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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Eine Gemsjagd in Tyrol - -Author: Friedrich Gerstäcker - -Illustrator: Carl Trost - Richard Illner - -Release Date: October 19, 2015 [EBook #50252] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE GEMSJAGD IN TYROL *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - -[ Symbole für Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ] - - - - - Eine - Gemsjagd in Tyrol - - von - Friedrich Gerstäcker. - - Mit 34 Illustrationen und 12 Lithographien - nach Originalzeichnungen von C. Trost. - - Der Autor behält sich das Uebersetzungsrecht vor. - - Leipzig, - Ernst Keil. - 1857. - - - - -Inhalts-Verzeichniß. - - - Seite - - 1. In die Alpen 1 - - 2. Hinauf! 10 - - 3. Aufbruch zur Jagd 23 - - 4. Das Riegeln 31 - - 5. Das Treiben am Joch 41 - - 6. Die Pirsche 48 - - 7. Ragg's Erzählung vom Wilderer 65 - - 8. Ein Sonntag Morgen 75 - - 9. Die Baumgart-Alm 83 - - 10. Die Delpz 107 - - 11. Die Grasberg-Alm 120 - - 12. Das Gemsjoch 127 - - 13. Die Nebeljagd 137 - - 14. Die Nachsuche 148 - - 15. Schluß 155 - - - - -[Illustration] - - - - -1. - -In die Alpen. - - -_Die Gemsjagd!_ -- Welchen eigenen Zauber nur das Wort allein auf mich -ausübt! Kaum nehme ich die Feder in die Hand, und lasse die Erinnerung -zurückschweifen zu jenem wilden fröhlichen Leben, so tauchen auch schon die -grimmen Berge in all ihrer Pracht und Herrlichkeit empor. Wieder sehe ich -jene schroffen Kuppen und Joche, jene Schluchten und Wände hoch über mir -emporragen -- unter mir in schwindelnder Tiefe liegen -- wieder höre ich -in weiter Ferne das Donnern der Lawinen, das Prasseln der aufgescheuchten -Gemsen auf dem lockeren Geröll der Reißen, und wie mit _einem_ jähen Schlag -steht plötzlich jene wunderbare Welt in ihrer ganzen Pracht und Größe -bewältigend um mich her. - -Das Herz fängt mir an zu schlagen, als ob ich noch einmal da draußen, halb -in einen Laatschenbusch hineingeklemmt, auf überhängender vorspringender -Felsenspitze klebte, und kaum athmend, mit der gespannten Büchse in der -Hand, in ängstlicher, fast peinlicher Lust, die Sinne zum Zerspringen -angestrafft, des flüchtigen Wildes harrte -- und Alles wird lebendig um -mich her: - -In den gelblich schimmernden Lärchentannen, die tief unter mir ihre -halbtrockenen Spitzen heraufstrecken, rauscht und murmelt der Wind, -schüttelt und schaukelt die elastischen zähen Zweige der Krummholzkiefer, -und fegt den Staub aus den trockenen Ritzen und Spalten der weiten Klamm, -die sich neben mir, mit ihren gähnenden Schluchten tief in den Berg -hineingefressen hat. Dort drüben balgt sich ein Schwarm schreiender -munterer Alpendohlen, und still darüber hin, in stummer gewaltiger -Majestät, zieht ein einzelner Jochgeier -- der braune Steinadler -- seine -luftige Bahn. - -Oh komm! -- fort, fort aus dem flachen Land. -- Dort hinten ragen schon die -starren, lichtübergossenen Joche aus dem duft'gen Nebel auf, der wie ein -Schleier auf den Bergen liegt; neben uns rauscht und funkelt die grüne -Isar, und trägt den flüssigen, wie mit leuchtendem Silber übergossenen -Bergcrystall zum niedern Land hinab. Die kleinen zierlichen reinlichen -Häuser mit ihren steinbeschwerten Dächern, hölzernen Veranda's, bunten -Heiligenbildern und Außenwerken von gespaltenen Winterscheiten werden -häufiger; freundlich grüßende Gesichter mit spitzen, feder-geschmückten -Hüten darüber, das unvermeidliche »Regendach« unter dem Arm, begegnen uns, -und jetzt rasselt der Wagen über das Pflaster des Bergstädtchens Tölz -die lange Straße hinab, die wie eine Bildergallerie an beiden Seiten alle -möglichen »Schildereien« aus der biblischen Geschichte und christlichen -Sage zeigt. -- Den Hang nieder geht's, durch eine Planken belegte mit -blauen Hemmschuhspuren gestreifte Gasse über die Isar hinüber, die hier -ärgerlich schäumt weil sie da plötzlich in ein Wehr gedrängt, nun Mühlen -treiben soll, das freie Kind der Berge, und jetzt -- oh wie uns das Herz da -weit wird, und die Brust noch einmal so leicht in der reinen Luft zu athmen -scheint, strecken die alten lieben Berge die Arme aus, uns zu begrüßen. -Und enger, tiefer wird das Thal mit jeder Meile, grüner der Fluß an dem wir -aufwärts ziehen, reiner der Himmel, schmaler der Weg, dem der leichte Wagen -folgt. Schon nickt die Krummholzkiefer, der _Laatschenbusch_ wie sie der -Tyroler nennt, uns von den nächsten Hängen ein freundliches Willkommen -zu, und läutende, trefflich genährte Heerden -- die Lieblingsthiere mit -riesigen Glocken um den Hals -- Schafheerden der Bergamasker Race mit -herunter hängenden Ohren, und Hirten, schwer mit allerlei Alpengeräth -bepackt, begegnen uns in der Straße. Es ist Oktober, und Hirten und Heerden -weichen dem nächst zu erwartenden Schneefall aus. Der hat auch die höchsten -Kuppen des Gebirges schon dann und wann einmal auf ein paar Tage mit seinen -weißen Mänteln überworfen -- nur als ob er sehen wollte, ob ihnen die alten -Kleider vom vorigen Jahr noch passen -- und sie sitzen wie angegossen. - -[Illustration] - -Es ist Herbst, und die Hirten »drin im Gebirg« haben selbst die letzten -»Unterleger« verlassen, ihre Thalwohnungen aufzusuchen und ihre Heerden vor -Lawinensturz und Wintersturm in Sicherheit zu bringen. - -In den Bergen wird's jetzt leer, da Vieh und Heerden sie geräumt, und -wunderhübsch schildert Tschudi das in seiner Alpenwelt: - -»Weißt Du doch selber, Alpenwanderer,« sagt er, »was für ein schwermüthig -drückender Ton im Herbst über diesen Felsen liegt, wenn Menschen und -Heerden, Pferde und Hund, und Feuer, Brod und Salz sich in's Thal -zurückgezogen. Wenn Du an der verlassenen und verrammelten Hütte vorüber -steigst, und Alles immer einsamer und einsamer wird, wie wenn der alte -Geist des Gebirges den majestätischen Mantel seines furchtbaren Ernstes -über sein ganzes Revier hinschlüge. Kein befreundeter Athemzug weht Dich -meilenweit an, kein heimischer Ton -- nur das Krächzen des hungrigen -Raubvogels, das Pfeifen des schnell verschwindenden Murmelthiers mischt -sich in das Dröhnen der Gletscher und das monotone Rauschen des kalten -Eiswassers. Die kahlgeweideten Gründe, in denen die kleinen Gruppen der -giftigen Kräuter mit frischen Graskränzen welche das Vieh nicht berührte, -sich auszeichnen, haben die letzten anmuthigen Tinten des Idylls verloren. -Der schwarze Salamander und die träge Alpenkröte nehmen wieder Besitz von -den verschlammenden Tränkbetten der Rinder, und die verspäteten Bergfalter -schweben mit halb zerrissenen und abgebleichten Flügeln durch das Revier, -aus dem die beweglichen Unken in trostlosen Chören die sommerlichen -Jodelgesänge der Hirten wie spottend zu wiederholen scheinen.« - -Nicht wahr wie schade, daß der _Jäger_ gerade in diese Berge einzieht, wenn -sie der Hirt mit seinen idyllischen Heerden verläßt, und der Jäger bedauert -das gewiß. -- - -»Gott sei Dank daß das langweilige Vieh mit seinem Gebimmel endlich -abzieht« murmelt er vergnügt vor sich hin, »jetzt bekommen die Berge doch -endlich einmal Ruh, und man braucht nicht zu fürchten auf jedem Pirschpfad -und Joch, statt einem Rudel Gemsen eine Heerde Schafe anzutreffen.« - -Die _Poesie_ der Berge verträgt sich recht gut mit der Jagd, und der ächte -Jäger weiß sie gewiß zu würdigen, denn sein ganzes Leben und Treiben ist -poetisch; aber -- sie darf ihm nur nicht in's Gehege kommen, sonst sind sie -eben die längste Zeit Freunde gewesen. Wo sie die Ausübung seiner Jagdlust -stört, hat sie für ihn aufgehört Poesie zu sein, und -- wenn er sie -nicht zum Teufel wünscht, geschieht dies nur in einzelnen Fällen aus ganz -besonderer Rücksicht. - -Aber der Wagen rollt indessen lustig den wenn auch schmalen, doch glatten -Weg entlang, der sich allmählig, dem Lauf der Isar folgend aufwärts zieht. -Die Krummholzkiefer kommt schon bis an den Weg herab, und läuft hinüber, -bis zu dem Stein besäeten Ufer des crystallhellen Bergstroms, in dessen -blitzender Fluth hie und da eine muntere Forelle, leicht und rasch die -Strömung stemmend, aufschwimmt. Noch umgeben uns hohe, aber bis zu ihrem -Gipfel dicht bewaldete, wenigstens bewachsene Berge, -- noch haben wir -die Alpenregion nicht erreicht, und zu nah steigen die uns nächsten Hänge -nebenauf, die dahinter liegenden mächtigeren Kuppen erkennen zu können. -Aber das Gebirg wird schon wilder. -- Rechts von uns ragt eine hohe -schroffe Steinwand von der Sonne mit ihrer flammenden Gluth übergossen, wie -eine riesige Silberstufe auf, nach links zu öffnet sich jetzt das Thal, und -herüber grüßt da plötzlich mit seiner scharfgeschnittenen schneegedeckten -Pyramidenkuppe der Scharfreuter, während weiter nach vorne, wo jetzt -die Riß sich in die Isar gießt der Stuhlkopf, und dahinter der gewaltige -Steinkegel, der »große Falken« sichtbar wird. - -[Illustration] - -Mit ihnen taucht die Erinnerung an manche wilde Schlucht, an manche -romantische, tief in Berg und Wald hineingedrückte Lagerhütte wieder -auf, die uns da drinnen sehnlich schon erwarten. Dieselben sind ja alte -Bekannte, alte Freunde, und es ist fast, als ob sie die mächtigen Hälse -reckten, und freundlich herüber nickten uns zu grüßen. -- Es war nur -Augentäuschung. -- In grimmer stolzer Majestät stehn sie dort, und bieten -den Jahrhunderten die Stirne. Ob sie Orkane umrasen, ob der Föhn durch -ihre Schluchten tobt, und die Lawine, von ihrem Nacken nieder, donnerndes -Entsetzen in die Thäler wirft, oder ob kosende Frühlingslüfte ihre Hänge -und Wände mit Blüthen decken, was kümmert's sie. Geschlechter gehn und -kommen und vergehn auf's Neu, und starr und trotzig recken sie die Häupter -nach wie vor dem blauen Aethermeer entgegen. - -Aber hier sind wir schon im Gemsenrevier. -- Rechts und links hinauf sucht -das Auge unwillkürlich nach einem dunklen Fleck auf dem Grau der Steine, -oder in dem matten Braun der Haidedecke, die kleine Blößen zwischen den -Krummholzkiefern bildet, und die Hand greift rasch und unwillkürlich nach -dem Fernrohr an der Seite, irgend einen erspähten Punkt, und auch nicht -größer eben als ein Punkt, mit dem scharfen Glas mistrauisch näher zu -untersuchen. -- Aber nein; der dunkle Schatten einer alten Wurzel; ein -Erdloch, aus dem sich ein thalabgerollter Stein gebröckelt; ein wunderlich -gebogener Ast ist vielleicht, was das scharfe Auge des Jägers für einen -möglichen Gemsbock gehalten, und mit einem getäuschten »es ist Nichts,« -wird das Glas wieder zur Seite gelegt. - -Hier haben wir auch schon die Isar verlassen, und sind in das Rißthal -eingebogen. - -Weiter aber noch rollt der Wagen; immer enger wird das Thal, immer wilder -und rauschender die muntere Riß, die hier schon über wildes Steingeröll -hinüber schäumt, und manchen kecken Sprung versucht. Immer steiler -werden die Wände unter denen der Weg sich jetzt wie ängstlich hindrückt. -Menschenwohnungen ließen wir mit der »Fall« in der ein Forsthaus steht -schon längst hinter uns, und nähern uns jetzt dem Distrikt wo, der Meinung -der Flachländer nach »die Füchse einander gute Nacht sagen.« Nur in äußerst -seltenen Fällen zeigt noch hie und da eine verlassene Sennhütte ihr helles -Dach -- die Sennen selber sind mit dem Vieh thalab gezogen. - -Wilder wird hier die Landschaft; dunkle Kiefer- und Fichtenwaldung schickt -ihre grünen Schatten bis zum Strom herab, und hier -- wo sich die Wände -fast zusammen drängen, die Riß, in ihr schmales Bett hineingepreßt, -ärgerlich und tobend, tief unter eine darüber hingespannte Brücke, -sprudelnd und schäumend niederspringt, kommen wir zur Grenze. An dieser -Seite steht ein blau und weißer Pfahl, jenseits der Brücke ein anderer, von -dem die Sage behauptet daß er einst schwarz und gelb gemalt gewesen. Jetzt -lehnt er grau und mürrisch im Schatten der dunklen Tannen, und schaut in -den Waldbach nieder, als ob er selber gar nicht so übel Lust hätte hinein -zu springen und mit fort zu schwimmen in's flache Land -- was er auch -vielleicht längst gethan hätte, wenn's eben nicht über eine fremde Grenze --- in's Ausland ginge. - -Warum rollt der Wagen hier noch einmal so leicht, warum hebt sich die Brust -so viel höher, warum schaut das Auge so viel schärfer nach Wild umher an -den Hängen, nach Fährten auf den Weg und in den weichen Waldgrund, der ihn -an beiden Seiten begrenzt? -- Das ist _das eigene Jagdrevier_ -- die Gemse -die hier steht, das Wild das hier in stiller Nacht vorüber zieht, gehört -zu befreundeten Rudeln, und die Berge die hier ihre grünen Arme und graue -Häupter aus- und emporrecken, sind der Tummelplatz ihrer Spiele, und tragen -den gedeckten Tisch für sie. - -Jetzt macht der Weg eine Biegung, voraus steigt der »Stuhlkopf« schroff -empor -- das Wasser rauscht lebendiger, einzelne Dächer in dem sich weiter -öffnenden Thal werden sichtbar -- ein kleines Kloster, von mehreren Hütten -umgeben dehnt sich langsam aus und dahinter liegt, dem überraschten -Blick wie aus dem Boden steigend, hineingebaut in die waldigen Berge, den -schäumenden Strom überragend und mit seinen eingeschnittenen hellen Mauern -und flatternden Fahnen gar so freundlich herüberleuchtend, ein reizendes -Jagdschloß, vor dem sich schon ein buntes Gemisch von Jägern, Dienern und -Hunden gesammelt hat, den Herrn und seine Gäste zu begrüßen. - -Wie kühn und wacker die Burschen aussehn in ihrer malerischen Tracht, wie -freundlich die gesunden gutmüthigen Gesichter darein schauen, wie glücklich -diese Adler-Augen lächeln den lieben Herrn wieder begrüßen zu können der ja -des Jahrs nur einmal, auf wenige Wochen aus weiter Ferne, zu ihnen kommt. --- Und nun giebt's wieder Leben in den Bergen. - -Und wahrlich malerisch ist die Tracht der Leute. Auf dem Kopf tragen -sie den bekannten Tyroler-Hut mit ein paar nach rückwärts gebogenen -Spielhahnfedern, den Stoß eines Schnee- oder Haselhuhns, und manchmal einen -Gemsbart. Der Hals ist frei und das weiße Hemd wird durch ein schwarz oder -bunt seidenes Tuch locker zusammengehalten. Vortrefflich unter den Hut paßt -aber die graue Joppe -- eigentlich etwas zu dunkel für die Berge, weil die -lichteren Farben viel besser mit dem Grün und Grau der Büsche und Felsen -verschmelzen -- und unter dieser reichen die schwarzen Lederhosen nur bis -zum oberen Rand des Knies, das sie bloß lassen, während unter dem Knie -der dick wollene, meist gewebte grüne oder graue Strumpf beginnt. Die Füße -stecken in mächtigen Bergschuhen, von festem, wenig geschmeidigem Leder, -das den Fuß kräftig zusammenhält, während die darunter eingeschlagenen -Nägel nur durch den bloßen Anblick einem mit Hühneraugen geplagten -Menschenkinde Entsetzen einflößen müßten. Es sind das auch keine -gewöhnlichen Nägel, sondern nach innen scharf abschneidend, nach außen mit -breitem Griff die Sohle fassend und schützend, bilden sie einen -scharfen eisernen Rand um den Schuh herum, und ahmen dadurch die ähnlich -eingeschnittenen Schaalen der Gemse nach. Ohne diese Schuh würde selbst -nicht der an die Berge von klein auf gewohnte Jäger im Stande sein an -den steilen Graslannen und schroffen Hängen, die oft nur kaum zollbreite -Vorsprünge auf ihrer glatten Fläche bieten, fortzukommen. Mit solchem -scharfen Eisenrand schneidet man aber fest und sicher in die Wände ein, und -wenn der Kopf nicht schwindelt, läuft man mit einiger Uebung sicher über -nicht eben ganz senkrechte Wände hin. - -Dazu aber braucht man außer den Schuhen noch ein anderes, höchst nöthiges -Instrument, und zwar den Bergstock, der von etwa sechs Fuß Länge, mit oder -ohne eisernen Stachel, gewöhnlich nur roh aus einer Haselstaude geschnitten -und getrocknet, dem Bergwanderer die Hauptstütze und Hülfe bietet. Ohne den -Stock wär' er nur wenig nütz da oben, und weniger beim Auf-, besonders aber -beim Niedersteigen, sichert er den Gang, hemmt den zu raschen Lauf und ist -in der That des Kletternden bester Freund. Besonders nützlich zeigt er sich -an steilen Hängen, wo man ihn wagerecht in Händen hält, mit der Spitze die -Wand berührend, die eine Hand an seinem äußersten Ende untergehalten, die -andere etwa in der Mitte aufgestemmt, das Gewicht des Körpers darauf, vom -Abgrund fort, zu lehnen. Nicht zu steile Lannen läuft der Jäger mit diesem -Stock, indem er ihn hinten einsetzt und sich darauf zurückbiegt, fast in -voller Flucht hinunter. Er dient ihm so als Hemmschuh, mit dessen Hülfe er -jeden Augenblick seinen Lauf einzügeln kann. - -Noch darf ich den Bergsack nicht unerwähnt lassen, dann sind wir, sobald -wir die Büchse auf die Schulter werfen, zum Marsch gerüstet, und wenn die -Sonne morgen früh über die Berge schaut, findet sie uns hoch über dem Nebel -droben. - -Der Bergsack ist, wie Alles was der Alpenjäger braucht und mit sich trägt, -so einfach, leicht und praktisch wie nur irgend möglich eingerichtet. Er -besteht aus einem grünleinenen Sack, der hinten mit einem starken Seil -auf und zu geschnürt werden kann, und auf dem Rücken, wo er keine -Bewegung hindert, mit zwei Achselbändern getragen wird. Er ist dabei so -zusammengefaltet daß er, wenn der Jäger nur sein Bischen Proviant, seine -Steigeisen, seine Munition und etwas Wäsche oder seine Regenjoppe darin -hat, ganz klein aussieht, soweit läßt er sich aber ausbreiten, mit -Leichtigkeit den größten Gemsbock noch obendrein mit aufzunehmen. Die -»Gams« wird dann so zusammengelegt, daß Kopf und Läufe ineinandergeschoben -oben auf kommen, und nur die äußersten Spitzen der Läufe mit den Krickeln -(Hörner der Gemse) zum Schlitz herausschauen. - -[Illustration: Das Jagdschloss.] - - - - -2. - -Hinauf! - - -Wir sind gerüstet! -- Drüben im Westen neigt sich schon die Sonne den hohen -Jochen zu, und nach dem rasch eingenommenen Mahl geht es hinauf in die -Berge, zur fröhlichen Jagd. - -Wie sich das so wunderbar leicht mit den nackten Knieen steigt -- denn alle -Schützen, ohne Ausnahme haben jetzt schon die Tracht der Gebirgsbewohner -angelegt. -- Wie sich das Bein so frei da biegt, und Arme und Bergstock -mit eifriger Gefälligkeit nachhelfen, den hochaufathmenden Jäger bergan zu -bringen -- und wie die Lungenflügel sich so weit bewegen! Man fragt sich -selber oft erstaunt: »wirst Du denn nur gar nicht müde?« -- denn höher -immer höher hinauf zieht sich der zickzacklaufende Reitsteg dem wir jetzt -folgen. Müde? -- das Wort kennt man kaum in den Bergen, und wenn man -wirklich einmal nach einer gar zu steilen anstrengenden Tour zum Tode -erschöpft glaubt niedersinken zu müssen, und dann den Gliedern nur wenige -Minuten Ruhe gönnt, ist alles Ueberstandene im Handumdrehen vergessen. - -Das Jagdschloß liegt schon etwa 3000 Fuß über der Meeresfläche und -steil auf führt der Weg uns nun empor; erst durch prächtige Buchen- und -Ahornwälder, in die hinein die dunkle schlanke Tanne ihre dichten Zweige -reckt, dann kommt die Birke mit dem weißen Stamm, die Espe, Eller, -Eberesche und hie und da ein Krummholzkiefer- oder Laatschendickicht, mit -dem der Jäger wohl bald weit mehr und näher bekannt werden soll, als ihm -manchmal lieb ist. Jetzt wird das jedoch nicht sonderlich beachtet. -Der ausgehauene Weg führt hindurch und man bemerkt entweder die -weitausreichenden zähen Zweige nicht, oder kann sie auch nicht gleich -ordentlich übersehn. Zuviel des Neuen bietet sich überhaupt nach allen -Seiten hin dem Blick, das Einzelne zugleich mit zu erfassen. - -Noch aber sind wir fortwährend in diesem Wald bergauf gestiegen, und die -überhängenden Zweige der Tannen, wie das dichte Unterholz mit den Laatschen -zusammen, hindert die Aussicht in's Freie. Höher und höher steigen wir so, -und lauter und lauter rauscht unten im Thal die Riß, die am Fuß des Bergs -nur eben mit leisem Plätschern vorüberquoll, hier aber den Ton, durch die -Wände zusammengedrängt in vollen Accorden nach oben sendet. Reiner wird -hier der Himmel, leichter die Luft und unwillkürlich packt man, im Gefühl -der eigenen Kraft, den Bergstock fester. - -Wild giebt es hier freilich noch nicht; der Pfad ist schon an dem Morgen -von den Trägern begangen worden, das Nöthigste an Provisionen, Betten und -Geschirr hinaufzuschaffen, und der Wald ist auch zu dicht, weit darin auf -oder ab sehn zu können -- aber Rothwild spürt sich im Pfad. Hier ist -ein starker Hirsch hinaufgewechselt; dort sind ein paar Stück Wild -- -wahrscheinlich ein Alt- und Schmalthier demselben eine Strecke gefolgt -und haben sich dann links hinein in die Klamm oder Schlucht gezogen. -Das Rothwild liebt überhaupt mehr als die Gemse einen bequemen Pfad, und -benutzt die Pirschwege außerordentlich gern. - -Höher, immer höher kommen wir hinauf; die Kiefern und Tannen werden -immer niedriger und stehn dünner, die Buchenregion haben wir schon längst -verlassen, wo das fatal raschelnde gelbe Laub den Boden bedeckt, den -pirschenden Jäger zu doppelter Vorsicht nöthigt, und geräuschloses -Anschleichen oft ganz unmöglich macht. Hier beginnt die »Laatsche« ihr -Regiment und eine offene Stelle erreichend, von der aus der Blick frei nach -dem gegenüber liegenden Gebirgshang, über das Thal weg schweifen kann, hebt -ein plötzliches, überraschtes »Ach!« die Brust. Vergessen ist das Steigen, -vergessen Alles um uns her in dem einen, wundervollen Schauspiel, das sich -dem erstaunten, jubelnden Blick da bietet. - -[Illustration] - -Dort drüben vor uns, dem Blick scheinbar so nah, daß man glauben könnte -mit einer Büchsenkugel die Wände zu erreichen, während sie in der That in -gerader Richtung wohl eine Stunde und weiter entfernt liegen, steigt die -riesige Gruppe des Falken empor, und wie gewaltig ist der Fels gewachsen, -seit wir ihn von unten zum letzten Male sahen. Dort schien er nur ein -breitgedrängter, mit Nadelholz dicht bewachsener Berg, aus dem sich eine -graue Felsenkuppe, nicht eben übermäßig hoch erhob. -- Jetzt, nachdem wir -fast eine Stunde gestiegen, und uns die Umrisse des ganzen Gebirgs scharf -und klar in's Auge fallen, sehen wir daß wir noch nicht einmal die Höhe des -gegenüberliegenden höchsten Fichtenwaldes erreicht, und weit weit darüber -hinaus, wie ein Gebirg von Fels und Schlucht, während der blaue Aether -ihn durchsichtig und leicht umfließt, thürmt sich ein riesiger Block von -Felsenmassen auf, in dem sich wieder Berg und Thäler bilden. Die mächtigen -Tannen die an ihm mehre tausend Fuß emporsteigen, sehn kaum Zoll hoch aus; -die stattlichen Krummholzkiefern deren Büsche von zehn bis funfzehn Fuß -Höhe halten, gleichen grünem Moos, das auf den nackten Flächen liegt, und -schroff und steil, zerspalten und eingerissen mit furchtbaren Schluchten, -für die der Blick noch nicht einmal den Maßstab hat, hebt sich die -colossale Masse unfruchtbaren kahlen Kalkgesteins empor. - -Diese Kegel, Kuppen und Joche muß man aber selber erst einmal, wenigstens -zum Theil, bestiegen haben, um einen Begriff ihrer Höhe und Entfernung -zu erhalten. Ueberhaupt täuscht die feine, reine Luft oben auf der Höhe, -selbst beim Schießen, ungemein, und Gegenstände die dem Anschein nach nur -geringe Entfernung haben, weichen zurück, wenn man sich ihnen nähern will. -Bis in's Unglaubliche hinein betrügt man sich ganz vorzüglich, wenn man -irgend einen gegenüberliegenden Hang erreichen will. Ein Berg liegt vor -uns, ein kleines, dem Anscheine nach nicht sehr tiefes Thal dazwischen; -man denkt in einer halben Stunde wenigstens an der anderen Seite sein zu -können, und hat in einer Stunde kaum den unten fließenden Bach erreicht. -An den von Holz entblößten Almen sieht man oft weite offene Flächen, die -so glatt und eben ausschauen, als ob man aus weiter Ferne jeden darüber -springenden Hasen erkennen müßte, und hat man sich endlich über vorher gar -nicht bemerkte Hindernisse mit Mühe und Noth zu ihnen durchgearbeitet, so -findet man Hügel und Thäler in dem was man für glatten Boden gehalten, und -Risse und Spalten in denen ein Reiter unbemerkt und vollkommen gedeckt, -hinreiten könnte. So arg ist die Augentäuschung in den Bergen, und deshalb -wird auch nie ein Gemälde, mag es noch so treu und gewissenhaft, und von -der Hand des größten Künstlers aufgenommen sein, die ungeheuere Größe jener -Berge, das Riesige der Umrisse wiedergeben können, denn dem Beschauer fehlt -eben der Maßstab den er an solch ein Gemälde legen könnte -- täuscht ihn -doch selber die Natur. - -Aber wir müssen weiter. Im Gebüsch zwitschert das Goldhähnchen und piept -die Meise und sucht sich ihr Ruheplätzchen für den dunkelnden Abend. Noch -glühen zwar jene Kuppen im Licht der scheidenden Sonne; in den Thälern da -unten, deren Uebersicht uns hier im dicken Unterholze abgeschnitten ist, -lagert sich aber schon die Nacht, zieht sich die weiße Nebeldecke langsam -an den Zipfeln aus Felsenspalte und Waldesschlucht heraus, und schmiegt -sich tief hinein in's weiche Bett. - -_Wir_ haben noch ein tüchtig Stück zu steigen; doch mit dem Abend wird die -Luft so kühl und frisch, so geheimnißvoll rauscht dazu der Strom unten im -Thale hin, und zirpt die Grille tief im Dickicht drin, daß man recht gut -noch einmal so rasch vorwärts rücken könnte -- wenn sich eben die Kuppen -hinter uns nicht gar so wundervoll und wechselnd färbten, und den Wanderer -wieder und wieder zwängen stehn zu bleiben, mit durstigem Auge jenes -Götterschauspiel einzusaugen. - -Wie der »Stuhlkopf« und die »rothe Wand« dort hinten im rosigen Licht der -untergehenden Sonne glühn, die zwischen den hohen Kuppen der beiden Falken -durch ebenfalls noch ihre Streiflichter wirft, und an dem zackigen Gemsjoch -wie der abgeplatteten Spitze des Sonnenjochs die letzten Strahlen bricht. -Und immer lichter werden dort die Höhn, immer durchsichtiger, duftiger -wird das graue schwere Gestein das, wenn auch scharf abgezeichnet gegen den -reinen Horizont, doch mit dem Aether zu verschwimmen scheint. Und grüner, -dunkler wird der Wald, schattiger das Thal; mit tieferem Blau färbt sich -der Himmel und düsterer und wilder wird drüben der Bergeswall, der jetzt -nur noch die dunkeln Schattenwände zeigt und in den innern Conturen schon -in einander fließt. Einzelne Sterne blitzen am Himmel auf, und wie sich im -Westen dort am hellen Aetherrand mit schwarzen schroffgerissenen Linien -die oberen Joche abschneiden, liegt die andere Welt in tiefer, schweigender -Nacht. Stärker rauscht dazu der Strom, als ob er eiliger hinaus wollte aus -den dunkeln Thälern, in's Freie nieder. Heimlicher säuselt der Wald von -einem leichten Süd-West bewegt, der flüsternd, und mit den thaufeuchten -Zweigen kosend, das Thal hinauf weht, und über den ganzen weiten Himmel -ausgegossen, ist plötzlich der Sterne funkelnder Glanz. - -Und dort liegt die Pirschhütte; hellblinkend schauen die neuen Breter aus -dem dichten Grün der Laatschen vor; aus dem verhangenen Fenster schimmert -Licht, und nebenan leuchtet aus einem anderen kleinen Haus der Feuerschein -vom Kamin der Jäger herüber. Die Schweißhunde schlagen an; die Jäger die -ein paar Stunden vorausgeschickt waren, springen vor die Thür, und der -Herr betritt, freundlich grüßend, zum ersten Mal wieder und mit leuchtendem -Blick sein Pirschhaus zu Steileck, die stille Jägerhütte in den Alpen. - -Zur Toilette braucht's da oben wenig Zeit, die ist in den Bergen rasch -beendet, und jetzt kommt eigentlich der schönste Augenblick: Der Jägerrath, -der Bericht der Leute wie's in den Bergen steht, und was am Besten jetzt zu -thun sei, dem scheuen Wilde beizukommen. - -»Rainer soll herein kommen!« - -Wenige Minuten später geht die Thür auf und Rainer, der grad' vom Essen -aufgesprungen ist tritt, sich noch geschwind den Mund in der Thür wischend, -in's kleine Gemach. Er war schon eine Zeit lang vorher heraufgeschickt -worden, das Terrain, das er selber aus früheren Jahren genau kennt, zu -recognosciren, die verschiedenen Joche und Klammen, wie die eingerissenen -scharfen Schluchten -- Gräben, wie die breiten Seitenthäler genannt werden --- abzuäugen, und von den verschiedenen dort stationirten oder mit der -Ueberwachung beauftragten Jägern Erkundigungen einzuziehen. - -Rainer ist aber an sich selber eine viel zu interessante Persönlichkeit, -ihn so ohne Weiteres, und ohne etwas nähere Beschreibung einzuführen. - -Bei Tafel unten im Schloß im schwarzen Frack, schwarzen langen Hosen und -steifer Halsbinde mit aufwartend, giebt es kaum eine steifere, unbeholfener -aussehende Figur als ihn, und wie verwandelt ist der Mann, wenn er in -die freie Bergtracht hinein, und mit Knieen und Hals aus den beengenden -Kleidern herausfahren kann. Es ist ordentlich als ob er mit -der Tyroler-Joppe und dem spitzen Hut, den kurzen Hosen und den -eisenbeschlagenen Schuhen auch einen anderen Menschen angezogen -- und das -geschah auch in der That. Jede seiner Bewegungen ist frei und natürlich, -und das charakteristisch geschnittene Gesicht mit dem blonden, sorgfältig -gepflegten Bart, die klugen, hellen Augen und der sehnige Körper, machen -ihn zu einem tüchtigen Repräsentanten des ganzen Jägervolks. - -[Illustration] - -Seine Worte setzt er freilich manchmal, als ob er doch noch im schwarzen -Frack stäcke, und ich weiß auch nicht ob er sich selber nicht vielleicht -ganz gern darin sieht, -- wenn das der Fall wäre hätte er unrecht. - -Rainer hat die Schweißhunde unter sich, und selber einen kleinen Dachs, der -sogar in den Alpen seinesgleichen auf der Fährte sucht. Bergmännle spielt -eine zu bedeutende Rolle auf der Nachsuche, ihn unerwähnt zu lassen, und -manches angeschossene Stück hat der kleine unerschrockene und unverdrossene -Teckel schon gefunden und gestellt. - -»Nun Rainer wie steht's? ist noch 'was da?« - -»Nu ich denk' Hocheit -- s' sieht gut aus;« lautete die vergnügt lächelnde -Antwort, und Rainer holt sich indeß mit den Augen seinen Dank für die gute -Botschaft von sämmtlichen Gesichtern. - -»So? -- hast Du Gemsen gesehn?« - -»Sehn thut man gerade nicht viel, aber spüren überall -- nur noch nicht -recht oben auf den Alpen. Es ist noch zu warm, und sie stehn drin in den -Gräben.« - -»Aber Du hast doch auch welche _gesehn_?« - -»Ei ja wohl. Gestern war ich drüben an dem Leckbach, da standen drei Rudel -auf den Reißen, eins von zwölf, eins von sieben und eins von funfzehn -Stück. Capitalgemsen und eine Menge Kitzgeisen dazwischen.« - -»Und keine Böcke?« - -»Nachher guckt ich in die Delpz nur so von oben hinein, da standen dicht -unter der Wand drei Capitalböcke -- Einer schußrecht; und unten drin war -ein Rudel von elf Stück -- und noch zwei Böcke.« - -Des Herrn Augen leuchteten. - -»Also es _giebt_ Gemsen?« - -»Ich sollt's meinen,« sagt Rainer mit vergnügtem Gesicht. »Und besonders -viel Kitzen hab' ich gesehn. Der Weinseisen hat auch gestern zwei starke -Rudel an der Luderstauden[1] gespürt, und einen mordmäßig starken Bock -gesehn. Er soll Krickeln aufgehabt haben _so_ hoch, und der Bart hat -ordentlich in Wind geweht.« - - [1]: Luderstauden heißen dort die Alpenerlbüsche. - -»Wo war das?« - -»Gleich dort oben auf dem Roßkopf.« - -»Das ist der alte Bursch,« lacht der Jagdherr, »der uns schon drei Jahre -zum Besten gehabt hat; der ist zu schlau, den bekommen wir nicht.« - -»Nu, vielleicht fallirt's ihm doch einmal,« sagt Rainer, eins seiner -schwarzen-Frack Worte riskirend. - -»Nun, und drüben am Grasberg? -- an der Fleischbank oben, und in den -Gräben?« - -»Gemsen sind überall,« lautet die Antwort, »man sieht sie aber da herum nur -selten, weil sie in den Dickichten drin stecken.« - -»Hast Du am Waldeck etwas gespürt?« - -»_Leer_ ist's nicht,« weicht hier Rainer vorsichtig aus, denn -wahrscheinlich wird dort morgen zuerst gejagt, und er möchte nicht gern zu -große Erwartungen wecken, obgleich er auch dort Gemsen gesehen hat. - -»Und drüben am Heimjoch, in der Laures und am Blunzjoch drüben?« - -»Das ist ein Hauptplatz,« sagt Rainer und wird warm dabei -- »der Wastel -ist vorgestern mit dem großen Ragg drüben gewesen. -- Am Eiskönig soll's -ordentlich lebendig sein.« - -»Also auf dieser Seite sieht's gut aus, und wie steht's drüben? Ist das -Pirschhaus im Laritter Thal fertig?« - -»Sie hämmern noch drüben,« meint der Gefragte etwas kleinlaut, »soll aber -heute oder morgen fertig werden.« - -»Und im Leichwald; am Falken?« - -»Da wimmelt's,« versichert Rainer. -- »Am Falken -- das giebt ein -Haupttreiben, da stehn wenigstens 200 Gemsen.« - -Der hohe Herr zieht ein bedenkliches Gesicht und schüttelt den Kopf, Rainer -aber, durch den Zweifel gekränkt fährt eifrig fort »Hocheit, sollen mir den -Hals abschneiden, wenn's nicht wahr ist.« - -Da von dem Anerbieten für jetzt noch kein Gebrauch gemacht wird, ergeht er -sich dann in näherer Beschreibung des Terrains und der dortigen Rudel, die -allerdings das Außerordentlichste verspricht. Beiläufig muß ich aber hier -nur bemerken, daß dies berühmte Falkentreiben später wirklich gemacht wurde -und statt der 200 Stück versprochenen Gemsen, _sieben_ darin waren, aber -nicht zum Schuß kamen. Rainer erwähnte dabei nichts weiter von seinem Hals. - -»Und wie steht's mit dem Rothwild?« geht nun die Frage auf den anderen -Zweig der Jagd über, der allerdings jetzt nicht zur Ausübung kommt, da die -Jahreszeit für die Hirsche schon zu weit vorgerückt ist, und diese schon -fast sämmtlich abgebrunftet haben. - -»Drüben am Roßkopf haben zwei starke Hirsche noch gestern geschrien; an -dem Leckbach drei -- Hirsche hört man überall und Wildpret spürt sich auch -überall auf den Pirschwegen.« - -»Aber viel eingegangen ist doch im letzten Winter?« - -»Acht Stück sind im Ganzen gefunden,« lautet die traurige Bestätigung, denn -der Winter war gar zu streng, der Schnee zu tief und dauernd, und das -arme Wild konnte nicht dagegen ankämpfen. Starke Hirsche selbst wurden, -im Schnee stehend, todt entdeckt, und auch viel Rehwild war eingegangen. -Rehwild hält sich überhaupt nur spärlich in den Bergen. - -»Und was machen wir morgen?« lautet jetzt die direkt auf die Gegenwart -bezughabende Frage -- »was hast Du Dir gedacht?« - -»Nun ich dachte so -- wenn Hocheit vielleicht morgen oben die Fleischbank -trieben oder den Waldeckelgraben -- leer ist's nicht, und schießen thäten's -gewiß; dafür bin ich beinah ganz überzeugt.« - -»Und wie wollt Ihr's treiben?« - -»Nun ich dachte so, daß der Wastel und Weinseisen mit dem großen Ragg vom -unteren Pirschweg den Graben dußemang heraufstiegen und sich nur manchmal -sehn ließen und ich mit dem Martin dann die Wand von drüben herein -brächte.« - -»Und ich soll mich dann oben an den Graben stellen?« - -»So war meine Meinung -- wenn Sr. Hocheit was Besseres wissen --« - -»Und da treibt Ihr mir die Gemsen ruhig in den Seitengräben hinauf; denn -daß Ihr sie nicht bis oben hin bringt, wißt Ihr, und ich stehe zum Spaß -dort zwei oder drei Stunden lang.« - -»Wenn's da nicht wenigstens vier, fünfmal schießen, sollen Sie mir den Hals -abschneiden,« erbietet sich Rainer zum zweiten Mal leichtsinniger Weise -- -»die anderen Schützen stellen wir dann an der hervorderigen Seite oben und -unten hin.« - -»Nun gut,« sagt der Herr resignirt, »dann kommen die Herren wenigstens zum -Schuß, _ich_ aber stehe zur Abwehr da oben. Du wirst sehen.« - -Rainer macht eine halb verzweifelte, halb unglückliche Geberde über das -schmerzende Mistrauen, schweigt aber -- - -»Sonst noch etwas?« - -»Draußen« sagt Rainer, der überhaupt dem Gespräch eine andere Richtung zu -geben wünscht »steht der neue Jäger von der Au. Hocheit haben ihn hieher -beordert, und er wünscht unterthänigst den Grund seines Daseins zu wissen.« - -»Er soll nur kommen.« Alle lachten. - -Rainer ist entlassen, und gleich darauf tritt ein anderer erst kürzlich -einberufener Jäger aus den entfernteren Thälern, mit einer kurz -abgeknickten Verbeugung, aber mit offenem, freundlichen Gesicht herein, -und bleibt nicht etwa schüchtern an der Thür stehn, sondern geht gerade auf -seinen Herrn zu. - -»Nun, Johann, wie steht es bei Euch da drüben?« - -»Gut,« sagte der Mann mit einem kurzen, ihm eigenthümlichen Kopfnicken, -indem er seinen Hut in der Hand rasch herumdreht -- »es macht sich mit den -Gemsen.« - -»Sind starke Rudel drüben?« - -»Nu ja,« nickt der Jäger und lehnt sich mit dem Ellbogen zutraulich auf die -hohe Lehne desselben Stuhles, auf dem der Herr sitzt. Dieser lächelt still -vor sich hin, läßt aber den Mann gewähren. Es ist ein braver Bursch und -wenn er die Sitte draußen im Land nicht kennt, weiß er dafür desto besser -in seinen Bergen Bescheid. »Es giebt schon hübsche Rudel drüben, und -besonders viel Kitzgeißen das Jahr.« - -»Und der Winter hat ihnen nichts gethan?« - -»Ih -- ich denk,« lächelt der Jäger kopfschüttelnd, »wenn nicht einmal eine -oder die andere von einer Lawine erwischt wird -- im Uebrigen hat's keine -Noth.« - -Es folgt jetzt ein ausführlicher, ziemlich befriedigender Bericht -des dortigen Gems- und Wildstandes, und der Jäger wird endlich wieder -freundlich entlassen. - -Die Nacht ist jetzt weiter vorgerückt, und die heutige noch ungewohnte -Anstrengung, mit der feineren reineren Bergluft macht auch ihr Anrecht -geltend, als der Ruf »da schreit ein Hirsch!« von draußen, halbflüsternd -aber doch laut genug hereintönt, die Aufmerksamkeit rasch dorthin zu -lenken. -- - -Wir treten hinaus vor die Thür. -- Wie still die Nacht hier auf den Bergen -liegt. Nur das Rauschen des Stromes tönt herauf, und das einzelne Zirpen -einer Grille mischt sich in das leise heimliche Flüstern und Rascheln der -Zweige. -- Drüben liegen in schweigender Majestät schwarz und düster -die mächtigen Bergrücken wie schlummernde Riesen -- kein Laut weiter -unterbricht die Todtenstille. - -»Huh -- a -- h!« tönt da langsam und faul, aber tief und gewaltig der -Brunftschrei eines starken Hirsches weit aus dem unten liegenden Thal -herauf. - -»Das ist ein braver Hirsch,« geht der leise geflüsterte Ruf, den -Schreienden nicht etwa zu stören und »da ist noch Einer« ruft Martin, -als drüben vom »Roßkopf« herüber ein anderer schwächerer herausfordernd -antwortete. - -Wie wunderbar das in dem stillen Walde klingt; wie seltsam feierlich, und -doch so wild. Nur das Herz des Jägers füllt der Ton mit unbeschreiblichem -Entzücken. -- Was ist Nachtigallenschlag, was irgend eine Symphonie -dagegen, die sonst im Lande drin vielleicht sein Herz entzückt. _Das_ ist -Musik, das zittert durch die Nerven, und macht das Herz rascher schlagen, -das Auge glühn und leuchten. - --- Jetzt ist wieder Alles still -- da noch einmal tönt der Ruf herauf, aber -weiter nach rechts. Der alte Bursch unten hat die Ausforderung angenommen -und zieht hinüber nach dem andern Hang, den Gegner zu bekämpfen oder zu -vertreiben. -- Nun ist Alles ruhig; -- nur die Grille zirpt fort, und der -Bergstrom unten rauscht sein volltönendes brausendes Lied durch die stille -Nacht. -- - -Es ist das überhaupt ein eigenthümliches Gefühl, das den aus dem unteren -Land heraufgekommenen Jäger die erste Nacht erfaßt -- diese ungewohnte -heilige Stille der Natur. Kein Wagenrasseln, kein Nachtwächterruf, kein -Glockenschlag, kein lauter Tritt der durch öde Straßen hallt -- es ist -Alles Frieden und Ruhe, als ob hier oben gar keine Leidenschaften -tobten und stürmten. Nur das leise Flüstern des Laubes legt mit sanftem, -wohlthuenden Finger den Schlaf auf unsere Augen -- und wie gut schläft -sich's in den Bergen. - -[Illustration: =Das Aufsteigen.=] - - - - -3. - -Aufbruch zur Jagd. - - --- -- -- Draußen schlägt ein Hund an -- der langsame Schritt eines Jägers -auf dem Steinboden wird laut; -- durch das verhangene Fenster dringt -der erste dämmernde Schimmer des jungen Tags -- der erste freudige Bote -begonnener Gemsenjagd. - -Frisch und stärkend schlägt die kühle Morgenluft in das weit geöffnete -Fenster und dort? -- träume ich denn noch oder wach' ich, und _kann_ das -wundervolle Bild das dort, den staunenden Blicken ausgebreitet in all -seiner Pracht und Herrlichkeit liegt, Wahrheit -- Wirklichkeit sein? - -Gerad gegenüber, und hoch in die reine duftige Morgenluft hineingebaut, -ragen die grauen lichtumflossenen Kuppen der Falken hinein -- rechts hebt -der Stuhlkopf sein breites mächtiges Joch, und tief da unten, weit zwischen -beiden hinein, und im Hintergrund von einer schroffen wallartigen Wand, dem -Carvendelgebirge begrenzt, zieht sich ein tiefes grünes Thal, in das der -Schöpfer zu dieser frühen Morgenstunde all seine wunderbarsten Tinten -und Schatten, von all der zauberhaften Pracht der Alpenwelt übergossen, -hineingeworfen hat. - -Vom Carvendelgebirge nieder springt der Johannisbach wie ein -silberschlängelnder Faden zwischen dichtem Waldesteppich durch, der rechts -und links in leichten wellenförmigen, selten schroffauflaufenden Hügeln die -Seitenwand erklimmt. Kleine saftgrüne Grasflächen, hie und da mit Spuren -hineingestreuter Hütten und Einfriedungen sind dazwischen sichtbar, und -über dem Ganzen liegt ein leichter, durchsichtiger blauer Duft, der in dem -dunklen Grün der Tannen über dem Silber des Baches, über dem Lichtgrau der -in die Wälder hineinragenden Reißen seine Schattirung wechselt, während -klar und schroff die hohen nackten Kuppen und Joche der umschließenden -Gebirge dies wunderbare Meer von Licht und Farbenpracht überragen. -- -Jetzt plötzlich erglühen diese in dem ersten Strahl der aufgehenden Sonne, -während ihre Zacken in ganz fremdartigem Licht und Raumtäuschung die -weiten Schatten werfen, und unten im Johannisthal zittert, von den oben -hellerleuchteten Wänden reflectirt, ein mattes rosiges Licht über -das bläulich dunkle Grün der Waldung, das gegen den fremden Schimmer -anzukämpfen scheint. Farben führen aber nur auf schlechten Bildern -und geschmacklosen Kleidern Krieg mit einander; in der Natur ist Alles -Harmonie. In wenigen Minuten ist das Ganze zu einem Rosenduft verschmolzen, -in dem die tiefe Landschaft glühend liegt. Wie aus dem Grund heraus heben -sich dabei die dunkleren Schatten der Waldung mit ihren eingerissenen -und jetzt weit schärfer hervortretenden schwarzen Schluchten und Spalten; -klarer schneidet sich der silberhelle blinkende Bach heraus, auf dem das -Auge jetzt schon die kleinen schneeweißen Schaumwellen erkennen kann. -- -Der Rosenhauch geht in einen helleren, lichteren Duft über, und wie die -Sonne drüben hinter dem Sonnenjoch emporsteigt und ihre Strahlen hell und -mächtig in die Thäler wirft, schwinden die zitternden Tinten der Morgenluft -in ihrem Schein und -- es ist _Tag_. - -Heiliger Gott, wie ist deine Welt so schön und reich, daß du selbst in die -geheimsten Schluchten dieser Erde solch wunderbare Pracht gestreut. Worte -fehlen da auch, solcher Allmacht gegenüber, und wie die Lerche draußen im -Land wirbelnd ihr frohes Dankgebet zum Himmel trägt, wie der duftende Baum -sein Weihrauchopfer haucht, wie die Berge, im Wiederglanz des himmlischen -Lichts höher und freudiger erglühn, so bringt die zitternde Thräne im -Menschenauge, bringt das jubelnde Herz in Menschenbrust dem unerkannten -Wesen über uns seinen stillen Dank, den es mit Worten und Gebeten nimmer so -heiß, so glühend sprechen könnte. - -Und doch vergessen ist im Nu die vor uns ausgebreitete Pracht und -Herrlichkeit. -- - -»Da drüben steht ein Hirsch!« ruft mit seiner heiseren Stimme Martin (kein -_Tyroler_ Jäger), der ein Auge wie der Falke hat -- »und dahinter noch zwei -Stück Wild!« Zu gleicher Zeit zieht er das immer händige Perspectiv hervor -und richtet es nach dem Hang des Roßkopfs hinüber, der in einer Entfernung -vor uns liegt als ob ihn eine Büchsenkugel leicht erreichen müßte. - -Vergebens aber sucht das Auge, noch nicht an diese Lichttäuschung in der -Ferne gewöhnt, durch die offenen Blößen des dort ziemlich lichten Waldes, -nach dem gemeldeten Wild. Nirgends läßt sich auch nur das geringste -Lebendige erkennen. - -»Dort weiter oben steht auch noch ein Altthier mit einem Schmalthier, und -links davon ein Sechsender. -- Donnerwetter, ist das da unten ein -starker Hirsch!« murmelt Martin dabei vor sich hin, indem er durch sein -ausgezogenes »Bergspectiv« (wie es die Tyroler nennen) hinüber schaut. - -»Aber wo? um Gottes Willen?« - -»Gerad dort drüben auf der offenen Stelle; dicht neben der umgefallenen -Tanne, wo der gelbe Fleck im Boden ist -- gleich links darüber.« -- - -Der gelbe Punkt? -- wenn man nach einem Kaninchen ausgeschaut hätte, würde -man etwa ein lebendes Wesen von _der_ Größe in _der_ Entfernung erwartet -haben, und jetzt ist das ein starker Hirsch, zehn- oder zwölfendig, der -sich dort ruhig an der Lanne im Walde äst, und nur manchmal nach den, nicht -weit über ihm stehenden Thieren auf äugt. Jetzt wird der Blick auch erst -auf die verhältnißmäßige Größe der Bäume aufmerksam, die da drüben wie -zierlicher Nipptischschmuck, trotz der Entfernung in der reinen Luft mit -jedem kleinen ausgezackten Zweig fast sichtbar, stehn, und steigt man zu -ihnen hinüber, zu mächtigen Stämmen anwachsen. - -Das Wild äst sich indessen langsam in die Dickung hinein -- wird wieder auf -einer kleinen Blöße sichtbar, und verschwindet endlich in den Laatschen. -Aber die kostbare Zeit verschwindet ebenfalls, und rasch wird das leichte -Frühstück eingenommen, das nur ein kleines Intermezzo draußen nicht etwa -stört, sondern eher noch würzt. - -[Illustration] - -Der rothe Schweißhund, Pirschmann, von guter tüchtiger Race -- ob aus -misverstandenem Eifer oder Langeweile -- es läßt sich kaum vermuthen aus -eigennützigen Zwecken -- hat den etwas primitiv angelegten Keller auf -seiner nächtlichen Runde entdeckt, und der dort niedergelegte Kern eines -gekochten Schinkens war verschwunden. Pirschmann läugnete allerdings -hartnäckig, oder weigerte sich wenigstens, wozu er auch nicht gezwungen -werden konnte, gegen sich selber zu zeugen; und Rainer dem die Ueberwachung -der Hunde übertragen, bekam vom Mundkoch die von ein oder dem andern -verdiente Nase. - -Aber keine Zeit ist's mehr für solche Dinge. Die Jäger stehn draußen -gerüstet, den Bergsack auf dem Rücken, den Stock in der Hand, die -Büchsflinte oder den Wender über der linken Achsel; die Sonne scheint voll -auf die markigen malerischen Gestalten, auf die offenen treuherzigen, und -oft doch so verschmitzten Züge, und geduldig harren sie des Zeichens zum -Aufbruch. -- - -»Und nun vorwärts!« ruft der Herr der Jagd, der in der leichten -Jägertracht, den Bergstock in der Hand, nur statt des spitzen zum Pirschen, -seiner Höhe und dunklen Farbe wegen nicht einmal ganz praktischen Tyroler -Hutes, eine einfach graue sehr leichte Mütze trägt. Die Jäger reißen, als -er an ihnen freundlich grüßend vorübergeht, rasch die Hüte herunter, und -während er den schmalen Pirschpfad voranschreitet folgen mit so wenig -Geräusch als möglich, die übrigen Schützen und Jäger in bunter Reihe und -ächt indianischem Marsch, Einer hinter dem Andern. -- Bietet der schmale -Weg doch oft kaum Raum für den einen Fuß. -- - -Langsam windet sich so der Zug bergauf. Der Tyroler Jäger und überhaupt der -Alpenjäger hat einen langsamen aber stäten Schritt; den aber behält er bei, -ob er eine sanfte Anhöhe, oder eine steile Wand ersteigt. Ruhig setzt er -Fuß vor Fuß, der Brust dazwischen Zeit zum Athmen lassend; aber er rastet -nie. Wenn er nicht pirschen geht, wo die ganze Jagd nur im Vorschleichen -und wieder Halten und Umheräugen und Lauschen besteht, fällt's ihm nicht -ein sich auszuruhen, Stunden lang, -- er müßte denn eine schwere Last mit -sich tragen. Die ächten Bergsteiger haben auch alle einen etwas vorwärts -gebogenen Gang, aber desto sichereren Schritt, und Schwindel kennen die -Leute nicht. Bricht ihnen nicht einmal an gefährlicher Stelle ein Stein -unter den Füßen weg, oder schleudern über ihnen losgegangene Gemsen auf -ihrer Flucht nicht lockeres Geröll auf sie nieder, das sie mit in den -Abgrund nimmt, so wandern sie auf ihren schwindelnden Bergpfaden und an -den hängenden Wänden so sicher hin, wie der Bewohner des flachen Landes -auf seinen breiten Straßen. Der Gefahr müssen sie aber doch stets in's Auge -sehn; der Tod lauert auf sie in mancherlei Gestalt und Art, und _weil_ sie -das wissen und ihm doch begegnen, deshalb auch ist ihr Blick so frei und -offen, ihr Schritt so fest und keck und männlich. - -Jetzt haben wir den oberen Pirschpfad erreicht, und von der Stelle, an der -wir einen Augenblick halten, sehn wir das, vor einer halben Stunde etwa -verlassene Pirschhaus wie ein kleines aus Marzipan gebackenes Zuckerwerk -tief hinter uns im Schatten der Bäume liegen. Hell schimmert das Dach aus -der dunklen Umgebung vor, und heller noch jener schneeweiße Punkt der sich -daneben zeigt. Es ist der Mundkoch, der mit seiner weißen Jacke, Schürze -und Kappe vor seiner Thür stehend, die Jäger noch mit den Blicken am -Berggelände suchen will. Aber die Erd- und Steinfarben gekleideten -Gestalten sind lange aus seines Auges Bereich, und ihre Umrisse -verschwimmen mit dem Boden auf dem sie stehn. - -Wieder wechseln hier die Bilder von Berg und Schlucht um uns her, aber das -Auge forscht jetzt nach anderem Ziel: -- Gemsen. Ueber den Weg laufen die -Fährten eines ganzen Rudels das hier vom Joch nieder dem vorderen »Graben« -zugezogen ist. Die Jäger sehen, wie sie darüber hinschreiten die Fährten -an, und deuten mit der Hand auch wohl hie und da auf die besonders tief -eingedrückten breiten Spuren eines alten Bockes; aber keiner von ihnen -spricht mehr ein Wort. Wir sind hier im eigentlichen Gemsrevier. Spuren wie -frische Losung zeigen überall die Nähe des scheuen Wildes, und der Klang -der menschlichen Stimmen schallt weit auf diesen Höhen. - -Aber nichts Lebendes zeigt sich noch. Hie und da hüpft in einem -Laatschenbusch einer der kleinen befiederten Bergsänger umher, und lenkt -den Blick der Vorüberschreitenden rasch und forschend auf sich. Nichts -Lebendes, was sich im Sehkreis regt, und überhaupt Bewegung hat entgeht -dem Auge der aufmerksamen Jäger. Fünfzig Mal dabei getäuscht, sei es durch -einen Vogel, eine raschelnde Maus, oder einen losgebröckelten Stein, -- er -ermüdet nicht, und wieder und wieder sucht das Auge nach Leben und Bewegung -hier im Wald, und die Hand greift unwillkürlich nach der Waffe. - -Jetzt ist »der Graben« der getrieben werden soll erreicht, und in einem -Dickicht, noch unter dem Rand, daß in der Nähe sitzende Gemsen nicht die -sich regenden Gestalten der Jäger auf dem Abhang erkennen könnten, bleibt -der Herr stehn. - -»Und wie wollt Ihr's nun machen?« lautet die mit unterdrückter Stimme an -die herbeitretenden Jäger gerichtete Frage. - -Rainer beginnt jetzt, mit eben so vorsichtig gedämpfter Stimme seinen -nochmaligen Vortrag: Dort unten auf einem bezeichneten Felsenkamm, der den -Schuß nach rechts und links hinein in die steile, lawinenzerrissene Klamm -erlaubt, an der und jener Wand, und dort und da sollen die Schützen stehn, -und wenn die Treiber dann von dort und da herüber kommen, weiß Rainer -auf ein Haar, in welchem Graben, welch eingerissene Spalte und Klamm die -aufgescheuchten Rudel ihre Flucht hin nehmen müssen. - -Jetzt werden rasch die verschiedenen Jäger als Treiber oder Abwehr nach -rechts und links geschickt und vorsichtig, auch das geringste Geräusch -vermeidend, pirscht sich Jeder zu dem angegebenen Stand. Den Bergstock -verkehrt in der Hand, die eiserne Spitze nach oben, daß sie nicht zufällig -vielleicht einen Stein berühre und durch den fremden Metallklang die Gemsen -schrecke, mitten in die Laatschen hinein an deren Zweigen sich die rechte -Hand anklammert, während die linke den Bergstock hält und zu gleicher Zeit -die Büchse aus dem Weg der Aeste rückt, schleicht der Schütze nieder. Hier -einen kleinen Vorsprung benutzend, durch einen Busch gedeckt den Ueberblick -über einen vielleicht lichten Fleck zu bekommen, dort der ausgewaschenen -Rinne eines jetzt trockenen Bergquells folgend, indem er dadurch wenigstens -das Geräusch der zurückgebogenen Zweige vermeiden kann; jetzt auf dem -Boden nieder unter den Büschen durchkriechend, jetzt dazwischen hin den -Weg suchend. Da wird es plötzlich licht. -- Dort vor uns liegt der Rand der -Klamm, und vor sich abäugend erst, ob nicht vielleicht ein einzelner alter -Bock dort unten schußgerecht steht und durch längeres Zögern verscheucht -werden könnte, sucht man sich jetzt, da sich die Hoffnung nicht bestätigt, -einen zugleich gedeckten und doch freien Fleck, den größtmöglichsten Raum -in der Nähe überschießen zu können, und so wenig als möglich durch nahe -Büsche verhindert zu sein, nach verschiedenen Richtungen hin die Pässe und -Wechsel zu beherrschen. - -[Illustration: =Steileck.=] - - - - -4. - -Das Riegeln. - - -Trefflich für solche Lausch- und Anstandsplätze eignen sich die, diesen -Gebirgen eigenthümlichen schmalen Ausläufer vorgeschobenen Gesteins, die -gewöhnlich von beiden Seiten in die Ränder der Klammen hineinreichen, und -oft bei nur wenigen Fuß Breite, mit Laatschen oben bis zur äußersten Spitze -bewachsen, nicht allein den größten Theil der Klammen überschauen lassen, -sondern auch nach drei Seiten hin einen freien Schuß gewähren. - -Auf einer solchen wunderbaren, oben kaum anderthalb Fuß breiten aber -vollkommen sicheren Steinkoulisse sitzen wir jetzt, der Leser und ich, und -obgleich rechts und links ein tiefer Abgrund gähnt, und man den Bergstock -nicht einmal dicht vor sich einstoßen dürfte, weil er hinunter in die Tiefe -fallen würde, haben wir doch nicht das Mindeste zu befürchten. Die den -Armen eines Kronleuchters nicht unähnlichen zähen Laatschenzweige -halten fest und gut, und während wir den Raum in der Mitte rasch mit -dem Jagdmesser etwas ausgehauen, ragen die Zweige um uns her wie ein -künstlicher grüner Schirm empor, und halten uns dahinter dicht versteckt. - -Nur eine Vorsicht muß der versteckte Jäger gebrauchen: nicht unvorsichtig -auf die elastischen Zweige zu drücken, die durch ihr Auf- und -Niederschaukeln dem scharfen Blick der noch so weit entfernten Gemse nicht -lang verborgen blieben. - -Was für ein wundervoller Platz das ist, und wie so still und schweigend der -dunkle wilde Wald hier um uns liegt. Auf dem aushängenden Felsen, dessen -schmalen Verbindungsweg man, rechts und links umschauend, nicht einmal -erkennen kann -- und viele Bewegung verstattet der kaum fußbreite Sitz auch -nicht -- hängt man da; gleichsam abgeschnitten, über der wild zerrissenen, -zu Thal stürmenden Schlucht, und von steilen, mit überhängenden Laatschen -überall besetzten Wänden fest und drohend eingeschlossen. - -Der _Graben_, wie diese steilen Bergthäler genannt werden, bildet im Ganzen -eine weite gewaltige Schlucht, wie denn auch der ganze breite Gebirgshang -an der Südseite in solche Thäler oder Gräben ziemlich gleichmäßig vertheilt -ist, während zwischen ihnen von oben nach unten laufende und dicht -bewaldete Abschüsse oder Hänge sie von einander trennen. Im Einzelnen reißt -sich aber ein solcher Graben wieder in hundert und hundert kleinere und -größere Einschnitte, Schluchten, Felsspalten und Klammen, jede im Kleinen -und in sich selbst, das große Bild des Ganzen wiedergebend. - -Die schroffen Wände, an denen kein fruchtbarer Boden halten kann, stehen -da drinnen freilich kahl, und in den Schluchten, wo sich zur Regenzeit der -Bergbach das reingewaschene ausgeschwemmte Bett gewühlt, kann auch kein -Pflanzenleben gedeihen; aber die zähe Laatsche dringt doch ein, wo sie's -nur irgend möglich machen kann. Nicht allein auf den Nacken der Felsen hin -kriecht sie, und wirft ihre Zweige zwölf und sechzehn Fuß weit nach -rechts und links bis über den Abgrund hin, nein auch, wo nur irgend eine -Felsenspalte eine Hand voll von oben niedergeschwemmter Erde aufgefangen -und gehalten, säet sie ihren Samen, treibt Keime und Schößlinge, und -klammert sich mit den festen Wurzeln ein. Wo sich ein solcher Anhaltspunkt, -und sei er noch so unbedeutend, bietet, findet man diese Büsche, die -Nadelspitzen oft klein und kümmerlich, die Zweige dünn und kurz, aber -immer fest und sicher in die Felsspalte eingeklemmt, und gar willkommene -Anhaltspunkte sind das dann für den Steigenden. Der einmal gefaßte Zweig -bricht nicht ab in der Hand, und, wenn er das ganze Gewicht seines Körpers -daran hinge. - -Ha -- was war das? ein zischender Pfiff der von dort herüber schallt. Eine -schreckende Gemse, der irgend woher der verrätherische Luftzug die fremde -Witterung des Feindes zugetragen -- und dort drüben? -- ein rollender -Stein, der von den scharfen Klauen eines aufgescheuchten Thieres -losgestoßen, hinunter zu Thal die springende Bahn nimmt. -- Aber zu sehn -ist noch Nichts und der forschende Blick sucht rasch und mistrauisch all -die hundert kleinen Schluchten und Spalten ab, aus denen allen das ersehnte -Wild im Augenblick herausfliehen kann. - -Todtenstille herrscht -- da bricht ein Schuß von oben dröhnend und donnernd -in's Thal nieder und weckt das Echo in den Bergen von Wand zu Wand. Das war -des Jagdherrn Büchse -- wie den Schall die gegenüberliegenden Gebirge jetzt -wiedergeben, und wie er sich prasselnd und schmetternd die Bahn -hinunter bricht in's tiefe Thal. Und doch ist das hier in den Bergen so -eigenthümlich mit eben dem Schall, daß ein im Nachbargraben Stehender den -Schuß vielleicht nicht einmal hören konnte. - -Da poltert's und bricht's über das Felsgestein, ganz in der Nähe. Wie mit -einem Messer sticht's bei dem Ton dem lauschenden Jäger in's Herz hinein, -und bebt und zittert ihm durch alle Glieder. Und ob er von Kindheit an -die Büchse geführt und der Spur des Wildes gefolgt wäre, _dem_ ersten, -unwillkürlichen, fast krampfhaften Herzklopfen beim plötzlichen Erscheinen -eines Stücks Wild, beim Rascheln oder Rauschen das seine sichere Nähe -verräth, entgeht er nicht. -- Aber es dauert nicht lange, und in der -nächsten Minute schon muß er die alte Ruhe wieder erlangt haben, und hat -sie auch -- einzelne Fälle natürlich ausgenommen. - -Wie das dort rasselt und tobt durch die kleine Schlucht. Drunten heraus aus -ihrer Mündung kollern und springen die losgegangenen Steine schon vor, und -den Berg hinab. Das muß ein ganzes Rudel sein. -- Und richtig, dort in den -Laatschen zeigt sich plötzlich der schwarze Körper einer alten Geis mit den -weißen Backenstreifen und den hohen scharf umgebogenen Krickeln. Wenn sie -allein käme könnte man sie recht gut für einen Bock halten. Aber ein Rudel -wird meist immer, ja fast ohne Ausnahme von einer alten Geis geführt, oft -der Stammmutter des ganzen Trupps, die so von Kindern und Kindeskindern -gefolgt, den Berg durchzieht. Jetzt werden die andern auch sichtbar -- -leider außer Schußweite, denn das ganze Rudel ist wohl noch vier- bis -fünfhundert Schritt entfernt. Auf einem mit Laatschen dünn bewachsenen -Felsrücken tauchen sie auf, eine hinter der andern -- jetzt eine braune -Geis mit schwarzem Rücken, das kleine munter springende Kitz an der Seite, -jetzt ein junger zweijähriger Bock der ernst und gravitätisch, wie er es -von den älteren gesehn, eine Weile daher schreitet. Dann aber plötzlich, -als er das munter seitwärts springende Kitz um sich her tanzen sieht, -vergißt er, wenn er auch vorn seinen stolzen Ernst beibehält, hinten doch -die Gravität, und macht mit den Hinterläufen einen Jugendsprung. Mehr -und mehr drängen herauf und bleiben Kopf an Kopf auf der kleinen Lichtung -stehn, alle hinauf nach der Klamm äugend und windend, von der der Schuß -tönte. Ehe die Altgeis weiter geht, denkt keins daran sich von der Stelle -zu rühren. - -Von drüben herüber ist das Rudel gekommen, jedenfalls von dem Schuß aus -sicherer Ruhe aufgeschreckt. Jetzt aber mag doch irgend ein Geräusch der -von unten herauf brechenden Treiber von dem scharfen Gehör der Leitgemse -erfaßt sein, oder ihr Blick hat auch wohl die sich da unten regende -Gestalt, sei sie noch so weit entfernt, gesehn, ihre Nase die fremde -gefährliche Witterung gefangen. Da unten ist's jedenfalls nicht recht -geheuer, _was_ es auch sei, und seitwärts an der Wand auf der sie gestanden -niedertretend, läuft und rutscht sie halb die fast senkrechte Steinplatte -hinab, an der sich, von hier aus wenigstens, nicht der geringste -Anhaltpunkt erkennen läßt. Jedenfalls will sie schräg durch den Graben dem -anderen Ausläufer zu; ihr aber folgen auch, ohne weiter zu fragen weshalb -oder wohin, die andern Gemsen. Zuerst die Geis mit dem Kitz, dann der -zweijährige Bock, wahrscheinlich ein Herr Sohn vom vorvorigen Jahr, dann -wieder zwei Kitzgeisen und nun ein starker Bock. -- Wetter noch einmal, ob -der Bursche nicht aussieht wie ein Wildschwein, als er da breitspurig und -bequem den halsbrechenden Pfad ohne die mindeste scheinbare Anstrengung -hinuntergleitet. Wenn der zum Schuß herüberkäme, der wär' recht. -- Jetzt -folgen noch ein paar wahrscheinlich gelte Geisen oder schwächere Böcke --- es läßt sich von hier aus nicht so deutlich erkennen -- dann wieder -Kitzgeisen dazwischen, und zum Schluß noch ein alter Bock. Im Ganzen ein -Rudel von drei und zwanzig Stück. - -Jetzt ist Alles wieder still -- die Gemsen haben irgend einen bewaldeten -Hang angenommen, und ziehen geräuschlos und gedeckt darin fort. - -Es ist aber, selbst für den geübten Gemsjäger, gar nicht etwa so leicht -Geis und Bock von einander zu unterscheiden, ja in der Ferne fast ganz -unmöglich, wenn nicht die Geis eben ihr Kitz als Legitimation mit sich -führt. Die Farbe der Gemsen ist im Sommer lichter als im Winter, und -schmutzig isabellfarbenartig nur mit dem dunklen Rückenstreifen. Im rechten -Winter werden sie aber ganz schwarz, und alte gelte Geisen die allein -kommen, und oftmals gar starke ansehnliche Krickeln tragen, sehn genau so -aus wie ein Bock. Nur in der Nähe unterscheidet sie der längere dünnere -Hals, wie auch der etwas zierlichere Kopf vom Bock. Ebenso stehn ihre -Krickeln mehr parallel zusammen auflaufend, während die Krickeln des Bocks -gleich unten von der Wurzel aus etwas stärker sind und sich ein wenig -auseinander biegen. Allerdings nur schwache Unterscheidungszeichen in der -Ferne. - -Links, dicht neben uns flattert etwas -- welch prächtiger gewandter Vogel -sucht sich da sein Mahl an dem nackten Felsen? -- Es ist ein Alpenspecht, -der mit den scharfen Klauen einkrallend in den Stein, die Flügel -ausgespannt und wie zur Stütze an die Wand gestemmt, den Kopf -zurückgebogen, auf und ab, bald rechts bald links hinüberläuft, und -blitzschnell mit dem nur leicht gebogenen spitzen Schnabel in Ritz und -Spalte fährt, Käfer und kleineres Gewürm daraus hervorzuholen. Und welche -Pracht in dem Gefieder. Der ganze kleine Bursch ist in seiner Haupt- und -Grundfarbe schön stahlgrau mit schwarzem Kopf und dunklen Streifen -auf Schwung- und Deckfedern, aber über die zierlichen Flügel läuft ein -rosenrother Streif, in dem Grau verschmelzend, wie an den Schwingen des -Weinvogels, jenes zierlichen Nachtfalters, und die kleinen schwarzen Augen -schauen so scharf, so klug umher. Ist er so wenig furchtsam daß er den, nur -wenige Fuß von ihm kauernden Jäger gar nicht scheut? -- Ja, der rührt und -regt sich nicht, und sitzt da wie hineingewachsen in die Laatsche. Die -erste Bewegung freilich -- was war das? -- Dort flattert auch schon der -Alpenspecht zur Seite. Aber was kümmert uns jetzt der -- gerade da drüben -in der schmalen Klamm, die seit ab aus dem Walde niederführt, rollte ein -Stein; dort unten springt er vor und da -- wieder der Stich in's Herz -- da -drüben auf der nächsten Felsenspitze, auf einem Raum den ich mit der Hand -bedecken könnte, steht ein schwarzer etwa drei- oder vierjähriger Bock, den -klugen Kopf mit dem weißen Backenstreif nach unten gedreht, wo in diesem -Augenblick ebenfalls eine Kitzgeis sichtbar wird. - -Wie krampfhaft faßt die Hand den Büchsenkolben, sucht der Zeigefinger -der rechten Hand den Drücker, der Daumen den Hahn. Geräuschlos wird er -gespannt, langsam durch keine rasche Bewegung den Blick des aufmerksamen -Thieres hierherzulenken, hebt sich der Lauf und Korn und Visir zusammen. - -»Pest!« murmelt der Jäger leise zwischen den zusammengebissenen Zähnen -durch, und er hat Ursache, denn oben auf dem Lauf, gerade vorn auf dem -Korn, von dem blitzenden Metallpunkt vielleicht angezogen, schaukelt sich -ein kleiner zierlicher gelber Schmetterling, und will nicht wanken und -weichen. - -Noch steht der Bock da drüben und die Gemse unten interessirt ihn mehr -als irgend ein Geräusch oder Luftzug der ihn von oben fortgescheucht. -Mit unzerstörbarem Ernst schaut er nieder auf das spielende Kitz und die -lauschende Geis. - -Langsam und vorsichtig hat der Jäger indeß die Büchse zurückgezogen, bis -er mit dem Korn den nächsten Laatschenbüschel erreichen kann. Der -Schmetterling weicht den drohenden Stacheln des grünen Busches aus, und -flattert thalauf, und wieder richtet sich das Rohr dem heißersehnten Ziele -zu. - -[Illustration] - -Da -- hat sein Auge irgend einen verrätherischen rückschlagenden -Sonnenstrahl von dem blanken Lauf gefaßt? -- wirft der gefährdete Bock -rasch den Kopf empor, und die klugen Augen haben im Nu den Ort der -wirklichen Gefahr erkannt -- aber zu spät. Korn und Visir schmelzen gerade -auf dem Blatt der wenig mehr als hundert zwanzig Schritt entfernten Beute -zusammen; der Finger berührt den Stecher und mit dem Schlag, noch während -der Bock sich vorn niederläßt, von seinem spitzen Stand hinabzusetzen, -schlägt ihm die Kugel, schon etwas hoch, das Rückgrat über dem Blatt -entzwei. Vergebens sucht das Thier sich mit den scharfen Läufen in den -abschüssigen Boden einzukrallen, die Steine rollen unter ihm fort; halb -fällt er, halb rutscht er nieder. Während ihm das Geröll polternd folgt und -über ihn wegspringend dem nächsten Abhang zu fliegt, erreicht er unten -den ersten festen Halt -- Steinblöcke, die Lawine oder Bergstrom da nieder -geschmettert -- und sucht noch einmal dort sich aufzurichten. Vergebens; -seine Kraft ist gelähmt, sein Lauf in diesen Bergen beendet, und während -der rothe Schweiß den Boden um ihn färbt, bricht er stöhnend zusammen. - -Aber an ihm vorbei fliegt die Kitzgeis, den offenen Weg zur Flucht nach -unten nicht benützend. Zwar ist sie sicher vor des Schützen Rohr, denn -keine Kitzgeis wird in der ächt weidmännisch betriebenen Jagd geschossen, -aber was scheucht sie denn auf einmal dort hinauf? -- Hat sich der Schall -des Schusses in den Bergen, was oft geschieht, so gebrochen, daß sie die -Gefahr da unten wähnt, während sie hier oben in der Nähe des Feindes droht? -Oh nein -- das scheue Thier weiß recht gut vor wem es flieht, denn über die -Steine unten, über Geröll und Felsenblock hinwegspringend, so rasch fast -wie der Bock selber früher sprang, der dort verendend liegt, kommt ein -Jäger herauf aus der steilen Schlucht. - -Den Bergsack auf dem Rücken, die Büchse über der linken Schulter, den -Bergstock zum Springen über Spalte und Stein gebrauchend, wie der Rabe -seiner Berge der den Geruch des Blutes wittert und mit raschem Flügelschlag -schon nach dem Schuß krächzend herbeistreicht, setzt der kleine gewandte -Bursch heran. Im Nu hat er dabei die Stelle gefunden wo das, noch einmal -wenn auch vergebens seine letzten Kräfte anwendende Thier liegt. Büchse, -Hut und Bergstock drückt er gleich darauf neben sich auf die Steine, das -Messer fliegt aus der Scheide, und die sich krampfhaft streckende Beute -stöhnt unter dem Gnadenstoß. Aber zu gleicher Zeit fast greift die eine -Hand auch nach dem _Bart_ des verendenden Bocks, zieht die langen, mit -weißer Spitze versehenen Rückenhaare[2] rasch und geschickt heraus, soweit -sie sich zum Hutschmuck eben brauchen lassen, nimmt dann ein altes, schon -mit früherem Schweiß beflecktes Stück Papier aus der Tasche, wickelt sie da -sorgfältig hinein und birgt das in seiner Brusttasche. Jetzt erst geht -er an das Geschäft des Aufbrechens, die Gemse dann später in dem rasch -abgeworfenen Bergsack mit hinaus aus dem Graben zu nehmen. - - [2]: Der Gemsbart sitzt dem Bock nicht etwa unter dem Kinn, sondern auf - dem untern Theil des Rückens; an derselben Stelle, wo das Wildschwein - die längsten starren Borsten hat. - -[Illustration] - -Der Bursch da unten ist aber eine der interessantesten Persönlichkeiten -unter sämmtlichen Jägern. Klein und fast schmächtig von Gestalt, aber -trotzdem von zähem, nervigem Körperbau, munkelt man daß er früher, wie er -jetzt Einer der besten, wenn nicht der beste Jäger des Reviers ist, auch -Einer der berüchtigtsten Wildschützen gewesen sei. Jedenfalls kommt ihm -keiner der Uebrigen gleich im Fallenstellen für alles mögliche Raubzeug, -vom Jochgeier nieder bis zum kleinen Wiesel. Niemand lockt wie er Hasel-, -Stein-, Schneehuhn und Birkwild, und fängt die Schnepfen und andere -Strichvögel so geschickt in Schlingen. Auch Alles was man lebendig verlangt -liefert er -- wohl nicht gleich, denn solch Ding erfordert Zeit -- aber -_mit_ der Zeit gewiß und sicher. - -[Illustration] - -Wenn man von oben die kleine unansehnliche Gestalt betrachtet, -kommt's Einem auch wohl unwahrscheinlich vor, daß das der grimmste und -gefährlichste Feind sein sollte, den die schlauen und scheuen Thiere der -Wildniß hier in den Bergen, in ihrem eigenen Reviere hätten; so wie er aber -den Kopf nur umdreht glaubt man's ihm. Der ganze Schnitt des Gesichts ist -schon dem Adler gleich, das Auge nicht groß aber lebendig und rastlos, -nicht einen Moment an ein und derselben Stelle haftend. Die Augenbrauen -sind dabei hoch heraufgezogen, und wie durch das stete Horchen und Wachen -so stehn geblieben. Der kleine Ragg, wie er zum Unterschied von seinem -Vetter, dem _großen_ heißt, sieht aus, als ob er nicht einmal im Schlaf die -Augen schlösse. - -[Illustration: =Treiber an einer Wand.=] - - - - -5. - -Das Treiben am Joch. - - -Mit dem Riegeln -- wie diese Art Treiben genannt wird -- ist's jetzt -vorbei. Dort drüben pfeift noch einmal eine Gems, die wahrscheinlich den -Wind von einem der andern Treiber bekommen. Platz genug hat sie indessen -zur Flucht, und bringt sich auch rasch in Sicherheit. Wieder hinauf -klettern wir jetzt, von dem schmalen Steinkamm bis hinüber zum Waldeshang, -denn hinunter zur erlegten Gemse könnte wohl kaum eins der scheuen Thiere -selbst, so schroff und jäh läuft da der Fels hinab. Ragg wird sie schon -hinauf zum Sammelplatz schaffen. - -Aber auch selbst das Aufklettern geht nicht so rasch, denn bist Du ein -einziges Mal durch die Laatschen _aufwärts_ gestiegen, Freund, dann weißt -Du auch was das Ding zu sagen hat. Die zähen elastischen Zweige liegen alle -nach unten, eine Strecke erst am Boden oder einen Fuß darüber hinlaufend, -und dann wieder in die Höhe biegend, daß sie die Büschel an den Spitzen der -Zweige gerade und aufrecht tragen. Ein in einander greifen sie dabei, und -wenn auch die schlanke Gemse, die nur ihre Krickeln auf den Rücken zu legen -hat, leicht hindurch schlüpft, bleibt doch der Jäger mit seiner Büchse über -der Schulter, mit dem Bergstock in der Hand, mit Hut und Rock und Riemen -alle Augenblick darin hängen, und abzubrechen ist fast gar kein Zweig. -- -Nur mit dem Messer gehauen oder eingeschnitten, knickt er augenblicklich -ab. Noch schlimmer ist es dabei, wo dürre Aeste mit dazwischen liegen; -ein Durchkommen wird da fast zur Unmöglichkeit, oder muß Zoll für Zoll -erzwungen werden. - -Und dennoch ist es, wenn nicht leichter, doch jedenfalls sicherer in den -Laatschen auf, als abwärts zu klettern. Die zähen Büsche hängen über alle -Abgründe weit hinaus, und wollte man rasch zwischen ihnen niedergleiten, -da sich die weichen Zweige dem nach unten Hindurchdrängenden aus dem Wege -biegen, wäre man jedem Augenblick der Gefahr ausgesetzt ganz -gemüthlich vielleicht in eine fünf- bis sechshundert Fuß tiefe Schlucht -hineinzufahren. - -[Illustration] - -Als ich den Sammelplatz endlich erreichte hatten sich, den kleinen Ragg -ausgenommen, der noch mit seinem Gemsbock irgendwo unten im Graben stak, -schon sämmtliche Treiber um den Herrn versammelt. - -Wie wundervoll die Wildniß um uns liegt. Dort drüben hebt der große -Falke sein riesiges Haupt empor, während die gewaltigen Tannen an dem -gegenüberliegenden Hang so niedrig aussehn wie kleine zierliche Büsche, -und unter uns gähnt eine wilde Schlucht tief in den Graben nieder, der hier -scharf und abschüssig viel hundert Fuß wohl jäh hinunter sinkt. - -Auf einem Felsenvorsprung aber, der weit über den dunklen Abgrund -hinausragt, die Büchse über der Schulter, den Bergstock in der Hand, steht -unser Jagdherr, und neben ihm demonstrirend und erzählend der große Ragg, -während sich Rainer etwas kleinlaut hinter diesen gedrückt hat. - -Die anderen drei Jäger, von denen der eine den vom Herrn erlegten starken -Bock im Bergsack trägt, stehen etwas weiter zurück. - -»Und Ihr seht jetzt daß ich recht hatte,« sagt dieser; »die drei starken -Rudel die von unten kamen, haben alle mit einander gar nicht daran gedacht -bis zu mir herauf zu klettern, sondern sind, wie sie das _jedesmal_ thun, -seitwärts ausgebrochen. Haben _Sie_ etwas geschossen?« - -»Einen Bock« -- - -»Nun ja, ich auch einen, und die andern Freunde sind gar nicht zum Schuß -gekommen, während wenigstens vierzig Gemsen in dem Treiben waren.« - -Rainer spricht kein Wort, Ragg hingegen, der ganz ungleich seinem Vetter -nie eine Gelegenheit vorüber gehn läßt seine Meinung, lebhaft dabei -gesticulirend, zu sagen, will sich auf eine nähere Beschreibung des -Treibens einlassen -- es ist die Elster unter den Jägern. Diesmal aber -wird er unterbrochen, das zweite Treiben rasch besprochen, und fort geht's -wieder, die steilen Höhen hinan, ein Treiben an der Nordseite des Jochs, -im sogenannten Ochsenthal zu machen, wo nur ein paar gezwungene Wechsel -den Gemsen bleiben sich zu retten und die schützenden Dickichte wieder zu -erreichen. - -Ein wilder rauher Marsch war das jetzt den steilen Hang hinauf, bald in -überbiegende Laatschen hinein, bald an steilem Felsgeröll emporklimmend. -Einer hinter dem Anderen her, oder seitwärts auch ausbiegend, einen -bequemeren Aufweg zu finden. Der Stock nützt dabei gar wenig, und ist oft -nur im Weg; die Laatschenzweige sind dagegen treffliche Hülfen und oft, -wenn ein lockerer Stein losbröckelt, schützt die rasch ergriffene Laatsche -den Steigenden vor einen bald mehr bald weniger gefährlichen Fall. -Unverdrossen aber, nur das eine Ziel, die Höhe im Auge, wird jede -Schwierigkeit besiegt, und nach drei Viertelstunden schweren Steigens etwa -haben wir endlich das ersehnte Joch erreicht. - -Bald ist hier Alles besprochen, die Schützen sind vertheilt, die Treiber, -die sich auf den kahlen Felsen an bestimmten Punkten nur zu zeigen, und ein -paar Steine hinab zu werfen haben, sind abgegangen und Jeder hat sich, -so gut das eben auf dem offenen Terrain gehen will, hinter irgend einen -Felsblock, einen einzelnen Laatschenbusch, oder eine sonstige Erderhöhung -gedrückt. - -Da rasselt's da drüben an der Wand, Steine rollen und kleine dunkle Punkte, -nicht größer wie Ameisen, springen blitzschnell über die lichten Wände hin. - -Mit dem Fernrohr, nach Büchse und Bergstock das wichtigste Instrument für -dem Gemsenjäger, suchen die Schützen indessen das Terrain, das sie übersehn -können, ab. -- Unerwartet kann ihnen überhaupt hier kein Wild kommen, -denn der steinige, rauhe Boden verräth es schon aus größere Entfernung. -Da drüben ist ein dunkler Punkt an der nämlichen Wand über der der erste -Treiber sichtbar wurde -- richtig es ist ein alter Bock, der sich hier -unter einen Felsvorsprung gestellt hat, nach unten hin aufmerksam die -springenden Gemsen betrachtet, nach oben ganz erstaunt hinauf horcht, woher -auf einmal all die großen dicken Steine kommen, von denen er freilich, -g'rad wo er steht, wenig zu fürchten hat. - -Dort und da wird es jetzt lebendig. Ueber den tiefen Thalgrund des -weiten Felsenkessels springt das stärkste Rudel grade dort hinauf, wo der -fürstliche Jäger, die Büchse im Anschlag, fest hinter einen hohen Stein -gedrückt steht. Näher und immer näher kommen sie hinan -- der Wind schlägt -auf und sie wittern nicht die Gefahr der sie sich nahen. Prachtvoll -sieht es dabei aus, wie die dunklen schlanken Thiere an den lichtgrauen -Steinwänden hin und aufwärts setzen. Jetzt bleibt die Leitgeis auf einer -vorspringenden Zacke mit dicht zusammen geschobenen Schaalen stehn und -sichert umher. -- Aber nicht lange braucht sie nach der vermutheten Gefahr -zu suchen -- der Treiber dort oben auf dem nackten Joch schwenkt den Hut -nach ihnen hinüber; seine ganze Gestalt zeichnet sich ihnen scharf und -rein gegen den blauen Himmel ab, und fort stürmen sie wieder, geschützteren -Platz zu erreichen und aus so gefährlicher Nähe zu kommen -- die armen -Dinger. - -Jetzt setzen sie die Schlucht hinauf an dessen oberem Ende der Jagdherr -steht -- kaum fünfzig Schritt an ihm vorbei springt das Leitthier -- hält -einen Augenblick auf dem Kamm, sieht den neuen Feind, thut einen scharfen -Pfiff und verschwindet an der andern Seite des Jochs. -- Und kein Schuß? --- noch eine Gems und noch eine folgen ihr und jetzt -- eine kleine blaue -Wolke steigt hinter dem Felsen auf -- jetzt noch eine, und zwei Gemsen sind -schon lange zusammengeknickt und von der steilen Höhe niedergerollt, als -der dumpfe Knall der Büchse sich erst donnernd an den Wänden bricht, und in -das Thal seine Schallwellen niederwälzt. -- Wie die übrigen Thiere stutzen -und schrecken -- aber die Leitgeis ist voraus, der _müssen_ sie folgen, und -nach drängt deshalb, trotz dem Schuß, der ganze Trupp, nur einen scheuen -Bogen um die gestürzten Kameraden beschreibend. - -Wieder steigt in zwei kurzen Stößen der blaue drohende Dampf empor, und -wieder taumelt eine Gemse. Wild vorbei stürmen die entsetzten Thiere. Aber -noch ist der Donner nicht verhallt als auf's Neue die tödtliche Kugel ihr -Opfer sucht. - -Sechsmal hat es aus den drei Doppelbüchsen gesprochen und drei Gemsen -liegen verendet auf dem Platz und schwer verwundet schleppten sich zwei -andere noch über das Joch hinüber, davon eine der Hund nach kurzer Suche -in einem Laatschenbusche antrifft und niederreißt. Die andere ward später -verendet gefunden. - -Die übrigen Rudel brachen zwischen den Treibern durch, und nur der eine -alte Bock war halsstarrig in seinem wohlversteckten Platz stehn geblieben, -bis die Jäger ihn längst passirt hatten. Dann drehte er sich um und -verschwand plötzlich in einer der zahlreichen Spalten, wie in die Wand -hinein. - -Und nun der fröhliche Heimzug von der Jagd! Rasch sammeln sich die Jäger, -guter Dinge daß der mühselige »Trieb« gelungen; brechen das erlegte Wild -auf, und werfen es aus, thun sorgfältig das gesammelte Feist wieder hinein, -packen die Gemsen in ihre Bergsäcke, und heimwärts geht es jetzt, am Rücken -des Jochs auf einem ziemlich guten Pirschweg hin. - -[Illustration] - -Ihr Tagewerk war aber auch kein leichtes, und wer ihnen zusieht wie sie an -den steilen Wänden hinlaufen, oft über Abgründen hängen wo der geringste -falsche Tritt sie rettungslos in die Tiefe schickte -- denn ein Anklammern -wäre da nicht mehr möglich -- wie sie jetzt im Schweiß ihres Angesichts -durch ein Laatschendickicht arbeiten, jetzt über das Geröll einer Reißen -klettern und immer munter, immer vergnügt dabei, der muß die Leute wahrlich -bewundern. Und trotz den oft furchtbaren, jedenfalls höchst mühseligen -Wegen die sie zu steigen haben, achten sie nicht blos auf ihren schmalen -Pfad, nicht blos auf das Wild, das sie dort losgehen sollen, nein ihr Auge -späht zugleich, sorglos um die Gefahr die sie umgiebt, nach dem spärlich, -und nur an den wildesten rauhsten Stellen wachsenden Edelweiß, nach einer -einzelnen, vom Sommer übrig gebliebenen Scabiosa, nach einem tiefblauen -Enzian oder einer in dieser Jahreszeit sehr seltenen Alpenrose, mit diesen -Blüthen, neben Spielhahnfedern und Gemsbart ihren Hut zu schmücken. - -Der Bruch von einer Laatsche an Mütze oder Hut ist heute das Siegeszeichen -der gelungenen Jagd, und das Behagen erreicht den höchsten Grad, wenn -Abends die erlegten Gemsen am Pirschhaus oder der Almhütte mit den Krickeln -oben am Dach eingehakt zur Zierde, als ebensoviel wohlerworbene Trophäen -hängen. - -[Illustration: =Die Berathung.=] - -[Illustration: =Nach dem Treiben.=] - - - - -6. - -Die Pirsche. - - -So prachtvoll eine solche Treibjagd ist, besonders wenn man von irgend -einer vorspringenden Stelle aus den größten Theil derselben mit dem darin -aufgescheuchten Wilde übersehen kann, soviel interessanter ist die Pirsche. -Bei dem Treiben ist der Jäger vom Wild abhängig, ob es ihn gerade annehmen -will, und darf seinen Stand nicht verlassen, den ganzen »Bogen« nicht zu -stören. Bei der Pirsche sucht er selber das Wild auf, und es hängt -dann, allerdings neben vielem Glück, doch auch viel von seiner eigenen -Geschicklichkeit und Umsicht ab, ob er zum Schuß kommen wird oder nicht. -Hier in den Bergen ist die Pirsche freilich weit beschwerlicher, und in -mancher Hinsicht auch gefährlicher, als im Walde unten, denn die alten -Gemsböcke suchen sich am allerliebsten die rauhsten Wände in den Klammen -aus, in die sie sich hineinstellen, und von wo aus sie eine weite Strecke -überschauen können -- und dort muß sie der Jäger finden und beschleichen. - -Für den Wildstand selber ist aber, besonders wenn eine gewisse Anzahl -Gemsen abgeschossen werden soll, das Treiben weit besser als das öftere -Pirschen. Beim Treiben wird ein Revier einmal durchgegangen, und hat dann -Ruhe -- kehrt die aufgescheuchte Gemse nach einigen Tagen auf ihren Stand -zurück, so findet sie denselben gewohnten Frieden und bleibt. Wird dagegen -oft durch ein und denselben Platz gepirscht, so verjagt der Jäger, wenn er -selber auch vielleicht gar Nichts oder nur wenige Stück zu sehn bekommt, -und scheinbar ganz unbemerkt den Berg durchschlichen hat, doch viel Wild. -Was den Wind von ihm bekommt flieht fast noch ängstlicher, als was ihn -selber sieht, und einen schärferen Geruchssinn als die Gemse, hat wohl kein -Säugethier weiter auf Erden, möge es, welcher Gattung es wolle angehören. - -Beim Pirschen hängt das Meiste davon ab früh aufzubrechen. Die Gemse, -ziemlich wie anderes Wild, äst sich Morgens von Tagesanbruch bis etwa -um acht oder neun Uhr, und thut sich dann bis ziemlich genau um zwei Uhr -nieder. Zu dieser Zeit steht sie wieder auf, beginnt aber erst gegen Abend -recht lebendig zu werden. - -In der Brunftzeit, die bei kalter Witterung schon gegen Ende Oktober, bei -warmer erst mit dem Monat November beginnt, läuft der Bock allerdings -den ganzen Tag herum, äst sich dann aber nur sehr wenig und paßt -außerordentlich auf. - -Beim Pirschen ist es nun allerdings stets und unter jeder Bedingung -am besten, _ganz_ allein zu sein. _Ein_ Mann macht schon überdies beim -Anschleichen Geräusch genug, und zwei verderben oft die Jagd. In den Alpen -aber und auf vollkommen fremdem Revier, noch dazu für den Fall daß etwas -erlegt oder angeschossen wird, bleibt ein Begleiter ein nothwendiges Uebel. --- Und doch ist es auch wieder eine eigene Lust mit einem solchen Tyroler -Gemsjäger im stillen Wald, in den wilden Bergen pirschen zu gehen. - -Diese vor allen anderen sind auch die einzigen und ächten deutschen -Indianer, -- nur daß sie Schuh und Kleider tragen. Abgehärtet gegen Frost -und Hitze, wie nur ein Wilder sein kann, mäßig in ihrer Lebensart bis zum -Aeußersten, einfach in ihren Sitten, leidenschaftlich ihrer Jagd ergeben -und darin Meister -- was um Gottes Willen könnte man von einem wirklichen -Indianer mehr verlangen. Auch ihre Farbe ist nicht viel, wenn überhaupt, -lichter, als die einiger Stämme der Südsee, und was ihre Sinne betrifft, so -haben sie jene Wilden schwerlich schärfer. Nur im Anschleichen könnten sie -von ihnen lernen. - -Wie der Pfeil vom Bogen, und dabei geräuschlos wie die Nachteule auf ihre -Beute stößt, gleitet der Indianer, jeden nur irgend möglichen Vortheil des -Terrains benutzend über den Boden hin. Der Bergbewohner ist plumper -- er -tritt fester auf und sein Schritt, auch wenn er sich noch so viele Mühe -giebt leise zu gehen, ist dennoch schwer. Natürlich tragen da die schweren, -eisenbeschlagenen Schuhe das Ihrige dazu bei. Aber eine Wonne ist es, zu -sehn wie so ein Gemsjäger den Wind nimmt, wie sein Blick gleichzeitig über -jede Blöße an den Hängen als auch über den Boden schweift die Fährten zu -beachten; mit welcher Aufmerksamkeit er dabei jedem Geräusch horcht und wie -er, mit einem Worte, so ganz Jäger ist. Jede Bewegung an ihm ist Natur, und -wie der Adler oben in seinem Element auf ruhendem Fittig kreist, wie der -Fisch im Wasser schwimmt, wie das Reh zierlich und leicht durch den Wald -tritt, so leicht und unbehindert, so ganz in _ihrem_ Element, steigen -dieses Kinder der Berge Fels auf und ab, über schräg wegsinkende Lannen, -über bröckelndes Gestein, immer mehr um sich nach Wild, als auf ihren -gefährlichen Pfad schauend. - -Aber jetzt fort, drüben die hohen Joche, wenn auch im Thal unten noch -dunkle Nacht liegt, zeigen schon den dämmernden Morgen, und kalt und -frostig zieht uns der erste Sonnengruß durch die Glieder. -- Sonderbar ist -es in der Natur, daß _vor_ dem warmen Licht der Sonne die Luft erst noch -einmal recht kalt, daß vor dem dämmernden Tag die Nacht erst noch einmal -_recht_ dunkel wird. - -Unseren Pfad können wir jedoch schon erkennen -- ein guter Pirschsteig -läuft am Hange hin, und gerade mit Büchsenlicht kommen wir dann an -die besten Stellen im Revier -- _zu_ früh kann man da fast gar nicht -aufbrechen. - -Mein Begleiter ist diesmal -- den ich schon früher erwähnt habe -- die -Elster unter den Jägern: der große Ragg. -- Er spricht allerdings viel --- wenn man ihn läßt; aber was sein »Handwerk« angeht, wird er darin -vielleicht nur von seinem Vetter übertroffen. Wo übrigens nicht gesprochen -werden darf, weiß er auch recht gut zu schweigen und vielleicht nur in -dem ernsten stillen Wesen der übrigen Bergjäger scheint das bei ihm -Schwatzhaftigkeit, was man im flachen Lande gar nicht bemerken würde. Die -Berge sind in der That nicht der Ort zum Sprechen. Die stille Ruhe um uns -her fordert zu gleichem Schweigen auf, und jedes, selbst geflüsterte Wort, -scheint den heiligen Frieden dieser Wildniß zu stören. - -[Illustration] - -Und hier ist wirklich noch _Wildniß_, denn _Urwald_ umgiebt uns in all -seiner einsamen Pracht. Kein Holz wird hier geschlagen; der alte morsche -Baum bricht über seiner Wurzel zusammen und fault wo er gewachsen und -gestanden. Wo der Föhn oftmals ganze Strecken dieser vielarmigen Waldriesen -niedergestreut, liegen sie toll und bunt über einander hin gesäet, und was -eben wachsen will und kann, bricht sich zwischen ihnen hinaus die junge -Bahn. - -Aber der umgestürzte Baum hat für uns in diesem Augenblick nur insofern -Interesse, als er mit seinem dichten Wipfel vielleicht eine sich dahinter -äsende Gemse deckt. -- Jeder Stein wird mistrauisch betrachtet, jedes -raschelnde Laub bannt den Horchenden an die Stelle, und erst dann schleicht -er weiter, wenn er sich überzeugt hat daß kein Wild Ursache des Geräusches -war. Wie ein paar Verbrecher, mit dem erbärmlichsten Gewissen von der Welt, -vor jedem fallenden Blatt erschreckend, vorsichtig und ängstlich nach dem -geringsten fremden Ton hinüber horchend, schleichen wir so dahin -- langsam -mit dem umgedrehten Bergstock nieder fühlend, daß er keinen unzeitigen -Lärm mache, sorgfältig den eisenbeschlagenen Schuh auf das Geröll im Pfad -niedersetzend und jeden dürren Zweig, jedes gelbe Blatt dabei vermeidend --- sind es doch lauter Verräther, und nur zu rasch geneigt ihren alten -Bekannten und Freunden, dem scheuen Wild, Nachricht zu geben daß Jemand -naht, der da nicht hingehört. - -So ein dürrer Zweig ist auch wirklich oftmals schlimmer als ein -Telegraphendraht. Er knickt unter dem ungeschickten Fuß -- der Jäger bleibt -erschrocken stehn und wagt sich nicht zu rühren -- aber das Unglück ist -schon geschehn. Ein Alt-Thier vielleicht, mit dem man gar nichts zu thun -haben will, das aber hinter einem Dickicht irgendwo gestanden, hört das -fatale Geräusch und wird aufmerksam. Sehn kann es dabei Nichts, aber der -Verdacht ist einmal gefaßt -- vielleicht trägt gerade jetzt auch ein sehr -unnützer Windzug die Witterung dort hinüber, und schreckend, mit Tönen die -man über eine halbe Stunde weit hört, setzt es den steilen Hang hinab, und -macht den ganzen weiten Berg rege. An Pirschen ist in _der_ Gegend dann -weiter gar nicht zu denken. - -Aber wir ziehen vorwärts. -- Da drüben zeigen sich die nackten Felsen einer -weitausgebrochenen Klamm, und dort stellen sich die Gemsen am liebsten ein. -Zwischen dem Geröll wächst spärliches, aber sehr süßes Gras, und ziemlich -offenen Raum haben sie zugleich, nach oben und unten auszuschauen. -Besonders sind diese Klammen ein Lieblingsplatz der alten Böcke, und denen -stellt man ja auch vor Allen nach. - -Hier ist aber eine Hauptsache der _Wind_. Wenn dieser auf jeder Jagd eine -sehr bedeutende Rolle spielt, und bei Treibjagen wie Pirsche stets darauf -Rücksicht genommen werden muß, da man das Wild _mit_ dem Wind nun einmal -nicht beschleichen _kann_, so ist das noch viel mehr auf der Gemsjagd der -Fall. Man hat es hier nämlich nicht allein mit einem Wild zu thun, dem an -Geruchssinn kein anderes gleich kommt, sondern die Gebirge selber haben in -ihren Luftströmungen so viele Eigenheiten, daß der mit ihnen nicht betraute -Jäger nur wirklich zufällig einmal ein Stück zum Schuß bekommen würde. - -Ziemlich regelmäßige Luftströmungen sind thalauf und thalab, Seitenwinde -finden fast nie, oder nur höchst selten statt. Im Schatten zieht dabei der -Wind stets _nieder_; in der Sonne _auf_wärts, und zwar aus sehr natürlichen -Gründen: die von der Sonne erwärmte Luft strebt nach oben, die kältere -drängt sich ins Thal hinab. Ehe die Sonne über die Berge steigt, und -auf den Hängen, die sie nicht bestreicht, oder nicht erreicht hat, zieht -deshalb die Luft stets bergab, und oben an einem Joch hingehend, würde -man wenig oder gar Nichts zu Schuß bekommen. Man muß sich deshalb tiefer -halten, nach aufwärts sehn zu können, und was oben steht, kann man dann -auch leicht beschleichen -- ist wenigstens sicher daß man den Wind von dort -herunter bekommt. Steigt dann die Sonne, nimmt man den Rückweg oben hin, -und hat denselben Vortheil wie vorher. - -Beim Treiben läßt sich diese Eigenschaft besonders gut benutzen, da man -im Stande ist sich den Wind auszusuchen, je nachdem man in eine kühle -schattige Schlucht, oder auf den sonnenbeschienenen Rücken irgend eines -Felsens tritt. - -Da es noch früh am Morgen und kühl und frisch war, wo der Wind natürlich -scharf nach unten zog, hielten wir uns ziemlich tief, verließen, sobald -es nur ordentlich hell im Wald geworden, den Pirschpfad und kletterten -vorsichtig den grasigen mit Kiefern und Krummföhren überwachsenen Hang -hinab. - -Wie das so still im Walde war -- weit von drüben herüber, von der andern -Seite des Rißthales klang der tiefe Schrei eines Brunfthirsches her --- sonst fast kein Laut. -- Doch halt ja -- dort oben wo jene schmale -Felsenwand so hoch emporstieg und mit ihren grauen Seiten durch die Bäume -schimmert, balzte ein Birk- oder Spielhahn mit weichen, melodischen Kullern --- aber die Jäger hören das zu dieser Jahreszeit nicht gern, denn es soll -schlechtes Wetter deuten. - -Jetzt haben wir beinah die Klamm erreicht, Ragg wird immer ängstlicher im -Gehen, und jeder Schritt weiter zeigt auch schon mehr und mehr die helleren -Felsen, die übereinander geschichtet und aus gewaltigen Blöcken bestehend, -bis fast oben unter das Joch hinauf ragen. Längst schon haben wir den -Pirschweg verlassen, und steigen lautlos nebeneinander hin, Jeder vollauf -damit beschäftigt den Ort auszusuchen wohin er den Fuß geräuschlos setzen -kann, und hat er den gefunden, einen raschen forschenden Blick umher zu -werfen. Da plötzlich packt er meinen linken Arm und die vorsichtig und -langsam ausgestreckte Hand deutet nach vorn. Der Richtung zu liegt dort -ein dichter Laatschenbusch und der eine Zweig -- wahrhaftig da drin steht -irgend ein Stück Wild, was es auch sei -- der eine Zweig bewegte sich, als -ob irgend etwas Schweres dagegen drückte. _Was_ für Wild, war natürlich -noch nicht zu erkennen. - -Leider lag der Busch etwas unter uns, und links abbiegend, von unten herauf -dahin zu kommen, krochen wir jetzt mehr als wir gingen der Stelle zu. Die -Gegend dort war wie gemacht zum Anpirschen, und lockere Felsblöcke, und -umgestürzte, halb verdorrte Stämme bildeten ebensoviele Schutzwehren für -den anschleichenden Jäger. Vorsichtig benutzte ich auch das Terrain nach -besten Kräften, und leise, nachdem ich vielleicht zwanzig Schritt auf den -Knieen gekrochen war einen schräg auflaufenden Fels zu erreichen, hob ich -langsam den Kopf und sah hinüber. - -»Mord!« war der mehr gedachte als gemurmelte Fluch, als ich mich plötzlich -einem starken Spießhirsch auf kaum vierzig Schritte gegenüber sah, der -sich hier so ruhig äste, als ob nicht ein scharfgeladenes Rohr hinter dem -nächsten Steine lauerte, und sein leckeres Mahl hätte bös versalzen können. -Aber Hirsche wurden natürlich in dieser Jahreszeit nicht geschossen und der -übrigens ziemlich stark und feist aussehende Bursche hätte uns die ganze -Jagd verderben können. - -Vorsichtig vor allen Dingen wieder hinter meinen Stein zurückkriechend, -telegraphirte ich dem mir aufmerksam zuschauenden Ragg die unangenehme -Botschaft hinunter, und dieser kam jetzt langsam heraufgeschlichen. -- Was -nun thun? Zeigten wir uns, so brach der derbe Bursche hier ganz in der Nähe -der Klamm durch das Dickicht, und wenn er nicht einmal schreckte, warnte er -doch jedenfalls alle dort herum stehenden Gemsen, und verdarb uns die Jagd. -Es blieb uns nichts anders übrig als ihm aus dem Weg zu gehn, und mit einer -Aufmerksamkeit und zarten Rücksicht für seine Ruhe und ungestörte Mahlzeit -die ihn hätte innig rühren müssen, wenn es ihm nur verstattet gewesen wäre -uns zu beobachten, krochen wir jetzt zurück wie wir hinaufgeschlichen, -tiefer hinab ihm aus den Weg zu kommen. - -[Illustration] - -Das gelang auch vollkommen und etwa vier- oder fünfhundert Schritt tiefer -unten näherten wir uns endlich dem wirklichen Rand der Klamm, der gerade -an dieser Stelle von einem mit Laatschen bewachsenen Felsenvorsprung -überhangen wurde. - -Zum Abäugen gab es keinen bessern Platz, und vorsichtig krochen wir, die -Hüte und Stöcke abgelegt, ich nur mit der Büchse im Anschlag hinaus, die -untere Schlucht von hier zu übersehen. - -Dort stand ein Bock -- da drüben an der Wand, gleich unter ein paar kleinen -mit gelbem Laub noch spärlich bedeckten Espen. Das wenige Gras abäsend, -das in der Spitze von zwei dort von verschiedenen Seiten niederspringenden -Bächen wuchs, ging er langsam umher, vorsichtig dabei oben hinauf windend, -und den Blick zugleich, mit dem halb schräg gedrehten Kopf, nach der Tiefe -drehend. Aber er schien das mehr aus alter Gewohnheit zu thun, als daß -er wirklich eine Gefahr gefürchtet hätte. Der Morgen war so still, die -Schlucht lag so ruhig, und so lange hatte Nichts den Frieden hier gestört --- armer Bock -- es geht uns Menschen eben so. Die Gefahr naht gerade da am -liebsten, wo wir sie am allerwenigsten erwarten, und gut für uns dann, wenn -sie uns gerüstet findet. - -Unser Schlachtplan war bald entworfen. Ragg wollte zwar gern, wie es -gewöhnlich die Jäger in den Bergen thun wenn zwei zusammen pirschen -gehn, mich hinunter auf den Wechsel schicken, und dann selber oben hinum -schleichen und dem Bock in den Wind kommen, oder sich auch zeigen, wodurch -er ihn mir dann vielleicht hinunter getrieben hätte. Durch das Anpirschen -an den verwünschten Spießer war aber schon ein guter Theil des Morgens -verloren gegangen, und da er einen tüchtigen Umweg hätte machen, und ich -selber an die andere Seite der Klamm hinüber klettern müssen, an der der -Wechsel lag, blieb es immer die Frage, ob wir nicht doch zu spät kommen -würden. Ueberdies äste sich der Bock gegen den Wind hinauf. So beschloß ich -denn mein Glück mit Anschleichen zu versuchen und rasch zogen wir uns jetzt -von unserem Ausguck zurück, unterhalb desselben eine gedeckte Stelle zu -finden an der ich in die schroffe Klamm hinabsteigen konnte. - -Das gab ein bös Stück Arbeit. Durch einen ziemlich weit hineinragenden -Vorsprung gleich unterhalb verdeckt, war allerdings hier keine Gefahr daß -uns der Bock hätte sehn können, und den Wind bekam er eben so wenig, denn -der wehte noch scharf und stät die Klamm nieder, aber wie an einer Wand -ging es hinab, und mit der Büchse auf dem Rücken, die den Ungeübten oft im -Klettern hindert, war die Sache doch viel leichter berathen als ausgeführt. -Ueberdem steigt es sich zehnmal besser bergauf, als in die Tiefe nieder. -Aber dort stand der Bock und hinunter mußte ich; so die Zähne zusammen -beißend und den Bergstock, als treuen Helfer fest in den steinigen, mit -lockerem Geröll bedeckten Boden stemmend, ging die Fahrt zu Thal. Manchmal -löste sich, trotz aller Vorsicht, ein kleiner Stein, und rollte polternd -in die Tiefe, aber theils waren wir noch zu weit von der Gemse entfernt, -theils achten auch die Thiere auf _dies_ Geräusch, das sie in den Bergen -gewohnt sind, nicht sonderlich viel. Fortwährend lösen sich in diesen -steilen Hängen, besonders nach feuchtem Wetter, kleine und größere Steine -los, und auf den größeren Reißen klappern sie fast ununterbrochen fort. - -Hier nun eine Laatsche ergreifend, mit Hülfe ihrer zähen Zweige ein Stück -hinab zu kommen, dort mit dem eingestemmten Stock niederrutschend und jeden -vorspringenden Stein aufmerksam benutzend, den Fuß darauf zu ruhen, kamen -wir endlich glücklich unten an. Ob der Bock freilich noch oben stand oder -nicht, ließ sich von da aus nicht mehr erkennen. Da er sich aber dicht an -dem sprudelnden Bach geäst, wo das Geräusch des Wassers schon selber Vieles -übertäubt, hatten wir die Hoffnung daß er unsere Niederfahrt nicht gehört, -und folgten nun selber dem Bach rascher und zuversichtlicher aufwärts. - -So leicht und glatt jedoch dieser Theil des Weges von oben ausgesehn hatte, -so schwierig fanden wir ihn hier. Riesige Felsblöcke lagen überall umher -zerstreut, und hie und da schlossen die Wände diese so eng ein, daß sich -das Wasser über sie hin den Weg bahnte -- und diesem schlüpfrigen Pfad -mußten wir folgen. Was that's -- wenn nur der Fuß und Bergstock sich da -einklammern konnte, die Nässe kümmerte uns Nichts, und mühselig aber doch -ziemlich rasch arbeiteten wir uns aufwärts. - -»Dort stehn die Espen,« flüsterte mir da mein Begleiter zu; und schon -konnten wir die Wipfel der beiden kleinen Bäume, dicht über denen wir den -Bock zuletzt gesehn, auf ungefähr zweihundert Schritt Entfernung erkennen. - -Wie mir das Herz da an zu klopfen fing -- wie der Athem so schwer wurde --- aber vorwärts. Jeder Augenblick nutzlosen Säumens konnte uns das Wild -verlieren lassen, und der ganze mühselige Weg wäre umsonst gewesen. - -[Illustration] - -Hier lief die Schlucht auf kurze Strecke glatt und gerade aus, und gleich -darüber zog sich ein kleiner, spärlich mit Laatschen und Erlen bewachsener -Hang empor. Dem mußten wir folgen. Der Boden war auch weich hier und zum -Anpirschen trefflich, und von dem oberen Theil des Hangs blieb höchstens -noch eine Strecke von etwa sechzig Schritt bis zu den Espen. In wenigen -Minuten war die zurückgelegt. -- - -Jetzt hatte ich den höchsten Punkt erreicht -- ein paar Felsblöcke dicht -vor mir sperrten noch die Aussicht auf den kleinen Grasfleck auf dem der -Bock stehen mußte, wenn er nicht schon vorher das Weite gesucht; aber zu -ihnen anpirschend brachten sie mich ihm auch soviel näher. -- Mir war dabei -zu Muthe, als ob mir Jemand die Kehle mit Gewalt zuschnüre; ich konnte -keine Luft bekommen und drückte mich hinter dem einen Felsen nieder, erst -wieder ruhig zu werden. - -Ragg sah aber die Bewegung, und als ich den Kopf nach ihm umdrehte -geberdete er sich, ohne jedoch den geringsten Laut von sich zu geben, wie -ein Rasender. Vorsichtig auf den Boden niedergedrückt, gesticulirte er -nämlich mit beiden Armen auf alle mögliche Art und Weise daß ich schießen -solle; er hatte jedenfalls den Bock gesehn. -- Zeit war auch in der That -nicht mehr zu verlieren, und die Zähne aufeinander beißend, spannte ich -rasch und geräuschlos die Büchse, nahm sie in Anschlag und -- da prasselte -und polterte es in den Steinen, der Bock ging flüchtig, und wie ich jetzt -mit einem verzweifelten Satz hinter dem mich bergenden Steine vorsprang, -sah ich eben noch, wie einen Schatten, den schwarzen Körper des Wildes im -Laatschendickicht verschwinden. - -»Jesus Maria und Joseph!« hörte ich hinter mir die verzweifelte Stimme -meines Begleiters, aber ohne mich nach ihm umzusehn, übersprang ich rasch -den kleinen Grasfleck, von dort aus vielleicht den Bock noch irgendwo an -der Wand, wenn auch flüchtig, erkennen zu können. So rasch vermochte er -doch nicht daran hinauf zu laufen, daß ihn die Kugel nicht noch erreicht -hätte. Da bröckelte gerad' über mir ein Stein, und wie ich aufschaute sah -ich den Bock der eben an der Spitze einer niederlaufenden Laatschenzunge -einen kleinen Vorsprung erreicht, dort einen Augenblick hielt und seinen -scharfen warnenden Pfiff ausstieß. Gerade als er sich wandte, mit einem -Satz das schützende Laatschendickicht, das ihn jeder weiteren Verfolgung -entzogen hätte, zu gewinnen, schickte ich ihm meine Kugel hinauf. Als sich -der Rauch verzog, war er verschwunden. - -»Den haben Sie heilig gefehlt!« schrie aber jetzt der herbeispringende -Ragg, und machte Bewegungen dabei als ob er sich nur erst geschwind die -Arme ausrenken wollte, ehe er aus der Haut führe. - -Ich hatte zu rasch gezielt meiner Sache ganz sicher zu sein, und mochte -wohl etwas kleinlaut aussehn. - -»Aber um Gottes Willen, haben Sie ihn denn nicht gesehn, wie er da -hinter dem Steine stand? -- breit -- _so_ Sie hätten ihn mit einem Stein -todtwerfen können.« - -»Aber ich stak ja auch hinter den Steinen, Ragg, und konnte ihn von dort -aus nicht sehn.« - -»O Jesus, o Jesus!« lamentirte der Jäger und schlenkerte den Kopf herüber -und hinüber. - -Der scharfe Pfiff einer Gemse, oben aus den Laatschen antwortete ihm. - -»Na ja, da geht er hin -- dem thut kein Haar weh!« - -»Aber wollen wir nicht einmal auf den Anschuß sehn? Ich _muß_ ihn getroffen -haben.« - -Ragg erwiederte Nichts, seufzte nur tief auf, drückte den Hut -- den er -abgenommen hatte sich bequemer kratzen zu können -- wieder auf den Kopf, -warf sich die Büchse um und stieg mit einer Miene die steile Wand hinauf, -als ob er hätte sagen wollen: -- »Na ja, nachsehn muß ich, das ist meine -Schuldigkeit, aber die Gemse die ich da oben finde, freß ich mit Haut und -Haar.« - -»Und soll ich nicht mitgehn, Ragg?« - -Er schüttelte mit der Hand -- das gewöhnliche Zeichen für _nein_ unter den -Jägern und setzte dann, sich halb umdrehend hinzu -- »es geht sich hier -nicht besonders bequem, und wir müssen doch nachher an die andere Seite der -Klamm hinüber.« -- - -»Es geht sich hier nicht besonders bequem,« -- es war eine völlig -senkrechte, etwa sieben Fuß hohe Wand, an der er sich nur mit Hülfe einiger -kleiner Laatschenbüsche hinaufarbeitete. Ueber dieser hatte er aber etwas -bequemere Bahn, und während ich ihm von unten zusah, und meine Büchse -dabei wieder lud, erreichte er den Platz auf dem die Gemse, als ich feuerte -gehalten. Er blieb oben aufrecht stehn, und sah sich rings am Boden um. - -[Illustration] - -»Ein klein wenig mehr links, Ragg!« - -Das fatale Schütteln mit der Hand war die einzige Antwort. _Gefehlt!_ -es war wirklich zum aus der Haut fahren, und _damit_ die ganze schöne -Morgenpirsche verdorben, denn hier in der Klamm war nun Nichts mehr zu -machen. Plötzlich bog er sich auf den Boden nieder und hob ein Blatt auf, -das er genau besah, und mit dem Finger abwischte. Um mein Leben gern -hätt' ich gerufen »Schweiß?« -- aber ich fürchtete das nichtswürdige -Handschütteln. In dem Augenblick war Ragg auch in den Laatschen -verschwunden, und in peinlicher Ungewißheit blieb ich in der Klamm zurück. - -Da bröckelte weiter oben ein Stein. -- Etwa hundert Schritt höher die Klamm -hinauf, wo sich ein Arm derselben rechts ab und in das Joch hineinzog, -war ein anderer kahler Vorsprung -- dort hing Ragg am oberen Rande und -schwenkte den Hut. - -»Der Bock?« - -»Hier liegt er!« - -Wie ich die Wand hinaufgekommen bin weiß ich heute noch nicht, aber oben -war ich, und dort lag der Bock -- ein prächtiger starker, etwa vierjähriger -Bursche, gerade auf's Blatt geschossen -- aber _ohne_ Bart. Die langen -Rückenhaare schienen gänzlich zu fehlen. Freilich auf sehr natürliche Art, -denn Ragg hatte sie schon, wie sein Vetter früher, in Papier gewickelt in -der Tasche -- mußte sie indessen ebenfalls wieder herausgeben. - -Den Bock schafften wir jetzt zusammen zum Wasser hinunter, hingen ihn dort -mit den Krickeln an einen niedergebogenen Erlenbusch, und waideten ihn -aus. Ragg schnürte ihn dann in seinen Bergsack, und still dabei vor sich -hinlachend daß wir ihn doch erwischt -- denn die Jäger setzen einen Stolz -darein, wenn sie mit Jemand pirschen gehn ihn auch zum Schuß zu bringen --- kletterten wir auf der anderen Seite der Klamm hinaus, nach einer -Nachbarschlucht hinüberzuhalten, und dort unser Glück noch einmal zu -versuchen. - -Ragg schwamm jetzt in seinem Element und erzählte eine Jagdanekdote nach -der andern: wie er mit dem und jenem Herrn gepirscht wäre und das und das -erlebt, und wenn ich ihn bat ruhig zu sein, da wir hier doch -vielleicht Gemsen antreffen könnten, beruhigte er sich stets mit einem -zuversichtlichen -- »ah, hier ist Nichts.« - -Die Folge davon war daß uns bald darauf wieder ein einzelner Bock anpfiff, -und den Hang hinauffloh. Auf etwa fünf Minuten brachte ihn das zum -Schweigen, dann aber fing er von vorne an, und ließ sich auch nicht wieder -irre machen. Einmal über das andere lobte er aber dabei meine Fertigkeit -im Steigen -- die gewöhnliche Bergschmeichelei. Wenn ein Schütz aus dem -flachen Lande mit einem Bergjäger zusammengeht, und nur einigermaßen vom -Fleck kommt, macht ihm schon der Mann die größten Elogen was er für ein -vortrefflicher Steiger sei, und denkt sich dabei: »na Du solltest einmal -mit mir da und dort hin gehn, da würdest Du schön hängen bleiben.« -- Es -ist das gewissermaßen ihr Kleingeld im Verkehr mit der Civilisation, mit -dem sie sich Cigarren und Guldenstücke eintauschen. - -Ich will ihnen aber auch nicht Unrecht thun; bei Manchen mag es wirklich -Ernst sein, und sie haben sich die flachen Landbewohner so steif und -ungeschickt gedacht, daß sie schon auf's Aeußerste erstaunt sind wenn sie -außer den Pirschpfaden nur mit fortkommen und deshalb rechnen sie ihnen das -geringste Außergewöhnliche vielleicht schon so hoch an. - -»Und ich dachte heilig Sie hätten ihn gefehlt,« wiederholte er wieder und -wieder. -- »Er sprang mir gar so geschwind in die Laatschen hinein. Es wär' -aber eine Schand gewesen, wenn wir _den_ Bock nicht gekriegt hätten.« - -Seine Last im Bergsack schien ihn nicht im Geringsten zu stören, und rasch -und munter, viel zu rasch und munter für einen Pirschgang, schritten wir -vorwärts bis zur nächsten Klamm. - -Die Sonne war indessen höher gestiegen und warf auf die ziemlich dünn -bewachsene Seitenwand des Berges ihren vollen Strahl. Wir hatten uns auch -die letzte Stunde höher und höher hinaufgehalten, den Vortheil des jetzt -aufziehenden Windes zu haben. So erreichten wir den oberen Theil der -Nachbarschlucht, und mit ihr den Pirschweg wieder, der drüben hinlief, -postirten uns gedeckt an den Rand und äugten mit unseren Gläsern den -inneren Theil der Klamm sorgfältig ab. - -Ragg hatte aufmerksam den unteren Theil abgesucht aber Nichts gefunden, als -ich zufällig gerade hinunter schaute und dort, etwa sechshundert Schritt -unter uns, einen alten Bock mitten in der Wand stehen sah, der hier schon -heraufgestiegen schien seine Siesta nach eingenommenem Mahl zu halten. Ein -Wink genügte für den Jäger, und wir Beide beobachteten jetzt aufmerksam den -alten Burschen, der gar so ernst und ehrbar den weiß gestreiften Kopf nach -rechts und links und in die Tiefe drehte, nur nicht ein einziges Mal nach -oben blickte. - -Ragg war mit seinem Plan bald fertig. - -»Wenn wir Zeit hätten,« sagte er, nach seiner dicken silbernen Taschenuhr -sehend, »so blieben wir hier ruhig bis um zwei Uhr liegen. Der Bock -thut sich jetzt nieder und steht bis dahin wieder auf, wo er dann leicht -überredet werden könnte hier herauf zu kommen. Wenn wir aber um vier Uhr -in der Riß sein wollen, müssen wir früher Anstalt machen. Erst können wir -indessen abwarten was er vor hat; ob er da gedenkt sitzen zu bleiben, oder -nicht.« - -Ohne Weiteres warf er jetzt seinen Bergsack mit dem Bock zu Boden, seinen -Hut und sich selbst daneben und holte aus der Tasche das mitgenommene -Frühstück hervor, die Zeit die uns hier blieb, wenigstens so zweckmäßig als -möglich zu verwenden. Ich folgte seinem Beispiel. - - - - -7. - -Ragg's Erzählung vom Wilderer. - - -»Sehn Sie die Laatsche da drüben?« nahm da Ragg das Gespräch, das aber -jetzt mit unterdrückter Stimme geführt wurde, wieder auf -- »gleich die da -drüben; die, wo das Dickicht bis zum Abgrund hinläuft, hinüber hängt?« - -»Ja, Ragg -- aber ich kann da drüben Nichts erkennen.« - -»Ist auch _jetzt_ nichts mehr da zu sehn« sagte er, leise dabei vor sich -hin lachend, »fünf Jahre sind's aber jetzt, da hat die eine Laatsche, die -dort über die steile Wand hinüber hängt, einem Malefizkerl von Wilderer -einmal einen großen Gefallen gethan.« - -»Einem Wilderer?« - -»Ich und der Wastel« erzählte Ragg jetzt weiter, nachdem er erst noch -einmal einen vorsichtigen Blick nach unten geworfen, ob der Bock noch -dastände, »waren drüben am Scharfreuter gewesen, und an der Grenze -hingegangen, theils zu sehn ob das Wild dort viel herüber wechsele, theils -auch umzuschauen ob wir keine fremde Fährten finden könnten, denn daß hier -Wilddiebe von Baiern herüber kämen hatten wir schon gehört. Den Morgen um -neun Uhr etwa war ein leichter Schnee gefallen, und es schneite noch in -dünnen, einzelnen Flocken, als wir oben an der Luderstauden, gerade wo -die oberste Klamm gegen das Joch vorläuft, eine ganz frische Mannsfährte -fanden, die keiner von uns kannte. Das konnte niemand anders als ein -Wilderer sein, und während Einer die Fährte hielt, während der Andere -scharf umher schaute, ob er den Burschen nicht vielleicht so, aus freier -Hand entdeckte, folgten wir so rasch und leise wir konnten. - -»Das ging nun allerdings gut, so lange wir oben am Joch blieben, denn dort -lag wenigstens Schnee genug zum Spüren, der Malefizkerl hatte das aber auch -wohl bedacht und war in eine der nächsten Klammen hinein, und Gott weiß wie -darin herum gestiegen, so daß wir auf den kahlen Steinen zuletzt die Spur -verloren, und nun nicht wußten wo er geblieben war. Wastel wollte nun zwar -wir sollten uns trennen und nach verschiedenen Seiten suchen. Hatte er sich -aber irgend wo eingedrückt und sah uns anpirschen, so wäre ein Einzelner -verloren gewesen; auf zwei schießen die Schufte aber nicht so gleich.« - -»Hanthiert nur nicht so mit den Händen, Ragg, Ihr liegt überhaupt zu nah -an der Wand, und wenn der Bock einmal den Kopf hier herauf dreht, muß er ja -die helle Hand in der Sonne herum fahren sehn.« - -»Der steht noch baumfest« erwiederte der Jäger, indem er einen Blick -hinunter warf, und dann einen halben Schritt von dem Rand des Hanges -wegrutschte. - -»Und der Wilddieb?« - -»Warten Sie nur -- die Fährten nahmen im Ganzen die Richtung nach dem -Leckbach zu. Wastel glaubte nun freilich nicht daß er sich soweit von -der Grenze weggemacht hätte. Das blieb sich aber ganz gleich, Grenze oder -nicht, denn drüben auf königlichem Gebiet hatte er jedenfalls eben so wenig -Recht zu jagen wie hier, und erwischten ihn _die_ Jäger, so ging's ihm -nicht um ein Haar besser, als wenn wir ihn kriegten. Wir äugten also aus -dem Wald heraus, die ganze Leckbach sorgfältig ab, spürten noch einmal über -das Joch hinüber, auf dem Schnee, und mußten endlich glauben, er habe uns -vielleicht irgendwo auf seiner Spur gesehn, und sei wieder in das andere -Revier, wohin wir ihm nicht folgen durften, zurückgewechselt. Viel Zeit -hatten wir übrigens auch nicht mehr zu verlieren, denn wir wollten die -Nacht noch nach der Grasberg Alm, und mit dem Umhersuchen war der Tag -ziemlich drauf gegangen. So stiegen wir denn rasch hinter einander her -aufwärts, als mich der Wastel plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, am Arm -packt, und dort hinauf zeigte, etwa in die Gegend, wo der dürre Baum da -oben auf der schmalen Lanne steht. Ich guckte hin, und kauerte da nicht der -verdammte Hallunke so ruhig auf einem umgefallenen Baum, und kaute an einer -Brodrinde, oder irgend etwas anderem, als ob er daheim in seiner Hütte, und -nicht mit der Büchse auf einem fremden Revier säße?« - -»Der kann nicht mehr fort« flüsterte mir dabei der Wastel zu -- »ich -springe hier unten herum, Du von der Seite hinauf, und dann haben wir ihn -in der Mitte -- vorn ist die Klamm, und da kann nicht einmal ein Gemsbock -hinunter!« - -»Wie wir ihn nur erst gewahr wurden, hatten wir uns gleich hinter einen -Laatschenbusch gedrückt, und ohne weiter ein Wort zu reden, rutschte der -Wastel ein Stück auf der Erde fort, bis er in einen kleinen Graben kam. Den -annehmend, schnitt er dem Wilderer den Weg von jener Seite ab, denn hätte -der's erzwingen wollen, braucht' er ihn ja nur über den Haufen zu schießen. -Mir konnt' er auch nicht mehr wegkommen, und wie ich sah daß der Wastel -war wo er sein sollte, pirscht ich mich noch vorsichtig auf etwa hundert -Schritt von dem Burschen an, legte dann meinen Hut, Bergsack und Stock -ab, nahm die Büchse herunter, und sprang was ich springen konnte den Berg -hinauf. - -»Ich hatte noch keine drei Sätze gethan, da fuhr er schon mit dem Kopf -herum -- der Art Gesellen haben ein schlecht Gewissen -- und mich sehn, -aufspringen und die Büchse an den Backen reißen, war das Werk eines -Augenblicks. Zu gleicher Zeit schrie ihm aber auch Wastel sein drohendes -»Halloh« entgegen und wie er den zweiten Mann sah, und nun wohl merkte daß -es ihm an den Kragen ging, setzte er die Büchse erschrocken ab. Ich hätte -ihn jetzt bequem umschießen können,« fuhr Ragg ruhig fort, »aber wir -wollten ihn gern lebendig haben, und -- wenn's nicht gerade sein _muß_, -ist's doch immer eine häßliche Geschichte. So also schrie ich dem Burschen -zu: seine Büchse fort zu werfen, oder er wäre ein todter Mann, und sprang -zu gleicher Zeit wieder rasch auf ihn ein. Daran dachte er aber nicht, und -umdrehn und in die nächsten Laatschen hineinfahren, war im Nu geschehn. - -[Illustration] - -»An manchem andern Platz wäre das nun vielleicht recht gut gegangen, denn -Jemanden durch die Laatschen zu verfolgen, ist ein verzweifelt mühselig -Ding; hier aber mußte er keinesfalls wissen, wohin die führten. Der ganze -Laatschenstreifen war keine zwanzig Fuß breit, und unter ihnen weg sank der -Abgrund, während der Wastel und ich den einzigen Ausweg, der nach rechts -und links abführte, leicht überschießen konnten. - -»Jetzt haben wir ihn« schrie Wastel auch, als er vorwärtssprang und in die -Laatschen mit hinein setzte, -- »pass' nur da draußen auf, Ragg, daß er -nicht über die Lanne springt!« -- Aber er kam nicht weiter -- ein furchtbar -gellender Schrei tönte plötzlich vom Rand der Klamm herüber und als wir -erschreckt und lautlos halten blieben, hörten wir erst unten etwas hartes -gegen die Felsen schlagen, und gleich darauf schallte der Schuß der durch -den Sturz losgegangenen Büchse zu uns herauf. - -»Gott sei seiner armen Seele gnädig« sagte der Wastel und drehte sich -schaudernd um. -- Wir Beide standen jetzt still und horchten, aber Nichts -ließ sich hören. - -»Ob man wohl hinunter sehen kann?« sagte ich endlich. - -»Ich mag's nicht sehn« meinte der Wastel -- »ich hab' genug an dem Schuß.« - -»Ich arbeitete mich jetzt durch die Laatschen durch, wo ich gleich vorn -den Hut des Wilderers fand. Wie ich aber an den Rand kam, hingen die Zweige -tief darüber hinunter und zwischen der Wurzel der einen durch, bröckelte -das Gestein los, und stürzte mit hohlem Fall in den Abgrund nieder. Ich -stand auf den Zweigen schon über der Tiefe. Es wurde mir unheimlich da -draußen und ich kroch zum Wastel zurück. - -»Wollen wir hinunter klettern und nachsehn?« sagte ich endlich. Der Wastel -erwiederte Nichts, wir warfen unsere Büchsen über den Rücken und stiegen -thalab, mußten auch einen großen Umweg machen unten hinein zu kommen, und -es mochte immer eine Stunde darüber hingegangen sein, eh' wir den Platz -erreichten. Indessen hatte es stärker an zu schneien gefangen, und der -Wind heulte so häßlich durch die hohle Klamm -- es war ein gar so fatales -Gefühl, da unten nach einem zerschmetterten Menschen zu suchen. _Wir_ -hatten ihn aber doch nicht umgebracht, er war selber dahinunter gesprungen, -und wenn wir ihn auch dazu getrieben, ei, was zum Teufel hatte er auf -fremdem Revier zu suchen.« - -»Da liegt die Büchse« sagte der Wastel plötzlich, -- der Kolben war -abgebrochen, und das Gewehr durch den Sturz losgegangen -- aber wo war -der Wilderer? Gerad in die Höh' konnte man bis oben hinauf unter die -überhängenden Laatschen sehn, an ein Anhalten unterwegs war nicht zu -denken, die Wand bog sich dort sogar nach innen, und selbst der Bergstock -lag etwa zehn Schritt von der Büchse entfernt -- aber kein Blutfleck, auf -dem der dünne fallende Schnee in keinem Fall liegen geblieben wäre. Oben -durch war er auch nicht gekommen, so lange wir oben standen, und wir -zerbrachen uns jetzt den Kopf, was aus dem Burschen geworden sein könne. -Gewißheit _mußten_ wir aber darüber haben. Wastel nahm deshalb das -zerbrochene Gewehr, ich den Stock, und wir ließen uns die Müh' nicht -verdrießen und kletterten noch einmal hinauf. Hol's der Deixel, der Vogel -war ausgeflogen, und zwar seit wir den Fleck verlassen hatten, denn die -ganz frische Spur im »Neuen« ließ auch nicht den mindesten Zweifel darüber. -Todesangst mußte er aber in der Zeit daß wir oben suchten ausgestanden -haben, denn wie wir jetzt Alles ablegten und vorsichtig dahinauskrochen, -woher die Spur kam, fanden wir daß er die ganze Zeit über, und bis wir fort -waren, da _draußen_ über dem Abgrund, an den Zweigen des Laatschenbusches -_gehangen_ haben mußte. _Außen_ an der Wand waren die Spuren seiner -Fußspitzen, als er sich wieder hinaufgearbeitet, und wenn einer von -den dünnen Zweigen gebrochen oder ihm nur die Hand ausgerutscht oder -»verkrampft« wäre, lag er unten bei seinem Gewehr, den Hals wie den Kolben -gebrochen.« - -Ragg hatte die ganze Geschichte in einem, nur ihm allein von allen Jägern -eigenthümlichen, schauerlichen Bergdialekt und mit flüsternder Stimme -erzählt, wobei man wirklich mit peinlicher Aufmerksamkeit zuhören mußte, zu -verstehn was er meinte. Vorsichtig schaute er dabei dann und wann über den -Hang hinunter, den Bock nicht aus den Augen zu verlieren. Der stand aber -noch baumfest da unten und rührte und regte sich nicht. - -»Und habt Ihr nie erfahren wer der Wilderer war?« - -Ragg schüttelte den Kopf und meinte, still dabei vor sich hinlachend: »Der -ist damals mit ausgerupften Federn davongekommen, wird aber wohl an der -Lektion über dem Abgrund dadrüben genug gehabt haben. Wir haben ihn hier -drüben wenigstens nie wieder gespürt. Uebrigens« -- setzte er, leise mit -dem Finger dabei drohend hinzu -- »wußte er auch wohl _warum_, und daß wir -ihn jetzt kannten. Wo er sich wieder hätt' sehn lassen, wär' ihm eine Kugel -gewiß gewesen.« - -Ragg prahlte nicht im Mindesten; es herrscht zwischen den Jägern und -Wilderern im Gebirge noch ein so romantisches und vollkommen ausgebildetes -Faustrecht, wie es sich der Dichter, der die Poesie ganz aus der -Wirklichkeit verschwunden wähnt, gar nicht besser wünschen könnte. Wo sich -Jäger und Wildschütz im Berg begegnen, ist es zwischen Beiden eine Sache -auf Tod und Leben, und wer am schnellsten die Büchse an den Backen reißt, -und den Anderen über den Haufen schießt, hat gewonnen. Der Jäger ist -allerdings stets im Vortheil, denn er hat für alle Fälle das Gesetz auf -seiner Seite; draußen auf Gottes freier Alm aber, und mit den wilden Bergen -um sich her, wo alle »Civil- und Militairbehörden umsonst ersucht werden -dem mit rechtsgültigen Paß Reisenden, nöthigenfalls Schutz angedeihen zu -lassen,« hülfe ihm das oft gar wenig, wenn er nicht, _außer_ dem Gesetz -auch noch die eigene Waffe bei sich führte, mit der er den auf ihn -anlegenden Wilderer rasch und für immer unschädlich macht. - -Daß er es thut, kann ihm auch Niemand verdenken, denn sein eigenes Leben -ist in jedem Fall, wo er einem Wilderer begegnet, mehr als _bedroht_ -- es -ist ernstlich gefährdet. Ob der Mann da drüben, den er mit der Kugel in den -Abgrund wirft, daheim Weib und Kind hat, die ohne dem Ernährer verderben -müssen, was kümmert's ihn -- auch er hat Weib und Kind daheim, und denen -sich zu erhalten ist ihm erste Pflicht. - -Das klingt nun vielleicht im ersten Augenblick recht schwer und -schrecklich, daß, einer einzigen Gemse wegen, so manches Leben genommen, -so manche Familie unglücklich und elend gemacht wird, aber wollen wir nicht -alle Gesetze von Mein und Dein aufheben, soll überhaupt noch ferner ein -Eigenthumsrecht auf der Welt bestehn und dies vom Staat geschützt werden, -so darf den Leuten eben das Wilderen nicht gestattet werden, und _sanfte_ -Mittel reichten nimmer aus, es zu verhindern. Wo so ein Gemsjäger den -eigenen Hals mit Vergnügen riskirt in Nacht und Nebel in den Gebirgen umher -zu klettern, ein Gemsthier zu erlegen, würde er sich wahrlich durch ein -paar Wochen darauf gesetzte Strafe nicht abhalten lassen -- und in wenigen -Jahren wären die Berge leer. - -»Und welch ein Unglück wäre _das_?« hör' ich Viele sagen, »lieber alle -Gemsen der Welt, als ein einziges Menschenleben.« Es ist das eine von den -Phrasen, die scheinbar die ganze Humanität auf ihrer Seite haben und doch -nicht wahr sind. Die Burschen die sich einmal an das Leben eines Wilderers -gewöhnt haben, sind, so lange ihnen solch wildes Treiben ihr Dasein fristen -kann, zu jeder anderen ruhigeren und stäten Beschäftigung verdorben, -und fehlten ihnen die Gemsen oder das Wild in den Bergen, so nehmen sie -Anderes, was sie grad' bekommen können. Gestattet man ihnen aber das Recht -Gemsen und Wild zu schießen, warum denn nicht auch Ziegen, Schafe und -Rinder? Das Rothwild muß so gut im Winter gefüttert werden, als das zahme -Vieh und warum soll der Besitzer von _wilden_ Heerden nicht ebenso in -seinem Recht geschützt sein wie der von zahmen? Der Polizeidiener, der in -irgend einer Stadt einen Dieb auf frischer That ertappt und den Gerichten, -dem Zuchthaus überliefert, ruft über die Häupter der unschuldigen Familie -des Unglücklichen eben so viel Noth und Elend herein, mit Schande noch -dazu in den Kauf, als der Jäger, der den Wilddieb niederschießt. Der -Polizeidiener sah dabei nicht einmal sein eigenes Leben gefährdet, und -trotzdem wird es Niemandem einfallen ihn zu tadeln und zu verdammen. - -Das ist übrigens eine Sache, die Jäger und Wilddiebe ganz allein unter -einander ausmachen. Der Letztere, wenn er mit der Büchse in die Berge -geht, weiß ganz genau welcher Gefahr er sich aussetzt, und ist meist von -vornherein entschlossen ihr eben mit den Waffen in der Hand zu begegnen. -Wie der Dieb, der Nachts in ein Haus einbricht und das Messer dabei -im Gürtel stecken hat, verübt er gewiß keinen Mord, wenn er bei seinem -Geschäft nicht gestört wird. Ertappt man ihn aber und will ihn festhalten, -oder sieht er selbst nur die Gefahr erkannt und verrathen zu werden, dann -wird aus dem einfachen Räuber auch ein _Mörder_. - -Daß die Gefahr des Steigens in den Bergen, und die Möglichkeit eines -zufälligen Sturzes der Leidenschaft wilder Herzen auch wohl dann und wann -Vorschub leistet, und manche rasche dunkle That befördert und verdeckt, ist -wohl leicht erklärlich. Die tiefen oft vollkommen unzugänglichen Schluchten -sind dabei ein sicheres Grab, das nur der Jochgeier und Kolkrabe findet und -heimsucht, ekle Stücken Beute von dort seinem Horste zuzutragen. - -Aber der Bock? - -Dort unten stand er noch so still und regungslos, was den Körper wenigstens -betraf, wie ein wirklich künstlich ausgestopfter und aus irgend einer -Liebhaberei gerade hier hergestellter Gemsbock. Nur der weiß gestreifte -Kopf schien Leben zu haben, und bewegte sich langsam bald nach dieser bald -nach jener Seite. - -»Da unten stehn jedenfalls Gemsen« flüsterte Ragg endlich, nachdem wir ihn -wieder eine ganze Zeit lang schweigend beobachtet hatten, »es wird doch am -Ende besser sein ich steige hinunter, und sehe zu daß ich ihn hier herauf -bringe -- der Wechsel ist gleich dort drüben an der kleinen Kiefer.« - -Ragg ging nicht gern fort, denn er liebte es sich auszusprechen. Der -Wunsch den Bock noch zu bekommen war aber doch stärker und überwand seine -Schwatzhaftigkeit. So seinen Bergsack wieder schulternd, und Hut, Stock und -Büchse vom Boden aufgreifend, gab er mir noch eine unbestimmte Anzahl von -Vorsichtsmaßregeln, und verschwand dann im Dickicht, den nöthigen Umweg zu -machen und dem Wild später unten in der Klamm in den Wind zu kommen. - -Ich lag indessen oben, unter dem dichten Laatschenbusch auf der Brust und -hatte jetzt Zeit und Muße genug den Bock zu betrachten. Drei Viertelstunden -blieb er auch noch etwa auf derselben Stelle, den Platz nur manchmal um -einen Schritt zur rechten oder linken wechselnd. Ein paar Mal kratzte er -sich mit dem Hinterlauf vorn am Hals und hinter dem Gehör. Die Gemsen unten -mußten aber verschwunden sein, denn er sah nicht mehr hinab, und es -war fast als ob er sich nieder thun wollte, als er plötzlich rasch und -aufmerksam den Kopf emporhob. Jedenfalls hatte er den nahenden Jäger in den -Wind bekommen, oder auch gesehn, denn er schaute jetzt still und unverwandt -nach der einen Richtung nieder. - -Wieder verfloß eine volle Viertelstunde, und ich begriff schon gar nicht wo -Ragg nur blieb, als ich diesen plötzlich in der Klamm, unterhalb dem Bock -heraufkommen sah, ohne daß dieser auch nur gewichen wäre. - -»Halloh!« rief der Jäger unten, und stieß mit seinem eisenbeschlagenen -Stock auf die Steine -- der Bock regte sich nicht -- »halloh -- huh -- ah!« --- er rührte sich nicht von der Stelle. Erst wie der Jäger höher und immer -höher stieg, und schon fast in Schußnähe an ihn angekommen war, drehte er -sich langsam ab, und nahm den Wechsel an. - -Ich hatte mir indessen einen Platz ausgesucht auf dem ich gut hinüber -schießen konnte, sobald der Bock nur hoch genug kam, und die Wand sah aus, -als ob er möglicher Weise gar keinen anderen Weg nehmen _könne_. Was -kann aber ein Gemsbock nicht, wenn er es sich einmal in den Kopf setzt. -Plötzlich, ohne daß er im Stande gewesen wäre Witterung von mir zu haben, -nahm er seitwärts eine ganz steile Wand an, an der er hin galopirte, als -ob er auf breiter Straße gewesen wäre. Ragg schrie und gesticulirte unten, -aber Alles umsonst, das störte ihn gar nicht, und an einer Wand von etwa -siebzig Fuß Höhe, die scheinbar nicht den geringsten Halt selbst für den -Fuß einer Gemse bot, glitt er, halb auf den Hinterläufen rutschend, hinab, -sprang unten über den Bach, setzte die andere Wand hinauf, und war wenige -Minuten später im Dickicht verschwunden. - -Was ihm Ragg unten nachwünschte weiß ich nicht, aber ich selber hatte -jetzt da oben auch nichts weiter zu thun, und kletterte thalab, sobald als -möglich die Riß zu erreichen. - - - - -8. - -Ein Sonntag Morgen. - - -Wie freundlich das Schloß da tief im Thale liegt; wie rasch und munter der -klare schnelle Strom vorüber springt, und wie so lustig die Flaggen auf den -zierlichen Thürmen wehn. Die hellen Mauern und der dunkle Wald vom blauen -Aether sonnig überspannt, so recht im Herzen des edlen Waidwerks mitten -drin; die kräftigen Gestalten dann darum her, die Jäger -- die Hunde, -und dann vor Allem -- _kein_ Gasthaus in der Nähe in dem sich eine -Schaar schwärmerischer Städter concentriren könnte, von dort aus ihre -Picknickparthieen in die Berge hinauf zu senden -- oh es ist ein wonniges --- ein unbeschreibliches Gefühl der Sicherheit und Lust. - -Aber nicht allein die Jagd lockt dort die Leute zusammen. Am Sonntag -Morgen ziehen die Jäger und nächsten Nachbarn des Klosters nach der kleinen -Klosterkirche, die sie hier mitten in die Berge eingebaut, und auch -manch liebes Mädchengesicht lächelt da unter dem spitzen grünen Hut das -freundliche »Gott grüß Dich« vor. -- »Gott grüß Dich« -- wie lieb und hold -das klingt. Es giebt doch keine Sprache in der weiten Welt die noch _so_ -herzlich grüßte als die deutsche -- wenn die Leute nur nicht alle -das verwünschte »Regendach« trügen. Gestalten findet man unter den -Bergbewohnern wie man sie sich nicht edler und kräftiger wünschen könnte, -und Alle fast ohne Ausnahme mit den ehrlichen, gutmüthigen Gesichtern, und -den treuen wenn auch ein Bischen verschmitzten Augen. Die Tracht ist dabei -so malerisch, und selbst den Mädchen steht der grüne Männerhut so lieb -auf den vollen blühenden Gesichtern, aber -- gebt einem Apollo, gebt einer -Venus einen rothbaumwollenen Regenschirm unter den Arm, und die ganze -Poesie ist zum Teufel. - -[Illustration] - -Ein solcher Sonntag Morgen in dem Thal ist auch das schönste was man sich -in stiller traulicher Waldeinsamkeit nur denken kann. Noch hat die Sonne -kaum die hohen Joche mit ihrem ersten Strahl gegrüßt, da mischt sich -schon in das fröhliche Plätschern des Bergbachs, in das leise Rauschen der -mächtigen Waldeswipfel, das harmonische Geläut der Glocken, und wenn der -Himmel dann so rein und blau herniederschaut, und mit den weißen duftigen -Nebelschleiern wie zum Schmuck die wundervollen Berge überhängt, dann geht -das Herz dem Menschen auf, dann _zwingt_ es ihn zur Andacht, dann wird die -ganze wundervolle Welt zur Riesenkirche, und jedes rauschende Blatt, jede -flüsternde Welle predigt die Allmacht, predigt die Liebe Gottes. - -Die Berge sind auch der eigentliche Tempel des Herrn, denn nirgends fühlt -der Mensch sich seinem Gott so nah -- nirgends so klein und unbedeutend, -dem Allmächtigen gegenüber. - -Die Kirche ist aus. Die Andächtigen kommen einzeln und langsam aus dem -Gotteshaus -- nur die Frauen eilen, denn sie haben den Mittagstisch -zu besorgen, und die Männer bleiben hie und da auf den Wegen plaudernd -zusammen stehn. Sie haben heute Nichts zu versäumen, und es wäre auch -schade, wenn sie so rasch wieder nach Haus in die engen Stuben gingen, und -ihren blinkenden Sonntagsstaat nicht erst ein wenig in der warmen hellen -Sonne lüfteten und -- zeigten. - -Wetter noch einmal wie blank sie aussehn, mit den neuen hellgrünen Hüten, -den reinen Hemden und den sauber geputzten Gürtelschlössern. Manche von -ihnen, den Tag _recht_ feierlich zu begehn, tragen auch lange Hosen, aber -das steht ihnen nicht; sie schlenkern auch darin die Beine beim Gehn, und -bewegen die Knie herüber und hinüber. Es sitzt ihnen unbequem, und sie -wissen's vielleicht selber nicht; die Knie wollen hinaus in's Freie, und da -sie das nicht können, halten sie sich steif und ungelenk. - -Dort aus dem Schloß kommt ein alter Mann. Er trägt, ungleich den Anderen, -die nur höchstens, und _trotz_ dem sonnigen Wetter, ihr roth oder blaues -Regendach unter dem Arm haben, ein paar blecherne Milchkannen, die er heut -Morgen gefüllt heruntergebracht, und jetzt wieder mit heim nimmt, oder -zurück trägt wohin sie gehören. - -[Illustration] - -Das ist ein Charakter, von dem wir in unserem Eisenbahn durchzogenen und -durchflogenen Flachland kaum noch einen Begriff haben -- giebt es ja doch -selbst in den Bergen nur wenige seines Gleichen, ja kaum einen zweiten -alten Gori. Es ist eine untersetzte kräftige Gestalt mit frischer Farbe und -von mittler Größe, und unterscheidet sich in seinem Aeußeren durch wenig -oder Nichts von den Uebrigen, aber kein Mensch sieht ihm an daß er schon -zweiundsiebzig Jahre zählt, obgleich nicht soviel graue Haare auf seinem -Haupte sind, und daß er _sechzig_ davon hier in dem Thale zugebracht. -_Sechzig_ Jahre hier in den Alpen, in den engen Felsenkessel eingezwängt, -ohne ein einziges Mal den Fuß hinausgesetzt zu haben in's flache Land, oder -hinüber über die Alpen »auf die andere Seite.« _Sechzig Jahre_, und was -seitdem geschehn da draußen, davon hat der Mann keine Ahnung; er kennt es -nicht, er kümmert sich nicht drum. Als Knabe kam er her, auch nicht von -weit, und was die nächsten Joche hier umspannen, ist für ihn _die Welt_. -Andere haben ihm von der Herrlichkeit draußen, von den Wundern des flachen -Landes, vom Dampf und seiner Kraft, vom Telegraphen, von weiten ebenen -Flächen erzählt, über die man Tage lang marschiren könne, ohne den Fuß nur -mehr als vom Boden zu heben; von Eisenbahnen, von Schiffen -- von Amerika --- er hört das auch recht gern, und nickt dazu mit dem Kopf und lächelt --- aber all die Sachen haben für sein Ohr nur ein und denselben Klang: sie -gehören _der_ Welt nicht an in der die Riß fließt und existiren deshalb -nicht für ihn. Amerika -- das liegt »im flachen Land« -- was soll er -draußen? - -Abgeschlossener sitzt kein Südseeländer auf seiner kleinen Insel mitten im -Weltmeer, und lebt von seiner Brodfrucht und seinen Cocosnüssen, als der -alte Gori hier im einsamen Thal, von Käse, Butter und Milch, und da ihm das -Bedürfniß fehlt hinaus zu kommen, ist auch kein Grund vorhanden anzunehmen, -daß er sich nicht vollkommen glücklich fühle. Trotz seinem Alter arbeitet -er dabei noch rüstig fort, und hat sich auch wohl ein paar hundert Gulden -gespart, oder hat er sie geerbt, ich weiß es nicht; in ihrem Besitz ist -er aber, und das Capital scheint ihm die einzige Sorge zu machen, die -er überhaupt im Leben kennt. Vorsichtiger Weise steckte er sein kleines -Vermögen allerdings nicht in unzuverlässige Aktien sondern in einen alten -Strumpf, die Welt aber, die er nun schon zweiundsiebzig Jahre kennt, -scheint sich in dieser langen Zeit seine unbedingte Achtung doch nicht -erworben zu haben, und Mistrauen bildet einen nicht unbedeutenden Theil -seines sonst so einfachen Charakters. Demnach verbirgt er seinen Schatz -auch bald hier bald da, ohne daß irgend Einer seiner Hausgenossen eine -Ahnung hat, welcher Ort der bevorzugte sei; ja man kannte vor einiger Zeit -den alten Gori noch nicht einmal als Capitalisten, bis die Sache auf -eine wunderliche Art zu Tage kam. Einer der Arbeiter nämlich räumte eines -Nachmittags den Holzkasten aus, und fand unten drin, zu seinem nicht -geringen Erstaunen einen Strumpf mit Geld. Der alte Gori meldete sich da -etwas bestürzt als Eigenthümer, und der Strumpf verschwand auf's Neue. - -In früheren Jahren soll der alte Mann ein vortrefflicher Birkwildjäger -gewesen sein, und da das, neben seinem Strumpf eigentlich die einzige -sichtbare Leidenschaft war die er hatte, wurde ihm die Erlaubniß -- die -sonst nur die wirklich angestellten Jäger haben -- jährlich in der Balzzeit -einen Spielhahn zu schießen. Von der machte er denn auch Gebrauch, und -erlegte richtig jedes Jahr den gestatteten Hahn. Vor zwei Jahren nun, doch -fühlend daß er alt würde, und in einer Art von Ahnung, daß das vielleicht -der letzte sein möchte den er schösse, beschloß er seine Jagd auf würdige -Art zu beschließen, _kaufte_ sich den erlegten Hahn um 48 Kreutzer, lud -sich eine alte Köchin vom Schloß, die er achtete, zu Gast, und verzehrte -mit ihr die muthmaßlich _letzte_ Jagdbeute seines Lebens. Eigenthümlich muß -dem alten Mann dabei zu Muthe gewesen sein. - -So verging wieder ein Jahr -- die Balzzeit kam auf's Neue heran, und der -Greis fühlte zu seiner Freude, daß er die _letzte_ Jagdfeier doch etwas zu -voreilig angestellt habe und die Berge noch immer steigen, die Büchse noch -immer führen könne. Wieder schulterte er die alte treue Waffe, suchte -sein gewöhnliches Revier auf, lockte den balzenden Hahn und -- das Gewehr -versagte. Beim Anpirschen war ihm das Zündhütchen vom Piston gefallen, -und kein zweites fand er in den ängstlich durchsuchten Taschen. Da ist -er wieder zu Thal hinabgestiegen, und hat die Jagd aufgegeben, -- wundern -sollt' es mich aber nicht, wenn er es trotzdem dies Jahr noch einmal -versuchte. Wir klammern uns ja Alle an das Leben und Keiner, mag er den -Tod auch noch so ruhig und Gott ergeben erwarten, gesteht sich's gern und -freiwillig ein: »ich bin jetzt fertig!« - -Die Jäger, die nicht ihr Dienst gerade an ein entferntes Terrain fesselt, -haben sich meist hier unten eingefunden; denen aber sieht man's an daß -ihnen eine Beschäftigung, daß ihnen die Büchse auf der Schulter fehlt. -_Nach_ der Kirche schlendern sie müßig umher -- und der Blick den sie -manchmal zur Sonne hinaufwerfen, scheint die Zeit herbei zu sehnen, in der -sie ihr fröhliches Werk auf's Neue beginnen dürfen. Auch der kleine Ragg -ist unter ihnen, weiß aber von seiner Zeit besseren Nutzen zu ziehn als -die Kameraden, und sucht Spielhahnfedern, kunstgerecht gebundene Gemsbärte, -Stöße von Hasel-, Schnee- und Steinhuhn, und anderen Jägerschmuck zu -ziemlich hohen Preisen an den Mann zu bringen. - -Eigenthümlich an ihm ist selbst der Gang, mit dem er auf der belebten -Straße oder im Hof dahin schreitet. Wie auf der Pirsche haftet sein Blick -nicht zwei Secunden lang an ein und derselben Stelle, und sucht herüber und -hinüber, bald auf den Boden hin nach den Fährten, bald nach links bald -nach rechts hinüber. Wie ein Stück Wild, das draußen in den Bergen eine -friedliche Heerde angenommen hat und mit ihr eine Strecke dahin zieht, -scheu und mistrauisch aber der geringsten Bewegung, dem schwächsten fremden -Laut mit Aug' und Ohr begegnet, während die zahmen Thiere friedlich -und unbekümmert ihr Gras von der Lanne zupfen, so wandert der kleine, -falkenäugige Gesell hier zwischen den ruhigen, sonntägigen Gestalten -umher, und ordentlich erwartet hab' ich's oft, daß er bei dem ersten -ungewöhnlichen Geräusch blitzschnell im Wald verschwinden würde. - -Dort unter der hohen, breitästigen Tanne stehn zwei Männer in eifrigem, und -wie es scheint, heimlichem Gespräch; wenigstens schweigt der kleinere von -ihnen, der etwas ihm höchst Aergerliches vorzutragen scheint, jedesmal -still wenn eine Gruppe der Jäger grüßend an ihnen vorübergeht, und wirft -auch wohl einen mistrauischen, unzufriedenen Blick hinter ihnen drein. -- -Es ist Bandey, allerdings auch in der Jägertracht, aber doch kein rechter -Jäger und mit mehr weichlichen, nicht so sonnverbrannten derben Zügen wie -die Anderen, die ihn sich auch größtentheils nicht ebenbürtig halten. -Er aber, der von seinem Geschäft eine ganz andere Meinung trägt, hat die -_Fischerei_ unter sich und den Forellenteich, und klagt heute Morgen dem -Haushofmeister des Schlosses, einer langen würdigen Gestalt mit einer Feder -hinter dem Ohr und einer Brille auf, sein schweres Leid. Sein Forellenteich -ist ihm nämlich in der letzten Zeit, und nächtlicher Weise, arg geplündert -worden, und er hat jetzt auf alle Welt Verdacht und traut Keinem mehr. - -»Aber lieber Bandey, wer von den Jägern sollte es denn hier wagen, und -Angesichts vom Schloß den Teich bestehlen? Das thäten sie ja schon nicht -einmal dem Herrn zu Leide.« - -»Die _nicht_?« sagt Bandey, der eine ganz andere Meinung von der Sache -hat, »was machen _die_ sich drauß? -- sind doch die Hälft' von Allen nur -zahmgemachte Wilderer. Aber ich krieg' sie. -- Den Bandey lachen sie aus -daß er nicht schießen könnt' -- ich will's ihnen zeigen ob ich's kann oder -nicht.« - -»Bandey -- Du wirst doch nicht des Teufels sein und wegen einem paar -lumpigen Forellen ein Menschenleben --« - -»_Da_ haben sie's Menschenleben nicht sitzen wo _ich_ sie hinschießen -werde,« sagt Bandey determinirt, »aber soviel weiß ich, heute Abend setz' -ich mich mit der Schrotflinten an, und die ganze Woche durch. Der Schlaf -soll mich nicht verdrießen, _bis_ ich ihn habe, und daß mir _der_ dann -nicht zum zweiten Male kommt, darauf können Sie sich verlassen.« - -»Und hast Du denn auf irgend Jemand Verdacht hier herum?« - -»Sie taugen Alle mitsammen Nichts,« brummt der Bandey verdrießlich vor sich -hin -- »die Malefizkerle die. Wo sie Einem einen Schabernack spielen können -thun sie's gewiß. So ein Jäger hat einen Stolz im Kopf, das ist ganz was -Erschreckliches, und glaubt, weil _er_ mit dem Stutzen auf'm Buckel, und -den Spielhahnfedern am Hut in den Bergen herumsteigen darf, _er_ sei der -liebe Herrgott. -- Na _Euch_ will ich beforellen!« - -Der Haushofmeister suchte den Mann noch einmal von seinen bösen Gedanken -abzubringen, aber Bandey's Groll saß zu tief, und ärgerlich über die ganze -Welt, ging er heim. Was kümmerten ihn die im Sonnengold leuchtenden Berge, -der blaue Himmel und das grüne Thal; daheim lud er die Flinte mit feinem -Vogeldunst, und in der Nacht schon begann er seine Wacht, den Uebelthäter -zu belauern und -- zu strafen. - - - - -9. - -Die Baumgart-Alm. - - -Wir Menschen sind ein ungenügsam Volk. Wenn es uns _gut_ geht, verlangen -wir's besser, und daß das nun einmal in unserer Natur liegt, mag nur ein -leidiger Trost sein. Goethe kannte auch die Menschen _im Allgemeinen_ -recht gut, und daß er seinen Faust beim Packt mit dem Teufel die Bedingung -stellen läßt: - - »Werd' ich zum Augenblicke sagen - Verweile doch, du bist so schön! - Dann sollst Du mich in Fesseln schlagen, - Dann will ich gern zu Grunde gehn!« - -ist nur ein Ausspruch dieses ewigen Drängens und Treibens, dieser rastlosen -Ungenügsamkeit. Goethe war freilich kein Jäger; er hat nie die Wonne -gekannt, nach dem blitzenden Schuß die scheue Gemse auf ihrer sicher -geglaubten Höhe zusammenzucken, und prasselnd, klammernd in die -Tiefe rollen zu sehn. Ich wenigstens wäre nach _solchem_ Packt meinem -Contrahenten schon verschiedene Male verfallen gewesen. - -Kein Wunder denn daß es den müssigen Jäger, selbst aus dem reizenden Thal, -aus dem freundlichen Schloß fort, und wieder hinauf in die Berge zieht, und -wir segnen den Abend, der uns mit freundlichem Nicken und Sonnengruß -den Bergstock auf's Neue in die Hand drückt, und unseren Pfad mit seinem -schönsten Glanz, mit seinen rosigsten Tinten überstreut. Mir ging es -da immer wie Jean Pauls gemüthlichem Schulmeisterlein Wuz, wenn der als -Schulknabe noch in die Ferien zog -- ich hatte Mitleiden mit allen Menschen -die zurückbleiben mußten. - -Und diesmal geht es nicht in ein bequemes Pirschhaus hinauf, sondern in -den wildesten Theil der Berge, in die sogenannte Delpz, einen rauhen -Thalkessel, in dessen Nähe ein Hochleger mit einer ziemlich geräumigen -Almhütte liegt. Nur ein kleines Häuschen, etwa von der Größe eines -zweischläferigen Schilderhauses, um ein Bett und einen Tisch hinein zu -stellen, war dort aufgerichtet. - -Die Leckbach aufwärts führt dorthin der wilde Weg, und rauheren Bergstrom -giebt es wohl kaum in der Welt, wie jenes Thal. Der innere Kessel nämlich -ist fast ganz durch das Abbröckeln und Niederbrechen der hinteren Wand, -bei dem die Lawinen redlich mit halfen, vollgeschüttet worden, und riesige -Felsblöcke sind von den mächtigen Schneestürzen weit thalab geschleudert, -während der ganze Thalboden wie die Hänge, mit entsetzlichem Geröll (von -den Bergbewohnern _Reißen_ genannt) bedeckt liegen. - -Diese Berghänge sind in steter Bewegung, denn steil und schroff -ausgerissen, löst sich fortwährend locker hängendes Gestein, am meisten -bei nasser Witterung und Thauwetter, ab von der Wand, und rollt und springt -in's Thal nieder. Die Gemsen die dort stehn sind auch an solch Geräusch -gewohnt, und achten gar nicht mehr darauf. - -Oben im Baumgarten-Joch liegt die Almhütte, und selbst der Name -»Baumgarten« klingt hier wie Schmeichelei, denn es wächst kein einziger -Baum dort bei den Hütten, während nur von Osten her der aus dem Thal -heraufdrängende Wald bis in die Nähe reicht. Der Nacken des Jochs und der -benachbarten Hänge ist aber mit gutem, nahrhaftem Gras bedeckt, und nach -der Delpz hinüber läuft die Lanne bis zum höchsten schroffen Rand. - -Das ist überhaupt eine Eigenthümlichkeit dieser Gebirge daß sie an ihrer -Nord- und Südseite einen durchaus verschiedenen Charakter zeigen. In der -gewöhnlichen Bergregion und bis etwa zu 4500 Fuß tritt dieser allerdings -noch nicht so augenscheinlich hervor; wie sich aber die Gebirge über -diese Höhe aufstrecken, nimmt die Nordseite, während an der Südseite -die Graslannen fast ununterbrochen bis zum Gipfel laufen, ihren wilden -trotzigen Charakter an. Fast bei all diesen Bergen besteht der Nordhang -aus schroffen, meist senkrechten Wänden die grau und starr emporragend der -ganzen Landschaft etwas unbeschreiblich Großartiges, Kühnes geben, das sich -aber, sowie man das Auge nach Süden wendet, ganz verliert. - -Allmählig steigt man deshalb auch an der Südseite dieser meisten Berge, -ohne weitere Schwierigkeit als hie und da eine etwas steile Lanne, empor, -und sieht sich plötzlich, sowie man den höchsten Gipfel erreicht, an einem -oben scharf abgebrochenen furchtbaren Abgrund, der jäh unter den Füßen -wegsinkt, und an vielen Bergen nicht einmal von der Gemse begangen werden -kann. - -So steigt zum Beispiel die Carwendelwand, wie die Nordseite des -Carwendelgebirgs mit Recht genannt wird, so steil und glatt empor, daß -keine Gemse dort hinüber kann, und meilenweit thalab oder aufwärts wandern -müßte, ehe sie einen schmalen Paß fände, der an einer oder der anderen -Stelle, meist durch nieder gebrochenes Gestein begünstigt, ein Aufklimmen -möglich machte -- aber wir kommen dort noch hin. - -Wir haben jetzt das Baumgarten-Joch betreten, und schreiten noch kurze -Strecke den Hang hinab, wo die niederen flachen Almhütten, Schildkröten -nicht unähnlich, auf dem Bauche liegen. Der Boden ist hier merkwürdig vom -Vieh mishandelt worden, das sehr thörichter Weise immer wieder in seine -eigenen Fußtapfen tritt, und die Wiese dadurch in eine künstliche Sammlung -von Schlammlöchern und Grasknollen verwandelt. Im Dunkeln ist es kaum -möglich über solche Stellen fortzukommen, ohne Hals und Beine, wenn auch -nicht zu brechen, doch jedenfalls zu riskiren. Unterwegs war übrigens kein -Wild zu sehn, da die Jäger und Lastträger etwa eine Stunde früher (Einige -davon überholten wir noch unterwegs) hier eingetroffen waren. Nur dicht -an der Alm angekommen, sahen wir die Jäger unter der Thür der großen -Hütte stehn, und mit ihren »Bergspectiven« nach dem grasigen Rand des -Delpzkessels hinaufschauen, wo sich sechs oder acht Gemsen, unbekümmert um -die sich unten bewegenden Menschlein ästen. Sie waren jedenfalls Leute da -unten an der Alm gewöhnt, und wußten recht gut daß ihnen die Delpz, -sowie sie nur irgend Jemand gegen sich ankommen spürten, jeder Zeit einen -sicheren Rückzug bot. - -Die Baumgarten-Alm ist ebenfalls ein _Hochleger_ der Sennen, und diese -Art Hütten werden hier in den Alpen in Hoch-, Mittel- und Unterleger -eingetheilt. In die Unterleger, die am tiefsten unten am Berg liegen, -ziehen die Sennen im Frühjahr, oder Anfangs Sommer, sobald der Schnee dort -gewichen ist, während die höher liegenden Strecken dem Vieh noch nicht -zugänglich sind. Wie der Schnee schwindet, rücken ihm die Hirten nach, und -nehmen dann im Mittelleger ihre Wohnung, bis sie im hohen Sommer mit ihren -Heerden die oberen Alpen beziehen, und sich dann, freilich nur für kurze -Zeit, im Oberleger einquartieren können. Der eintretende Winter oder Herbst -treibt sie wieder hinab, und Anfang Oktober verlassen sie die Alpen ganz, -in die tiefer gelegenen Thäler, meist nach Lenggries, Tölz und die dortige -Umgegend zurückzukehren. Die meisten dieser Hirten die jene Almen pachten, -sind bairische Unterthanen. - -Beim Hinuntersteigen ist es indeß schon fast ganz dunkel geworden. Oben am -Hang sah es freilich so aus, als ob die Hütten dicht darunter lägen, und -doch, wie lange braucht man jetzt sie zu erreichen. Und die verzweifelten -Grasknollen! sie sind kaum noch zu erkennen, stauchen aber den Körper bei -jedem Fehltritt. Ja, es wird Nacht -- nur auf den höchsten Jochen liegt -noch das Dämmerlicht des scheidenden Tages. - -Der Platz selber sah auch wild und abenteuerlich genug aus. Fünf oder sechs -zu den verschiedensten Zwecken benutzte Almhütten lagen bunt zerstreut, die -Ecken nach jeder Richtung durch einander kehrend, an dem nackten Hügelhang, -und kein einziger Baum versprach gegen den Wind Schutz, für die Sonne -Schatten. Der Boden selber zwischen den einzelnen, aus rohen Stämmen roh -aufgerichteten Gebäuden, war von dem Vieh zu einem sanften Brei getreten, -und hatte nur oberflächlich Zeit bekommen wieder abzutrocknen. Die -eingedrückten Klauenspuren machten ihn dabei rauh und holperig, während er -zugleich eine gewisse ängstliche Elasticität bewahrte. - -Hell leuchtete indeß das Feuer aus dem inneren Raum der größten Hütte, die -einem, aus Versehn platt gedrückten gewöhnlichen hölzernen Wohnhaus nicht -unähnlich war. Etwa dreißig Fuß lang und zwanzig breit begann das mit -Steinen reichlich beschwerte Schindeldach schon etwa sieben Fuß vom Boden, -und hob sich in der Mitte höchstens bis zwölf Fuß hoch. -- Wie aber sah es -da im Innern aus. - -Wenn noch vor ein paar Monaten, vielleicht vor Wochen, stille Hirten ihren -Käse und »Schmarren« hier gekocht und hölzerne Löffel und andere friedliche -Werkzeuge der Butter- und Käsebereitung auf den Querbalken der Hütte -gelegen, so hatte diese jetzt dafür ein ganz anderes Aussehn gewonnen, und -sich sehr zu ihrem Vortheil verändert. - -Statt der schläfrigen Sennerinnen, die damals ihre Blechpfanne auf den -Kohlen herumgestoßen haben mochten, wirthschaftete jetzt der Koch in -schneeweißer Jacke, Mütze und Schürze zwischen dem, so gut als möglich -untergebrachten Vorrath und Geschirr. Die friedlichen Hirten hatten -rüstigen bärtigen Jägern Platz gemacht, und auf den Querbalken lag -eine wackere Reihe von vierzehn bis sechzehn Stück Doppelbüchsen und -Büchsflinten drohend ausgestreckt. - -Das Eigenthümlichste in dem weiten, sonst eben nicht eleganten Raum waren -aber zwei mächtige Feuerplätze, rechts und links von der Thür in den -nächsten Ecken, und die Feuerstellen nur durch aufgesetzte Steine von der -rohen Balkenwand, etwa drei Fuß hoch getrennt, während die Flammen lustig -gegen die schon glänzend schwarz gebrannten, und wie glasirten Balken -aufloderten. - -Um das Feuer rechts sammelt sich jetzt die Schaar der Jäger und Träger, die -kurzen Pfeifenstummel im Mund, erzählend und lachend und die Vorgänge der -letzten Tage besprechend, während an dem Feuer links die Jagdgesellschaft -Platz nimmt. Aber einzelne der Jäger drücken sich auch mit seitwärts an -dies Feuer an. -- Sie wissen schon wie freundlich man mit ihnen ist, und -lauschen gar zu gern dem was dort gesprochen wird, und sie oft weit hinweg -aus ihren Bergen führt. - -Und merkwürdige Gestalten sieht man dabei, von denen der Leser erst die -wenigsten kennt. - -Weinseisen heißt einer von ihnen, ein Bursche in den besten Jahren noch, -wenn auch schon mit mancher Falte in Wange und Stirn. Ihm fehlt ein Auge --- aber Niemand weiß das, denn eine ziemlich breite, nach innen gekrümmte -Locke hat er so trefflich über das fehlende hinüber gezogen, daß es die -Lücke auch nicht auf einen Moment sichtbar werden läßt. Er gilt dabei als -Einer der besten Jäger im Revier, und ist still und schweigsam; vermißt -auch das eine Auge nicht, denn das andere ist so scharf, als ob es einem -Jochgeier gehörte. - -[Illustration] - -Ein anderer ist Michel, unstreitig der hübscheste von allen; ein junger -Bursch von sechsundzwanzig Jahren, mit einem gar so offenen ehrlichen und -guten Gesicht, und so treuen blauen Augen, denen das freundliche Lächeln -prächtig steht. Ein guter Jäger und kecker Steiger wie Alle, hat er eine -besondere Vorliebe, einen besonderen Blick für Blumen, und vom Edelweiß, -das oben in den schroffen Nordwänden der steinigen Gebirge steht, bis zum -blau und rothen Vergißmeinnicht das an den Bächen der hochgelegenen und -geschützten Thäler keimt, sucht und findet er die einzelnen Blüthen, die -der einbrechende Herbst bis dahin noch verschont. War sein Weg den Tag über -noch so rauh und wild, prangt sein Hut gewiß, kehrt er Abends zurück, von -einem Blumenflor. - -Wie wohl thut es Einem, wenn man sich lang wieder in der _civilisirten_ -Welt herumgetrieben, und dort die ausgemergelten, faden, geputzten nur vom -Schneider zusammengehaltenen Menschenbilder geschaut hat, auf so kräftige -Glieder, in so ehrliche Augen zu blicken. - -Die Leute da oben, ob sie fast durchaus in einer Wildniß leben, und wenig -mit Menschen zusammen kommen, haben auch gar nichts Aehnliches mit dem -Bauer des flachen Landes, und gleichen weit eher den ungezwungenen wilden -Gestalten der amerikanischen Backwoodsmen. Der deutsche Bauer ist nur zu -oft denen gegenüber die er über sich weiß, scheu, täppisch und unbeholfen, -oder gar kriechend; gegen die die ihm gleich stehn und seine Untergebenen, -oder gegen Aermere grob und hochfahrend. Der Bergbewohner hat dagegen eine -ihm angeborene Natürlichkeit, ja ich möchte sagen Grazie, die sich in allen -seinen Bewegungen ausspricht. Er ist nie scheu und verlegen, selbst nicht -den Höchsten gegenüber, er ist aber auch nie grob und unverschämt, und sein -natürliches Gefühl führt ihn fast stets den richtigen Weg -- den Weg eines -Mannes der da weiß daß er das leistet in der Welt was man von ihm verlangt --- verlangen kann. - -Alle diese Leute hängen dabei mit einer unendlichen Liebe an ihrem hohen -Jagdherrn, und die Zeit die der bei ihnen zubringt, ist ihnen nicht eine -Zeit der Mühe und Arbeit, trotz den beschwerlichen und gefährlichen Wegen -die sie in den Tagen zu durchsteigen haben, sondern mehr wie ein fröhliches -Fest auf das sie sich das ganze Jahr schon freuen, und das ihnen, neben -der fröhlichen Jagdlust, ja auch Verdienst und Nutzen bringt. Ihr Stolz ist -dabei der waidmännische Betrieb der Jagd, das Schonen des edlen Wildes, das -ausgenommen, was jährlich in einem so tüchtig besetzten Revier nun einmal -abgeschossen werden _muß_. Und daß der Herr sich dem mit solcher Lust und -Liebe hingiebt, und so wacker mit ihnen über die schroffen Pfade, in die -steilsten Hänge hineinsteigt, und eben so wenig die dichten ungeleckten -Laatschen, wie die bröcklichen Wände scheut, das freut sie vor allem -Anderen. - -Und wie traulich sitzt es sich an den knisternden Flammen, die selber toll -und lustig ihre goldenen sprühenden Funken zum schwarz gebrannten Dach -emporwirbeln, und welchen wunderlichen Schein werfen sie auf die bunt darum -gruppirten malerischen Gestalten. Es ist gerad kein fürstliches Gemach das -uns umgiebt, und die rauhen Stämme die die Wand bilden, der nackte Boden, -der etwas wackelige Tannentisch der in der Mitte steht, die wunderlichen -»Lehnstühle« selbst am Feuer, die aus halbdurchgebrochenen rund hölzernen -Schüsseln bestehn -- in denen es sich aber ganz vortrefflich sitzt, -- das -an die Wand gehangene Tischtuch selbst, den ärgsten Zug mit abzuhalten, -der doch noch außerdem Zugang genug hat, ließen vielleicht in Hinsicht -der _Eleganz_ Manches zu wünschen übrig, aber -- es ist ein ächtes -Waidmannslager in den Bergen, und wer daran Lust und Freude findet wie der -Herzog, und nicht verweichlicht genug ist gepolsterten Sitz und mit den -gewohnten Bequemlichkeiten ausgestattete Umgebung zu _vermissen_, dem geht -das Herz hier auf, und sendet seine knisternden sprühenden Funken hinan in -Kopf und Auge, wie die Flamme da. - -Das ist dann die Zeit für die Erzählungen und Berichte der Jäger aus den -angrenzenden, und zum ganzen Revier noch gehörenden Distrikten, denn nicht -der dritte Theil vom ganzen Jagdgrund wird wirklich bejagt. - -Wo in den Bergen ein verdächtiger Schuß gehört ist, wird besprochen, und -wo die meisten Gemsen stehn; wie es sich mit dem Rothwild stellt, und dem -Raubzeug, und ob kein Luchs wieder in den Bergen gespürt worden. - -Raubzeug giebt es in der That nur noch sehr wenig im Gebirg, und wohl kann -man sagen _leider_, daß dem so ist, denn wie viel interessanter würde die -Jagd dadurch. Ließe sich aber wirklich einmal wieder ein Bär da sehn, da -wär' der Teufel auch sicherlich in den Bergen los, denn Alles würde in -der ganzen Umgegend aufgeboten werden ihn zu erlegen oder zu vertreiben. -Begnügte er sich freilich mit Wild und Gemsen, ließen ihn die Hirten wohl -gern in Frieden, aber die alten schwarzpelzigen Burschen setzen es sich in -den Kopf auch manchmal ein Rind todt zu schlagen, oft aus lauter Uebermuth, -oder um sich nach Tisch ein wenig Bewegung zu machen, und das können die -Hirten nicht vertragen. - -Auch kein Luchs läßt sich mehr in den Bergen sehn, von denen die Schweiz -doch noch einige aufzuweisen hat. Nur der Fuchs treibt in ziemlicher Anzahl -die hohe Jagd auf Hasel-, Schnee-, Birk- und Steinhühner, lauert dem weißen -Alpenhasen auf, wenn er zu Nacht um die verlassenen Sennhütten spazieren -geht, und wagt sich auch wohl, wenn ihm die Gelegenheit dazu wird, an ein -Gemskitz. - -Mitten zwischen den Jägern steht, um einen halben Kopf größer als irgend -einer der anderen, trotz der etwas in einander gedrückten Stellung, eine -rauhe, eben nicht übermäßig reinliche, aber enorm kräftige stattliche -Figur, mit rothem Gesicht, blondem Haar, gutmüthigen blauen Augen, riesigen -Fäusten und einem alten Maserkopf im Mund. - -Braver, ehrlicher Jackel, wie manche schwere, schwere Last hast Du auf -Deiner »Kraxen« unermüdet, unverdrossen immer willig, immer guter Laune -hinauf zu Berg getragen, wie manche Gemse, und zwei und drei manchmal zu -gleicher Zeit, hinunter in das Thal. Aber Du verdienst auch eine nähere -Beschreibung, und sie soll Dir werden. - -Jackel ist ein Original, aber eins, an dem man seine rechte Freude haben -kann. Von kräftigem, breitschulterigem, knochigem Körperbau, stark und -muskulös, und dabei viel größerer Gestalt, als man es seiner Breite gleich -ansieht, eignet er sich vortrefflich für das Geschäft dem er sich, während -der Jagd wenigstens, unterzogen zum Lasttragen, und es ist wirklich kaum -glaublich was der Mann öfters die steilen hohen Berge auf seinen Schultern -stundenweit hinauf schafft. Er theilt dabei, nicht zu seinem Vortheil, den, -ich möchte fast sagen _Aberglauben_ der Leute seines Standes und Gewerbes -wie auch mancher anderer Arbeiter im Gebirg (bei den Jägern selber hab' -ich es nie bemerkt), _den_ Aberglauben nämlich, daß ihm ein reines Hemd zur -Schande gereiche. -- »Die Leut' müssen ja denken man arbeitet Nichts, -wenn man immer wie Sonntags herumgeht« sagt er, und übertreibt seine -Gewissenhaftigkeit, selbst den Schein zu vermeiden, sogar bis über den -Sonntag hinüber und in und durch die nächste Woche. - -[Illustration] - -Seine Lebensbedürfnisse sind dabei eben so einfacher Art. -- Vom Revier -kauft sich z. B. Jackel in der Herbstjagd einen starken Gemsbock -- _zwei_ -Winter liefern ihm dabei _zwei_ Gemsdecken, was gleichbedeutend mit _einer_ -ledernen Hose ist. -- Das Wildpret davon wird aber, bis auf das letzte -Genießbare, getrocknet und für den Winter aufbewahrt, und »in kleinen -Stücken« zur Mahlzeit »daß es recht lange reicht« verzehrt. Dazu gehört -aber noch Schmarren -- das einzige wirkliche Bedürfniß der Bergbewohner, -denn ohne Schmarren könnten sie nicht bestehn. Er ist ihnen, was der -Reis dem Indier, der Damper dem australischen Schäfer, die Eichel dem -californischen Indianer, die Brodfrucht dem Südseeländer, das Maniokmehl -dem Neger, die Kartoffel dem Deutschen, der Mais dem Amerikaner -- und die -Bereitung dabei einfach genug. Sie besteht aus Mehl mit Schmalz oder Butter -in der Pfanne gebraten oder geschmort. Mehl mit Milch oder Wasser angerührt -kommt nämlich als Brei, wie zu einem Pfannkuchen, in die Pfanne. Hier aber -wird ihm nicht gestattet sich zu einem abgerundeten Ganzen zu formiren, -sondern die brodelnde, zischende, backende Masse fortwährend mit einem -Messer oder anderen Instrument gestoßen und geärgert, bis es endlich zu -einer bröcklichen, von dem Fett je mehr desto besser durchdrungenen Masse -quillt. Mit ein paar Pfund Mehl und ein wenig Schmalz ziehen diese Leute -auch im Winter, wo besonders die Jäger die entlegenen Reviere begehen -müssen, wochenlang in dem Schnee der Berge umher, lagern in den einsamen -öden Almhütten und behaupten daß ihnen der Schmarren mehr Kräfte gebe als -selbst das Fleisch. - -Eine Anekdote von Jackel wird aber ein viel besseres Bild von ihm -entwerfen, als ich im Stande wäre hier mit bogenlanger Beschreibung zu -liefern. - -Ein älterer Herr aus der Jagdgesellschaft sah eines Tages, als er eben an -einer ziemlich steilen, wenigstens sehr rauhen Wand hinpirschte, einen -Mann dieselbe, nur mit einem Stock und einem Bergsack auf dem Rücken, -herunterkommen. Er blieb stehn, und erkannte bald zu seinem Erstaunen -Jackel der, mit _einem_ Schuh an, und den andern Fuß nackt, über das -scharfe Geröll unbekümmert niederstieg und ganz ruhig, auf die überraschte -Frage des Herrn wo er den anderen Schuh gelassen, erwiderte, er habe ihn -nach Lengries, der _sieben_ Stunden entfernten Stadt, zum Schuhmacher -gebracht, und müßte nun so lange bis er gemacht sei, _so_ herumgehn. Der -Schütze äußerte dabei sein Befremden daß Jackel hier in den rauhen Bergen -_solcher_ Art umherliefe, während er selber kaum mit seinen kräftigen -Schuhen fortkomme. »Ja, es geht klein gut da hier« meinte Jackel ruhig, -»nicht wahr es wird Ihnen sauer hier oben? -- ja, wer nicht daran gewöhnt -ist kommt schlecht fort -- aber ein Stück weiter unten ist's schon ein -Großes besser, und -- wenn's Ihnen recht ist, _trag_ ich Sie da hinunter.« - -[Illustration] - -Die Proposition wurde im gutmüthigsten Ernst gemacht, und hätte es der -Schütze angenommen, Jackel würde ihn mit der größten Freundlichkeit, und -ohne irgend etwas Außerordentliches darin zu finden, den steilen steinigen -Hang trotz seinem einen nackten Fuß wirklich hinunter getragen haben. - -Heller knistert und flackert das Feuer, von neu aufgeworfenen Bränden -genährt, und Jackel kommt eben mit einem Kübel frischen Quellwassers -herein, den er aus dem nahen, durch eine Rinne gefangenen Quell geholt -- -das ist ein Trunk. Ich bin gerade sonst kein besonderer Freund von Wasser, -und eigentlich der Meinung, daß der liebe Gott dies Element den Menschen -nur eigentlich als Urstoff geliefert habe, es zu anderen Getränken, -hauptsächlich jedoch zum Waschen zu verwenden. Dort oben in den Bergen -aber, und ganz vorzüglich in der Baumgarten-Alm, quillt eine so wundervolle -crystallhelle und wohlschmeckende Fluth, als ich sie noch nirgends in der -weiten Welt gefunden. Ich weiß das Wasser dort wirklich mit nichts Anderem -als mit Champagner zu vergleichen. - -»Nun, Jackel, wie steht es mit dem Wetter?« frug man den Eintretenden -- -»sieht es noch gut aus?« - -»Nun, es ist nur klein hübsch draußen« erwiderte Jackel, den Kübel -sorgfältig in die Ecke stellend »es macht recht dunkel, und Sterne sind -auch keine zu sehn -- aber warm und ruhig ist's sonst.« - -»Wenn nur ein Bischen Schnee käme« sagte der kleine Ragg. -- »Es wäre schon -recht -- die Gemsen zögen sich dann alle lieber in die Joche hinauf.« - -»Aber in der Delpz liegt doch Schnee?« - -»Es liegt schon etwas drin, aber es dürft' mehr sein.« - -»Jetzt kam's mir beinah draußen vor, als wenn ich einen Schuß danüber -gehört hätt',« sagte der Jackel, »es schallte g'rad so --« - -»Nun ein Wilddieb war's bei der Dunkelheit nicht,« lacht der Ragg -- »es -kann auch ein Stein gewesen sein, der sich irgendwo losgebrochen hat. -Manchmal schallt das gerad' so wie ein Schuß.« - -»Von Wilddieben habt Ihr doch hier in der letzten Zeit nichts weiter -gespürt?« - -»Nichts wieder, seit der Mann im vorigen Jahr drüben im Bairischen von -dem Soldaten erschossen wurde -- es ist überhaupt hier lange Nichts -vorgekommen.« - -»Aber doch der Mann der damals in den Bockgräben gefunden wurde -- hat man -nie erfahren wie er dahin gekommen, und wer er gewesen?« - -»Nein,« sagt der große Ragg etwas zögernd -- »er hatte auch schon zu -lange gelegen und -- war so zerfallen von dem Sturz die Wand 'nunter. Ist -wahrscheinlich im Nebel verunglückt.« - -»Der wurde damals gleich draußen begraben, nicht wahr?« - -»Nein, ich hab' en 'nunter in's Kloster getragen,« sagte Jackel ruhig. - -»Getragen? -- auf den Schultern?« - -[Illustration] - -»Auf der Kraxen, ja -- oh er war nicht mehr so schwer denn er hatte schon -seine acht oder neun Monat gelegen, aber« -- setzte Jackel hinzu, und es -schien doch, als ob ihm die Erinnerung schaudernd durch die Seele liefe -- -»'s war g'rad keine hübsche Ladung, und ich trag' Gemsen lieber.« - -»Zwei Menschen sind doch auch wieder im letzten Jahr die Wand -hineingefallen« sagt da der kleine Ragg, indem er die Augenbrauen so in die -Höhe zieht, als ob er das, was er sagte, selber nicht glaube -- »ein Mann -und ein Mädchen.« - -»Ein Mädchen?« - -»Des Haßlich Tochter, von der hohen Alm. Sie schnitt Gras an einer steilen -Lanne, unter der die Wand gerad hinunter sank, und hatte Steigeisen an den -Füßen. Beim Bücken muß sie's aber versehen haben, sie kommt in's Fallen und -kann sich nicht mehr halten. Ihr Bruder war dicht bei ihr, und wie er sie -hinunter gleiten sieht, mit ein paar Sätzen bei ihr. Ehe er aber den Rock -fassen kann, und dicht unter seiner Hand hin schießt sie fort -- es war -gerade schrecklich tief wo sie fiel.« - -»Und der Andere?« - -»War ein Enziansucher, der vom Roßkopf hinunter gefallen ist. Wie er's -versehen hat, weiß man nicht. Er kam Abends nicht zu Haus, und am anderen -Tag ging sein Bruder aus, ihn zu suchen -- er hat ihn auch gefunden, drin -in einer von den Schluchten aber -- er soll schrecklich ausgesehn haben --- was er noch vom Körper finden und zusammenlesen konnte, hat er im -Nasentüchel nach Haus getragen.« - -»Von der Scharfenwandkar ist auch ein Fremder hinunter gefallen, hat ihm -aber weiter Nichts gethan,« sagte der Wastel. - -»Das war ein Algäuer« schmunzelte der große Ragg. - -»Ja, das kann schon sein« sagte Jackel auf seine gewohnte bedächtige, und -ganz ernste Weise. Die Anderen lachten. - -»War der Mann bekannt hier?« - -»Oh Jackel hat seine besondere Art, wie er die Algäuer kennt« lachte der -kleine Ragg. - -»Ich nicht« vertheidigt sich Jackel, »aber mein Wirth meint, einen Algäuer -könnt' man immer kennen. -- Wenn man ihn mit einem Stück Holz auf die Nasen -schlägt und er nießt nicht, so ist's gewiß Einer.« - -Lautes Lachen schallte von allen Seiten der Hütte, brach aber plötzlich, -wie mit einem Schlag, kurz ab, während Aller Gesichter im ganzen Raum -den Ausdruck scharfer gespannter Erwartung zeigten. Nur Jackel sah sich -verwundert um, und wußte nicht was plötzlich geschehen sein könne. - -»Das war ein Hirsch,« flüsterte Weinseisen. - -»Ja -- ich glaub's auch,« sagte Ragg mit ebenso vorsichtig gedämpfter -Stimme. - -»Hu -- ah -- h -- h -- h!« tönte da draußen, kaum vier hundert Schritt vom -Haus entfernt der Ruf auf's Neue klar und deutlich herüber, und mit einem -freudigen Lächeln in den Zügen horchten alle dem wohlbekannten, so gern -gehörten Laut -- aber keiner regte sich. - -[Illustration] - -»Hu -- ah -- h -- h -- h -- h!« noch einmal der wunderbare Schrei -- leider -waren aber jetzt die Hunde ebenfalls aufmerksam geworden -- Bergmann der -mit am Feuer lag, hatte schon lang geknurrt -- und Pirschmann, der draußen -war, schlug an. Das mochte dem Hirsch doch nicht angenehm sein, denn er -wurde nicht wieder laut. - -»So was könnt' ich die ganze Nacht zugehör',« sagte Martin. - -Das Gespräch lenkte indessen bald wieder in die frühere Bahn ein -- in das -was eben das praktische Leben der Jäger und ihre alltäglichen Erlebnisse, -und dann auch wohl einmal ein außergewöhnliches Abenteuer betraf. - -Merkwürdiger Weise existiren in diesen wilden Bergen nämlich gar keine -Sagen, während die Schweiz deren so viele birgt. Alles was die Menschen -hier umgiebt, ist reelle Wirklichkeit, und wie fast jedes andere -europäische Volk seine Kobolde oder Wichtelmännchen, seine Nymphen oder -Nixen, oder wo die fehlen wenigstens irgend das eine oder andere anständige -Gespenst hat, das dann und wann einmal sich sehen läßt oder Glück -oder Unglück bedeutet, sind diese schönen Berge hier jedes solchen -geheimnißvollen Zaubers beraubt. Man hat die armen Geister mit der -trockenen Vernunft sauber hinausgefegt aus Schlucht und Klamm und von -den hohen Jochen nieder, auf denen sie doch gewiß einmal in früherer Zeit -gehaust. - -Gespenstergeschichten sind aber auch eigentlich in den Bergen nichts nütz. -Der Mann braucht dort seine fünf _gesunden_ Sinne, den Gefahren die ihm -seine schwere Bahn schon ohnedies in den Weg wirft, kaltblütig die Stirn zu -bieten. Es ist keineswegs gesagt, daß das Herz, das der augenscheinlichsten -Todesgefahr ohne ängstliches Klopfen entgegengeht, nicht stillstehn -würde, wo es sich um irgend ein abgeschmacktes, wenn nur _über_natürliches -Schreckniß handelt -- wir haben davon auf See und Land zu viele Beispiele. -Hat es der Mann allein mit der Natur zu thun, und wenn sie ihm in allen -ihren Schrecken entgegenträte, kann er sich mit kaltem Blut und festem Muth -noch manchmal retten -- kommen übernatürliche Schrecken, kommt irgend ein -toller Aberglaube dazu, so ist er fast immer verloren. - -»Ist nicht neulich einmal Einem von Euch hier ein Unglück auf der Jagd -passirt? -- Wenn ich nicht irre, hat sich Einer geschossen.« - -»Von uns nicht,« nahm Wastel das Wort. »Kaltschmidt's Bruder ging die -Büchse los, und er hat sich zwei Finger zerschossen.« - -»Durch Unvorsichtigkeit?« - -»Nein. Er hatte einen Gemsbock erlegt, läd't seine Büchse wieder und steigt -dann hinüber ihn zu holen. Dort angekommen, wo der Bock im Feuer zusammen -gestürzt war, bricht er ihn auf, packt ihn in den Bergsack und hebt sich -den auf den Rücken. Wie er aber die neben ihm lehnende Büchse über die -linke Schulter wirft, reißt ihm der Büchsenriemen ab, oder das Leder geht -aus der Schraube, und als er unwillkürlich mit der Hand zufährt, sie zu -halten, greift er dabei vor den Lauf, der Hahn trifft wahrscheinlich auf -einen Stein, der Schuß fährt heraus, und die Kugel schlägt ihm den vierten -Finger ganz und den dritten halb weg. Nun hat er erst eine ganze Weile -nach seinem Finger gesucht, ihn aber nicht wieder gefunden, und mußte ihn -draußen lassen.« - -»Er war doch nah bei Menschen?« - -»Das gerade nicht,« sagte Wastel lachend -- »er mußte drei Stunden gehn bis -er zu Hause kam. Seinen Bock hat er aber darum nicht im Stich gelassen, und -ist glücklich damit heim gekommen.« - -Es war nichts Uebertriebenes in dem Bericht. Mit der furchtbar -verstümmelten Hand hatte der Mann die schwere Gemse, die doch etwa ihre 50 -östr. Pfund wiegt, den weiten Weg allein zurückgetragen, und war nachher -glücklich geheilt worden. - -[Illustration] - -»Und solche Fingerwunden sind gar schlecht«, meinte Weinseisen -- »der -Waldwart weiß auch davon zu erzählen.« - -»Ja, aber ich habe mich nicht geschossen,« fiel der Angeredete in's Wort, --- »mich hat ein Wilderer hinein gebissen.« - -»Ein Wilderer?« - -»Es sind nun schon ein paar Jahre her, da hört' ich, als ich vom Heimjoch -eines Tages nieder stieg, in der Laures einen Schuß. Ich machte daß ich -hinüber kam und ungefähr in der Gegend, wo ich glaubte daß es gewesen sein -könnte, vorsichtig herumpirschend, sah ich plötzlich einen fremden Kerl -mit einer grauen Joppe, und einem schwarzen Bergsack neben sich, auf einem -Stein sitzen und ganz behaglich frühstücken. Dicht bei ihm lehnte sein -Stutzen und vor ihm lag eine Geis, die er eben geschossen hatte. Der Wind -ging gerade ziemlich stark und ich konnte dicht an ihn hinankommen. So, -eh' er sich's versah, sprang ich auf ihn, und drohte ihn über den Haufen zu -schießen wenn er die Hand nach der Büchse ausstreckte. Was wollte er machen --- ich war im Vortheil und er mußte thun was ich von ihm verlangte. Ich -nahm ihm also vor allen Dingen den Stutzen weg und hing ihn über, ließ ihn -die Geis einpacken und aufhucken, und dann mußte er mit mir zu Hause gehn. -Er jammerte freilich ich sollte ihn laufen lassen, aber das durfte ich -nicht, und so waren wir bis vielleicht eine Viertelstunde vor meinem Haus -gekommen, als er mich bat ich möchte ihn einen Augenblick niedersetzen -lassen -- er sei so müde. Er legte den Bergsack ab, und ich blieb neben -ihm stehen. Wie ich nun dachte daß er gerastet, sagt' ich ihm wir wollten -weiter gehn, und er gehorchte auch und that als ob er den Sack wieder -aufnehmen wollte. Als er sich aber danach niederbarg, erwischte er einen -Stein, den er sich wahrscheinlich schon vorher dazu ausgesucht hatte, fuhr -wie der Blitz wieder in die Höh', und schlug mich damit an den Kopf. Nun -glaubt' er freilich er hätt' mich, aber damit war's gefehlt. Ich packte ihn -bei der Schulter und Kehle, und wenn's auch ein junger Kerl war, wär' er -mir doch nicht fortgekommen. Da erwischt er meinen Daumen hier zwischen die -Zähne daß ich glaubte, er hätt' ihn mir schier abgebissen, und wie ich ihn -im ersten Schmerz losließ, stieß er mich von sich, und war im Augenblick -nachher in den Laatschen drin. Das war das letzte was ich von ihm gesehn -habe, und mein Finger wurde nachher gar arg schlimm.« - -»Wie Jackel noch gewilddiebt hat, soll ihm auch einmal ein Jäger die eine -Fingerkuppe weggeschossen haben,« sagte auf einmal der Kammerdiener ganz -ernsthaft aus dem Hintergrund vor. - -»Wer? ich?« rief Jackel, dem die Pfeife beim Zuhören wohl zwanzig Mal -ausgegangen war, ganz erstaunt. »Aber schon nicht. Den hab' ich mir mit -einem Handbeil weggeschlagen.« -- Die anderen Jäger lachten. - -»Hat nicht der Rainer vor ein paar Jahren einmal dem Jackel ein Gewehr -weggenommen?« frug ich, das Bergmännle vor mir auf dem Schooß haltend und -es langsam streichelnd. - -»G'raubt hat er's!« rief aber Jackel, dem die Frage eine höchst fatale -Erinnerung weckte -- »heimlicher Weise aus der Hütte 'raus.« - -»Was hatt'st Du mit einem G'wehr in der Hütte zu thun?« vertheidigte sich -aber Rainer -- »Du bist kein Jäger.« - -»Das weiß ich,« sagte Jackel, und zieht vergebens an der ausgegangenen -Pfeife, »aber damals, 48, wie die Welschen herüber kommen sollten, da hatt' -ich mir ein gutes G'wehr gekauft -- es kostete mich _fünf_ Gulden, aber -es schoß auch gut, und weil ich's nicht zu Haus lassen wollt', wo sie mir -schon einmal mit Schroten drauß geschossen hatten, nahm ich's mit auf die -Alm zum Holzhacken. Der Rainer aber der war mir nachgeschlichen und hat -sich hinter 'en Busch gelegt, bis wir an die Arbeit 'gangen waren, und dann -ist er hergekommen und hat es heimlich g'raubt und mit fortgenommen -- und -ich soll's heute noch wiedersehn.« - -Jackel stand übrigens in der That in dem Verdacht früher manchen eben -nicht nöthigen Spaziergang in den Bergen gemacht zu haben. _Die_ Zeit lag -indessen hinter ihm, und er läugnete das jetzt hartnäckig. So gutmüthig -diese Bursche dabei sind, so schlau sind sie, und als ihm der Herzog einmal -in den Bergen befahl seine Büchse zu laden, stellte er sich so ungeschickt -dabei an, als ob er gar nicht wisse, was unten hin gehöre, die Kugel oder -das Pulver. - -Der Jagdplan auf den morgenden Tag wurde jetzt besprochen, und da wir -vor Tag ausbrechen mußten, unseren Stand noch vor der Morgendämmerung zu -besetzen, stand der Herzog auf, die Nacht auf seiner mit Heu gestopften -Matratze unter einer wollenen Decke zu verbringen. - -»Wie viel Uhr ist's? -- es muß schon spät geworden sein.« Rainer hat rasch -nach seiner silbernen Uhr gesehn. - -»Zehn Uhr, Hocheit.« - -»Zehn Uhr?« - -»Point du tout, zehn Uhr!« versichert Rainer. - - * * * * * - -Die meisten Jäger schliefen in einer anderen Almhütte, in der noch Heu -vorräthig lag, und krochen dort hinein. Der Kammerdiener hatte mit dem -Mundkoch sein »Bett« in einer Ecke der Hütte hier gemacht, und während ein -Theil der Jäger ebenfalls in's Lager kroch, sammelte sich ein anderer noch -um das Feuer, stopfte sich eine frische Pfeife, und sprach sich über seine -morgenden Jagdhoffnungen aus. - -Auch Jackel hatte, da der Raum frei wurde seine Pfeife wieder frisch -gestopft und angezündet, und ging jetzt daran seine nächtliche _Arbeit_ zu -beginnen. - -Ihm war nämlich das Amt übertragen sämmtliche Schuhe der Schützen wie -des Kammerdieners und Kochs zu schmieren und etwa herausgebrochene Nägel, -sogenannte _Zahnlücken_ nachzusehn und wieder auszubessern. Das hielt ihn -allerdings manchmal bis spät in die Nacht beschäftigt, verhinderte ihn aber -nie, Morgens der Erste wieder am Platz zu sein und Feuer anzumachen. - -»Nun Jackel, wie ist es den letzten Sommer hier oben gegangen, gut?« - -»Ih, muß ja wohl gut sein -- ich bin ja halt immer gesund gewesen.« - -»Aber er hat Aerger mit seinem Wirth gehabt,« sagt Martin, mit einem -Blinzeln des linken Auges, »der hat ihm zu viel für Miethe abgefordert.« - -[Illustration] - -»Ih nun ja,« sagt Jackel gutmüthig -- »aber er braucht sein Bischen auch --- vorigen Winter hat er mir's aber ganz geschenkt, weil ich ihm soviel -erzählt habe, was die Herren hier untereinander gesprochen.« - -»Und was zahlt Ihr jährlich Miethe?« - -»_Zwei_ Gulden,« erwiederte Jackel, mit einer starken Betonung des -Zahlworts, und paßte einen neuen Nagel in den vor ihm auf dem Knie -liegenden Schuh. - -»_Zwei_ Gulden?« ist die erstaunte Gegenfrage, »jährlich?« -- - -»Ja, aber ich hab' auch frei Holz dafür,« ergänzt Jackel, seine Extravaganz -in Miethe doch etwas zu mildern. - -»Aber das muß Er sich selber klein machen?« vertheidigt ihn der -Kammerdiener wieder mit komischem Ernst, den Eigennutz des Wirths in recht -grelles Licht zu setzen. - -»Ih nun ja, das thu' ich gern,« sagt Jackel gutmüthig. - -»Und mit was beschäftigt Ihr Euch nun den Sommer über?« - -»Mit Allem was vorkommt, eigentlich aber bau' ich Cithern und Geigen.« - -»So? und die sind wohl theuer?« - -»Nu ja,« sagt Jackel, und zieht die Augenbrauen hoch in die Höh' -- »eine -recht _gute_ Geige, was sie eine _Tanzmeistergeige_ nennen, die kann ich -doch schon nicht unter _sechs_ Gulden zusammenbringen, und eine hübsche -Wiener Cither kostet auch so viel -- sie sind ein Bischen theuer, aber es -ist auch große Arbeit d'ran.« - -»Und die gewöhnlichen sind billiger?« - -»Ei ja schon -- aber doch auch immer zwei bis drei Gulden -- unter dem -ist's nicht möglich. -- Oh ich verdien' ein recht hübsches Geld und Viele -haben's noch schlimmer wie ich, in den Bergen --« - -Ehrlicher Jackel -- wie wohlthätig wäre es Manchem der seine Einnahme nach -Tausenden zählt, und immer noch nicht zufrieden ist, immer nicht auskommt, -und mit dem Schicksal murrt, sich einmal mit einem solchen Mann zu -unterhalten. Wie wenig braucht der Mensch und wie viel braucht er -eigentlich. -- Mit wie wenigem können Leute glücklich und zufrieden sein, -und wie häufig laden wir uns selber da draußen in dem tollen Treiben das -wir die Welt nennen, neue und neue Lasten, neue und neue Bedürfnisse auf, -keuchen unter dem thörichten Gewicht, das wir freiwillig mitschleppen, und -klagen das Schicksal an, daß es uns nicht zu Hülfe kommt. - -Es ist Nacht -- schon halb im Schlaf hör' ich noch das Klopfen Jackels, -der die pyramidenköpfigen Randnägel in die geschmierten Schuhe schlägt. -Der Wind hat sich dabei aufgemacht und heult über das Joch, und der Regen -schlägt kaltpeitscheud auf das Dach nieder. -- Dort steigt der Jackel, mit -_einem_ Schuh an, den halbverwesten Leichnam auf der Kraxen, die steile -Wand hinunter, und statt dem Bergstock trägt er eine Cither unter dem Arm. --- Und wie das prasselt und donnert um uns her. -- Das ist ein Rudel Gemsen -das über die Reißen setzt und hier hernieder stürmt -- und jetzt ist -die Büchse abgeschossen. Rasch das Pulver hinein, und die Kugel mit dem -Pflaster obendrauf -- heiliger Gott sie steckt fest -- der Ladstock bringt -sie nicht hinunter, und dort steht das ganze Rudel und starrt uns an. -- -Ha -- jetzt geht's -- langsam rutscht sie nieder -- der kalte Schweiß läuft -mir von der Stirn -- jetzt sitzt sie -- der Ladstock springt -- und nun ein -Kupferhütchen. -- Das eine rutscht aus den Fingern und fällt zwischen die -Steine -- die Gemsen sehen die Wand hinunter -- in der Tasche _muß_ doch -noch eins stecken -- keins mehr zu finden -- und da auch nicht -- da wieder -nicht -- halt hier ist richtig noch eins im Futter drin und nun nach. Noch -können die Gemsen nicht aus Schußweite sein, und wenn ich jetzt hinab -nach jenem Absatz springe -- ha, wie die Steine unter dem flüchtigen Fuß -hinwegstieben und nieder, nieder rollen in die Tiefe -- weiter und weiter --- und jetzt -- der ganze Berg rollt. Wie eine furchtbare Fluth schiebt -sich die ganze Decke in's Thal hinab dem steilen Abgrund zu, und dort gähnt -schon die furchtbare Tiefe schwarz herauf. -- Die überhängende Laatsche -faßt noch die zitternde Hand, das Gewehr poltert nieder und unten -- tief -unten in der Nacht hör' ich den dumpfen Knall und wenn der Zweig jetzt -- -er knackt -- er dreht sich in der Hand -- hinab -- ha -- -- Gott sei Dank --- es war nur ein Traum! Was man für Dinge in den Bergen träumt. - -[Illustration: =Die Almhütte.=] - - - - -10. - -Die Delpz. - - -Draußen ist's still geworden. Durch das kleine Fenster schaut das -Siebengestirn freundlich herein und der Sturm scheint vorüber zu sein. --- »Schritte vor der Thür?« -- wahrhaftig schon Morgendämmerung, der -Kammerdiener kommt zu wecken. - -Wie die kalte frische Luft durch die Nerven zieht und die Haut prickelt, -aber den Schlaf auch dafür im Nu von den Lidern scheucht. Und was für ein -wunderbares Dämmerlicht, da oben auf die hohe Rasenwand der Delpz fällt, -und wie nah und niedrig jetzt die Berge aussehn. -- -- Fangt aber nur an zu -steigen und sie dehnen und strecken sich und ihre Gipfel wollen nicht näher -kommen, stundenlang. - -Jetzt Gesicht, Brust und Hände im kühlen Quell gebadet -- nun hinein an -das knisternde Feuer so rasch als möglich eine Tasse Kaffee zu bekommen und -dann fort, denn eine tüchtige Strecke haben wir zum heutigen Treiben noch -zu machen. - -Der Mundkoch, zwischen einer Quantität Töpfe und Kannen ist indessen -emsig beschäftigt das Frühstück für die Jäger herzustellen, und der -_Kammerdiener_ besorgt das Gleiche für die Jagdgesellschaft. - -Ueberhaupt ist dieser das Factotum in den Bergen, das Kammrad um das sich -die ganze Maschinerie des _inneren_ Ministeriums wenigstens dreht. Stände -er einmal still, es gäbe eine Heidenconfusion. Er hat für Alles zu sorgen -und sorgt für Alles; die ganze Einrichtung verschwindet auf dem einen -Pirschhaus und taucht auf dem anderen wieder auf. -- Niemand wüßte wie, -wenn nicht die Träger hie und da beim Treiben oben an einer Wand dem -Pirschpfad folgend sichtbar würden, und gewissermaßen die Fäden zeigten, an -denen sie bewegt werden. - -[Illustration] - -Aber von all den tausend Kleinigkeiten, an die zu denken ist, vergißt er -selten oder nie etwas. -- Alles ist besorgt, alle Träger sind zur rechten -Zeit bestellt und an den rechten Ort gewiesen -- Erkundigungen sind -schon vorher eingezogen ob an dem neuzuwählenden Platz Heu vorhanden ist, -Matratzensäcke und Kopfkissen damit auszustopfen, wie es mit dem Proviant -gehalten wird, den der Haushofmeister vom Jagdschloß aus hinauf befördern -läßt. -- Die Träger die das Essen heraufbringen, nehmen denn auch -gewöhnlich die erlegten Gemsen mit, und Boten wechseln dabei herüber und -hinüber. Er ist zugleich Tafeldecker und Kammermädchen, Haushofmeister -und Kammerdiener, bessert erlittene Schäden aus und beugt neuen vor -- hat -Alles von Instrumenten und Utensilien in Vorrath was man sich nur denken -kann, ein ganzes Arsenal von Knöpfen, Nadeln, Zwirn, Nägeln, Bändern etc. -etc. etc. - -In seiner ärgsten Geschäftigkeit trägt er dabei einen weißen Hut; nur -Morgens nach dem Frühstück wenn _Alles_ abgefertigt, wenn die ganze Jagd -hinausgezogen ist in die Berge, und ihm das Feld allein überlassen -wurde, dann hat er eine gestrickte Mütze die er aufsetzt, und die -_Beruhigungsmütze_ nennt. Dann ist Frieden im Reich, und höchstens Jackel -mit den übrigen Trägern zurückgeblieben, seine Anordnungen auszuführen. - -Aber fort -- fort; draußen hellen sich schon die Höhen und der Morgen -bricht sonst an, ehe wir die, noch ziemlich ferne Schlucht erreichen. Kalt -und frostig schickt ein scharfer Nordost seinen eisigen Hauch herüber, und -die Glieder müssen wir durch Gehn erwärmen. Das ist auch leichte Arbeit in -den Bergen, denn jetzt an steiler Lanne hin, den kaum sichtbaren Pirschpfad -folgend, jetzt thalauf und ab, fühlt man die Kälte bald nicht mehr, und -gar nicht lange, so zeigen die fallenden Schweißtropfen und die heiße Stirn -eine ganz andere Temperatur, als die beim Ausgang war. - -Die Nacht, oder vielmehr gegen Morgen hatte es etwas geschneit und in -dem Delpzkessel selber, an der Nordwand, lag auch noch Schnee von einem -früheren Fall her. Dort wurde ich hinaufgeschickt, und zwar so weit, daß -ich bis dicht unter die steil anlaufende Wand und auch eine Strecke nach -unten -- wo außerdem noch gegenüber eine Wehr hinkam, schießen konnte. -Die Parole war dabei: ruhig und still liegen zu bleiben und sich nicht zu -rühren, denn das Geringste was sich regt, gewahrt die Gemse. - -Der einzige günstige Platz den ich mir da oben, wo auch nicht der geringste -Busch, nicht die kleinste Laatsche stand, aussuchen konnte, war in einem -flachen Erd- oder vielmehr Schneekessel, denn der ganze Hang lag dicht mit -gefrorenem Schnee bedeckt. Im Bergsack hatte ich allerdings den für solche -Fälle höchst nöthigen Mantel und war auch noch von dem raschen Marsch warm -genug, trotz den nackten Knieen eben keinen Frost zu fühlen -- aber das -Treiben wollte nicht beginnen. Eine Viertelstunde verging -- eine halbe -- -eine ganze Stunde -- und noch regte sich nicht das Geringste, weder auf der -Höhe von Treibern, noch im Kessel drin von einer Gemse. - -Die Zähne fingen mir jetzt an zusammen zu schlagen und ich kauerte mich -eine Weile so eng ich konnte auf dem nichtswürdig kalten Schnee zusammen. -Die Neugierde läßt den Menschen aber auch da nicht ruhn, und vorsichtig -wieder den Kopf hebend, schaute ich mit abgenommenem Hut über den Rand der -kleinen Höhlung in der ich lag, ob sich denn noch gar Nichts sehen ließ. Zu -hören war nicht das Mindeste. - -Einen wunderbaren Anblick bot, als der Tag völlig angebrochen war und die -Sonne das hohe pyramidenförmige Joch des Scharfreuters beschien, der Kessel -selber. Die Dämmerung hatte sich aus diesem noch nicht ganz hinausarbeiten -können, und der Schnee der auf den Reißen der Nordseite lag, schillerte -in bläulich matter Farbe. Kein einziger Busch war zu erkennen; nur drüben -unter dem Scharfreuter der die südliche Grenze desselben bildet, wuchsen -kleine verkrüppelte Laatschen. Links hob sich dabei die vollkommen kahle -schroffe Wand viele hundert Fuß empor und grad' aus lief sie zu einem engen -niederen Passe nieder. - -Wenn man so da lag und hineinschaute, sah es auch aus als ob der ganze -Platz kahl, und leicht zu übersehen wäre, nicht eine Ratte hätte sich -ja darin verbergen können, außer vielleicht hie und da hinter einem -niedergebröckelten Stein. -- Ich war aber mistrauisch gegen diese -Augentäuschung geworden, die mich schon einige Mal irre geführt, und -untersuchte vorsichtig auch den kleinsten dunklen Punkt mit meinem -Fernrohr. - -Wenn es nur nicht so furchtbar kalt gewesen wäre -- und dann der Schweiß -vorher. Wunderbarer Weise hat aber ein Temperaturwechsel, der im flachen -Lande und in der dicken schweren Luft da unten die schlimmsten Krankheiten -nach sich ziehen müßte, hier nicht die geringsten Folgen. Man friert eben -oder wird heiß, und mit der Ursache ist auch die Wirkung vorbei. - -Zwei volle Stunden mochte ich so auf der einen Stelle gelegen haben, da -klapperte ein Stein! -- noch in weiter Entfernung zwar, aber es war da -jedenfalls etwas unterwegs. Oben auf der Wand wurde auch jetzt ein Jäger -sichtbar -- nicht größer wie ein Fingerglied stand er oben, und nur sein -ha -- ho! schallte klar und deutlich nieder. Da donnerte ein Schuß durch -den Kessel, und brach sich rasselnd an der rauhen Wand -- ich sah auch den -blauen Dampf in einem kaum erkennbaren Wölkchen aufsteigen, weiter war -aber nichts zu sehn. Da -- dort waren Gemsen, sieben -- acht -- neun Stück, -klein wie die Ameisen die an einer Kalkwand hinlaufen, sprangen sie über -den weißen Schnee der Reißen, gerad' nach mir zu. Die kamen sicher hier -herüber. Jetzt sind sie plötzlich verschwunden -- das was ich von hier -für ebenen Grund gehalten, sind tiefe Schluchten und Spalten und einer von -diesen folgend haben sie sich dem inneren Kessel zugewandt, dort vielleicht -hinunter und in das Thal nieder zu brechen. Aber dort steht auch ein -Schütze der sie schon empfangen wird. - -Es sieht wundervoll aus, wenn die kleinen winzigen Dinger so flüchtig über -die Steine wegsetzen. Was für einen Spektakel sie dabei auf dem Geröll -machen -- und doch sind sie so weit entfernt. Jetzt kommen sie dort -plötzlich, als ob sie aus der Erde herausdrängten, wieder zum Vorschein. -Hei, wie sie dem Engpaß zuspringen an dem -- Wie von einer Kugel getroffen, -knickte ich zusammen und in den Schnee hinein, denn dort vor mir -- kaum -vierhundert Schritt entfernt, und in schnurgerader Linie auf mich zu, kam -ein alter pechschwarzer Bock langsam über den knatternden Schnee daher -getrollt. Vorsichtiger Weise hatte ich mir heute Morgen ein weißes Tuch -mitgenommen, das ich jetzt über den Kopf band, die dunklen Haare zu -verdecken, dann die Büchse spannte und mich nun langsam aufrichtete, -den Bock zu empfangen, oder wenn er zu weit nach unten einbiegen sollte, -anzuspringen. -- Er war stehn geblieben, und schaute jedenfalls nach dem -Rudel hinunter das jetzt durch den vom Schnee freien Kessel setzte. Wie er -so dastand sah er wahrhaftig aus wie ein dreijähriger Keuler, so schwarz -und zottig und anscheinend plump auf den Füßen. - -Ich fing jetzt vor Kälte und Aufregung an zu zittern, daß mir die Glieder -ordentlich am Leibe flogen, aber das dauerte nur wenige Momente, und jetzt -drehte sich auch der Bock langsam nach mir um und -- verschwand. Im Schnee -war er auf einmal wie geschmolzen, und da ich fürchtete daß er auch am -Ende, wie das Rudel, irgend eine Spalte angenommen haben könnte und dieser -dann thalab folgte, sprang ich in die Höh' und aus meiner Höhlung heraus -auf den höheren Rand, dort jedenfalls mehr Uebersicht zu haben, und einen -freieren Schuß zu bekommen. Unwillkürlich sah ich dabei nach unten hin, als -es _über_ mir wieder krachte und der Bock jetzt, der dort auf's Neue zum -Vorschein gekommen war, und mich jedenfalls gesehen hatte, in voller Flucht -über den Schnee fort und dem steilen Felsrand zusauste, der ihn vor meiner -Kugel gesichert hätte. _Die_ wurde ihm aber, ehe er noch zwanzig Sätze -gemacht; die Kugel schlug auch vortrefflich und der Bock zeichnete; nichts -destoweniger setzte er mit unverminderter Schnelle seinen Lauf fort, und -mein zweites Rohr -- versagte. - -Das todte Niederschlagen des Hahns auf das Hütchen ist unter allen -Umständen ein fataler Laut, hier aber, nachdem man ein paar Stunden im -Schnee gelegen hat und bald erfroren ist, bringt es Einen wirklich zu -gelinder Verzweiflung und man faßt unwillkürlich die Büchse, als ob man ihr -etwas zu Leide thun wollte -- man thut ihr aber Nichts. - -»Piff -- paff« -- ging es jetzt auch unten im Thal, und als ich den Kopf -dorthin wandte, sah ich wie das Rudel den schmalen Engpaß angenommen, und -trotz dem dort stehenden Schützen forcirt hatte. - -Mir machte jetzt indeß mein eigner Bock zu schaffen, und vor allen Dingen -den abgeschossenen Lauf wieder ladend, und dem anderen ein frisches -Zündhütchen aufdrückend, nahm ich meinen Hut und Bergstock, und kletterte -an dem harten Schnee hinauf, den Anschuß zu untersuchen. Der Bock selber -war lange um die Felswand verschwunden. - -Schweiß! -- beim Himmel! ein großer dunkler Tropfen, gleich dort wo ich die -Fährte fand, und weiter zurück wo die Kugel in den Schnee gefahren, lagen -abgeschossene Haare. Der Bock hatte hier gleich vom Anfang an auf beiden -Seiten geschweißt; und war jedenfalls durchgeschossen. Für jetzt ließ sich -indessen weiter Nichts thun als den Anschuß zu verbrechen -- aber womit? -Kein Busch stand auf tausend ja vielleicht zweitausend Schritt. Ich that -endlich das Einzige was mir übrig blieb, ich legte meinen Hut auf den -Schweiß und stieg nun in's Thal hinab wo sich die Schützen schon sammelten. -Oben auf der Wand halloten die Treiber noch, und warfen dann und wann -Steine nieder. Lärm genug machten die allerdings, wenn sie mit hohlem -Sausen in's Thal hinab donnerten; nützen konnten sie aber für den -Augenblick Nichts weiter. - -Nach halbstündigem Marschiren näherte ich mich endlich der Stelle wo unser -Jagdherr einen starken Bock erlegt hatte. Er lag dicht unter der Wand -und der glückliche Schütze stand neben ihm. Martin kam eben seitwärts vom -Treiben herein. Da löste sich oben ein kleiner Stein von der Wand, kam -herunter gesprungen, und schlug etwa zehn Schritte vom Herrn ein. Er kam -übrigens hoch genug nieder, dem unten Stehenden den er traf, noch ein -tüchtiges Loch in den Kopf zu werfen, -- wenn nicht mehr zu thun. - -»Werft keine Steine mehr da oben 'runger!« rief Martin hinauf, und hielt -sich den Hut hinten, um besser nach oben sehn zu können. - -»Ja!« lautete die Antwort und gleich darauf donnerte und krachte es oben, -als ob ein Felsblock nieder käme. Ich war noch ein Stück davon entfernt, -konnte aber deutlich sehn wie Herr und Diener eben noch Zeit behielten -unter einen vorhängenden Felsblock zu springen, als die etwa kopfdicken -Brocken niederprasselten. - -[Illustration] - -»Ihr sollt keine Steine mehr oben herunter gewerf!« schrie Martin jetzt -wieder, sobald das Geröll unten anlangte, indem er vorsprang den Befehl -hinaufzurufen. - -»_Ja!_« lautete die, wie ärgerlich gegebene Antwort und mit dem Ruf -zugleich donnerte es auch auf's Neue von oben wieder, und jagte Martin -eben so rasch unter die Wand, um welche die zerschellenden Stücken herum -spritzten. - -»Ihr sollt nicht mehr _werfen_!« schrieen jetzt andere Jäger hinauf, und -Martin wollte eben einen neuen verzweifelten Versuch machen dem Steinhagel -Einhalt zu thun, denn die Lage seines Gebieters fing dort unten an -gefährlich zu werden; wieder aber schickte ihn eine neue Ladung zurück, und -ich selber konnte von der Stelle aus auf der ich stand deutlich erkennen, -wie sich der oben stehende und hitzig gewordene Rainer die größte Mühe -von der Welt gab, nur recht rasch noch ein paar frische Steinbrocken -aufzutreiben, oder von der Wand loszutreten und nieder zu senden. Er hatte -keine Ahnung davon welch Unheil er anrichten konnte. Nur mit entsetzlicher -Mühe brachten wir ihn auch endlich, durch vereintes Geschrei dahin, von -seinem Bombardement abzustehen, denn während ihm von unten aus zugerufen -wurde mit Werfen aufzuhören, hielt er das fortwährend für eine Aufforderung -mehr Baumaterial herunter zu lassen, weil er, seiner späteren Aussage -nach, glaubte man hätte irgendwo an der Wand einen alten hartnäckigen -Bock entdeckt, der nicht heraus zu bringen wäre, und »den wollen wir schon -kriegen, dacht' ich.« - -Der erlegte Bock wurde jetzt zum Eingang der Delpz und auf den scharfen -Rand gebracht, der direkt zum Scharfreuter herunterläuft. Dort sammelten -wir uns alle, von da aus ein zweites Treiben das am Wisinger Berg gemacht -werden sollte, zu umstellen -- aber vorher ein wenig zu frühstücken. - -Eine zweite Gemse die unten geschossen worden, war jetzt auch herbei -gebracht und Martin beschrieb gerade wie er von oben hereingekommen, und -den erlegten Bock an der Wand hinaufklettern gesehn, als er seinen Bericht -plötzlich mit dem halbunterdrückten aber ängstlich hervorgestoßenen »Ein -Bock!« unterbrach, und zu gleicher Zeit deutete der Arm mitten in den -Kessel hinein, derselben Wand zu, von der Rainer sich vor noch kaum einer -halben Stunde die größte Mühe gegeben hatte Alles niet- und nagellose -nieder zu senden. - -Und er hatte recht; trotz dem Lärm, trotz dem Rufen und Schreien, trotz dem -vielen Schießen endlich, da wir nach dem Treiben unsere Büchsen abgefeuert, -kam da schon wieder ein Bock in's Thal herein, und schien die Wand entlang -die Richtung gerade auf uns zu zu nehmen. - -Noch war er allerdings so klein, als ob eine Maus auf der Schneebahn -hinliefe; die Thiere äugen aber ganz vortrefflich und wir wußten Alle daß -wir uns nicht rühren durften, wenn er nicht augenblicklich umdrehen und den -Rückwechsel annehmen sollte. - -»Was thun wir jetzt?« - -»Ich laufe hinten herum und schneid' ihm den Weg ab,« rief Martin schnell -bereit, »wenn die Anderen dann wieder oben auf den Rand gehn und die paar -Pässe besetzen, _muß_ er hier heraus.« - -»Aber es sind außen herum zwei Stunden Wegs bis zu der Wand dort drüben,« -sagte Einer. - -»Ich lauf's in einer halben,« versicherte Martin, und versprach keinesfalls -mehr als er leisten konnte. - -»Sowie wir hier aufstehn sieht uns der Bock,« flüsterte Ragg. - -»Wir brauchen nicht aufzustehn,« lachte der Herr und gab das Beispiel zum -allgemeinen Rückzug, indem er sich langsam hinten überbog. Ohne den Körper -oben wieder zu zeigen glitt er so nach hinten, und rasch, aber mit nur -mühsam unterdrücktem Lachen folgten Alle in derselben Art. Komisch genug -muß es auch ausgesehn haben, und wenn Jemand hätte oben vom Berg aus diese -plötzliche wunderbare Bewegung der ganzen Jagdgesellschaft beobachten -können, ohne die Ursache zu wissen, wäre er mit Recht erstaunt gewesen. Das -Manoeuvre hatte jedoch vollständigen Erfolg; der Bock gewahrte nicht das -Mindeste und Alle eilten jetzt, von dem Hang gedeckt, den ihnen bestimmten -Plätzen zu. Es konnte auch wahrlich kaum eine halbe Stunde gedauert -haben als Martin, der die Ausdauer eines Windhundes hat, sich an dem -entgegengesetzten Felsvorsprung zeigte und der Bock, also beunruhigt rasch -dem bequemsten Ausgang zueilte der gerade vor ihm lag. Da freilich mußte -er in etwa hundertfünfzig Schritt von dem Felsblock vorbei hinter dem unser -Gastherr geschickt sich verborgen hatte. Daß er in voller Flucht ging half -ihm ebenfalls Nichts. Er bekam die Kugel seines Namenvetters[3] mitten -auf's Blatt, lief noch etwa sechzig Schritt, und brach dann zusammen. - - [3]: Die doppelläufigen Büchsen in denen die Läufe übereinander liegen, - werden _Böcke_ genannt. - -Durch dieses Intermezzo war nun freilich der Tag für ein zweites Treiben -zu weit vorgerückt, und Martin wurde mit Pirschmann auf meinen kranken Bock -geschickt. Leider brachte er von der Nachsuche blos meinen Hut zurück, denn -der Bock der jedenfalls hoch und hohl durchgeschossen worden, hatte den -Berg angenommen und war, obgleich tüchtig schweißend, über die Grenze -gegangen. -- Gemsen sind überhaupt entsetzlich hart, und laufen, selbst bei -tödtlichem Schuß, oft noch eine lange Zeit. Eine _hoch_ geschossene Gemse, -wenn die Kugel nicht gerade das Rückgrat zerschlägt, kommt fast immer -durch, oder ist wenigstens in den meisten Fällen für den Jäger verloren. - -Daß sich die Böcke übrigens, wie wir heut mehre gesehn, schon von den -Rudeln abhielten und einzeln umher zogen, war ein Zeichen daß die -Brunft bei ihnen begonnen hatte. In der Zeit ist der Gemsbock ein so -eigenthümliches wie merkwürdiges Thier. Ehe er sich wieder mit seines -Gleichen einläßt, scheint er sich erst eine Zeitlang in sich selbst -zurückzuziehn, stellt sich ganz allein, und nur mit seinen eigenen Gedanken -beschäftigt in steile Wände und Klammen ein, nimmt sehr wenig Nahrung zu -sich, und spielt mit einem Wort den ächten »Oansiedl vom Berge.« Sowie -aber die wirkliche Brunftzeit beginnt verläßt er diese verdeckten Orte und -steigt auf die Joche, am liebsten zu schmalen Stellen auf, von wo er nach -beiden Seiten hinab und nach den vorbeiziehenden Rudeln niederschauen kann. -Auch auf einzelne vorspringende Felsen geht er gern hinaus, einen besseren -Ueberblick über die Thäler zu gewinnen. Schließt er sich endlich einem -Rudel an, so setzt es gewöhnlich hartnäckige Kämpfe zwischen den schon -dabei befindlichen Böcken, wo dann natürlich das Recht des Stärkeren -entscheidet. - -Laute giebt er in dieser Zeit nicht von sich, ein leises, nur in geringer -Entfernung hörbares Mekkern ausgenommen. Er soll aber dann, besonders wenn -die Jahreszeit weiter vorgerückt ist, außerordentlich neugierig werden, -und herbei kommen sobald er etwas Ungewöhnliches sieht -- vorausgesetzt -natürlich, daß er keinen Feind wittert. - -Die Jäger bethören ihn auch wohl manchmal, indem sie, dicht versteckt -hinter einem Fels oder Busch, ihren Hut mit dem weißen Stoß von Schneehuhn -oder Birkwild daran, langsam hin und her bewegen, worauf der Bock gar nicht -selten herbei kommen soll, zu sehn was es gäbe. Einzelne haben sich auch -schon schwarze wollene Mützen mit einem breiten weißen Streifen an jeder -Seite stricken lassen, die sie dann über den Kopf ziehn, und diesen an -irgend einem Felsenvorsprung oder aus einem Busch heraus zeigen. Merkwürdig -ist, daß sich in dieser Zeit, dicht hinter den Krickeln des Bocks, am -oberen Theil des Kopfes, eine eben nicht ambraduftende Anschwellung, -der sogenannte Brunftknopf bildet, der etwa zu der Größe einer Haselnuß -anwächst. - -[Illustration] - -So scheu der Bock im Allgemeinen ist, und so sehr er besonders den Menschen -fürchtet, ist doch in der Riß schon einmal ein Fall vorgekommen, wo eine -Gemse unten im Thal, und auf dem Fahrweg, einen dort vorbeikommenden -Menschen aus freien Stücken angefallen, und bös gestoßen hat. - -Merkwürdig bleibt das überhaupt in der Naturgeschichte der Thiere, und -für uns ein bis jetzt noch keineswegs aufgeklärtes Geheimniß, daß -ausnahmsweise, und in einem uns nicht erklärbaren Zustand von Aufregung -und Wuth sonst ganz friedliche und furchtsame, wenigstens den Menschen -_fürchtende_ Geschöpfe diesen anfallen, und dann auch nicht eher ablassen -bis sie getödtet oder unschädlich gemacht werden. Ich weiß solche Beispiele -von Füchsen, Wieseln, Mardern, wilden Katzen, ja selbst mit dem Hasen soll -es vorgekommen sein, und jener Gemsbock liefert ebenfalls den Beweis dafür. - -Von großen Thieren bieten Elephanten und Rhinocerosse ähnliche Beispiele, -diese aber meist in der Brunftzeit, wenn sie von einem stärkeren Gegner -besiegt wurden und nun in höchst verdrießlicher Laune allein den Wald -durchziehn. Sie fallen dann Alles an was ihnen in den Weg kommt. Die -Wallfischfänger ebenfalls kennen die Gefahr der ihre Boote ausgesetzt sind, -wenn sie einen einzeln umherstreifenden Pottfisch (Cachelot, Spermfisch) -angreifen. Ist ja doch schon der Fall mit dem englischen Schiff Essex -vorgekommen, daß es ein einzelner Spermfisch selber ungereizt angefallen -und in Grund gebohrt hat. - -Ueberhaupt kennen wir bis jetzt nur erst leider die alleräußersten Umrisse -des Familienlebens der wilden Thiere, denn die eingefangenen leben in einem -ganz unnatürlichen Zustand, und können keinen Maßstab geben, während in der -Wildniß selber eine genauere Beobachtung unmöglich ist. Es fehlt uns der -Schlüssel zu ihren Handlungen, wir verstehen ihre _Sprache_ nicht, und -begnügen uns gewöhnlich mit dem einen nichtssagenden Wort _Instinkt_ das, -was wir Außergewöhnliches von ihnen zu sehn bekommen, zu erklären. - -[Illustration: =Der Bock in Sicht.=] - - - - -11. - -Die Grasberg-Alm. - - -Die Nacht wehte ein fliegender Sturm, und der Mundkoch behauptete am -nächsten Morgen, daß ihm gerade um Mitternacht die Mütze, die er im Bett -aufbehalten, im Bett vom Kopf geflogen sei. Rein und wolkenlos brach -aber der nächste Morgen wieder an, und da hier nicht weiter gejagt werden -sollte, wurde das Lager zum Abend auf die Grasberg-Alm beordert. -- Weiter -war Nichts nöthig, und der Kammerdiener besorgte das Uebrige. - -Auf dem Weg dorthin sollten einige, zwischen der Baumgart- und der -Grasberg-Alm liegende Gräben geriegelt werden. Gemsen zeigten sich hier -überall, und wenn auch natürlich die wenigsten zum Schuß kamen, wurden doch -wieder vier erlegt; drei von des Herzogs eigener Hand. - -Ich saß unten, ziemlich tief im Graben in einer schattigen Felsspalte -drin, da die Sonne warm auf die Berghänge schien, und die Luft dort aufzog. -Völlig gedeckt mußte ich übrigens Alles, was mir etwa hätte schußmäßig -kommen können, schon zeitig genug hören oder sehen, mich fertig zu machen. -Ich vertrieb mir also damit die Zeit, durch mein Perspektiv zwei alte -Kitzgeisen zu beobachten die sich an einem grasigen Abhang ästen, während -die beiden kleinen niedlichen Kitzen, die eben die kurzen Krickeln etwa -zwei Zoll hoch zeigten, lustig um sie herumsprangen, auf den beiden -Hinterläufen tanzten, die kleinen kaum bewehrten Köpfchen gegeneinander -andrückten, und sich gerade so benahmen, wie sich ein paar junge -übermüthige Ziegenböckchen an ihrer Statt benommen haben würden. Obgleich -die Gemse nicht zum Ziegen-, sondern zum Antilopengeschlecht gehört, hat -sie in der Bewegung und Lebensart doch manche Aehnlichkeit mit ihr. -Sonst halten sich die beiden aber in den Bergen, wo sie doch manchmal -zusammentreffen, ziemlich entfernt von einander, und man soll eher Gemsen -zwischen Schafheerden auf der Aesung finden, als zwischen Ziegen, obgleich -das erstere ebenfalls sehr selten geschieht. - -Von da wo ich lag konnte ich den oberen Pirschweg ziemlich deutlich -erkennen, der sich wie ein matt-lichter Streifen hie und da über nacktes -Gestein hinzog, bald zwischen Laatschenbüschen verschwand und an einer -kleinen Lanne oder sonst offenen Stelle wieder zum Vorschein kam. Wie ich -zufällig einmal den Blick hinaufwarf, sah ich sich etwas bewegen, und das -Fernrohr dorthin richtend erkannte ich bald einen geringen Hirsch -- es -mochte ein Sechs- oder Achtender sein -- der, von einem Thier gefolgt, -langsam den Pirschweg hin und zwar nach Osten zuhielt. Der Hirsch blieb -dabei manchmal stehn und äugte zurück, trollte aber dann immer wieder -rascher vorwärts, als ob ihm da hinten etwas nicht recht gefalle. - -Ich zerbrach mir noch den Kopf darüber, was ihn in aller Welt könne -beunruhigt haben, da er sich vollständig außerhalb des Treibens befand, als -ich plötzlich zur Linken, auf demselben Pfad, etwas Weißes aus den Büschen -vorleuchten sah. Rasch richtete ich mein Glas dorthin, und erkannte bald -zu meiner innigen Freude den Kammerdiener und den Koch die, Beide in -Hemdsärmeln -- und der heiße Tag rechtfertigte vollkommen eine solche -Erleichterung -- die Röcke durch den linken Arm gesteckt Einer hinter dem -Anderen in angenehmer Unterhaltung daher kamen, und den Hirsch mit -dem Thier ebenfalls zu einem, wahrscheinlich gar nicht beabsichtigten -Spatziergang nöthigten. Der Mundkoch trug dabei etwas in der Hand, das hin -und her schaukelte und eigenthümlich in der Sonne blitzte, was es sei, ließ -sich indeß in solcher Entfernung nicht gut erkennen. Es war dies übrigens -das friedlichste Hirschtreiben das ich je gesehn, und hätte der Hirsch -ebensowenig von seinen Treibern gewußt, wie diese von ihm, wären sie -beide jedenfalls näher zusammen gekommen. So ließ sich das Wild noch eine -Zeitlang den Pirschweg gefallen, und verschwand dann endlich in einem, nach -unten in den Graben führenden Dickicht. - -Einen eigenthümlichen Anblick hatten wir an dem Abend, als wir, schon etwas -nach Dunkelwerden, die Grasberg-Alm-Hütte erreichten. Unten die Thäler -lagen schon in tiefer Nacht, und selbst die Berge zeichneten sich düster -gegen den noch hellen Horizont ab. Dicht hinter den Häusern stieg eine -kahle, nur von breiten Streifen, fast wie angelegten Beeten von Alpenrosen -bedeckte Anhöhe hinauf, und lief, nach dem Kumpar hinüberführend, mit -ziemlich ebenem Rücken etwa tausend Schritt von Nord nach Süd. Der kahle -Rand stach jetzt desto auffallender gegen den noch lichtgrauen Himmel -ab. Oben aber, daß der ganze Körper bis zu den Klauen hinunter deutlich -sichtbar blieb und fast so aussah, als ob er zierlich aus schwarzem -Papier geschnitten wäre, stand ein Hirsch, spitz gegen uns gekehrt, und -beobachtete aufmerksam den Einzug der _ihm_ jedenfalls unwillkommenen -Gäste. Regungslos verharrte er dabei in seiner Stellung und man konnte mit -dem Fernglas deutlich das ausgreifende Geweih erkennen, bis wir durch eine -Senkung des Hügelhangs seinen Blicken entzogen wurden. Aber selbst dann -beruhigte er sich noch nicht, und wenige Secunden später tauchte der -schlanke Körper wieder auf einer anderen etwas vorragenden Stelle des -Hügelrückens auf, von wo aus er die Häuser selber überschauen konnte. Dort -stand er bis es so dunkel geworden war, daß man ihn kaum noch erkennen -konnte, und verschwand endlich, wie in den Berg hinein. - -Das Wetter blieb die letzten Tage ziemlich schwankend. Den Tag über hatte -es manchmal ein wenig geregnet, manchmal die Höhen mit dichtem Nebel -umzogen; auch der Wind war eben nicht zum Besten gewesen. In der Nacht -drehte er sich indessen nach Südost herum, die Luft wurde kalt und rein, -vom Himmel funkelten Myriaden Sterne, und gegen Morgen deckte leichter Reif -den Boden. - -Ich war früh aufgestanden, in erster Morgendämmerung die Aussicht nach den -gegenüberliegenden Bergen zu haben. Von hier aus hatten wir den Blick auch -in ein anderes Thal, dessen Pulsader, der klare muntere Bergstrom, wie der -Johannisbach, an der Carwendelwand entsprang, und sein Wasser von Nord nach -Süd in die Riß hinein jagte. Laut aufjauchzen hätte ich aber mögen, als -ich hinaus vor die Thür der Hütte trat und von dem nächsten, kaum dreißig -Schritt entfernten Grashang das zu meinen Füßen liegende Thal, die -gegenüber liegende Berggruppe überschaute. - -Ich will versuchen den Anblick zu beschreiben aber, lieber Gott, wie weit -bleiben da Worte hinter dem wundervollen zauberschönen Bild zurück das sich -hier, wie durch den Stab eines Magiers heraufbeschworen, vor meinen Blicken -entrollte, und mir die Seele mit Lust und Jubel füllte. Das ganze Rißthal -unter uns, soweit das Auge darin nach rechts hinunter, nach links hinauf -schweifen konnte, wie das schmale, zwischen dem Falken und Roßkopf nach -der Carwendelwand zulaufende Laritter Thal war in der Tiefe mit dichtem -milchweißem Nebel angefüllt, aus dem die grünen bewaldeten Wände wie die -dunklen Ufer eines Nebelstroms emporstiegen. Darüber hoch hinaus ragten -die starren Kuppen der ewig schönen Berge vor uns, mit den kühn gerissenen -Gipfeln des Gemsjochs während links der Kumpar sein spitzes Haupt in die -blaue Luft hineinreckte. Ein Duft lag dabei über dem Allen, wie er sich -weder mit Farbe noch Feder schildern läßt, und wie die Sonne höher und -höher stieg, und der Nebel da unten Leben und Bewegung bekam, wie es -den Wiederschein von den Gipfeln in's Thal hinunterwarf, wie sich die -schneeigen luftigen Schichten anfingen zu rollen und ineinander zu drängen, -und ihre Ränder jenen eigenen wunderbaren fast durchsichtigen Rosenschimmer -annahmen -- wie es da endlich mehr und mehr zu wogen begann, als ob die -Bergriesen dadrinnen die Schultern gegengestemmt hätten, und die weiße -Fluth mit aller Macht zum Thal hinaus schöben, wie hie und da ein kleiner -Bergesvorsprung inselgleich und dunkel daraus empor stieg, daß ihm die -weißen Schwaden durch die Wipfel seiner Bäume schwindend, schmelzend über -den Nacken flossen und die ganze Pracht des morgenglühenden Thales jetzt -plötzlich sichtbar ward, da wußte ich gar nicht mehr wie mir geschah, so -leicht, so froh, so glücklich fühlt' ich mich, und hätt' ich mich nicht -vor den Jägern geschämt, ich glaube, ich wäre dem nächsten Baum um den Hals -gefallen, und hätte laut geweint. - -Es giebt ja aber auch nichts Edleres, nichts Reineres als die Natur. Wer -sich ihrer freut, wem Gott Empfänglichkeit dafür in's Herz gelegt, der hat -ein Recht sich den bevorzugt Glücklichen zu zu zählen, denn überall auf -dieser weiten wunderschönen Welt sind ja Genüsse für ihn ausgestreut. - -Eigenthümlicher Weise erfaßte mich hier ein ganz ähnliches Gefühl als -damals, als ich das erste Rauschen der Palmen über mir hörte. In jener -heiligen Ruhe der Tropenwelt unter den mächtigen wunderbaren Bäumen -vermochte ich _den_ Eindruck unwillkürlich nichts Anderem zu vergleichen, -als dem stillen heimischen Schneefall in einem Fichtenwald, wenn die -großen Flocken so langsam und sanft hernieder sinken, zwischen den grünen -schützenden Zweigen durch, und mit der weichen reinen Decke den Boden -warm belegen. So zitterte mir hier, den wilden trotzigen Alpen, dieser -gigantischen, kühn gerissenen Bergesschönheit gegenüber, dasselbe selige -Gefühl durch's Herz das ich empfand, als ich vom Megamendong in Java nieder -das herrliche Preanger Thal mit seinen einzelnen Fruchtbaum-Oasen, seinen -dichten Wäldern und all seiner tropischen Pracht vor mir ausgebreitet sah --- und doch wie ganz verschieden sind die beiden Scenen. - -Dichter und compakter sammelte sich indeß, während die Sonne höher stieg, -der Nebel, rollte langsam, ein Zeichen guten Wetters, zum Thal hinaus und -weiter in's flache Land --, und unsere Jagd begann. - -Aber ich darf den Leser auch nicht mit Wiederholungen ermüden. Wohl hätt' -ich ihm freilich gewünscht das wundervolle Schauspiel mit zu genießen, das -uns noch einmal über Tag am Heimjoch der Nebel in seinen eigenthümlichen -Schatten und Formen gab, oder ihn einmal über einen der dortigen Pirschwege -in die Bockgräben, und so mitten in die wilde Fels- und Schluchtenwelt da -eingeführt, doch versäumen wir leider zu viel Zeit dabei. - -Diese _Pirschwege_, so behaglich das Wort _Weg_ auch in den Bergen klingt, -darf man sich übrigens nicht etwa zu bequem denken. Sie sind meist immer -nur angelegt vollkommen unerreichbare Klammen und Wände passiren zu können, -und dort hinein zu pirschen, oder -- wenn man auf die andere Seite will -- -weite, oft stundenlange Umwege, zu sparen. Das würde aber einestheils sehr -viel und hier in den Bergen äußerst werthvolle Zeit kosten, und dann ist -auch ein _Anschleichen_ an die scheuen, mit so scharfen Sinnen begabten -Gemsen an solchen Stellen ohne derartige Hülfe fast ganz unmöglich -- -wenn man nicht eben Tagelang darauf verwenden will und kann, sie zu -durchkriechen. Die Spitzhacke hat dabei oft nur in sehr rauher Weise eine -natürliche Ader des Felsens benutzt, dem Fuß geringen Halt zu bieten, oder -das Jagdmesser über die Klippen hier nur einfach durch die Laatschen Bahn -gehauen. Gar nicht selten aber ziehn sich diese sehr schmalen Pfade an -schroffen wilden überhängenden Wänden schwindelnd hin, und der Wanderer muß -sich wohl hüten dem Steine nicht nachzuschauen der von seinem Fuß berührt -mit dumpfem langem -- langem Fall die blaue Tiefe sucht. - -Die Jäger sagen daß ein solcher Stein den Menschen nachziehe, und -Unglücksfälle dadurch herbeigeführt, sollen allerdings schon vorgekommen -sein, ja nicht einmal zu den Seltenheiten gehören. Die Ursache liegt aber -auch dafür klar auf der Hand, denn während der Stein senkrecht an der Wand -niederfällt muß er allmälig, je tiefer er fällt, mehr und mehr aus dem -Gesichtskreis des Nachschauenden kommen der, um ihm mit den Augen zu -folgen, gezwungen ist sich weiter und weiter nach Außen zu biegen. Dadurch -kommt er mit dem schweren Oberkörper unmerklich _über_ den Abgrund, und mag -er so schwindelfrei sein wie er will, er _muß_ das Gleichgewicht verlieren. -Ueberhaupt ist das Steigen da oben an den Wänden herum manchmal wirklich, -wie der Amerikaner sagt »viel zu interessant, um angenehm zu sein.« - -[Illustration: =Stillleben.=] - -[Illustration: =Ein Pirschpfad.=] - - - - -12. - -Das Gemsjoch. - - -Dem Grasberg gegenüber, und der steilen Carwendelwand zu, zieht sich ein -enges, von steilen Wänden eingedrängtes Thal. Die Scenerie ist hier viel -wilder wie an der Riß, weil die Felshänge viel schroffere und deshalb auch -weit weniger und nur stellenweis bewaldete Vorsprünge, zum unten vorbei -quillenden Bach hinunter schieben. Sieht man dabei von dort zu ihnen auf, -so hält man es auch wahrlich nicht für möglich, daß weder die Gemse, noch -viel weniger ein keckes Menschenkind an ihnen fußen und sich ihren fast -senkrechten Schluchten anvertrauen dürfe. Und doch bieten sie dem kühnen -Gemsjäger nur geringes Hinderniß. Mit dem scharfen Eisen unter dem Fuß, den -spitzen starken Stock in der Hand, laufen diese Bergmenschen furchtlos die -schmale Bahn entlang, jede Hülfe die ihnen hie und da der Boden bietet -mehr in einer Art von Instinkt als mit Vorbedacht benutzend. Ihre Uebung -in dergleichen Werk, die ähnlichen Hindernisse die ihnen überall -entgegenstehen, geben ihnen auch schon den raschen und höchst nöthigen -Ueberblick, die besten -- oft die allein möglichen -- Stellen zum Uebergang -rasch und unverzagt zu wählen und zu behaupten. - -Dort zogen wir hinauf, dem engen Thal folgend, das hier durch die breiten -Wände des kleinen Falken und Gemsjochs rechts und links gebildet wurde. -Dicht an den Ufern eines ziemlich starken rauschenden Bergbachs, dessen -breites steiniges Bett von der furchtbaren Gewalt Kunde gab mit der diese -Wasser im Frühjahr nieder stürzen, und Alles mitnehmen, was sie in ihrem -Wege finden, lag unser Pfad. Da plötzlich, wie durch Zauberei, war der -Strom verschwunden, selbst unter unseren Füßen fort, und nur die gähe -Stille um uns her, machte uns erstaunt niederschauen in das noch allerdings -eben so breite und steinige, aber vollkommen _trockene_ Strombett. Dies -plötzliche Verschwinden war so merkwürdig, daß wir zwanzig oder dreißig -Schritt zurückgingen, wo wir den hier etwa drei Fuß breiten, mächtig -quellenden Bach von der kleinen Falkenwand herüber unter dem Geröll -vorbrechen sahen, während ein schwächerer Zufluß von oben her, aber -ebenfalls tief unter dem Gestein hervor zu kommen schien. So eigenthümlich -es auch aussah und so sehr es uns im Anfang überraschte, so leicht erklärte -es sich doch, denn diese steilen Wände lösen durch Lawinen und Thauwetter -ununterbrochen kleinere oder größere Massen Steine los, und schleudern sie -in das Thal hinab. Diese sogenannten _Reißen_, die aus Nichts als wilden -unfruchtbaren toll durcheinander gestreuten Felsmassen und kleinerem Geröll -bestehn und an manchen Stellen hunderte von Fußen hoch liegen, nehmen -deshalb auch schon einen ungeheueren Flächenraum im Gebirge ein, und -scheinen sich von Jahr zu Jahr zu vergrößern. Es läßt sich denken, daß -sie dadurch oft ganze Bäche verschütten, die sich jetzt unter der lockeren -Decke die Bahn suchen müssen. Eben so wenig unterliegt es einem Zweifel, -daß durch diese ewigen Bergstürze und Abscheidungen des Gesteins die -scharfen und schroffen Gipfel der höchsten Kuppen mit der Zeit eine -Veränderung erleiden, und niedriger werden müssen; ihr Umfang ist nur zu -gewaltig, als daß ein einzelnes Jahrhundert es auffallend bemerkbar machen -sollte. So sieht die vollkommen senkrechte Carwendelwand, an deren Fuß -ungeheuere Reißen, ja wirklich Berge von Steinen liegen, die das Herz eines -Chausseesteinklopfers mit Entzücken füllen würden, gerade so von unten -aus, als ob sie durch diese Abbrüche jährlich wenigstens einen Fuß an -Höhe verlieren müsse. Kommt man aber an die Südseite der grasbewachsenen, -allmählig aufdachenden Hänge hinauf, und berechnet erst ihre Höhe, dann -begreift man freilich, wie eines einzigen _Zolles_ Dicke, von der Wand -abgeschält, ganze Berge von Geröll in's Thal hinab schleudern müssen. Wären -es aber auch selbst zwanzig Fuß so würden sie doch kaum den oberen Rand -verändern können. - -Aufwärts jetzt, Freund Leser, aufwärts! Das ist ein mühsamer, langer Stieg -das Gemsjoch hinan. Wetter nocheinmal, wie massenhaft sich das Gebirg hier -aufthürmt und in Lanne und Felsgeröll aus dem bewaldeten Thal empor sich -hebt. S'ist auch am Besten man sieht sich gar nicht um, und steigt nur -ruhig, unverdrossen fort; einmal erreicht man den Gipfel doch. - -Das Gemsjoch sollte getrieben werden und ich selber war -- beiläufig -gesagt der beste Platz -- auf die höchste Kuppe hinauf beordert worden. -Aufgescheuchte Gemsen nahmen gern gerad' dort hinüber ihren Wechsel. -Schweres Steigen hatten indeß bei diesem Treiben die Jäger, die sich ihre -Bahn an den steilen schroffen Hängen suchen mußten. Es dauerte auch lange, -bis sich das Mindeste zeigte oder hören ließ, und ich lag wohl anderthalb -Stunden lang ungestört auf der achttausend Fuß hohen Kuppe des Jochs -- in -deren Nachbarschaft alle Fenster und Thüren auf sein mußten, denn es zog -furchtbar. Die Aussicht war aber wundervoll, und ich ließ den Blick -frei über die herrlichen, mit Schnee dicht bedeckten Alpenriesen, -den Großglockner und seine Nachbaren hinausschweifen, die unter ihrer -weißfunkelnden Hülle in unbeschreiblicher Pracht die zackigen wilden Gipfel -gen Himmel reckten. - -Hinter mir, nach Norden hinauf, öffneten sich dagegen die Berge; das -weite flache Land mit einzelnen weißen hervorragenden Gebäuden und kleinen -Städtchen, wurde sichtbar, und im Süd-Westen lagen wild und zackig die -steyrischen Alpen dazwischen, ein weites Meer von Felsenjoch und Graten. -Was für ungeheuere Wogen reckten da die weißen Häupter, züngelnd, wie -wirkliche schaumdurchwühlte Wellen empor. - -Auf dem Gemsjoch selber lag, trotz der Höhe desselben noch kein Schnee, -denn der darauf gelegene war durch die letzten warmen Tage wieder -fortgeschmolzen. Merkwürdig ist es auch, daß dieser Theil der Alpen keine -Gletscher hat -- ein einziger kleiner ausgenommen der dort in der Nähe sein -soll, den ich aber nicht sah. Ihre Höhe berechtigt sie vollkommen dazu, -denn in der Schweiz reichen die Gletscher viel tiefer hinab, und sieben und -achttausend Fuß hohe Kuppen sind dort drei Viertheile des Jahres mit Schnee -bedeckt. Dazu mag aber auch wohl die zusammengedrängte Masse _höherer_ -Gebirge, die fortwährend ihre Schneekronen tragen und deshalb eine viel -größere Kälte um sich her verbreiten, mit beitragen. - -Eine große Anhäufung von Schnee und Eis muß in sehr natürlicher Folge eine -solche Wirkung hervorbringen, wie wir den Unterschied z. B. außerordentlich -auffallend in den beiden Continenten von Europa und Nordamerika sehn. -Europa, das im Norden einen weit größeren Flächenraum an eisfreiem Meer, -und deshalb die eigentliche Eisregion auf einem weit kleineren Raum -zusammengedrängt hat, ist deshalb auch viel wärmer als Nordamerika, dessen -breite Basis nach Norden zu, mit den ausgedehnten Süß-Wasser-Binnenlandseen -und dem enormen Flächenraum Eis und Schnee bedeckter Regionen den -Unterschied um viele Grade spüren läßt. Philadelphia z. B. das mit Neapel -auf einem Breitegrad liegt, hat eben so strenge und strengere Winter, als -wir im höchsten Norden von Deutschland. In Louisiana, das mit der Wüste -Sahara gleiche Breite hat, ist leichter Schnee nichts Seltenes. Stehendes -Wasser friert oft selber in New-Orleans das, nur wenige Fuß über der -Meeresfläche, auf einer Breite mit Cairo liegt. - -Von Gemsen war noch Nichts zu sehn, als ich aber so dalag fest in meinem -Regenmantel gewickelt, die kalte Zugluft abzuhalten, konnte ich nicht -umhin die kleinen dichten Büschel außerordentlich zarten feinen Grases zu -bemerken, die um mich her ziemlich reichlich wuchsen. Ich pflückte von -dem zunächst stehenden etwas ab, kostete es, und fand es nicht allein -außerordentlich weich, sondern auch zuckersüß -- so süß und angenehm in -der That von Geschmack daß ich Alles, was ich um mich her erreichen -konnte, rein abäste und Nebucadnezars Geschmack, der bekanntlich den Salat -erfunden, ganz begreiflich fand -- wenn er nämlich dort so treffliche Weide -hatte. - -Dicht neben mir, denn ich lag auf dem allerhöchsten gar nicht etwa sehr -breiten Gipfel, ging es steil und bergetief hinab. Wie wild und furchtbar -sah es dort unten aus. Die steile Nordwand dieses Jochs, die vielleicht -einige tausend Fuß hoch ohne Absatz niederging, bestand allerdings -nicht aus einem glatten Fels, sondern aus bröcklichem zerrissenem und -zerklüftetem Gestein. Man hätte selber hineinklettern können, wäre den -Zacken eben nur zu trauen gewesen; aber unter dem Fuß oder Griff brachen -die wettermürben Brocken los, und dann -- es schwindelte mir als ich in die -dunkle, Wind durchbrauste fürchterliche Tiefe hinabsah, und ich wandte mich -schaudernd ab. - -Und doch giebt es Menschen die an diesen Wänden an denen ihr Leben wie an -dünner Faser hängt, ihre kärgliche Nahrung suchen. Die Enzianwurzelgräber -klettern dort, an die Gefahr gewöhnt und gegen sie vollkommen abgestumpft, -mit einem Sack, die gefundenen Wurzeln hinein zu thun, und einer kleinen -Hacke, sie aus ihrem rauhen Bett heraus zu heben, sorglos herum, und die -Gemse selbst hebt staunend den Kopf, wenn sie an _solchen_ Stellen -einen Menschen sieht. Kameraden finden auch wohl dann und wann eine alte -verrostete Hacke, einen halb verfaulten Sack, und werfen einen scheuen -Blick in den Abgrund nieder. Selbst unter dem leisen Ave Maria aber, für -die Seele des Verunglückten, dessen Gebeine dort in irgend einem Abgrund -bleichen, schauen sie sich schon wieder nach neuen Wurzeln um -- der da -unten ist wohl aufgehoben. - -_Das_ waren Gemsen -- vorsichtig hob ich den Kopf zwischen den wild -umhergestreuten Steinen empor, und sah eins der schönsten Schauspiele, das -sich der Gemsjäger nur wünschen und ersehnen kann. - -Der Gipfel des Gemsjochs theilte sich in drei ungleiche Spitzen, von -denen die beiden westlichsten die höchsten, die östlichste, die vielleicht -tausend Schritt von der westlichsten entfernt ist, etwas, aber nur wenig -niedriger liegt und in einen kleinen spitzen Kopf aufläuft. - -Auf dieser Spitze, die vier Läufe dicht zusammengedrängt, den schönen Kopf -hoch und sichernd gehoben, stand eine Gemse und etwa zwanzig Schritt weit -unter ihr, während noch andere über den Rand des Abhangs, scheinbar aus -der blauen Luft, heraufstiegen, befand sich das Rudel, im Ganzen vielleicht -zwölf oder dreizehn Stück. - -[Illustration] - -Die Wachtgemse stand voll und klar gegen den lichtblauen Himmel -abgezeichnet, und die sichere Ruhe mit der das prachtvolle Thier den weiten -Plan, auf dem es jede nahende Gefahr leicht und rasch erkennen konnte, -als Schildwache oben für das ihr anvertraute Rudel überschaute, war ein -Anblick, den ich im Leben nicht vergessen werde. Das Rudel selber, das -jedenfalls durch einen der unten durchgehenden Treiber heraufgescheucht -worden, schien sich indessen auch ganz auf seine Wache zu verlassen, und -vollkommen sicher zu fühlen. Die jungen Thiere spielten mit einander, und -die Alten pflückten hie und da an den süßen Grasbüscheln herum -- mehr -wahrscheinlich zum Desert und aus Naschhaftigkeit, als aus wirklichem -Hunger. - -Endlich stieg die Wachtgemse, gewöhnlich eine Geis, von ihrem hohen -Standpunkt langsam nieder. Ob sie da unten wieder etwas Verdächtiges -gewittert, oder sonst mehr Verlangen nach der Seite trug, auf der ich -lauernd mit gespannter Büchse lag, aber plötzlich setzte sie sich an die -Spitze des Zuges, und kam in kurzem Galop auf dem äußersten Rand des Berges -ein Stück hin, verschwand dann in einer scharf eingeschnittenen Schlucht, -die die beiden Kuppen von einander trennte, mit dem ganzen Rudel, und stieg -klappernd und die lockeren Steine hinter sich ausstoßend, den kleinen -Hang herauf, an dessen äußersten Rand ich, vollständig gedeckt, ihrer -herzklopfend harrte. - -Nun ist es eine alte Gemsjägerregel, die mir von allen Seiten wieder -und wieder gegeben worden, _nie_ auf ein ankommendes Rudel zu schießen. -Erstlich kommen sie spitz, -- immer schon ein _böser_ Schuß; dann ist die -erste im Zug _jedesmal_ eine alte Geis, während die Böcke nachfolgen, und -dann -- ist es eben gar nicht nöthig. In solchem Fall, besonders wenn -man gedeckt ist, muß man _die ersten_ des Rudels erst vollständig vorüber -lassen, ja womöglich ein Dritttheil desselben, und sich dann erst einen -Bock heraussuchen, auf den man in solchem Fall auch viel ruhiger und -sicherer schießt. Außerdem hat man bei solchem Verfahren auch noch die -Gewißheit, daß die schon vorbeigesprungenen Gemsen unter keiner Bedingung -wieder umkehren, und die anderen, die noch zurück _sind_, _folgen_ ihnen, -es mag auf sie geschossen werden so viel da will. Der zweite Schuß ist -daher eben so sicher anzubringen als der erste. - -Hätt' ich also dort oben meine Zeit ruhig abgewartet, so mußte das ganze -Rudel auf kaum zehn Schritt an mir vorbei, und an Ausweichen war auf dem -schmalen Kamm gar nicht zu denken. Wie ich aber das immer stärker werdende -Klappern auf den Steinen hörte, das gerade so klang, als ob es links und -rechts um mich her in allen Ecken und Spalten lebendig würde, da ging mir -der Athem aus, das Herz fing an zu hämmern als ob es mit hinaus wollte, -ebenfalls zuzusehn was da passire, und alle Warnungen und Rathschläge, -alle guten Vorsätze, alle Erfahrungen selbst, waren in dem einen Moment -unbeschreiblicher Aufregung und Leidenschaft vergessen. Die Büchse im -Anschlag richtete ich mich in meinem Versteck auf, und wie die ersten -Krickeln nur hinter den Steinen vorsahen, und ich den dunklen Schatten -eines Körpers erkennen konnte, gab ich Feuer. - -Ich weiß nicht einmal ob es geknallt hat -- weiter Nichts als das wilde -Hals-über-Kopf-Hinabstürzen der erschreckten Thiere hörte ich, die aber -auch im nächsten Augenblick in der Schlucht verschwunden waren, und als -ich dort nachsprang, und noch einmal hinter den Flüchtigen auf etwa -zweihundertfünfzig Schritt -- und ich muß zu meiner Schande gestehn, -_nachfeuerte_, stob das ganze Rudel auseinander, und eilte wieder der -Stelle zu, auf der ich sie zuerst gesehen hatte. - -Allerdings sonderte sich ein Bock vom Rudel ab und rutschte, zu meiner -innigen Freude, ein ganzes Stück den ziemlich steil da ablaufenden Hang -hinunter, ob er aber vielleicht nur ausgerutscht war -- und warum sollte -das einer Gemse nicht auch geschehen können -- oder mich gar damit -verhöhnen wollte, ich weiß es nicht, spätere Nachsuche auf der Fährte ergab -nicht einen Tropfen Schweiß, der auf dem grauen Geröll überall deutlich -sichtbar gewesen wäre. Bald darauf schloß er sich auch wieder seinem Rudel -an. - -Gleich nach dem Schuß kam ein ganzer Flug Alpendohlen -- sonst entsetzlich -scheue Vögel, die den Jäger nicht auf hundert Schritt hinanlassen -- um -den Gipfel des Jochs herum. So wie sie mich da oben aufrecht stehen sahen -flogen sie auf mich zu, kreisten mir, auf kaum zwanzig Schritt um den Kopf -und stießen sogar nach mir, wobei mir ein paar so nahe kamen, daß ich sie -fast hätte mit der Flinte schlagen können. - -Die Alpendohle, oder auch Schneekrähe genannt, ist ein wunderhübscher -zierlicher Vogel, etwa von der Größe einer Elster, wenn nicht noch etwas -stärker, nur ohne die langen Schwanzfedern, mit bläulichem Schiller auf -ihrem schwarzen Gefieder, hellgelbem Schnabel, grellrothen Ständern und gar -so munteren braunen Augen. Ihr Pfeifen klingt auch fast melodisch, und wie -sie munter und gesellig in den Alpen herumtummeln und in der Luft kreisend -zusammen spielen, hab' ich sie immer gern gehabt. Jetzt aber kamen sie mir -ungelegen. Das Pfeifen nach dem schlechten Schuß behagte mir auch nicht. -Ich zielte auf den rasch über mir hinstreichenden Vogel, und schoß ihm mit -der Kugel eine seiner Flügelfedern durch. Das nahmen jedoch die anderen -sehr übel, begannen einen Heidenlärm, wobei sie sich übrigens in weiterer -Entfernung hielten, und strichen dann nach unten. Gleich darauf fiel dort -auch ein Schuß und unser Jagdgeber hatte einer der ebenfalls nach ihm -stoßenden Krähen mit der Kugel Kopf und Hals abgeschossen. - -Das ist Alles recht schön und gut -- übereilt hat sich schon mancher sonst -vollkommen ruhige alte Jäger und vorbeigeschossen auch. Der Schütze soll -noch geboren werden, der da sagen kann er habe nie gefehlt, aber der -Heimweg -- der Abend nach solchem Fehlschuß. Wenn man gleich mit einem -Satz darüber hinweg auf den nächsten Tag und in das nächste Treiben -hinein springen könnte möcht's noch gehn, aber so überdenkt man die letzte -unglückliche Scene wieder und wieder, hört den ganzen Abend, die ganze -Nacht das Rudel über die Steine klappern, weiß jetzt ganz genau _wie_ man -es hätte machen sollen, und daß trotzdem _der_ Augenblick im ganzen Leben -nicht wiederkehrt, und ist mit einem Wort, in einer verzweifelten Stimmung. - -[Illustration] - - - - -13. - -Die Nebeljagd. - - -Kalt und trübe brach der nächste Morgen an, und dicker undurchdringlicher -Nebel lag im Thal, in dem er erst etwa um zehn Uhr Morgens ein wenig -in Bewegung kam. Nichts ist aber peinlicher, als in den Bergen durch -schlechtes Wetter einen Jagdtag zu verlieren, und wie sich deshalb auch -nur die Luft ein klein wenig günstiger gestaltete, und die Jäger ihr »Ich -meinet halt doch es sollt' schon etwas besser werden,« herausgegeben, wurde -der Aufbruch bestimmt. - -Unser Ziel lag an diesem Tag an dem oberen Theil des Engthals, das -vom Laritterthal, in dem wir uns befanden, nur durch einen sogenannten -»Hügelrücken« getrennt war, und leicht erreicht werden konnte. - -»Leicht erreicht werden,« ja. Der Paß lag allerdings dicht unter der -Carwendelwand, und bestand aus nicht sehr steilen Grashängen, was aber hier -zu Land ein _Hügel_ heißt, ist anderswo ein _Berg_ -- wie ja die Leute auch -ein stundenbreites Thal einen _Graben_ nennen. Wir mußten auch, immer noch -im dicken Nebel, wacker zusteigen den höchsten Kamm zu erreichen und waren -tüchtig warm dabei geworden. Oben wurden wir dann angestellt, und den -angeblichen Kessel vor uns -- denn sehen konnte man keine fünfzig Schritte -weit -- die Jäger abgeschickt ihn einzuriegeln. Standen Gemsen darin so -mußten sie Wind von den Treibern bekommen, in welchem Fall sie dann rascher -flüchtig werden, als wenn sie den Feind erkennen konnten. - -Der kalte Luftzug der aus dem Thal heraufstieg that mir im Anfang, nach dem -scharfen Steigen wohl -- von Erkältung weiß man ja hier überhaupt Nichts. --- Ich nahm also meinen Mantel aus dem Bergsack, hing ihn um, drückte mich -hinter einen einzelnen Stein von der Größe eines mäßigen Elephanten, -der allein zu meiner Bequemlichkeit dort von irgend einem Bergriesen -hingeschleudert schien, und erwartete geduldig den Beginn der Jagd -- d. h. -das Klappern der Steine, das die heranprellenden Gemsen verrathen würde. - -Es war ein wunderlicher Platz -- der Nebel lag voll und schwer auf dem -ganzen Thal, in das der Hügel, auf dessen Kamm ich saß niedersenkte. Der -Phantasie blieb dabei der weiteste Spielraum gelassen, sich dort hinein den -Horizont des Auges nach Gefallen auszudehnen. Wie ich deshalb so träumend -auf das ungewisse milchige Dämmerlicht hinausschaute, aus dem nur, von den -Wänden zurückgeworfen, das dumpfe Rauschen des Bergbachs herüber tönte, -kam es mir plötzlich vor, als ob ich am kahlen felsigen Strand des Meeres -sitze, das an dem Fuß desselben Hügels seine Wellen peitschte, und seiner -Brandung Donnern im dumpfen hohlen Brausen zu mir herübersandte. - -Lebhafter hab' ich wachend noch nie geträumt, und in der Erinnerung an -frühere ähnliche Scenen, konnt' ich mir jetzt schon gar keine Berge -dort hinein mehr denken. Das _mußte_ Meer sein. Wie das dumpf kochte und -rauschte, und wenn der Nebel sank und dort hinaus dem Auge Freiheit gab, -dann lag auch sicher die blaue See vor mir, und einzelne weiße Segel zogen -wie leuchtende Punkte darüber hin. - -Wenn es nur nicht so schmählig kalt gewesen wäre. - -Jetzt wurde der Nebel oben lichter; die Sonne brach sich mit einem -einzelnen Strahl wenigstens Bahn, und im Zenith erschien der blaue Himmel. -Endlich! Jetzt zog auch der Wind schärfer aus dem Thal herauf -- er schnitt -im wahren Sinn des Worts durch Mark und Bein -- und dort -- ich vergaß -Gemsen und Jagd über das Schauspiel das sich plötzlich, als ob ein -riesiger Vorhang mit einem Wurf zurückgeschleudert würde, vor meinem Blick -entfaltete. Mit Windesschnelle öffnete sich der Nebel und wich nach beiden -Seiten so zurück, daß er wie durch ein gigantisches Medaillon den Blick -hinausgestattete. Vor mir aber -- so dicht daß meiner Meinung nach -die Armbrust einen Bolzen hätte hinübertragen müssen stieg dunkel -und massenhaft, eine Riesenmauer, die Carwendelwand empor, und blaue -zerfließende Lichter schossen dabei, wie nach einem Brennpunkt, in der -Mitte dieses wunderbaren Bildes zusammen und schmolzen für jetzt noch die -einzelnen Theile ineinander. Allmählig löste sich aber auch dies -- das -Bild wurde rein und klar, und scharf gezeichnet lag plötzlich dort drüben, -wo ich die See geträumt und so hoch aufragend daß ich empor schauen mußte -ihre dunklen Ränder in dem sich wieder mit Nebel bedeckenden Himmel zu -suchen, die schroffe Wand, mit allen ihren einzelnen Spalten und Rissen -vor mir da. Während aber fast den vierten Theil der ganzen Höhe, die Reißen -einnahmen, die sich der Berg in's Thal hinabgeschüttelt, lag auf diesen -Reißen wieder, noch immer von dem jetzt lichter gewordenen blauen Schein -übergossen, ein breiter Streifen Schnee den dort der letzte Winter noch -gelassen. - -Wunderbarer Weise zog sich der Nebelrahmen jetzt mehr und mehr zusammen, -die schärfsten Lichter auf die Mitte werfend und dort -- auf dem Schnee -- -deutlich konnte ich es mit bloßem Auge erkennen -- regte sich ein dunkler -Gegenstand, und kroch langsam und gerade, dem Zug der Wand folgend, darüber -hin. - -Ich würde es für eine einzelne Gemse gehalten haben, wenn es mir nicht -so entsetzlich klein vorgekommen wäre -- aber was konnte es sonst sein --- vielleicht ein Fuchs? Ich nahm das Fernrohr rasch aus seinem Futteral, -richtete es und erkannte in dem kleinen Punkt -- einen Menschen -- einen -Jäger der dort an der scheinbar senkrechten Wand in solcher ungeheueren -Entfernung noch seine mühsame Bahn verfolgte. - -Als ob der Nebel sich aber nur geöffnet mir _das_ zu zeigen, flossen in -diesem Augenblick wieder breite glänzende Strahlen nach der Mitte zu -- das -Medaillon schloß sich, und dichter als vorher lagerte die weiße Nacht auf -Berg und Thal. - -Und was für ein kalter Zug _mit_ dem Nebel wieder von da unten herauf und -über den Hügel strich -- die Zähne fingen mir an zu klappern und in der -Aussicht jetzt, daß wir hier sitzen müßten bis der Jäger, den ich eben -erst als kleinen dunklen Punkt gesehn, seinen _Bogen_gang um den Kessel her -vollendet hätte, wickelte ich mich nur fester und verzweifelter in meinen -Mantel. - -Wie lange ich so gesessen weiß ich nicht; der Nebel wurde aber immer -dichter, und das einzige Vergnügen das ich mir unter der Zeit machen konnte -war, an eine recht gut geheizte Stube zu denken. Wie die Aufregung dieses -plötzlichen Phänomens, -- ich kann es kaum anders nennen -- vorüber war, -kam der Frost mit verdoppelter Schärfe wieder, und ich fror, wie nur ein -unglückseliges auf einem kalten Stein, in einem solchen Nebel und auf -solcher Höhe sitzendes Menschenkind frieren _kann_. - -Das Treiben nahm auch kein Ende -- der Nebelvorhang war wieder gefallen, -und auf's Neue träumte ich mich an der Seeküste -- irgendwo in der -unmittelbaren Nähe des Eismeers. Endlich -- Gott sei Dank das war ein -Geräusch -- endlich doch ein Wild zum Schuß, denn wenn es hier nur -_sichtbar_ wurde hätt' ich es auch mit einem Blasrohr treffen können. Ich -machte mich rasch fertig, konnte aber kaum den Hahn der Büchse spannen, -so steif war ich gefroren. Da kam's über das lockere Gestein herauf -- -mit Gewalt brachte ich den Kolben an den Backen -- schon sah ich, über den -Büchsenlauf hin, sich einen dunklen Schatten bewegen -- sobald sich das -als ein alter Bock auswies. -- Erschrocken setzte ich die Büchse ab und den -Hahn in Ruh -- der Schatten gehörte einem der Jäger und der Mann stieg in -Schweiß gebadet, den rauhen mühseligen Hang herauf. -- Ich konnte ihn nur -um seine Temperatur beneiden. - -Das Treiben war vorbei; die Schützen kamen, ohne daß ein einziger Schuß -gefallen wäre, auf dem Hügelrücken zusammen und wie froren sie. Wir sahen -alle blau und roth marmorirt im Gesicht aus, und wenigstens eine halbe -Stunde scharfen Marschirens war nöthig, mich nur einigermaßen wieder -biegsam zu machen. - -Heute blieb freilich nicht mehr viel zu thun. Nichts destoweniger wäre es -Schade gewesen den ganzen übrigen Tag ohne weiteren Versuch aufzugeben. - -Bei dem gestrigen Auszug hatten wir an einer der, dicht unter der -Carwendelwand liegenden Reißen zwei starke Böcke gesehen. Wenn die alten -Burschen jetzt noch dort oder in der Nähe standen, war es vielleicht -möglich ihnen mit Hülfe des Nebels anzukommen. Die Luft schlug abwärts, -und wenn die Schützen unten und seitwärts vorgestellt wurden, konnte sie -nachher ein einziger Treiber losgehn. - -Vorsichtig schlugen wir deshalb, von einem der Treiber geführt, einen -schmalen Vieh- und Gemspfad ein, der quer unter den Reißen, aber noch in -ihrem Bereich hinführte, und merkwürdig war in der That diese wilde Welt, -durch die wir jetzt hinschritten. In eine Wolke von Nebel gehüllt, blieb -nur die nächste Nähe sichtbar, und diese bestand einzig und allein aus -Steinen die von der Größe eines mäßigen Wohnhauses, bis hinunter zu der -eines Chausseesteines in toller Mischung durcheinander lagen. Kein Busch, -kein Grashalm war dabei zu sehn, nur Nebel und Felsgeröll und das Rücktheil -des vor Einem hinschreitenden Jägers. Und wie mußte das hier donnern und -schmettern wenn die Felsstücke von der mehre tausend Fuß hohen steilen Wand -unter der wir hinschritten, zu Thal stürzten. Und wenn nun gerade _jetzt_ -ein solcher Brocken sich losgebrochen und seinen Weg hierher gefunden -hätte? An ein Ausweichen wäre gar nicht zu denken gewesen, denn wie -Kanonenkugeln prellen solche Stücke, nur einmal in Schwung gebracht, -bergab. Störend war in der That der Gedanke, daß wahrscheinlich in diesem -selben Augenblick hunderte solcher Blöcke über uns, nur vielleicht noch -durch ein wenig Erdreich gehalten, hingen, und von der geringsten Ursache -losgestoßen werden konnten. Wenn die jetzt niederbrachen, über uns -- um -uns her -- -- - -Es ist ein unbehagliches Gefühl an solchen Stellen hinzugehn, an denen das -Leben eigentlich nur an einem nicht zu verhindernden Zufall hängt -- es hat -Aehnliches mit dem Spatzierengehen in den Straßen einer verpesteten Stadt, -wo man kaum zu athmen vermag. - -Alle Wetter -- da oben ging's schon los! -- - -Wie wir eben an einer Stelle vorüberschritten die solch unnöthiges -Baumaterial in außergewöhnlicher Masse geliefert zu haben schien, -polterte es plötzlich über uns in den Steinen, und einzelne kleine -Carwendelwandsplitter, von der Größe eines gewöhnlichen Kinderkopfes kamen -springend nieder. - -Das waren jedenfalls Gemsen -- deutlich konnten wir sie auch, vielleicht -nur wenige hundert Schritt von uns entfernt, davon klappern hören -- aber -zu sehn war weiter Nichts, als die unerbittliche weiße Decke, die uns -umhüllte. Rasch wurden jetzt die nöthigen Befehle ertheilt den Platz auf -dem die Gemsen plötzlich zu halten schienen, zu umstellen, und sie doch -vielleicht noch zum Schuß zu bekommen. Martin, dem der Boden schon lange -unter den Füßen brannte, sprang dann in seinem wolfsähnlichen langen Galop -zurück, den äußersten Vorposten so rasch als möglich zu besetzen, während -unser Jagdherr selber sich noch weiter vorpirschte, um später mit Rainer -die beschwerlichen Reißen hinan bis unter die Wand zu klettern. Waren die -Gemsen noch darin, so _mußten_ sie jetzt einem der Schützen kommen, denn -die steile vielleicht mehre tausend Fuß hohe Carwendelwand konnten selbst -diese Thiere nicht empor. Was nicht Flügel hatte kam da nicht hinüber. - -Der hohe Herr stand senkrecht über mir, und als der Windzug einmal auf -Momente die oberen Nebelschichten in Bewegung setzte, daß der düstere -Schatten der nahen Wand wie eine drohende Gewitterwolke über uns stand, -konnt' ich seine hohe dunkle Gestalt, nur eben wie fast in der Luft -schwebend, erkennen. Tiefer im Thal stand ein jüngerer Anverwandter -desselben, der schon einige Tage mit in den Bergen gejagt hatte, und neben -ihm, seinen schottischen Plaid über der Schulter und seinen breiträndigen -Hut auf, der ihm den Namen eines »falschen Spaniers« zugezogen, der -Zeichner dieser Skizzen. - -Ich hatte mich in einen Laatschenbusch gedrückt, und Platz genug zum -Schießen -- wenn eben nur etwas kam -- auch heute zwei Büchsen neben -mir, da die Erinnerung an das gestrige Rudel den Verdacht in mir hatte -aufsteigen lassen, daß mir heute etwas Aehnliches wiederfahren würde. Der -Mensch giebt sich manchmal solchen angenehmen Träumen hin. - -Ein paar Mal schwankte der Nebel, und es schien fast als ob er sich -zerstreuen wolle -- das wäre für die Jagd prächtig gewesen. Jedenfalls -hatte sich der Wind gedreht, und kam jetzt mehr von Norden als heut Morgen --- aber der Nebel wich und wankte nicht. Da fing es plötzlich über mir an -in den Steinen zu donnern und zu prasseln, daß ich glaubte, der ganze Berg -käme herunter. Piff -- paff, gingen dabei oben die Schüsse rechts und links --- _eine_ Kugel konnte ich auf die Steine aufschlagen hören -- und ein -ganzes Rudel mußte dort irgend wo aufgestanden und nach allen Richtungen -gleich hin flüchtig geworden sein. - -Wie als ob Jemand auf dünnem Eise geht, es plötzlich links und rechts um -sich knackern hört, und nun in Todesangst, die Augen rasch hinüber und -herüber wirft, von welcher Seite die Gefahr, der schlimmste Riß zuerst wohl -kommen könne, _so_ hing ich in der Laatsche. Nebel daß man keine dreißig -Schritt weit sehen konnte, und jetzt rings um das tolle Poltern, ja sogar -soweit das Auge nach rechts und links schauen konnte, niederspringende -Steine -- es war ein Augenblick der peinlichsten Spannung und Erwartung, -einer der wenigen Momente im Leben, in denen man auf jeder Schulter und -besonders auf dem Rücken noch ein Gesicht mit ein paar Augen haben möchte, -und sich fast den Kopf in den vollkommen nutzlosen Versuchen abdreht, -überall hin, zu gleicher Zeit zu schauen. - -Schüsse jetzt nach allen Richtungen -- Schreckschüsse wie sich später -auswies, die Gemsen die oben durchbrechen wollten zurückzubringen und -springende Steine von allen Seiten her. -- Wie Rettung aus dieser Noth, -brachen da plötzlich drei dunkle Schatten quer vor mir hinüber. Wenn ich -aber auch ziemlich deutlich sah daß es Gemsen waren durfte ich doch nach -_der_ Richtung hin nicht schießen, da leicht schon ein Treiber hier herüber -gekommen sein konnte, und die Kugeln auf den eckigen Steinen oft nach -ganz verkehrten Richtungen abprallen. Ehe ich aber auch nur hätte anlegen -können, waren sie von einer Schlucht oder vom Nebel verschlungen, und ich -hörte nur noch, wie sie bergab und der Richtung zusprangen, in der Prinz C. -stand. - -_Paff!_ knallte ein Schuß, kurz und trocken von dort herüber, und es fiel -mir jetzt auf, was ich schon bei den früheren Schüssen bemerkt hatte, wie -wenig Schall sie nämlich in solchem Nebel haben. Bei klarem Wetter hätte -die rauhe mächtige Wand das Echo sicherlich mit donnerndem Getös hinab in's -Thal geworfen. - -Aber ich brauchte meine fünf Sinne jetzt zu etwas Anderem, als -naturhistorischen Studien. Links von mir hatte ich einen, nur mit -Alpenrosenbüschen bewachsenen Hügelhang, den ich eben, als der Nebel vom -Wind darüber hingejagt wurde, erkennen konnte. Dorthin hörte ich auch -Getrappel und entdeckte gleich nach dem Schuß ziemlich deutlich die dunklen -Gestalten zweier Gemsen -- so groß dem Anschein nach wie Kälber --, die am -Hügelhang flüchtig aufwärts gingen. Das mußten jedenfalls Böcke sein, und -das war die letzte Gelegenheit für mich. Wenn sie mir auch in den dichten -Nebelschichten ein paar Mal unter den Augen weg verschwanden, schickte ich -ihnen doch, sobald sie wieder sichtbar wurden, rasch hintereinander drei -Kugeln nach. - -Nach jedem Schuß -- und das Einschlagen der Kugeln mußten sie an dem -steilen Hang hören -- blieben sie allerdings einen Moment wie erstaunt -stehn, setzten aber auch dann eben so ungenirt ihre Flucht fort, bis mir -Hügelhang und Gemsen und Nebel vor den Augen zu einer grauen unbestimmten -Masse zusammenschmolz. - -Bei der Nachsuche später fanden wir übrigens keinen Tropfen Schweiß, und -ein älterer erfahrener Schütze der mit unten gestanden und das Wild weit -näher gehabt als ich, aber nicht geschossen hatte, weil er behauptete es -sei eine Geis und Kitz gewesen, versicherte: die alte Geis wäre nach jedem -Schuß stehen geblieben, hätte sich nach dem Kleinen umgesehn und zu ihm -gesagt, »komm nur mit, mein Kindchen, du hast _gar_ Nichts zu fürchten.« - -[Illustration] - -Unser Jagdherr hatte in dem nichtswürdigen Nebel ebenfalls vorbeigeschossen -oder doch eine Gemse nur gestreift; die Nachsuche am nächsten Tag ergab -trotz hie und da gefundenem Schweiß kein Resultat. - -Glücklicher dagegen war mein junger Nachbar gewesen, und als wir hinunter -kamen, fanden wir Michel emsig damit beschäftigt einen prachtvollen -Bock, der in voller Flucht den Berg hinunter gekommen und im Feuer -zusammengebrochen war, zu zerwirken. - -Merkwürdig ist, wie sehr man sich bei solchem Nebel in den Formen und -Umrissen, besonders flüchtig gehenden Wildes täuscht, während die stete -Aufregung, Gemsen überall, vielleicht in Schußnähe, um sich zu wissen und -zu hören, und doch Nichts sehn zu können, dem Schützen auch die letzte Ruhe -nimmt. Ich wenigstens, obgleich sonst auf der Jagd gar nicht so übermäßig -hitzig, befand mich bei diesem Nebeltreiben in einer ganz unbeschreiblichen -Aufregung -- ein Anderer soll ruhig dabei bleiben. - -Während wir wohl noch eine halbe Stunde mit der vergeblichen Nachsuche -verloren, war es fast dunkel geworden. Ein frischer Wind der sich zugleich -erhob trieb jetzt die oberen Nebelschichten vor sich her, und als wir dicht -unter der senkrecht niederfallenden Carwendelwand hingingen, zeigte sich -über uns der blaue reine Himmel, an dem einzelne lichte, von der Sonne -erhellte Wolken rasch nach Süden zu vorüber zogen. Zu gleicher Zeit -wurde die ganze dunkle zackige Wand sichtbar, und wir Alle blieben fast -erschreckt vor dem Anblick stehn, der sich hier uns bot. - -Die Wolken zogen von uns weg, über die Wand hinüber, und wie es bei -halbklarem Himmel, wenn der Mond oben steht, gerade so aussieht, als -ob jene ihren Platz behaupteten, und nur der Mond in wilder Flucht -hindurchjage, so war es jetzt in wirklich Herz beklemmender Täuschung, als -ob die ganze furchtbare düstere Steinmasse, die ihre scharfen Zacken in die -klare Luft hineinreckte, langsam nach uns herüber schwankte, und Alle im -nächsten Augenblick mit ihrer riesigen Wucht zerschmettern müßte. - -Ich wußte, es war nur Augentäuschung, und doch mußte ich den Kopf -wegwenden. Wie schön der Anblick war, so über alle Maßen furchtbar und -bewältigend war er auch. - -Wieder schloß sich da der Nebel, und des zurückkehrenden Martin Bericht -brachte uns bald auf andere Gedanken. - -Als er nämlich, wie er erzählte, vorher war abgeschickt worden dem -Rudel, das wir poltern gehört, den Weg abzuschneiden, glückte ihm dies -so vollkommen, daß er, vom Wind und ihrem eigenen Steingerassel dabei -begünstigt, dicht an sie hinankam. Im ersten unbedachten Schreck flohen sie -auch, wie sie den Menschen gewahr wurden, soweit es ihnen der starre Fels -erlaubte, grad' an der Wand hinauf. Dorten aber kamen sie bald zu einem -gezwungenen Halt, während ihnen der jetzt aufspringende Martin den Rückweg -abschnitt oder doch wenigstens verstellte. Ein paar Minuten blieben sie so --- und das muß wundervoll ausgesehen haben -- an der steilen Felswand, eine -hinter der anderen kleben, bis der Jäger endlich, um sie dort herunter zu -bringen, einen Schreckschuß abfeuerte. Aber jetzt kamen sie, und zwar -so rasch daß Martin versicherte: »Jetzt mußt' ich aber gemach daß -ich fortkam,« denn kollernde und springende Steine und Gemsen, Alles -durcheinander, brachen und prasselten plötzlich zusammen und hintereinander -her den schroffen Hang nieder. Im Nu waren sie aber auch im Nebel -verschwunden und nur ihr Geklapper auf den lockeren Reißen verrieth die -Richtung die sie genommen. - -[Illustration: =Die Nebeljagd.=] - -[Illustration: =In der Flucht.=] - - - - -14. - -Die Nachsuche. - - -Es giebt in unseren Naturgeschichten einige althergebrachte Anekdoten von -Menschen und Thieren die einmal »gang und gäbe« sind und die Einer -dem Anderen so unbefangen nacherzählt, als ob es sich nur um allgemein -anerkannte Thatsachen handelte. So versteht es sich von selbst daß der Löwe -ein höchst großmüthiges uneigennütziges Thier sei, der Rinaldo Rinaldini -unter den Bestien, der eine bestimmte Aversion gegen den Blick des -Menschen habe, und demselben unter keinen Umständen begegnen könne. Bei -der Klapperschlange heißt es, daß sie mit ihrem Blick allein Vögel -anlocke, banne und -- verschlinge. Ein Gemsjäger ferner ist, für die Jugend -wenigstens, untrennbar von dem Bilde eines Menschen der, mit einem sehr -spitzen Hut, auf einer sehr steilen Eiszinke steht und sich die Fußsohle -aufschneidet. Ich selber kann mich auch noch recht gut aus meiner -Jugendzeit erinnern, daß ich das Fußaufschneiden als vollkommen identisch -mit der Gemsjagd hielt, und so natürlich und einleuchtend, wie das Anziehen -von Ueberschuhen bei schmutzigem Wetter fand. Wie hätten sie anders an -_solchen_ Eiszacken herumklettern wollen. Kommt man dann aber später in -das wirkliche Leben und auf den Schauplatz solcher außerordentlichen -Ankündigungen hinaus, so findet man nicht allein bei diesen, sondern -auch bei noch vielen anderen, mit großer Entschiedenheit aufgestellten -Behauptungen, daß sich irgend ein biederer Gelehrter daheim im warmen -Studirzimmer bei einer Pfeife Tabak und mit Hülfe einer unbestimmten Anzahl -von Folianten derlei Schlüsse excerpirt und combinirt, und mit großem -Selbstvertrauen in die Welt hinausgestreut hat. Natürlich glaubt er das am -Ende selber was er geschrieben, und darf das Nämliche nun auch von Anderen -verlangen. - -Wenn die Klapperschlangen aber nur davon leben sollten was sie mit den -Augen fangen, würde es bald keine mehr geben, und wenn sich der Gemsenjäger -dadurch _forthelfen_ sollte daß er sich des einzigen Mittels dazu durch -einen Riß in die Sohlen _beraubte_ -- seiner gesunden Füße -- so hätten die -Gemsen wahrlich gute Zeit. - -Nichtsdestoweniger ist das Steigen in den Bergen doch eine keineswegs so -leichte Sache, und wenn der noch nicht recht darin Geübte auch gerade -nicht an solche Stellen hinzugehen braucht, die selbst den alten Steigern -»schiech« vorkommen, findet er doch Gelegenheit genug zu versuchen ob er -schwindlig ist und einen festen Schritt hat. - -Die Jagd selber bietet dabei noch nicht das Schlimmste, denn dort kann sich -der Schütze und selbst der Treiber doch immer noch den gangbar scheinenden -Weg aussuchen und die schlimmsten Stellen vermeiden. Auf der _Nachsuche_ -dagegen, um ein angeschossenes Gemsthier, führt dieses selber den Jäger, -der ihm auf dem Schweiß folgen _muß_, und daß sich die kranke Gems nicht -die bequemsten Wechsel aussucht läßt sich denken. Die Nachsuche ist -jedenfalls der wildeste und gefährlichste Theil der ganzen Gemsenjagd, und -eine recht hübsche Probe habe ich wenigstens davon bekommen. Am Heimjoch -hatte ich eine Gemse, die flüchtig auf dem Pirschgang vor mir in die -Laatschen sprang, angeschossen, und Rainer war ihr schon an dem Abend -soweit auf dem Schweiß gefolgt, bis er eben nicht weiter nach konnte. Die -Nacht regnete es was vom Himmel herunter wollte, und um das angeschossene -Wild nicht zu verlieren, ging ich am nächsten Morgen mit ihm, Wastel und -zwei Hunden aus, dort wo er gestern die Spur verlassen, heute »verloren« -nachzusuchen. - -Da dem Platz, wie Rainer versicherte, von oben nicht gut beizukommen war, -versuchten wir es von unten, die Klamm aufwärts, und mit Steigeisen an -den Füßen, jetzt an steilen Klüften hinauf, wo wir den Hunden nachhelfen -mußten, jetzt durch die nassen Laatschen kriechend, über glattes Gestein -und bröckelige Reißen, an Abgründen und Felsspalten hin, erreichten wir -endlich die Stelle wo der Jäger vermuthete, daß sie sich eingestellt -haben möchte. Wastel war ein Stück zurück geblieben, in ein paar andere -Felsspalten hinein zu schauen, ob sie dort nicht vielleicht verendet läge, -als plötzlich die Hunde dicht vor mir laut wurden. Und sie hatten Ursach -dazu, denn aus den Laatschen heraus, durch die steile Schlucht vor, an -deren Wänden wir hingen sprang plötzlich die angeschossene Gems, machte -ein paar Sätze und stellte sich dann kaum zehn Schritt von mir entfernt auf -eine kleine spitze Felskuppe. - -Jetzt kam ein Moment den der Amerikaner sehr treffend mit dem Sprichwort -bezeichnet »den Teufel zu bezahlen und kein Pech heiß.« Das Schloß der -Büchse hatte ich, die Nässe davon abzuhalten, mit dem Taschentuch umwunden, -und an einer Stelle wo ich mich nicht einmal umdrehen konnte, während ich -mit dem linken Arm um einen Laatschenzweig hing, war ich nicht im Stande -den verwünschten Knoten der nassen Seide aufzubekommen. Lang' hielt sich -die Gemse aber auch nicht auf, die Hunde waren ihr zu dicht auf den Fersen, -und nur einen halberstaunten, halberschrockenen Blick auf uns werfend -sprang sie, von den Hunden verfolgt und augenscheinlich krank den Hang -hinunter. Bergmann besonders, der kleine Teckel, warf sich mit wahrer -Todesverachtung, und ganz auch seine kurzen krummen Beinchen vergessend, -hinter drein. Ein Stück Wegs sah ich ihn auch wirklich auf dem Rücken, die -Beinchen in der Luft, hinabrutschen; aber er kam richtig wieder auf die -Füße, und es dauerte gar nicht lange so hatten sie unten die kranke Gemse -gestellt, die der herbeigeeilte Wastel todt schoß. - -Rainer hatte seine innige Freude daß die angeschossene Gems gefunden worden --- die Leute setzen einen Stolz darein Alles wobei sie betheiligt sind mit -Erfolg gekrönt zu sehn. - -»Ich wußte daß wir ihn heut' bekommen würden,« rief er, als der Schuß von -unten herauf, und das plötzliche Schweigen der Hunde den Tod der Beute -kündete -- »wie ich nur den Schweiß gestern observirte wußt' ich es. Was -aber der Bursch noch springen konnte. Er setzte mit wahrer Tolleranz die -Wand hinunter.« - -Außerdem entwickelte er bei dieser Gelegenheit auch noch eine, auf -praktische Erfahrung gegründete Theorie der Bergschuh, insofern sie auf -Lannen und Felsen verschiedene Eigenschaften besitzen müssen. Er hielt -nämlich _die_ Schuh für gefährlich, die außer den Randnägeln auch noch -eiserne Nägel in der Mitte hätten. »Auf den steilen Lannen und Grasboden,« -sagte er dabei, »schadet das Nichts, da ist Eisen die Hauptsache, aber wenn -man auf Steine kommt, dann ist es auch nöthig daß man Leder unter dem Schuh -zu fühlen bekommt. Das Eisen rutscht auf den Steinen eher ab, aber das -Leder ist mehr »elektrisch« -- das hält!« - - * * * * * - -Die Jagd! Die frohe herrliche Jagd! oh wie viel könnt' ich dem Leser noch -davon erzählen, müßt' ich nicht fürchten ihn zuletzt zu ermüden. Es ist ein -Unterschied das mit durchzuleben, oder es nur erzählen zu hören, obgleich -der, der selber Jäger ist, sich wohl leicht und gern in das herrliche Leben -solcher Berglust mit hineindenkt, und selbst der Laie für kurze Zeit -Theil daran nimmt. Lieber Gott, die Poesie liegt uns, in der altbackenen -Wirklichkeit unseres Daseins, meist so fern, daß man eigentlich froh sein -sollte noch einen Platz in gar nicht so weiter Ferne zu wissen, in dem sie -in all ihren Reizen prangt und thront. Wenige Herzen sind es ja außerdem, -die den Sinn, die das Gemüth und den freien männlichen Muth haben sie dort -festzuhalten. - -Wie eine Schnur kostbarer Perlen reiht sich da ein Tag an den anderen, -keiner dem vorigen ähnlich, alle wieder neue Abenteuer, neue Scenen, -neue Erfahrungen bringend, und alle gleich werthvoll, gleich schön in der -Erinnerung. Heute ein Treiben in wild zerrissener und zerklüfteter Klamm, -während der Sturm durch die Berge heult, und wie Kanonendonner durch die -Schluchten saust, die Laatschen wie ein grünes Meer durchwogt und schwere -Steine von den Wänden reißt -- Morgen ein stiller Pirschgang in früher -Morgenstunde über die Joche hin und durch die Gräben nieder, und gerad' -Beschwerden und Gefahr genug dem wahren Manne das Herz mit Lust und Wonne -bis zum Rand zu füllen. - -[Illustration] - -Auch daß die Jagd nicht alle Tage glückt, verleiht ihr einen weit höheren -Reiz, als wenn man eben nur hinauszugehen brauchte das Wild todt zu -schießen. Es _ist_ wirkliche Jagd, und hat deshalb auch gar keine -Aehnlichkeit mit den Hasenschlächtereien des flachen Landes. Was man -erlegt, hat man sich wahrlich sauer und schwer genug verdient. Wenn man -dann auch drei oder vier Tage umsonst die schwersten Touren gemacht, bringt -der Erfolg des fünften hundertfachen Lohn. - -So verfliegt der Tag draußen in den Bergen, daß man oft gar nicht weiß wo -er hingekommen, und der Abend am lodernden Kamin vergeht nicht schneller -fast. Müde wird der Körper ja überhaupt nicht in dieser reinen Luft, -selbst nach Anstrengungen, die im flachen Land den stärksten Mann zum Tod -erschöpfen würden. Die Zeit dann zwischen Jagd und Jagd ist deshalb nicht -Erholung, sondern wieder nur ein Vergnügen anderer Art. Man hat eben nicht -zu jagen aufgehört weil man müde -- sondern einfach weil es dunkel wurde, -und beginnt frisch, wie am vorigen Morgen, sobald die Sonne sich im Osten -zeigt -- bis der Schnee kommt. - - * * * * * - -Der Schnee ist des Gemsjägers Feind, und so erfreulich ein Neues im flachen -Lande sein mag, Wild zu bestätigen, und den Wald nach Raubzeug abzuspüren, -so derb und mächtig tritt er dort in den Bergen gewöhnlich auf, wenn er -erst einmal beginnt. - -Oft geschieht es allerdings, daß es oben auf den Jochen in der Nacht einen -Fuß Schnee herunterwirft, und um Mittag herum die Sonne, von dem warmen -Boden begünstigt, auch das Letzte an der Südseite der Hänge wieder -aufgesogen hat. Er liegt dann auch weit lockerer dort wie im flachen Land. -Das geht aber ein- oder zweimal so -- nachher wird's Ernst, und hat er sich -erst einmal ordentlich da festgesetzt, dann ist's auch in den Alpen mit der -Jagd vorbei, -- wenigstens mit der Treibjagd. Ja selbst der Pirschende wäre -gezwungen alle gefährlichen und selbst nur steilen Plätze zu vermeiden, und -hätte sich noch außerdem vor Lawinen und Schneestürzen arg zu wahren. - -Die Gemsen sollen sich bei heftig eintretendem Schneewetter in den Wald -hinunterziehn. Sobald es aber aufgehört hat zu schneien, gehen sie wieder -auf die Höhen, und wo die Lawine den Schnee in's Thal hinunter reißt, -öffnen sich für sie nicht allein vollkommen sichere, sondern auch -treffliche, von der hemmenden Decke freie Aesungsplätze. - -Daß Gemsen von Lawinen erfaßt und begraben werden geschieht außerordentlich -selten. Die klugen Thiere kennen schon die gefährlichen Plätze wie die -gefährlichen Zeiten, und meiden sie sorgfältig. Weit eher wird ein Stück -Wild von diesen »Schrecken der Berge« überrascht, wie denn auch das Roth- -und besonders das Rehwild, weit eher dem schweren Schnee erliegt. - -[Illustration: =Das Niedersteigen.=] - - - - -15. - -Schluß. - - -Und muß es denn geschieden sein? -- Die Hörner und Joche sind bis zum Fuß -hinab in ihre weißen, wallenden, grün beränderten Mäntel gehüllt; der Frost -hat diese Decke mit einem glänzenden, spiegelglatten Panzer umzogen, und -wäre es jetzt selbst möglich in den Bergen fortzukommen, die Gemsen hörten -doch schon halbe Stunden weit den lauten Schritt. -- Und wie so furchtbar -wild und öde jene weiten Klüfte jetzt aussehn, nun der Winter sie mit -tiefem Schnee gefüllt, und Felsenspalten und Bergesschlucht mit seinem -Athem glatt geebnet hat. Wie bläulich die Schatten sich darüber legen, und -der Sturm den weißen Staub hochwirbelnd in die Lüfte führt. Die Laatschen -biegen unter der gewaltigen Last, und sind schon lange zu festen -untrennbaren Massen zusammen gegossen worden. Nur die obersten Joche hat -die Windsbraut sich rein gefegt zum tollen heulenden Tanz, wirbelt da oben -den Schnee lustig im Kreise herum, und jauchzt ihr wildes Jubelgeschrei in -die Schluchten nieder, daß es wie gäher Donner durch die Thäler braust. - -Zitternd und scheu sucht in solcher Zeit das arme Wild den Schutz der -bergenden Waldung, und die breitarmige Tanne, die ihre Zweige wie ein Dach -zur Erde niedersenkt, hat immer noch ein Plätzchen für ihre Lieblinge. -An Nahrung kann sie ihnen freilich Nichts weiter bieten, als was sie -sich selber gegen den Schnee geschützt gehalten, und was vielleicht der -Nachbarbaum noch birgt. Ob nun das Wild den Sommer durch absichtlich das -Gras unter diesen Bäumen schont, im Winter Nahrung dort zu finden, oder ob -es ihm, wo überall genug der süßen Aesung steht, zu unbequem ist unter -die niederhängenden Zweige zu kriechen, aber diese unter den Bäumen -freigehaltenen Stellen sind dem Wild in jenen Bergen der größte Schutz -gegen Sturm und Hunger, und nur, wenn der Schnee zu furchtbar arg wird, -wie im vorletzten Jahr, und die armen Geschöpfe vielleicht gar an solchen -Stellen einschneien und sich nicht wieder vorarbeiten können, dann freilich -gehn sie ein, und Füchse und Raubvögel haben reiche Atzung. - -[Illustration] - -Sobald aber die Schneedecke friert und hart wird, ist die flüchtige Gemse -wieder auf den Füßen, und dann geht es mit frohen Sprüngen in die Berge -hinauf, dort süßere Aesung zu suchen als der Wald ihr bieten konnte. An den -schroffen Wänden giebt es auch überall Schneestürze, die hie und da einen -Grasfleck freigeschoben haben, bis die Lawine mit vollen Händen den grün -und reich besetzten Tisch für sie deckt. In der Zeit haben sie auch nicht -mehr des Jägers Rohr zu fürchten. Wenn sie nur die Augen gut nach oben -Wacht halten lassen -- nach unten sind sie sicher. - - * * * * * - -Vor dem Schloß stehn die Jäger, dem scheidenden Herrn noch ein Lebewohl -zuzurufen. Sie sind meist Alle in ihrer Sonntagstracht und sehen ernst, -ja fast traurig aus, unterhalten sich auch nur leise miteinander. Die -fröhliche Jagd ist vorbei, der lange schwere Winter liegt vor ihnen, und -sie haben Nichts, das sie heiter stimmen, oder ihnen Anlaß zu den sonst -häufigen Scherzen und Neckereien geben könnte. - -Auch Bandey, der Fischer und Vogelsteller steht dazwischen, mit noch ganz -besonderer Ursache unzufrieden zu sein. Armer Bandey, Du paßtest vergebens -auf einen Deiner Kameraden, den Du für den Fischdieb hieltest, und während -Du mit Zorn und Rache in dem sonst so gutmüthigen Herzen auf einen spitzen -Hut und ein paar Lederhosen zur Zielscheibe wartetest, stahl Dir eine -Fischotter, fast unter dem Lauf der alten Schrotflinte weg, die mühsam -gefangenen und so treu bewachten Forellen. - -Selbst Jackel fehlt nicht mit dem rothen, gutmüthigen aber immer etwas -verdutzt dreinschauenden Gesicht. Er sieht heute aber nicht reinlicher aus -als gewöhnlich. Da tritt der Kammerdiener zu ihm, und reicht ihm freundlich -die Hand zum Abschied. - -»Nun Jackel, halte Dich gut bis zum nächsten Jahr.« - -»Danke schön; gleichfalls -- kommen Sie hübsch gesund wieder her,« nickt -Jackel gutmüthig, und schüttelt die gebotene Rechte aus Leibeskräften. - -»Aber Jackel,« sagt da der Kammerdiener, indem er seinen prüfenden Blick -an der vierschrötigen Gestalt auf und nieder gleiten läßt, mit freundlich -verweisender Stimme, »wie siehst Du wieder aus. Reine Wäsche hätt'st Du Dir -doch wenigstens heute anziehen können. Was sollen denn die Herren von Dir -denken?« - -»Ach Herr Kammerdiener,« sagt Jackel gutmüthig lächelnd, aber doch ein -wenig dabei erröthend, -- »die sind's halt schon an mir gewöhnt.« - -Die Wagen fahren vor -- die Jagdgesellschaft tritt in den kleinen Vorhof -hinaus, und Jeder springt auf seinen Sitz. -- Noch einen freundlich -grüßenden Blick wirft der scheidende Herr über die Gestalten der Jäger, die -ihm mit rasch heruntergezogenen Hüten den herzlichen Abschiedsgruß -zurufen, einen anderen, fast mit einem leichten Seufzer nach den schneeigen -Bergriesen hinauf, von denen er jetzt wieder auf ein volles Jahr Abschied -nimmt -- und wie im Flug rollen die leichten Wagen die schmale aber glatte -Straße entlang, dem flachen Lande zu. - - - Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription -werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift= -hervorgehoben. - -Der Halbtitel wurde entfernt. - -Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende an den Buchanfang verschoben. - -Die 12 ganzseitigen Lithographien (nicht: "Das Jagdschloss.") sind im -Original mit dem Hinweis "Lith. Inst. v. L. Sachse & Cº Berlin." versehen, -der in der Transkription entfernt wurde. Die ganzseitigen Illustrationen -wurden an das jeweilige Kapitelende verschoben. - -Zwei textumgreifende Illustrationen auf den Seiten 61 und 68 werden in der -Transkription beschnitten dargestellt. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - im Inhaltsverzeichnis: - "Seite 121" geändert in "Seite 120" - "Seite 128" geändert in "Seite 127" - "Seite 138" geändert in "Seite 137" - "Seite 149" geändert in "Seite 148" - - Seite 3: - "," hinter "Heerden" entfernt - (ihre Heerden vor Lawinensturz und Wintersturm in Sicherheit) - - Seite 10: - "-" eingefügt - (erst durch prächtige Buchen- und Ahornwälder) - - Seite 15: - "Jäger-rath" geändert in "Jägerrath" - (Der Jägerrath, der Bericht der Leute) - - Seite 17: - "«" eingefügt - (weil sie in den Dickichten drin stecken.«) - - Seite 18: - "." eingefügt - (vorgestern mit dem großen Ragg drüben gewesen.) - - Seite 21: - "." eingefügt - (mit unbeschreiblichem Entzücken. -- Was ist Nachtigallenschlag) - - Seite 61: - "." eingefügt - (oben ein Stein. -- Etwa hundert Schritt höher) - - Seite 69: - "»" eingefügt - (»ich hab' genug an dem Schuß.«) - - Seite 69: - "»" vor "Der" entfernt - (Der Wastel erwiederte Nichts) - - Seite 87: - "aufloderte" geändert in "aufloderten" - (schwarz gebrannten, und wie glasirten Balken aufloderten.) - - Seite 97: - "«" eingefügt - (es war gerade schrecklich tief wo sie fiel.«) - - Seite 97: - "«" eingefügt - (hat er im Nasentüchel nach Haus getragen.«) - - Seite 100: - "»" eingefügt - (»er mußte drei Stunden gehn) - - Seite 115: - "Schnebahn" geändert in "Schneebahn" - (als ob eine Maus auf der Schneebahn hinliefe) - - Seite 131: - "," eingefügt - (die beiden westlichsten die höchsten, die östlichste) - - Seite 134: - "," eingefügt - (flogen sie auf mich zu, kreisten mir) - - Seite 137: - "ihn" geändert in "ihr" - (und die Jäger ihr »Ich meinet halt) - - Seite 139: - "konte" geändert in "konnte" - (deutlich konnte ich es mit bloßem Auge erkennen) - - Seite 140: - "." eingefügt - (sich das als ein alter Bock auswies.) - - Seite 143/144: - "," eingefügt - (Schreckschüsse wie sich später auswies, die Gemsen die oben) - - Seite 150: - "gelieben" geändert in "geblieben" - (Wastel war ein Stück zurück geblieben) - - Seite 151: - "»" vor "das" entfernt - (-- das hält!«) - - Seite 157: - "Banday" geändert in "Bandey" - (Armer Bandey, Du paßtest vergebens)] - - - - - - - -End of Project Gutenberg's Eine Gemsjagd in Tyrol, by Friedrich Gerstäcker - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE GEMSJAGD IN TYROL *** - -***** This file should be named 50252-8.txt or 50252-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/2/5/50252/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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