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-Project Gutenberg's Eine Gemsjagd in Tyrol, by Friedrich Gerstäcker
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-
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-
-Title: Eine Gemsjagd in Tyrol
-
-Author: Friedrich Gerstäcker
-
-Illustrator: Carl Trost
- Richard Illner
-
-Release Date: October 19, 2015 [EBook #50252]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE GEMSJAGD IN TYROL ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
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-[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ]
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-
- Eine
- Gemsjagd in Tyrol
-
- von
- Friedrich Gerstäcker.
-
- Mit 34 Illustrationen und 12 Lithographien
- nach Originalzeichnungen von C. Trost.
-
- Der Autor behält sich das Uebersetzungsrecht vor.
-
- Leipzig,
- Ernst Keil.
- 1857.
-
-
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-
-Inhalts-Verzeichniß.
-
-
- Seite
-
- 1. In die Alpen 1
-
- 2. Hinauf! 10
-
- 3. Aufbruch zur Jagd 23
-
- 4. Das Riegeln 31
-
- 5. Das Treiben am Joch 41
-
- 6. Die Pirsche 48
-
- 7. Ragg's Erzählung vom Wilderer 65
-
- 8. Ein Sonntag Morgen 75
-
- 9. Die Baumgart-Alm 83
-
- 10. Die Delpz 107
-
- 11. Die Grasberg-Alm 120
-
- 12. Das Gemsjoch 127
-
- 13. Die Nebeljagd 137
-
- 14. Die Nachsuche 148
-
- 15. Schluß 155
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-1.
-
-In die Alpen.
-
-
-_Die Gemsjagd!_ -- Welchen eigenen Zauber nur das Wort allein auf mich
-ausübt! Kaum nehme ich die Feder in die Hand, und lasse die Erinnerung
-zurückschweifen zu jenem wilden fröhlichen Leben, so tauchen auch schon die
-grimmen Berge in all ihrer Pracht und Herrlichkeit empor. Wieder sehe ich
-jene schroffen Kuppen und Joche, jene Schluchten und Wände hoch über mir
-emporragen -- unter mir in schwindelnder Tiefe liegen -- wieder höre ich
-in weiter Ferne das Donnern der Lawinen, das Prasseln der aufgescheuchten
-Gemsen auf dem lockeren Geröll der Reißen, und wie mit _einem_ jähen Schlag
-steht plötzlich jene wunderbare Welt in ihrer ganzen Pracht und Größe
-bewältigend um mich her.
-
-Das Herz fängt mir an zu schlagen, als ob ich noch einmal da draußen, halb
-in einen Laatschenbusch hineingeklemmt, auf überhängender vorspringender
-Felsenspitze klebte, und kaum athmend, mit der gespannten Büchse in der
-Hand, in ängstlicher, fast peinlicher Lust, die Sinne zum Zerspringen
-angestrafft, des flüchtigen Wildes harrte -- und Alles wird lebendig um
-mich her:
-
-In den gelblich schimmernden Lärchentannen, die tief unter mir ihre
-halbtrockenen Spitzen heraufstrecken, rauscht und murmelt der Wind,
-schüttelt und schaukelt die elastischen zähen Zweige der Krummholzkiefer,
-und fegt den Staub aus den trockenen Ritzen und Spalten der weiten Klamm,
-die sich neben mir, mit ihren gähnenden Schluchten tief in den Berg
-hineingefressen hat. Dort drüben balgt sich ein Schwarm schreiender
-munterer Alpendohlen, und still darüber hin, in stummer gewaltiger
-Majestät, zieht ein einzelner Jochgeier -- der braune Steinadler -- seine
-luftige Bahn.
-
-Oh komm! -- fort, fort aus dem flachen Land. -- Dort hinten ragen schon die
-starren, lichtübergossenen Joche aus dem duft'gen Nebel auf, der wie ein
-Schleier auf den Bergen liegt; neben uns rauscht und funkelt die grüne
-Isar, und trägt den flüssigen, wie mit leuchtendem Silber übergossenen
-Bergcrystall zum niedern Land hinab. Die kleinen zierlichen reinlichen
-Häuser mit ihren steinbeschwerten Dächern, hölzernen Veranda's, bunten
-Heiligenbildern und Außenwerken von gespaltenen Winterscheiten werden
-häufiger; freundlich grüßende Gesichter mit spitzen, feder-geschmückten
-Hüten darüber, das unvermeidliche »Regendach« unter dem Arm, begegnen uns,
-und jetzt rasselt der Wagen über das Pflaster des Bergstädtchens Tölz
-die lange Straße hinab, die wie eine Bildergallerie an beiden Seiten alle
-möglichen »Schildereien« aus der biblischen Geschichte und christlichen
-Sage zeigt. -- Den Hang nieder geht's, durch eine Planken belegte mit
-blauen Hemmschuhspuren gestreifte Gasse über die Isar hinüber, die hier
-ärgerlich schäumt weil sie da plötzlich in ein Wehr gedrängt, nun Mühlen
-treiben soll, das freie Kind der Berge, und jetzt -- oh wie uns das Herz da
-weit wird, und die Brust noch einmal so leicht in der reinen Luft zu athmen
-scheint, strecken die alten lieben Berge die Arme aus, uns zu begrüßen.
-Und enger, tiefer wird das Thal mit jeder Meile, grüner der Fluß an dem wir
-aufwärts ziehen, reiner der Himmel, schmaler der Weg, dem der leichte Wagen
-folgt. Schon nickt die Krummholzkiefer, der _Laatschenbusch_ wie sie der
-Tyroler nennt, uns von den nächsten Hängen ein freundliches Willkommen
-zu, und läutende, trefflich genährte Heerden -- die Lieblingsthiere mit
-riesigen Glocken um den Hals -- Schafheerden der Bergamasker Race mit
-herunter hängenden Ohren, und Hirten, schwer mit allerlei Alpengeräth
-bepackt, begegnen uns in der Straße. Es ist Oktober, und Hirten und Heerden
-weichen dem nächst zu erwartenden Schneefall aus. Der hat auch die höchsten
-Kuppen des Gebirges schon dann und wann einmal auf ein paar Tage mit seinen
-weißen Mänteln überworfen -- nur als ob er sehen wollte, ob ihnen die alten
-Kleider vom vorigen Jahr noch passen -- und sie sitzen wie angegossen.
-
-[Illustration]
-
-Es ist Herbst, und die Hirten »drin im Gebirg« haben selbst die letzten
-»Unterleger« verlassen, ihre Thalwohnungen aufzusuchen und ihre Heerden vor
-Lawinensturz und Wintersturm in Sicherheit zu bringen.
-
-In den Bergen wird's jetzt leer, da Vieh und Heerden sie geräumt, und
-wunderhübsch schildert Tschudi das in seiner Alpenwelt:
-
-»Weißt Du doch selber, Alpenwanderer,« sagt er, »was für ein schwermüthig
-drückender Ton im Herbst über diesen Felsen liegt, wenn Menschen und
-Heerden, Pferde und Hund, und Feuer, Brod und Salz sich in's Thal
-zurückgezogen. Wenn Du an der verlassenen und verrammelten Hütte vorüber
-steigst, und Alles immer einsamer und einsamer wird, wie wenn der alte
-Geist des Gebirges den majestätischen Mantel seines furchtbaren Ernstes
-über sein ganzes Revier hinschlüge. Kein befreundeter Athemzug weht Dich
-meilenweit an, kein heimischer Ton -- nur das Krächzen des hungrigen
-Raubvogels, das Pfeifen des schnell verschwindenden Murmelthiers mischt
-sich in das Dröhnen der Gletscher und das monotone Rauschen des kalten
-Eiswassers. Die kahlgeweideten Gründe, in denen die kleinen Gruppen der
-giftigen Kräuter mit frischen Graskränzen welche das Vieh nicht berührte,
-sich auszeichnen, haben die letzten anmuthigen Tinten des Idylls verloren.
-Der schwarze Salamander und die träge Alpenkröte nehmen wieder Besitz von
-den verschlammenden Tränkbetten der Rinder, und die verspäteten Bergfalter
-schweben mit halb zerrissenen und abgebleichten Flügeln durch das Revier,
-aus dem die beweglichen Unken in trostlosen Chören die sommerlichen
-Jodelgesänge der Hirten wie spottend zu wiederholen scheinen.«
-
-Nicht wahr wie schade, daß der _Jäger_ gerade in diese Berge einzieht, wenn
-sie der Hirt mit seinen idyllischen Heerden verläßt, und der Jäger bedauert
-das gewiß. --
-
-»Gott sei Dank daß das langweilige Vieh mit seinem Gebimmel endlich
-abzieht« murmelt er vergnügt vor sich hin, »jetzt bekommen die Berge doch
-endlich einmal Ruh, und man braucht nicht zu fürchten auf jedem Pirschpfad
-und Joch, statt einem Rudel Gemsen eine Heerde Schafe anzutreffen.«
-
-Die _Poesie_ der Berge verträgt sich recht gut mit der Jagd, und der ächte
-Jäger weiß sie gewiß zu würdigen, denn sein ganzes Leben und Treiben ist
-poetisch; aber -- sie darf ihm nur nicht in's Gehege kommen, sonst sind sie
-eben die längste Zeit Freunde gewesen. Wo sie die Ausübung seiner Jagdlust
-stört, hat sie für ihn aufgehört Poesie zu sein, und -- wenn er sie
-nicht zum Teufel wünscht, geschieht dies nur in einzelnen Fällen aus ganz
-besonderer Rücksicht.
-
-Aber der Wagen rollt indessen lustig den wenn auch schmalen, doch glatten
-Weg entlang, der sich allmählig, dem Lauf der Isar folgend aufwärts zieht.
-Die Krummholzkiefer kommt schon bis an den Weg herab, und läuft hinüber,
-bis zu dem Stein besäeten Ufer des crystallhellen Bergstroms, in dessen
-blitzender Fluth hie und da eine muntere Forelle, leicht und rasch die
-Strömung stemmend, aufschwimmt. Noch umgeben uns hohe, aber bis zu ihrem
-Gipfel dicht bewaldete, wenigstens bewachsene Berge, -- noch haben wir
-die Alpenregion nicht erreicht, und zu nah steigen die uns nächsten Hänge
-nebenauf, die dahinter liegenden mächtigeren Kuppen erkennen zu können.
-Aber das Gebirg wird schon wilder. -- Rechts von uns ragt eine hohe
-schroffe Steinwand von der Sonne mit ihrer flammenden Gluth übergossen, wie
-eine riesige Silberstufe auf, nach links zu öffnet sich jetzt das Thal, und
-herüber grüßt da plötzlich mit seiner scharfgeschnittenen schneegedeckten
-Pyramidenkuppe der Scharfreuter, während weiter nach vorne, wo jetzt
-die Riß sich in die Isar gießt der Stuhlkopf, und dahinter der gewaltige
-Steinkegel, der »große Falken« sichtbar wird.
-
-[Illustration]
-
-Mit ihnen taucht die Erinnerung an manche wilde Schlucht, an manche
-romantische, tief in Berg und Wald hineingedrückte Lagerhütte wieder
-auf, die uns da drinnen sehnlich schon erwarten. Dieselben sind ja alte
-Bekannte, alte Freunde, und es ist fast, als ob sie die mächtigen Hälse
-reckten, und freundlich herüber nickten uns zu grüßen. -- Es war nur
-Augentäuschung. -- In grimmer stolzer Majestät stehn sie dort, und bieten
-den Jahrhunderten die Stirne. Ob sie Orkane umrasen, ob der Föhn durch
-ihre Schluchten tobt, und die Lawine, von ihrem Nacken nieder, donnerndes
-Entsetzen in die Thäler wirft, oder ob kosende Frühlingslüfte ihre Hänge
-und Wände mit Blüthen decken, was kümmert's sie. Geschlechter gehn und
-kommen und vergehn auf's Neu, und starr und trotzig recken sie die Häupter
-nach wie vor dem blauen Aethermeer entgegen.
-
-Aber hier sind wir schon im Gemsenrevier. -- Rechts und links hinauf sucht
-das Auge unwillkürlich nach einem dunklen Fleck auf dem Grau der Steine,
-oder in dem matten Braun der Haidedecke, die kleine Blößen zwischen den
-Krummholzkiefern bildet, und die Hand greift rasch und unwillkürlich nach
-dem Fernrohr an der Seite, irgend einen erspähten Punkt, und auch nicht
-größer eben als ein Punkt, mit dem scharfen Glas mistrauisch näher zu
-untersuchen. -- Aber nein; der dunkle Schatten einer alten Wurzel; ein
-Erdloch, aus dem sich ein thalabgerollter Stein gebröckelt; ein wunderlich
-gebogener Ast ist vielleicht, was das scharfe Auge des Jägers für einen
-möglichen Gemsbock gehalten, und mit einem getäuschten »es ist Nichts,«
-wird das Glas wieder zur Seite gelegt.
-
-Hier haben wir auch schon die Isar verlassen, und sind in das Rißthal
-eingebogen.
-
-Weiter aber noch rollt der Wagen; immer enger wird das Thal, immer wilder
-und rauschender die muntere Riß, die hier schon über wildes Steingeröll
-hinüber schäumt, und manchen kecken Sprung versucht. Immer steiler
-werden die Wände unter denen der Weg sich jetzt wie ängstlich hindrückt.
-Menschenwohnungen ließen wir mit der »Fall« in der ein Forsthaus steht
-schon längst hinter uns, und nähern uns jetzt dem Distrikt wo, der Meinung
-der Flachländer nach »die Füchse einander gute Nacht sagen.« Nur in äußerst
-seltenen Fällen zeigt noch hie und da eine verlassene Sennhütte ihr helles
-Dach -- die Sennen selber sind mit dem Vieh thalab gezogen.
-
-Wilder wird hier die Landschaft; dunkle Kiefer- und Fichtenwaldung schickt
-ihre grünen Schatten bis zum Strom herab, und hier -- wo sich die Wände
-fast zusammen drängen, die Riß, in ihr schmales Bett hineingepreßt,
-ärgerlich und tobend, tief unter eine darüber hingespannte Brücke,
-sprudelnd und schäumend niederspringt, kommen wir zur Grenze. An dieser
-Seite steht ein blau und weißer Pfahl, jenseits der Brücke ein anderer, von
-dem die Sage behauptet daß er einst schwarz und gelb gemalt gewesen. Jetzt
-lehnt er grau und mürrisch im Schatten der dunklen Tannen, und schaut in
-den Waldbach nieder, als ob er selber gar nicht so übel Lust hätte hinein
-zu springen und mit fort zu schwimmen in's flache Land -- was er auch
-vielleicht längst gethan hätte, wenn's eben nicht über eine fremde Grenze
--- in's Ausland ginge.
-
-Warum rollt der Wagen hier noch einmal so leicht, warum hebt sich die Brust
-so viel höher, warum schaut das Auge so viel schärfer nach Wild umher an
-den Hängen, nach Fährten auf den Weg und in den weichen Waldgrund, der ihn
-an beiden Seiten begrenzt? -- Das ist _das eigene Jagdrevier_ -- die Gemse
-die hier steht, das Wild das hier in stiller Nacht vorüber zieht, gehört
-zu befreundeten Rudeln, und die Berge die hier ihre grünen Arme und graue
-Häupter aus- und emporrecken, sind der Tummelplatz ihrer Spiele, und tragen
-den gedeckten Tisch für sie.
-
-Jetzt macht der Weg eine Biegung, voraus steigt der »Stuhlkopf« schroff
-empor -- das Wasser rauscht lebendiger, einzelne Dächer in dem sich weiter
-öffnenden Thal werden sichtbar -- ein kleines Kloster, von mehreren Hütten
-umgeben dehnt sich langsam aus und dahinter liegt, dem überraschten
-Blick wie aus dem Boden steigend, hineingebaut in die waldigen Berge, den
-schäumenden Strom überragend und mit seinen eingeschnittenen hellen Mauern
-und flatternden Fahnen gar so freundlich herüberleuchtend, ein reizendes
-Jagdschloß, vor dem sich schon ein buntes Gemisch von Jägern, Dienern und
-Hunden gesammelt hat, den Herrn und seine Gäste zu begrüßen.
-
-Wie kühn und wacker die Burschen aussehn in ihrer malerischen Tracht, wie
-freundlich die gesunden gutmüthigen Gesichter darein schauen, wie glücklich
-diese Adler-Augen lächeln den lieben Herrn wieder begrüßen zu können der ja
-des Jahrs nur einmal, auf wenige Wochen aus weiter Ferne, zu ihnen kommt.
--- Und nun giebt's wieder Leben in den Bergen.
-
-Und wahrlich malerisch ist die Tracht der Leute. Auf dem Kopf tragen
-sie den bekannten Tyroler-Hut mit ein paar nach rückwärts gebogenen
-Spielhahnfedern, den Stoß eines Schnee- oder Haselhuhns, und manchmal einen
-Gemsbart. Der Hals ist frei und das weiße Hemd wird durch ein schwarz oder
-bunt seidenes Tuch locker zusammengehalten. Vortrefflich unter den Hut paßt
-aber die graue Joppe -- eigentlich etwas zu dunkel für die Berge, weil die
-lichteren Farben viel besser mit dem Grün und Grau der Büsche und Felsen
-verschmelzen -- und unter dieser reichen die schwarzen Lederhosen nur bis
-zum oberen Rand des Knies, das sie bloß lassen, während unter dem Knie
-der dick wollene, meist gewebte grüne oder graue Strumpf beginnt. Die Füße
-stecken in mächtigen Bergschuhen, von festem, wenig geschmeidigem Leder,
-das den Fuß kräftig zusammenhält, während die darunter eingeschlagenen
-Nägel nur durch den bloßen Anblick einem mit Hühneraugen geplagten
-Menschenkinde Entsetzen einflößen müßten. Es sind das auch keine
-gewöhnlichen Nägel, sondern nach innen scharf abschneidend, nach außen mit
-breitem Griff die Sohle fassend und schützend, bilden sie einen
-scharfen eisernen Rand um den Schuh herum, und ahmen dadurch die ähnlich
-eingeschnittenen Schaalen der Gemse nach. Ohne diese Schuh würde selbst
-nicht der an die Berge von klein auf gewohnte Jäger im Stande sein an
-den steilen Graslannen und schroffen Hängen, die oft nur kaum zollbreite
-Vorsprünge auf ihrer glatten Fläche bieten, fortzukommen. Mit solchem
-scharfen Eisenrand schneidet man aber fest und sicher in die Wände ein, und
-wenn der Kopf nicht schwindelt, läuft man mit einiger Uebung sicher über
-nicht eben ganz senkrechte Wände hin.
-
-Dazu aber braucht man außer den Schuhen noch ein anderes, höchst nöthiges
-Instrument, und zwar den Bergstock, der von etwa sechs Fuß Länge, mit oder
-ohne eisernen Stachel, gewöhnlich nur roh aus einer Haselstaude geschnitten
-und getrocknet, dem Bergwanderer die Hauptstütze und Hülfe bietet. Ohne den
-Stock wär' er nur wenig nütz da oben, und weniger beim Auf-, besonders aber
-beim Niedersteigen, sichert er den Gang, hemmt den zu raschen Lauf und ist
-in der That des Kletternden bester Freund. Besonders nützlich zeigt er sich
-an steilen Hängen, wo man ihn wagerecht in Händen hält, mit der Spitze die
-Wand berührend, die eine Hand an seinem äußersten Ende untergehalten, die
-andere etwa in der Mitte aufgestemmt, das Gewicht des Körpers darauf, vom
-Abgrund fort, zu lehnen. Nicht zu steile Lannen läuft der Jäger mit diesem
-Stock, indem er ihn hinten einsetzt und sich darauf zurückbiegt, fast in
-voller Flucht hinunter. Er dient ihm so als Hemmschuh, mit dessen Hülfe er
-jeden Augenblick seinen Lauf einzügeln kann.
-
-Noch darf ich den Bergsack nicht unerwähnt lassen, dann sind wir, sobald
-wir die Büchse auf die Schulter werfen, zum Marsch gerüstet, und wenn die
-Sonne morgen früh über die Berge schaut, findet sie uns hoch über dem Nebel
-droben.
-
-Der Bergsack ist, wie Alles was der Alpenjäger braucht und mit sich trägt,
-so einfach, leicht und praktisch wie nur irgend möglich eingerichtet. Er
-besteht aus einem grünleinenen Sack, der hinten mit einem starken Seil
-auf und zu geschnürt werden kann, und auf dem Rücken, wo er keine
-Bewegung hindert, mit zwei Achselbändern getragen wird. Er ist dabei so
-zusammengefaltet daß er, wenn der Jäger nur sein Bischen Proviant, seine
-Steigeisen, seine Munition und etwas Wäsche oder seine Regenjoppe darin
-hat, ganz klein aussieht, soweit läßt er sich aber ausbreiten, mit
-Leichtigkeit den größten Gemsbock noch obendrein mit aufzunehmen. Die
-»Gams« wird dann so zusammengelegt, daß Kopf und Läufe ineinandergeschoben
-oben auf kommen, und nur die äußersten Spitzen der Läufe mit den Krickeln
-(Hörner der Gemse) zum Schlitz herausschauen.
-
-[Illustration: Das Jagdschloss.]
-
-
-
-
-2.
-
-Hinauf!
-
-
-Wir sind gerüstet! -- Drüben im Westen neigt sich schon die Sonne den hohen
-Jochen zu, und nach dem rasch eingenommenen Mahl geht es hinauf in die
-Berge, zur fröhlichen Jagd.
-
-Wie sich das so wunderbar leicht mit den nackten Knieen steigt -- denn alle
-Schützen, ohne Ausnahme haben jetzt schon die Tracht der Gebirgsbewohner
-angelegt. -- Wie sich das Bein so frei da biegt, und Arme und Bergstock
-mit eifriger Gefälligkeit nachhelfen, den hochaufathmenden Jäger bergan zu
-bringen -- und wie die Lungenflügel sich so weit bewegen! Man fragt sich
-selber oft erstaunt: »wirst Du denn nur gar nicht müde?« -- denn höher
-immer höher hinauf zieht sich der zickzacklaufende Reitsteg dem wir jetzt
-folgen. Müde? -- das Wort kennt man kaum in den Bergen, und wenn man
-wirklich einmal nach einer gar zu steilen anstrengenden Tour zum Tode
-erschöpft glaubt niedersinken zu müssen, und dann den Gliedern nur wenige
-Minuten Ruhe gönnt, ist alles Ueberstandene im Handumdrehen vergessen.
-
-Das Jagdschloß liegt schon etwa 3000 Fuß über der Meeresfläche und
-steil auf führt der Weg uns nun empor; erst durch prächtige Buchen- und
-Ahornwälder, in die hinein die dunkle schlanke Tanne ihre dichten Zweige
-reckt, dann kommt die Birke mit dem weißen Stamm, die Espe, Eller,
-Eberesche und hie und da ein Krummholzkiefer- oder Laatschendickicht, mit
-dem der Jäger wohl bald weit mehr und näher bekannt werden soll, als ihm
-manchmal lieb ist. Jetzt wird das jedoch nicht sonderlich beachtet.
-Der ausgehauene Weg führt hindurch und man bemerkt entweder die
-weitausreichenden zähen Zweige nicht, oder kann sie auch nicht gleich
-ordentlich übersehn. Zuviel des Neuen bietet sich überhaupt nach allen
-Seiten hin dem Blick, das Einzelne zugleich mit zu erfassen.
-
-Noch aber sind wir fortwährend in diesem Wald bergauf gestiegen, und die
-überhängenden Zweige der Tannen, wie das dichte Unterholz mit den Laatschen
-zusammen, hindert die Aussicht in's Freie. Höher und höher steigen wir so,
-und lauter und lauter rauscht unten im Thal die Riß, die am Fuß des Bergs
-nur eben mit leisem Plätschern vorüberquoll, hier aber den Ton, durch die
-Wände zusammengedrängt in vollen Accorden nach oben sendet. Reiner wird
-hier der Himmel, leichter die Luft und unwillkürlich packt man, im Gefühl
-der eigenen Kraft, den Bergstock fester.
-
-Wild giebt es hier freilich noch nicht; der Pfad ist schon an dem Morgen
-von den Trägern begangen worden, das Nöthigste an Provisionen, Betten und
-Geschirr hinaufzuschaffen, und der Wald ist auch zu dicht, weit darin auf
-oder ab sehn zu können -- aber Rothwild spürt sich im Pfad. Hier ist
-ein starker Hirsch hinaufgewechselt; dort sind ein paar Stück Wild --
-wahrscheinlich ein Alt- und Schmalthier demselben eine Strecke gefolgt
-und haben sich dann links hinein in die Klamm oder Schlucht gezogen.
-Das Rothwild liebt überhaupt mehr als die Gemse einen bequemen Pfad, und
-benutzt die Pirschwege außerordentlich gern.
-
-Höher, immer höher kommen wir hinauf; die Kiefern und Tannen werden
-immer niedriger und stehn dünner, die Buchenregion haben wir schon längst
-verlassen, wo das fatal raschelnde gelbe Laub den Boden bedeckt, den
-pirschenden Jäger zu doppelter Vorsicht nöthigt, und geräuschloses
-Anschleichen oft ganz unmöglich macht. Hier beginnt die »Laatsche« ihr
-Regiment und eine offene Stelle erreichend, von der aus der Blick frei nach
-dem gegenüber liegenden Gebirgshang, über das Thal weg schweifen kann, hebt
-ein plötzliches, überraschtes »Ach!« die Brust. Vergessen ist das Steigen,
-vergessen Alles um uns her in dem einen, wundervollen Schauspiel, das sich
-dem erstaunten, jubelnden Blick da bietet.
-
-[Illustration]
-
-Dort drüben vor uns, dem Blick scheinbar so nah, daß man glauben könnte
-mit einer Büchsenkugel die Wände zu erreichen, während sie in der That in
-gerader Richtung wohl eine Stunde und weiter entfernt liegen, steigt die
-riesige Gruppe des Falken empor, und wie gewaltig ist der Fels gewachsen,
-seit wir ihn von unten zum letzten Male sahen. Dort schien er nur ein
-breitgedrängter, mit Nadelholz dicht bewachsener Berg, aus dem sich eine
-graue Felsenkuppe, nicht eben übermäßig hoch erhob. -- Jetzt, nachdem wir
-fast eine Stunde gestiegen, und uns die Umrisse des ganzen Gebirgs scharf
-und klar in's Auge fallen, sehen wir daß wir noch nicht einmal die Höhe des
-gegenüberliegenden höchsten Fichtenwaldes erreicht, und weit weit darüber
-hinaus, wie ein Gebirg von Fels und Schlucht, während der blaue Aether
-ihn durchsichtig und leicht umfließt, thürmt sich ein riesiger Block von
-Felsenmassen auf, in dem sich wieder Berg und Thäler bilden. Die mächtigen
-Tannen die an ihm mehre tausend Fuß emporsteigen, sehn kaum Zoll hoch aus;
-die stattlichen Krummholzkiefern deren Büsche von zehn bis funfzehn Fuß
-Höhe halten, gleichen grünem Moos, das auf den nackten Flächen liegt, und
-schroff und steil, zerspalten und eingerissen mit furchtbaren Schluchten,
-für die der Blick noch nicht einmal den Maßstab hat, hebt sich die
-colossale Masse unfruchtbaren kahlen Kalkgesteins empor.
-
-Diese Kegel, Kuppen und Joche muß man aber selber erst einmal, wenigstens
-zum Theil, bestiegen haben, um einen Begriff ihrer Höhe und Entfernung
-zu erhalten. Ueberhaupt täuscht die feine, reine Luft oben auf der Höhe,
-selbst beim Schießen, ungemein, und Gegenstände die dem Anschein nach nur
-geringe Entfernung haben, weichen zurück, wenn man sich ihnen nähern will.
-Bis in's Unglaubliche hinein betrügt man sich ganz vorzüglich, wenn man
-irgend einen gegenüberliegenden Hang erreichen will. Ein Berg liegt vor
-uns, ein kleines, dem Anscheine nach nicht sehr tiefes Thal dazwischen;
-man denkt in einer halben Stunde wenigstens an der anderen Seite sein zu
-können, und hat in einer Stunde kaum den unten fließenden Bach erreicht.
-An den von Holz entblößten Almen sieht man oft weite offene Flächen, die
-so glatt und eben ausschauen, als ob man aus weiter Ferne jeden darüber
-springenden Hasen erkennen müßte, und hat man sich endlich über vorher gar
-nicht bemerkte Hindernisse mit Mühe und Noth zu ihnen durchgearbeitet, so
-findet man Hügel und Thäler in dem was man für glatten Boden gehalten, und
-Risse und Spalten in denen ein Reiter unbemerkt und vollkommen gedeckt,
-hinreiten könnte. So arg ist die Augentäuschung in den Bergen, und deshalb
-wird auch nie ein Gemälde, mag es noch so treu und gewissenhaft, und von
-der Hand des größten Künstlers aufgenommen sein, die ungeheuere Größe jener
-Berge, das Riesige der Umrisse wiedergeben können, denn dem Beschauer fehlt
-eben der Maßstab den er an solch ein Gemälde legen könnte -- täuscht ihn
-doch selber die Natur.
-
-Aber wir müssen weiter. Im Gebüsch zwitschert das Goldhähnchen und piept
-die Meise und sucht sich ihr Ruheplätzchen für den dunkelnden Abend. Noch
-glühen zwar jene Kuppen im Licht der scheidenden Sonne; in den Thälern da
-unten, deren Uebersicht uns hier im dicken Unterholze abgeschnitten ist,
-lagert sich aber schon die Nacht, zieht sich die weiße Nebeldecke langsam
-an den Zipfeln aus Felsenspalte und Waldesschlucht heraus, und schmiegt
-sich tief hinein in's weiche Bett.
-
-_Wir_ haben noch ein tüchtig Stück zu steigen; doch mit dem Abend wird die
-Luft so kühl und frisch, so geheimnißvoll rauscht dazu der Strom unten im
-Thale hin, und zirpt die Grille tief im Dickicht drin, daß man recht gut
-noch einmal so rasch vorwärts rücken könnte -- wenn sich eben die Kuppen
-hinter uns nicht gar so wundervoll und wechselnd färbten, und den Wanderer
-wieder und wieder zwängen stehn zu bleiben, mit durstigem Auge jenes
-Götterschauspiel einzusaugen.
-
-Wie der »Stuhlkopf« und die »rothe Wand« dort hinten im rosigen Licht der
-untergehenden Sonne glühn, die zwischen den hohen Kuppen der beiden Falken
-durch ebenfalls noch ihre Streiflichter wirft, und an dem zackigen Gemsjoch
-wie der abgeplatteten Spitze des Sonnenjochs die letzten Strahlen bricht.
-Und immer lichter werden dort die Höhn, immer durchsichtiger, duftiger
-wird das graue schwere Gestein das, wenn auch scharf abgezeichnet gegen den
-reinen Horizont, doch mit dem Aether zu verschwimmen scheint. Und grüner,
-dunkler wird der Wald, schattiger das Thal; mit tieferem Blau färbt sich
-der Himmel und düsterer und wilder wird drüben der Bergeswall, der jetzt
-nur noch die dunkeln Schattenwände zeigt und in den innern Conturen schon
-in einander fließt. Einzelne Sterne blitzen am Himmel auf, und wie sich im
-Westen dort am hellen Aetherrand mit schwarzen schroffgerissenen Linien
-die oberen Joche abschneiden, liegt die andere Welt in tiefer, schweigender
-Nacht. Stärker rauscht dazu der Strom, als ob er eiliger hinaus wollte aus
-den dunkeln Thälern, in's Freie nieder. Heimlicher säuselt der Wald von
-einem leichten Süd-West bewegt, der flüsternd, und mit den thaufeuchten
-Zweigen kosend, das Thal hinauf weht, und über den ganzen weiten Himmel
-ausgegossen, ist plötzlich der Sterne funkelnder Glanz.
-
-Und dort liegt die Pirschhütte; hellblinkend schauen die neuen Breter aus
-dem dichten Grün der Laatschen vor; aus dem verhangenen Fenster schimmert
-Licht, und nebenan leuchtet aus einem anderen kleinen Haus der Feuerschein
-vom Kamin der Jäger herüber. Die Schweißhunde schlagen an; die Jäger die
-ein paar Stunden vorausgeschickt waren, springen vor die Thür, und der
-Herr betritt, freundlich grüßend, zum ersten Mal wieder und mit leuchtendem
-Blick sein Pirschhaus zu Steileck, die stille Jägerhütte in den Alpen.
-
-Zur Toilette braucht's da oben wenig Zeit, die ist in den Bergen rasch
-beendet, und jetzt kommt eigentlich der schönste Augenblick: Der Jägerrath,
-der Bericht der Leute wie's in den Bergen steht, und was am Besten jetzt zu
-thun sei, dem scheuen Wilde beizukommen.
-
-»Rainer soll herein kommen!«
-
-Wenige Minuten später geht die Thür auf und Rainer, der grad' vom Essen
-aufgesprungen ist tritt, sich noch geschwind den Mund in der Thür wischend,
-in's kleine Gemach. Er war schon eine Zeit lang vorher heraufgeschickt
-worden, das Terrain, das er selber aus früheren Jahren genau kennt, zu
-recognosciren, die verschiedenen Joche und Klammen, wie die eingerissenen
-scharfen Schluchten -- Gräben, wie die breiten Seitenthäler genannt werden
--- abzuäugen, und von den verschiedenen dort stationirten oder mit der
-Ueberwachung beauftragten Jägern Erkundigungen einzuziehen.
-
-Rainer ist aber an sich selber eine viel zu interessante Persönlichkeit,
-ihn so ohne Weiteres, und ohne etwas nähere Beschreibung einzuführen.
-
-Bei Tafel unten im Schloß im schwarzen Frack, schwarzen langen Hosen und
-steifer Halsbinde mit aufwartend, giebt es kaum eine steifere, unbeholfener
-aussehende Figur als ihn, und wie verwandelt ist der Mann, wenn er in
-die freie Bergtracht hinein, und mit Knieen und Hals aus den beengenden
-Kleidern herausfahren kann. Es ist ordentlich als ob er mit
-der Tyroler-Joppe und dem spitzen Hut, den kurzen Hosen und den
-eisenbeschlagenen Schuhen auch einen anderen Menschen angezogen -- und das
-geschah auch in der That. Jede seiner Bewegungen ist frei und natürlich,
-und das charakteristisch geschnittene Gesicht mit dem blonden, sorgfältig
-gepflegten Bart, die klugen, hellen Augen und der sehnige Körper, machen
-ihn zu einem tüchtigen Repräsentanten des ganzen Jägervolks.
-
-[Illustration]
-
-Seine Worte setzt er freilich manchmal, als ob er doch noch im schwarzen
-Frack stäcke, und ich weiß auch nicht ob er sich selber nicht vielleicht
-ganz gern darin sieht, -- wenn das der Fall wäre hätte er unrecht.
-
-Rainer hat die Schweißhunde unter sich, und selber einen kleinen Dachs, der
-sogar in den Alpen seinesgleichen auf der Fährte sucht. Bergmännle spielt
-eine zu bedeutende Rolle auf der Nachsuche, ihn unerwähnt zu lassen, und
-manches angeschossene Stück hat der kleine unerschrockene und unverdrossene
-Teckel schon gefunden und gestellt.
-
-»Nun Rainer wie steht's? ist noch 'was da?«
-
-»Nu ich denk' Hocheit -- s' sieht gut aus;« lautete die vergnügt lächelnde
-Antwort, und Rainer holt sich indeß mit den Augen seinen Dank für die gute
-Botschaft von sämmtlichen Gesichtern.
-
-»So? -- hast Du Gemsen gesehn?«
-
-»Sehn thut man gerade nicht viel, aber spüren überall -- nur noch nicht
-recht oben auf den Alpen. Es ist noch zu warm, und sie stehn drin in den
-Gräben.«
-
-»Aber Du hast doch auch welche _gesehn_?«
-
-»Ei ja wohl. Gestern war ich drüben an dem Leckbach, da standen drei Rudel
-auf den Reißen, eins von zwölf, eins von sieben und eins von funfzehn
-Stück. Capitalgemsen und eine Menge Kitzgeisen dazwischen.«
-
-»Und keine Böcke?«
-
-»Nachher guckt ich in die Delpz nur so von oben hinein, da standen dicht
-unter der Wand drei Capitalböcke -- Einer schußrecht; und unten drin war
-ein Rudel von elf Stück -- und noch zwei Böcke.«
-
-Des Herrn Augen leuchteten.
-
-»Also es _giebt_ Gemsen?«
-
-»Ich sollt's meinen,« sagt Rainer mit vergnügtem Gesicht. »Und besonders
-viel Kitzen hab' ich gesehn. Der Weinseisen hat auch gestern zwei starke
-Rudel an der Luderstauden[1] gespürt, und einen mordmäßig starken Bock
-gesehn. Er soll Krickeln aufgehabt haben _so_ hoch, und der Bart hat
-ordentlich in Wind geweht.«
-
- [1]: Luderstauden heißen dort die Alpenerlbüsche.
-
-»Wo war das?«
-
-»Gleich dort oben auf dem Roßkopf.«
-
-»Das ist der alte Bursch,« lacht der Jagdherr, »der uns schon drei Jahre
-zum Besten gehabt hat; der ist zu schlau, den bekommen wir nicht.«
-
-»Nu, vielleicht fallirt's ihm doch einmal,« sagt Rainer, eins seiner
-schwarzen-Frack Worte riskirend.
-
-»Nun, und drüben am Grasberg? -- an der Fleischbank oben, und in den
-Gräben?«
-
-»Gemsen sind überall,« lautet die Antwort, »man sieht sie aber da herum nur
-selten, weil sie in den Dickichten drin stecken.«
-
-»Hast Du am Waldeck etwas gespürt?«
-
-»_Leer_ ist's nicht,« weicht hier Rainer vorsichtig aus, denn
-wahrscheinlich wird dort morgen zuerst gejagt, und er möchte nicht gern zu
-große Erwartungen wecken, obgleich er auch dort Gemsen gesehen hat.
-
-»Und drüben am Heimjoch, in der Laures und am Blunzjoch drüben?«
-
-»Das ist ein Hauptplatz,« sagt Rainer und wird warm dabei -- »der Wastel
-ist vorgestern mit dem großen Ragg drüben gewesen. -- Am Eiskönig soll's
-ordentlich lebendig sein.«
-
-»Also auf dieser Seite sieht's gut aus, und wie steht's drüben? Ist das
-Pirschhaus im Laritter Thal fertig?«
-
-»Sie hämmern noch drüben,« meint der Gefragte etwas kleinlaut, »soll aber
-heute oder morgen fertig werden.«
-
-»Und im Leichwald; am Falken?«
-
-»Da wimmelt's,« versichert Rainer. -- »Am Falken -- das giebt ein
-Haupttreiben, da stehn wenigstens 200 Gemsen.«
-
-Der hohe Herr zieht ein bedenkliches Gesicht und schüttelt den Kopf, Rainer
-aber, durch den Zweifel gekränkt fährt eifrig fort »Hocheit, sollen mir den
-Hals abschneiden, wenn's nicht wahr ist.«
-
-Da von dem Anerbieten für jetzt noch kein Gebrauch gemacht wird, ergeht er
-sich dann in näherer Beschreibung des Terrains und der dortigen Rudel, die
-allerdings das Außerordentlichste verspricht. Beiläufig muß ich aber hier
-nur bemerken, daß dies berühmte Falkentreiben später wirklich gemacht wurde
-und statt der 200 Stück versprochenen Gemsen, _sieben_ darin waren, aber
-nicht zum Schuß kamen. Rainer erwähnte dabei nichts weiter von seinem Hals.
-
-»Und wie steht's mit dem Rothwild?« geht nun die Frage auf den anderen
-Zweig der Jagd über, der allerdings jetzt nicht zur Ausübung kommt, da die
-Jahreszeit für die Hirsche schon zu weit vorgerückt ist, und diese schon
-fast sämmtlich abgebrunftet haben.
-
-»Drüben am Roßkopf haben zwei starke Hirsche noch gestern geschrien; an
-dem Leckbach drei -- Hirsche hört man überall und Wildpret spürt sich auch
-überall auf den Pirschwegen.«
-
-»Aber viel eingegangen ist doch im letzten Winter?«
-
-»Acht Stück sind im Ganzen gefunden,« lautet die traurige Bestätigung, denn
-der Winter war gar zu streng, der Schnee zu tief und dauernd, und das
-arme Wild konnte nicht dagegen ankämpfen. Starke Hirsche selbst wurden,
-im Schnee stehend, todt entdeckt, und auch viel Rehwild war eingegangen.
-Rehwild hält sich überhaupt nur spärlich in den Bergen.
-
-»Und was machen wir morgen?« lautet jetzt die direkt auf die Gegenwart
-bezughabende Frage -- »was hast Du Dir gedacht?«
-
-»Nun ich dachte so -- wenn Hocheit vielleicht morgen oben die Fleischbank
-trieben oder den Waldeckelgraben -- leer ist's nicht, und schießen thäten's
-gewiß; dafür bin ich beinah ganz überzeugt.«
-
-»Und wie wollt Ihr's treiben?«
-
-»Nun ich dachte so, daß der Wastel und Weinseisen mit dem großen Ragg vom
-unteren Pirschweg den Graben dußemang heraufstiegen und sich nur manchmal
-sehn ließen und ich mit dem Martin dann die Wand von drüben herein
-brächte.«
-
-»Und ich soll mich dann oben an den Graben stellen?«
-
-»So war meine Meinung -- wenn Sr. Hocheit was Besseres wissen --«
-
-»Und da treibt Ihr mir die Gemsen ruhig in den Seitengräben hinauf; denn
-daß Ihr sie nicht bis oben hin bringt, wißt Ihr, und ich stehe zum Spaß
-dort zwei oder drei Stunden lang.«
-
-»Wenn's da nicht wenigstens vier, fünfmal schießen, sollen Sie mir den Hals
-abschneiden,« erbietet sich Rainer zum zweiten Mal leichtsinniger Weise --
-»die anderen Schützen stellen wir dann an der hervorderigen Seite oben und
-unten hin.«
-
-»Nun gut,« sagt der Herr resignirt, »dann kommen die Herren wenigstens zum
-Schuß, _ich_ aber stehe zur Abwehr da oben. Du wirst sehen.«
-
-Rainer macht eine halb verzweifelte, halb unglückliche Geberde über das
-schmerzende Mistrauen, schweigt aber --
-
-»Sonst noch etwas?«
-
-»Draußen« sagt Rainer, der überhaupt dem Gespräch eine andere Richtung zu
-geben wünscht »steht der neue Jäger von der Au. Hocheit haben ihn hieher
-beordert, und er wünscht unterthänigst den Grund seines Daseins zu wissen.«
-
-»Er soll nur kommen.« Alle lachten.
-
-Rainer ist entlassen, und gleich darauf tritt ein anderer erst kürzlich
-einberufener Jäger aus den entfernteren Thälern, mit einer kurz
-abgeknickten Verbeugung, aber mit offenem, freundlichen Gesicht herein,
-und bleibt nicht etwa schüchtern an der Thür stehn, sondern geht gerade auf
-seinen Herrn zu.
-
-»Nun, Johann, wie steht es bei Euch da drüben?«
-
-»Gut,« sagte der Mann mit einem kurzen, ihm eigenthümlichen Kopfnicken,
-indem er seinen Hut in der Hand rasch herumdreht -- »es macht sich mit den
-Gemsen.«
-
-»Sind starke Rudel drüben?«
-
-»Nu ja,« nickt der Jäger und lehnt sich mit dem Ellbogen zutraulich auf die
-hohe Lehne desselben Stuhles, auf dem der Herr sitzt. Dieser lächelt still
-vor sich hin, läßt aber den Mann gewähren. Es ist ein braver Bursch und
-wenn er die Sitte draußen im Land nicht kennt, weiß er dafür desto besser
-in seinen Bergen Bescheid. »Es giebt schon hübsche Rudel drüben, und
-besonders viel Kitzgeißen das Jahr.«
-
-»Und der Winter hat ihnen nichts gethan?«
-
-»Ih -- ich denk,« lächelt der Jäger kopfschüttelnd, »wenn nicht einmal eine
-oder die andere von einer Lawine erwischt wird -- im Uebrigen hat's keine
-Noth.«
-
-Es folgt jetzt ein ausführlicher, ziemlich befriedigender Bericht
-des dortigen Gems- und Wildstandes, und der Jäger wird endlich wieder
-freundlich entlassen.
-
-Die Nacht ist jetzt weiter vorgerückt, und die heutige noch ungewohnte
-Anstrengung, mit der feineren reineren Bergluft macht auch ihr Anrecht
-geltend, als der Ruf »da schreit ein Hirsch!« von draußen, halbflüsternd
-aber doch laut genug hereintönt, die Aufmerksamkeit rasch dorthin zu
-lenken. --
-
-Wir treten hinaus vor die Thür. -- Wie still die Nacht hier auf den Bergen
-liegt. Nur das Rauschen des Stromes tönt herauf, und das einzelne Zirpen
-einer Grille mischt sich in das leise heimliche Flüstern und Rascheln der
-Zweige. -- Drüben liegen in schweigender Majestät schwarz und düster
-die mächtigen Bergrücken wie schlummernde Riesen -- kein Laut weiter
-unterbricht die Todtenstille.
-
-»Huh -- a -- h!« tönt da langsam und faul, aber tief und gewaltig der
-Brunftschrei eines starken Hirsches weit aus dem unten liegenden Thal
-herauf.
-
-»Das ist ein braver Hirsch,« geht der leise geflüsterte Ruf, den
-Schreienden nicht etwa zu stören und »da ist noch Einer« ruft Martin,
-als drüben vom »Roßkopf« herüber ein anderer schwächerer herausfordernd
-antwortete.
-
-Wie wunderbar das in dem stillen Walde klingt; wie seltsam feierlich, und
-doch so wild. Nur das Herz des Jägers füllt der Ton mit unbeschreiblichem
-Entzücken. -- Was ist Nachtigallenschlag, was irgend eine Symphonie
-dagegen, die sonst im Lande drin vielleicht sein Herz entzückt. _Das_ ist
-Musik, das zittert durch die Nerven, und macht das Herz rascher schlagen,
-das Auge glühn und leuchten.
-
--- Jetzt ist wieder Alles still -- da noch einmal tönt der Ruf herauf, aber
-weiter nach rechts. Der alte Bursch unten hat die Ausforderung angenommen
-und zieht hinüber nach dem andern Hang, den Gegner zu bekämpfen oder zu
-vertreiben. -- Nun ist Alles ruhig; -- nur die Grille zirpt fort, und der
-Bergstrom unten rauscht sein volltönendes brausendes Lied durch die stille
-Nacht. --
-
-Es ist das überhaupt ein eigenthümliches Gefühl, das den aus dem unteren
-Land heraufgekommenen Jäger die erste Nacht erfaßt -- diese ungewohnte
-heilige Stille der Natur. Kein Wagenrasseln, kein Nachtwächterruf, kein
-Glockenschlag, kein lauter Tritt der durch öde Straßen hallt -- es ist
-Alles Frieden und Ruhe, als ob hier oben gar keine Leidenschaften
-tobten und stürmten. Nur das leise Flüstern des Laubes legt mit sanftem,
-wohlthuenden Finger den Schlaf auf unsere Augen -- und wie gut schläft
-sich's in den Bergen.
-
-[Illustration: =Das Aufsteigen.=]
-
-
-
-
-3.
-
-Aufbruch zur Jagd.
-
-
--- -- -- Draußen schlägt ein Hund an -- der langsame Schritt eines Jägers
-auf dem Steinboden wird laut; -- durch das verhangene Fenster dringt
-der erste dämmernde Schimmer des jungen Tags -- der erste freudige Bote
-begonnener Gemsenjagd.
-
-Frisch und stärkend schlägt die kühle Morgenluft in das weit geöffnete
-Fenster und dort? -- träume ich denn noch oder wach' ich, und _kann_ das
-wundervolle Bild das dort, den staunenden Blicken ausgebreitet in all
-seiner Pracht und Herrlichkeit liegt, Wahrheit -- Wirklichkeit sein?
-
-Gerad gegenüber, und hoch in die reine duftige Morgenluft hineingebaut,
-ragen die grauen lichtumflossenen Kuppen der Falken hinein -- rechts hebt
-der Stuhlkopf sein breites mächtiges Joch, und tief da unten, weit zwischen
-beiden hinein, und im Hintergrund von einer schroffen wallartigen Wand, dem
-Carvendelgebirge begrenzt, zieht sich ein tiefes grünes Thal, in das der
-Schöpfer zu dieser frühen Morgenstunde all seine wunderbarsten Tinten
-und Schatten, von all der zauberhaften Pracht der Alpenwelt übergossen,
-hineingeworfen hat.
-
-Vom Carvendelgebirge nieder springt der Johannisbach wie ein
-silberschlängelnder Faden zwischen dichtem Waldesteppich durch, der rechts
-und links in leichten wellenförmigen, selten schroffauflaufenden Hügeln die
-Seitenwand erklimmt. Kleine saftgrüne Grasflächen, hie und da mit Spuren
-hineingestreuter Hütten und Einfriedungen sind dazwischen sichtbar, und
-über dem Ganzen liegt ein leichter, durchsichtiger blauer Duft, der in dem
-dunklen Grün der Tannen über dem Silber des Baches, über dem Lichtgrau der
-in die Wälder hineinragenden Reißen seine Schattirung wechselt, während
-klar und schroff die hohen nackten Kuppen und Joche der umschließenden
-Gebirge dies wunderbare Meer von Licht und Farbenpracht überragen. --
-Jetzt plötzlich erglühen diese in dem ersten Strahl der aufgehenden Sonne,
-während ihre Zacken in ganz fremdartigem Licht und Raumtäuschung die
-weiten Schatten werfen, und unten im Johannisthal zittert, von den oben
-hellerleuchteten Wänden reflectirt, ein mattes rosiges Licht über
-das bläulich dunkle Grün der Waldung, das gegen den fremden Schimmer
-anzukämpfen scheint. Farben führen aber nur auf schlechten Bildern
-und geschmacklosen Kleidern Krieg mit einander; in der Natur ist Alles
-Harmonie. In wenigen Minuten ist das Ganze zu einem Rosenduft verschmolzen,
-in dem die tiefe Landschaft glühend liegt. Wie aus dem Grund heraus heben
-sich dabei die dunkleren Schatten der Waldung mit ihren eingerissenen
-und jetzt weit schärfer hervortretenden schwarzen Schluchten und Spalten;
-klarer schneidet sich der silberhelle blinkende Bach heraus, auf dem das
-Auge jetzt schon die kleinen schneeweißen Schaumwellen erkennen kann. --
-Der Rosenhauch geht in einen helleren, lichteren Duft über, und wie die
-Sonne drüben hinter dem Sonnenjoch emporsteigt und ihre Strahlen hell und
-mächtig in die Thäler wirft, schwinden die zitternden Tinten der Morgenluft
-in ihrem Schein und -- es ist _Tag_.
-
-Heiliger Gott, wie ist deine Welt so schön und reich, daß du selbst in die
-geheimsten Schluchten dieser Erde solch wunderbare Pracht gestreut. Worte
-fehlen da auch, solcher Allmacht gegenüber, und wie die Lerche draußen im
-Land wirbelnd ihr frohes Dankgebet zum Himmel trägt, wie der duftende Baum
-sein Weihrauchopfer haucht, wie die Berge, im Wiederglanz des himmlischen
-Lichts höher und freudiger erglühn, so bringt die zitternde Thräne im
-Menschenauge, bringt das jubelnde Herz in Menschenbrust dem unerkannten
-Wesen über uns seinen stillen Dank, den es mit Worten und Gebeten nimmer so
-heiß, so glühend sprechen könnte.
-
-Und doch vergessen ist im Nu die vor uns ausgebreitete Pracht und
-Herrlichkeit. --
-
-»Da drüben steht ein Hirsch!« ruft mit seiner heiseren Stimme Martin (kein
-_Tyroler_ Jäger), der ein Auge wie der Falke hat -- »und dahinter noch zwei
-Stück Wild!« Zu gleicher Zeit zieht er das immer händige Perspectiv hervor
-und richtet es nach dem Hang des Roßkopfs hinüber, der in einer Entfernung
-vor uns liegt als ob ihn eine Büchsenkugel leicht erreichen müßte.
-
-Vergebens aber sucht das Auge, noch nicht an diese Lichttäuschung in der
-Ferne gewöhnt, durch die offenen Blößen des dort ziemlich lichten Waldes,
-nach dem gemeldeten Wild. Nirgends läßt sich auch nur das geringste
-Lebendige erkennen.
-
-»Dort weiter oben steht auch noch ein Altthier mit einem Schmalthier, und
-links davon ein Sechsender. -- Donnerwetter, ist das da unten ein
-starker Hirsch!« murmelt Martin dabei vor sich hin, indem er durch sein
-ausgezogenes »Bergspectiv« (wie es die Tyroler nennen) hinüber schaut.
-
-»Aber wo? um Gottes Willen?«
-
-»Gerad dort drüben auf der offenen Stelle; dicht neben der umgefallenen
-Tanne, wo der gelbe Fleck im Boden ist -- gleich links darüber.« --
-
-Der gelbe Punkt? -- wenn man nach einem Kaninchen ausgeschaut hätte, würde
-man etwa ein lebendes Wesen von _der_ Größe in _der_ Entfernung erwartet
-haben, und jetzt ist das ein starker Hirsch, zehn- oder zwölfendig, der
-sich dort ruhig an der Lanne im Walde äst, und nur manchmal nach den, nicht
-weit über ihm stehenden Thieren auf äugt. Jetzt wird der Blick auch erst
-auf die verhältnißmäßige Größe der Bäume aufmerksam, die da drüben wie
-zierlicher Nipptischschmuck, trotz der Entfernung in der reinen Luft mit
-jedem kleinen ausgezackten Zweig fast sichtbar, stehn, und steigt man zu
-ihnen hinüber, zu mächtigen Stämmen anwachsen.
-
-Das Wild äst sich indessen langsam in die Dickung hinein -- wird wieder auf
-einer kleinen Blöße sichtbar, und verschwindet endlich in den Laatschen.
-Aber die kostbare Zeit verschwindet ebenfalls, und rasch wird das leichte
-Frühstück eingenommen, das nur ein kleines Intermezzo draußen nicht etwa
-stört, sondern eher noch würzt.
-
-[Illustration]
-
-Der rothe Schweißhund, Pirschmann, von guter tüchtiger Race -- ob aus
-misverstandenem Eifer oder Langeweile -- es läßt sich kaum vermuthen aus
-eigennützigen Zwecken -- hat den etwas primitiv angelegten Keller auf
-seiner nächtlichen Runde entdeckt, und der dort niedergelegte Kern eines
-gekochten Schinkens war verschwunden. Pirschmann läugnete allerdings
-hartnäckig, oder weigerte sich wenigstens, wozu er auch nicht gezwungen
-werden konnte, gegen sich selber zu zeugen; und Rainer dem die Ueberwachung
-der Hunde übertragen, bekam vom Mundkoch die von ein oder dem andern
-verdiente Nase.
-
-Aber keine Zeit ist's mehr für solche Dinge. Die Jäger stehn draußen
-gerüstet, den Bergsack auf dem Rücken, den Stock in der Hand, die
-Büchsflinte oder den Wender über der linken Achsel; die Sonne scheint voll
-auf die markigen malerischen Gestalten, auf die offenen treuherzigen, und
-oft doch so verschmitzten Züge, und geduldig harren sie des Zeichens zum
-Aufbruch. --
-
-»Und nun vorwärts!« ruft der Herr der Jagd, der in der leichten
-Jägertracht, den Bergstock in der Hand, nur statt des spitzen zum Pirschen,
-seiner Höhe und dunklen Farbe wegen nicht einmal ganz praktischen Tyroler
-Hutes, eine einfach graue sehr leichte Mütze trägt. Die Jäger reißen, als
-er an ihnen freundlich grüßend vorübergeht, rasch die Hüte herunter, und
-während er den schmalen Pirschpfad voranschreitet folgen mit so wenig
-Geräusch als möglich, die übrigen Schützen und Jäger in bunter Reihe und
-ächt indianischem Marsch, Einer hinter dem Andern. -- Bietet der schmale
-Weg doch oft kaum Raum für den einen Fuß. --
-
-Langsam windet sich so der Zug bergauf. Der Tyroler Jäger und überhaupt der
-Alpenjäger hat einen langsamen aber stäten Schritt; den aber behält er bei,
-ob er eine sanfte Anhöhe, oder eine steile Wand ersteigt. Ruhig setzt er
-Fuß vor Fuß, der Brust dazwischen Zeit zum Athmen lassend; aber er rastet
-nie. Wenn er nicht pirschen geht, wo die ganze Jagd nur im Vorschleichen
-und wieder Halten und Umheräugen und Lauschen besteht, fällt's ihm nicht
-ein sich auszuruhen, Stunden lang, -- er müßte denn eine schwere Last mit
-sich tragen. Die ächten Bergsteiger haben auch alle einen etwas vorwärts
-gebogenen Gang, aber desto sichereren Schritt, und Schwindel kennen die
-Leute nicht. Bricht ihnen nicht einmal an gefährlicher Stelle ein Stein
-unter den Füßen weg, oder schleudern über ihnen losgegangene Gemsen auf
-ihrer Flucht nicht lockeres Geröll auf sie nieder, das sie mit in den
-Abgrund nimmt, so wandern sie auf ihren schwindelnden Bergpfaden und an
-den hängenden Wänden so sicher hin, wie der Bewohner des flachen Landes
-auf seinen breiten Straßen. Der Gefahr müssen sie aber doch stets in's Auge
-sehn; der Tod lauert auf sie in mancherlei Gestalt und Art, und _weil_ sie
-das wissen und ihm doch begegnen, deshalb auch ist ihr Blick so frei und
-offen, ihr Schritt so fest und keck und männlich.
-
-Jetzt haben wir den oberen Pirschpfad erreicht, und von der Stelle, an der
-wir einen Augenblick halten, sehn wir das, vor einer halben Stunde etwa
-verlassene Pirschhaus wie ein kleines aus Marzipan gebackenes Zuckerwerk
-tief hinter uns im Schatten der Bäume liegen. Hell schimmert das Dach aus
-der dunklen Umgebung vor, und heller noch jener schneeweiße Punkt der sich
-daneben zeigt. Es ist der Mundkoch, der mit seiner weißen Jacke, Schürze
-und Kappe vor seiner Thür stehend, die Jäger noch mit den Blicken am
-Berggelände suchen will. Aber die Erd- und Steinfarben gekleideten
-Gestalten sind lange aus seines Auges Bereich, und ihre Umrisse
-verschwimmen mit dem Boden auf dem sie stehn.
-
-Wieder wechseln hier die Bilder von Berg und Schlucht um uns her, aber das
-Auge forscht jetzt nach anderem Ziel: -- Gemsen. Ueber den Weg laufen die
-Fährten eines ganzen Rudels das hier vom Joch nieder dem vorderen »Graben«
-zugezogen ist. Die Jäger sehen, wie sie darüber hinschreiten die Fährten
-an, und deuten mit der Hand auch wohl hie und da auf die besonders tief
-eingedrückten breiten Spuren eines alten Bockes; aber keiner von ihnen
-spricht mehr ein Wort. Wir sind hier im eigentlichen Gemsrevier. Spuren wie
-frische Losung zeigen überall die Nähe des scheuen Wildes, und der Klang
-der menschlichen Stimmen schallt weit auf diesen Höhen.
-
-Aber nichts Lebendes zeigt sich noch. Hie und da hüpft in einem
-Laatschenbusch einer der kleinen befiederten Bergsänger umher, und lenkt
-den Blick der Vorüberschreitenden rasch und forschend auf sich. Nichts
-Lebendes, was sich im Sehkreis regt, und überhaupt Bewegung hat entgeht
-dem Auge der aufmerksamen Jäger. Fünfzig Mal dabei getäuscht, sei es durch
-einen Vogel, eine raschelnde Maus, oder einen losgebröckelten Stein, -- er
-ermüdet nicht, und wieder und wieder sucht das Auge nach Leben und Bewegung
-hier im Wald, und die Hand greift unwillkürlich nach der Waffe.
-
-Jetzt ist »der Graben« der getrieben werden soll erreicht, und in einem
-Dickicht, noch unter dem Rand, daß in der Nähe sitzende Gemsen nicht die
-sich regenden Gestalten der Jäger auf dem Abhang erkennen könnten, bleibt
-der Herr stehn.
-
-»Und wie wollt Ihr's nun machen?« lautet die mit unterdrückter Stimme an
-die herbeitretenden Jäger gerichtete Frage.
-
-Rainer beginnt jetzt, mit eben so vorsichtig gedämpfter Stimme seinen
-nochmaligen Vortrag: Dort unten auf einem bezeichneten Felsenkamm, der den
-Schuß nach rechts und links hinein in die steile, lawinenzerrissene Klamm
-erlaubt, an der und jener Wand, und dort und da sollen die Schützen stehn,
-und wenn die Treiber dann von dort und da herüber kommen, weiß Rainer
-auf ein Haar, in welchem Graben, welch eingerissene Spalte und Klamm die
-aufgescheuchten Rudel ihre Flucht hin nehmen müssen.
-
-Jetzt werden rasch die verschiedenen Jäger als Treiber oder Abwehr nach
-rechts und links geschickt und vorsichtig, auch das geringste Geräusch
-vermeidend, pirscht sich Jeder zu dem angegebenen Stand. Den Bergstock
-verkehrt in der Hand, die eiserne Spitze nach oben, daß sie nicht zufällig
-vielleicht einen Stein berühre und durch den fremden Metallklang die Gemsen
-schrecke, mitten in die Laatschen hinein an deren Zweigen sich die rechte
-Hand anklammert, während die linke den Bergstock hält und zu gleicher Zeit
-die Büchse aus dem Weg der Aeste rückt, schleicht der Schütze nieder. Hier
-einen kleinen Vorsprung benutzend, durch einen Busch gedeckt den Ueberblick
-über einen vielleicht lichten Fleck zu bekommen, dort der ausgewaschenen
-Rinne eines jetzt trockenen Bergquells folgend, indem er dadurch wenigstens
-das Geräusch der zurückgebogenen Zweige vermeiden kann; jetzt auf dem
-Boden nieder unter den Büschen durchkriechend, jetzt dazwischen hin den
-Weg suchend. Da wird es plötzlich licht. -- Dort vor uns liegt der Rand der
-Klamm, und vor sich abäugend erst, ob nicht vielleicht ein einzelner alter
-Bock dort unten schußgerecht steht und durch längeres Zögern verscheucht
-werden könnte, sucht man sich jetzt, da sich die Hoffnung nicht bestätigt,
-einen zugleich gedeckten und doch freien Fleck, den größtmöglichsten Raum
-in der Nähe überschießen zu können, und so wenig als möglich durch nahe
-Büsche verhindert zu sein, nach verschiedenen Richtungen hin die Pässe und
-Wechsel zu beherrschen.
-
-[Illustration: =Steileck.=]
-
-
-
-
-4.
-
-Das Riegeln.
-
-
-Trefflich für solche Lausch- und Anstandsplätze eignen sich die, diesen
-Gebirgen eigenthümlichen schmalen Ausläufer vorgeschobenen Gesteins, die
-gewöhnlich von beiden Seiten in die Ränder der Klammen hineinreichen, und
-oft bei nur wenigen Fuß Breite, mit Laatschen oben bis zur äußersten Spitze
-bewachsen, nicht allein den größten Theil der Klammen überschauen lassen,
-sondern auch nach drei Seiten hin einen freien Schuß gewähren.
-
-Auf einer solchen wunderbaren, oben kaum anderthalb Fuß breiten aber
-vollkommen sicheren Steinkoulisse sitzen wir jetzt, der Leser und ich, und
-obgleich rechts und links ein tiefer Abgrund gähnt, und man den Bergstock
-nicht einmal dicht vor sich einstoßen dürfte, weil er hinunter in die Tiefe
-fallen würde, haben wir doch nicht das Mindeste zu befürchten. Die den
-Armen eines Kronleuchters nicht unähnlichen zähen Laatschenzweige
-halten fest und gut, und während wir den Raum in der Mitte rasch mit
-dem Jagdmesser etwas ausgehauen, ragen die Zweige um uns her wie ein
-künstlicher grüner Schirm empor, und halten uns dahinter dicht versteckt.
-
-Nur eine Vorsicht muß der versteckte Jäger gebrauchen: nicht unvorsichtig
-auf die elastischen Zweige zu drücken, die durch ihr Auf- und
-Niederschaukeln dem scharfen Blick der noch so weit entfernten Gemse nicht
-lang verborgen blieben.
-
-Was für ein wundervoller Platz das ist, und wie so still und schweigend der
-dunkle wilde Wald hier um uns liegt. Auf dem aushängenden Felsen, dessen
-schmalen Verbindungsweg man, rechts und links umschauend, nicht einmal
-erkennen kann -- und viele Bewegung verstattet der kaum fußbreite Sitz auch
-nicht -- hängt man da; gleichsam abgeschnitten, über der wild zerrissenen,
-zu Thal stürmenden Schlucht, und von steilen, mit überhängenden Laatschen
-überall besetzten Wänden fest und drohend eingeschlossen.
-
-Der _Graben_, wie diese steilen Bergthäler genannt werden, bildet im Ganzen
-eine weite gewaltige Schlucht, wie denn auch der ganze breite Gebirgshang
-an der Südseite in solche Thäler oder Gräben ziemlich gleichmäßig vertheilt
-ist, während zwischen ihnen von oben nach unten laufende und dicht
-bewaldete Abschüsse oder Hänge sie von einander trennen. Im Einzelnen reißt
-sich aber ein solcher Graben wieder in hundert und hundert kleinere und
-größere Einschnitte, Schluchten, Felsspalten und Klammen, jede im Kleinen
-und in sich selbst, das große Bild des Ganzen wiedergebend.
-
-Die schroffen Wände, an denen kein fruchtbarer Boden halten kann, stehen
-da drinnen freilich kahl, und in den Schluchten, wo sich zur Regenzeit der
-Bergbach das reingewaschene ausgeschwemmte Bett gewühlt, kann auch kein
-Pflanzenleben gedeihen; aber die zähe Laatsche dringt doch ein, wo sie's
-nur irgend möglich machen kann. Nicht allein auf den Nacken der Felsen hin
-kriecht sie, und wirft ihre Zweige zwölf und sechzehn Fuß weit nach
-rechts und links bis über den Abgrund hin, nein auch, wo nur irgend eine
-Felsenspalte eine Hand voll von oben niedergeschwemmter Erde aufgefangen
-und gehalten, säet sie ihren Samen, treibt Keime und Schößlinge, und
-klammert sich mit den festen Wurzeln ein. Wo sich ein solcher Anhaltspunkt,
-und sei er noch so unbedeutend, bietet, findet man diese Büsche, die
-Nadelspitzen oft klein und kümmerlich, die Zweige dünn und kurz, aber
-immer fest und sicher in die Felsspalte eingeklemmt, und gar willkommene
-Anhaltspunkte sind das dann für den Steigenden. Der einmal gefaßte Zweig
-bricht nicht ab in der Hand, und, wenn er das ganze Gewicht seines Körpers
-daran hinge.
-
-Ha -- was war das? ein zischender Pfiff der von dort herüber schallt. Eine
-schreckende Gemse, der irgend woher der verrätherische Luftzug die fremde
-Witterung des Feindes zugetragen -- und dort drüben? -- ein rollender
-Stein, der von den scharfen Klauen eines aufgescheuchten Thieres
-losgestoßen, hinunter zu Thal die springende Bahn nimmt. -- Aber zu sehn
-ist noch Nichts und der forschende Blick sucht rasch und mistrauisch all
-die hundert kleinen Schluchten und Spalten ab, aus denen allen das ersehnte
-Wild im Augenblick herausfliehen kann.
-
-Todtenstille herrscht -- da bricht ein Schuß von oben dröhnend und donnernd
-in's Thal nieder und weckt das Echo in den Bergen von Wand zu Wand. Das war
-des Jagdherrn Büchse -- wie den Schall die gegenüberliegenden Gebirge jetzt
-wiedergeben, und wie er sich prasselnd und schmetternd die Bahn
-hinunter bricht in's tiefe Thal. Und doch ist das hier in den Bergen so
-eigenthümlich mit eben dem Schall, daß ein im Nachbargraben Stehender den
-Schuß vielleicht nicht einmal hören konnte.
-
-Da poltert's und bricht's über das Felsgestein, ganz in der Nähe. Wie mit
-einem Messer sticht's bei dem Ton dem lauschenden Jäger in's Herz hinein,
-und bebt und zittert ihm durch alle Glieder. Und ob er von Kindheit an
-die Büchse geführt und der Spur des Wildes gefolgt wäre, _dem_ ersten,
-unwillkürlichen, fast krampfhaften Herzklopfen beim plötzlichen Erscheinen
-eines Stücks Wild, beim Rascheln oder Rauschen das seine sichere Nähe
-verräth, entgeht er nicht. -- Aber es dauert nicht lange, und in der
-nächsten Minute schon muß er die alte Ruhe wieder erlangt haben, und hat
-sie auch -- einzelne Fälle natürlich ausgenommen.
-
-Wie das dort rasselt und tobt durch die kleine Schlucht. Drunten heraus aus
-ihrer Mündung kollern und springen die losgegangenen Steine schon vor, und
-den Berg hinab. Das muß ein ganzes Rudel sein. -- Und richtig, dort in den
-Laatschen zeigt sich plötzlich der schwarze Körper einer alten Geis mit den
-weißen Backenstreifen und den hohen scharf umgebogenen Krickeln. Wenn sie
-allein käme könnte man sie recht gut für einen Bock halten. Aber ein Rudel
-wird meist immer, ja fast ohne Ausnahme von einer alten Geis geführt, oft
-der Stammmutter des ganzen Trupps, die so von Kindern und Kindeskindern
-gefolgt, den Berg durchzieht. Jetzt werden die andern auch sichtbar --
-leider außer Schußweite, denn das ganze Rudel ist wohl noch vier- bis
-fünfhundert Schritt entfernt. Auf einem mit Laatschen dünn bewachsenen
-Felsrücken tauchen sie auf, eine hinter der andern -- jetzt eine braune
-Geis mit schwarzem Rücken, das kleine munter springende Kitz an der Seite,
-jetzt ein junger zweijähriger Bock der ernst und gravitätisch, wie er es
-von den älteren gesehn, eine Weile daher schreitet. Dann aber plötzlich,
-als er das munter seitwärts springende Kitz um sich her tanzen sieht,
-vergißt er, wenn er auch vorn seinen stolzen Ernst beibehält, hinten doch
-die Gravität, und macht mit den Hinterläufen einen Jugendsprung. Mehr
-und mehr drängen herauf und bleiben Kopf an Kopf auf der kleinen Lichtung
-stehn, alle hinauf nach der Klamm äugend und windend, von der der Schuß
-tönte. Ehe die Altgeis weiter geht, denkt keins daran sich von der Stelle
-zu rühren.
-
-Von drüben herüber ist das Rudel gekommen, jedenfalls von dem Schuß aus
-sicherer Ruhe aufgeschreckt. Jetzt aber mag doch irgend ein Geräusch der
-von unten herauf brechenden Treiber von dem scharfen Gehör der Leitgemse
-erfaßt sein, oder ihr Blick hat auch wohl die sich da unten regende
-Gestalt, sei sie noch so weit entfernt, gesehn, ihre Nase die fremde
-gefährliche Witterung gefangen. Da unten ist's jedenfalls nicht recht
-geheuer, _was_ es auch sei, und seitwärts an der Wand auf der sie gestanden
-niedertretend, läuft und rutscht sie halb die fast senkrechte Steinplatte
-hinab, an der sich, von hier aus wenigstens, nicht der geringste
-Anhaltpunkt erkennen läßt. Jedenfalls will sie schräg durch den Graben dem
-anderen Ausläufer zu; ihr aber folgen auch, ohne weiter zu fragen weshalb
-oder wohin, die andern Gemsen. Zuerst die Geis mit dem Kitz, dann der
-zweijährige Bock, wahrscheinlich ein Herr Sohn vom vorvorigen Jahr, dann
-wieder zwei Kitzgeisen und nun ein starker Bock. -- Wetter noch einmal, ob
-der Bursche nicht aussieht wie ein Wildschwein, als er da breitspurig und
-bequem den halsbrechenden Pfad ohne die mindeste scheinbare Anstrengung
-hinuntergleitet. Wenn der zum Schuß herüberkäme, der wär' recht. -- Jetzt
-folgen noch ein paar wahrscheinlich gelte Geisen oder schwächere Böcke
--- es läßt sich von hier aus nicht so deutlich erkennen -- dann wieder
-Kitzgeisen dazwischen, und zum Schluß noch ein alter Bock. Im Ganzen ein
-Rudel von drei und zwanzig Stück.
-
-Jetzt ist Alles wieder still -- die Gemsen haben irgend einen bewaldeten
-Hang angenommen, und ziehen geräuschlos und gedeckt darin fort.
-
-Es ist aber, selbst für den geübten Gemsjäger, gar nicht etwa so leicht
-Geis und Bock von einander zu unterscheiden, ja in der Ferne fast ganz
-unmöglich, wenn nicht die Geis eben ihr Kitz als Legitimation mit sich
-führt. Die Farbe der Gemsen ist im Sommer lichter als im Winter, und
-schmutzig isabellfarbenartig nur mit dem dunklen Rückenstreifen. Im rechten
-Winter werden sie aber ganz schwarz, und alte gelte Geisen die allein
-kommen, und oftmals gar starke ansehnliche Krickeln tragen, sehn genau so
-aus wie ein Bock. Nur in der Nähe unterscheidet sie der längere dünnere
-Hals, wie auch der etwas zierlichere Kopf vom Bock. Ebenso stehn ihre
-Krickeln mehr parallel zusammen auflaufend, während die Krickeln des Bocks
-gleich unten von der Wurzel aus etwas stärker sind und sich ein wenig
-auseinander biegen. Allerdings nur schwache Unterscheidungszeichen in der
-Ferne.
-
-Links, dicht neben uns flattert etwas -- welch prächtiger gewandter Vogel
-sucht sich da sein Mahl an dem nackten Felsen? -- Es ist ein Alpenspecht,
-der mit den scharfen Klauen einkrallend in den Stein, die Flügel
-ausgespannt und wie zur Stütze an die Wand gestemmt, den Kopf
-zurückgebogen, auf und ab, bald rechts bald links hinüberläuft, und
-blitzschnell mit dem nur leicht gebogenen spitzen Schnabel in Ritz und
-Spalte fährt, Käfer und kleineres Gewürm daraus hervorzuholen. Und welche
-Pracht in dem Gefieder. Der ganze kleine Bursch ist in seiner Haupt- und
-Grundfarbe schön stahlgrau mit schwarzem Kopf und dunklen Streifen
-auf Schwung- und Deckfedern, aber über die zierlichen Flügel läuft ein
-rosenrother Streif, in dem Grau verschmelzend, wie an den Schwingen des
-Weinvogels, jenes zierlichen Nachtfalters, und die kleinen schwarzen Augen
-schauen so scharf, so klug umher. Ist er so wenig furchtsam daß er den, nur
-wenige Fuß von ihm kauernden Jäger gar nicht scheut? -- Ja, der rührt und
-regt sich nicht, und sitzt da wie hineingewachsen in die Laatsche. Die
-erste Bewegung freilich -- was war das? -- Dort flattert auch schon der
-Alpenspecht zur Seite. Aber was kümmert uns jetzt der -- gerade da drüben
-in der schmalen Klamm, die seit ab aus dem Walde niederführt, rollte ein
-Stein; dort unten springt er vor und da -- wieder der Stich in's Herz -- da
-drüben auf der nächsten Felsenspitze, auf einem Raum den ich mit der Hand
-bedecken könnte, steht ein schwarzer etwa drei- oder vierjähriger Bock, den
-klugen Kopf mit dem weißen Backenstreif nach unten gedreht, wo in diesem
-Augenblick ebenfalls eine Kitzgeis sichtbar wird.
-
-Wie krampfhaft faßt die Hand den Büchsenkolben, sucht der Zeigefinger
-der rechten Hand den Drücker, der Daumen den Hahn. Geräuschlos wird er
-gespannt, langsam durch keine rasche Bewegung den Blick des aufmerksamen
-Thieres hierherzulenken, hebt sich der Lauf und Korn und Visir zusammen.
-
-»Pest!« murmelt der Jäger leise zwischen den zusammengebissenen Zähnen
-durch, und er hat Ursache, denn oben auf dem Lauf, gerade vorn auf dem
-Korn, von dem blitzenden Metallpunkt vielleicht angezogen, schaukelt sich
-ein kleiner zierlicher gelber Schmetterling, und will nicht wanken und
-weichen.
-
-Noch steht der Bock da drüben und die Gemse unten interessirt ihn mehr
-als irgend ein Geräusch oder Luftzug der ihn von oben fortgescheucht.
-Mit unzerstörbarem Ernst schaut er nieder auf das spielende Kitz und die
-lauschende Geis.
-
-Langsam und vorsichtig hat der Jäger indeß die Büchse zurückgezogen, bis
-er mit dem Korn den nächsten Laatschenbüschel erreichen kann. Der
-Schmetterling weicht den drohenden Stacheln des grünen Busches aus, und
-flattert thalauf, und wieder richtet sich das Rohr dem heißersehnten Ziele
-zu.
-
-[Illustration]
-
-Da -- hat sein Auge irgend einen verrätherischen rückschlagenden
-Sonnenstrahl von dem blanken Lauf gefaßt? -- wirft der gefährdete Bock
-rasch den Kopf empor, und die klugen Augen haben im Nu den Ort der
-wirklichen Gefahr erkannt -- aber zu spät. Korn und Visir schmelzen gerade
-auf dem Blatt der wenig mehr als hundert zwanzig Schritt entfernten Beute
-zusammen; der Finger berührt den Stecher und mit dem Schlag, noch während
-der Bock sich vorn niederläßt, von seinem spitzen Stand hinabzusetzen,
-schlägt ihm die Kugel, schon etwas hoch, das Rückgrat über dem Blatt
-entzwei. Vergebens sucht das Thier sich mit den scharfen Läufen in den
-abschüssigen Boden einzukrallen, die Steine rollen unter ihm fort; halb
-fällt er, halb rutscht er nieder. Während ihm das Geröll polternd folgt und
-über ihn wegspringend dem nächsten Abhang zu fliegt, erreicht er unten
-den ersten festen Halt -- Steinblöcke, die Lawine oder Bergstrom da nieder
-geschmettert -- und sucht noch einmal dort sich aufzurichten. Vergebens;
-seine Kraft ist gelähmt, sein Lauf in diesen Bergen beendet, und während
-der rothe Schweiß den Boden um ihn färbt, bricht er stöhnend zusammen.
-
-Aber an ihm vorbei fliegt die Kitzgeis, den offenen Weg zur Flucht nach
-unten nicht benützend. Zwar ist sie sicher vor des Schützen Rohr, denn
-keine Kitzgeis wird in der ächt weidmännisch betriebenen Jagd geschossen,
-aber was scheucht sie denn auf einmal dort hinauf? -- Hat sich der Schall
-des Schusses in den Bergen, was oft geschieht, so gebrochen, daß sie die
-Gefahr da unten wähnt, während sie hier oben in der Nähe des Feindes droht?
-Oh nein -- das scheue Thier weiß recht gut vor wem es flieht, denn über die
-Steine unten, über Geröll und Felsenblock hinwegspringend, so rasch fast
-wie der Bock selber früher sprang, der dort verendend liegt, kommt ein
-Jäger herauf aus der steilen Schlucht.
-
-Den Bergsack auf dem Rücken, die Büchse über der linken Schulter, den
-Bergstock zum Springen über Spalte und Stein gebrauchend, wie der Rabe
-seiner Berge der den Geruch des Blutes wittert und mit raschem Flügelschlag
-schon nach dem Schuß krächzend herbeistreicht, setzt der kleine gewandte
-Bursch heran. Im Nu hat er dabei die Stelle gefunden wo das, noch einmal
-wenn auch vergebens seine letzten Kräfte anwendende Thier liegt. Büchse,
-Hut und Bergstock drückt er gleich darauf neben sich auf die Steine, das
-Messer fliegt aus der Scheide, und die sich krampfhaft streckende Beute
-stöhnt unter dem Gnadenstoß. Aber zu gleicher Zeit fast greift die eine
-Hand auch nach dem _Bart_ des verendenden Bocks, zieht die langen, mit
-weißer Spitze versehenen Rückenhaare[2] rasch und geschickt heraus, soweit
-sie sich zum Hutschmuck eben brauchen lassen, nimmt dann ein altes, schon
-mit früherem Schweiß beflecktes Stück Papier aus der Tasche, wickelt sie da
-sorgfältig hinein und birgt das in seiner Brusttasche. Jetzt erst geht
-er an das Geschäft des Aufbrechens, die Gemse dann später in dem rasch
-abgeworfenen Bergsack mit hinaus aus dem Graben zu nehmen.
-
- [2]: Der Gemsbart sitzt dem Bock nicht etwa unter dem Kinn, sondern auf
- dem untern Theil des Rückens; an derselben Stelle, wo das Wildschwein
- die längsten starren Borsten hat.
-
-[Illustration]
-
-Der Bursch da unten ist aber eine der interessantesten Persönlichkeiten
-unter sämmtlichen Jägern. Klein und fast schmächtig von Gestalt, aber
-trotzdem von zähem, nervigem Körperbau, munkelt man daß er früher, wie er
-jetzt Einer der besten, wenn nicht der beste Jäger des Reviers ist, auch
-Einer der berüchtigtsten Wildschützen gewesen sei. Jedenfalls kommt ihm
-keiner der Uebrigen gleich im Fallenstellen für alles mögliche Raubzeug,
-vom Jochgeier nieder bis zum kleinen Wiesel. Niemand lockt wie er Hasel-,
-Stein-, Schneehuhn und Birkwild, und fängt die Schnepfen und andere
-Strichvögel so geschickt in Schlingen. Auch Alles was man lebendig verlangt
-liefert er -- wohl nicht gleich, denn solch Ding erfordert Zeit -- aber
-_mit_ der Zeit gewiß und sicher.
-
-[Illustration]
-
-Wenn man von oben die kleine unansehnliche Gestalt betrachtet,
-kommt's Einem auch wohl unwahrscheinlich vor, daß das der grimmste und
-gefährlichste Feind sein sollte, den die schlauen und scheuen Thiere der
-Wildniß hier in den Bergen, in ihrem eigenen Reviere hätten; so wie er aber
-den Kopf nur umdreht glaubt man's ihm. Der ganze Schnitt des Gesichts ist
-schon dem Adler gleich, das Auge nicht groß aber lebendig und rastlos,
-nicht einen Moment an ein und derselben Stelle haftend. Die Augenbrauen
-sind dabei hoch heraufgezogen, und wie durch das stete Horchen und Wachen
-so stehn geblieben. Der kleine Ragg, wie er zum Unterschied von seinem
-Vetter, dem _großen_ heißt, sieht aus, als ob er nicht einmal im Schlaf die
-Augen schlösse.
-
-[Illustration: =Treiber an einer Wand.=]
-
-
-
-
-5.
-
-Das Treiben am Joch.
-
-
-Mit dem Riegeln -- wie diese Art Treiben genannt wird -- ist's jetzt
-vorbei. Dort drüben pfeift noch einmal eine Gems, die wahrscheinlich den
-Wind von einem der andern Treiber bekommen. Platz genug hat sie indessen
-zur Flucht, und bringt sich auch rasch in Sicherheit. Wieder hinauf
-klettern wir jetzt, von dem schmalen Steinkamm bis hinüber zum Waldeshang,
-denn hinunter zur erlegten Gemse könnte wohl kaum eins der scheuen Thiere
-selbst, so schroff und jäh läuft da der Fels hinab. Ragg wird sie schon
-hinauf zum Sammelplatz schaffen.
-
-Aber auch selbst das Aufklettern geht nicht so rasch, denn bist Du ein
-einziges Mal durch die Laatschen _aufwärts_ gestiegen, Freund, dann weißt
-Du auch was das Ding zu sagen hat. Die zähen elastischen Zweige liegen alle
-nach unten, eine Strecke erst am Boden oder einen Fuß darüber hinlaufend,
-und dann wieder in die Höhe biegend, daß sie die Büschel an den Spitzen der
-Zweige gerade und aufrecht tragen. Ein in einander greifen sie dabei, und
-wenn auch die schlanke Gemse, die nur ihre Krickeln auf den Rücken zu legen
-hat, leicht hindurch schlüpft, bleibt doch der Jäger mit seiner Büchse über
-der Schulter, mit dem Bergstock in der Hand, mit Hut und Rock und Riemen
-alle Augenblick darin hängen, und abzubrechen ist fast gar kein Zweig. --
-Nur mit dem Messer gehauen oder eingeschnitten, knickt er augenblicklich
-ab. Noch schlimmer ist es dabei, wo dürre Aeste mit dazwischen liegen;
-ein Durchkommen wird da fast zur Unmöglichkeit, oder muß Zoll für Zoll
-erzwungen werden.
-
-Und dennoch ist es, wenn nicht leichter, doch jedenfalls sicherer in den
-Laatschen auf, als abwärts zu klettern. Die zähen Büsche hängen über alle
-Abgründe weit hinaus, und wollte man rasch zwischen ihnen niedergleiten,
-da sich die weichen Zweige dem nach unten Hindurchdrängenden aus dem Wege
-biegen, wäre man jedem Augenblick der Gefahr ausgesetzt ganz
-gemüthlich vielleicht in eine fünf- bis sechshundert Fuß tiefe Schlucht
-hineinzufahren.
-
-[Illustration]
-
-Als ich den Sammelplatz endlich erreichte hatten sich, den kleinen Ragg
-ausgenommen, der noch mit seinem Gemsbock irgendwo unten im Graben stak,
-schon sämmtliche Treiber um den Herrn versammelt.
-
-Wie wundervoll die Wildniß um uns liegt. Dort drüben hebt der große
-Falke sein riesiges Haupt empor, während die gewaltigen Tannen an dem
-gegenüberliegenden Hang so niedrig aussehn wie kleine zierliche Büsche,
-und unter uns gähnt eine wilde Schlucht tief in den Graben nieder, der hier
-scharf und abschüssig viel hundert Fuß wohl jäh hinunter sinkt.
-
-Auf einem Felsenvorsprung aber, der weit über den dunklen Abgrund
-hinausragt, die Büchse über der Schulter, den Bergstock in der Hand, steht
-unser Jagdherr, und neben ihm demonstrirend und erzählend der große Ragg,
-während sich Rainer etwas kleinlaut hinter diesen gedrückt hat.
-
-Die anderen drei Jäger, von denen der eine den vom Herrn erlegten starken
-Bock im Bergsack trägt, stehen etwas weiter zurück.
-
-»Und Ihr seht jetzt daß ich recht hatte,« sagt dieser; »die drei starken
-Rudel die von unten kamen, haben alle mit einander gar nicht daran gedacht
-bis zu mir herauf zu klettern, sondern sind, wie sie das _jedesmal_ thun,
-seitwärts ausgebrochen. Haben _Sie_ etwas geschossen?«
-
-»Einen Bock« --
-
-»Nun ja, ich auch einen, und die andern Freunde sind gar nicht zum Schuß
-gekommen, während wenigstens vierzig Gemsen in dem Treiben waren.«
-
-Rainer spricht kein Wort, Ragg hingegen, der ganz ungleich seinem Vetter
-nie eine Gelegenheit vorüber gehn läßt seine Meinung, lebhaft dabei
-gesticulirend, zu sagen, will sich auf eine nähere Beschreibung des
-Treibens einlassen -- es ist die Elster unter den Jägern. Diesmal aber
-wird er unterbrochen, das zweite Treiben rasch besprochen, und fort geht's
-wieder, die steilen Höhen hinan, ein Treiben an der Nordseite des Jochs,
-im sogenannten Ochsenthal zu machen, wo nur ein paar gezwungene Wechsel
-den Gemsen bleiben sich zu retten und die schützenden Dickichte wieder zu
-erreichen.
-
-Ein wilder rauher Marsch war das jetzt den steilen Hang hinauf, bald in
-überbiegende Laatschen hinein, bald an steilem Felsgeröll emporklimmend.
-Einer hinter dem Anderen her, oder seitwärts auch ausbiegend, einen
-bequemeren Aufweg zu finden. Der Stock nützt dabei gar wenig, und ist oft
-nur im Weg; die Laatschenzweige sind dagegen treffliche Hülfen und oft,
-wenn ein lockerer Stein losbröckelt, schützt die rasch ergriffene Laatsche
-den Steigenden vor einen bald mehr bald weniger gefährlichen Fall.
-Unverdrossen aber, nur das eine Ziel, die Höhe im Auge, wird jede
-Schwierigkeit besiegt, und nach drei Viertelstunden schweren Steigens etwa
-haben wir endlich das ersehnte Joch erreicht.
-
-Bald ist hier Alles besprochen, die Schützen sind vertheilt, die Treiber,
-die sich auf den kahlen Felsen an bestimmten Punkten nur zu zeigen, und ein
-paar Steine hinab zu werfen haben, sind abgegangen und Jeder hat sich,
-so gut das eben auf dem offenen Terrain gehen will, hinter irgend einen
-Felsblock, einen einzelnen Laatschenbusch, oder eine sonstige Erderhöhung
-gedrückt.
-
-Da rasselt's da drüben an der Wand, Steine rollen und kleine dunkle Punkte,
-nicht größer wie Ameisen, springen blitzschnell über die lichten Wände hin.
-
-Mit dem Fernrohr, nach Büchse und Bergstock das wichtigste Instrument für
-dem Gemsenjäger, suchen die Schützen indessen das Terrain, das sie übersehn
-können, ab. -- Unerwartet kann ihnen überhaupt hier kein Wild kommen,
-denn der steinige, rauhe Boden verräth es schon aus größere Entfernung.
-Da drüben ist ein dunkler Punkt an der nämlichen Wand über der der erste
-Treiber sichtbar wurde -- richtig es ist ein alter Bock, der sich hier
-unter einen Felsvorsprung gestellt hat, nach unten hin aufmerksam die
-springenden Gemsen betrachtet, nach oben ganz erstaunt hinauf horcht, woher
-auf einmal all die großen dicken Steine kommen, von denen er freilich,
-g'rad wo er steht, wenig zu fürchten hat.
-
-Dort und da wird es jetzt lebendig. Ueber den tiefen Thalgrund des
-weiten Felsenkessels springt das stärkste Rudel grade dort hinauf, wo der
-fürstliche Jäger, die Büchse im Anschlag, fest hinter einen hohen Stein
-gedrückt steht. Näher und immer näher kommen sie hinan -- der Wind schlägt
-auf und sie wittern nicht die Gefahr der sie sich nahen. Prachtvoll
-sieht es dabei aus, wie die dunklen schlanken Thiere an den lichtgrauen
-Steinwänden hin und aufwärts setzen. Jetzt bleibt die Leitgeis auf einer
-vorspringenden Zacke mit dicht zusammen geschobenen Schaalen stehn und
-sichert umher. -- Aber nicht lange braucht sie nach der vermutheten Gefahr
-zu suchen -- der Treiber dort oben auf dem nackten Joch schwenkt den Hut
-nach ihnen hinüber; seine ganze Gestalt zeichnet sich ihnen scharf und
-rein gegen den blauen Himmel ab, und fort stürmen sie wieder, geschützteren
-Platz zu erreichen und aus so gefährlicher Nähe zu kommen -- die armen
-Dinger.
-
-Jetzt setzen sie die Schlucht hinauf an dessen oberem Ende der Jagdherr
-steht -- kaum fünfzig Schritt an ihm vorbei springt das Leitthier -- hält
-einen Augenblick auf dem Kamm, sieht den neuen Feind, thut einen scharfen
-Pfiff und verschwindet an der andern Seite des Jochs. -- Und kein Schuß?
--- noch eine Gems und noch eine folgen ihr und jetzt -- eine kleine blaue
-Wolke steigt hinter dem Felsen auf -- jetzt noch eine, und zwei Gemsen sind
-schon lange zusammengeknickt und von der steilen Höhe niedergerollt, als
-der dumpfe Knall der Büchse sich erst donnernd an den Wänden bricht, und in
-das Thal seine Schallwellen niederwälzt. -- Wie die übrigen Thiere stutzen
-und schrecken -- aber die Leitgeis ist voraus, der _müssen_ sie folgen, und
-nach drängt deshalb, trotz dem Schuß, der ganze Trupp, nur einen scheuen
-Bogen um die gestürzten Kameraden beschreibend.
-
-Wieder steigt in zwei kurzen Stößen der blaue drohende Dampf empor, und
-wieder taumelt eine Gemse. Wild vorbei stürmen die entsetzten Thiere. Aber
-noch ist der Donner nicht verhallt als auf's Neue die tödtliche Kugel ihr
-Opfer sucht.
-
-Sechsmal hat es aus den drei Doppelbüchsen gesprochen und drei Gemsen
-liegen verendet auf dem Platz und schwer verwundet schleppten sich zwei
-andere noch über das Joch hinüber, davon eine der Hund nach kurzer Suche
-in einem Laatschenbusche antrifft und niederreißt. Die andere ward später
-verendet gefunden.
-
-Die übrigen Rudel brachen zwischen den Treibern durch, und nur der eine
-alte Bock war halsstarrig in seinem wohlversteckten Platz stehn geblieben,
-bis die Jäger ihn längst passirt hatten. Dann drehte er sich um und
-verschwand plötzlich in einer der zahlreichen Spalten, wie in die Wand
-hinein.
-
-Und nun der fröhliche Heimzug von der Jagd! Rasch sammeln sich die Jäger,
-guter Dinge daß der mühselige »Trieb« gelungen; brechen das erlegte Wild
-auf, und werfen es aus, thun sorgfältig das gesammelte Feist wieder hinein,
-packen die Gemsen in ihre Bergsäcke, und heimwärts geht es jetzt, am Rücken
-des Jochs auf einem ziemlich guten Pirschweg hin.
-
-[Illustration]
-
-Ihr Tagewerk war aber auch kein leichtes, und wer ihnen zusieht wie sie an
-den steilen Wänden hinlaufen, oft über Abgründen hängen wo der geringste
-falsche Tritt sie rettungslos in die Tiefe schickte -- denn ein Anklammern
-wäre da nicht mehr möglich -- wie sie jetzt im Schweiß ihres Angesichts
-durch ein Laatschendickicht arbeiten, jetzt über das Geröll einer Reißen
-klettern und immer munter, immer vergnügt dabei, der muß die Leute wahrlich
-bewundern. Und trotz den oft furchtbaren, jedenfalls höchst mühseligen
-Wegen die sie zu steigen haben, achten sie nicht blos auf ihren schmalen
-Pfad, nicht blos auf das Wild, das sie dort losgehen sollen, nein ihr Auge
-späht zugleich, sorglos um die Gefahr die sie umgiebt, nach dem spärlich,
-und nur an den wildesten rauhsten Stellen wachsenden Edelweiß, nach einer
-einzelnen, vom Sommer übrig gebliebenen Scabiosa, nach einem tiefblauen
-Enzian oder einer in dieser Jahreszeit sehr seltenen Alpenrose, mit diesen
-Blüthen, neben Spielhahnfedern und Gemsbart ihren Hut zu schmücken.
-
-Der Bruch von einer Laatsche an Mütze oder Hut ist heute das Siegeszeichen
-der gelungenen Jagd, und das Behagen erreicht den höchsten Grad, wenn
-Abends die erlegten Gemsen am Pirschhaus oder der Almhütte mit den Krickeln
-oben am Dach eingehakt zur Zierde, als ebensoviel wohlerworbene Trophäen
-hängen.
-
-[Illustration: =Die Berathung.=]
-
-[Illustration: =Nach dem Treiben.=]
-
-
-
-
-6.
-
-Die Pirsche.
-
-
-So prachtvoll eine solche Treibjagd ist, besonders wenn man von irgend
-einer vorspringenden Stelle aus den größten Theil derselben mit dem darin
-aufgescheuchten Wilde übersehen kann, soviel interessanter ist die Pirsche.
-Bei dem Treiben ist der Jäger vom Wild abhängig, ob es ihn gerade annehmen
-will, und darf seinen Stand nicht verlassen, den ganzen »Bogen« nicht zu
-stören. Bei der Pirsche sucht er selber das Wild auf, und es hängt
-dann, allerdings neben vielem Glück, doch auch viel von seiner eigenen
-Geschicklichkeit und Umsicht ab, ob er zum Schuß kommen wird oder nicht.
-Hier in den Bergen ist die Pirsche freilich weit beschwerlicher, und in
-mancher Hinsicht auch gefährlicher, als im Walde unten, denn die alten
-Gemsböcke suchen sich am allerliebsten die rauhsten Wände in den Klammen
-aus, in die sie sich hineinstellen, und von wo aus sie eine weite Strecke
-überschauen können -- und dort muß sie der Jäger finden und beschleichen.
-
-Für den Wildstand selber ist aber, besonders wenn eine gewisse Anzahl
-Gemsen abgeschossen werden soll, das Treiben weit besser als das öftere
-Pirschen. Beim Treiben wird ein Revier einmal durchgegangen, und hat dann
-Ruhe -- kehrt die aufgescheuchte Gemse nach einigen Tagen auf ihren Stand
-zurück, so findet sie denselben gewohnten Frieden und bleibt. Wird dagegen
-oft durch ein und denselben Platz gepirscht, so verjagt der Jäger, wenn er
-selber auch vielleicht gar Nichts oder nur wenige Stück zu sehn bekommt,
-und scheinbar ganz unbemerkt den Berg durchschlichen hat, doch viel Wild.
-Was den Wind von ihm bekommt flieht fast noch ängstlicher, als was ihn
-selber sieht, und einen schärferen Geruchssinn als die Gemse, hat wohl kein
-Säugethier weiter auf Erden, möge es, welcher Gattung es wolle angehören.
-
-Beim Pirschen hängt das Meiste davon ab früh aufzubrechen. Die Gemse,
-ziemlich wie anderes Wild, äst sich Morgens von Tagesanbruch bis etwa
-um acht oder neun Uhr, und thut sich dann bis ziemlich genau um zwei Uhr
-nieder. Zu dieser Zeit steht sie wieder auf, beginnt aber erst gegen Abend
-recht lebendig zu werden.
-
-In der Brunftzeit, die bei kalter Witterung schon gegen Ende Oktober, bei
-warmer erst mit dem Monat November beginnt, läuft der Bock allerdings
-den ganzen Tag herum, äst sich dann aber nur sehr wenig und paßt
-außerordentlich auf.
-
-Beim Pirschen ist es nun allerdings stets und unter jeder Bedingung
-am besten, _ganz_ allein zu sein. _Ein_ Mann macht schon überdies beim
-Anschleichen Geräusch genug, und zwei verderben oft die Jagd. In den Alpen
-aber und auf vollkommen fremdem Revier, noch dazu für den Fall daß etwas
-erlegt oder angeschossen wird, bleibt ein Begleiter ein nothwendiges Uebel.
--- Und doch ist es auch wieder eine eigene Lust mit einem solchen Tyroler
-Gemsjäger im stillen Wald, in den wilden Bergen pirschen zu gehen.
-
-Diese vor allen anderen sind auch die einzigen und ächten deutschen
-Indianer, -- nur daß sie Schuh und Kleider tragen. Abgehärtet gegen Frost
-und Hitze, wie nur ein Wilder sein kann, mäßig in ihrer Lebensart bis zum
-Aeußersten, einfach in ihren Sitten, leidenschaftlich ihrer Jagd ergeben
-und darin Meister -- was um Gottes Willen könnte man von einem wirklichen
-Indianer mehr verlangen. Auch ihre Farbe ist nicht viel, wenn überhaupt,
-lichter, als die einiger Stämme der Südsee, und was ihre Sinne betrifft, so
-haben sie jene Wilden schwerlich schärfer. Nur im Anschleichen könnten sie
-von ihnen lernen.
-
-Wie der Pfeil vom Bogen, und dabei geräuschlos wie die Nachteule auf ihre
-Beute stößt, gleitet der Indianer, jeden nur irgend möglichen Vortheil des
-Terrains benutzend über den Boden hin. Der Bergbewohner ist plumper -- er
-tritt fester auf und sein Schritt, auch wenn er sich noch so viele Mühe
-giebt leise zu gehen, ist dennoch schwer. Natürlich tragen da die schweren,
-eisenbeschlagenen Schuhe das Ihrige dazu bei. Aber eine Wonne ist es, zu
-sehn wie so ein Gemsjäger den Wind nimmt, wie sein Blick gleichzeitig über
-jede Blöße an den Hängen als auch über den Boden schweift die Fährten zu
-beachten; mit welcher Aufmerksamkeit er dabei jedem Geräusch horcht und wie
-er, mit einem Worte, so ganz Jäger ist. Jede Bewegung an ihm ist Natur, und
-wie der Adler oben in seinem Element auf ruhendem Fittig kreist, wie der
-Fisch im Wasser schwimmt, wie das Reh zierlich und leicht durch den Wald
-tritt, so leicht und unbehindert, so ganz in _ihrem_ Element, steigen
-dieses Kinder der Berge Fels auf und ab, über schräg wegsinkende Lannen,
-über bröckelndes Gestein, immer mehr um sich nach Wild, als auf ihren
-gefährlichen Pfad schauend.
-
-Aber jetzt fort, drüben die hohen Joche, wenn auch im Thal unten noch
-dunkle Nacht liegt, zeigen schon den dämmernden Morgen, und kalt und
-frostig zieht uns der erste Sonnengruß durch die Glieder. -- Sonderbar ist
-es in der Natur, daß _vor_ dem warmen Licht der Sonne die Luft erst noch
-einmal recht kalt, daß vor dem dämmernden Tag die Nacht erst noch einmal
-_recht_ dunkel wird.
-
-Unseren Pfad können wir jedoch schon erkennen -- ein guter Pirschsteig
-läuft am Hange hin, und gerade mit Büchsenlicht kommen wir dann an
-die besten Stellen im Revier -- _zu_ früh kann man da fast gar nicht
-aufbrechen.
-
-Mein Begleiter ist diesmal -- den ich schon früher erwähnt habe -- die
-Elster unter den Jägern: der große Ragg. -- Er spricht allerdings viel
--- wenn man ihn läßt; aber was sein »Handwerk« angeht, wird er darin
-vielleicht nur von seinem Vetter übertroffen. Wo übrigens nicht gesprochen
-werden darf, weiß er auch recht gut zu schweigen und vielleicht nur in
-dem ernsten stillen Wesen der übrigen Bergjäger scheint das bei ihm
-Schwatzhaftigkeit, was man im flachen Lande gar nicht bemerken würde. Die
-Berge sind in der That nicht der Ort zum Sprechen. Die stille Ruhe um uns
-her fordert zu gleichem Schweigen auf, und jedes, selbst geflüsterte Wort,
-scheint den heiligen Frieden dieser Wildniß zu stören.
-
-[Illustration]
-
-Und hier ist wirklich noch _Wildniß_, denn _Urwald_ umgiebt uns in all
-seiner einsamen Pracht. Kein Holz wird hier geschlagen; der alte morsche
-Baum bricht über seiner Wurzel zusammen und fault wo er gewachsen und
-gestanden. Wo der Föhn oftmals ganze Strecken dieser vielarmigen Waldriesen
-niedergestreut, liegen sie toll und bunt über einander hin gesäet, und was
-eben wachsen will und kann, bricht sich zwischen ihnen hinaus die junge
-Bahn.
-
-Aber der umgestürzte Baum hat für uns in diesem Augenblick nur insofern
-Interesse, als er mit seinem dichten Wipfel vielleicht eine sich dahinter
-äsende Gemse deckt. -- Jeder Stein wird mistrauisch betrachtet, jedes
-raschelnde Laub bannt den Horchenden an die Stelle, und erst dann schleicht
-er weiter, wenn er sich überzeugt hat daß kein Wild Ursache des Geräusches
-war. Wie ein paar Verbrecher, mit dem erbärmlichsten Gewissen von der Welt,
-vor jedem fallenden Blatt erschreckend, vorsichtig und ängstlich nach dem
-geringsten fremden Ton hinüber horchend, schleichen wir so dahin -- langsam
-mit dem umgedrehten Bergstock nieder fühlend, daß er keinen unzeitigen
-Lärm mache, sorgfältig den eisenbeschlagenen Schuh auf das Geröll im Pfad
-niedersetzend und jeden dürren Zweig, jedes gelbe Blatt dabei vermeidend
--- sind es doch lauter Verräther, und nur zu rasch geneigt ihren alten
-Bekannten und Freunden, dem scheuen Wild, Nachricht zu geben daß Jemand
-naht, der da nicht hingehört.
-
-So ein dürrer Zweig ist auch wirklich oftmals schlimmer als ein
-Telegraphendraht. Er knickt unter dem ungeschickten Fuß -- der Jäger bleibt
-erschrocken stehn und wagt sich nicht zu rühren -- aber das Unglück ist
-schon geschehn. Ein Alt-Thier vielleicht, mit dem man gar nichts zu thun
-haben will, das aber hinter einem Dickicht irgendwo gestanden, hört das
-fatale Geräusch und wird aufmerksam. Sehn kann es dabei Nichts, aber der
-Verdacht ist einmal gefaßt -- vielleicht trägt gerade jetzt auch ein sehr
-unnützer Windzug die Witterung dort hinüber, und schreckend, mit Tönen die
-man über eine halbe Stunde weit hört, setzt es den steilen Hang hinab, und
-macht den ganzen weiten Berg rege. An Pirschen ist in _der_ Gegend dann
-weiter gar nicht zu denken.
-
-Aber wir ziehen vorwärts. -- Da drüben zeigen sich die nackten Felsen einer
-weitausgebrochenen Klamm, und dort stellen sich die Gemsen am liebsten ein.
-Zwischen dem Geröll wächst spärliches, aber sehr süßes Gras, und ziemlich
-offenen Raum haben sie zugleich, nach oben und unten auszuschauen.
-Besonders sind diese Klammen ein Lieblingsplatz der alten Böcke, und denen
-stellt man ja auch vor Allen nach.
-
-Hier ist aber eine Hauptsache der _Wind_. Wenn dieser auf jeder Jagd eine
-sehr bedeutende Rolle spielt, und bei Treibjagen wie Pirsche stets darauf
-Rücksicht genommen werden muß, da man das Wild _mit_ dem Wind nun einmal
-nicht beschleichen _kann_, so ist das noch viel mehr auf der Gemsjagd der
-Fall. Man hat es hier nämlich nicht allein mit einem Wild zu thun, dem an
-Geruchssinn kein anderes gleich kommt, sondern die Gebirge selber haben in
-ihren Luftströmungen so viele Eigenheiten, daß der mit ihnen nicht betraute
-Jäger nur wirklich zufällig einmal ein Stück zum Schuß bekommen würde.
-
-Ziemlich regelmäßige Luftströmungen sind thalauf und thalab, Seitenwinde
-finden fast nie, oder nur höchst selten statt. Im Schatten zieht dabei der
-Wind stets _nieder_; in der Sonne _auf_wärts, und zwar aus sehr natürlichen
-Gründen: die von der Sonne erwärmte Luft strebt nach oben, die kältere
-drängt sich ins Thal hinab. Ehe die Sonne über die Berge steigt, und
-auf den Hängen, die sie nicht bestreicht, oder nicht erreicht hat, zieht
-deshalb die Luft stets bergab, und oben an einem Joch hingehend, würde
-man wenig oder gar Nichts zu Schuß bekommen. Man muß sich deshalb tiefer
-halten, nach aufwärts sehn zu können, und was oben steht, kann man dann
-auch leicht beschleichen -- ist wenigstens sicher daß man den Wind von dort
-herunter bekommt. Steigt dann die Sonne, nimmt man den Rückweg oben hin,
-und hat denselben Vortheil wie vorher.
-
-Beim Treiben läßt sich diese Eigenschaft besonders gut benutzen, da man
-im Stande ist sich den Wind auszusuchen, je nachdem man in eine kühle
-schattige Schlucht, oder auf den sonnenbeschienenen Rücken irgend eines
-Felsens tritt.
-
-Da es noch früh am Morgen und kühl und frisch war, wo der Wind natürlich
-scharf nach unten zog, hielten wir uns ziemlich tief, verließen, sobald
-es nur ordentlich hell im Wald geworden, den Pirschpfad und kletterten
-vorsichtig den grasigen mit Kiefern und Krummföhren überwachsenen Hang
-hinab.
-
-Wie das so still im Walde war -- weit von drüben herüber, von der andern
-Seite des Rißthales klang der tiefe Schrei eines Brunfthirsches her
--- sonst fast kein Laut. -- Doch halt ja -- dort oben wo jene schmale
-Felsenwand so hoch emporstieg und mit ihren grauen Seiten durch die Bäume
-schimmert, balzte ein Birk- oder Spielhahn mit weichen, melodischen Kullern
--- aber die Jäger hören das zu dieser Jahreszeit nicht gern, denn es soll
-schlechtes Wetter deuten.
-
-Jetzt haben wir beinah die Klamm erreicht, Ragg wird immer ängstlicher im
-Gehen, und jeder Schritt weiter zeigt auch schon mehr und mehr die helleren
-Felsen, die übereinander geschichtet und aus gewaltigen Blöcken bestehend,
-bis fast oben unter das Joch hinauf ragen. Längst schon haben wir den
-Pirschweg verlassen, und steigen lautlos nebeneinander hin, Jeder vollauf
-damit beschäftigt den Ort auszusuchen wohin er den Fuß geräuschlos setzen
-kann, und hat er den gefunden, einen raschen forschenden Blick umher zu
-werfen. Da plötzlich packt er meinen linken Arm und die vorsichtig und
-langsam ausgestreckte Hand deutet nach vorn. Der Richtung zu liegt dort
-ein dichter Laatschenbusch und der eine Zweig -- wahrhaftig da drin steht
-irgend ein Stück Wild, was es auch sei -- der eine Zweig bewegte sich, als
-ob irgend etwas Schweres dagegen drückte. _Was_ für Wild, war natürlich
-noch nicht zu erkennen.
-
-Leider lag der Busch etwas unter uns, und links abbiegend, von unten herauf
-dahin zu kommen, krochen wir jetzt mehr als wir gingen der Stelle zu. Die
-Gegend dort war wie gemacht zum Anpirschen, und lockere Felsblöcke, und
-umgestürzte, halb verdorrte Stämme bildeten ebensoviele Schutzwehren für
-den anschleichenden Jäger. Vorsichtig benutzte ich auch das Terrain nach
-besten Kräften, und leise, nachdem ich vielleicht zwanzig Schritt auf den
-Knieen gekrochen war einen schräg auflaufenden Fels zu erreichen, hob ich
-langsam den Kopf und sah hinüber.
-
-»Mord!« war der mehr gedachte als gemurmelte Fluch, als ich mich plötzlich
-einem starken Spießhirsch auf kaum vierzig Schritte gegenüber sah, der
-sich hier so ruhig äste, als ob nicht ein scharfgeladenes Rohr hinter dem
-nächsten Steine lauerte, und sein leckeres Mahl hätte bös versalzen können.
-Aber Hirsche wurden natürlich in dieser Jahreszeit nicht geschossen und der
-übrigens ziemlich stark und feist aussehende Bursche hätte uns die ganze
-Jagd verderben können.
-
-Vorsichtig vor allen Dingen wieder hinter meinen Stein zurückkriechend,
-telegraphirte ich dem mir aufmerksam zuschauenden Ragg die unangenehme
-Botschaft hinunter, und dieser kam jetzt langsam heraufgeschlichen. -- Was
-nun thun? Zeigten wir uns, so brach der derbe Bursche hier ganz in der Nähe
-der Klamm durch das Dickicht, und wenn er nicht einmal schreckte, warnte er
-doch jedenfalls alle dort herum stehenden Gemsen, und verdarb uns die Jagd.
-Es blieb uns nichts anders übrig als ihm aus dem Weg zu gehn, und mit einer
-Aufmerksamkeit und zarten Rücksicht für seine Ruhe und ungestörte Mahlzeit
-die ihn hätte innig rühren müssen, wenn es ihm nur verstattet gewesen wäre
-uns zu beobachten, krochen wir jetzt zurück wie wir hinaufgeschlichen,
-tiefer hinab ihm aus den Weg zu kommen.
-
-[Illustration]
-
-Das gelang auch vollkommen und etwa vier- oder fünfhundert Schritt tiefer
-unten näherten wir uns endlich dem wirklichen Rand der Klamm, der gerade
-an dieser Stelle von einem mit Laatschen bewachsenen Felsenvorsprung
-überhangen wurde.
-
-Zum Abäugen gab es keinen bessern Platz, und vorsichtig krochen wir, die
-Hüte und Stöcke abgelegt, ich nur mit der Büchse im Anschlag hinaus, die
-untere Schlucht von hier zu übersehen.
-
-Dort stand ein Bock -- da drüben an der Wand, gleich unter ein paar kleinen
-mit gelbem Laub noch spärlich bedeckten Espen. Das wenige Gras abäsend,
-das in der Spitze von zwei dort von verschiedenen Seiten niederspringenden
-Bächen wuchs, ging er langsam umher, vorsichtig dabei oben hinauf windend,
-und den Blick zugleich, mit dem halb schräg gedrehten Kopf, nach der Tiefe
-drehend. Aber er schien das mehr aus alter Gewohnheit zu thun, als daß
-er wirklich eine Gefahr gefürchtet hätte. Der Morgen war so still, die
-Schlucht lag so ruhig, und so lange hatte Nichts den Frieden hier gestört
--- armer Bock -- es geht uns Menschen eben so. Die Gefahr naht gerade da am
-liebsten, wo wir sie am allerwenigsten erwarten, und gut für uns dann, wenn
-sie uns gerüstet findet.
-
-Unser Schlachtplan war bald entworfen. Ragg wollte zwar gern, wie es
-gewöhnlich die Jäger in den Bergen thun wenn zwei zusammen pirschen
-gehn, mich hinunter auf den Wechsel schicken, und dann selber oben hinum
-schleichen und dem Bock in den Wind kommen, oder sich auch zeigen, wodurch
-er ihn mir dann vielleicht hinunter getrieben hätte. Durch das Anpirschen
-an den verwünschten Spießer war aber schon ein guter Theil des Morgens
-verloren gegangen, und da er einen tüchtigen Umweg hätte machen, und ich
-selber an die andere Seite der Klamm hinüber klettern müssen, an der der
-Wechsel lag, blieb es immer die Frage, ob wir nicht doch zu spät kommen
-würden. Ueberdies äste sich der Bock gegen den Wind hinauf. So beschloß ich
-denn mein Glück mit Anschleichen zu versuchen und rasch zogen wir uns jetzt
-von unserem Ausguck zurück, unterhalb desselben eine gedeckte Stelle zu
-finden an der ich in die schroffe Klamm hinabsteigen konnte.
-
-Das gab ein bös Stück Arbeit. Durch einen ziemlich weit hineinragenden
-Vorsprung gleich unterhalb verdeckt, war allerdings hier keine Gefahr daß
-uns der Bock hätte sehn können, und den Wind bekam er eben so wenig, denn
-der wehte noch scharf und stät die Klamm nieder, aber wie an einer Wand
-ging es hinab, und mit der Büchse auf dem Rücken, die den Ungeübten oft im
-Klettern hindert, war die Sache doch viel leichter berathen als ausgeführt.
-Ueberdem steigt es sich zehnmal besser bergauf, als in die Tiefe nieder.
-Aber dort stand der Bock und hinunter mußte ich; so die Zähne zusammen
-beißend und den Bergstock, als treuen Helfer fest in den steinigen, mit
-lockerem Geröll bedeckten Boden stemmend, ging die Fahrt zu Thal. Manchmal
-löste sich, trotz aller Vorsicht, ein kleiner Stein, und rollte polternd
-in die Tiefe, aber theils waren wir noch zu weit von der Gemse entfernt,
-theils achten auch die Thiere auf _dies_ Geräusch, das sie in den Bergen
-gewohnt sind, nicht sonderlich viel. Fortwährend lösen sich in diesen
-steilen Hängen, besonders nach feuchtem Wetter, kleine und größere Steine
-los, und auf den größeren Reißen klappern sie fast ununterbrochen fort.
-
-Hier nun eine Laatsche ergreifend, mit Hülfe ihrer zähen Zweige ein Stück
-hinab zu kommen, dort mit dem eingestemmten Stock niederrutschend und jeden
-vorspringenden Stein aufmerksam benutzend, den Fuß darauf zu ruhen, kamen
-wir endlich glücklich unten an. Ob der Bock freilich noch oben stand oder
-nicht, ließ sich von da aus nicht mehr erkennen. Da er sich aber dicht an
-dem sprudelnden Bach geäst, wo das Geräusch des Wassers schon selber Vieles
-übertäubt, hatten wir die Hoffnung daß er unsere Niederfahrt nicht gehört,
-und folgten nun selber dem Bach rascher und zuversichtlicher aufwärts.
-
-So leicht und glatt jedoch dieser Theil des Weges von oben ausgesehn hatte,
-so schwierig fanden wir ihn hier. Riesige Felsblöcke lagen überall umher
-zerstreut, und hie und da schlossen die Wände diese so eng ein, daß sich
-das Wasser über sie hin den Weg bahnte -- und diesem schlüpfrigen Pfad
-mußten wir folgen. Was that's -- wenn nur der Fuß und Bergstock sich da
-einklammern konnte, die Nässe kümmerte uns Nichts, und mühselig aber doch
-ziemlich rasch arbeiteten wir uns aufwärts.
-
-»Dort stehn die Espen,« flüsterte mir da mein Begleiter zu; und schon
-konnten wir die Wipfel der beiden kleinen Bäume, dicht über denen wir den
-Bock zuletzt gesehn, auf ungefähr zweihundert Schritt Entfernung erkennen.
-
-Wie mir das Herz da an zu klopfen fing -- wie der Athem so schwer wurde
--- aber vorwärts. Jeder Augenblick nutzlosen Säumens konnte uns das Wild
-verlieren lassen, und der ganze mühselige Weg wäre umsonst gewesen.
-
-[Illustration]
-
-Hier lief die Schlucht auf kurze Strecke glatt und gerade aus, und gleich
-darüber zog sich ein kleiner, spärlich mit Laatschen und Erlen bewachsener
-Hang empor. Dem mußten wir folgen. Der Boden war auch weich hier und zum
-Anpirschen trefflich, und von dem oberen Theil des Hangs blieb höchstens
-noch eine Strecke von etwa sechzig Schritt bis zu den Espen. In wenigen
-Minuten war die zurückgelegt. --
-
-Jetzt hatte ich den höchsten Punkt erreicht -- ein paar Felsblöcke dicht
-vor mir sperrten noch die Aussicht auf den kleinen Grasfleck auf dem der
-Bock stehen mußte, wenn er nicht schon vorher das Weite gesucht; aber zu
-ihnen anpirschend brachten sie mich ihm auch soviel näher. -- Mir war dabei
-zu Muthe, als ob mir Jemand die Kehle mit Gewalt zuschnüre; ich konnte
-keine Luft bekommen und drückte mich hinter dem einen Felsen nieder, erst
-wieder ruhig zu werden.
-
-Ragg sah aber die Bewegung, und als ich den Kopf nach ihm umdrehte
-geberdete er sich, ohne jedoch den geringsten Laut von sich zu geben, wie
-ein Rasender. Vorsichtig auf den Boden niedergedrückt, gesticulirte er
-nämlich mit beiden Armen auf alle mögliche Art und Weise daß ich schießen
-solle; er hatte jedenfalls den Bock gesehn. -- Zeit war auch in der That
-nicht mehr zu verlieren, und die Zähne aufeinander beißend, spannte ich
-rasch und geräuschlos die Büchse, nahm sie in Anschlag und -- da prasselte
-und polterte es in den Steinen, der Bock ging flüchtig, und wie ich jetzt
-mit einem verzweifelten Satz hinter dem mich bergenden Steine vorsprang,
-sah ich eben noch, wie einen Schatten, den schwarzen Körper des Wildes im
-Laatschendickicht verschwinden.
-
-»Jesus Maria und Joseph!« hörte ich hinter mir die verzweifelte Stimme
-meines Begleiters, aber ohne mich nach ihm umzusehn, übersprang ich rasch
-den kleinen Grasfleck, von dort aus vielleicht den Bock noch irgendwo an
-der Wand, wenn auch flüchtig, erkennen zu können. So rasch vermochte er
-doch nicht daran hinauf zu laufen, daß ihn die Kugel nicht noch erreicht
-hätte. Da bröckelte gerad' über mir ein Stein, und wie ich aufschaute sah
-ich den Bock der eben an der Spitze einer niederlaufenden Laatschenzunge
-einen kleinen Vorsprung erreicht, dort einen Augenblick hielt und seinen
-scharfen warnenden Pfiff ausstieß. Gerade als er sich wandte, mit einem
-Satz das schützende Laatschendickicht, das ihn jeder weiteren Verfolgung
-entzogen hätte, zu gewinnen, schickte ich ihm meine Kugel hinauf. Als sich
-der Rauch verzog, war er verschwunden.
-
-»Den haben Sie heilig gefehlt!« schrie aber jetzt der herbeispringende
-Ragg, und machte Bewegungen dabei als ob er sich nur erst geschwind die
-Arme ausrenken wollte, ehe er aus der Haut führe.
-
-Ich hatte zu rasch gezielt meiner Sache ganz sicher zu sein, und mochte
-wohl etwas kleinlaut aussehn.
-
-»Aber um Gottes Willen, haben Sie ihn denn nicht gesehn, wie er da
-hinter dem Steine stand? -- breit -- _so_ Sie hätten ihn mit einem Stein
-todtwerfen können.«
-
-»Aber ich stak ja auch hinter den Steinen, Ragg, und konnte ihn von dort
-aus nicht sehn.«
-
-»O Jesus, o Jesus!« lamentirte der Jäger und schlenkerte den Kopf herüber
-und hinüber.
-
-Der scharfe Pfiff einer Gemse, oben aus den Laatschen antwortete ihm.
-
-»Na ja, da geht er hin -- dem thut kein Haar weh!«
-
-»Aber wollen wir nicht einmal auf den Anschuß sehn? Ich _muß_ ihn getroffen
-haben.«
-
-Ragg erwiederte Nichts, seufzte nur tief auf, drückte den Hut -- den er
-abgenommen hatte sich bequemer kratzen zu können -- wieder auf den Kopf,
-warf sich die Büchse um und stieg mit einer Miene die steile Wand hinauf,
-als ob er hätte sagen wollen: -- »Na ja, nachsehn muß ich, das ist meine
-Schuldigkeit, aber die Gemse die ich da oben finde, freß ich mit Haut und
-Haar.«
-
-»Und soll ich nicht mitgehn, Ragg?«
-
-Er schüttelte mit der Hand -- das gewöhnliche Zeichen für _nein_ unter den
-Jägern und setzte dann, sich halb umdrehend hinzu -- »es geht sich hier
-nicht besonders bequem, und wir müssen doch nachher an die andere Seite der
-Klamm hinüber.« --
-
-»Es geht sich hier nicht besonders bequem,« -- es war eine völlig
-senkrechte, etwa sieben Fuß hohe Wand, an der er sich nur mit Hülfe einiger
-kleiner Laatschenbüsche hinaufarbeitete. Ueber dieser hatte er aber etwas
-bequemere Bahn, und während ich ihm von unten zusah, und meine Büchse
-dabei wieder lud, erreichte er den Platz auf dem die Gemse, als ich feuerte
-gehalten. Er blieb oben aufrecht stehn, und sah sich rings am Boden um.
-
-[Illustration]
-
-»Ein klein wenig mehr links, Ragg!«
-
-Das fatale Schütteln mit der Hand war die einzige Antwort. _Gefehlt!_
-es war wirklich zum aus der Haut fahren, und _damit_ die ganze schöne
-Morgenpirsche verdorben, denn hier in der Klamm war nun Nichts mehr zu
-machen. Plötzlich bog er sich auf den Boden nieder und hob ein Blatt auf,
-das er genau besah, und mit dem Finger abwischte. Um mein Leben gern
-hätt' ich gerufen »Schweiß?« -- aber ich fürchtete das nichtswürdige
-Handschütteln. In dem Augenblick war Ragg auch in den Laatschen
-verschwunden, und in peinlicher Ungewißheit blieb ich in der Klamm zurück.
-
-Da bröckelte weiter oben ein Stein. -- Etwa hundert Schritt höher die Klamm
-hinauf, wo sich ein Arm derselben rechts ab und in das Joch hineinzog,
-war ein anderer kahler Vorsprung -- dort hing Ragg am oberen Rande und
-schwenkte den Hut.
-
-»Der Bock?«
-
-»Hier liegt er!«
-
-Wie ich die Wand hinaufgekommen bin weiß ich heute noch nicht, aber oben
-war ich, und dort lag der Bock -- ein prächtiger starker, etwa vierjähriger
-Bursche, gerade auf's Blatt geschossen -- aber _ohne_ Bart. Die langen
-Rückenhaare schienen gänzlich zu fehlen. Freilich auf sehr natürliche Art,
-denn Ragg hatte sie schon, wie sein Vetter früher, in Papier gewickelt in
-der Tasche -- mußte sie indessen ebenfalls wieder herausgeben.
-
-Den Bock schafften wir jetzt zusammen zum Wasser hinunter, hingen ihn dort
-mit den Krickeln an einen niedergebogenen Erlenbusch, und waideten ihn
-aus. Ragg schnürte ihn dann in seinen Bergsack, und still dabei vor sich
-hinlachend daß wir ihn doch erwischt -- denn die Jäger setzen einen Stolz
-darein, wenn sie mit Jemand pirschen gehn ihn auch zum Schuß zu bringen
--- kletterten wir auf der anderen Seite der Klamm hinaus, nach einer
-Nachbarschlucht hinüberzuhalten, und dort unser Glück noch einmal zu
-versuchen.
-
-Ragg schwamm jetzt in seinem Element und erzählte eine Jagdanekdote nach
-der andern: wie er mit dem und jenem Herrn gepirscht wäre und das und das
-erlebt, und wenn ich ihn bat ruhig zu sein, da wir hier doch
-vielleicht Gemsen antreffen könnten, beruhigte er sich stets mit einem
-zuversichtlichen -- »ah, hier ist Nichts.«
-
-Die Folge davon war daß uns bald darauf wieder ein einzelner Bock anpfiff,
-und den Hang hinauffloh. Auf etwa fünf Minuten brachte ihn das zum
-Schweigen, dann aber fing er von vorne an, und ließ sich auch nicht wieder
-irre machen. Einmal über das andere lobte er aber dabei meine Fertigkeit
-im Steigen -- die gewöhnliche Bergschmeichelei. Wenn ein Schütz aus dem
-flachen Lande mit einem Bergjäger zusammengeht, und nur einigermaßen vom
-Fleck kommt, macht ihm schon der Mann die größten Elogen was er für ein
-vortrefflicher Steiger sei, und denkt sich dabei: »na Du solltest einmal
-mit mir da und dort hin gehn, da würdest Du schön hängen bleiben.« -- Es
-ist das gewissermaßen ihr Kleingeld im Verkehr mit der Civilisation, mit
-dem sie sich Cigarren und Guldenstücke eintauschen.
-
-Ich will ihnen aber auch nicht Unrecht thun; bei Manchen mag es wirklich
-Ernst sein, und sie haben sich die flachen Landbewohner so steif und
-ungeschickt gedacht, daß sie schon auf's Aeußerste erstaunt sind wenn sie
-außer den Pirschpfaden nur mit fortkommen und deshalb rechnen sie ihnen das
-geringste Außergewöhnliche vielleicht schon so hoch an.
-
-»Und ich dachte heilig Sie hätten ihn gefehlt,« wiederholte er wieder und
-wieder. -- »Er sprang mir gar so geschwind in die Laatschen hinein. Es wär'
-aber eine Schand gewesen, wenn wir _den_ Bock nicht gekriegt hätten.«
-
-Seine Last im Bergsack schien ihn nicht im Geringsten zu stören, und rasch
-und munter, viel zu rasch und munter für einen Pirschgang, schritten wir
-vorwärts bis zur nächsten Klamm.
-
-Die Sonne war indessen höher gestiegen und warf auf die ziemlich dünn
-bewachsene Seitenwand des Berges ihren vollen Strahl. Wir hatten uns auch
-die letzte Stunde höher und höher hinaufgehalten, den Vortheil des jetzt
-aufziehenden Windes zu haben. So erreichten wir den oberen Theil der
-Nachbarschlucht, und mit ihr den Pirschweg wieder, der drüben hinlief,
-postirten uns gedeckt an den Rand und äugten mit unseren Gläsern den
-inneren Theil der Klamm sorgfältig ab.
-
-Ragg hatte aufmerksam den unteren Theil abgesucht aber Nichts gefunden, als
-ich zufällig gerade hinunter schaute und dort, etwa sechshundert Schritt
-unter uns, einen alten Bock mitten in der Wand stehen sah, der hier schon
-heraufgestiegen schien seine Siesta nach eingenommenem Mahl zu halten. Ein
-Wink genügte für den Jäger, und wir Beide beobachteten jetzt aufmerksam den
-alten Burschen, der gar so ernst und ehrbar den weiß gestreiften Kopf nach
-rechts und links und in die Tiefe drehte, nur nicht ein einziges Mal nach
-oben blickte.
-
-Ragg war mit seinem Plan bald fertig.
-
-»Wenn wir Zeit hätten,« sagte er, nach seiner dicken silbernen Taschenuhr
-sehend, »so blieben wir hier ruhig bis um zwei Uhr liegen. Der Bock
-thut sich jetzt nieder und steht bis dahin wieder auf, wo er dann leicht
-überredet werden könnte hier herauf zu kommen. Wenn wir aber um vier Uhr
-in der Riß sein wollen, müssen wir früher Anstalt machen. Erst können wir
-indessen abwarten was er vor hat; ob er da gedenkt sitzen zu bleiben, oder
-nicht.«
-
-Ohne Weiteres warf er jetzt seinen Bergsack mit dem Bock zu Boden, seinen
-Hut und sich selbst daneben und holte aus der Tasche das mitgenommene
-Frühstück hervor, die Zeit die uns hier blieb, wenigstens so zweckmäßig als
-möglich zu verwenden. Ich folgte seinem Beispiel.
-
-
-
-
-7.
-
-Ragg's Erzählung vom Wilderer.
-
-
-»Sehn Sie die Laatsche da drüben?« nahm da Ragg das Gespräch, das aber
-jetzt mit unterdrückter Stimme geführt wurde, wieder auf -- »gleich die da
-drüben; die, wo das Dickicht bis zum Abgrund hinläuft, hinüber hängt?«
-
-»Ja, Ragg -- aber ich kann da drüben Nichts erkennen.«
-
-»Ist auch _jetzt_ nichts mehr da zu sehn« sagte er, leise dabei vor sich
-hin lachend, »fünf Jahre sind's aber jetzt, da hat die eine Laatsche, die
-dort über die steile Wand hinüber hängt, einem Malefizkerl von Wilderer
-einmal einen großen Gefallen gethan.«
-
-»Einem Wilderer?«
-
-»Ich und der Wastel« erzählte Ragg jetzt weiter, nachdem er erst noch
-einmal einen vorsichtigen Blick nach unten geworfen, ob der Bock noch
-dastände, »waren drüben am Scharfreuter gewesen, und an der Grenze
-hingegangen, theils zu sehn ob das Wild dort viel herüber wechsele, theils
-auch umzuschauen ob wir keine fremde Fährten finden könnten, denn daß hier
-Wilddiebe von Baiern herüber kämen hatten wir schon gehört. Den Morgen um
-neun Uhr etwa war ein leichter Schnee gefallen, und es schneite noch in
-dünnen, einzelnen Flocken, als wir oben an der Luderstauden, gerade wo
-die oberste Klamm gegen das Joch vorläuft, eine ganz frische Mannsfährte
-fanden, die keiner von uns kannte. Das konnte niemand anders als ein
-Wilderer sein, und während Einer die Fährte hielt, während der Andere
-scharf umher schaute, ob er den Burschen nicht vielleicht so, aus freier
-Hand entdeckte, folgten wir so rasch und leise wir konnten.
-
-»Das ging nun allerdings gut, so lange wir oben am Joch blieben, denn dort
-lag wenigstens Schnee genug zum Spüren, der Malefizkerl hatte das aber auch
-wohl bedacht und war in eine der nächsten Klammen hinein, und Gott weiß wie
-darin herum gestiegen, so daß wir auf den kahlen Steinen zuletzt die Spur
-verloren, und nun nicht wußten wo er geblieben war. Wastel wollte nun zwar
-wir sollten uns trennen und nach verschiedenen Seiten suchen. Hatte er sich
-aber irgend wo eingedrückt und sah uns anpirschen, so wäre ein Einzelner
-verloren gewesen; auf zwei schießen die Schufte aber nicht so gleich.«
-
-»Hanthiert nur nicht so mit den Händen, Ragg, Ihr liegt überhaupt zu nah
-an der Wand, und wenn der Bock einmal den Kopf hier herauf dreht, muß er ja
-die helle Hand in der Sonne herum fahren sehn.«
-
-»Der steht noch baumfest« erwiederte der Jäger, indem er einen Blick
-hinunter warf, und dann einen halben Schritt von dem Rand des Hanges
-wegrutschte.
-
-»Und der Wilddieb?«
-
-»Warten Sie nur -- die Fährten nahmen im Ganzen die Richtung nach dem
-Leckbach zu. Wastel glaubte nun freilich nicht daß er sich soweit von
-der Grenze weggemacht hätte. Das blieb sich aber ganz gleich, Grenze oder
-nicht, denn drüben auf königlichem Gebiet hatte er jedenfalls eben so wenig
-Recht zu jagen wie hier, und erwischten ihn _die_ Jäger, so ging's ihm
-nicht um ein Haar besser, als wenn wir ihn kriegten. Wir äugten also aus
-dem Wald heraus, die ganze Leckbach sorgfältig ab, spürten noch einmal über
-das Joch hinüber, auf dem Schnee, und mußten endlich glauben, er habe uns
-vielleicht irgendwo auf seiner Spur gesehn, und sei wieder in das andere
-Revier, wohin wir ihm nicht folgen durften, zurückgewechselt. Viel Zeit
-hatten wir übrigens auch nicht mehr zu verlieren, denn wir wollten die
-Nacht noch nach der Grasberg Alm, und mit dem Umhersuchen war der Tag
-ziemlich drauf gegangen. So stiegen wir denn rasch hinter einander her
-aufwärts, als mich der Wastel plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, am Arm
-packt, und dort hinauf zeigte, etwa in die Gegend, wo der dürre Baum da
-oben auf der schmalen Lanne steht. Ich guckte hin, und kauerte da nicht der
-verdammte Hallunke so ruhig auf einem umgefallenen Baum, und kaute an einer
-Brodrinde, oder irgend etwas anderem, als ob er daheim in seiner Hütte, und
-nicht mit der Büchse auf einem fremden Revier säße?«
-
-»Der kann nicht mehr fort« flüsterte mir dabei der Wastel zu -- »ich
-springe hier unten herum, Du von der Seite hinauf, und dann haben wir ihn
-in der Mitte -- vorn ist die Klamm, und da kann nicht einmal ein Gemsbock
-hinunter!«
-
-»Wie wir ihn nur erst gewahr wurden, hatten wir uns gleich hinter einen
-Laatschenbusch gedrückt, und ohne weiter ein Wort zu reden, rutschte der
-Wastel ein Stück auf der Erde fort, bis er in einen kleinen Graben kam. Den
-annehmend, schnitt er dem Wilderer den Weg von jener Seite ab, denn hätte
-der's erzwingen wollen, braucht' er ihn ja nur über den Haufen zu schießen.
-Mir konnt' er auch nicht mehr wegkommen, und wie ich sah daß der Wastel
-war wo er sein sollte, pirscht ich mich noch vorsichtig auf etwa hundert
-Schritt von dem Burschen an, legte dann meinen Hut, Bergsack und Stock
-ab, nahm die Büchse herunter, und sprang was ich springen konnte den Berg
-hinauf.
-
-»Ich hatte noch keine drei Sätze gethan, da fuhr er schon mit dem Kopf
-herum -- der Art Gesellen haben ein schlecht Gewissen -- und mich sehn,
-aufspringen und die Büchse an den Backen reißen, war das Werk eines
-Augenblicks. Zu gleicher Zeit schrie ihm aber auch Wastel sein drohendes
-»Halloh« entgegen und wie er den zweiten Mann sah, und nun wohl merkte daß
-es ihm an den Kragen ging, setzte er die Büchse erschrocken ab. Ich hätte
-ihn jetzt bequem umschießen können,« fuhr Ragg ruhig fort, »aber wir
-wollten ihn gern lebendig haben, und -- wenn's nicht gerade sein _muß_,
-ist's doch immer eine häßliche Geschichte. So also schrie ich dem Burschen
-zu: seine Büchse fort zu werfen, oder er wäre ein todter Mann, und sprang
-zu gleicher Zeit wieder rasch auf ihn ein. Daran dachte er aber nicht, und
-umdrehn und in die nächsten Laatschen hineinfahren, war im Nu geschehn.
-
-[Illustration]
-
-»An manchem andern Platz wäre das nun vielleicht recht gut gegangen, denn
-Jemanden durch die Laatschen zu verfolgen, ist ein verzweifelt mühselig
-Ding; hier aber mußte er keinesfalls wissen, wohin die führten. Der ganze
-Laatschenstreifen war keine zwanzig Fuß breit, und unter ihnen weg sank der
-Abgrund, während der Wastel und ich den einzigen Ausweg, der nach rechts
-und links abführte, leicht überschießen konnten.
-
-»Jetzt haben wir ihn« schrie Wastel auch, als er vorwärtssprang und in die
-Laatschen mit hinein setzte, -- »pass' nur da draußen auf, Ragg, daß er
-nicht über die Lanne springt!« -- Aber er kam nicht weiter -- ein furchtbar
-gellender Schrei tönte plötzlich vom Rand der Klamm herüber und als wir
-erschreckt und lautlos halten blieben, hörten wir erst unten etwas hartes
-gegen die Felsen schlagen, und gleich darauf schallte der Schuß der durch
-den Sturz losgegangenen Büchse zu uns herauf.
-
-»Gott sei seiner armen Seele gnädig« sagte der Wastel und drehte sich
-schaudernd um. -- Wir Beide standen jetzt still und horchten, aber Nichts
-ließ sich hören.
-
-»Ob man wohl hinunter sehen kann?« sagte ich endlich.
-
-»Ich mag's nicht sehn« meinte der Wastel -- »ich hab' genug an dem Schuß.«
-
-»Ich arbeitete mich jetzt durch die Laatschen durch, wo ich gleich vorn
-den Hut des Wilderers fand. Wie ich aber an den Rand kam, hingen die Zweige
-tief darüber hinunter und zwischen der Wurzel der einen durch, bröckelte
-das Gestein los, und stürzte mit hohlem Fall in den Abgrund nieder. Ich
-stand auf den Zweigen schon über der Tiefe. Es wurde mir unheimlich da
-draußen und ich kroch zum Wastel zurück.
-
-»Wollen wir hinunter klettern und nachsehn?« sagte ich endlich. Der Wastel
-erwiederte Nichts, wir warfen unsere Büchsen über den Rücken und stiegen
-thalab, mußten auch einen großen Umweg machen unten hinein zu kommen, und
-es mochte immer eine Stunde darüber hingegangen sein, eh' wir den Platz
-erreichten. Indessen hatte es stärker an zu schneien gefangen, und der
-Wind heulte so häßlich durch die hohle Klamm -- es war ein gar so fatales
-Gefühl, da unten nach einem zerschmetterten Menschen zu suchen. _Wir_
-hatten ihn aber doch nicht umgebracht, er war selber dahinunter gesprungen,
-und wenn wir ihn auch dazu getrieben, ei, was zum Teufel hatte er auf
-fremdem Revier zu suchen.«
-
-»Da liegt die Büchse« sagte der Wastel plötzlich, -- der Kolben war
-abgebrochen, und das Gewehr durch den Sturz losgegangen -- aber wo war
-der Wilderer? Gerad in die Höh' konnte man bis oben hinauf unter die
-überhängenden Laatschen sehn, an ein Anhalten unterwegs war nicht zu
-denken, die Wand bog sich dort sogar nach innen, und selbst der Bergstock
-lag etwa zehn Schritt von der Büchse entfernt -- aber kein Blutfleck, auf
-dem der dünne fallende Schnee in keinem Fall liegen geblieben wäre. Oben
-durch war er auch nicht gekommen, so lange wir oben standen, und wir
-zerbrachen uns jetzt den Kopf, was aus dem Burschen geworden sein könne.
-Gewißheit _mußten_ wir aber darüber haben. Wastel nahm deshalb das
-zerbrochene Gewehr, ich den Stock, und wir ließen uns die Müh' nicht
-verdrießen und kletterten noch einmal hinauf. Hol's der Deixel, der Vogel
-war ausgeflogen, und zwar seit wir den Fleck verlassen hatten, denn die
-ganz frische Spur im »Neuen« ließ auch nicht den mindesten Zweifel darüber.
-Todesangst mußte er aber in der Zeit daß wir oben suchten ausgestanden
-haben, denn wie wir jetzt Alles ablegten und vorsichtig dahinauskrochen,
-woher die Spur kam, fanden wir daß er die ganze Zeit über, und bis wir fort
-waren, da _draußen_ über dem Abgrund, an den Zweigen des Laatschenbusches
-_gehangen_ haben mußte. _Außen_ an der Wand waren die Spuren seiner
-Fußspitzen, als er sich wieder hinaufgearbeitet, und wenn einer von
-den dünnen Zweigen gebrochen oder ihm nur die Hand ausgerutscht oder
-»verkrampft« wäre, lag er unten bei seinem Gewehr, den Hals wie den Kolben
-gebrochen.«
-
-Ragg hatte die ganze Geschichte in einem, nur ihm allein von allen Jägern
-eigenthümlichen, schauerlichen Bergdialekt und mit flüsternder Stimme
-erzählt, wobei man wirklich mit peinlicher Aufmerksamkeit zuhören mußte, zu
-verstehn was er meinte. Vorsichtig schaute er dabei dann und wann über den
-Hang hinunter, den Bock nicht aus den Augen zu verlieren. Der stand aber
-noch baumfest da unten und rührte und regte sich nicht.
-
-»Und habt Ihr nie erfahren wer der Wilderer war?«
-
-Ragg schüttelte den Kopf und meinte, still dabei vor sich hinlachend: »Der
-ist damals mit ausgerupften Federn davongekommen, wird aber wohl an der
-Lektion über dem Abgrund dadrüben genug gehabt haben. Wir haben ihn hier
-drüben wenigstens nie wieder gespürt. Uebrigens« -- setzte er, leise mit
-dem Finger dabei drohend hinzu -- »wußte er auch wohl _warum_, und daß wir
-ihn jetzt kannten. Wo er sich wieder hätt' sehn lassen, wär' ihm eine Kugel
-gewiß gewesen.«
-
-Ragg prahlte nicht im Mindesten; es herrscht zwischen den Jägern und
-Wilderern im Gebirge noch ein so romantisches und vollkommen ausgebildetes
-Faustrecht, wie es sich der Dichter, der die Poesie ganz aus der
-Wirklichkeit verschwunden wähnt, gar nicht besser wünschen könnte. Wo sich
-Jäger und Wildschütz im Berg begegnen, ist es zwischen Beiden eine Sache
-auf Tod und Leben, und wer am schnellsten die Büchse an den Backen reißt,
-und den Anderen über den Haufen schießt, hat gewonnen. Der Jäger ist
-allerdings stets im Vortheil, denn er hat für alle Fälle das Gesetz auf
-seiner Seite; draußen auf Gottes freier Alm aber, und mit den wilden Bergen
-um sich her, wo alle »Civil- und Militairbehörden umsonst ersucht werden
-dem mit rechtsgültigen Paß Reisenden, nöthigenfalls Schutz angedeihen zu
-lassen,« hülfe ihm das oft gar wenig, wenn er nicht, _außer_ dem Gesetz
-auch noch die eigene Waffe bei sich führte, mit der er den auf ihn
-anlegenden Wilderer rasch und für immer unschädlich macht.
-
-Daß er es thut, kann ihm auch Niemand verdenken, denn sein eigenes Leben
-ist in jedem Fall, wo er einem Wilderer begegnet, mehr als _bedroht_ -- es
-ist ernstlich gefährdet. Ob der Mann da drüben, den er mit der Kugel in den
-Abgrund wirft, daheim Weib und Kind hat, die ohne dem Ernährer verderben
-müssen, was kümmert's ihn -- auch er hat Weib und Kind daheim, und denen
-sich zu erhalten ist ihm erste Pflicht.
-
-Das klingt nun vielleicht im ersten Augenblick recht schwer und
-schrecklich, daß, einer einzigen Gemse wegen, so manches Leben genommen,
-so manche Familie unglücklich und elend gemacht wird, aber wollen wir nicht
-alle Gesetze von Mein und Dein aufheben, soll überhaupt noch ferner ein
-Eigenthumsrecht auf der Welt bestehn und dies vom Staat geschützt werden,
-so darf den Leuten eben das Wilderen nicht gestattet werden, und _sanfte_
-Mittel reichten nimmer aus, es zu verhindern. Wo so ein Gemsjäger den
-eigenen Hals mit Vergnügen riskirt in Nacht und Nebel in den Gebirgen umher
-zu klettern, ein Gemsthier zu erlegen, würde er sich wahrlich durch ein
-paar Wochen darauf gesetzte Strafe nicht abhalten lassen -- und in wenigen
-Jahren wären die Berge leer.
-
-»Und welch ein Unglück wäre _das_?« hör' ich Viele sagen, »lieber alle
-Gemsen der Welt, als ein einziges Menschenleben.« Es ist das eine von den
-Phrasen, die scheinbar die ganze Humanität auf ihrer Seite haben und doch
-nicht wahr sind. Die Burschen die sich einmal an das Leben eines Wilderers
-gewöhnt haben, sind, so lange ihnen solch wildes Treiben ihr Dasein fristen
-kann, zu jeder anderen ruhigeren und stäten Beschäftigung verdorben,
-und fehlten ihnen die Gemsen oder das Wild in den Bergen, so nehmen sie
-Anderes, was sie grad' bekommen können. Gestattet man ihnen aber das Recht
-Gemsen und Wild zu schießen, warum denn nicht auch Ziegen, Schafe und
-Rinder? Das Rothwild muß so gut im Winter gefüttert werden, als das zahme
-Vieh und warum soll der Besitzer von _wilden_ Heerden nicht ebenso in
-seinem Recht geschützt sein wie der von zahmen? Der Polizeidiener, der in
-irgend einer Stadt einen Dieb auf frischer That ertappt und den Gerichten,
-dem Zuchthaus überliefert, ruft über die Häupter der unschuldigen Familie
-des Unglücklichen eben so viel Noth und Elend herein, mit Schande noch
-dazu in den Kauf, als der Jäger, der den Wilddieb niederschießt. Der
-Polizeidiener sah dabei nicht einmal sein eigenes Leben gefährdet, und
-trotzdem wird es Niemandem einfallen ihn zu tadeln und zu verdammen.
-
-Das ist übrigens eine Sache, die Jäger und Wilddiebe ganz allein unter
-einander ausmachen. Der Letztere, wenn er mit der Büchse in die Berge
-geht, weiß ganz genau welcher Gefahr er sich aussetzt, und ist meist von
-vornherein entschlossen ihr eben mit den Waffen in der Hand zu begegnen.
-Wie der Dieb, der Nachts in ein Haus einbricht und das Messer dabei
-im Gürtel stecken hat, verübt er gewiß keinen Mord, wenn er bei seinem
-Geschäft nicht gestört wird. Ertappt man ihn aber und will ihn festhalten,
-oder sieht er selbst nur die Gefahr erkannt und verrathen zu werden, dann
-wird aus dem einfachen Räuber auch ein _Mörder_.
-
-Daß die Gefahr des Steigens in den Bergen, und die Möglichkeit eines
-zufälligen Sturzes der Leidenschaft wilder Herzen auch wohl dann und wann
-Vorschub leistet, und manche rasche dunkle That befördert und verdeckt, ist
-wohl leicht erklärlich. Die tiefen oft vollkommen unzugänglichen Schluchten
-sind dabei ein sicheres Grab, das nur der Jochgeier und Kolkrabe findet und
-heimsucht, ekle Stücken Beute von dort seinem Horste zuzutragen.
-
-Aber der Bock?
-
-Dort unten stand er noch so still und regungslos, was den Körper wenigstens
-betraf, wie ein wirklich künstlich ausgestopfter und aus irgend einer
-Liebhaberei gerade hier hergestellter Gemsbock. Nur der weiß gestreifte
-Kopf schien Leben zu haben, und bewegte sich langsam bald nach dieser bald
-nach jener Seite.
-
-»Da unten stehn jedenfalls Gemsen« flüsterte Ragg endlich, nachdem wir ihn
-wieder eine ganze Zeit lang schweigend beobachtet hatten, »es wird doch am
-Ende besser sein ich steige hinunter, und sehe zu daß ich ihn hier herauf
-bringe -- der Wechsel ist gleich dort drüben an der kleinen Kiefer.«
-
-Ragg ging nicht gern fort, denn er liebte es sich auszusprechen. Der
-Wunsch den Bock noch zu bekommen war aber doch stärker und überwand seine
-Schwatzhaftigkeit. So seinen Bergsack wieder schulternd, und Hut, Stock und
-Büchse vom Boden aufgreifend, gab er mir noch eine unbestimmte Anzahl von
-Vorsichtsmaßregeln, und verschwand dann im Dickicht, den nöthigen Umweg zu
-machen und dem Wild später unten in der Klamm in den Wind zu kommen.
-
-Ich lag indessen oben, unter dem dichten Laatschenbusch auf der Brust und
-hatte jetzt Zeit und Muße genug den Bock zu betrachten. Drei Viertelstunden
-blieb er auch noch etwa auf derselben Stelle, den Platz nur manchmal um
-einen Schritt zur rechten oder linken wechselnd. Ein paar Mal kratzte er
-sich mit dem Hinterlauf vorn am Hals und hinter dem Gehör. Die Gemsen unten
-mußten aber verschwunden sein, denn er sah nicht mehr hinab, und es
-war fast als ob er sich nieder thun wollte, als er plötzlich rasch und
-aufmerksam den Kopf emporhob. Jedenfalls hatte er den nahenden Jäger in den
-Wind bekommen, oder auch gesehn, denn er schaute jetzt still und unverwandt
-nach der einen Richtung nieder.
-
-Wieder verfloß eine volle Viertelstunde, und ich begriff schon gar nicht wo
-Ragg nur blieb, als ich diesen plötzlich in der Klamm, unterhalb dem Bock
-heraufkommen sah, ohne daß dieser auch nur gewichen wäre.
-
-»Halloh!« rief der Jäger unten, und stieß mit seinem eisenbeschlagenen
-Stock auf die Steine -- der Bock regte sich nicht -- »halloh -- huh -- ah!«
--- er rührte sich nicht von der Stelle. Erst wie der Jäger höher und immer
-höher stieg, und schon fast in Schußnähe an ihn angekommen war, drehte er
-sich langsam ab, und nahm den Wechsel an.
-
-Ich hatte mir indessen einen Platz ausgesucht auf dem ich gut hinüber
-schießen konnte, sobald der Bock nur hoch genug kam, und die Wand sah aus,
-als ob er möglicher Weise gar keinen anderen Weg nehmen _könne_. Was
-kann aber ein Gemsbock nicht, wenn er es sich einmal in den Kopf setzt.
-Plötzlich, ohne daß er im Stande gewesen wäre Witterung von mir zu haben,
-nahm er seitwärts eine ganz steile Wand an, an der er hin galopirte, als
-ob er auf breiter Straße gewesen wäre. Ragg schrie und gesticulirte unten,
-aber Alles umsonst, das störte ihn gar nicht, und an einer Wand von etwa
-siebzig Fuß Höhe, die scheinbar nicht den geringsten Halt selbst für den
-Fuß einer Gemse bot, glitt er, halb auf den Hinterläufen rutschend, hinab,
-sprang unten über den Bach, setzte die andere Wand hinauf, und war wenige
-Minuten später im Dickicht verschwunden.
-
-Was ihm Ragg unten nachwünschte weiß ich nicht, aber ich selber hatte
-jetzt da oben auch nichts weiter zu thun, und kletterte thalab, sobald als
-möglich die Riß zu erreichen.
-
-
-
-
-8.
-
-Ein Sonntag Morgen.
-
-
-Wie freundlich das Schloß da tief im Thale liegt; wie rasch und munter der
-klare schnelle Strom vorüber springt, und wie so lustig die Flaggen auf den
-zierlichen Thürmen wehn. Die hellen Mauern und der dunkle Wald vom blauen
-Aether sonnig überspannt, so recht im Herzen des edlen Waidwerks mitten
-drin; die kräftigen Gestalten dann darum her, die Jäger -- die Hunde,
-und dann vor Allem -- _kein_ Gasthaus in der Nähe in dem sich eine
-Schaar schwärmerischer Städter concentriren könnte, von dort aus ihre
-Picknickparthieen in die Berge hinauf zu senden -- oh es ist ein wonniges
--- ein unbeschreibliches Gefühl der Sicherheit und Lust.
-
-Aber nicht allein die Jagd lockt dort die Leute zusammen. Am Sonntag
-Morgen ziehen die Jäger und nächsten Nachbarn des Klosters nach der kleinen
-Klosterkirche, die sie hier mitten in die Berge eingebaut, und auch
-manch liebes Mädchengesicht lächelt da unter dem spitzen grünen Hut das
-freundliche »Gott grüß Dich« vor. -- »Gott grüß Dich« -- wie lieb und hold
-das klingt. Es giebt doch keine Sprache in der weiten Welt die noch _so_
-herzlich grüßte als die deutsche -- wenn die Leute nur nicht alle
-das verwünschte »Regendach« trügen. Gestalten findet man unter den
-Bergbewohnern wie man sie sich nicht edler und kräftiger wünschen könnte,
-und Alle fast ohne Ausnahme mit den ehrlichen, gutmüthigen Gesichtern, und
-den treuen wenn auch ein Bischen verschmitzten Augen. Die Tracht ist dabei
-so malerisch, und selbst den Mädchen steht der grüne Männerhut so lieb
-auf den vollen blühenden Gesichtern, aber -- gebt einem Apollo, gebt einer
-Venus einen rothbaumwollenen Regenschirm unter den Arm, und die ganze
-Poesie ist zum Teufel.
-
-[Illustration]
-
-Ein solcher Sonntag Morgen in dem Thal ist auch das schönste was man sich
-in stiller traulicher Waldeinsamkeit nur denken kann. Noch hat die Sonne
-kaum die hohen Joche mit ihrem ersten Strahl gegrüßt, da mischt sich
-schon in das fröhliche Plätschern des Bergbachs, in das leise Rauschen der
-mächtigen Waldeswipfel, das harmonische Geläut der Glocken, und wenn der
-Himmel dann so rein und blau herniederschaut, und mit den weißen duftigen
-Nebelschleiern wie zum Schmuck die wundervollen Berge überhängt, dann geht
-das Herz dem Menschen auf, dann _zwingt_ es ihn zur Andacht, dann wird die
-ganze wundervolle Welt zur Riesenkirche, und jedes rauschende Blatt, jede
-flüsternde Welle predigt die Allmacht, predigt die Liebe Gottes.
-
-Die Berge sind auch der eigentliche Tempel des Herrn, denn nirgends fühlt
-der Mensch sich seinem Gott so nah -- nirgends so klein und unbedeutend,
-dem Allmächtigen gegenüber.
-
-Die Kirche ist aus. Die Andächtigen kommen einzeln und langsam aus dem
-Gotteshaus -- nur die Frauen eilen, denn sie haben den Mittagstisch
-zu besorgen, und die Männer bleiben hie und da auf den Wegen plaudernd
-zusammen stehn. Sie haben heute Nichts zu versäumen, und es wäre auch
-schade, wenn sie so rasch wieder nach Haus in die engen Stuben gingen, und
-ihren blinkenden Sonntagsstaat nicht erst ein wenig in der warmen hellen
-Sonne lüfteten und -- zeigten.
-
-Wetter noch einmal wie blank sie aussehn, mit den neuen hellgrünen Hüten,
-den reinen Hemden und den sauber geputzten Gürtelschlössern. Manche von
-ihnen, den Tag _recht_ feierlich zu begehn, tragen auch lange Hosen, aber
-das steht ihnen nicht; sie schlenkern auch darin die Beine beim Gehn, und
-bewegen die Knie herüber und hinüber. Es sitzt ihnen unbequem, und sie
-wissen's vielleicht selber nicht; die Knie wollen hinaus in's Freie, und da
-sie das nicht können, halten sie sich steif und ungelenk.
-
-Dort aus dem Schloß kommt ein alter Mann. Er trägt, ungleich den Anderen,
-die nur höchstens, und _trotz_ dem sonnigen Wetter, ihr roth oder blaues
-Regendach unter dem Arm haben, ein paar blecherne Milchkannen, die er heut
-Morgen gefüllt heruntergebracht, und jetzt wieder mit heim nimmt, oder
-zurück trägt wohin sie gehören.
-
-[Illustration]
-
-Das ist ein Charakter, von dem wir in unserem Eisenbahn durchzogenen und
-durchflogenen Flachland kaum noch einen Begriff haben -- giebt es ja doch
-selbst in den Bergen nur wenige seines Gleichen, ja kaum einen zweiten
-alten Gori. Es ist eine untersetzte kräftige Gestalt mit frischer Farbe und
-von mittler Größe, und unterscheidet sich in seinem Aeußeren durch wenig
-oder Nichts von den Uebrigen, aber kein Mensch sieht ihm an daß er schon
-zweiundsiebzig Jahre zählt, obgleich nicht soviel graue Haare auf seinem
-Haupte sind, und daß er _sechzig_ davon hier in dem Thale zugebracht.
-_Sechzig_ Jahre hier in den Alpen, in den engen Felsenkessel eingezwängt,
-ohne ein einziges Mal den Fuß hinausgesetzt zu haben in's flache Land, oder
-hinüber über die Alpen »auf die andere Seite.« _Sechzig Jahre_, und was
-seitdem geschehn da draußen, davon hat der Mann keine Ahnung; er kennt es
-nicht, er kümmert sich nicht drum. Als Knabe kam er her, auch nicht von
-weit, und was die nächsten Joche hier umspannen, ist für ihn _die Welt_.
-Andere haben ihm von der Herrlichkeit draußen, von den Wundern des flachen
-Landes, vom Dampf und seiner Kraft, vom Telegraphen, von weiten ebenen
-Flächen erzählt, über die man Tage lang marschiren könne, ohne den Fuß nur
-mehr als vom Boden zu heben; von Eisenbahnen, von Schiffen -- von Amerika
--- er hört das auch recht gern, und nickt dazu mit dem Kopf und lächelt
--- aber all die Sachen haben für sein Ohr nur ein und denselben Klang: sie
-gehören _der_ Welt nicht an in der die Riß fließt und existiren deshalb
-nicht für ihn. Amerika -- das liegt »im flachen Land« -- was soll er
-draußen?
-
-Abgeschlossener sitzt kein Südseeländer auf seiner kleinen Insel mitten im
-Weltmeer, und lebt von seiner Brodfrucht und seinen Cocosnüssen, als der
-alte Gori hier im einsamen Thal, von Käse, Butter und Milch, und da ihm das
-Bedürfniß fehlt hinaus zu kommen, ist auch kein Grund vorhanden anzunehmen,
-daß er sich nicht vollkommen glücklich fühle. Trotz seinem Alter arbeitet
-er dabei noch rüstig fort, und hat sich auch wohl ein paar hundert Gulden
-gespart, oder hat er sie geerbt, ich weiß es nicht; in ihrem Besitz ist
-er aber, und das Capital scheint ihm die einzige Sorge zu machen, die
-er überhaupt im Leben kennt. Vorsichtiger Weise steckte er sein kleines
-Vermögen allerdings nicht in unzuverlässige Aktien sondern in einen alten
-Strumpf, die Welt aber, die er nun schon zweiundsiebzig Jahre kennt,
-scheint sich in dieser langen Zeit seine unbedingte Achtung doch nicht
-erworben zu haben, und Mistrauen bildet einen nicht unbedeutenden Theil
-seines sonst so einfachen Charakters. Demnach verbirgt er seinen Schatz
-auch bald hier bald da, ohne daß irgend Einer seiner Hausgenossen eine
-Ahnung hat, welcher Ort der bevorzugte sei; ja man kannte vor einiger Zeit
-den alten Gori noch nicht einmal als Capitalisten, bis die Sache auf
-eine wunderliche Art zu Tage kam. Einer der Arbeiter nämlich räumte eines
-Nachmittags den Holzkasten aus, und fand unten drin, zu seinem nicht
-geringen Erstaunen einen Strumpf mit Geld. Der alte Gori meldete sich da
-etwas bestürzt als Eigenthümer, und der Strumpf verschwand auf's Neue.
-
-In früheren Jahren soll der alte Mann ein vortrefflicher Birkwildjäger
-gewesen sein, und da das, neben seinem Strumpf eigentlich die einzige
-sichtbare Leidenschaft war die er hatte, wurde ihm die Erlaubniß -- die
-sonst nur die wirklich angestellten Jäger haben -- jährlich in der Balzzeit
-einen Spielhahn zu schießen. Von der machte er denn auch Gebrauch, und
-erlegte richtig jedes Jahr den gestatteten Hahn. Vor zwei Jahren nun, doch
-fühlend daß er alt würde, und in einer Art von Ahnung, daß das vielleicht
-der letzte sein möchte den er schösse, beschloß er seine Jagd auf würdige
-Art zu beschließen, _kaufte_ sich den erlegten Hahn um 48 Kreutzer, lud
-sich eine alte Köchin vom Schloß, die er achtete, zu Gast, und verzehrte
-mit ihr die muthmaßlich _letzte_ Jagdbeute seines Lebens. Eigenthümlich muß
-dem alten Mann dabei zu Muthe gewesen sein.
-
-So verging wieder ein Jahr -- die Balzzeit kam auf's Neue heran, und der
-Greis fühlte zu seiner Freude, daß er die _letzte_ Jagdfeier doch etwas zu
-voreilig angestellt habe und die Berge noch immer steigen, die Büchse noch
-immer führen könne. Wieder schulterte er die alte treue Waffe, suchte
-sein gewöhnliches Revier auf, lockte den balzenden Hahn und -- das Gewehr
-versagte. Beim Anpirschen war ihm das Zündhütchen vom Piston gefallen,
-und kein zweites fand er in den ängstlich durchsuchten Taschen. Da ist
-er wieder zu Thal hinabgestiegen, und hat die Jagd aufgegeben, -- wundern
-sollt' es mich aber nicht, wenn er es trotzdem dies Jahr noch einmal
-versuchte. Wir klammern uns ja Alle an das Leben und Keiner, mag er den
-Tod auch noch so ruhig und Gott ergeben erwarten, gesteht sich's gern und
-freiwillig ein: »ich bin jetzt fertig!«
-
-Die Jäger, die nicht ihr Dienst gerade an ein entferntes Terrain fesselt,
-haben sich meist hier unten eingefunden; denen aber sieht man's an daß
-ihnen eine Beschäftigung, daß ihnen die Büchse auf der Schulter fehlt.
-_Nach_ der Kirche schlendern sie müßig umher -- und der Blick den sie
-manchmal zur Sonne hinaufwerfen, scheint die Zeit herbei zu sehnen, in der
-sie ihr fröhliches Werk auf's Neue beginnen dürfen. Auch der kleine Ragg
-ist unter ihnen, weiß aber von seiner Zeit besseren Nutzen zu ziehn als
-die Kameraden, und sucht Spielhahnfedern, kunstgerecht gebundene Gemsbärte,
-Stöße von Hasel-, Schnee- und Steinhuhn, und anderen Jägerschmuck zu
-ziemlich hohen Preisen an den Mann zu bringen.
-
-Eigenthümlich an ihm ist selbst der Gang, mit dem er auf der belebten
-Straße oder im Hof dahin schreitet. Wie auf der Pirsche haftet sein Blick
-nicht zwei Secunden lang an ein und derselben Stelle, und sucht herüber und
-hinüber, bald auf den Boden hin nach den Fährten, bald nach links bald
-nach rechts hinüber. Wie ein Stück Wild, das draußen in den Bergen eine
-friedliche Heerde angenommen hat und mit ihr eine Strecke dahin zieht,
-scheu und mistrauisch aber der geringsten Bewegung, dem schwächsten fremden
-Laut mit Aug' und Ohr begegnet, während die zahmen Thiere friedlich
-und unbekümmert ihr Gras von der Lanne zupfen, so wandert der kleine,
-falkenäugige Gesell hier zwischen den ruhigen, sonntägigen Gestalten
-umher, und ordentlich erwartet hab' ich's oft, daß er bei dem ersten
-ungewöhnlichen Geräusch blitzschnell im Wald verschwinden würde.
-
-Dort unter der hohen, breitästigen Tanne stehn zwei Männer in eifrigem, und
-wie es scheint, heimlichem Gespräch; wenigstens schweigt der kleinere von
-ihnen, der etwas ihm höchst Aergerliches vorzutragen scheint, jedesmal
-still wenn eine Gruppe der Jäger grüßend an ihnen vorübergeht, und wirft
-auch wohl einen mistrauischen, unzufriedenen Blick hinter ihnen drein. --
-Es ist Bandey, allerdings auch in der Jägertracht, aber doch kein rechter
-Jäger und mit mehr weichlichen, nicht so sonnverbrannten derben Zügen wie
-die Anderen, die ihn sich auch größtentheils nicht ebenbürtig halten.
-Er aber, der von seinem Geschäft eine ganz andere Meinung trägt, hat die
-_Fischerei_ unter sich und den Forellenteich, und klagt heute Morgen dem
-Haushofmeister des Schlosses, einer langen würdigen Gestalt mit einer Feder
-hinter dem Ohr und einer Brille auf, sein schweres Leid. Sein Forellenteich
-ist ihm nämlich in der letzten Zeit, und nächtlicher Weise, arg geplündert
-worden, und er hat jetzt auf alle Welt Verdacht und traut Keinem mehr.
-
-»Aber lieber Bandey, wer von den Jägern sollte es denn hier wagen, und
-Angesichts vom Schloß den Teich bestehlen? Das thäten sie ja schon nicht
-einmal dem Herrn zu Leide.«
-
-»Die _nicht_?« sagt Bandey, der eine ganz andere Meinung von der Sache
-hat, »was machen _die_ sich drauß? -- sind doch die Hälft' von Allen nur
-zahmgemachte Wilderer. Aber ich krieg' sie. -- Den Bandey lachen sie aus
-daß er nicht schießen könnt' -- ich will's ihnen zeigen ob ich's kann oder
-nicht.«
-
-»Bandey -- Du wirst doch nicht des Teufels sein und wegen einem paar
-lumpigen Forellen ein Menschenleben --«
-
-»_Da_ haben sie's Menschenleben nicht sitzen wo _ich_ sie hinschießen
-werde,« sagt Bandey determinirt, »aber soviel weiß ich, heute Abend setz'
-ich mich mit der Schrotflinten an, und die ganze Woche durch. Der Schlaf
-soll mich nicht verdrießen, _bis_ ich ihn habe, und daß mir _der_ dann
-nicht zum zweiten Male kommt, darauf können Sie sich verlassen.«
-
-»Und hast Du denn auf irgend Jemand Verdacht hier herum?«
-
-»Sie taugen Alle mitsammen Nichts,« brummt der Bandey verdrießlich vor sich
-hin -- »die Malefizkerle die. Wo sie Einem einen Schabernack spielen können
-thun sie's gewiß. So ein Jäger hat einen Stolz im Kopf, das ist ganz was
-Erschreckliches, und glaubt, weil _er_ mit dem Stutzen auf'm Buckel, und
-den Spielhahnfedern am Hut in den Bergen herumsteigen darf, _er_ sei der
-liebe Herrgott. -- Na _Euch_ will ich beforellen!«
-
-Der Haushofmeister suchte den Mann noch einmal von seinen bösen Gedanken
-abzubringen, aber Bandey's Groll saß zu tief, und ärgerlich über die ganze
-Welt, ging er heim. Was kümmerten ihn die im Sonnengold leuchtenden Berge,
-der blaue Himmel und das grüne Thal; daheim lud er die Flinte mit feinem
-Vogeldunst, und in der Nacht schon begann er seine Wacht, den Uebelthäter
-zu belauern und -- zu strafen.
-
-
-
-
-9.
-
-Die Baumgart-Alm.
-
-
-Wir Menschen sind ein ungenügsam Volk. Wenn es uns _gut_ geht, verlangen
-wir's besser, und daß das nun einmal in unserer Natur liegt, mag nur ein
-leidiger Trost sein. Goethe kannte auch die Menschen _im Allgemeinen_
-recht gut, und daß er seinen Faust beim Packt mit dem Teufel die Bedingung
-stellen läßt:
-
- »Werd' ich zum Augenblicke sagen
- Verweile doch, du bist so schön!
- Dann sollst Du mich in Fesseln schlagen,
- Dann will ich gern zu Grunde gehn!«
-
-ist nur ein Ausspruch dieses ewigen Drängens und Treibens, dieser rastlosen
-Ungenügsamkeit. Goethe war freilich kein Jäger; er hat nie die Wonne
-gekannt, nach dem blitzenden Schuß die scheue Gemse auf ihrer sicher
-geglaubten Höhe zusammenzucken, und prasselnd, klammernd in die
-Tiefe rollen zu sehn. Ich wenigstens wäre nach _solchem_ Packt meinem
-Contrahenten schon verschiedene Male verfallen gewesen.
-
-Kein Wunder denn daß es den müssigen Jäger, selbst aus dem reizenden Thal,
-aus dem freundlichen Schloß fort, und wieder hinauf in die Berge zieht, und
-wir segnen den Abend, der uns mit freundlichem Nicken und Sonnengruß
-den Bergstock auf's Neue in die Hand drückt, und unseren Pfad mit seinem
-schönsten Glanz, mit seinen rosigsten Tinten überstreut. Mir ging es
-da immer wie Jean Pauls gemüthlichem Schulmeisterlein Wuz, wenn der als
-Schulknabe noch in die Ferien zog -- ich hatte Mitleiden mit allen Menschen
-die zurückbleiben mußten.
-
-Und diesmal geht es nicht in ein bequemes Pirschhaus hinauf, sondern in
-den wildesten Theil der Berge, in die sogenannte Delpz, einen rauhen
-Thalkessel, in dessen Nähe ein Hochleger mit einer ziemlich geräumigen
-Almhütte liegt. Nur ein kleines Häuschen, etwa von der Größe eines
-zweischläferigen Schilderhauses, um ein Bett und einen Tisch hinein zu
-stellen, war dort aufgerichtet.
-
-Die Leckbach aufwärts führt dorthin der wilde Weg, und rauheren Bergstrom
-giebt es wohl kaum in der Welt, wie jenes Thal. Der innere Kessel nämlich
-ist fast ganz durch das Abbröckeln und Niederbrechen der hinteren Wand,
-bei dem die Lawinen redlich mit halfen, vollgeschüttet worden, und riesige
-Felsblöcke sind von den mächtigen Schneestürzen weit thalab geschleudert,
-während der ganze Thalboden wie die Hänge, mit entsetzlichem Geröll (von
-den Bergbewohnern _Reißen_ genannt) bedeckt liegen.
-
-Diese Berghänge sind in steter Bewegung, denn steil und schroff
-ausgerissen, löst sich fortwährend locker hängendes Gestein, am meisten
-bei nasser Witterung und Thauwetter, ab von der Wand, und rollt und springt
-in's Thal nieder. Die Gemsen die dort stehn sind auch an solch Geräusch
-gewohnt, und achten gar nicht mehr darauf.
-
-Oben im Baumgarten-Joch liegt die Almhütte, und selbst der Name
-»Baumgarten« klingt hier wie Schmeichelei, denn es wächst kein einziger
-Baum dort bei den Hütten, während nur von Osten her der aus dem Thal
-heraufdrängende Wald bis in die Nähe reicht. Der Nacken des Jochs und der
-benachbarten Hänge ist aber mit gutem, nahrhaftem Gras bedeckt, und nach
-der Delpz hinüber läuft die Lanne bis zum höchsten schroffen Rand.
-
-Das ist überhaupt eine Eigenthümlichkeit dieser Gebirge daß sie an ihrer
-Nord- und Südseite einen durchaus verschiedenen Charakter zeigen. In der
-gewöhnlichen Bergregion und bis etwa zu 4500 Fuß tritt dieser allerdings
-noch nicht so augenscheinlich hervor; wie sich aber die Gebirge über
-diese Höhe aufstrecken, nimmt die Nordseite, während an der Südseite
-die Graslannen fast ununterbrochen bis zum Gipfel laufen, ihren wilden
-trotzigen Charakter an. Fast bei all diesen Bergen besteht der Nordhang
-aus schroffen, meist senkrechten Wänden die grau und starr emporragend der
-ganzen Landschaft etwas unbeschreiblich Großartiges, Kühnes geben, das sich
-aber, sowie man das Auge nach Süden wendet, ganz verliert.
-
-Allmählig steigt man deshalb auch an der Südseite dieser meisten Berge,
-ohne weitere Schwierigkeit als hie und da eine etwas steile Lanne, empor,
-und sieht sich plötzlich, sowie man den höchsten Gipfel erreicht, an einem
-oben scharf abgebrochenen furchtbaren Abgrund, der jäh unter den Füßen
-wegsinkt, und an vielen Bergen nicht einmal von der Gemse begangen werden
-kann.
-
-So steigt zum Beispiel die Carwendelwand, wie die Nordseite des
-Carwendelgebirgs mit Recht genannt wird, so steil und glatt empor, daß
-keine Gemse dort hinüber kann, und meilenweit thalab oder aufwärts wandern
-müßte, ehe sie einen schmalen Paß fände, der an einer oder der anderen
-Stelle, meist durch nieder gebrochenes Gestein begünstigt, ein Aufklimmen
-möglich machte -- aber wir kommen dort noch hin.
-
-Wir haben jetzt das Baumgarten-Joch betreten, und schreiten noch kurze
-Strecke den Hang hinab, wo die niederen flachen Almhütten, Schildkröten
-nicht unähnlich, auf dem Bauche liegen. Der Boden ist hier merkwürdig vom
-Vieh mishandelt worden, das sehr thörichter Weise immer wieder in seine
-eigenen Fußtapfen tritt, und die Wiese dadurch in eine künstliche Sammlung
-von Schlammlöchern und Grasknollen verwandelt. Im Dunkeln ist es kaum
-möglich über solche Stellen fortzukommen, ohne Hals und Beine, wenn auch
-nicht zu brechen, doch jedenfalls zu riskiren. Unterwegs war übrigens kein
-Wild zu sehn, da die Jäger und Lastträger etwa eine Stunde früher (Einige
-davon überholten wir noch unterwegs) hier eingetroffen waren. Nur dicht
-an der Alm angekommen, sahen wir die Jäger unter der Thür der großen
-Hütte stehn, und mit ihren »Bergspectiven« nach dem grasigen Rand des
-Delpzkessels hinaufschauen, wo sich sechs oder acht Gemsen, unbekümmert um
-die sich unten bewegenden Menschlein ästen. Sie waren jedenfalls Leute da
-unten an der Alm gewöhnt, und wußten recht gut daß ihnen die Delpz,
-sowie sie nur irgend Jemand gegen sich ankommen spürten, jeder Zeit einen
-sicheren Rückzug bot.
-
-Die Baumgarten-Alm ist ebenfalls ein _Hochleger_ der Sennen, und diese
-Art Hütten werden hier in den Alpen in Hoch-, Mittel- und Unterleger
-eingetheilt. In die Unterleger, die am tiefsten unten am Berg liegen,
-ziehen die Sennen im Frühjahr, oder Anfangs Sommer, sobald der Schnee dort
-gewichen ist, während die höher liegenden Strecken dem Vieh noch nicht
-zugänglich sind. Wie der Schnee schwindet, rücken ihm die Hirten nach, und
-nehmen dann im Mittelleger ihre Wohnung, bis sie im hohen Sommer mit ihren
-Heerden die oberen Alpen beziehen, und sich dann, freilich nur für kurze
-Zeit, im Oberleger einquartieren können. Der eintretende Winter oder Herbst
-treibt sie wieder hinab, und Anfang Oktober verlassen sie die Alpen ganz,
-in die tiefer gelegenen Thäler, meist nach Lenggries, Tölz und die dortige
-Umgegend zurückzukehren. Die meisten dieser Hirten die jene Almen pachten,
-sind bairische Unterthanen.
-
-Beim Hinuntersteigen ist es indeß schon fast ganz dunkel geworden. Oben am
-Hang sah es freilich so aus, als ob die Hütten dicht darunter lägen, und
-doch, wie lange braucht man jetzt sie zu erreichen. Und die verzweifelten
-Grasknollen! sie sind kaum noch zu erkennen, stauchen aber den Körper bei
-jedem Fehltritt. Ja, es wird Nacht -- nur auf den höchsten Jochen liegt
-noch das Dämmerlicht des scheidenden Tages.
-
-Der Platz selber sah auch wild und abenteuerlich genug aus. Fünf oder sechs
-zu den verschiedensten Zwecken benutzte Almhütten lagen bunt zerstreut, die
-Ecken nach jeder Richtung durch einander kehrend, an dem nackten Hügelhang,
-und kein einziger Baum versprach gegen den Wind Schutz, für die Sonne
-Schatten. Der Boden selber zwischen den einzelnen, aus rohen Stämmen roh
-aufgerichteten Gebäuden, war von dem Vieh zu einem sanften Brei getreten,
-und hatte nur oberflächlich Zeit bekommen wieder abzutrocknen. Die
-eingedrückten Klauenspuren machten ihn dabei rauh und holperig, während er
-zugleich eine gewisse ängstliche Elasticität bewahrte.
-
-Hell leuchtete indeß das Feuer aus dem inneren Raum der größten Hütte, die
-einem, aus Versehn platt gedrückten gewöhnlichen hölzernen Wohnhaus nicht
-unähnlich war. Etwa dreißig Fuß lang und zwanzig breit begann das mit
-Steinen reichlich beschwerte Schindeldach schon etwa sieben Fuß vom Boden,
-und hob sich in der Mitte höchstens bis zwölf Fuß hoch. -- Wie aber sah es
-da im Innern aus.
-
-Wenn noch vor ein paar Monaten, vielleicht vor Wochen, stille Hirten ihren
-Käse und »Schmarren« hier gekocht und hölzerne Löffel und andere friedliche
-Werkzeuge der Butter- und Käsebereitung auf den Querbalken der Hütte
-gelegen, so hatte diese jetzt dafür ein ganz anderes Aussehn gewonnen, und
-sich sehr zu ihrem Vortheil verändert.
-
-Statt der schläfrigen Sennerinnen, die damals ihre Blechpfanne auf den
-Kohlen herumgestoßen haben mochten, wirthschaftete jetzt der Koch in
-schneeweißer Jacke, Mütze und Schürze zwischen dem, so gut als möglich
-untergebrachten Vorrath und Geschirr. Die friedlichen Hirten hatten
-rüstigen bärtigen Jägern Platz gemacht, und auf den Querbalken lag
-eine wackere Reihe von vierzehn bis sechzehn Stück Doppelbüchsen und
-Büchsflinten drohend ausgestreckt.
-
-Das Eigenthümlichste in dem weiten, sonst eben nicht eleganten Raum waren
-aber zwei mächtige Feuerplätze, rechts und links von der Thür in den
-nächsten Ecken, und die Feuerstellen nur durch aufgesetzte Steine von der
-rohen Balkenwand, etwa drei Fuß hoch getrennt, während die Flammen lustig
-gegen die schon glänzend schwarz gebrannten, und wie glasirten Balken
-aufloderten.
-
-Um das Feuer rechts sammelt sich jetzt die Schaar der Jäger und Träger, die
-kurzen Pfeifenstummel im Mund, erzählend und lachend und die Vorgänge der
-letzten Tage besprechend, während an dem Feuer links die Jagdgesellschaft
-Platz nimmt. Aber einzelne der Jäger drücken sich auch mit seitwärts an
-dies Feuer an. -- Sie wissen schon wie freundlich man mit ihnen ist, und
-lauschen gar zu gern dem was dort gesprochen wird, und sie oft weit hinweg
-aus ihren Bergen führt.
-
-Und merkwürdige Gestalten sieht man dabei, von denen der Leser erst die
-wenigsten kennt.
-
-Weinseisen heißt einer von ihnen, ein Bursche in den besten Jahren noch,
-wenn auch schon mit mancher Falte in Wange und Stirn. Ihm fehlt ein Auge
--- aber Niemand weiß das, denn eine ziemlich breite, nach innen gekrümmte
-Locke hat er so trefflich über das fehlende hinüber gezogen, daß es die
-Lücke auch nicht auf einen Moment sichtbar werden läßt. Er gilt dabei als
-Einer der besten Jäger im Revier, und ist still und schweigsam; vermißt
-auch das eine Auge nicht, denn das andere ist so scharf, als ob es einem
-Jochgeier gehörte.
-
-[Illustration]
-
-Ein anderer ist Michel, unstreitig der hübscheste von allen; ein junger
-Bursch von sechsundzwanzig Jahren, mit einem gar so offenen ehrlichen und
-guten Gesicht, und so treuen blauen Augen, denen das freundliche Lächeln
-prächtig steht. Ein guter Jäger und kecker Steiger wie Alle, hat er eine
-besondere Vorliebe, einen besonderen Blick für Blumen, und vom Edelweiß,
-das oben in den schroffen Nordwänden der steinigen Gebirge steht, bis zum
-blau und rothen Vergißmeinnicht das an den Bächen der hochgelegenen und
-geschützten Thäler keimt, sucht und findet er die einzelnen Blüthen, die
-der einbrechende Herbst bis dahin noch verschont. War sein Weg den Tag über
-noch so rauh und wild, prangt sein Hut gewiß, kehrt er Abends zurück, von
-einem Blumenflor.
-
-Wie wohl thut es Einem, wenn man sich lang wieder in der _civilisirten_
-Welt herumgetrieben, und dort die ausgemergelten, faden, geputzten nur vom
-Schneider zusammengehaltenen Menschenbilder geschaut hat, auf so kräftige
-Glieder, in so ehrliche Augen zu blicken.
-
-Die Leute da oben, ob sie fast durchaus in einer Wildniß leben, und wenig
-mit Menschen zusammen kommen, haben auch gar nichts Aehnliches mit dem
-Bauer des flachen Landes, und gleichen weit eher den ungezwungenen wilden
-Gestalten der amerikanischen Backwoodsmen. Der deutsche Bauer ist nur zu
-oft denen gegenüber die er über sich weiß, scheu, täppisch und unbeholfen,
-oder gar kriechend; gegen die die ihm gleich stehn und seine Untergebenen,
-oder gegen Aermere grob und hochfahrend. Der Bergbewohner hat dagegen eine
-ihm angeborene Natürlichkeit, ja ich möchte sagen Grazie, die sich in allen
-seinen Bewegungen ausspricht. Er ist nie scheu und verlegen, selbst nicht
-den Höchsten gegenüber, er ist aber auch nie grob und unverschämt, und sein
-natürliches Gefühl führt ihn fast stets den richtigen Weg -- den Weg eines
-Mannes der da weiß daß er das leistet in der Welt was man von ihm verlangt
--- verlangen kann.
-
-Alle diese Leute hängen dabei mit einer unendlichen Liebe an ihrem hohen
-Jagdherrn, und die Zeit die der bei ihnen zubringt, ist ihnen nicht eine
-Zeit der Mühe und Arbeit, trotz den beschwerlichen und gefährlichen Wegen
-die sie in den Tagen zu durchsteigen haben, sondern mehr wie ein fröhliches
-Fest auf das sie sich das ganze Jahr schon freuen, und das ihnen, neben
-der fröhlichen Jagdlust, ja auch Verdienst und Nutzen bringt. Ihr Stolz ist
-dabei der waidmännische Betrieb der Jagd, das Schonen des edlen Wildes, das
-ausgenommen, was jährlich in einem so tüchtig besetzten Revier nun einmal
-abgeschossen werden _muß_. Und daß der Herr sich dem mit solcher Lust und
-Liebe hingiebt, und so wacker mit ihnen über die schroffen Pfade, in die
-steilsten Hänge hineinsteigt, und eben so wenig die dichten ungeleckten
-Laatschen, wie die bröcklichen Wände scheut, das freut sie vor allem
-Anderen.
-
-Und wie traulich sitzt es sich an den knisternden Flammen, die selber toll
-und lustig ihre goldenen sprühenden Funken zum schwarz gebrannten Dach
-emporwirbeln, und welchen wunderlichen Schein werfen sie auf die bunt darum
-gruppirten malerischen Gestalten. Es ist gerad kein fürstliches Gemach das
-uns umgiebt, und die rauhen Stämme die die Wand bilden, der nackte Boden,
-der etwas wackelige Tannentisch der in der Mitte steht, die wunderlichen
-»Lehnstühle« selbst am Feuer, die aus halbdurchgebrochenen rund hölzernen
-Schüsseln bestehn -- in denen es sich aber ganz vortrefflich sitzt, -- das
-an die Wand gehangene Tischtuch selbst, den ärgsten Zug mit abzuhalten,
-der doch noch außerdem Zugang genug hat, ließen vielleicht in Hinsicht
-der _Eleganz_ Manches zu wünschen übrig, aber -- es ist ein ächtes
-Waidmannslager in den Bergen, und wer daran Lust und Freude findet wie der
-Herzog, und nicht verweichlicht genug ist gepolsterten Sitz und mit den
-gewohnten Bequemlichkeiten ausgestattete Umgebung zu _vermissen_, dem geht
-das Herz hier auf, und sendet seine knisternden sprühenden Funken hinan in
-Kopf und Auge, wie die Flamme da.
-
-Das ist dann die Zeit für die Erzählungen und Berichte der Jäger aus den
-angrenzenden, und zum ganzen Revier noch gehörenden Distrikten, denn nicht
-der dritte Theil vom ganzen Jagdgrund wird wirklich bejagt.
-
-Wo in den Bergen ein verdächtiger Schuß gehört ist, wird besprochen, und
-wo die meisten Gemsen stehn; wie es sich mit dem Rothwild stellt, und dem
-Raubzeug, und ob kein Luchs wieder in den Bergen gespürt worden.
-
-Raubzeug giebt es in der That nur noch sehr wenig im Gebirg, und wohl kann
-man sagen _leider_, daß dem so ist, denn wie viel interessanter würde die
-Jagd dadurch. Ließe sich aber wirklich einmal wieder ein Bär da sehn, da
-wär' der Teufel auch sicherlich in den Bergen los, denn Alles würde in
-der ganzen Umgegend aufgeboten werden ihn zu erlegen oder zu vertreiben.
-Begnügte er sich freilich mit Wild und Gemsen, ließen ihn die Hirten wohl
-gern in Frieden, aber die alten schwarzpelzigen Burschen setzen es sich in
-den Kopf auch manchmal ein Rind todt zu schlagen, oft aus lauter Uebermuth,
-oder um sich nach Tisch ein wenig Bewegung zu machen, und das können die
-Hirten nicht vertragen.
-
-Auch kein Luchs läßt sich mehr in den Bergen sehn, von denen die Schweiz
-doch noch einige aufzuweisen hat. Nur der Fuchs treibt in ziemlicher Anzahl
-die hohe Jagd auf Hasel-, Schnee-, Birk- und Steinhühner, lauert dem weißen
-Alpenhasen auf, wenn er zu Nacht um die verlassenen Sennhütten spazieren
-geht, und wagt sich auch wohl, wenn ihm die Gelegenheit dazu wird, an ein
-Gemskitz.
-
-Mitten zwischen den Jägern steht, um einen halben Kopf größer als irgend
-einer der anderen, trotz der etwas in einander gedrückten Stellung, eine
-rauhe, eben nicht übermäßig reinliche, aber enorm kräftige stattliche
-Figur, mit rothem Gesicht, blondem Haar, gutmüthigen blauen Augen, riesigen
-Fäusten und einem alten Maserkopf im Mund.
-
-Braver, ehrlicher Jackel, wie manche schwere, schwere Last hast Du auf
-Deiner »Kraxen« unermüdet, unverdrossen immer willig, immer guter Laune
-hinauf zu Berg getragen, wie manche Gemse, und zwei und drei manchmal zu
-gleicher Zeit, hinunter in das Thal. Aber Du verdienst auch eine nähere
-Beschreibung, und sie soll Dir werden.
-
-Jackel ist ein Original, aber eins, an dem man seine rechte Freude haben
-kann. Von kräftigem, breitschulterigem, knochigem Körperbau, stark und
-muskulös, und dabei viel größerer Gestalt, als man es seiner Breite gleich
-ansieht, eignet er sich vortrefflich für das Geschäft dem er sich, während
-der Jagd wenigstens, unterzogen zum Lasttragen, und es ist wirklich kaum
-glaublich was der Mann öfters die steilen hohen Berge auf seinen Schultern
-stundenweit hinauf schafft. Er theilt dabei, nicht zu seinem Vortheil, den,
-ich möchte fast sagen _Aberglauben_ der Leute seines Standes und Gewerbes
-wie auch mancher anderer Arbeiter im Gebirg (bei den Jägern selber hab'
-ich es nie bemerkt), _den_ Aberglauben nämlich, daß ihm ein reines Hemd zur
-Schande gereiche. -- »Die Leut' müssen ja denken man arbeitet Nichts,
-wenn man immer wie Sonntags herumgeht« sagt er, und übertreibt seine
-Gewissenhaftigkeit, selbst den Schein zu vermeiden, sogar bis über den
-Sonntag hinüber und in und durch die nächste Woche.
-
-[Illustration]
-
-Seine Lebensbedürfnisse sind dabei eben so einfacher Art. -- Vom Revier
-kauft sich z. B. Jackel in der Herbstjagd einen starken Gemsbock -- _zwei_
-Winter liefern ihm dabei _zwei_ Gemsdecken, was gleichbedeutend mit _einer_
-ledernen Hose ist. -- Das Wildpret davon wird aber, bis auf das letzte
-Genießbare, getrocknet und für den Winter aufbewahrt, und »in kleinen
-Stücken« zur Mahlzeit »daß es recht lange reicht« verzehrt. Dazu gehört
-aber noch Schmarren -- das einzige wirkliche Bedürfniß der Bergbewohner,
-denn ohne Schmarren könnten sie nicht bestehn. Er ist ihnen, was der
-Reis dem Indier, der Damper dem australischen Schäfer, die Eichel dem
-californischen Indianer, die Brodfrucht dem Südseeländer, das Maniokmehl
-dem Neger, die Kartoffel dem Deutschen, der Mais dem Amerikaner -- und die
-Bereitung dabei einfach genug. Sie besteht aus Mehl mit Schmalz oder Butter
-in der Pfanne gebraten oder geschmort. Mehl mit Milch oder Wasser angerührt
-kommt nämlich als Brei, wie zu einem Pfannkuchen, in die Pfanne. Hier aber
-wird ihm nicht gestattet sich zu einem abgerundeten Ganzen zu formiren,
-sondern die brodelnde, zischende, backende Masse fortwährend mit einem
-Messer oder anderen Instrument gestoßen und geärgert, bis es endlich zu
-einer bröcklichen, von dem Fett je mehr desto besser durchdrungenen Masse
-quillt. Mit ein paar Pfund Mehl und ein wenig Schmalz ziehen diese Leute
-auch im Winter, wo besonders die Jäger die entlegenen Reviere begehen
-müssen, wochenlang in dem Schnee der Berge umher, lagern in den einsamen
-öden Almhütten und behaupten daß ihnen der Schmarren mehr Kräfte gebe als
-selbst das Fleisch.
-
-Eine Anekdote von Jackel wird aber ein viel besseres Bild von ihm
-entwerfen, als ich im Stande wäre hier mit bogenlanger Beschreibung zu
-liefern.
-
-Ein älterer Herr aus der Jagdgesellschaft sah eines Tages, als er eben an
-einer ziemlich steilen, wenigstens sehr rauhen Wand hinpirschte, einen
-Mann dieselbe, nur mit einem Stock und einem Bergsack auf dem Rücken,
-herunterkommen. Er blieb stehn, und erkannte bald zu seinem Erstaunen
-Jackel der, mit _einem_ Schuh an, und den andern Fuß nackt, über das
-scharfe Geröll unbekümmert niederstieg und ganz ruhig, auf die überraschte
-Frage des Herrn wo er den anderen Schuh gelassen, erwiderte, er habe ihn
-nach Lengries, der _sieben_ Stunden entfernten Stadt, zum Schuhmacher
-gebracht, und müßte nun so lange bis er gemacht sei, _so_ herumgehn. Der
-Schütze äußerte dabei sein Befremden daß Jackel hier in den rauhen Bergen
-_solcher_ Art umherliefe, während er selber kaum mit seinen kräftigen
-Schuhen fortkomme. »Ja, es geht klein gut da hier« meinte Jackel ruhig,
-»nicht wahr es wird Ihnen sauer hier oben? -- ja, wer nicht daran gewöhnt
-ist kommt schlecht fort -- aber ein Stück weiter unten ist's schon ein
-Großes besser, und -- wenn's Ihnen recht ist, _trag_ ich Sie da hinunter.«
-
-[Illustration]
-
-Die Proposition wurde im gutmüthigsten Ernst gemacht, und hätte es der
-Schütze angenommen, Jackel würde ihn mit der größten Freundlichkeit, und
-ohne irgend etwas Außerordentliches darin zu finden, den steilen steinigen
-Hang trotz seinem einen nackten Fuß wirklich hinunter getragen haben.
-
-Heller knistert und flackert das Feuer, von neu aufgeworfenen Bränden
-genährt, und Jackel kommt eben mit einem Kübel frischen Quellwassers
-herein, den er aus dem nahen, durch eine Rinne gefangenen Quell geholt --
-das ist ein Trunk. Ich bin gerade sonst kein besonderer Freund von Wasser,
-und eigentlich der Meinung, daß der liebe Gott dies Element den Menschen
-nur eigentlich als Urstoff geliefert habe, es zu anderen Getränken,
-hauptsächlich jedoch zum Waschen zu verwenden. Dort oben in den Bergen
-aber, und ganz vorzüglich in der Baumgarten-Alm, quillt eine so wundervolle
-crystallhelle und wohlschmeckende Fluth, als ich sie noch nirgends in der
-weiten Welt gefunden. Ich weiß das Wasser dort wirklich mit nichts Anderem
-als mit Champagner zu vergleichen.
-
-»Nun, Jackel, wie steht es mit dem Wetter?« frug man den Eintretenden --
-»sieht es noch gut aus?«
-
-»Nun, es ist nur klein hübsch draußen« erwiderte Jackel, den Kübel
-sorgfältig in die Ecke stellend »es macht recht dunkel, und Sterne sind
-auch keine zu sehn -- aber warm und ruhig ist's sonst.«
-
-»Wenn nur ein Bischen Schnee käme« sagte der kleine Ragg. -- »Es wäre schon
-recht -- die Gemsen zögen sich dann alle lieber in die Joche hinauf.«
-
-»Aber in der Delpz liegt doch Schnee?«
-
-»Es liegt schon etwas drin, aber es dürft' mehr sein.«
-
-»Jetzt kam's mir beinah draußen vor, als wenn ich einen Schuß danüber
-gehört hätt',« sagte der Jackel, »es schallte g'rad so --«
-
-»Nun ein Wilddieb war's bei der Dunkelheit nicht,« lacht der Ragg -- »es
-kann auch ein Stein gewesen sein, der sich irgendwo losgebrochen hat.
-Manchmal schallt das gerad' so wie ein Schuß.«
-
-»Von Wilddieben habt Ihr doch hier in der letzten Zeit nichts weiter
-gespürt?«
-
-»Nichts wieder, seit der Mann im vorigen Jahr drüben im Bairischen von
-dem Soldaten erschossen wurde -- es ist überhaupt hier lange Nichts
-vorgekommen.«
-
-»Aber doch der Mann der damals in den Bockgräben gefunden wurde -- hat man
-nie erfahren wie er dahin gekommen, und wer er gewesen?«
-
-»Nein,« sagt der große Ragg etwas zögernd -- »er hatte auch schon zu
-lange gelegen und -- war so zerfallen von dem Sturz die Wand 'nunter. Ist
-wahrscheinlich im Nebel verunglückt.«
-
-»Der wurde damals gleich draußen begraben, nicht wahr?«
-
-»Nein, ich hab' en 'nunter in's Kloster getragen,« sagte Jackel ruhig.
-
-»Getragen? -- auf den Schultern?«
-
-[Illustration]
-
-»Auf der Kraxen, ja -- oh er war nicht mehr so schwer denn er hatte schon
-seine acht oder neun Monat gelegen, aber« -- setzte Jackel hinzu, und es
-schien doch, als ob ihm die Erinnerung schaudernd durch die Seele liefe --
-»'s war g'rad keine hübsche Ladung, und ich trag' Gemsen lieber.«
-
-»Zwei Menschen sind doch auch wieder im letzten Jahr die Wand
-hineingefallen« sagt da der kleine Ragg, indem er die Augenbrauen so in die
-Höhe zieht, als ob er das, was er sagte, selber nicht glaube -- »ein Mann
-und ein Mädchen.«
-
-»Ein Mädchen?«
-
-»Des Haßlich Tochter, von der hohen Alm. Sie schnitt Gras an einer steilen
-Lanne, unter der die Wand gerad hinunter sank, und hatte Steigeisen an den
-Füßen. Beim Bücken muß sie's aber versehen haben, sie kommt in's Fallen und
-kann sich nicht mehr halten. Ihr Bruder war dicht bei ihr, und wie er sie
-hinunter gleiten sieht, mit ein paar Sätzen bei ihr. Ehe er aber den Rock
-fassen kann, und dicht unter seiner Hand hin schießt sie fort -- es war
-gerade schrecklich tief wo sie fiel.«
-
-»Und der Andere?«
-
-»War ein Enziansucher, der vom Roßkopf hinunter gefallen ist. Wie er's
-versehen hat, weiß man nicht. Er kam Abends nicht zu Haus, und am anderen
-Tag ging sein Bruder aus, ihn zu suchen -- er hat ihn auch gefunden, drin
-in einer von den Schluchten aber -- er soll schrecklich ausgesehn haben
--- was er noch vom Körper finden und zusammenlesen konnte, hat er im
-Nasentüchel nach Haus getragen.«
-
-»Von der Scharfenwandkar ist auch ein Fremder hinunter gefallen, hat ihm
-aber weiter Nichts gethan,« sagte der Wastel.
-
-»Das war ein Algäuer« schmunzelte der große Ragg.
-
-»Ja, das kann schon sein« sagte Jackel auf seine gewohnte bedächtige, und
-ganz ernste Weise. Die Anderen lachten.
-
-»War der Mann bekannt hier?«
-
-»Oh Jackel hat seine besondere Art, wie er die Algäuer kennt« lachte der
-kleine Ragg.
-
-»Ich nicht« vertheidigt sich Jackel, »aber mein Wirth meint, einen Algäuer
-könnt' man immer kennen. -- Wenn man ihn mit einem Stück Holz auf die Nasen
-schlägt und er nießt nicht, so ist's gewiß Einer.«
-
-Lautes Lachen schallte von allen Seiten der Hütte, brach aber plötzlich,
-wie mit einem Schlag, kurz ab, während Aller Gesichter im ganzen Raum
-den Ausdruck scharfer gespannter Erwartung zeigten. Nur Jackel sah sich
-verwundert um, und wußte nicht was plötzlich geschehen sein könne.
-
-»Das war ein Hirsch,« flüsterte Weinseisen.
-
-»Ja -- ich glaub's auch,« sagte Ragg mit ebenso vorsichtig gedämpfter
-Stimme.
-
-»Hu -- ah -- h -- h -- h!« tönte da draußen, kaum vier hundert Schritt vom
-Haus entfernt der Ruf auf's Neue klar und deutlich herüber, und mit einem
-freudigen Lächeln in den Zügen horchten alle dem wohlbekannten, so gern
-gehörten Laut -- aber keiner regte sich.
-
-[Illustration]
-
-»Hu -- ah -- h -- h -- h -- h!« noch einmal der wunderbare Schrei -- leider
-waren aber jetzt die Hunde ebenfalls aufmerksam geworden -- Bergmann der
-mit am Feuer lag, hatte schon lang geknurrt -- und Pirschmann, der draußen
-war, schlug an. Das mochte dem Hirsch doch nicht angenehm sein, denn er
-wurde nicht wieder laut.
-
-»So was könnt' ich die ganze Nacht zugehör',« sagte Martin.
-
-Das Gespräch lenkte indessen bald wieder in die frühere Bahn ein -- in das
-was eben das praktische Leben der Jäger und ihre alltäglichen Erlebnisse,
-und dann auch wohl einmal ein außergewöhnliches Abenteuer betraf.
-
-Merkwürdiger Weise existiren in diesen wilden Bergen nämlich gar keine
-Sagen, während die Schweiz deren so viele birgt. Alles was die Menschen
-hier umgiebt, ist reelle Wirklichkeit, und wie fast jedes andere
-europäische Volk seine Kobolde oder Wichtelmännchen, seine Nymphen oder
-Nixen, oder wo die fehlen wenigstens irgend das eine oder andere anständige
-Gespenst hat, das dann und wann einmal sich sehen läßt oder Glück
-oder Unglück bedeutet, sind diese schönen Berge hier jedes solchen
-geheimnißvollen Zaubers beraubt. Man hat die armen Geister mit der
-trockenen Vernunft sauber hinausgefegt aus Schlucht und Klamm und von
-den hohen Jochen nieder, auf denen sie doch gewiß einmal in früherer Zeit
-gehaust.
-
-Gespenstergeschichten sind aber auch eigentlich in den Bergen nichts nütz.
-Der Mann braucht dort seine fünf _gesunden_ Sinne, den Gefahren die ihm
-seine schwere Bahn schon ohnedies in den Weg wirft, kaltblütig die Stirn zu
-bieten. Es ist keineswegs gesagt, daß das Herz, das der augenscheinlichsten
-Todesgefahr ohne ängstliches Klopfen entgegengeht, nicht stillstehn
-würde, wo es sich um irgend ein abgeschmacktes, wenn nur _über_natürliches
-Schreckniß handelt -- wir haben davon auf See und Land zu viele Beispiele.
-Hat es der Mann allein mit der Natur zu thun, und wenn sie ihm in allen
-ihren Schrecken entgegenträte, kann er sich mit kaltem Blut und festem Muth
-noch manchmal retten -- kommen übernatürliche Schrecken, kommt irgend ein
-toller Aberglaube dazu, so ist er fast immer verloren.
-
-»Ist nicht neulich einmal Einem von Euch hier ein Unglück auf der Jagd
-passirt? -- Wenn ich nicht irre, hat sich Einer geschossen.«
-
-»Von uns nicht,« nahm Wastel das Wort. »Kaltschmidt's Bruder ging die
-Büchse los, und er hat sich zwei Finger zerschossen.«
-
-»Durch Unvorsichtigkeit?«
-
-»Nein. Er hatte einen Gemsbock erlegt, läd't seine Büchse wieder und steigt
-dann hinüber ihn zu holen. Dort angekommen, wo der Bock im Feuer zusammen
-gestürzt war, bricht er ihn auf, packt ihn in den Bergsack und hebt sich
-den auf den Rücken. Wie er aber die neben ihm lehnende Büchse über die
-linke Schulter wirft, reißt ihm der Büchsenriemen ab, oder das Leder geht
-aus der Schraube, und als er unwillkürlich mit der Hand zufährt, sie zu
-halten, greift er dabei vor den Lauf, der Hahn trifft wahrscheinlich auf
-einen Stein, der Schuß fährt heraus, und die Kugel schlägt ihm den vierten
-Finger ganz und den dritten halb weg. Nun hat er erst eine ganze Weile
-nach seinem Finger gesucht, ihn aber nicht wieder gefunden, und mußte ihn
-draußen lassen.«
-
-»Er war doch nah bei Menschen?«
-
-»Das gerade nicht,« sagte Wastel lachend -- »er mußte drei Stunden gehn bis
-er zu Hause kam. Seinen Bock hat er aber darum nicht im Stich gelassen, und
-ist glücklich damit heim gekommen.«
-
-Es war nichts Uebertriebenes in dem Bericht. Mit der furchtbar
-verstümmelten Hand hatte der Mann die schwere Gemse, die doch etwa ihre 50
-östr. Pfund wiegt, den weiten Weg allein zurückgetragen, und war nachher
-glücklich geheilt worden.
-
-[Illustration]
-
-»Und solche Fingerwunden sind gar schlecht«, meinte Weinseisen -- »der
-Waldwart weiß auch davon zu erzählen.«
-
-»Ja, aber ich habe mich nicht geschossen,« fiel der Angeredete in's Wort,
--- »mich hat ein Wilderer hinein gebissen.«
-
-»Ein Wilderer?«
-
-»Es sind nun schon ein paar Jahre her, da hört' ich, als ich vom Heimjoch
-eines Tages nieder stieg, in der Laures einen Schuß. Ich machte daß ich
-hinüber kam und ungefähr in der Gegend, wo ich glaubte daß es gewesen sein
-könnte, vorsichtig herumpirschend, sah ich plötzlich einen fremden Kerl
-mit einer grauen Joppe, und einem schwarzen Bergsack neben sich, auf einem
-Stein sitzen und ganz behaglich frühstücken. Dicht bei ihm lehnte sein
-Stutzen und vor ihm lag eine Geis, die er eben geschossen hatte. Der Wind
-ging gerade ziemlich stark und ich konnte dicht an ihn hinankommen. So,
-eh' er sich's versah, sprang ich auf ihn, und drohte ihn über den Haufen zu
-schießen wenn er die Hand nach der Büchse ausstreckte. Was wollte er machen
--- ich war im Vortheil und er mußte thun was ich von ihm verlangte. Ich
-nahm ihm also vor allen Dingen den Stutzen weg und hing ihn über, ließ ihn
-die Geis einpacken und aufhucken, und dann mußte er mit mir zu Hause gehn.
-Er jammerte freilich ich sollte ihn laufen lassen, aber das durfte ich
-nicht, und so waren wir bis vielleicht eine Viertelstunde vor meinem Haus
-gekommen, als er mich bat ich möchte ihn einen Augenblick niedersetzen
-lassen -- er sei so müde. Er legte den Bergsack ab, und ich blieb neben
-ihm stehen. Wie ich nun dachte daß er gerastet, sagt' ich ihm wir wollten
-weiter gehn, und er gehorchte auch und that als ob er den Sack wieder
-aufnehmen wollte. Als er sich aber danach niederbarg, erwischte er einen
-Stein, den er sich wahrscheinlich schon vorher dazu ausgesucht hatte, fuhr
-wie der Blitz wieder in die Höh', und schlug mich damit an den Kopf. Nun
-glaubt' er freilich er hätt' mich, aber damit war's gefehlt. Ich packte ihn
-bei der Schulter und Kehle, und wenn's auch ein junger Kerl war, wär' er
-mir doch nicht fortgekommen. Da erwischt er meinen Daumen hier zwischen die
-Zähne daß ich glaubte, er hätt' ihn mir schier abgebissen, und wie ich ihn
-im ersten Schmerz losließ, stieß er mich von sich, und war im Augenblick
-nachher in den Laatschen drin. Das war das letzte was ich von ihm gesehn
-habe, und mein Finger wurde nachher gar arg schlimm.«
-
-»Wie Jackel noch gewilddiebt hat, soll ihm auch einmal ein Jäger die eine
-Fingerkuppe weggeschossen haben,« sagte auf einmal der Kammerdiener ganz
-ernsthaft aus dem Hintergrund vor.
-
-»Wer? ich?« rief Jackel, dem die Pfeife beim Zuhören wohl zwanzig Mal
-ausgegangen war, ganz erstaunt. »Aber schon nicht. Den hab' ich mir mit
-einem Handbeil weggeschlagen.« -- Die anderen Jäger lachten.
-
-»Hat nicht der Rainer vor ein paar Jahren einmal dem Jackel ein Gewehr
-weggenommen?« frug ich, das Bergmännle vor mir auf dem Schooß haltend und
-es langsam streichelnd.
-
-»G'raubt hat er's!« rief aber Jackel, dem die Frage eine höchst fatale
-Erinnerung weckte -- »heimlicher Weise aus der Hütte 'raus.«
-
-»Was hatt'st Du mit einem G'wehr in der Hütte zu thun?« vertheidigte sich
-aber Rainer -- »Du bist kein Jäger.«
-
-»Das weiß ich,« sagte Jackel, und zieht vergebens an der ausgegangenen
-Pfeife, »aber damals, 48, wie die Welschen herüber kommen sollten, da hatt'
-ich mir ein gutes G'wehr gekauft -- es kostete mich _fünf_ Gulden, aber
-es schoß auch gut, und weil ich's nicht zu Haus lassen wollt', wo sie mir
-schon einmal mit Schroten drauß geschossen hatten, nahm ich's mit auf die
-Alm zum Holzhacken. Der Rainer aber der war mir nachgeschlichen und hat
-sich hinter 'en Busch gelegt, bis wir an die Arbeit 'gangen waren, und dann
-ist er hergekommen und hat es heimlich g'raubt und mit fortgenommen -- und
-ich soll's heute noch wiedersehn.«
-
-Jackel stand übrigens in der That in dem Verdacht früher manchen eben
-nicht nöthigen Spaziergang in den Bergen gemacht zu haben. _Die_ Zeit lag
-indessen hinter ihm, und er läugnete das jetzt hartnäckig. So gutmüthig
-diese Bursche dabei sind, so schlau sind sie, und als ihm der Herzog einmal
-in den Bergen befahl seine Büchse zu laden, stellte er sich so ungeschickt
-dabei an, als ob er gar nicht wisse, was unten hin gehöre, die Kugel oder
-das Pulver.
-
-Der Jagdplan auf den morgenden Tag wurde jetzt besprochen, und da wir
-vor Tag ausbrechen mußten, unseren Stand noch vor der Morgendämmerung zu
-besetzen, stand der Herzog auf, die Nacht auf seiner mit Heu gestopften
-Matratze unter einer wollenen Decke zu verbringen.
-
-»Wie viel Uhr ist's? -- es muß schon spät geworden sein.« Rainer hat rasch
-nach seiner silbernen Uhr gesehn.
-
-»Zehn Uhr, Hocheit.«
-
-»Zehn Uhr?«
-
-»Point du tout, zehn Uhr!« versichert Rainer.
-
- * * * * *
-
-Die meisten Jäger schliefen in einer anderen Almhütte, in der noch Heu
-vorräthig lag, und krochen dort hinein. Der Kammerdiener hatte mit dem
-Mundkoch sein »Bett« in einer Ecke der Hütte hier gemacht, und während ein
-Theil der Jäger ebenfalls in's Lager kroch, sammelte sich ein anderer noch
-um das Feuer, stopfte sich eine frische Pfeife, und sprach sich über seine
-morgenden Jagdhoffnungen aus.
-
-Auch Jackel hatte, da der Raum frei wurde seine Pfeife wieder frisch
-gestopft und angezündet, und ging jetzt daran seine nächtliche _Arbeit_ zu
-beginnen.
-
-Ihm war nämlich das Amt übertragen sämmtliche Schuhe der Schützen wie
-des Kammerdieners und Kochs zu schmieren und etwa herausgebrochene Nägel,
-sogenannte _Zahnlücken_ nachzusehn und wieder auszubessern. Das hielt ihn
-allerdings manchmal bis spät in die Nacht beschäftigt, verhinderte ihn aber
-nie, Morgens der Erste wieder am Platz zu sein und Feuer anzumachen.
-
-»Nun Jackel, wie ist es den letzten Sommer hier oben gegangen, gut?«
-
-»Ih, muß ja wohl gut sein -- ich bin ja halt immer gesund gewesen.«
-
-»Aber er hat Aerger mit seinem Wirth gehabt,« sagt Martin, mit einem
-Blinzeln des linken Auges, »der hat ihm zu viel für Miethe abgefordert.«
-
-[Illustration]
-
-»Ih nun ja,« sagt Jackel gutmüthig -- »aber er braucht sein Bischen auch
--- vorigen Winter hat er mir's aber ganz geschenkt, weil ich ihm soviel
-erzählt habe, was die Herren hier untereinander gesprochen.«
-
-»Und was zahlt Ihr jährlich Miethe?«
-
-»_Zwei_ Gulden,« erwiederte Jackel, mit einer starken Betonung des
-Zahlworts, und paßte einen neuen Nagel in den vor ihm auf dem Knie
-liegenden Schuh.
-
-»_Zwei_ Gulden?« ist die erstaunte Gegenfrage, »jährlich?« --
-
-»Ja, aber ich hab' auch frei Holz dafür,« ergänzt Jackel, seine Extravaganz
-in Miethe doch etwas zu mildern.
-
-»Aber das muß Er sich selber klein machen?« vertheidigt ihn der
-Kammerdiener wieder mit komischem Ernst, den Eigennutz des Wirths in recht
-grelles Licht zu setzen.
-
-»Ih nun ja, das thu' ich gern,« sagt Jackel gutmüthig.
-
-»Und mit was beschäftigt Ihr Euch nun den Sommer über?«
-
-»Mit Allem was vorkommt, eigentlich aber bau' ich Cithern und Geigen.«
-
-»So? und die sind wohl theuer?«
-
-»Nu ja,« sagt Jackel, und zieht die Augenbrauen hoch in die Höh' -- »eine
-recht _gute_ Geige, was sie eine _Tanzmeistergeige_ nennen, die kann ich
-doch schon nicht unter _sechs_ Gulden zusammenbringen, und eine hübsche
-Wiener Cither kostet auch so viel -- sie sind ein Bischen theuer, aber es
-ist auch große Arbeit d'ran.«
-
-»Und die gewöhnlichen sind billiger?«
-
-»Ei ja schon -- aber doch auch immer zwei bis drei Gulden -- unter dem
-ist's nicht möglich. -- Oh ich verdien' ein recht hübsches Geld und Viele
-haben's noch schlimmer wie ich, in den Bergen --«
-
-Ehrlicher Jackel -- wie wohlthätig wäre es Manchem der seine Einnahme nach
-Tausenden zählt, und immer noch nicht zufrieden ist, immer nicht auskommt,
-und mit dem Schicksal murrt, sich einmal mit einem solchen Mann zu
-unterhalten. Wie wenig braucht der Mensch und wie viel braucht er
-eigentlich. -- Mit wie wenigem können Leute glücklich und zufrieden sein,
-und wie häufig laden wir uns selber da draußen in dem tollen Treiben das
-wir die Welt nennen, neue und neue Lasten, neue und neue Bedürfnisse auf,
-keuchen unter dem thörichten Gewicht, das wir freiwillig mitschleppen, und
-klagen das Schicksal an, daß es uns nicht zu Hülfe kommt.
-
-Es ist Nacht -- schon halb im Schlaf hör' ich noch das Klopfen Jackels,
-der die pyramidenköpfigen Randnägel in die geschmierten Schuhe schlägt.
-Der Wind hat sich dabei aufgemacht und heult über das Joch, und der Regen
-schlägt kaltpeitscheud auf das Dach nieder. -- Dort steigt der Jackel, mit
-_einem_ Schuh an, den halbverwesten Leichnam auf der Kraxen, die steile
-Wand hinunter, und statt dem Bergstock trägt er eine Cither unter dem Arm.
--- Und wie das prasselt und donnert um uns her. -- Das ist ein Rudel Gemsen
-das über die Reißen setzt und hier hernieder stürmt -- und jetzt ist
-die Büchse abgeschossen. Rasch das Pulver hinein, und die Kugel mit dem
-Pflaster obendrauf -- heiliger Gott sie steckt fest -- der Ladstock bringt
-sie nicht hinunter, und dort steht das ganze Rudel und starrt uns an. --
-Ha -- jetzt geht's -- langsam rutscht sie nieder -- der kalte Schweiß läuft
-mir von der Stirn -- jetzt sitzt sie -- der Ladstock springt -- und nun ein
-Kupferhütchen. -- Das eine rutscht aus den Fingern und fällt zwischen die
-Steine -- die Gemsen sehen die Wand hinunter -- in der Tasche _muß_ doch
-noch eins stecken -- keins mehr zu finden -- und da auch nicht -- da wieder
-nicht -- halt hier ist richtig noch eins im Futter drin und nun nach. Noch
-können die Gemsen nicht aus Schußweite sein, und wenn ich jetzt hinab
-nach jenem Absatz springe -- ha, wie die Steine unter dem flüchtigen Fuß
-hinwegstieben und nieder, nieder rollen in die Tiefe -- weiter und weiter
--- und jetzt -- der ganze Berg rollt. Wie eine furchtbare Fluth schiebt
-sich die ganze Decke in's Thal hinab dem steilen Abgrund zu, und dort gähnt
-schon die furchtbare Tiefe schwarz herauf. -- Die überhängende Laatsche
-faßt noch die zitternde Hand, das Gewehr poltert nieder und unten -- tief
-unten in der Nacht hör' ich den dumpfen Knall und wenn der Zweig jetzt --
-er knackt -- er dreht sich in der Hand -- hinab -- ha -- -- Gott sei Dank
--- es war nur ein Traum! Was man für Dinge in den Bergen träumt.
-
-[Illustration: =Die Almhütte.=]
-
-
-
-
-10.
-
-Die Delpz.
-
-
-Draußen ist's still geworden. Durch das kleine Fenster schaut das
-Siebengestirn freundlich herein und der Sturm scheint vorüber zu sein.
--- »Schritte vor der Thür?« -- wahrhaftig schon Morgendämmerung, der
-Kammerdiener kommt zu wecken.
-
-Wie die kalte frische Luft durch die Nerven zieht und die Haut prickelt,
-aber den Schlaf auch dafür im Nu von den Lidern scheucht. Und was für ein
-wunderbares Dämmerlicht, da oben auf die hohe Rasenwand der Delpz fällt,
-und wie nah und niedrig jetzt die Berge aussehn. -- -- Fangt aber nur an zu
-steigen und sie dehnen und strecken sich und ihre Gipfel wollen nicht näher
-kommen, stundenlang.
-
-Jetzt Gesicht, Brust und Hände im kühlen Quell gebadet -- nun hinein an
-das knisternde Feuer so rasch als möglich eine Tasse Kaffee zu bekommen und
-dann fort, denn eine tüchtige Strecke haben wir zum heutigen Treiben noch
-zu machen.
-
-Der Mundkoch, zwischen einer Quantität Töpfe und Kannen ist indessen
-emsig beschäftigt das Frühstück für die Jäger herzustellen, und der
-_Kammerdiener_ besorgt das Gleiche für die Jagdgesellschaft.
-
-Ueberhaupt ist dieser das Factotum in den Bergen, das Kammrad um das sich
-die ganze Maschinerie des _inneren_ Ministeriums wenigstens dreht. Stände
-er einmal still, es gäbe eine Heidenconfusion. Er hat für Alles zu sorgen
-und sorgt für Alles; die ganze Einrichtung verschwindet auf dem einen
-Pirschhaus und taucht auf dem anderen wieder auf. -- Niemand wüßte wie,
-wenn nicht die Träger hie und da beim Treiben oben an einer Wand dem
-Pirschpfad folgend sichtbar würden, und gewissermaßen die Fäden zeigten, an
-denen sie bewegt werden.
-
-[Illustration]
-
-Aber von all den tausend Kleinigkeiten, an die zu denken ist, vergißt er
-selten oder nie etwas. -- Alles ist besorgt, alle Träger sind zur rechten
-Zeit bestellt und an den rechten Ort gewiesen -- Erkundigungen sind
-schon vorher eingezogen ob an dem neuzuwählenden Platz Heu vorhanden ist,
-Matratzensäcke und Kopfkissen damit auszustopfen, wie es mit dem Proviant
-gehalten wird, den der Haushofmeister vom Jagdschloß aus hinauf befördern
-läßt. -- Die Träger die das Essen heraufbringen, nehmen denn auch
-gewöhnlich die erlegten Gemsen mit, und Boten wechseln dabei herüber und
-hinüber. Er ist zugleich Tafeldecker und Kammermädchen, Haushofmeister
-und Kammerdiener, bessert erlittene Schäden aus und beugt neuen vor -- hat
-Alles von Instrumenten und Utensilien in Vorrath was man sich nur denken
-kann, ein ganzes Arsenal von Knöpfen, Nadeln, Zwirn, Nägeln, Bändern etc.
-etc. etc.
-
-In seiner ärgsten Geschäftigkeit trägt er dabei einen weißen Hut; nur
-Morgens nach dem Frühstück wenn _Alles_ abgefertigt, wenn die ganze Jagd
-hinausgezogen ist in die Berge, und ihm das Feld allein überlassen
-wurde, dann hat er eine gestrickte Mütze die er aufsetzt, und die
-_Beruhigungsmütze_ nennt. Dann ist Frieden im Reich, und höchstens Jackel
-mit den übrigen Trägern zurückgeblieben, seine Anordnungen auszuführen.
-
-Aber fort -- fort; draußen hellen sich schon die Höhen und der Morgen
-bricht sonst an, ehe wir die, noch ziemlich ferne Schlucht erreichen. Kalt
-und frostig schickt ein scharfer Nordost seinen eisigen Hauch herüber, und
-die Glieder müssen wir durch Gehn erwärmen. Das ist auch leichte Arbeit in
-den Bergen, denn jetzt an steiler Lanne hin, den kaum sichtbaren Pirschpfad
-folgend, jetzt thalauf und ab, fühlt man die Kälte bald nicht mehr, und
-gar nicht lange, so zeigen die fallenden Schweißtropfen und die heiße Stirn
-eine ganz andere Temperatur, als die beim Ausgang war.
-
-Die Nacht, oder vielmehr gegen Morgen hatte es etwas geschneit und in
-dem Delpzkessel selber, an der Nordwand, lag auch noch Schnee von einem
-früheren Fall her. Dort wurde ich hinaufgeschickt, und zwar so weit, daß
-ich bis dicht unter die steil anlaufende Wand und auch eine Strecke nach
-unten -- wo außerdem noch gegenüber eine Wehr hinkam, schießen konnte.
-Die Parole war dabei: ruhig und still liegen zu bleiben und sich nicht zu
-rühren, denn das Geringste was sich regt, gewahrt die Gemse.
-
-Der einzige günstige Platz den ich mir da oben, wo auch nicht der geringste
-Busch, nicht die kleinste Laatsche stand, aussuchen konnte, war in einem
-flachen Erd- oder vielmehr Schneekessel, denn der ganze Hang lag dicht mit
-gefrorenem Schnee bedeckt. Im Bergsack hatte ich allerdings den für solche
-Fälle höchst nöthigen Mantel und war auch noch von dem raschen Marsch warm
-genug, trotz den nackten Knieen eben keinen Frost zu fühlen -- aber das
-Treiben wollte nicht beginnen. Eine Viertelstunde verging -- eine halbe --
-eine ganze Stunde -- und noch regte sich nicht das Geringste, weder auf der
-Höhe von Treibern, noch im Kessel drin von einer Gemse.
-
-Die Zähne fingen mir jetzt an zusammen zu schlagen und ich kauerte mich
-eine Weile so eng ich konnte auf dem nichtswürdig kalten Schnee zusammen.
-Die Neugierde läßt den Menschen aber auch da nicht ruhn, und vorsichtig
-wieder den Kopf hebend, schaute ich mit abgenommenem Hut über den Rand der
-kleinen Höhlung in der ich lag, ob sich denn noch gar Nichts sehen ließ. Zu
-hören war nicht das Mindeste.
-
-Einen wunderbaren Anblick bot, als der Tag völlig angebrochen war und die
-Sonne das hohe pyramidenförmige Joch des Scharfreuters beschien, der Kessel
-selber. Die Dämmerung hatte sich aus diesem noch nicht ganz hinausarbeiten
-können, und der Schnee der auf den Reißen der Nordseite lag, schillerte
-in bläulich matter Farbe. Kein einziger Busch war zu erkennen; nur drüben
-unter dem Scharfreuter der die südliche Grenze desselben bildet, wuchsen
-kleine verkrüppelte Laatschen. Links hob sich dabei die vollkommen kahle
-schroffe Wand viele hundert Fuß empor und grad' aus lief sie zu einem engen
-niederen Passe nieder.
-
-Wenn man so da lag und hineinschaute, sah es auch aus als ob der ganze
-Platz kahl, und leicht zu übersehen wäre, nicht eine Ratte hätte sich
-ja darin verbergen können, außer vielleicht hie und da hinter einem
-niedergebröckelten Stein. -- Ich war aber mistrauisch gegen diese
-Augentäuschung geworden, die mich schon einige Mal irre geführt, und
-untersuchte vorsichtig auch den kleinsten dunklen Punkt mit meinem
-Fernrohr.
-
-Wenn es nur nicht so furchtbar kalt gewesen wäre -- und dann der Schweiß
-vorher. Wunderbarer Weise hat aber ein Temperaturwechsel, der im flachen
-Lande und in der dicken schweren Luft da unten die schlimmsten Krankheiten
-nach sich ziehen müßte, hier nicht die geringsten Folgen. Man friert eben
-oder wird heiß, und mit der Ursache ist auch die Wirkung vorbei.
-
-Zwei volle Stunden mochte ich so auf der einen Stelle gelegen haben, da
-klapperte ein Stein! -- noch in weiter Entfernung zwar, aber es war da
-jedenfalls etwas unterwegs. Oben auf der Wand wurde auch jetzt ein Jäger
-sichtbar -- nicht größer wie ein Fingerglied stand er oben, und nur sein
-ha -- ho! schallte klar und deutlich nieder. Da donnerte ein Schuß durch
-den Kessel, und brach sich rasselnd an der rauhen Wand -- ich sah auch den
-blauen Dampf in einem kaum erkennbaren Wölkchen aufsteigen, weiter war
-aber nichts zu sehn. Da -- dort waren Gemsen, sieben -- acht -- neun Stück,
-klein wie die Ameisen die an einer Kalkwand hinlaufen, sprangen sie über
-den weißen Schnee der Reißen, gerad' nach mir zu. Die kamen sicher hier
-herüber. Jetzt sind sie plötzlich verschwunden -- das was ich von hier
-für ebenen Grund gehalten, sind tiefe Schluchten und Spalten und einer von
-diesen folgend haben sie sich dem inneren Kessel zugewandt, dort vielleicht
-hinunter und in das Thal nieder zu brechen. Aber dort steht auch ein
-Schütze der sie schon empfangen wird.
-
-Es sieht wundervoll aus, wenn die kleinen winzigen Dinger so flüchtig über
-die Steine wegsetzen. Was für einen Spektakel sie dabei auf dem Geröll
-machen -- und doch sind sie so weit entfernt. Jetzt kommen sie dort
-plötzlich, als ob sie aus der Erde herausdrängten, wieder zum Vorschein.
-Hei, wie sie dem Engpaß zuspringen an dem -- Wie von einer Kugel getroffen,
-knickte ich zusammen und in den Schnee hinein, denn dort vor mir -- kaum
-vierhundert Schritt entfernt, und in schnurgerader Linie auf mich zu, kam
-ein alter pechschwarzer Bock langsam über den knatternden Schnee daher
-getrollt. Vorsichtiger Weise hatte ich mir heute Morgen ein weißes Tuch
-mitgenommen, das ich jetzt über den Kopf band, die dunklen Haare zu
-verdecken, dann die Büchse spannte und mich nun langsam aufrichtete,
-den Bock zu empfangen, oder wenn er zu weit nach unten einbiegen sollte,
-anzuspringen. -- Er war stehn geblieben, und schaute jedenfalls nach dem
-Rudel hinunter das jetzt durch den vom Schnee freien Kessel setzte. Wie er
-so dastand sah er wahrhaftig aus wie ein dreijähriger Keuler, so schwarz
-und zottig und anscheinend plump auf den Füßen.
-
-Ich fing jetzt vor Kälte und Aufregung an zu zittern, daß mir die Glieder
-ordentlich am Leibe flogen, aber das dauerte nur wenige Momente, und jetzt
-drehte sich auch der Bock langsam nach mir um und -- verschwand. Im Schnee
-war er auf einmal wie geschmolzen, und da ich fürchtete daß er auch am
-Ende, wie das Rudel, irgend eine Spalte angenommen haben könnte und dieser
-dann thalab folgte, sprang ich in die Höh' und aus meiner Höhlung heraus
-auf den höheren Rand, dort jedenfalls mehr Uebersicht zu haben, und einen
-freieren Schuß zu bekommen. Unwillkürlich sah ich dabei nach unten hin, als
-es _über_ mir wieder krachte und der Bock jetzt, der dort auf's Neue zum
-Vorschein gekommen war, und mich jedenfalls gesehen hatte, in voller Flucht
-über den Schnee fort und dem steilen Felsrand zusauste, der ihn vor meiner
-Kugel gesichert hätte. _Die_ wurde ihm aber, ehe er noch zwanzig Sätze
-gemacht; die Kugel schlug auch vortrefflich und der Bock zeichnete; nichts
-destoweniger setzte er mit unverminderter Schnelle seinen Lauf fort, und
-mein zweites Rohr -- versagte.
-
-Das todte Niederschlagen des Hahns auf das Hütchen ist unter allen
-Umständen ein fataler Laut, hier aber, nachdem man ein paar Stunden im
-Schnee gelegen hat und bald erfroren ist, bringt es Einen wirklich zu
-gelinder Verzweiflung und man faßt unwillkürlich die Büchse, als ob man ihr
-etwas zu Leide thun wollte -- man thut ihr aber Nichts.
-
-»Piff -- paff« -- ging es jetzt auch unten im Thal, und als ich den Kopf
-dorthin wandte, sah ich wie das Rudel den schmalen Engpaß angenommen, und
-trotz dem dort stehenden Schützen forcirt hatte.
-
-Mir machte jetzt indeß mein eigner Bock zu schaffen, und vor allen Dingen
-den abgeschossenen Lauf wieder ladend, und dem anderen ein frisches
-Zündhütchen aufdrückend, nahm ich meinen Hut und Bergstock, und kletterte
-an dem harten Schnee hinauf, den Anschuß zu untersuchen. Der Bock selber
-war lange um die Felswand verschwunden.
-
-Schweiß! -- beim Himmel! ein großer dunkler Tropfen, gleich dort wo ich die
-Fährte fand, und weiter zurück wo die Kugel in den Schnee gefahren, lagen
-abgeschossene Haare. Der Bock hatte hier gleich vom Anfang an auf beiden
-Seiten geschweißt; und war jedenfalls durchgeschossen. Für jetzt ließ sich
-indessen weiter Nichts thun als den Anschuß zu verbrechen -- aber womit?
-Kein Busch stand auf tausend ja vielleicht zweitausend Schritt. Ich that
-endlich das Einzige was mir übrig blieb, ich legte meinen Hut auf den
-Schweiß und stieg nun in's Thal hinab wo sich die Schützen schon sammelten.
-Oben auf der Wand halloten die Treiber noch, und warfen dann und wann
-Steine nieder. Lärm genug machten die allerdings, wenn sie mit hohlem
-Sausen in's Thal hinab donnerten; nützen konnten sie aber für den
-Augenblick Nichts weiter.
-
-Nach halbstündigem Marschiren näherte ich mich endlich der Stelle wo unser
-Jagdherr einen starken Bock erlegt hatte. Er lag dicht unter der Wand
-und der glückliche Schütze stand neben ihm. Martin kam eben seitwärts vom
-Treiben herein. Da löste sich oben ein kleiner Stein von der Wand, kam
-herunter gesprungen, und schlug etwa zehn Schritte vom Herrn ein. Er kam
-übrigens hoch genug nieder, dem unten Stehenden den er traf, noch ein
-tüchtiges Loch in den Kopf zu werfen, -- wenn nicht mehr zu thun.
-
-»Werft keine Steine mehr da oben 'runger!« rief Martin hinauf, und hielt
-sich den Hut hinten, um besser nach oben sehn zu können.
-
-»Ja!« lautete die Antwort und gleich darauf donnerte und krachte es oben,
-als ob ein Felsblock nieder käme. Ich war noch ein Stück davon entfernt,
-konnte aber deutlich sehn wie Herr und Diener eben noch Zeit behielten
-unter einen vorhängenden Felsblock zu springen, als die etwa kopfdicken
-Brocken niederprasselten.
-
-[Illustration]
-
-»Ihr sollt keine Steine mehr oben herunter gewerf!« schrie Martin jetzt
-wieder, sobald das Geröll unten anlangte, indem er vorsprang den Befehl
-hinaufzurufen.
-
-»_Ja!_« lautete die, wie ärgerlich gegebene Antwort und mit dem Ruf
-zugleich donnerte es auch auf's Neue von oben wieder, und jagte Martin
-eben so rasch unter die Wand, um welche die zerschellenden Stücken herum
-spritzten.
-
-»Ihr sollt nicht mehr _werfen_!« schrieen jetzt andere Jäger hinauf, und
-Martin wollte eben einen neuen verzweifelten Versuch machen dem Steinhagel
-Einhalt zu thun, denn die Lage seines Gebieters fing dort unten an
-gefährlich zu werden; wieder aber schickte ihn eine neue Ladung zurück, und
-ich selber konnte von der Stelle aus auf der ich stand deutlich erkennen,
-wie sich der oben stehende und hitzig gewordene Rainer die größte Mühe
-von der Welt gab, nur recht rasch noch ein paar frische Steinbrocken
-aufzutreiben, oder von der Wand loszutreten und nieder zu senden. Er hatte
-keine Ahnung davon welch Unheil er anrichten konnte. Nur mit entsetzlicher
-Mühe brachten wir ihn auch endlich, durch vereintes Geschrei dahin, von
-seinem Bombardement abzustehen, denn während ihm von unten aus zugerufen
-wurde mit Werfen aufzuhören, hielt er das fortwährend für eine Aufforderung
-mehr Baumaterial herunter zu lassen, weil er, seiner späteren Aussage
-nach, glaubte man hätte irgendwo an der Wand einen alten hartnäckigen
-Bock entdeckt, der nicht heraus zu bringen wäre, und »den wollen wir schon
-kriegen, dacht' ich.«
-
-Der erlegte Bock wurde jetzt zum Eingang der Delpz und auf den scharfen
-Rand gebracht, der direkt zum Scharfreuter herunterläuft. Dort sammelten
-wir uns alle, von da aus ein zweites Treiben das am Wisinger Berg gemacht
-werden sollte, zu umstellen -- aber vorher ein wenig zu frühstücken.
-
-Eine zweite Gemse die unten geschossen worden, war jetzt auch herbei
-gebracht und Martin beschrieb gerade wie er von oben hereingekommen, und
-den erlegten Bock an der Wand hinaufklettern gesehn, als er seinen Bericht
-plötzlich mit dem halbunterdrückten aber ängstlich hervorgestoßenen »Ein
-Bock!« unterbrach, und zu gleicher Zeit deutete der Arm mitten in den
-Kessel hinein, derselben Wand zu, von der Rainer sich vor noch kaum einer
-halben Stunde die größte Mühe gegeben hatte Alles niet- und nagellose
-nieder zu senden.
-
-Und er hatte recht; trotz dem Lärm, trotz dem Rufen und Schreien, trotz dem
-vielen Schießen endlich, da wir nach dem Treiben unsere Büchsen abgefeuert,
-kam da schon wieder ein Bock in's Thal herein, und schien die Wand entlang
-die Richtung gerade auf uns zu zu nehmen.
-
-Noch war er allerdings so klein, als ob eine Maus auf der Schneebahn
-hinliefe; die Thiere äugen aber ganz vortrefflich und wir wußten Alle daß
-wir uns nicht rühren durften, wenn er nicht augenblicklich umdrehen und den
-Rückwechsel annehmen sollte.
-
-»Was thun wir jetzt?«
-
-»Ich laufe hinten herum und schneid' ihm den Weg ab,« rief Martin schnell
-bereit, »wenn die Anderen dann wieder oben auf den Rand gehn und die paar
-Pässe besetzen, _muß_ er hier heraus.«
-
-»Aber es sind außen herum zwei Stunden Wegs bis zu der Wand dort drüben,«
-sagte Einer.
-
-»Ich lauf's in einer halben,« versicherte Martin, und versprach keinesfalls
-mehr als er leisten konnte.
-
-»Sowie wir hier aufstehn sieht uns der Bock,« flüsterte Ragg.
-
-»Wir brauchen nicht aufzustehn,« lachte der Herr und gab das Beispiel zum
-allgemeinen Rückzug, indem er sich langsam hinten überbog. Ohne den Körper
-oben wieder zu zeigen glitt er so nach hinten, und rasch, aber mit nur
-mühsam unterdrücktem Lachen folgten Alle in derselben Art. Komisch genug
-muß es auch ausgesehn haben, und wenn Jemand hätte oben vom Berg aus diese
-plötzliche wunderbare Bewegung der ganzen Jagdgesellschaft beobachten
-können, ohne die Ursache zu wissen, wäre er mit Recht erstaunt gewesen. Das
-Manoeuvre hatte jedoch vollständigen Erfolg; der Bock gewahrte nicht das
-Mindeste und Alle eilten jetzt, von dem Hang gedeckt, den ihnen bestimmten
-Plätzen zu. Es konnte auch wahrlich kaum eine halbe Stunde gedauert
-haben als Martin, der die Ausdauer eines Windhundes hat, sich an dem
-entgegengesetzten Felsvorsprung zeigte und der Bock, also beunruhigt rasch
-dem bequemsten Ausgang zueilte der gerade vor ihm lag. Da freilich mußte
-er in etwa hundertfünfzig Schritt von dem Felsblock vorbei hinter dem unser
-Gastherr geschickt sich verborgen hatte. Daß er in voller Flucht ging half
-ihm ebenfalls Nichts. Er bekam die Kugel seines Namenvetters[3] mitten
-auf's Blatt, lief noch etwa sechzig Schritt, und brach dann zusammen.
-
- [3]: Die doppelläufigen Büchsen in denen die Läufe übereinander liegen,
- werden _Böcke_ genannt.
-
-Durch dieses Intermezzo war nun freilich der Tag für ein zweites Treiben
-zu weit vorgerückt, und Martin wurde mit Pirschmann auf meinen kranken Bock
-geschickt. Leider brachte er von der Nachsuche blos meinen Hut zurück, denn
-der Bock der jedenfalls hoch und hohl durchgeschossen worden, hatte den
-Berg angenommen und war, obgleich tüchtig schweißend, über die Grenze
-gegangen. -- Gemsen sind überhaupt entsetzlich hart, und laufen, selbst bei
-tödtlichem Schuß, oft noch eine lange Zeit. Eine _hoch_ geschossene Gemse,
-wenn die Kugel nicht gerade das Rückgrat zerschlägt, kommt fast immer
-durch, oder ist wenigstens in den meisten Fällen für den Jäger verloren.
-
-Daß sich die Böcke übrigens, wie wir heut mehre gesehn, schon von den
-Rudeln abhielten und einzeln umher zogen, war ein Zeichen daß die
-Brunft bei ihnen begonnen hatte. In der Zeit ist der Gemsbock ein so
-eigenthümliches wie merkwürdiges Thier. Ehe er sich wieder mit seines
-Gleichen einläßt, scheint er sich erst eine Zeitlang in sich selbst
-zurückzuziehn, stellt sich ganz allein, und nur mit seinen eigenen Gedanken
-beschäftigt in steile Wände und Klammen ein, nimmt sehr wenig Nahrung zu
-sich, und spielt mit einem Wort den ächten »Oansiedl vom Berge.« Sowie
-aber die wirkliche Brunftzeit beginnt verläßt er diese verdeckten Orte und
-steigt auf die Joche, am liebsten zu schmalen Stellen auf, von wo er nach
-beiden Seiten hinab und nach den vorbeiziehenden Rudeln niederschauen kann.
-Auch auf einzelne vorspringende Felsen geht er gern hinaus, einen besseren
-Ueberblick über die Thäler zu gewinnen. Schließt er sich endlich einem
-Rudel an, so setzt es gewöhnlich hartnäckige Kämpfe zwischen den schon
-dabei befindlichen Böcken, wo dann natürlich das Recht des Stärkeren
-entscheidet.
-
-Laute giebt er in dieser Zeit nicht von sich, ein leises, nur in geringer
-Entfernung hörbares Mekkern ausgenommen. Er soll aber dann, besonders wenn
-die Jahreszeit weiter vorgerückt ist, außerordentlich neugierig werden,
-und herbei kommen sobald er etwas Ungewöhnliches sieht -- vorausgesetzt
-natürlich, daß er keinen Feind wittert.
-
-Die Jäger bethören ihn auch wohl manchmal, indem sie, dicht versteckt
-hinter einem Fels oder Busch, ihren Hut mit dem weißen Stoß von Schneehuhn
-oder Birkwild daran, langsam hin und her bewegen, worauf der Bock gar nicht
-selten herbei kommen soll, zu sehn was es gäbe. Einzelne haben sich auch
-schon schwarze wollene Mützen mit einem breiten weißen Streifen an jeder
-Seite stricken lassen, die sie dann über den Kopf ziehn, und diesen an
-irgend einem Felsenvorsprung oder aus einem Busch heraus zeigen. Merkwürdig
-ist, daß sich in dieser Zeit, dicht hinter den Krickeln des Bocks, am
-oberen Theil des Kopfes, eine eben nicht ambraduftende Anschwellung,
-der sogenannte Brunftknopf bildet, der etwa zu der Größe einer Haselnuß
-anwächst.
-
-[Illustration]
-
-So scheu der Bock im Allgemeinen ist, und so sehr er besonders den Menschen
-fürchtet, ist doch in der Riß schon einmal ein Fall vorgekommen, wo eine
-Gemse unten im Thal, und auf dem Fahrweg, einen dort vorbeikommenden
-Menschen aus freien Stücken angefallen, und bös gestoßen hat.
-
-Merkwürdig bleibt das überhaupt in der Naturgeschichte der Thiere, und
-für uns ein bis jetzt noch keineswegs aufgeklärtes Geheimniß, daß
-ausnahmsweise, und in einem uns nicht erklärbaren Zustand von Aufregung
-und Wuth sonst ganz friedliche und furchtsame, wenigstens den Menschen
-_fürchtende_ Geschöpfe diesen anfallen, und dann auch nicht eher ablassen
-bis sie getödtet oder unschädlich gemacht werden. Ich weiß solche Beispiele
-von Füchsen, Wieseln, Mardern, wilden Katzen, ja selbst mit dem Hasen soll
-es vorgekommen sein, und jener Gemsbock liefert ebenfalls den Beweis dafür.
-
-Von großen Thieren bieten Elephanten und Rhinocerosse ähnliche Beispiele,
-diese aber meist in der Brunftzeit, wenn sie von einem stärkeren Gegner
-besiegt wurden und nun in höchst verdrießlicher Laune allein den Wald
-durchziehn. Sie fallen dann Alles an was ihnen in den Weg kommt. Die
-Wallfischfänger ebenfalls kennen die Gefahr der ihre Boote ausgesetzt sind,
-wenn sie einen einzeln umherstreifenden Pottfisch (Cachelot, Spermfisch)
-angreifen. Ist ja doch schon der Fall mit dem englischen Schiff Essex
-vorgekommen, daß es ein einzelner Spermfisch selber ungereizt angefallen
-und in Grund gebohrt hat.
-
-Ueberhaupt kennen wir bis jetzt nur erst leider die alleräußersten Umrisse
-des Familienlebens der wilden Thiere, denn die eingefangenen leben in einem
-ganz unnatürlichen Zustand, und können keinen Maßstab geben, während in der
-Wildniß selber eine genauere Beobachtung unmöglich ist. Es fehlt uns der
-Schlüssel zu ihren Handlungen, wir verstehen ihre _Sprache_ nicht, und
-begnügen uns gewöhnlich mit dem einen nichtssagenden Wort _Instinkt_ das,
-was wir Außergewöhnliches von ihnen zu sehn bekommen, zu erklären.
-
-[Illustration: =Der Bock in Sicht.=]
-
-
-
-
-11.
-
-Die Grasberg-Alm.
-
-
-Die Nacht wehte ein fliegender Sturm, und der Mundkoch behauptete am
-nächsten Morgen, daß ihm gerade um Mitternacht die Mütze, die er im Bett
-aufbehalten, im Bett vom Kopf geflogen sei. Rein und wolkenlos brach
-aber der nächste Morgen wieder an, und da hier nicht weiter gejagt werden
-sollte, wurde das Lager zum Abend auf die Grasberg-Alm beordert. -- Weiter
-war Nichts nöthig, und der Kammerdiener besorgte das Uebrige.
-
-Auf dem Weg dorthin sollten einige, zwischen der Baumgart- und der
-Grasberg-Alm liegende Gräben geriegelt werden. Gemsen zeigten sich hier
-überall, und wenn auch natürlich die wenigsten zum Schuß kamen, wurden doch
-wieder vier erlegt; drei von des Herzogs eigener Hand.
-
-Ich saß unten, ziemlich tief im Graben in einer schattigen Felsspalte
-drin, da die Sonne warm auf die Berghänge schien, und die Luft dort aufzog.
-Völlig gedeckt mußte ich übrigens Alles, was mir etwa hätte schußmäßig
-kommen können, schon zeitig genug hören oder sehen, mich fertig zu machen.
-Ich vertrieb mir also damit die Zeit, durch mein Perspektiv zwei alte
-Kitzgeisen zu beobachten die sich an einem grasigen Abhang ästen, während
-die beiden kleinen niedlichen Kitzen, die eben die kurzen Krickeln etwa
-zwei Zoll hoch zeigten, lustig um sie herumsprangen, auf den beiden
-Hinterläufen tanzten, die kleinen kaum bewehrten Köpfchen gegeneinander
-andrückten, und sich gerade so benahmen, wie sich ein paar junge
-übermüthige Ziegenböckchen an ihrer Statt benommen haben würden. Obgleich
-die Gemse nicht zum Ziegen-, sondern zum Antilopengeschlecht gehört, hat
-sie in der Bewegung und Lebensart doch manche Aehnlichkeit mit ihr.
-Sonst halten sich die beiden aber in den Bergen, wo sie doch manchmal
-zusammentreffen, ziemlich entfernt von einander, und man soll eher Gemsen
-zwischen Schafheerden auf der Aesung finden, als zwischen Ziegen, obgleich
-das erstere ebenfalls sehr selten geschieht.
-
-Von da wo ich lag konnte ich den oberen Pirschweg ziemlich deutlich
-erkennen, der sich wie ein matt-lichter Streifen hie und da über nacktes
-Gestein hinzog, bald zwischen Laatschenbüschen verschwand und an einer
-kleinen Lanne oder sonst offenen Stelle wieder zum Vorschein kam. Wie ich
-zufällig einmal den Blick hinaufwarf, sah ich sich etwas bewegen, und das
-Fernrohr dorthin richtend erkannte ich bald einen geringen Hirsch -- es
-mochte ein Sechs- oder Achtender sein -- der, von einem Thier gefolgt,
-langsam den Pirschweg hin und zwar nach Osten zuhielt. Der Hirsch blieb
-dabei manchmal stehn und äugte zurück, trollte aber dann immer wieder
-rascher vorwärts, als ob ihm da hinten etwas nicht recht gefalle.
-
-Ich zerbrach mir noch den Kopf darüber, was ihn in aller Welt könne
-beunruhigt haben, da er sich vollständig außerhalb des Treibens befand, als
-ich plötzlich zur Linken, auf demselben Pfad, etwas Weißes aus den Büschen
-vorleuchten sah. Rasch richtete ich mein Glas dorthin, und erkannte bald
-zu meiner innigen Freude den Kammerdiener und den Koch die, Beide in
-Hemdsärmeln -- und der heiße Tag rechtfertigte vollkommen eine solche
-Erleichterung -- die Röcke durch den linken Arm gesteckt Einer hinter dem
-Anderen in angenehmer Unterhaltung daher kamen, und den Hirsch mit
-dem Thier ebenfalls zu einem, wahrscheinlich gar nicht beabsichtigten
-Spatziergang nöthigten. Der Mundkoch trug dabei etwas in der Hand, das hin
-und her schaukelte und eigenthümlich in der Sonne blitzte, was es sei, ließ
-sich indeß in solcher Entfernung nicht gut erkennen. Es war dies übrigens
-das friedlichste Hirschtreiben das ich je gesehn, und hätte der Hirsch
-ebensowenig von seinen Treibern gewußt, wie diese von ihm, wären sie
-beide jedenfalls näher zusammen gekommen. So ließ sich das Wild noch eine
-Zeitlang den Pirschweg gefallen, und verschwand dann endlich in einem, nach
-unten in den Graben führenden Dickicht.
-
-Einen eigenthümlichen Anblick hatten wir an dem Abend, als wir, schon etwas
-nach Dunkelwerden, die Grasberg-Alm-Hütte erreichten. Unten die Thäler
-lagen schon in tiefer Nacht, und selbst die Berge zeichneten sich düster
-gegen den noch hellen Horizont ab. Dicht hinter den Häusern stieg eine
-kahle, nur von breiten Streifen, fast wie angelegten Beeten von Alpenrosen
-bedeckte Anhöhe hinauf, und lief, nach dem Kumpar hinüberführend, mit
-ziemlich ebenem Rücken etwa tausend Schritt von Nord nach Süd. Der kahle
-Rand stach jetzt desto auffallender gegen den noch lichtgrauen Himmel
-ab. Oben aber, daß der ganze Körper bis zu den Klauen hinunter deutlich
-sichtbar blieb und fast so aussah, als ob er zierlich aus schwarzem
-Papier geschnitten wäre, stand ein Hirsch, spitz gegen uns gekehrt, und
-beobachtete aufmerksam den Einzug der _ihm_ jedenfalls unwillkommenen
-Gäste. Regungslos verharrte er dabei in seiner Stellung und man konnte mit
-dem Fernglas deutlich das ausgreifende Geweih erkennen, bis wir durch eine
-Senkung des Hügelhangs seinen Blicken entzogen wurden. Aber selbst dann
-beruhigte er sich noch nicht, und wenige Secunden später tauchte der
-schlanke Körper wieder auf einer anderen etwas vorragenden Stelle des
-Hügelrückens auf, von wo aus er die Häuser selber überschauen konnte. Dort
-stand er bis es so dunkel geworden war, daß man ihn kaum noch erkennen
-konnte, und verschwand endlich, wie in den Berg hinein.
-
-Das Wetter blieb die letzten Tage ziemlich schwankend. Den Tag über hatte
-es manchmal ein wenig geregnet, manchmal die Höhen mit dichtem Nebel
-umzogen; auch der Wind war eben nicht zum Besten gewesen. In der Nacht
-drehte er sich indessen nach Südost herum, die Luft wurde kalt und rein,
-vom Himmel funkelten Myriaden Sterne, und gegen Morgen deckte leichter Reif
-den Boden.
-
-Ich war früh aufgestanden, in erster Morgendämmerung die Aussicht nach den
-gegenüberliegenden Bergen zu haben. Von hier aus hatten wir den Blick auch
-in ein anderes Thal, dessen Pulsader, der klare muntere Bergstrom, wie der
-Johannisbach, an der Carwendelwand entsprang, und sein Wasser von Nord nach
-Süd in die Riß hinein jagte. Laut aufjauchzen hätte ich aber mögen, als
-ich hinaus vor die Thür der Hütte trat und von dem nächsten, kaum dreißig
-Schritt entfernten Grashang das zu meinen Füßen liegende Thal, die
-gegenüber liegende Berggruppe überschaute.
-
-Ich will versuchen den Anblick zu beschreiben aber, lieber Gott, wie weit
-bleiben da Worte hinter dem wundervollen zauberschönen Bild zurück das sich
-hier, wie durch den Stab eines Magiers heraufbeschworen, vor meinen Blicken
-entrollte, und mir die Seele mit Lust und Jubel füllte. Das ganze Rißthal
-unter uns, soweit das Auge darin nach rechts hinunter, nach links hinauf
-schweifen konnte, wie das schmale, zwischen dem Falken und Roßkopf nach
-der Carwendelwand zulaufende Laritter Thal war in der Tiefe mit dichtem
-milchweißem Nebel angefüllt, aus dem die grünen bewaldeten Wände wie die
-dunklen Ufer eines Nebelstroms emporstiegen. Darüber hoch hinaus ragten
-die starren Kuppen der ewig schönen Berge vor uns, mit den kühn gerissenen
-Gipfeln des Gemsjochs während links der Kumpar sein spitzes Haupt in die
-blaue Luft hineinreckte. Ein Duft lag dabei über dem Allen, wie er sich
-weder mit Farbe noch Feder schildern läßt, und wie die Sonne höher und
-höher stieg, und der Nebel da unten Leben und Bewegung bekam, wie es
-den Wiederschein von den Gipfeln in's Thal hinunterwarf, wie sich die
-schneeigen luftigen Schichten anfingen zu rollen und ineinander zu drängen,
-und ihre Ränder jenen eigenen wunderbaren fast durchsichtigen Rosenschimmer
-annahmen -- wie es da endlich mehr und mehr zu wogen begann, als ob die
-Bergriesen dadrinnen die Schultern gegengestemmt hätten, und die weiße
-Fluth mit aller Macht zum Thal hinaus schöben, wie hie und da ein kleiner
-Bergesvorsprung inselgleich und dunkel daraus empor stieg, daß ihm die
-weißen Schwaden durch die Wipfel seiner Bäume schwindend, schmelzend über
-den Nacken flossen und die ganze Pracht des morgenglühenden Thales jetzt
-plötzlich sichtbar ward, da wußte ich gar nicht mehr wie mir geschah, so
-leicht, so froh, so glücklich fühlt' ich mich, und hätt' ich mich nicht
-vor den Jägern geschämt, ich glaube, ich wäre dem nächsten Baum um den Hals
-gefallen, und hätte laut geweint.
-
-Es giebt ja aber auch nichts Edleres, nichts Reineres als die Natur. Wer
-sich ihrer freut, wem Gott Empfänglichkeit dafür in's Herz gelegt, der hat
-ein Recht sich den bevorzugt Glücklichen zu zu zählen, denn überall auf
-dieser weiten wunderschönen Welt sind ja Genüsse für ihn ausgestreut.
-
-Eigenthümlicher Weise erfaßte mich hier ein ganz ähnliches Gefühl als
-damals, als ich das erste Rauschen der Palmen über mir hörte. In jener
-heiligen Ruhe der Tropenwelt unter den mächtigen wunderbaren Bäumen
-vermochte ich _den_ Eindruck unwillkürlich nichts Anderem zu vergleichen,
-als dem stillen heimischen Schneefall in einem Fichtenwald, wenn die
-großen Flocken so langsam und sanft hernieder sinken, zwischen den grünen
-schützenden Zweigen durch, und mit der weichen reinen Decke den Boden
-warm belegen. So zitterte mir hier, den wilden trotzigen Alpen, dieser
-gigantischen, kühn gerissenen Bergesschönheit gegenüber, dasselbe selige
-Gefühl durch's Herz das ich empfand, als ich vom Megamendong in Java nieder
-das herrliche Preanger Thal mit seinen einzelnen Fruchtbaum-Oasen, seinen
-dichten Wäldern und all seiner tropischen Pracht vor mir ausgebreitet sah
--- und doch wie ganz verschieden sind die beiden Scenen.
-
-Dichter und compakter sammelte sich indeß, während die Sonne höher stieg,
-der Nebel, rollte langsam, ein Zeichen guten Wetters, zum Thal hinaus und
-weiter in's flache Land --, und unsere Jagd begann.
-
-Aber ich darf den Leser auch nicht mit Wiederholungen ermüden. Wohl hätt'
-ich ihm freilich gewünscht das wundervolle Schauspiel mit zu genießen, das
-uns noch einmal über Tag am Heimjoch der Nebel in seinen eigenthümlichen
-Schatten und Formen gab, oder ihn einmal über einen der dortigen Pirschwege
-in die Bockgräben, und so mitten in die wilde Fels- und Schluchtenwelt da
-eingeführt, doch versäumen wir leider zu viel Zeit dabei.
-
-Diese _Pirschwege_, so behaglich das Wort _Weg_ auch in den Bergen klingt,
-darf man sich übrigens nicht etwa zu bequem denken. Sie sind meist immer
-nur angelegt vollkommen unerreichbare Klammen und Wände passiren zu können,
-und dort hinein zu pirschen, oder -- wenn man auf die andere Seite will --
-weite, oft stundenlange Umwege, zu sparen. Das würde aber einestheils sehr
-viel und hier in den Bergen äußerst werthvolle Zeit kosten, und dann ist
-auch ein _Anschleichen_ an die scheuen, mit so scharfen Sinnen begabten
-Gemsen an solchen Stellen ohne derartige Hülfe fast ganz unmöglich --
-wenn man nicht eben Tagelang darauf verwenden will und kann, sie zu
-durchkriechen. Die Spitzhacke hat dabei oft nur in sehr rauher Weise eine
-natürliche Ader des Felsens benutzt, dem Fuß geringen Halt zu bieten, oder
-das Jagdmesser über die Klippen hier nur einfach durch die Laatschen Bahn
-gehauen. Gar nicht selten aber ziehn sich diese sehr schmalen Pfade an
-schroffen wilden überhängenden Wänden schwindelnd hin, und der Wanderer muß
-sich wohl hüten dem Steine nicht nachzuschauen der von seinem Fuß berührt
-mit dumpfem langem -- langem Fall die blaue Tiefe sucht.
-
-Die Jäger sagen daß ein solcher Stein den Menschen nachziehe, und
-Unglücksfälle dadurch herbeigeführt, sollen allerdings schon vorgekommen
-sein, ja nicht einmal zu den Seltenheiten gehören. Die Ursache liegt aber
-auch dafür klar auf der Hand, denn während der Stein senkrecht an der Wand
-niederfällt muß er allmälig, je tiefer er fällt, mehr und mehr aus dem
-Gesichtskreis des Nachschauenden kommen der, um ihm mit den Augen zu
-folgen, gezwungen ist sich weiter und weiter nach Außen zu biegen. Dadurch
-kommt er mit dem schweren Oberkörper unmerklich _über_ den Abgrund, und mag
-er so schwindelfrei sein wie er will, er _muß_ das Gleichgewicht verlieren.
-Ueberhaupt ist das Steigen da oben an den Wänden herum manchmal wirklich,
-wie der Amerikaner sagt »viel zu interessant, um angenehm zu sein.«
-
-[Illustration: =Stillleben.=]
-
-[Illustration: =Ein Pirschpfad.=]
-
-
-
-
-12.
-
-Das Gemsjoch.
-
-
-Dem Grasberg gegenüber, und der steilen Carwendelwand zu, zieht sich ein
-enges, von steilen Wänden eingedrängtes Thal. Die Scenerie ist hier viel
-wilder wie an der Riß, weil die Felshänge viel schroffere und deshalb auch
-weit weniger und nur stellenweis bewaldete Vorsprünge, zum unten vorbei
-quillenden Bach hinunter schieben. Sieht man dabei von dort zu ihnen auf,
-so hält man es auch wahrlich nicht für möglich, daß weder die Gemse, noch
-viel weniger ein keckes Menschenkind an ihnen fußen und sich ihren fast
-senkrechten Schluchten anvertrauen dürfe. Und doch bieten sie dem kühnen
-Gemsjäger nur geringes Hinderniß. Mit dem scharfen Eisen unter dem Fuß, den
-spitzen starken Stock in der Hand, laufen diese Bergmenschen furchtlos die
-schmale Bahn entlang, jede Hülfe die ihnen hie und da der Boden bietet
-mehr in einer Art von Instinkt als mit Vorbedacht benutzend. Ihre Uebung
-in dergleichen Werk, die ähnlichen Hindernisse die ihnen überall
-entgegenstehen, geben ihnen auch schon den raschen und höchst nöthigen
-Ueberblick, die besten -- oft die allein möglichen -- Stellen zum Uebergang
-rasch und unverzagt zu wählen und zu behaupten.
-
-Dort zogen wir hinauf, dem engen Thal folgend, das hier durch die breiten
-Wände des kleinen Falken und Gemsjochs rechts und links gebildet wurde.
-Dicht an den Ufern eines ziemlich starken rauschenden Bergbachs, dessen
-breites steiniges Bett von der furchtbaren Gewalt Kunde gab mit der diese
-Wasser im Frühjahr nieder stürzen, und Alles mitnehmen, was sie in ihrem
-Wege finden, lag unser Pfad. Da plötzlich, wie durch Zauberei, war der
-Strom verschwunden, selbst unter unseren Füßen fort, und nur die gähe
-Stille um uns her, machte uns erstaunt niederschauen in das noch allerdings
-eben so breite und steinige, aber vollkommen _trockene_ Strombett. Dies
-plötzliche Verschwinden war so merkwürdig, daß wir zwanzig oder dreißig
-Schritt zurückgingen, wo wir den hier etwa drei Fuß breiten, mächtig
-quellenden Bach von der kleinen Falkenwand herüber unter dem Geröll
-vorbrechen sahen, während ein schwächerer Zufluß von oben her, aber
-ebenfalls tief unter dem Gestein hervor zu kommen schien. So eigenthümlich
-es auch aussah und so sehr es uns im Anfang überraschte, so leicht erklärte
-es sich doch, denn diese steilen Wände lösen durch Lawinen und Thauwetter
-ununterbrochen kleinere oder größere Massen Steine los, und schleudern sie
-in das Thal hinab. Diese sogenannten _Reißen_, die aus Nichts als wilden
-unfruchtbaren toll durcheinander gestreuten Felsmassen und kleinerem Geröll
-bestehn und an manchen Stellen hunderte von Fußen hoch liegen, nehmen
-deshalb auch schon einen ungeheueren Flächenraum im Gebirge ein, und
-scheinen sich von Jahr zu Jahr zu vergrößern. Es läßt sich denken, daß
-sie dadurch oft ganze Bäche verschütten, die sich jetzt unter der lockeren
-Decke die Bahn suchen müssen. Eben so wenig unterliegt es einem Zweifel,
-daß durch diese ewigen Bergstürze und Abscheidungen des Gesteins die
-scharfen und schroffen Gipfel der höchsten Kuppen mit der Zeit eine
-Veränderung erleiden, und niedriger werden müssen; ihr Umfang ist nur zu
-gewaltig, als daß ein einzelnes Jahrhundert es auffallend bemerkbar machen
-sollte. So sieht die vollkommen senkrechte Carwendelwand, an deren Fuß
-ungeheuere Reißen, ja wirklich Berge von Steinen liegen, die das Herz eines
-Chausseesteinklopfers mit Entzücken füllen würden, gerade so von unten
-aus, als ob sie durch diese Abbrüche jährlich wenigstens einen Fuß an
-Höhe verlieren müsse. Kommt man aber an die Südseite der grasbewachsenen,
-allmählig aufdachenden Hänge hinauf, und berechnet erst ihre Höhe, dann
-begreift man freilich, wie eines einzigen _Zolles_ Dicke, von der Wand
-abgeschält, ganze Berge von Geröll in's Thal hinab schleudern müssen. Wären
-es aber auch selbst zwanzig Fuß so würden sie doch kaum den oberen Rand
-verändern können.
-
-Aufwärts jetzt, Freund Leser, aufwärts! Das ist ein mühsamer, langer Stieg
-das Gemsjoch hinan. Wetter nocheinmal, wie massenhaft sich das Gebirg hier
-aufthürmt und in Lanne und Felsgeröll aus dem bewaldeten Thal empor sich
-hebt. S'ist auch am Besten man sieht sich gar nicht um, und steigt nur
-ruhig, unverdrossen fort; einmal erreicht man den Gipfel doch.
-
-Das Gemsjoch sollte getrieben werden und ich selber war -- beiläufig
-gesagt der beste Platz -- auf die höchste Kuppe hinauf beordert worden.
-Aufgescheuchte Gemsen nahmen gern gerad' dort hinüber ihren Wechsel.
-Schweres Steigen hatten indeß bei diesem Treiben die Jäger, die sich ihre
-Bahn an den steilen schroffen Hängen suchen mußten. Es dauerte auch lange,
-bis sich das Mindeste zeigte oder hören ließ, und ich lag wohl anderthalb
-Stunden lang ungestört auf der achttausend Fuß hohen Kuppe des Jochs -- in
-deren Nachbarschaft alle Fenster und Thüren auf sein mußten, denn es zog
-furchtbar. Die Aussicht war aber wundervoll, und ich ließ den Blick
-frei über die herrlichen, mit Schnee dicht bedeckten Alpenriesen,
-den Großglockner und seine Nachbaren hinausschweifen, die unter ihrer
-weißfunkelnden Hülle in unbeschreiblicher Pracht die zackigen wilden Gipfel
-gen Himmel reckten.
-
-Hinter mir, nach Norden hinauf, öffneten sich dagegen die Berge; das
-weite flache Land mit einzelnen weißen hervorragenden Gebäuden und kleinen
-Städtchen, wurde sichtbar, und im Süd-Westen lagen wild und zackig die
-steyrischen Alpen dazwischen, ein weites Meer von Felsenjoch und Graten.
-Was für ungeheuere Wogen reckten da die weißen Häupter, züngelnd, wie
-wirkliche schaumdurchwühlte Wellen empor.
-
-Auf dem Gemsjoch selber lag, trotz der Höhe desselben noch kein Schnee,
-denn der darauf gelegene war durch die letzten warmen Tage wieder
-fortgeschmolzen. Merkwürdig ist es auch, daß dieser Theil der Alpen keine
-Gletscher hat -- ein einziger kleiner ausgenommen der dort in der Nähe sein
-soll, den ich aber nicht sah. Ihre Höhe berechtigt sie vollkommen dazu,
-denn in der Schweiz reichen die Gletscher viel tiefer hinab, und sieben und
-achttausend Fuß hohe Kuppen sind dort drei Viertheile des Jahres mit Schnee
-bedeckt. Dazu mag aber auch wohl die zusammengedrängte Masse _höherer_
-Gebirge, die fortwährend ihre Schneekronen tragen und deshalb eine viel
-größere Kälte um sich her verbreiten, mit beitragen.
-
-Eine große Anhäufung von Schnee und Eis muß in sehr natürlicher Folge eine
-solche Wirkung hervorbringen, wie wir den Unterschied z. B. außerordentlich
-auffallend in den beiden Continenten von Europa und Nordamerika sehn.
-Europa, das im Norden einen weit größeren Flächenraum an eisfreiem Meer,
-und deshalb die eigentliche Eisregion auf einem weit kleineren Raum
-zusammengedrängt hat, ist deshalb auch viel wärmer als Nordamerika, dessen
-breite Basis nach Norden zu, mit den ausgedehnten Süß-Wasser-Binnenlandseen
-und dem enormen Flächenraum Eis und Schnee bedeckter Regionen den
-Unterschied um viele Grade spüren läßt. Philadelphia z. B. das mit Neapel
-auf einem Breitegrad liegt, hat eben so strenge und strengere Winter, als
-wir im höchsten Norden von Deutschland. In Louisiana, das mit der Wüste
-Sahara gleiche Breite hat, ist leichter Schnee nichts Seltenes. Stehendes
-Wasser friert oft selber in New-Orleans das, nur wenige Fuß über der
-Meeresfläche, auf einer Breite mit Cairo liegt.
-
-Von Gemsen war noch Nichts zu sehn, als ich aber so dalag fest in meinem
-Regenmantel gewickelt, die kalte Zugluft abzuhalten, konnte ich nicht
-umhin die kleinen dichten Büschel außerordentlich zarten feinen Grases zu
-bemerken, die um mich her ziemlich reichlich wuchsen. Ich pflückte von
-dem zunächst stehenden etwas ab, kostete es, und fand es nicht allein
-außerordentlich weich, sondern auch zuckersüß -- so süß und angenehm in
-der That von Geschmack daß ich Alles, was ich um mich her erreichen
-konnte, rein abäste und Nebucadnezars Geschmack, der bekanntlich den Salat
-erfunden, ganz begreiflich fand -- wenn er nämlich dort so treffliche Weide
-hatte.
-
-Dicht neben mir, denn ich lag auf dem allerhöchsten gar nicht etwa sehr
-breiten Gipfel, ging es steil und bergetief hinab. Wie wild und furchtbar
-sah es dort unten aus. Die steile Nordwand dieses Jochs, die vielleicht
-einige tausend Fuß hoch ohne Absatz niederging, bestand allerdings
-nicht aus einem glatten Fels, sondern aus bröcklichem zerrissenem und
-zerklüftetem Gestein. Man hätte selber hineinklettern können, wäre den
-Zacken eben nur zu trauen gewesen; aber unter dem Fuß oder Griff brachen
-die wettermürben Brocken los, und dann -- es schwindelte mir als ich in die
-dunkle, Wind durchbrauste fürchterliche Tiefe hinabsah, und ich wandte mich
-schaudernd ab.
-
-Und doch giebt es Menschen die an diesen Wänden an denen ihr Leben wie an
-dünner Faser hängt, ihre kärgliche Nahrung suchen. Die Enzianwurzelgräber
-klettern dort, an die Gefahr gewöhnt und gegen sie vollkommen abgestumpft,
-mit einem Sack, die gefundenen Wurzeln hinein zu thun, und einer kleinen
-Hacke, sie aus ihrem rauhen Bett heraus zu heben, sorglos herum, und die
-Gemse selbst hebt staunend den Kopf, wenn sie an _solchen_ Stellen
-einen Menschen sieht. Kameraden finden auch wohl dann und wann eine alte
-verrostete Hacke, einen halb verfaulten Sack, und werfen einen scheuen
-Blick in den Abgrund nieder. Selbst unter dem leisen Ave Maria aber, für
-die Seele des Verunglückten, dessen Gebeine dort in irgend einem Abgrund
-bleichen, schauen sie sich schon wieder nach neuen Wurzeln um -- der da
-unten ist wohl aufgehoben.
-
-_Das_ waren Gemsen -- vorsichtig hob ich den Kopf zwischen den wild
-umhergestreuten Steinen empor, und sah eins der schönsten Schauspiele, das
-sich der Gemsjäger nur wünschen und ersehnen kann.
-
-Der Gipfel des Gemsjochs theilte sich in drei ungleiche Spitzen, von
-denen die beiden westlichsten die höchsten, die östlichste, die vielleicht
-tausend Schritt von der westlichsten entfernt ist, etwas, aber nur wenig
-niedriger liegt und in einen kleinen spitzen Kopf aufläuft.
-
-Auf dieser Spitze, die vier Läufe dicht zusammengedrängt, den schönen Kopf
-hoch und sichernd gehoben, stand eine Gemse und etwa zwanzig Schritt weit
-unter ihr, während noch andere über den Rand des Abhangs, scheinbar aus
-der blauen Luft, heraufstiegen, befand sich das Rudel, im Ganzen vielleicht
-zwölf oder dreizehn Stück.
-
-[Illustration]
-
-Die Wachtgemse stand voll und klar gegen den lichtblauen Himmel
-abgezeichnet, und die sichere Ruhe mit der das prachtvolle Thier den weiten
-Plan, auf dem es jede nahende Gefahr leicht und rasch erkennen konnte,
-als Schildwache oben für das ihr anvertraute Rudel überschaute, war ein
-Anblick, den ich im Leben nicht vergessen werde. Das Rudel selber, das
-jedenfalls durch einen der unten durchgehenden Treiber heraufgescheucht
-worden, schien sich indessen auch ganz auf seine Wache zu verlassen, und
-vollkommen sicher zu fühlen. Die jungen Thiere spielten mit einander, und
-die Alten pflückten hie und da an den süßen Grasbüscheln herum -- mehr
-wahrscheinlich zum Desert und aus Naschhaftigkeit, als aus wirklichem
-Hunger.
-
-Endlich stieg die Wachtgemse, gewöhnlich eine Geis, von ihrem hohen
-Standpunkt langsam nieder. Ob sie da unten wieder etwas Verdächtiges
-gewittert, oder sonst mehr Verlangen nach der Seite trug, auf der ich
-lauernd mit gespannter Büchse lag, aber plötzlich setzte sie sich an die
-Spitze des Zuges, und kam in kurzem Galop auf dem äußersten Rand des Berges
-ein Stück hin, verschwand dann in einer scharf eingeschnittenen Schlucht,
-die die beiden Kuppen von einander trennte, mit dem ganzen Rudel, und stieg
-klappernd und die lockeren Steine hinter sich ausstoßend, den kleinen
-Hang herauf, an dessen äußersten Rand ich, vollständig gedeckt, ihrer
-herzklopfend harrte.
-
-Nun ist es eine alte Gemsjägerregel, die mir von allen Seiten wieder
-und wieder gegeben worden, _nie_ auf ein ankommendes Rudel zu schießen.
-Erstlich kommen sie spitz, -- immer schon ein _böser_ Schuß; dann ist die
-erste im Zug _jedesmal_ eine alte Geis, während die Böcke nachfolgen, und
-dann -- ist es eben gar nicht nöthig. In solchem Fall, besonders wenn
-man gedeckt ist, muß man _die ersten_ des Rudels erst vollständig vorüber
-lassen, ja womöglich ein Dritttheil desselben, und sich dann erst einen
-Bock heraussuchen, auf den man in solchem Fall auch viel ruhiger und
-sicherer schießt. Außerdem hat man bei solchem Verfahren auch noch die
-Gewißheit, daß die schon vorbeigesprungenen Gemsen unter keiner Bedingung
-wieder umkehren, und die anderen, die noch zurück _sind_, _folgen_ ihnen,
-es mag auf sie geschossen werden so viel da will. Der zweite Schuß ist
-daher eben so sicher anzubringen als der erste.
-
-Hätt' ich also dort oben meine Zeit ruhig abgewartet, so mußte das ganze
-Rudel auf kaum zehn Schritt an mir vorbei, und an Ausweichen war auf dem
-schmalen Kamm gar nicht zu denken. Wie ich aber das immer stärker werdende
-Klappern auf den Steinen hörte, das gerade so klang, als ob es links und
-rechts um mich her in allen Ecken und Spalten lebendig würde, da ging mir
-der Athem aus, das Herz fing an zu hämmern als ob es mit hinaus wollte,
-ebenfalls zuzusehn was da passire, und alle Warnungen und Rathschläge,
-alle guten Vorsätze, alle Erfahrungen selbst, waren in dem einen Moment
-unbeschreiblicher Aufregung und Leidenschaft vergessen. Die Büchse im
-Anschlag richtete ich mich in meinem Versteck auf, und wie die ersten
-Krickeln nur hinter den Steinen vorsahen, und ich den dunklen Schatten
-eines Körpers erkennen konnte, gab ich Feuer.
-
-Ich weiß nicht einmal ob es geknallt hat -- weiter Nichts als das wilde
-Hals-über-Kopf-Hinabstürzen der erschreckten Thiere hörte ich, die aber
-auch im nächsten Augenblick in der Schlucht verschwunden waren, und als
-ich dort nachsprang, und noch einmal hinter den Flüchtigen auf etwa
-zweihundertfünfzig Schritt -- und ich muß zu meiner Schande gestehn,
-_nachfeuerte_, stob das ganze Rudel auseinander, und eilte wieder der
-Stelle zu, auf der ich sie zuerst gesehen hatte.
-
-Allerdings sonderte sich ein Bock vom Rudel ab und rutschte, zu meiner
-innigen Freude, ein ganzes Stück den ziemlich steil da ablaufenden Hang
-hinunter, ob er aber vielleicht nur ausgerutscht war -- und warum sollte
-das einer Gemse nicht auch geschehen können -- oder mich gar damit
-verhöhnen wollte, ich weiß es nicht, spätere Nachsuche auf der Fährte ergab
-nicht einen Tropfen Schweiß, der auf dem grauen Geröll überall deutlich
-sichtbar gewesen wäre. Bald darauf schloß er sich auch wieder seinem Rudel
-an.
-
-Gleich nach dem Schuß kam ein ganzer Flug Alpendohlen -- sonst entsetzlich
-scheue Vögel, die den Jäger nicht auf hundert Schritt hinanlassen -- um
-den Gipfel des Jochs herum. So wie sie mich da oben aufrecht stehen sahen
-flogen sie auf mich zu, kreisten mir, auf kaum zwanzig Schritt um den Kopf
-und stießen sogar nach mir, wobei mir ein paar so nahe kamen, daß ich sie
-fast hätte mit der Flinte schlagen können.
-
-Die Alpendohle, oder auch Schneekrähe genannt, ist ein wunderhübscher
-zierlicher Vogel, etwa von der Größe einer Elster, wenn nicht noch etwas
-stärker, nur ohne die langen Schwanzfedern, mit bläulichem Schiller auf
-ihrem schwarzen Gefieder, hellgelbem Schnabel, grellrothen Ständern und gar
-so munteren braunen Augen. Ihr Pfeifen klingt auch fast melodisch, und wie
-sie munter und gesellig in den Alpen herumtummeln und in der Luft kreisend
-zusammen spielen, hab' ich sie immer gern gehabt. Jetzt aber kamen sie mir
-ungelegen. Das Pfeifen nach dem schlechten Schuß behagte mir auch nicht.
-Ich zielte auf den rasch über mir hinstreichenden Vogel, und schoß ihm mit
-der Kugel eine seiner Flügelfedern durch. Das nahmen jedoch die anderen
-sehr übel, begannen einen Heidenlärm, wobei sie sich übrigens in weiterer
-Entfernung hielten, und strichen dann nach unten. Gleich darauf fiel dort
-auch ein Schuß und unser Jagdgeber hatte einer der ebenfalls nach ihm
-stoßenden Krähen mit der Kugel Kopf und Hals abgeschossen.
-
-Das ist Alles recht schön und gut -- übereilt hat sich schon mancher sonst
-vollkommen ruhige alte Jäger und vorbeigeschossen auch. Der Schütze soll
-noch geboren werden, der da sagen kann er habe nie gefehlt, aber der
-Heimweg -- der Abend nach solchem Fehlschuß. Wenn man gleich mit einem
-Satz darüber hinweg auf den nächsten Tag und in das nächste Treiben
-hinein springen könnte möcht's noch gehn, aber so überdenkt man die letzte
-unglückliche Scene wieder und wieder, hört den ganzen Abend, die ganze
-Nacht das Rudel über die Steine klappern, weiß jetzt ganz genau _wie_ man
-es hätte machen sollen, und daß trotzdem _der_ Augenblick im ganzen Leben
-nicht wiederkehrt, und ist mit einem Wort, in einer verzweifelten Stimmung.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-13.
-
-Die Nebeljagd.
-
-
-Kalt und trübe brach der nächste Morgen an, und dicker undurchdringlicher
-Nebel lag im Thal, in dem er erst etwa um zehn Uhr Morgens ein wenig
-in Bewegung kam. Nichts ist aber peinlicher, als in den Bergen durch
-schlechtes Wetter einen Jagdtag zu verlieren, und wie sich deshalb auch
-nur die Luft ein klein wenig günstiger gestaltete, und die Jäger ihr »Ich
-meinet halt doch es sollt' schon etwas besser werden,« herausgegeben, wurde
-der Aufbruch bestimmt.
-
-Unser Ziel lag an diesem Tag an dem oberen Theil des Engthals, das
-vom Laritterthal, in dem wir uns befanden, nur durch einen sogenannten
-»Hügelrücken« getrennt war, und leicht erreicht werden konnte.
-
-»Leicht erreicht werden,« ja. Der Paß lag allerdings dicht unter der
-Carwendelwand, und bestand aus nicht sehr steilen Grashängen, was aber hier
-zu Land ein _Hügel_ heißt, ist anderswo ein _Berg_ -- wie ja die Leute auch
-ein stundenbreites Thal einen _Graben_ nennen. Wir mußten auch, immer noch
-im dicken Nebel, wacker zusteigen den höchsten Kamm zu erreichen und waren
-tüchtig warm dabei geworden. Oben wurden wir dann angestellt, und den
-angeblichen Kessel vor uns -- denn sehen konnte man keine fünfzig Schritte
-weit -- die Jäger abgeschickt ihn einzuriegeln. Standen Gemsen darin so
-mußten sie Wind von den Treibern bekommen, in welchem Fall sie dann rascher
-flüchtig werden, als wenn sie den Feind erkennen konnten.
-
-Der kalte Luftzug der aus dem Thal heraufstieg that mir im Anfang, nach dem
-scharfen Steigen wohl -- von Erkältung weiß man ja hier überhaupt Nichts.
--- Ich nahm also meinen Mantel aus dem Bergsack, hing ihn um, drückte mich
-hinter einen einzelnen Stein von der Größe eines mäßigen Elephanten,
-der allein zu meiner Bequemlichkeit dort von irgend einem Bergriesen
-hingeschleudert schien, und erwartete geduldig den Beginn der Jagd -- d. h.
-das Klappern der Steine, das die heranprellenden Gemsen verrathen würde.
-
-Es war ein wunderlicher Platz -- der Nebel lag voll und schwer auf dem
-ganzen Thal, in das der Hügel, auf dessen Kamm ich saß niedersenkte. Der
-Phantasie blieb dabei der weiteste Spielraum gelassen, sich dort hinein den
-Horizont des Auges nach Gefallen auszudehnen. Wie ich deshalb so träumend
-auf das ungewisse milchige Dämmerlicht hinausschaute, aus dem nur, von den
-Wänden zurückgeworfen, das dumpfe Rauschen des Bergbachs herüber tönte,
-kam es mir plötzlich vor, als ob ich am kahlen felsigen Strand des Meeres
-sitze, das an dem Fuß desselben Hügels seine Wellen peitschte, und seiner
-Brandung Donnern im dumpfen hohlen Brausen zu mir herübersandte.
-
-Lebhafter hab' ich wachend noch nie geträumt, und in der Erinnerung an
-frühere ähnliche Scenen, konnt' ich mir jetzt schon gar keine Berge
-dort hinein mehr denken. Das _mußte_ Meer sein. Wie das dumpf kochte und
-rauschte, und wenn der Nebel sank und dort hinaus dem Auge Freiheit gab,
-dann lag auch sicher die blaue See vor mir, und einzelne weiße Segel zogen
-wie leuchtende Punkte darüber hin.
-
-Wenn es nur nicht so schmählig kalt gewesen wäre.
-
-Jetzt wurde der Nebel oben lichter; die Sonne brach sich mit einem
-einzelnen Strahl wenigstens Bahn, und im Zenith erschien der blaue Himmel.
-Endlich! Jetzt zog auch der Wind schärfer aus dem Thal herauf -- er schnitt
-im wahren Sinn des Worts durch Mark und Bein -- und dort -- ich vergaß
-Gemsen und Jagd über das Schauspiel das sich plötzlich, als ob ein
-riesiger Vorhang mit einem Wurf zurückgeschleudert würde, vor meinem Blick
-entfaltete. Mit Windesschnelle öffnete sich der Nebel und wich nach beiden
-Seiten so zurück, daß er wie durch ein gigantisches Medaillon den Blick
-hinausgestattete. Vor mir aber -- so dicht daß meiner Meinung nach
-die Armbrust einen Bolzen hätte hinübertragen müssen stieg dunkel
-und massenhaft, eine Riesenmauer, die Carwendelwand empor, und blaue
-zerfließende Lichter schossen dabei, wie nach einem Brennpunkt, in der
-Mitte dieses wunderbaren Bildes zusammen und schmolzen für jetzt noch die
-einzelnen Theile ineinander. Allmählig löste sich aber auch dies -- das
-Bild wurde rein und klar, und scharf gezeichnet lag plötzlich dort drüben,
-wo ich die See geträumt und so hoch aufragend daß ich empor schauen mußte
-ihre dunklen Ränder in dem sich wieder mit Nebel bedeckenden Himmel zu
-suchen, die schroffe Wand, mit allen ihren einzelnen Spalten und Rissen
-vor mir da. Während aber fast den vierten Theil der ganzen Höhe, die Reißen
-einnahmen, die sich der Berg in's Thal hinabgeschüttelt, lag auf diesen
-Reißen wieder, noch immer von dem jetzt lichter gewordenen blauen Schein
-übergossen, ein breiter Streifen Schnee den dort der letzte Winter noch
-gelassen.
-
-Wunderbarer Weise zog sich der Nebelrahmen jetzt mehr und mehr zusammen,
-die schärfsten Lichter auf die Mitte werfend und dort -- auf dem Schnee --
-deutlich konnte ich es mit bloßem Auge erkennen -- regte sich ein dunkler
-Gegenstand, und kroch langsam und gerade, dem Zug der Wand folgend, darüber
-hin.
-
-Ich würde es für eine einzelne Gemse gehalten haben, wenn es mir nicht
-so entsetzlich klein vorgekommen wäre -- aber was konnte es sonst sein
--- vielleicht ein Fuchs? Ich nahm das Fernrohr rasch aus seinem Futteral,
-richtete es und erkannte in dem kleinen Punkt -- einen Menschen -- einen
-Jäger der dort an der scheinbar senkrechten Wand in solcher ungeheueren
-Entfernung noch seine mühsame Bahn verfolgte.
-
-Als ob der Nebel sich aber nur geöffnet mir _das_ zu zeigen, flossen in
-diesem Augenblick wieder breite glänzende Strahlen nach der Mitte zu -- das
-Medaillon schloß sich, und dichter als vorher lagerte die weiße Nacht auf
-Berg und Thal.
-
-Und was für ein kalter Zug _mit_ dem Nebel wieder von da unten herauf und
-über den Hügel strich -- die Zähne fingen mir an zu klappern und in der
-Aussicht jetzt, daß wir hier sitzen müßten bis der Jäger, den ich eben
-erst als kleinen dunklen Punkt gesehn, seinen _Bogen_gang um den Kessel her
-vollendet hätte, wickelte ich mich nur fester und verzweifelter in meinen
-Mantel.
-
-Wie lange ich so gesessen weiß ich nicht; der Nebel wurde aber immer
-dichter, und das einzige Vergnügen das ich mir unter der Zeit machen konnte
-war, an eine recht gut geheizte Stube zu denken. Wie die Aufregung dieses
-plötzlichen Phänomens, -- ich kann es kaum anders nennen -- vorüber war,
-kam der Frost mit verdoppelter Schärfe wieder, und ich fror, wie nur ein
-unglückseliges auf einem kalten Stein, in einem solchen Nebel und auf
-solcher Höhe sitzendes Menschenkind frieren _kann_.
-
-Das Treiben nahm auch kein Ende -- der Nebelvorhang war wieder gefallen,
-und auf's Neue träumte ich mich an der Seeküste -- irgendwo in der
-unmittelbaren Nähe des Eismeers. Endlich -- Gott sei Dank das war ein
-Geräusch -- endlich doch ein Wild zum Schuß, denn wenn es hier nur
-_sichtbar_ wurde hätt' ich es auch mit einem Blasrohr treffen können. Ich
-machte mich rasch fertig, konnte aber kaum den Hahn der Büchse spannen,
-so steif war ich gefroren. Da kam's über das lockere Gestein herauf --
-mit Gewalt brachte ich den Kolben an den Backen -- schon sah ich, über den
-Büchsenlauf hin, sich einen dunklen Schatten bewegen -- sobald sich das
-als ein alter Bock auswies. -- Erschrocken setzte ich die Büchse ab und den
-Hahn in Ruh -- der Schatten gehörte einem der Jäger und der Mann stieg in
-Schweiß gebadet, den rauhen mühseligen Hang herauf. -- Ich konnte ihn nur
-um seine Temperatur beneiden.
-
-Das Treiben war vorbei; die Schützen kamen, ohne daß ein einziger Schuß
-gefallen wäre, auf dem Hügelrücken zusammen und wie froren sie. Wir sahen
-alle blau und roth marmorirt im Gesicht aus, und wenigstens eine halbe
-Stunde scharfen Marschirens war nöthig, mich nur einigermaßen wieder
-biegsam zu machen.
-
-Heute blieb freilich nicht mehr viel zu thun. Nichts destoweniger wäre es
-Schade gewesen den ganzen übrigen Tag ohne weiteren Versuch aufzugeben.
-
-Bei dem gestrigen Auszug hatten wir an einer der, dicht unter der
-Carwendelwand liegenden Reißen zwei starke Böcke gesehen. Wenn die alten
-Burschen jetzt noch dort oder in der Nähe standen, war es vielleicht
-möglich ihnen mit Hülfe des Nebels anzukommen. Die Luft schlug abwärts,
-und wenn die Schützen unten und seitwärts vorgestellt wurden, konnte sie
-nachher ein einziger Treiber losgehn.
-
-Vorsichtig schlugen wir deshalb, von einem der Treiber geführt, einen
-schmalen Vieh- und Gemspfad ein, der quer unter den Reißen, aber noch in
-ihrem Bereich hinführte, und merkwürdig war in der That diese wilde Welt,
-durch die wir jetzt hinschritten. In eine Wolke von Nebel gehüllt, blieb
-nur die nächste Nähe sichtbar, und diese bestand einzig und allein aus
-Steinen die von der Größe eines mäßigen Wohnhauses, bis hinunter zu der
-eines Chausseesteines in toller Mischung durcheinander lagen. Kein Busch,
-kein Grashalm war dabei zu sehn, nur Nebel und Felsgeröll und das Rücktheil
-des vor Einem hinschreitenden Jägers. Und wie mußte das hier donnern und
-schmettern wenn die Felsstücke von der mehre tausend Fuß hohen steilen Wand
-unter der wir hinschritten, zu Thal stürzten. Und wenn nun gerade _jetzt_
-ein solcher Brocken sich losgebrochen und seinen Weg hierher gefunden
-hätte? An ein Ausweichen wäre gar nicht zu denken gewesen, denn wie
-Kanonenkugeln prellen solche Stücke, nur einmal in Schwung gebracht,
-bergab. Störend war in der That der Gedanke, daß wahrscheinlich in diesem
-selben Augenblick hunderte solcher Blöcke über uns, nur vielleicht noch
-durch ein wenig Erdreich gehalten, hingen, und von der geringsten Ursache
-losgestoßen werden konnten. Wenn die jetzt niederbrachen, über uns -- um
-uns her -- --
-
-Es ist ein unbehagliches Gefühl an solchen Stellen hinzugehn, an denen das
-Leben eigentlich nur an einem nicht zu verhindernden Zufall hängt -- es hat
-Aehnliches mit dem Spatzierengehen in den Straßen einer verpesteten Stadt,
-wo man kaum zu athmen vermag.
-
-Alle Wetter -- da oben ging's schon los! --
-
-Wie wir eben an einer Stelle vorüberschritten die solch unnöthiges
-Baumaterial in außergewöhnlicher Masse geliefert zu haben schien,
-polterte es plötzlich über uns in den Steinen, und einzelne kleine
-Carwendelwandsplitter, von der Größe eines gewöhnlichen Kinderkopfes kamen
-springend nieder.
-
-Das waren jedenfalls Gemsen -- deutlich konnten wir sie auch, vielleicht
-nur wenige hundert Schritt von uns entfernt, davon klappern hören -- aber
-zu sehn war weiter Nichts, als die unerbittliche weiße Decke, die uns
-umhüllte. Rasch wurden jetzt die nöthigen Befehle ertheilt den Platz auf
-dem die Gemsen plötzlich zu halten schienen, zu umstellen, und sie doch
-vielleicht noch zum Schuß zu bekommen. Martin, dem der Boden schon lange
-unter den Füßen brannte, sprang dann in seinem wolfsähnlichen langen Galop
-zurück, den äußersten Vorposten so rasch als möglich zu besetzen, während
-unser Jagdherr selber sich noch weiter vorpirschte, um später mit Rainer
-die beschwerlichen Reißen hinan bis unter die Wand zu klettern. Waren die
-Gemsen noch darin, so _mußten_ sie jetzt einem der Schützen kommen, denn
-die steile vielleicht mehre tausend Fuß hohe Carwendelwand konnten selbst
-diese Thiere nicht empor. Was nicht Flügel hatte kam da nicht hinüber.
-
-Der hohe Herr stand senkrecht über mir, und als der Windzug einmal auf
-Momente die oberen Nebelschichten in Bewegung setzte, daß der düstere
-Schatten der nahen Wand wie eine drohende Gewitterwolke über uns stand,
-konnt' ich seine hohe dunkle Gestalt, nur eben wie fast in der Luft
-schwebend, erkennen. Tiefer im Thal stand ein jüngerer Anverwandter
-desselben, der schon einige Tage mit in den Bergen gejagt hatte, und neben
-ihm, seinen schottischen Plaid über der Schulter und seinen breiträndigen
-Hut auf, der ihm den Namen eines »falschen Spaniers« zugezogen, der
-Zeichner dieser Skizzen.
-
-Ich hatte mich in einen Laatschenbusch gedrückt, und Platz genug zum
-Schießen -- wenn eben nur etwas kam -- auch heute zwei Büchsen neben
-mir, da die Erinnerung an das gestrige Rudel den Verdacht in mir hatte
-aufsteigen lassen, daß mir heute etwas Aehnliches wiederfahren würde. Der
-Mensch giebt sich manchmal solchen angenehmen Träumen hin.
-
-Ein paar Mal schwankte der Nebel, und es schien fast als ob er sich
-zerstreuen wolle -- das wäre für die Jagd prächtig gewesen. Jedenfalls
-hatte sich der Wind gedreht, und kam jetzt mehr von Norden als heut Morgen
--- aber der Nebel wich und wankte nicht. Da fing es plötzlich über mir an
-in den Steinen zu donnern und zu prasseln, daß ich glaubte, der ganze Berg
-käme herunter. Piff -- paff, gingen dabei oben die Schüsse rechts und links
--- _eine_ Kugel konnte ich auf die Steine aufschlagen hören -- und ein
-ganzes Rudel mußte dort irgend wo aufgestanden und nach allen Richtungen
-gleich hin flüchtig geworden sein.
-
-Wie als ob Jemand auf dünnem Eise geht, es plötzlich links und rechts um
-sich knackern hört, und nun in Todesangst, die Augen rasch hinüber und
-herüber wirft, von welcher Seite die Gefahr, der schlimmste Riß zuerst wohl
-kommen könne, _so_ hing ich in der Laatsche. Nebel daß man keine dreißig
-Schritt weit sehen konnte, und jetzt rings um das tolle Poltern, ja sogar
-soweit das Auge nach rechts und links schauen konnte, niederspringende
-Steine -- es war ein Augenblick der peinlichsten Spannung und Erwartung,
-einer der wenigen Momente im Leben, in denen man auf jeder Schulter und
-besonders auf dem Rücken noch ein Gesicht mit ein paar Augen haben möchte,
-und sich fast den Kopf in den vollkommen nutzlosen Versuchen abdreht,
-überall hin, zu gleicher Zeit zu schauen.
-
-Schüsse jetzt nach allen Richtungen -- Schreckschüsse wie sich später
-auswies, die Gemsen die oben durchbrechen wollten zurückzubringen und
-springende Steine von allen Seiten her. -- Wie Rettung aus dieser Noth,
-brachen da plötzlich drei dunkle Schatten quer vor mir hinüber. Wenn ich
-aber auch ziemlich deutlich sah daß es Gemsen waren durfte ich doch nach
-_der_ Richtung hin nicht schießen, da leicht schon ein Treiber hier herüber
-gekommen sein konnte, und die Kugeln auf den eckigen Steinen oft nach
-ganz verkehrten Richtungen abprallen. Ehe ich aber auch nur hätte anlegen
-können, waren sie von einer Schlucht oder vom Nebel verschlungen, und ich
-hörte nur noch, wie sie bergab und der Richtung zusprangen, in der Prinz C.
-stand.
-
-_Paff!_ knallte ein Schuß, kurz und trocken von dort herüber, und es fiel
-mir jetzt auf, was ich schon bei den früheren Schüssen bemerkt hatte, wie
-wenig Schall sie nämlich in solchem Nebel haben. Bei klarem Wetter hätte
-die rauhe mächtige Wand das Echo sicherlich mit donnerndem Getös hinab in's
-Thal geworfen.
-
-Aber ich brauchte meine fünf Sinne jetzt zu etwas Anderem, als
-naturhistorischen Studien. Links von mir hatte ich einen, nur mit
-Alpenrosenbüschen bewachsenen Hügelhang, den ich eben, als der Nebel vom
-Wind darüber hingejagt wurde, erkennen konnte. Dorthin hörte ich auch
-Getrappel und entdeckte gleich nach dem Schuß ziemlich deutlich die dunklen
-Gestalten zweier Gemsen -- so groß dem Anschein nach wie Kälber --, die am
-Hügelhang flüchtig aufwärts gingen. Das mußten jedenfalls Böcke sein, und
-das war die letzte Gelegenheit für mich. Wenn sie mir auch in den dichten
-Nebelschichten ein paar Mal unter den Augen weg verschwanden, schickte ich
-ihnen doch, sobald sie wieder sichtbar wurden, rasch hintereinander drei
-Kugeln nach.
-
-Nach jedem Schuß -- und das Einschlagen der Kugeln mußten sie an dem
-steilen Hang hören -- blieben sie allerdings einen Moment wie erstaunt
-stehn, setzten aber auch dann eben so ungenirt ihre Flucht fort, bis mir
-Hügelhang und Gemsen und Nebel vor den Augen zu einer grauen unbestimmten
-Masse zusammenschmolz.
-
-Bei der Nachsuche später fanden wir übrigens keinen Tropfen Schweiß, und
-ein älterer erfahrener Schütze der mit unten gestanden und das Wild weit
-näher gehabt als ich, aber nicht geschossen hatte, weil er behauptete es
-sei eine Geis und Kitz gewesen, versicherte: die alte Geis wäre nach jedem
-Schuß stehen geblieben, hätte sich nach dem Kleinen umgesehn und zu ihm
-gesagt, »komm nur mit, mein Kindchen, du hast _gar_ Nichts zu fürchten.«
-
-[Illustration]
-
-Unser Jagdherr hatte in dem nichtswürdigen Nebel ebenfalls vorbeigeschossen
-oder doch eine Gemse nur gestreift; die Nachsuche am nächsten Tag ergab
-trotz hie und da gefundenem Schweiß kein Resultat.
-
-Glücklicher dagegen war mein junger Nachbar gewesen, und als wir hinunter
-kamen, fanden wir Michel emsig damit beschäftigt einen prachtvollen
-Bock, der in voller Flucht den Berg hinunter gekommen und im Feuer
-zusammengebrochen war, zu zerwirken.
-
-Merkwürdig ist, wie sehr man sich bei solchem Nebel in den Formen und
-Umrissen, besonders flüchtig gehenden Wildes täuscht, während die stete
-Aufregung, Gemsen überall, vielleicht in Schußnähe, um sich zu wissen und
-zu hören, und doch Nichts sehn zu können, dem Schützen auch die letzte Ruhe
-nimmt. Ich wenigstens, obgleich sonst auf der Jagd gar nicht so übermäßig
-hitzig, befand mich bei diesem Nebeltreiben in einer ganz unbeschreiblichen
-Aufregung -- ein Anderer soll ruhig dabei bleiben.
-
-Während wir wohl noch eine halbe Stunde mit der vergeblichen Nachsuche
-verloren, war es fast dunkel geworden. Ein frischer Wind der sich zugleich
-erhob trieb jetzt die oberen Nebelschichten vor sich her, und als wir dicht
-unter der senkrecht niederfallenden Carwendelwand hingingen, zeigte sich
-über uns der blaue reine Himmel, an dem einzelne lichte, von der Sonne
-erhellte Wolken rasch nach Süden zu vorüber zogen. Zu gleicher Zeit
-wurde die ganze dunkle zackige Wand sichtbar, und wir Alle blieben fast
-erschreckt vor dem Anblick stehn, der sich hier uns bot.
-
-Die Wolken zogen von uns weg, über die Wand hinüber, und wie es bei
-halbklarem Himmel, wenn der Mond oben steht, gerade so aussieht, als
-ob jene ihren Platz behaupteten, und nur der Mond in wilder Flucht
-hindurchjage, so war es jetzt in wirklich Herz beklemmender Täuschung, als
-ob die ganze furchtbare düstere Steinmasse, die ihre scharfen Zacken in die
-klare Luft hineinreckte, langsam nach uns herüber schwankte, und Alle im
-nächsten Augenblick mit ihrer riesigen Wucht zerschmettern müßte.
-
-Ich wußte, es war nur Augentäuschung, und doch mußte ich den Kopf
-wegwenden. Wie schön der Anblick war, so über alle Maßen furchtbar und
-bewältigend war er auch.
-
-Wieder schloß sich da der Nebel, und des zurückkehrenden Martin Bericht
-brachte uns bald auf andere Gedanken.
-
-Als er nämlich, wie er erzählte, vorher war abgeschickt worden dem
-Rudel, das wir poltern gehört, den Weg abzuschneiden, glückte ihm dies
-so vollkommen, daß er, vom Wind und ihrem eigenen Steingerassel dabei
-begünstigt, dicht an sie hinankam. Im ersten unbedachten Schreck flohen sie
-auch, wie sie den Menschen gewahr wurden, soweit es ihnen der starre Fels
-erlaubte, grad' an der Wand hinauf. Dorten aber kamen sie bald zu einem
-gezwungenen Halt, während ihnen der jetzt aufspringende Martin den Rückweg
-abschnitt oder doch wenigstens verstellte. Ein paar Minuten blieben sie so
--- und das muß wundervoll ausgesehen haben -- an der steilen Felswand, eine
-hinter der anderen kleben, bis der Jäger endlich, um sie dort herunter zu
-bringen, einen Schreckschuß abfeuerte. Aber jetzt kamen sie, und zwar
-so rasch daß Martin versicherte: »Jetzt mußt' ich aber gemach daß
-ich fortkam,« denn kollernde und springende Steine und Gemsen, Alles
-durcheinander, brachen und prasselten plötzlich zusammen und hintereinander
-her den schroffen Hang nieder. Im Nu waren sie aber auch im Nebel
-verschwunden und nur ihr Geklapper auf den lockeren Reißen verrieth die
-Richtung die sie genommen.
-
-[Illustration: =Die Nebeljagd.=]
-
-[Illustration: =In der Flucht.=]
-
-
-
-
-14.
-
-Die Nachsuche.
-
-
-Es giebt in unseren Naturgeschichten einige althergebrachte Anekdoten von
-Menschen und Thieren die einmal »gang und gäbe« sind und die Einer
-dem Anderen so unbefangen nacherzählt, als ob es sich nur um allgemein
-anerkannte Thatsachen handelte. So versteht es sich von selbst daß der Löwe
-ein höchst großmüthiges uneigennütziges Thier sei, der Rinaldo Rinaldini
-unter den Bestien, der eine bestimmte Aversion gegen den Blick des
-Menschen habe, und demselben unter keinen Umständen begegnen könne. Bei
-der Klapperschlange heißt es, daß sie mit ihrem Blick allein Vögel
-anlocke, banne und -- verschlinge. Ein Gemsjäger ferner ist, für die Jugend
-wenigstens, untrennbar von dem Bilde eines Menschen der, mit einem sehr
-spitzen Hut, auf einer sehr steilen Eiszinke steht und sich die Fußsohle
-aufschneidet. Ich selber kann mich auch noch recht gut aus meiner
-Jugendzeit erinnern, daß ich das Fußaufschneiden als vollkommen identisch
-mit der Gemsjagd hielt, und so natürlich und einleuchtend, wie das Anziehen
-von Ueberschuhen bei schmutzigem Wetter fand. Wie hätten sie anders an
-_solchen_ Eiszacken herumklettern wollen. Kommt man dann aber später in
-das wirkliche Leben und auf den Schauplatz solcher außerordentlichen
-Ankündigungen hinaus, so findet man nicht allein bei diesen, sondern
-auch bei noch vielen anderen, mit großer Entschiedenheit aufgestellten
-Behauptungen, daß sich irgend ein biederer Gelehrter daheim im warmen
-Studirzimmer bei einer Pfeife Tabak und mit Hülfe einer unbestimmten Anzahl
-von Folianten derlei Schlüsse excerpirt und combinirt, und mit großem
-Selbstvertrauen in die Welt hinausgestreut hat. Natürlich glaubt er das am
-Ende selber was er geschrieben, und darf das Nämliche nun auch von Anderen
-verlangen.
-
-Wenn die Klapperschlangen aber nur davon leben sollten was sie mit den
-Augen fangen, würde es bald keine mehr geben, und wenn sich der Gemsenjäger
-dadurch _forthelfen_ sollte daß er sich des einzigen Mittels dazu durch
-einen Riß in die Sohlen _beraubte_ -- seiner gesunden Füße -- so hätten die
-Gemsen wahrlich gute Zeit.
-
-Nichtsdestoweniger ist das Steigen in den Bergen doch eine keineswegs so
-leichte Sache, und wenn der noch nicht recht darin Geübte auch gerade
-nicht an solche Stellen hinzugehen braucht, die selbst den alten Steigern
-»schiech« vorkommen, findet er doch Gelegenheit genug zu versuchen ob er
-schwindlig ist und einen festen Schritt hat.
-
-Die Jagd selber bietet dabei noch nicht das Schlimmste, denn dort kann sich
-der Schütze und selbst der Treiber doch immer noch den gangbar scheinenden
-Weg aussuchen und die schlimmsten Stellen vermeiden. Auf der _Nachsuche_
-dagegen, um ein angeschossenes Gemsthier, führt dieses selber den Jäger,
-der ihm auf dem Schweiß folgen _muß_, und daß sich die kranke Gems nicht
-die bequemsten Wechsel aussucht läßt sich denken. Die Nachsuche ist
-jedenfalls der wildeste und gefährlichste Theil der ganzen Gemsenjagd, und
-eine recht hübsche Probe habe ich wenigstens davon bekommen. Am Heimjoch
-hatte ich eine Gemse, die flüchtig auf dem Pirschgang vor mir in die
-Laatschen sprang, angeschossen, und Rainer war ihr schon an dem Abend
-soweit auf dem Schweiß gefolgt, bis er eben nicht weiter nach konnte. Die
-Nacht regnete es was vom Himmel herunter wollte, und um das angeschossene
-Wild nicht zu verlieren, ging ich am nächsten Morgen mit ihm, Wastel und
-zwei Hunden aus, dort wo er gestern die Spur verlassen, heute »verloren«
-nachzusuchen.
-
-Da dem Platz, wie Rainer versicherte, von oben nicht gut beizukommen war,
-versuchten wir es von unten, die Klamm aufwärts, und mit Steigeisen an
-den Füßen, jetzt an steilen Klüften hinauf, wo wir den Hunden nachhelfen
-mußten, jetzt durch die nassen Laatschen kriechend, über glattes Gestein
-und bröckelige Reißen, an Abgründen und Felsspalten hin, erreichten wir
-endlich die Stelle wo der Jäger vermuthete, daß sie sich eingestellt
-haben möchte. Wastel war ein Stück zurück geblieben, in ein paar andere
-Felsspalten hinein zu schauen, ob sie dort nicht vielleicht verendet läge,
-als plötzlich die Hunde dicht vor mir laut wurden. Und sie hatten Ursach
-dazu, denn aus den Laatschen heraus, durch die steile Schlucht vor, an
-deren Wänden wir hingen sprang plötzlich die angeschossene Gems, machte
-ein paar Sätze und stellte sich dann kaum zehn Schritt von mir entfernt auf
-eine kleine spitze Felskuppe.
-
-Jetzt kam ein Moment den der Amerikaner sehr treffend mit dem Sprichwort
-bezeichnet »den Teufel zu bezahlen und kein Pech heiß.« Das Schloß der
-Büchse hatte ich, die Nässe davon abzuhalten, mit dem Taschentuch umwunden,
-und an einer Stelle wo ich mich nicht einmal umdrehen konnte, während ich
-mit dem linken Arm um einen Laatschenzweig hing, war ich nicht im Stande
-den verwünschten Knoten der nassen Seide aufzubekommen. Lang' hielt sich
-die Gemse aber auch nicht auf, die Hunde waren ihr zu dicht auf den Fersen,
-und nur einen halberstaunten, halberschrockenen Blick auf uns werfend
-sprang sie, von den Hunden verfolgt und augenscheinlich krank den Hang
-hinunter. Bergmann besonders, der kleine Teckel, warf sich mit wahrer
-Todesverachtung, und ganz auch seine kurzen krummen Beinchen vergessend,
-hinter drein. Ein Stück Wegs sah ich ihn auch wirklich auf dem Rücken, die
-Beinchen in der Luft, hinabrutschen; aber er kam richtig wieder auf die
-Füße, und es dauerte gar nicht lange so hatten sie unten die kranke Gemse
-gestellt, die der herbeigeeilte Wastel todt schoß.
-
-Rainer hatte seine innige Freude daß die angeschossene Gems gefunden worden
--- die Leute setzen einen Stolz darein Alles wobei sie betheiligt sind mit
-Erfolg gekrönt zu sehn.
-
-»Ich wußte daß wir ihn heut' bekommen würden,« rief er, als der Schuß von
-unten herauf, und das plötzliche Schweigen der Hunde den Tod der Beute
-kündete -- »wie ich nur den Schweiß gestern observirte wußt' ich es. Was
-aber der Bursch noch springen konnte. Er setzte mit wahrer Tolleranz die
-Wand hinunter.«
-
-Außerdem entwickelte er bei dieser Gelegenheit auch noch eine, auf
-praktische Erfahrung gegründete Theorie der Bergschuh, insofern sie auf
-Lannen und Felsen verschiedene Eigenschaften besitzen müssen. Er hielt
-nämlich _die_ Schuh für gefährlich, die außer den Randnägeln auch noch
-eiserne Nägel in der Mitte hätten. »Auf den steilen Lannen und Grasboden,«
-sagte er dabei, »schadet das Nichts, da ist Eisen die Hauptsache, aber wenn
-man auf Steine kommt, dann ist es auch nöthig daß man Leder unter dem Schuh
-zu fühlen bekommt. Das Eisen rutscht auf den Steinen eher ab, aber das
-Leder ist mehr »elektrisch« -- das hält!«
-
- * * * * *
-
-Die Jagd! Die frohe herrliche Jagd! oh wie viel könnt' ich dem Leser noch
-davon erzählen, müßt' ich nicht fürchten ihn zuletzt zu ermüden. Es ist ein
-Unterschied das mit durchzuleben, oder es nur erzählen zu hören, obgleich
-der, der selber Jäger ist, sich wohl leicht und gern in das herrliche Leben
-solcher Berglust mit hineindenkt, und selbst der Laie für kurze Zeit
-Theil daran nimmt. Lieber Gott, die Poesie liegt uns, in der altbackenen
-Wirklichkeit unseres Daseins, meist so fern, daß man eigentlich froh sein
-sollte noch einen Platz in gar nicht so weiter Ferne zu wissen, in dem sie
-in all ihren Reizen prangt und thront. Wenige Herzen sind es ja außerdem,
-die den Sinn, die das Gemüth und den freien männlichen Muth haben sie dort
-festzuhalten.
-
-Wie eine Schnur kostbarer Perlen reiht sich da ein Tag an den anderen,
-keiner dem vorigen ähnlich, alle wieder neue Abenteuer, neue Scenen,
-neue Erfahrungen bringend, und alle gleich werthvoll, gleich schön in der
-Erinnerung. Heute ein Treiben in wild zerrissener und zerklüfteter Klamm,
-während der Sturm durch die Berge heult, und wie Kanonendonner durch die
-Schluchten saust, die Laatschen wie ein grünes Meer durchwogt und schwere
-Steine von den Wänden reißt -- Morgen ein stiller Pirschgang in früher
-Morgenstunde über die Joche hin und durch die Gräben nieder, und gerad'
-Beschwerden und Gefahr genug dem wahren Manne das Herz mit Lust und Wonne
-bis zum Rand zu füllen.
-
-[Illustration]
-
-Auch daß die Jagd nicht alle Tage glückt, verleiht ihr einen weit höheren
-Reiz, als wenn man eben nur hinauszugehen brauchte das Wild todt zu
-schießen. Es _ist_ wirkliche Jagd, und hat deshalb auch gar keine
-Aehnlichkeit mit den Hasenschlächtereien des flachen Landes. Was man
-erlegt, hat man sich wahrlich sauer und schwer genug verdient. Wenn man
-dann auch drei oder vier Tage umsonst die schwersten Touren gemacht, bringt
-der Erfolg des fünften hundertfachen Lohn.
-
-So verfliegt der Tag draußen in den Bergen, daß man oft gar nicht weiß wo
-er hingekommen, und der Abend am lodernden Kamin vergeht nicht schneller
-fast. Müde wird der Körper ja überhaupt nicht in dieser reinen Luft,
-selbst nach Anstrengungen, die im flachen Land den stärksten Mann zum Tod
-erschöpfen würden. Die Zeit dann zwischen Jagd und Jagd ist deshalb nicht
-Erholung, sondern wieder nur ein Vergnügen anderer Art. Man hat eben nicht
-zu jagen aufgehört weil man müde -- sondern einfach weil es dunkel wurde,
-und beginnt frisch, wie am vorigen Morgen, sobald die Sonne sich im Osten
-zeigt -- bis der Schnee kommt.
-
- * * * * *
-
-Der Schnee ist des Gemsjägers Feind, und so erfreulich ein Neues im flachen
-Lande sein mag, Wild zu bestätigen, und den Wald nach Raubzeug abzuspüren,
-so derb und mächtig tritt er dort in den Bergen gewöhnlich auf, wenn er
-erst einmal beginnt.
-
-Oft geschieht es allerdings, daß es oben auf den Jochen in der Nacht einen
-Fuß Schnee herunterwirft, und um Mittag herum die Sonne, von dem warmen
-Boden begünstigt, auch das Letzte an der Südseite der Hänge wieder
-aufgesogen hat. Er liegt dann auch weit lockerer dort wie im flachen Land.
-Das geht aber ein- oder zweimal so -- nachher wird's Ernst, und hat er sich
-erst einmal ordentlich da festgesetzt, dann ist's auch in den Alpen mit der
-Jagd vorbei, -- wenigstens mit der Treibjagd. Ja selbst der Pirschende wäre
-gezwungen alle gefährlichen und selbst nur steilen Plätze zu vermeiden, und
-hätte sich noch außerdem vor Lawinen und Schneestürzen arg zu wahren.
-
-Die Gemsen sollen sich bei heftig eintretendem Schneewetter in den Wald
-hinunterziehn. Sobald es aber aufgehört hat zu schneien, gehen sie wieder
-auf die Höhen, und wo die Lawine den Schnee in's Thal hinunter reißt,
-öffnen sich für sie nicht allein vollkommen sichere, sondern auch
-treffliche, von der hemmenden Decke freie Aesungsplätze.
-
-Daß Gemsen von Lawinen erfaßt und begraben werden geschieht außerordentlich
-selten. Die klugen Thiere kennen schon die gefährlichen Plätze wie die
-gefährlichen Zeiten, und meiden sie sorgfältig. Weit eher wird ein Stück
-Wild von diesen »Schrecken der Berge« überrascht, wie denn auch das Roth-
-und besonders das Rehwild, weit eher dem schweren Schnee erliegt.
-
-[Illustration: =Das Niedersteigen.=]
-
-
-
-
-15.
-
-Schluß.
-
-
-Und muß es denn geschieden sein? -- Die Hörner und Joche sind bis zum Fuß
-hinab in ihre weißen, wallenden, grün beränderten Mäntel gehüllt; der Frost
-hat diese Decke mit einem glänzenden, spiegelglatten Panzer umzogen, und
-wäre es jetzt selbst möglich in den Bergen fortzukommen, die Gemsen hörten
-doch schon halbe Stunden weit den lauten Schritt. -- Und wie so furchtbar
-wild und öde jene weiten Klüfte jetzt aussehn, nun der Winter sie mit
-tiefem Schnee gefüllt, und Felsenspalten und Bergesschlucht mit seinem
-Athem glatt geebnet hat. Wie bläulich die Schatten sich darüber legen, und
-der Sturm den weißen Staub hochwirbelnd in die Lüfte führt. Die Laatschen
-biegen unter der gewaltigen Last, und sind schon lange zu festen
-untrennbaren Massen zusammen gegossen worden. Nur die obersten Joche hat
-die Windsbraut sich rein gefegt zum tollen heulenden Tanz, wirbelt da oben
-den Schnee lustig im Kreise herum, und jauchzt ihr wildes Jubelgeschrei in
-die Schluchten nieder, daß es wie gäher Donner durch die Thäler braust.
-
-Zitternd und scheu sucht in solcher Zeit das arme Wild den Schutz der
-bergenden Waldung, und die breitarmige Tanne, die ihre Zweige wie ein Dach
-zur Erde niedersenkt, hat immer noch ein Plätzchen für ihre Lieblinge.
-An Nahrung kann sie ihnen freilich Nichts weiter bieten, als was sie
-sich selber gegen den Schnee geschützt gehalten, und was vielleicht der
-Nachbarbaum noch birgt. Ob nun das Wild den Sommer durch absichtlich das
-Gras unter diesen Bäumen schont, im Winter Nahrung dort zu finden, oder ob
-es ihm, wo überall genug der süßen Aesung steht, zu unbequem ist unter
-die niederhängenden Zweige zu kriechen, aber diese unter den Bäumen
-freigehaltenen Stellen sind dem Wild in jenen Bergen der größte Schutz
-gegen Sturm und Hunger, und nur, wenn der Schnee zu furchtbar arg wird,
-wie im vorletzten Jahr, und die armen Geschöpfe vielleicht gar an solchen
-Stellen einschneien und sich nicht wieder vorarbeiten können, dann freilich
-gehn sie ein, und Füchse und Raubvögel haben reiche Atzung.
-
-[Illustration]
-
-Sobald aber die Schneedecke friert und hart wird, ist die flüchtige Gemse
-wieder auf den Füßen, und dann geht es mit frohen Sprüngen in die Berge
-hinauf, dort süßere Aesung zu suchen als der Wald ihr bieten konnte. An den
-schroffen Wänden giebt es auch überall Schneestürze, die hie und da einen
-Grasfleck freigeschoben haben, bis die Lawine mit vollen Händen den grün
-und reich besetzten Tisch für sie deckt. In der Zeit haben sie auch nicht
-mehr des Jägers Rohr zu fürchten. Wenn sie nur die Augen gut nach oben
-Wacht halten lassen -- nach unten sind sie sicher.
-
- * * * * *
-
-Vor dem Schloß stehn die Jäger, dem scheidenden Herrn noch ein Lebewohl
-zuzurufen. Sie sind meist Alle in ihrer Sonntagstracht und sehen ernst,
-ja fast traurig aus, unterhalten sich auch nur leise miteinander. Die
-fröhliche Jagd ist vorbei, der lange schwere Winter liegt vor ihnen, und
-sie haben Nichts, das sie heiter stimmen, oder ihnen Anlaß zu den sonst
-häufigen Scherzen und Neckereien geben könnte.
-
-Auch Bandey, der Fischer und Vogelsteller steht dazwischen, mit noch ganz
-besonderer Ursache unzufrieden zu sein. Armer Bandey, Du paßtest vergebens
-auf einen Deiner Kameraden, den Du für den Fischdieb hieltest, und während
-Du mit Zorn und Rache in dem sonst so gutmüthigen Herzen auf einen spitzen
-Hut und ein paar Lederhosen zur Zielscheibe wartetest, stahl Dir eine
-Fischotter, fast unter dem Lauf der alten Schrotflinte weg, die mühsam
-gefangenen und so treu bewachten Forellen.
-
-Selbst Jackel fehlt nicht mit dem rothen, gutmüthigen aber immer etwas
-verdutzt dreinschauenden Gesicht. Er sieht heute aber nicht reinlicher aus
-als gewöhnlich. Da tritt der Kammerdiener zu ihm, und reicht ihm freundlich
-die Hand zum Abschied.
-
-»Nun Jackel, halte Dich gut bis zum nächsten Jahr.«
-
-»Danke schön; gleichfalls -- kommen Sie hübsch gesund wieder her,« nickt
-Jackel gutmüthig, und schüttelt die gebotene Rechte aus Leibeskräften.
-
-»Aber Jackel,« sagt da der Kammerdiener, indem er seinen prüfenden Blick
-an der vierschrötigen Gestalt auf und nieder gleiten läßt, mit freundlich
-verweisender Stimme, »wie siehst Du wieder aus. Reine Wäsche hätt'st Du Dir
-doch wenigstens heute anziehen können. Was sollen denn die Herren von Dir
-denken?«
-
-»Ach Herr Kammerdiener,« sagt Jackel gutmüthig lächelnd, aber doch ein
-wenig dabei erröthend, -- »die sind's halt schon an mir gewöhnt.«
-
-Die Wagen fahren vor -- die Jagdgesellschaft tritt in den kleinen Vorhof
-hinaus, und Jeder springt auf seinen Sitz. -- Noch einen freundlich
-grüßenden Blick wirft der scheidende Herr über die Gestalten der Jäger, die
-ihm mit rasch heruntergezogenen Hüten den herzlichen Abschiedsgruß
-zurufen, einen anderen, fast mit einem leichten Seufzer nach den schneeigen
-Bergriesen hinauf, von denen er jetzt wieder auf ein volles Jahr Abschied
-nimmt -- und wie im Flug rollen die leichten Wagen die schmale aber glatte
-Straße entlang, dem flachen Lande zu.
-
-
- Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
-werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=
-hervorgehoben.
-
-Der Halbtitel wurde entfernt.
-
-Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende an den Buchanfang verschoben.
-
-Die 12 ganzseitigen Lithographien (nicht: "Das Jagdschloss.") sind im
-Original mit dem Hinweis "Lith. Inst. v. L. Sachse & Cº Berlin." versehen,
-der in der Transkription entfernt wurde. Die ganzseitigen Illustrationen
-wurden an das jeweilige Kapitelende verschoben.
-
-Zwei textumgreifende Illustrationen auf den Seiten 61 und 68 werden in der
-Transkription beschnitten dargestellt.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- im Inhaltsverzeichnis:
- "Seite 121" geändert in "Seite 120"
- "Seite 128" geändert in "Seite 127"
- "Seite 138" geändert in "Seite 137"
- "Seite 149" geändert in "Seite 148"
-
- Seite 3:
- "," hinter "Heerden" entfernt
- (ihre Heerden vor Lawinensturz und Wintersturm in Sicherheit)
-
- Seite 10:
- "-" eingefügt
- (erst durch prächtige Buchen- und Ahornwälder)
-
- Seite 15:
- "Jäger-rath" geändert in "Jägerrath"
- (Der Jägerrath, der Bericht der Leute)
-
- Seite 17:
- "«" eingefügt
- (weil sie in den Dickichten drin stecken.«)
-
- Seite 18:
- "." eingefügt
- (vorgestern mit dem großen Ragg drüben gewesen.)
-
- Seite 21:
- "." eingefügt
- (mit unbeschreiblichem Entzücken. -- Was ist Nachtigallenschlag)
-
- Seite 61:
- "." eingefügt
- (oben ein Stein. -- Etwa hundert Schritt höher)
-
- Seite 69:
- "»" eingefügt
- (»ich hab' genug an dem Schuß.«)
-
- Seite 69:
- "»" vor "Der" entfernt
- (Der Wastel erwiederte Nichts)
-
- Seite 87:
- "aufloderte" geändert in "aufloderten"
- (schwarz gebrannten, und wie glasirten Balken aufloderten.)
-
- Seite 97:
- "«" eingefügt
- (es war gerade schrecklich tief wo sie fiel.«)
-
- Seite 97:
- "«" eingefügt
- (hat er im Nasentüchel nach Haus getragen.«)
-
- Seite 100:
- "»" eingefügt
- (»er mußte drei Stunden gehn)
-
- Seite 115:
- "Schnebahn" geändert in "Schneebahn"
- (als ob eine Maus auf der Schneebahn hinliefe)
-
- Seite 131:
- "," eingefügt
- (die beiden westlichsten die höchsten, die östlichste)
-
- Seite 134:
- "," eingefügt
- (flogen sie auf mich zu, kreisten mir)
-
- Seite 137:
- "ihn" geändert in "ihr"
- (und die Jäger ihr »Ich meinet halt)
-
- Seite 139:
- "konte" geändert in "konnte"
- (deutlich konnte ich es mit bloßem Auge erkennen)
-
- Seite 140:
- "." eingefügt
- (sich das als ein alter Bock auswies.)
-
- Seite 143/144:
- "," eingefügt
- (Schreckschüsse wie sich später auswies, die Gemsen die oben)
-
- Seite 150:
- "gelieben" geändert in "geblieben"
- (Wastel war ein Stück zurück geblieben)
-
- Seite 151:
- "»" vor "das" entfernt
- (-- das hält!«)
-
- Seite 157:
- "Banday" geändert in "Bandey"
- (Armer Bandey, Du paßtest vergebens)]
-
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Eine Gemsjagd in Tyrol, by Friedrich Gerstäcker
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE GEMSJAGD IN TYROL ***
-
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