Treiben, -die Verehrung kleinlicher List, die Vergötterung der -neusten Zeit ist fast erstorben, eine höhere Sehnsucht hat -unsern Blick in die Vergangenheit geschärft, und neueres -Unglück für die vergangenen großen Jahrhunderte den -edlern Sinn in uns aufgeschlossen. In jenen früheren -Tagen aber hatten wir noch mehr Ueberreste der alten -Zeit selbst vor uns, man fand noch Klöster, geistliche -Fürstenthümer, freie Reichsstädte, viele alte Gebäude -waren noch nicht abgetragen oder zerstört, altdeutsche -Kunstwerke noch nicht verschleppt, manche Sitte noch -aus dem Mittelalter herüber gebracht, die Volksfeste -hatten noch mehr Charakter und Fröhlichkeit, und man -brauchte nur wenige Meilen zu reisen, um andre Gewohnheiten, -Gebäude und Verfassungen anzutreffen. -Alle diese Mannigfaltigkeit zu sehn, zu fühlen und in -ein Gemälde darzustellen, war damals mein Vorsatz. -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -Was unsre Nation an eigenthümlicher Malerei, Sculptur -und Architektur besitzt, welche Sitten und Verfassungen -jeder Provinz und Stadt eigen, und wie sie entstanden, -zu erforschen, um den Mißverständnissen der neueren -kleinlichen Geschichtschreiber zu begegnen; welche Natur -jeden Menschenstamm umgiebt, ihn bildet und von -ihm gebildet wird: alles dieses sollte wie in einem Kunstwerke -gelöst und ausgeführt werden. Den edlen Stamm -der Oesterreicher wollte ich gegen den Unglimpf jener -Tage vertheidigen, die in ihrem fruchtbaren Lande und -hinter reizenden Bergen den alten Frohsinn bewahren; -die kriegerischen und fromm gläubigen Baiern loben, -die freundlichen, sinnvollen, erfindungsreichen Schwaben -im Garten ihres Landes schildern, von denen schon -ein alter Dichter singt: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ich hab der Schwaben Würdigkeit</p> - <p class="line">In fremden Landen wohl erfahren;</p> -</div> - -<p class="noindent"> -die berührigen, muntern Franken, in ihrer romantischen, -vielfach wechselnden Umgebung, denen damals -ihr Bamberg ein deutsches Rom war; die geistvollen Völker -den herrlichen Rhein hinunter, die biederben Hessen, -die schönen Thüringer, deren Waldgebirge noch die Gestalt -und den Blick der alten Ritter aufbewahren; die -Niederdeutschen, die dem treuherzigen Holländer und -starken Engländer ähnlich sind: bei jeder merkwürdigen -Stelle unsrer vaterländischen Erde wollte ich an die -alte Geschichte erinnern, und so dachte ich die lieben -Thäler und Gebirge zu durchwandeln, unser edles Land, -einst so blühend und groß, vom Rhein und der Donau -und alten Sagen durchrauscht, von hohen Bergen und -alten Schlössern und deutschem tapfern Sinn beschirmt, -gekränzt mit den einzig grünen Wiesen, auf denen so -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -liebe Traulichkeit und einfacher Sinn wohnt. Gewiß, -wem es gelänge, auf solche Weise ein geliebtes Vaterland -zu schildern, aus den unmittelbarsten Gefühlen, -der würde ohne alle Affektation zugleich ein hinreißendes -Dichterwerk ersonnen haben. -</p> - -<p> -Oft, fiel Theodor ein, habe ich mich darüber wundern -müssen, daß wir nicht mit mehr Ehrfurcht die Fußstapfen -unsrer Vorfahren aufsuchen, da wir vor allem -Griechischen und Römischen, ja vor allem Fremden oft -mit so heiligen Gefühlen stehn und uns durch edle -Erinnerungen entzückt fühlen; so wie auch darüber, -daß unsre Dichter noch so wenig gethan haben, diesen -Geist zu erwecken. -</p> - -<p> -Manche, sagte Ernst, haben es eine Zeitlang versucht, -aber schwach, viele verkehrt, und ein hoher Sinn, -der Deutschland so liebte und einheimisch war, wie der -große Shakspear seinem Vaterlande, hat uns bisher noch -gefehlt. -</p> - -<p> -Wir vergessen aber, rief Theodor, die herrliche Gegend -zu genießen, auf die Vögel aus dem Dickicht des -Waldes und auf das Gemurmel dieser lieblichen Bäche -zu horchen. -</p> - -<p> -Alles tönt auch unbewußt in unsre Seele hinein, -sagte Ernst; auch wollten wir ja noch die schöne Ruine -besteigen, die dort schon vor uns liegt, und auch mit -jedem Jahre mehr verfällt: hier arbeitet die Zeit, anderswo -die Nachlässigkeit der Menschen, an vielen Orten -der verachtende Leichtsinn, der ganze Gebäude niederreißt, -oder sie verkauft, um alles Denkmal immer mehr -dem Staube und der Vergessenheit zu überliefern. Indessen, -wenn der Sinn dafür nur um so mehr erwacht, -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -um so mehr in der Wirklichkeit zu Grunde geht, so haben -wir doch mehr gewonnen als verloren. -</p> - -<p> -Ist diese Gegend nicht, durch welche wir wandeln, -fing Theodor an, einem schönen romantischen Gedichte -zu vergleichen? Erst wand sich der Weg labirinthisch -auf und ab durch den dichten Buchenwald, der nur -augenblickliche räthselhafte Aussicht in die Landschaft -erlaubte: so ist die erste Einleitung des Gedichtes; -dann geriethen wir an den blauen Fluß, der uns plötzlich -überraschte und uns den Blick in das unvermuthete -frisch grüne Thal gönnte: so ist die plötzliche Gegenwart -einer innigen Liebe; dann die hohen Felsengruppen, -die sich edel und majestätisch erhuben und -höher bis zum Himmel wuchsen, je weiter wir gingen: -so treten in die alten Erzählungen erhabene Begebenheiten -hinein, und lenken unsern Sinn von den Blumen -ab; dann hatten wir den großen Blick auf ein weit -ausgebreitetes Thal, mit schwebenden Dörfern und -Thürmen auf schön geformten Bergen in der Ferne, -wir sahen Wälder, weidende Heerden, Hütten der Bergleute, -aus denen wir das Getöse herüber vernahmen: -so öffnet sich ein großes Dichterwerk in die Mannichfaltigkeit -der Welt und entfaltet den Reichthum der -Charaktere; nun traten wir in den Hain von verschiedenem -duftenden Gehölz, in welchem die Nachtigall so -lieblich klagte, die Sonne sich verbarg, ein Bach so -leise schluchzend aus den Bergen quoll, und murmelnd -jenen blauen Strom suchte, den wir plötzlich, um die -Felsenecke biegend, in aller Herrlichkeit wieder fanden: -so schmilzt Sehnsucht und Schmerz, und sucht die verwandte -Brust des tröstenden Freundes, um sich ganz, -ganz in dessen lieblich erquickende Fülle zu ergießen, -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -und sich in triumphirende Woge zu verwandeln. Wie -wird sich diese reizende Landschaft nun ferner noch entwickeln? -Schon oft habe ich Lust gefühlt, einer romantischen -Musik ein Gedicht unterzulegen, oder gewünscht, -ein genialer Tonkünstler möchte mir voraus arbeiten, -um nachher den Text seiner Musik zu suchen; aber -warlich, ich fühle jezt, daß sich aus solchem Wechsel -einer anmuthigen Landschaft ebenfalls ein reizendes erzählendes -Gedicht entwickeln ließe. -</p> - -<p> -Zu wiederholten malen, erwiederte Ernst, hat mich -unser Freund Manfred mit dergleichen Vorstellungen -unterhalten, und indem du sprachst, dachte ich an den -unvergleichlichen Parceval und seine Krone, den Titurell. -Jeder Spaziergang, der uns befriedigt, hat in -unsrer Seele ein Gedicht abgelöset, und wiederholt und -vollendet es, wenn er uns immer wieder mit unsichtbarem -Zauber umgiebt. -</p> - -<p> -Sehn wir die Entwickelung der romantischen Verschlingung! -rief Theodor; Wald und Fluß verschwinden -links, unser Weg zieht sich rechts, und viele kleine Wasserfälle -rauschen aus buschigen Hügeln hervor, und -tanzen und jauchzen wie muntre Nebenpersonen zur -Wiese hinab, um jenem schluchzenden Bach zu widersprechen, -und in Freude und Lust den glänzenden -Strom aufzusuchen, den schon die Sonne wieder bescheint, -und der so lächelnd zu ihnen herüber winkt. -</p> - -<p> -Sieh doch, rief Ernst, wenn mein geübtes Auge -etwas weniger scharf wäre, so könnte ich mich überreden, -dort stände unser Freund Anton! aber seine Stellung -ist matter und sein Gang schwankender. -</p> - -<p> -Nein, rief Theodor, dein Auge ist nicht scharf genug, -sonst würdest du keinen Augenblick zweifeln, daß -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -er es nicht selbst in eigner Person sein sollte! Sieh, -wie er sich jezt bückt, und mit der Hand Wasser -schöpft, nun schüttelt er die Tropfen ab und dehnt sich; -sieh, nur er allein kann nun mit solchem leutseligen -Anstande die Nase in die Sonne halten, — und sein -Auge hat uns auch schon gefunden! -</p> - -<p> -Die Freunde, die sich lange nicht gesehn hatten, und -sich in schöner Einsamkeit so unvermuthet wieder fanden, -eilten mit frohem Ausruf auf einander zu, umarmten -sich, thaten tausend Fragen und erwarteten keine -Antwort, drückten sich wieder an die Brust und genossen -im Taumel ihrer freudigen Verwunderung immer -wieder die Lust der Ueberraschung. O der Freude, dich -wieder zu haben, rief Theodor aus, du lieber, lieber -Freund! Wie fällst du so unvermuthet (doch brauchts ja -keine Motive) aus diesen allerliebsten Episoden hier in -unsre Haupthandlung und Wandlung hinein! -</p> - -<p> -Aber du siehst matt und krank aus, sagte Ernst, -indem er ihn mit Wehmuth betrachtete. -</p> - -<p> -So ist es auch, erwiederte Anton, ich habe mich -erst vor einigen Wochen vom Krankenlager erhoben, -fühlte heut zum erstenmal die Schönheit der Natur -wieder, und ließ mir nicht träumen, daß ihr wie aus -dem Himmel noch heut in meinen Himmel fallen würdet. -Aber seid mir tausend und tausendmal willkommen! -</p> - -<p> -Man ging, man stand dann wieder still, um sich -zu betrachten, sich zu befragen, und jeder erkundigte -sich nun nach den Geschäften, nach den Absichten des -andern. Meine Reise, sagte Ernst, hat keinen andern -Endzweck, als mich in der Nähe, nur einige Meilen -von hier, über einige alte, sogenannte gothische Gebäude -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -zu unterrichten, und dann in der Stadt ein altdeutsches -Gedicht aufzusuchen. -</p> - -<p> -Und ich, sagte Theodor, bin meiner Gewohnheit -nach nur so mitgenommen worden, weil ich eben weder -etwas zu thun, noch zu versäumen hatte. -</p> - -<p> -Ich besuche unsern Manfred, sagte Anton, der mich -auf sein schönes Landgut, sieben Meilen von hier, eingeladen -hat, da er von meiner Krankheit und Genesung -Nachricht bekommen. -</p> - -<p> -Wohnt der jezt in diesem Gebirge? fragte Ernst. -</p> - -<p> -Ihr wißt also nicht, fuhr Anton fort, daß er schon -seit mehr als zwei Jahren verheirathet ist und hier -wohnt? -</p> - -<p> -Manfred verheirathet? rief Theodor aus; er, der so -viel gegen alle Ehe deklamirt, so über alle gepriesene -Häuslichkeit gespottet hat, der es zu seiner Aufgabe zu -machen schien, das Phantastische mit dem wirklichen -Leben aufs innigste zu verbinden, der vor nichts solchen -Abscheu äußerte, als vor jener gesetzten, kaltblütig -moralischen Philisterei? Wie ist es möglich? Ei! -der mag sich denn nun auch schön verändert haben! -Gewiß hat ihn „das Dreherchen der Zeit“ so umgedreht, -daß er nicht wieder zu erkennen ist. -</p> - -<p> -Vielleicht, sagte Ernst, konnte es ihm gerade am -ersten gelingen, die Jugend beizubehalten, in welcher -er sich scheinbar so wild bewegte, denn sein Charakter -neigte immer zum Ernst, und eben darum war sein -Widerwille gegen den geheuchelten, läppischen Ernst unserer -Tage oft so grotesk und bizarr: bei manchen -Menschen dient eine wunderliche Außenseite nur zum -nothwendigen <a id="corr-0"></a>Gegengewicht eines gehaltvollen, oft fast -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -melankolischen Innern, und zu diesen scheint mir unser -Freund zu gehören. -</p> - -<p> -Ich habe ihn schon im vorigen Jahre gesehn, sagte -Anton, und ihn gar nicht verändert gefunden, er ist -eher jünger geworden; seine Haushaltung mit seiner -Frau und ihrer jüngern Schwester Clara, mit seiner -eignen Schwester und Schwiegermutter ist die liebenswürdigste, -die ich noch gesehn habe, so wie sein Landgut -die schönste Lage im ganzen Gebirge hat: ihr thätet -klug, mich dahin zu begleiten, was sich auch sehr -gut mit deinen gelehrten antiquarischen Untersuchungen -vereinigen läßt. -</p> - -<p> -Er muß! rief Theodor, oder ich laß ihn im Stich -der gothischen, oder, wie er will, altdeutschen Spitzgewölbe. -</p> - -<p> -Darüber läßt sich noch sprechen, sagte Ernst halb -zweifelnd; da ihm aber Anton noch erzählte, daß sie -im nächsten Städtchen die beiden längst gesuchten -Freunde Lothar und Friedrich finden würden, die ihn -erwarteten, um mit ihm zum gemeinschaftlichen Freunde -Manfred zu reisen, und sich einige Wochen bei diesem -aufzuhalten, so ließ sich Ernst bewegen, seine Antiquitäten -auch noch so lange beiseit zu thun, um nach vielen -Jahren einmal wieder im Kreise seiner Geliebten -eine neue Jugend zu leben, und die alten theuern -Erinnerungen seinem Herzen zu erwecken. -</p> - -<p> -Die Freunde wanderten weiter, und nach geraumer -Zeit fragte Theodor: wie hast du nur so lange -krank sein können? -</p> - -<p> -Verwundre dich doch lieber, antwortete der Kranke, -wie ich so bald habe genesen können, denn noch ist es -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -mir selber unbegreiflich, daß meine Kräfte sich so schnell -wieder hergestellt haben. -</p> - -<p> -Wie wird sich der gute Friedrich freuen, sagte -Theodor, dich einmal wieder zu sehn; denn immer -warst du ihm unter seinen Freunden der liebste. -</p> - -<p> -Sagt vielmehr, antwortete der Genesene, daß wir -uns in manchen Punkten unsers Wesens am innigsten -berührten und am besten verstanden; denn, meine Geliebten, -man lebt, wenn man das Glück hat, mehre -Freunde zu besitzen, mit jedem Freunde ein eignes, -abgesondertes Leben; es bilden sich mannichfache Kreise -von Zärtlichkeit und Freundschaft, die wohl die Gefühle -der Liebe zu andern in sich aufnehmen und harmonisch -mit ihnen fortschwingen, dann aber wieder in die alte -eigenthümliche Bahn zurück kehren. Und eben so wie -mir der Vertrauteste in vielen Gesinnungen fremd bleibt, -so hebt eben derselbe auch vieles Dunkle in meiner -eignen Natur bloß durch seine Gegenwart hervor, und -macht es licht, sein Gespräch, wenn es diese Punkte -trifft, erweckt es zum klarsten innigsten Leben, und -eben so wirkt meine Gegenwart auf ihn zurück. Vielleicht -war manches in Friedrich und mir, was ihr -übrigen mißverstandet, was sich in uns ergänzte und -durch unsre Freundschaft zum Bewußtsein gedieh, so -daß wir uns mancher Dinge wohl sogar erfreuten, die -andre uns lieber hätten abgewöhnen mögen. -</p> - -<p> -Was du da sagst, ist sehr wahr, fügte Ernst hinzu, -der Mensch, der überhaupt das Leben und sich versteht, -wird mit jedem seiner Freunde ein eignes Vertrauen, -eine andre Zärtlichkeit fühlen und üben wollen. O das -ist ja eben das Himmlische der Freundschaft, sich im -geliebten Gegenstande ganz zu verlieren, neben dem -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -Verwandten so viel Fremdartiges, Geheimnißvolles ahnden, -mit herzlichem Glauben und edler Zuversicht auch -das Nichtverstandne achten, durch diese Liebe Seele zu -gewinnen und Seele dem Geliebten zu schenken! Wie -roh leben diejenigen, und verletzen ewig sich und den -Freund, die so ganz und unbedingt sich verstehn, beurtheilen, -abmessen, und dadurch nur scheinbar einander -angehören wollen! das heißt Bäume fällen, Hügel -abtragen und Bäche ableiten, um allenthalben flache -Durchsicht, Mittheilung und Verknüpfung zu gewinnen, -und einen schönen romantischen Park verderben. Nicht -früh genug kann der Jüngling, der so glücklich ist, -einen Freund zu gewinnen, sich von dieser selbstischen -Forderung unsrer roheren Natur, von diesem Mißverständniß -der jugendlichen Liebe entwöhnen. -</p> - -<p> -Was du da berührst, sagte Anton, berührt zugleich -die Wahrheit, daß es nicht nur erlaubt, sondern fast -nothwendig sei, daß Freunde vor einander Geheimnisse -haben, ja es erklärt gewissermaßen die seltsame Erscheinung, -daß man dem einen Freunde wohl etwas anvertrauen -mag, was man gern dem verschweigt, mit dem -man vielleicht in noch vertrautern Verhältnissen lebt. Es -ist eine Kunst in der Freundschaft wie in allen Dingen, -und vielleicht daher, daß man sie nicht als Kunst erkennt -und treibt, entspringt der Mangel an Freundschaft, -über welchen alle Welt jezt klagt. -</p> - -<p> -Hier kommen wir ja recht, rief Theodor lebhaft -aus, in das Gebiet, in welchem unser Friedrich so -gerne wandelt! Ihn muß man über diese Gegenstände -reden hören, denn er verlangt und sieht allenthalben -Geheimniß, das er nicht gestört wissen will, denn es -ist ihm das Element der Freundschaft und Liebe. Verarge -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -doch dem Freunde nicht, sprach er einmal, wenn -du ahndest, daß er dir etwas verbirgt, denn dies ist ja -nur der Beweis einer zärteren Liebe, einer Scheu, die -sich ängstlich um dich bewirbt, und sittsam an dich -schmiegt; o ihr Liebenden, vergeßt doch niemals, wie -viel ihr wagt, wenn ihr ein Gefühl dem Worte anvertrauen -wollt! was läßt sich denn überall in Worten -sagen? Ist doch für vieles schon der Blick zu ungeistig -und körperlich! — O Brüder, Engelherzen, wie viel -thörichtes Zeug wollen wir mit einander schwatzen! -</p> - -<p> -Thöricht? sagte Anton etwas empfindlich; ja freilich, -wie alles thöricht ist, was das Materielle zu verlassen -strebt, und wie die Liebe selbst in dieser Hinsicht -Krankheit zu nennen ist, wie Novalis so schön sagt. -Hast du noch nie ein Wort bereut, das du selbst in -der vertrautesten Stunde dem vertrautesten Freunde -sagtest? Nicht, weil du ihn für einen Verräther halten -konntest, sondern weil ein Gemüthsgeheimniß nur -in einem Elemente schwebte, das so leicht seine rohe -Natur dagegen wenden kann: ja du trauerst wohl selbst -über manches, das der Freund in dein Herz nieder legen -will, und das Wort klingt späterhin mißmüthig und -disharmonisch in deiner innersten Seele wieder. Oder -verstehst du dies so gar nicht und hast es nie erlebt? -</p> - -<p> -Nicht böse, du lieber Kranker, sagte Theodor, indem -er ihn umarmte; du kennst ja meine Art. Schatz, -warst du denn nicht eben einverstanden darüber, daß -es unter Freunden Mißverständnisse geben müsse? diese -meine Dummheit ist auch ein Geheimniß, glaubt es -nur, das ihr auf eine etwas zartere Art solltet zu -ahnden oder zu entwirren streben. -</p> - -<p> -Alle lachten, worauf Anton sagte: das Lachen wird -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -mir noch beschwerlich und greift mich an, ich werde -müde und matt in unsre Herberge ankommen. — Er -schöpfte hierauf wieder aus einem vorüberrollenden Bache -etwas Wasser, um sich zu erquicken, und wies den Wein -ab, den ihm Ernst anbot, indem er sagte: ihr könnt -es nicht wissen, wie erquickend, wie paradiesisch dem -Genesenden die kühle Woge ist; schon indem sie mein -Auge sieht und mein Ohr murmeln hört, bin ich entzückt, -ja Gedanken von frischen Wäldern und Wassern, -von kühlenden Schatten säuseln immerfort anmuthig -durch mein ermattendes Gemüth und fächeln sehnsuchtvoll -die Hitze, die immer noch dort brennt. Viel zu -körperlich und schwer ist dieser süße, sonst so labende -Wein, zu heiß und dürr, und würde mir alle Träume -meines Innern in ihrem lieblichen Schlummer stören. -</p> - -<p> -Jeder nach seinem Geschmack, sagte Theodor, indem -er einen herzhaften Trunk aus der Flasche that; es lebe -die Verschiedenheit der Gesinnungen! Womit aber hast -du dich in deiner Krankheit beschäftigen können? -</p> - -<p> -Der Arzt verlangte, sagte Anton, ich sollte mich -durchaus auf keine Weise beschäftigen, wie denn die -Aerzte überhaupt Wunder von den Kranken fodern; ich -weiß nicht, welche Vorstellungen der meinige von den -Büchern haben mußte, denn er war hauptsächlich gegen -das Lesen eingenommen, er hielt es in meinem Zustande -für eine Art von Gift, und doch bin ich überzeugt, -daß ich dem Lesen zum Theil meine Genesung zu danken -habe. -</p> - -<p> -Unmöglich, sagte Ernst, kann im Zustand des Fiebers, -des Ueberreizes und der Abspannung diese Anstrengung -eine heilsame sein, und ich fürchte, dein -Arzt hat nur zu sehr Recht gehabt. -</p> - -<p> -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -Was Recht! rief Anton aus; er hatte einen ganz -falschen Begriff von der deutschen Literatur, so wie -von meiner Kunst des Lesens, denn ich hütete mich -wohl von selbst vor allem Vortrefflichen, Hinreißenden, -Pathetischen und Speculativen, was mir in der That -hätte übel bekommen können; sondern ich wandte mich -in jene anmuthige Gegend, die von den Kunstverständigen -meistentheils zu sehr verachtet und vernachlässigt -wird, in jenen Wald voll ächt einheimischer und patriotischer -Gewächse, die mein Gemüth gelinde dehnten, -gelinde mein Herz bewegten, still mein Blut erwärmten, -und mitten im Genuß sanfte Ironie und gelinde -Langeweile zuließen. Ich versichre euch, einen Tempel -der Dankbarkeit möcht’ ich ihnen genesend widmen; -und wie viele auch vortrefflich sein mögen, so waren -es doch hauptsächlich drei Autoren, die ich studirt und -ihre Wirkungen beobachtet habe. -</p> - -<p> -Ich bin begierig, sagte Ernst. -</p> - -<p> -Als ich am schwächsten und gefährlichsten war, fuhr -Anton fort, begann ich sehr weislich, gegen des Arztes -ausdrückliches Verbot, mit unserm deutschen La Fontaine. -Denn ohne alles Lesen ängstigten mich meine -Gedanken, die Trauer über meine Krankheit, tausend -Plane und Vorstellungen so ab, daß ich in jener anbefohlnen -Muße hätte zu Grunde gehen müssen. Kann -man nun läugnen, daß dieser Autor nicht manches -wahr und gut auffaßt, daß er manche Zustände, wie -Charaktere, treffend schildert, und daß die meisten seiner -Bücher sich durch eine gewisse Reinlichkeit der Schreibart -empfehlen? Ohne alle Ironie sei es gesagt, viele -seiner kleinen Erzählungen haben mich wahrhaft ergötzt -und befriediget. Seine größeren Werke, denen die meisten -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -dieser guten Eigenschaften abgehn, ersetzen diesen Mangel -durch die unerschöpfliche Liebe, die schon in Kinderseelen -heroisch arbeitet, durch einige Verführer im -großen Styl und ansehnliche Gräuel, oder gar durch -Kunsturtheile, die mich vorzüglich inniglich erfreuten, -und die er leider seinen Büchern nur zu selten einstreut. -Wie war ich hingerissen, als ich in einem seiner Romane -an die ausgeführte Meinung gerieth, mit welcher er -den Hogarth über Rafael setzt. Ja, meine Freunde, -es giebt gewisse Vorstellungen, die unmittelbar uns -Elasticität des Körpers und der Seele zuführen, und -so schelte mir keiner die großartige Albernheit, denn ich -war nach diesem Kapitel unverzüglich besser, und durfte -doch noch keine China gebrauchen. -</p> - -<p> -So, sagte Theodor, wurde der ganz gesunde Spartaner -durch Tyrtäus Hymnenklang zum Kriegestanze -beflügelt. Was folgte nun auf diese Periode? -</p> - -<p> -Diese süßen Träume der Kindheit und Sehnsucht, -fuhr Anton fort, lagen schon hinter mir, meine mündig -werdende Phantasie forderte gehaltvolleres Wesen. -Trefflich kamen meinem Bedürfniß alle die wundervollen, -bizarren und tollen Romane unsers Spieß entgegen, -von denen ich selbst die wieder las, die ich schon in -früheren Zeiten kannte. Die Tage vergingen mir unglaublich -schnell, und am Abend hatte ich freundliche -Besuche, in deren Gesprächen die Töne jener gräßlichen, -gespenstigen Begebenheiten wieder verhallten. -So ward mein Leben zum Traum, und die angenehme -Wiederkehr derselben Gegenstände und Gedanken fiel mir -nicht beschwerlich, auch war ich nun schon so stark, daß -ich einer guten Schreibart entbehren konnte, und die -herzliche Abgeschmacktheit der Luftregenten, Petermännchen, -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -Kettenträger, Löwenritter, gab mir durch die -vielfache und mannichfaltige Erfindung einen stärkern -Ton; meine Ironie konnte sich nun schon mit der Composition -beschäftigen, und der Arzt fand die stärkenden -Mittel so wie eine Nachlassung der zu strengen Diät -erlaubt und nicht mehr gefährlich. -</p> - -<p> -Wieder eine Lebens-Periode beendigt, sagte Theodor. -</p> - -<p> -Nun war aber guter Rath theuer, sprach Anton -weiter. Ich hatte die Schwärmereien des Jünglings -überstanden, Geschichte und wirkliche Welt lockten mich -an, zusammt der nicht zu verachtenden Lebens-Philosophie. -Mein Fieber hatte zwar nachgelassen, konnte -aber immer wieder gefährlich werden, ich litt unaussprechlichen -Durst, und durfte nicht trinken, was mein -Schmachten begehrte; immer nur wenig und nichts -Kühles, und ich träumte nur von kalten Orangen, von -Citronen, ja Essig, machte Salat in meiner Phantasie -zu ungeheuern Portionen und verzehrte sie, trank -aus Flaschen im Felsenkeller selbst den kühlsten Nierensteiner, -und badete mich dann in Morgenluft in den -Wogen des grün rauschenden Rheins. In dieser schwelgenden -Stimmung begegnete mir nun der vortreffliche -Cramer mit seinen Ritter- und andern Romanen, und -wie soll ich wohl einem kalten, gesunden, vernünftigen -Menschen, der trinken darf, wann und wie viel er -will, die Wonne schildern, die mich auf meinem einsamen -Lager diese vortreflichsten Werke genießen ließen? -Ich kann nun sagen: werdet krank, lieben Freunde -und leset, und ihr unterschreibt alles, was neben euch -gehender Rezensent so eben behauptet. -</p> - -<p> -Mäßige dich nur, sagte Theodor, sonst bist du gezwungen, -wieder Wasser zu schöpfen, um dir den Kopf naß -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -zu machen, und auf diesem anmuthigen Hügel haben -wir keine Quelle in der Nähe. -</p> - -<p> -Ja, rief Anton aus, Dank diesem biedersten Deutschen -für seine Kämpen, für seinen Haspar a Spada -und den Raugrafen zu Dassel! Wie saß ich mit ihnen -allen zu Tische und sah und half die Kannen Rüdesheimer -und Nierensteiner leeren; wir verachteten es, -in Becher einzuschenken; nein, aus dem vollen Humpen -selbst tranken wir Großherzigen das kühle, herrliche, -duftende Naß, und ich lachte in dieser Gesellschaft meinen -Arzt rechtschaffen aus: entzückt war ich mit dir, und -begleitete dich bewundernd, du edelster Bomsen, ich -zechte Zug für Zug mit dir, du Großer, der schon -des Morgens um vier Uhr betrunken zu Rosse steigt, -um Thaten eines deutschen Mannes adlich zu verrichten. -Wie deine Gesinnungen, du großer Dichter, so -ist auch dein Stil gediegen und deutsch, und alle die -Prügel und Püffe, die den Feinden oder schlechten -Menschen zugetheilt werden, oder gar den boshaften -Pfaffen, waren mir eben so viele Herzstärkungen und -Brownische Kurmittel, und darum trug ich auch kein -Bedenken, deine vorzüglichsten Werke nach der Beendigung -wieder von vorn zu beginnen, denn hier war -ja Erfindung, Charakter, Essen, Trinken, Lebens-Philosophie, -Wirklichkeit und Geschichte alles meiner drängenden -Sehnsucht dargebracht, und alles gleich vortrefflich. -Mein schmachtender Durst trieb sich nun nicht -mehr in gigantischen Bildern zwecklos um, sondern -fand seine Bahn vorgezeichnet und große Beispiele, -denen er sich anschloß; nun träumte ich nicht mehr als -Polyphem unter den steinernen Treppen eines Weinberges -zu liegen, und daß sich vom Himmel herunter -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -eine ungeheure Kelterpresse drücke, die mit Einem Wurf -den ganzen Weinberg ausquetsche, so daß in Caskaden -der Wein die Marmorstufen herunter rausche und wie -in ein großes Bassin sich unten in meinen durstenden -Schlund ergösse. Von diesen Riesenbildern war ich -geheilt, und schon durft’ ich mit Vorsicht kühlende Getränke -genießen, schon widerstanden mir Fleischspeisen -nicht mehr, und mein Arzt schrieb sich die Namen der -vornehmsten Cramerschen Romane auf, um sie ähnlichen -Kranken zu empfehlen; ich wandelte schon im -Zimmer, sah bei der ersten Frühlingswärme aus dem -Fenster, durfte wieder phantasiren, und nach einigen -Wochen konnt’ ich schon die Hoffnung fassen, bald -dies Gebirge zu betreten, in welchem ich euch, ihr -Lieben, zur Vollendung meiner Genesung, gefunden. — -Aber eilt, man läutet schon die Abendglocke, wir sind -vor dem Städtchen, dort treffen wir die Freunde und -vernehmen vielleicht wunderliche Dinge von ihnen. -</p> - -<p class="tb"> -——— -</p> - -<p class="noindent"> -Im Baumgarten des Gasthofes saßen am andern -Morgen die fünf Vereinigten um einen runden Tisch, -ihre Stimmung war heiter wie der schöne Morgen, -nur Friedrich schien ernst und in sich gekehrt, so sehr -auch Lothar jede Gelegenheit ergriff, ihn durch Scherz -und Frohsinn zu ermuntern. -</p> - -<p> -Warlich! rief Theodor aus, es giebt kein größeres -Glück, als Freunde zu besitzen, sie nach Jahren in -schöner Gegend in anmuthiger Frühlingszeit wieder zu -finden, mit ihnen zu schwatzen, alle ihre Eigenheiten -wieder zu erkennen, sich der Vergangenheit zu erinnern -und mit dem Zutrauen allen in die Augen zu blicken, -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -wie ich es Gottlob! hier thun kann. Nur der Friedrich -ist nicht, wie sonst. Hast du Gram, mein Lieber? -</p> - -<p> -Laß mich, guter heitrer Freund, sagte Friedrich, -es soll nicht lange währen, so wirst du und ihr alle -mehr von mir erfahren. Weißt du doch nicht, ob ich -nicht vielleicht am Glücke krank liege. -</p> - -<p> -Wenn das ist, sagte Theodor, so möge Gott nur -den Arzt noch recht lange von dir entfernt halten. O -wärst du doch lieber gar inkurabel! Aber leider ist die -Heilung dieser Krankheit nur gar zu gewiß; o die Zeit, -die böse, liebe, gute, alte, vergeßliche und doch mit -dem unverwüstlichen Gedächtniß, das wiederkäuende -große ernste Thier, die alles erzeugt und alles verwandelt, -sie wird freilich machen, daß wir einer den andern -und uns selbst nach wenigen Jahren mit ganz veränderten -Augen ansehn. -</p> - -<p> -Dadurch könntest du ihn noch trauriger machen, -fiel Lothar ein: freilich will uns alles überreden, daß -das Leben kein romantisches Lustspiel sei, wie etwa -Was ihr wollt, oder Wie es euch gefällt, sondern daß -es aus diesen Regionen entrinnt, wir möchten es auch -noch so gerne so wollen und wenn es uns auch über -die Maßen gefiele; der Himmel verhütet auch, daß es -selten in ein großes Trauerspiel ausartet, sondern es -verläuft sich freilich meist, wie viele unerquickliche Werke -mit einzelnen schönen Stellen, oder gar wie der herrliche -Rhein in Sand und Sumpf. -</p> - -<p> -O nein, sagte Friedrich, glaubt es mir, meine -Freunde, das Leben ist höheren Ursprungs, und es -steht in unserer Gewalt, es seiner edlen Geburt würdig -zu erziehn und zu erhalten, daß Staub und Vernichtung -in keinem Augenblicke darüber triumphiren dürfen: -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -ja, es giebt eine ewige Jugend, eine Sehnsucht, die -ewig währt, weil sie ewig nicht erfüllt wird; weder -getäuscht noch hintergangen, sondern nur nicht erfüllt, -damit sie nicht sterbe, denn sie sehnt sich im innersten -Herzen nach sich selbst, sie spiegelt in unendlich wechselnden -Gestalten das Bild der nimmer vergänglichen -Liebe, das Nahe im Fernen, die himmlische Ferne im -Allernächsten. Ist es denn möglich, daß der Mensch, -der nur einmal aus dieser Quelle des heiligen Wahnsinnes -trinken durfte, je wieder zur Nüchternheit, zum -todten Zweifel erwacht? -</p> - -<p> -Bei alledem, sagte Theodor, wäre ein Jungbrunnen, -von dem die Alten gedichtet haben, nicht zu verschmähn; -wär’ es auch nur der grauen Haare wegen. -</p> - -<p> -Wie könntet ihr, fuhr Friedrich fort, doch die Schönheit -nur empfinden, oder gar lieben, wenn sie unverwüstlich -wäre? Die süße Elegie in der Entzückung, -die Wehklage um den Adonis und Balder ist ja der -schmachtende Seufzer, die wollüstige Thräne in der -ganzen Natur! dem Flüchtigen nacheilen, es festhalten -wollen, das uns selbst in festgeschlossenen Armen entrinnt, -dies macht die Liebe, den geheimnißvollen Zauber, die -Krankheit der Sehnsucht, das vergötternde Schmachten -möglich. -</p> - -<p> -Und, fuhr Ernst fort, wie milde redet uns die -Ewigkeit an mit ihrem majestätischen Antliz, wenn -wir auch das nur als Schatten und Traum besitzen, -oder uns ihm nähern können, was das Göttlichste -dieser Erde ist? das muß ja unser Herz zum Unendlichen -ermuntern und stärken, zur Tugend, zum Himmel, -zu jener Schöne uns führen, die nie verblüht, -deren Entzückung ewige Gegenwart ist. -</p> - -<p> -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -Müßten wir nur nicht vorher aus dem Lethe trinken, -sagte Anton, und zur Freude sprechen: Was willst -du? und zum Lachen: du bist toll! -</p> - -<p> -Theodor sprang vom Tische auf, umarmte jeden -und schenkte von dem guten Rheinwein in die Römer: -ei! rief er aus, daß wir wieder so beisammen sind! -daß wir wieder einmal unsre zusammen gewickelten Gemüther -durchklopfen und ausstäuben können, damit -sich keine Motten und andres Gespinst in die Falten -nisten! Wie wohl thut das dem deutschen Herzen beim -Glase deutschen Weins! Ja, unsre Herzen sind noch -frisch, wie ehedem, und daß sich auch keiner von uns -das Tabackrauchen angewöhnt hat, thut mir in der -Seele wohl. -</p> - -<p> -Immer der Alte! sagte Lothar, du pflegst immer die -Gespräche da zu stören, wo sie erst recht zu Gesprächen -werden wollen; ich war begierig, wohin diese seltsamen -Vorstellungen wohl führen, und wie diese Gedankenreihe -oder dieser Empfindungsgang endigen möchte. -</p> - -<p> -Wie? sagte Theodor, das kann ich dir aufs Haar -sagen: sieh, Bruderseele, stehn wir erst an der Ewigkeit -und solchen Gedanken oder Worten, die sich gleichsam -ins Unendliche dehnen, so kömmt es mir vor wie -ein Ablösen der Schildwachen, daß nun bald eine neue -Figur auf derselben Stelle auf und ab spazieren soll. -Ich wette, nach zweien Sekunden hätten sie sich angesehn, -kein Wort weiter zu sagen gewußt, das Glas genommen, -getrunken und sich den Mund abgewischt. -„Weiter bringt es kein Mensch, stell’ er sich auch wie -er will.“ — O das ist das Erquickliche für unser -einen, daß das Größte wieder so an das Kleinste gränzen -muß, daß wir denn doch Alle Menschen, oder gar -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -arme Sünder sind, jeder, nachdem sein Genius ihn -lenkt. -</p> - -<p> -Du scheust nur, sagte Anton, die liebliche Stille, -das Säuseln des Geistes, welches in der Mitte der -innigsten und höchsten Gedanken wohnt und dessen heilige -Stummheit dem unverständlich ist, der noch nie -an den Ohren ist beschnitten worden. -</p> - -<p> -Ohren, antwortete Theodor, klingt im Deutschen -immer gemein, Gehörwerkzeuge affektirt, Hörvermögen -philosophisch, und die Hörer oder die Hörenden ist nicht -gebräuchlich, kurzum, man kann sie selten nennen, ohne -anstößig zu sein. Der Spanier vermeidet auch gern, -so schlecht hin Ohren zu sagen. Am besten braucht man -wohl Gehör, wo es paßt, oder das Ohr einzeln, wodurch -sie beide gleich edler werden. -</p> - -<p> -Dein Tabackrauchen hat aber das vorige Gespräch -erstickt, sagte Lothar; freilich ist es die unkünstlerischste -aller Beschäftigungen und der Genuß, der sich am wenigsten -poetisch erheben läßt. -</p> - -<p> -Mir ist es über die Gebühr zuwider, sagte Theodor, -und darum betrachtete ich euch schon alle gestern Abend -darauf, denn es giebt einen eignen Pfeifenzug im -Winkel des Mundes und unter dem Auge, der sich an -einem starken Raucher unmöglich verkennen läßt; deshalb -war ich schon gestern über eure Physiognomien -beruhigt. Mir scheint die neuste schlimmste Zeit erst -mit der Verbreitung dieses Krautes entstanden zu sein, -und ich kann selbst auf den gepriesenen Compaß böse -sein, der uns nach Amerika führte, um dies Unkraut -mit manchen andern Leiden zu uns herüber zu holen. -</p> - -<p> -Wie einige Züge im Gesicht durch die Pfeife entstehn, -sagte Lothar, so werden die feinsten des Witzes -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -und gutmüthigen Spottes, so wie die Grazie der Lippen -durchaus durch die oft angelegte Pfeife vernichtet. -</p> - -<p> -Ich ließe noch die kalte Pfeife gelten, sagte Ernst, -so hielt sich einer meiner Freunde eine von Thon, um -sie in der gemüthlichsten Stimmung zuweilen in den -Mund zu nehmen, und dann recht nach seiner Laune -zu sprechen; aber der böse, beizende, übel riechende -Rauch macht das Ding fatal. Ich lernte einmal einen -Mann kennen, der mir sehr interessant war, und der -sich auch in meiner Gesellschaft zu gefallen schien; wir -sprachen viel mit einander, endlich, um uns recht genießen -zu können, zog er mich in sein Zimmer, ließ sich -aber beigehn, zu größerer Vertraulichkeit seine Pfeife -anzuzünden, und von diesem Augenblick konnte ich weder -recht hören und begreifen, was er vortrug, noch weniger -aber war ich im Stande, eine eigne Meinung zu haben, -oder nur etwas anders als Flüche auf den Rauch in -meinem Herzen zu denken, — „nicht laute, aber tiefe“ -— wie Macbeth sagt. -</p> - -<p> -Lothar lachte: mit einem trostlosen Liebhaber, fuhr -er fort, ist es mir einmal noch schlimmer ergangen, -er hatte mich hingerissen und gerührt; bei einer kleinen -Ruhestelle der Klage suchte er seine Pfeife, Schwamm -und Stein, schlug mit Virtuosität schnell Feuer, und -versicherte mich nachher in abgebrochenen rauchenden -Pausen seiner Verzweiflung. Ich mußte lachen, und -nur zum Glück daß mich der Rauch in ein starkes -Husten brachte, sonst hätt’ ich dem guten Menschen als -ein unnatürlicher Barbar erscheinen müssen. -</p> - -<p> -Es läßt sich wohl, sagte Theodor, alles mit Grazie -thun, ich kenne wenigstens einen großen Philosophen, -dem in seiner Liebenswürdigkeit auch dies edel steht. -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -Mit dem Caffee wird nach der Mahlzeit eine lange -Pfeife gebracht, die der Bediente anzündet, es geschehn -ruhig und ohne alle Leidenschaft einige Züge, und eh -man noch die Unbequemlichkeit bemerkt, ist die Sache -schon wieder beschlossen. Aber schrecklich sind freilich -die kurzen, am Munde schwebenden Instrumente, die -jede Bewegung mit machen müssen und sich jeder Thätigkeit -fügen, die den ganzen Tag die Lippen pressen und -selbst die Sprache verändern. -</p> - -<p> -Mir ist es nicht unwahrscheinlich, sagte Anton, -daß diese Gewohnheit, die so überhand genommen, die -Menschen passiver, träger und unwitziger gemacht hat. -Wir sollen keinen Genuß haben, der uns unaufhörlich -begleitet, der etwas Stetiges wird, er ist nur erlaubt -und edel durch das Vorübergehende. Darum verachten -wir den Säufer, ob wir alle gleich gern Wein -trinken, und der Näscher ist lächerlich, der seine Zunge -durch ununterbrochenes Kosten ermüdet; vom Raucher -denkt man billiger, weil es eben Gewohnheit geworden -ist, die man nicht mehr beurtheilt, doch begreif’ ich es -wenigstens nicht, wie selbst Frauen jezt an vielen Orten -dagegen tolerant werden. -</p> - -<p> -Könnt ihr euch, sagte Lothar, einen rauchenden -Apostel denken? -</p> - -<p> -Eben so wenig, sagte Ernst, als den adlichen -Tristan mit der Pfeife, oder den hochstrebenden Don -Quixote. -</p> - -<p> -Dem Sancho aber, sagte Lothar, fehlt sie beinah; -hätten manche umarbeitende Uebersetzer mehr Genie -gehabt, so hätten sie diese lieber hinzu fügen, als so -manche Schönheit weglassen dürfen. -</p> - -<p> -Vielleicht ist dieses Bedürfniß, fiel Friedrich ein, -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -ein Surrogat für so manches verlorne Bedürfniß des -öffentlichen Lebens, der Galanterie der Gesellschaft, der -Freiheit und der Feste. Vielleicht soll sich zu Zeiten -der Mensch mehr betäuben, und dann ist es wohl möglich, -daß er jenen alten verrufenen blauen Dunst für -ein wirkliches Gut hält. Nicht bloß Taback, auch -philosophische Phrasen, Systeme, und manches andre -wird heut zu Tage geraucht, und beschwert den Nichtrauchenden -ebenfalls mit unleidlichem Geruch. -</p> - -<p> -Nicht so melankolisch, sagte Theodor, laßt uns -diese tiefsinnige Betrachtung wenden, denn am Ende -kömmt doch in keiner Tugend der ganze Mensch so rein -zum Vorschein, als in den Thorheiten. Die Berge -rauchen oft und die Thäler sind voll Nebel, viele Gegenden -verlieren ihn oft in Monaten nicht, die See dampft, -und so laßt denn unserm guten Zeitalter auch seinen -Dampf. Nur wir wollen unsrer Sitte treu bleiben. -Besorgt bin ich aber für Manfred, daß er sich diesen -Zustand als Appendix der Ehe möchte angewöhnt haben, -um seine weisen Lehrsprüche aus dampfendem Munde, -wie Orakel aus rauchenden Höhlen, verehrlicher zu -machen, und ich gestehe überhaupt, daß ich mich ihm -nur mit einer gewissen heimlichen Furcht wieder nähern -kann. -</p> - -<p> -Du bist ohne Noth besorgt, sagte Lothar. Seit -lange kenne ich unsern Freund in seinem häuslichen -Zustande, und ich habe nicht bemerken können, daß er -seinen jugendlichen Frohsinn und seine muthwillige Laune -gegen jene altkluge Hausväterlichkeit vertauscht habe, -im Gegentheil, kann er oft so ausgelassen sein, daß -die Schwiegermutter im Hause so wenig lästig oder -überflüssig ist, daß sie vielmehr zuweilen als kühlende -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -und besonnene Vernunft zum allgemeinen Besten hervortreten -muß. -</p> - -<p> -Wenn alles übrige, sagte Theodor, auf denselben -Fuß eingerichtet ist, so ist seine Haushaltung die vollkommenste -in der Welt. -</p> - -<p> -Noch mehr, fuhr Lothar fort, diese Frau ist noch -anmuthig und reizend, und man glaubt es kaum, daß -sie zwei erwachsene Töchter haben könne. Sie hat selbst -einige annehmlich scheinende Parthien ausgeschlagen, -und Männer haben sich um sie beworben, die an Jahren -weit jünger sind. -</p> - -<p> -Wenn die Mutter schon so gefährlich ist, sagte -Theodor, so muß der Umgang mit den Töchtern gar -herz- und halsbrechend sein. -</p> - -<p> -Die Gattin unsers Manfred, erzählte Lothar weiter, -ist sehr still und sanft, von zartem Gemüth und rührend -schöner Gestalt, er hat noch das Betragen des -Liebhabers, und sie das blöde geschämige Wesen einer -Jungfrau; ihre jüngere Schwester Clara ist der Muthwille -und die Heiterkeit selbst, launig, witzig, und fast -immer lachend, im beständigen kleinen Kriege mit -Manfred; man sollte glauben, wenn man sie beisammen -sieht, er hätte diese lieben müssen, und die ältere, -ihm so ungleiche Schwester, hätte ihn nicht rühren -können. Allein die Liebe fordert vielleicht eine gewisse -Verschiedenheit des Wesens und des Charakters. -</p> - -<p> -Ich komme darauf zurück, sagte Ernst, daß wir -immer noch nicht wissen können, wie viel in Manfred -angewöhnte Manier ist, und wie viel Natur; ich habe -oft bemerkt, daß er ernst, ja traurig war, wenn die -Umgebung ihn für ausschweifend lustig hielt. Er hat -es von je gescheut, seine innersten Gefühle kund zu -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -thun, und so wirft er sich oft gewaltthätig in eine -Laune, die ihn quälen kann, indem sie andre ergötzt. -</p> - -<p> -Wie wird es aber, fragte Theodor weiter, mit den -Kindern gehalten? Wahrscheinlich hat sich doch auch zu -ihm die neumodische und weichliche Erziehung erstreckt, -jene allerliebste Confusion, die jeden Gegenwärtigen im -ununterbrochenen Schwindel erhält, indem die Kinderstube -allenthalben, im Gesellschaftszimmer, im Garten -und in jedem Winkel des Hauses ist, und kein Gespräch -und keine Ruhe zuläßt, sondern nur ewiges Geschrei -und Erziehen sich hervor thut, eine unsterbliche Zerstreutheit -im scheinbaren Achtgeben; jenes Chaos der -meisten Haushaltungen, das mir so erschrecklich dünkt, -daß ich die neuen Pädagogen, die es veranlaßt haben, -und jene Entdecker der Mütterlichkeit gern als Verdammte -in einen eignen Kreis der Danteschen Hölle -hinein gedichtet hätte, der nur eine solche neuerfundene -allgegenwärtige Kinderstube mit all ihrem Wirwarr und -Schariwari moderner Elternliebe darzustellen brauchte, -um sie als einen nicht unwürdigen Beitrag jener furchtbaren -Zirkel anzuschließen. -</p> - -<p> -Auch von dieser neuen, fast allgemein verbreiteten -Krankheit, erzählte Lothar, findest du in seinem Hause -nichts: seine junge Gattin ist eine wahre Mutter, fast -so, wie es unsre Mütter noch waren; sie liebt ihre -beiden Kinder über alles, und hat eben darum eine -Art von Schaam, in Gesellschaft die Mutter zu spielen, -und die Kinder wie Dekorationen an sich zu hängen; -die Wartung und alle Erziehung der Kleinen wird von -ihr still im Heiligthum eines entlegenen Zimmers besorgt, -und weil sie ordentlich ist, und weiß, was sie befiehlt, -so darf sie die Kinder zu Zeiten dem gehorsamen Gesinde -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -überlassen, und sie kann ruhig und heiter an der Gesellschaft -Theil nehmen, weil sie die Stunde beobachtet; -kurz, man nimmt an den allerliebsten Creaturen nur -so viel Theil, als man selbst will, und ich, der ich -die Kinder kindlich liebe, bin immer gezwungen, sie -aufzusuchen. -</p> - -<p> -Vortrefflich! sagte Ernst, dies beweist am meisten -für die Schwiegermutter, die die Töchter sehr gut und -zur Ordnung muß erzogen haben. In deiner Beschreibung -finde ich gerade die ehrwürdigsten Mütter wieder, -die ich je gekannt habe. Alles Gute und Rechte soll -nur so geschehn, daß es ein unachtsames Auge gar nicht -gewahr wird. Unser Vaterland aber ist das Land der -geräuschvollsten Erziehung, und die Nation wird bald -nur aus Erziehern bestehen; für Mütter und Kinder -sind Bibliotheken, und hundert Journale und Almanache -geschrieben, alle ihre Tugenden und Pflichten hat man -tausendfältig in Kupfer gestochen und zur größern Aufmunterung -illuminirt, und aus dem Natürlichsten und -Einfachsten, was kaum viele Worte zuläßt, haben wir -mit Kunst einen Götzen der vollständigsten Thorheit -geschnitzt, und es im ausgeführten System so weit -gebracht, daß wir durch Beobachtung, Philosophie und -Natur uns von allem Menschlichen und Natürlichen -auf unendliche Weite entfernt haben. Nicht genug, -daß man die Kinder fast von der Geburt mit Eitelkeit -verdirbt, man ruinirt auch die wenigen Schulen, die -etwa noch im alten Sinn eingerichtet waren; man -zwingt die Kinder im siebenten Jahr, zu lernen, wie -sie Scheintodte zum Leben erwecken sollen, man verschreibt -Erzieher aus den Gegenden, in welchen diese Produkte -am besten gerathen; ja die Staaten selbst verbieten -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -das Buchstabiren, und machen es zur Gewissenssache, -das Lesen anders als auf die neue Weise zu erlernen, -und fast alle Menschen, selbst die bessern Köpfe nicht -ausgenommen, drehen sich im Schwindel nach diesem -Orient, um von hier den Messias und das Heil der -Welt baldigst ankommen zu sehen; aber gewiß, nach -zwanzig Jahren verspotten wir aus einer neuen Thorheit -heraus diese jetzige. Dies sind auch nur Schildwachen, -die sich ablösen, und so viel neue Figuren auch kommen, -so bleiben sie doch immer auf derselben Stelle wandelnd. -Jeder Mensch hat etwas, das seinen Zorn erregt, und -ich gestehe, ich bin meist so schwach, daß die Pädagogik -den meinigen in Bewegung setzt. -</p> - -<p> -So scheint es, sagte Lothar; ein geistreicher Mann -sagte einmal: wir sind schlecht erzogen, und es ist nichts -aus uns geworden, wie wird es erst mit unsern Kindern -aussehn, die wir gut erziehn! -</p> - -<p> -Mir däucht, sagte Theodor, es wäre nun wohl an -der Zeit, auch eine Wochenschrift „der Kinderfeind“ zu -schreiben, um die Thorheiten lächerlich zu machen, und -der ehemaligen Strenge und Einfalt wieder Raum und -Aufnahme vorzubereiten. -</p> - -<p> -Du fändest keine Leser, sagte Ernst, unter dieser -Ueberfülle humaner Eltern und gereister, ausgebildeter -Erzieher. -</p> - -<p> -Friedrich war schon vor einiger Zeit vom Tisch und -Gespräch aufgestanden, und auf seinen Wink hatte sich -Anton zu ihm gesellt. Sie gingen unter einen Baumgang, -von welchem man weit auf die Landstraße hinaus -sehen konnte, die sich über einen nahe liegenden Berg -hinweg zog. Mich kümmern alle diese Dinge nicht, -sagte Friedrich, treib’ es jeder, wie er mag und kann, -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -denn mein Herz ist so ganz und durchaus von einem -Gegenstande erfüllt, daß mich weder die Thorheiten noch -die ernsthaften Begebenheiten unserer Zeit ernstlich anziehn. -Er vertraute seinem Freunde, der seine Verhältnisse -schon kannte, daß es ihm endlich gelungen sei, -alle Bedenklichkeiten seiner geliebten Adelheid zu überwinden, -und daß sie sich entschlossen habe, auf irgend -eine Weise das Haus ihres Oheims, des Geheimeraths, -zu verlassen; dieser wolle einen alten Lieblingsplan fast -gewaltthätig durchsetzen, sie mit seinem jüngeren Bruder, -einem reichen Gutsbesitzer, zu vermälen, weil er -sich so an die Gesellschaft des schönen liebenswürdigen -Kindes gewöhnt habe, daß er sich durchaus nicht von -ihr trennen könne, er sei gesonnen, nach der Heirath -zu diesem Bruder zu ziehn, um in seinem kinderlosen -Wittwerstande gemeinschaftlich mit ihm zu hausen. Es -scheint vergeblich, so endete Friedrich, diesem Plan -unsre Liebe entgegen zu setzen, wenigstens hält es Adelheid -für unmöglich, und zwar so sehr, daß der Oheim -noch gar nicht einmal von meinem Verhältnisse zu ihr -weiß; so erwarte ich nun bei Manfred morgen oder -übermorgen einen Boten, der unser Schicksal auf immer -entscheiden wird. Eine drückende Lage wird oft am -leichtesten durch eine Gewaltthätigkeit gelöst, und ich -hoffe, daß Manfred mir durch seine Klugheit und seinen -Muth beistehen wird. Ich würde mich unserm -Ernst auch gern vertrauen, wenn er nicht gar zu gern -tadelte, wo aller Rath zu spät kömmt. -</p> - -<p> -Doch kann Vorsicht nicht schaden, sagte Anton, -und hüte dich nur, dich von Manfred, der alles Abentheuerliche -übertrieben liebt, in einen Plan verwickeln -zu lassen, dessen Verdrießlichkeiten vielleicht dein ganzes -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -Leben verwirren. Denn es ist gar zu anlockend, auf -Unkosten eines andern muthig und unternehmend zu -sein, der Mensch genießt alsdann das Vergnügen des -Wagehalses zugleich mit der Lust der Sicherheit. -</p> - -<p> -Mein Freund, sagte Friedrich, ich habe lange geduldet, -gefühlt und geprüft, und mich gereut, daß ich -nicht schon früher gethan habe, was du übereilt nennen -würdest. Sind wir ganz von einem Gefühl durchdrungen, -so handeln wir am stärksten und konsequentesten, -wenn wir ohne Reflexion diesem folgen. Doch, laß -uns jezt davon abbrechen. -</p> - -<p> -Ich mißverstehe dich wohl nur, sagte Anton, weil -du mir nicht genug vertraut hast. -</p> - -<p> -Auch dazu werden sich die Stunden finden, antwortete -Friedrich. In der Entfernung hatte ich mir -vorgesetzt, dir alles zu sagen, und nun du zugegen -bist, stammelt meine Zunge, und jedes Bekenntniß zittert -zurück. Ihre Gestalt und Holdseligkeit tönt wie -auf einer Harfe ewig in meinem Herzen, und jede säuselnde -Luft weckt neue Klänge auf; ich liebe dich und -meine Freunde inniger als sonst, aber ohne Worte fühl’ -ich mich in eurer Brust, und jezt wenigstens schiene mir -jedes Wort ein Verrath. -</p> - -<p> -Träume nur deinen schönen Traum zu Ende, sagte -Anton, berausche dich in deinem Glück, du gehörst jezt -nicht der Erde; nachher finden wir uns wieder alle beisammen, -denn irgend einmal muß der arme Mensch -doch erwachen und nüchtern werden. -</p> - -<p> -Nein, mein lieber zagender Freund, rief Friedrich -plötzlich begeistert aus, laß dich nicht von dieser anscheinenden -Weisheit beschwatzen, denn sie ist die Verzweiflung -selbst! Kann die Liebe sterben, dies Gefühl, -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -das bis in die fernsten Tiefen meines Wesens blitzt, -und die dunkelsten Kammern und alle Wunderschätze -meines Herzens beleuchtet? Nicht die Schönheit meiner -Geliebten ist es ja allein, die mich beglückt, nicht -ihre Holdseligkeit allein, sondern vorzüglich ihre Liebe; -und diese meine Liebe, die ihr entgegen geht, ist mein -heiligster, unsterblichster Wille, ja meine Seele selbst, -die sich in diesem Gefühl losringt von der verdunkelnden -Materie; in dieser Liebe seh’ ich und fühl’ ich -Glauben und Unsterblichkeit, ja den Unnennbaren selbst -inmitten meines Wesens und alle Wunder seiner Offenbarung. -Die Schönheit kann schwinden, sie geht -uns nur voran, wo wir sie wieder treffen, der Glaube -bleibt uns. O, mein Bruder, gestorben, wie man -sagt, sind längst Isalde und Sygune, ja, du lächelst -über mich, denn sie haben wohl nie gelebt, aber das -Menschengeschlecht lebt fort, und jeder Frühling und -jede Liebe zündet von neuem das himmlische Feuer, -und darum werden die heiligsten Thränen in allen Zeiten -dem Schönsten nachgesandt, das sich nur scheinbar -uns entzogen hat, und aus Kinderaugen, von Jungfraunlippen, -aus Blumen und Quellen uns immer -wieder mit geheimnißvollem Erinnern anblitzt und anlächelt, -und darum sind auch jene Dichtergebilde belebt -und unsterblich. An dieser heiligen Stätte habe ich -mich selbst gefunden, und ich müßte mir selbst verloren -gehn, ich müßte vernichtet werden können, wenn -diese Entzückung in irgend einer Zeit ersterben könnte. -</p> - -<p> -Seinem Freunde traten die Thränen in die Augen, -weil ihn die Krankheit weicher gemacht hatte, und er -ohnedies schon reizbar war; er umarmte den Begeisterten -schweigend, als beide die Landstraße einen offenen -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -Wagen mit vier geschmückten hüpfenden Pferden herunter -kommen sahn, von einem mit Bändern und -Federbüschen aufgeputzten Kutscher geführt: in wunderlicher -bunter Tracht folgte ein Reiter dem Wagen, -und die Sprechenden nebst den andern drei Freunden -gingen vor das Thor des Gasthofes hinaus, um das -sonderbare Schauspiel näher in Augenschein zu nehmen. -Ists möglich? rief plötzlich Theodor aus, er -selbst, Manfred ist es! und eilte den brausenden Pferden -entgegen. Diese standen, auf den Ruf ihres Führers, -er sprang vom Sitz, indem er die Leinen vorsichtig -in der Hand behielt, und umarmte Theodor und -die übrigen Freunde nach der Reihe. Er war freudig -überrascht, auch Ernst zu finden, den er so wenig wie -Theodor hatte erwarten können. Ich komme, euch abzuholen; -so steigt nur gleich ein! rief er in zerstreuter -Freude aus. -</p> - -<p> -Der Reiter war indeß abgestiegen und Anton erkannte -ihn zuerst: Wie? der verständige Wilibald läßt -sich auch zu solchen bunten Mummereien gebrauchen? -rief er verwundert aus. -</p> - -<p> -Muß man nicht, erwiederte dieser, mit den Thörigten -thörigt sein? Wir wollten euch recht glänzend -abholen, und euch zu Ehren seh ich fast so wie der -Lustigmacher bei herumziehenden Comödianten aus. -</p> - -<p> -Alle betrachteten und umarmten ihn, lachten, und -stiegen dann ein, um in einer Waldschenke einige -Stunden vom Städtchen anzuhalten, und dann noch -bei guter Zeit die letzten Meilen bis zu Manfreds -Wohnung zurück zu legen. Manfred begab sich ernsthaft -auf seinen Sitz, Wilibald auf sein Pferd, und -so rollten sie im Gallopp auf der Felsenstraße davon, -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -indem ihnen aus jedem Fenster der Stadt ein verwundertes -oder lachendes Angesicht nachblickte. -</p> - -<p class="tb"> -——— -</p> - -<p class="noindent"> -Ist es nicht ein reizender Aufenthalt? fragte Wilibald, -indem er mit Theodor in den Gängen des anmuthigen -Gartens auf und nieder schritt. -</p> - -<p> -Manfred ist sehr glücklich, antwortete Theodor; -aber wo ist unsre Gesellschaft? -</p> - -<p> -Ernst und Lothar sind ausgeritten, erwiederte jener, -um einen alten Thurm und Mauerwerk in der Nähe -zu betrachten, Friedrich und Manfred haben sich eingeschlossen, -und rathschlagen, so scheint es, über Herzensangelegenheit, -und Anton, dünkt mich, wandelte -vor kurzem noch in empfindsamen Gesprächen mit Rosalien, -der jungen Frau, und Manfreds Schwester, -Augusten. Ich fürchte, das Ende vom Liede ist, daß -wir uns hier alle verlieben. -</p> - -<p> -Und warum nicht? sagte Theodor. Ich sehe -wenigstens kein Unglück darin. Im Gegentheil finde -ich es natürlich und schicklich, daß in jeder gemischten -Gesellschaft, in welcher sich junge Männer und anmuthige -Frauen und reizende Mädchen befinden, kleine -Romane gespielt werden, dies eben erweckt den Witz -und belebt und schafft den feinern Geist der Unterhaltung; -auch kleine Eifersucht kann nicht schaden und -artige Verläumdung, samt allen Künsten eines edlen -Spiels und jener Laune, die den Weibern angeboren -scheint und wodurch sie die Männer so unwiderstehlich -fesseln. Dadurch können verlebte Tage von solchem -poetischen Glanz bestrahlt werden, daß wir das ganze -Leben hindurch mit Freuden an sie denken, da sie -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -uns außerdem ziemlich trivial und langweilig verflossen -wären. -</p> - -<p> -Es kann aber mit Anton bei seiner Reizbarkeit Ernst -werden, wandte Wilibald schüchtern ein; nicht jeder -hat die Geschicklichkeit, behutsam genug mit der Flamme -zu spielen. -</p> - -<p> -Dafür laß du ihn sorgen, sagte Theodor; oder -sollte etwa schon die Eifersucht aus dir sprechen, mein -Theurer? O ja, warlich, deine grämliche Miene und -dein suchender umschauender Blick sagen mir nichts geringeres. -Nun, wer ist denn deine Schöne? Clara? -oder die junge anmuthige Gattin? oder Manfreds -Schwester, Auguste? oder die liebenswürdige Schwiegermutter, -die ihr alle lieber Emilie nennt, und die -auch freundlich diesem Taufnamen entgegen horcht? -oder liebst du sie gar alle? -</p> - -<p> -Du bleibst ein Thor, fuhr Wilibald halb lachend -auf, und ihr alle seid so seltsame liebe und unausstehliche -Menschen, daß man eben so wenig ohne euch, als -mit euch leben kann. In der Ferne sehn’ ich mich nach -euch allen und bin ungemuth, und in der Nähe ärgre -ich mich über alle eure mannichfaltigen Thorheiten. -</p> - -<p> -Nun, fragte Theodor, was hast du denn Großes -an uns auszusetzen? -</p> - -<p> -Du solltest mich nicht zu solchen Klageliedern auffordern, -antwortete Wilibald: daß ihr alle immer nur so -sehr vernünftig und geistreich seid, wo es nicht hin -gehört, und niemals da, wo ihr Vernunft zeigen müßtet! -da ist der Manfred, der sich für einen Heros der -Männlichkeit hält, welcher meint, sich und seine Empfindungen -so ganz in der Gewalt zu haben, und sich -heraus nimmt, jeden zu verachten, den irgend ein -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Kummer quält, und der doch selbst ohne alle Veranlassung -so unerträglich melankolisch sein kann, daß er -über die ganze Welt die Schultern zuckt, weil sie eben -schwach genug ist, nur zu existiren; so sitzt er in dieser -Stimmung Tagelang im Winkel und findet jeden -Scherz geistlos und jedes Gespräch albern, sein Blick -und kümmerliches Gesicht schlagen aber auch jede Freude -und Heiterkeit aus seiner Gesellschaft zurück; er ist zu -träge, spazieren zu gehn, oder irgend etwas zu treiben: -aber nun fällt ihn die Laune an, nun soll jedermann -lustig sein, nun findet er es unbegreiflich, wenn irgend -jemand nicht an seinen schwärmenden Phantasien Theil -nimmt, nun ist jeder ein Philister, der nicht zum -Zeitvertreib halb mit dem Kopf gegen die Felsen rennt, -nun muß man mit ihm durch Garten und Gebirge -laufen, fallen und klettern; oder er zwingt alles Musik -zu machen und zu singen; oder, was das Schlimmste -ist, er liest vor, und verlangt, jedermann soll an irgend -einer Schnurre, oder einem alten vergessenen Buche -denselben krampfhaften Antheil nehmen, zu welchem er -sich spornt. So geschah es gestern, als er plötzlich -den Philander von Sittewald herbei holte, ewig lange -las, und sich verwunderte, daß wir nicht alle mit demselben -Heißhunger darüber herfielen, wie er, der das Buch -in Jahren vielleicht nicht angesehen hat; und so bringt -er wohl morgen den Fischart, oder Hans Sachs. Wobei -er sich auch nicht einreden läßt, sondern auf seine Lebenszeit -hat er sich verwöhnt, daß alle Menschen ihm nur -eben als Werkzeuge dienen, an welchen sich seine schnell -wandelnde Laune offenbart. Nur ein solcher Engel -von Frau kann mit ihm fertig werden, und mit ihm -glücklich sein. -</p> - -<p> -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -Fahre fort, sagte Theodor; und Friedrich, der sich -mit ihm eingeschlossen hat. -</p> - -<p> -O, ihr! — sagte Wilibald, wärt ihr nur nicht -sonst so gute Menschen, so sollte euch ein Verständiger -wohl so abschildern können, daß ihr vielleicht in euch -ginget, und ordentlicher und besser würdet. Dieser -Friedrich, der immer in irgend einen Himmel verzückt ist, -und den Tag für verloren hält, an welchem er nicht -eine seiner verwirrten Begeisterungen erlebt hat, wie -könnte er sein Talent und seine Kenntnisse brauchen, -um etwas Edles hervor zu bringen, wenn er sich nicht -so unbedingt diesem schwelgenden Müssiggange ergäbe. -Auch erschrickt er alle Augenblicke selbst in seinem bösen -Gewissen, wenn er von diesem oder jenem thätigen -Freunde hört, wenn er ihre Fortschritte gewahr wird. -Will man nun recht von Herzen mit ihm zanken, so -wirft er sich in seine vornehme hyperpoetische Stimmung, -und beweist euch von oben herab, daß ihr -andern die Taugenichtse seid, er aber bleibt der Weise -und Thätige. Man soll seinem Freunde nichts Böses -wünschen, aber so wie er sich nun, weiß Gott wegen -welches raren Geheimnisses mit dem Manfred eingeschlossen -hat, so wäre es mir doch vielleicht nicht ganz -unlieb, wenn dieser die Gelegenheit der Einsamkeit -benutzte, um ihm auf prosaische Weise etwas der überflüssigen -Poesie auszuklopfen. -</p> - -<p> -Sacht! sacht! rief Theodor, woher diese Neronische -Gesinnung? Ergieb dich der Billigkeit, Freund, oder -du sollst so mit albernen Späßen und Wortspielen, -welche dir verhaßt sind, gegeißelt werden, daß du den -Werth der Humanität einsehn lernst. Nun schau auf, -geht drüben nicht unser Anton einsam, sanft und stille, -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -sein Gemüth und die schöne Natur betrachtend? Wie -unrecht haben wir ihm so eben gethan. -</p> - -<p> -Dieses mal, antwortete Wilibald, und wissen wir -doch nicht, ob ihn die Weiber nicht so eben verlassen -haben, denen er mit seinem sanften, lieben, zuvorkommenden -Naturell stets nachschleicht, die ihm gern -entgegen kommen, weil sie ihm anfühlen, daß er auch -das Schwächste und Verwerflichste in ihnen ehrt und -vertheidigt; denn nicht in ein Individuum, sondern in -das ganze Geschlecht ist er verliebt: macht er hier -nicht Claren, ihrer Mutter, der jungen Frau und -Augusten emsig den Hof? die übrigen lächeln ihn auch -stets an, nur sollte er es doch fühlen, daß er der -letztern zur Last fällt und sie in Ruhe lassen. Alle -andere Menschen ändern sich doch von Zeit zu Zeit -und legen ihre Albernheiten ab, ihn aber kannst du -nach Jahren wieder antreffen, und er trägt dir noch -dieselben Kindereien und Meinungen mit seiner ruhigen -Salbung entgegen, ja, wenn man ihn erinnert, daß -er vor geraumer Zeit die und jene Angewöhnung gehabt, -oder jene Sinnesart geäußert, so dankt er dir so herzlich, -als wenn du ihm einen verlornen Schatz wieder -fändest, und sucht beides von neuem hervor, im Fall -er es vergessen haben sollte. -</p> - -<p> -Dann muß dir aber doch der wandelbare und empfängliche -Lothar ganz nach Wunsche sein, erwiederte -Theodor. -</p> - -<p> -Noch weniger als Anton, fuhr Wilibald in seiner -Kritik fort, denn eben seine zu große Empfänglichkeit -hindert ihn, sich und andre zu der Ruhe kommen zu -lassen, die durchaus unentbehrlich ist, wenn aus Bildung -oder Geselligkeit irgend etwas werden soll. Er kann -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -weder in einer guten noch schlechten Gesellschaft sein, -daß ihn nicht die Lust anwandelt, Comödie zu spielen, -<span class="antiqua">ex tempore</span> oder nach memorirten Rollen; es scheint -fast, daß ihm in seiner eigenen Haut so unbehaglich -ist, daß er lieber die eines jeden andern Narren über -zieht, um seiner selbst nur los zu werden. Die heilige -Stelle in der Welt, sein Tempel, ist das Theater, -und selbst jedes schlechte Subjekt, das nur einmal die -Bretter öffentlich betreten hat, ist ihm mit einer gewissen -Glorie umgeben. Gestern den ganzen Abend unterhielt -er uns mit seiner ehemaligen Bekehrungssucht -und Proselytenmacherei, wie er jeden armen Sünder -zum Shakspear wenden und ihn von dessen Herrlichkeit -hatte durchdringen wollen; er erzählte so launig, -wie und auf welchen Wegen er nach so manchen komischen -Verirrungen von dieser Schwachheit zurück gekommen -sei, und, siehe, noch in derselben Stunde nahm -er den alten Landjunker von drüben in die Beichte -und suchte ihm das Verständniß für den Hamlet aufzuschließen, -der nur immer wieder darauf zurück kam, -daß man beim Aufführen die Todtengräber-Scene nicht -auslassen dürfe, weil sie die beste im ganzen Stücke -sei. Mir scheint es eine wahre Krankheit, sich in -einen Autor, habe er Namen wie er wolle, so durchaus -zu vertiefen, und ich glaube, daß durch das zu -starre Hinschauen das Auge am Ende eben so geblendet -werde, wie durch ein irres Herumfahren von einem -Gegenstande zum andern. Selbst bei Weibern, die -Schmeicheleien von ihm erwarten, bricht er in Lobpreisungen -des Lear und Macbeth aus, und die einfältigste -kann ihm liebenswürdig und klug erscheinen, wenn -sie nur Geduld genug hat, ihm stundenlang zuzuhören. -</p> - -<p> -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -Gegen unsern Ernst kannst du wohl schwerlich dergleichen -einwenden? fragte Theodor. -</p> - -<p> -Er ist mir vielleicht der verdrießlichste von allen, -fiel Wilibald ein; er, der alles besser weiß, besser würde -gemacht haben, der schon seit Jahren gesehn hat, wohin -alles kommen wird, der selten jemand aussprechen läßt, -ihn zu verstehn sich aber niemals die Mühe giebt, weil -er schon im voraus überzeugt ist, er müsse erst hinzufügen, -was in der fremden Meinung etwa Sinn haben -könne. Er ist der thätigste und zugleich der trägste -aller Menschen: bald ist er auf dieser, bald auf jener -Reise, weil er alles mit eigenen Augen sehen will, -alles will er lernen, keine Bibliothek ist ihm vollständig -genug, kein Ort so entfernt, von dem er nicht Bücher -verschriebe; bald ist es Geschichte, bald Poesie oder -Kunst, bald Physik, oder gar Mystik, was er studirt; -er lächelt nur, wenn andre sprechen, als wollt’ er sagen: -laßt mich nur gewähren, laßt mich nur zur Rede kommen, -so sollt ihr Wunder hören! Und wenn man nun -wartet, und Jahre lang wartet, ihn dann endlich auffordert, -daß er sein Licht leuchten lasse, so muß er -wieder dieses Werk nachlesen, jene Reise erst machen, -so fehlt es gerade am Allernothwendigsten, und so vertröstet -er sich selbst und andre auf eine nimmer erscheinende -Zukunft. Die übrigen ärgern mich nur, er aber -macht mich böse; denn das ist das verdrüßlichste am -Menschen, wenn er vor lauter Gründlichkeit auch nicht -einmal an die Oberfläche der Dinge gelangen kann: -es ist die Gründlichkeit der Danaiden, die auch immer -hofften, der nächste Guß würde nun der rechte und -letzte sein, und nicht gewahr wurden, daß es eben an -Boden mangle. -</p> - -<p> -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -Wollt ihr mir nun nicht auch von mir „ein liebes -kräftig Wörtchen sagen?“ neckte ihn Theodor. -</p> - -<p> -An dir, sagte Wilibald, ist auch das verloren, denn -so wie du mit jeder Feder eine andere Hand schreibst, -klein, groß, ängstlich oder flüchtig, so bist du auch -nur der Anhang eines jeden, mit dem du lebst; seine -Leidenschaften, Liebhabereien, Kenntnisse, Zeitverderb, -hast und treibst du mit ihm, und nur dein Leichtsinn -ist es, welcher alles, auch das widersprechendste, in dir -verbindet. Du bist hauptsächlich die Ursach, daß wir, -so oft wir noch beisammen gewesen sind, zu keinem -zweckmäßigen Leben haben kommen können, weil du -dir nur in Unordnung und leerem Hinträumen wohlgefällst. -Heute sind wir einmal recht vergnügt gewesen! -pflegst du am Abend zu sagen, wenn du die übrigen -verleitest hast, recht viel dummes Zeug zu schwatzen; -bei einer Albernheit geht dir das Herz auf, — doch -ich verschwende nur meinen Athem, denn ich sehe du -lachst auch hierüber. -</p> - -<p> -Allerdings, rief Theodor im frohesten Muthe aus, -o mein zorniger, mißmuthiger Camerad! du Ordentlicher, -Bedächtlicher, der die ganze Welt nach seiner -Taschenuhr stellen möchte, du, der in jede Gesellschaft -eine Stunde zu früh kommt, um ja nicht eine halbe -Viertelstunde zu spät anzulangen, du, der du wohl -ins Theater gegangen bist, bevor die Casse noch eröffnet -war, der auch dann im ledigen Hause beim schönsten -Wetter sitzen bleibt, um sich nur den besten Platz -auszusuchen, mit dem er nachher im Verlauf des -Stückes doch wieder unzufrieden wird. Ich habe es -ja erlebt, daß du zu einem Balle fuhrst, und mich -und meine Gesellschaft so über die Gebühr triebst, daß -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -wir anlangten, als die Bedienten noch den Tanzsaal -ausstäubten und kein einziges Licht angezündet war. -Diese deine Ordnung willst du in jede Gesellschaft einführen, -um nur alles eine Stunde früher als gewöhnlich -zu thun, und gäbe man dir selbst diese Stunde -nach, so würdest du wieder eine Stunde zuverlangen, -so daß man, um mit dir ordentlich zu leben, immer -im Zirkel um die vier und zwanzig Stunden des Tages -mit Frühstück, Mittag- und Abendessen herum fahren -müßte. Weil gestern die Gesellschaft noch nicht versammelt -war, als die Suppe auf dem Tische stand, -und jeder nach seiner Gelegenheit etwas später kam, -darüber bist du noch heut verstimmt, du Heimtückischer, -Nachtragender! noch mehr aber darüber, daß wir aus -Scherz die geheime Abrede trafen, dich durchaus von -Augustens Seite wegzuschieben, zu der du dich mit -öffentlichem Geheimniß so geflissentlich drängst, und -meinst, wir alle haben keine Augen und Sinne, um -deine feurigen Augen und wohlgesetzten verliebten Redensarten -wahrzunehmen. Sieh, Freund, man kennt -dich auch, und weiß auch deine empfindliche Seite -zu treffen. -</p> - -<p> -Wilibald zwang sich zu lachen und ging empfindlich -fort; indem sah man Lothar und Ernst von der Straße -des Berges, der über dem Garten und Hause lag, herunter -reiten. Der einsame Anton gesellte sich zu Theodor -und beide sprachen über Wilibald; es ist doch seltsam, -sagte Anton, daß die Furcht vor der Affektation -bei einem Menschen so weit gehen kann, daß er darüber -in ein herbes widerspenstiges Wesen geräth, wie -es unserm Freunde ergeht; er argwöhnt allenthalben -Affektation und Unnatürlichkeit, er sieht sie allenthalben -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -und will sie jedem Freunde und Bekannten abgewöhnen, -und damit man ihm nur nicht etwas Unnatürliches -zutraue, fällt er lieber oft in eine gewisse rauhe -Manier, die von der Liebenswürdigkeit ziemlich entfernt -ist. -</p> - -<p> -So will er die Weiber auch immer männlich machen, -sagte Theodor, ging’ es nach ihm, so müßten sie gerade -alles das ablegen, was sie so unbeschreiblich liebenswürdig -macht. -</p> - -<p> -Eine eigne Rubrik, fügte Anton hinzu, hält er, -welche er Kindereien überschreibt, und in die er so ziemlich -alles hinein trägt, was Sehnsucht, Liebe, Schwärmerei, -ja Religion genannt werden muß. Wie die Welt -wohl überhaupt aussähe, wenn sie nach seinem vernünftigen -Plane formirt wäre? -</p> - -<p> -Selbst Sonne und Mond, sagte Theodor, halten -nicht einmal die gehörige Ordnung, des Uebrigen zu -geschweigen. Die Abweichung der Magnetnadel muß -nach ihm entweder Affektation oder Kinderei sein, und -statt sich in den Euripus zu stürzen, weil er die vielfache -Ebbe und Fluth nicht begreifen konnte, hätte er -ruhig am Ufer gestanden, und bloß den Kopf ein wenig -geschüttelt und gemurmelt: läppisch! läppisch! -</p> - -<p> -Bis zum Abentheuerlichen unnatürlich sind die Cometen, -versetzte Anton, ja alle Existenz hat wohl nur -wie ein umgekehrter Handschuh die unrechte Seite herausgedreht, -und ist dadurch existirend geworden. -</p> - -<p> -Zweifelt ihr daran, ihr armen Sünder? rief Wilibald -aus dem nächsten Laubengange heraus, in welchem -er alles gehört hatte; könnt ihr euch euren doppelten -unbefriedigten Zustand anders erklären? Habt ihr dies -nicht schon oft im Ernst denken müssen, wenn ihr überhaupt -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -darüber gedacht habt, was ihr jezt als Spaß -aussprecht? Und wenn die Menschenseele sich selbst unvollendet -und umgedreht empfindet, warum soll denn -alles übrige Geschaffene richtiger und besser sein? Ihr -hoffärtigen Erdenwürmer neigt euch in den Staub, und -macht euch nicht über Leute lustig, die, wenn es die -Noth erfordert, auch wohl über Milchstraßen und Trabanten -und Sonnensysteme zu sprechen wissen. -</p> - -<p> -Ernst und Lothar traten hinzu und erzählten viel -von der anmuthigen Lage der merkwürdigen Ruine, -und Ernst zürnte über den frevelnden Leichtsinn der -Zeit, der schon so viel Herrliches zerstört habe und es -allenthalben zu vernichten fortfahre. Wie tief, rief er -aus, wird uns eine bessere Nachwelt verachten, und -über unsern anmaßlichen Kunstsinn und die fast krankhafte -Liebhaberei an Poesie und Wissenschaft lächeln, -wenn sie hört, daß wir Denkmale aus gemeinem, fast -thierischem Nichtachten, oder aus kläglichem Eigennutz -abgetragen haben, die aus einer Heldenzeit zu uns herüber -gekommen sind, an der wir unsern erlahmten -Sinn für Vaterland und alles Große wieder aufrichten -könnten. So braucht man herrliche Gebäude zu Wollspinnereien -und schlägt dürftige Kammern in die Pracht -alter Rittersäle hinein, als wenn es uns an Raum -gebräche, um die Armseligkeit unsers Zustandes nur -recht in die Augen zu rücken, der in Pallästen der -Heroen seine traurige Thätigkeit ausspannt, und große -Kirchen in Scheuern und Rumpelkammern verwandelt. -</p> - -<p> -Ist ihnen doch die Vorzeit selbst nichts anders, -sagte Lothar, und des Vaterlandes rührende Geschichte, -eben so haben sie sich in diese mit ihren unersprießlichen -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Zwecken hinein geklemmt, und verwundern sich -lächelnd darüber, wie man ehemals nur das Bedürfniß -solcher Größe haben mochte. -</p> - -<p> -Jezt zeigte sich die übrige Gesellschaft. Manfred -führte seine Schwiegermutter, Friedrich, welcher verweinte -Augen hatte, die schöne Rosalie, Anton bot seinen -Arm der freundlichen Clara, und Wilibald gesellte -sich zu Augusten, indem er dem lächelnden Theodor -einen triumphirenden Blick zuwarf. Man wandelte in -den breiten Gängen, welche oben gegen den eindringenden -Sonnenstrahl gewölbt und dicht verflochten waren, -in heitern Gesprächen auf und nieder, und Lothar -sagte nach einiger Zeit: wir sprachen eben von den -Ruinen altdeutscher Baukunst, und bedauerten, daß -viele Schlösser und Kirchen gänzlich verfallen, die mit -geringen Kosten als Denkmale unsern Nachkommen -könnten erhalten werden; aber indem ich den Schatten -dieser Gänge genieße, erinnere ich mich der seltsamen -Verirrung, daß man jezt vorsätzlich auch viele Gärten -zerstört, die in dem sogenannten französischen Geschmack -angelegt sind, um eine unerfreuliche Verwirrung von -Bäumen und Gesträuchen an die Stelle zu setzen, die -man nach dem Modeausdrucke Park benamt, und so -bloß einer todten Formel fröhnt, indem man sich im -Wahn befindet, etwas Schönes zu erschaffen. -</p> - -<p> -Du erinnerst mich, sagte Ernst, an die Eremitage -bei Baireuth und manchen andern Garten; wenn diese -Einsiedelei auch manche aufgemauerte Kindereien zeigt, -so war sie doch in ihrer alten Gestalt höchst erfreulich; -ich verwunderte mich nicht wenig, sie vor einigen Jahren -ganz verwildert wieder zu finden. -</p> - -<p> -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -Es fehlt unsrer Zeit, sagte Friedrich, so sehr sie -die Natur sucht, eben der Sinn für Natur, denn -nicht allein diese regelmäßigen Gärten, die dem jetzigen -Geschmacke zuwider sind, bekehrt man zum Romantischen, -sondern auch wahrhaft romantische Wildnisse -werden verfolgt, und zur Regel und Verfassung der -neuen Gartenkunst erzogen. So war ehemals nur die -große wundervolle Heidelberger Ruine eine so grüne, -frische, poetische und wilde Einsamkeit, die so schön mit -den verfallenen Thürmen, den großen Höfen, und der -herrlichen Natur umher in Harmonie stand, daß sie -auf das Gemüth eben so wie ein vollendetes Gedicht -aus dem Mittelalter wirkte; ich war so entzückt über -diesen einzigen Fleck unsrer deutschen Erde, daß das -grünende Bild seit Jahren meiner Phantasie vorschwebte, -aber vor einiger Zeit fand ich auch hier eine -Art von Park wieder, der zwar dem Wandelnden manchen -schönen Platz und manche schöne Aussicht gönnt, -der auf bequemen Pfaden zu Stellen führt, die man -vormals nur mit Gefahr erklettern konnte, der selbst -erlaubt, Erfrischungen an anmuthigen Räumen ruhig -und sicher zu genießen; doch wiegen alle diese Vortheile -nicht die großartige und einzige Schönheit auf, die hier -aus der besten Absicht ist zerstört worden. -</p> - -<p> -Hier wurde das Gespräch unterbrochen, indem der -Bediente meldete, daß angerichtet sei. -</p> - -<p class="tb"> -——— -</p> - -<p class="noindent"> -Man ging durch die großen offenen Thüren des -Speisesaales, der unmittelbar an den Garten stieß, -und aus dem man den gegenüber liegenden Berg mit -seinen vielfach grünenden Gebüschen und schönen Waldparthien -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -vor sich hatte; zunächst war ein runder Wiesenplan -des Gartens, welchen die lieblichsten Blumengruppen -umdufteten, und als Krone des grünen Platzes -glänzte und rauschte in der Mitte ein Springbrunnen, -der durch sein liebliches Getön gleich sehr zum Schweigen -wie zum Sprechen einlud. -</p> - -<p> -Alle setzten sich, Wilibald zwischen Auguste und -Clara, neben dieser ließ Anton sich nieder, und ihm -zunächst Emilie, zwischen ihr und Rosalien hatte Friedrich -seinen Platz gefunden, an welche sich Lothar -schloß, und neben ihm saßen die übrigen Männer. -Auf dem Tische prangten Blumen in geschmackvollen -Gefäßen und in zierlichen Körben frische Kirschen. -Wie kommt es, fing die ältere Emilie nach einer Pause -an, daß es bei jeder Tischgesellschaft im Anfang still -zugeht? Man ist nachdenkend und sieht vor sich nieder, -auch erwartet Niemand ein lebhaftes Gespräch, -denn es scheint, daß die Suppe eine gewisse ernste, -ruhige Stimmung veranlaßt, die gewöhnlich sehr mit -dem Beschluß der Mahlzeit und dem Nachtische kontrastirt. -</p> - -<p> -Vieles erklärt der Hunger, sagte Wilibald, der sich -meistentheils erst durch die Nähe der Speisen meldet, -besonders, wenn man später zu Tische geht, als es -festgesetzt war, denn Warten macht hungrig, dann -durstig, und wenn es zu lange spannt, erregt es wahre -Uebelkeit, fast Ohnmacht. -</p> - -<p> -Sehr wahr, sagte Rosalie, und die Herren sollten -das nur bedenken, die uns Frauen fast immer warten -lassen, wenn sie eine Jagd, einen Spazierritt, oder -ein sogenanntes Geschäft vorhaben. -</p> - -<p> -Lassen denn die Damen nicht eben so oft auf sich -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -warten, erwiederte Wilibald, und wohl länger, wenn -sie mit ihrem Anzug nicht einig oder fertig werden -können? Da überdies die meisten niemals wissen, wie -viel es an der Uhr ist, ja daß es überhaupt eine Zeitabtheilung -giebt. -</p> - -<p> -Recht! sagte Manfred; neulich wollten sie einen -Besuch in der Nachbarschaft machen, noch vorher eine -Oper durchsingen, und ein wenig spazieren gehn, um -dabei zugleich das kranke Kind im Dorfe zu besuchen, -dann wollte man bei Zeiten wieder zu Hause sein und -etwas früher essen als gewöhnlich, weil wir den Nachmittag -einmal recht genießen wollten; als man aber, -um doch anzufangen, nach der Uhr sah, fand sichs, -daß es gerade nur noch eine halbe Stunde bis zur -gewöhnlichen Tischzeit war, und die lieben Zeitlosen -kaum noch Zeit sich umzukleiden hatten. -</p> - -<p> -Doch bitt’ ich mich auszunehmen, sagte Rosalie, -tadelst du mich doch sonst immer, daß ich zu pünktlich, -zu sehr nach der Stunde bin, sonst würde es auch mit -den Einrichtungen der Wirthschaft übel aussehn. -</p> - -<p> -Dich nehm’ ich aus, sagte Manfred, und einer -Hausfrau steht auch nichts so liebenswürdig, als eine -stille, unerschütterliche Ordnung: aber auch nur die -stille Ordnung, denn noch schlimmer als die Unordentlichen -sind die für die Ordnung Wüthenden, in deren -Häusern nichts als Einrichtung, Abrichten der Domestiken, -Aufräumen und Staubabwischen zu finden -ist; eine solche Frau haben, wäre eben so wie unter -der großen Kirchenuhr und den Glocken wohnen, wo -man nichts als den Perpendikel und das fürchterliche -Schlagen der Stunden hört: auch eine männlich ordentliche -und unternehmende Therese ist widerwärtig. Aber -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -in aller liebenswürdigen weiblichen Unordnung schweift -meine theure Schwester Auguste etwas zu sehr aus. -</p> - -<p> -Das weiß Gott! fuhr Wilibald etwas übereilt heraus; -denn wenn ein Spaziergang abgeredet ist, so muß man -wohl anderthalb Stunden mit dem Stock in der Hand -unten stehn und warten, und dann hat die liebenswürdige -Dame entweder den Spaziergang ganz vergessen, -und besinnt sich erst darauf, wenn man einigemal -hat erinnern lassen, oder sie kommt auch wohl -endlich, aber nun hat man nicht an Handschuh und -Sonnenschirm und Tuch gedacht; man geht zurück, -man kramt, und fällt dabei nicht selten wieder in eine -Beschäftigung, die den Spaziergang von neuem mit -Schiffbruch bedroht. O Gott! und nach allen diesen -Leiden soll unser eins nachher noch liebenswürdig sein! -</p> - -<p> -Das ist ja eben die Liebenswürdigkeit, sagte Auguste, -denn wenn euch alles entgegen getragen, allen -euren Launen geschmeichelt wird, wenn man euch so -schlicht hin für Herrscher erklärt, daß ihr dann zuweilen -ein wenig liebenswürdig seid, ist doch warlich kein -Verdienst. -</p> - -<p> -Um wieder auf die Suppe zu kommen, die jezt -genossen ist, sagte Lothar, so rührt es wohl nicht so -sehr von einem materiellen Bedürfniß her, daß man -bei ihr wenig spricht, sondern mich dünkt, jedes Mahl -und Fest ist einem Schauspiel, am besten einem -Shakspearschen Lustspiel, zu vergleichen, und hat seine -Regeln und Nothwendigkeiten, die sich auch unbewußt -in den meisten Fällen aussprechen. -</p> - -<p> -Wie könnte es wohl einem verständigen Menschen -etwas anders sein? unterbrach ihn Wilibald mit Lachen; -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -o wie oft ist doch unbewußt der Lustspieldichter selbst -ein erfreulicher Gegenstand für ein Lustspiel! -</p> - -<p> -Laß ihn sprechen, sagte Manfred, magst du doch -die Mahlzeit nachher mit einer Schlacht, oder gar mit -der Weltgeschichte vergleichen; am Tisch muß unbedingte -Gedanken- und Eßfreiheit herrschen. -</p> - -<p> -Daß die abwechselnden Gerichte und Gänge, fuhr -Lothar fort, sich mit Akten und Scenen sehr gut vergleichen -lassen, fällt in die Augen; eben so ausgemacht -ist es für den denkenden und höhern Esser (ich ignorire -jene gemeinere Naturen, die an allem zweifeln, und -etwa in materieller Dumpfheit meinen können, das -Essen geschehe nur, um den Hunger zu vertreiben), -daß eine gewisse allgemeine Empfindung ausgesprochen -werden soll, der in der ganzen Composition der Tafel -nichts widersprechen darf, sei es von Seiten der Speisen, -der Weine, oder der Gespräche, denn aus allem -soll sich eine romantische Composition entwickeln, die -mich unterhält, befriedigt und ergötzt, ohne meine Neugier -und Theilnahme zu heftig zu spannen, ohne mich -zu täuschen, oder mir bittre Rückerinnrungen zu lassen. -Die epigrammatischen Gerichte zum Beispiel, die manchmal -zur Täuschung aufgetragen werden, sind gerade -zu abgeschmackt zu nennen. -</p> - -<p> -Im nördlichen Deutschland, sagte Ernst, sah ich -einmal Zuckergebacknes als Torf aufsetzen, und es gefiel -den Gästen sehr. -</p> - -<p> -O ihr unkünstlich Speisenden! rief Lothar aus; -warum laßt ihr euch den Marzipan nicht lieber als -die Physiognomien eurer Gegner backen, und zerschneidet -und verzehrt sie mit Wohlgefallen und Herzenswuth? -dürften die Rezensenten, oder sonst verhaßte -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -Menschen, gleich so auf den Märkten zum Verkauf -ausgeboten werden? -</p> - -<p> -Von höchst abentheuerlichen Festen, sagte Clara, -habe ich einmal im Vasari gelesen, welche die Florentinischen -Maler einander gaben, und die mich nur -würden geängstigt haben, denn diese trieben die Verkehrtheit -vielleicht auf das äußerste. Nicht bloß, daß -sie Palläste und Tempel von verschiedenen Speisen -errichteten und verzehrten, sondern selbst die Hölle mit -ihren Gespenstern mußte ihrem poetischen Uebermuthe -dienen, und Kröten und Schlangen enthielten gut zubereitete -Gerichte, und der Nachtisch von Zucker bestand -aus Schädeln und Todtengebeinen. -</p> - -<p> -Gern, sagte Manfred, hätt’ ich an diesen bizarren, -phantastischen Dingen Theil genommen, ich habe jene -Beschreibung nie ohne die größte Freude lesen können. -Warum sollte denn nicht Furcht, Abscheu, Angst, -Ueberraschung zur Abwechselung auch einmal in unser -nächstes und alltäglichstes Leben hinein gespielt werden? -Alles, auch das Seltsamste und Widersinnigste hat -seine Zeit. -</p> - -<p> -Freilich mußt du so sprechen, sagte Lothar, der du -auch die Abentheuerlichkeiten des Höllen-Breughels liebst, -und der du, wenn deine Laune dich anstößt, allen -Geschmack gänzlich läugnest und aus der Reihe der -Dinge ausstreichen willst. -</p> - -<p> -Wüßten wir doch nur, sagte Manfred, wo diese -Sphinx sich aufhält, die alle wollen gesehen haben, -und von der doch Niemand Rechenschaft zu geben weiß: -bald glaubt man an das Gespenst, bald nicht, wie an -die Dulcinea des Don Quixote, und das ist wohl der -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -Spaß an diesem Tagegeiste, daß er zugleich ist und -nicht ist. -</p> - -<p> -Seltsam, aber nicht selten, fiel Friedrich ein, ist -die Erscheinung (die deinen Unglauben fast bestätigen -könnte), daß Menschen, die von Jugend auf sich scheinbar -mit dem Geiste des klassischen Alterthums genährt, -die immer das Ideal von Kunst im Munde führen, -und unbillig selbst das Schönste der Modernen verachten, -sich doch plötzlich aus wunderlicher Leidenschaft -so in das Abgeschmackte und Verzerrte der neuern Welt -vergaffen können, daß ihr Zustand sehr nahe an Verrücktheit -gränzt. -</p> - -<p> -Weil sie die neue Welt gar nicht kannten, antwortete -Lothar, war ihre Liebe zur alten auch keine -freie und gebildete, sondern nur Aberglaube, der die -Form für den Geist nahm. Mir kam auch einmal -ein scheinbar gebildeter junger Mann vor, der, nachdem -er lange nur den Sophokles und Aeschylus angebetet -hatte, ziemlich plötzlich und ohne scheinbaren Uebergang -als ächter Patriot unsern ungriechischen Kotzebue -vergötterte. -</p> - -<p> -Ich bin deiner Meinung, so nahm Ernst das Wort: -kein Mensch ist wohl seiner Ueberzeugung oder seines -Glaubens versichert, wenn er nicht die gegenüber liegende -Reihe von Gedanken und Empfindungen schon -in sich erlebt hat, darum ist es nie so schwer gewesen, -als es beim ersten Augenblick scheinen möchte, die ausgemachtesten -Freigeister zu bekehren, weil von irgend -einer Seite ihres Wesens sich gewiß die Glaubensfähigkeit -erwecken läßt, die dann, einmal erregt, alle -Empfindungen mit sich reißt, und die ehemaligen Ansichten -und Gedanken zertrümmert. Eben so wenig -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -aber steht der Fromme, der nicht mit allen seinen Kräften -schon die Regionen des Zweifels durchwandert hat, -seine Seele müßte dann etwa ganz Glaube und einfältiges -Vertrauen sein, auf einem festen Grunde. -</p> - -<p> -Vorzüglich, sagte Friedrich, sind es die Leidenschaften, -die so oft im Menschen das zerstören, was vorher -als sein eigenthümlichstes Wesen erscheinen konnte. -Ich habe Wüstlinge gekannt, wahre Gottesläugner der -Liebe und freche Verhöhner alles Heiligen, die lange -mit der stolzesten Ueberzeugung ihr verächtliches Leben -führten, und endlich, schon an der Grenze des Alters, -von einer höhern Leidenschaft, sogar zu unwürdigen -Wesen, wunderbar genug ergriffen wurden, so daß sie -fromm, demüthig und gläubig wurden, ihre verlorne -Jugend beklagten, und endlich noch einigen Schimmer -der Liebe kennen lernten, deren Himmelsglanz sie in -besseren Tagen verspottet hatten. -</p> - -<p> -Könnte man nur immer, fügte Anton hinzu, jungen -Menschen, welche in die Welt treten, und sich -nur leicht von den scheinbar Reichen und Freien beherrschen -und stimmen lassen, die Ueberzeugung mitgeben, -wie arm und welche gebundene Sklaven jene sind, -die gern alle ihre falschen Flitterschätze um ein Gefühl -der Kindlichkeit, der Unschuld, oder gar der Liebe hingeben -möchten, wenn es sie so beglücken wollte, in -ihren dunkeln Kerker hinein zu leuchten. Wie oft ist -der überhaupt in der Welt der Beneidete, der sich selber -mitleidswürdig dünkt, und weit mehr Schlimmes -geschieht aus falscher Schaam, als aus wirklich böser -Neigung, ein mißverstandner Trieb der Nachahmung -und Verehrung verlockt viel häufiger den Verirrten, -als Neigung zum Laster. -</p> - -<p> -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -Wie aber das Böse nicht zu läugnen ist, sagte -Ernst, eben so wenig in den Künsten und Neigungen -das Abgeschmackte, und man soll sich wohl vor beiden -gleich sehr hüten. Vielleicht, daß auch beides genauer -zusammen hängt, als man gewöhnlich glaubt. Wir sollen -weder den moralischen noch physischen Ekel in uns -zu vernichten streben. -</p> - -<p> -Aber auch nicht zu krankhaft ausbilden, wandte -Manfred ein. — Ein Weltumsegler unsers Innern -wird auch wohl noch einmal die Rundung unsrer Seele -entdecken, und daß man nothwendig auf denselben -Punkt der Ausfahrt zurück kommen muß, wenn man -sich gar zu weit davon entfernen will. -</p> - -<p> -Dies führt, sagte Theodor, indem er mit Wilibald -anstieß, zur liebenswürdigen Billigkeit und Humanität. -</p> - -<p> -Es führt, antwortete dieser, wie alles, was die letzte -Spitze und den wahrhaften Schwindel mit einem gewissen -Witze sucht, zu gar nichts. Theurer Lothar, -laß uns wieder vernünftig sprechen, und führe deine -Vergleichung einer Mahlzeit und des Schauspiels noch -etwas weiter. -</p> - -<p> -Um deiner Wißbegier genug zu thun, fuhr Lothar -fort, erklär’ ich also, daß bei einem Schauspiele die -Einleitung eine der wichtigsten Parthien ist; sie kann -hauptsächlich auf dreierlei Art geschehen. Entweder, -daß in ruhiger Erzählung die Lage der Dinge auf die -einfachste und natürlichste Weise auseinander gesetzt -wird, so wie in „den Irrungen,“ oder daß uns der -Dichter sogleich in Getümmel und Unruhe wirft, woraus -sich nach und nach die Klarheit und das Verständniß -eröffnen, so wie im „Romeo“ und dem „Oldcastle,“ -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -die gar mit Schlägerei beginnen, oder auf die -dritte Weise, die uns zwar auch sogleich in die Mitte -der Dinge führt, aber mit ruhiger Besonnenheit, wie -in „Was ihr wollt.“ Es ist keine Frage, daß die -letztere Art beim Gastmahl die vorzüglichere sei, und -daß deshalb die zivilisirten Nationen, und Menschen, -die nicht bizarr leben und essen wollen, ihre Mahlzeit -mit einer kräftigen, aber milden, ruhig bedächtigen -Suppe eröffnen. Wie nun alle Menschen Hang zum -Drama haben, und dunkel <a id="corr-1"></a>die Ahnung in ihnen -schläft, daß alles Drama sei, so hüten sie sich mit -Recht, zu witzig, zu geistreich, oder auch nur zu gesprächig -zu sein, so lange die Suppe vor ihnen steht. -</p> - -<p> -Emilie lachte und winkte ihm Beifall, und Lothar -fuhr also fort: so wie sich in dem eben genannten -Lustspiele nach der fast elegischen Einleitung die anmuthigen -Personen des Junkers Tobias, der Maria und -der Fieberwange als reizende Episode einführen, so genießt -man zum Anbeginn der Mahlzeit Sardellen, oder -Kaviar, oder irgend etwas Reizendes, welches noch -nicht unmittelbar das Bedürfniß befriedigt, und so, -um nicht zu weitläufig zu werden, wechselt Befriedigung -und Reiz in angenehmen Schwingungen bis zum -Nachtisch, der ganz launig, poetisch und muthwillig -ist, wie jenes Lustspiel sich nach seinem Beschluß mit -dem allerliebsten albernen, aber bedeutenden Gesang -des liebenswürdigsten Narren beschließt, wie „Viel -Lärmen um nichts,“ und „Wie es euch gefällt“ mit -einem Tanze endigen, oder das „Wintermährchen“ mit -der lebendigen Bildsäule. -</p> - -<p> -Ich sehe wohl, sagte Clara, man sollte das Essen eben -so gut in Schulen lernen, als die übrigen Wissenschaften. -</p> - -<p> -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -Gewiß, sagte Lothar, ziemt einem gebildeten Menschen -nichts so wenig, als ungeschickt zu essen, denn -eben, weil die Nahrung ein Bedürfniß unserer Natur -ist, muß hiebei entweder die allerhöchste Simplizität -obwalten, oder Anstand und Frohsinn müssen eintreten -und anmuthige Heiterkeit verbreiten. -</p> - -<p> -Freilich, sagte Ernst, stört nichts so sehr, als eine -schwankende Mischung von Sparsamkeit und unerfreulicher -Verschwendung, wie man wohl mit vortrefflichem -Wein zum Genuß geringer und schlecht zubereiteter -Speisen überschüttet wird, oder zu schmackhaften leckern -Gerichten im Angesicht trefflicher Geschirre elenden Wein -hinunter würgen muß. Dieses sind die wahren Tragikomödien, -die jedes gesetzte Gemüth, das nach Harmonie -strebt, zu gewaltsam erschüttern. Ist das Gespräch -solcher Tafel zugleich lärmend und wild, so hat -man noch lange nachher am Mißton der Festlichkeit zu -leiden, denn auch bei diesem Genuß muß die Schaam -unsichtbar regieren, und Unverschämtheit muß in edle -Gesellschaft niemals eintreten können. -</p> - -<p> -Dazu, sagte Anton, gehört das übermäßige Trinken -aus Ambition, oder wenn ein begeisterter Wirth -im halben Rausch zudringend zum Trinken nöthigt, -indem er laut und lauter versichert, der Wein verdien’ -es, diese Flasche koste so viel und jene noch mehr, es -komme ihm aber unter guten Freunden nicht darauf -an, und er könne es wohl aushalten, wenn selbst noch -mehr darauf gehn sollte. Dergleichen Menschen rechnen -im Hochmuth des Geldes nicht nur her, was dieses -Fest kostet und jeder einzelne Gast verzehrt, sondern -sie ruhen nicht, bis man den Preis jedes Tisches -und Schrankes erfahren hat. Wenn sie Kunstwerke -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -oder Raritäten besitzen, sind sie gar unerträglich, und -ihr höchster Genuß besteht darin, wenn sie in aller -Freundschaftlichkeit ihren Gast können fühlen machen, -daß es ihm, gegen den Wirth gerechnet, eigentlich -wohl an Gelde gebreche. -</p> - -<p> -Das führt darauf, fuhr Lothar fort, daß so wie -in den Gefäßen und Speisen Harmonie sein muß, -diese auch durch die herrschenden Gespräche nicht darf -verletzt werden. Die einleitende Suppe werde, wie -schon gesagt, mit Stille, Sammlung und Aufmerksamkeit -begleitet, nachher ist wohl gelinde Politik erlaubt, -und kleine Geschichtchen, oder leichte philosophische -Bemerkungen: ist eine Gesellschaft ihres Scherzes -und Witzes nicht sehr gewiß, so verschwende sie ihn -ja nicht zu früh, denn mit dem Confect und Obst und -den feinen Weinen soll aller Ernst völlig verschwinden, -nun muß erlaubt sein, was noch vor einer Viertelstunde -unschicklich gewesen wäre; durch ein lauteres -Lachen werden selbst die Damen dreister, die Liebe erklärt -sich unverholner, die Eifersucht zeigt sich mit unverstecktern -Ausfällen, jeder giebt mehr Blöße und -scheut sich nicht, dem treffenden Spott des Freundes -sich hinzugeben, selbst eine und die andre ärgerliche Geschichte -witzig vorgetragen darf umlaufen. Große Herren -ließen ehemals mit dem Zucker ihre Narren und -Lustigmacher hereinkommen, um am Schluß des Mahls -sich ganz als Menschen, heiter froh und ausgelassen zu -fühlen. -</p> - -<p> -Jezt, sagte Theodor, <a id="corr-2"></a>bringt man um die Zeit die -kleinen Kinder herein, wenn sie nicht schon alle in -Reih’ und Glied bei Tische selber gesessen haben. -</p> - -<p> -Freilich, sagte Manfred, und das Gespräch erhebt -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -sich zum Rührenden über die hohen idealischen Tugenden -der Kleinen und ihrer unnennbaren Liebe zu den -Eltern, und der Eltern hinwieder zu den Kindern. -</p> - -<p> -Und wenn es recht hoch hergeht, sagte Theodor, -so werden Thränen vergossen, als die letzte und kostbarste -Flüssigkeit, die aufzubringen ist, und so beschließt -sich das Mahl mit den höchsten Erschütterungen -des Herzens. -</p> - -<p> -Nicht genug, fing Lothar wieder an, daß man -diese Unarten vermeiden muß, jede Tischunterhaltung -sollte selbst ein Kunstwerk sein, das auf gehörige Art -das Mahl accompagnirte und im richtigen Generalbaß -mit ihm gesetzt wäre. Von jenen schrecklichen großen -Gesellschaften spreche ich gar nicht, die leider in unserm -Vaterlande fast allgemeine Sitte geworden sind, -wo Bekannte und Unbekannte, Freunde und Feinde, -Geistreiche und Aberwitzige, junge Mädchen und alte -Gevatterinnen an einer langen Tafel nach dem Loose -durch einander gesetzt werden; jene Mahlzeiten, für -welche die Wirthin schon seit acht Tagen sorgt und -läuft und von ihnen träumt, um alles mit großem -Prunk und noch größerer Geschmacklosigkeit einzurichten, -um nur endlich, endlich der Fete los zu werden, -die man schon längst von ihr erwartet, weil sie wohl -zwölf und mehr ähnliche Gastmahle überstanden hat, -zu der sie nun zum Ueberfluß noch jeden einladet, dem -sie irgend eine Artigkeit schuldig zu sein glaubt, und -gern noch ein Dutzend Durchreisende in ihrem Garne -auffängt, um ihrer Besuche nachher entübrigt zu bleiben; -nein, ich rede nicht von jenen Tafeln, an welchen -Niemand spricht, oder Alle zugleich reden, an -welchen das Chaos herrscht, und kaum noch in seltnen -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -Minuten sich ein einzelner Privatspaß heraus wickeln -kann, wo jedes Gespräch schon als todte Frucht zur -Welt kommt, oder im Augenblicke nachher sterben muß, -wie der Fisch auf dem trocknen Lande; ich meine nicht -jene Gastgebote, bei denen der Wirth sich auf die Folter -begeben muß, um den guten Wirth zu machen, -zu Zeiten um den Tisch wandeln, selbst einschenken -und frostige Scherze in das Ohr albern lächelnder -Damen niederlegen; kurz, schweigen wir von dieser -Barbarei unserer Zeit, von diesem Tode aller Geselligkeit -und Gastfreiheit, die neben so vielen andern barbarischen -Gewohnheiten auch ihre Stelle bei uns gefunden -hat. -</p> - -<p> -Die krankhafte Karikatur von diesen Anstalten, -fügte Wilibald hinzu, sind die noch größern Theegesellschaften -und kalten Abendmahlzeiten, wo das Vergnügen -erhöht wird, indem alles durch einander läuft, -und wie in der Sprachverwirrung die Bedienten, gerufen -und ungerufen, mit allen möglichen Erfrischungen -balanzirend, dazwischen tanzen, jeder Geladene durch -alle Zimmer schweift, um zu suchen, er weiß nicht -was, und ein Ordnungsliebender gern am Ofen, oder -an irgend einem Fenster Posto faßt, um in der allgemeinen -Flucht nur nicht umgelaufen, oder von der -völkerwandernden Unterhaltung erfaßt und mitgenommen -zu werden. -</p> - -<p> -Dieses, sagte Manfred, ist der wahre hohe Styl -unsers geselligen Lebens, Michel Angelo’s jüngstes Gericht -gegen die Miniaturbilder alter Gastlichkeit und -traulicher Freundschaft, der Beschluß der Kunst, das -Endziel der Imagination, die Vollendung der Zeiten, von -der alle Propheten nur haben weissagen können. -</p> - -<p> -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -Vergessen wir nur nicht, unterbrach Ernst, die -Festlichkeiten des Mittelalters, wo nicht selten Tausende -vom Adel als Gäste versammelt waren; doch hatte -jener freimüthige frohe Sinn nichts von der Zerstreutheit -unserer Zeit, und ihre glänzenden Waffenkämpfe, -diese Spiele, bei denen die Kraft mit der Gefahr -scherzte, vereinigten alle Gemüther zu einem herrlichen -Mittelpunkte hin. Die Schätze der Welt sind wohl -noch niemals so öffentlich und in so schönem großen -Sinne genossen worden. -</p> - -<p> -Wie soll denn nun aber nach deiner Vorstellung -ein Gastmahl endigen? fragte Wilibald; was sollte -denn wohl auf diesen lustigen Leichtsinn folgen können, -um würdig zu beschließen, oder wieder in das gewöhnliche -Leben einzulenken? -</p> - -<p> -Der orientalische Ernst des Caffee, antwortete Lothar, -und nach diesem, wie neulich schon ausgemacht -wurde, vielleicht sogar die Pfeife. Da befinden wir -uns plötzlich wieder in der Mitte eines herabgestimmten -Lebens, und denken an unsere vorige Lust nur wie an -einen Traum zurück. -</p> - -<p> -Sollte man so bewußtlos leben, essen und trinken, -warf Clara ein, so wäre es eben eine herzliche Last, -sich mit dem Leben überall einzulassen. -</p> - -<p> -Es kömmt wohl nur auf die Uebung an, sagte -Theodor, haben doch Elephanten gelernt auf dem Seile -tanzen. Die meisten Menschen machen sich außerdem -ihr Leben noch viel beschwerlicher, und sie leben es -doch ab: o warlich, hätten sie nur etwas Leichtsinn -in den Kauf bekommen, so entschlössen sich viele, sich -sterben zu lassen. -</p> - -<p> -Ich sage ja nur, antwortete Lothar, daß uns -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -dunkel dergleichen Vorstellung eines Drama vorschwebt, -wie bei allen Dingen, in die wir uns bestreben, Sinn -und Zusammenhang hinein zu bringen. -</p> - -<p> -Da man sich schon dem Nachtische näherte, so ließ -Manfred heißern Wein geben und ermunterte seine -Freunde zum Trinken. Du wolltest, dünkt mich, noch -über die Tischgespräche etwas sagen, so wandte er sich -nach einiger Zeit an Lothar. -</p> - -<p> -Ich wollte noch bemerken, antwortete dieser, daß -nicht jedes Gespräch, auch wenn es an sich gut ist, -an die Tafel paßt, oder wenigstens nicht in jede Gesellschaft. -Beim stillen häuslichen Mahl darf unter -wenigen Freunden oder in der Familie mehr Ernst, -selbst Unterricht und Gründlichkeit herrschen, je mehr -es sich aber dem Feste nähert, um so mehr müssen -Geist und Frohsinn an die Stelle treten. -</p> - -<p> -Frage nun, sagte Wilibald, ob wir auch die gehörigen -Diskurse führen? Bist du, dramatischer Lothar, -in deinem Gewissen ganz beruhigt? -</p> - -<p> -Auch hiebei, erwiederte dieser, ist das gute Bestreben -alles, was wir geben können, auch hier muß -jenes Glück unsichtbar hinzutreten und die letzte Hand -anlegen, um ein erfreuliches wahres Kunstwerk hervor -zu bringen. -</p> - -<p> -Während dieser Gespräche, sagte Manfred, ist mir -eingefallen, daß ich wohl unsre Schriftsteller und Dichter -nach meinem Geschmack mit den verschiedenartigen -Gerichten vergleichen könnte. -</p> - -<p> -Zum Beispiel? fragte Auguste; das wäre eine -Geschmackslehre, die mir sehr willkommen sein würde, -und wonach ich mir alles am besten merken und eintheilen -könnte. -</p> - -<p> -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -Ein andermal, sagte Manfred, wenn du für dergleichen -ernsthafte Dinge mehr gestimmt bist; jezt würdest -du es wohl nur sehr frivol aufnehmen, und ich -bin doch überzeugt, daß diese Vergleichungen sich eben -auch so gründlich durchführen lassen, wie alle übrigen. -</p> - -<p> -Es war eine Zeit, sagte Emilie, in der es die -Schriftsteller, die über die Poesie schrieben, niedrig und -gemein finden wollten, das Geschmack zu nennen, was -in Werken der Künste das Gute von dem Schlechten -sondert. -</p> - -<p> -Das war eben in jener geschmacklosen Zeit, sagte -Theodor. -</p> - -<p> -Wer noch nie über das Tiefe und Innige des Geschmacks, -über seine chemischen Zersetzungen und universellen -Urtheile nachgedacht hat, versetzte Ernst, der dürfte -nur einiges über diesen Gegenstand in den Schriften -mancher Mystiker lesen, um zu erstaunen, und die Verächter -dieses Sinnes zu verachten. -</p> - -<p> -Er dürfte auch nur hungern, sagte Wilibald, und -dann essen. -</p> - -<p> -Lieber noch dursten, sagte Anton, und dann trinken, -indem er selber bedächtig trank. -</p> - -<p> -Am kürzesten ist es gewiß, antwortete Friedrich, -indeß wie selten werden wir darauf geführt, das zu -beobachten, und uns über dasjenige zu unterrichten, -was wir in uns Instinkt nennen, und doch ist der -Philosoph nur ein unvollkommener, der in diese Gegend -seinen spähenden Geist noch niemals ausgesendet hat. -</p> - -<p> -So ist es freilich mit allen Sinnen, fuhr Ernst -fort, auch mit denen, die schon dem Gedanken verwandter -scheinen, wie das Ohr und das noch hellere -Auge. Wie wundersam, sich nur in eine Farbe als -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -bloße Farbe recht zu vertiefen? Wie kommt es denn, -daß das helle ferne Blau des Himmels unsre Sehnsucht -erweckt, und des Abends Purpurroth uns rührt, -ein helles goldenes Gelb uns trösten und beruhigen -kann, und woher nur dieses unermüdete Entzücken am -frischen Grün, an dem sich der Durst des Auges nie -satt trinken mag? -</p> - -<p> -Auf heiliger Stätte stehen wir hier, sagte Friedrich, -hier will der Traum in uns in noch süßeren, noch -geheimnißvolleren Traum zerfließen, um keine Erklärung, -wohl aber ein Verständniß, ein Sein im Befreundeten -selbst hinein zu wachsen und zu erbilden: hier findet der -Seher die göttlichen ewigen Kräfte ihm begegnend, und -der Unheilige läßt sich an der nämlichen Schwelle zum -Götzendienste verlocken. -</p> - -<p> -Die Kunst, sagte Manfred, hat diese Geheimnisse -wohl unter ihren vielfarbigen Mantel genommen, um -sie den Menschen sittsam und in fliehenden Augenblicken -zu zeigen, dann hat sie sie über sich selbst vergessen, -und phantasirt seitdem so oft in allen Tönen und Erinnerungen, -um diese alten Töne und Erinnerungen -wieder zu finden. Daher die wilde Verzweiflung in -der Lust mancher bacchantischen Dichter; es reißen sich -wohl Laute in schmerzhafter üppiger Freude, in der -Angst keine Scheu mehr achtend, aus dem Innersten -hervor, und verrathen, was der heiligere Wahnsinn -verschweigt. So wollten wild schwärmende Corybanten -und Priesterinnen ein Unbekanntes in Raserei entdecken, -und alle Lust die über die Gränze schweift -nippt von dem Kelch der Ambrosia, um Angst und Wuth -mit der Freude laut tobend zu verwirren. Auch der -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -Dichter wird noch einmal erscheinen, der dem Grausen -und der wilden Sehnsucht mehr die Zunge lößt. -</p> - -<p> -Schon glaub’ ich die Mänade zu hören, sagte Ernst, -nur Paukenton und Cymbelnklang fehlt, um dreister -die Worte tanzen zu lassen, und die Gedanken in wilderer -Geberde. -</p> - -<p> -Sein wir auch im Phantasiren mäßig, und auch -im Aberwitz noch ein wenig witzig, bemerkte Wilibald. -</p> - -<p> -Ja wohl, fügte Auguste hinzu, sonst könnte man -vor dergleichen Reden eben so angst, wie vor Gespenstergeschichten -werden; das beste ist, daß keiner sich leicht -dergleichen wahrhaft zu Gemüth zieht, sonst möchten -sich vielleicht wunderliche Erscheinungen aufthun. -</p> - -<p> -Du sprichst wie eine Seherin, sagte Manfred, dieser -Leichtsinn und diese Trägheit erhält den Menschen und -giebt ihm Kraft und Ausdauer zu allem Guten, aber -beide reißen ihn auch immerdar zurück von allem Guten -und Hohen, und weisen ihn wieder auf die niedrige -Erde an. -</p> - -<p> -Es gemahnt mir, bemerkte Theodor unhöflich, wie -die Hunde, die, wenn auch noch so geschickt, nicht -lange auf zwei Beinen dienen können, sondern immer -bald wieder zu ihrem Wohlbehagen als ordinäre Hunde -zurück fallen. -</p> - -<p> -Laßt uns also, erinnerte Wilibald, auch ohne Hunde -zu sein, auf der Erde bleiben, denn gewiß ist alles -gut, was nicht anders sein kann. -</p> - -<p> -Wir sprachen ja von Künsten, fuhr Theodor fort, -und ich erinnere mich dabei nur mit Verdruß, daß ein -Mensch, der seine Hunde ihre mannichfaltigen Geschicklichkeiten -öffentlich zeigen ließ, jeden seiner Scholaren -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -mit der größten Ernsthaftigkeit und Unschuld einen Künstler -nannte. -</p> - -<p> -O welch liebliches Licht, rief Rosalie aus, breitet -sich jezt nach dem sanften Regen über unsern Garten! -So ist wohl dem zu Muthe, der aus einem schweren -Traum am heitern Morgen erwacht. -</p> - -<p> -Ich werde nie, sagte Ernst, den lieblichen Eindruck -vergessen, den mir dieser Garten mit seiner Umgebung -machte, als ich ihn zuerst von der Höhe jenes Berges -entdeckte. Du hattest mir dort, in der Waldschenke, -mein Freund Manfred, nur im allgemeinen von dieser -Gegend erzählt, und ich stellte mir ziemlich unbestimmt -eine Sammlung grüner Gebüsche vor, die man so -häufig jezt Garten nennt; wie erstaunte ich, als wir -den rauhen Berg nun erstiegen hatten, und unter mir -die grünen Thäler mit ihren blitzenden Bächen lagen, -so wie die zusammenschlagenden Blätter eines herrlichen -alten Gedichtes, aus welchem uns schon einzelne liebliche -Verse entgegen äugeln, die uns auf das Ganze -um so lüsterner machen: nun entdeckt’ ich in der grünenden -Verwirrung das hellrothe Dach deines Hauses -und die reinlich glänzenden Wände, ich sah in den -viereckten Hof hinein, und daneben in den Garten, -den gerade Bäumgänge bildeten und verschlossene Lauben, -die Wege so genau abgemessen, die Springbrunnen -schimmernd; alles dies schien mir eben so wie ein -helles Miniaturbild aus beschriebenen Pergamentblättern -alter Vorzeit entgegen, und befangen von poetischen -Erinnerungen fuhr ich herunter, und stieg noch -mit diesen Empfindungen in deinem Hause ab, wo ich -nun alles so lieblich und reizend gefunden habe. Ich -gestehe gern, ich liebe die Gärten vor allen, die auch -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -unsern Vorfahren so theuer waren, die nur eine grünende -geräumige Fortsetzung des Hauses sind, wo ich -die geraden Wände wieder antreffe, wo keine unvermuthete -Beugung mich überrascht, wo mein Auge sich -schon im voraus unter den Baumstämmen ergeht, wo -ich im Freien die großen und breiden Blumenfelder -finde, und vorzüglich die lebendigen spielenden Wasserkünste, -die mir ein unbeschreibliches Wohlgefallen -erregen. -</p> - -<p> -Mit derselben Empfindung, antwortete Manfred, -betrat ich zuerst diese Gegend, dieser Garten lockte mich -sogleich freundlich an. Ich liebe es, im Freien gesellschaftlich -wandeln zu können, im ungestörten Gespräch, -die Blumen sehen mich an, die Bäume rauschen, oder -ich höre halb auf das Geschwätz der Brunnen hin; -belästigt die Sonne, so empfangen uns die dichtverflochtenen -Buchengänge, in denen das Licht zum Smaragd -verwandelt wird, und wo die lieblichsten Nachtigallen -flattern und singen. -</p> - -<p> -Mit Entzücken, so redete Ernst weiter, muß ich an -die schönen Gärten bei Rom und in manchen Gegenden -Italiens denken, und sie haben meine Phantasie -so eingenommen, daß ich oft des Nachts im Traum -zwischen ihren hohen Myrthen- und Lorbeergängen wandle, -daß ich oftmals, wie die unvermuthete Stimme eines -lange abwesenden Freundes, das liebliche Sprudeln -ihrer Brunnen zu vernehmen wähne. Hat sich irgendwo -ein edles Gemüth so ganz wie in einem vielseitigen -Gedicht ausgesprochen, so ist es vor allen dasjenige, -welches die Borghesische Villa angelegt und ausgeführt -hat. Was die Welt an Blumen und zarten Pflanzen, -an hohen schönen Bäumen besitzt, allen Reiz großer -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -und freier Räume, wo uns labend die Luft des heitern -Himmels umgiebt, labyrinthische Baumgewinde, wo -sich Epheu um alte Stämme im Dunkel schlingt, und -in der süßen Heimlichkeit kleine Brunnen in perlenden -Stralen klingend tropfen, und Turteltauben girren: -der anmuthigste Wald mit wilden Hirschen und Rehen, -Feld und Wiesen dazwischen, und Kunstgebilde an den -bedeutendsten Stellen, alles findet sich in diesem elysischen -Garten, dessen Reize nie veralten, und der jezt -eben wieder wie eine Insel der Seligen vor meiner -Einbildung schwebt. -</p> - -<p> -Doch hab’ ich in vielen Büchern gelesen, wandte -Emilie ein, daß die Gartenkunst der Italiäner noch in -der Kindheit sei, und daß sie weit hinter den Deutschen -zurückstehen. -</p> - -<p> -In allen menschlichen Angelegenheiten, antwortete -Ernst, herrscht die Mode, aus der sich, wenn sie erst -weit um sich gegriffen hat, leicht Sektengeist erzeugt, -welchen man oft genug als Fortschritt der Kunst oder -Menschheit unter dem Namen des Geistes der Zeit -muß preisen hören, und so gehören auch diese Aeußerungen -und Glaubensmeinungen in das System so mancher -andern, gegen die ich mich fast unbedingt erklären -möchte. Wo sind denn in Deutschland die vortrefflichen -Gärten im sogenannten Englischen Geschmack, gegen -die der gebildete Sinn nicht sehr Vieles einzuwenden -hätte? -</p> - -<p> -Sprechen sie weiter! rief Clara lebhaft; schon einige -empfindsame Reisende haben unsern muntern Garten -als altfränkisch getadelt und meiner Mutter auf vielfache -Weise gerathen, einen krummen, und wenn man -den nächsten Hügel mit hinein zöge, auch auf- und -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -absteigenden Park mit allen möglichen Effekten, anzulegen, -und meine gute Mutter hatte sich schon vor -einigen Jahren nicht abgeneigt gezeigt, so daß ich schon -für meine Blumenbeete und für die Wasserkünste, die -selbst in der Stille der Nacht fortlachen, gezittert habe. -</p> - -<p> -Wir dürfen nur, fuhr Ernst fort, auf das Bedürfniß -zurück gehn, aus welchem unsre Gärten entstanden -sind, um auf dem kürzesten Wege einzusehn, welche -Anlagen im Allgemeinen die richtigeren sein mögen. -Der Landmann hat neben seiner einfachen Wohnung -seinen Baumgarten, der ihm vor seiner Thür Früchte -und Küchengewächse liefert; gern läßt er das Gras -zwischen den Bäumen wachsen, sowohl, weil er es -ebenfalls nutzen kann, als auch weil es ihm Arbeit -erspart, indem er es schont. Sehn wir in dieser wilden -grünen Anstalt noch irgend ein Fleckchen den Gartenblumen -besonders gewidmet und mit Liebe ausgespart, -so hat diese natürlichste Anlage, im Gebirge wie im -flachen Lande, einen gewissen Zauber, der uns still und -rührend anspricht, ja in der Blüthenzeit kann ein solcher -Raum mit seinen dicht gedrängten Bäumen entzückend -sein. Diese sind unter den Gärten die wahren -Idyllen, die kleinen Naturgedichte, die eben deswegen -gefallen, weil sie von aller Kunst völlig ausgeschlossen -sind. -</p> - -<p> -Ein Mühlbach, der an solchem Garten vorüberrinnt, -sagte Clara, und Lämmchen drinne hüpfend und blökend -in der Frühlingszeit, und krausbebuschte Berge -dahinter, aus denen ein Holzschlag in den Gesang der -Waldvögel tönt, dies kann vorzüglich Abends, oder am -frühsten Morgen so himmlische Eindrücke von Ruhe, -Einsamkeit und lieblicher Befangenheit erregen, daß -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -unser Gemüth in diesen Augenblicken sich nichts Höheres -wünschen kann. -</p> - -<p> -Die Gärten der alten Burgen und Schlösser waren -auf ihren Höhen gewiß nur beschränkt, sagte Ernst, -der jagdliebende Ritter lebte im Walde, und auf Reisen -und Turnieren, oder in Fehden und Kriegen. Als die -neueren Palläste entstanden und die fürstliche Architektur, -als mit dem milderen Leben Kunst, Witz und -heitere Geselligkeit in die Schlösser der Großen und -Reichen zogen, wandte sich die architektonische Regel -ebenfalls in die Gärten; in ihnen sollte dieselbe Reinlichkeit -und Ordnung herrschen, wie in den Säulengängen -und Sälen der Palläste, sie sollten der Geselligkeit -den heitersten Raum gewähren, und so entstanden -die regelmäßigen, weiten und vielfachen Baumgänge, -so wurde der unordentliche Wuchs zu grünen -Wänden erzogen, Hügel ordneten sich in Terrassen und -bequemen breiten Treppen, die Blumen standen in -Reihen und Beeten, und alles Wildscheinende, so wie -alles, was an das Bedürfniß erinnert, wurde sorgfältigst -entfernt; auf großen runden oder viereckten -Plätzen suchte man gern die Frühlingssonne, die dichten -Baumschatten waren zu Bögen gegen die Hitze -gewölbt, verflochtene Laubengänge waren künstlich selbst -mit unsichtbaren Käfigen umgeben, in denen Vögel aller -Art in scheinbarer Freiheit schwärmten, die Springbrunnen, -die die Stille unterbrachen und wie Naturmusik -dazwischen redeten, und deren geordnete Stralen -und Ströme in vielfachen Linien aus Muscheln, Seepferden -und Statuen von Wassergöttern sich ebenfalls -nach Regeln erhoben, dienten als phantastischer Schmuck -dem wohlberechneten Ganzen. Der bunte grünende -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -Raum war Fortsetzung der Säle und Zimmer, für -viele Gesellschaften geeignet, den mannichfaltigsten Sinnen -zubereitet, dem Geräusch und Prunk anpassend, -und auch in der Einsamkeit ein lieblicher Genuß; denn -der Frohwandelnde, wie jener, der sich in stille Betrachtung -senkt, fand nichts, was ihn störte und irrte, -sondern die lebendige Natur umgab sie zauberisch in -denselben Regeln, in denen der Mensch von Verstand -und Vernunft, und der innern unsichtbaren Mathematik -seines Wesens ewig umschlossen ist. -</p> - -<p> -Siehst du, liebe Mutter, sagte Clara, welche philosophische -Miene unser oft getadelte Garten anzunehmen -weiß, wenn er nur seinen Sachwalter findet? -</p> - -<p> -Alles, was ich sagen kann, fuhr Ernst fort, steht -schon im Woldemar viel besser und gründlicher, als -Zurechtweisung eines einseitigen und mißverstandenen -Hanges zur Natur. -</p> - -<p> -Finden Sie denn aber wirklich alle Gärten dieser -Art schön? fragte Auguste. -</p> - -<p> -So wenig, antwortete Ernst, daß ich im Gegentheil -viele gesehen habe, die mir durch ihre vollendete -Abgeschmacktheit eine Art von Grausen erregt haben. -Es giebt vielleicht in der ganzen Natur keine traurigere -Einsamkeit, als uns die erstorbene Formel dieser Gartenkunst -in dem barocken übertriebenen holländischen -Geschmack darbietet, wo es den Reiz ausmachen soll, -die Bäume nicht als solche wieder zu erkennen, wo -Muscheln, Porzellan und glänzende Glaskugeln um -fürchterlich verzerrte Bildsäulen auf gefärbtem Sande -leuchten, wo das springende Wasser selbst seine liebliche -Natur eingebüßt hat, und zum Possenreißer geworden -ist, und wo auch sogar der heiterste blaue Himmel nur -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -wie ein ernstes mißbilligendes Auge über dem vollendeten -Unfug steht: Mond und Sterne über diesen Fratzen -leuchtend und schimmernd, sind furchtbar, wie die lichten -Gedanken im Geschwätz eines Verrückten. -</p> - -<p> -Vom Wasser, fiel Theodor ein, wird überhaupt oft -ein kindischer Mißbrauch gemacht; diese Vexirkünste, um -uns plötzlich naß zu machen, sind den abgeschmackten -neumodischen Gespenstergeschichten mit natürlichen Erklärungen -zu vergleichen; der Verdruß ist viel größer als -der Schreck. -</p> - -<p> -Da man nun so häufig, sprach Ernst weiter, diese -Gespenster von Gärten sah, so erwachte zu derselben -Zeit, als man in allen Künsten die Natürlichkeit forderte, -auch in der Gartenkunst bei unsern Landsleuten -ein gewisser Sinn für Natur. Wir hörten von den -englischen Parks, von denen viele in der That in -hoher Schönheit prangen, sehr viele aber auch die Wohnung -trüber Melankolie sind, und so fing man denn -in Deutschland ebenfalls an, mit Bäumen, Stauden -und Felsen auf mannigfache Weise zu malen, lebendige -Wasser und Wasserfälle mußten die springenden Brunnen -verdrängen, so wie alle geraden Linien nebst allem -Anschein von Kunst verschwanden, um der Natur und -ihren Wirkungen auf unser Gemüth Raum zu gewähren. -Weil man sich nun hier in einem unbeschränkten -Felde bewegte, eigentlich keine Vorbilder zur Nachahmung -hatte, und der Sinn, der auf diese Weise -malen und zusammen setzen soll, vom feinsten Geschmack, -vom zartesten Gefühl für das Romantische -der Natur geleitet werden muß, ja, weil jede Lage, -jede Umgebung einen eigenthümlichen Garten dieser Art -erfordert, und jeder also nur einmal existiren kann, so -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -konnte es nicht fehlen, daß man, von jenem ächten -Natursinn verlassen, in Verwirrung gerieth, und bald -Gärten entstanden, die nicht weniger widerlich, als jene -holländischen waren. Bald genügten die Effekte der -Natur und der sinnigen Bäume und Pflanzen nicht -mehr, dem bizarren Streben waren diese Wirkungen -zu gelinde, man baute Felsenmassen, Labyrinthe, hängende -Brücken, chinesische Thürmchen auf steilen Abhängen, -gothische Burgen, Ruinen aller Art, und so waren -diese verworrenen Räume am Ende mehr auf ein unangenehmes -Erschrecken, oder unbehagliche Aengstlichkeit, -als für einen stillen Genuß eingerichtet. -</p> - -<p> -Und dabei doch alles kleinlich, fiel Manfred ein, -nicht phantastisch, sondern nur arm sind diese Tempel -der Nacht und der Sonne, mit ihren bunten affektirten -Lichtern, und kommen nicht einmal unsern gewöhnlichsten -Theater-Effekten gleich. -</p> - -<p> -Für das Erschrecken reizbarer oder träumerischer Menschen -ist oft hinlänglich gesorgt, sagte Anton, wenn -unvermuthet ein Bergmann aus einem Schacht neben -dem Wege heraus zu steigen scheint, oder im einsamen -Dickicht eine andre widrige Puppe als Eremit vor einem -Crucifixe kniet. Selbst Schädel und Beingerippe müssen -dem Wandelnden zum Ergötzen dienen. -</p> - -<p> -Ohne weiteren Schreck, sagte Wilibald, erregen schon -die krummen, ewig sich verwickelnden Wege Angst genug. -Man sieht Menschen in der Ferne und vermuthet einen -Freund unter diesen; aber wie in aller Welt soll man -es anstellen, sich ihnen zu nähern? Man nimmt die -Richtung nach jenem Punkt, allein der Weg läßt sich -nicht so gehn, wie du möchtest, bald bist du hinter -deinem vorigen Standpunkte zurück, und so ist es auch -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -wahrscheinlich jenem drüben ergangen; tagelang rennt -man sich aus dem Wege, wenn man sich nicht in -einer albernen Moschee, oder otahitischen Hütte, in -die man gegen den Regen unterduckt, ganz unvermuthet -findet. -</p> - -<p> -Eben so wenig, fuhr Theodor fort, kannst du aber -dem ausweichen, dem du nicht begegnen willst, und -das ist oft noch schlimmer. Nichts alberneres, als zwei -Menschen, die sich nicht leiden mögen, und die sich -plötzlich in gezwungener Einsamkeit in einer dunkeln -Grotte eng neben einander befinden, da brummt man -was von schöner Natur und rennt aus einander, als -müßte man die nächste Schönheit noch eilig ertappen, -die sich sonst vielleicht auf flüchtigen Füßen davon -machen möchte; und, siehe da, indem du dich bald -nachher eine enge Felsentreppe hinauf quälst, kommt -dir wieder die fatale Personage von oben herunter entgegen -gestiegen, man muß sich sogar beim Vorbeidrängen -körperlich berühren, eine nothgedrungene Freundlichkeit -anlegen, und der lieben Humanität wegen -recht entzückt sein über das herrlich romantische Wesen, -um nur der leidigen Versuchung auszuweichen, jenen -in den zauber- aber nicht wasserreichen Wasserfall hinab -zu stoßen. Die Entdeckung und Anpflanzung der lombardischen -Pappel, die weder Gestalt noch Farbe hat, -ist den Verfertigern der schönen Natur sehr zu statten -gekommen, ihrem Wirrwarr recht eilig auf die Beine -helfen zu können. Das Zeug wächst fast zusehends, -und nun haben unsre guten alten einheimischen Bäume -das Nachsehn. Diese Pappeln sind mir in geraden -und krummen Gängen gleich widerwärtig. Wie schön -sind unsre alten Linden, die vormals so manche Landstraße -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -zierten, wie erfreulich die ehrwürdigen Nußbäume -der Bergstraße, und wie melankolisch sind die -Pappelgassen, die sich um Carlsruh nach allen Seiten -in das Land so finster hinaus strecken. -</p> - -<p> -In gebirgigen Gegenden, sagte Friedrich, scheint -mir ein Garten, wie dieser hier, nicht nur der angemessenste, -sondern auch ohne Frage der schönste, denn -nur in diesem kann man sich von den erhabenen Reizen -und großen Eindrücken erholen, die die mächtigen -Berge beim Durchwandeln in uns erregen. Jedes -Bestreben, hier etwas Romantisches erschaffen, und -Baum und Waldgegenden malen zu wollen, würde -jenen Wäldern und Felsenschluften, den wundersamen -Thälern, der majestätischen Einsamkeit gegenüber nur -albern erscheinen. So aber liegt dieser Garten in -stiller Demuth zu den Füßen jener Riesen, mit ihren -Wäldern und Wasserbächen, und spielt mit seinen -Blumen, Laubengängen und Brunnen wie ein Kind -in einfältigen Phantasien. Dagegen ist mir in einer -der traurigsten Gegenden Deutschlands ein Garten bekannt, -der allen romantischen Zauber auf die sinnigste -Weise in sich vereinigt, weil er, nicht um Effekt zu -machen, sondern um die innerlichen Bildungen eines -schönen Gemüthes in Pflanzen und Bäumen äußerlich zu -erschaffen vollendet wurde; in jener Gegend, wo der edle -Herausgeber der Arethusa nach alter Weise im Kreise -seiner liebenswürdigen Familie lebt; dieser grüne, herrliche -Raum schmückt wahrhaft die dortige Erde, von -ihm umfangen, vergißt man das unfreundliche Land, -und wähnt in lieblichen Thälern und göttergeweihten -Hainen des Alterthums zu wandeln; in jedem Freunde -der Natur, der diese lieblichen Schatten besucht, müssen -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -sich dieselben heitern Gefühle erregen, mit denen der -sinnvolle Pflanzer die anmuthigste Landschaft hier mit -dem Schmuck der schönsten Bäume dichtete, die auf -sanften Hügeln und in stillen Gründen mannichfaltig -wechselt, und durch rührende Reize den Sinn des Gebildeten -beruhigt und befriedigt. Denn ein wahres -und vollkommenes Gedicht muß ein solcher Garten -sein, ein schönes Individuum, das aus dem eigensten -Gemüthe entsprungen ist, sonst wird ihm der Vorwurf -jener oben gerügten Verwirrung und Unerfreulichkeit -gewiß nicht entstehn können. -</p> - -<p> -Die Damen machten schon Miene sich zu erheben, -als Manfred rief: nur noch diese Flasche, meine -Freunde, des lieblichen Constanzerweins, jedem ein -volles Glas, und mit ihm trinke jeder eine Gesundheit -recht von Herzen! -</p> - -<p> -Ernst erhub das flüssige Gold, und sagte nicht -ohne Feierlichkeit: Wohlauf, er lebe, der Vater und -Befreier unsrer Kunst, der edle deutsche Mann, unser -Göthe, auf den wir stolz sein dürfen, und um den -uns andre Nationen beneiden werden! -</p> - -<p> -Alle stießen an, und als Theodor an ein neuliches -Gespräch erinnern wollte, rief Manfred: nein, Freunde, -keine Kritiken jezt, alle Freude unsrer Jugend, alles -was wir ihm zu danken haben, vereinigen wir in -unserer Erinnrung in diesem Augenblick! -</p> - -<p> -Wilibald sagte: du hast Recht, der Moment begeisterter -Liebe kann nur Liebe sein, und darum laßt -uns Schillers Andenken mit seinem Namen vereinigen, -dessen ernster groß strebender Sinn wohl noch länger -unter uns hätte verweilen sollen. -</p> - -<p> -Ich trinke dieses Glas, sprach Anton bewegt, dem -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -edelsten und freundlichsten Gemüth, dem liebenswürdigsten -Greise, dem es wohl gehn solle, dem Weisen, der -nie Sektirer war, dem kindlichen Jacobi, den uns ein -sanftes Schicksal noch viele Jahre gönnen möge! -</p> - -<p> -Wir endigen unser Mahl feierlich, sagte Emilie, -man kann sich der Rührung nicht erwehren, auf diese -Weise an geliebte Abwesende zu denken. -</p> - -<p> -Ergeben wir uns, rief Manfred lebhaft aus, dieser -schönen Bewegung, und darum stoßt an, und feiert -hoch das Andenken unsers phantasievollen, witzigen, ja -wahrhaft begeisterten Jean Paul! Nicht sollst du ihn -vergessen, du deutsche Jugend. Gedankt sei ihm für -seine Irrgärten und wundervollen Ersinnungen: möchte -er in diesem Augenblick freundlich an uns denken, -wie wir uns mit Rührung der Zeit erinnern, als er -gern und mit schöner Herzlichkeit an unserm Kreise -Theil nahm! -</p> - -<p> -Nie sei vergessen, rief Theodor mit einem Ernst, -der an ihm nicht gewöhnlich war, das brüderliche -Gestirn deutscher Männer, unser Friedrich und Wilhelm -Schlegel, die so viel Schönes befördert und geweckt -haben: des einen Tiefsinn und Ernst, des andern -Kunst und Liebe sei von dankbaren Deutschen durch -alle Zeiten gefeiert! -</p> - -<p> -So sei es denn erlaubt, sprach Lothar, einen -Genius zu nennen, der schon lange von uns geschieden -ist, der aber uns wohl umschweben mag, wenn -alle Herzen mit innerlichster Sehnsucht und Verehrung -ihn zu sich rufen: der große Britte, der ächte Mensch, -der Erhabene, der immer Kind blieb, der einzige Shakspear -sei von uns und unsern Nachkommen durch alle -Zeitalter gepriesen, geliebt und verehrt! -</p> - -<p> -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -Alle waren in stürmischer Bewegung und Friedrich -stand auf und sagte: ja, meine Geliebten, wie wir -hier nur beisammen sind in Freundschaft und Liebe -und dadurch eins, so umgiebt uns auch aus der Ferne -das Angedenken edler Freunde, und ihre Herzen sind -vielleicht eben jezt hieher gewendet; aber auch den Abgeschiedenen -zieht unser Glaube andächtig zu unsern -Mahlen, Freuden und Scherzen, mit Sehnsucht, Liebe -und Freudenthränen herbei, und so beschließt sich am -würdigsten ein heitrer Genuß; der Tod ist keine Trennung, -sein Antlitz ist nicht furchtbar: opfert diese letzten -Tropfen dem vielgeliebten Novalis, dem Verkündiger -der Religion, der Liebe und Unschuld, er ein ahndungsvolles -Morgenroth besserer Zukunft. -</p> - -<p> -Rosalie stieß stillschweigend und gerührt mit an: -ihm sollen die Frauen danken, sprach sie leise und -bewegt. Alle erhuben sich, die Freunde umarmten sich -stürmisch und jedem standen Thränen in den Augen. -Man ging schweigend in den Garten. -</p> - -<p class="tb"> -——— -</p> - -<p class="noindent"> -Die Gesellschaft saß um den größten Springbrunnen, -der in der Mitte des Gartens spielte, horchte -auf das liebliche Getön und fühlte in dieser Pause kein -Bedürfniß, das Gespräch fort zu setzen; endlich sagte -Clara: von allen Naturerscheinungen kommt mir das -Wasser als die wunderbarste vor, denn es ist nicht -anders, wenn man recht darauf sieht und hört, als -wohne in ihm ein uns befreundetes Wesen, das uns -versteht und sich uns mittheilen möchte, so klar und -lockend schaut es uns an; es lacht mit uns, wenn wir -fröhlich sind, es klagt und schluchzt, wenn wir trauern, -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -es schwatzt und plaudert kindisch und thöricht, wenn -wir uns zum Schwatzen aufgelegt fühlen, kurz, es -macht alles mit; auch tönt ein rauschender Bach in -der Einsamkeit der Gebirge wohl wie ein Orakel, von -dem wir die prophetischen, tiefsinnigen Worte gern -verstehn lernen möchten. Warlich, kein Glaube ist dem -Menschen so natürlich, als der an Nixen und Wassernymphen, -und ich glaube auch, daß wir ihn nie -ganz abgelegen. -</p> - -<p> -Anton, der neben ihr saß, sah sie mit einem freundlichen, -fast begeisterten Blicke an, weil dieses Wort -die theuerste Gegend seines heimlichen Aberglaubens -liebkosend besuchte; er wollte ihr etwas erwiedern, als -Ernst das Wort nahm und sich so vernehmen ließ: -nicht so willkührlich, wie es auf den ersten Anblick -scheinen möchte, haben die ältesten Philosophen, so -wie neuere Mystiker, dem Wasser schaffende Kräfte und -ein geheimnißvolles Wesen zuschreiben wollen, denn -ich kenne nichts, was unsre Seele so ganz unmittelbar -mit sich nimmt, als der Anblick eines großen -Stromes, oder gar des Meeres; ich weiß nichts, was -unsern Geist und unser Bewußtsein so in sich reißt -und verschlingt, wie das Schauspiel vom Sturz des -Wassers, wie des Teverone zu Tivoli, oder der Anblick -des Rheinfalls. Darum ermüdet und sättigt dieser -wundervolle Genuß auch nicht, denn wir sind uns, -möchte ich sagen, selbst verloren gegangen, unsre Seele -mit allen ihren Kräften braust mit den großen Wogen -eben so unermüdlich den Abgrund hinunter: das ist es -auch, daß wir vergeblich nach Worten suchen, mit -Vorstellungen ringen, um aus unsrer Brust die erhabene -Erscheinung wieder auszutönen, um in Ausdrücken -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -der Sprache die gewaltige Leidenschaft, den furchtbaren -Zorn, den Trieb zur Vernichtung, das heftige -Toben im Schluchzen und Weinen, das harte gellende -Lachen in der tiefsinnigen Klage, vermischt mit uralten -Erinnerungen, verwirrt mit den Ahndungen seltsamer -Zukunft zu bilden und auszumalen, und keiner Anstrengung -kann dieses Bestreben auch jemals gelingen. -</p> - -<p> -Da die Sprache schon so unzulänglich ist, sagte -Lothar, so sollten es sich die Künstler doch endlich abgewöhnen, -Wasserfälle malen zu wollen, denn ohne -ihr sinnvolles, in tausendfachen Melodien abwechselndes -Rauschen sehn auch die bessern in ihrer Stummheit -nur albern aus. Dergleichen Erscheinungen, die -keinen Moment des Stillstandes haben und nur in -ewigem Wechsel existiren, lassen sich niemals auf der -Leinwand darstellen. -</p> - -<p> -Darum, fuhr Friedrich fort, sind Teiche, Bäche, -Quellen, sanfte blaue Ströme, für den Landschafter -so vortreffliche Gegenstände, und dienen ihm vorzüglich, -jene sanfte Rührung und Sehnsucht hervor zu bringen, -die wir so oft beim Anblick des ruhigen Wassers -empfinden. -</p> - -<p> -Die Menge der lebendigen rauschenden Brunnen, -sagte Ernst, gehört zu den Wundern Roms, und sie -tragen mit dazu bei, den Aufenthalt in dieser Stadt -so lieblich zu machen. Entzückt uns in freier Landschaft -oder in den Gärten das Spiel des Wassers, so -ergreift uns neben Pallästen und Kirchen, im Geräusch -der Straßen und Märkte, dieses tönende Rauschen und -Sprudeln noch seltsamer. Ich kann nicht sagen, wie -in der stillen Nacht der Abreise mich diese Brunnen -rührten, denn mir dünkte, daß sie alle Abschied von -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -mir nähmen, mir ein Lebewohl nachriefen, und mich -an alle Herrlichkeiten dieser Hauptstadt der Welt so -wehmüthig erinnerten; ich begriff in dieser Stunde nicht, -wie ich mich vorher oft so innig nach Deutschland hatte -sehnen können, denn schon bevor ich aus dem Thor -gefahren war, sehnte ich mich herzlich nach Rom zurück, -wie viel mehr nicht seitdem! -</p> - -<p> -So ist der Mensch, fiel Theodor ein, nichts als -Inkonsequenz und Widerspruch! So hat Lothar uns -heut weitläuftig auseinandergesetzt, mit welcher Heiterkeit -und mit welchem ausgelassenen Witze sich ein Mahl -beschließen müsse, und wir endigten es höchst unbedacht -mit Rührung, was ganz gegen die Abrede war. -</p> - -<p> -Doch nicht minder gut, sagte Ernst, denn wir -waren auch in dieser Bewegung fröhlich. Ich verstehe -überhaupt die Freude der meisten Menschen nicht. -Scheint es doch, als müßten sie alle Erinnerungen -des wahren Lebens von sich entfernt halten, um nur -in blinder Zerstreutheit auf kümmerliche Weise sich das -anzueignen, was sie Ergötzung und Fröhlichkeit nennen. -Die Fülle des Lebens, ein gesundes kräftiges Gefühl -des Daseins bedarf selbst einer gewissen Trauer, um -die Lust desto inniger zu empfinden, so wie diese Gesundheit -die Tragödie erfunden hat, und auch nur genießen -kann. Je schwächer der Mensch, je lebensmüder -er wird, um so mehr hat er nur noch Freude am -Lachen, und an dem kleinlichen Lustspiel neuerer Zeit. -Geh dem aus dem Wege, der nur noch lachen mag -und kann, denn mit dem Ernst und der edlen Trauer -ist auch aller Inhalt seines Lebens entschwunden; er -ist bös, wenn er etwas mehr als Thor sein kann. Je -höher wir unser Dasein in Lust und Liebe empfinden, -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -je lauter wir in uns aufjauchzen in jenen seltenen -Minuten, die uns nur sparsam ein geizendes Schicksal -gönnt, um so freigebiger und reicher sollen wir uns -auch in diesen Sekunden fühlen; warum also in diesen -schönsten Lebensmomenten unsre ehemaligen Freunde -und ihre Liebe von uns weisen? Hat der Tod sie denn -zu unsern Feinden gemacht? Oder ist ihr Zustand nach -unsrer Meinung so durchaus bejammernswerth, daß -ihr Bild unsre Lust zerstören muß? In jenen seligen -Stimmungen möchte ich ausrufen: laßt sie zu uns, in -unsre Arme, in unsre Herzen kommen, daß unser -Reichthum noch reicher werde! Könnt ihr euch aber -mit dem Glauben vertragen, daß sie vielleicht hülflos, -auf lange in Wüsten hinaus gestoßen sind, o so laßt -ihnen einige Tropfen von der Ueberfülle eurer Lust -zufließen! Aber nein, du theurer geliebter Abgeschiedener, -in diesen Empfindungen fühl’ ich mich zu dir -in den Zustand deiner Ruhe und Freude hinüber, und -du bist mehr der meine, als nur je in diesem irdischen -Leben, denn neben meiner ganzen Liebe gehört dir nun -auch mein höchster Schmerz um dich, jener namenlose, -unbegreifliche, jenes angstvollste Ringen mit dem -fürchterlichsten Zweifel, als ob ich dich auf ewig verloren -hätte; da hat meine Liebe erst alle ihre Kräfte -aufrufen und erkennen müssen, da hab’ ich dich erst -im Triumph dem Tode abgewonnen, um dich nie -mehr zu verlieren, und seitdem bist du ohne Wandel, -ohne Krankheit, ohne Mißverständniß mein, und lächelst -jedes Lächeln mit, und schwimmst in jeder Thräne: wo -kann ich dich besser herbergen, als in diesem Herzen, -wenn es der Freude geöffnet ist? Mit diesem Gaste -sprech’ ich nicht mehr zu ihr: was willst du? oder: -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -du bist toll! denn sie ist durch deine holde Gegenwart -edler, milder und menschlicher. -</p> - -<p> -Clara weinte, und Anton überließ sich seiner Wehmuth. -Höre auf, rief dieser, ich fühle diese Wahrheit -trotz ihrer Freundlichkeit zu schmerzlich, eben weil sie so -ganz das Wesen meines Lebens ist. -</p> - -<p> -Was ist es nur, fing Clara nach einiger Zeit wieder -an, das uns in der Heiligkeit des Schmerzes oft wie -im Triumph hoch, hoch hinauf hebt, und das uns, -möcht’ ich doch fast sagen, mit der Angst eines Jubilirens -befällt, eines tiefen Mitleidens, einer so innigen -Liebe, eines solchen Gefühls, das wir nicht nennen -können, sondern daß wir nur gleich in Thränen untergehn -und sterben möchten? So ist es mir oft gewesen, -wenn ich im Plutarch von den großen Menschen -las, wie sie unglücklich sind, und wie sie ihre Leiden -und den Tod erdulden, oder wie Timoleon sein Glück -und Schicksal trägt. Das Leben möchte brechen vor -Lust und Schmerz, und wenn dann ein Fremder -fragt: was fehlt dir? so möchte man antworten: -„o ich habe eine Welt zu viel! Warum kann ich in -Demuth als Seufzer nicht für den verwehen, den ich -so innig verehren muß?“ -</p> - -<p> -Wer nicht auf diese Weise, sagte Friedrich, das -Evangelium lesen kann, der sollte es nie lesen wollen, -denn was kann er anders dort finden, als die höchste -Liebe und ihre heiligen Schmerzen? Diese Begier sich -aufzuopfern, sich ganz, ganz hinzuwerfen dem geliebten -Gegenstande unsrer Verehrung, ist das Höchste in uns; -es ruft aus uns über Jahrtausende hinüber: fühlst du -mich denn auch? Siehe, du hast nicht umsonst gelebt, -ich weiß von dir, nur ein Herold der Menschheit bin -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -ich, nur ein Laut aus der unzählbaren Schaar! — -Sollte ein solches Gefühl nicht unmittelbare Gemeinschaft -mit dem geliebten Wesen erzeugen können? -</p> - -<p> -Und so ist die Welt unser, fuhr Lothar heftig fort, -wenn wir dieser Welt nur würdig sind! Aber leider -sind wir meist zu träge und todt, um die zu bewundern, -deren Leben ein Wunder war; denn nicht was -unser leeres Erstaunen erregt, was wir nicht begreifen, -sollten wir so nennen, sondern die Kraft jener Weltüberwinder, -die über Schicksal und Tod siegten, diese -Helden sollten wir als Wunderthäter verehren; unser -äußerer Mensch versteht und faßt sie auch nicht, aber -der innere fühlt sie, und in Andacht und Liebe sind -sie ihm vertraut und mehr als verständlich. -</p> - -<p> -Alles, was wir wachend von Schmerz und Rührung -wissen, sagte Anton, ist doch nur kalt zu nennen -gegen jene Thränen, die wir in Träumen vergießen, -gegen jenes Herzklopfen, das wir im Schlaf empfinden. -Dann ist die letzte Härte unsers Wesens zerschmolzen, -und die ganze Seele fluthet in den Wogen -des Schmerzes. Im wachenden Zustande bleiben immer -noch einige Felsenklippen übrig, an denen die Fluth -sich bricht. -</p> - -<p> -Gewiß, fuhr Friedrich fort, sollten wir die Zustände -des Wachens und Schlafens mehr als Geschwister -behandeln, wir würden dann klarer wachen und -leichter träumen. Suchen wir doch am Tage mit der -Phantasie auf diesem Fuße zu leben, und wie viel -könnten wir von ihr als Nachtwandlerin lernen, wenn -wir sie als solche mehr achteten und beachteten. So -finden wir auch in der alten Welt die Träume nicht -so vernachläßigt, sondern aus ihren Ahndungen ging -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -oft durch den Glauben der Menschen eine glänzende -Wirklichkeit hervor. -</p> - -<p> -Wir träumen ja auch nur die Natur, sagte Ernst, -und möchten diesen Traum ausdeuten; auf dieselbe -Weise entfernt und nahe ist uns die Schönheit, und -so wahrsagen wir auch aus dem Heiligthum unsers -Innern, wie aus einer Welt des Traumes heraus. -</p> - -<p> -So könnte man denn wohl, unterbrach Theodor, -aus witziger Willkühr mit der Wirklichkeit wie mit -Träumen spielen, und die Geburten der Dunkelheit -als das Rechte und Wahre anerkennen wollen. -</p> - -<p> -Thun denn so viele Menschen etwas anders? fragte -Wilibald. -</p> - -<p> -Und thun sie denn so gar unrecht? antwortete Ernst -mit neuer Frage. -</p> - -<p> -Wir gerathen auf diesem Wege, sagte Emilie, in -das Gebiet der Räthsel und Wunder. Doch führt -uns vielleicht der Versuch, alles umkehren zu wollen, -am Ende selbst wieder in das Gewöhnliche zurück. -</p> - -<p> -Damit ich euch scheinbar kreuze, fiel Manfred ein, -so bleiben nach meinem Gefühl Witz und Scherz -immer etwas sehr Nüchternes, wenn sie nicht unter -ihrer Verhüllung eine Wahrheit aussprechen können, -so wie ich auch glaube, daß es keine Wahrheit giebt, -der Witz und Scherz nicht das Lächerliche abgewinnen -mögen. Lachen wir doch auch nur recht herzlich und -gemüthlich, und wahrhaft nur ganz unschuldig, über -unsre Freunde, die wir lieben, und derjenige, der sich -noch nicht seinem Freunde zum Scherze gern hingegeben -hat, hat noch keinen Freund recht von ganzer -Seele geliebt; ja aus Aufopferungssucht hilft der Liebende -selbst dem Spotte nach, und enthüllt freiwillig -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -das Lächerliche in sich, um sich gleichsam dem Freunde -zu vernichten; denn, um es heraus zu sagen, das Lachen -ist den Thränen wohl näher verwandt, als die meisten -glauben, endigt es doch auch, wie die Rührung, -mit diesen. -</p> - -<p> -Ernst fuhr fort: der Satz, den wir so oft haben -wiederholen hören: daß die Menschen die Lächerlichkeit -fürchten, und daß deshalb der komische Dichter, oder -Satiriker, oder wie sie ihn nennen mögen, diese allgemeine -höchste Reizbarkeit der Menschen benutzen müsse, -um sie zu bessern; dieser Satz ist gewiß in der Anwendung -falsch, und an sich selbst nur einseitig wahr. -Das Lächerliche, welches sich mit dem Verächtlichen -verbindet, und welches so manche Dichter zur Verfolgung, -und wo möglich Vernichtung, dieser oder -jener sogenannten Thorheit, oder einer Meinung, oder -Verirrung haben brauchen wollen, ist allerdings so -gehässig und bitter, daß wohl zu keiner Zeit ein edler -Mensch sich diesem Lächerlichen hat bloß stellen mögen, -denn ein feindliches Wesen, das irgend ein Leben zu -vernichten strebte, kämpfte in diesem wilden, anmaßlichen -Lachen; auch gestehe ich gern, daß ich diesen -sogenannten Satirikern, besonders der neuern Zeiten, -niemals Freude und Lust habe abgewinnen können, ich -weiß auch nicht, ob ich eben bei ihren Darstellungen -gelacht habe. Eben so wenig mögen wir uns an -der Stelle des Narren befinden, der seine Menschheit -wegwirft und sich unter den Affen erniedrigt, um seinem -rohen Herrn ein Schauspiel des Ergötzens darzubieten, -von welchem der Edlere sich mit Ekel hinweg wendet. -Es gehört schon ein höherer, ein wahrhaft menschlicher -Sinn dazu, um auf die rechte Art und bei den -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -richtigen Veranlassungen zu lachen, und wenn die Thräne -dich wohl hintergehn kann, so kann dich das Lachen -eines Menschen schwerlich über das Niedrige oder Edle -seiner Gesinnung täuschen. Wie unterschieden ist aber -von jener hassenden Bitterkeit und traurigen Verächtlichkeit -die Lust der Freude, das Entzücken unsrer ganzen -Seele, (in der sich wohl, wie Manfred wähnt, -alle Urkraft des Wahren in uns ahndungsvoll mit erregen -mag) wenn alle unsere Anschauungen und Erinnerungen -in jenem wundersamen Strudel der Wonne -auf eine Zeit untergehn, welcher die Töne des Gelächters -aus der Verborgenheit herauf erschallen läßt. Erregt -ein wahrer Schauspieler diesen Zustand in uns, so ist -er uns ein hoch verehrtes Wesen, und so wenig gesellt -sich ein Gefühl der Verachtung zu unserer Freude, daß -wir im Gegentheil ihn als unsern Freund und Geliebten -in unser innerstes Herz schließen; der Dichter, der -diesen Strom der Lust in der Wüste aus dem Felsen -schlägt, erscheint uns wunderthätig. Ja, ich behaupte, -daß unsre Liebe, wenn sie einen Gegenstand wahrhaft -lieben soll, an diesem irgend einen Schein des Lächerlichen -finden muß, weil sie ihn dadurch gleichsam erst -besitzt; auch daß wir keinen Freund oder keine Geliebte -haben möchten, über die wir in keinem Augenblick -ihres Daseins lachen oder lächeln könnten; der Held -eines Gedichts ist erst dann unsers Herzens gewiß, -wenn er uns einigemal ein stilles Lächeln abgenöthigt -hat, und dies ist ein Theil der Zauberkraft Homers -und der Nibelungen Helden. Sogar (und ich sage -wohl nichts Widersinniges, wenn ich diese Meinung -ausspreche), sogar den heiligsten und erhabensten Gegenständen -ist dieses Gefühl so wie das des Mitleidens -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -nicht nachtheilig und feindlich, oder hebt unsere Liebe -und hohe Rührung auf, sondern wir können den heiligen -Wahnsinn der großen Religionshelden bewundernd -beweinen, und doch kann ein geheimes Lächeln über -der Verehrung schweben, denn diese seltsame Regung -erhebt sich zugleich mit allen Kräften aus den Tiefen -der Seele; wir fühlen, wie so vielen Gemüthern das, -was wir anbeten, nur belachenswerth sein dürfte, und -weil diese vor den Augen unsers äußern Verstandes -nicht Unrecht haben, und sich für diesen Zweifel auch -eine geheime Sympathie in unserm innersten Wesen -regt, so eilen wir so dringender mit unserer Verehrung -und unserem Mitleid hülfreich und rettend hinzu, um -in angstvoller Liebe an dem Gegenstande unserer Bewunderung -ein höheres Recht auszuüben. Der alte -Ausdruck von den Helden der Religion: „sie haben -sich zu Thoren gemacht vor der Welt,“ ist vortrefflich. -</p> - -<p> -Gewiß, sagte Manfred, ist das Lächerliche in seiner -Tiefe noch niemals angeschaut und die wunderbare -Natur des Witzes auch nur einigermaßen erklärt; wer wird -uns denn noch einmal etwas deutlicheres darüber sagen -können, warum wir lachen? Das Lachen an sich selbst -ist den meisten Menschen nur eine leichte Sache, aber -woher es kommt und wohin es geht, ist noch schwerer -als vom Winde zu sagen. Hier hatte ich meinen Jean -Paul in seiner Vorhalle zur Aesthetik erwartet, und -gerade hier habe ich nur so wenig von ihm gefunden. -</p> - -<p> -Dieses Gespräch, sagte Theodor, erinnert mich an -jene Unschuld des Komischen, welches ich immer allen -andern bedeutenderen Arten des Lächerlichen vorgezogen -habe. Ich meine jenes leichte Berühren aller Gegenstände, -jenes gemüthliche Spiel mit allen Wesen und -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -ihren Gedanken und Empfindungen, welches neben -seiner kraftvollen kecken Darstellung einer der herrlichsten -Vorzüge Shakspears ist, den man nicht leicht -demjenigen deutlich machen kann, der im Witz nur -eine Charade oder ein sinnreiches Räthsel sucht, der -aus der Anwendung und dem Treffenden nach Außen -erst rückwärts das Komische verstehn kann, und dem es -leere Albernheit ist, wenn es ohne eine solche prosaische -Bedeutung auftreten will. -</p> - -<p> -Von hier aus, meinte Wilibald, müsse es eine -vortreffliche Ausbeugung in das wahre Gebiet der Albernheit -und in die Gründe ihrer Rechtfertigung geben, -denn diese triebe die Unschuld sogar so weit, daß sie -selbst ohne alles Leben und also vielleicht am meisten -poetisch lebendig sei; doch Lothar, ohne auf diesen -Angriff zu achten, oder ihn zu bemerken, bemeisterte -sich des Gespräches und fuhr so fort: Da unser ganzes -Leben aus dem doppelten Bestreben besteht, uns in -uns zu vertiefen, und uns selbst zu vergessen und aus -uns heraus zu gehn, und dieser Wechsel den Reiz -unseres Daseins ausmacht, so hat es mir immer geschienen, -daß die geistigste und witzigste Entwickelung -unserer Kräfte und unsers Individuums diejenige sei, -uns selbst ganz in ein anderes Wesen hinein verloren -zu geben, indem wir es mit aller Anstrengung unsrer -geistigen Stimmung darzustellen suchen: mit einem -Wort, wenn wir in einem guten Schauspiel eine Rolle -übernehmen und uns bestreben, die Erscheinung des -Einzelnen wie des Ganzen mit der höchsten Wahrheit -und in der vollkommensten Harmonie hervor zu bringen. -Es giebt wohl auch nur wenige Menschen, die dem -Reiz dieser Versuchung auf immer widerstehn können, -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -und wenn das Talent des Schauspielers auch selten -sein mag, so ist die Lust zur Mimik doch fast in allen -Menschen thätig. -</p> - -<p> -Wir haben diesem Triebe, fuhr Ernst fort, gewiß -unendlich viel zu danken, unser innerlicher Mensch -ahmt oft lange einen Gedanken, oder die Vortrefflichkeit -einer Gesinnung, ja selbst eine Empfindung nur -mimisch nach, bis wir, gerade wie die Kinder lernen, -uns die Sache selbst durch Wiederholung und Angewöhnung -zu eigen machen können. -</p> - -<p> -Vergessen wir nur nicht, sagte Wilibald verdrüßlich, -daß aus demselben Triebe auch alle Affektation, -Ziererei, Unnatürlichkeit, kurz, alles äffische Wesen -im Menschen entspringt, so daß diese Sucht wenigstens -eben so schädlich ist, als sie, was ich nicht beurtheilen -kann, wohlthätig sein mag. -</p> - -<p> -Wir wollen diese Untersuchung fallen lassen, fuhr -Lothar ungestört fort, da wir sie jezt doch nicht erschöpfen -können; ich wollte nur auf die Bemerkung -einlenken, wie es zu verwundern sei, daß es noch -keinem von uns eingefallen ist, mit dieser zahlreichen -und ohne Zweifel talentvollen Gesellschaft irgend ein -dramatisches Werk, am liebsten eins von Shakspear, -darzustellen. Welchen Genuß würde jedem von uns -dieser Dichter gewähren, wenn wir eins seiner Lustspiele, -zum Beispiel „Was ihr wollt,“ bis ins Innerste -studirten, und neben dem Vergnügen, welches -das Ganze gewährt, auf das vertrauteste mit jeder -einzelnen Schönheit und ihrer Beziehung und Nothwendigkeit -zum Ganzen bekannt würden, und so mit -vereinigter Liebe eins seiner herrlichsten Gedichte auch -äußerlich vor uns hinzustellen suchten. -</p> - -<p> -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -Du hast ja diesen Einfall und Verstand für uns -alle gehabt, versetzte Wilibald, auch kannst du zur -Noth, wie Zettel, drei oder vier Rollen übernehmen. -Schade nur, daß kein romantisch brüllender Löwe in -diesem Lustspiel auftritt, um dein ganzes Talent zu -entwickeln. -</p> - -<p> -Die Eintheilung der Rollen, antwortete Lothar, -habe ich schon ziemlich übersehn: den Malvolio würdest -du selbst unvergleichlich darstellen, unser Manfred übernähme -den Tobias und ich den Junker Christoph; den -liebenswürdigen Narren Theodor, und Friedrich den -Sebastian, Ernst den Antonio, Anton den Herzog; -Auguste würde zierlich und witzig die Marie geben, -Rosalia unvergleichlich die Viola und Clara höchst -anmuthig die Olivia; alles übrige findet sich von selbst. -</p> - -<p> -Wie kommt es nur, sagte Theodor, daß eine geistreiche -Gesellschaft, ohne Rollen auswendig zu lernen, -niemals auf den Gedanken verfällt, aus sich selbst -unter gewissen angenommenen Bedingungen und Masken -ein poetisches Lustspiel ohne vorgezeichnete Ver- -und Entwickelung auszuführen? Der eine wäre der -mürrische, mit sich und aller Welt unzufriedene Liebhaber, -der andere der Eifersüchtige, jener der leichtsinnig -Flatterhafte, dieser der Melankolische; die -Damen theilten sich in witzige und zärtliche Charaktere, -und alle suchten ihrer angenommenen Rolle treu zu -bleiben, um Heiterkeit und Geselligkeit zu erregen und -zu befördern. Warum streben wir in unsern Gesellschaften -immer das eine ermüdende Bild eines negativen -wohlgezogenen Menschen darzustellen, oder uns in -hergebrachter Liebenswürdigkeit abzuquälen? -</p> - -<p> -Die wahre gute Gesellschaft, sagte Ernst, thut schon -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -unbewußt das, was du verlangst, und verwechselt auch -mit Leichtigkeit die verschiedenen Rollen. Sonst erinnert -deine Beschreibung an manche ehemaligen gelehrten -Gesellschaften, und an die verschiedenen charakteristischen -Beinamen ihrer Mitglieder. -</p> - -<p> -Eine, wie die andre Darstellung, sagte Emilie, -möchte für uns Frauen beschwerlich, wo nicht unmöglich -sein, aber ich war schon gestern auf dem Wege, -Ihnen einen andern Vorschlag zu thun. Ich weiß, -daß Sie alle Dichter sind, und höre von Manfred, -daß Sie glücklicherweise manche Ihrer Arbeiten mitgebracht -haben; wie wäre es also, wenn Sie uns diese -nach Lust und Laune mittheilten, und so manche -Stunde angenehm ausfüllten, die uns die Musik, oder -die Besuche und Spaziergänge übrig lassen? -</p> - -<p> -O vortrefflich! rief Clara aus, und dann wollen -wir Mädchen und Frauen nach der Lektüre die Rezensenten -spielen, und uns über alles lustig machen, was -wir nicht verstanden, oder was uns nicht gefallen hat. -</p> - -<p> -Rosalie fügte ihre Bitten zu denen ihrer Mutter, -auch Auguste vereinigte sich mit beiden, und als Lothar -die Freunde stillschweigend ein Weilchen angesehn hatte, -schlug sich auch Manfred zu der Parthei der Damen -und rief: o ich bitte euch so inbrünstig, als man nur -bitten kann, schlagt uns diesen bittenden Vorschlag nicht -ab, denn schon längst habe ich Lust gehabt, einige -meiner Thorheiten euch und diesen guten wißbegierigen -Frauen mitzutheilen, und keine Gelegenheit dazu gefunden; -o ihr Edlen, wenn ihr eine Ahndung davon -habt, wie sehr dem Dichter sein Manuskript in der -Tasche brennen kann, wenn ihn Niemand darum befragt, -so laut man es auch rascheln hört, wenn ihr -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -selbst jemals gerne vorgelesen habt, o so seid nicht so -grausam, mir diesen Genuß zu rauben, und mein -poetisch beladenes Herz auszuschütten. Aber vielleicht -sind einige von Euch in derselben Verfassung. -</p> - -<p> -Lothar lachte und sagte: der Dichter theilt sich -gern mit, vorzüglich in einem Kreise, wie der gegenwärtige -ist. Wir führen wirklich einige Jugendversuche -mit uns, die wir zum Theil vor kurzem vollendet -und übergearbeitet haben, und wenn unsre Rezensenten -nicht zu strenge sein wollen, so überwinden wir -vielleicht die Furcht, diese Bildungen nach so manchem -Jahre wieder auftreten zu lassen. -</p> - -<p> -Als die Frauen eifrig darauf antrugen, sogleich -mit irgend einer Erzählung den Anfang zu machen, -rief Wilibald aus: halt! ich protestire mit aller Macht -gegen diese Uebereilung und Anarchie! denn wie könnte -ein wahrer Genuß entstehn, wenn wir es dem Zufall -so ganz überließen, in welcher Folge unsre Versuche -auftreten sollten? In allen Dingen ist die Ordnung zu -loben, und so laßt uns nachdenken, auf welche Art -und Weise wir dieser Unterhaltung durch eine gewisse -Einrichtung etwas mehr Würze geben können. -</p> - -<p> -So möge denn auch hier, sagte Lothar, eine Art -von dramatischer Einrichtung statt finden. Sei jeder -von uns nach der Reihe Anführer und Herrscher, und -bestimme und gebiete, welcherlei Poesien vorgetragen -werden sollen, so steht zu hoffen, daß solche sich vereinigen -werden, die durch eine gewisse Aehnlichkeit -freundschaftlich zusammen gehören. -</p> - -<p> -Diese Einrichtung, wandte Manfred ein, ist vielleicht -zu gefährlich, weil sie an den Boccaccio erinnern -dürfte. -</p> - -<p> -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -Sie erinnert, sagte Ernst, fast an alle italiänischen -Novellisten, die mit minder oder mehr Glück von dieser -Erfindung Gebrauch gemacht haben. -</p> - -<p> -Doch werden Sie, sagte Emilie, uns in andrer -Hinsicht nicht an diesen berühmten Autor erinnern -wollen, denn gewiß verschonen Sie uns mit dergleichen -ärgerlichen und anstößigen Geschichtchen, deren er -nur zu viele erzählt. -</p> - -<p> -Wir können dergleichen wohl nicht so ganz unbedingt -versprechen, antwortete Manfred, wenn wir uns -nicht darüber erst etwas verständigt haben, was wir ärgerlich -oder anstößig nennen wollen. Davor, daß wir -keine Erzählungen, die ihm ähnlich oder nachgeahmt -sind, vortragen werden, sind Sie hinlänglich gesichert, -denn es erfordert das glänzende Talent seiner gediegenen, -scharfen und bestimmten Darstellung, welche nie zu viel -oder zu wenig sagt, die nichts verhüllt und doch immer -von den Grazien gelenkt wird, um dergleichen allerliebste -Seltsamkeiten vorzutragen: alle seine Nachahmer, -selbst den Bandello nicht ausgenommen — gar -des ganz verunglückten französischen La Fontaine oder -des neueren Casti zu geschweigen — bleiben weit hinter -ihm zurück, sei nun von Styl, Erfindung oder Schmuck -des Gegenstandes die Rede. Doch abgesehn davon, -muß ich bezweifeln, daß der Dekameron gebildeten und -freundlichen Gemüthern wirklich anstößig sein könnte. -</p> - -<p> -Diesen Zweifel verstehe ich nicht, sagte Anton, da -er das zartere Gemüth und die höhere Stimmung doch -nur zu oft verletzt. -</p> - -<p> -Wie man es eben nimmt, antwortete Manfred. -Wir stehn hier auf der Stelle, auf welcher sich der -Dualismus unserer Natur und Empfindung am wunderbarsten, -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -reichhaltigsten und grellsten offenbart. Sich -den Witz und die Schalkheit der Natur im Heiligsten -und Lieblichsten verschweigen wollen, ist vielleicht nur -möglich, wenn man geradezu Karthäuser wird, und -vom Schweigen und Verschweigen Profession macht. -Wenn der Frühling sich mit allen seinen Schätzen aufthut, -und die Blumen gedrängt um dich lachen, so -kannst du dich in deiner rührenden Freude nicht erwehren, -ihre Gestalten zu beobachten und manche Erinnerungen -an diese zu knüpfen, ja selbst die holdselige -Rose ruft dir erröthend die räthselhaften Reime alter -Dichter entgegen, und sie wird dir darum nicht unlieber; -so fallen dir wohl gar bei andern farbigen Kindern -der Sonne die unbescheidenen Namen ein, welche -die Königin im Hamlet verschweigt, — -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line2"><span class="antiqua">— crow — flowers, nettles, daisies, and long purples,</span></p> - <p class="line"><span class="antiqua">That liberal shepherds give a grosser name,</span></p> - <p class="line"><span class="antiqua">But our cold maids do dead men’s fingers call them.</span></p> -</div> - -<p class="noindent"> -Welche Verse, sagte Lothar, Schlegel nicht hätte -auslassen sollen. Doch dies nur im Vorbeigehn: -fahre fort. -</p> - -<p> -So wunderbar und noch mehr, begann Manfred -wieder, ist es mit der Liebe. Es giebt eine solche -Heiligkeit dieses Gefühls, eine so wundersame paradisische -Unschuld, daß im Unbewußtsein, in der Unkenntniß -der gegenseitigen Liebe wohl oft die höchste Seligkeit -ruht; der erste erwachende, sich begegnende Blick -hat diesen Frühling entlaubt, und das erste Wort des -Geständnisses kann der Tod dieser stillen Wonne sein. -Nirgend fühlt der Mensch so sehr, wie er verlieren -muß, um zu gewinnen, wie jedes Glück ein Geheimniß -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -ist, welches angerührt und ausgesprochen seine Blüte -abwirft. -</p> - -<p> -Friedrich stand schnell auf und schien von wunderbaren -Gedanken ergriffen; man sah ihn im Buchengange -auf und nieder wandeln, indem er sich öfter die -Augen abtrocknete; Manfred aber fuhr so fort: wie -es wohl Menschen mag gegeben haben, die schon mit -diesem ersten Seufzer die Blume ihres Lebens verloren, -so ist es doch natürlicher und wahrer, sich auch in -dieser wundervollen Lebensgegend, so wie bei allen -Dingen mit einem gewissen Heroismus zu waffnen, -und früh zu erfahren, daß wir alles, was wir besitzen, -nur durch den Glauben besitzen, und daß am -wenigsten die Liebe eine bloße Begebenheit in uns sei, -sondern daß sie, wie alles Gute, von unserm Willen -abhängt; denn von ihm geht sie aus, nachher wird er -zwar von ihr bezwungen und gebrochen, kann aber -späterhin nur durch ihn allein als Liebe dauern und -bestehn. Ein solcher Sinn und kräftiger aber frommer -Wille verliert des Herzens Unschuld nie, der Scherz ist -ihm nur Scherz, und er wird nicht anstehn, auch mit -dem zu tändeln, was ihm das Heiligste und Liebste ist, -denn wahrlich dem Reinen ist alles rein. -</p> - -<p> -Diese Beschreibung, sagte Ernst, charakterisirt die -gesunde Zeit unsers deutschen Mittelalters, als neben -den Nibelungen und dem Titurell der süße Tristan seinen -Platz in aller Herzen fand, und auch neben diesen -großen Liebesgedichten so viele muntre und schalkhafte -Erzählungen. Die später auftretende übersinnliche, oder -außersinnliche Liebe, war noch nicht von der sinnlichen -getrennt, sondern sie waren wie Leib und Seele verbunden, -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -in der höchsten Vergeistigung gesund, in dem -freiesten Scherze unschuldig. -</p> - -<p> -Warum, fuhr Manfred fort, würde denn die Liebe -allmächtig genannt? Sie wäre ja ohnmächtig, wenn sie -nicht die scheinbar äußersten Enden freundlich verknüpfen -könnte. Könnte sie den unendlich mannichfaltigen -Zauber denn wohl ausüben, wenn sie nicht Alles besäße, -und sich nicht, eben wie die Geliebte, mit allen -Reizen dem sehnsüchtigen Herzen ergäbe? Der verdorbene -Mensch kann deshalb auch nicht den Scherz der -Liebe und ihren Dichter verstehn, er faßt nicht das -holde Wesen, welches sich dem Höchsten und Geistigsten -zum scheinbaren Kampfe gegenüber stellt, so sehr er -auch einzig diesem Spiele nachjagt, welches begeisterte -Dichter damit trieben, und der Liebende kennt freilich -nichts Verhaßteres als diese Menschen und ihre Gesinnungen, -die im Herzen seines Lebens mit ihm zusammen -zu treffen scheinen. -</p> - -<p> -Daher, sagte Ernst, der mißverstandene Spott -dieser niedrigen Menschen über die Hochgestimmten -und ihre Liebe, daher die scheinbare Waffenlosigkeit -dieser Unschuldigen, und bei ihrem Reichthum ihre unbeholfene -Beschämung von jenen Bettlern. Diese Uneingeweihten -lästern die Liebe und alles Göttliche, und -sind von allem Scherz und Spiel, auch wenn sie -witzig zu sein scheinen, weit entfernt, denn sie sind in -Kampf und Krieg gegen die Sehnsucht nach dem -Ueberirdischen. Um nun auf das Vorige einzulenken, -so lebte Boccaz freilich schon an der Gränze jener heroischen -Zeit, als die Menschheit, weniger gesund, sich -aus der Tragödie und dem großen Epos mehr nach -dem Lustspiel und der Parodie sehnte, als die Trennung -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -des Gemüthes sich schon schärfer gegenüber stand, und -eine kräftiger robuste Malerei den sanften Schmelz -und die stille Harmonie der alten großsinnigen Gemälde -verdunkelte. Sein Dekameron ward deshalb -nach einiger Zeit das Lieblingsbuch aller Nationen, -und die komische, lächerliche und niedrigere Natur der -Liebe ward immer mehr gesungen, gepriesen und gefühlt, -ihr holdes Wesen schien immer tiefer zu entarten, -und immer mehr den Menschen dem Thiere näher -zu führen, (indeß nun diesem Streben gegenüber schon -die ganz reine, überirdische Idee der Liebe, oft bis -zum Götzendienste entstellt, sich auszubilden suchte) bis -wir in Peter Aretins und Brantome’s Schriften endlich -die kalte Frechheit ohne allen Reiz und Grazie -auftreten sehn. Doch kann diese Beschuldigung nicht -den Boccaz und seine freien Scherze treffen, denn -in ihm regt sich und spricht der edle und vollständige -Mensch, der zwar ohne ängstliche Züchtigkeit, aber -nicht ohne Schaam ist, der wie Ariost immer die -Schönheit fühlt und singt, und der nur jene frecheren -Blumen nicht zu seinem Kranze verschmäht, sondern -sie im Gegentheil gern so reicht und flicht, daß ihr -symbolischer Sinn unverholen in die Augen fällt. -Sein Buch kann uns also wohl nicht leicht verletzen; -aber freilich müssen wir jezt, da verdorbene Generationen -und Bücher voran gegangen sind, und edlere -Menschen die Verwerflichkeit mancher schaamlosen Produkte -eines Diderot, Voltaire und andrer einsahn, um -nur den Ruhm der Züchtigkeit zu empfangen, auch den -Schein einer gewissen Prüderie beibehalten, die das -Zeitalter einmal zum Kennzeichen der Sitte gestempelt -hat. So hat der Mensch nach überstandener Krankheit -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -noch lange das Ansehn eines Kranken, und muß -auf einige Zeit noch etwas von dessen Diät beibehalten. -Eben so verbreitete sich in England nach einem -Zeitalter der Zügellosigkeit, von der Sekte der Puritaner -aus, eine Aengstlichkeit und steife Feierlichkeit -der Sitte, die seitdem noch immer das Wort führt, -so daß ein gesittetes Mädchen oder eine züchtige Frau -von jezt oder aus Shakspears Zeit zwei im Aeußern -sehr verschiedene Wesen sein mögen. Die Reformation -hatte in Deutschland schon früher eine ähnliche Stimmung -hervor gebracht, und auch die katholischen Provinzen -bestrebten sich seitdem, eine strengere Sitte zur -Schau zu tragen, um von dieser Seite die Vorwürfe -ihrer Gegner zu entkräften. Fast allenthalben aber -werden wir nur Heuchelei statt der Züchtigkeit gewahr, -denn wenn die ehrbaren Herren unter sich sind, ergötzen -sie sich um so lebhafter an der rohesten und unsittlichsten -Frechheit, und weil der öffentliche Scherz und -die Gegenwart der Grazien und Musen, so wie die -liebenswürdigen Weiber von diesen Orgien völlig ausgeschlossen -sind, so sind sie nun in ihrer Einsamkeit um -so niedriger und verächtlicher geworden, am schlimmsten, -wenn sie das Gewand der Moral umlegen, und -wehe dem Zarteren, der das Unglück hat einem Ottern- und -Krötenschmause beiwohnen zu müssen, den sich eine -solche tugendhafte Gesellschaft giebt, die darauf ausgeht, -recht vollständig ihren Haß gegen die Untugend an den -Tag zu legen. -</p> - -<p> -Als in Spanien, sagte Lothar, ein etwas zu strenger -Geist in der Poesie zu herrschen anfing, und Cervantes -die frühere Celestina als zu frei tadelte, als -man in Frankreich und Italien die schaamlosesten -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -Werke las und schrieb, und in Deutschland sich kaum -noch Spuren von Witz oder Unwitz antreffen ließen, -erhob der edle Shakspear, das, was so viele hatten -verächtlich machen wollen, wieder zum Scherz, geistreichen -Witz und zur Menschenwürde, und dichtete -seine schalkhaften Rosalinden und Beatricen, die freilich -unser jetziges verwöhntes Zeitalter ebenfalls anstößig -findet. -</p> - -<p> -Was ist es denn, was uns wahrhaft anstößig, ja -als Menschen unerträglich sein soll? rief Friedrich, der -wieder zur Gesellschaft getreten war, im edlen Unwillen -aus. Nicht der freieste Scherz, noch der kühnste -Witz, denn sie spielen nur in Unschuld; nicht die kräftige -Zeichnung der thierischen Natur im Menschen und -ihrer Verirrung, denn nur als solche gegeben, spricht -sie niemals unserm edleren Wesen Hohn: sondern dann -soll sich unser Unwille erheben und ohne alle Duldung -aus uns sprechen, wenn ein Sophist uns sagen will, -und in jeder Dichtung beweisen, daß gegen die Sinnenlust -keine Tugend, Andacht oder Seelenerhebung -bestehen könne. Ein solcher durchaus zu verwerfender -ist der jüngere Crebillon, und nicht ist jener Deutsche, -der ihn so vielfältig nachgeahmt und die edlere Natur -des Menschen verkannt hat, von dem Vorwurf einer -verdorbenen Phantasie und eines zu nüchternen Herzens -frei zu sprechen: für schwache Wesen, (aber auch -nur für solche) können diese beiden Schriftsteller allerdings -gefährlich werden, so sehr sich auch der letzte -gegen diese Beschuldigung zu verwahren gesucht hat, -denn nicht darin besteht das Verderbliche, daß man das -Thier im Menschen als Thier darstellt, sondern darin, -daß man diese doppelte Natur gänzlich läugnet, und -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -mit moralischer Gleißnerei und sophistischer Kunst das -Edelste im Menschen zum Wahn macht, und Thierheit -und Menschheit für gleichbedeutend ausgiebt. -</p> - -<p> -Seine Bücher, sagte Emilie, haben mich immer -zurück geschreckt, und ich habe früher meinen Töchtern -lieber manche andre erlaubt, die nicht in so gutem -Rufe stehn, denn gerade ihre weichliche Zierlichkeit habe -ich für schädlich gehalten. Ich hoffe, jezt können sie -auch diese ohne allen Nachtheil lesen, da ihr Geist -gestärkt ist, und ihr Sinn das Edlere erstrebt. -</p> - -<p> -Mit Recht, sagte Manfred, macht Jean Paul -Thümmeln den Vorwurf, daß er zu unsauber sei (denn -dessen Reisen gehören recht zu jenen eben gerügten Werken, -und die Bekehrung des lockern Passagiers in den -letzten Bänden ist noch die schlimmste Sünde des Autors); -ich aber möchte unserm witzigen Jean Paul mit -demselben Rechte einen andern Vorwurf machen, daß -er zwar nicht zu keusch, wohl aber zu prüde sei. Ein -Autor, der so das Gesammte der Menschennatur, das -Seltsamste, Wildeste und Tollste in seinen humoristischen -Ergießungen aussprechen will, darf in diesen Regionen -des Witzes und der Laune kein Fremdling sein, -oder aus mißverstandner Moral mit der Unzucht und -Unsitte auch die Schalkheit verachten wollen. Noch -seltsamer aber, daß er die medizinischen und wahrhaft -ekelhaften Späße liebt, die kaum Witz zulassen und -meist nur Widerwillen erregen, wenn man nicht die -Feder des Rabelais besitzt, der freilich wohl sein Kapital -von der <span class="antiqua">Gaya Ciencia</span> schreiben durfte. Aber, -theure Emilie, und Gattin und Schwestern, um auf -das zurück zu kommen, wovon wir ausgingen, so -mag freilich wohl hie und da in unsern Dichtungen -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -(vielleicht nur in meinen, der ich ein oder zweimal das -Hausrecht brauchen und den Wirth spielen möchte) -etwas vorkommen, was die übertriebene Delikatesse -kränkelnder Menschen (ich meine dich, Anton, nicht -hiemit) anstößig finden möchte, was aber, hoffe ich, -nach dem in unserm Gespräch angegebenen Unterschied -keinem gebildeten und heitern Menschen ärgerlich werden -kann. Wir wollen aber weder zu viel versprechen noch -drohen, sondern laßt uns vielmehr beginnen, und wählt -also, ihr Frauen, denjenigen aus, welcher zuerst der -Anführer und Gebieter im Felde unsrer poetischen Spiele -und Wettkämpfe sein soll. -</p> - -<p> -Clara gab ihren Blumenstrauß dem neben ihr sitzenden -Anton und sagte: Sie haben fast immer geschwiegen, -sprechen Sie nun. Anton verbeugte sich und -heftete die Blumen an seine Brust: so wollen wir -denn, sagte er, mit Mährchen der einfachsten Composition -beginnen, und jeder bringe morgen das seinige -vor unsre Richter. -</p> - -<p> -Mit Mährchen, sagte Clara, fängt das Leben an; -in ihnen entwickelt sich das Gefühl der Kinder zuerst, -und ihre Spiele und Puppen, ihre Lehrstunden und -Spaziergänge werden von ihrer Phantasie zu Mährchen, -die ich noch immer ganz vorzüglich liebe, das -heißt, wenn sie so sind, wie ich sie liebe. -</p> - -<p> -So gebe die Muse, daß Ihnen die unsrigen wohl -gefallen, sagte Anton. -</p> - -<p> -Indem stand die Gesellschaft auf, um vom nächsten -Hügel den schönen Untergang der Sonne zu genießen. -Auch ein Mährchen, sagte Rosalie, indem sie die Hand -vor die Augen hielt, und dem blendenden Scheine -nachsah; so wie der Frühling und die Pracht der Blumen, -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -es blüht auf in aller Fülle und Herrlichkeit, der -Schatten faßt den Glanz und zieht ihn hinab, und -wir schauen ihm sehnsuchtsvoll nach. -</p> - -<p> -So wie dem Mährchen-Gedicht der Schönheit, -sagte Anton; und Friedrich fügte hinzu: doch bleibt -unser Herz und seine Liebe die unwandelbare Sonne. — -</p> - -<p class="tb"> -——— -</p> - -<p class="noindent"> -Ein glänzender Sternenhimmel stand über der Landschaft, -das Rauschen der Wasserfälle und Wälder tönte -in die ruhige Einsamkeit des Gartens herüber, in welchem -Theodor auf und nieder ging und die Wirkungen -bewunderte, welche das Licht der Sterne und die letzten -goldnen Streifen des Horizontes in den springenden -Quellen hervorbrachten. Jezt ertönte Manfreds Waldhorn -aus dessen Zimmer und die melankolischen durchdringlichen -Töne zitterten vom Gebirge zurück, als Ernst, -der von den Hügeln herunter kam, durch das Thor -des Gartens trat, und sich zu dem einsamen Theodor -gesellte. Wie schön, fing er an, schließt diese heitre -Nacht die Genüsse des Tages; die Sonne und unsre -Geliebten sind zur Ruhe, Wälder und Wasser rauschen -fort, die Erde träumt, und unser Freund gießt -noch einen herzlichen Abschied über die entschlummerte -Natur hin. -</p> - -<p> -Anton, sagte Theodor, schläft auch noch nicht, er -sitzt im Gartensaale und schreibt ein Gedicht, welches -unsern Vorlesungen als Einleitung oder Vorrede dienen -soll. Seine Genesung wird sich hier ganz vollenden. -</p> - -<p> -Ich hoffe, sagte Ernst, auch Friedrich soll genesen; -ich hege das schöne Vertrauen, daß unser aller Freundschaft -sich hier noch fester knüpfen und für die Ewigkeit -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -härten wird. Sieh, mein Geliebter, das Flimmern -in lauer Luft dieser vergänglichen flüchtigen Leben, die -wie Diamanten durch das dunkle Grün der Gebüsche -zucken, und bald in zitternden Wolken, bald einzeln -schimmernd, wie sanfte Töne, unsre Rührung wecken, -— und über uns den Glanz der ewigen Gestirne! Steht -nicht der Himmel über der stillen dunkeln Erde wie ein -Freund, aus dessen Augen Liebe und Zuversicht leuchten, -dem man so recht mit ganzem Herzen in allen Lebensgefahren -und allem Wandel vertrauen möchte? Diese heilige -ernste Ruhe erweckt im Herzen alle entschlafenen Schmerzen, -die zu stillen Freuden werden, und so schaut mich jezt -groß und milde mit seinem menschlichen Blick der edle -Novalis an, und erinnert mich jener Nacht, als ich -nach einem fröhlichen Feste in schöner Gegend mit ihm -durch Berge schweifte, und wir, keine so nahe Trennung -ahndend, von der Natur und ihrer Schönheit -und dem Göttlichen der Freundschaft sprachen. Vielleicht -da ich so innig seiner gedenke, umfängt mich -sein Herz so liebend, wie dieser glühende Sternenhimmel. -Ruhe sanft, ich will mich auf mein Lager werfen, -um ihm im Traum zu begegnen. -</p> - -<p> -Die Freunde trennten sich. Da erhub eine Nachtigall -ihr klagendes Lied aus voller Brust, und zündete, -wie eine Feuerflamme, rings in den Gebüschen die -Töne andrer Sängerinnen an; aus einer Jasminlaube -erklangen die Laute einer Guitarre, und der glückliche -Friedrich wollte sein Leid, diese Phantasie singend, besänftigen: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line2">Wenn in Schmerzen Herzen sich verzehren,</p> - <p class="line">Und im Sehnen Thränen uns verklären,</p> - <p class="line">Geister: Hülfe! rufen tief im Innern,</p> -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> - <p class="line">Und wie Morgenroth ein seliges Erinnern</p> - <p class="line">Aufsteigt aus der stillen dunkeln Nacht,</p> - <p class="line">Alle rothen Küsse mitgebracht,</p> - <p class="line">Alles Lächeln, das die Liebste je gelacht,</p> - <p class="line">O dann saugt mit ihrem Purpurmunde</p> - <p class="line">Himmels-Wollust unsre Wunde,</p> - <p class="line">Sie entsaugt das Gift,</p> - <p class="line">Das vom Bogen dunkler Schwermuth trifft.</p> - <p class="line2">Wie die kleinen fleißgen Bienen</p> - <p class="line">Gehn, um Blumenlippen zu benagen,</p> - <p class="line">Wie sich Schmetterlinge jagen,</p> - <p class="line">Wie die Vögel in dem grünen Dunkeln</p> - <p class="line">Springen, und die Lieder tönen,</p> - <p class="line">Also gaukeln, flattern, funkeln</p> - <p class="line">Alle Worte, alle Blicke, süße Mienen</p> - <p class="line">Von der schönsten einzgen Schönen,</p> - <p class="line">Und in tiefer Winternacht</p> - <p class="line">Lacht und wacht um mich des Frühlings Pracht,</p> - <p class="line">Und die Schmerzen scherzen mit den Zähren,</p> - <p class="line">Und im Weinen scheinen mild sich zu verklären</p> - <p class="line">Leiden in den Freuden, Wonnen in dem Gram,</p> - <p class="line">Wie in der holden Braut die Liebe kämpft mit Schaam,</p> - <p class="line">Und Leid und Lust nun muß vereinigt ziehen</p> - <p class="line">Und schweben nach der Liebe süßen Harmonien.</p> -</div> - -<p class="tit"> -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -<span class="line1">Erste Abtheilung.</span><br /> -<span class="line2">1811.</span> -</p> - -<p class="pbb vs4 first"> -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -<span class="firstchar">D</span>ie Gesellschaft stand vom Tische auf und ging in -den Garten, um die Luft zu genießen, welche am -Morgen ein Gewitter lieblich abgekühlt hatte. Nun, -sagte Clara, sind Sie alle Ihres Versprechens eingedenk -gewesen? Wo sind die Mährchen? -</p> - -<p> -Du bist sehr eilig, sagte Manfred, weißt du doch -nicht, ob sie dir wirklich Freude machen werden. -</p> - -<p> -Sie müssen, antwortete sie lachend, wenn ich nicht -auf die Autoren sehr ungehalten werden soll. -</p> - -<p> -Es ist schwer, sagte Anton, zu bestimmen, worin -denn ein Mährchen eigentlich bestehen und welchen Ton -es halten soll. Wir wissen nicht, was es ist, und -können auch nur wenige Rechenschaft darüber geben, -wie es entstanden sein mag. Wir finden es vor, jeder -bearbeitet es auf eigne Weise und denkt sich etwas anderes -dabei, und doch kommen fast alle in gewissen -Dingen überein, selbst die witzigen nicht ausgenommen, -die jenes Colorit nicht ganz entbehren können, -jenen wundersamen Ton, der in uns anschlägt, wenn -wir nur das Wort Mährchen nennen hören. -</p> - -<p> -Die witzigen, sagte Clara, sind mir von je verhaßt -gewesen. So habe ich den Hamiltonschen nie viel Geschmack -abgewinnen können, so berühmt sie auch sind; -die dahlenden im Feen-Cabinet zogen mich vor Jahren -an, um mich nachher desto gründlicher zu ermüden -und zurück zu stoßen, und unserm Musäus bin ich oft -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -recht böse gewesen, daß er mit seinem spaßhaften Ton, -mit seiner Manier, den Leser zu necken, und ihm -queer in seine Empfindung und Täuschung hineinzufallen, -oft die schönsten Erfindungen und Sagen nur entstellt -und fast verdorben hat. Dagegen finde ich die arabischen -Mährchen, auch die lustigen, äußerst ergötzlich. -</p> - -<p> -Es scheint, sagte Anton, Sie verlangen einen still -fortschreitenden Ton der Erzählung, eine gewisse Unschuld -der Darstellung in diesen Gedichten, die wie -sanft phantasirende Musik ohne Lärm und Geräusch -die Seele fesselt, und ich glaube, daß ich mit Ihnen -derselben Meinung bin. Darum ist das Göthische -Mährchen ein Meisterstück zu nennen. -</p> - -<p> -Gewiß, sagte Rosalie, in so fern wir mit einem -Gedicht zufrieden sein können, das keinen Inhalt hat. -Ein Werk der Phantasie soll zwar keinen bittern -Nachgeschmack zurück lassen, aber doch ein Nachgenießen -und Nachtönen; dieses verfliegt und zersplittert -aber noch mehr als ein Traum, und ich habe deshalb -das herrliche Mährchen von Novalis, so weit ich es -verstehn konnte, diesem weit vorgezogen, welches auch -alle Erinnerungen anregt, aber uns zugleich rührt und -begeistert und den lieblichsten Wohllaut in der Seele -noch lange nachtönen läßt. -</p> - -<p> -Du hast hiemit zugleich, sagte Manfred, die große -Mährchenwelt des Ariost getadelt, dem es auch an -einem Mittelpunkte und wahrem Zusammenhange gebricht. -Die Frage ist nur, ob ein Gedicht schon vollendet -ist, dessen einzelne Theile es sind, und in wie -fern die Seele dann bei einer so vielseitigen Composition -jene Foderung eines innigeren Zusammenhanges -vergessen kann. -</p> - -<p> -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -Diese Frage, fiel Ernst ein, kann gar nicht Statt -finden, denn diese Theile sind ja nur durch das organische -Ganze Theile zu nennen, können aber ohne dieses -im strengeren Sinne nur Fragmente von und zu -Gedichten heißen und als solche geliebt werden. Bei -aller dieser scheinbaren Vortrefflichkeit fehlt die beherrschende -ordnende Seele, die der flüchtigen Schönheit -den ewigen Reiz geben muß. Der Dichter will -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line2">Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ründen,</p> - <p class="line">Er will nicht Mährchen über Mährchen häufen,</p> - <p class="line">Die reizend unterhalten und zuletzt</p> - <p class="line">Wie lose Worte nur verklingend täuschen.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Ich kenne dich und Friedrich schon, sagte Manfred, -als Rigoristen und Ketzermacher, aber ich und -Theodor werden euch zu gefallen den Ariost nicht anders -wünschen, als er nun einmal ist, die Reise nach -dem Monde und den Evangelisten Johannes ausgenommen, -denn beide sind für diese so kühne Fiktion -etwas zu matt ausgefallen. Ueber diesen Dichter, -sagte Anton, dürfte sich ein langer Streit entspinnen, -der sich nur schwer beilegen ließe; sein Werk besteht, -strenge genommen, nur aus Novellen, von denen er -die längsten an verschiedenen Stellen mit scheinbarer -Kunst durchschnitten hat, dasjenige, was alle verbindet, -ist ein gleichförmiger Ton lieblichen Wohllauts; -ich möchte also ebenfalls behaupten, daß sein Gedicht -eigentlich weder Anfang, Mitte noch Ende hat, so -wie ich davon fest überzeugt bin, daß nur wenige -Verehrer, selbst in Italien, ihn oftmals von Anfang zu -Ende durchgelesen haben, so sehr auch alle mit den einzelnen -berühmten und anlockenden Stellen vertraut sind. -</p> - -<p> -Es giebt, sagte Lothar, eine Gattung der Poesie, -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -welche ich, ohne damit ihrer Vortrefflichkeit zu nahe -treten zu wollen, die bequeme oder erfreuliche nennen -möchte, und in dieser stelle ich den Ariost oben an. -Sehn wir auf großer Ebene den hohen weit ausgespannten -blauen Himmel über uns, so erschreckt und -ermüdet in seiner Reinheit dieser Anblick; doch wenn -Wölkchen mit verschiedenen Lichtern in diesem blauen -Kristalle schwimmen, wenn die Sonne sich neigt, und -unten am Horizont wie über uns die lebendigen Düfte -in vielfachen Schimmer sich tauchen, dann erfüllt ein -liebliches Ergötzen unsre Seele. So wollen wir die -große Wiese mit Gebüschen und Bäumen unterbrochen -sehn, und auf gleiche Weise fühlen wir in unsrer -nächsten Umgebung, in unserm Hause, am dringendsten -das Bedürfniß einer gewissen Kunst. Die weißen -leeren Wände unsrer Zimmer und Säle sind uns unleidlich, -Arabesken, Blumen, Thiere und Früchte umgeben -uns in gefärbten und vielfach durchbrochenen -Linien und Flächen mit mancherlei Gestalt, und selbst -der Fußboden muß sich zum Schmuck und zur anständigen -Zier zusammen fügen. Alles soll den äußern -Sinn erregen und dadurch auch den innerlichen beschäftigen, -und Rafaels Wandgemälde im Vatikan sind -für Wohnzimmer vielleicht schon zu erhaben, und also -als immerwährende Gesellschaft unbequem. Dieses -durchaus edle Kunstbedürfniß des gebildeten Menschen -erfüllt Ariost, er ist mehr Gefährte und Freund als -Dichter, und wir thun wohl nicht Unrecht, wenn wir -über die vollendete Schönheit des Einzelnen, über diese -Fülle der Gestalten, über diesen zarten blumenartigen -Witz, über diese ernste und milde Weisheit eines heitern -Sinnes die Zusammensetzung vergessen. -</p> - -<p> -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -Es scheint mir sehr richtig, fuhr Anton fort, daß -diese gesellige Kunst auch in der Poesie sich zeigen dürfe, -und hier finde ich Gelegenheit, an unser gestriges Gespräch -über die Gärten zu erinnern, welches nach meiner -Meinung abbrach, ohne zu beschließen. Die hohe -Empfindung, welche uns der Anblick der Natur gewährt, -sei es das Gefühl des Waldes, des Meeres oder Gebirges, -läßt sich in keinen Garten ziehn, denn diese Gefühle -sind wechselnd, unbeschränkt, unaussprechlich. Diejenigen, -welche in Parks das Seltsam-Schauerliche, -oder das Erhaben-Majestätische erregen wollten, haben -sich im größten Irrthume befunden, und es war natürlich, -daß ihre Bestrebungen in Fratzen ausarten mußten. -Das Schöne und Rührende ist es, welches Hügel, -Baumgruppen, kleine Flüsse, Wasserfälle und Seen erregen -können, ein schwärmendes musikalisches Gefühl, welches -ziemlich deutlich den Künstler, welcher den Garten -anlegen will, bewegen muß, und welches im Beschauen -eben so wiedertönt. Dieser Gärtner wird also wohl -die Natur, aber nicht das Natürliche ausschließen, und -darum zieht mancher Künstler gern kleine Saatfelder -in seinen Park, um eine ganz bestimmte Empfindung -von der beschränkten Beschäftigung der Landwirthschaft -zu erregen, ein kleiner Weinberg zeigt sich wohl auch, -als ein reizendes Widerspiel der Haine und Baumgruppen. -Wie mich nun zwar alles an die Natur erinnert, -so kann ich sie doch hier so wenig, wie im Gedicht -oder in der Malerei unmittelbar empfinden, sondern -ich soll die Kunst in jedem Augenblicke genießen. -Wenden wir uns nun zu der sogenannten französischen -Gartenkunst, so finden wir hier eine dieser natürlichen -völlig widersprechende. Wie sie alle Natur aus ihren -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -Gränzen entfernt, eben so die Erinnerung an das Natürliche; -denn so wenig Getreide und Obst ihren Platz -hier finden, eben so wenig Baum-Parthien, die die -Durchsicht decken, oder abwechselnd reizende Gebüsche, -und jene süße Schwärmerei und musikalische Empfindung -verschlungener Haine und malerischer Ansichten. -Alles dient hier einer Empfindung, die ich am liebsten -im Gegensatz jener musikalisch schwärmerischen Gefühle -eine pathetische Entzückung nennen möchte; alles erhebt -die Seele zur Begeisterung, alles ist klar und unverworren; -gleich vom ersten Eintritt fühle und übersehe -ich den Plan des Ganzen, und aus jedem Punkte finde -ich mich unmittelbar in den Mittelpunkt der großartigen -Composition zurück. Dazu dienen die großen freien -Plätze, die geraden Baumgänge, die bedeckten und verflochtenen -Lauben. Statuen und Wasserkünste verhalten -sich zu diesem Garten so, wie gegenüber Saatfelder -und Weinberge; sie wollen recht bestimmt das Gebildete -aussprechen und darstellen, und wie man den -Park mit Unrecht die Nachahmung einer gemalten -Landschaft nennen würde, da der Gärtner und Maler -vielmehr aus einer gemeinschaftlichen poetischen Quelle -schöpfen, so thäte man auch diesem Kunstgarten Unrecht, -ihn aus der Architektur abzuleiten, da auch der -Architekt nur aus jener mathematischen Poesie des Gemüthes -seine Erfindungen nimmt. Daher scheint es -mir auch geradezu unmöglich, in Bergen einen Park -anzulegen, weil die Natur, die unmittelbar hinein -blickt, die Kunst-Effekte, die ihr hier verwandt sein -sollen, vernichtet. Nach der Natur aber selbst sehnt -sich gewiß jeder aus beiderlei Gärten vielmals hinaus -und Niemand kann sie entbehren. Der regelmäßige -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -Garten schließt vielleicht im Hintergrunde am angenehmsten -mit einem parkähnlichen, so wie der englische -am schicklichsten nahe am Hause freie Räume und eine -gewisse Regelmäßigkeit ausspart. Es ergiebt sich auch -von selbst, daß der regelmäßige Kunstgarten eine allgemeinere -Form hat und leichter, vom Geschmack geleitet, -zweckmäßig nachgeahmt werden kann, daß aber -der Park sich nicht leicht wiederholen läßt, sondern in -jeder neuen Gestalt ein anderes Individuum auftreten -muß. Es ist aber wohl möglich, daß es demohngeachtet -nur wenige Hauptformen giebt, unter welche alle -Gärten dieser Art sich vereinigen lassen, und trotz der -anscheinenden Einförmigkeit dürften dann die französischen -Gärten wohl eben so viele Gattungen aufweisen -können. Ist es erlaubt ein Ding durch ein vergleichendes -Bild deutlich zu machen, so möchte ich am -liebsten den Park mit einem Shakespearschen, und den -regelmäßigen Garten mit einem Calderonschen Lustspiel -vergleichen. Scheinbare Willkühr in jenem, von einem -unsichtbaren Geist der Ordnung gelenkt, Künstlichkeit, -in anscheinender Natürlichkeit, der Anklang aller Empfindungen -auf phantasirende Weise, Ernst und Heiterkeit -wechselnd, Erinnerung an das Leben und seine -Bedürfnisse, und ein Sinn der Liebe und Freundschaft, -welcher alle Theile verbindet. Im südlichen Garten -und Gedicht Regel und Richtschnur, Ehre, Liebe, -Eifersucht in großen Massen und scharfen Antithesen, -eben so Freundschaft und Haß, aber ohne tiefe oder -bizarre Individualität, oft mit den nehmlichen Bildern -und Worten wiederholt, Künstlichkeit und Erhabenheit -der Sprache, Entfernung alles dessen, was unmittelbar -an Natur erinnert, das Ganze endlich verbunden -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -durch einen begeisterten hohen Sinn, der wohl trunken, -aber nicht berauscht erscheint. Ich lasse das Gegenbild -des Gartens unausgemalt, aber man könnte -selbst die Reden in Stanzen oder andern künstlichen -Versmaßen (die sich gewiß ganz von dem, was die -Naturalisten Natur nennen wollen, entfernen) mit -den beschnittenen glänzenden Taxus- und Buxus-Wänden -vergleichen, wenn man witzig im Bilde fortspielen -wollte. -</p> - -<p> -Auch diese, sagte Manfred, dürfen in einem Kunstgarten -nicht fehlen, auch vertragen diese Baumarten die -Scheere am besten, da ihr festes glänzendes Laub nur -langsam wieder nachwächst, und sie sich überhaupt weit -mehr als empfindsame Linden und jugendlich kühne -Buchen darein fügen. Doch glaub’ ich, können geschnitzte -Piramiden und ähnliche Figuren füglich aus -jedem Garten ausgeschlossen werden. -</p> - -<p> -Unser Garten, liebe Mutter, rief Clara, ist nun -hoffentlich auf alle Zeiten gerettet, denn es steht vielleicht -zu erwarten, daß man in der Zukunft manche -der natürlichen Parks wieder in dergleichen künstliche -Anlagen umarbeiten möchte. — — Nicht wahr, mein -Freund, (so wandte sie sich gegen Anton) es ist überhaupt -wohl schwer zu sagen, was denn Natur oder -natürlich sei? -</p> - -<p> -Vielen Mißbrauch, erwiederte dieser, hat man oft -mit diesen Worten getrieben, am meisten in jener -Zeit, als man sich von einem steifen Ceremoniel zu -befreien strebte, welches man irrigerweise Kunst nannte, -und nun gegenüber ein Wesen suchte, welches uns -unter allen Bedingungen das Richtige und die Wahrheit -geben sollte. Kunst und Natur sind aber beide, -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -richtig verstanden, in der Poesie wie in den Künsten, -nur ein und dasselbe. -</p> - -<p> -Am seltsamsten, sagte Theodor, ist mir das Geschlecht -der Naturjäger vorgekommen, welches noch -nicht ausgestorben ist, vor einigen Jahren aber noch -mehr verbreitet war; diejenigen meine ich, welche auf -Sonnen-Auf- und Untergänge von hohen Bergen, auf -Wasserfälle und Naturphänomene wahrhaft Jagd machen, -und sich und andern manchen Morgen verderben, um -einen Genuß zu erwarten, der oft nicht kömmt, und -den sie nachher erheucheln müssen. Diese Leute behandeln -die Natur gerade so, wie sie mit den merkwürdigen -Männern umgehn, sie laufen ihnen ins Haus -und stellen sich ihnen gegenüber; da stehn sie nun an -der bekannten und oftmals besprochenen Stelle, und -wenn in ihrer Seele nun gar nichts vorgeht, so sind -sie nachher wenigstens doch dort gewesen. -</p> - -<p> -Die Natur, fuhr Anton fort, nimmt nicht in -jeder Stunde jedweden vorwitzigen Besuch an, oder -vielmehr sind wir nicht immer gestimmt, ihre Heiligkeit -zu fühlen. In uns selbst muß die Harmonie -schon sein, um sie außer uns zu finden, sonst behelfen -wir uns freilich nur mit leeren Phrasen, ohne die -Schönheit zu genießen: oder es kann auch wohl ein -unvermuthetes Entzücken vom Himmel herab in unser -Herz fallen, und uns die höchste Begeisterung aufschließen: -dazu aber können wir nichts thun, wir können -dergleichen nicht erwarten, sondern eine solche Offenbarung -begiebt sich in uns nur. So viel ist gewiß, daß -jeder Mensch wohl nur zwei- oder dreimal in seinem -Leben das Glück haben kann, wahrhaft einen Sonnen-Aufgang -zu sehn: dergleichen geht auch dann nicht, -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -wie Sommerwolken, unserm Gemüth vorüber, sondern -es macht Epoche in unserm Leben, wir brauchen lange -Zeit, um uns von solcher Entzückung wieder zu erholen, -und viele Jahre zehren noch von diesen erhabenen -Minuten. Aber nur Stille und Einsamkeit vergönnen -diese Gaben; eine Gesellschaft, die sich zu dergleichen -auf einem Berge versammelt, steht nur vor dem Theater, -und bringt auch gewöhnlich dieselbe alberne Freude -und leere Kritik wie dort mit herunter. -</p> - -<p> -Noch seltsamer, sagte Ernst, daß so wenige Menschen -den wundervollen Schauer, die Beängstigung -empfinden, oder sich gestehn, die in manchen Stunden -die Natur unserm Herzen erregt. Nicht bloß auf den -ausgestorbenen Höhen des Gotthard erregt sich unser -Gemüth zum Grauen, nicht bloß -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line2">— wenn es hin zur Fluth euch lockt, —</p> - <p class="line">— zum grausen Wipfel jenes Felsen,</p> - <p class="line">Der in die See nickt über seinen Fuß, —</p> - <p class="line">Der Ort an sich bringt Grillen der Verzweiflung</p> - <p class="line">Auch ohne weitern Grund in jedes Hirn,</p> - <p class="line">Der so viel Klafter niederschaut zur See,</p> - <p class="line">Und hört sie unten brüllen;</p> -</div> - -<p class="noindent"> -sondern selbst die schönste Gegend hat Gespenster, die -durch unser Herz schreiten, sie kann so seltsame Ahndungen, -so verwirrte Schatten durch unsre Phantasie -jagen, daß wir ihr entfliehen, und uns in das Getümmel -der Welt hinein retten möchten. Auf diese -Weise entstehn nun wohl auch in unserm Innern Gedichte -und Mährchen, indem wir die ungeheure Leere, -das furchtbare Chaos mit Gestalten bevölkern, und -kunstmäßig den unerfreulichen Raum schmücken; diese -Gebilde aber können dann freilich nicht den Charakter -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -ihres Erzeugers verläugnen. In diesen Natur-Mährchen -mischt sich das Liebliche mit dem Schrecklichen, -das Seltsame mit dem Kindischen, und verwirrt unsre -Phantasie bis zum poetischen Wahnsinn, um diesen selbst -nur in unserm Innern zu lösen und frei zu machen. -</p> - -<p> -Sind die Mährchen, fragte Clara, die Sie uns -mittheilen wollen, von dieser Art? -</p> - -<p> -Vielleicht, antwortete Ernst. -</p> - -<p> -Doch nicht allegorisch? -</p> - -<p> -Wie wir es nennen wollen, sagte jener. Es giebt -vielleicht keine Erfindung, die nicht die Allegorie, auch -unbewußt, zum Grund und Boden ihres Wesens hätte. -Gut und böse ist die doppelte Erscheinung, die schon -das Kind in jeder Dichtung am leichtesten versteht, die -uns in jeder Darstellung von neuem ergreift, die -uns aus jedem Räthsel in den mannichfaltigsten Formen -anspricht, und sich selbst zum Verständniß ringend -auflösen will. Es giebt eine Art, das gewöhnlichste -Leben wie ein Mährchen anzusehn, eben so kann man -sich mit dem Wundervollsten, als wäre es das Alltäglichste, -vertraut machen. Man könnte sagen, alles, -das Gewöhnlichste, wie das Wunderbarste, Leichteste -und Lustigste habe nur Wahrheit und ergreife uns nur -darum, weil diese Allegorie im letzten Hintergrunde als -Halt dem Ganzen dient, und eben darum sind auch -Dante’s Allegorien so überzeugend, weil sie sich bis zur -greiflichsten Wirklichkeit durchgearbeitet haben. Novalis -sagt: nur <em>die</em> Geschichte ist eine Geschichte, die auch -Fabel sein kann. Doch giebt es auch viele kranke und -schwache Dichtungen dieser Art, die uns nur in Begriffen -herum schleppen, ohne unsre Phantasie mit -zu nehmen, und diese sind die ermüdendste Unterhaltung. -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -— Allein Anton mag uns jezt sein einleitendes -Gedicht vorlesen, welches er uns versprochen -hat. -</p> - -<p> -Anton zog einige Blätter hervor und las: -</p> - -<h2 class="part" id="part-3"> -<span class="line1">Phantasus.</span> -</h2> - -<div class="poem first"> - <p class="line"><span class="firstchar">B</span>etrübt saß ich in meiner Kammer,</p> - <p class="line">Dacht’ an die Noth, an all den Jammer,</p> - <p class="line">Der rundum drückt die weite Erde,</p> - <p class="line">Daß man nur schaut Trauergeberde,</p> - <p class="line">Daß Lust und Sang und frohe Weisen</p> - <p class="line">Gezogen weit von uns auf Reisen,</p> - <p class="line">Daß Argwohn, Mißtraun unsre Gäste,</p> - <p class="line">So Furcht wie Angst bei jedem Feste,</p> - <p class="line">Daß jedermann nur frägt in Sorgen:</p> - <p class="line">Wie wird es mit dir heut und morgen?</p> - <p class="line">Dazu war ich noch schwach und krank,</p> - <p class="line">Mir war so Tag wie Nacht zu lang;</p> - <p class="line">Ich sorgte, was mein Arzt ermessen,</p> - <p class="line">Was ich nicht trinken durft’ und essen,</p> - <p class="line">Wie meine Pein zu lindern wäre,</p> - <p class="line">Was mir den Schlaf, die Ruh nicht störe:</p> - <p class="line">So saß ich still in mich gebückt,</p> - <p class="line">Den Kopf in meine Hand gedrückt,</p> - <p class="line">Als ich, so sinnend, es vernahm</p> - <p class="line">Daß jemand an die Thüre kam,</p> - <p class="line">Es klopfte, und ich rief: herein!</p> - <p class="line">Da öffnet schnell ein Händelein</p> - <p class="line">So weiß wie Baumesblüth, herfür</p> - <p class="line">Trat dann ein Knäblein in die Thür,</p> - <p class="line">Das Haupt gekränzt mit jungen Rosen,</p> -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> - <p class="line">Die eben aus den Knospen losen,</p> - <p class="line">Wie Rosengluth die Lippen hold,</p> - <p class="line">Das krause Haar ein funkelnd Gold,</p> - <p class="line">Die Augen dunkel, violbraun,</p> - <p class="line">Der Leib gar lieblich anzuschaun.</p> - <p class="line">Er trat vor mich und thät sich neigen,</p> - <p class="line">Und sprach alsdann nach kurzem Schweigen:</p> - <p class="line">Wie kömmts, mein lieber kranker Freund,</p> - <p class="line">Daß ihr hier sitzt, da Sonne scheint?</p> - <p class="line">Der Frühling geht umher mit Pracht,</p> - <p class="line">Hat Laub des Waldes angefacht,</p> - <p class="line">Es brennt das grüne Feuer wieder,</p> - <p class="line">Und drein ertönen tausend Lieder,</p> - <p class="line">Die Erde trägt ihr Sommerkleid,</p> - <p class="line">Der Plan erglänzt von Blumen weit,</p> - <p class="line">Es spielt der Fisch in blauem See,</p> - <p class="line">Vom Obstbaum hängt der Blüthenschnee,</p> - <p class="line">Die Lieb- und Segen-schwangre Luft</p> - <p class="line">Durchspielt in Wogen Kraft und Duft,</p> - <p class="line">Das Kindlein lacht die Blüthen an</p> - <p class="line">Aus rothem Mund mit weißem Zahn,</p> - <p class="line">Der Jüngling sieht sein Herz und Lieben</p> - <p class="line">In Blumenschrift mit Glanz geschrieben,</p> - <p class="line">Sich hebt der Jungfrau schöne Brust</p> - <p class="line">In ahndungsvoller Liebeslust,</p> - <p class="line">Der Greis erfrischt die alten Glieder</p> - <p class="line">Und dünkt sich in der Kindheit wieder,</p> - <p class="line">Und jedermann fühlt freudenschwanger</p> - <p class="line">Den dunkeln Wald, den lichten Anger.</p> - <p class="line">Du nur willst sitzen hier gekauert,</p> - <p class="line">In deinen Sorgen eingemauert,</p> - <p class="line">Von Schwermuths-Wolken rings umhängt,</p> -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> - <p class="line">In Noth und Zweifeln eingeengt?</p> - <p class="line">Ich kenne dich nicht wieder schier;</p> - <p class="line">Hinaus mach’ stracks dich vor die Thür,</p> - <p class="line">Und thu dein menschlich Angesicht</p> - <p class="line">Hinein in holdes Himmelslicht,</p> - <p class="line">Laß nicht die Stirn dir so verrunzeln,</p> - <p class="line">Der Lippen Frische ganz verschrunzeln,</p> - <p class="line">Das Auge, das sonst Strahlen scharf,</p> - <p class="line">Von seinem lichten Bogen warf,</p> - <p class="line">Ist tief hinein zum Haupt geschmolzen</p> - <p class="line">Und schießt nur schwer’ und stumpfe Bolzen;</p> - <p class="line">Entzweit hat sich dein Mund mit Lachen,</p> - <p class="line">Scherz, Kuß sind ihm wildfremde Sachen,</p> - <p class="line">In deiner gelb verschrumpften Haut</p> - <p class="line">Der Kummer sich im Spiegel schaut;</p> - <p class="line">Nicht, Creatur, mach’ Schand’ und Spott,</p> - <p class="line">Der dich geschaffen, deinem Gott,</p> - <p class="line">Schau aus, als seist nach seinem Bilde</p> - <p class="line">Formiret edel, heiter, milde,</p> - <p class="line">Verbrümmelt nicht und ungelachsen,</p> - <p class="line">Als sein in dir zusamm gewachsen</p> - <p class="line">All Unkraut, Stacheln, Disteln, Dorn,</p> - <p class="line">Mit Schimmel, Pilzen fest verworrn;</p> - <p class="line">Frisch auf, laß dich von mir regieren,</p> - <p class="line">Ins Frühlings-Reich will ich dich führen.</p> - <p class="line2">Er schwang in seiner Rechten zart</p> - <p class="line">Die Tulpenblum seltsamer Art,</p> - <p class="line">Wie er sie auf und nieder regte</p> - <p class="line">Ein farbig Feuer sich bewegte,</p> - <p class="line">Und lichte Sterne kreisten, welche</p> - <p class="line">Sich schüttelten aus goldnem Kelche,</p> - <p class="line">Sie flogen wie die Vöglein munter</p> -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> - <p class="line">Mir um das Haupt, herauf, herunter,</p> - <p class="line">Und neckten mich mit Flammenleuchte,</p> - <p class="line">Wie ich auch bang sie von mir scheuchte.</p> - <p class="line">Ich sprach halb zornig: wer bist du,</p> - <p class="line">Der mich gestört in meiner Ruh,</p> - <p class="line">Du Knäblein laut, vorwitziglich,</p> - <p class="line">Der du also bespöttelst mich,</p> - <p class="line">Und willst, weil du ein Kindlein frei,</p> - <p class="line">Daß alle Welt auch kindisch sei?</p> - <p class="line">Ich habe mehr gelernt, erfahren,</p> - <p class="line">Bin auch jetzund was mehr bei Jahren,</p> - <p class="line">Daß Spiel, unnützer Zeitvertreib</p> - <p class="line">Nicht mehr gefallen meinem Leib,</p> - <p class="line">Auch ist umher die ganze Welt</p> - <p class="line">Auf Ernst, Nachdenklichkeit gestellt,</p> - <p class="line">Daß der nur Thor jedwedem scheint,</p> - <p class="line">Der sich nicht höherm Zweck vereint,</p> - <p class="line">Du aber, Knäblein, bist inmitten</p> - <p class="line">Der Bildung nicht mit fortgeschritten,</p> - <p class="line">Meinst noch, daß man nach Blum’ und Kraut</p> - <p class="line">Und all den Kinderein ausschaut,</p> - <p class="line">Das hält man jezt für Rauch und Dunst,</p> - <p class="line">Mein Sohn, die Zeit ist nicht wie sunst.</p> - <p class="line2">Der Knabe lacht’, daß sich das Gold</p> - <p class="line">Der Locken in einander rollt</p> - <p class="line">Und sprach: sonst hast mich wohl gekannt,</p> - <p class="line">Ich bin der Phantasus genannt,</p> - <p class="line">Heimathlich war ich sonst bei dir,</p> - <p class="line">Dein Spielgefährte für und für,</p> - <p class="line">Als du mich noch am Herzen hegtest</p> - <p class="line">Und väterlich und freundlich pflegtest,</p> - <p class="line">Da war dein Sinn anders gestellt,</p> -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> - <p class="line">Mit dir zufrieden und der Welt</p> - <p class="line">War dir die Arbeit Lust und Scherz,</p> - <p class="line">Frisch und gesund dein junges Herz.</p> - <p class="line2">Mein Auge, sprach ich, ist wohl blind;</p> - <p class="line">Du also bist dasselbe Kind,</p> - <p class="line">Das täglich Blumen mir gebracht,</p> - <p class="line">Holdseeliglich mich angelacht,</p> - <p class="line">Das mir verscherzt die muntern Stunden,</p> - <p class="line">Vielfältig Spielzeug mir erfunden?</p> - <p class="line">Seitdem bist du von mir entwichen</p> - <p class="line">Und anderwärts umher gestrichen,</p> - <p class="line">Da kamen Ernst, Vernunft, Verstand,</p> - <p class="line">Und gaben mir in meine Hand</p> - <p class="line">Der Bücher viel und mancherlei</p> - <p class="line">Voll tiefen Sinns, Philosophei,</p> - <p class="line">Ich strebte, mich aus rohem Wilden</p> - <p class="line">Zum wahren Menschen umzubilden;</p> - <p class="line">Drauf ich auch zur Geschichte kam,</p> - <p class="line">Die Noth der Welt zu Herzen nahm,</p> - <p class="line">Die Chronikbücher unverdrossen</p> - <p class="line">Hab’ ich in Nächten aufgeschlossen,</p> - <p class="line">Die Vorzeit stieg zu mir herüber</p> - <p class="line">Und immer ernster wards und trüber:</p> - <p class="line">Bald schien mich an ein flüchtig Blitzen,</p> - <p class="line">Dann glaubt’ ich Wahrheit zu besitzen,</p> - <p class="line">Dann kam die Dämmrung, faßt’ es wieder</p> - <p class="line">Und taucht’ es in die Finstre nieder;</p> - <p class="line">Die Nacht ward wieder Lichtes schwanger,</p> - <p class="line">Das neue Licht macht’ mich noch banger,</p> - <p class="line">Wohl ahndend, daß, wenns ausgegohren,</p> - <p class="line">Die Finstre neu draus wird geboren:</p> - <p class="line">So wies Histori mir nur Noth,</p> -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> - <p class="line">Im Leben auch nur Grab und Tod,</p> - <p class="line">Das Schöne stirbt, der Glanz löscht aus,</p> - <p class="line">Das Irdisch-Schlechte baut sein Haus,</p> - <p class="line">Und spricht von seinem Felsenthron</p> - <p class="line">Den hohen Göttersöhnen Hohn:</p> - <p class="line">Natur hab’ ich ergründen wollen,</p> - <p class="line">Da kam ich gar auf seltsam Schrollen,</p> - <p class="line">Verlor mich in ein steinern Reich,</p> - <p class="line">Ich glaubte all’s, nichts doch zugleich,</p> - <p class="line">Wollt’ Pflanz, Metall und Stein verstehn,</p> - <p class="line">Mußt’ mir doch selbst verloren gehn,</p> - <p class="line">Hatt’ viel Kunstworte bald erstanden,</p> - <p class="line">Ich selbst gekommen nur abhanden,</p> - <p class="line">Um endlich wieder zu gelangen</p> - <p class="line">Noch dummer wo ich ausgegangen:</p> - <p class="line">Vielleicht weil du, mein Sohn, gefehlt,</p> - <p class="line">Hab’ ich in Angst mich abgequält,</p> - <p class="line">Verstehst du wohl die alten Schriften,</p> - <p class="line">Wandelst wohl auch auf Weisheits-Triften?</p> - <p class="line">Doch still, ich will dich jezt nicht plagen,</p> - <p class="line">Komm, laß uns in den schönen Tagen</p> - <p class="line">So spielen, wie wir sonst gepflogen,</p> - <p class="line">Wenn du mir etwas noch gewogen.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line2">Der Kleine schmeichelt’ sich an mich,</p> - <p class="line">Drückt’ an mein Knie mit Lächeln sich,</p> - <p class="line">Wandt’ sich hieher und dorthin nun,</p> - <p class="line">Fast wie die jungen Kätzlein thun.</p> - <p class="line">Da gehn wir aus dem Haus, und warm</p> - <p class="line">Nimmt Sommer mich in seinen Arm,</p> - <p class="line">Die Lerch’ in Lüften jubilirt,</p> - <p class="line">Hänfling und Drossel musizirt,</p> -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> - <p class="line">Das Grün schmiegt sich um Plan und Hügel,</p> - <p class="line">Der Schmetterling wiegt Purpurflügel,</p> - <p class="line">Die Blumen roth, braun, gold und blau</p> - <p class="line">Stehn dicht gedrängt auf grüner Au,</p> - <p class="line">Die Bienen summen lustig, nippen</p> - <p class="line">Den Honigseim von Blumenlippen,</p> - <p class="line">Duft, röthlich Glanz kreucht aus dem Baum,</p> - <p class="line">Hängt von dem Zweig, ein süßer Traum.</p> - <p class="line">Wie ist, sprach ich, die Welt so bunt,</p> - <p class="line">Von neuem tönt und schwazt der Mund</p> - <p class="line">Der kindschen Quellen, Frühlings Hand</p> - <p class="line">Nahm von den Zungen ab das Band,</p> - <p class="line"><a id="corr-3"></a>Daß Winter jährlich um sie legt,</p> - <p class="line">Daß sich kein lautes Wörtchen regt,</p> - <p class="line">Die Sommergäst’ auch sind mit Schalle</p> - <p class="line">Ins Land zurück gekommen alle.</p> - <p class="line2">Indem wand sich der Buchenhain</p> - <p class="line">Vom Plane ab den Weg hinein,</p> - <p class="line">Der Glanz mit Grün schön war gemischt,</p> - <p class="line">Die stille Luft vom Wind erfrischt,</p> - <p class="line">Die wilden Tauben hört’ ich girren,</p> - <p class="line">Zeisig und Fink in Nestern schwirren,</p> - <p class="line">Ein Duft süß aus den Bäumen floß,</p> - <p class="line">Ein Rieseln sänftlich sich ergoß</p> - <p class="line">Aus Tannenbäumen, die vom Winde</p> - <p class="line">Sanft angespielt erklangen linde,</p> - <p class="line">Das all war meinem kranken Leben</p> - <p class="line">Als Labsal und Arznei gegeben.</p> - <p class="line">Wo sind wir, Liebster? rief ich aus,</p> - <p class="line">Sei mir gegrüßt, du grünes Haus,</p> - <p class="line">Gegrüßt ihr frischen Bogengänge,</p> - <p class="line">Willkommen mir ihr Waldesklänge!</p> -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> - <p class="line">Ich war noch nie in den Revieren,</p> - <p class="line">Sprich, wohin willst du mich denn führen?</p> - <p class="line">Er sagte nichts, nur freundlich winkt</p> - <p class="line">Sein Aug’, das mir ins Auge blinkt.</p> - <p class="line">Einsamer ward der dichte Hain,</p> - <p class="line">Gespaltener des Lichtes Schein,</p> - <p class="line">Der sich in Gattern um uns legte</p> - <p class="line">Und mit des Luftes Zug bewegte;</p> - <p class="line">Da hört’ ich Wild von ferne schrein,</p> - <p class="line">Da sangen fremde Vögel drein</p> - <p class="line">Mit wundersamen Ton, es klangen</p> - <p class="line">Viel Bächlein, die aus Felsen sprangen,</p> - <p class="line">Wie Schatten zog es her und hin,</p> - <p class="line">Ein Schauer flog durch <a id="corr-4"></a>meinen Sinn.</p> - <p class="line">Nun wars, als hört’ ich Kinder plaudern,</p> - <p class="line">Hin lief ich ohne länger Zaudern,</p> - <p class="line">Und als ich nach dem Ort gekommen,</p> - <p class="line">Von wo ich erst den Ton vernommen,</p> - <p class="line">Da that sich auf des Waldes Dunkel,</p> - <p class="line">Und vor mir lag ein hell Gefunkel,</p> - <p class="line">Roth sah ich wilde Nelken blühn,</p> - <p class="line">Sammt lichten Sternen von Jasmin,</p> - <p class="line">Und duftend Kraut Je länger lieber,</p> - <p class="line">Das rankte eine Grott’ hinüber,</p> - <p class="line">An die sich hoch der Epheu schlang,</p> - <p class="line">Und aus der Höhle kam Gesang.</p> - <p class="line">Da schaut ich in den Fels hinein,</p> - <p class="line">Dort saß ein Bild mit lichtem Schein,</p> - <p class="line">Güldnes Gewand den Leib umfloß,</p> - <p class="line">An den sich Spang’ und Gürtel schloß,</p> - <p class="line">Das Antliz bleich, entfärbt die Wange,</p> - <p class="line">Sie schien in Furcht und Zittern bange</p> -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> - <p class="line">Und schloß sich an ein Mannsgebild,</p> - <p class="line">Das schaute aus den Augen wild,</p> - <p class="line">Doch lächelt’ er mit Freundlichkeit:</p> - <p class="line">Er war in schwarz Gewand gekleidt,</p> - <p class="line">Ein dunkles Haar hing um das Haupt,</p> - <p class="line">Er trug von wildem Wein umlaubt</p> - <p class="line">Den güldnen Stab in seiner Hand,</p> - <p class="line">Geflochten war um sein Gewand</p> - <p class="line">Epheu und Tannenzweig’ in Kränzen,</p> - <p class="line">Wozwischen rothe Rosen glänzen;</p> - <p class="line">Er sprach und sang der Schönen vor,</p> - <p class="line">Und flüsterte ihr oft ins Ohr.</p> - <p class="line">Da fragt’ ich: Kind, wer sind die beide?</p> - <p class="line">Der Knabe sprach: im schwarzen Kleide</p> - <p class="line">Der ist der Schreck, von Mährchen alten</p> - <p class="line">Beschreibt er gern die Schau’rgestalten;</p> - <p class="line">Das Mägdlein da im lichten Kleid</p> - <p class="line">Ist meine liebe Albernheit,</p> - <p class="line">Sie ängstet sich und um so gerner</p> - <p class="line">Hört sie den andern reden ferner,</p> - <p class="line">Sie fürchtet sich vor dem Erschrecken,</p> - <p class="line">Läßt sich doch spielend davon necken,</p> - <p class="line">Sie lächelt, und vor Schauder weint</p> - <p class="line">Ihr Lachen, das in Thränen scheint,</p> - <p class="line">Sie freut sich und wird voraus bleich,</p> - <p class="line">So spielt sie mit dem Geisterreich,</p> - <p class="line">Wenn Schreck ihr sagt: nun sprech’ ich jezt,</p> - <p class="line">Was dich recht durch und durch entsetzt!</p> - <p class="line">Dann bittet sie: so schweige lieber, —</p> - <p class="line">Nein, spricht sie dann, erzähl’ es, Lieber;</p> - <p class="line">Nun rauscht der schwarze Tannenhain,</p> - <p class="line">Dann weinen Felsenbäche drein,</p> -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> - <p class="line">Sie meint, sie stirbt vor Angst und Schmerz</p> - <p class="line">Und drückt dem Schreck sich fest ans Herz.</p> - <p class="line2">Da sah ich einen Kleinen gaukeln</p> - <p class="line">Und sich in allen Blumen schaukeln,</p> - <p class="line">Ein herzigs Kind, das auf und nieder</p> - <p class="line">Im Tanze schwang die zarten Glieder,</p> - <p class="line">Bald klettert’ es in Epheuranken</p> - <p class="line">Und ließ sich kühn vom Winde schwanken,</p> - <p class="line">Bald stand oben am Fels der Lose</p> - <p class="line">Und duckte sich in eine Rose.</p> - <p class="line">So eilig, daß der Stengel knickte</p> - <p class="line">Wie er sich in die Röthe bückte,</p> - <p class="line">Dann fiel er lachend auf die Au</p> - <p class="line">Und war benetzt vom Rosenthau:</p> - <p class="line">In Blättern, aus Jasmin gezogen,</p> - <p class="line">Beschifft’ er dann des Baches Wogen,</p> - <p class="line">Und bracht’ als Kriegsgefangne heim</p> - <p class="line">Die Bienen mit dem Honigseim;</p> - <p class="line">Dann sucht’ er Muscheln sich im Sande</p> - <p class="line">Und Stein’ und Kiesel vielerhande,</p> - <p class="line">Und putzte drin das Felsenhaus</p> - <p class="line">Mit vielen artgen Schnörkeln aus:</p> - <p class="line">Auf einmal ließ er alles liegen</p> - <p class="line">Und schien durch Lüfte schnell zu fliegen,</p> - <p class="line">Nun auf dem höchsten Tannenbaum</p> - <p class="line">Stand er und übersah den Raum,</p> - <p class="line">Mit Riesenstärke bog er dann</p> - <p class="line">Des Baumes Wipfel auf den Plan</p> - <p class="line">Und ließ ihn dann zurücke schießen;</p> - <p class="line">Des Baches Wogen mußten fließen</p> - <p class="line">In Wasserfällen laut und brausend,</p> - <p class="line">Der mächtge Wald dazwischen sausend,</p> -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> - <p class="line">Ein furchtbar Echo, das von oben</p> - <p class="line">Hin durch den Thalgrund sprach mit Toben,</p> - <p class="line">Dazu des Donners Krachen viel,</p> - <p class="line">Schien alles ihm nur Harfenspiel.</p> - <p class="line">Er selbst, der erst ein kleiner Zwerg,</p> - <p class="line">War jezt großmächtig wie ein Berg,</p> - <p class="line">Und sprang so schnell wie Blitzes Lauf,</p> - <p class="line">Zur Höhe des Gebirgs hinauf,</p> - <p class="line">Riß aus der Wurzel mächtge Felsen,</p> - <p class="line">Die ließ er sich zum Thale wälzen</p> - <p class="line">Mit lautem Donnern, furchtbarm Krachen,</p> - <p class="line">Das machte ihn von Herzen lachen,</p> - <p class="line">Wie sie im Pürzen, Springen, Kollern,</p> - <p class="line">So ungeschlacht zur Ebne schollern,</p> - <p class="line">Wie sie die nackten Hauer fletschen</p> - <p class="line">Und Wald und Berg im Sturz zerquetschen.</p> - <p class="line">Da war ich bang und furchtsam fast,</p> - <p class="line">Ich sprach: wer ist der schlimme Gast,</p> - <p class="line">Der erst ein Kindlein thörigt spielte,</p> - <p class="line">An Bienen nur sein Müthlein kühlte,</p> - <p class="line">Ein Tandmann schien, doch nun erwachsen</p> - <p class="line">So ungeheuer, ungelachsen,</p> - <p class="line">Daß kaum noch so viel Kraft der Welt,</p> - <p class="line">Daß sie ihn sich vom Halse hält?</p> - <p class="line">Das ist der Scherz, so sprach mein Freund,</p> - <p class="line">Der Groß und Klein dasselbe scheint;</p> - <p class="line">Oft ist er zart und lieb unschuldig,</p> - <p class="line">Doch wird er wild und ungeduldig,</p> - <p class="line">So kühlt er seinen Muth, den frechen,</p> - <p class="line">Und all’s muß biegen oder brechen. —</p> - <p class="line">Kann man nicht, fragt’ ich, Sitt’ ihm lehren? —</p> - <p class="line">Das hieß ihn nur, sprach er, verkehren,</p> -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> - <p class="line">Er acht’t kein noch so klug Gebot,</p> - <p class="line">Und schreit nur, das thut mir nicht noth!</p> - <p class="line">So lassen sie ihm seinen Willen. —</p> - <p class="line">Da schlug urplötzlich aus dem Stillen</p> - <p class="line">Der Sang von tausend Nachtigallen,</p> - <p class="line">Die ließen ihre Klage schallen,</p> - <p class="line">Und aus dem grünen Waldesraum</p> - <p class="line">Erglänzt’ ein leuchtend goldner Saum,</p> - <p class="line">Von Purpurkleidern, die erbeben</p> - <p class="line">In Gluth, wie sich die Glieder heben</p> - <p class="line">Vom schönsten weiblichen Gebilde,</p> - <p class="line">Sie schritt nun lächelnd zum Gefilde,</p> - <p class="line">Und kam aus dunkelm Wald hervor</p> - <p class="line">Wie Sonne durch des Morgens Thor,</p> - <p class="line">Das goldne Haar in Wellen fließend,</p> - <p class="line">Das lichte Aug’ die Welt begrüßend,</p> - <p class="line">Das rothe Lächeln Wonne streuend,</p> - <p class="line">Des Leibes Glanz rings all erfreuend;</p> - <p class="line">So wie die Augen leuchtend gingen,</p> - <p class="line">Die Blumen an zu blühen fingen,</p> - <p class="line">Das Gras ward grüner, Wonnebeben</p> - <p class="line">Schien Stein und Felsen zu beleben,</p> - <p class="line">Die Wasser jauchzten, und im Innern</p> - <p class="line">Bewegt ein seliges Erinnern</p> - <p class="line">Der Erde allertiefstes Herz,</p> - <p class="line">Demant erwuchs und Goldes-Erz.</p> - <p class="line">Wer ist, fragt ich, die dort regiert,</p> - <p class="line">So zart und edel gliedmasirt,</p> - <p class="line">Die Klare, Holde, minniglich’?</p> - <p class="line">Nenn’ ihren Namen, Knabe, sprich!</p> - <p class="line2">Dir ist es also nicht bewußt,</p> - <p class="line">Sprach, Phantasus, in deiner Brust,</p> -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> - <p class="line">Was Thier’ und Pflanzen, Stein’ empfinden,</p> - <p class="line">Ich muß dir ihren Namen künden?</p> - <p class="line">Die Liebe ist sie! Und alsbald</p> - <p class="line">Kannt’ ich die göttliche Gestalt,</p> - <p class="line">Ich sprach im Flehn zu ihr: demüthig</p> - <p class="line">Komm’ ich zu dir, o sei mir gütig,</p> - <p class="line">Wie du die ganze Welt beglückst,</p> - <p class="line">In jedes Herz die Wonne schickst,</p> - <p class="line">Gedenke mein, laß nicht mein Leben</p> - <p class="line">Als liebeleeren Traum verschweben.</p> - <p class="line">Gebietend hob sie auf die Hand,</p> - <p class="line">Da kamen aus dem grünen Land,</p> - <p class="line">Von Bergen, aus dem niedern Thal,</p> - <p class="line">Die Geister wimmelnd ohne Zahl,</p> - <p class="line">Aus Bächen huben sie sich schnell</p> - <p class="line">Und leuchteten von Schimmern hell,</p> - <p class="line">Die Bäume thaten all sich auf,</p> - <p class="line">Es sprangen vor mit munterm Lauf,</p> - <p class="line">Die zarten Elfen, und aus kleinen</p> - <p class="line">Blümlein wollten sie auch erscheinen,</p> - <p class="line">Gar klein gestalt, in Farben bunt:</p> - <p class="line">Da sang ein tausendfacher Mund</p> - <p class="line">Der hohen Göttin Lob und Dank,</p> - <p class="line">Gar wundersam war der Gesang,</p> - <p class="line">Sie sonnten sich in ihrem Lächeln</p> - <p class="line">Berauscht von ihres Othems Fächeln.</p> - <p class="line">Da wandt’ sich Phantasus zu mir:</p> - <p class="line">Nun, Werther, wie gefällts dir hier?</p> - <p class="line">Ich wollte sprechen: seeliglich</p> - <p class="line">Dünkt mir dies Leben sicherlich,</p> - <p class="line">Doch nahm der allergrößte Schreck</p> - <p class="line">Mir plötzlich Stimm und Othem weg;</p> -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> - <p class="line">Was ich für Grott’ und Berg gehalten,</p> - <p class="line">Für Wald und Flur und Felsgestalten,</p> - <p class="line">Das war ein einzigs großes Haupt,</p> - <p class="line">Statt Haar und Bart mit Wald umlaubt,</p> - <p class="line">Still lächelt er, daß seine Kind’</p> - <p class="line">In Spielen glücklich vor ihm sind,</p> - <p class="line">Er winkt, und ahndungsvolles Brausen</p> - <p class="line">Wogt her in Waldes heil’gem Sausen,</p> - <p class="line">Da fiel ich auf die Knie nieder,</p> - <p class="line">Mir zitterten in Angst die Glieder,</p> - <p class="line">Ich sprach zum Kleinen nur das Wort:</p> - <p class="line">Sag an, was ist das Große dort?</p> - <p class="line">Der Kleine sprach: Dich faßt sein Graun,</p> - <p class="line">Weil du ihn darfst so plötzlich schaun,</p> - <p class="line">Das ist der Vater, unser Alter,</p> - <p class="line">Heißt Pan, von allem der Erhalter. —</p> - <p class="line2">Ein mächt’ger Schauder faßte mich,</p> - <p class="line">Mit Zittern schnell erwachte ich,</p> - <p class="line">Und so bewegt von dem Gesicht</p> - <p class="line">Verkünd’ ichs euch, verschweig’ es nicht.</p> -</div> - -<p class="tb"> -——— -</p> - -<p class="noindent"> -Nach einer Pause sagte Clara: ich glaube Ihren -Sinn zu verstehn, aber unartig, ja grausam finde ich -es, daß Sie über Ihre Krankheit scherzen, und zur -Strafe dafür sollen Sie uns ohne auszuruhen sogleich -das erste Mährchen mittheilen, denn ich hörte gestern, -daß Ihnen der Beginn dieser Erzählungen zugesprochen -sei. Anton fing an zu lesen. -</p> - -<h2 class="part" id="part-4"> -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -<span class="line1">Der blonde Eckbert.</span><br /> -<span class="line2">1796.</span> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>n einer Gegend des Harzes wohnte ein Ritter, den -man gewöhnlich nur den blonden Eckbert nannte. Er -war ohngefähr vierzig Jahr alt, kaum von mittler -Größe, und kurze hellblonde Haare lagen schlicht und -dicht an seinem blassen eingefallenen Gesichte. Er -lebte sehr ruhig für sich und war niemals in den Fehden -seiner Nachbarn verwickelt, auch sah man ihn -nur selten außerhalb den Ringmauern seines kleinen -Schlosses. Sein Weib liebte die Einsamkeit eben so -sehr, und beide schienen sich von Herzen zu lieben, -nur klagten sie gewöhnlich darüber, daß der Himmel -ihre Ehe mit keinen Kindern segnen wolle. -</p> - -<p> -Nur selten wurde Eckbert von Gästen besucht, und -wenn es auch geschah, so wurde ihretwegen fast nichts -in dem gewöhnlichen Gange des Lebens geändert, die -Mäßigkeit wohnte dort, und die Sparsamkeit selbst -schien alles anzuordnen. Eckbert war alsdann heiter -und aufgeräumt, nur wenn er allein war, bemerkte -man an ihm eine gewisse Verschlossenheit, eine stille -zurückhaltende Melankolie. -</p> - -<p> -Niemand kam so häufig auf die Burg als Philipp -Walther, ein Mann, dem sich Eckbert angeschlossen -hatte, weil er an diesem ohngefähr dieselbe Art zu -denken fand, der auch er am meisten zugethan war. -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -Dieser wohnte eigentlich in Franken, hielt sich aber -oft über ein halbes Jahr in der Nähe von Eckberts -Burg auf, sammelte Kräuter und Steine, und beschäftigte -sich damit, sie in Ordnung zu bringen, er -lebte von einem kleinen Vermögen und war von Niemand -abhängig. Eckbert begleitete ihn oft auf seinen -einsamen Spaziergängen, und mit jedem Jahre entspann -sich zwischen ihnen eine innigere Freundschaft. -</p> - -<p> -Es giebt Stunden, in denen es den Menschen -ängstigt, wenn er vor seinem Freunde ein Geheimniß -haben soll, was er bis dahin oft mit vieler Sorgfalt -verborgen hat, die Seele fühlt dann einen unwiderstehlichen -Trieb, sich ganz mitzutheilen, dem Freunde -auch das Innerste aufzuschließen, damit er um so mehr -unser Freund werde. In diesen Augenblicken geben -sich die zarten Seelen einander zu erkennen, und zuweilen -geschieht es wohl auch, daß einer vor der Bekanntschaft -des andern zurück schreckt. -</p> - -<p> -Es war schon im Herbst, als Eckbert an einem -neblichten Abend mit seinem Freunde und seinem Weibe -Bertha um das Feuer eines Kamines saß. Die Flamme -warf einen hellen Schein durch das Gemach und -spielte oben an der Decke, die Nacht sah schwarz zu -den Fenstern herein, und die Bäume draußen schüttelten -sich vor nasser Kälte. Walther klagte über den -weiten Rückweg, den er habe, und Eckbert schlug ihm -vor, bei ihm zu bleiben, die halbe Nacht unter traulichen -Gesprächen hinzubringen, und dann in einem -Gemache des Hauses bis am Morgen zu schlafen. -Walther ging den Vorschlag ein, und nun ward Wein -und die Abendmahlzeit hereingebracht, das Feuer durch -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -Holz vermehrt, und das Gespräch der Freunde heitrer -und vertraulicher. -</p> - -<p> -Als das Abendessen abgetragen war, und sich die -Knechte wieder entfernt hatten, nahm Eckbert die Hand -Walthers und sagte: Freund, ihr solltet euch einmal -von meiner Frau die Geschichte ihrer Jugend erzählen -lassen, die seltsam genug ist. — Gern, sagte Walther, -und man setzte sich wieder um den Kamin. -</p> - -<p> -Es war jezt gerade Mitternacht, der Mond sah -abwechselnd durch die vorüber flatternden Wolken. Ihr -müßt mich nicht für zudringlich halten, fing Bertha -an, mein Mann sagt, daß ihr so edel denkt, daß es -unrecht sei, euch etwas zu verhehlen. Nur haltet meine -Erzählung für kein Mährchen, so sonderbar sie auch -klingen mag. -</p> - -<p> -Ich bin in einem Dorfe geboren, mein Vater war -ein armer Hirte. Die Haushaltung bei meinen Eltern -war nicht zum Besten bestellt, sie wußten sehr oft nicht, -wo sie das Brod hernehmen sollten. Was mich aber -noch weit mehr jammerte, war, daß mein Vater und -meine Mutter sich oft über ihre Armuth entzweiten, -und einer dem andern dann bittere Vorwürfe machte. -Sonst hört’ ich beständig von mir, daß ich ein einfältiges -dummes Kind sei, das nicht das unbedeutendste -Geschäft auszurichten wisse, und wirklich war ich äußerst -ungeschickt und unbeholfen, ich ließ alles aus den Händen -fallen, ich lernte weder nähen noch spinnen, ich -konnte nichts in der Wirthschaft helfen, nur die Noth -meiner Eltern verstand ich sehr gut. Oft saß ich dann -im Winkel und füllte meine Vorstellungen damit an, -wie ich ihnen helfen wollte, wenn ich plötzlich reich -würde, wie ich sie mit Gold und Silber überschütten -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -und mich an ihrem Erstaunen laben möchte, dann sah -ich Geister herauf schweben, die mir unterirdische Schätze -entdeckten, oder mir kleine Kiesel gaben, die sich in -Edelsteine verwandelten, kurz, die wunderbarsten Phantasien -beschäftigten mich, und wenn ich nun aufstehn -mußte, um irgend etwas zu helfen, oder zu tragen, so -zeigte ich mich noch viel ungeschickter, weil mir der -Kopf von allen den seltsamen Vorstellungen schwindelte. -</p> - -<p> -Mein Vater war immer sehr ergrimmt auf mich, -daß ich eine so ganz unnütze Last des Hauswesens sei, -er behandelte mich daher oft ziemlich grausam, und es -war selten, daß ich ein freundliches Wort von ihm -vernahm. So war ich ungefähr acht Jahr alt geworden, -und es wurden nun ernstliche Anstalten gemacht, -daß ich etwas thun, oder lernen sollte. Mein Vater -glaubte, es wäre nur Eigensinn oder Trägheit von -mir, um meine Tage in Müssiggang hinzubringen, -genug, er setzte mir mit Drohungen unbeschreiblich zu, -da diese aber doch nichts fruchteten, züchtigte er mich -auf die grausamste Art, indem er sagte, daß diese -Strafe mit jedem Tage wiederkehren sollte, weil ich -doch nur ein unnützes Geschöpf sei. -</p> - -<p> -Die ganze Nacht hindurch weint’ ich herzlich, ich -fühlte mich so außerordentlich verlassen, ich hatte ein -solches Mitleid mit mir selber, daß ich zu sterben -wünschte. Ich fürchtete den Anbruch des Tages, ich -wußte durchaus nicht, was ich anfangen sollte, ich -wünschte mir alle mögliche Geschicklichkeit und konnte -gar nicht begreifen, warum ich einfältiger sei, als die -übrigen Kinder meiner Bekanntschaft. Ich war der -Verzweiflung nahe. -</p> - -<p> -Als der Tag graute, stand ich auf und eröffnete, -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -fast ohne daß ich es wußte, die Thür unsrer kleinen -Hütte. Ich stand auf dem freien Felde, bald darauf -war ich in einem Walde, in den der Tag kaum noch -hinein blickte. Ich lief immerfort, ohne mich umzusehn, -ich fühlte keine Müdigkeit, denn ich glaubte -immer, mein Vater würde mich noch wieder einholen, -und, durch meine Flucht gereizt, mich noch grausamer -behandeln. -</p> - -<p> -Als ich aus dem Walde wieder heraus trat, stand -die Sonne schon ziemlich hoch, ich sah jezt etwas -Dunkles vor mir liegen, welches ein dichter Nebel -bedeckte. Bald mußte ich über Hügel klettern, bald -durch einen zwischen Felsen gewundenen Weg gehn, -und ich errieth nun, daß ich mich wohl in dem benachbarten -Gebirge befinden müsse, worüber ich anfing -mich in der Einsamkeit zu fürchten. Denn ich hatte -in der Ebene noch keine Berge gesehn, und das bloße -Wort Gebirge, wenn ich davon hatte reden hören, -war meinem kindischen Ohr ein fürchterlicher Ton gewesen. -Ich hatte nicht das Herz zurück zu gehn, meine -Angst trieb mich vorwärts; oft sah ich mich erschrocken -um, wenn der Wind über mir weg durch die Bäume -fuhr, oder ein ferner Holzschlag weit durch den stillen -Morgen hintönte. Als mir Köhler und Bergleute endlich -begegneten und ich eine fremde Aussprache hörte, -wäre ich vor Entsetzen fast in Ohnmacht gesunken. -</p> - -<p> -Ich kam durch mehrere Dörfer und bettelte, weil -ich jezt Hunger und Durst empfand, ich half mir so -ziemlich mit meinen Antworten durch, wenn ich gefragt -wurde. So war ich ohngefähr vier Tage fortgewandert, -als ich auf einen kleinen Fußsteig gerieth, der -mich von der großen Straße immer mehr entfernte. -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -Die Felsen um mich her gewannen jezt eine andre, -weit seltsamere Gestalt. Es waren Klippen, so auf -einander gepackt, daß es das Ansehn hatte, als wenn -sie der erste Windstoß durch einander werfen würde. -Ich wußte nicht, ob ich weiter gehn sollte. Ich hatte -des Nachts immer im Walde geschlafen, denn es war -gerade zur schönsten Jahrszeit, oder in abgelegenen -Schäferhütten; hier traf ich aber gar keine menschliche -Wohnung, und konnte auch nicht vermuthen, in dieser -Wildniß auf eine zu stoßen; die Felsen wurden immer -furchtbarer, ich mußte oft dicht an schwindlichten Abgründen -vorbeigehn, und endlich hörte sogar der Weg -unter meinen Füßen auf. Ich war ganz trostlos, ich -weinte und schrie, und in den Felsenthälern hallte -meine Stimme auf eine schreckliche Art zurück. Nun -brach die Nacht herein, und ich suchte mir eine Moosstelle -aus, um dort zu ruhn. Ich konnte nicht schlafen; -in der Nacht hörte ich die seltsamsten Töne, bald -hielt ich es für wilde Thiere, bald für den Wind, der -durch die Felsen klage, bald für fremde Vögel. Ich -betete, und ich schlief nur spät gegen Morgen ein. -</p> - -<p> -Ich erwachte, als mir der Tag ins Gesicht schien. -Vor mir war ein steiler Felsen, ich kletterte in der -Hoffnung hinauf, von dort den Ausgang aus der -Wildniß zu entdecken, und vielleicht Wohnungen oder -Menschen gewahr zu werden. Als ich aber oben stand, -war alles, so weit nur mein Auge reichte, eben so, -wie um mich her, alles war mit einem neblichten -Dufte überzogen, der Tag war grau und trübe, und -keinen Baum, keine Wiese, selbst kein Gebüsch konnte -mein Auge erspähn, einzelne Sträucher ausgenommen, -die einsam und betrübt in engen Felsenritzen empor -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -geschossen waren. Es ist unbeschreiblich, welche Sehnsucht -ich empfand, nur eines Menschen ansichtig zu -werden, wäre es auch, daß ich mich vor ihm hätte -fürchten müssen. Zugleich fühlte ich einen peinigenden -Hunger, ich setzte mich nieder und beschloß zu sterben. -Aber nach einiger Zeit trug die Lust zu leben dennoch -den Sieg davon, ich raffte mich auf und ging unter -Thränen, unter abgebrochenen Seufzern den ganzen -Tag hindurch; am Ende war ich mir meiner kaum -noch bewußt, ich war müde und erschöpft, ich wünschte -kaum noch zu leben, und fürchtete doch den Tod. -</p> - -<p> -Gegen Abend schien die Gegend umher etwas freundlicher -zu werden, meine Gedanken, meine Wünsche -lebten wieder auf, die Lust zum Leben erwachte in allen -meinen Adern. Ich glaubte jezt das Gesause einer -Mühle aus der Ferne zu hören, ich verdoppelte meine -Schritte, und wie wohl, wie leicht ward mir, als ich -endlich wirklich die Gränzen der öden Felsen erreichte; -ich sah Wälder und Wiesen mit fernen angenehmen -Bergen wieder vor mir liegen. Mir war, als wenn -ich aus der Hölle in ein Paradies getreten wäre, die -Einsamkeit und meine Hülflosigkeit schienen mir nun -gar nicht fürchterlich. -</p> - -<p> -Statt der gehofften Mühle stieß ich auf einen Wasserfall, -der meine Freude freilich um vieles minderte; -ich schöpfte mit der Hand einen Trunk aus dem Bache, -als mir plötzlich war, als höre ich in einiger Entfernung -ein leises Husten. Nie bin ich so angenehm -überrascht worden, als in diesem Augenblick, ich ging -näher und ward an der Ecke des Waldes eine alte -Frau gewahr, die auszuruhen schien. Sie war fast -ganz schwarz gekleidet und eine schwarze Kappe bedeckte -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -ihren Kopf und einen großen Theil des Gesichtes, in -der Hand hielt sie einen Krückenstock. -</p> - -<p> -Ich näherte mich ihr und bat um ihre Hülfe; sie -ließ mich neben sich niedersitzen und gab mir Brod -und etwas Wein. Indem ich aß, sang sie mit kreischendem -Ton ein geistliches Lied. Als sie geendet -hatte, sagte sie mir, ich möchte ihr folgen. -</p> - -<p> -Ich war über diesen Antrag sehr erfreut, so wunderlich -mir auch die Stimme und das Wesen der Alten -vorkam. Mit ihrem Krückenstocke ging sie ziemlich -behende, und bei jedem Schritte verzog sie ihr Gesicht -so, daß ich im Anfange darüber lachen mußte. Die -wilden Felsen traten immer weiter hinter uns zurück, -wir gingen über eine angenehme Wiese, und dann -durch einen ziemlich langen Wald. Als wir heraus -traten, ging die Sonne gerade unter, und ich werde -den <a id="corr-5"></a>Anblick und die Empfindung dieses Abends nie -vergessen. In das sanfteste Roth und Gold war alles -verschmolzen, die Bäume standen mit ihren Wipfeln -in der Abendröthe, und über den Feldern lag der entzückende -Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume -standen still, der reine Himmel sah aus wie ein -aufgeschlossenes Paradies, und das Rieseln der Quellen -und von Zeit zu Zeit das Flüstern der Bäume tönte -durch die heitre Stille wie in wehmüthiger Freude. -Meine junge Seele bekam jezt zuerst eine Ahndung -von der Welt und ihren Begebenheiten. Ich vergaß -mich und meine Führerin, mein Geist und meine -Augen schwärmten nur zwischen den goldnen Wolken. -</p> - -<p> -Wir stiegen nun einen Hügel hinan, der mit Birken -bepflanzt war, von oben sah man in ein grünes -Thal voller Birken hinein, und unten mitten in den -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -Bäumen lag eine kleine Hütte. Ein munteres Bellen -kam uns entgegen, und bald sprang ein kleiner behender -Hund die Alte an, und wedelte, dann kam er zu -mir, besah mich von allen Seiten, und kehrte mit -freundlichen Geberden zur Alten zurück. -</p> - -<p> -Als wir vom Hügel hinunter gingen, hörte ich -einen wunderbaren Gesang, der aus der Hütte zu kommen -schien, wie von einem Vogel, es sang also: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Waldeinsamkeit,</p> - <p class="line">Die mich erfreut,</p> - <p class="line">So morgen wie heut</p> - <p class="line">In ewger Zeit,</p> - <p class="line">O wie mich freut</p> - <p class="line">Waldeinsamkeit.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Diese wenigen Worte wurden beständig wiederholt; -wenn ich es beschreiben soll, so war es fast, als wenn -Waldhorn und Schallmeie ganz in der Ferne durch -einander spielen. -</p> - -<p> -Meine Neugier war außerordentlich gespannt; ohne -daß ich auf den Befehl der Alten wartete, trat ich mit -in die Hütte. Die Dämmerung war schon eingebrochen, -alles war ordentlich aufgeräumt, einige Becher -standen auf einem Wandschranke, fremdartige Gefäße -auf einem Tische, in einem glänzenden Käfig hing ein -Vogel am Fenster, und er war es wirklich, der die -Worte sang. Die Alte keichte und hustete, sie schien -sich gar nicht wieder erholen zu können, bald streichelte -sie den kleinen Hund, bald sprach sie mit dem Vogel, -der ihr nur mit seinem gewöhnlichen Liede Antwort -gab; übrigens that sie gar nicht, als wenn ich zugegen -wäre. Indem ich sie so betrachtete, überlief mich -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -mancher Schauer: denn ihr Gesicht war in einer ewigen -Bewegung, indem sie dazu wie vor Alter mit dem -Kopfe schüttelte, so daß ich durchaus nicht wissen -konnte, wie ihr eigentliches Aussehn beschaffen war. -</p> - -<p> -Als sie sich erholt hatte, zündete sie Licht an, deckte -einen ganz kleinen Tisch und trug das Abendessen auf. -Jezt sah sie sich nach mir um, und hieß mir einen -von den geflochtenen Rohrstühlen nehmen. So saß -ich ihr nun dicht gegenüber und das Licht stand zwischen -uns. Sie faltete ihre knöchernen Hände und -betete laut, indem sie ihre Gesichtsverzerrungen machte, -so daß es mich beinahe wieder zum Lachen gebracht -hätte; aber ich nahm mich sehr in Acht, um sie nicht -zu erboßen. -</p> - -<p> -Nach dem Abendessen betete sie wieder, und dann -wies sie mir in einer niedrigen und engen Kammer -ein Bett an; sie schlief in der Stube. Ich blieb nicht -lange munter, ich war halb betäubt, aber in der Nacht -wachte ich einigemal auf, und dann hörte ich die Alte -husten und mit dem Hunde sprechen, und den Vogel -dazwischen, der im Traum zu sein schien, und immer -nur einzelne Worte von seinem Liede sang. Das machte -mit den Birken, die vor dem Fenster rauschten, und -mit dem Gesang einer entfernten Nachtigall ein so -wunderbares Gemisch, daß es mir immer nicht war, -als sei ich erwacht, sondern als fiele ich nur in einen -andern noch seltsamern Traum. -</p> - -<p> -Am Morgen weckte mich die Alte, und wies mich -bald nachher zur Arbeit an. Ich mußte spinnen, und -ich begriff es auch bald, dabei hatte ich noch für den -Hund und für den Vogel zu sorgen. Ich lernte mich -schnell in die Wirthschaft finden, und alle Gegenstände -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -umher wurden mir bekannt; nun war mir, als müßte -alles so sein, ich dachte gar nicht mehr daran, daß -die Alte etwas Seltsames an sich habe, daß die Wohnung -abentheuerlich und von allen Menschen entfernt -liege, und daß an dem Vogel etwas Außerordentliches -sei. Seine Schönheit fiel mir zwar immer auf, denn -seine Federn glänzten mit allen möglichen Farben, das -schönste Hellblau und das brennendste Roth wechselten -an seinem Halse und Leibe, und wenn er sang, blähte -er sich stolz auf, so daß sich seine Federn noch prächtiger -zeigten. -</p> - -<p> -Oft ging die Alte aus und kam erst am Abend -zurück, ich ging ihr dann mit dem Hunde entgegen, -und sie nannte mich Kind und Tochter. Ich ward ihr -endlich von Herzen gut, wie sich unser Sinn denn -an alles, besonders in der Kindheit, gewöhnt. In -den Abendstunden lehrte sie mich lesen, ich fand mich -leicht in die Kunst, und es ward nachher in meiner -Einsamkeit eine Quelle von unendlichem Vergnügen, -denn sie hatte einige alte geschriebene Bücher, die -wunderbare Geschichten enthielten. -</p> - -<p> -Die Erinnerung an meine damalige Lebensart ist -mir noch bis jezt immer seltsam: von keinem menschlichen -Geschöpfe besucht, nur in einem so kleinen Familienzirkel -einheimisch, denn der Hund und der Vogel -machten denselben Eindruck auf mich, den sonst nur -längst gekannte Freunde hervorbringen. Ich habe mich -immer nicht wieder auf den seltsamen Namen des Hundes -besinnen können, so oft ich ihn auch damals -nannte. -</p> - -<p> -Vier Jahre hatte ich so mit der Alten gelebt, und -ich mochte ohngefähr zwölf Jahr alt sein, als sie mir -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -endlich mehr vertraute, und mir ein Geheimniß entdeckte. -Der Vogel legte nehmlich an jedem Tage ein -Ei, in dem sich eine Perl oder ein Edelstein befand. -Ich hatte schon immer bemerkt, daß sie heimlich in -dem Käfige wirthschafte, mich aber nie genauer darum -bekümmert. Sie trug mir jezt das Geschäft auf, in -ihrer Abwesenheit diese Eier zu nehmen und in den -fremdartigen Gefäßen wohl zu verwahren. Sie ließ -mir meine Nahrung zurück, und blieb nun länger -aus, Wochen, Monate; mein Rädchen schnurrte, der -Hund bellte, der wunderbare Vogel sang und dabei -war alles so still in der Gegend umher, daß ich mich -in der ganzen Zeit keines Sturmwindes, keines Gewitters -erinnere. Kein Mensch verirrte sich dorthin, kein -Wild kam unserer Behausung nahe, ich war zufrieden -und arbeitete mich von einem Tage zum andern hinüber. -— Der Mensch wäre vielleicht recht glücklich, -wenn er so ungestört sein Leben bis ans Ende fortführen -könnte. -</p> - -<p> -Aus dem wenigen, was ich las, bildete ich mir -ganz wunderliche Vorstellungen von der Welt und den -Menschen, alles war von mir und meiner Gesellschaft -hergenommen: wenn von lustigen Leuten die Rede war, -konnte ich sie mir nicht anders vorstellen wie den kleinen -Spitz, prächtige Damen sahen immer wie der -Vogel aus, alle alte Frauen wie meine wunderliche -Alte. Ich hatte auch von Liebe etwas gelesen, und -spielte nun in meiner Phantasie seltsame Geschichten -mit mir selber. Ich dachte mir den schönsten Ritter -von der Welt, ich schmückte ihn mit allen Vortrefflichkeiten -aus, ohne eigentlich zu wissen, wie er nun nach -allen meinen Bemühungen aussah: aber ich konnte ein -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -rechtes Mitleid mit mir selber haben, wenn er mich -nicht wieder liebte; dann sagte ich lange rührende -Reden in Gedanken her, zuweilen auch wohl laut, -um ihn nur zu gewinnen. — Ihr lächelt! wir sind -jezt freilich alle über diese Zeit der Jugend hinüber. -</p> - -<p> -Es war mir jezt lieber, wenn ich allein war, denn -alsdann war ich selbst die Gebieterin im Hause. Der -Hund liebte mich sehr und that alles was ich wollte, der -Vogel antwortete mir in seinem Liede auf alle meine -Fragen, mein Rädchen drehte sich immer munter, und -so fühlte ich im Grunde nie einen Wunsch nach Veränderung. -Wenn die Alte von ihren langen Wanderungen -zurück kam, lobte sie meine Aufmerksamkeit, -sie sagte, daß ihre Haushaltung, seit ich dazu gehöre, -weit ordentlicher geführt werde, sie freute sich über -mein Wachsthum und mein gesundes Aussehn, kurz, sie -ging ganz mit mir wie mit einer Tochter um. -</p> - -<p> -Du bist brav, mein Kind! sagte sie einst zu mir -mit einem schnarrenden Tone; wenn du so fort fährst, -wird es dir auch immer gut gehn: aber nie gedeiht es, -wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe -folgt nach, wenn auch noch so spät. — Indem sie -das sagte, achtete ich eben nicht sehr darauf, denn ich -war in allen meinen Bewegungen und meinem ganzen -Wesen sehr lebhaft; aber in der Nacht fiel es mir -wieder ein, und ich konnte nicht begreifen, was sie -damit hatte sagen wollen. Ich überlegte alle Worte -genau, ich hatte wohl von Reichthümern gelesen, und -am Ende fiel mir ein, daß ihre Perlen und Edelsteine -wohl etwas Kostbares sein könnten. Dieser Gedanke -wurde mir bald noch deutlicher. Aber was konnte sie -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -mit der rechten Bahn meinen? Ganz konnte ich den -Sinn ihrer Worte noch immer nicht fassen. -</p> - -<p> -Ich war jezt vierzehn Jahr alt, und es ist ein -Unglück für den Menschen, daß er seinen Verstand -nur darum bekömmt, um die Unschuld seiner Seele zu -verlieren. Ich begriff nehmlich wohl, daß es nur auf -mich ankomme, in der Abwesenheit der Alten den -Vogel und die Kleinodien zu nehmen, und damit die -Welt, von der ich gelesen hatte, aufzusuchen. Zugleich -war es mir dann vielleicht möglich, den überaus schönen -Ritter anzutreffen, der mir immer noch im Gedächtnisse -lag. -</p> - -<p> -Im Anfange war dieser Gedanke nichts weiter als -jeder andre Gedanke, aber wenn ich so an meinem -Rade saß, so kam er mir immer wider Willen zurück, -und ich verlor mich so in ihm, daß ich mich schon -herrlich geschmückt sah, und Ritter und Prinzen um -mich her. Wenn ich mich so vergessen hatte, konnte -ich ordentlich betrübt werden, wenn ich wieder aufschaute, -und mich in der kleinen Wohnung antraf. -Uebrigens, wenn ich meine Geschäfte that, bekümmerte -sich die Alte nicht weiter um mein Wesen. -</p> - -<p> -An einem Tage ging meine Wirthin wieder fort, -und sagte mir, daß sie diesmal länger als gewöhnlich -ausbleiben werde, ich solle ja auf alles ordentlich Acht -geben und mir die Zeit nicht lang werden lassen. Ich -nahm mit einer gewissen Bangigkeit von ihr Abschied, -denn es war mir, als würde ich sie nicht wieder sehn. -Ich sah ihr lange nach und wußte selbst nicht, warum -ich so beängstigt war; es war fast, als wenn mein -Vorhaben schon vor mir stände, ohne mich dessen deutlich -bewußt zu sein. -</p> - -<p> -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -Nie hab’ ich des Hundes und des Vogels mit einer -solchen Aemsigkeit gepflegt, sie lagen mir näher am -Herzen, als sonst. Die Alte war schon einige Tage -abwesend, als ich mit dem festen Vorsatze aufstand, -mit dem Vogel die Hütte zu verlassen, und die sogenannte -Welt aufzusuchen. Es war mir enge und bedrängt -zu Sinne, ich wünschte wieder da zu bleiben, -und doch war mir der Gedanke widerwärtig; es war -ein seltsamer Kampf in meiner Seele, wie ein Streiten -von zwei widerspenstigen Geistern in mir. In -einem Augenblicke kam mir die ruhige Einsamkeit so -schön vor, dann entzückte mich wieder die Vorstellung -einer neuen Welt, mit allen ihren wunderbaren Mannichfaltigkeiten. -</p> - -<p> -Ich wußte nicht, was ich aus mir selber machen -sollte, der Hund sprang mich unaufhörlich an, der -Sonnenschein breitete sich munter über die Felder aus, -die grünen Birken funkelten: ich hatte die Empfindung, -als wenn ich etwas sehr Eiliges zu thun hätte, ich -griff also den kleinen Hund, band ihn in der Stube -fest, und nahm dann den Käfig mit dem Vogel unter -den Arm. Der Hund krümmte sich und winselte über -diese ungewohnte Behandlung, er sah mich mit bittenden -Augen an, aber ich fürchtete mich, ihn mit mir -zu nehmen. Noch nahm ich eins von den Gefäßen, -das mit Edelsteinen angefüllt war, und steckte es zu -mir, die übrigen ließ ich stehn. -</p> - -<p> -Der Vogel drehte den Kopf auf eine wunderliche -Weise, als ich mit ihm zur Thür hinaus trat, der -Hund strengte sich sehr an, mir nachzukommen, aber -er mußte zurück bleiben. -</p> - -<p> -Ich vermied den Weg nach den wilden Felsen und -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -ging nach der entgegengesetzten Seite. Der Hund -bellte und winselte immerfort, und es rührte mich recht -inniglich, der Vogel wollte einigemal zu singen anfangen, -aber da er getragen ward, mußte es ihm wohl -unbequem fallen. -</p> - -<p> -So wie ich weiter ging, hörte ich das Bellen immer -schwächer, und endlich hörte es ganz auf. Ich weinte -und wäre beinahe wieder umgekehrt, aber die Sucht -etwas Neues zu sehn, trieb mich vorwärts. -</p> - -<p> -Schon war ich über Berge und durch einige Wälder -gekommen, als es Abend ward, und ich in einem -Dorfe einkehren mußte. Ich war sehr blöde, als ich in -die Schenke trat, man wies mir eine Stube und ein -Bette an, ich schlief ziemlich ruhig, nur daß ich von -der Alten träumte, die mir drohte. -</p> - -<p> -Meine Reise war ziemlich einförmig, aber je weiter -ich ging, je mehr ängstigte mich die Vorstellung von -der Alten und dem kleinen Hunde; ich dachte daran, -daß er wahrscheinlich ohne meine Hülfe verhungern -müsse, im Walde glaubt’ ich oft die Alte würde mir -plötzlich entgegen treten. So legte ich unter Thränen -und Seufzern den Weg zurück; so oft ich ruhte, und -den Käfig auf den Boden stellte, sang der Vogel sein -wunderliches Lied, und ich erinnerte mich dabei recht -lebhaft des schönen verlassenen Aufenthalts. Wie die -menschliche Natur vergeßlich ist, so glaubt’ ich jezt, -meine vormalige Reise in der Kindheit sei nicht so trübselig -gewesen als meine jetzige; ich wünschte wieder in -derselben Lage zu sein. -</p> - -<p> -Ich hatte einige Edelsteine verkauft und kam nun -nach einer Wanderschaft von vielen Tagen in einem -Dorfe an. Schon beim Eintritt ward mir wundersam -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -zu Muthe, ich erschrak und wußte nicht worüber; aber -bald erkannt’ ich mich, denn es war dasselbe Dorf, in -welchem ich geboren war. Wie ward ich überrascht! -Wie liefen mir vor Freuden, wegen tausend seltsamer -Erinnerungen, die Thränen von den Wangen! Vieles -war verändert, es waren neue Häuser entstanden, andre, -die man damals erst errichtet hatte, waren jezt verfallen, -ich traf auch Brandstellen; alles war weit kleiner, -gedrängter als ich erwartet hatte. Unendlich freute -ich mich darauf, meine Eltern nun nach so manchen -Jahren wieder zu sehn; ich fand das kleine Haus, die -wohlbekannte Schwelle, der Griff der Thür war noch -ganz so wie damals, es war mir, als hätte ich sie -nur gestern angelehnt; mein Herz klopfte ungestüm, -ich öffnete sie hastig, — aber ganz fremde Gesichter -saßen in der Stube umher und stierten mich an. Ich -fragte nach dem Schäfer Martin, und man sagte mir, -er sei schon seit drei Jahren mit seiner Frau gestorben. -— Ich trat schnell zurück, und ging laut weinend -aus dem Dorfe hinaus. -</p> - -<p> -Ich hatte es mir so schön gedacht, sie mit meinem -Reichthume zu überraschen; durch den seltsamsten Zufall -war das nun wirklich geworden, was ich in der Kindheit -immer nur träumte, — und jezt war alles umsonst, -sie konnten sich nicht mit mir freuen, und das, worauf -ich am meisten immer im Leben gehofft hatte, war für -mich auf ewig verloren. -</p> - -<p> -In einer angenehmen Stadt miethete ich mir ein -kleines Haus mit einem Garten, und nahm eine Aufwärterin -zu mir. So wunderbar, als ich es vermuthet -hatte, kam mir die Welt nicht vor, aber ich vergaß -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -die Alte und meinen ehemaligen Aufenthalt etwas mehr, -und so lebt’ ich im Ganzen recht zufrieden. -</p> - -<p> -Der Vogel hatte schon seit lange nicht mehr gesungen; -ich erschrak daher nicht wenig, als er in einer -Nacht plötzlich wieder anfing, und zwar mit einem -veränderten Liede. Er sang: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Waldeinsamkeit</p> - <p class="line">Wie liegst du weit!</p> - <p class="line">O dich gereut</p> - <p class="line">Einst mit der Zeit. —</p> - <p class="line">Ach einzge Freud</p> - <p class="line">Waldeinsamkeit!</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Ich konnte die Nacht hindurch nicht schlafen, alles -fiel mir von neuem in die Gedanken, und mehr als -jemals fühlt’ ich, daß ich Unrecht gethan hatte. Als -ich aufstand, war mir der Anblick des Vogels ordentlich -zuwider, er sah immer nach mir hin, und seine -Gegenwart ängstigte mich. Er hörte nun mit seinem -Liede gar nicht wieder auf, und er sang es lauter und -schallender, als er es sonst gewohnt gewesen war. Je -mehr ich ihn betrachtete, je bänger machte er mich; -ich öffnete endlich den Käfig, steckte die Hand hinein -und faßte seinen Hals, herzhaft drückte ich die Finger -zusammen, er sah mich bittend an, ich ließ los, -aber er war schon gestorben. — Ich begrub ihn im -Garten. -</p> - -<p> -Jezt wandelte mich oft eine Furcht vor meiner -Aufwärterin an, ich dachte an mich selbst zurück, und -glaubte, daß sie mich auch einst berauben oder wohl -gar ermorden könne. — Schon lange kannt’ ich einen -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -jungen Ritter, der mir überaus gefiel, ich gab ihm -meine Hand, — und hiermit, Herr Walther, ist meine -Geschichte geendigt. -</p> - -<p> -Ihr hättet sie damals sehn sollen, fiel Eckbert hastig -ein, — ihre Jugend, ihre Schönheit, und welch einen -unbeschreiblichen Reiz ihr ihre einsame Erziehung gegeben -hatte. Sie kam mir vor wie ein Wunder, und -ich liebte sie ganz über alles Maaß. Ich hatte kein -Vermögen, aber durch ihre Liebe kam ich in diesen -Wohlstand, wir zogen hieher, und unsere Verbindung -hat uns bis jezt noch keinen Augenblick gereut. — -</p> - -<p> -Aber über unser Schwatzen, fing Bertha wieder -an, ist es schon tief in die Nacht geworden, — wir -wollen uns schlafen legen. -</p> - -<p> -Sie stand auf und ging nach ihrer Kammer. Walther -wünschte ihr mit einem Handkusse eine gute Nacht, -und sagte: Edle Frau, ich danke Euch, ich kann mir -Euch recht vorstellen, mit dem seltsamen Vogel, und -wie Ihr den kleinen <em>Strohmian</em> füttert. -</p> - -<p> -Auch Walther legte sich schlafen, nur Eckbert ging -noch unruhig im Saale auf und ab. — Ist der Mensch -nicht ein Thor? fing er endlich an; ich bin erst die -Veranlassung, daß meine Frau ihre Geschichte erzählt, -und jezt gereut mich diese Vertraulichkeit! — Wird er -sie nicht mißbrauchen? Wird er sie nicht andern mittheilen? -Wird er nicht vielleicht, denn das ist die Natur -des Menschen, eine unselige Habsucht nach unsern Edelgesteinen -empfinden, und deswegen Plane anlegen und -sich verstellen? -</p> - -<p> -Es fiel ihm ein, daß Walther nicht so herzlich von -ihm Abschied genommen hatte, als es nach einer solchen -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -Vertraulichkeit wohl natürlich gewesen wäre. Wenn -die Seele erst einmal zum Argwohn gespannt ist, so -trifft sie auch in allen Kleinigkeiten Bestätigungen an. -Dann warf sich Eckbert wieder sein unedles Mißtrauen -gegen seinen wackern Freund vor, und konnte doch -nicht davon zurück kehren. Er schlug sich die ganze -Nacht mit diesen Vorstellungen herum, und schlief -nur wenig. -</p> - -<p> -Bertha war krank und konnte nicht zum Frühstück -erscheinen; Walther schien sich nicht viel darum zu -kümmern, und verließ auch den Ritter ziemlich gleichgültig. -Eckbert konnte sein Betragen nicht begreifen; -er besuchte seine Gattin, sie lag in einer Fieberhitze -und sagte, die Erzählung in der Nacht müsse sie auf -diese Art gespannt haben. -</p> - -<p> -Seit diesem Abend besuchte Walther nur selten die -Burg seines Freundes, und wenn er auch kam, ging -er nach einigen unbedeutenden Worten wieder weg. -Eckbert ward durch dieses Betragen im äußersten Grade -gepeinigt; er ließ sich zwar gegen Bertha und Walther -nichts davon merken, aber jeder mußte doch seine innerliche -Unruhe an ihm gewahr werden. -</p> - -<p> -Mit Berthas Krankheit ward es immer bedenklicher; -der Arzt ward ängstlich, die Röthe von ihren -Wangen war verschwunden, und ihre Augen wurden -immer glühender. — An einem Morgen ließ sie ihren -Mann an ihr Bette rufen, die Mägde mußten sich -entfernen. -</p> - -<p> -Lieber Mann, fing sie an, ich muß dir etwas entdecken, -das mich fast um meinen Verstand gebracht -hat, das meine Gesundheit zerrüttet, so eine unbedeutende -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -Kleinigkeit es auch an sich scheinen möchte. — -Du weißt, daß ich mich immer nicht, so oft ich von -meiner Kindheit sprach, trotz aller angewandten Mühe -auf den Namen des kleinen Hundes besinnen konnte, -mit welchem ich so lange umging; an jenem Abend -sagte Walther beim Abschiede plötzlich zu mir: ich kann -mir euch recht vorstellen, wie ihr den kleinen <em>Strohmian</em> -füttert. Ist das Zufall? Hat er den Namen -errathen, weiß er ihn und hat er ihn mit Vorsatz genannt? -Und wie hängt dieser Mensch dann mit meinem -Schicksale zusammen? Zuweilen kämpfe ich mit mir, -als ob ich mir diese Seltsamkeit nur einbilde, aber es -ist gewiß, nur zu gewiß. Ein gewaltiges Entsetzen -befiel mich, als mir ein fremder Mensch so zu meinen -Erinnerungen half. Was sagst du, Eckbert? -</p> - -<p> -Eckbert sah seine leidende Gattin mit einem tiefen -Gefühle an; er schwieg und dachte bei sich nach, dann -sagte er ihr einige tröstende Worte und verließ sie. -In einem abgelegenen Gemache ging er in unbeschreiblicher -Unruhe auf und ab. Walther war seit vielen -Jahren sein einziger Umgang gewesen, und doch war -dieser Mensch jezt der einzige in der Welt, dessen -Dasein ihn drückte und peinigte. Es schien ihm, als -würde ihm froh und leicht sein, wenn nur dieses einzige -Wesen aus seinem Wege gerückt werden könnte. -Er nahm seine Armbrust, um sich zu zerstreuen und -auf die Jagd zu gehn. -</p> - -<p> -Es war ein rauher stürmischer Wintertag, tiefer -Schnee lag auf den Bergen und bog die Zweige der -Bäume nieder. Er streifte umher, der Schweiß stand -ihm auf der Stirne, er traf auf kein Wild, und das -vermehrte seinen Unmuth. Plötzlich sah er sich etwas -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -in der Ferne bewegen, es war Walther, der Moos -von den Bäumen sammelte; ohne zu wissen was er -that legte er an, Walther sah sich um, und drohte -mit einer stummen Geberde, aber indem flog der Bolzen -ab, und Walther stürzte nieder. -</p> - -<p> -Eckbert fühlte sich leicht und beruhigt, und doch -trieb ihn ein Schauder nach seiner Burg zurück; er -hatte einen großen Weg zu machen, denn er war weit -hinein in die Wälder verirrt. — Als er ankam, war -Bertha schon gestorben; sie hatte vor ihrem Tode noch -viel von Walther und der Alten gesprochen. -</p> - -<p> -Eckbert lebte nun eine lange Zeit in der größten -Einsamkeit; er war schon sonst immer schwermüthig -gewesen, weil ihn die seltsame Geschichte seiner Gattin -beunruhigte, und er irgend einen unglücklichen Vorfall, -der sich ereignen könnte, befürchtete: aber jezt war er -ganz mit sich zerfallen. Die Ermordung seines Freundes -stand ihm unaufhörlich vor Augen, er lebte unter -ewigen innern Vorwürfen. -</p> - -<p> -Um sich zu zerstreuen, begab er sich zuweilen nach -der nächsten großen Stadt, wo er Gesellschaften und -Feste besuchte. Er wünschte durch irgend einen Freund -die Leere in seiner Seele auszufüllen, und wenn er -dann wieder an Walther zurück dachte, so erschrak -er vor dem Gedanken, einen Freund zu finden, denn -er war überzeugt, daß er nur unglücklich mit jedwedem -Freunde sein könne. Er hatte so lange mit Bertha -in einer schönen Ruhe gelebt, die Freundschaft Walthers -hatte ihn so <a id="corr-6"></a>manches Jahr hindurch beglückt, -und jezt waren beide so plötzlich dahin gerafft, daß -ihm sein Leben in manchen Augenblicken mehr wie -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -ein seltsames Mährchen, als wie ein wirklicher Lebenslauf -erschien. -</p> - -<p> -Ein junger Ritter, <em>Hugo</em>, schloß sich an den stillen -betrübten Eckbert, und schien eine wahrhafte Zuneigung -gegen ihn zu empfinden. Eckbert fand sich -auf eine wunderbare Art überrascht, er kam der Freundschaft -des Ritters um so schneller entgegen, je weniger -er sie vermuthet hatte. Beide waren nun häufig beisammen, -der Fremde erzeigte Eckbert alle möglichen -Gefälligkeiten, einer ritt fast nicht mehr ohne den andern -aus; in allen Gesellschaften trafen sie sich, kurz, -sie schienen unzertrennlich. -</p> - -<p> -Eckbert war immer nur auf kurze Augenblicke froh, -denn er fühlte es deutlich, daß ihn Hugo nur aus -einem Irrthume liebe; jener kannte ihn nicht, wußte -seine Geschichte nicht, und er fühlte wieder denselben -Drang, sich ihm ganz mitzutheilen, damit er versichert -sein könne, ob jener auch wahrhaft sein Freund sei. -Dann hielten ihn wieder Bedenklichkeiten und die Furcht, -verabscheut zu werden, zurück. In manchen Stunden -war er so sehr von seiner Nichtswürdigkeit überzeugt, -daß er glaubte, kein Mensch, für den er nicht ein völliger -Fremdling sei, könne ihn seiner Achtung würdigen. -Aber dennoch konnte er sich nicht widerstehn; -auf einem einsamen Spazierritte entdeckte er seinem -Freunde seine ganze Geschichte, und fragte ihn dann, -ob er wohl einen Mörder lieben könne. Hugo war -gerührt, und suchte ihn zu trösten; Eckbert folgte ihm -mit leichterm Herzen zur Stadt. -</p> - -<p> -Es schien aber seine Verdammniß zu seyn, gerade -in der Stunde des Vertrauens Argwohn zu schöpfen, -denn kaum waren sie in den Saal getreten, als ihm -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -beim Schein der vielen Lichter die Mienen seines -Freundes nicht gefielen. Er glaubte ein hämisches -Lächeln zu bemerken, es fiel ihm auf, daß er nur -wenig mit ihm spreche, daß er mit den Anwesenden -viel rede, und seiner gar nicht zu achten scheine. Ein -alter Ritter war in der Gesellschaft, der sich immer -als den Gegner Eckberts gezeigt, und sich oft nach -seinem Reichthum und seiner Frau auf eine eigne Weise -erkundigt hatte; zu diesem gesellte sich Hugo, und beide -sprachen eine Zeitlang heimlich, indem sie nach Eckbert -hindeuteten. Dieser sah jezt seinen Argwohn bestätigt, -er glaubte sich verrathen, und eine schreckliche Wuth -bemeisterte sich seiner. Indem er noch immer hinstarrte, -sah er plötzlich Walthers Gesicht, alle seine Mienen, -die ganze, ihm so wohl bekannte Gestalt, er sah noch -immer hin und ward überzeugt, daß Niemand als -<em>Walther</em> mit dem Alten spreche. — Sein Entsetzen -war unbeschreiblich; außer sich stürzte er hinaus, -verließ noch in der Nacht die Stadt, und kehrte nach -vielen Irrwegen auf seine Burg zurück. -</p> - -<p> -Wie ein unruhiger Geist eilte er jezt von Gemach -zu Gemach, kein Gedanke hielt ihm Stand, er verfiel -von entsetzlichen Vorstellungen auf noch entsetzlichere, -und kein Schlaf kam in seine Augen. Oft dachte er, -daß er wahnsinnig sei, und sich nur selber durch seine -Einbildung alles erschaffe; dann erinnerte er sich wieder -der Züge Walthers, und alles ward ihm immer mehr -ein Räthsel. Er beschloß eine Reise zu machen, um -seine Vorstellungen wieder zu ordnen; den Gedanken -an Freundschaft, den Wunsch nach Umgang hatte er -nun auf ewig aufgegeben. -</p> - -<p> -Er zog fort, ohne sich einen bestimmten Weg vorzusetzen, -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -ja er betrachtete die Gegenden nur wenig, -die vor ihm lagen. Als er im stärksten Trabe seines -Pferdes einige Tage so fort geeilt war, sah er sich -plötzlich in einem Gewinde von Felsen verirrt, in denen -sich nirgend ein Ausweg entdecken ließ. Endlich traf -er auf einen alten Bauer, der ihm einen Pfad, einem -Wasserfall vorüber, zeigte: er wollte ihm zur Danksagung -einige Münzen geben, der Bauer aber schlug -sie aus. — Was gilts, sagte Eckbert zu sich selber, -ich könnte mir wieder einbilden, daß dies Niemand -anders als Walther sei? — Und indem sah er sich -noch einmal um, und es war Niemand anders als -Walther. — Eckbert spornte sein Roß so schnell es -nur laufen konnte, durch Wiesen und Wälder, bis es -erschöpft unter ihm zusammen stürzte. — Unbekümmert -darüber setzte er nun seine Reise zu Fuß fort. -</p> - -<p> -Er stieg träumend einen Hügel hinan; es war, als -wenn er ein nahes munteres Bellen vernahm, Birken -säuselten dazwischen, und er hörte mit wunderlichen -Tönen ein Lied singen: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Waldeinsamkeit</p> - <p class="line">Mich wieder freut,</p> - <p class="line">Mir geschieht kein Leid,</p> - <p class="line">Hier wohnt kein Neid,</p> - <p class="line">Von neuem mich freut</p> - <p class="line">Waldeinsamkeit.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Jezt war es um das Bewußtsein, um die Sinne -Eckberts geschehn; er konnte sich nicht aus dem Räthsel -heraus finden, ob er jezt träume, oder ehemals von -einem Weibe Bertha geträumt habe; das Wunderbarste -vermischte sich mit dem Gewöhnlichsten, die Welt um -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -ihn her war verzaubert, und er keines Gedankens, keiner -Erinnerung mächtig. -</p> - -<p> -<a id="corr-7"></a>Eine krummgebückte Alte schlich hustend mit einer -Krücke den Hügel heran. Bringst du mir meinen -Vogel? Meine Perlen? Meinen Hund? schrie sie ihm -entgegen. Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst: Niemand -als ich war dein Freund Walther, dein Hugo. — -</p> - -<p> -Gott im Himmel! sagte Eckbert stille vor sich hin, — -in welcher entsetzlichen Einsamkeit hab’ ich dann mein -Leben hingebracht! — -</p> - -<p> -Und Bertha war deine Schwester. -</p> - -<p> -Eckbert fiel zu Boden. -</p> - -<p> -Warum verließ sie mich tückisch? Sonst hätte sich -alles gut und schön geendet, ihre Probezeit war ja schon -vorüber. Sie war die Tochter eines Ritters, die er -bei einem Hirten erziehn ließ, die Tochter deines -Vaters. -</p> - -<p> -Warum hab’ ich diesen schrecklichen Gedanken immer -geahndet? rief Eckbert aus. -</p> - -<p> -Weil du in früher Jugend deinen Vater einst davon -erzählen hörtest; er durfte seiner Frau wegen diese -Tochter nicht bei sich erziehn lassen, denn sie war von -einem andern Weibe. — -</p> - -<p> -Eckbert lag wahnsinnig und verscheidend auf dem -Boden; dumpf und verworren hörte er die Alte sprechen, -den Hund bellen, und den Vogel sein Lied wiederholen. -</p> - -<p class="tb"> -——— -</p> - -<p class="noindent"> -Nach einer Pause sagte Clara: Sie sehn, lieber -Anton, daß uns allen jene Thränen eines heimlichen -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -Grauens in den Augen stehen, und ich denke, Sie -haben großentheils das Versprechen Ihres Phantasus -erfüllt. Aber erlauben Sie mir zu fragen: ist diese -Erzählung Ihre eigene Erfindung, oder eine nachgeahmte? -</p> - -<p> -Ich darf sie, antwortete Anton, wohl für meine -Erfindung ausgeben, da ich mich nicht erinnere, eine -ähnliche Geschichte anderswo gelesen zu haben; auch -denke ich, ist es in der Aufgabe begriffen gewesen, daß -nur selbst ersonnene Mährchen vorgetragen werden sollen; -wenigstens habe ich es so verstanden, und ich hoffe, -daß auch alle meine Freunde meinem Beispiele heute -folgen werden. -</p> - -<p> -Versprich dies nicht so im Allgemeinen, wandte -Friedrich ein. -</p> - -<p> -Wollte man freilich, fuhr Anton fort, genau erzählen, -aus welchen Erinnerungen der Kindheit, aus -welchen Bildern, die man im Lesen, oder oft aus ganz -unbedeutenden mündlichen Erzählungen aufgreift, dergleichen -sogenannte Erfindungen zusammengesetzt werden, -so könnte man daraus wieder eine Art von seltsamer, -mährchenartiger Geschichte bilden. -</p> - -<p> -Es ist ängstlich, sagte Ernst, dergleichen Kleinigkeiten -zu gründlich zu nehmen. Ich erinnere mich -mancher Gesellschaft, in der spitz- und salzlose Anekdoten -schlecht vorgetragen wurden, die man nachher -eben so unwitzig kritisirte, mit Schrecken, und wenn -auch etwas ähnliches hier nicht zu besorgen steht, so -wünschte ich doch wohl, daß unsre schönen Richterinnen -sich nicht zu eifrig um den Grund und Boden bekümmern -möchten, auf welchem unsre Poesien gewachsen -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -sind; ein wesenloser Traum büßt, auch durch geringe -Störung, zu leicht seine ganze Wirkung ein. -</p> - -<p> -Daß ich fragte, antwortete Clara, geschah nicht -aus kritischem Interesse, sondern weil ich, was vielleicht -Schwäche sein mag, auf die ursprüngliche Erfindung -einer Dichtung sehr viel halte, denn die Kraft -des Erfindens scheint mir, mit aller Ehrfurcht von der -übrigen Kunst gesprochen, etwas so Eigenthümliches, -daß ich mich für denjenigen Dichter besonders interessire, -welcher nicht nachahmt, sondern zum erstenmal -ein Ding vorträgt, welches unsre Imagination ergreift. -Beim dramatischen Dichter, wenn er es wahrhaft ist, -tritt wohl eine andere Erfindungskunst ein, als beim -erzählenden, denn freilich möchte ich lieber eine Scene -in „Wie es Euch gefällt“ geschrieben haben, als die -Novelle erfunden, aus welcher dies Lustspiel entsprungen -ist. Der Erzähler kann seinen Gegenstand, wenn -dieser interessant ist, schmücken und erheben, seinen -Geschmack und seine Kunst in der Umbildung beweisen; -ich frage aber immer gern: wer hat diese Sache -zuerst ersonnen, falls sie sich nicht wirklich zugetragen -hat? -</p> - -<p> -Ich gebe Ihnen gern Recht, sagte Ernst, und um -so lieber, weil ich Ihnen mit meinem Gedichte dann -etwas dreister nahen darf, da ich es wenigstens für -eigene Erfindung ausgeben kann. In sofern freilich -nicht, als die Vorstellung vom verzauberten Berge der -Venus im Mittelalter allgemein verbreitet war, aber -das Gedicht vom Tannenhäuser hatte ich, damals so -wie jezt, noch nicht gelesen, eben so wenig kannte ich -damals die Niebelungen, sondern nur das Heldenbuch, -in dessen Vorrede ein getreuer Eckart erwähnt wird, -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -der die jungen Harlungen beschützt, und der nachher -beim Hans Sachs und andern Dichtern oftmals sprichwörtlich -vorkömmt, und immer vor dem Berge der -Venus Wache hält. Aus diesen allgemeinen, unbestimmten -Vorstellungen, in welche ich noch die Sage -von dem berüchtigten Rattenfänger von Hameln aufgenommen -und verkleidet habe, ist folgendes Gedicht -entstanden. -</p> - -<h2 class="part" id="part-5"> -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -<span class="line1">Der getreue Eckart</span><br /> -<span class="line2">und</span><br /> -<span class="line3">der Tannenhäuser.</span><br /> -<span class="line4">In zwei Abschnitten.</span><br /> -<span class="line5">1799.</span> -</h2> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-1"> -<span class="firstline">Erster Abschnitt.</span> -</h3> - -<div class="poem first"> - <p class="line"><span class="firstchar">D</span>er edle Herzog groß</p> - <p class="line">Von dem Burgunder Lande</p> - <p class="line">Litt manchen Feindesstoß</p> - <p class="line">Wohl auf dem ebnen Sande.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Er sprach: mich schlägt der Feind,</p> - <p class="line">Mein Muth ist mir entwichen,</p> - <p class="line">Die Freunde sind erblichen,</p> - <p class="line">Die Knecht’ geflohen seind!</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ich kann mich nicht mehr regen,</p> - <p class="line">Nicht Waffen führen kann:</p> - <p class="line">Wo bleibt der edle Degen,</p> - <p class="line">Eckart der treue Mann?</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Er war mir sonst zur Seite</p> - <p class="line">In jedem harten Strauß,</p> - <p class="line">Doch leider blieb er heute</p> - <p class="line">Daheim bei sich zu Haus.</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> - <p class="line">Es mehren sich die Haufen,</p> - <p class="line">Ich muß gefangen sein,</p> - <p class="line">Mag nicht wie Knecht entlaufen,</p> - <p class="line">Drum will ich sterben fein! —</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">So klagt der von Burgund,</p> - <p class="line">Will sein Schwert in sich stechen:</p> - <p class="line">Da kommt zur selben Stund</p> - <p class="line">Eckart, den Feind zu brechen.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Geharnischt reit’t der Degen</p> - <p class="line">Keck in den Feind hinein,</p> - <p class="line">Ihm folgt die Schaar verwegen</p> - <p class="line">Und auch der Sohne sein.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Burgund erkennt die Zeichen,</p> - <p class="line">Und ruft: Gott sei gelobt!</p> - <p class="line">Die Feinde mußten weichen</p> - <p class="line">Die wüthend erst getobt.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Da schlug mit treuem Muthe</p> - <p class="line">Eckart ins Volk hinein,</p> - <p class="line">Doch schwamm im rothen Blute</p> - <p class="line">Sein zartes Söhnelein.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Als nun der Feind bezwungen,</p> - <p class="line">Da sprach der Herzog laut:</p> - <p class="line">Es ist dir wohl gelungen,</p> - <p class="line">Doch so, daß es mir graut;</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Du hast viel Mann geworben</p> - <p class="line">Zu retten Reich und Leben,</p> - <p class="line">Dein Söhnlein liegt erstorben,</p> - <p class="line">Kann’s dir nicht wieder geben. —</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> - <p class="line">Der Eckart weinet fast,</p> - <p class="line">Bückt sich der starke Held,</p> - <p class="line">Und nimmt die theure Last,</p> - <p class="line">Den Sohn in Armen hält.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wie starbst du, Heinz, so frühe,</p> - <p class="line">Und warst noch kaum ein Mann?</p> - <p class="line">Mich reut nicht meine Mühe,</p> - <p class="line">Ich seh’ dich gerne an,</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Weil wir dich, Fürst, erlösten,</p> - <p class="line">Aus deiner Feinde Hohn,</p> - <p class="line">Und drum will ich mich trösten,</p> - <p class="line">Ich schenke dir den Sohn.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Da ward dem Burgund trübe</p> - <p class="line">Vor seiner Augen Licht,</p> - <p class="line">Weil diese große Liebe</p> - <p class="line">Sein edles Herze bricht.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Er weint die hellen Zähren</p> - <p class="line">Und fällt ihm an die Brust:</p> - <p class="line">Dich, Held, muß ich verehren,</p> - <p class="line">Spricht er in Leid und Lust,</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">So treu bist du geblieben,</p> - <p class="line">Da alles von mir wich,</p> - <p class="line">So will ich nun auch lieben</p> - <p class="line">Wie meinen Bruder dich,</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Und sollst in ganz Burgunde</p> - <p class="line">So gelten wie der Herr,</p> - <p class="line">Wenn ich mehr lohnen kunnte,</p> - <p class="line">Ich gäbe gern noch mehr.</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> - <p class="line">Als dies das Land erfahren,</p> - <p class="line">So freut sich jedermann,</p> - <p class="line">Man nennt den Held seit Jahren</p> - <p class="line">Eckart den treuen Mann.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Die Stimme eines alten Landmanns klang über -die Felsen herüber, der dieses Lied sang, und der getreue -Eckart saß in seinem Unmuthe auf dem Berghang -und weinte laut. Sein jüngstes Söhnlein stand -neben ihm und fragte: Warum weinst du also laut, -mein Vater Eckart? Wie bist du doch so groß und -stark, höher und kräftiger, als alle übrige Männer, -vor wem darfst du dich denn fürchten? -</p> - -<p> -Indem zog die Jagd des Herzogs heim nach Hause. -Burgund saß auf einem stattlichen, schön geschmückten -Rosse, und Gold und Geschmeide des fürstlichen Herzogs -flimmerte und blinkte in der Abendsonne, so daß -der junge Conrad den herrlichen Aufzug nicht genug -sehn, nicht genug preisen konnte. Der getreue Eckart -erhob sich und schaute finster hinüber, und der junge -Conrad sang, nachdem er die Jagd aus dem Gesichte -verloren hatte: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wann du willt</p> - <p class="line">Schwerdt und Schild,</p> - <p class="line">Gutes Roß,</p> - <p class="line">Speer und Geschoß</p> - <p class="line">Führen:</p> - <p class="line">Muß dein Mark</p> - <p class="line">In Beinen stark,</p> - <p class="line">Dir im Blut</p> - <p class="line">Mannesmuth</p> - <p class="line">Gar kräftiglich regieren!</p> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -Der Alte nahm den Sohn und herzte ihn, wobei -er gerührt seine großen hellblauen Augen anschaute. -Hast du das Lied jenes guten Mannes gehört? fragte -er ihn dann. -</p> - -<p> -Wie nicht? sprach der Sohn, hat er es doch laut -genug gesungen, und bist du ja doch der getreue Eckart, -so daß ich gern zuhörte. -</p> - -<p> -Derselbe Herzog ist jezt mein Feind, sprach der -alte Vater; er hält mir meinen zweiten Sohn gefangen, -ja hat ihn schon hingerichtet, wenn ich dem trauen -darf, was die Leute im Lande sagen. -</p> - -<p> -Nimm dein großes Schwerdt und duld’ es nicht, -sagte der Sohn; sie müssen ja alle vor dir zittern, und -alle Leute im ganzen Lande werden dir beistehn, denn -du bist ihr größter Held im Lande. -</p> - -<p> -Nicht also, mein Sohn, sprach jener, dann wäre -ich der, für den mich meine Feinde ausgeben, ich darf -nicht an meinem Landesherren ungetreu werden, nein, -ich darf nicht den Frieden brechen, den ich ihm angelobt -und in seine Hände versprochen. -</p> - -<p> -Aber was will er von uns? fragte Conrad ungeduldig. -</p> - -<p> -Der Eckart setzte sich wieder nieder und sagte: mein -Sohn, die ganze Erzählung davon würde zu umständlich -lauten, und du würdest es dennoch kaum verstehn. -Der Mächtige hat immer seinen größten Feind in seinem -eigenen Herzen, den er so Tag wie Nacht fürchtet: -so meint der Burgund nunmehr, er habe mir zu -viel getraut, und in mir eine Schlange an seinem -Busen auferzogen. Sie nennen mich im Land den -kühnsten Degen, sie sagen laut, daß er mir Reich und -Leben zu danken, ich heiße der getreue Eckart, und so -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -wenden sich Bedrängte und Nothleidende zu mir, daß -ich ihnen Hülfe schaffe; das kann er nicht leiden. So -hat er Groll auf mich geworfen, und jeder, der bei -ihm gelten möchte, vermehrt sein Mißtrauen zu mir: -so hat sich endlich sein Herz von mir abgewendet. -</p> - -<p> -Hierauf erzählte ihm der Held Eckart mit schlichten -Worten, daß ihn der Herzog von seinem Angesichte -verbannt habe, und daß sie sich ganz fremd geworden -seien, weil jener geargwohnt, er wolle ihm -gar sein Herzogthum entreißen. In Betrübniß fuhr -er fort, wie der Herzog ihm seinen Sohn gefangen -genommen, und ihm selber, als einem Verräther, nach -dem Leben stehe. Conrad sprach zu seinem Vater: so -laß mich nun hingehn, mein alter Vater, und mit -dem Herzoge reden, damit er verständig und dir gewogen -werde; hat er meinen Bruder erwürgt, so ist er -ein böser Mann, und du sollst ihn strafen, doch kann -es nicht sein, weil er nicht so schnöde deiner großen -Dienste vergessen kann. -</p> - -<p> -Weißt du nicht den alten Spruch, sagte Eckart: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wenn der Mächtge dein begehrt,</p> - <p class="line">Bist du ihm als Freund was werth,</p> - <p class="line">Wie die Noth von ihm gewichen,</p> - <p class="line">Ist die Freundschaft auch erblichen.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Ja, mein ganzes Leben ist unnütz verschwendet: -warum machte er mich groß, um mich dann desto tiefer -hinab zu werfen? Die Freundschaft der Fürsten -ist wie ein tödtendes Gift, das man nur gegen Feinde -nützen kann, und womit sich der Eigner aus Unbedacht -endlich selbst erwürgt. -</p> - -<p> -Ich will zum Herzoge hin, rief Conrad aus, ich -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -will ihm alles, was du gethan, was du für ihn gelitten, -in die Seele zurück rufen, und er wird wieder -seyn, wie ehemals. -</p> - -<p> -Du hast vergessen, sagte Eckart, daß man uns für -Verräther ausgerufen hat, darum laß uns mit einander -flüchten, in ein fremdes Land, wo wir wohl ein -besseres Glück antreffen mögen. -</p> - -<p> -In deinem Alter, sagte Conrad, willst du deiner -lieben Heimath noch den Rücken wenden? Nein, laß -uns lieber alles andere versuchen. Ich will zum Burgunder, -ihn versöhnen und zufrieden stellen; denn was -kann er mir thun wollen, wenn er dich auch haßt und -fürchtet? -</p> - -<p> -Ich lasse dich sehr ungern, sagte Eckart, meine -Seele weissagt mir nichts Gutes, und doch möcht’ ich -gern mit ihm versöhnt sein, denn er ist mein alter -Freund, auch deinen Bruder erretten, der in gefänglicher -Haft bei ihm schmachtet. -</p> - -<p> -Die Sonne warf ihre letzten milden Strahlen auf -die grüne Erde, und Eckart setzte sich nachdenkend nieder, -an einem Baumstamm gelehnt, er beschaute den -Conrad lange Zeit und sagte dann: wenn du gehen -willst, mein Sohn, so gehe jezt, bevor die Nacht -vollends herein bricht; die Fenster in der herzoglichen -Burg glänzen schon von Lichtern, ich vernehme aus -der Ferne Trompetentöne vom Feste, vielleicht ist die -Gemalin seines Sohnes schon angelangt und sein Gemüth -freundlicher gegen uns. -</p> - -<p> -Ungern ließ er den Sohn von sich, weil er seinem -Glücke nicht mehr traute; der junge Conrad aber war -um so muthiger, weil es ihm ein leichtes dünkte, das -Gemüth des Herzoges umzuwenden, der noch vor weniger -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -Zeit so freundlich mit ihm gespielt hatte. Kommst -du mir gewiß zurück, mein liebstes Kind? klagte der -Alte, wenn du mir verloren gehst, ist keiner mehr von -meinem Stamme übrig. Der Knabe tröstete ihn, und -schmeichelte mit Liebkosungen dem Greise; sie trennten -sich endlich. -</p> - -<p> -Conrad klopfte an die Pforte der Burg und ward eingelassen, -der alte Eckart blieb draußen in der Nacht allein. -Auch diesen habe ich verloren, klagte er in der Einsamkeit, -ich werde sein Angesicht nicht wieder sehn. Indem -er so jammerte, wankte an einem Stabe ein Greis daher, -der die Felsen hinab steigen wollte, und bei jedem Schritte -zu fürchten schien, daß er in den Abgrund stürzen möchte. -Wie Eckart die Gebrechlichkeit des Alten wahrnahm, -reichte er ihm die Hand, daß er sicher herunter steigen -möchte. Woher des Weges? fragte ihn Eckart. -</p> - -<p> -Der Alte setzte sich nieder und fing an zu weinen, -daß ihm die hellen Thränen die Wangen hinunter -liefen. Eckart wollte ihn mit gelinden und vernünftigen -Worten trösten, aber der sehr bekümmerte Greis -schien auf seine wohlgemeinten Reden nicht zu achten, -sondern sich seinen Schmerzen noch ungemäßigter zu -ergeben. Welcher Gram kann euch denn so gar sehr -niederbeugen, fragte er endlich, daß ihr gänzlich davon -überwältigt seid? -</p> - -<p> -Ach meine Kinder! klagte der Alte. Da dachte -Eckart an Conrad, Heinz und Dietrich, und war selbst -alles Trostes verlustig; ja, wenn eure Kinder gestorben -sind, sprach er, dann ist euer Elend warlich sehr groß. -</p> - -<p> -Schlimmer als gestorben, versetzte hierauf der Alte -mit seiner jammernden Stimme, denn sie sind nicht todt, -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -aber ewig für mich verloren. O wollte der Himmel, -daß sie nur gestorben wären! -</p> - -<p> -Der Held erschrak über diese seltsamen Worte, und -bat den Greis, ihm dieses Räthsel aufzulösen, worauf -jener sagte: Wir leben warlich in einer wunderbarlichen -Zeit, die wohl die letzten Tage bald herbei führen -wird, denn die erschrecklichsten Zeichen fallen dräuend -in die Welt herein. Alles Unheil macht sich von den -alten Ketten los, und streift nun frank und frei herum; -die Furcht Gottes versiegt und verrinnt, und findet -kein Strombett, in das sie sich sammeln möchte, und -die bösen Kräfte stehn kecklich in ihren Winkeln auf, -und feiern ihren Triumph. O mein lieber Herr, wir -sind alt geworden, aber für dergleichen Wundergeschichten -noch nicht alt genug. Ihr werdet ohne Zweifel -den Cometen gesehen haben, dieses wunderbare Himmelslicht, -das so prophetisch hernieder scheint; alle -Welt weissagt Uebles, und keiner denkt daran, mit sich -selbst die Besserung anzufahn und so die Ruthe abzuwenden. -Dies ist nicht genug, sondern aus der Erde -thun sich Wunderwerke hervor und brechen geheimnißvoll -von unten herauf, wie das Licht schrecklich von -oben herniederscheint. Habt ihr niemals von dem -Berge gehört, den die Leute nur den Berg der Venus -nennen? -</p> - -<p> -Niemalen, sagte Eckart, so weit ich auch herum -gekommen bin. -</p> - -<p> -Darüber muß ich mich verwundern, sagte der Alte, -denn die Sache ist jezt eben so bekannt, als sie wahrhaftig -ist. In diesen Berg haben sich die Teufel hinein -geflüchtet, und sich in den wüsten Mittelpunkt der Erde -gerettet, als das aufwachsende heilige Christenthum den -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -heidnischen Götzendienst stürzte. Hier, sagt man nun, -solle vor allen Frau Venus Hof halten, und alle ihre -höllischen Heerschaaren der weltlichen Lüste und verbotenen -Wünsche um sich versammeln, so daß das Gebirge -auch verflucht seit undenklichen Zeiten gelegen hat. -</p> - -<p> -Doch nach welcher Gegend liegt der Berg? fragte -Eckart. -</p> - -<p> -Das ist das Geheimniß, sprach der Alte, daß dieses -Niemand zu sagen weiß, als der sich schon dem -Satan zu eigen gegeben, es fällt auch keinem Unschuldigen -ein, ihn aufsuchen zu wollen. Ein Spielmann -von wunderseltner Art ist plötzlich von unten hervor -gekommen, den die Höllischen als ihren Abgesandten -ausgeschickt haben; dieser durchzieht die Welt, und -spielt und musizirt auf einer Pfeifen, daß die Töne -weit in den Gegenden wieder klingen. Wer nun diese -Klänge vernimmt, der wird von ihnen mit offenbarer, -doch unerklärlicher Gewalt erfaßt, und fort, fort in -die Wildniß getrieben, er sieht den Weg nicht, den er -geht, er wandert und wandert und wird nicht müde, -seine Kräfte nehmen zu wie seine Eile, keine Macht -kann ihn aufhalten, so rennt er rasend in den Berg -hinein, und findet ewig niemals den Rückweg wieder. -Diese Macht ist der Hölle jezt zurück gegeben, und von -entgegengesetzten Richtungen wandeln nun die unglückseligen -verkehrten Pilgrimme hin, wo keine Rettung zu -erwarten steht. Ich hatte an meinen beiden Söhnen -schon seit lange keine Freude mehr erlebt, sie waren wüst -und ohne Sitten, sie verachteten so Eltern wie Religion; -nun hat sie der Klang ergriffen und angefaßt, -sie sind davon und in die Weite, die Welt ist ihnen zu -enge, und sie suchen in der Hölle Raum. -</p> - -<p> -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -Und was denkt ihr bei diesen Dingen zu thun? -fragte Eckart. -</p> - -<p> -Mit dieser Krücke habe ich mich aufgemacht, antwortete -der Alte, um die Welt zu durchstreifen, sie -wieder zu finden, oder vor Müdigkeit und Gram zu -sterben. -</p> - -<p> -Mit diesen Worten riß er sich mit großer Anstrengung -aus seiner Ruhe auf, und eilte fort so schnell er -nur konnte, als wenn er sein Liebstes auf der Welt -versäumen möchte, und Eckart sah mit Bedauern seiner -unnützen Bemühung nach, und achtete ihn in seinen -Gedanken für wahnwitzig. — -</p> - -<p> -Es war Nacht geworden und wurde Tag, und -Conrad kam nicht zurück; da irrte Eckart durch das -Gebirge und wandte seine sehnenden Augen nach dem -Schlosse, aber er ersah ihn nicht. Ein Getümmel zog -aus der Burg daher, da trachtete er nicht mehr, sich -zu verbergen, sondern er bestieg sein Roß, das frei -weidete, und ritt in die Schaar hinein, die fröhlich -und guter Dinge über das Blachfeld zog. Als er unter -ihnen war, erkannten sie ihn, aber keiner wagte Hand -an ihn zu legen, oder ihm ein hartes Wort zu sagen, -sondern sie wurden aus Ehrerbietung stumm, umgaben -ihn in Verwunderung, und gingen dann ihres Weges. -Einen von den Knechten rief er zurück, und fragte -ihn: Wo ist mein Sohn Conrad? O fragt mich nicht, -sagte der Knecht, denn es würde euch doch nur Jammer -und Wehklagen erregen. Und Dietrich? rief der -Vater. Nennt ihre Namen nicht mehr, sprach der -alte Knecht, denn sie sind dahin, der Zorn des Herrn -war gegen sie entbrannt, er gedachte euch in ihnen -zu strafen. -</p> - -<p> -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -Ein heißer Zorn stieg in Eckarts Gemüth auf, und -er war vor Schmerz und Wuth sein selber nicht mehr -mächtig. Er spornte sein Roß mit aller Gewalt und -ritt in das Burgthor hinein. Alle traten ihm mit -scheuer Ehrfurcht aus dem Wege, und so ritt er vor -den Pallast. Er schwang sich vom Rosse und ging -mit wankenden Schritten die großen Stiegen hinan. -Bin ich hier in der Wohnung des Mannes, sagte er -zu sich selber, der sonst mein Freund war? Er wollte -seine Gedanken sammeln, aber immer wildere Gestalten -bewegten sich vor seinen Augen, und so trat er in -das Gemach des Fürsten. -</p> - -<p> -Der Herzog von Burgund war sich seiner nicht -gewärtig, und erschrak heftig, als er den Eckart vor -sich sah. Bist du der Herzog von Burgund? redete -dieser ihn an. Worauf der Herzog mit Ja antwortete. -Und du hast meinen Sohn Dietrichen hinrichten lassen? -Der Herzog sagte Ja. Und auch mein jüngstes Söhnlein -Conrad, rief Eckart im Schmerz, ist dir nicht zu -gut gewesen, und du hast ihn auch umbringen lassen? -Worauf der Herzog wieder mit Ja antwortete. -</p> - -<p> -Hier ward Eckart übermannt und sprach in Thränen: -O antworte mir nicht so, Burgund, denn diese -Reden kann ich nicht aushalten, sprich nur, daß es -dich gereut, daß du es jezt ungeschehen wünschest, und -ich will mich zu trösten suchen; aber so bist du meinem -Herzen überall zuwider. -</p> - -<p> -Der Herzog sagte: entferne dich von meinem Angesichte, -ungetreuer Verräther, denn du bist mir der -ärgste Feind, den ich nur auf Erden haben kann. -</p> - -<p> -Eckart sagte: du hast mich wohl ehedem deinen -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -Freund genannt, aber diese Gedanken sind dir nunmehr -fremd; nie hab’ ich dir zuwider gehandelt, stets -hab’ ich dich als meinen Fürsten geehrt und geliebt, -und behüte mich Gott, daß ich nun, wie ich wohl -könnte, die Hand an mein Schwerdt legen sollte, um -mir Rache zu schaffen. Nein, ich will mich selbst -von deinem Angesichte verbannen, und in der Einsamkeit -sterben. -</p> - -<p> -Mit diesen Worten ging er fort, und der Burgund -war in seinem Gemüthe bewegt, doch erschienen auf -seinen Ruf die Leibwächter mit den Lanzen, die ihn -von allen Seiten umgaben, und den Eckart mit ihren -Spießen aus dem Gemache treiben wollten. -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Es schwang sich auf sein Pferd</p> - <p class="line">Eckart der edle Held,</p> - <p class="line">Und sprach: in aller Welt</p> - <p class="line">Ist mir nun nichts mehr werth.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die Söhn’ hab’ ich verloren,</p> - <p class="line">So find’ ich nirgend Trost,</p> - <p class="line">Der Fürst ist mir erbost,</p> - <p class="line">Hat meinen Tod geschworen.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Da reitet er zu Wald</p> - <p class="line">Und klagt aus vollem Herzen</p> - <p class="line">Die übergroßen Schmerzen,</p> - <p class="line">Daß weit die Stimme schallt:</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die Menschen sind mir todt,</p> - <p class="line">Ich muß mir Freunde suchen</p> - <p class="line">In Eichen, wilden Buchen,</p> - <p class="line">Ihn’n klagen meine Noth.</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> - <p class="line">Kein Kind, das mich ergötzt,</p> - <p class="line">Erwürgt von schlimmen Leuen</p> - <p class="line">Blieb keiner von den dreien,</p> - <p class="line">Der Liebste starb zuletzt.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wie Eckart also klagte,</p> - <p class="line">Verlor er Sinn und Muth,</p> - <p class="line">Er reit’t in Zorneswuth,</p> - <p class="line">Als schon der Morgen tagte.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Das Roß, das treu geblieben,</p> - <p class="line">Stürzt hin im wilden Lauf,</p> - <p class="line">Er achtet nicht darauf</p> - <p class="line">Und will nun nichts mehr lieben.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Er thut die Rüstung abe,</p> - <p class="line">Wirft sich zu Boden hin,</p> - <p class="line">Auf Sterben steht sein Sinn,</p> - <p class="line">Sein Wunsch nur nach dem Grabe.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Niemand in der Gegend wußte, wohin sich der -Eckart gewendet, denn er hatte sich in die wüsten Waldungen -hinein verirrt, und vor keinem Menschen ließ -er sich sehen. Der Herzog fürchtete seinen Sinn, und -es gereute ihn nun, daß er ihn von sich gelassen, ohne -ihn zu fangen. Darum machte er sich an einem Morgen -auf, mit einem großen Zuge von Jägern und anderm -Gefolge, um die Wälder zu durchstreifen und den -Eckart aufzusuchen, denn er meinte, daß dessen Tod nur -ihn völlig sicher stellte. Alle waren unermüdet, und -ließen sich den Eifer nicht verdrießen, aber die Sonne -war schon untergegangen, ohne daß sie von Eckart eine -Spur angetroffen hätten. -</p> - -<p> -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -Ein Sturm brach herein, und große Wolken flogen -sausend über dem Walde hin, der Donner rollte, und -Blitze fuhren in die hohen Eichen; von einem ungestümen -Schrecken wurden alle angefaßt, und einzeln -in den Gebüschen und auf den Fluren zerstreut. Das -Roß des Herzogs rannte in das Dickicht hinein, sein -Knappe vermochte nicht, ihm zu folgen; das edle Roß -stürzte nieder, und der Burgund rief im Gewitter vergeblich -nach seinen Dienern, denn es war keiner, der -ihn hören mochte. -</p> - -<p> -Wie ein wildes Thier war Eckart umher geirrt, -ohne von sich, von seinem Unglücke etwas zu wissen, -er hatte sich selber verloren und in dumpfer Betäubung -seinen Hunger mit Kräutern und Wurzeln gesättigt; -unkenntlich wäre der Held jezt jedem seiner Freunde -gewesen, so hatten ihn die Tage seiner Verzweiflung -entstellt. Wie der Sturm aufbrach, erwachte er aus -seiner Betäubung, er fand sich in seinen Schmerzen -wieder und erkannte sein Unglück. Da erhub er ein -lautes Jammergeschrei um seine Kinder, er raufte seine -weißen Haare und klagte im Brausen des Sturmes: -Wohin, wohin seid ihr gekommen, ihr Theile meines -Herzens? Und wie ist mir denn so alle Macht genommen, -daß ich euren Tod nicht mindestens rächen darf? -Warum hielt ich denn meinen Arm zurück, und gab nicht -dem den Tod, der meinem Herzen den tödtlichsten Stich -zutheilte? Ha, du verdienst es, Wahnsinniger, daß der -Tyrann dich verhöhnt, weil dein unmächtiger Arm, dein -blödes Herz nicht dem Mörder widerstrebt! Jezt, jezt -sollte er so vor mir stehn! Vergeblich wünsch’ ich jezt -die Rache, da der Augenblick vorüber ist. -</p> - -<p> -So kam die Nacht herauf, und Eckart irrte in -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -seinem Jammer umher. Da hörte er aus der Ferne -wie eine Stimme, die um Hülfe rief. Er richtete -seine Schritte nach dem Schalle, und traf endlich in -der Dunkelheit auf einen Mann, der an einen Baumstamm -gelehnt, ihn wehmüthig bat, ihm wieder auf -die rechte Straße zu helfen. Eckart erschrak vor der -Stimme, denn sie schien ihm bekannt, und bald ermannte -er sich und erkannte, daß der Verirrte der -Herzog von Burgunden sei. Da erhub er seine Hand -und wollte sein Schwerdt fassen, um den Mann nieder -zu hauen, der der Mörder seiner Kinder war; es überfiel -ihn die Wuth mit neuen Kräften, und er war -des festen Willens, jenem den Garaus zu machen, als -er plötzlich inne hielt, und seines Schwures und des -gegebenen Wortes gedachte. Er faßte die Hand seines -Feindes, und führte ihn nach der Gegend, wo er die -Straße vermuthete. -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Der Herzog sank darnieder</p> - <p class="line">Im wilden dunkeln Hain,</p> - <p class="line">Da nahm der Helde bieder</p> - <p class="line">Ihn auf die Schultern sein.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Er sprach: gar viel Beschwerden</p> - <p class="line">Mach’ ich dir, guter Mann;</p> - <p class="line">Der sagte: auf der Erden</p> - <p class="line">Muß man gar viel bestahn.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Doch sollst du, sprach Burgund,</p> - <p class="line">Dich freun, bei meinem Worte,</p> - <p class="line">Komm ich nur erst gesund</p> - <p class="line">Zu Haus und sicherm Orte.</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> - <p class="line">Der Held fühlt Thränen heiß</p> - <p class="line">Auf seinen alten Wangen,</p> - <p class="line">Er sprach: auf keine Weis’</p> - <p class="line">Trag ich nach Lohn Verlangen.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Es mehren sich die Plagen,</p> - <p class="line">Sprach der Burgund in Noth;</p> - <p class="line">Wohin willst du mich tragen?</p> - <p class="line">Du bist wohl gar der Tod? —</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Tod bin ich nicht genannt,</p> - <p class="line">Sprach Eckart noch im Weinen,</p> - <p class="line">Du stehst in Gottes Hand,</p> - <p class="line">Sein Licht mag dich bescheinen.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ach, wohl ist mir bewußt,</p> - <p class="line">Sprach jener drauf in Reue,</p> - <p class="line">Daß sündvoll meine Brust,</p> - <p class="line">Drum zittr’ ich, daß er dräue.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ich hab’ dem treusten Freunde</p> - <p class="line">Die Kinder umgebracht,</p> - <p class="line">Drum steht er mir zum Feinde</p> - <p class="line">In dieser finstern Nacht.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Er war mir recht ergeben,</p> - <p class="line">Als wie der treuste Knecht,</p> - <p class="line">Und war im ganzen Leben</p> - <p class="line">Mir niemals ungerecht.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die Kindlein ließ ich tödten,</p> - <p class="line">Das kann er nie verzeihn,</p> - <p class="line">Ich fürcht’, in diesen Nöthen</p> - <p class="line">Treff’ ich ihn hier im Hain:</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> - <p class="line">Das sagt mir mein Gewissen,</p> - <p class="line">Mein Herze innerlich,</p> - <p class="line">Die Kind hab ich zerrissen,</p> - <p class="line">Dafür zerreißt er mich.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Der Eckart sprach: empfinden</p> - <p class="line">Muß ich so schwere Last,</p> - <p class="line">Weil du nicht rein von Sünden</p> - <p class="line">Und schwer gefrevelt hast.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Daß du den Mann wirst schauen,</p> - <p class="line">Ist auch gewißlich wahr,</p> - <p class="line">Doch magst du mir vertrauen,</p> - <p class="line">So krümmt er dir kein Haar.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -So gingen sie in Gesprächen fort, als ihnen im -Walde eine andre Mannsgestalt begegnete, es war -Wolfram, der Knappe des Herzogs, der seinen Herrn -schon seit lange gesucht hatte. Die dunkle Nacht lag -noch über ihnen, und kein Sternlein blickte zwischen -den schwarzen Wolken hervor. Der Herzog fühlte sich -schwächer, und wünschte eine Herberge zu erreichen, in -der er die Nacht schlafen möchte; dabei zitterte er, auf -den Eckart zu treffen, der wie ein Gespenst vor seiner -Seele stand. Er glaubte nicht den Morgen zu erleben, -und schauderte von neuem zusammen, wenn sich der -Wind wieder in den hohen Bäumen regte, wenn der -Sturm von unten herauf aus den Bergschluften kam -und über ihren Häuptern hinweg ging. Besteige, -Wolfram, rief der Herzog in seiner Angst, diese hohe -Tanne, und schaue umher, ob du kein Lichtlein, kein -Haus, oder keine Hütte erspähst, zu der wir uns wenden -mögen. -</p> - -<p> -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -Der Knappe kletterte mit Gefahr seines Lebens -zum hohen Tannenbaum hinauf, den der Sturm von -einer Seite zur andern warf, und je zuweilen fast bis -zur Erde den Wipfel beugte, so daß der Knappe wie -ein Eichkätzlein oben schwankte. Endlich hatte er den -Gipfel erklommen und rief: Im Thal da unten seh’ -ich den Schein eines Lichtes, dorthin müssen wir uns -wenden! Sogleich stieg er ab und zeigte den beiden -den Weg, und nach einiger Zeit sahen alle den erfreulichen -Schein, worüber der Herzog anfing, sich -wieder wohl zu gehaben. Eckart blieb immer stumm -und in sich gekehrt, er sprach kein Wort und schaute -seinen innern Gedanken zu. Als sie vor der Hütte -standen, klopften sie an, und ein altes Mütterlein öffnete -ihnen die Thür; so wie sie hinein traten, ließ -der starke Eckart den Herzog von seinen Schultern nieder, -der sich alsbald auf seine Knie warf und Gott in -einem brünstigen Gebete für seine Rettung dankte. -Eckart setzte sich in einen finstern Winkel nieder und -traf dort den Greis schlafend, der <a id="corr-8"></a>ihm unlängst sein -großes Unglück mit seinen Söhnen erzählt hatte, welche -er aufzusuchen ging. -</p> - -<p> -Als der Herzog sein Gebet vollendet, sprach er: -Wunderbar ist mir in dieser Nacht zu Sinne geworden, -und die Güte Gottes wie seine Allmacht haben -sich meinem verstockten Herzen noch niemals so nahe -gezeigt; auch daß ich bald sterbe, sagt mir mein Gemüth, -und ich wünsche nichts so sehr, als daß Gott -mir vorher meine vielen und schweren Sünden vergeben -möge. Euch beide aber, die ihr mich hieher geführt -habt, will ich vor meinem Ende noch belohnen, -so viel ich kann. Dir, meinem Knappen, schenk’ ich -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -die beiden Schlösser, die hier auf den nächsten Bergen -liegen; doch sollst du dich künftig, zum Gedächtniß -dieser grauenvollen Nacht, den Tannenhäuser nennen. -Und wer bist du, Mann, fuhr er fort, der sich dorten -im Winkel gelagert hat? Komm hervor, damit ich -auch dir für deine Mühe und Liebe lohnen möge. -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Da stand der Eckart von der Erden</p> - <p class="line">Und trat herfür ans helle Licht,</p> - <p class="line">Er zeigt mit traurigen Geberden</p> - <p class="line">Sein hochbekümmert Angesicht.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Da fehlt dem Burgund Kraft und Muth,</p> - <p class="line">Den Blick des Mannes auszuhalten,</p> - <p class="line">Den Adern sein entweicht das Blut,</p> - <p class="line">In Ohnmacht ist er festgehalten.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Es stürzen ihm die matten Glieder</p> - <p class="line">Von neuem auf den Boden nieder.</p> - <p class="line">Allmächt’ger Gott! so schreit er laut,</p> - <p class="line">Du bist es, den mein Auge schaut?</p> - <p class="line">Wohin soll ich vor dir entfliehn?</p> - <p class="line">Mußt du mich aus dem Walde ziehn?</p> - <p class="line">Dem ich die Kinder hab’ erschlagen,</p> - <p class="line">Der muß mich in den Armen tragen?</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">So klagt Burgund und weint im Sprechen,</p> - <p class="line">Und fühlt das Herz im Busen brechen,</p> - <p class="line">Er sinkt dem Eckart an die Brust,</p> - <p class="line">Ist sich sein selber nicht bewußt. —</p> - <p class="line">Der Eckart leise zu ihm spricht:</p> - <p class="line">Der Schmach gedenk’ ich fürder nicht,</p> - <p class="line">Damit die Welt es sehe frei,</p> - <p class="line">Der Eckart war dir stets getreu.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -So verging die Nacht. Am andern Morgen kamen -andre Diener, die den kranken Herzog fanden. Sie -legten ihn auf Maulthiere und führten ihn in sein -Schloß zurück. Eckart durfte nicht von seiner Seite -kommen, oft aber nahm er seine Hand und drückte -sie sich gegen seine Brust, und sah ihn mit einem flehenden -Blicke an. Eckart umarmte ihn dann, und -sprach einige liebevolle Worte, mit denen sich der Fürst -beruhigte. Er versammelte alle seine Räthe um sich -her, und sagte ihnen, daß er den Eckart, den getreuen -Mann, zum Vormunde über seine Söhne setze, weil -dieser sich als den edelsten erwiesen. So starb er. -</p> - -<p> -Seitdem nahm sich Eckart der Regierung mit allem -Fleiße an, und jedermann im Lande mußte seinen hohen -männlichen Muth bewundern. Es währte nicht lange, -so verbreitete sich in allen Gegenden das wunderbare -Gerücht von dem Spielmanne, der aus dem Venusberge -gekommen, das ganze Land durchziehe und mit -seinen Tönen die Menschen entführe, welche verschwänden, -ohne daß man eine Spur von ihnen wieder finden -könne. Viele glaubten dem Gerüchte, andre nicht, -und Eckart gedachte des unglücklichen Greises wieder. -</p> - -<p> -Ich habe euch zu meinen Söhnen angenommen, -sprach er zu den unmündigen Jünglingen, als er sich -einst mit ihnen auf dem Berge vor dem Schlosse befand; -euer Glück ist jezt meine Nachkommenschaft, ich -will in eurer Freude nach meinem Tode fortleben. Sie -lagerten sich auf dem Abhange, von wo sie weit in -das schöne Land hinein sehn konnten, und Eckart unterdrückte -das Andenken an seine Kinder, denn sie -schienen ihm von den Bergen herüber zu schreiten, indem -er aus der Ferne einen lieblichen Klang vernahm. -</p> - -<div class="poem"> -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> - <p class="line">Kommt es nicht wie Träumen</p> - <p class="line">Aus den grünen Räumen</p> - <p class="line">Zu uns wallend nieder,</p> - <p class="line">Wie Verstorbner Lieder?</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Spricht er zu den jungen Herrn,</p> - <p class="line">Vernimmt den Zauberklang von fern.</p> - <p class="line">Wie sich die Tön’ herüberschwungen</p> - <p class="line">Erwachet in den frommen Jungen</p> - <p class="line">Ein seltsam böser Geist,</p> - <p class="line">Der sich nach unbekannter Ferne reißt.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wir wollen in die Berge, in die Felder,</p> - <p class="line">Uns rufen die Quellen, es locken die Wälder,</p> - <p class="line">Gar heimliche Stimmen entgegen singen,</p> - <p class="line">Ins irdische Paradies uns zu bringen!</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Der Spielmann kommt in fremder Tracht</p> - <p class="line">Den Söhnen Burgunds ins Gesicht,</p> - <p class="line">Und höher schwillt der Töne Macht,</p> - <p class="line">Und heller glänzt der Sonne Licht,</p> - <p class="line">Die Blumen scheinen trunken,</p> - <p class="line">Ein Abendroth nieder gesunken,</p> - <p class="line">Und zwischen Korn und Gräsern schweifen</p> - <p class="line">Sanft irrend blau und goldne Streifen.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wie ein Schatten ist hinweg gehoben</p> - <p class="line">Was sonst den Sinn zur Erden zieht,</p> - <p class="line">Gestillt ist alles ird’sche Toben,</p> - <p class="line">Die Welt zu Einer Blum’ erblüht,</p> - <p class="line">Die Felsen schwanken lichterloh,</p> - <p class="line">Die Triften jauchzen und sind froh,</p> - <p class="line">Es wirrt und irrt alles in die Klänge hinein</p> -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> - <p class="line">Und will in der Freude heimisch sein,</p> - <p class="line">Des Menschen Seele reißen die Funken,</p> - <p class="line">Sie ist im holden Wahnsinn ganz versunken.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Es wurde Eckart rege</p> - <p class="line">Und wundert sich dabei,</p> - <p class="line">Er hört der Töne Schläge</p> - <p class="line">Und fragt sich, was es sei.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ihm dünkt die Welt erneuet,</p> - <p class="line">In andern Farben blühn,</p> - <p class="line">Er weiß nicht, was ihn freuet,</p> - <p class="line">Fühlt sich in Wonne glühn.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ha! bringen nicht die Töne,</p> - <p class="line">So fragt er sich entzückt,</p> - <p class="line">Mir Weib und liebe Söhne,</p> - <p class="line">Und was mich sonst beglückt?</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Doch faßt ein heimlich Grauen</p> - <p class="line">Den Helden plötzlich an,</p> - <p class="line">Er darf nur um sich schauen</p> - <p class="line">Und fühlt sich bald ein Mann.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Da sieht er schon das Wüthen</p> - <p class="line">Der ihm vertrauten Kind,</p> - <p class="line">Die sich der Hölle bieten</p> - <p class="line">Und unbezwinglich sind.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Sie werden fortgezogen</p> - <p class="line">Und kennen ihn nicht mehr,</p> - <p class="line">Sie toben wie die Wogen</p> - <p class="line">Im wildempörten Meer.</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> - <p class="line">Was soll er da beginnen?</p> - <p class="line">Ihn ruft sein Wort und Pflicht,</p> - <p class="line">Ihm wanken selbst die Sinnen,</p> - <p class="line">Er kennt sich selber nicht.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Da kömmt die Todesstunde</p> - <p class="line">Von seinem Freund zurück,</p> - <p class="line">Er höret den Burgunde</p> - <p class="line">Und sieht den letzten Blick.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">So schirmt er sein Gemüthe</p> - <p class="line">Und steht gewappnet da,</p> - <p class="line">Indem kommt im Gemüthe</p> - <p class="line">Der Spielmann selbst ihm nah.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Er will den Degen schwingen</p> - <p class="line">Und schlagen jenes Haupt:</p> - <p class="line">Er hört die Pfeife klingen,</p> - <p class="line">Die Kraft ist ihm geraubt.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Es stürzen aus den Bergen</p> - <p class="line">Gestalten wunderlich,</p> - <p class="line">Ein wüstes Heer von Zwergen,</p> - <p class="line">Sie nahen grauerlich.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die Söhne sind gefangen</p> - <p class="line">Und toben in dem Schwarm,</p> - <p class="line">Umsonst ist sein Verlangen,</p> - <p class="line">Gelähmt sein tapfrer Arm.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Es stürmt der Zug an Vesten,</p> - <p class="line">An Schlössern wild vorbei,</p> - <p class="line">Sie ziehn von Ost nach Westen</p> - <p class="line">Mit jauchzendem Geschrei.</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> - <p class="line">Eckart ist unter ihnen,</p> - <p class="line">Es reißt die Macht ihn hin,</p> - <p class="line">Er muß der Hölle dienen,</p> - <p class="line">Bezwungen ist sein Sinn.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Da nahen sie dem Berge,</p> - <p class="line">Aus dem Musik erschallt,</p> - <p class="line">Und also gleich die Zwerge</p> - <p class="line">Stillstehn und machen Halt.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Der Fels springt von einander,</p> - <p class="line">Ein bunt Gewimmel drein,</p> - <p class="line">Man sieht Gestalten wandern</p> - <p class="line">Im wunderlichen Schein.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Da faßt er seinen Degen</p> - <p class="line">Und sprach: ich bleibe treu!</p> - <p class="line">Und haut mit Kraft verwegen</p> - <p class="line">In alle Schaaren frei.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die Kinder sind errungen,</p> - <p class="line">Sie fliehen durch das Thal,</p> - <p class="line">Der Feind noch unbezwungen</p> - <p class="line">Mehrt sich zu Eckarts Quaal.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die Zwerge sinken nieder,</p> - <p class="line">Sie fassen neuen Muth,</p> - <p class="line">Es kommen andre wieder,</p> - <p class="line">Und jeder kämpft mit Wuth.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Da sieht der Held schon ferne</p> - <p class="line">Die Kind in Sicherheit,</p> - <p class="line">Sprach: nun verlier’ ich gerne</p> - <p class="line">Mein Leben hier im Streit.</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> - <p class="line">Sein tapfres Schwerdt thut blinken</p> - <p class="line">Im hellen Sonnenstrahl,</p> - <p class="line">Die Zwerge niedersinken</p> - <p class="line">Zu Haufen dort im Thal.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die Kinder sind entschwunden</p> - <p class="line">Im allerfernsten Feld,</p> - <p class="line">Da fühlt er seine Wunden,</p> - <p class="line">Da stirbt der tapfre Held.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">So fand er seine Stunde</p> - <p class="line">Wild kämpfend wie der Leu,</p> - <p class="line">Und blieb noch dem Burgunde</p> - <p class="line">Im Tode selber treu.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Als nun der Held erschlagen</p> - <p class="line">Regiert der ältste Sohn,</p> - <p class="line">Dankbar hört man ihn sagen:</p> - <p class="line">Eckart hat meinen Thron</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Erkämpft mit vielen Wunden</p> - <p class="line">Und seinem besten Blut,</p> - <p class="line">Und alle Lebensstunden</p> - <p class="line">Verdank’ ich seinem Muth.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Bald hört man Wundersagen</p> - <p class="line">Im ganzen Land umgehn,</p> - <p class="line">Daß, wer es wolle wagen</p> - <p class="line">Der Venus Berg zu sehn,</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Der werde dorten schauen</p> - <p class="line">Des treuen Eckart Geist,</p> - <p class="line">Der jeden mit Vertrauen</p> - <p class="line">Zurück vom Felsen weist.</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> - <p class="line">Wo er nach seinem Sterben</p> - <p class="line">Noch Schutz und Wache hält.</p> - <p class="line">Es preisen alle Erben</p> - <p class="line">Eckart den treuen Held.</p> -</div> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-2"> -<span class="firstline">Zweiter Abschnitt.</span> -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>s waren mehr als vier Jahrhunderte seit dem Tode -des getreuen Eckart verflossen, als am Hofe ein edler -Tannenhäuser als kaiserlicher Rath im großen Ansehen -stand. Der Sohn dieses Ritters übertraf an Schönheit -alle übrigen Edlen des Landes, weswegen er auch von -jedermann geliebt und hochgeschätzt wurde. Plötzlich -aber verschwand er, nachdem sich einige wunderbare -Dinge mit ihm zugetragen hatten, und kein Mensch -wußte zu sagen, wohin er gekommen sei. Seit der -Zeit des getreuen Eckart gab es vom Venusberge eine -Sage im Lande, und manche sprachen, daß er dorthin -gewandert und also auf ewig verloren sei. -</p> - -<p> -Einer von seinen Freunden, Friedrich von Wolfsburg, -härmte sich von allen am meisten um den jungen -Tannenhäuser. Sie waren mit einander erwachsen -und ihre gegenseitige Freundschaft schien jedem ein -Bedürfniß seines Lebens geworden zu sein. Tannenhäusers -alter Vater war gestorben, Friedrich vermälte -sich nach einigen Jahren; schon umgab ihn ein Kreis -von fröhlichen Kindern, und immer noch hatte er keine -Nachricht von seinem Jugendfreunde vernommen, so -daß er ihn auch für gestorben halten mußte. -</p> - -<p> -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -Er stand eines Abends unter dem Thor seiner Burg, -als er aus der Ferne einen Pilgrim daher kommen -sah, der sich seinem Schlosse näherte. Der fremde -Mann war in seltsame Tracht gekleidet, und sein Gang -wie seine Geberden erschienen dem Ritter wunderlich. -Als jener näher gekommen, glaubte er ihn zu kennen, -und endlich war er mit sich einig, daß der Fremde kein -anderer als sein ehemaliger Freund der Tannenhäuser -sein könne. Er erstaunte und ein heimlicher Schauer -bemächtigte sich seiner, als er die durchaus veränderten -Züge deutlich gewahr wurde. -</p> - -<p> -Die beiden Freunde umarmten sich, und erschraken -dann einer vor dem andern, sie staunten sich an, wie -fremde Wesen. Der Fragen, der verworrenen Antworten -gab es viele; Friedrich erbebte oft vor dem -wilden Blicke seines Freundes, in dem ein unverständliches -Feuer brannte. Nachdem sich der Tannenhäuser -einige Tage erholt hatte, erfuhr Friedrich, daß er auf -einer Wallfahrt nach Rom begriffen sei. -</p> - -<p> -Die beiden Freunde erneuerten bald ihre ehemaligen -Gespräche und erzählten sich die Geschichte ihrer -Jugend, doch verschwieg der Tannenhäuser noch immer -sorgfältig, wo er seitdem gewesen. Friedrich aber drang -in ihn, nachdem sie sich in ihre sonstige Vertraulichkeit -wieder hinein gefunden hatten, jener suchte sich lange -den freundschaftlichen Bitten zu entziehen, doch endlich -rief er aus: Nun, so mag dein Wille erfüllt werden, -du sollst alles erfahren, mache mir aber nachher keine -Vorwürfe, wenn dich die Geschichte mit Bekümmerniß -und Grauen erfüllt. -</p> - -<p> -Sie gingen ins Freie und wandelten durch einen -grünen Lustwald, wo sie sich niedersetzten, worauf der -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -Tannenhäuser sein Haupt im grünen Grase verbarg -und unter lautem Schluchzen seinem Freunde abgewandt -die rechte Hand reichte, die dieser zärtlich drückte. -Der trübselige Pilgrim richtete sich wieder auf, und -begann seine Erzählung auf folgende Weise: -</p> - -<p> -Glaube mir, mein Theurer, daß manchem von -uns ein böser Geist von seiner Geburt an mitgegeben -wird, der ihn durch das Leben dahin ängstigt und ihn -nicht ruhen läßt, bis er an das Ziel seiner schwarzen -Bestimmung gelangt ist. So geschahe mir, und mein -ganzer Lebenslauf ist nur ein dauerndes Geburtswehe, -und mein Erwachen wird in der Hölle sein. Darum -habe ich nun schon so viele mühselige Schritte gethan, -und so manche stehn mir noch auf meiner Pilgerschaft -bevor, ob ich vielleicht beim heiligen Vater zu Rom -Vergebung erlangen möchte: vor ihm will ich die -schwere Ladung meiner Sünden ablegen, oder im Druck -erliegen und verzweifelnd sterben. -</p> - -<p> -Friedrich wollte ihn trösten, doch schien der Tannenhäuser -auf seine Reden nicht sonderlich Acht zu geben, -sondern fuhr nach einer kleinen Weile mit folgenden -Worten fort: Man hat ein altes Mährchen, daß -vor vielen Jahrhunderten ein Ritter mit dem Namen -des getreuen Eckart gelebt habe; man erzählt, wie damals -aus einem seltsamen Berge ein Spielmann gekommen -sei, dessen wunderbarliche Töne so tiefe Sehnsucht, -so wilde Wünsche in den Herzen aller Hörenden -auferweckt haben, daß sie unwiderstreblich den Klängen -nachgerissen worden, um sich in jenem Gebirge zu -verlieren. Die Hölle hat damals ihre Pforten den -armen Menschen weit aufgethan, und sie mit lieblicher -Musik zu sich herein gespielt. Ich hörte als Knabe -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -diese Erzählung oft und wurde nicht sonderlich davon -gerührt, doch währte es nicht lange, so erinnerte mich -die ganze Natur, jedweder Klang, jedwede Blume an -die Sage von diesen herzergreifenden Tönen. Ich kann -dir nicht ausdrücken, welche Wehmuth, welche unaussprechliche -Sehnsucht mich plötzlich ergriff, und wie in -Banden hielt und fortführen wollte, wenn ich dem -Zug der Wolken nachsahe, die lichte herrliche Bläue -erblickte, die zwischen ihnen hervordrang, welche Erinnerungen -Wies’ und Wald in meinem tiefsten Herzen -erwecken wollten. Oft ergriff mich die Lieblichkeit und -Fülle der herrlichen Natur, daß ich die Arme ausstreckte -und wie mit Flügeln hineinstreben wollte, um -mich, wie der Geist der Natur, über Berg und Thal -auszugießen, und mich in Gras und Büschen allseitig -zu regen und die Fülle des Segens einzuathmen. -Hatte mich am Tage die freie Landschaft entzückt, so -ängstigten mich in der Nacht dunkle Traumbilder und -stellten sich grauenhaft vor mich hin, als wenn sie mir -den Weg zu allem Leben versperren wollten. Vor allen -ließ ein Traum einen unauslöschlichen Eindruck in -meinem Gemüthe zurück, ob ich gleich nicht die Bilder -deutlich wieder in meine Phantasie zurückrufen konnte. -Mir dünkte, als wäre ein großes Gewühl in den Gassen, -ich vernahm undeutliche Gespräche durcheinander, -darauf ging ich, es war dunkle Nacht, in das Haus -meiner Eltern, und nur mein Vater war zugegen und -krank. Am nächsten Morgen fiel ich meinen Eltern -um den Hals, umarmte sie inbrünstig und drückte sie -an meine Brust, als wenn uns eine feindliche Gewalt -von einander reißen wollte. Sollt’ ich dich verlieren? -sprach ich zum theuren Vater, o wie unglücklich und -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -einsam wäre ich ohne dich in dieser Welt! Sie trösteten -mich, aber es gelang ihnen nicht, das dunkle Bild -aus meinem Gedächtnisse zu entfernen. -</p> - -<p> -Ich ward älter, indem ich mich stets von andern -Knaben meines Alters entfernt hielt. Oft streifte ich -einsam durch die Felder, und so geschah es an einem -Morgen, daß ich meinen Weg verlor, und in einem -dunkeln Walde, um Hülfe rufend, herum irrte. Nachdem -ich so lange Zeit vergeblich nach einem Wege gesucht -hatte, stand ich endlich plötzlich vor einem eisernen -Gatterwerk, welches einen Garten umschloß. Durch -dasselbe sah ich schöne dunkle Gänge vor mir, Fruchtbäume -und Blumen, voran standen Rosengebüsche, die -im Schein der Sonne glänzten. Ein unnennbares -Sehnen zu den Rosen ergriff mich, ich konnte mich -nicht zurückhalten, ich drängte mich mit Gewalt durch -die eisernen Stäbe, und war nun im Garten. Alsbald -fiel ich nieder, umfaßte mit meinen Armen die -Gebüsche, küßte die Rosen auf ihren rothen Mund, -und ergoß mich in Thränen. Als ich mich eine Zeit -in dieser Entzückung verloren hatte, kamen zwei Mädchen -durch die Baumgänge, die eine älter, die andre -von meinen Jahren. Ich erwachte aus meiner Betäubung, -um mich einer höheren Trunkenheit hinzugeben. -Mein Auge fiel auf die jüngere, und mir war -in diesem Augenblicke, als würde ich von allen meinen -unbekannten Schmerzen geheilt. Man nahm mich im -Hause auf, die Eltern der beiden Kinder erkundigten -sich nach meinem Namen, und schickten meinem Vater -Botschaft, der mich gegen Abend selber wieder -abholte. -</p> - -<p> -Von diesem Tage hatte der ungewisse Lauf meines -<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> -Lebens eine bestimmte Richtung gewonnen, meine Gedanken -eilten immer wieder nach dem Schlosse und -dem Mädchen zurück, denn hier schien mir die Heimath -aller meiner Wünsche. Ich vergaß meiner gewohnten -Freuden, ich vernachlässigte meine Gespielen, -und besuchte oft den Garten, das Schloß und das -Mädchen. Bald war ich dort wie ein Kind vom -Hause, so daß man sich nicht mehr verwunderte, wenn -ich zugegen war, und Emma ward mir mit jedem -Tage lieber. So vergingen mir die Stunden, und -eine Zärtlichkeit hatte mein Herz gefangen genommen, -ohne daß ich es selber wußte. Meine ganze Bestimmung -schien mir nun erfüllt, ich hatte keine andere -Wünsche, als immer wieder zu kommen, und wenn -ich fortging, dieselbe Aussicht auf den künftigen Tag -zu haben. -</p> - -<p> -Um die Zeit ward ein junger Ritter in der Familie -bekannt, der auch zugleich ein Freund meiner Eltern -war, und sich bald eben so, wie ich, an Emma schloß. -Ich haßte ihn von diesem Augenblicke wie meinen -Todfeind. Unbeschreiblich aber waren meine Gefühle, -als ich wahrzunehmen glaubte, daß Emma seine Gesellschaft -der meinigen vorziehe. Von dieser Stunde -an war es, als wenn die Musik, die mich bis dahin -begleitet hatte, in meinem Busen unterginge. Ich -dachte nur Tod und Haß, wilde Gedanken erwachten -in meiner Brust, wenn Emma nun auf der Laute -die bekannten Gesänge sang. Auch verbarg ich meinen -Widerwillen nicht, und bezeigte mich gegen meine Eltern, -die mir Vorwürfe machten, wild und widerspenstig. -</p> - -<p> -Nun irrte ich in den Wäldern und zwischen Felsen -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -umher, gegen mich selber wüthend: den Tod meines -Gegners hatte ich beschlossen. Der junge Ritter hielt -nach einigen Monden bei den Eltern um meine Geliebte -an, sie wurde ihm zugesagt. Was mich sonst -wunderbar in der ganzen vollen Natur angezogen und -gereizt hatte, hatte sich mir in Emmas Bilde vereiniget; -ich wußte, kannte und wollte kein anderes Glück -als sie, ja ich hatte mir willkührlich vorgesetzt, daß -ihren Verlust und mein Verderben ein und derselbe -Tag herbei führen solle. -</p> - -<p> -Meine Eltern grämten sich über meine Verwilderung, -meine Mutter war krank geworden, aber es -rührte mich nicht, ich kümmerte mich wenig um ihren -Zustand, und sah sie nur selten. Der Hochzeitstag -meines Feindes rückte heran, und mit ihm wuchs -meine Angst, die mich durch die Wälder und über die -Berge trieb. Ich verwünschte Emma und mich mit -den gräßlichsten Flüchen. Um die Zeit hatte ich keinen -Freund, kein Mensch wollte sich meiner annehmen, -weil mich alle verloren gaben. -</p> - -<p> -Die schreckliche Nacht vor dem Vermählungstage -brach heran. Ich hatte mich unter Klippen verirrt -und hörte unter mir die Waldströme brausen, oft erschrak -ich vor mir selber. Als es Morgen war, sah -ich meinen Feind von den Bergen hernieder steigen, ich -fiel ihn mit beschimpfenden Reden an, er vertheidigte -sich, wir griffen zu den Schwerdtern, und bald sank -er unter meinen wüthenden Hieben nieder. -</p> - -<p> -Ich eilte fort, ich sah mich nicht nach ihm um, -aber seine Begleiter trugen den Leichnam fort. Nachts -schwärmte ich um die Wohnung, die meine Emma -einschloß, und nach wenigen Tagen vernahm ich im -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -benachbarten Kloster Todtengeläute und den Grabgesang -der Nonnen. Ich fragte: man sagte mir, daß Fräulein -Emma aus Gram über den Tod ihres Bräutigams -gestorben sei. -</p> - -<p> -Ich wußte nicht zu bleiben, ich zweifelte, ob ich -lebe, ob alles Wahrheit sei. Ich eilte zurück zu meinen -Eltern, und kam in der folgenden Nacht spät in -die Stadt, in der sie wohnten. Alles war in Unruhe, -Pferde und Rüstwagen erfüllten die Straßen, Lanzenknechte -tummelten sich durch einander und sprachen in -verwirrten Reden: es war gerade an dem, daß der -Kaiser einen Feldzug gegen seine Feinde unternehmen -wollte. Ein einsames Licht brannte in der väterlichen -Wohnung als ich herein trat; eine drückende Beklemmung -lag auf meiner Brust. Auf mein Anklopfen -kommt mir mein Vater selbst mit leisem bedächtigen -Schritte entgegen; sogleich erinnere ich mich des alten -Traumes aus meinen Kinderjahren, und fühle mit -innigster Bewegung, daß es dasselbe sei, was ich nun -erlebe. Ich bin bestürzt, ich frage: Warum, Vater, -seid ihr so spät noch auf? Er führt mich hinein und -spricht: ich muß wohl wachen, denn deine Mutter ist -ja nun auch todt. -</p> - -<p> -Die Worte fielen wie Blitze in meine Seele. Er -setzte sich bedächtig nieder, ich mich an seine Seite, die -Leiche lag auf einem Bette und war mit Tüchern seltsam -zugehängt. Mein Herz wollte zerspringen. Ich -halte Wache, sprach der Alte, denn meine Gattin sitzt -noch immer neben mir. Meine Sinne vergingen, ich -heftete meine Augen in einen Winkel, und nach kurzer -Weile regte es sich wie ein Dunst, es wallte und -wogte, und die bekannte Bildung meiner Mutter zog -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -sich sichtbarlich zusammen, die nach mir mit ernsten -Mienen schaute. Ich wollte fort, ich konnte nicht, -denn die mütterliche Gestalt winkte und mein Vater -hielt mich fest in den Armen, welcher mir leise zuflüsterte: -sie ist aus Gram um dich gestorben. Ich umfaßte -ihn mit aller kindlichen Brünstigkeit, ich vergoß -brennende Thränen an seiner Brust. Er küßte mich, -und mir schauderte, als seine Lippen kalt wie die Lippen -eines Todten mich berührten. Wie ist dir, Vater? -rief ich mit Entsetzen aus. Er zuckte schmerzhaft in -sich zusammen und antwortete nicht. In wenigen -Augenblicken fühlte ich ihn kälter werden, ich suchte -nach seinem Herzen, es stand still, und im wehmüthigen -Wahnsinn hielt ich die Leiche in meiner Umarmung -fest eingeklammert. -</p> - -<p> -Wie ein Schein, gleich der ersten Morgenröthe, -flog es durch das dunkle Gemach; da saß der Geist -meines Vaters neben dem Bilde meiner Mutter, und -beide sahen nach mir mitleidig hin, wie ich die theure -Leiche festhielt. Seitdem war es um mein Bewußtsein -geschehn, wahnsinnig und kraftlos fanden mich die Diener -am Morgen in der Todtenkammer. — -</p> - -<p> -Bis hieher war der Tannenhäuser mit seiner Erzählung -gekommen, indem ihm sein Freund Friedrich -mit dem größten Erstaunen zuhörte, als er plötzlich -abbrach und mit dem <a id="corr-9"></a>Ausdruck des größten Schmerzes -inne hielt. Friedrich war verlegen und nachdenkend, -die beiden Freunde gingen in die Burg zurück, doch -blieben sie in einem Zimmer allein. -</p> - -<p> -Nachdem der Tannenhäuser eine Weile geschwiegen -hatte, fing er wieder an: Immer noch erschüttert mich -das Andenken dieser Stunden tief, und ich begreife -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -nicht, wie ich sie habe überleben können. Nunmehr -schien mir die Erde und das Leben völlig ausgestorben -und verwüstet, ich schleppte mich ohne Gedanken und -Wunsch von einem Tage zum andern hinüber. Dann -gerieth ich in eine Gesellschaft von wilden jungen Leuten, -und in Trunk und Wollust suchte ich den pochenden -bösen Geist in mir zu besänftigen. Die alte brennende -Ungeduld erwachte in meiner Brust von neuem, -und ich konnte mich und meine Wünsche selber nicht -verstehn. Ein Wüstling, Rudolf genannt, war mein -Vertrauter geworden, der aber immer meine Klagen wie -meine Sehnsucht verlachte. So mochte ein Jahr verflossen -sein, als meine Angst bis zur Verzweiflung stieg; es -drängte mich weiter, weiter hinein in eine unbekannte -Ferne, ich hätte mich von den hohen Bergen hinab in den -Glanz der Wiesenfarben, in das kühle Gebrause der -Ströme stürzen mögen, um den glühenden Durst der -Seele, die Unersättlichkeit zu löschen; ich sehnte mich -nach der Vernichtung und wieder wie goldne Morgenwolken -schwebten Hoffnung und Lebenslust vor mir hin und -lockten mich nach. Da kam ich auf den Gedanken, -daß die Hölle nach mir lüstern sei, und mir so Schmerzen -wie Freuden entgegen sende, um mich zu verderben, -daß ein tückischer Geist alle meine Seelenkräfte -nach der dunkeln Behausung richte und mich hinunter -zügle. Da gab ich mich gefangen, um der Quaalen, der -wechselnden Entzückungen los zu werden. In der dunkelsten -Nacht bestieg ich einen hohen Berg und rief mit -allen Herzenskräften den Feind Gottes und der Menschen -zu mir, so daß ich fühlte, er würde mir gehorchen -müssen. Meine Worte zogen ihn herbei, er stand -plötzlich neben mir und ich empfand kein Grauen. Da -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -ging im Gespräch mit ihm der Glaube an jenen wunderbaren -Berg von neuem in mir auf, und er lehrte -mich ein Lied, das mich von selbst auf die rechte Straße -dahin führen würde. Er verschwand, und ich war zum -erstenmal, seit ich lebte, mit mir allein, denn nun -verstand ich meine abirrenden Gedanken, die aus dem -Mittelpunkte heraus strebten, um eine neue Welt zu -finden. Ich machte mich auf den Weg, und das Lied, -das ich mit lauter Stimme sang, führte mich über -wunderbare Einöden fort, und alles übrige in mir und -außer mir hatte ich vergessen; es trug mich wie auf -großen Flügeln der Sehnsucht nach meiner Heimath, -ich wollte dem Schatten entfliehen, der uns auch aus -dem Glanze noch dräut, den wilden Tönen, die noch -in der zartesten Musik auf uns schelten. So kam ich -in einer Nacht, als der Mond hinter dunkeln Wolken -matt hervor schien, vor dem Berge an. Ich setzte -mein Lied fort, und eine Riesengestalt stand da und -winkte mich mit ihrem Stabe zurück. Ich ging näher. -Ich bin der getreue Eckart, rief die übermenschliche -Bildung, ich bin von Gottes Güte hieher zum Wächter -gesetzt, um des Menschen bösen Fürwitz zurück zu -halten. — Ich drang hindurch. -</p> - -<p> -Wie in einem unterirdischen Bergwerke war nun -mein Weg. Der Steg war so schmal, daß ich mich -hindurch drängen mußte, ich vernahm den Klang der -verborgenen wandernden Gewässer, ich hörte die Geister, -die die Erze und Gold und Silber bildeten, um den -Menschengeist zu locken, ich fand die tiefen Klänge und -Töne hier einzeln und verborgen, aus denen die irdische -Musik entsteht; je tiefer ich ging, je mehr fiel es -wie ein Schleier vor meinem Angesichte hinweg. -</p> - -<p> -<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> -Ich ruhte aus und sah andre Menschengestalten heran -wanken, mein Freund Rudolf war unter ihnen; ich -begriff gar nicht, wie sie mir vorbei kommen würden, -da der Weg so sehr enge war, aber sie gingen mitten -durch die Steine hindurch, ohne daß sie mich gewahr -wurden. -</p> - -<p> -Alsbald vernahm ich Musik, aber eine ganz andre, -als bis dahin zu meinem Gehör gedrungen war, meine -Geister in mir arbeiteten den Tönen entgegen; ich kam -ins Freie, und wunderhelle Farben glänzten mich von -allen Seiten an. Das war es, was ich immer gewünscht -hatte. Dicht am Herzen fühlte ich die Gegenwart -der gesuchten, endlich gefundenen Herrlichkeit, und -in mich spielten die Entzückungen mit allen ihren Kräften -hinein. So kam mir das Gewimmel der frohen -heidnischen Götter entgegen, Frau Venus an ihrer -Spitze, alle begrüßten mich; sie sind dorthin gebannt -von der Gewalt des Allmächtigen, und ihr Dienst ist -von der Erde vertilgt; nun wirken sie von dort in ihrer -Heimlichkeit. -</p> - -<p> -Alle Freuden, die die Erde beut, genoß und schmeckte -ich hier in ihrer vollsten Blüthe, unersättlich war mein -Busen und unendlich der Genuß. Die berühmten Schönheiten -der alten Welt waren zugegen, was mein Gedanke -wünschte, war in meinem Besitz, eine Trunkenheit -folgte der andern, mit jedem Tage schien um mich -her die Welt in bunteren Farben zu brennen. Ströme -des köstlichsten Weines löschten den grimmen Durst, und -die holdseligsten Gestalten gaukelten dann in der Luft, ein -Gewimmel von nackten Mädchen umgab mich einladend, -Düfte schwangen sich bezaubernd um mein Haupt, wie -aus dem innersten Herzen der seligsten Natur erklang -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -eine Musik, und kühlte mit ihren frischen Wogen der -Begierde wilde Lüsternheit; ein Grauen, das so heimlich -über die Blumenfelder schlich, erhöhte den entzückenden -Rausch. Wie viele Jahre so verschwunden sind, -weiß ich nicht zu sagen, denn hier gab es keine Zeit -und keine Unterschiede, in den Blumen brannte der -Mädchen und der Lüste Reiz, in den Körpern der -Weiber blühte der Zauber der Blumen, die Farben -führten hier eine andre Sprache, die Töne sagten neue -Worte, die ganze Sinnenwelt war hier in einer Blüthe -fest gebunden, und die Geister drinnen feierten ewig -einen brünstigen Triumph. -</p> - -<p> -Doch wie es geschah, kann ich so wenig sagen wie -fassen, daß mich nun in aller Sünderherrlichkeit der -Trieb nach der Ruhe, der Wunsch zur alten unschuldigen -Erde mit ihren dürftigen Freuden eben so ergriff, -wie mich vormals die Sehnsucht hieher gedrängt hatte. -Es zog mich an, wieder jenes Leben zu leben, das die -Menschen in aller Bewußtlosigkeit führen, mit Leiden -und abwechselnden Freuden; ich war von dem Glanz -gesättigt und suchte gern die vorige Heimath wieder. -Eine unbegreifliche Gnade des Allmächtigen verschaffte -mir die Rückkehr, ich befand mich plötzlich wieder in -der Welt, und denke nun meinen sündigen Busen vor -den Stuhl unsers allerheiligsten Vaters in Rom auszuschütten, -daß er mir vergebe und ich den übrigen Menschen -wieder zugezählt werde. — -</p> - -<p> -Der Tannenhäuser schwieg still, und Friedrich betrachtete -ihn lange mit einem prüfenden Blicke; dann -nahm er die Hand seines Freundes und sagte: immer -noch kann ich nicht von meinem Erstaunen zurück kommen, -auch kann ich deine Erzählung nicht begreifen, -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -denn es ist nicht anders möglich, als daß alles, was -du mir vorgetragen hast, nur eine Einbildung von dir -sein muß. Denn noch lebt Emma, sie ist meine Gattin, -und nie haben wir gekämpft oder uns gehaßt, wie -du glaubst; doch verschwandest du noch vor unsrer Hochzeit -aus der Gegend, auch hast du mir damals nie mit -einem einzigen Worte gesagt, daß Emma dir lieb sei. -</p> - -<p> -Er nahm hierauf den verwirrten Tannenhäuser bei -der Hand und führte ihn in ein anderes Zimmer zu -seiner Gattin, die eben von einem Besuch ihrer Schwester, -bei der sie einige Tage verweilt, auf das Schloß -zurück gekommen war. Der Tannenhäuser war stumm -und nachdenkend, er beschaute still die Bildung und -das Antlitz der Frau, dann schüttelte er mit dem Kopfe -und sagte: bei Gott, das ist noch die seltsamste von -allen meinen Begebenheiten! -</p> - -<p> -Friedrich erzählte ihm im Zusammenhange alles, -was ihm seitdem zugestoßen war, und suchte seinem -Freunde deutlich zu machen, daß ihn ein seltsamer -Wahnsinn nur seit manchem Jahre beängstiget habe. -Ich weiß recht gut wie es ist, rief der Tannenhäuser -aus, jezt bin ich getäuscht und wahnsinnig, die Hölle -will mir dies Blendwerk vorgaukeln, damit ich nicht nach -Rom gehn und meiner Sünden ledig werden soll. -</p> - -<p> -Emma suchte ihn an seine Kindheit zu erinnern, -aber der Tannenhäuser ließ sich nicht überreden. So -reiste er schnell ab, um in kurzer Zeit in Rom vom -Pabste Absolution zu erhalten. -</p> - -<p> -Friedrich und Emma sprachen noch oft über den -seltsamen Pilgrim. Einige Monden waren verflossen, -als der Tannenhäuser bleich und abgezehrt, in zerrissenen -Wallfahrtskleidern und barfuß in Friedrichs Gemach trat, -<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -indem dieser noch schlief. Er küßte ihn auf den Mund -und sagte dann schnell die Worte: der heilige Vater will -und kann mir nicht vergeben, ich muß in meinen alten -Wohnsitz zurück. Hierauf entfernte er sich eilig. -</p> - -<p> -Friedrich ermunterte sich, der unglückliche Pilger war -schon verschwunden. Er ging nach dem Zimmer seiner -Gattin, und die Weiber stürzten ihm mit Geheul entgegen; -der Tannenhäuser war hier früh am Tage herein -gedrungen und hatte die Worte gesagt: diese soll mich nicht -in meinem Laufe stören! Man fand Emma ermordet. -</p> - -<p> -Noch konnte sich Friedrich nicht besinnen, als es ihn -wie Entsetzen befiel; er konnte nicht ruhn, er rannte ins -Freie. Man wollte ihn zurück halten, aber er erzählte, -wie ihm der Pilgrim einen Kuß auf die Lippen gegeben -habe, und wie dieser Kuß ihn brenne, bis er jenen wieder -gefunden. So rannte er in unbegreiflicher Eile fort, den -wunderlichen Berg und den Tannenhäuser zu suchen, und -man sah ihn seitdem nicht mehr. Die Leute sagten, wer -einen Kuß von einem aus dem Berge bekommen, der könne -der Lockung nicht widerstehn, die ihn auch mit Zaubergewalt -in die unterirdischen Klüfte reiße. — -</p> - -<p class="tb"> -——— -</p> - -<p class="noindent"> -Alle waren nach geendigter Erzählung still und in sich -gekehrt, worauf Manfred sagte: ohne alle Vorbereitung -und einleitende Vorrede will ich sogleich die Vorlesung meines -Werkes beginnen, das, wie ich wohl nicht erst zu -versichern brauche, Original und eigne Erfindung ist. Da -unsre schöne Clara auf die Originalität so viel giebt, so -hoffe ich, daß sie auch diesem Mährchen ihren Beifall nicht -wird versagen können. <a id="corr-10"></a>Er las hierauf folgende Erzählung. -</p> - -<h2 class="part" id="part-6"> -<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> -<span class="line1">Der Runenberg.</span><br /> -<span class="line2">1802.</span> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">E</span>in junger Jäger saß im innersten Gebirge nachdenkend -bei einem Vogelheerde, indem das Rauschen der -Gewässer und des Waldes in der Einsamkeit tönte. -Er bedachte sein Schicksal, wie er so jung sei, und -Vater und Mutter, die wohlbekannte Heimath, und -alle Befreundeten seines Dorfes verlassen hatte, um -eine fremde Umgebung zu suchen, um sich aus dem -Kreise der wiederkehrenden Gewöhnlichkeit zu entfernen, -und er blickte mit einer Art von Verwunderung auf, -daß er sich nun in diesem Thale, in dieser Beschäftigung -wieder fand. Große Wolken zogen durch den -Himmel und verloren sich hinter den Bergen, Vögel -sangen aus den Gebüschen und ein Wiederschall antwortete -ihnen. Er stieg langsam den Berg hinunter, -und setzte sich an den Rand eines Baches nieder, der -über vorragendes Gestein schäumend murmelte. Er -hörte auf die wechselnde Melodie des Wassers, und es -schien, als wenn ihm die Wogen in unverständlichen -Worten tausend Dinge sagten, die ihm so wichtig -waren, und er mußte sich innig betrüben, daß er ihre -Reden nicht verstehen konnte. Wieder sah er dann -umher und ihm dünkte, er sei froh und glücklich; so -faßte er wieder neuen Muth und sang mit lauter Stimme -einen Jägergesang. -</p> - -<div class="poem"> -<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> - <p class="line">Froh und lustig zwischen Steinen</p> - <p class="line">Geht der Jüngling auf die Jagd,</p> - <p class="line">Seine Beute muß erscheinen</p> - <p class="line">In den grünlebendgen Hainen,</p> - <p class="line">Sucht’ er auch bis in die Nacht.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Seine treuen Hunde bellen</p> - <p class="line">Durch die schöne Einsamkeit,</p> - <p class="line">Durch den Wald die Hörner gellen,</p> - <p class="line">Daß die Herzen muthig schwellen:</p> - <p class="line">O du schöne Jägerzeit!</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Seine Heimath sind die Klüfte,</p> - <p class="line">Alle Bäume grüßen ihn,</p> - <p class="line">Rauschen strenge Herbsteslüfte</p> - <p class="line">Find’t er Hirsch und Reh, die Schlüfte</p> - <p class="line">Muß er jauchzend dann durchziehn.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Laß dem Landmann seine Mühen</p> - <p class="line">Und dem Schiffer nur sein Meer,</p> - <p class="line">Keiner sieht in Morgens Frühen</p> - <p class="line">So Aurora’s Augen glühen,</p> - <p class="line">Hängt der Thau am Grase schwer,</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Als wer Jagd, Wild, Wälder kennet</p> - <p class="line">Und Diana lacht ihn an,</p> - <p class="line">Einst das schönste Bild entbrennet</p> - <p class="line">Die er seine Liebste nennet:</p> - <p class="line">O beglückter Jägersmann!</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Während dieses Gesanges war die Sonne tiefer -gesunken und breite Schatten fielen durch das enge Thal. -Eine kühlende Dämmerung schlich über den Boden -weg, und nur noch die Wipfel der Bäume, wie die -<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> -runden Bergspitzen waren vom Schein des Abends -vergoldet. Christians Gemüth ward immer trübseliger, -er mochte nicht nach seinem Vogelheerde zurück kehren, -und dennoch mochte er nicht bleiben; es dünkte ihm so -einsam und er sehnte sich nach Menschen. Jezt wünschte -er sich die alten Bücher, die er sonst bei seinem Vater -gesehn, und die er niemals lesen mögen, so oft ihn -auch der Vater dazu angetrieben hatte; es fielen ihm -die Scenen seiner Kindheit ein, die Spiele mit der -Jugend des Dorfes, seine Bekanntschaften unter den -Kindern, die Schule, die ihm so drückend gewesen war, -und er sehnte sich in alle diese Umgebungen zurück, die -er freiwillig verlassen hatte, um sein Glück in unbekannten -Gegenden, in Bergen, unter fremden Menschen, -in einer neuen Beschäftigung zu finden. Indem -es finstrer wurde, und der Bach lauter rauschte, und -das Geflügel der Nacht seine irre Wanderung mit umschweifendem -Fluge begann, saß er noch immer mißvergnügt -und in sich versunken; er hätte weinen mögen, -und er war durchaus unentschlossen, was er thun und -vornehmen solle. Gedankenlos zog er eine hervorragende -Wurzel aus der Erde, und plötzlich hörte er -erschreckend ein dumpfes Winseln im Boden, das sich -unterirdisch in klagenden Tönen fortzog, und erst in -der Ferne wehmüthig verscholl. Der Ton durchdrang -sein innerstes Herz, er ergriff ihn, als wenn er unvermuthet -die Wunde berührt habe, an der der sterbende -Leichnam der Natur in Schmerzen verscheiden wolle. -Er sprang auf und wollte entfliehen, denn er hatte -wohl ehemals von der seltsamen Alrunenwurzel gehört, -die beim Ausreißen so herzdurchschneidende Klagetöne -von sich gebe, daß der Mensch von ihrem Gewinsel -<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -wahnsinnig werden müsse. Indem er fortgehen wollte, -stand ein fremder Mann hinter ihm, welcher ihn freundlich -ansah und fragte, wohin er wolle. Christian hatte -sich Gesellschaft gewünscht, und doch erschrak er von -neuem vor dieser freundlichen Gegenwart. Wohin so -eilig? fragte der Fremde noch einmal. Der junge -Jäger suchte sich zu sammeln und erzählte, wie ihm -plötzlich die Einsamkeit so schrecklich vorgekommen sei, -daß er sich habe retten wollen, der Abend sei so dunkel, -die grünen Schatten des Waldes so traurig, der Bach -spreche in lauter Klagen, die Wolken des Himmels -zögen seine Sehnsucht jenseit den Bergen hinüber. Ihr -seid noch jung, sagte der Fremde, und könnt wohl -die Strenge der Einsamkeit noch nicht ertragen, ich -will euch begleiten, denn ihr findet doch kein Haus -oder Dorf im Umkreis einer Meile, wir mögen unterwegs -etwas sprechen und uns erzählen, so verliert ihr -die trüben Gedanken; in einer Stunde kommt der Mond -hinter den Bergen hervor, sein Licht wird dann wohl -auch eure Seele lichter machen. -</p> - -<p> -Sie gingen fort, und der Fremde dünkte dem -Jünglinge bald ein alter Bekannter zu sein. Wie -seid ihr in dieses Gebürge gekommen, fragte jener, -ihr seid hier, eurer Sprache nach, nicht einheimisch. — -Ach darüber, sagte der Jüngling, ließe sich viel sagen, -und doch ist es wieder keiner Rede, keiner Erzählung -werth; es hat mich wie mit fremder Gewalt aus dem -Kreise meiner Eltern und Verwandten hinweg genommen, -mein Geist war seiner selbst nicht mächtig; wie -ein Vogel, der in einem Netz gefangen ist und sich -vergeblich sträubt, so verstrickt war meine Seele in -seltsamen Vorstellungen und Wünschen. Wir wohnten -<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> -weit von hier in einer Ebene, in der man rund umher -keinen Berg, kaum eine Anhöhe erblickte; wenige Bäume -schmückten den grünen Plan, aber Wiesen, fruchtbare -Kornfelder und Gärten zogen sich hin, so weit das -Auge reichen konnte, ein großer Fluß glänzte wie ein -mächtiger Geist an den Wiesen und Feldern vorbei. -Mein Vater war Gärtner im Schloß und hatte vor, -mich ebenfalls zu seiner Beschäftigung zu erziehen; er -liebte die Pflanzen und Blumen über alles und konnte -sich tagelang unermüdet mit ihrer Wartung und Pflege -abgeben. Ja er ging so weit, daß er behauptete, er -könne fast mit ihnen sprechen; er lerne von ihrem -Wachsthum und Gedeihen, so wie von der verschiedenen -Gestalt und Farbe ihrer Blätter. Mir war die Gartenarbeit -zuwider, um so mehr, als mein Vater mir -zuredete, oder gar mit Drohungen mich zu zwingen -versuchte. Ich wollte Fischer werden, und machte den -Versuch, allein das Leben auf dem Wasser stand mir -auch nicht an; ich wurde dann zu einem Handelsmann -in die Stadt gegeben, und kam auch von ihm bald in -das väterliche Haus zurück. Auf einmal hörte ich meinen -Vater von Gebirgen erzählen, die er in seiner -Jugend bereiset hatte, von den unterirdischen Bergwerken -und ihren Arbeitern, von Jägern und ihrer -Beschäftigung, und plötzlich erwachte in mir der bestimmteste -Trieb, das Gefühl, daß ich nun die für -mich bestimmte Lebensweise gefunden habe. Tag und -Nacht sann ich und stellte mir hohe Berge, Klüfte -und Tannenwälder vor; meine Einbildung erschuf sich -ungeheure Felsen, ich hörte in Gedanken das Getöse -der Jagd, die Hörner, und das Geschrei der Hunde -und des Wildes; alle meine Träume waren damit -<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -angefüllt und darüber hatte ich nun weder Rast noch -Ruhe mehr. Die Ebene, das Schloß, der kleine beschränkte -Garten meines Vaters mit den geordneten Blumenbeeten, -die enge Wohnung, der weite Himmel, der -sich ringsum so traurig ausdehnte, und keine Höhe, -keinen erhabenen Berg umarmte, alles ward mir noch -betrübter und verhaßter. Es schien mir, als wenn -alle Menschen um mich her in der bejammernswürdigsten -Unwissenheit lebten, und daß alle eben so denken -und empfinden würden, wie ich, wenn ihnen dieses -Gefühl ihres Elendes nur ein einziges mal in ihrer -Seele aufginge. So trieb ich mich um, bis ich an -einem Morgen den Entschluß faßte, das Haus meiner -Eltern auf immer zu verlassen. Ich hatte in einem -Buche Nachrichten vom nächsten großen Gebirge gefunden, -Abbildungen einiger Gegenden, und darnach richtete -ich meinen Weg ein. Es war im ersten Frühlinge -und ich fühlte mich durchaus froh und leicht. Ich -eilte, um nur recht bald das Ebene zu verlassen, und -an einem Abende sah ich in der Ferne die dunkeln Umrisse -des Gebirges vor mir liegen. Ich konnte in der -Herberge kaum schlafen, so ungeduldig war ich, die -Gegend zu betreten, die ich für meine Heimath ansah; -mit dem Frühesten war ich munter und wieder auf -der Reise. Nachmittags befand ich mich schon unter -den vielgeliebten Bergen, und wie ein Trunkner ging -ich, stand dann eine Weile, schaute rückwärts, und -berauschte mich in allen mir fremden und doch so wohlbekannten -Gegenständen. Bald verlor ich die Ebene -hinter mir aus dem Gesichte, die Waldströme rauschten -mir entgegen, Buchen und Eichen brausten mit -bewegtem Laube von steilen Abhängen herunter; mein -<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> -Weg führte mich schwindlichten Abgründen vorüber, -blaue Berge standen groß und ehrwürdig im Hintergrunde. -Eine neue Welt war mir aufgeschlossen, ich -wurde nicht müde. So kam ich nach einigen Tagen, -indem ich einen großen Theil des Gebürges durchstreift -hatte, zu einem alten Förster, der mich auf mein inständiges -Bitten zu sich nahm, um mich in der Kunst -der Jägerei zu unterrichten. Jezt bin ich seit drei Monaten -in seinen Diensten. Ich nahm von der Gegend, -in der ich meinen Aufenthalt hatte, wie von einem -Königreiche Besitz; ich lernte jede Klippe, jede Schluft -des Gebürges kennen, ich war in meiner Beschäftigung, -wenn wir am frühen Morgen nach dem Walde zogen, -wenn wir Bäume im Forste fällten, wenn ich mein -Auge und meine Büchse übte, und die treuen Gefährten, -die Hunde zu ihren Geschicklichkeiten abrichtete, -überaus glücklich. Jezt sitze ich seit acht Tagen hier -oben auf dem Vogelheerde, im einsamsten Gebürge, und -am Abend wurde mir heut so traurig zu Sinne, wie -noch niemals in meinem Leben; ich kam mir so verloren, -so ganz unglückselig vor, und noch kann ich mich -nicht von dieser trüben Stimmung erhohlen. -</p> - -<p> -Der fremde Mann hatte aufmerksam zugehört, -indem beide durch einen dunkeln Gang des Waldes -gewandert waren. Jezt traten sie ins Freie, und das -Licht des Mondes, der oben mit seinen Hörnern über -der Bergspitze stand, begrüßte sie freundlich: in unkenntlichen -Formen und vielen gesonderten Massen, die -der bleiche Schimmer wieder räthselhaft vereinigte, lag -das gespaltene Gebürge vor ihnen, im Hintergrunde -ein steiler Berg, auf welchem uralte verwitterte Ruinen -schauerlich im weißen Lichte sich zeigten. Unser Weg -<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -trennt sich hier, sagte der Fremde, ich gehe in diese -Tiefe hinunter, dort bei jenem alten Schacht ist meine -Wohnung: die Erze sind meine Nachbarn, die Berggewässer -erzählen mir Wunderdinge in der Nacht, dahin -kannst du mir doch nicht folgen. Aber siehe dort den -Runenberg mit seinem schroffen Mauerwerke, wie schön -und anlockend das alte Gestein zu uns herblickt! Bist -du niemals dorten gewesen? Niemals, sagte der junge -Christian, ich hörte einmal meinen alten Förster wundersame -Dinge von diesem Berge erzählen, die ich -thöricht genug wieder vergessen habe; aber ich erinnere -mich, daß mir an jenem Abend grauenhaft zu Muthe -war. Ich möchte wohl einmal die Höhe besteigen, -denn die Lichter sind dort am schönsten, das Gras -muß dorten recht grün sein, die Welt umher recht seltsam, -auch mag sichs wohl treffen, daß man noch manch -Wunder aus der alten Zeit da oben fände. -</p> - -<p> -Es kann fast nicht fehlen, sagte jener, wer nur -zu suchen versteht, wessen Herz recht innerlich hingezogen -wird, der findet uralte Freunde dort und Herrlichkeiten, -alles, was er am eifrigsten wünscht. — Mit -diesen Worten stieg der Fremde schnell hinunter, ohne -seinem Gefährten Lebewohl zu sagen, bald war er im -Dickicht des Gebüsches verschwunden, und kurz nachher -verhallte auch der Tritt seiner Füße. Der junge -Jäger war nicht verwundert, er verdoppelte nur seine -Schritte nach dem Runenberge zu, alles winkte ihm -dorthin, die Sterne schienen dorthin zu leuchten, der -Mond wies mit einer hellen Straße nach den Trümmern, -lichte Wolken zogen hinauf, und aus der Tiefe -redeten ihm Gewässer und rauschende Wälder zu und -sprachen ihm Muth ein. Seine Schritte waren wie -<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> -beflügelt, sein Herz klopfte, er fühlte eine so große Freudigkeit -in seinem Innern, daß sie zu einer Angst empor -wuchs. — Er kam in Gegenden, in denen er nie -gewesen war, die Felsen wurden steiler, das Grün -verlor sich, die kahlen Wände riefen ihn wie mit zürnenden -Stimmen an, und ein einsam klagender Wind -jagte ihn vor sich her. So eilte er ohne Stillstand -fort, und kam spät nach Mitternacht auf einen schmalen -Fußsteig, der hart an einem Abgrunde hinlief. Er -achtete nicht auf die Tiefe, die unter ihm gähnte und -ihn zu verschlingen drohte, so sehr spornten ihn irre -Vorstellungen und unverständliche Wünsche. Jezt zog -ihn der gefährliche Weg neben eine hohe Mauer hin, -die sich in den Wolken zu verlieren schien; der Steig -ward mit jedem Schritte schmaler, und der Jüngling -mußte sich an vorragenden Steinen fest halten, um -nicht hinunter zu stürzen. Endlich konnte er nicht weiter, -der Pfad endigte unter einem Fenster, er mußte -still stehen und wußte jezt nicht, ob er umkehren, ob -er bleiben solle. Plötzlich sah er ein Licht, das sich -hinter dem alten Gemäuer zu bewegen schien. Er sah -dem Scheine nach, und entdeckte, daß er in einen -alten geräumigen Saal blicken konnte, der wunderlich -verziert von mancherlei Gesteinen und Kristallen in -vielfältigen Schimmern funkelte, die sich geheimnißvoll -von dem wandelnden Lichte durcheinander bewegten, -welches eine große weibliche Gestalt trug, die sinnend -im Gemache auf und nieder ging. Sie schien nicht -den Sterblichen anzugehören, so groß, so mächtig waren -ihre Glieder, so streng ihr Gesicht, aber doch dünkte -dem entzückten Jünglinge, daß er noch niemals solche -Schönheit gesehn oder geahnet habe. Er zitterte und -<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -wünschte doch heimlich, daß sie zum Fenster treten und -ihn wahrnehmen möchte. Endlich stand sie still, setzte -das Licht auf einen kristallenen Tisch nieder, schaute -in die Höhe und sang mit durchdringlicher Stimme: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wo die Alten weilen,</p> - <p class="line">Daß sie nicht erscheinen?</p> - <p class="line">Die Kristallen weinen,</p> - <p class="line">Von demantnen Säulen</p> - <p class="line">Fließen Thränenquellen,</p> - <p class="line">Töne klingen drein;</p> - <p class="line">In den klaren hellen</p> - <p class="line">Schön durchsichtgen Wellen</p> - <p class="line">Bildet sich der Schein,</p> - <p class="line">Der die Seelen ziehet,</p> - <p class="line">Dem das Herz erglühet.</p> - <p class="line">Kommt ihr Geister alle</p> - <p class="line">Zu der goldnen Halle,</p> - <p class="line">Hebt aus tiefen Dunkeln</p> - <p class="line">Häupter, welche funkeln!</p> - <p class="line">Macht der Herzen und der Geister,</p> - <p class="line">Die so durstig sind im Sehnen,</p> - <p class="line">Mit den leuchtend schönen Thränen</p> - <p class="line">Allgewaltig euch zum Meister!</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Als sie geendigt hatte, fing sie an sich zu entkleiden, -und ihre Gewänder in einen kostbaren Wandschrank -zu legen. Erst nahm sie einen goldenen Schleier -vom Haupte, und ein langes schwarzes Haar floß in -geringelter Fülle bis über die Hüften hinab; dann löste -sie das Gewand des Busens, und der Jüngling vergaß -sich und die Welt im Anschauen der überirdischen -Schönheit. Er wagte kaum zu athmen, als sie nach -<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> -und nach alle Hüllen löste; nackt schritt sie endlich im -Saale auf und nieder, und ihre schweren schwebenden -Locken bildeten um sie her ein dunkel wogendes Meer, -aus dem wie Marmor die glänzenden Formen des reinen -Leibes abwechselnd hervor strahlten. Nach geraumer -Zeit näherte sie sich einem andern goldenen Schranke, -nahm eine Tafel heraus, die von vielen eingelegten -Steinen, Rubinen, Diamanten und allen Juwelen -glänzte, und betrachtete sie lange prüfend. Die Tafel -schien eine wunderliche unverständliche Figur mit ihren -unterschiedlichen Farben und Linien zu bilden; zuweilen -war, nachdem der Schimmer ihm entgegen spiegelte, -der Jüngling schmerzhaft geblendet, dann wieder besänftigten -grüne und blau spielende Scheine sein Auge: -er aber stand, die Gegenstände mit seinen Blicken verschlingend, -und zugleich tief in sich selbst versunken. -In seinem Innern hatte sich ein Abgrund von Gestalten -und Wohllaut, von Sehnsucht und Wollust -aufgethan, Schaaren von beflügelten Tönen und wehmüthigen -und freudigen Melodien zogen durch sein -Gemüth, das bis auf den Grund bewegt war: er sah -eine Welt von Schmerz und Hoffnung in sich aufgehen, -mächtige Wunderfelsen von Vertrauen und trotzender -Zuversicht, große Wasserströme, wie voll Wehmuth -fließend. Er kannte sich nicht wieder, und erschrak, -als die Schöne das Fenster öffnete, ihm die magische -steinerne Tafel reichte und die wenigen Worte sprach: -Nimm dieses zu meinem Angedenken! Er faßte die -Tafel und fühlte die Figur, die unsichtbar sogleich in -sein Inneres überging, und das Licht und die mächtige -Schönheit und der seltsame Saal waren verschwunden. -Wie eine dunkele Nacht mit Wolkenvorhängen fiel es -<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> -in sein Inneres hinein, er suchte nach seinen vorigen -Gefühlen, nach jener Begeisterung und unbegreiflichen -Liebe, er beschaute die kostbare Tafel, in welcher sich -der untersinkende Mond schwach und bläulich spiegelte. -</p> - -<p> -Noch hielt er die Tafel fest in seinen Händen -gepreßt, als der Morgen graute und er erschöpft, -schwindelnd und halb schlafend die steile Höhe hinunter -stürzte. — -</p> - -<p> -Die Sonne schien dem betäubten Schläfer auf sein -Gesicht, der sich erwachend auf einem anmuthigen Hügel -wieder fand. Er sah umher, und erblickte weit -hinter sich und kaum noch kennbar am äußersten Horizont -die Trümmer des Runenberges: er suchte nach -jener Tafel, und fand sie nirgend. Erstaunt und verwirrt -wollte er sich sammeln und seine Erinnerungen -anknüpfen, aber sein Gedächtniß war wie mit einem -wüsten Nebel angefüllt, in welchem sich formlose Gestalten -wild und unkenntlich durch einander bewegten. -Sein ganzes voriges Leben lag wie in einer tiefen -Ferne hinter ihm; das Seltsamste und das Gewöhnliche -war so in einander vermischt, daß er es unmöglich -sondern konnte. Nach langem Streite mit sich -selbst glaubte er endlich, ein Traum oder ein plötzlicher -Wahnsinn habe ihn in dieser Nacht befallen, nur -begriff er immer nicht, wie er sich so weit in eine -fremde entlegene Gegend habe verirren können. -</p> - -<p> -Noch fast schlaftrunken stieg er den Hügel hinab, -und gerieth auf einen gebahnten Weg, der ihn vom -Gebirge hinunter in das flache Land führte. Alles war -ihm fremd, er glaubte anfangs, er würde in seine -Heimath gelangen, aber er sah eine ganz verschiedene -Gegend, und vermuthete endlich, daß er sich jenseit -<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> -der südlichen Gränze des Gebirges befinden müsse, -welches er im Frühling von Norden her betreten hatte. -Gegen Mittag stand er über einem Dorfe, aus dessen -<a id="corr-11"></a>Hütten <a id="corr-12"></a>ein friedlicher Rauch in die Höhe stieg, Kinder -spielten auf einem grünen Platze festtäglich geputzt, und -aus der kleinen Kirche erscholl der Orgelklang und das -Singen der Gemeine. Alles ergriff ihn mit unbeschreiblich -süßer Wehmuth, alles rührte ihn so herzlich, -daß er weinen mußte. Die engen Gärten, die kleinen -Hütten mit ihren rauchenden Schornsteinen, die gerade -abgetheilten Kornfelder erinnerten ihn an die Bedürftigkeit -des armen Menschengeschlechts, an seine Abhängigkeit -vom freundlichen Erdboden, dessen Milde es -sich vertrauen muß; dabei erfüllte der Gesang und der -Ton der Orgel sein Herz mit einer nie gefühlten Frömmigkeit. -Seine Empfindungen und Wünsche der Nacht -erschienen ihm ruchlos und frevelhaft, er wollte sich -wieder kindlich, bedürftig und demüthig an die Menschen -wie an seine Brüder schließen, und sich von den -gottlosen Gefühlen und Vorsätzen entfernen. Reizend -und anlockend dünkte ihm die Ebene mit dem kleinen -Fluß, der sich in mannichfaltigen Krümmungen um -Wiesen und Gärten schmiegte; mit Furcht gedachte er -an seinen Aufenthalt in dem einsamen Gebirge und -zwischen den wüsten Steinen, er sehnte sich, in diesem -friedlichen Dorfe wohnen zu dürfen, und trat mit -diesen Empfindungen in die menschenerfüllte Kirche. -</p> - -<p> -Der Gesang war eben beendigt und der Priester -hatte seine Predigt begonnen, von den Wohlthaten -Gottes in der Erndte: wie seine Güte alles speiset -und sättiget was lebt, wie wunderbar im Getraide -für die Erhaltung des Menschengeschlechtes gesorgt sei, -<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> -wie die Liebe Gottes sich unaufhörlich im Brodte mittheile -und der andächtige Christ so ein unvergängliches -Abendmahl gerührt feiern könne. Die Gemeine war -erbaut, des Jägers Blicke ruhten auf dem frommen -Redner, und bemerkten dicht neben der Kanzel ein -junges Mädchen, das vor allen andern der Andacht -und Aufmerksamkeit hingegeben schien. Sie war schlank -und blond, ihr blaues Auge glänzte von der durchdringendsten -Sanftheit, ihr Antliz war wie durchsichtig -und in den zartesten Farben blühend. Der fremde -Jüngling hatte sich und sein Herz noch niemals so -empfunden, so voll Liebe und so beruhigt, so den -stillsten und erquickendsten Gefühlen hingegeben. Er -beugte sich weinend, als der Priester endlich den Segen -sprach, er fühlte sich bei den heiligen Worten wie -von einer unsichtbaren Gewalt durchdrungen, und das -Schattenbild der Nacht in die tiefste Entfernung wie -ein Gespenst hinab gerückt. Er verließ die Kirche, -verweilte unter einer großen Linde, und dankte Gott -in einem inbrünstigen Gebete, daß er ihn ohne sein -Verdienst wieder aus den Netzen des bösen Geistes -befreit habe. -</p> - -<p> -Das Dorf feierte an diesem Tage das Erndtefest -und alle Menschen waren fröhlich gestimmt; die geputzten -Kinder freuten sich auf die Tänze und Kuchen, die -jungen Burschen richteten auf dem Platze im Dorfe, -der von jungen Bäumen umgeben war, alles zu ihrer -herbstlichen Festlichkeit ein, die Musikanten saßen und -probirten ihre Instrumente. Christian ging noch einmal -in das Feld hinaus, um sein Gemüth zu sammeln -und seinen Betrachtungen nachzuhängen, dann -kam er in das Dorf zurück, als sich schon alles zur -<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> -Fröhlichkeit und zur Begehung des Festes vereiniget -hatte. Auch die blonde Elisabeth war mit ihren Eltern -zugegen, und der Fremde mischte sich in den frohen -Haufen. Elisabeth tanzte, und er hatte unterdeß bald -mit dem Vater ein Gespräch angesponnen, der ein -Pachter war und einer der reichsten Leute im Dorfe. -Ihm schien die Jugend und das Gespräch des fremden -Gastes zu gefallen, und so wurden sie in kurzer Zeit -dahin einig, daß Christian als Gärtner bei ihm einziehen -solle. Dieser konnte es unternehmen, denn er -hoffte, daß ihm nun die Kenntnisse und Beschäftigungen -zu statten kommen würden, die er in seiner Heimath -so sehr verachtet hatte. -</p> - -<p> -Jezt begann ein neues Leben für ihn. Er zog bei -dem Pachter ein und ward zu dessen Familie gerechnet; -mit seinem Stande veränderte er auch seine Tracht. -Er war so gut, so dienstfertig und immer freundlich, -er stand seiner Arbeit so fleißig vor, daß ihm bald alle -im Hause, vorzüglich aber die Tochter, gewogen wurden. -So oft er sie am Sonntage zur Kirche gehn -sah, hielt er ihr einen schönen Blumenstrauß in Bereitschaft, -für den sie ihm mit erröthender Freundlichkeit -dankte; er vermißte sie, wenn er sie an einem -Tage nicht sah, dann erzählte sie ihm am Abend Mährchen -und lustige Geschichten. Sie wurden sich immer -nothwendiger, und die Alten, welche es bemerkten, -schienen nichts dagegen zu haben, denn Christian war -der fleißigste und schönste Bursche im Dorfe; sie selbst -hatten vom ersten Augenblick einen Zug der Liebe und -Freundschaft zu ihm gefühlt. Nach einem halben Jahre -war Elisabeth seine Gattin. Es war wieder Frühling, -die Schwalben und die Vögel des Gesanges kamen in -<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> -das Land, der Garten stand in seinem schönsten Schmuck, -die Hochzeit wurde mit aller Fröhlichkeit gefeiert, Braut -und Bräutigam schienen trunken von ihrem Glücke. -Am Abend spät, als sie in die Kammer gingen, sagte -der junge Gatte zu seiner Geliebten: Nein, nicht jenes -Bild bist du, welches mich einst im Traum entzückte -und das ich niemals ganz vergessen kann, aber doch -bin ich glücklich in deiner Nähe und seelig in deinen -Armen. -</p> - -<p> -Wie vergnügt war die Familie, als sie nach einem -Jahre durch eine kleine Tochter vermehrt wurde, welche -man Leonora nannte. Christian wurde zwar zuweilen -etwas ernster, indem er das Kind betrachtete, aber -doch kam seine jugendliche Heiterkeit immer wieder zurück. -Er gedachte kaum noch seiner vorigen Lebensweise, -denn er fühlte sich ganz einheimisch und befriedigt. -Nach einigen Monaten fielen ihm aber seine -Eltern in die Gedanken, und wie sehr sich besonders -sein Vater über sein ruhiges Glück, über seinen Stand -als Gärtner und Landmann freuen würde; es ängstigte -ihn, daß er Vater und Mutter seit so langer Zeit ganz -hatte vergessen können, sein eigenes Kind erinnerte ihn, -welche Freude die Kinder den Eltern sind, und so beschloß -er dann endlich, sich auf die Reise zu machen -und seine Heimath wieder zu besuchen. -</p> - -<p> -Ungern verließ er seine Gattin; alle wünschten ihm -Glück, und er machte sich in der schönen Jahreszeit -zu Fuß auf den Weg. Er fühlte schon nach wenigen -Stunden, wie ihn das Scheiden peinige, zum erstenmal -empfand er in seinem Leben die Schmerzen der -Trennung; die fremden Gegenstände erschienen ihm -fast wild, ihm war, als sei er in einer feindseligen -<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> -Einsamkeit verloren. Da kam ihm der Gedanke, daß -seine Jugend vorüber sei, daß er eine Heimath gefunden, -der er angehöre, in die sein Herz Wurzel geschlagen -habe; er wollte fast den verlornen Leichtsinn -der vorigen Jahre beklagen, und es war ihm äußerst -trübselig zu Muthe, als er für die Nacht auf einem -Dorfe in dem Wirthshause einkehren mußte. Er -begriff nicht, warum er sich von seiner freundlichen -Gattin und den erworbenen Eltern entfernt habe, und -verdrießlich und murrend machte er sich am Morgen -auf den Weg, um seine Reise fortzusetzen. -</p> - -<p> -Seine Angst nahm zu, indem er sich dem Gebirge -näherte, die fernen Ruinen wurden schon sichtbar -und traten nach und nach kenntlicher hervor, viele -Bergspitzen hoben sich abgeründet aus dem blauen Nebel. -Sein Schritt wurde zaghaft, er blieb oft stehen -und verwunderte sich über seine Furcht, über die -Schauer, die ihm mit jedem Schritte gedrängter nahe -kamen. Ich kenne dich Wahnsinn wohl, rief er aus, -und dein gefährliches Locken, aber ich will dir männlich -widerstehn! Elisabeth ist kein schnöder Traum, ich -weiß, daß sie jezt an mich denkt, daß sie auf mich -wartet und liebevoll die Stunden meiner Abwesenheit -zählt. Sehe ich nicht schon Wälder wie schwarze Haare -vor mir? Schauen nicht aus dem Bache die blitzenden -Augen nach mir her? Schreiten die großen Glieder -nicht aus den Bergen auf mich zu? — Mit diesen -Worten wollte er sich um auszuruhen unter einen -Baum nieder werfen, als er im Schatten desselben -einen alten Mann sitzen sah, der mit der größten Aufmerksamkeit -eine Blume betrachtete, sie bald gegen die -<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> -Sonne hielt, bald wieder mit seiner Hand beschattete, -ihre Blätter zählte, und überhaupt sich bemühte, sie -seinem Gedächtnisse genau einzuprägen. Als er näher -ging, erschien ihm die Gestalt bekannt, und bald blieb -ihm kein Zweifel übrig, daß der Alte mit der Blume -sein Vater sei. Er stürzte ihm mit dem Ausdruck der -heftigsten Freude in die Arme; jener war vergnügt, -aber nicht überrascht, ihn so plötzlich wieder zu sehen. -Kömmst du mir schon entgegen, mein Sohn? sagte -der Alte, ich wußte, daß ich dich bald finden würde, -aber ich glaubte nicht, daß mir schon am heutigen -Tage die Freude widerfahren sollte. — Woher wußtet -ihr, Vater, daß ihr mich antreffen würdet? — An -dieser Blume, sprach der alte Gärtner; seit ich lebe, habe -ich mir gewünscht, sie einmal sehen zu können, aber -niemals ist es mir so gut geworden, weil sie sehr selten -ist, und nur in Gebirgen wächst: ich machte mich -auf dich zu suchen, weil deine Mutter gestorben ist -und mir zu Hause die Einsamkeit zu drückend und -trübselig war. Ich wußte nicht, wohin ich meinen -Weg richten sollte, endlich wanderte ich durch das -Gebirge, so traurig mir auch die Reise vorkam; ich -suchte beiher nach der Blume, konnte sie aber nirgends -entdecken, und nun finde ich sie ganz unvermuthet hier, -wo schon die schöne Ebene sich ausstreckt; daraus wußte -ich, daß ich dich bald finden mußte, und sieh, wie -die liebe Blume mir geweissagt hat! Sie umarmten -sich wieder, und Christian beweinte seine Mutter; der -Alte aber faßte seine Hand und sagte: laß uns gehen, -daß wir die Schatten des Gebirges bald aus den Augen -verlieren, mir ist immer noch weh ums Herz von -den steilen wilden Gestalten, von dem gräßlichen Geklüft, -<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> -von den schluchzenden Wasserbächen; laß uns -das gute, fromme, ebene Land besuchen. -</p> - -<p> -Sie wanderten zurück, und Christian ward wieder -froher. Er erzählte seinem Vater von seinem neuen -Glücke, von seinem Kinde und seiner Heimath; sein -Gespräch machte ihn selbst wie trunken, und er fühlte -im Reden erst recht, wie nichts mehr zu seiner Zufriedenheit -ermangle. So kamen sie unter Erzählungen, -traurigen und fröhlichen, in dem Dorfe an. Alle waren -über die frühe Beendigung der Reise vergnügt, -am meisten Elisabeth. Der alte Vater zog zu ihnen, -und gab sein kleines Vermögen in ihre Wirthschaft; -sie bildeten den zufriedensten und einträchtigsten Kreis -von Menschen. Der Acker gedieh, der Viehstand mehrte -sich, Christians Haus wurde in wenigen Jahren eins -der ansehnlichsten im Orte; auch sah er sich bald als -den Vater von mehreren Kindern. -</p> - -<p> -Fünf Jahre waren auf diese Weise verflossen, als -ein Fremder auf seiner Reise in ihrem Dorfe einkehrte, -und in Christians Hause, weil es die ansehnlichste -Wohnung war, seinen Aufenthalt nahm. Er war ein -freundlicher, gesprächiger Mann, der vieles von seinen -Reisen erzählte, der mit den Kindern spielte und ihnen -Geschenke machte, und dem in kurzem alle gewogen -waren. Es gefiel ihm so wohl in der Gegend, daß -er sich einige Tage hier aufhalten wollte; aber aus -den Tagen wurden Wochen, und endlich Monate. -Keiner wunderte sich über die Verzögerung, denn alle -hatten sich schon daran gewöhnt, ihn mit zur Familie -zu zählen. Christian saß nur oft nachdenklich, denn -es kam ihm vor, als kenne er den Reisenden schon -von ehemals, und doch konnte er sich keiner Gelegenheit -<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> -erinnern, bei welcher er ihn gesehen haben möchte. -Nach dreien Monaten nahm der Fremde endlich Abschied -und sagte: Lieben Freunde, ein wunderbares -Schicksal und seltsame Erwartungen treiben mich in -das nächste Gebirge hinein, ein zaubervolles Bild, dem -ich nicht widerstehen kann, lockt mich; ich verlasse euch -jezt, und ich weiß nicht, ob ich wieder zu euch zurück -kommen werde; ich habe eine Summe Geldes -bei mir, die in euren Händen sicherer ist als in den -meinigen, und deshalb bitte ich euch, sie zu verwahren; -komme ich in Jahresfrist nicht zurück, so behaltet -sie, und nehmet sie als einen Dank für eure mir bewiesene -Freundschaft an. -</p> - -<p> -So reiste der Fremde ab, und Christian nahm das -Geld in Verwahrung. Er verschloß es sorgfältig und -sah aus übertriebener Aengstlichkeit zuweilen wieder nach, -zählte es über, ob nichts daran fehle, und machte sich -viel damit zu thun. Diese Summe könnte uns recht -glücklich machen, sagte er einmal zu seinem Vater, -wenn der Fremde nicht zurück kommen sollte, für uns -und unsre Kinder wäre auf immer gesorgt. Laß das -Gold, sagte der Alte, darinne liegt das Glück nicht, uns -hat bisher noch gottlob nichts gemangelt, und entschlage -dich überhaupt dieser Gedanken. -</p> - -<p> -Oft stand Christian in der Nacht auf, um die -Knechte zur Arbeit zu wecken und selbst nach allem zu -sehn; der Vater war besorgt, daß er durch übertriebenen -Fleiß seiner Jugend und Gesundheit schaden möchte: -daher machte er sich in einer Nacht auf, um ihn zu -ermahnen, seine übertriebene Thätigkeit einzuschränken, -als er ihn zu seinem Erstaunen bei einer kleinen Lampe -am Tische sitzend fand, indem er wieder mit der größten -<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> -Aemsigkeit die Goldstücke zählte. Mein Sohn, sagte -der Alte mit Schmerzen, soll es dahin mit dir kommen, -ist dieses verfluchte Metall nur zu unserm Unglück -unter dieses Dach gebracht? Besinne dich, mein -Lieber, so muß dir der böse Feind Blut und Leben -verzehren. — Ja, sagte Christian, ich verstehe mich -selber nicht mehr, weder bei Tage noch in der Nacht -läßt es mir Ruhe; seht, wie es mich jezt wieder anblickt, -daß mir der rothe Glanz tief in mein Herz -hinein geht! Horcht, wie es klingt, dies güldene Blut! -das ruft mich, wenn ich schlafe, ich höre es, wenn -Musik tönt, wenn der Wind bläst, wenn Leute auf -der Gasse sprechen; scheint die Sonne, so sehe ich nur -diese gelben Augen, wie es mir zublinzelt, und mir -heimlich ein Liebeswort ins Ohr sagen will: so muß -ich mich wohl nächtlicher Weise aufmachen, um nur -seinem Liebesdrang genug zu thun, und dann fühle ich -es innerlich jauchzen und frohlocken, wenn ich es mit -meinen Fingern berühre, es wird vor Freuden immer -röther und herrlicher; schaut nur selbst die Glut der -Entzückung an! — Der Greis nahm schaudernd und -weinend den Sohn in seine Arme, betete und sprach -dann: Christel, du mußt dich wieder zum Worte Gottes -wenden, du mußt fleißiger und andächtiger in die -Kirche gehen, sonst wirst du verschmachten und im -traurigsten Elende dich verzehren. -</p> - -<p> -Das Geld wurde wieder weggeschlossen, Christian -versprach sich zu ändern und in sich zu gehn, und der -Alte ward beruhigt. Schon war ein Jahr und mehr -vergangen, und man hatte von dem Fremden noch -nichts wieder in Erfahrung bringen können; der Alte -gab nun endlich den Bitten seines Sohnes nach, und -<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> -das zurückgelassene Geld wurde in Ländereien und auf -andere Weise angelegt. Im Dorfe wurde bald von -dem Reichthum des jungen Pachters gesprochen, und -Christian schien außerordentlich zufrieden und vergnügt, -so daß der Vater sich glücklich pries, ihn so wohl und -heiter zu sehn: alle Furcht war jezt in seiner Seele -verschwunden. Wie sehr mußte er daher erstaunen, -als ihn an einem Abend Elisabeth beiseit nahm und -unter Thränen erzählte, wie sie ihren Mann nicht -mehr verstehe, er spreche so irre, vorzüglich des Nachts, -er träume schwer, gehe oft im Schlafe lange in der -Stube herum, ohne es zu wissen, und erzähle wunderbare -Dinge, vor denen sie oft schaudern müsse. Am -schrecklichsten sei ihr seine Lustigkeit am Tage, denn -sein Lachen sei so wild und frech, sein Blick irre und -fremd. Der Vater erschrak und die betrübte Gattin -fuhr fort: Immer spricht er von dem Fremden, und -behauptet, daß er ihn schon sonst gekannt habe, denn -dieser fremde Mann sei eigentlich ein wunderschönes -Weib; auch will er gar nicht mehr auf das Feld hinaus -gehn oder im Garten arbeiten, denn er sagt, er -höre ein unterirdisches fürchterliches Aechzen, so wie er -nur eine Wurzel ausziehe; er fährt zusammen und -scheint sich vor allen Pflanzen und Kräutern wie vor -Gespenstern zu entsetzen. — Allgütiger Gott! rief der -Vater aus, ist der fürchterliche Hunger in ihn schon -so fest hinein gewachsen, daß es dahin hat kommen -können? So ist sein verzaubertes Herz nicht menschlich -mehr, sondern von kaltem Metall; wer keine Blume -mehr liebt, dem ist alle Liebe und Gottesfurcht verloren. -</p> - -<p> -Am folgenden Tage ging der Vater mit dem Sohne -spazieren, und sagte ihm manches wieder, was er von -<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> -Elisabeth gehört hatte; er ermahnte ihn zur Frömmigkeit, -und daß er seinen Geist heiligen Betrachtungen -widmen solle. Christian sagte: gern, Vater, auch ist -mir oft ganz wohl, und es gelingt mir alles gut; ich -kann auf lange Zeit, auf Jahre, die wahre Gestalt -meines Innern vergessen, und gleichsam ein fremdes -Leben mit Leichtigkeit führen: dann geht aber plötzlich -wie ein neuer Mond das regierende Gestirn, welches -ich selber bin, in meinem Herzen auf, und besiegt die -fremde Macht. Ich könnte ganz froh seyn, aber einmal, -in einer seltsamen Nacht, ist mir durch die Hand -ein geheimnißvolles Zeichen tief in mein Gemüth hinein -geprägt; oft schläft und ruht die magische Figur, -ich meine sie ist vergangen, aber dann quillt sie wie -ein Gift plötzlich wieder hervor, und wegt sich in allen -Linien. Dann kann ich sie nur denken und fühlen, -und alles umher ist verwandelt, oder vielmehr von -dieser Gestaltung verschlungen worden. Wie der Wahnsinnige -beim Anblick des Wassers sich entsetzt, und das -empfangene Gift noch giftiger in ihm wird, so geschieht -es mir bei allen eckigen Figuren, bei jeder Linie, bei -jedem Strahl, alles will dann die inwohnende Gestalt -entbinden und zur Geburt befördern, und mein Geist -und Körper fühlt die Angst; wie sie das Gemüth durch -ein Gefühl von außen empfing, so will es sie dann -wieder quälend und ringend zum äußern Gefühl hinaus -arbeiten, um ihrer los und ruhig zu werden. -</p> - -<p> -Ein unglückliches Gestirn war es, sprach der Alte, -das dich von uns hinweg zog; du warst für ein stilles -Leben geboren, dein Sinn neigte sich zur Ruhe und -zu den Pflanzen, da führte dich deine Ungeduld hinweg, -in die Gesellschaft der verwilderten Steine: die -<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> -Felsen, die zerrissenen Klippen mit ihren schroffen Gestalten -haben dein Gemüth zerrüttet, und den verwüstenden -Hunger nach dem Metall in dich gepflanzt. -Immer hättest du dich vor dem Anblick des Gebirges -hüten und bewahren müssen, und so dachte ich dich -auch zu erziehen, aber es hat nicht seyn sollen. Deine -Demuth, deine Ruhe, dein kindlicher Sinn ist von -Trotz, Wildheit und Uebermuth verschüttet. -</p> - -<p> -Nein, sagte der Sohn, ich erinnere mich ganz -deutlich, daß mir eine Pflanze zuerst das Unglück der -ganzen Erde bekannt gemacht hat, seitdem verstehe ich erst -die Seufzer und Klagen, die allenthalben in der ganzen -Natur vernehmbar sind, wenn man nur darauf -hören will; in den Pflanzen, Kräutern, Blumen und -Bäumen regt und bewegt sich schmerzhaft nur eine -große Wunde, sie sind der Leichnam vormaliger herrlicher -Steinwelten, sie bieten unserm Auge die schrecklichste -Verwesung dar. Jezt verstehe ich es wohl, daß -es dies war, was mir jene Wurzel mit ihrem tiefgeholten -Aechzen sagen wollte, sie vergaß sich in ihrem -Schmerze und verrieth mir alles. Darum sind alle -grünen Gewächse so erzürnt auf mich, und stehn mir -nach dem Leben; sie wollen jene geliebte Figur in meinem -Herzen auslöschen, und in jedem Frühling mit -ihrer verzerrten Leichenmiene meine Seele gewinnen. -Unerlaubt und tückisch ist es, wie sie dich, alter Mann, -hintergangen haben, denn von deiner Seele haben sie -gänzlich Besitz genommen. Frage nur die Steine, du -wirst erstaunen, wenn du sie reden hörst. -</p> - -<p> -Der Vater sah ihn lange an, und konnte ihm -nichts mehr antworten. Sie gingen schweigend zurück -nach Hause, und der Alte mußte sich jezt ebenfalls -<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> -vor der Lustigkeit seines Sohnes entsetzen, denn sie -dünkte ihm ganz fremdartig, und als wenn ein andres -Wesen aus ihm, wie aus einer Maschine, unbeholfen -und ungeschickt heraus spiele. — -</p> - -<p> -Das Erndtefest sollte wieder gefeiert werden, die -Gemeine ging in die Kirche, und auch Elisabeth zog -sich mit den Kindern an, um dem Gottesdienste beizuwohnen; -ihr Mann machte auch Anstalten, sie zu -begleiten, aber noch vor der Kirchenthür kehrte er um, -und ging tiefsinnend vor das Dorf hinaus. Er setzte -sich auf die Anhöhe, und sahe wieder die rauchenden -Dächer unter sich, er hörte den Gesang und Orgelton -von der Kirche her, geputzte Kinder tanzten und spielten -auf dem grünen Rasen. Wie habe ich mein Leben -in einem Traume verloren! sagte er zu sich selbst; -Jahre sind verflossen, daß ich von hier hinunter stieg, -unter die Kinder hinein; die damals hier spielten, -sind heute dort ernsthaft in der Kirche; ich trat auch -in das Gebäude, aber heut ist Elisabeth nicht mehr -ein blühendes kindliches Mädchen, ihre Jugend ist vorüber, -ich kann nicht mit der Sehnsucht wie damals -den Blick ihrer Augen aufsuchen: so habe ich muthwillig -ein hohes ewiges Glück aus der Acht gelassen, -um ein vergängliches und zeitliches zu gewinnen. -</p> - -<p> -Er ging sehnsuchtsvoll nach dem benachbarten Walde, -und vertiefte sich in seine dichtesten Schatten. Eine -schauerliche Stille umgab ihn, keine Luft rührte sich in -den Blättern. Indem sah er einen Mann von ferne -auf sich zukommen, den er für den Fremden erkannte; -er erschrak, und sein erster Gedanke war, jener würde -sein Geld von ihm zurück fordern. Als die Gestalt -etwas näher kam, sah er, wie sehr er sich geirrt hatte, -<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> -denn die Umrisse, welche er wahrzunehmen gewähnt, -zerbrachen wie in sich selber; ein altes Weib von der -äußersten Häßlichkeit kam auf ihn zu, sie war in -schmuzige Lumpen gekleidet, ein zerrissenes Tuch hielt -einige greise Haare zusammen, sie hinkte an einer -Krücke. Mit fürchterlicher Stimme redete sie Christian -an, und fragte nach seinem Namen und Stande; er -antwortete ihr umständlich und sagte darauf: aber wer -bist du? Man nennt mich das Waldweib, sagte jene, -und jedes Kind weiß von mir zu erzählen; hast -du mich niemals gekannt? Mit den letzten Worten -wandte sie sich um, und Christian glaubte zwischen -den Bäumen den goldenen Schleier, den hohen Gang, -den mächtigen Bau der Glieder wieder zu erkennen. -Er wollte ihr nacheilen, aber seine Augen fanden sie -nicht mehr. -</p> - -<p> -Indem zog etwas Glänzendes seine Blicke in das -grüne Gras nieder. Er hob es auf und sahe die magische -Tafel mit den farbigen Edelgesteinen, mit der -seltsamen Figur wieder, die er vor so manchem Jahr -verloren hatte. Die Gestalt und die bunten Lichter -drückten mit der plötzlichsten Gewalt auf alle seine -Sinne. Er faßte sie recht fest an, um sich zu überzeugen, -daß er sie wieder in seinen Händen halte, und -eilte dann damit nach dem Dorfe zurück. Der Vater -begegnete ihm. Seht, rief er ihm zu, das, wovon -ich euch so oft erzählt habe, was ich nur im Traum -zu sehn glaubte, ist jezt gewiß und wahrhaftig mein. -Der Alte betrachtete die Tafel lange und sagte: mein -Sohn, mir schaudert recht im Herzen, wenn ich die -Lineamente dieser Steine betrachte und ahnend den -Sinn dieser Wortfügung errathe; sieh her, wie kalt -<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> -sie funkeln, welche grausame Blicke sie von sich geben, -blutdürstig, wie das rothe Auge des Tiegers. Wirf -diese Schrift weg, die dich kalt und grausam macht, -die dein Herz versteinern muß: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Sieh die zarten Blüthen keimen,</p> - <p class="line">Wie sie aus sich selbst erwachen,</p> - <p class="line">Und wie Kinder aus den Träumen</p> - <p class="line">Dir entgegen lieblich lachen.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ihre Farbe ist im Spielen</p> - <p class="line">Zugekehrt der goldnen Sonne,</p> - <p class="line">Deren heißen Kuß zu fühlen,</p> - <p class="line">Das ist ihre höchste Wonne:</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">An den Küssen zu verschmachten,</p> - <p class="line">Zu vergehn in Lieb’ und Wehmuth;</p> - <p class="line">Also stehn, die eben lachten,</p> - <p class="line">Bald verwelkt in stiller Demuth.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Das ist ihre höchste Freude,</p> - <p class="line">Im Geliebten sich verzehren,</p> - <p class="line">Sich im Tode zu verklären,</p> - <p class="line">Zu vergehn in süßem Leide.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Dann ergießen sie die Düfte,</p> - <p class="line">Ihre Geister, mit Entzücken,</p> - <p class="line">Es berauschen sich die Lüfte</p> - <p class="line">Im balsamischen Erquicken.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Liebe kommt zum Menschenherzen,</p> - <p class="line">Regt die goldnen Saitenspiele,</p> - <p class="line">Und die Seele spricht: ich fühle</p> - <p class="line">Was das Schönste sei, wonach ich ziele,</p> - <p class="line">Wehmuth, Sehnsucht und der Liebe Schmerzen.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> -Wunderbare, unermeßliche Schätze, antwortete der -Sohn, muß es noch in den Tiefen der Erde geben. -Wer diese ergründen, heben und an sich reißen könnte! -Wer die Erde so wie eine geliebte Braut an sich zu -drücken vermöchte, daß sie ihm in Angst und Liebe -gern ihr Kostbarstes gönnte! Das Waldweib hat mich -gerufen, ich gehe sie zu suchen. Hier neben an ist -ein alter verfallener Schacht, schon vor Jahrhunderten -von einem Bergmanne ausgegraben; vielleicht, daß ich -sie dort finde! -</p> - -<p> -Er eilte fort. Vergeblich strebte der Alte, ihn -zurück zu halten, jener war seinen Blicken bald entschwunden. -Nach einigen Stunden, nach vieler Anstrengung -gelangte der Vater an den alten Schacht; -<a id="corr-13"></a>er sah die Fußstapfen im Sande am Eingange eingedrückt, -und kehrte weinend um, in der Ueberzeugung, -daß sein Sohn im Wahnsinn hinein gegangen, und in -alte gesammelte Wässer und Untiefen versunken sei. -</p> - -<p> -Seitdem war er unaufhörlich betrübt und in Thränen. -Das ganze Dorf trauerte um den jungen Pachter, -Elisabeth war untröstlich, die Kinder jammerten -laut. Nach einem halben Jahre war der alte Vater -gestorben, Elisabeths Eltern folgten ihm bald nach, und -sie mußte die große Wirthschaft allein verwalten. Die -angehäuften Geschäfte entfernten sie etwas von ihrem -Kummer, die Erziehung der Kinder, die Bewirthschaftung -des Gutes ließen ihr für Sorge und Gram keine -Zeit übrig. So entschloß sie sich nach zwei Jahren zu -einer neuen Heirath, sie gab ihre Hand einem jungen -heitern Manne, der sie von Jugend auf geliebt hatte. -Aber bald gewann alles im Hause eine andre Gestalt. -Das Vieh starb, Knechte und Mägde waren untreu, -<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> -Scheuren mit Früchten wurden vom Feuer verzehrt, -Leute in der Stadt, bei welchen Summen standen, -entwichen mit dem Gelde. Bald sah sich der Wirth -genöthigt, einige Aecker und Wiesen zu verkaufen; -aber ein Mißwachs und theures Jahr brachten ihn nur -in neue Verlegenheit. Es schien nicht anders, als -wenn das so wunderbar erworbene Geld auf allen -Wegen eine schleunige Flucht suchte; indessen mehrten -sich die Kinder, und Elisabeth sowohl als ihr Mann -wurden in der Verzweiflung unachtsam und saumselig; -er suchte sich zu zerstreuen, und trank häufigen und starken -Wein, der ihn verdrießlich und jähzornig machte, so daß -oft Elisabeth mit heißen Zähren ihr Elend beweinte. -So wie ihr Glück wich, zogen sich auch die Freunde -im Dorfe von ihnen zurück, so daß sie sich nach einigen -Jahren ganz verlassen sahn, und sich nur mit -Mühe von einer Woche zur andern hinüber fristeten. -</p> - -<p> -Es waren ihnen nur wenige Schaafe und eine -Kuh übrig geblieben, welche Elisabeth oft selber mit -den Kindern hütete. So saß sie einst mit ihrer Arbeit -auf dem Anger, Leonore zu ihrer Seite und ein säugendes -Kind an der Brust, als sie von ferne herauf -eine wunderbare Gestalt kommen sahen. Es war ein -Mann in einem ganz zerrissenen Rocke, barfüßig, sein -Gesicht schwarzbraun von der Sonne verbrannt, von -einem langen struppigen Bart noch mehr entstellt; er -trug keine Bedeckung auf dem Kopf, hatte aber von -grünem Laube einen Kranz durch sein Haar geflochten, -welcher sein wildes Ansehn noch seltsamer und unbegreiflicher -machte. Auf dem Rücken trug er in einem -festgeschnürten Sack eine schwere Ladung, im Gehen -stützte er sich auf eine junge Fichte. -</p> - -<p> -<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> -Als er näher kam, setzte er seine Last nieder, und -holte schwer Athem. Er bot der Frau guten Tag, -die sich vor seinem Anblicke entsetzte, das Mädchen -schmiegte sich an ihre Mutter. Als er ein wenig geruht -hatte, sagte er: nun komme ich von einer sehr -beschwerlichen Wanderschaft aus dem rauhesten Gebirge -auf Erden, aber ich habe dafür auch endlich die kostbarsten -Schätze mitgebracht, die die Einbildung nur -denken oder das Herz sich wünschen kann. Seht hier, -und erstaunt! — Er öffnete hierauf seinen Sack und -schüttete ihn aus; dieser war voller Kiesel, unter denen -große Stücke Quarz, nebst andern Steinen lagen. Es -ist nur, fuhr er fort, daß diese Juwelen noch nicht -polirt und geschliffen sind, darum fehlt es ihnen noch -an Auge und Blick; das äußerliche Feuer mit seinem -Glanze ist noch zu sehr in ihren inwendigen Herzen -begraben, aber man muß es nur herausschlagen, daß -sie sich fürchten, daß keine Verstellung ihnen mehr nützt, -so sieht man wohl, wes Geistes Kind sie sind. — -Er nahm mit diesen Worten einen harten Stein und -schlug ihn heftig gegen einen andern, so daß die rothen -Funken heraussprangen. Habt ihr den Glanz gesehen? -rief er aus; so sind sie ganz Feuer und Licht, sie erhellen -das Dunkel mit ihrem Lachen, aber noch thun sie -es nicht freiwillig. — Er packte hierauf alles wieder -<a id="corr-14"></a>sorgfältig in seinen Sack, welchen er fest zusammen -schnürte. Ich kenne dich recht gut, sagte er dann -wehmüthig, du bist Elisabeth. — Die Frau erschrak. -Wie ist dir doch mein Name bekannt, fragte sie mit -ahnendem Zittern. — Ach, lieber Gott! sagte der -Unglückselige, ich bin ja der Christian, der einst als -Jäger zu euch kam, kennst du mich denn nicht mehr? -</p> - -<p> -<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> -Sie wußte nicht, was sie im Erschrecken und tiefsten -Mitleiden sagen sollte. Er fiel ihr um den Hals, -und küßte sie. Elisabeth rief aus: O Gott! mein -Mann kommt! -</p> - -<p> -Sei ruhig, sagte er, ich bin dir so gut wie gestorben; -dort im Walde wartet schon meine Schöne, die -Gewaltige, auf mich, die mit dem goldenen Schleier -geschmückt ist. Dieses ist mein liebstes Kind, Leonore. -Komm her, mein theures, liebes Herz, und gieb mir -auch einen Kuß, nur einen einzigen, daß ich einmal -wieder deinen Mund auf meinen Lippen fühle, dann -will ich euch verlassen. -</p> - -<p> -Leonore weinte; sie schmiegte sich an ihre Mutter, -die in Schluchzen und Thränen sie halb zum Wandrer -lenkte, halb zog sie dieser zu sich, nahm sie in die -Arme, und drückte sie an seine Brust. — Dann -ging er still fort, und im Walde sahen sie ihn mit -dem entsetzlichen Waldweibe sprechen. -</p> - -<p> -Was ist euch? fragte der Mann, als er Mutter -und Tochter blaß und in Thränen aufgelöst fand. -Keiner wollte ihm Antwort geben. -</p> - -<p> -Der Unglückliche ward aber seitdem nicht wieder -gesehen. -</p> - -<p class="tb"> -——— -</p> - -<p class="noindent"> -Manfred endigte und sah auf: ich merke, sagte -er, meine Zuhörer, noch auffallender aber meine Zuhörerinnen, -sind blaß geworden. -</p> - -<p> -Gewiß, sagte Emilie, denn der Schluß ist zu -schrecklich; es ist aber dem Vorleser nicht besser ergangen, -denn er hat während seinem Vortrage mehr als -einmal die Farbe gewechselt. -</p> - -<p> -<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> -Vielleicht, sagte Lothar, kann die Erzählung, die -ich ihnen nun vorzutragen habe, durch ihr grelles Colorit -jene zu trübe Empfindung unterbrechen, wenn -auch nicht erheitern. Ich erbitte mir also einige Aufmerksamkeit -für den Inhalt dieser Blätter. -</p> - -<h2 class="part" id="part-7"> -<span class="line1">Liebeszauber.</span><br /> -<span class="line2">1811.</span> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">T</span>ief denkend saß Emil an seinem Tische und erwartete -<a id="corr-15"></a>seinen Freund Roderich. Das Licht brannte vor ihm, -der Winterabend war kalt, und er wünschte heut seinen -Reisegefährten herbei, so gern er wohl sonst dessen -Gesellschaft vermied; denn an diesem Abend wollte er -ihm ein Geheimniß entdecken und sich Rath von ihm -erbitten. Der menschenscheue Emil fand bei allen Geschäften -und Vorfällen des Lebens so viele Schwierigkeiten, -so unübersteigliche Hindernisse, daß ihm das -Schicksal fast in einer ironischen Laune diesen Roderich -zugeführt zu haben schien, der in allen Dingen das -Gegentheil seines Freundes zu nennen war. Unstät, -flatterhaft, von jedem ersten Eindruck bestimmt und begeistert, -unternahm er alles, wußte für alles Rath, -war ihm keine Unternehmung zu schwierig, konnte ihn -kein Hinderniß abschrecken: aber im Verlaufe eines -Geschäftes ermüdete und erlahmte er eben so schnell, -als er anfangs elastisch und begeistert gewesen war, -<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> -alles was ihn dann hinderte, war für ihn kein Sporn, -seinen Eifer zu vermehren, sondern es veranlaßte ihn -nur, das zu verachten, was er so hitzig unternommen -hatte, so daß Roderich alle seine Plane eben so ohne -Ursach liegen ließ und saumselig vergaß, als er sie unbesonnen -unternommen hatte. Daher verging kein Tag, -daß beide Freunde nicht in Krieg geriethen, der ihrer -Freundschaft den Tod zu drohen schien, doch war vielleicht -dasjenige, was sie dem Anscheine nach trennte, -nur das, was sie am innigsten verband; beide liebten -sich herzlich, aber beide fanden eine große Genugthuung -darin, daß einer über den andern die gegründetsten Klagen -führen konnte. -</p> - -<p> -Emil, ein reicher junger Mann von reizbarem und -melankolischem Temperament, war nach dem Tode seiner -Eltern Herr seines Vermögens; er hatte eine Reise angetreten, -um sich auszubilden, befand sich aber nun -schon seit einigen Monaten in einer ansehnlichen Stadt, -die Freuden des Carnevals zu genießen, um welche er -sich niemals bemühte, um bedeutende Verabredungen -über sein Vermögen mit Verwandten zu treffen, die -er kaum noch besucht hatte. Unterwegs war er auf -den unsteten allzubeweglichen Roderich gestoßen, der mit -seinen Vormündern in Unfrieden lebte, und um sich -ganz von diesen und ihren lästigen Vermahnungen los -zu machen, begierig die Gelegenheit ergriff, welche ihm -sein neuer Freund anbot, ihn als Gefährten auf seiner -Reise mitzunehmen. Auf dem Wege hatten sie sich -schon oft wieder trennen wollen, aber beide hatten in -jeder Streitigkeit nur um so deutlicher gefühlt, wie -unentbehrlich sie sich wären. Kaum waren sie in einer -<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> -Stadt aus dem Wagen gestiegen, so hatte Roderich -schon alle Merkwürdigkeiten des Orts gesehen, um sie -am folgenden Tage zu vergessen, während Emil sich -eine Woche aus Büchern gründlich vorbereitete, um -nichts aus der Acht zu lassen, wovon er doch nachher -aus Trägheit vieles seiner Aufmerksamkeit nicht würdigte; -Roderich hatte gleich tausend Bekanntschaften -gemacht und alle öffentlichen Oerter besucht, führte auch -nicht selten seine neu erworbenen Freunde auf Emils -einsames Zimmer, wo er diesen dann mit ihnen allein -ließ, wenn sie anfingen ihm Langeweile zu machen. -Eben so oft brachte er den bescheidenen Emil in Verlegenheit, -wenn er dessen Verdienste und Kenntnisse -gegen Gelehrte und einsichtsvolle Männer über die Gebühr -erhob, und diesen zu verstehn gab, wie vieles -sie in Sprachen, Alterthümern, oder Kunstkenntnissen -von seinem Freunde lernen könnten, ob er gleich selbst -niemals die Zeit finden konnte, über diese Gegenstände -seinen Gefährten anzuhören, wenn sich das Gespräch -dahin lenkte. War nun Emil einmal zur Thätigkeit -aufgelegt, so konnte er fast darauf rechnen, daß sein -schwärmender Freund sich in der Nacht auf einem Balle, -oder einer Schlittenfarth erkältet habe, und das Bett -hüten müsse, so daß Emil in Gesellschaft des lebendigsten, -unruhigsten und mittheilsamsten aller Menschen -in der größten Einsamkeit lebte. -</p> - -<p> -Heute erwartete ihn Emil gewiß, weil er ihm das -feierliche Versprechen hatte geben müssen, den Abend -mit ihm zuzubringen, um zu erfahren, was schon seit -Wochen seinen tiefsinnigen Freund gedrückt und beängstigt -habe. Emil schrieb indeß folgende Verse nieder. -</p> - -<div class="poem"> -<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> - <p class="line">Wie lieb und hold ist Frühlingsleben,</p> - <p class="line">Wenn alle Nachtigallen singen,</p> - <p class="line">Und wie die Tön’ in Bäumen klingen,</p> - <p class="line">In Wonne Laub und Blüthen beben.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wie schön im goldnen Mondenscheine</p> - <p class="line">Das Spiel der lauen Abendlüfte,</p> - <p class="line">Die, auf den Flügeln Lindendüfte,</p> - <p class="line">Sich jagen durch die stillen Haine.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wie herrlich glänzt die Rosenpracht,</p> - <p class="line">Wenn Liebreiz rings die Felder schmücket,</p> - <p class="line">Die Lieb’ aus tausend Rosen blicket,</p> - <p class="line">Aus Sternen ihrer Wonne-Nacht.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Doch schöner dünkt mir, holder, lieber,</p> - <p class="line">Des kleinen Lichtleins blaß Geflimmer,</p> - <p class="line">Wenn sie sich zeigt im engen Zimmer,</p> - <p class="line">Späh’ ich in Nacht zu ihr hinüber.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wie sie die Flechten löst und bindet,</p> - <p class="line">Wie sie im Schwung der weißen Hand</p> - <p class="line">Anschmiegt dem Leibe hell Gewand,</p> - <p class="line">Und Kränz’ in braune Locken windet.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wie sie die Laute läßt erklingen,</p> - <p class="line">Und Töne, aufgejagt, erwachen,</p> - <p class="line">Berührt von zarten Fingern lachen,</p> - <p class="line">Und scherzend durch die Saiten springen;</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Sie einzufangen schickt sie Klänge</p> - <p class="line">Gesanges fort, da flieht mit Scherzen</p> - <p class="line">Der Ton, sucht Schirm in meinem Herzen,</p> - <p class="line">Dahin verfolgen die Gesänge.</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> - <p class="line2">O laßt mich doch, ihr Bösen, frei!</p> - <p class="line">Sie riegeln sich dort ein und sprechen:</p> - <p class="line">Nicht weichen wir, bis dies wird brechen,</p> - <p class="line">Damit du weißt, was Lieben sei.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Emil stand ungeduldig auf. Es ward finsterer und -Roderich kam nicht, dem er seine Liebe zu einer Unbekannten, -die ihm gegen über wohnte und ihn tagelang -zu Hause, und Nächte hindurch wachend erhielt, bekennen -wollte. Jezt schallten Fußtritte die Treppe herauf, -die Thür, ohne daß man anklopfte, eröffnete sich, und -herein traten zwei bunte Masken mit widrigen Angesichtern, -der eine ein Türke, in rother und blauer -Seide gekleidet, der andere ein Spanier, blaßgelb und -röthlich, mit vielen schwankenden Federn auf dem Hute. -Als Emil ungeduldig werden wollte, nahm Roderich -die Maske ab, zeigte sein wohl bekanntes lachendes -Gesicht und sagte: ei, mein Liebster, welche grämliche -Miene! Sieht man so aus zur Carnevalszeit? Ich -und unser lieber junger Offizier kommen dich abzuholen, -heut ist großer Ball auf dem Maskensaale, und da -ich weiß, daß du es verschworen hast, anders, als in -deinen schwarzen Kleidern zu gehn, die du täglich trägst, -so komm nur so mit, wie du da bist, denn es ist -schon ziemlich spät. -</p> - -<p> -Emil war erzürnt und sagte: du hast, wie es -scheint, deiner Gewohnheit nach ganz unsre Abrede vergessen: -sehr leid thut es mir, (indem er sich zum Fremden -wandte) daß ich Sie unmöglich begleiten kann, -mein Freund ist zu voreilig gewesen, es in meinem -Namen zu versprechen; ich kann überhaupt nicht ausgehn, -da ich etwas Wichtiges mit ihm abzureden habe. -</p> - -<p> -<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> -Der Fremde, welcher bescheiden war und Emils -Absicht verstand, entfernte sich: Roderich aber nahm -höchst gleichgültig die Maske wieder vor, stellte sich vor -den Spiegel und sagte: nicht wahr, man sieht eigentlich -ganz scheußlich aus? Es ist im Grunde eine geschmacklose -widerwärtige Erfindung. -</p> - -<p> -Das ist gar keine Frage, erwiederte Emil im höchsten -Unwillen. Dich zur Carikatur machen, und dich -betäuben, gehört eben zu den Vergnügungen, denen du -am liebsten nachjagst. -</p> - -<p> -Weil du nicht tanzen magst, sagte jener, und den -Tanz für eine verderbliche Erfindung hältst, so soll -auch Niemand anders lustig seyn. Wie verdrüßlich, -wenn ein Mensch aus lauter Eigenheiten zusammen -gesetzt ist. -</p> - -<p> -Gewiß, erwiederte der erzürnte Freund, und ich -habe Gelegenheit genug, dies an dir zu beobachten; -ich glaubte, daß du mir nach unsrer Abrede diesen -Abend schenken würdest, aber — -</p> - -<p> -Aber es ist ja Carneval, fuhr jener fort, und alle -meine Bekannten und einige Damen erwarten mich -auf dem heutigen großen Balle. Bedenke nur, mein -Lieber, daß es wahre Krankheit in dir ist, daß dir -dergleichen Anstalten so unbillig zuwider sind. -</p> - -<p> -Emil sagte: wer von uns beiden krank zu nennen -ist, will ich nicht untersuchen; dein unbegreiflicher -Leichtsinn, deine Sucht, dich zu zerstreuen, dein Jagen -nach Vergnügungen, die dein Herz leer lassen, scheint -mir wenigstens keine Seelengesundheit; auch in gewissen -Dingen könntest du wohl meiner Schwachheit, wenn -es denn einmal dergleichen sein soll, nachgeben, und -es giebt nichts auf der Welt, was mich so durch und -<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> -durch verstimmt, als ein Ball mit seiner fürchterlichen -Musik. Man hat sonst wohl gesagt, die Tanzenden -müßten einem Tauben, welcher die Musik nicht vernimmt, -als Rasende erscheinen; ich aber meine, daß -diese schreckliche Musik selbst, dies Umherwirbeln weniger -Töne in widerlicher Schnelligkeit, in jenen vermaledeiten -Melodien, die sich unserm Gedächtnisse, ja -ich möchte sagen unserm Blut unmittelbar mittheilen, -und die man nachher auf lange nicht wieder los werden -kann, daß dies die Tollheit und Raserei selbst sei; -denn wenn mir das Tanzen noch irgend erträglich sein -sollte, so müßte es ohne Musik geschehn. -</p> - -<p> -Nun sieh, wie paradox! antwortete der Maskirte; -du kömmst so weit, daß du das Natürlichste, Unschuldigste -und Heiterste von der Welt unnatürlich, ja gräßlich -finden willst. -</p> - -<p> -Ich kann nicht für mein Gefühl, sagte der Ernste, -daß mich diese Töne von Kindheit auf unglücklich gemacht, -und oft bis zur Verzweiflung getrieben haben: -in der Tonwelt sind sie für mich die Gespenster, Larven -und Furien, und so flattern sie mir auch ums -Haupt, und grinsen mich mit entsetzlichem Lachen an. -</p> - -<p> -Nervenschwäche, sagte jener, so wie dein übertriebener -Abscheu gegen Spinnen und manch anderes unschuldiges -Gewürm. -</p> - -<p> -Unschuldig nennst du sie, sagte der Verstimmte, -weil sie dir nicht zuwider sind. Für denjenigen aber, -dem die Empfindung des Ekels und des Abscheus, dasselbe -unnennbare Grauen, wie mir, bei ihrem Anblick -in der Seele aufgeht und durch sein ganzes Wesen -zuckt, sind diese gräßlichen Unthiere, wie Kröten -und Spinnen, oder gar die widerwärtigste aller Creaturen, -<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> -die Fledermaus, nicht gleichgültig und unbedeutend, -sondern ihr Dasein ist dem seinigen auf das -feindlichste entgegengesetzt. Wahrlich, man möchte über -die Ungläubigen lächeln, mit deren Imagination sich -Gespenster und grauenhafte Larven, sammt jenen Geburten -der Nacht nicht vereinigen lassen, die wir in -Krankheiten sehn, oder die uns Dantes Gemälde zeigen, -da die gewöhnlichste Wirklichkeit um uns her die -fürchterlichen verzerrten Musterbilder dieser Schrecken -uns vorhält. Sollten wir in der That das Schöne -lieben können, ohne uns vor diesen Fratzen zu entsetzen? -</p> - -<p> -Warum entsetzen? fragte Roderich, warum soll uns -das große Reich der Gewässer und der Meere gerade -diese Furchtbarkeit vorhalten, an die sich deine Vorstellung -gewöhnt hat, und nicht vielmehr seltsame, unterhaltende -und possirliche Verkleidungen, so daß das -ganze Gebiet nicht anders, als etwa wie ein komischer -Ballsaal anzusehn wäre? Deine Eigenheiten aber gehn -noch weiter, denn so wie du die Rose mit einer gewissen -Abgötterei liebst, so sind dir andre Blumen eben so -lebhaft verhaßt; was hat dir nur die gute liebe Feuerlilie -gethan, wie so manch andres Kind des Sommers? -So sind dir manche Farben zuwider, manche Düfte -und viele Gedanken, und du thust nichts dazu, dich -gegen diese Stimmungen zu verhärten, sondern du -giebst ihnen weichlich nach, und am Ende wird eine -Sammlung von dergleichen Seltsamkeiten die Stelle -einnehmen, die dein Ich besitzen sollte. -</p> - -<p> -Emil war im tiefsten Herzen erzürnt und antwortete -nicht. Er hatte es nun schon aufgegeben, sich jenem -mitzutheilen, auch schien der leichtsinnige Freund gar -<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> -keine Begier zu haben, das Geheimniß zu erfahren, -welches ihm sein melankolischer Gefährte mit so wichtiger -Miene angekündigt hatte; er saß gleichgültig im -Lehnsessel, mit seiner Maske spielend, als er plötzlich -ausrief: sei doch so gut, Emil, und leih mir deinen -großen Mantel. -</p> - -<p> -Wozu? fragte jener. -</p> - -<p> -Ich höre drüben in der Kirche Musik, antwortete -Roderich, und habe schon alle Abend diese Stunde -versäumt; heut kömmt sie mir recht gelegen, unter deinem -Mantel kann ich diese Kleidung verbergen, auch -Maske und Turban darunter verstecken, und wenn sie -geendigt ist, mich sogleich nach dem Balle begeben. -</p> - -<p> -Murrend suchte Emil den Mantel aus dem Schranke, -gab ihn dem Aufgestandenen, und zwang sich zu einem -ironischen Lächeln. Da hast du meinen türkischen Dolch, -den ich gestern gekauft habe, sagte Roderich, indem er -sich einhüllte, heb’ ihn auf; es taugt nicht, dergleichen -ernsthaftes Zeug als Spielerei bei sich zu haben; man -kann denn doch nicht wissen, wozu es gemißbraucht -würde, wenn Zank oder anderer Unfug die Gelegenheit -herbei führte; morgen sehn wir uns wieder, lebe wohl -und bleibe vergnügt. Er wartete auf keine Erwiederung, -sondern eilte die Treppe hinunter. -</p> - -<p> -Als Emil allein war, suchte er seinen Zorn zu -vergessen und das Betragen seines Freundes von der -lächerlichen Seite zu nehmen. Er betrachtete den blanken -schön gearbeiteten Dolch, und sagte, wie muß es -doch dem Menschen sein, der solch scharfes Eisen in -die Brust des Gegners stößt, oder gar einen geliebten -Gegenstand damit verletzt? er schloß ihn ein, lehnte -<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> -dann behutsam die Läden seines Fensters zurück und -sah über die enge Gasse. Aber kein Licht regte sich, -es war finster im Hause gegenüber; die theure Gestalt, -die dort wohnte, und sich um diese Zeit bei häuslicher -Beschäftigung zu zeigen pflegte, schien entfernt. Vielleicht -gar auf dem Balle, dachte Emil, so wenig es -auch ihrer eingezogenen Lebensart ziemte. Plötzlich aber -zeigte sich ein Licht, und die Kleine, welche seine unbekannte -Geliebte um sich hatte, und mit der sie sich -am Tage wie am Abend vielfältig abgab, trug ein -Licht durch das Zimmer und lehnte die Fensterläden -an. Eine Spalte blieb hell, groß genug, um von -Emils Standpunkt einen Theil des kleinen Zimmers -zu überschauen, und dort stand oft der Glückliche bis -nach Mitternacht wie bezaubert, und beobachtete jede -Bewegung der Hand, jede Miene seiner Geliebten: er -freute sich, wenn sie dem kleinen Kinde lesen lehrte, -oder es im Nähen und Stricken unterrichtete. Auf -seine Erkundigung hatte er erfahren, daß die Kleine -eine arme Waise sei, die das schöne Mädchen mitleidig -zu sich genommen hatte, um sie zu erziehn. Emils -Freunde begriffen nicht, warum er in dieser engen -Gasse wohne in einem unbequemen Hause, weshalb -man ihn so wenig in Gesellschaften sehe, und womit -er sich beschäftige. Unbeschäftigt, in der Einsamkeit, -war er glücklich, nur unzufrieden mit sich und -seinem menschenscheuen Charakter, daß er es nicht -wage die nähere Bekanntschaft dieses schönen Wesens -zu suchen, so freundlich sie auch einigemal am Tage -gegrüßt und gedankt hatte. Er wußte nicht, daß sie -eben so trunken zu ihm hinüber spähte, und ahnete -nicht, welche Wünsche sich in ihrem Herzen bildeten, -<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> -welcher Anstrengung, welcher Opfer sie sich fähig fühlte, -um nur zum Besitz seiner Liebe zu gelangen. -</p> - -<p> -Nachdem er einigemal auf und nieder gegangen -war, und das Licht sich mit dem Kinde wieder entfernt -hatte, faßte er plötzlich den Entschluß, seiner Neigung -und Natur zuwider auf den Ball zu gehen, weil -es ihm einfiel, daß seine Unbekannte eine Ausnahme -von ihrer eingezogenen Lebensweise könne gemacht haben, -um auch einmal die Welt und ihre Zerstreuungen zu -genießen. Die Gassen waren hell erleuchtet, der Schnee -knisterte unter seinen Füßen, Wagen rollten ihm vorüber -und Masken in den verschiedensten Trachten pfiffen -und zwitscherten an ihm vorbei. Aus vielen Häusern -ertönte ihm die so verhaßte Tanzmusik, und er -konnte es nicht über sich gewinnen, auf dem kürzesten -Wege nach dem Saale zu gehn, zu welchem aus allen -Richtungen die Menschen strömten und drängten. Er -ging um die alte Kirche, beschaute den hohen Thurm, -der sich ernst in den nächtlichen Himmel erhub, und -freute sich der Stille und Einsamkeit des abgelegenen -Platzes. In der Vertiefung einer großen Kirchenthür, -deren mannichfaltiges Bildwerk er immer mit Lust beschaut, -und sich dabei der alten Kunst und vergangener -Zeiten erinnert hatte, nahm er auch jezo Platz, um -sich auf wenige Augenblicke seinen Betrachtungen zu -überlassen. Er stand nicht lange, als eine Figur seine -Aufmerksamkeit an sich zog, die unruhig auf und nieder -ging, und jemand zu erwarten schien. Beim Schein -einer Laterne, die vor einem Marienbilde brannte, unterschied -er genau das Gesicht, so wie die wunderliche -Kleidung. Es war ein altes Weib von der äußersten -Häßlichkeit, die um so mehr in die Augen fiel, weil -<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> -sie gegen ein scharlachrothes Leibchen, das mit Gold -besetzt war, höchst abentheuerlich abstach; der Rock, -den sie trug, war dunkel, und die Haube ihres Kopfes -glänzte ebenfalls von Gold. Emil glaubte anfangs -eine geschmacklose Maske zu sehn, die sich hieher verirrt -habe, aber bald war er beim hellen Scheine überzeugt, -daß das alte braune und runzlichte Gesicht ein -wirkliches und kein nachgeahmtes sei. Es währte nicht -lange, so erschienen zwei Männer in Mänteln gehüllt, die -sich dem Orte mit behutsamen Schritten zu nähern schienen, -indem sie öfter von den Seiten schauten, ob ihnen -Niemand folge. Die Alte ging auf sie zu. Habt ihr die -Lichter? fragte sie hastig und mit einer rauhen Stimme. -Hier sind sie, sagte der Eine, der Preis ist euch bekannt, -macht die Sache gleich richtig. Die Alte schien -Geld zu geben, welches der Mann unter seinem Mantel -nachzählte. Ich verlasse mich darauf, fing die Alte -wieder an, daß sie ganz nach der Vorschrift und Kunst -gegossen sind, damit die Wirkung nicht ausbleibt. Seid -ohne Sorgen, sagte jener, und entfernte sich schnell. -</p> - -<p> -Der andre, welcher zurück geblieben, war ein junger -Mann; er nahm die Alte bei der Hand und sagte: -ist es möglich, Alexia, daß dergleichen Ceremonien und -Formeln, diese seltsamen alten Sagen, an welche ich -nie habe glauben können, den freien Willen des Menschen -fesseln, und Liebe und Haß erregen könnten? -So ist es, sprach das rothe Weib, aber eins muß -zum andern kommen, nicht bloß diese Lichter, in der -Mitternacht des Neumonden gegossen, mit Menschenblut -getränkt, nicht die Zauberformeln und Anrufungen -allein können es ausrichten, sondern noch manches -andre gehört dazu, das der Kunstverständige wohl kennt. -<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> -So verlaß ich mich auf dich, sagte der Fremde. Morgen -nach Mitternacht bin ich euch zu Diensten, antwortete -die Alte; ihr werdet ja nicht der erste sein, der -mit meiner Kundschaft unzufrieden ist; heute, wie ihr -gehört habt, bin ich für jemand anders bestellt, auf -dessen Sinn und Verstand unsere Kunst gewiß nachdrücklich -wirken soll. Die letzten Worte sagte sie mit -halbem Lachen, und beide gingen aus einander und -entfernten sich nach verschiedenen Richtungen. Emil trat -schaudernd aus der dunkeln Nische hervor und erhob -seine Blicke zum Bilde der Jungfrau mit dem Kinde; -vor deinen Augen, du Holdselige, sagte er halb laut, -erfrechen sich die Greuel ihre Abrede zu treffen, um -ihren abscheulichen Betrug zu verhandeln, doch so, wie -du dein Kind in Liebe umfängst, so hält uns alle die -unsichtbare Liebe in fühlbaren Armen, und unser armes -Herz klopft in Freude wie in Angst einem größeren -entgegen, das uns niemals verlassen wird. Wolken -zogen über die Spitze des Thurms und das schroffe -Dach der Kirche hinweg, die ewigen Sterne schauten -funkelnd und mit freundlichem Ernst hernieder, und -Emil wandte sich entschlossen von diesen nächtlichen -Schauern und gedachte der Schönheit seiner Unbekannten. -Er betrat wieder die belebten Gassen, und lenkte -nach dem hellerleuchteten Ballhause ein, von welchem -ihm Stimmen, Wagengerassel, und in einzelnen Pausen -die lärmende Musik entgegen schallten. -</p> - -<p> -Im Saale verlor er sich sogleich im fluthenden -Getümmel, Tänzer umsprangen ihn, Masken schossen -an ihm hin und her, Pauken und Trompeten betäubten -sein Ohr, und ihm war, als sei das menschliche -Leben selber nur ein Traum. Er ging durch die Reihen, -<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> -und nur sein Auge blieb wach, um jene geliebten Augen -und jenes schöne Haupt mit den braunen Locken -aufzusuchen, nach dessen Anblick er sich heut inniger -sehnte als sonst, und dem angebeteten Wesen doch innerlich -Vorwürfe machte, daß es sich in diesem stürmenden -Meer der Verwirrung und Thorheit untertauchen -und verlieren könne. Nein, sprach er zu sich -selbst, kein Herz, welches liebt, wird sich diesem wüsten -Brausen öffnen wollen, in welchem Sehnsucht und -Thränen verhöhnt und mit dem schmetternden Gelächter -wilder Trompeten verspottet werden. Das Säuseln -der Bäume, das Rieseln der Quellen, Lautenschlag -und edler Gesang, welcher voll aus dem bewegten -Busen strömt, sind die Töne, in welchen Liebe -wohnt. So aber donnert und jubelt die Hölle in -der Raserei ihrer Verzweiflung. -</p> - -<p> -Er fand nicht, was er suchte, denn zu dem Glauben, -daß sein geliebtes Angesicht sich vielleicht unter eine -widrige Maske verborgen habe, konnte er sich unmöglich -bequemen. Schon war er dreimal den Saal auf- und -abgewandert und hatte alle sitzenden und unmaskirten -Damen vergeblich gemustert, als sich der Spanier -zu ihm gesellte und sagte: schön, daß sie doch noch -gekommen sind; sie suchen vielleicht ihren Freund? -</p> - -<p> -Emil hatte ihn ganz vergessen; er sagte aber beschämt: -in der That, ich wundre mich, ihn hier nicht -zu treffen, denn seine Maske ist kenntlich genug. -</p> - -<p> -Wissen sie, was der wunderliche Mensch treibt? -antwortete der junge Offizier; er hat weder getanzt, -noch sich lange im Saale aufgehalten, denn er fand -sogleich seinen Freund Anderson, der vom Lande herein -gekommen ist; ihr Gespräch fiel auf die Literatur, und -<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> -da dieser das neulich herausgekommene Gedicht noch -nicht kannte, so hat Roderich nicht eher geruht, bis -man ihm eins der hintern Zimmer aufgeschlossen hat, -dort sitzt er mit seinem Gefährten bei einer einsamen -Kerze und liest ihm das ganze Werk vor. -</p> - -<p> -Das sieht ihm ähnlich, sagte Emil, denn er besteht -ganz aus Laune. Ich habe alles angewandt, und selbst -freundschaftliche Zwistigkeiten nicht gescheut, um es ihm -abzugewöhnen, immer <span class="antiqua">ex tempore</span> zu leben und sein -ganzes Dasein in Impromptüs auszuspielen: allein -diese Thorheiten sind ihm so ans Herz gewachsen, daß -er sich eher vom liebsten Freunde, als von ihnen trennen -würde. Das nämliche Werk, welches er so liebt, -daß er es immer bei sich trägt, hat er mir neulich -vorlesen wollen, und ich hatte ihn sogar dringend darum -gebeten; wir waren aber kaum über den Anfang, indeß -ich ganz den Schönheiten hingegeben war, als er -plötzlich aufsprang, mit der Küchenschürze umgethan -zurückkehrte, mit vielen Umständen Feuer anschüren -ließ, um mir Beefsteaks zu rösten, zu welchen ich kein -Verlangen trug, und die er sich am besten in Europa -zu machen einbildet, ob sie ihm gleich die meisten Male -verunglücken. -</p> - -<p> -Der Spanier lachte. Ist er nie verliebt gewesen? -fragte er. -</p> - -<p> -Auf seine Weise, erwiederte Emil sehr ernst; so, -als wollte er über sich und die Liebe spotten, in viele -zugleich, und nach seinen Worten bis zur Verzweiflung, -die er aber insgesamt in acht Tagen wieder vergessen -hatte. -</p> - -<p> -Sie trennten sich im Getümmel, und Emil begab -sich nach dem abgelegenen Zimmer, aus welchem er -<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> -seinen Freund schon von fern laut deklamiren hörte. -Ah, da bist du ja auch, rief ihm dieser entgegen; das -trifft sich gut, ich bin nur eben über die Stelle hinüber, -bei der wir neulich unterbrochen wurden; setze -dich, so kannst du mit zuhören. -</p> - -<p> -Ich bin jezt nicht in der Stimmung, sagte Emil, -auch scheint mir diese Stunde und dieser Ort wenig -geschickt zu einer solchen Unterhaltung. -</p> - -<p> -Warum nicht? antwortete Roderich; es muß sich -alles nach unserm Willen bequemen, jede Zeit ist gut -dazu, sich auf eine edle Weise zu beschäftigen. Oder -willst du lieber tanzen? Es fehlt an Tänzern, und -du kannst dich heut mit einigen Stunden Herumspringens -und einem Paar ermüdender Beine bei vielen -dankbaren Damen ziemlich beliebt machen. -</p> - -<p> -Lebe wohl, rief jener schon in der Thür, ich gehe -nach Hause. -</p> - -<p> -Noch ein Wort! rief ihm Roderich nach: ich verreise -morgen in aller Frühe mit diesem Herrn auf -einige Tage über Land; ich spreche aber noch bei dir -vor, um Abschied zu nehmen. Schläfst du, wie es -wahrscheinlich ist, so bemühe dich nur nicht, aufzuwachen, -denn in drei Tagen bin ich wieder bei dir. — -Der wunderlichste aller Menschen, fuhr er fort, gegen -seinen neuen <a id="corr-17"></a>Freund gewandt, so schwerfällig, mißlaunig, -ernsthaft, daß er sich jede Freude verdirbt, oder -vielmehr, daß es für ihn keine Freude giebt. Alles -soll edel, groß, erhaben sein, sein Herz soll an allem -Antheil nehmen, und wenn er selbst vor einem Puppenspiele -stände; wenn sich dergleichen nun nicht zu -seinen Prätensionen verstehen will, die warlich ganz -unsinnig sind, so wird er tragisch gestimmt, und findet -<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> -die ganze Welt roh und barbarisch; da draußen verlangt -er ohne Zweifel, daß unter den Masken einem -Pantalon und Policinell das Herz voll Sehnsucht und -überirdischer Triebe glühe, und daß der Arlechin über -die Nichtigkeit der Welt tiefsinnig philosophiren soll, -und wenn diese Erwartungen nicht eintreffen, so treten -ihm gewiß die Thränen in die Augen, und er -wendet dem bunten Schauspiel zerknirscht und verachtend -den Rücken. -</p> - -<p> -Er ist also melankolisch? fragte der Zuhörer. -</p> - -<p> -Das eigentlich nicht, antwortete Roderich, sondern -nur von zu zärtlichen Eltern und sich selbst verzogen. -Er hatte sich angewöhnt, regelmäßig wie Ebbe und -Fluth sein Herz bewegen zu lassen, und bleibt diese -Rührung einmal aus, so schreit er Mirakel und möchte -Prämien aussetzen, um Physiker aufzumuntern, diese -Naturerscheinung genügend zu erklären. Er ist der -beste Mensch unter der Sonne, aber alle meine Mühe, -ihm diese Verkehrtheit abzugewöhnen, ist ganz umsonst -und verloren, und wenn ich nicht für meine gute Meinung -Undank davon tragen will, muß ich ihn gewähren -lassen. -</p> - -<p> -Er sollte vielleicht den Arzt gebrauchen, bemerkte -jener. -</p> - -<p> -Es gehört mit zu seinen Eigenheiten, antwortete -Roderich, die Medizin durch und durch zu verachten, -denn er meint, jede Krankheit sei in jeglichem Menschen -ein Individuum, und könne nicht nach ältern -Wahrnehmungen, oder gar nach sogenannten Theorien -geheilt werden; er würde eher alte Weiber und sympathetische -Kuren gebrauchen. Eben so verachtet er auch -in andrer Hinsicht alle Vorsicht und alles was man -<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> -Ordnung und Mäßigkeit nennt. Von Kindheit auf ist -ein edler Mann sein Ideal gewesen, und sein höchstes -Bestreben, das aus sich zu bilden, was er so nennt, -das heißt hauptsächlich eine Person, die die Verachtung -der Dinge mit der des Geldes anfängt; denn um -nur nicht in den Verdacht zu gerathen, daß er haushälterisch -sei, ungern ausgebe, oder irgend Rücksicht -auf Geld nehme, so wirft er es höchst thöricht weg, -ist bei seiner reichlichen Einnahme immer arm und in -Verlegenheit, und wird der Thor von jedwedem, der -nicht ganz in dem Sinne edel ist, in welchem er es -sich zu sein vorgesetzt hat. Sein Freund zu sein, ist -aber die Aufgabe aller Aufgaben, denn er ist so reizbar, -daß man nur husten, nicht edel genug essen, oder -gar die Zähne stochern darf, um ihn tödtlich zu beleidigen. -</p> - -<p> -War er nie verliebt? fragte der Freund vom -Lande. -</p> - -<p> -Wen sollte er lieben? antwortete Roderich, er verachtete -alle Töchter der Erde, und er dürfte nur bemerken, -daß sein Ideal sich gern putzte, oder gar -tanzte, so würde sein Herz brechen; noch schrecklicher, -wenn sie das Unglück hätte, den Schnupfen zu bekommen. -</p> - -<p> -Emil stand indessen wieder im Getümmel; aber -plötzlich überfiel ihn jene Angst, der Schreck, der so -oft schon in solcher erregten Menschenmenge sein Herz -ergriffen hatte, und jagte ihn aus dem Saale und -Hause, über die öden Gassen hinweg, und erst auf -seinem einsamen Zimmer fand er sich und seine ruhige -Besinnung wieder. Das Nachtlicht war schon angezündet, -er hieß dem Bedienten sich nieder legen; drüben -<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> -war alles still und finster, und er setzte sich, um -in einem Gedichte seine Empfindungen über den Ball -auszuströmen. — -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Im Herzen war es stille,</p> - <p class="line">Der Wahnsinn lag an Ketten;</p> - <p class="line">Da regt sich böser Wille,</p> - <p class="line">Vom Kerker ihn zu retten,</p> - <p class="line">Den Tollen los zu machen:</p> - <p class="line">Da hört man Pauken klingen,</p> - <p class="line">Da bricht hervor mit Lachen</p> - <p class="line">Trommeten-Klang und Krachen,</p> - <p class="line">Dazwischen Flöten singen,</p> - <p class="line">Und Pfeifentöne springen</p> - <p class="line">Mit gellendem Geschrei</p> - <p class="line">Zwischen dröhnenden tönenden Geigen</p> - <p class="line">In rasender Wuth herbei,</p> - <p class="line">Das wilde Gemüth zu zeigen,</p> - <p class="line">Und grimmig zu morden das stille kindliche Schweigen. —</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wohin dreht sich der Reigen?</p> - <p class="line">Was sucht die springende Menge</p> - <p class="line">Im windenden Gedränge? —</p> - <p class="line">Vorüber! Es glänzen die Lichter,</p> - <p class="line">Wir tummeln uns näher und dichter,</p> - <p class="line">Es jauchzt in uns das blöde Herz;</p> - <p class="line">Lauter tönet,</p> - <p class="line">Grimmer dröhnet</p> - <p class="line">Ihr Cymbeln, ihr Pfeifen! betäubet den Schmerz,</p> - <p class="line">Er werde zum Scherz! —</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Du winkst mir, holdes Angesicht?</p> - <p class="line">Es lacht der Mund, der Augen Licht;</p> -<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> - <p class="line">Herbei, daß ich dich fasse,</p> - <p class="line">Im Schweben wieder lasse;</p> - <p class="line">Ich weiß, die Schönheit bald zerbricht,</p> - <p class="line">Der Mund verstummt, der lieblich spricht,</p> - <p class="line">Dich faßt des Todes Arm.</p> - <p class="line">Was winkst du, Schädel, freundlich mir?</p> - <p class="line">Kein Kummer mir, nicht Angst und Harm,</p> - <p class="line">Daß du so bald erbleichest hier,</p> - <p class="line">Wohl heut, wohl morgen.</p> - <p class="line">Was sollen die Sorgen?</p> - <p class="line">Ich lebe und schwebe im Reigen vorüber vor dir. —</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Heut lieb ich dich,</p> - <p class="line">Jezt meinst du mich;</p> - <p class="line">Ach, Noth und Angst sie lauern</p> - <p class="line">Schon hinter diesen Mauern,</p> - <p class="line">Und Seufzer schwer und thränend Leid</p> - <p class="line">Stehn schon bereit,</p> - <p class="line">Dich zu umstricken;</p> - <p class="line">Froh laß uns blicken</p> - <p class="line">Vernichtung an und grausen Tod;</p> - <p class="line">Was will die Angst, was will uns Noth?</p> - <p class="line">Wir drücken</p> - <p class="line">Im Taumel die Hand;</p> - <p class="line">Mich rührt dein Gewand,</p> - <p class="line">Du <a id="corr-18"></a>schwebest dahin, ich taumle zurück —</p> - <p class="line">Auch Verzweiflung ist Glück.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Aus diesem Entzücken,</p> - <p class="line">Und was wir heut lachten,</p> - <p class="line">Entsprießt wohl Verachten</p> - <p class="line">Und giftiger Neid;</p> -<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> - <p class="line">O herrliche Zeit!</p> - <p class="line">Wenn ich dich verhöhne,</p> - <p class="line">Winkt dort mir die Schöne,</p> - <p class="line">Und wird meine Braut;</p> - <p class="line">Die andere schaut</p> - <p class="line">Noch kühner darein;</p> - <p class="line">Soll dies’ es denn sein? —</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">So taumeln wir alle</p> - <p class="line">Im Schwindel die Halle</p> - <p class="line">Des Lebens hinab,</p> - <p class="line">Kein Lieben, kein Leben,</p> - <p class="line">Kein Sein uns gegeben,</p> - <p class="line">Nur Träumen und Grab:</p> - <p class="line">Da unten bedecken</p> - <p class="line">Wohl Blumen und Klee</p> - <p class="line">Noch grimmere Schrecken,</p> - <p class="line">Noch wilderes Weh;</p> - <p class="line">Drum lauter ihr Cymbeln, du Paukenklang,</p> - <p class="line">Noch schreiender gellender Hörnergesang!</p> - <p class="line">Ermuthiget schwingt, dringt, springt ohne Ruh,</p> - <p class="line">Weil Lieb uns nicht Leben</p> - <p class="line">Kein Herz hat gegeben,</p> - <p class="line">Mit Jauchzen dem greulichen Abgrunde zu! —</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Er hatte geendigt und stand am Fenster. Da -kam sie gegen über herein, so schön, wie er sie noch -nie gesehn hatte, das braune Haar aufgelöst wogte -und spielte in muthwilligen Locken um den weißesten -Nacken; sie war nur leicht bekleidet und schien noch -vor Schlafengehn zu später Nachtzeit einige häusliche -Arbeiten verrichten zu wollen, denn sie stellte zwei -<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> -Lichter in zwei Ecken des Zimmers, ordnete den Teppich -auf dem Tische, und entfernte sich wieder. Noch -war Emil in seinen süßen Träumereien versunken, und -wiederholte sich in seiner Phantasie das Bild seiner -Geliebten, als zu seinem Entsetzen die fürchterliche, die -rothe Alte durch das Zimmer schritt; gräßlich leuchtete -von ihrem Haupt und Busen das Gold im Widerschein -der Lichter. Sie war wieder verschwunden. Sollte -er seinen Augen trauen? War es kein Blendwerk der -Nacht, welches ihm seine eigne Einbildung gespenstisch -vorüber geführt hatte? -</p> - -<p> -Aber nein, sie kehrte zurück, noch gräßlicher als -zuvor, denn ein langes greises und schwarzes Haar -flog wild und ungeordnet um Brust und Rücken; das -schöne Mädchen folgte ihr, blaß, entstellt, die schönsten -Brüste ohne Hülle, aber das ganze Bild einer -Statue von Marmor ähnlich. Sie hatten zwischen sich -das kleine liebliche Kind, welches weinte und sich an -die Schöne bittend schmiegte, die nicht zu ihm hernieder -sah. Das Kindlein hielt flehend die Händchen -empor, streichelte Hals und Wange der blassen Schönen. -Sie aber hielt es fest am Haar und mit der -andern Hand ein silbernes Becken; die Alte zuckte murmelnd -das Messer und durchschnitt den weißen Hals -der Kleinen. Da wand sich hinter ihnen etwas hervor, -das beide nicht zu sehen schienen, sonst hätten sie sich -wohl eben so inniglich wie Emil entsetzt. Ein scheußlicher -Drachenhals wälzte sich schuppig länger und länger -aus der Dunkelheit, neigte sich über das Kind hin, -das mit aufgelösten Gliedern der Alten in den Armen -hing, die schwarze Zunge leckte vom sprudelnden rothen -Blut, und ein grün funkelndes Auge traf durch die -<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> -Spalte hinüber in Emils Blick und Gehirn und Herz, -daß er im selben Augenblick zu Boden stürzte. -</p> - -<p> -Leblos traf ihn Roderich nach einigen Stunden. -</p> - -<p class="tb"> -——— -</p> - -<p class="noindent"> -Am heitersten Sommermorgen saß in grüner Laube -eine Gesellschaft von Freunden um ein schmackhaftes -Frühstück versammelt. Man lachte und scherzte, alle -stießen freudig oft mit den Gläsern auf die Gesundheit -des jungen Brautpaares an, und wünschten ihm Heil -und Glück. Bräutigam und Braut waren nicht zugegen, -denn die Schöne war noch mit ihrem Schmucke -beschäftiget, und der junge Ehemann lustwandelte, seinem -Glücke nachsinnend, einsam in einem entfernten -Baumgange. Schade, sagte Anderson, daß wir keine -Musik haben sollen; alle unsere Damen sind unzufrieden -und haben noch nie so sehr zu tanzen gewünscht, -als gerade heut, da es nicht geschehn kann; aber es -ist ihm zu sehr zuwider. -</p> - -<p> -Ich kann es euch wohl verrathen, sagte ein junger -Officier, daß wir dennoch einen Ball haben werden, -und zwar einen recht tollen und geräuschigen; alles ist -schon eingerichtet und die Musikanten sind schon heimlich -angekommen und unsichtbar einquartiert. Roderich -hat alle diese Einrichtungen getroffen, denn er sagt, -man müsse ihm nicht zu viel nachgeben, und am wenigsten -heut seine wunderlichen Launen anerkennen. -</p> - -<p> -Er ist auch schon viel menschlicher und umgänglicher -als ehemals, sagte ein anderer junger Mann, und -darum glaube ich, wird ihm diese Abänderung nicht -einmal unangenehm auffallen. Ist doch diese ganze -<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> -Heirath so plötzlich gegen unser aller Erwarten eingetreten. -</p> - -<p> -Sein ganzes Leben, fuhr Anderson fort, ist so sonderbar, -wie sein Charakter. Ihr wißt ja alle, wie er -im vorigen Herbst auf einer Reise, die er machen wollte, -in unsrer Stadt ankam, sich den Winter hier aufhielt, -wie ein Melankolischer fast nur in seinem Zimmer lebte, -und sich weder um unser Theater noch andre Vergnügungen -kümmerte. Er war beinah mit Roderich, seinem -vertrautesten Freunde, zerfallen, weil dieser ihn -zu zerstreuen suchte, und nicht jeder seiner finstern Launen -nachgeben wollte. Im Grunde war seine übertriebene -Reizbarkeit und Verstimmung wohl Krankheit, -die sich in seinem Körper zubereitete; denn, wie euch -nicht unbekannt ist, wurde er vor vier Monaten vom -heftigsten Nervenfieber befallen, so, daß wir ihn alle -schon aufgeben mußten. Nachdem seine Phantasien -ausgeraset hatten, und er wieder zu sich kam, hatte er -sein Gedächtniß fast ganz eingebüßt, nur seine früheren -Kinder- und Jugendjahre waren ihm gegenwärtig, -und er konnte sich durchaus nicht erinnern, was während -seiner Reise oder vor seiner Krankheit sich mit -ihm zugetragen habe. Er mußte alle seine Freunde, -selbst den Roderich, von neuem kennen lernen; nur -nach und nach ward es lichter in seinem Innern, und -die Vergangenheit und was ihm widerfahren, trat wieder, -jedoch immer nur schwach beleuchtet, in sein Gedächtniß -zurück. Sein Oheim hatte ihn zu sich in das -Haus genommen, um ihn besser zu verpflegen, und -er war wie ein Kind, und ließ alles mit sich machen. -Als er zum erstenmal ausfuhr, und bei der Frühlingswärme -den Park besuchte, sah er abseits vom Wege -<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> -ein Mädchen in tiefen Gedanken sitzen. Sie sah auf, -ihr Blick traf den seinigen, und wie von einer unbegreiflichen -Begeisterung ergriffen, ließ er anhalten, stieg -aus, setzte sich zu ihr, faßte ihre Hände, und ergoß -sich in einen Strom von Thränen. Man war von -neuem für seinen Verstand besorgt; aber er wurde -ruhig, heiter und gesprächig, ließ sich bei den Eltern -des Mädchens vorstellen, und hielt sogleich beim ersten -Besuch um ihre Hand an, die sie ihm auch zusagte, -da die Eltern ihre Einwilligung nicht verweigerten. Er -war glücklich und ein neues Leben ging in ihm auf; -mit jedem Tage ward er gesunder und zufriedener. -So besuchte er mich vor acht Tagen auf meinem Landgute -hier; es gefiel ihm über die Maßen, und zwar -so, daß er nicht ruhte, bis ich es ihm verkaufen mußte. -Es lag nur an mir, seine Leidenschaftlichkeit zu meinem -Vortheil und seinem Schaden zu benutzen, denn -was er will, will er heftig und plötzlich vollendet. -Sogleich machte er seine Einrichtungen, ließ Geräthe -herschaffen, um hier noch die Sommermonate zu wohnen, -und so sind wir denn alle heut zu seiner Hochzeit -in meinem ehemaligen Wohnsitze versammelt. -</p> - -<p> -Das Haus war groß und lag in der schönsten -Gegend. Die eine Seite sah nach einem Flusse und -angenehmen Hügeln hinüber, rund um von mannichfaltigen -Gebüschen und Bäumen umgeben, unmittelbar -davor lag ein Garten mit duftenden Blumen. Hier -waren die Orangen und Citronen-Bäume in einem -großen offenen Saale aufgestellt, und kleine Thüren -führten zu Vorrathskammern, Kellern und Speisegewölben. -Von der andern Seite breitete sich ein grünender -Wiesenplan aus, an welchen ohne andre Verbindung -<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> -ein Park gränzte; hier bildeten die beiden -langen Flügel des Hauses einen geräumigen Hof, und -auf dreien über einander stehenden Säulenreihen verbanden -breite offene Gänge alle Zimmer und Säle -des Gebäudes, wodurch der Wohnsitz von dieser Seite -einen reizenden, ja wunderbaren Charakter erhielt, indem -sich beständig Figuren in mannichfaltigen Geschäften -in diesen geräumigeren Hallen bewegten; zwischen -den Säulen und aus jedem Zimmer traten neue Gestalten -hervor, und erschienen oben oder unten wieder, -um sich in andern Thüren zu verlieren; auch versammelte -sich Gesellschaft dort zum Thee oder Spiel, und -dadurch gewann von unten das Ganze das Ansehn -eines Theaters, vor welchem jedermann mit Lust verweilte, -und in Gedanken die seltsamsten und anziehendsten -Begebenheiten oben erwartete. -</p> - -<p> -Die Gesellschaft der jungen Leute wollte eben aufstehn, -als die geschmückte Braut durch den Garten -ging und zu ihnen trat. Sie war in violettem Sammet -gekleidet, ein funkelnder Halsschmuck wiegte sich -auf dem glänzenden Nacken, kostbare Spitzen ließen -den weißen schwellenden Busen durchschimmern, das -braune Haar ward durch den Myrthen- und Blumenkranz -reizender gefärbt. Sie grüßte alle freundlich, -und die Jünglinge waren von der hohen Schönheit -überrascht. Sie hatte Blumen im Garten gepflückt, -und wandte sich jezt nach dem innern Hause, um nach -der Ordnung des Mahles zu sehen. Man hatte in -dem untern offnen Gange die Tafeln hingestellt: blendend -schimmerten die Tische mit den weißen Gedecken -und Kristallen, eine Fülle mannichfarbiger Blumen -glänzte aus zierlichen Gefäßen herunter, duftende grüne -<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> -und bunte Kränze schlangen sich um die Säulen, und -reizend war der Anblick, als die Braut sich jezt mit -holdseliger Bewegung zwischen dem Schimmer der Blumen -neben den Tischen und Säulen wandelnd bewegte, -das Ganze prüfend überschaute, und dann verschwand, -und höher hinauf noch einmal wieder erschien, um ihr Zimmer -zu öffnen. Sie ist das reizendste und schönste -Mädchen, das ich je gekannt habe! rief Anderson aus: -unser Freund ist glücklich! -</p> - -<p> -Selbst ihre Blässe, nahm der Offizier das Wort, -erhöht ihre Schönheit: die braunen Augen blitzen über -den bleichen Wangen und unter den dunkeln Haaren so -mächtiger hervor; und diese wunderbare fast brennende -Röthe der Lippen macht ihr Angesicht zu einem wahrhaft -zauberischen Bilde. -</p> - -<p> -Der Schein stiller Melankolie, sagte Anderson, welcher -sie umgiebt, umfließt sie wie mit hoher Majestät. -</p> - -<p> -Der Bräutigam trat zu ihnen, und fragte nach -Roderich; sie hatten ihn alle schon längst vermißt und -konnten nicht begreifen, wo er sich aufhalten möchte. -Alle gingen, um ihn zu suchen. Er ist unten im -Saal, sagte endlich ein junger Mensch, den sie ebenfalls -fragten, zwischen allen Bedienten und Kutschern, -denen er Kartenkünste macht, die sie nicht genug bewundern -können. Sie traten hinein und unterbrachen -die schallende Verwunderung der Dienerschaft, indeß -sich Roderich nicht stören ließ, sondern frei in seinen -magischen Kunststücken fortfuhr. Als er geendigt hatte, -ging er mit den übrigen in den Garten und sagte: -ich thue es nur, um diese Menschen im Glauben zu -stärken, denn diese Künste bringen ihrer Kutscher-Freigeisterei -<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> -auf lange einen Stoß bei, und helfen zu ihrer -Bekehrung. -</p> - -<p> -Ich sehe, sagte der Bräutigam, daß mein Freund -unter seinen übrigen Talenten auch das eines Charlatans -nicht zu geringe achtet, um es auszubilden. -</p> - -<p> -Wir leben in einer wunderlichen Zeit, antwortete -jener: man soll heut zu Tage nichts verachten, denn -man weiß nicht, wozu es zu gebrauchen ist. -</p> - -<p> -Als die beiden Freunde sich allein befanden, wandte -sich Emil wieder in den dunkeln Baumgang und sagte: -Warum bin ich an diesem Tage, welcher der glücklichste -meines Lebens ist, so trübe gestimmt? Aber ich -versichere dich, so wenig du es auch glauben willst, es -paßt nicht für mich, mich in dieser Menge von Menschen -zu bewegen, für jeden Aufmerksamkeit zu haben, -keinen dieser Verwandten von ihrer und meiner Seite -zu vernachlässigen, den Eltern Ehrfurcht zu beweisen, -die Damen bekomplimentiren, die Ankommenden empfangen, -und die Dienstboten und Pferde gehörig zu -versorgen. -</p> - -<p> -Das macht sich ja alles von selbst, sagte Roderich; -sieh, dein Haus ist recht auf dergleichen eingerichtet, -und dein Haushofmeister, der alle Hände voll zu thun -und alle Beine voll zu laufen hat, ist recht wie dazu -geschaffen, alles ordentlich zu betreiben, um die allergrößte -Gesellschaft aus Verwirrung zu erretten und mit -Anstand zu bewirthen. Ueberlaß das ihm und deiner -schönen Braut. -</p> - -<p> -Heute Morgen, noch vor Sonnenaufgang, sagte -Emil, wandelte ich durch das Gehölz; mir war feierlich -zu Muthe, ich fühlte recht im Innern, wie mein -Leben nun bestimmt sei und ernst werde, wie diese -<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> -Liebe mir Heimath und Beruf erschaffen hat. Ich kam -dort der Laube vorüber; ich hörte Stimmen: es war -meine Geliebte in einem traulichen Gespräch. Ist es -nun, sagte eine fremde Stimme, nicht so gekommen, -wie ich gesagt hatte? Gerade so, wie ich wußte, daß -es geschehen würde? Ihr habt euren <a id="corr-19"></a>Wunsch, darum -seid nun auch froh. Ich mochte nicht zu ihnen treten; -nachher ging ich der Laube näher, doch hatten sich beide -schon entfernt. Aber ich sinne und sinne: was wollen -diese Worte bedeuten? -</p> - -<p> -Roderich sagte: sie mag dich vielleicht schon längst -geliebt haben, ohne daß du es wußtest; du bist desto -glücklicher. -</p> - -<p> -Eine späte Nachtigall erhub jezt ihren Gesang und -schien dem Liebenden Heil und Wonne zuzurufen. Emil -wurde tiefsinniger. Komm mit mir, um dich aufzuheitern, -sagte Roderich, in das Dorf hinunter, da sollst du -ein zweites Brautpaar sehn, denn du mußt dir nicht -einbilden, daß du heut allein Hochzeit feierst. Ein junger -Knecht ist in Langeweile und Einsamkeit mit einer -ältern garstigen Magd zu vertraut geworden, und der -Pinsel hält sich nun für verpflichtet, sie zu seiner Frau -zu machen. Jezt müssen sie beide schon geputzt sein; -diesen Anblick wollen wir nicht versäumen, denn er ist -ohne Zweifel interessant. -</p> - -<p> -Der Trauernde lies sich von dem schwatzenden heitern -Freunde fortziehn, und sie kamen bald zu der Hütte. -Eben trat der Zug heraus, um sich nach der Kirche zu -begeben. Der junge Knecht war in seinem gewöhnlichen -leinenen Kittel, und prangte nur mit einem Paar -ledernen Beinkleidern, die er so hell als möglich angestrichen -hatte; er war von einfältiger Miene und schien -<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> -verlegen. Die Braut war von der Sonne verbrannt, -nur wenige letzte Spuren der Jugend waren an ihr -sichtbar; sie war grob und arm aber reinlich gekleidet, -einige rothe und blaue seidne Bänder, schon etwas entfärbt, -flatterten von ihrem Mieder, am meisten aber -war sie dadurch entstellt, daß man ihr die Haare steif -mit Fett, Mehl und Nadeln aus der Stirn gestrichen -und oben zusammen geheftet hatte, auf dieser Spitze -des aufgethürmten Haars stand der Kranz. Sie lächelte -und schien fröhlich, doch war sie verschämt und blöde. -Die alten Eltern folgten; der Vater war auch nur -Knecht auf dem Hofe, und die Hütte, der Hausrath -so wie die Kleidung, alles verrieth die äußerste Armuth. -Ein schielender schmuziger Musikant folgte dem Zuge, -der greinend auf einer Geige strich und dazu schrie, -diese war halb aus Pappe und Holz zusammen geleimt, -und statt der Saiten mit drei Bindfäden bezogen. -Der Zug machte Halt, als der neue gnädige -Herr zu den Leuten trat. Einige muthwillige Dienstboten, -junge Bursche und Mägde schäkerten und lachten, -und verspotteten das Brautpaar, vorzüglich die -Kammerjungfern, die sich schöner dünkten und sich unendlich -besser gekleidet sahen. Ein Schauer erfaßte -Emil, er blickte nach Roderich um, dieser war aber -schon wieder entlaufen. Ein naseweiser Bursche mit -einem Tituskopf, der Bedienter eines Fremden, drängte -sich, um witzig zu erscheinen, an Emil und rief: Nun -gnädiger Herr, was sagen Sie zu dem glänzenden Brautpaar? -Beide wissen noch nicht, wo sie morgen Brod -hernehmen sollen, und heut Nachmittag werden sie doch -einen Ball geben, der Virtuos dort ist schon bestellt. — -Kein Brod; sagte Emil! giebt es so etwas? — Ihr -<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> -ganzes Elend ist dem Volke bekannt, fuhr jener schwatzend -fort, aber der Kerl sagt, er bleibe dem Wesen -dennoch gut, wenn sie auch nichts zubrächte! O ja freilich, -die Liebe ist allgewaltig! das Lumpenpack hat nicht -einmal Betten, sie müssen sogar diese Nacht auf der -Streu schlafen; das Dünnbier haben sie sich zusammen -gebettelt, worin sie sich besaufen wollen. Alle umher -lachten laut, und die beiden verspotteten Unglücklichen -schlugen die Augen nieder. Emil stieß zornig den -Schwätzer von sich; nehmt! rief er aus, und warf in -die Hand des erstarrten Bräutigams hundert Dukaten, -welche er am Morgen eingenommen hatte. Die Alten -und die Brautleute weinten laut, warfen sich ungeschickt -auf die Kniee und küßten ihm Hände und Kleider, er -wollte sich losmachen. Haltet euch damit das Elend -vom Leibe, so lange ihr könnt! rief er betäubt. O auf -zeitlebens, mein gnädigster Herr, sind wir glücklich! -schrieen alle. -</p> - -<p> -Er wußte nicht, wie er fort gekommen war; er -fand sich allein, und eilte mit wankenden Schritten in -den Wald. Die dichteste einsamste Stelle suchte er auf, -und warf sich auf einen Rasenhügel nieder, indem er -den ausbrechenden Strom seiner Thränen nicht mehr -zurückhielt. Mir ekelt das Leben! schluchzte er in tiefer -Bewegung; ich kann nicht froh und glücklich sein, -ich will es nicht! Empfange mich bald, du freundlicher -Boden, verbirg mich in deinen kühlen Armen vor -den wilden Thieren, die sich Menschen nennen! O Gott -im Himmel, wie verdien’ ich es, daß ich auf Daunen -ruhe und Seide trage, daß mir die Traube ihr kostbarstes -Blut spendet, und alles mir Ehre und Liebe dringend -anbietet und darbringt? Dieser Arme ist besser und -<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> -edler als ich, und das Elend ist seine Amme, und Hohn -und giftiger Spott sein Glückwunsch. Sündlich dünkt mir -jeder Leckerbissen, den ich genieße, jeder Trunk aus geschliffenem -Glase, mein Ruhen auf weichen Betten, das -Tragen von Gold und Geschmeide, da die Welt viel tausend -mal tausend Unglückliche umher jagt, die nach dem -weggeworfenen vertrockneten Brode hungern, die nicht -wissen, was Labsal ist. O jezt versteh’ ich euch, ihr -frommen Heiligen, ihr Verschmähten, ihr Verhöhnten, -die ihr Alles, bis auf euer Gewand, der Armuth ausstreutet, -einen Sack um eure Lenden gürtetet, und -selbst als Bettler die Schmähungen und Fußstöße erdulden -wolltet, mit denen roher Uebermuth und reiche -Schwelgerei das Elend von ihren Tafeln weisen, selbst -elend wurdet ihr, um nur diese Sünde des Ueberflusses -von euch zu werfen. -</p> - -<p> -Alle Gebilde der Welt schwankten wie ein Nebel -vor seinen Augen! er nahm sich vor, die Verstoßenen -als seine Brüder anzusehn, und sich von den Glücklichen -zu entfernen. Lange hatte man schon im Saale -seiner zur Trauung gewartet, die Braut war in -Sorge, die Eltern suchten ihn im Garten und Park: -endlich kam er ausgeweint und leichter zurück, und die -feierliche Handlung ward vollzogen. -</p> - -<p> -Man begab sich aus dem untern Saal nach der -offnen Halle, um sich zu Tische zu setzen. Braut und -Bräutigam gingen voran, und die übrigen folgten im -Zuge; Roderich bot seinen Arm einem jungen Mädchen, -die munter und geschwätzig war. Warum nur -die Bräute immer weinen und bei der Trauung so -ernsthaft aussehn, sagte diese, indem sie zur Gallerie -hinauf stiegen. -</p> - -<p> -<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> -Weil sie in diesem Augenblick am lebhaftesten von -der Wichtigkeit und dem Geheimnißvollen des Lebens -durchdrungen werden, antwortete Roderich. -</p> - -<p> -Aber unsre Braut, fuhr jene fort, übertrifft noch -an Feierlichkeit alle, die ich jemals gesehn habe; sie ist -überhaupt immer schwermüthig, man sieht sie nie recht -heiter lachen. -</p> - -<p> -Dies macht ihrem Herzen um so mehr Ehre, antwortete -Roderich, gegen seine Gewohnheit verstimmt. -Sie wissen vielleicht nicht, mein Fräulein, daß die -Braut vor einigen Jahren ein allerliebstes verwaistes -Kind, ein Mädchen, zu sich genommen hatte, um es -zu erziehn. Dieser Kleinen widmete sie alle ihre Zeit, -und die Liebe des zarten Geschöpfes war ihr süßester -Lohn. Dieses Mädchen war sieben Jahr alt geworden, -als sie sich auf einem Spaziergange in der Stadt -verlor, und aller angewandten Mühe ungeachtet, noch -nicht wieder hat aufgefunden werden können. Diesen -Unfall hat sich das edle Wesen so zu Gemüth gezogen, -daß sie seitdem an einer stillen Melankolie leidet, und -durch nichts von dieser Sehnsucht nach ihrer kleinen -Gespielin kann abgezogen werden. -</p> - -<p> -Wahrhaftig, recht interessant! sagte das Fräulein; -das kann sich in der Zukunft recht romantisch entwickeln, -und zum angenehmsten Gedichte Gelegenheit geben. -</p> - -<p> -Man ordnete sich an der Tafel; Braut und Bräutigam -nahmen die Mitte ein, und sahen in die heitere -Landschaft hinaus. Man schwatzte und trank Gesundheiten, -die munterste Laune herrschte; die Eltern der -Braut waren ganz glücklich, nur der Bräutigam war -still und in sich gekehrt, genoß nur wenig, und nahm -an den Gesprächen keinen Antheil. Er erschrak, als sich -<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> -musikalische Töne durch die Luft von oben hernieder -warfen; doch beruhigte er sich wieder, da es sanfte -Hörnertöne blieben, die angenehm über die Gebüsche -hinweg rauschten, sich durch den Park zogen, und am -fernen Berge verhallten. Roderich hatte sie auf die -Gallerie über die Speisenden gestellt, und Emil war -mit dieser Einrichtung zufrieden. Gegen das Ende der -Mahlzeit ließ er seinen Haushofmeister kommen, und -sagte zur Braut gewendet: liebe Freundin, laß auch -die Armuth an unserm Ueberflusse Theil nehmen. Er -befahl hierauf, eine Anzahl Flaschen Wein, Gebackenes, -und verschiedene Gerichte in reichlichen Portionen -dem armen Brautpaar hinüber zu senden, damit ihnen -dieser Tag auch ein Freudentag sein könne, dessen sie -sich nachher gern erinnern möchten. Sieh, Freund, -rief Roderich aus, wie schön alles in der Welt zusammen -hängt! Mein unnützes Umtreiben und Schwatzen, -das du so oft an mir tadelst, hat doch nun diese gute -Handlung veranlaßt. Viele wollten dem Wirthe über -sein Mitleid und gutes Herz etwas Artiges sagen, und -das Fräulein sprach von schöner Gesinnung und Edelmuth. -O schweigen wir! rief Emil zornig: es ist -keine gute Handlung, ja überhaupt keine Handlung, -es ist nichts! Wenn Schwalben und Hänflinge sich -von den weggeworfenen Brosamen dieses Ueberflusses -nähren, und sie zu ihren Jungen in die Nester tragen, -sollte ich nicht eines armen Mitbruders gedenken, der -mein bedarf? Wenn ich meinem Herzen folgen dürfte, -so würdet ihr mich eben so gut wie manchen andern -verlachen und verspotten, der in die Wüste zog, um nichts -mehr von der Welt und ihrem Edelmuth zu erfahren. -</p> - -<p> -Man schwieg, und Roderich erkannte in den glühenden -<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> -Augen seines Freundes den heftigsten Unwillen; -er besorgte, daß er sich in seiner Verstimmung noch mehr -vergessen möchte, und suchte schnell das Gespräch auf andere -Gegenstände zu lenken. Doch Emil war unruhig -und zerstreut geworden; hauptsächlich wendeten sich seine -Blicke oft nach der obersten Gallerie, auf welcher die -Bedienten, die das letzte Stockwerk bewohnten, vielerlei -zu schaffen hatten. Wer ist die widerliche Alte, -die dort so geschäftig ist, und so oft in ihrem grauen -Mantel wieder kommt? fragte er endlich. Sie gehört -zu meiner Bedienung, sagte die Braut; sie soll die -Aufsicht über die Kammerjungfern und jüngern Mägde -führen. Wie kannst du solche Häßlichkeit in deiner -Nähe dulden? erwiederte Emil. Laß sie, antwortete -die junge Frau, wollen die Häßlichen doch auch leben, -und da sie gut und redlich ist, kann sie uns von großem -Nutzen sein. -</p> - -<p> -Man erhob sich von der Tafel, und alles umgab -den neuen Gatten, wünschte nochmals Glück, und -drängte dann mit Bitten um die Erlaubniß zum Ball. -Die Braut umarmte ihn äußerst freundlich und sagte: -meine erste Bitte, Geliebter, wirst du mir nicht abschlagen, -denn wir haben uns alle darauf gefreut: Ich -habe so lange nicht getanzt, und du selbst hast mich -noch niemals tanzen sehn. Bist du denn gar nicht -neugierig darauf, wie ich mich in dieser Bewegung -ausnehme? -</p> - -<p> -So heiter, sagte Emil, habe ich dich noch niemals -gesehn. Ich will kein Störer eurer Freude sein, -macht, was ihr wollt; nur verlange keiner von mir, -daß ich mich selbst mit linkischen Sprüngen lächerlich -machen soll. -</p> - -<p> -<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> -Wenn du ein schlechter Tänzer bist, sagte sie lachend, -so kannst du sicher sein, daß dich jedermann gern in -Ruhe lassen wird. Die Braut entfernte sich hierauf, -um sich umzuziehn und ihr Ballkleid anzulegen. -</p> - -<p> -Sie weiß es nicht, sagte Emil zu Roderich, mit -dem er sich entfernte, daß ich aus einem andern Zimmer -in das ihrige durch eine verborgene Thür kommen kann, -ich werde sie beim Umkleiden überraschen. -</p> - -<p> -Als Emil fortgegangen war, und viele der Damen -sich auch entfernt hatten, um die zum Tanz nöthigen -Veränderungen des Putzes zu treffen, nahm Roderich -die jüngeren Leute beiseit und führte sie auf sein Zimmer. -Es wird schon Abend, sagte er hier, bald ist es -finster; jezt geschwind jeder in seine Verkleidung, um -diese Nacht recht bunt und toll zu verschwärmen. Was -ihr nur ersinnen könnt; genirt euch nicht, je ärger, je -besser! Je scheußlicher die Fratzen sind, die ihr aus -euch hervor bringt, je mehr will ich euch loben. Da -muß es keinen so widerlichen Höcker, keinen so ungestalten -Bauch, keine so widersinnige Kleidung geben, -die nicht heute paradirt. Eine Hochzeit ist eine so wundersame -Begebenheit, ein ganz neuer ungewohnter Zustand -wird den Verheiratheten so plötzlich wie ein Mährchen -über den Hals geworfen, daß man dieses Fest nicht -verwirrt und unklug genug anfangen kann, um nur -irgend für die Eheleute die plötzliche Veränderung zu -motiviren, so daß sie wie in einem phantastischen Traum -in die neue Lage hinüber schwimmen, und darum laßt -uns nur <a id="corr-20"></a>recht in diese Nacht hinein wüthen, und -nehmt <a id="corr-21"></a>keine Einrede von denen an, die sich verständig -stellen möchten. -</p> - -<p> -Sei ohne Sorge, sagte Anderson, wir haben einen -<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> -großen Koffer voll Masken und toller bunter Kleidungsstücke -aus der Stadt mitgebracht, du wirst dich selbst -darüber verwundern. -</p> - -<p> -Aber seht her, sagte Roderich, was ich von meinem -Schneider eingekauft habe, der diesen kostbaren Schatz -schon in Läppchen verschneiden wollte! Er hat diese -Tracht von einer alten Gevatterin erhandelt, die damit -gewiß bei Lucifer auf dem Blocksberge Galla gemacht -hat. Seht dieses scharlachrothe Mieder, mit diesen -goldenen Tressen und Franzen, und diese goldglänzende -Haube, die mir unendlich ehrwürdig stehen muß, dazu -nehm’ ich diesen grünseidnen Rock mit safrangelbem -Besatz und diese scheußliche Maske, und führe nachher -als altes Weib den ganzen Chor der Carrikaturen in -das Schlafzimmer. Macht, daß ihr fertig werdet! -wir wollen dann feierlich die junge Frau abholen. -</p> - -<p> -Die Hörner musizirten noch, die Gesellschaft wandelte -im Garten, oder saß vor dem Hause. Die Sonne -war hinter trüben Wolken untergegangen, und die -Gegend lag im grauen Dämmer, als plötzlich unter -der Wolkendecke der scheidende Stral noch einmal hervor -brach, und rings die Gegend, vorzüglich aber das Gebäude -mit seinen Gängen, Säulen und Blumengewinden, -wie mit rothem Blute besprengte. Da sahen die -Eltern der Braut, und die übrigen Zuschauer den -abentheuerlichsten Zug nach dem obern Corredor schweben: -Roderich als die rothe Alte voran, und ihr nachfolgend -Bucklichte, dickbauchige Fratzen, ungeheure Perucken, -Tartaglias, Policinells und gespenstische Pierrots, -weibliche Figuren in ausgespannten Reifröcken und ellenhohen -Frisuren, die widerwärtigsten Gestalten, alle wie -aus einem ängstlichen Traum. Sie zogen gaukelnd und -<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> -sich drehend und wackelnd, trippelnd und sich brüstend -über den Gang, und verschwanden dann in eine der -Thüren. Nur wenige der Zuschauer waren zum Lachen -gekommen, so hatte sie der seltsamste Anblick überrascht. -Plötzlich brach ein gellender Schrei aus den innern -Zimmern, und hervor stürzte in das blutige Abendroth -die bleiche Braut, im weißen kurzen Kleide, um welches -Blumenranken flatterten; der schöne Busen ganz frei, -die Fülle der Locken in Lüften schwebend. Wie wahnsinnig, -die Augen rollend, das Gesicht entstellt, stürzte -sie über die Gallerie, und fand in ihrer Angst verblindet -keine Thür und Treppe, und gleich darauf, ihr -nachrennend, Emil, den blanken türkischen Dolch in -hoch erhobener Faust. Jezt war sie am Ende des Ganges, -sie konnte nicht weiter, er erreichte sie. Die maskirten -Freunde und die graue Alte waren ihm nach -gestürzt. Aber schon hatte er wüthend ihre Brust durchbohrt, -und den weißen Hals durchschnitten, ihr Blut -strömte im Glanz des Abends. Die Alte hatte sich -mit ihm umfaßt, ihn zurück zu reißen; kämpfend schleuderte -er sich mit ihr über das Geländer, und beide -fielen zerschmettert zu den Füßen der Verwandten nieder, -die mit stummem Entsetzen der blutigen Scene zugeschaut -hatten. Oben und im Hofe, oder von den Gallerien -und Treppen herunter eilend, standen und rannten die -scheußlichen Larven in mannichfaltigen Gruppen, höllischen -Dämonen ähnlich. -</p> - -<p> -Roderich nahm den Sterbenden in seine Arme. Mit -dem Dolche spielend hatte er ihn im Zimmer seiner -Gattin gefunden. Sie war fast angekleidet bei seinem -Eintreten; beim Anblick des rothen widrigen Kleides -hatte sich seine Erinnerung belebt, das Schreckbild jener -<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> -Nacht war vor seine Sinne getreten; knirschend war er -auf die zitternde, fliehende Braut zugesprungen, um -den Mord und ihr teuflisches Kunststück zu bestrafen. -Die Alte bestätigte sterbend den verübten Frevel, und -das ganze Haus war plötzlich in Leid, Trauer und Entsetzen -verwandelt worden. -</p> - -<p class="tb"> -——— -</p> - -<p class="noindent"> -Alle Zuhörer waren bewegt, am meisten aber Clara, -die schon früher Zeichen von Ungeduld gegeben hatte. -Nein! rief sie aus und erhob sich: es ist nicht auszuhalten! -Diese Geschichten gehn zu schneidend durch -Mark und Bein, und ich weiß mich vor Schauder in -keinen meiner Gedanken mehr zu retten. Es ist geradezu -abscheulich, dergleichen zu erfinden. Ich zittre und -ängste mich, und vermuthe, daß aus jedem Busche, aus -jeder Laube ein Ungeheuer auf mich zutreten möchte, -daß die theuersten bekanntesten Gestalten sich plötzlich -in fremd gespenstische Wesen verwandeln dürften, und -man ist und bleibt thöricht, und hört zu, läßt sich -von den Worten immer weiter und weiter verlocken, -bis das ungeheuerste Grauen uns plötzlich erfaßt, und -alle vorigen Empfindungen wie in einen Strudel gewaltthätig -verschlingt. Es fängt an Abend zu werden, -laßt uns hinein gehn und aufhören. -</p> - -<p> -Das ist aber ganz gegen die Abrede, sagte Manfred; -wollt ihr Weiber einer Akademie vorstehn und -die Talente aufmuntern, so müßt ihr auch mehr Muth -und Ausdauer haben. Kannst du den guten Lothar -mit dieser unbilligen Kritik so kränken? Habt ihr es -denn nicht vorher gewußt, daß man euch würde zu -fürchten machen? Worüber beklagt ihr euch also? Mir -<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> -hat seine Erzählung so wohl gefallen, daß ich, in -Nachahmung Alexanders, ausrufen könnte: ich möchte -diesen Liebeszauber geschrieben haben, wenn ich nicht -meinen Runenberg gedichtet hätte! Darum, ihr Besten, -laßt die Narrheit fahren und bleibt hübsch thöricht und -in der Ordnung. -</p> - -<p> -Diese Geschichte und die deinige, Bruder Manfred, -sagte Auguste, haben uns eben alle Lust genommen, -noch etwas anzuhören, denn sie sind zu gräßlich. -</p> - -<p> -<span class="antiqua">Et tu, Brute?</span> rief Manfred aus; Schwester, -du bist ja meine Schwester, wir sind ja hoffentlich -Ein Blut! nicht gegen die eigne Familie und das verwandte -Fleisch richte dein Rezensenten-Wüthen. Und -du, Clara, warum nicht deinen Zorn gegen unsern -Anton wenden, der mit seinem Mährchen zuerst diesen -Ton angegeben hat? Aber ich sehe wohl, wir Autoren -stehen so wenig hier, wie irgend wo, vor einem unpartheiischen -Richterstuhl; die Leidenschaften, Vorliebe -und Haß regen sich bei jeder Rezensir-Anstalt. O wohin -entfliehen aus dieser verderbten Welt? Ich werde von -nun an gar kein Publikum mehr anerkennen! -</p> - -<p> -Wir sollen also, sagte Rosalie sanft und erröthend, -auch nicht einmal die kleine Genugthuung haben, zu -schelten, wenn man uns durch die Mittel der Dichtkunst -fast aus unsern Sinnen geängstigt hat? -</p> - -<p> -Laßt es euch doch für diesmal so gefallen, sagte -Manfred, wir wollen euch ein andermal einschläfern -und Langeweile genug machen. Habt ihr aber was zu -klagen, so klagt über Anton, den ihr selbst zum Könige -dieses Tages erwählt habt, und der uns befohlen hat, -dergleichen Zeug an den Tag zu fördern. -</p> - -<p> -Es wäre unbillig, sagte Emilie, ihn zu schelten, -<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> -der uns so anmuthig unterhalten hat, und der nur -mit leisem Schreck, wie aus der Ferne, die Schilderung -der stillen Einsamkeit wunderbarer und anziehender -machte. -</p> - -<p> -Wie ihr nun seid, fuhr Manfred fort, das eine ist -vielleicht gut, und das andre darum noch nicht schlimm. -Die Phantasie, die Dichtung also wollt ihr verklagen? -Aber eure Wirklichkeit! Thut doch nur die Augen auf, -angenehme Gegner und Widersacher, und seht, daß -es dort, vor euren Augen, hinter eurem Rücken, wenn -ihr euch nur erkundigt, weit schlimmer hergeht. Schlimmer -und herber, und also auch viel gräßlicher, weil -das Schrecken hier durch nichts Poetisches gemildert -wird. Soll ich euch dergleichen Dinge aus dem alltäglichsten -Leben, oder aus der Geschichte erzählen? -Ich bin nicht von den schwächsten Nerven, aber ich -weiß noch wohl, daß ich einige Nächte nicht schlafen -konnte, weil mich das Bild des armen gefolterten -Grandier die Tage hindurch bei allen meinen Geschäften -verfolgte, so daß ich selbst das Buch, worin ich -sein Schicksal gelesen, mit Grauen betrachtete. Dieser -Mann, ein Geistlicher, ward durch den gemeinsten abgeschmacktesten -Neid der Zauberei beschuldigt, unkluge -Nonnen stellten sich besessen und klagten ihn als den -Urheber ihres Zustandes an; Richelieu, der sich irrigerweise -von dem gebildeten und nicht unwitzigen Manne -beleidigt glaubte, ging in die verächtliche Kabale ein. -Grandier lachte anfangs, aber er ward vor Gericht -gezogen, unmenschlich, bis zum Sterben fast, zermartert, -und dann auf die grausamste Weise verbrannt. -Alle seine Richter waren von seiner Unschuld überzeugt, -sein hoher Verfolger am innigsten; eine aufgeklärte -<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> -witzige Nation spottete über den Prozeß, man besuchte -von Paris die besessenen Nonnen als eine unterhaltende -Abentheuerlichkeit: und doch wurde diese Abscheulichkeit -verübt, unsern Tagen ziemlich nahe, in den -Tagen der Philosophie (nicht etwa im sogenannten -barbarischen Mittel-Alter), die ehrwürdige Form der -Gerechtigkeit wurde gemißbraucht und geschändet, die -Religion verhöhnt, und alles dies, worüber unser Eingeweide -entbrennt und Rache schreit, hatte weiter keine -Folgen, als daß die Pariser den Zermarterten gutmüthig -bedauerten. Soll ich euch aus den <span class="antiqua">causes celèbres</span> -diese ungeheure Begebenheit vorlesen? Oder jene -Trauergeschichte, welche erzählt, wie ein Familien-Vater -unschuldig auf die Galeeren gesandt wird und dort -stirbt, sein Weib und seine unmündige Tochter aber -lange im Kerker schmachten müssen, weil ein Prozeß -über einen bedeutenden Diebstahl schlecht eingeleitet -ward, und die Richter sich vom Stande des Klägers -verleiten ließen, übereilt zu verfahren; der unschuldig -Beklagte aber Vermögen, Ehre und Leben auf das -schmählichste einbüßte? Die Kollekte, die das junge -Mädchen nachher für ihre Mutter und sich erhielt und -erbettelte, konnte ihnen den Vater nicht wieder geben, -noch den ungeheuren Jammer von ihrer Seele nehmen. -Nicht wahr, diese sind die ächten Gespenstergeschichten? -Und wer lebt denn wohl, der nicht dergleichen zu erzählen -wüßte, von der Grausamkeit der Menschen, der -Bestechlichkeit der Aemter, der Unterdrückung des Armen? -Von dem Elend, welches große und kleine -Tyrannen erschaffen? Hier könnt ihr euch nirgend trösten -und euch sagen: es ist nur ersonnen! die Kunstform -beruhigt euer Gemüth nicht mit der Nothwendigkeit, -<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> -ja ihr könnt oft in diesem Jammer nicht einmal -ein Schicksal sehn, sondern nur das Blinde, -Schreckliche, das was sagt: so ist es nun einmal! In -dergleichen mährchenhaften Erfindungen aber kann ja dieses -Elend der Welt nur wie von vielen muntern Farben -gebrochen hineinspielen, und ich dächte, auch ein nicht -starkes Auge müßte es auf diese Weise ertragen können. -</p> - -<p> -Und wenn du auch Recht hättest, sagte Clara, so -bleibe ich doch unerbittlich! -</p> - -<p> -Nun gut, sagte Manfred, -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Sei ganz ein Weib und gieb</p> - <p class="line">Dich hin dem Triebe, der dich zügellos</p> - <p class="line">Ergreift und dahin oder dorthin reißt.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Wie macht ihr Zarten, Weichen, Sanftgestimmten, es -aber nur in unsern Theatern? Ich habe mich oft verwundern -müssen, daß eure Nerven die Abscheulichkeiten -aushalten können, die wir doch fast täglich dorten sehen -und hören müssen. Ich rede nicht von jenen verfehlten -Tragödien, die, um erhaben zu sein, das Oberste -im Menschen zu unterst kehren, denn über diese kann man -lächeln und sich an ihnen unterhalten, immer wird -doch irgend eine That, Begebenheit oder Schicksal dargestellt, -welches mich beruhigt, auch ist hie und da -wohl ein Zug oder eine Scene gelungen, die für das -Ganze dann gut stehn müssen; sondern von jenem kleinlichen -Zwitterschauspiele spreche ich, von jenen Familiengemälden -und Hofrathsstücken, von den Hunger- -und Elends-Festen von der Noth und Angst, die bis -in den fünften Akt die Seelen zerdrückt, und ein edles -Mädchen fast dahin bringt, einen Lump zu heirathen -<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> -und das brillanteste Herz sitzen zu lassen; oder wo ein -hochstrebender Sohn den Vater bestiehlt und zur Verzweiflung -bringt, oder Brüder mißhellig sind, Frauen -den Schweiß des Gatten verschwenden, und so weiter: -denn wer vermöchte die unendliche Variation des großen -Einerlei auszusprechen? Bei diesen Jammer-Lustspielen, -kann ich nicht läugnen, bin ich ein zu nervenschwacher -Zuschauer, um nicht auf das Aeußerste verstimmt -und im Innern unglücklich zu werden. Denn -diese Dichter haben nicht daran genug, dergleichen -Elend nach der Wahrheit zu schildern, wodurch ihre -Kompositionen bloß unkünstlich würden, sondern sie -ziehn mit einem Handgriff, den sie sich alle zu eigen -gemacht haben, das Edelste und Höchste der Menschheit, -Kindes- und Elternliebe, Freundschaft, die theuersten -Verhältnisse, die menschlichsten, natürlichsten und -herzlichsten Rührungen in ihre Karrikaturen hinein, und -schlagen die Töne an, die immer anklingen müssen, -wenn ein gutmüthiges Publikum kein heitres Kunstwerk, -sondern nur eine prekaire Wahrheit verlangt, -und erregen dadurch die Thränenschauer, auf welche -sie in ihren Vorreden so stolz sind. Dieser Thränen -(ich muß sie selbst vergießen, gesteh ich) sollten wir -uns aber schämen, sie sollten uns gerade am meisten -in Zorn gegen den Dichter entzünden, der das Höchste -und Theuerste zum Niedrigsten macht, und auf dem -Trödelmarkt ausbietet. Nicht wahr, es würde uns alle -empören, ein Erbstück eines geliebten Vaters, das wir -nur unserm kostbarsten Schranke anvertrauen, plötzlich -in der schmuzigen Judengasse öffentlich ausstehn zu -sehn? Gerade so empören mich jene Dinge, von denen -sich unser Publikum so oft erhoben und gebessert fühlt, -<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> -denn eben die unwürdigste Taschenspielerei jener Autoren -ist es, an ihr Machwerk die Empfindungen zu knüpfen, -die uns als Menschen ewig heilig und unverletzlich -sein sollen. -</p> - -<p> -Ich verstehe jezt, sagte Emilie, ihren Zorn etwas -mehr, der mir oft genug paradox erschien, indem ich -sah, daß sie sich einer gewissen Rührung nicht erwehren -konnten. -</p> - -<p> -Wie könnt ihr Weiber, fuhr Manfred in seinem -Eifer fort, es nur dulden, daß man eure Mütterlichkeit, -eure Liebe, euer zartes Hingeben, eure ehelichen -Tugenden, eure Keuschheit, dort als verzerrte Bilder -so öffentlich an den Pranger stellt? denn das ist es -eigentlich, wie sehr sich alle diese Herren auch die Miene -geben wollen, euch und euren Beruf zu verherrlichen. -Und eben so mit den Romanen. In mein Haus soll -mir gewiß kein Buch für Mütter, oder Gattinnen, -oder Weiber wie sie sein sollen, und dergleichen Unkraut -kommen, aus der Verkehrtheit unsers Treibens -erwachsen und von der Eitelkeit des Zeitalters genährt. -Und dieselben Herren, die dergleichen wahrhaft unmoralisches -Zeug schreiben und preisen, wollen dem Bauer -seinen Siegfried, Oktavian und Eulenspiegel nehmen, -um die Moralität der niedern Stände nicht verderben -zu lassen! Kann es etwas Tolleres und Verkehrteres -geben? -</p> - -<p> -Sollte denn aber, sagte Anton, meine Regierung -gleich so verstümmelt beginnen, zum gefährlichen Beispiel -aller meiner Thronfolger, und diese Abtheilung, -die mir zugefallen ist, gar nicht vollendet werden? -Was werden dazu unsre Freunde Friedrich, Wilibald -<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> -und Theodor sagen? Warlich, wenn ich meine Pflicht -nur irgend nachleben will, darf ich es nicht zugeben. -Die liebenswürdige Clara wird also hiemit für eine -Rebellin erklärt, und ihr eine Minute Frist gestattet, -sich zu besinnen, widrigenfalls sie sich der Strafe aussetzen -wird, daß man ihr ganz allein in der Einsamkeit -die Oktavia, oder Armuth und Edelsinn, oder irgend -etwas dem Aehnliches, Großartiges vorlesen soll. -</p> - -<p> -Ich ergebe mich, sagte Clara; der furchtbare Herrscher, -sehe ich, hat zu schreckliche Strafen in seiner -Hand, er will uns zwar nicht mit Skorpionen, aber -doch mit bösem Gewürm geißeln, und darum ziehe ich -es vor, mich dem Lesen dieser Mährchen zu ergeben, -wenn denn doch einmal gelesen werden soll. Nur lebe -ich der Hoffnung, daß die drei Erzählungen, welche -noch zurückbleiben, nicht <span class="antiqua">crescendo</span> dieses Grauen erhöhen, -sondern uns <span class="antiqua">decrescendo</span> wieder in den ersten -Ton zurück führen werden. -</p> - -<p> -Vor allem laßt uns in den Saal treten, sagte -Emilie; es ist ungewöhnlich kühl geworden, und unser -genesender Beherrscher dürfte von der Abendluft mehr, -wie wir von der Poesie zu befürchten haben. -</p> - -<p> -Als man den Garten verlassen und sich im offnen -Saale wieder geordnet hatte, sagte Theodor: ich kann -wenigstens versichern, daß dasjenige, was ich mitzutheilen -habe, schwerlich Schrecken erregen kann. -</p> - -<p> -Von meiner Erfindung kann ich das nämliche zusagen, -fügte Wilibald hinzu. -</p> - -<p> -Wenn Friedrich uns dasselbe verspricht, sagte Clara, -so möge denn also diese Mährchenwelt wieder erscheinen. -</p> - -<p> -<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> -Nur mit Beschämung, sagte Friedrich, kann ich -Ihnen diese Blätter mittheilen, da ich der einzige bin, -der seine Erzählung nicht erfunden hat, sondern mich -gezwungen sehe, Ihnen einen Jugendversuch vorzulegen, -welcher nur eine alte Geschichte nacherzählt. -Auch ist die Darstellung so gefaßt, daß ich fürchten -muß, dem Gedicht das größte Unrecht gethan zu haben. -Doch erlauben Sie mir ohne weitere Entschuldigung -anzufangen. -</p> - -<p> -Friedrich las: — -</p> - -<h2 class="part" id="part-8"> -<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> -<span class="line1">Liebesgeschichte</span><br /> -<span class="line2">der</span><br /> -<span class="line3">schönen Magelone</span><br /> -<span class="line4">und des</span><br /> -<span class="line5">Grafen Peter von Provence.</span><br /> -<span class="line6">1796</span> -</h2> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-1"> -<span class="firstline">1.</span><br /> -Vorbericht. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>st es dir wohl schon je, vielgeliebter Leser, so recht -traurig in die Seele gefallen, wie betrübt es sei, daß -das rauschende Rad der Zeit sich immer weiter dreht, -und daß bald das zu unterst gekehrt wird, was ehemals -hoch oben war? So fährt Ruhm, Glanz, Pracht -und weltberühmte Schönheit hin, wie goldene Abendwolken, -die hinter fernen Bergen nieder sinken, und -nur auf kurze Zeit noch schwachen gelblichen Schimmer -hinter sich lassen: die Nacht tritt ernst und feierlich -herauf, die schwarzen Heere von Wolken ziehn unter -Sternenglanz auf und ab, und der letzte Schein erlöscht -furchtsam; Wind fährt durch den Eichenforst und -kein Hüttenbewohner denkt an die Röthe des Abends -zurück. Im Winkel sitzt wohl ein Knabe in sich versunken -<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> -und sieht im dämmernden Wiederschein der Lampe -ein Bild der fröhlichen Morgenröthe; ihm dünkt, er -höre schon die muntern Hähne krähen, und wie ein -kühler Wind durch die Blätter rauscht und alle Blumen -der Wiese aus ihrem stillen Schlafe weckt; er vergißt -sich selbst und nickt nach und nach ein, indem das -Feuer ausbrennt. Dann kommen Träume über ihn, -dann sieht er alles im Glanze der Sonne vor sich: -die wohlbekannte Heimath, über die wunderbare fremde -Gestalten schreiten, Bäume wachsen hervor, die er nie -gesehn, sie scheinen zu reden und menschlichen Sinn, -Liebe und Vertrauen zu ihm ausdrücken zu wollen. -Wie fühlt er sich der Welt befreundet, wie schaut ihn -alles mit zärtlichem Wohlgefallen an! die Büsche flüstern -ihm liebe Worte ins Ohr, indem er vorübergeht, -fromme Lämmer drängen sich um ihn, die Quelle -scheint mit lockendem Murmeln ihn mit sich nehmen -zu wollen, das Gras unter seinen Füßen quillt frischer -und grüner hervor. -</p> - -<p> -Unter diesem Bilde mag dir, geliebter Leser, der -Dichter erscheinen, und er bittet, daß du ihm vergönnen -mögest, dir seinen Traum vorzuführen. Jene alte -Geschichte, die manchen sonst ergötzte, die vergessen -ward, und die er gern mit neuem Lichte bekleiden möchte. -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Der Dichter sieht bemooste Leichensteine,</p> - <p class="line">Die keiner seiner Freunde kennt,</p> - <p class="line">Dann fühlt er, daß beim Mondenscheine</p> - <p class="line">Im Busen fromme Ahndung brennt:</p> - <p class="line">Er steht und sinnt, es rauschen alle Haine,</p> - <p class="line">Es flieht, was ihn von den Gestorbnen trennt,</p> - <p class="line">Freudigen Schrecks er sie als alte Freunde nennt.</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> - <p class="line">Gern wandl’ ich in der stillen Ferne,</p> - <p class="line">In unsrer Väter frommen Zeit,</p> - <p class="line">Ich seh, wie jeder sich so gerne</p> - <p class="line">Der alten guten Mährchen freut,</p> - <p class="line">Oft wiederholt ergötzen sie noch immer,</p> - <p class="line">Sie kehren wieder wie dasselbe Mal,</p> - <p class="line">Der Hörer fühlt des Lebens Lust und Quaal,</p> - <p class="line">Der Liebe holden Frühlingsschimmer.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ob ihr die alten Töne gerne hört?</p> - <p class="line">Das Lied aus längst verfloßnen Tagen?</p> - <p class="line">Verzeiht dem Sänger, den es so bethört,</p> - <p class="line">Daß er beginnt das Mährchen anzusagen.</p> -</div> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-2"> -<span class="firstline">2.</span><br /> -Wie ein fremder Sänger an den Hof -des Grafen von Provence kam. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>n der Provence herrschte vor langer Zeit ein Graf, -der einen überaus schönen und herrlichen Sohn hatte, -welcher als die Freude des Vaters und der Mutter -erwuchs. Er war groß und stark, und glänzende blonde -Haare flossen um seinen Nacken und beschatteten sein -zartes jugendliches Gesicht; dabei war er in aller Waffenübung -wohl erfahren, keiner führte im Lande und -auch außerhalb die Lanze und das Schwerdt so wie er, -so daß ihn Jung und Alt, Groß und Klein, Adel -und Unadel bewunderte. -</p> - -<p> -Er war oft gern in sich gekehrt, als wenn er irgend -einem geheimen Wunsche nachginge, und viele erfahrene -<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> -Leute glaubten und schlossen daher, er sei in Liebe; -es wollte ihn darum keiner aus seinen Träumen aufwecken, -weil sie wohl wußten, daß die Liebe ein süßer -Ton ist, der im Ohre schläft und wie aus einem -Traume seine phantasiereiche Melodie fortredet, so daß -ihn der Beherberger selbst nur wie ein dunkles Räthsel -versteht, geschweige denn ein Fremder, und daß er oft -nur allzuschnell entflieht, und seine Wohnung in dem -Aether und goldenen Morgenwolken wieder sucht. -</p> - -<p> -Aber der junge Graf Peter kannte seine eigenen -Wünsche nicht; es war ihm, als wenn ferne Stimmen -unvernehmlich durch einen Wald riefen, er wollte folgen, -und Furcht hielt ihn zurück, doch Ahndung drängte -ihn vor. -</p> - -<p> -Sein Vater gab ein großes Turnier, zu welchem -viele Ritter geladen wurden. Es war ein Wunder -anzusehn, wie der zarte Jüngling die Erfahrensten aus -dem Sattel hob, so daß es auch allen Zuschauern unbegreiflich -schien. Er ward von allen gerühmt und -für den besten und stärksten geachtet; aber kein Lob -machte ihn stolz, sondern er schämte sich manchmal -selber, daß er so alte und würdige Rittersmänner sollte -überwunden haben. -</p> - -<p> -Unter andern war auch ein Sänger mit herbei -gekommen, der viele fremde Länder gesehen hatte; er -war kein Ritter, aber an Einsicht und Erfahrung übertraf -er manchen Edlen. Dieser gesellte sich zu Graf -Peter und lobte ihn ungemein, schloß aber seine Rede -mit diesen Worten: Ritter, wenn ich euch rathen -sollte, so müßt ihr nicht hier bleiben, sondern fremde -Gegenden und Menschen sehn und wohl betrachten, -<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> -auf daß sich eure Einsichten, die in der Heimath nur -immer einheimisch bleiben, verbessern, und ihr am -Ende das Fremde mit dem Bekannten verbinden könnt. -</p> - -<p> -Er nahm seine Laute und sang: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Keinem hat es noch gereut,</p> - <p class="line">Der das Roß bestiegen,</p> - <p class="line">Und in frischer Jugendzeit</p> - <p class="line">Durch die Welt zu fliegen.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Berge und Auen,</p> - <p class="line">Einsamer Wald,</p> - <p class="line">Mädchen und Frauen</p> - <p class="line">Prächtig im Kleide,</p> - <p class="line">Golden Geschmeide,</p> - <p class="line">Alles erfreut ihn mit schöner Gestalt.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wunderlich fliehen</p> - <p class="line">Gestalten dahin,</p> - <p class="line">Schwärmerisch glühen</p> - <p class="line">Wünsche in jugendlich trunkenem Sinn.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ruhm streut ihm Rosen,</p> - <p class="line">Schnell in die Bahn,</p> - <p class="line">Lieben und Kosen,</p> - <p class="line">Lorbeer und Rosen</p> - <p class="line">Führen ihn höher und höher hinan.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Rund um ihn Freuden,</p> - <p class="line">Feinde beneiden,</p> - <p class="line">Erliegend, den Held, —</p> - <p class="line">Dann wählt er bescheiden</p> - <p class="line">Das Fräulein, das ihm nur vor allen gefällt.</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> - <p class="line">Und Berge und Felder</p> - <p class="line">Und einsame Wälder</p> - <p class="line">Mißt er zurück.</p> - <p class="line">Die Eltern in Thränen,</p> - <p class="line">Ach alle ihr Sehnen, —</p> - <p class="line">Sie alle vereinigt das lieblichste Glück.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Sind Jahre verschwunden,</p> - <p class="line">Erzählt er dem Sohn</p> - <p class="line">In traulichen Stunden,</p> - <p class="line">Und zeigt seine Wunden,</p> - <p class="line">Der Tapferkeit Lohn.</p> - <p class="line">So bleibt das Alter selbst noch jung,</p> - <p class="line">Ein Lichtstrahl in der Dämmerung.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Der Jüngling hörte still dem Gesange zu; als er -geendigt war, blieb er eine Weile in sich gekehrt, dann -sagte er: ja, nunmehr weiß ich, was mir fehlt, ich -kenne nun alle meine Wünsche, in der Ferne wohnt -mein Sinn, und mancherlei wechselnde buntfarbige -Bilder ziehn durch mein Gemüth. Keine größere Wollust -für den jungen Rittersmann, als durch Thal und -über Feld dahin ziehn: hier liegt eine hoch erhabene Burg -im Glanz der Morgensonne, dort tönt über die Wiese -durch den dichten Wald des Schäfers Schallmei, ein -edles Fräulein fliegt auf einem weißen Zelter vorüber, -Ritter und Knappen begegnen mir in blanker Rüstung -und Abentheuer drängen sich; ungekannt zieh ich durch -die berühmten Städte, der wunderbarste Wechsel, ein -ewig neues Leben umgiebt mich, und ich begreife mich -selber kaum, wenn ich an die Heimath und den stets -wiederkehrenden Kreis der hiesigen Begebenheiten zurück -denke. O ich möchte schon auf meinem guten -<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> -Rosse sitzen, ich möchte sogleich dem väterlichen Hause -Lebewohl sagen. -</p> - -<p> -Er war von diesen neuen Vorstellungen erhitzt, und -ging sogleich in das Gemach seiner Mutter, wo er -auch den Grafen, seinen Vater, traf. Peter ließ sich -alsbald demüthig auf ein Knie nieder und trug seine -Bitte vor, daß seine Eltern ihm erlauben möchten zu -reisen und Abentheuer aufzusuchen; denn, so schloß er -seine Rede: wer immer nur in der Heimath bleibt, -behält auch für seine Lebenszeit nur einen einheimischen -Sinn, aber in der Fremde lernt man das Niegesehene -mit dem Wohlbekannten verbinden, darum -versagt mir eure Erlaubniß nicht. -</p> - -<p> -Der alte Graf erschrak über den Antrag seines -Sohnes, noch mehr aber die Mutter, denn sie hatten -sich dessen am wenigsten versehn. Der Graf sagte: -mein Sohn, deine Bitte kömmt mir ungelegen, denn -du bist mein einziger Erbe; wenn ich nun während -deiner Abwesenheit mit Tode abginge, was sollte da -aus meinem Lande werden? Aber Peter blieb bei seinem -Gesuch, worüber die Mutter anfing zu weinen -und zu ihm sagte: Lieber, einziger Sohn, du hast -noch kein Ungemach des Lebens gekostet und siehst nur -deine schönen Hoffnungen vor dir; allein bedenke, daß -es gar wohl sein kann, daß, wenn du abreisest, tausend -Mühseligkeiten schon bereit stehn, um dir in den -Weg zu treten; du hast dann vielleicht mit Elend zu -kämpfen, und wünschest dich zu uns zurück. -</p> - -<p> -Peter lag noch immer demüthig auf den Knien -und antwortete: Vielgeliebte Eltern, ich kann nicht -dafür, aber es ist jezt mein einziger Wunsch, in die -weite fremde Welt zu reisen, um Freud und Mühseligkeit -<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> -zu erleben, und dann als ein bekannter und -geehrter Mann in die Heimath zurück zu kehren. Dazu -seid ihr ja auch, mein Vater, in eurer Jugend in -der Fremde gewesen, und habt euch weit und breit -einen Namen gemacht; aus einem fremden Lande habt -ihr euch meine Mutter zum Gemal geholt, die damals -für die größte Schönheit geachtet wurde; laßt mich -ein gleiches Glück versuchen, seht, mit Thränen bitte -ich euch darum. -</p> - -<p> -Er nahm eine Laute, die er sehr schön zu spielen -verstand, und sang das Lied, das er vom Harfenspieler -gelernt hatte, und am Schlusse weinte er heftig. Die -Eltern waren auch gerührt, besonders aber die Mutter; -sie sagte: nun, so will ich dir meinerseits meinen Segen -geben, geliebter Sohn, denn es ist freilich alles -wahr, was du da gesagt hast. Der Vater stand gleichfalls -auf und segnete ihn, und Peter war im Herzen -vergnügt, daß er so die Einwilligung seiner Eltern erhalten -hatte. -</p> - -<p> -Es ward nun Befehl gegeben, alles zu seinem -Zuge zu rüsten, und die Mutter ließ Petern heimlich -zu sich kommen. Sie gab ihm drei kostbare Ringe -und sagte: Siehe, mein Sohn, diese drei kostbaren -Ringe habe ich von meiner Jugend an sorgfältig bewahrt; -nimm sie mit dir und halte sie in Ehren, und -so du ein Fräulein findest, das du liebst und das dir -wieder gewogen ist, so darfst du sie ihr schenken. Er -küßte dankbar ihre Hand, und es kam der Morgen, -an welchem er von dannen schied. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-3"> -<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> -<span class="firstline">3.</span><br /> -Wie der Ritter Peter von seinen -Eltern zog. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>ls Peter sein Pferd besteigen wollte, segnete ihn sein -Vater noch einmal, und sagte zu ihm: mein Sohn, -immer möge dich das Glück begleiten, so daß wir dich -gesund und wohlbehalten wieder sehn; denke stets meiner -Lehren, die ich deiner zarten Jugend einprägte: -suche die gute und meide die böse Gesellschaft; halte -immer die Gesetze des Ritterstandes in Ehren, und -vergiß sie in keinem Augenblicke, denn sie sind das -edelste, was die edelsten Männer in ihren besten Stunden -erdacht haben; sei immer redlich, wenn du auch -betrogen wirst, denn das ist der Probierstein des Wackern, -daß er selten auf rechtliche Menschen trifft, und -doch sich selber gleich bleibt. — Lebe wohl! — -</p> - -<p> -Peter ritt fort, allein und ohne Knappen, denn -er wollte allenthalben, wie es oft die jungen Ritter -zu thun pflegten, unbekannt bleiben. Die Sonne war -herrlich aufgegangen, und der frische Thau glänzte auf -den Wiesen. Peter war frohen Muthes und spornte -sein gutes Roß, daß es oft muthig aufsprang. Es lag -ihm ein altes Lied im Sinne und er sang es laut: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Traun! Bogen und Pfeil</p> - <p class="line">Sind gut für den Feind,</p> - <p class="line">Hülflos alleweil</p> - <p class="line">Der Elende weint;</p> - <p class="line">Dem Edlen blüht Heil</p> - <p class="line">Wo Sonne nur scheint,</p> -<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> - <p class="line">Die Felsen sind steil,</p> - <p class="line">Doch Glück ist sein Freund.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Er kam nach vielen Tagereisen in die edle und -vornehme Stadt Neapolis. Schon unterwegs hatte er -viel vom Könige und seiner überaus schönen Tochter -Magelone reden hören, so daß er sehr begierig war, -sie von Angesicht zu Angesicht zu sehn. Er stieg in -einer Herberge ab, und erkundigte sich nach Neuigkeiten; -da hörte er vom Wirthe, daß ein vornehmer -Ritter, Herr Heinrich von Carpone, angekommen sei, -und daß ihm zu Ehren ein schönes Turnier gehalten -werden solle. Er erfuhr zugleich, daß auch den Fremden -der Zutritt erlaubt sei, wenn sie nach den Turniergesetzen -geharnischt erschienen. Da nahm sich Peter -sogleich vor, auch dabei zu sein, und seine Geschicklichkeit -und Stärke zu versuchen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-4"> -<span class="firstline">4.</span><br /> -Peter sieht die schöne Magelone. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>ls der Tag des Turniers erschienen war, legte Peter -seine Waffenrüstung an, und begab sich in die Schranken. -Er hatte sich auf seinen Helm zwei schöne silberne -Schlüssel setzen lassen, von ungemein feiner Arbeit, so -war auch sein Schild mit Schlüsseln geziert, auch die -Decke seines Pferdes. Dies hatte er seinem Namen zu -Gefallen gethan und zu Ehren des Apostels Petrus, den -er sehr liebte. Von Jugend auf hatte er sich ihm zum -Schirm und Schutz empfohlen, und deswegen wählte -<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> -er sich auch jezt dieses Wahrzeichen, da er unbekannt -bleiben wollte. -</p> - -<p> -Unter Trompetenschall trat ein Herold auf, der das -Turnier ausrief, das zu Ehren der schönen Magelone -eröffnet wurde. Sie selbst saß auf einem erhabenen -Söller und sah auf die Versammlung der Ritter hinab. -Peter schaute hinauf, er konnte sie aber nicht genau -betrachten, weil sie zu entfernt war. -</p> - -<p> -Herr Heinrich von Carpone trat zuerst in die -Schranken und gegen ihn stellte sich ein Ritter des -Königes. Sie trafen auf einander und der Königsche -wurde bügellos, aber er traf zufälligerweise mit seiner -Lanze das Pferd des Herrn Heinrich vorn an den Schienbeinen, -so daß das Roß mit seinem Reiter zu Boden -stürzte. Darüber wurde dem Diener des Königes der -Sieg zugesprochen, als einem, der den Herrn Heinrich -umgerennt hätte. Das verdroß Petern gar sehr, denn -Herr Heinrich war ein namhafter Renner; dazu so -berühmte sich der Diener laut und öffentlich seines -Sieges, den er doch nur dem Zufall zu danken hatte. -Peter stellte sich also gegen ihn in die Schranken und -rannte ihn vom Pferde hinunter, daß sich alle über -seine Kraft verwundern mußten; er that aber zu aller -Erstaunen noch mehr, denn er machte auch bald die übrigen -Sättel ledig, so daß sich in kurzer Zeit kein Gegner -vor ihm mehr finden ließ. Darüber waren alle begierig, -den Namen des fremden Ritters zu wissen, und -der König von Neapel schickte selbst seinen Herold an -ihn ab, um ihn zu erfahren; aber Peter bat in Demuth -um die Erlaubniß, daß man ihm noch ferner erlauben -möchte, unbekannt zu bleiben, denn sein Name sei -dunkel und von keinen Thaten verherrlicht; dazu so sei -<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> -er ein armer geringer Edelmann aus Frankreich, er wolle -seinen Namen daher so lange verschweigen, bis er es -durch Thaten werth geworden sei, sich nennen zu dürfen. -Dem König freute diese Antwort, weil sie ein -Beweis von der Bescheidenheit des Ritters war. -</p> - -<p> -Es währte nicht lange, so wurde ein zweites Turnier -gehalten, und die schöne Magelone wünschte heimlich -im Herzen, daß sie des Ritters mit den silbernen -Schlüsseln wieder ansichtig werden möchte; denn sie -war ihm zugethan, hatte es aber noch Niemand anvertraut, -ja sich selber kaum, denn die erste Liebe ist zaghaft, -und hält sich selbst für einen Verräther. Sie ward -roth, als Peter wieder mit seiner kenntlichen Waffenrüstung -in die Schranken trat, und nun die Trommeten -schmetterten, und bald darauf die Spieße an den Schilden -krachten. Unverwandt blickte sie auf Peter, und -er blieb in jedem Kampfe Sieger; sie verwunderte sich -endlich darüber nicht mehr, weil ihr war, als könne -es nicht anders sein. Die Feierlichkeit war geendigt, -und Peter hatte von neuem großes Lob und große -Ehre eingesammelt. -</p> - -<p> -Der König ließ ihn an seine Tafel laden, wo -Peter der Prinzessin gegenüber saß und über ihre -Schönheit erstaunte, denn er sah sie jezt zum erstenmal -in der Nähe. Sie blickte immer freundlich auf -ihn hin, und dadurch kam er in große Verwirrung; -sein Sprechen belustigte den König, und sein edler -und kräftiger Anstand setzte das Hofgesinde in Erstaunen. -Im Saale kam er nachher mit der Prinzessin -allein zu sprechen, und sie lud ihn ein, öfter wieder zu -kommen, worauf er Abschied nahm, und sie ihn noch -zuletzt mit einem sehr freundlichen Blicke entließ. -</p> - -<p> -<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> -Peter ging wie berauscht durch die Straßen; er -eilte in einen schönen Garten, und wandelte mit verschränkten -Armen auf und nieder, bald langsam, bald -schnell, und die Zeit verfloß, ohne daß er begreifen -konnte, wie die Stunden vorüber waren. Er hörte -nichts um sich her, denn eine innerliche Musik übertönte -das Flüstern der Bäume und das rieselnde Plätschern -der Wasserkünste. Tausendmal sagte er sich in -Gedanken den Namen Magelone vor, und erschrak -dann plötzlich, weil er glaubte, er habe ihn laut durch -den Garten ausgerufen. Gegen Abend erscholl in der -Gegend eine süße Musik, und nun setzte er sich in das -frische Gras hinter einem Busche und weinte und -schluchzte; es war ihm, als wenn sich der Himmel umgewendet -und nun seine Schönheit und paradisische -Seite zum erstenmal herausgekehrt hätte; und doch -machte ihn diese Empfindung so unglücklich, unter allen -Freuden fühlte er sich so gänzlich verlassen. Die Musik -floß wie ein murmelnder Bach durch den stillen Garten, -und er sah die Anmuth der Fürstin auf den silbernen -Wellen hoch einher schwimmen, wie die Wogen -der Musik den Saum ihres Gewandes küßten, und -wetteiferten, ihr nachzufolgen; gleich einer Morgenröthe -schien sie in die dämmernde Nacht hinein, und -die Sterne standen in ihrem Laufe still, die Bäume -hielten sich ruhig und die Winde schwiegen; die Musik -war jezt die einzige Bewegung, das einzige Leben in -der Natur, und alle Töne schlüpften so süß über die -Grasspitzen und durch die Baumgipfel hin, als wenn -sie die schlafende Liebe suchten und sie nicht wecken -wollten, als wenn sie, so wie der weinende Jüngling, -zitterten, bemerkt zu werden. -</p> - -<p> -<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> -Jezt erklangen die letzten Accente, und wie ein -blauer Lichtstrom versank der Ton, und die Bäume -rauschten wieder, und Peter erwachte aus sich selber -und fühlte, daß seine Wange von Thränen naß sei. -Die Springbrunnen plätscherten stärker und führten -von den entferntesten Gegenden des Gartens her laute -Gespräche. Peter sang leise folgendes Lied: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Sind es Schmerzen, sind es Freuden,</p> - <p class="line">Die durch meinen Busen ziehn?</p> - <p class="line">Alle alten Wünsche scheiden,</p> - <p class="line">Tausend neue Blumen blühn.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Durch die Dämmerung der Thränen</p> - <p class="line">Seh’ ich ferne Sonnen stehn, —</p> - <p class="line">Welches Schmachten! welches Sehnen!</p> - <p class="line">Wag’ ich’s? soll ich näher gehn?</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ach, und fällt die Thräne nieder,</p> - <p class="line">Ist es dunkel um mich her;</p> - <p class="line">Dennoch kömmt kein Wunsch mir wieder,</p> - <p class="line">Zukunft ist von Hoffnung leer.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">So schlage denn, strebendes Herz,</p> - <p class="line">So fließet denn, Thränen, herab,</p> - <p class="line">Ach Lust ist nur tieferer Schmerz,</p> - <p class="line">Leben ist dunkeles Grab. —</p> - <p class="line2">Ohne Verschulden</p> - <p class="line2">Soll ich erdulden?</p> - <p class="line">Wie ists, daß mir im Traum</p> - <p class="line2">Alle Gedanken</p> - <p class="line2">Auf und nieder schwanken!</p> - <p class="line">Ich kenne mich noch kaum.</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> - <p class="line">O hört mich, ihr gütigen Sterne,</p> - <p class="line">O höre mich, grünende Flur,</p> - <p class="line">Du, Liebe, den heiligen Schwur:</p> - <p class="line2">Bleib’ ich ihr ferne,</p> - <p class="line2">Sterb’ ich gerne.</p> - <p class="line">Ach! nur im Licht von ihrem Blick</p> - <p class="line">Wohnt Leben und Hoffnung und Glück!</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Er hatte sich selber etwas getröstet, und schwur sich, -Magelonens Liebe zu erwerben, oder unterzugehn. Spät -in der Nacht ging er nach Hause und setzte sich in -seinem Zimmer nieder, und sprach sich jedes Wort -wieder vor, das sie ihm gesagt hatte; bald glaubte er -Ursach zu finden, sich zu freuen, dann wurde er wieder -betrübt, und war von neuem in Zweifel. Er -wollte seinem Vater schreiben und richtete in Gedanken -die Worte an Magelonen, und trauerte dann über -seine Zerstreuung, daß er es wage, ihr zu schreiben, -die er nicht kenne. Nun erschrak er vor dem Gedanken, -daß ihm das Wesen fremd sei, welches er vor allen -übrigen in der Welt so unaussprechlich theuer liebe. -</p> - -<p> -Ein süßer Schlummer überraschte ihn endlich und -durchstrich seine Zweifel und Schmerzen, und wunderbare -Träume von Liebe und Entführungen, einsamen -Wäldern und Stürmen auf dem Meere tanzten in seinem -Gemach auf und nieder, und bedeckten wie schöne -bunte Tapeten die leeren Wände. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-5"> -<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> -<span class="firstline">5.</span><br /> -Wie der Ritter der schönen Magelone -Botschaft sandte. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>n derselben Nacht war Magelone eben so bewegt -als ihr Ritter. Es däuchte ihr, als könne sie sich auf -ihrem einsamen Zimmer nicht lassen; sie ging oft an -das Fenster und sah nachdenklich in den Garten hinab, -und alles war ihr trübe und schwermüthig; sie behorchte -die Bäume, die gegen einander rauschten, dann sah -sie nach den Sternen, die sich im Meere spiegelten; -sie warf es dem Unbekannten vor, daß er nicht im -Garten unter ihrem Fenster stehe, dann weinte sie, -weil sie gedachte, daß es ihm unmöglich sei. Sie warf -sich auf ihr Bett, aber sie konnte nur wenig schlafen, -und wenn sie die Augen schloß, sah sie das Turnier -und den geliebten Unbekannten, welcher Sieger ward -und mit sehnsüchtiger Hoffnung zu ihrem Altan hinauf -blickte. Bald weidete sie sich an diesen Phantasieen, -bald schalt sie auf sich selber; erst gegen Morgen fiel -sie in einen leichten Schlummer. -</p> - -<p> -Sie beschloß, ihre Zuneigung ihrer geliebten Amme -zu entdecken, vor der sie kein Geheimniß hatte. In -einer traulichen Abendstunde sagte sie daher zu ihr: -Liebe Amme, ich habe schon seit lange etwas auf dem -Herzen, welches mir fast das Herz zerdrückt; ich muß -es dir nur endlich sagen und du mußt mir mit deinem -mütterlichen Rathe beistehn, denn ich weiß mir selber -nicht mehr zu rathen. Die Amme antwortete: vertraue -dich mir, geliebtes Kind, denn eben darum bin -ich älter und liebe dich wie eine Mutter, daß ich dir -<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> -guten Anschlag geben möge, denn freilich weiß sich -die Jugend nie selber zu helfen. -</p> - -<p> -Da die Prinzessin diese freundlichen Worte von -ihrer Amme hörte, ward sie noch dreister und zutraulicher, -und fuhr daher also fort: o Gertraud, hast du -wohl den unbekannten Ritter mit den silbernen Schlüsseln -bemerkt? Gewiß hast du ihn gesehn, denn er ist -der einzige, der bemerkenswerth war, alle übrigen dienten -nur, ihn zu verherrlichen, allen Sonnenschein -des Ruhms auf ihn zu häufen, und selbst in dunkler -einsamer Nacht zu wohnen. Er ist der einzige Mann, -der schönste Jüngling, der tapferste Held. Seit ich -ihn gesehn habe, sind meine Augen unnütz, denn ich -sehe nur meine Gedanken, in denen er wohnt, wie er -in aller seiner Herrlichkeit vor mir steht. Wüßte ich -nur noch, daß er aus einem hohen Geschlechte sei, so -wollte ich alle meine Hoffnung auf ihn setzen. Aber er -kann aus keinem unedlen Hause stammen, denn wer -wäre alsdann edel zu nennen? O antworte mir, tröste -mich, liebe Amme, und gieb mir nun Rath. -</p> - -<p> -Die Amme erschrak sehr, als sie diese Rede verstanden -hatte; sie antwortete: liebes Kind, schon seit -lange waren meine Erwartungen so wie meine Neugier -darauf gerichtet, daß du mir gestehn solltest, welchen -von den Edlen des Königreichs, oder welchen Auswärtigen -du liebtest, denn selbst die Höchsten und sogar -Könige begehren dein. Aber warum hast du nun deine -Neigung auf einen Unbekannten geworfen, von dem -Niemand weiß, woher er gekommen? Ich zittre, wenn -der König, dein Vater, deine Liebe bemerkt. -</p> - -<p> -Nun und warum zitterst du? fiel ihr Magelone -mit heftigem Weinen in die Rede. Wenn er sie -<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> -bemerkt, so wird er zürnen, der fremde Ritter wird -den Hof und das Land verlassen, und ich werde in -treuer hoffnungsloser Liebe sterben; und sterben muß ich, -wenn der Unbekannte mich nicht wieder liebt, wenn ich -auf ihn nicht die Hoffnung der ganzen Zukunft setzen -darf. Alsdann bin ich zur Ruhe, und weder mein -Vater noch du, keiner wird mich je mehr verfolgen. -</p> - -<p> -Da die Amme diese Worte hörte, ward sie sehr betrübt -und weinte ebenfalls. Höre auf mit deinen Thränen, -liebes Kind, so rief sie schluchzend aus: alles -will ich ertragen, nur kann ich dich unmöglich weinen -sehn; es ist mir, als müßte ich das größte Elend der -Erden erdulden, wenn dein liebes Gesicht nicht freundlich -ist. -</p> - -<p> -Nicht wahr, man muß ihn lieben? sagte Magelone, -und umarmte ihre Amme. Ich hätte nie einen Mann -geliebt, wenn mein Auge ihn nicht gesehn hätte; wär -es also nicht Sünde, ihn nicht zu lieben, da ich so -glücklich gewesen bin, ihn zu finden? Gieb nur Acht -auf ihn, wie alle Vortrefflichkeiten, die sonst schon einzeln -andre Ritter edel machen, in ihm vereinigt glänzen; -wie einnehmend sein fremder Anstand ist, daß er -die hiesige italiänische Sitte nicht in seiner Gewalt hat, -wie seine stille Bescheidenheit weit mehr wahre Höflichkeit -ist, als die studirte und gewandte Galanterie der -hiesigen Ritter. Er ist immer in Verlegenheit, daß er -Niemand besseres ist, als er, und doch sollte er stolz -darauf sein, daß er niemand anders ist, denn so wie -er ist, ist er das Schönste, was die Natur nur je hervor -gebracht hat. O such’ ihn auf, Gertraud, und frage -ihn nach seinem Stand und Namen, damit ich weiß, -ob ich leben oder sterben muß; wenn ich ihn fragen -<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> -lasse, wird er kein Geheimniß daraus machen, denn -ich möchte vor ihm kein Geheimniß haben. -</p> - -<p> -Als der Morgen kam, ging die Amme in die Kirche -und betete; sie sah den Ritter, der auch in einem andächtigen -Gebete auf den Knien lag. Als er geendet -hatte, näherte er sich der Amme und grüßte sie höflich, -denn er kannte sie und hatte sie am Hofe gesehn. -Die Amme richtete den Auftrag des Fräuleins aus, -daß sie ihn um seinen Stand und Namen ersuche, -weil es einem so edlen Manne nicht gezieme, sich verborgen -zu halten. -</p> - -<p> -Peter bekam eine große Freude und das Herz schlug -ihm, denn er sah aus diesen Worten, daß ihn Magelone -liebe; worauf er sagte: man erlaube mir, meinen -Namen noch zu verschweigen, aber das könnt ihr -der Prinzessin sagen, daß ich aus einem hohen adelichen -Geschlechte bin, und daß der Name meiner Ahnherrn -in den Geschichtsbüchern rühmlich bekannt ist. -Nehmt indeß dies zum Angedenken meiner, und laßt -es einen kleinen Lohn sein für die fröhliche Botschaft, -so ihr mir wider alles Verhoffen gebracht habt. -</p> - -<p> -Er gab hierauf der Amme einen von den dreien -köstlichen Ringen, und Gertraud eilte sogleich zur Prinzessin, -ihr die erhaltene Kundschaft anzusagen, auch -zeigte sie ihr den köstlichen Ring, der allein schon bewies, -daß der Ritter aus einem vornehmen Hause -stammen müsse. Er hatte der Amme zugleich ein Pergamentblatt -mitgegeben, in Hoffnung, daß Magelone -die Worte lesen würde, die er im Gefühl seiner Liebe -niedergeschrieben hatte. -</p> - -<div class="poem"> -<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> - <p class="line">Liebe kam aus fernen Landen</p> - <p class="line">Und kein Wesen folgte ihr,</p> - <p class="line">Und die Göttin winkte mir,</p> - <p class="line">Schlang mich ein mit süßen Banden.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Da begonn ich Schmerz zu fühlen,</p> - <p class="line">Thränen dämmerten den Blick:</p> - <p class="line">Ach! was ist der Liebe Glück,</p> - <p class="line">Klagt’ ich, wozu dieses Spielen?</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Keinen hab’ ich weit gefunden,</p> - <p class="line">Sagte lieblich die Gestalt,</p> - <p class="line">Fühle du nun die Gewalt,</p> - <p class="line">Die die Herzen sonst gebunden.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Alle meine Wünsche flogen</p> - <p class="line">In der Lüfte blauen Raum,</p> - <p class="line">Ruhm schien mir ein Morgentraum,</p> - <p class="line">Nur ein Klang der Meereswogen.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ach! wer löst nun meine Ketten?</p> - <p class="line">Denn gefesselt ist der Arm,</p> - <p class="line">Mich umfleugt der Sorgen Schwarm;</p> - <p class="line">Keiner, keiner will mich retten?</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Darf ich in den Spiegel schauen,</p> - <p class="line">Den die Hoffnung vor mir hält?</p> - <p class="line">Ach, wie trügend ist die Welt!</p> - <p class="line">Nein, ich kann ihr nicht vertrauen.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">O und dennoch laß nicht wanken</p> - <p class="line">Was dir nur noch Stärke giebt,</p> - <p class="line">Wenn die Einzge dich nicht liebt,</p> - <p class="line">Bleibt nur bittrer Tod dem Kranken.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> -Dieses Lied rührte Magelonen; sie las es und las -es von neuem, es war ganz ihre eigene Empfindung, -wie von einem Echo nachgesprochen. Sie betrachtete -den köstlichen Ring, und bat die Amme flehentlich, ihr -denselben gegen ein andres Kleinod auszutauschen; die -Amme wurde betrübt, da sie sahe, daß das Herz der -Prinzessin so ganz von Liebe eingenommen sei, sie -sagte daher: mein Kind, es schmerzt mich innig, daß -du dich einem Fremden gleich so willig und ganz hingeben -willst. Magelone wurde sehr zornig, als sie -diese Worte hörte. Fremd? rief sie aus; o wer ist -dann meinem Herzen nahe, wenn er mir fremd ist? -Wehe müsse dir deine Zunge auf lange thun, für diese -Rede, denn sie hat mein Herz gespalten. Wie kann -er mir denn fremd sein, wenn ich selbst mein eigen -bin, da er nichts ist, als was ich bin, da ich nur -das sein kann, was er mir zu sein vergönnt? Die -Luft, den Athem, das Leben, alles, alles darf ich ihm -nur danken, mein Herz gehört mir selbst nicht mehr, -seit ich ihn kenne; o, liebe Gertraud, was wär ich in -der Welt, und was wäre die ganze unermeßliche Welt -mir, wenn er mir fremd sein müßte? -</p> - -<p> -Gertraud tröstete sie, und die Prinzessin legte sich -schlafen, vorher aber hing sie an einer feinen Perlenschnur -den Ring um den Nacken, daß er ihr auf der -Brust zu liegen kam. Im Schlafe sah sie sich in -einem schönen und lustigen Garten, der hellste Sonnenschein -flimmerte auf allen grünen Blättern, und -wie von Harfensaiten tönte das Lied ihres Geliebten -aus dem blauen Himmel herunter, und goldbeschwingte -Vögel staunten zum Himmel hinauf und merkten auf -die Noten; lichte Wolken zogen unter der Melodie -<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> -hinweg und wurden rosenroth gefärbt und tönten wieder. -Dann kam der Unbekannte in aller Lieblichkeit -aus einem dunkeln Gange, er umarmte Magelonen -und steckte ihr einen noch köstlichern Ring an den Finger, -und die Töne vom Himmel herunter schlangen sich -um beide wie ein goldenes Netz, und die Lichtwolken -umkleideten sie, und sie waren von der Welt getrennt -nur bei sich selber und in ihrer Liebe wohnend, und -wie ein fernes Klaggetön hörten sie Nachtigallen singen -und Büsche flüstern, daß sie von der Wonne des Himmels -ausgeschlossen waren. -</p> - -<p> -Als Magelone von ihrem schönen Traume erwachte, -erzählte sie alles der Amme, und diese sah jezt ein, -daß sie ihren ganzen Sinn auf den Unbekannten gesetzt -hätte, und daß er ihr Glück oder Unglück sein -müsse, worüber sie sehr nachdenklich wurde. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-6"> -<span class="firstline">6.</span><br /> -Wie der Ritter Magelonen einen Ring -übersandte. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie Amme wandte vielen Fleiß an, den Ritter wieder -anzutreffen, und es geschah, daß sie sich in derselben -Kirche wieder fanden. Peter war froh, als er -die Amme ansichtig wurde, und ging sogleich auf sie -zu und erkundigte sich nach dem Fräulein. Sie erzählte -ihm alles, wie sie für großer Liebe den Ring -für sich behalten, und die geschriebenen Worte gelesen, -und wie sie in der Nacht von ihm geträumt. Peter -<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> -ward roth vor Freuden, als er diese Umstände erzählen -hörte und sagte: Ach, liebe Amme, sagt ihr doch die -Empfindungen meines Herzens, und daß ich vor Sehnsucht -verschmachten muß, wenn ich sie nicht bald sprechen -kann; spreche ich sie aber mündlich, so will ich -ihr, wie ich sonst Niemand thue, meinen Stand und -Namen entdecken; aber ich liebe sie mit einer Liebe, -wie kein andres Herz es fähig ist, und alle meine Gebete -zum Himmel sind nur der Wunsch, daß ich sie zum -ehelichen Gemal überkommen möchte, und daß ihre -Gedanken nur etlichermaßen so nach mir gerichtet wären, -wie die meinigen zu ihr. Gebt ihr auch diesen -Ring, und bittet sie, ihn als ein geringes Andenken -von mir zu tragen. -</p> - -<p> -Die Amme eilte schnell zu Magelonen zurück, die -vor übergroßer Liebe krank war und auf ihrem Ruhebette -lag. Sie sprang auf, als sie ihre Kundschafterin -erblickte, umarmte sie und fragte nach Neuigkeiten. -Die Amme erzählte ihr alles und gab ihr auch den -kostbaren Ring. Sieh! rief die Prinzessin aus, das -ist eben der Ring, von dem ich geträumt habe; o! so -muß auch das übrige in Erfüllung gehn. Ein Blatt -enthielt dieses Lied: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Willst du des Armen</p> - <p class="line">Dich gnädig erbarmen?</p> - <p class="line2">So ist es kein Traum?</p> - <p class="line">Wie rieseln die Quellen,</p> - <p class="line">Wie tönen die Wellen,</p> - <p class="line2">Wie rauschet der Baum!</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> - <p class="line">Tief lag ich in bangen</p> - <p class="line">Gemäuern gefangen,</p> - <p class="line2">Nun grüßt mich das Licht;</p> - <p class="line">Wie spielen die Strahlen!</p> - <p class="line">Sie blenden und malen</p> - <p class="line2">Mein schüchtern Gesicht.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Und soll ich es glauben?</p> - <p class="line">Wird keiner mir rauben</p> - <p class="line2">Den köstlichen Wahn?</p> - <p class="line">Doch Träume entschweben,</p> - <p class="line">Nur lieben heißt leben:</p> - <p class="line2">Willkommene Bahn!</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wie frei und wie heiter!</p> - <p class="line">Nicht eile nun weiter,</p> - <p class="line2">Den Pilgerstab fort!</p> - <p class="line">Du hast überwunden,</p> - <p class="line">Du hast ihn gefunden,</p> - <p class="line2">Den seligsten Ort!</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Magelone sang das Lied, dann küßte sie den Ring, -und dann auch den ersten, um ihn nicht zu kränken; -dann las sie die Worte von neuem, und sprach sie -laut, und so trieb sie es in der Einsamkeit bis spät -in die Nacht. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-7"> -<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> -<span class="firstline">7.</span><br /> -Wie der edle Ritter wieder eine Botschaft empfing -von der schönen Magelone. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er Ritter befand sich am folgenden Morgen wieder -in der Kirche, weil er hoffte, von der Geliebten seiner -Seele dort eine Nachricht zu überkommen. Die Amme -fand ihn, und es traf sich, daß sie beide in der Kirche -allein waren. Er erkundigte sich nach Magelonen und -die Amme Gertraud erzählte ihm alles, worauf sie -sagte: Wenn ihr mir versichert, Herr Ritter, daß ihr -mein Fräulein in aller Zucht und Tugend lieben wollt, -so will ich euch auch nunmehr sagen, wo ihr sie sprechen -könnt. Peter ließ sich auf ein Knie nieder und -hob seine Finger in die Höhe. Ich schwöre, sagte -er, daß meine reinsten Gedanken stets um Magelone -sind; ich liebe sie in aller Zucht und Anständigkeit, -wie es dem ehrbaren Ritter ziemt, und so dies nicht -wahr ist, so verlasse mich Gott in meiner allergrößten -Noth. Amen! Die Amme war mit diesem Schwure -wohl zufrieden, sie vertraute <a id="corr-22"></a>ihm nun gänzlich und -sagte: ich sehe, daß ihr nicht nur der tapferste, sondern -auch der edelste Ritter seid auf Gottes weiter -Erde; ihr sollt euch daher auch alles Beistandes von -mir gewärtiget sein. Ihr seid glücklich in Magelonen -und sie ist glücklich in euch; macht euch daher morgen -Nachmittag fertig, durch die heimliche Pforte des Gartens -zu gehn, und sie dann auf meiner Kammer zu -sprechen. Ich will euch allein lassen, damit ihr ganz -unverholen eure Herzensmeinungen ausreden könnt. -</p> - -<p> -<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> -Sie nannte ihm die Stunde, und verließ ihn. -Der Ritter stand noch lange und sah ihr im trunkenen -Staunen nach, denn er vertraute dem nicht, was er -gehört hatte. Das Glück, das er so sehnlichst erharrt, -rückte ihm nun so unerwartet näher, daß er es im -frohen Entsetzen nicht zu genießen wagte. Der Mensch -erschrickt über den Zufall, selbst wenn er ihn glücklich -macht; wenn unser Schicksal sich plötzlich zur Wonne -umändert, so zweifeln wir in diesem Augenblicke gar -zu leicht an der Wirklichkeit des Lebens. Dies dachte -auch Peter bei sich, als er alle seine Sinne in trüber -Verwirrung bemerkte. Wie bin ich so vom Glücke -überschüttet, rief er aus, daß ich gar nicht zu mir -selber kommen kann! Wie wohl würde mir jezt ein -Besinnen auf meinen Zustand thun, aber es ist unmöglich! -Wenn wir unsre kühnen Hoffnungen in der -Ferne sehn, so freuen wir uns an ihrem edlen Gange, -an ihren goldnen Schwingen, aber jezt flattern sie mir -plötzlich so nahe ums Haupt, daß ich weder sie noch -die übrige Welt wahrzunehmen vermag. -</p> - -<p> -Er ging nach Hause, und glaubte in manchen Augenblicken, -die Zeit stehe seit der Stunde still, in der -er die treue Amme gesprochen hatte, denn es wollte -nicht Abend werden; als es Abend war, saß er ohne -Licht in seiner Kammer und betrachtete die Wolken -und Sterne, und sein Herz schlug ihm ungestüm, -wenn er dann plötzlich an sich und Magelonen dachte. -Er glaubte nicht, daß es wieder Tag werden könne, -und daß es die bezeichnete Stunde wagen werde, herauf -zu kommen. Eingedämmert von Erwartungen, banger -Sehnsucht und ängstlicher Hoffnung, schlief er auf -seinem Ruhebette ein, und erwachte, als muntre Sonnenstrahlen -<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> -in seine Kammer herein spielten, und hell -und fröhlich an den Wänden zuckten. -</p> - -<p> -Er raffte sich auf, und dachte, was er ihr sagen -wolle; er erschrak jezt vor dem Gedanken, daß er sie -sprechen müsse; dennoch war es sein herzinniglichster -Wunsch, er konnte sich nicht besänftigen, darum nahm -er die Laute und sang: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wie soll ich die Freude,</p> - <p class="line">Die Wonne denn tragen?</p> - <p class="line">Daß unter dem Schlagen</p> - <p class="line">Des Herzens die Seele nicht scheide?</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Und wenn nun die Stunden</p> - <p class="line">Der Liebe verschwunden,</p> - <p class="line">Wozu das Gelüste,</p> - <p class="line">In trauriger Wüste</p> - <p class="line">Noch weiter ein lustleeres Leben zu ziehn,</p> - <p class="line">Wenn nirgend dem Ufer mehr Blumen entblühn?</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wie geht mit bleibehangnen Füßen</p> - <p class="line">Die Zeit bedächtig Schritt vor Schritt!</p> - <p class="line">Und wenn ich werde scheiden müssen,</p> - <p class="line">Wie federleicht fliegt dann ihr Tritt!</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Schlage, sehnsüchtige Gewalt,</p> - <p class="line">In tiefer treuer Brust!</p> - <p class="line">Wie Lautenton vorüber hallt,</p> - <p class="line">Entflieht des Lebens schönste Lust.</p> - <p class="line">Ach, wie bald</p> - <p class="line">Bin ich der Wonne mir kaum noch bewußt.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Rausche, rausche weiter fort,</p> - <p class="line">Tiefer Strom der Zeit,</p> -<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> - <p class="line">Wandelst bald aus Morgen Heut,</p> - <p class="line">Gehst von Ort zu Ort;</p> - <p class="line">Hast du mich bisher getragen,</p> - <p class="line">Lustig bald, dann still,</p> - <p class="line">Will es nun auch weiter wagen,</p> - <p class="line">Wie es werden will.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Darf mich doch nicht elend achten</p> - <p class="line">Da die Einzge winkt,</p> - <p class="line">Liebe läßt mich nicht verschmachten,</p> - <p class="line">Bis dies Leben sinkt;</p> - <p class="line">Nein, der Strom wird immer breiter,</p> - <p class="line">Himmel bleibt mir immer heiter,</p> - <p class="line">Fröhlichen Ruderschlags fahr ich hinab,</p> - <p class="line">Bring Liebe und Leben zugleich an das Grab.</p> -</div> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-8"> -<span class="firstline">8.</span><br /> -Wie Peter die schöne Magelone besuchte. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">J</span>ezt war die Zeit da, und die Stunde gekommen, -in welcher der Ritter seine geliebte Magelone besuchen -sollte. Er ging heimlicherweise durch die Pforte des -Gartens und auf die Kammer der Amme, wo er die -Prinzessin fand. Magelone saß auf einem Ruhebett -und wollte aufstehn, als sie den Ritter eintreten sah, -und ihm um den Hals fallen, und ihn mit Thränen -und Küssen in die Wette bedecken. Doch mäßigte sie -sich und blieb sitzen, aber eine scharlachene Röthe überzog -ihr ganzes Gesicht, so daß sie aussah wie eine -Rose, die sich noch nicht entfaltet hat, und die jezt -<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> -der warme Sonnenschein badet, und ihre Blätter aus -einander lockt. Eben so war auch der Ritter, der mit -verschämtem Gesicht vor ihr stand, auf welchem holdselige -Freude und Verwirrung sich wechselsweise ablösten. -</p> - -<p> -Die Amme verließ das Gemach, und Peter warf -sich ohne zu sprechen auf ein Knie nieder; Magelone -reichte ihm die schöne Hand, hieß ihn aufstehn und -sich neben sie nieder setzen. Peter that es, und zitterte -an ihrer Seite; seine Augen waren wie zwei glänzende -Sterne, so trunken war er vor Entzückung, daß er -nun die Geliebteste seiner Seele so dicht vor seinen -Augen sah. Lange wollte kein Gespräch in den Gang -kommen; ihre zärtlichen Blicke, die sich verstohlen begegneten, -störten die Worte; aber endlich entdeckte sich -ihr der Jüngling, und sagte, daß er sich ihr ganz zu -eigen ergeben habe, seit er sie zuerst gesehn, daß ihr -sein ganzes Leben gewidmet sei, und daß er sich durch -ihre Liebe wie von Engelshänden berührt, aus einem -tiefen Schlafe erwacht fühle. -</p> - -<p> -Er schenkte ihr den dritten Ring, welcher der kostbarste -von allen war, wobei er ihre lilienweiße Hand -küßte. Sie war über seine Treue innig bewegt, stand -auf und holte eine köstliche güldene Kette, die sie ihm -um den Hals legte und sagte: hiemit erkenne ich euch -für mein und mich für die eurige, nehmt dieses Andenken, -und tragt es immer, so lieb ihr mich habt. -Dann nahm sie den erschrockenen Ritter in die Arme -und küßte ihn herzlich auf den Mund, und er erwiederte -den Kuß und drückte sie gegen sein Herz. -</p> - -<p> -Sie mußten scheiden, und Peter eilte sogleich nach -seinem Zimmer, als wenn er seinen Waffenstücken und -seiner Laute sein Glück erzählen müsse; er war so froh, -<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> -als er noch nie gewesen war. Er ging mit großen -Schritten auf und ab und griff in die Saiten, küßte -das Instrument und weinte heftig. Dann sang er mit -großer Inbrunst: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">War es dir, dem diese Lippen bebten,</p> - <p class="line">Dir der dargebotne süße Kuß?</p> - <p class="line">Giebt ein irdisch Leben so Genuß?</p> - <p class="line">Ha! wie Licht und Glanz vor meinen Augen schwebten,</p> - <p class="line">Alle Sinne nach den Lippen strebten!</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">In den klaren Augen blinkte</p> - <p class="line">Sehnsucht, die mir zärtlich winkte,</p> - <p class="line">Alles klang im Herzen wieder,</p> - <p class="line">Meine Blicke sanken nieder,</p> - <p class="line">Und die Lüfte tönten Liebeslieder!</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wie ein Sternenpaar</p> - <p class="line">Glänzten die Augen, die Wangen</p> - <p class="line">Wiegten das goldene Haar,</p> - <p class="line">Blick und Lächeln schwangen</p> - <p class="line">Flügel, und die süßen Worte gar</p> - <p class="line">Weckten das tiefste Verlangen:</p> - <p class="line">O Kuß! wie war dein Mund so brennend roth!</p> - <p class="line">Da starb ich, fand ein Leben erst im schönsten Tod.</p> -</div> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-9"> -<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> -<span class="firstline">9.</span><br /> -Turnier zu Ehren der schönen Magelone. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er König Magelon von Neapel wünschte jezt, daß -seine schöne Tochter in kurzer Zeit mit Herrn Heinrich -von Carpone vermält würde, der sich in dieser Absicht -schon seit lange am Hofe aufhielt. Es ward daher -wieder ein glänzendes Turnier ausgeschrieben, welches -alle vorhergehenden an Pracht übertreffen sollte, und -viele berühmte Ritter aus Italien und Frankreich versammelten -sich. Ein Oheim Peters kam auch aus der -Provence, um dem Turniere beizuwohnen: es war derselbe, -der den jungen Grafen zum Ritter geschlagen -hatte. -</p> - -<p> -Das Kampfspiel nahm seinen Anfang, und alle -die großen Ritter zogen auf den Plan, und hielten sich -männlich. Peter war ungeduldig und einer der ersten, -welche aufzogen. Er hielt sich so wacker, daß er viele -Ritter von ihren Rossen stach, unter andern auch den -Herrn Heinrich. Magelone stand oben auf dem Altane, -und wurde vor Furcht und herzinnigen Wünschen bald -roth und bald blaß. Gegen Peter stellte sich endlich -sein Oheim, der ihn nicht kannte; aber Peter kannte -ihn gar wohl, er rief deshalb den Herold zu sich, und -schickte ihn mit diesen Worten an seinen Vetter: er -habe ihm einst in der Ritterschaft einen großen Dienst -erwiesen, deshalb möchte er nicht gegen ihn rennen, -sondern er erkenne ihn ohnedies für den besseren Ritter. -Aber der alte Rittersmann ward über den Antrag zornig, -und sagte: habe ich ihm je einen Dienst erwiesen, -so sollte er um so lieber eine Lanze mit mir brechen, -<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> -um auch mir zu Gefallen zu leben; meint er denn, -daß ich seiner nicht werth sei. Denn er wird hier -für einen überaus tapfern Ritter geachtet, wie auch -seine Thaten genugsam an den Tag legen, daß dem -wirklich so sei. Blieb also mit seinem Rosse auf der -Bahn stehn, und dem jungen Ritter ward vom Herolde -die zornige Antwort überbracht. Sie rannten gegen -einander, aber Peter trug seine Lanze in der Quere, -um seinen Verwandten nicht zu verletzen. Jener, Herr -Jakob genannt, rannte den Peter so an, daß die Lanze -zersplitterte, und er selber fast bügellos wurde. Alle -verwunderten sich und die beiden Gegner maßen noch -einmal die Bahn zurück, dann ritten sie wieder gegen -einander, und Peter trug seine Lanze wie das erstemal; -alle waren in Erstaunen, nur Magelone sah die -Ursach ein, und wußte wohl warum es geschah. Herr -Jakob rannte wieder mit heftiger Gewalt auf seinen -Gegner, seine Lanze traf auf Peters Brustharnisch, -aber der junge Ritter blieb unbeweglich im Sattel -sitzen, und der Stoß war so gewaltig, daß Herr Jakob -dadurch von sich selber vom Pferde abfiel. Da das -Jakob merkte, zog er sich zurück, und hatte keine Lust -mehr mit dem jungen Ritter zu stechen. Peter besiegte -auch die übrigen Ritter, so daß ihm der Preis -mußte zuerkannt werden; der König und alle vom Hofe -waren in Erstaunen, und die übrigen Herren zogen -ergrimmt nach ihrer Heimath zurück, da sie den Namen -des unbekannten Siegers durchaus nicht erfahren -konnten. — -</p> - -<p> -Peter hatte seine Geliebte indessen schon zum öftern -heimlich besucht, und so nahm er sich einmal vor, ihre -Liebe auf die Probe zu stellen. Als er sie daher wieder -<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> -sah, that er sehr betrübt, und sagte mit kläglicher -Stimme, daß er bald scheiden müsse, denn seine Eltern -würden seinetwegen in der größten Betrübniß leben, -da sie ihn so lange nicht gesehn, auch keine Nachricht -von ihm bekommen hätten. Als Magelone diese Worte -hörte, ward sie blaß, dann fing sie heftig an zu weinen, -und sank in den Sessel zurück. Ja, reiset nur -ab, sagte sie, und alle meine traurigen Ahndungen -sind dann in Erfüllung gegangen, ich sehe euch nicht -wieder und mein Tod ist gewiß. Was kümmert er -euch? Nun also, was kümmert er mich? — O verzeiht, -mein Geliebter, nein, es ist wahr, ihr müßt -eure Eltern wieder sehn, ihr habt euch meinetwegen -schon zu lange hier aufgehalten; wie werden sie um -euch trauern, wie sehr nach eurer Anwesenheit seufzen. -Ja, lebt dann wohl, auf ewig wohl! -</p> - -<p> -Peter sagte: nein, meine theuerste Magelone, ich -bleibe; wie könnte ich fortziehn, und dich nicht mehr -sehn, nicht mehr diese theuren Augen erblicken und -Hoffnung und Stärke in ihnen finden, diese liebe -Stimme nicht mehr hören, die wie ein Gesang aus -dem Paradiese in mein Ohr dringt? Nein, ich bleibe; -kein Gedanke nach meiner Heimath und meinen Eltern, -denn alle meine Gedanken wohnen hier. -</p> - -<p> -Magelone wurde wieder fröhlicher, dann besann sie -sich eine Weile. Wenn ihr mich liebt, fing sie wieder -an, so sollt ihr dennoch reisen. Eure Worte haben -einen Gedanken in mir erweckt, der schon seit lange -in meiner Seele schlummert, denn ich muß euch sagen, -es ist jezt an dem, daß mich mein Vater mit dem -Herrn Heinrich von Carpone vermälen will. Darum -flieht von hier, und nehmt mich mit euch, denn ich -<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> -traue eurem Edelmuthe; haltet morgen in der Nacht -mit zwei starken Pferden vor der Gartenpforte, aber -laßt es Pferde sein, die eine weite und schnelle Reise -wohl vertragen können, denn so man uns einholte, -wären wir alle elend. -</p> - -<p> -Der Jüngling hörte mit frohem Erstaunen diese -Worte. Ja, rief er aus, wir fliehen schnell zu meinem -Vater, und das schönste Band soll uns dann auf -ewig verbinden. -</p> - -<p> -Er eilte sogleich fort, um die nöthigen Anstalten -schnell und heimlich zu treffen. Magelone besorgte ihrerseits -auch das Nöthige, sagte aber ihrer Amme kein -Wort von ihrem Entschlusse, aus Furcht, daß sie alles -verrathen möchte. -</p> - -<p> -Peter nahm Abschied von seiner Kammer, von den -Gegenden der Stadt, durch die er so oft in seliger -Trunkenheit gewandelt war, und die er alle als Zeugen -seiner Liebe betrachtete. Es war ihm rührend, -als er die getreue Laute auf seinem Tische liegen sah, -die so oft von seinen Fingern gerührt die Gefühle -seines Herzens ausgesprochen hatte, die eine Mitwisserin -des süßen Geheimnisses war. Er nahm sie noch -einmal und sang: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wir müssen uns trennen,</p> - <p class="line">Geliebtes Saitenspiel,</p> - <p class="line">Zeit ist es, zu rennen</p> - <p class="line">Nach dem fernen erwünschten Ziel.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ich ziehe zum Streite,</p> - <p class="line">Zum Raube hinaus,</p> - <p class="line">Und hab’ ich die Beute,</p> - <p class="line">Dann flieg ich nach Haus.</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> - <p class="line">Im röthlichen Glanze</p> - <p class="line">Entflieh ich mit ihr,</p> - <p class="line">Es schützt uns die Lanze,</p> - <p class="line">Der Stahlharnisch hier.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Kommt, liebe Waffenstücke,</p> - <p class="line">Zum Scherz oft angethan,</p> - <p class="line">Beschirmet jezt mein Glücke</p> - <p class="line">Auf dieser neuen Bahn.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ich werfe mich rasch in die Wogen,</p> - <p class="line">Ich grüße den herrlichen Lauf,</p> - <p class="line">Schon mancher ward nieder gezogen,</p> - <p class="line">Der tapfere Schwimmer bleibt oben auf.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ha! Lust zu vergeuden</p> - <p class="line">Das edele Blut!</p> - <p class="line">Zu schützen die Freuden,</p> - <p class="line">Mein köstliches Gut!</p> - <p class="line">Nicht Hohn zu erleiden,</p> - <p class="line">Wem fehlt es an Muth?</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Senke die Zügel,</p> - <p class="line">Glückliche Nacht!</p> - <p class="line">Spanne die Flügel,</p> - <p class="line">Daß über ferne Hügel</p> - <p class="line">Uns schon der Morgen lacht!</p> -</div> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-10"> -<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> -<span class="firstline">10.</span><br /> -Wie Magelone mit ihrem Ritter entfloh. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>ie Nacht war gekommen. Magelone schlich mit -einigen Kostbarkeiten durch den Garten; der Himmel -war mit Wolken bedeckt, und ein sparsames Mondlicht -drang durch die Finsterniß. Sie ging mit wehmüthigen -Empfindungen ihren lieben Blumen vorüber, die sie nun -auf immer verlassen wollte. Ein feuchter Wind wehte -durch den Garten und ihr war, als wenn die Gesträuche -winselten und klagten, und ihr ein zärtliches -Lebewohl nachriefen. -</p> - -<p> -Vor der Pforte hielt Peter mit drei Pferden, darunter -war ein Zelter von einem leichten und bequemen -Gange für das Fräulein; auf einem andern Pferde -waren Lebensmittel, damit sie auf der Flucht nicht -nöthig hätten in Herbergen einzukehren. Peter hob -das Fräulein auf den Zelter, und so flohen sie heimlicherweise -und unter dem Schutze der Nacht davon. -</p> - -<p> -Die Amme vermißte am Morgen die Prinzessin, -und so fand sich auch bald, daß der Ritter in der -Nacht abgereiset sei; der König merkte daraus, daß er -seine Tochter entführt habe. Er schickte daher viele -Leute aus, um sie aufzusuchen; diese forschten fleißig -nach, aber alle kamen nach verschiedenen Tagen unverrichteter -Sache zurück. -</p> - -<p> -Peter hatte die Vorsicht gebraucht, daß er nach -den Wäldern zugeritten war, die in der Nähe des -Meeres lagen; dort waren die Wege <a id="corr-23"></a>am einsamsten und -fast gar nicht besucht, hier floh er mit seiner Geliebten -sicher unter dem dichten Schutze der Nacht hinweg. -<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> -Der Tritt von den Pferden hallte im Forste weit hinab, -die Wipfel der Bäume rauschten furchtbar in der -Dunkelheit, aber Magelonens Herz war frei und fröhlich, -denn sie hatte immer ihren Geliebten neben sich. -Sie weidete sich an seinem Antlitze, wenn sie über -einen freien Platz trabten; sie fragte ihn mancherlei -von seinen Eltern und seiner Heimath, und so verging -ihnen unter banger Erwartung, Gespräch und schönen -Hoffnungen die langwierige Nacht. -</p> - -<p> -Beim Anbruch des Morgens zogen dichte weiße -Nebel durch den Wald, wie Gottes Segen, der seine -Reise antrat und durch unwegsame Büsche den Saatfeldern -zueilte, wo er als Thau niederregnete. Sie -zogen durch den Flug des Nebels weiter, und durch -den Morgenwind, der die ganze Natur aus ihrem tiefen -Schlafe wach schüttelte. Magelone klagte über -keine Beschwer, denn sie empfand keine. -</p> - -<p> -Jezt brach die liebliche Sonne hervor, und äugelte -mit glühendem Funkeln durch den dichten Wald; das -grüne Gras schien am Boden zu brennen, und der -wankende Thau erbebte mit tausend blendenden Strahlen. -Die Rosse wieherten, die Vögel erwachten und -sprangen mit ihren Liedern von Zweig zu Zweig, gelbbeschwingte -badeten sich im Thau der Wiesen und flatterten -im Glanz des jungen Lichtes dicht über dem -Boden hinweg; durch den blauen Himmel zogen goldene -Streifen herauf und bahnten der aufgegangenen -Sonne den Weg; Gesänge ertönten aus allen Büschen, -die muntern Lerchen flogen empor und sangen von oben -in die rothdämmernde Welt hinein. -</p> - -<p> -Auch Peter stimmte ein fröhliches Lied an, und -der schönen Magelone ging darüber das Herz vor -<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> -Freuden auf. Seine Stimme zitterte durch alle Bäume -hinab, und ein ferner Wiederhall sang ihm nach. Die -beiden Reisenden sahen in der Gluth des Himmels, -im Glanz des frischen Waldes nur einen Wiederschein -ihrer Liebe; jeder Ton rief ihr Herz an, und erfüllte -es mit wehmüthiger Freude. -</p> - -<p> -Die Sonne stieg höher hinauf, und gegen Mittag -fühlte Magelone eine große Müdigkeit; beide stiegen -daher an einer schönen kühlen Stelle des Waldes von -ihren Pferden. Weiches Gras und Moos war auf -einer kleinen Anhöhe zart empor geschossen; hier setzte -sich Peter nieder und breitete seinen Mantel aus, auf -diesen lagerte sich Magelone und ihr Haupt ruhte in -dem Schooße des Ritters. Sie blickten sich beide mit -zärtlichen Augen an, und Magelone sagte: Wie wohl -ist mir hier, mein Geliebter, wie sicher ruht sichs hier -unter dem Schirmdach dieses grünen Baums, der mit -allen seinen Blättern, wie mit eben so vielen Zungen, -ein liebliches Geschwätze macht, dem ich gerne zuhöre; -aus dem dichten Walde schallt Vogelgesang herauf, und -vermischt sich mit den rieselnden Quellen; es ist hier -so einsam und tönt so wunderbar aus den Thälern -unter uns, als wenn sich mancherlei Geister durch die -Einsamkeit zuriefen und Antwort gäben; wenn ich dir -ins Auge sehe, ergreift mich ein freudiges Erschrecken, -daß wir nun hier sind; von den Menschen fern und -einer dem andern ganz eigen. Laß noch deine süße -Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertönen, <a id="corr-24"></a>damit -die schöne Musik vollständig sei, ich will versuchen -ein wenig zu schlafen; aber wecke mich ja zur rechten -Zeit, damit wir bald bei deinen lieben Eltern anlangen -können. -</p> - -<p> -<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> -Peter lächelte, er sah wie ihr die schönen Augen zufielen, -und die langen schwarzen <a id="corr-25"></a>Wimpern einen lieblichen -Schatten auf dem holden Angesichte bildeten; er sang: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ruhe, Süßliebchen im Schatten</p> - <p class="line2">Der grünen dämmernden Nacht,</p> - <p class="line">Es säuselt das Gras auf den Matten,</p> - <p class="line">Es fächelt und kühlt dich der Schatten,</p> - <p class="line2">Und treue Liebe wacht.</p> - <p class="line3">Schlafe, schlaf’ ein,</p> - <p class="line2">Leiser rauschet der Hain, —</p> - <p class="line2">Ewig bin ich dein.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Schweigt, ihr versteckten Gesänge,</p> - <p class="line2">Und stört nicht die süßeste Ruh!</p> - <p class="line">Es lauscht der Vögel Gedränge,</p> - <p class="line">Es ruhen die lauten Gesänge,</p> - <p class="line2">Schließ, Liebchen, dein Auge zu.</p> - <p class="line3">Schlafe, schlaf’ ein,</p> - <p class="line2">Im dämmernden Schein, —</p> - <p class="line2">Ich will dein Wächter sein.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Murmelt fort ihr Melodieen,</p> - <p class="line2">Rausche nur, du stiller Bach,</p> - <p class="line">Schöne Liebesphantasieen</p> - <p class="line">Sprechen in den Melodieen,</p> - <p class="line2">Zarte Träume schwimmen nach,</p> - <p class="line3">Durch den flüsternden Hain</p> - <p class="line2">Schwärmen goldene Bienelein,</p> - <p class="line2">Und summen zum Schlummer dich ein.</p> -</div> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-11"> -<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> -<span class="firstline">11.</span><br /> -Wie Peter die schöne Magelone verließ. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">P</span>eter war durch seinen Gesang beinahe auch eingeschläfert, -aber er ermunterte sich wieder, und betrachtete -das holdselige Angesicht der schönen Magelone, die -im Schlafe süß lächelte. Dann sah er über sich und -bemerkte, wie eine Menge schöner und zarter Vögel -oben in den Zweigen sich versammelten, die nicht scheu -thaten, sondern hin und her hüpften, auch jezuweilen -auf den kleinen Grasplatz zu ihm herunter kamen. Es -ergötzte ihn, daß diese unvernünftigen Kreaturen an der -schönen Magelone ein Wohlgefallen zu bezeigen schienen. -Da sah er aber in dem Baume einen schwarzen Raben -sitzen, und dachte bei sich: wie kommt doch dieser häßliche -Vogel in die Gesellschaft dieser bunten Thierchen, -es dünkt mir nicht anders, als wenn sich ein grober -ungeschliffener Knecht unter edle Ritter eindrängen wollte. -</p> - -<p> -Ihm däuchte, als wenn Magelone mit Bangigkeit -Athem holte, er schnürte sie daher etwas auf, und ihr -weißer schöner Busen trat aus den verhüllenden Gewändern -hervor. Peter war über die unaussprechliche -Schönheit entzückt, er glaubte im Himmel zu sein, -und alle seine Sinne wandten sich um; er konnte nicht -aufhören seine Augen zu weiden und sich an dem Glanze -zu berauschen. Mit jedem Athemzuge hob sich die zarte -Brust und sank wieder. Der Ritter fühlte, daß er -Magelonen noch nie so geliebt habe, daß er noch niemals -so glücklich gewesen sei. Zwischen den Brüsten -versteckt, bemerkte er einen rothen Zindel; er war neugierig -zu erfahren, was es sein möchte; er nahm ihn -<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> -und wickelte ihn aus einander. Da fand er die drei -kostbaren Ringe, die er seiner Geliebten geschenkt hatte, -und er war innig gerührt, daß sie sie so liebevoll und -sorgfältig bewahrte. Er wickelte sie wieder ein, und -legte sie neben sich in das Gras; aber plötzlich flog der -Rabe vom Baume hernieder und führte den Zindel hinweg, -den er für ein Stück Fleisch ansehn mochte. Peter -erschrak sehr und besorgte, daß Magelone unwillig werden -möchte, wenn ihr beim Erwachen die Ringe fehlten. -Er legte ihr also sorgfältig seinen Mantel unter -das Haupt zusammen, und stand leise auf, um zu -sehn, wo der Vogel mit den Ringen bleiben würde. -Der Rabe flog vor ihm her, und Peter warf nach -ihm mit Steinen, in der Meinung, ihn zu tödten, -oder ihn wenigstens zu zwingen, seinen Raub wieder -fallen zu lassen. Aber der Vogel flog immer weiter -und Peter verfolgte ihn unermüdet, doch keiner von -den Steinwürfen wollte den Raben treffen. So war -ihm Peter schon eine ziemliche Weile gefolgt, und kam -jezt an das Meerufer. Nicht weit vom Ufer stand im -Meere eine spitzige Klippe, auf diese setzte sich der Rabe, -und Peter warf von neuem nach ihm mit Steinen; -der Vogel ließ endlich den Zindel fallen, und flog mit -großem Geschrei davon. Peter sah im Meere nicht -weit vom Ufer roth den Zindel schwimmen; er ging -am Lande hin und her, um etwas zu finden, worauf -er die wenigen Schritte in das Wasser hinein fahren -könne. Er fand auch endlich einen kleinen, alten, verwitterten -Kahn, den die Fischer hier hatten stehen lassen, -weil er ihnen nichts mehr nützte. Peter stieg rasch -hinein, nahm einen Zweig, und ruderte damit, so gut -er nur konnte, nach dem Zindel hin. -</p> - -<p> -<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> -Aber plötzlich erhob sich vom Lande her ein starker -Wind, die Wellen jagten sich über einander und ergriffen -den kleinen Kahn, in welchem Peter stand. Peter -setzte sich mit allen Kräften dagegen, aber das Schiff -ward dennoch der Klippe vorüber, ins Meer hinein -getrieben, und weiter und immer weiter. Peter sah -zurück, und kaum bemerkte er noch den rothen Flecken, -den der Zindel im Meere machte, und jezt verschwand -er völlig, auch das Land lag schon ziemlich entfernt. -Nun gedachte Peter an seine Magelone zurück, die er -im wüsten Holze schlafend verlassen hatte; das Schiff -trug ihn wider Willen immer weiter in die See hinein, -und er kam in Angst und Verzweiflung. Er war im -Begriff, sich in das Meer zu stürzen, er schrie und -klagte, und alle seine Töne gab ein Echo zurück, und -die Wellen plätscherten laut dazwischen. -</p> - -<p> -Das Land lag nun schon weit zurück in einer unkenntlichen -Ferne, die Dämmerung des Abends brach -herein. Ach theuerste Magelone! rief Peter in der -höchsten Betrübniß seiner Seelen heftig aus: wie wunderlich -werden wir von einander geschieden! Eine schwarze -Hand treibt mich von deiner Seite in das wüste Meer -hinaus, und du bist allein und ohne Hülfe. Was -willst du Unglückselige im wüsten Walde beginnen? Ach! -ich bin Schuld an deinem Tode! Mußte ich dich darum, -dich Königstochter von deinen Eltern entführen, um dich -der härtesten Noth Preis zu geben? Bist du darum so -zart und edel erzogen, daß du nun vielleicht eine Beute -der wilden Thiere werden mußt? Was wird sie nun -machen, wenn sie erwacht, und den vermißt, den sie für -den Getreuesten auf der ganzen Erde hielt? Warum -mußte mein Vorwitz nur die Ringe hervor suchen, konnte -<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> -ich sie nicht an ihrem schönsten Platze lassen, wo sie so -sicher waren? O weh mir, nun ist alles verloren und -ich muß mich in mein Verderben finden! -</p> - -<p> -Solche Klagen trieb er, und geberdete sich auf -dem wüsten Meere äußerst trübselig. Er verlor alle -Hoffnung, und gab sein Leben auf. Der Mond schien -vom Himmel herab und erfüllte die Welt mit goldener -Dämmerung; alles war still, nur die Wellen seufzten -und plätscherten, und Vögel flatterten zu Zeiten mit -seltsamen Tönen über ihn dahin. Die Sterne standen -ernst am Himmel und die Wölbung spiegelte sich in -der wogenden Fluth. Peter warf sich nieder, und -sang mit lauter Stimme: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">So tönet dann, schäumende Wellen,</p> - <p class="line">Und windet euch rund um mich her!</p> - <p class="line">Mag Unglück doch laut um mich bellen,</p> - <p class="line">Erbost sein das grausame Meer!</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ich lache den stürmenden Wettern,</p> - <p class="line">Verachte den Zorngrimm der Fluth;</p> - <p class="line">O mögen mich Felsen zerschmettern!</p> - <p class="line">Denn nimmer wird es gut.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Nicht klag’ ich, und mag ich nun scheitern,</p> - <p class="line">In wäßrigen Tiefen vergehn!</p> - <p class="line">Mein Blick wird sich nie mehr erheitern,</p> - <p class="line">Den Stern meiner Liebe zu sehn.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">So wälzt euch bergab mit Gewittern,</p> - <p class="line">Und raset, ihr Stürme, mich an,</p> - <p class="line">Daß Felsen an Felsen zersplittern!</p> - <p class="line">Ich bin ein verlorener Mann.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> -Er lag im Kahne ausgestreckt, und eine dumpfe -Betäubung ergriff ihn; er wußte vor Uebermaß des -Schmerzes nicht mehr, wo er war, und ließ sich gleichgültig -von Wind und Wellen weiter treiben; endlich -verfiel er in einen Zustand, der fast einem Schlafe glich. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-12"> -<span class="firstline">12.</span><br /> -Die Klagen der schönen Magelone. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span>agelone erwachte, nachdem sie sich durch einen süßen -Schlaf erquickt hatte, und meinte, daß ihr Geliebter -noch bei ihr säße. Sie erschrak, als sie sich aufrichtete -und ihn nicht mehr fand; sie wartete erst eine Weile, -ob er nicht wieder kommen möchte, dann ging sie hin -und her, und rief seinen Namen mit lauter Stimme -aus. Da sie keine Antwort vernahm, fing sie an zu -weinen und zu schluchzen, wandte sich dann im Holze -nach allen Orten hin, und rief so lange, bis sie heiser -war, aber sie erhielt keine Antwort. Da wurde sie so -betrübt, daß sie einen heftigen Schmerz im Haupte -empfand, sie sank auf den Boden nieder, und lag eine -Weile in einer schmerzlichen Ohnmacht. Als sie wieder -zu sich erwachte, däuchte ihr, daß es ein Leichtes sein -müsse, jezt gar zu sterben; nun sah sie nicht mehr auf -die Vögel, die scherzend um sie hüpften, denn wenn -sie die Augen aufschlug, war es ihr zu Sinne, daß -jede Kreatur, die sich regte und bewegte, glücklicher sei, -als sie. -</p> - -<p> -Mit vieler Mühe stieg sie auf einen Baum, um -sich in der Gegend umzusehn, ob sie nichts entdecken -<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a> -könne, aber sie sah nichts als Wälder auf der einen -Seite, keine Wohnung, kein Dorf, so weit ihr Auge -reichte, auf der andern Seite das wüste unabsehliche -Meer. Trostlos stieg sie wieder herab, und weinte -und klagte von neuem: O ungetreuer Ritter, rief sie -aus, warum hast du deine unschuldige Geliebte verlassen? -Hast du mich darum meinen Eltern geraubt, -damit ich hier in der Wüstenei verschmachten soll? -Was hab’ ich dir gethan? Hab’ ich dich zu sehr geliebt? -Bist du mein überdrüßig, weil ich dir mein -schwaches Herz zu früh zu erkennen gab? O, so bist -du der Elendeste unter den Menschen! -</p> - -<p> -Sie ging wie wahnsinnig im Walde hin und her; -da traf sie die Rosse, die noch so angebunden standen, -wie Peter sie fest gemacht hatte. O vergieb mir, mein -Geliebter! rief sie aus, jezt werde ich wohl gewahr, -daß du unschuldig bist und daß du mich nicht vorsätzlicherweise -verlassen hast. Welches Abentheuer hat uns -denn von einander getrennt? -</p> - -<p> -Die Finsterniß brach mit der Nacht herein, und -der Mond warf gebrochne Strahlen durch den Wald; -seltsame fremde Stimmen ließen sich in der Ferne -hören, und Magelone fürchtete, daß es das Geschrei -wilder Thiere sei. Mühsam stieg sie wieder auf einen -Baum. Die Wolken wechselten am Himmel wunderlich -vom Monde beglänzt, und jagten sich durch einander; -bald sah sie in diesen Lufterscheinungen ihren -Ritter, der mit Ungeheuern kämpfte und sie besiegte; -dann verwandelte sich im Zuge das Wolkengebilde in -ein andres; ihr dämmerndes Auge glaubte dann am -Himmel Städte mit hohen Thürmen zu erblicken, oder -Berge, auf denen feurige Castelle brannten, Reiter, -<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> -die in Geschwadern auszogen, und dem Feinde im -Thale begegneten. Wie Blitze flatterte es dann durch -die Landschaft, und die hellgrüne Himmelsebene lag prächtig -zwischen den getrennten Wolkenbildern; dann fühlte -sie, daß sie nur geschwärmt habe, und mit bangem -Grauen warf sie den Blick auf die Wälder unter sich, die -schwarz in ernsten unbeweglichen Gestalten ruhten; sie -sah nach der See hinab, die in unermeßlicher Fläche -vor ihren Augen bebte und dämmerte. In der stillen -Nacht kam das Plätschern der Wellen zu ihrem Ohre, -das bald wie Gewinsel, bald wie zürnende Scheltworte -klang; dann glaubte sie die Stimme ihres Vaters und -ihrer Mutter zu hören, und so trieb sich ihr Gemüth -unter Phantasieen auf und ab, bis der Morgen empor -kam. Wie verschieden war diese Morgenröthe von der -gestrigen! Wie weit stand jezt die Hoffnung weg, die -gestern noch mit leichten Flügeln wie ein blauer Schmetterling -vor ihr hintanzte, die ihr den Weg nach einer -lieben Heimath wies, und alle Blumen am Wege aufsuchte -und auf sie hindeutete. -</p> - -<p> -Das Waldgeflügel ließ seine Gesänge wieder klingen, -das frühe Roth arbeitete sich durch den dichten -Wald, schlich gebückt und wundersam durch die niedrigen -Gesträuche, und weckte Gras und Blumen auf; -der Wald brannte in dunkelrothen Flammen und der -Nebel wand sich in goldenen Säulen um die Baumstämme. -Magelone hatte in der Nacht beschlossen, nicht -zu ihrem Vater zurückzukehren, denn sie fürchtete seinen -Zorn, sie wollte irgend eine stille Wohnung aufsuchen, -von den Menschen abgesondert, dort immer an ihren -Geliebten denken und so in Frömmigkeit und Treue -hinsterben. Sie stieg daher vom Baum herunter und -<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> -ging wieder zu den treuen Pferden, die noch angebunden -standen, und den Kopf betrübt zur Erde senkten. -Sie löste ihre Zügel, so daß sie gehn konnten, -wohin sie wollten, indem sie sagte: so wandert nun -auch hin durch die weite traurige Welt, und suchet -euren Herrn wieder, so wie ich ihn suchen will. Die -Rosse gingen betrübt fort, jedes einen andern Weg. -</p> - -<p> -Magelone wanderte durch die dichten Wälder, sie -hatte einige Nahrung mit sich genommen. Um sich -unkenntlich zu machen, verbarg sie ihre langen goldenen -Haare und zog einen Schleier über ihr Gesicht; -sie suchte auch ihre Kleidung zu verändern. So kam -sie durch manche Dörfer und Städte und blieb immer -betrübt. -</p> - -<p> -Nach einer Wanderung von vielen Tagen stand sie -gegen Abend auf einer freundlichen stillen Wiese, gegenüber -lag eine kleine Hütte, und Vieh weidete auf den -nahen Hügeln, das mit seinen Glocken ein angenehmes -Getöne durch die Ruhe des Abends machte: auf der -andern Seite lag ein Wald, und Magelonens Seele -wurde hier zum erstenmale nach langer Zeit ruhig und -heiter. Sie faßte daher den Wunsch, in dieser friedlichen -Gegend zu wohnen. Sie ging auf die Hütte zu, -aus der ihr ein alter Schäfer entgegen trat, der hier -mit seiner Frau sich angesiedelt hatte, und fern von -der Welt und den Menschen fromme Lämmer groß zog, -und einen kleinen Acker baute. Sie redete ihn an, und -flehte als eine Unglückliche um Schutz und Hülfe. Er -nahm sie gerne auf, und sie unterzog sich den Diensten -willig, die sie leisten konnte, dabei aber verschwieg sie -ihrem Wirthe ihre Geschichte. Es geschah manchmal, -daß sie einem Unglücklichen beistehn konnten, wenn ihn -<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> -der Schiffbruch an die nahgelegene Küste trieb, und dann -zeigte sich besonders Magelone hülfreich und thätig. Wenn -die Alten ausgingen, bewachte sie das Haus, und sang -dann manchmal in der Einsamkeit mit der Spindel vor -der Thüre sitzend: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wie schnell verschwindet</p> - <p class="line">So Licht als Glanz,</p> - <p class="line">Der Morgen findet</p> - <p class="line">Verwelkt den Kranz,</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Der gestern glühte</p> - <p class="line">In aller Pracht,</p> - <p class="line">Denn er verblühte</p> - <p class="line">In dunkler Nacht.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Es schwimmt die Welle</p> - <p class="line">Des Lebens hin,</p> - <p class="line">Und färbt sich helle,</p> - <p class="line">Hats nicht Gewinn;</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die Sonne neiget,</p> - <p class="line">Die Röthe flieht,</p> - <p class="line">Der Schatten steiget</p> - <p class="line">Und Dunkel zieht:</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">So schwimmt die Liebe</p> - <p class="line">Zu Wüsten ab,</p> - <p class="line">Ach! daß sie bliebe</p> - <p class="line">Bis an das Grab!</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Doch wir erwachen</p> - <p class="line">Zu tiefer Quaal:</p> - <p class="line">Es bricht der Nachen,</p> - <p class="line">Es löscht der Strahl,</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> - <p class="line">Vom schönen Lande</p> - <p class="line">Weit weggebracht</p> - <p class="line">Zum öden Strande,</p> - <p class="line">Wo um uns Nacht.</p> -</div> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-13"> -<span class="firstline">13.</span><br /> -Peter unter den Heiden. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">P</span>eter erholte sich aus seiner Betäubung, als die Sonne -eben in aller Majestät über die große Meeresfluth herauf -stieg. Ein furchtbarer Glanz schwang sich durch -den Himmel und löschte Mond und Sterne mit glühenden -Strahlen aus; die Wasser erklangen und verwandelten -sich in Purpur, Wolkenzüge trieben vor der -Sonne her und segelten, wie von der Majestät geschreckt, -über das Meer hinweg, und ein sprühender -Regen von Funken verbreitete sich weit umher, und -ergoß sich in Bogen über die Fluth. Peter fühlte -wieder männlichen Muth in seiner Brust, die Quaalen -des Lebens so wie seine Freuden zu erdulden. -</p> - -<p> -Ein großes Schiff segelte auf ihn zu, das von -Mohren und Heiden besetzt war; sie nahmen ihn ein -und freuten sich über diese Beute, denn Peter war -gar schön und herrlich von Gestalt, dazu gab ihm seine -Jugend ein zartes und einnehmendes Wesen, so daß -niemand sein Feind sein konnte. Der Anführer des -Schiffes beschloß, ihn dem Sultan als ein Geschenk -mitzubringen. -</p> - -<p> -Man landete, und Peter ward sogleich dem Sultan -vorgestellt, der einen großen Gefallen an ihm fand, -<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> -und ihn bei der Tafel aufwarten ließ, ihm auch die -Aufsicht über einen schönen Garten anvertraute. Peter -war allgemein beliebt, weil er vom Sultan so gnädig -angesehen wurde. Oft ging er einsam zwischen den -Blumen des Gartens, und dachte an seine geliebte -Magelone, oft nahm er auch in der Abendstunde eine -Zither und sang: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Muß es eine Trennung geben,</p> - <p class="line">Die das treue Herz zerbricht?</p> - <p class="line">Nein dies nenne ich nicht leben,</p> - <p class="line">Sterben ist so bitter nicht.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Hör’ ich eines Schäfers Flöte,</p> - <p class="line">Härme ich mich inniglich,</p> - <p class="line">Seh ich in die Abendröthe,</p> - <p class="line">Denk ich brünstiglich an dich.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Giebt es denn kein wahres Lieben?</p> - <p class="line">Muß denn Schmerz und Trauer sein?</p> - <p class="line">Wär’ ich ungeliebt geblieben,</p> - <p class="line">Hätt’ ich doch noch Hoffnungsschein.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Aber so muß ich nun klagen:</p> - <p class="line">Wo ist Hoffnung, als das Grab?</p> - <p class="line">Fern muß ich mein Elend tragen,</p> - <p class="line">Heimlich stirbt das Herz mir ab.</p> -</div> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-14"> -<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> -<span class="firstline">14.</span><br /> -Die Heidin Sulima liebt den Ritter. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">P</span>eter mochte hier vergnügt leben, wenn die Liebe -nicht seine Jugend verzehrt hätte. Er war nun schon -seit lange am Hofe des Sultans und von ihm und -den übrigen geschätzt; er hatte viele Freiheit und ward -von manchem Hofdiener beneidet; aber er verdiente -diesen Neid nicht, denn er ward von seiner Unruhe -hin und her getrieben, er seufzte und klagte laut, wenn -er sich im Garten allein befand. -</p> - -<p> -So verstrich eine Woche nach der andern und er -war nun beinahe zwei Jahr unter den Heiden, ohne -daß er Hoffnung hatte, jemals in sein geliebtes Vaterland -zurück zu kehren, denn der Sultan liebte ihn so -sehr, daß er ihn durchaus nicht von sich entfernen wollte. -Dies zog sich Peter auch zu Sinne und ward darüber -mit jedem Tage betrübter, denn er dachte unaufhörlich -an seine Eltern und seine Geliebte. Nichts machte ihm -Freude, und da der Frühling wieder kam, weinte er -bei seiner Ankunft, und trauerte tief, indem die ganze -Natur ihr holdseligstes Fest beging. -</p> - -<p> -Der Sultan hatte eine Tochter, die im ganzen -Lande ihrer Schönheit wegen berühmt war, mit Namen -Sulima. Sie fand oft Gelegenheit, den Fremden zu -sehn, und ohne daß sie es anfangs wußte, hatte sich -eine heftige Liebe zu ihm in ihr Herz geschlichen. Die -Traurigkeit des Ritters zog sie vorzüglich an, sie wünschte -ihn trösten zu können, ihm näher zu kommen, und mit -ihm zu reden. Die Gelegenheit dazu fand sich bald. -Eine vertraute Sklavin führte den Jüngling heimlich in -<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> -einen Saal des Gartens zu ihr. Peter war erstaunt -und in Verlegenheit; er verwunderte sich über die -Schönheit der Sulima, aber sein Herz hing an Magelonen -fest. -</p> - -<p> -Doch der süße Trieb, sein Vaterland wieder zu -sehn, bemeisterte sich bald aller seiner Sinnen so sehr, -daß er einem kühnen Anschlage nachdachte. Er sah -das Heidenmädchen öfter, und sie sagte ihm, daß sie -aus Liebe zu ihm mit ihm entfliehen wolle, erst zu -einem Verwandten, der ein Schiff segelfertig liegen -habe, das auf ihren Wink sogleich die Anker lichten -würde; sie wolle ihm in der bestimmten Nacht durch -eine Laute und ein kleines Lied ein Zeichen geben, -wann er kommen und sie abholen solle. Peter überlegte -diesen Vorschlag und willigte endlich ein, denn -er überzeugte sich, daß Magelone gewiß gestorben sei, -und er komme doch so in die Christenheit und zu seinen -Eltern zurück. -</p> - -<p> -Der Garten des Sultans lag am Ufer des Meeres, -und die bestimmte Nacht war jezt herbei gekommen. -Gegen Abend hatte Peter ein wenig unter den -kühlen Bäumen geschlummert, und Magelone war ihm -in aller Herrlichkeit, aber mit einer drohenden Geberde, -im Traum erschienen. Die ganze Vergangenheit zog -mit den lebhaftesten Bildern durch seinen Busen, jede -Stunde seiner glücklichen Liebe kam mit allen seligen -Empfindungen zurück, und als er nun erwachte, erschrak -er vor sich selber und seinem Vorsatze. Er hätte sich -selber entfliehen mögen, und das Andenken an sich und -sein Bewußtsein aus seinem Busen vertilgen. -</p> - -<p> -Die Nacht brach indeß herein, und alle Sterne -glänzten schon am Himmel; der Mond ging auf und -<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> -warf sein goldenes Netz über das Meer hin, als -Peter nachdenklich am Ufer auf und nieder ging. Ein -frischer Wind blies vom Lande her durch den Garten, -und die Bäume rauschten munter und fröhlich, aber -Peter ward dadurch nur desto betrübter. -</p> - -<p> -O ich Treuloser! ich Undankbarer! rief er aus, -will ich so ihre Liebe belohnen, will ich als ein Meineidiger -in mein Vaterland zurück kehren? Das wäre -mir ein schlechter Ruhm unter meinen Verwandten und -der ganzen Ritterschaft; und wie sollte ich gegen Magelonen -die Augen aufschlagen dürfen, wenn sie noch -lebt? Und warum sollte sie nicht leben, da ich so wunderbar -erhalten bin? O ich bin ein feiger Sklave, daß -ich für mich selber noch nichts gewagt habe! Warum -überlaß ich mich nicht dem gütigen Schicksal, und fahre -in einem dieser Nachen in das Meer hinein? Ueberließ -ich mich nicht auf einem zerbrochenen Brete der empörten -Fluth, und kam an dies Gestade? Soll ich nicht -auf Gott vertraun, wenn von Vaterland, wenn von -meiner Liebe die Rede ist? -</p> - -<p> -Er stieg beherzt in ein kleines Boot, das er vom -Lande ablöste, dann nahm er ein Ruder und arbeitete -sich in die See hinein. Es war die schönste Sommernacht; -alle Gestirne sahen freundlich in die mondbeglänzte -Welt hinein, das Meer war eine stille ebene -Fläche, und warme Lüfte spielten über dem ruhigen -Spiegel hin. Peters Herz ward groß von Sehnsucht, -er überließ sich dem Zufall und den Sternen, und -ruderte muthig weiter; da hörte er das verabredete -Zeichen, eine Zither erklang aus dem Garten her, und -eine liebliche Stimme sang dazu: -</p> - -<div class="poem"> -<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> - <p class="line">Geliebter, wo zaudert</p> - <p class="line">Dein irrender Fuß?</p> - <p class="line">Die Nachtigall plaudert</p> - <p class="line">Von Sehnsucht und Kuß.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Es flüstern die Bäume</p> - <p class="line">Im goldenen Schein,</p> - <p class="line">Es schlüpfen mir Träume</p> - <p class="line">Zum Fenster herein.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ach! kennst du das Schmachten</p> - <p class="line">Der klopfenden Brust?</p> - <p class="line">Dies Sinnen und Trachten</p> - <p class="line">Voll Quaal und voll Lust?</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Beflügle die Eile</p> - <p class="line">Und rette mich dir,</p> - <p class="line">Bei nächtlicher Weile</p> - <p class="line">Entfliehn wir von hier.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die Segel sie schwellen,</p> - <p class="line">Die Furcht ist nur Tand:</p> - <p class="line">Dort, jenseit den Wellen,</p> - <p class="line">Ist väterlich Land.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die Heimath entfliehet;</p> - <p class="line">So fahre sie hin!</p> - <p class="line">Die Liebe sie ziehet</p> - <p class="line">Gewaltig den Sinn.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Horch! wollüstig klingen</p> - <p class="line">Die Wellen im Meer,</p> - <p class="line">Sie hüpfen und springen</p> - <p class="line">Muthwillig einher,</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> - <p class="line">Und sollten sie klagen?</p> - <p class="line">Sie rufen nach dir!</p> - <p class="line">Sie wissen, sie tragen</p> - <p class="line">Die Liebe von hier.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Peter erschrak im Herzen, als er diesen Gesang -vernahm; das Lied rief ihm seine Untreue und seinen -Wankelmuth nach. Er ruderte stärker, um sich vom -Lande zu entfernen und dem Kreise zu entfliehen, den -die lieblich lockenden Töne in der stillen Abendluft bildeten. -Der Geist der Liebe schwang sich durch den -goldenen Himmel; Liebe wollte ihn rückwärts ziehn, -Liebe trieb ihn vorwärts, die Wellen murmelten melodisch -dazwischen, und klangen wie ein Lied in fremder -Sprache, dessen Sinn man aber dennoch erräth. -</p> - -<p> -Der Gesang vom Ufer her ward immer schwächer. -Schon sah Peter die Bäume am Gestade nicht mehr; -es war, als wenn sich ihm die Musik über das Meer -nacharbeitete, und endlich matt und kraftlos nicht weiter -zu schwimmen wagte, sondern zum einheimischen Ufer -zurück schlich; denn jezt hörte er den Gesang nur noch -wie ein leises Wehen des Windes, und jezt erlosch -auch die letzte Spur, und die Wellen rieselten nur, -und der Ruderschlag ertönte durch die einsame Stille. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-15"> -<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> -<span class="firstline">15.</span><br /> -Wie Peter wieder zu Christen kam. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>ie der Gesang verschollen war, faßte Peter wieder -frischen Muth; er ließ das Schifflein vom Winde hintreiben, -setzte sich nieder und sang: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wie froh und frisch mein Sinn sich hebt,</p> - <p class="line">Zurückbleibt alles Bangen,</p> - <p class="line">Die Brust mit neuem Muthe strebt,</p> - <p class="line">Erwacht ein neu Verlangen.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die Sterne spiegeln sich im Meer,</p> - <p class="line">Und golden glänzt die Fluth. —</p> - <p class="line">Ich rannte taumelnd hin und her,</p> - <p class="line">Und war nicht schlimm, nicht gut.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Doch niedergezogen</p> - <p class="line">Sind Zweifel und wankender Sinn,</p> - <p class="line">O tragt mich, ihr schaukelnden Wogen,</p> - <p class="line">Zur längst ersehnten Heimath hin.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">In lieber dämmernder Ferne,</p> - <p class="line">Dort rufen einheimische Lieder,</p> - <p class="line">Aus jeglichem Sterne</p> - <p class="line">Blickt sie mit sanftem Auge nieder.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ebne dich, du treue Welle,</p> - <p class="line">Führe mich auf fernen Wegen</p> - <p class="line">Zu der vielgeliebten Schwelle,</p> - <p class="line">Endlich meinem Glück entgegen!</p> -</div> - -<p class="noindent"> -<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> -Als das Morgenroth aufging, sah er das Land -nur noch wie eine unkenntliche blaue Wolke weit hinunter -liegen, und er erschrak beinah, als ihn das allmächtige -Meer und der gewölbte Himmel so unermeßlich -umgab. In der Ferne segelte ein Schiff auf ihn -zu, und er hätte beinah geglaubt, daß er sein ehemaliges -Unglück nur von neuem träume; aber als es -näher gekommen, sah er, daß die Schiffer Christen -waren, die ihn sogleich willig aufnahmen. Er freute -sich, als er hörte, daß sie nach Frankreich segelten. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-16"> -<span class="firstline">16.</span><br /> -Der Ritter auf der Reise. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">U</span>m die Zeit war der Graf von der Provence nebst -seiner Gemalin sehr betrübt, weil sie noch gar keine -Nachrichten von ihrem geliebten Sohne bekommen hatten. -Besonders aber war die Mutter in Angst, denn -sie hatte eine große Sehnsucht, ihren einzigen Sohn -nach so langer Zeit wieder zu sehn. Sie sprach oft -mit dem Grafen von ihrem Kummer, und daß ihr -schöner Sohn wahrscheinlich umgekommen sei. Da -sollte ein Fest gegeben werden, und ein Fischer brachte -einen großen Fisch in die gräfliche Küche; als ihn der -Koch aufschnitt, fand er drei Ringe in dessen Bauche, -die er der Gräfin überbrachte. Die Gräfin verwunderte -sich über die Maßen, denn sie erkannte sie für -eben diejenigen, die sie ihrem Sohne gegeben hatte. -Sie sagte daher zu ihrem Gemal: jezt bin ich getröstet, -denn da ich so unvermuthet und auf so wunderbare -<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> -Weise Kundschaft von meinem Sohn bekommen -habe, so bin ich auch überzeugt, daß Gott ihn nicht -verlassen hat, sondern daß er ihn nach vielen überstandenen -Mühseligkeiten in unsre Arme zurück führen -wird. — -</p> - -<p> -Peter stand im Schiffe und sah immer nach der -Gegend hin, wo die erwünschte Heimath lag. Die -Fahrt war glücklich, und man landete an einer kleinen -unbewohnten Insel, um süßes Wasser einzunehmen. -Alles Schiffsvolk stieg an das Land, und auch Peter. -Er ging durch ein anmuthiges Thal und verlor sich -hinter einigen Hügeln in das Land hinein; da setzte er -sich nieder und sah viele schöne Blumen um sich stehn. -Alle blickten ihn wie mit freundlichen, lieblichen Augen -an, und er dachte innig an Magelonen, und wie sie -ihn geliebt hatte. Wie kann der Liebende, rief er aus, -sich nur jemals einsam fühlen? Erinnern mich nicht -diese blauen Kelche an ihre holdseligen Augen, dieses goldene -Blatt an ihr Haar, die Pracht dieser Lilie und -Rose neben einander, an ihre zarten Wangen? Ist es -doch, als wenn der Wind in den Blumen sich bewegt, -und es, wie auf Saiten versuchen will, ihren süßen -Namen auszusprechen; Quellen und <a id="corr-27"></a>Bäume nennen -ihn, für die übrigen Menschen unverständlich, aber mir -laut und vernehmlich. -</p> - -<p> -Er erinnerte sich eines Gesanges, den er vor langer -Zeit gedichtet hatte, und wiederholte ihn jezt: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Süß ists, mit Gedanken gehn,</p> - <p class="line">Die uns zur Geliebten leiten,</p> - <p class="line">Wo von blumbewachsnen Höhn</p> - <p class="line">Sonnenstrahlen sich verbreiten.</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> - <p class="line">Lilien sagen: unser Licht</p> - <p class="line">Ist es, was die Wange schmücket;</p> - <p class="line">Unsern Schein die Liebste blicket:</p> - <p class="line">So das blaue Veilchen spricht.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Und mit sanfter Röthe lächeln</p> - <p class="line">Rosen ob dem Uebermuth,</p> - <p class="line">Kühle Abendwinde fächeln</p> - <p class="line">Durch die liebevolle Gluth.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">All ihr süßen Blümelein,</p> - <p class="line">Sei es Farbe, sei’s Gestalt,</p> - <p class="line">Malt mit liebender Gewalt</p> - <p class="line">Meiner Liebsten hellen Schein,</p> - <p class="line">Zankt nicht, zarte Blümelein.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Rosen, duftende Narzissen,</p> - <p class="line">Alle Blumen schöner prangen,</p> - <p class="line">Wenn sie ihren Busen küssen</p> - <p class="line">Oder in den Locken hangen,</p> - <p class="line">Blaue Veilchen, bunte Nelken,</p> - <p class="line">Wenn sie sie zur Zierde pflückt,</p> - <p class="line">Müssen gern als Putz verwelken,</p> - <p class="line">Durch den süßen Tod beglückt.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Lehrer sind mir diese Blüthen,</p> - <p class="line">Und ich thue wie sie thun,</p> - <p class="line">Folge ihnen, wie sie riethen,</p> - <p class="line">Ach! ich will gern alles bieten,</p> - <p class="line">Kann ich ihr am Busen ruhn.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Nicht auf Jahre sie erwerben,</p> - <p class="line">Nein, nur kurze, kleine Zeit,</p> -<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> - <p class="line">Dann in ihren Armen sterben,</p> - <p class="line">Sterben ohne Wunsch und Neid.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Ach! wie manche Blume klaget</p> - <p class="line">Einsam hier im stillen Thal,</p> - <p class="line">Sie verwelket eh es taget,</p> - <p class="line">Stirbt beim ersten Sonnenstrahl:</p> - <p class="line">Ach, so bitter herzlich naget</p> - <p class="line">Auch an mir die scharfe Quaal,</p> - <p class="line">Daß ich sie und all mein Glücke,</p> - <p class="line">Nimmer, nimmermehr erblicke.</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Er weinte heftig, indem er die letzten Worte sang, -denn er glaubte sein Herz zu verstehn, das ihm ein Unglück -vorhersagte. Er betrachtete mit thränenden Blicken -das Blumenlabirinth um sich her, und es war ihm -ein Ergötzen, die Blumen in seiner Einbildung so zu -ordnen, daß sie den Namenszug Magelonens ausdrückten. -Dann horchte er auf das lispelnde Gras, das -ihm etwas zu sagen schien, auf die Blüten, die sich -oft zärtlich zu einander neigten, als wenn sie ein herzliches -Gespräch von Liebe führen wollten. In der ganzen -Natur sah er liebevolle Eintracht, und jedes Geräusch -klang seinem Ohre wie ein melodischer Gesang. -Darüber verlor er sich immer mehr in Träumen; von -den Thränen ermüdet schlief er endlich unter den Blumen -ein, und es war ihm im Traum, als wenn er -laut den Namen Magelone ausrufen hörte; darüber ging -ihm sein Herz wie eine zugeschlossene Knospe auf, und -er fühlte eine übergroße Freude. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-17"> -<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> -<span class="firstline">17.</span><br /> -Peter wird von Fischern aufgefunden. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>ber der Wind blies indeß lustig in die Segel, und -das Schiffsvolk eilte wieder in das Schiff, um abzufahren, -nur Peter blieb aus; man rief ihn, aber da -er nicht kam, fuhren die übrigen fort. -</p> - -<p> -Als sie schon weit vom Ufer entfernt waren, erwachte -Peter aus seinem erquickenden Schlafe; er erschrak, -als er gewahr ward, daß er geschlafen hatte. -Er eilte an das Ufer, aber Niemand war da, und -das Schiff nirgend zu sehn. Da senkte sich eine große -Traurigkeit in sein Herz, alle seine Hoffnungen waren -wieder verschwunden: er stürzte nieder und lag am -Ufer des Meeres ohne Besinnung und in tiefer Ohnmacht, -so daß es finstre Nacht wurde und er es nicht -bemerkte. -</p> - -<p> -Als es nach Mitternacht kam, ging der Mond auf, -und einige Fischer fuhren mit einem Kahne an die -Insel, um ihre Arbeit hier vorzunehmen; sie fanden -den Jüngling, der für todt auf der Erde ausgestreckt -lag. Das feste Land war nicht weit von dieser Insel, -sie luden ihn daher in ihr kleines Schiff, und fuhren -wieder ab, um ihn ins Leben zurück zu bringen. Schon -unterwegs erwachte Peter; es dünkte ihm seltsam, als -ihm der Mond ins Angesicht schien und er die Ruder -seufzen hörte, und wie er vernahm, daß zwei fremde -Männer mit einander verabredeten, wie sie ihn zu -einem alten Schäfer bringen wollten, der sein pflegen -würde. Oft kam es ihm vor wie ein Traum, oft -<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> -wieder wie Wahrheit, und er zweifelte so lange, bis -sie endlich mit dem Aufgang der Sonne landeten. -</p> - -<p> -Als Peter eine Weile in den erquickenden Sonnenstrahlen -gelegen hatte, ward er wieder munter und -richtete sich auf; er dankte in einem Gebete Gott, daß -er ihm wieder von der menschenleeren Insel geholfen -habe, dann gab er den guten Fischern eine Menge -Goldes, und ließ sich den Weg nach der Hütte des -Schäfers beschreiben. -</p> - -<p> -Er ging durch einen dichten, angenehmen Wald, -durch dessen dunkle Schatten der Morgen noch dämmerte. -Er folgte einem geschlängelten Fußpfade, und -überdachte schwermüthig sein Schicksal; alles Ungemach, -das er erlitten, kam frisch in seine Seele, und er ward -darüber so unmuthig, daß er von Herzen wünschte, -endlich zu sterben. -</p> - -<p> -Mit diesen Gedanken trat er aus dem Walde und -stand vor einer schönen grünen Wiese, die im Morgenlicht -glänzte; gegenüber lag eine kleine einsame Hütte, -und Schaafe wurden von einem alten Manne einen -Hügel hinan getrieben. Alles schimmerte roth und -freundlich, und die stille Ruhe umher brachte auch in -Peters Seele Ruhe zurück. Er merkte, daß dies die -Hütte sei, die ihm die Fischer bezeichnet hatten, und -er wünschte, hier einige Tage zu rasten und sich zu -erquicken. Er ging daher über die Wiese, auf der -viele wilde Blumen roth und gelb und himmelblau -blühten, der kleinen Hütte näher. Vor der Thüre saß -ein schlankes schönes Mägdlein, zu deren Füßen ein -Lamm im Grase spielte; diese sang, indem er über -die Wiese schritt: -</p> - -<div class="poem"> -<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> - <p class="line">Beglückt, wer vom Getümmel</p> - <p class="line">Der Welt sein Leben schließt,</p> - <p class="line">Das dorten im Gewimmel</p> - <p class="line">Verworren abwärts fließt.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Hier sind wir all befreundet,</p> - <p class="line">Mensch, Thier und Blumenreich,</p> - <p class="line">Von keinem angefeindet</p> - <p class="line">Macht uns die Liebe gleich.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die zarten Lämmer springen</p> - <p class="line">Vergnügt um meinen Fuß,</p> - <p class="line">Die Turteltauben singen</p> - <p class="line">Und girren Morgengruß.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Der Rosenstrauch mit Grüßen</p> - <p class="line">Beut seine Kinder dar,</p> - <p class="line">Im Thale dort der süßen</p> - <p class="line">Violen blaue Schaar.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Und wenn ich Kränze winde,</p> - <p class="line">Ertönt und rauscht der Hain,</p> - <p class="line">Es duftet mir die Linde</p> - <p class="line">Im goldnen Mondenschein.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die Zwietracht bleibt dahinten,</p> - <p class="line">Und Stolz, Verfolgung, Neid,</p> - <p class="line">Kann nicht die Wege finden</p> - <p class="line">Hieher zur goldnen Zeit.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Vor mir stehn holde Scherze</p> - <p class="line">Und trübe Sorge weicht;</p> - <p class="line">Allein mein innres Herze</p> - <p class="line">Wird darum doch nicht leicht.</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> - <p class="line">Weil ich die Liebe kannte</p> - <p class="line">Und Blick und Kuß verstand,</p> - <p class="line">So bin ich nun Verbannte</p> - <p class="line">Weit ab im fernen Land.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die Freude macht mich trübe,</p> - <p class="line">Dunkelt den stillen Sinn,</p> - <p class="line">Denn meine zarte Liebe</p> - <p class="line">Ist nun auf ewig hin. —</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Erinnre und erquicke</p> - <p class="line">Dich an vergangner Lust,</p> - <p class="line">Am schwermuthsvollen Glücke,</p> - <p class="line">Denn sonst zerspringt die Brust.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die Morgenröthe lächelt</p> - <p class="line">Mir zwar noch ofte zu,</p> - <p class="line">Und matte Hoffnung fächelt</p> - <p class="line">Mich dann in schönre Ruh:</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Daß ich ihn wieder finde,</p> - <p class="line">Den ich wohl sonst gekannt,</p> - <p class="line">Und daß sich um uns winde</p> - <p class="line">Ein glückgewirktes Band.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wer weiß, durch welche Schatten</p> - <p class="line">Sein Fuß schon heute geht,</p> - <p class="line">Dann kömmt er über Matten</p> - <p class="line">Und alles ist verweht,</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die Seufzer und die Thränen,</p> - <p class="line">Sie löscht das neue Glück,</p> - <p class="line">Und Hoffen, Fürchten, Sehnen</p> - <p class="line">Verschmilzt in Einen Blick.</p> -</div> - -<h3 class="chapter" id="chapter-8-18"> -<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> -<span class="firstline">18.</span><br /> -Beschluß. -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">P</span>eter fühlte sich von dem Gesange wie von einer lieblichen -Gewalt nach der Hütte hingezogen. Die Schäferin, -welche vor der Thür saß, nahm ihn freundlich -auf, und ließ ihn in der Hütte ausruhn und sich erquicken. -Die beiden Alten kamen auch bald zurück, -und hießen ihren edlen Gast von Herzen willkommen. -</p> - -<p> -Magelone ging indessen im Felde nachdenklich auf -und ab, denn sie hatte auf den ersten Blick den Ritter -erkannt; alle ihre Sorgen waren nun wie Schnee vor -der Frühlingssonne hinweg geschmolzen, und ihr Lebenslauf -lag grün und erfrischt vor ihr, so weit nur -ihr Auge reichte. Sie ging in die Hütte zurück, und -gab sich noch nicht zu erkennen. -</p> - -<p> -Nach zweien Tagen war Peter wieder ganz zu -Kräften gekommen. Er saß mit Magelonen, ohne daß -er sie kannte, vor der Thür der Hütte. Bienen und -Schmetterlinge schwärmten um sie, und Peter faßte -ein Zutrauen zu seiner Verpflegerin, so daß er ihr -seine Geschichte und sein ganzes Unglück erzählte. Magelone -stand plötzlich auf und ging in ihre Kammer, -da löste sie ihre goldenen Locken auf, und machte sie -von den Banden frei, die sie bisher gehalten hatten, -dann zog sie ihre köstliche Kleidung an, die sie eingeschlossen -hielt, und so kam sie plötzlich wieder vor die -Augen Peters. Er war vor Erstaunen außer sich, er -umarmte die wiedergefundene Geliebte, dann erzählten -sie sich ihre Geschichte wieder, und weinten und küßten -sich, so daß man hätte ungewiß sein sollen, ob sie vor -<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> -Jammer oder übergroßer Freude so herzbrechend schluchzten. -So verging ihnen der Tag. -</p> - -<p> -Dann reiste Peter <a id="corr-28"></a>mit Magelonen zu seinen Eltern, -sie wurden vermält, und alles war in der größten -Freude; auch der König von Neapel versöhnte sich mit -seinem neuen Sohne, und war mit der Heirath wohl -zufrieden. -</p> - -<p> -Auf dem Orte, wo Peter seine Magelone wieder -gefunden hatte, ließ er einen prächtigen Sommerpallast -bauen, und setzte den Schäfer zum Aufseher hinein, -den er mit vielem Lohne überhäufte. Vor dem Pallast -pflanzte er mit seiner jungen Gattin einen Baum; dann -sangen sie folgendes Lied, welches sie nachher auf derselben -Stelle in jedem Frühjahre wiederholten: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Treue Liebe dauert lange,</p> - <p class="line">Ueberlebet manche Stund,</p> - <p class="line">Und kein Zweifel macht sie bange,</p> - <p class="line">Immer bleibt ihr Muth gesund.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Dräuen gleich in dichten Schaaren,</p> - <p class="line">Fodern gleich zum Wankelmuth</p> - <p class="line">Sturm und Tod, setzt den Gefahren</p> - <p class="line">Lieb entgegen treues Blut.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Und wie Nebel stürzt zurücke</p> - <p class="line">Was den Sinn gefangen hält,</p> - <p class="line">Und dem heitern Frühlingsblicke</p> - <p class="line">Oeffnet sich die weite Welt.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line3">Errungen</p> - <p class="line3">Bezwungen</p> - <p class="line">Von Lieb ist das Glück,</p> -<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> - <p class="line3">Verschwunden</p> - <p class="line3">Die Stunden</p> - <p class="line">Sie fliehen zurück;</p> - <p class="line">Und selige Lust</p> - <p class="line3">Sie stillet</p> - <p class="line3">Erfüllet</p> - <p class="line">Die trunkene wonneklopfende Brust,</p> - <p class="line3">Sie scheide</p> - <p class="line3">Von Leide</p> - <p class="line3">Auf immer,</p> - <p class="line3">Und nimmer</p> - <p class="line">Entschwinde die liebliche, selige, himmlische Lust!</p> -</div> - -<p class="tb"> -——— -</p> - -<p class="noindent"> -Es war indessen finster geworden. Rosalie klingelte, -um Lichter bringen zu lassen, worauf sie sich gegen -Friedrich wandte und sagte: Mir ist seit meiner frühen -Jugend schon diese Geschichte bekannt, aber ich -danke Ihnen dafür, daß Sie das Spital und die Verpflegung -der Kranken auf diese Weise unnöthig gemacht -haben; das ländliche Gemälde der heitern Wiese und -stillen Einsamkeit sind der Imagination weit angenehmer. -</p> - -<p> -Ich dachte vor Jahren eben so, antwortete Friedrich, -und habe mir deshalb diese Umänderung erlaubt, -mit der ich jezt aber um so unzufriedener bin; auch -hoffe ich, daß ich Sie wohl noch einmal zu meiner -Meinung, und zur alten Erzählung zurück führen -werde. -</p> - -<p> -Wenn es aber gar nicht erlaubt sein sollte, wandte -Auguste ein, alte bekannte Geschichten nach Gutdünken -und Laune abzuändern, und sie unserm Geschmack -<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> -zuzubereiten, so würden wir ohne Zweifel viel verlieren, -denn manches ginge ganz unter, das uns so erhalten -bleibt. Sind dergleichen Erfindungen schon ehemals -umgeschrieben und neu erzählt worden, so begreife ich -nicht, warum diese Freiheit nicht jedem neuern Dichter -ebenfalls vergönnt sein sollte. In Arabien, wo sie so -viele Mährchen erzählen, bleibt man gewiß nicht immer -der Sache treu, denn in jedem Erzähler regt sich die -Lust, die Umstände anders zu wenden, sie wunderbarer -oder anmuthiger zu machen, und sich dadurch die fremde -Erfindung anzueignen. -</p> - -<p> -Sie mögen nicht Unrecht haben, antwortete Friedrich; -wenn aber eine alte Erzählung einen so herzlichen -Mittelpunkt hat, der der Geschichte einen großen -und rührenden Charakter giebt, so ist es doch wohl -nur die Verwöhnung einer neuern Zeit und ihre Beschränktheit, -diese Schönheit ganz zu verkennen, und -sie mit einer willkührlichen Abänderung verbessern zu -wollen, durch welche das Ganze eben so wohl Mittelpunkt -als Zweck verliert. -</p> - -<p> -Ich bin Ihrer Meinung, sagte Clara. Giebt es -etwas Rührenderes (und zwar nicht von der Art des -Rührenden, welches man gewöhnlich so nennt), als -daß sie sich in treuer Liebe und Hoffnungslosigkeit dem -Dienst der Kranken fromm und andächtig widmet? -Lange hat sie dem selbstgewählten Berufe mit edler -Treue vorgestanden, da kommt er selbst, von Liebe und -Sehnsucht ermattet, an der Trennung sterbend, in ihre -Pflege (nicht, wie hier erzählt wird, halb ungetreu); -sie kennt ihn nicht, sie nimmt ihn auf wie jeden Kranken; -da fängt er an zu genesen, er faßt ein Zutrauen -zu der guten, alt scheinenden Wärterin und erzählt ihr -<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a> -seine Geschichte; sie, vor Schrecken und Wonne wie -vernichtet, geht in die Kammer, löst die rollenden -goldgelben Locken auf, wirft das Gewand der Büßenden -ab, und tritt so im Jugendglanz dem wieder vor -Augen, der mit dem Frühling der Gesundheit den Lenz -der Liebe von neuem aufblühen sieht. Das alte Gedicht -ist eine Verherrlichung der Liebe und frommen -Demuth, die neuere Erzählung ist süß freigeisterisch -und ungläubig. -</p> - -<p> -Lope de Vega hat unter den Namen der drei Diamanten -die Geschichte für das Theater bearbeitet, bemerkte -Lothar, und sie in seiner etwas lockern Manier -ausgeführt; auf dasjenige, was nach unserer Meinung -der Hauptpunkt sein sollte, hat er auch nur wenig Gewicht -gelegt. Die Sage selbst scheint mir aber auch -völlig undramatisch. -</p> - -<p> -Mir nicht, erwiederte Friedrich. Wissen wir doch -überhaupt noch nicht recht, was wir dramatisch oder -undramatisch nennen sollen. Nach unsern gewöhnlichen -Ansichten gehn die Novelle und Erzählung oft von -selbst in das Drama über, und viele Novellen sind -Komödien nach dieser Meinung, so wie wir auch nicht -wenige Komödien besitzen, selbst berühmte, die durchaus -nur dialogisirte Novellen sind. Diese können sehr -geistreich und witzig sein, wie die des Machiavell zum -Beispiel, sind aber darum doch noch keine Schauspiele. -Damit Erzählung oder Sage Schauspiel werde, muß -ein neues Element hinzu treten, welches das Ganze -allseitig durchdringt, und im Mittelpunkte des Gedichtes -seine Beglaubigung findet: dazu Individualität und -scheinbare Willkühr, zugleich eine Aufopferung alles -<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> -dessen, was die Novelle reizend macht, so daß es dem -ungeübten Auge sogar scheint, als sei eine gute Novelle -im Drama nur verdorben worden. Nicht selten hat -man Shakspears Lustspiele so angesehn und beurtheilt. -Häufig aber, wenn wir vom Dramatischen sprechen, -verwechseln wir dieses mit dem Theatralischen, und -wiederum ein mögliches besseres Theater mit unserm -gegenwärtigen und seiner ungeschickten Form; und in -dieser Verwirrung verwerfen wir viele Gegenstände und -Gedichte als unschicklich, weil sie sich freilich auf unsrer -Bühne nicht ausnehmen würden. Sehn wir also ein, -daß ein neues Element erst das dramatische Werk als -ein solches beurkundet, so ist wohl ohne Zweifel eine Art -der Poesie erlaubt, welche auch das beste Theater nicht -brauchen kann, sondern in der Phantasie eine Bühne -für die Phantasie erbaut, und Kompositionen versucht, -die vielleicht zugleich lyrisch, episch und dramatisch -sind, die einen Umfang gewinnen, welcher gewissermaßen -dem Roman untersagt ist, und sich Kühnheiten -aneignen, die keinem andern dramatischen Gedichte -ziemen. Diese Bühne der Phantasie eröffnet der romantischen -Dichtkunst ein großes Feld, und auf ihr -dürfte diese Magelone und manche alte anmuthige Tradition -sich wohl zu zeigen wagen. -</p> - -<p> -Ernst sagte hierauf: unter einigen gelehrten Italiänern -ist es eine alte hergebrachte Meinung, daß diese -Geschichte, so wie wir sie jezt als Volksbuch besitzen, -die früheste Uebung des Petrarka gewesen sei, der sie -so nach einem Manuskript aus dem zwölften Jahrhundert -umgearbeitet habe. Die Erzählung ist so schön -und einfach, daß die Sache an sich selbst nicht unwahrscheinlich -ist. -</p> - -<p> -<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> -Manfred schlug ein lautes Gelächter auf, und sagte -nach einiger Zeit: O vortrefflich! Die Autoren, die uns -den Oktavian und die Heymonskinder in ihrer alten treuherzigen -Gestalt gaben, waren gewiß auch keine Stümper, -und wer weiß, ob nicht einst entdeckt wird, daß -unser Eulenspiegel nichts als eine Umwandlung des berühmten -verlorenen Margites ist. Wie recht hat Wilhelm -Schlegel, wenn er einmal sagt: die gebildeten -Stände in Deutschland haben noch keine Literatur, aber -der Bauer hat sie. Denn wohl sind in diesen unscheinbaren -schlecht gedruckten Schriften fast alle Elemente -der Poesie, vom Heroischen bis zum Zärtlichen und -hinab zum kräftig Komischen, ausgesprochen. Ich muß -hier auf meine Verwunderung zurück kommen: was -meinen nemlich nur die Herren, die mit fanatischer -Vernünftigkeit und Mangel alles poetischen Sinnes diese -Bücher verfolgen, sie dem Bauer nehmen und Strafen -auf ihre Verbreitung setzen? Wenn ich nicht irre, war -vor einigen dreißig Jahren der gute alte Büsching der -erste, welcher auf diesen Krieg antrug; seine Stimme -wurde damals nicht gehört; jezt aber dringt seine gut -gemeinte Thorheit durch, zu einer Zeit, wo man sich -doch zugleich bemüht, Patriotismus und die alten verstorbenen -Tugenden, die dem Aufgeklärteren ja auch nur -Aberglaube waren, wieder aufzupflanzen. Ich möchte -mir doch nur das Böse nennen und aufzeigen lassen, -welches diese unschuldigen Poesien schon hervorgebracht -haben. Oder hätten diese Herren diese Bücher vielleicht -gar nicht gelesen? Der Druck ist nicht der beste, die -Vignetten sind nicht in punktirter Manier, auch hat -sich weder Petrarka noch ein andrer berühmter Name -bei ihrer Herausgabe genannt, und das ist freilich verdächtig -<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> -genug. Sollten denn wirklich etwa die paar -freien Späße im Eulenspiegel und den Schildbürgern -die Nation verderben können? Wird man denn die -Schenken verschließen, oder einen Polizeiwächter hinein -setzen, der jeden nicht sittlichen Spaß eines lustigen -Bruders aufzeichnet und der Behörde einreicht? Oder -hofft man wirklich durch das alberne moralische Gewäsch, -welches sie jezt als Volksbücher drucken lassen, -von gutgearteten Gatten und saubern Kindern, Birnenmost, -Giftkräutern und Wohlthätigkeit, die niederen -Stände so tief in die edle Gesinnung hinein und -unterzutauchen, daß keiner mehr eine Zwei- oder Eindeutigkeit -spricht und denkt? O der glorreichen Aussicht -in das künftige Jahrhundert! -</p> - -<p> -Suchte man nur etwa, sagte Wilibald, die astrologischen -und Zauberbücher, deren es noch hie und da, -aber auch nur selten giebt, zu verbannen, so hätte die -Sache Sinn, aber so ist sie freilich eine Erscheinung, -die im grellsten Widerspruche mit der Zeit steht, die -dieselben verfolgten Bücher zu achten und zu studiren -anfängt. -</p> - -<p> -Im Gegentheil, fuhr Ernst fort, sollten wir dem -gemeinen Manne nicht nur diese Poesien lassen, sondern -ihm auch eine ihm verständliche Bearbeitung der Niebelungen -und der Heldenbücher in die Hände zu spielen -suchen, damit er sich vor der weichlichen leeren Leserei -bewahre, die auch ihn zu ergreifen und auszuhöhlen -droht. Der Spanier hat, zu unsrer Beschämung, -eine höchst wohlfeile Ausgabe seines vortrefflichen Don -Quixote, mit schlechten Holzschnitten und auf grobem -Papier. Aber bei uns ist es keinem, auch in der -<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a> -ersten Begeisterung eingefallen, dem deutschen Bauer -etwa den Götz von Berlichingen so anzubieten. Ließe -man doch überhaupt das Bewachen des Volks, und -lernte es erst kennen, wäre dann selber erzogen, um -andre zu erziehn, und suchte nicht eine falsche, schwächliche -Bildung Nationen aufzuprägen. -</p> - -<p> -Mit Verlaub, sagte Theodor, daß ich diesen Diskurs -unterbreche, es wird sonst Mitternacht, ehe wir -unsre Vorlesungen geendigt haben. -</p> - -<p> -Er fing an. -</p> - -<h2 class="part" id="part-9"> -<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> -<span class="line1">Die Elfen.</span><br /> -<span class="line2">1811.</span> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>o ist denn die Marie, unser Kind? fragte der -Vater. -</p> - -<p> -Sie spielt draußen auf dem grünen Platze, antwortete -die Mutter, mit dem Sohne unsers Nachbars. -</p> - -<p> -Daß sie sich nicht verlaufen, sagte der Vater besorgt; -sie sind unbesonnen. -</p> - -<p> -Die Mutter sah nach den Kleinen und brachte ihnen -ihr Vesperbrod. Es ist heiß! sagte der Bursche, und -das kleine Mädchen langte begierig nach den rothen -Kirschen. Seid nur vorsichtig, Kinder, sprach die -Mutter, lauft nicht zu weit vom Hause, oder in den -Wald hinein, ich und der Vater gehn aufs Feld hinaus. -Der junge Andres antwortete: o sei ohne Sorge, -denn vor dem Walde fürchten wir uns, wir bleiben -hier beim Hause sitzen, wo Menschen in der Nähe sind. -</p> - -<p> -Die Mutter ging und kam bald mit dem Vater -wieder heraus. Sie verschlossen ihre Wohnung und -wandten sich nach dem Felde, um nach den Knechten -und zugleich auf der Wiese nach der Heuernte zu sehn. -Ihr Haus lag auf einer kleinen grünen Anhöhe, von -einem zierlichen Stakete umgeben, welches auch ihren -Frucht- und Blumengarten umschloß; das Dorf zog sich -etwas tiefer hinunter, und jenseit erhob sich das gräfliche -Schloß. Martin hatte von der Herrschaft das -<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> -große Gut gepachtet, und lebte mit seiner Frau und -seinem einzigen Kinde vergnügt, denn er legte jährlich -zurück, und hatte die Aussicht, durch Thätigkeit ein -vermögender Mann zu werden, da der Boden ergiebig -war und der Graf ihn nicht drückte. -</p> - -<p> -Indem er mit seiner Frau nach seinen Feldern -ging, schaute er fröhlich um sich, und sagte: wie ist -doch die Gegend hier so ganz anders, Brigitte, als -diejenige, in der wir sonst wohnten. Hier ist es so -grün, das ganze Dorf prangt von dichtgedrängten -Obstbäumen, der Boden ist voll schöner Kräuter und -Blumen, alle Häuser sind munter und reinlich, die -Einwohner wohlhabend, ja mir dünkt, die Wälder hier -sind schöner und der Himmel blauer, und so weit nur -das Auge reicht, sieht man seine Lust und Freude an -der freigebigen Natur. -</p> - -<p> -So wie man nur, sagte Brigitte, dort jenseit des -Flusses ist, so befindet man sich wie auf einer andern -Erde, alles so traurig und dürr; jeder Reisende behauptet -aber auch, daß unser Dorf weit und breit in -der Runde das schönste sei. -</p> - -<p> -Bis auf jenen Tannengrund, erwiederte der Mann; -schau einmal dorthin zurück, wie schwarz und traurig -der abgelegene Fleck in der ganzen heitern Umgebung -liegt; hinter den dunkeln Tannenbäumen die rauchige -Hütte, die verfallenen Ställe, der schwermüthig vorüberfließende -Bach. -</p> - -<p> -Es ist wahr, sagte die Frau, indem beide still standen, -so oft man sich jenem Platze nur nähert, wird -man traurig und beängstigt, man weiß selbst nicht -warum. Wer nur die Menschen eigentlich sein mögen, -die dort wohnen, und warum sie sich doch nur so von -<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> -allen in der Gemeinde entfernt halten, als wenn sie -kein gutes Gewissen hätten. -</p> - -<p> -Armes Gesindel, erwiederte der junge Pachter, dem -Anschein nach Zigeunervolk, die in der Ferne rauben -und betrügen, und hier vielleicht ihren Schlupfwinkel -haben. Mich wundert nur, daß die gnädige Herrschaft -sie duldet. -</p> - -<p> -Es können auch wohl, sagte die Frau weichmüthig, -arme Leute sein, die sich ihrer Armuth schämen, denn -man kann ihnen doch eben nichts Böses nachsagen; nur -ist es bedenklich, daß sie sich nicht zur Kirche halten, -und man auch eigentlich nicht weiß, wovon sie leben, -denn der kleine Garten, der noch dazu ganz wüst zu -liegen scheint, kann sie unmöglich ernähren, und Felder -haben sie nicht. -</p> - -<p> -Weiß der liebe Gott, fuhr Martin fort, indem sie -weiter gingen, was sie treiben mögen; kommt doch -auch kein Mensch zu ihnen, denn der Ort, wo sie wohnen, -ist ja wie verbannt und verhext, so daß sich auch -die vorwitzigsten Bursche nicht hingetrauen. -</p> - -<p> -Dieses Gespräch setzten sie fort, indem sie sich in -das Feld wandten. Jene finstre Gegend, von welcher -sie sprachen, lag abseits vom Dorfe. In einer Vertiefung, -welche Tannen umgaben, zeigte sich eine Hütte -und verschiedene fast zertrümmerte Wirthschaftsgebäude, -nur selten sah man Rauch dort aufsteigen, noch seltner -wurde man Menschen gewahr; jezuweilen hatten Neugierige, -die sich etwas näher gewagt, auf der Bank vor -der Hütte einige abscheuliche Weiber in zerlumptem -Anzuge wahrgenommen, auf deren Schooß eben so -häßliche und schmuzige Kinder sich wälzten; schwarze -Hunde liefen vor dem Reviere, in Abendstunden ging -<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a> -wohl ein ungeheurer Mann, den Niemand kannte, über -den Steg des Baches und verlor sich in die Hütte hinein; -dann sah man in der Finsterniß sich verschiedene Gestalten, -wie Schatten um ein ländliches Feuer bewegen. -Dieser Grund, die Tannen und die verfallene Hütte -machten wirklich in der heitern grünen Landschaft, gegen -die weißen Häuser des Dorfes und gegen das prächtige -neue Schloß, den sonderbarsten Abstich. -</p> - -<p> -Die beiden Kinder hatten jezt die Früchte verzehrt; -sie verfielen darauf, in die Wette zu laufen, und die -kleine behende Marie gewann dem langsameren Andres -immer den Vorsprung ab. So ist es keine Kunst! -rief endlich dieser aus, aber laß es uns einmal in die -Weite versuchen, dann wollen wir sehen, wer gewinnt! -Wie du willst, sagte die Kleine, nur nach dem Strome -dürfen wir nicht laufen. Nein, erwiederte Andres, -aber dort auf jenem Hügel steht der große Birnbaum, -eine Viertelstunde von hier, ich laufe hier links um -den Tannengrund vorbei, du kannst rechts in das Feld -hinein rennen, daß wir nicht eher als oben wieder zusammen -kommen, so sehen wir dann, wer der beste ist. -</p> - -<p> -Gut, sagte Marie, und fing schon an zu laufen, -so hindern wir uns auch nicht auf demselben Wege, -und der Vater sagt ja, es sei zum Hügel hinauf gleich -weit, ob man diesseits, ob man jenseits der Zigeunerwohnung -geht. -</p> - -<p> -Andres war schon vorangesprungen und Marie, die -sich rechts wandte, sah ihn nicht mehr. Er ist eigentlich -dumm, sagte sie zu sich selbst, denn ich dürfte nur -den Muth fassen, über den Steg, bei der Hütte vorbei, -und drüben wieder über den Hof hinaus zu laufen, -so käme ich gewiß viel früher an. Schon stand sie vor -<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> -dem Bache und dem Tannenhügel. Soll ich? Nein, -es ist doch zu schrecklich, sagte sie. Ein kleines weißes -Hündchen stand jenseit und bellte aus Leibeskräften. -Im Erschrecken kam das Thier ihr wie ein Ungeheuer -vor, und sie sprang zurück. O weh! sagte sie, nun -ist der Bengel weit voraus, weil ich hier steh und -überlege. Das Hündchen bellte immer fort, und da -sie es genauer betrachtete, kam es ihr nicht mehr fürchterlich, -sondern im Gegentheil ganz allerliebst vor: es -hatte ein rothes Halsband um, mit einer glänzenden -Schelle, und so wie es den Kopf hob und sich im -Bellen schüttelte, erklang die Schelle äußerst lieblich. -Ei! es will nur gewagt sein! rief die kleine Marie, -ich renne was ich kann, und bin schnell, schnell jenseit -wieder hinaus, sie können mich doch eben nicht -gleich von der Erde weg auffressen! Somit sprang das -muntere muthige Kind auf den Steg, rasch an den -kleinen Hund vorüber, der still ward und sich an ihr -schmeichelte, und nun stand sie im Grunde, und rund -umher verdeckten die schwarzen Tannen die Aussicht -nach ihrem elterlichen Hause und der übrigen Landschaft. -</p> - -<p> -Aber wie war sie verwundert. Der bunteste, fröhlichste -Blumengarten umgab sie, in welchem Tulpen, -Rosen und Lilien mit den herrlichsten Farben leuchteten, -blaue und goldrothe Schmetterlinge wiegten sich -in den Blüten, in Käfigen aus glänzendem Drath hingen -an den Spalieren vielfarbige Vögel, die herrliche -Lieder sangen, und Kinder in weißen kurzen Röckchen, -mit gelockten gelben Haaren und hellen Augen, -sprangen umher, einige spielten mit kleinen Lämmern, -andere fütterten die Vögel, oder sammelten Blumen -und schenkten sie einander, andere wieder aßen Kirschen, -<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a> -Weintrauben und röthliche Aprikosen. Keine Hütte war -zu sehn, aber wohl stand ein großes schönes Haus mit -eherner Thür und erhabenem Bildwerk leuchtend in -der Mitte des Raumes. Marie war vor Erstaunen -außer sich und wußte sich nicht zu finden; da sie aber -nicht blöde war, ging sie gleich zum ersten Kinde, -reichte ihm die Hand und bot ihm guten Tag. Kommst -du uns auch einmal zu besuchen? sagte das glänzende -Kind; ich habe dich draußen rennen und springen sehn, -aber vor unserm Hündchen hast du dich gefürchtet. — -So seid ihr wohl keine Zigeuner und Spitzbuben, sagte -Marie, wie Andres immer spricht? O freilich ist der -nur dumm, und redet viel in den Tag hinein. — -Bleib nur bei uns, sagte die wunderbare Kleine, es -soll dir schon gefallen. — Aber wir laufen ja in die -Wette. — Zu ihm kommst du noch früh genug zurück. -Da nimm, und iß! — Marie aß, und fand -die Früchte so süß, wie sie noch keine geschmeckt hatte, -und Andres, der Wettlauf, und das Verbot ihrer Eltern -waren gänzlich vergessen. -</p> - -<p> -Eine große Frau in glänzendem Kleide trat herzu, -und fragte nach dem fremden Kinde. Schönste Dame, -sagte Marie, von ohngefähr bin ich herein gelaufen, -und da wollen sie mich hier behalten. Du weißt, Zerina, -sagte die Schöne, daß es ihr nur kurze Zeit -erlaubt ist, auch hättest du mich erst fragen sollen. -Ich dachte, sagte das glänzende Kind, weil sie doch -schon über die Brücke gelassen war, könnt’ ich es thun; -auch haben wir sie ja oft im Felde laufen sehn, und -du hast dich selber über ihr muntres Wesen gefreut; -wird sie uns doch früh genug verlassen müssen. -</p> - -<p> -Nein, ich will hier bleiben, sagte die Fremde, denn -<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a> -hier ist es schön, auch finde ich hier das beste Spielzeug -und dazu Erdbeeren und Kirschen, draußen ist es -nicht so herrlich. -</p> - -<p> -Die goldbekleidete Frau entfernte sich lächelnd, und -viele von den Kindern sprangen jezt um die fröhliche -Marie mit Lachen her, neckten sie und ermunterten sie -zu Tänzen, andre brachten ihr Lämmer oder wunderbares -Spielgeräth, andre machten auf Instrumenten -Musik und sangen dazu. Am liebsten aber hielt sie -sich zu der Gespielin, die ihr zuerst entgegen gegangen -war, denn sie war die freundlichste und holdseligste von -allen. Die kleine Marie rief einmal über das andre: -ich will immer bei euch bleiben und ihr sollt meine -Schwestern sein, worüber alle Kinder lachten und sie -umarmten. Jezt wollen wir ein schönes Spiel machen, -sagte Zerina. Sie lief eilig in den Pallast und kam -mit einem goldenen Schächtelchen zurück, in welchem -sich glänzender Saamenstaub befand. Sie faßte mit -den kleinen Fingern, und streute einige Körner auf -den grünen Boden. Alsbald sah man das Gras wie -in Wogen rauschen, und nach wenigen Augenblicken -schlugen glänzende Rosengebüsche aus der Erde, wuchsen -schnell empor und entfalteten sich plötzlich, indem -der süßeste Wohlgeruch den Raum erfüllte. Auch Maria -faßte von dem Staube, und als sie ihn ausgestreut -hatte, tauchten weiße Lilien und die buntesten Nelken -hervor. Auf einen Wink Zerinas verschwanden die -Blumen wieder und andre erschienen an ihrer Stelle. -Jezt, sagte Zerina, mache dich auf etwas Größeres -gefaßt. Sie legte zwei Pinienkörner in den Boden -und stampfte sie heftig mit dem Fuße ein. Zwei grüne -Sträucher standen vor ihnen. Fasse dich fest mit mir, -<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a> -sagte sie, und Maria schlang die Arme um den zarten -Leib. Da fühlte sie sich empor gehoben, denn die -Bäume wuchsen unter ihnen mit der größten Schnelligkeit; -die hohen Pinien bewegten sich und die beiden -Kinder hielten sich hin und wieder schwebend in den -rothen Abendwolken umarmt und küßten sich; die andern -Kleinen kletterten mit behender Geschicklichkeit an -den Stämmen der Bäume auf und nieder, und stießen -und neckten sich, wenn sie sich begegneten, unter lautem -Gelächter. Stürzte eins der Kinder im Gedränge -hinunter, so flog es durch die Luft und senkte sich -langsam und sicher zur Erde hinab. Endlich fürchtete -sich Marie; die andre Kleine sang einige laute Töne, -und die Bäume versenkten sich wieder eben so allgemach -in den Boden, und setzten sie nieder, als sie sich -erst in die Wolken gehoben hatten. -</p> - -<p> -Sie gingen durch die erzene Thür des Pallastes. -Da saßen viele schöne Frauen umher, ältere und junge, -im runden Saal, sie genossen die lieblichsten Früchte, -und eine herrliche unsichtbare Musik erklang. In der -Wölbung der Decke waren Palmen, Blumen und -Laubwerk gemalt, zwischen denen Kinderfiguren in den -anmuthigsten Stellungen kletterten und schaukelten; nach -den Tönen der Musik verwandelten sich die Bildnisse -und glühten in den brennendsten Farben; bald war -das Grüne und Blaue wie helles Licht funkelnd, dann -sank die Farbe erblassend zurück, der Purpur flammte -auf und das Gold entzündete sich; dann schienen die -nackten Kinder in den Blumengewinden zu leben, und -mit den rubinrothen Lippen den Athem einzuziehn und -auszuhauchen, so daß man wechselnd den Glanz der -<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> -weißen Zähnchen wahrnahm, so wie das Aufleuchten -der himmelblauen Augen. -</p> - -<p> -Aus dem Saale führten eherne Stufen in ein -großes unterirdisches Gemach. Hier lag viel Gold und -Silber, und Edelsteine von allen Farben funkelten dazwischen. -Wundersame Gefäße standen an den Wänden -umher, alle schienen mit Kostbarkeiten angefüllt. -Das Gold war in mannichfaltigen Gestalten gearbeitet -und schimmerte mit der freundlichsten Röthe. Viele -kleine Zwerge waren beschäftigt, die Stücke auseinander -zu suchen und sie in die Gefäße zu legen; andre, -höckricht und krummbeinicht, mit langen rothen Nasen, -trugen schwer und vorn über gebückt Säcke herein, -so wie die Müller Getraide, und schütteten die Goldkörner -keuchend auf dem Boden aus. Dann sprangen -sie ungeschickt rechts und links, und griffen die rollenden -Kugeln, die sich verlaufen wollten, und es geschah -nicht selten, daß einer den andern im Eifer umstieß, -so daß sie schwer und tölpisch zur Erde fielen. Sie -machten verdrüßliche Gesichter und sahen scheel, als -Marie über ihre Geberden und Häßlichkeit lachte. Hinten -saß ein alter eingeschrumpfter kleiner Mann, welchen -Zerina ehrerbietig grüßte, und der nur mit ernstem -Kopfnicken dankte. Er hielt ein Zepter in der -Hand und trug eine Krone auf dem Haupte, alle übrigen -Zwerge schienen ihn für ihren Herren anzuerkennen -und seinen Winken zu gehorchen. Was giebts -wieder? fragte er mürrisch, als die Kinder ihm etwas -näher kamen. Marie schwieg furchtsam, aber ihre Gespielin -antwortete, daß sie nur gekommen seien, sich in -den Kammern umzuschauen. Immer die alten Kindereien! -sagte der Alte; wird der Müßiggang nie aufhören? -<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a> -Darauf wandte er sich wieder an sein Geschäft -und ließ die Goldstücke wägen und aussuchen; -andre Zwerge schickte er fort, manchen schalt er zornig. -Wer ist der Herr? fragte Marie; unser Metallfürst, -sagte die Kleine, indem sie weiter gingen. -</p> - -<p> -Sie schienen sich wieder im Freien zu befinden, -denn sie standen an einem großen Teiche, aber doch -schien keine Sonne, und sie sahen keinen Himmel über -sich. Ein kleiner Nachen empfing sie, und Zerina ruderte -sehr ämsig. Die Fahrt ging schnell. Als sie in -die Mitte des Teiches gekommen waren, sah Marie, -daß tausend Röhren, Kanäle und Bäche sich aus dem -kleinen See nach allen Richtungen verbreiteten. Diese -Wasser rechts, sagte das glänzende Kind, fließen unter -euren Garten hinab, davon blüht dort alles so frisch; -von hier kömmt man in den großen Strom hinunter. -Plötzlich kamen aus allen Kanälen und aus dem See -unendlich viele Kinder auftauchend angeschwommen, viele -trugen Kränze von Schilf und Wasserlilien, andre -hielten rothe Korallenzacken, und wieder andre bliesen -auf krummen Muscheln; ein verworrenes Getöse -schallte lustig von den dunkeln Ufern wieder; zwischen -den Kleinen bewegten sich schwimmend die schönsten -Frauen, und oft sprangen viele Kinder zu der einen -oder der andern, und hingen ihnen mit Küssen um -Hals und Nacken. Alle begrüßten die Fremde; zwischen -diesem Getümmel hindurch fuhren sie aus dem -See in einen kleinen Fluß hinein, der immer enger -und enger ward. Endlich stand der Nachen. Man -nahm Abschied und Zerina klopfte an den Felsen. Wie -eine Thür that sich dieser von einander, und eine ganz -rothe weibliche Gestalt half ihnen aussteigen. Geht es -<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a> -recht lustig zu? fragte Zerina. Sie sind eben in -Thätigkeit, antwortete jene, und so freudig, wie man -sie nur sehn kann, aber die Wärme ist auch äußerst -angenehm. -</p> - -<p> -Sie stiegen eine Wendeltreppe hinauf, und plötzlich -sah sich Marie in dem glänzendsten Saal, so daß beim -Eintreten ihre Augen vom hellen Lichte geblendet waren. -Feuerrothe Tapeten bedeckten mit Purpurgluth -die Wände, und als sich das Auge etwas gewöhnt -hatte, sah sie zu ihrem Erstaunen, wie im Teppich sich -Figuren tanzend auf und nieder in der größten Freude -bewegten, die so lieblich gebaut und von so schönen -Verhältnissen waren, daß man nichts Anmuthigeres -sehn konnte; ihr Körper war wie von röthlichem Kristall, -so daß es schien, als flösse und spielte in ihnen -sichtbar das bewegte Blut. Sie lachten das fremde -Kind an, und begrüßten es mit verschiedenen Beugungen; -aber als Marie näher gehen wollte, hielt sie Zerina -plötzlich mit Gewalt zurück, und rief: du verbrennst -dich, Mariechen, denn alles ist Feuer! -</p> - -<p> -Marie fühlte die Hitze. Warum kommen nur, sagte -sie, die allerliebsten Kreaturen nicht zu uns heraus, -und spielen mit uns? Wie du in der Luft lebst, sagte -jene, so müssen sie immer im Feuer bleiben, und -würden hier draußen verschmachten. Sieh nur, wie -ihnen wohl ist, wie sie lachen und kreischen; jene dort -unten verbreiten die Feuerflüsse von allen Seiten unter -der Erde hin, davon wachsen nun die Blumen, die -Früchte und der Wein; die rothen Ströme gehn neben -den Wasserbächen, und so sind die flammigen Wesen -immer thätig und freudig. Aber dir ist es hier zu heiß, -wir wollen wieder hinaus in den Garten gehn. -</p> - -<p> -<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a> -Hier hatte sich die Scene verwandelt. Der Mondschein -lag auf allen Blumen, die Vögel waren still -und die Kinder schliefen in mannichfaltigen Gruppen -in den grünen Lauben. Marie und ihre Freundin -fühlten aber keine Müdigkeit, sondern lustwandelten in -der warmen Sommernacht unter vielerlei Gesprächen -bis zum Morgen. -</p> - -<p> -Als der Tag anbrach, erquickten sie sich an Früchten -und Milch, und Marie sagte: laß uns doch zur -Abwechselung einmal nach den Tannen hinaus gehn, -wie es dort aussehen mag. Gern, sagte Zerina, so -kannst du auch zugleich dorten unsre Schildwachen besuchen, -die dir gewiß gefallen werden, sie stehn oben -auf dem Walle zwischen den Bäumen. Sie gingen -durch die Blumengärten, durch anmuthige Haine voller -Nachtigallen, dann stiegen sie über Rebenhügel, und -kamen endlich, nachdem sie lange den Windungen eines -klaren Baches nachgefolgt waren, zu den Tannen und -der Erhöhung, welche das Gebiet begränzte. Wie -kommt es nur, fragte Marie, daß wir hier innerhalb -so weit zu gehn haben, da doch draußen der Umkreis -nur so klein ist? Ich weiß nicht, antwortete die -Freundin, wie es zugeht, aber es ist so. Sie stiegen -zu den finstern Tannen hinauf, und ein kalter Wind -wehte ihnen von draußen entgegen; ein Nebel schien -weit umher auf der Landschaft zu liegen. Oben standen -wunderliche Gestalten, mit mehligen bestäubten -Angesichtern, den widerlichen Häuptern der weißen Eulen -nicht unähnlich; sie waren in faltigen Mänteln -von zottiger Wolle gekleidet, und hielten Regenschirme -von seltsamen Häuten ausgespannt über sich; mit Fledermausflügeln, -die abentheuerlich neben dem Rockelor -<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a> -hervor starrten, wehten und fächelten sie unablässig. -Ich möchte lachen und mir graut, sagte Marie. Diese -sind unsre guten fleißigen Wächter, sagte die kleine -Gespielin, sie stehen hier und wehen, damit jeden kalte -Angst und wundersames Fürchten befällt, der sich uns -nähern will; sie sind aber so bedeckt, weil es jezt -draußen regnet und friert, was sie nicht vertragen -können. Hier unten kommt niemals Schnee und Wind, -noch kalte Luft her, hier ist ein ewiger Sommer und -Frühling, doch wenn die da oben nicht oft abgelöst -würden, so vergingen sie gar. -</p> - -<p> -Aber wer seid ihr denn, fragte Marie, indem sie -wieder in die Blumendüfte hinunter stiegen, oder habt -ihr keinen Namen, woran man euch erkennt? -</p> - -<p> -Wir heißen Elfen, sagte das freundliche Kind, -man spricht auch wohl in der Welt von uns, wie ich -gehört habe. -</p> - -<p> -Sie hörten auf der Wiese ein großes Getümmel. -Der schöne Vogel ist angekommen! riefen ihnen die -Kinder entgegen; alles eilte in den Saal. Sie sahen -indem schon, wie Jung und Alt sich über die Schwelle -drängte, alle jauchzten und von innen scholl eine jubilirende -Musik heraus. Als sie hinein getreten waren, -sahen sie die große Rundung von den mannichfaltigsten -Gestalten angefüllt, und alle schauten nach einem großen -Vogel hinauf, der in der Kuppel mit glänzendem Gefieder -langsam fliegend vielfache Kreise beschrieb. Die -Musik klang fröhlicher als sonst, die Farben und Lichter -wechselten schneller. Endlich schwieg die Musik, und -der Vogel schwang sich rauschend auf eine glänzende -Krone, die unter dem hohen Fenster schwebte, welches -von oben die Wölbung erleuchtete. Sein Gefieder war -<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a> -purpurn und grün, durch welches sich die glänzendsten -goldenen Streifen zogen, auf seinem Haupte bewegte -sich ein Diadem von so hellleuchtenden kleinen Federn, -daß sie wie Edelgesteine blitzten. Der Schnabel war -roth und die Beine glänzend blau. Wie er sich regte, -schimmerten alle Farben durcheinander, und das Auge -war entzückt. Seine Größe war die eines Adlers. -Aber jezt eröffnete er den leuchtenden Schnabel, und -so süße Melodie quoll aus seiner bewegten Brust, in -schönern Tönen, als die der liebesbrünstigen Nachtigall; -mächtiger zog der Gesang und goß sich wie Lichtstrahlen -aus, so daß alle, bis auf die kleinsten Kinder selbst, -vor Freuden und Entzückungen weinen mußten. Als -er geendigt hatte, neigten sich alle vor ihm, er umflog -wieder in Kreisen die Wölbung, schoß dann durch die -Thür und schwang sich in den lichten Himmel, wo er -oben bald nur noch wie ein rother Punkt erglänzte -und sich den Augen dann schnell verlor. -</p> - -<p> -Warum seid ihr alle so in Freude? fragte Marie -und neigte sich zum schönen Kinde, das ihr kleiner als -gestern vorkam. Der König kommt! sagte die Kleine, -den haben viele von uns noch gar nicht gesehn, und -wo er sich hinwendet ist Glück und Fröhlichkeit; wir -haben schon lange auf ihn gehofft, sehnlicher, als ihr -nach langem Winter auf den Frühling wartet, und -nun hat er durch diesen schönen Botschafter seine Ankunft -melden lassen. Dieser herrliche und verständige -Vogel, der im Dienst des Königes gesandt wird, heißt -Phönix, er wohnt fern in Arabien auf einem Baum, -der nur einmal in der Welt ist, so wie es auch keinen -zweiten Phönix giebt. Wenn er sich alt fühlt, trägt -er aus Balsam und Weihrauch ein Nest zusammen, -<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a> -zündet es an und verbrennt sich selbst, so stirbt er singend, -und aus der duftenden Asche schwingt sich dann -der verjüngte Phönix mit neuer Schönheit wieder auf. -Selten nur nimmt er seinen Flug so, daß ihn die -Menschen sehn, und geschieht es einmal in Jahrhunderten, -so zeichnen sie es in ihre Denkbücher auf, und -erwarten wundervolle Begebenheiten. Aber nun, meine -Freundin, wirst du auch scheiden müssen, denn der -Anblick des Königes ist dir nicht vergönnt. -</p> - -<p> -Da wandelte die goldbekleidete schöne Frau durch -das Gedränge, winkte Marien zu sich und ging mit -ihr unter einen einsamen Laubengang; du mußt uns -verlassen, mein geliebtes Kind, sagte sie; der König -will auf zwanzig Jahr, und vielleicht auf länger, sein -Hoflager hier halten, nun wird sich Fruchtbarkeit -und Segen weit in die Landschaft verbreiten, am meisten -hier in der Nähe; alle Brunnen und Bäche werden -ergiebiger, alle Aecker und Gärten reicher, der -Wein edler, die Wiese fetter und der Wald frischer -und grüner; mildere Luft weht, kein Hagel schadet, -keine Ueberschwemmung droht. Nimm diesen Ring -und gedenke unser, doch hüte dich, irgend wem von -uns zu erzählen, sonst müssen wir diese Gegend fliehen, -und alle umher, so wie du selbst, entbehren dann -das Glück und die Segnung unsrer Nähe: noch einmal -küsse deine Gespielin und lebe wohl. Sie traten -heraus, Zerina weinte, Marie bückte sich, sie zu umarmen, -sie trennten sich. Schon stand sie auf der schmalen -Brücke, die kalte Luft wehte hinter ihr aus den -Tannen, das Hündchen bellte auf das herzhafteste und -ließ sein Glöckchen ertönen; sie sah zurück und eilte -in das Freie, weil die Dunkelheit der Tannen, die -<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a> -Schwärze der verfallenen Hütten, die dämmernden -Schatten sie mit ängstlicher Furcht befielen. -</p> - -<p> -Wie werden sich meine Eltern meinethalb in dieser -Nacht geängstigt haben! sagte sie zu sich selbst, als sie -auf dem Felde stand, und ich darf ihnen doch nicht -erzählen, wo ich gewesen bin und was ich gesehn habe, -auch würden sie mir nimmermehr glauben. Zwei Männer -gingen an ihr vorüber, die sie grüßten, und sie -hörte hinter sich sagen: das ist ein schönes Mädchen! -Wo mag sie nur her sein? Mit eiligeren Schritten -näherte sie sich dem elterlichen Hause, aber die Bäume, -die gestern voller Früchte hingen, standen heute dürr -und ohne Laub, das Haus war anders angestrichen, -und eine neue Scheune daneben erbaut. Marie war -in Verwunderung, und dachte, sie sei im Traum; in -dieser Verwirrung öffnete sie die Thür des Hauses, und -hinter dem Tische saß ihr Vater zwischen einer unbekannten -Frau und einem fremden Jüngling. Mein -Gott, Vater! rief sie aus, wo ist denn die Mutter? -— die Mutter? sprach die Frau ahndend, und stürzte -hervor; ei, du bist doch wohl nicht, — ja freilich, -freilich bist du die verlorene, die todt geglaubte, die -liebe einzige Marie! Sie hatte sie gleich an einem kleinen -braunen Male unter dem Kinn, an den Augen -und der Gestalt erkannt. Alle umarmten sie, alle waren -freudig bewegt, und die Eltern vergossen Thränen. -Marie verwunderte sich, daß sie fast zum Vater hinauf -reichte, sie begriff nicht, wie die Mutter so verändert -und geältert sein konnte, sie fragte nach dem Namen des -jungen Menschen. Es ist ja unsers Nachbars Andres, -sagte Martin, wie kommst du nur nach sieben langen -Jahren so unvermuthet wieder? wo bist du gewesen? -<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a> -Warum hast du denn gar nichts von dir hören lassen? -— Sieben Jahr? sagte Marie, und konnte sich in -ihren Vorstellungen und Erinnerungen nicht wieder zurecht -finden; sieben ganzer Jahre? Ja, ja, sagte Andres -lachend, und schüttelte ihr treuherzig die Hand; ich -habe gewonnen, Mariechen, ich bin schon vor sieben -Jahren an dem Birnbaum und wieder hieher zurück -gewesen, und du Langsame, kommst nun heut erst an! -</p> - -<p> -Man fragte von neuem, man drang in sie, doch -sie, des Verbotes eingedenk, konnte keine Antwort -geben. Man legte ihr fast die Erzählung in den -Mund, daß sie sich verirrt habe, auf <a id="corr-29"></a>einen vorbeifahrenden -Wagen genommen, und an einen fremden Ort -geführt sei, wo sie den Leuten den Wohnsitz ihrer -Eltern nicht habe bezeichnen können; wie man sie -nachher nach einer weit entlegenen Stadt gebracht habe, -wo gute Menschen sie erzogen und geliebt; wie diese -nun gestorben, und sie sich endlich wieder auf ihre -Geburtsgegend besonnen, eine Gelegenheit zur Reise -ergriffen habe und so zurück gekehrt sei. Laßt alles -gut sein, rief die Mutter; genug, daß wir dich nur -wieder haben, mein Töchterchen, du meine Einzige, -mein Alles! -</p> - -<p> -Andres blieb zum Abendbrod, und Marie konnte -sich noch in nichts finden. Das Haus dünkte ihr -klein und finster, sie verwunderte sich über ihre Tracht, -die reinlich und einfach, aber ganz fremd erschien; sie -betrachtete den Ring am Finger, dessen Gold wundersam -glänzte und einen roth brennenden Stein künstlich -einfaßte. Auf die Frage des Vaters antwortete -sie, daß der Ring ebenfalls ein Geschenk ihrer Wohlthäter -sei. -</p> - -<p> -<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a> -Sie freute sich auf die Schlafenszeit, und eilte -zur Ruhe. Am andern Morgen fühlte sie sich besonnener, -sie hatte ihre Vorstellungen mehr geordnet, und -konnte den Leuten aus dem Dorfe, die alle sie zu begrüßen -kamen, besser Red’ und Antwort geben. Andres -war schon mit dem Frühesten wieder da, und -zeigte sich äußerst geschäftig, erfreut und dienstfertig. -Das funfzehnjährige aufgeblühte Mädchen hatte ihm -einen tiefen Eindruck gemacht, und die Nacht war ihm -ohne Schlaf vergangen. Die Herrschaft ließ Marien -auf das Schloß fordern, sie mußte hier wieder ihre -Geschichte erzählen, die ihr nun schon geläufig geworden -war; der alte Herr und die gnädige Frau bewunderten -ihre gute Erziehung, denn sie war bescheiden, -ohne verlegen zu sein, sie antwortete höflich und in -guten Redensarten auf alle vorgelegten Fragen; die -Furcht vor den vornehmen Menschen und ihrer Umgebung -hatte sich bei ihr verloren, denn wenn sie diese -Säle und Gestalten mit den Wundern und der hohen -Schönheit maß, die sie bei den Elfen im heimlichen -Aufenthalt gesehen hatte, so erschien ihr dieser irdische -Glanz nur dunkel, die Gegenwart der Menschen fast -geringe. Die jungen Herren waren vorzüglich über -ihre Schönheit entzückt. -</p> - -<p> -Es war im Februar. Die Bäume belaubten sich -früher als je, so zeitig hatte sich die Nachtigall noch -niemals eingestellt, der Frühling kam schöner in das -Land, als ihn sich die ältesten Greise erinnern konnten. -Aller Orten thaten sich Bächlein hervor und tränkten -die Wiesen und Auen; die Hügel schienen zu wachsen, -die Rebengeländer erhuben sich höher, die Obstbäume -blühten wie niemals, und ein schwellender duftender -<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a> -Segen hing schwer in Blütenwolken über der Landschaft. -Alles gedieh über Erwarten, kein rauher Tag, -kein Sturm beschädigte die Frucht; der Wein quoll erröthend -in ungeheuern Trauben, und die Einwohner des -Ortes staunten sich an, und waren wie in einem süßen -Traum befangen. Das folgende Jahr war eben so, -aber man war schon an das Wundersame mehr gewöhnt. -Im Herbst gab Marie den dringenden Bitten -des Andres und ihrer Eltern nach: sie ward seine -Braut und im Winter mit ihm verheirathet. -</p> - -<p> -Oft dachte sie mit inniger Sehnsucht an ihren -Aufenthalt hinter den Tannenbäumen zurück; sie blieb -still und ernst. So schön auch alles war, was sie -umgab, so kannte sie doch etwas noch Schöneres, -wodurch eine leise Trauer ihr Wesen zu einer sanften -Schwermuth stimmte. Schmerzhaft traf es sie, wenn -der Vater oder ihr Mann von den Zigeunern und -Schelmen sprachen, die im finstern Grunde wohnten; -oft wollte sie sie vertheidigen, die sie als Wohlthäter -der Gegend kannte, vorzüglich gegen Andres, der eine -Lust im eifrigen Schelten zu finden schien, aber sie -zwang das Wort jedesmal in ihre Brust zurück. So -verlebte sie das Jahr, und im folgenden ward sie durch -eine junge Tochter erfreut, welche sie Elfriede nannte, -indem sie dabei an den Namen der Elfen dachte. -</p> - -<p> -Die jungen Leute wohnten mit Martin und Brigitte -in demselben Hause, welches geräumig genug -war, und halfen den Eltern die ausgebreitete Wirthschaft -führen. Die kleine Elfriede zeigte bald besondere -Fähigkeiten und Anlagen, denn sie lief sehr früh, und -konnte alles sprechen, als sie noch kein Jahr alt war; -nach einigen Jahren aber war sie so klug und sinnig, -<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a> -und von so wunderbarer Schönheit, daß alle Menschen -sie mit Erstaunen betrachteten, und ihre Mutter sich -nicht der Meinung erwehren konnte, sie sehe jenen glänzenden -Kindern im Tannengrunde ähnlich. Elfriede -hielt sich nicht gern zu andern Kindern, sondern vermied -bis zur Aengstlichkeit ihre geräuschvollen Spiele, -und war am liebsten allein. Dann zog sie sich in eine -Ecke des Gartens zurück, und las oder arbeitete eifrig -am kleinen Nähzeuge; oft sah man sie auch wie tief -in sich versunken sitzen, oder daß sie in Gängen heftig -auf und nieder ging und mit sich selber sprach. Die -beiden Eltern ließen sie gern gewähren, weil sie gesund -war und gedieh, nur machten sie die seltsamen verständigen -Antworten und Bemerkungen oft besorgt. So -kluge Kinder, sagte die Großmutter Brigitte vielmals, -werden nicht alt, sie sind zu gut für diese Welt, auch -ist das Kind über die Natur schön, und wird sich auf -Erden nicht zurecht finden können. -</p> - -<p> -Die Kleine hatte die Eigenheit, daß sie sich höchst -ungern bedienen ließ, alles wollte sie selber machen. -Sie war fast die früheste auf im Hause, und wusch -sich sorgfältig und kleidete sich selber an; eben so sorgsam -war sie am Abend, sie achtete sehr darauf, Kleider -und Wäsche selbst einzupacken, und durchaus Niemand, -auch die Mutter nicht, über ihre Sachen kommen -zu lassen. Die Mutter sah ihr in diesem Eigensinne -nach, weil sie sich nichts weiter dabei dachte, -aber wie erstaunte sie, als sie sie an einem Feiertage, -zu einem Besuch auf dem Schlosse, mit Gewalt umkleidete, -so sehr sich auch die Kleine mit Geschrei und -Thränen dagegen wehrte, und auf ihrer Brust an einem -Faden hängend, ein Goldstück von seltsamer Form -<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a> -antraf, welches sie sogleich für eines von jenen erkannte, -deren sie so viele in dem unterirdischen Gewölbe gesehn -hatte. Die Kleine war sehr erschrocken, und gestand -endlich, sie habe es im Garten gefunden, und da es -ihr sehr wohlgefallen, habe sie es so ämsig aufbewahrt; -sie bat auch so dringend und herzlich, es ihr zu lassen, -daß Marie es wieder auf derselben Stelle befestigte und -voller Gedanken mit ihr stillschweigend zum Schlosse -hinauf ging. -</p> - -<p> -Seitwärts vom Hause der Pachterfamilie lagen einige -Wirthschaftsgebäude zur Aufbewahrung der Früchte und -des Feldgeräthes, und hinter diesen befand sich ein Grasplatz -mit einer alten Laube, die aber kein Mensch jezt -besuchte, weil sie nach der neuen Einrichtung der Gebäude -zu entfernt vom Garten war. In dieser Einsamkeit -hielt sich Elfriede am liebsten auf, und es fiel Niemanden -ein, sie hier zu stören, so daß die Eltern oft in -halben Tagen ihrer nicht ansichtig wurden. An einem -Nachmittage befand sich die Mutter in den Gebäuden, -um aufzuräumen und eine verlorene Sache wieder zu -finden, als sie wahrnahm, daß durch eine Ritze der -Mauer ein Lichtstrahl in das Gemach falle. Es kam -ihr der Gedanke, hindurch zu sehn, um ihr Kind zu -beobachten, und es fand sich, daß ein locker gewordener -Stein sich von der Seite schieben ließ, wodurch sie -den Blick gerade hinein in die Laube gewann. Elfriede -saß drinnen auf einem Bänkchen, und neben ihr die -wohlbekannte Zerina, und beide Kinder spielten und -ergötzten sich in holdseliger Eintracht. Die Elfe umarmte -das schöne Kind und sagte traurig: Ach, du -liebes Wesen, so wie mit dir habe ich schon mit deiner -Mutter gespielt, als sie klein war und uns besuchte, -<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a> -aber ihr Menschen wachst zu bald auf und werdet so -schnell groß und vernünftig; das ist recht betrübt: -bliebest du doch so lange ein Kind, wie ich! -</p> - -<p> -Gern thät ich dir den Gefallen, sagte Elfriede, -aber sie meinen ja alle, ich würde bald zu Verstande -kommen, und gar nicht mehr spielen, denn ich hätte -rechte Anlagen, altklug zu werden. Ach! und dann -seh’ ich dich auch nicht wieder, du liebes Zerinchen! -Ja, es geht wie mit den Baumblüten: wie herrlich -der blühende Apfelbaum mit seinen röthlichen aufgequollenen -Knospen! der Baum thut so groß und breit, -und jedermann, der drunter weg geht, meint auch, es -müsse recht was Besonderes werden; dann kommt die -Sonne, die Blüte geht so leutselig auf, und da steckt -schon der böse Kern drunter, der nachher den bunten -Putz verdrängt und hinunter wirft; nun kann er sich -geängstigt und aufwachsend nicht mehr helfen, er muß -im Herbst zur Frucht werden. Wohl ist ein Apfel -auch lieb und erfreulich, aber doch nichts gegen die -Frühlingsblüte: so geht es mit uns Menschen auch; -ich kann mich nicht darauf freuen, ein großes Mädchen -zu werden. Ach, könnt’ ich euch doch nur einmal -besuchen! -</p> - -<p> -Seit der König bei uns wohnt, sagte Zerina, ist -es ganz unmöglich, aber ich komme ja so oft zu dir, -Liebchen, und keiner sieht mich, keiner weiß es, weder -hier noch dort; ungesehn geh ich durch die Luft, oder -fliege als Vogel herüber; o wir wollen noch recht viel -beisammen sein, so lange du klein bist. Was kann -ich dir nur zu Gefallen thun? -</p> - -<p> -Recht lieb sollst du mich haben, sagte Elfriede, so -<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a> -lieb, wie ich dich in meinem Herzen trage; doch laß -uns auch einmal wieder eine Rose machen. -</p> - -<p> -Zerina nahm das bekannte Schächtelchen aus dem -Busen, warf zwei Körner hin, und plötzlich stand ein -grünender Busch mit zweien hochrothen Rosen vor -ihnen, welche sich zu einander neigten, und sich zu -küssen schienen. Die Kinder brachen die Rosen lächelnd -ab, und das Gebüsch war wieder verschwunden. O -müßte es nur nicht wieder so schnell sterben, sagte -Elfriede, das rothe Kind, das Wunder der Erde. Gieb! -sagte die kleine Elfe, hauchte dreimal die aufknospende -Rose an, und küßte sie dreimal; nun, sprach sie, indem -sie die Blume zurück gab, bleibt sie frisch und -blühend bis zum Winter. Ich will sie wie ein Bild -von dir aufheben, sagte Elfriede, sie in meinem -Kämmerchen wohl bewahren, und sie Morgens und -Abends küssen, als wenn du es wärst. Die Sonne -geht schon unter, sagte jene, ich muß jezt nach Hause. -Sie umarmten sich noch einmal, dann war Zerina -verschwunden. -</p> - -<p> -Am Abend nahm Marie ihr Kind mit einem Gefühl -von Beängstigung und Ehrfurcht in die Arme; -sie ließ dem holden Mädchen nun noch mehr Freiheit -als sonst, und beruhigte oft ihren Gatten, wenn er, -um das Kind aufzusuchen, kam, was er seit einiger -Zeit wohl that, weil ihm ihre Zurückgezogenheit nicht -gefiel, und er fürchtete, sie könne darüber einfältig, -oder gar unklug werden. Die Mutter schlich öfter -nach der Spalte der Mauer, und fast immer fand sie -die kleine glänzende Elfe neben ihrem Kinde sitzen, mit -Spielen beschäftigt, oder in ernsthaften Gesprächen. -Möchtest du fliegen können? fragte Zerina einmal ihre -<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a> -Freundin. Wie gerne! rief Elfriede aus. Sogleich -umfaßte die Fee die Sterbliche, und schwebte mit ihr -vom Boden empor, so daß sie zur Höhe der Laube -stiegen. Die besorgte Mutter vergaß ihre Vorsicht, und -lehnte sich erschreckend mit dem Kopfe hinaus, um -ihnen nachzusehn; da erhob aus der Luft Zerina den -Finger und drohte lächelnd, ließ sich mit dem Kinde -wieder nieder, herzte sie, und war verschwunden. Es -geschah nachher noch öfter, daß Marie von dem wunderbaren -Kinde gesehen wurde, welches jedesmal mit -dem Kopfe schüttelte oder drohte, aber mit freundlicher -Geberde. -</p> - -<p> -Oftmals schon hatte bei vorgefallenem Streite Marie -im Eifer zu ihrem Manne gesagt: du thust den armen -Leuten in der Hütte Unrecht! Wenn Andres dann in -sie drang, ihm zu erklären, warum sie der Meinung -aller Leute im Dorfe, ja der Herrschaft selber entgegen -sei und es besser wissen wolle, brach sie ab, und schwieg -verlegen. Heftiger als je ward Andres eines Tages -nach Tische und behauptete, das Gesindel müsse als -landesverderblich durchaus fortgeschafft werden; da rief -sie im Unwillen aus: schweig, denn sie sind deine und -unser aller Wohlthäter! Wohlthäter? fragte Andres erstaunt; -die Landstreicher? In ihrem Zorne ließ sie sich -verleiten, ihm unter dem Versprechen der tiefsten Verschwiegenheit -die Geschichte ihrer Jugend zu erzählen, -und da er bei jedem ihrer Worte ungläubiger wurde -und verhöhnend den Kopf schüttelte, nahm sie ihn bei -der Hand und führte ihn in das Gemach, von wo er -zu seinem Erstaunen die leuchtende Elfe mit seinem -Kinde in der Laube spielen, und es liebkosen sah. Er -wußte kein Wort zu sagen; ein Ausruf der Verwunderung -<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a> -entfuhr ihm, und Zerina erhob den Blick. Sie -wurde plötzlich bleich und zitterte heftig, nicht freundlich, -sondern mit zorniger Miene machte sie die drohende -Geberde, und sagte dann zu Elfrieden: du kannst -nichts dafür, geliebtes Herz, aber sie werden niemals -klug, so verständig sie sich auch dünken. Sie umarmte -die Kleine mit stürmender Eil, und flog dann als -Rabe mit heiserem Geschrei über den Garten hinweg, -den Tannenbäumen zu. -</p> - -<p> -Am Abend war die Kleine sehr still und küßte weinend -die Rose, Marien war ängstlich zu Sinne, Andres -sprach wenig. Es wurde Nacht. Plötzlich rauschten -die Bäume, Vögel flogen mit ängstlichem Geschrei umher, -man hörte den Donner rollen, die Erde zitterte -und Klagetöne winselten in der Luft. Marie und Andres -hatten nicht den Muth aufzustehn; sie hüllten sich -in die Decken und erwarteten mit Furcht und Zittern -den Tag. Gegen Morgen ward es ruhiger, und alles -war still, als die Sonne mit ihrem Lichte über den Wald -hervor drang. -</p> - -<p> -Andres <a id="corr-30"></a>kleidete sich an, und Marie bemerkte, daß -der Stein des Ringes an ihrem Finger verblaßt war. -Als sie die Thür öffneten, schien ihnen die Sonne klar -entgegen, aber die Landschaft umher kannten sie kaum -wieder. Die Frische des Waldes war verschwunden, -die Hügel hatten sich gesenkt, die Bäche flossen matt -mit wenigem Wasser, der Himmel schien grau, und -als man den Blick nach den Tannen hinüber wandte, -standen sie nicht finstrer oder trauriger da, als die übrigen -Bäume; die Hütten hinter ihnen hatten nichts -Abschreckendes, und mehrere Einwohner des Dorfes -kamen und erzählten von der seltsamen Nacht, und -<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a> -daß sie über den Hof gegangen seien, wo die Zigeuner -gewohnt, die wohl fort gegangen sein müßten, weil die -Hütten leer ständen, und im Innern ganz gewöhnlich -wie die Wohnungen andrer armen Leute aussähen; -einiges vom Hausrath wäre zurück geblieben. Elfriede -sagte zu ihrer Mutter heimlich: als ich in der Nacht -nicht schlafen konnte, und in der Angst bei dem Getümmel -vom Herzen betete, da öffnete sich plötzlich -meine Thür, und herein trat meine Gespielin, um Abschied -von mir zu nehmen. Sie hatte eine Reisetasche -um, einen Hut auf ihrem Kopf, und einen großen Wanderstab -in der Hand. Sie war sehr böse auf dich, weil -sie deinetwegen nun die größten und schmerzhaftesten -Strafen aushalten müsse, da sie dich doch immer so -geliebt habe; denn alle, so wie sie sagte, verließen -nur sehr ungern diese Gegend. -</p> - -<p> -Marie verbot ihr, davon zu sprechen, und indem -kam auch der Fährmann vom Strome herüber, welcher -Wunderdinge erzählte. Mit einbrechender Nacht war -ein großer fremder Mann zu ihm gekommen, welcher -<a id="corr-31"></a>ihm bis zu Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet -habe, doch mit der Bedingniß, daß er sich still zu -Hause halten und schlafen, wenigstens nicht aus der -Thür treten solle. Ich fürchtete mich, fuhr der Alte -fort, aber der seltsame Handel ließ mich nicht schlafen. -Sacht schlich ich mich ans Fenster und schaute nach dem -Strome. Große Wolken trieben unruhig durch den -Himmel und die fernen Wälder rauschten bange; es war, -als wenn meine Hütte bebte und Klagen und Winseln -um das Haus schlich. Da sah ich plötzlich ein weißströmendes -Licht, das breiter und immer breiter wurde, -wie viele tausend niedergefallene Sterne funkelnd und -<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a> -wogend bewegte es sich von dem finstern Tannengrunde -her, zog über das Feld, und verbreitete sich nach dem -Flusse hin. Da hörte ich ein Trappeln, ein Klirren, -ein Flüstern und Säuseln näher und näher; es ging -nach meiner Fähre hin, hinein stiegen alle, große und -kleine leuchtende Gestalten, Männer und Frauen, wie -es schien, und Kinder, und der große fremde Mann -fuhr sie alle hinüber; im Strome schwammen neben dem -Fahrzeuge viel tausend helle Gebilde, in der Luft flatterten -Lichter und weiße Nebel, und alles klagte und -jammerte, daß sie so weit, weit reisen müßten, aus der -geliebten angewöhnten Gegend fort. Der Ruderschlag -und das Wasser rauschten dazwischen, und dann war -wieder plötzlich eine Stille. Oft stieß die Fähre an, und -kam zurück und ward von neuem beladen, auch viele -schwere Gefäße nahmen sie mit, die gräßliche kleine Gesellen -trugen und rollten; waren es Teufel, waren es -Kobolde, ich weiß es nicht. Dann kam im wogenden -Glanz ein stattlicher Zug. Ein Greis schien es, auf -einem weißen kleinen Rosse, um den sich alles drängte; -ich sah aber nur den Kopf des Pferdes, denn es war -über und über mit kostbaren glänzenden Decken verhangen; -auf dem Haupt trug der Alte eine Krone, so daß -ich dachte, als er hinüber gefahren, die Sonne wolle -von dorten aufgehn, und das Morgenroth funkle mir -entgegen. So währte es die ganze Nacht; ich schlief -endlich in dem Gewirre ein, zum Theil in Freude, zum -Theil in Schauder. Am Morgen war alles ruhig, aber -der Fluß ist wie weg gelaufen, so daß ich Noth haben -werde mein Fahrzeug zu regieren. -</p> - -<p> -Noch in demselben Jahre war ein Mißwachs, die -Wälder starben ab, die Quellen vertrockneten, und dieselbe -<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a> -Gegend, die sonst die Freude jedes Durchreisenden -gewesen war, stand im Herbst verödet, nackt und kahl, -und zeigte kaum hie und da noch im Meere von Sand -ein Plätzchen, wo Gras mit fahlem Grün empor wuchs. -Die Obstbäume gingen alle aus, die Weinberge verdarben, -und der Anblick der Landschaft war so traurig, -daß der Graf im folgenden Jahre mit seiner Familie -das Schloß verließ, welches nachher verfiel und zur -Ruine wurde. -</p> - -<p> -Elfriede betrachtete Tag und Nacht mit der größten -Sehnsucht ihre Rose und gedachte ihrer Gespielin, und -so wie die Blume sich neigte und welkte, so senkte sie -auch das Köpfchen, und war schon vor dem Frühlinge -verschmachtet. Marie stand oft auf dem Platze vor -der Hütte und beweinte das entschwundene Glück. Sie -verzehrte sich, wie ihr Kind, und folgte ihm in einigen -Jahren. Der alte Martin zog mit seinem Schwiegersohne -nach der Gegend, in der er vormals gelebt hatte. -</p> - -<p class="tb"> -——— -</p> - -<p class="noindent"> -Die Damen waren mit dieser Erzählung zufrieden. -<em>Wilibald</em> war noch übrig, um sein Mährchen vorzutragen, -und er fing sogleich ohne Einleitung an. -</p> - -<h2 class="part" id="part-10"> -<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a> -<span class="line1">Der Pokal.</span><br /> -<span class="line2">1811.</span> -</h2> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">V</span>om großen Dom erscholl das vormittägige Geläute. -Ueber den weiten Platz wandelten in verschiedenen Richtungen -Männer und Weiber, Wagen fuhren vorüber -und Priester gingen nach ihren Kirchen. Ferdinand -stand auf der breiten Treppe, den Wandelnden nachsehend -und diejenigen betrachtend, welche herauf stiegen, -um dem Hochamte beizuwohnen. Der Sonnenschein -glänzte auf den weißen Steinen, alles suchte -den Schatten gegen die Hitze; nur er stand schon seit -lange sinnend an einen Pfeiler gelehnt, in den brennenden -Strahlen, ohne sie zu fühlen, denn er verlor -sich in den Erinnerungen, die in seinem Gedächtnisse -aufstiegen. Er dachte seinem Leben nach, und begeisterte -sich an dem Gefühl, welches sein Leben durchdrungen -und alle andern Wünsche in ihm ausgelöscht -hatte. In derselben Stunde stand er hier im vorigen -Jahre, um Frauen und Mädchen zur Messe kommen -zu sehn; mit gleichgültigem Herzen und lächelndem -Auge hatte er die mannichfaltigen Gestalten betrachtet, -mancher holde Blick war ihm schalkhaft begegnet und -manche jungfräuliche Wange war erröthet; sein spähendes -Auge sah den niedlichen Füßchen nach, wie sie -die Stufen herauf schritten, und wie sich das schwebende -Gewand mehr oder weniger verschob, um die -<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a> -feinen Knöchel zu enthüllen. Da kam über den Markt -eine jugendliche Gestalt, in Schwarz, schlank und edel, -die Augen sittsam vor sich hingeheftet, unbefangen schwebte -sie die Erhöhung hinauf mit lieblicher Anmuth, das seidene -Gewand legte sich um den schönsten Körper und wiegte -sich wie in Musik um die bewegten Glieder; jezt wollte -sie den letzten Schritt thun, und von ohngefähr erhob -sie das Auge und traf mit dem blauesten Strahle in -seinen Blick. Er ward wie von einem Blitz durchdrungen. -Sie strauchelte, und so schnell er auch hinzu -sprang, konnte er doch nicht verhindern, daß sie nicht -kurze Zeit in der reizendsten Stellung knieend vor seinen -Füßen lag. Er hob sie auf, sie sah ihn nicht an, -sondern war ganz Röthe, antwortete auch nicht auf -seine Frage, ob sie sich beschädiget habe. Er folgte -ihr in die Kirche und sah nur das Bildniß, wie sie -vor ihm gekniet, und der schönste Busen ihm entgegen -gewogt. Am folgenden Tage besuchte er die Schwelle -des Tempels wieder; die Stätte war ihm geweiht. Er -hatte abreisen wollen, seine Freunde erwarteten ihn ungeduldig -in seiner Heimath; aber von nun an war hier -sein Vaterland, sein Herz war umgewendet. Er sah -sie öfter, sie vermied ihn nicht, doch waren es nur -einzelne und gestohlene Augenblicke; denn ihre reiche -Familie bewachte sie genau, noch mehr ein angesehener -eifersüchtiger Bräutigam. Sie gestanden sich ihre Liebe, -wußten aber keinen Rath in ihrer Lage; denn er war -fremd und konnte seiner Geliebten kein so großes Glück -anbieten, als sie zu erwarten berechtiget war. Da -fühlte er seine Armuth; doch wenn er an seine vorige -Lebensweise dachte, dünkte er sich überschwänglich reich, -denn sein Dasein war geheiligt, sein Herz schwebte -<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a> -immerdar in der schönsten Rührung; jezt war ihm die -Natur befreundet und ihre Schönheit seinen Sinnen -offenbar, er fühlte sich der Andacht und Religion nicht -mehr fremd, und betrat dieselbe Schwelle, das geheimnißvolle -Dunkel des Tempels jezt mit ganz andern Gefühlen, -als in jenen Tagen des Leichtsinns. Er zog -sich von seinen Bekanntschaften zurück und lebte nur -der Liebe. Wenn er durch ihre Straße ging und sie -nur am Fenster sah, war er für diesen Tag glücklich; -er hatte sie in der Dämmerung des Abends oftmals -gesprochen, ihr Garten stieß an den eines Freundes, -der aber sein Geheimniß nicht wußte. So war ein -Jahr vorüber gegangen. -</p> - -<p> -Alle diese Scenen seines neuen Lebens zogen wieder -durch sein Gedächtniß. Er erhob seinen Blick, da -schwebte die edle Gestalt schon über den Platz, sie -leuchtete ihm wie eine Sonne aus der verworrenen -Menge hervor. Ein lieblicher Gesang ertönte in seinem -sehnsüchtigen Herzen, und er trat, wie sie sich -annäherte, in die Kirche zurück. Er hielt ihr das geweihte -Wasser entgegen, ihre weißen Finger zitterten, -als sie die seinigen berührte, sie neigte sich holdselig. -Er folgte ihr nach, und kniete in ihrer Nähe. Sein -ganzes Herz zerschmolz in Wehmuth und Liebe, es -dünkte ihm, als wenn aus den Wunden der Sehnsucht -sein Wesen in andächtigen Gebeten dahin blutete; -jedes Wort des Priesters durchschauerte ihn, jeder -Ton der Musik goß Andacht in seinen Busen; seine -Lippen bebten, als die Schöne das Crucifix ihres Rosenkranzes -an den brünstigen rothen Mund drückte. -Wie hatte er ehemals diesen Glauben und diese Liebe -so gar nicht begreifen können. Da erhob der Priester -<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a> -die Hostie und die Glocke schallte, sie neigte sich demüthiger -und bekreuzte ihre Brust; und wie ein Blitz -schlug es durch alle seine Kräfte und Gefühle, und das -Altarbild dünkte ihm lebendig und die farbige Dämmerung -der Fenster wie ein Licht des Paradieses; Thränen -strömten reichlich aus seinen Augen und linderten -die verzehrende Inbrunst seines Herzens. -</p> - -<p> -Der Gottesdienst war geendigt. Er bot ihr wieder -den Weihbrunnen, sie sprachen einige Worte und sie -entfernte sich. Er blieb zurück, um keine Aufmerksamkeit -zu erregen; er sah ihr nach, bis der Saum ihres -Kleides um die Ecke verschwand. Da war ihm wie dem -müden verirrten Wanderer, dem im dichten Walde der letzte -Schein der untergehenden Sonne erlischt. Er erwachte -aus seiner Träumerei, als ihm eine alte dürre Hand auf -die Schulter schlug, und ihn jemand bei Namen nannte. -</p> - -<p> -Er fuhr zurück, und erkannte seinen Freund, den -mürrischen Albert, der von allen Menschen sich zurück -zog, und dessen einsames Haus nur dem jungen Ferdinand -geöffnet war. Seid ihr unsrer Abrede noch eingedenk? -fragte die heisere Stimme. O ja, antwortete -Ferdinand, und werdet ihr euer Versprechen heut noch -halten? Noch in dieser Stunde, antwortete jener, wenn -ihr mir folgen wollt. -</p> - -<p> -Sie gingen durch die Stadt und in einer abgelegenen -Straße in ein großes Gebäude. Heute, sagte der -Alte, müßt ihr euch schon mit mir in das Hinterhaus -bemühn, in mein einsamstes Zimmer, damit wir nicht -etwa gestört werden. Sie gingen durch viele Gemächer, -dann über einige Treppen; Gänge empfingen sie, und -Ferdinand, der das Haus zu kennen glaubte, mußte -sich über die Menge der Zimmer, so wie über die -<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a> -seltsame Einrichtung des weitläufigen Gebäudes verwundern, -noch mehr aber darüber, daß der Alte, -welcher unverheirathet war, der auch keine Familie -hatte, es allein mit einem einzigen Bedienten bewohne, -und niemals an Fremde von dem überflüssigen -Raume hatte vermiethen wollen. Albert schloß -endlich auf und sagte: nun sind wir zur Stelle. Ein -großes hohes Zimmer empfing sie, das mit rothem -Damast ausgeschlagen war, den goldene Leisten einfaßten, -die Sessel waren von dem nehmlichen Zeuge, -und durch rothe schwerseidne Vorhänge, welche nieder -gelassen waren, schimmerte ein purpurnes Licht. Verweilt -einen Augenblick, sagte der Alte, indem er in -ein anderes Gemach ging. Ferdinand betrachtete indeß -einige Bücher, in welchen er fremde unverständliche Charaktere, -Kreise und Linien, nebst vielen wunderlichen -Zeichnungen fand, und nach dem wenigen, was er -lesen konnte, schienen es alchemistische Schriften; er -wußte auch, daß der Alte im Rufe eines Goldmachers -stand. Eine Laute lag auf dem Tische, welche seltsam -mit Perlmutter und farbigen Hölzern ausgelegt war -und in glänzenden Gestalten Vögel und Blumen darstellte, -der Stern in der Mitte war ein großes Stück -Perlmutter, auf das kunstreichste in vielen durchbrochenen -Zirkelfiguren, fast wie die Fensterrose einer gothischen -Kirche, ausgearbeitet. Ihr betrachtet da mein -Instrument, sagte Albert, welcher zurück kehrte, es ist -schon zweihundert Jahr alt, und ich habe es als Andenken -meiner Reise aus Spanien mitgebracht. Doch -laßt das alles, und setzt euch jezt. -</p> - -<p> -Sie setzten sich an den Tisch, der ebenfalls mit -einem rothen Teppiche bedeckt war, und der Alte stellte -<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a> -etwas Verhülltes auf die Tafel. Aus Mitleid gegen -eure Jugend, fing er an, habe ich euch neulich versprochen, -euch zu wahrsagen, ob ihr glücklich werden -könnt oder nicht, und dieses Versprechen will ich in -gegenwärtiger Stunde lösen, ob ihr gleich die Sache -neulich nur für einen Scherz halten wolltet. Ihr dürft -euch nicht entsetzen, denn, was ich vorhabe, kann ohne -Gefahr geschehn, und weder furchtbare Citationen sollen -von mir vorgenommen werden, noch soll euch eine -gräßliche Erscheinung erschrecken. Die Sache, die ich -versuchen will, kann in zweien Fällen mißlingen: wenn -ihr nämlich nicht so wahrhaft liebt, als ihr mich habt -wollen glauben machen, denn alsdann ist meine Bemühung -umsonst und es zeigt sich gar nichts; oder -daß ihr das Orakel stört und durch eine unnütze Frage -oder ein hastiges Auffahren vernichtet, indem ihr euren -Sitz verlaßt und das Bild zertrümmert; ihr müßt mir -also versprechen, euch ganz ruhig zu verhalten. -</p> - -<p> -Ferdinand gab das Wort, und der Alte wickelte -aus den Tüchern das, was er mitgebracht hatte. Es -war ein goldener Pokal von sehr künstlicher und schöner -Arbeit. Um den breiten Fuß lief ein Blumenkranz -mit Myrthen und verschiedenem Laube und Früchten -gemischt, erhaben ausgeführt mit mattem oder klarem -Golde. Ein ähnliches Band, aber reicher, mit kleinen -Figuren und fliehenden wilden Thierchen, die sich vor -den Kindern fürchteten oder mit ihnen spielten, zog -sich um die Mitte des Bechers. Der Kelch war schön -gewunden, er bog sich oben zurück, den Lippen entgegen, -und inwendig funkelte das Gold mit rother Gluth. -Der Alte stellte den Becher zwischen sich und den Jüngling, -und winkte ihn näher. Fühlt ihr nicht etwas, -<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a> -sprach er, wenn euer Auge sich in diesem Glanz verliert? -Ja, sagte Ferdinand, dieser Schein spiegelt in -mein Innres hinein, ich möchte sagen, ich fühle ihn -wie einen Kuß in meinem sehnsüchtigen Busen. So -ist es recht! sagte der Alte; nun laßt eure Augen nicht -mehr herum schweifen, sondern haltet sie fest auf den -Glanz dieses Goldes, und denkt so lebhaft wie möglich -an eure Geliebte. -</p> - -<p> -Beide saßen eine Weile ruhig, und schauten vertieft -den leuchtenden Becher an. Bald aber fuhr der -Alte mit stummer Geberde, erst langsam, dann schneller, -endlich in eilender Bewegung mit streichendem Finger -um die Glut des Pokals in ebenmäßigen Kreisen -hin. Dann hielt er wieder inne und legte die Kreise -von der andern Seite. Als er eine Weile dies Beginnen -fortgesetzt hatte, glaubte Ferdinand Musik zu -hören, aber es klang wie draußen, in einer fernen -Gasse; doch bald kamen die Töne näher, sie schlugen -lauter und lauter an, sie zitterten bestimmter -durch die Luft, und es blieb ihm endlich kein Zweifel, -daß sie aus dem Innern des Bechers hervor quollen. -Immer stärker ward die Musik, und von so durchdringender -Kraft, daß des Jünglings Herz erzitterte und -ihm die Thränen in die Augen stiegen. Eifrig fuhr -die Hand des Alten in verschiedenen Richtungen über -die Mündung des Bechers, und es schien, als wenn -Funken aus seinen Fingern fuhren und zuckend gegen -das Gold leuchtend und klingend zersprangen. Bald -mehrten sich die glänzenden Punkte und folgten, wie -auf einen Faden gereiht, der Bewegung seines Fingers -hin und wieder; sie glänzten von verschiedenen -Farben, und drängten sich allgemach dichter und dichter -<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a> -an einander, bis sie in Linien zusammen schossen. Nun -schien es, als wenn der Alte in der rothen Dämmerung -ein wundersames Netz über das leuchtende Gold -legte, denn er zog nach Willkühr die Strahlen hin -und wieder, und verwebte mit ihnen die Oeffnung des -Pokales; sie gehorchten ihm und blieben, einer Bedeckung -ähnlich, liegen, indem sie hin und wieder webten -und in sich selber schwankten. Als sie so gefesselt -waren, beschrieb er wieder die Kreise um den Rand, -die Musik sank wieder zurück und wurde leiser und -leiser, bis sie nicht mehr zu vernehmen war, das leuchtende -Netz zitterte wie beängstiget. <a id="corr-32"></a>Es brach im zunehmenden -Schwanken, und die Strahlen regneten -tropfend in den Kelch, doch aus den niedertropfenden -erhob sich wie eine röthliche Wolke, die sich in sich -selbst in vielfachen Kreisen bewegte, und wie Schaum -über der Mündung schwebte. Ein hellerer Punkt -schwang sich mit der größten Schnelligkeit durch die -wolkigen Kreise. Da stand das Gebild, und wie ein -Auge schaute es plötzlich aus dem Duft, wie goldene -Locken floß und ringelte es oben, und alsbald ging ein -sanftes Erröthen in dem wankenden Schatten auf und -ab, und Ferdinand erkannte das lächelnde Angesicht -seiner Geliebten, die blauen Augen, die zarten Wangen, -den lieblich rothen Mund. Das Haupt schwankte hin -und her, hob sich deutlicher und sichtbarer auf dem -schlanken weißen Halse hervor und neigte sich zu dem -entzückten Jünglinge hin. Der Alte beschrieb immer -noch die Kreise um den Becher, und heraus traten -die glänzenden Schultern, und so wie sich die liebliche -Bildung aus dem goldenen Bett mehr hervor drängte -und holdselig hin und wieder wiegte, so erschienen nun -<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a> -die beiden zarten, gewölbten und getrennten Brüste, auf -deren Spitze die feinste Rosenknospe mit süß verhüllter -Röthe schimmerte. Ferdinand glaubte den Athem zu -fühlen, indem das geliebte Bild wogend zu ihm neigte, -und ihn fast mit den brennenden Lippen berührte; er -konnte sich im Taumel nicht mehr bewältigen, sondern -drängte sich mit einem Kusse an den Mund, und -wähnte, die schönen Arme zu fassen, um die nackte Gestalt -ganz aus dem goldenen Gefängniß zu heben. Alsbald -durchfuhr ein starkes Zittern das liebliche Bild, -wie in tausend Linien brach das Haupt und der Leib -zusammen, und eine Rose lag am Fuß des Pokales, -aus deren Röthe noch das süße Lächeln schien. Sehnsüchtig -ergriff sie Ferdinand, drückte sie an seinen Mund, -und an seinem brennenden Verlangen verwelkte sie, -und war in Luft zerflossen. -</p> - -<p> -Du hast schlecht dein Wort gehalten, sagte der Alte -verdrüßlich, du kannst dir nur selber die Schuld beimessen. -Er verhüllte seinen Pokal wieder, zog die -Vorhänge auf und eröffnete ein Fenster; das helle -Tageslicht brach herein, und Ferdinand verließ wehmüthig -und mit vielen Entschuldigungen den murrenden -Alten. -</p> - -<p> -Er eilte bewegt durch die Straßen der Stadt. Vor -dem Thore setzte er sich unter den Bäumen nieder. -Sie hatte ihm am Morgen gesagt, daß sie mit einigen -Verwandten Abends über Land fahren müsse. Bald -saß, bald wanderte er liebetrunken im Walde; immer -sah er das holdselige Bild, wie es mehr und mehr aus -dem glühenden Golde quoll; jezt erwartete er, sie heraus -schreiten zu sehn im Glanze ihrer Schönheit, und -dann zerbrach die schönste Form vor seinen Augen, und -<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a> -er zürnte mit sich, daß er durch seine rastlose Liebe -und die Verwirrung seiner Sinne das Bildniß und -vielleicht sein Glück zerstört habe. -</p> - -<p> -Als nach der Mittagsstunde der Spaziergang sich -allgemach mit Menschen füllte, zog er sich tiefer in -das Gebüsch zurück; spähend behielt er aber die ferne -Landstraße im Auge, und jeder Wagen, der durch das -Thor kam, wurde aufmerksam von ihm geprüft. -</p> - -<p> -Es näherte sich dem Abende. Rothe Schimmer -warf die untergehende Sonne, da flog aus dem Thor -der reiche vergoldete Wagen, der feurig im Abendglanze -leuchtete. Er eilte hinzu. Ihr Auge hatte das seinige -schon gesucht. Freundlich und lächelnd lehnte sie den -glänzenden Busen aus dem Schlage, er fing ihren liebevollen -Gruß und Wink auf; jezt stand er neben dem -Wagen, ihr voller Blick fiel auf ihn, und indem sie sich -weiter fahrend wieder zurück zog, flog die Rose, welche -ihren Busen zierte, heraus, und lag zu seinen Füßen. -Er hob sie auf und küßte sie, und ihm war, als weissage -sie ihm, daß er seine Geliebte nicht wieder sehn -würde, daß nun sein Glück auf immer zerbrochen sei. -</p> - -<p class="tb"> -——— -</p> - -<p class="noindent"> -Auf und ab lief man die Treppen, das ganze Haus -war in Bewegung, alles machte Geschrei und Lärmen -zum morgenden großen Feste. Die Mutter war am -thätigsten so wie am freudigsten; die Braut ließ alles -geschehn, und zog sich, ihrem Schicksal nachsinnend, -in ihr Zimmer zurück. Man erwartete noch den Sohn, -den Hauptmann mit seiner Frau und zwei ältere Töchter -mit ihren Männern; Leopold, ein jüngerer Sohn, war -muthwillig beschäftigt, die Unordnung zu vermehren, -<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a> -den Lärmen zu vergrößern, und alles zu verwirren, -indem er alles zu betreiben schien. Agathe, seine noch -unverheirathete Schwester, wollte ihn zur Vernunft -bringen und dahin bewegen, daß er sich um nichts -kümmere, und nur die andern in Ruhe lasse; aber die -Mutter sagte: störe ihn nicht in seiner Thorheit, denn -heute kommt es auf etwas mehr oder weniger nicht an; -nur darum bitte ich euch alle, da ich schon auf so -viel zu denken habe, daß ihr mich nicht mit irgend -etwas behelligt, was ich nicht höchst nöthig erfahren -muß; ob sie Porzellan zerbrechen, ob einige silberne -Löffel fehlen, ob das Gesinde der Fremden Scheiben -entzwei schlägt, mit solchen Possen ärgert mich nicht, -daß ihr sie mir wieder erzählt. Sind diese Tage der -Unruhe vorüber, dann wollen wir Rechnung halten. -</p> - -<p> -Recht so, Mutter! sagte Leopold, das sind Gesinnungen -eines Regenten würdig! Wenn auch einige -Mägde den Hals brechen, der Koch sich betrinkt und -den Schornstein anzündet, der Kellermeister vor Freude -den Malvasier auslaufen oder aussaufen läßt, Sie sollen -von dergleichen Kindereien nichts erfahren. Es -müßte denn sein, daß ein Erdbeben das Haus umwürfe; -Liebste, das ließe sich unmöglich verhehlen. -</p> - -<p> -Wann wird er doch einmal klüger werden! sagte -die Mutter; was werden nur deine Geschwister denken, -wenn sie dich eben so unklug wieder finden, als sie -dich vor zwei Jahren verlassen haben. -</p> - -<p> -Sie müssen meinem Charakter Gerechtigkeit widerfahren -lassen, antwortete der lebhafte Jüngling, daß -ich nicht so wandelbar bin wie sie oder ihre Männer, -die sich in wenigen Jahren so sehr, und zwar nicht -zu ihrem Vortheile verändert haben. -</p> - -<p> -<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a> -Jezt trat der Bräutigam zu ihnen, und fragte nach -der Braut. Die Kammerjungfer ward geschickt, sie zu -rufen. Hat Leopold Ihnen, liebe Mutter, meine Bitte -vorgetragen? fragte der Verlobte. -</p> - -<p> -Daß ich nicht wüßte, sagte diese; in der Unordnung -hier im Hause kann man keinen vernünftigen -Gedanken fassen. -</p> - -<p> -Die Braut trat herzu, und die jungen Leute begrüßten -sich mit Freuden. Die Bitte, deren ich erwähnte, -fuhr dann der Bräutigam fort, ist, daß Sie -es nicht übel deuten mögen, wenn ich Ihnen noch -einen Gast in Ihr Haus führe, das für diese Tage -nur schon zu sehr besetzt ist. -</p> - -<p> -Sie wissen es selbst, sagte die Mutter, daß, so -geräumig es auch ist, sich schwerlich noch Zimmer einrichten -lassen. -</p> - -<p> -Doch, rief Leopold, ich habe schon zum Theil dafür -gesorgt, ich habe die große Stube im Hinterhause aufräumen -lassen. -</p> - -<p> -Ei, die ist nicht anständig genug, sagte die Mutter, -seit Jahren ist sie ja fast nur zur Polterkammer -gebraucht. -</p> - -<p> -Prächtig ist sie hergestellt, sagte Leopold, und der -Freund, für den sie bestimmt ist, sieht auch auf dergleichen -nicht, dem ist es nur um unsre Liebe zu thun; -auch hat er keine Frau und befindet sich gern in der -Einsamkeit, so daß sie ihm gerade recht sein wird. Wir -haben Mühe genug gehabt, ihm zuzureden und ihn -wieder unter Menschen zu bringen. -</p> - -<p> -Doch wohl nicht euer trauriger Goldmacher und -Geisterbanner? fragte Agathe. -</p> - -<p> -<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a> -Kein andrer als der, erwiederte der Bräutigam, -wenn Sie ihn einmal so nennen wollen. -</p> - -<p> -Dann erlauben Sie es nur nicht, liebe Mutter, -fuhr die Schwester fort; was soll ein solcher Mann in -unserm Hause? Ich habe ihn einigemal mit Leopold -über die Straße gehen sehn, und mir ist vor seinem -Gesicht bange geworden; auch besucht der alte Sünder -fast niemals die Kirche, er liebt weder Gott noch Menschen, -und es bringt keinen Segen, dergleichen Ungläubige -bei so feierlicher Gelegenheit unter das Dach -einzuführen. Wer weiß, was daraus entstehn kann! -</p> - -<p> -Wie du nun sprichst! sagte Leopold erzürnt, weil -du ihn nicht kennst, so verurtheilst du ihn, und weil -dir seine Nase nicht gefällt, und er auch nicht mehr -jung und reizend ist, so muß er, deinem Sinne nach, -ein Geisterbanner und verruchter Mensch sein. -</p> - -<p> -Gewähren Sie, theure Mutter, sagte der Bräutigam, -unserm alten Freunde ein Plätzchen in ihrem -Hause, und lassen Sie ihn an unserer allgemeinen -Freude Theil nehmen. Er scheint, liebe Schwester Agathe, -viel Unglück erlebt zu haben, welches ihn mißtrauisch -und menschenfeindlich gemacht hat, er vermeidet -alle Gesellschaft, und macht nur eine Ausnahme -mit mir und Leopold; ich habe ihm viel zu danken, -er hat zuerst meinem Geiste eine bessere Richtung gegeben, -ja ich kann sagen, er allein hat mich vielleicht -der Liebe meiner Julie würdig gemacht. -</p> - -<p> -Mir borgt er alle Bücher, fuhr Leopold fort, und, -was mehr sagen will, alte Manuskripte, und, was -noch mehr sagen will, Geld, auf mein bloßes Wort; -er hat die christlichste Gesinnung, Schwesterchen, und -wer weiß, wenn du ihn näher kennen lernst, ob du -<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a> -nicht deine Sprödigkeit fahren lässest, und dich in ihn -verliebst, so häßlich er dir auch jezt vorkommt. -</p> - -<p> -Nun so bringen Sie ihn uns, sagte die Mutter, -ich habe schon sonst so viel aus Leopolds Munde von -ihm hören müssen, daß ich neugierig bin, seine Bekanntschaft -zu machen. Nur müssen Sie es verantworten, -daß wir ihm keine bessere Wohnung geben -können. -</p> - -<p> -Indem kamen Reisende an. Es waren die Mitglieder -der Familie; die verheiratheten Töchter, so wie -der Offizier, brachten ihre Kinder mit. Die gute Alte -freute sich, ihre Enkel zu sehn; alles war Bewillkommnung -und frohes Gespräch, und als der Bräutigam -und Leopold auch ihre Grüße empfangen und abgelegt -hatten, entfernten sie sich, um ihren alten mürrischen -Freund aufzusuchen. -</p> - -<p> -Dieser wohnte die meiste Zeit des Jahres auf dem -Lande, eine Meile von der Stadt, aber eine kleine -Wohnung behielt er sich auch in einem Garten vor -dem Thore. Hier hatten ihn zufälligerweise die beiden -jungen Leute kennen gelernt. Sie trafen ihn jezt auf -einem Kaffeehause, wohin sie sich bestellt hatten. Da -es schon Abend geworden war, begaben sie sich nach -einigen Gesprächen in das Haus zurück. -</p> - -<p> -Die Mutter nahm den Fremden sehr freundschaftlich -auf; die Töchter hielten sich etwas entfernt, besonders -war Agathe schüchtern und vermied seine Blicke -sorgfältig. Nach den ersten allgemeinen Gesprächen -war das Auge des Alten aber unverwandt auf die Braut -gerichtet, welche später zur Gesellschaft getreten war; -er schien entzückt und man bemerkte, daß er eine Thräne -heimlich abzutrocknen suchte. Der Bräutigam freute -<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a> -sich an seiner Freude, und als sie nach einiger Zeit -abseits am Fenster standen, nahm er die Hand des -Alten und fragte ihn: Was sagen Sie von meiner -geliebten Julie? Ist sie nicht ein Engel? — O mein -Freund, erwiederte der Alte gerührt, eine solche Schönheit -und Anmuth habe ich noch niemals gesehn; oder -ich sollte vielmehr sagen, (denn dieser Ausdruck ist unrichtig) -sie ist so schön, so bezaubernd, so himmlisch, -daß mir ist, als hätte ich sie längst gekannt, als wäre -sie, so fremd sie mir ist, das vertrauteste Bild meiner -Imagination, das meinem Herzen stets einheimisch -gewesen. -</p> - -<p> -Ich verstehe Sie, sagte der Jüngling; ja das wahrhaft -Schöne, Große und Erhabene, so wie es uns in -Erstaunen und Verwunderung setzt, überrascht uns doch -nicht als etwas Fremdes, Unerhörtes und Niegesehenes, -sondern unser eigenstes Wesen wird uns in solchen -Augenblicken klar, unsre tiefsten Erinnerungen werden -erweckt, und unsre nächsten Empfindungen lebendig -gemacht. -</p> - -<p> -Beim Abendessen nahm der Fremde an den Gesprächen -nur wenigen Antheil; sein Blick war unverwandt -auf die Braut geheftet, so daß diese endlich -verlegen und ängstlich wurde. Der Offizier erzählte -von einem Feldzuge, dem er beigewohnt hatte, der -reiche Kaufmann sprach von seinen Geschäften und der -schlechten Zeit, und der <a id="corr-33"></a>Gutsbesitzer von den Verbesserungen, -welche er in seiner Landwirthschaft angefangen -hatte. -</p> - -<p> -Nach Tische empfahl sich der Bräutigam, um zum -letztenmal in seine einsame Wohnung zurück zu kehren; -denn künftig sollte er mit seiner jungen Frau im Hause -<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a> -der Mutter wohnen, ihre Zimmer waren schon eingerichtet. -Die Gesellschaft zerstreute sich, und Leopold -führte den Fremden nach seinem Gemach. Ihr entschuldigt -es wohl, fing er auf dem Gange an, daß -ihr etwas entfernt hausen müßt, und nicht so bequem, -als die Mutter wünscht; aber ihr seht selbst, wie zahlreich -unsre Familie ist, und morgen kommen noch andre -Verwandte. Wenigstens werdet ihr uns nicht entlaufen -können, denn ihr findet euch gewiß nicht aus dem weitläufigen -Gebäude heraus. -</p> - -<p> -Sie gingen noch durch einige Gänge; endlich entfernte -sich Leopold und wünschte gute Nacht. Der Bediente -stellte zwei Wachskerzen hin, fragte, ob er den -Fremden entkleiden solle, und da dieser jede Bedienung -verbat, zog sich jener zurück, und er befand sich allein. -Wie muß es mir denn begegnen, sagte er, indem er -auf <a id="corr-34"></a>und nieder ging, daß jenes Bildniß so lebhaft heut -aus meinem Herzen quillt? Ich vergaß die ganze Vergangenheit -und glaubte sie selbst zu sehn. Ich war -wieder jung und ihr Ton erklang wie damals; mir -dünkte, ich sei aus einem schweren Traum erwacht; -aber nein, jezt bin ich erwacht, und die holde Täuschung -war nur ein süßer Traum. -</p> - -<p> -Er war zu unruhig, um zu schlafen, er betrachtete -einige Zeichnungen an den Wänden und dann das -Zimmer. Heute ist mir alles so bekannt, rief er aus, -könnt’ ich mich doch fast so täuschen, daß ich mir einbildete, -dieses Haus und dieses Gemach seien mir nicht -fremd. Er suchte seine Erinnerungen anzuknüpfen, und -hob einige große Bücher auf, welche in der Ecke standen. -Als er sie durchblättert hatte, schüttelte er mit -dem Kopfe. Ein Lautenfutteral lehnte an der Mauer; -<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a> -er eröffnete es und nahm ein altes seltsames Instrument -heraus, das beschädigt war und dem die Saiten -fehlten. Nein, ich irre mich nicht, rief er bestürzt: -diese Laute ist zu kenntlich, es ist die Spanische meines -längst verstorbenen Freundes Albert; dort stehn seine -magischen Bücher, dies ist das Zimmer, in welchem -er mir jenes holdselige Orakel erwecken wollte; verblichen -ist die Röthe des Teppichs, die goldene Einfassung -ermattet, aber wundersam lebhaft ist alles, alles -aus jenen Stunden in meinem Gemüth; darum schauerte -mir, als ich hieher ging, auf jenen langen verwickelten -Gängen, welche mich Leopold führte; o Himmel, -hier auf diesem Tische stieg das Bildniß quellend -hervor, und wuchs auf wie von der Röthe des Goldes -getränkt und erfrischt; dasselbe Bild lachte hier mich -an, welches mich heut Abend dorten im Saale fast -wahnsinnig gemacht hat, in jenem Saale, in welchem -ich so oft mit Albert in vertrauten Gesprächen auf und -nieder wandelte. -</p> - -<p> -Er entkleidete sich, schlief aber nur wenig. Am -Morgen stand er früh wieder auf, und betrachtete das -Zimmer von neuem; er eröffnete das Fenster, und sah -dieselben Gärten und Gebäude vor sich, wie damals, -nur waren indeß viele neue Häuser hinzu gebaut worden. -Vierzig Jahre sind seitdem verschwunden, seufzte -er, und jeder Tag von damals enthielt längeres Leben -als der ganze übrige Zeitraum. -</p> - -<p> -Er ward wieder zur Gesellschaft gerufen. Der -Morgen verging unter mannichfaltigen Gesprächen, endlich -trat die Braut in ihrem Schmucke herein. So wie -der Alte ihrer ansichtig ward, gerieth er wie außer sich, -<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a> -so daß keinem in der Gesellschaft seine Bewegung entging. -Man begab sich zur Kirche und die Trauung -ward vollzogen. Als sich alle wieder im Hause befanden, -fragte Leopold seine Mutter: nun, wie gefällt -Ihnen unser Freund, der gute mürrische Alte? -</p> - -<p> -Ich habe ihn mir, antwortete diese, nach euren -Beschreibungen viel abschreckender gedacht, er ist ja mild -und theilnehmend, man könnte ein rechtes Zutrauen -zu ihm gewinnen. -</p> - -<p> -Zutrauen? rief Agathe aus, zu diesen fürchterlich -brennenden Augen, diesen tausendfachen Runzeln, dem -blassen eingekniffenen Mund, und diesem seltsamen -Lachen, das so höhnisch klingt und aussieht? Nein, -Gott bewahr mich vor solchem Freunde! Wenn böse -Geister sich in Menschen verkleiden wollen, müssen sie -eine solche Gestalt annehmen. -</p> - -<p> -Wahrscheinlich doch eine jüngere und reizendere, -antwortete die Mutter; aber ich kenne auch diesen guten -Alten in deiner Beschreibung nicht wieder. Man sieht, -daß er von heftigem Temperament ist, und sich gewöhnt -hat alle seine Empfindungen in sich zu verschließen; -er mag, wie Leopold sagt, viel Unglück erlebt -haben, daher ist er mißtrauisch geworden, und hat -jene einfache Offenheit verloren, die hauptsächlich nur -den Glücklichen eigen ist. -</p> - -<p> -Ihr Gespräch wurde unterbrochen, weil die übrige -Gesellschaft hinzu trat. Man ging zur Tafel, und der -Fremde saß neben Agathe und dem reichen Kaufmanne. -Als man anfing die Gesundheiten zu trinken, rief Leopold: -haltet noch inne, meine werthen Freunde, dazu -müssen wir unsern Festpokal hier haben, der dann rundum -<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a> -gehn soll! Er wollte aufstehen, aber die Mutter -winkte ihm, sitzen zu bleiben; du findest ihn doch nicht, -sagte sie, denn ich habe alles Silberzeug anders gepackt. -Sie ging schnell hinaus, um ihn selber zu suchen. -Was unsre Alte heut geschäftig und munter ist, sagte -der Kaufmann, so dick und breit sie ist, so behende -kann sie sich doch noch bewegen, obgleich sie schon -sechzig zählt; ihr Gesicht sieht immer heiter und freudig -aus, und heut ist sie besonders glücklich, weil sie sich -in der Schönheit ihrer Tochter wieder verjüngt. Der -Fremde gab ihm Beifall, und die Mutter kam mit dem -Pokal zurück. Man schenkte ihn voll Weins, und oben -vom Tisch fing er an herum zu gehn, indem jeder die Gesundheit -dessen ausbrachte, was ihm das liebste und erwünschteste -war. Die Braut trank das Wohlsein ihres Gatten, -dieser die Liebe seiner schönen Julie, und so that jeder nach -der Reihe. Die Mutter zögerte, als der Becher zu ihr -kam. Nur dreist! sagte der Offizier etwas rauh und voreilig, -wir wissen ja doch, daß sie alle Männer für ungetreu -und keinen einzigen der Liebe einer Frau würdig -halten; was ist Ihnen also das Liebste? Die Mutter -sah ihn an, indem sich über die Milde ihres Antlitzes -plötzlich ein zürnender Ernst verbreitete. Da mein -Sohn, sagte sie, mich so genau kennt, und so strenge -meine Gemüthsart tadelt, so sei es mir auch erlaubt, -nicht auszusprechen, was ich jetzt eben dachte, und suche -er nur dasjenige, was er als meine Ueberzeugung kennen -will, durch seine ungefälschte Liebe unwahr zu -machen. Sie gab den Becher, ohne zu trinken, weiter, -und die Gesellschaft war auf einige Zeit verstimmt. -</p> - -<p> -Man erzählt sich, sagte der Kaufmann leise, indem -er sich zum Fremden neigte, daß sie ihren Mann nicht -<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a> -geliebt habe, sondern einen andern, der ihr aber ungetreu -geworden ist; damals soll sie das schönste Mädchen -in der Stadt gewesen sein. -</p> - -<p> -Als der Becher zu Ferdinand kam, betrachtete ihn -dieser mit Erstaunen, denn es war derselbe, aus welchem -ihm Albert ehemals das schöne Bildniß hervor -gerufen hatte. Er schaute in das Gold hinein und in -die Welle des Weines, seine Hand zitterte; es würde -ihn nicht verwundert haben, wenn aus dem leuchtenden -Zaubergefäße jezt wieder jene Gestalt hervor geblüht -wäre und mit ihr seine entschwundene Jugend. -Nein, sagte er nach einiger Zeit halblaut, es ist -Wein, was hier glüht! Was soll es anders sein? -sagte der Kaufmann lachend, trinken Sie getrost! Ein -Zucken des Schrecks durchfuhr den Alten, er sprach den -Namen Franziska heftig aus, und setzte den Pokal an -die brünstigen Lippen. Die Mutter warf einen fragenden -und verwundernden Blick hinüber. Woher dieser -schöne Becher? sagte Ferdinand, der sich seiner Zerstreuung -schämte. Vor vielen Jahren schon, antwortete -Leopold, noch ehe ich geboren war, hat ihn mein Vater -zugleich mit diesem Hause und allen Mobilien von einem -alten einsamen Hagestolz gekauft, einem stillen Menschen, -den die Nachbarschaft umher für einen Zauberer hielt. -Ferdinand mochte nicht sagen, daß er jenen gekannt -hatte, denn sein Dasein war ihm zu sehr zum seltsamen -Traum verwirrt, um auch nur aus der Ferne die -übrigen in sein Gemüth schauen zu lassen. -</p> - -<p> -Nach aufgehobener Tafel war er mit der Mutter -allein, weil die jungen Leute sich zurück gezogen hatten, -um Anstalten zum Balle zu treffen. Setzen Sie -sich neben mich, sagte die Mutter, wir wollen ausruhen, -<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a> -denn wir sind über die Jahre des Tanzes hinweg, -und wenn es nicht unbescheiden ist zu fragen, so sagen -Sie mir doch, ob Sie unsern Pokal schon sonst wo -gesehn haben, oder was es war, was Sie so innerlichst -bewegte. -</p> - -<p> -O gnädige Frau, sagte der Alte, verzeihen Sie meiner -thörichten Heftigkeit und Rührung; aber seit ich in -Ihrem Hause bin, ist es, als gehöre ich mir nicht -mehr an, denn in jedem Augenblicke vergesse ich es, -daß mein Haar grau ist, daß meine Geliebten gestorben -sind. Ihre schöne Tochter, die heute den frohesten -Tag ihres Lebens feiert, ist einem Mädchen, das -ich in meiner Jugend kannte und anbetete, so ähnlich, -<a id="corr-35"></a>daß ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, -nein, der Ausdruck sagt zu wenig, sie ist es selbst! -Auch hier im Hause bin ich viel gewesen, und einmal -mit diesem Pokal auf die seltsamste Weise bekannt geworden. -Er erzählte ihr hierauf sein Abentheuer. An -dem Abend dieses Tages, so beschloß er, sah ich draußen -im Park meine Geliebte zum letzten mal, indem sie -über Land fuhr. Eine Rose entfiel ihr, diese habe ich -aufbewahrt; sie selbst ging mir verloren, denn sie ward -mir ungetreu und bald darauf vermält. -</p> - -<p> -Gott im Himmel! rief die Alte und sprang heftig -bewegt auf, du bist doch nicht Ferdinand? -</p> - -<p> -So ist mein Name, sagte jener. -</p> - -<p> -Ich bin Franziska, antwortete die Mutter. -</p> - -<p> -Sie wollten sich umarmen, und fuhren schnell -zurück. Beide betrachteten sich mit prüfenden Blicken, -beide suchten aus dem Ruin der Zeit jene Lineamente -wieder zu entwickeln, die sie ehemals an einander gekannt -und geliebt hatten, und wie in dunkeln Gewitternächten -<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a> -unter dem Fluge schwarzer Wolken einzeln -in flüchtigen Momenten die Sterne räthselhaft schimmern, -um schnell wieder zu erlöschen, so schien ihnen -aus den Augen, von Stirn und Mund jezuweilen der -wohlbekannte Zug vorüberblitzend, und es war, als -wenn ihre Jugend in der Ferne lächelnd weinte. Er -bog sich nieder und küßte ihre Hand, indem zwei große -Thränen herabstürzten, dann umarmten sie sich herzlich. -</p> - -<p> -Ist deine Frau gestorben? fragte die Mutter. -</p> - -<p> -Ich war nie verheirathet, schluchzte Ferdinand. -</p> - -<p> -Himmel! sagte die Alte, die Hände ringend, so -bin ich die Ungetreue gewesen! Doch nein, nicht ungetreu. -Als ich vom Lande zurück kam, wo ich zwei -Monden gewesen war, hörte ich von allen Menschen, -auch von deinen Freunden, nicht blos den meinigen, -du seist längst abgereist und in deinem Vaterlande verheirathet, -man zeigte mir die glaubwürdigsten Briefe, -man drang heftig in mich, man benutzte meine Trostlosigkeit, -meinen Zorn, und so geschah es, daß ich -meine Hand dem verdienstvollen Manne gab; mein -Herz, meine Gedanken blieben dir immer gewidmet. -</p> - -<p> -Ich habe mich nicht von hier entfernt, sagte Ferdinand, -aber nach einiger Zeit vernahm ich deine Vermälung. -Man wollte uns trennen, und es ist ihnen -gelungen. Du bist glückliche Mutter, ich lebe in der -Vergangenheit, und alle deine Kinder will ich wie die -meinigen lieben. Aber wie wunderbar, daß wir uns -seitdem nie wieder gesehen haben. -</p> - -<p> -Ich ging wenig aus, sagte die Mutter, und mein -Mann, der bald darauf einer Erbschaft wegen einen -<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a> -andern Namen annahm, hat dir auch jeden Verdacht -dadurch entfernt, daß wir in derselben Stadt wohnen -könnten. -</p> - -<p> -Ich vermied die Menschen, sagte Ferdinand, und -lebte nur der Einsamkeit; Leopold ist beinah der einzige, -der mich wieder anzog und unter Menschen führte. -O geliebte Freundin, es ist wie eine schauerliche Geistergeschichte, -wie wir uns verloren und wieder gefunden -haben. -</p> - -<p> -Die jungen Leute fanden die Alten in Thränen aufgelöst -und in tiefster Bewegung. Keines sagte, was -vorgefallen war, das Geheimniß schien ihnen zu heilig. -Aber seitdem war der Greis der Freund <a id="corr-36"></a>des Hauses, -und der Tod nur schied die beiden Wesen, die sich so -sonderbar wieder gefunden hatten, um sie kurze Zeit -nachher wieder zu vereinigen. -</p> - -<p class="tb"> -——— -</p> - -<p class="noindent"> -Es war über dem Vorlesen dieser Mährchen viele -Zeit verflossen, und man setzte sich sehr spät zu Tische. -Der Abend war wieder so warm, daß man die Flügel -des Saales eröffnen konnte, um die anmuthige Luft -zu genießen. Man sprach noch vielerlei über die vorgetragenen -Erzählungen, und es schien, daß die übrigen -Frauen der Meinung Claras beitraten, welche die -Geschichte vom blonden Eckbert allen übrigen vorzog. -Emilie wollte im getreuen Eckart eine Disharmonie -bemerken, Rosalie nahm die Magelone in Schutz und -Wilibalds Erzählung, Auguste lobte die Elfen; nur in -Ansehung des Runenberges und Liebeszaubers blieben -<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a> -alle bei ihrer vorgefaßten Meinung; und verwarfen sie -gänzlich. Mein theurer Freund, sagte Manfred, zu -Lothar gewandt, trösten wir uns darüber, daß die gegenwärtige -Zeit uns nicht versteht, ich appellire an eine -bessere Nachwelt, die mich dankbar anerkennen wird. -</p> - -<p> -Wo ist die? fragte Lothar lachend. -</p> - -<p> -Dorten schläft sie schon, sagte Manfred, nach der -Kinderstube hinauf deutend; meine beiden Jungen meine -ich; so wie sie nur ein weniges bei Kräften sind, lese -ich ihnen meine Werke vor, und belohne ihren Beifall -mit Zuckerwerk, und ich will sehn, ob sie mich nicht -auf lange für den ersten aller Dichter halten sollen. -</p> - -<p> -Wir sind aber unserm Freunde Lothar eine Vergütigung -schuldig, sagte Clara, und da er heute als -Autor so wenig Glück gemacht hat, so versuche er es -einmal mit der Königswürde, er übernehme die nächste -Abtheilung und bestimme sie nach seiner Willkühr. -</p> - -<p> -Lothar verneigte <a id="corr-37"></a>sich, und nahm aus dem Blumenkorbe -eine Lilie, um sie als Scepter zu gebrauchen. -So befehle ich denn, sprach er, daß wir diese Mährchenwelt -noch nicht verlassen, nur wollen wir den -Dichtern die Mühe der Erfindung schenken; mögen sie -allgemein bekannte Geschichten nehmen, wo möglich -ganz kindische und alberne, und damit den Versuch -machen, diesen durch ihre Darstellung ein neues Interesse -zu geben; jedes dieser Mährchen soll aber ein -Drama sein. -</p> - -<p> -Wilibald hustete und Auguste sagte: nur bitten wir -Mädchen, daß es auch hie und da etwas lustig darin -zugehn möge, und nicht allzu poetisch. -</p> - -<p> -<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a> -Mir erlaube man auch eine Bitte, fügte Emilie -hinzu, und zwar diejenige, daß wir mit der Zeit etwas -ökonomischer umgehn und berechnen mögen, was sich -vortragen und von den Zuhörern erdulden läßt, denn -heute haben wir uns offenbar übersättigt, und der -Genuß ist fast zur Pein geworden; Sie müssen bedenken, -daß wir Frauen nicht so an das Verschlingen der -Bücher gewöhnt sind, wie die Männer. -</p> - -<p> -Auch dieses ist gewährt, sagte Lothar, ich werde -mit meinen Räthen eine billige und zweckmäßige Einrichtung -treffen, besonders bei diesen Dramen, von denen -einige länger ausfallen dürften, als die meisten der -heutigen Erzählungen. -</p> - -<p> -Gute Nacht, sagte Manfred, ich bin so müde, -und durch Beifall so wenig aufgemuntert, daß ich am -besten thun werde, mich in die Dunkelheit meines -Bettes zurück zu ziehn. -</p> - -<p> -Als er sich entfernt hatte, sprach man noch über -die seltsame Erscheinung, daß im Schrecklichen eine -gewisse Lieblichkeit wohnen könne, die dem Reiz des -Grauenhaften eine Art von Rührung und Wehmuth -beigeselle. Die letzte der heutigen Erzählungen, sagte -Emilie, hat zwar nichts Furchtbares, kommt man aber -darin überein, wie doch die meisten Menschen zu glauben -scheinen, daß die Liebe die Blüte des Lebens sei, -so ist sie vielleicht die traurigste und rührendste von allen, -weil die erzählte Begebenheit fast durchaus möglich ist -und sich an das Alltägliche knüpft. -</p> - -<p> -Anton bemerkte, daß die stille Lieblichkeit an sich -leicht ermüde und einschläfre, wie die meisten neueren -<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a> -Idyllen, und daß man ihnen wohl einen Zusatz wünschen -müsse, entweder von Schreck, oder Bosheit, oder -irgend einem andern Ingredienz, um durch diese Würze -den Geschmack des Lieblichen selber hervor zu heben, -wie durch den Firniß die Farben der Gemälde. -</p> - -<p> -Darum, sagte Lothar, hat man in Frankreich mit -Recht etwas Wolf in manche Schäfereien hinein gewünscht. -Die reine Unschuld, als solche, verträgt -keine Darstellung, denn sie liegt außer der Natur, oder -falls sie natürlich ist, ist sie höchst unpoetisch; ich meine -nämlich jene hohe, sentimentale, die uns die Dichter -so oft haben malen wollen. Ich sah einmal eine französische -Operette, zwar nur von einem, aber desto längeren -Akte, in welcher ein junger Mensch von Anfang -bis zu Ende nichts weiter in der Welt wollte, als -seinen Papa lieben, den er bekränzte, als er schlief, -und ihm Früchte vorsetzte, als er erwachte, worauf -beide sich umarmten und gerührt waren. Ich will -nicht sagen, daß dergleichen nicht löblich sein könnte; -aber was in aller Welt ging es denn die Zuschauer -an, die unten standen, und höchst überflüßige Zeugen -dieser Zärtlichkeit waren? -</p> - -<p> -Die Idyllen der Neueren, sagte Ernst, sind früh -sentimental geworden, oder allegorisch, in der letzten -Zeit bei Franzosen und Deutschen meist fade und süßlich. -Zwei Gedichte eines Deutschen aber sind mir -bekannt, die ich vielen der schönsten Poesien an die -Seite setzen möchte, den Satyr Mopsus nämlich und -Bacchidon und Milon vom Maler Müller; die frische -sinnliche Natur, der lyrische Schwung der Gesänge, -<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a> -die schön gewählten und kräftig ausgeführten Bilder -haben mich jedesmal bis zur Entzückung hingerissen. -Trefflich, wenn gleich nicht von dieser Vollendung, ist -seine Schaafschur, reicher als dieses Gemälde aus unserer -Zeit, sein Nußkernen. In dem Gedicht „Adams -erstes Erwachen“ befindet er sich freilich auch zuweilen -in jener Leere, die sich nicht poetisch bevölkern läßt, -aber einzelne Stellen sind von großer Schönheit, und -in der Darstellung der Thiere scheint er mir einzig; -ich weiß wenigstens keinen Dichter, der sie uns mit -dieser geistigen Lebendigkeit vor die Augen führte. Wie -Schade, daß dieses wahre Genie, welches sich so glänzend -ankündigte, nicht nachher das Studium der Poesie -fortgesetzt hat! Sein Geist scheint mir mit dem des -Julio Romano innig verwandt; dieselbe Fülle und Lieblichkeit, -das Scharfe und Bizarre der Gedanken, und -dieselbe Sucht zur Uebertreibung. -</p> - -<p> -Nach einigen Wendungen des Gespräches kam man -auf die Seltsamkeit der Träume, und wie wunderbar -sich das Ahndungsvermögen des Menschen oftmals in -ihnen offenbare, und nachdem einige Beispiele erzählt -waren, sagte Anton: mir ist eine Geschichte dieser Art -bekannt, die mir glaubwürdige Freunde als eine unbezweifelt -wahre mitgetheilt haben, und die ich Ihnen -noch vortragen will, da sie uns nicht lange aufhalten -wird. Ein Landedelmann ruhte neben seiner Frau in -einem Zimmer des Schlosses. Mitternacht war schon -vorüber, als er plötzlich aus dem Schlafe auffuhr, und -seine Gattin weckte. Was ist dir, mein Lieber? fragte -diese verwundert. Mich hat ein seltsamer Traum auf -<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a> -eine eigne Art bewegt, antwortete der Mann. Mir -war, als ginge ich auf den Saal hinaus, und wie -ich mich umsah, stand dein Kammermädchen vor mir, -aber so geputzt und aufgeschmückt, wie ich sie niemals -gesehn habe, auch trug sie einen grünen Kranz in den -Haaren; sie warf sich vor mir nieder, umfaßte meine -Knie, und beschwor mich, ich solle ihr beistehn, denn -ihr Leben schwebe in der größten Gefahr. Ich habe -sie so deutlich vor mir gesehn, und bin von ihren -Thränen und Bitten so gerührt, daß ich nicht weiß, -was ich davon denken soll. Wer wird, sagte die Frau, -über einen zufälligen Traum grübeln! Schlafe wohl -und störe mich nicht wieder. Beide schliefen ein. Nach -einer halben Stunde erwachte der Mann in noch größerer -Beängstigung; er rief seiner Gattin und sagte ihr, -daß der nämliche Traum mit denselben Umständen ihm -wieder vorgekommen sei, und das Mädchen habe noch -dringender gefleht, noch schmerzlicher geweint. Die -Frau schalt dieses Wichtignehmen eines leeren Traumes, -Grille, fand die Wiederholung der nämlichen -Scene sehr natürlich und begreiflich; nach einem kurzen -Gespräche war auch der Mann derselben Meinung, -und beide hatten sich wieder dem Schlafe überlassen. -Sie erstaunte, als sie nach einiger Zeit von dem Geräusch -erwachte, welches der Mann erregte, den sie -angekleidet, und mit einem Lichte, welches er angezündet -hatte, vor dem Bette stehen sah. Was ist dir nur -heut? fragte sie halb unwillig. Sei es wie es sei, antwortete -ihr Gatte, ich will diesesmal einem Traume -glauben, wenn auch sonst nie wieder, denn das Mädchen -ist mir jezt zum dritten male eben so erschienen, -<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a> -hat ihre Bitte wiederholt und mit ängstlichem Schreien -hinzu gefügt: nun ist es die höchste Zeit, in einigen -Minuten ist es zu spät! Ich will jezt hinauf gehn, -und sehn was sie macht. Ohne eine Antwort zu erwarten, -verließ er das Schlafzimmer. Wie erstaunte -er, indem er sich die Treppe hinauf begeben wollte, -daß die breiten Stiegen herunter das Mädchen ihm -gerade so entgegen schritt, wie er sie im Traume gesehen -hatte, im seidenen Kleide, welches ihr nur vor -wenigen Tagen die gnädige Frau geschenkt hatte: mit -Myrthen und Blumen in den Haaren, eine kleine Laterne -in der Hand; das Licht, welches er trug, warf -einen vollen Schein über die erschrockene Gestalt, die -auf die Anrede, wohin sie gehe, und was sie vorhabe, -anfangs in ihrer Verwirrung nichts zu antworten wußte. -Endlich sammelte sie sich etwas und fiel ihrem Gebieter zu -Fuß, dessen Knie sie mit Thränen umfaßte. O Vergebung, -mein gnädiger Herr! rief sie aus, vergeben Sie, -und machen Sie, daß die gnädige Frau mir verzeiht: -in dieser Stunde wollte ich draußen im Garten hinter -der Lindenallee den Gärtner treffen, der mir schon seit -lange die Ehe versprochen hat, und mit dem ich verlobt -bin; heute Nacht wollten wir uns heimlich in der -Kapelle hier neben an trauen lassen, denn ich Unglückliche -bin seit fünf Monden von ihm guter Hoffnung. -Gehe ruhig in dein Zimmer zurück, sagte der Herr; -ich will den Gärtner selber aufsuchen, ich habe gegen -eure Verbindung nichts, nur diese Heimlichkeit ist mir -anstößig. Er hat es durchaus so gewollt, antwortete -sie, weil er der Ueberzeugung war, daß Sie uns beide -nicht in Ihren Diensten behalten würden, wenn Sie -<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a> -die Sache erführen. Gieb dich für heut zufrieden, -sagte der Herr; morgen wollen wir vernünftig darüber -sprechen. O Gott, schluchzte sie, so habe ich doch heute -mein Brautkleid umsonst angelegt! Mit diesen Worten -ging sie die Treppe wieder hinauf. Der Baron ließ -im Saale die Kerze stehn, und begab sich in den Garten. -Die Nacht war finster und ohne Sterne, ein -feuchter Herbstwind schlug ihm entgegen, die Bäume -sausten winterlich. Er schritt durch die bekannten Gänge, -und hinter den Linden, an der einsamsten und entferntesten -Stelle des Gartens, sah er aus dem Boden ein -Lichtlein schimmern. Als er näher ging, sah er, daß -sein Gärtner in einer ausgehöhlten Grube stand, und -beim Schein einer kleinen Blendlaterne eifrig die Höhle -wie zu einem Grabe erweiterte. Ein Beil lag neben -ihm. Ein Schauder ergriff den Herrn. Was macht -ihr da? rief er ihn plötzlich an. Der Gärtner erschrak -und ließ den Spaten fallen, indem er die Gestalt seines -Gebieters gerade über sich erblickte. Ich will hier -Früchte für den Winter einlegen, stotterte er verwirrt. -Kommt mit mir in mein Zimmer, sagte der Baron, -ich habe mit euch zu sprechen. Sogleich, gnädiger -Herr, erwiederte der Gärtner. Er hob die Laterne auf, -und stieg aus der Grube; aber statt sich nach dem -Schlosse zu wenden, blies er plötzlich das Licht aus, -sprang über die Gartenhecke, und lief in den nahen -Wald hinein. Seitdem hatte ihn Niemand in der -dortigen Gegend wieder gesehn. — -</p> - -<p> -O weh! rief Clara, die schrecklichen Geschichten -fangen von neuem an, und nun ist es gar Nacht und -finster! Sie faßte ein Licht, und dasselbe thaten die -<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a> -übrigen Frauen, um sich auf ihre Zimmer zu begeben, -als ein ungeheurer Schlag plötzlich gegen die Thüre erklang. -Alle sahen sich schweigend an, und herein trat mit -zentnerschwerem Schritt die Gestalt des steinernen Gastes. -Er begab sich bis in die Mitte des Saales, indem -noch keiner ein Wort auszusprechen wagte. -</p> - -<p> -Ich bin es ja, ihr Narren, rief plötzlich Manfreds -bekannte Stimme, indem er mit seinem natürlichen -Gange näher kam. O er ist unerträglich, sagte Rosalie; -glaubst du denn, daß ich nicht eben so stark -schaudre, wenn ich gleich erkenne, daß das Gespenst -nur eine weiße Maske ist, gerade deshalb, weil du, -der Bekannte, der Befreundete, mir so grauenvoll erscheinst? -Diese Vermischung dessen, was uns lieb und -entsetzlich ist, ist gerade das Widerwärtigste. So will -er auch immer nicht begreifen, daß ich mich vor ihm -fürchte, wenn er, wandelt ihn einmal die Laune an, -den Betrunkenen so natürlich spielt, und daß ich eben -so gern einen wirklich Berauschten oder Wahnsinnigen -vor mir sehen möchte. Geh, du Ungezogener, und -wische dir den Puder aus dem Gesichte. -</p> - -<p> -Nicht eher, sagte Manfred, bis du, und Auguste, -und Clara, mir jede einen Kuß gegeben haben. Er -ging auf sie zu, die drei Frauen aber flohen mit den -Lichtern, die sie in den Händen hielten, durch den -offenen Saal in den Garten, und die weiße behelmte -Figur rannte ihnen nach. Man hörte sie kreischen, -und sah die drei Lichter und schlanken Gestalten durch -den Buchengang schweben, dann um die Laube biegen, -und dem Springbrunnen vorüber sich in den großen -<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a> -Baumgang verlieren. Plötzlich vernahm man ein lautes -Aufrauschen im größten Brunnen, wie wenn eine -große Wucht hinein stürzte, und das Wasser klatschend -darüber zusammen schlüge. Die Geängstigten stürzten -mit ihren Lichtern herzu, und Manfred, welcher hinein -gesprungen war, gab der zunächst stehenden Clara -einen flüchtigen Kuß, dann seiner Gattin, und auch -Auguste durfte sich nicht weigern, weil er schwur, widrigenfalls -die ganze Nacht im Bassin zu verharren. -Nun habe ich meinen Willen gehabt, sagte Manfred -ruhig, und nun wird es wohl an der Zeit sein, mich -umzukleiden oder vielmehr zu entkleiden, und mich im -Bette zu erwärmen. -</p> - -<p> -Man schalt und lachte, und Emilie war besonders -unzufrieden. Die Frauen und Manfred gingen hinauf. -Die übrigen Freunde blieben noch im Garten, wo sie -nach einiger Zeit von dem obern Zimmer Gesang ertönen -hörten, der lieblich durch den Garten scholl. Es war ein -Singestück von Palestrina, welches die drei Frauen ohne -Begleitung eines Instruments ausführten. -</p> - -<p> -Friedrich sagte: alle Empfindungen, schöne wie unangenehme, -verschütten sie jezt in diese Wogen des Wohllauts. -So wird der Tag am schönsten beschlossen, und -die Nacht am würdigsten gefeiert. -</p> - -<p> -Ich halte es für ein Glück meines Lebens, sagte Ernst, -daß ich zeitig genug nach Rom kam, um noch oftmals -den Gesang der päpstlichen Kapelle hören zu können. -Die Musik, die man Weihnachten in Maria Maggiore -und in der Charwoche im Vatikan hörte, vielmals auch -im päpstlichen Pallast auf Monte Cavallo, war eben so -<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a> -einzig, als es das jüngste Gericht von Michael Angelo -oder die Stanzen Rafaels sind; man konnte diesen -Genuß auch nur in dem einzigen Rom haben, und -wie diese Hauptstadt der Welt der Mittelpunkt der -Malerei und Skulptur war, so war sie auch die -wahre hohe Schule der Musik. Diese Herrlichkeit ist -nun auch zertrümmert, und man kann davon nur wie -von einer alten wunderbaren Sage erzählen. Schon -früher war es für mich eine Epoche meines Lebens gewesen, -diesen alten wahren Gesang kennen zu lernen: -ich hatte immer nach Musik, nach der höchsten, gedürstet, -und geglaubt, keinen Sinn für diese Kunst zu besitzen, -als mit der Kenntniß des Palestrina, Leo, Allegri, -und jener Alten, die man jezt von den Liebhabern -selten oder nie nennen hört; mein Gehör und mein -Geist erwachte. Seitdem weiß ich wohl, was ich vorher -suchte, und warum ehemals mich nichts befriedigen -wollte. Seitdem glaube ich eingesehen zu haben, daß -nur dieses die wahre Musik sei, und daß der Strom, -den man in den weltlichen Luxus unserer Oper hinein -geleitet hat, um ihn mit Zorn, Rache und allen Leidenschaften -zu versetzen, trübe und unlauter geworden -ist; denn unter den Künsten ist die Musik die religiöseste, -sie ist ganz Andacht, Sehnsucht, Demuth, Liebe; sie kann -nicht pathetisch sein, und auf ihre Stärke und Kraft -pochen, oder sich in Verzweiflung austoben wollen, hier -verliert sie ihren Geist, und wird nur eine schwache -Nachahmerin der Rede und Poesie. -</p> - -<p> -Du scheinst mir jezt zu einseitig, sagte Lothar; -erinnere ich mich doch der Zeit recht gut, wo du den -Mozart hoch verehrtest. -</p> - -<p> -<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a> -Ich müßte ohne Gefühl sein, antwortete Ernst, -wenn ich den wundersamen, reichen und tiefen Geist -dieses Künstlers nicht ehren und lieben sollte, wenn ich -mich nicht von seinen Werken hingerissen fühlte. Nur -muß man mich kein Requiem von ihm wollen hören -lassen, oder mich zu überzeugen suchen, daß er, so wie -die meisten Neueren, wirklich eine geistliche Musik habe -setzen können. Aber er ist einzig in seiner Kunst. Als -die Musik ihre himmlische Unschuld verloren, und sich -schon längst zu den kleinlichen Leidenschaften der Menschen -erniedrigt hatte, fand er sie in ihrer Entartung, -und lehrte ihr aus bewegtem Herzen das Wundersamste, -Fremdeste, ihr Unnatürlichste austönen; zugleich jene -tiefe Leidenschaft der Seele, jenes Ringen aller Kräfte -in unaussprechlicher Sehnsucht, nicht fremd sogar blieb -ihr das gespenstische Grauen und Entsetzen. Ich sehe -hierin die Geschichte des Orpheus und der Euridice. Sie -ist gestorben; bei den Schatten, in der dunkeln Unterwelt -weilt die Geliebte; er fühlt Kraft und Muth genug -das Licht der Sonne zu verlassen, sich der schwarzen -Fluth und Dämmerung anzuvertrauen; sein Zauberspiel -rührt den ernsten, sonst unerbittlichen Gott, die -Larven und Verdammten genießen in seinen Tönen einer -schnell vorüber fliehenden Seeligkeit; Euridice folgt seinem -Saitenspiel, aber nicht rückwärts soll er blicken, -ihr nicht ins Angesicht schauen, sie nur im Glauben -besitzen; sie lockt, sie ruft, sie weint, da wendet sich sein -Auge, und blasser und blasser zittert die geliebte Gestalt in -den gähnenden Orkus zurück. Der Sänger tritt mit der -Kraft seiner Töne wieder in die Oberwelt, sein Lied -singt und klagt die Verlorne, alle Melodieen suchen sie, -<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a> -aber er hat aus dem tiefen Abgrund, den kein Sänger -vor ihm besucht, das schwermüthige Rollen der unterirdischen -Wässer, das Aechzen der Gemarterten, das -Stöhnen der Geängstigten und das Hohnlachen der Furien, -samt allen Gräueln der dunkeln Reiche mit herauf -gebracht, und alles klingt in vielfach verschlungener Kunst -in der Lieblichkeit seiner Lieder. Himmel und Hölle, die -durch unermeßliche Klüfte getrennt waren, sind zauberhaft -und zum Erschrecken in der Kunst vereinigt, die -ursprünglich reines Licht, stille Liebe und lobpreisende -Andacht war. So erscheint mir Mozarts Musik. -</p> - -<p> -Es war den neuesten Zeiten vorbehalten, fuhr Lothar -fort, den wundervollen Reichthum des menschlichen Sinnes -in dieser Kunst, vorzüglich in der Instrumental-Musik -auszusprechen. In diesen vielstimmigen Compositionen -und in den Symphonieen vernehmen wir aus -dem tiefsten Grunde heraus das unersättliche, aus sich -verirrende und in sich zurück kehrende Sehnen, jenes -unaussprechliche Verlangen, das nirgend Erfüllung findet -und in verzehrender Leidenschaft sich in den Strom -des Wahnsinns wirft, nun mit allen Tönen kämpft, -bald überwältigt, bald siegend aus den Wogen ruft, -und Rettung suchend tiefer und tiefer versinkt. Und -wie es dem Menschen allenthalben geschieht, wenn er -alle Schranken überfliegen und das Letzte und Höchste -erringen will, daß die Leidenschaft in sich selbst zerbricht -und zersplittert, das Gegentheil ihrer ursprünglichen -Größe, so geschieht es auch wohl in dieser Kunst -großen Talenten. Wenn wir Mozart wahnsinnig nennen -dürfen, so ist der genialische Beethoven oft nicht -<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a> -vom Rasenden zu unterscheiden, der selten einen musikalischen -Gedanken verfolgt und sich in ihm beruhigt, -sondern durch die gewaltthätigsten Uebergänge springt -und der Phantasie gleichsam selbst im rastlosen Kampfe -zu entfliehen sucht. -</p> - -<p> -Alle diese neuen tiefsinnigen Bestrebungen, sagte -Anton, sind meinem Gemüthe nicht fremd, sie tönen -wie das Rauschen des Lebensstromes zwischen Felsenufern, -der über Klippen und <a id="corr-38"></a>hemmendem Gestein in -romantischer Wildniß musikalisch braust; nur das ist -mir unbegreiflich geblieben, wie die Schöpfung und die -Tageszeiten unsers Haydn fast allenthalben haben Glück -machen können, deren kindische Malerei gegen allen -höheren Sinn streitet. Seine Symphonieen und Instrumental-Compositionen -sind meist so vortrefflich, daß -man ihm diese Verirrung niemals hätte zutrauen sollen. -</p> - -<p> -Friedrich wandte sich zu Ernst und sagte: Lieber, -ehe wir jezt scheiden, sage uns noch die drei Sonette -vor, welche du dichtetest, als dir jene alte große Singe-Musik -zuerst bekannt wurde. Diese Verse sind mir -immer vorzüglich lieb gewesen, weil sie mir nicht so -wohl gedichtet als eingegeben scheinen. -</p> - -<p> -Ich kann wenigstens sagen, erwiederte Ernst, daß -ich sie damals niederschreiben mußte, und daß ich von -den oft besprochenen Schwierigkeiten des Sonetts nichts -erlitt. Von dreierlei Art kann die geistliche Musik -hauptsächlich sein. Entweder ist es der Ton selbst, der -durch seine Reinheit und Heiligkeit die Andacht erweckt, -durch jene einfache edle Sympathie, welche harmonisch -die befreundeten Klänge verbindet und mit einander -<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a> -ausstrahlen läßt, wodurch jene hohe Musik entsteht, -welche sinnige Alte dem Umschwung der Gestirne ebenfalls -zuschreiben wollten. Dieser Gesang, ausgehalten, -ohne rasche Bewegung, sich selbst genügend, ruft -in unsre Seele das Bild der Ewigkeit, so wie der -Schöpfung und der entstehenden Zeit: Palestrina ist -der würdigste Repräsentant dieser Periode. Oder die -Musik ist mit dem Menschen und der Schöpfung schon -von dieser heiligen reinen Bahn gewichen: alles verstummt; -da ergreift die Sehnsucht aus dem Innersten -hervor den Ton, und will in jene alte Unschuld zurück -stürmen und das Paradies wieder erobern. Leo, und -vielleicht Marcello, so wie viele andre, charakterisiren -diese Epoche. An diese schon mehr leidenschaftliche -Kunst schlossen sich nachher die weltlichen Musiker. -Drittens kann die geistliche Musik ganz wie ein unschuldiges -Kind spielen und tändeln, arglos in der -Süßigkeit der Töne wühlen und plätschern, und auf -gelinde Weise Schmerz und Freude vermischt in den -lieblichsten Melodieen ausgießen. Der oft von den Gelehrteren -verkannte Pergolese scheint mir hierin das -Höchste erreicht zu haben, den seine Nachahmer wohl -eben so wenig verstanden, als Correggio von denen -gefaßt wurde, die sich nach ihm bilden wollten. Das -ähnliche sagen folgende Sonette, welche die Musik -selber spricht. -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">Im Anfang war das Wort. Die ewgen Tiefen</p> - <p class="line2">Entzündeten sich brünstig im Verlangen,</p> - <p class="line2">Die Liebe nahm das Wort in Lust gefangen,</p> - <p class="line2">Aufschlugen hell die Augen, welche schliefen,</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a> - <p class="line">Sehnsüchtge Angst, das Freudezittern, riefen</p> - <p class="line2">Die selgen Thränen auf die heilgen Wangen,</p> - <p class="line2">Daß alle Kräfte wollustreich erklangen,</p> - <p class="line2">Begierig, in sich selbst sich zu vertiefen.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Da brachen sich die Leiden an den Freuden,</p> - <p class="line2">Die Wonne suchte sich im stillen Innern,</p> - <p class="line2">Das Wort empfand die Engel, welche schufen;</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Sie gingen aus, entzückend war ihr Scheiden.</p> - <p class="line2">Auf, Gottes Bildniß, deß dich zu erinnern</p> - <p class="line2">Vernimm, wie meine heilgen Töne rufen.</p> -</div> - -<div class="poem tb"> - <p class="tb">———</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Nacht, Furcht, Tod, Stummheit, Quaal war eingebrochen,</p> - <p class="line2">Ihr Banner wehte auf besiegten Reichen,</p> - <p class="line2">Erschrocken flohen vor dem giftgen Zeichen</p> - <p class="line2">Mit stummer Zunge, welche erst gesprochen.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">So ist denn ganz das Liebeswort zerbrochen?</p> - <p class="line2">Es sucht im Wasserfall, will sich erreichen,</p> - <p class="line2">Aus Bäumen strebt es, Quellen, grünen Sträuchen,</p> - <p class="line2">In Wogen klagt es: was hab ich verbrochen?</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die Wasser gehn und finden keine Zungen,</p> - <p class="line2">Dem Wald, dem Fels ist wohl der Laut gebunden,</p> - <p class="line2">Die Angst entzündet sich im Thiere schreiend.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">In Menschenstimme ist es ihm gelungen,</p> - <p class="line2">Nun hat das ewge Wort sich wieder funden,</p> - <p class="line2">Klagt, betet, weint, jauchzt laut sich selbst befreiend.</p> -</div> - -<div class="poem tb"> - <p class="tb">———</p> -</div> - -<div class="poem"> -<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a> - <p class="line">Ich bin ein Engel, Menschenkind, das wisse,</p> - <p class="line2">Mein Flügelpaar klingt in dem Morgenlichte,</p> - <p class="line2">Den grünen Wald erfreut mein Angesichte,</p> - <p class="line2">Das Nachtigallen-Chor giebt seine Grüße.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Wem ich der Sterblichen die Lippen küsse,</p> - <p class="line2">Dem tönt die Welt ein göttliches Gedichte,</p> - <p class="line2">Wald, Wasser, Feld und Luft spricht ihm Geschichte,</p> - <p class="line2">Im Herzen rinnen Paradieses-Flüsse.</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Die ewge Liebe, welche nie vergangen,</p> - <p class="line2">Erscheint ihm im Triumph auf allen Wogen,</p> - <p class="line2">Er nimmt den Tönen ihre dunkle Hülle,</p> -</div> - -<div class="poem"> - <p class="line">Da regt sich, schlägt im Jubel auf die Stille,</p> - <p class="line2">Zur spielenden Glorie wird der Himmelsbogen,</p> - <p class="line2">Der Trunkne hört, was alle Engel sangen.</p> -</div> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="tnhdr part">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p> -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Fremdsprachige Textstellen, -die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einem -<span class="antiqua">anderen Schriftstil</span> markiert. -</p> - -<p> -Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend -beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, -teilweise unter Verwendung der Erstausgabe, wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... nothwendigen <span class="underline">Gegenwicht</span> eines gehaltvollen, oft fast ...<br /> -... nothwendigen <a href="#corr-0"><span class="underline">Gegengewicht</span></a> eines gehaltvollen, oft fast ...<br /> -</li> - -<li> -... Drama haben, und dunkel <span class="underline">dir</span> Ahnung in ihnen ...<br /> -... Drama haben, und dunkel <a href="#corr-1"><span class="underline">die</span></a> Ahnung in ihnen ...<br /> -</li> - -<li> -... Jezt, sagte Theodor, <span class="underline">bingt</span> man um die Zeit die ...<br /> -... Jezt, sagte Theodor, <a href="#corr-2"><span class="underline">bringt</span></a> man um die Zeit die ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Das</span> Winter jährlich um sie legt, ...<br /> -... <a href="#corr-3"><span class="underline">Daß</span></a> Winter jährlich um sie legt, ...<br /> -</li> - -<li> -... Ein Schauer flog durch <span class="underline">meinem</span> Sinn. ...<br /> -... Ein Schauer flog durch <a href="#corr-4"><span class="underline">meinen</span></a> Sinn. ...<br /> -</li> - -<li> -... den <span class="underline">Anbick</span> und die Empfindung dieses Abends nie ...<br /> -... den <a href="#corr-5"><span class="underline">Anblick</span></a> und die Empfindung dieses Abends nie ...<br /> -</li> - -<li> -... hatte ihn so <span class="underline">maches</span> Jahr hindurch beglückt, ...<br /> -... hatte ihn so <a href="#corr-6"><span class="underline">manches</span></a> Jahr hindurch beglückt, ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Ein</span> krummgebückte Alte schlich hustend mit einer ...<br /> -... <a href="#corr-7"><span class="underline">Eine</span></a> krummgebückte Alte schlich hustend mit einer ...<br /> -</li> - -<li> -... traf dort den Greis schlafend, der <span class="underline">ihn</span> unlängst sein ...<br /> -... traf dort den Greis schlafend, der <a href="#corr-8"><span class="underline">ihm</span></a> unlängst sein ...<br /> -</li> - -<li> -... abbrach und mit dem <span class="underline">Ausruck</span> des größten Schmerzes ...<br /> -... abbrach und mit dem <a href="#corr-9"><span class="underline">Ausdruck</span></a> des größten Schmerzes ...<br /> -</li> - -<li> -... wird versagen können. <span class="underline">Es</span> las hierauf folgende Erzählung. ...<br /> -... wird versagen können. <a href="#corr-10"><span class="underline">Er</span></a> las hierauf folgende Erzählung. ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Hütte</span> <span class="underline">eine</span> friedlicher Rauch in die Höhe stieg, Kinder ...<br /> -... <a href="#corr-11"><span class="underline">Hütten</span></a> <a href="#corr-12"><span class="underline">ein</span></a> friedlicher Rauch in die Höhe stieg, Kinder ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Er</span> sah die Fußstapfen im Sande am Eingange eingedrückt, ...<br /> -... <a href="#corr-13"><span class="underline">er</span></a> sah die Fußstapfen im Sande am Eingange eingedrückt, ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">sorgfaltig</span> in seinen Sack, welchen er fest zusammen ...<br /> -... <a href="#corr-14"><span class="underline">sorgfältig</span></a> in seinen Sack, welchen er fest zusammen ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">seinem</span> Freund Roderich. Das Licht brannte vor ihm, ...<br /> -... <a href="#corr-15"><span class="underline">seinen</span></a> Freund Roderich. Das Licht brannte vor ihm, ...<br /> -</li> - -<li> -... seinen neuen <span class="underline">Frennd</span> gewandt, so schwerfällig, mißlaunig, ...<br /> -... seinen neuen <a href="#corr-17"><span class="underline">Freund</span></a> gewandt, so schwerfällig, mißlaunig, ...<br /> -</li> - -<li> -... Du <span class="underline">schwestest</span> dahin, ich taumle zurück — ...<br /> -... Du <a href="#corr-18"><span class="underline">schwebest</span></a> dahin, ich taumle zurück — ...<br /> -</li> - -<li> -... es geschehen würde? Ihr habt euren <span class="underline">Wnnsch</span>, darum ...<br /> -... es geschehen würde? Ihr habt euren <a href="#corr-19"><span class="underline">Wunsch</span></a>, darum ...<br /> -</li> - -<li> -... uns nur <span class="underline">Recht</span> in diese Nacht hinein wüthen, und ...<br /> -... uns nur <a href="#corr-20"><span class="underline">recht</span></a> in diese Nacht hinein wüthen, und ...<br /> -</li> - -<li> -... nehmt <span class="underline">kein</span> Einrede von denen an, die sich verständig ...<br /> -... nehmt <a href="#corr-21"><span class="underline">keine</span></a> Einrede von denen an, die sich verständig ...<br /> -</li> - -<li> -... wohl zufrieden, sie vertraute <span class="underline">ihn</span> nun gänzlich und ...<br /> -... wohl zufrieden, sie vertraute <a href="#corr-22"><span class="underline">ihm</span></a> nun gänzlich und ...<br /> -</li> - -<li> -... Meeres lagen; dort waren die Wege <span class="underline">an</span> einsamsten und ...<br /> -... Meeres lagen; dort waren die Wege <a href="#corr-23"><span class="underline">am</span></a> einsamsten und ...<br /> -</li> - -<li> -... Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertönen, <span class="underline">dadamit</span> ...<br /> -... Stimme durch dieses harmonische Gewirr ertönen, <a href="#corr-24"><span class="underline">damit</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... und die langen schwarzen <span class="underline">Wimper</span> einen lieblichen ...<br /> -... und die langen schwarzen <a href="#corr-25"><span class="underline">Wimpern</span></a> einen lieblichen ...<br /> -</li> - -<li> -... Namen auszusprechen; Quellen und <span class="underline">Bäumen</span> nennen ...<br /> -... Namen auszusprechen; Quellen und <a href="#corr-27"><span class="underline">Bäume</span></a> nennen ...<br /> -</li> - -<li> -... Dann reiste Peter <span class="underline">mir</span> Magelonen zu seinen Eltern, ...<br /> -... Dann reiste Peter <a href="#corr-28"><span class="underline">mit</span></a> Magelonen zu seinen Eltern, ...<br /> -</li> - -<li> -... Mund, daß sie sich verirrt habe, auf <span class="underline">einem</span> vorbeifahrenden ...<br /> -... Mund, daß sie sich verirrt habe, auf <a href="#corr-29"><span class="underline">einen</span></a> vorbeifahrenden ...<br /> -</li> - -<li> -... Andres <span class="underline">keidete</span> sich an, und Marie bemerkte, daß ...<br /> -... Andres <a href="#corr-30"><span class="underline">kleidete</span></a> sich an, und Marie bemerkte, daß ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">ihn</span> bis zu Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet ...<br /> -... <a href="#corr-31"><span class="underline">ihm</span></a> bis zu Sonnen-Aufgang die Fähre abgemiethet ...<br /> -</li> - -<li> -... Netz zitterte wie beängstiget. <span class="underline">Er</span> brach im zunehmenden ...<br /> -... Netz zitterte wie beängstiget. <a href="#corr-32"><span class="underline">Es</span></a> brach im zunehmenden ...<br /> -</li> - -<li> -... schlechten Zeit, und der <span class="underline">Gutssitzer</span> von den Verbesserungen, ...<br /> -... schlechten Zeit, und der <a href="#corr-33"><span class="underline">Gutsbesitzer</span></a> von den Verbesserungen, ...<br /> -</li> - -<li> -... auf nieder ging, daß jenes Bildniß so lebhaft heut ...<br /> -... auf <a href="#corr-34"><span class="underline">und</span></a> nieder ging, daß jenes Bildniß so lebhaft heut ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">das</span> ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, ...<br /> -... <a href="#corr-35"><span class="underline">daß</span></a> ich es für ein Wunder halten muß; nicht ähnlich, ...<br /> -</li> - -<li> -... Aber seitdem war der Greis der Freund <span class="underline">der</span> Hauses, ...<br /> -... Aber seitdem war der Greis der Freund <a href="#corr-36"><span class="underline">des</span></a> Hauses, ...<br /> -</li> - -<li> -... Lothar verneigte <span class="underline">ich</span>, und nahm aus dem Blumenkorbe ...<br /> -... Lothar verneigte <a href="#corr-37"><span class="underline">sich</span></a>, und nahm aus dem Blumenkorbe ...<br /> -</li> - -<li> -... der über Klippen und <span class="underline">hemmenden</span> Gestein in ...<br /> -... der über Klippen und <a href="#corr-38"><span class="underline">hemmendem</span></a> Gestein in ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Schriften 4: Phantasus 1, by Ludwig Tieck - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN 4: PHANTASUS 1 *** - -***** This file should be named 50480-h.htm or 50480-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/4/8/50480/ - -Produced by Delphine Lettau, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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