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-The Project Gutenberg EBook of Die Herrin und ihr Knecht, by Georg Engel
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-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
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-
-Title: Die Herrin und ihr Knecht
-
-Author: Georg Engel
-
-Release Date: November 28, 2015 [EBook #50283]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HERRIN UND IHR KNECHT ***
-
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-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
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-[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ]
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- Die Herrin und
- ihr Knecht
-
- Roman
- von
- Georg Engel
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- Sechstes bis zehntes Tausend
-
- Grethlein & Co. G. m. b. H. in Leipzig
-
- [Illustration]
-
- Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, von der
- Verlagsbuchhandlung vorbehalten.
-
- =Copyright 1917 by Grethlein & Co. G. m. b. H. in Leipzig.=
-
- Druck von _August Pries_ in Leipzig.
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-Erstes Buch.
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-I.
-
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-Das Landhaus der Grothes wurde wieder geweißt. Aber der Blutfleck neben
-dem Fenster, das auf den Hof heraus ging, blieb erhalten. Die Maurer hatten
-ihn auf strenge Anordnung hin verschonen müssen. Und wenn Johanna Grothe
-mit ihren Knechten hier vorüberwandelte, dann verzog sich ihr herrischer
-Mund noch stolzer und selbstbewußter, und ihre hohe Gestalt reckte sich
-auf, daß ihr Marmorhaupt, wie es Konsul Bark immer genannt hatte, hoch
-über die geduckten ostpreußischen Landleute herausragte. Das begab sich
-am Tage. Wenn sie jedoch gegen Abend zurückkehrte, um ihren Sitz auf der
-Gartenbank hart an der Wiese einzunehmen, dicht an der Stelle, wo unter den
-hochaufgeschossenen Eichenbäumen die Hermen der drei römischen Cäsaren
-zerbröckelten, dann warf die Vorüberschreitende manchmal einen langen
-prüfenden Blick auf das rote Mal, und ihre feste, schmale Hand führte
-eine Bewegung aus, als ob ein strenger und geordneter Mensch etwas
-Unwillkommenes, Unerhörtes auszustreichen gedachte. Aus der Dorfkirche
-von Maritzken läutete dann von dem niedrigen Holzturme das singende
-Glöckchen, das auch damals in die Fieberträume der Grotheschen Ältesten
-hinein gewimmert hatte. Und der Wind fächelte über das hart getretene
-Viereck in dem Kleeacker, das eigentlich ein Grab vorstellte.
-
-Ja, die Nacht mit ihren Schrecken war vorübergerast, und der Morgen wollte
-für die Heimat und die deutsche Menschheit tagen. Und ebenso, wie Johanna
-Grothe, so stand ihr ganzes Volk vor der weißen Mauer, die wieder frisch
-getüncht war, und sah auf das helle Blutmal, das in der Sonne funkelte.
-Ohne Haß, ohne Rachsucht, nur in dem Bewußtsein, daß die Erinnerung
-daran nicht wieder fortgelöscht werden könnte, und daß jeder alle
-Kräfte daransetzen müsse, die Mauern des großen Hauses bis auf den einen
-Fleck weiß und sauber zu erhalten.
-
- * * * * *
-
-Jedem Beschauer bot es einen hellen, einen erfreulichen Anblick, als der
-leichte, gelbe Jagdwagen, von den beiden wiehernden und schnaubenden Rappen
-gezogen, in die ersten Straßen der Provinzialhauptstadt einbog. Grüne und
-blaue Frauenschleier wehten in dem frischen Wind hinter dem Gefährt her,
-unter den flatternden grauen Staubmänteln blitzten vorüberhuschend weiße
-und rosa Sommerkleider auf, und zuweilen wurde das Rasseln der Räder durch
-ein plötzlich auffahrendes Mädchenlachen übertönt, das sich ungeniert
-und im vollen Genuß des Augenblicks äußerte. Dann streckte mancher
-kleine Handwerksmeister den Kopf aus seinem Laden heraus, oder in den
-schrägen Spionenspiegeln, die an die schmalen Fenster der Wohnstuben
-angeschraubt waren, tauchte das zitternde Konterfei einer nähenden
-Bürgersfrau auf, die nach einem Blick auf das strahlende Gefährt
-befriedigt feststellte:
-
-»Aha, die drei Grothe-Marjellen sind wieder da. Hellwig, du bleibst zu
-Hause, die Älteste kauft nachher ein.«
-
-Und nach einer Weile des Herauslugens setzte dann wohl die dicke
-Vorkosthändlerin in angenehmer Gewißheit hinzu:
-
-»Natürlich, die Grotheschen stellen im Deutschen Hause ein. Da hat es
-dann Konsul Bark nicht weit. Merkwürdig, sie sollten doch einmal Ernst
-machen. Aber bei dieser Art Leuten ist das Herumziehen die Hauptsache.
-Freilich, mich geht's nichts an, ich bin ja nicht die Mutter.«
-
-Und unten aus dem tiefen Kellerloch dröhnte eine verquollene Stimme zur
-Antwort herauf:
-
-»Meines Wissens nicht, Mamachen. Und wehe dir, wenn du nachher Andeutungen
-machst.«
-
-»I wo,« wehrte sich die Dicke und wischte an den Fensterscheiben, damit
-sie dem prächtigen Wagen noch etwas länger folgen könnte. »Ich kümmere
-mich nicht um die Angelegenheiten fremder Leute. Bloß der Umstand, daß
-Konsul Bark, dieser feine Herr, auch mit anderen --«
-
-In diesem Moment jedoch wurde die Klapptür des Kellers mit solcher Wucht
-in ihre Einfassung geschleudert, daß das Häuschen einen Sprung machte und
-jedes vernünftige Gespräch verstummen mußte.
-
-Das war sehr unrecht, man hätte noch allerlei erfahren.
-
-Unter der Einfahrt des Deutschen Hauses stand Johanna Grothe -- »Hans«,
-wie sie sowohl von ihren Schwestern als auch von Freunden genannt wurde
--- vor dem gelben Jagdwagen, den die Mädchenschar soeben verlassen, und
-während sich die anderen jungen Damen die Staubmäntel schüttelten und
-die Toiletten ein wenig in Ordnung brachten, gab die Älteste dem noch auf
-dem Bock sitzenden halbwüchsigen Kutscherjungen ihre letzten Befehle.
-Sie sprach sehr nachdrücklich mit ihrer festen, ruhigen Stimme, denn
-der Bursche da oben war nur schwer seiner polnischen Schläfrigkeit zu
-entreißen, und er sah auch jetzt aus blöden Augen apathisch einer Rotte
-von Fliegen zu, die den Rücken seiner Tiere peinigte.
-
-»Stasch, du spannst hier aus.«
-
-Der Junge rührte sich nicht, sondern schüttelte nur ein wenig verwundert
-das Haupt, weil sich immer mehr Bremsen einfanden. Die Tiere schlugen
-hinten aus.
-
-»Ausspannen, Panna?« murmelte er geistesabwesend.
-
-»Ausspannen,« rief Hans böse hinauf, und dabei versetzte sie dem
-Rosselenker einen Ruck gegen den Arm, daß der Junge beinahe sein
-Gleichgewicht verloren hätte.
-
-»Oh Jesus, Panna,« stöhnte er.
-
-»Und dann soll hier gefuttert werden,« bestimmte die hochgewachsene
-Blonde weiter.
-
-»Gefuttert?« murmelte Stasch in sich hinein, wobei er beinahe Miene
-machte, von neuem in seinen slawischen Schlaf zu versinken.
-
-Die beiden anderen Schwestern lächelten ein bißchen und warfen sich
-verständnisinnige Blicke zu. Es lag etwas Überlegenes in dieser
-verhaltenen Heiterkeit, und es schien fast, als ob die Jüngeren einen
-heimlichen Bund miteinander geschlossen hätten. Die Große jedoch hatte
-jetzt völlig ihre Geduld verloren. Hochauf reckte sich die kräftige
-Gestalt, die Hüften spannten sich, als ob es einen Gewaltstreich
-auszuführen gelte, und im nächsten Augenblick bereits schoß der
-weißblonde Pole, einem Zug der in feinem Glacéleder steckenden Frauenhand
-folgend, vom Bock. Jetzt schrien die beiden anderen Mädchen auf. Der
-rasche Angriff, sowie das Herbeieilen einiger fremder Menschen empörte
-sie. Die Herrin von Maritzken aber wandte sich nach ihnen um, und in diesem
-Augenblick zeigte ihr Antlitz wieder jene Marmorblässe, die Konsul Bark,
-als ein gewählter Frauenkenner, überall so hervorhob.
-
-»Ihr geht in das Gastzimmer,« herrschte die Älteste die Schwestern an,
-als gäbe es gegen ihren Entscheid keinerlei Widerspruch. »Ich habe es
-nicht gern, wenn wir hier so in Massen auftreten. Und diesem Bengel möchte
-ich das Gespann doch nicht unbeaufsichtigt überlassen. Nun dalli, Ihr
-erwartet mich drin. Ich möchte nachher noch einen Gang machen.«
-
-»Einen Gang?« fragte die brünette Marianne, die zwar erheblich jünger
-war wie ihre befehlshaberische Schwester, ihr aber dennoch im Alter am
-nächsten kam. »Einen Gang?« forschte sie mit der matten Lässigkeit
-ihrer Bewegungen, in denen so viel gefährlicher Reiz wirken konnte, »du
-willst dich gewiß mit Konsul Bark treffen, nicht wahr, Hans?«
-
-Die Große verzog ein wenig die Stirn, denn das vertrauliche Lächeln
-des Einverständnisses, das die Jüngeren wieder untereinander tauschten,
-gefiel ihr nicht. Laut aber ließ sie nur mit ihrer dunklen Stimme fallen:
-
-»Ich treffe mich nicht mit ihm, sondern ich suche ihn in seinem Geschäft
-auf.«
-
-»Ah,« echoten die anderen.
-
-Und der Rotkopf von ihnen, Isa, ein siebzehnjähriges geschmeidiges
-Kätzchen, das der mütterlichen Schwester soviel Schwierigkeiten bei der
-Erziehung bereitete, sie raschelte auffällig mit ihrem rosa Kleid, verzog
-den Mund und kniff spitzbübisch die großen braunen Augen zu. Die dunkle
-Marianne aber legte ihren vollen Arm um die schlanke Hüfte der Kleinen und
-sagte in ihrer müden Art, die gerade wegen ihrer Leidenschaftslosigkeit
-häufig so sehr zum Zorn zu reizen vermochte:
-
-»Dann wirst du wohl auch nichts dagegen haben, liebster Hans, wenn ich
-mich drüben in der Konditorei von Klinkowström auf ein paar Minuten
-mit Fritz Harder treffe. Ich habe es ihm versprochen, denn er ist heute
-nachmittag dienstfrei.«
-
-Damit faßten sich die beiden jüngeren Grothe-Marjellen entschlossen unter
-den Arm und schritten langsam und furchtlos dem Ausgang zu. Allein sie
-gelangten nur bis zu dem kurzen runden Prellstein, vor dem ihr hochragender
-Wächter sich aufgepflanzt hatte. Es fiel eigentlich kein lautes Wort, kein
-Verbot wurde ausgesprochen und keine hastige Entgegnung vernommen, und doch
--- die langjährige Gewohnheit des Sichfügens, wenn es auch ungern
-und widerwillig geschah, die Furcht vor der zufahrenden Härte und dem
-aufflammenden Zorn der Großen erstickte all die leichten, flatterhaften
-Mädchenwünsche im Keim. Ohne daß die Jüngeren recht begriffen, wie es
-so schnell geschah, hielten sie allerlei Decken und Schirme in den Händen,
-die ihnen von der großen Blonden energisch übergeben waren, und wie von
-selbst traten sie mürrisch und bezwungen den Rückzug durch die dunkle
-Einfahrt an, um noch auf den drei ausgetretenen Steinstufen, die zu dem
-inneren Flur hinaufleiteten, aufzufangen, wie die ältere Schwester laut
-und unbekümmert hinter Marianne herrief:
-
-»Es paßt sich nicht, daß du dich jetzt schon mit dem jungen Offizier
-triffst, so weit halten wir noch nicht. Aber wenn ich zurückkomme,
-dann werden wir mehr wissen. Und nun benehmt euch dort drinnen nicht zu
-ausgelassen.«
-
-»Ja, ja, wir werden uns Mühe geben,« erwiderte die dunkelhaarige
-Marianne achselzuckend; und dann verschwanden die Grothe-Fräulein hinter
-der Glastür des Gasthauses, ohne der Ältesten noch einen besonderen Gruß
-gegönnt zu haben.
-
-Johanna aber wartete ruhig ab, bis der halbwüchsige Kutscher die beiden
-Rappen ausgespannt und in den Stall geführt hatte. Und erst, nachdem sie
-noch angeordnet, welche Zehrung der Junge zu sich nehmen solle und aus
-welchen Geschäften Pakete eintreffen würden, da schritt sie endlich mit
-ihrem festen, sicheren Gang quer über den Marktplatz herüber. Das
-edle griechische Haupt mit den harten, blauen Augen trug sie wieder hoch
-aufgerichtet, und unter dem dünnen Schleier leuchtete die weiße Haut, als
-ob wirklich ein altes Götterbild auf den Einfall geraten wäre, hier
-auf dem ostpreußischen, schlecht gepflasterten Marktplatz majestätisch
-dahinzuwandeln. So stolz und selbstsicher mutete das Bild an, daß selbst
-ein paar schlanke Gymnasiasten, die auf dem Platz eine wichtige Besprechung
-abhielten, hochachtungsvoll an ihren hellblauen Mützen rückten, um
-untereinander zu tuscheln:
-
-»Das ist die Älteste von Maritzken, ein feines Weib! Kuck, sie geht
-in den Goldenen Becher zu Konsul Bark. Donnerwetter, wenn man doch
-auch -- --«
-
-Und dann kam die Hochgewachsene ganz nahe, und die Jungen dienerten und
-schwenkten ihre Kappen.
-
- * * * * *
-
-In dem großen Gewölbe des Goldenen Bechers brannten bereits die
-Gasflammen. Sie verlöschten niemals unter den gotischen Bogen. Denn
-obwohl über der alten Stadt das Leuchten und Schimmern eines wolkenlosen
-Sommertages lag, hier drinnen in den niedrigen Gewölben der ehemaligen
-Probstei herrschte eine beständige kühle Dämmerung. In dem Raum selbst
-aber schwirrte und summte und knirschte es durcheinander. Achtzehn junge
-Leute, alle mit sauberen grünen Schürzen angetan, bedienten die sich
-drängenden Kunden, und alle Augenblicke sah man das schneeige Weiß des
-aufgeschütteten Salzes blitzen, graue Staubwolken von Mehl schwebten
-dahin, der Zucker knirschte, stark gebrannter Kaffee verbreitete seinen
-aromatischen Duft, aber auch Weinflaschen verließen ihr stauberfülltes
-Lager und ganze Berge von blechernen Konservenbüchsen verschwanden in
-den mächtigen Körben der Einholenden. Auf der anderen Seite des
-hochgewölbten Torweges, dicht vor den tief zurückliegenden dunklen
-Fensterscheiben, die mit dicken Eisenstäben so eng vergittert waren,
-als ob es sich um Gefangenenzellen handele, da hielten auf dem Marktplatz
-eisenklirrende Rollwagen, über deren herabgelassene Leiterbäume blaue
-Petroleumfässer heruntergewälzt wurden. Daneben standen gewaltige
-Plangefährte. Unausgesetzt trugen riesige Männer mit Lederschürzen
-viereckige, mit Sackleinwand und Eisenblech verschnürte Ballen heraus. Ein
-feiner Teegeruch verbreitete sich, als Johanna Grothe dort vorüberschritt.
-Und an den kleinen, buntgeschirrten Pferdchen mit den gewaltigen
-Messingkummeten um den Hals erkannte ihr geübter Blick, wie diese Wagen
-erst vor kurzem von der nahen russischen Grenze angelangt seien. Denn
-Konsul Bark war der größte Teeimporteur dieser östlichen Provinz, und
-die kleinen roten Päckchen mit dem goldenen Becher als Aufdruck galten
-durch das ganze Reich als eine Delikatesse.
-
-Durch den Schwarm der unbekümmert weiterschaffenden Lederschürzen
-hindurch trat Johanna Grothe durch den grob gepflasterten Flur, bis sie
-an der rechten Rundwand ein paar ausgetretene grüne Marmorstufen erreicht
-hatte. Auf der obersten zogen sich altersverwitterte Bronzebuchstaben
-hin, die durch ihren griechischen Text die stolze Angabe des Hausherrn
-bekräftigten, daß diese Steine aus einem alten moskowitischen Kloster
-einstmals von der siegreichen Hanse dem residierenden Probst der
-Handelsstadt zum Geschenk gemacht worden seien. Vor grauen Zeiten leiteten
-jene Quadern auch wirklich in das Refektorium der Probstei. Heute
-jedoch hatte der Konsul sein Privatkontor hier aufgeschlagen; es war ein
-gewaltiger Raum, von schweren flämischen Möbeln umstellt, während die
-weißen, splitternden Dielen von einem einzigen orientalischen Teppich in
-dunkelbrauner Grundfärbung überspannt waren. Einen seltsamen Eindruck
-rief es auf alle hervor, die zuerst hier eintraten, sobald aus den
-eingebuchteten Mauerwölbungen immer noch die bunten Mosaikgebilde der
-Evangelisten in verdämmerten Farben herausleuchteten. Einen förmlichen
-Schrecken aber verursachte es dem Unvorbereiteten, wenn hinter dem
-umfangreichen Schreibtisch des Großkaufmanns, nur von dem elektrischen
-Licht der grünbeschirmten Arbeitslampe getroffen, die überlebensgroße,
-riesenhafte Holzstatue des Apostelfürsten Petrus mit blauem Mantel und
-goldenem Heiligenschein auftauchte, genau so, wie sie einstmals an dieser
-Stelle das Ziel für die Verehrung unzähliger Frommer gebildet hatte. Die
-Holzstatue aber ragte auf ihrem Marmorquader auf, als wolle sie gegen die
-neue Zeit und gegen alles, was sie in ihr erblicken mußte, Verwahrung
-einlegen. Den goldenen Hirtenstab, der unten abgebrochen war, hielt sie
-gegen das zornige, volkstümliche Herz gepreßt und ihren mächtigen
-verrosteten Eisenschlüssel streckte sie weit von sich, voll Abscheu und
-grobem Eifer.
-
-Und der Heilige hatte manchen Grund zu seinem Verhalten. Denn obwohl der
-neue Besitzer der Probstei ein gewisses feinsinniges Kunstinteresse für
-die bunten Zeichen einer innerlicheren Epoche besaß, und obwohl es ihm
-schmeichelte, häufig berühmte Sammler und Gelehrte in seinen Räumen zu
-empfangen, um ihre Bewunderung für seine Besitztümer zu vernehmen, so
-lehnte er es doch auf der anderen Seite entschieden ab, sein eigenes Leben
-mit seiner Umgebung in Einklang zu bringen. Dunkle Gerüchte durchflogen
-die Stadt, es würden in der alten Probstei unter den Augen der
-Evangelisten und des Himmelspförtners gelegentlich erlesene Feste
-gefeiert, die weitab von strenger Daseinsführung lagen und die deshalb das
-Ziel und die Sehnsucht aller unverheirateten Herren der bevorzugten Kreise
-bildeten. Etwas Genaues indessen vermochten selbst die neugierigsten Damen
-der Stadt nicht in Erfahrung zu bringen. Man flüsterte wohl hie und da,
-daß der Konsul, dieser wohlgepflegte Vierziger mit der schlanken eleganten
-Gestalt und den schwärmerischen, lang bewimperten Augen, die so gar nicht
-zu den im Grunde kalten Zügen passen wollten, man flüsterte wohl, daß
-Konsul Bark in seinem weit ausgreifenden Kunstinteresse auch die Damen des
-Theaters mit seinen Einladungen beehrte, allein von den Beteiligten wurde
-dies stets mit sonderbarem Lächeln geleugnet. Äußerlich jedoch zeigte
-der Goldene Becher dauernd die gleiche patrizische Würde, und da der
-Konsul sogar in den Zirkeln der Frau Regierungspräsidentin sichtbar
-wurde, wo nur die dreimal Gesiebten verkehrten, so sanken alle unheiligen
-Vermutungen immer wieder in sich zusammen. Nur ein einziges Wesen lebte,
-das über den Wandel des Hausherrn genauen Aufschluß hätte geben können.
-Das war jener merkwürdige Einsasse des Goldenen Bechers, über den in der
-Stadt infolge seiner erstaunlichen Vielseitigkeit mindestens ebensoviel
-Erzählungen umliefen, als über den eleganten Großkaufmann selbst. Es war
-der Kammerdiener des Konsuls, Pawlowitsch, wie er von dem Chef im Scherz
-wegen seiner russischen Abkunft genannt wurde.
-
-Ja, Pawlowitsch besaß das Ohr des Großkaufmanns. In einem weißen
-Leinenanzug war er seinem Herrn frühmorgens bei der Toilette behilflich;
-er rasierte ihn, und kein Friseur hätte das dunkelbraune Haar des Konsuls
-so korrekt zu scheiteln vermocht, wie dieser Halbrusse. Bei solcher
-Gelegenheit erfuhr dann der Herr des Goldenen Bechers, was Pawlowitsch für
-nützlich hielt, ihm zufließen zu lassen.
-
-»Herr Konsuhl,« flüsterte der Weißkopf, denn er betonte diesen Titel
-auf der letzten Silbe und dabei beugte er sich während des Einseifens
-geschmeidig bis zu dem Ohr des Gebieters herab, »die kleine Schwarz vom
-Stadttheater hat heute abend ihr Benefiz. -- Rosen?«
-
-»Jawohl.«
-
-»Vorzüglich --« alle Anordnungen des Chefs beehrte Pawlowitsch mit
-dieser begeisterten Zensur, »vorzüglich -- Teerosen?«
-
-»Gewiß.«
-
-Der weiße Kittel verbeugte sich. Es war ja selbstverständlich, daß er
-diese gelben Blumen hinter die Bühne zu tragen hatte. Dunkelrote schickte
-sein Gebieter nur beim Beginn einer vielbegehrten Bekanntschaft. Die
-ruhigere Epoche wurde dann durch die mattere Farbe gekennzeichnet. Und
-Pawlowitsch wußte ganz genau, wann die weißen an die Reihe kamen, die den
-Rückzug des Konsuls einläuteten.
-
-»Vorzüglich.«
-
- * * * * *
-
-Zu derselben Stunde, als Johanna Grothe in ihrer majestätischen Blondheit
-über den Markt wandelte, beherbergte Konsul Bark in dem Refektorium,
-aus dessen Mauerhöhlungen noch immer die Mosaikbilder der Evangelisten
-hervorschimmerten, einen besonders fröhlichen und lauten Besuch. Zur
-Seite des großen Schreibtisches, dicht neben der Riesenstatue des heiligen
-Petrus, dessen deutsches Antlitz noch unwilliger als sonst flammte,
-lehnte ein gewaltiger, muskulöser Russenoffizier behaglich in dem dunklen
-Ledersessel und hob eben sein Weinglas prüfend gegen die grünbeschirmte
-Lampe, so daß der gelbe Trank spiegelte und glitzerte. Die Sporen an den
-hellgelben Reiterstiefeln, die er vor Vergnügen leise aneinander rieb,
-ließen dazu einen feinen silbernen Sang ertönen, und das laute Gelächter
-des Fremden schlug schallend gegen die Decke der Wölbung.
-
-»Ja, was sagen mein bester Freund,« rief er wohlgelaunt und stieß den
-Hausherrn mit dem langen Säbel, den er nicht abgelegt hatte, vertraulich
-gegen die eleganten schwarzen Lackschuhe, »dumme Tiere von Grenzkosacken
-haben sich richtig durch Ihren Agenten von Pflicht -- wie sagt man? --
-abwendig machen lassen.«
-
-Der Konsul reckte sich und zupfte verärgert an seinem kurzgeschorenen
-englischen Schnurrbärtchen.
-
-»Der Jude handelte auf sein eigenes Risiko,« entgegnete er unmutig, »ich
-habe ihm nicht geraten, Ihre Leute zu bestechen.«
-
-»Bestechen?« Jetzt lachte der Russe noch behaglicher und schüttelte
-das blondbebartete Haupt. Seine blauen Augen sahen ganz erstaunt aus.
-»Bestechen?« wiederholte er in seinem gebrochenen Deutsch, »nicht
-doch. Hat Mann gar nicht beabsichtigt. Ist Gewohnheit bei diesen deutschen
-Spitzbuben. Pardon -- pardon,« verbesserte er sich, und die großen
-Kinderaugen begannen ihm in der Wirkung des Weins oder aus Verlegenheit
-zu tränen, »sehr ehrenwerte Leute. Versuchen es nur immer wieder. Aber
-diesmal hat mir heilige Mutter von Kiew beigestanden. Sieben Wagen vor
-Brücke zurückgehalten, und zweitausend Rubel in meiner Tasche. Was sagen
-bester Freund?«
-
-Konsul Bark rückte ein wenig mit seinem Stuhl und blickte seinen Gast
-zweifelnd von der Seite an. Das Gespräch schien ihm durchaus nicht
-zuzusagen.
-
-»Ich nehme an,« begann er endlich nach einem Moment der Überlegung,
-während sein schmales, feingeschnittenes Gesicht durch nichts irgendeine
-Bewegung verriet, »ich nehme an, Herr Rittmeister Sassin, daß Sie
-gekommen sind, um das Geld wieder an mich abzuliefern.«
-
-»Oh nein, ist Irrtum. Geld gehört Gossudar, russischen Zaren, unserem
-allergnädigsten Herrn.« Der Russe verbeugte sich, so daß seine Stirn
-fast die Platte des Schreibtisches berührte.
-
-»Jawohl, ich kann es mir denken,« meinte der Konsul mißfällig,
-»sprechen wir nicht mehr darüber.«
-
-»Serr gut, ist ganz meine Ansicht, sind hervorragender Kaufmann. --
-Händler erster Gilde!«
-
-Jetzt warf der Hausherr seinem Gast von neuem einen scharfen Seitenblick
-zu. Unwillkürlich faltete sich seine Stirn. Sollte dieser große
-ungeschlachte Mensch sich etwa über ihn lustig zu machen gedenken, gerade
-jetzt, da der Fremde ihn um eine erhebliche Summe geschädigt? In diesem
-Augenblick hatte der kühle Geschäftsmann völlig vergessen, wie oft er
-jenseits der Grenze in dem kleinen elenden Fabrikstädtchen die reiche und
-ausgelassene Bewirtung des Grenzoffiziers genossen, eine Gastfreundschaft,
-die sich manchmal bis zu tobendem Wahnsinn gesteigert hatte. Nein, die
-Erinnerung hieran war dem Prinzipal des Goldenen Bechers wie in dunklem
-Rauch aufgegangen. Denn Konsul Bark besaß die Fähigkeit, geschehene
-Dinge, die ihm nicht mehr behagten, kaltblütig auszustreichen, als wären
-sie nie gewesen. Seine dunkelgrauen, lang bewimperten Augen blickten noch
-etwas berechnender drein als gewöhnlich, da er sich auf die Huldigung des
-Offiziers zu der lässigen Erwiderung anschickte:
-
-»Ich bin Ihnen für Ihre gute Meinung sehr verbunden, Herr Rittmeister.
-Aber gerade, weil ich ein nüchterner Kaufmann bin, so werden Sie es mir
-nicht übel deuten, wenn ich mich frage, welche geheime Absicht Sie eben
-jetzt zu mir leitet, obwohl Sie vielleicht Ursache zu haben glauben, mir
-wegen dieser unangenehmen Zollaffäre zu zürnen.«
-
-Ganz vorsichtig und diplomatisch hatte der Konsul dies vorgebracht,
-während er unausgesetzt einen großen Elfenbeinfalz zwischen seinen
-schmalen Fingern hin- und hergleiten ließ. Der Russe jedoch tat seine
-hellblauen Kinderaugen noch weiter auf, und auf seinen breiten Zügen
-malte sich vollste Verständnislosigkeit. Ungewiß rieb er sich in seinem
-stoppligen blonden Kinnbart.
-
-»Nix Zollaffäre, nix zürnen, keine Spur,« versicherte er eifrig und
-verbeugte sich mehrfach in großer Ehrfurcht vor dem Handelsherrn. »Solche
-Geschichten alle Tage vorkommen. =Au contraire=, bereiten Spaß, machen
-schönes Vergnügen. Leo Konstantinowitsch Sassin bitten Rudolf Bark von
-Wertschätzung und innigster Freundschaft überzeugt zu sein.«
-
-Damit legte er die Linke aufs Herz und hob das Weinglas grüßend zu dem
-Hausherrn hinüber. Der Konsul aber, der die Gewohnheiten des Nachbarvolkes
-kannte, nickte gleichfalls mit dem Haupt, ohne jedoch seinen Zweck aus dem
-Auge zu verlieren.
-
-»Leo Konstantinowitsch, kann ich Ihnen mit irgend etwas anderem dienen?«
-
-Der Russe schluckte noch an seinem Wein und setzte das Glas ziemlich
-unbekümmert auf die Schreibtischplatte nieder. Dann erhob er lebhaft beide
-Hände.
-
-»=Pas du tout=, mein bester Freund, nix dergleichen. Ja, ist wahr, gab
-traurige Zeiten für Offiziere von Gossudar, namentlich wenn so weit fort
-von heilige Petersburg. Serr zu kämpfen gegen Einsamkeit, Langweile und
-Armut. Da ist Rudolf Bark immer hilfreicher Freund gewesen, serr hilfreich,
-Kavalier --«
-
-»Sehr schön, aber -- --«
-
-»Kommt, kommt alles. Armut vorbei, durch Gnade von Väterchen bedeutend
-besser gestellt. Einnahmen hier, Einnahmen dort, man kann nicht klagen. Und
-seit Gouverneur von Wilna Grenzstationen kontrolliert, auch eigene =maison=
--- Häuschen.«
-
-Bei der Erwähnung dieser kleinen ›=maison=‹ flog ein verschmitzter
-Schein über die eben noch so ernsten Züge des Kaufmanns.
-
-»Ja, ich habe gehört, Leo Konstantinowitsch. Man erzählt, daß Ihnen
-eine reizende Villa gebaut sei.«
-
-»Eben fertig,« warf der Russe sehr befriedigt ein.
-
-»Nun gut, nehmen Sie meinen Glückwunsch. Es fehlt nichts hinein als eine
-junge Frau.«
-
-Der Russe fuchtelte wieder mit den Händen und ließ die Sporen klirren.
-
-»Oh, fehlt nicht, fehlt nicht, =pas du tout=, man weiß sich zu behelfen.
-Und davon gerade, Rudolf Bark, sollen Sie sich überzeugen. Ich bitte serr,
-ich bitte inständigst.«
-
-»Sie meinen doch nicht --?«
-
-»Ja, meine ich, ein kleines Fest. Eine Einweihung, intim, serr vornehm.
-Und wenn Sie mich machen wollen glücklich, dann legen auch ein gutes Wort
-ein bei die schönen Damen von Maritzken, die ich neulich so bevorzugt war,
-bei Ihnen zu treffen. Wunderschöne Damen, namentlich die große, üppige,
-stolze, mit die königliche Gang, und die schwarze mit den roten Lippen. Es
-wird werden serr amüsant.«
-
-So unerwartet traf den Großkaufmann diese letzte Aufforderung, daß er
-den Elfenbeinfalz hart auf den Tisch fallen ließ und erst einen
-verlegenen Blick auf das Holzantlitz des Apostels warf, bevor er, sich
-zusammenraffend, widersprechen konnte:
-
-»Nein, nein, lieber Rittmeister, dieser Mission fühle ich mich nicht
-gewachsen. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber es kommt mir doch höchst
-zweifelhaft vor, ob sich die jungen Damen von Maritzken, und namentlich die
-Älteste, in dem eigentümlichen« -- der Konsul zögerte einen Augenblick
-und suchte nach einem Ausdruck -- »na sagen wir Junggesellenmilieu
-wohlfühlen würden.«
-
-Der Grenzoffizier jedoch sprang klirrend auf und fegte mit seiner Rechten
-in sprudelnder Lebhaftigkeit durch die Luft, als müsse er jedes einzelne
-Wort seines Gegenübers besonders ausstreichen.
-
-»Kein Junggesellenmilieu,« schrie er, unbekümmert darum, ob seine Worte
-nicht etwa jenseits der Diele verstanden werden könnten, »Sie täuschen
-sich, bester Konsul, wir besitzen Takt, =savoir vivre=. Sie kränken uns,
-wenn Sie zweifeln daran. Wir sind junges Volk, harmloses Volk, -- aber
-galant gegen Damen.«
-
-Sicherlich gedachte Leo Konstantinowitsch seine nationale Eigenart noch
-eingehender zu schildern, aber das leis-ironische Lächeln, das
-abermals die Lippen seines Zuhörers umspielte, veranlaßte ihn, sich zu
-unterbrechen, um sich beschwörend die mächtige Faust mitten auf die Brust
-zu schlagen. Es gab einen dumpfen Widerhall.
-
-»Diesmal nicht so wie sonst,« brachte er ganz treuherzig hervor, wobei er
-immerfort das blonde Haupt schüttelte, »Oberst Geschow aus Mariampol mit
-seiner jungen Frau gibt gleichfalls die Ehre. Und alle jungen Frauen von
-Kameraden ebenso. Wir werden trinken nur ein Täßchen Tee, essen dazu
-ganz dünne Kaviarschnittchen, und die Gattin von Zivilgouverneur -- Frau
-Bobscheff, serr fromme Dame -- wird sein Patronesse von das Ganze. Sie
-werden sich einlegen Ehre, Rudolf Bark, mit dieser Einladung bei den
-jungen Fräulein von Maritzken. Und,« setzte der Russe sehr ernst und
-nachdrücklich hinzu, »es ist gut, wenn beide Völker freundschaftlich
-verkehren. Ich sage, es ist gut.«
-
-Noch hatte der Russe nicht völlig seine Erklärungen geschlossen, als die
-eisenbeschlagene Eichentür sich geräuschlos in ihren Angeln drehte. Vor
-dem lauten Gespräch hatten die beiden Männer völlig überhört, daß
-schon zweimal an das harte Holz gepocht wurde. Jetzt stand unter
-der Wölbung der Tür eine blaue Hausmeistersuniform mit blanken
-Messingknöpfen, und das kurz geschorene weiße Haupt des berühmten
-Pawlowitsch neigte sich zu einer demütigen Verbeugung. Beide Arme ließ
-der Alte dabei weit gestreckt von sich herunterhängen.
-
-»Herr Konsuhl,« wisperte eine flehentlich-zerknirschte Stimme, »ich
-störe.«
-
-»Schon gut, was gibt's?«
-
-Der Alte wandte sich halb nach draußen und ließ eine zweite Verbeugung
-nach der Richtung der Diele hin folgen.
-
-»Das gnädige Fräulein von Maritzken ist soeben angekommen.«
-
-»Heilige Mutter,« sprudelte der Russe und ließ vor Erstaunen den breiten
-Mund mit den tadellosen Zähnen offen.
-
-Aber auch der Konsul schnellte aus seinem Sessel, und es war sehr
-merkwürdig, wie er sich bemühte, in aller Eile ein Aschenkörnchen von
-dem Aufschlag seines eleganten braunen Promenadenanzugs fortzustäuben.
-
-»Ist es das älteste Fräulein?« warf er rasch hin, und eilfertig schritt
-er in die Ecke, um selbst die elektrische Leitung aufzudrehen, die die
-Lichter des schweren lombardischen Kronleuchters an der mittelsten der
-Wölbungen aufstrahlen ließ. »Ist es die Älteste der Damen?«
-
-Pawlowitsch zwinkerte ein wenig mit den schwarzen Augen. »Fräulein
-Johanna« meldete er.
-
-Der Konsul machte ein paar Schritte bis zur Tür.
-
-»Stehe sofort zu Diensten.« Er sprach so laut, daß man seine Stimme
-sicherlich draußen auf dem Flur vernehmen mußte. »Lieber Herr
-Rittmeister -- --,« fuhr er fort, und ohne daß er noch etwas Weiteres
-zu äußern brauchte, lag in seiner sprechenden Handbewegung das Bedauern,
-die Konferenz mit dem Offizier leider schließen zu müssen.
-
-Inzwischen hatte auch Rittmeister Sassin seinen gebogenen Säbel enger
-an sich gezogen und ergriff nun die breitrandige blaue Mütze. Er schien
-vollkommen einzusehen, daß er hier überflüssig würde. Ja, in
-seinen groben, verschwommenen Zügen arbeitete sogar eine starke innere
-Verlegenheit. Heilige Mutter, diese stolze königliche Deutsche flößte
-ihm einen Respekt ein, den er sich nicht zu erklären vermochte. Viele der
-deutschen Weiber besaßen etwas Ähnliches. Nein, zum Teufel, die andere,
-die Schwarze mit den roten Lippen und der üppigen Lässigkeit war
-angenehmer, bequemer. Und in seinem kindlichen Verstand stritten sich
-Zweifel, ob es wirklich möglich sein würde, die Damen von Maritzken zu
-dem Besuch in der gemütlichen kleinen ›=maison=‹ jenseits der Grenze
-zu veranlassen. »Rudolf Bark gestatten, daß holder Dame die Hand küsse.
-Und nicht wahr, nicht vergessen an meine Bitte! Überlasse alles Ihnen,
-bester Freund, alles Ihnen!«
-
-Da öffnete sich die Tür, die hohe, schlanke Frauengestalt in dem
-cremefarbenen Bastseidenkostüm ragte unter der Wölbung. Die drei Männer
-aber verbeugten sich gleichzeitig so tief und ehrfürchtig, daß sie
-vielleicht gelächelt haben würden, wenn sie ihre gesenkten Häupter
-selbst hätten beobachten können. Dann reichte der Konsul seinem
-neuen Gast höflich die Hand, wobei er es jedoch vermied, die schlanken
-Fingerspitzen an seine Lippen zu führen. Das hatte sich das Landmädchen
-ein für allemal verbeten. Darauf eine kurze Wendung gegen den russischen
-Offizier, ein vergebliches Bemühen des Rittmeisters, seine Huldigung
-auf den weißen Handschuh der Dame zu hauchen und die verabschiedende
-Beteuerung des Russen, daß sein bester Freund Rudolf Bark holden Dame ein
-großes Geheimnis mitzuteilen habe. Eine Bitte, ein fußfälliges
-Flehen, deren Erfüllung armen Leo Konstantinowitsch in einen Taumel des
-Entzückens versetzen würde.
-
-»Guten Morgen, Rudolf Bark, alle Nothelfer behüten Sie -- Gnädigste, der
-Himmel nehme Sie in seinen Schutz.«
-
-Die silbernen Sporen klirrten zusammen, der Säbel rasselte, und die
-wuchtige Gestalt des Grenzoffiziers schritt tönend über die grünen
-Marmorstufen.
-
-Die beiden anderen blieben allein.
-
-»Liebes Fräulein Johanna, nehmen Sie Platz,« forderte der Konsul auf,
-indem er sehr diensteifrig einen neuen Ledersessel an den Schreibtisch
-schob. Und nachdem die Älteste von Maritzken sich wortlos niedergelassen,
-blieb er geneigt vor ihr stehen, um von neuem zu bitten: »Wollen Sie
-nicht, lieber Hans, den Schleier ein wenig zurückschlagen? Damit ich
-erkennen kann, ob Sie etwas Gutes, oder, was ich nicht hoffen will, etwas
-Schlimmes zu mir führt? Denn leider wird ja der Goldene Becher fast
-ausschließlich zu geschäftlichen Beratungen aufgesucht, nicht wahr,
-bester Hans?«
-
-Wie immer, wenn er mit der Ältesten von Maritzken sprach, klang seine
-Stimme liebenswürdig und vertrauenerweckend und enthielt nichts von jener
-flatterhaften Galanterie, die dem Landmädchen, das die harte Notwendigkeit
-zur Arbeit gezwungen hatte, so verleidet war. Gerade diese offene
-konventionelle Art hatte dem Geschäftsmann das Vertrauen der Vorsichtigen
-erworben, obwohl auch zu ihr allerlei abfällige Urteile über ihren
-Freund gedrungen waren. Aber Johanna Grothe verachtete solche heimlich
-zugeflüsterten Gerüchte. Ihre unbestechliche Gewissenhaftigkeit verlangte
-Beweiskräftiges. Und alles, was sie von Rudolf Bark während jener drei
-Jahre erfahren, seitdem die Mutter dort draußen im Schatten der Kirche von
-Maritzken ruhte, und auch den Vater eigenes Verschulden oder ein unseliges
-Schicksal aus den Reihen der tätig Wirkenden entfernt hatten, nein,
-alles was ihr von dem nüchternen klaren Geschäftsmann in selbstloser
-Opferwilligkeit während jener schweren Zeit geboten war, es atmete
-Sicherheit, Ordnung und ein Gefühl für ihr inneres Bedürfnis nach
-Sauberkeit. Und so hatte sich zwischen ihnen nach einer anfänglichen
-kühlen Geschäftsverbindung das vertrauliche Verhältnis von Ratgeber und
-Schützling gebildet.
-
-Auch heute drängte es die Selbstsichere, ihre Sorgen gewissermaßen
-durchrechnen zu lassen, denn sie fühlte sich entlastet, sobald ihr eigenes
-Urteil die Unterstützung des Vielerfahrenen fand. Nicht leicht schien
-ihr im Augenblick die Einleitung zu fallen, ja, der Konsul merkte, wie das
-große, kräftige Mädchen -- die Heroine, wie er sie manchmal heimlich
-nannte -- ihre Blicke befangen vor den seinigen zu dem braunen Teppich
-heruntersenkte. Endlich jedoch schlug die Sitzende mit einer raschen
-Bewegung ihren Schleier in die Höhe, und wieder entzückte den
-Großkaufmann jene merkwürdige Blässe, die er schon so häufig angestaunt
-hatte. Ganz eigenartig hoben sich die tiefdunklen blauen Augen von dem
-matten weißen Grunde ab.
-
-»Hören Sie, Herr Konsul,« sprach Johanna endlich, indem sie mit aller
-Kraft die Gedanken auf ihr Ziel zu sammeln versuchte, und dabei schlug
-sie die dunklen Augen so fest und ehrlich gegen ihn auf, daß der Mann
-plötzlich ein eigenes Schwanken spürte. Es blieb immer dasselbe. Diese
-große königliche Erscheinung, die sich über die Schwächen und Wünsche
-ihres Geschlechtes sicherlich weit erhoben hatte, sie machte es ihm
-manchmal wirklich nicht leicht, die gleichgültige Ruhe des kühlen
-Geschäftsfreundes zu wahren. Schweigend lehnte er dicht neben ihr gegen
-die Platte des Schreibtisches und sah sie aufmerksam an. »Hören Sie,
-lieber Konsul,« begann Johanna von neuem, »ich muß Sie schon wieder
-einmal mit einer Angelegenheit behelligen, die mir lebhafte Besorgnis
-einflößt. Sie wollten es damals nicht glauben, aber ich habe doch recht
-behalten.«
-
-»Sie behalten immer recht, lieber Hans,« sagte der Konsul verbindlich.
-
-»Nein, nein, scherzen Sie nicht. Diesmal wird es wirklich Ernst. Und da
-ich ja keine Mutter und leider auch im eigentlichen Sinne keinen Vater
-besitze,« fügte sie mit kurzem Atem an, »so wende ich mich eben an Sie.
-Ich habe Vertrauen zu Ihnen.«
-
-Der Konsul wollte etwas erwidern, aber von ihrem merkwürdig dunklen
-Blick getroffen, brachte er es nur dazu, ihr warm und zustimmend die Hand
-entgegenzustrecken. Dann forschte er schnell:
-
-»Also um was handelt es sich, liebster Hans? Spannen Sie mich nicht
-länger.«
-
-Merkwürdig, die Älteste von Maritzken schien keineswegs zu spüren, wie
-die Hand des Mannes noch immer auf der ihren ruhte. Sie fuhr unbekümmert
-fort:
-
-»Gestern abend saß ich auf der Wiesenbank vor den drei Statuen der
-römischen Kaiser --«
-
-»Aha,« unterbrach der Zuhörende, »die Stelle muß man sich merken, das
-ist offenbar Ihr Lieblingsplatz.«
-
-»Ja, ich sitze gern dort. Aber gestern wurde mir der Ort auf lange Zeit
-verleidet. Denken Sie sich, Konsul Bark, -- es fällt mir sehr schwer,
-Ihnen dies alles zu gestehen -- als ich meine Blicke ganz absichtslos
-über die weite grüne Wiese richtete, auf der gerade ein junger Hase
-seine komischen Männchen machte, da sah ich ganz hinten am Waldsaum meine
-Schwester Marianne mit einem Fremden schreiten.«
-
-»Weiter,« forderte der Konsul interessiert.
-
-»Die Gestalten waren nur zwerghaft klein, aber ich erkannte den
-Eindringling trotz alledem, obwohl er nicht Uniform angelegt hatte.«
-
-Jetzt richtete sich der Kaufmann schnell auf, zog ein wenig an seinem
-braunen Jakett und bewegte dann abschätzend die flache Hand hin und her.
-
-»Es war natürlich Fritz Harder,« äußerte er bestimmt.
-
-Das stolze Weib in dem Sessel nickte. Dann aber schlug sie verstört die
-Augen nieder, und ihre ganze Gestalt beugte sich zusammen, als ob sie von
-einer körperlichen Last zu Boden gedrückt würde.
-
-»Lächeln Sie nicht, Herr Konsul,« sagte sie matt, »ich bin über das
-Alter hinaus, als daß ich gegen eine ehrbare Annäherung etwas einzuwenden
-hätte.« Und als der Konsul eine Bewegung machte, wie wenn er sie nicht
-verstände, stieß sie plötzlich anmutig hervor, und ihre Stimme tönte
-laut und grollend: »Das war es aber nicht. Gegen diese stürmischen
-Liebkosungen in der dunklen Stille eines Haselnußhaines muß ich
-Einsprache erheben. Das kann und will ich nicht dulden. Denn nach dem,
-was schon einmal bei uns geschehen, muß ich mehr wie jede andere darauf
-achten, daß unserem Hause der landläufige Respekt entgegengebracht
-wird.«
-
-Die zusammengekauerte Gestalt ließ ihre Arme zwischen die Knie herabsinken
-und riß sich alles Weitere matt und dumpf von der Seele los, wie wenn sie
-mit sich selbst zürne, daß sie so Verschwiegenes offenbare.
-
-»Glauben Sie mir, lieber Freund, meine Rolle fällt mir nicht immer
-leicht. Ich weiß, die Mädels hassen mich, weil ich ihnen so vieles
-versagen, und häufig wie ein Polizist vor ihnen auftauchen muß. Aber
-Sie, Konsul Bark, Sie kennen meine Beweggründe. Ich habe es nun einmal
-übernommen, aus dem großen Zusammenbruch zu retten, was irgend möglich
-war, und bin darüber alt geworden.«
-
-»Na, na, Hans,« schob hier der Konsul lächelnd ein.
-
-Er dachte daran, daß diese Achtundzwanzigjährige in ihrer kalten,
-abweisenden Schönheit ein Weib sei, das alle Ansprüche aufgegeben habe
-zu reizen, zu gefallen und zu bestricken, ein Geschöpf, das in klarer
-Erkenntnis seiner harten Fron allmählich sich selbst vergessen hatte. Und
-doch -- der schlanke Mann in dem eleganten Promenadenanzug warf unbemerkt
-einen spähenden Blick auf seine Besucherin -- ob wirklich alle Wünsche
-in diesem stolzen Leib erstorben und verlöscht waren? Und in der
-vorüberhastenden Minute, während seine Augen, die Frauenschönheit so
-sehr aufzuspüren verstanden, über den gebeugten Mädchennacken glitten,
-da gestand sich der reife Mann, daß gerade die starke Neugierde, jenes
-tief verschlossene Geheimnis zu lösen, ihn so dauernd an das frostige,
-marmorharte Geschöpf da vor ihm fesselte. Und mit einem gewissen Unwillen
-empfand er auch, wie schwer und unbequem es sei, sich selbst immer in
-so respektvoller Entfernung zu halten. Ja, es war sehr schwer, denn er
-erkannte ganz klar, eine einzige unvorsichtige Andeutung, das Verlassen
-der unverfänglichen und korrekten Beziehungen mußte die Ahnungslose
-dort sofort empört und enttäuscht von dannen treiben. Und vor diesen
-Enthüllungen scheute sich der Frauenkenner. Nein, nein, die großen
-scharfen Augen der Heroine von Maritzken wollte er nicht im Zorn auf sich
-gerichtet fühlen. Ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, hegte er eine
-heimliche und ihn doch quälende Abneigung davor, das Unverdorbene, das
-Heilig-Jungfräuliche dieses abgeschlossenen Lebens zu stören. So nahm
-er auch jetzt nur in verborgener Bewunderung die köstliche Weiße ihres
-Nackens wahr, laut aber sprach er sehr ruhig und überlegt zu der in sich
-Versunkenen herunter:
-
-»Also, lieber Hans, mir scheint, Sie sehen da wieder etwas zu dunkel. Wenn
-Sie auf mein Urteil irgendein Gewicht legen, so meine ich, was sich da in
-der lauschigen Dämmerung des Haselnußhaines abspielte, das waren eben
-die landläufigen Vorboten einer regelrechten Verlobung. Oder glauben Sie
-berechtigt zu sein, es anders aufzufassen?«
-
-Auf diese Frage richtete sich Johanna unvermittelt auf und strich sich
-die spröde Seide über ihrer Brust zurecht. Zum erstenmal lief über ihre
-immer so schneeigen Wangen ein leichtes Rot.
-
-»Ich weiß nicht,« versetzte sie ungewiß, mit sich selbst kämpfend,
-»ich will es hoffen, obwohl meine Schwester Marianne -- ich spreche zu
-Ihnen ganz rückhaltslos, lieber Konsul -- für meinen Geschmack etwas viel
-zu Nachgiebiges und Entgegenkommendes besitzt. Aber selbst wenn sich Ihre
-Ansicht bewahrheitete,« fuhr sie überlegend fort, »dann halte ich es
-für schicklich, daß sich der junge Offizier zuerst an mich gewendet
-hätte.«
-
-»Liebe Johanna,« begütigte der Konsul, »Sie klammern sich da an eine
-etwas altmodische Auffassung.«
-
-»Nun ja, Sie mögen recht haben, ich bin eben mißtrauisch und wittere
-hinter allen Menschen zuvörderst irgendeine verborgene Absicht. Das Leben
-hat mich allmählich so geformt. Sie müssen mir das nicht übel deuten,
-lieber Freund, Ihnen gegenüber fällt das ja alles fort. Und nun die
-Hauptsache: Glauben Sie wirklich, daß Fritz Harder der geeignete Mann
-wäre, um eine so dauernd nach Glück und Glanz verlangende Natur wie
-Marianne befriedigen zu können?«
-
-Der Konsul zuckte die Achseln.
-
-»Gott, Sie werden nicht leugnen,« versetzte er endlich abschätzend,
-»daß er ein hübscher, flotter Bursche ist und, wie ich annehme, auch ein
-aussichtsvoller Offizier.«
-
-Die Älteste von Maritzken rückte hastig mit ihrem Stuhl.
-
-»Glauben Sie das wirklich?« entgegnete sie mit wenig überzeugtem Ton.
-»Das gerade möchte ich bezweifeln. Mir gefallen Männer nicht, die nicht
-vollkommen von ihrem Beruf ausgefüllt werden. Sehen Sie, was hat sich ein
-junger Leutnant für schweres Geld einen Flügel zu kaufen, um nun halbe
-Nächte lang auf ihm herumzuphantasieren? Er komponiert ja auch.«
-
-»Na, Hans,« beruhigte der Konsul, »die Vergnügungen in einer mittleren
-Garnison sind ja nicht allzu abwechslungsreich. Wenn er sich nur mit dieser
-Art von Spiel befaßt, so wollen wir ihn deswegen nicht verurteilen.«
-
-Aber die Gutsherrin war nicht so leicht abzuweisen.
-
-»Schön,« gab sie zu, »aber der junge Mensch hat leider überhaupt etwas
-Dilettierendes. Wie Sie wissen, versucht er sich auch in der Ölmalerei.
-Er bringt zwar ganz nette Porträts hervor, aber wie sich dies alles mit
-seinem eigentlichen Beruf vereint, das begreife ich nicht. Und um wahr zu
-sein, es erregt mir Mißbehagen.«
-
-Hier wagte es der Konsul, der leidenschaftlich Sprechenden begütigend,
-fast väterlich die Wange zu streicheln. Aber diesmal wurde es von der
-Besucherin aufgefaßt. Mit einer herben Bewegung schob sie seine Finger
-zurück. Dann forderte sie noch einmal:
-
-»Teilen Sie meine Bedenken?«
-
-Inzwischen hatte sich der Konsul in seinen Ledersessel niedergelassen, und
-nachdem er seiner Gewohnheit gemäß mit einem Blick, wie um Rat fragend,
-das Antlitz des Apostels gestreift, da gab er seine Ansicht klug und jedes
-Wort wagend, zu erkennen.
-
-»Liebes Kind,« beschwichtigte er, »mit dem Beruf eines Offiziers ist
-es ein eigen Ding. Wir vergessen immer so leicht, daß alle Mühen
-und Anstrengungen, die der höhere Militär aufwendet und die in immer
-strengerem Maße von ihm gefordert werden, kein in die Augen fallendes
-Ergebnis zeitigen können. Sie sind die einzige Menschenklasse in unserem
-Staat, die, solang der Friede dauert, nicht den praktischen Beweis von
-ihrer Leistungsfähigkeit zu erbringen vermag. Man empfindet ihr ganzes
-Tun und Treiben hie und da bereits als spielerisch und überflüssig.
-Und dieses Bewußtsein ist es, was viele Soldaten so rastlos nach Dingen
-greifen heißt, die jenseits ihres Berufes liegen. Sie suchen sich eben
-auszufüllen. Nein, Johanna,« richtete sich der Konsul plötzlich auf und
-klopfte ermunternd an die Seitenlehne des anderen Sessels, »daraus wollen
-wir dem hübschen Bengel keinen Strick drehen. Und daß er sich in die
-knisternde Schönheit von Marianne vergaffte, Gott --« der Kaufmann
-zuckte die Achseln -- »dieses Los teilt er gewiß mit manchem jugendlichen
-Schwärmer und außerdem, es läßt keinen üblen Rückschluß auf seine
-Uneigennützigkeit zu.«
-
-Bei diesem letzten Wort glitt ein kaltes Lächeln um die Lippen des
-Gutsfräuleins. Sie hob ihren Schleier noch etwas mehr, und die blauen
-festen Augen suchten scharf und bindend den Blick ihres Beraters. Der
-Konsul rückte ein wenig ungemütlich hin und her.
-
-»Ah, Sie meinen,« nahm die Älteste von Maritzken das Wort des Gefährten
-auf, »Sie meinen, daß der junge Mann Lob und Anerkennung verdiene, weil
-er sich zu der Angehörigen einer unbegüterten Familie herabläßt, die
-ihren Töchtern keine Mitgift auszusetzen vermag?«
-
-»Hans, Hans,« mahnte hier der Konsul und hob dämpfend die Hand.
-
-Aber die hohe Blonde fuhr fort: »Ja, ja, man spricht ja so etwas
-Ähnliches sowohl in der Stadt, wie in der Umgegend. Und es ist mir ganz
-recht,« bestätigte sie sehr ernsthaft, und jener rechnende Schein spielte
-von neuem aus ihrem weißen Antlitz, »es ist mir ganz recht, wenn sich
-keine Mitgiftjäger um meine Schwestern bemühen, denn ich kann das
-Vermögen, das ich uns in achtjähriger Arbeit erworben, noch sehr gut in
-meinem landwirtschaftlichen Betriebe gebrauchen. Sie aber, lieber Konsul,
-Sie sind ja der einzige, der genau darüber orientiert ist, wie wenig alle
-diese Gerüchte der Wahrheit entsprechen. Ja, es ist richtig,« sprach
-sie immer heftiger weiter, »ich habe die zwei großen väterlichen Güter
-damals in der schweren Zeit aufgeben müssen. Oder besser gesagt, ich habe
-sie auf Ihren Rat mit Gewalt zur Versteigerung getrieben. Aber das letzte,
-auf dem ich mich festgesetzt hatte, um mich nicht mehr davon vertreiben
-zu lassen, unser Maritzken, dieses Stück Erde, halb Bauernhof, halb
-Rittergut, das ist doch mit Ihrer Hilfe so bewirtschaftet worden, daß
-es sich sehen lassen kann. Und die Summen, die ich hier bereits bei Ihnen
-ablieferte, würden immerhin für eine Mitgift für meine Schwestern
-genügen, nicht wahr? Lieber Konsul,« fügte sie kalt und unempfindlich
-an, als der Mann eine Bewegung ausführte, als ob ihm das Gespräch
-peinlich würde, »ich möchte bei dieser Gelegenheit gleich etwas richtig
-stellen, was mir schon lange Ihnen gegenüber auf dem Herzen liegt. Wenn
-Sie nämlich von diesen Privatgeldern sprechen, dann pflegen Sie die Summe
-stets durch drei zu teilen. Es scheint also, als ob Sie auch für mich
-ein eigenes Konto angelegt hätten. Das ist ein Irrtum, Konsul Bark. Ich
-erkläre hiermit ausdrücklich, daß mein Teil restlos auf meine Schwestern
-übergeht. Sehen Sie mich nicht so erstaunt an, damit beleidigen Sie
-mich. Ich selbst habe dort draußen in meiner Wirksamkeit vollkommen meine
-Befriedigung gefunden und werde darin keine Veränderung mehr eintreten
-lassen.«
-
-Ein Augenblick der Ruhe erhob sich zwischen den Beiden. Der Konsul hatte
-sich zurückgelehnt, und seine lang bewimperten Augen umfaßten das ruhige
-Frauenbild vor ihm mit unverhohlener Bewunderung. Nie hatte er sie so
-begehrenswert gefunden, als jetzt, wo er das leidenschaftslose Gelübde
-ihrer Entsagung vernommen hatte. Und er glaubte an den unverbrüchlichen
-Ernst dieses Scheidens von den Freuden und Tänzen der Welt. Nichts
-Nonnenhaftes lag auf dem edlen Antlitz mit den strengen Marmorzügen, ja,
-während der Konsul in ihm las, meinte er beinahe, der wohlgeformte Mund,
-der so gemessen über ein abgeschlossenes Schicksal sprach, auf ihm sei das
-Lächeln nur eingefroren und es müßte sich herrlich ausnehmen, wenn es
-sich wieder einstelle.
-
-Das Gutsfräulein jedoch, als ob es fühlte, daß die Gedanken des so
-auffällig Schweigenden an ihr herumtasteten, schob den Sessel zurück,
-stand auf und rüstete sich zum Abschied.
-
-»Ich wollte Sie bitten, mit Fritz Harder Rücksprache zu nehmen,«
-schüttelte sie endlich ihren lang aufgesparten Wunsch von sich ab.
-
-Der Konsul verbeugte sich leicht. »Ich war auf diesen Befehl vorbereitet,
-lieber Hans. Und passen Sie auf, in wenigen Tagen wird der glückliche
-Freiersmann nach allen Regeln des Herkommens bei Ihnen anhalten.
-Übrigens,« fuhr er fort, »möchte ich doch vorher, wenn Sie gestatten,
-auch ein paar Worte mit Marianne über diesen Fall wechseln. Und wissen
-Sie, Hänschen,« lachte er plötzlich ganz unvermutet dazwischen, »da
-könnten wir eigentlich ein sonderbares Rendezvous verabreden. Sie können
-sich gewiß nicht denken, wer mir soeben eine Einladung für Sie und die
-Mädels überbracht hat.«
-
-»Nein,« gestand die Aufbrechende, indem sie sich bereits den Schleier
-herabzog, »geht Ihre Vormundschaft über mich schon so weit, daß Sie auch
-Ihre Zustimmung für unsere Besuche zu erteilen haben?«
-
-»Keineswegs, Hänschen, soweit geht sie unglücklicherweise nicht,«
-scherzte der Kaufmann und strich seinem Besuch das verschobene Jakett ein
-wenig zurecht, »man überschätzt meinen Einfluß leider bedeutend.«
-
-Und nun erfuhr Johanna Grothe die merkwürdige Bitte des russischen
-Rittmeisters, der die drei Damen zu einem Ausflug jenseits der Grenze
-veranlassen wollte. Und aus der ganzen Art, wie der Kaufmann diese
-Einladung wiedergab, wie er die gewählte Zusammensetzung der Gesellschaft
-hervorhob oder Einzelheiten der Bewirtung schilderte, in allem sprach sich
-deutlich der Zweifel an der Verwirklichung des Planes aus. Allein es kam
-anders. Die Älteste von Maritzken warf plötzlich das Haupt in den Nacken,
-wie sie es immer tat, wenn sie nachdachte, dann schlug sie noch einmal den
-Schleier zurück und trat an den Schreibtisch, wo sie mit dem Zeigefinger
-allerlei Figuren auf das rote Tuch malte.
-
-»Sie fahren auch mit, Konsul Bark?« fragte sie rasch.
-
-Der Prinzipal des Goldenen Bechers war sich nicht ganz einig.
-
-»Ja -- ja allerdings, gegebenenfalls.«
-
-»Dann ist es selbstverständlich, daß wir dort empfangen werden, wie wir
-es erwarten dürfen.«
-
-»Alle Wetter, Hänschen, was machen Sie für Sätze?« vergaß sich
-der Kaufmann, und auf seinem hübschen Gesicht malte sich ein offenes
-Erstaunen.
-
-Die Gutsherrin jedoch wandte ihren klaren Blick nicht von ihm ab; und siehe
-da, was der Hausherr sich so gewünscht hatte, es erfüllte sich. Um
-den stolzen Mund der Hochragenden spielte unvermutet ein harmloses, ja
-verschmitztes Lächeln. Welch ein Wunder! Sie sah plötzlich aus wie eine
-gutmütige Zwanzigjährige, die einen derben Streich plant.
-
-»Hänschen, was haben Sie vor?«
-
-»Gott, die Sache ist ganz einfach, lieber Freund,« lächelte die
-Gefragte verschämt, »es handelt sich dabei natürlich für mich um ein
-Geschäft.«
-
-»Aha!«
-
-»Sie wissen, ich möchte für die kommende Ernte billigere Landarbeiter
-mieten, und da dachte ich, daß die Russen von drüben --«
-
-»Hans, Sie wollen doch nicht --?«
-
-»Doch, doch, es nimmt hier ja auch niemand auf mich Rücksicht, und
-ich bin keine Wohltäterin. Nur die Grenzstationen drüben machen uns
-Schwierigkeiten und halten die gedienten Leute zurück.«
-
-Jetzt lachte der Konsul hell auf.
-
-»Ah, und Sie meinen,« rief er wohlgelaunt, »wenn die drei Damen von
-Maritzken unseren Nachbarn ein paar hübsche Augen zuwerfen, dann -- --«
-
-Das Gutsfräulein hielt seinen Blick aus.
-
-»Das nicht gerade,« sprach sie ruhig, »reden Sie keinen solchen Unsinn,
-Konsul Bark. Aber ein Wort gibt das andere, verstehen Sie? Man gelangt
-leichter an sein Ziel. Und dann,« fügte sie noch überlegt an, »ich
-brauche auch billige Ackerpferde, und dort drüben verkauft man sie halb
-umsonst. Man bedarf nur der Protektion.«
-
-»Die wird Ihnen nicht fehlen,« schloß der Kaufmann, indem er seinen
-Gast höflich bis zu den vier Marmorstufen geleitete, »verlassen Sie sich
-darauf, bester Hans. Aber wie gesagt, Sie sind ein kapitaler Rechner. Und
-über den Ausflug ins Russische reden wir noch. Da ich als Anstandspapa zu
-fungieren habe, so will ich mich doch noch genauer über alles orientieren.
-Und nun, lieber Hans, leben Sie wohl, und ich danke Ihnen auch für Ihren
-lieben Besuch.«
-
-Die Blonde reichte ihm über die Stufen hinauf die Rechte. Es war ein
-Händedruck, wie sie es gewohnt war, fest, kräftig, zupackend. Die
-wohlgepflegten Finger des eleganten Mannes empfanden die Umklammerung
-beinahe schmerzlich.
-
-»Wenn ich Sie nur nicht gestört habe,« warf sie noch dankbar zurück.
-
-Der Mann aber verbeugte sich leicht und entgegnete nachdrücklich:
-
-»Ich wünschte, Sie kämen öfter.«
-
-Dann blieb er unter den geöffneten Türflügeln stehen und sah ihr nach,
-bis die hohe Gestalt jenseits des Marktplatzes verschwunden war.
-
-
-
-
-II.
-
-
-Glutrote Abendsonne glitzerte aus allen hochgelegenen Fensterscheiben der
-Stadt, selbst an dem schwarzen Schieferdach der Sankt Sebaldus-Kirche floß
-es wie von blutigen Strömen hinunter. Hoch oben unter dem First stand in
-einer engen Mauerhöhlung die bunte Holzstatue des Schutzheiligen, und auch
-aus seinem sonst erloschenen Sternenreif spritzten die roten Lichtflammen.
-Es sah aus, als wäre das entblößte heilige Haupt von ein paar
-Säbelhieben getroffen und heller Lebenssaft zische aus den Wunden hervor.
-Immer mehr verbreiteten sich die funkelnden Lachen auf den schwarzen
-Platten.
-
-Unter dem in Flammengold und angehendem Violett schimmernden Himmel zog
-gerade über dem Marktplatz eine Schar weißer Tauben ihre Kreise. Eine
-vereinzelte blauschwarze Nachzüglerin flatterte in geringem Abstand hinter
-den blitzenden Schwestern her, gleich einem schlimmen Gedanken, den die
-guten, beseligenden weit hinter sich gelassen. Ein frischer Abendwind
-surrte durch die Gassen, und von den nahen Feldern, die sich hinter der
-Stadt in ununterbrochener Weite dehnten, führte er einen süßen Kleeduft
-mit sich.
-
-Gerade als es in rollenden, schleppenden Tönen von der Sebaldus-Kirche die
-siebente Stunde schlug, da quoll aus der am Markt liegenden Konditorei von
-Klinkowström eine kleine Anzahl junger Offiziere heraus, die sich lachend
-und säbelschleifend über dem schmalen Trottoir verbreitete.
-
-»'n Abend, Harder.«
-
-»Adieu, Janick. Ihr bleibt im Kasino, wie?«
-
-»Nirgends anders. Dort soll ja eine kleine Götterberatung stattfinden,
-was wir mit dem Onkel aus dem Generalstab anstellen sollen, der den Herren
-Offizieren in einiger Zeit zum Vortrag geschickt wird. =A propos=, lieber
-Harder, ist dieses wissenschaftliche Huhn, der Major von Siebel, nicht ein
-Verwandter von Ihnen?«
-
-Der junge Offizier mit der saloppen, etwas vorgebeugten Haltung und
-dem scharf geschnittenen, bartlosen Antlitz, von dem seine Kameraden
-behaupteten, daß es ein Cäsarenkopf wäre, hakte seinen Säbel ein und
-blies von dem schwarzen Interimsrock achtlos etwas Zigarettenasche hinweg.
-
-»Siebel?«, wiederholte er mit einer leisen, wohllautenden Stimme, die gar
-nichts Militärisches in sich barg und auch den energischen Zügen seines
-dunklen Gesichts nicht zu entsprechen schien. »Was Sie sagen, Janick,
-kommt der her? Jawohl, er ist wohl ein Übervetter meiner Mutter. Wir duzen
-uns gerade noch. Übrigens ein grundgescheiter Herr.«
-
-»Na ja,« pflichtete der baumlange Janick bei, indem er einen anderen
-Kameraden bereits unter den Arm faßte, »die Weisheit liegt in Eurer
-Familie. Na, und Sie, Musikante, ziehen wohl für heute abend wieder zu
-Mendelssohn und Beethoven ab? Meinen Segen haben Sie. Viel Erbauung!«
-
-Der Schlanke griff nachlässig an seine Mütze und wandte sich, um in eine
-Seitenstraße einzubiegen:
-
-»Danke für den frommen Wunsch, meine Herren,« meinte er gleichgültig,
-»Sie sind sehr gütig.«
-
-Seine Schritte hallten schon in dem engen Gäßchen, als der lange Janick
-ihm noch nachrief:
-
-»Fritz, vergessen Sie nicht, morgen früh wieder sechs Uhr
-Schützengrabenübung. Das verdammte Buddeln nimmt kein Ende.«
-
-»Danke,« schallte es von der anderen Seite zurück, »die Ordonnanz war
-schon bei mir. Gute Nacht, meine Herren.«
-
-Langsam, mit seiner vorgebeugten Haltung setzte Fritz Harder seinen Weg
-durch die enge Zeile fort. Vor einem Antiquitätenladen, in dessen
-dunklem verräucherten Schaufenster neben ein paar Trommeln aus den
-Freiheitskriegen auch ein Bild in halb vermodertem Rahmen ausgestellt war,
-verharrte der junge Offizier und hob sein Monokel vor das Auge. Eine kleine
-Weile betrachtete er die schwärzliche Landschaft. Dann murmelte er etwas
-Unverständliches und nahm seinen Weg wieder auf, ohne den jungen Mädchen,
-die hier paarweise promenierten, irgendwelche Beachtung zu schenken. Bald
-hatte er sein Heim erreicht. Es war ein ganz schmales, spitzgiebliges
-Häuschen, das sich zwischen zwei anderen altertümlichen Bauten nur
-schüchtern eingeklemmt hatte. Vor Baufälligkeit schien es sich direkt
-vorüber zu neigen, und da es außerdem bis zu dem Holzbord des ersten
-Stockwerks himmelblau angestrichen war, von dort aber bis unter das Dach
-in rosenroter Färbung prangte, so glich es viel mehr einem
-Pfefferkuchengebilde vom Weihnachtsmarkt, das man recht lieblich und bunt
-herausstaffiert. Kaum begreiflich aber war es, wie die Zwei-Fenster-Front
-des Häuschens noch durch eine rot gepflasterte Diele getrennt sein
-sollte. Und doch verhielt es sich so. Auf der einen Seite des Flurs ging
-es nämlich beständig tick-tack, tick-tack. Hier hauste der Besitzer des
-blauen und rosenroten Pfefferkuchens, Herr Nikolaus Adameit, der ehrsame
-Zunftmeister der Uhrmachergilde. Ja, hier nistete der alte struwelige Mann,
-hochgeehrt und bewundert von der ganzen Handelsstadt, denn es haftete
-wohl im Gedenken seiner Mitbürger, daß es ihm allein von allen seinen
-Handwerksgenossen vor reichlich vierzig Jahren gelungen war, das verstummte
-Glockenspiel der Sebaldus-Kirche zu neuem klingenden Leben zu erwecken. Das
-hatte dem damals im kräftigsten Mannesalter stehenden Künstler tausend
-preußische Reichstaler eingetragen. Und wozu hatte er diese große, diese
-überschwengliche Summe verwendet?
-
-Wozu?
-
-Kein Mensch konnte darüber etwas Genaues angeben. Man hörte nur aus den
-wütend hingeworfenen Angaben seines stotternden Gehilfen Leiser Bienchen,
-eines phantastisch armen Judenjungen, der von den Wohltaten seines Meisters
-lebte, alle alten Kleidungsstücke des Uhrmachers bis zum Zerbröckeln
-auftrug und trotzdem, aus künstlerischen Gründen, beständig im
-heftigsten Streit mit seinem zahnlosen Prinzipal lebte, man vernahm nur
-in Augenblicken zitternder Wut von jenem menschenscheuen Gehilfen, daß es
-sich um eine Erfindung handele, die einmal Millionen einbringen müßte.
-Tief unten in einem triefend feuchten Keller, und immer nur in den
-Frühstunden, wurde von den beiden Adepten an dieser merkwürdigen
-Maschinerie gearbeitet. Und der letzte Bursche des Leutnants, der sich
-einmal bis in den schwarzen Abgrund hinunter verirrte, er hatte entdeckt,
-daß bei jenen beglückenden Ideen zweifellos auch ein starkes Uhrwerk im
-Spiel sein müsse:
-
-»Denn in dem Keller, Herr Leutnant, macht es immerfort tick-tack,
-tick-tack. Es stinkt mordsmäßig dort unten. Nach Schwefel und Säuren
-und all solchem Zeug. Und wenn mich der verfluchte Judenbengel nicht einen
-Fußtritt gerade vor den Magen versetzt hätte, Herr Leutnant, ich hätte
-die Beiden bei der Teufelsbeschwörung überrascht. Denn um so was handelt
-es sich, um nichts anderes!«
-
- * * * * *
-
-Als Fritz Harder die eine der von ihm gemieteten Stuben in dem
-Pfefferkuchenhäuschen betrat, stand sein Bursche, ein derber,
-vierschrötiger Ostpreuße gerade an dem ovalen Tisch, um eine billige
-weiße Petroleumlampe zu entzünden. Er machte sofort vor seinem Leutnant
-stramm und nahm ihm die Mütze ab, die ihm Fritz herüberreichte.
-
-»Na, Reddemann,« begrüßte ihn der Offizier, während er sich ein wenig
-ermüdet auf einen Korbsessel dicht an dem schmalen Fenster niederließ,
-»hast du mir die Sachen besorgt?«
-
-»Zu Befehl, Herr Leutnant, das Frühlingslied von Mendelssohn. Sehr
-schön.«
-
-»Aha, du hast wohl wieder darin herumgenascht?«
-
-»Zu Befehl. Herr Leutnant wissen ja, daß wir zu Haus einen Gesangverein
-haben.«
-
-Der am Fenster Sitzende öffnete sich ein wenig den Uniformrock.
-
-»Na, ob ich das weiß,« warf er gutmütig hin, »du heulst ja
-manchmal, mein Junge, daß ich glaubte, Bienchens räudiger Pudel hätte
-Leibschmerzen bekommen.«
-
-Allein trotz dieser etwas derben Charakterisierung seiner Gesangskunst
-reckte sich der stämmige Bursche und sah sehr befriedigt aus.
-
-»Herr Leutnant,« verteidigte er sich, »dann übe ich bloß. Aber bei uns
-zu Hause in Pillkallen sagen die Leute, ich hätte die stärkste Stimme.«
-
-»Jawohl,« lächelte der Leutnant, »das sage ich auch. Und nun,
-Reddemann, schwirre mal in das Kasino ab und hole mir meine Menage. Aber
-die Tischordonnanz soll alles hübsch warm geben, verstanden?«
-
-»Zu Befehl, Herr Leutnant. Sonst noch etwas?«
-
-»Jawohl, bringe mir von nebenan ein paar Zigarren mit, von der billigen
-Sorte.«
-
-»Zu Befehl, Herr Leutnant.«
-
-Der Ostpreuße bedeckte sich mit seiner Mütze, fuhr noch einmal ordnend
-auf dem Tisch herum und stolperte auf die Diele heraus. Gleich darauf sah
-ihn sein Gebieter die enge Gasse im Trab durcheilen. Mehrfach noch wandte
-sich das plumpe Antlitz aufmerksam zurück, ob auch sein Herr diese
-beschleunigte Gangart wahrnehme.
-
-Fritz Harder jedoch verweilte noch längere Zeit am Fenster und stützte
-nachdenklich den feinen Kopf mit den dunklen Haaren auf die Hand. Und wie
-schon so oft, überkam ihn, wenn er den Eindruck des ungeheuer niedrigen,
-fast kahlen Stübchens mit der verblaßten Blumentapete auf sich wirken
-ließ, jenes überwältigende, niederdrückende Einsamkeitsgefühl. Auch
-die enge Gasse, durch die kein Wagen fahren durfte, mutete ihn an, als
-ob eine Riesenfaust sie zusammengepreßt hätte, damit jede Spur einer
-frischen reinen Luft aus ihr entwiche. Dumpf und feucht wie aus einem
-Kellerloch wehte es zu ihm herein. Herrgott, hier lebte man wirklich wie
-in den Kasematten der Festung, durch hohe Mauern abgesperrt von allem Glanz
-des Tages. Und dann das trostlose Einerlei seiner Tätigkeit. Wie ihn
-das mit einem ängstlichen Schauer erfüllte, wenn er sich all diese
-gleichgültigen und dennoch, wie er zugeben mußte, notwendigen Dinge
-zurückrief. Heute und morgen und übermorgen das Rekruten-Einexerzieren,
-die ewig geübten und wiederholten Instruktionsstunden, die anstrengenden
-Märsche bis weit über das Glacis der ehemaligen Festung, wo er jeden
-Baum, jeden Strauch, jeden Hügel und jeden Graben kannte und
-beschrieben hatte. Und dazu die Aussicht, die Aussicht in weiter Ferne,
-unwahrscheinlich und unerreichbar, jemals sich in dem wissenschaftlichen
-und kunstgemäßen Untergrund des Dienstes betätigen zu dürfen. Denn ach,
-wie jede praktische Beschäftigung auf Erden, so war ja auch sein Beruf
-auf festen Quadern einer historischen, sowie einer technischen Wissenskunde
-aufgebaut. Aber in dieses strenge, wohlverschlossene, geheimnisvolle Haus
-fanden fast ausschließlich die Mitglieder einer bevorzugten Kaste Einlaß,
-und selbst jene harrten wieder vergeblich vor den innersten Kammern, in
-denen, wie in dem pochenden Herzen des gewaltigen Körpers, alle feinsten
-Adern und Verästelungen zusammenliefen. Wie sollte da der Sohn eines auf
-sein schmales Gehalt angewiesenen ostpreußischen Oberförsters hoffen
-dürfen? Umsonst blieben die verborgen angesponnenen Versuche, die sein
-heiß aufbegehrender Arbeitswille hie und da unternommen. Sie vergilbten
-in der Schublade des wackligen Fichtentischchens dort in der Ecke, ja, ihr
-Vorhandensein sogar wurde von den fröhlicheren Kameraden -- mit Recht --
-verspottet. Oh, wenn nur der Drang und die Sucht nicht gewesen wären, sich
-aus diesen umklammernden Beängstigungen vor der Zukunft zu befreien. Da
-gab es nur ein Mittel. Und der Blick des Nachdenklichen schweifte zu dem
-geborgten Flügel hinüber, der in seinem schwarzen Glanz fast die
-Hälfte des Zimmers ausfüllte. Leuchtend spiegelten sich die Strahlen des
-Lämpchens auf der fein polierten Platte. Ja, dort wob sich ein Zaubernetz,
-in das er sich träumend strecken konnte, und das dann von klingenden
-Genien emporgehoben wurde weit fort über die kleine handeltreibende Stadt,
-fort von den zechenden, hasardierenden Kameraden mit ihrer absichtlich zur
-Schau getragenen Verachtung alles höheren Bildungsstrebens, weit fort von
-Armut und Beschränkung. Aber nein -- --
-
-Und der Nachdenkliche am Fenster zuckte zusammen und vergrub jetzt sein
-Haupt, auf dem es plötzlich wie in Glut und Feuer aufflammte, in beide
-Hände. Vergessen und Beseligung, sie wurden dem Glücklichen noch von
-anderer Seite gespendet. Hier wuchs Trost, Erbauung, Andacht, tiefe Demut
-vor der göttergebildeten Schönheit, und die verzehrende auflösende
-Sehnsucht, sich in ein anderes prangendes Dasein hinüber zu retten, wie
-es wohl nur ein Künstler in seinen Träumen fühlen konnte. Das schöne,
-gnadenspendende Weib stand lächelnd und reizvoll, zu immer neuen Gaben
-bereit, vor den geschlossenen Augen des Kämpfenden, bis sich sein
-jugendstarker Körper unter einem fröstelnden Schauer wand. Und doch, wie
-entsetzlich, auch hier die Unsicherheit, die sein Leben so wehrlos machte.
-In Stunden aufschießender Erkenntnis, empfand er da nicht unumstößlich
-gewiß, wie das Beste in ihm, trotz der glückverlangenden, spielerischen,
-lustdurchzitterten Zeit um ihn herum, nach Dauer, nach Reinheit und nach
-Sicherem verlangte? Ein Begehren, das ihn bei seinen forschen Kameraden
-in den Ruf eines sonderbaren Heiligen gebracht. Nein, das ließ sich nicht
-wegschwatzen und fortdisputieren. Jene starke Sehnsucht haftete ihm von dem
-kleinen beschränkten Elternhause an, von jener Stätte des Friedens, die
-dem früh Herausgetretenen stets in einem rührenden Lichte der Innigkeit
-und des Behagens herüberleuchtete. Und lebte diese beruhigende Sicherheit
-etwa in der schönen, strahlenden Marianne, die wie eine dunkle Verlockung
-aus einem orientalischen Märchen in sein Leben getreten war?
-
-Mitten in seinen Gedanken griff der Träumende um sich, hierhin und
-dorthin, als ob er einen Halt suche. Etwas Festes, woran sich ein Wankender
-aufrichten konnte. Allein die aufgestörten Bilder seiner Phantasie rissen
-ihm Stab und Stütze aus den Händen und jagten ihn weiter. Nein, sein
-scharfer Verstand, das Erbteil seiner rechnenden Mutter, bewies es ihm
-klar und deutlich, daß dasjenige, was ihm als etwas Hohes und Heiliges
-vorschwebte, immer und immer wieder zu einem Spiel entwürdigt wurde. Zu
-einem lockenden Haschen und Entflattern, das ihm allmählich die Kräfte
-der Seele raubte. Keine Zusicherung war zu erlangen, nichts Bindendes, nur
-jenes ewige Reizen und Versagen, in dem er auch alle seine Kameraden
-sich herumtummeln sah. Sicherlich, es war die Gewohnheit einer kulturell
-verstiegenen Zeit geworden. Das Tiefste, was das Menschentum barg, der
-Born, aus dem sich vergangene Geschlechter immer neue Jugend schöpften,
-man hatte ihn parfümiert und mit allerlei Reizmitteln verbunden, die die
-heiligen Wasser um ihre läuternde Wirkung brachten. Das jetzige schnell
-dahinrasende Geschlecht wähnte ohne jene aufpeitschenden Genüsse nicht
-mehr das Gleichmaß der Tage überstehen zu können. Aber unten, tief unten
-auf dem undurchsichtigen und aufgewühlten Grunde des Borns, da lagerte der
-Ekel.
-
-Als Fritz Harder bis hierher gelangt war, schreckte er plötzlich auf.
-War es ein kühlerer Luftzug, der ihn durch das offene Fenster hindurch
-anwehte, oder hatte ihn das mißtönende Geschlürf von ein Paar
-merkwürdig kreischenden Stiefeln aus seinen Gespinsten verscheucht? Rasch
-wandte er das Haupt, knöpfte den Uniformrock zu und zog ihn fester
-über der jugendlichen Brust zusammen. Wahrhaftig, er hatte sich nicht
-getäuscht. Draußen auf dem Bürgersteig wurde ein unendlich zerbeulter
-steifer Filzhut vor ihm gelüftet. Solch ein ehrwürdiges Stück konnte nur
-dem mißvergnügten Erfinder Leiser Bienchen gehören, der Punkt halb
-acht, seinem Meister, dem alten Adameit, zum Trotz das Pfefferkuchenhaus
-verließ, um in einem schockelnden Trabe dreimal die enge Gasse herauf und
-herunter zu laufen.
-
-»Schönen guten Abend, Herr Leutnant,« sagte der knickbeinige Geselle
-zu dem Einwohner seines Herrn hinauf und verzog die weit vorstehende
-Karpfenschnauze, die ewig beweglich in einem Meer von Runzeln schwamm, zu
-einem griesgrämigen Lächeln. »Was hab' ich Ihnen gesagt, was hab'
-ich Ihnen schon heut morgen gesagt? Er ist wieder vollständig wild. Ein
-Meschuggener, Herr Leutnant, Sie können es mir glauben. Aber einer von
-die schlimme Sorte. Besessen. Er wird noch einmal anrichten das größte
-Malheur. Heute hat er wieder -- das heißt, das gehört nicht zur
-Sache --,« unterbrach sich Leiser Bienchen und bewegte seine verkrümmte
-Gestalt in den Hüften hin und her, so daß sein Rockkragen immer
-abwechselnd das rechte oder das linke Ohr erreichte; »was ich sagen
-wollte, seine Ideen sind gut, aber zu hastig, Herr Leutnant, zu hastig.
-Jeden Tag was anderes. Nu, wie gesagt, ich freue mich bloß auf das große
-Unglück. Sie werden sehen. Gute Nacht, Herr Leutnant.«
-
-Fritz Harder nickte der schlottrigen Gestalt zu und verfolgte den
-Davontrabenden, bis er ihn in der Einbuchtung des Marktplatzes verschwinden
-sah. Was er aber nicht wußte, das bestand darin, daß dieser mit Gott
-und den Menschen unzufriedene Geselle in den kargen Abendstunden, die ihm
-vergönnt waren, sich fast regelmäßig unter eine äußere Nische der
-herrlichen Sebalduskirche mitten auf dem Marktplatz drückte, um gespannt
-abzuwarten, bis das berühmte Glockenspiel seinen silbernen Gesang
-ertönen ließ. Dann neigte der kleine Jude das Haupt, und während er
-sein mächtiges Lippenpaar krampfhaft festhielt, damit es sich nicht gegen
-seinen Willen kritisch hin und her bewege, da murmelte er fast immer in
-einer seltsamen Rührung:
-
-»Großartig, ganz, ganz großartig. Wie er das wohl herausgebracht hat?
-Was hab' ich immer gesagt? Dieser Adameit is'n Meschuggener und 'n ganz
-gemeiner, gewöhnlicher Filz, der mir abzieht bald 'n Groschen hier und
-bald 'n Groschen da. Aber was kann ich dafür? Der Mann ist ein Genie, 'n
-ganz großes, unerklärliches Genie, und es ist mein Pech, daß ich ihm
-nicht ablernen kann, wie man das wird.« Und dann hob er das Haupt und
-schockelte sich verzückt in den Hüften hin und her. »Gott, wie ein
-Klang. Man möchte tanzen dazu. Wie schön ist doch diese deutsche Musik!«
-
-Immer grauer kroch die Dämmerung durch die enge Rosenkranzgasse. Schon
-traten einzelne Geschäftsleute auf das schmale Trottoir, um die Jalousien
-vor ihren Schaufenstern herabzuziehen. In dem kleinen Leutnantszimmer
-jedoch merkte man nichts mehr von Dämmerung und Kahlheit. Allgewaltig
-herrschte in ihm jener klingende, sorgenlösende Gott, den der kleine
-verkümmerte Jude unter seiner Kirchennische so inbrünstig angerufen
-hatte. Fritz Harder saß vor seinem Flügel und spielte. Längst hatte er
-die vorgezeichneten Bahnen des Musiktextes verlassen, und ohne, daß er
-es selbst ahnte, ebneten sich plötzlich helle, weißschimmernde Pfade
-vor ihm, die ihn hinaufleiteten auf klare, glashelle Höhen. Je weiter er
-aufwärts stieg, desto wunderbarere Prozessionen zogen ihm entgegen. Sie
-trugen goldene Kronen, die er sich auf das Haupt setzte, um unter wuchtigen
-Klängen den düsteren Schauer der Macht zu spüren. Und hinter seinen
-geschlossenen Augen spiegelte es sich deutlich, wie sich die zarten
-Luftgebilde ehrfürchtig vor dem armen kleinen Leutnant neigten. Aber das
-war noch nicht das Herrlichste, was ihm entgegenquoll. Einsamer und stiller
-wurden die verschwiegenen Wege, schwanke, braune Haselnußstauden schlossen
-sich über ihm zu einem schattigen Domgang zusammen, und ganz oben auf
-der letzten Stufe, da leuchtete wartend und verlangend eine Gestalt von so
-üppiger Pracht, daß der Betörte mitten durch seine Melodien dicht über
-dem Haupte das betäubende Donnern einer ungeheuren Glocke zu vernehmen
-meinte. Aber es waren nur die starken Schläge seines eigenen Herzens, das
-die Ströme des Blutes nicht mehr zu bändigen vermochte.
-
-»Marianne,« flüsterte er ermattet, während seine Hände kraftlos von
-den Tasten herabsanken.
-
-Da -- um Gott, das war doch nicht möglich, -- da lachte etwas hinter ihm.
-Genau mit demselben silbernen, etwas müden Ausdruck, wie er es eben in den
-verebbenden Phantasien aufgefangen. Undenkbar! Das war noch nie geschehen.
-Ein wahnsinniger Spuk, der ihm deutlich zeigte, wie weit seine kräftige
-Natur bereits von allem Wirklichen fortgelockt war. Wozu nachgeben? Weshalb
-sich erst umwenden?
-
-Und doch -- dicht neben ihm rauschte es stärker. Ein feiner Resedaduft
-schlug auf. Hinter seinem Rücken wähnte der Gebannte etwas Weiches,
-Köstliches zu spüren, und dann -- ein züngelnder Blitz -- ein paar warme
-Lippen schmiegten sich auf seinen Nacken und blieben dort haften.
-
-Er sprang in die Höhe, daß die Tasten einen wimmernden Laut aussendeten.
-Vor seinen Augen schimmerte es. Er konnte das Unwahrscheinliche nicht
-fassen.
-
-»Marianne,« stammelte er ungläubig, ohne den Klaviersessel, den er
-umkrampft hielt, frei zu geben, »bist du es wirklich? Bei mir?« Und er
-schickte einen beschwörenden Blick in die Runde, als ob er die
-geblümte Tapete, die abgetretenen Dielen, sowie die jämmerlich mürben
-Möbelstücke anflehen wollte, sich für die elegante Dame in dem weißen
-Sommerkleid zu einem Fürstensaal zu verwandeln.
-
-Ganz im Gegensatz zu der Befürchtung des jungen Offiziers indessen schien
-sich seine Besucherin von diesem Junggesellenheim äußerst angemutet zu
-fühlen. Langsam schlug sie ihren blauseidenen Staubmantel auseinander,
-beugte das eine Knie auf den einzigen Korblehnstuhl und zeichnete mit
-ihrem schlanken weißen Sonnenschirm allerlei Figuren auf den verschossenen
-grünen Teppich.
-
-»Also hier wohnst du, Fritz?«
-
-Inzwischen hatte der Überraschte Sprache und Besinnung wiedergefunden. Ein
-fernes nagendes Gefühl des Unbehagens zehrte in seiner Brust und ließ
-ihn einen hastigen Blick auf die niedrige Tür werfen. Die Idee, daß
-jene Schwelle in wenigen Minuten von seinem menageschleppenden Burschen
-überschritten werden könnte, sie peinigte seine anerzogene Vornehmheit
-und zauste in der aufspringenden Freude herum.
-
-»Liebe, süße Marianne,« begann er befangen, »daß du soviel Mut
-besitzt! Ich weiß gar nicht, wie ich dir dafür danken soll.«
-
-»Oh,« erwiderte das schöne Geschöpf lächelnd, »ich wüßte es
-schon. Du könntest zum Beispiel schnell die Vorhänge vor deinem Fenster
-schließen. Das würde dich sicherlich von vielen Befürchtungen befreien,
-nicht wahr, Fritzchen?«
-
-Sie sprach es so harmlos und lässig, und ihre schwarzen Augen streiften
-dabei so schalkhaft sein Antlitz, daß der Offizier im ersten Moment gar
-nicht begriff, warum ihn ihre praktische Anordnung derartig verletzte.
-Und nur langsam verstand er sich selbst. Die Sicherheit, mit der sie
-hier disponierte, das Vertrautsein mit allerlei abscheulichen kleinen
-Kriegslisten, alles das erkältete ihn und ließ ihn verstummen. Schweigend
-schritt er zum Fenster und riß den Vorhang zusammen. Dann trat er hinter
-ihren Stuhl, den sie noch immer in leise schaukelnder Bewegung hielt. Und
-unvermerkt entzündete sich sein Schönheitssinn an der sanften Schwingung,
-durch die diese prachtvollen Glieder ihm bald zugebeugt und wieder entfernt
-wurden. Ganz sacht und unmerklich. Immer von neuem ein betörendes Haschen
-und Entflattern. Die Macht, die sie über ihn ausübte, ohne daß sie viel
-sprach oder ihn durch blendende Gedanken zu interessieren vermochte, sie
-schlug abermals über dem halb Gewonnenen zusammen.
-
-»Du siehst so ernst aus, mein Liebling,« sagte sie mit ihrer weichen
-Stimme, aus der ein geübteres Ohr freilich leicht einen ganz feinen
-Unterton des Spottes herausgehört hätte, »hat dich der Dienst wieder so
-mitgenommen? Oder bist du mir vielleicht böse, weil ich dir durch meinen
-Besuch -- meinen ersten -- Unannehmlichkeiten bereiten könnte?«
-
-Sie lag jetzt mit beiden Knien auf dem knarrenden Korbgeflecht, eng und
-warm ihm hingegeben, und er fühlte, wie die feine Seide ihres Handschuhs
-seine Wange streichelte. Nur die schwanke Lehne des Sessels türmte eine
-unmerkliche Grenzscheide zwischen ihnen.
-
-»Bist du mir böse?« forschte sie noch einmal in einem nachgiebigen Ton,
-der ihn durchzitterte.
-
-Fritz Harder strich sich leicht über die Stirn. Noch war das
-Entgegenstehende, das ihn gefangen hielt, nicht gänzlich überwunden.
-Und dann -- in dieser Minute der Besinnung bestürmte ihn noch einmal
-der ehrliche und klare Wunsch, etwas Dauerndes zu schaffen, rechtlich und
-vornehm zu handeln, wie es der kleine vierschrötige Oberförster dort
-oben in den masurischen Wäldern unbedingt von ihm verlangt und gefordert
-hätte.
-
-»Ich fürchte nichts für mich,« gab er deshalb ernster, als er
-beabsichtigt, zurück, »mich erschreckt nur der Gedanke, Marianne,
-daß dich die klatschsüchtigen Leute hier in der Gasse aus meinem Hause
-heraustreten sehen könnten.«
-
-Da versetzte sie ihm einen leichten Schlag auf die Wange und wunderbar --
-sie lachte belustigt auf.
-
-»Aber du Dummerchen,« beruhigte sie ihn, und wieder wiegte sie sich
-leise, »du glaubst doch nicht, daß ich für einen solchen Fall nicht
-vorgesorgt hätte? Ja, ich habe meiner Schwester Johanna sogar direkt
-mitgeteilt, in welches Haus ich gehe.«
-
-»Was? Das hast du getan?«
-
-»Ja, denk mal, wie schrecklich. Herr Nikolaus Adameit repariert nämlich
-meine goldene Armbanduhr, und selbst Johanna hielt es für nützlich,
-den alten Sonderling zu einiger Eile zu ermuntern. Meine große Schwester
-fürchtet ja immer, es könnte ihr irgend jemand etwas fortnehmen.
-Nun?« schmeichelte sie und blickte von unten zu ihm herauf, »sind deine
-Beklemmungen jetzt verflogen? Wirst du nun tapferer sein?«
-
-Da enträtselte er zum erstenmal den verborgenen Spott in den Worten des
-Mädchens. Eine ferne Geringschätzung, die an seinem unbekümmerten Mut,
-an seiner jugendlichen Sorglosigkeit zu zweifeln schien. Das ertrug er
-nicht. Und auch diese Augen, die so erwartend und leuchtend schimmerten,
-in jenen großen schwarzen Bränden verknisterten all seine Pläne. Immer
-kecker lächelte der kleine, sich darbietende Frauenmund. Und da wirbelte
-auch schon wieder der Rausch über ihm empor.
-
-Ein einziges, gewaltsames Ansichreißen, ein gedämpfter Laut der
-Überraschung, und dann stürzten die Wände mit den geblümten Tapeten,
-der geborgte Flügel, der Korbsessel und all das kahle Gerät in der
-wütenden Lohe zusammen.
-
-Er fand sich wieder, aufwachend, verwirrt, in einer Situation, die er sich
-durchaus nicht zu deuten wußte. Wie in aller Welt hatte Marianne ihm den
-Degen von der Seite zu entwenden vermocht und weshalb setzte sie ihm die
-Spitze der Waffe auf einen Schritt Entfernung gegen die Brust, als ob sie
-sich vor ihm schützen wolle?
-
-»Nun ist es aber wirklich genug, Fritzchen,« hörte er eine überraschend
-vernünftige Stimme durch all die Wirrnis hindurchschlagen, »du benimmst
-dich immer wieder wie ein kleiner unartiger Junge und hast nicht den
-geringsten Begriff davon, wie man mit einer Damentoilette umgeht. Was soll
-sich denn Johanna von mir und meiner Konferenz mit Herrn Adameit denken?
-Sieh bloß mal an, wie du meinen Staubmantel zerknittert hast!«
-
-Ach ja, der Staubmantel! Ihm gebührte freilich nach dem Wiederkehren
-aus dem von Blutrosen und Dornen umsponnenen Eiland die erste Rücksicht.
-Dieser verfluchte, stumpfsinnige, lächerliche Mantel! Im Moment haßte der
-sich Zurückfindende das elegante Kleidungsstück, dessen knisternde Seide
-er eben noch mit kosenden Fingern gestreichelt. Immer deutlicher nahmen
-seine schmerzenden Augen wahr, wie störend sich die Erscheinung des
-berückenden Geschöpfes darbot, als Marianne jetzt den Degen achtlos auf
-das Sofa warf, um sich darauf vor dem kleinen goldgerahmten Wandspiegel
-den dunklen Rosenhut sorgfältig auf ihren Flechten zu befestigen. Erstaunt
-blickte er auf die ihm abgewandte Gestalt hinüber. Und doch, wie zart sich
-die krausen feinen Härchen von dem matt getönten Nacken abhoben! Herr
-des Himmels -- ein leiser Seufzer entfuhr ihm -- nein, das ertrug er nicht
-länger. All die widersprechenden Empfindungen, all das Unvereinbare
-von Anbetung und scheuem furchtsamen Tasten nach der innersten Seele der
-Geliebten, es umgab ihn mit einem dichten betäubenden Nebel, aus dem er
-sich unbedingt ins Freie retten mußte. Selbst seine Glieder schmerzten,
-als würde sein sich bäumender Körper tatsächlich durch feine mutwillige
-Hände von Bergesspitzen in Abgründe geschleudert. Und alles aus Neckerei.
-Aus Lust an Aufregung und Spiel. Darunter nahm sein Mannestum Schaden.
-Eine dumpfe Hörigkeit umschnürte seinen freien Willen, die ihm in den
-Augenblicken der Selbsterkenntnis unwürdig und unerträglich dünkte.
-Plötzlich reckte er sich. Er war ganz der klare Soldat, dem von allen
-seinen Untergebenen ein unbedingtes Vertrauen entgegengebracht wurde.
-
-»Marianne,« sagte er unvermittelt klar und bestimmt, »ich habe mit dir
-zu reden.«
-
-Die junge Dame am Spiegel ließ die vollen Arme, die den Schäferhut in
-eine anmutig schräge Lage zu bringen trachteten, nicht sinken, sie kehrte
-sich auch nicht zu ihm, sondern, während ihre frischen Lippen die lange
-Hutnadel in der Schwebe hielten, da suchten ihre Augen verwundert sein Bild
-in der blanken Spiegelscheibe auf.
-
-»Du mußt mir einen Augenblick Gehör schenken, Marianne,« drängte der
-Offizier weiter und tat einen Schritt gegen sie.
-
-»Schon wieder?« murmelte Marianne hinter der blitzenden Nadel undeutlich
-hervor. »Fritzchen, daß du ein solches Vergnügen an derartigen
-Auseinandersetzungen empfindest. Also was willst du denn, Liebling? Aber
-recht rasch, bitte, nicht wahr? Denn sieh mal, von der Sebalduskirche
-schlägt es schon halb acht. Johanna hat gewiß bereits wieder ihr
-strengstes Gesicht aufgesetzt.«
-
-Noch hatte sie nicht geendet, als sie betroffen ihre schwarzen Augen bis
-zu der kleinen Eingangstür irren ließ, um dann plötzlich aufgescheucht
-ihren blauen Mantel ungestüm über sich zusammenzuziehen. Von der Treppe
-her drangen schwere, knarrende Tritte herauf. Verstört flüchtete das
-schöne Mädchen bis dicht an die Seite ihres verstummten Gefährten.
-
-»Um Gott, Fritz, du erhältst doch nicht etwa Besuch? -- Dein Bursche? --
-Aber das ist doch sehr unrecht von dir! -- Wo soll ich denn jetzt hin?«
-
-Erregte Worte fuhren zwischen den Beiden hin und her, dann ein hastiges
-Aufraffen des weißen Sonnenschirms, ein Huschen und Flattern, und der
-eintretende Reddemann bemerkte mit Erstaunen, wie sein junger Herr in
-offenbarer Verwirrung abgewandt vor der Tür des Alkovens verweilte, wo
-er im Grunde nichts zu suchen hatte. Auch für die leckere Zubereitung
-der Menagengerichte, die noch in ihren Schüsseln dampften, schien sein
-Gebieter heute keinen rechten Sinn zu besitzen. Unwirscher als sonst trieb
-der Offizier, der merkwürdigerweise seinen Platz vor dem Nebenzimmer nicht
-aufgab, zur Eile.
-
-»Ja, die Serviette muß ich doch wenigstens in den Ring schieben,«
-verteidigte sich der Ostpreuße verständnislos, obwohl auch er anfing
-aufmerksam nach der niedrigen Verbindungstür zu schielen, »und dann
-Messer und Gabel, Herr Leutnant.«
-
-»Schon gut, schon gut, es ist alles sehr schön, -- nur rasch!«
-
-»Zu Befehl, darf ich nun noch das Bett aufschlagen?«
-
-Aber merkwürdig, wie unberechenbar diese Vorgesetzten manchmal werden
-konnten. Der noble Herr, der ihn fast niemals fühlen ließ, daß er
-zur persönlichen Dienstleistung des Offiziers kommandiert war, er bekam
-unvermutet drei schwere Falten über der Nasenwurzel, und während er
-nervös nach der leeren Degenscheide griff, schrie er den treu Sorgenden
-zum erstenmal rücksichtslos an.
-
-»Zum Donnerwetter, ich habe genug von dem langweiligen Geplapper. Mach,
-daß du fortkommst!«
-
-Jedoch Reddemann blieb begriffsstutzig.
-
-»Was, Herr Leutnant, ohne Bett?« stammelte er.
-
-Und erst als sein Herr die Degenscheide auf den Erdboden stieß, daß alles
-klirrte und bebte, da schlug der Bursche blutrot die Hacken zusammen und
-stürzte wie behext die enge Treppe herunter.
-
-»Da stimmt etwas nicht,« glitt es dem pfiffigen Patron durch den
-Schädel, »so fein hat es bei uns noch nie gerochen. Donnerwetter ja, die
-Vornehmen haben doch alles vom Besten.«
-
-In dem Zimmer blieb es noch eine kleine Weile still. Erst als der dumpfe
-Schlag der Haustür verkündet hatte, daß jede Gefahr der Mitwisserschaft
-beseitigt, da raffte sich Fritz Harder zusammen, um mit einem raschen
-Entschluß seinen Besuch aus der seltsamen Einkerkerung zu befreien. Und
-wie heftig ihm auch das Herz schlug wegen der unwürdigen Rolle, zu der sie
-beide durch diese Heimlichkeit verurteilt waren, -- das Bild, das sich ihm
-hinter der kleinen Tapetentür darbot, schimmerte in solch bestrickendem
-Reiz, daß all die Vorwürfe, die er gegen sich und die Geliebte im stillen
-erhob, vor ihm versanken. Da stand Marianne dicht an der Schwelle, das
-Haupt mit dem breitrandigen Rosenhut lauschend vorgebeugt, und die Wangen
-von Neugierde und Unruhe dunkel überflammt. Die Dämmerung des Alkovens
-umgab die matt beleuchtete, weiße Gestalt gleich einem schweren
-Ebenholzrahmen. Aufatmend und mit jener Lässigkeit, die den jungen
-Offizier schon so häufig betört hatte, trat sie in das helle Wohnzimmer
-und knöpfte sich eifriger als sonst die langen weißen Seidenhandschuhe
-zu. Offenbar wurde das Mädchen nur von der einen Sucht beherrscht, ihren
-Aufbruch so schnell und so unbemerkt als möglich zu vollziehen.
-
-»Adieu, Fritzchen,« schnitt sie ihm bereits das erste Wort ab, denn sie
-fühlte mit Unbehagen, wie ihr aus den Augen des Gefährten schon wieder
-allerlei unbequeme Fragen entgegendrohten, »adieu, mein Liebling. --
-Nein, nein, um Gottes willen, rühre mich nicht an, solche ungeschickten
-Männerhände sind ja sofort wahrnehmbar. Und Johanna ist der
-mißtrauischste Polizist, den du dir denken kannst. Nein, ganz still, ganz
-artig« -- und sie preßte ihm rasch die Rechte auf die Lippen, die sich
-schon zum Widerspruch oder zu einem Vorwurf geöffnet hatten. »Aber
-wenn du recht folgsam bist, komme ich vielleicht einmal auf ein
-Viertelstündchen wieder. Adieu, Fritzchen, adieu!«
-
-Geschickt schmiegte sie sich durch den schmalen Türritz hindurch, allein
-jenseits der Schwelle wandte sie sich und warf noch einmal einen lachenden
-Blick zurück. Das Geschirr auf dem Tisch schien ihre Aufmerksamkeit zu
-fesseln.
-
-»Wie drollig sich deine Wirtschaft ausnimmt,« flüsterte sie hinein, hob
-jedoch sogleich den Finger warnend gegen den Mund, damit er sie nicht durch
-eine laute Antwort verriete, »wie schade, daß du mich nicht bewirten
-konntest! Warum kommt dir eigentlich niemals solch ein hübscher Einfall?
-Überhaupt, du verdienst die große Bevorzugung und auch die Gefahr nicht,
-der ich mich deinetwegen aussetze. Sst, -- ganz still, Fritzchen, hier hast
-du noch eine Kußhand, so -- und nun schlaf wohl, mein Schatz.«
-
- * * * * *
-
-Fritz Harder hatte seine karge Mahlzeit kaum berührt. Ruhelos schritt er
-in der engen Stube auf und nieder, und seine verzogene Stirn deutete
-darauf hin, wie sehr er sich bemühte, der widerstrebenden Gedanken Herr
-zu werden. Zweimal schon hatte er sich an den Flügel gesetzt, allein
-unter seinen geübten Händen waren nur ein paar mißtönende Dissonanzen
-aufgeschrillt. Und durch einen heftigen Schlag auf die Tasten wurde das
-regellose Spiel beendigt.
-
-Nein, das ging nicht. Er mußte sich sammeln und Klarheit gewinnen.
-Ungeduldig riß er die Schublade des roten Fichtentischchens auf und warf
-ein blaues Heft auf die Platte. Dies war seine Arbeit, von der er sich
-einmal Erfolg versprochen. Jetzt blieben seine Augen wirr auf einer sauber
-gezeichneten Terrainkarte haften, und er versuchte sich zu besinnen,
-warum er mit roter und grüner Tinte verschiedene sich kreuzende Linien
-hineingemalt hatte.
-
-Alles vergeblich. Der bohrende Gram, die innere Unzufriedenheit mit
-sich selbst, sie warfen sein Auffassungsvermögen um, sie schlugen den
-stärkeren Menschen in ihm nieder.
-
-Nein, es war genug. Törichter Hochmut, sich für besser zu halten und
-würdiger als seine Kameraden sich gaben. Und dann -- er lachte bitter
-auf, bedeckte sich mit der blauen Mütze, und nach ein paar Minuten schon
-klirrte sein metallener Säbel über das Trottoir der menschenleeren
-Rosenkranzgasse.
-
-»Ah, Fritz Harder,« rief der lange Janick, als sein Freund das
-Spielzimmer des Kasinos betrat; und damit erhob sich der Oberleutnant,
-lebhaft winkend, von seinem Sitz, »kommen Sie, Beethoven, hier ist eine
-große Neuigkeit eingetroffen. Schieberamsch mit Pauken und Trommeln.
-Das müssen Sie lernen, Fritzchen, setzen Sie sich neben mich, so etwas
-Anregendes haben wir schon lange nicht erlebt. Prost, Musikante -- prost.«
-
- * * * * *
-
-Dunkelheit senkte sich bereits über die Stadt. Aus dem Portal des
-Goldenen Bechers trat, dicht in einen schwarzen Hängemantel gehüllt, der
-bewegliche Kammerdiener des Konsuls Bark heraus, in der Hand ein ziemlich
-umfangreiches Briefkuvert, das er im Auftrage seines Herrn dem Leutnant
-Fritz Harder in sein Quartier überbringen sollte. Der weiße Umschlag
-leuchtete durch die Nacht, als Pawlowitsch achtlos schlenkernd über den
-Marktplatz schritt. Noch war der Diener nicht weit gekommen, als seinen
-auch jetzt rastlos umherspähenden Äuglein die Umrisse eines Jagdwagens
-auffielen, der, mit drei winzigen Pferdchen bespannt, dicht vor der
-Einfahrt des zweiten großen Gasthofes der Stadt »Zum russischen
-Großfürsten« wartete. Interessiert und auf unhörbaren Sohlen tänzelte
-Pawlowitsch näher. Aus der Dunkelheit tauchten zwei Gestalten auf, die
-sich augenscheinlich an dem Hinterrad des Gefährts zu schaffen machten.
-Ein paar derbe Flüche in russischer Sprache wurden laut, und der
-Kammerdiener erkannte sofort das dröhnende Organ des Grenzoffiziers, der
-vor ein paar Stunden seinem Herrn die Ehre seines Besuches geschenkt hatte.
-
-»Dummes Vieh,« hörte der regungslos Verharrende den Rittmeister Sassin
-auf seinen Rosselenker einschimpfen, »hab' ich dir nicht zehnmal gesagt,
-daß das Rad quietscht wie eine kranke Katze? Du Hundesohn hast wieder
-verschlafen, Fett auf die Achse zu schmieren. Ich schneide dir noch einmal
-in Wahrheit beide Ohren ab. Gleich holst du dir von diesen Deutschen etwas
-von dem Zeug heraus. Hast du verstanden?«
-
-Der zusammengekrümmte Kutscher zog seine hohe Schirmmütze. »Jawohl,
-guter Herr,« murmelte er demütig und verschränkte seine Arme über der
-Brust. »Euer Gnaden, ich gehorche.«
-
-»Zum Teufel, dann mach, daß du fortkommst! Und wenn du fertig bist, dann
-holst du mich dort drüben aus der Konditorei ab. Hast du begriffen?«
-
-»Ich gehorche, Euer Gnaden.«
-
-Der Kutscher trottete in die Einfahrt zurück, und der Rittmeister
-schlenderte säbelklirrend über das rauhe Pflaster, bis er plötzlich vor
-der schweigenden Gestalt des Lauschers zurückschreckte.
-
-»Was ist?« rief er drohend.
-
-»Oh nichts, Euer Gnaden,« erwiderte Pawlowitsch sich tief verbeugend,
-»ich bin es nur, der Diener des Herrn Konsul Bark.«
-
-»Aha -- aha -- Diener -- Diener von ausgezeichnetem Freund Rudolf Bark,«
-lenkte der Russe ganz widerspruchsvoll ein, und dabei versetzte er dem
-zierlichen Männchen einen wohlwollenden Faustschlag auf die Schulter, so
-daß der Überraschte, der eine solche Gunstbezeugung wohl kaum erwartet
-haben mochte, ein wenig vornüber taumelte.
-
-»Heilige Mutter!« stöhnte der Getroffene leise.
-
-Der Russe jedoch ließ von seiner Zärtlichkeit nicht ab, ja, er beugte
-seine mächtige Gestalt sogar noch etwas tiefer zu dem Unentschlossenen
-herab, als sei es für ihn überaus interessant zu konstatieren, was für
-einen weißen Zettel der Diener des ausgezeichneten Rudolf Bark in den
-Händen trüge.
-
-»Pawlowitsch, guter Junge,« rief er wohlgelaunt, und dabei zupfte er nach
-russischer Sitte dem weißhaarigen Kerlchen sanft an dem Ohrlappen herum,
-»bist fleißigstes Geschöpf, das ich kenne in dieser fleißigen Stadt!
-=Toujours en vedette=, früh und spät. Weißt du auch, daß ich dich
-deinem Herrn schon längst ausmieten wollte? Sieh einmal, du trägst Brief,
-Pawlowitsch!«
-
-»Oh,« erwiderte der Hausmeister, der einen Augenblick zögerte, bis er
-dann doch die Aufschrift des Kuverts nach oben kehrte, »an den Leutnant
-Fritz Harder«.
-
-»Leutnant Fritz Harder,« wiederholte der Dragoner in beglücktem Ton,
-»ach, sieh einmal, wirklich an lieben Fritz Harder.« Und nach einer Weile
-des Nachdenkens, während deren sich der Russe rasch den blonden
-Kinnbart strich, setzte er hinzu: »Mir ist, als ob junger Herr bei der
-Festungskommandantur beschäftigt wäre?«
-
-»Ja,« pflichtete Pawlowitsch immer langsamer bei, indem er den Brief
-vorsichtig unter dem herabwallenden Hängemantel vergrub, »der Herr
-Leutnant ist seit kurzem dazu kommandiert.«
-
-»Nun, will nicht aufhalten,« sagte der Russe freundlich, »besorge
-Auftrag, Pawlowitsch. Aber warte, -- sollte ich heute nicht vergessen
-haben, dir dein gewohntes Trinkgeld zu überreichen?«
-
-Jetzt schüttelte der Diener heftig abwehrend das Haupt, allein er
-konnte es doch nicht verhindern, daß seine schwarzen Äuglein trotz der
-Dunkelheit einen höheren Glanz gewannen.
-
-»Nein, nein, Euer Gnaden, ich habe nichts zu beanspruchen. Der Herr
-Rittmeister haben ja nichts bei uns genossen.«
-
-Der Russe jedoch streckte wiederum seine Faust nach dem Ohrläppchen des
-nicht mehr Zurückweichenden aus.
-
-»Kleiner Galgenvogel,« meinte er gutmütig, »hast du vergessen, daß ich
-euch beinahe eine ganze Flasche von wunderschönen klaren und lieblichen
-Rheinwein austrank? Ein schöner Wein, ein seltener Wein! Wir Russen
-sind dankbar, wir erinnern uns stets der treuen und braven Diener.
-Hier, Pawlowitsch, nimm. Macht mir Freude, wenn du an Rittmeister Sassin
-denkst.«
-
-War es Ernst oder bestand alles in einem Irrtum? Gott im hohen Himmel, da
-hielt der Mann im Radmantel ein blankes Zwanzigmarkstück in der Hand; der
-über dem Markt heraufkommende Mond weckte Funken in dem roten Metall, und
-es war ein so einzig schönes Bild, daß Pawlowitsch seine langen Finger
-krampfhaft schloß, als gönne er es anderen nicht, sich an dieser
-wärmenden Augenweide zu ergötzen. Und doch krümmte sich seine Seele und
-wand sich ängstlich hin und her, denn die Güte des Rittmeisters erschien
-dem kundigen Mann verdächtig, und ein quälender Zweifel beschlich ihn, ob
-jenes Gold nicht vielleicht dazu bestimmt wäre, um die besseren
-Mahnungen seines Herzens zu übertönen. Man hatte so viel von den rauhen
-Grenznachbarn gehört, sie waren so lüstern nach diesen oder jenen
-gleichgültigen Dingen, die den Uneingeweihten gänzlich nebensächlich
-erschienen, und die dann doch plötzlich eine besondere Geltung gewinnen
-konnten. Und dann -- die Versucher von dort drüben sollten sich im
-Besitz von ungeheuerlichen Schätzen befinden, die sie wahllos und
-verschwenderisch über die ihnen Ergebenen und Willfährigen ausstreuten.
-Hatte sich Pawlowitsch, der Listige und Verschlagene, nicht schon oft
-heimliche Gedanken darüber gemacht, wie hübsch es wäre, wenn man die
-groben ungeschlachten Kerle von jenseits der Grenze ein wenig necken
-würde? Natürlich nur ein bißchen aufziehen, um sie hinters Licht zu
-führen, denn man wußte ja eigentlich gar nichts, was die neugierige
-Gesellschaft wirklich interessieren könnte. Aber als der Hausmeister jetzt
-das kalte Goldstück mit seinen langen Spinnenfingern umschloß, da gab es
-ihm doch einen brennenden Stich durch alle Adern hindurch, und einen
-Moment schlugen Angst und Feigheit so stark in ihm empor, daß er fast ohne
-Überlegung die Hand ausstreckte, um das liebe, das schöne, das reiche
-Geschenk wieder von sich zu schleudern.
-
-»Da -- da -- Panne Rittmeister --«
-
-»Was willst du, mein lieber Junge?«
-
-»Ich -- ich« -- das Kerlchen im Radmantel erwachte -- »ich wollte Ihnen
-bloß herzlich danken, Herr Rittmeister,« sagte er schmerzlich.
-
-Der Russe jedoch versetzte ihm einen freundschaftlichen Puff vor die Brust,
-so daß dem ohnehin Bedrückten einen Moment lang die Luft fortblieb.
-
-»Schon gut, Pawlowitsch,« hörte er die dröhnende Stimme dicht vor
-seinem Ohr, »das ist nur Kleinigkeit. Du gefällst mir, du gefällst mir
-wirklich. Und dann -- wir sind ja auch halbe Landsleute. Wer weiß, was ich
-noch alles für dich tun kann? Und nun geh und richte deinen Auftrag aus,
-bei lieben Leutnant Fritz Harder. Wo wohnt er doch noch?«
-
-»Er wohnt Rosenkranzgasse 19,« schlich dem Diener die Stimme mühsam
-aus der Kehle. Und sich windschief verbeugend, schlug der Davoneilende
-ein Kreuz unter dem langen Mantel, indem er noch erstickt hinterher zu
-flüstern versuchte: »Jesus, Maria und Joseph, legt Fürbitte ein!«
-
-Als Pawlowitsch dies herausstöhnte, schlug es von der Sebalduskirche die
-zehnte Stunde. Das Glockenspiel des Meisters Adameit begann wieder seine
-glasklaren Melodien zu spielen: »Wer nur den lieben Gott läßt walten.«
-Da trat Pawlowitsch der Schweiß auf die Stirn. Fester und gieriger preßte
-er die Goldmünze in seiner Hand zusammen, als müsse er sich durchaus an
-etwas Irdisches klammern, und doch bröckelte es von seinen Lippen noch
-einmal wie vorhin, nur schaudernd und abwehrend:
-
-»Jesus, Maria und Joseph, wie leicht kann man das Geld auf dieser Erde
-verdienen. Wie leicht -- legt Fürbitte ein!«
-
-
-
-
-III.
-
-
-Durch die langen schmalen Eichen vor dem Herrenhause von Maritzken
-raschelte der Frühwind. So eng beschnitten hatte man die dunkelgrünen
-saftigen Kronen, daß man die Bäume in der Ferne für hochstrebende
-Pappeln halten konnte. Nun wiegten sich die Wipfel im weißen Sonnenlicht
-des Julivormittags und warfen schwankende Schatten auf den grob
-gepflasterten Hof, der trotz beginnender Ernte und obwohl er von
-Leiterwagen und Pflügen besetzt war, so sauber aussah, als wäre er für
-eine besondere Feierlichkeit aus vielen Wasserschläuchen überspült
-worden. Auch die umgebenden Wirtschaftsgebäude blitzten stets unter einem
-weißen Anstrich, denn es machte den Stolz der Herrin von Maritzken aus,
-daß sich das von ihr bewirtschaftete Gut immer in weithin leuchtender
-Weiße zeige. Unter dem viereckigen Toreingang aber stand Johanna Grothe
-selbst, und die Sonnenstrahlen hüllten ihr lockeres Haar in eine Goldhaube
-ein. Vor ihr verharrte in Hemdsärmeln die untersetzte Figur ihres
-Statthalters, der sein kleines zehnjähriges Töchterchen an der Hand
-führte.
-
-»Nun, Baumgartner,« fragte Johanna den Mann mit der vorzeitig
-durchfurchten Stirn freundlich, »wie weit halten wir heute?«
-
-Da berichtete der treu sorgende Verwalter, der die Angewohnheit aller
-älteren Landleute besaß, die Gutsangelegenheiten nicht allzu rosig
-darzustellen, wie man bei der Rapsernte auf ganz verfluchte Flecken
-gestoßen sei, die mit nichts als Unkraut und Hederich bewachsen wären.
-
-»Da ist wieder ein toller Hund gelaufen,« sagte der Landmann nach dem
-Aberglauben der dortigen Gegend.
-
-»I, lassen Sie nur, Baumgartner,« tröstete Johanna lächelnd, »unser
-Raps selbst steht fett und gut. Es kann einem das Herz im Leibe lachen.«
-
-Der Mann kraute sich leicht hinter dem Ohr. »Na ja, Fräuleinchen, aber
-mit dem Kartoffelumwerfen, da kommen wir nicht richtig vorwärts. Uns
-fehlen Pferde. Ponnies müßten wir haben, mit schmalem Tritt.«
-
-»Da haben Sie recht, Baumgartner,« nahm seine Herrin den Einwurf lebhaft
-auf, »aber wissen Sie das Neueste? Heute nachmittag fahre ich mit meinen
-Schwestern nach Grabowo.«
-
-»Was, über die Grenze?« hob hier der Verwalter sein sonnengebräuntes
-Haupt und zuckte ein wenig mißtrauisch die Achseln, und als er erfahren,
-daß seine Gebieterin dort drüben das vermißte Pferdematerial zu kaufen
-beabsichtigte, da klopfte er mit dem Finger noch einmal warnend gegen die
-Schärfe seiner Sichel. Es gab einen hellen Ton. »Vorsichtig, gnädiges
-Fräulein,« riet er dringend, »die Gesellschaft da drüben geht nicht
-immer ehrlich zu Werke.«
-
-»Oh, Sie können unbesorgt sein, Baumgartner, Herr Konsul Bark begleitet
-uns.«
-
-Da ging ein beifälliger Zug über das ernste Antlitz des Landmannes.
-
-»Das ist gut,« stellte er fest. »Konsul Bark versteht seine Sache. Er
-hat auch mit dem alten Trakehner Hengst bei uns recht behalten. Das Tier
-arbeitet drei junge Pferde in Grund und Boden.« Und während sich der
-Beamte schon zum Abgang wandte, fragte er noch einmal ehrerbietig: »Und zu
-wann befehlen das Fräulein den Wagen?«
-
-Eine schwere Falte grub sich dabei mitten über die Stirn des Mannes.
-Allein Johanna verstand ihn.
-
-»Nein, nein, Baumgartner,« beruhigte sie. »Sie brauchen sich gar nicht
-stören zu lassen, Herr Konsul Bark holt uns in seiner eigenen Equipage ab,
-obwohl uns unser Weg ja ohnehin durch die Stadt führen würde. Sie können
-Ihre Pferde ruhig bei der Arbeit behalten.«
-
-»Oh, danke schön, gnädiges Fräulein, das ist gut. Herr Konsul Bark
-weiß, was sich gehört. Ich freue mich immer, wenn er auf das Gut kommt.
-Nun vorwärts, Tilli.«
-
-Er gab seiner kleinen Tochter einen Wink, das Kind knixte und beide
-schritten rasch bis zum Hoftor. Jedoch sie sollten nicht hinausgelangen.
-Von der Chaussee her erhob sich ein scharfes Rollen, Peitschenklang
-schwirrte durch die Luft, und gleich darauf sah die Gutsherrin, wie
-ihr Verwalter ein Paar mächtigen Rappenhäuptern beruhigend über die
-schäumigen Nüstern klopfte.
-
-Bei Gott, dies Gespann kannte Johannas geübter Blick. Ja sogar den harten,
-sausenden Peitschenklang unterschied sie vor allen anderen. So dröhnend
-und unbekümmert raste nur der Riese dort drüben von Sorquitten über
-die Landstraße. Und richtig, noch hatte sie die Ziegelschwelle unter
-der viereckigen Einfahrt nicht verlassen, da schob sich auch bereits eine
-mächtige Männerfigur in einem gelben Sportanzug durch die Toröffnung,
-und ein grünes Tirolerhütchen mit einer alten verbogenen Hahnenfeder
-wurde aus Leibeskräften in der Luft geschwenkt.
-
-»Morjen, morjen, Johanna, alte Seele,« wetterte das markige Organ des
-Vetters Fedor von Stötteritz, und dabei stampfte der ungeheuerliche
-Eindringling bald rechts, bald links mit den braunen Schnürstiefeln, aus
-denen sich ein paar unförmige Waden herausdrängten, schallend auf
-den Steinen des Hofes herum. »Laß mal eiligst so einen kleinen Tritt
-herausbringen, liebste Cousine, meine alte Dame will sich nämlich wieder
-nicht meinen Armen anvertrauen. Sie behauptet, ich zerbräche ihr immer
-ein paar Knochen im Leibe. Also fix, Johanna,« und er führte die beiden
-Mittelfinger in den Mund und ließ einen gellenden Pfiff erschallen.
-»Vorwärts, wo bleiben die Faulpelze? Meine Frau Mama kann ja bekanntlich
-nicht warten.«
-
-Jetzt wurde es auf dem Hofe lebendig. Eine Magd mit einem Tritt lief
-hochaufgeschürzt hinzu, und nachdem auch Johanna bis an den Wagenschlag
-geeilt war, da entschloß sich die lang aufragende, hagere Insassin
-des Gefährtes endlich, die Expedition auf den sicheren Erdboden zu
-unternehmen. Mit einem Krückstock indessen tastete sie erst vorsichtig die
-Unebenheiten des Terrains ab. Kurzatmig stand sie dann neben ihrem Sohn, um
-ihrem blauroten und doch pergamentartig mageren Antlitz ein wenig kühlende
-Luft zuzufächeln.
-
-»Es ist nichts mit solchen Ausfahrten,« stellte Frau von Stötteritz
-grämlich fest, wobei sie der Hausherrin steif ihre Rechte zum Handkuß
-darbot. »Guten Tag, liebes Kind. Ich wollte dich gewiß nicht belästigen
--- nein, nein, schon gut, wer soll sich denn über eine so alte
-anspruchsvolle Frau im Ernst freuen? -- aber mein dummer Junge läßt mir
-ja keine Ruhe. Es sollte durchaus ein Besuch bei dir werden. Als ob ich
-dich in meinem Leben noch nicht gesehen hätte! -- Nein, nein, schon gut,«
-unterbrach die hagere Dame entschieden, als das blonde Mädchen ihr
-irgend etwas Liebenswürdiges entgegnen wollte. »Lüge nicht erst,
-mein Töchterchen, du schwärmst ja selbst nicht für Komplimente. Die
-Hauptsache ist, daß ich möglichst bald eine Fußbank unter mein rechtes
-Bein erhalte. Du kannst dir gar nicht denken, wie mich das Rheuma wieder
-plagt. Aber paß auf, es gibt Regenwetter. Unsere Rapsernte wird uns
-natürlich wieder wegschwimmen.«
-
-»Du, Hans,« schrie der Sohn aufgeräumt dazwischen, der seine Frau Mama
-mit den flachen Händen so sanft wie möglich vor sich her schob, »mein
-ganzer Raps an Silberstein da drinnen verkauft. Den verfluchten Juden hab'
-ich schön hochgenommen. Wenn das in diesem Jahre so weiter geht, dann bau
-ich auf Sorquitten das neue Herrenhaus, das du neulich vorschlugst. Meine
-Alte werde ich schon rumkriegen.«
-
-»Es wäre gut, wenn du mir nicht so in die Ohren schriest, Fedor,«
-tadelte die Vorauftappende, schmerzlich ihren Mund verziehend. »Was ich
-dieses Brüllen nicht leiden mag -- --«
-
-»Na, laß man sein, Mutterchen, ich säusele schon wieder. So, und nun
-aufgepaßt, hier kommen die Treppen.« Der Besuch wurde in das große
-Staatszimmer hinaufgeführt, dessen drei Fenster auf den Park hinausgingen.
-Denn Johanna dachte daran, daß ihre Tante, Frau von Stötteritz, eine
-unbesiegliche Abneigung hege gegen den Anblick des Wirtschaftshofes sowie
-gegen die rauhen Geräusche, die sich von dort möglicherweise erheben
-konnten. In einem alten gelben Seidenfauteuil lehnte die alte Dame an einem
-der hohen Fensterbogen und zupfte nervös an den seidenen Halbgardinen
-herum. Währenddes präsentierte die blonde Hausherrin ihrem kritischen
-Besuch ein in Wein abgezogenes Ei, denn dies war die einzige Aufwartung,
-welche die kränkliche Dame gnädig aufnahm. Dafür konnte sie von jener
-Leckerei auch große Mengen vertilgen. Einen Augenblick hörte man nichts,
-als das Klirren des Löffels, den Frau von Stötteritz in dem Glase
-herumführte, und dazwischen mischten sich die schallenden Tritte ihres
-Sohnes, der, die Hände in den Taschen, ruhelos das Zimmer durchmaß. Er
-entbehrte seine Zigarre, die in der Gegenwart der Mutter nicht geraucht
-werden durfte.
-
-Endlich hatte die kränkliche Frau die ihr so wohlmundende Leckerei mit
-Andacht zu sich genommen; das behagliche Schlürfen sowie das Kratzen des
-Löffels erstarb, und nachdem sich Fedors Mutter umständlich mit ihrem
-Taschentuch Mund und Hände gereinigt, da richtete sich die hagere Gestalt
-starr in ihrem Sessel auf, alles Vorboten, daß jetzt etwas Wichtiges
-erfolgen sollte. Zuerst aber reichte sie mit ihren zitternden Fingern das
-Glas zurück, um verurteilend zu klagen:
-
-»Wenn einem nichts mehr schmeckt, so ist das ein schlimmes Zeichen. Nein,
-widersprecht nicht erst, ich bin mir über meinen Zustand ganz im klaren.«
-
-Als aber ihr herkulischer Sohn unbekümmert seinen dröhnenden Spaziergang
-durch das weite Gemach fortsetzte, da nestelte Frau von Stötteritz aus
-ihrer schwarzseidenen Handtasche einen mehrfach gefalteten Brief hervor,
-strich ihn auf ihrem Schoße glatt und tat einen tiefen, halb seufzenden
-Atemzug.
-
-»Höre, Johanna,« begann sie endlich, indem sie sich den Zeigefinger
-netzte, wie wenn sie die Seiten des vertrockneten Briefes umzuschlagen
-gedächte, »bekümmerst du dich eigentlich um politische Vorgänge?«
-
-»Um politische --?«
-
-Johanna stutzte. Und während sie mit entschlossener Bewegung ihr blondes
-Haupt in den Nacken warf, da nahm sie plötzlich jene abwehrende Stellung
-ein, die ihrer ganzen Gestalt das Gepräge verlieh.
-
-Mein Gott, wie unangenehm! Gedachten die beiden herrischen Adelsmenschen,
-die in der ganzen Gegend wegen ihrer altpreußischen Gesinnung bekannt
-waren, sie, die emsig Schaffende, nun auch zu ihren Lebensanschauungen
-zu bekehren? Oh nein, darin täuschten sich die beiden. Sie -- das
-Gutsfräulein von Maritzken bewertete die ihr Nahen und Fernen lediglich
-nach den Leistungen, durch die Schaffensfreudige und Arbeitskräftige ihr
-Dasein, ihre Lebenshaltung zu befestigen oder zu steigern vermochten. Ja,
-das war es, dem praktischen Sinn der großen Blonden war der Erwerb, der
-anständige und sichere, beinahe etwas moralisch Schönes und Geheiligtes
-geworden. Und deshalb lehnte sie gewöhnlich mit einer ihrer entschlossenen
-Gesten alles ab, was sich in ihrem Umkreis in politischen Zänkereien
-erging. »Wer für sich schafft, schafft auch für das Land,« dachte sie.
-Und mit diesem Bekenntnis glaubte sie sich genügend mit den Streitigkeiten
-des Tages abgefunden zu haben.
-
-»Bekümmerst du dich eigentlich um politische Dinge?« hob Frau von
-Stötteritz noch einmal an, und es klang bereits, wie immer, ein spitzer
-Vorwurf aus dem Ton ihrer Frage.
-
-Aber gerade diese Art, die so selbstverständlich eine scheue Unterwerfung
-forderte, das bedingungslose Zustimmen zu einem durch nichts zu
-erschütternden Programm, das rief den starken Drang nach Widerspruch, nach
-Verteidigung bei dem eigenwilligen Landfräulein hervor. Und indem Johanna
-mit dem Finger leicht auf die Tischplatte pochte, als wollte sie für
-jedes ihrer Worte eine besondere Aufmerksamkeit verlangen, da warf sie mit
-angenommener Gleichgültigkeit hin:
-
-»Nein, liebe Tante Adelheid, von Politik verstehe ich zu wenig. Und das
-Geringe, das ich manchmal mit meinem Freunde, dem Konsul Bark, bespreche,
-das hat irgendwie einen Bezug auf meine Wirtschaft. Aber ein Verdienst oder
-etwas Ersprießliches,« setzte sie mit einem kalten Lächeln hinzu, »ist
-meines Wissens für mich noch niemals dadurch erzielt worden.«
-
-Bei der Erwähnung des Namens ›Bark‹ öffneten sich die schmalen Lippen
-der Freifrau wie von selbst, und sie ließen ein Paar der großen gelben
-Zähne zum Vorschein kommen. Und siehe da, auch ihr mächtiger Sohn gab
-seine Wanderung auf und wurzelte so unvermittelt auf dem olivgrünen
-Velourteppich fest, daß die alten Porzellantassen in der nahen
-Glasservante zu klirren anhoben. Gleich darauf trat auch er an den Tisch
-heran, ganz dicht neben das blonde Mädchen, und zwirbelte mit einer
-weitausladenden Bewegung den starr sich emporreckenden rotblonden
-Schnurrbart zurecht.
-
-»Konsul Bark?«, nahm er das verdächtige Wort von neuem auf und in seine
-tiefe Stimme drang gleichfalls etwas Scharfes und Schnarrendes. »Sag mal,
-kommst du mit dem Tütendreher noch immer so häufig zusammen, Johanna?«
-
-Da war wieder jene Verachtung der kaufmännischen Berufe, die den
-praktischen Hans mehr wie alles andere verdroß. Und in ihrem Innern erhob
-sich eine heftige Abneigung gegen die junkerliche Überhebung des Vetters.
-Zum Teufel, was hatte der Riese von Sorquitten denn Höheres und Besseres
-geleistet, als der gewandte Geschäftsmann dort drinnen in der Stadt? Gott
-ja, Fedor war ein mit beiden Fäusten durchgreifender Landwirt, praktisch
-in jeder Faser und voll derber Freude an seinem Beruf. Seine Leute
-duckten sich vor ihm, denn es war nicht ratsam, mit dem Enaksohn im
-Ernst anzubinden. Aber bestand denn darin etwas so Gewaltiges, das
-große väterliche Gut, das ihm blühend von Generationen von Vorfahren
-überliefert war, in einem ertragsreichen Zustand zu erhalten? Wie ganz
-anders der Chef des Goldenen Bechers dort drinnen am Marktplatz. In ewig
-neuer Anspannung mußte der Kaufmann seine Kapitalien, ja sogar sein ganzes
-Geschäft, das durch wechselnde Konjunkturen und Zeitströmungen immer
-wieder gefährdet werden konnte, verteidigen, schützen und erweitern.
-Über die schnell sich verändernden Beziehungen des Völkerlebens mußte
-er sich unterrichtet zeigen, denn jeden Augenblick konnte es nötig werden,
-irgendeine der sich erhebenden großen Fragen des Weltgeschehens für
-sich günstig auszubeuten. Dazu gehörte doch eine andere geistige
-Beweglichkeit, eine männliche Kraft des Entschlusses und daneben auch
-eine biegsame und geschmeidige Leichtigkeit, die plötzlich anstürmenden
-Gefahren auszuweichen verstand; ja, es gehörte mehr Mut und
-Selbstbeherrschung zu einem solchen Tütendrehen, als es das ruhige
-Abwarten von Saat und Ernte verlangte.
-
-So meinte Johanna wenigstens, denn da ihr selbst die schwere, und an
-Enttäuschungen reiche Pflicht der Bodenbearbeitung geläufig war, so
-neigte sie durchaus dazu, das ihr fremde und imponierende Spiel des Handels
-höher als ihre eigene Leistung einzuschätzen. Aber selbst wenn dieser
-letzte Grund fortgefallen wäre, so empörte sich die tief in ihr wurzelnde
-Dankbarkeit für ihren uneigennützigen Freund dagegen, daß Junkerhochmut
-den tätigen Mann seines Gewerbes wegen über die Achsel anschauen dürfe.
-Und sehr bestimmt entgegnete sie deshalb auf den etwas spöttischen Einwurf
-ihres Vetters:
-
-»Allerdings, lieber Fedor, ich komme mit Herrn Konsul Bark sehr häufig
-zusammen. Ja, unser Freund wird mich und meine Schwestern sogar heute
-nachmittag in seinem eigenen Wagen zu einem Besuch jenseits der Grenze
-abholen.«
-
-Noch hatte die Entschlossene nicht völlig geendet, als der Brief auf dem
-Schoß der Tante Adelheid seltsam zu rascheln begann. Und während der
-mächtige Landwirt vor Überraschung mit der Faust nur einen kräftigen
-Luftstoß ausführte, dem sich die empörte Anmerkung beigesellte: »Na,
-das ist aber doch -- --,« da schüttelte seine Mutter sehr bestimmt das
-pergamentene Haupt, und ihre noch immer schwarzen Augenbrauen schnürten
-sich so eng zusammen, als ob damit die Willensäußerung ihrer Nichte ein
-für allemal ausgestrichen und aus der Welt geschafft wäre.
-
-»Mein liebes Kind,« hüstelte sie in ihrer frostigen Art, die keinen
-Widerspruch zu kennen schien, »du siehst hier diesen Brief. Mein dummer
-Junge behielt doch recht, als er mich zu dem Besuch bei dir veranlaßte.
-Ich merke, wir kommen gerade zur rechten Zeit. Kurz und gut, liebe
-Johanna, du wirst klug handeln, wenn du deinen Besuch jenseits der Grenze
-unterläßt.«
-
-»Aber warum, beste Tante? Ich sehe gar nicht ein --«
-
-»Unterbrich mich nicht, Johanna, sonst verliere ich so leicht den
-Zusammenhang. Dir wird hoffentlich gleich alles klar werden. Und du kannst
-Gott danken, daß man dich noch in letzter Stunde warnt. Weißt du,
-was dieser Brief enthält? Er stammt von meinem Bruder, dem Geheimen
-Regierungsrat von Roeder aus dem Auswärtigen Amt, und mein Verwandter
-richtet die dringende Bitte an mich, die äußerste Vorsicht gegen
-alles walten zu lassen, was mit unseren russischen Nachbarn irgendwie in
-Beziehung steht.«
-
-»Aber liebe Tante Adelheid,« rief Johanna eifrig, obwohl sie sich eines
-leichten Fröstelns, das über ihre weiße Haut rieselte, nicht erwehren
-konnte, »wozu das alles? Wir sind doch auf das große Volk dort drüben
-angewiesen. Wir tauschen so vieles von ihnen ein, was wir nirgends besser
-und billiger erhalten. Und die Leute von jenseits der Grenzpfähle nahmen
-gerade in den letzten Jahren auch von uns nicht allein allerlei praktische
-Dinge, sondern sogar manche Sitten und wissenschaftliche Errungenschaften
-an, so daß man sich über den lebhaften Verkehr doch nur freuen sollte.«
-
-»Der Teufel soll den albernen und leichtsinnigen Verkehr holen,« brummte
-hier der Riese von Sorquitten dazwischen, dem der Zorn das Antlitz dunkler
-färbte, »ich wünschte, man hätte schon längst den Brüdern die Zähne
-gewiesen.«
-
-»Um Gottes willen, Ihr stellt ja die Angelegenheit beinahe so dar, als ob
-wir uns mit denen da drüben im Kriegszustande befänden,« lachte Johanna
-ärgerlich auf, und ihre Rechte schlug dabei quer durch die Luft, wie wenn
-es notwendig wäre, das gefährliche, das unmögliche Wort von vornherein
-zu sprengen oder zu zerteilen.
-
-Allein was war das? Weshalb suchten in diesem Moment die hellblauen
-Augen des Riesen, die sonst so lachend, so sorglos und unbekümmert über
-Lebendes und Totes fortzugleiten gewohnt waren, weshalb in aller Welt
-suchten sie so dringend und ernsthaft die ihren? Warum nickte das blonde
-Haupt ein paarmal so schwer und bedächtig, wie wenn ein ungeheures
-Schicksal sich mit Wucht auf diesen starren Nacken gebürdet hätte? Und
-dann? Täuschte sie sich? Ihr war es, als ob sich die unförmige Gestalt
-des Recken in plumper Bewegung näher und näher an die ihre heranschöbe,
-und das unsichere Gefühl durchdrang sie, als ob dies alles geschähe,
-um ihr bei heranziehender Gefahr nahe zu sein, um sie zu bergen und zu
-schützen. Dazu verharrte die Kranke in ihrem gelben Sessel starr und
-unbeweglich, kein Wort drang über die fest zusammengepreßten schmalen
-Lippen, und nur aus dem nervösen Zittern der schwarzen Augenbrauen
-enträtselte die beklommene Beobachterin, welchen beängstigenden
-Gedanken die Leidende heimlich preisgegeben sein müsse. Unerträgliche
-Schweigsamkeit waltete zwischen den drei aufgescheuchten Menschen.
-Endlich ertrug es die Älteste von Maritzken nicht länger. Mit ein paar
-unbedachten Schritten näherte sie sich dem Stuhl der Greisin, um ganz
-gegen ihre Gewohnheit hastig und aufgeregt die lange welke Hand von Fedors
-Mutter zwischen ihre eigenen pulsierenden Finger zu betten.
-
-»Liebe Tante,« stieß sie ohne weitere Rücksicht hervor, »du mußt
-nicht glauben, daß es nur die Unruhe um meine eigene Sicherheit oder
-um die ungefährdete Existenz meiner Schwestern ist, die mich jetzt
-veranlaßt, dich um weitere rückhaltlose Auskunft zu bitten. Aber nicht
-wahr, Fedor, nicht wahr, Tante Adelheid,« fuhr sie dringender fort, »ihr,
-als Gutsvorstände, könnt mir das nachfühlen. Ich habe ja so vieles hier
-zu verantworten, anvertraute Kapitalien und nicht zuletzt das Leben und das
-karge Besitztum meiner Leute. Ich muß also wissen, worum es sich in diesem
-Briefe handelt. Ihr könnt es mir ganz ohne Schonung anvertrauen, es wird
-mich nicht umwerfen. Und dann --,« sie trat ans Fenster und riß mit
-einer hastigen Bewegung die seidenen Halbgardinen fort, so daß die alte
-Dame, von einem Sonnenstrahl getroffen, wehleidig zusammensank -- »werft
-doch nur einen Blick auf alles, was wir Deutschen hier schufen, auf den
-alten Park mit seinen hundertjährigen Stämmen, auf die prachtvollen
-Weizenfelder, die wir in rastloser Emsigkeit durch immer neue
-wissenschaftliche oder rein praktische Methoden zu ihrer heutigen Reife
-und Blüte brachten! Betrachtet dort hinten, jenseits der Chaussee das
-reinliche Dörfchen Maritzken mit seinen kleinen Gärten und Lauben und
-der wunderhübschen Holzkirche. Das alles hat man seit fünfzig Jahren
-aus einem Sumpf herausgehoben. Und alle diese Mühe, so viel Leben und
-Daseinsfreude, das sollte man von einem eisernen Hagel zerschmettern
-lassen? Für immer? Nein, daran glaube ich nicht,« schloß sie tief atmend
-und legte sich wie befreit die flache Hand auf die arbeitende Brust.
-
-Auf diesen Ausbruch hob die alte Dame den sorgsam behüteten Brief rasch
-gegen das Licht, zog aus ihrer schwarzseidenen Tasche gleichzeitig ein
-Schildpattlorgnon hervor und hielt sich die Gläser dicht vor die Augen.
-
-»Liebes Kind,« schnitt sie alle weiteren Erörterungen ab, »wenn du
-mehr Umgang in militärischen Kreisen pflegen würdest, was ich für
-sehr nützlich hielte, so könntest du wissen, daß jene große
-Auseinandersetzung, die dir so unmöglich scheint, von den maßgebenden
-Stellen schon seit Jahren befürchtet oder auch erhofft wird. Je nachdem.
-Ich halte es deshalb für meine Pflicht, dir ganz reinen Wein einzugießen.
-Merke genau auf. Mein Bruder, der es auch mit dir gut meint, schreibt
-folgendes.«
-
-Damit lenkte die starr und aufrecht Sitzende das gelbe Blatt Papier noch
-näher an ihr Antlitz, das sie scheinbar nicht beugen konnte, und griff
-mitten aus dem Brief folgende Stelle heraus:
-
-»Seit dem frevelhaften Verbrechen, das dem Thronerben der uns verbündeten
-Monarchie das Leben kostete, haben wir hier im Amt eine aufreibende
-Arbeitsleistung zu bewältigen. Noch nie war der europäische Himmel
-so bewölkt wie jetzt. In den militärischen Zentralen wird fieberhaft
-geschafft, und ich kann dir unter der Hand mitteilen, daß die
-Sachkundigsten unter uns seit der Überreichung der österreichischen
-Forderungen an den rebellischen Balkanstaat die fernere Erhaltung eines
-ehrenhaften Friedens beinahe in das Gebiet der Unmöglichkeit verweisen.
-Sollte, was Gott verhüten möge, unser großer östlicher Nachbar sich
-für das Schwert entscheiden, -- ein Gedanke, zu dessen Erfassung die
-Phantasie der meisten unserer in einem verweichlichenden Frieden völlig
-aufgegangenen Mitbürger durchaus nicht ausreicht -- dann würde eine
-Weltkatastrophe heraufbeschworen, die alles, was jetzt festliegt und
-besteht, zerschmettern müßte.«
-
-Ein widerspruchsvolles Lächeln, das sie sich selbst nicht zu deuten
-vermochte, glitt bei dem eben Gehörten über die bleichen Züge der
-Landtochter, denn sie gehörte zu denen, deren Einbildungskraft vor der
-ungeheuerlichen Prophezeiung machtlos niedersank. Die alte Dame jedoch
-verkündete mit scharfer Stimme weiter, und es war, als ob ihre Worte sich
-immer stechender und aufreizender formten, je Erbarmungsloseres über ihre
-schmalen Lippen floß.
-
-»Ihr könnt euch die Last und die Qualen dieser Spannung gar nicht
-vorstellen. Von Tag zu Tag fliegen neue Vorschläge, Vermittlungen und
-geheime Depeschen von Allerhöchster Hand herüber und hinüber. Alles
-starrt atemlos auf die Zentnerlast, die an einem Haar über unseren
-Häuptern schaukelt. Und nun der Grund, warum ich so ausführlich an dich
-berichte, liebe Schwester. Stürzt der Koloß über uns herein, über uns,
-die wir in unserem gläubigen Vertrauen namentlich an euren Grenzen
-noch lange nicht so unantastbar gerüstet sind, wie es unsere leitenden
-Militärs wünschen, dann werden es eure Gegenden sein, die von dem ersten
-Ritt unkultivierter Horden überrannt werden. Noch vermögen wir nicht zu
-ahnen, welches Entsetzen sich bei einem solchen Zusammenstoß über eure
-Gutshöfe, Dörfer und kleinen Städte ausbreiten könnte. Da wir in
-den letzten Jahrhunderten immer nur mit uns an Gesinnung gleichgearteten
-Volksstämmen die Waffen kreuzten, so fehlen uns alle Anhaltspunkte dafür,
-was wir von den Angehörigen einer minderen Kultur zu erwarten haben. Ich
-rein persönlich jedoch fürchte, daß es -- selbst den recht zweifelhaften
-guten Willen der östlichen Befehlshaber vorausgesetzt -- kaum gelingen
-dürfte, unsere Ansiedlungen vor einer bisher unbekannten Zerstörungsgier
-zu schützen. Und was den Einwohnern eines freien und geordneten
-Staatswesens bevorsteht, sobald die entfesselte Zügellosigkeit dumpfer und
-stumpfer Massenschwärme über sie fortprallt, asiatischer Halbwilder, die
-an glücklicheren Völkern die Pein ihrer eigenen Sklaverei zu vergelten
-gedenken, das sind Dinge, liebe Schwester, die mich vorläufig nur
-wie unvorstellbare schwere Träume ängstigen. Zwar noch ist ja eine
-Beschwörung der Gefahr nicht gänzlich unmöglich. Doch mein Rat geht
-für alle Fälle dahin, dich und die Deinen sowie alle, die dir nahestehen,
-schon jetzt in Sicherheit zu bringen. Mit Freuden öffne ich dir mein Haus
-in Berlin. Es genügt aber vielleicht auch, wenn du dich einstweilen in
-eurer Provinzialhauptstadt einmietest. Aber nimm die Zeit wahr, liebe
-Adelheid, denn binnen kurzem dürften auch dort neue Ankömmlinge wegen
-der zu befürchtenden Übervölkerung zurückgewiesen werden. Ist es
-nicht unfaßbar, sich alle diese ungewohnten Schrecken und Grausamkeiten
-vorstellen zu müssen? Gott gebe, liebe Schwester, daß diese wütende
-Windsbraut ohne schweren Schaden an dir vorüberbraust.«
-
-Als Frau von Stötteritz bis hierher in ihrer Lektüre gelangt war, da
-faltete sie den Brief emsig und umständlich zusammen, jede Falte in ihre
-gewohnte Lage, und schob das Schreiben mit ihrer dürren Hand raschelnd in
-den seidenen Beutel. Dann wandte sie das Haupt, und ohne ein weiteres
-Wort an diese für sie völlig erschöpfte Angelegenheit zu verschwenden,
-richtete sie ihre starren, grauen Augen, die sich plötzlich unnatürlich
-weit geöffnet hatten, regungslos und unerbittlich auf das hochgewachsene
-blonde Mädchen. Auch Johanna vermochte sich in der abermals herabsinkenden
-Stille, die bang und trübselig, beinahe hörbar, durch das weite Zimmer
-schlürfte, keiner Bewegung hinzugeben.
-
-Ungläubig nahm der Riese von Sorquitten, der auch jetzt noch mit hörbar
-tiefen Atemzügen neben seiner jungen Verwandten weilte, die merkwürdig
-belebte Blässe des sonst so resoluten und durch nichts zu erschütternden
-Frauenbildes in sich auf.
-
-»Kriegt endlich doch das Bibbern,« fuhr es ihm durch den Sinn, und seine
-kernige Mannhaftigkeit freute sich darüber, weil das stolze Weib, das ihn
-stets wie eine beobachtende Erzieherin behandelte, sich wenigstens vor der
-Gefahr genau wie alle anderen Frauenzimmer demütigen lernte. »Na, da wird
-sie ja unseren Vorschlag gnädig aufnehmen,« dachte er, »womöglich noch
-dankbar sein, weil man sie hübsch fürsorglich aus unserer Pulverecke
-fortschafft.«
-
-Und ohne weitere Überlegung reckte er sich, um seine breite Tatze
-herablassend, wohlwollend auf die Schulter der Cousine zu betten. Die in
-Gedanken Versunkene jedoch ließ es ruhig geschehen. Es war das erste
-Mal, daß sich der Recke ihrer blühenden Körperlichkeit so weit
-nähern durfte. Und mitten in dem schweren Druck, den die bängliche Zeit
-verbreitete, da empfand der strotzende Gutsherr in seinem derben, allem
-Grübeln abgeneigten Sinn etwas von der verschämten Üppigkeit
-dieser verhüllten, unberührten Mädchenglieder. Freilich nur eine
-vorüberblitzende Sekunde, denn gleich darauf zuckte das entschwundene
-Leben durch die völlig entrückte Frauengestalt. Widerwillig schnellte
-ihre Schulter empor, schüttelte die fremde Hand als etwas Störendes von
-sich ab, und während sie ihren Blick mit ihrer kühlen Sicherheit gegen
-seine trotz aller Überhebung gutmütigen Knabenaugen richtete, da stieß
-sie kurz und geschäftsmäßig hervor, wie jemand, der endlich auf den Kern
-der Dinge dringen will:
-
-»Na also, Fedor, nur um mich auf alles dies vorzubereiten, deswegen allein
-hast du doch deine Mutter nicht zu der Fahrt veranlaßt? Heraus damit, was
-führst du noch im Schilde?«
-
-Verwünscht, da war wieder eine jener niederträchtig kurzen Fragen, auf
-die seine schwerfällige Unterhaltungsgabe nicht sofort eine Antwort zu
-erteilen wußte. Herrgott ja, man plante ja allerlei Heimliches, sogar seit
-Jahren, man trieb sich viel öfter auf dem Hofe von Maritzken herum, als es
-eigentlich durch die Verwandtschaft oder eine treue Nachbarlichkeit bedingt
-war, weil man eben dachte -- weil man doch zum Schluß wünschte, daß
--- daß -- -- Zum Kuckuck, es wurde eben nichts daraus, weil das große
-blonde Weib, das in der Statur so hübsch zu einem paßte, nichts, aber
-auch gar nichts Entgegenkommendes oder Aufmunterndes zeigte, was einem die
-schwere Sprache vielleicht gelöst hätte. Und auch in diesem drängenden
-Moment hätte der Riese das, was ihn im Grunde bewegte, und was längst
-die Billigung der Frau Mama gefunden hatte, ohne deren Ja und Amen man ja
-schließlich nichts unternehmen konnte, ja, er hätte all das Verborgene
-gerade jetzt viel sachter und zarter einkleiden können. Aber nun, als man
-ihm wieder mit einer solch brüsken Deutlichkeit auf den Leib rückte, da
-vermochte sich der Herr von Sorquitten nur auf den alleräußerlichsten
-Grund zu besinnen, den man im letzten Ende doch nur als guten Vorwand
-aufgespart hatte.
-
-»Was es gibt -- was ich will --,« murmelte er aufgescheucht, wobei seine
-blauen Augen Unterstützung heischend nach dem regungslosen Antlitz seiner
-Mutter hinüberirrten. »Herrgott, Hans, das ist doch klar, das ist doch
-furchtbar einfach.«
-
-»Na, dann sag es doch!«
-
-»Ja, sieh mal, ich meinte -- das heißt, meine alte Dame ist gleichfalls
-der Ansicht -- wenn es losgehen sollte, dann könnt ihr Mädels doch
-unmöglich in der glatten Feuerzone bleiben. Und da hatten wir so ganz
-gemütlich unter uns verabredet, daß es am sichersten wäre, wenn du deine
-Schwestern nach Berlin schicktest. Du selbst aber -- --«
-
-»Nun also?«
-
-»Herrgott, sieh mal, es wäre doch so einfach --«
-
-Indessen das Augenpaar der Ältesten von Maritzken ruhte wieder zu scharf,
-zu kühl und zu forschend auf dem Männerantlitz, als daß Herr von
-Stötteritz, der doch die Charge eines Landwehr-Rittmeisters bei
-den Göben-Ulanen bekleidete, die Gewandtheit besitzen konnte, die
-wohlausgedachte Attacke zu vollenden. Diese niederträchtigen, komischen
-Weibsbilder, was sie einem für Beschwerlichkeiten bereiteten. Es war ein
-reines Glück, daß sich jetzt aus dem Seidenfauteuil das bekannte scharfe
-Räuspern vernehmen ließ.
-
-»Liebe Johanna,« sagte die Frau Mama in ihrer unveränderlich starren
-Haltung, »mein Junge stottert ja leider. Wahrhaftig, er benimmt sich,
-als ob man vor jemandem, dem man zu nützen wünscht, noch einen Fußfall
-machen müßte. Kurz und gut, liebes Kind, so schwer es mir fällt, ich
-habe mich entschlossen, Sorquitten zu verlassen, um während der nächsten
-Zeit in die geschützte Provinzialhauptstadt überzusiedeln. Wir besitzen
-ja dort sowieso ein bescheidenes Absteigequartier. Und da wollte ich dir
-vorschlagen --«
-
-»Jawohl, wir wollten dich bitten,« fiel hier der Sohn, dem alles viel zu
-lange währte, ohne besondere Umstände ein, »wir wollten dich bitten, ob
-du nicht meine Mutter begleiten möchtest.«
-
-»Um Gottes willen, ich?«
-
-»Jawohl, was ist da groß zu überlegen und um Gottes willen,« beharrte
-nun der Gutsbesitzer bereits etwas erhitzt, weil die Cousine nicht sofort
-mit beiden Händen zugriff. »Du bleibst dann für alle Fälle hier in der
-Nähe. Und du könntest dich ja vielleicht auch, um dich zu beschäftigen,
-ein wenig um die Pflege meiner Mutter kümmern.«
-
-So, damit war so ziemlich für die Zukunft vorgesorgt. Und während sich
-Tante Adelheid dem Fenster zuwandte, um eine blaue Taube zu beobachten,
-die auf dem Blech herumstolzierte, da zog sich ihr Sohn gleichfalls den
-nächsten gelbseidenen Fauteuil heran und ließ sich krachend in das
-Polster fallen, als ob nun das schwierige Geschäft in schönster Ordnung
-und beendigt wäre. Gemütlich pfiff er halblaut durch die Zähne, streckte
-die gewaltigen Beine von sich und faltete die Hände kreuzweise über der
-Brust. Jedenfalls hatte man nun seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit
-gegen das störrische, unliebenswürdige Mädel erfüllt. Jetzt konnte sie
-tun, was sie Lust hatte.
-
-Eine lange Zeit erhob sich kein Laut in dem weiten Zimmer, nur ab und
-zu vernahmen die drei Menschen, die sich gegenseitig beobachteten, einen
-eigentümlichen metallischen Ton. Der rührte von der Taube her, die
-draußen auf dem Fensterblech herumpickte. Endlich jedoch wandte sich Frau
-von Stötteritz dem schweigenden Mädchen zu, denn sie fand, daß man der
-Hausherrin nun genug Zeit zur Überlegung gegönnt hätte. Und ihre Stimme
-klang sehr bestimmt und deutlich, als sie sich nun erkundigte, ob ihre
-Nichte innerhalb von zwei Tagen die angekündigte Reise antreten würde.
-Aber wie erstaunten die beiden Adligen, ja Fedors Mutter entsetzte sich
-geradezu, als statt einer Antwort von dem Tisch her ganz plötzlich und
-gegen jede Erwartung ein helles Lachen auftönte, das sich in der scharf
-dagegen absetzenden Stille immer mehr verstärkte, als ob eine innerliche
-Befreiung damit verbunden wäre.
-
-»Aber liebe Johanna, das finde ich doch in hohem Maße eigenartig,«
-suchte sich endlich die alte Dame gegen diese absonderliche Weise zur Wehr
-zu setzen. »Was meinst du, Fedor?«
-
-Jedoch auch der Riese vermochte sich die verletzende Heiterkeit auf einen
-so ernsthaften und gut gemeinten Vorschlag natürlich noch viel weniger zu
-erklären. Stumm und ungläubig streckte er noch immer die Beine weit
-von sich, und nur die gefalteten Hände reckten sich aus, so daß die
-gespreizten Finger ein kurzes Knacken vernehmen ließen.
-
-»Ja, Johanna, Menschenskind, was soll denn das heißen?« vermochte er nur
-undeutlich über die Lippen zu bringen.
-
-Aber jetzt hatte sich endlich die Älteste von Maritzken auf sich selbst
-besonnen. Rasch entschlossen schritt sie auf die alte Dame am Fenster
-zu, und ehe es die Leidende noch hindern konnte, wurde ihr von
-dem Landfräulein kräftig die Rechte gedrückt. Auch eine Art der
-Verständigung, die die Edelfrau nicht schätzte.
-
-»Liebe Tante,« hörte sie dicht vor sich das dunkle Organ ihrer Nichte
-anschwellen, das jede Dämpfung der Unruhe verloren zu haben schien,
-»wirklich, ich merke sehr genau, wieviel Wohlwollen sich hinter deiner
-gütigen Aufforderung verbirgt. Und auch du, bester Vetter,« wandte sie
-sich ein wenig zurück, »bist im Grunde ein guter Kerl. Aber ihr dürft es
-mir nicht übel deuten, daß ich mir die ganze Situation, die so plötzlich
-über mich hereinbricht, nach meiner Gewohnheit im stillen und ungestört
-überlegen möchte. Nicht wahr, ihr seid nicht böse,« fügte sie
-freundlich an, »wenn ich zu diesem Zweck ein paar Schritte auf meinem Hof
-herumlaufe, um mir den Wind ein wenig um den Kopf streichen zu lassen. Dort
-unten befindet sich ja seit alters her meine große Ratsstube. Und ich muß
-erst mehrfach an die Stalltüren geklopft haben, um ganz mit mir einig zu
-sein. Inzwischen schicke ich euch natürlich Marianne oder Isa herein, die
-ihr ja ohnehin noch nicht begrüßt habt. Du erlaubst, liebe Tante.«
-
-Und ohne eine Bestätigung abzuwarten, nickte die bereits Aufbrechende
-ihren beiden betroffenen Verwandten zu und verließ mit ihrem festen,
-majestätischen Gang das große Gemach. Zwischen den Zurückbleibenden
-jedoch entspann sich eine kurze, inhaltsschwere Unterhaltung.
-
-»Siehst du,« bedeutete die Mutter ihrem Sohn, der seinen Blick noch nicht
-von der hohen weißen Tür fortzulenken vermochte, hinter der Johanna eben
-verschwunden war, »wie wenig Anhänglichkeit das Mädchen besitzt? Ich
-glaube, du täuschst dich in ihr. Ihr seid zwar beide im Alter nicht viel
-voneinander geschieden, aber bei ihr erzeugten die Jahre oder auch die
-Gewohnheit des Befehlens eine nicht zu brechende Selbstsicherheit, die
-nicht immer angenehm anmutet. Manchmal kommt sie mir wie ein Stachelzaun
-vor, der jedem Fremden den Weg sperrt.«
-
-»Liebe Mutter, sie ist ein braves, wahres und aufrechtes Geschöpf,«
-verteidigte der Sohn, indem er eine ihm plötzlich über die Stirn
-huschende Röte mit der flachen Hand fortzuwischen strebte, »gerade
-weil sie alle die Firlefanzereien und Maskeraden verachtet, die andere
-Frauenzimmer doch nur anwenden, um anständig unter die Haube zu gelangen,
-deswegen hege ich eine entschiedene Achtung vor ihr.«
-
-»Dagegen habe ich ja auch gar nichts einzuwenden, mein guter Junge,
-ich fürchte nur, es wird bei der gegenseitigen Achtung bleiben. Wie?«
-richtete sich die alte Dame unvermutet auf und schlug unwillig auf ihre
-seidene Tasche, »ein Mann wie du, der Rittmeister von Stötteritz, mein
-Sohn, kann es nicht fertig bringen, daß solch eine dumme Pute ihren Willen
-dem seinigen unterordnet?«
-
-Jetzt sprang der Rittmeister plötzlich auf die Füße, daß das ganze
-Zimmer zitterte.
-
-»Herrgott, wieder solch ein Lärm!« klagte die Kranke.
-
-»Du sollst Johanna nicht immer beschimpfen,« rief der Riese ohne
-Übergang laut und völlig unbekümmert darum, ob er nicht durch drei
-Zimmer hindurch verstanden werden könnte. »Ich mag das nicht. Und
-ob Johanna sich dir anschließen wird oder nicht, das werde ich gleich
-erfahren. Und vielleicht noch Verschiedenes mehr.«
-
-»Gut,« schloß die alte Dame, schlug abermals böse auf ihre Tasche
-und nickte hinter dem schallend Davonstürmenden mit einem Zug des
-Besserwissens in den kalten grauen Augen her, »dann wird ja dieses Hin-
-und Herzerren endlich aufhören. Solche romantischen Unklarheiten hasse ich
-auch bis in den Tod. Sie machen mich direkt krank. Überhaupt -- du bist
-an meinem ganzen Leiden schuld. Lauf du nur, mein Jungchen, lauf nur hinter
-der Marielle drein.«
-
- * * * * *
-
-Johanna stand vor dem geschlossenen Tor des Kuhstalles und klopfte
-wirklich, wie sie es vorher angekündigt, bald leise, bald etwas lauter an
-das altersgeschwärzte Holz. So war sie es immer gewohnt, ihre Gedanken,
-wenn es etwas Wichtiges galt, zu sammeln. Und ihre Leute sowohl als ihre
-Schwestern wichen scheu aus der Nähe des Gutsfräuleins, sobald das
-vielbedeutende Pochen auf dem Anwesen hörbar wurde.
-
-»Jetzt denkt sie sich etwas aus,« hieß es dann.
-
-Allein heute gelangte sie nicht zu der doch so nötigen Sichtung der
-Wirrnis, die draußen im Lande und auch hier in ihrem friedvollen Gehöft
-dicht vor ihren Füßen aufgeschossen war. Gerade die Unruhe, die sie
-zu bezwingen strebte, sie schien bereits auf allen Straßen zu jagen und
-sprengte auch bis zu ihr durch das gewölbte Hoftor herein. Noch ehe
-sie sich über die neue Störung ganz klar werden konnte, fing sie ein
-ungewohntes kurzes Trappeln auf, Hufschläge wurden laut und zu ihrem
-äußersten Befremden sah die Aufgeschreckte, wie ein Offizier in seiner
-Paradeuniform, mit blitzendem Helm und gefolgt von einem ebenfalls
-berittenen Burschen, seinen Braunen dicht vor ihr parierte. Eine schlanke
-Gestalt beugte sich zur Seite und führte grüßend die Rechte an den Helm.
-Gleich darauf sprang der Reiter zur Erde, um sich noch einmal respektvoll
-vor der blonden Gutsbesitzerin zu verneigen. Die Sporen klirrten dabei
-leise zusammen, und in den dunklen Augen des jungen Offiziers wohnte ein so
-deutlich lesbarer Wunsch, ein so unverhülltes, ehrliches Anliegen, wie
-es nur Menschen eigen ist, die durch ein paar kurze Worte über ihr ganzes
-Schicksal die Entscheidung gefällt zu sehen wünschen.
-
-Seltsam, auch dem trotzigen, selbstbewußten Landmädchen schlug einen
-Moment das Herz höher und voller. Aber es war ein erlösendes Gefühl der
-Befriedigung, das sie durchdrang, denn in ihrer Seele blitzte es auf, wie
-mit diesem jungen Reitersmanne die Ehre und die Redlichkeit wieder in ihrem
-Hause Einzug hielten, die sie in trüben Stunden bereits entwichen wähnte.
-Gottlob, ihr war es sofort klar, hier hatte Konsul Bark, der zuverlässige
-Freund, sein Versprechen eingelöst, und zum erstenmal seit langer Zeit
-würden in dem weißen Gutshofe, der sich im Grunde doch nur so schwer
-verwalten und regieren ließ, Glückseligkeit und Jugendwonne aufblühen.
-Zuversichtlich, das mußte geschehen. Das verlangte das große kräftige
-Geschöpf, das selbst keine Wünsche mehr hegte, als unbedingtes Entgelt
-seiner Mühen. Allein, als sie jetzt, ihrer glücklichen Regung folgend,
-dem jungen Offizier, der ihr so ernst und erwartungsvoll gegenüberstand,
-mit einer herzlichen Bewegung die Rechte darbot, da -- welch merkwürdige
-Verkettung -- da verfing sich ihr Blick an dem Goldgefunkel des Adlers
-vor seinem Helm. Und ohne jede weitere Überlegung stürzten all die
-ängstlichen Sorgen, alle unmöglichen, nie gekannten Befürchtungen, vor
-denen ihre klare Vernunft noch eben ins Knie gebrochen, in die eine fast
-willenlos hervorgestoßene Frage zusammen:
-
-»Herr Leutnant, ist es wahr? Gibt es Krieg?«
-
-Auf diese ganz unerwartete Anrede straffte sich die schlanke Gestalt des
-Militärs zusammen, und über sein dunkles, immer von den Schatten des
-Nachdenkens umsponnenes Antlitz fuhr ein heller Schein. Nein, das war nicht
-die wilde Freude des Kriegsmannes, der sein größtes Glück, ja Macht,
-Ehre und eine gesicherte Existenz aus brodelnden Blutdämpfen hervorkochen
-sieht. In seinen reinen und für einen jungen Mann dieser Zeit so
-merkwürdig unberührten Zügen malte sich vielmehr die helle, felsenfeste
-Zuversicht auf das ungetrübte Glück der Menschheit, das sicherlich durch
-keinen noch so unbeschränkten Machtwillen in die Glut und die Greuel
-eines vernunftwidrigen Mordens hinabgestoßen werden konnte. Wahrlich, eine
-innerste Überzeugung strahlte aus seiner warmen, wohltuenden Stimme, als
-er trotz seiner so leicht erklärlichen Befangenheit voller Zuversicht
-ausrief:
-
-»Ganz unmöglich, gnädiges Fräulein! Sie brauchen sich nicht im
-geringsten zu beunruhigen. Meine Kameraden und ich verfolgen natürlich
-gleichfalls die Zeitungsgerüchte, die wieder einmal allerlei Bedrohliches
-melden, mit größter Spannung, aber wir sind sämtlich felsenfest davon
-überzeugt, daß es sich wie gewöhnlich nur um einen papiernen Feldzug
-handelt. Ganz bestimmt, wer den Krieg -- wenigstens durch Studium -- kennt,
-so wie wir, der weiß, welche Ungeheuerlichkeit derjenige begehen würde,
-der ihn um ganz fernliegender Dinge willen entfesselt.«
-
-Da war es Johanna, als wenn ein leichter, erfrischender Wind in eine
-Wand von Staub und Dampf führe, die ihr bis dahin die Aussicht gesperrt.
-Plötzlich tauchte wieder die sonnenbeschienene Gegend vor ihr auf, der
-von weißen Scheunen eingefriedete Hof, herübernickend die dunkelgrünen
-Kastanien des Parks, und zwischen dem gewölbten Eingangstor
-hindurchleuchtend die schmale weiße Landstraße. Selbst das Reitpferd,
-das der Bursche des Offiziers in respektvoller Entfernung an den Hofmauern
-herumführte, erschien der Aufatmenden wie eine Bürgschaft dafür, daß
-das gewohnte Dasein unverändert und ungetrübt an ihr vorüberfließen
-müsse. Und in lebhaft aufwallender Dankbarkeit streckte sie dem Boten des
-Heils noch einmal ihre Rechte entgegen. Der verbeugte sich stumm über den
-dargereichten Fingern. Und da -- welch ein Glück -- das derbe Landmädchen
-griff mitten in die so schwer darzustellenden Pläne hinein, die ihn
-herleiteten.
-
-»Lieber Herr Leutnant Harder,« brachte sie rasch und überstürzt
-mit einem an ihr seltenen Lächeln hervor, »ich weiß, was Sie von mir
-begehren. Wir wollen nicht viel Worte machen. Ich selbst habe Ihren Besuch,
-ja sogar Ihr Anliegen gewünscht, und ich nehme an, daß Ihnen unser
-gemeinschaftlicher Freund, Herr Konsul Bark, von den Erwartungen, die ich
-an Sie stellen zu dürfen glaubte, Mitteilung machte. Verhält sich
-das nicht so, Herr Leutnant?« setzte sie leiser, aber nicht weniger
-vertraulich hinzu.
-
-Fritz Harder war von dem warmen Ton und der aus einem ehrlichen Gemüt
-hervorquillenden Offenheit völlig hingenommen. So, gerade so stellte er
-sich ja ein aufrechtes, unerschrockenes Mädchen vor, das einen glättenden
-und aufrichtenden Einfluß auf ein Männerdasein gewinnen müßte. Und zum
-erstenmal, da er jetzt das Bild dieser Schwester in sich aufnahm, gewahrte
-sein suchender, einfühlender Blick, wie diese hellen blauen Augen
-auch wärmer, inniger und treuer strahlen konnten, als er es von jener
-gefürchteten und immer mit einiger Scheu betrachteten Wächterin erwartet
-hatte. Mein Gott, das war ja eigentlich keineswegs die strenge mütterliche
-Beraterin, so wie sie ihm immer vorgeschwebt. Hier stand ja in Wahrheit ein
-hohes, blühendes Weib, das nur zu unnahbar, zu abgeschlossen lebte, als
-daß sich ein zerstörendes Verlangen bis zu ihr erheben konnte. Und jetzt,
-gerade jetzt sprach jene edel gemeißelte, wunschlose Statue zu ihm so
-redlich, so erkennend, daß ihm das Herz überfloß. Welch ein Glück,
-welch ein teures Pfand für die Zukunft, daß Marianne, diese heiße
-zuckende Flamme, die an seinem Leben fraß, eine solche Schwester, eine
-derartige Hüterin ihr eigen nannte. Und jäh errötend begann er
-sein Anliegen vorzutragen. Um was er eigentlich geworben, in
-unzusammenhängenden Worten, die sich nur schwer zu zerhackten Sätzen
-fügen wollten, das wußten die beiden, die einen so ehrlichen Handel
-miteinander zu schließen gedachten, später kaum mehr anzugeben. Jedem
-von ihnen blieb nur das erlösende Bewußtsein, daß endlich etwas
-Irrlichterlierendes, das sich gegen alle Ordnung sträubte, eine feste und
-redliche Form gewinnen sollte. Plötzlich reichten sich beide noch einmal
-stumm die Hände. In diesem Augenblick wurde die Gutsherrin von Maritzken
-völlig von der Vorstellung beherrscht, daß sie einem großen treuherzigen
-Jungen das begehrte Geschenk mit mütterlicher Sorgsamkeit überreiche.
-
-»Wir sind einig, mein lieber Herr Leutnant,« schloß sie einfach, indem
-noch immer das gute Lächeln um ihre Lippen schwebte. »Und nun eilen Sie
-nur, damit Sie auch derjenigen Ihre Wünsche auseinandersetzen können, mit
-der Ihnen eine Unterhaltung gewiß viel erfreulicher und amüsanter sein
-wird, als mit mir. Nein, nein, lieber Fritz Harder,« sträubte sie sich
-beinahe schelmisch, als der junge Offizier ein paar verlegene Komplimente
-zu stammeln gedachte, »das ist ja alles so natürlich. Ich weiß
-auch, daß Sie mit meiner Schwester Marianne nicht die erste derartige
-Besprechung pflegen. Nicht wahr? Aber darüber wollen wir heute nicht
-mehr rechten. Um es Ihnen zu erleichtern, werde ich Marianne gleich
-herunterbitten lassen.«
-
-Allein nach einiger Zeit kehrte das zu diesem Zweck ausgesandte Mädchen
-zurück und berichtete, daß die Gesuchte weder in ihrem Zimmer noch bei
-den Gästen aus Sorquitten zu finden wäre.
-
-»Das ist merkwürdig,« meinte Johanna sich besinnend, »mir war es doch
-so, als wenn ich noch eben hinter den Fenstern des ersten Stockwerks die
-dunklen Haare meiner Schwester erkannt hätte.«
-
-Und als der Offizier, der sich in seiner Hast vergaß, dieselbe Wahrnehmung
-bestätigte, da hob das Gutsfräulein ein wenig überlegen die Achsel, um
-ihrem neuen Schützling, immer mit derselben Gutmütigkeit, zu raten:
-
-»Also, lieber Herr Leutnant, dann schlage ich Ihnen vor, sich selbst auf
-die Suche zu begeben. Ich darf ja annehmen, daß Sie über die geeigneten
-Schlupfwinkel, Waldhänge und Haselnußhaine auf meinem Gute ausreichend
-orientiert sind. Nicht wahr?« lachte sie plötzlich ganz offen, wobei
-sie sich an der Betroffenheit des Überraschten wie an einem äußerst
-gelungenen Scherz zu weiden begann. »Gehen Sie nur, Fritz Harder, ich bin
-überzeugt, Sie werden das, was Sie suchen, mit militärischer Sicherheit
-finden.«
-
- * * * * *
-
-Fritz Harder folgte einem grünen Schatten. Er sah ihn bald durch die
-braunscholligen Einschnitte hochstehender Weizenfelder dahinhuschen,
-bald glaubte er den flüchtigen Schein wieder rastend an den dunklen
-Einbuchtungen eines träumenden Gehölzes hängen zu sehen. Er suchte ihn
-zu haschen, ja er rief manchmal leise einen Namen, der sein ganzes Gemüt
-ausfüllte, allein immer, sobald er die Stelle erreichte, wo eben die
-Ähren wie nach einer entschwundenen Berührung schwankten, dann fand er,
-daß er von dem trügerischen grünen Schimmer abermals getäuscht sei.
-Allmählich hatte der einsam Wandelnde jene Wiesengrenze erreicht, an
-der sich der schmale Haselnußgang dahinschlängelte. Hier an einer
-halb verfallenen Moosbank, die so oft Zeugin eines heimlichen kosenden
-Geflüsters gewesen, ließ sich der junge Offizier nieder und schickte
-seine Blicke noch spähender als bisher durch das dunkle, wild
-verschlungene Gestrüpp.
-
-Nichts.
-
-Es war wohl nur eine Vorspiegelung seiner nicht mehr nüchternen Sinne,
-daß es ihm wieder vorkam, als ob der grüne Schatten, dem er nachjagte,
-noch eben geschmeidig durch ein Ästegerank hindurchgeschlüpft sei.
-
-Nein, nein, hier gab er sicherlich einem völlig unhaltbaren Verdacht
-nach, der ihm eigentlich nie und nimmer aufsteigen durfte. Lächerlich,
-wie konnte er nur wähnen, daß das Geschöpf, das er für immer an sich
-zu ketten trachtete, gerade in dem entscheidenden Augenblick ihres
-beiderseitigen Daseins ihm in einer unbegreiflichen Laune zu entweichen
-suchte. Ganz sicher, diese ewigen häßlichen Befürchtungen hatten sein
-harmloses Gemüt bereits aus der Bahn gerissen. Zu viel und zu eindringlich
-war von ihm über seine Zeit nachgegrübelt worden, von der er zweifellos
-mit Unrecht argwöhnte, daß sie den oberflächlichen und spielerischen
-Bedürfnissen ihrer Kinder zu gefällig entgegenkäme. Fort, fort damit,
-das wäre ja keine deutsche Frau, der man im Ernst etwas Derartiges
-zutrauen durfte.
-
-Entschlossen, befreit erhob er sich und verlor sich erhitzt in das tiefe
-Gehölz, durch dessen niedriges, eng verschlungenes Dach die Sonnenstrahlen
-nur wie winzige goldene Käfer hindurchkrochen.
-
- * * * * *
-
-An der rissigen Tür des Kuhstalles lehnte die Hofbesitzerin, und während
-über ihr blasses Antlitz noch immer jener still zufriedene Schein
-glänzte, da pochte sie von neuem selbstvergessen gegen das trockene Holz.
-Diesmal aber klang es munter und beschwingt, und der kecke Trommelschlag
-ging allmählich in ein Marschtempo über, so daß jeder erkennen
-konnte, wie zuversichtlich und bestimmt die Gedanken der Gutsherrin über
-Vergangenes und Zukünftiges schweiften.
-
-»So, nu laß aber mal das Trommeln,« forderte plötzlich eine energische
-Stimme neben ihr, und als sie, aus ihren Träumen gerissen, das blonde
-Haupt ein wenig wandte, da mußte sie zu ihrer eigenen Erheiterung
-wahrnehmen, wie der Riese von Sorquitten in seinem gelben Sportanzug
-ebenfalls den mächtigen Rücken gegen die Stalltür drängte; und nun
-stand er mit leicht überschlagenen Beinen da, ohne es jedoch natürlich
-für nötig zu halten, die gewaltigen Fäuste aus den Taschen zu ziehen.
-»Du stellst dir wohl vor,« fragte er ruhig weiter, »wie das hier
-sein wird, wenn das Gesindel von dort drüben auf seinen Kalbsfellen
-Generalmarsch schlägt? Die verfluchten Hunde!« Und während er
-angelegentlich auf seine gelben Schnürstiefel herunterstarrte, murmelte er
-in angenommener Gleichgültigkeit: »Sag mal, Johanna, jetzt könntest du
-doch endlich deine weisen Pläne gefaßt haben. Willst du nun meine alte
-Dame begleiten?«
-
-Es klang durchaus nicht so, als ob der große Mensch in Herzensangst um ihr
-Schicksal bebte. Darin bestand ja ohnehin nicht seine Art, sobald es
-sich um andere handelte. Aber die große Blonde wurde doch von einer
-vorüberhuschenden Rührung erfaßt, als sie sich vorstellte, daß sich
-überhaupt ein Mensch um ihr Wohlergehen bekümmere.
-
-»Fedor,« begann sie deshalb zutraulich, »entdecke mir mal ganz offen,
-lieber Junge, weshalb du dich so bemühst, mich von hier fortzulocken?
-Liegt dir wirklich bloß daran, eine passende Gesellschaft für deine
-Mutter zu finden? Oder wäre es dir im Ernst peinlich, wenn ich durch eine
-fremde Einquartierung Unannehmlichkeiten erführe?«
-
-»Na, natürlich wäre es mir peinlich,« brummte Herr von Stötteritz,
-zog den einen Schuh noch etwas weiter in die Höhe und klopfte sich
-angelegentlich den Staub ab. Und indem er etwas möglichst Gleichgültiges
-zu erfassen strebte, stieß er noch hervor: »Vor allen Dingen möchte ich
-selbstverständlich den Lumpen den Spaß versalzen, einer mir nahestehenden
-Dame hier irgend etwas vorschreiben oder gar befehlen zu wollen.«
-
-»So so, daran denkst du,« meinte Johanna schon um vieles mehr
-ernüchtert. »Wenn ich dir nun aber anvertraue, daß ich an dieses ganze
-Kriegsmärchen keineswegs glaube, was dann?«
-
-Der Riese ließ sich gegen die Stalltür fallen, daß sich ein dumpfes
-Dröhnen erhob.
-
-»Dann erkläre ich dir,« sprudelte er ihr ungehalten entgegen, »daß du
-eine halsstarrige Person bist, die für derartige Dinge nicht das richtige
-Verständnis besitzt.«
-
-»Ach, sieh einmal, was du liebenswürdig sein kannst!«
-
-»Aber ich will ja gar nicht liebenswürdig sein,« schrie jetzt der Riese
-außer sich, der völlig vergaß, daß ihn ursprünglich eine viel zartere
-Absicht hierher geleitet, »ich will ja bloß, daß hier alles nach Ordnung
-und Recht zugeht, damit du keinen Schaden leidest.«
-
-»Dafür danke ich dir,« versetzte Johanna, indem sie wieder in ihre
-kühle und unnahbare Haltung zurückfiel, denn die derbe Weise des
-Rittmeisters empörte sie innerlich. »Aber da ich mir einmal angemaßt
-habe, meine Wirtschaft nach eigenem Gutdünken zu leiten, so mußt du es
-mir auch anheimstellen, ob ich es für richtig halte, mein Anwesen ohne
-Aufsicht zu lassen.«
-
-»Donnerwetter ja,« fuhr jetzt der Riese auf und schlug mit geballter
-Faust gegen das Holztor, »mein Inspektor und ich können das doch auch
-besorgen?«
-
-»Ja gewiß,« wollte die Angegriffene hier abermals einlenken, jedoch der
-völlige Mangel an Selbstbeherrschung, den der Gutsbesitzer so polternd
-bewies, er löschte ihr das Verständnis für die verborgene Gutmütigkeit,
-die seinen Absichten zugrunde lag, von neuem aus. »Ja gewiß, Fedor,« gab
-sie zu, »ich empfinde dein Anerbieten als sehr uneigennützig, aber meine
-Leute sind zu sehr an meine eigene Behandlung gewöhnt, als daß ich sie
-gerade in den Zeiten der Not einer schärferen Methode aussetzen möchte.«
-
-»Aha!« Herr von Stötteritz stieß einen gellenden Pfiff aus. »Daher
-geht der Wind,« lachte er ingrimmig, »du hast unausgesetzt an mir etwas
-herumzutadeln. Die ganze Richtung paßt dir nicht, wie, Cousinchen? Das
-Junkertum, wie du es nennst, das Echt-Preußische? So sage es doch, nicht
-wahr, das kannst du nicht leiden?«
-
-Über der Stirn des Mädchens zogen ein paar Falten auf. Sie sah wieder
-sehr herb und ablehnend aus, als sie jetzt kurz hervorbrachte:
-
-»Ich weiß zwar nicht, was dir an meiner Ansicht liegt, aber wenn du
-darauf bestehst -- nun ja, ich kann mir manches anziehender vorstellen, als
-die von dir bezeichnete Art.«
-
-»So, das wollte ich nur wissen,« knurrte der Herr von Sorquitten, dem
-es trotz der aufsteigenden Enttäuschung so vorkam, als ob er eine
-widerwärtige Schulaufgabe endlich erledigt hätte. »Dann brauchen wir ja
-nicht mehr länger das abgeleierte Thema abzuhaspeln. Du glaubst uns
-nicht und hast wahrscheinlich Ratgeber, die die Lage viel gründlicher
-zu beurteilen vermögen, als solch beschränkte Stoppelhopser. Schön,
-Mariellchen, ich wünsche natürlich in unser aller Interesse, daß diese
-superklugen Leute recht behalten. Inzwischen wirst du mir wohl beistimmen,
-wenn ich für meine alte Dame anspannen lasse. Ich habe vor Tisch nämlich
-dort drüben in Sorquitten noch Verschiedenes anzuordnen. In meiner
-wenig anziehenden Art, natürlich. Na, mir bleibt wenigstens der Trost,
-Cousinchen, daß dir über den schnellen Abschied nicht das Herz brechen
-wird, was?« Damit richtete sich Herr von Stötteritz auf, schüttelte
-sich, als wenn er in der trockenen Luft von einem Platzregen durchnäßt
-wäre, und rief schallend über den Hof nach seinem Kutscher.
-
-Mächtig ausholenden Schrittes suchte er den Hauseingang zu erreichen, um
-seine Mutter von der bevorstehenden Abfahrt zu unterrichten, jedoch mitten
-zwischen den Pfosten sah er sich noch einmal zurückgehalten. Dicht
-neben ihm stand Johanna, und sie griff jetzt rasch nach dem Arm des sie
-Überragenden, um ihn ein wenig hin und her zu zausen, als ob sie den
-Unwirschen zur Besinnung zu bringen wünsche.
-
-»Fedor, du wirst doch wegen einer solch kleinen Meinungsverschiedenheit
-nicht böse sein?« mahnte sie eindringlich.
-
-Der Riese sah sie ungewiß von der Seite an, knurrte etwas
-Unverständliches, aber ihr herzlicher Ton verfehlte nicht den
-beabsichtigten Eindruck.
-
-»Fällt mir ja gar nicht ein,« rang er sich noch immer etwas unwillig
-ab, obwohl ihm dieses verdammte Schuljungengefühl unter ihren Augen nicht
-recht weichen wollte. »Wieso böse? Habe für solche Geschichten wie
-Familienfehde oder dergleichen absolut kein Verständnis. Im übrigen
-bist du ja auch eine ausgewachsene Person, und meine Mutter sagt immer
-›aufgenötigte Suppe schmeckt schlecht‹. Also lassen wir's! -- He,«
-rief er laut aus der Tür heraus, »Friedrich, fahr' mal hier vor,
-ganz dicht ran. Und du, Hans,« wandte er sich in seinem gewöhnlichen
-Befehlshaberton zu seiner Begleiterin, »laß mal auf der Stelle den
-Tritt hinsetzen. Meine alte Dame behauptet sonst wieder, sie wäre keine
-Seiltänzerin. Also allons, Kinder, ein bißchen Musik in die Knochen, und
-dalli, dalli.«
-
-
-
-
-IV.
-
-
-Dicht an der Chaussee, die sich an Maritzken vorüberschlängelte, hart
-an der Grenze eines hochwogenden, schwer nickenden Weizenfeldes, da gab
-es einen lauschigen, einen heimlichen Platz. Ein alter, verkrüppelter
-Kirschbaum senkte hier sein Geäst so niedrig und struppig herab, daß
-unter seinem Dach kühler, wohltuender Schatten wohnte, selbst wenn um ihn
-herum das heiße Sonnenlicht in Wogen über die Landstraße fortspülte.
-Die astumzäunte Rundung war so recht ein Schlupfwinkel, um sich dort
-verkriechen und zwischen den herniederhängenden Zweigen hindurchblinzeln
-zu können, auf alles, was sich auf der Landstraße begab. Hier hatte der
-Rotkopf der Grothe-Marjellen, die kleine Isa, als sie noch kurze Kleider
-trug, oft wie ein Hund zusammengekauert gelegen, und es war ein herrliches
-Vergnügen gewesen, wenn sie den vorüberlaufenden Dorfjungen aus ihrem
-sicheren Versteck heraus kleine Kieselsteinchen gegen die Mützen
-werfen durfte. Hei, und wie gut sie treffen konnte! Ja, das verstand sie
-wundervoll. Und so oft eine der plumpen Kopfbedeckungen in den weißen
-Sand rollte und vom Wind noch überdies wie ein kurbelndes Rad hinweggefegt
-wurde, dann war unter den Kirschbaumzweigen in früheren Zeiten häufig
-ein verdecktes Lachen aufgequollen, ein unbestimmbares, schadenfrohes,
-kaum vernehmliches Jauchzen, das auf Mitleidsempfindungen der versteckten
-Übeltäterin keine allzu bestimmten Rückschlüsse freigab. Inzwischen war
-Fräulein Isa jedoch eine junge Dame geworden. Und wenn auch ihre Gewänder
-noch manchmal wild und zerknittert an der geschmeidigen, gertenhaften
-Gestalt herabflatterten, und obwohl es dem Rotkopf noch immer keine Sorgen
-bereitete, sich gelegentlich unter den alten Kirschbaum mit aufgestützten
-Ellenbogen auf das grüne Wiesengras zu betten, bis die Feuchtigkeit kalt
-an ihrer Brust zitterte, -- seit ein paar Wochen war ihr leider selbst
-diese harmlose Erfrischung von der ältesten Schwester, die so gar kein
-Verständnis für derartige Freuden besaß, verkümmert worden. Eines
-Morgens lehnte nämlich eine grün angestrichene Bretterbank an dem alten
-Kirschenstamm, und seit dieser unwillkommenen Entdeckung saß Isa Grothe
-zur heißen Mittagszeit lässig vornübergebeugt auf dem neuen Sitz und
-ließ ihre braunen Goldaugen gierig auf einem gelben Büchlein in ihrem
-Schoße ruhen, das sie ihrer sorglosen Schwester Marianne heimlich
-entwendet. Himmel, da standen ganz absonderlich verirrte Dinge drin, die
-Fräulein Isa selbstverständlich längst ahnte und billigte, von denen
-sie jedoch nie geglaubt hätte, daß sie das Blut so angenehm aufpeitschen
-könnten. Selbst hier draußen auf dem langweiligen Lande.
-
-Langsam röteten sich die Wangen in dem feinen Gesichtchen, und ab und zu
-riß das junge Geschöpf halb unbewußt heftig an den herniederhängenden
-Zweigen herum, als ob sie unwillig sei oder irgend etwas nicht mehr länger
-erwarten könne. Der Kirschbaum rauschte dann über ihr, und hereinfallende
-Sonnenstrahlen schossen wie weißglühende Pfeile über das gelbe Buch
-fort, bis Fräulein Isa gestört mit der Hand nach ihnen schlug.
-
-Eben zupfte die wohlgepflegte weiße Hand in den Blättern herum, denn
-die Leserin konnte vor fieberhafter Neugier nicht erwarten, die nächsten
-Seiten umzuwenden, da knisterte etwas in den Zweigen, ein Schatten fiel
-dunkel und verdeckend auf das Buch, und die Emporzuckende erkannte mit
-einem leisen Ruf der Überraschung, wie eine Frauengestalt sich eilfertig
-von der Seite durch die herabhängenden Äste hindurchdrängte.
-
-Im nächsten Moment hatte die Kleine zuvörderst das geraubte Buch unter
-die Bank geworfen.
-
-»Marianne!«
-
-»Jawohl, guten Tag, Isa.«
-
-»Guten Tag. Wie kommst du hierher?«
-
-»Ich?«
-
-Die Brust der sonst so unempfindlichen Marianne atmete stark, es schien,
-als hätte sie einen heftigen Lauf hinter sich. Ja sogar der keck
-geschnittene enge Lodenrock zeigte Spuren von Gräsern und Kletten, die an
-ihm hängen geblieben waren. Dazu blitzten die schwarzen Augen, und aus
-den dunklen Haaren hingen ein paar Löckchen regellos in den Nacken hinab.
-Hastig stützte sich das schöne Mädchen mit der Rechten auf die Banklehne
-und beugte sich spähend vor, so daß ihre weiße Leinenbluse beinahe die
-Wange der Schwester streifte.
-
-»Isa,« flüsterte sie hastig, »dort hinten kommt jemand, der mich
-sucht.«
-
-Jetzt warf auch die Jüngere einen schnellen Blick auf den Feldweg, der
-hinter dem Kirschbaum quer auf die Landstraße zustrebte, und ganz fern,
-schon in den tanzenden Sonnennebeln, erkannte sie das gleißende Funkeln
-einer Uniform.
-
-»Ich weiß, wer dich sucht,« sagte sie sehr bestimmt, und in den großen
-Goldaugen schwamm ein Ausdruck, als ob das junge Ding die sonderbare Lage
-durchaus begriffe.
-
-»Jawohl, Fritz Harder,« fiel hier Marianne ungeduldig ein, »wenn er
-dich etwa anreden sollte, dann bitte erzähle nicht, daß du mich gesehen
-hättest. Kann ich mich darauf verlassen?«
-
-Auf diese dringende Frage erteilte die Siebzehnjährige keine Antwort. Aber
-über ihre Wangen ging es wie ein Schauer von Röte und Blässe, und in den
-weit aufgetanenen Augen schimmerte etwas Ernstes, ja beinahe Ängstliches,
-was zu dem schnippischen Wesen der frühreifen jungen Dame kaum zu passen
-schien. Ihre Fäuste ballten sich, und es war ein abschätzender Blick,
-mit dem sie ihre ältere Schwester, die so völlig ihr Gleichmaß verloren
-hatte, vom Kopf bis zu den Zehen musterte. Der kleine zuckende Mund jedoch
-öffnete sich nicht, und so dauerte das unerwartete Schweigen fort.
-
-»Du hast mich wohl nicht verstanden?« drängte Marianne ungehalten
-weiter, und indem die Eilfertige den straff herabgestreckten Arm der
-Jüngeren schüttelte, als wollte sie ihre eigene Gegenwart dadurch
-deutlicher bekunden, schärfte sie der unwillig sich Reckenden mit heißer
-Stimme noch einmal ein: »Du wirst also nicht sagen, daß ich hier vorüber
-ging.« In jähem Übergang preßte Marianne plötzlich ihre Wange gegen
-die der Kleinen, umfing sie mit beiden Armen, drückte sie an sich und
-schmeichelte immer noch mit mühsam erkämpftem Atem: »Nicht wahr, mein
-Liebling, du tust mir den Gefallen? Es ist alles nur ein Scherz, verstehst
-du? Du wirst mich nicht verraten, nicht?«
-
-Da wand sich Isa los. »Ich werde gar nichts sagen,« erklärte sie kurz,
-während sie sich mit einer jugendlich eckigen Bewegung wieder auf die Bank
-niederließ. »Was gehen mich deine Spielereien an?«
-
-Und in einem plötzlichen Rache- und Machtgefühl bückte sich der
-geschmeidige Körper, holte das versteckte Buch hervor und indem sie es
-recht sichtbarlich ins Sonnenlicht hielt, vertiefte sie sich scheinbar
-von neuem eifrig in die unterbrochene Lektüre. Marianne aber zuckte
-geringschätzig die Achsel, als bedaure sie es jetzt, an diese
-Halbwüchsige soviel Verführungskünste verschwendet zu haben, dann
-krümmte auch sie ihre Glieder zusammen, um sich im nächsten Augenblick
-geschickt und tief gebeugt in dem ausgetrockneten Graben von dannen zu
-schleichen.
-
-Kaum war sie verschwunden, da riß Isa die Zweige des Kirschbaums
-auseinander, und während sie ihren Rotkopf hastig durch die Öffnung
-steckte, warf sie der Enteilenden in weitem Schwung ein Erdklümpchen nach,
-das sie vorher von der Rasenfläche aufgelesen. Gleich darauf sank sie
-freilich auf ihrem Sitz zusammen, schlug die Füße übereinander und ließ
-das leuchtende Haupt langsam auf die harte Banklehne sinken. Angestrengt
-schien sie über ein nicht lösbares Rätsel nachzusinnen.
-
-Es waren die Disharmonien des Lebens, die sich vor den Ohren der
-Erwachenden noch nicht einfügen wollten in die bald schauerlichen, bald
-heiteren Melodien, die heimlich und stark in ihr klangen.
-
- * * * * *
-
-Minute auf Minute verrann, die Uniform, auf die die Versteckte harrte, sie
-wollte sich nicht zeigen. Längst hatte sich Isa wieder erhoben, um ihre
-scharfen Blicke hierhin und dorthin schweifen zu lassen, vergeblich. Feld,
-Steg und Wiese blieben leer. Und die Halbwüchsige überlegte. Sollte der
-Offizier etwa noch einmal in das Herrenhaus zurückgekehrt sein? Ei, das
-wäre geradezu prachtvoll, wenn der ahnungslose junge Mensch dann mit der
-anspruchsvollen launenhaften Person womöglich in Gegenwart von Johanna
-zusammenstieße. Denn darin glaubte sich der feine Verstand der Jüngsten
-von Maritzken nicht zu täuschen, daß ein so in sich versunkener
-und ernster Mensch, wie es Fritz Harder war, niemals die verstiegenen
-Ansprüche ihrer eitlen Schwester befriedigen könnte. Ein Geschöpf, das
-beinahe eine Stunde zu einer Frisur benötigte! Und wie dumm und ungebildet
-Marianne im Grunde dahinlebte. Blieb es nicht unbegreiflich, daß ein Mann
-wie Fritz Harder, ein Offizier, der sich den höchsten und entlegensten
-Dingen so ernst und strebsam hingab, war es faßbar, daß ein solcher wie
-bezaubert und entrückt mit brennenden Augen und weit vorgebeugt vor einer
-so lockeren und inhaltslosen Kokette sitzen konnte? Darin bestand also doch
-wohl die Bestimmung und die höchste Macht der Frau.
-
-Und wieder rieselte es kalt an den Gliedern der Versonnenen hinab, und sie
-griff so heftig in die Zweige des Kirschbaumes, als wollte sie ihr eigenes
-sehnsüchtig erwartetes Schicksal auf ihr Kinderhaupt herunterreißen.
-
-»Sagen Sie mal, verehrungswürdige Jugend, für wen gedenken Sie diese
-schönen Weichselkirschen zu pflücken?« schlug plötzlich eine feste
-Männerstimme in den schweren Traum des Mädchens hinein.
-
-Und erschreckt in die Höhe fahrend, erkannte Isa in völliger Verwirrung,
-wie dicht vor ihr auf der Chaussee der geräumige Landauer des Konsul Bark
-hielt. Auf weichen Gummirädern mußte das Gefährt lautlos bis
-hierher gerollt sein, und die beiden Apfelschimmel mit dem strahlenden
-Silbergeschirr riefen wie immer das stürmische Wohlgefallen von Fräulein
-Isa hervor, die sich heimlich für alles, was ein sicher fundierter
-Reichtum bot, begeistern konnte.
-
-»Herr Konsul Bark,« rief sie so liebenswürdig als möglich, nicht jedoch
-bevor sie sich das blaue Leinenkleid halb unbewußt an den schmalen Hüften
-zurechtgestrichen hatte. Immer wieder verfiel sie in den Fehler, dem
-eleganten älteren Manne, der auch jetzt in seinem fast weißen Staubmantel
-und dem grünen Filzhut so überaus gewählt und vornehm aussah, durchaus
-ihre Damenhaftigkeit einprägen zu wollen. »Herr Konsul Bark, kommen Sie
-uns bereits abholen?«
-
-»Zu Befehl, wir haben ja noch zwei gute Stunden zu fahren. Und die
-Toilettenangelegenheiten« -- er beugte sich vor, legte die Hand quer über
-die Augen, um die Sonnenstrahlen abzuwehren, und musterte die Kleine mit
-einem ziemlich sorglosen Blick -- »na, die scheinen mir ja auch noch nicht
-auf dem höchsten Gipfel der Erreichbarkeit angelangt zu sein. Hören
-Sie mal, Rotfüchschen,« meinte er gemütlich weiter, während er an den
-Grabenbord heranschritt und ihr über die Breite die Hand entgegenstreckte,
-als ob er ihr behilflich sein wolle, »Sie schießen übrigens wie Spargel
-in die Höhe!«
-
-Isa hatte schon zum Sprung angesetzt, jetzt zögerte sie plötzlich. Sie
-bettete ihre Hände auf den Rücken, und die Lippen, die so merkwürdig
-rot und blühend aus dem blassen Mädchenantlitz hervorleuchteten, zuckten
-ungehalten über der Zahnreihe.
-
-»Herr Konsul, ich finde,« lachte sie über den trennenden Graben
-herüber, aber es klang doch deutlich der Unmut heraus, »daß mein Haar
-Ihre Phantasie direkt in Aufregung versetzt. Wenn Sie es durchaus nicht
-leiden mögen, so könnte ich ja vor Ihnen immer im Hut erscheinen.«
-
-»Aber liebstes Kleinchen,« beschwichtigte der Konsul ganz verwundert, der
-nicht im Traum daran gedacht hatte, die Jüngste von Maritzken verletzen
-zu wollen, »Ihr Haar ist ja im Gegenteil von erlesener Kostbarkeit.
-Also, wenn ich jünger wäre, würde ich wahrscheinlich Gedichte darauf
-verfertigen. So, nun aber hopsen Sie mal hier herüber, Isa, und setzen Sie
-sich hübsch artig neben mich in den Wagen, ich bitte es mir nämlich als
-besondere Ehre und Vergünstigung aus, die frisch gewaschene, übrigens
-sehr appetitliche blaue Leinenbluse im Trab nach Hause fahren zu dürfen.«
-
-Damit beugte er sich noch etwas schräger über den Graben und ergriff
-ohne weitere Umstände die schmale Jungfrauenhand, die sich ihm plötzlich
-willig und leicht entgegenstreckte. Mit einem Sprung war das Mädchen im
-Wagen. Wohlig schmiegte sie sich in die hellgrauen Tuchkissen und lugte
-abermals verstohlen auf den weißen Staubmantel dicht neben sich, der ihr
-so kleidsam erschien. Lautlos rollte das Gefährt dahin. Als ob es
-über einen Teppich von Samt fortglitte. Es war ein zu eigenartiges und
-köstliches Gefühl, diese weiche Bewegung auf sich wirken zu lassen. Allen
-Gliedern teilte sie sich angenehm und kosend mit. Träumerisch ließ das
-Mädchen die feinen Härchen der Weizenähre, die sie kurz vorher vom
-Grabenbord abgepflückt hatte, in ihrem Handteller kreisen, um sich bei
-klarem Bewußtsein zu erhalten. Gar zu leicht lief man doch Gefahr, unter
-dem wohlig spielenden Sonnenlicht den spinnenden Träumen zu erliegen. Sie
-drehte die Ähre stärker und zuckte ein wenig, als sie den leisen Wirbel
-der Reibung empfand. Und wie frisch und wohlgepflegt der Mann da neben ihr
-aussah! Nur schade, daß seine prüfenden Blicke nicht abließen, musternd
-und schätzend über die gelben Weizenfelder und die eben aufknospende
-Kleefrucht zu schweifen, über der es bereits lag wie ein rötlicher oder
-bläulicher Hauch. Über den Spiegel eines fernen Landsees kreiste im Bogen
-eine Schar vom Meer hierher verschlagener Möwen, und ganz in der Nähe
-taumelte eine Wolke gelber Zitronenfalter über die süß duftende Flur.
-
-»Herr Konsul, hören Sie die Spottdrossel?« begann Fräulein Isa
-empfindsam.
-
-Der Mann im weißen Mantel neigte sich zu ihr, so daß ihm die Kleine ganz
-verwirrt in das schmale Gesicht starren mußte. Aber gleich darauf empfand
-sie, wie seine Finger ihr den gelben Weizenhalm entwanden, um geschickt die
-Ähre ihrer Körner zu berauben.
-
-»Schön,« sagte er befriedigt, »voll und gut schüttend.«
-
-»Hm --«
-
-Die junge Dame im Wagen schlug rasch die Füße übereinander und wippte
-ein wenig mit den braunen Halbschuhen. Es war klar, besonders zarten
-Empfindungen gab sich ein solch älterer Mann nicht hin. Und wie er jetzt
-die gelben Körner von seinen festen braunen Fahrglacés abschüttelte, da
-fielen seiner Begleiterin all die aufregenden Gerüchte ein, die man sich
-schon in der Mädchenschule dort drinnen in der Stadt unweit der Grenze
-erschreckt und erwartungsvoll zugleich über den eleganten Besitzer des
-Goldenen Bechers zugeraunt hatte. Oh ja, sie konnte sich den Konsul ganz
-gut so vorstellen. Und ohne daß sie es selbst ahnte, blieben ihre Augen
-immer größer an den feinen gebräunten Männerzügen haften.
-
-»Na, Kleinchen, ist hier etwas nicht in Ordnung?« erkundigte sich ihr
-Begleiter endlich gestört, indem er mit der flachen Hand ein wenig über
-seine glatte Wange streifte.
-
-Da schrak sie zurück. Herrgott, der Geschäftsmann mußte sie tatsächlich
-für ein absolut albernes Ding halten. Und sehr kühl erteilte sie die
-Antwort:
-
-»Oh nein, Herr Konsul, ich habe gar nicht an Sie gedacht.«
-
-»So, so, Isachen, das ist mir aber sehr schmerzlich. Übrigens, sagen Sie
-mal, mein Kind, schwatzen etwa Ihre Leute auch soviel dummes Zeug über
-einen Kriegsausbruch, der uns nahe bevorstehen soll? Ich hoffe, Ihre
-Schwester Johanna verbietet solche Redereien?«
-
-Als das gefürchtete Wort laut wurde, jene wenigen Silben, die sich gerade
-in dieses verwöhnte Mädchen wie ein fressendes Gift hineinbissen, da
-steigerte sich die in ihr aufgescheuchte Angst bis zu einer Art sausender
-Wahnvorstellung. Kreidebleich mußte sie das Haupt herumwerfen, der
-unbestimmten Gegend zu, von woher die langberockten Reiterscharen
-hervorbrechen konnten. Sie hörte den donnernden Hufschlag, ein
-kreischendes Brüllen schrillte verworren über die ruhigen Wälder,
-und ganz hinten auf der Chaussee ballte sich eine schwarze, auf- und
-niedertauchende Masse zusammen. Verschwunden, fortgewirbelt waren all die
-mädchenhaften Unklarheiten, die sie eben noch so reizend bedrängt
-und beschäftigt hatten. Mit einem klagenden Ruf, aus dem nur eine fast
-irrsinnige Furcht deutlich wurde, umklammerte sie den Arm des Konsuls,
-schmiegte sich ganz dicht an ihn, als ob sie nichts weiter verlange, nichts
-weiter, als nur Schutz und Deckung für ihr bedrohtes Leben, und stammelte
-vollkommen fassungslos:
-
-»Nicht wahr, Herr Konsul, liebster, bester Herr Konsul, es ist doch nicht
-wahr? Es ist doch nicht möglich, daß so etwas geschehen kann? Sagen Sie
-es doch!«
-
-»Herrgott, liebes Kind -- --«
-
-Der aus allen Himmeln gerissene Mann empfand ein wirkliches Mitleid mit dem
-verschüchterten schmächtigen Geschöpf, das im Moment sein Haupt so fest
-und drängend gegen seine Brust bettete, daß er beinahe das Zucken und
-Pochen der Stirnadern zu spüren wähnte. Und aus voller Überzeugung
-begann er laut zu lachen. Nichts hätte so tröstlich auf die aus ihrer
-eingebildeten Überlegenheit Gescheuchte wirken können, wie dieses
-unbekümmerte, kräftige Männerlachen. Wie durch Zauberschlag verstummte
-das unheimliche Dröhnen hinter dem Wagen, und das wirre Gekreisch, das
-eben noch jeden vernünftigen Gedanken niedergeheult, es löste sich auf in
-das sanfte Rollen der Räder.
-
-»Herrgott, bestes Kleinchen,« tröstete sie der Konsul inzwischen in
-ehrlicher Besorgnis weiter, und er achtete selbst nicht darauf, wie er bei
-seinen Bemühungen den Arm um die Schulter der Zitternden legte und ihr wie
-einem kleinen Kinde begütigend die Wangen zu klopfen begann, »hätte ich
-doch niemals geglaubt, daß Sie ein solcher Angsthase sind. Ich versichere
-Sie, es ist ja alles die reinste Torheit. Lieber Himmel, wie soll ich Ihnen
-das nur klar machen? Sehen Sie, Isa, wenn Sie ein Kaufmann wären, wie
-ich, dann würden Sie ja selbst wissen, daß unsere Nachbarn direkt
-ins Irrenhaus gesperrt werden müßten, wenn sie ihren Handel und ihre
-Industrie, die eben erst anfangen sich der allgemeinen Weltwirtschaft zu
-nähern, durch eine solch wahnsinnig heraufbeschworene Unternehmung im Keim
-zu zertrümmern gedächten. Nein, nein, liebes Kind,« setzte er ärgerlich
-über seinen eigenen Ernst hinzu, »das Ganze ist das Geschwätz von ein
-paar gewissenlosen Spekulanten. Also nun Kopf hoch, wie kann sich eine
-wohlerzogene, weltgewandte junge Dame derartig einschüchtern lassen!
-Übrigens,« lenkte er völlig ab, da sie bereits durch das Tor von
-Maritzken fuhren, »da kommt Hans. Nun nehmen Sie mal rasch die Ähre
-aus dem Feuerbrand da oben, ich habe sie Ihnen nämlich aus Versehen
-hineinpraktiziert, denn mir scheint, daß Ihre vortreffliche Schwester
-über derartigen Naturschmuck weniger wohlwollend denkt, als ich. Aber wie
-gesagt, eine ganz merkwürdige Haarfarbe, Isachen! Ganz merkwürdig.«
-
- * * * * *
-
-Zwei Stunden später lenkte der Landauer des Konsul Bark, nachdem er
-wiederum die Stadt passiert, durch die letzte heimatliche Ansiedlung. Auf
-einer Bodenwelle gelegen, lugten die wenigen niedrigen Häuschen zwischen
-allerlei krausem Gestrüpp hindurch, und es war beinahe, als hätte man
-diesen letzten Posten so hoch und einsam aufgebaut, damit er von hier aus
-Wache halten solle gegen die sich unter ihm dehnende unbegrenzte Fläche.
-Drüben, jenseits des schmalen Flusses, der unten an den Ausläufern
-des Buschwerks einen Silberbogen zog, war das ganze Land von rauhen,
-dunkelgrünen Kohlhäuptern besät. Weiter dahinter wurde der
-unbeschreiblich struppige Raum von mächtigen Breiten gelber Weizenfelder
-umrahmt, zwischen denen weder Fußwege noch Chausseen eine Unterbrechung
-herbeiführten. Nur einzelne Gräben liefen gradlinig durch das Land, und
-unter der hellen Sonne blitzte ihre Oberfläche, als wenn klares, weißes
-Wasser, den durstigen Äckern zum Trank, durch sie hindurchglitte. Allein
-dem war nicht so. Die Näherkommenden schraken förmlich zurück vor den
-schwarzen übelriechenden Rußmassen, die mit ihrem undurchdringlichen
-Schlamm die wohltätigen Rinnen verstopften. Es waren die Kohlengewässer
-der nahen Fabriken, und ein ungeheurer Qualm, von der Hitze
-herniedergedrückt, verbarg den Besuchern das winzige Grenzstädtchen,
-dem sie zustrebten, wie hinter einer brodelnden Wand. Durch die drohende
-schwarze Wolke aber, die am Himmel den Umkreis des Städtchens bezeichnete,
-leckten rechts und links, fern und nah lodernde Feuerzungen in den
-qualmigen, sich schiebenden Rauch hinauf, und ein ätzender Brandgeruch
-erfüllte ringsum die Luft. Ein rastloses Kreischen und Surren, ein Rasseln
-und Sausen quoll aus dem unsichtbaren Ort schon aus der Ferne hervor, und
-nachdem der Wagen der Deutschen die breite Holzbrücke des Flusses erreicht
-hatte, die nur noch bis zur Mitte zur Heimat gehörte, da vernahmen die
-Reisenden wie unter lärmendem Poltern knirschende Haufen kleingehackter
-Kohle in die an den Ufern liegenden Kähne hinabgeschüttet wurden.
-
-»Man halte,« schrie etwas mitten von der Brücke.
-
-Genau auf dem Grenzstrich standen zwei Soldaten in langen grüngelben
-Leinenblusen, und dunkelgrüne, breitgerandete Mützen saßen ihnen schräg
-und eingebeult auf den haarigen Köpfen. Und während der eine von ihnen
-mit seinem Gewehr, auf das ein breites Bajonett gepflanzt war, die weitere
-Einfahrt versperrte, indem er die Waffe quer vor seinen Leib hielt, trat
-der andere, ein bärtiges Gesicht, dicht an den Schlag heran und schlug zur
-Einleitung auf die umgeschnallte Revolvertasche. Dem Konsul, der sich
-in seinem Staubmantel herausbeugte, kam es vor, als ob die Grenzwache
-mißtrauischer als sonst ihre Revision vorzunehmen gedächte.
-
-»Hat man Waren im Wagen?« fragte der Wachtmeister in einem schlechten
-Deutsch, obwohl der Konsul sich entsann, daß gerade dieser Beamte ihn
-schon mehrfach bei seinen Besuchen kontrolliert habe. »Fleisch, Zigarren
-oder vielleicht Bücher und Zeitungen?«
-
-»Was sind das für Umstände?« rief der Chef des Goldenen Bechers
-dagegen, der mit Mißbehagen bemerkte, wie in den Zügen seiner
-Begleiterinnen ein ängstliches Befremden aufstieg. »Sie kennen mich doch,
-ich bin der Konsul Bark, und ich und diese Damen sind von Herrn Rittmeister
-Sassin eingeladen.« Und indem er sich mit einer Wendung des Hauptes
-blitzschnell vergewisserte, ob er nicht von den anderen beobachtet würde,
-da langte er rasch in die Tasche des weißen Mantels, um darauf dem
-Grenzsoldaten die Hand zu drücken, als ob es sich um eine besonders innige
-Begrüßung handle.
-
-Der Grenzwächter sah ihm starr ins Gesicht, zuckte die Achsel und wand
-sich dennoch hin und her, als ob er sich Rat zu holen suche, wie in diesem
-Falle weiter zu verfahren wäre.
-
-»Es ist gut,« lenkte er endlich mit jener den Russen eigentümlichen
-Demut vor den Mächtigen ein, »ich sehe, es liegt nichts im Wagen. Aber
-die Herrschaften werden die Gnade haben, mir zu zeigen ihren Paß.«
-
-Jetzt wurde ein leiser Ruf der Überraschung bei den jungen Damen laut,
-und man konnte an den Blicken, die sie sich gegenseitig zuwarfen, sofort
-erkennen, daß sich etwas Derartiges wie die geforderten Papiere keineswegs
-in ihrem Besitz befände.
-
-»Ruhig,« beschwichtigte der Konsul abermals sehr bestimmt, und sich
-von neuem an den Grenzsoldaten wendend, überreichte er ihm sein eigenes
-Ausweisdokument. »Hier, mein Junge,« meinte er begütigend, »hier hast
-du, was du verlangst. Und weil du so ein braver Beamter bist, so werde
-ich dich dem Herrn Rittmeister Sassin -- meinem Freunde,« setzte er sehr
-nachdrücklich hinzu -- »besonders empfehlen. Aber nun halte uns hier
-gefälligst nicht länger auf, denn es ist kein angenehmer Aufenthalt in
-diesem Kohlenstaub für meine Damen. Verstehst du?«
-
-Lässig, als wäre alles in Ordnung, gab der Kaufmann seinem Kutscher
-das Zeichen zum Weiterfahren. Allein ehe die Pferde sich noch in Bewegung
-setzen konnten, faßte der Mann mit dem Revolver zögernd in die Zügel und
-schritt noch einmal unter starkem Kopfschütteln an den Wagenschlag.
-
-»Es sind Vorschriften,« brachte er immer noch mit einer halben Verbeugung
-heraus, »die Frauen müssen zurück.«
-
-»Wie? Ist das Ihr Ernst?« rief der Geschäftsmann, indem er in
-aufsteigendem Zorn mit der flachen Hand auf die Fenstereinfassung schlug.
-
-In dem Wagen fuhren ein paar erregte Frauenstimmen im Wechsel
-durcheinander, und zitternde Finger schmiegten sich verstohlen um den Arm
-des Konsuls. Sie gehörten Isa, deren schreckhaft erweiterte Augen in immer
-stärker sich regender Bangigkeit alles in sich tranken, was sich ihnen
-auf der halb zersplitterten Holzbrücke darbot, von den dicken viereckig
-zugeschnittenen Haaren der Soldaten angefangen, bis zu dem breiten in einem
-fahlen Glanz funkelnden Bajonett des zweiten Grenzwächters, der ihnen noch
-immer breitbeinig und ohne eine Miene zu verziehen, den Einlaß sperrte. In
-die Stirn des Mannes im weißen Staubmantel war inzwischen eine Blutwelle
-gestiegen. Unbewußt zupfte er an dem kurzgeschnittenen braunen Schnurrbart
-herum, bis er plötzlich aus dem Wagen sprang, so daß er jetzt ganz dicht,
-fast Brust an Brust gegen den Russen aufragte. Der legte abermals unter
-einer Verbeugung die Hand an die breite Mütze, zuckte die Achsel und
-starrte dann den drei schönen Mädchen halb betrübt und halb bedauernd
-ins Gesicht. Ihren Begleiter jedoch durchschnitt zum erstenmal ein
-merkwürdig beklommenes Gefühl. Das weite struppige Land vor ihm dehnte
-sich so sonderbar schweigend und geheimnisvoll, als wäre es eine riesige
-Bühne, die nur deshalb in solch menschenvereinsamter Leere lauerte, weil
-über sie hinweg bald ungeheure Züge des Weltgeschehens dahinschreiten
-sollten. Dazu die unsichtbare Stadt, das schneidende Sausen und Rollen
--- nein, es ließ sich nicht leugnen, eine kurze Sekunde war der Kaufmann
-völlig befangen von einer heranschleichenden Ahnung, die sich ihm
-bleischwer an alle Sinne hing. Spähend blickte er auf die schwarzen
-Gestalten der Kohlenablader hinunter, und auch in ihren schweißigen
-und stumpfen Gesichtern glaubte der aus seiner Sicherheit Aufgescheuchte
-dasselbe unauffindbare Rätsel zu lesen.
-
-Verwünscht!
-
-Wenn ihn die Damen jetzt aufgefordert hätten, den Wagen wenden zu lassen,
-um sich in den Schutz der Heimat zu begeben, die ihre letzten grünen
-Büsche so vertraulich nah bis an das Flußufer heranschob, in der Tat, er
-hätte nicht gezögert. Er wandte sich, und unwillkürlich trafen seine
-und Isas Blicke zusammen. In den feinen blassen Zügen des Mädchens schien
-wirklich jene unausgesprochene Bitte zu wohnen, ja die sich wie im Frost
-bewegenden Lippen wagten vielleicht nur den brennenden Wunsch nicht zu
-äußern.
-
-Da klirrte etwas auf der Brücke. Ein scharfes Sporengeläut begann zu
-singen und zu gleicher Zeit schlugen die Grenzwächter auffahrend an
-ihre Säbel und führten die rechte Hand salutierend und breit gegen
-ihre Mützen. Der Wachtmeister wurde von einer hohen Männergestalt
-im dunkelblauen Waffenrock unsanft beiseite geschoben, und vor dem
-überraschten Handelsherrn stand säbelrasselnd der Rittmeister Sassin,
-lächelnd über das ganze rote Gesicht und unstreitig gewillt, seinen
-deutschen Gast in die Arme zu schließen. Schmetternd, aus voller Brust,
-klang sein Bewillkommnungsgruß:
-
-»Rudolf Bark, mein einziger Freund,« schrie der Russe, und dabei klopfte
-er dem Ankömmling mit seinen feinen weißen Glacéhandschuhen in einer
-halben Umschlingung schallend auf den Rücken, »die zehntausend Heiligen
-von Kasan haben mein Gebet erhört. Sie sind da -- ohne Zweifel, sind da
--- =à quatre heure=, Punkt vier. Man muß sagen, diese Deutschen wohnen in
-einer Uhr.«
-
-Damit trat der Russe strahlend an das Gefährt heran, fing blitzschnell
-auf, wie die begehrte Brünette in ihrer prachtvollen Haltung auf dem
-Vordersitz lehnte und verbeugte sich darauf so tief, daß seine breite
-blaue Mütze beinahe den Fensterschlag streifte.
-
-»Ah, meine Damen, Leo Konstantinowitsch Sassin seien Ihr entzückter
-Diener. Sie sehen mich =au comble du bonheur=! Ich habe auf meine kleine
-=maison= nicht vergebens aufgezogen die grün-weiße Fahne, denn die ganze
-Stadt und das gesamte Offizierskorps seien durch einen solchen Besuch
-geehrt. Ich werde nie vergessen an so viel Freundlichkeit.«
-
-Bei den letzten Worten hatte sich der Offizier den mächtigen rotblonden
-Schnurrbart zurechtgestrichen, jetzt versuchte er, die auf dem Wagenschlag
-ruhende Hand der Ältesten von Maritzken an seine Lippen zu führen.
-Allerdings erfolglos. Denn ohne im geringsten verletzend zu wirken, entzog
-ihm Johanna die begehrte Rechte und drohte ihrem Gastgeber leicht mit dem
-Zeigefinger.
-
-»Herr Rittmeister,« äußerte sie in ihrer gewohnten liebenswürdigen
-Ruhe, »es ist wirklich beinahe ein halbes Wunder, daß Sie uns bei sich
-sehen. Denn erstens trug ich, die ich für meine Schwestern verantwortlich
-bin, längere Zeit Bedenken, ob wir überhaupt Ihrer freundlichen Einladung
-folgen dürften, und zweitens bedeuteten uns soeben Ihre Grenzwächter,
-daß Rußland keinen besonderen Wert auf unsere Anwesenheit lege, ja, daß
-wir schleunigst wieder zu verschwinden hätten.«
-
-»Wie? Was? verschwinden?« fuhr der Offizier in die Höhe und dabei packte
-er bereits den betroffenen Wachtmeister an der Brust und schüttelte ihn
-empfindlich hin und her. »Hast du gehört? bist du nicht die größte
-Seuche, die unsere große Mutter befallen hat? Du Moschusochse, weißt du,
-was dir bevorsteht?«
-
-Es mußte eine fürchterliche Zukunft sein, die dem Braven angedroht wurde,
-denn er begann am ganzen Leibe zu zittern und faltete demütig die Hände
-über der Brust.
-
-»Väterchen Rittmeister,« stammelte er, »der verschärfte Befehl ist
-gestern abend erst vom Herrn Oberst ausgegeben worden.«
-
-»Ich werde dich gleich bei Väterchen Rittmeister,« schrie Leo Sassin
-halb lachend, während er jedoch seinem Soldaten mit geballter Faust einen
-Stoß vor die Brust versetzte, daß jener bis an das Brückengeländer
-taumelte, »danke Gott, du Hund, daß ich vor diesen Damen, die
-du beleidigt, kein Exempel statuieren will.« Und sich zu Johanna
-zurückwendend, vor der er sich noch einmal entschuldigend verneigte,
-setzte er augenzwinkernd hinzu: »Gnädigste, ich schätze mich
-glücklich, daß ich noch zu rechter Zeit kam, um meinen Gästen weitere
-Unannehmlichkeiten zu ersparen. Die übrigen Freunde sind bereits in kleine
-=maison= versammelt und erwarten ungeduldig das Erscheinen von deutsche
-Damen, die uns so viel Ehre schenken wollen. -- Der Wagen passiert,«
-schrie er mit furchtbarer Stimme dem zweiten Soldaten zu, der teilnahmslos
-diese ganze Szene beobachtete. »Scher' dich aus dem Wege. Meine Damen,
-Sie gestatten, daß mit meinem Freunde Rudolf Bark neben Equipage
-einherschreite. Wir überqueren hier nur Eisenbahn -- und gleich sind Sie
-dann =au milieu de mon logis de garçon célibataire=.«
-
-Befehlend gab er einen Wink, die Soldaten traten zurück, drückten sich
-beinahe scheu gegen das Geländer, und der Landauer setzte sich, von den
-beiden Herren zur Rechten geleitet, unter lautlosem Rollen in Bewegung. Und
-während der Rittmeister sich unaufhörlich glücklich pries, so erlesene
-Fremde in das elende Städtchen -- diesen Schweinekoben, dieses
-triefende Gefängnis -- eskortieren zu dürfen, da ging es über breite
-Eisenbahnschienen hinweg, die man durch kein Gitter zu schützen versucht
-hatte, und tief abschüssig stürzte dann der Weg sofort auf einen
-holprigen Platz hinab, der von niedrigen, rauchgeschwärzten Häusern
-umstellt war und ebensogut einen großen Hof als einen verunglückten
-Marktplatz vorstellen konnte.
-
-»Der Platz sieht aus wie ein Mund voller Zahnlücken,« flüsterte Isa
-sehr treffend ihrer Schwester Marianne zu und wies auf die klaffenden
-Höhlungen zwischen den einzelnen Gebäuden, hinter denen bereits wieder
-das kohlstruppige Feld sichtbar wurde.
-
-Das Surren und Sausen der Treibriemen schrillte hier stärker, und die
-betroffenen Gäste bemerkten, wie aus dem ersten Stockwerk einer Fabrik,
-die sich augenscheinlich mit der Herstellung von Porzellan befaßte,
-unausgesetzt eine staubige Mehlmasse herabdampfte. Ohne auf diese
-Überschüttung zu achten, durch die ihre Kleidung mit schmutzigem Puder
-bestreut wurde, lungerte mitten auf dem Markt eine Schar langberöckter
-Männer und Jünglinge herum in hohen Wichsstiefeln und mit niedrigen
-schwarzen Tuchmützen auf den Köpfen. Aufgeregt und von allerlei Gesten
-begleitet fuhr hier das Gespräch hin und her. Die jüdischen Einwohner,
-die man sofort an ihrer lockigen Haartracht erkannte, warfen merkwürdig
-befremdete Blicke auf das deutsche Gefährt, als wenn die Ankunft desselben
-ein besonders aufregendes Ereignis bildete. Und wieder beschlich den Mann
-im weißen Mantel, der anscheinend so heiter plaudernd neben dem russischen
-Offizier einherwandelte, jenes unerklärliche nagende Mißtrauen.
-
-Und dem unerträglichen Zwange unterliegend, griff er plötzlich unter den
-Arm seines Begleiters, und indem er alle Zurückhaltung beiseite setzte,
-richtete er an den munteren Offizier ohne Übergang die sehr ernste und
-nachdrückliche Frage:
-
-»Leo Konstantinowitsch, verübeln Sie mir meine Neugierde nicht, aber
-spricht man hier bei Ihnen gleichfalls von einem Zwist, der zwischen
-unseren Völkern in der nächsten Zeit schon durch Waffengewalt entschieden
-werden müßte? Sagen Sie mir bitte die Wahrheit, ich fühle mich
-verantwortlich für meine Damen.«
-
-Wie von einem Schlag getroffen machte der Russe halt, zwinkerte heftig
-mit den Augen, um gleich darauf kräftig mit dem rechten Arm eine weite
-kreisrunde Bewegung zu vollführen, als wünsche er die ganze Stadt zum
-Zeugen seiner Antwort aufzurufen.
-
-»Aber Rudolf Bark, mein einziger Freund,« rief er mit einem ihn
-erschütternden Lachen, »ist ja nur Geschwätz von verdammten
-Gazettenschreibern, die in der Hölle ihre Strafe finden werden.
-Blicken Sie sich doch um, wir verbergen Ihnen nichts. Hier wird überall
-gearbeitet, Porzellan wird gemacht, Kohle gefördert und Zigaretten und
-Bonbons fabriziert. Wo sehen Truppenansammlungen? Im Vertrauen, unsere
-Kasernen stehen halb leer. Und wenn Sie es wissen wollen, ich selbst nehme
-in einigen Tagen einen mehrwöchentlichen Urlaub, um in Petersburg meine
-angegriffene Gesundheit etwas aufzufrischen. Sieht so Volk aus, das sich
-auf Krieg vorbereitet? Und vor allen Dingen, Rudolf Bark, würde ich
-mir erlaubt haben, Sie und die wunderschönen Damen von Maritzken zur
-Einweihung von meine kleine =maison= zu invitieren, wenn Sie sich dabei
-der geringsten Gefahr aussetzen könnten? Kommen Sie, kommen Sie, wir haben
-Sprichwort, das lautet: ›Der Säbel schläft‹. Ich hoffe, Sie haben
-sich überzeugt, bei uns schläft er so tief, daß er ist gar nicht
-aufzuwecken. Deshalb, mein einziger Freund, verderben Sie uns nicht Laune
-durch philosophische Untersuchungen. Und hier, Rudolf Bark,« unterbrach er
-sich in strahlendem Besitzerstolz, indem er gleichzeitig diensteifrig den
-Schlag aufriß, »hier stehen wir vor kleine =maison=, und Sie sehen, auf
-Dach ist aufgezogen russische und deutsche Flagge zugleich.«
-
-Damit wandte er sich, führte zwei Finger der geballten Faust gegen die
-Lippen und ließ einen Pfiff erschallen, der einer Lokomotive Ehre gemacht
-haben würde. Auf dieses Zeichen stürzten auch sofort zwei in grüne
-Halblivreen gekleidete Diener aus dem Hause, denen man ohne große
-Mühe die für den Hausdienst kommandierten Soldaten anmerkte. Zwischen
-schlotternden weißen Wollhandschuhen schleppten die wohlfrisierten Männer
-einen schmalen, nagelneuen Teppichläufer heraus, und auf eine bezeichnende
-Fußbewegung des Rittmeisters hin bückten sie sich auf den Erdboden, um
-das Gewebe über die schmutzige schwarze Gosse bis dicht an den Tritt der
-Equipage auszubreiten.
-
-»Gegrüßt die Freunde des Herrn,« murmelten beide.
-
-›Die kleine =maison=‹ war eine allerliebste zierliche Villa, unter
-deren rotem, mehrfach unterbrochenem und abgesetzten Ziegeldach leise
-Rundungen der Außenwände jenem fast unmerklichen Rokokostil zustrebten,
-der so anmutig und spielerisch zugleich wirkt. Zwischen zwei schlanken
-Säulen führten einige Stufen empor, und kaum waren diese überschritten,
-so befanden sich die deutschen Gäste in einem halbrunden Vestibül, das
-ganz in matten weißen Farben gehalten war. Nur wunderlich, daß das
-zarte Schmuckkästchen den Eingang zu einem Junggesellenheim bildete, viel
-befremdlicher, weil das ganze Haus von der fernen Regierung in Petersburg
-errichtet sein sollte. Noch waren den Damen von den Dienern ihre seidenen
-Mäntel kaum abgenommen, und eben standen sie vor einem schmalen, in der
-Hinterwand einer Nische eingelassenen Spiegel, um ihren Toiletten die
-letzte Vollendung zu verleihen, als auch schon ihr militärischer Wirt
-in erneute Bewunderung ausbrach. Wortreich versicherte er, wie die
-ruhige Eleganz der deutschen Kleider alles überstrahlen müßte, was die
-Garnisonsdamen dort drinnen in dem Salon an seidenen Fähnchen auf sich
-vereinigt hätten. Und dann diese unnahbare Würde und Strenge! Zweifellos,
-man konnte es mit tausend Eiden bekräftigen, jede deutsche Frau eine
-Fürstin, nein, weit gefehlt, eine Königin, eine Kaiserin. Es sei direkt
-lächerlich, welch ein tiefer Respekt, ja welch knabenhafte Beschämung
-selbst den verwegensten Reitersmann in der Nähe solch einer Nemza
-heimsuche. Als der Rittmeister in diesem Begeisterungstaumel schwelgte,
-hatte er gerade seinen Platz hinter der abgewandten Marianne gefunden, die
-ihre wohlgebildete Gestalt selbst mit einem heimlichen Genuß bespiegelte.
-Und der weiße Nackenausschnitt, der sich aus der stahlblauen Seide ihres
-Gewandes leuchtend erhob, er zog die Blicke des Hausherrn so stark auf
-sich, daß alle seine Lobeserhebungen nur noch in wirre Worte ausklangen.
-
-»Köstlich -- exquisit -- superb!«
-
-Und Johanna, die mit sich selbst beschäftigt war, sah nicht, wie ihre
-dunkle Schwester, entzückt über den berauschenden Eindruck, den sie
-hervorrief, dem Spiegelbild ihres Gastgebers mit einem besonders reizenden
-Lächeln zunickte. Aber der Konsul und Isa bemerkten es, und sie warfen
-sich einen Blick zu, den nur aufeinander abgestimmte Menschen zusammen
-austauschen. Es war ganz seltsam, der reife, vielerfahrene Mann, dem die
-Frauen die gefährlichsten ihrer Künste längst verraten hatten, und das
-ahnende unreife Mädchen, sie wurden durch ihren scharfen Verstand wie
-alte Gefährten zusammengeschlossen, die sich auch ohne Worte über die
-heikelsten Dinge zu verständigen vermögen.
-
-»Sagten Sie etwas, Herr Konsul?« fragte Johanna.
-
-»Nein, lieber Hans.« Er warf dem Rotkopf einen warnenden Blick zu, der
-sie zum Schweigen verpflichtete. »Kommen wir.«
-
- * * * * *
-
-In dem braun getäfelten Herrenzimmer endigte zu demselben Zeitpunkt, als
-der Wagen der Deutschen die Vortreppe der Villa erreichte, ein lebhaft
-schwirrendes Gespräch. Die französische Konversation erstarb wie durch
-Zauberschlag, und Herren wie Damen zogen sich möglichst unauffällig an
-die heruntergelassenen Fenstervorhänge heran, um die Aussteigenden gleich
-unter dem ersten Eindruck richtig abschätzen zu können.
-
-Das war natürlich von höchster Wichtigkeit.
-
-Als auf dem Tritt der weiße Schuh von Isa sichtbar wurde, warfen sich
-die jüngeren Offiziere unwillkürlich in die Brust und strichen ihre
-Waffenröcke glatt. Zu einem unverhohlenen Murmeln des Beifalls jedoch
-steigerte sich das männliche Interesse erst, wie gleich darauf Marianne,
-kaum auf die dargereichte Hand des Konsuls gestützt, mit einer ihrer
-lässigen Bewegungen den Wagen verließ. Dies veranlaßte freilich eine
-sehr untersetzte rundliche Dame, die Gattin des Zivilgouverneurs Bobscheff,
-die über ihre hervorquellenden Pausbacken kaum noch mit heftig zwinkernden
-Äuglein herüber zu blinzeln vermochte, ein Urteil zu fällen, von dem sie
-infolge ihrer bevorzugten Stellung erwarten durfte, daß es dem gesamten
-Kreis fernerhin als Maßstab zu dienen hätte.
-
-»Gott,« flüsterte sie als eine Art Selbstbekenntnis, indem sie ein
-mächtiges Schildplattlorgnon vor die halbgeschlossenen Augenritzen
-führte, »sie sieht aus wie die Tänzerin Litwina Dimitrewna aus Moskau.«
-
-»Ah,« sagte an dem anderen Fenster die junge Frau des Obersten Geschow
-aus Mariampol, deren feingliedrige Gestalt noch mehr als ihr zigeunerhaft
-gelber Teint oder die schwimmenden braunen Augen ihre tatarische Abkunft
-verrieten, »ist das nicht jene Balletteuse, über die ich neulich in der
-Nowoje Wremja las, daß sie herrliche Brillantbänder um die Fußknöchel
-zu tragen pflegt?«
-
-»Maria Paulowna,« entgegnete die Zivilgouverneurin mit einem ganz leisen
-Verweis, denn der Rang der Obristin war von dem ihren nicht wesentlich
-unterschieden, »ich nehme an, daß Sie vor den Extravaganzen solcher
-Weiber den gleichen Abscheu hegen wie ich.«
-
-»Lieber Himmel, man interessiert sich,« verteidigte sich die junge
-Tatarin, wiegte sich in den Hüften und gab über ihre Schulter hinweg
-einem hinter ihr weilenden jüngeren Offizier ein anmutiges Zeichen, er
-möge ihr eine Zigarette reichen. »Man genießt in unseren weltverlorenen
-Garnisonstädten ja keine andere Abwechslung, als die Lektüre.«
-
-Die Offiziere stimmten der geschmeidigen, anziehenden Mariampolerin durch
-ein beifälliges Gemurmel unbedingt zu. Frau Bobscheff jedoch, die ihre
-lokale Würde gefährdet sah, pustete Luft von sich und lenkte dann etwas
-sanfter ein:
-
-»Man hört jetzt soviel von dem sittlichen Verfall der Jugend in unserem
-heiligen Rußland. Über die Ursachen hat eben jeder seine eigene Ansicht.
-Nicht wahr, Wladimir Petrowitsch?« wandte sie sich an ihren Gatten, der
-lang wie eine Telegraphenstange hinter ihr stand und nun sein von
-weißen borstigen Haaren gekröntes Raubvogelantlitz willfährig zu
-ihr herunterneigte, »nicht wahr, Wladimir Petrowitsch,« verlangte sie
-befehlend, »ich verfechte oft diese Ansichten?«
-
-Auf diese Aufforderung, der sich der demütige Herr in Gegenwart so vieler
-anderer nicht zu entziehen vermochte, räusperte sich der Gouverneur
-erst hörbar, dann zog er sein Taschentuch, wischte den Mund und brachte
-schließlich in seiner merkwürdig schüchternen, kratzbürstigen
-Heiserkeit hervor:
-
-»Ganz recht, Tatiana. Seitdem du die Kurse in dem Frauenlyzeum besuchst,«
--- hier wischte er sich wieder den Mund -- »seitdem ist deine Kenntnis
-sozialer Zustände sehr beachtenswert.« Von neuem krächzte er und
-suchte mit den dürren Fingern krampfhaft unter dem Frack mit den goldenen
-Knöpfen nach einem isländischen Bonbon. »Ich komme leider wegen der
-vielen Arbeiten in unserem Kohlenrevier nicht dazu, mich mit derartigen
-Dingen zu beschäftigen,« schloß er vollkommen heiser, »aber ich hege
-Ehrfurcht vor ihnen.«
-
-»Gut,« lobte die Gouverneursfrau und richtete sich ein wenig auf
-den Zehen empor, »es freut mich, daß du dies äußerst, Wladimir
-Petrowitsch.« Und mehr für den ganzen Kreis berechnet, setzte sie noch
-hinzu: »Der Mutter Gottes sei Dank, die Harmonie unserer Anschauungen ist
-beinahe eine vollkommene.«
-
-Die anwesenden jüngeren Zivilbeamten, die der Zucht des Herrn Bobscheff,
-dieser wandelnden Giraffe, unterstellt waren, verbeugten sich hier
-beifällig, nur Alexander Diamantow, ein schwarzhaariger Bergbaustudent,
-der hier in den Kohlengruben sein Studium abschließen sollte, und von dem
-man behauptete, daß er ein übergetretener Jude sei, er verzog in einer
-Ecke sein melancholisches Antlitz zu einem leisen Lächeln. Er erinnerte
-sich daran, wie er bei seiner Antrittsvisite bei den Bobscheffs bereits vor
-den Türen des Dienstgebäudes ein wildes Gekreisch vernommen, und daß
-ihm auf seine Frage ein herumlungernder Polizeibeamter anvertraute, die
-Gouverneurin suche im Moment ihren Gatten zu ihren Ansichten zu bekehren.
-Und Diamantow wußte, daß eine solche Bekehrung nicht immer leicht
-gewesen sein müsse. Denn Herrn Bobscheffs Schwäche gegen wohlgebaute
-Bittstellerinnen war im ganzen Gouvernement bekannt. Daher datierten auch
-die Ermittlungen, welche die umfangreiche Tatiana über den Verfall der
-Sitten im heutigen Rußland angestellt hatte. Der junge Bergbaustudent
-stützte an dem verlorenen Tischchen in der Ecke das Haupt in die Hand,
-so daß ihm die wirren schwarzen Haarsträhne in die Stirn fielen, und in
-seiner unruhigen Seele klangen die Ansichten und Meinungen wieder, die
-sich hier noch eben bekämpft hatten, bevor das samtne Rollen des deutschen
-Gefährts hörbar wurde. Denn auch vor ihrer Ankunft hatte das Gespräch
-bereits den fremden Gästen gegolten.
-
-»Es wird Zeit,« hatte der Hausherr geäußert, indem er sich nur mühsam
-einem Geplänkel mit der hübschen Regimentskommandeuse aus Mariampol
-entriß, obwohl Sassin nach Diamantows Ansicht nicht ahnte, daß die
-Tatarin den Dragonerrittmeister wegen seiner nur oberflächlich lackierten,
-fast dörflichen Unbildung innerlich verachtete, »es wird Zeit, meine
-Herrschaften, daß ich den Deutschen bis an die Brücke entgegengehe. Die
-kopflosen Hunde, die man dort postiert hat, könnten uns sonst leicht
-einen Strich durch die Rechnung ziehen. Außerdem -- der Kaufmann, den ich
-erwarte, besitzt verteufelt helle Augen. Sie alle werden gut daran tun,
-sich gegen ihn recht vorsichtig zu benehmen.«
-
-»Ist er jung?« fragte Maria Geschowa.
-
-»Hm,« erwiderte der Dragoner etwas gestört, denn er ärgerte sich über
-die Funken, die in den Zigeuneraugen der jungen Frau aufblitzen konnten,
-»er steht so auf der Grenze, wo man selbst nicht weiß, ob man jung oder
-bejahrt ist. Jedoch er hat früher viele Abenteuer gehabt.«
-
-»Von den Deutschen,« meinte Frau Bobscheff betrübt, und sah aus ihren
-verkniffenen Augen wie in Scham an ihrer Tonnengestalt herab, »von diesen
-verwünschten Heiden sind unsere guten altväterlichen Sitten von Grund aus
-verdorben. Gönnen sie selbst der ehrbarsten Frau ihren Frieden? Kennen die
-schamlosen Tiere überhaupt die Heiligkeit der Ehe? Was denkst du darüber,
-Wladimir Petrowitsch?«
-
-Die Giraffe schnäuzte sich und wandte den langen Hals hin und her, um
-zu beobachten, wie weit die Lächerlichkeit, in die er geriet, von diesen
-neugierigen Spionen etwa festgestellt werden könnte. Da sich aber nichts
-anderes ereignete, als daß dieser verwünschte heimliche Jude Diamantow
-sein verletzendes Räuspern ausstieß, für das der Beamte ihn schon
-gelegentlich büßen lassen würde, so fuhr sich der Gouverneur über die
-borstigen weißen Haare und erwiderte dem kleinen dicken Ei, das sich so
-unangenehm an ihn lehnte, mit ernster Feierlichkeit:
-
-»Es ist ja bald so weit, meine Liebe, daß wir den unsauberen Stall dort
-drüben reinigen werden. Sei überzeugt, unsere Verwaltungsmethoden, die
-der heiligen Kirche einen so breiten Platz einräumen, können auch dort
-drüben ihre Wirkung nicht verfehlen.«
-
-Der Rittmeister stand bereits in der offenen Tür, wo ihm von einer der
-grünen Livreen die blaue Militärmütze sowie ein paar weißer Handschuhe
-gereicht wurde. Während des Aufstreifens der Glacés aber warf er noch
-einmal warnend zurück:
-
-»Nicht wahr, meine Herrschaften, Sie denken daran, nach meiner Rückkehr
-nicht die geringsten Andeutungen mehr. Es liegt alles daran, die Nemzows
-total zu überraschen. Bitte, Maria Geschowa, wollen Sie diesen meinen Wink
-auch untertänigst Seiner Durchlaucht dem Fürsten Fergussow hinterbringen.
-Er probiert dort drinnen in dem kleinen Mahagonizimmer zusammen mit Ihrem
-Gatten, dem Herrn Oberst, mein neues Billard. Also wie gesagt: Vorsicht!
-Und nun, =au revoir, mes chers=!«
-
-Damit verneigte sich die kräftige Gestalt, und man hört seine Sporen
-gleich darauf über die Steinstufen klirren. Allein der Hausherr hatte
-das Kommende, Unbestimmte, das in der Luft schwebte und die Stirnen
-der Menschen wie mit Geisterhänden schmerzhaft zusammenpreßte,
-dieser verwünschte stiernackige Sassin hatte es in seiner bäuerlichen
-Ahnungslosigkeit so sicher und ohne die geringsten Skrupel als etwas
-Feststehendes hingemalt, daß der klobige Stein nun mitten in der Stube
-lag, und jeder sich an ihm die Füße wundstoßen mußte.
-
-Da waren besonders zwei Herren in schwarzen Gehröcken mit sehr
-deplacierten weißen Krawatten, die bei den letzten Worten des Rittmeisters
-kreidebleich wurden, um darauf völlig nervös, jeder für sich, durch die
-Gesellschaft zu irren. Es waren die Gebrüder Miljutin, Millionäre, denen
-die große Porzellanmanufaktur gehörte, wo sie zahlreiche Deutsche in
-ihrem Betriebe beschäftigten. Namentlich die Blumenzeichner mußten sie
-gezwungenermaßen aus dem Nachbarstaat engagieren, weil die Ideen der
-einheimischen Künstler als zu verworren und phantastisch auf dem Weltmarkt
-keine Geltung besaßen. Die beiden Gehröcke sprachen bald diesen, bald
-jenen an. Immer deutlicher perlte ihren Besitzern der Angstschweiß auf der
-Stirn.
-
-»Ist es denn nun absolut sicher und beschlossen?« fragte der ältere von
-ihnen, ein beleibter Herr mit einer goldenen Brille, der etwas hinkte, und
-dabei vergaß er sich in seinem Entsetzen so weit, daß er an einem der
-metallenen Frackknöpfe des Gouverneurs leichtsinnig zu drehen begann,
-ein Versehen, das er freilich durch eine überschwenglich tiefe Verbeugung
-sofort wieder sühnte, »ist es denn nun absolut sicher, Exzellenz, daß
-unser Reich dieses ungeheure Wagnis unternimmt?«
-
-Hier wurde von den Offizieren laut gelacht, und selbst die Damen zuckten
-mitleidig die Achseln. Ja, gerade die Frauen schienen das rot umnebelte
-Abenteuer kaum noch erwarten zu können. Es lag soviel Spannungsvolles
-darin. Und dann -- man wurde doch herausgerissen aus der Stille, die
-langweilig und drohend zugleich über dem riesigen endlosen Lande
-herniederdrückte, von dem ein Ende das andere nicht kannte. Auch die
-bohrenden Grübeleien über dies und jenes hörten mit einem Schlage auf,
-und vor allen Dingen -- man würde endlich, endlich den hochmütigen,
-vielbeneideten Nachbarn beweisen können, wo der junge, der zukunftsfrohe
-Gebieter der Welt säße.
-
-»Stellen Sie sich vor,« gab Herr Miljutin der Ältere dem Gouverneur
-Bobscheff ängstlich zu bedenken, indem er beinahe flehend in das
-Raubvogelangesicht des anderen hinaufstarrte, »meine Fabrik -- ich werde
-sie schließen müssen. Die einheimischen Arbeiter werden eingezogen, und
-auf die Frauen und Mädchen ist kein Verlaß.«
-
-»Oh,« krächzte Herr Bobscheff, und es klang, als ob man eine Handvoll
-Glasscherben gegen eine Fensterscheibe drücke, »es befinden sich unter
-Ihren jungen Mädchen ein Paar recht kräftige und wohlgebaute.«
-
-Frau Bobscheff zuckte zusammen, soweit dies ihre unglückliche Figur
-zuließ.
-
-»Wladimir Petrowitsch,« erinnerte sie in erhobenem Ton, »Herr Miljutin
-wünscht von dir zu erfahren, ob du die kriegerische Auseinandersetzung mit
-den Nemzows für unvermeidlich hältst oder nicht?«
-
-»Ja, ich halte sie für unvermeidlich, meine Teure,« rang sich die
-Giraffe aus dem nervös vornüberschwankenden Halse ab, denn er machte
-sich mit Recht Vorwürfe, weil er die Gegenwart seiner gewichtigen
-Lebensgefährtin, wenn auch nur für einen Moment, übersehen hatte, »ich
-halte sie für völlig unvermeidlich, Herr Miljutin. Ich bin hier der erste
-Beamte, und in meinen Bureaus fließen die Stimmungen des Gouvernements
-gewissermaßen zusammen. Täglich lese ich zehn bis zwölf Zeitungen. Und
-wenn diese die Abrechnung auch nicht laut fordern dürfen, so muß man doch
-verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen. Ist Ihnen das nicht aufgefallen?«
-examinierte er väterlich wohlwollend weiter.
-
-Der Porzellanfabrikant rang heimlich die Hände.
-
-»Ich meinte -- ich hoffte -- ich glaubte --«
-
-»Tun Sie das nicht, Herr Miljutin,« schluckte der Gouverneur krampfhaft.
-»Die öffentliche Meinung ist für den Krieg, und in der Umgebung des
-Zaren, den der lebenspendende Christus erhalte --,« hier verbeugten sich
-alle anwesenden Offiziere und Beamten -- »gedenkt man nicht länger jede
-unverschämte Herausforderung hinzunehmen. Seien Sie nicht kleinmütig,
-Herr Miljutin,« fuhr die Giraffe ernst und strafend fort, als sie merkte,
-welchen Eindruck ihre Rede erzielte und wie selbst die korpulente Tatiana
-in der Schar der Hinzudrängenden sich auf den Zehen erhob, damit sie
-besser lauschen könne. »Wir müssen der Welt endlich beweisen, daß
-der slawische Riese nicht dauernd auf seinem weichen Stroh liegt und
-schläft.«
-
-»Bravo,« sagten einige Stimmen. »Haben Sie gehört? Weiches Stroh. Das
-ist ein ganz vorzügliches Bild. Wladimir Petrowitsch ist der geborene
-Redner.«
-
-»Und dann,« schnaubte der Gouverneur aus seiner einsamen Höhe und
-fuhr gewohnheitsmäßig mit dem Taschentuch über die Hakennase, »Herr
-Miljutin, ich wundere mich, warum Sie die Hauptsache vergessen. Ist man
-nicht auf der ganzen Erde gegen uns in Liebe entbrannt? Die glorreiche
-französische Nation schätzt die Originalität unseres Geistes und sieht
-in unserer ungebändigten Kraft« -- der Gouverneur erinnerte sich hier
-an eine kürzlich gelesene Floskel, warf sich in die Brust und krächzte
-schwimmend in Selbstbewunderung und Genuß -- »ja, sie sieht in uns eine
-gigantische Dampfwalze, dazu bestimmt, eine breite Straße zu ebnen, auf
-der das französische Genie uns entgegeneilt, um uns zu umarmen.«
-
-Die ganze Gesellschaft applaudierte. Rufe des Entzücken wurden laut,
-und die Beamten des Gouverneurs schlürften jene Floskel in sich ein, als
-müßten sie eine fette Auster kunstgerecht über die Zunge gleiten lassen.
-Die runde Kugel aber, die dem Gouverneur angetraut war, rollte auf
-die Gattin des Obersten aus Mariampol zu, umarmte sie, wobei sie ihre
-fleischigen Arme freilich nur um die Hüften der Tatarin schlingen konnte,
-und küßte die junge Frau auf die Brust.
-
-»Maria Geschowa,« entlud sie sich stürmisch, »hörten Sie, wie Wladimir
-Petrowitsch sich eben über die Lage äußerte? Oh, es ist nichts Kleines
-um einen politischen Blick. Wie glücklich müssen Sie sein, Teuerste, weil
-Sie in Frankreich Ihre Erziehung genossen. Wie beneide ich Sie!«
-
-»Darf ich Ihnen ein Glas Tee bereiten, Exzellenz?« warf die Tatarin
-ziemlich gleichgültig hin, als ob ihre Gedanken mit etwas ganz anderem
-beschäftigt wären. Und wirklich, die dunklen Augen der jungen Frau
-flammten über die gepolsterten Schultern der Gouverneurin hinweg und in
-eine matt erleuchtete Ecke. Und so gepackt und gefangen beugte sie das
-schmale Haupt nach jener Richtung, daß ein großer Teil der anwesenden
-Herren, für die Maria Geschowa mit ihrer lächelnden orientalischen
-Verführungskunst überhaupt den Mittelpunkt bildete, sich gleichfalls
-über den dämmrigen Platz vergewissern mußte.
-
-Ganz plötzlich trat in dem lebhaften Gespräch eine Stille ein.
-
-Selbst der Gouverneur Bobscheff stieg aus seinen Weihrauchswolken hinab
-und entdeckte mit steigendem Mißbehagen, wie dort hinten an dem einsamen
-runden Tisch der Bergbaustudent Alexander Diamantow saß, das Haupt mit den
-überquellenden schwarzen Haaren in beide Hände gestützt. Der junge Mann
-schien, leidenschaftlich in sich versenkt, das Bild der schwatzenden Menge
-absichtlich von sich fernhalten zu wollen. Unbeweglich und tief gebeugt
-verharrte er, nur die rasch atmende Brust zeigte, daß ihn etwas quäle.
-
-»Alexander Isidorowitsch,« krächzte Bobscheff fast kreischend.
-
-Durch den schmalen Körper des Angerufenen ging ein Zucken. Und
-merkwürdig, in der gleichen Sekunde wurde auch der dunkelhäutige Nacken
-der Mariampolerin von einem kurzen Schauer überkräuselt. So völlig
-vermochte sich die Leidenschaftliche in die Stimmungen der Menschen zu
-versetzen, die sie interessierten.
-
-Langsam ließ der Student seine Rechte sinken, und um seinen
-ausdrucksvollen bartlosen Mund spielte ein mattes Lächeln, als er die
-gereizte Giraffe jetzt mit einer merkwürdig tiefen und für seine Jugend
-ungewöhnlich markigen Stimme fragte:
-
-»Wünschen Sie etwas, Exzellenz?«
-
-»Ja -- ja gewiß, Alexander Isidorowitsch, sind Sie krank?«
-
-»Ich? -- Durchaus nicht -- oder doch nur so, wie die meisten meiner
-Altersgenossen.«
-
-»Was meint er damit?« flüsterten ein Paar der Offiziere verständnislos,
-»was meint der verfluchte Jude damit?«
-
-Man war allgemein empört. Nur Herr Miljutin der Ältere schob seinen
-schwarzen Gehrock zögernd neben den Sitz des Studenten, denn in seinem
-verängstigten Gemüt dämmerte es, der hagere bartlose Mensch könne
-womöglich sein einziger Bundesgenosse in diesem Kreise von Wütenden und
-Blutlechzenden sein. Außerdem war Diamantow ein Jude und liebte deshalb
-gewiß das Geld und die geschäftliche Sicherheit.
-
-»Fahren Sie fort, junger Mann,« hauchte der Fabrikant hinter dem Stuhl
-des Ingenieurs beinahe unhörbar und begann ermunternd die Lehne des
-Sessels zu streicheln.
-
-Aber auch Maria Geschowa schritt mit ihrem kräftigen wiegenden Gang
-geschmeidig an das runde Tischchen heran und setzte ohne Überlegung das
-Teeglas, das sie eigentlich für die Gouverneurin bestimmt hatte, vor
-Alexander Diamantow nieder. Das dunkle, kräftige Organ des Studenten hatte
-etwas in ihren Adern entzündet und brannte dort weiter. Inzwischen hatte
-sich der Gouverneur gleichfalls an das Tischchen herangedrängt und pochte
-jetzt mit seinen langen Knochenfingern höhnisch auf die Platte:
-
-»Mir scheint, Alexander Isidorowitsch,« überschlug er sich fast vor
-Heiserkeit, »Sie mißbilligen unsere große heilige Sache? Sie haben kein
-Herz für sie. Ist es möglich, daß Menschen so denken, die unserem Staate
-eigentlich zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet wären? Herr, Sie sind noch
-jung, stehen Sie etwa gar in einem militärischen Verhältnis?«
-
-»Wie gründlich Wladimir Petrowitsch vorgeht,« verkündete Frau Bobscheff
-hier mit großer Bewunderung.
-
-»Ja, ich bin Offizier,« sagte Diamantow ruhig und erhob sich.
-
-»Er ist Offizier,« echote es im Kreise. »Man denke, -- wie
-fürchterlich.«
-
-»Herr, und in einer solchen Stellung, da fehlt Ihnen die Begeisterung für
-die Zukunft unseres Volkes?« schnaubte Herr Bobscheff weiter.
-
-»Sie fehlt mir nicht,« entgegnete der Student ruhig, indem er seine
-Hände in die Seitentaschen seines einfachen Jacketts vergrub, »ich suche
-sie nur nicht in kriegerischen Eroberungen.«
-
-»Und warum nicht?« fragte Maria Geschowa, die ihm jetzt, nur durch das
-Tischchen getrennt, dicht gegenüberstand. Ihre heißen Augen tranken dabei
-schon im voraus die Antwort von seinen hageren Zügen, und ihre Finger
-glitten auf der Tischplatte unmerklich gegen die seinen, als wünsche sie
-ihn dadurch zu ermuntern. »Und warum nicht?«
-
-»Weil ich fürchte -- --,« sagte der von allen Seiten Bedrängte, der
-sehr gegen seinen Willen zum Mittelpunkt der Unterhaltung geworden war,
-und zu gleicher Zeit wich er dem Blick von Maria Geschowa aus und
-starrte unverwandt auf das Muster des persischen Teppichs, »weil ich
-fürchte -- -- --«
-
-»Was fürchten Sie zum Teufel?« inquirierte die Giraffe unbarmherzig
-weiter.
-
-»Ich fürchte,« äußerte Diamantow mit geschlossenen Lidern, wie wenn er
-sich dadurch von den anderen abschließen könnte, »daß die spärlichen
-Keime einer freien Entwicklung, die von der Jugend hie und da gesät
-wurden, durch die Kriegsmaschine entwurzelt, zerstampft und wieder auf
-ganze Epochen unterdrückt werden könnten.«
-
-»Ja,« sprach Maria Geschowa ganz leise.
-
-Es hörte sie niemand, nur Alexander Diamantow hob die schweren Augenlider
-überrascht in die Höhe und sah die junge schöne Frau sonderbar an. Es
-lag etwas wie ein Erkennen in diesem kurzen sprechenden Blick, den die
-beiden miteinander tauschten. Dann schob sich der Student durch die
-widerwillig sich öffnenden Reihen hindurch und gedachte, vornübergebeugt
-wie stets, in das Billardzimmer zu treten, aus dem das harte
-Aufeinanderprallen der Elfenbeinbälle deutlich herüberklang. Vor
-der Schwelle jedoch wurde er noch einmal am Arm von dem Gouverneur
-zurückgehalten, der ihm nun in seiner ganzen Länge und zitternd vor
-Erregung den Weg vertrat:
-
-»Alexander Isidorowitsch,« hustete Herr Bobscheff in einem krampfhaften
-Anfall, »verwünschte Heiserkeit -- in Momenten der Leidenschaft
-übermannt sie mich stets -- als Haupt der Verwaltung fühle ich mich für
-die Stimmung innerhalb meines Kreises verantwortlich. Sie würden mich
-deshalb sehr beruhigen, -- nein wirklich, junger Mann, sie könnten
-außerordentlich viel zu der inneren Fassung der Anwesenden beitragen, wenn
-Sie mir jetzt einen offenen und ehrlichen Aufschluß über Ihre Meinung
-erteilten. Es ist doch selbstverständlich, Alexander Isidorowitsch, --
-verzeihen Sie, wenn ich mich so in Ihr Vertrauen dränge, allein ich bin
-es meiner Stellung schuldig -- ich setze voraus, daß Sie als Offizier Ihre
-Pflicht tun werden!«
-
-Ein Ausruf des Unwillens folgte. Er kam von der Frau des Obersten, die ihre
-Hand quer durch die Luft warf, eine Zigarette an sich riß und rasch an
-ihren Platz unter dem Fenster zurückkehrte. Der Bergbauingenieur an der
-Schwelle jedoch richtete sich hoch auf. Eine Sekunde lang verzerrten sich
-seine Züge, und aus den dunklen Augen schoß ein solcher Strahl von
-Haß, daß die Offiziere unwillkürlich sich näher um die Giraffe
-zusammenscharten.
-
-»Um Allerheiligen willen,« stammelte Herr Bobscheff und sank in ihrem
-Kreise zusammen, denn durch sein verschüchtertes Gemüt blitzte plötzlich
-die Erinnerung, daß dieser aufrührerische Jude unter den Kohlenarbeitern
-einen zahlreichen Anhang besäße. »Teuerster Freund, Sie werden mich doch
-recht verstehen?«
-
-Inzwischen hatte der Student seine Hände wieder müde in die Taschen
-gleiten lassen. Nun neigte sich die gestraffte Gestalt abermals leicht nach
-vorn, und um den bartlosen Mund glitt ein kühles, resigniertes Lächeln,
-als er mit seiner dunklen Stimme stark und rückhaltlos erwiderte:
-
-»Wozu wollen wir hier erst Selbstverständliches erörtern? Wir sind es
-gewohnt, unseren eigenen Willen unterzuordnen. Ich werde ebenso handeln,
-Exzellenz, und gehorchen. Das ist die Stimmung Ihres Kreises.«
-
-Er nickte noch einmal bekräftigend mit dem schwarzen Haupt, drängte
-seine schlanke Gestalt durch die schweren Falten des Vorhangs und
-war verschwunden. Nur von nebenan hörten die Zurückbleibenden eine
-ungewöhnlich wohlklingende und einschmeichelnde Stimme rufen:
-
-»Ah, Sie sind es, Alexander Isidorowitsch! Bei den strahlenden Jungfrauen
-von Kasan, wie kommen Sie hierher in den Kohlenstaub? Rasch, unser Spiel
-ist beendigt, dem Himmel sei Dank, daß sich eine wirkliche, lebende Seele
-zu uns verirrt. Wollen Sie eine Zigarette, Alexander Isidorowitsch?«
-
- * * * * *
-
-Dies war die Unterhaltung der teuren Freunde, in deren Kreis der
-Rittmeister Sassin seine deutschen Gäste, leuchtend vor Unbefangenheit und
-Frohsinn, einführte. Wirklich, die Fremden mußten den Eindruck empfangen,
-daß der ganzen Gesellschaft durch ihr Erscheinen eine offenkundige,
-unbestrittene Ehre widerführe, die sich in heitersten Mienen und jener
-fast übertriebenen slawischen Freundlichkeit äußerte. Noch immer
-schien das Übergewicht der Germanen dieser Völkerschaft gegenüber
-unerschüttert und von allen willig anerkannt.
-
-»Sehen Sie, sehen Sie,« rief Sassin nach der Vorstellung laut durch das
-Zimmer, »die wunderschönen Damen von Maritzken. Aber ist es nicht wahr
--- ist es nicht wahr,« wiederholte er beseligt, »welch ein wundervolles
-Beispiel die drei Damen und mein bester Freund Rudolf Bark uns allen
-in dieser Stunde geben? Sie verachten das widerliche und blödsinnige
-Geschwätz, das nur in den Köpfen von ein paar Narren entstanden ist.
-Sie leisten damit etwas sehr Wichtiges. Ist es nicht so, Exzellenz?«
-erkundigte er sich eindringlich bei der Giraffe, die mit weit vorgeneigtem
-Hals die drei deutschen Mädchen betrachtete.
-
-Und seltsam, es war, als ob in diesen Zimmern, die vor Neuheit und mit
-ihrer eben erworbenen Einrichtung wie poliert glänzten, niemals Wut und
-Neid und die Freude am Zerstampfen mit lechzenden Wolfszungen geheult
-hätten. Äußerst zufrieden blickte sich Herr Bobscheff um. Kaum jemals
-zuvor war es der Giraffe so stark wie heute in das Bewußtsein gedrungen,
-wie meisterhaft seine Landsleute die Verstellungskunst zu üben wußten
-und welchen hohen Grad der allgemeinen Schauspielerei diese Rasse erreicht
-hatte. Da stand seine dicke Tatiana -- zum Henker, sie wurde immer
-faßähnlicher; wenn man sich vorher an den bestrickenden Linien der
-brünetten Deutschen erlabt hatte, da verdarb einem diese unwahrscheinliche
-Anhäufung des Fettes jegliche gehobene Stimmung -- da stand die Kugel
-neben dem zierlichen deutschen Rotkopf, streichelte dem schmiegsamen
-Mädchen unaufhörlich die Wangen und sprudelte aus den Plusterbacken
-Lobeserhebungen und Hymnen über die schmalen Füßchen der Kleinen, die
-in so allerliebsten weißen Halbschuhen steckten. »Unsere Schuhfabrikation
-ist besser und reeller als der Schund da drüben,« dachte der Gouverneur.
-»Aber das Reizvolle, das Scharmante steht auf jener Seite. Obwohl auch bei
-uns -- ach ja, es gibt schon Frauen -- --,« seufzte er kopfschüttelnd
-in sich hinein, und er blickte wie zur Bestätigung auf die schlanke
-Gestalt von Maria Geschowa, die, verdeckt durch das Fensterstore, eine
-ihrer angeregten und sprudelnden Unterhaltungen mit dem fremden Kaufmann zu
-führen schien; »sieh einmal, diese berechnete Intriguantin,« dachte die
-Giraffe trauervoll und drückte den Daumen der Linken schmerzhaft in die
-rechte Handfläche. »Sie zeigt ihm dort draußen auf der Straße einen
-vorübergehenden Kosaken. Zum Teufel, die Kerle sollen doch in ihren
-Kasernen bleiben! Aber wozu muß sie sich dabei so eng an seine Schulter
-lehnen? Der verwünschte Schmarotzer hält beinahe seinen Arm um ihre
-Hüfte geschlungen. Die Vorurteilslosigkeit dieser schönen Frau ist
-jedenfalls nicht zu billigen.«
-
-Die Deutschen bildeten bald den Mittelpunkt der Gesellschaft. Es war,
-als ob alle anderen nur eingeladen wären, um den Gästen das Bild eines
-harmlos sich vergnügenden Kreises einzuprägen, der weit davon entfernt
-war, an eine Unterbrechung seiner gewohnten Zerstreuungen zu glauben.
-Überall flogen leichte Scherzworte auf, die Fähigkeit der Slawen,
-geschätzte Personen zu ehren und zu bedienen, äußerte sich in jeder
-Handreichung.
-
-Marianne lag in einem Schaukelstuhl und wiegte sich leise auf und nieder.
-Um sie herum bewegte sich ein ganzer Troß von Offizieren, die sich den
-Wünschen des verführerischen Weibes dienstbar zu machen strebten. Der
-eine hielt ihr ein Aschenschälchen, denn sie sog mit Genuß an einer der
-ihr angebotenen aromatischen Zigaretten; ein zweiter hütete den silbernen
-Untersatz des Teeglases, an dem sie nippte; zwei weitere hielten den Stuhl
-in seiner schaukelnden Bewegung, und vor ihr stand der Rittmeister Sassin,
-den das Schweben und Gleiten der Brünetten bereits bis zur Tollheit
-begeistert hatte. Seine blauen Knabenaugen schwammen vor Erregung, und er
-fand es direkt sündhaft, weil sich auch seine Kameraden an den Huldigungen
-für das berückende Geschöpf beteiligen durften. Wahrhaftig, dazu hatte
-er doch nicht die Kosten dieser so ungewohnt vornehmen Teestunde auf sich
-genommen. Ob man es wagen konnte, der Schwarzen einen erläuternden Gang
-durch das gesamte Hauswesen anzubieten? Hm, der teure Freund Rudolf Bark,
-dem er doch eine so überaus ablenkende Gesellschaft zugewiesen, der
-verfluchte Krämer mit den ernsten Augen, er behielt immer noch Zeit,
-die Gruppe um den Schaukelstuhl aufmerksam zu verfolgen. Dazu schoß Leo
-Konstantinowitsch plötzlich eine ganz widerspruchsvolle Eifersucht durch
-den Kopf. Blitzartig fiel ihm ein, wie er bei seinem letzten Besuche in
-der deutschen Stadt von allerlei Beziehungen hatte flüstern hören, die
-Marianne an einen Offizier der dortigen Garnison knüpften. Sie hatte ein
-Verhältnis. Das machte sie nur noch begehrenswerter. Zum Teufel, wie hieß
-doch der Dummkopf? Und in diesem Augenblick fiel der Aufgeregte aus der
-Rolle und beging eine Torheit.
-
-»Gnädigste,« sagte er mit seinem lauten Organ, das er um keinen Preis
-dämpfen konnte, »ich hatte die Freude, Sie neulich auf den Wallgängen
-der Stadt mit dem ganz ausgezeichneten Fritz Harder promenieren zu sehen.
-Darf ich mir die Frage erlauben, ob dieser Bevorzugte das Glück besitzt,
-Ihre Freundschaft zu genießen?«
-
-»Gott,« warf Marianne hin, die inmitten so vieler Anbeter die Nähe ihrer
-Schwestern vergaß, und sie errötete weder, noch gab sie das angenehme
-Wiegen auf, »ein guter Bekannter von mir, wie viele andere. Was bezwecken
-Sie übrigens mit der Frage, Herr Rittmeister?« setzte sie gleichgültig
-hinzu, schlug die Füße leicht übereinander und blies eine feine
-Dampfwolke von sich.
-
-»Oh,« rief Leo Konstantinowitsch strahlend und mit der ihm angeborenen
-Begabung für schlaue Galanterie, »das schafft mir die einzige Feindschaft
-vom Halse, die ich einem deutschen Offizier etwa entgegentragen könnte.
-=Merci=, mein Fräulein.«
-
-»Leo Konstantinowitsch ist ein Schlaukopf,« fing Konsul Bark dicht neben
-sich das geheimnisvolle Raunen zweier Unterleutnants des Dragonerregiments
-auf, um deren weiche Knabengesichter noch kaum der Flaum zu sprossen
-begann, »hörst du, Alexei, wie er das schwarze Pferdchen zu einem Gang
-durch die Villa antreibt? Ich wette, sie wird sich erbitten lassen?«
-
-»Wahrscheinlich,« pflichtete der angeredete Fahnenjunker bei und über
-sein kränklich blasses Antlitz, das er unausgesetzt dem Schaukelstuhl
-zugewendet hielt, flog ein frühreifer, übersättigter Schein, »du hast
-recht, da erhebt sie sich.« Aber gleichzeitig zuckten die Lippen in dem
-fahlen Gesicht, und unwillig kehrte sich die zarte Jünglingsfigur ab.
-»Merkwürdig, wie Leo Konstantinowitsch gerade heute Lust und Neigung
-für so etwas aufzubringen vermag,« stieß er noch ungehalten zwischen den
-Zähnen hervor.
-
-»=Mon Dieu=, Alexei, was soll man tun?«
-
-»Ich habe heut vormittag mein Testament aufgesetzt,« erklärte der
-kränkliche Fahnenjunker ganz still. »Man kann nie wissen. Ich schrieb
-darin meinem Vater, dem Polizeioberst in Kiew, vieles, was ich bei uns im
-Hause, aber auch draußen anders wünschte. Er hätte es sonst nie von mir
-hingenommen, denn wir mußten immer schweigen. Freilich, für ein solches
-Schriftstück kann man später nicht mehr zur Verantwortung gezogen
-werden.«
-
-»Ja, du machtest dir immer viele Gedanken, Alexei, anstatt dem Leben, wie
-wir anderen, ein Paar vergnügte Stunden abzugewinnen. Aber st! -- --,
-lieber Bruder, dort unter dem Fenster spitzt man die Ohren. Komm, laß uns
-in das Billardzimmer gehen und hören, was Fürst Fergussow aus Petersburg
-zu erzählen weiß. Die Entscheidung kann ja nicht mehr lange währen.«
-
-Damit strichen die beiden Knaben ihre Waffenröcke zurecht und schlenderten
-auf den eleganten Lackstiefeln fast unhörbar in den Nebenraum.
-
-Also doch -- also doch!
-
-Der Konsul fühlte, wie ihm etwas durch die Stirn schnitt. Es war, wie
-wenn man einen klirrenden Pfeil durch sein Gehirn geschossen hätte. Eine
-Sekunde lang konnte er sich durchaus nicht mit der Lage vertraut machen,
-in der er sich befand. Auch dafür, daß draußen die Welt und alles, was
-bisher als feststehend galt, binnen kurzem wie ein mürber Teig in einer
-Riesenschüssel von Gigantenfäusten durcheinander gerührt werden konnte,
-auch dafür fehlte ihm plötzlich jede Vorstellung. So lähmend war die
-Mattigkeit, die seine sonst so geschmeidigen Glieder befiel, daß er
-immer noch mit demselben vieldeutigen Lächeln den Fragen Maria Geschowas
-lauschen konnte, die zu ihrer Freude in ihm einen Kenner des Theaters
-entdeckt hatte.
-
-»Also Sie kennen die kleine Schwarz?« sagte die Tatarin und schlug die
-dunklen Augen, die nie ihren auffordernden Ausdruck verloren, langsam gegen
-ihn empor. »Ich sah sie neulich in einem Ihrer modernen Stücke spielen.
-Ich vermag die Zustände bei Ihnen natürlich nicht zu beurteilen, aber in
-der Darstellung der schönen Person fiel mir die Wichtigkeit auf, die
-sie ihrer Bedeutung als Frau, ja darüber hinaus der ganzen weiblichen
-Liebeshuld beizumessen schien. Ich glaube, das alles wird in Ihrem
-Vaterland sehr überschätzt.«
-
-»Oh,« entgegnete der Konsul gewohnheitsmäßig, obwohl er sich mit aller
-Kraft an dem Messingknopf des Fensters festhalten mußte, »es gibt doch
-einzelne Frauen, denen gegenüber die Schätzung nie hoch genug gegriffen
-werden kann.«
-
-Es sollte einschmeichelnd klingen, aber Maria Geschowa mit ihrem feinen
-Ohr hörte deutlich heraus, wie weit der Geist des hübschen Mannes von ihr
-entfernt weilte.
-
-»Lassen wir das,« sagte sie hochmütig und wiegte sich ablehnend in den
-Hüften, »wir Slawen beschäftigen uns in der Kunst mehr mit sozialen
-Verhältnissen. Diese Dinge erfüllen unsere ganze Phantasie. Aber was
-haben Sie, lieber Freund?« unterbrach sie sich eifrig, denn sie sah,
-wie der Kaufmann starr auf die Straße hinausblickte, wo drei Soldaten in
-Kosakentracht singend und brüllend vorüberliefen.
-
-Jetzt vermochte der Konsul nicht mehr das nervöse Zucken der Mundwinkel
-noch den kurzen Atem, der ihm durch den Schrecken eingegeben war, zu
-verbergen. Da draußen die drei langröckigen, halbbarbarischen Gesellen,
-die unter ihren Pelzmützen dahintaumelten, wie kamen sie hierher? Er
-wußte doch, daß in der Grenzstadt kein Kosakenregiment lag. Und diese
-hier -- er glaubte es an den sauberen Uniformen und den blitzenden
-Silberverschnürungen zu erkennen -- sie gehörten sicher der Petersburger
-Garde an. Immer ängstlicher und aufgescheuchter tobten seine Gedanken
-gegeneinander. Die Selbstbeherrschung und feste Sammlung, die trotz
-seiner leichten Manieren sein ganzes Wesen ausmachten, stoben in diesem
-Augenblick, wo er das Rollen eines Völkergewitters schon über seinem
-Haupte poltern hörte, von ihm ab. Obwohl der Herr des Goldenen Bechers
-genau wußte, daß es töricht sei, die Maske des Vertrauens und der
-sicheren Überlegenheit gerade vor der klugen Tatarin, neben der er weilte,
-zu lüften, die Spannung, die in ihm zerrte, zerriß jedes Bedenken. Nein,
-er mußte hören, wie eine Vollblutrussin den schweren Verdacht, der ihn
-überwältigte, entkräften würde. Was diese reizende Person jetzt wohl
-zusammenlügen wird? dachte er halb neugierig.
-
-Und da sprach sie bereits. Sie legte ihm die Spitze des Zeigefingers fest
-auf die Brust und fragte mit ihrer warmen, immer leise vibrierenden Stimme:
-
-»Wie heißen Sie, lieber Freund?«
-
-»Ich? -- Ich heiße Rudolf Bark.«
-
-»Nun, Rudolf Bark,« lächelte die Tatarin, indem sie sich geschmeidig
-mit dem Rücken gegen das Fenster schob, so daß er jetzt gezwungen in ihr
-dunkles Antlitz blicken mußte, »sind Ihnen die drei Kosaken dort auf
-der Straße wirklich interessanter, als ich, die ich mir doch soviel Mühe
-gebe, Ihnen zu gefallen?«
-
-Der Angeredete, der so unvorbereitet seine Gedanken erraten sah, erschrak.
-Zum Teufel, wie klug doch diese Russin war, viel gescheiter und gebildeter
-als die Männer ringsumher. Zu jeder anderen Zeit hätte er das Geplänkel
-fortgesetzt, um zu ergründen, wie weit das eigenartige Geschöpf durch
-ihre Koketterie geführt werden könnte; allein jetzt -- jetzt -- alle
-diese Nichtigkeiten erschienen ihm im Moment widerwärtig und abscheulich.
-Er begriff gar nicht, daß er ihnen jemals Bedeutung beigelegt.
-
-»Es überrascht mich,« entrang es sich ihm ohne jede Vorsicht, die er
-doch unter allen Umständen einzuhalten gewillt war, »wie die drei Kosaken
-hierher gelangt sind. Nach meiner Kenntnis gab es bis vor kurzem keine
-derartigen Truppen hier. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, Gnädigste,«
-setzte er rasch hinzu, als er den langen, weichen, fast betrübten Blick
-der jungen Frau empfand, »aber sehen Sie, wir Deutschen besitzen nun
-einmal die unangenehme Eigenart, alles Militärische besonders stark auf
-uns wirken zu lassen.«
-
-Wie hübsch der elegante schlanke Mann sprach und wie rot sich seine Wangen
-vor innerer Aufregung gefärbt hatten. Maria Geschowa schämte sich, daß
-sie an dem albernen Komplott, das ja bereits von dem erfahrenen Kaufmann
-durchschaut wurde, mitwirken sollte. Daneben aber glühte in ihr die
-echt weibliche Begierde auf, einen Mann in den Maschen eines Netzes zu
-verstricken, dessen Verschnürungen man selbst fest in der Hand hielt. Im
-Grunde war es doch eigentlich ein wohliges Gefühl, zu wissen, daß man
-unbeschränkte Macht besäße über das Schicksal so freier und aufrechter
-Menschen. Darin lag ein eigenartiger Kitzel, ein ganz neuer Genuß. Und
-fortgerissen und lebhaft fand sie sich in die Rolle und zuckte deshalb ein
-wenig verächtlich die weichen Schultern:
-
-»Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen, Rudolf Bark,« versetzte sie mit
-feiner Ironie, und auch die vollen Lippen bekundeten eine gewisse trotzige
-Sucht nach Lüge und Intrigue. »Die drei Burschen dort draußen gehören
-zur Begleitung meines Mannes. Sie werden selbst sehen, die Wichte verstehen
-es viel besser, mir meinen seidenen Mantel umzulegen, als einen Karabiner
-loszudrücken.«
-
-Da war die Unwahrheit heraus. Und seltsam, als Maria Geschowa ihren Blick
-jetzt in die kühlen, von Zweifel erfüllten Augen des Mannes richtete, von
-dem sie beinahe hoffte, daß er sie durchschauen möge, da malte sich auf
-ihren dunklen Bronzezügen ein freches, wildes Flimmern, wie sie es wohl
-als Kind den Ihrigen daheim auf dem kaukasischen Gebirgsgut gezeigt, wenn
-sie entwendete Äpfel zu verleugnen hatte. Und siehe da, ihr Partner blieb
-ihr gewachsen. Es bereitete ihr selbst eine wollüstige Befriedigung, als
-er mit seinem gewinnendsten Lächeln entgegnete:
-
-»Aha, die Begleitung Ihres Mannes -- und sie legen Ihnen den Mantel
-um -- --, ich bin leider durchaus zivil, gnädige Frau, aber bei einer
-derartigen militärischen Verwendung würde ich mich sofort auf Avancement
-melden -- --«
-
-»Pfui,« atmete Maria Geschowa, bei der der lauernde und gespannte Zug
-noch immer nicht entschwunden war, erleichtert auf, »Sie werden unartig,
-bester Freund. Darf ich Ihnen nicht lieber eine Tasse Tee bereiten? Solch
-ein Trank aus unserem Samowar schwemmt uns alle unnötigen Sorgen fort.«
-Und indem sie ihm abermals mit dem Zeigefinger leicht auf die Brust tippte,
-forschte sie ungeduldig: »Weshalb sehen Sie so unausgesetzt nach der
-großen, blonden Walküre, die Sie mitgebracht? Sind Sie ihr Vormund?«
-
-Ja, der Prinzipal des Goldenen Bechers hing sich mit allen Sinnen an die
-aufrechte Gestalt der Ältesten von Maritzken, weil ihn nicht eine Sekunde
-die treibende Furcht verließ, daß er hier unter diesem fremdsprachigen,
-auf der Lauer liegenden Volke ihr einziger Schutz und ihre letzte Hilfe
-sei. Wenn er doch nur unauffällig an ihre Seite gelangen könnte, um ihr
-seine aufkeimenden Bedenken bemerklich zu machen. Allein Johanna weilte
-in zwangloser Unterhaltung mit dem Fabrikbesitzer Miljutin an demselben
-Tischchen, das der Student Diamantow vor kurzem verlassen, und an ihren
-suchenden, manchmal hilflosen Gebärden erkannte Rudolf Bark, wie sie
-bei dem russischen Kaufmann sicherlich in der ihr nicht ganz geläufigen
-französischen Sprache allerlei geschäftliche Erkundigungen einzog. Ihr
-heut leicht gewelltes Blondhaar leuchtete selbst in der dämmrigen Ecke so
-voll Glanz und hellem Schimmer, ihre Haltung war so frei und dabei doch
-so stolz und straff, daß den Beobachter plötzlich die fast berauschende
-Genugtuung durchströmte -- eine deutsche Frau!!
-
-Wenn er sie nur erreichen könnte!
-
-Allein Johanna war zu sehr in die praktischen Erläuterungen vertieft, die
-ihr Herr Miljutin hinter seiner goldenen Brille, ein wenig stockend und
-schüchtern wie immer, angedeihen ließ, als daß sie auf ihren einzigen
-wahrhaften Freund in dieser Gesellschaft geachtet hätte. Das Kapitel des
-Pferdeeinkaufs war bereits zu ihrer Befriedigung abgehandelt worden, jetzt
-berichtete ihr der Fabrikant voll Stolz von seinen eigenen Erzeugnissen,
-und daß er auch Decke und Sims des kleinen Billardzimmers mit ganz
-neuartigen, perlmutterfarbig irisierenden Kacheln ausgelegt hätte:
-
-»Als Borten, mein teures gnädiges Fräulein,« lispelte Herr Miljutin,
-»sind Goldmajoliken verwandt, und an der Breitseite ist aus lauter kleinen
-Mosaik-Porzellanstückchen das Bild unseres erhabenen Zaren als Ritter
-Sankt Georg eingelegt. Ja, es ist ein schönes Werk des Friedens,«
-murmelte der Fabrikbesitzer mit kaum hörbarem Kummer, und indem er auf
-seinem verkürzten Fuß einen Schritt voranhinkte, verneigte er sich an
-der Schwelle und vollführte eine einladende Bewegung. »Sie würden mich
-außerordentlich ehren, teures Fräulein, wenn Sie meine bescheidenen
-Leistungen selbst beaugenscheinigen wollten. Bitte, treten Sie ein.«
-
-Demütig hob er den Vorhang, und Johanna nickte zustimmend und schritt
-über die Schwelle.
-
-Später erinnerte sie sich unausgesetzt jenes Augenblicks. Es war, wie wenn
-eine Nonne die Zelle des Friedens verläßt, um sich in das ihr unbekannte
-Getümmel zu verlieren.
-
-
-
-
-V.
-
-
-Die Portiere schloß sich über den Eintretenden, allein dicht hinter ihr
-wurzelte Johanna fest. Ihre Hände suchten nach rückwärts die Falten des
-bunten Vorhanges zu gewinnen, als müsse sie sich um jeden Preis an etwas
-Irdisches, ihr Gewohntes anklammern. Es war nicht das trauliche und mit
-wirklich erlesenem Geschmack eingerichtete Gemach, das das erdgebundene
-Wesen des Landmädchens für eine vorüberschnellende Sekunde so sehr
-verwirrte, bis es von allem, was sie bisher erlebt, abgelenkt war; es
-war auch nicht, wie sich Herr Miljutin vielleicht schmeichelte, der
-merkwürdige Meerglanz der Decke, die unwahrscheinliche, feuchtfunkelnde
-Strahlen auf sie herabschoß, es war vielmehr die ihrem prosaischen Gemüt
-vollständig unerklärliche Vorstellung, ein Götterbild oder ein Heros,
-jedenfalls irgend etwas Übermenschliches verkünde sich ihr unvermutet in
-ruhiger, selbstverständlicher, beinahe eisiger Schönheit. Aber das war
-nicht das richtige Wort. Herr im Himmel, sie fand kein anderes, als sie in
-dem ersten Schrecken, der ihre arbeitsame, unempfindliche Natur anfaßte,
-dasjenige zu bezeichnen suchte, was ihr so ungeahnt jede Beherrschung
-raubte. Da lehnte vor ihr an der schweren Mahagonieinfassung des Billards
-eine wunderbar ebenmäßige Männergestalt, breitschultrig und dabei
-schlank und wohlgefügt, als wenn ein Künstler den Körper aus Marmor
-geformt hätte. Nur bizarrer Eigensinn schien die muskulösen und doch
-jugendlich weichen Glieder mit der eleganten dunkelblauen Dragoneruniform
-aus feinstem Tuch bekleidet zu haben, um deren Achselbiegung sich ein paar
-blitzende Silberschnüre herumzogen. Und nun welch ein Haupt!
-
-Johannas Nüchternheit war weit davon entfernt gleich nervösen rasch
-gewonnenen Genossinnen ihres Geschlechts etwa bei dem ersten Blick in
-schwärmerischer Anbetung aufzulodern. Nichts dergleichen empfand ihre
-herbe deutsche Fassung dem völlig neuartigen Bild von Männerschönheit
-gegenüber, das wie aus dem Himmel gefallen plötzlich vor ihr aufragte.
-Nur ein ungeheures kindliches Staunen erfüllt sie ganz und gar. Und mit
-einer namenlosen Bewunderung betrachtete sie das Meisterwerk in einer
-Andacht, die nicht frei war von künstlerischer Erhebung. Durchaus
-natürlich fand sie es ferner, daß auch der fremde Offizier in
-vollkommener Bewegungslosigkeit vor ihr verharrte, und nicht der leiseste
-Verdacht beschlich sie, der junge strahlende Mann könnte nur deshalb seine
-lässig angelehnte Stellung so dauernd beibehalten, weil seine großen
-braunen Augen sich in dem hellen Ährenschimmer ihres Haares verfangen
-hatten.
-
-Eine Erinnerung peinigte das Landmädchen. Wo hatte sie doch das feine
-schmale Haupt mit der fast griechischen Nase und den sanft überbräunten
-Wangen bereits einmal gesehen? Und vor allen Dingen, die wirre Fülle
-kurzer, brauner Locken, von denen die hohe Stirn trotzig und widerwillig
-umrahmt wurde, mußte sie ihr nicht den Eindruck verstärken, als wenn das
-alles ihre Phantasie schon oft beschäftigt hätte?
-
-Und richtig, ein erlösender Blitz riß ihre Befangenheit auseinander.
-Jetzt wußte sie es. In ihrem Schlafzimmer zu Maritzken hing ein
-alter, halb verräucherter Buntstich, der die anmutigen und doch
-nachdenklich-melancholischen Züge des Preußenprinzen Louis Ferdinand
-wiedergab, des edlen Opfers von Saalfeld. Oh, wie seltsam die
-schöpferische, vielgestaltige Natur sich wiederholte! Hier saß in jeder
-Linie derselbe Mensch, bequem und doch voll anerzogener Eleganz auf der
-Umrahmung des Billards, und ohne daß er ein Wort äußerte, sagten die
-sanften lächelnden Augen des Offiziers ganz deutlich, daß ihm das große
-blonde Mädchen eine erfreuliche Erscheinung böte.
-
-»Nur reichlich verwöhnt scheint der vornehme Herr mit den silbernen
-Achselschnüren zu sein,« dachte die praktische Johanna, die sich
-plötzlich ihrer Bewunderung mit einem harten Ruck entriß, weil der
-Offizier ein Lebenszeichen von sich gab, indem er sich gefällig gegen sie
-verneigte. »Bei uns pflegen sich Militärs zu erheben, wenn sie eine
-Dame begrüßen. Wozu schlenkert dieser so anhaltend mit den hohen
-Reiterstiefeln aus Lackleder? Und Himmel, trägt er nicht goldene Sporen?
-Das muß ein großes Tier sein!«
-
-»Teures Fräulein,« hauchte neben ihr der Fabrikbesitzer Miljutin und
-rückte viel verschüchterter, als sonst, an seiner goldenen Brille,
-»bevor ich die Ehre habe, Ihnen das Mosaikbild unseres allergnädigsten
-Gossudars zu zeigen, erlauben Sie gütigst eine Vorstellung.« Er verbeugte
-sich tief gegen das Billard, als wäre es viel wichtiger, die Zustimmung
-des Dragoneroffiziers einzuholen, und fuhr zitternd vor der Bedeutung
-seines hohen Bekannten fort: »Dies ist Fürst Dimitri Sergewitsch
-Fergussow von den Petersburger Gardedragonern. Er genoß die Ehre, einer
-der Adjutanten unseres Zaren gewesen zu sein, den der lebenspendende
-Christus erhalten möge. Und dieser Herr hier,« sprach Herr Miljutin
-weiter, nachdem Johanna ihr Haupt stolz und gemessen geneigt hatte, als
-wollte sie sich selbst durch doppelte Zurückhaltung für ihre anfängliche
-kindische Fassungslosigkeit bestrafen, »dieser Herr ist Oberst Geschow
-aus Mariampol.« Und mit einer halb wegwerfenden Handbewegung setzte der
-Fabrikant noch hinzu: »Ach, richtig --, daß ich es nicht vergesse, dies
-hier ist Alexander Diamantow, ein Bergbaustudent.«
-
-Die Älteste von Maritzken hatte den Fürsten Fergussow mit Unrecht
-verdächtigt. Denn während die anderen beiden Herren sich verbeugten, wie
-man sich eben vor einer eintretenden Dame verneigt, gab der Aristokrat mit
-einer gewissen Hast seine lässige Stellung auf, ganz wie wenn er für die
-Zwanglosigkeit, in der man ihn überrascht, lebhaft um Nachsicht zu werben
-hätte. Und die Art, wie er nun der blonden Deutschen seine Ehrfurcht
-bewies, ließ auf den ersten Blick erkennen, daß der schöne Mensch seine
-Erziehung auf dem Parkett des Hofes genossen haben müsse. Ohne das Wort an
-die Fremde zu richten, trat der Dragoneroffizier höflich zur Seite, um den
-Ankömmlingen den Weg zum Mosaikbilde freizugeben. Kaum hatte ihm Johanna
-jedoch den Rücken gekehrt, da folgte ihr ein müder, etwas gleichgültiger
-Blick, der dann zu dem Obersten und dem Bergbaustudenten herüberglitt und
-von einem Achselzucken begleitet war. Die Gebärde schien auszudrücken:
-»Wozu die Unterbrechung?« Trotzdem begaben sich die drei Herren
-gleichfalls an die Breitseite der Wand, als wollten sie den Eindruck
-beobachten, den das Mosaikbild auf diese kühle, große Frau hervorbringen
-würde.
-
-»Eine echte Nemza,« dachte Dimitri Sergewitsch, der direkt hinter dem
-Mädchen verweilte und auf diese Weise, ohne daß sie es merkte, ganz aus
-der Nähe ihre reife Blondheit festzustellen vermochte. »Fade,« urteilte
-der Fürst abschätzend und ohne eine Spur innerer Achtung, »ein grobes,
-starkknochiges Geschöpf.« Und doch bückte er sich katzenhaft, um
-dem Mädchen das Taschentuch aufzuheben, das ihr eben aus der Rechten
-entglitten war. Mit einer formvollendeten, artigen Verneigung, die die
-äußerste Dienstbeflissenheit verriet, reichte er ihr das Gewebe zurück.
-»Es ist dick wie ein Scheuertuch,« gestand er sich dabei selbst. »Wie
-geschmacklos sich die Deutschen kleiden. Nicht einmal ein Tröpfchen
-Parfüm hat sie angewendet. =Fi donc!=«
-
-Fürst Fergussow schwärmte nicht für die Blonden. Er schwärmte
-überhaupt für nichts. Er suchte nur immer. Und der verwöhnte Liebling
-der Petersburger Salons grübelte manchmal ernsthaft darüber nach, ob
-das Geschenk des Lebens nicht eigentlich eine gemeine und widersinnige
-Teufelsgabe wäre. Immer frischer Reizmittel bedurfte man, um diese
-abspannende, diese zermürbende Gleichgültigkeit stets von neuem
-aufzurütteln. Und in einer jener Stunden der Lethargie oder der nagenden
-Selbstzerfleischung, wenn das Daseinsflämmchen verendend zuckte, da war
-der bewunderte Dimitri Sergewitsch, der Held so vieler Romane, zuletzt in
-einen Kreis junger Studenten und mittelloser, im Avancement übergegangener
-Offiziere geraten, die ihre fest geschlossene Vereinigung das »Symposion«
-nannten. Unter den Symposiasten aber herrschte die Überzeugung, daß man
-das Leid und die Widerwärtigkeiten des Daseins nicht köstlicher betrügen
-könne, als durch ein gemeinschaftliches, freiwilliges Ende in voller Kraft
-und Rüstigkeit. Nachdem man vorher eine Orgie gefeiert, die alle Blüten
-der Kultur, die giftigen sowohl wie die himmlischen, gleich einem Kranz
-um die Häupter der Teilnehmer geschlungen. Hier hatte er auch Diamantow
-getroffen, dessen soziale Hoffnungen wieder einmal gescheitert waren. Der
-Student war allmählich von der verzweifelten Idee befallen worden, im
-Grunde fügten die Volkserwecker, die die träumenden Massen aus ihrem
-Schlafe aufzurütteln versuchten, den Hindämmernden ein schweres
-Unrecht zu. Denn nur Nichtwissen, Traum und Schlummer machten das Dasein
-erträglich. Voll zehrender Leidenschaft wurden diese auflösenden
-Ansichten verkündet, und alles war bereits für die große Orgie
-vorbereitet, als Fürst Fergussow, und mit ihm gerade die Vornehmsten des
-Symposions, plötzlich ohne jeden erkennbaren Grund fortblieben, und
-der Rest durch die Polizei auseinander gesprengt wurde. Keiner der armen
-Mißleiteten warf Dimitri Sergewitsch indessen etwa Feigheit vor. Dazu war
-die Tollkühnheit des Gardedragoners in der Hauptstadt zu sehr bekannt,
-man wußte überdies, daß er erst im letzten Winter ein paar ertrinkenden
-Kindern in die Eisschollen treibende Newa nachgesprungen sei. Also Feigheit
-nicht. Die einen meinten, eine sehr, sehr junge Dame aus der höchsten
-Aristokratie, kaum dem Kindheitsalter entwachsen, hätte seine launenhafte
-Neigung für ein paar Monate entfacht, und die Erde reiche ihm wiederum
-ihre heißen Geschenke. Die anderen erzählten gerade das Gegenteil. Bei
-Hofe, flüsterten sie sich achselzuckend zu, wäre ein wundertätiger
-Mönch aus einem fernen Kloster erschienen, der die Macht bewiesen hätte,
-abgeschiedene Geister aus dem Jenseits zu rufen und die Seelen seiner
-Vertrauten durch inbrünstige Ekstasen in ein höheres Reich der Wonne zu
-heben. Aber Dimitri Sergewitsch! Man schüttelte den Kopf. Sollte wirklich
-dieser eiskalte Rationalist zu jenen heiligen Schwärmern gehören?
-
-Warum nicht?
-
-Sein rastlos hin und her zuckendes Gemüt, das immerfort die Farbe
-wechselte, je nachdem ihn eine neue Laune quälte, es konnte sich gewiß
-auch heißhungrig in die Abgründe der Mystik stürzen. Freilich nur, um
-jene Klüfte bald darauf wieder, verächtlich lächelnd, mit dem Spieltisch
-oder dem Boudoir einer Zirkusreiterin zu vertauschen.
-
-»Kann die Mosaik Ihren Beifall erringen, teures Fräulein?« fragte Herr
-Miljutin der Ältere noch demütiger als sonst.
-
-Johanna geriet in einige Verlegenheit. Die steifen, eckigen Linien des
-eingelegten Ritterbildes sagten ihr keineswegs zu. Auch schien ihr der
-weiche Dulderkopf des regierenden Zaren durchaus nicht unter die eiserne
-Sturmhaube zu gehören. Aber durfte die Gutsherrin vor den Offizieren
-des fremden Herrschers eine so absprechende Meinung äußern? Regungslos
-verharrte sie, und in ihre Wangen stieg die Röte der Unsicherheit.
-
-»Wir haben uns hier bemüht, national-russische Kunst zu geben,« fuhr
-Herr Miljutin dringender fort, da sich der sanfte Mann darüber aufzuregen
-schien, weil die Nemza seiner Schöpfung gegenüber so empfindungslos
-blieb.
-
-Wie unangenehm!
-
-Schon wollte sich das ehrliche Landmädchen mit ihrem geringen Verständnis
-entschuldigen, als ihr unerwartet eine Hilfe kam, auf die sie niemals
-gerechnet hatte. Und wie melodiös und schmeichelnd das Organ ihres
-unverhofften Retters klang! Unwillkürlich wandte sich die hohe Blonde
-dankbar ihrem Verteidiger zu, und so unverdorben war sie, daß sie
-hinter diesen bestrickenden Lauten auch eine reine und aufrichtige Seele
-vermutete.
-
-»Bester Miljutin,« hemmte der Fürst den aufsteigenden Unwillen des
-Händlers, indem er ihm mit seiner feinen weißen Hand freundschaftlich auf
-die Achsel klopfte, »muten wir dem gnädigen Fräulein nicht zuviel zu.
-Unter uns, die Vorliebe für diese Quadrate ist eine Barbarei, die wir
-unseren byzantinischen Lehrmeistern hätten lassen sollen. Sie können
-mir glauben, unsere herrschsüchtigen Mönche benutzen die von
-Totenstarre verkrampften Gelenkpuppen nur, um unseren dummen Bauern
-Furcht einzuflößen. Kommen Sie, meine Gnädigste,« fuhr er mit seinem
-liebenswürdigen und freimütigen Lächeln fort, als er bemerkte, wie
-erleichtert die befangene Deutsche aufatmete, »lassen wir uns hier auf Leo
-Konstantinowitschs neuem Klubsofa nieder, denn jetzt werden Sie wirklich
-etwas von russischer Kunst empfangen, worin wir unter den Nationen ziemlich
-einzig dastehen. Vielleicht, weil den anderen Völkern eine Nachahmung
-nicht lohnt. Hören Sie? Dort drinnen singt Frau Oberst Geschow ein
-tatarisches Dorflied. Ah, und sie begleitet sich selbst auf der Balalaika.
-Wollen Sie mir glauben,« sprach er in seiner zwanglosen und wahrhaft
-vornehmen Art weiter, »daß ich selbst jenes Instrument in den
-Abendstunden ein wenig spiele? Es hat so etwas von den reinen Klängen der
-Kindheit. Und nicht wahr, wir alle retten uns manchmal gern hinüber?«
-
-Heiß und klagend zugleich begann im Nebenzimmer eine dunkle Frauenstimme
-unauffällig zu singen. Ein eigentümlicher Saitenvierklang, hüpfend und
-neckisch, tönte dazwischen, als ob das Leben auf die traurige Weise mit
-einem unbekümmerten Tanz antworte.
-
-»Handelt es sich hier vielleicht um einen Abschied?« fragte Johanna
-rasch, die den inneren Sinn des Liedes trotz der fremden Worte zu begreifen
-meinte.
-
-Dimitri Sergewitsch rückte respektvoll etwas näher an sie heran. Und zum
-erstenmal richtete er seinen sanften Blick gegen die großen blauen Augen
-des Landfräuleins und fand zu seiner Verwunderung, daß dort drinnen etwas
-leuchte, ehrlich und bestimmt, was zu der gleichgültigen Dummheit, von der
-er die Deutsche erfüllt glaubte, nicht recht stimmen wollte.
-
-»Sie haben ganz recht, Gnädigste,« versicherte er in seiner einnehmenden
-Manier, die ihm so wenig Mühe bereitete, »ich mache Ihnen mein
-Kompliment, weil Ihnen die Musik scheinbar ihre letzten Geheimnisse
-entschleiert. Wenn Sie gestatten, möchte ich Ihnen den Text übersetzen.
-Ein tatarisches Bauernmädchen sitzt im Rahmen eines weinübersponnenen
-Fensters. Draußen auf der Dorfstraße nimmt ihr Liebster, der mit seiner
-Schwadron in den Krieg zieht, von ihr Abschied. Und nun fragen sich die
-beiden jungen Leute im Wechselgesang, was sein wird, wenn wiederum der Wein
-blüht:
-
- »Ich küsse dich, Anuschka.«
- »Ich küsse dich, Iwan.«
- »Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«
- »Ja, was wird sein?«
- »Hochzeitsgeschenke werden kommen, und du wirst nicht an mich denken.«
- »Ja, Hochzeitsgeschenke werden kommen, aber ich werde an dich denken.«
- »Denke nicht an mich, denn ein eisernes Vögelchen flog mir ins Herz.«
-
-Drinnen tönten die schwermütigen Strophen fort, immer von der hüpfenden
-Begleitung durchschlungen und unterbrochen. Der Fürst aber beugte sich
-vor, als ob er ein Urteil über das heimatliche Lied erwarte. Allein seine
-Zuhörerin war über das rein Poetische des Gedichtes längst hinweggeeilt.
-Ihr an das Nächstliegende stets gebundener Sinn stöberte unruhig in den
-Gedankenverbindungen herum, die durch ein einziges Wort des Textes in ihr
-erregt waren. -- -- Krieg! -- -- Und plötzlich vergaß sie, wer neben
-ihr saß. Nichts als die weiche und gütige Stimme des Mannes, der sie
-unterhielt, war in ihrem Ohr haften geblieben. So kam es, daß sie sowohl
-die fremde, vielleicht feindliche Volksangehörigkeit ihres Nachbarn
-außer acht ließ, ja, daß ihr sogar sein hoher Rang entglitt. Wie ein
-bekümmerter Mensch, der bei einem anderen lebenden Wesen Trost sucht,
-bettete sie ihre Hand ohne jede Absicht auf die Finger des anderen, um
-rasch und inständigst zu fragen:
-
-»Sie sind mir fremd, aber Sie müssen es wissen, -- nicht wahr, es ist
-doch unmöglich?«
-
-»Was ist unmöglich?« wiederholte der Dragoner sich sammelnd, obwohl er
-den Sinn ihrer plötzlich ausgestoßenen Bitte recht wohl begriff.
-
-Wie plump die Nemza war! Man bereitete doch einem Unbekannten, den man
-sicherlich nie wiedersehen würde, nicht derartige Verlegenheiten! Doch
-während er sich zu ihr wendete, spielte wieder das gewinnende Lächeln des
-Gesellschaftsmenschen auf seinen klassisch geformten Zügen.
-
-»Was beunruhigt Sie, bestes Fräulein? Kann ich vielleicht Ihre Bedenken
-zerstreuen? Sie sehen übrigens so aus, als wenn Sie nicht leicht außer
-Fassung zu bringen wären.«
-
-Da zog Johanna, zur Besinnung gelangend, ihre Hand hastig zurück, raffte
-sich zusammen und saß wieder so aufrecht und unberührt, den Kopf in
-den Nacken geworfen, daß den Fürsten ihre steife Haltung innerlich
-belustigte.
-
-»Sie haben ganz recht,« äußerte sie kalt, und ihr Ton klang so eisig,
-wie ihn nur die Herrin von Maritzken, sobald sie sich oder andere auf
-einem Fehler ertappte, anzuwenden pflegte. »Wie kämen Sie dazu, mir
-Aufschlüsse über etwas zu erteilen, was Ihnen vielleicht dienstlich
-verboten ist.« Und sich zu Herrn Miljutin kehrend, begann sie mit dem
-Fabrikbesitzer sich wiederum über geschäftliche Dinge zu unterhalten.
-
-Eingehend erkundigte sie sich bei dem Kaufmann nach dem Preis seiner
-eigenen Lastpferde.
-
-Ein Pferdegespräch also, auch das noch! Ungläubig lauschte Dimitri
-Sergewitsch ein paar Sekunden herüber. Dann aber, als sich der schöne
-junge Mann daran erinnerte, wie unbändig taktlos es wäre, eine
-Unterhaltung so schneidend und kurz abzubrechen, namentlich ihm, dem stets
-Höflichen gegenüber, da glitt er fast unhörbar empor und gedachte
-sich mit einer seiner anmutigen Verneigungen durch den Vorhang in das
-Nebenzimmer zu begeben, um Maria Geschowa ein paar Lobeserhebungen über
-ihren Gesang zu Füßen zu legen. --
-
-Da geschah etwas.
-
-Ganz unvermutet und gegen seinen Willen wurzelte er dicht an dem Platz, wo
-Johanna saß, fest, so daß sich ihre Gewänder beinahe berührten.
-
-Was war das?
-
-An der schmalen Seitenwand des Zimmers öffnete sich eine niedrige
-Tür, und auf dem Vorplatz, der mit ein paar Steinstufen auf den Hof
-herunterleitete, nahm man eine russische Ordonnanz wahr, die einen Brief
-oder eine Depesche in der Hand hielt. Mehrere Offiziere umgaben den
-Soldaten, ein halblautes Summen und gedämpfte Rufe schlugen von draußen
-herein.
-
-Johanna griff fest in die Seitenlehne des Klubsofas. Ihr heller Verstand
-verriet ihr auf der Stelle, dort auf dem Vorhof spiele sich nichts
-Gleichgültiges ab, nein, daß der Bote vielmehr eine Entscheidung
-brächte. In das Dunkel, das sie alle umgab, wurde sicherlich in diesem
-Augenblick eine Fackel geschleudert, in der nächsten Minute konnte bereits
-ein wütender Brand auflodern, wilde Glut mußte Weg und Zukunft erhellen.
-Nicht um einen Schlag pochte das Herz der Landtochter schneller. Die
-Gewißheit war stets ihre treueste Bundesgenossin. Und nur ein einziger
-Gedanke riß klar und blendend durch ihr Bewußtsein.
-
-Fort!
-
-Gab es für sie und die Schwestern, die in ihrer Hut standen, noch einen
-Rückweg? Das unerschütterliche Vertrauen auf die Standhaftigkeit des
-weißen Friedenstempels, unter dessen glattem Marmordach ihr ganzes Leben
-verflossen, es war eine Torheit gewesen. Ihre Augen starrten unausgesetzt
-auf den offenen Durchgang. Nicht der kleinste Zug in den aufgeregten Mienen
-der Männer dort draußen entging ihr. Ihr war es, als verstände sie
-plötzlich jede Silbe der fremden Worte, die da so rasch und kurz wie
-Flintenkugeln durcheinanderflogen.
-
-Kein Zweifel, das Fürchterliche war da!
-
-Und alles, was nun geschah, wirrte wie Schattenbilder um sie her. Fast
-lautlos und unhörbar vorübergleitend.
-
-Stürzte nicht der Bergbaustudent Alexander Diamantow auf den Flur hinaus,
-um die schmale Tür sofort hinter sich zu schließen? Eine plötzliche
-Stille trat ein. Auch in das Nebenzimmer mußte bereits die geheimnisvolle
-Kunde gedrungen sein, denn auch dort war jeder Laut erstorben. Man hörte
-nur das leise Klirren der Teetasse, die in der Hand der Gouverneurin
-zitterte. Gleich verwunschenen Traumfiguren, leblos, keiner Bewegung
-mächtig, verharrten die Männer in Johannas Umgebung.
-
-Und dann -- die Tür flog auf, -- weiß wie ein Blatt Papier überreichte
-der Bergbaustudent dem Obersten Geschow ein geschlossenes Formular. Johanna
-sah, wie sich die breite Brust des untersetzten Obersten gewaltsam hob. Die
-gutmütigen grauen Augen des Mannes schlossen sich für eine Sekunde, und
-seine fleischige Rechte strich schwerfällig über die kurz
-geschorenen weißen Haare. Im nächsten Moment freilich stieß er einen
-unverständlichen Ruf aus, brach zitternd vor Aufregung das Schreiben
-auseinander, und während er sich damit vorgebeugten Hauptes gegen das
-Fenster wandte, wehrte er es den anderen nicht, ihm in atemloser Spannung
-über die Schultern zu blicken. Ein starkes Atmen ging durch den Raum.
-
-Gleich darauf kehrte sich der Oberst zurück. Mit einer straffen Bewegung
-steckte er sich das Formular in den Ärmelaufschlag, nickte kurz und
-warf ein einziges Wort hin. Es pfiff wie ein Säbelhieb. In den Augen des
-Kommandeurs aber funkelte ein seltsames Leuchten.
-
-Da -- vom Hof schallte ein hundertstimmiger Schrei herein. Taumel, Ekstase,
-Rachegier oder ein allgemeines begeisterungstrunkenes Gelöbnis mischte
-sich in dem langen, die Brust befreienden Aufbrüllen. Oberst Geschow
-jedoch, der fast schon unter dem Vorhang weilte, warf energisch die Rechte
-zurück, als erteile er den gemessenen Befehl, daß seine Untergebenen
-derartige Kundgebungen sofort zu unterdrücken hätten, und ohne Verzug
-eilte die Mehrzahl der Offiziere auf den Hof hinaus. Der Rest folgte seinem
-Kommandeur in das Gesellschaftszimmer, und bald befand sich die Fremde, die
-man vergessen hatte, allein.
-
-Nein, nicht allein.
-
-Langsam kehrte das Leben in die Glieder des Fürsten Fergussow zurück. Er
-war es, der einzig von allen anderen noch immer neben der Fremden weilte,
-und sie sah nun wie der junge Mann aus seinem tiefen Nachdenken zu erwachen
-schien. Keine Muskel regte sich in dem reinen kalten Antlitz, als er jetzt
-ernst seine sanften braunen Augen auf die Deutsche richtete. Dann verneigte
-er sich vor ihr ganz in der Art eines großen Herrn.
-
-»Meine Gnädigste,« sagte er zuvorkommend, »Oberst Geschow hat
-zweifellos im Drang seiner Geschäfte Ihnen gegenüber eine Pflicht
-verabsäumt. Es kann ihm nur angenehm sein, wenn ich sie an seiner Statt
-erfülle.«
-
-Noch hatte der Fürst nicht ganz geendet, als hinter dem Vorhang die
-laute Stimme des Hausherrn, des Rittmeisters Sassin, in ihr gewöhnliches
-polterndes Lachen ausbrach. Augenscheinlich galten seine Beruhigungen den
-fremden Gästen, die gewiß durch das zuletzt Erlebte einem hemmungslosen
-Schrecken verfallen waren.
-
-»Aber meine Damen,« hörten die beiden Lauschenden das vollsaftige
-Organ des Rittmeisters schmettern, »mein bester Freund Rudolf Bark, welch
-unnötige Aufregung! Eine dienstliche Depesche wie hundert andere. Nicht
-der geringste Grund, um darüber nachzudenken. Wie? Aufzubrechen wünschen
-Sie? Das dulde ich unter keinen Umständen. Das leide ich einfach nicht.
-Das Ganze war hier als ein kleiner =thé dansant= gedacht. Jede Minute
-müssen die Spielleute unseres Regiments eintreffen. Nein, um dieses
-Vergnügen lasse ich uns nicht bringen. Sie befinden sich unter Freunden,
-nicht wahr, Oberst Geschow?«
-
-In dem Billardzimmer jedoch zog Fürst Fergussow die Augenbrauen zusammen.
-
-»Ich weiß nicht, mein Fräulein,« äußerte er rasch zu seiner
-Gefährtin, die ihm nun in ihrer ganzen Größe gegenüber ragte, »warum
-Leo Konstantinowitsch so Widersinniges redet. Ich hoffe, es geschieht, um
-Ihre Furcht nicht noch zu vermehren. Aber wie gesagt, ich glaube Ihnen die
-Wahrheit schuldig zu sein. Hören Sie also: Soeben erfuhren wir, daß
-Ihre Regierung an die unsrige ein Ultimatum richtete. Es läuft in
-zweiundsiebzig Stunden ab.«
-
-»Ist das der Krieg?« fragte Johanna ruhig.
-
-Dimitri Sergewitsch zuckte die Achseln.
-
-»Wer weiß das?« gab er knapp zurück. »Wir Frontoffiziere vermögen
-derartiges am wenigsten zu beurteilen. Aber auf die Gefahr hin, uns Ihrer
-Gegenwart zu berauben, möchte ich Sie doch bitten, sich sofort in Ihre
-Heimat zurückzubegeben.«
-
-»Hörten Sie nicht,« warf Johanna mit ihrer gewohnten Umsicht ein, »daß
-Ihr Freund, der Rittmeister Sassin, uns nicht fortzulassen wünscht?«
-
-»Das kann nur ein Scherz sein,« erwiderte der Aristokrat sich
-aufrichtend, und in diesem Moment sah man, wie kräftig die Muskeln in
-seinen schlanken Gliedern spielten. Er schlug den Vorhang zurück, um seine
-Gefährtin in das Gesellschaftszimmer vorantreten zu lassen, und seine
-einschmeichelnde Stimme nahm einen Klang an, der vollständig von der
-Gewohnheit des Befehlens beherrscht war. »Leo Konstantinowitsch,« rief er
-laut, »wir alle bedauern es lebhaft mit Ihnen, weil die Zeit für unsere
-deutschen Gäste abgelaufen ist. Die Herrschaften wünschen sich zu Fuß
-bis zu der Brücke zu begeben, und Sie werden die Güte haben, dafür Sorge
-zu tragen, Herr Kamerad, daß der den Damen gehörige Wagen ihnen sofort
-folgt.«
-
-»Das leide ich nicht,« knurrte Sassin plötzlich händelsüchtig, und
-eine rote Blutwelle schoß ihm in die Stirn. »Wozu das alles? Auf der
-Straße treibt sich jetzt ohnehin allerlei Fabrikarbeitervolk herum, die
-Damen könnten nur Unannehmlichkeiten erfahren.«
-
-»Es ist vernünftig, Leo Konstantinowitsch, daß Sie darauf aufmerksam
-machen,« entgegnete Fürst Fergussow, obwohl er ihn keines Blickes
-würdigte. »Aber ich selbst werde die Ehre haben, die Damen sowie den
-fremden Herrn bis an die Brücke zu geleiten.«
-
-»Ah, Sie selbst, Durchlaucht,« murmelte der Hausherr erstickt.
-
-»Sie gestatten, daß ich mich Ihnen anschließe,« erbot sich Oberst
-Geschow. »Ich vermute, daß besondere Brückenbefehle ausgegeben sind, und
-ich wünsche, daß unsere Gäste ohne Belästigung hinüber gelangen.«
-
-Die Gesellschaft sprach laut durcheinander. Jeder suchte sich und
-die übrigen davon zu überzeugen, daß all die gewünschten
-Vorsichtsmaßregeln völlig grundlos wären, weil sich bei der bekannten
-Friedensliebe und Gutmütigkeit des slavischen Volkes niemals etwas
-Ernstliches ereignen würde.
-
-»Wie können in einem Staate, der sich so langsam emporarbeitet,
-überhaupt jemals solche das Volksvermögen zerrüttende Gedanken
-auftauchen,« ächzte der Gouverneur Bobscheff, indem er, schlau mit den
-Augen zwinkernd, seinen Hals weit über die übrigen erhob. »Man wird
-einen Ausweg finden. Auf Auswegen beruht die ganze Politik.«
-
-»Hören Sie es?« machte Tatiana, die Heroldin seines Ruhmes, aufmerksam.
-»Mein Gatte verwirft aus nationalökonomischen Bedenken jede kriegerische
-Auseinandersetzung.«
-
-»Leben Sie wohl, Rudolf Bark,« so schritt unbekümmert um die betroffenen
-Mienen der anderen die dunkle Tatarin mitten durch den ausweichenden
-Kreis hindurch und auf den Kaufmann zu, der wie eine Schutzwehr für seine
-bereits in der Diele befindlichen Damen, noch auf der Schwelle verharrte.
-Und einer sie durchströmenden Scham nachgebend, streckte Maria Geschowa
-dem Konsul warm die Hand entgegen. »Sie wissen jetzt,« sagte sie ganz
-laut, als ob sie wünsche, daß es die anderen auffangen sollten, »Sie
-wissen jetzt, warum es hier manche Heimlichkeiten gab. Aber das, was ich
-Ihnen jetzt sage, das können Sie mir ehrlich und ohne Mißtrauen glauben.
-Ich wünsche von Herzen, daß die uns noch zur Überlegung gegönnten drei
-Tage eine blutige Entscheidung abwenden möchten. Denn gleich mir, so gibt
-es hier unter uns viele,« setzte sie mit erhobener Stimme hinzu, als sie
-das eisige Schweigen der Umstehenden bemerkte, »viele gibt es hier, die
-nichts so widersinnig, ekelerregend und hündisch finden, als das bewußte
-Zerfleischen von Geschöpfen, die sich Menschen nennen. Pfui, möchte es
-nie dazu kommen!«
-
-»Du hast recht, Maria,« pflichtete nach einer Pause des bedrückten
-Schweigens der Gatte der Tatarin, Oberst Geschow, sehr ernsthaft bei und
-streichelte der erregten Frau billigend und respektvoll über den Arm.
-»Hoffen wir, daß das Menschengeschlecht diesen Schritt nach unten nicht
-zu wagen braucht; denn nach abwärts wird der Weg führen.«
-
-In diesem Augenblick öffnete Fürst Fergussow die äußere Tür, und
-das Licht des funkelnden Sommertages flutete üppig und hell auf all die
-ängstlich zusammengedrängten Menschenköpfe, die ahnungsvoll nach dem
-fernen Grollen des Weltenschicksals hinaushorchten.
-
- * * * * *
-
-In wenigen Minuten hatte man den Brückenkopf erreicht. Und doch war es den
-durch den schwarzen kotigen Kohlenstaub dahineilenden Mädchen gewesen, als
-ob sie sich durch andrängende Jahre hätten hindurcharbeiten müssen.
-Das rußige Erdreich besudelte ihre hellen Schuhe, die offenen Mäntel
-flatterten unordentlich hinter ihnen her: Ganz gleich, nur den Ort
-erreichen, von wo man die Heimat sehen konnte, die sichere, die
-schützende.
-
-Da -- gottlob -- da gewahrte man schon den schmalen Fluß, man sah
-die langen Kohlenkähne, vor denen die Ablader nun beschäftigungslos
-herumlungerten. Und jetzt, -- war das nicht das Getrappel vieler Pferde,
-das da hinten von der hölzernen Brücke herüberpolterte? Noch ein paar
-Schritte, und die dunkelblauen Uniformen einer Reiterabteilung wurden
-sichtbar, die auf unruhigen Pferden dicht vor dem Brückeneingang hielt.
-Die gezogenen Säbel blitzten im Licht des Spätnachmittags.
-
-»Großer Gott,« fuhr Isa auf, während sie die Hand ihrer ältesten
-Schwester, die ruhig und aufgerichtet wie immer neben ihr herschritt, in
-heftiger Bestürzung umklammerte, »was bedeutet das? Hans, ob man uns hier
-gewaltsam zurückzuhalten gedenkt?«
-
-Über das marmorweiße Antlitz der Großen huschte ein mattes Lächeln. Und
-doch richtete sie ihre Augen auskunftheischend auf den Fürsten Fergussow,
-der mit seinem leichten, federnden Gang an ihrer Seite geblieben war.
-Sofort nickte der Aristokrat verständnisvoll und trat rasch an den jungen
-Zugführer heran, der grüßend seinen Degen vor dem Offizier in der
-blitzenden Uniform senkte. Ein paar schnelle, den anderen unverständliche
-Worte wurden gewechselt. Gleich darauf parierte der Dragonerleutnant seinen
-Braunen und rief etwas mit lauter Stimme über die Brücke. Gehorsam traten
-auf den Anruf die beiden Grenzsoldaten dicht an das Wachthäuschen heran
-und gaben die Durchfahrt frei.
-
-Da meldete sich ein fernes Rollen. Im Galopp kam der Landauer des Konsuls
-über den Marktplatz gerasselt, und schon von weitem erkannte man, daß
-der Rittmeister Sassin selbst das Gespann lenkte. Mit klatschenden
-Peitschenschlägen trieb er die Pferde die steile Straße hinan. Kaum
-hatte er die Brücke erreicht, als er auch schon dem deutschen Kutscher
-die Zügel zuwarf und klirrend herabsprang. Unter beständigem betrübten
-Kopfschütteln, und während er sich unausgesetzt den starrenden rotblonden
-Schnurrbart strich, schritt die mächtige Gestalt bis mitten auf den
-Holzweg, wo sich der Konsul, sowie seine Schutzbefohlenen, soeben von ihren
-russischen Begleitern verabschiedeten. Laut dröhnte die metallische Stimme
-des Rittmeisters zwischen die letzten höflichen Worte der Scheidenden.
-
-»Rudolf Bark, mein teurer Freund, meine gnädigsten Damen, welch
-ein Malheur, welch ein lächerliches Mißverständnis! Nie werde ich
-wahnsinnigen Zeitungsschreibern, die an allem schuld sind, vergeben, was
-sie an mir verbrochen haben. Einen der schönsten Tage meines Lebens haben
-mir die elenden Narren gestohlen. Es ist unbegreiflich, Rudolf Bark, wie
-auch Ihre bekannte Kaltblütigkeit sich von solchem Geschwätz beirren
-lassen kann.«
-
-Der Konsul hatte die Mädchen erst über die hölzerne Schwelle geführt,
-welche die Grenze der beiden mächtigen Reiche bildete. So merkwürdige
-Vorstellungen nisten in den Köpfen auch kluger Menschen, daß der Kaufmann
-seine Begleiterinnen erst völlig geschützt wähnte, als sie hinter dieser
-eingebildeten Schranke weilten. Er selbst aber trat noch einmal zurück,
-nicht nur um seinen Wagen herbeizuwinken, sondern auch in der Absicht, das
-Gebaren seines bisherigen Gastgebers, das er deutlich durchschaute, durch
-ein paar derbe und offene Worte vor den anderen bloßzustellen. Aber wie
-erstaunte er, als er merkte, daß diese Aufgabe bereits von dem vornehmen
-Offizier aus Petersburg übernommen sei. Lässig lehnte Dimitri Sergewitsch
-an dem Brückengeländer, nur eine heftige Kopfbewegung verriet, wie
-widerlich und unanständig ihn das unaufrichtige Verhalten des Kameraden
-anmutete.
-
-»Leo Konstantinowitsch,« bemerkte er kurz, »Sie mögen gewiß Gründe
-haben, die gegenwärtige Lage so optimistisch zu beurteilen. Mich selbst
-aber, und wie ich glaube auch den Herrn Obersten, befriedigt es ungemein,
-weil wir die deutschen Herrschaften in dieser gespannten Zeit dort wissen,
-wohin sie gehören.« Und sich noch einmal, ohne die anderen zu beachten,
-direkt vor Johanna verbeugend, rief er noch hinüber: »Kommen Sie gut
-nach Hause, mein gnädigstes Fräulein; nein bitte, keinen Dank. Was hier
-geschehen ist, würde jeder andere genau so verrichtet haben. Übrigens --
-hier kommt Ihr Wagen. Und nun guten Abend.«
-
-Ein kurzes Gedränge entstand, hastig schlüpften die Mädchen durch den
-Schlag, der Konsul zog noch einmal den Hut vor dem salutierenden Obersten,
-und fort rollte der deutsche Wagen der Heimat zu.
-
-Ungefährdet.
-
-Im Lichte der Abendsonne aber lehnte Fürst Fergussow, so lange er das
-Gefährt noch verfolgen konnte, an dem Brückengeländer. Er hatte sich
-eine Zigarette entzündet, und die weißen Wolken ringelten sich fröhlich
-in den matter werdenden Himmel.
-
- * * * * *
-
-Wie anders sah das Land aus, in das der deutsche Wagen auf seinen prallen
-Gummireifen hereinrollte, als dasjenige, das seine Insassen eben von Grauen
-geschüttelt, verlassen hatten. Dort ein wüstes schmutziges Durcheinander,
-grundlose, ungepflasterte Straßen, baufällige Häuser, und eine
-Stadt, die von der segensreichen Tochter des Himmels, der Ordnung, nie
-durchschritten war. Und hier, kaum daß man den schwarz-weißen Grenzpfahl
-passiert, dem man zum erstenmal im Leben wie einem alten schutzbereiten
-Wächter aufatmend zugenickt hatte, hier empfing die Heimkehrenden eine
-glatte Chaussee aus blauweißen Steinchen, sauber gekehrt und auf beiden
-Seiten besetzt von buschigen Kirschbäumen, die bereits der Frucht
-zustrebten.
-
-Gleich vor dem ersten Bauerngehöft stand neben den in der Abendsonne
-blitzenden Glaskugeln des Vorgärtchens eine hochgewachsene blonde Frau,
-auf dem Arm ihr Töchterchen tragend. Sie rief etwas in das Haus hinein,
-als sie den herannahenden Wagen gewahrte. Auf den weithallenden Schrei trat
-sofort ein Mann in Lederhosen und Hemdsärmeln aus der Tür, schnallte
-sich den Gurt etwas fester, strich sich die düster-blonden Haare aus der
-gebräunten Stirn und schritt dann dem heranrollenden Gefährt entgegen.
-
-Der Konsul beugte sich in seinem weißen Mantel hinaus. Er erinnerte sich
-nicht, den jungen Bauern, der offenbar ein Anliegen hatte, jemals gesehen
-zu haben. Und doch beherrschte ihn die merkwürdige Empfindung, daß es
-jetzt notwendig und angebracht sei, jedem Landsmann Rede und Antwort zu
-stehen.
-
-»Guten Abend, Herr Konsul Bark,« begann der Bauer, indem er freimütig
-grüßend an den Schlag herantrat; und sich gewissermaßen vorstellend,
-fuhr er fort: »Ich kaufe schon seit langem meinen Kram bei Ihnen
-dort drinnen. Aber deswegen halte ich Sie nicht fest. Ich bin hier
-Gemeindevorsteher, und die Nachricht ist eben bei mir eingelaufen. Sie
-kommen von drüben, Herr Konsul, und da wollte ich fragen, ob wir uns
-wirklich fertig machen müssen.«
-
-Als er dies sprach, reckte sich die gedrungene Gestalt des Mannes und
-kehrte sich halb gegen Osten, als ob er irgend etwas von dort Andrängendem
-den Weg sperren müsse. Der Konsul aber reichte ihm rasch die Hand heraus
-und bestätigte mit einem leisen Seufzer:
-
-»Ja, ja, ich fürchte es steht schlimm, Herr Gemeindevorsteher.«
-
-»Schlimm?« wiederholte der andere erstaunt, und in seine braunen Augen
-drang ein seltsames Flimmern, »ich stand dort drinnen als Sergeant bei der
-Artillerie, Herr Konsul, und ich denke, wir werden auch ein Wort mitzureden
-haben. I wo, ich will uns nicht loben, aber wir werden uns nicht lumpen
-lassen, Herr Konsul.«
-
-Es lag etwas so Frisches, Selbstverständliches in der Überzeugung dieses
-gedienten Soldaten, daß seine Zuhörer wie von einem heißen, belebenden
-Trank durchrieselt wurden.
-
-»So ist es,« stimmte Johanna zu, innerlich beglückt, nach all dem
-französischen Parlieren wieder die derben heimatlichen Laute zu vernehmen,
-»wenn wir fest zusammenhalten, kann uns nichts geschehen.«
-
-Der Landmann aber schüttelte ganz verblüfft das unbedeckte Haupt. Er
-schien den Sinn der Anrede durchaus nicht zu begreifen.
-
-»Zusammenhalten?« wiederholte er langsam und prüfend. »Aber das ist
-doch selbstverständlich, Fräulein, -- Ehrensache. Ne, da kennen Sie uns
-nicht, die Sache wird gemacht.«
-
-»Das meine ich auch,« nickte die Älteste von Maritzken, in deren Seele
-sich die alte trotzige Widerstandskraft erhob.
-
-»Und was wird aus Ihrer Wirtschaft?« warf der Konsul dazwischen, »aus
-Frau und Kindern?«
-
-»Ja, deswegen ist bereits vom Landratsamt telephoniert worden. Die
-Wirtschaft muß ich vorläufig sich selbst überlassen,« meinte der Mann
-stirnrunzelnd, »aber alles, was Beine hat, das bringe ich morgen in die
-Stadt. Dort spreche ich mal vor, Herr Konsul.«
-
-»Ja, tun Sie das,« ermunterte der Herr des Goldenen Bechers so
-freundschaftlich, als ob er den einfachen Menschen schon seit vielen
-Jahren kennen würde. »Ich werde mich freuen, Sie gesund wiederzusehen.
-Vorwärts, Johann.«
-
-Und als das Gefährt bereits an dem kleinen Gärtchen mit den bunten
-Glaskugeln vorüberrollte, da sah Isa, die sich zurückwendete, wie der
-Mann in den Lederhosen noch immer mitten auf der Landstraße weilte, das
-Haupt gen Osten gekehrt und das rechte Bein trotzig gegen die Muttererde
-vorgestemmt.
-
-»Die Sache wird gemacht,« klang es Johanna durch den befreiten Sinn.
-
-Weiter ging es.
-
-Bald hatten sie den winzigen Marktflecken Schorweiten erreicht, der nur
-aus einer einzigen langgezogenen Gasse bestand mit einer windschiefen
-Einbuchtung für das kleine niedrige Holzkirchlein. Grünmoosig hing das
-Rohrdach fast bis zur Erde herab. Hier hielt ein berittener Gendarm
-und erteilte, tief von seinem Roß herabgebeugt, den ihn umringenden
-Landbewohnern bereitwilligst jede gewünschte Auskunft. Vor der
-Kirchenschwelle aber stand eine kleine Schar von Buben und flachsköpfigen
-Mädchen. Sie trugen Papierhelme auf den Häuptern, und der kleinste von
-ihnen schwenkte eine deutsche Kinderfahne in den Händen. Lustig flatterte
-das Schwarz-weiß-rot in dem Abendwind, der von dem nahen Landsee
-herüberstrich. Und da hörten die im Schritt Vorbeifahrenden zum erstenmal
-jenes Lied, das seit langer Zeit Bedeutung und Sinn für sie verloren
-hatte, und das ihnen jetzt mit der brausenden Gewalt eines Orkans ans Herz
-fuhr. Aus Kindermund schallte es zu ihnen hin, silberrein und doch trotzig
-und voll werdender Mannheit:
-
- »Lieb Vaterland magst ruhig sein,
- Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«
-
-Da konnte sich Johanna nicht länger zurückhalten. Eine Leidenschaft stieg
-in ihr auf, von der sie selbst nie geahnt hatte, daß sie in der kühlen
-Geschäftigkeit ihrer Tage noch nicht untergegangen wäre. Aber der Anblick
-der ruhigen, auf alles gefaßten Landbewohner, der singenden Kinder und
-der kleinen strohgedeckten Häuschen, über die sich der friedliche Abend
-herabsenkte, das alles zusammen überwältigte sie. Mit einer starken
-verbündenden Bewegung streckte sie dem Konsul, dessen Augen gleichfalls
-ernsthaft, fast liebevoll, auf den fremden Leuten dort draußen ruhten,
-die Hand entgegen, um gleich darauf die weinende Isa fest an ihre Brust zu
-raffen, von wo der schluchzende Rotkopf sich nicht mehr erhob. Nur Marianne
-saß daneben und lächelte. Sie war furchtlos. Ja, die seltsam schmerzhafte
-Aufregung tat ihr wohl. Aber das Ungeheuerliche, das in diesen Augenblicken
-aus der ruhigen Heimaterde vor ihr aufstieg, der gerüstete Riese, in
-den ein ganzes Volk zusammenwuchs, und der nun schwerfällig, treuherzige
-Lieder singend, zur Landesgrenze wandelte, er blieb den geistigen Blicken
-der eleganten Dame verborgen. Ihn erkannte sie nicht. Die vergangene Zeit
-mit ihren fremden Lüsten und Eitelkeiten ließ sie nicht los. Dazu war
-ihr kleines unbedeutendes Frauenschicksal der Gefallsüchtigkeit und
-Freudegierigen zu weit überschattend vor alles Geschehen der Umwelt
-gewachsen.
-
-Dicht hinter dem Dorfteich setzte sich der Wagen in schnellere Bewegung.
-Fern aus dem graublauen Dämmer des Abends stiegen bereits zerfließend
-und verschwimmend die Linien der hohen Kirche auf, deren Schatten sie
-zustrebten. Ein kühlerer Luftzug wehte erfrischend über die Felder.
-
-Da klang über die Chaussee harter Hufschlag. Kurz und regelmäßig, wie
-von einem gut galoppierenden Pferde. Und ehe die aufgestörten Reisenden,
-die jetzt auf jedes ihnen sonst gleichgültige Geräusch achteten, noch
-ihre Meinung über den Herannahenden austauschen konnten, da schwenkte der
-eilige Reiter schon ganz dicht um die nächste Wegbiegung.
-
-»Ein Soldat,« sagte der sich herausbeugende Konsul.
-
-»Fritz Harder,« rief Marianne zum erstenmal lebhaft dazwischen, und
-im gleichen Moment fühlte sie, wie die Augen ihrer ältesten Schwester
-mahnend und dringend auf ihrem Antlitz ruhten.
-
-Aber sie hielt den ernsten Blick, der immer finsterer wurde, mit ihrer
-gewohnten überlegenen Lässigkeit aus. Ja, in ihr prickelte das Gefühl
-des Wichtigen und des Begehrenswerten so angenehm und erregend, daß es
-ihr vor allen Dingen darauf ankam, den seidenen Mantel kleidsam um sich zu
-werfen und die weißen Handschuhe etwas höher über den Arm zu streifen.
-Was galt ihr das in Fieberschauern zitternde Vaterland, wenn sie an die ihr
-eigene geheimnisvolle Macht dachte?
-
-»Guten Abend, Herr Leutnant,« rief der Konsul, der aufgesprungen war, aus
-dem Wagen, »so spät noch im Dienst?«
-
-Der Reiter zog die Zügel an, das Pferd stieg ein wenig, und an der Art,
-wie es seinen Herrn hin und hin schleuderte, da erkannte Marianne -- selbst
-eine Meisterin im Sattel -- daß der Infanterist auf diesem Gebiete seine
-Lorbeeren nicht zu suchen schien.
-
-»Nicht im Dienst,« schöpfte Fritz Harder nach dem harten Ritt Luft, und
-während er die Hand hastig zum Gruß an die Mütze führte, beugte er sich
-vor und ergriff in voller Erregung die Rechte Johannas. Aber seine Augen
-hingen unausgesetzt an dem gleichmäßig lächelnden Antlitz seiner
-Geliebten. »Ich hörte heute vormittag,« keuchte er noch immer atemlos,
-»von Ihrer Fahrt über die Grenze, und da wollte ich mich unter allen
-Umständen nach Ihnen umsehen. Sie wissen doch, was hier inzwischen
-geschah?«
-
-»Ja,« entgegnete Johanna, warm berührt von der Herzensangst des jungen
-Mannes, indem sie kräftig seinen vertraulichen Handdruck erwiderte. »Wir
-wissen es und danken Gott dafür, daß wir wieder im Lande sind. Es war
-eine in dieser Zeit etwas absonderliche Unternehmung,« setzte sie mit
-einem Blick auf Konsul Bark hinzu. »Wie steht es in der Stadt, lieber
-Harder?«
-
-Der Reiter hatte sein Pferd an die andere Seite des Wagens herangeschwenkt
-und begrüßte nun Marianne, die den weiß behandschuhten Arm hob, als ob
-sie einen Handkuß erwarte. Allein merkwürdig, auch der junge Offizier
-schien gänzlich von dem drängenden Ernst der Stunde erfüllt. Er bemerkte
-ihre auffordernde Bewegung gar nicht, sondern berichtete, dicht neben dem
-Schlag reitend, in seinem jagenden Tone weiter:
-
-»Meine Damen, ich bin leider für Sie der Überbringer einer unangenehmen
-Botschaft. Nein, nein, es ist nichts Ernstliches,« beruhigte er sofort,
-als er sah, wie sich Isa erschreckt zu ihm herumwarf, »nur die Chaussee
-nach Maritzken ist für heute nacht durch unsere Pioniere gesperrt.«
-
-»Ja, aber um Himmels willen, warum denn?« fuhr Johanna auf.
-
-»Gott, es werden dort allerlei Ehrenpforten für den Empfang der Herren
-von dort drüben gebaut, wenn sie etwa den Besuch der Damen zu erwidern
-gedenken. Die Herrschaften werden für heute mit ein paar Hotelzimmern
-vorlieb nehmen müssen. Und ich bitte jetzt bereits um Vergebung, weil ich
-mir erlaubt habe, diese Räume für Sie im ›Deutschen Hause‹ belegen zu
-lassen, denn der Andrang war heute nachmittag ein sehr großer.«
-
-»Wie zartfühlend und freundschaftlich von Ihnen, lieber Herr Leutnant,«
-sagte Johanna dankbar. »Wir machen natürlich von Ihrer gütigen
-Bestellung Gebrauch.« Und in ihrer Seele legte sie sich wieder prüfend
-die Frage vor: »Ob meine Schwester Marianne auch einen solchen
-Mann verdient? Und ob sie das Gemüt und das Innenleben eines solch
-Nachdenklichen zu würdigen weiß?«
-
-Ehe sie sich jedoch hierüber die bang zurückgehaltene Antwort erteilen
-konnte, da wandte sich jetzt der junge Offizier direkt an sie selbst, und
-sein dunkles, ernstes Antlitz nahm den Ausdruck der offenen Sorge an.
-
-»Liebes gnädiges Fräulein,« bat er, »Sie müssen mir auch ein anderes
-Anliegen nicht übel deuten. Die Verhältnisse haben sich leider so
-geändert, daß auf eine günstige Wendung, an die wir ja alle noch heute
-vormittag glaubten, kaum gerechnet werden darf. Und da wir waffenfähigen
-Männer binnen kurzem nicht mehr hier weilen werden, so ist es für mich
-und gewiß für viele andere,« setzte er in Beziehung auf den Konsul
-hinzu, »ein unerträglicher Gedanke, Sie dort draußen auf Ihrem einsamen
-Gute ohne rechten Schutz zu wissen. Nicht wahr, ich darf mich doch der
-Hoffnung hingeben, daß die Damen ihren Aufenthalt in der Stadt so lange
-ausdehnen, bis die nötige Sicherheit von uns geschaffen wurde? Darin
-verrechne ich mich doch hoffentlich nicht?«
-
-»Ja, Hans,« drängte jetzt auch Konsul Bark auf die Älteste von
-Maritzken ein, und der spöttische Gesellschaftston des Lebemannes war
-wie weggewischt, »der Bitte unseres Freundes schließe ich mich auf
-das dringendste an. In einer solchen Zeit, liebes Kind,« entfuhr es
-ihm achtlos, ohne daß er die zärtliche Benennung zu verdecken suchte,
-»müßten ja eigentlich all die lächerlichen Bedenklichkeiten zum Teufel
-fahren. Mein ganzes Haus steht leer. Ich besitze so viele Zimmer, daß
-ich ein Regiment unterbringen könnte. Wäre es nicht das
-Allernatürlichste -- --«
-
-»Nein,« schnitt die große Blonde mit aller Bestimmtheit ab, »das
-verstehen Sie nicht, lieber Konsul.« Und leiser fügte sie an: »Sie sind
-vielleicht allein daran schuld, daß ich Ihr freundliches Angebot für
-meine Schwestern nicht akzeptieren kann. Ich selbst komme ja gar nicht in
-Betracht.«
-
-»Sie selbst nicht?« fragte der Kaufmann mit einem Schatten von
-Mißfallen, das der lebhaft aufhorchenden Isa nicht entging.
-
-»Nein,« beendete die Gutsherrin das Gespräch in der ihr eigenen
-entschlossenen Weise, »lieber Freund, Sie wissen ja, wie das gemeint ist,
-wir wollen keinen unnötigen Streit darauf verwenden. Nein,« wiederholte
-sie völlig entschieden, »ich selbst kehre morgen auf das Gut zurück, um
-dort alle Anordnungen zu treffen, die jetzt gewiß sehr nötig werden.
-Aber über den ferneren Verbleib meiner Schwestern werde ich gern mit Ihnen
-beraten.«
-
-»Schön, Hans,« erklärte sich der Konsul, der seine Fassung gewaltsam
-zurückzwang, in einem nicht ganz frei klingenden Gelächter zufrieden.
-»Und hier,« machte er abschweifend seine Schutzbefohlenen aufmerksam,
-»fahren wir bereits über die ersten holprigen Straßen. Merken Sie
-die Stöße? Weiß Gott, niemals sind sie mir so vertraut und gemütlich
-vorgekommen, als heute, seit wir aus dem gottverfluchten Polackennest --
-na ja, über dies und vieles andere unterhalten wir uns bei dem berühmten
-Fischgericht im ›Deutschen Hause‹ eingehender. Sie werden mich des
-Vergnügens nicht berauben, lieber Hans, die Mitglieder meiner Expedition
-noch einmal an dem runden Tisch zu vereinigen. Wer weiß, wann wir wieder
-so nach altväterlicher Sitte beieinander sitzen werden! -- Langsam,
-Johann, langsam.«
-
-Und die Mahnung an den Kutscher war berechtigt. In den schmalen, schon von
-den Abendschatten verhängten Gassen der ernsthaften Handelsstadt wogte
-das Volk durcheinander. Überall Gedränge, überall schwarze Massen auf
-Fahrdamm und Trottoiren. In den matt erleuchteten Läden lauter Disput.
-
-Und dann -- ein merkliches Strömen und Schieben nach der Gegend der
-zweistöckigen grauen Häuser hin, wo die öffentliche Meinung des
-Platzes gemacht wurde, -- nach den Zeitungen. An der schwarzen Tafel des
-Kreisanzeigers ein riesiges weißes Plakat mit Blaustift beschrieben:
-»Deutsches Ultimatum an die russische Regierung«. Und nun, je näher man
-dem Markt zustrebte, ein dumpfes Schwellen und Brausen, das manchmal sich
-zu einem rastlos wirbelnden Trommelschlag verminderte, manchmal aber auch
-dem Dröhnen und Toben stürzender Wellen verglichen werden konnte.
-
-»Horch, sie singen,« sagte Isa erschauernd.
-
- »Lieb Vaterland magst ruhig sein,
- Fest steht und treu die Wacht am Rhein.«
-
-»Ist das nicht erhaben?« fragte Fritz Harder, dessen Antlitz schneebleich
-geworden war, von seinem wiehernden Tier herunter, »die deutsche
-Volksseele betet.«
-
-Machtvoll und zwingend umfaßte dabei sein Blick Mariannens dunkle Züge,
-als müsse er sie gewaltsam zu seinen eigenen Erschütterungen reißen. Und
-sie? Sie lächelte, lehnte elegant in den Kissen des Wagens und knüpfte
-die Bänder ihres breithin schattenden Hutes fester an dem schlanken Hals
-zusammen.
-
- * * * * *
-
-Eine halbe Stunde später wurde leise an die Tür des Hotelzimmers
-geklopft.
-
-»Bitte einen Augenblick,« rief eine frische Stimme von drinnen.
-
-Dann ein Hin- und Herhuschen, gleich darauf öffnete sich die hohe weiße
-Pforte, und durch den Spalt lugte Marianne auf den von einer flackernden
-Gasflamme erleuchteten Gang hinaus. Draußen auf dem Läufer des Flurs
-wartete ein junger Offizier, die Mütze in der Linken und die Rechte auf
-den Degen gestützt.
-
-»Ach du bist es, Fritz,« flüsterte Marianne, über die Heimlichkeit der
-Szene erfreut, und zog ihren Besucher eilig über die Schwelle. »Ist
-das nicht reizend, daß wir hier bleiben mußten? Denke doch, ein so
-unverhofftes Stelldichein.«
-
-»Marianne!«
-
-»St-- nicht so laut, Ihr Männer könnt Euch niemals an Diskretion
-gewöhnen. Hier nebenan sind Johanna und Isa einquartiert, und wenn sich
-meine Schwestern auch zum Glück bereits zu Konsul Bark in das Gastzimmer
-begeben haben, so darf dich doch auch kein anderer hören. Wie denkst du
-dir das eigentlich?« Und dabei schmiegte sie sich an ihn und streichelte
-ihm sanft die Wangen.
-
-Draußen aber von dem Marktplatz hob sich wieder die gewaltige Woge, die
-dazu bestimmt war, ein ganzes Volk auf unerkannte Gipfel seines Daseins zu
-tragen. Tausendstimmig einten sich Kampfesmut, Vaterlandsliebe,
-Seligkeit und Schluchzen immer wieder zu der längst und heiß und
-willig beantworteten Schicksalsfrage. Himmelan brauste der wilde, der
-beschwörende Gesang, der das eiserne Gelöbnis enthielt.
-
-Und siehe da, der junge Offizier machte sich schnell von der hingebenden
-Umschlingung frei, ja es lag ein Abschütteln in der Bewegung, als er jetzt
-rasch unter das Fenster trat. Einen vollen Blick sandte er auf die dunklen
-wogenden Häupter dort draußen hinaus, dann wandte er sich entschlossen
-zurück, und seine Stimme klang anders als sonst, kurz, gepreßt und voll
-innerer Entschiedenheit, da er jetzt zu seiner Geliebten dicht an den Tisch
-zurückkehrte.
-
-»Du irrst, Marianne,« nahm er das Gespräch rasch wieder auf, »ich
-besuche dich hier mit Erlaubnis deiner ältesten Schwester.« Und bewußt
-setzte er noch hinzu: »Ich möchte dir übrigens gleich bemerken, daß
-Johanna, seitdem ich sie näher kenne, meine volle Verehrung genießt.«
-
-»So?« spottete die Schwarze und ließ sich in dem verblaßten roten
-Plüschsessel des Hotelzimmers nieder, so daß ihr Besuch jetzt vor ihr
-stand, »das ist ja äußerst schmeichelhaft für die ganze Familie. Darf
-man auch erfahren, Fritzchen, was du mir in ihrem Auftrage überbringst?«
-
-Dabei dehnte sie sich ein wenig und ließ die Spitzen ihrer schwarzen
-Lackschuhe leise gegeneinander klappen. Ihr Besucher indessen wurde von den
-Lockungen des Bildes nicht eingefangen. Bezwungen horchte er vielmehr
-auf den Gesang, der ungeschwächt um die dunklen Umrisse der Häuser
-fortbrandete, und ohne sich selbst darüber klar zu sein, so war es dem
-Lauschenden doch, als ob das bessere Teil von ihm, seine Seele, gar nicht
-hier drinnen in dem Zimmer weile, wo die höchsten Wünsche des Mannes
-sich erfüllen sollten, sondern draußen bei den Namenlosen,
-Durcheinanderwogenden, die dem in Gefahr befindlichen Vaterlande das
-Trostlied sangen.
-
-»Marianne,« begann er, sich gewaltsam von diesem Gefühl losreißend,
-»die Zeit begünstigt keine Neckereien. Hat dir deine Schwester Johanna
-nicht mitgeteilt, daß ich heute vormittag bei ihr um deine Hand anhielt?«
-
-Wie von einem Stoß in den Nacken getroffen flog Marianne empor. Zitternd
-vor Schrecken stand sie dicht neben dem Offizier, ihre Augen gruben sich
-aus nächster Entfernung ineinander.
-
-»Nein,« brachte sie bestürzt heraus, und es war, als wenn sie ein
-leichtes Frösteln überwände, »das liegt nicht in Johannas Art. Sie hat
-mir nicht das geringste verraten. Um Gottes willen, Fritz, wie konntest du
-das?«
-
-»Wie ich das konnte?«
-
-In dem Manne verwirrte sich jedes Begreifen. Völlig entglitt ihm die
-Beherrschung dieser Zwiesprache, die so vollständig den Charakter einer
-landläufigen Unterhaltung anzunehmen drohte. Nein, der junge redliche
-Mensch vermochte sich durchaus nicht mehr zurechtzufinden. War es denkbar,
-die Herrscherin über sein zukünftiges Leben, dieses heiße, glühende
-Geschöpf, es jauchzte nicht auf, als all die unwürdigen Heimlichkeiten,
-all das böse Versteckspielen von ihnen abgleiten sollten? Sie bekannte
-sich nicht sofort bedingungslos zu ihm, sie verstand nicht, daß eine
-rechte deutsche Frau in der großen allgemeinen Not jeden Zweifel, jede
-Bedenklichkeit von dem Geliebten fortscheuchen und für immer entfernen
-müsse? Nein, das ertrug er nicht. Langsam umklammerte er ihren Arm, und
-obwohl er fühlte, wie sie schmerzhaft zuckte, fragte er noch einmal mit
-aller Zusammenfassung seiner Willensstärke:
-
-»Marianne, du weißt, mein Dasein ist an das deine geknüpft. Gib
-mir deine Hand und bestätige mir noch einmal, daß du mein Leben, so
-bescheiden es auch ist, teilen willst.«
-
-Hilflos schickte Marianne ihren Blick umher, ein rasches Aufatmen hob ihre
-Brust, und während sie, wie um ihren Bedränger zu besänftigen, ihm immer
-noch mit ihrer zarten, weichen Hand die Wange streichelte, da rang sie sich
-kleinlaut ab:
-
-»Du weißt, Fritz, wie gern ich dich habe.«
-
-»Gern? Nun gut, Marianne, auch das genügt mir. Aber dann wollen wir
-jetzt hinunter gehen, um den Deinen unser Verlöbnis, das sie erwarten,
-mitzuteilen. Auch meinen Eltern möchte ich die Freudenkunde nicht länger
-vorenthalten.«
-
-»Aber sieh mal, Fritz,« versuchte sich das blühende Geschöpf zu
-entwinden, das die unwillkommene Einzwängung zwischen Beschränkung und
-Kleinbürgerlichkeit auf sich einrücken sah, wie die beiden Kneif-Enden
-einer riesigen Zange, »ich habe natürlich nichts dagegen -- ich meinte
-nur -- --«
-
-»Was meinst du? -- Gibst du deine Einwilligung?« beharrte der Offizier
-mit einer ihm ganz fremden Unerbitterlichkeit.
-
-Heftig entzog ihm die Gequälte, die sich nicht binden lassen wollte, ihren
-Arm, da er ihn noch immer umspannt hielt. Nein, wie konnte solch ein armer,
-unbedeutender Leutnant, der beinahe auf nichts, als auf seine Löhnung
-angewiesen war, eine derartige Zusage im Ernst von ihr verlangen? Von
-ihr, der Glänzenden, Vielbegehrten, deren Zukunft in einem goldigen Nebel
-schwamm? O, wenn sie wollte, wenn sie bloß winkte, dann würde -- -- --
-Im Grunde war es eigentlich, -- ja, sie konnte es nicht anders nennen, --
-es war eigentlich eine Anmaßung, daß der hartnäckige, in seine Bücher
-verbohrte junge Mensch, der das Leben so wenig kannte, sie veranlassen
-wollte, so plötzlich, so unüberlegt eine Entscheidung zu treffen, die sie
-für immer von allen glänzenderen Hoffnungen entfernen mußte. Und warum?
-Es blieb wirklich halb lächerlich. Weil man einen kleinen ungefährlichen
-Flirt getrieben hatte, weil man dem hübschen Menschen mit den ernsten
-Zügen ein paar Zärtlichkeiten gestattet, die man eben an irgend jemanden
-verschwenden wollte. Warum nicht an ihn, auf dessen Verschwiegenheit man
-doch bauen konnte? Und zum Lohn dafür jetzt dieses beinahe unhöfliche
-Drängen? Nein, das war sicherlich Johannas Werk, die es nicht erwarten
-konnte, die schöne Schwester, deren Eleganz und Damenhaftigkeit sie
-natürlich heimlich beneidete, in ein ebensolches Arbeitsdasein zu stoßen,
-wie sie es selbst führte. Herrgott, Herrgott, wenn man nur einen Ausweg
-fände, ein Entschlüpfen! Und plötzlich warf sie sich in den Sessel
-zurück und schlug beide Hände vor ihr Antlitz. Heftig und wild schluchzte
-sie auf. Ja, der von einem peinlichen Schrecken durchschlagene Offizier
-merkte sogar, wie zwischen den Ritzen ihrer Finger helle Tränen
-hindurchtröpfelten. Das hatte er noch nie bei ihr wahrgenommen. Und eine
-Sekunde lang war es ihm, als müsse er sich über die Ringende beugen, um
-ihr unter tausend guten Worten Trost zuzusprechen. Es war ja eigentlich
-alles so natürlich. Dem Unverdorbenen schien es, als ob diese Tränen,
-dieses aufgelöste Schluchzen nur ein unverstandenes Abschiednehmen von
-Mädchentum und Jungfräulichkeit bedeuteten, ein rührender Kummer, der
-ihm sein Mädchen in einer ganz neuen, zarten und demütigen Schwäche
-zeigte.
-
-Wenn nur die Zeit, die machtvoll aufbegehrende Zeit derartige Erwägungen
-nicht wie Spreu im Sturm auseinander gesprengt hätte. Horch! Begann
-dort draußen nicht mit einem Mal das Glockenwerk von dem Turm der
-Sebaldus-Kirche zu läuten? Ein Ton immer eherner und markerschütternder,
-als der andere? Fritz Harder begriff nicht, warum die Kunstschöpfung des
-alten Uhrmachers Adameit, seines Hauswirtes, in dem allgemeinen Tumult
-ihre Stimme erhöbe, aber der seelenumwühlende Donnerton raubte ihm jedes
-weichliche Mitleid. Fest und zielsicher trat er an den roten Sessel heran,
-um seine Hand noch einmal auf ihre Schulter zu stützen. Doch merkwürdig,
-nur ein wenig regte die in sich Versunkene die volle Rundung, aber die
-Bewegung genügte, damit die Hand abglitt. Empfand der Betroffene auch die
-leise Gereiztheit, die sich hier äußerte, den beleidigten Mißmut und die
-schlecht verhehlte Empörung über Zwang und Gehorsam?
-
-»Marianne,« forschte der junge Mann noch einmal in äußerster
-Zurückhaltung, »Marianne, ich begreife deine Tränen nicht. Liegt denn in
-meiner Bitte, in meinem Verlangen, eine Beleidigung?«
-
-Und mit einem plötzlichen Entschluß entfernte er ihre Hände von
-ihrem Antlitz. Dann erschrak er. Der braune Samtton war von ihren Wangen
-entwichen, und auf ihren erschreckten Zügen lauerte etwas, was er sich
-durchaus nicht erklären konnte. Für einen Erfahreneren freilich, für
-Konsul Bark, hätte ein Blick genügt, um zu wissen, daß es die Teufel der
-Lüge waren, die dort ihre geschäftige Arbeit verrichten wollten.
-
-Jetzt hatte sie sich auch gefaßt. Ja, ihr Mund lächelte wieder halb
-schmollend zu ihm empor.
-
-»Wie kannst du nur so etwas fragen, Fritz?« widerlegte sie, während die
-Tränen immer noch ihre großen schwarzen Augen feuchteten, »ich denke
-doch nur darüber nach, daß du jetzt, gerade jetzt, vielleicht morgen
-schon, von meiner Seite gerissen wirst.«
-
-»Ja, das ist wahr,« bestätigte ihr Zuhörer betroffen.
-
-»Und sieh einmal -- --«
-
-»Ja, was denn -- was denn -- erkläre dich deutlicher.«
-
-Sie beugte sich herab und ließ die glänzenden Lackhalbschuhe wieder
-leicht gegeneinander schnellen. Noch hatte sie den gewünschten
-Schlupfwinkel nicht völlig gefunden, in den sie sich verkriechen wollte.
-
-»Sieh einmal, Fritz,« suchte sie noch immer unsicher, »du sagst selbst,
-es gerät jetzt alles ins Wanken. Kein Mensch weiß, ob er den anderen am
-nächsten Tage wieder sehen wird. Meinst du nicht auch, daß man lieber
-abwarten sollte, bis sich alles geklärt hat?«
-
-Noch sprach das schöne Geschöpf ungewiß und zögernd, da fuhr sie
-plötzlich erschreckt auf. Woher die ungewohnte atempressende Stille?
-Draußen hatte unvermittelt der Gesang der Volksmenge wie mit einem Schlag
-ausgesetzt. Eine einzelne ferne Stimme wurde hörbar und dann folgte kurz
-und knapp, gleich dem Aufschlagen einer brandenden Welle, ein einziges
-vieltausendstimmiges Hurra. Das eigentümlich knirschende Geräusch, das
-stets vernehmbar wird, wenn Massen sich in Bewegung setzen, drang zu den
-Einsamen empor. Die improvisierte Versammlung auf dem Marktplatz schien ihr
-Ende erreicht zu haben. Jedoch die ungewohnte Ruhe war es nicht allein, die
-das aus der Fassung gebrachte Mädchen so unheimlich in ihren Bann schlug.
-
-Jetzt wußte sie es -- die grauen Augen des Offiziers waren es, die sie
-festhielten. Lieber Himmel, sie mußten die kleinen betrüglichen
-Künste durchschaut haben, sonst hätten sie niemals einen solch kalten,
-einbohrenden und doch zugleich verzweifelten Glanz strahlen können. Schon
-wollte die Verängstigte aufspringen, um durch eine neue Zärtlichkeit, die
-ihr ja leicht fiel, die unbehagliche Situation zu unterbrechen, als sie an
-ihrem Platz vollkommen erstarrte. Keiner Bewegung mächtig, mußte sie mit
-ansehen, wie ihr Gefährte, ohne sie nur im geringsten zu beachten, an den
-Tisch herantrat, von wo er langsam seine Mütze an sich nahm. Dann streifte
-sich der junge Mann, immer mit derselben unnatürlichen Ruhe, die weißen
-Handschuhe auf und hakte mit einer mechanischen Bewegung den Degen ein.
-Eine Sekunde verharrte er wie in Nachdenken. Allein je tiefer ihm das
-kurz geschorene Haupt auf die Brust sank, desto deutlicher erkannte die
-entsetzte Beobachterin, wie seine dunklen Augenbrauen sich immer finsterer
-und entschlossener zusammenzogen.
-
-»Fritz!« sprang sie empor.
-
-Er hob das Haupt und sah sie an.
-
-Es war ein Blick aus so unendlicher Entfernung, ein so fremder und stolz
-gefaßter Blick, daß Marianne vor Zorn, Scham und Zurücksetzung hätte
-schreien mögen. Im Halse schnürte sich ihr etwas zusammen, sie glaubte
-ersticken zu müssen. Als sie ihre Umgebung wieder vollständig zu deuten
-wußte, da schloß sich bereits, unhörbar, die hohe weiße Tür, und eine
-Scheidewand wuchs empor zwischen ihr und der Vergangenheit voll Spiel und
-Kurzweil.
-
-Wirklich Vergangenheit?
-
-Pah -- sie hatte sich wiedergefunden. Beflügelt eilte sie vor den
-altertümlichen Goldspiegel des Zimmers, um ihr verwirrtes Haar in Ordnung
-zu bringen. Und als sie ihre in purpurner Pracht siedenden Wangen gewahrte,
-als sie die tadellosen Linien ihrer Gestalt abmaß, da zwang sie etwas,
-spöttisch die Achsel zu zucken. Aufatmend trat sie unter die Gardine und
-öffnete das Fenster. Von dem großen viereckigen Marktplatz zogen noch
-immer die dunklen Scharen ab und marschierten in schwarzen Zügen durch die
-Nebengassen. Hoch über ihren Häuptern folgte ihnen das Donnergeläut
-des Glockenwerks. Mit tausend Goldaugen beobachtete der Nachthimmel das
-Aufbegehren und die Erhebung eines ganzen Volkes. Köstlich reine
-Luft strich zu dem Fenster herein und fächelte dem schönen Mädchen
-erfrischend die Stirn. Und in diesem Augenblick durchdrang selbst die
-Gleichgültige, Unbedachtsame ein zitterndes Nachgefühl von dem, was dort
-unten die davonstrebenden Züge der Stadtbürger erfüllt haben mußte.
-Ganz sicher, es schwebte etwas Ungeheuerliches, Niegeahntes in der Luft. Es
-flog von da und dort heran, schwirrende Möglichkeiten, die man ergreifen
-mußte, um sich auf ihren Flügeln von dannen tragen zu lassen.
-
-In die Höhe.
-
-Und der verschleierte Abenteurersinn des Mädchens, das da an dem
-Eckpfeiler des Fensters lehnte, reckte sich und verlangte gleichfalls
-hinaus, fort auf die Wege, die sich weit über die Täler des Alltags
-emporschlängelten.
-
-Dann neigte sie sich weiter vor. Ihr scharfer Blick hatte aufgefangen,
-wie das trübe Laternenlicht in einer Degenscheide widerglitzerte. Und sie
-erkannte die Gestalt, die langsam und etwas vornübergebeugt dort drüben
-in der Dunkelheit der engen Rosenkranzgasse verschwand.
-
-Ja, dort Finsternis und hier Licht, nichts als Schimmer und goldspinnende
-Helligkeit.
-
-Wahrlich, eine große, eine tolle Zeit.
-
-Beglückt, heiß, erglühend stützte sich die Fortgerissene nochmals auf
-das Marmortischchen des Goldspiegels und starrte sich an, als wenn sie
-imstande wäre, sich die Zukunft auf hoch erhobenen Armen entgegenzutragen.
-
-Ja, das Vaterland befand sich in Gefahr, aber sie selbst war schön,
-einfangend schön.
-
- * * * * *
-
-Ruhig schritt Fritz Harder seines Weges. Rechts und links von ihm zogen
-die Bürger mit ihren Frauen und Kindern dahin, und er mußte manchmal
-zur Seite treten, um die Drängenden vorüberzulassen. Dabei fing er immer
-wiederkehrende Worte auf: »Der Kaiser -- der Zar -- Frankreich.« Und er
-wunderte sich, daß er dies so klar vernahm, daß nichts anderes, nichts
-Tieferes in seinem Ohr mitsummen wollte. In der schmalen Rosenkranzgasse
-schimmerte aus allen Fenstern noch Licht, und die Einwohner der Häuser
-standen vor den Türen und tauschten über die geringe Breite der Straße
-hinweg ihre Ansichten miteinander aus. Und wieder schüttelte der in sich
-gekehrte Wanderer erstaunt das Haupt, denn er begriff nicht, warum seine
-Augen dies alles so scharf, so untrüglich in sich aufnahmen. Einmal blieb
-er stehen und sah durch den schmalen Spalt der Gasse zu dem mächtigen
-Nachthimmel empor. Nein, er konnte keinen Unterschied entdecken. Dort oben
-waltete dieselbe schweigende, ungekünstelte Ruhe, wie hier unten und wie
-in seiner eigenen Brust. Eine wundersame, schwere, auf alles vorbereitete
-Fassung, die ihre spähende Aufmerksamkeit nur auf das Nächste richtete
-und entschlossen war, sich selbst zu vergessen.
-
-Merkwürdig, er wollte sich zwingen, das formvollendete, das
-schönheitgesättigte Bild der Geliebten vor sich erstehen zu lassen, die
-ihn aus schneidendem Eigennutz verworfen hatte, aber er vermochte bei aller
-Anstrengung das lockende Geschöpf sich nicht mehr als Ganzes vorzustellen.
-Aus der trüb durchbrochenen Nacht tauchten wohl ihre Umrisse vor ihm
-auf, allein jeder Kopf eines gleichgültigen Bürgers schob sich vor seine
-arbeitende Einbildungskraft und überschattete sie. Ja, als die
-Ablösung einer Militärwache an ihm vorüberzog, die ihm mit klappenden
-Paradetritten die Ehrenbezeugung erwies, da war jedes Gedenken an sein
-eigenes Erlebnis von ihm entwichen und, wie alle anderen, so mußte auch er
-den funkelnden Helmen nachschauen, während ihm innerlich das Herz bis in
-den Hals zu klopfen begann.
-
-»Prima, Herr Leutnant,« krächzte plötzlich eine gallige Stimme hinter
-ihm, und als sich der seinen Träumen Entrissene umwandte, da entdeckte
-er hinter sich den schlottrigen und knickbeinigen Uhrmachergesellen seines
-Hauswirts, den ewig mit der Welt hadernden Leiser Bienchen, der tief den
-zerbeulten Filzhut mit der herabhängenden Krempe vor ihm lüftete, um
-dann krampfhaft in die Tasche seiner Beinkleider zu greifen, weil ihm diese
-stets herabzufallen versuchten, »prima, Herr Leutnant,« krächzte die
-gallige und stets unzufriedene Scherbenstimme, »unsere Soldaten! Ich mag
-zwar das verfluchte Pflasterzerreißen nicht leiden, und wenn sie so mit
-den Kommißstiefeln aufdonnern, möchte man Kopfschmerzen kriegen. Aber was
-tut das, Herr Leutnant? Jetzt sind sie einem ein Trost, ein ganz großer
-Trost, der einem die Nachtruhe wiedergibt.«
-
-Und sich noch näher an den jungen Offizier drängend, umklammerte er mit
-der Rechten ängstlich das faltenreiche Kinn, als wolle er verhindern, daß
-ihm seine bewegliche Karpfenschnauze, die ihm statt eines Mundes
-verliehen war, aus den wild durcheinander fahrenden Runzeln davonliefe.
-So fassungslos und erschüttert hatte Fritz Harder den Uhrmacher noch nie
-gesehen.
-
-»Was meinen Sie, was hier geschehen ist, Herr Leutnant?« tuschelte der
-kleine Jude seinem vornehmen Hausgenossen unter ewigem Kopfschütteln von
-neuem zu.
-
-»Doch nichts Schlimmes, lieber Bienchen?«
-
-»Was heißt schlimm?« wehrte sich der andere, die Achseln ganz hoch in
-die Höhe ziehend, als wolle er den Himmel für seine traurigen Schicksale
-zum Zeugen anrufen. »Unter uns, es kann geben eine fürchterliche
-Zerstörung. Aber soll man es ihm übelnehmen, wenn er an einem solchen Tag
-mit dem Kopf ins Dunkel fährt? Ich sag' Ihnen ins dunkelste Dunkel, Herr
-Leutnant.«
-
-Fritz Harder mußte lächeln. Er wußte, daß der Gefolgsmann des alten
-Adameit mit dem unbestimmten und geheimnisvollen »er« stets seinen Chef
-zu bezeichnen pflegte. Und so forschte er denn vorsichtig weiter:
-
-»Haben Sie wieder Grund zur Unzufriedenheit mit ihm, lieber Bienchen?«
-
-»Ich habe nicht gesagt unzufrieden,« zuckte der Geselle ärgerlich
-zurück und sein Mundgeschirr klappte unendlich oft gegeneinander, »der
-unausstehliche Kerl ist ja trotz allem ein Genie. Aber als ich ihm heute
-in meiner Aufregung unten in dem Keller, wo wir wir immer sitzen, -- Sie
-wissen schon, Herr Leutnant -- die Nachricht überbrachte, können Sie
-sich denken, was er getan hat? Dieser zahnlose Unmensch ist plötzlich
-aufgestanden, hat die Kapsel an dem Stahlzylinder geschlossen, obwohl die
-Sicherung noch immer nicht ganz fertig ist, und hat in seiner vermoderten
-Sprache, die nur ich ordentlich versteh', gesagt: Dann schließe ich mit
-dem heutigen Tage meine Arbeit ab. Unter der Erde hat sie so lange gelegen
-und unter der Erde wird sie auch bleiben. Aber sie wird unserer lieben
-Scholle eine Kraft und eine Wut verleihen, wie -- wie -- Ich glaube, er hat
-gesagt, wie einer Jungfrau, die sich gegen die Schande wehrt. Und nachdem
-er das gesagt hat, hat er mir die Hand gedrückt, was noch nie da war, ist
-in die Ecke gegangen, hat sich den Schmutz abgewaschen und schließlich
-seinen Bratenrock angezogen. Herr Leutnant, da hab' ich's nicht mehr
-länger ausgehalten. Mir ist so feierlich geworden, daß mir die Knie zu
-zittern anfingen, und ich mußte aus dem Keller raus und an die frische
-Luft. Und was aus ihm geworden ist, das weiß ich nicht. Ich hab' bloß
-seine Stimme aus Ihrem Zimmer gehört, Herr Leutnant, wo er bei dem fremden
-Herrn sitzt.«
-
-»Bei einem fremden Herrn?«
-
-»Wie ich Ihnen sage, Herr Leutnant. Wenn Sie wollen, können Sie auch sein
-Zischen und Pusten und Fauchen hören, denn Ihr Fenster steht offen, und
-Ihr Bursche hat die Lampe bereits angesteckt.«
-
-Da riß sich der junge Offizier hastig los, und zu gleicher Zeit
-schüttelte er energisch die Traumgespinste ab, die aus dem dämmernden
-Keller des alten Adameit geheimnisvoll bis zu ihm emporgekrochen waren.
-Ungeduldig drückte er sich in den engen Schlitz hinein, der in dem blauen
-und rosigen Pfefferkuchenhäuschen die Haustür vorstellte. Aber der
-Uhrmacher hinkte ihm nach, so rasch es seine schlecht befestigten
-Beinkleider erlaubten, und hauchte dem Voranstürmenden in seinem heiseren
-Krähenton nach:
-
-»Ein großes Tier, Herr Leutnant, Ihr Besuch, mit roten Streifen an den
-Beinen und ein Verwandter dazu. Er hat es ausdrücklich angegeben. Nu,
-sehen Sie, habe ich gelogen? Da tritt Herr Nikolaus Adameit gerade aus
-Ihrem Zimmer. Gewaschen, gekämmt und in dem schwarzen Bratenrock. Hier
-oben kennt er mich nicht. Er kennt mich bloß unten im Keller. Aber es gibt
-mir doch ein Gefühl von Hochachtung, weil ich mitgeholfen hab'. Man ist
-doch nicht bloß wie Öl in der Kanne gewesen oder wie ein totes Rädchen.
-Nu, gute Nacht, Herr Leutnant, und wenn Sie Bedienung benötigen, Sie
-brauchen bloß zu klingeln. Ich pass' auf.«
-
- * * * * *
-
-Heftig riß Fritz Harder die Tür seines Zimmers auf. Und richtig, im
-Schein der kleinen weißen Porzellanlampe, die vor ihm auf dem ovalen Tisch
-brannte, saß der Erwartete, Geahnte auf dem grünen Plüschsofa. Spähend
-schob sich bei dem Geräusch der Tür das bartlose glatt rasierte Haupt
-zur Seite, und unter einem Büschel gänzlich unpreußischer grauer Locken
-nahmen ein paar versonnener blauer Augen plötzlich den Glanz einer warmen
-Freude an.
-
-»Gottlob, daß ich dich noch treffe, mein lieber Junge,« sagte eine
-freundliche Stimme, während die hohe, breitschultrige und mannbare Figur
-sich langsam erhob; und dabei streckten sich dem Eintretenden feine weiße
-Gelehrtenhände entgegen. »Ich fürchtete, du könntest bei dem Trubel
-schon Gott weiß wohin abkommandiert sein. Deshalb ist es ein rechtes
-Glück, daß ich dich noch erreiche. Komm, Fritz, laß dich einmal
-anschauen.«
-
-Die hohe Gestalt mit dem gütigen Gelehrtenhaupt stand jetzt dicht neben
-dem jungen Mann und begrüßte ihn durch einen leichten Schlag auf die
-Schulter.
-
-»Onkel Siebel,« wollte Fritz erregt ausbrechen, denn eine unnennbare
-Erleichterung überkam ihn, als er unvermutet in dieser Wirrnis ein
-verwandtes Herz neben sich wußte, »Onkel Siebel, daß du gerade heute
-kommst! Du ahnst gar nicht, was -- --«
-
-»Doch,« unterbrach der alte Militär, die Augen ein wenig zukneifend,
-»doch, mein Junge. Du siehst nicht so aus, wie ich dich erwartete. Was
-ist das für eine kränkliche Blässe? Und wohin hast du dein frisches
-Jungenlächeln versteckt? Erinnerst du dich, deine liebe Mutter behauptete
-ja, du wärest immer anzusehen, als wenn du gerade etwas geschenkt erhalten
-hättest? Also was gibt's? Beklemmung vor der großen Weltkatastrophe?«
-
-»Nein, Onkel.«
-
-»Ärgernis, Zurücksetzung im Dienst?«
-
-»Auch das nicht, obwohl --«
-
-»Na ja, ich weiß schon. So ein junger Leutnant darf dienstlich überhaupt
-nicht zufrieden sein, -- wäre ganz reglementswidrig. Aber nun sage mal,
-Fritz, bist du krank?«
-
-Eine leichte Pause entstand. Unschlüssig, mit sich kämpfend, sandte
-der Jüngere seinen Blick gegen das Lämpchen, das seine dämmrigen
-Friedensstrahlen unverwandt ihm entgegenschickte. Der alte Herr jedoch
-wurde ungeduldig, und knöpfte an seinem ziemlich salopp herabhängenden
-Waffenrock herum.
-
-»Na also, offen, offen, mein Kerlchen,« drängte er überredend, »ich
-habe nämlich deinen Eltern so eine kleine Inquisition versprochen, sonst
-würde ich mich ja nicht so beharrlich in derartige Geheimnisse mischen.
-Wir haben, weiß Gott, jetzt anderes zu denken, nicht wahr, Fritz? Aber in
-euren kleinen dumpfen Garnisonen wachsen manchmal wunderliche Geschichten
-auf. Und da findet solch alter, kalter Bücherwurm wie ich vielleicht
-doch besser durch, als so ein feuriges Temperament mit dem bewußten
-Napoleon-Gesicht. Also Junge, ich bitte um Vertrauen.«
-
-Da ermannte sich der Gefragte, und in seinen dunklen Augen, die er zu dem
-gütigen Verwandten erhob, stand seine ganze Leidensgeschichte geschrieben,
-als er sich stockend abrang:
-
-»Onkel, du hattest recht. Ich war krank. Ich glaube, ich habe ein böses
-Fieber überwunden.«
-
-Jetzt nahm der Alte den Kopf des Offiziers tröstend, besänftigend,
-beinahe liebkosend in seine beiden Hände. Es war unbeschreiblich, welch
-eine wackere, mannhafte Güte von dem gelehrten Krieger ausging.
-
-»Also überwunden, Fritz? Wirklich und wahrhaftig?« fragte er
-eindringlich.
-
-»Ja, Onkel Siebel,« bekräftigte der andere fest, »ich gebe dir mein
-Wort.«
-
-»So, so,« erwiderte der Generalmajor bedächtig und gab langsam den
-Eingefangenen frei, »dann ist diese Angelegenheit ja für mich erledigt.
-Gottlob. Ich muß dir nämlich gestehen, Fritz, -- da mir Heimlichkeiten
-auf der Seele brennen -- daß deine liebe Mutter durch allerlei Klatsch und
-Zusteckereien über deine Affäre unterrichtet war. Die alte Dame fühlte
-sich innerlich recht beunruhigt, wenn sie es auch nach außen hin tapfer
-verschwieg. Aber nun, mein lieber Sohn, komm, setze dich zu mir an den
-Tisch und laß uns jetzt über das reden, wovon die Herzen aller deutschen
-Menschen voll sind. Ich wurde hierher geschickt, um den hiesigen Herren
-Offizieren einen kriegswissenschaftlichen Vortrag zu halten. Daraus wird
-natürlich nichts, denn jetzt werden wir ja in der Praxis zu erproben
-haben, durch die lebendige Tat, was wir wissen und erlernten. Komm, mein
-Junge, die beiden Flaschen Pilsener Trankes genügen für uns. Jetzt wollen
-wir Kriegsrat halten.«
-
-Bis weit nach Mitternacht saßen die Beiden zusammen. Und während draußen
-jeder Laut erstarb, während die Stadt, um die ein ferner Feind bereits
-seine haarigen Riesenarme klammerte, in schweren, traumerfüllten Schlaf
-verfiel, in den letzten vielleicht, dem sie sich ungestört und im Besitz
-geheiligter Ruhe und Ordnung hingeben konnte, da zauberte der alte Mann,
-dem der Krieg mehr als blutiges Getümmel, tolles Einhersprengen und
-fröhliches Waffenklirren bedeutete, da zauberte der Kundige wundersame
-befreiende Gebilde vor den aufhorchenden Schüler hin. In blühender,
-fortgerissener Sprache schilderte er das Elementarereignis, das nicht
-zufällig über den geduckten Menschheitsnacken fortraste, sondern
-natürlichen, längst erwarteten, genau zu berechnenden Gesetzen folgte,
-die nicht nur Brand und Verderben, sondern auch Sammlung und Auferstehen
-mit sich führten. Der Krieg war kein sinnlos tobender Vernichter, sondern
-ein weiser, vorbedachter Haushälter unter den Erdenvölkern. Gleich dem
-Tod, der den Lebenden aus ihrem engen, arg bedrängten Bezirk immer wieder
-Luft und Raum schafft, so war auch der Krieg der grübelnde Gärtner, der
-ganze Völkerpflanzungen, auch wenn sie scheinbar noch blühten, umpflügte
-und zur Ruhe verdammte. Entweder, weil er in späterer Zeit anders geartete
-Früchte von ihnen erwartete, oder weil er dem ungestümen Drang jüngerer
-Schößlinge nach Ausbreitung für eine gewisse Dauer nachgeben mußte. Der
-Krieg waltete aber auch als der letzte eiserne Schulmeister der Gottheit
-auf der Erde. Was früher, solange Gemüt und Körper noch schwerer
-bildsam waren, Sintflut, krachende Weltteilabstürze oder eishauchende
-Vergletscherungen vollbracht hatten, nämlich die Erziehung ungeheurer, von
-den Elementargewalten betroffener Stämme nach einer bestimmten Richtung
-hin, zu einem ganz gewissen Ziel, das erst die Spätgeborenen, schaudernd
-vor der ewigen Gerechtigkeit, als planvoll und segensreich erkannten,
-dafür wurde jetzt unter den verfeinerten Lebensformen, sobald sie zur
-morschen Überreife neigten, der Krieg als allgemein verständlicher,
-jede Auflehnung erstickender Erzieher über die Erde geschickt. Und er
-hat jedesmal seine stählerne Rute gut geschwungen. Noch kennt das
-Menschengeschlecht keinen Examinator, der so klar die Talentvollen und
-Starken nicht allein über Schwache und Faule, sondern sogar über
-die fleißige Mittelmäßigkeit zu setzen wüßte. Und dann, -- seine
-Lehrstunde ist nur kurz, denn wenn er gesagt hat, was er weiß, dann
-schlägt er die Tür der Schulstube donnernd hinter sich zu und schreitet
-in den dichten Wald der Jahrhunderte. Aber das, was er seinen Schülern
-vortrug, bleibt eindringlich über Geschlechter hinaus haften und wirkt
-unvergeßlich fort bis zu späten Enkeln.
-
-
-
-
-VI.
-
-
-Zwei Tage des Wartens hinkten über das Land. Auf allen fahrbaren Wegen
-knarrten schwer beladene Wagen dahin, deren Besitzer von der gefährdeten
-Grenze den Städten zustrebten. Oft stand Johanna aufgerichtet an
-den Torpfosten ihres Gehöfts zu Maritzken und sah die traurige
-Völkerwanderung, dieses unvorstellbare Elend an sich vorüberwallen. Denn
-es war ja nur eilig zusammengeraffter Besitz, zerzaust und gebrechlich, was
-die Flüchtenden hier stumm und ohne ein Wort der Klage vorbeischafften.
-Kommoden und Schränke, Bettzeug und Vogelbauer, Säcke voll Lebensmittel,
-Kleidungsstücke und Kochgeschirr, Kinder und junges Vieh, alles rollte,
-wirr zusammengepreßt, in endlosem Zuge dahin.
-
-Aber auch Militärkolonnen marschierten an der versonnenen Beobachterin
-vorüber. Gleichfalls still, in sich gekehrt, ohne Lieder. Denn sie hielten
-die Stirnen nicht dem Osten zugewandt, wie es ihr junger Mut ersehnte,
-sondern sie folgten höherem Befehl, der sie zu zusammengefaßter Tat
-aufsparte. Im Staub und Dämmer des Augusttages verschwanden die lockeren
-Kolonnen.
-
-Einmal löste sich eine Gestalt aus einer der dahinziehenden Kompagnien,
-trat schnell auf die Gutsherrin zu und streckte ihr rasch die Hand
-entgegen. Zuerst erkannte Johanna den Grüßenden nicht, denn die neue
-graue Uniform hatte den gewohnten Eindruck verändert. Aber dann drückte
-sie die dargebotene Rechte stark und fest, als ob sie den Offizier, der
-keinen Blick auf den weißen Hof warf, überzeugen wolle, daß hier auch
-ehrliche und treue Gemüter lebten, Herzen, die den Trommelwirbel der Zeit
-nachschlugen und nicht im Walzertakt hüpften. Kein Wort wechselten die
-Beiden miteinander. Aber es war doch ein Abschiednehmen über die Dauer
-des Seins hinaus. Und in dem Händedruck, mit dem Johanna den Scheidenden
-entließ, barg sich ein mütterlicher Segenswunsch. Dann ein stummes
-Zurücktreten in die grauen Haufen, und auch diese Scharen wurden
-eingesogen von der undurchdringlich sich dahinwälzenden Staubwolke.
-
-Über die schlängelnden Feldwege aber jagte und raste das Gerücht.
-Schattenhaft grau stäubte es dahin, menschlichen Augen manchmal nur als
-ein mit gestreckten Läufen flüchtender Hase erkennbar. Doch das lechzende
-Tier sollte aus einem brennenden Haferfeld hervorgebrochen sein.
-
-Barmherzigkeit, war das möglich? Wer hatte es erzählt, wer zuerst
-geglaubt?
-
-An den Kreuzwegen der Felder, an den schmalen Brücken der hellen Bäche,
-die durch die sanft gewellten Talmulden blitzten, überall knirschte und
-schlürfte es. Greise und alte Weiber, die einzigen Einwohner verlassener
-Ansiedlungen, schlichen hier zusammen. Wackelnde Köpfe, erstorbene Stimmen
-erzählten sich Gräßliches:
-
-»Wißt ihr schon? Es ist wahr. Man kann es beschwören. Das Rittergut
-Lutheinen ist abgebrannt bis auf den Erdboden. Da, wo das Schloß stand,
-liegt ein Kohlenhaufen.«
-
-»Im Frieden, denkt euch, mitten im Frieden!«
-
-»Woher sie kamen und wohin sie entschwunden sind, das weiß kein Mensch.
-Aber acht Meilen weit ritten sie ins Land hinein. Sie trieben vor sich her,
-was vor ihre Lanzen kam. Die Mädchen wurden an die Pferde gebunden, die
-Kinder gehetzt, bis sie erstickten.«
-
-»Oh mein Gott, wie wird es uns ergehen!«
-
-»Ich sah es nicht selbst, aber der Landbriefträger hat es erzählt. Dem
-Schmied von Löthau haben sie, als er einen von den Mordbrennern mit dem
-großen Hammer totschlug, mit seinem eigenen Viehstempel eine Marke ins
-Genick gesengt. Der Mann ist wahnsinnig geworden.«
-
-»Wehe, wehe, wie wird es uns gehen! Wer wird uns zu essen geben, wenn wir
-nicht mehr weiter können?«
-
-»Lauft zu dem Fräulein von Maritzken, sie hat Milcheimer aufgestellt und
-Brote hingelegt.«
-
-»Herr Jesus, ist sie noch da?«
-
-»Ja, die Grothe-Marjellen sind noch da. Wir haben ihre hellen Kleider
-durch die Büsche gesehen.«
-
-»Oh, sie muß uns Brot und Milch geben. Und dann weiter, weiter, hier
-bleiben wir nicht!«
-
- * * * * *
-
-In dem kleinen gemütlichen Eßzimmer zu ebener Erde saßen die beiden
-ältesten Grothe-Schwestern, und es schien, als ob sie trotz ihrer
-Verlassenheit ruhig die Hefte der Journalmappe durchstöberten, die zum
-Teil aufgeschlagen die Platte bedeckten. Über ihnen sandte die grün
-verhangene Hängelampe ihr sanftes elektrisches Licht aus, und in dem
-kleinen Gemach waltete eine Stille, die man in anderen Zeiten behaglich
-genannt hätte. Heute aber war es, als ob der Tag an seiner Rüste beklemmt
-den Atem anhielt, bevor er von neuem seinen Mund zu wilden blutrünstigen
-Märchen und Erzählungen öffnete. Eben schlug es von dem nahen hölzernen
-Kirchturm die neunte Stunde. Durch die Wipfel der hochstrebenden Eichen
-vor dem Hause fuhr ein ziehendes Wehen, ein unheimliches Ächzen, das die
-innere Unruhe nur vermehren konnte, als die Seitentür knarrte, und Isa
-in einem grauen Reisekleid, einem schwarzen Lackhut auf den roten Haaren,
-völlig gerüstet hereintrat. In dem feinen Gesicht der Siebzehnjährigen
-nistete eine erschreckende Blässe. Ihre großen Goldaugen schienen wie
-von Nebel verhängt und irrten unruhig von den beiden älteren Schwestern
-hinweg zu dem einzigen Fenster der Stube hin, vor das die Nacht jede
-Aussicht sperrend ihr schwarzlockiges Haupt gedrängt hatte. Vergebliches
-Mühen, denn die Jüngste der Grothe-Marjellen fing dennoch in ihrer
-aufgereizten Einbildungskraft tolle, sich überstürzende Begebnisse auf,
-die sich dort draußen unter erstickten schreckhaften Rufen verkündeten.
-In nervöser Hast fingerte sie auf der Platte des Tisches herum und zupfte
-an den Ecken der Journalhefte, ohne zu empfinden, wie sehr sie dadurch ihre
-ruhige Schwester Marianne in ihrer Lektüre beeinträchtigte.
-
-Da trat Johanna auf das furchtgeschüttelte Mädchen zu und klopfte ihr
-leise die Wange. Von der Berührung zu sich selbst gebracht, drängte sich
-Isa dicht an die ragende Gestalt ihrer ältesten Schwester heran, und eine
-kurze Sekunde war es der Kleinen, als ob hier an den festen Gliedern der
-ruhigen und gefaßten Frau auch für sie ein Schutz, eine Zuflucht geboten
-werden könnte. Im nächsten Moment freilich flackerten ihre Blicke wieder
-begehrlich um die nahe Tür, denn der ungestüme quälende Hang nach Flucht
-und Rettung überwältigten das zitternde Geschöpf von neuem.
-
-»Du willst also wirklich diese Nacht nicht bei uns verbringen?« fragte
-Johanna in ihrem gewohnten Ernst, wobei sie es jedoch vermied, irgendeinen
-Tadel oder eine Abmahnung mitklingen zu lassen, »du bleibst dabei, zu so
-später Stunde zu unserer Tante Adelheid nach Sorquitten zu fahren? Aber
-wie, Kind, wenn Fedor Stötteritz und die meisten seiner Leute schon fort
-wären? Ich will dich nicht ängstigen, aber es ist doch möglich.«
-
-Die Jüngste jedoch ließ sich von dem Einwurf nicht treffen, sie
-schüttelte das rote Haupt nur bestimmter und sicherer, als ob es für ihre
-Pläne kein Hindernis geben könnte.
-
-»Das wird ja nicht sein,« stammelte sie in der Sucht, sich an einen
-irgendwo in der Ferne gaukelnden Rettungsschimmer wie an ein starkes
-Seil zu hängen, »das ist ja ganz gewiß nicht der Fall. Fedor, und der
-Inspektor, und alle seine Knechte sind noch da. Dort befindet man sich
-dann endlich in Sicherheit. Nicht wahr, das meinst du doch auch? Komm mit,
-Johanna,« setzte sie plötzlich dringend hinzu, während sie die Hand
-der Blonden mit fieberhafter Glut umspannte, »komm mit, ich bitte dich.
-Begleite du mich wenigstens, Marianne. Ich kann euch nicht schildern, was
-ich hier leide. Wenn wenigstens ein Mann uns zur Seite stände, wenn Konsul
-Bark -- --«
-
-»Laß den Konsul zufrieden,« schnitt Johanna rasch ab. »Er wird jetzt
-für sich selbst zu sorgen haben. Und du, mein Kind, fahre in Gottes
-Namen. Baumgartner wartet draußen schon mit dem Wagen auf dich. Und um
-uns brauchst du dich nicht zu beunruhigen, hörst du? Der Landrat hat mir
-versprochen, daß wir sofort durch Depesche benachrichtigt werden, wenn
-irgendeine Gefahr im Anzuge sei. Grüße Tante Adelheid und auch Fedor
-von mir und sage ihnen, sobald es zum Äußersten kommt, werde ich
-selbstverständlich auch an mich denken. Nun geh, mein Kind, mache dir den
-Abschied nicht schwer, denn ich denke, wir sehen uns in den nächsten Tagen
-wieder. Und Baumgartner soll das Verdeck hochschlagen, verstanden? Denn es
-sieht aus, als ob es regnen wollte.«
-
-Ein paar Minuten später rollte der Wagen mit seiner einsamen Insassin
-bereits über die Chaussee. Kühl lag die Nacht auf Feld und Steg.
-Schwarzgezackte Wolken segelten an dem sternenlosen Himmel dahin und
-schoben sich zu ungeheuren drohenden Gebilden zusammen. Nur ab und zu jagte
-ein bleicher Mond aus den gähnenden Klüften dort oben heraus und goß
-einen schnell verschwindenden Lichtsturz auf die reifen Felder herab. Ein
-paar vereinzelte Regentropfen klatschten hohl auf den Weg.
-
-Ungeduldig rückte Isa unter dem engen Lederverdeck hin und her. Es war
-so dunkel und stickig unter der schwarzen Kappe. Jede Aussicht wurde
-versperrt. Und ein unbestimmtes banges Gefühl befahl ihr, noch einmal nach
-der entschwindenden Heimat zurückzuschauen. Pochenden Herzens erhob sie
-sich, um ihrem Kutscher einen leichten Schlag auf den Rücken zu versetzen.
-Überrascht wandte sich der still vor sich hinstarrende Mann zurück.
-
-»Was wollen Sie, Fräulein?«
-
-»Baumgartner,« schmeichelte Isa, während ihre Hand immer noch unbewußt
-über die Schulter des Statthalters glitt, »es ist so beklommen hier
-drinnen; schlagen Sie das Verdeck zurück.«
-
-Der Mann schüttelte bedenklich das Haupt und zog die Zügel etwas an.
-
-»Aber Fräuleinchen,« wehrte er sich, »es feuchtet hier draußen. Hören
-Sie nicht die Regentropfen?«
-
-»Das schadet nichts, lieber Baumgartner, ich bitte Sie, tun Sie mir den
-Gefallen. Ich kann hier unter dem Leder nicht ordentlich atmen.«
-
-Jetzt murmelte der treue Verwalter etwas vor sich hin, sprang aber sofort
-herab, und gleich darauf faltete sich der dunkle Plan über dem Haupt der
-sich Zusammenduckenden, der schwarze Nachthimmel dehnte sich über ihr, und
-ein feuchter Windzug pfiff an ihren Wangen vorüber.
-
-»So, nun aber weiter,« sprach Baumgartner, der inzwischen den Bock
-wieder eingenommen hatte, zu der noch immer hinter ihm Stehenden, und dann
-murmelte er abermals etwas, was Isa trotz aller Anstrengung nicht verstand,
-spähte nach rechts und links über die dunklen Feldwege und ließ
-endlich seine Peitsche sausend über die trabenden Pferde dahinklatschen.
-»Vorwärts, vorwärts,« trieb er.
-
-Hinter ihnen verglommen die letzten zuckenden Lichtschimmer, die die Gegend
-von Maritzken andeuteten, und immer näher wanderte ihnen die dunkle Linie
-eines Tannenschlages. Von fern hörte man bereits das Ächzen und Knarren
-der Wipfel.
-
-»Vorwärts, vorwärts,« drängte Baumgartner abermals und wollte seine
-Peitsche weit ausholend durch die Luft streifen lassen. Aber mitten im
-Schwung erschrak er und hielt ein.
-
-»Wir sind doch bald da?« forschte Isa über seine Schulter herüber.
-
-»Ja -- jawohl -- wir sind bald da. Eine halbe Stunde.«
-
-Allmählich ließ sich das Mädchen wieder in die Wagenecke zurücksinken,
-krampfte die Hände zusammen und saß hochaufgerichtet da. So ausgesetzt,
-so allein, so der tröstenden Hilfe bedürftig, wie jetzt inmitten der
-farblosen, gestaltenschwangeren Nacht, meinte sie sich noch nie befunden
-zu haben. Unwillkürlich hob sie den behandschuhten Finger an ihre bebenden
-Lippen, wie sie es als Kind in Not und Bedrängnis getan, und starrte
-voraussuchend in die dicke Finsternis, die nur ab und zu durch
-vorüberhuschende weiße Chausseesteine unterbrochen wurde.
-
-O, jetzt ein Schutz, jetzt ein lachendes gutes Wort!
-
-»Baumgartner, sind wir bald da?«
-
-»Ja, Fräuleinchen, knapp eine Viertelstunde -- aber -- --«
-
-Jedoch seine Insassin vernahm die Einschränkung des Mannes auf dem Bock
-nicht mehr, denn während ihre Augen furchtsam das dunkle Untergestrüpp
-des Waldes durchirrten, dessen schlanke Stämme bis dicht an die Chaussee
-herantraten, da lungerte ihre aufgescheuchte Einbildungskraft sehnsüchtig
-nach den Rettern aus, von denen sie meinte, daß sie ihr allein Erlösung
-und Trost verbürgen könnten. Die muskulöse Riesengestalt des Recken
-von Stötteritz tauchte vor ihr auf, dann entsann sie sich der ernsten
-Entschlossenheit von Fritz Harder. Aber körperlicher als diese beiden
-fühlte sie den um vieles älteren Konsul neben sich lehnen, und ihre
-Glieder erwärmten sich beinahe, als sie sich vorstellte, wie spöttisch
-und väterlich die Stimme des gereiften Mannes jetzt klingen würde: »Na,
-kleines Rotfeuer, man wird ja gleich das Kinderbettchen aufschlagen. Nur
-Geduld, es dauert nicht mehr lange.«
-
-Erschreckt fuhr sie empor, denn in demselben Augenblick hatte wirklich
-etwas zu ihr gesprochen. Der Wagen hielt. Mitten in der engen Waldstraße,
-nicht hundert Schritt von dem Austritt in das freie Feld entfernt, das im
-fahlen Mondenlicht weiß herüberglänzte.
-
-»Baumgartner, sagten Sie etwas?«
-
-»Ja, Fräulein.«
-
-Sie sprang empor, stützte sich auf das eiserne Bockgeländer und brachte
-ihr Haupt so nahe an den Verwalter heran, bis sie seinen feuchten Ärmel an
-ihrer Wange spürte.
-
-»Warum halten wir hier?« ging es ihr schwer über die Zunge. Und zugleich
-merkte sie, wie sie unfähig wäre, auch nur ein Glied zu bewegen, weil ihr
-ganzer Körper von einer starren Lähmung geschlagen war. »Baumgartner, um
-Gottes willen, was beobachten Sie dort vorn auf dem Feld?«
-
-Allein der Mann erteilte keine Antwort. Mit einem einzigen Sprung setzte
-er plötzlich vom Wagen, und die Zurückgelassene erkannte wie hinter einem
-Flor, daß ihr Schützer in weiten Sprüngen am Waldrand entlang huschte,
-immer ängstlich bemüht, das hereinfallende Mondlicht zu meiden.
-
-Sie wollte schreien, aber die Stimme versagte ihr.
-
-Seltsam, seltsam! Was waren das für dunkle, bewegliche Schatten dort
-hinten am Ende des Waldausschlages? In dichten Massen schienen sie
-dahinzugleiten, fremde, unentzifferbare Laute schlugen deutlich durch
-das Gehölz. Und jetzt -- nein, sie täuschte sich nicht -- da und dort
-blitzten kleine runde Lichter auf. Sie waren dem wandernden Zuge
-eingefügt und sandten vorüberschwebende, spähende Lichtkegel durch die
-aufgleißenden grünen Nadelzweige.
-
-Horch und jetzt!?
-
-Ein Kälteschauer schnitt ihr über die Brust, der Atem stockte der
-Entsetzten, denn ohne daß sie das geringste merkte, war plötzlich eine
-Gestalt neben dem Wagen aufgewachsen, schwang sich auf den Bock und riß
-die Zügel an sich.
-
-»Baumgartner, um Gottes Barmherzigkeit willen, sind Sie's?«
-
-Allein der Mann, der die Führung des Wagens übernommen hatte, blieb
-stumm. Mit Aufbietung aller Kräfte warf er die Pferde zurück, schlug
-ihnen mit dem Peitschenstiel über die Köpfe und ließ das Gefährt über
-den Graben hinweg in den Seitenschlag hineinrasen. Von dem Stoß getroffen
-wurde das Mädchen in die Polster zurückgeschleudert. In wahnsinniger
-Flucht schossen die Baumriesen an ihr vorüber, überhängende Zweige
-schlugen ihr ins Gesicht, der Wagen sprang und polterte, daß sie von einer
-Ecke in die andere geschleudert wurde, und dazwischen zischte etwas um sie
-herum, etwas gänzlich Fremdes, nie Gekanntes, wie vorübersausende Bienen,
-die einen bösen pfeifenden Ton ausstießen. Und bei alledem behielt
-die Überwältigte noch genügend Besinnung, um ein schwaches Erstaunen
-darüber zu empfinden, warum der Pfad vor ihnen so schwarz und unbeleuchtet
-blieb. Der Mann auf dem Bock mußte die Laternen gelöscht haben. Und
-weiter flog der Wagen über Baumwurzeln und Maulwurfsgruben. Jetzt eine
-knirschende Schwenkung, und mitten hinein ging es in ein rauschendes Feld.
-Surrend, gleich zischenden Dampfwolken wogten die starken Halme rechts und
-links an dem Gefährt vorüber.
-
-Und dann --
-
-Eben meldete sich ein sanfteres Rollen, da schrien mehrere wilde Stimmen
-neben ihnen auf. Ein sausender Schlag wie mit einem eisernen Schaft traf
-das lederne Verdeck, die Wagenpferde stiegen und wieherten, ein erneutes
-tolles Herumschwenken und abermals rauschte und strich das Meer der
-wogenden Ähren um die versinkenden Räder herum.
-
-Allein das Mädchen fürchtete nichts mehr, denn das klare Bewußtsein war
-ihr untergegangen.
-
-Als Isa wieder zu sich kam, da wölbte sich über ihr der mit
-Wappenschilden bunt bemalte Torbogen der Stadt. Trüber Mondschein sickerte
-noch aus den Wolken. Auf dem Bock saß Baumgartner, und obwohl dem Treuen
-über das übernächtigte Antlitz der Schweiß rann, fragte er doch
-freundlich, erlöst:
-
-»Wohin, Fräuleinchen?«
-
-Isa besann sich nicht:
-
-»Zu Konsul Bark,« sagte sie rasch.
-
- * * * * *
-
-Über den Hof von Maritzken schritt durch die Schwärze der Nacht die hohe
-Gestalt eines Weibes. In ein Umschlagetuch gehüllt lehnte Johanna eine
-Weile an der Einfahrt und lauschte auf die Chaussee heraus, ob sich noch
-immer nicht das Rollen des zurückkehrenden Wagens anmelde.
-
-Kein Laut.
-
-Nur das hohle Aufschlagen der vereinzelt dahinstiebenden schweren
-Regentropfen fing ihr gespanntes Ohr auf, und dazwischen strich ein
-feuchter Wind zischend und raschelnd um die Pfeiler der Einfahrt. Eine
-leise Unruhe stieg in der Besonnenen auf. Sollte der Wagen vielleicht
-irgendwo eine Beschädigung erlitten haben? Jedenfalls wollte sie wach
-bleiben, um das Eintreffen Baumgartners zu erwarten. Fröstelnd hüllte sie
-sich tiefer in das warme Tuch und schritt langsam über den Hof zurück.
-Überall waltete schwere lastende Ruhe. Aus den Kuhställen drang ein
-vereinzeltes Brummen hervor, und aus den vergitterten, halb angelehnten
-Fenstern schlug eine bleiche Wolke tierischer Wärme heraus. Dicht vor dem
-Hause lösten sich zwei schlanke Schatten ab. Es waren die beiden munteren
-Schäferhunde, die jetzt wedelnd an ihrer Herrin in die Höhe sprangen.
-Eigentümlich grell leuchteten die Augen der Tiere durch die Finsternis.
-
-Und weiter schritt Johanna durch das Haus. Hier und da legte die Sorgliche
-die Hand auf eine der Türklinken, um zu prüfen, ob auch überall
-verschlossen wäre. Dann stieg sie in den ersten Stock hinauf und blieb
-vor Mariannes kleinem Gemach stehen. Selbst bei dem trüben Licht des
-Petroleumlämpchens, das den schmalen Gang auch in der Nacht erhellte,
-konnte man erkennen, wie sich die Stirn der Einsamen verzog, als sie jetzt
-die tiefen Atemzüge der dort drinnen gewiß sorglos Schlummernden auffing.
-Bedrückt schüttelte sie das Haupt, und ein kurzer Seufzer entrang sich
-ihr, bevor sie sich losriß, um ihr eigenes Schlafzimmer aufzusuchen.
-Überaus eng und einfach bot sich der weiß gedielte Raum dar. Ein festes
-eichenes Bett, darüber an der bläulich getünchten Wand ein Holzkreuz
-des Erlösers, ein altertümlich geschnitzter Schrank, eine breite
-Eichenkommode, die zugleich als Waschtisch diente, -- sonst nichts. Kein
-Schmuck, kein Zierat; nur an der Seitenwand hing der gebräunte Buntstich
-des Preußenprinzen Louis Ferdinand, und die dunklen, schwermütigen Augen
-des Bildes verfolgten das große blonde Weib, als es sich jetzt hart
-auf den Rand seines Bettes niederließ, und verhinderten sie daran, zum
-erstenmal an dem Arbeitstage ruhig ihre fleißigen Hände in dem Schoß zu
-verschränken. Das einzige Fenster des Zimmerchens stand noch offen, und
-die Einsame wandte ihr Haupt und lauschte von neuem. Draußen schüttelten
-die schmal geschnittenen Eichen ihre hochragenden Kronen, und die Blätter
-wisperten und raunten in scharfer, spitzer Geschwätzigkeit. Müde erhob
-sie sich, um das Fenster zu schließen. Dann begann sie, sich gedankenlos
-zu entkleiden. Sie löste das reiche blonde Haar, das jetzt, nachdem es
-entfesselt war, in lichten Wellen an ihr herniederfiel. Aber die Besitzerin
-dieses Schmuckes wandte keinen Blick auf die weiche Pracht, sondern warf
-hastig ihre Bluse ab. Und wieder zuckte sie betroffen zusammen, als sie
-merkte, wie fröstelnd es ihr am Abend des heißen Augusttages über die
-entblößten Arme schnitt.
-
-Jetzt -- aber mein Gott, was war das? Was bedeutete es, daß die Augen des
-toten Prinzen dort oben auf dem Bilde einen immer sprechenderen Ausdruck
-annahmen? Ein matter Zug von Sattheit und doch unterdrückter Lebensgier
-spielte dabei um die fein geschwungenen Lippen, und es lag etwas
-Spöttisches, Wegwerfendes in der Art, wie das Bild ihr auf Schulter und
-Nacken herabschaute.
-
-Minute auf Minute verstrich. Von draußen summte der matte Schlag
-der Dorfuhr herein, und dazwischen hämmerten schwere Tropfen, jetzt
-ununterbrochen, gegen die Fensterscheiben. Ein unablässiges Spritzen und
-Rinnen. Sie wandte sich und sah, wie der weiße Vorhang des Fensters in der
-Zugluft, die durch die undichten Fugen schlüpfte, leise hin und her bewegt
-wurde. Um das Lämpchen auf dem Waschtisch schwirrte und gaukelte ein
-winziger Nachtfalter. Von Zeit zu Zeit vernahm sie das Anschlagen seiner
-Flügel.
-
-Jedoch allmählich vermischten und verwirrten sich die Geräusche. Das
-Frösteln über ihrer Brust zwang sie, sich tiefer zu verhüllen, sie griff
-in den weißen Bettüberzug, lehnte sich weiter zurück, und noch einmal
-war es der Versinkenden, als vermöge ihr drohender und abweisender Blick
-das merkwürdige Lächeln von dem Bilde dort oben zu verscheuchen.
-
-Draußen regnete es heftiger, aber in der kleinen Schlafstube wurde es
-still.
-
-War es das klirrende Summen des Nachtfalters oder wurden in der Tat vor
-den Ohren der Dahingesunkenen weiche Saitenklänge laut? Aber wie fern und
-fremdartig! »Es ist ein tatarisches Bauernlied,« sagte eine schmeichelnde
-Stimme, vor der sich Johanna wie in Schmerzen hin und her wand, »gestatten
-Sie, Gnädigste, daß ich Ihnen den Text übersetze:
-
- »Ich küsse dich, Anuschka.
- Ich küsse dich, Iwan.
- Was wird sein, wenn wieder der Wein blüht?«
-
-Gegen die Fenster flog ein Regenguß, dann zitterten die Scheiben, und die
-Tür des kleinen Zimmers brach auf.
-
-»Es bereitet mir aufrichtige Betrübnis, meine Gnädigste, Sie um diese
-Zeit wecken zu müssen,« fuhr die wohllautende Stimme fort, und ein Hauch
-von Kälte und Feuchtigkeit strömte über das Lager.
-
-Entsetzen!
-
-Johanna flog empor. Das Kissen unter ihrem Haupt fiel zu Boden, und ihre
-Rechte rieb wild über ihre Augenlider, als sei es nur so möglich, dieses
-wahnsinnige Traumbild zu vertreiben. Allein es blieb. Es stand vor ihr in
-einem faltenreichen grauen Mantel, von dem der Regen triefte, und sobald
-es sich bewegte, klirrten Sporen und Säbel. Die Augen des Phantoms jedoch,
-diese halb traurigen, halb begehrlichen Augen, ruhten ohne Erbarmen auf der
-von Schrecken und Entsetzen Niedergeworfenen.
-
-Ungläubig, wild, vor den Ohren ein strömendes Rauschen, so lag sie
-kraftlos in ihren Kissen, unfähig, durch die matteste Bewegung ihre
-Blöße zu decken, und während ihre gebannte Zunge den Versuch machte,
-einen verständlichen Laut hervorzustoßen, da saugten sich ihre
-herumirrenden Augen, die noch immer nicht zu unterscheiden vermochten,
-an dem matten, schwarzen Lauf eines Revolvers fest, den der Eindringling
-gestreckt vor sich hielt, obwohl die Waffe von dem herabwallenden Mantel
-halb verborgen wurde.
-
-Ein paar eilige Sekunden regte sich in dem kleinen Zimmer nichts mehr,
-in dumpfem Anschlag hörte man den Falter gegen den glühenden Zylinder
-taumeln, die Menschen jedoch schienen an das unerhörte Begebnis wie
-festgeschmiedet. Erst als die Atemzüge der Liegenden immer vernehmlicher
-röchelten, als ob ein Sterbender von allem Gewohnten Abschied nimmt, da
-schüttelte der verhüllte Offizier seine eigene Beklemmung ab und legte
-begütigend die Hand auf das Kissen, ohne darauf zu achten, wie die Waffe
-sich mit über das weiße Linnen schob.
-
-»Meine Gnädige,« begann die reine einfangende Stimme von neuem, die das
-Deutsche in einem so wunderlich reizvollen Tonfall vortrug, »bitte nehmen
-Sie die Situation, wie sie in unserem Falle genommen werden muß. Ich habe
-allerdings den Befehl, Ihr Gehöft zu besetzen, aber schon der Umstand,
-daß ich den großen Vorzug Ihrer Bekanntschaft genieße, muß Sie von dem
-Mangel jeder persönlichen Gefahr überzeugen.«
-
-Noch redete der Fürst, als die Gutsherrin plötzlich etwas Kaltes, feucht
-Durchfröstelndes an ihrem Arm spürte, und mit der Berührung schoß
-ihr ihre Lage, ihre rettungslose Auslieferung an eine fremde Gewalt mit
-schmerzhafter Klarheit ins Bewußtsein. Zuvorkommend lächelnd sah
-der durchnäßte Offizier mit an, wie das blonde Haupt sich mit einer
-gewaltsamen Anstrengung erhob, ja, er fühlte eine Art von Bewunderung für
-die furchtlose Ruhe, die so unvermutet in den eben noch verstörten Zügen
-lebendig wurde. Nur ungemein blaß blieben die Wangen des großen Weibes,
-das so hoheitsvoll und unnahbar vor ihm gelegen hatte, und er konnte nicht
-umhin, seine zudringlichen Augen niederzuschlagen, als er bemerkte, wie sie
-mit rastlosen Händen ihren leinenen Mantel um ihre Schultern zusammenzog.
-
-»Ist Krieg ausgebrochen?« war das erste, was sich rauh ihrer Kehle
-entwand, während sie mit einer raschen Bewegung aus dem Bett glitt. Ganz
-nah stand sie dem Manne jetzt gegenüber, von dem sie sich blitzartig
-entsann, daß er Dimitri heiße, ihre Hände hielt sie unter dem Hals
-zusammengefaltet, und ihre langen hellen Haare fielen ihr über die
-Schulter.
-
-Auch der Russe stand ohne sich zu rühren, nur die Nasenflügel bebten ein
-wenig, und in seinen Blick drang etwas Unsicheres, das zu seiner gewohnten
-vornehmen Überlegenheit nicht völlig paßte.
-
-»Ist Krieg ausgebrochen?« stieß Johanna noch einmal hervor, und ihre in
-der matten Beleuchtung fast dunklen Augen umspannten aufmerksam die nahe
-Tür, als begänne sie bereits jetzt zu berechnen, wie man den Ausgang
-gewinnen könne. »Uns ist von einer Erklärung nichts bekannt,« setzte
-sie schon etwas anklagender hinzu, denn ihr Gerechtigkeitssinn klammerte
-sich selbst in diesem Weltuntergang an Ordnung und Herkommen.
-
-Der Offizier jedoch zuckte verbindlich die Achseln und riß sich mit einem
-entschuldigenden Murmeln die durchnäßte grüngraue Mütze von seinem
-Lockenhaupt, denn jetzt, da die große blonde Nemza so kühl und frostig,
-wie er sie im Gedächtnis bewahrte, vor ihm aufragte, da erinnerte sich
-sein anerzogener Takt daran, daß er immerhin vor einer Dame stände und
-zwar in ihrem Schlafgemach.
-
-»Gnädigste,« sagte er rasch, indem er die kleine Schußwaffe in
-die Manteltasche gleiten ließ, um sein Gegenüber nicht unnötig zu
-ängstigen, »ich bedaure es außerordentlich, daß ich für Sie der erste
-Bote der bereits seit gestern begonnenen Streitigkeiten sein muß. Ob diese
-Differenzen vorher angekündigt wurden oder nicht, bin ich leider nicht
-in der Lage zu übersehen. Jedenfalls bringt der rasche Einbruch für uns
-Vorteile, die ich wahrzunehmen gezwungen bin.«
-
-In dem Bestreben, die Gutsherrin zu beruhigen, wollte der Dragoner
-augenscheinlich noch etwas anfügen, als sich hinter ihm ein Poltern und
-Schreien erhob. Ein paar völlig mit Kot bespritzte, vom Regen beinahe
-durchweichte Soldaten waren die Treppe heraufgestürmt. Sie hielten
-eine brennende Stallaterne vor sich und starrten neugierig in das offene
-Stübchen, mit einem heimlichen Schmunzeln, das Johanna, obwohl sie jetzt
-erst den vollen Ernst ihrer Bedrängnis erkannte, innerlich empörte.
-
-»Durchlaucht,« wandte sie sich ohne noch eine Spur von Beängstigung
-zu verraten, an den Offizier, und ihre Stimme klang streng und ernst
-wie immer, »bitte schicken Sie Ihre Leute fort, denn ich bin nicht so
-bekleidet, um mich vor Fremden zeigen zu können. Das gilt auch für
-Sie. Und dann bitte sagen Sie mir, was Sie von mir wünschen und welches
-Schicksal mich und die Bewohner von Maritzken erwartet.«
-
-Der Russe wandte sich erst zur Tür, warf die Hand gebieterisch vor und
-rief ein einziges fremdartiges Wort. Aber seine Weise, Befehle zu erteilen,
-schien von der Gewöhnung diktiert, Gehorsam zu erzwingen. Sofort krümmten
-sich die durchnäßten struppigen Gestalten auf dem dunklen Flur zusammen
-und tappten lautlos die Treppe herunter. Nur ein starker Mann, der wohl die
-Charge eines Wachtmeisters einnahm, raffte den Säbel militärisch an sich
-und erstattete eine kurze Meldung. Daraufhin flog ein Schatten über die
-Züge des Fürsten, er wandte sich ein paarmal unentschlossen hin und her,
-um dann von neuem auf die Besitzerin des Hauses zuzutreten. Diesmal jedoch
-klang seine Anrede nicht mehr so devot und rücksichtsvoll, sondern sie
-war beherrscht von dem Willen eines Machthabers, der für seine Wünsche
-Beachtung zu finden gesonnen ist.
-
-»Meine Gnädige,« begann er, »ich hätte es sicherlich vorgezogen, Ihnen
-erst morgen meine Aufwartung zu machen, wenn ein Unfall uns nicht zwänge,
-Ihre tätige Mitwirkung zu erbitten. Ich brauche ein gut eingerichtetes
-Zimmer für einen Verwundeten,« fuhr er knapp und berechnend fort.
-»Drinnen in der Stadt ist einem meiner Offiziere von einer bekannten
-Persönlichkeit ein Empfang bereitet worden, wie wir ihn von einem uns
-freundschaftlich nahestehenden Herrn nicht erwarten durften.«
-
-»Um Gottes willen, von wem reden Sie?« rief Johanna von einer Ahnung
-durchschlagen.
-
-Der Offizier jedoch schüttelte diesmal abweisend das Haupt. »Ich bedaure,
-darüber keine Auskunft erteilen zu können,« lehnte er mit einer leichten
-Verbeugung ab. »Dagegen muß ich Sie noch einmal ersuchen, für meinen
-verwundeten Kameraden die umfassendste Sorge tragen zu wollen. Er glaubte,
-hier eine unserer Sanitätskolonnen erreichen zu können, aber dieses
-Vorhaben ist uns leider mißgeglückt. Bitte wollen Sie deshalb, mein
-Fräulein, sofort ein geräumiges Zimmer aufschließen lassen und uns
-sodann die etwa vorhandenen Leinen- und Verbandstoffe anvertrauen.«
-
-»Darf ich mich erst umkleiden?« drängte die Älteste von Maritzken
-gepreßt.
-
-Der Offizier bewegte bedauernd die Hand.
-
-»Ich vermag Ihren Unwillen vollkommen zu begreifen,« wandte er immer noch
-mit seiner konzilianten Haltung ein, »allein wie ich schon betonte, unser
-Fall verlangt die größte Eile. Bitte, wollen Sie vorantreten,« forderte
-er dann noch zielbewußter, »und seien Sie überzeugt, Ihnen wird nicht
-nur von mir, sondern auch von allen meinen Untergebenen jeder Respekt
-entgegengebracht werden!«
-
-Damit ergriff der Russe ohne weitere Erlaubnis die kleine Petroleumlampe,
-trat an die Schwelle der Tür und hob die Leuchte hoch in die Höhe.
-Johanna aber durchdrang, während sie schweigend an ihm vorüberschritt,
-zum erstenmal das peinigende Gefühl des Unterworfenseins. Es war ja
-eigentlich eine ganz lächerliche Veranlassung, aber als der fremde Mann,
-der sie doch mit ausgesuchter Höflichkeit behandelte, den Porzellangriff
-des Lämpchens umklammerte, mit einer Selbstverständlichkeit, als
-hätte von nun an alles, was zu diesem Hause gehörte, unbedingt und ohne
-Widerrede seinen Wünschen zu dienen, da schnitt dem Landfräulein etwas
-ins Herz. Etwas, das nie wieder heilen sollte und wodurch in ihr Denken
-ein Verlangen hineingetragen wurde, das sie sich vorläufig noch nicht
-zu deuten vermochte, vor dessen Gewalt aber ihr ruhiges Gleichmaß
-schließlich in die Knie brach. Eilfertig, wie ihr geheißen war, stieg sie
-die Treppe herunter, ihre Hände zogen noch immer instinktiv die leinene
-Hülle fest unter ihrem Halse zusammen, aber während sie bereits kühl
-und folgerichtig überlegte, welche Anordnungen nun zunächst zu treffen
-wären, und ob nicht etwa Knechten und Mägden bereits ein Unheil
-widerfahren sein könnte, da spürte sie in den Tiefen ihres Wesens
-ein unheimliches wildes Klopfen und Drängen, ein Fluten, das wie ein
-unstillbares Fieber von nun an ihren Leib umhüllte, auch wenn ihr Mund
-lächelte. Mit leichten Tritten war ihr Fürst Fergussow gefolgt. Sie
-hörte seine Sporen noch auf den Stufen klirren, als sie bereits zu ebener
-Erde vor einer breiten Tür stehen blieb, um dann durch einen Schlüssel
-des mitgebrachten Bundes das Schloß zu öffnen. Allein noch war das
-Räuspern und Winden des Schlüssels nicht ganz verklungen, als hinter
-der Abgewandten eine hohle Stimme sich bemerkbar machte, die mit größter
-Anstrengung Mark und Tiefe in ihr Organ zu zwingen suchte.
-
-»Ah =bon soir=, schönstes Fräulein,« röchelte es in gebrochenen
-Lauten.
-
-Johanna kehrte sich betroffen um, und bei dem trüben Lampenlicht, das vor
-der einströmenden Luft zuckte und flimmerte, fing sie mit Schauder auf,
-wie neben dem Eingang ein bärtiger Mann zusammengesunken auf einem alten
-zerfetzten Bauernstuhl hockte, den die Russen scheinbar von weit her
-mitgeschleppt hatten. Über dem grauen Mantel hatte sich ein verkrustetes
-Blutrinnsal gebildet, und aus dem breiten Gesicht, das einen fahlen
-Widerschein von sich gab, leuchteten ein paar funkelnde, bösartige Augen.
-
-»Diese Schweine,« fuhr die hohle Stimme mit zitternden Schwankungen fort,
-»Sie haben mich festgebunden, sonst würde ich aufstehen. Ganz gewiß. Leo
-Konstantinowitsch Sassin weiß, was er schönen Damen schuldet.« Und dann
-versickerten die schwächlichen Laute, und Johanna fühlte beschämt,
-wie die brennenden Augen des Verwundeten spürend an ihrem weißen Gewand
-herumtasteten. »Aus dem Bett geholt?«, keuchte der Blutende und richtete
-einen seltsamen Blick auf den Fürsten Fergussow. »Dieser verfluchte
-Krieg, wir wünschen ihn nicht.« Aber gleich darauf warf sich der
-Rittmeister so gut er konnte, zu den ihn umstehenden Soldaten herum und
-schrie wütend, so daß es jetzt wirklich durch das Haus gellte: »Schert
-euch endlich zu einem Arzt, ihr Müßiggänger. Wollt ihr mich hier noch
-länger anstarren? Und Sie, Durchlaucht, verschaffen mir vielleicht durch
-Ihre vorzüglichen Verbindungen ein Sofa oder eine Chaiselongue. Ich
-brauche nur ein paar Stunden Schlaf. Sie sollen sehen, nichts weiter. Oh,
-dieser verwünschte deutsche Heuchler, wenn ihm doch heimgezahlt würde!«
-
-Wie ein Traum, rasch, schemenhaft, wesenlos, glitt von nun an alles an
-der Gutsherrin vorüber. Sie sah, wie der Kranke auf seinem Stuhl von zwei
-Soldaten in das geöffnete Zimmer getragen wurde und spürte die schwere
-stickige Luft, die aus dem Raum herausschlug, weil es eines jener
-Staatsgemächer war, die mit verhängten Fenstern fast das ganze Jahr
-unbenutzt in dunklem Schlafe lagen. Ihr war es so, als ob der Verwundete
-auf das veilchenblaue Samtsofa gebettet würde, und vorüberfliehend
-preßte die Erwägung ihr hausmütterliches Herz zusammen, wie sehr das
-kostbare alte Ebenholzmöbel unter der beschmutzten Kleidung des Mannes
-sowie vom herabrinnenden Blute leiden müßte. Ihr schien es, als ob die
-junge Frau des Verwalters Baumgartner, die ihr halbwüchsiges Töchterlein
-an der Hand führte, von ein paar rohen Männerfäusten zur Bedienung des
-Kranken über die Schwelle gestoßen wäre, und für einen hinzuckenden
-Moment erkannte sie die bleichen Züge der beiden halb Bekleideten, in
-denen ein starres Entsetzen lauerte. Dann fand sie sich selbst vor dem
-mächtigen Bauernschrank auf dem Flur, aus dem sie Leinenstoffe und
-allerlei Verbandzeug herausgab.
-
-Aber plötzlich wurde alles still, der Lichtschein entschwand hinter
-der geschlossenen Tür, und nur ein paar nahe, regelmäßige Atemzüge
-verrieten ihrem herumtastenden Bewußtsein, daß sie jetzt mit dem Fürsten
-Fergussow allein in der Finsternis weile. Empfindlich schauerte sie
-zusammen, denn sie glaubte den fremden Atem ganz dicht an ihrem Nacken zu
-spüren.
-
-Da lief unvermutet ein neuer Lichtbach die Treppe herunter, und in dem
-huschenden Schein sah Johanna, wie der Russe sich zusammenraffte, um
-grüßend die Hand an die Mütze zu führen. Über die obere Galerie beugte
-sich Marianne herab, und aus ihrem Nachtkleid dämmerten die entblößten
-Arme voll und wohlgeformt hervor, so daß selbst die widerstrebende
-älteste Schwester innerlich zugeben mußte, selten ein lockenderes Bild
-erschaut zu haben. Allein nur eine Sekunde konnte bei der Umsichtigen eine
-derartige Erwägung dauern, denn kaum hatte sie festgestellt, mit welch
-bewunderndem Glanz sich die Augen des fremden Offiziers erfüllten, da
-klang es bereits hart aus ihrem herrischen Munde hervor:
-
-»Marianne!«
-
-»Was willst du?«
-
-»Du siehst, wir haben Einquartierung erhalten. Begib dich auf dein Zimmer
-zurück und schließe hinter dir zu.«
-
-Aber der verbindliche Gruß des fremden Offiziers mußte auf das schöne
-Geschöpf in dem losen Nachtkleid dort oben durchaus die gewünschte
-Wirkung hervorgebracht haben. Um ihren Mund huschte ein wohlgefälliger
-Zug, sie schien weit davon entfernt, auch nur die winzigste Vorstellung
-von dem Jammer zu besitzen, der nicht allein ihre bisherige Wohnstätte,
-sondern doch sicherlich auch die ganze Umgegend betroffen hatte. Mit
-einer feinen Biegung verneigte sie sich zum Abschied vor dem fremden
-Eindringling, und während sie sich bereits von der Galerie abkehrte, da
-warf sie über die Schulter noch einen ihrer samtweichen Blicke zurück.
-Es war ganz die Art, wie wenn sich eine Tänzerin nach dem Ball von ihrem
-Kavalier zögernd und vielsagend trennt. Gleich darauf klang langsam und
-ohne sonderliche Eile die Tür. Es wurde wieder dunkel.
-
-»Ich werde Licht holen,« äußerte die klare, grobe Stimme Johannas.
-
-Fürst Fergussow griff in seine Manteltasche, zog eine kleine elektrische
-Laterne hervor und drückte den Knopf. Sogleich strahlte ein runder,
-goldiger Kreis auf, in dessen Mitte das starre Haupt der Nemza in einer
-steinernen Weiße hervorschimmerte.
-
-Und als der elektrische Blitz sich in den Augen der vom blendenden Licht
-Umrahmten spiegelte, da fuhr der Beobachter zurück vor der eisernen
-Grausamkeit, die dort unversteckt funkelte und glitzerte.
-
-»Pfui Teufel, zwei beleuchtete Messer,« dachte der Fürst widerwillig.
-
-Und seit dieser Erkenntnis hegte er nur den lebhaften Wunsch, die
-unwillkommene Gesellschafterin rasch von sich abzuschütteln. Ohne weitere
-Überlegung sagte er deshalb in seinem in Höflichkeit erstarrten Ton:
-
-»Ich würde es mir nie verzeihen, Sie noch länger aufzuhalten. Gute
-Nacht.«
-
-Auch Johanna verbeugte sich und wollte aus der halbangelehnten Eingangstür
-in die Dunkelheit herausschreiten, der Offizier jedoch vertrat ihr
-plötzlich den Weg.
-
-»Gestatten Sie, daß ich noch eine Form erfülle. Mein Wachtmeister hier
-wird Sie auf Ihren Gängen zu Ihrem Schutz begleiten.«
-
-»Ich bin also eine Gefangene?« stockte Johanna mit bitterem Lächeln.
-
-»Wie gesagt, es geschieht nur zu Ihrer Sicherheit. Alles Nähere werden
-wir dann morgen erörtern. Bis dahin, gute Nacht, meine Gnädige, und
-nochmals verzeihen Sie die Störung Ihrer Ruhe.« Und achselzuckend setzte
-er hinzu: »Der Krieg ist leider ein Handwerk, das sehr gegen meinen
-Geschmack mit groben Mitteln arbeitet.«
-
-Er verbeugte sich leicht, und Johanna bemerkte noch im Zurückblicken, wie
-die schlanke Gestalt in das bereits erleuchtete Zimmer schritt und achtlos
-ihren durchnäßten Mantel über einen Schaukelstuhl schleuderte. Dann
-entzündete der Fürst sich eine Zigarette und begann flüchtig in den
-auf dem Tisch herumliegenden deutschen Journalen zu blättern. Die weißen
-Dampfwolken umschwebten ein apollinisch geschnittenes Antlitz.
-
- * * * * *
-
-Die Älteste von Maritzken saß in ihrer leichten Kleidung wieder auf dem
-Bettrand, um mit Aufbietung aller Sinne jedem Geräusch nachzuspüren,
-das von Hof und Haus zu ihr heraufschlug. Und die Nacht verschärfte und
-verzerrte alle Töne, die sonst für die Lauschende keinen Sinn aufgewiesen
-hätten und schob ihnen eine schreckhafte Deutung unter. Bald quoll ein
-wüstes Ächzen und Fluchen durch die Dielen des Fußbodens empor, und
-Johannas aufgeregter Geist malte sich aus, wie der Rittmeister Sassin,
-nur durch ein paar dünne Planken von ihr getrennt, jetzt gewiß schon
-mit einem tobenden Wundfieber rang. Herrgott, die Frau ihres Verwalters
-Baumgartner war ja gezwungen worden, dort unten hilfreiche Hand zu leisten.
-Und hatte die notdürftig Bekleidete nicht auch ihr blutjunges Töchterchen
-bei sich gehabt? Wenn nun den Beiden von rohen Soldatenfäusten etwas
-Beschämendes widerführe!?
-
-Wild begann ihr das Herz bis in den Hals zu schlagen, jedoch ehe sie diese
-aufregende Gedankenreihe noch erschöpfen konnte, da wurde sie durch die
-Erinnerung an ihren Verwalter schon wieder auf eine neue Bahn gehetzt. Ob
-Baumgartner noch immer nicht zurückgekehrt war? Sie beugte sich über die
-kleine Uhr auf dem Nachttisch und fuhr zusammen, als sie bemerkte, daß
-bereits die zweite Stunde des Morgens angebrochen sei. Durch die Vorhänge
-stahl sich schon ein mattes Grauen und Dämmern herein. Der Frühwind
-sauste in den Eichenkronen, und hier und da erhob sich das vorzeitige
-Zirpen eines träumenden Vogels. Aber durch all diese Anzeichen des
-Erwachens drang etwas anderes hindurch, etwas so Fernes, Verschwommenes,
-daß sich die Einsame aufs äußerste anstrengen mußte, um überhaupt
-das in der Weite vollkommen versickernde und verschwimmende Geknister
-unterscheiden zu können. Abermals griff sie in die Kissen, jedoch mehr um
-sich festzuhalten, und starrte unverwandt auf die geschlossene Gardine, als
-ob das leise sich bewegende Leinen kein Hindernis für sie böte. Wenn sie
-ihr Gehör bis zur Schmerzhaftigkeit spannte, dann schlug von draußen ein
-gedämpftes Rasseln bis an ihr Lager, rasch aufeinanderfolgende Laute, die
-sich wie das Klappern über Treppenstufen herabrollender Erbsen anhörten.
-Großer Gott, das kämpfende Weib begriff plötzlich, was das gleich
-bleibende Geknatter zu bedeuten habe. Nun, da sie das weiße Kissen in
-ihren arbeitsgewohnten Fäusten zerkrampfte, jetzt, wo sie lauschte und
-lauschte, atemlos, jeder Bewegung beraubt, gleich einem Sünder, dem man
-die letzte Stunde verkündet, da stürzte es plötzlich zerschmetternd auf
-sie herab. Die ganze unnennbare Erkenntnis von Zerfleischen, Untergang,
-Mord, Umpflügen und der entsetzlichen Wertlosigkeit des bisher so
-ängstlich behüteten Einzeldaseins. Vor Wut und Grauen hätte sie laut
-aufheulen mögen. Ihr gestraffter Körper warf und spannte sich, als
-müßte sie ihn zur Verteidigung von etwas Letztem, Kostbarstem, einem
-anstürmenden Bedränger entgegenschleudern.
-
-Das erste Mal in ihrem Leben barst der Panzer von Vernunft und Sitte
-schallend über ihrer Brust auseinander. Es war ein anderes Weib, das,
-ohne eine Ahnung davon, wie es im Moment mit den frei gewordenen, zur Rache
-erhobenen Armen gleich einer Verkörperung ihres vergewaltigten Landes
-dasaß, es war ein anderes, wutgeschütteltes Geschöpf, das da, keinen
-Blutstropfen im Antlitz, mit unheimlich hervorblitzenden Zähnen zu dem
-schönen Männerkopf hinaufstierte.
-
-Das Bild sah mit seinen heißen, lebenshungrigen Augen auf das
-frostgeschüttelte Geschöpf herab. Laut aufschreiend strauchelte sie und
-stürzte so wie sie war, quer über das Bett. Das letzte, was sie hörte,
-war das immer heftiger werdende Zischen und Schwärmen der wilden Bienen,
-die mit den Köpfen summend gegen die Fensterscheiben taumelten.
-
- * * * * *
-
-Eine Uhr schlug. Und zur gleichen Minute richtete sich Johanna auf, um sich
-die Augen zu reiben. So geregelt verfloß ihr Dasein, daß sie sich sogar
-aus Schauer und Krampf pünktlich um die fünfte Morgenstunde emporraffte,
-denn es war die Zeit, wo sie die Mägde beim Melken zu beaufsichtigen
-pflegte. Erstaunt, ungläubig schüttelte sie das Haupt, als sie ihre
-sonderbare Lage bemerkte. Im hellen Licht des Tages fehlte ihr bereits
-jedes Verständnis für das schwächliche Nachgeben einer überwältigten
-Natur. Derartige Dinge verachtete sie heimlich und hatte sie stets für die
-Anzeichen einer überfeinerten und kränkelnden Epoche gehalten. Und jetzt
-wollten ihre eigenen Nerven versagen?
-
-Lächerlich!
-
-Dazu war sie nicht geschaffen. Es traten jetzt soviel neue, eiserne
-Aufgaben an sie heran. Mußte sie nicht versuchen, durch das Ansehen ihrer
-Person die Zerstörung ihres Besitztums zu verhindern? Bildete sie nicht
-den letzten Halt für ihre Untergebenen, die nur im Vertrauen auf ihren
-Schutz nicht schon längst ihr Heil in einer eiligen Flucht gesucht hatten?
-Während sie sich ankleidete, stieß sie unhörbar das Fenster auf und
-beugte sich hinaus. Dort drüben über den dichten Weizenfeldern wallte
-ein bläulicher Qualm. Schwer und massig dampfte er über die Flächen, wo
-früher das Gewoge der gelben Frucht das Auge der Besitzerin erfreut hatte.
-Und Johannas geschärfter Blick entdeckte sofort, daß dies bleigraue
-Brodeln nicht die silbernen Gespinste des Frühnebels waren. Nein, dort
-draußen unter der dichten Decke verbarg sich etwas, das ihr Herz mit
-Grauen, aber auch mit lichter Hoffnung erfüllte. Vielleicht hatten die
-Männer ihrer Heimat dort unten auf dem Felde bereits eine furchtbare Ernte
-gehalten. Vielleicht war das Unkraut, das über Nacht aufgeschossen war,
-von schwieligen Händen ausgejätet und fortgesichelt, und das Stück Erde,
-auf dem sie groß geworden, der weiße Hof, dem ihr unermüdliches Wirken
-gegolten, sie waren womöglich schon wieder erlöst von ihren unheimlichen,
-nächtlichen Gästen. Noch gab sie sich solchen schimmernden Wünschen
-hin, als vom Hof ein lautes Gepolter und fremdartiger Lärm zu ihr
-heraufdrangen.
-
-Welch ein Bild! Wie packte es mit rauhem Griff ihr aufpochendes Herz und
-stieß es hin und her. Warum hatte sie den tollen Tumult, der dicht unter
-ihr fessellos durcheinander quirlte, auch nur für eine Sekunde übersehen
-können? Oh nein, die fremden Einlagerer waren weder versprengt noch
-abgezogen. In unordentlichen Haufen, die meisten erst halb bekleidet,
-standen sie gröhlend und lachend umher, und das Heu, das in Strähnen an
-ihren grün-grauen Uniformstücken herumhing, bewies, wo die Mannschaften
-diese Nacht eine Ruhestätte gesucht hatten. Schmerzlich verzog die
-Hausherrin den Mund, als sie mit ansehen mußte, wie die feste Tür des
-Kuhstalles von ein paar herkulischen Gestalten durch derbe Fußtritte
-aufgestoßen wurde, und ihre Brust hob sich rascher, als sie sah, wie vier
-bis fünf Kälber, jung geborenes Vieh, ohne weiteres aus ihrer warmen
-Behausung herausgetrieben wurden. Jämmerlich blökten die Tiere und dann
-verschwanden sie unter der dunklen Halle einer Scheune, aus der sich den
-Widerstrebenden bereits blutgefärbte Fäuste entgegenreckten. Aus der
-Küche erscholl lautes Zetern. Fluchende Männerstimmen schienen dort etwas
-zu fordern, was sich in der Eile gewiß nicht so schnell herbeischaffen
-ließ, und die Lauscherin zuckte zusammen, als das furchtsame Aufschreien
-aus Mädchenkehlen an ihr Ohr schlug.
-
-Oh, hier war die Hölle los. Alle Ordnung, jeder Respekt vor dem
-Hergebrachten, den die Älteste von Maritzken in ihrem Kreise mit soviel
-Mühe und Selbstaufopferung errichtet, alles das schien unter Hohnlachen
-von fremden Fäusten umgestürzt und in den Kot geworfen, als hätte es
-niemals das ganze Sein und Treiben hier beherrscht. Und mit einer Gebärde
-des Ekels und der Verachtung stürzte Johanna an ihren Schrank, um sich ein
-Gewand überzuwerfen. Eine flüchtige Minute strichen ihre Finger zögernd
-und prüfend über das zarte Geriesel eines waschseidenen Stoffes, denn
-eine ferne Vorstellung befiel sie von einem vornehmen Herrn und der
-möglichen Pflicht, ihr Haus stattlich zu vertreten. Aber gleich darauf
-schnürten sich ihre Augenbrauen unwillig zusammen, und mit einem kurzen
-Entschluß und ohne auch nur einen Blick an den Spiegel verschwendet
-zu haben, streifte sie ihr gewöhnliches blau und weiß gepunktetes
-Kattunkleid über, schnallte den schwarzen Ledergürtel fest über den
-Hüften zusammen und eilte mit einem einzigen Sprung bis zur Treppe. Allein
-schon auf der ersten Stufe besann sie sich. Gewaltsam zwang sie ihre alte
-Ruhe und Besonnenheit zurück. Sie strich sich eine Strähne ihres blonden
-Haares aus der Stirn und stieg mit ihrem gewohnten gebieterischen Gang
-die Treppe hinunter. Unten auf der Diele, dicht neben der Ausgangspforte,
-blitzte der Hausherrin im Morgenlicht ein metallischer Schein entgegen. Ein
-russischer Infanterist, dessen langer, rötlich-blonder Bart fast bis auf
-die Brust herabhing, hielt dort mit aufgepflanztem Bajonett die Wacht,
-während er einem struppigen Hund, den er an eiserner Kette hielt,
-zärtlich das Fell kraute.
-
-»Treten Sie hier zurück, damit ich herunter kann,« herrschte Johanna den
-Mann mit ihrer festen Stimme an.
-
-Der Russe hob das verschwommene gutmütige Haupt, und aus seinen
-verkniffenen blinzelnden Augen brach ein Strahl von Respekt und
-bedingungslosem Gehorsam. Einer solch imponierenden Frauengestalt, die
-so befehlend und deutlich ihre Wünsche durch ein Zeichen der Hand
-auszudrücken verstand, mußte der Slawe in seinem heimatlichen
-Garnisonsnest niemals begegnet sein. Demütig hob er die zerbeulte Mütze
-von seinem wilden Schopf, beugte sich und ließ klirrend das Gewehr auf
-den Steinen der Diele aufstampfen. Selbst der Hund kroch murrend unter die
-Stufe der Treppe.
-
-»Ist Fürst Fergussow zu sprechen?« fragte die Blonde.
-
-Verlegen wandte sich der Wachtposten hin und her. Sein Deutsch war so
-mangelhaft, daß er sich fast nur durch Zeichen zu verständigen vermochte.
-Deshalb hielt er das Bajonett auf den Hof hinaus und zeigte damit durch das
-Tor.
-
-»Weit,« sagte er.
-
-Johanna atmete auf, und doch ergriff sie ein leichter Schrecken.
-
-»Ist der Fürst schon abgerückt?« drängte sie weiter.
-
-Jetzt kraute sich der Wachtsoldat hinter den Ohren, und da seine
-Unfähigkeit, sich verständlich zu machen, immer mehr wuchs, so verlegte
-er sich völlig auf die den Slawen so geläufige Weise der pantomimischen
-Darstellung. Schallend warf er sein Gewehr an die Wange, nahm eine drohende
-Miene an und tat so, als ob er mit einem fernen Gegner Schüsse wechsle.
-Gleich darauf stach er mit dem Bajonett kräftig in die Luft, warf den
-Oberkörper vor und stampfte so schrecklich mit den Füßen, daß sein
-zottiger Hund unter dem Treppenabsatz furchtsam aufzuwinseln begann.
-
-Johanna hatte begriffen. Sie faßte rasch nach dem Geländer der Treppe und
-warf hastig hin:
-
-»Es findet also hier in der Nähe ein Treffen statt, nicht wahr? Ist
-Fürst Fergussow dabei?«
-
-Der Russe nickte lebhaft und befriedigt.
-
-»Schon zu Ende,« stoppelte er mühsam aneinander. »Nemzows alle hin« --
-er schlug mit dem Kolben auf die Erde, schloß die Augen und streckte die
-Zunge heraus -- »spitze Mützen viel zu wenig -- viel zu wenig.«
-
-Die Gutsherrin ließ ihren Halt fahren und richtete sich auf. Nun wußte
-sie, was die geschäftigen Bienen bei Tagesgrauen vor ihren Fensterscheiben
-gesummt hatten. Eine kleine Schar deutscher Männer, die es versucht hatte,
-die widerrechtlich Eingedrungenen zu vertreiben, sie war der Übermacht,
-der stupiden Masse, erlegen. Und Fürst Dimitri, der elegante Liebling der
-Petersburger Salons, der Träger der letzten und überfeinertsten Kultur,
-hatte es sicherlich nicht verschmäht, seinen Degen in das Blut der halb
-Wehrlosen zu tauchen. Wie selbstgefällig und von eigener Bewunderung
-geschwellt er jetzt wohl dort draußen über ihr zerstampftes Weizenfeld
-reiten mochte, unter dessen Halmen die verstummten Landsleute sich zum
-letzten Schlafe verkrochen hatten.
-
-Ein heftiges Gefühl des Widerwillens durchfuhr die Nachdenkende. Und
-mit einer entschiedenen Bewegung wandte sie sich zur Tür, als ob sie den
-Infanteristen, dessen darstellerischem Geschick ihr quälender Wissensdurst
-soviel verdankte, ohne weiteres beiseite zu schieben gedächte. Indessen
-der Russe bewegte wiederum bedauernd sein plumpes Haupt, knickte zusammen
-und streckte in seiner kauernden Stellung sein Gewehr quer vor den Eingang.
-
-»Was heißt das?« widersprach Johanna ungehalten, »sehen Sie nicht, daß
-ich auf meinen Hof hinaus will?«
-
-Der Posten aber schüttelte seine dichte Mähne noch stärker. »Nix,«
-suchte er zu erklären, »keiner heraus.«
-
-Da stieg eine feurige Röte in die sonst so blassen Wangen der
-Gutsbesitzerin, und sich verächtlich abwendend, schritt sie ohne ein
-weiteres Wort der Entgegnung an die Tür des kleinen Salons, den sie am
-verflossenen Abend für den Verwundeten geöffnet, und klopfte laut an
-das dunkle Holz. Zu ihrer größten Verwunderung rief Mariannes immer
-gleichmäßige und ruhige Stimme: »Herein.«
-
-Was war das?
-
-Unwillkürlich lauschte die große Blonde, als wünschte sie den
-entschwundenen Laut noch einmal zu erhaschen. Das war doch nicht möglich?!
-Wie konnte das unbesonnene Geschöpf es wagen, ohne die Erlaubnis der
-Ältesten den verwundeten Krieger in seinem Zimmer aufzusuchen, und zwar zu
-einer Zeit, zu der die sonst immer Müde und Phlegmatische noch lange der
-Ruhe zu pflegen gewohnt war? Allmächtiger Gott, war denn alles, was bis
-dahin als unverbrüchliches Gesetz galt, mit dem Einrücken der Fremden
-über den Haufen geworfen? Gab es nichts mehr, was in einer deutschen
-Wirtschaft unverrückbar feststand, nichts Solides und Sicheres, dem man
-sich williger beugte und unterwarf, als der dummen zufälligen Macht der
-Hereingeschneiten?
-
-Festen Schwunges öffnete Johanna die Tür, und so groß war die Gewalt
-ihres Armes, daß das zurückfallende Holz einen schneidenden Luftzug
-verursachte, vor dem der Verwundete auf dem Sofa gestört das bärtige
-Gesicht verzog. Aber wie seltsam hatten sich die Züge des robusten
-Rittmeisters verwandelt. Die glänzende Rundung seiner Wangen dunkelte hohl
-und eingefallen, unter der aufgerissenen Uniform hob sich die entblößte
-Brust schwer und rasselnd, und der schlaff herabhängende Arm zeigte die
-innere Ermattung deutlicher, als alles andere. Nur die großen blauen Augen
-blitzten noch ebenso wild und unstet, wie am Abend zuvor.
-
-Dicht vor ihm, tief in einen mattblauen Samtsessel zurückgelehnt, schlug
-Marianne ihre Füße gefällig übereinander und schien eben aus einer
-jener leichten Plaudereien aufgestört, die sie so heiter und zugleich
-so inhaltslos zu führen wußte. Hinter dem Kopfende des Sofas jedoch
-verharrten, wie in wachem Schlaf und mit halb geschlossenen Augen die Frau
-des Verwalters Baumgartner sowie ihr halbwüchsiges Töchterchen, obwohl
-sie sich vor Mühe, Angst und Anstrengung kaum noch auf den Füßen zu
-halten vermochten. Wahrlich, für die Hereintretende lag ein empörender
-Unterschied in dem völligen Zerfall dieser beiden arbeitenden und
-geplagten Geschöpfe und der unbekümmerten Behaglichkeit ihrer eigenen
-Schwester. Jedoch die Verletzte bezwang sich und hob, nachdem sie »guten
-Morgen« geboten, nun in ihrer kurzen und sehr verständlichen Weise an:
-
-»Wie kommt es, daß du heut schon so früh zu sehen bist, Marianne?«
-
-Die Schwarze lächelte trotzig. Jetzt, da eine andere, eine fremde Gewalt
-hier im Hause herrschte, da schien es ihr Vergnügen zu bereiten, sich
-dem Willen der älteren Schwester immer mehr zu entziehen. Und in ihrer
-spöttischen und selbstbewußten Art versuchte sie, es der Großen, die ihr
-so wenig Freiheit ließ, deutlich zu zeigen. Ohne ihre lässige Stellung
-aufzugeben, warf sie gleichgültig hin:
-
-»Oh, ich sitze schon etwa eine Stunde hier. Ich hörte unseren Gast ein
-paarmal laut rufen, und da meinte ich -- --«
-
-Doch die Ältere ließ sie nicht zu Ende gelangen.
-
-»Unseren Gast?« unterbrach sie scharf und richtete ihre strengen Augen
-wenig erfreut auf das blutleere Antlitz des Mannes, der ihr schönes blaues
-Samtsofa so unbarmherzig zerdrückte.
-
-Von dem harten Ton getroffen schlug auch der Rittmeister erstaunt und
-weltenfremd seine blauen Augen auf, die er für einen Moment kraftlos
-geschlossen. Unwillkürlich stützte er sich mit der Rechten krampfhaft auf
-das Polster der Seitenlehne, während er sich bemühte, selbst in
-seiner jetzigen traurigen Verfassung eine seiner gewohnten Verneigungen
-auszuführen. Allein er brachte es nur bis zu einem ruckartigen Vorstrecken
-des zerzausten Hauptes, um gleich darauf in ein nur schwer verhehltes
-Stöhnen auszubrechen.
-
-»=Bon jour=, Gnädigste,« rasselte er in dumpfen Tönen, »hoffe,
-daß nicht gestört worden sind. Ich selbst vortrefflich geruht, ganz
-vortrefflich,« und er schlug sich mit der flachen Hand auf die nackte
-Brust, so daß es ein merkwürdiges fleischiges Geräusch verursachte.
-»Pompöses Quartier,« fuhr er fort, wobei er müde und ausdruckslos
-seinen Blick über die Samtmöbel fortgleiten ließ, bis er an der
-prachtvollen Gestalt von Marianne haften blieb. »Damen bemühen sich um
-unbedeutende Unpäßlichkeit gar zu aufopfernd. Darf ich fragen,« hauchte
-er und dehnte sich von Schmerzen zerrissen hin und her, »ob Arzt --
-Arzt schon benachrichtigt wurde? Handelt sich zwar nur um Kleinigkeit
--- versichere Sie, um absolute Bagatelle -- aber man möchte sich doch
-möglichst bald wieder an lustigem Herumstreifen beteiligen.«
-
-Jetzt gab Marianne ihre ruhende Stellung auf, und während sie sich über
-ihr welliges Haar strich, da äußerte sie recht warm und bedauernd, als ob
-ihr das Leiden des fremden Reiters besonders nahe ging:
-
-»Herr Rittmeister, vor einer halben Stunde hat Ihr Wachtmeister bereits
-gemeldet, daß Herr Doktor Küster, unser Landarzt, leider nicht mehr
-aufzufinden wäre.« Und unbekümmert und ohne auf die schreckensstarre
-Schwester zu achten, setzte sie noch hinzu: »Das Haus des Doktors soll
-vollständig herabgebrannt sein.«
-
-»Herabgebrannt?!« stieß Johanna, die ihren Platz an der Tür noch immer
-nicht aufgegeben hatte, sich vergessend hervor, und ihre Fäuste ballten
-sich. »Herr Rittmeister, haben Sie gehört? Wie wollen Sie eine solche
-Schandtat verantworten?«
-
-Inzwischen hatte sich Leo Konstantinowitsch mühsam in die Höhe gerichtet,
-und sein Bewußtsein gelangte allmählich zu größerer Klarheit. Bedauernd
-zuckte er die Achseln.
-
-»Sicherlich nur Zufall, Gnädigste,« beschwichtigte er. »Unter meiner
-Führung wäre gewiß nicht geschehen. Aber Fürst Fergussow, der hier
-kommandiert,« fuhr er berechnend und immer mehr aufwachend fort, und
-ein heimtückischer Zug verbreitete sich um seine groben Lippen, »Fürst
-Fergussow von Petersburger Garde steht viel zu hoch und -- wie sage ich
--- denkt viel zu liberal, als daß er gemeinen Soldaten ein so harmloses
-Pläsier verwehren sollte.«
-
-»Aber das ist ja nicht möglich,« schnitt Johanna verächtlich ab. »Wie
-können Sie einem Aristokraten Ihres Landes Freude oder gar Duldung für
-ganz gewöhnliche Brandstifterei, für Raub und Diebstahl nachreden?«
-
-Der Russe verbeugte sich wieder und schlug mit der Hand abwehrend durch die
-Luft.
-
-»Pah, unsere Aristokraten,« zischte er, und seine unerträglichen
-Schmerzen rissen das letzte Bedenken nieder, über dasjenige herzufallen,
-was ihm in besseren Zeiten so oft den Weg versperrt hatte. Auch zwang ihn
-fressender Neid, jenen schönen Kameraden, von dem er immer argwöhnte,
-daß er sich ohne Mühe alle Weiber dienstbar zu machen wisse, gerade vor
-diesen beiden prangenden Geschöpfen herunterzureißen und zu besudeln.
-»Setzen sich, schöne Damen, -- setzen sich Gnädigste.« Er schob mit dem
-freien Fuß krachend und ohne Verständnis für die Unschicklichkeit, der
-Ältesten von Maritzken einen Samtsessel hin. »Setzen sich,« schrie er
-ungeduldig, als er sie zögern sah.
-
-Und erst, als Johanna, um den Kranken nicht zu heftigerem Toben zu
-reizen, seinen Wunsch befolgt hatte, da sprach der Leidende in gieriger
-Verkleinerungssucht weiter. Aus jedem seiner Worte tröpfelte bitterer
-Haß. Der Bauernsohn, der todgezeichnete, schlug mit der Faust gegen das
-goldene Schild des hoch Gefürsteten, von dem er wußte, daß er selbst
-für ihn immer nur ein freigelassener Leibeigener geblieben sei.
-
-»Oh, Damen kennen nicht,« fiel es giftig und neidisch von seinen Lippen,
-und vernehmlich redete sein brennendes Fieber mit: »wie wenig reiche
-Hofherren sich um ihre Untergebenen kümmern. Wir existieren gar nicht
-für sie. Wir sind nur Namen, Namen, die man in Listen schreibt oder wieder
-wegstreicht. Und besonders Dimitri Fergussow. Glauben mir, ich sage Ihnen,
-um Sie vor dieser glatten Maske zu warnen. Denn ist ja möglich, daß mich
-lächerlicher Ritz dorthin befördert, wohin wir gestern schon eine Anzahl
-von uns versteckt haben. Eingeschaufelt, verstehen Sie? Ich bitte um
-Vergebung, ist sehr häßlicher Gedanke, aber Teufel hält uns alle am
-Halskragen. Ja, besonders dieser Fergussow trägt Stein in der Brust. Wie
-könnte er sonst leben, wie könnte er ruhig schlafen? Ist ein Mörder,
-glauben Sie mir, ein Frauenschlächter, natürlich nicht mit Messer. Aber
-an seinen Händen klebt mehr heißes Blut, als hier an Säbel, den ich
-gestern noch munter hin und her tanzen ließ.«
-
-Da reckte sich Johanna und machte Miene sich zu erheben.
-
-»Das interessiert mich nicht,« lehnte sie frostig ab. »Mich gehen die
-Schicksale Ihres Vorgesetzten nichts an.«
-
-»Doch, doch,« widersprach Sassin eifrig, als ob er fürchte, der heimlich
-gehaßte Kamerad könnte ihm auch jetzt wieder entwischen, »Sie wissen
-nicht. Aber ist schändlich, schreit zum Himmel. Ganz Petersburg beklagt
-noch heute kleine Kroniatowska.«
-
-»Lassen Sie das,« befahl Johanna halblaut, und doch rührte sie sich
-nicht, ja sie wandte gegen ihren Willen das blonde Haupt dem Liegenden zu,
-als Marianne neugierig näher rückte.
-
-»Wer ist die kleine Kroniatowska?« warf die Schwarze gespannt dazwischen,
-und ihr dunkles Antlitz belebte sich. In diesem Augenblick waren die
-letzten Reste der Erinnerung an die Not und das Grauen, die sich über
-Nacht auf das Land herabgesenkt hatten, von der Leichtsinnigen vergessen.
-»Ich erinnere mich, es wurde auch während unseres Besuches bei Ihnen von
-der Dame gesprochen. Es muß ein sehr junges Mädchen gewesen sein.«
-
-»Sehr jung? Sagen Sie Kind?« stieß Leo Konstantinowitsch hervor, und die
-Sucht, seinen Gefährten in einem möglichst ungünstigen Lichte erscheinen
-zu lassen, verlieh ihm eine vorüberblitzende Spannkraft. »Vollkommenes
-Kind, meine Damen,« rief er mit kräftigerem Ton als bisher,
-»fünfzehnjährig. Wie man sagt, zweifelhafter Nachkömmling von großer
-Katharina.«
-
-»Bitte, das wünschen wir nicht zu hören,« verwies hier Johanna
-ernstlich entrüstet und machte Miene aufzustehen.
-
-Allein der Kranke faltete beinahe flehend die Hände und stammelte
-inbrünstig:
-
-»Bleiben Sie, bleiben Sie, vergesse mich nicht wieder. Wollte Ihnen nur
-erzählen, wie durch betrügerischen Halunken von Mönch guter Dimitri mit
-kleiner ahnungslosen Prinzessin bekannt wurde. Eifer von Herrn Adjutanten
-soll damals in Glaubenssachen so überwältigend und überzeugend gewesen
-sein, daß armes Ding in dem demütigen und zerknirschten Bekenner einen
-Erweckten, -- haha -- einen Erleuchteten sah. Ist nicht hübsch? Einem
-solchen Heiligen gegenüber durfte man natürlich keinen eigenen Willen
-besitzen.«
-
-»Hören Sie auf,« befahl Johanna von Grauen geschüttelt und starrte ihn
-an.
-
-»Soll brausende Glut zwischen Beiden gewütet haben. Natürlich nur
-himmlische. Was weiß ich? Einige Monate später freilich lag Kleine
-aufgebahrt zwischen Wald von weißen Lilien. -- Vergiftet. -- Seine
-Durchlaucht aber weinte und schluchzte, klagte sich des gräßlichsten
-Verbrechens an, und Kammerdiener soll ihm zweimal Revolver entwunden
-haben. Ja, ist gutmütige und mitfühlende Seele, und beruht gewiß auf
-Verleumdung, wenn Klubgenossen einige Wochen darauf behaupteten, Fürst
-Dimitri hätte jeden Zusammenhang mit der fatalen Affäre schroff
-abgelehnt, ja achselzuckend geäußert, man könne doch nicht verlangen,
-daß zu seinen übrigen Hofämtern noch Charge von Kinderbonne übernehme.
-Witzig, meine Damen, nicht wahr? Treffend! Kavalier, dem alle Herzen
-zufliegen. Leo Konstantinowitsch Sassin kann sich natürlich nicht
-messen, ist nur armer Bauernsohn. Aber Teufel hole all diese wahnsinnigen
-Unterschiede! Man bekommt sie satt, wenn man so da liegt, wie ich.«
-
-Der Rittmeister schwieg und sank zurück. Die übermäßige Anstrengung
-brachte ihn um den Genuß, den Erfolg seiner Boudoir-Geschichte beobachten
-zu können. Und doch wäre er vielleicht mit der Wirkung, die er bei
-den beiden Mädchen erzielt hatte, zufrieden gewesen. Denn Marianne
-unterdrückte kaum ihr vielbedeutendes üppiges Lächeln, und ihr Geist,
-der nur bei derartigen Intrigen eine Teilnahme verriet, wo es auf den Kampf
-zwischen Mann und Weib ankam, er schien durch das Geheimnisvolle dieser
-sündigen Affäre angenehm erregt. Auch Johanna lächelte. Aber es war
-die kalte Befriedigung eines Menschen, der sich wohl fühlt, weil seine
-Abneigung und sein Haß endlich einen gesicherten Grund gefunden. Ein
-müdes, schlaffes Schweigen breitete sich in dem kleinen Gemache aus. Man
-hörte nur noch das Plätschern des Wassers, so oft das schlaftrunkene Weib
-des Verwalters dem Verwundeten eine neue Kühlung auf die Brust legte.
-Und eine ganze Weile saß die Älteste von Maritzken, die sonst für jede
-Minute des Tages eine besondere Beschäftigung wußte, teilnahmlos und
-stumm, gemartert von der unbeschreiblichen Leere der Zwecklosigkeit, da ihr
-Wirken und Schaffen von einer brutalen Gewalt unterbunden war.
-
-Plötzlich fuhr sie auf. Wie lange sie so vor sich hingesonnen, wußte sie
-nicht mehr. Jetzt sah sie, wie Marianne eilfertig das Fenster aufriß, und
-zu gleicher Zeit klang ein Trompetensignal über den Hof. Das Getrappel
-vieler Rosse, sowie das laute Gewirr sich verschlingender Stimmen erfüllte
-die Morgenluft.
-
-»Fürst Fergussow kommt eben durch das Tor,« meldete Marianne, als ob
-es sich um einen längst ersehnten Befreier handle, »welch einen schönen
-Schimmel er reitet.«
-
-»Arabische Zucht,« murmelte von seinem Sofa Leo Konstantinowitsch, obwohl
-er sich seinem Dämmerzustand nicht mehr entwinden konnte. »Zarengeschenk
--- verwünschte Bande!«
-
-»Komm, Johanna,« drängte Marianne noch einmal und winkte lebhaft mit dem
-Finger, »denke nur, Durchlaucht hat mich schon bemerkt und ist schon vom
-Pferde herunter. Jetzt wirft er die Zügel einem anderen zu und nähert
-sich direkt unserem Fenster. Willst du ihn nicht begrüßen?«
-
-Von der Lagerstatt des Kranken drang ein Schnauben herüber. Die Blonde
-aber regte sich nicht, sie sank nur noch tiefer in ihren Stuhl zurück,
-als könnte sie sich auf diese Weise vor den Blicken des jungen
-Mannes verbergen, der sich soeben mit einem höflichen Gruß in die
-Fensterhöhlung hineinbeugte.
-
-»Guten Morgen,« rief die wohlklingende Stimme, indem sich der elegante
-Reiter über die glatte Mädchenhand neigte, die ihm ohne Zögern
-überlassen wurde; in demselben Augenblick jedoch erfaßten seine scharfen
-Augen auch schon die hohe Gestalt in dem Dunkel des Zimmers. »Ah, ich
-sehe, die Damen betätigen sich bereits in ihrem schönsten Metier,
-Sie bringen Trost und Hilfe ohne Ansehung der Person. Ich bin Ihnen zu
-größtem Danke verpflichtet, weil Sie sich um den armen Kameraden so
-sorgsam bemühen.«
-
-»Ja, ausgezeichnet, fabelhaft,« rief der Verwundete vom Sofa
-aus dazwischen, und man wußte nicht, ob seine Wut oder sein
-Dankbarkeitsgefühl überwog, »fühle mich wie im Himmel.«
-
-»Das ist gut, Leo Konstantinowitsch, das ist gut,« begrüßte ihn der
-schlanke Oberst nun mit einem lebhaften Winken der Hand, »Sie sehen schon
-viel besser aus, lieber Kamerad.«
-
-»Ganz sicherlich,« schrie der andere, »Wohlbefinden steigert sich mit
-jeder Minute.«
-
-»Das freut mich, Leo Konstantinowitsch, das freut mich wirklich
-ungemein.« Auf seinem schönen Gesicht strahlte es auf, die Besserung in
-dem Ergehen des Kameraden bedeutete offenbar für ihn eine Erleichterung.
-»Denken Sie, lieber Freund,« fuhr er eifrig fort, indem er sich mit der
-Hand auf das Fensterbrett stützte, »ich habe auch endlich einen Stabsarzt
-aufgetrieben, einen vortrefflichen Mann, Korsakow mit Namen, den ich von
-einem Aufenthalt in der Krim her kenne, wo er sich merkwürdigerweise mit
-der Züchtung junger Haifische abgab.«
-
-»Gut, gut,« stöhnte Sassin, »dann ist er gerade für mich der passende
-Mann.«
-
-Der Fürst mußte lachen, und Johanna, die noch immer unbeweglich in
-ihrem blauen Samtsessel verharrte, entdeckte mit einigem Unbehagen, wie
-unglaublich frisch und unberührt das Antlitz des Aristokraten leuchtete,
-sobald er offen seine Freude äußerte. Es wollte zu ihrem Bilde nicht
-stimmen. Und sie schüttelte sich leicht. Dann lauschte sie gespannt
-weiter.
-
-»He, Korsakow,« rief der Fürst inzwischen laut über den Hof, »hier ist
-Ihr Patient.«
-
-Und als sich aus dem Getümmel der zum Teil abgesattelten, zum Teil
-vor einer Brunnentränke sich erfrischenden Pferde eine kugelrunde
-schwarzbärtige Gestalt mit einer ungeheuren zerbeulten Schirmmütze
-abgelöst hatte, da eilte ihm der Oberst elastisch entgegen, um den Arzt
-ohne weiteres an der Achselklappe bis dicht vor das Fenster zu ziehen.
-
-»Hier drinnen, lieber Doktor,« erklärte er, »finden Sie Ihren
-Patienten. Machen Sie schnell, daß Sie hereinkommen.«
-
-Allein zu Johannas Verwunderung rührte sich die dicke Kugel nicht. Der
-Mann zupfte vielmehr an seinem verworrenen schwarzen Bartgekräusel,
-rückte sich die merkwürdig großen Horngläser auf der plumpen Nase
-zurecht und starrte den Verwundeten auf dem Sofa unverwandt an.
-
-»Was wollen Sie?« schrie Sassin wütend.
-
-»Wundfieber,« murmelte der andere und zog sich von dem Fenster ein wenig
-zurück, als ob er sich vor einer ansteckenden Krankheit zu hüten hätte.
-»Der Einschuß sitzt zwei Zentimeter rechts von der Lunge, und die Kugel
-behindert die Atmung.«
-
-»Herr,« sagte Dimitri, ihn verblüfft musternd, »Ihr Kombinationstalent
-auf diese Distanz ist erstaunlich. Aber hegen Sie nicht das Verlangen, sich
-etwas dichter in die Nähe meines verletzten Freundes zu begeben? Ich bitte
-um Verzeihung, wenn ich mich in fremde Angelegenheiten mische, aber
-mir scheint, in einem solchen Fall pflegt von Ihren Kollegen die Sonde
-angewendet zu werden.«
-
-»Ganz recht, die Sonde, ganz recht,« stotterte der Schwarzbärtige und
-tastete nach einem Instrumententäschchen, das ihm quer über den Bauch
-herabhing; als es jedoch drinnen klirrte, erschrak er sichtlich. »Sie
-müssen nämlich wissen, Durchlaucht,« offenbarte er sich endlich,
-während ihm der Schweiß unter der großen Mütze hervorlief, »daß
-ich bisher nur auf dem Katheder stand. Es ist nicht mein Wunsch, mich so
-plötzlich in die Praxis versetzt zu sehen. Aber immerhin, immerhin,«
-setzte er sich zusammenraffend hinzu, »es wird gehen, man wird sich Mühe
-geben. Schließlich« -- er zuckte die Achsel -- »eine gute Natur muß
-uns unterstützen, sonst vermögen wir alle nichts. Ich werde den Kranken
-untersuchen.«
-
- * * * * *
-
-Eine halbe Stunde später war Leo Konstantinowitsch Sassin bereits in das
-verlassene Zimmer Isas geschafft. Und nachdem der umfangreiche Stabsarzt
-unter Aufbietung des äußersten Mutes zu seinem eigenen Erstaunen die
-Kugel leicht und ohne große Hindernisse, nur unterbrochen durch ein
-häufiges Aufbrüllen des Verwundeten, aus dem verletzten Körper entfernt
-hatte, da lag nun der Rittmeister in dem schneeweiß angestrichenen Bett
-des jungen Mädchens und erzählte seinem Helfer zu dessen drückendster
-Verlegenheit wirre und krause Geschichten.
-
-»Verwünschte Bande, am Hofe, lieber Doktor -- wir Bauern nichts als
-Leibeigene für die Herren. -- Sagen Sie, Teurer, haben Sie vielleicht
-üppige schwarze Nemza gesehen, wie sie unter Wald von Lilien lag? -- Zum
-Teufel, halte nicht aus, Durchlaucht.«
-
-Zu derselben Zeit klopfte Johanna mit harter Hand gegen die Tür des
-kleinen Eßzimmers, das Fürst Fergussow sich für seinen persönlichen
-Gebrauch vorbehalten hatte.
-
-»=Entrez=,« rief eine helle, klangreiche Stimme.
-
-Und als der im Zimmer erregt auf und nieder Wandelnde seine blonde
-Gastgeberin in dem einfachen blau und weiß gepunkteten Kattunkleid
-gewahrte, da knöpfte er gewandt die halb offene Uniform zusammen, und
-blickte hilfsbedürftig nach dem Tisch, wohin er seine Mütze, Säbel,
-einen Revolver und mehrere Karten achtlos übereinander geworfen hatte.
-
-»Sie müssen vergeben,« begann er rasch und schüttelte sich leicht;
-»man ist doch ein wenig außer Fassung, wenn man, wie ich, zum erstenmal
-mit dem Sensenmann Karten spielte. Das peitscht auf die Nerven zuerst
-mächtig ein,« atmete er, trat an den Tisch und ließ die Säbelscheide
-verloren durch seine Hand gleiten. Aber gleich darauf hielt er inne,
-bezwang die eigene Unrast, und während er energisch sein verwirrtes
-braunes Gelock zurückwarf, blieben seine dunklen Augen an der aufrechten
-Gestalt der Deutschen haften, und er fragte sich, warum sie wohl so
-bestimmt und fordernd vor ihm aufrage. »Darf ich fragen, ob ich Ihnen mit
-irgend etwas dienen kann, Gnädigste?« begann er in seinem verbindlichen
-Ton, obwohl die Floskel im Moment etwas müde klang.
-
-»Ja, Fürst Fergussow,« entgegnete Johanna, »Sie müssen mir jetzt
-einige Fragen beantworten.«
-
-»Muß ich? Mit Vergnügen! Bitte sprechen Sie offen.«
-
-»Nun gut, dann entdecken Sie mir, ob Sie wirklich an Ihre Wachtposten den
-Befehl erteilten, mich nicht mehr aus meinem Hause zu lassen.«
-
-Der Fürst verzog die Augenbrauen und sah in die Luft. Er schien sich auf
-seine eigene Anordnung nicht mehr ganz sicher zu besinnen. Dann glitt ein
-gewinnendes Lächeln um seinen fein geschnittenen Mund.
-
-»Ich errate, mein Fräulein,« sagte er liebenswürdig. »Ihre Wirtschaft,
-der Sie sich zu meiner Bewunderung so umsichtig widmen, leidet offenbar
-Schaden, wenn Sie die Baulichkeiten auf Ihrem sauberen weißen Hof nicht
-mehr inspizieren können, nicht wahr?«
-
-»Jawohl,« nickte Johanna.
-
-Der Fürst stieß achtlos unter die Generalstabskarten auf den Tisch: »Das
-möchte ich selbstverständlich vermeiden. Mir liegt Ihnen gegenüber
-jede Härte vollkommen fern. Nein, bitte halten Sie dies nicht für ein
-Kompliment, ich tue dies schon aus Respekt vor meiner eigenen Rasse. Ihnen
-steht also von heut an der Aufenthalt auf Ihrem Hof frei, vorausgesetzt,
-daß Sie auch mir eine kleine Bedingung erfüllen.«
-
-»Worin besteht die?« forschte Johanna kühl. »Sie haben ja die Macht,
-Durchlaucht,« setzte sie bitter hinzu, »alles zu erzwingen.«
-
-Dimitri Fergussow wurde ungeduldig. Die ernsthafte Unterhaltung schien
-seinen vibrierenden Nerven lästig zu fallen.
-
-»Sie werden mir also das ehrenwörtliche Versprechen geben,« erklärte
-er leichthin, »die Grenzen Ihres Hofes auf keinen Fall zu überschreiten.
-Auch für Ihre Familienangehörigen sowie für Ihre Angestellten bin ich
-gezwungen, von Ihnen diese Bürgschaft zu verlangen.«
-
-»Ich soll mich verpflichten ...?« rief Johanna zurücktretend.
-
-Jetzt leuchtete es in den schönen Männerzügen abermals auf. Es war ganz
-das sonnige Strahlen, das das arbeitsgewohnte Mädchen so schwer begreifen
-konnte. Aber in dem halbdunklen Zimmer wurde es förmlich hell davon.
-
-»Sie müssen mich nicht mißverstehen,« sagte der Offizier, leicht auf
-sie zuschreitend, »ich habe nämlich den Eindruck, als wenn Ihr fester
-Wille hier von allen geehrt und gefürchtet würde. Auch von dem Fräulein
-Schwester; übrigens ein sehr erfreulich lebhaftes Temperament,« setzte
-er hinzu. »Empfangen Sie mein Kompliment zu dieser graziösen, ganz
-undeutschen Erscheinung.«
-
-Da runzelte die Blonde schwer die Stirn, ihre Figur straffte sich, so daß
-die kräftigen Glieder hervortraten, und ihre Wangen flößten durch ihre
-Marmorblässe dem Beschauer ein erneutes Befremden ein.
-
-»Das ist mir unlieb zu hören,« warf sie frostig hin. »Aber darüber
-schulde ich Ihnen keine Rechenschaft.«
-
-»Gewiß nicht,« lenkte der Russe betreten ab und schüttelte den Kopf.
-
-»Im übrigen gebe ich Ihnen, wenn auch ungern, das verlangte Ehrenwort.
-Ich werde also den Verkehr mit der Außenwelt vermeiden,« hob sie deutlich
-hervor, um ihrem Gegenüber zu zeigen, daß sie seine Absicht verstanden
-hätte. Dann aber wurde sie unruhig, und die Finger ihrer Rechten irrten
-tastend auf ihrem Gewand herum. »Verzeihen Sie noch eine Frage, Herr
-Oberst,« rang sie sich endlich ab, »das Gefährt, das meine Schwester Isa
-gestern abend auf das benachbarte Gut Sorquitten bringen sollte, ist nicht
-zurückgekehrt. Wäre es Ihnen vielleicht möglich, eine Erkundigung nach
-dem Verbleib unserer Jüngsten einzuziehen?«
-
-Der Fürst blinzelte ein wenig und maß die Gutsherrin, die ihm in ihrer
-Sorge weiblicher als bisher erschien, von den Blondhaaren bis zu den
-Füßen.
-
-»Sie sehen mich so an,« stotterte Johanna immer verwirrter, und eine
-Ahnung stieg ihr auf, in ihrer Frage könnte für den Russen etwas
-Verdächtiges enthalten sein. »Sehen Sie,« suchte sie sich zu entlasten,
-»es handelt sich um ein ganz junges, unerfahrenes Ding. Ich vertrete
-Mutterstelle bei ihr.«
-
-Der Fürst wiegte noch immer bedenklich das Haupt, und seine Augen gruben
-sich unausgesetzt und prüfend in die des großen Mädchens. Endlich sagte
-er vorsichtig:
-
-»Ich bin in der Tat in der Lage, Ihnen, auch ohne Erkundigung, eine Angabe
-über den Verbleib des Fräuleins zu machen, denn ich habe die junge Dame
-selbst gesehen.«
-
-»Sie? Um Gottes willen, Durchlaucht, wo? Ist sie gesund? Ihr ist doch
-nichts Schlimmes widerfahren?«
-
-Jetzt schien der schlanke Offizier mit sich einig zu sein. Er bettete die
-Hände leicht auf den Rücken und schritt hinter dem Tisch auf und ab.
-Leise klirrend begleiteten die Sporen seinen federnden Gang.
-
-»Verehrtes Fräulein,« meinte er, -- aber Johanna war es doch, als ob er
-jedes seiner Worte besonders prüfe und wäge -- »Sie brauchen sich
-über die Lage Ihrer Jüngsten, soweit ich es beurteilen kann, keinen
-Befürchtungen hinzugeben. Die junge Dame befindet sich in der Stadt, im
-Hause eines befreundeten Herrn -- --«
-
-»Konsul Bark,« fiel hier Johanna atemlos ein.
-
-Der Russe nickte und warf ihr einen verständnisinnigen Blick zu. »Ganz
-recht, und ich hoffe, daß der Ausfall der kriegsgerichtlichen Untersuchung
-es dem Fräulein ermöglichen wird, recht bald in Ihre schützenden Arme
-zurückzukehren.«
-
-»Untersuchung?«
-
-In Johannas Wesen verwandelte sich etwas. Wo blieb die gemessene frostige
-Zurückhaltung, die den eleganten Offizier bisher stets in der Meinung
-befestigt, es hier mit etwas ganz Unpersönlichem, Abgestorbenem zu tun zu
-haben? Alle Wetter! Dimitri Fergussow wurzelte fest und vergaß im Moment
-seine eigene Ermüdung und das zuckende Tanzen seiner Nerven, die das
-Fest des Blutes noch immer nicht überwunden hatten. Alle Wetter, wie die
-Glieder der Nemza sich dehnten, wie die Fäuste sich ballten und die Arme
-schwollen, als wollten sie die enge, blau und weiß gepunktete Hülle
-sprengen. Dazu das dunkle Blitzen der Augen, das feine Rosenrot, das über
-die weiße Haut jagte, -- der Fürst stand still, atmete tief und verwandte
-keinen Blick mehr von der aufgeregten Germanentochter. Ein seltsames
-Geschöpf, schoß es ihm durch den Sinn.
-
-»Fürst Fergussow,« fiel es endlich von den herrischen Lippen Johannas,
-und es erregte die Bewunderung des fremden Offiziers, wie die doch von
-Leidenschaft Durchbebte ihr Organ in der Gewalt hatte; es klang sicher,
-bestimmt und ein wenig befehlshaberisch, wie immer; »Sie werden einsehen,
-daß Sie mir jetzt eine weitere Aufklärung nicht mehr verweigern
-dürfen.«
-
-Fürst Dimitri regte fast unmerklich die Hand. Es war eine jener
-formvollendeten Bewegungen, die bei diesem äußerlich so gefälligen
-Menschen eine deutlich vernehmbare Sprache redeten. Und Johanna begriff sie
-sofort.
-
-»Sie schlagen mir diese natürliche Bitte ab?« fuhr sie auf.
-
-Der Russe sah ihr starr in das reine Antlitz, dessen Züge ihm immer mehr
-wie die einer belebten Marmorstatue erschienen.
-
-»Es fällt mir sehr schwer,« suchte er sich ihr beinahe schmerzlich
-zu entziehen, »Ihnen gegenüber bei meiner Pflicht zu bleiben,
-indessen -- -- --« und wieder folgte die Drehung der fein geformten
-Hand.
-
-»Wenn ich Sie nun aber bitte,« stieß Johanna hervor, und sich vergessend
-verließ sie zum erstenmal ihren Platz, schritt an den Obersten heran und
-streckte den Arm gegen ihn aus, so daß Dimitri Fergussow gar nicht anders
-konnte, als diese weißen Finger zu ergreifen; sie waren kalt wie Stein.
-»Wenn ich Sie nun aber inständigst bitte?« jagte die große Blonde
-weiter. »Nicht wahr, dann werden Sie einsehen, daß ich nichts Unrechtes
-verlange? Hier handelt es sich ja gar nicht um die Feindschaft unserer
-Länder, um Russen und Deutsche, hier geht es ja lediglich um eine arme
-versprengte Familie. Um meine Ruhe, begreifen Sie das?«
-
-Der Fürst hielt die weißen Finger in seiner Hand, beugte sich und
-wollte, einem raschen Trieb nachgebend, seine Lippen auf die festen
-Gelenke drücken. Allein mitten in der Bewegung befiel ihn ein Zaudern und
-Schwanken. Zu ernst und flammend sprühten die dunklen Augen auf ihn herab,
-die sein Vorhaben verständnislos begleiteten. Er wollte scherzen, er
-gedachte allerlei flatterhafte Bedingungen zu stellen, doch vor diesem
-großen und wahrhaften Geschöpf fiel ihm durchaus nichts Leichtes und
-Gewandtes ein. Sehr fatal -- fast schmerzlich verzog er den Mund, als er
-sich so von einem fremden Wesen, von einer anderen ihm rätselhaften Kultur
-gefangen und verpflichtet sah. Und nur mühsam preßte er zwischen den
-Zähnen hervor:
-
-»Sie dürfen es wirklich als ein Zeichen meiner Achtung nehmen, wenn ich
-mich von Ihnen so leicht zu Konfidenzen verleiten lasse, die der Dienst
-sonst streng verwehrt. Also kurz: Ihr Fräulein Schwester ist leider Zeuge
-gewesen, wie sich Herr Konsul Bark in einem Moment des Zornes oder des
-Leichtsinns zu einer unüberlegten Handlung gegen einen unserer Offiziere
-hinreißen ließ.«
-
-»Gegen Rittmeister Sassin,« warf Johanna schwer atmend dazwischen.
-
-Jetzt zuckte der Oberst ablehnend die Achsel. »Sie müssen sich mit meinen
-Andeutungen begnügen. Aber ich füge noch hinzu, da das kleine Fräulein
-nach meiner Meinung wahrscheinlich nur die Ursache des Streites war, so
-dürfte man sie nach dem Verhör ungekränkt entlassen.«
-
-»Herr Oberst,« forderte Johanna klar und rasch, die aus ihrem
-geschäftlichen Wirken gewöhnt war, alle Vorteile sofort wahrzunehmen,
-»würden Sie sich in dieser Richtung selbst für Isa verwenden?«
-
-»Ich? Nun bei der heiligen Mutter von Kasan --«
-
-Der schlanke Mann, der sich unmittelbar nach seinem ersten Waffengang
-selbst in einem so sprühenden Rausch befand, er stand dicht vor der
-Bittenden, und in seinem sprechenden Antlitz, das er im Moment nicht
-beherrschte, zuckten die widerstrebendsten Neigungen durcheinander. Die
-Sucht, sich nicht zu einer so auffälligen Bevorzugung mißbrauchen zu
-lassen, das Mißfallen an der so plump und klar vorgetragenen Bitte,
-und daneben doch die heimliche Begierde, diese Vertraulichkeit gegen die
-majestätische Göttin auszunützen. Allein plötzlich brach er in ein
-helles jugendliches Lachen aus. Gesund klang es, frisch und überzeugt,
-hervorgerufen durch den seltsamen Gegensatz, er, der hohe Aristokrat,
-der gewesene Adjutant des Zaren, solle für den pikanten Rotkopf an hoher
-Stelle ein erlösendes Wort einlegen! Wie man das dort wohl auffassen
-würde? Sehr eindeutig. Fraglos. Und er gab sich von neuem seiner
-liebenswürdigen Heiterkeit hin, ließ sich in den Stuhl hinter dem Tisch
-fallen, und indem er Papier und Feder ergriff, rief er zu der über den
-plötzlichen Wechsel Fassungslosen herüber:
-
-»Ja, was vermag ich gegen die gestrenge Quartiermacht auszurichten? =Rien
-du tout!= Es geschieht also auf Ihre Gefahr, mein verehrtes Fräulein! Ich
-werde mein eigenes Zeugnis für die Unschuld der jungen Dame anbieten, und
-wir wollen hoffen, daß ich für einen unverfänglichen Beobachter gehalten
-werde.«
-
-Seine Feder flog hurtig über das Papier, und von Zeit zu Zeit warf er
-von der Seite einen schalkhaften Blick der blonden Nemza zu. Wie warm und
-ehrlich sie sprechen konnte, als sie jetzt mit mühsam erkämpfter Fassung
-hervorbrachte:
-
-»Das kann ich Ihnen niemals vergelten, Durchlaucht!«
-
-»Oh doch, doch, Sie müssen es nur versuchen. Ich wäre zum Beispiel für
-einen kleinen Imbiß jetzt ganz besonders dankbar. Und wenn ich hoffen
-dürfte, daß die beiden Damen später beim Diner meine etwas« -- er
-zeigte auf seine toll übereinander geworfenen Monturstücke -- »meine
-etwas wirre Tafel zieren möchten, so würde ich darüber ein ungemessenes
-Vergnügen empfinden. Natürlich,« setzte er hinzu und verbeugte sich
-höflich, »soll dies nur geschehen, sobald es sich ohne Überwindung
-bewerkstelligen läßt. So, meine Gnädigste, jetzt bitte ich noch um etwas
-Siegellack. Das von Ihnen mit soviel liebenswürdiger Energie verlangte
-Dokument ist fertig. =Voilà!=«
-
- * * * * *
-
-Das Dokument aber lautete:
-
- »Mein lieber Oberst Geschow!
-
- Ich beglückwünsche Sie zu dem kecken Handstreich, der die erste
- Stadt unserer Gegner -- zu dem Worte ›Feinde‹ vermag ich mich
- aus Geschmacksrücksichten immer noch nicht aufzuschwingen -- so
- überraschend in Ihre Hand spielte. Alle Kriegsgötter schützen Sie
- ferner! Auch wir haben hier ein kleineres Detachement Preußen eiligst
- still gemacht. Tapfere Leute, von einer wunderbar ausgebildeten
- Disziplin, die für mich, offen gesagt, etwas Unheimliches und
- Störendes besitzt. Eine fleischgewordene Idee, ein wild gewordener
- Schulmeister kämpft gegen uns. Das Einmaleins schlägt gegen den
- Analphabeten. Für mich eine sehr lästige Vorstellung. Aber Sie wissen
- ja, ich bin auch als Soldat nur Dilettant und schließe mich gern
- dem allgemeinen Glauben an, daß die Heuschreckenschwärme auch das
- bestbestellteste Feld zu fressen vermögen.
-
- Und nun, bester Fedor Juliewitsch, lächeln Sie über mich, tadeln Sie
- mich, aber bedenken Sie, es ist mein gutes Herz, das mich antreibt,
- mitten im männermordenden Streite eine Bitte für eine Dame
- auszusprechen. Es handelt sich um das rothaarige Fräulein, das
- man, wie auch Ihnen wohl bekannt ist, im Hause des Herrn Konsul
- Bark festnahm. Ich kann mir nicht denken, daß die rote Hexe etwas
- Ernsthaftes gegen die Sicherheit und das Glück des Zaren ersann.
- Und da ich im Hause ihrer Schwester, einer überlebensgroßen blonden
- Walküre, hier draußen im Quartier liege, so würde es für mein
- Wohlbefinden und meine Verpflegung, die Ihnen als einem Organisator des
- Sieges sicherlich auch nicht unwichtig erscheinen, von großem Werte
- sein, wenn man das schmale Frauenzimmerchen recht bald wieder laufen
- ließe. Könnten Sie zu diesem Zwecke irgend etwas beitragen, so würde
- dies meine freundschaftliche Bewunderung für Sie, wenn es möglich
- ist, noch erhöhen. Wenn nicht, -- =mon dieu=, dann werde ich der
- verminderten Beköstigung seitens der marmornen Landsmännin Richard
- Wagners unsere durch alle Welt so berühmte slawische Genügsamkeit
- entgegensetzen.
-
- Herr Oberst, ich bin Ihr Ihnen in unauslöschlicher Freundschaft
- verbundener
-
- Dimitri Sergewitsch Fergussow.«
-
- * * * * *
-
-Es gab Johanna einen Stich ins Herz, als sie zuerst den prachtvoll
-gedeckten Tisch wahrnahm, für dessen Ausschmückung Marianne zu sorgen
-übernommen hatte. Da funkelte das alte schwere Familiensilber, das von der
-Ältesten nach dem Zusammenbruch Stück für Stück zurückgekauft war,
-um nun von ihr wie ein Heiligtum gehütet zu werden. In schneeiger Weiße
-leuchtete das glänzende feine Leinen auf der Tafel. Und als die Blonde
-gar noch die schlanken Flaschen des seit Jahren abgelagerten Rheinweins
-ins Auge faßte, als sie das Klingen der dünnwandig-geschliffenen Gläser
-auffing, da tat es ihr in ihrem grübelnden Sinnen weh, weil sie selbst
-an jenem Tisch Platz genommen, der für heute sicherlich nicht ihr eigener
-war. Reue und Beschämung befielen sie, weil sie geduldet, daß ihre
-sorglose Schwester ein festliches weißes Gewand angelegt, als ob es sich
-um eine strahlende Siegesfeier handele.
-
-Und wahrlich, wurde nicht eine Siegesfeier begangen?
-
-Horch, von dem halbzerschossenen Holzkirchlein trug der Wind unaufhörlich
-zerrissene und unregelmäßige Glockentöne herüber, als ob von
-ungeschickten Händen und zum Spiel an den Strängen gezerrt würde.
-Und die Gutsbesitzerin erriet mit einem kurzen Zusammenschauern, wie
-die fremden Reiter, die in dem Gotteshause ohne Scheu und Achtung ihre
-kotbespritzten Rosse untergebracht haben sollten, nun auf diese kindliche
-Weise ihrer wilden Freude über das erste blutige Treffen Ausdruck zu
-verleihen suchten.
-
-Ungern hob sie den niedergeschlagenen Blick, um ihren fröhlichen Gast zu
-mustern, der so sprudelnd und blendend heiter mit der sichtlich von seiner
-vornehmen Art entzückten Marianne plauderte. Nein, die Beobachterin
-täuschte sich nicht. Die Melancholie aus seinen Augen war verschwunden.
-Ein sprühendes Leuchten und Blitzen lebte in ihnen, ein gesteigertes
-Wohlbefinden, ein lachender Übermut, sie bekundeten sich in jeder
-Bewegung. Ganz sicher, auch er beging in diesem Augenblick seinen ersten
-Sieg, berauscht, hingerissen, und von seinem Erfolg betäubt, wenn er auch
-zu viel Erziehung besaß, um seinen Triumph vor den deutschen Damen
-nicht soweit als möglich zu verbergen. Allein schon daß er den Wunsch
-geäußert, gegen den es ja kein Widerstreben gab, die Angehörigen der
-im Moment vor ihm unterlegenen Rasse an seiner heimlichen Siegesfeier
-teilnehmen zu lassen, dieser kaltblütige und grausame Sinn empörte
-die große Blonde innerlich und ließ es ihr geraten erscheinen, die
-erzwungenen Pflichten der Wirtin kühl, abgemessen und beinahe wortlos zu
-erfüllen. Sie erteilte dem aufwartenden Mädchen wohl hier und da einen
-Wink, dem fremden Offizier diese oder jene Schüssel zu reichen, aber nie
-hätte sie es über sich gewonnen, dem strahlenden Mann das Glas mit
-dem klaren Wein zu füllen, denn dies hielt sie für ein Zeichen
-rückhaltsloser deutscher Bewillkommnung. Und doch mußte sie manchmal an
-sich halten, um der hinreißend frischen Unterhaltungskunst des Fremden
-nicht doch endlich mit wärmerem Gefühl zu erliegen. Eines war ganz klar,
-und die kühle Beobachterin konnte es keineswegs übersehen: an ihrem Tisch
-saß ein Hochgeadelter, der Liebling eines Hofes, ein Fürst, der gewiß
-über fabelhafte Reichtümer gebot, die mächtige Vorfahren aus dem Fleiß
-zahlloser Leibeigener aufgespeichert. Und dieser Verwöhnte versagte es
-sich dennoch, den beiden einfachen Mädchen den weiten Abstand seiner
-Geburt fühlbar zu machen. Ja noch mehr, ja noch viel erstaunlicher, aus
-seinen Urteilen, aus seinen witzigen Bemerkungen konnte man deutlich die
-überlegene Kritik eines hohen Herrn heraushören, der die Schwächen und
-Schäden weder seiner Umgebung, noch seines Landes zu schonen gewillt war.
-Mit welch lässigem Spott der glänzende Offizier gelegentlich die ihm so
-wohlbekannten Personen seines Hofes streifte. Mit welchem achselzuckenden
-Fatalismus er sich über die Unzuverlässigkeit der Beamtenschaft
-aussprach! Das alles zeigte einen Geist, der sich zu hoch dünkte, um
-an kleinlichen Unwahrheiten teilzunehmen. Und diese Offenheit, diese
-Wahrheitsliebe interessierten die Gutsherrin von Maritzken, denn ihre
-eigene Natur wurzelte ja in ähnlichen Neigungen, und ihr schuldloses
-Gemüt ahnte nicht, daß der vornehme Herr, der ihr gegenüber saß,
-mit demselben gleichgültigen Achselzucken auch seine eigenen Laster und
-Verfehlungen entschuldigt haben würde, als Schickungen, gegen die es sich
-nicht lohne anzukämpfen.
-
-Während sie so nachsann, entging es ihr, wie die Unterhaltung der beiden
-anderen jungen Menschen immer ungezwungener und entfernter von beengenden
-Rücksichten dahinfloß. Die Feuer des Weines hatten die Wangen Mariannes
-mit einem dunklen Hauch überglüht, und unter ihren langen Wimpern
-spritzten kleine züngelnde Flammen hervor.
-
-Johanna erschrak. Was mußte sich der Russe von dem sinnlosen, dem
-unpassenden Benehmen einer solch Ungebändigten denken!? Und mit Grauen
-stürzte plötzlich eine Erinnerung auf sie herab: der Fürst war ja ein
-›Frauenschlächter‹, wie der verwundete Rittmeister sich ausgedrückt
-hatte. Gewöhnt, mit allen Mitteln seine Opfer zu umstricken. Nein, hier
-mußte sie Halt gebieten.
-
-Während sie sich entschlossen aufrichtete, vernahm sie, wie ihre beiden
-Gefährten sich eifrig über deutsche Musik unterhielten. Aber es kam ihr
-vor, als ob dies alles nur einen Vorwand bildete, als ob hier ohne laute
-Worte über etwas ganz anderes geredet würde. Und mit einer herben
-Bewegung erhob sie sich und stand nun in ihrer vollen Höhe da. Das
-Mittagsmahl war aufgehoben, und der Fürst, der die Plötzlichkeit dieser
-Zeremonie wohl nicht ganz begriff, war liebenswürdig genug, um der Blonden
-sein gefülltes Glas entgegenzuhalten, und sich dann in seiner gefälligen
-Art vor ihr zu verneigen.
-
-»Mein Fräulein,« sagte er, »Sie gestatten mir, Ihnen auf diese Weise
-meine Dankbarkeit zu bezeigen. Ich würde glücklich sein, wenn ich an
-Ihrer Tafel als ein wirklich geladener Gast hätte sitzen dürfen. Wir
-wollen hoffen, daß die Begebnisse der Zeit eine solche Möglichkeit nicht
-ausschließen.«
-
-Noch einmal hob er das Glas und trank dann die spiegelnde Flüssigkeit
-in langsamen Zügen aus. Noch waltete Schweigen in der so unvorhergesehen
-gestörten Runde, als plötzlich hart an die Tür gepocht wurde. Der
-herkulische Wachtmeister trat ein, salutierte und überbrachte dem Oberst
-ein gestempeltes Schreiben. Dieser erbrach es hastig, las und ließ das
-Papier allmählich aus seiner Rechten herabgleiten. Dann atmete er tief,
-bis er mit seinem gewohnten Achselzucken eine Last oder zum mindesten etwas
-Unwillkommenes von sich abzustreifen schien.
-
-»Meine Damen,« sagte er ruhig, und doch zitterte seine Stimme leicht,
-»ich habe die Ehre Ihnen mitzuteilen, daß mit dem heutigen Morgen die
-Kriegserklärung zwischen unseren Regierungen offiziell gewechselt wurde.«
-Und mit einem erzwungenen Lächeln setzte er hinzu: »Sie können jedoch
-überzeugt sein, daß, soweit es in meiner Macht liegt, diese reine
-Förmlichkeit keinerlei Veränderungen in Ihrem jetzigen Dasein hervorrufen
-wird. Erlauben Sie gütigst, daß ich mich zu meinen Offizieren begebe. Ich
-danke Ihnen.«
-
-
-
-
-Zweites Buch.
-
-
-
-
-I.
-
-
-Konsul Bark raffte sich von dem niedrigen Holzschemel empor, auf dem er die
-lange finstere Nacht verhockt hatte. Ungläubig ließ er seinen Blick über
-die vielen Menschen dahinschweifen, die gleich ihm in der engen Kammer des
-Stadtgefängnisses eingepfercht waren, und sein verwöhnter Geruchssinn
-empfand mit Schaudern die vergiftete, bleischwere Luft, die bereits in
-Fäulnis übergegangen zu sein schien. An allen Gliedern zerschlagen,
-richtete sich der Großkaufmann auf, strich sich mit den Händen sein
-braunes Haar zurecht, das zum erstenmal seit langer Zeit am frühen Morgen
-nicht von seinem Kammerdiener Pawlowitsch mit wohlriechenden Bürsten
-geglättet wurde, und gewöhnt, auch den widrigsten Umständen eine
-besonnene und überlegte Arbeit entgegenzusetzen, schüttelte er seine
-Müdigkeit gewaltsam ab und drängte sich durch die auf dem blanken
-Erdboden herumliegenden Leidensgefährten bis an die dunkle,
-eisenbeschlagene Tür, gegen die er mit beiden Fäusten zu donnern begann.
-
-»Um Gottes willen, Herr Konsul Bark,« zischte der fette Tischler
-Majunke durch die klaffende Zahnlücke, die ihm der gestrige Nachmittag
-eingetragen, und zugleich hob der Handwerker ein paar fleckige Hemdsärmel
-in die Höhe, um sich von seinem breiten kahlen Schädel einen Strom
-perlenden Schweißes herabzuwischen, »um Gottes willen Herr Konsul Bark,
--- Sie entschuldigen wohl, wenn ich als einfacher Mann -- aber die dort
-draußen, die verfluchten Breitmützen, sie könnten uns einen solchen
-Spektakel übelnehmen.«
-
-Und aus einer Ecke richtete sich der Pferdehändler Kowalt mit seiner
-rot und schwarz karierten Weste auf und schwenkte über den Häuptern
-der anderen wütend einen langen Peitschenstock, den man ihm bei seiner
-Verhaftung merkwürdigerweise gelassen.
-
-»Unsinn,« schimpfte er drohend und riß die blutunterlaufenen Augen auf,
-»alles mit Ordnung -- Unsinn -- bei dieser Hitze haben wir doch wenigstens
-Kaffee oder Wasser oder so was Ähnliches zu verlangen. Habe ich nicht
-recht, Herr Konsul Bark, ist es nicht Unsinn?«
-
-Doch der Kaufmann kümmerte sich um die Meinung seiner Gefährten nicht
-im geringsten, er hörte sie wohl gar nicht, sondern hämmerte mit
-rücksichtsloser Wut weiter.
-
-Die Tür rasselte auf. Ein allgemeines Ah und ein Atmen der Erleichterung
-folgte. Draußen auf dem halbfinsteren Korridor stand ein untersetzter
-Kosak, eine schmutzige Lammfellmütze auf dem plumpen Haupt, und in der
-schwieligen Rechten, unachtsam herabhängend, ein Gewehr mit aufgepflanztem
-Bajonett. Der Kerl schien sich gleichfalls eben erst seiner Nachtruhe
-auf den Steinfliesen entrissen zu haben, denn auf seinen faltigen Röcken
-zeichneten sich deutlich die roten Streifen der Ziegel ab. Auch gönnte
-sich sein schwülstiger Mund ein umfangreiches Gähnen.
-
-Der Konsul aber fuhr ihn an, als ob es ganz selbstverständlich wäre, daß
-der Kriegsknecht ihm unbedingten Gehorsam schulde.
-
-»Heda, Sie Mensch, ich verlange sofort Ihrem Höchstkommandierenden
-vorgeführt zu werden. Zeigen Sie ihm diese Karte und bringen Sie mir ohne
-Aufenthalt Nachricht.« Zu gleicher Zeit griff der so sicher und furchtlos
-Sprechende in seine Tasche und warf ein Talerstück klirrend vor den
-Wächter auf die roten Ziegel.
-
-Die anderen horchten hoch auf. Ein Raunen des Beifalls und der Bewunderung
-ging durch ihre gedrückten Reihen. Ja, das war die richtige Art, mit
-diesen Halbwilden Geschäfte abzuwickeln. Der Konsul verstand's! Ja, wenn
-man bloß so in die Tasche zu langen brauchte -- fein, fein! Ein großer
-Herr!
-
-Auch der Kosak billigte diese Form der Verständigung. Umständlich kniete
-er in seinen faltigen Gewändern nieder, lehnte das Gewehr an die Wand, und
-nachdem er das Talerstück in seine schlappe Hosentasche versenkt, blieb er
-liegen und grinste in die offene Tür hinein.
-
-»Haben Sie nicht gehört, Ihren Höchstkommandierenden wünsche ich zu
-sprechen,« rief der Konsul, indem er sich mühsam der russischen Sprache
-bediente.
-
-Der Kniende jedoch schüttelte lebhaft die wirren Haare, dann aber, als
-er ernstlicher über das Verlangen seines vornehmen Gefangenen nachgedacht
-hatte, streckte er den Zeigefinger vor die Stirn, sprang auf und
-schmetterte mit einem Fußtritt die Tür wieder ins Schloß.
-
-»Solch eine Bande,« keuchte der Pferdehändler Kowalt und führte einen
-schallenden Schlag mit dem Peitschenstiel gegen das eisenbeschlagene Holz.
-»Unsinn -- wer wird uns hier zu unserem Recht verhelfen? Glauben Sie etwa,
-wir werden verhört? I wo, morgen nehmen sie uns zwischen die Pferde und
-dann -- hui nach Sibirien. Unsinn!«
-
-Und der Produktenhändler Manasse, ein Mann, dem noch nach
-alttestamentarischer Weise graue Ringellocken über die Ohren fielen,
-streichelte unaufhörlich seinen Filzhut, ließ ungeniert dicke Tränen auf
-seinen schwarzseidenen Rock herabrinnen und seufzte schwer in sich hinein:
-
-»Sibirien ganz gut, aber Hände und Füße abschlagen -- Gott, Gott, meine
-arme Frau hat -- -- --«
-
-»Sst, sst, die Hauptsache ist, daß wir uns ruhig verhalten,« begütigte
-der ängstliche Tischlermeister Majunke und stellte sich quer vor die Tür,
-als wolle er jedes verdächtige Wort abwehren und auffangen.
-
-Ein allgemeines gedämpftes Gemurmel erhob sich. Nur der Konsul äußerte
-nichts mehr. Er verzog die blasse Stirn, dachte nach und schritt mit seinem
-elastischen Gang an den verlassenen Holzschemel zurück. Hier schlug er
-die Arme untereinander, und während er zum erstenmal seine Gefährten
-eingehender musterte, fiel es kühl und geschäftlich wie immer von seinen
-Lippen:
-
-»Bitte wollen Sie mir jetzt der Reihe nach mitteilen, wie Sie hierher
-gekommen sind. Da ich alles daran setzen werde, um mir Gehör zu
-verschaffen, kann es für Sie nur nützlich sein, wenn ich auch Ihre
-Angelegenheiten vor die geeigneten Stellen bringe. Also Herr Kowalt, wie
-war's?«
-
-In dem engen Raum, in dem schon am frühen Morgen eine feuchte brütende
-Hitze um die vielen Menschenköpfe herumwogte, zog nun vor aufhorchenden
-Ohren Schicksal um Schicksal vorbei. Eintönig und gleichlautend.
-
-Konsul Bark aber saß und zeichnete über die Anfänge all dieses Trübsals
-kurze schlagkräftige Bemerkungen in seinen winzigen goldenen Notizblock.
-Immer heißer und stickiger wurde es, Hunger und Durst begannen die eng
-Zusammengedrängten empfindlich und quälend zu plagen, und die Unruhe, ob
-sie Gehör und Gerechtigkeit bei den fremden Gewalthabern finden würden,
-zehrte an ihnen, wie ein gefräßiges Tier.
-
-Ob sich nun nicht bald die schwere Tür öffnete? Vergebliche Hoffnung.
-Stunde auf Stunde verging, und aus den Schlägen der Kirchturmuhr von
-St. Sebaldus, die als einzige Stimmen ihrer früheren Welt zu den
-Eingekerkerten sich hineinschwangen, erkannten die aus dem lebendigen
-Getriebe Herausgerissenen die enteilende Zeit.
-
-Herrgott, Herrgott, es mußte schon der Nachmittag angebrochen sein.
-
-»Ruhe, Ruhe, nur nicht laut werden, man darf sie nicht reizen!«
-
-»Unsinn, -- wenn sie nicht bald was zu trinken bringen, dann stoß ich die
-Tür ein. Alles andere ist ja barer Unsinn.«
-
-»Weh, weh, Herr Nachbar, wie können Sie nur so schreien? Ich sag' Ihnen,
-mich haben sie gestern schon mit ihren Knuten geprügelt, und meine arme
-Frau hat -- --«
-
-Unaufhörlich fuhren die Laute aus den vertrockneten Kehlen durcheinander,
-als wollten sie sich selbst den schwachen Trost gönnen, daß sie noch
-nicht erstorben seien. Dem Konsul jedoch war die klare Erkenntnis für all
-diese kleinmütigen Äußerungen längst versunken. Ein Bein lässig über
-das andere geschlagen, saß er auf dem einzigen Holzschemel, den ihm die
-anderen aus altgewohnter Ehrfurcht willig überlassen, starrte über die
-schweißnassen Häupter der kleinen Handwerker hinweg in eine Ecke hinein,
-und manchmal kam es ihm vor, als ob er dort hinten an der schmutzigen,
-spinnwebigen Wand einen hellen Schein gewahre und auf dieser belichteten
-Stelle sich selbst und das rote Mädchen und die verdämmerten
-Mosaikgestalten der Evangelisten in dem beleuchteten Refektorium, das
-eigentlich sein elegantes Privatkontor war. Und hinter seinem Schreibtisch
-sah er, wie die gewaltige bunte Holzstatue des Apostelfürsten Petrus den
-halbzerbrochenen goldenen Hirtenstab hob, um ihn, kupferrot vor Zorn, gegen
-eine hereinstampfende Russenhorde zu schwingen, die Rittmeister Sassin
-befehligte. Er legte sich die Hand vor die Stirn, und ein heftiges
-Mißtrauen wurde geweckt. Wie waren die Eindringlinge in das fest
-verschlossene Haus hineingelangt? Wer hatte ihnen geöffnet? Und erlaubte
-sich sein teurer Freund Leo Konstantinowitsch nicht, in seinem offenbar
-trunkenen Zustande den Arm um die Taille des zitternden Mädchens zu
-schlingen? Bei Gott, er hob die Zappelnde hoch empor. In den Gedanken und
-Bildern des Konsuls überschlug sich etwas. Wirr, trunken tastete er umher,
-als ob er nach der kleinen Schießwaffe suche. Dann ein Knall, und ein
-grauer Flor umschleierte wieder die sengend-klaren Gestalten. Wollten sie
-in ihren Nebel zurückkehren? -- Wie war denn das alles?
-
- * * * * *
-
-Unbegreiflich schnell war die slawische Woge in die erste deutsche
-Grenzstadt geschlagen. Eben stritt man sich darüber, ob überhaupt eine
-ernsthafte Gefahr vorläge. Emsig suchte man nach beruhigenden Gründen,
-warum die preußische Garnison an einem Morgen bis auf den letzten Mann
-verschwunden war. Noch hielt man in unerschütterlichem Ordnungssinn daran
-fest, daß an eine kriegerische Austragung vorläufig gar nicht zu denken
-wäre, weil ja über die Grenze keine rechtsmäßige, von dem weißen
-Zaren gesendete Absage geschickt sei, noch gab man sich tausenderlei
-widersprechenden Vermutungen hin, ob man die großen Speicher, die
-Fabriken, die Kontore, Läden und Handwerksstuben räumen und ohne Aufsicht
-lassen sollte, da tauchte eines Tages in der Stunde zwischen Nacht und
-Dämmerung der Hausmeister Pawlowitsch in seinem blauen Frack mit den
-goldenen Knöpfen in dem englischen Schlafgemach seines Gebieters auf und
-zupfte hastig an den weißen Kopfkissen.
-
-»Herr Konsuhl, -- verzeihen Sie -- wachen Sie auf -- auf den Chausseen vor
-der Stadt streift russische Kavallerie herum.«
-
-Der Großkaufmann, dessen Stolz es nicht gelitten hatte, das von den
-Vätern ererbte Geschäft zu verlassen, fuhr auf und rückte an dem
-eleganten Nachtanzug.
-
-»Du bist verrückt, Pawlowitsch.«
-
-Der Frack verbeugte sich. »Vorzüglich, Herr Konsuhl.«
-
-Selbst in dieser Minute der sichtlichsten Angst, -- denn das schneeweiße
-Männchen zitterte auffällig am ganzen Leib -- mußte das Halbblut sein
-Entzücken über jede Äußerung des Chefs dartun. Der Kaufmann jedoch
-gelangte immer mehr zu klarer Erkenntnis seiner Lage. Er stützte sich auf
-den Ellbogen, und seine kühlen Augen hefteten durch die Schatten der
-Nacht einen spähenden Blick auf seinen Diener. Dann versuchte er, die
-elektrische Flamme über seinem Lager anzudrehen, allein das Licht blieb
-aus.
-
-»Was ist das, Pawlowitsch?«
-
-»Ich weiß es nicht, Herr Konsuhl,« stotterte das Faktotum, und es war,
-als ob seine Zähne leise gegeneinander klapperten, »ich glaube, sie haben
-die Drähte bereits zerschnitten.«
-
-»So, so, -- aber eines ist doch seltsam, wie hast du mitten in der Nacht
-die russischen Patrouillen auf der Chaussee feststellen können?«
-
-Dabei streckte der Liegende seinen Arm aus und faßte kräftig in die
-Brustfalte des Alten. Der Herangezogene wandte sich und setzte mehrfach zum
-Sprechen an, bevor er auf diese klare Frage eine Antwort erteilen konnte.
-
-»Verzeihen Sie, Herr Konsuhl -- ich konnte nicht schlafen -- die Hitze
--- ich mußte in den letzten Nächten immer spazieren gehen -- die
-Angst -- --«
-
-»Donnerwetter, höre endlich mit dem dummen Zeug auf. Bringe mir sofort
-meine Kleider. Wir sind deutsche Kaufleute und haben nach unserem Eigentum
-zu sehen.«
-
-»Ja gewiß, Herr Konsuhl.«
-
-»Sind dir die Adressen unserer jungen Leute bekannt?«
-
-»Alle.«
-
-»Dann begibst du dich jetzt unverzüglich, da dir ja soviel an
-nächtlicher Bewegung liegt, zu jedem Einzelnen und bestellst, daß heute
-früh, wie an jedem anderen Tage hier gearbeitet wird. Sie sollen sich
-durch die Hintergasse in dem Lokal einfinden, denn vorn wirst du sofort
-das Tor verschließen und die eisernen Stangen vorlegen. Hast du mich
-verstanden, Pawlowitsch?«
-
-»Vorzüglich, Herr Konsuhl. Hier ist auch schon der Anzug von gestern
-abend.«
-
-Der Kaufmann sprang aus dem Bett. »Gut, gut, du brauchst mir nicht zu
-helfen. Aber Licht muß ich haben. Hier hast du die Schlüssel, lauf rasch
-in das Detailgeschäft und hole ein paar Pfund Kerzen herauf. Davon stellst
-du auch einige in mein Arbeitszimmer. Dalli, dalli!«
-
-»Herr Konsuhl,« jammerte plötzlich der Hausmeister, der, anstatt sich zu
-entfernen, unschlüssig an der mit Fries gepolsterten Tür stehen geblieben
-war, um nun krampfhaft die Hände umeinander zu reiben, »Herr Konsuhl,«
-rief er in wirklich ausbrechendem Schmerz, »darf ich nicht wenigstens noch
-das Service mit heißem Kaffee in das Arbeitszimmer bringen?«
-
-»Jawohl, du Dummkopf,« gab sein Herr, der so schnell wie noch nie in
-seine Kleider gefahren war, etwas versöhnter zurück. »Aber nun,
-Mensch, wirf endlich die Beine um die Ohren. Heute ist keine Zeit zu
-Rasiergesprächen.«
-
-»Ja, ja, gewiß, vorzüglich, Herr Konsuhl -- guten Morgen -- die Jungfrau
-Maria behüte Sie.«
-
-Mit wirrem Haupthaar, kaum ein wenig von dem abgestandenen Wasser
-befeuchtet und erfrischt, stieg der Prinzipal in sein altertümliches Büro
-herab. Merkwürdig, die Kerzen brannten schon überall auf Tischen und
-allen erdenkbaren Vorsprüngen und erleuchteten den weiten Raum mit
-seltsam schwebenden Schatten. Ein Weben und Gleiten ging unter den weißen
-gotischen Bogen dahin, und die starren blassen Gesichter der Evangelisten
-in den Mauernischen, sie schienen sich zu neigen und zu drehen, als wenn
-auch sie furchtgeschüttelt von dannen schweben wollten. Auf dem Sockel der
-großen Petrusstatue stand eine alte Blechlaterne aus dem Geschäft, und
-die in ihr brennende Kerze sandte einen flackernden Qualm zu dem hölzernen
-Riesen empor. Weihrauch der Angst.
-
-Als sich der Herr all dieser Schätze umblickte, befiel ihn etwas wie ein
-Schütteln und Schneiden, ein nicht abzuwehrender Frost. Es war doch gut,
-daß der alte Mann an einen Trunk heißen Kaffee gedacht hatte. Aber wo
-blieb Pawlowitsch? Ungeduldig eilte der Konsul an seinen Schreibtisch und
-drückte auf den elektrischen Knopf. Die Klingel ließ ihr feines Rasseln
-ertönen. Doppelt schrill klang es in dem verlassenen Haus. Allein der
-Geforderte ließ sich nicht herbeirufen. Wie war denn das zu verstehen?
-Sollte der Hausmeister, der doch ein verschlagener und zäher Patron war,
-diesmal wirklich so aus der Fassung gebracht worden sein, daß er sogar
-den Wunsch seines Herrn nach einem Morgenimbiß vergessen haben konnte? Von
-einer unerklärlichen Ahnung durchschlagen, ergriff der Herr des Goldenen
-Bechers die kleine Blechlaterne, um sich über das merkwürdige Fernbleiben
-seines Verwalters auf alle Fälle Gewißheit zu verschaffen. Durch die
-altertümlichen Gänge des schlafenden Hauses glitt er dahin, geschmeidig,
-mit unhörbaren Schritten, über Treppen und schmale Altane, und nichts
-Lebendiges fand er, als seinen eigenen Schatten, der ihm überlebensgroß
-voraufeilte. So gelangte der Suchende in das Erdgeschoß, wo sich noch von
-Klosterszeiten her die geräumige, weiß getünchte Küche befand. Die Tür
-stand offen, drinnen alles leer. Ungläubig streckte der Konsul die Laterne
-in den verlassenen Raum, bis ihm ein kalter Luftzug das qualmende Lichtlein
-zu verlöschen drohte. Dabei nahmen seine leidenschaftslosen Züge einen
-immer herberen und kühleren Ausdruck an. Deutlich offenbarte ihm sein
-geschäftlicher, von allen Äußerlichkeiten unbeeinflußbarer Sinn,
-mit dem Verhalten seines Faktotums müsse es eine ganz eigene Bewandtnis
-besitzen. Aber welche? Ein heftig um sich greifendes Mißtrauen erfüllte
-ihn ganz und gar. Ob der Alte wenigstens für die Sicherheit des Hauses
-gesorgt hatte? In ein paar kurzen Sprüngen fuhr der Chef die breite
-knarrende Holztreppe in die Höhe, erreichte sein Arbeitszimmer und lief
-über die drei grünen Porphyrstufen auf die pflastersteinbelegte Einfahrt
-hinaus, um sich von dem Verschluß der mächtigen Eisentür zu überzeugen.
-Im ungewissen Schein der Laterne sah er, wie die beiden mächtigen
-Eisenquerbäume ordnungsgemäß vorgelegt waren, auch den ungeheuren
-eisernen Schlüssel mit dem wunderlich verschnörkelten Kopf aus einer
-frühen Zeit der Technik fand seine fühlende Hand fest im Schloß.
-Beruhigt atmete er auf. Durch die oberen eisenvergitterten Butzenscheiben,
-die sich wie herausgeschlagene Boden grüner Weinflaschen ausnahmen,
-stahl sich bereits ein schwächliches Dämmern des neuen Tages. Schwalben
-schossen dort draußen zirpend durch die Luft, und ganz von fern meldete
-sich ein eigentümliches Poltern und Rasseln, wie wenn ungefüge Karren
-eine Ladung von Eisen über unebene Straßen zu schaffen hätten. Der
-Kaufmann zog seine goldene Uhr und hielt sie vor das rauchende Licht:
-ein Viertel auf drei. Wer konnte zu dieser frühen Stunde eiserne
-Gerätschaften in die Stadt transportieren? Oder sollte sich die Meldung
-von Pawlowitsch im Ernst bestätigen? Und der elegante Mann tat etwas, was
-er sich vor einer Stunde gewiß noch nicht hätte träumen lassen. Er
-legte das Ohr an die kalte Platte der Tür und lauschte angestrengt auf das
-nervenerregende Geräusch, das sich dort draußen in der Weite immer mehr
-verstärkte.
-
-Da -- was war das? Ein leichtes Rollen fuhr über den Markt, das
-gleichmäßige Getrappel von Wagenpferden verkündete sich und brach
-wie auf einen Schlag ab. Unmittelbar vor seiner Tür schien ein Wagen zu
-halten. Gleich darauf wurde an dem Schloß der Einfahrt gerüttelt, aber
-es klang mehr wie ein hastiges Kratzen und stammte von einer schwächlichen
-Hand. Der Konsul räusperte sich. Dann nahm er sich zusammen und rief mit
-seinem gemütskalten Ton:
-
-»Heda, wer ist dort draußen?«
-
-Wer aber konnte das Erstaunen des Mannes beschreiben, als die
-wohlbekannte Stimme des Rotkopfes von Maritzken durch das Schlüsselloch
-hindurchflüsterte:
-
-»Herr Konsul -- ich bin es -- Isa -- schnell machen Sie auf, ich bin in
-großer Gefahr.«
-
-In der nächsten Minute poltern die Querbäume herab, ächzend schiebt
-sich ein Spalt des mächtigen Tores auseinander, und im Dämmergrauen des
-Morgens wirft sich ein junges Geschöpf, um das ein zerzauster Regenmantel
-flattert, völlig haltlos in die Arme des Mannes.
-
-Draußen wirft der Wagen herum und stäubt wie ein Unwetter davon.
-
-»Isa, um alles in der Welt, was bedeutet das? Wie kommst du hierher?«
-
-Der von Schrecken Gepeinigte vergißt im Moment alle Erziehung und
-Höflichkeit und sieht in dem bebenden Wesen nur das schutzbedürftige
-Kind, dessen fröhliches Heranwachsen er wie ein Vater beobachten
-durfte. Jetzt klammert sie sich wortlos an seine Brust, mit einer irren,
-befremdlichen Kraft, und ihre feine Hand deutet schwankend auf die nahe
-Pforte des Arbeitszimmers. Da besinnt sich der Kaufmann nicht länger. Mit
-der Rechten wirft er auf einen Schlag die Querbäume vor das Tor, und ohne
-weitere Frage trägt er das Mädchen, das sich nicht mehr rührt, in das
-Refektorium.
-
-Wieder gleiten die Schatten hin und her, die Evangelisten bewegen sich und
-schütteln die Häupter, und die blauen Holzaugen des Himmelspförtners
-wetterleuchten im Glanz, als sie gewahren, wie unbeholfen der Kaufmann
-seine Last in den geräumigsten der Kirchenstühle niedersetzt. Ganz
-sacht und behutsam. Er bettet sogar, ohne sich dabei etwas zu denken, den
-Regenmantel über die Knie der Kleinen zusammen. Dann zieht der Herr des
-Goldenen Bechers für sich selbst einen Klubsessel heran und setzt sich
-so, daß er dem Mädchen in das feine blasse Antlitz schauen kann. Geduldig
-wartet er, bis sich in dem verstörten Gesicht die dichten Wimpern heben.
-Kaum aber trifft ihn der erste Blick aus diesen klugen frühreifen Augen,
-da besinnt sich Rudolf Bark auf das eigentümlich väterliche Verhältnis,
-das zwischen ihm und dem zusammengekauerten Ding waltet, er entreißt
-sich seinen eigenen Sorgen, beugt sich vor und klopft ihr wohlwollend,
-herablassend die weiche Wange.
-
-»Um Gottes willen, Mariellchen, Ihr Besuch ist zwar ehrenvoll, aber doch
-leidlich früh. Wenn ich nicht zufällig wie mein eigenes Gespenst durch
-das Haus schlürfte, ja, dann hätten Sie mich höchstens aus kummervollen
-Träumen wecken müssen. Aber nun im Ernst, liebes Kind, was treibt Sie
-her? Wie steht es in Maritzken? Was macht Johanna?«
-
-Und dann kommt der Moment, wo die Heimatlose seine Hand ergreift und sich
-auf die Lehne seines Fauteuils niederläßt, als müsse sie aus Furcht vor
-der großen, leeren, fremdartig beleuchteten Stube dem Freunde ihres Hauses
-all die Schrecknisse der Nacht ins Ohr raunen. Dicht aneinandergeschmiegt
-sitzen sie, und in überstürzter Schilderung entwirft der feine Mund
-dem immer gespannter Aufhorchenden die düstern Schattenbilder, die diese
-furchtbarste Nacht ihres Daseins durchrast. Knappe Fragen wirft der Mann
-zwischen die ängstliche Rede, ihm liegt namentlich daran, die einzelnen
-Gegenden zu wissen, an die sich für Isa so schreckhafte Erinnerungen
-knüpfen, er wirft ein, daß das Mädchen wohl nur einem Patrouillentrupp
-begegnet sein könne, der die Stadt in weitem Bogen umgangen, er fragt nach
-Zahl, Bewaffnung und Sprache der Uniformierten, und allmählich quillt
-der Verschüchterten aus der gleichgültigen Ruhe des Kaufmannes eine neue
-Sicherheit zu. Ganz gewiß, es kann nicht so schlimm stehen, das Ganze
-bildet vielleicht nur ein abenteuerliches Mißverständnis, denn Rudolf
-Bark lehnt ja vor ihr in seinem modischen Anzug, der nichts von seiner
-tadellosen Glätte eingebüßt, und im Vollbesitz seiner sachlichen
-Nüchternheit, deren kühles Gleichmaß für den Rotkopf stets das Ziel
-einer sie erregenden Bewunderung gewesen.
-
-»Herr Konsul, glauben Sie, daß nun die Stadt und die Umgegend von diesen
-schrecklichen Menschen überschwemmt wird?«
-
-»Ja, Isachen, damit wird man leider rechnen müssen.«
-
-Ein schnelles Atmen.
-
-»Und wird das für Sie und für Johanna und auch für mich mit Gefahr
-verknüpft sein? Sie können es mir ruhig sagen. Nach dem, was ich heut
-nacht erlebt, bin ich auf alles vorbereitet. Kann es uns ans Leben gehen
-oder werden wir verschleppt werden?«
-
-»Liebes Kind« -- der Kaufmann sah seiner Gewohnheit gemäß auf die
-Kappen seiner Lackschuhe, die ihm der Hausmeister, dem langjährigen
-Brauch folgend, hingestellt, und blickte dann in das blasse Gesicht
-seiner Gefährtin empor; in der gleichen Minute aber war er mit seinen
-blitzschnellen Erwägungen auch schon am Ende angelangt -- »liebes Kind,
-ich denke, daß die fremden Gewalthaber voraussichtlich alles mögliche
-aufbieten werden, um bei der kommenden Besetzung die Ordnung und die
-Sicherheit aufrecht zu erhalten. Da man bei unserer Bevölkerung doch einen
-guten und harmlosen Eindruck zu erwecken wünschen muß, so werden sie nach
-meiner Meinung hier mehr als die guten Naturburschen auftreten, mit denen
-es sich leicht und gemütlich verkehren läßt. Ich hoffe also, eine
-persönliche Gefahr wird uns nicht drohen. Nur geschäftlich werden
-ungeheure Summen verloren gehen.«
-
-»Auch Ihnen, Herr Konsul?«
-
-»Auch mir. Da wir für die nächste Zeit abgeschnitten sind, so werden
-alle geschäftlichen Beziehungen zerreißen, auf denen der Handel beruht,
-und es wird bald eine traurige Lähmung eintreten, eine sehr traurige.«
-
-Er sieht wieder auf seinen schmalen Fuß herunter und doch verzieht sich in
-dem gefaßten Antlitz nicht eine Miene.
-
-Da fühlt der Rotkopf, es müsse doch noch höhere Interessen geben, als
-die unverhüllte Sorge um Leben und Wohlergehen, und urplötzlich fliegt
-ein helles, huschendes Rot über ihr verstörtes Gesicht.
-
-Rasch springt sie auf und zaust geräuschvoll an ihrem steifen Regenmantel:
-
-»Herr Konsul Bark.«
-
-Der Ruf klingt in der trüben Gegenwart und mitten in der langsam
-vorüberkriechenden Nacht so frisch und lebenshell, daß der Geschäftsmann
-unvermutet den ihn umblitzenden Zahlen entrissen wird, um sich ganz
-verwundert an seine jetzige Lage zu erinnern. An das befremdliche
-Fortbleiben seines Verwalters, an das leere verschlossene Haus voller
-Vorräte, und an sein Zusammentreffen mit dem jungen Mädchen, das er
-irgendwie behüten muß, wenn ihm auch augenblicklich jedes Machtmittel
-dazu fehlt. Draußen klirren die unheimlichen Wagen mit ihrer rasselnden
-Eisenladung immer näher. Und als er jetzt seinen Blick umherschweifen
-läßt, als er innen hinter den vergitterten Fenstern die fest
-geschlossenen Holzläden prüft, und indem er erwägt, wie lange die halb
-herabgebrannten Kerzen noch ihr Licht spenden können, da erfaßt ihn die
-merkwürdig zerstreuende Erkenntnis, daß mitten in all dieser schlimmen,
-eisengeschüttelten Erwartung ein junges hübsches Mädchen steht, mit dem
-er sich allein in einem festungsähnlich verbarrikadierten Hause befindet.
-Es ist zwar lächerlich, jetzt über derartiges nachzudenken, aber in
-dem bangen Harren tanzen die Gedankenreihen so wild und glitzernd
-durcheinander, wie sonnenbeschienene Telegraphendrähte, wenn der Zug
-donnernd vorüberbraust. Nein, er muß sich auf etwas Wirkliches, auf etwas
-Vorhandenes beschränken. Rasch erhebt er sich, und während er fühlt, wie
-ihm die Mädchenaugen auf seinem Weg folgen, da unterdrückt er gewaltsam
-eine ihn umspinnende Schlaffheit, die wohl von der Aufregung und der
-unterbrochenen Nachtruhe herrührt. Und wieder schwingt und glitzert
-und sticht eine ganz unvorhergesehene Idee durch das nüchterne Hirn.
-Donnerwetter ja, er ist zweiundvierzig Jahre alt. In dem biegsamen Körper,
-der wie eine Stahlklinge jedem Druck nachzugeben weiß, ist bisher nie die
-Überlegung aufgetaucht von Einhalten und Schonung und herannahendem Alter.
-Aber wie er jetzt an dem Schreibtisch steht, um noch einmal entschlossen
-auf den elektrischen Knopf zu drücken, in der Hoffnung, sein Hausmeister
-könnte sich vielleicht doch wieder eingefunden haben, da muß er, obwohl
-ihm ein Ärger dabei aufsteigt, das junge blühende Geschöpf mit den
-rotleuchtenden Haaren messen und mitten in der Bedrohung und Not findet er
-es dumm und verächtlich, solch albernen Erwägungen nachzuhängen. Er ist
-eben ein älterer Mann und hat sich vor allen Dingen darum zu kümmern,
-das mit Waren bis unter das Dach vollgestopfte Geschäftshaus, an dem seine
-ganze Existenz hängt, zu hüten bis zum Äußersten. Teufel, unten lagern
-zum Unglück lauter Waren, die das rohe Volk, das hier bald herrschen
-soll, von jeher mit gierigen Augen angestarrt hat. Tee und Wein, Kaffee und
-Zucker, Reis, Tabak, Schokolade und ungeheure Mengen lockender Konserven.
-Wenn seine Leute nur zur Zeit kämen! Es gibt hier unten in dem ehemaligen
-Kloster einige Löcher und Winkel, die man schon nicht mehr Keller, sondern
-unterirdische Gänge nennen kann. Dort muß ein großer Teil der Vorräte
-verborgen werden.
-
-Durch das Haus schmettert die Klingel, gellt und schrillt und der Prinzipal
-merkt erst jetzt, wie es schon minutenlang vergeblich läutet. Pawlowitsch
-bleibt verschwunden, aber der Durst nach etwas Warmem, Stärkendem meldet
-sich immer ungestümer.
-
-Da plötzlich ein befreiender Einfall. Ganz ernsthaft wendet er sich an
-seinen Gast und fragt so dringend und kurz, wie er seine Angestellten
-anzureden gewohnt ist:
-
-»Verzeihen Sie eine sonderbare Frage, Isa, können Sie Kaffee kochen?«
-
-»Ich?« das Mädchen starrt ihn verblüfft an. »Ja gewiß, Herr Konsul
-Bark. Wünschen Sie denn zu trinken?«
-
-Hastig wird die Abwesenheit des alten Dieners zu erklären versucht, und
-unmittelbar darauf huscht die Kleine schon, die Laterne in der Hand, über
-Treppen und wurmstichige Holzgänge in die Küche hinab. Wie die Furcht
-ihre Glieder dabei mit eisiger Hand anfaßt, wie hohl ihre Tritte auf
-den alten Dielen schallen, wie kühl die Zugluft um die vorspringenden
-Mauerecken herumstreicht, und vor allen Dingen, wie unheimlich ihr eigener
-Schatten an den Wänden hin und her hüpft! Und doch -- das ängstliche
-Geschöpf hat die Begleitung des Hausherrn weit von sich gewiesen. Was
-würde er denken, wenn sie sich jetzt kindisch benähme. Nein, weiter,
-weiter, trotz Grauen und häufigem bangen Zurückschauen.
-
-»Sieh da,« ruft Konsul Bark nach einer Weile, als er den Rotkopf auf
-einem gewaltigen Tablett eine ganz unwahrscheinlich irdene Kanne, umgeben
-von ein paar eilig zusammengerafften Tassen, daherschleppen sieht, »wo
-haben Sie denn diese Kostbarkeiten aufgelesen, Isachen? Aber das tut
-nichts, die Hauptsache ist, daß es aus dem braunen Ding hier sehr
-vertrauenerweckend dampft.« Er beugt sich ein wenig herab und schnuppert
-herum. »Also wirklich ein großartiges Aroma! -- Tischzeug? Nein, mein
-Kind, das vermag ich jetzt nicht aufzutreiben. Sehen Sie, ich decke ein
-nagelneues Taschentuch hier über dieses Tischchen, und passen Sie auf, der
-Trank wird uns auch so munden. Es ist eben Belagerungskaffee.«
-
-Und nun sitzen die beiden vor dem groben Gesindegeschirr, schlürfen von
-dem brennend heißen Getränk und beginnen an ihrer trostlosen Vereinsamung
-beinahe ein romantisches Gefallen zu finden.
-
-Wieder wähnen sich beide auf eine winzige Insel verschlagen, und
-hingegeben an den wohligen Schauer der immer näher rückenden Gefahr,
-horchen sie auf die wilden Geräusche, von denen draußen die Straße
-widerhallt. Es klirrt und rasselt, galloppiert, schreit und tobt,
-gröhlende Lieder, in einer fremden Sprache gebrüllt, schlagen zu ihnen
-herein, und plötzlich schmettert etwas durch die Eisengitter der Fenster
-hindurch, und klirrende Glasscherben spritzen innen gegen die geschlossenen
-Holzläden.
-
-»Ruhig, ruhig,« beschwichtigt der Kaufmann und fährt wieder mechanisch
-über die bebende Mädchenhand.
-
-Doch Isa rührt sich nicht. Still, wie bisher, sitzt sie auf der Lehne des
-Stuhles, hält den Atem an, und die Nähe ihres Gefährten wirkt so
-stark auf sie, daß sie sogar versucht, das rasche Jagen ihrer Brust zu
-bezwingen.
-
-Ein Augenblick der Stille tritt ein. Scharf und schreckhaft hebt sich
-die lähmende Ruhe des großen Gemaches ab von dem dröhnenden Toben
-der Straße. Und so schmerzend sicher schlürft das bis aufs Äußerste
-angestrengte Gehör der beiden Einsamen jeden Ton in sich hinein, daß
-nicht allein die schneidenden Schwingungen der fremdartigen Hornsignale,
-die dort draußen den Lärm übergellen, ihr Innerstes durchstoßen,
-sondern auch das Knistern und Zucken der vielen Lichter bis an ihre zum
-Zerreißen aufmerksamen Sinne dringt.
-
-Da --
-
-»Herr Konsul,« fährt Isa auf.
-
-Auf den Pflastersteinen der Einfahrt hallt es von unzähligen Fußtritten.
-
-Ist es möglich? Der Konsul erhebt sich langsam. Ein törichter Kindertraum
-däucht ihm das Ganze, denn das schwere Eingangstor ist ja bis jetzt nicht
-dem geringsten Angriff ausgesetzt gewesen. Oder sollte etwa -- --
-
-Allein alle diese Zweifel und Bedenken gelangen nicht mehr an ihr Ende.
-
-Sieh -- sieh, es ist wirklich, als ob durch brennende Fiebergesichte alle
-möglichen bekannten Gestalten taumeln. Jetzt wird die Tür über den drei
-grünen Porphyrstufen aufgerissen, draußen in der gewölbten Einfahrt
-drängt sich Kopf an Kopf. Lauter breitrandige Mützen schieben sich
-durcheinander, Säbelgehänge, die über den Schultern befestigt
-sind, gleiten über grün-graue Uniformen herab, rauhe, unbearbeitete
-Reiterstiefel scharren auf den Fliesen.
-
-Doch wie kann es geschehen, daß sich aus dem dunklen Schwarm eine so
-überaus vertraute Figur ablöst? Ja, er ist es, er ist es wirklich!
-
-Breitspurigen Trittes, mit etwas nachgebenden Knien, drängt sich Rudolf
-Barks ›bester Freund‹ Leo Konstantinowitsch Sassin in das Gemach. Ein
-kotbespritzter grauer Radmantel hängt schief eingehakt um seine breiten
-Schultern, die Mütze sitzt ihm schräg auf dem linken Ohr, und auf dem
-brutalen Antlitz glüht eine sonderbare Hitze. Zwischen zwei Brustknöpfen
-seines Waffenrockes lugt der schwarze Kolben eines Revolvers hervor.
-Als der Russe des Paares ansichtig wird, das fast regungslos unter dem
-zersplitterten Fenster weilt, da reißt der Offizier seine hervorquellenden
-Kinderaugen auf, und um seine blondumbarteten Lippen fliegt ein sonderbar
-befriedigter Schein. Was hier Ausdruck gewinnt, ist nicht die Freude des
-Wiedersehens. Es bedeutet vielmehr eine dumm-dreiste Überlegenheit, wie
-sie Ungebildeten eignet, wenn sie plötzlich über Höherstehende Macht
-erlangen.
-
-»Ah, guten Abend, Rudolf Bark, mein Kompliment für das junge Fräulein
-von Maritzken,« poltert der Dragoner in einem rohen Lachen hervor. »Nicht
-fürchten -- keine Ursache -- gut Freund. So lange hier keine Dummheiten
-macht, werden Euch vorzüglich behandeln. Was stieren mich so an, Rudolf
-Bark? Mein bester Freund?! Wundern sich, wie zu Ihnen hereingekommen? Hehe,
-zweiunddreißigsten Dragoner verstehen durchs Schlüsselloch zu reiten.
-Haben unsre kleinen Geheimnisse.«
-
-Damit tritt der Redende nicht ganz sicher an den Tisch, hebt die braune
-Kanne in die Höhe und läßt sie aus Ungeschicklichkeit oder mit Absicht
-auf den Teppich niederstürzen. In einer breiten Lache ergießt sich
-die braune Flüssigkeit aus den zersprungenen Scherben über das dunkle
-orientalische Gewebe.
-
-»Wie, was -- Kaffee? Seit wann, Rudolf Bark, sind Sie ein altes Weib? Es
-muß hier doch Wein im Hause sein. Bei der Mutter von Kasan! Tausende von
-Flaschen, ganze Fässer. Ich kenne Ihre Gastfreundschaft, bester Freund.
-Natürlich, wer sollte sie besser kennen?! Weiß, brennen darauf, arme,
-müde Soldaten des Zaren -- wie sagt man -- =à régaler=.«
-
-Und sich zur Tür und zu den Haufen seiner Reiter wendend, schreit er in
-russischer Sprache, die der Prinzipal des »Goldenen Becher« sehr wohl
-versteht, hinaus:
-
-»Lauft, ihr durstigen Kinderchen, sucht, meine braven Söhne! Habt ihr
-verstanden, ihr pfiffigen Spitzbuben? Hier unten in den Kellern gibt es
-Wein. Alkohol ist euch verboten, aber Wein hat der große Zar erlaubt. Und
-mein Freund Rudolf Bark ist kein Knauser. Er ist glücklich, uns bewirten
-zu dürfen. Macht, daß ihr fortkommt! Aber nicht betrinken. Hört ihr? Der
-Rausch ist für einen russischen Soldaten unanständig.«
-
-Nach dieser mit wildem Triumph gehaltenen Rede läßt Leo Konstantinowitsch
-die Flügeltüren zurückfallen und schwankt ziemlich unsicher an den
-Tisch, wo er krachend in den nächsten Stuhl fällt. Seine glitzernden
-Augen aber, die bebenden Nasenflügel und der kurze Atem bekunden deutlich,
-wie er selbst das Alkoholverbot seines Gossudars durchaus nicht für
-verbindlich erachtet hat. Eine müde Handbewegung ladet die beiden anderen
-zum Platznehmen ein.
-
-»Setzen Sie sich, Rudolf Bark,« sprudelt er herablassend, »und hier
-neben mich das schöne Fräulein. Ohne Angst. Leo Konstantinowitsch ist
-Ihnen freundlich gesinnt. Sie glauben gar nicht, wie gut Sie es bei uns
-haben werden. Und nun schaffen Sie ein paar Flaschen Champagner an, Rudolf
-Bark, ich schlafe heute bei Ihnen.«
-
-Und dann rast alles, wie von irrsinnigen Geistern gehetzt vorüber. Von
-unten aus den Kellergewölben dringen dumpfe Schläge herauf, ein wildes
-Geheul der Freude kreischt dazwischen und ehe noch der Kaufmann Zeit
-finden kann, seinem Bedränger auseinanderzusetzen, wie mitten in der Nacht
-natürlich keine Dienerschaft vorhanden sei und daß die Schlüssel der
-Vorratskammern jetzt ebensowenig aufzutreiben wären, da drängen sich
-bereits ohne weitere Förmlichkeiten ein paar russische Dragoner an den
-Tisch. Unter den Armen allerhand Weinflaschen und in den Händen eiligst
-zusammengerafftes groteskes Trinkgeschirr. Bierseidel, Weingläser,
-Kaffeetassen und Milchtöpfe, alles toll und wüst durcheinander.
-
-»Gut, gut,« schreit Sassin, und dabei schleudert er Mantel und Mütze
-mitten in die Stube, »sehen Sie, Rudolf Bark, wie treulos Sie sich
-benehmen? Sie verwickeln sich in Widersprüche, bester Freund. Wozu
-Dienerschaft? Wozu Schlüssel? Ich habe alles bei mir. Das weite Russland
-braucht nichts Fremdes, es besorgt sich alles selbst. Vorwärts, meine
-guten Jungen. Jeder drei Flaschen! Rudolf Bark gibt es euch gern. Seht, wie
-er sich freut. Fehlt euch noch etwas, meine guten Söhne?«
-
-»Nein, es lebe Väterchen Rittmeister!«
-
-»Ich danke euch, ich weiß, daß ihr mich liebt. Und nun packt euch
-hinaus, seht ihr nicht, daß ich hier mit vornehmen Nemzows sitze?«
-
-Wieder befinden sich die drei allein, immer wiehernder schallt das
-Gelächter des Trunkenen durch den großen Raum, immer ungebändigter
-werden seine Scherze. Empört erhebt sich der Konsul. Er ist kaum noch
-imstande, seinen Zorn und seine Verachtung gegen den halb der Besinnung
-Beraubten zu unterdrücken. Nur ein Blick auf das Mädchen, das mit weit
-aufgerissenen Augen die widerwärtige Trinkorgie verfolgt, flößt dem
-Kaufmann noch Beherrschung und Zurückhaltung ein.
-
-»Herr Rittmeister,« ruft er, indem er mit zusammengekrümmtem Zeigefinger
-nervös auf die Tischplatte pocht, »wünschen Sie dies Gelage noch lange
-fortzusetzen? Ich finde, Ihr Zustand erfordert es, daß Sie sich eiligst
-zur Ruhe begeben.«
-
-»Ich?« Der Russe spreizt die Beine von sich und lehnt sich weit zurück.
-Die stieren blauen Augen quillen ihm dabei immer mehr aus dem Kopf.
-»Zustand? Wieso, Rudolf Bark? Pah, ich kenne keinen Zustand. Wenn Sie
-wüßten, wie frisch ich mich fühle! Acht Stunden im Sattel gesessen.
-Keine Ader schlägt mir danach.« Hier brüllt er laut auf und stößt
-mit der Faust vor die Brust. »Solch einen Ritt wünsche ich Ihnen, Rudolf
-Bark. Herrlich, herrlich! Grenzwache haben wir überritten, ehe sie sich
-besann. Unter meinem Pferd lag etwas Zappelndes. Können Sie sich diese
-weichliche Nachgiebigkeit vorstellen, wenn man zum erstenmal über einen
-Menschen reitet? Man hört das Aufschmettern des Hufes, man fühlt das
-Einsinken -- es ist aufregend!«
-
-»Hören Sie auf,« ruft der Konsul sich vergessend, »Sie wissen nicht
-mehr, was Sie reden.«
-
-»Wie? Was?« Der Russe versucht sich aufzurichten, allein er vermag es
-nicht mehr. Die Geister des verschwenderisch genossenen Weines reißen ihn
-auf seinen Sitz zurück. »Wie sprechen mit mir, teurer Freund? Sollten
-vielleicht vergessen, daß wir hier als Herren einzogen? Hat ein Ende mit
-der Unverschämtheit der Germanen. Wer sind Sie, wenn ich meine Hand jetzt
-von Ihnen abziehe? Kein Hahn kräht nach Ihnen. Aber lassen wir diese
-Dummheiten.«
-
-Schwerfällig wendet er sich zu Isa, bemüht, eine Verneigung auszuführen,
-allein der Versuch wirft ihn nach vorn, so daß sein flammendes Haupt
-haltlos gegen die Schulter des Mädchens sinkt.
-
-Hei, welche Wärme, welch eine zuckende Haut, welch eine atmende Rundung!
-Das betäubte Hirn des ungebildeten Bauern verliert darüber die letzte
-Spur angelernter Lebensart.
-
-»Kommen Sie, =ma chère=,« flüstert er, wobei er der Zurückschaudernden
-immer näher rückt und beide Arme um sie schlingt, »wir trinken noch ein
-Gläschen. Wissen Sie auch, daß Sie scharmant sind? Der Teufel hole
-Ihre Schwestern. Sie sollen leben, ich habe immer für schlanke Glieder
-geschwärmt. Nicht wahr, Rudolf Bark, Sie können es bezeugen?«
-
-Roh, zudringlich, in einer gemeinen Vertraulichkeit schließen sich die
-Fäuste des von Gier und Rausch Bezwungenen hinter dem Hals des Mädchens
-zusammen. Von Starrheit geschlagen, rührt sich Isa kaum. Keine Bewegung
-wagt sie auszuführen aus Scham oder aus Angst, und nur einen einzigen
-hilflosen, beschwörenden Blick sendet sie zu dem vor Wut verzerrten
-Antlitz des Hausherrn empor. Sie sieht noch, wie sich die Zähne des
-Konsuls in seine Unterlippe graben, schauernd fühlt sie, daß das kleine
-Tischchen, einem Fußtritt des durch ihn genierten Russen nachgebend,
-polternd und klirrend zu Boden stürzt, und gleich darauf zischt etwas vor
-ihren Ohren. Ein blendender Strahl zwingt sie, ihre Lider zu schließen, so
-daß sie kaum noch merkt, von wessen Hand sie jetzt emporgerissen wird.
-
-Entsetzen!
-
-Für eine Sekunde fassen die drei Ernüchterten dasselbe Bild in
-schonungsloser, peinigender Klarheit auf. Elegant, geschmeidig, tadellos
-angezogen wie immer, lehnt Rudolf Bark hinter dem hohen Kirchenstuhl. In
-dem hübschen glatten Gesicht verrät keine Blässe, kein nervöses Zucken
-auch nur eine Spur von Abscheu vor seiner eigenen Tat. Nein, neugierig fast
-beobachtet der Kaufmann, dessen Finger noch immer die Waffe umspannen,
-die er seinem Gastfreunde aus dem Waffenrock gerissen, wie Leo
-Konstantinowitsch Sassin mitten in der Stube über seinem eigenen
-Mantel auf dem Rücken liegt, um mit der Rechten unter Lachen und
-einem schmerzlichen Brüllen an den Uniformknöpfen oberhalb der Brust
-herumzureißen. Draußen unter der Einfahrt drängt es sich schon wieder
-Kopf an Kopf, obwohl keiner, von der Furchtbarkeit des Geschauten gelähmt,
-es wagt, die tolle Stätte dieses blutigen Gerichts zu betreten. Stumm
-recken sie die Hälse vor, um auf das zu horchen, was sich niemand
-erklären kann.
-
-»Oh du verfluchter deutscher Hund, du Vieh, du hinterlistiges Schwein,
-so behandelst du deinen Freund? Pfui, man möchte weinen! Warte nur, du
-widerlicher Affe, wie sauber dir unser Profoß die Schlinge um den Hals
-legen wird. Was steht ihr hier und haltet Maulaffen feil? Hat man nicht
-euer Väterchen ermordet? Schnell, nehmt ihn fest, die Rothaarige auch. Und
-mir gebt zu trinken. Einen Topf Champagner. Mir ist ein wenig schlecht.
-Oh, Rudolf Bark, mein bester Freund, ich wollte, ich könnte dich selbst
-zappeln lassen. Ich gäbe den ganzen Feldzug darum. Pfui, du treulose,
-deutsche Spinne, ich trete dir den Kopf ein.«
-
- * * * * *
-
-In der Gefängnistür rasselte ein Schlüssel. Und das Geräusch unterbrach
-den auf dem Schemel hockenden Kaufmann in seinen rückwärts gerichteten
-Gedanken. Er fuhr auf und sah nach der Uhr: es war hoch am Spätnachmittag.
-Aus der Schar der vor Müdigkeit Eingeschlafenen erhob sich der kahle
-Schädel des Tischlermeisters Majunke, und seine befleckten Hemdsärmel
-sägten aufgeregt durch die Luft.
-
-»Um Gottes willen, sie kommen,« zischte er durch die Zahnlücke,
-»schnarcht nicht, Kinderchen, sie könnten es uns übelnehmen. Herr
-Kowalt, verstecken Sie Ihre Peitsche, man kann nicht wissen, was sie dazu
-denken.«
-
-Langsam drehte sich das schwere Holz, und auf dem rot gepflasterten
-Ziegelflur stand neben dem ehrfurchtsvoll geduckten Kosaken eine
-schmächtige Jünglingsgestalt in grauer Uniform, dessen blasses
-kränkliches Antlitz der Konsul sich besann, schon einmal gesehen zu
-haben. Richtig, das war einer der beiden Fahnenjunker, der im Hause Sassins
-erzählt hatte, welch ein freimütiges Testament er für seinen Vater, den
-Polizeioberst in Kiew aufgesetzt hätte. Der glatt rasierte Knabe hielt
-einen Bogen Papier in der Hand und sah kurzsichtig und mit blinzelnden
-Augen in den dumpfen Raum, aus dem eine Wolke schwüler Hitze herausschlug.
-Dann trat er auf die Schwelle, zog sich den grauen Waffenrock zurecht, und
-indem er ein wenig mit der Degenscheide klirrte, gab er sich den Anschein
-einer amtlichen Würde.
-
-»Rudolf Bark,« rief er mit seiner gebrochenen Knabenstimme, in die er
-vergeblich einen militärischen Kommandoton zu legen suchte, »ist hier der
-Konsul Rudolf Bark anwesend?«
-
-Der Prinzipal des »Goldenen Becher« erhob sich.
-
-»Was steht zu Diensten?« fragte er kurz.
-
-»Sie sind es? Ach ja,« erinnerte sich das uniformierte Kind und
-errötete leicht; dann aber besann es sich und verbeugte sich förmlich.
-»Unterleutnant von Karström,« stellte er sich vor.
-
-Und Rudolf Bark erriet nicht allein aus dem Namen, sondern vor allem an der
-flüssigen Aussprache des Deutschen, daß er einen Balten vor sich habe.
-
-Der Unterleutnant blinzelte flüchtig in sein Papier und fuhr fort:
-
-»Sie werden mir folgen. Ich habe den Befehl, Sie auf das Rathaus zu
-unserem Kommandanten zu bringen.« Und einen Blick auf den eleganten hellen
-Sommeranzug seines Gefangenen heftend, setzte er mit einer Rücksicht, die
-er durchaus nicht verleugnen konnte, höflich hinzu: »Bitte bedecken Sie
-sich mit Ihrem Hut.«
-
-Hier zuckte der Konsul die Achsel. Und nachdem er erklärt, daß man ihn
-barhäuptig hierher transportiert, da errötete der junge baltische Adlige
-von neuem und schüttelte ratlos das schmale, kränkliche Haupt. Selbst den
-Konsul rührte diese kindliche Unbeholfenheit.
-
-»Ich werde mir mit Ihrer Erlaubnis, Herr Unterleutnant,« half er deshalb
-rasch ein, »einen Hut von einem meiner Mitgefangenen ausborgen. Nicht
-wahr, Herr Kowalt, Sie sind so freundlich?«
-
-»Ja allerdings, bitte tun Sie das,« atmete der Balte ganz erleichtert
-auf. Dabei verbeugte er sich unwillkürlich, als der Kaufmann nun mit
-dem abgetragenen fettigen Hut des Pferdehändlers in der Hand an ihm
-vorüberschritt.
-
-Auf der Diele hatte der Kosak inzwischen von einem Stuhl einen handfesten
-Strick genommen, mit dem er sich nun dem Konsul geschäftig näherte.
-
-»Was soll das?« fragte der Leutnant, wobei er sichtlich zusammenschrak.
-
-Grinsend deutete der Kosak auf die Hände des Gefangenen. Da warf der junge
-Offizier wie beschwörend die Rechte vor.
-
-»Keineswegs,« stammelte er, »davon steht kein Wort in meiner
-Instruktion. Der Herr ist nicht fluchtverdächtig. Auf der Stelle wirfst
-du den Strick fort.« Und sich zu dem gelassen dastehenden Rudolf Bark
-wendend, versuchte der junge Mensch eine Entschuldigung anzubringen.
-»Bitte vergeben Sie, mein Herr,« sagte er trotz seiner Kindlichkeit mit
-einer Haltung, die ganz zweifelsfrei die gute Erziehung eines halbdeutschen
-Adelshauses verriet, »das war keineswegs beabsichtigt.« Und indem er mit
-dem Haupte auf den wieder zusammengesunkenen Kosaken deutete, warf er noch
-eifrig hin: »Der Mann stammt aus den Donschen Steppen. Die Leute haben
-dort eine ganz eigene Gerichtsbarkeit, die von der unsrigen erheblich
-abweicht. Sie sollten daraus keine allgemeinen Schlüsse ziehen, mein
-Herr.«
-
-»Gewiß nicht,« beruhigte ihn Rudolf Bark mit einem kaum merklichen
-Lächeln.
-
-Dann schritten sie gemeinsam die Steinstufen herunter und befanden sich
-bald in einer der nüchternen Gassen der Vorstadt. Aber wie hatte sich das
-Gepräge dieses sonst so regen Handelsplatzes verändert! Es versetzte
-dem Kaufmann, in dem doch selbst die Sorge vor der Zukunft brütete, einen
-Stich ins Herz, als er die auffallende Verwandlung feststellte. Obwohl
-noch lange nicht die Stunde des allgemeinen Ladenschlusses angebrochen
-war, hatten die kleinen Gewerbetreibenden überall Jalousien und
-Lattenverschläge vor ihre Auslagen gezogen, und die Straßen selbst
-schienen von den Eingeborenen wie ausgestorben. Kein bekanntes Gesicht
-wollte sich zeigen. Dafür wimmelte jedoch die fremde Soldateska gleich
-einem schwarzen Ameisenhaufen durcheinander, immer neue Truppen zogen
-singend von den Landstraßen aus herein, und man sah es den befriedigten
-Gesichtern an, daß ihnen die Besetzung dieser ehemaligen Festung, die
-längst ihre Bedeutung verloren hatte, als ein nicht zu unterschätzender
-Erfolg galt. Lange Züge von Infanterie wechselten mit Munitions- und
-Artilleriekolonnen, und von dem Klirren der schweren Geschütze auf dem
-schlechten Pflaster bebten die kleinen leichtgebauten Häuschen. Aber auch
-andere Fuhrwerke kamen ihnen aus der Stadt entgegen, deren Ladung, obwohl
-die Wagen von Soldaten gelenkt wurden, durchaus nicht dem kriegerischen
-Bedürfnis entsprach und deshalb die regste Verblüffung von Rudolf Bark
-hervorrief. Ohne um Erlaubnis zu bitten, hielt der Kaufmann plötzlich in
-seinem Weg inne und wies mit der Hand auf einen mächtigen Leiterwagen,
-auf dem die tollsten Dinge widerspruchsvoll übereinander gepackt waren.
-Seidene Möbel, eiserne Geldschränke, ein umfangreicher Benzinmotor,
-ungeheure Berge bescheiden angefertigter Konfektionsanzüge, Mehlsäcke,
-ja sogar ein Klavier hatte man zwischen die Leiterbäume gepreßt, und die
-drei kutschierenden Soldaten beschäftigten sich eben damit, vorn auf dem
-Bock die Keule eines rohen Schinkens gemeinschaftlich mit ihren starken
-Zähnen zu benagen und zu zerreißen.
-
-»Was ist das?« stieß der Prinzipal des »Goldenen Bechers« beinahe der
-Sprache beraubt, hervor.
-
-Doch der junge Russe antwortete nicht. Flammend rot waren seine blassen
-Wangen übergossen, und in seiner Scham und Bestürzung vermochte er nur
-fast bittend hervorzubringen:
-
-»Mir sind die Gewohnheiten der Intendantur unbekannt, ich weiß nicht, was
-das bedeutet. Aber bitte, mein Herr, wollen Sie mir rasch folgen, denn ich
-habe Sie bis um sieben Uhr auf dem Rathause abzuliefern.«
-
-Eiligst schritt der gedemütigte Knabe voran, und so wild entfernte er
-sich durch ein Seitengäßchen von der großen Fahrstraße, daß dem Konsul
-bereits der Gedanke an Flucht durch den Kopf schoß. Freilich, ein Blick
-auf das viele Militär, das da und dort unbeschäftigt vor den Häusern
-herumlungerte, ließ ihn einen solchen Plan als gänzlich aussichtslos
-sofort wieder verwerfen. So gelangten sie vor das Gebäude des Magistrats,
-das mit seinen mittelalterlichen, im Artus-Stil gehaltenen Lauben und
-Bogengängen fast gänzlich die eine Schmalseite des Platzes einnahm. Vor
-dem Haupteingang schilderten zwei russische Infanteristen. Sie hatten
-ihre Uniformen der noch immer herrschenden Hitze wegen über der Brust
-aufgerissen und unterhielten sich laut und ungeniert miteinander. Aber das
-war es nicht, was dem Konsul das ungeheure Erlebnis, das seit gestern über
-die Stadt dahingebraust war, so schmerzhaft zur Erkenntnis brachte. Es
-war etwas anderes. Unwillkürlich zuckte er zurück und griff sich an die
-Stirn. Nein, er träumte nicht; -- oben von der Krönung des Torbogens war
-das Wappenschild des preußischen Adlers herabgerissen und lag jetzt auf
-dem Fahrdamm in der Gosse, wo das schwarzgelbe Spülwasser schwammig über
-das Symbol der Staatshoheit hinweggurgelte. Hunderte von Malen war Rudolf
-Bark achtlos an dem schwarzen Wappentier vorübergeeilt. Ja, wenn man ihn
-genau befragt hätte, so hätte er nicht mit absoluter Sicherheit angeben
-können, ob dort oben über den gotisch gerillten Bogen überhaupt
-eine derartige Verkörperung des Staates gethront habe. Jetzt aber, wo
-absichtliche Geringschätzung, wo eine gemeine Freude an der Erniedrigung
-anderer das alte Ideal in den Kot geschleudert, da krampfte es sich in
-seiner Brust zusammen, und etwas von jenem ihm bisher ganz fremden Haß
-wuchs atemraubend empor, von jenem wilden, unerbittlichen Völkerhaß, der
-fortan über den Gemeinschaften der Erde wie ein riesenhafter, alles Licht
-überschattender, Geier schweben sollte. Mit geschlossenen Augen schritt
-er unter der grün-weißen Fahne hindurch, die jetzt die Stelle des alten
-Wappens einnahm, und während er mit seinem jungen Führer die breiten,
-ausgetretenen Steinstufen heraufstieg, da errechnete sich sein zählender
-Verstand, daß er jetzt selbst an der Pforte der Vernichtung angelangt
-sei. Was war da noch lange zu überlegen? Wozu nach Auswegen suchen? In der
-ersten Stunde dieses niederträchtigen Überfalls hatte er auf einen bei
-ihm einquartierten Offizier der Besatzungstruppen gefeuert. Möglicherweise
-war der Verwundete sogar schon seinen Verletzungen erlegen. Da wurde er
-eben vor ein Kriegsgericht geschleppt, und wie das in dem Machtbereich
-des weißen Zaren seines Amtes zu walten pflegte, darüber gab sich der
-Kaufmann keinem Zweifel hin. Vielleicht erwartete ihn schon hier der
-fertige Spruch. Nun gut, da nahm er wenigstens die Genugtuung in das
-Unbetretene mit hinüber, auch ohne eine militärische Charge seiner
-Mannespflicht gegen ein schutzloses deutsches Mädchen genügt zu haben.
-Ein wärmendes Gefühl der Befriedigung überkam ihn, als er jetzt vor der
-bunten Glastür des Beratungssaales an Isa dachte. Wahrhaftig, er hatte
-recht wie ein Vater gehandelt. Wie ein zurückhaltender reifer Mann
-einem kleinen zierlichen Mädchen gegenüber. Und er genoß ein seltsam
-prickelndes Wohlbehagen, als er sich vorstellte, wie der Rotkopf mit den
-leuchtenden Goldaugen später, viel später, wenn er längst unter einem
-Galgen vermodert war, Kindern und Kindeskindern dankerfüllt von ihrem
-Retter erzählen würde.
-
-»Herr Konsul Bark, wir sind an der Reihe,« riß Unterleutnant von
-Karström den Achtlosen aus seinen Gespinsten.
-
-Ob man Isa auch hierher transportiert hat? blitzte es Rudolf Bark noch
-durch den Sinn.
-
-Dann reckte er sich, strich, seiner Gewohnheit gemäß, über den gut
-sitzenden hellen Anzug und trat an der Seite des jungen Balten in den Saal.
-Gemessen verbeugte er sich, dann blickte er sich um.
-
-In dem mit bunten Holzmalereien geschmückten Raum zogen sich an beiden
-Längsseiten, hintereinander ansteigend, die Schranken der Stadtverordneten
-hin. Das Kopfende der Halle wurde von den Sitzen des Magistrats
-eingenommen, zu dessen Wirkungsstätte drei mit grünem Tuch überspannte
-Stufen hinaufführten. Im Moment aber saßen auf den Bänken der
-Stadtverordneten, von einem Pikett russischer Feldgendarmen bewacht,
-der weißbärtige erste Bürgermeister der Stadt und neben ihm fünf der
-angesehensten Senatoren, denen die Niedergeschlagenheit über eine mit dem
-Kommandanten soeben geführte Unterhaltung aus den müden, übernächtigten
-Gesichtern abzulesen war. Der russische Befehlshaber selbst, dem jetzt an
-Stelle der Stadtväter jede Machtbefugnis zustand, wanderte indes in
-seiner grau-grünen Uniform mit auf dem Rücken verschränkten Händen
-sporenklirrend auf der grünen Plattform des Magistrats auf und ab, hatte
-die Stirn gerunzelt und zuckte mehrmals im Selbstgespräch die Achsel,
-als wenn es ihm unmöglich wäre, eine soeben getroffene Verfügung wieder
-zurückzunehmen. Es war eine untersetzte männliche Gestalt mit schlichtem,
-graugescheiteltem Haar. Und trotz der ihm von seinem Amte auferlegten
-Kürze, ließen die klugen, hellen Augen doch ahnen, daß er die
-unglückliche Lage dieser Stadtbürger nachzuempfinden wisse. Jetzt wandte
-sich der Kommandant rasch herum, und in demselben Moment durchzuckte
-den Konsul ein kurzer, beinahe freudiger Schreck. Es war Oberst Geschow,
-derselbe Offizier, dessen noble Ritterlichkeit Rudolf Bark schon bei seinem
-Ausflug über die Grenze schätzen gelernt hatte. Auch der Oberst erkannte
-den Kaufmann auf der Stelle. Er spreizte die Beine, setzte die Fäuste in
-die Hüften und rief mit kräftiger Stimme herunter:
-
-»Herr Konsul Bark, welcher Teufel hat Sie geritten? =Mille tonnères=,
-sehen Sie denn nicht, Herr, daß Sie sich nicht allein selbst, sondern die
-ganze Bürgerschaft durch Ihr wahnsinniges Benehmen ins Unglück gestürzt
-haben? --«
-
-»Herr Oberst -- --«
-
-»Ruhe, jetzt spreche ich. Ich möchte Ihnen von vornherein bemerken, daß
-es für Ihre Handlungsweise keinerlei Entschuldigungen gibt. Muß ich Ihnen
-erst sagen, was es auf sich hat, wenn in Kriegszeiten ein Offizier von
-einem Zivilisten angefallen wird?«
-
-»Herr Oberst, bitte mir gütigst eine Frage zu gestatten: Ist für die
-junge Dame, die sich gestern abend in meinem Hause befand, gesorgt worden?
-Und darf ich hoffen, daß sie als Augenzeugin vernommen wird?«
-
-Der Oberst gab seine breitbeinige Stellung nicht auf, sondern beugte sich
-vielmehr noch etwas weiter nach vorn. Aber die erste Erkundigung seines
-Gefangenen schien ihn nicht unangenehm zu berühren.
-
-»Darüber kann ich Sie beruhigen,« herrschte er den Kaufmann an. »Ihre
-Landsleute werden sich schon daran gewöhnen müssen, uns nicht als
-Halbwilde zu betrachten. Gleich nachdem mir gestern der Vorfall gemeldet
-war, habe ich mich selbst in Ihr Haus zu einer Visitation begeben. Die
-junge Dame, die mir persönlich bekannt ist, hat mir an Ort und Stelle ihre
-Angaben gemacht, und sie befindet sich noch jetzt in Ihrer Wohnung,
-und zwar unter guter Obhut. Sie sehen also, meine Herren,« rief der
-untersetzte Befehlshaber auch zu den Stadtvätern auf den Holzbänken
-herüber, »daß uns der gute Wille, Sitte und Anstand zu erhalten,
-keineswegs fehlt.«
-
-Bei den Senatoren erhob sich ein gedrücktes Gemurmel. Rudolf Bark jedoch
-verbeugte sich leicht. Er atmete auf. Also Isa in verhältnismäßiger
-Sicherheit!
-
-Inzwischen hatte sich Oberst Geschow abgekehrt und begann wieder klirrend
-auf der Plattform auf und nieder zu schreiten. Dabei warf er von Zeit zu
-Zeit unter seinen grau überbuschten Augenbrauen einen ungehaltenen Blick
-auf den Störer jenes bürgerlichen Einvernehmens, an dem dem Kommandanten
-augenscheinlich so viel gelegen war. Plötzlich trat er an einen Tisch voll
-Akten, Listen und Papieren und riß einen Brief hervor, um das Schreiben,
-sobald er es überflogen, heftig in kleine Stücke zu zerreißen.
-
-»Sie kennen den Fürsten Dimitri Fergussow also persönlich?« warf er
-gereizt hin.
-
-»Ich habe den Vorzug,« entgegnete der Konsul aufhorchend.
-
-Jetzt klirrte der Oberst die Stufen herunter und pflanzte sich ganz dicht
-neben Rudolf Bark auf. Hastig riß er an seinem starren grauen Schnurrbart.
-
-»Zu unangenehm,« schimpfte er halblaut, und man sah es ihm an, wie sehr
-er diese Amtshandlung verwünschte. »Ich mache kein Hehl daraus, verehrter
-Herr, mir liegt nichts an dem Wirtschaften mit Pulver und Blei oder mit
-Strick und Galgen hinter der Front. Aber ist es nicht schändlich,«
-fuhr er grimmig auf und stampfte mit dem Fuß, »daß Sie die kaum warm
-gewordene Behörde zu solchen Maßnahmen zwingen? Glauben Sie vielleicht,
-Ihre Leute würden anders handeln? Es mag ja möglich sein, daß für Sie
-gewisse Milderungsgründe in Betracht kommen -- ich gebe es zu,« schrie
-er empört und schlug mit der Faust durch die Luft -- »aber =sacré nom
-de dieu=, das alles erspart Ihnen keineswegs das Kriegsgericht. Es tut mir
-leid, Herr Konsul, Ihnen das ankündigen zu müssen, und Sie sind sich wohl
-auch über die Folgen klar.«
-
-»Ja,« sagte der Konsul ruhig und sah zu Boden.
-
-Der Oberst maß ihn eine kurze Weile und riß von neuem an seinem Bart,
-bis er endlich, knurrend und fluchend, die drei grünen Stufen abermals
-hinaufstieg. Kaum aber war er an dem Aktentischchen angelangt, so schlug
-er mit der Faust unter die Papiere und wandte sich ruckartig zurück. Im
-nächsten Moment ließ er sich in einen der Magistratssessel sinken, schlug
-die Arme untereinander und sah starr nach oben auf die bunt bemalte Decke.
-
-»Ein weiteres Eingreifen von mir ist ausgeschlossen,« preßte er sich zum
-Schluß ab. »Das einzige, was ich in diesem besonderen Falle tun konnte,
-das ist bereits erledigt. Ich habe bei unserem Auditoriat veranlaßt,
-daß Ihre Angelegenheit hinter der Front, in unserer nächsten
-Gouvernements-Stadt verhandelt wird.« Und als er eine stumme Frage in
-den Augen des Konsuls wahrzunehmen glaubte, fuhr er in seiner kurzen Weise
-fort: »Sie haben dort den Vorteil der gründlicheren Untersuchung, was bei
-der Schwere Ihres Vergehens hier nicht möglich ist.« Damit hob er den Arm
-und revidierte die kleine Armbanduhr auf seinem Handgelenk. »Es ist
-jetzt ein Viertel nach sieben,« stellte er fest. »Ist der Wagen für
-die Herrschaften bereits vorgefahren?« wandte er sich an den jungen
-Unterleutnant.
-
-Dieser öffnete die bunte Glastür, rief etwas heraus und meldete darauf,
-daß das Gefährt schon vor dem Tor des Rathauses hielte.
-
-»Nun gut, ich danke Ihnen.« Der Oberst erhob sich, und ohne seinen
-gesenkten Blick von den herumliegenden Akten abzulenken, sprach er mit mehr
-innerer Bewegung als bisher: »Dann fahren Sie alle mit Gott, meine Herren.
-Ich hoffe, daß Sie die Berechtigung meiner Maßnahmen einsehen, und ich
-wünsche, wir könnten uns alle als zufriedene Untertanen des Zaren und
-als Bürger eines beruhigten Staatswesens wiederfinden. Für Ihre
-Verproviantierung ist gesorgt. Sie sind entlassen.«
-
- * * * * *
-
-Ein Leiterwagen, dessen beide Innenseiten man mit zwei langen Sitzbrettern
-versehen, das war die würdige Equipage, die man für die als Geiseln
-bestimmten Magistratsherren ausgesucht hatte. Der Fußboden war kräftig
-mit Stroh beschüttet und sowohl vorn neben dem uniformierten Kutscher,
-als auch auf dem letzten quergestellten Sitzbrett hockten ein paar
-Infanteristen mit aufgepflanztem Bajonett.
-
-»Bitte, nehmen Sie Ihre Plätze ein, meine Herren,« forderte der junge
-Balte auf, der als Führer des Transportes zu dienen schien; und mit einem
-gefälligen Lächeln wandte er sich an Rudolf Bark: »Herr Konsul, Sie
-wünschen vielleicht neben der Ihnen bekannten jungen Dame zu sitzen? Ich
-habe nichts dagegen.«
-
-Dem Angeredeten schlug das Herz. Herr im Himmel, dort am Ende des Wagens,
-direkt vor der Wachmannschaft, da lehnte Isa in ihrem grauen Regenmantel,
-und der schwarze Lackhut krönte so kleidsam ihr feines, schmales Haupt,
-als ob es Gott weiß zu welcher Lustfahrt ginge. Als sie ihres Freundes
-ansichtig wurde, da warf sie sich herum, musterte ihn von Kopf bis zu den
-Füßen und winkte dann lebhaft mit der Hand. In dem blassen Antlitz zeigte
-sich nicht mehr eine Spur von Furcht oder Bedrückung, ja, sie lächelte
-sogar, da der Kaufmann nun auf die Deichsel sprang, um dann über das
-raschelnde Stroh bis an ihren Sitz zu gelangen. Und das erste, was der
-Rotkopf äußerte, das war in der Tat eine Bemerkung, die darauf
-schließen ließ, wie das gestern noch so zitternde Ding sich bereits an
-Gefangenschaft, Druck und Gefahr gewöhnt habe.
-
-Ach, diese ahnungslose Jugend, dachte Rudolf Bark unwillkürlich, als er
-sich mit einem herzlichen Händedruck neben dem Mädchen niederließ und
-nun gewahrte, wie sie den Zeigefinger ihrer Rechten voller Abscheu gegen
-seine Kopfbedeckung ausstreckte.
-
-»Aber um Gottes willen, Herr Konsul, wie kommen Sie zu diesem
-fürchterlich fettigen Schmalztopf?«
-
-Und wirklich, sie lachte hell auf, was von den drei russischen
-Infanteristen hinter ihr mit gutmütigem Kopfnicken begleitet wurde. Allein
-der Konsul ging auf den Scherz nicht ein.
-
-»Isa,« flüsterte er hastig und sah ihr voll in das Gesicht, »sind Sie
-heil und gesund? Und hat man Sie ordentlich verpflegt, mein Kind?«
-
-»Vollkommen, Herr Konsul.« Und ohne die geringste Befangenheit setzte sie
-hinzu: »Denken Sie sich, man hat mich sogar in Ihr Bett stecken wollen,
-ich habe es aber höflich dankend abgelehnt.«
-
-Rudolf Bark maß das frische, unbekümmerte Gesicht von neuem. Er wollte
-eigentlich so etwas erwidern, wie: »es wäre auch für mich zuviel der
-Ehre gewesen,« aber die bange Erwägung, daß er an dem Ungemach der
-Kleinen die Hauptschuld trüge, schlug die aufspringende Lebenslust sofort
-wieder zu Boden. Zu weiteren Eröffnungen blieb keine Zeit, denn inzwischen
-hatten die Geiseln unter der Führung ihres weißbärtigen Bürgermeisters
-auf den gegenüberliegenden Bänken Platz genommen, ein Korb mit
-Eßvorräten und eine Laterne wurden noch in den Wagen verladen, und
-nachdem als letzter Unterleutnant von Karström das Gefährt bestiegen, da
-drohte der Soldat, der die beiden kräftigen Pferde lenkte, unter Schreien
-und wildem Rufen gegen die Volksmenge, die den traurigen Transport von
-Anfang an umlagert hatte.
-
-»Sehen Sie, Herr Konsul,« zeigte Isa, »da haben sich auch die Frauen und
-Verwandten der Senatoren eingefunden. Pfui, sie weinen und schreien. Ich
-möchte mir die Ohren zuhalten.« Und sie wandte sich ab und sah starr
-und hochmütig auf die Zacken und Giebel der Sebaldus-Kirche, um die das
-Abendrot seinen glühenden Mantel schlang.
-
-Wiehernd zogen die Pferde an, rasselnd und in heftigen Stößen ging es
-über den Marktplatz. Aber gerade, als sie in die Hauptverkehrsader der
-Stadt einlenkten, wo der Konsul sich noch einmal zurückwandte, um mit
-einem ernsten, abschiednehmenden Blick nicht nur sein Geschäftshaus,
-sondern auch das herrliche ehrwürdige Bauwerk der Kirche mit ihren
-grün-schwarzen Dächern zu umfangen, da bemerkte Isa befremdet, wie der
-Gefährte neben ihr plötzlich zusammenschreckte. Unvermittelt beugte er
-sich nach rückwärts, legte die Hand über die Augen und spähte aus, wie
-jemand, vor dem eine ganz unerwartete, schreckhafte Gestalt emporsteigt.
-Nur eine Sekunde. Dann schwenkte der Leiterwagen völlig in die Seitengasse
-herum, und Platz und Kirche versanken hinter gleichgültigen Mauern.
-
-»Lieber Freund,« fragte das Mädchen, das sich nicht länger
-zurückhalten konnte, warm, und ihre Stimme klang teilnehmend und
-eindringlich, »sahen Sie dort etwas Unangenehmes?«
-
-Der Kaufmann saß schon wieder ganz ruhig, nur die verzogene Stirn und
-das Nagen an der Unterlippe verrieten noch eine nicht überwundene innere
-Bedrängnis. Dennoch lächelte er wegwerfend, wie es seine Art war.
-
-»Nicht das geringste, mein Kind,« versicherte er mit angenommener
-Gleichgültigkeit, »ein ganz bedeutungsloser Bekannter fiel mir auf,
-nichts weiter.«
-
-Nach dieser Ausflucht, deren hohle Fadenscheinigkeit das Mädchen sofort
-durchschaute, schwiegen beide, und der Konsul beugte sich herab und sah
-angelegentlich auf die Strohhaufen zu seinen Füßen nieder. Aber auch auf
-den gelben Halmen kehrte die Erscheinung, die den Kaltblütigen so außer
-Fassung versetzt hatte, in winzigem Ausmaß und doch grell und farbig
-zurück. Eine rote Ziegelnische der Sebaldus-Kirche buchtete sich dort aus,
-und hinter einer schwarz verräucherten Ecke tauchte vorsichtig, behutsam
-ein weißgescheiteltes Haupt hervor. Trotz der großen Entfernung erkannte
-der Herr des »Goldenen Becher« ganz deutlich dieses stechende, schwarze
-Augenpaar, das sich sofort betroffen senkte, als es sein Ziel erreicht
-zu haben glaubte. Unmutig scharrte der Kaufmann mit dem Fuß über
-das raschelnde Stroh, als könnte er seine eigene Beängstigung damit
-fortwischen. Allein seine ausschwärmenden Gedanken ließen sich weder
-binden noch fesseln. War der Mann hinter der Kirchenmauer wirklich der
-Kammerdiener Pawlowitsch gewesen? Gar kein Zweifel. Aber aus welchem Grund
-hatte sich der Mensch gerade beim Hereinbrechen der Gefahr aus dem Hause
-entfernt, um es nicht wieder zu betreten? Und weshalb suchte er sich auch
-jetzt zu verbergen? Nur aus Feigheit? War es denkbar, daß diese Slawen
-ihren Rasseverwandten an goldenen Banden zu sich herübergezogen hatten?
-Hastig hob Rudolf Bark das Haupt und ließ seinen forschenden Blick eine
-kurze Weile auf den plumpen unintelligenten Gesichtern der drei Wächter
-auf dem Rücksitz ruhen.
-
-Die Gesellschaft arbeitete ja mit solchen Mitteln. Aber welche
-Gegenleistung konnte ihnen eine so untergeordnete Persönlichkeit wie
-Pawlowitsch bieten? Oder sollte die Bestechung und Unterwühlung der
-unteren Volksschichten hier bereits ganz gewöhnlich und allgemein geworden
-sein?
-
-Er schauerte ein wenig zusammen, denn ein Luftzug von den nahen Landseen
-strich mit plötzlicher Kälte über die Fahrenden dahin. Zu gleicher Zeit
-glitt Isas Hand an seinen Arm entlang.
-
-»Frieren Sie, Herr Konsul?« fragte sie besorgt.
-
-»Ich?« Der Kaufmann raffte sich zusammen. »Keine Spur, liebes Fräulein,
-obwohl eine größere Reichhaltigkeit unserer Toiletten ja nicht ganz von
-der Hand zu weisen wäre.«
-
-Von der langen Seitenbank wurde eine schüchterne Stimme laut:
-
-»Ich werde an unserem Bestimmungsort für den Bedarf der Herrschaften an
-Kleidungsstücken, soweit es mir möglich ist, zu sorgen versuchen,« warf
-der russische Unterleutnant, der dem Paar gegenüber saß und das letzte
-wohl aufgefangen hatte, höflich dazwischen.
-
-Und dann hörte man eine lange Zeit nichts als das Rollen der Räder
-und das Knallen der Peitsche. Auf den Feldern rechts und links von der
-Fahrstraße schwamm noch der Abglanz eines glühenden Sonnenunterganges.
-Die hohen reifen Halme senkten ihre schweren Häupter der Erde entgegen,
-und ein leichter Nebel tanzte um die Ufer der fernen Landseen. An dem noch
-mattblauen Himmel stand die volle goldene Scheibe des Mondes, und aus
-den Feldern drang stark und unablässig das tausendfältige Singen und
-Schwingen der Heimchen.
-
-Es war der Friede eines deutschen Sommerabends, wie man ihn oft achtlos
-durchwandert und genossen. Aber den Vorüberfahrenden bedrückte all
-diese süße Heimlichkeit ahnungsvoll das Herz. Noch eine kurze Weile
-des Schweigens und dann durchrasselten sie den kleinen Marktflecken
-Schorweiten. Gottlob, all die winzigen schindelgedeckten Häuschen zeigten
-sich noch unversehrt, das struppige Strohdach des uralten Kirchleins senkte
-sich noch immer fast bis auf den Boden herab, nur statt der spielenden
-Kinder liefen auf dem Kirchplatz viele kleine, herrenlose Hunde kläffend
-durcheinander. Scheuchend schlug der russische Kutscher mit der Peitsche
-nach ihnen. Aber wo waren die Bürger, die bisher hier geweilt hatten?
-Nicht ein einziger war mehr zu entdecken. Statt ihrer, die die Windsbraut
-des Krieges längst in das Innere der Heimat geschmettert hatte, sah man
-überall die russischen Besatzungsmannschaften vor den offenen Türen auf
-Bänken und Stühlen sitzen, und die Vorüberfahrenden gewahrten, wie
-die Fremden das zurückgebliebene Gerät der Abwesenden rücksichtslos
-benutzten.
-
-Vorbei.
-
-Dunkler und dunkler wurde es. Aus den Pappeln und den Kirschbäumen des
-Weges rief nur noch die Schwarzdrossel ihren vollen kräftigen Schlag,
-und im Lichte des Mondes warfen das Gefährt und seine Insassen bereits
-huschende Schatten. Seltsam, einer der Ratsherren sprach halblaut ein paar
-Strophen aus dem Lenauschen Gedicht »Der Postillon«:
-
- »Wald und Flur im schnellen Zug
- Kaum gegrüßt -- gemieden;
- Und vorbei, wie Traumesflug,
- Schwand der Dörfer Frieden.«
-
-Der glattrasierte alte Mann wollte keinerlei Rührseligkeit erzeugen, aber
-um so stärker und inniger griffen diese deutschen Laute an das Gemüt der
-Gefangenen.
-
-Ganz eigenartig, dachte Konsul Bark. Anstatt sich in unnütze Vermutungen
-über das sie erwartende Los zu ergehen, geben sich diese harten
-Geschäftsmenschen der Erinnerung an die halbvergessenen Poesien eines
-Dichters hin. Das entspricht wohl am tiefsten unserem Wesen.
-
-Und davon mitteilsamer gemacht, ergriff die Hand des Kaufmanns unbemerkt
-die Finger seiner Gefährtin, und während er sie tröstend drückte,
-fragte er sorgsam:
-
-»Liebes Kind, Sie sehnen sich gewiß nach Haus und Schwestern zurück,
-nicht wahr?«
-
-Aber die Antwort, die ihm wurde, ließ ihn vollkommen verstummen.
-
-»Oh nein, Herr Konsul, was würde denn aus Ihnen werden, wenn ich jetzt
-nicht für Sie reden und eintreten könnte? Ganz gewiß, ich freue mich
-furchtbar, daß auch ich einmal eine solche Wichtigkeit habe.«
-
-Fort ging es über die letzte Bodenwelle der Heimat, tief unter den von
-dannen Geführten blinzelten bereits aus dem großen dunklen verschlafenen
-Land einzelne Lichter der Fremde herauf.
-
- »Weiter ging's durch Feld und Hag
- Mit verhängtem Zügel;
- Lang' mir noch im Ohre lag
- Jener Klang vom Hügel.«
-
-
-
-
-II.
-
-
-Gewitterbange Wolken grollten über Maritzken dahin. Die russische
-Invasion, die zuerst nur in stoßweisen Überfällen sich einzelner
-Grenzstädte und des dazu gehörigen schmalen Hinterlandes bemächtigt
-hatte, schlug nun planmäßig in breiter Woge über das Land und grub
-ein weites fruchtbares Gebiet, das von arbeitsamen, ernsthaften und
-lernbegierigen Menschen erfüllt war, von seinem natürlichen Zusammenhang
-ab. Nicht nur wenige kecke Truppenkörper, sondern eine ganze Armee,
-deren Glieder eng miteinander verbunden waren, hatte jetzt ihren Vormarsch
-angetreten, und die Bewohner von Maritzken sahen in bunter Folge fast alle
-Waffengattungen ihrer Bedränger auf dem Durchzug bei sich einquartiert. In
-dem Herrenhause kampierte dann häufig die Generalität mit ihren
-Stäben. Elegante Herren, die in blitzenden Equipagen vorfuhren und deren
-anspruchsvolle Gewohnheiten noch nicht auf den Krieg eingestellt waren.
-Sie tauchten in der Nacht auf, entfesselten ein tolles Gewimmel,
-Feldtelegraphen spielten und Flieger senkten sich herab, um am nächsten
-Morgen fast spurlos wieder zu verschwinden. Von den deutschen Heerscharen
-aber hörte man vorläufig nur, daß sie sich damit begnügten, an den
-Grenzen des aufgegebenen Landes eine dünne Kette gezogen zu haben, die
-elastisch zurückprallte, sobald der Gegner mit eisernem Stoß gegen sie
-ausholte. Aber merkwürdig, nach dem Aufeinandertreffen fanden sich die
-metallenen Glieder wieder stets zusammen, und die dünne Kette hing
-noch immer störend und drohend vor dem weiteren Wege der Eroberer. Die
-vermaledeite eiserne Schnur sperrte auf eine geradezu lächerliche Art die
-Straße nach Berlin.
-
-Daher kam es, daß einzelne Etappen nicht weiter nach vorn geschoben
-werden konnten, sondern gezwungen waren, sich an ihren zuerst eingenommenen
-Standorten gewissermaßen anzusiedeln. Auch Fürst Fergussow war von diesem
-Los betroffen. Und obwohl das Stilliegen auf dem einsamen ostpreußischen
-Gutshofe dem verwöhnten Kavalier manchmal langweilig und unerträglich
-deuchte, so gab es doch auch Stunden, wo dem Sohne der halbasiatischen
-Großstadt das Verweilen in der frischen Landluft und in dieser gut
-geordneten Wirtschaft, deren Betrieb er hier und da sogar zu fördern
-versuchte, als eine Gesundung und ein Erwachen erschien. Außerdem --
-selbst in diesem weltvergessenen Winkel fanden sich ja für ihn gewisse
-heimliche Reizungen, die ihn nun einmal in lieblicher und lockender Gestalt
-verfolgten, wo er auch immer sich befand, mochte er sie verschmähen oder
-herbeiwünschen.
-
-Es war an einem Vormittag des Spät-August. Über dem herbstlich reifen
-Lande leuchtete einer jener glashellen Tage, wie sie in solch stiller,
-lautloser Melancholie und Herbheit nur das östliche Grenzgebiet kennt.
-Alles Kriegerische war von dem weißen Gutshofe heute verweht und
-abgestreift. Nur ein einzelner Dragoner hatte sein Pferd dicht an die
-Tränke gebunden, und während er ein heiteres Liedchen pfiff, striegelte
-er dem Tier achtsam das glänzend braune Fell. In der Luft klang ein
-Summen vorüberschwärmender Bienen, die blütenträchtig ihren Stöcken
-zustrebten, und dazwischen schlug manchmal das seltsame Gurgeln und die
-tiefen Kehllaute von ein paar unsichtbaren Lachtauben, die sich irgendwo
-unter den vollen Kronen des anstoßenden Gartens verborgen hielten. Hinter
-dem allen aber tönte unablässig das silberne Klirren der Sensen, die, von
-den fremden Eindringlingen geführt, ihre scharfe Schnittarbeit besorgten.
-
-Aber es war nicht dieser stille Gesang eines vorgetäuschten Friedens,
-der den Fürsten Fergussow so hartnäckig von dem Studium eines Bandes
-Hebbelscher Dramen ablenkte, dem er sich bis jetzt mit sichtlichem Genuß
-an dem offenen Parterrefenster seines Zimmers hingegeben. Nein, es war ein
-Bild, eine Darbietung, eine Szene, von der er mit lächelnder Ironie und
-ohne große Überhebung ahnte, daß sie allein für ihn, den einzigen
-Beschauer, gestellt würde. Mitten auf dem Hofe, gerade seinem Fenster
-gegenüber, war nämlich ein mächtiger blau und weiß gestrichener
-Balken eingerammt, und auf ihm erhob sich, fast in der Höhe des ersten
-Stockwerks, ein achteckiges Taubenhaus, auf dessen unterer Plattform sich
-im Moment die schneeweißen Bewohner drängten und wieder vertrieben.
-Wahrlich, die geflügelte Schar besaß einigen Grund dazu, denn unter
-ihnen, leicht an den Pfahl gelehnt, streute Marianne aus einem Körbchen
-dem beschwingten Volk einen goldgelben Regen von Weizenkörnern und Erbsen
-hin. Ein ewiges Flattern und Flügeln rauschte um die ebenmäßige Gestalt
-herum, und es bot einen heiteren und lockenden Anblick, wenn sich aus dem
-weißen Schneetreiben ein besonders keckes Tierchen auf der Schulter der
-blühenden Spenderin niederließ und es sogar duldete, daß sich das
-dunkle Haupt des Mädchens für eine Sekunde kosend an das weiche Gefieder
-schmiegte. Die goldenen Ströme flossen herab, und immer öfter wagten sich
-zwei bis drei zahme Tauben auf den gefällig gebogenen Arm.
-
-»Der Teufel selbst fürchtet sich vor dem Weibe,« dachte Dimitri
-Sergewitsch, indem er sich an ein russisches Sprichwort erinnerte. Er
-lehnte sich in seinen Fauteuil zurück und gab sich den Anschein, seine
-Lektüre eifrig weiter zu verfolgen. Allein die schwarzen Augen, die durch
-das Schneegewimmel hindurchleuchteten, zogen ihn stets von neuem von den
-gedruckten Blättern ab und zu sich herüber. »Ein verwünschtes Spiel,«
-fuhr es dem Gardeoffizier, der es doch gewohnt war, den ihm gereichten
-Becher auf den ersten Zug zu leeren, durch den Sinn. »Wie lange soll
-diese Neckerei noch dauern? Ist es wirklich möglich, daß ich die dumme
-Ehrfurcht vor der blonden Riesin, die jeden meiner Schritte mit ihren
-stahlharten blauen Augen belauert, nicht überwinden kann? Wie oft soll
-diese gefällige Hexe da drüben noch rufen? Es ist wahr, die deutsche
-Philosophie und die germanische Gründlichkeit machen mich allmählich
-bescheiden und mutlos.«
-
-Und er stützte den Arm auf das Fensterbrett und nickte dem schönen
-Geschöpf beifallspendend zu. Marianne grüßte wieder, verzog die Lippen
-zu einem Lächeln und wandte das Haupt ein wenig verlegen ab. Vor Männern,
-die ihre Einbildungskraft beschäftigten, zeigte sie fast stets ein solch
-verschämtes Lächeln, ›als ob sie sich jeden Augenblick zu entschuldigen
-hätte‹, dachte Fürst Fergussow, ›weil sie nackt und bloß dastehe‹.
-Und von diesem Gedanken entzündet, wurden die Augen des Obersten beredter
-und sprechender. Eine jener gefährlichen Unterhaltungen begann, die ohne
-Wort noch Zeichen die Urgründe der Natur aufwühlen und eine unverschämte
-Vertraulichkeit herbeiführen, die ein späteres Zurückweichen kaum
-mehr duldet. Langsam stieg eine feine Röte über die dunklen Wangen
-der Abgewandten, und ihre Hand, die das Futter streute, strich manchmal
-verstohlen über das durchbrochene weiße Gewand. Jetzt trafen die Blicke
-der Beiden für eine Sekunde tief und leuchtend aufeinander.
-
-»Warte,« dachte der Oberst am Fenster, während er äußerlich wieder
-seinen liebenswürdigen Gruß entbot, »diesmal schützt dich deine
-Walküre nicht mehr. Es wird ja nicht hinterher gleich ein Weltuntergang
-folgen. Nun, und wenn --« er zuckte leichtsinnig die Achseln -- »wer hat
-uns hier etwas zu gebieten? Im übrigen, die Schwarze sieht so aus, als
-ob sie kleine Geheimnisse zu bewahren verstünde. Nicht wahr, du heißes,
-trunkenes Geschöpf?« sprach es deutlich aus seinen Mienen.
-
-Und Marianne schlug die Augen nieder.
-
-Da trat etwas aus einem der weißen Wirtschaftsgebäude. Und kaum hatte der
-Russe die hohe Gestalt in dem blau und weiß gepunkteten Kleid erkannt,
-da versenkte er sich auffallend schnell in das von der Walküre entliehene
-Buch und schien von der tiefgründigen dichterischen Kraft, die sich hier
-entfesselte, derartig gepackt, daß er kein Wort von dem Disput auffing,
-der sich ganz in seiner Nähe zwischen den so verschiedenen Schwestern
-erhob. Mit ihrem festen gebieterischen Schritt hatte sich Johanna
-genähert. Ihre Rechte umklammerte weit ausgestreckt den hell
-angestrichenen Pfahl, und es sah prachtvoll aus, wie sie jetzt ihre Glieder
-reckte, um einen Moment finster ihr blondbezopftes Haupt zur Erde zu
-neigen.
-
-»Was soll diese Verschwendung von Futter?« fragte sie nach einer Weile
-ungehalten. »Geh, liebes Kind, auf dich wartet eine Arbeit, die du besser
-verstehst. Ich habe dir in deinem Zimmer einen Brief an unsere Schwester
-Isa niedergelegt, für dessen Besorgung ich Seine Durchlaucht, den Fürsten
-Fergussow, zu interessieren hoffe. Es wird dich gewiß drängen, einen
-Gruß anzufügen. Mach schnell.«
-
-»Die ewigen Tinten-Klecksereien,« widersprach Marianne gereizt, »es wird
-noch Zeit haben.«
-
-»Es hat keine Zeit,« damit hob Johanna das Haupt, und während ihr
-angespannter Arm noch immer das Holz nicht freigab, sprühte aus den harten
-blauen Augen ein Strahl der Verachtung. »Es ist wichtiger, wenn das arme
-Kind ein paar Tage früher eine Nachricht von uns erhält, als« -- sie
-warf den Kopf geringschätzig zur Seite.
-
-»Nun, als --?« nahm Marianne in unterdrücktem Zorn auf.
-
-»Als diese dummen Spielereien hier,« vollendete die Ältere, unbekümmert
-darum, ob der fremde Offizier etwa ihre Meinung und ihre Absicht verstehen
-könne.
-
-Da schleuderte die Schwarze das Körbchen mit einer sie entstellenden
-Gebärde des Abscheus mitten unter die auseinanderstäubenden Tauben,
-raffte ihr Kleid zusammen und lief stürmisch über den Hof. Aber selbst
-in diesen Bewegungen einer ungewollten Wildheit verleugnete sich der ihr
-eigene Reiz so wenig, daß durch dieses Dahinstürmen sogar ein zweiter
-Beobachter, von dem die Enteilende in der Tat gar nichts ahnte, in eine
-dumpfe Verzweiflung versetzt wurde.
-
-Hinter den Gardinen, an einem der Fenster des oberen Stockwerkes, hatte
-sich nämlich während dieser ganzen Zeit ein bärtiges Männergesicht
-abgezeichnet. Zuweilen war auch an dem durchbrochenen Tüll von einer
-Faust heftig gezerrt worden. Jetzt aber wurde der Stoff rücksichtslos
-zurückgeworfen, und das krankhaft eingefallene Antlitz des Rittmeisters
-Sassin preßte sich hartnäckig gegen das Glas. Dann bog der Kranke seine
-Arme nach rückwärts, um in aufspringender Wut auf dem schmerzenden
-Rücken herum zu hämmern.
-
-»Daß man das mit ansehen muß,« hüstelte er und wankte matt durch
-die kleine Stube. »Unser großer Suworow hatte recht, die Kugel ist eine
-Närrin. Sie trifft immer den Falschen. Nein, nein, mein Anstand sträubt
-sich gegen einen solchen Skandal. Man muß ihn abwenden. Man muß ihn
-durchaus ans Licht ziehen.« Und er warf sich auf das kleine Sofa,
-schleuderte Kissen und Decken mitten auf den Estrich, und aus seinen
-großen verzweifelten Kinderaugen perlten wirkliche Tränen.
-
-Inzwischen klopfte es an die Tür des Fürsten Dimitri. Dieses harte und
-energische Pochen kannte Seine Durchlaucht allmählich. Es verursachte ihm
-stets einen leichten Schrecken. Beim Zeus, es war zum mindesten seltsam,
-wie sehr es dieses blonde Germanenweib verstanden hatte, beständig eine
-Art ehrfürchtigen Respekts bei ihm wach zu erhalten. Wenigstens so lange
-sie mit ihm in ihrer geschäftlichen, nüchternen Weise sprach. Sie hatte
-dann eine solche selbstverständliche abgegrenzte Ruhe, und sie bewegte
-sich stets in so sachlichen und dem Tage angehörenden Erörterungen, daß
-es dem gewandten Weltmanne schändlich dünkte, diese hausbackene Gradheit
-irgendwie zu anderen Gedanken zu drängen. Und doch, manchmal wunderte sich
-der Fürst und gestand sich zu, daß jene langweiligen und grundgescheiten
-Deutschen doch wohl imstande seien, selbst einem erfahrenen Menschenkenner
-einige Rätsel aufzugeben. Wie kam es zum Beispiel, daß ein derartig an
-das Praktische und Gewöhnliche gebundenes Geschöpf in den wenigen
-Stunden seiner Muße eine Lektüre bevorzugte, die selbst ihm, dem
-überall herumschwärmenden Kunstliebhaber, wegen ihrer Tiefe und grausamen
-Unerbittlichkeit ein leichtes Frösteln einjagte?
-
-Zu närrisch. Jedenfalls eines war sicher: zum erstenmal in seinem Leben
-ertappte sich der leichtfertige Held der Petersburger Boudoirs darauf, wie
-er ängstlich bemüht war, jeden unstatthaften Gedanken gegenüber
-diesem Weibe, das ihm doch so nahe weilte, sofort wenn er auftauchte,
-zu unterdrücken. Und doch konnte er es nicht hindern, daß in ihrer
-Abwesenheit die stolze kraftgebändigte Fülle ihrer Erscheinung
-ihn ängstigte und beunruhigte. Ja, in den Träumen dieser heißen
-Augustnächte war es dem bedrückt Atmenden schon öfter vorgekommen, als
-habe ein entsetzliches Ringen zwischen ihm und den schweren Gliedern der
-Germanin angehoben.
-
-An der weißen Tür wiederholte sich das Pochen, und Fürst Dimitri sprang
-auf und legte sorgsam sein Buch auf die aufgeschlagene Seite. Dann rief
-seine klangvolle Stimme: »=Entrez=.«
-
-»Ah, mein gnädiges Fräulein,« fuhr er fort, als er die hohe Gestalt
-seiner Gastgeberin gewahrte, und sofort sammelte sich auf seinen Zügen
-jener sonnige Glanz, der dem ernsthaften Mädchen von Anfang an so
-unverständlich geblieben war, »welcher wirtschaftlichen Berechnung
-verdanke ich heute das Glück Ihres Besuches? Ich hoffe, es ist nichts
-geschehen, was gegen mein Versprechen des strengen Ordnunghaltens
-verstößt?«
-
-»Doch, Durchlaucht,« entgegnete unbeirrt Johanna, die einen kleinen
-Zettel hervorzog und dabei die auf einen Sessel deutende Handbewegung des
-Offiziers übersah. »Und in diesem Falle wird mir der Weg nicht leicht.«
-
-»Das bedaure ich außerordentlich, verehrtes Fräulein. Ich denke, ich
-habe in meiner schwierigen Position nichts versäumt, was mir Ihr Vertrauen
-hätte erwerben können. Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?«
-
-»Oh danke, Herr Oberst.«
-
-Dimitri verzog ein wenig den sprechenden Mund.
-
-»Nun dann offenbaren Sie mir wenigstens Ihre Beschwerden,« sprach er
-rascher, denn es verletzte ihn, daß sich diese Nemza eine Verhandlung mit
-ihm nie ohne Anklagen denken zu können schien. »Welche Schandtaten haben
-wir wieder begangen?«
-
-Der seltsam betrübte Ton des hübschen Menschen wollte ein Lächeln auf
-die Lippen Johannas zaubern -- und der Fürst sah diesen strengen Mund
-sehr gern sanfter werden -- aber die Erinnerung daran, wie das Treiben
-und Wirken der Fremden in all seiner Verachtung und Verständnislosigkeit
-wirklich ein unfaßbares Unglück für ihr Land bedeute, all das verjagte
-die aufspringende Heiterkeit vollkommen. Über ihre Stirn legte sich eine
-leichte Falte. Und sie sah jetzt älter aus, wie bisher.
-
-»Es sind durchaus keine Schandtaten, Durchlaucht,« begann sie
-gefaßt, »sondern wohl mehr Versäumnisse. Aber da es sich um eine
-Geldangelegenheit handelt, -- --«
-
-»Eine Geldangelegenheit?« rief der Fürst, sie anstarrend, dazwischen.
-»Und die wollen Sie mit mir besprechen? =Fi donc!=«
-
-Aber Johanna ließ sich nicht aus ihrer Ruhe schrecken.
-
-»Ich habe erwartet,« fuhr sie einfach fort, »daß Sie mein Begehren
-wahrscheinlich sehr absonderlich finden würden. Ich bin auch vollkommen
-auf eine Abweisung vorbereitet.« --
-
-»Oh bitte!«
-
-»Aber ich bin es der Verwaltung, die ich hier führe, und meinen
-Schwestern schuldig, wenn ich mich bis zum Äußersten einer
-Benachteiligung widersetze.« Hier hob das blonde Mädchen den Zettel
-ein wenig und schien ein paar Zahlenreihen zu durchfliegen. »Durchlaucht
-werden sich erinnern,« sprach sie rasch weiter, »daß mir hier gleich zu
-Anfang zugesichert wurde, es würde jede Entnahme bar bezahlt werden.«
-
-Fürst Fergussow ließ sich langsam in seinen Sessel gleiten. Es war nicht
-zu leugnen, er fand alles, was die Nemza jetzt vorbrachte, ja ihre ganze
-Art, abscheulich. Wie taktlos sich die deutschen Frauen gebärden konnten.
-Eine solche Schacherei hätte eine vornehme Russin sich niemals zugemutet.
-Und die hölzerne Walküre schien ihr Beginnen zu alledem noch für ein
-lobenswertes Werk zu halten. =Fi donc -- fi donc!=
-
-»Soweit mir erinnerlich,« sammelte er sich endlich, wobei er sein
-Mißfallen mühsam zu verbergen suchte, »soweit mir erinnerlich, hat mein
-Regimentszahlmeister hier wöchentlich eine Abrechnung gehalten. Sollte
-dabei vielleicht etwas übersehen worden sein?«
-
-»Allerdings, Durchlaucht.« Johanna schritt dicht bis an das Fenster
-und legte ihren Zettel gerade auf das Buch. »Es betrifft nicht, wie Sie
-vielleicht zu meinen scheinen, Speise und Trank, sondern etwas, was in
-einer Landwirtschaft das Wichtigste bedeutet.«
-
-»Und was ist das?«
-
-»Getreide. Man hat mir hier fast den größten Teil meiner Hafer- und
-Roggenbestände gemäht und fortgefahren, -- ja, noch heute können Sie
-Ihre Leute hinter dem Garten sensen hören -- ohne daß man mir auch nur
-das Quantum oder die Zentner-Anzahl gemeldet hätte. Dagegen möchte ich
-jetzt bei Ihnen Einspruch erheben.«
-
-»Bei mir! Ah, was Sie sagen!« Der Fürst schlug das Bein leicht über das
-andere, sah auf seine glänzenden Lackstiefel herunter und bemühte sich,
-seine totale Ahnungslosigkeit nicht allzu sichtbar werden zu lassen.
-
-»Ich berechne mir meinen Schaden auf etwa 8-10000 Mark.«
-
-»So, so,« sagte der Fürst gleichgültig, »das bedeutet ja nicht viel.«
-
-Hier entstand eine Pause. Die blauen Augen der Deutschen vergrößerten
-sich immer mehr, und dem ungemütlich hin und her rückenden Offizier
-war es so, als hätte er noch nie in seinem Leben eine so derbe Lektion
-empfangen, als sie sich in dem hartnäckigen Schweigen der Nemza aussprach.
-Endlich rang sich die Blonde eine Erwiderung ab.
-
-»Durchlaucht,« sagte sie bitter, »ich kann vollkommen begreifen, daß
-einem Manne, der vielleicht an einem Abend diese Summe auf eine einzige
-Karte setzt, -- -- --«
-
-Fürst Dimitri vollführte eine lebhafte Bewegung. »Oh =pardon=, Sie
-täuschen sich, mein Fräulein,« entgegnete er hastig, »ich huldige dem
-Spiel nicht mehr. Längst darüber hinaus. Im Grunde eine geistlose und
-alberne Unterhaltung.«
-
-»Darüber habe ich nicht zu urteilen,« lehnte Johanna frostig ab, »ich
-wollte Ihnen nur bemerken, daß in meinem Einkommen dieser Posten eine
-bedeutende Rolle spielt.«
-
-Der Fürst stand auf, blickte ungewiß nach dem Schreibtisch und begann
-dort mit dem Schlüssel eines Faches zu spielen.
-
-»Ich verstehe wirklich nicht,« meinte er endlich unsicher, »warum
-sich die Regimentskasse nicht schon längst mit Ihnen abfand. Sie können
-überzeugt sein, dieses Hinauszögern entspricht durchaus nicht meinen
-Wünschen. Nur müssen Sie entschuldigen,« fuhr er stockend fort, und die
-aufrichtige Verlegenheit kleidete den hohen Herrn wirklich allerliebst, --
-»da ich niemals gewohnt war, meine Schatulle selbst zu führen, so weiß
-ich eigentlich nicht -- -- obwohl ich im Grunde nicht einsehe, was
-es Peinliches für Sie besitzen könnte, wenn ich mir erlaubte, diese
-Bagatelle selbst zu regeln. Das heißt, Sie müssen recht verstehen,«
-setzte er eifrig hinzu, als er die großen blauen Augen auf sich gerichtet
-fühlte, »ich verauslage die paar Rubel natürlich nur. Es ist in der
-Tat nicht der Rede wert, und Sie bereiten mir wirklich eine große Freude
-damit, den Fehler unserer Verwaltung etwas zu verkleinern. Nicht wahr, ich
-darf auf Ihre Zustimmung rechnen?«
-
-Die geschmeidige Gestalt des jungen Mannes stand jetzt hinter dem
-Schreibtisch, wo er langsam und geräuschlos eine der Laden aufzog. Das
-helle Sonnenlicht, das in breiter Bahn schräg durch die Seitenfenster
-hereinbrach, spielte auf seinen edlen klassischen Zügen und streute grelle
-Goldringe auf sein welliges braunes Haar. Betroffen starrte Johanna zu ihm
-herüber.
-
-Da -- da war es wieder! Die einfangende Erscheinung tauchte abermals auf.
-Das Bild aus ihrer Schlafkammer hatte Leben gewonnen, und das merkwürdig
-werbende, bittende Lächeln dieses feinen Mundes erregte in dem besonnenen
-Landfräulein ein solch schreckhaftes Entsetzen, daß ihr alles andre für
-eine Weile entglitt. Erst als die schmale Hand des Aristokraten eine Reihe
-fremdartiger Kassenscheine aus einem weichen juchtenledernen Portefeuille
-zu ziehen begann, da strömte ihr Leben und Überlegung zurück, und ein
-Widerstand, den sie sich in ihrer Verwirrung nicht zu deuten vermochte,
-lehnte sich gegen die Hilfsbereitschaft des vornehmen Herrn auf. Was
-wünschte sie eigentlich? Es war doch so selbstverständlich, daß sie das
-Entgelt für ihr entwendetes Eigentum annahm? Und doch, die Abneigung, die
-sie widerspruchsvoll erfüllte, litt es nicht. Eine tiefe Röte stieg in
-ihre Wangen, als sie mit sich kämpfend hervorstieß:
-
-»Verzeihen Sie, Fürst Fergussow -- ich möchte mir Ihren Vorschlag erst
-noch überlegen. Er verpflichtet mich Ihnen gegenüber so eigenartig, ich
-kann mich in die neu geschaffene Lage vorläufig durchaus nicht finden. Sie
-werden das begreifen.«
-
-Damit verneigte sie sich und wandte sich ohne weitere Förmlichkeit zur
-Tür. Es war beinahe ein Flüchten. Aber ein helles Lachen, das hinter ihr
-aufklang, hielt sie noch einmal zurück. Der Fürst hatte das Portefeuille
-achtlos auf den Schreibtisch geworfen, und in seinen dunklen Augen
-glitzerte es vor Spott und Ironie, als er jetzt leichtfüßig hinter der
-Abgewandten hereilte. Ja, in dem Bestreben, sie nicht völlig entweichen
-zu lassen, griff er nach ihrem Arm. Es war das erste Mal, daß er
-sie berührte. Und Johanna war es wieder, als dürfe sie eine solche
-Beleidigung nicht dulden. Heimlich zitterte sie vor Scham, weil sie vor
-diesem eleganten Laffen ihre Sicherheit nicht finden konnte.
-
-»Aber mein verehrtes Fräulein,« spottete Fürst Dimitri, »was sind das
-für spitzfindige Grübeleien? Ganz Ihr Landsmann Hebbel.« Er wies lachend
-nach dem Buch auf dem Fensterbrett. »Wer weiß, gegen welches System ich
-nun wieder verstoße. Wenn es Sie aber beruhigt, dann werde ich natürlich
-den unsichtbaren Zahlmeister herkommandieren, und Sie können sich mit ihm
-in die geheimnisvollsten Rechnungen vertiefen.«
-
-»Ja, es ist mir lieber so,« stimmte Johanna zu.
-
-»Vortrefflich. Und nun, meine Gnädigste, um nicht ebenfalls in den
-Verdacht zu geraten, mit fremdem Eigentum zu liebäugeln, so gestatten Sie
-mir wohl, Ihnen Ihren tiefgründigen Poeten wieder auszuhändigen.« Er
-griff nach dem Buche auf dem Fensterbrett und reichte den Band mit
-einer leichten Verneigung seiner Besitzerin. »Eine eigenartige Affäre
-übrigens, diese Judith-Angelegenheit,« sprach er angeregt weiter, und im
-Moment überfiel ihn der seltsame Einfall, als ob diese große Nemza
-mit einem blinkenden Schwert vor ihm aufrage. »Es ist schauderhaft, mit
-welcher philosophischen Gründlichkeit diesem armen Barbaren die Gurgel
-abgeschnitten wird. Der verschlafene Tropf kam ja gleichfalls etwa aus
-unseren Gegenden. Wenn man sich das so recht überlegt, sollte man sich
-vielleicht doch ein wenig mehr vor Ihnen in acht nehmen.«
-
-Johanna fuhr auf. Und in grenzenlosem Erstaunen kam es aus ihr heraus:
-»Vor mir? Welchen Grund hätten Sie dazu? Wir beide haben doch nichts
-miteinander abzumachen.«
-
-»Gott,« -- Dimitri Sergewitsch sah die Unmöglichkeit ein, mit dem
-starren Geschöpf zu einer Plauderei gelangen zu können. Die großen
-blauen Augen blieben einmal hart und empfindungslos. Offenbar vergaß
-sie nie, daß sie einem fremden, im Augenblick überfallenen und
-zurückgedrängten Volksstamm angehöre. Man tat zweifellos gut daran, sie
-auf ihrer dumpfen, kleinbürgerlichen Bahn zu lassen -- »Gott,« zuckte
-der junge Mann bereits etwas abgekühlter die Achseln, »ich bin doch nun
-einmal, was man mit einem sehr unvollkommenen Ausdruck ›Landesfeind‹
-nennt. Ich liege hier mitten in Ihrem Machtbereich, wo ich mich übrigens
-sehr wohl befinde, und wenn man Sie so sieht, mein Fräulein, so groß,
-entschieden und voll nachdenklicher Energie --«
-
-»Was dann?«
-
-»Dann könnte man vielleicht zu dem Entschluß gelangen, eine Leibwache zu
-halten oder des Nachts das Zimmer fester zu verschließen.«
-
-Johanna starrte den Sprechenden an. Dann versetzte sie hart und kurz,
-während sie bereits die Tür öffnete:
-
-»Sie scherzen natürlich. Etwas Derartiges haben Sie vorläufig nicht von
-mir zu befürchten.«
-
-»Ah, vorläufig,« wiederholte Dimitri verblüfft und strich spielend
-über sein braunes Haar. »Ihre Enthüllung interessiert mich ungeheuer,
-gnädiges Fräulein. Sind Sie denn so ganz ohne Haß gegen mich?«
-
-Die Blonde blieb ernsthaft.
-
-»Das nicht,« entgegnete sie wahrheitsgemäß und blickte zu Boden,
-»aber Sie müssen als Ausländer die Frauengestalt des deutschen Dichters
-mißverstanden haben. Mein Urteil ist natürlich gar nicht maßgebend, aber
-ich meine doch, die Judith handelte aus anderen Beweggründen.«
-
-»Und darf man die nicht erfahren?« fragte Fürst Fergussow gespannt.
-
-»Das hat keinen Zweck,« schnitt das Mädchen entschlossen ab, »ich
-könnte auch gar nicht ausdrücken, was ich meine.« Und in ihren gewohnten
-und frostigen Ton zurückfallend, forschte sie: »Haben Sie sonst noch
-Wünsche oder Befehle für mich, Durchlaucht?«
-
-Der Russe verschränkte seine Hände und führte mit ihnen eine
-verzweifelte Bewegung gen Himmel aus.
-
-»Ja, liebstes Fräulein,« rief er lebhaft, »Himmel und alle Heiligen,
-ich wünschte von Herzen, Sie einmal lächeln zu sehen.«
-
-Johanna stand schon auf der Schwelle.
-
-»Dazu habe ich leider keine Ursache,« entgegnete sie unbeirrt. »Guten
-Morgen, Durchlaucht.«
-
-»=Bon jour, bon jour=,« rief der Fürst wie befreit hinter ihr her.
-
-Und sich in den Schreibtischsessel werfend, riß er eine Karte hervor und
-studierte alle Straßen, die von diesem Gut fortführten. Der Aufenthalt
-auf Maritzken gehörte nicht immer zu den Annehmlichkeiten des Daseins.
-Kurze Zeit darauf rief er nach seinem Pferd, und Johanna, die eben
-die Gartentür öffnete, sah, wie er auf dem weißen Tier die
-sonnenüberglänzte Chaussee dahinsprengte. Der Säbel mit dem goldenen
-Griff, der ihm von der Schulter hing, prallte an die Weichen des Rosses,
-und der leicht vorgebeugte Reiter klopfte dem strahlenden Schimmel kosend
-den Hals.
-
-Er hatte immer etwas Schmeichlerisches.
-
- * * * * *
-
-Die Hitze lag jetzt wie ein heißer, silberglänzender Schild auf den
-trockenen Steinen des Hofes. Man mußte die Augen schließen, um den
-herumschwirrenden spitzen Lichtpfeilen zu entgehen.
-
-Bedrückt atmend schritt das Gutsfräulein tiefer in den Schatten des
-Gartens. Sie konnte sich ja jetzt öfter eine Erholung gönnen, seitdem
-diese Asiaten ihr geregeltes Tagewerk auseinandergeschlagen hatten.
-Mit einer geheimnisvollen Kraft zog es sie bis zu dem dicht umbuschten
-Grenzgraben, von wo sie dem Klirren der Sensen lauschen wollte. Es war doch
-ein gewohntes Geräusch, wenn es auch nicht mehr auf ihr Geheiß und
-zu ihrem Nutzen laut wurde. Dicht an der ausgetrockneten Wasserscheide,
-zwischen den braunen schlangenhaften Stämmen eines wild verschlungenen
-Haselnußgestrüpps, stand eine Bank. Vom herabdringenden Regen war sie
-halb vermorscht, grüne Moosfleckchen hatten sich an der Rücklehne
-fest angesiedelt, und Johanna erinnerte sich kaum, daß sie jemals jene
-Sitzgelegenheit benutzt. Jetzt aber trat sie unter das schattenspendende
-Blätterdach und ließ sich auf dem breiten Brett nieder. Eine Weile
-schloß sie die Augen. Sie war müde von all dem Widersprechenden, an das
-sie zu denken hatte. Jedoch kaum senkte sie ihre Lider herab, so tauchten
-auch schon wie hinter einem grünschwarzen Vorhang jene Gestalten auf,
-hinter denen ihre Einbildungskraft beständig herjagte. Sie sah ihre
-Schwester Isa und Konsul Bark in der russischen Grenzstadt, in deren
-verräucherten Mauern sie selbst noch vor kurzem geweilt, und ihr Herz
-schlug laut, wenn sie sich vorstellte, welch ein Schicksal den beiden dort
-bereitet werden könnte. Oh, diese Ungewißheit! Ob man jemals wieder von
-den Fortgeschleppten etwas hören würde? Vielleicht gelang es doch dem
-Fürsten, bei dem Nachdruck, den ihm sein Name verlieh, eine Erkundigung
-einzuziehen. Und er, der sich stets so glatt und willfährig zeigte,
-der feine Weltmann, der für die Wünsche einer Dame fast niemals eine
-Weigerung hatte, obwohl er sich gewiß nicht das geringste dabei dachte,
-er würde sicherlich auch ihrem Verlangen mit seiner geschmeidigen
-Bereitwilligkeit dienen. Es lag eigentlich etwas Verletzendes in seiner
-überhöflichen Art. Etwas bewußt Überhebungsvolles, als lohne es sich
-gar nicht, auf die Eigenart fremder Naturen näher einzugehen. Dem großen
-Herrn bedeutete es genug, wenn er mit seinem strahlenden Lächeln
-und namentlich ohne langen Disput den ihm nahenden Bittstellern eine
-Gefälligkeit erweisen konnte, die ihn im Grunde genommen nichts kostete.
-
-Die Blonde fuhr empor, ihre Augen öffneten sich weit. Sie sagte sich
-nicht, daß sie selbst jede Unterscheidung für andere Art und fremdes
-Volkstum verloren, sie empfand nur einen brennenden Haß, der immer
-stärker über ihr zusammenschlug. Wie geringschätzig der schöne Mann
-gelächelt hatte, als er den unpassenden Vergleich zwischen ihr und der
-bluttriefenden Jüdin gezogen, die mitten in der schmerzhaftesten Wollust
-ihrem Bezwinger, nach dem sie sich doch sehnte, das Haupt nahm. Zu ihrer
-eigenen Strafe, um sich selbst und ihre Raserei und ihr ganzes früheres
-Leben damit zu töten, dachte die Einsame.
-
-Der Sitzenden sanken die Arme herunter, mit einem harten Entschluß reckte
-sie sich auf, und um ihren Mund lagerte sich ein verächtliches Lächeln.
-Also bis zu solchem Widersinn, bis zu solch häßlichen Torheiten konnte
-man durch das Gefühl der Bedrückung und des Unterworfenseins getrieben
-werden. Es war einfach schmählich, auf den gleichgültigen und fremden
-Mann so viel schwächliches Nachdenken zu verschwenden. Was hatte sie
-überhaupt hier zu suchen? Ach ja, nach den sensenden Soldaten hatte sie
-ausspähen wollen. Langsam bewegte sie sich auf das Erlengestrüpp der
-Wasserscheide zu und zog ein paar Zweige auseinander.
-
-Da fuhr sie heftig zurück.
-
-Auf dem jenseitigen Ufer, schon auf den abgemähten Stoppeln, lagen fünf
-bis sechs Männer auf dem Rücken, kehrten ihre rotflammenden Gesichter der
-Sonne zu und schliefen. An ihren zerfetzten, schmutzigen Hemden, die die
-verbrannte Brust offen ließen, und den zerlumpten und zerschlissenen
-Beinkleidern erkannte der geübte Blick des Landfräuleins sofort eine
-zusammengetriebene Horde von Landstreichern oder Knechten, die von den
-Russen irgendwie zu ihrer Arbeit ohne großes Entgelt gezwungen wurden.
-Aber das, was die Aufmerksamkeit der Gutsbesitzerin so besonders fesselte,
-daß sie sich immer weiter vorbeugte, damit ihr nichts mehr entgehen
-konnte, das gipfelte in einem Umstand, der auch in harmlosen Friedenszeiten
-ihr Befremden erregt hätte. Einer dieser Landstreicher nämlich hatte
-gerade in dem Moment, wo Johanna ihre Hand zwischen die Blätterwand
-streckte, seinen blank geschorenen Schädel, in dessen Schweiß sich die
-Sonne spiegelte, über die Schar seiner schnarchenden Genossen erhoben, und
-es dünkte die Beobachterin auffällig, mit welch spähendem Interesse der
-Mensch den Schlummer der anderen zu prüfen schien. Was bedeutete das?
-
-Manchmal pfiff der Bursche ziemlich laut vor sich hin, um gleich darauf
-sein Haupt wieder in die Stoppeln einzuwühlen, als wollte er abwarten, ob
-seine Gefährten das Geräusch vernommen hätten. Allein nichts regte sich
-um ihn, und nach einiger Zeit sah Johanna, wie der Zerlumpte, schlangenhaft
-auf dem Boden kriechend, seinen Körper gegen die Wasserscheide zuwälzte.
-Einen Augenblick lang wollte sie Furcht beschleichen, aber durch ein ganzes
-Leben daran gewöhnt, hier auf ihrem Grund wie ein Mann zu walten, zwang
-sie sich ihre alte Fassung ab, um mit immer lauter werdendem Herzklopfen
-das weitere Gebaren des Fremden zu verfolgen. Jetzt war der Landstreicher
-an dem Graben angelangt. Hier blieb er eine Weile starr und regungslos
-liegen, und nur Johanna merkte, wie seine Beine ganz allmählich eine
-Schleife ausführten, bis die Gestalt des Burschen sich wagerecht dem
-Grabenlauf anschmiegte. Die hohen Halme des Unkrauts, das hier wuchs,
-bedeckten ihn fast.
-
-Plötzlich rollte der Körper in den Schlamm des Grabens herab.
-
-Johanna schrie leise auf und wartete. Jedoch sei es, daß der Fremde durch
-ihren Ruf erschreckt war, oder ob er sich dem weichen Morast nicht leicht
-entwinden konnte, jedenfalls dauerte es bange Minuten, bevor die Blonde den
-kahlen Schädel, der jetzt vollkommen mit grünen Linsen übersät war, in
-scheuer Zurückhaltung in dem Gebüsch zu ihren Füßen auftauchen sah.
-Der Landstreicher jedoch schien sie sofort zu erkennen, anders wenigstens
-vermochte sich die Sprachlose die warnende Bewegung nicht zu erklären, mit
-der der schwarze, triefende Bursche seinen Finger an den Mund hob.
-
-»Fräulein Grothe,« keuchte eine Stimme, die Johanna sich bestimmt
-erinnerte, schon gehört zu haben.
-
-»Um Gott, wer sind Sie?«
-
-Inzwischen hatte der Unbekannte seinen Leib völlig durch das Gebüsch
-geschoben, so daß er nun auf den Knien vor dem Mädchen lag. Jetzt sprang
-er trotz der überstandenen Anstrengung elastisch auf die Füße. Sein
-Antlitz war durch den Schmutz des Feldes und den Morast des Grabens
-gleichsam mit einer schwarzen Larve bedeckt, und doch schoß Johanna bei
-dem Anblick dieser schlanken Glieder eine blitzartige Erinnerung auf.
-
-»Fritz Harder, sind Sie es?« stammelte sie unentschieden.
-
-Der Fremde reichte ihr die Hand, zog sie aber im nächsten Moment mit einem
-matten Lächeln wieder zurück, als er die Verunreinigung seiner Finger
-bemerkte. Dann ließ er sich auf die Bank nieder, und indem er sich
-angelegentlich das rechte Knie rieb, das wohl durch das Kriechen einige
-Risse und Schürfungen empfangen hatte, fragte er plötzlich, indem er sich
-leicht nach der Richtung des Herrenhauses umwandte:
-
-»Steht alles gut bei Ihnen, Johanna? Sind Sie alle wohlauf? Ist niemand in
-dieser schlimmen Zeit etwas Böses zugestoßen?«
-
-Niemals zuvor war die Gutsbesitzerin von dem nachdenklichen jungen Offizier
-mit ihrem Vornamen angeredet worden. Aber als sie jetzt, umgeben von der
-nahen Gefahr, in der dunklen verschlungenen Haselnußlaube weilten, fand
-die Blonde das Benehmen des jungen Mannes ganz natürlich. Und einer
-mütterlichen Wallung unterliegend, und ohne Rücksicht auf ihre saubere
-Kleidung, strich sie ihrem atemschöpfenden Gefährten aufmunternd über
-die schmutzige Wange. Dann flog die Rede zwischen ihnen hin und her.
-
-»Nein, Fritz, es ist niemand von uns etwas zugestoßen. Niemand,« setzte
-sie mit besonderer Betonung hinzu, da sie die dunklen Augen des Offiziers
-so beharrlich ihr Wohnhaus suchen sah, »nur meine Schwester Isa ist
-bis jetzt nicht zu uns zurückgekehrt, und wir leben daher in schwerer
-Besorgnis.«
-
-»Das weiß ich, Fräulein Grothe, das weiß ich. Sie müssen nicht
-glauben, daß wir uns so ganz ohne Kenntnis über die hiesigen Zustände
-befinden. Oh nein, wir wissen weit mehr, als sich diese Eisbären träumen
-lassen. Sie sehen ja, wir spazieren hier sogar ganz ungeniert in ihren
-Linien herum.«
-
-»Ja, um alles in der Welt, Fritz, -- verzeihen Sie, wenn ich danach frage
--- aber was haben Sie denn hier vor? Was bedeutet Ihr abscheulicher Aufzug?
-Sie sind doch nicht etwa als Spion hierher geschickt?«
-
-Jetzt zuckte der triefende junge Mensch unwillkürlich zusammen. Das
-schonungslose Wort schien ihn für eine Weile zu verdüstern. Schwermütig
-verzog er die Augenbrauen und starrte eine Zeitlang auf den braunen
-Lehmboden zu seinen Füßen.
-
-»So müssen Sie meine Tätigkeit nicht bezeichnen, liebes Fräulein,«
-sagte er endlich ruhig. »Ich habe es mir gründlich überlegt, ehe ich
-mich zur Ausführung dieses Befehls meldete. Denn es gehört einer dazu,
-der -- --« Hier stockte der Redende, als hätte er schon zu viel
-geäußert.
-
-»Was Fritz, erklären Sie sich deutlicher!«
-
-Der junge Mann aber warf die Rechte abschneidend durch die Luft.
-
-»Nichts,« entgegnete er besonnen und lächelte zuversichtlicher. »Ich
-darf selbst Ihnen wirklich nicht mehr verraten, liebe Johanna. Es geht ganz
-gegen die Ordre. Aber wenn Sie vielleicht eine alte Uhr zum Reparieren für
-meinen Quartierwirt Adameit mitzugeben haben,« fuhr er mit gutmütiger
-Neckerei fort, »dann will ich sie dem alten Tausendkünstler pünktlich in
-die Hände liefern.«
-
-Johanna traute ihren Ohren nicht.
-
-»Um Himmels willen,« brachte sie mühsam hervor, und eine jäh
-aufspringende Angst veranlaßte sie durch die Lücken des Geästes nach
-allen Seiten hinauszuspähen, »Sie glauben doch nicht, daß Sie durch die
-vielen Tausende hier ungefährdet bis in die Stadt gelangen werden?«
-
-»Das hoffe ich allerdings bestimmt,« gab der Sitzende unerschüttert
-zurück; »und auf Grund eines von dem hiesigen Etappenkommandanten
-ausgestellten Arbeitscheines werde ich sogar mit den größten Ehren
-empfangen werden.« Er fuhr in seine Brusttasche und zog einen Fetzen
-bestempeltes Papier hervor. »Sehen Sie, Fürst Dimitri Sergewitsch
-Fergussow -- hier steht es -- bestätigt dem Arbeiter Paul Bramschek usw.
-Wenn es nichts Wichtigeres zu verrichten gäbe, könnte ich sogar
-hier bleiben und heute nacht unter Ihrer Obhut diesen russischen
-Prinzen -- --« er spreizte beide Hände und machte die Gebärde des
-Erwürgens.
-
-Johanna wurde dunkelrot.
-
-»Großer Gott,« flüsterte sie, ohne ihre Besinnung wieder erlangt zu
-haben, »Sie müssen hier fort. Denken Sie nur, welch ein Unglück Sie auf
-uns alle herabbeschwören könnten.«
-
-Kaum hatte das Mädchen eine Spur von Besorgnis geäußert, als der junge
-Mann sofort seinen Platz auf der Bank aufgab und sich zum Gehen anschickte.
-
-»Sie haben ganz recht, Johanna,« pflichtete er ernsthaft bei, »in der
-Freude Sie zu sehen und zu hören, hatte ich ganz vergessen, daß es üble
-Folgen haben kann, mit mir in einer Unterhaltung getroffen zu werden. Leben
-Sie wohl, Fräulein Grothe, und Sie brauchen keinem zu sagen, daß ich hier
-war. Sie verstehen mich, keinem, ohne Ausnahme.«
-
-Da stieg es heiß in dem großen Mädchen auf. Beide Hände legte sie dem
-von Unrat Übergossenen fest auf die Schultern. Und während ihre ehrlichen
-Augen die seinen suchten, preßte sie sich ab:
-
-»Nein, bleiben Sie noch, Fritz; eines müssen und dürfen Sie mir
-anvertrauen: wie steht es bei uns dort draußen? Müssen wir jede Hoffnung
-aufgeben, in die gewohnten und lieben Zustände zurückzukehren? Wann wird
-das Unheil, das sich hier breit macht, fortgefegt? Denn es ist ein Unheil,
-Fritz, es ist ein großes Unheil.«
-
-Der in Lumpen und Fetzen gehüllte junge Mensch wandte sich auf ihren
-verzweifelten Ruf plötzlich voll zu ihr, und ein sonderbares Leuchten und
-Strahlen überglänzte seine eingefallenen, verhärmten Züge.
-
-»Fräulein Grothe,« begann er endlich, und er preßte beide Fäuste
-zusammen, als könne er die Fülle, die er in sich barg, nicht anders
-bändigen, »unsere dünnen Reihen wurden jammervoll zugerichtet, und wir
-sind von weiten Landstrichen verdrängt worden. Aber was sich jetzt bei
-uns vorbereitet, glauben Sie mir, das wird und kann nicht fehlschlagen. Sie
-werden nicht mehr lange mit Ihrem Prinzen an einer Tafel sitzen, verlassen
-Sie sich darauf,« stieß er heftig hervor, und aus dem verunreinigten
-Gesicht blitzten die weißen Zahnreihen so wild und begierig, daß sich
-Johanna, um eine unerklärliche Angst niederzukämpfen, die Hand fest um
-den Hals spannte.
-
-»Fritz, wird es bald sein?« fragte sie verwirrt und wandte ihr Haupt
-ungewiß nach dem Herrenhaus.
-
-Der andere zuckte die Achseln, und seine Stimme wurde immer dunkler und
-drohender. »Sie werden von uns hören, Fräulein Grothe, und von mir
-auch,« setzte er frohlockend hinzu. »Nein, nein, lassen Sie,« wehrte er
-ab, als er merkte, wie das Mädchen noch einmal ihr Drängen nach seinen
-Plänen zu wiederholen suchte, »lassen Sie mich hier in dem Graben entlang
-waten, so komme ich am besten um das Gut herum.«
-
-Damit kauerte er sich wieder an der Erde nieder, bis seine Füße über
-die Böschung herabhingen, und während Johanna gleich darauf den Morast
-aufspritzen hörte, wurde unten das Erlengestrüpp noch einmal zur Seite
-geschoben, und der kahl geschorene Schädel tauchte abermals auf.
-
-»Ich soll noch einen Gruß an Sie bestellen,« klang es aus dem
-Wasserlauf empor. »Ich habe Ihren Vetter von Sorquitten vor wenigen Tagen
-gesprochen.«
-
-Da mußte Johanna lächeln. »Ach, Fedor Stötteritz,« meinte sie
-gutmütig, »wie geht es dem großen Jungen?«
-
-»Als ich ihn zuletzt sah, stand er in der Abenddämmerung unter einem
-zerschossenen Schuppen neben seinem riesigen Pferde und rief mir nach,
-diesmal würden Sie es ihm wohl nicht übelnehmen, wenn er recht bald
-mit seinem lauten Wesen in Maritzken nach dem Rechten sähe. Ich bitte um
-Verzeihung, Fräulein Grothe, wenn ich den Auftrag wörtlich ausrichte,
-doch ich hoffe, daß er Ihnen verständlich sein wird.«
-
-»Ich danke,« entgegnete Johanna beklommen und sah ernst zu Boden. »Ich
-verstehe seine Meinung recht gut.«
-
-Abermals schlug ihr das Herz, und sie begann unwillkürlich zu lauschen,
-ob sich auf den Steinen des weißen Hofes nicht ein silberner Sporenklang
-melde. Als sie wieder aufblickte, hatten sich die Zweige zu ihren Füßen
-geschlossen, und nichts deutete mehr darauf hin, daß hier vor kurzem
-jemand geweilt, der zwischen ihr und der Außenwelt ganz unerwartet ein
-paar dünne Fäden geknüpft hatte.
-
- * * * * *
-
-Aber die Außenwelt brauste noch auf einem anderen Wege, gleich Gewitter
-und Hagelschlag, in den erzwungenen Frieden von Maritzken und schmetterte
-die künstlich schlaffe Ruhe, die hier wie eine kranke Blume aufgeschossen
-war, für immer zu Boden.
-
-Ein Geheul und Gekreisch, das sich unmöglich aus Menschenlauten
-zusammensetzte, nein, das vielmehr von bösartigen, losgelassenen Geistern
-der Tiefe ausgestoßen schien, schrillte, pfiff, heulte und wieherte über
-die Landstraße und riß das vergrübelte Weib wie mit krallenden Nägeln
-aus der kühlen Haselnußlaube heraus. Entsetzt, unfähig, einen Gedanken
-zu fassen, stürzte die Herrin von Maritzken auf ihren Hof. Von allen
-Seiten flogen die Fenster auf, scheue, angstvolle Gesichter beugten sich
-heraus, und alles starrte auf die Chaussee, wo windschnell ein wüster
-schwarzer Haufe vorüberwirbelte. Tier und Mensch ununterscheidbar
-durcheinander. Dazwischen Flintenschüsse. Markdurchzitternde, gellende
-Hetzrufe. Und alles eingehüllt in eine dicke und doch blinkende
-Staubwolke. Gleich darauf schlug hinter den Bäumen des Parkes eine
-Feuerlohe in die Höhe. Von dem leichten Wind getrieben, stoben die Funken
-über die Dächer des Anwesens. Durch das Tor aber quollen junge Weiber
-herein, hoch aufgeschürzt, die meisten mit entblößten sonnengebräunten
-Armen; Mägde des Gutes und zurückgebliebene Tagelöhnerfrauen, die sich
-wie verzweifelt an die hohe Gestalt Johannas drängten als ob sie hier
-ihren letzten Rückhalt witterten.
-
-»Fräulein -- Kosaken!«
-
-»Sie sagen, es sei hier geschossen worden.«
-
-»Den Laden von Kurra haben sie ausgeräumt und angesteckt.«
-
-»Ja, und Tilly -- Tilly Baumgartner --«
-
-»Was ist's mit Tilly?« stammelte Johanna betäubt und griff nach der
-Schulter einer der Mägde, um sich zu stützen.
-
-Da drängte sich die Frau des Verwalters, der seit jener Ausfahrt nicht
-mehr wiedergekehrt, aus dem Haufen, und das Weib raffte sich ihre blaue
-Schürze vor das Gesicht und heulte unter dem Leinen hervor:
-
-»Weggenommen haben sie sie mir, Fräulein, von meiner Hand gerissen, und
-mir selbst einen Schlag über die Augen, daß ich nicht sehen kann.«
-
-Dann ein Wimmern der Mägde, von draußen herannahendes Galoppieren, Hetzen
-und Verwünschungen, und dicker qualmiger Staub, der über die Mauern des
-Hofes rauchte.
-
-Da -- da -- durch die Einfahrt schoß es herein -- kleine Pferde, struppig
-wie nasse Hunde, vornübergebeugte Reiter, in ihren faltigen Röcken gleich
-bärtigen Frauen auf den Tieren hängend, Lammfellmützen tief auf die
-stieren Augen gedrückt, schwingende Fäuste, und von den weißen Mauern
-zurückgeworfen das wetternde Knallen unzähliger Peitschen. Jetzt schoß,
-sprang, wälzte und purzelte es aus den Sätteln; schon drängte sich
-das fremde Gesindel durch alle offenen Türen hinein. Wer ihm in den Weg
-geriet, wurde zurückgestoßen, bis er blutend auf das Pflaster taumelte.
-Tiefe gurgelnde Laute schienen entsetzliche Drohungen zu verkünden, und
-nichts, nichts hemmte die Horde, nichts wirkte dem sie beherrschenden Trieb
-entgegen nach Raub und Plünderung, nach Schandtat und Gewalt. Vergebens,
-daß sich im ersten Stock ein Fenster öffnete, und der abgezehrte
-Rittmeister Sassin mit wütenden Gebärden etwas Unverständliches
-herunterbrüllte, ganz umsonst, daß sich Johanna toll vor Wut und Scham
-auf einen schwarzhaarigen Riesen stürzte, in dessen Armen die kleine Tilly
-zappelte, unwürdigen, schmachvollen Liebkosungen ausgesetzt, umsonst,
-vergeblich, die Streitenden wurden voneinander getrennt, alles ging unter
-in dem brausenden Strudel, der ungebändigt mit einer irren elementaren
-Kraft zwischen den Mauern des eben noch so stillen Anwesens kochte.
-
-»Scho--i, scho--i,« schrien die Kosaken, traten Zäune und Türen ein und
-hieben mit ihren Peitschen lechzend vor Irrsinn und Brunst durch die Luft.
-
-»Der Fürst,« kreischten mitten in dem Graus ein paar heiser geschriene
-Frauenstimmen.
-
-Unter dem Tor hielt eine einzelne Reitergestalt. Die Rechte hatte sie zum
-Schutz gegen die Sonne quer über den Schirm der zerbeulten Mütze gelegt,
-die Linke, die den Zügel hielt, spielte gleichzeitig achtlos mit einer
-reich vergoldeten Reitpeitsche. Aber die vorgeneigte Haltung und sein
-ungläubiges Hinstarren in das quirlende Menschengeschäume bewiesen, wie
-auch dem Besitzer des scharrenden Schimmels alles, was sich da vor ihm
-abspielte, gleich der tollen Ausgeburt einer dampfenden Phantasie erschien.
-Ganz gebannt schüttelte er das Haupt und zuckte die Achseln. Sein Anblick
-jedoch verschaffte Johanna, die, umrast von dieser nie geahnten Wildheit,
-ihre klare Vernunft völlig eingebüßt hatte, die nebelhafte Überzeugung,
-der Mann unter dem Tor müsse und würde sie gegen diese blutdürstigen und
-fauchenden Tiere schützen oder verteidigen. Mit übernatürlicher Kraft
-streifte sie die jammernden Mägde von sich ab, und es war wirklich die
-blonde, furchtlose Walküre, wie sie Dimitri Sergewitsch in den schwülen
-Augustnächten immer geahnt, als sie sich mit bebenden Gliedern von neuem
-gegen den riesenhaften Bedränger der kleinen Tilly warf.
-
-»Fürst Fergussow,« schrie sie dabei mit einer vor Wut und Scham
-erstickten Stimme.
-
-»Hund, ich schieße dir dein Spatzengehirn gegen die Mauer,« heulte
-der kranke Rittmeister, von Hustenanfällen unterbrochen, aus dem oberen
-Fenster, und seine zitternden Hände zogen bereits die Sicherung von einer
-Pistole ab.
-
-Doch er brauchte sich nicht mehr zu bemühen. Mit einem kräftigen Sprung
-setzte der Schimmel des Fürsten in den auseinanderstürzenden Schwarm
-hinein, eine zielsichere Faust riß dem überraschten Riesen die
-Lammfellmütze vom Kopfe, und zu gleicher Zeit sauste ein Reitgertenhieb
-dem Aufjammernden quer über das Gesicht. Brüllend vor Schmerz ließ
-der struppige Kerl sein Opfer fahren, und es war für alle Zuschauer ein
-gräßlicher Anblick, wie der Oberst nun sein Pferd noch einmal gegen den
-Gebändigten antrieb, so daß dieser in dumpfem Fall vor die Füße des
-Tieres rollte.
-
-»Du triebst natürlich nur einen kleinen Scherz,« sagte Dimitri böse und
-schneidend, und die erwachende Johanna sah mit Entsetzen, welche grausamen
-Lichter in den dunkel gewordenen Augen des Reiters zucken konnten, »nicht
-wahr, mein Söhnchen, so war es doch?«
-
-»Ja, einen Scherz, Väterchen,« jammerte der Gefallene und streckte in
-sklavischer Demut beide Hände gegen die erhobene Peitsche aus, »nichts
-weiter, als einen Scherz.«
-
-»Dacht ich's mir doch,« meinte Dimitri höhnisch durch die ängstliche
-Stille, welche plötzlich auf dem Hof nach all dem Lärm entstanden war.
-Und sich im Sattel umwendend, sagte er hell und durchdringend, so daß den
-Kosaken, die sich scheu an den Wänden herumdrückten, keines seiner Worte
-verloren gehen konnte: »Wehe, ihr Kanaillen, wenn ihr nicht alles, was
-ihr gestohlen habt, sofort wieder zurückgebt. Auf den Bäumen dort hat es
-Platz für viele von euch. Habt ihr mich verstanden?«
-
-»Ja, Väterchen, verstanden.«
-
-»Seid ihr hier einquartiert?«
-
-»Bis morgen früh,« gurgelte unvermutet eine vor Ingrimm oder Trunk
-heisere Stimme in der Nähe des Fürsten.
-
-Sie gehörte einem Kosakenrittmeister an, der bis jetzt einen Besuch in der
-Schenke abgestattet und nun sein klepperartiges Pferd am Zügel hinter sich
-herzog. Das erste, was der Mann tat, nachdem er sich durch einige Stöße
-in den Kreis hineingeschoben, bestand darin, daß er dem noch immer auf den
-Knien verharrenden Kosaken einen heftigen Fußtritt in die Seite versetzte.
-
-»Was ist hier geschehen?« forschte er und stampfte grob auf den Steinen
-herum. »Ich frage, was hier geschehen ist? Ich war dienstlich verhindert,
-Herr Kamerad.«
-
-Der Fürst jedoch schien keinen Wert auf die Zusammengehörigkeit mit dem
-Sohn der Donschen Steppe zu legen. Er ließ einen hochmütigen Blick über
-das brandrote Habichtsgesicht des Reiters hinweggleiten und sagte sehr
-ruhig:
-
-»Oh nichts, was bei Ihren Formationen zu dem Auffallenden gehört. Aber
-ich möchte Ihnen doch empfehlen, Herr Rittmeister, Ihre Leute, so lange
-sie uns das Vergnügen schenken, in den Stall zu komplimentieren.«
-
-»In den Stall?« brummte der andere, die Fäuste ballend; da er aber
-nicht wagte, gegen den vorgesetzten Gardeoffizier ausfällig zu werden, so
-versetzte er wenigstens dem liegenden Mann einen neuen Stoß, um ihn dann
-an den Ohren empor zu reißen. »Pack dich, Wassily, du Schuft! Was liegst
-du hier wie ein krankes Schwein herum? Was soll man von dem Beispiel
-denken, das ich Euch gegeben? Was soll man denken, frage ich? Warte, mein
-Guter, wir sprechen uns noch.«
-
-
-
-
-III.
-
-
-Die Menge hatte sich verlaufen, das Gutsgesinde war zu seiner gewohnten
-Beschäftigung zurückgekehrt, nur Johanna und der Oberst weilten noch auf
-dem Hofe.
-
-»Sie sehen auffallend blaß aus, mein Fräulein,« hörte die Gutsherrin
-ihren Gefährten im Ton aufrichtigen Mitgefühls beginnen; und als sie
-in ihrer gelähmten Haltung verharrte, fügte er ehrerbietig hinzu: »Sie
-können mir glauben, daß mich nur die Besorgnis zu dieser Bemerkung
-veranlaßt. Vielleicht würde Ihnen ein Spaziergang hier im nahen Walde
-wohltun. Für diesen Fall hebe ich selbstverständlich mit Vergnügen das
-Verbot Ihrer Bewegungsfreiheit auf, und um Sie vor weiteren Belästigungen
-zu bewahren, biete ich Ihnen gern meine eigene Begleitung an. Sie sollten
-es wirklich nicht abschlagen,« vollendete er ganz treuherzig.
-
-Zum erstenmal hatte dieser in der glatten Rede des Salons verstrickte Mann
-wie ein wohlwollender Mensch gesprochen, dem die Not eines Mitgeschöpfes
-die Seele erschreckte. Und Johanna atmete auf, und über ihre versteinten
-Züge huschte es wie von Befreiung und Erlösung. Gottlob, endlich nach den
-langen Tagen der erzwungenen Beschränkung sollte jetzt eine Stunde folgen,
-die es ihr ermöglichte, die so schmerzlich entbehrte Wanderung über den
-heimatlichen Boden genießen zu können. Oh, welchen Dank sie demjenigen
-schuldete, der ihr jenes unerwartete Geschenk darbot. Jedem anderen hätte
-sie in leidenschaftlicher Wallung und mit ihrem klaren, unversteckten
-Lachen beide Hände geschüttelt. Hier aber wagte sie nur zustimmend das
-Haupt zu neigen, und doch berührte es sie eigenartig wohltuend, als sie
-bemerkte, mit welcher Freude der fremde Offizier dieses leise Zeichen ihrer
-Bereitwilligkeit auffing.
-
-»Wahrhaftig?« rief der Fürst ganz erstaunt, »Sie hegen keine Bedenken?
-Ah, meine Gnädigste, Sie vergeben mir gewiß, wenn ich heimlich denke,
-daß Sie sich dann wirklich durch das abscheuliche Gebaren dieser
-Steppenreiter im hohen Grade angegriffen fühlen müssen.«
-
-»Sie dürfen darüber nicht spotten,« entgegnete Johanna befangen, weil
-es das erste Mal war, daß sie mit dem schönen jungen Mann andere Dinge
-als die des täglichen Unterhalts verhandelte. »Ich war auf die Schrecken
-des Krieges gefaßt und bin auch imstande, sie zu ertragen, aber eine
-derartige Raserei --«
-
-»Leider kann ich Ihnen keineswegs widersprechen,« unterbrach Dimitri
-Sergewitsch hastig, denn ihm lag alles daran, die Blonde von dem eben
-erduldeten Überfall abzulenken. »Sie werden verstehen, was es mich
-kostet, wenn ich Ihnen versichere, wie sehr ich und viele andere Kameraden,
-die wir den Europäer-Standpunkt nicht aufzugeben gewillt sind, von dem
-Treiben jener Stämme innerlich angewidert werden. Aber fort damit,«
-suchte er von dem bedenklichen Gegenstand loszukommen, »ich bin heute
-früh schon durch Ihre herrlichen Buchenwälder geritten, und es bereitet
-mir eine wahrhafte Genugtuung, Ihr Wiedersehen mit diesen frischen und
-geheimnisvollen Gründen vermitteln zu dürfen. Sehen Sie, ich kann sogar
-schon jetzt die schönsten Grüße von dort an Sie bestellen.«
-
-Lebhaft riß er aus seinem Wams ein kleines Skizzenbuch hervor, und
-Johanna, die einen raschen Blick über seine Schulter warf, stieß
-unwillkürlich einen Laut des Erkennens aus. In einer ganz feinen,
-schattenhaften Manier, worin Licht und Luft mehr festgehalten waren, als
-der darzustellende Gegenstand, erhob sich auf dem Blatt mitten auf einer
-dunklen Waldwiese ein ungeheurer geborstener Buchenstamm, an dessen Ästen
-unzählige Heiligenbilder, Glasherzen und Kränze als Weihegeschenke
-aufgehängt waren.
-
-»Ah, der Sankt-Annen-Baum,« stellte Johanna überrascht fest. »Wie zart
-und fein Sie das getroffen haben.«
-
-Der Oberst zuckte die Achseln, verbeugte sich jedoch leicht.
-
-»Was wollen Sie!?« meinte er gleichgültig, »die Frucht und der
-Überrest der vielen Lieblingsbeschäftigungen, die eine Petersburger
-Wintersaison so mit sich bringt. Man darf gar nicht daran denken, wieviel
-Zeit und Jugend man so tatenlos verschleuderte. Aber, mein gnädiges
-Fräulein,« entraffte er sich elastisch derartigen Vorstellungen, und
-seine edlen Züge strahlten wieder jenen das Gutsfräulein so verwirrenden
-Glanz, »wozu Reue und Selbstzerfleischung an einem herrlichen Ferientag?
-So fasse ich nämlich unseren Ausflug auf. Benötigen Sie vielleicht noch
-einen Sonnenschirm, den man herbeischaffen müßte?«
-
-Johanna schüttelte das Haupt, doch konnte sie es nicht hindern, daß
-ein Lächeln ihre Lippen öffnete. Die Nonne, die ihre Tage der Arbeit
-verschrieben, entäußerte sich plötzlich der ihr anhaftenden Herbheit und
-sah frisch und gesund und genußfähig aus. Ganz versonnen starrte sie der
-Fürst an.
-
-»Wo denken Sie hin, Durchlaucht,« meinte sie gutmütig, während sie sich
-bereits zum Gehen anschickte, »ein Landmädchen, wie ich, das hie und da
-selbst mit anfaßt, das fürchtet keinen verbrannten Teint. Übrigens tut
-mir die Sonne auch nichts,« setzte sie hinzu und zeigte ihm ein Antlitz,
-dessen lichte Reinheit weder durch ein Mal noch durch ein Sonnenpünktchen
-verunziert war. »Wollen wir durch das Tor?« fuhr sie innehaltend fort.
-
-»Nein, bitte nicht dort hinaus,« weigerte sich der Fürst mit
-auffallender Lebhaftigkeit. »Sie könnten dort manches sehen, was Sie zu
-unangenehm an meine und meiner Landsleute Anwesenheit erinnert. Ich möchte
-Ihnen heute gar zu gern ein paar Potemkinsche Dörfer vorspiegeln. Kommen
-Sie, wir schreiten lieber hier an dem Graben entlang und wenden uns dann
-über die kleine Brücke.«
-
-Bald darauf war das Paar von den dunklen Schatten des Haselnußgehölzes
-umhüllt, und Johanna mußte unwillkürlich den Blick zu Boden senken, als
-sie die Bank gewahrte, auf der noch eben der junge verdüsterte Preuße
-ihr seine Pläne enthüllt. Ihr fiel wieder die spreizende Bewegung seiner
-Hände ein, da er davon gesprochen, wie leicht ein Kühner unter der Obhut
-der Hausherrin den hier befehlenden Etappenkommandanten in den ewigen
-Schlummer senden könnte. Und unbewußt trieb sie den ahnungslos neben ihr
-Schreitenden zu größerer Eile an.
-
-Wirklich, es war ein erquickendes Wandeln unter dem niedrigen Laubdach
-zur Seite des abgemähten Feldes, über dem die Sonnenstrahlen tanzten und
-funkelten. Anmutig jeder vorspringenden Baumwurzel ausweichend, schritt ihr
-Dimitri Sergewitsch voran, und in einer so selbstvergessenen Lust befand
-sich Johanna, daß sie rückhaltslos die elegante Geschmeidigkeit seiner
-Glieder bewunderte. Wie sorgsam und mit wieviel Aufwand von Zeit und
-Bedienung der vornehme Herr gewiß seinen Körper gepflegt hatte. Wie
-blendend weiß und geschont sich auch jetzt mitten im Waffenhandwerk seine
-schmalen Hände darboten. Und Johanna empfand fast eine Art von naiver
-Hochachtung vor jenen Bevorzugten, die ihrer Gesundheit so unablässig zu
-dienen suchten. Und dieser kräftige, unermüdliche Mensch, der wie
-ein lebendes Kunstwerk ohne sichtbare Unebenheiten und Fehler durch die
-Schöpfung schritt, er sollte nach den häßlichen Geständnissen des
-Rittmeisters Sassin ein Frühverdorbener, ein Angefressener und Vergifteter
-sein?
-
-Schaudernd strich sich das Mädchen eine blonde Haarsträhne, die im Winde
-flatterte, aus der Stirn, und sie beschloß -- für heute wenigstens -- all
-diese unsauberen Gedanken zu verbannen. Ihre alte Willensstärke kam
-ihr wieder, als sie sich eingestand, daß es sie ja im Grunde gar
-nicht berührte, aus welchen Erfahrungen der Charakter des Fremden
-zusammengeschossen sei. Nein, für den Augenblick brauchte sie sich nur
-dem frohen Gefühl hinzugeben, aus dem unsichtbaren Kerker, der ihr so
-unerwartet geöffnet wurde, mit dankbarem Gemüt herauszuschreiten und sich
-der kurzen Stunde der Freiheit mit aufnahmefähigen Sinnen zu freuen.
-
-Und das tat sie.
-
-Heute bewunderte sie jedes wilde Brombeergestrüpp, das sich im
-Vorbeistreifen an ihr Gewand nistete, und hie und da bückte sie sich, um
-eine rötliche Hagebutte neugierig zu mustern. In dem Haselnußdach über
-ihr schwirrten junge, grünweiße Meisen herum, sie hingen sich an
-die Äste und übten lautlos ihre schwierigen Kletterkünste. Und das
-Landfräulein staunte die Tierchen an, als ob sie die wilde Schar heute
-das erste Mal sähe. Helle Lichtpunkte tröpfelten durch das Blätterwerk
-hindurch und tanzten, glitten und zitterten ihr fröhlich über das Haar
-und den unbedeckten Hals. Als sich der Fürst einmal umwandte, erschrak
-er fast. Das Weib, das hinter ihm herschritt, leuchtete und funkelte so
-eigentümlich, daß ihm das Wort auf der Lippe erstarb. In dem grünen
-Dämmer wandelte die hohe Gestalt, umflossen von der ihr anhaftenden
-Frische und Reinheit, und wieder schien es dem Beobachter, als ob er dieses
-unberührte Menschenkind durchaus nicht in den ihm gewohnten wilden Reigen
-einzuordnen vermöchte. Fast beschämt kehrte er sich ab, um ihr von neuem
-durch den schmalen Gang voran zu eilen. In weiter Biegung schlängelte sich
-der Weg um das Feld herum, um endlich breiter und breiter zu werden, bis
-sich das Gebüsch allmählich in den herantretenden Buchenwald verlor.
-Hier spürte man nichts mehr von der Hitze des Tages. Zwischen den
-matten, grauen Stämmen hing ein unsichtbarer Flor herab, hinter dem alles
-Gegenständliche verdämmerte und verschwamm. Geräuschlos flirrte das
-feine Spiel der Blätter, rechts und links über die Waldwege zogen sich
-die glitzernden Fäden der Spinne, grüne Fliegen hingen in der Luft und
-zuckten plötzlich wieder davon, und der ganze ungeheure Wald war erfüllt
-von Schläfrigkeit und einem ewig auf- und absteigenden Summen. Von Zeit
-zu Zeit aber wichen die Riesenbäume weit auseinander, und hohe, ungeheure
-Hallen empfingen die Wanderer unter grünen, leise schwankenden Kuppeln.
-
-Mitten auf einer der Waldwiesen träumte die Sankt-Annen-Buche, unter
-deren weit ausladenden Ästen unzählige Betrübte schon in frommer Einfalt
-gekniet hatten. Johanna lehnte sich leicht an den grauen, vielnarbigen
-Stamm und blickte zu einem Perlenstern empor, auf dessen grünem Untergrund
-eine zitternde Hand nichts als die Worte gezeichnet hatte: »St. Anna hilf
-uns!« Nie zuvor war von der Gutsherrin diese Spende gesehen worden. Sie
-bedeutete wohl einen Notschrei aus schlimmer Zeit. Wer konnte wissen, zu
-welch entwürdigender Arbeit die emsigen Hände von fremden Einlagerern
-schon verurteilt waren.
-
-Johanna atmete schwer und rührte sich nicht.
-
-So vermochte sie nicht wahrzunehmen, wie Fürst Dimitri, nachdem er
-eine geraume Weile die Unbewegliche unter dem grünen Buchenmantel in
-künstlerischem Genießen gemustert, verstohlen sein Skizzenbuch hervorzog
-und mit fliegenden Strichen das strenge Bild festzuhalten strebte. Erst
-eine rasche Bewegung verriet ihn. Sofort trat das Mädchen zurück, jedoch
-nur, um sich auf einen abgehauenen Baumstumpf niederzulassen, wo sie den
-Blicken des Beobachters nicht mehr ausgesetzt war. Doch mit keinem Wort
-tadelte sie die Freiheit, die sich ihr Gefährte genommen. Dazu wurde sie
-zu sehr, -- trotz eigener Entfernung von der Kunst, -- durch die Ehrfurcht
-vor allem Können beherrscht.
-
-»Schade,« bedauerte Dimitri Sergewitsch leise.
-
-Allein auch er kam durch keine Andeutung auf seinen vereitelten Wunsch
-zurück.
-
-Mit ein paar respektvollen Worten bat er, sich auf einer Mooserhöhung
-lagern zu dürfen, und als ihm dies freundlich gewährt war, da ließ sich
-der Oberst auf dem Erdbuckel nieder, ohne sich jedoch auszustrecken
-oder irgendwie eine lässige Haltung anzunehmen. Die Vornehmheit seiner
-Gewohnheiten oder Erziehung äußerte sich eben ganz ungezwungen in
-jeder Lage. Und doch -- trotz dieser Rücksicht -- empfand es
-Johanna schmerzlich, als sich die fremde Uniform mitten zwischen den
-Farrenkräutern und Gräsern abzeichnete. Die umfriedete Ruhe des deutschen
-Waldes schien ihr dadurch gestört. Und ihr Blick heftete sich gezwungen
-auf ein kleines blaues Ordenskreuz, das der Offizier dicht unter dem
-Halskragen befestigt trug.
-
-»Das ist wohl eine hohe Auszeichnung?« fragte sie endlich trotz inneren
-Zögerns.
-
-Der Fürst nahm seine Mütze von den braunen Locken, zuckte die Achseln,
-und seine Hand begann mit der blauen Dekoration ohne große Wertschätzung
-zu spielen.
-
-»Ich empfing das Ding,« äußerte er, »zum Fest der heiligen
-Wasserweihe. Irgendein Verdienst wurde meines Wissens damit nicht
-belohnt.« Und wieder ließ er das blaue Kreuz durch seine Finger
-schnellen.
-
-Heilige Wasserweihe?! Wie unbegreiflich fern und einem anderen Volke
-angehörig doch die Bezeichnung jenes Festes hier unter den grünen Buchen
-klang. Und dadurch hervorgerufen stieg dem blonden Mädchen die Erinnerung
-auf, wie ihr Gefährte ja seinem Glauben nach einem bunten geheimnisvollen
-Ritus huldige, der seine Bekenner durch düsteren Pomp viel mehr an Orient
-und Osten knüpfte, als an das wunderlose, begriffsscharfe Europäertum.
-Ein zu seltsamer Gedanke, wenn man sich den distinguierten Mann
-betrachtete, der sich in nichts anderem von den ihr bekannten Herren
-unterschied, als durch die edle Regelmäßigkeit seiner Gesichtszüge und
-die schwermütige Schönheit, die über ihnen ausgebreitet lag.
-
-Merkwürdig, auch der Fürst schien sich ähnlichen Vorstellungen über
-das, was Völker trennen und verbinden konnte, hinzugeben. Er hielt das
-schmale Haupt erhoben und verfolgte die Sprünge eines schwarzbraunen
-Eichkätzchens, das ohne einen Begriff von der Heiligkeit der Stätte in
-den oberen Ästen der Sankt-Annen-Buche herumturnte. Manchmal auch setzte
-es sich, so daß die Ruthe feinfaserig herabhing, um nach den beiden
-Menschen zu äugen, die in dieser grauen Ruhe der Baumriesen zu atmen und
-zu sprechen wagten.
-
-»Welch unbegreifliche Grenzscheiden die Menschen sich doch errichten,«
-begann der russische Offizier endlich seinen Gedanken Ausdruck zu
-verleihen. »Das Trennende liegt mehr in unserem Gehirn und richtet dort
-Unheil an. Sehen Sie, verehrtes Fräulein, auf meinen Gütern, die gar
-nicht weit von Petersburg liegen, da gibt es Wälder von ganz gleicher
-Stille und Unberührtheit wie dieser hier. Ich bin Tage und Nächte
-lang durch sie hindurch geritten, und manchmal nach einer töricht
-durchschwärmten Zeit konnte ich jubeln gleich unseren kleinen
-uniformierten Ferienschülern, denn mich empfing in den stillen Gründen
-stets das Gefühl, als ob ich in die reinigenden Arme einer Mutter
-zurückkehrte. Und hier --?« Er schüttelte das Haupt und sah sich mit
-einem langen verwunderten Blick um.
-
-»Nun, und hier?« fragte Johanna von ihrem Baumstumpf aus beklommen.
-
-Er zuckte die Achseln und riß ein paar Halme von seinem Lager aus.
-
-»Hier ist die Fremde. Ich weiß nicht, wie es kommt -- obwohl ich, wie Sie
-vielleicht schon bemerkten, gar keinen so recht innerlichen Anteil nehme an
-dieser Völkerabrechnung, weil ich zu jenen gehaßten Kosmopoliten gehöre,
-wurzellosen Weltbürgern, von denen die Oberschicht Rußlands voll ist --
-es verschlägt alles nichts, in dem Gehirn sitzt einmal der harte
-Begriff: hier ist die Fremde, hier wohnt der Feind, die erklärungslose
-Antipathie.«
-
-Er wartete einen Augenblick, und da Johanna nichts erwiderte, fuhr er ruhig
-fort:
-
-»Ich könnte mir ganz gut vorstellen, daß alle diese bewegungslosen
-Stämme um uns herum Ihre Gestalt angenommen hätten, mein Fräulein, und
-daß sie einen Arm starr nach mir ausstreckten, um mir zuzurufen: ›Du
-gehörst nicht hierher. Wir sind deutsche Bäume und wollen einen
-Slawen lieber unter uns begraben sehen, als ihm Schatten und Erquickung
-spenden‹. Habe ich das Gefühl Ihres Waldes richtig getroffen?«
-
-Ein Schrecken durchrann Johannas Glieder, als ihr Gefährte so sicher ihre
-heimlichsten Wünsche zerfaserte.
-
-»Ich dachte nicht immer so,« sagte sie an sich haltend, während ihre
-blauen Augen den Hingestreckten mit ihrem glasklaren und doch nicht warmen
-Leuchten umspannten.
-
-Jetzt lächelte der Fürst. Es war ein feines, verständnisvolles Lächeln,
-das den Welt- und Menschenkenner verriet.
-
-»Selbstverständlich,« entgegnete er, »ich zweifle nicht im geringsten
-daran, daß Ihre Abneigung gegen uns erst entstand, nachdem Sie die
-dunkelsten Seiten unseres Volkstums gegen sich selbst gerichtet spürten.
-Unser plumpes Kraftbewußtsein, eine täppische, kindliche Zerstörungswut
-und die finstere Nacht unserer erschreckenden Unbildung. Ich weiß,
-Germanien betrachtet sich uns gegenüber häufig als eine Herrin und
-das umliegende slawische Land als ihren Knecht. Auch Sie sind solch eine
-Herrin,« setzte er bedeutungsvoll hinzu.
-
-Johanna starrte ihn an. Sie begriff durchaus nicht die Gelassenheit, mit
-der der fremde Aristokrat mitten in dem großen Streit von seinem eigenen
-Volke sprach. War das Falschheit? Oder wollte er ihr einen Fallstrick
-legen, weil er ihre leidenschaftliche Hingabe an ein furchtloses
-Bekennertum kannte? Wie war solch gleichgültige Kritik überhaupt
-möglich? Es klang, wie wenn ein gänzlich Unbeteiligter über
-einen Tausende von Meilen entfernten Stamm zu urteilen hätte. Immer
-unbegreiflicher wurde ihr der fremde Mann, und sie glaubte, daß jetzt die
-letzten von den Banden rissen, die zwei Angehörige derselben Artung sonst
-verknüpfen.
-
-»Fremd -- fremd,« mahnte es in ihr.
-
-Und dann -- wie furchterregend! Der Fürst schien schon wieder den
-versteckten Spuren ihrer Überlegungsreihen gefolgt zu sein. Ohne Zorn,
-nur mit einer Bewegung des Besserunterrichteten, erteilte er ihr auf ihre
-stillen Einwände die Antwort:
-
-»Ich merke, Sie finden es verächtlich, mein gnädiges Fräulein, weil ich
-Ihnen so schonungslos über meine Volksgenossen berichte. Aber glauben Sie
-mir, darin liegt gerade die tiefe Tragik unseres Riesenreiches. Nirgends
-in der Welt leben der wirkliche Adel und die Oberschicht derartig von der
-dunklen Masse getrennt, ja durch unüberbrückbare Ströme geschieden,
-wie bei uns. Wir, die wir das Volk leiten und befehligen, sind im Grunde
-wurzellose Menschen; ich möchte beinahe sagen ohne festen Wohnsitz. Unsere
-Kleidung ist die englische, unsere Sprache die französische, und unser
-Bildungsdrang, wenigstens bei den Besten von uns, geht nach dem Deutschen.
-Wir wohnen gewissermaßen nur auf Besuch unter den Unsrigen, denn unsere
-größte Anregung und die tiefste Befriedigung unserer Nerven finden wir
-in den großen Städten des Westens. Wenn Sie vielleicht einwenden, daß
-gerade wir es sind, die eine allumfassende nationale Strömung erweckten,
-so muß ich Ihnen hier unter uns und einigermaßen beschämt bekennen,
-daß dies im Grunde nur eines der geistigen Mittel ist, durch die wir die
-unruhige, an religiösen Qualen leidende Menge am Zügel halten. Uns selbst
-aber wäre ein weiteres Überwiegen slawischen Einflusses direkt unbequem.
-Denn es würde uns allmählich an dem Auskosten aller feineren Genüsse
-hindern. Sie sehen also, mein Fräulein,« schloß der Fürst immer mit
-derselben schonungslosen Offenheit, »von welchem Zwiespalt die leitenden
-Männer bei uns ergriffen sind und zu welchen peinigenden Lügen sie ihre
-Zuflucht nehmen müssen, wenn sie nach außen hin das Gegenteil verkünden.
-Glauben Sie mir, mit diesen widersprechenden Gefühlen sind wir auch in den
-Krieg gezogen, für den uns das große Schlagwort, die berauschende
-Phrase absolut mangelt. Ganz abgesehen davon, daß wir uns aus einer
-Reihe unvermischter, meistens unterworfener Stämme zusammensetzen, deren
-Wünsche und Ziele weit auseinander streben. Und doch lieben wir diese
-unglückselige Heimat und beweinen sie.«
-
-Johanna schlug das Herz. Ihr war es, als hätte hier ein sehr
-Unglücklicher gesprochen. Ein Mensch, der sich im heftigsten Streit
-von einer armen, ungebildeten Familie gelöst und der doch die
-Zusammengehörigkeit, unter der er litt, nicht vergessen konnte. Und als
-ihr norddeutsch kühles Auge jetzt auffing, wie gelassen ihr Gefährte auf
-seinem Mooshügel saß, mit der schmalen Hand spielerisch über die
-Gräser streichend, als wenn er eben das Allergewöhnlichste und
-Selbstverständlichste offenbart, da ergriff sie plötzlich eine stechende
-Sorge um den schlanken Mann, mütterlich fast, wie sie immer gewohnt war,
-sich mitzuteilen. Daneben aber rang in ihr die Angst, ob es ihrer auch
-würdig sei, dem Gegner, der doch bedenkenlos das Schwert geschwungen, ein
-Zeichen des Trostes zu gönnen.
-
-»Gottlob,« sagte sie endlich, »wir können uns in eine solche
-Zerrissenheit gar nicht hineindenken.«
-
-Es sollte eine Teilnahme bedeuten, und sie ahnte nicht, wie preußisch
-kühl und überhebungsvoll ihre Rede ausgelegt werden konnte. Über die
-Lippen des Russen wehte auch sofort ein leicht mokanter Zug, um jedoch bald
-einem trüberen Ausdruck zu weichen. Und jetzt -- das Mädchen griff fest
-nach dem Baumstumpf, auf dem es saß -- jetzt schimmerte in den Augen des
-Mannes wieder jene Schwermut, die Johanna so oft an dem Bilde in ihrer
-Schlafkammer beobachtet. Wenn sie sich an diese Ähnlichkeit erinnerte,
-dann schwand jedesmal alle Beherrschung von ihr, und fröstelnd empfand
-sie, daß etwas Altes, längst Bekanntes zwischen ihnen beiden walte. Sie
-wollte sich dagegen wehren, aber der bindende Zauber spann ungehindert
-herüber und hinüber. Dazu strich ein Rauschen durch die Wipfel der
-Buchen, rötliche Blätter wirbelten durch die graue Dämmerung, und ganz
-hinten in dem jungen Gehölz neigten sich die dünnen, armstarken Stämme
-kosend gegeneinander.
-
-»Wie scharf Sie beobachten können,« kehrte Dimitri fast gewaltsam zu
-dem verlassenen Gespräch zurück, und dabei bettete er sich den von der
-Schulter herabhängenden Säbel quer über die Knie, »Sie gebrauchen
-gerade das richtige Wort, liebes Fräulein: Zerrissenheit. Sie ist unser
-schlimmster Feind. Ich meine nicht die politische, sondern die innere, die
-leider ein durchgehender Zug unseres Charakters ist und durch Bildung oder
-Gelehrsamkeit nur noch verstärkt wird. Ich fürchte fast, daß ich Ihnen
-selbst die Grundlage für Ihre Behauptung lieferte.«
-
-Da erblaßte Johanna.
-
-»Durchlaucht,« sträubte sie sich, »Sie scherzen wohl nur. Wie hätte
-ich mich mit irgend etwas, was Ihre Lebensgewohnheiten oder Ihren Charakter
-betrifft, beschäftigen können?«
-
-Der Russe ließ die goldene Troddel seines Wehrgehenkes achtlos durch seine
-Finger gleiten.
-
-»Ach ja, gewiß. Verzeihen Sie, wenn ich mich einer Täuschung hingab.
-Wir betrügen uns alle gern. Aber Sie hätten vollkommen recht. Der innere
-Widerspruch verzehrt uns. Und ein Grauen überfällt die meisten, die ihn
-zu sehen vermögen. Nehmen Sie an, ich spräche von guten Freunden von mir.
-Es sind Leute, die sich beharrlich weigern, auf der Jagd ein Reh oder
-einen Hasen zu töten, weil sie in dem Pulsschlag des Wildes den ihrigen
-zu vernehmen glauben. Mitleidende in der großen Trauer des Lebens. Und
-dieselben Leute fühlen rieselnde Schauer der Wollust, jetzt, da der Krieg
-sie zwingt, ihre Säbel durch weiche Gehirne sausen zu lassen.«
-
-»Nicht doch,« stammelte Johanna, vor deren Augen es dunkelte, und griff
-nach dem Stamm der Buche.
-
-»Doch, doch,« hörte sie ihren Gefährten durch den grauen Dämmer
-hindurch beharren. »Es sind dieselben Leute, die sich am Morgen, von einer
-jagenden Angst getrieben, in die Untiefen der Religion stürzen. Mittags
-hängen sie mit geschlossenen Augen am Seil einer philosophischen
-Morallehre, damit sie die unter ihnen schäumenden Wogen des Lebens nicht
-zu sehen brauchen, und abends werden jene Menschen von irren Krämpfen
-nach Sinnenlust und Ausschweifungen geschüttelt! Können Sie diesen echt
-russischen Gegensatz auch nur fassen, mein Fräulein?«
-
-Der Sprechende stieß die Säbelscheide in den Waldboden, warf kleine
-Moosbrocken in die Höhe und wandte sich ab, um die Rufe des Kuckucks zu
-zählen. Alles Gebärden eines Menschen, der nichts getan, als daß er
-über einen bekannten und keineswegs beunruhigenden Gegenstand geplaudert.
-Seine Zuhörerin jedoch wurde von einer auffallenden Blässe bedeckt.
-Mehrfach setzte sie an, um sich von ihrem Platze zu entfernen.
-Unerträgliche Dinge hatte sie unter dem heiligen Baum gehört, verworfene
-Bekenntnisse, die den Redner gewiß näher angingen, als er zugeben wollte.
-Der Fürst aber -- als wenn er es geahnt hätte -- riß die Überlegende
-sofort wieder in seinen Wirbel zurück.
-
-»Machen wir es kurz,« meinte er in seinem anmutigen Akzent: »die
-Intelligenz Rußlands ist ein ungeheurer Kessel. Schwarz und weiß,
-Heiligkeit und Verbrechen, Schlaffheit und Wut, Güte und Bestientum,
-Keuschheit und Raserei, alles kocht in ihm durcheinander. Und eines Tages
-werden die zischenden Blasen überbrodeln, und der Kessel wird voll Blut
-sein. Im ganzen ein widerliches Gericht. Widerlich,« wiederholte er und
-machte eine Bewegung mit der Hand, als wenn er von seinem Waffenrock eine
-häßliche Spinne abschleudern müßte; »grauenhaft, wenn man ernstlich
-daran denkt. Denn es gibt dafür keine Erlösung. =Mon dieu=,« lachte er
-plötzlich und breitete beide Arme aus, »bestes Fräulein, können
-Sie vergeben, daß ich Sie mit diesen urslawischen Tollheiten so sehr
-langweilte?«
-
-Leichtfüßig schritt er auf sie zu, kreuzte die Arme auf den Rücken
-und lehnte sich dann dicht bei ihr an den Stamm der heiligen Buche. Seine
-Mütze hatte er auf dem Mooshügel liegen lassen, und so fielen ihm die
-braunen Locken wellig über die Stirn. Mit offenem Wohlgefallen glitten
-seine Blicke an der kräftigen Gestalt des Mädchens herab.
-
-»Es ist sonderbar,« sagte er endlich mehr zu sich selbst, »ein so
-starkes, unbeirrtes Weib in seiner Nähe zu wissen. Man glaubt förmlich
-die Gesetzmäßigkeit eines solchen Lebens zu hören.«
-
-Er tat noch einen weiteren Schritt gegen sie. Zögernd streckte er die
-Hand nach dem Mädchen aus, als ob er bittend ihre Rechte berühren wollte.
-Johanna aber, obwohl sie flammend rot wurde, regte sich nicht. Da ließ der
-fremde Offizier seinen Arm sinken.
-
-»Würden Sie mir nicht entdecken,« fuhr er ermunternd fort, ohne die
-Abweisung weiter zu berücksichtigen, »wie Sie zu dieser Festigkeit
-gelangten? Ihre innere Ruhe wirkt unbeschreiblich wohltuend. Sie sind jung
--- ich will Ihnen weiter keine Komplimente machen -- aber wie konnten Sie
-so viel drückende Pflichten auf sich nehmen? Die Bewirtschaftung Ihres
-Gutes, den Schutz für Ihre Schwestern und jetzt sogar den Widerstand gegen
-uns? Soviel Sammlung bei einer Frau ist wohl auch in Ihrer Heimat
-selten. Ich wäre außerordentlich dankbar, wenn Sie mir einen Einblick
-gestatteten.«
-
-Aber Johanna verzog die Stirn.
-
-»Empfinden Sie wirklich ein Interesse für meine Familiengeschichte?«
-wies sie ihn ab. »Man wird eben das, wozu die Verhältnisse uns
-stempeln.« Und etwas freundlicher setzte sie hinzu: »Ich glaube, Sie
-haben dies auch an sich selbst erfahren.«
-
-Jetzt verschränkte der Fürst die Hände über der Brust und nickte
-leicht.
-
-»Ja,« gab er nachdenklich zurück, »mein Schicksal war Reichtum,
-Verwöhnung und Nichtstun.«
-
-»Und meines,« erwiderte das Mädchen herb, »Not, Widerspruch und Arbeit
--- viel Arbeit.«
-
-»Leben Ihre Eltern noch?« fragte der Russe nach einer langen Pause.
-
-»Unsere Mutter ist tot. Sie liegt hier auf dem Friedhof, auf dem neulich
-Ihre Pferde angebunden standen.«
-
-»Hm, ich ersehe daraus wenigstens zu meiner Freude, daß Ihr Herr
-Vater -- --«
-
-Johanna ballte die Faust. Wieder riß sie etwas von dannen. Sie war
-empört, weil der Fremde keine Ruhe gab.
-
-»Es ist kein Anlaß zur Freude,« stieß sie im Zorn hervor, »mein
-Vater verbringt seine Tage in der Landes-Irrenanstalt, nachdem er vorher
-entmündigt wurde.«
-
-»Ah, =mille pardons=,« versetzte der Russe betreten.
-
-Mit vorgestreckter Hand zog er sich mehrere Schritte zurück, denn ihn
-leitete der Instinkt, er hätte sich schon zu nahe an den Kreis ihrer
-Erinnerungen herangedrängt. Geräuschlos raffte er seine Mütze auf,
-und als er sich umwandte, hatte sich auch die Blonde erhoben. Ihre Blicke
-ruhten noch grübelnd auf dem Moos und den Farrenkräutern des Waldbodens,
-als könnte sie sich von dem zuletzt Heraufbeschworenen nicht trennen.
-
-»Jetzt können Sie sich zusammenreimen, wie alles gekommen ist,« sagte
-sie bitter, und dabei schüttelte sie sich unwillig, wie jemand, der nur
-gezwungen zu einem Geständnis hingerissen wurde. »Kommen Sie, ich will
-nach Hause.«
-
-Langsam, nebeneinander, verließen sie den grünen Hain.
-
-Aber es war nicht mehr dieselbe Gegend, die sie vor Stunden, aufatmend
-vor der lastenden Hitze, betreten. Und jetzt erkannten sie auch den
-Unterschied. Das heitere, tanzende Licht war von ihren Pfaden gewichen.
-Ganz allmählich, unmerklich für die noch von Flimmer und Bläue
-erfüllten Augen war zuerst ein dunstiger Rauch über den Horizont
-geflogen. Tiefer und tiefer hatten sich die grauen Gespinste gesenkt, bis
-die Häupter der Bäume in ihre Maschen eingetaucht waren. Die letzten
-spielenden Strahlen hafteten nur noch als schwefelgelbe Flecke an den
-schweigenden, schwermütigen Stämmen. Allein bald erloschen auch diese
-grellen Feuer, und nun lag der Wald in unheimlicher Stille. Reglos starrten
-die Blätter einander -- wie verzaubert -- an. Schwarze Streifen von
-Ameisenzügen strebten in betäubendem Gewimmel ihren Haufen zu. In
-scharfem Flug strichen unerkennbare Vögel durch die grauen Schatten, und
-der ganze Wald hauchte plötzlich nichts als Leere und Verlassenheit.
-
-Die beiden Wanderer aber hielten inne und blickten einander an. Schwer
-atmend fühlten sie, wie eine bängliche Beklommenheit ihre Stirnen
-einpreßte. Zeit und Pulse schienen hier still zu stehen, und nur das
-wiegende Summen der Fliegen und Bienen reizte ihre gespannten Nerven.
-
-Plötzlich bogen sich in der Ferne die jungen Stämme gegeneinander,
-schnellten wieder empor, und durch das verdunkelte Gehölz zischte ein
-Windstoß. Ein langes dumpfes Poltern rollte hoch oben über die starren
-Baumwipfel dahin. Aber dort!? -- Über der winzigen Waldwiese zuckte es.
-Eine feurige Zickzacklinie züngelte durch die dunklen Stämme, hastig
-brachen und raschelten einige Äste, und ganz von fern erhoben sich ein
-paar dünne, ängstliche Vogelstimmen. Krachend schmetterte der erste
-Schlag. Und ohne jeden Übergang prasselten, von einer wütenden Windsbraut
-getragen, Regen und Hagelschauer schräg gegen die beiden Wanderer.
-
-»Treten Sie unter den Baum zurück,« rief der Fürst, auf dessen Mütze
-und Schultern die weißen Körner tanzten, und dabei griff er ohne Besinnen
-nach dem Arm seiner Begleiterin.
-
-Jedoch Johanna riß sich los und lief, so schnell sie vermochte, am
-Waldesrand entlang.
-
-»Es ist nicht gut hier unter den Bäumen,« widersprach sie, »schnell,
-wir müssen die Lichtungen benutzen.«
-
-In hastigen Sprüngen setzte das Mädchen vor dem Manne dahin. Graue
-Regenströme hüllten sie in einen rauschenden Mantel, rote Wolken welker
-Blätter stäubten ihr entgegen; sie ließ sich nicht aufhalten,
-sondern stürmte mit vorgeneigtem Leib gegen sie an. Manchmal kam es dem
-Nachfolgenden sogar vor, als finge er ein mutiges Lachen auf. Und trotz
-seiner halb geblendeten Augen stutzte der Russe. Die germanischen Sagen
-fielen ihm ein. Von den Schlachtenmädchen und den Eisriesen. Und im Moment
-fand er dieses befremdliche Lachen ganz natürlich.
-
-Weiter ging es. Besinnungslos rannten sie dahin, nur auf Sekunden in den
-Wald lauschend, so oft das Knattern und Knallen sich unmittelbar über
-ihren Häuptern entlud. Ein bleierner Rauch begann aus den Büschen zu
-quellen. Es war, als ob auch der feste Boden zu brennen und zu fiebern
-anfinge. Die Kleider klebten ihnen an den Gliedern. Längst war das
-Rascheln von Johannas dünnen Gewändern erstorben, und immer vernehmlicher
-klang das kurze Keuchen und Röcheln der Fliehenden.
-
-Da plötzlich -- Dimitri griff sich an die Stirn, schwankte und umklammerte
-einen Ast, an dem er gerade vorüberjagte. Der ganze Wald tanzte und sprang
-empor. Ein Zischen, ein bläuliches Schwefeln war um ihn, daß er bis
-in die Zunge hinein ein stechendes Rieseln spürte. Dazu flimmerte und
-glitzerte es vor seinen Augen, und doch vermochte er nichts zu sehen,
-nur Schwärze, blaue Finsternis schwang gestaltlos vor ihm. Schmerzlich
-stöhnte er und griff mit den Händen in die Luft, wo er seine Begleiterin
-vermutete. Nachempfindend hörte er von neuem den Regen auf ihre Glieder
-plätschern und vernahm in seiner Vorstellung das klatschende Geräusch
-ihrer nassen Kleider.
-
-»Fräulein Grothe,« fuhr es ungelenk aus ihm heraus, da er jeden Laut
-erst einzeln und neu zu finden suchte, »Fräulein Grothe!«
-
-Dicht vor ihm, mitten auf dem überschwemmten Moos, lag das Weib, nach dem
-er eben gerufen, bewegungslos und starr, und in ihr emporgewandtes Antlitz
-stäubten die feuchten Güsse. Keine Wunde verunzierte ihre Haut, und doch
-war die ganze Gestalt umfangen von Todesruhe.
-
-Ein schneidender Schrecken packte den Herabstarrenden. Zaghaft warf er sich
-in die Nässe nieder und rüttelte an dem hingestreckten Körper. Allein
-die gespannte Brust regte sich nicht, und so angestrengt er lauschte, durch
-die leicht geöffneten Lippen wollte sich kein Hauch drängen. Dazu ächzte
-das Mark der Bäume, und ganz dicht über den triefenden Boden schoß
-es dahin wie der Abglanz einer feurigen Schlange. Da konnte der allen
-äußeren Eindrücken nachgebende Nervenmensch nicht länger dem in ihm
-wühlenden Grauen widerstehen. Ohne recht zu wissen, was er tat, umschlang
-er die Liegende, raffte sie empor und schritt wankend mit ihr durch das
-tobende Unwetter. Seine Arme zitterten unter der ungeahnten Last. Schon
-manches Mädchen hatte er getragen, aber diese hier schien nicht geschaffen
-zu frohem und lockendem Spiel. Nein, starr und wuchtig hingen die schweren
-Glieder herab und suchten ihn zu Boden zu drücken. Seine Brust keuchte,
-vor den Augen begann es ihm wieder zu blitzen, und immer fester mußte er
-das Weib an sich pressen, wenn er nicht einer vollkommenen Erschöpfung
-erliegen wollte. In halbem Traum taumelte er dahin. Aber gottlob, jetzt
-lichtete sich der Wald. Schon ging es durch den Haselnußgang, auf dessen
-Dach es trommelte und rauschte, an der verlassenen Bank vorbei, und jetzt
-hatte er den Hof erreicht. Menschenleer lag er unter dem durchweichenden
-Regen. Kein Auge erspähte ihn, als er durch die offene Tür hindurch die
-schmale Treppe erreichte. Noch ein letztes Zusammenraffen -- und siehe
-da, wie zum Lohn regte es sich in seinen Armen. Eine Hand hob sich und
-klammerte sich an die Schulter des Heraufsteigenden. Oh, er kannte ihr
-Schlafgemach. Oft hatte er im Vorübergehen heimlich über die Armut
-des Raumes gespöttelt und die Schmucklosigkeit des Kämmerchens mit dem
-herrischen, abweisenden Charakter der Besitzerin in Verbindung gebracht.
-Jetzt stieß sein Fuß die halb angelehnte Tür auf, und gleich darauf
-ließ der Fürst seine Bürde tiefatmend auf das eingedeckte Bett gleiten.
-Dann griff er sich erleichtert an den Hals und unwillkürlich mußte
-er seine Umgebung prüfen. Eintönig und fahl wirkte der karge Hausrat,
-namentlich jetzt, wo gegen die Fensterscheiben der Regen einschlug.
-Einzig das Bild da oben an der Wand lohnte sich der Betrachtung! In der
-blaugetünchten Stube war es zu dunkel, um die Unterschrift zu lesen. Aber
-diesen Kopf mußte er schon oft gesehen haben. Sehr oft, ein merkwürdig
-bekanntes Gesicht, irgend jemandem schreckhaft ähnlich. Doch weshalb
-in aller Welt das plötzliche Begegnen dem Beschauer eine so ungeahnte
-Verwirrung einflößte? Oder war es nur die Erschöpfung, die sich jetzt
-äußerte? Daher kam es wohl auch, daß man sich nicht gegen das Lager
-umzukehren wagte, auf dem die Hausherrin in ihren straffen durchnäßten
-Kleidern lag! Freilich, man befand sich allein hier und hatte es nur der
-Betäubung der Deutschen zu danken, daß man überhaupt in ihrer Gegenwart
-einen Blick in diese lächerliche Kammer werfen durfte, die so gar nicht
-für die Ruhestätte einer wirklichen Dame paßte. Zum Henker, sie war
-doch geradezu unbegreiflich, diese Scheu vor einer Willenlosen, aller Kraft
-Beraubten, die noch immer mit geschlossenen Augen lag!
-
-Mit einem sprunghaften, schmerzlichen Entschluß wandte sich der Fürst und
-trat an die Bettstelle. Ja, da war er hingestreckt, der marmorne Körper,
-den der Unbefugte, der Eindringling jetzt erblickte, mit Augen, wie nur
-der Künstler die Verkörperung eines Traumes in sich eintrinkt. Groß
-und majestätisch wölbten sich die Glieder, die sich gewiß zum erstenmal
-einem Manne in verdeckten Umrissen verkündeten. Und in welch edler
-Meißelung die Brust unter dem nassen Leinen schlief.
-
-Bei Gott, das alles wirkte rein und erhaben!
-
-In Dimitris Seele flogen die Lanzen hin und her, wie von brennenden
-Fäusten wurde er angetrieben und wieder zurückgestoßen, alles Gute und
-Schlichte, das ihm das schutzlose Mädchen eingeflößt, widersetzte sich
-gegen die Zerstörungswut, die sein Blut vergiftete, und zwischen Zwang und
-Raserei schloß er die Augen und strich schützend und liebkosend zugleich
-an den vollen leblosen Armen der ihm Preisgegebenen hinab.
-
- * * * * *
-
-Frühzeitig brach die Dämmerung herein, trübes, dunstiges Dunkeln ging
-in raschem Umschlag in einen naßkalten Abend über. Nur einzelne Tropfen
-schlugen noch auf das Land, und der Wind zerrte heftig in den Bäumen.
-
-Herbstnacht!
-
-Längst hatte sich Johanna umgekleidet, aber sie mußte wohl zu lange in
-ihren durchnäßten Gewändern verbracht haben, denn, wenn sie auch
-am Fenster ihres Schlafzimmers lehnte, um müde in das Unerkennbare
-hinauszustarren, durch ihre Glieder schnitt ein Frösteln, immer von neuem
-stürzten ihre schleppenden Gedanken wie irgend etwas Tönernes zusammen,
-und eine Weile mußte sie sich dann durchs Leere tasten.
-
-Dazu diese wühlenden, brennenden Kopfschmerzen! Nein, sie war noch nie
-krank gewesen und wollte auch diesmal nicht nachgeben. Aber der irre Drang,
-der sie umtanzte, der sich aufrichtete und sich an sie hing, er zog ihr den
-Boden unter den Füßen fort und ließ ihre Knie zittern.
-
-Trotzig, mit hocherhobenen Armen, warf sich das Weib, das nicht unterliegen
-wollte, auf sein Lager zurück und wühlte die Stirn in die kühlen Kissen
-ein.
-
-Ruhig, ruhig, endlich mußte sich doch das zerstückte Bewußtsein
-zurückfinden, man mußte nur den Willen zu Hilfe rufen, den eisernen
-Willen, der bis dahin Maritzken jedes Gesetz gegeben, und dann, -- ja ganz
-sicher -- dann würden sich all die flatternden Fetzen zu einem sichtbaren
-Gewebe verknüpfen; man würde es durch die Hände laufen lassen, man
-würde es prüfen, und dann, dann würden Angst und Bedrückung und
-Verworrenheit weichen. Alles, was jetzt schemenhaft, als wahnsinnige
-Traumgestalten durch ihr Hirn gaukelte, das lebte ja nicht, das hatte
-sein flammendes Dasein aus den Feuern des Blitzstrahls gesogen, und mußte
-verrauchen und zu Asche sinken, sobald kühle Vernunft dem Spuk in die
-funkelnden Augen sah!
-
-Stöhnend mußte die vor Scham Fiebernde sich eingestehen, daß alle ihre
-Gedanken, ihr ganzes Vorstellungsvermögen wie in einer engen, brennenden
-Grube eingefangen waren, aus der es für sie keine Möglichkeit gab, zu
-entrinnen. Und auch der Umstand, daß der erste müde Blick in die Umwelt
-ihr eine fremde Uniform gezeigt hatte, die schattenhaft durch die Tür
-entschwand, was bewies er schließlich anderes, als daß ihre Phantasie
-bei dem Menschen stehen geblieben war, mit dem sie sich zuletzt bei vollem
-Bewußtsein beschäftigt?
-
-Mit einer wegwerfenden Gebärde erhob sie sich und siehe da, sie stand
-fest auf ihren Füßen. Das erste, was sich in ihr regte, war die Absicht,
-irgendwo ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Ein rascher Blick auf die Uhr an
-ihrem Handgelenk belehrte sie darüber, daß die Abendstunde angebrochen
-sei, in der sie sich nach dem Befinden und den Wünschen Sassins zu
-erkundigen pflegte. Ruhig strich sich Johanna das Haar aus der Stirn,
-ordnete ihre Kleider und entzündete ein Licht, um sich durch den schmalen
-Gang voranzuleuchten. Als sie nach kurzem Klopfen bei dem Rittmeister
-eintrat, saß der Kranke auf dem einfachen braunen Ripssofa, hielt die Arme
-auf den Tisch gestützt, und sein plumpes Gesicht starrte schwermütig
-auf die weiße Glocke der vor ihm brennenden Lampe. Kaum erkannte Leo
-Konstantinowitsch die Hausherrin, so machte er einen Versuch, sich zu
-verneigen, woran er jedoch von der Nähertretenden gehindert wurde.
-Aufrecht wie immer blieb das Gutsfräulein an dem Tisch stehen, ohne der
-Einladung des Russen, Platz zu nehmen, irgendeine Beachtung zu schenken.
-Bald waren die üblichen Fragen erledigt, und nachdem Johanna noch einen
-prüfenden Blick in die Runde geschickt, gedachte sie sich eben wieder
-zurückzuziehen, da wurde sie durch einen Ausruf des Kranken an ihrer
-Absicht gehindert.
-
-»Bleiben, verehrtes Fräulein, bitte, bitte, bleiben,« rief der Russe so
-dringend hinter ihr her, daß sich die Enteilende seinem Verlangen
-nicht entziehen mochte. Dazu hüstelte Leo Konstantinowitsch wieder so
-mitleiderregend und preßte sich beide Fäuste mit aller Gewalt gegen die
-Brust. Er schien seine Schmerzen auf diese Weise dämpfen zu wollen.
-
-»Ist hier noch etwas versäumt?« erkundigte sich das Mädchen, an den
-Tisch zurückkehrend.
-
-»Nichts versäumt,« bemühte sich der Rittmeister in seiner gewohnten
-lebhaften Art hervorzusprudeln, »nicht das Allergeringste.« Und dabei
-riß er die Augen auf, um den Grad seiner Bewunderung anzuzeigen. »=Vous
-tenez bon ordre=, es geht alles -- wie sage ich: nach dem =règlement=.
-Das ist es gerade, Madame, ich wollte Ihnen schon längst für vorzügliche
-Behandlung danken, die gar nicht verdiene.«
-
-»Oh, lassen Sie das,« entgegnete Johanna von einem flüchtigen Mitleiden
-ergriffen.
-
-Der Russe stützte wieder den blonden Kopf in die Hand und streichelte
-grübelnd über die weiße Lampenglocke. Durch seine abgezehrten Finger sah
-man das Blut schimmern.
-
-»Oh doch,« sprach er in sich gekehrt weiter, »manche von uns verdienen
-Rücksicht nicht. Es ließe sich viel darüber sagen, sehr viel.«
-
-Während der letzten Worte glitt der unruhige Blick des Kranken nach
-der gegenüberliegenden Wand, und es schien, als wenn er zu etwas ganz
-Besonderem auszuholen beabsichtige. Indessen auch seine Entschlußkraft
-mußte wohl durch seine Leiden gebrochen sein, denn er sank unverrichteter
-Sache wieder zusammen und murmelte etwas zur Entschuldigung. Und dennoch
-hatte die Andeutung in seiner Hörerin das Gefühl erweckt, als ob sich
-seine versteckte Warnung auf den Fürsten Fergussow beziehe.
-
-Eine Weile blieb es still zwischen den beiden, die sich scheuten, einander
-weitere Eröffnungen zu machen. Dann wünschte Johanna dem Rittmeister eine
-gute Nacht. Sassin jedoch, als ob er fürchte, jetzt schon allein gelassen
-zu werden, streckte die Hand gegen sie aus und klammerte sich an ihr
-letztes Wort.
-
-»=Bonne nuit=,« nickte er schwermütig. »Ja, habe hier gut geschlafen.
-Das Bett weiß, das Haus ruhig. Wer kann wissen, wie später einmal finden
-werde?«
-
-»Werden Sie denn von hier fortgehen?« fragte Johanna gepackt.
-
-Der Russe kratzte wieder an der Glocke herum. Nur schwer rang er sich das
-Folgende von der Seele:
-
-»Im Krieg kommt so etwas schnell,« versetzte er. »Man erzählt sich
-jetzt hier allerlei. Und dicker Doktor hinterbrachte mir heute, daß wieder
-vorwärts geht.«
-
-»Dann werden Sie vielleicht alle bald Ihr Quartier verlassen müssen?«
-atmete Johanna hörbar.
-
-Der Russe stöhnte. »Ich nicht -- andere -- ich nicht.«
-
-»Weiß der Fürst schon von dieser Möglichkeit?«
-
-Es mußte etwas im Klang ihrer Stimme liegen, was Leo Konstantinowitsch
-veranlaßte, inne zu halten. Lauernd schob er seinen Kopf hinter der
-Lampenglocke hervor, und seine blauen Knabenaugen flackerten unruhig über
-die hohe Gestalt hinweg.
-
-»Was weiß ich von den =ordres=, die Fürst empfängt?« knurrte er übel
-gelaunt. »Hat nicht die Gnade, sie mir mitzuteilen. Zufällig wurde mir
-nur durch unseren Wachtmeister bekannt, daß er im Moment bei den anderen
-Kameraden in Schenke sitzt. Eine große Herablassung, zu der sich Seine
-Durchlaucht sonst nicht hergibt. Muß etwas ganz Besonderes in Luft
-liegen.«
-
-»Das ist nicht meine Sache,« schloß die Hausherrin gleichgültig. »Wohl
-zu ruhen.«
-
-Und sie ging mit einem kurzen Neigen heraus.
-
- * * * * *
-
-Je weiter die Nacht vorrückte, desto öfter fand sich Johanna in ihrem
-unruhigen Schlummer gestört. Bald rasselte es über die Landstraße,
-als ob schwere eisenklirrende Gespanne unter Flüchen vorwärts getrieben
-würden, bald drang das eigentümliche Knirschen zu ihr herauf, das
-entsteht, wenn unzählige nägelbeschlagene Stiefel die Chaussee treten.
-Gleich darauf versank wieder alles in Stille, bis das Fauchen von
-Automobilen und das Getrappel größerer Reiterscharen sie von neuem aus
-den Gründen der Vergessenheit aufjagten. Die Einsame schlug die Augen auf
-und lauschte. In dem kleinen niedrigen Zimmer hing noch tiefe Finsternis,
-und gerade jetzt, wo die Hausherrin das wilde Getriebe dort unten
-deutlicher zu unterscheiden suchte, da war alles wieder in seine frühere
-Lautlosigkeit zurückgesunken. Nichts verkündete sich der Liegenden, als
-das hohle Aufspritzen einzelner Tropfen, die mit der Regelmäßigkeit des
-Pendelschlags aus der Dachrinne herunterrollten.
-
-Aber nein -- auf dem schmalen Gang des Stockwerks bewegte sich ein
-Türklopfer.
-
-Johanna wußte nicht, von welcher Gewalt sie emporgerissen wurde. Furcht,
-scheue Ahnung eines überwältigenden Unheils und das Nachwirken all der
-kranken Grübeleien, die seit ihrem Zusammenbruch ihr nüchternes Urteil
-zerrüttet hatten, dieses seltsame Gemisch erhielt eine nicht mehr zu
-bannende Gewalt über sie.
-
-Ein Sprung -- und sie hatte lautlos ihre Tür um eine Linie geöffnet.
-
-Sie hatte geöffnet und sah draußen in dem ungewissen Dämmer, der
-durch das kaum fußhohe Fensterchen am Ende des Ganges fiel, -- sie sah,
-zusammengeduckt und atemlos, wie das Bild dort oben an ihrer Wand das
-Gemach ihrer Schwester Marianne verließ. Es schlich an ihr vorüber, die
-Treppe knarrte, und dann tickte wieder der Pendelschlag aus der Dachrinne.
-
-Eins -- zwei -- drei.
-
-Die große Blonde aber, die gewalttätige Walküre, sie stand in ihrem
-weißen Hemd und regte sich nicht. Weder schrie sie auf, noch führte sie
-mit der geballten Faust einen Schlag gegen den Kupferstich, so daß das
-deckende Glas in tausend Scherben zersprang. Langsam, zitternd vielmehr,
-führte sie die Finger an den Mund und tat dasjenige, was sie ihr ganzes
-Leben hindurch aus dem Zwang der Verhältnisse heraus geübt hatte --
-sie rechnete. Das Exempel war wieder an seinem Ende angelangt. Zuerst den
-Leichtsinn des Vaters gebüßt durch ungezählte Jahre, jetzt, nachdem das
-Haus mühsam aufgebaut war, da brach die Welt zusammen, und die Schande
-kroch heimlich in ihre Nähe.
-
-Was nun? Mußte jetzt wieder ein unerbittlicher Strich gezogen werden? Wie
-fing man das nur an, wenn man so allein war?
-
-Über ihrem Haupte rollten die Tropfen, und der Pendelschlag tickte weiter.
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Morgen hatte Fürst Fergussow das Haus ohne Abschied
-verlassen. Man brachte Johanna ein Schreiben von ihm. In dem Kuvert lag ein
-Schutzbrief des Obersten sowie ein paar Tausendrubelnoten zum Ausgleich des
-der Gutsbesitzerin erwachsenen Schadens. Johanna nahm beides, ihre Brust
-schien einen Moment still zu stehen, dann senkte sie das Haupt, strich sich
-die Haare aus der Stirn und schloß die Sendung umsichtig in ihre Kommode.
-
-
-
-
-IV.
-
-
-Tiefe Finsternis ruhte über der weiten, russischen Erde, als der
-Leiterwagen mit den deutschen Geiseln in der Gouvernementsstadt anlangte.
-Ein heftiger Wind sauste über den zahnlückigen Marktplatz und flackerte
-ängstlich um die Flammen der wenigen Gaslaternen, die sich aus dem
-vermorschten Holzbelag der Bürgersteige erhoben. Und doch schlief die
-dunkle Stadt nicht, nein, im Gegensatz zu dem preußischen Gemeinwesen, das
-sie vor kurzem verlassen, merkten die Fortgeschleppten voller Befremden,
-wie hier die Nacht widerhallte von verstecktem Leben, von Daseinsfreude und
-Genuß, als ob diese Regierungsstätte des Zaren sich schon nicht mehr
-um den nahen Völkerstreit zu kümmern hätte. Durch die erleuchteten
-Fensterscheiben der elenden kleinen Gasthäuser und Kaffees sahen die
-Vorüberfahrenden, wie sich an jenen Orten zweifelhafter Geselligkeit eine
-dichte Menge drängte. Zahlreiche Offiziere aller Waffengattungen zechten
-hier, die Mützen schief auf den Köpfen, neben eleganten Frauen, man
-hörte Wiener Walzer aufklingen und dazwischen das Tremolieren vortragender
-Chantantkünstlerinnen. Gelächter und Bravorufe belohnten die Darbietungen
-der kurzgeschürzten Damen.
-
-Gefesselt hüllte sich Isa fester in ihren grauen Regenmantel, und sie
-versuchte in dem flüchtigen Lichtschimmer, der ab und zu über die
-Straße huschte, in den Zügen des neben ihr sitzenden, gänzlich in sich
-versunkenen Konsuls Bark zu lesen, welchen Eindruck das unerwartete Treiben
-auf ihren Gefährten hervorbrächte. Als sich jedoch, soviel sie erkennen
-konnte, der Ausdruck verbissener Entschlossenheit auf dem Antlitz des
-Kaufmannes nicht veränderte, da spähte sie wieder neugierig umher, denn
-in ihrem jungen, unerfahrenen Gemüt überwog bei jener traurigen Fahrt
-noch das Interesse an dem Ungewohnten und Abenteuerlichen. Und der Konsul
-ließ sie gewähren, denn er ahnte, wie bald sie den grimmigen Ernst ihrer
-Lage begreifen würde.
-
-Jetzt verlangsamte sich der Trab der Pferde. Sie fuhren an den dunklen
-Massen der russischen Militärkirche vorbei, und in dem trüben Flackern
-von ein paar Gaslichtern sahen die Deutschen, wie der Metallüberzug der
-byzantinischen Kuppeln einen glitzernden Widerschein warf.
-
-»Man halte,« rief der baltische Unterleutnant, der das Kommando über die
-Begleitmannschaft führte, und erhob sich.
-
-Ganz dicht aus einer der Seitenstraßen vernahm man das Geräusch einer
-sich nahenden Volksmenge. Feierlich, dumpf, inbrünstig und wehklagend
-erschallte nach dem Takt der Schritte vielhundertstimmiger Gesang, auch
-die Soldaten des Transportes entblößten demütig ihre Häupter, und
-ehe Geiseln und Gefangene noch recht die Erklärung ihres jungen Adligen
-begriffen hatten, daß jenes packende geheimnisvolle Lied die russische
-Nationalhymne wäre, da schwenkte der Zug schon auf den Kirchplatz ein.
-Voran ein Fackelträger, dicht hinter ihm, zwischen zwei bekränzten
-Stangen hängend und unheimlich von der rauchenden Flamme überflutet, das
-Bild des gekrönten Zaren, und in seiner Gefolgschaft die unübersehbare,
-singende Menge. Fabrikarbeiter, alle Häupter entblößt, alle Hände
-gefaltet, und alle, alle von dem einen starren Gedanken beseelt, Sieg, Sieg
-für die russischen Waffen zu erflehen.
-
-So zogen sie dahin, dumpf, taktmäßig, eine inbrünstige Beterschar, und
-ihr Weg führte sie an den erleuchteten Fenstern vorüber, hinter denen die
-Champagnerkelche klirrten und das Gekreisch der sich wiegenden Soubretten
-das Locken der Geigen überschrillte.
-
-Mitleidig schlug die Nacht ihren Mantel um den grauenhaften Widerstreit, in
-dem die russische Seele sich selbst anfiel und zerfleischte.
-
-Auch Unterleutnant Karström hatte die Mütze vom Haupt gezogen, jetzt
-schickte er noch einen trüben Blick hinter dem entschwindenden Fackellicht
-her, um dann erwachend seinem Kutscher den Befehl zu erteilen, auf die
-entgegengesetzte Seite des Platzes hinüberzulenken.
-
-Aus der Dunkelheit tauchten die Umrisse eines stattlicheren Gebäudes auf.
-Es war das =Hôtel de Moscou=, der vornehmste Gasthof der Stadt.
-
-»Für die Herren Senatoren ist hier bereits Quartier bestellt,« erklärte
-der junge Offizier, als erster von dem Leiterwagen herunterspringend. »Es
-steht den Herren selbstverständlich frei, hier zu soupieren. Allerdings
-muß ich verlangen, daß keiner der Herrschaften ohne Aufsicht das Hotel
-verläßt. Und Sie?« setzte der uniformierte Knabe zögernd hinzu, als
-nun in der dunklen Schar der Magistratsmitglieder Konsul Bark sowie
-das schlanke Mädchen vor ihm standen, und es war, als ob er sich der
-ungewissen Frage ihrer Augen nicht gewachsen fühlte, »Sie? Um offen zu
-sein,« flüsterte er beiseite, »ich empfing den Auftrag, Sie beide heute
-noch der Polizeimeisterei einzuliefern.«
-
-»Der Polizeimeisterei?« wiederholte Rudolf Bark finster, und Isa
-erschrak, weil der Großkaufmann sich die Lippe nagte, wie wenn er sich
-kein weiteres Wort entschlüpfen lassen wollte.
-
-»Ist denn die Polizeimeisterei ein solch schlimmer Ort?« forschte sie
-erblassend.
-
-Die beiden Männer warfen sich einen bedeutsamen Blick zu, dann aber
-schüttelte sich der schmächtige Offizier, und während er die deutschen
-Bürger, die sich schon unter dem Hauseingang drängten, durch eine
-Handbewegung zum Warten aufforderte, da schien der vornehme junge Mensch
-seinen Entschluß gefaßt zu haben:
-
-»Ich glaube es verantworten zu können,« rang es sich willenskräftig
-von seinen zuckenden Lippen, »wenn Sie und die Dame« -- hier verbeugte er
-sich leicht -- »die heutige Nacht gleichfalls im Hotel Moscau verbringen.
-Ich hoffe, Sie werden mir Ihre Bewachung weder schwer machen,« lächelte
-er, »noch verübeln! Morgen freilich --« er zuckte die Achseln -- --
-
-»Oh, ich verstehe,« rief Konsul Bark, ganz glücklich, wenigstens noch
-für ein paar Stunden der drohenden Einkerkerung entgangen zu sein, von
-deren Schrecken er sowohl durch Lektüre, als durch allerlei mündliche
-Schilderungen genügend unterrichtet war. Und schon, während er mit
-den anderen das kleine Vestibül betrat, da wälzte sein lebhafter und
-unternehmender Geist bereits allerlei Pläne, wie er sich und das hübsche,
-ahnungslose Mädel allen weiteren Anfechtungen durch ein unbeobachtetes
-Entweichen entziehen könnte. Denn eine Flucht mußte er bewerkstelligen,
-ganz gleich, ob er dem jungen Balten für die bewiesene Rücksicht
-verpflichtet war oder nicht; diesen Versuch schuldete er nicht nur der
-eigenen Freude am Dasein, sondern auch hundertfach seiner lieben, frischen
-Begleiterin, deren unaufdringliche Heiterkeit ihm zu einem gar nicht mehr
-entbehrlichen Trost geworden. Einen bewundernden Blick warf er auf den
-Rotkopf, der sich hier in dem unordentlichen Vorraum und umgeben von
-den sorgenbeschwerten älteren Herren doppelt anziehend unter seinem
-anspruchslosen Lackhut und in seiner schlanken Gertenhaftigkeit ausnahm.
-
-Dann griff der Kaufmann instinktiv an seine Brust. Gottlob, die Brieftasche
-mit ihren knisternden Geldscheinen befand sich noch am rechten Ort. Und
-Rudolf Bark wußte, welch ein mächtiger Verbündeter diese bunten Blätter
-im Reiche des weißen Zaren zu sein pflegten.
-
-Sie traten in die Gaststube.
-
-In dem mit Stuck und Portieren überladenen Raum befanden sich ein paar
-lange, weißgedeckte Tafeln, und an ihnen hatten sich eine Anzahl höherer
-Offiziere, sowie die Spitzen der Behörden mit ihren Damen gelagert. Eine
-Reihe von Zeitungen wanderten von Hand zu Hand, man las sich einzelne
-besonders wichtige Nachrichten vor, man stieß auf die Gesundheit des
-Großfürsten an, man lachte und strahlte, denn aus all jenen Neuigkeiten
-verkündete sich immer wieder die eine felsenfeste Gewißheit -- die Feinde
-Mütterchen Rußlands und seiner Verbündeten, sie lagen am Boden, sie
-zappelten und verröchelten unter dem Schwert ihrer Bedränger, man schlug
-sie einfach »mit Mützen tot«. Dieses Scherzwort hatte besonders ein
-untersetzter, stiernackiger Generalleutnant geprägt, der am Kopfende der
-größten Tafel präsidierte und dessen von vielen Ringen geschmückte,
-fleischige Rechte unaufhörlich verschiedenartig gefärbte Liköre zu
-dem von Hitzblattern entstellten Antlitz hob. Seine verkniffenen Augen
-schwammen förmlich in Gutmütigkeit und Wohlbehagen, als er die Reihe der
-ihn feiernden Damen musternd, in prasselndem Kehlbratenton herunterrief:
-
-»Sie können es mir glauben, meine Damen, mit den Mützen. Beachten Sie
-bitte den tieferen Sinn in diesem Wort. Ich bin stolz darauf, in einem
-Rapport an Se. Kaiserliche Hoheit, den Großfürsten, es zuerst angewendet
-zu haben.«
-
-Als der Name des kaiserlichen Verwandten fiel, trat eine feierliche Pause
-ein. Die Offiziere streckten ihre Gläser starr vor sich hin, und die Damen
-warfen Kußhände. Geschmeichelt verneigte sich die dicke Exzellenz nach
-allen Seiten. Dann beugte er seinen kahlen Schädel, auf dem sich der Glanz
-der elektrischen Lichter widerspiegelte, tief zu seiner besonders eleganten
-Nachbarin hinüber, und seine verkniffenen Augen wiesen deutlich auf die
-eintretende Schar der Geiseln, die sich wortlos und gedrückt an einem
-kleinen runden Tisch unter der Fensternische niederließ.
-
-»Ah, Sie, Herr Unterleutnant,« winkte der Fette den jungen Balten darauf
-gnädig zu sich heran, nachdem seine unförmliche Rechte nachlässig für
-den strammen Gruß des Untergebenen gedankt hatte. Und in einem Rest
-von Rücksicht und Lebensart dämpfte die Exzellenz ihre knirschende
-Bratenstimme zu einem merkwürdigen Gezische, als sie sich jetzt, für alle
-vernehmbar, nach dem Transport des Offiziers erkundigte.
-
-»Ah so -- Geiseln!? Bürgermeister und Magistratspersonen? Hm,
-unbedeutende Physiognomien. Nicht wahr? Finden Sie nicht gleichfalls,
-Gnädige? Die Deutschen sind sämtlich Maschinen. Keine Individualitäten.
-Wir dagegen sind Künstler, eigenwillige Künstler.« Und die zwinkernden
-Äuglein auf Isas anmutige Erscheinung richtend, schien die Exzellenz
-nunmehr Bericht über die auffallende Anwesenheit der jungen Nemza
-einzufordern.
-
-Neugierig steckte die ganze Tischgesellschaft die Köpfe zusammen, Ausrufe
-des Erstaunens, aber auch des Mißvergnügens, ja der Drohung flogen hin
-und her, als der Kreis der Tafelnden den näheren Zusammenhang erfuhr.
-
-»Wie? Ist es möglich? -- Sassin? -- Ein Attentat auf Leo
-Konstantinowitsch? -- Gibt es noch ein gutmütigeres Kind auf der Erde? --
-Ein Mensch, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte? Hat er nicht sein
-Geld in Scheffeln zum Fenster hinausgeworfen? -- Hier wird man hoffentlich
-die ganze Strenge walten lassen!«
-
-»Es ist bedauerlich,« schnaufte der General und wischte sich die
-wulstigen Lippen, »daß das nächste Kriegsgericht erst in Mariampol
-tagt. Nicht wahr, meine Herren, in Mariampol? Wir haben es seiner großen
-Überlastung wegen und -- ganz gewiß -- auch, um seine Unparteilichkeit
-sicher zu stellen, zurückverlegen müssen. Aber,« fügte er pompös hinzu
-und lehnte sich hintenüber, »vielleicht kann hier auch ein kürzerer
-Modus Platz greifen.«
-
-»Habt Ihr es gehört? Dies ist eine vortreffliche Ansicht,« raunte es bei
-den Offizieren, aber es trat sofort eine aufmerksame Stille ein, als sich
-jetzt eine frische, besonders wohllautende Frauenstimme ganz dicht neben
-dem General in die Unterhaltung mischte: »Wollen Sie uns Ihre Idee nicht
-erläutern, Exzellenz?«
-
-»Erläutern? Warum, meine Teuerste?« sträubte sich der Dicke und bekam
-einen noch röteren Kopf. Jedoch nachdem er mit seiner fleischigen Hand ein
-Paar Zahnstocher geknickt hatte, rückte er ganz nahe an seine blühende
-Nachbarin heran, um ihr salbungsvoll und verliebt ins Ohr zu flüstern:
-»Wer kann solchen Taubenaugen widerstehen? Aber meine Meinung ist, wir
-haben Krieg, meine Liebste, Krieg, verstehen Sie? Da läßt sich ein
-solches Verfahren auch sehr vereinfachen. -- Aber nun lassen wir uns von
-etwas Hübscherem sprechen! Sie fühlen sich gewiß vereinsamt, Maria
-Geschowa? Ist es so?«
-
-Maria Geschowa?
-
-Noch ehe der Name der Tatarin gefallen war, ja, im gleichen Moment, da der
-Konsul den warmen sinnlichen Klang der wohllautenden Stimme aus dem Gewirr
-der anderen sich ablösen hörte, da hatte der Herr des »Goldenen Becher«
-seinen Stuhl ein wenig beiseite geschoben, um zu versuchen, ob er die
-Aufmerksamkeit der jungen Frau auf sich zu lenken vermöchte, die auch
-heute wieder so fremd und vorteilhaft von den übrigen Provinzdamen
-abstach. Flüsterte ihm doch eine innere Stimme zu, dieses dunkle,
-samtwangige Weib, das sich schon einmal so viel Mühe gegeben hatte, ihm
-zu gefallen, es sei das einzige Wesen in der fremden Stadt, das weder
-Vergnügen noch Genugtuung bei seinem Untergang empfinden könnte.
-
-Und bei Gott, sie sah ihm jetzt gerade ins Gesicht! Aber welche
-Enttäuschung! Maria Geschowa verzog keine Miene, fremd und leer
-betrachtete sie ihn, wie ein Ausstellungsobjekt, wie einen Verbrecher,
-bei dem man unter Schauder und Nervenkitzel berechnet, welche Striemen der
-Strick um seinen Hals hinterlassen würde, und jetzt hob die schmale
-Hand sogar eine Lorgnette vor die Augen, um sie gleich darauf wieder
-gleichgültig zusammenzufalten.
-
-Damit schien ihr Interesse völlig erloschen zu sein, sie streifte noch
-einmal abschätzend das rote Geflimmer um Isas Haupt und wandte sich dann
-mit ihren schwellenden Bewegungen zu dem alten General zurück, der sich
-soeben ein ganz besonderes Glanzstück seiner Rednergabe leistete. Die
-Rechte flach von sich gestreckt, so daß er das Funkeln der vielen Ringe
-bewundernd einsaugen konnte, ließ er seine fette Stimme braten und
-prasseln, als ob hier irgendwo eine Pfanne ans Feuer gerückt wäre.
-
-»Herr Unterleutnant -- wie war der Name? -- Karström, oh, ich weiß recht
-gut -- Sie sind noch ein junger Mann, aber ich billige Ihr Verhalten. Im
-Ernst, ich schätze Ihre Noblesse. Ihre Rücksicht gegen die beiden -- hm,
-gegen die beiden -- Verdächtigen kann mich nur befriedigen. Sie ist echt
-russisch. Warum sollen wir nicht immer und immer wieder ein Beispiel geben
-von dem edlen Herzen, das in unserem riesigen Körper schlägt? Ich bin
-zufrieden mit Ihnen. Sie sind ein hoffnungsvoller Offizier. Setzen Sie
-sich, Karström, und beaufsichtigen Sie die Nemzows.«
-
-Mehr hörte der Konsul nicht. Er saß neben Isa, hatte den Kopf in die Hand
-gestützt und -- schämte sich. Und während seine Nachbarin den inzwischen
-aufgetragenen Speisen mit dem ganzen Appetit der Jugend zusprach, während
-sie ihm wider alles Herkommen hausmütterlich den Wein einschenkte,
-während sie ihre hellen Augen spähend herumschweifen ließ, ob sie für
-ihren Freund nicht etwas recht Schmackhaftes erobern könnte, da zehrte
-Rudolf Bark an der Demütigung, die ihm eben zuteil geworden, und schalt
-sich selbst einen Phantasten, weil er von einem gefallsüchtigen, herzlosen
-Weibe Förderung und Hilfe erwartet hatte. Wie tief mußte sich bereits der
-Völkerhaß in die verborgenste Wurzel der Nationen herabgefressen haben,
-wenn sogar schon die Frauen des Nachbarreiches von der blinden Wut, von
-heimlicher Schadenfreude an fremden Schmerzen ergriffen waren. Und diese
-Maria Geschowa, diese Weltdame, diese Meisterin der Unterhaltungskunst,
-hatte sie nicht noch vor kurzem mit ihrem Verständnis für deutsche Kunst
-und westliche Art geprahlt? Der Konsul verzog ein wenig geringschätzig
-den Mund, und das, was er soeben über die Treue und Redlichkeit slawischer
-Frauen dachte, das klang nicht gerade in einen Lobgesang aus. Dabei wurden
-seine Augen wieder hart und berechnend. Nun gut, die Frau des Obersten
-Geschow war ausgeschaltet, aber wen, wen konnte er an ihrer Statt für sich
-und seine Pläne gewinnen? Denn das stand fest, nur die heutige Nacht, so
-lange er noch in dem Hotel weilte, durfte zu dem so ängstlich überdachten
-Entweichen benutzt werden. Sobald er erst der russischen Beamtenschaft
-verfallen war, dann umwanden ihn tausend Fesseln, sichtbare und
-unsichtbare, die Gefängnisse des Landes öffneten sich nicht wieder.
-Er griff nach seiner Brusttasche. Ob er mit dem Wirt des Hotels beim
-Schlafengehen eine vorsichtige Unterhaltung begann? Oder mit dem Portier
-des Hauses? Freilich, diese Dworniks waren sämtlich bezahlte Späher der
-Polizeimeisterei. Und doch -- der höher Bietende behielt hier häufig
-recht. Wofür sich also entscheiden? Denn die Zeit drängte, der Zeiger der
-breiten Standuhr in der Ecke stand hart vor der elften Stunde der Nacht.
-
-Rudolf Bark versank niemals so völlig in Gedanken und Überlegung, daß
-seine Augen von seiner Umgebung abgelenkt werden konnten. So hielt er auch
-jetzt plötzlich inne, und eine geheime Unruhe veranlaßte ihn, seine
-ganze Aufmerksamkeit auf eine Erscheinung zu richten, die soeben unter
-die Portiere des Eingangs trat. Fast im Fluge bemerkte der Konsul, wie der
-späte Gast noch unter den Falten des Vorhangs mit dem betreßten
-Portier ein paar rasche Worte wechselte, um sich sodann nach Art eines
-Platzsuchenden umzuschauen. Es war ein ganz unauffälliger Herr, sehr
-schlank, sehr glattgescheitelt, in einem grauen Jakettanzug, in dessen
-Seitentaschen ein Paar braune Glacélederhände Eingang suchten, und das
-schmale pockennarbige Gesicht würde keinen anderen Grund zum Mißtrauen
-geboten haben, wenn der glattrasierte Mund nicht so höflich-verlegen
-gelächelt und wenn in den verdeckten Augen nicht im Gegensatz hierzu eine
-solche Gewohnheit des Zählens und Feststellens gelauert hätte.
-
-Sollte das vielleicht -- --? Der Konsul ließ das Messer sinken und
-verfolgte den Fremden Schritt für Schritt. Aalglatt, unhörbar wand sich
-der schmale Herr mit den braunen Handschuhen weiter in den Saal hinein.
-Seine Aufmerksamkeit schien einzig den noch leergebliebenen Stühlen an
-den anderen Tischen zu gelten, bis er plötzlich mit einer überraschenden
-Wendung vor der Tafel der Deutschen haltmachte, der er bis jetzt nicht die
-geringste Beachtung geschenkt.
-
-Hier verbeugte er sich übermäßig tief und hauchte in einem Flüsterton,
-der sich kaum über einen Meter weit Gehör verschaffen konnte, jedoch
-voller Rücksicht und Ergebenheit:
-
-»Ich habe die Ehre, Herrn Konsul Bark zu sehen?«
-
-»Allerdings,« erwiderte der Kaufmann erblassend.
-
-»Und dies ist, wie ich vermute, die Dame Ihrer Begleitung?«
-
-»Ja,« stotterte Isa, die entsetzt auf das pockennarbige Antlitz starrte.
-
-»Die Herrschaften brauchen sich durchaus nicht zu beunruhigen,« fuhr der
-verlegene Herr fort und winkte beschwichtigend mit der braunen Lederhand,
-als müßte er von vornherein die Bedeutungslosigkeit seiner Person sowie
-seines Auftrags in das gehörige Licht setzen. »Es liegt wahrhaftig nicht
-der mindeste Grund zu einer Befürchtung vor. Ich versichere es bei meiner
-Ehre. Es handelt sich lediglich um eine reine Formsache.«
-
-Jetzt erstarb an dem Tische der Verschleppten auch das leiseste Geräusch,
-all diese deutschen Männer vergaßen im Moment ihr eigenes Mißgeschick,
-und ein heißes Mitgefühl wallte jedem auf, da sie ahnten, wie bald eine
-Lücke in ihren kleinen Kreis gerissen sein würde. Nur der knabenhafte
-Offizier verlor nicht eine Sekunde sein inneres Gleichgewicht. Unwillig
-verzog er die Stirn, und auf den abgezehrten Wangen glühten zwei helle
-Punkte auf.
-
-»Was haben Sie mit den Herrschaften zu schaffen?« fragte er streng. »Sie
-sehen ja, daß sie sich unter militärischer Aufsicht befinden. Wer sind
-Sie überhaupt?«
-
-Der Herr im grauen Jackett verbeugte sich wieder. Sei es nun, daß die
-drohende Sprache des jungen Balten so stark auf ihn wirkte, oder ob ihn
-wirklich die Erkenntnis von der Mißachtung niederschlug, die allgemein
-seinem Stande entgegengebracht wurde, jedenfalls klappte er zusammen, bis
-die grauen Arme steif herabhingen und den Deutschen für einen Augenblick
-nur sein schnurgerader Scheitel sichtbar blieb.
-
-»Herr Unterleutnant,« hauchte er tonlos, »mein Name ist zu unwichtig
-und unbedeutend, als daß ich es wagen dürfte, Ihr Gedächtnis damit zu
-beschweren. Und was meine Stellung betrifft,« -- er tauchte vorsichtig in
-die Höhe und zuckte schmerzlich mit den Mundwinkeln, -- »ich hatte auch
-einmal meine Studienzeit, aber jetzt bin ich seit sechzehn Jahren der
-Sekretär Sr. Hochgeboren des Herrn Polizeimeister-Stellvertreters
-Tolmin.«
-
-In dem ganzen Saal war es totenstill geworden. An der Tafel der Offiziere
-hatten sich alle Häupter der Gruppe der Fremden zugekehrt, und selbst
-der fette General streckte die Beine von sich und ließ die Unterlippe
-herabhängen, als sei die Unterhaltung dort drüben eine gut genährte
-Auster, die er auf einen Zug in sich hineinschlürfen müsse.
-
-»Sehen Sie, Maria Geschowa,« knasterte er behaglich, »zweifeln Sie noch
-länger an der Zuverlässigkeit unserer Polizei?«
-
-Inzwischen hatte sich auch die schlanke Jünglingsgestalt des
-Unterleutnants Karström von ihrem Sitz erhoben. Niemals während der
-ganzen Zeit hatte er so krank und hinfällig ausgesehen, wie jetzt, und
-doch klang seine Stimme fest und sicher, als er nun voller Verachtung
-hervorstieß:
-
-»Dann schleichen Sie gefälligst nicht wie die Katze um den Brei! Was
-haben Sie an den Konsul Bark und seine Begleiterin für einen Auftrag?«
-
-»Oh, eine Kleinigkeit,« lächelte der verlegene Herr mit den braunen
-Handschuhen und bemühte sich, durch das Entblößen seiner weißen Zähne
-alle Anwesenden von seiner vollkommenen Harmlosigkeit zu überzeugen. »Es
-ist absolut nichts. Der Dwornik des Hotels de Moscou erstattete nur seiner
-Pflicht gemäß Anzeige über die zuletzt eingetroffenen Fremden an
-den Pristav des hiesigen Reviers, Se. Hochwohlgeboren der Pristav
-telephonierte es ordnungsgemäß an den Herrn Polizeimeister-Stellvertreter
-weiter, und Se. Hochwohlgeboren wünscht nun -- --«
-
-»Zum Teufel, was wünscht er?« schrie der Balte sich vergessend und
-stieß mit der Scheide seines Säbels ungeduldig auf den Estrich.
-
-»Er ist noch sehr jung,« begleitete der fette General bedenklich diesen
-Vorgang.
-
-Der graue Herr aber bebte vor dem Zornesausbruch des Offiziers zurück,
-zeigte krampfhaft seine weißen Zähne und streichelte mit der braunen
-Glacérechten unaufhörlich in der Luft herum, als gelte es, einen bissigen
-Hund zu besänftigen:
-
-»Oh, Ew. Hochwohlgeboren,« flötete er gleich einem erschreckten Vogel,
-»Sie verkennen meine gute Absicht, der Herr Polizeimeister-Stellvertreter
-wünscht nur die Personalien der Herrschaften festzustellen. In der
-wohlwollendsten Meinung natürlich. Zwar wird jedes Kind begreifen,
-daß die Herrschaften gewissermaßen das Eigentum einer hochmögenden
-Militärbehörde sind, -- wer dürfte sich dagegen auflehnen? -- aber der
-Herr Polizeimeister-Stellvertreter sind leider in der peinlichen Lage, auf
-eine persönliche Kontrolle nicht verzichten zu können.«
-
-Hilflos wandte sich der Unterleutnant an seine Schutzbefohlenen, die sich
-langsam und wie von einem drückenden Traum umfangen, erhoben hatten, dann
-verfing sich sein Auskunft heischender Blick zwischen den Hitzblattern
-der stiernackigen Exzellenz, als räume er dem Vorgesetzten völlig diese
-schwere Entscheidung ein.
-
-»Ja,« schmorte der Fette und scharrte mit den Stulpstiefeln,
-»Kompetenzstreitigkeiten -- aber Militär und Zivil müssen sich
-gegenseitig ergänzen, wir sind alle Räder eines Uhrwerks, nicht wahr,
-teuerste Frau? Man wird sich später nach dem Verbleib der Herrschaften
-erkundigen.«
-
-Einige Minuten nachher bewegte sich eine kleine Schar über den dunklen
-Kirchplatz. Voran ein Gendarm der Geheimpolizei, dicht hinter ihm der
-Konsul, umschlottert von einem dicken braunen Flausch, den ihm beim
-Abschied einer der Senatoren fast mit Gewalt umgehängt, und zum Schluß
-der graue Herr mit den braunen Glacéhandschuhen, der trotz aller
-Weigerungen darauf bestanden hatte, der jungen Dame den Arm zu reichen.
-
-»Euer Hochwohlgeboren,« flüsterte er Isa zu, der vor dem
-heranstreichenden kalten Wind, sowie vor innerer Unruhe und Angst jedes
-Wort hinter den zitternden Lippen erstarb, »ich bin sehr unglücklich
-darüber, weil Euer Hochwohlgeboren so beben -- ich fühle es ganz
-deutlich -- jedoch es ist völlig grundlos! Sie werden sich selbst davon
-überzeugen. Bitte um Entschuldigung, das Pflaster ist hier miserabel, für
-zarte Füße eine verwünschte Plage. Ich versichere Sie, im vorigen Sommer
-sollten hier schon Holzplatten gelegt werden, aber was werden Sie denken,
-es wird immer wieder verschoben. Die Geldfrage läßt sich nicht
-regeln! Und dort in der schmalen Seitengasse befindet sich bereits die
-Polizeidirektion! Wie Sie sehen, alle Fenster erleuchtet, wir arbeiten hier
-die ganze Nacht durch.«
-
-Vor einem zweistöckigen, grünlich angelaufenen Gebäude hemmte der
-Gendarm seine Schritte, stieg drei brüchige Stufen in die Höhe und riß
-an einem Klingelzug. Ein rostiges Klirren erhob sich drinnen, das scheinbar
-von einer nackten Mauer zurückgeworfen wurde. Aber sonst ereignete sich
-nichts. Auch die Tür blieb ruhig in ihren Angeln.
-
-»Der verwünschte Hund schläft wieder,« knurrte der Gendarm ingrimmig,
-dann schlug er mit der Faust mächtig gegen das Holz, bis im Innern des
-Gebäudes ein langgezogener Schnarchton abriß und ein Schlüsselbund zu
-rasseln anfing.
-
-»Beim Leib Christi,« schimpfte hinter dem Eingang eine heisere Stimme,
-»vierzehn Stunden Dienst und nichts zu essen. Man wird doch wohl den
-passenden Schlüssel suchen dürfen. Der Krebs kommt auch an sein Ziel, und
-Ungeduld gehört nicht in die Backstube.«
-
-Bei den letzten Worten bewegte sich schwerfällig die Tür, und ein von
-einer flackernden Gasflamme erleuchteter roter Ziegelgang lag vor den
-zögernd eintretenden Deutschen.
-
-»Ist der Herr Polizeimeister noch im Hause?« fragte der Herr im grauen
-Rock in die Ecke hinein, denn hinter dem zurückgeschlagenen Torflügel war
-im Moment kein menschliches Wesen zu entdecken.
-
-»Er ist schlafen gegangen,« antwortete die unsichtbare mürrische Person.
-
-»Sehr schön! Und der Herr Polizeimeister-Stellvertreter?«
-
-»Zimmer Nr. 2. Se. Hochwohlgeboren ließ sich soeben Essen holen. Ein
-Hahn mit weißer Sauce. Es dampfte noch. Einen Teller voll sauren Salats
-und eine Flasche roten Wein. Einen Hungrigen und einen Toten sollte man
-auch zusammen in einen Sarg legen.«
-
-»Es ist gut, Vater Wassili, ich danke dir,« entgegnete der höfliche Herr
-und entblößte wohlwollend seine Zähne. Und eine seiner aalgeschmeidigen
-Verbeugungen ausführend, wies er auf eine enge, eiserne Treppe, die sich
-im Zickzack nach oben zog: »Wollen Sie diesen Weg benutzen. Die
-Treppe gebührt unseren besseren Gästen, die anderen, die mit den
-nägelbeschlagenen Stiefeln werden über den Hof geführt. Und warum? Nun,
-nichts zerreißt, wie Sie wissen, die Nerven mehr, als das Kratzen des
-Sandes auf den Stufen.«
-
-Nach dieser ausführlichen Beschreibung der Treppe, die, wie der Konsul
-sehr wohl begriff, nur deshalb so umständlich gegeben wurde, um durch das
-bedeutungslose Geschwätz die Besorgnis vor dem Kommenden zu zerstreuen,
-wurden die beiden Verhafteten in den ersten Stock und in ein kahles
-Vorzimmer geleitet, wo zwei Gendarmen an einem Tisch saßen und die
-Häupter aufstützten. Hier verabschiedete sich ihr bisheriger Führer von
-seinen Schutzbefohlenen, indem er so glücklich lächelte, als habe er zwei
-Verirrte endlich auf den sehnsüchtig begehrten Weg gebracht.
-
-»Hier sind wir,« bestätigte er aufatmend. »Sie befinden sich auf der
-Geheimpolizei, was natürlich gar nichts zu bedeuten hat. Der Herr Pristav,
-der die Messungsarbeiten versieht, wird Sie sogleich vernehmen.«
-
-»Die Messungsarbeiten?« fuhr Konsul Bark zurück, wie wenn sein
-Gehör ihm etwas Irrsinniges vorgespiegelt hätte, -- »Sie werden doch
-unmöglich -- --« Ein verzweifelter Blick glitt zu seiner Gefährtin
-hinüber.
-
-»Aber ich bitte Sie,« widersprach der Herr im grauen Rock und streichelte
-in der Luft herum; »wer kann an solchen Kleinigkeiten Anstoß nehmen? Es
-ist eine eingeführte Sitte, tut nicht im geringsten weh und beschleunigt
-Ihre Angelegenheit ungemein. -- Warten Sie, ich melde Sie sofort an und
-hole Sie gleich wieder ab.«
-
-Devot zusammengekrümmt klopfte er an eine niedrige Seitentür, steckte
-auf eine Sekunde den Kopf herein und schob nach ein Paar mit äußerster
-Untertänigkeit hingehauchten Worten die beiden Deutschen in das
-anstoßende Gemach.
-
-Es war ein ziemlich großes Zimmer mit einem grünen Teppich belegt, und
-ein Paar lederne Klubsessel, sowie ein deckenhoher Spiegel legten
-Zeugnis davon ab, daß der Pristav, der die Messungsarbeiten leitete, die
-Bequemlichkeiten des Lebens, sowie äußere Eleganz keineswegs außer acht
-lasse. Über diese Auffassung wurden die beiden sich stumm Verneigenden
-auch sofort eindringlich belehrt, als sich auf ihren Gruß hinter dem
-gelben Fichtentisch ein junger, schwarzhaariger Mann erhob, der ganz
-offenbar noch immer damit beschäftigt war, seine Toilette für irgendeine
-Abendgesellschaft zu vervollständigen. Unter seinem sehr kurzen Smoking
-prangte ein blitzendes Oberhemd, ein überhoher Stehkragen hatte ihm
-bereits einen roten Rand unter das Kinn geschnitten, und im Augenblick
-putzte er gerade mit einem Lederinstrument auf seinen Fingernägeln herum,
-obwohl sie bereits einen wundervollen Glanz ausstrahlten.
-
-»Schon gut,« erwiderte der Pristav auf den Gruß der Eintretenden
-flüchtig, »Sie müssen warten. Ich werde alles vorbereiten lassen.«
-
-Wiegend schritt er an einem kleinen offenen Seitenkabinett vorüber, und es
-milderte das schreckhafte Unbehagen der Verschleppten durchaus nicht, als
-sie jetzt gleichfalls einen Blick in diese Kammer werfen durften. Unter
-einer Art Galgen saß dort ein hagerer Gendarm. Mit bösen, schielenden
-Augen glotzte er die Fremden an. Vor ihm auf einem Tisch lagen mehrere
-riesenhafte Messingzirkel, eiserne Meßgeräte, und als Hauptstück des
-Ganzen zeigte sich auf dem Estrich ein Kupferkessel voll flüssigen Gipses,
-in dessen Breimasse der Gendarm ab und zu eine Holzkelle kreisen ließ.
-
-Das waren sicherlich die nötigen Vorbereitungen für den Empfang der
-Verdächtigen, und Rudolf Bark stieg das Blut in den Kopf, als er sich ihre
-Anwendung vorstellte. Wie? Man ging in dem entwürdigenden Verfahren gegen
-Wehrlose so weit, sie mit ganz gemeinen Verbrechern auf eine Stufe zu
-stellen? Man würde es wagen, jene scheußlichen Apparate, die an die
-Folterinstrumente des Mittelalters erinnerten, auch um Isas feines Haupt
-zu legen? Ein Rauschen klang vor den Ohren des Mannes, ohnmächtige Wut
-rüttelte an ihm, er fühlte, wie er jetzt zum zweitenmal für dieses
-zerbrechliche Geschöpfchen in einen Akt verzweifelter Selbsthilfe
-verfallen würde. Unwillkürlich schlang er seinen Arm unter denjenigen des
-Mädchens, und es befestigte ihn nur in seinem Entschluß, als er merkte,
-wie eng sich der Rotkopf an ihn drängte. Aber auch der schwarzhaarige
-Pristav, der von seiner Abendgesellschaft so ärgerlich ferngehalten wurde,
-hatte dieses gegenseitige Suchen wahrgenommen.
-
-Interessiert klemmte er sich ein Monokel ins Auge, lächelte verschmitzt zu
-der jungen Dame herüber, um gleich darauf durch ein wütendes Amtsgesicht
-seine Entgleisung zu sühnen! Es war ganz klar, daß er seinen Fehler durch
-eine besondere Kälte wieder ausgleichen mußte. In seinem affektierten
-Wiegeschritt begab er sich deshalb vor den Spiegel und begann umständlich
-an dem schwarzen Schnurrbärtchen zu ordnen. Dann prüfte er die Weiße
-seiner Zähne und fing schließlich, auf und ab wandernd, von neuem an,
-seine Nägel zu polieren. Alles, ohne sich um die Fremden im geringsten zu
-kümmern. Plötzlich jedoch riß er eine silberne Uhr an einer Talmikette
-aus der Tasche.
-
-»Der Teufel weiß, es ist ein Viertel auf elf,« stieß er nervös hervor.
-»Weshalb erscheinen Sie so spät?«
-
-»Diese Frage möchte ich an Sie richten,« antwortete der Konsul aus
-seiner Erstarrung erwachend.
-
-»Wie? -- was? -- Sie richten eine Frage?« Der Pristav unterbrach sein
-Poliergeschäft, warf einen verwirrten Blick in den Spiegel, als müsse
-er sich erst von dem Fortbestand seiner eigenen Person überzeugen, und
-trommelte dann erregt auf seinem steifen Oberhemd herum. Er war über
-die Möglichkeit, daß auch er einem Verhör unterworfen werden
-könnte, derartig außer Fassung gebracht, daß sich auf seinem Antlitz
-Freundlichkeit und Wut wie Sonnenschein und Regen jagten.
-
-»Mann,« sog er endlich einen tiefen Atemzug und warf sich in den
-Stuhl hinter dem Tisch, »ich glaube gar, Sie wissen nicht, wo Sie sich
-eigentlich befinden.«
-
-»Oh doch, man hat es mir eben mitgeteilt, ich möchte jedoch erfahren, was
-ich hier zu suchen habe?«
-
-»=Stoy=« (Halt!), schrie der Russe wütend. »Geben Sie mir Ihre
-Papiere.«
-
-»Ich besitze keine Papiere.«
-
-»Keine Papiere?« erstarrte der Pristav immer mehr über die Seltsamkeit
-dieses Falles. »Wie ist das möglich? Ilija Petrowitsch muß irrsinnig
-sein, weil er einen Menschen ohne Papiere zu mir hereinführt. Um elf Uhr
-in der Nacht!« ereiferte er sich von neuem, während er die silberne Uhr
-abermals herauszerrte. »Was ist hier zu tun?« -- Verärgert fegte er
-einige Aktenstöße auf dem Tisch beiseite, bis ihm ein erlösender Einfall
-aufzublitzen schien: »Legen Sie Ihre Wertsachen ab,« forderte er, sich
-befriedigt zurücklehnend, »Geld, Uhr, Kleinodien, Ringe.« Und als er
-gewahrte, wie sein Gegenüber von einem eisigen Schrecken angeflogen wurde,
-triumphierte er entzückt über den Verfall des großmäuligen Deutschen
-weiter: »Mir steht das Recht zu, Sie und das Mädchen sofort entkleiden zu
-lassen, also ich rate Ihnen, nichts zu verheimlichen.«
-
-Der Konsul griff sich an die Brust, er war unfähig, sich von dem
-einzigen Mittel, das vielleicht noch Rettung verhieß, zu trennen. Und der
-rauschende Zorn und daneben doch die klare Erkenntnis, wie jeder Widerstand
-ihre Lage nur verschlimmern würde, sie versetzten ihn in einen Zustand der
-Lähmung und der zähneknirschenden Entschlußlosigkeit. Um so unfaßbarer
-mutete es ihn daher an, als er seine Gefährtin ohne Zögern noch Bedenken
-an den Tisch herantreten sah, wo sie mit einer hastigen Bewegung nicht
-nur ihre Ringe und das Armband abstreifte, sondern auch ihr kleines
-seidengestricktes Geldbeutelchen vor den Pristav niederlegte.
-
-Dieser griff einen zierlichen Kettenreif heraus, versuchte, wie weit er
-sich über seinen eigenen kleinen Finger ziehen ließ, und blinzelte
-dann in einem abermaligen Anfall von Vergessenheit die hübsche Nemza
-verschmitzt an. Als sich jedoch in dem blassen Jungfrauengesicht nicht
-eine Muskel regte, besann sich der Pristav überraschend schnell wieder
-auf seine Machtfülle und schien entschlossen, sie in ihrem ganzen Umfang
-auszukosten.
-
-»Beeilen Sie sich,« herrschte er den Kaufmann an, der noch immer an
-seinem Platz wurzelte. »Weshalb gehorchen Sie nicht? Sie scheinen mir ein
-anmaßender Mensch zu sein. Oder haben Sie vielleicht Grund, sich gegen
-eine Leibesuntersuchung zu sträuben? -- He, Gendarm, ich meine, hier ist
-ein Widerspenstiger.«
-
-Auf den schrillen Pfiff fuhr der Gendarm drinnen in dem Kabinett aus seiner
-gebückten Stellung empor und trat auf die Schwelle. Einen Augenblick
-schwebte dunkle, zuckende Gefahr um den Konsul. Doch auch Rudolf Bark
-fühlte, wie es gleich einer unsichtbaren Gerte über ihm schnellte. Und,
-in einem langen Geschäftsleben daran gewöhnt, noch in der letzten Sekunde
-auf die rettende Planke zu springen, verbarg er die in ihm arbeitende
-Erregung und trat mit einem so gleichmütigen, geschmeidigen Wesen an den
-Tisch, daß nicht allein von Isa der schnürende Bann wich, sondern auch
-der Herr in dem kurzen Smoking diese rasche Wandlung augenscheinlich nicht
-gleich begriff. Und nun wickelte sich alles wie ein einfaches, glattes
-Geschäft ab. Der Konsul legte eine Brieftasche vor dem Pristav nieder,
-erklärte, es seien ungefähr 4-5000 Mark in dem Portefeuille vorhanden --
-ungefähr -- und eine Empfangsbescheinigung wäre bei der Sicherheit einer
-so hohen Behörde gewiß nicht vonnöten.
-
-Begierig griff der Pristav nach der Tasche, zuckte jedoch gleich darauf wie
-vor einem fressenden Feuer zurück, lächelte und begann geschmeichelt mit
-dem roten Leder von neuem zu spielen.
-
-»Auf Ehre,« versicherte er zuvorkommend und war wieder ganz der
-wiegende Gesellschaftsmensch von vorhin, »Sie haben recht. Wozu unnötige
-Schreibereien bei der späten Stunde? -- Vier bis fünftausend Mark. -- Nun
-gut, man wird aufs peinlichste darüber wachen, ich verspreche es Ihnen.
-Übrigens -- ich begreife gar nicht, warum man Ihnen und der Dame mitten in
-der Nacht so viel Unbequemlichkeiten verursachte. Es ist lächerlich. Als
-ob dies nicht bis morgen früh Zeit gehabt hätte! Freilich die unteren
-Beamten! Wozu lungerst du hier herum?« schrie er plötzlich den
-schielenden Gendarmen an und wies mit ausgestrecktem Arm befehlend auf
-das nahe Kabinett. »Hörtest du nicht, daß die Herrschaften absolut
-unverdächtig sind?«
-
-In diesem Augenblick begann das Tischtelephon heftig zu läuten.
-
-Aufgeschreckt sprang der Pristav in die Höhe, verzog ingrimmig die Stirn
-und während er schon die Hand nach dem Hörer ausstreckte, riß er mit
-der Linken noch einmal seine Taschenuhr hervor und gebärdete sich wie ein
-Verzweifelter.
-
-»Oh, du niederträchtiger Leuteschinder,« murmelte er bissig, »du
-herzlose Schlafmütze -- ah, Sie selbst, Ew. Hochgeboren, keineswegs --
-macht durchaus nichts, Ihre Befehle gehen allem anderen vorauf. -- Jawohl,
-die Deutschen befinden sich bei mir -- gewiß -- sofort -- ich gehorche.«
-
-Kaum eine Minute nach diesem Gespräch durchmaßen die beiden
-Verdächtigen, über die sich bereits bleischwere Müdigkeit herabgesenkt
-hatte, abermals einen der langen Korridore, bis ihr Führer, der Pristav,
-der sich inzwischen mit einem Zylinder bedeckt hatte, seinen glänzenden
-Hut ehrfürchtig vor der friesgefütterten Tür des Zimmers Nr. 2
-lüftete. Noch in dem dunklen Zwischenraum der beiden Eingänge krümmte
-der Herr im Smoking seine Gestalt vor Devotion und Anbetung zusammen,
-behielt aber doch noch Zeit, den Eintretenden ironisch zuzuflüstern:
-
-»Sie brauchen nichts zu sprechen. Ich werde alles besorgen. Der Herr
-Polizeimeister-Stellvertreter liebt es nämlich nicht, auf Einwendungen zu
-stoßen.«
-
-»Guten Abend, lieber Freund,« kaute in dem saalartigen, hellerleuchteten
-Raum eine schmatzende Stimme, und während an dem großen, mit grünen Tuch
-ausgeschlagenen Tisch direkt unter dem Kronleuchter zwei Schreiber hingen,
-die vor Müdigkeit abwechselnd gähnten, da hockte die Kugelgestalt des
-Polizeimeister-Stellvertreters Tolmin selbst in einer Ecke auf einem
-Ledersofa, und seine fleischigen Hände fuhren unermüdlich zwischen den
-Bestandteilen seines Mahles herum, von dem Huhn zur Weinflasche und von dem
-Brot zu der Schüssel voll grünen Salates. Dies alles aber geschah
-ganz mechanisch, als ob die dicken Finger des Schmausenden ein eigenes
-Sehvermögen besäßen, denn Herr Tolmin hatte vor die Wasserflasche ein
-Zeitungsblatt aufgestellt, dessen Inhalt seine kleinen glitzernden
-Augen ebenso gierig verschlangen, wie sein Mund die umfangreichen Bissen
-herunterwürgte.
-
-»Ah, guten Abend, Nicolai Feodorowitsch,« stöhnte er wohlbehaglich und
-schlug, um sich Luft zu schaffen, die offene grüne Uniform noch etwas
-weiter zurück, »da bringst du die beiden Verbrecher. Wir wissen schon
-alles. Der Mann hat einen Offizier erschossen. Und das Weib hat ihm
-Beihilfe geleistet. Es ist schändlich. Es ist barbarisch.«
-
-Herr Tolmin vertrieb sein Grauen über die geschilderte Untat durch ein
-paar mächtige Züge Rotwein und goß sich einige Tropfen auf die ehemals
-weiße Weste. Dann ließ er vor Behagen und Befriedigung die kurzen Beine
-in den Stulpstiefeln kräftig gegen die Ledereinfassung des Sofas prallen.
-
-»Aber alle Umtriebe unserer Feinde,« röchelte er weiter, »erweisen
-sich, der heiligen Mutter sei Dank, als vergeblich. Höre, Nicolai
-Feodorowitsch, was ich da lese. Es bewegt mein Herz, und es wird auch dich
-begeistern. Die Belgier haben die Preußen auseinandergesprengt, haben
-die Nemzows über den Rhein geworfen und sind gestern in Köln eingezogen.
-200000 Gefangene. Der deutsche Kronprinz ist gefallen. Was sagst du, lieber
-Freund? Köstlich -- köstlich, der grüne Salat. Er wird für mich mit
-Zitronensäure angerichtet, seitdem der Militärarzt Isaac -- so heißt
-der Jude -- den Essigzusatz für mich verboten. -- Aber, wie gesagt, 200000
-Gefangene. Ja, es ist ein köstlicher Genuß.«
-
-Damit hob Herr Tolmin nach der Art der Kurzsichtigen das Zeitungsblatt
-wieder ganz dicht vor sein grauwelliges, unförmiges Haupt, und indem er
-sich vollkommen in seine erfreuliche Lektüre versenkte, schlug er sich
-wiederholt schallend auf den Leib, und dem Hingerissenen schien jede
-Erinnerung an die übrige Mitwelt entschwunden zu sein.
-
-Schüchtern wagte es der Pristav, der auch für sich selbst die Zeit immer
-unwiederbringlicher enteilen sah, mit dem Fuß auf eine freie Stelle des
-Estrichs zu scharren. Gestört schüttelte sich der Polizeimeister:
-
-»Ach ja, was gibt es noch, Nicolai Feodorowitsch?«
-
-»Ich meinte,« sagte der Pristav sich verbindlich verneigend, »Euer
-Hochgeboren hätten den Wunsch geäußert, das Protokoll über diese beiden
-Deutschen --«
-
-»Ach ja, das Protokoll,« warf Herr Tolmin ungnädig dazwischen und
-wanderte nun, die fleischigen Hände auf den Rücken gelegt, mehrere Male
-keuchend über den Teppich. »Du hast ganz recht, mich daran zu erinnern.
-Aber solltest du nicht auch meinen, Nicolai Feodorowitsch,« fuhr er
-schließlich fort, wobei er, da er wieder in die Nähe des Tisches gelangt
-war, den Resten des Huhnes einen kosenden Blick zuwarf, »solltest du nicht
-auch meinen, daß sich diese ganze Prozedur besser auf morgen verschieben
-ließe?«
-
-»Gott -- ich glaubte eigentlich --«
-
-»Was glaubtest du? Wir sind alle etwas abgearbeitet. Du siehst selbst,
-welche Plage es mir macht, diese Murmeltiere von Schreibern wach zu
-erhalten. Wie? Sagtest du etwas? Nun gut, wer weiß, wie lange man die
-beiden Nemzows noch beaufsichtigen muß? Ich habe sie jetzt gesehen,
-das genügt mir. Du kannst sie vorläufig abführen lassen, Nicolai
-Feodorowitsch.«
-
-Der Polizeimeister warf sich wieder auf das Sofa und kehrte hinter seinem
-Zeitungsblatt zu dem bedenklich erkalteten Huhn zurück. Bald hörte man
-von dem Gewaltigen nur noch ein Klirren und Schnaufen.
-
-Der Pristav aber wandte sich unentschlossen hin und her.
-
-»Euer Hochwohlgeboren, wo befehlen Sie, daß die Deutschen untergebracht
-werden?« wagte er endlich den Vorgesetzten hinter seiner papiernen Wand
-hervorzulocken. »Wäre etwas dagegen einzuwenden, wenn die Gefangenen in
-ihr Hotel zurückkehrten?«
-
-»Ist es möglich? Du bist noch da?« schalt Herr Tolmin und ballte gereizt
-das Zeitungsblatt zusammen. »Du siehst, ich denke bereits über etwas
-anderes nach. Was zum Henker sprachst du von einem Hotel?«
-
-Der Pristav setzte die Füße zierlich gegeneinander und schwenkte
-untertänig seinen Zylinder. Dann erlaubte er sich, seine Ideen noch einmal
-zu erläutern. Allein der Polizeimeister-Stellvertreter, der schon wieder
-Messer und Gabel in den Händen hielt und nun endlich wünschen
-mochte, seinem Imbiß dauernd den Garaus zu bereiten, er schnitt seinem
-Untergebenen ärgerlich das Wort vom Munde ab.
-
-»Du bist zu rücksichtsvoll, Nicolai Feodorowitsch,« kaute er, »wie oft
-soll ich dich noch darauf hinweisen? Das Verbrechen der Deutschen ist
-zu niederträchtig, als daß ich geneigt wäre, ihnen irgendwelche
-Vergünstigungen zu gönnen. Du mußt wirklich dein gutes Herz bezähmen.
-Setze mir den Mann vorläufig in den Turm, und das Weib --,« er klirrte
-etwas lauter mit dem Geschirr -- »wir wollen nicht vergessen, was wir
-ihrem Geschlechte schulden, -- das Weib kann den Morgen in einem der Büros
-erwarten. Und nun gute Nacht, Nicolai Feodorowitsch, ich denke, du wirst es
-selbst eilig haben.«
-
- * * * * *
-
-Es schlug gerade Mitternacht, als Rudolf Bark in dem Teil des Gebäudes
-anlangte, den man sehr mit Unrecht als den Turm bezeichnete. Von Isa hatte
-er sich mit einem kurzen, fast gleichgültigen Händedruck getrennt, denn
-nur der eine Wunsch beherrschte beide gleichmäßig -- Schlaf und Ruhe.
-Auch glaubte der Konsul, daß es sich bei seinem Gewahrsam
-wahrscheinlich um ein Zimmer handele, wie es nach deutschen Begriffen den
-Voruntersuchungs-Gefangenen gewährt wird. Deshalb taumelte er beinahe
-betäubt zurück, als der begleitende Gendarm endlich eine Mauerhöhlung
-aufschloß, die der Kaufmann im Vorüberschreiten für einen Vorratskeller
-oder eine unterirdische Waschküche gehalten hatte.
-
-»Du kannst dir diese Laterne mitnehmen,« gähnte der schielende Gendarm
-in einem Anfall von Mitleid. »Aber sobald du liegst, bitte ich mir aus,
-daß sie ausgelöscht wird. Es ist strenge Verordnung, hier kein Licht zu
-brennen, verstehst du?«
-
-Damit drückte er dem Konsul die Leuchte in die Hand, schob ihn mit
-kräftigem Nachdruck in den finsteren Raum hinein und schloß gemächlich
-hinter dem Eingekerkerten wieder ab. Dem Konsul aber trat der kalte
-Schweiß auf die Stirn. Mit zitternder Hand streckte er die Laterne von
-sich und erkannte ein enges, kreisrundes Loch, das über und über mit
-Stroh beschüttet war. Ein fauliger, verwesender Geruch stieg aus
-den Halmen empor, und der scharfe Dunst eng aneinander gepreßter,
-verwahrloster Menschen mischte sich drein. Da lagen sie dicht
-nebeneinander, zerlumpte, bettelhafte Gestalten mit grüngrauen,
-eingefallenen Gesichtern, und keine Decke, kein Kissen wehrte von den
-fröstelnden Leibern den feuchten Dunst ab, der aus den schimmligen
-Ziegelsteinmauern herausschlug. Und dennoch füllte lautes Schnarchen
-dieses trostlose Gemäuer, und selbst das hereinstrahlende Licht und
-der neueintretende Leidensgefährte, sie veranlaßten keinen jener
-Ausgestoßenen auch nur das Haupt zu erheben, um sich über die späte
-Störung zu vergewissern.
-
-Unfähig, noch weitere Eindrücke in sich aufzunehmen, ließ Rudolf Bark
-die Laterne sachte zu Boden gleiten und kauerte selbst in einer seltsam
-verkrümmten Stellung nieder. Die Füße, die er mit den Armen umschlang,
-dicht gegen das Kinn gepreßt, so hockte er auf der fauligen Schüttung,
-um seine weit geöffneten, ungläubigen Augen um ein entsetzlich besudeltes
-Faß kreisen zu lassen, das genau die Mitte des Raumes ausfüllte.
-Ein atemlähmender Geruch entströmte diesem Gefäß, und es war dem
-Gefangenen, wie wenn ihm eine Faust gegen die Stirn krache, als er endlich
-entdeckte, welchem Zweck das runde Gerät in der Mitte diene.
-
-Ein Flimmern tanzte vor den Blicken des unbeweglich Zusammengekrümmten,
-und ein heiseres Stöhnen entrang sich seinen Lippen. Die ungeheure
-Demütigung, der prasselnde Sturz von den Höhen des Lebens bis in diese
-Höhle voll Aussatz und Verworfenheit, sie wendeten die Seele des sonst
-so sicheren und gefaßten Mannes um und schmetterten sie in eine fiebernde
-Verzweiflung. In seinem Hirn begann es zu bohren und zu nagen, als wenn
-sich Würmer dort Eingang verschafft hätten, die nun langsam ihres Weges
-krochen. Er fing an zu überlegen. Seiner Mittel war er beraubt. Von der
-Gefährtin hatte man ihn getrennt. Und wer konnte sagen, wie lange er
-hier in der finsteren Pesthöhle ausharren müsse? Bei dem stumpfen
-Geschehenlassen und der Unordnung, durch die sich russische Gerichte
-auszeichneten, konnte es sich -- namentlich in wild bewegten Kriegszeiten
--- ereignen, daß Monate, daß Jahre vergingen, bevor man sich seiner
-erinnerte. Vielleicht war er längst lebendig verfault, ehe dem
-gefräßigen Polizeimeister zwischen Suppe und Braten das Gedächtnis an
-das unterlassene Protokoll aufstieg. Beschwerden? Wer würde die aus dem
-stinkenden Loch heraustragen und weitergeben, seitdem der Ausgestoßene
-nicht mehr imstande war, einen solchen Dienst gebührend zu belohnen?
-
-Immer emsiger irrten die Würmer durcheinander, einer stets auf der Spur
-des Voraufkriechenden, und sie schienen ein Gift auszuspritzen, das den
-Grübelnden bis zum Wahnsinn reizte. Wie würde sich das Los von Isa
-gestalten? Zum erstenmal in ihrem kurzen Dasein verbrachte das junge,
-unerfahrene Geschöpf eine Nacht in einem fremden Hause. Wie, wenn sich nun
-der Pristav, um sich für die entgangene Lustbarkeit der Abendgesellschaft
-schadlos zu halten, des wehrlosen Mädchens besonders annähme? Ein
-furchtbarer Einfall! Grinsend saß das Grauen auf der übelduftenden Tonne
-und schüttelte seine Schlangenhaare.
-
-Da wälzte sich etwas neben dem Konsul, und eine geschwollene Hand näherte
-sich der Schraube der Laterne, um das Licht auf einen Zug auszudrehen.
-Aus der undurchdringlichen Finsternis aber, die jetzt das unwirtliche Bild
-verschlang, knurrte die wüste Heiserkeit eines Trunkenboldes:
-
-»Sollen wir deinetwegen, du Lump, wieder Prügel kriegen? Wenn du
-die Lederriemen das erstemal gespürt hast, wirst du keine solche
-Unvorsichtigkeit mehr begehen. Je weniger wir hier sehen, desto besser.
-Strecke dich aus und schlafe. Oder dünkst du dich in deinen gestohlenen
-Kleidern etwa zu gut dazu? Warte nur, Brüderchen, sobald du erst mit uns
-allen aus einer Schüssel gegessen hast, werden dir deine hochmütigen
-Grillen schon vergehen. Und nun schnarche.«
-
- * * * * *
-
-Es mochte hoch am Tage sein, als der durch die widernatürlichen Dünste
-betäubte Schläfer aus der Lähmung seiner Sinne aufgerüttelt wurde.
-Zuerst glaubte der emportaumelnde Rudolf Bark, ein holdes Traumbild
-entschwirre langsam vor seinen müden Augen, um ihn die Schrecken der
-Gegenwart nur noch bitterer spüren zu lassen. Aber nein, nein, was
-bedeutete das? War ein solcher Umschwung wirklich zu fassen? Die Tür stand
-offen, und ein kalter Lichtschimmer, der ferne Abglanz des ausgesperrten
-Tages, kroch durch den breiten Spalt. Aber mitten in dieser für ihn jetzt
-überirdischen Beleuchtung stand der pockennarbige Sekretär in seinem
-grauen Jakettanzug, ein grünes Jägerhütchen flott auf den dunklen
-Haaren, und neben ihm, -- es war wohl doch eine Täuschung, nur die
-Ausgeburt brennender Wünsche -- neben ihm hielt sich Isa Grothe mit
-ausgestrecktem Arm an der gegenüberliegenden Wand fest, um vorgebeugt
-mitten in der schwimmenden Finsternis ihren Freund, den sie suchte,
-erkennen zu können.
-
-»Isa!«
-
-»Herr Konsul.«
-
-»Ist Ihnen nichts geschehen? Fühlen Sie sich munter?«
-
-»Vollständig. Großer Gott, wie sieht es hier aus, wie fürchterlich ist
-es hier! Aber denken Sie sich, wir kehren in das Hotel zurück.«
-
-Und Ilija Petrowitsch, der Sekretär, der sich für den Gang über die
-Straße bereits wieder die braunen Glacéhandschuhe aufstreifte, er
-erlaubte sich mit seinem verbindlichsten Lächeln den vornehm gekleideten
-Gefangenen aus der Pesthöhle herauszuziehen, die gleich darauf, trotz der
-Wut und des aufgeregten Gemurmels der Übrigen, von einem mitgebrachten
-Gendarm durch einen Fußtritt geschlossen wurde.
-
-»Kommen Sie, Herr Konsul,« hauchte der höfliche Schreiber, der
-sich inzwischen bereits den braunen Flauschüberzieher des Kaufmanns
-diensteifrig über den Arm gebettet hatte, »kommen Sie schnell, es wird
-Sie drängen, ein Frühstück im Hotel de Moscou einzunehmen.« Und im
-heiteren Bewußtsein seiner Weltkenntnis fügte er, während die drei
-bereits die Treppe herunterstiegen, siegessicher hinzu: »Sagte ich Ihnen
-nicht gleich, daß alles nur eine reine Formsache wäre? He, habe ich mich
-darin etwa getäuscht?«
-
-»Gewiß nicht.« Der Konsul drückte dem Pockennarbigen dankbar die Hand,
-was von diesem mit einem unglaublichen Zusammenknicken erwidert wurde.
-»Aber erklären Sie nur,« drängte Rudolf Bark weiter, indem er tief
-aufatmend die frische Luft der Straße einsog, die sie schon erreicht
-hatten, »wie konnten sich die Absichten des Polizeimeisters so schnell
-verändern?«
-
-»Wer weiß?« Der Herr im grauen Rock zuckte vieldeutig die Achsel, und
-seine Hand rückte leichthin an dem flotten grünen Hütchen. »Es sprechen
-bei uns viele Meinungen mit. Ich darf mir natürlich nicht erlauben, eine
-bestimmte Ansicht zu äußern, aber vielleicht blieb der Umstand nicht ohne
-Einfluß, daß heute in der Frühe der Geheimkanzlist Sr. Exzellenz
-des Gouverneurs Bobscheff einen eigenhändigen Brief an den Herrn
-Polizeimeister-Stellvertreter überbrachte.«
-
-»Bobscheff?« rief Isa in ihrem silbernsten Ton, und ihr fiel die
-ewig heisere Giraffe ein, deren Grundsätze trotz aller ethischen
-Erziehungsversuche der dicken Gattin in einer gewissen Beziehung leichte
-und flatterhafte geblieben waren.
-
-Der Tag leuchtete so hell, und die Freude, neben dem wiedergefundenen
-Freund schreiten zu dürfen, durchströmte sie so übermächtig, daß
-der Rotkopf hier in der feindlichen Stadt und dicht neben ihrem Aufseher
-ausgelassen in die Hände klatschte. Aber auch der Konsul vermochte sich
-die überraschende Teilnahme des Gouverneurs, von dem er alles andere
-eher vermutet, keineswegs zu deuten, und so gelangte der kleine Zug in der
-Erwartung irgendeiner Aufklärung in das Vestibül des Hotels, von wo ihr
-Führer die beiden Deutschen sofort bis an ein Zimmer des ersten Stockwerks
-geleitete. Hier schritt ein Soldat mit geschultertem Gewehr vor der Tür
-des Gemaches auf und ab, und Konsul Bark begriff, daß sie sich von jetzt
-an wieder in militärischem Gewahrsam befänden. Ehe sich jedoch der
-Sekretär entfernte, unter zahlreichen Verneigungen und dem festen
-Versprechen, sich so oft wie möglich nach den Wünschen der beiden Fremden
-zu erkundigen, da zog ihn Rudolf Bark noch einmal beiseite, denn den
-nüchternen Geschäftsmann drängte es, nach dem Verbleib seiner Geldtasche
-Nachfrage zu halten. Hier aber veränderte sich das Wesen des Herrn im
-grauen Rock. Der Mund mit den weißen Zähnen lächelte zwar noch immer
-verlegen, aber in seine sanfte Stimme drang eine hörbare Abneigung, als er
-vorsichtig und sich windend den Rat erteilte:
-
-»Darüber weiß ich nichts. Gar nichts. Mein Chef, Se. Hochwohlgeboren
-der Pristav, genießt das höchste Vertrauen. Mit Recht, es würde ihn
-beleidigen, wenn man sich in seine Angelegenheiten mischte. Beileibe nicht,
-wer dürfte das wagen? Guten Morgen, Herr Konsul. Sie können unbesorgt
-sein, ganz unbesorgt.«
-
-Damit schlängelte sich der graue Herr die Treppe herunter, und der Soldat
-öffnete für die beiden Eintretenden das Zimmer. Noch hatten sie jedoch
-die Schwelle nicht übertreten, als sie in grenzenloser Überraschung
-ihren Schritt hemmten. Aus einem Schaukelstuhl, dicht vor einem altmodisch
-vergoldeten Spiegel, erhob sich bei ihrem Eintritt eine sehr elegante, tief
-verschleierte Dame, die sich leichtfüßig auf den Tisch zu bewegte, wo sie
-erwartend und ein wenig unschlüssig stehen blieb.
-
-Aber diese wiegenden Bewegungen, der feine Parfümduft, der von ihr
-ausströmte, und das energische Blitzen der dunklen Augen, ein Feuer, das
-auch von der verhüllenden Gaze nicht gedämpft werden konnte, alles das
-bestärkte den Konsul in einer aufspringenden Hoffnung. In dieser Stadt gab
-es nur eine einzige so formsichere und von einer geheimnisvollen Anziehung
-umflossene Frau. Langsam lüftete sie den Schleier, ein roter, lächelnder
-Mund kam zum Vorschein, eine kecke, ein wenig aufgestülpte Nase und dunkle
-Zigeunerwangen.
-
-»Ja, ich bin's,« bestätigte Maria Geschowa den beiden Fassungslosen,
-obwohl sie einzig und allein den schlanken, biegsamen Mann ins Auge faßte.
-»Ich hoffe, Sie werden verstehen,« setzte sie rasch und hastig hinzu,
-indem sie ohne Rücksicht auf die Zuschauerin dem Konsul ihre Hand zum Kuß
-entgegenstreckte, »ich hoffe, Sie werden verstehen, warum ich Sie hier in
-der Einsamkeit Ihres Zimmers aufsuchen muß, obwohl ich doch gestern abend
-bereits Gelegenheit gehabt hätte, Sie zu begrüßen.«
-
-In ihrer Stimme schwang wieder der vibrierende Ton, der den gefährlichsten
-Reiz der Tatarin ausmachte. Aber zu seinem eigenen Erstaunen blieb Rudolf
-Bark ganz unberührt davon, denn der Kaufmann dachte im Moment an nichts
-anderes, als wie er die mutige Frau, die sich seinetwegen doch einer
-gewissen Gefahr aussetzte, zu seiner Rettung benutzen könnte. Er verbeugte
-sich tief.
-
-»Die gnädige Frau wußten gestern vor die Freude des Wiedersehens
-gleichfalls einen undurchdringlichen Schleier zu ziehen.«
-
-»Rudolf Bark,« sagte die Tatarin plötzlich hochfahrend, »Sie sind zu
-klug, um solche kleine Weiberlist nicht zu durchschauen. Oder glauben Sie
-etwa, daß man um Ihrer grauen, kalten Augen willen Ihren Aufenthalt in dem
-Turm so liebevoll verkürzte?«
-
-Bei der Erinnerung an den Ort, dessen Schrecken noch nicht lange hinter
-ihm versunken waren, da verging dem Konsul die Neigung zu einem leichten
-Geplänkel. Auch verharrte Maria Geschowa so stolz aufgerichtet vor ihm,
-ihre blitzenden Augen schienen die seltsame Lage, in die sich die Gattin
-des Obersten Geschow begeben, so klar und unverrückt zu durchdringen, daß
-Rudolf Bark einen raschen Ausruf nicht unterdrücken konnte.
-
-»Sie wissen, gnädige Frau? Damit habe ich sicher Ihnen die Intervention
-bei dem Gouverneur Bobscheff zu danken.«
-
-»Ja,« rief Isa fortgerissen dazwischen, »Sie, liebe, gnädige Frau, Sie
-allein haben sich ganz gewiß für uns verwendet.«
-
-Die Russin bewegte sich kaum, und nur ein flüchtiges Achselzucken zeigte
-an, daß sie die dankbare Stimme des jungen Mädchens vernommen. Dann
-aber trat die eigenartig interessante Erscheinung in ihrem dunkelblauen
-Herbstkostüm ganz nahe auf Rudolf Bark zu und, immer als ob sie sich
-völlig allein mit ihm befände, versetzte sie ihm mit dem Zeigefinger
-einen leichten Schlag gegen die Brust.
-
-»Nehmen wir an, lieber Freund,« entgegnete sie rasch, und dabei begannen
-in dem dunklen Antlitz die Nasenflügel ein wenig nervös zu beben,
-»es wäre alles so, wie Sie denken. Stellen Sie sich in Ihrer gewohnten
-Scharfsichtigkeit vor, ich wäre durch einen Brief meines Gatten bereits
-auf Ihre Ankunft vorbereitet gewesen. Denken Sie darüber, wie Sie
-wollen.«
-
-»Meine Gedanken richten sich im Moment ganz nach Ihren Befehlen.«
-
-Maria Geschowa maß den Sprecher eine kleine Weile vorüberstreifend von
-der Seite. Dann machte sie eine ungeduldige Handbewegung.
-
-»Gut, gut, Sie bleiben ein Schmeichler, ganz anders, wie sonst die
-Deutschen. Zur Belohnung dürfen Sie sich auch ausmalen, wie meine Audienz
-beim Gouverneur zu der unwahrscheinlich frühen Morgenstunde verlief. Ich
-habe mich zu diesem Zweck so schön wie möglich gemacht, und meine, ich
-dürfte seiner Tatiana eine bekümmerte Stunde bereitet haben. Das ist
-natürlich alles lächerlich. Aber Sie sollen ja ein großer Frauenkenner
-sein und bilden sich nun natürlich ein, dies alles geschah, weil eine
-gefallsüchtige Frau Ihr Interesse erregen wollte, nicht wahr? Gott, wir
-Russinnen besitzen ja keinen Charakter.«
-
-Sie wartete seinen höflichen Widerspruch nicht erst ab, sondern streifte
-mit dem Finger wieder sehr eindringlich seine Brust.
-
-»Rudolf Bark,« sprach sie rasch weiter, »vielleicht trifft Ihre Ansicht
-zu. Vielleicht aber leitete mich auch nur der Wunsch, der Opposition, dem
-Mißfallen an dem meisten, was jetzt um uns herum geschieht, Ausdruck zu
-geben. Sie müssen wissen, es gibt noch immer Leute bei uns, denen dieses
-widerliche Blutparfüm, das jetzt allem anhaftet, die Nerven verwirrt.
-Menschen, die lieber auf den Galgen klettern, als daß sie sich noch tiefer
-in eine blutige Nacht hereintreiben lassen. Vielleicht gehöre ich dazu,
-vielleicht auch nicht. Wissen Sie übrigens,« sprang sie plötzlich ab,
-und um ihren Mund spielte ein flackernd überreizter Zug, »wissen Sie
-übrigens, daß der kleine Bergbaustudent Diamantow gleich zu Anfang der
-Feindseligkeiten kriegsgerichtlich und ohne viel Federlesens erschossen
-wurde? Hochverräterische Umtriebe warf man ihm vor. Seine Seele haßte den
-Krieg glühend und hielt ihn für die höllische Lüge, die immer wieder
-die Völker betrügt. Er war ein Jude,« setzte die Tatarin in ihrer
-sprunghaften Stimmung hinzu und blickte gedankenverloren zu Boden, »ein
-schöner Schwärmer und hatte deshalb etwas von dem Erlöser an sich.
-Unsere Erde ist voll von solchen Herzen, die noch dort unten im Grabe in
-brüderlicher Liebe schlagen.«
-
-Eine Pause trat ein. Maria Geschowa begab sich mit träumerisch gesenktem
-Haupt zu ihrem Schaukelstuhl zurück, wo sie sich leise zu wiegen begann.
-Die Sonnenstrahlen, die durch die Gardinen des Fensters fielen, huschten,
-der Bewegung angeschmiegt, bald über ihre Stirn sowie über die halb
-geschlossenen Augen, um gleich darauf wieder dem nachspülenden Schatten zu
-weichen. Die beiden Deutschen aber warteten in beklommener Spannung ab, was
-die schöne Frau ihnen noch weiter zu verkünden haben würde. Denn bei der
-klaren und tatkräftigen Art der Russin blieb es ausgeschlossen, daß sie
-nur gekommen sein sollte, um sich an einem absonderlichen Gespräch zu
-ergötzen. Und richtig, plötzlich erwachte die Tatarin, dehnte ihre
-Glieder, und während sie einen schnellen Blick auf ihre goldene Armbanduhr
-gleiten ließ, da brach sie in ein fast unhörbares Lachen aus. Rudolf
-Bark meinte, er hätte noch nie eine so nach innen klingende Heiterkeit
-vernommen. Sein Gehör wiegte sich in der Vorstellung, als würden hier
-winzige goldene Kugeln in einen Glasbecher geworfen.
-
-»Wahrhaftig,« winkte nun die junge Frau den Konsul auf einen Stuhl an
-ihrer Seite nieder, »die paar Minuten, die man mir für meinen Besuch bei
-Ihnen gestattete, sind bald vorüber, und wir philosophieren. Was werden
-Sie denken, lieber Freund? Bitte, setzen Sie sich zu mir. Unbesorgt, ich
-tue Ihnen nichts. Sie sind also der Ritter dieser jungen Dame geworden,
-Rudolf Bark? Wie alt ist sie?«
-
-Ein wenig verletzt verzog der Angeredete, der inzwischen ihren Befehl
-befolgt hatte, die Stirn. Der Ton der Russin gefiel ihm nicht, und er
-dachte an seine gereiften Jahre. Statt seiner jedoch übernahm Isa, die
-unauffällig am Tisch stehen geblieben war, die Beantwortung. Nichts schien
-darauf hinzudeuten, als ob die Kleine das lebhafte Interesse der fremden
-Dame für den Konsul begriff oder gar einer Beurteilung zu unterziehen
-wagte. Nur Ehrerbietung und Zurückhaltung atmete ihr Ton, als sie
-liebenswürdig erwiderte:
-
-»Ich bin achtzehn Jahre, gnädige Frau.«
-
-»So, so,« versetzte die Russin gleichgültig. »Es ist gut, mein Kind.
-Ich hätte Sie für älter gehalten.« Und ohne jede Befangenheit die Hand
-des Mannes streichelnd, sprach sie angeregt weiter: »Rudolf Bark, Sie
-denken doch jetzt über nichts anderes nach, als wie Sie den Folgen Ihres
-Ritterdienstes, die Sie in Mariampol oder wo anders erwarten, entgehen
-können? Nicht wahr? Nein, leugnen Sie nicht, es kleidet Sie nicht, würde
-Ihnen auch nichts nützen.«
-
-Da meldete es sich wieder, dieses spitze Einbohren in die Gedanken eines
-anderen, das zu den eigentümlichsten Gaben von Maria Geschowa gehörte.
-Und obwohl der Konsul erschrak, weil er nicht wußte, ob hier auch
-seinerseits eine rückhaltlose Offenheit am Platz wäre, so hielt er es
-doch für geboten, seinen raffinierten Besuch nicht völlig zu täuschen.
-
-»Maria Geschowa,« sagte er deshalb nach einiger Zeit vorsichtig tastend,
-»sollte die Gattin des Obersten Geschow derartige Pläne -- immer
-vorausgesetzt, daß sie wirklich existieren --«
-
-Die Russin wiegte sich lässig und schlug mit der Hand nach ihm: »Sie
-existieren,« lächelte sie eindringlich und verstohlen.
-
-»Sollte die Gattin des Obersten Geschow wirklich ganz gefahrlos und
-ohne sich etwas zu vergeben, die Mitwisserin solcher Geheimnisse werden
-können?«
-
-»Ah so!« Unvermittelt hielt der Stuhl in seiner Schaukelbewegung inne,
-und ein paar große Augen, die sich langsam mit Zorn füllten, hefteten
-sich eine Sekunde gereizt auf den um sein Schicksal besorgten Kaufmann.
-Gleich darauf jedoch stieß Maria Geschowa ihren Sitz zurück und strich
-sich wie in tiefem Besinnen mit der behandschuhten Rechten über die Stirn.
-»Verzeihen Sie, verzeihen Sie,« sprach sie sich mühsam wiederfindend.
-»Wie wunderbar klug und besorgt Sie sind, Rudolf Bark. Wirklich, es ist
-staunenswert. Sie hegen eine große Sympathie für mich. So etwas ist ja
-immer gegenseitig. Aber natürlich, mein kluger Freund, Sie sind völlig im
-Recht.«
-
-Sie kehrte ihm den Rücken, stellte sich ans Fenster und blickte
-lange über den struppigen Hintergarten des Hotels zu dem schmalen,
-kohlenüberschütteten Fluß herüber, der seine schwarzen Gewässer im
-Sonnenschein träge vorüberschleppte. Nach einer Weile trommelte die
-elegante Dame leicht gegen die Fensterscheiben und warf sehr kalt und
-interesselos, gleichsam nur, um irgend etwas zu äußern, über ihre
-Schulter hinweg:
-
-»Wie gesagt, Sie beurteilen die Lage richtiger als ich. Der Weg aus dem
-Hotel wurde Ihnen, wie Sie sich wohl überzeugten, durch militärische
-Bewachung gesperrt, und zur Nachtzeit durch den Hintergarten zu entkommen,
-das dürfte auch eine verzweifelt phantastische Idee sein.«
-
-»Durch den Hintergarten?« horchte Rudolf Bark hoch auf, indem er sich an
-die Seite der jungen Frau stellte.
-
-Maria Geschowa jedoch rückte fort und sah an ihrem Arm herunter, als ob
-ihr die zufällige Berührung nicht angenehm wäre.
-
-»Gott,« sprach sie gleichgültig weiter, »Verzweifelte könnten
-vielleicht solch einen Versuch erwägen. Aber ich rate Ihnen davon ab,
-Rudolf Bark. Dazu müßte der Besitzer des Kohlenkahns, dessen schmutziges
-Schiff dort an dem Steg angeschlossen liegt, vorher von befreundeter Seite
-nachdrücklich gewonnen sein. Wir wollen ein häßlicheres Wort vermeiden.
-Und Sie werden wohl selbst nicht glauben, bester Freund, daß Ihr kühles
-und berechnetes Wesen Ihnen hier in der fremden Stadt so viel Teilnahme
-erwerben könnte.«
-
-Als sie das letzte fast feindselig hervorgebracht hatte, kehrte sie sich zu
-ihm. Und dann geschah etwas völlig Unerwartetes. Mit ihrer unnachahmlichen
-Grazie hob das junge Weib beide Arme, um dann ihre Finger ohne Hast noch
-Aufregung hinter dem Hals des betroffenen Mannes zu verschränken. Trotz
-der vertraulichen Nähe, die jetzt zwischen beiden hergestellt war, und
-obwohl der glühend rote Frauenmund fast dieselbe Luft wie Rudolf Bark
-zu atmen schien, so mutete das Ganze doch keineswegs wie eine peinliche
-Aufdringlichkeit an, sondern hier schien sich vielmehr ein Abschied, eine
-von Wehmut durchzitterte Trennung vorzubereiten.
-
-»Rudolf Bark,« sagte die Russin klar und deutlich, als ob sie es
-verschmähe, ein Geheimnis aus ihren Empfindungen zu machen, »ich reise
-noch heute nach Mariampol zurück, und ich würde Tränen vergießen, wenn
-ich Sie dort wiedersähe. Sie gehören zu den Menschen, die leichtfüßig
-an einem vorübergehen und von denen man den Schall ihrer Tritte dauernd im
-Ohr behält. Ich werde noch oft an Sie denken. Es ist bei dem widerlichen
-Haß, der zwischen den beiden Völkern entstand, unwahrscheinlich, daß wir
-uns jemals wieder begegnen. Aber wenn Sie, wie ich dies von Ihnen vermute,
-später einmal die Bilanz über das Wesen unseres Volkes aufstellen, dann
-bitte ich, sich meiner nicht als einer Ausnahme zu erinnern. So, wie ich,
-leben hier Millionen, die, wie die Motten um das Licht, um das Europäertum
-schwärmen. Ich glaube, Sie mißverstehen mich nicht, lieber Freund. Und
-nun leben Sie wohl.«
-
-Sie ließ ihre Arme langsam herabsinken, zog den Schleier vor das dunkle
-Antlitz und nickte Isa, die sich während dieser ganzen Zeit einer
-fröstelnden Erstarrung nicht entreißen konnte, flüchtig zu. Dicht
-vor der Tür entglitt der schnell schreitenden Gestalt ein blaues
-Handtäschchen. Aber ehe der Konsul es noch aufheben konnte, und so oft er
-auch hinter der bereits über die Treppe Eilenden herrief, Maria Geschowa
-achtete seiner Bemühungen nicht, und das blaue Lederetui, das sie wohl
-absichtlich zurückgelassen, blieb in dem Besitz des sofort und dankbar
-begreifenden Mannes.
-
-
-
-
-V.
-
-
-Wochen waren vergangen. Über Maritzken heulte der Wind. Seit Tagen
-krümmte er die hohen Eichenbäume zusammen, schlug rote Wolken dürrer
-Blätter raschelnd über das Anwesen und brauste mit schneidendem Wehlaut
-über die menschenleere, verlassene Gegend. Wenn solch ein ungeheurer
-Stoß über die Stoppelfelder fuhr, dann glaubte Johanna Grothe stets eine
-schmetternde Posaune zu vernehmen, die zu Weltuntergang und Vernichtung
-rief.
-
-Weißer und verschlossener als je vorher schritt die Gutsherrin durch ihr
-verödetes Heim, denn seit den letzten Stunden war ihr Besitztum von jeder
-Einlagerung befreit, und nach all dem Lärm und der ewig aufpeitschenden
-Unruhe nistete nun eine leere, quälende Einsamkeit zwischen den weißen
-Gemäuern. Die fremde Menschenwoge, die so lange alles überschwemmt hatte,
-war wie unter einem ungeheuren Druck weiter in das Land hineingetrieben
-worden, einer großen Schlacht, einer Entscheidung, einem weltbewegenden
-Schicksal entgegen, und die preisgegebenen Fluren atmeten nun in einer
-dumpfen zermürbenden Spannung.
-
-Mehrfach hatte das Landmädchen, dem sonst ein Tag ohne genau geregelte
-Arbeit als ein unmöglicher Zustand gegolten, sich aufgerafft, um mitten
-unter Trümmern und Verwüstung das gewohnte Tagewerk wieder aufzurichten.
-Aber nach kurzem Überlegen brachen alle diese Pläne abermals zusammen.
-Draußen aus der gesegneten Erde war alle Frucht durch gierige Hände
-aufgewühlt und fortgeschleppt, und durch die leeren Furchen peitschte der
-Wind. Die Stalltüren standen offen, und drinnen gähnten die abgeteilten
-Stände, aus denen das letzte Pferd und die letzte Kuh von dannen
-getrieben waren. Auf den Äckern rosteten die Pflüge, weil sie von
-keiner Männerhand mehr geleitet werden konnten, und auf den Vorratsböden
-verzehrten die Mäuse die traurigen Reste der Wintersaat. Alles öde und
-verkommen, das Land wie das Haus, um das Beste betrogen und bestohlen, und
-nichts zurückgeblieben, als jenes schwere, spannungsvolle Atmen, das nach
-Vergeltung verlangte.
-
-Auch in Johanna zuckte manchmal während der erzwungenen
-Beschäftigungslosigkeit ganz plötzlich und sprunghaft solch eine wilde
-Gier nach ausgleichender Gerechtigkeit auf; oder noch besser die Sehnsucht
-nach einem Blitzstrahl, der züngelnd und krachend alles in den Boden
-schmettern sollte, was höhnisch und unrein, jede harmlose Regung
-überwuchernd, vor ihr aufgeschossen war. Manchmal auch schlug die Scham
-in ihr zur Höhe. Und dann segnete sie Gott dafür, daß sie hier wie
-ein ausgesetztes Tier verborgen und unerkannt durch das verlorene Anwesen
-streifen konnte. In solchen Augenblicken lief ein Zittern über ihren
-Körper, und zugleich bangte sie davor, der Neugier der wenigen Mägde
-zu begegnen, die noch zurückgeblieben waren. Wie leicht konnte sie solch
-unberufenen Spähern das schüttelnde Grauen verraten, das sie vor sich
-selbst hegte, seitdem sie von der Furcht verfolgt wurde, auch ihre kühle
-Reinheit sei von befleckten Händen entweiht. Die eigene Schwester,
-derjenige Mensch, der ihr nach natürlichem Recht der Nächste auf Erden
-sein sollte, er hatte ihr das Haus zu einer brennenden Hölle gemacht.
-Unmöglich, ganz unfaßbar dünkte es ihr, mit Marianne noch fürderhin
-unter einem Dache zu weilen, ihr heiteres Geplauder zu vernehmen oder die
-Sorgen der Gefallsüchtigen um die Erhaltung ihrer Schönheit aus der
-Nähe mit ansehen zu müssen, seitdem sie die Mitwisserin ihres widerlich
-haltlosen Leichtsinns geworden war. Aber warum schrie sie der Schwester in
-zornigem Aufflammen nicht ihre Anklagen ins Gesicht? Weshalb jagte sie die
-Gesunkene nicht von Heim und Herd, unbekümmert darum, ob der strudelnde
-Schwall der Geschehnisse sie verschlinge oder nicht? Großer Gott, aus
-welchem Grund erfüllte sie nicht ihre heiße Sehnsucht, zu vereinsamen und
-zu verdorren, sobald sie durch ein solches Opfer allen Schmutz und jeden
-Unrat von ihrer Schwelle fegen konnte? -- Warum? -- Nein, um alles Elendes
-willen, das vermochte sie nicht, das überstieg ihre Kräfte. In der
-großen herrschgewohnten Walküre war etwas gebrochen. So sehr die
-Verworfenheit ihrer nächsten Angehörigen an ihr zehrte, das schöne
-schwarze blühende Geschöpf war doch ein Wesen, auf das sie einmal alle
-mütterliche Sorgfalt geworfen und dessen sündhaften Fehltritt sie trotz
-rastlosen Nachsinnens noch immer nicht begriff. Vor allen Dingen aber wurde
-die Älteste von Maritzken von einer fressenden Scham verzehrt. So oft sie
-auch dazu anhob, unter keinen Umständen konnte sie es sich abgewinnen, mit
-der harmlos lächelnden Marianne eine kühle und gemessene Abrechnung
-über so viel Abscheulichkeit aufzustellen. Nein, -- nein, -- nein, nur das
-nicht! Lieber sich noch ärger foltern lassen und dann weiter fliehen wie
-ein aufgescheuchtes Gespenst durch die zerstörten Stätten ihrer Pflichten
-und Sorgen.
-
- * * * * *
-
-Inzwischen erfüllte sich draußen das Verhängnis.
-
-Nicht als ob irgend eine besondere Kunde in das einsame Gehöft von
-Maritzken gedrungen wäre, nicht als ob die Gutsherrin die in einer fremden
-Sprache geführten Unterhaltungen hätte belauschen können, die einzelne
-zurückbeorderte Offiziere aufgeregt, scheu und in seltsamen Zischlauten
-mit dem kranken Rittmeister Sassin pflogen, den man in diesen Tagen
-höchster Ungewißheit ohne jede Pflege und ärztliche Aufsicht gelassen
-hatte; aber über die menschenleeren Straßen wehte etwas heran. Etwas
-Unklärliches, etwas Schicksalflüsterndes, das die Herzen stocken und die
-Sinne kochen ließ. Je leerer Wege und Stege wurden, desto deutlicher jagte
-das Unsichtbare vorüber, und hinter jeder aufsteigenden Staubwolke suchten
-gierige Blicke das Blitzen von Stahl und Eisen.
-
-Es war an einem trüben Nachmittage.
-
-Mit unverminderter Gewalt wütete der Sturm um das Haus. Die Türen der
-Ställe knallten in kurzen Schlägen auf und zu. Wie eine Nachäffung von
-Kampf und Schlacht rollte ein ewiger Donner durch die weißen Gebäude.
-Aber mitten durch das Toben des Elementes drang ein schmerzliches Stöhnen,
-ein Winseln und Wimmern, das Johanna, die gerade über einen der Gänge
-des zweiten Stockwerks schritt, nicht überhören konnte. Ganz sicher, das
-markdurchwühlende Ächzen, es stahl sich aus dem Zimmer des verwundeten
-Rittmeisters, dessen Verfall in den letzten Tagen auch den unkundigsten
-Blicken nicht verborgen geblieben war. Von einem heimlichen Schrecken
-durchdrungen und ohne lange abzuwägen, ob ihre Teilnahme einem
-Angehörigen der jetzt von ihr so bitter gehaßten Rasse galt, trat Johanna
-nach einem kurzen Anklopfen ein.
-
-Was war das?
-
-Seit Tagen schon hatte Leo Konstantinowitsch Sassin dauernd seinen zum
-Skelett abgemagerten Körper im Bett halten müssen. Jetzt aber saß der
-Rittmeister in dem grauen Feldmantel, aus dem sowohl das Einschußloch
-als die Blutspuren noch immer nicht getilgt waren, hinter einem mit Karten
-bedeckten Tisch, und die tief über die zerwühlten Haare gezogene Mütze
-sowie die stark nach Juchten riechenden Reiterstiefel an seinen Füßen
-bewiesen, wie der Hinfällige den wahnsinnigen Entschluß gefaßt haben
-müsse, der Stätte seines langen Krankenlagers endgültig zu entfliehen.
-Als die Tür knarrte, schrak der Kranke zusammen und fuhr mit den dürren
-Händen aufgeregt und haltlos über die bunten Blätter.
-
-»Schönes Fräulein -- schönes Fräulein,« hauchte er kaum noch
-vernehmlich, obwohl die sich bäumende Brust eine letzte Anstrengung
-hergab, »ich muß fort. Es geht mir überraschend gut, und deshalb muß
-ich es riskieren. Wo steckt mein Bursche? Ich habe ihn schon seit drei
-Tagen nicht mehr gesehen! Der Hund ist klug, er hat sich auf die Strümpfe
-gemacht. Ich will auch nicht länger in dieser Mausefalle sitzen bleiben,
-verstehen Sie? Unsere Idioten, diese verschlafenen Strohköpfe haben uns in
-nichts als Teiche und Sümpfe geführt. Sind wir Katzen, die man ersäufen
-will? Kommen Sie, kommen Sie, ein Blick auf meine Karten genügt. Jedes
-Schulmädchen wird das einsehen. Hier -- und hier -- und hier ... Eine
-gotteslästerliche Wirtschaft!« Wütend ballte er die Papiere zusammen und
-schleuderte sie, zu einer Kugel geformt, in die Ecke. »Jede Nacht habe ich
-davon geträumt, ich steckte immer bis zum Hals im Wasser. Aber jetzt ist
-es zu spät! Glauben Sie mir, man wird hier etwas Gräßliches erleben.«
-
-Gewaltsam richtete sich der Russe auf, und es schien, als ob er durch die
-Tür von dannen stürzen wollte. Allein in der nächsten Sekunde mußte
-er sich mit beiden Händen an den Tisch klammern. Er schwankte, die stark
-duftenden Juchtenstiefel suchten vergeblich einen Halt.
-
-Johanna jedoch, obwohl ihr Herz zu jagen anhob, vergaß, was sie dem
-Hilflosen schuldete, und regte sich nicht. In ihrem weißen Antlitz
-brannten die sonst so kühlen blauen Augen in einem bösen Feuer. Ein
-gieriges Lächeln, ganz widerspruchsvoll und unheimlich, schlängelte
-sich um ihre Lippen. Wie sie so aufragte, da hätte sie auch einem minder
-Verzweifelten Furcht einflößen können. Und der Kranke, der sich
-nicht aufrecht zu erhalten vermochte, beugte den Hals vor und starrte in
-plötzlich aufspringendem Entsetzen auf seine unbewegliche Gastgeberin.
-
-»Was wollen Sie?« keuchte er, »halten Sie mich nicht auf!«
-
-Aber Johanna sperrte ihm ungerührt den Weg.
-
-»Herr Rittmeister« brach es mit einem Mal hell und voll versteckter
-Wollust aus ihr heraus, »meinen Sie, daß Ihrem Heer irgendeine
-Katastrophe bevorsteht?«
-
-»Das weiß ich nicht, -- das habe ich nicht gesagt -- nicht die leiseste
-Andeutung gemacht. Ich bin krank. Meine Gedanken gehorchen mir nicht mehr.
-Sie wissen, sie springen herum, wie auf einem Tanzboden. Was lachen
-Sie mich so an? Oh, ich weiß, was Sie uns wünschen! Sie sollten sich
-hüten!«
-
-Jedoch die Älteste von Maritzken hütete sich nicht. In ihren Mienen
-verkündete sich immer deutlicher eine wilde Wonne.
-
-»Herr Rittmeister« sog sie förmlich aus dem ihr Unterlegenen heraus,
-»nicht wahr, Fürst Fergussow befindet sich gleichfalls auf den Linien,
-die Sie vorhin auf der Karte bezeichneten?«
-
-»Ja, was geht er mich an? Der Teufel soll ihn holen!«
-
-Die Blonde drängte erbarmungslos weiter.
-
-»Und Sie vermuten, es werden nur wenige aus den Wasserläufen
-entwischen?«
-
-Jetzt brach dem Rittmeister der Schweiß aus. Er wurde erdfahl und
-vermochte seine herunterfallende, wie im Krampf bebende Kinnlade nicht mehr
-zu bändigen.
-
-»Verwünscht,« röchelte er, schlug mit den Armen in die Luft und wankte
-haltlos bis zur Tür, »Sie foltern mich! Was habe ich Ihnen getan? Hören
-Sie nicht? Hören Sie es nicht? Da ist es wieder, das ungeheure Gurgeln,
-Schnaufen und Schmatzen, das mich wahnsinnig macht.«
-
-Er fiel auf der Treppe nieder und rollte wie ein schweres Bündel die
-Stufen herab. Johanna hörte noch einen schrillen Angstschrei, und als sie
-ans Fenster eilte, gewahrte sie, wie der Kranke in einer letzten Anspannung
-und mit vorgestreckten Händen über den Hof taumelte. Unsichtbare Geißeln
-schienen auf seinen Rücken zu klatschen. Der Sturm schmiß ihn hierhin und
-dorthin, und wie ein grauer Schemen verschwamm das unselige Menschenbild in
-den wirbelnden Staubwolken der Landstraße.
-
- * * * * *
-
-Das weiße Haus aber sollte noch einen anderen seiner Bewohner hergeben.
-
-Draußen auf den Wegen und Stegen fing es an, lebendig zu werden. Zuerst
-waren es nur kleine Kosakentrupps, die in einem rasenden Galopp über die
-Straße fegten. Die Nachmittagssonne brannte ihnen auf den Rücken, und
-es schien, als ob die toll gewordenen Tiere ihren eigenen Schatten
-fressen wollten. Mit tief herabhängendem Halse stäubten sie ihrem
-vorausfliehenden schwarzen Abbild nach.
-
-Doch es blieb nicht bei den wenigen. Bald erbebte der Boden unter dem
-Gedröhn zusammengeballter Reitermassen. In einer finsteren Gier, fluchend
-und tobend, heulten sie vorüber, und nur der Wille, gewaltige Strecken
-zwischen sich und irgend etwas Folgendem zu legen, hielt diese Horden
-noch zusammen. Voll frohlockenden Entsetzens erkannte Johanna, die jene
-fessellose Jagd, weit aus einer der Bodenluken gelehnt, verfolgte, wie
-diese zusammengeduckten Reiter Lanzen und Karabiner von sich schleuderten,
-so oft sie meinten, einen Vorsprung vor ihren sich stauenden Vordermännern
-erreichen zu können. Menschen und Tierleiber waren von einer dicken
-schlammigen Kruste bedeckt, und manche der Verfolgten umklammerten noch
-immer in vollkommener Bewußtlosigkeit dicke Büschel ausgerissenen
-Seegrases, als gelte es, vor allen Dingen diesen letzten Schutz nicht
-aus den Fingern zu lassen. Bleich, blutend, gespensterhaft raste alles
-vorüber. Die Beobachterin jedoch preßte ihre Hände gegen die
-kreisrunde Einfassung ihres Ausguckloches, als müsse sie die Mauern
-auseinanderbrechen, um das Bild noch weiter, gesättigter in sich aufnehmen
-zu können.
-
-»So peitscht Fürst Fergussow seinen müden, zusammenbrechenden Schimmel
-vielleicht auch über eine unserer Chausseen,« schoß es ihr dann
-durch die vom Schauen aufgewühlten Sinne, »blutend, zerfetzt, jeder
-Männerwürde beraubt, genau so wie die Geschlagenen, Gedemütigten, die
-dort in den dampfenden Staubwolken, umheult und zerzaust vom Winde, ihr
-nacktes Leben zu retten trachten.«
-
-Und ihre Seele erlabte sich an der Vorstellung, wie der glatte glänzende
-Kavalier, der ihr die Schande ins Haus getragen, sein Ende vielleicht in
-einem Kothaufen gefunden, nachdem der peinlich Saubere vorher alle Qualen
-des Ekels vor dem Schmutz seines Grabes durchkostet. Aber nein, nein, wenn
-sie ganz wahrhaft gegen sich selbst verfuhr, dann drängte sich noch ein
-anderes Bild, ein heißerer Wunsch vor den lodernden Brand ihrer Rache. Er
-durfte ja noch gar nicht verkommen und verdorben sein, solche geschmeidigen
-Naturen wie dieser im Innern verpestete Aristokrat, sie fanden gewiß
-tausend Mittel, um dem auf sie lauernden schimpflichen Verlöschen zu
-entweichen. Welch ein Glück, welch eine rasende Wonne, wenn der zu Boden
-Geschlagene und alles Hochmutes Entkleidete noch einmal gleich einem
-schuldbewußten Dieb oder Bettler vor sie hintreten müßte! Ja, darauf
-lauerte sie. Diese Erwartung trug Möglichkeit auf Möglichkeit in ihre
-Gedanken, bis die Landtochter nicht einen Moment mehr daran zweifelte,
-ihr würde diese erlösende Vergeltung von dem Schicksal, das jetzt über
-Staaten und Völker rollte, beschieden sein.
-
-So stand sie und starrte in die Umgegend hinaus, auf den fernen
-Feuerschein, auf die Felder, die von schwarzen Gestalten zu wimmeln
-begannen, auf die blauen Gehölze, die zerschossene, verwirrte Gespanne und
-rasselnde Züge schwarzer Kanonenrohre von sich ausspien.
-
-Vorbei, vorbei. Das Klirren, das Sohlenknirschen unzähliger sich
-fortwälzender Fußgänger, der Wogenschlag und die Brandung heiserer
-vernichteter Menschenstimmen lärmten ununterbrochen an dem weißen Anwesen
-vorüber.
-
-Der Erwartete aber kam nicht. Er kam nicht, wie sehnsüchtig und gierig
-auch zügellose Wünsche nach ihm ausschweiften. Und der Gutsherrin
-bemächtigte sich die Furcht, Fürst Dimitri Fergussow, der Adjutant des
-Zaren, der Inbegriff und das Sinnbild einer zerfressenen Kultur, er könnte
-von den schwarzen Wellen dort unter ihr bereits unerkannt vorübergetragen
-sein.
-
-Wenn das möglich wäre, wenn er sich so gleichgültig gebärdete,
-so rücksichtslos, so bitter feige! Und zum erstenmal in ihrer bangen
-Erwartung preßte sich Johanna die Faust auf die Brust, und ein Frösteln
-flog über ihre Glieder, weil sie den tiefsten Grund ihres irren Verlangens
-nicht mehr unterscheiden konnte.
-
-Auch ein paar andere Augen wühlten sich beutehungrig hinter einem der nach
-der Straße gelegenen Fenster in den vorüberschießenden Menschenstrom
-ein. Schwarze, leuchtende Augen, die merkwürdigerweise in einem
-sehnsüchtigen Glanz schwammen, obwohl sie doch in Wahrheit nur von
-einem heißen, eigensinnigen Begehren erfüllt waren. Gleich Angelhaken
-schwankten Mariannes Blicke mit der sturmgdrängten, brüllenden und
-schreienden Masse dahin. Immer nur bereit, sich an ein einziges ersehntes
-Idol anzuklammern. Nicht eine Spur des Triumphes war in ihr, daß die
-eisengepanzerte Faust ihres Heimatlandes mit wuchtigem Schlag die fremden
-Bedränger vor sich her stieß, nicht die geringste Erhebung weitete ihre
-Brust über die dumpfe Wut und das ohnmächtige Entsetzen, welches die
-vorüberstürmenden Slaven empfanden, nachdem sie zum erstenmal in das
-gerunzelte deutsche Antlitz geblickt hatten. Nein, ihr abenteuernder und
-irrlichterlierender Geist errechnete nur schwindelhafte Möglichkeiten,
-wie sie für sich selbst mitten aus dem Zusammenbruch den blassen Schemen
-irdischen Glanzes erraffen könnte. Eine goldene Fürstenkrone auf ihr
-schwarzes duftendes Haar. Die gebührte ihr, die hatte man ihr zugesichert
-unter tausend zärtlichen Eiden. Und die alles Urteils Beraubte und von
-ihrer eigenen Schönheit völlig Betörte glaubte unverbrüchlich an diese
-ihr zäh im Gedächtnis haftenden, lächerlichen Schwüre. Bald streckte
-sich Marianne in dem kleinen Zimmer auf ein Ruhebett aus, um ihre
-widerspenstig zuckenden Nerven durch die Lektüre eines Romans zu
-beruhigen, bald schleuderte sie das Buch, aufgeschreckt durch das brausende
-Toben, das durch die Mauern quoll, verstört und verständnislos wieder von
-sich. Eben huschte sie vor den gebräunten Mahagonispiegel, denn in all
-dem Graus und Lärm mußte sie sich doch davon überzeugen, ob sich der
-schwarze Ledergürtel nicht störend verschoben hätte, da wurde rasch die
-Tür geöffnet, und mit hastigen Schritten trat Johanna zu ihr ein. Über
-der großen Blonden flammte noch das sonderbare Leuchten, der Abglanz des
-unerhörten Begebnisses, und das weiße Antlitz strahlte wieder stolz und
-kraftbewußt wie sonst.
-
-»Marianne,« rief sie mit unterdrückter Stimme, die nur schwer das
-geheime Frohlocken bändigte, »siehst du dort draußen, wie diese
-schlimmen Tiere von dannen ziehen?«
-
-»Ja, ich sehe,« versetzte die Schwarze an sich haltend, denn es verdroß
-sie, sich ihrer rasenden Hoffnung nicht länger hingeben zu können.
-
-»Das haben die Unsrigen vollbracht. Oh, jetzt wird hier alles wieder
-aufwachen, alles besser werden. In wenigen Stunden müssen unsere Truppen
-hier sein. Mir ist es immerfort, wie wenn ich sie schon singen hörte.«
-
-Da zuckte Marianne widerwillig die Achseln.
-
-»Was sollen jetzt diese Übertreibungen?« widersprach sie mit der ihr
-eigenen aufreizenden Lässigkeit, und die Absicht, den Jubel ihrer älteren
-Schwester zu stören, trat feindlich zutage. »Vorläufig hört man doch
-nur das Gestampfe und Getrappel der anderen. Was verstehen wir überhaupt
-von solchen Dingen?«
-
-Entsetzt schlug Johanna die Hände zusammen. Länger vermochte sie die
-schweigende Spannung, die zwischen ihnen beiden herrschte, nicht zu
-ertragen. Es wurde alles klar um sie herum, jetzt mußte unbedingt auch
-die Säuberung des verunreinigten Hauses folgen. Jetzt, bevor die Befreier
-ihren Einzug hielten.
-
-»Mir scheint,« begann sie mit erhobener Stimme, indem sie näher auf die
-noch immer vor dem Spiegel Weilende zutrat, »daß du mit der Horde, die
-unser Dorf plünderte und ansteckte, die unsere Freunde und Verwandten
-niederschlug, nachdem sie unsere ganze Provinz bis zur Erschöpfung
-ausgesogen, ein überflüssiges Mitleid empfindest.« Voll und ohne
-abzuirren ruhten jetzt ihre großen blauen Augen auf den dunklen Zügen der
-Schwester, mit der sie ihre Rechnung zu Ende führen wollte. »Marianne«
-fuhr sie klar und unerschrocken fort, »ich habe nicht gelernt, Versteck zu
-spielen. Nimm an, ich wüßte genau, woher deine Sympathie stammt.«
-
-»Ich hege keine Sympathie für die da unten« schrie Marianne
-ausbrechend und stampfte besinnungslos mit dem Fuß auf, denn die drohende
-Auseinandersetzung verstärkte ihren Widerwillen gegen die große,
-empfindungslose Blonde, die nicht wußte, in welchen Zwiespalt lodernde und
-glückfordernde Seelen geraten können.
-
-Doch die Älteste von Maritzken blieb unerschütterlich. Ruhig hob sie das
-fortgeschleuderte Buch auf, um es sauber geglättet auf den Tisch zu legen,
-dann aber richtete sie sich zur Höhe und beharrte mit immer härterem Ton
-auf ihrer Meinung.
-
-»Für die Masse vermagst du dich vielleicht nicht zu ereifern, um so mehr
-aber leider für einen Einzelnen.«
-
-»Wie?«
-
-Die Angegriffene fuhr empor, stützte sich auf die Tischplatte, und im
-Augenblick hatte sie den lange Jahre bewahrten Respekt vor der Großen
-völlig vergessen. Spurlos entschwirrte ihr die Erinnerung, wie die Arbeit
-dieses nüchternen blonden Weibes Tag auf Tag, Monate auf Monate Not
-und Schmach von der gemeinsamen Schwelle ferngehalten, ohne dafür etwas
-anderes zu verlangen, als daß auch die anderen Insassen des Hauses sich
-ihre eigene spröde Sauberkeit zum Muster nähmen. Nein, das alles entfiel
-der Erregten. Einzig und allein wurde sie von der fressenden Vorstellung
-geschüttelt, hier stände jemand, aus dem nichts als Haß und Neid
-emporschlage über das unerhörte Glück, das schon so nahe, zum Greifen
-nahe, über der Jüngeren, Schöneren geschwebt hatte. Und jetzt, gerade
-jetzt konnte jene goldene Hoffnung vielleicht dort unten vorübertraben,
-während sie gezwungen wurde, die kostbare Zeit durch ein dummes
-Familiengeschwätz zu vergeuden! Nie und nimmer!
-
-»Was sollen deine heimlichen Andeutungen?« rief sie zitternd in der Scham
-einer Ertappten und doch voll Erbitterung darüber, daß sie noch immer
-wie ein kleines Kind gegängelt werden sollte, »ich bin selbständig und
-erwachsen und kann über mein Leben verfügen, wie ich Lust habe.«
-
-»Ich weiß nicht, ob du das kannst,« entgegnete Johanna, sich noch einmal
-mit aller Gewalt bezwingend, »aber eines weiß ich sicher, ich würde
-in deinem Fall vor den Männern, die in wenigen Stunden hier sein werden,
-nicht die Augen aufzuschlagen wagen.«
-
-»Soll das etwa heißen, daß ich hier überflüssig sei? Ich bin genau
-so erbberechtigt wie du. Aber sei überzeugt, wenn es möglich wäre, hier
-fortzukommen, der Abschied würde mir nicht schwer fallen.«
-
-Jetzt vermochte auch die Ältere den inneren Brand nicht mehr länger zu
-zügeln. Vor dieser bodenlosen Undankbarkeit barst ihre Verwandtenliebe
-und das erworbene Muttergefühl in Scherben auseinander. Eine Derbheit
-bemächtigte sich ihrer, die etwas Bäuerliches an sich hatte. Mit beiden
-Fäusten griff sie in die weichen Schultern der anderen und schüttelte sie
-hin und her, als wollte sie sich die Ungeratene vor die Füße schleudern.
-
-»Genug,« kam es dabei ganz klar überlegt aus ihr heraus, »du sollst mir
-die Freude an der herrlichen Erhebung nicht vermindern. Du hast auch
-ganz recht, es wird Zeit, daß du dich auf eigene Füße stellst und die
-Verantwortung für dein Tun allein übernimmst. Ich wenigstens will und mag
-sie nicht länger tragen. Ich bin zu dumm und zu zurückgeblieben dazu.«
-
-»Das bist du, das bist du,« schrie Marianne außer sich hinter der
-Schwester her, die bereits die Tür erreicht hatte; und in dem Bestreben,
-die Enteilende an einer besonders empfindlichen Stelle zu treffen, setzte
-sie die Hände in die Seiten und sprudelte, sich wiegend und in ihrem
-scharfen, rücksichtslosen Ton: »Auf eigene Füße soll ich mich stellen?
-Was steht mir nicht alles offen? Aber ich weiß schon was ich tue. Wenn
-sich mein Wunsch nicht erfüllt, dann -- ja dann werde ich Schauspielerin.
-Dazu passe ich. Das haben mir schon viele versichert.«
-
-Und in befriedigtem Triumph warf sie sich wieder auf das Ruhebett und
-langte mit angenommener Gleichgültigkeit nach dem Buch, ganz als ob sie
-imstande wäre, das Rollen und Toben, das Galoppieren und Schnaufen, all
-die wahnsinnig drohenden Laute der sich hemmungslos vorwärts schiebenden
-Massen zu überhören.
-
-Doch kaum hatte Johanna die Tür mit einem harten Schall zugeworfen, da
-sprang Marianne von ihrem Lager, raffte ein Tuch über die Schultern und
-stürzte ohne Furcht noch Zagen über den Hof bis an die Einfahrt. Fest
-umklammerte ihre schmale Hand hier den viereckigen Pfeiler des Tores.
-Dann beugte sie sich hinaus und bohrte ihre Blicke mit einer zähen,
-verbissenen, ihr sonst ganz fremden Beharrlichkeit in den aufgescheuchten,
-durcheinander quirlenden Zug hinein.
-
-Da -- und da -- und dort! -- Überall einzelne Reitertrupps,
-unzusammenhängend, die verschiedensten Uniformen durcheinander
-gemischt, Kosaken, Dragoner, Artilleristen, dazwischen Teile versprengter
-Linienregimenter, triefend, kotig, die meisten ohne Waffen. Dahinter wild
-in die Voranrückenden hineingeschoben Proviantkolonnen mit flatternden
-und zerzausten Plantüchern, die der heulende Sturm hochtrieb und in Fetzen
-zerriß.
-
-Eben noch dämmerte durch das schwerfällige Auffassungsvermögen des
-suchenden Mädchens eine dumpfe Ahnung, daß alles, was hier vorüber
-floh, ritt und rasselte, sich wie zerbrochene Scherben eines zerschlagenen
-Geräts ausnähme, verwüstet und niemals wieder zu einem bestimmten Dienst
-zusammenfügbar, -- da geschah das, was den hellen Stern, der so lange
-über ihrem Haupte gefunkelt, herunterriß, um ihn in Kot und Schmutz zu
-begraben.
-
-»Hilfe!« schrie Marianne gellend.
-
-Einer der mit vier Pferden bespannten Bagagewagen war plötzlich durch eine
-Verwirrung der Stränge aus der Bahn der übrigen geschleudert. Wild zur
-Seite setzend, preschten die Tiere in das offene Tor hinein, krachend
-zerschellte das schwere Gefährt an den Mauern der Einfahrt. Und einem
-irren Triebe gehorchend, sprang die Hinausstarrende mitten in die
-vorüberhetzenden Trümmer der geschlagenen Haufen hinein.
-
-Ein Stoß -- und noch einer -- ein lauter Schmerzensschrei, -- dann ein
-Straucheln und Wiederemporgerissenwerden, -- haarige Fäuste, die sich
-roh in die Kleider des Mädchens einkrallten, -- zuletzt ein Schieben und
-Hinaufzerren der Bewußtlosen in einen der krachenden und kreischenden
-Planwagen. Was sich dort drinnen begab, das schlug zum Glück nur noch
-wie der letzte Schein eines Erblindenden gegen ihr Bewußtsein. Auf nassem
-Stroh lag sie ausgestreckt, inmitten blutender, stöhnender und fluchender
-Menschen, und doch fühlte sie noch im Versinken, wie eine verpestete,
-tierische Zudringlichkeit in ihrer ermatteten Schönheit wühlte.
-
-Das Begehren nach der Huldigung Ungezählter und Namenloser, es hatte sich
-erfüllt. Jetzt riß es der Beraubten die goldene Fürstenkrone vom Haupt.
-
- * * * * *
-
-Wer sollte der Ältesten von Maritzken eine Aufklärung darüber erteilen,
-wann und wohin Marianne verschwunden oder entwichen war?
-
-Keiner wußte es.
-
-Die schwarze Faust des Krieges hatte eben nur höhnisch, spielerisch in
-den Hof hineingelangt, und es war nichts geschehen, als daß sich die
-eisengepanzerten Finger wie in grimmigem Scherz um ein junges, blühendes
-Geschöpf geschlossen hatten. Man sah nichts mehr von ihm, es war
-zerquetscht.
-
-Verstört, verständnislos lief Johanna mit den wenigen Mägden in
-der Wirtschaft herum, laut hallend rief man den Namen Mariannes in das
-herbstliche Gehölz hinein, -- nirgends eine Spur von der Verlorenen.
-
-»Vorwärts in den Keller,« trieb Johanna an, von der der Glaube nicht
-wich, es handle sich bei der Jüngeren nur um eine erklügelte Bosheit, die
-sie ersonnen hatte, um sich für die harte Zurechtweisung zu entschädigen.
-
-Draußen auf der Landstraße kroch die gewaltige, schuppenhäutige Schlange
-langsamer, träger dahin. Sie schien ermüdet zu sein, und das Quirlen
-und Fauchen, das Heulen und Kreischen, das sie bisher ausgestoßen, wurde
-seltener.
-
-Es war um die fünfte Nachmittagsstunde, als Johanna von ihrem vergeblichen
-Abstieg in die unteren Räume des Hauses kopfschüttelnd zurückkehrte.
-Schon von dem Flur aus bemerkte sie zurückzuckend, wie auf dem Hof ein
-Trupp russischer Kavalleriepferde rings um den blauweißen Pfahl des
-Taubenhauses zusammengekoppelt stand. Hochauf rauchte den Tieren das
-struppige Fell. Einzelne von den todmüden Kleppern waren vorn in die Knie
-gebrochen, andere hingen mit der Halsung bis auf das Pflaster herab, wo
-sie gierig die wenigen Haferkörner aufschnupperten, die von den Tauben
-übriggelassen waren. Ihre Reiter jedoch drängten sich in wilder Hast
-aus den offenen Stalltüren. Dort drinnen wurde zusammengeschlagen und
-auseinander gebrochen, was irgendwie einem Futterbehälter ähnlich sah. Es
-blieb klar, hier galt es keiner bequemen Einlagerung mehr, hier wurde nur
-noch in besinnungsloser Gier geplündert und fortgerissen, was man zur
-Erhaltung einer letzten verebbenden Widerstandskraft benötigte.
-
-Von einer Ahnung durchschlagen, warf die Gutsherrin in hartem Schwung die
-Tür des kleinen Wohnzimmers zurück, in dem sie vor kurzem noch mit ihrer
-jüngeren Schwester gehadert und gestritten.
-
-Und dann --
-
-Ihre Hand erstarrte auf der Klinke.
-
-Entsetzen -- nein, dem Himmel sei Dank -- nein, Entsetzen -- wer hatte sich
-dort auf das Ruhebett geworfen, um das noch der leichte Duft von Mariannes
-Parfüm schwebte? Unmöglich, es war nicht denkbar, daß diese zerrüttete,
-halb offene Uniform, daß die herabhängenden Arme, die von Kot
-überkrusteten Stiefel, die rücksichtslos über das untere Polster
-gebettet lagen, -- nein, ausgeschlossen, dies alles konnte nimmermehr zu
-der vollendeten, ebenmäßigen Gestalt gehören, die hier einst wie ein
-fremder, aber doch herrlicher und lächelnder Gott einhergeschritten.
-
-Und doch -- alle Zweifel erwiesen sich als hinfällig, wo die Wirklichkeit
-in ihrer grausen Majestät waltete. Wozu noch nach Gründen forschen,
-weshalb Verknüpfungen zu verstehen suchen, jetzt, wo der prasselnde
-Hagelschlag dort draußen die ganze Giftpflanzung gottlob zu zerschmettern
-anhob! Hier lag nur eine einzige verkommene Blüte, ein gefährlicher
-Kelch, dessen süße Dünste Gift und Verwesung um sich gestreut hatten.
-Und solch ein zerknicktes Unkraut sollte man nicht vollends brechen und
-vernichten können?
-
-Johanna wußte nicht, was sie dachte. Ohne klare Besinnung, wie ein großer
-wachsamer Hund, der einen gefährlichen Eindringling umlechzt, schlich sie
-näher. Auf Zehen.
-
-Der zerbrochene, übermüdete und zerschlagene Körper da vor ihr regte
-sich nicht. In sich zusammengekrochen, mit schlaff herabhängenden Armen
-lag er über die Polster gekrümmt, und als sich Johanna vorsichtig über
-ihn beugte, entdeckte sie, wie bleierner Schlaf die sonst so gelenkigen
-Glieder des Offiziers wie in einen Schraubstock einpreßte. Zerbeult
-hing die Mütze ihm noch auf den wirren, schweißnassen Haaren. Grau
-und zerfurcht spannte sich die Haut über die plötzlich hervorstehenden
-Backenknochen, und sie drückten dem bekannten Antlitz unvermittelt ein
-nicht zu verkennendes slavisches Gepräge auf. Auch der offenstehende Mund
-entbehrte jener weichen Anmut, die ihn früher so verlockend umspielt.
-
-Aber eine unvorsichtige Bewegung ließ das Landmädchen die Schulter des
-Hingestreckten streifen. Im gleichen Moment stieß der Schläfer einen
-lauten Schrei aus und sprang in so haltlosem Entsetzen auf die Füße, das
-rings umher alle leichteren Möbelstücke zitterten und bebten. Lodernd
-waren die großen dunklen Augen des Russen aufgerissen, und seine Rechte
-zuckte schwankend, betäubt nach einer umgeschnallten Pistolentasche, die
-er trotzdem nicht fand.
-
-Sprachlos starrten die beiden Menschen sich an. Und es dauerte eine
-geraume Weile, bis sich Fürst Fergussow auf seine Umgebung und auf
-seine Gastgeberin zu besinnen schien, auf das blonde Weib, deren hohe
-festgefügte Wucht ihm in dem dunklen Zimmer alle Fassung geraubt hatte.
-
-Wo waren die Lebensart, die nie versagenden Formen des Hofmannes geblieben?
-Er begrüßte die Dame des Hauses nicht, er gab ihr über den Zweck seines
-Wiedererscheinens keine Auskunft, er versuchte nicht, sein Hemd über der
-nackten Brust zusammenzuziehen. Müde, leer, unwillig, wie jemand, der sich
-über einen unwillkommenen Zuschauer ärgert, streifte er das schweigende
-Landmädchen mit einem mißtrauischen Blick, bis er sich schließlich
-stöhnend und scharrend auf einen Stuhl am Tisch niederließ. Mitten durch
-die Dunkelheit verfolgte Johanna, wie Dimitri Sergewitsch dort seinen Kopf
-in beide Hände nahm, wobei es ihm endlich auffiel, daß die Feldmütze
-noch immer sein Haupt bedeckte. Mit einem Fluch schleuderte er sie auf die
-Erde. Und erst durch jene Anstrengung völlig zu sich gebracht, schien er
-über sich und seinen Zustand nachzubrüten.
-
-»Geben Sie mir etwas zu essen,« war das erste, was er forderte. Er
-verlangte es in einem Ton, der keinerlei Bekanntschaft mit der Angeredeten
-ahnen ließ und der nichts als stummen Gehorsam erwartete.
-
-»Unsere Vorräte sind ausgeraubt,« erwiderte Johanna trotzig, denn ihr
-Triumph über die ungeheure Zerschmetterung der bisherigen Bedränger
-verleitete sie zu der Unklugheit, die noch immer vorhandene Macht der
-Fremden geringzuschätzen. Auch durchströmte sie ein seltsames Wohlbehagen
-dabei, als sie sich jetzt zum erstenmal den Geboten dieses glatten
-Machthabers zu widersetzen wagte.
-
-Doch der Mann am Tisch sprach weiter, als wäre ihr Einspruch spurlos an
-ihm vorübergeweht.
-
-»Machen Sie Licht,« verlangte er, unbehaglich und nervös mit den
-Stiefeln scharrend, »und dann bringen Sie mir eine Tasse Tee und Fleisch,
-viel Fleisch. Ich bin hungrig.«
-
-Allein Johanna rührte sich noch immer nicht von der Stelle.
-
-»Ich sagte Ihnen schon ...«
-
-»Gehorchen Sie,« schrie der Russe plötzlich in einer Wut, vor der
-Johanna wie vor einem Faustschlag zurückfuhr. »Ihre Landsleute haben
-uns gelehrt, wie Krieg geführt werden muß. Verstehen Sie? Glauben
-Sie vielleicht, daß ich Lust und Zeit habe, Tanzstundenredensarten zu
-verschwenden? Danken Sie Gott dafür, daß ich noch immer an Roheiten
-keinen Geschmack gewinnen kann. Sonst müßte ich Ihrem Volke gegenüber
-meine Wünsche mit anderem Nachdruck vertreten. Und nun, bitte, bringen
-Sie, worum ich Sie ersuchte. Auch eine Flasche Wein wünsche ich auf den
-Tisch.«
-
-Er streckte die Hand gegen die Tür wie ein Herr, der seine Untergebene zur
-Eile mahnt. Johanna aber warf das blonde Haupt in den Nacken und verließ
-aufgerichtet und selbstbewußt das Zimmer. Nicht durch das Zucken einer
-Wimper verriet sie dabei, wie schmerzhaft der Schreck über das veränderte
-Wesen des früher so zartfühlenden, weichen Menschen in ihr wühlte.
-Allein auch jetzt, da die verwüstete Erscheinung hinter ihr versunken war,
-sollte die Gutsherrin zu keiner Klarheit über das gelangen, was doch die
-nächsten Stunden bringen mußten. Nur eines schwang vor ihren starren
-Augen in roten Kreisen herum, er sollte nicht fort von hier, bevor -- ja
-bevor -- --
-
-Hier jedoch verwirrte sich bereits ihr Verlangen, denn sie schrak vor
-ihren eigenen durcheinander rasenden Plänen zurück, weil ihre Absichten
-körperlich wie mit schwarzen Flügeln um ihr Haupt taumelten. Auch sollte
-sie scheinbar nicht die letzten Grenzen ihrer Wünsche durchmessen, denn
-als sie in der Dunkelheit noch eine kurze Weile auf der rot gepflasterten
-Diele verweilte, da vernahm sie zusammenfahrend, wie eine vertraute, lang
-vermißte Stimme flüsternd ihren Namen nannte.
-
-Gegen den Pfosten des Eingangs drückte sich eine untersetzte Gestalt.
-
-»Fräulein!«
-
-»Ja, wer sind Sie? -- Herr im Himmel, Baumgartner!«
-
-»Ich bin's,« kam es von der anderen Seite kaum vernehmlich zurück.
-»Treten Sie einen Augenblick zu mir auf den Hof, gnädiges Fräulein, denn
-ich habe Ihnen etwas auszurichten.«
-
-Mit einem Sprung, atemlos, fuhr Johanna an die Seite des Verwalters. In der
-Aufregung, den Verlorengeglaubten unverletzt wiederzusehen, streckte sie
-dem treuen Mann beide Hände entgegen. Der Wirtschafter aber machte ihr mit
-der Schulter warnende Zeichen gegen die dunklen Gestalten hin, die den
-Hof bevölkerten, und flüsterte in seltsam verhaltener Erregung dasjenige
-hervor, was sein erschüttertes Gemüt nicht länger verschließen zu
-können meinte.
-
-»Wie sind Sie hierher gekommen, Baumgartner? Waren Sie gefangen?«
-
-»Später Fräulein, alles später. Um Gottes willen vorsichtig. Ich habe
-ihn gesehen.«
-
-»Wen?«
-
-»Unseren Nachbar, Ihren Vetter, Herrn von Stötteritz. Sie streifen dort
-hinten schon in den Wäldern herum. Er trug mir auf, Ihnen zu sagen, in
-längstens drei Stunden sei er mit den Ulanen hier.«
-
-»Baumgartner, besinnen Sie sich, ist das wahr?«
-
-»Es ist so wahr, wie ich meine Frau und meine kleine Marielle gesund
-wieder zu treffen hoffe. Ach, Fräulein,« zischte es haßerfüllt und
-lauter, als es die Vorsicht gebot, aus dem sonst so stillen Menschen
-heraus, »wenn man die Mordbrenner nur so lange hier festhalten könnte!
-Dann würde ihnen heimgezahlt werden für alles, was sie uns angetan. Aber
-diese Bande hat Lunte gerochen und wird sich verkriechen.«
-
-Durch Johanna rieselte eine schneidende Kälte.
-
-»Das werden wir sehen,« sprach sie sich aufrichtend.
-
- * * * * *
-
-Die letzten verborgenen Vorräte prangten auf der Tafel des kleinen
-Eßzimmers. Leuchtend bedeckte das beste weiße Damastleinen den Tisch.
-Statt der elektrischen Birnen, die schon seit langem unterbunden waren,
-verbreitete eine hohe altertümliche Porzellanlampe unter einer matten
-Milchglocke hervor ihren dämmernden Schein, und sogar das ehrwürdige
-Familiensilber hatte unvermutet wieder den Weg aus den Kellern an seine
-alte Stätte gefunden. Auch die Hausherrin ließ es sich nicht nehmen,
-ihren hochgeborenen Gast selbst zu bedienen. Ohne zu zögern hatte sie
-sich ihm gegenüber niedergelassen, und sie wurde es nicht müde, dem halb
-Verschmachteten, der so gierige und verlangende Blicke auf Speise und Trank
-heftete, das oft geleerte und hastig heruntergestürzte Glas immer von
-neuem mit dem schweren dunklen Rotwein zu füllen.
-
-Kein überflüssiges Wort wurde zwischen ihnen gewechselt, keine
-Unterhaltung wollte aufkommen, nur als die Älteste von Maritzken
-beiläufig von dem Verschwinden Mariannes berichtete, da fing sie
-feindselig auf, mit welch völliger Gleichgültigkeit, ja wie erleichtert
-der russische Oberst von der unerklärlichen und beängstigenden Tatsache
-Kenntnis nahm.
-
-»Ah,« murmelte er, sich den Mund wischend, »die junge Dame ist sehr
-gewandt. Ich wette, sie wird irgendwie in die Stadt geraten sein.« Und
-sich zurücklehnend und langsam seine Uniform zurecht streichend, setzte er
-wie in der Rückerinnerung an seine ehemalige hilfreiche Art hinzu: »Ich
-werde mir ein Vergnügen daraus machen, dort drinnen in Ihrem Namen eine
-Erkundigung einzuziehen.«
-
-Da glitt ein Schatten über das Antlitz der Wirtin. Und mit Anstrengung und
-einem so unsicheren Ton, daß es ihrem verdüsterten Gast auffiel, rang sie
-sich ab:
-
-»Wollen Sie denn heute noch weiter, Durchlaucht?«
-
-»Ja, ich muß, ich muß,« stieß Fürst Fergussow hervor, der sich
-inzwischen erhoben hatte und ans Fenster getreten war. »Dieser
-Abschnitt wird von anderen unserer Truppen besetzt werden. Aber seien Sie
-unbesorgt,« kehrte er sich langsam zu ihr, und allmählich drang wieder
-etwas von seiner einfangenden Höflichkeit in sein Wesen, »ich lasse
-Ihnen auch diesmal einen Schutzbrief zurück und hoffe, daß man ihn trotz
-unserer mißlichen Umstände beachtet.«
-
-»Sie sind sehr müde,« sprach Johanna zögernd, und wenn der andere
-genauer hingehorcht hätte, dann müßte er unfehlbar die schleppende
-Anstrengung aus ihrem Vorschlag herausgefunden haben, »Sie sehen
-eingefallen und kränklich aus,« drängte es unwillkürlich aus ihr
-weiter, und ohne daß sie es wußte, gewannen für einen Augenblick Angst
-und Besorgnis für dieses zerbrochene Menschenbild in ihr die Oberhand.
-Eine Verwirrung, eine Umwälzung gärten in ihr, der selbst die kräftige
-Walküre nicht gewachsen blieb. »Sie sollten sich hier noch eine Nacht
-lang Ruhe gönnen. Ich glaube bestimmt, das wird Sie aufrichten.«
-
-»Nein, nein, ich danke Ihnen, -- ich danke Ihnen aufrichtig,« wehrte sich
-Dimitri Sergewitsch, während er unruhig im Zimmer auf- und niederschritt.
-
-Wechselnde Schatten huschten dabei über seine verstörten Züge, die das
-frühere glatte Lächeln völlig verlernt zu haben schienen. Nervös griff
-er mit den Händen hierhin und dorthin. Es war ein Jammer, die fliegende
-Unrast dieses gehetzten Mannes beobachten zu müssen. Plötzlich warf er
-sich wieder an dem Tisch nieder, strich sich die braunen Locken zurecht und
-stützte das Haupt schwermütig auf seine Rechte.
-
-Johanna bebte.
-
-Denn die dunklen Augen, die sie jetzt so verzweifelt, so anklagend
-umfaßten, es waren dieselben, die Jahre um Jahre wie eine Verkündung
-ihres Loses auf sie herabgeschaut hatten.
-
-»Liebes Fräulein,« begann der Sitzende zu flüstern, und in seinen Augen
-sprühte das Entsetzen höher und höher, »wenn Sie wüßten, was wir
-verurteilt waren, zu sehen! Nein, ich kann und darf Sie nicht damit
-ängstigen. Die menschliche Natur ist in ihren Urzustand zurückgesunken.
-Die Bestien heulen sich an, reißen sich mit den Hauern das Fleisch von
-den Knochen und saufen ihr Blut. Das Grauen und der Ekel wird zu einer
-wollüstigen Unterhaltung. Und doch -- oh, es ist fürchterlich --
-während wir den widerlichen Geschmack auf der Zunge spüren, während alle
-Maßstäbe des Menschlichen zwischen unseren Händen zerbrechen, da summt
-etwas Irrsinniges, etwas Aufreizendes in unseren Adern. Eine ungezügelte,
-wahnsinnige Lust, alle Schrecken von neuem durchzukosten, damit wir unsere
-tanzenden Nerven mit noch unvorstellbareren Scheußlichkeiten sättigen.«
-
-»Wünschen Sie sich gleichfalls etwas Ähnliches?« fragte Johanna hart,
-denn bei seinem Ausbruch fiel ihr plötzlich ein, wen sie vor sich hatte.
-
-»Ich?« Der Fürst sprang auf, preßte die Hände zusammen und schlug
-sie verzweifelt gegen seine Stirn. »Wie kann ich Ihnen das beschreiben?«
-stieß er unglücklich und zerbrochen hervor, und ein schriller Wehlaut
-entrang sich ihm. »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das alles mitteilen soll,
-denn was gehen Sie mich im Grunde an? Vielleicht habe ich auch um Sie nicht
-viel Gutes verdient, und es ist sehr möglich, daß Sie mich hassen.«
-
-Jetzt erhob sich auch das große blonde Mädchen. Schwerfällig griff
-sie hinter sich an die Decke einer altertümlichen Kommode, um sich zu
-stützen. Ihre stählernen blauen Augen folgten unausgesetzt den
-wilden Gängen ihres Gastes, ihre Lippen bewegten sich, aber irgendeine
-Einwendung, die der aufgescheuchte Offizier zu vernehmen wünschte, sie
-vertrocknete ihr auf der Zunge. Und in seiner jagenden Hast hatte der
-erregte Mann auch längst wieder vergessen, was er eben noch zu erkunden
-begehrte. Oder es schien ihm nebensächlich, gleichgültig. Mit
-fliegender Hand zauste er an den Gardinen, die weiß und traulich vor der
-hereinbrechenden Nacht hingen, und ohne Rücksicht, ja ohne zu ahnen, wie
-grauenhaft es wirkte, preßte er das dünne Gewebe vor seine Stirn, um sich
-den perlenden Schweiß zu entfernen.
-
-»Ich bin vielleicht feige« stöhnte er dabei in einer schneidenden
-Entladung, »ich mag auch aus diesem grauen Wams und dem krummen Säbel
-kein Gewerbe machen. Aber wenn man mit ansehen muß, wie diejenigen Leute,
-die kurz vorher mit einem aßen und tranken, die sich auf dasselbe Stroh
-streckten, warm wie ich, hilflos, ja hilflos wie wir alle, wenn man mit
-ansehen muß, wie diese Erbarmungswürdigen ihren Verstand verloren, wie
-sie mit wütenden Sprüngen in Sumpf und Morast setzten und zu Hunderten,
-zu Tausenden, umheult, umzischt von feuerspeienden Geschossen, in dem
-weichen, grünen, schwammigen Morast einsanken, Zoll für Zoll, Strich für
-Strich, dann -- dann -- --«
-
-»Was?« kam es von Johanna scharf.
-
-»Dann,« keuchte der Offizier, und seine Finger kratzten auf den
-Brustklappen der Uniform herum, als wolle er sie von neuem aufreißen,
-»dann schreit man auf zu der Vernunft oder zu irgend etwas, was besser ist
-als wir, und zetert und brüllt um Antwort, warum es zur Verschiebung
-von ein paar Kilometer Sprach- oder Kulturgrenzen so vieler aufgeputzter
-Mörder bedürfe.«
-
-Er stand wieder vor den Fensterscheiben, und abermals fuhr der Gehetzte mit
-dem Tüll der Gardine über sein gelbes, erdfahles Gesicht. Johanna lehnte
-noch immer an der Kommode. Und obwohl irgendein unwiderstehlicher Zwang
-sie dazu antrieb, über die Schulter ihres abgekehrten Gefährten in die
-Dunkelheit hinauszuspähen, so regte sich gleichzeitig eine unnennbare
-widernatürliche Freude in ihr, aus dem angstgeschüttelten Menschen noch
-mehr Todesgrauen herauszuziehen. Ihre Hände wurden eiskalt, die Zähne
-bebten ihr leise gegeneinander, und ihre Augen maßen unaufhörlich die
-wohlgebildete, wenn auch jetzt zusammengesunkene Gestalt des Fürsten,
-während ihre Gedanken fortwährend von der Vorstellung durchschnitten
-wurden: »Du ruhst auch bald -- du auch -- du auch.«
-
-»Haben Sie viele von den Ihrigen verloren?« fragte sie unwillkürlich
-weiter, und sie konnte nichts dafür, daß es trotz ihres eigenen Bangens
-überlegt und berechnet klang.
-
-Ein tiefes Atmen stöhnte zu ihr herüber.
-
-»Viele?« stammelte der andere sich schüttelnd, »hören Sie auf. Merken
-Sie denn nicht, daß da oben bei mir die Stränge und Fäden reißen?
-Daß ich ein jemand bin, der vergessen hat, wie er heißt und wo er
-hingehört?«
-
-Er wandte sich plötzlich zurück, und seine Blicke fuhren aufgescheucht
-in den Ecken umher, bis er auf dem Ruhebett seinen abgeschnallten Säbel
-entdeckte, auf dem Boden die Feldmütze und auf einem Stuhl die abgelegten,
-von Schmutz umkrusteten Handschuhe.
-
-»In eine Schlächterkammer war ich eingesperrt,« schrie er plötzlich,
-»die draußen mit Nägeln zugehämmert war, während drinnen -- --«
-
-Ohne zu vollenden stürzte er völlig haltlos auf das weiche Polster zu,
-warf sich seinen Degen um die Schulter und streifte sich erschöpft und
-zitternd die Handschuhe über. Dann riß er das Fenster auf und rief einen
-kurzen Befehl zu dem dort draußen haltenden Soldatenpiquet hinaus. Es
-klang wie ein Angstschrei.
-
-»Gute Nacht, gute Nacht, liebes Fräulein,« stotterte er und prüfte
-mechanisch die Füllung seiner Pistolentasche, »ich habe mich schon zu
-lange aufgehalten. Wer kann wissen, was hinter einem ist? Nichts gehört
-einem mehr, selbst der Wille ist uns genommen. Leben Sie wohl. Und wenn Sie
-sich zuweilen meiner erinnern, dann, ja dann denken Sie nicht an das, was
-aus mir gemacht wurde. Nein, nicht an das,« wiederholte er bitter und
-drückte sich die Mütze achtlos auf den Kopf.
-
-In diesem Augenblick vollführte der Oberst eine Bewegung, die das
-Schicksal der Bewohner des weißen Hauses zu Maritzken entschied.
-Hinter Johanna, auf der Platte der Kommode, stand ein Bild, das Marianne
-vorstellte. Fürst Fergussow ergriff es, warf einen leeren Blick darauf
-und stellte es rasch wieder an seinen Platz, eilfertig und voll Scheu, als
-wäre das Bild ein Dorn, an dem er sich die Finger blutig gerissen.
-
-»Gute Nacht,« wiederholte er ohne besondere Bewegung, »gute Nacht.«
-
-Da regte sich Johanna zum erstenmal. Jedes Bewußtsein war von ihr
-gewichen, sie hörte nur immerfort dasselbe wilde Summen, das, solange sie
-hier weilte, beständig durch ihr Denken trommelte. Abwehrend griff auch
-sie nach dem Rahmen, und die Hände der beiden Menschen schlossen sich
-umeinander.
-
-»Sie sollten diese eine Nacht noch bleiben,« murmelte sie mit einem irren
-Lachen.
-
-Was dann folgte, wußte sie nicht mehr.
-
-Der Fürst starrte sie eine lange Zeit verständnislos an, dann nahm er
-langsam seine Mütze vom Haupt, zuckte die Achseln und ließ sich müde,
-geistesabwesend von neuem an dem Tisch nieder.
-
-Er wartete.
-
- * * * * *
-
-An dem Fenster ihres verschlossenen Schlafzimmers lauschte Johanna in
-die Dunkelheit. Hinter ihr in dem schmucklosen Raum herrschte vollkommene
-Finsternis, denn in ihrer angstgeschüttelten Verwirrung hatte die
-Gutsherrin nicht gewagt, ein Licht zu entzünden. Nun fing das harrende
-Weib jeden Laut auf, der von dort hinten herüberdrang, wo sich vor ihrem
-geistigen Auge die dichte Wand der Wälder dehnte.
-
-Von dorther mußten sie kommen.
-
-Die Befreier, die reinen und hellen, die sich selbst zur Bürgschaft
-einsetzten für das Gelübde, das sie der Heimat verpfändet. Todesschreie
-würden gellen, ein roter Sprühregen zischen, und doch -- ihr Handel war
-gut und recht, und das tiefste Empfinden, die heißeste Sehnsucht eines
-Volkes sprach ihn heilig.
-
-Aber sie, die hier am Fenster lauerte, was verübte sie inzwischen? Durfte
-sie den Plan, das trügerische Gespinst auch für rein und hell ausgeben,
-in dessen Maschen sie einen seiner Kraft und wohl auch halb des Verstandes
-Beraubten einzuschnüren suchte?
-
-Doch, doch, nur jetzt nicht grübeln und zerfasern, um alles in der Welt
-nicht. Man würde sie loben, ganz sicher, es handelte sich ja um einen
-Fürsten, um einen höheren Offizier, um einen verächtlichen Wicht, der
-sich nicht gescheut hatte, das Gewand schuldloser Frauen in Fetzen zu
-reißen.
-
-Schuldlos?
-
-Draußen strich der Wind über die Strohdächer der Scheunen, und
-die Aufgeregte hätte darauf schwören mögen, daß sie soeben ein
-geisterhaftes Lachen vernommen. Vorsichtig schloß sie das Fenster und
-verschränkte beide Hände gegen die Stirn. Ihre Finger schauerten so kalt
-gegen die Schläfen, daß in das Denken der Einsamen eine unerbittliche
-Klarheit drang.
-
-Schuldlos?
-
-Nein, das war eine bequeme Lüge. Das eine der Mädchen von Maritzken hatte
-sich dem Eindringling gewiß jubelnd preisgegeben, denn er war herrlich von
-Ansehen, und irdischer Glanz strahlte blendend von ihm aus. Und die andere?
-
-Ahnte irgend jemand etwas von dem Aufstand und dem Brand geweckter Sinne?
-Von dem wahnsinnigen Gewitter einer erträumten Hingebung, das hier in dem
-engen Raum einstmals in widerspruchsvoller Einsamkeit gewütet?
-
-Und wenn nichts als dieses Letzte wahr blieb! Johanna biß sich auf die
-Lippen, riß ungestüm ein Zündholz an und beleuchtete das Zifferblatt
-der kleinen Standuhr. Die Zahl zuckte auf, es war drei Viertel auf sieben.
-Höchstens noch eine Stunde, dann mußte alles vorüber sein.
-
-Allein, aus dem verendeten Lichtschein sprang plötzlich weiß,
-schattenhaft und doch voll zitternden Lebens das Haupt des toten
-Preußenprinzen empor. Und Johanna hielt inne und horchte auf die Schläge
-ihres sich krampfenden Herzens.
-
-So fahl und leblos mußte bald ein anderes Antlitz dämmern.
-
-Und dann dieser letzte Blick, in dem noch die Erkenntnis verendete, daß
-hier eine häßliche Spinne gesessen, die beutehungrig Fäden auf Fäden um
-einen arglos Vertrauenden gesponnen. Pfui, das war jammervoll. Das ertrug
-die aller List Abgewandte nie und nimmer. Dagegen verknisterte die Trauer
-um ihre verlorenen und versprengten Angehörigen zu Asche. Und in einer
-besinnungslosen Aufwallung rüttelte Johanna an dem Griff der Tür.
-
-Doch das Holz blieb verschlossen. Ah richtig, sie hatte sich ja selbst in
-kühler Berechnung eine Mauer gegen jedes weichliche Mitleid errichtet.
-Und mit einem schmerzlichen Stöhnen sank die Hausherrin auf den nächsten
-Stuhl, faltete matt die Hände in ihrem Schoß, und zwischen Fieber und
-Erschlaffung hörte sie, wie die Zeit mit verhängtem Zügel weiter raste.
-
- * * * * *
-
-Zu derselben Frist, da die Älteste von Maritzken ihre unstete Sehnsucht
-nach den ihrem Schutz anvertrauten Mädchen ausschickte, da kletterte die
-eine von ihnen, Marianne, mitten auf dem Marktplatz der Stadt, verstohlen
-und wie im Traum, aus dem Planwagen der Verwundeten herab. Niemand hinderte
-sie, keiner hätte sie eine Minute später in dem wütenden Lärm, in dem
-Schreien und Toben, das ringsherum wirbelte, zu unterscheiden vermocht.
-Eine dicke Finsternis lagerte über dem früher so ordnungerfüllten
-Gemeinwesen. Keine Gasflamme warf ihren Schimmer auf die Bürgersteige.
-Seit einer Stunde versagten aus einem geheimnisvollen Grunde die
-Zuflußrohre der Leitungen. Statt dessen hörte man in kurzen Abständen
-aus der fernen Anstalt dumpfe, knatternde Explosionen in die Höhe knallen.
-Und doch gab es hie und da eine Art trauriger Beleuchtung. Einzelne Häuser
-der Vorstädte oder der weniger betretenen Seitengassen hatten Feuer
-gefangen, überall in der Luft wehte ein beizender Dunst von Petroleum und
-Benzin, und der Verdacht lag nicht fern, plünderungssüchtige Banden, die
-in dieser allgemeinen Auflösung weniger denn je den Namen von Soldaten
-verdienten, hätten die gefährlichen Flüssigkeiten selbst über die
-kleinen ehrbaren, schiefwinkligen Häuserchen gegossen.
-
-Aus dem unentwirrbaren Knäuel der Bagagewagen schlich sich Marianne
-zur Seite. Hindurch durch Geschützbespannungen, durch schreiende
-und brüllende Haufen, die sich aus versprengten Trümmern wieder in
-ordnungsmäßige Kompagnien und Regimenter zu schichten suchten. Zwischen
-den wilden Schreien der Verwundeten wand sie sich dahin, die unbekümmert
-und in Hast mitten auf die Pflastersteine des Marktes ausgeladen wurden.
-Vorbei an scheuenden Pferden und hilflos am Boden kauernden Trupps, die
-sich niedergeworfen hatten und den Gehorsam zu verweigern schienen. Durch
-die Zertrümmerung und das Auseinanderbrechen einer zurückflutenden Armee,
-die noch einmal dazu zusammengerafft werden sollte, eine letzte Stellung
-zu verteidigen. Durch das Grauenvolle der in allen Rädern zerschmetterten
-Maschine, die nur noch sinnlos kreischte, rasselte und surrte. Und wie
-schwarz und ameisenhaft es sich um die Davonwankende herumdrängte, welche
-lasterhaften Flüche, welche rohen Beschimpfungen in einer fremden Sprache
-gegen sie brandeten, das Mädchen in den zerfetzten und blutbesudelten
-Kleidern besaß nicht mehr das geringste Verständnis für ihre Umgebung.
-Schlürfend tastete sie sich vorwärts, mit der Rechten kraftlos an den
-Mauern der dunklen Seitenstraße entlang gleitend. Was sie dort suchte,
-wußte sie nicht mehr. Sie wollte nur gehen und gehen und wandern, nachdem
-sie vorher schmachvolle Stunden, jeder Bewegung beraubt, auf dem faulenden
-Stroh des Planwagens verbracht. Das war gar kein Mensch mehr, sondern ein
-Wesen, das sich gedankenlos fortbewegte und nur noch eine stumpfe Freude
-darüber empfand, weil ihre verschnürten und gefesselten Glieder
-sich trotzalledem dehnten und regten. Zu anderen Zeiten hätte ein
-Vorübergehender stehen bleiben können, um der Bettlerin ein Almosen in
-die Hand zu drücken. So rasch, so von Grund aus, so irrsinnig hatte
-der Krieg, der der Umsturz alles Bestehenden ist, ein blitzendes Leben
-ausgelöscht und in den Kot geschleudert. Und gleich ihr Tausende,
-Abertausende, die noch atmeten und gar nicht begriffen, daß sie schon
-begraben waren.
-
-Aber jetzt in der pechfinsteren und menschenverlassenen Gasse, da schlugen
-Stimmen an das Ohr der Gleichgültigen, von denen getroffen sie ihr müdes
-Weitertasten unterbrach, um in fernem Besinnen durch Dunst und Nacht zu
-horchen.
-
-»Sehen Sie sich noch einmal nach ihm um, lieber Bienchen,« klang es
-wohllautend und doch zugleich von einer anheimelnden Güte durchdrungen,
-»ich werde hier auf Sie warten. Aber dann -- dann muß es sein. Länger
-dürfen wir es nicht mehr aufschieben, sonst könnten unsere ganzen Sorgen
-und Bemühungen vergeblich gewesen sein. Und das wollen Sie doch nicht?«
-
-»Nu nein, ich will es nicht,« ertönte bekümmert und kleinmütig eine
-kratzbürstige Reibeisenstimme dagegen. »Wie darf ich Sie allein lassen
-bei dem Schauderhaften? Ich leb' sowieso nicht mehr. Wahrhaftig, ich stell'
-mir immer vor, daß ich mich nur noch auf Kredit, auf Borg hier unten
-befind'. Nun also, ich werd' durch den Keller gehen und mich nach ihm
-umsehen. Sie werden sich ganz ruhig verhalten und hier warten. Aber bei
-meinem Leben, 's ist schrecklich solch ein Geschäft.«
-
-Während der letzten Worte wurde an einer unsichtbaren Tür geschlossen,
-und dann verloren sich hinunterschlürfende Tritte in einem Erdgeschoß.
-
-Gleich darauf war alles still wie zuvor. Doch nein, hinter dem
-Häuservorsprung, den man kaum noch unterscheiden konnte, stahl sich eine
-Melodie hervor. Der Zurückgebliebene vertrieb sich die Zeit durch ein
-klangreiches Summen, und die feinen Schwingungen wie das zarte Taktgefühl
-bekundeten deutlich den geübten Musiker.
-
-Um Gottes willen, das konnte doch nicht -- --?
-
-Und so abgerissen die Noten sich auch dem verschleppten Mädchen
-einprägten, sie erweckten ihr doch das Bewußtsein, daß sie nicht immer
-als eine Entwürdigte und Verstoßene durch die Gassen geirrt sei. Langsam
-wachte sie auf, und eine matte Gier nach Ruhe und Schlaf und Vergessenheit
-überfiel sie. Mit einem unsicheren Schritt trat sie näher, streckte den
-Arm aus und fuhr zurück, als sie in der Dunkelheit ihre Finger auf dem
-Stoff einer groben Arbeitsjacke spürte.
-
-»Ich weiß nicht, -- Fritz -- Fritz Harder, bist du es?« wollte es sich
-ihr in einer heiseren, ihr selbst schreckhaften Sprache entringen, da wurde
-mit einem festen Griff nach ihrem Arm gefaßt und dadurch jede weitere
-Anrede im Keim erstickt.
-
-»Keinen Namen,« forderte eine Stimme, die allen Widerspruch ausschloß
-und die dennoch das vor Erschöpfung strauchelnde Weib mit ihrer bekannten
-ehrlichen Wärme ins Leben zurückrief. »Aber du, Marianne, -- Sie -- wie
-kommen Sie hierher?«
-
-Der Angeredeten gebrach es an Atem, sie schwankte und lehnte sich fest
-gegen den angebotenen Arm.
-
-»Sie haben mich verschleppt,« stöhnte sie, und zum erstenmal in ihrem
-anspruchsvollen und verwöhnten Dasein stürzten der Zerschmetterten
-Tränen der Verzweiflung über die Wangen.
-
-»Ist Ihnen etwas geschehen?« forschte durch die Dunkelheit hindurch
-dieselbe gütige Stimme.
-
-Keine Antwort.
-
-»Ist Ihnen etwas geschehen?«
-
-Da schüttelte die Schluchzende langsam das Haupt. Ein erster Anfang
-regte sich in ihr, ein Haschen, ein Besinnen, wie man aus den zerbrochenen
-Scherben vielleicht doch wieder die alte leuchtende Pracht aufrichten
-könne. Man brauchte ja nur die Kraft zu besitzen, das taumelnde Erlebnis
-fest in sich zu verschließen, ihm keine Ausgänge zu gewähren und dem Tag
-und der Nacht mit unverändert stolzen Augen ins Antlitz zu schauen. Und
-war es nicht ein beredter Zufall, daß sich ihr sofort eine dienende Hand
-entgegenstreckte, die gewiß keinen höheren Ehrgeiz kannte als sie zu
-stützen? Noch blitzten solche Erwägungen unbestimmt und verwirrend durch
-das zerhämmerte Hirn, und doch sprach sie schon etwas gefaßter:
-
-»Ich muß mich setzen können, Fritz. Du mußt mich in dein Zimmer führen
-und -- und bei mir bleiben.«
-
-Auf der anderen Seite blieb es eine Weile still. Deutlich merkte
-Marianne, wie neben ihr in der Finsternis ein heftiges Ringen um Ruhe und
-Gelassenheit anhob. Dann aber entgegnete ihr unsichtbarer Gefährte mit
-derselben Entschiedenheit, durch die das Mädchen schon zu Anfang in
-Erstaunen gesetzt war:
-
-»Marianne, ich kann Sie nicht begleiten. Das Haus ist von russischen
-Offizieren belegt, und nur den Keller haben sie dem Uhrmacher Adameit,
-meinem ehemaligen Hauswirt, übrig gelassen. Dort unten liegt er nun
-gelähmt, vom Schlage getroffen, zwischen Leben und Sterben. Sie tun gewiß
-ein gutes Werk, wenn Sie zu dem Hilflosen hinabsteigen. Auch wird in dem
-dumpfen Raum kein Mensch eine Dame, wie Sie, vermuten.«
-
-»Eine Dame?«
-
-Die Zurückgewiesene erschrak, als sie die jetzt so wenig zutreffende
-Bezeichnung auffing. Auch schwindelte ihr vor der Erkenntnis, wie ihr in
-ihrem Unglück selbst der letzte so sicher errechnete Beistand entglitt.
-Und dann -- ein feuchter Keller sollte das Prunkgemach bilden, das ihr
-Schutz bot? Und ein gelähmter Handwerker ihr zur Gesellschaft dienen? Oh,
-es schwirrte durch die zerrissenen Sinne. Jedes Gefühl für Würde und
-Stolz entwich der Gedemütigten, und ohne zu ahnen, welche Wirkung sie
-hervorbrachte, verlegte sie sich aufs Schmeicheln.
-
-»Fritz, so kannst du mich nicht behandeln -- denk doch nur, du darfst mich
-nicht verlassen. Hast du mich wirklich ganz vergessen?«
-
-Sanft versuchte sie seine Wange zu streicheln, allein mitten auf dem Wege
-wurde ihre feuchte kalte Hand von neuem festgehalten.
-
-»Ja, Marianne,« beharrte der junge Offizier, der plötzlich so markig
-und schwungvoll sprach, wie sie es noch nie von ihm gehört, »es ist
-eine Aufgabe auf mich gelegt worden, vor deren Ernst und Wichtigkeit alles
-andere zurücktritt. Dem Himmel sei Dank, daß es einen solchen Ruf gibt.
-Tausende hören ihn jetzt und begreifen gar nicht mehr, daß sie noch vor
-kurzem eigene Wünsche hegten. So geht es auch mir. Ich grolle dir nicht
-und zürne dir nicht, ja ich danke dir dafür, weil du mich so frei und
-ungebunden für meine einzige Liebe und meine große Sehnsucht werden
-ließest.«
-
-»Wer ist das?«, flüsterte Marianne verletzt und beleidigt.
-
-Da lachte der Offizier im Arbeiterwams.
-
-»Das ist der Boden, auf dem du stehst, die Sprache, die du redest und das
-Volk, das dich geboren. Du wirst erst wahrhaft leben, wenn du dich zu
-dem allen zählen kannst. Und du stirbst, sobald dies Höchste an dir
-vorübergeht.« Er brach ab, trat hinter den Mauervorsprung zurück und
-sagte ganz ruhig und überlegt: »Hier kommt Herr Leiser Bienchen herauf,
-er wird die Kellertür für dich offen lassen. Leb wohl, Marianne, an mich
-ergeht der Ruf. Wir ziehen geradeswegs in Glück und Verklärung hinein,
-nicht wahr, Herr Bienchen?«
-
- * * * * *
-
-Schaudernd sitzt die in den Keller Hinabgeirrte, ihrer selbst ungewiß, wie
-ein fremdes seelenloses Wesen, neben der hölzernen Pritsche, auf die man
-den alten Handwerker gelagert hat. Voll stummen Grauens trinkt sie die ihr
-unverständlichen Reden ein, die der von einer irren Spannung gefolterte
-Greis von Zeit zu Zeit ausstößt. Bald ringt er die Hände, bald hebt
-er lauschend das Ohr, als müsse und könne er sich nicht von dieser Erde
-trennen, bevor er den ersehnten Laut von oben erhascht.
-
-»Dreißig Jahre daran gearbeitet,« hört sie es aus dem zahnlosen Munde
-hervorzischen, »und nun nicht wissen -- nun nicht wissen, ob es von
-Unheil oder von Segen sein wird. Und in fremden Händen, die nichts davon
-verstehen, die nicht fühlen, wie man jede Schraube aus seiner Seele
-hervorgeholt hat. Und die den Zweck nicht ahnen, den letzten Zweck. Hören
-Sie nicht etwas, Kind? Hören Sie noch immer nichts?«
-
-Aber dann geschieht etwas.
-
-Der Nachthimmel stürzt ein, die Häuser beginnen zu beben und zu
-tanzen, ein Donnerschlag wühlt und kracht und rollt, jedem Lebenden ein
-erschütterndes Wunder, die Zeit hält an, die Luft preßt sich zusammen,
-eine zerschmetterte Menschheit stößt ihren letzten Schrei aus, -- und
-dann schleicht Stille heran, gähnende Lautlosigkeit, die die Schläfen der
-zitternden Kreaturen in beide Hände nimmt und jedes Begreifen erdrückt.
-
-Ein paar schreckensstarre Augen richten sich in dem Keller, der nur durch
-ein tröpfelndes Talglicht erhellt wird, auf den abgezehrten, zahnlosen
-Mann. Der zieht langsam die Lider über die glitzernden Sterne, lächelt
-und sinkt von seinem Tagewerk zurück.
-
-Seine Uhr hat ihre große Stunde geschlagen.
-
-
-
-
-VI.
-
-
-Silberne Lichter sprangen über die feuchten Schollen des schlafenden
-Landes. Kein Geräusch störte die weiche, dunkle Versunkenheit, und
-nur die bleichen Schilfwände zu beiden Seiten des Flusses neigten sich
-manchmal wispernd gegeneinander, wenn der lange, geisterhaft gleitende Kahn
-ein paar stärkere Wellen gegen das Binsengestrüpp drängte.
-
-Ruhig, gleichmäßig schritt der russische Schiffer die beiden Laufbretter
-seines Fahrzeugs ab. Die mächtige Stange, deren Widerhaken im Bett des
-Stromes festhaftete, hatte er gegen die Schulter gestemmt, und nun bewegte
-er sein Schiff mit unverminderter Kraft durch die Windungen der leuchtenden
-Fahrstraße. Einförmig klappten seine Tritte auf dem trockenen Holz, und
-nur ein regsames Plätschern antwortete jeder vermehrten Anstrengung. Ein
-kleiner weißer Spitz begleitete auf dem gegenüberliegenden Brett treulich
-den Weg seines Herrn. Dieweil wurde am Achterende des Kahnes von einem kurz
-geschürzten und dick in bunte Tücher vermummten Weiblein das ungefüge
-Steuer hin- und hergeschoben. Dies war die Frau des Schiffers. Aber aus den
-Lappen, hinter denen sich ihr Gesicht verkrochen hatte, konnte man bei
-dem unsicheren Mondenlicht nur eine breite Knollennase entdecken, und man
-hörte nichts von ihr als kurze abgerissene Gesangsstrophen und
-dazwischen ein unaufhörliches kicherndes Geplapper. Nur schade, daß der
-Schifferknecht, der auf ihre Weisung mit ihr zusammen das schwere Holz
-drehte, sicher nicht das Geringste von dieser sprudelnden Unterhaltung
-verstand. Auch schien der Mann in der zerdrückten blauen Flauschjacke sein
-Gewerbe durchaus nicht mit Meisterschaft auszuüben. Denn die Frau in den
-vielen Tüchern lachte jedesmal belustigt, so oft sich ihr Genosse mit
-aller Kraft gegen das knarrende Holz stemmte. Es blieb auch seltsam, daß
-sich ihr dabei niemals ein Tadel entrang, ja, sie fand es offenbar ganz in
-der Ordnung, sobald der schlanke Gehilfe sich abwandte, um angestrengt auf
-die hinter dem Ufer sich hinziehende Landstraße zu spähen.
-
-Wahrlich, dort drüben auf dem grauen dampfenden Wege gab es seit ein paar
-Stunden aufregende und schreckhafte Dinge zu sehen. Zuerst war von dort
-nur der Hufschlag vereinzelter Reiter aufgeklungen. Gleich schwarzen
-Schattenbildern sausten sie dahin, weiße Staubwolken sprühten um sie her.
-Ein höllisches Bild. Dann rollte und rasselte es, Geschützzüge flogen
-unter den finster starrenden Chausseepappeln, aufgewühlte Menschenhaufen
-brodelten hinterher, und schließlich wurde ein einziger schwarzer Wurm
-daraus, der knurrend und klirrend seines Weges kroch.
-
-Aber der Kahn glitt weiter.
-
-Nur das Weib lehnte sich über den Querbaum und wies mit der Hand auf die
-sich krümmende Schlange. Auch jetzt noch stieß sie ihr kurzes, fettes
-Lachen aus. In ihrem harmlosen, in tiefer Unbildung versunkenen Gemüt
-regte sich nicht die leiseste Ahnung, wie durch den schwarzen Wurm dort
-drüben Glück, Ruhe und Wohlstand auf Jahre hinaus niedergewälzt wurden.
-
-Und doch -- unangefochten schwamm der Kahn zwischen den hohen Binsen
-stromabwärts.
-
-In der engen Kajüte, die durch einen roten Fetzen in Schlaf- und
-Küchenraum geteilt war, stand inzwischen ein junges Mädchen vor dem
-windschiefen eisernen Herd. Über ihrem Haupt schaukelte sich an einem
-Draht ein winziges rauchendes Öllämpchen, und bei seinem dunstigen Schein
-beschäftigte sich das junge Geschöpf eifrig damit, aus einem Topf voll
-stark duftenden Tees die goldgelbe Flüssigkeit in eine bunt bemalte Tasse
-zu gießen. Dann zog sie sich aufatmend eine weiße, mit blauen und roten
-Sternen bestickte Flanelljacke zurecht, strich glättend über ihren kurzen
-roten Wollrock und klapperte endlich auf schweren Holzschuhen die steile
-Treppe in die Höhe. Sorgsam hielt sie dabei die Hand über die Tasse,
-damit die kühle Nachtluft nichts von der Wärme des Getränkes raube.
-
-»Hier,« sagte sie über ihr eigenes Werk befriedigt, indem sie an den
-Schifferknecht in der blauen Jacke herantrat, »hier bringe ich Ihnen etwas
-Feines, lieber Freund. Denken Sie, ich habe sogar Rum gefunden. Natürlich
-so gut wie im »Goldenen Becher« wird er nicht schmecken. Aber nun trinken
-Sie. Nicht wahr, bei dieser scharfen Luft werden Sie meine Kochkunst nicht
-verachten?«
-
-Durch die helle Stimme wurde der Konsul unvermutet seinen Beobachtungen
-entrissen. Überrascht wandte er sich herum und, wie stets, so glitt auch
-jetzt wieder ein erstauntes Lächeln um seine Lippen, als er die weiße
-Flanelljacke und das kurze rote Röckchen gewahrte. Wie eigenartig blieb
-das doch, drüben hinter den weißen Staubwolken, in denen das Mondlicht
-dampfte, da wallte Weltgeschehen vorüber, das sicherlich auch sein
-Schicksal einschloß. Und doch war es möglich, daß die schweren Sorgen
-des Flüchtenden hier durch ein anmutiges Bild auf Augenblicke zerstreut
-werden konnten. Die weiße Flanelljacke, der bunte Rock, das schwarze
-Tuch über den roten Haaren und die derben Holzpantoffeln auf den kleinen
-Füßen, sie redeten keck und lebensvoll mitten in das Stöhnen einer
-verzweifelten Völkerklage hinein.
-
-Rudolf Bark schüttelte sich, aber bevor er die Tasse aus den Händen der
-Kleinen empfing, da drängte er erst das Geschirr fast gewaltsam an Isas
-eigenen Mund.
-
-»Nur ein paar Schlucke, mein Kind,« meinte er gutmütig, »so ist
-das zwischen uns ausgemacht, und Sie müssen mich auch nicht so sehr
-verwöhnen.«
-
-»Ja, aber Herr Konsul -- --«
-
-»Schon gut. Nun kommen Sie, Isa, wir wollen uns auf das Brett hinter der
-Kajüte niederlassen, denn hier hinten weht es doch zu scharf für Sie.
-Auch sehe ich, Sie haben sich den koketten Halsausschnitt von Madame
-Krupenski wieder nicht zugesteckt.«
-
-Da senkte Isa verlegen das Haupt. Sie wußte auch nicht wie es kam,
-aber jeder Tadel aus dem Munde des erfahrenen Mannes erschreckte sie und
-entwirkte daneben stets die heftige Begierde, seinen Wünschen, noch ehe
-sie ausgesprochen, zuvorzukommen. Hastig faltete sie an der gerügten
-Stelle herum.
-
-Dann saßen sie beide auf dem Brett hinter der Kajüte, tranken aus
-derselben Tasse und sahen schweigend mit an, wie die Morgendämmerung die
-rauchenden Wiesen mit rosigen Fingern zu streicheln begann. Ein blutroter
-Bach floß am äußersten Rande des Erreichbaren. Nach einer Weile sprach
-Isa nachdenklich:
-
-»Ob man unsere alten Kleider schon aufgefischt hat, Herr Konsul?«
-
-Der Kaufmann nickte. »Das ist sehr wahrscheinlich, mein Kind. Herr
-Krupenski hat sie so sachgemäß versenkt, daß sie sicherlich schon lange
-an dem Wehr angeschwemmt sind. Ich hoffe, unser fetter Freund, der Herr
-Polizeimeister-Stellvertreter Tolmin wird längst mit Befriedigung unser
-trauriges Ende festgestellt haben.«
-
-»Wie seltsam,« flüsterte Isa gepackt, und ein bezwingender Gedanke
-ergriff unwiderstehlich von ihr Besitz, »da haben wir eigentlich alles
-Alte von uns abgestreift und fahren hier wie zwei ganz neue Menschen durch
-die Welt. Wissen Sie auch, daß ich das wunderhübsch finde?« fuhr sie
-sinnend fort.
-
-»Warum?« fragte der Konsul und verfolgte den rosigen Dämmer, der sich
-auf dem feinen Gesicht seiner Gefährtin zu verbreiten begann.
-
-»Warum?« wiederholte die Kleine ernsthaft und schauerte im Frühfrost
-zusammen, »das kann ich Ihnen nicht sagen. Nein, das kann ich wirklich
-nicht, es ist ein sehr dummer Einfall.«
-
-Noch hatte sich Rudolf Bark nicht von dem Glanz trennen mögen, von dem
-die unter dem schwarzen Tuch sich hervorstehlenden Haare des Mädchens
-allmählich durchleuchtet wurden, da war es, als ob in der Ferne Erde und
-Strom einen Sprung machten. Ein dumpfes Krachen erschütterte die Luft,
-der Nachhall eines ungeheuerlichen Donnerschlages fuhr über den bleiernen
-Morgenhimmel.
-
-Betroffen schnellte Isa von ihrem Sitz.
-
-»Herr Konsul,« vermochte sie nur hervorzustoßen, »bedeutet das ein
-Unglück für uns?«
-
-In ihrem schmalen Gesicht arbeitete es. Trostsuchend lugte sie zu ihrem
-Freunde empor. In diesem Augenblick empfand sie nur das eine, wie die
-lange Fahrt auf dem schmutzigen Kohlenkahn von allen Schimmern der
-Poesie umflossen sei, und das jenes namenlose, aller Regel eines strengen
-Bürgertums entbehrende Dahingleiten einen Höhepunkt ihres Daseins
-bildete. Sie zitterte vor Hoffnung und vor Spannung.
-
-»Bedeutet das für uns ein Unglück?« drängte sie noch einmal und
-ergriff schutzbedürftig die Hand des Kaufmannes.
-
-Beschwichtigend zog Rudolf Bark das aufgeregte Mädchen wieder an seinen
-Platz hinter der Kajüte zurück. Und als er fühlte, wie die Verängstigte
-sich an ihn schmiegte, da streicheln er ermunternd über ihre Wangen.
-
-»Isachen, es will mir scheinen, es kommt im Moment gar nicht so sehr auf
-uns beide an.«
-
-Allein die Kleine schüttelte unter Tränen lachend das Haupt.
-
-»Doch, Herr Konsul,« entgegnete sie kleinlaut, -- »Sie müssen
-entschuldigen, ich bin natürlich lange nicht so klug wie Sie, -- aber das
-Leben kann doch auch etwas sehr Seltenes und Kostbares sein. Es wäre zu
-schade, wenn dies alles untergehen sollte.«
-
-»Oh, der Kahn ist fest,« entgegnete der ältere Mann verständnislos.
-
-Und dann saßen die beiden wieder und sahen zu, wie der blasse Morgen
-über die Felder eilte. Die grauen Dunstwolken zerfaserten sich, über den
-Chausseepappeln begannen schwarze Scharen von Krähen zu kreisen, und unter
-ihnen wurde die Landstraße einsamer und stiller. Hinter den wallenden
-Staubmassen war die brandende Flucht erstorben. Langsam und allmählich
-schwirrte von dort ein schüchterner Vogelgesang auf, und auch die Heimchen
-der Wiese besannen sich auf ihr Morgenlied.
-
-Stunde auf Stunde verging. Es wurde immer heller.
-
- * * * * *
-
-Der Kahn wurde verankert, denn der russische Schiffer weigerte sich, mitten
-durch den leuchtenden Sonnenschein und zumal wo die Grenze so nahe rückte,
-noch weiter zu fahren. Auch machte der Herr des Kahnes sehr deutliche
-Anspielungen, es wäre an der Zeit, daß seine Gäste nunmehr das Gefährt
-verließen. Noch verhandelte Rudolf Bark mit dem Eigentümer, da brach
-der Kaufmann mitten in der Rede das Gespräch ab, um ohne ein Wort der
-Erklärung in das Boot hinabzuspringen, das neben dem Steuer einhertrieb.
-Verstummt, in grenzenloser Überraschung starrte Isa dem Davonrudernden
-über die hohe Bordschwelle nach.
-
-Doch nein, jetzt erkannte sie, was ihren Freund zu so rascher Tat
-veranlaßt hatte. Drüben an dem immer flacher werdenden Ufer des Stromes
-duckte sich zwischen den Binsen ein dürrer Mensch bis tief auf den Spiegel
-des Wassers herab. Der Fremde schien sich zu waschen. Aber als das
-Mädchen das Bild schärfer musterte, da wurde es ihr klar, daß sich der
-zusammengekauerte Geselle eine frische Stirnwunde spüle. Unaufhörlich
-rieselten die roten Tropfen in den Strom. Jetzt hatte ihn Rudolf Bark
-erreicht. Ein paar laute Ausrufe fuhren hin und her, das Boot knirschte in
-den Sand, und noch immer konnte die Zurückgebliebene nicht fassen, warum
-der Konsul jenen so wüst zerschlagenen Verwundeten schließlich
-mit rücksichtsloser Gewalt in den Kahn zerrte. Dann wieder einige
-Ruderschläge, und über die von dem schweigsamen Herrn Krupenski über die
-Schiffswand geworfene Strickleiter kroch scheu und zitternd eine groteske
-Gestalt auf das Deck. Nun schlotterte sie vor ihnen, ohne Rock noch Weste,
-nur von einem zerzausten Halstuch umflattert und wischte sich beschämt
-über das von tausend Runzeln zerrissene Gesicht. Ein unförmiger Mund
-bewegte sich, als hätte man einen Fisch soeben aufs Trockene gezogen.
-
-»Herr Bienchen,« rief Isa verständnislos, denn sie hatte endlich den
-verkrümmten kleinen Juden, der ihr so manche Uhr gerichtet, in diesem
-blutenden und vor Erschöpfung röchelnden Menschenkind entdeckt.
-
-»Jetzt sagen Sie, wie kommen Sie hierher?« rüttelte ihn auch der Konsul.
-
-Allein Leiser Bienchen, der Gehilfe des alten Erfinders Adameit, der letzte
-Gefährte von Fritz Harder, schüttelte völlig betäubt sein nasses Haupt.
-
-»Ich weiß nicht, Herr Konsul, ich weiß wirklich nicht,« gurgelte er
-tonlos, während er sich unaufhörlich in einem ölgetränkten Taschentuch
-die Hände wischte.
-
-»Man hat Sie geschlagen?«
-
-»Ja, ich glaube, -- ich glaube, man wird mich geschlagen haben.«
-
-»Wer?«
-
-»Ja, wer?« stöhnte der Uhrmacher, sank auf einem Kohlenhaufen zusammen
-und starrte gleichgültig zurück auf die Landstraße, die er soeben
-verlassen.
-
-Es war nichts weiteres aus dem in seine Erinnerungen Zurückkriechenden
-herauszubringen. Und erst, als man den wimmernden Gesellen, der dabei wie
-ein schweres Bündel zwischen den Armen seiner vornehmen Kundschaft hing,
-in die Kajüte heruntergeführt hatte, erst nachdem er dort auf einem
-Kasten hockte und unter seltsamen Schmatzlauten ein paar Tassen des
-glühend heißen Tees in sich hinabgeschüttet hatte, da fingen seine
-schwarzen Augen sich an zu beleben, und er starrte seine Bekannten mit
-dem jammervollen Blick eines geschlagenen Hundes an. Dann wickelte er
-das zusammengerollte Öltuch auf, schneuzte sich und unternahm es, sich
-umständlich die dick herabrollenden Tränen zu trocknen. Der Konsul
-jedoch, der ungeduldig vor ihm stand, ließ dem Bekümmerten keine Zeit
-mehr, sondern rüttelte ihn abermals ins Leben zurück.
-
-»Lieber Bienchen, wo kommen Sie her?«
-
-Der kleine Jude fuhr zusammen.
-
-»Ich, Herr Konsul? Nun, Sie werden es doch leider nicht glauben, ich komm'
-direkt aus der Luft.«
-
-»Scherzen Sie nicht,« verwies ihn der Kaufmann nachdrücklich.
-
-Jetzt seufzte der Uhrmacher schwer in sich hinein. Und erst Isas
-teilnahmvolles Gesicht schien seine Neigung zu einer größeren
-Mitteilsamkeit zu vermehren.
-
-»Sehe ich aus, wie wenn ich scherze?« klagte er dumpf vor sich hin und
-rieb sich wieder die wunde Stirn. »Ich sag' Ihnen, ich komm' aus der Luft
-oder auch unter einem Heuwagen hervor, ganz wie Sie wollen. Aber ich
-will Ihnen der Reihe nach erzählen,« erholte er sich endlich etwas mehr
-gefaßt. »Sie müssen nur entschuldigen, wenn ich nicht alles aus meinem
-zerhämmerten Kopf richtig und sauber hervorziehen kann.« Er lehnte sich
-zurück an die Schiffswand und holte tief Atem. »Sehen Sie, da hatten wir
-die Maschine von dem alten Adameit -- vielleicht hat ihn Gott schon zu sich
-genommen -- unter das Dach der Sebalduskirche eingeschmuggelt.«
-
-»Welch eine Maschine? Besinnen Sie sich, Herr Bienchen,« forderte Rudolf
-Bark von neuem.
-
-»Nun die Uhr. Es war ein grausiges Ding, ich hab' sie nie ansehen mögen.
-Aber mein Meister hat damit ein Lebelang verbracht. In der Kirche sah es
-die ganze Zeit über fürchterlich aus. Diese Hunde, diese Wilden zeigten
-nicht den geringsten Respekt. Weder vor dem herrlichen Bau noch vor dem
-wundervollen Glockenspiel, noch vor der gewaltigen Orgel. Ich sag' Ihnen,
-sie lachten auch über die vielen Bildwerke und hieben ihnen Nasen und
-Ohren ab. Wenn mich auch die Heiligen in den bunten Röcken nichts angehen,
-die schöne Frau mit dem Fuß auf der Schlange und der weiße Mann mit dem
-goldenen Schlüssel, Sie können mir glauben, es gab mir jedesmal einen
-Stich, so oft ich die heillose Schändung mit ansah. Denn es waren doch
-kunstvolle Hände, die so prächtige Sachen vor mehr als fünfhundert
-Jahren geschnitzt hatten. Aber das war noch nicht alles. Die Breitmützen
-hatten einen vollständigen Stall aus den steinernen Gängen gemacht. Die
-Kirchenbänke konnte man jeden Abend in die Wachtfeuer wandern sehen, und
-statt ihrer lagen nun hunderte von schmutzigen Kerls auf Strohbündeln in
-den Gängen und fraßen und schnarchten. In den letzten Tagen wurden es so
-viele, daß man sagen konnte, es war kein Winkel mehr von dem Ungeziefer
-frei. Nun kam die Nachricht, daß die Fremden da hinten an den Seen ihren
-Lohn erhalten hätten. Und wir hörten auch, sie wollten sich in unserer
-Stadt, in unserer schönen, sauberen Stadt zur letzten Wehr setzen.
-Da sagte der Herr Leutnant Harder, nun wäre es Zeit. Er hatte es so
-einzurichten gewußt, daß wir eine Anstellung in dem Dom gefunden hatten.
-Werden Sie es für möglich halten, wir fegten nämlich den Schmutz und den
-Mist alle Abend aus der Kirche heraus. Für ein paar Pfennige natürlich.
-Und gewöhnlich erhielten wir noch einige Lanzenstöße als Trinkgeld
-dazu. Nun, es war kein Herrenleben. Aber gestern abend, da sagte der Herr
-Leutnant, jetzt dürfe man keine Minute mehr verlieren. Es sollte nämlich
-der Horde ein Schreck eingejagt werden, damit sie sich in der Stadt nicht
-länger für sicher hielte. Herr Konsul und Fräulein Grothe, was soll ich
-Ihnen lange erzählen? Der junge hübsche Mensch, der so verändert in dem
-Arbeitsanzug aussah, er stieg auf den Orgelsitz hinauf, und ich mußte die
-elektrischen Blasebälge andrehen. Auf diese Weise, nämlich durch sein
-Spiel, da wollte er die Halunken von mir und meinem Geschäft ablenken. Ehe
-wir uns trennten, reichte er mir noch die Hand und sagte mit einem Gesicht
-ganz voller Sonnenschein -- in meinem Leben werd' ich's nicht vergessen
--- »Herr Bienchen, Sie sind jetzt auch ein Soldat. Denken Sie daran,
-was Ihnen das Vaterland alles geschenkt hat und zahlen Sie es pünktlich
-zurück.« Dann stieg ich auf den kleinen Hinterturm hinauf, wo wir den
-Knopf angebracht hatten. Ich versichere Sie, alles wie im Traum, Herr
-Konsul. Mit einemmal fing die Orgel an zu spielen. So was Schönes,
-Herrliches und Erhabenes hab' ich noch nie vernommen. Es hörte sich an,
-als wenn der Herr unser Gott leibhaftig in die Kirche getreten wär' und
-sänge nun selbst mit seiner ewigen Donnerstimme. Wie schön sind doch
-diese deutschen Lieder, es liegt alles darin, was wir an dem Land und
-seinen Menschen lieb haben. Ich hatte mich auf einen Fensterbogen gesetzt,
-Fräulein Grothe, und konnte das Ohr von der Musik nicht abwenden. Auch
-die Russen waren aufgestanden, hielten ihren Atem an und starrten herauf.
-Keiner rührte sich. Sie fühlten wohl, wie der Herr schon seine eiserne
-Hand auf sie gelegt hatte. Ich hätte noch bis zum nächsten Morgen so
-sitzen mögen, aber plötzlich da hob der Herr Leutnant, den ich nur vom
-Rücken aus sehen konnte, die Finger seiner Rechten hoch in die Höhe. Und
-diese Finger, sie drohten mir und griffen mir geradewegs ins Herz. Was dann
-geschah, Herr Konsul, das ist mir alles nur so bewußt, als hätt' ich es
-aus einem dunklen Grab heraus belauscht. Das Dach der schönen Kirche flog
-in die Höhe, so daß alle Sterne des Nachthimmels für eine Sekunde zu uns
-herunterblitzten. Und dann -- es war grauenvoll das Gewinsel und Gewimmer.
-Die große Orgel stürzte zusammen, die ungeheuren Zinkpfeifen spießten
-sich gegeneinander, und dann brach das ganze Werk in die Tiefe. Mit mir
-aber, Herr Konsul, geschah ein Wunder. Ja, ja, als sollte mir gezeigt
-werden, wie ich armer kleiner Jud' eigentlich gar nicht in die Kirche
-gehörte. Ich sauste nämlich in großem Bogen aus dem Fenster herunter
-und mitten in einen Heuwagen hinein. Gleich darauf jagte das Gespann wie
-wahnsinnig aus der Stadt heraus. Und erst dicht hier an der Grenze, da
-haben mich die Unmenschen heruntergeprügelt. Ein Rad ist noch dazu über
-meinen Fuß gefahren, und ich meine, mein Gang wird dadurch nicht schöner
-geworden sein. Aber Herr Konsul und Fräulein Grothe« -- und der Uhrmacher
-hob die Hände in die Höhe und begann bitterlich zu weinen, -- »was will
-das alles heißen? Unser Land hat sich erhoben, unser herrliches Land, und
-hat die Heuschrecken von sich abgeschüttelt. Der Herr, der in der Kirche
-so schön sang, er hat unsere Feinde geschlagen. Hören Sie, Herr Konsul,
-dort draußen blasen schon die preußischen Trompeten? Das Herz geht einem
-auf, wenn man es hört! Der Herr singt weiter!«
-
- * * * * *
-
-In der dunklen Schlafkammer von Maritzken herrschte noch immer bleierne
-Stille. So schwer drückte die Lautlosigkeit herab, daß die an ihren Stuhl
-gebannte Gutsherrin das flüchtige Ticken der Uhr wie das unerträgliche
-Stampfen einer Maschine empfand. Ängstlich streiften ihre Blicke über die
-Fensterscheiben, die unter dem Leuchten des heraufsteigenden Mondes einen
-stählernen Glanz annahmen. Manchmal war es auch, als ob ein flackernder
-Feuerschein vorüberhusche. Dann vermeinte die Einsame eilende Hufschläge
-aufzufangen. Doch wenn sie, zum Sprung bereit, eifriger hinhorchte, so
-schlug nichts an ihr Ohr als das Sausen des Nachtwindes. Und immer wieder
-sank sie zurück und kämpfte gegen den Sturm und den wilden Tanz ihrer
-Nerven. Aber noch mehr gegen das widerstandslose Herabsinken in völlige
-Erschöpfung. Zuweilen riß die Nacht vor ihr auseinander. Dann glaubte
-sie etwas zu sehen, dann murmelte sie etwas, dann betete sie wirr und
-verständnislos darum, daß das, was sie mit vorbereitet, in nichts
-zerschellen möge. Um gleich darauf alle Fibern anzustrengen, ob sie aus
-dem unteren Zimmer nicht etwa einen Laut des Entweichens auffinge.
-
-Was mochte ihr Gast, der auf sie wartete, jetzt treiben? Ob er noch immer
-zermürbt und zerschlagen am Tisch hockte, ein vor sich hin stierender,
-seiner früheren Wesenheit beraubter Mensch? Johanna stöhnte auf, wehrte
-und wand sich und rüttelte an ihrem Stuhl, um sich zur Besinnung zu
-bringen.
-
-Stunde auf Stunde vertröpfelte, das Mondlicht schwamm schon in breiter
-Bahn zu ihren Füßen, und die Hausherrin hing noch immer regungslos auf
-ihrem harten Sitz, hing zwischen Wachen und Traum. Und alles, was um sie
-herum geschah, es drang zu ihr wie der Nachhall von etwas Unwirklichem.
-Abermals hörte die Schwankende ein dumpfes Klopfen. Doch es klang, wie
-wenn man die Hufe eilender Pferde mit Werg und Lappen umwickelt hätte. Und
-sie sann darüber nach, ob es die Schläge ihres eigenen Herzens wären?
-Dann zischte und knatterte es, und die Blonde konnte es sich in ihrer
-Benommenheit nicht anders erklären, als ob blaue puffende Funken aus einem
-Holzfeuer in die Höhe knisterten. Und jetzt -- mischten sich jetzt nicht
-heiße, trunkene Stimmen zu einem einzigen brausenden Ruf? Nun wieder
-Leere, durchwinselt von den aufreizenden Klagen des Windes. Und dann --
-aus den Dielen zu ihren Füßen schien ein dumpfes, trockenes Stöhnen
-aufzusteigen.
-
-Herr im Himmel was geschah hier? Bedeutete das doch mehr als gestaltlos
-jagende Traumgesichte?
-
-Vielleicht war die Jagd, die hinter dem Menschenwild hetzte, schon
-hereingebrochen? Wie, wenn das Opfer, das in einem Gehege von List und
-Schlauheit zurückgehalten war, bereits verröchelnd am Boden lag, und sein
-brechender Blick nach der Hinterlistigen suchte, die den Köder geworfen?
-Oh, der Fang war durch dieselben unwürdigen Künste geglückt, welche die
-auf ihre Reinheit Stolze bei der jüngeren Schwester so verachtet hatte.
-Mischte sich nicht auch bei ihr, wenn sie vor Gott ihr Innerstes auftat,
-ein schauererfülltes Wohlgefühl darein, ein nie gekanntes, so oft sie,
-sei es auch nur von fern und mit Abscheu sich das Rasende ausmalte, das der
-Getäuschte da unten erwartete? Seltsam, zu unerklärlich -- und das blonde
-Weib schlug sich die Hände schallend vor die Stirn -- und deswegen setzte
-sich der unglückliche Mensch dort unten dem sicheren Tode aus?! So hoch
-bewertete er seine Hoffnungen, oder so wenig lag ihm am Dasein?
-
-Johanna horchte auf. Von unten tönte es wie das Knarren einer Tür. Ihre
-Vorstellungen kreuzten durcheinander. Sie wußte nicht mehr, ob sie aus
-Scham vor dem Betrug den vertrauensseligen Mann warnen, oder ob sie das
-Entweichen des Übeltäters verhindern wollte.
-
-Und dann -- und dann -- die Uhr tickte so laut -- es war keine Zeit mehr zu
-verlieren.
-
-Ohne Überlegung -- mit wildem Entschluß drehte sie an dem Schlüssel,
-stürzte aus der Dunkelheit heraus und fegte die Treppe hinab, wie sie
-die Stufen noch nie übersprungen. In ihrem Ungestüm vergaß sie das
-Anklopfen. Ohne ein Zeichen trat sie ein. Ihr Atem flog so stoßend über
-ihre Lippen, daß sie sich an dem Pfosten des Eingangs eine Stütze suchen
-mußte. Dann erst vermochte ihr scheuer Blick sich einige Klarheit zu
-verschaffen.
-
-In dem kleinen Zimmer wiegte sich bange Stille. Unordentlich und achtlos
-war der Mantel des Fürsten über einen Stuhl geworfen, seinen Säbel hatte
-der Besitzer auf das Ruhebett geschleudert, und Dimitri selbst saß an dem
-Tisch, auf dem noch die Reste des Mahles standen. Tief herabgebeugt ruhte
-das Haupt des Übermüdeten auf seinen ausgebreiteten Armen, und die
-Lauscherin pries den schweren Schlaf, der ihm das Schicksal seines Volkes
-sowie sein eigenes für eine Weile wohltätig verhüllte. Allein sie
-täuschte sich, denn der Fürst richtete sich langsam auf, und sofort
-erfaßte das Landmädchen, wie seine Augen nichts von der Blendung des
-Schlummers zeigten. Ihr Gast schien vielmehr angestrengt nachgedacht zu
-haben. Kaum erkannte er sie, als auch schon sein zuvorkommendes Lächeln
-in seinen gespannten und angestrengten Zügen aufleuchtete. Nur wollte es
-Johanna dünken, als wenn eine bittre, entsagungsvolle Schwermut sich über
-das auch jetzt noch edle Antlitz verbreitet hätte. Und im Moment zitterte
-sie davor, wie sich der Oberst ihr unvermutetes Hereindringen deuten
-würde. Aber gottlob, die Haltung des fremden Aristokraten blieb tadellos
-und beherrscht. Langsam erhob er sich, und während er ein paar Schritte
-gegen sie tat, verbeugte er sich leicht. Wieder verursachte es der
-Beobachterin einen stechenden Schmerz, als sie vernahm, wie schwer sich ihr
-Gast über den Estrich schleppte.
-
-»Es ist sehr gütig von Ihnen, mich nicht zu lange meiner eigenen
-Gesellschaft zu überlassen,« begann Dimitri Sergewitsch in seinem
-schmeichelnden Tonfall. »Ich versichere Sie, sie ist nicht die beste. In
-diesen Stunden habe ich so manches an mir vorüberziehen lassen. Und wenn
-es noch einen Zweck hätte, dann könnte ich darüber trauern, weil ich so
-wenig bleibende und lohnende Erinnerungen besitze. Aber wozu? Es hat keinen
-Zweck.«
-
-Er stand jetzt vor ihr und ließ seinen Blick flüchtig über sie
-fortgleiten. Das schimmernde Blondhaar der Preußin schien ihn besonders
-einzufangen. Allein auch jetzt noch eignete ihm Erziehung genug, um nicht
-eine einzige verletzende Gebärde der Vertraulichkeit zu wagen. Und Johanna
-dankte Gott dafür, daß dieser immerhin vornehme Herr die Formen bis zum
-letzten zu wahren verstand. Dafür wollte sie sich erkenntlich zeigen,
-dafür alles andere vergessen.
-
-»Fürst Fergussow,« stieß sie plötzlich hervor, nachdem sie einen
-Blick der Angst durch das dunkle Fenster geschickt hatte, »ich fühle
-mich verpflichtet, es Ihnen zu entdecken, obwohl -- obwohl -- nein, das
-tut nichts zur Sache -- es lauert hier Gefahr auf Sie. Hören Sie? Sie
-sind hier nicht mehr eine Stunde sicher. Rufen Sie Ihre Leute zusammen
-und verlassen Sie schleunigst den Hof. In höchster Eile, Herr Oberst, in
-allerhöchster. Sonst ist es zu spät.«
-
-Als sie dies hervorstieß, taten sich die harten blauen Augen der
-Gutsherrin erschreckend weit auf, ihre Hände verschlossen sich über der
-Brust, und in ihrer Stimme bebte etwas so Schmerzliches, als ob sie selbst
-mit einem Messer gegen sich gestoßen hätte. Sie fühlte, daß sie dies
-alles nicht sagen durfte, und daneben verging sie beinahe in dem Rausch,
-daß ihre Überwindung doch etwas Schönes, Zärtliches und Menschliches
-berge. Auch der Fürst stand eine Weile regungslos. Er schien mehr dem
-heiß erregten, unerwarteten Tonfall zu lauschen als dem Sinn jener
-Warnung. Dann zuckte er leicht die Achseln, wandte sich ein wenig und
-zeigte durch das Fenster.
-
-»Meine Leute soll ich rufen, liebes Fräulein?« entgegnete er müde.
-»Überzeugen Sie sich selbst. Die dort draußen waren klüger, als ich.
-Oder auch dümmer, denn sie glauben noch nicht an die Wertlosigkeit, an
-den absoluten Zufall des menschlichen Auf und Ab, und haben mich längst im
-Stich gelassen. Ich bin allein hier.«
-
-»Ihre Leute sind fort?« stammelte Johanna erblassend und griff wieder
-nach dem Pfosten der Tür.
-
-Es tat ihr nicht gut, unausgesetzt die ebenmäßige Reitergestalt
-zu umspannen. Unvermerkt, stärker und stärker bildete sich eine
-Zusammengehörigkeit heraus, die mächtiger war als der Widerwille
-der Völker, als Familienehre und alle Gesetze von Gut und Böse. Ihr
-schwindelte, und nur das Sträuben gegen ihre Schwachheit hielt sie noch
-aufrecht.
-
-»Dann gehen Sie allein,« forderte sie trotzdem herrisch.
-
-Der Fürst stand wieder vor ihr, hatte die Hände auf den Rücken gelegt,
-und auch er sann wohl in dumpfer Verwunderung über die Weichherzigkeit der
-straffen Nemza nach.
-
-»Sie lehren mich wenigstens etwas kennen,« gestand er endlich, obwohl er
-keine Miene machte, dem dringenden Befehl zu gehorchen, »das mir bisher
-recht fremd blieb. Sie sorgen sich um mich.« Er schlug ein leichtes
-Gelächter auf. »Ist es nicht eigenartig, daß ich etwas Ähnliches erst
-bei dieser Gelegenheit erfahre? Und von der Angehörigen einer von uns so
-entfernten Rasse? =Mon dieu=,« setzte er mit einem verächtlichen Zucken
-der Mundwinkel hinzu, »man hat sich viel um mich gekümmert. Ich leugne
-es nicht, auch Frauen taten dies. Doch ich müßte lügen, wenn sich mir
-gegenüber jemals eine mütterliche Teilnahme äußerte. Ich glaube,
-gerade die kennt Ihr Deutschen. Und die tut wohl, sehr wohl.« Und wieder
-verbeugte er sich, wie es die Slaven stets befolgen, wenn sie etwas Liebes,
-Schmeichelndes verkünden wollen.
-
-Da schrie Johanna auf. Halb vor Zorn und halb weil sie fühlte, wie sie dem
-reuigen Schmerz dieses zerbrochenen Lebens unterlag.
-
-»Warum gehen Sie dann nicht?« stieß sie noch einmal rauh hervor,
-und ihre Hand zeigte auf die Tür, »warum bringen Sie sich nicht in
-Sicherheit, wie ich Ihnen vorschlug?«
-
-Jetzt regte sich der Fürst, zögerte einen Moment, und seine sprechenden
-Augen suchten den Boden, als er tastend und verlegen hervorbrachte:
-
-»Ich glaubte Ihre Meinung vorhin so deuten zu dürfen, daß Sie mir noch
-eine Nacht eine sichere Zufluchtsstätte anboten.«
-
-Die wenigen Worte waren mit größter Mühe zusammengesucht und verrieten
-die deutliche Absicht, weder anzustoßen noch zu verletzen. Johannas
-Antlitz jedoch flammte auf.
-
-»Ich verlange aber jetzt von Ihnen, daß Sie gehen,« rief sie
-erbittert und konnte es doch nicht hindern, daß sich ihre Hände flehend
-zusammenpreßten. »Ich will nicht -- --«
-
-»Was wollen Sie nicht?«
-
-»Ich will nicht,« stammelte das Mädchen wild, »daß Ihnen gerade in
-meinem Hause ein Unheil widerfährt. Mir graut davor.«
-
-Der Oberst trat ihr noch etwas näher. Dabei vollführte er eine Bewegung,
-als wolle er ihre Hand ergreifen.
-
-»Das fürchte ich keineswegs,« gab er nachdenklich zurück, »soweit
-werden sich unsere Verfolger schwerlich vorwagen. Und dann, mein Fräulein,
-woher wissen Sie, daß das Dasein für mich noch einen besonderen Reiz
-enthält?«
-
-Er hob seinen Blick zu ihr empor und siehe da, es waren wieder die
-schwermütigen Sterne des alten Kupferstichs, die ein Leben lang auf ihr
-gleichgültiges Wirken herabgeschaut. Jetzt starrte sie entgeistert in sie
-hinein.
-
-»Spielen Sie nicht mit so etwas,« verwies sie herb, obwohl sie nicht mehr
-den richtigen Begriff von all dem spürte, was hier geschah. »Es stirbt
-kein Mensch gern.«
-
-»Wer weiß?!« flüsterte der Russe mehr für sich, »wir Slaven lieben
-die Selbstvernichtung. Können Sie sich nicht denken, wie jemand, der an
-dem ungeheuren Grab seines Volkes, an der Gruft alles Menschlichen und an
-dem Abgrund jeder erträumten Entwicklung stand, sich voller Widerwillen in
-Schwärze und Vergessenheit hinabstürzt? Nur müßte auch darin Schönheit
-liegen. Die Alten kannten das. Heiter riefen sie den Tod zu Gast und
-feierten ihn unter Kränzen und mit huldreichen Frauen.«
-
-Vor den Ohren des Landmädchens summte es. Sie hatte ihre Lider fest
-zusammengepreßt, und so geschah es, daß sie erst jetzt merkte, wie ihr
-Gefährte sacht über ihr blondes Haar streichelte.
-
-Hölle und Entsetzen! Dieser eine Augenblick genügte, um alle Besinnung,
-alle Klarheit auf sie herabzuzerren. Die erste Berührung der fremden Hand
-riß jede heimliche Zuneigung wie ein üppiges Gewand von ihrem Körper,
-nichts blieb übrig als der Schauder vor dem Fremden und seinem Wesen.
-Ein Schlag hätte die Gutsherrin nicht mehr reizen können, als jenes
-verborgene Langen nach ihrer Würde. Voller Verachtung straffte sie ihre
-Arme, und dann -- -- die beiden Menschen hielten inne und starrten sich
-an.
-
-Ganz in der Nähe schmetterte ein Trompetensignal. Die Hofmauern warfen es
-zurück, ein helles Wiehern prallte gegen die Fensterscheiben, und wie
-in einem rasenden, dahintaumelnden Wahn begannen Traum und Irrsinn in dem
-kleinen Zimmer umherzuhüpfen.
-
-Keiner Bewegung mächtig lehnte Johanna noch immer an der Tür. Sie sah,
-wie der Fürst ohne Aufregung eine Pistole aus der umgegurteten Tasche
-lüftete, sie fing auf, wie er von ihr abließ, blitzschnell das Fenster
-öffnete und sich rittlings auf das weiße Brett schwang.
-
-Draußen auf dem Flur knirschten viele Tritte.
-
-Laternenschein durchbrach auf dem Hof die Finsternis und spiegelte sich in
-den todbleichen Zügen des Obersten.
-
-»Zurück,« schrie Johanna besinnungslos und wollte die Arme in die Luft
-werfen. Aber sie fielen ihr unkörperlich, gleich leblosem Eisen gegen den
-Leib.
-
-Der auf dem Fensterbrett Reitende schien den weiteren Sprung aufgegeben zu
-haben. Mit einer Gebärde des Widerwillens hob er die Pistole, und
-zweimal begleiteten draußen grelle Schreie das Aufzucken der beiden roten
-Feuerfunken.
-
-Johanna reckte sich. Sie taumelte nicht, sie brach nicht zusammen, eine
-steinerne Figur hätte nicht starrer ragen können wie sie. Ein dicker
-roter Qualm wallte vor ihren Augen, und durch seine Nebel hindurch sah
-sie, wie Fürst Dimitri sich zu ihr zurückwandte, um ihr mit seinem alten
-gewinnenden Lächeln zuzunicken.
-
-Der Gruß rüttelte an ihr wie eine Faust. Gleich darauf schrie Johanna
-auf. Ihr schnellte es vor den Blicken, als ob der Oberst die Waffe gegen
-seine eigene Schläfe gerichtet hätte. Noch einmal zischte es, und das
-letzte, was in die steinerne Bildsäule hineinschlug, war der Nachhall
-eines dumpfen Falles.
-
-Dann war alles leer, sie stand allein in der Stube.
-
- * * * * *
-
-Dicht vor der weißen Mauer wartete eine Schar deutscher Ulanenoffiziere
-in respektvollem Schweigen, bis sich die Gutsherrin von der hingestreckten
-Gestalt abwendete, deren Umrisse man kaum noch unterschied. Dann schüttete
-einer von ihnen ein Bündel Stroh über den Gefällten. Ernst und
-schweigsam suchten die Herren die erleuchtete Stube auf, und nur ihr
-riesenhafter Rittmeister blieb draußen in der Dunkelheit bei seiner
-Verwandten zurück. Auch zwischen ihnen wollte sich kein Wort einstellen.
-Unbeweglich, gesenkten Hauptes verweilte Johanna. Übermächtig wühlte
-in ihr die Vorstellung, ein gräßliches Wahnbild wäre eben für immer
-zersprungen, und erwachend überfiel sie die Qual, ob sie wirklich in
-dieses grause Ende verstrickt sei.
-
-Da streckte ihr der Riese von Sorquitten die Hand entgegen. Es war eine
-Bewegung so voll Treue und Ehrlichkeit, daß das Mädchen aus ihrem
-Hinbrüten emporfuhr. Zögernd verbarg sie ihre Finger unter ihrer dunklen
-Schürze.
-
-»Es klebt Blut daran,« sagte sie tonlos.
-
-Aber Herr von Stötteritz ließ sich nicht abschrecken. Seine Rechte suchte
-und fand die kalten Finger, die sich vor ihm versteckten, und überzeugt
-und markig, ungekünstelt und mit wuchtiger Gewißheit tönte die
-kräftige, allen Spuk vertreibende Männerstimme:
-
-»Schadet nicht, Hans. Was von dir kommt, kann nur brav und richtig sein.
-Mach' dir keine unnötigen Gedanken, Kind.«
-
-Und er nahm ihren Arm und führte die Widerstrebende voller Stolz zu
-seinen Kameraden in das erleuchtete Zimmer. Die Befriedigung, der nächste
-Verwandte einer deutschen Frau zu sein, die willensstark und kräftig
-mitten in dem tödlichen Gebrause standgehalten, strahlte von seinem
-wettergebräunten Gesicht. Auf dem Tisch standen noch ein paar Flaschen
-Rotwein. Ohne zu fragen hatten die Offiziere sich eingegossen und harrten
-nun, die Gläser in der Hand, wie auf Verabredung auf die Dame des Hauses.
-Aber diese sprach nichts. Ihr Geist verkehrte noch mit dem Schatten, der
-unsichtbar, lächelnd und schwermütig durch den Raum schwebte. Statt ihrer
-ergriff der Riese von Sorquitten einen Kelch, schwenkte ihn und sagte kurz
-und bestimmt:
-
-»Meine Herren, dies war nur der Anfang. Wir haben keine Zeit uns
-auszuruhen, sondern müssen für das Ende sorgen. Das Feiern kommt
-später.«
-
-Ein paar Minuten nachher hörte man bereits das Scharren und Trappeln der
-Ulanenpferde. Nur Herr von Stötteritz zögerte noch bei seiner Verwandten
-und ließ seine Hand noch immer wuchtig auf ihrer Schulter ruhen.
-
-»Hans,« kam es ein wenig beschämt aus ihm heraus, »ich bin die dummen
-Gedanken nicht los geworden. Man soll natürlich keine Pläne machen, denn
-man weiß nicht, wie alles kommen kann. Und uns bleibt noch ein tüchtiges
-Stück zu tun. Aber weißt Du, Marielle, es wäre mir doch lieb, wenn ich
-zu dir zurück käme. Man muß eben vertrauen und warten.«
-
-Dabei rüttelte er sie kräftig, drückte ihr klammerfest die Hand und
-schritt klirrend und ohne sich noch einmal umzuschauen hinaus.
-
-Und die Älteste von Maritzken wartete.
-
-Das ganze Land glaubte und harrte, spann Hoffnungen und richtete sich auf.
-Was in den Familien und bei den Zurückgebliebenen geschah, das glitt nur
-wie unwirkliche Schatten unter der glutroten Sonne des Völkerherbstes
-dahin. Man hörte es, man schüttelte den Kopf und lauschte auf das Sausen
-des großen Sturmes.
-
-So durfte die Gutsherrin von Maritzken die kleine Isa umarmen und von ihr
-das Wunder erfahren, daß der Rotkopf in den »Goldenen Becher« drinnen in
-der befreiten Stadt einziehen würde. Und Johanna lächelte und schüttelte
-das Haupt. Sie hörte auch von den Bühnenstudien flüstern und raunen, die
-ihre Schwester Marianne mitten in Not und Gewühl in der fernen Hauptstadt
-betreiben sollte. Und wieder lächelte sie matt, und um ihren Mund spielte
-der alte herbe und verurteilende Zug.
-
-Knechte und Mägde wurden angeworben, das Anwesen erstand unter ihrer
-Führung aus Schutt und Vernachlässigung, die Wintersaat wurde versenkt,
-und ein neuer Frühling sproßte empor.
-
-Längst sind die Mauern des Gehöftes geweißt und gestrichen, und nur der
-Blutfleck unter dem Fenster leuchtet noch mahnend und klagend über den
-Hof. Und wenn die Gutsherrin im Abendschein auf der Bank vor der grünen
-Wiese rastet, dann streift ihr Auge manchmal über den kaum merklichen
-Erdbuckel, der schmucklos und ohne Kennzeichen ein Grab überwölbt. Aber
-in ihren weißen Zügen regt sich nichts mehr. Sie fühlt gleich all den
-Tausenden und Millionen ihrer Landsleute, daß jeder Deutsche allein und
-auf sich gestellt in der Welt steht. Kein schwächliches und bewunderndes
-über-die-Grenze-Spähen gibt es mehr. Der Deutsche wird den Nachbarn von
-rechts und links wohl ohne Haß und Groll die Hand hinstrecken, wird mit
-ihnen aufwärts wandern und handeln und tauschen, aber das Tiefste, das
-Herz an Herzen bindet, das höchste Gefühl der Glückseligkeit, daß er
-nicht gänzlich vereinsamt im Wirbel des Geschehens treibe, das findet er
-nur bei dem deutschen Bruder.
-
-Und wie die Älteste von Maritzken, so sinnt nun das ganze weite Land,
-beseelt von dieser starken Gewißheit, und harrt und wartet.
-
-
- _Ende._
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
-werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=
-hervorgehoben (jedoch nicht römische Zahlen).
-
-Der Halbtitel wurde entfernt.
-
-Punkt und Komma am Ende von Anführungszeichen wurden generell geändert
-von "«." in ".«" und von "«," in ",«".
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise
-"Sebalduskirche" -- "Sebaldus-Kirche", "slavisch" -- "slawisch",
-
-mit folgenden Ausnahmen,
-
- Seite 57:
- "sprochen" geändert in "versprochen"
- (von der er sich einmal Erfolg versprochen)
-
- Seite 60:
- " »" geändert in "« "
- (wirklich an lieben Fritz Harder.« Und nach einer Weile)
-
- Seite 69:
- "ihrere" geändert in "ihrer"
- (wegen ihrer altpreußischen Gesinnung bekannt)
-
- Seite 72:
- "Entttäuschungen" geändert in "Enttäuschungen"
- (und an Enttäuschungen reiche Pflicht)
-
- Seite 79:
- "«" eingefügt
- (fürsorglich aus unserer Pulverecke fortschafft.«)
-
- Seite 93:
- "«" eingefügt
- (etwas vorschreiben oder gar befehlen zu wollen.«)
-
- Seite 131:
- "Zigarrette" geändert in "Zigarette"
- (eine Zigarette an sich riß und rasch)
-
- Seite 173:
- "sein" geändert in "seine"
- (das bessere Teil von ihm, seine Seele)
-
- Seite 180:
- "Wandrer" geändert in "Wanderer"
- (der in sich gekehrte Wanderer)
-
- Seite 190:
- "«" eingefügt
- (»Oh mein Gott, wie wird es uns ergehen!«)
-
- Seite 191:
- "Haft" geändert in "Hast"
- (In nervöser Hast fingerte sie auf der Platte)
-
- Seite 233:
- "«" hinter "Sinn." entfernt
- (schoß es ihm durch den Sinn.)
-
- Seite 255:
- "aberteuerliches" geändert in "abenteuerliches"
- (vielleicht nur ein abenteuerliches Mißverständnis)
-
- Seite 260:
- "großes" geändert in "großen"
- (die lähmende Ruhe des großen Gemaches)
-
- Seite 304:
- "etwas" geändert in "etwa"
- (Sie sind doch nicht etwa als Spion)
-
- Seite 304:
- "alles" geändert in "allen"
- (nach allen Seiten hinauszuspähen)
-
- Seite 312:
- "gelähmter" geändert in "gelähmten"
- (als sie in ihrer gelähmten Haltung verharrte)
-
- Seite 323:
- "nordddeutsch" geändert in "norddeutsch"
- (als ihr norddeutsch kühles Auge jetzt auffing)
-
- Seite 359:
- "«" hinter "vonnöten." entfernt
- (einer so hohen Behörde gewiß nicht vonnöten.)
-
- Seite 383:
- "einflössen" geändert in "einflößen"
- (auch einem minder Verzweifelten Furcht einflößen können)
-
- Seite 386:
- "Dimirti" geändert in "Dimitri"
- (Fürst Dimitri Fergussow, der Adjutant des Zaren)
-
- Seite 390:
- "etwas" geändert in "etwa"
- (Soll das etwa heißen, daß ich hier überflüssig sei?)
-
- Seite 392:
- "zersausten" geändert in "zerzausten"
- (mit flatternden und zerzausten Plantüchern)
-
- Seite 400:
- "-" eingefügt
- (während er unruhig im Zimmer auf- und niederschritt)
-
- Seite 401:
- "," geändert in "."
- (ich kann und darf Sie nicht damit ängstigen.)
-
- Seite 403:
- "Anwort" geändert in "Antwort"
- (und zetert und brüllt um Antwort)
-
- Seite 412:
- "den" geändert in "dem"
- (Auch wird in dem dumpfen Raum kein Mensch)
-
- Seite 419:
- Zeilen 7 und 8 vertauscht
-
- Seite 422:
- "«" eingefügt
- (richtig und sauber hervorziehen kann.«)
-
- Seite 430:
- "Er" geändert in "Es"
- (Es tat ihr nicht gut)
-
- sowie
- Seite 339: "III." geändert in "IV."
- Seite 378: "IV." geändert in "V."
- Seite 414: "V." geändert in "VI."]
-
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Die Herrin und ihr Knecht, by Georg Engel
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HERRIN UND IHR KNECHT ***
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