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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Das Geschlechtsleben in der Deutschen Vergangenheit - -Author: Max Bauer - -Release Date: October 18, 2015 [EBook #50248] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GESCHLECHTSLEBEN IN DER *** - - - - -Produced by poor poet and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - - - - - - - - -Anmerkungen zur Transkription: Kursivschrift wurde markiert mit "_", -gesperrte mit "#". Fettdruck wurde markiert mit "+". Doppelte -Unterstreichungen wurden mit "~" dargestellt. Hochgestellte Zeichen -(superscripts) wurden mit "^" gekennzeichnet. - -Ein Verzeichnis der vorgenommenen Änderungen befindet sich am Ende -des Textes. - - - - - DAS - - GESCHLECHTSLEBEN - - IN DER - - DEUTSCHEN - VERGANGENHEIT - - VON - - MAX BAUER - - LEIPZIG 1902 - HERMANN SEEMANN NACHFOLGER - - Alle Rechte vom Verleger vorbehalten! - - - - -Zum Geleit. - - -Einen kurzen, nur die behandelten Themen erschöpfenden Abriss des -Geschlechtslebens der deutschen Vorzeit zu geben, ist der Zweck der -vorliegenden Arbeit, die kein Lehrbuch, sondern hauptsächlich eine auf -wissenschaftlicher Grundlage fussende Abhandlung über eine Materie -sein will, der alle für jung und alt geschriebenen Kulturgeschichten -ängstlich aus dem Wege gehen. - -Für den ernsten Laien ist mein Werkchen bestimmt, für den gebildeten -Mann und die reife, denkende Frau, denen es »ein herrliches Ergötzen, -sich in den Geist der Zeiten zu versetzen«, auch dann, wenn dieser -Geist düstere Bilder zeitigt, auf die unsere vielgeschmähte Gegenwart -mit Schaudern zurückblickt. - -Manch kerniges Wort ist in den nachfolgenden Blättern gesprochen, doch -nur, wenn es der Stoff erforderte. Gar mancher wird sich darob -entsetzen und entrüsten, aber: »Niemand lügt so viel, als der -Entrüstete,« sagt Friedrich Nietzsche -- und ich glaube, er hat recht! - -#Friedenau#, September 1902. - -+Max Bauer.+ - - - - -INHALT. - - - Seite - - Das frühe Mittelalter 1 - - Das Leben auf dem Dorfe 51 - - Die Klöster 74 - - Beilager und Ehe 89 - - Die feile Liebe 133 - - Das Badewesen 215 - - Tanz und Spiel 265 - - Das Schönheitsideal 304 - - Die Kleidung 318 - - Liebeszauber und Zauberliebe 339 - - - - -Das frühe Mittelalter. - - -An einer dem Urwalde abgerungenen Stelle, die ein Bächlein -durchrieselt, dessen Ufer Blumen schmücken und Weiden beschirmen, -liegt das Gehöft des Germanen. Wiesen mit vereinzelten Bäumen und -Felder von bescheidener Ausdehnung, bestellt mit der Brotfrucht oder -Gerste, um den Trank des Hausherrn daraus zu brauen, oder dem -gelbblühenden Hanf, aus dessen Fäden die Hausfrau manch Gewand zu -wirken weiss, umschliessen die Baulichkeiten bis an die Grenze des -Waldes hin, dessen breitästige Riesen ihre Schatten auf die wogenden -Halme werfen. Waldesnähe war Notwendigkeit für den Urdeutschen, denn -der gewaltige Wald war geradezu Lebensbedingung für ihn. Aus seinen -Stämmen zimmerte er das kunstlose, schirmende Dach; seine harzreichen -Äste und das Reisig gaben der fensterlosen Halle Licht und Wärme im -rauhen Herbste; die aus Waldesstämmen geschnittenen Pallisaden und der -aus biegsamen Zweigen geflochtene Zaun hielten das Raubzeug von dem -Einbruch in des Herrn Herden ab, wenn Schnee und Eis die Erde deckte -und der Hunger die Tiere den menschlichen Behausungen zutrieb. Die aus -seinen Scheiten genährten Essen verflüssigten das Erz, aus dem der -Germane die Schutz- und Trutzwaffen schmiedete, wie die Werkzeuge für -das Feld: Sichel und Sense. Im Waldesdickicht barg sich das Wild: -Hirsch, Reh, Elen, Ur, das Schwarzwild, Meister Petz und anderes -Getier, dessen Jagd des Mannes Herzensfreude war, und das ihn und die -Seinen mit Fleisch und wärmendem Rauchwerk zur Kleidung versorgte. Aus -Waldesdüster stieg vom Opfersteine der Rauch gen Walhalla auf; an -entlegenen, schwer zugänglichen Stellen hauste einsam die Seherin, -»die weit und breit für ein göttliches Wesen galt«[1], durch dessen -Mund die Götter in seltsam gefügter Rede sprachen, ihren Willen -kundgaben, lobten oder tadelten, verhiessen oder verdammten, die -Prophetin, verehrter als der Oberpriester, als der erkorene Herr und -Führer in Frieden und Kampf, sie #das heilige Weib#! - -[1] Tacitus, Germania, § 8. - -Denn »der Germane schreibt dem Weibe eine gewisse Heiligkeit und -prophetische Gabe zu«[2]. Darum war ihm auch heilig die Frau, die er -an seinen Herd genommen, heilig das Weib des Nachbarn und unantastbar, -wie die eigenen Töchter. Nur den Feind traf er tödlich damit, dass er -nach erfochtenem Sieg dessen Weiber seinen Lüsten opferte. »Die -frouwen sie nôtzogeten, Und die megde wol getan« heisst es noch -Jahrhunderte später von den Weibern einer erstürmten Stadt. Aber auch -das Gegenteil lässt sich bezeugen. Als König Rudolf 925 die Stadt Auga -(Eu) erstürmte, in die sich die Normannen unter Rallo geworfen hatten, -wurden alle Männer niedergemacht, die Frauen aber unberührt gelassen. -Gleiche Schonung hatte früher Totila den Neapolitanerinnen und -Römerinnen bewiesen, und als ein vornehmer Gote sich eine -Ungebührlichkeit gegen ein neapolitanisches Mädchen erlaubt hatte, -liess er ihn trotz allgemeiner Verwendung hinrichten und sein Vermögen -jenem Mädchen geben.[3] Also auch im Kriege bewahrten deutsche Stämme -die Achtung vor den Frauen. - -[2] Tacitus a. a. O. § 8. - -[3] Karl Weinhold, Die deutschen Frauen in dem Mittelalter, I. 218 ff. - -Dem Germanen, dem rauhen Sohne eines unwirtlichen Landes, galt eben -sein Weib als die Gefährtin seines Lebens, eins mit ihm in Freud und -Leid, die für ihn schaffte, für ihn sorgte, ihn pflegte, wenn er siech -darniederlag, seine Wunden verband und sie mit geheimnisvollen -Sprüchen zu heilen suchte; die er dafür mit seinem Leibe schützte, für -die er starb, wenn es das Geschick erforderte, gleichwie sie selbst -den Tod der Ehrlosigkeit vorzog. Ihre Gemeinschaft war ernst und -unverbrüchlich, kein loses Spiel, wie bei vielen kulturell höher -stehenden Völkern jener Epoche, die in der Frau nur den Gegenstand zur -Befriedigung der Lüste, oder die tief unter dem Manne stehende -Sklavin, im günstigsten Falle das zur Fortpflanzung nötige Werkzeug -sahen. Nimmt es da wunder, wenn #Cornelius Tacitus#, der erste, dem -wir sichere Kunde von germanischen Sitten und Gebräuchen verdanken, -der elegante Römer, das leichtlebige Kind der Weltkloake Roma mit -ihren marklosen Männern, ihren entarteten Weibern, bei denen der -Ehebruch zum guten Ton gehörte, deren abgestumpfte Nerven nur die -raffinierteste Wollust reizte, in Germanien und der unverfälschten -Natürlichkeit seiner Eingeborenen eine neue Welt, ein Utopien zu sehen -glaubte, das er seinen Landsleuten nicht genug preisen konnte. »So -lebt denn das Weib dahin, unter der Obhut reiner Sitten, nicht -verderbt vom Sinnenreiz lüsterner Theaterstücke, noch durch -wollustreizende Gelage. Geheimen Verkehr durch (Liebes-) Briefe kennt -weder Mann noch Frau. Ehebruch ist unter diesem doch so zahlreichen -Volke äusserst selten. Seine Bestrafung ist schnell, und dem Ehemanne -überlassen. Mit abgeschnittenem Haar, nackt, und in Gegenwart der -Verwandten, stösst der Gatte die Schuldige zum Hause hinaus und -peitscht sie durch das ganze Dorf. Auch die preisgegebene -Jungfräulichkeit findet keine Verzeihung. Nicht Schönheit, noch -Jugend, noch Reichtum gewinnt ihr einen Mann. Denn dort freilich lacht -niemand des Lasters; verführen und verführt werden nennt man nicht -Zeitgeist. Besser, wenigstens bis jetzt noch, steht es mit einem -Lande, wo nur Jungfrauen in die Ehe treten und wo es mit der Hoffnung -und dem Gelübde der Gattin ein für allemal abgethan ist. So erhalten -sie nur den einen Gatten, gleichwie sie Leib und Leben nur einmal -empfingen, damit in Zukunft kein Gedanke über ihn hinaus, kein -weiteres Gelübde sich rege, damit Liebe nicht sowohl zum Ehemanne, als -zum Ehebunde sie beseele.«[4] - -[4] Tacitus a. a. O. § 19. - -Nur das reine Weib hatte Geltung bei den Germanen. Der auf uralten -Rechtsgrundsätzen sich aufbauende Sachsenspiegel, das sächsische -Landrecht, niedergeschrieben im 13. Jahrhundert, vertritt die -Anschauung, dass ein einmal gefallenes Weib, selbst wenn sie wider -ihren Willen ihre Ehre verloren, nie wieder die Rechte eines reinen -Mädchens erlangen könne.[5] Da den germanischen Jünglingen strenge -Gesetze die Keuschheit bis zur vollendeten Männlichkeit zur Pflicht -machten -- der Umgang mit Weibern galt für den jungen Mann vor -Vollendung des 20. Lebensjahres für eine Schmach[6] -- ebenso wie den -Mädchen, so war der Unmoral nur ein enger Spielraum gegeben. Sexuelle -Ausschreitungen kamen wohl vor, doch dürften sie immerhin als -Ausnahmen zu betrachten sein. - -[5] Der 37. Artikel: Wer eines Mannes ehelich Weib öffentlich behuret, -oder sonst ein Weib oder Magd notzöget, nimpt er sie darnach zur Ehe, -eheliche Kinder gewinnet er nimmermehr bey ihr. (Übers. von Jacob -Friedrich Ludovici 1750.) - -[6] Caesar, De bello gallico, VI. 21. - -Mit der Errichtung von befestigten Dörfern, den Vorläufern der -deutschen Städte, dem engeren Aneinanderrücken ursprünglich weit -voneinander abgelegener Anwesen und dem Eindringen fremder oder aus -der Fremde wieder heimgekehrter Elemente, vollzog sich allmählich eine -Sittenwandlung zum schlechteren, die aber vorderhand noch nicht bis -zum häuslichen Herde vordrang. Die Hausfrau und die Töchter des -Deutschen blieben ebenso keusch und züchtig wie vordem. - -War es erst die römische Invasion und die Rückkehr deutscher Krieger -aus römischen Kriegsdiensten, die manche Unsitte auf deutschen Boden -verpflanzten, manche leichtere Sittenanschauung nach Germanien -eingeführt hatten, die wie stets bei allen Naturvölkern nur zu leicht -Wurzeln fasste und üppig weiterwucherte, so ging auch später die -Völkerwanderung und die mit ihr einbrechenden wilden Horden nicht -spurlos an den Vorfahren vorüber. Auch das Christentum räumte mit -vielem Althergebrachten für immer auf oder entstellte es, wo es galt, -die Gefühle der Bekehrten zu schonen, nach und nach bis zur -Unkenntlichkeit. - -Eine neue, von der alten grundverschiedene Zeit war für Germania -angebrochen. Das Volk, das ein Tacitus als Muster hingestellt, das das -römische Weltreich zertrümmert hatte, war aus dem Naturzustand in die -Kultur eingetreten. Der rauhe Naturmensch, dem bislang Krieg und Jagd -als Um und Auf des Lebens galten, der jede Arbeit, die nicht mit -diesen seinen Herzensneigungen zusammenhing, verachtete und sie den -Frauen und den Sklaven überliess, war zum Edeling oder zum Bauerbürger -geworden, der nun nicht mehr ganz so schalten und walten durfte, wie -damals, wo er als unbeschränkter Gebieter auf seinem Grund und Boden -hauste. Er musste jetzt selbst die Hände rühren und die Oberaufsicht -über sein Eigentum übernehmen. Das mit elementarer Macht sich -verbreitende Christentum erschloss eine neue Gedankenwelt und milderte -vieles von der Rauheit des früheren Sohnes der Wildnis. Die allerorts -entstehenden Klöster wurden zu den ersten und einzigen Bildungsstätten, -aus deren festen, bewehrten Mauern so manche Kunde drang von der -Kunst, seine Gedanken aufzeichnen zu können und sie auf diese Weise -selbst dem Fernen mitzuteilen; dann von Glaubenshelden, die ihre Treue -gegen den Heiland mit dem Leben bezahlt, die für das Christentum den -Märtyrertod erlitten; vom Heiland selbst, seinem Leben, Leiden und -Sterben, und von seiner Mutter, der herrlichsten, edelsten und -erhabensten aller Frauen, der gebenedeiten Jungfrau Maria. In ihr -erstand für den Deutschen neuerdings das göttliche Weib der Germanen, -darum sammelte sich auch in dem Marienkultus die ganze Verehrung, die -der Deutsche einem Weibe zu zollen vermag, in einem Brennpunkte -zusammen, der aber im Gange der Jahrhunderte verblasste, um später -noch einmal, aber weniger intensiv und mit einer Beimischung von -Groteskkomik, als Minne und Minnedienst aufzuleuchten, ehe er für -immer erlöschte. - -Noch war das deutsche Staatengefüge lose aus einer Unzahl deutscher -Stämme zusammengesetzt, die, in nie ruhender Eifersucht einander -befehdend, kaum ein Gefühl der Zusammengehörigkeit kannten. - -Erst dem Heros #Karl dem Grossen#, seiner eisernen Faust, seinem -mächtigen, zielbewussten Willen, der mit unbeugsamer Energie das -für richtig Erkannte durchzusetzen wusste, gelang es, das -Völkerkonglomerat auf deutscher Erde zusammenzuschweissen und zu einer -Einheit, dem römisch-deutschen Reiche, zu gestalten. Karls -staatsmännisches und kulturelles Wirken zu würdigen ist nicht meine -Aufgabe. Hier soll nur der Einfluss erörtert werden, den Karls -Regierung auf das Geschlechtsleben seiner Zeit ausübte. Kaiser Karls -Leben war in dieser Hinsicht nicht einwandsfrei. Wenn er auch am 29. -Dezember 1165 heilig gesprochen und diese Kanonisation von der Kirche -stillschweigend bestätigt wurde, so war Karl durchaus kein Heiliger. -Er war fünfmal verheiratet. Seine erste Frau, die Fränkin Himiltrud, -verstiess er, ebenso die zweite, eine Tochter des Longobardenkönigs -Desiderius, nach der Angabe eines Mönches von St. Gallen deshalb, weil -sie unfruchtbar gewesen. Hildegard, die dritte Gattin, ein Fräulein -aus hohem schwäbischen Adel, zählte erst 13 Jahre, als er sie -heimführte. Sie starb 783 im 26. Lebensjahre, nachdem sie ihm neun -Kinder, darunter Hludoic, seinen Thronerben, geboren hatte. Wenige -Monate nach Hildegards Tode heiratete Karl die Ostfrankin Fastrada, -nach deren Hinscheiden er die Alemannin Luitgard zur Gemahlin nahm, -mit der er schon vor der Verheiratung Beziehungen unterhalten hatte. -Sie war seine letzte rechtmässig angetraute Gattin, und als sie um das -Jahr 800 in Tours starb, wirtschaftete der Kaiser bis zu seinem -Ableben mit Kebsweibern, von denen vier namhaft gemacht werden: -Madelgard, Gersuinda, Regina und Adallinde.[7] - -[7] Einhard, Das Leben Karls d. Gr. Übers. und erl. von H. Althof, -S. 42 ff. - -Karls sinnliche Natur vererbte sich auf seine Töchter, von denen -Einhard schreibt: »Obwohl diese Töchter sehr schön waren und von ihm -überaus geliebt wurden, wollte er wunderbarerweise keine von ihnen -einem der Seinen oder einem Fremden zur Ehe geben; er behielt sie -vielmehr alle bis an sein Ende in seinem Hause und sagte, er könne den -näheren Umgang mit ihnen nicht entbehren. Aber deswegen musste er, -sonst so glücklich, die Abgunst des Schicksals erfahren, was er sich -jedoch so wenig merken liess, als ob in Bezug auf seine Töchter -niemals irgend ein Verdacht der Unkeuschheit sich erhoben, niemals das -Gerücht hiervon sich verbreitet hätte.«[8] Dieses Gerücht bestand in -der That und stützte sich auf Thatsachen. Alkuin, des Kaisers Ratgeber -und Freund, warnte seine Schüler vor den »gekrönten Tauben, die -nächtlich durch die Pfalz fliegen.« Die Folgen der Lasterhaftigkeit -liessen nicht auf sich warten. - -[8] Einhard a. a. O. S. 45. - -Bertha, aus des Kaisers Ehe mit Hildegard, hatte vom gelehrten Dichter -Angilbert zwei Söhne. Diese Bertha ist die Urheberin der reizenden -Sage von dem treuen Liebespaare Eginhard (Einhard) und Emma (Imma), -nach welcher Emma ihren Geliebten, während dessen nächtlichem -Besuche Schnee im Schlosshofe gefallen war, der durch die in ihm -hinterlassenen Fusstapfen des Geliebten Fortgehen hätte verraten -müssen, auf ihrem Rücken zu seiner Wohnung trug. Der Kaiser, den -Schmerzen auf seinem Lager wachhielten, sah dies, und gerührt von so -viel Liebe, gab er dem Paare seinen Segen. »Offenbar hat die -geschäftig webende Sage hier einen anderen Günstling und vertrauten -Rat Karls, den gelehrten Angilbert, mit Einhard verwechselt. Letzterer -hatte allerdings eine vornehme Jungfrau von trefflichem Charakter und -hervorragender Bildung, Namens Imma, zum Weibe, mit der er bis zum -Jahre 836 in glücklichster Ehe lebte, doch war er sicher nicht Karls -Schwiegersohn, da der Kaiser eine Tochter Imma unseres Wissens nicht -hatte.« - -Berthas Schwester Hruotrud, in Hofkreisen Columba genannt, hatte mit -dem Grafen Rorich von Maine einen Sohn, und die anderen Töchter Karls -waren ebenso leichtfertig, wie die erwähnten. Das grössere Leben -Ludwigs des Frommen, Karls Nachfolger, erzählt, das Treiben, das seine -Schwestern im väterlichen Hause führten, habe Ludwigs Sinn, obgleich -er von Natur milde war, schon lange geärgert. Bald nach seiner -Thronbesteigung habe er daher den ganzen, sehr grossen weiblichen -Tross mit Ausnahme der geringen Dienerinnen aus dem Palaste schaffen -lassen, und seine Schwestern veranlasst, sich auf die ihnen vom Vater -bestimmten oder von ihm selbst verliehenen Klöster zurückzuziehen.[9] - -[9] Einhard, a. a. O. S. 45 Anmerkung 3. - -So gerne Karl in der eigenen Familie beide Augen zudrückte -und geflissentlich übersah, was allgemein offenkundig war, so -unnachsichtlich zeigte er sich gegen die öffentliche Unsittlichkeit. -Aus Paris z. B. suchte er alle öffentlichen Mädchen zu vertreiben. Die -Dirnen sollten, falls man sie bei der Ausübung ihres Gewerbes -ertappte, gestäupt werden. Wer ihnen Vorschub geleistet oder ihnen -Obdach gegeben, sollte sie auf dem Rücken zum Richtplatze tragen. Der -Erfolg dieses Erlasses war ganz belanglos, denn die »verliebten -Weiber« -- filles folles de leurs corps -- trieben ihr lichtscheues -Handwerk offen und im geheimen nach wie vor und vermehrten sich wie -die Wasserpest. - -Gegen die auch in Deutschland immer mehr um sich greifende -Sittenlockerung konnte oder wollte Karl nicht einschreiten, vielleicht -schon deshalb nicht, weil sie in erster Linie bei dem an Gut und Macht -vielvermögenden Adel zuerst und am auffallendsten zum Vorschein kam. -Zu jedem der festen Häuser, aus denen sich die Burgen entwickelten, -gehörten die Genitia, ursprünglich Werkstätten, in denen hörige und -freie Dienerinnen unter Aufsicht der weiblichen Herrschaft die Stoffe -für die Kleidung herzustellen, zu sticken, weben, waschen, kochen, -kurz alle weibliche Hand- und Hausarbeit vorzunehmen hatten. -Diese Genitia oder Frauenhäuser waren von dem Hauptgebäude, der -Herrenwohnung, streng geschieden und mit Zäunen, Wall, Graben und -Wachttürmen gegen fremde Eindringlinge wohl verwahrt. In diesen -Frauenhäusern befanden sich auch die Schlafräume nicht allein der -Mägde sondern auch der weiblichen Familienmitglieder, ein Grund mehr, -sie zu sichern, besonders das vordere Abteil der Genitia, in dem die -Angehörigen des Hausherrn nächtigten, während das Hinterhaus die -Dienerschaft beherbergte. Nach dem alten alemannischen Rechte wurde -die Notzucht an einer Insassin des Vorderhauses mit sechs Schillingen, -an einer des Hintergebäudes mit nur drei Schillingen geahndet. Jedes -der Häuser der Grossen und jeder Meierhof besass solch Frauenhaus oder -#Bordell#, nach dem angelsächsischen Bord, Schwelle, benannt. Die -anrüchige Nebenbedeutung kam erst viel später in Gebrauch. Diese -Frauenhäuser galten bald mit Fug und Recht für die Harems ihrer -Besitzer,[10] da damals, bis tief in das Mittelalter hinein, die -Frauen und Töchter der Unfreien im vollsten Sinne des Wortes die -Leibeigenen ihrer Herren waren. Die Allgewaltigen besassen das Recht -auf Leben und Tod über ihre Hörigen, die nur als Wertobjekte galten, -über dessen Vermietung, Verkauf oder Verpfändung der Besitzer -nach Gutdünken zu verfügen vermochte. Da der Wille des Herrn -unverbrüchlichen Gehorsam bedingte, so wehrte keine Schranke seinen -sinnlichen Gelüsten; er durfte verlangen und war der Gewährung sicher. - -[10] Scheible, Das Kloster, VI. - -Zu den Herrenrechten des Feudalen gehörte auch die Erteilung der -Eheerlaubnis für seine Unfreien. Er durfte jeden Mann, sobald er das -18., und jedes Mädchen, das das 14. Lebensjahr erreicht hatte, zur Ehe -zwingen, ebenso verwitweten Gutsleuten eine neue Ehe mit der ihnen -zugeteilten Braut aufnötigen. Lag es doch in seinem Interesse, recht -viele Ehepaare unter seinen Hörigen zu haben, da sich mit ihrer -Kinderzahl auch sein Besitztum an Seelen vergrösserte, was einem -Vermögenszuwachs gleichkam. Bisweilen hielt er es jedoch für -angebracht, seine Einwilligung zu versagen oder diese von dem _Jus -primae noctis_, nämlich dem Rechte abhängig zu machen, in der ersten -Nacht den Gatten bei der Neuvermählten vertreten zu dürfen, wenn er -nicht ein für allemal dieses Recht auszuüben für gut fand. Wie weit -diese schmachvolle Gepflogenheit in die graue Vorzeit zurückreicht, -ist meines Wissens nicht festgestellt. Doch ist ihr hohes Alter als -wahrscheinlich anzunehmen, da bei der mittelalterlichen absoluten und -rechenschaftsfreien Machtvollkommenheit die Herren nur zu leicht auf -derartige Übergriffe verfallen mussten. Man empfand vielleicht -beiderseits nicht die Erniedrigung, die in der Ausübung und Duldung -dieses schmachvollsten aller Rechte bestand. Im späteren Mittelalter -bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts ist das Bestehen des _Jus primae -noctis_ dokumentarisch festgestellt, trotz aller Ableugnungsversuche, -die z. B. Karl Schmidt in seinem Werke »_Jus primae noctis_« (Freiburg -i. B. 1881) mit recht negativem Ergebnisse zu unternehmen suchte. Aus -der deutschen Schweiz sind zwei Gesetze vom Jahre 1538 und 1543 -überliefert, die haarscharf diese Unmenschlichkeit beweisen. Diesen -Dokumenten einen anderen als den unzweideutig in ihnen ausgesprochenen -Sinn zu unterschieben, wie dies Karl Schmidt unternimmt, liegt keine -Veranlassung vor, ebensowenig wie ich Weinholds Ansicht beipflichten -kann, der mit Osenbrüggen und Gierke jene Bestimmung nur als -Ausdruck »einer symbolischen Anerkennung der Leibherrschaft -durch die scherzhafte Voranstellung und Ausmalung der äussersten -Rechtskonsequenzen« aufgefasst wissen will.[11] Man droht mit »der -äussersten Rechtskonsequenz« nicht, wenn man sie nicht, sei es auch -nur in aussergewöhnlichen Fällen, zur Ausführung bringen will. - -[11] Weinhold a. a. O. I. 301. - -Das eine der erwähnten Schriftstücke, die »Oefnung von Hirslanden und -Stadelhofen« im Kanton Zürich vom Jahre 1538, lautet: »Ouch hand die -burger die rechtung, wer der ist, der uf den gütern, die in den -Kelnhof gehörend, _die erste nacht bi sinem wibe ligen wil, die er -nüwlich zu der ee genommen hat, der sol den obgenanten burger vogt -dieselben ersten nacht bi demselben sinen wibe lassen ligen_; wil er -aber das nüt thun, so soll er dem vogt geben 4 und 3 fl Züricher -pfenning, weders er wil: die wal hat der brugom (Bräutigam), und sol -man ouch demselben brugome ze stür (zur Steuer, Beihilfe) an dem -brutlouf geben ein fuder holtz usz dem Zürichberg, ob er wil an -demselben holtz hat.« Der Tenor des zweiten Gesetzes entspricht dem -eben gegebenen ziemlich genau. Doch nicht die weltlichen Herren allein -beschmutzten sich mit der Ausübung des _Jus primae noctis_, auch die -hohe, grundbesitzende Geistlichkeit machte sich dieses Recht zu nutze --- brachte es doch etwas ein. Nach dem Lagerbuche des schwäbischen -Klosters Adelberg vom Jahre 1496 mussten die zu Bortlingen sesshaften -Leibeigenen dies Recht dadurch ablösen, dass der Bräutigam eine -Scheibe Holz, die Braut ein Pfund sieben Schillinge Heller oder eine -Pfanne, »dass sie mit dem Hinteren darein sitzen kann oder mag« -darbringen musste. Anderwärts hatten die Bräute dem Grundherrn so viel -Käse oder Butter zu entrichten, »als dick und schwer ihr Hinterteil -war«. An anderen Orten wieder mussten sie einen zierlichen -Korduansessel geben, »den sie damit ausfüllen konnten«.[12] Nach den -Schilderungen des bayerischen Oberappellationsgerichtsrats Welsch -bestand übrigens die Verpflichtung der Lösung vom _Jus primae noctis_ -in Bayern noch im 18. Jahrhundert.[13] - -[12] Memmingen, Stälin u. a. »Beschreibung der württemb. Aemter«, -Heft 20. - -[13] Aug. Bebel, Die Frau und der Sozialismus, 29. Aufl., S. 67. - -Im Grunde genommen barg sich unter dem _Jus primae noctis_ nichts -weiter, als eine Erpressung mehr, da es doch dem Bräutigam freistand, -sich mit Geld oder Geldeswert zu lösen. Wenn nun der arme Bauer dieses -Geld nicht aufzubringen vermochte, denn eine Hochzeit kostete ohnehin -auch damals schon viel Geld? Der Bräutigam hatte vor allem die -Eheerlaubnis teuer durch den Erlag eines Zinses oder Übergabe eines -Hemdes oder Felles zu erkaufen. Dem Zins wusste der Galgenhumor -der Zahler recht bezeichnende Namen zu geben. Einige dieser aus -verschiedenen Gegenden stammenden Bezeichnungen waren: Jungfernzins, -Stechgroschen, Bettmund, #Nadelgeld#, Frauengeld, Hemdschilling, -Bumede, Jungferngeld, Schürzenzins, Vogthemd, Bunzengroschen und -andere, mitunter sehr eindeutige, mehr. Dieser Zins war unter allen -Umständen zu erlegen, auch dann, wenn der Herr sein Recht ausgeübt und -damit die Tugend der Braut ramponiert hatte. - -Die zerzauste Tugend machte übrigens schon damals den Herren der -Schöpfung und nicht nur den Bauern allein manchen Kopfschmerz. Und -nicht allein die Mägdelein, sondern auch die Ehegattinnen, ganz -besonders die letzteren, hatten oft unter mehr oder weniger -begründeter Eifersucht zu leiden. Was heutzutage meist Thränen, -Ohnmachten und Beteuerungen durchzusetzen vermögen, bedurfte in jener -kräftiger zufassenden Zeit augenscheinlicher Beweise. Wenn diese nicht -auf gewöhnlichem Wege herbeizuschaffen waren, so griff man, dem -bigott-abergläubischen Zeitgeiste entsprechend, zu dem #Gottesurteil#. -Häufig war es die angeschuldigte Frau selbst, die zu ihrer -Rechtfertigung einer Ordalie unterzogen zu werden begehrte. So die -Frau Karls des Dicken (881-887), die, des Ehebruches bezichtigt, durch -das Gottesurteil nicht allein zeigen wollte, dass sie keine -Verbrecherin, sondern dass sie trotz zwölfjähriger Ehe noch immer -Jungfrau sei: »_Das_ (ihre Unberührtheit) _bewerte sü domitte, dass sü -ein gewihset Hemede ane det und domit in ein Für_ (Feuer) _gieng und -blieb unversert von dem Für_«, schreibt der Chronist Twinger von -Königshofen. Das ganze Mittelalter hindurch waren Ordalien nahezu das -einzige, jedenfalls aber das unfehlbarste Mittel, die eheliche Treue -_ad oculos_ zu demonstrieren. - -Zwei Hauptarten der Gottesurteile waren im Schwange: die Feuer- und -die Wasserprobe. Bei der Feuerprobe hatte die Beschuldigte die blosse -Hand ins Feuer zu halten und unbeschädigt wieder herauszuziehen. War -die Hand versengt, so wurde sie verbunden und der Verband nach einer -gewissen Zeit gelöst. Waren die Wunden verheilt, so bewies dies die -Unschuld. Weitere Abarten des Feuerordals waren: Mit einem mit Wachs -durchtränkten Hemd bekleidet den Scheiterhaufen zu durchschreiten, wie -Karls Gattin that; mit blossen Füssen über glühende Pflugscharen zu -wandeln oder diese eine angegebene Strecke weit zu tragen. Kaiserin -Kunigunde, Heinrichs II. (1002-1024) Gattin, unterzog sich dieser -letzteren Probe, die übrigens schon aus den Sophokleischen Tragödien -her bekannt ist. - -Die Wasserprobe fusste auf dem Grundgedanken, dass das reine, heilige -Wasser nichts Sündhaftes in sich dulde. Sank daher das gebundene -nackte Weib unter, so war es schuldlos; blieb es auf dem Wasserspiegel -schwimmen, dann war seine Schuld zum Beweis erhoben. Jahrhunderte -später gewannen diese Wasserproben, deren Ausgang ganz in der Hand des -Fesselnden lag, eine hohe Bedeutung bei den Hexenverfolgungen. - -Eine dritte, aber seltener geübte Art der Gottesurteile waren die -Zweikämpfe zwischen der Angeklagten und ihrem Ankläger. Der -Kraftunterschied zwischen Mann und Weib fand dadurch seinen Ausgleich, -dass der Mann bis zum Gürtel in einer Grube stehend die Angriffe der -mit einem enganliegenden trikotartigen Anzuge bekleideten Frau -abzuwehren hat. In »Talhoffers Fechtbuch«, der Bilderhandschrift von -1467 auf der Gothaischen Bibliothek, bekämpft die Frau ihren -Widersacher mit einem Schleier, in dem sie einen vier- bis -fünfpfündigen Stein eingebunden hat. Der Mann ist mit einer Keule -bewehrt, ebenso lang wie der Schleier der Gegnerin. Der Kämpfer steht -»bis an die waichin« in einer Grube, dessen Rand die Frau umkreist. -Nach dem Apollonius vertrat mitunter einer der langen Kleiderärmel den -Schleier.[14] - -[14] - - Diu frowe sol hie ouzen gân, - Einen stein in der stoûchen hân - Mit riemen drîn gepûnden - Swaere pi drîen pfunden - Diu stouche sol sol wesen lînîn (leinen) - Und zweier ellen lanc sîn. - - (Apollonius 20446.) - -Dass alle Ordalien, der Zweikampf vielleicht ausgenommen, mit der -Niederlage der Frau enden mussten, wenn alles mit rechten Dingen -zuging, liegt auf der Hand -- soferne das schwache Geschlecht in -seiner ererbten Schlauheit nicht Mittel und Wege gefunden hätte, den -Herren der Schöpfung ein Schnippchen zu schlagen. Sie mogelten bei den -wohlvorbereiteten Gottesurteilen nach Herzenslust, und lachten -hinterher die dummen, leichtgläubigen Männer weidlich aus. An Gehilfen -bei dem Betruge fehlte es nicht, wenn nur Geld genug vorhanden war, -die Helfer zu erkaufen. - -Gottfried von Strassburg gibt im »Tristan« unumwunden den Schwindel -zu, den die holde Isolde, seine Heldin, bei einem Gottesurteil ausübt. -Isoldchen, bekanntlich kein Tugendspiegel, soll zur Bezeugung ihrer -Unschuld die Feuerprobe bestehen. Sie ist, sehr gerechtfertigter -Weise, mit Tristan, dem Neffen ihres alten Gatten, ins Gerede -gekommen, und muss nun, um die bösen Mäuler zu stopfen und ihrem -Gatten den Glauben an ihre eheliche Treue wiederzugeben, eine Ordalie -bestehen. Klein-Isoldchen hat gewichtige Gründe, alle Vorsicht walten -zu lassen, denn es ist bei ihr sehr viel faul im Staate Dänemark. Sie -weiss sich aber zu helfen. Vor der Probe verteilt sie mit beiden -Händen reiche Geschenke an Gold, Silber und Edelsteinen »um Gottes -Huld«, das heisst an die die Feuerprobe leitenden Geistlichen, die -sich solchen Gaben gegenüber nicht undankbar erweisen dürfen. Sie -wissen die Sache so fein einzufädeln, dass die Ehebrecherin die Probe -tadellos besteht und in ihrer »bewiesenen« Fleckenlosigkeit nun aufs -neue nach Herzenslust sündigen kann. Sie weiss ja, dass bei einem -neuerlichen Gottesurteil ihr die früheren Helfer wieder aus der -Patsche helfen werden. - -Einen weiteren Einblick in den Gottesurteil-Schwindel gestattet das -Gedicht eines unbekannt gebliebenen mittelhochdeutschen Dichters, das -Hans Sachs als Vorlage für sein Fastnachtsspiel »Das heisse Eisen« -benützte. Eine Frau zwingt ihren Mann auf Veranlassung der Gevatterin, -»die ist sehr alt und weiss sehr viel«, seine eheliche Treue durch das -Tragen eines »heiss Eysen« zu beweisen. Der Gatte willfahrt scheinbar -dem Wunsche seiner Gattin. - - »Ja Frau, das will ich gerne thun! - Lass die Gevatt'rin kommen nun, - Dass sie das Eisen leg in's Feuer, - Ich wage frisch das Abenteuer. - Purgieren will ich mich für's Leben, - Die Gevatterin soll Zeugniss geben.« - -Der Schlauberger zieht dabei verstohlen einen Holzspan aus dem Ärmel -in die Handfläche, auf den er das Eisen derart legen kann, dass es -nirgend mit der Haut in Berührung kommt. Natürlich besteht er die -Probe glänzend, weshalb er, nun den Spiess umkehrend, auch seinerseits -die Tugendprobe von seiner Frau begehrt. Winselnd sinkt diese auf die -Knie und gesteht, in die Enge getrieben, dass sie zuerst mit dem Herrn -Kaplan in sträflichem Verkehr gestanden, den erst #ein# Mann, dann -wieder einer, schliesslich nach und nach ein ganzes Dutzend abgelöst -haben. Die würdige Frau, der »St. Stockmann« als unentrinnbarer -Schutzpatron winkt, fasst nach ihrer Beichte unversehens das -inzwischen erkaltete Eisen an, verbrüht sich aber daran, ein Zeichen, -dass sie noch immer nicht die ganze Wahrheit gestanden hat, und rennt -scheltend ab.[15] - -[15] Hans Sachs, Ausgew. dramatische Werke, übers. v. K. Pannier, S. -123 ff. Schimpf und Ernst v. Bruder Joh. Pauli, ibid. Nr. 108 S. 84 -ff. - -Das von Karls eiserner Faust zusammengeschweisste Weltreich -zersplitterte unter seinen schwachen Nachfolgern in jenes -Staatengemengsel, dem erst das 19. Jahrhundert ein Ende machte. Karls -Schöpfungen teilten das Schicksal seines Staates. Nur in den Klöstern -glimmte der von Karl angefachte Funke des Bildungsbedürfnisses unter -den Insassen fort. - -Die Weltabgeschiedenheit, die von dem ewigen Einerlei gezeugte -Langeweile liessen wohl auch manche, sonst nicht gerade wissensdurstige -Mönche oder Nonnen zu den Büchern greifen, neben Reliquien, Messgeräten -und Kultgewändern die kostbarsten Besitztümer der Stifte und Klöster. -Und wohl ihnen, wenn sie Gefallen an dieser Beschäftigung fanden, die -sie von weit sündhafterem Treiben abhielt, als es selbst die über alle -Massen schlüpfrige Mönchslitteratur, das Singen und Abschreiben von -weltlichen Liedern, den »winileodes«, war, das Karls Kapitular von -789 verpönte, oder das Studium der erotischen Stücke eines Plautus -oder Terentius und anderer die Sinne erregender klassischer -Schriftsteller. Denn auch in dieser Epoche liess die Sittenreinheit -der Klostergeistlichkeit schon vieles zu wünschen übrig. Durch die -Kapitularien Kaiser Karls ist erwiesen, dass manche Nonne ein -vagierendes Leben führte, sich rückhaltslos, sogar gegen Entlohnung, -hingab, und etwaige Folgen dieser Liebschaften durch Verbrechen -beseitigte. - -Der Wortlaut eines der zahmsten dieser Kapitularien (v. J. 802) ist -folgender: »Die Frauenklöster sollen streng bewacht werden, die -Nonnen dürfen nicht umherschweifen, sondern sollen mit grösstem -Fleiss verwahrt werden, auch sollen sie nicht im Streit und Hader -untereinander leben, und in keinem Stücke den Meisterinnen und -Äbtissinnen ungehorsam oder zuwider handeln. Wo sie aber unter eine -Klosterregel gestellt sind, sollen sie diese durchaus einhalten. Nicht -der Hurerei, nicht der Völlerei, nicht der Habsucht sollen sie dienen, -sondern auf jede Weise gerecht und nüchtern leben. Auch soll kein Mann -in ihr Kloster eintreten u. s. w.« - -Ebenso verbot Karl, die Mönchsklöster in allzu bequemer Nachbarschaft -der Nonnenklöster anzulegen -- er hatte Gründe dafür. - -Aber nicht nur die Nonnen aus niederem Stande setzten sich über die -Klosterregeln hinweg, auch solche aus den höchsten Kreisen brachen ihr -Gelübde, wenn sich Gelegenheit bot. Wiederholt finden sich in den -Chroniken vornehme Klosterschwestern, die sich entführen lassen, oder -der Klausur entfliehen, um zu heiraten. Wer mächtig war, durfte -hoffen, nachträglich die Genehmigung des Ehebundes durch den Kaiser -und durch dessen Vermittlung auch die des Papstes zu erlangen. -»Hadburg, die erste Gemahlin König Heinrichs, war eine Nonne, um die -er als Herzog förmlich warb, die er sich nach alter Weise im Ringe der -Seinen vermählte, als Herrin seines Hofes feiern liess und gegen die -Angriffe der Kirche behauptete. Herzog Miseco von Polen, durch seine -erste Gemahlin bekehrt, erwies sein junges Christentum nach deren Tode -dadurch, dass er um 977 eine deutsche Nonne (Oda) aus ihrem Kloster -entführte und heiratete.«[16] - -[16] Gustav Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 26. -Aufl., I. 371. - -Selbst in den sittenreinsten Klöstern dachte man im Zeitalter Karls -und seiner Nachfolger sehr frei, wofür die Dramen #Roswithas von -Gandersheim# Beweise erbringen, jener vielseitigen, hochgebildeten -Nonne, mit der der lange Reigen der deutschen Schriftstellerinnen -anhebt. »Der singende Mund von Gandersheim« (_clamor validus -Gandeshemensis_) lebte und dichtete um die Mitte des 10. bis zu Anfang -des 11. Jahrhunderts. Die Dichterin entnahm ihre Stoffe der -Heiligengeschichte, die sie in einer dem Terenz nachgeahmten -Form dramatisierte. Mit Vorliebe erhitzt sie ihre Phantasie an -sinnlichen Vorwürfen, die stellenweise durch die behaglich-breite -Detailschilderung von einer Vorurteilslosigkeit zeugt, von der sie ihr -letzter Übersetzer trotz aller aufgewandten Mühe nicht völlig -reinzuwaschen vermag.[17] In ihrem dritten Stücke »Die Auferweckung -der Drusiana und des Calimachus« dringt der letztere, ein schöner -heidnischer Jüngling, in die kaum geschlossene Gruft »und sucht in dem -Marmorbette des Leichnams die Umarmung, welche ihm Drusiana lebend -versagte«. Eine Schlange verhindert rechtzeitig die Leichenschändung. --- Etwas viel auf einmal für eine schriftstellernde Himmelsbraut! In -dem Drama »Fall und Busse Marias, der Nichte des Einsiedlers Abraham« -führt uns Roswitha in ein Bordell; in »Die Bekehrung der Buhlerin -Thais« schildert sie realistisch ein Freudenmädchen; im »Dulcitius« -sollen die drei christlichen Jungfrauen Agape, Chionia und Irene wegen -ihrer Standhaftigkeit im Glauben römischen Soldaten preisgegeben -werden, nachdem Dulcitius vergeblich versucht hat, seine Begierden an -ihnen zu stillen, und dieses alles und noch mehr trägt Roswitha mit -frommem Augenaufschlag vor -- _ad majorem Dei gloriam_ --. Zur Ehre -der Dichterin, die sich eines kraftvollen, aber barbarischen -Mönchslateins bediente, sei angenommen, dass sie ihre Stoffe nach -schriftlich vorliegenden Vorbildern formte, nichts Selbsterlebtes in -ihre Darstellungen verflocht. Aber mussten nicht derartige Scenen -selbst die reinste Phantasie mit unzüchtigen, dem Gelübde der -Keuschheit diametral entgegenstehenden Bildern füllen und sie zu -weiterer Ausspinnung reizen? Die müssiggängerischen Nönnchen hatten so -unendlich viel Langeweile, wie sie oft selbst gestehen, dass sie sich -wohl recht oft an den Dramen der Gandersheimerin ergötzt und die darin -geschilderten Vorkommnisse recht ausführlich durchgesprochen haben -mögen..... - -[17] Die Dramen der Roswitha von Gandersheim. Übersetzt und gewürdigt -von Ottomar Pilz. Leipzig o. J. - -Vom 12. Jahrhundert an datiert der geistige und materielle Aufschwung -des deutschen Volkes, das ganz allein aus sich heraus erstarkte. Der -Handel, das Handwerk und auch die, wenn auch nur auf eine engbegrenzte -Menschenklasse, namentlich die Klosterleute und die aus den -Klosterschulen Hervorgegangenen sich erstreckende Bildung, hoben sich -zusehends, erweiterten den Gesichtskreis, schufen neue Lebensformen -und mit ihnen neue Bedürfnisse. Das altgermanische Kriegertum, die -Freude an Fehde und Jagd, das dem Adel noch immer durch die Adern -pulsierte, dessen Andenken die unverklungenen, Begeisterung -anfachenden Heldensagen wachhielten, gewann eine neue, modernisierte -Gestalt im #Rittertume#, dessen romanische Urformen bald stark -mit echt deutschem Geist durchsetzt waren, der manchen welschen -Firlefanz noch vergröberte, um namentlich im #Minnedienst#, einem -Hauptbestandteile des Ritterwesens, tief unsittliche Formen zu -schaffen, die gleich vergiftend auf beide Geschlechter wirkten, -besonders aber den Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft, die -Ehe, untergruben. Die, gleichviel ob real oder platonisch Geliebte -galt alles, die eigene Frau nichts. Man schlug sein Weib, wie -Kriemhilde klagt[18], winselte aber zu Füssen der angebeteten Herrin -um die Gunst, die Hand oder den Fuss küssen und den Saum des Gewandes -berühren zu dürfen. »Die Ehe des Ritters, sein Hauswesen, seine -Kinder, seine Familiengefühle, alles holde Behagen der Heimat stand -ganz ausserhalb der idealen Welt, in welcher er am liebsten -lebte.«[19] Des steirischen Ritters #Ulrich von Lichtenstein# -Donquichoterien, sein Zug als Frau Venus im Jahre 1227, in kostbare -Frauengewänder gekleidet, das Haupt mit Schleiern umhüllt, und seine -sonstigen Läppereien, wie das Trinken des Waschwassers seiner Huldin, -die Operation der breiten Oberlippe, das Abhauen eines ihr zu Ehren im -Turnier verletzten Fingers, das Mischen unter widerliche Aussätzige, -das ihm die Laune der excentrischen Geliebten anbefiehlt, sind der -Gipfelpunkt des sich als ritterlichen Minnedienst gehabenden -Blödsinnes. Diese sich bis zum Wahnsinn steigernden Überspanntheiten -der Ritter, ihre Spielereien, die bandwurmartig anwachsenden Satzungen -umgaben schliesslich das ganze Rittertum mit einem schalen Formelkram, -der stark an die moderne Vereinsmeierei gemahnt, der Geheimbündeleien -des 18. Jahrhunderts gar nicht zu gedenken, denen das Rittertum -vielfach zum Vorbilde diente. - -[18] Nibelungen, 903. - -[19] Gust. Freytag a. a. O. I. 524. - -[20] Scherr, Geschichte der deutschen Frauenwelt, 5. Aufl., I. 177. - -Das ritterliche Gehaben führte schliesslich zu einer allgemeinen -Lüderlichkeit, die selbst dem überzeugten Romantiker Saint-Pelaye den -Stossseufzer entlockte: »Nie sah man verderbtere Sitten, als in den -Zeiten unserer Ritter, und nie waren die Ausschweifungen in der Liebe -allgemeiner«.[20] Jede Modedame musste ihren Ritter haben, der ihre -Farben trug und dem Gemahle ins Handwerk pfuschte. Liebschaften -von Frauen aus hohem Stande mit Unebenbürtigen konnten bei -solchen Anschauungen nicht ausbleiben. Die Strenge Herzog Rudolfs -von Österreich, der 1361 eine Hofdame seiner Frau wegen eines -Verhältnisses mit einem ihrer Diener ertränken liess, steht -anscheinend vereinzelt da. Der österreichische Dichter Heinrich, der -zwischen 1153 und 1163 seine Mahnworte an Pfaffen und Laien richtete, -schilderte den Umgangston der ritterlichen Gesellschaft als roh. Der -Hauptgegenstand ihrer Unterhaltung waren die Weiber. Wer sich rühmen -konnte, die meisten verführt zu haben, galt am höchsten.[21] Der -Ehebruch war alltäglich, wenn auch über seine Verwerflichkeit die -damaligen Dichter einig sind. Aber es war Modesache, Ehebrecher zu -sein, oder wenigstens als solcher zu gelten. - -[21] Weinhold a. a. O. I. 253. - - »Hat ein gutes Weib ein Mann - Und geht zu einer andern dann, - So gleichet er darin dem Schwein. - Wie möcht es jemals ärger sein? - Es lässt den klaren Bronnen - Und legt sich in den trüben Pfuhl. - Gar mancher hat schon so zu thun begonnen.« - -klagt Meister Sperrvogel.[22] Gottfried von Strassburgs unsterbliches -»Tristan und Isolde« ist in seiner Gesamtheit eine Verherrlichung des -Ehebruches, doch gab es, wie wir eben in dem biederben Sperrvogel -sahen, auch Minnesänger, die gegenteiliger Meinung waren. Ein -klarblickender deutscher Dichter des 12. Jahrhunderts gesteht es -unumwunden ein, dass die Damen den Rittern keine Vorwürfe zu machen -berechtigt seien, denn: - - »Der wiber chiusche (Keuschheit) ist entwicht - frowen und riter - Dine durfen nimmer gefristen - We der ir leben bezzer si.«[23] - -[22] Deutscher Minnesang, übertragen v. Bruno Obermann, S. 37 ff. - -[23] Heinrichs »Rede von des Todes Gehügede« in Goedeckes -»Mittelalter«, S. 187. - -Die Lotterei der französischen Ritter, deren Liebeshöfe oftmals in -Orgien ausarteten, bei denen sich verlarvte Mädchen und Frauen -schamlos preisgaben[24], fanden hin und wieder Nachahmung in -Deutschland, wenn sie sich auch nicht so allgemein verbreiteten, wie -in ihrem Mutterlande, wo Liebeshöfe sogar in den Klöstern eine Stätte -fanden. - -[24] De la Curne de Saint-Pelaye, »Das Ritterwesen des Mittelalters«, -deutsch von Klüber, II. 268. - -»Uns ist in einem lateinischem Gedicht die Schilderung eines solchen -Hofes bewahrt, welcher in einem Kloster der Diöcese von Toul an -heiterem Maifest gehalten wurde. Es ist -- wohlgemerkt -- nicht die -zornige Schilderung durch einen Frommen, sondern wohlwollende -Darstellung durch jemand, der dabei war, und der den Vorfall ganz in -der Ordnung erachtet. Die Thüren werden verschlossen, die alten Nonnen -abgesperrt, nur einige verschwiegene Priester zugelassen. Statt des -Evangeliums wird von einer Nonne Ovids »Kunst zu lieben« vorgelesen, -zwei Nonnen singen Liebeslieder. Darauf tritt die Domina in die Mitte, -als Mai gekleidet, in einem Gewand, das ganz mit Frühlingsblumen -besetzt ist, und sagt, Amor, der Gott aller Liebenden, habe sie -gesandt, um das Leben der Schwestern zu prüfen. Vor die Richterin -treten einzelne Nonnen und rühmen die Liebe zu geistlichen Herren, -welche Geheimnisse zu bewahren verstehen; andere loben die -Ritterliebe, aber ihre Auffassung wird von der Maigöttin höchlich -gemissbilligt, weil die Laien nicht verschwiegen und allzu -veränderlich sind. Zuletzt werden die Rebellinnen, welche Ritterliebe -nicht meiden wollen, feierlich im Namen der Venus exkommuniziert unter -allgemeinem Beifall, und alle sprechen Amen.«[25] - -[25] Gust. Freytag a. a. O. I. 373. - -Auch die Kreuzzüge trugen das ihre dazu bei, bisher unbekannt -gebliebene Ausschweifungen aus dem Oriente nach dem Abendlande -zu verpflanzen. Und die gezwungene Strohwitwerschaft eines Heeres -von Frauen, deren Männer unter dem Kreuze fochten, öffnete der -Unsittlichkeit Thür und Thor. Die Männer suchten sich allerdings -der Treue ihrer Gattinnen durch rohe Mittel zu versichern, -deren entwürdigendstes der sogenannte #Keuschheitsgürtel# -(_cingula castitatis_) war. Solche Gürtel werden von den späteren -Schriftstellern häufig erwähnt, sie kommen aber schon im 13. -Jahrhundert vor. In der Bilderhandschrift des Bellifortis von Konrad -Kyeser vom Jahre 1405 ist die Zeichnung eines solchen Gürtels -enthalten; ein Modell eines dieser Instrumente befindet sich im -Museum schlesischer Altertümer in Breslau. Es ist roh aus Eisen -zusammengefügt, während die wirklich verwendeten aus besserem -Material, meist aus Silber oder Gold, gearbeitet waren. - -Bei aller Laxheit der Moral bewahrte doch das durch viele -Generationen vererbte deutsche Sittlichkeitsgefühl vor jenen -allzu tollen Excessen, die in Frankreich auf der Tagesordnung waren. - -Man darf überhaupt im allgemeinen die Sitten der Vorzeit nicht nach -dem heutigen Moralcodex messen. Andere Zeiten, andere Sitten! - -»Die damalige Generation war körperlich gesund und kräftig. Von früher -Jugend an hatten die Männer vor allem ihre Körperkräfte ausgebildet; -viel im Freien lebend, waren sie erstarkt; die fast ausschliesslich -aus scharf gewürzten Fleischgerichten bestehende Kost, der Genuss von -berauschenden Getränken brachte das Blut noch mehr in Wallung; zu viel -Wissen beschwerte ihren Kopf nicht und mit Gewissensskrupeln wusste -man sich abzufinden. Und ebenso vollsaftig und begehrlich sind die -Mädchen aufgewachsen.« Die Schamhaftigkeit im modernen Sinne ist eine -Errungenschaft der verfeinerten und verfeinernden Kultur, die vielen -sonst geistig hochstehenden Völkern abgeht, die ebenso wie die Ahnen -im Mittelalter in absoluter Nacktheit keinen Verstoss gegen die gute -Sitte sehen und erst allmählich zur Moral nach westeuropäischer -Anschauung erzogen werden müssen, denn »das Schamgefühl ist etwas -sekundäres und zwar die Folge, nicht die Ursache der Bekleidung«.[26] -Ist doch sogar zum Teil heute noch den hochentwickelten Japanern unser -mit der Muttermilch eingesogenes Schicklichkeitsgefühl ein fremder -Begriff. Was uns daher im allgemeinen höchst anstössig, im -allergünstigsten Falle noch äusserst naiv erscheint, gehörte in der -Vorzeit zur Alltäglichkeit, die niemandem auffiel, und in der niemand -Übles sah. Man war von Kindsbeinen auf an den Anblick der Nacktheit -gewöhnt -- schlief doch das ganze Mittelalter hindurch alles in -Adamskostüm und bei den beschränkten Raumverhältnissen, meist in einer -grossen Schlafstube die Eltern mit den Kindern, gleichviel ob Knaben -oder Mädchen, zusammen. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, -erscheinen sonst anstössige Stellen in den gleichzeitigen Dichtwerken -wesentlich gemildert, auch dann, wenn wir sie als Geschichtsquellen -gelten lassen, was aber gemeinhin einige Vorsicht nötig macht. Die -_licentia poetica_ wird sich nicht immer haarscharf an Thatsachen -gehalten haben, wenn schon sie aus dem wirklichen Leben ihre Kraft -schöpfte und allgemein herrschende Sittenzustände zur Grundlage ihrer -Schilderungen nahm. Wenn wir daher manches Anstössige auch für -übertrieben halten dürfen, so bleibt doch selbst nach Ausmerzung des -zu Grassen noch genug Bedenkliches übrig, um ein fast abgerundetes -Bild der geltenden Moral zu gewähren, das auf Authentizität Anspruch -erheben darf. Auch die Vergleichung von Parallelstellen bei -verschiedenen Dichtern, die sich gegenseitig nicht beeinflussen -konnten, bestätigt die Richtigkeit vieler wie Fabeln anmutender -Vorfälle. - -[26] Ed. Westermarck, »Geschichte der menschlichen Ehe«. Aus d. Engl. -von L. Katscher und R. Grazer. 2. Aufl. - -Man lebte anders, man dachte anders als heutzutage, man war trotz -aller Sittenroheit reiner im Denken, als in der Gegenwart. Der -Sittenverfall paarte sich häufig mit einer Einfalt, die dem Mangel an -jeglicher Prüderie entsprang. Man war derb, geradeaus, wollüstig, aber -ohne Cynismus und Pikanterie. Es war eben eine Zeit, in der noch -nicht, wie Hippel sagt, eine unnatürliche Mode, die man Tugend nennt, -im Schwange war. - -Gawan, in Wolfram von Eschenbachs unsterblichem Parzival, wird von -Bene, der jungfräulichen Tochter seines Gastfreundes, des Ritters -Plippalinot, zu Bette gebracht und am Morgen beim Aufstehen -bedient.[27] Ein gleiches Vorgehen in den Burgen ist durch zahlreiche -weitere Belegstellen verbürgt. Man war eben naiv genug, in diesen -Dienstleistungen nur die dem teueren Gaste erwiesene Ehrung zu sehen. -Da sich aber Menschennatur mit ihrer Begehrlichkeit in ihren -Grundzügen immer gleich blieb, dürfte es auch nicht immer bei der -platonischen Dienstfertigkeit geblieben sein, was auch Wolfram -andeutet, als er von Plippalinots Töchterlein schalkhaft versichert: - - »Sie hätt' ihm Minne wohl gewährt, - Wenn Minn' er von der Maid begehrt!« - -[27] Parzival 552. 25 ff. - -Den Gast begrüsste die Burgfrau mit einem Kuss.[28] Im Nibelungenlied -heisst Markgraf Rüdeger von Bechelaren seine Frau und Tochter die -Gäste mit Küssen bewillkommnen.[29] Der »blôze ritter« besagt: - - »Sin tohter und sin vrouwen - Hierz er in kussen ze hant.«[30] - -[28] Parzival 405. 15. - -[29] Dieffenbacher, Deutsches Leben im 12. Jahrh., 161 ff. - -[30] Hagen, Gesammtabenteuer, II. 129. - -Vom Küssen zu Handgreiflichkeiten war seit jeher nur ein kurzer Weg. -»Das Mädchen, das sich küssen lässt, geht auch bald ins Bett«, lautet -ein altes Sprichwort, das auch im frühen Mittelalter volle Geltung -besass. Die Mädchen waren meistenteils gar nicht scheu, im Gegenteil, -sie benahmen sich oftmals viel ungezwungener als die Herren. Der reine -Thor Parzival verkriecht sich rasch im Bette, als Jungfrauen zu ihm -ins Schlafgemach kommen: - - »Geschwind sprang der behende Mann - Aufs Bette und deckte sich zu.«[31] - -[31] Parzival 243. 28 ff., 166. 21 ff., 167. 30. Wolfdietrich 1386. - -Alle waren freilich nicht so schamhaft, und es fehlte durchaus nicht -an grobkörnigen Gesellen, denen ebenso jedes Feingefühl mangelte, wie -den vornehmen Damen, mit denen sie es zu thun hatten. Ritter Gawan -betritt kaum die Burg des Königs Vergulaht, dessen jungfräuliche -Schwester Antikonie ihn mit dem Willkommenkuss empfängt, als er ihr -schon mit handgreiflichen Zärtlichkeiten zu Leibe rückt, in welch -löblichem Thun er nur durch den Eintritt eines Ritters unterbrochen -wird.[32] »Diese derbsinnliche Manier, um Liebe zu werben, hat für uns -etwas Anstössiges. Nach den Schilderungen aus der damaligen Zeit -scheint jedoch ein derartiges Benehmen sehr natürlich gefunden worden -zu sein«[33], denn die Frauen kamen allenthalben den Rittern auf -halbem Wege entgegen, ja boten sich nicht selten selbst an, wie der -Kürnberger versichert, oder wie die Tochter des Galagandreiz dem -Lanzelot vom See in Ulrich von Zazikhofens Gedicht, die dem Liebhaber -sogar einen goldenen Ring zum Lohne verspricht. Die tugendhafte Meliûr -schleicht nachts zu dem ihr völlig unbekannten Partonopier, einem -dreizehnjährigen Knaben, und »Sie wurden dô gescheiden Von ir -magetuome«.[34] In Gottfried von Strassburgs Tristan kommt die -Prinzessin Blancheflur zu Rivalin, um ihm ihre Jungfräulichkeit zu -überlassen.[35] Hatte die Tochter des Burgherrn ihren Geliebten bei -sich, war sie gutmütig genug, auch für das Gefolge ihres Liebsten zu -sorgen und ihre Damen zu bestimmen, den Freunden ihres Galans -Gesellschaft zu leisten. Isolde stellt es den Genossen Tristans frei, -zwischen ihren beiden Begleiterinnen Brangane oder Gymêle zu wählen. -Grosse Herren hatten es noch leichter, ihnen war jeder nur zu gern -gefällig. Als der Landgraf Ludwig von Thüringen einem Tanze zusieht -und ein besonders schönes Mädchen sein Wohlgefallen erregt, erbietet -sich sofort einer der Anwesenden, ihm die Gunstbezeugung der Schönen -zu verschaffen. Und wie er ein anderes Mal Verwandte besucht, wird ihm -ein junges Weib: »Geworfen in sîn bette dar«[36]. In dieser Naivität -findet sich vielleicht der Nachhall jener uralten, von Chaldäa -ausgegangenen und von allen Urvölkern des Altertums geübten Sitte #der -gastlichen Prostitution#. Der Hausherr wähnte in dem Gaste einen -Gesandten des Himmels, dem er sein Hab und Gut zur Nutzniessung anbot, -darunter auch seine Frau und seine Töchter. Auch die Bibel ist voll -von Beispielen der gastlichen Prostitution bei den Hebräern, die -vielfach den fremden Gast als Engel ansahen.[37] Wenn wir Murner -glauben dürfen, findet sich noch im 16. Jahrhundert die gastliche -Prostitution vor. »Es ist in dem Niderlande auch der bruch, so der -wyrt ein lieben gast hat, daz er jm yn frow zulegt uff guten glouben.« -In abgeschiedenen Gegenden Russlands soll sich dieser Brauch bis zum -heutigen Tage erhalten haben. - -[32] Parzival 405 ff. - -[33] Bartsch, cit. bei Pannier, Parzival. - -[34] Konrad von Würzburgs »Partonopier und Meliûr«, 1227 ff. - -[35] Tristan, herausgegeben von Massmann, S. 33 ff. - -[36] Leben der heiligen Elisabeth, 3161 ff. u. 3360. - -[37] U. a. 1. Buch Mosis 19. 8 u. 14. - -Es lassen sich aus den Dichtwerken jener Übergangsperiode von -der Dämmerung zum Morgenrot noch eine grosse Blütenlese von -Scenen anführen, die wertvolle Fingerzeige über die geltenden -Anstandsbegriffe geben. Noch kämpft die angestammte Roheit gegen eine -vom Auslande eingeführte Überfeinerung, die wie ein dem knorrigen -Stamme okuliertes Reis nur langsam mit diesem verwächst. Hand in Hand -mit der ursprünglichen Ungeniertheit ging nun eine affektierte, dem -innersten Wesen fremde, gesuchte und daher lächerliche Zimperlichkeit. -Lächerlich ist es, wenn Damen sich ohne Scheu vor dem Knappen im -Naturkostüme zeigen, aber verlangen, dass eben dieser Knappe vor ihnen -nicht anders als mit Unterkleidern versehen erscheinen sollte, da -irgend ein Zufall eine ärgerliche Entblössung seines Körpers im -Gefolge haben könnte[38], wie das recht öde, aber sittengeschichtlich -wertvolle Lehrgedicht »Der welsche Gast« empfiehlt. - -[38] Welsche Gast von Thomasin von Zircläre 457. - -»Der welsche Gast« ist seinem Inhalte nach so eine Art anticipierter -Knigge, ein Vademekum des mittelalterlichen »Guten Tones in allen -Lebenslagen«, das mit anderen Büchern gleichen Inhaltes, wie Winsbeke -und Winsbekin, viel verbreitet, aber ebensowenig befolgt wurde, wie -die geschraubten Machwerke gleicher Tendenz in unserer Zeit. Man -lebte trotz dieser Vorschriften in jenem seltsamen Gemengsel von -Überfeinerung und Roheit, das in seiner Bizarrerie die extremsten -Formen zeitigte. Hier Schamhaftigkeit, die den Anblick blosser Füsse -einer Frau zum todeswürdigen Verbrechen für beide Teile stempelte, -dort die naivste Zurschaustellung des entblössten Körpers vor dem -Diener und Unfreien. Hier freie Liebe, dort exaltierte Prüderie. - -Ein solch eigenartiges Gemisch von Rohheit und Courtoisie spricht sich -auch in dem aus Frankreich eingewanderten Gebrauche aus, mit dem -getragenen Hemd der Geliebten über der Rüstung in den Kampf zu ziehen -und das zerstochene Wäschestück der Angebeteten wieder zu Füssen -zu legen, die es zum Danke für »die Aufmerksamkeit« sofort und -ungereinigt wieder in Gebrauch nimmt, wie dies Herzeloyde, Parzivals -Mutter, und ihr Gatte Gamuret thun.[39] Aus dieser Sitte, die -zweifellos bestanden hat, entwickelte sich in der Folgezeit der -Gebrauch, dass nach der Trauung der Bräutigam das vom Körper der Braut -noch warme Hemd anlegte und umgekehrt, wie dies im 16. Jahrhundert z. -B. in Berlin-Cölln allgemein war. In den folgenden Säculen schrumpfte -der Hemdenwechsel zu dem Hemdengeschenk ein; Ende des 17. und zu -Anfang des 18. Jahrhunderts beschenkte nur noch die Verlobte den -Bräutigam mit dem »Bräutigams-Hembde«.[40] - -[39] Parzival 101. 10 ff., 111. 22 ff. - -[40] Streckfuss, 500 Jahre Berliner Geschichte, S. 35, und Schultz, -Alltagsleben e. d. Frau zu Anfang des 18. Jahrh., S. 109. - -In den Minnesängen der ritterlichen Dichter finden sich zahllose -Gedichte, die über den empfangenen Minnelohn hoher Geliebten -quittieren, daneben aber auch viele, die gleichzeitig lustige -Bemerkungen über die weibliche Leichtfertigkeit nicht zu unterdrücken -vermögen. Dann und wann zieht zur Abwechslung wieder einer der -Zeitgenossen über die Männer her, die den Frauen die allerschlechtesten -Beispiele gaben, so Freidank: - - »Wenn einen Fehltritt Fraun gethan - Des Mannes Bitt war Schuld daran - Auch ein Mann dasselbe thäte, - Wenn man ihn so innig bäte« - -sagt er sehr richtig, schränkt aber seine Meinung wieder dahin ein: - - »Das Weib man immer bitten soll, - Ihr aber stehts Versagen wohl.« - -Besonders schlecht ist ein elsässischer Bischof auf die Männer zu -sprechen. Buhlerei und Ausschweifungen gelten nach ihm nicht mehr als -Vergehen, denn die meisten Männer werten die Frau nicht höher als -einen Becher Wein, ihr Ross, ihr Federspiel oder ihre Meute. - -Selbstredend gab es wie unter den Männern jener Zeit, so auch unter -den Frauen Ausnahmen, die von unverbrüchlicher Gattentreue bis über -das Grab hinaus, von echter Frömmigkeit und von einer Himmelssehnsucht -zeugen, die blind gegen alles Irdische nur für das Jenseits lebte und -die Vorbereitung für das ewige Leben als einzigen Daseinszweck -betrachtete. Die heilige Elisabeth stand mit ihrem asketischen Leben, -aus dem selbst das Bad als frivoles Vergnügen verbannt war, keineswegs -vereinzelt da, ebensowenig wie jene Herrscherin, die sich selbst in -der Ehe die Jungfräulichkeit zu bewahren wusste. Aber derartige -Erscheinungen blieben in der Minderzahl gegenüber der allgemein -verbreiteten Frivolität, die sich weniger auf das eben entstandene -Bürgertum, als auf die in engster Berührung mit dem Adel lebende -Landbevölkerung weiterverbreitete und diese auf Jahrhunderte hinaus -verseuchte. - - - - -Das Leben auf dem Dorfe. - - -Das Leben der Bauern war während des ganzen Mittelalters hindurch eine -ununterbrochene Kette von Misshandlungen und Verfolgungen seitens -ihrer Herren: des Adels und des Klerus. Der Bauernstand, und nicht nur -der leibeigene, lebte in fortwährender Knechtung, vollkommen abhängig -von der Willkür seiner Besitzer. Nie war er davor sicher, von den -Seinen getrennt zu werden, wenn es dem Herrn gefiel, die Frau oder die -Kinder des Hörigen zu verschenken, zu verkaufen oder zu verpfänden. Im -Jahre 1333 versilberte Konrad Truchsess von Urach zwei Bauernweiber -mit ihrer Nachkommenschaft an das Kloster Lorch um drei Pfund Heller. -Das _Jus primae noctis_ beraubte ihn der Jungfräulichkeit der Gattin, -deren Tugend überdies alle möglichen Fährlichkeiten drohten. Ward ein -Bauer um Geld gestraft, und dieses nicht eintreibbar, und konnte auch -an seinem Besitztum die Strafe nicht vollstreckt werden, dann sollte, -wie das Weistum von Wilzhut, zwischen Braunau und Salzburg, bestimmt, -die Frau des Straffälligen geschändet werden. - -Dieses Weistum ist so vorsorglich, zu dekretieren, dass es dem -Gerichtspfleger gestattet sei, falls die Frau »gefiel aber dem pfleger -an der gestalt nicht«, er die Entehrung dem Gerichtsschreiber abtreten -und dieser, wenn auch ihm die Ausführung nicht zusagte, sie dem -Amtmanne »auferladen« könne. Nach wie vor waren die frischen Dirnen -ein begehrter Artikel, um die Harems der Herren zu bevölkern. Der -Ritter Ulrich von Berneck hielt sich nach dem Tode seiner Frau zwölf -hübsche junge Mädchen »zur Erleichterung seiner Witwerschaft«. Kaiser -Friedrich II. hatte seinen Harem, dem auch die Eunuchen nicht fehlten, -in Luceria. - -Das einzige Vergnügen jener bemitleidenswerten, erniedrigten Menschen -war neben Völlerei die rohe sinnliche Liebe, der sie fröhnten, wo und -wann sich Gelegenheit dazu bot. - -Weit besser als die Hörigen und selbst freien Bauern Norddeutschlands -waren die Ackerbürger im Süden Deutschlands daran, die sich ihre -Selbständigkeit zu wahren gewusst, auf ihrem Grund und Boden nicht -selten mit Glücksgütern reich gesegnet als eigene Herren schaltend, -sich den Rittern gleichhielten, deren Tracht und Lebensgewohnheiten -sie ins Dorf zu verpflanzen trachteten. Diese Nachahmung ritterlicher -Sitten und Gebräuche verzerrte sich unter den ungehobelten -Bauernfäusten natürlich ins Groteske, ab und zu ins Widerlich-Gemeine. -Ein köstliches Beispiel bäuerlicher Grossmannssucht ist uns im »#Meier -Helmbrecht#« von Wernher dem Gärtner, der ältesten deutschen -Dorfgeschichte, entstanden im 13. Jahrhundert, überliefert. Der -Titelheld, ein reicher Bauerssohn, den die Eltern verzärtelt, strebt -darnach, Ritter zu werden, bringt es aber nur zum Strauchdieb, der vom -Schicksal ereilt, geblendet, eines Fusses und einer Hand beraubt wird, -als eben seine Schwester Gotelinde mit einem seiner Spiessgesellen -Hochzeit hält.[1] - -[1] Eine in jeder Beziehung ausgezeichnete Neubearbeitung Meier -Helmbrechts lieferte Ludwig Fulda (Hendel, Halle a. S.), deren Lektüre -nicht warm genug empfohlen werden kann. - -Wie die Dorfburschen, so liebäugelten auch die Alten mit den edlen -Herren und sahen wohlgefällig zu, wenn ein Ritter eine arme Verwandte -einem reichen Bauerssohn als Gattin aufhalste, oder ein verarmter -Rittersmann ein hübsches Dirnlein heimführte, um mit der Mitgift sein -verrostetes Schild neu zu vergolden[2] -- also nichts Neues unter der -Sonnen! Besonders den Dorfschönen stachen die noblen Herren in die -Augen, die so ganz anders geartet waren, als die grobkörnigen -Burschen, die so zierliche Redensarten zu drechseln wussten und mit -Geschenken nicht geizten. Aus den Liedern der Minnesänger ist -ersichtlich, dass die Adeligen diese gute Meinung zu nutzen verstanden -und Abenteuern mit den drallen Dirnen keineswegs aus dem Wege gingen. -Nidhardt von Reuenthal ergeht sich in breiten Schilderungen seiner -Erfolge und über das Liebesleben auf dem Dorfe. In einem seiner -Gedichte unterhalten sich Mutter und Tochter, und die Mutter meint, -das 16jährige Töchterchen sei noch viel zu jung zur Liebe. »Ei was,« -entgegnet diese schnippisch, »Ihr wart ja erst zwölf Jahre, als Ihr -Euerer Jungfernschaft ledig wurdet.« »Nun so nimm meinetwegen -Liebhaber so viel du willst.« »Das thät' ich auch gerne, wenn Ihr mir -nicht immer die Männer vor der Nase wegfischtet. Pfui doch, hol Euch -der Teufel! Habt doch schon einen Mann, was braucht Ihr noch andere?« -»Pst, schweig still, Töchterlein. Minne wenig oder viel, ich will -nichts dagegen haben, und solltest du auch ein Kindlein wiegen müssen. -Sei aber auch verschwiegen, wenn du mich der Liebe nachgehen siehst.« - -[2] Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, II.^I S. 64 ff. - -Hermann von Sachsenheim hat im Liederbuche der Klara Hätzlerin einen -für ihn sehr unrühmlichen Sturm auf eine Grasmagd besungen. Oswald von -Wolkenstein weiss gleichfalls von Abenteuern mit Dörflerinnen zu -erzählen, ebenso Tannhäuser und andere Minnesänger mehr. - -Die Dorfschönen fühlten sich eben durch die Bevorzugung seitens des -Adels geehrt, und ihre Liebhaber und Gatten drückten gerne ein Auge -zu, geradeso wie es sich etwas später die Bürger zur Ehre rechneten, -wenn irgend ein Höhergestellter, oder gar -- _horribile dictu_ -- ein -Adeliger, sich gnädigst herabliess, ihre Frauen zu verführen. -Darauf deutet wenigstens die Stelle in Balthasar Voigts, Pastors -zu Drubeck, »Ägyptischem Joseph« hin, eine »geistliche Komödie, -sowohl in kleinen als grossen Schulen zu agieren«, ein Machwerk -voll widerlicher Plattheiten und Schweinereien, die aber trotzdem -von halbwüchsigen Knaben gesprochen und dargestellt wurden! In dieser -»Schulkomödie« erzählt Medea, Potiphars Frau, von Josephs angeblichem -Verführungsversuch: - - »Kein Edelmann, kein Graf im Reich, - Die doch gewest wärn Meinesgleich, - Haben mir Unehr zugemut't, - Wie dieser euer Hebräer thut. - Wär mirs geschehn #von einem Edelmann, - Möcht ihr's euch ziehn zu Ehren an, - Dass ihr zum Weib hätt solch Matron#, - Welch gefiel jeder Adelsperson.« - -Und so etwas schrieb ein Geistlicher für die Jugend! - -Neben den Rittern und Knappen waren hauptsächlich die Dorfpfaffen bei -den Frauen als Liebhaber beliebt, worauf ich noch zurückkommen muss, -ebenso wie bei den Männern die Mägde des eigenen Hauses und die Frauen -und Töchter der Nachbarn. Übrigens ist aus dem Schwankbuche »Peter -Leu« ersichtlich, dass die schlauen Mägdlein schon damals die Kunst -verstanden, irgend einem unschuldigen armen Teufel die Paternität -aufzubrummen, die ein ganz anderer auf dem Gewissen hatte.[3] - -[3] Peter Leu, erneut v. Karl Pannier, 12. Kap. S. 98. - -Wo Verführung gang und gäbe war, fehlten auch deren Folgeerscheinungen, -namentlich der Kindesmord, nicht. Strenge, zum Teil unmenschliche -Strafen sollten das Übel steuern. »Kindsvertilgerin lebendig ins Grab, -ein rohr ins maul, ein stecken durchs hertz« bestimmt beispielsweise -das Brenngenborner Weistum von 1418. Noch grausamer waren die -urwüchsigen Dithmarschen Bauern, welche sogar gefallene Mädchen im -Sumpfe lebendig begruben, welches Urteil der älteste Mann der Familie -der Verbrecherin zu vollziehen hatte.[4] Den Verführer seiner Frau und -diese selbst konnte der Dithmarsche nach eigenem Ermessen bestrafen, -verstümmeln, töten oder freigeben.[5] Ein Gleiches gestattete auch das -mit grausamen Strafen sehr freigebige Berliner Stadtbuch.[6] - -[4] O. Beneke, Von unehrlichen Leuten, S. 168. - -[5] Bartels, Der Bauer in der deutschen Vergangenheit, S. 56. - -[6] Maximilian Rappsilber, Alt Berlin, S. 79. - -So frei übrigens das Bürgertum und die Bauern im grossen und ganzen -über den Geschlechtsverkehr dachten, in einem waren sie einig: in der -Achtung vor der Jungfräulichkeit. Darum galt ihnen die Notzucht als -eines der todeswürdigsten Verbrechen, auf das zum Teil fürchterliche -Strafen gesetzt wurden. Sogar die Nötigung der fahrenden Frauen -- »an -varndeme wive« -- und an der Geliebten ahndet der Sachsenspiegel III -art. XLVI 1 mit dem Tode. Der Schwabenspiegel verbietet nur die -»notnunft« an »siener amîen«, der Geliebten. - -Die Ahndung des Verbrechens war entweder die Enthauptung, manchmal das -Lebendbegraben, wie dies 1418 einem Krämer in Augsburg erging. Im 13. -Jahrhundert wurde in Basel ein Geistlicher dieses Deliktes wegen -entmannt und dann getötet. Im Frankenbergischen wurde dem -Vergewaltiger ein spitzer Eichenpfahl aufs Herz gesetzt, den die -Geschändete mit drei wuchtigen Hammerschlägen in den Körper treiben -musste; so wird wohl die Todesart variiert, aber der schimpfliche Tod -blieb überall das Los des Verbrechers. - -Nach diesen düsteren Bildern der »guten alten Zeit«, die gewisse -dichterisch veranlagte Romantiker gerne als Vorbild für unsere -verderbte Epoche aufzustellen belieben, wieder zu etwas Heiterem. - -Am lustigsten ging es im Dorfe natürlich bei den seltenen -Festlichkeiten, an hohen Feiertagen und bei den Kirchweihen zu, wo man -sich im Essen, Trinken, Lieben und Raufen nicht genug zu thun wusste. - -Die Hochzeiten begüterter Dörfler zählten gleichfalls als -Festlichkeiten, zu denen die Verwandten und Freunde oft von weither -kamen, um sich vergnügte Tage zu machen. Drei detaillierte -Schilderungen solcher bäuerlicher Hochzeitfeiern sind auf uns -gekommen, die hier auszüglich mitgeteilt sein mögen. Das erste dieser -Gedichte, »Von Metzen hochzit«, entstammt dem Anfang des 14. -Jahrhunderts. Der junge Meier Börschi (Bartholomeus) will seine -Geliebte Metzi heiraten. Am Montag früh versprechen sie sich, und da -die beiderseitige Mitgift das Paar zufrieden stellt, wird am Abend -desselben Tages die Hochzeit mit einem solennen Hochzeitsmahle -gefeiert, bei dem es hoch hergeht und alle vollgetrunken sind, als man -das Brautpaar zu Bett bringt. Die Braut schreit, weint und sträubt -sich erst gegen das Auskleiden, wie es die Gepflogenheit verlangt. Am -Morgen wird dem jungen Ehepaare das Essen ans Bett gebracht, worauf -sich Metzi unter dem Jubel der Bauern bei Zwerchpfeifen- und -Trommelklang anzieht, um in die Kirche zur Trauung zu ziehen. - -Das Gedicht der oft erwähnten Klara Hätzlerin »von meyer Betzen« lehnt -sich ziemlich eng an »Metzis Hochzeit« an, nur dass Metzi mit einer -fürchterlichen Schlägerei, hingegen das Poem der Hätzlerin mit der -saftigen, aber witzigen Beschreibung der Brautnacht also endet: - - »Da führt man Pezen (den Bräutigam) auf die Fahrt - Und stellt ihn zu dem Brautbett. - Zwei grosse Pantoffel er an hätt'. - Als man ihm nun die Mezen (seine Braut) gebracht, - Sprang er fröhlich ins Bett und lacht. - Alsbald er sie mit dem Arm umfing, - Darauf Alles aus der Kammer ging. - Pez sprach: ›Hätt' ich ein Licht - Glaub mir, ich unterliess es nicht - Ich macht aus dir ein Eheweib‹ - Beteuerte er bei seinem Leib. - ›Dass doch nur der Mond jetzt schien, - Dann liess ich dich nicht also hin.‹ - Mez sprach: ›Du volle Kuh, - Was soll dir denn ein Licht dazu? - Min's Vaters Knecht der Upelpracht, - Konnt' es sogar um Mitternacht!‹« - -Heinrich von Wittenweiler führte im 15. Jahrhundert die Erzählung von -Metzens Hochzeit in breiter Weise weiter aus, sie durch viele Zusätze -modernisierend und vergemeinernd.[7] - -[7] Herausgegeben von Ludw. Bechstein. - -Der Held ist Bertschi Triefnas, der in dem Dorfe Lappenhausen wie ein -Pfau herumstolzierte und sich als Junker anreden liess. Er liebt -Mäczli Rürenzumph, der zu Ehren er mit seinen Genossen turniert, der -er Ständchen bringt, die er im Kuhstalle erfolglos zu bezwingen sucht, -und bei der er durchs Dach bricht, als er sie in ihrer Kammer -belauschen will. Da alles dies ihm Mäczli nicht geneigter macht, lässt -er sich von dem Dorfschreiber einen Liebesbrief schreiben, den dieser -an einen Stein bindet und Mäczli zuwirft, wodurch er sie am Kopfe -verwundet. Der Brief wird gefunden und Mäczli ruft ihrem Vater zu, um -dessen Grimm zu entwaffnen, sie blute am Kopfe und müsse zum Arzte -gebracht werden. Das Gefolge teilnehmender Freunde und Nachbarn weist -der Arzt hinaus, worauf ihn Mäczli bittet, ihr den erhaltenen Brief -vorzulesen. Er thut es, erpresst aber von ihr durch die Drohung, den -Inhalt dem Vater mitzuteilen, eine Liebkosung, gibt ihr aber zugleich -Rat, wie sie dessen Folgen vertuschen soll. Darauf setzt er ihr einen -floskelreichen Liebesbrief auf, der einer Kupplerin zur Übergabe an -Bärtschi ausgehändigt wird. Nachdem sich dieser den Brief vorlesen -liess, beruft er seine Freunde und Verwandten, um mit ihnen seine -Heirat zu beraten. Man spricht für und wider, bis endlich alle einig -sind. Sofort machen sich zwei der Freunde auf, Bärtschis Werbung bei -dem Brautvater vorzubringen, der sie günstig aufnimmt und nach einigen -Formalitäten seine Einwilligung gibt, wovon man den Freier -benachrichtigt. Mäczli fällt bei der Nachricht von Bärtschis Werbung -in Ohnmacht, kommt aber gleich wieder zu sich und lässt sich von den -Freundinnen schön machen und in die Versammlung führen, wo sie sich -erst »mit füssen und elnpogen« wehrt, ehe sie ihr Jawort gibt. Mäczli -empfängt von ihrem Galan einen kleinen verzinnten Ring mit einem -Saphir aus Glas und ein weiteres Kleinod mit zwei Perlen aus -Fischaugen. Die Angehörigen verlassen nun das Haus, nicht ohne vorher -dem jungen Ehemanne Haar und Bart zerzaust zu haben, um bei den -Anstalten zur Hochzeit nicht im Wege zu sein. Gäste werden eingeladen -und kommen »geritten auf eseln und auf schlitten«. Am Festtage -verkündet der Pfarrer in der Kirche den Vollzug der Ehe, worauf man -sich in des jungen Ehemanns Haus begibt, um erst die Brautgaben zu -empfangen, ehe man mit dem überreichen Mahle beginnt, nach dem man -sich im Tanze belustigte. - - »Die Mägdlein waren also rüg - Und sprangen her so ungefüg, - Dass man ihnen oft, ich weiss nit wie, - Hinauf konnt seh'n bis an die Knie. - Hildens Brustlatz war zu weit, - Darum ihr zur selben Zeit - Das Brüstlein aus dem Busen sprang.« - -Das Ende mit Schrecken ist Prügelei mit Mord und Totschlag. - -In der Brautnacht wird dem Pärchen eine Stärkung gereicht, nicht so -der anderen Weiblichkeit, die, die günstige Gelegenheit benützend, -gleichfalls die Nacht mit ihren Liebhabern verbringt. Am nächsten Tag -setzt die Hochzeit wieder ein und endet mit einer wahren Schlacht, bei -der die Obrigkeit einschreiten muss. - -Die freie Denkungsart des Mittelalters in geschlechtlichen Dingen -hielt sich nicht an den heute gang und gäben Standpunkt, dass nur der -Mann allein seinen sinnlichen Bedürfnissen Rechnung tragen dürfe, die -Frau aber den einmal geweckten Naturtrieb zu unterdrücken habe. War -die Vorzeit auch intolerant gegen Fehltritte von Mädchen, so erkannte -sie der Frau das Recht zu, von ihrem Manne die Leistung der ehelichen -Pflicht voll und ganz beanspruchen zu dürfen. Luthers Ansicht: »Ein -Weib, wo nicht die hohe seltsame Gnade da ist, kann eines Mannes -ebensowenig entraten als essen, schlafen, trinken und andere -natürliche Notdurft«, die er oft und in verschiedenen Varianten -verficht, war ganz die seines Zeitalters, was schon daraus hervorgeht, -dass sogar gesetzliche Bestimmungen der Frau ihr durch die Heirat -erworbenes Recht in für den betreffenden Gatten tragikomischen -Bestimmungen zu wahren suchen. - -Diese Gesetze vertreten ganz Luthers Standpunkt, der in seinem Traktat -»Vom ehelichen Leben« erklärt: »Wenn ein tüchtig Weib zur Ehe einen -untüchtigen Mann überkäme und könnte doch keinen anderen öffentlich -nehmen und wollte auch nicht gern wider Ehre thun, soll sie zu ihrem -Mann also sagen: Siehe, lieber Mann, du kannst mein nicht schuldig -werden, und hast mich und meinen jungen Leib betrogen, dazu in Gefahr -der Ehre und Seligkeit bracht, und ist für Gott keine Ehe zwischen uns -beiden, vergönne mir, dass ich mit deinem Bruder oder nächsten Freund -eine heimliche Ehe habe und du den Namen habst, auf dass dein Gut -nicht an fremde Erben komme, und lass dich wiederum williglich -betrügen durch mich, wie du mich ohne deinen Willen betrogen hast.« -Der Mann, führt Luther[8] weiter aus, hat die Pflicht, die Bitte zu -erhören; will er nicht, so darf er nicht böse sein, wenn die Frau von -ihm läuft.[9] - -[8] Jena 1522 II. 146. - -[9] Dr. Karl Hagen, Deutschlands literarische und religiöse -Verhältnisse im Reformationszeitalter, S. 234. - -Am weitschweifigsten ergehen sich die westfälischen Weistümer über -diese auch heute noch brennende Frage. Sie erkennen in erster Linie -dem Nachbarn des untauglichen Ehemannes das erste Recht auf -Stellvertretung zu, dann jedem X-beliebigen. Das Beuker Heidenrecht -(III 42) besagt wie folgt: »Item so erkenne ich auch für Recht, so ein -guter Mann ihr Frauenrecht nicht vollziehen könne, dass sie darüber -klagt, so soll er sie aufnehmen und tragen über sieben Zäune und -bitten seinen nächsten Nachbarn, dass er seiner Frau helfe; wenn ihr -geholfen ist, soll er sie wieder nehmen, sie wieder tragen nach Haus -und setzen sie sacht nieder und ihr ein gebratenes Huhn und eine Kanne -Wein vorstellen.« In der Landfeste von Hattingen hat dieser Gebrauch -gleichfalls Platz gefunden: »Da ein Mann wäre, der seinem rechten -Weibe ihr frauliches Recht nicht thun könne, so soll er sie sachte auf -den Rücken nehmen und tragen über neun Zäune und setze sie dort -vorsichtig nieder, ohne Stossen, Schlagen, Werfen und ohne bösen -Worte, rufe alsdann seine Nachbarn an, dass sie ihm seines Weibes Not -wehren helfen. Und wenn dann seine Nachbarn das nicht thun wollen oder -können, so soll er sie senden auf die nächste Kirchweih in der Nähe, -und dass sie dort »sich seuverlich zumache und zehrung habe, hänge er -ihr einen mit Geld bespickten Beutel auf die Seite. Kommt sie von -dorther wieder ungeholfen, #dann helfe ihr der Teufel#!« - -Nach dem Bochumer Landrechte (III. 70) genügt ein Teufel nicht mehr. -Hat der Mann die Frau über die Zäune getragen, dort fünf Stunden lang -um Hilfe gerufen, sie im neuen Kleid mit Geld versehen auf einen -Jahrmarkt geschickt, ohne dass sich ihr Wunsch erfüllte, dann mögen -ihr »thausend düffel« helfen.[10] - -[10] Alwin Schultz, Deutsches Leben im XIV. und XV. Jahrh., S. 159. - -War die Frau ansehnlich, dann bedurfte es solcher Gewaltmassregeln -kaum, sie fand unter der Dorfjugend leicht einen Liebhaber, und -verhielt sich diese spröde, dann war noch immer der Herr Geistliche -da. - -Denn wenn auch die Geistlichkeit gegen die Unzucht von der Kanzel -herab Zeter und Mordio predigte, so war sie während ihrer unendlich -vielen Freizeit eine ewig dräuende Gefahr für den schöneren Teil ihrer -Pfarrkinder. - - »Die Sünden, die begehn allein - Die Pfaffen, sind die Weibelein« - -sagt der Freidank in seiner Bibel des Mittelalters, in der -»Bescheidenheit«, indem er den Klerikern ins Gewissen zu reden sucht -und ihnen zürnend zuruft: - - »Ein jeder Priester meiden soll - Mess oder Weib; das stehet wohl: - Das Haus bedarf der Reinheit wohl, - Darein Gott selber kommen soll.«[11] - -[11] Freidank a. a. O., Aus dem Mittelhochdeutschen von K. Pannier, S. -24 ff. - -Auch Walter von der Vogelweide meint: »Die Pfaffen sollten keuscher -leben als die Laien«, sie thaten es aber so selten, dass die Bauern -froh waren, wenn ihre Seelenhirten Beischläferinnen besassen. Die -kernigen Friesen duldeten keine Priester ohne Konkubinen in ihrer -Mitte: »Se gedulden ock geene Preesteren, sunder eheliche Fruwen, op -dat se ander lute bedde nicht beflecken, wente sy meinen, dat idt nich -mogelygk sy, und baven die Natur, dat sick ein mensche ontholden -konne«.[12] - -[12] Corvin, Pfaffenspiegel, V. Aufl. S. 303. - -Mit anerkennenswerter Offenheit äussert sich ein Manuskript-Fragment -aus dem 13. Jahrhundert »_de rebus Alsaticis_«: »Um das Jahr 1200 -hatten auch die Priester allgemeine Beischläferinnen, weil gewöhnlich -die Bauern sie selbst dazu antrieben. Diese sagten nämlich: Enthaltsam -wird der Priester nicht sein können, es ist darum besser, dass er ein -Weib für sich hat, als dass er mit den Weibern aller sich zu schaffen -macht.« Welche Gefahr dieses Beackern fremder Felder darstellte, -beweist nach der eben citierten Quelle ein Herr Heinrich Bischof von -Basel (1215-38), der bei seinem Tode 20 vaterlose Kinder ihren Müttern -hinterliess. Ein Bischof von Lüttich, den das Konzil von Lyon -absetzte, besass gar 61 Sprösslinge. Nach Caesarius von Heisterbach -scheute mancher Pfaffe selbst nicht davor zurück, mit Jüdinnen -Verhältnisse einzugehen, im Mittelalter eine Todsünde, doppelt -sündhaft für einen Geistlichen. - -Offen und ungescheut unterhielten die meisten Geistlichen ihre -Pfarrersköchinnen bis zur Reformation, die sich diese Achillesferse -der Gegenpartei nicht entgehen liess und eine ganze Litteratur wider -die Pfaffenbuhlerinnen zeitigte. Die »_Epistolae virorum obscurorum_« -und Ulrich von Huttens Gesprächbüchlein sind köstliche Blüten dieser -Kampfschriften; namentlich das erstgenannte Buch übergiesst die -Pfarrerdirnen und ihre Liebhaber mit ätzender Satire. Aber auch die -katholische Litteratur bemächtigte sich von altersher des dankbaren -Stoffes, um ihr Mütchen an den Pfaffendirnen zu kühlen, sei es in -ernst mahnender, sei es in derb-komischer Manier. Der »#Pfarrer von -Kahlenberg#« weiss durch die hübsche Beischläferin seines Bischofs -sich manchen Vorteil zu erschleichen. So liegt er einmal unter dem -Bette, während der Bischof seiner Liebsten »die Kapelle weiht«.[13] Da -dieser Eulenspiegel im Priesterkleide den Befehl erhielt, -Bedienerinnen zu haben, die 40 Jahre zählen, so nimmt er sich zwei von -je 20 Jahren. Im Till Eulenspiegel und den anderen Schwankbüchern des -Mittelalters gehört der verbuhlte Pfaffe zu den stereotypen Figuren, -die es meisterlich verstehen, die Gatten und Väter zu hintergehen. -Manchmal misslang allerdings das Vorhaben, dann empfingen sie eine -Tracht Prügel, wurden sogar manchmal erschlagen. Doch auch an ernsten -Stimmen über das pfäffische Treiben fehlt es nicht. Thomas Murner, -dessen Geissel auch seine eigenen Standesgenossen nicht verschont, -wenn es gilt, der Menschheit ihre Laster vorzuhalten, ironisiert im -»Narrenspiegel«:[14] - -[13] »Der Pfarrer von Kahlenberg.« Ein Schwankgedicht. Erneut von Karl -Pannier, Leipzig, S. 36. - -[14] 19. 86. - - »Dann hör' ich eurer Köchin Beicht', - Und ihr thut's meiner auch vielleicht - Und thut, wie unser Vorfahr that, - Der von der Höll' uns alle hat - Befreit, uns thät vor Tod bewahren, - Dass wir nicht brauchen hineinzufahren. - Jedoch, sobald ihr wolltet schnurren - Und wider unsre Freiheit murren, - Aus meiner Pfarr', aus meinem Haus - Meine liebe Köchin treiben aus, - Mit der ich alle Kurzweil' treib', - Die mir auch wärmet meinen Leib, - Die wohl schon zwanzig ganze Jahre - Mir hat gekräuselt meine Haare -- - Das würde dir nicht schlecht vergolten. - Denn bald die Bauern wissen sollten, - Bald sagt' ich ihnen frohe Märe, - Dass nirgends eine Hölle wäre.« - -Dann weiter: - - »Jeder hat eine Dienerin, - Die tag und nacht bischlaft im.« - -Die Herren Geistlichen waren Epikureer, die dem Sprichworte huldigten: -»Es ist kein feyner leben auf erden, denn gewisse Zinss haben von -seinem Lehen, eyn Hürlein daneben und unserem Herre Gott gedienet.« - -Die Pfarrer durften sich ungestört ihrer wilden Ehe hingeben, wenn sie -ihre Oberen nur dafür bezahlten. Aus diesem Sündengeld zogen viele -Bischöfe grosse Summen. »Es war ein mal ein priester, der gab alle iar -dem fischgal (Fiskal) fier guldin, dass er im die Kellerin in ruwen -(Ruhe) liess«[15], eine stattliche Summe, die ein Erkleckliches -ausmachte, wenn eine grössere Anzahl von Priestern aus einer Diözese -den gleichen Betrag erlegen musste. Heinrich von Hewen, um die Mitte -des 15. Jahrhunderts Bischof von Konstanz, selbst ein üppiger Herr, -gewann aus den Konkubinen-Abgaben seiner Geistlichen eine jährliche -Einnahme von 2000 Gulden. Das ärgerliche Leben der Geistlichkeit -verlockte sogar die abergläubische Menge, ihnen die Schuld an -Epidemien und schweren Erkrankungen ihrer Beichtkinder, besonders an -der Epilepsie, zuzuschieben. »Da ward darnach von etlichen also -gedeutet, als sollten diese Leute nicht recht getaufft, oder doch ihre -Tauffe nicht krefftig sein, weil sie die von solchen pfaffen -empfangen, die da unverschampt, mit unzüchtigen Huren in öffentlicher -Unehe bey einander lebten, darüber das gemeine Volk bald ein aufstehen -gemacht, und alle pfaffen zu todt geschlagen hette.«[16] - -[15] Schimpf und ernst v. Bruder Johannes Pauli, Strassburg 1522. - -[16] Cyr. Spangenberg, Adels Spiegel. Historischer ausf. Bericht: Was -Adel sey und heisse etc. Schmalkalden 1591. fol. 403 b ff. - -Neben der Liebe vergassen auch viele Geistliche nicht, weltliche Güter -zu eigenem und zum Nutzen ihrer Klöster zu ergattern. Junge, hübsche -und reiche Witwen und Waisen waren ein gesuchter Artikel für Laien und -Priester. »Darnach sind etliche (Geistliche),« äussert sich Geiler von -Kaisersberg, »die wittwen und weyssen heymsuchend. Warumb? Darumb: Sy -begerend sye zuo verfueren, uff dass sye ires leibes und guotes gantz -gewaltig werdend.«[17] - -[17] Seelenparadies, fol. 147 a. - -Ausser ihren Beichtkindern und ihren Wirtschafterinnen standen -übrigens der höheren Geistlichkeit die ihnen subordinierten Klöster -für galante Abenteuer zur Verfügung, worüber schon in früher Zeit -viele Klagen laut wurden, deren Berechtigung auch Karl der Grosse -durch einige seiner Kapitularien anerkannte. - - - - -Die Klöster. - - -Ebenso unkeusch wie die Seelsorger in Dorf und Stadt waren die -Insassen der Klöster, gleichviel ob Mönche oder Nonnen. Namentlich die -Nonnenklöster standen vielfach in denkbar schlechtestem Rufe, so dass -Geiler von Kaisersberg sagen durfte: »Ich weiss nicht, welches schier -das best wer, ein tochter in ein semlich closter thuon oder in ein -frawenhauss. Wann warumb? ym closter ist sie ein huor ....« Ein hartes -Urteil eines Geistlichen über seinesgleichen, dem umsoweniger die -Berechtigung abgesprochen werden darf, als es keineswegs vereinzelt -dasteht. Sebastian Brant meint im Narrenschiff: - - »Solch Klosterkatzen sind gar geil, - Das schafft, man bind sie nicht an seil«,[1] - -das heisst, dass sie keine Aufsicht haben. - -[1] Narrenschiff, LXXIII. Vom geistlich werden. - -Die Abgeschlossenheit der Klöster eignete sich vorzüglich dazu, -Geheimnisse der Aussenwelt zu verbergen und sich unter dem Schutze der -Klausur der ausgelassensten Wollust hinzugeben. - -Es sind grauenvolle Thatsachen aus dem mittelalterlichen Klosterleben -überliefert. Das Kloster Gnadenzell auf der schwäbischen Alp gelangte -schon frühzeitig zu trauriger Berühmtheit. Einer der Schirmherren des -Klosters, Herzog Julius von Braunschweig, liess die Äbtissin, eine -geborene von Warberg, 1587 lebendig begraben, weil sie sich mit dem -Stiftsverwalter zu tief eingelassen hatte.[2] Die früheren Aufseher -dieses Klosters waren weniger streng. Sie liessen es geschehen, dass -es darin schlimmer als in einem Bordelle zuging und die Nonnen Tag und -Nacht für wohlhabende Gäste zur Verfügung standen. Von diesen Nonnen -ging die Priamel aus: - -[2] Corvin a. a. O. 327. - - »Ein boehmisch moench und schwaebisch nonn - Ablass, den die Kartheuser hon, - Ein polnisch brueck und wendisch treu - Huener zu stehlen, Zigeuner reu - Der Welschen Andacht, Spanier eid - Der Deutschen fasten, Koellnisch maid - Eine schoene tochter ungezogen - Ein roter bart und erlenbogen, - Fuer diese dreizehn noch so viel, - Gibt niemand gern ein pappenstiel.«[3] - -[3] Adelbert von Keller, »Alte gute Schwänke«, S. 76. - -Sebastian Franck drückt sich in seinen Sprüchwörtern kürzer dahin aus: -»Ein polnisch bruck, ein bemischer mönch, ein schwebisch nonn, ein -oesterrychischer Kriegsmann, wälche andacht und der tütschen fasten -geltend ein bonen« -- d. h. sind keine Bohne wert. Im gleichen Rufe -wie Gnadenzell standen das Frauenkloster zu Kirchheim unter Teck, in -dem Graf Eberhard der Jüngere von Württemberg mit seinen Zech- und -Waidkumpanen die tollsten Orgien feierte, und Söflingen bei Ulm. Als -das Gerede über das Treiben der Söflinger Nonnen zu arg wurde, sah -sich die geistliche Obrigkeit endlich veranlasst, eine Visitation des -Klosters vorzunehmen. Gerne that es der Bischof Gaimbus von Kastell ja -nicht, denn er fürchtete mit Recht einen Skandal. Aber was er fand, -übertraf seine höchsten Befürchtungen und war selbst für den guten -Magen des Kirchenfürsten zu viel. Ganz entrüstet berichtet er unter -dem 20. Juni 1484 an den Papst von den Nachschlüsseln, den Briefen -höchst unzüchtigen Inhalts und den üppigen Kleidern, die er in den -Klosterzellen entdeckt hatte. Das ihm Peinlichste aber war, dass fast -alle Nonnen -- in gesegneten Umständen angetroffen worden waren.[4] -Die Zimmersche Chronik lässt sich über das Kloster zu Oberndorf im -Thal wie folgt aus: »Es haben sich bis vierundzwanzig Klosterfrauen, -meistenteils von Adel, darin aufgehalten, die keinen Mangel litten, -wie man spricht, sondern im Überfluss lebten. Was für gutes Leben, -sofern man das als gutes Leben achtet, in diesem Kloster war, ist -daraus zu ersehen, dass viel Adel vom Schwarzwald und vom Neckar in -diesem Kloster eingekehrt -- den ufritt gehapt --, so dass es damals -mit mehr Recht des Adels »hurhaus« als des Adels »spittal« wäre -genannt worden. Besonders haben die von Ow, Rosenfeldt, Brandegk, -Stain, Neuneck viel Geld darin verthan, und hat diese Hochschule der -Wollust Ehebrecher und Väter unehelicher Kinder geschaffen. Damit -genug. Einmal sind viele vom Adel und gute Gesellen im Kloster -gewesen, die haben Abendtanz sehr spät gehalten. Da hat es sich von -ungefähr begeben, dass während des Tanzes plötzlich die Lichter -verlöschten. Da entstand ein »wunderbarliches blaterspill«, indem sich -jeder Mann ein Nönnlein nahm. Die Thüren waren verhängt und kein -brennend Licht sollte in den Saal kommen. Und gleichwohl niemand von -der Dunkelheit verschont blieb, so hatte doch keiner Grund zu klagen, -ausser einem Edelmann, dem ein »widerwertiger casus begegnet«. In der -Furcht, es werde unversehens ein Licht gebracht, schrie er: »Liebe -Freunde, eilet nicht, lassts noch einmal herumgehen -- ich habe meine -Schwester erwischt!«[5] In demselben Kapitel der eben citierten -Chronik finden sich noch weitere Skandalosa von Nonnen und Mönchen, -auch Liebesabenteuer des erbitterten, viel verlästerten Gegners der -Reformation, Thomas Murner, des Franziskanermönches, des strengen -Sittenpredigers, der vielleicht, wenn sich gerade mal eine günstige -Gelegenheit bot, auch ganz gerne einen Seitensprung machte, was dann -seinen vielen Feinden willkommenen Anlass bot, ihn ebenso abzukanzeln, -wie sie es von ihm gewohnt waren. Er hatte ein loses Maul, das -ebensogut schimpfen, wie im beissenden Spott arge Wunden verursachen -konnte: - -[4] Jäger, Schwäbisches Städtewesen, I. 501. - -[5] Zimmerische Chronik, III. 69. - - »Wer die meisten Kinder macht, - Wird als Aebtissin geacht« - -sagt er in Bezug auf gewisse Klöster. In anderen allerdings galt -wieder der Bibelspruch: »Selig sind die Unfruchtbaren«, den die -Notwendigkeit diktierte, da es nicht leicht war, die Folgen der -Verirrungen der Nonnen zu verbergen, denn nicht überall war es -möglich, die Kinder kurzerhand zu töten, wie im Kloster Mariakron, bei -dessen Abbruch man »in den heimlichen Gemächern und sonst -- -Kinderköpfe, auch ganze Körperlein versteckt und vergraben« fand. Der -Bischof Ulrich von Augsburg erzählt die schier unglaublich klingende -Thatsache, dass unter Papst Gregor I. aus einem Klosterteiche -#sechstausend# Kinderköpfe herausgefischt wurden.[6] - -[6] Corvin a. a. O. S. 361. - -Die Mönchsklöster waren um kein Haar besser, als die Klöster mit -frommen Schwestern. Die Mönche hatten es auch viel leichter als die -Nonnen, da sie sich ihren Passionen überlassen durften, ohne -auffällige Folgen befürchten zu müssen. Die Angehörigen jener Orden, -welche terminierend, besser gesagt bettelnd, von Ort zu Ort zogen, um -ihre Beute mit den Brüdern im Kloster zu verzehren, fanden an frommen -Bäuerinnen Seelenbräute, die sich gerne von den Herren Patres -erlustigen liessen. Auch die Nonnenklöster, die ihnen Obdach -gewährten, bewillkommten sie als gern gesehene Gäste, die im wahren -Sinne des Wortes mit offenen Armen aufgenommen wurden. Doch nicht -genug, dass die Cölibatäre der ihnen verbotenen Frauenliebe huldigten, -noch andere, weit schändlichere Laster fanden in und durch die Klöster -Verbreitung. 1232 forderte Gregor IX. die Predigermönche auf, in -Österreich das Laster der Sodomie auszurotten und die Sünder als -Ketzer zu behandeln. Berthold von Regensburg predigte gegen die -»stumme, diu rôte sünde. Pfech, pfech (Pfui, pfui)«, doch mit geringem -Erfolg, denn die Homosexualität war aus den Klöstern nicht zu bannen. -»1409 wurden am Samstag den 2. März zu Augsburg vier Priester, Jörg -Wattenlech, Ulrich der Frey, Jakob der Kiss und Hans Pfarrer zu -Gersthofen wegen Sodomie in einem ›Fagelhaus‹ am Perlachturm -angeschmiedet, leben noch am folgenden Freitag und verhungern dann.« -Einen beteiligten Laien, den Lederer Hans Gossenloher, trifft die -Strafe der Ketzer; er wird verbrannt.[7] Der Strassburger Domprediger, -der schon wiederholt angeführte Geiler von Kaisersberg, predigt seinen -Standesgenossen: »Da hast du dich versündigt mit öffentlichen Dirnen, -Jungfrauen betrogen, Ehefrauen be........, Witwen geschändet, mit -deinen Freunden zu thun gehabt, da mit deinem Gevatter, da mit deinem -Beichtvater, da mit deiner Beichttochter. Ich will schweigen der -Unzucht, mit der du die Ehe gebrochen, ich will auch schweigen der -Unzucht, darum man dich verbrennen sollte.«[8] Und wenn dies ein Mönch -sagt, der seinesgleichen genau kennt, ist jeder Zweifel daran von -Übel. Wie genau Geiler Bescheid weiss, geht aus dem von ihm wiederholt -angeführten Sprichwort hervor: »Willst du haben dein Haus sauber, so -hüte dich vor Pfaffen, Mönchen und Tauben, Diener, Vettern, -Laienbrüdern (blotzbruder) und Aerzten.« Die Geistlichkeit, die durch -ihr Beispiel veredelnd auf die Laien hätte einwirken sollen, musste -durch ihr Betragen nicht nur an Achtung, sondern auch an Einfluss auf -die breiten Massen des Volkes einbüssen, wodurch sich erklärt, dass -die Reformation beinahe von Anbeginn an ihren beispiellosen Erfolg zu -verzeichnen hatte. Und nicht nur die Laien allein, sondern auch -einsichtsvolle Männer aus dem Stande selbst sahen ein, dass sich eine -gründliche Reinigung des priesterlichen Augiasstalls unabweisbar -machte, sollte nicht der morsch gewordene Bau der römisch-katholischen -Kirche jäh in sich zusammenbrechen. Geiler von Kaisersberg gesteht -offen ein, dass jeder, der ein faules Leben führen und ungehindert -seinen Begierden frönen wollte, sich mit der Kutte bekleidete. War -doch die Gründungsursache der meisten Klöster keineswegs Frömmigkeit, -sondern nichts weiter als purer Eigennutz, der darauf ausging, -Sinekuren zu schaffen. »Man irrt sehr, wenn man sich vorbildet, alle -Klosterstiftungen im Mittelalter seien aus purer Frömmigkeit und ohne -Beimischung politischer und häuslicher Zwecke geschehen. Bei weitem -hatten die meisten Stifter dabei die Absicht, zugleich für ihr Haus zu -sorgen und bei zahlreicher Familie dort für einige ihrer Kinder -- -eheliche und Nebensprösslinge -- eine ständige Unterkunft anzulegen, -zumal da solche Klöster dergleichen Kinder des Geschlechts des -Stifters ohne, oder nur gegen äusserst geringe, Mitgift aufzunehmen -verbunden waren. Man fand daher in dergleichen Stiftungen das -erspriesslichste Mittel, beide Zwecke zugleich zu erreichen; sich -einesteils den Himmel zu verschaffen und andernteils sich drückender -Familienbürden zu entledigen. Auch ohne Stifter zu sein, hatten grosse -Klosterwohlthäter nicht selten den nämlichen Zweck, und so wusch denn -auch hier gewöhnlich eine Hand die andere rein«, sagt Bodmann in -seinen 1819 erschienenen »Rheingauischen Alterthümern«. So hielt man -es von Karls des Grossen Zeiten her bis in die neueste Zeit. Nach -innerem Beruf wurde bei den für das Kloster Bestimmten nicht gefragt; -sie hatten dem elterlichen Machtspruche zu gehorchen, und sie folgten -vielfach auch ganz gerne, da ihnen das Gelübde kaum einen Zwang -auferlegte, und sie frei ihren Neigungen nachleben konnten: - -[7] Corvin a. a. O. S. 303; Augsburger Chronik 1368-1406. - -[8] Von den 15 Staffeln (1517), fol. 36 a, bei Schultz, D. L. 255. - - »Bemerket: wenn ein Edelmann - Sein Kind jetzt nicht vermählen kann - Und hat kein Geld ihr mitzugeben, - So muss sie in dem Kloster leben; - Nicht dass sie Gott sich weih' darin, - Nur dass er sie nach seinem Sinn - Und seiner Hochfahrt mit seinem Gut - Versorge, wie man dem Adel thut,« - -sagt Murner. Wen aber wirklich Herzensneigung in das Kloster trieb, -der wurde, wenn er nicht von ganz aussergewöhnlicher Willensstärke -war, von dem unaufhaltsam dahintosenden Strome der in den Klöstern -herrschenden Unmoral mitgerissen; er versank in den Strudel, gleich -seinen Brüdern und that ebenso, wie sie es alle machten. Das schlechte -Beispiel ging von den Kirchenfürsten selbst aus. Würdenträger, die -ihren Beruf ernst nahmen und streng auf die Beobachtung der Gelübde -hielten, waren weisse Raben. Einer dieser wenigen, Ferdinand von -Fürstenberg, Fürstbischof von Paderborn (1661 bis 1683), ging so weit, -einen Gesalbten ausstossen und hinrichten zu lassen, weil er ein -ausschweifendes Leben führte.[9] Die Mehrzahl der anderen hohen Herren -liess sieben gerade sein, da sie es meistens noch toller trieben, als -die ihnen Unterstellten. - -[9] Dr. Ed. Vehse, Unter der Herrschaft des Krummstabes, S. 23. - -Bezeichnend für die sich unter dem geistlichen Habite breit machende -Lasterhaftigkeit war das Treiben in den geistlichen Ritterorden. Dem -Orden der Tempelherren machte bekanntlich der energische König Philipp -IV. der Schöne von Frankreich ein schreckensvolles Ende. 1312 wurde -gegen die Ordensbrüder die Anklage auf die gleichbedeutenden -Verbrechen Ketzerei und Sodomiterei seitens des Papstes Clemens V. -erhoben, die zu ihrer Ausrottung mit Feuer und Schwert führte. -Glücklicher waren die sich unter gewichtigem Schutze bergenden -deutschen Ritter, die »allein im Dienste ihrer himmlischen Dame Maria« -stehend, den Namen der göttlichen Jungfrau auf das Gröblichste -missbrauchten und unter seinem Deckmantel himmelschreiende Missethaten -vollführten. Von ihren Menschenschlächtereien abgesehen, den -berüchtigten »Heidenfahrten« auf wehrlose und harmlose Naturkinder, -die man aus purem Sport hinschlachtete, waren sie Wüstlinge -schlimmster Sorte, denen kein Laster versagt blieb. Die Bürger -Marienburgs, ihrer Residenz, mussten sich wiederholt beschweren, dass -kein ehrsamer Bürger abends sein Haus verlassen dürfe, ohne fürchten -zu müssen, die zu Hause gelassenen Frauen und Mädchen von den Rittern -auf die Hochburg geschleppt und dort gemissbraucht zu sehen. »Ein Teil -der Schlossfreiheit heisst noch von der Zeit her, wo die Ritter ihr -unheiliges Wesen da trieben, ›der Jungferngrund‹. Noch jetzt« -- um -die Mitte des 19. Jahrhunderts -- »wird von jener Zeit her beim -Magistrat von Marienburg die Kasse des ›Jungferngrund-Hospitals‹ -verwaltet, worin zu Grunde gerichtete Frauenzimmer aufgenommen wurden. -Aus den Strafakten des Marienburger Ordenshauses hat sich ergeben, -dass unter dem Deckmantel der christlichen Beichte Jungfrauen und -Ehefrauen systematisch verführt, Vergewaltigungen selbst an -neunjährigen Mädchen von den Ordenskaplänen verübt wurden. Das -Bezeichnendste, was von den auf das _votum castitatis_ verpflichteten -deutschen Ordensrittern gesagt werden kann, ist, dass der -Ordensmeister Conrad von Jungingen bereits zu Ende des 14. -Jahrhunderts Verbote erlassen musste, kein weibliches Tier im -Ordenshause zu Marienburg zu dulden.«[10] - -[10] Vehse, Die Deutschen Kirchenfürsten in Trier, Salzburg-Münster, -S. 191 ff. - -Die Reformation fand in den Klöstern beiderlei Geschlechtes -begeisterte Anhänger, die mit fliegenden Fahnen in das feindliche -Lager übergingen. Namentlich in den Nonnenklöstern beeilten sich viele -der Schwestern, die verhassten, drückenden Fesseln zu zerbrechen, die -ihnen Familienrücksichten, Tradition und Egoismus geschmiedet, um in -das weltliche Leben zurückzukehren. Wieviel heisses Ringen, was für -mächtige Seelenkämpfe mögen die düsteren Zellen gesehen haben, ehe in -manchem zaghaften Gemüte der Entschluss zu der für eine Frau -heroischen That reifte, das gewohnte Nonnenkleid für immer -abzustreifen. - -Gelang es diesen Exnonnen nicht, Unterkunft bei ihren Familien zu -finden, Stellungen als Lehrerinnen zu erlangen, oder in den heiligen -Ehestand zu treten, manchmal sogar, wie dies mehrfach passierte, mit -dem vordem geliebten Mönch, so fielen sie dem unverhüllten Laster -anheim. Nonnen der gesperrten Klöster zogen als landfahrende Dirnen -einher, wenn sie nicht sofort nach Aufhebung des Klosters den Weg nach -dem Bordelle eingeschlagen hatten. In Nürnberg war dies im Jahre 1526 -der Fall, als die Pforten des berühmten St. Clara-Klosters für immer -geschlossen und die Schwestern auf die Strasse gesetzt worden waren. - -Vom Erhabenen zum Lächerlichen, vom Kloster zum öffentlichen Hause, -war schon lange vor Napoleon nur ein Schritt! - - - - -Beilager und Ehe. - - -Die Ehe, dieses älteste von Naturgesetzen diktierte Verhältnis, das -zwei Menschen aneinander schliesst, hat kein anderes Volk so edel -aufgefasst, wie die Germanen. - -»Das Verlöbnis war ein Vertrag, durch welchen Mann und Weib sich zu -einem Haushalt und Gründung einer Familie für das ganze Leben -verbanden, um einander lieb zu sein über alles auf Erden, Wunsch, -Willen und Besitztum gemeinschaftlich zu haben. Selbst mit dem Tode -hörte die Pflicht der überlebenden Gattin nicht auf. Bei einigen -Germanenvölkern war es der Frau nur einmal gestattet, in den Ring der -Zeugen zu treten, vor denen sie das Gelöbnis ablegte; und es sind -Spuren erhalten von noch älterer strenger Volkssitte, nach welcher die -Frau den Gatten so wenig überleben durfte, wie der Gefolgmann seinen -Wirt, wenn dieser in der Schlacht fiel. Das Weib des Germanen war -nicht nur die Hausgebettete, die auf gemeinsamem Lager den Hals des -Gatten umschlang, und nicht nur Herrin des Hauses und Erzieherin der -Kinder, wie bei den Römern, sie war auch seine Vertraute und Genossin -bei der männlichen Arbeit. Die Geschenke, welche der Mann ihr zu dem -Gelöbnis gab, ein Joch Rinder, Speer und Ross[1], waren symbolisches -Zeichen, dass sie mit ihm über den Herden walten würde und als seine -Begleiterin an der Feldarbeit teilnehmen, ja dass sie ihm auf dem -Kriegspfade folgen sollte, in der Schlacht seinen Eifer zu stählen, -seine Wunden zu rühmen, nach seinem Tod ihn zu bestatten und -vielleicht zu rächen.«[2] - -[1] Tacitus, Germania, Cap. 18. - -[2] Gust. Freytag, Bilder a. d. d. Vergangenheit, 26. Aufl., S. 87. - -»Der Innigkeit germanischer Ehe schadete nicht, dass sie schon in der -Urzeit oft ein Familienvertrag war, der im Interesse zweier -Geschlechter geschlossen wurde«, und diese Art des Ehebundes blieb in -allen Ständen von der Urzeit an die vorherrschende. Die Liebe kam in -zweiter Linie; trotz Freytags poetischer Verherrlichung war meist rein -prosaisches Interesse die Ursache der Verheiratung. - -»Wie in heidnischer, so ist die Ehe auch in christlicher Zeit durchaus -ein Geschäft zwischen dem Bräutigam und den Verwandten der Braut, -wobei letztere vielfach gar nicht um ihre Zustimmung befragt -wurde«[3], nur trat mit der Zeit eine Wandlung dahin ein, dass der -ursprünglich dem Vater oder dem Mundwalt der Braut, dem ältesten -Bruder oder Vormund, übergebene Brautkauf nun der jungen Frau selbst, -sei es als Morgengabe, oder als Wittum (videme) zufällt. War die -Morgengabe ein freiwilliges Geschenk des Ehegatten an seine -Neuvermählte, so wurde die Höhe des Wittums vorher genau festgesetzt. -Siegfried schenkt seiner jungen Gattin den Nibelungenhort, Bärschi in -»Metzens Hochzeit«, der Metzi, ein feistes Mutterschwein zur -Morgengabe. - -[3] Prof. Dr. J. Dieffenbacher, Deutsches Leben im 12. Jahrh., S. 120. - -Die altdeutsche Eheschliessung zerfällt in die Erwerbung der Braut -durch den Verspruch vor dem Vormund und durch die Übergabe der Braut -an den Bräutigam durch die Heimführung. Durch die Verlobung erstanden -dem Bräutigam bereits rechtliche und eheliche Ansprüche an die Braut, -deren Verletzung durch Dritte gesetzliche Ahndung findet. Daher wird -mit Recht der Satz aufgestellt, dass die Verlobung die Eheschliessung, -die Trauung aber nur den Vollzug der Ehe darstellte. Die Verlobung -schildert das Nibelungenlied bei Gelegenheit des Verspruches von König -Giselher mit der Tochter Rüdegers von Bechelaren. Nachdem des Königs -Brüder als Freiwerber das Jawort erhalten haben, der Jungfrau seitens -des burgundischen Geschlechts das Wittum festgelegt wurde und der -Brautvater eine Summe Gold und Silber als Mitgift ausgesetzt hat, -heisst man das junge Paar nach alter Sitte in den »rinc« (einen Kreis) -treten, fragt die Jungfrau, ob sie gewillt sei, den Recken zum Manne -zu nehmen, und als sie das auf ihres Vaters Rat bejaht, reicht -Giselher der Braut die Hand zum Gelöbnis. - -Der Ring, als Zeichen der Verlobung, kam mit dem Eindringen des -Christentums zu den europäischen Völkern. In der Gudrun »jedwederz dem -andern daz gold stiez an die hant«.[4] - -[4] D. Paulus Cassel, Die Symbolik des Ringes, S. 21. - -War die Verlobung auch identisch mit der Ehe selbst, so räumte sie dem -Bräutigam doch keine ehelichen Rechte ein. Das geschlechtliche -Zusammenleben Verlobter war untersagt und auf vorzeitigen Beischlaf -standen strenge Bussen. Untreue der Braut galt vielfach als Ehebruch; -der Verführer erlitt Todesstrafe, wenn er nicht durch zwölf -Eideshelfer beschwören konnte, von der stattgehabten Verlobung nichts -zu wissen. Über die Untreue des Bräutigams glitt man leichter hinweg. -Das Hamburger Stadtrecht von 1270 bestimmt, wenn der Verlobte von -einem Weibe wegen intimen Umgangs mit ihr verklagt werde, so habe die -Braut drei Monate auf die Entscheidung zu warten; könne die Sache nur -in Rom geführt werden, so warte sie ein Jahr. Ist der Prozess auch -dann noch nicht zu Ende, so ist das Verlöbnis aufgelöst und der Braut -gebührt eine Entschädigung von 40 Mark Pfennig. Dasselbe galt für eine -Klage gegen die Braut.[5] Wer eine Braut entführte, hatte ausser den -Blutsverwandten auch den Verlobten zu sühnen, unter Umständen den -zehnfachen Brautkauf zu erlegen, und musste die Entführte behalten, -denn der Raub löste die Verlobung. Nur die bayrischen Rechte -verlangten die Rückgabe der Braut an den Bräutigam. Die Entführung -wurde von unseren Vorfahren zu den schwersten Verbrechen gerechnet; -Notzucht und Frauenraub fielen in den Gesetzen mehrfach zusammen. -Selbst das Asylrecht in den Klöstern und anderen Freistätten, die kein -Scherge betreten durfte, blieb den Frauenräubern verschlossen. Karl -der Grosse verhängte über den Entführer der Tochter seines Herrn die -Todesstrafe, die Kirche belegte alle diese Verbrecher mit ihrem Bann. -Schwere Geldbussen waren allen Gesetzen des Mittelalters gemeinsam, -wenn sie nicht auf Leib- und Lebensstrafen erkannten. Das Hamburger -Stadtrecht von 1270 bedroht den mit Todesstrafe, der eine Jungfrau -unter 16 Jahren, wenn auch mit ihrem Willen, oder eine ältere gegen -ihren Willen entführt; der Entführer geht nur dann frei aus, wenn er -ein nacktes Mädchen über 16 Jahre mit seinem Einverständnis -entführte.[6] - -[5] Weinhold a. a. O. I. 348 ff. - -[6] Weinhold a. a. O. I. 308 ff. - -Die Entführungen kamen in dem wirklichen und poetisch überlieferten -Leben des Mittelalters, sowohl in der vorritterlichen wie in der -ritterlichen Zeit häufig vor, da sie der Abenteurerlust der damaligen -Gesellschaft so recht nach dem Herzen waren. - -Das späte Heiraten, von dem Tacitus sprach, hat sich bis zum 13. -Jahrhundert in unserem Volke erhalten, um dann vollständig in -Vergessenheit zu geraten. Heiratete man bis zum gedachten Säculum erst -mit dem 30. Jahre, so zeichnete sich die Folgezeit unvorteilhaft durch -unnatürlich frühe Ehen aus[7], so dass Murner in seinem Gedichte »Vom -Nutzen des Ehestandes« mit Recht klagen durfte: - - »So 'ne Jungfrau nahm 'nen Mann, - Der nicht zum mindest dreissig Jahr - War alt -- sag ich dir offenbar. - Jetzt nehmen zwei einander g'schwind - Die beide nicht dreissig Jahr alt sind.« - -[7] Otto Henne am Rhyn, Die Frau in der Kulturgeschichte, S. 251. - -Nach dem Schwabenspiegel war das vollendete 12. Jahr zur Heirat eines -freien, nach den Weistümern das 14. bei der Vermählung leibeigener -Mädchen für ausreichend erachtet. Gudrun war etwas älter als zwölf -Jahre, als »nâch ir edelen minnen von vürsten wart gegert«. Kriemhild -zählte bei ihrer Vermählung 15 Jahre, was in adeligen und städtischen -Geschlechtern bis zum 16. Jahrhundert das Alter war, in dem die -Jungfrauen heirateten. Anna Stromer in Nürnberg vermählte sich -allerdings schon vierzehnjährig, ward mit 16 Jahren Mutter, und gebar -bis zu ihrem 25. Jahr acht Kinder -- ein Fall, den ein gewissenhafter -Chronist für aufzeichnenswert erachtet.[8] Gertrud, Kaiser Lothars -Tochter, beging zwölf Jahre alt ihre Hochzeit mit Heinrich dem Stolzen -(1127). Eine weitere Kinderhochzeit war die der vierjährigen heiligen -Elisabeth mit dem zwölfjährigen Landgrafen Ludwig von Thüringen.[9] -Gnote, die Tochter Rudolfs von Habsburg, war bei ihrer Trauung mit dem -König Wenzel von Böhmen, ein Kind, das ihrem Knaben von Gatten von -ihren Puppen erzählt, während er ihr von seinen Falken vorschwärmt, -als sie beisammen liegen. Selbstverständlich wurden derartige von der -Staatsraison diktierte Heiraten, die sich in der mittelalterlichen -Geschichte häufig wiederholen, erst nach der Reife der Gatten zu -wirklichen Ehen. Das Zusammenliegen, #das Beilager#, stellte nur -symbolisch den Vollzug der Ehe, und dadurch ihre Unlöslichkeit -nach kirchlichen und weltlichen Gesetzen dar. Denn: Ist das -Bett beschritten, ist die Eh' erstritten, sagt ein uraltes -Rechtssprichwort.[10] - -[8] Chroniken der deutschen Städte, I. 68. - -[9] Dieffenbacher a. a. O. S. 117. - -[10] Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, S. 420, und Stobke, Handbuch -des deutschen Privatrechtes, Band IV, S. 38 ff. - -Noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts aber hielt man das Beilager auch -dann öffentlich ab, wenn sich die Gatten in heiratsfähigem Alter -befanden. Aus einer Beschreibung vom Jahre 1599, der »Hohen -Zollerischen Hochzeyt«, die J. Frischlin in »Drey schöne vnd lustige -Bücher« lieferte, heisst es: - - »Rheingraff Ottho führt sie (die Braut) hinauff mit fleyss - In jr gezimmer hüpsch und weyss. - Da wartet sie, biss zu jr kam - Der junge Herr und Bräutigam - Mit allen Fürsten, Graffen, Herren, - So folgen theten willig geren. - Vor jnen her Trommeter bliesen, - Die stark in jre Pfeiffen stiessen. - Als nun der Hochborn Bräutigam - Hinauff in sein Schlaffzimmer kam, - Sein Mantel und Kranz legt von sich, - Sein Wöhr und Ketten und gabs gleich - Seim Hofmaister, solchs zu bewaren; - Derselbig thet den Fleyss nicht sparen. - Als nun die Fürsten, Herren, Frawen - Stunden in diesem Gemach zu schawen, - Die zween Brautfürer tratten her, - Die Gesponss[11] sie brachten höflich hehr - Und legten sie hinein inns Beth, - Ir weysse Kleider noch an hett. - Dann legten sie den Bräutigam - Zu seiner Gesponss also zusam, - Die Döcken uberschlagen theten, - Biss sie ein Weyl gelegen hetten. - Gar bald sie wieder auffgestanden, - Die Fürsten, Herren seind vorhanden, - Wünscht jeder da für seinen theyl - Dem Bräutigam und Braut vil heyl, - Viel glücks und guten segen reich; - Darnach lugt jeder, das er weich' - Und selber in sein Kammer kumb, - An seinem Schlaff auch nichts versumb[12].«[13] - -[11] Gesponss = Braut. - -[12] versumb = versäumte. - -[13] A. Birlinger, bei Scherr, Gesch. der Deutschen Frauenwelt, II. 63 -ff. - -Bei einer anderen Fürstenhochzeit im Junimond 1585 zwischen Johann -Wilhelm III., Herzog zu Jülich-Cleve-Berg und Jakobäa von Baden sind -die Brautgemächer nach damaliger aus Frankreich gekommener Sitte mit -Teppichen behangen, deren Gewebe mythologische Scenen darstellen, so -»zur ehelichen Lieb' am meisten und vornehmlich gehörig«.[14] Diese -Ehe endete bekanntlich mit dem geheimnisvollen Tode der eines -zuchtlosen Wandels beschuldigten Jakobäa.[15] - -[14] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte. 1859, S. 314 ff. - -[15] Bülau, Geheime Geschichten und räthselhafte Menschen, IV. Band. -12. Der Ausgang des Hauses Cleve. - -Verlobung und Hochzeit folgten bei Bürgern und Bauern häufig -unmittelbar aufeinander, namentlich wenn eine feierliche Verlobung -stattgefunden hatte; doch kommt es auch vor, dass dem ungeduldigen -Bräutigam eine Wartezeit auferlegt wird, so Gudruns Verlobten Herwig, -der ein ganzes Jahr warten muss, wobei ihm aber von der Schwiegermutter -hochherzig gestattet wird, dass er sich »mit schoenen wîben vertribe -anders wâ Die zît«. Vom 8. Jahrhundert ab begehrte die Geistlichkeit -ein dreimaliges Aufgebot und die kirchliche Einsegnung der Ehe. Die -höhere Gesellschaft fügte sich diesem Anspruche sofort, nicht so die -breiteren Schichten des Volkes, denen auf noch lange die einfache -bürgerliche Eheschliessung genügte »an (ohne) schuoler und an phaffen«, -den Bauern sogar bis ins 15. Jahrhundert. Aber selbst der Hochadel -verfügte sich erst am Morgen nach der Brautnacht zur Kirche. Abends -vor dem Kirchgange wurde das Brautpaar in die Brautkammer gebracht, -eine Decke beschlägt sie beide, ein Geistlicher findet sich vielleicht -ein, den Brautsegen über das Paar zu sprechen.[16] Die Freundinnen und -nächsten Angehörigen sind der Braut beim Entkleiden behilflich, ihr -manch guten Rat dabei zuflüsternd. Oft sind auch der Brautvater, der -Bruder des Bräutchens oder andere aus der Sippschaft in dem Gemache -anwesend. - -[16] Schultz, Höfisches Leben, S. 633. - - »Wie Elsa von Brabant, die schöne, keusche Magd, - Dem Fürsten werth des Nachts ward zugesellet. - Die Kaiserin nicht unterliess, - Dass sie die Fürstin selbst des Nachts zu Bette wies. - Die Kammer war mit Decken wohlbestellet. - Das Bett war schön geziert, mit Golde roth und reicher Seiden, - Und manches Thier darein gewoben. - In dieses Bett hat sich die Jungfrau nun gehoben, - Um drin der Minne Buhurd zu erleiden. - Der Kaiser auch gekommen war, - Er hiess die Kammer das Gesinde räumen gar, - Gut Nacht gab er den Beiden miteinander. - Nun ward die Maid entkleidet schier, - Es drückte sie der Degen an sich stolz und zier: - Ich sag' nicht mehr als -- was er sucht', das fand er.«[17] - -[17] Lohengrin, erneut von H. A. Junghans (Reclam), III. 235. - -Wenn in den mittelalterlichen Heldengedichten sich der Freund an Stelle -des wirklichen Bräutigams mit der Auserkorenen seines Freundes trauen -lässt, was, trotz der augenscheinlichen Unwahrscheinlichkeit, ein -dankbares, vielverwendetes Motiv für die damaligen Dichter abgab, dann -legte der Pseudogatte ein entblösstes Schwert zwischen sich und die -Braut, um dadurch ihre Unberührbarkeit anzudeuten. So liegt Siegfried -bei Brunhilde, und in Konrad von Würzburgs der Verherrlichung der -Freundestreue gewidmetem Gedichte »Engelhart und Engeltrut« findet -sich darüber folgende Episode. Engeltrut, die Tochter des Königs von -Dänemark, deren Vater Engelhart und sein Freund Dietrich von Brabant -dienen, kommt eines Nachts an das Bett des Engelhart und verspricht -ihm ihre Liebe, sobald er Ritter geworden und sich im Turniere einen -Preis geholt. Nachdem er diese Bedingungen erfüllt und Engeltrut an -seiner heissen Liebe nicht mehr zweifeln kann, giebt sie ihm ein -Stelldichein im Baumgarten des väterlichen Schlosses; sie empfängt ihn, -nur mit Mantel und Hemd bekleidet, zieht ihn unter ihren Mantel und -führt ihn »ûf einen senften matraz«. Sie werden von ihrem Widersacher, -dem Neffen des Königs, belauscht. Engelhart aber leugnet alles und -will für die Wahrheit seiner Behauptung kämpfen. Er holt sich seinen -Freund Dietrich, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht. Dieser kann -mit ruhigem Gewissen seine Unschuld beschwören, ficht mit dem Angeber, -siegt und erhält als Engelhart die Hand der Engeltrut. Er heiratet sie -auch, wie es einst Engelhart mit Dietrichs Frau gemacht, legt aber wie -dieser ein blosses Schwert im Brautbett zwischen sich und Engeltrut, -die er dem Freunde rein übergiebt.[18] - -[18] Schultz, Höfisches Leben, S. 596, Anm. 2. - -Derartige Hochzeiten mit Stellvertretern kamen übrigens auch in der -Wirklichkeit vor, allerdings nur an Höfen, deren Angehörige oft schon -im zartesten Alter vermählt wurden, oder die entweder aus politischen -Gründen oder der Bequemlichkeit wegen die weite und oft nicht -ungefährliche Reise zum Wohnsitze der Braut scheuten. Die Vermählung -wurde alsdann durch Prokuration mit dem Spezial-Gesandten vollzogen, -der an Stelle seines Gebieters das Beilager abhielt, in eine schwere -Prunkrüstung gehüllt, das scharfe Schwert zwischen sich und der -Herrin. Der alte österreichische Chronist Jakob Unrest meldet über ein -solches Beilager, das anlässlich der später in die Brüche gegangenen -Vermählung Maximilians I., des letzten Ritters, mit der Prinzessin -Anna von Bretagne, stattfand: »Kunig Maximilian schickt seiner Diener -einen genannt Herbolo von Polhaim gen Britannia zu empfahen die -Kunigliche Braut; der war in der Stat Remis (Reims) erlichen -empfangen, und daselbs beschluff der von Polhaim die Kunigliche Brauet -mit ein gewapte Man mit den rechte Arm und mit dem rechten fus blos -und ein blos schwert dazwischen gelegt, beschlaffen. Also haben die -alten Fürsten gethan, #und ist noch die Gewonhait#. Da das alles -geschehen was, war der Kirchgang mit dem Gottesdienst nach Ordnung der -heiligen Kahnschafft mit gutem fleiss vollpracht.« - -Die bürgerliche Gesellschaft äffte natürlich diese Beilagersitte des -Hochadels nach, wie aus der Dresdener Hochzeitsordnung aus dem letzten -Viertel des 15. Jahrhunderts hervorgeht. Nach dieser durften die -Hochzeitsgäste dem _pro forma_-Beilager beiwohnen, mussten aber dann -das Gemach verlassen, während das junge Paar aufstand, um mit zwei -Tischen voll Gästen zu tafeln. - -Diese offiziellen Beilager, bei denen es tadellos ehrbar zuging, da -man im Gegensatze zu früheren Zeiten die mit dem Brautstaate -geschmückte Braut zu dem Gatten legte, sind von jenen inoffiziellen -Beilagern zu unterscheiden, die der erklärte Bräutigam mit seiner -Braut abhielt, ohne sie zur Frau zu machen. - -Dieses »Beschlafen auf Treu und Glauben« kennt bereits die früheste -Zeit des deutschen Mittelalters. Die Ehre der Braut lief um so weniger -Gefahr, als sie unter dem Schutze des Gesetzes stand. Das Mädchen, das -sich dem Bräutigam nicht ergeben wollte, konnte ganz wohl das Beilager -gestatten, ohne in der öffentlichen Meinung als gefallen zu gelten, -wenn auch Zweifel an der beiderseitigen Zurückhaltung zu naheliegend -waren, um nicht geäussert zu werden. Der Mann musste jedenfalls seine -Selbstbeherrschung bewahren, wenn es der Schönen so beliebte, denn die -mittelalterlichen Gesetze achteten eine während des Beilagers -begangene Gewaltthat der Notzucht gleich. »Eyn jeglich man mac an -siner Amyen die notnunft begen, daz sol man uber sie richten, als ob -er nie bi ir gelege«, heisst es in den Alemannischen Landrechten, und -ähnlich in den sächsischen Land- und dem alten Goslarischen -Stadtrechte. Im Parzival kommt die jungfräuliche Königin Kondwiramur -(= _coin de voire amors_ = Ideal der wahren Liebe) zu dem schlafenden -Parzival, aber: - - »Nicht von der Minne Ungestüm - Getrieben, die Jungfräulein kann - Zum Weibe wandeln durch den Mann, -- - Dass er als Freund ihr rat' im Leide. - Den Leib umhüllt ein wehrhaft Kleid, - Ein dünnes Hemd von weisser Seide. - Was taugt wohl mehr zum Minnestreit, - Als wenn dem Manne so ein Weib - Sich naht? Der Herrin schlanken Leib - Hüllt noch ein Sammetmantel ein.«[19] - -[19] Parzival a. a. O. IV. V. 388 ff. (192, 10 ff.) - -Sie teilt sein Lager - - ».... doch ist dies bedungen, - Dass nicht berühren darf der eine - Des andern Leib ....« - -bis »die Nacht schwand hin, der Tag brach an«. - -Dieser Gebrauch hielt das ganze Mittelalter hindurch an, wie Hans -von Schweinichens Denkwürdigkeiten bezeugen. Unter dem Jahre 1573 -heisst es bei Beschreibung eines Reiseabenteuers im Lande Lüneburg bei -Herzog Heinrich, nach dessen glücklichem Ausgang in Dannenberg getanzt -wird; nach dem Tanze hebt das stereotype grosse Saufen an, bei dem -Schweinichen als letzter auf der Walstatt bleibt: »Die einheimischen -Junkern verloren sich auch, sowohl die Jungfrauen, dass also auf die -Letzte nicht mehr als zwo Jungfern und ein Junker bei mir blieben, -welcher einen Tantz anfing. Dem folget ich nach. Es währet nicht lange, -mein guter Freund wischt mit der Jungfer in die Kammer, so an der -Stuben war, ich hinter ihm nach. Wie wir in die Kammer kommen, liegen -zwei Junkern mit Jungfrauen im Bette. Diser der mit mir vortanzet, fiel -sammt der Jungfer auch in ein Bette. Auf Mecklenburgerisch so saget -sie, ich sollt mich zu ihr in ihr Bette auch legen; dazu ich mich nicht -lange bitten lies, leget mich mit Mantel und Kleidern, ingleichen die -Jungfrau auch, und redeten also bis vollend zu Tag, jedoch in allen -Ehren. Auf den Morgen hatt ich das Beste, dass ich der Längste wär auf -dem Platz gewesen, gethan, und ich hatte es am besten vericht. Kam -deswegen beim Frauenzimmer in gross Gunst. Das heissen sie auf Treu -und Glauben beigeschlafen; _aber ich acht mich solches Beiliegen nicht -mehr, denn Treu und Glauben möcht ich zu ein Schelmen werden_. Darum -heisst es: ›Hüte dich, mein Pferd schlägt dich‹[20]«, denn: - -[20] Schweinichen a. a. O. S. 38 ff. - - »Dern weisz nicht daz ein biderbe man - Sich alles des enthalten kan - Des er sich enthalten wil -- - #Weiz Got dern ist aber nicht vil!#« - -sagt Hartmann von der Aue, und ähnlich urteilte mehr als ein -Jahrtausend vor Schweinichen der byzantinische Geschichtsschreiber -Prokopius von Cäsarea, der die Keuschheit solcher Bräute in Zweifel -zieht. In manchen Gegenden machte man übrigens kein Geheimnis daraus, -dass Probenächte wirkliche Proben auf die Ehefähigkeit der zukünftigen -Ehegatten darstellten; ja man dehnte solche Prüfungen auf Wochen, -selbst Monate aus, um, wenn sie zu Ungunsten eines der beiden -prüfenden Teile ausgefallen waren, die Verlobung einfach aufzuheben. - -Ein interessantes Dokument über ein derartiges Vorkommnis aus dem -Jahre 1378 lieferte Prof. Kohler[21]. Darnach hatte ein Graf Johann -IV. von Habsburg ein volles halbes Jahr die nächtliche Probezeit mit -Herzlaude von Rappoltstein gehalten, doch schliesslich einen Korb -bekommen, weil ihm die junge Dame alle männlichen Qualitäten -absprechen musste. Kaiser Friedrich III., der sich mit der Prinzessin -Leonore von Portugal durch seinen Verwandten verlobt hatte, jedoch mit -der Vollziehung der Ehe zauderte, erhielt von dem Onkel der Braut, -König Alfons von Neapel, das Schreiben: »Du wirst also meine Nichte -nach Deutschland führen, und wenn sie dir dort nach der ersten Nacht -nicht gefällt, mir wieder zurücksenden oder sie vernachlässigen und -dich mit einer anderen vermählen; halte die Brautnacht mit ihr deshalb -hier, damit du sie, wenn sie gefällt, als angenehme Ware mit dir -nehmen, oder wo nicht, die Bürde uns zurücklassen kannst.« Mit der -Tochter dieses Kaisers hielt Herzog Albrecht IV. von Bayern in -Innsbruck das Beilager, die Hochzeit aber erst in München. - -[21] Mitgeteilt im Wortlaut von F. Chr. J. Fischer, Ueber die -Probenächte der deutschen Bauernmädchen, 1780, Neudruck S. 12 ff. - -Unter der Landbevölkerung war das Probenacht-Unwesen ungleich -verbreiteter, als in der anderen Gesellschaft des Mittelalters. Wann -diese Sitte ihren Anfang genommen, verliert sich im Dunkel, jedenfalls -bestand sie bereits im 13. Jahrhundert unter den Sachsen, denn -Kardinal Heinrich von Segusio berichtete: die Sachsen hätten eine -garstige aber gesetzmässige Gewohnheit, dass der Bräutigam bei der -Braut eine Nacht schlafen, und sich nachgehends wohl entschliessen -möge, ob er diese heiraten wolle oder nicht. In den folgenden -Jahrhunderten standen die Probenächte in voller Blüte, wie aus der -noch heute vielgenannten Monographie F. Christoph Jonathan Fischers -hervorgeht:[22] - -[22] Fischer a. a. O. S. 3 ff. - -»Beinahe in ganz Teutschland und vorzüglich in der Gegend Schwabens, -die man den Schwarzwald nennet, ist unter den Bauern der Gebrauch, -dass die Mädchen ihren Freiern lange vor der Hochzeit schon diejenigen -Freiheiten über sich einräumen, die sonst nur das Vorrecht der -Ehemänner sind. Doch würde man sehr irren, wenn man sich von dieser -Sitte die Vorstellung machte, als wenn solche Mädchen alle weibliche -Sittsamkeit verwahrlost hätten, und ihre Gunstbezeugungen ohne alle -Zurückhaltung an die Libhaber verschwendeten. Nichts weniger! Die -ländliche Schöne weiss mit ihren Reizen auf eine ebenso kluge Art zu -wirtschaften, und den sparsamen Genuss mit ebenso viler Sprödigkeit zu -würzen, als immer das Fräulein am Putztisch. - -Sobald sich ein Bauernmädchen seiner Mannbarkeit zu nähern anfängt, -sobald findet es sich, nachdem es mehr oder weniger Vollkommenheiten -besitzt, die hir ungefähr im ähnlichen Verhaltnisse, wie bei -Frauenzimmern von Stande, geschätzt werden, von einer Anzahl Libhaber -umgeben, die solange mit gleicher Geschäftigkeit um seine Neigung -buhlen, als sie nicht merken, dass einer unter ihnen der Glücklichere -ist. Da verschwinden alle Uebrigen plötzlich, und der Libling hat die -Erlaubnis, seine Schöne des Nachts zu besuchen. Er würde aber den -romantischen Wohlstand schlecht beobachten, wenn er den Weg geradezu -durch die Hausthür nehmen wollte. Die Dorfsetiquette verlangt -nothwendig, dass er seine nächtlichen Besuche durch das Dachfenster -bewerkstellige. Wie unsere ritterbürtige Ahnen erst dann ihre Romane -glücklich gespilt zu haben glaubten, wenn sie bei ihren verlibten -Zusammenkünften unersteigliche Felsen hinanzuklettern und ungeheure -Mauren herabzuspringen gehabt; oder sich sonst den Weg mit tausend -Wunden hatten erkämpfen müssen, ebenso ist der Bauernkerl nur dann mit -dem Fortgange seines Libesverständnisses zufriden, wenn er bei jedem -seiner nächtlichen Besuche alle Wahrscheinlichkeit für sich hat, den -Hals zu brechen, oder wenn seine Göttin, während dem er zwischen -Himmel und Erde in grösster Lebensgefahr dahängt, ihm aus ihrem -Dachfenster herunter die bittersten Nekereien zuruft. Noch in seinen -grauen Hahren erzehlt er mit aller Begeisterung dise Abenteuer seinen -erstaunten Enkeln, die kaum ihre Mannheit erwarten können, um auf eine -ebenso heldenmütige Art zu liben. - -Dise mühsame Unternehmung verschaft anfangs dem Libhaber keine andere -Vorteile, als dass er etliche Stunden mit seinem Mädchen plaudern -darf, das sich um dise Zeit ganz angekleidet im Bette befindet und -gegen alle Verrätereien des Amors wol verwahrt hält. Sobald sie -eingeschlafen ist, so muss er sich plötzlich entfernen, und erst nach -und nach werden ihre Unterhaltungen lebhafter. Ja in der Folge gibt -die Dirne ihrem Buhler unter allerlei ländlichen Scherzen und -Nekereien Gelegenheit, sich von ihren verborgenen Schönheiten eine -anschauliche Erkenntniss zu erwerben; lässt sich überhaupt von ihm in -einer leichteren Kleidung überraschen, und gestattet ihm zuletzt -alles, womit ein Frauenzimmer die Sinnlichkeit einer Mannsperson -befridigen kan. Doch auch hir wird immer noch ein gewisses Stufenmass -beobachtet, wovon mir aber das Detail anzugeben die Zärtlichkeit des -heutigen Wolstandes verbeut. Man kan indess viles aus der Benennung -#Probenächte# erraten, welche die letztern Zusammenkünfte haben, da -die erstern eigentlich Kommnächte heissen. - -Sehr oft verweigern die Mädchen ihrem Libhaber die Gewährung seiner -letzten Wünsche so lang, bis er Gewalt braucht. Das geschiht allezeit, -wenn ihnen wegen seiner Leibesstärke einige Zweifel zurück sind, -welche sie sich freilich auf keine so heikle Weise als die Witwe -Wadmann aufzulösen wissen. Es kömmt daher ein solcher Kampf dem Kerl -oft sehr teuer zu stehen, weil es nicht wenig Mühe kostet, ein -Baurenmensch zu bezwingen, das iene wollüstige Reizbarkeit nicht -besizt, die Frauenzimmer vom Stande so plözlich entwafnet ... - -Die Probenächte werden alle Tage gehalten, die Kommnächte nur an den -Sonn- und Feiertagen und ihren Vorabenden. Die Erstern dauern solange, -bis sich beide Teile von ihrer wechselseitigen physischen Tauglichkeit -zur Ehe genugsam überzeugt haben, oder bis das Mädchen schwanger wird. -Hernach tut der Bauer erst die förmliche Anwerbung um sie und das -Verlöbnis und die Hochzeit folgen schnell darauf. Unter den Bauren, -deren Sitten noch grosser Einfalt sind, geschiht es nicht leicht, dass -Einer, der sein Mädchen auf dise Art geschwängert hat, sie wider -verliesse. Er würde sich ohnfehlbar den Hass und die Verachtung des -ganzen Dorfes zuzihen. Aber das begegnet sehr häufig, dass beide -einander nach der Ersten oder Zweiten Probenacht wider aufgeben. Das -Mädchen hat dabei keine Gefahr, in einen übeln Ruf zu kommen; denn es -zeigt sich bald Ein anderer, der gern den Roman mit ihr von vorne -anhebt. Nur dann ist ihr Name zweideutigen Anmerkungen ausgesezt, wenn -sie mehrmals die Probezeit vergebens gehalten hat. Das Dorfpublikum -hält sich auf diesen Fall schlechterdings für berechtigt, verborgene -Unvollkommenheiten bei ihr zu argwöhnen. Die Landleute finden ihre -Gewohnheit so unschuldig, dass es nicht selten geschiht, wenn der -Geistliche am Orte einen Bauren nach dem Wohlsein seiner Töchter -frägt, dieser ihm zum Beweise, dass sie gut heranwüchsen, mit aller -Offenherzigkeit und mit einem väterlichen Wolgefallen erzehlt, wie sie -schon anfiengen, ihre Kommnächte zu halten. Keyssler gibt in seinen -Reisen (Hannover 1740, Brief IV, S. 21) uns eine sehr drollige -Erzehlung von einem Prozesse, den die Bregenzer Bauren ehmals zur -Verteidigung einer solchen Gewohnheit geführt haben, die sie #fügen# -nennen. Die Kasuisten, die sich eben nicht immer von den erlaubten und -unerlaubten Begattungsarten die richtigsten Begriffe machen, und -manchmals dasienige für Sünde halten, was keine ist, und dasienige -nicht dafür halten, was doch eine ist, ereiferten sich von ieher sehr -über diesen ländlichen Gebrauch. Er musste ihnen daher sehr oft zum -Stoff dienen, ihre Beredsamkeit auf eine sehr vorteilhafte und -pathetische Weise zu zeigen. Die katholischen Landpriester, die mit -dem Charakter ihrer Seelenbefohlnen zuweilen etwas näher, als die -Protestanten mit den Ihrigen bekannt sind, und mithin die -Untadelhaftigkeit dieser Sitte besser einsehen, äussern darüber mehr -Duldsamkeit als die Letzteren, die nie unterlassen, ihre Bauren -deswegen mit den heftigsten Strafpredigten zu verfolgen, und weil doch -leider heutzutage, wo die Welt so ganz im Argen ligt, dise -Züchtigungen nicht allezeit von Wirkung sind, so verabsäumen sie keine -Gelegenheit, zur Vertilgung dises heidnischen Gräuels den weit -kräftigeren weltlichen Arm zu Hülfe zu rufen .... Wenn es der Wolstand -nicht untersagte, gewisse Forschungen nicht allzuweit zu verfolgen, -und ihr endliches Resultat enthüllt darzustellen, so könnte ich ihn -leicht überführen, dass dise Sitte nicht nur in der Physiologie des -Menschen gegründet, sondern auch eine für die Bevölkerung sehr -heilsame Anstalt sei. Demienigen Teil meiner Leser aber, der sich so -schlechterdings nicht abfertigen lässt, und verschiedene Erläuterungen -wünscht, muss ich an die Aerzte und an dieienigen Advokaten weisen, -die vor den Ehegerichten Prozesse führen.« - -Ausser diesen Probe- und Kommnächten herrschte überdies ein mehr als -freier Verkehr zwischen den beiden Geschlechtern im Bauernstande. -Bezeichnend dafür ist, dass z. B. in Bayern die Schlafstätten der -Mägde und Knechte nicht voneinander gesondert waren, weshalb Ehebruch -und Unzucht in erschreckender Weise grassierten. Maximilian, der -grosse Kurfürst Bayerns, sah sich deshalb veranlasst, bei seinem 1598 -erfolgten Regierungsantritt ein »Sittenmandat« ausgehen zu lassen, -nach dem Schwangerschaften bei ledigen Weibspersonen mit Geldstrafen -und Einschliessung in »die Geige«, ein geigenartiges Brett mit -Einschnitten für den Kopf und die beiden Hände, gebüsst werden -sollten; trotzdem verrechnete 1605 der Münchener Rentmeister in seiner -Amtsrechnung über Strafgelder mehr als 300 uneheliche Kinder, -»derjenigen nicht zu erwähnen, die nicht angezeigt wurden«. Dabei -stand der Vermerk: »Es wollen sich auch sehr viele Adelspersonen in -diesem Laster finden lassen.« 30 Jahre später sah sich Kurfürst -Maximilian zu einer Strafverschärfung genötigt, die auf Ehebruch bei -Männern auf fünf- bis siebenjährige Landesverweisung, und bei -wiederholtem Pönfall das Schwert erkannte. Eheschänderische Frauen aus -Bürger- oder Bauernstande traf fünfjährige Verbannung, Adelige der -Verlust aller Ehrenrechte, und alle drei Stände im Wiederholungsfalle -der Tod durch den Henker. Das Laster war aber so tief eingewurzelt, -dass Maximilian durch ein späteres Reskript diese Strafen mildern -musste.[23] - -[23] Dr. Ed. Vehse, Geschichte des Hofes vom Hause Baiern, I. Band S. -115 ff. - -Im allgemeinen jedoch war die Jungfräulichkeit der Braut unerlässliche -Bedingung des Bräutigams. - - »Noch besser wär eines Igels Haut - Im Bett, als eine leide Braut«, - -sagt Freidank. - -Von den Ditmarschen ist bekannt, dass niemand von ihnen ein gefallenes -Mädchen ehelichen durfte, denn »de eine hôre nimt vorsatzichlich, -vorrêt ôk wol sîn vaterland«, und als Landesverräter wegen seiner Ehe -zu gelten, wagte kein echter Friese. Zu Bonifazius' Zeiten war das -Mädchen gezwungen, sich aufzuhängen. Über den Scheiterhaufen der Toten -knüpfte man den Verführer auf.[24] Das Landrecht des als unkeusch -verschrieenen Schwabens enthält eine Stelle, die ungefähr -folgendermassen lautet: Wenn ein Mann sich eine Gattin genommen hatte, -und beschuldigte sie, sie wäre bei der Hochzeit nicht mehr Jungfrau -gewesen, so waren die Eltern des Mädchens verpflichtet, den -Gegenbeweis anzutreten. Dieses geschah dadurch, dass man »jr -junckfraulichnn zaichnn«, das heisst das Bettuch, auf dem sie die -erste Nacht gelegen hatte, vor Gericht brachte. Wenn man nun an diesem -erkannte, dass sie eine reine Magd gewesen, so wurde der Mann für -seine Verleumdung mit 40 Schlägen und einer Geldbusse bestraft und er -war gezwungen, das Mädchen als Ehefrau zu behalten; zeigte es sich -aber, dass das Weib seine Jungfräulichkeit früher verloren hatte, so -wurde sie aus dem Hause des Vaters verstossen, »darumb daz sy hurhait -pflegnn hat in irs vaters haus«. In einigen Gegenden, wie im -Thüringischen, handhabte man die Unzuchtsstrafe noch bis ins 16. -Jahrhundert derart, dass eine zur Unehre gekommene Dirne sofort in -Haft genommen, ebenso der Thäter, falls man seiner habhaft werden -konnte, gefangen gesetzt wurde, bis die Trauung stattfand. Wollte der -Bräutigam nicht »Ja« sagen, so that es der Gemeindediener für ihn: -»Montag den 7. September 1579 sind Matthes Bechtold von Neustadt vnd -Agnes Bäuerin von Coburgk, da sie von wegen geübter Vnzucht und -Hurerey Kirchenbuss gethan vnd der Obrigkeitt straffe mit gebührlichen -vnd willig gehorsam vff sich genommen, in der Büttelstube copulirt vnd -ehelichen zusammen gegeben worden, auf das in ihr Kindlein, mit -welches geburt die Mutter alda vberfallen, also cohenestirt, vnd von -allen vnehren erledigt würde.«[25] - -[24] Weinhold a. a. O. II. S. 19. - -[25] Dr. Alfr. Hagelstange, Süddeutsches Bauernleben im Mittelalter, -S. 69 ff. - -Die Kirchenbussen waren, wie ich bereits bemerkte, ungleich -empfindlicher als die Strafen der Sittenpolizei. Personen mit -derartigen Delikten mussten vor Beginn der Messe mit einem weissen -Stabe in der Hand oder Strohkränzen auf dem Kopfe, das Mädchen in -Konstanz ausserdem mit einem Strohzopf vor der Kirchthüre stehen; in -Rottenburg der Verführer in einem Strohmantel an drei Sonntagen in der -Kirche sein. In den Dörfern oberhalb Rottenburgs musste er seine -Liebste in einem Karren herumfahren, wobei die Jugend und die lieben -Nächsten das Paar mit Schmutz bewarfen, ehe es von der Kanzel herab -öffentlich seine Busse auferlegt erhielt.[26] In gewissen Fällen -wurden die Dirnen ausgepeitscht und des Landes verwiesen. - -[26] Hagelstange a. a. O. und Weinhold, Die deutschen Frauen i. d. M., -III. Aufl., 2. Band S. 22 ff. - -Ein Hauptbestandteil des Lobes, das Tacitus dem germanischen Eheleben -spendet, besteht in der Hervorhebung der bei ihnen herrschenden -Einweiberei: »Denn sie sind fast die einzigen Barbaren, die sich mit -Einem Weibe begnügen; eine Ausnahme machen sehr wenige unter ihnen, -und diese nicht aus Sinnenlust, sondern weil sie ihres hohen Standes -wegen mehrfach umworben werden.«[27] Also Ausnahmen kamen vor, wie z. -B. Ariovists Bigamie aus politischen Gründen, ferner bei den -Merovingern und vornehmen Franken, so bei Pipin II., der zwei -rechtmässig angetraute Frauen, Plectrud und Alpais, besass, ohne dass -die Kirche dagegen Einspruch zu erheben wagte. Ja, die Kirche wusste -stets den Launen der Mächtigen willfährig zu sein, denn auch sie war -sich des Spruches »Mit grossen Herren ist nicht gut Kirschen essen« -bewusst, und -- eine Hand wusch eben die andere. So bleibt, aller -Beschönigungen zum Trotze, jene so viel angefochtene und anfechtbare -Billigung Luthers und Melanchthons zu der am 4. März 1540 -geschlossenen Doppelehe Philipps des Grossmütigen von Hessen mit der -schönen Sächsin Margarete von Sal, dem Hoffräulein seiner Gemahlin, -als hässlicher Fleck auf dem Charakterbilde dieser beiden grossen -Männer haften. - -[27] Tacitus, Germania, 18. - -Die Angelegenheit erregte um so grösseres und unliebsameres Aufsehen, -als das kurz vorher in Kraft getretene Strafgesetzbuch Kaiser Karls V. -die Bigamie, »welche übelthat dann auch eyn ehebruch und grösser dann -das selbig laster ist« mit dem Tode bestraft wissen wollte. Gegen -weniger hochgeborene Übelthäter dieser Art kannte das Gesetz keine -Nachsicht, und Meister Franz, der Nürnberger Scharfrichter, kann in -seinen Aufzeichnungen[28] von vollzogenen Hinrichtungen an Bigamisten, -selbst Trigamisten erzählen. Nur ein einziges Mal war in der deutschen -Geschichte die Doppelehe nicht nur gesetzlich gestattet, sondern sogar -behördlich angeordnet. Nach dem grossen Kriege war es, der -Deutschlands Bevölkerung von sechzehn bis siebzehn Millionen auf etwa -vier Millionen verringert hatte. Diesem Menschenmangel suchte man -durch zum Teil befremdliche Auskunftsmittel zu steuern. Ein solches -war unter anderen der am 14. Februar 1650 von dem fränkischen Kreistag -in Nürnberg gefasste folgende Beschluss: »Demnach auch die -unumgängliche dess heyl. Römischen Reichs Notthürft erfordert, die in -diesem 30 Jerig blutigen Krieg ganz abgenommene, durch das Schwerdt, -Krankheit und Hunger verzehrte Mannschaft wiederumb zu ersetzen und in -das khünfftig eben dersselben Feinden, besonders aber dem Erbfeind des -christlichen Namen, dem Türckhen, desto stattlicher gewachsen zu sein, -auf alle Mitl, Weeg und Weiss zu gedenkhen, als seinds auff -Deliberation und Berathschlagung folgende 3 Mittel vor die bequembste -und beyträglichste erachtet und allerseits beliebt worden. 1.) Sollen -hinfüro innerhalb den nechsten 10 Jahren von Junger mannschaft oder -Mannsspersonen, so noch unter 60 Jahren sein, in die Klöster -ufzunemmen verbotten, vor das 2te denen Jenigen Priestern, Pfarrherrn, -so nicht ordersleuth, oder auff den Stifftern Canonicaten sich Ehelich -zu verheyrathen; 3.) #Jedem Mannsspersonen 2 Weiber zu heyrathen -erlaubt sein#: dabey doch alle und Jede Mannssperson ernstlich -erinnert, auch auff den Kanzeln öffters ermanth werden sollen, Sich -dergestalten hierinnen zu verhalten und vorzusehen, dass er sich -völlig und gebürender Discretion und versorg befleisse, damit Er als -ein Ehrlicher Mann, der ihm 2 Weyber zu nemmen getraut, beede -Ehefrauen nicht allein nothwendig versorge, sondern auch under Ihnen -allen Unwillen verhüette.[29]« - -[28] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte. - -[29] Joh. Scherr, Deutsche Kultur- und Sittengeschichte, 10. Aufl., -322 ff. - -Die Ehescheidung kam im Mittelalter verhältnismässig selten vor. Zu -den Scheidungsgründen in der Übergangsperiode vom Altertum zum -Mittelalter zählten einerseits Ehebruch, Mordversuch, Zauberei und -Gräberschändung, andererseits zu hohes Alter des einen der Gatten, -Unvermögen und Verweigerung der ehelichen Pflicht und böswilliges -Verlassen.[30] Die offen und vor Zeugen geschlossene Ehe konnte nur -wieder vor Zeugen aus beiden Familien rechtlich gelöst werden.[31] Als -sich ein geordnetes Gerichtsverfahren gebildet hatte, wurde in aller -Form der Ehescheidungsprozess geführt und das richterliche Erkenntnis -öffentlich bekannt gemacht. Die Kirche strebte von Anbeginn bis zu -ihrer vollen Machtentfaltung danach, die Scheidung möglichst zu -erschweren. Die Nichtigkeitserklärung der Ehen konnte nur in Rom -erfolgen, war daher für einen minder Bemittelten schwer, ja geradezu -unmöglich. Desto mehr Gebrauch machten davon die Fürsten. Waren sie -ihrer Frauen überdrüssig, oder boten sich durch eine andere Heirat -neue Vorteile, so wurden, wenn kein anderer plausibler Scheidungsgrund -aufzutreiben war, Zeugen beschafft, von denen das Vorhandensein eines -verbotenen Verwandtschaftsgrades zwischen den Ehegatten beschworen -wurde; Geld und Ansehen thaten das übrige, so dass die Lösung der Ehe -durch päpstliche Gewalt keine Schwierigkeiten machte. - -[30] Weinhold a. a. O., III. Aufl., 2. Bd. 38 ff. - -[31] Grimm, Rechtsalterthümer, 454. - -Später wurde durch den Wegfall der meisten der vorangeführten -Scheidungsgründe die Lösung der Ehe noch weiter erschwert. Selbst -Ehebruch der Frau wurde 829 schon als kein Grund zur Auflösung der Ehe -betrachtet, ebensowenig wie das geschlechtliche Unvermögen. Hatte der -Bauer seine Frau dem Nachbarn anzubieten (s. oben Seite 65), so sah -man in der Frühzeit nichts Übles darin, wenn der Gatte sich einen, -wenn angängig möglichst vornehmen, dabei natürlich möglichst kräftigen -Stellvertreter suchte. Ein thüringer Ritter, der wegen Unvermögen -keinen Erben von seiner Frau erhalten konnte, bat den Landgrafen -Ludwig, den Gemahl der heiligen Elisabeth, ihn zu vertreten. Mit der -Verleitung der eigenen Frau zum Ehebruch hatte ein derartiges Ansuchen -um so weniger zu thun, als in einem solchen Falle jedes materielle -Interesse in Wegfall kam und der Mann nur den derzeitigen Hauptzweck -der Ehe, die Erhaltung und Fortpflanzung der Familie, im Auge hatte. - -In einer Zeit, in der die kirchliche Lehre von der Verdienstlichkeit -ehelicher Enthaltsamkeit Eingang fand, als der höchsten Frivolität -eines Teiles der Gesellschaft die überspannteste Frömmigkeit -gegenüberstand, blieben oder wurden manche Ehen bloss Scheinehen. Die -Geistlichkeit pries dies sehr unlogisch, da sie doch die Ehe als -Sakrament erklärt hatte, als ein heiliges Werk, dem der höchste Lohn -im Jenseits gewiss war. Einige Fürstinnen und Fürsten erwarben sich -durch dieses freiwillige und unter erschwerenden Umständen aufrecht -erhaltene Cölibat den Heiligenschein. Sehr vernünftig erklärte sich -aber die Synode von Schwerin anno 1492 gegen diesen asketischen -Blödsinn. Ich habe bereits früher, beim Rittertum (Seite 49) einige -dieser »Martyrerinnen« und Heiligen namhaft gemacht, die neben anderem -Unsinn auch den Sport trieben, jungfräuliche Ehefrauen zu sein, die -selbst den Verführungen der Flitterwochen nicht unterlegen waren, die -die Vorzeit viel bezeichnender als wir: Kusswoche, Kirchenwoche, -Zärtel-, Butter- und Honigwoche nannte. - -Wie alles, was vom Menschen kommt und mit dem Schicksal zusammenhängt, -hat auch die Ehe ihre Licht- und Schattenseiten, daher begeisterte -Anhänger und erbitterte Widersacher. Einer der eifrigsten Fürsprecher -der Ehe war D. Martinus Luther. »Die Ehe ist eine schöne herrliche -Gabe und Ordnung«, dann weiter, dass der Ehestand »Gottes Ordnung und -der allerbeste und heiligste Stand sei; darum sollte man ihn auch mit -den herrlichsten Ceremonien anfahen um des Stifters willen, nehmlich -Gottes, der da will, dass ein Männlein und ein Fräulein beisammen sein -sollen« u. s. w.[32] - -[32] Tischreden: »vom Ehestande«. - -Freidank, ohnehin ein begeisterter Lobredner der Frauen, bei dem sich -das schönere Geschlecht für das sinnige Kompliment zu bedanken hat: - - »Vom #Freun# die #Fraun# sind zubenannt - Ihre Freud' erfreuet alles Land; - Wie wohl das Freuen der erkannte, - Der sie zum Ersten Frauen nannte!«[33] - -singt auch das Hohelied der Ehe in allen Tonarten: - - »Wenn man alles sagen soll, - So ist auf Erden keinem wohl, - Als wer errang ein Weiblein traut - Und fest auf ihre Treue baut.« - -[33] - - »Durch vröude vrouwen sind genant, - Ir vröude ervröuwet ellin lant. - Wie wol er vröude kante - Der sie êrste vrouwen nante!« - -Obige Übersetzung von Karl Pannier, nach dem ich auch ferner citiere. - -Dann: - - »Wer treues Weib errungen hat, - Dem wird für seine Sorgen Rat.« - -Oder Reinmar von Zweter, der über die Ehe sagt: - - »#Ein# Herz, #ein# Leib, #ein# Mund, #ein# Mut - Und #eine# Treue wohlbehut, - Wo Furcht entfleucht und Scham entweicht - Und zwei sind eins geworden ganz, - Wo Lieb' mit Lieb' ist im Verein: - Da denk ich nicht, dass Silber, Gold und Edelstein - Die Freuden übergoldet, die da bietet lichter Augen Glanz. - Da, wo zwei Herzen, die die Minne bindet - Man unter einer Decke findet - Und wo sich eins an's and're schliesset, - Da mag wohl sein des Glückes Dach.« - -Ob Meister Freidank und Reinmar aus Erfahrung sprechen oder nur galant -sein wollen, ist bei den dürftigen Nachrichten über der Dichter Leben -nicht zu ermitteln. Anders steht es aber mit einem Priester, den wir -bisher als recht widerhaarig kennen gelernt haben. Wenn dieser, -nämlich Bruder Berthold von Regensburg, sich zu einer Empfehlung der -Ehe aufschwingt, noch dazu in Argumenten, die auch heute noch nichts -von ihrer Beweiskraft eingebüsst haben, dann sollte es doch zu denken -geben. Also Hagestolz, horche auf, und beherzige, was Frater Berthold -in seiner Predigt über die zehn Gebote sagt: »Darum du junge Welt, geh -schleunig in starker Busse in dich, und zur Ehe, oder mit der -Ehelosigkeit auf den Grund der Hölle. ›Bruder Berthold, ich bin noch -ein junger Knabe, und die mich gerne nähme, die will ich nicht, und -die ich gerne nähme, die will mich nicht.‹ Nun so nimm aus aller Welt -eine zur Ehe, mit der du recht und gesetzlich lebest. Willst du die -eine nicht, so nimm die andere; willst du die Kurze nicht, so nimm die -Lange; willst du die Lange nicht, so nimm die Kurze; willst du die -Weisse nicht, so nimm die Schwarze; willst du die Schlanke nicht, so -nimm die Dicke. Nimm dir nur eine Ehefrau aus aller Welt. ›Bruder -Berthold ich bin doch arm und habe nichts.‹ Es ist weit besser, dass -du arm ins Himmelreich fahrest, als arm zur Hölle. Du wirst noch -schwerer reich in der Ehelosigkeit als in der Ehe. ›Bruder Berthold -ich habe mein Brot noch nicht!‹ Ich höre wohl, du willst die Ehe -nicht. Da du nun die Unehe haben willst, so nimm dir wenigstens nur -eine Einzige zur Unehe. Nimm diese an die eine Hand und den Teufel an -die andere, und nun geht alle drei mit einander zur Hölle, wo euch -nimmer geholfen wird.«[34] - -[34] Weinhold a. a. O. I. 296 ff. - -Dieselbe Meinung hegt Fischart in seinem Philosophischen Ehzuchtbüchlein: - - »Wer da flieht den Rauch der Ehe, - Fällt in eine Flamm' und ärger Wehe. - Mancher den Regen flieht im Haus - Und fällt darnach in den Bach da draus.« - -Das geistvolle Schriftchen enthält noch manche, selbst heute recht -beherzigenswerte Ehestandsregel.[35] - -[35] Erneut und bearbeitet von G. Holtey Weber, Halle a. S., Hendel. - -Nun _audiatur et altera pars_. Damit liessen sich Folianten füllen, -doch mag hier nur der Bissigsten einer, Geiler von Kaisersberg, zu -Wort kommen, da sich neben vielen Verbohrtheiten auch manch Körnlein -Wahrheit in seiner Predigt birgt. Eine reiche Frau reibt ihrem Gatten -täglich ihre Mitgift unter die Nase, sagt er; eine fruchtbare bringt -mit ihren vielen Kindern selbst dann Sorgen ins Haus, wenn Reichtum -vorhanden ist; fehlt dieser aber, so giebts Kummer und Not. Ist sie -unfruchtbar, klagen sie um Kinder; ist sie schön, muss der Mann -sorgen, dass auch andere ausser ihm sie begehrenswert finden. »Jedoch -du nemmest für eine, was du wöllest, so bekommest du ein meister uber -dich, die dir allzeit wider beffzet gleich als ein böser hundt. Diss -ist der weiber natur und brauch, da sie alzeit den männern widerreden -und antwort geben. Dann sie volgen irem natürlichen ursprung nach, -nemlich, dieweil sie auss einem krummen ripp gemachet sein, so reden -und bellen sie allzeit herwider und wissen auff alle ding ein antwort -zu geben.«[36] Übrigens ist Geiler konsequent genug, auch die Weiber -vom Heiraten abhalten zu wollen, indem er sie an das Sprichwort -erinnert: - -[36] Schultz, D. Leben, S. 260. - - »Es ward nie kein mann, - Er hett ein wolffszaan!« - -Genützt haben aber die Redereien blutwenig. Die Leute heirateten doch, -der Augsburger Kaufherr Burkard Zink viermal; in Köln am Sonntag nach -Michaelis im Jahre des Herrn 1498 eine Frau sogar zum siebenten Male, -nachdem sie bereits sechsmal Witwe gewesen war. - - - - -Die feile Liebe. - - -Wenn der ganze Verlauf der Geschichte der geistigen Entwickelung der -Menschheit mit dem Leben eines Mannes verglichen wird, so ähnelt das -Mittelalter in seiner Gesamtheit den Flegeljahren des Mannes, der -- -halb Kind, halb Jüngling -- zwischen den diesen Entwickelungsjahren -eigentümlichen Extremen schwankt. Der Geist hält mit dem Wachstum des -Körpers nicht Schritt; langsam dämmert in ihm erst die Erkenntnis des -Jünglings auf, während sich die Glieder recken und dehnen, das Blut -schneller die Adern durchkreist, neue Gedanken erstehen, eckig und -unreif wie der Körper. Das lieblich kindliche Gehaben macht einem -selbstbewussten Auftreten, die zarte Kinderstimme dem rauheren Organe -Platz. Das Schamgefühl, dem innersten Wesen des Kindes fremd, beginnt -langsam zu erstehen, ohne sich jedoch noch voll entfaltet zu haben. -Ganz so war es mit den Deutschen zwischen dem 12. und dem 16. -Jahrhundert. Die auf sie aus zahllosen Kanälen einströmende Erkenntnis -hatte ihnen viel von der Naivität früherer Zeit geraubt, ihre -Ursprünglichkeit, die sich erst unter dem Einfluss ausländischer -Sitten und der Schulbildung in viel späterer Zeit verlieren sollte, -war für jetzt noch aufdringlicher und abstossender geworden als sie -vordem war, da sie nun nicht mehr unbewusst sich bethätigte. - -Das Geschlechtsleben entwickelte sich, je weiter das Mittelalter -seinem Höhepunkte zukam, immer unverhüllter, bis es von der Naivität -zur Gemeinheit gesunken war. Dem Grundsatze _naturalia non sunt -turpia_ huldigte das Mittelalter in einer der Neuzeit unbegreiflichen -Weise. Die intimsten Verrichtungen scheuten die breiteste -Öffentlichkeit nicht[1], in Wort und Bild durften die widerhaarigsten -Zoten ungescheut verkündet werden. Die Vorurteilslosigkeit in -geschlechtlichen Dingen sah in dem Vorhandensein öffentlicher Dirnen -und ihrer Benutzung etwas ganz Selbstverständliches. Die Sentenz von -den Dirnen, die da seien, die Tugend der Bürgermädchen vor -Versuchungen zu bewahren, war im Mittelalter allgemein, stammt daher -keineswegs von Heine. Man duldete die Wollustpriesterinnen schon in -frühester Zeit innerhalb der Stadtmauern oder in deren unmittelbaren -Nähe ausserhalb des Weichbildes, wenn auch von Anbeginn an unter -erschwerenden Umständen. Meist boten gewerbsmässige Kupplerinnen den -öffentlichen Mädchen Unterschlupf. Sie sorgten einerseits für die -Heranziehung von Liebhabern, andererseits für immer wechselndes -Mädchenmaterial. Die engen Strassen der meist räumlich sehr -beschränkten Städte und Flecken eigneten sich noch nicht zum Abfangen -der Liebhaber ausserhalb der Häuser. In grossen Städten war dies -allerdings anders. König Wenzel von Böhmen (1361-1419), ein gar -galanter Herr, zog im nächtlichen Prag »als ein garczawn« -(Junggeselle) auf der Streife nach »dy junckfrauen, die leider sind -gemein« umher[2], die er demnach hoffen durfte auf den Strassen -anzutreffen. Doch die Hauptrolle beim Liebesgeschäft spielten die -Kupplerinnen, die sich aber nicht nur darauf beschränkten, ihre eigene -Ware an den Mann zu bringen, sondern auch zu sonstigen Liebeshändeln -gerne ihre Dienste boten. Eine kleine Novelle #Konrads von Würzburg#, -eines der bedeutendsten und fruchtbarsten Dichter des 13. -Jahrhunderts, beleuchtet sehr anschaulich das Wirken einer solchen -Kupplerin aus Konrads Heimat, einer »vuegerinne«, die liebebedürftigen -Pärchen ihr Haus zur Verfügung stellte. Eines Tages, als bei ihr -Schmalhans Küchenmeister war, ging sie zur Kirche, um dort vielleicht -Kunden einzufangen. Das Glück schien ihr hold, denn der Dompropst -Heinrich von Rothenstein, einer der Chorherren am Münster, kreuzte -ihren Weg. Die Fügerin wisperte ihm zu: »Eine schöne Frau entbietet -Euch Freundschaft, Huld und Gruss, da ihr Herz und Sinn, Euch, -würdiger Herr, in Treue zugewandt ist.« Dem Pfaffen schlug das Herz -höher und schmunzelnd gab er der »lieben Mutter« eine Handvoll Münzen, -indem er ihr ans Herz legte, nur alles in die Wege zu leiten. Frau -Fügerin hielt nun freudig Ausschau nach der schönen Frau, die den -feisten Chorherrn in ihr Herz geschlossen haben könnte, als ein »schön -minniglich Weib« in das Gotteshaus trat. Die Kupplerin machte sich -heran und vertraute ihr an, dass ein gar schöner »tugendlichster« Herr -von ihrem Anblick todwund sei und nur sie allein im stande wäre, die -Minnewunde zu heilen, die ihr Augenpaar geschlagen. Lachend willigte -die Angesprochene ein, nach der Messe weiteres hören zu wollen. Die -Kupplerin erstand nun einen seidenen Gürtel, um ihn der aus der Kirche -Kommenden als Geschenk des Liebhabers anzubieten. Diesem Angebinde und -der Überredungskunst der Fügerin vermochte die Tugend der Dame nicht -standzuhalten. Sie versprach, sich nachmittags im Häuschen der Alten -einzufinden. Pünktlich erschien sie im »behaglichen Kleide«. Die -Kupplerin flog glückstrahlend zum geistlichen Herrn, ihn zum -Stelldichein zu führen, doch leider hinderten ihn dringende, -unaufschiebbare Geschäfte, dem lockenden Rufe zu folgen. Die arme -Kupplerin sah sich um ihren sicheren Verdienst gebracht und trollte -betrübt ihrem Hause zu, als sie einem stattlichen, reichgekleideten -Herrn begegnete, der auch gerne bereit war, für den Chorherrn -einzuspringen. Inzwischen harrte die Dame bei der Kupplerin neugierig -der Dinge, die da kommen sollen. Sie erschrak aber bis auf den Tod, -als sie in dem die Kupplerin begleitenden Herrn -- ihren eigenen Mann -erkannte. Nun galt es frech sein und den dräuenden Spiess umkehren. -Mit einer Flut von Schmähreden, Schimpfwörtern, Püffen und Schlägen -überfiel sie den ahnungslosen Gemahl, der schliesslich noch glücklich -war, die Verzeihung seiner betrogenen Gattin durch eine Unzahl von -Versprechungen zu erlangen.[3] - -[1] G. v. Below, Das ältere deutsche Städtewesen und Bürgertum, S. 32, -33. - -[2] J. Wessely, Deutschlands Lehrjahre, I. 217. - -[3] Hagen, Gesammtabenteuer, I. 193 ff.; Scherr, Frauenwelt, I. 247 -ff. - -Neben der Kupplerin nimmt eine Dame die Hauptstelle in dieser den -Stempel der Natürlichkeit tragenden Novelle ein. Die Stadtbewohnerinnen -waren auch kaum zurückhaltender als die Edeldamen und Dorfschönen, -weshalb das lichtscheue Treiben der Gelegenheitsmacherinnen -unheilvollen Einfluss auf die Moral ausüben musste. Mittels -drakonischer Strafen suchte sich die mittelalterliche Rechtspflege -denn auch der Fügerinnen zu entledigen. Aber die Verurteilungen -von Kupplerinnen verheirateter Frauen zu Pranger, Steintragen, -Stadtverweisungen[4], selbst zum Lebendbegraben -- »drivende meghede, -de andere vrowen verschündet«[5] -- und Verbrennen, wie im alten -Berlin[6], halfen dem Übel um so weniger ab, als die Fügerinnen bei -dem überhandnehmenden Luxus ständigen Zulaufes der verschwenderischen -Weiber sicher sein durften. Viele dieser Kupplerinnen waren, einst -wie jetzt, in ihrer Jugend durch ihre nunmehrigen Kolleginnen auf -die abschüssige Bahn gestossen worden und vergalten nun Gleiches -mit Gleichem. Der Berner Dichter Nicolaus Manuel lässt in seinem -Fastnachtsspiel »Vom Papst und seiner Priesterschaft« eine solch -ausrangierte Dirne sprechen: - -[4] H. Deichsler, Städtechroniken, XI. 657. - -[5] Grimm, Rechtsalterthümer, 694. - -[6] Schwebel, S. 242 ff. - - »Ich freu' mich, dass ich kuppeln kann, - Sonst wär' ich wahrlich übel dran; - Ich hab mirs meisterlich gelehrt - Und lange mich damit ernährt, - Seitdem dass meine Brüste hangen - Wie 'n leerer Sack auf einer Stangen.« - -Gar manche putz- und gefallsüchtige Stadtdame war ihre eigene -Kupplerin[7], andere wieder behalfen sich damit, dass sie ihr Gewerbe -mit Hilfe ihres Ehemannes ausübten. Gegen solche Schandkerle, die eine -grosse Nachkommenschaft zu verzeichnen haben, wettert Geiler von -Kaiserberg: »Wenn sie kein gelt mehr haben, sagen sie den weibern: -›gehe und lug, das wir gelt haben; gehe zu diesem oder jenem Pfaffen, -studenten oder edelmann unnd heiss dir ein gülden leihen und denck, -komb mir nicht zu hauss, wo du kein gelt bringest, lug wo du gelt -auftreibest oder verdienest, wenn du schon es mit der handt -verdienest, da du auff sitzest.‹ Alsdann gehet sie ein ehrliche unnd -fromme fraw auss dem hauss und kompt ein hur wider heim.«[8] Murner -charakterisiert einen dieser Kuppler, der dem »ganzen Ort sein Weib -gönnt« dadurch, dass er ihn, wenn ein guter Gesell zur Frau kommt, um -Wein laufen lässt, von wo er erst nach »dritthalb Stund« zurückkommt. -Tritt er ins Haus, so singt er laut, um sein Kommen bemerkbar zu -machen u. s. w.[9] - -[7] - - Die Else sprach (zu ihrem Manne) darauf voll Wut: - »Dass dich das Fieber rütteln thut! - Wenn du mir nicht willst Zierden kaufen, - So kann ich zu den Mönchen laufen - Und zu dem Adel, zu den Pfaffen, - Die werden mir wohl Kleider schaffen, - Damit ich geh' wie ein ander Weib. - Ich zahl' es ihnen mit Ehr' und Leib!« - - Murner, Narrenbeschwörung, 86. 48. - -[8] Kloster, I. 406. - -[9] Murner, Narrenbeschw., 60. - -Johannes Sarisberiensis erzählt im »Polycraticus«, lib. III cap. 13: -»Wenn die junge Frau aus ihrem Brautgemach schreitet, sollte man den -Gatten weniger für den Gemahl, als für den Kuppler halten. Er führt -sie vor, setzt sie den Lüstlingen aus, und wenn die Hoffnung auf -klingende Münze winkt, so giebt er ihre Liebe mit schlauer Heuchelei -preis. Wenn die hübsche Tochter oder sonst etwas in der Familie einem -Reichen gefällt, so ist sie eine öffentliche Waare, die ausgeboten -wird, sobald sich ein Käufer findet.« - -Der geschmeidige Italiener Aeneas Silvius Piccolomini, nachmals -Papst Pius II., ein scharfer Beobachter, der gut zu schildern weiss -und pikant zu erzählen liebt, beschreibt das mittelalterliche Wien, -dem er in den sechziger Jahren des 15. Jahrhunderts einen Besuch -abstattete, als wahres Paradies, die Bewohner aber als Ausbunde von -Lasterhaftigkeit. Nach ihm sind alle Wienerinnen Ehebrecherinnen, alle -Wiener Hahnreie oder Zuhälter. Ganz so schlimm, wie es der fromme Herr -macht, der weder als Schriftsteller noch als Mensch ein Tugendbold war, -der an übergrosser Wahrheitsliebe litt, wird es gerade nicht gewesen -sein, wenn es auch ebensowenig in Wien wie in anderen grossen und -reichen Städten klösterlich zuging. Die Verführung in den Grossstädten -war nicht gering und die Frauentugend nicht immer klar wie ein Spiegel. -Der Ehebruch war vormals nicht seltener als heutzutage, wenn auch die -alten Gesetzbücher nicht so leicht darüber hinglitten wie die modernen -Strafgesetzsammlungen. Die alten Volksrechte bestimmten bereits, dass -Ehebrecherinnen, auch wenn sie ihr Verbrechen mit Wissen des Gatten -begangen, hinzurichten seien. Der Gatte und der Liebhaber hatten nur -Ehrenstrafen zu gewärtigen. Die »Hals- oder Peinliche Gerichtsordnung -Kaiser Karls V.« von 1553 hingegen erkennt: - -cxxij. »Item so jemandt sein _eheweib_ oder kinder, vmb eynicherley -geniess willen, wie der namen hett, williglich zu vnehrlichen, -vnkeuschen vnd schendtlichen wercken gebrauchen lest, der ist ehrloss, -vnd soll nach vermöge gemeyner rechten gestrafft werden,« d. h. den -Tod durch den Henker erleiden. - -In der Curt Müllerschen Ausgabe der Halsgerichtsordnung findet sich -folgender Fall angegeben: - -»Und C. K. hat gestanden, dass er wohl gewust und zufrieden gewesen, -dass sein Eheweib mit gedachtem Pfarrherrn Ehebruch begehen möchte; -dann er seiner wohl zu geniessen verhoffet, und sich mit ihm derowegen -um 100 Thaler vertragen, auch 53 Thaler darauf empfangen etc. Da nun -gedachter C. K. auf seinem gethanen Bekentniss vor Gerichte freywillig -verharren, oder des sonsten, wie recht, überwiesen würde: So möchte -er, solcher Verkuppelung halben, mit dem Schwerdte vom Leben zum Tode -gestrafft werden, V. R. W. Ad consult. Quaestoris M. Jul. 1587.« - -In Zürich ersäufte man 1449 einen Zuhälter seiner Frau in der Limmat. - -Waren die Frauen zu Lottereien geneigt, so gaben ihnen die Männer -darin nichts nach, wenn man Geiler glauben darf, der da predigt: »Es -gibt auch männer, die ein offentliche huren oder schottel neben der -Frawen im hauss haben und halten.« Dem 15. Jahrhundert entstammt das -Gesetz, einen Ehemann, der mit seiner Geliebten unter einem Dache -wohnt, auf fünf Jahre aus der Stadt zu verbannen. Die gleiche Strafe -trifft eine Frau, die ihren Mann verlässt, um mit dem Liebsten zu -leben. Wer verheiratet ist und dies verschweigt, um durch -Eheversprechen Erhörung zu finden, gleichviel ob Mann oder Weib, wird -auf zehn Jahre der Stadt verwiesen.[10] Als 1459 in Nürnberg die Frau -des reichen Kaufmannes Linhart Podmer des Ehebruches mit einem -Schreiber überführt wurde, degradierte sie der Rat zur öffentlichen -Dirne, indem er ihr verbot, gewisse Kleidungsstücke anzulegen. - -[10] J. Brucker, Strassburger Zunft- und Polizeiverordnungen, S. 456. - -Die Verkuppelung der eigenen Kinder bestrafte die »Karolina«, wie aus -der citierten Stelle ersichtlich, gleichfalls mit dem Enthaupten; das -alte Berliner Stadtbuch mit dem Scheiterhaufen. Dieses letztere -Gesetzbuch zeichnete eine sittengeschichtlich äusserst interessante -Kuppelei-Affäre auf. - -»Jesmann und sein Weib wurden verbrannt wegen Verrates, den sie -begingen an ihrem eigenen Blute, nämlich an ihrer Tochter, einem -jungen Kinde, das sie unehrenhafter Weise übergaben dem Komtur von -Tempelhof, der ein begebener (geistlicher) Kreuzherr war des Ordens -St. Johannis -- (also ein Johanniter-Ordens-Ritter) -- Die unehrliche -Frau, die Peter Rykime, vermittelte es nämlich, dass der Komtur die -Maid wohl kleiden wollte mit schönem Gewande, und Gutes wollte er ihr -geben genug; auch wollte er Jesmann und sein Weib sehr reich machen, -und das schwur er ihnen auf sein Wort zu. Da brachten die Dreie dem -Komtur das Kind entgegen bis an den Berg von Tempelhof, und dort -empfing er es von ihnen, und trat in Unehre mit ihm ein. Drum wurden -jene Drei verbrannt.« Der Herr Komtur ging natürlich straflos aus -- -er war ja von Adel und noch dazu ein geistlicher Ritter, dem so leicht -nichts anzuhaben war, selbst wenn man gewollt hätte, was aber den -ehrsamen Herren vom hohen Rate nicht im Traume einfiel. Sie hielten -sich lieber dafür an den bürgerlichen Übelthätern schadlos, und -justifizierten diese nach Herzenslust, so z. B. des »Matthias Weib«, -das man 1399 verbrannte, weil sie eines Klaus Jordans Ehefrau an den -Jacob von dem Rhine (Rheine) verkuppelt hatte.[11] - -[11] Schwebel, Gesch. v. Berlin, S 242 ff.; siehe auch Murner, -Narrenbeschwörung XLI. - -In Strassburg strafte man die Dienerschaft, die Kinder der -Brotherrschaft, deren Freunde oder deren Mündel, verkuppelt hatten, -gleichviel ob diese grossjährig waren oder nicht, den Knecht mit -Ertränken, die Magd mit dem Ausstechen der Augen und Stadtverweisung. -Wer als Knecht mit der Frau des Herrn eine Liebschaft hat, der Knecht -oder die Magd, die ihre Herrin verkuppeln, verlieren zwei Finger der -rechten Hand und werden verwiesen. Trifft der Herr den Knecht auf -frischer That, so kann er ungestraft nach Gutdünken handeln.[12] - -[12] Brucker a. a. O. S. 456. - -Ungeachtet der tief eingewurzelten Immoralität erstarb die Achtung vor -der jungfräulichen Reinheit niemals gänzlich, und die Folge war, dass -Mädchen, deren Schande offenbar wurde, sich von der Missachtung, -daneben noch von schweren bürgerlichen und kirchlichen Strafen bedroht -sahen. - -#Abtreibung der Leibesfrucht# und #Kindesmord# waren daher nichts -Aussergewöhnliches. - -Gegen das erstgenannte Verbrechen predigt Berthold von Regensburg: »Er -(der tuifel) raetet ir eht, daz sie tanze oder daz sie ringe oder -hüpfe und ungewar (ungefähr) trete oder valle oder daz sie sich harte -über ein Kisten neige oder daz sie der wirt slahe.«[13] Gegen -Kindesmörderinnen ging man mit unerbittlicher Strenge vor. Die -»Karolina« befiehlt in den §§ 35 und 36 die Folter und den Tod. In -Zürich ersäufte man Kindesmörderinnen, an anderen Orten begrub man sie -in Dornen gebettet lebenden Leibes. Einer anderen Strafart ist bereits -oben gedacht worden. - -[13] B. v. R. bei Schultz, Höf. Leben, 598. - -Zur Verhütung der Kindesmorde entstanden #Findelhäuser#, so 1452 in -Frankfurt a. M. Nürnberg wies deren zwei auf, deren erstes 1331 -errichtet wurde, denen als Gefälle das Gras in den Stadtgräben -zustand. Auch in Freiburg im Breisgau und in Ulm sind »der funden -kindlin hus« aus dem 14. und 15. Jahrhundert bekundet. Das Ulmer -Findelhaus wies im 16. Jahrhundert manchmal an 200 und mehr -»Fundenkindlin« aus. - -Blieb unerlaubte Liebe ohne Folgen, so versuchte man wohl auch das -verlorene Magdtum durch künstliche Mittel wieder herzustellen. Ein -fahrender Schüler berühmt sich wenigstens: - - »Welche den magtum hat verloren - Der mach ich ein salben.«[14] - -[14] Altdeutsche Wälder, II. S. 55. - -Derartige Zustände erschienen mit der Zeit den Stadtobrigkeiten schon -aus dem Grunde unhaltbar, als sie alle Stände in Mitleidenschaft zogen -und selbst vor den Familien der stolzen Patricier nicht Halt machten. - -Eine Regelung und polizeiliche Überwachung der Unzucht wurde -schliesslich zur brennenden Frage, die durch Gründung von -#Freudenhäusern# endgültig geregelt schien. Durch die Bordelle glaubten -die Stadtväter Latrinen geschaffen zu haben, die den sexuellen Unrat -auffangen und dadurch den honetten Teil der weiblichen Ortsbevölkerung -vor Versuchung und Verseuchung bewahren sollten. Denn: »bei der -Rücksichtslosigkeit, mit welcher die Menschen des Mittelalters -Jahrhunderte lang der Wollust frönten, waren die Frauenhäuser eine -Notwendigkeit, und zwar nicht nur zum Schutze ehrbarer Mädchen und -Frauen, sondern auch damit die Unsittlichkeit einigermassen überwacht -werden konnte.«[15] Die ersten Bordelle erstanden gegen Ende des 13. -Jahrhunderts[16]; in Wien ist 1278 ein Freudenhaus urkundlich erwiesen, -in Augsburg 1273[17], in Hamburg 1292, aber erst das 14. Jahrhundert -sah sie allenthalben emporschiessen und sichtlich gedeihen. - -[15] Kriegk, Deutsches Bürgertum im Mittelalter, S. 292. - -[16] Der gewaltigste deutsche Volksredner des frühen Mittelalters, -Bruder Berthold von Regensburg († 1272), kennt schon Stadtdirnen. »Und -diu gemeinen fröuwelîn, sie heizent aber niht fröuwelîn, man sie -habent frouwennamen verlorn, und wir heizen sie die boesen liute auf -dem graben.« - -[17] Hormayrs histor. Taschenbuch v. J. 1836 S. 320. - -Die Gegend der Stadt, in der diese Kasernen der Unzucht lagen, nannte -die mittelalterliche Galanterie Frauengasse, Rosengasse (Berlin), -Rosenhag (Hildesheim), Rosenthal (Leipzig), oder auch Kätchengasse, -wie in Braunschweig; die Freude an Zoten erfand allerdings oft recht -urwüchsige, heute arg verpönte, aber sehr bezeichnende Namen. Das Haus -selbst nannte man: Bordell, Frauenhaus, Töchterhaus, gemeines, -offenes, freies Haus, Jungfrauenhof; die Insassinnen: leichte, offene, -gemeine oder gelustige Fräuleins, freie, unehrbare Töchter, üppige, -thörichte Dirnen, Hübschlerinnen u. a. m.[18] - -[18] Ein ziemlich eingehendes Register aller mittelalterlichen -Bezeichnungen für Dirnen gibt Weinhold a. a. O. II. Bd. S. 19. - -Bei der mittelalterlichen Vorurteilslosigkeit ist es begreiflich, dass -die das Frauenhaus schützende Behörde ihren Nutzen aus dieser -- -»gemein-nützigen« Anstalt zu ziehen gewillt war. Die Städte -einerseits, andererseits die geistlichen Stifte oder die Adeligen, auf -deren Boden diese Häuser standen, liessen sich ganz tüchtig bezahlen. -Scheuten sich doch Kirchenfürsten, selbst Päpste nicht, sich an -Frauenhaus-Erträgnissen Einkommen zu sichern -- ja, _non olet_ --, -ebensowenig wie es als schimpflich galt, mit Bordell-Gefällen vom -Kaiser belehnt zu werden. Die gefürsteten Grafen von Henneberg und die -Grafen von Pappenheim hatten derartige Lehen zu eigen, die ihnen -gewaltige Summen einbrachten.[19] Der Erzbischof von Mainz beschwerte -sich im Jahre 1442 darüber, dass ihn die Stadt schädige »an den -gemeinen Frauen und Töchtern« und »an der Buhlerei«[20], jedenfalls -durch städtische Konkurrenzunternehmungen. Die Herzöge Albrecht IV. -und V. waren Eigentümer eines Wiener Bordells, das sie einem Edelmann, -Konrad dem Pappenberger, zu Lehen gaben. - -[19] Scheible, Das Kloster, VI. Die Frauenhäuser und die fahrenden -Frauen. - -[20] v. Maurer, Gesch. der Städteverfassung in Deutschland, III. 109. - -Manche Städte verwandten die Einkünfte aus den offenen -Häusern zu gemeinnützigen Zwecken, so Wien für den Wirt des -Untersuchungsgefängnisses.[21] Die Aufsicht über die Frauenhäuser -behielt sich an vielen Plätzen der Magistrat selbst vor, an anderen -wieder bildete sie eine Obliegenheit des verachtetsten Beamten, des -Scharfrichters oder Stockers, der sich dafür von jeder einzelnen -Dirne entlohnen lassen durfte. In Nürnberg z. B. war »der Züchtiger« -gleichzeitig Bordellwirt, in Berlin der Büttel. Das Berliner Frauenhaus -lag bis 1420, wo es einging, in der Rosengasse bei der Büttelei. Wenige -Jahre vor seiner Auflösung (1407) führte es noch vierteljährlich ein -halbes Schock Groschen an den Rat ab.[22] - -[21] J. E. Schlager, Wiener Skizzen des Mittelalters, N. F. III. S. -375. - -[22] Schwebel, Gesch. v. Berlin, I. 271 ff.; Streckfuss, 500 Jahre -Berliner Geschichte, S. 25. - -An der Spitze des Bordells stand der Frauenwirt, Kuppler oder Ruffian -genannt, der der Stadt gegenüber verantwortlich für Ausführung der -Hausordnung war und als Stadtdiener in Eid genommen wurde. In -Würzburg hatten die Frauenwirte den Treueid dreimal, nämlich dem Rate, -dem Fürstbischofe und dem Domkapitel abzulegen. Einer dieser Eide -lautete: »Der Stadt treu und hold zu sein und Frauen zu werben.« Der -Ulmer Ruffian beschwor: »vierzehn taugliche und geschickte, saubere -und gesunde Frauen zu unterhalten.«[23] In Genf wurde die -Dirnenkönigin, Regina Bordelli, in Eid und Pflicht genommen, die -Ordnung unter ihren Standesgenossinnen aufrecht zu erhalten. - -[23] Wilh. Rudeck, Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in -Deutschland, S. 28. - -Die Bordellordnungen regelten mit echt deutscher Gründlichkeit die -Obliegenheiten der Frauen, »so an der Unehre sitzen«. Einige, allen -diesen Vorschriften gemeinsame Hauptpunkte waren, dass kein Stadtkind -und keine Ehefrau als Dirnen zugelassen werden durften. Juden, -Ehemännern und Geistlichen war der Zutritt für immer, den anderen -Gästen an gewissen Feiertagen und den Vorabenden dazu zu untersagen. -Allen diesen Bestimmungen wurde durch die auf ihre Nichtbefolgung -gesetzten harten Strafen der nötige Nachdruck gegeben. Recht übel ging -es einem der armen Prügeljungen des Mittelalters, einem Juden, wenn -man ihn im Bordell ertappte. »Auch wan ein wallpode einen juden bei -einer christenfrauwen oder meide funde, unkeischheit mit ir zu triben, -die mag er beide halten, do sol man dem juden sein ding abssniden und -ein aug usstechen und sie mit ruden usjagen oder sie mogen umb eine -summe darumb dingen«[24], stand in einem Mainzer Gesetz des 15. -Jahrhunderts. Die Ehemänner hatten sich durch Strafgeld zu lösen. Da -Wirte und Mädchen kein Interesse daran hatten, Ehemänner und Juden, -die vielleicht ganz gute Kunden waren, aus ihrem Haus zu treiben, so -werden sie oftmals ein Auge zugedrückt haben. Bei anderen Bestimmungen -ging dies nicht so leicht, da der Aufpasser zu viele waren und Strafen -den Wirt trafen. Deshalb wussten sich Ehefrauen, wie die von Lübeck im -Jahre 1476, dadurch zu entschädigen, dass sie, das Antlitz unter -dichten Schleiern geborgen, abends in die Weinkeller gingen, um an -diesen Prostitutionsstätten unerkannt messalinischen Gelüsten zu -frönen.[25] Am strengsten durchgeführt wurde die Bestimmung, keine -ortsangehörigen Mädchen ins Frauenhaus aufzunehmen. Daher rekrutierten -die Ruffiane ihre Dirnen von ausserhalb, besonders von Schwaben, das -im Mittelalter seiner Mädchen wegen grossen Ruf besass und ein -Hauptexportland für den Mädchenhandel bildete. Schwabinnen traf man in -ganz Mittel- und Süddeutschland selbst in Venedig als Dirnen an. Ein -alter Autor, Felix Fabri, rühmt ihnen nach, dass sie ebenso treu und -arbeitsam, wie lieblich und »delicat« seien. Joannes Boëmus Aubanus -Teutonicus, der 1535 in Lyon ein Buch »_Omnium gentium mores etc._« -veröffentlichte, charakterisiert die Schwaben wie folgt: »Uebrigens da -immer Gutes mit Bösem vermischt, und nichts vollkommen ist, so sind -die Schwaben über die Massen zur Liebe geneigt, das weibliche -Geschlecht gibt dem männlichen leicht zum Bösen nach ....«; ferner: -»Es ist ein Sprüchwort vorhanden, dass das eine Schwaben das weite -Deutschland genügend mit leichtfertigen Weibern überschwemme.«[26] -Auch die sonstigen Pflichten des Frauenwirtes waren allerorten -eingehend normiert. Es war ihm vorgeschrieben, wieviel er den Mädchen -für Nahrung, Bett und Wäsche zu berechnen, was er ihnen für Essen und -Trinken vorzusetzen und was er für jeden Besucher von den Mädchen zu -fordern hatte. Er durfte die Mädchen weder verkaufen noch verpfänden, -sie nicht am Ausgehen und am Kirchgang hindern, sie nicht -zurückhalten, wenn sie wieder anständig werden oder heiraten wollten. -Ferner war es ihm -- z. B. in Regensburg -- untersagt, die Dirnen zu -schlagen, sondern er hatte sie, wenn sie Strafe verdienten, der -Obrigkeit anzuzeigen. In der Bestallungsurkunde des Würzburger -Frauenwirtes Martin Hummel von Neuenberg bei Basel, gegeben im Jahre -1444, finden sich die Bestimmungen: »Es sol auch furbass der -Frawenwirt kein Frawe in seinem Haws wonend dj so swanger oder zu -zeiten so sj mit Iren weyblichen Rechten (_mensis_) beladen noch auch -sust zu keiner anderen zejt, so sj ungeschickt were oder sich von den -Sunden enthalten wollt, zu keinem manne, noch sundlichen werken nicht -noten, noch dringen in kein wejss.« Dirnen in allzu jugendlichem Alter -durften nicht im Bordell sein. »Und welches töchterlein funden wurt -des libes halben zuo dem werk nit geschicket sunder zuo junge ist, -also das es weder brüste noch anders hette, das dazuo gehört daz sol -mit der ruoten darumb gestrofet und dazuo der stat verwisen werden, bj -libs strofe, so lange biss dass es zuo sinem billigem alter kompt.«[27] - -[24] Grimm, Weistümer, I. 533. - -[25] Becker, Geschichte der Stadt Lübeck, I. 281. - -[26] Schultz, D. L., S. 4. - -[27] Schultz, D. L., S. 179. - -Der Regensburger Ruffian sollte von keiner »werntlichen Frau« etwas -nehmen »oder sie ins Haus zu locken, dass dieselben unter dem Vorwand -dieser Töchter ihr Unend desto bas treiben konnten, vielmehr wo solche -Frauen hier wären, dieselben dem Stadtkämmerer anzuzeigen ....«, -mit anderen Worten: keinen fremden Weibern und Gelegenheitsdirnen -Unterschlupf bieten. Besonders anerkennenswert ist es, dass die -bedauernswerten Geschöpfe, denen nach einem nicht immer selbstgewählten -Leben voll Schmach meist der Schindanger als letzte Ruhestätte -angewiesen wurde, von Amts wegen vor allzu grosser Ausbeutung geschützt -waren. Der Ulmer Stadtrat schreibt seinem Frauenwirt genau die den -Dirnen zu verabreichenden Speisen und die von ihm zu fordernden Preise -vor; sogar um noch anderes kümmert sich der wohlweise und ehrenfeste -Magistrat. »Ain yede fraw, so nachts ain Mann bey ir hat, soll dem -Wiertt zu Schlaffgeldt geben ainen Kreutzer und nit drüber, und was jr -über dasselbig von dem Mann, bey dem siy also geschlaffen hatt, wirdt, -das sol an jhren Nutz kommen.« - -Diese allerorts geübte, mitunter recht zöpfisch eingekleidete -Humanität erweiterte sich mitunter zu einem Wohlwollen, dem eine -gewisse Komik nicht abzusprechen ist. Auf der einen Seite dem tief -gehasstesten und verachtetsten Manne der Stadt, dem Henker, -unterstellt, wurden die Lustdirnen an anderer Stelle mit dem -Bürgerrecht beschenkt, wenn sie eine geraume Zeit hindurch der Stadt, -hauptsächlich aber der Stadtjugend »gute Dienste« geleistet hatten. In -Nürnberg durften die guten Mädchen bis zum Jahre 1496 bei den -Tänzen auf dem Rathaus und auf dem städtischen Derrer, wo die -Privatfestlichkeiten der Patricier abgehalten wurden, erscheinen, -Blumen verteilen oder feilhalten. Die übermütige Patricier-Jugend wird -wohl manchmal ihr Mütchen an den armen, vogelfreien Mädchen gekühlt -haben, die sich nicht alle ihrer Haut zu wehren wussten, wie die -resolute Agnes aus Bayreuth, von der der Nürnberger Chronist Heinrich -Deichsler erzählt: »Des jars (1491) am mitwochen nach Pauli (26. -Januar) da het Hans Imhof mit sein sun Ludwig hochzeit, und des nachtz -am obenttantz (Abendtanz) ra rupfet die wild rott auf dem rathaus und -zugen der guten dirn, genant Payreuter Agnes, ir sleier auch ab; da -zug sie ein protmesser auss und stach nach eim.« Sie verwundete einen -ihrer Peiniger am Halse, entfloh auf den S. Sebaldkirchhof, wurde aber -gefangen genommen und auf fünf Jahre aus Nürnberg verwiesen.[28] -Später erhielten nur drei Freudenmädchen die Erlaubnis, zu Hochzeiten -zu kommen und sich unter den Pfeiferstuhl -- heute Orchester -- zu -setzen; dies währte bis 1546. Im 15. Jahrhundert erschienen -in Rotenburg ob der Tauber und in Württemberger Städten die -Frauenhäuslerinnen bei Hochzeiten, um ihre Glückwünsche darzubringen -und mit einem Almosen heimgeschickt zu werden. Was mag die Brust -der bedauernswerten Geschöpfe durchwogt haben beim Anblick der -glückstrahlenden, kranzgeschmückten Braut, die ihnen verachtungsvoll -das gebräuchliche Geschenk zuwarf? In Wien beteiligten sich die -Hübschlerinnen bei Volksfesten, an denen sie, in duftigste Gewandung -gehüllt, um ein Geschmeide oder ein Stück Tuch wettliefen. Am -Johannistage umtanzten und durchsprangen sie die Sonnwendfeuer, -wofür ihnen vom Rat und Bürgermeister der Donaustadt Erfrischungen -gereicht wurden. Frankfurt am Main schaffte 1529 den Brauch ab, die -Frauenhäuslerinnen bei offiziellen Festlichkeiten als Blumenmädchen -heranzuziehen, entschädigte aber die Mädchen durch Sendungen von Speise -und Trank in ihre Behausung. - -[28] Schultz a. a. O. S. 269 ff. - -In Leipzig wurde zu Fastnacht jeden Jahres die sogenannte -Hurenprozession abgehalten. Die Frauenhäuser, spöttisch das fünfte -Kollegium genannt, da die Studenten der Leipziger Universität, die nur -vier Kollegien aufzuweisen hatte, bei den Dirnen emsig das fünfte -Kollegium abhielten, lagen vor dem Halleschen Thore. Die Bewohnerinnen -dieser Häuser sammelten sich zu Beginn der Fastenzeit zu einem Umgang, -bei dem eine von ihnen einen Strohmann auf einer langen Stange gleich -einer Prozessionsfahne vorantrug. Paarweise folgten die Kolleginnen, -ein Lied wider den Tod singend, bis zur Parthe, in die der Strohmann -geschleudert wurde. Durch diesen Umzug sollte die Atmosphäre der Stadt -gereinigt werden, damit sie für die nächsten Jahre von der Pest -verschont bleibe.[29] - -[29] Rudeck a. a. O. S. 33. - -In Würzburg erschien am Johannistage der Stadtschultheiss mit seinen -Amtsdienern und einigen Freunden im städtischen Frauenhause, um dort -ein vom Ruffian und seinen Töchtern gegebenes solennes Mahl unter -Tafelmusik einzunehmen. Allmählich aber steigerten sich die Ansprüche -der Gäste derart, dass auf Beschwerden des Wirtes hin der Stadtrat die -vorzusetzenden Gänge auf Wein, Kirschen, Käse und Brot beschränkte. - -Bei einem von den Geschlechtern (Stadtjunkern) zu Pfingsten 1229 zu -Magdeburg veranstalteten Turnier, zu dem die Patricier der -Nachbarstädte feierlich geladen worden waren, gab es als Turnierdank -für den Sieger ein schönes Mädchen, Sophia mit Namen, wahrscheinlich -eine Frauenhäuslerin, vielleicht aber auch eine Hörige, deren Los sich -aber unverhofft günstig gestaltete. Ein alter Kaufmann aus Goslar -gewann die Schöne und gab ihr die Aussteuer zu einer ehrlichen Heirat. - -Hohen Besuchern hatten die städtischen Dirnen entgegenzuziehen und die -Wege mit Blumen zu bestreuen, was ihnen von ihrer Stadt eine Gastung -einbrachte. - -Ihre Kleidung dürfte in unserem rauheren Klima kaum so provokatorisch -duftig gewesen sein, wie die ihrer Zunftgenossinnen bei jenem Einzuge -Karls V. in Antwerpen, zu Anfang des 16. Jahrhunderts, den Albrecht -Dürer beschrieb und Hans Makart malte. Derartige Schaustellungen von -Obscönitäten zu Ehren und zur Unterhaltung hoher Persönlichkeiten in -breitester Öffentlichkeit waren besonders in Frankreich Mode. Als der -junge Heinrich IV. von England 1431 in Paris einzog, machte der Zug in -der St. Denys-Strasse vor einem Brunnen Halt, in dessen Bassin drei -nackte junge Mädchen umherschwammen. Aus der Mitte dieses Bassins -wuchs ein Lilienstengel empor, dessen Knospen und Blumen Ströme von -Milch und Wein entsandten. 50 Jahre später empfing man den bigotten -Ludwig XI. mit dem gleichen Schauspiel in den Mauern seiner Residenz. -Ein andermal wurde ihm in Lille die Ehre und das Vergnügen zu Teil, -auf offener Strasse, vor einer ungeheueren Zuschauermenge das Urteil -des Paris an drei Grazien, die sich in hüllenloser Schönheit zeigten, -wiederholen zu dürfen. - -Soweit verstiegen sich nun wie bemerkt die deutschen Städte nicht. Als -König Albrecht II. 1438 nach der Krönung in Prag Wien besuchte, -erhielten nach den Stadtrechnungs-Protokollen die »gemain frawen, di -gen den Kunig gevarn 12 achterin Wein«. 1435 liess der Wiener Stadtrat -bei einem Besuche Kaiser Siegmunds die Mädchen der zwei Frauenhäuser -auf Kosten der Stadt mit Sammetkleidern ausstatten. Derselbe Magistrat -sandte 1452 dem König Ladislaus Posthumus »freie töchter« entgegen, um -ihn an der Weichbildgrenze zu empfangen. Eine Wiener Chronik von 1484 -sagt mit Bezug auf dieses Ereignis, Ladislaus wurde am Wiener Berg, an -dem Zelte errichtet und Banner aufgesteckt waren, von Reich und Arm -bewillkommnet. Unter den ihn Erwartenden befanden sich alle weiblichen -Einwohner Wiens bis zu den kleinsten Mädchen, sowohl die »schönen -Frauen« wie auch die ehrsamen Weiber der Handwerker und alle ohne -Mäntel.[30] - -[30] Schultz, D. L., S. 77. - -Der vielgereiste Sigismund von Herberstein erzählt von seiner -Gesandtschaftsfahrt nach Zürich im Jahre 1516: »Der brauch was, dass -der bürgermeister, gerichtsdiener und gemaine weiber mit dem gesandten -assen.« - -Vielleicht lag dieser Sitte die an vielen Stellen geübte -Absonderlichkeit zu Grunde, einem lieben Gaste auf Rechnung der -Stadtväter oder, wenn der Gast auf einem Schlosse eingekehrt war, -aus der Zahl der Untergebenen »schöne Weibsbilder zur Kurzweil« zur -Verfügung zu stellen. Dem Landgrafen Ludwig von Thüringen schaffen -»die zärtlichen Verwandten« eine Beischläferin, dem Diederich von -Quitzow 1410 die Ratsmänner Berlins. Auch Beischläferinnen als -Gerechtsame kommen vor. Ein Anherr Götz von Berlichingens hatte von -seinen Lehnsherren, den Grafen von Kastell, alljährlich ein Mahl, -Atzung für Pferde und Hunde und eine »schöne Frau« zu fordern. Im -Dorfe Martinsheim besass der Domdechant von Würzburg noch 1544 das -Privilegium, jedes Jahr im November zwölf reisige Pferde, ein Mahl und -ein Mädchen geliefert zu bekommen. - -Einen Stadtbesuch von hohen Herren wussten die Dirnen auch anderweitig -geschäftlich auszunutzen, denn sie verstanden schon damals recht gut -Reklame für sich zu machen. Als sich Kaiser Friedrich III. 1471 in -Nürnberg aufhielt, schlangen eines Tages, als er vom Kornhause kam, -»zwu hurn« eine lange silberne Kette um ihn, aus der er sich mit einem -Gulden lösen musste. Ehe er seine Herberge erreicht, wiederholte sich -das Spiel noch einmal.[31] Kaiser Siegismund, ein loser Schürzenjäger, -der das schönere Geschlecht des ganzen heiligen römisch-deutschen -Reiches als sein Eigentum anzusehen beliebte, zogen zu Strassburg -eines schönen Morgens des Jahres 1414 mehrere lustige Dirnlein aus dem -Bette. Kaum fand er Zeit, sich in einen Mantel zu hüllen, da sah er -sich schon auf der Strasse, wo er tanzen musste, wie die flotten -Weiber sangen. Der Kaiser war barfuss, darum kauften ihm die -mitleidigen Weibsen um sieben Kreuzer ein Paar Schuhe, was der hohe -Herr sich lachend gefallen liess. Ulm beleuchtete 1434 in etwas -übertriebener Loyalität die Strassen festlich, wenn sich der Kaiser -mit seinem Gefolge ins Bordell verfügte. In Bern erklärte sich der -Stadtrat bereit, drei Tage hindurch dem kaiserlichen Gefolge auf -städtische Kosten das Freudenhaus zur Verfügung zu stellen, wofür -Kaiser Siegismund dem Berner Magistrate in einem offenen Schreiben -herzlich dankte. Der gute Kaiser wusste solches Entgegenkommen -gebührend zu schätzen und -- auszunutzen. Er war ein »tolles Huhn«, -und seine Gemahlin, Kaiserin Barbara, ihrem Gatten mindestens -ebenbürtig. Sie gingen beide ihre eigenen, schlammigen Wege und -liebten beide, wo und wann sich Gelegenheit bot. Nach dem Tode ihres -Gemahls zog die edle Kaiserin nach Königgrätz in Böhmen, wo sie bis zu -ihrem Tode einen männlichen Harem unterhielt.[32] - -[31] Wessely a. a. O. I. 226. - -[32] Eros, Stuttgart 1849, II. 556. - -Mit dem Wohlwollen gegenüber den Frauenhäuslerinnen ging aber meistens -eine Strenge Hand in Hand, die jedes Überdieschnurschlagen der Dirnen -verhüten sollte. Da gab es harte Strafen gegen das Herumstreichen -auf den Strassen, gegen das Sitzen vor den Häusern, gegen das -Anlocken von Liebhabern u. a. m. Die #Uniformierung# der Dirnen wurde -unnachsichtlich durchgeführt, denn während des ganzen Mittelalters war -den losen Töchtern eine Tracht vorgeschrieben, die sie durch irgend ein -mehr oder weniger auffälliges Abzeichen von der Kleidung der ehrbaren -Weiblichkeit unterschied. Schon im 10. Jahrhundert trugen Buhldirnen -eine Art Uniform, nämlich ein kaum bis zum Oberschenkel reichendes, -kurzärmeliges und eng anliegendes Oberkleid. Das engärmelige lange -Unterkleid war vorn in ganzer Länge aufgeschnitten und liess die mit -Beinlingen, den Vorläufern der Strümpfe, bekleideten Beine bis oben hin -sichtbar werden. In England trugen um dieselbe Zeit die Dirnen unter -dem Oberkleide straff anliegende Hosen.[33] - -[33] Bruno Köhler, Allgemeine Trachtenkunde, III. S. 12. - -Ein Frankfurter Ratsbeschluss von 1488 verordnet den feilen Weibern, -sich in ihrer Tracht also zu halten, dass man sie sofort als das -erkennen könne, was sie sind. Kurfürst Johann Cicero veranlasste 1486 -den Berliner Rat zu dekretieren, dass die, »so an der Unehre sitzen -oder sonst in unzimblichen, sündigen Wesen und gemein sein, sollen zu -einem Zeichen, damit man Unterschied zwischen frommen und bösen Frauen -habe, die Mäntel auf den Köpfen oder kurze Mäntelchen tragen.«[34] Das -Meraner Stadtrecht des 14. Jahrhunderts gebietet: »es soll kein -gemeines Fräule einen Frauenmantel oder einen Pelz tragen, noch an -einem Tanze teilnehmen, bei dem Bürgerinnen oder andere ehrbare Frauen -sind. Sie sollen auf ihren Schuhen ein gelbes Fähnle haben, woran man -sie erkennen könne und sollen sich kein Futter von Feh, noch -Silberschmuck erlauben.« In Strassburg wurde ihnen 1471 eingeschärft, -weder Schmuck zu tragen noch Pelzwerk oder Seidenfutter zu verwenden; -in Leipzig befahl 1463 der Rat den »wilden Frauen auf dem freien -Hause«, kurze gelbe Mäntel mit blauen Schnüren umzuhaben. In Wien -sollten die Hübschlerinnen ein gelbes Tuch, eine Hand breit und eine -Spanne lang, an der Schulter befestigt tragen. In Basel waren ihnen -Mäntelchen vorgeschrieben, die nicht über eine Spange weit unter den -Gürtel hinabreichten; in Augsburg ein Streifen am Schleier; in Bern -und Zürich deckten sie sich mit roten Kappen. - -[34] Streckfuss a. a. O. S. 83. - -In der Reichsgesetzgebung beschäftigte sich die »Neue Kaiserliche -Ordnung und Reformation guter Polizei im Heiligen Römischen Reiche« -1530 im elften Artikel mit der Tracht der Frauenhäuslerinnen. »#Von -gemeinen und unehrlichen Weibern.# Nachdem auch aus dem viel Aergernis -im heiligen Reich entstanden, dass die gemeinen und andren unehrlichen -Weibe Seide, Gold, Silber und andre ziehrliche Kleider antragen, davon -manch fromm Weib und Töchter verleitet wird, auch dadurch unter -Ehrbaren und Unehrbaren kein Unterschied zu erkennen: Gebieten wir -ernstlich und wollen, dass die unehrlichen Weiber kein hochzierlich -Kleider oder Geschmück, auch nichts Verbrämtes oder golden Schleier, -sondern eine jede derselben sich nach des Landes Gebrauch tragen soll, -darauf die Obrigkeit sondere Acht haben und das nicht gedulden soll.« - -Das Verbot, Schmuck zu tragen, dürfte häufig umgangen worden sein, -denn einzelne Gemeinden, wie Frankfurt a. M., mussten es oft -wiederholen. Im Braunschweiger Museum hängt ein Bild von Lucas -Kranach, das Porträt einer Demimonde seiner Zeit darstellend. Sie -trägt ein breites rotes Barett, kostbares Geschmeide, sonst aber keine -Gewandung mit Ausnahme eines feinen Schleiers, der ihren Körper duftig -umhüllt. - -Der Schleier gehörte zu den Attributen der verlorenen Jungfräulichkeit, -da der Schleier fraulich das Haupthaar bedeckte, im Gegensatz zu den -freifliegenden Locken der Jungfrau. Das Gedicht »Die Winsbekin« wünscht -den Mädchen mit Ehren und ohne Schleier zu Bett zu gehen, und in -einem von Uhland mitgeteilten Volkslied des 15. Jahrhunderts wird ein -Einlassbegehrender von seiner Liebsten mit den Worten abgewiesen: - - »Wol is nu, der da kloppet an? - ik lat en doch nicht herin. - Wenn ander megtlin krenze droegen, - ein schlöier möst ik dragen. - Ik schemde mi ser, ik schemde mi ser, - jo lenger jo mer, - van grund ut minem herten.« - -Darum war es im 15. und 16. Jahrhundert hier und da Gewohnheit, den -Mädchen, die sich nicht betrugen, wie sie sollten, von Amts wegen -einen Schleier zuzustellen. So geschah es in Altenburg, in Wittenberg, -wo man laut Ratsrechnung »zwey newe schleyer, so zwein beschlafenen -meygden geschickt«. Nach der Rottweiler Hochzeitsordnung von 1618 -durfte eine nicht mehr reine Braut beim Kirchgange keinen Kranz, -sondern einen Schleier aufhaben, wie es das Mägdlein im Volksliede -fürchtet. Deshalb haben die Augsburger Freudenmädchen den mit einem -Streifen besetzten Schleier zu tragen, da »sie nicht dorffte barheitig -gehen«, wie sprödere Mädchen. In Köln sollten sie 1389 rote Schleier -(welen) haben, »up dat man sei kente vor andern vrawen«. In Altenburg -war ihnen und der Frau des Scharfrichters, der »czuchtigeryn« -aufgegeben, gelbe Läppchen auf dem Schleier zu befestigen, gleichwie -in Leipzig, wo der gelbe Fleck von der Grösse eines Groschens sein -musste. Diese gelben Schleier waren natürlich den Frommen im Lande ein -Dorn im Auge, denn das verhasste Gelb war die Farbe der Galanterie -seit der römischen Kaiserzeit her, wo die Modedamen Romas das -gelbblonde Haar für allein schön erklärt hatten. Gelbe Stirnbänder und -Schleier galten vom 12. bis 15. Jahrhundert für besonders modisch, sie -kamen aber bald in Verruf, weil sie besonders gern von Halbweltlerinnen -angelegt wurden. Sonst hätte Berthold von Regensburg nicht den Weibern -predigen können: »Aussätzig am Kopfe sind die Frauen, die sich gar so -sehr putzen an den Haaren und mit Binden und Schleiern, die sie gelb -färben wie die Jüdinnen und Dirnen, die auf dem Graben streichen und -wie die Pfaffenmenscher; niemand ausser diesen soll gelbes Gebände -tragen.«[35] »Desgleichen tragen sie -- die Dirnen -- auch gäle -Schleier, so gleich den hellischen Flammen sein; dieselben streichen -und stercken sie zu offtermal, damit sie der hurenspiegel desto bass -mögen zieren und herauss schmucken,« eifert Geiler von Kaisersberg. - -[35] Schultz, Höfisches Leben zur Zeit der Minnesinger, S. 241. - -Beabsichtigte die Obrigkeit eine ihr unziemlich dünkende Mode aus der -Welt zu schaffen, so wurde sie einfach den Stadtdirnen, dann weiters -den weiblichen Angehörigen des Henkers, Pfaffenmägden und Jüdinnen -aufgezwungen. Die Zittauer Kleiderordnung von 1353 enthält eine -derartige Bestimmung. »Auch wollen die schoppen (Schöffen), dass keine -Frau Kögel tragen solle noch keine jungfrauen, es seien dann -züchtigers und henkersmägde -- die unter der Gewalt des Scharfrichters -stehenden Stadtdirnen -- denen erlauben und gebieten die herren Kögeln -zu tragen.« Zuwiderhandlungen gegen diese Kleiderordnungen zogen -Stäupung, Stadtverweisung auf eine gewisse Zeit oder aller Kleider -entblösst am Pranger ausgestellt werden, nach sich. Diese Bestrafung -der Dirnen zeigt die ihnen entgegengebrachte Verachtung; denn selbst -die grösste Übelthäterin ehrlichen Standes setzte man nicht entblösst -den Blicken und der Roheit des Pöbels aus. Daher ist es nicht dem -Anstandsgefühle zuzuschreiben, wenn man die Bordelle, ebenso wie die -Lazarette, die Büttelei und die Ghettos, nach abseits der -Verkehrsadern belegenen Örtlichkeiten verwies. In Hamburg durften -»wandelbare Frauen« an keiner Kirche und in keiner zu einer Kirche -führenden Gasse hausen.[36] Die Strassburger Verordnung vom 9. Oktober -1471 schärft aufs neue das alte Gesetz ein: »das alle hushelterin, -spontziererin und die so offentlich zur unee sitzend oder buolschaft -tribent, wo die in der stadt sessent, soltent ziehen in Bickergasse, -Vinckengasse, Gröybengasse, hünder die muren oder an ander ende, die -inen zuogeordent sint.« - -[36] Bernh. Hesslein, Hamburgs berühmte und berüchtigte Häuser, S. -137. - -Meist lagen die öffentlichen Häuser hart an der Stadtmauer, so in -Würzburg und Frankfurt, oder an abseitigen Plätzen, an denen kein -Markt abgehalten wurde, und die sonst weiter keine Hauseingänge -besassen. - -Nach den Bordellordnungen sollten die Freudenhäuser meist eine Stunde -vor Mitternacht geschlossen und bis zum Einbruch der Nacht -verschlossen gehalten werden, ebenso an den Vorabenden der Sonn- und -Feiertage, wie an diesen selbst, wenigstens vormittags. Alle Männer -hatten sich bei Schliessung zu entfernen bis auf jene, die die Nacht -bei den Mädchen zubringen wollten. Ehemännern, Geistlichen und Juden -war, wie bereits oben erwähnt, der Eintritt verwehrt, ebenso -minderjährigen Knaben. Recht befremdlich mutet es an, wenn die Ulmer -dem Ruffian befehlen müssen, Knaben von 12-14 Jahren nicht mehr im -Hause zu dulden und wenn sie kommen sollten, sie mit Ruten aus dem -Bordell zu treiben. - -Über das Treiben in den Häusern sind aus naheliegenden Gründen nur -spärliche Berichte vorhanden. Einer dieser wenigen ist die kurze -Tagebuchaufzeichnung Fritz Schickers über seine Erlebnisse auf dem -Reichstage zu Konstanz vom Jahre 1507. - -»Ich ging eines Tages ins Freie und wandelte am See hin und her. Da -begegnete mir des Herzogs Georgs Schreiber. Der nahm mich bei der Hand -und sagte: ›Willst du mit mir gehen?‹ Fragte ich: ›wohin?‹ Antwortete -er: ›wo hübsche Mädchen sind.‹ Wusste ich nicht, was ich antworten -sollte und ging mit. Kamen wir in ein Wirtshaus, da sassen vielerlei -Dirnen, wohl angetan, und hatten Blumen in den Händen und sahen uns -lächelnd an. Wir aber liessen uns Wein geben und ich verfiel in tiefe -Gedanken. Da kamen die Musikanten des Bischofs von Augsburg und -spielten ganz lustig auf zum Tanze. Alsobald wurden die Dirnen -ergriffen und fingen an zu tanzen. Die jungen Gesellen riefen mir zu, -auch mitzutanzen, aber ich entgegnete: ›dessen bin ich nicht kundig.‹ -Da setzte sich zu mir eine Dirne, reichte mir eine Blume, und sagte: -›wenn du den Tanz nicht liebst, was liebst du denn?‹ Sprach ich: ›eine -Jungfrau.‹ Darauf sie: ›eine allein? Das ist nicht recht. Die anderen -wollen auch nicht verachtet sein. Und hier bist du in der Fremde, sie -weiss es ja nicht. Kommst du heim, ist alles wieder gut.‹ Da merkte -ich wohl, was sie wollte, und bestellte noch mehr Wein, als wollte ich -bleiben, ging aber und kam nicht wieder.« - -Der blöde Schäfer hat wahrscheinlich dem Abenteuer nur deshalb einen -solch harmlosen Abschluss gegeben, weil er fürchtete, sein Tagebuch -einmal in den Händen der von ihm geliebten »Jungfrau« zu sehen. -Weniger skrupulös waren andere, so ein Abgeordneter des Frankfurter -Rates, der in Köln »zv den Frauen ging« und gewissenhaft seine -dortigen Ausgaben verbuchte. Gleich ihm ein Strassburger Beamter, den -sein Besuch auf »30 Pfennig« zu stehen kam. Ja, das Leben war damals -billig! Man verargte übrigens den Junggesellen keineswegs den Besuch -der Frauenhäuser, wenn sie nicht schon anderweitig gebunden waren. In -Frankfurt a. O. lagen z. B. die Patricier tagein, tagaus im Bordell, -ohne ein Hehl daraus zu machen. Der Aufenthalt im Bordell galt eben -als eine Zerstreuung, die man der Jugend gerne gönnte. - -Wenn es zufällig nicht gerade untersagt war, bestand eine Hauptaufgabe -der Freudenmädchen darin, Kunden in das Haus zu ziehen. Sie standen zu -diesem Zwecke bekleidet à la Lucas Kranach in den nach der Strasse -führenden Fenstern, und »Etlichen lockend sij mit pfiffen, Dem andern -guckend sij mit griffen, Dem drytten mit eym Facilett -- Taschentuch ---, Den andern sij gelocket het Mit wyssen (weissen) schuhen, wyssen -beynen, Dem mit ringlin, kreutzen, meyen.«[37] Also mit Blumen, die -den Dirnen ebenso zubehörig waren, wie die Schleier. - -[37] Thomas Murner, Geuchmatt, Kloster, VIII. 937. - -Den alten Holzschneidern bietet die Parabel vom verlorenen Sohn häufig -Gelegenheit, Bordellscenen darzustellen, so Hans Sebald Beham, M. Treu -u. a. m. Gewöhnlich schliessen derartige Bilderreihen mit der -gewaltsamen Entfernung des verlorenen Sohnes aus dem Freudenhause, -der, nachdem er sein Erbgut im offenen Hause verprasst hat, nackt auf -die Straße geworfen wird. Manchmal fliegt ihm noch der anrüchige -Inhalt eines Geschirres nach. - -Interessant übrigens dürfte die Thatsache sein, dass schon das -Mittelalter die edle Zunft der Zuhälter kannte und nach ihrem vollen -Wert zu schätzen wusste; denn eine Nürnberger Ordnung untersagt den -öffentlichen Mädchen, zur Vermeidung von Streit, »sundere Bulschaft, -die sy nennen ire liebe menner«, zu haben. In Frankfurt a. O. fristete -ein vormals reicher Patricier, Hans Rakow, als Zuhälter einer Dirne, -Agnese Schilling, sein Leben, wie Oskar Schwebel in »Renaissance und -Rococo« (S. 77) erzählt. - -Charakteristisch für die vorzeitigen Moralansichten sind die den -Mädchen offiziell zuerkannten Kose- und Scherznamen, die teils von -ihrer Herkunft, teils von besonderen, manchmal recht diskreten -Körpereigenschaften ihre Entstehung herleiten. Wir finden in Leipzig -eine »gemalte Anna« -- geschminkt oder vielleicht gezeichnet durch -Pockennarben oder durch ein vom Henker aufgedrücktes Brandmal --, ein -»klein Enchen«, in Freiburg eine »kugelrunde Katharina«, in Frankfurt -eine »lange Anna« und in Berlin, laut Stadtbuch von 1442, »eine Else -med den langen tytten«. Das Wohlwollen, das sich durch derartige -Bezeichnungen ausdrückt, blieb aber nur auf die Dirnen beschränkt, -solange sie sich in dem ihnen zugewiesenen Rayon befanden. In der -Öffentlichkeit unterlagen sie der ganzen Verachtung, die das -Mittelalter auf die ausserhalb seiner Gesellschaft stehenden -Unehrlichen zu häufen gewohnt war. - -Die Kinder der Dirnen, geächtet wie ihre Mütter, kamen ins Findelhaus. -Der Besuch von Wirtshäusern, in denen ehrsame Bürger verkehrten, war -für die Frauenhäuslerinnen arg verpönt. In der Kirche hatten sie bei -dem Fronaltar, wo auch der Henker sass, Platz zu nehmen; Tänzen, an -denen sich andere Frauen beteiligten, mussten sie fernbleiben; kurz, -sie waren ein Staat im Staate mit eigenen Satzungen und Gesetzen, aus -deren Grenzen sie nur mit Leibes- und Lebensgefahr heraustreten -durften. - -Die für die Freudenmädchen erlassenen Gesetze schützten sie -andererseits aber vor allen Eingriffen in ihre Rechte, über die sie um -so eifriger wachten, als sie gewichtigen Beistandes sicher waren. Mit -besonderem Hasse verfolgten sie brotneidisch die »Bönhasen«, die nicht -kasernierten, geheimen Prostituierten, die ihnen, den zünftigen, ins -Handwerk zu pfuschen sich unterstanden. Der Fastnachtsspieldichter -Hans Rosenplüt zählt in einem Dialoge alle diese unlauteren -Wettbewerberinnen auf: - - »Die gemeynen weib clagen auch ir orden, - Ir weyde sey vil zu mager worden. - Die winkel weyber und die hausmeyde, - Die fretzen (fressen) teglich ab ir weide..... - Auch clagen sie uber die closterfrawen - Die konnen so hubschlich über die snur hauen - Wenn sie zu ader lassen oder paden - So haben sie junkher Conraden geladen«[38] - -d. h. einen Galan zur Hand. - -[38] Citiert bei Rudeck a. a. O. S. 30. - -Darum nahm der Würzburger Rat den Beschluss zu Protokoll: »Man sol die -schoenen Frawen beherbergen, berenden und mit in reden, davon zu -stellen, sunde und schande zu meyden, wann der Frawenwirt clagt, es -werde sein hawse zu einem egereten (Brachfeld).«[39] - -[39] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, I. 418. - -Schien den Freudenmädchen der obrigkeitliche Beistand nicht -ausreichend, dann griffen sie im Bewusstsein ihres Rechtes zur -Selbsthilfe. Einen diesbezüglichen Vorfall zeichnete Heinrich -Deichsler in seiner Nürnberger Chronik folgendermassen auf: »1500 Item -danach an selben tag -- 26. November -- da komen acht gemaine Weib hie -auss dem gemainen Frawenhaus zum burgermaister Markhart Mendel und -sagten, es wer da unter der vesten des Kolbenhaus ein taiber -(Blockhaus, Taubenschlag) voller haimlicher huren, und die wirtin -hielt eemener (Ehemänner) in einer stuben und in einer andern -junggesellen tag und nacht und liess sie puberei treiben, und paten -in, er solt in laub geben (erlauben), sie wolten sie aussstürmen und -wolten den hurntaiber zuprechen und zerstören, er gab in laub; da -stürmten sie das hauss, stiessen die tür auf und schlugen die öfen -ein, und sie zerprachen die venstergleser und trug iede etwas mit ir -davon, und die vogel waren aussgeflogen, und sie schlugen die alten -hurenwirtin gar greulichen.« - -Noch einmal, 38 Jahre später, wiederholte sich in Nürnberg ein solcher -Einbruch konzessionierter Hübschlerinnen in ein Winkelbordell, das sie -demolierten und dessen Insassinnen sie im Triumphe in ihr eigenes Haus -zerrten. Da sie es aber diesmal versäumt hatten, die obrigkeitliche -Genehmigung nachzusuchen, erhielten sie einen derben Verweis. Häufig -wendeten sich die Stadtdirnen unter Beilage langer Verzeichnisse -bittlich an ihre Vorgesetzten, die namhaft gemachten geheimen -Prostituierten zu strafen »von Gottes und der Gerechtigkeit -wegen«.[40] - -[40] Rudeck, nach Hüllmann, Städtewesen des Mittelalters, IV. 266. - -In Frankfurt trug 1493 der Rat den Dirnen im Rosenthal auf, ein -Mädchen, das auf eigene Faust lüderte, mit Gewalt in das Bordell zu -bringen, falls sie nicht binnen 14 Tagen freiwillig zuzöge.[41] Die -Dirnen, die sich obdachlos herumtrieben, in den Wirtshäusern und auf -den Strassen ihrem Verdienste nachgingen, »dodurch ouch junge -töchterlein angefürt und verfellet (verfürt) werdent, dovon vil bôses -kompt«, sollen in Strassburg aufgegriffen und eingesperrt werden. -Ausserhalb ihres Quartiers ertappte leichte Weiber wurden vom Büttel -mit Fahne und Trommel in das Bordell zurückgebracht. - -[41] Kriegk a. a. O. S. 322. - -Die Wirtshäuser und Herbergen, in denen Reisende ihr Unterkommen -fanden, waren im Mittelalter im primitivsten Zustand. Wie noch heute -in sittlich tiefstehenden Ländern, waren die Herbergsväter meist auch -Kuppler, die Dirnen zur Unterhaltung oder zum Anlocken von Gästen -hielten. Gottschalck Hollen predigt in der _Dominica exaudi_ gegen -derartige Übelthäter, indem er ihnen zum Vorwurf macht, dass sie -Dirnen in ihre Häuser kommen lassen, um mit den Gästen und Saufbrüdern -zu sündigen. Erasmus von Rotterdam in seiner klassischen Schilderung -eines mittelalterlichen Hotels, erzählt von hübschen Mädchen, die den -Gästen Gesellschaft leisten, zu allen Scherzen geneigt sind und sich -gerne zur Zielscheibe aller Witze machen lassen. Und in den -Schlafstuben: »da waren auch immer Mädchen da, lachend, herausfordernd, -tändelnd; sie fragten unaufgefordert, ob wir etwa schmutzige Wäsche -hätten, die wuschen sie und brachten die gewaschene uns zurück. Was -soll ich noch hinzufügen? Wir sahen da ausser im Stalle nichts als -Mädchen und Frauen, und selbst da brachen oft die Mädchen ein. Bei der -Abreise umarmen sie einen und verabschieden sich mit solcher Teilnahme, -als ob man ein Bruder oder ein naher Verwandter wäre.« So war es in -Frankreich, und ähnlich wird es auch in Deutschland gewesen sein, -wie die vielen diesbezüglichen Klagen und Fritz Schickers Tagebuch -beweisen. Von Wien sagt Aeneas Silvius Piccolomini, dass schier alle -Bürger Tavernen mit »lusten Fröwlein« halten, in denen umsonst zu essen -gegeben wird, damit die Gäste desto mehr trinken sollten. - -Wie die Dirnen gegen die unbefugte Prostitution Front machten, so -übten sie auch einen Zunft- und Gewerbezwang aus, wenn sich irgend ein -unglückseliges Weib in ihr Revier verirrte. Wie sie selbst verfemt -waren, so brachte auch jede Berührung mit einer Ausgestossenen dem -ehrlichen Mädchen ein Schandmal bei, auf das die Dirnen mit boshafter -Schadenfreude hinwiesen. Ein markantes Beispiel dieser Art weiss -Deichsler vom 22. September 1502 zu berichten: Ein junger -Kornschreiber hatte ein Verhältnis mit einem jungen Mädchen, das er -beredete, eine Nacht bei ihm zuzubringen. Statt sie in sein Haus zu -führen, wie er ihr vorgespiegelt, brachte er sie ins Freudenhaus. Am -frühen Morgen kamen die Bewohnerinnen des Bordells an das Bett des -jungen Mädchens, setzten ihm den Strohkranz auf, das traditionelle -Zeichen des Falles, und ihrer zwei nahmen sie zwischen sich, führten -sie wie eine Braut öffentlich über den Obstmarkt einer Taverne zu, um -dort mit süssem Wein den Eintritt des Mädchens in die »hurnzunft« zu -feiern. Das Weinen und Barmen der Verführten weckte das Mitleid -einiger Männer, die sie befreiten und die sich wehrenden Dirnen in die -Flucht schlugen. Der schurkische Kornschreiber wurde eingelocht und -auf zehn Jahre der Stadt verwiesen. Doch nicht allen dem Bordell -Verfallenen wurde der Wiedereintritt in die Gesellschaft so leicht -gemacht wie diesem Nürnberger Mädchen. Wo anders als gerade in -Nürnberg wäre das kaum ohne umfangreiche und weitschweifige Ceremonien -möglich gewesen. Nur »die Perle Deutschlands« erwies sich so -entgegenkommend gegenüber Gefallenen, selbst richtigen Dirnen. Die -anderen Städte und Städtchen, in denen Bordelle bestanden, ahmten -darin dem Beispiele Nürnbergs, das sonst allen als Vorbild galt, nicht -nach, obgleich sie es gekonnt hätten, denn selbst die unbedeutendsten -Nester des deutschen Reiches mussten, schon um etwas in den Augen der -seltenen Reisenden zu gelten, ihre Stadt-Bordelle haben. So unter -anderen die im Mittelalter nur wenige Hundert Einwohner zählenden -Flecken Quedlinburg, Schwabach, Acken an der Elbe, Oberehenheim, -Wolkach u. a. m. Ausserhalb Nürnbergs gab es für die Hübschlerinnen -nur drei Wege, dem infamierenden Banne des Freudenhauses zu entrinnen: -die Heirat mit einem unbescholtenen Mann, den Übertritt in eine -klösterliche Bussanstalt oder den Tod. - -Die Ehe mit »anständigen« Männern wurde den »geschuhten Wachteln«, wie -sie ein Fastnachtsspiel nennt, thunlichst erleichtert. Der Wirt musste -sie ohne weiteres und schuldenfrei ziehen lassen, auch wenn sie noch -so tief in seiner Schuld sassen; sogar für Aussteuer sorgte die -Obrigkeit, denn: »Wer eine arme Sünderin aus dem Gemeinen Hause zur -Ehe nimmt, soll vor allem andern eine Aussteuer von zwölf Gulden -haben«[42], eine ziemlich bedeutende Summe für die damalige Zeit, die -manche verfehlte Existenz zum Zugreifen veranlasst haben dürfte, wenn -auch honette Männer es sich wohl überlegt haben werden, »ein verruchte -dirn, Wol gewandert« heimzuführen. Der zweite Weg, der Eintritt in -eine Bussanstalt, war leichter zu beschreiten, nur ward ein Rückfall -in das gewohnte Lasterleben z. B. in Wien gleich mit dem Tode durch -den Henker bestraft. Derartige Bussanstalten fanden sich ausser in -Wien, in Nürnberg und Regensburg, fast in allen grösseren Orten -Deutschlands. Welchen Zweck diese »Stiftungen der Reue« verfolgten, -spricht klar der Steuerbefreiungsbrief Herzog Albrechts vom Jahre 1384 -für das von mehreren frommen Ratsherren in der Singerstrasse in Wien -gegründete Kloster aus. Es heisst darin, dieses Haus und Stift sei -bestimmt: »für die armen Frauen, die sich aus den offenen -Frauenhäusern oder sonst vom sündigen Unleben zur Busse und zu Gott -wenden«. Das Volk glaubte freilich nicht so recht an vollkommene -Bekehrung der schönen Sünderinnen, die, wenn es ungestraft sein -konnte, ganz gerne wieder von der nun verbotenen Frucht naschten oder -als Kupplerinnen ihrem einstigen Gewerbe neues Material zuführten. Die -»jungen Bettschwestern«, die nun «alte Betschwestern« geworden waren, -heuchelten und kuppelten gerne, zerstreuten sich in ihrer Langeweile -durch Verlästerungen und Klatschereien. Murner zeichnete sie in seiner -bissigen Weise in der Narrenbeschwörung V. 77: - - »Beginentand ist's in der That! - Das ihnen grosse Sachen sind; - Jedoch gebären sie ein Kind - Und laufen alle Klöster aus, - Dazu in jedes Pfaffen Haus - Und sind so niederträcht'ge Drachen, - Dass Zwist sie überall entfachen, - Ein Lotterläpplein hängen an, - Wo es nur immer gehen kann, - Und kuppeln stets geflissentlich -- - #Dess# brauchen sie nicht zu schämen sich. - Sie lügen leicht und lügen flink - Und urteln über jedes Ding - Und wissen, was ein jeder that - Zu #Strassburg# in der ganzen Stadt, - Und sind allesamt viel böser doch - Als die Kupplerinnen im Dummenloch.[43] - Gar lang' sie in der Kirche bleiben, - Damit von Männern und von Weiben - Kund werden alle Dinge ihnen: - Drum sind's gottselige Beginen. - Sie fressen allezeit die Füss'[44] - Und sind in ihren Worten süss; - Indes, wenn man sie allzumal - Erkennt, ist's nichts als Gift und Gall'. - Ach, wären sie in Portugal! - Ach, wären allesamt zur Frist - Dort, wo der Pfeffer gewachsen ist, - Und dürften nicht zurücke denken! - Wollt' ihnen gern das Weggeld schenken.« - -[42] Holthaus, Gloss. 484, cit. bei Schultz, D. L. - -[43] Eine übelberufene Strassburger Gasse. - -[44] Küssen die Füsse der Heiligenbilder. - -Nichtsdestoweniger haben im allgemeinen die Beginenanstalten unendlich -viel Gutes gestiftet. Viele jener ehemaligen Buhlerinnen gaben sich -mit vollem Herzen der Busse hin, wurden zu aufopferungsvollen -Krankenschwestern und Pflegerinnen, die sich in zahlreichen Epidemien -des Mittelalters gleich Heldinnen hervorthaten. Gar manchem jener -ernsten und sittlich gefestigten Weiber winkte noch ein spätes Glück, -da sie in dem dem Tode entrissenen Kranken einen Ehemann fanden, dem -sie Treue bis zum Grabe wahrten. Es dürfte daher nicht ganz -ungerechtfertigt gewesen sein, was der Vater in dem Nürnberger -Gedichte, »Wie ain junger gsell weyben sol«, zu seinem Sohne bemerkt: - - »Ich siehs und hör ess offt sagen, - Das sy sindt geraten gar wol, - Die jung waren püberei vol, - Verlyssen den pübschen orden - Und sind frumm eefrauen worden.« - -Die Herren Pfaffen scheinen sich auch dann und wann ihre Liebsten aus -abgedankten Dirnen rekrutiert zu haben, wie eines der polemischen -Fastnachtsspiele Nicolaus Mannels durch folgenden Monolog der -Pfaffenmagd Lucia Schnabeli beweist. Erst führt sie bewegliche Klage -über den Bischof, dem sie jährlich vier gute rheinische Gulden als -Duldegeld niederlegen muss, das noch erhöht wird, wenn sie ein Kind -bekommen sollte. Dann fährt sie fort: - - »Vor bin ich lang im frowenhus gesin - Zu Strassburg da niden an dem Ryn, - Doch gwan min hurenwirt nit so vil - An uns allen, das ich glauben wil, - Als ich dem bischoff hab müssen geben.«[45] - -[45] Scherr, Frauenleben, II. 16. - -Am Rheine wurden bisweilen gealterte Dirnen, die sich etwas Geld zu -erübrigen gewusst hatten, Handelsfrauen, sogenannte Gremplerinnen, d. -h. Zwischenhändlerinnen, die von den marktfahrenden Landleuten die -Landesprodukte aufkauften, um sie mit Nutzen an die Konsumenten -weiterzugeben. Murner gerät über diese »mit dem Judenspiess -rennenden«, also Wucher treibenden Weiber, in helle Wut, die sich in -den Worten äussert: - - »Keine alte Hure ist am Rhein, - Die Grempen nicht wollte sein. - Wenn ein paar Eier man nur bringt - Zum Markt, die alte Brecken (Hündin) springt - Dorthin, (statt gleich den armen Leuten - Den Unterhalt sich zu erstreiten - Durch Arbeit) und ersteht die Eier, - Verkauft sie noch einmal so teuer - Und bringt so der Gemeinde Schaden ....« - -Als gerechte Strafe für die von ihnen verursachte Verteuerung der -Lebensmittel empfiehlt er, die Gremplerinnen mit Steinen um den Hals -in den Rhein zu versenken.[46] - -[46] Narrenbeschw. LXVII. 38 ff. - -Im 16. Jahrhundert trat erst schüchtern und vereinzelt, dann allgemein -ein Wechsel der Ansichten in Bezug auf die konzessionierten -Lasterhöhlen ein. Man begann nach und nach die absolute Notwendigkeit -der Bordelle in sittlicher und gesundheitlicher Beziehung in Zweifel -zu ziehen, den bisher niemals angefochtenen moralischen Nutzen zu -prüfen, und das Resultat dieser Erwägungen war schliesslich ein wenig -befriedigendes. Dazu sanken die Erträgnisse der Freudenhäuser immer -tiefer, so dass die Ruffiane kaum mehr ihr Leben fristen, geschweige -denn die gewohnten Abgaben leisten konnten; ferner erschollen von -allen Kanzeln der neuen protestantischen Geistlichkeit ernste Worte, -die den Kreuzzug gegen diese Hölle auf Erden, gegen diesen Sündenpfuhl -predigten, der jeden rettungslos den Klauen des Gottseibeiuns -überlieferte, der seine verfluchte Schwelle um des Lasters willen -überschritt. Alles dieses hat den Bordellen argen Schaden zugefügt, -doch ihre endgültige Vernichtung bedurfte kräftigerer Ursachen, um die -dem Volke gewohnte und oft nahezu unentbehrliche Institution für -Jahrhunderte aus der Welt zu schaffen.[47] - -[47] Erwähnt zu werden verdient, dass in Ulm, in dem 1537 die -Frauenhäuser aufgehoben worden waren, 1551 die Zünfte ihre -Wiedereinführung beantragten, »um grösseres Unwesen zu verhüten«, -ebenso in Basel und 1562 in Nürnberg, dessen Rat bei drei Predigern -und sechs Rechtsgelehrten erst ein Gutachten einholte, ehe er die -Abschaffung der Bordelle vornahm (Kriegk a. a. O. S. 293). - -Erst die gleich vom Anbeginn mit rasender Wut auftretende Lustseuche, -die Franzosen- oder St. Jobs-Krankheit benannte Syphilis machte die -Verbreitungsstätten dieser Pest, der Ärzte und Laien gleich ratlos -gegenüber standen, dem Erdboden gleich. Namenloses Entsetzen erfüllte -alle Gemüter ob dieser neuen, bisher unbekannten Seuche, die kein -Alter, kein Geschlecht, keinen Stand verschonte, in allen Kreisen ihre -Opfer suchte, bei den Patriziern der Städte, dem Adel, den Kirchen- -und Kloster-Geistlichen, wie in den unteren Volksklassen. »Einer -steckte den anderen an; aus Stadt und Dorf verstossen, irrten ganze -Scharen von Männern und Weibern aus geistlichem und weltlichem Stande -umher, bedeckt mit Eitern und Geschwüren, vom Kopf bis zum Fusse, -winselnd und rettungslos. Vergebens waren zunächst alle bekannten -Arzneimittel; ein langsamer, schrecklicher Tod erlöste die -Leidenden.[48] Ärzte und Quacksalber überboten sich in abenteuerlichen -Mitteln, die oft noch grässlicher waren, als die Krankheit selbst. Ein -Dr. Arnoldus Weickard ordinierte Hundskot »wilder Heckrosen, und vom -dörren Schaffapfel jedes gleich viel, wilder Rosenblätter und -Silberglätt, jedes auch gleich viel, und mach drauss ein Pulver. Erst -wasche das Geschwär mit des Patienten eignem Urin oder Wegbreitwasser, -hernach streue das Pulver drein«.[49] Derartige Kuren im Dunkeln -tappender Mediziner verschlimmerten natürlich nur den Zustand der -Kranken, die man mitleidlos von sich stiess, in Erdhöhlen und -Feldhütten verwies, bis man in leerstehenden Spitteln und Bordellen -Plätze fand, in denen die Unglückseligen wenigstens gegen die Unbilden -der Witterung geschützt, ihr elendes Leben fristen und sterben -konnten. Ängstlich wich man den Syphilitischen aus, ebenso wie vordem -den Aussätzigen, galt doch schon ihr Atem als Gift, eine Berührung -ihrer Hand für tödlich. - -[48] Dirchs, Die ältesten Schriftsteller über die Lustseuche in -Deutschland, S. 346. - -[49] K. F. Paullinis heilsame Dreckapotheke, Frankfurt a. M. 1714, 3. -Kap. Von der Hurenseuche. - -»Wer einen Fuss im Frauenhaus hat, hat den anderen im Spital.« Die -Frauenhäuser hatten viel zur Verbreitung der Syphilis beigetragen, und -als man sich dessen bewusst wurde, mied man jeden Verkehr mit den -Dirnen. Unter diesen Umständen verminderte sich der Bordellbesuch mit -dem Umsichgreifen der Lustseuche immer mehr, bis er endlich derart -gesunken war, dass die Obrigkeiten die Aufhebung der Frauenhäuser -veranlassten, nicht selten erst, nachdem die Ruffiane davongegangen -und die Dirnen selbst krank geworden oder in alle Winde zerstreut -waren. - -Die Prostitution selbst erlitt durch den Wegfall der Bordelle nur -geringe Einbusse. Das Verschwinden ihrer Kasernen tilgte das Schandmal -nicht von der Stirne der Dirnen; sie mussten in dieser Zeit, die sie -verachtete und gleichzeitig fürchtete, bleiben, was sie vordem waren, -wenn auch der Selbsterhaltungstrieb sie zwang, ihr Gewerbe mehr zu -verschleiern. So wurde aus vielen der Frauenhäuslerinnen jene -»Sunneweigerinnen«, fahrende Weiber, die unter der Marke, bekehrte -Dirnen zu sein, um Sancta Maria Magdalenas willen bettelnd durch die -Lande zogen und, wenn sich Gelegenheit bot, gerne wieder in ihr -früheres Metier verfielen. Diese nun vagierenden Bordellmädchen -vermehrten die Zahl der landstreichenden Dirnen, sie waren aber -keineswegs die Urheberinnen der reisenden Prostitution. Früh hatten -die nach Rom ziehenden Pilgerinnen und Wallfahrerinnen, der Verführung -auf der langen Reise nachgebend und der Not erliegend, in den Städten -des fränkischen Reiches und der Lombardei sich zu Priesterinnen der -Venus vulgivaga gewandelt (Bonifazius epistolae 73). Sie bevölkerten -entweder fern von ihrer Heimat die Bordelle, oder fuhren, das neue -Gewerbe ausübend, erst ihrem Ziele zu und dann weiter vagierend durch -die Welt. - -Das »varende vip« zog während des ganzen Mittelalters den -Hoflagern, den Krönungen, Reichstagen, Turnieren, Kirchtagen, -Jahrmärkten, Konzilien, überhaupt allen Versammlungen der -mittelalterlichen Gesellschaft zu, die ihnen durch das Zusammenströmen -verschiedenartiger, den Fesseln der heimatlichen Beobachtung entrückter -Elemente, Verdienst zu bieten schienen. An dem zweimal im Jahre -stattfindenden Jahrmarkt zu Zurzach im Kanton Aargau beteiligten sich -oft über 100 solcher Auswürflinge an dem berüchtigten »huorendanz«, der -ungezählte Zuschauer aus allen schweizer Gauen anlockte. Durch ihre -Zahl und die Frechheit in Ausübung ihres Berufes wurden sie oftmals -zur Landplage. So wurde einmal in Basel die Klage laut: »Junge Töchter -und alte Frauen machten auf der Strassen Königinnen; da kann schier -ein biederb Mann nit durch die Gassen kommen, so fallen sie ihn an und -wollen Geld von ihm gehegt han.« Bekamen sie dies nicht, so pfändeten -sie ihn und nahmen Hut und Gugel ab. Aber ganze Heere der Ausüberinnen -gewerbsmässiger Liebe stellten sich dort ein, wo geistliche und -weltliche Würdenträger zu gemeinsamer monate-, selbst jahrelang -währender Beratung zusammen getreten waren. Auf dem Konstanzer Konzile -von 1315 waren schon »heimlich frouwen und courtisaninen gar vil«, von -denen Oswald von Wolkenstein singt: - - »Wer seines Leids ergötzt will sein, - Und ungenetzt beschworen fein, - Der zieh' gen Kostnitz an den Rhein, - Ob ihm die Reis' wohl füge. - Darinnen wohnt manch' Fräulein zart, - Die können spielen um den Bart ....« - -Dem Reichstage von Frankfurt a. M. wohnten 1394 an 800 Fahrende -bei; hingegen überbot an dem von 1414 bis 1418 in Konstanz tagenden -Konzil ihre Menge alles bisher Dagewesene. Ihre Zahl schwankt bei den -verschiedenen Autoren zwischen 450 und 1500. Der Generalquartiermeister -des Herzogs Rudolf von Sachsen, Eberhard Dacher, sollte auf Befehl -seines in Konstanz anwesenden Herrn die dort befindlichen Kurtisanen -zählen. »Also ritten wir von einem Freudenhaus zu dem andern und wir -fanden in dem einen Hause dreissig, in einem weniger, dann wieder mehr -und so ergaben sich, ohne die zu zählen, die sich in den Badestuben -oder Ställen aufhielten, bei siebenhundert gemeiner Frawen.« Nun wollte -der Herzog auch noch die Anzahl der geheimen Dirnen wissen, aber Dacher -bat flehentlich, von dieser Volkszählung enthoben zu werden, da er es -»nicht metig zu tun; ich wurde villeicht um die Sach ertötet«. So stand -denn der Herr von seinem Vorhaben ab. Von einer dieser Dirnen, einer -Wiener Hübschlerin, meldet von der Haardt, dass sie mit einem erbuhlten -Vermögen von 800 Goldgulden aus Konstanz gezogen sei. Sie scheint -nicht vereinzelt dagestanden zu haben, wie aus dem 1415 gedichteten -Volksliede Eberhart Windeckes hervorgeht: - - »Nun hat man neue Märe im Lande vernommen - Seit das Konzilium gen Konstanz ist kommen - Die Dirnen sind gemehlich (Freude bereitend) - Und sind auch worden wacker und reich.« - -Freilich gelang es nur den allerwenigsten, wacker und reich zu werden. -Die Mehrzahl konnte sich niemals von der Anfangsstufe in die Höhe -arbeiten; meist sanken sie, namentlich bei zunehmendem Alter, bis zur -landstreichenden Bettlerin, die den Busch oder den Wegrand zum -Liebesgemach erkor und auch dort das besudelte, verfehlte Leben -endete. - -Diese Fahrenden rekrutierten sich in der Hauptsache aus entlaufenen -Bauernmädchen und den Frauen und Töchtern der vagabundierenden Bettler -und Gaukler. Die Anrüchigkeit und Unehrlichkeit des vormaligen -Artistenstandes zwang die armen, schon durch ihre Geburt gebrandmarkten -Geschöpfe zur feilen Liebe. Wo sie erschienen, standen sie ausserhalb -der Gesellschaft, dem Henker und Totengräber gleich; ihre Berührung -befleckte, ihr Eintritt in ein Haus galt als unheilbringend und die -Ehrlichen jagten sie erbarmungslos mit Schimpf und Schande von ihrer -Schwelle. Sogar der Scherge fühlte sich zu gut, über sie zu wachen, man -gab ihnen ein eigenes Oberhaupt, den Pfeifer- oder den »#Bubenkönig#«, -dem die Beaufsichtigung aller Vaganten und fahrenden Frauen oblag, und -der noch 1512 in Köln seines Amtes waltete.[50] - -[50] Dr. Otto Beneke, Von unehrlichen Leuten, S. 29. - -An der Kirchhofsmauer oder auf dem Anger, wo die armen Sünder ohne -Sang und Klang eingescharrt wurden, war auch ihre letzte, gar oft nur -widerwillig gewährte Ruhestätte. Kein Hügel wölbte sich über das Grab -der bis über das Leben hinaus verachteten Heimatlosen. Ohne Obdach zu -besitzen, irrten sie ruhelos umher, heute im Überfluss schwelgend, -morgen den Hunden der Herrenhöfe das Futter entreissend; stehlend, wo -sich Gelegenheit bot, auch vor einem Gewaltsakte nicht zurückbebend, -wenn er nur Beute versprach, ohne Rechtsbewusstsein, ohne Ahnung von -Menschenwürde, vertiert wuchsen sie auf, als Landplage gehasst und -verfolgt. - -Solch unglückseligen Weibern konnte die Hingabe um Lohn nichts weiter -sein als ein Verdienst, ein leichter, willkommener sogar, der ihnen -keinerlei Bedenken einflösste. Woher sollten sie von Moral wissen, -sie, denen Scham etwas Unbegreifliches war, deren Lumpen kaum die -Blössen bedeckten. Im »Liber Vagalorum« findet sich eine Gruppe von -drei Fahrenden, einem Mann und zwei jungen Frauen, die mit -Reisigbündeln beladen auf der Landstrasse dahin ziehen. Den Weibern -hängen die Fetzen vom Leibe, sie enthüllen mehr als sie verdecken, -wohl absichtlich, einerseits, um mildherzige Frauen zur Verabreichung -abgelegter Kleidungsstücke zu bewegen, andererseits, um durch die zur -Schau getragenen Reize Männer zu locken. - -Auf einer etwas höheren Stufe als bettelnde Landstörzerinnen standen -die fahrenden Gauklerinnen, die sich aber erst vor einer kurzen Spanne -Zeit der auf ihnen die ganze Vorzeit hindurch lastenden allgemeinen -Missachtung entringen konnten. Noch zu Anfang des 18. Jahrhunderts -hiess es von ihnen: »Taschen-Spielerin Heissen diejenigen im Land -herum vagirenden und auf die Jahr-Märkte reisenden liederlichen -Weibes-Bilder, so dergleichen wunderliche Profession treiben und den -Zuschauer allerhand Blendwerck durch ihre Kunst und Geschwindigkeit so -wohl mit der Karten als auch andern darzu verfertigten künstlichen -Instrumenten vormachen.«[51] Nach derselben Quelle ist die -»Seil-Täntzerin eine leichtsinnige Weibes-Person, so in dem Lande -herum ziehet und ihre Kunst auf dem Straffen oder Schweng-Seil zu -tantzen, öffentlich um Geld sehen lässt«. - -[51] Frauenzimmer-Lexicon von Amaranthes, Leipzig 1715. - -Diese Künstlerinnen, denen auch Abraham a St. Clara vieles am Zeuge zu -flicken hat, waren selten besser als ihr Ruf. Als sich Grimmelshausens -»seltzamer Springinsfeld« ärgert, dass seine Neuvermählte »ihre -Jungfrauschafft nicht zu ihm bracht, sagte sie: Bist du dann so ein -elender Narr, dass du bey einer Leyrerin -- ein Mädchen, das mit einer -Leier umherzog -- zu finden vermeint hast, dass noch wol andere Kerl, -als du einer bist, bey ihren ehrlich geachten Bräuten nicht finden? -Wann du in solchen Gedanken gewesen bist, so müsste ich mich deiner -Einfalt und Thorheit zu kranck lachen ...« - -Wie den Krönungen und Konzilien, eilten die Fahrenden in grossen -Massen den Heeren zu. Schon die Kreuzfahrer zogen in Begleitung von -Scharen leichtfertiger Weiber nach dem orientalischen Kriegsschauplatz. -Einzelne sittenstrenge Feldherrn, wie Kaiser Friedrich Barbarossa -(1154) liessen zwar die Dirnen aus den Lagern jagen, richteten damit -aber für die Dauer wenig aus. Ludwig der Heilige musste zu seinem -Schmerze sehen, dass sich innerhalb der Lager, nahe dem königlichen -Zelt, unter dem Protektorate von Hofleuten stehende Bordelle erhoben. - -Als die Heere grösser und durch die unausgesetzte Verwendung beinahe -schon zu stehenden wurden, wuchs der Tross der Soldatenmenscher mit -ihnen. Welche Mengen von Dirnen bei den Heeren, zu deren Bestand sie -mit der Zeit gezählt wurden, anzutreffen waren, geht aus einer Angabe -Wilmolt von Schaumburgs hervor, dass bei der Belagerung von Neuss Karl -der Kühne: »liess den profosen die gemainen weiber, der #ob dem -viertausend un hör waren#, zu der Arbeit berufen und versahn. -Denselben weiben wart durch den herzogen ain Fendlein (Fahne) geben, -daran was ein Frau gemalt, und wan si zu oder von der arbait giengen, -wart in mit dem Fendlein, auch trummen und pfeifen vorgegangen«. Der -deutsche Condottiere Werner von Urslingen hatte 1342 bei einem Bestand -von 3500 Mann 1000 feile Dirnen, Buben und Schelme (meretrices, -ragazzii et rubaldi satis) aufzuweisen.[52] - -[52] Otto Elster, Bilder aus der Kulturgesch. des deutschen Heeres, S. -52. - -Um dieses Heer im Heere im Schach zu halten, gab man ihnen einen mit -weitgehenden Vollmachten ausgerüsteten Vorgesetzten, den #Hurenweibel#, -dem sie sowie das Gelichter der Trossbuben und alle sonstigen Drohnen -unbedingt zu gehorchen hatten. - -»Ampt und Bevelch des Hurenweybels« betitelt sich der Abschnitt über -die Obliegenheiten dieses meist im Hauptmannsrange stehenden Offiziers -und seines Leutnants und Fähnrichs. Dieser »Bevelch« schreibt dem -Waibel vor, darauf zu sehen, dass die »gemeinen Weiber« getreulich -ihre Herren abwarten, auf dem Marsche das Gepäck tragen, im Lager -kochen, waschen, die Kloaken reinigen, Kranke pflegen, »sonnst wo man -zu feldt liegt, mit Behendigkeit lauffen, rennen, einschenken, -Fütterung, essende und trinkende Speis zu holen, neben anderer -Nothdurft, sich bescheidentlich zu halten.« Ihm ist das Recht -zugestanden, Vergehen, der »Huren und Buben« durch »mechtig übel« -Schläge zu ahnden, sie überdies mit möglichster Strenge zu halten, da -sonst »würden faule Schwengel und Huren gar zu viel«. Also durch -Abschreckungstheorie suchte man den Zuzug neuer Individuen -hintanzuhalten. Überdies sollte der Tross zu allen militärischen -Nebenarbeiten herangezogen werden. Seine Angehörigen sollten Wege -ausbessern, Gräben aufwerfen oder füllen, Holz zu Schanzkörben und -Verhauen herbeischleppen, Hand anlegen, wenn die Bagagewagen oder die -Geschütze im Wegmorast stecken blieben, und dieses alles ohne -Widerrede »bei ernstlicher straff, so ihnen aufferlegt wird.« Sie -sollten auch nicht »umsonst einkauffen« d. h. stehlen, bei -Todesstrafe. Man sieht, das Los einer Soldatendirne war kein rosiges -und trotzdem sangen sie: - - »Ob wir schon übel werden geschlagen, - So thun wirs mit ein Landsknecht wagen.« - -Das zweifarbige Tuch und die flatternden Fahnen waren Lichter, die sie -in hellen Haufen anzogen, die sie umflatterten, bis sie versengt zu -Grunde gingen. Herzog Alba, der spanische Würger, führte ein Gefolge -von vierhundert Lustweibern zu Pferd und über achthundert zu Fuss mit -seinem Söldnerheere nach den Niederlanden. Sie waren in Kompagnien -geteilt und in Reih und Glied geordnet. Jeder war je nach Schönheit -und Herkunft ein Liebhaber gegeben, dem sie bei Strafe anzugehören und -treu zu sein hatte. Im dreissigjährigen Kriege verlor die Stellung des -Hurenweibels an Ansehen, er sank zum gemeinen Soldaten herab, dem das -Heer ebenso wenig Achtung zollte, wie der ihm unterstellte Tross. Mit -der Einrichtung der stehenden Heere verschwand das Weibergefolge auf -dem europäischen Festlande, und mit ihm auch der Weibel. - -Das völkermordende dreissigjährige Würgen, das Deutschland auf -Jahrhunderte zu Grunde gerichtet, seine vormals blühenden Gegenden in -menschenleere Wüsteneien verwandelt, bot dem fahrenden Dirnentum den -günstigsten Nährboden. Ihre Zahl wuchs ins Unmessbare, denn jede -eroberte Stadt, jedes eingeäscherte Dorf vermehrte das Heer der -Soldatenweiber. Gezwungen oder freiwillig folgten die ihrer Heimat, -ihrer natürlichen Beschützer beraubten Mädchen und Frauen ihren -Vergewaltigern, bei denen sie wenigstens nicht verhungerten, bis sie -am Wege starben, oder unter den Fäusten ihrer entmenschten Liebhaber -verröchelten. Was galt in diesen Unglücksjahren ein Menschenleben und -gar das Leben einer Dirne, jenes Geschmeisses, das zu zertreten der -Laune seines Besitzers frei stand. - -Das Zeitalter des grossen Krieges entfesselte in bis dahin -ungeahnter Wildheit das Tier im Menschen. Alle Greuel, die ein -krankhaft-überspanntes Gehirn auszuhecken vermag, überbot die zügellose -Soldateska, jener Auswurf der Menschheit, der unter dem Schutz der -Fahnen und entmenschter Führer die Bestien des Urwaldes an Blutdurst -und Grausamkeit übertraf. Jedes Weib ohne Rücksicht auf Alter war -verloren an Leib und Seele, das diesen Scheusalen in die Hände fiel. -Grausamkeit und Wollust, diese beiden Stiefschwestern der Liebe, -steigerten sich bei diesem vertierten Gesindel zu einer unerhörten -Intensivität. Moscheroschs »Philanders von Sittewald wunderliche -und wahrhaftige Gesichte« und Christoffel von Grimmelshausens -»Simplizianischen Schriften« entrollen grauenvolle Bilder des -bluttriefenden Übermutes, die durch die Chroniken jener Zeit nicht -nur als wahrheitstreu, sondern oft sogar durch dichterische Retouche -gemildert nachgewiesen wurden. - -Darum gewinnt das Bild einer Soldatendirne des dreissigjährigen -Krieges, das Grimmelshausen gezeichnet, den Wert eines -kulturgeschichtlichen Dokumentes, dessen Details uns getreulich das -Werden, Leben und den Untergang eines dieser bedauernswerten Geschöpfe -vergegenwärtigen. Der Titel der »Ertzbetrügerin und Landstörtzerin -Courasche«, gedruckt in Utopia bei Felix Stratiot, nimmt vierundzwanzig -Zeilen ein, und achtundzwanzig Kapitel behandeln das Leben dieser -Courage von ihrer Kindheit an, bis zu ihrem hohen Alter.[53] Der -kurzgefasste Inhalt des Büchleins, soweit es uns interessierende Themen -enthält, ist folgender: Jungfer Lebuschka ist von ihren unbekannten -Eltern einer Bäuerin in Bragoditz, jetzt Prachatitz, in Böhmen zur -Pflege anvertraut. Als sich der Krieg gegen Prachatitz zu ziehen -scheint, beredet die Pflegemutter das dreizehnjährige Mädchen, sich -als Knabe zu kleiden, um so der Schändung zu entgehen. Aus Jungfrau -Lebuschka wird der Knabe Janco, der von den Soldaten mitgeschleppt -wird, als »die Männer in der eingenommenen Stadt von den Überwindern -gemetzelt, die Weibsbilder genohtzüchtiget und die Stadt selbst -geplündert worden«. Der Rittmeister des Trupps, dem Lebuschka in -die Hände gefallen, behält sie selbst als Trossbuben, bis bei einer -Rauferei ihr Geschlecht erkannt und sie zur Maitresse ihres Herrn -wird. Ihre oft bewiesene Unerschrockenheit hat ihr den Namen Courage -eingebracht, den sie nicht mehr los wird. Mit ihrem Rittmeister zieht -Courage weit in der Welt umher, bis nach Ungarn, wo er vor Neuhäusel -(Neussol) eine tödliche Wunde erhält. Auf dem Sterbebette reicht er -Courage seine Hand, die nun Frau Rittmeister und gleich darauf Witwe -wird. Mit der Beute ihres verstorbenen Gatten reich ausgestattet, kommt -Courage nach Wien, wo sie verschiedene einträgliche galante Abenteuer -besteht. Die Sehnsucht, Prachatitz wiederzusehen, führt sie über -Prag dorthin, doch auf der Reise wird sie von Mansfeldischen Reitern -aufgehoben, in eine verlassene Meierei geschleppt, vergewaltigt, aber -mit ihrem Eigentum von einem feindlichen Hauptmann aus den Klauen der -Mansfelder befreit. Sie weiss den Hauptmann zu ködern, sie zur Gattin -zu nehmen, und bleibt ihm aus Berechnung treu, bis er am 22. April 1622 -in Wiesloch in Baden fällt. »So ward ich wiederumb in einer kurtzen -Zeit zu einer Wittib.« - -[53] Kürschners Deutsche Nationallitteratur, Band 35. - -Courage geniesst ihr Leben, freut sich der teilweise selbst gemachten -reichen Beute, die sie mit einem schwarzhaarigen Leutnant, »einem -Italianer« teilt, der sie ihres Geldes wegen zur Frau nimmt. Nach der -ersten grossen Schlägerei nimmt der junge Ehemann aber Reissaus, und -später erfährt Courage, dass der schöne Offizier als Deserteur gehenkt -wurde. Mit ihm verduftete leider die ganze Barschaft unserer Heldin, -die nun wieder aufs Rauben auszieht, wobei sie manch kostbare Beute an -Geld und Juwelen, einmal sogar einen leibhaftigen Major, nach Hause -bringt. Durch ihre Aufführung wird aber unsere Courage mehr und mehr -verrufen und dadurch sogar beim »Lumpengesindel beym Tross« derart -unmöglich, dass sie es vorzieht, wieder einmal für einige Zeit zu -verschwinden, und ruhig und ehrbar in einer Stadt sich für einen -Fischzug nach einem neuen Ehegatten zu stärken. - -Ihr Wohnort erweist sich als ungeeignet für ihre Pläne, darum fasst -Courage den Entschluss, noch einmal den Versuch zu wagen, ihre -Pflegemutter in Prachatitz zu erreichen. Diesmal gelingt es besser als -das erste Mal. Courage erfährt von ihrer Pflegemutter, wie ihr Vater -vormals einer der gewaltigsten Herren im Reiche gewesen, der sich -jetzt aber, als Rebell vertrieben, bei den Türken aufhält. Ihre Mutter -war Kammerjungfer bei des Grafen (Courages Vater) Gattin, ist nun aber -längst tot. - -Als Courage von Prachatitz nach Prag zurückkehrt, nimmt sie die alte -Bäuerin mit sich, die fürder als ihre Mutter gelten soll. Unter der -Maske, durch den Krieg aus ihrem Besitztum vertrieben zu sein, suchen -sie offiziell ihren Unterhalt durch Nähen und Sticken zu erwerben, was -dank der Nebenbeschäftigung Courages gelingt, ohne dass sich ihr etwa -3000 Reichsthaler belaufendes Vermögen verminderte. Ein Hauptmann, dem -es weniger um Ehre als um Geld zu thun ist, wirbt um Courage; sie wird -seine Frau, muss aber mit ihrem Manne bald nach der Trauung den -sicheren Port Prag verlassen und nach Holstein aufbrechen. - -Courage fand es diesmal für gut, ihren Mann in Einzelheiten ihres -Lebens einzuweihen -- natürlich erzählt sie nur, was ihr in den Kram -passt --, um unliebsamen Entdeckungen zuvorzukommen, die bei ihrer -Berüchtigtheit in allen deutschen Heeren nicht ausbleiben können. Da -sie ihrem Manne treu bleibt, prallen auch alle Zuträgereien an diesem -ab, und sie leben glücklich, bis ein Kanonenschuss bei der Belagerung -des Schlosses Hoya sie neuerdings zur Witwe macht. Das Schloss wird -übergeben, und zum Unglück fällt Courage jenem Major in die Hände, den -sie früher einmal gefangen genommen hat. Er nimmt die denkbar -gemeinste Rache an dem Weibe, das er vor und mit seinen Offizieren -prostituiert und endlich den Trossbuben preisgeben will, als ein -dänischer Offizier sie frei bittet, um sie auf sein Erbschloss in -Dänemark in Sicherheit zu bringen. In Verborgenheit bringt Courage -einige Monate auf diesem Schlosse zu, bis die Eltern des Adeligen von -ihrem Aufenthalt erfahren und sie, um die geplante Heirat ihres Sohnes -mit der Dirne zu hintertreiben, nach Hamburg locken, wo man sie ihrem -Schicksale überlässt, so dass sie anfängt: »mit dem Schmalhansen zu -conferirn, der mich leichtlich überredete, mein täglich Maulfutter mit -meiner nächtlichen Handarbeit zu gewinnen«. Es wird ihr leicht, da -Hamburg und seine Grenzgebiete von Truppen überschwemmt sind. Ein -junger, strammer Reiter, den sie sich zum Herzensfreund erkoren, gerät -ihretwegen in Streit mit seinem Korporal, wird arkebusiert, sie aber -wird schimpflich durch den Steckenknecht aus dem Lager gebracht. Zwei -Reiter fallen sie an, von denen sie einen tötet, den anderen aber mit -Hilfe eines hinzukommenden Soldaten in die Flucht schlägt, worauf sie -ihrem Retter zu seinem Regimente folgt. Courage findet die böhmische -Theatermutter wieder, die sie bereden will, mit ihr nach Prag zu -gehen, um dort in Ruhe zu leben; aber das wilde Blut in der -Soldatendirne will durch Abenteuer in Wallung erhalten sein, und so -bleibt sie denn beim Heere und gerade bei jenem Regimente, dem ihr -gefallener Gatte, der Hauptmann, angehört hatte. Als Marketenderin -zieht sie mit dem Heer über die Alpen nach Italien und entschliesst -sich endlich, den Soldaten zum Liebhaber zu nehmen, der ihr vordem in -ihrem Kampfe mit den Marodeuren beigestanden. Aus der Frau Hauptmännin -wird eine Musketiersmaitresse. Springinsfeld, der junge Pseudo-Ehemann, -hilft seiner Geliebten bei der Marketenderei, während sie, die alte -Pflegemutter als Kupplerin benützend, ihrem Liebsten Hörner schockweise -aufsetzt, viel Geld damit verdient, das sie in sicheren Wechseln nach -Prag sendet. Wenn die Geldquelle zu versiegen droht, weiss sie sich mit -Springinsfelds Hilfe durch Diebstähle schadlos zu halten, bei denen -ihr Buhle recht geschickt als Werkzeug benutzt wird. Inzwischen ist -Courage des Genossen überdrüssig geworden und sucht eine Gelegenheit, -sich seiner zu entledigen. Eines Nachts, als sie neben ihm schläft, -packt sie der Springinsfeld in schlafwachem Zustand, wirft sie über -die Achsel und eilt mit ihr dem Wachtfeuer bei des Obersten Zelt -zu. Unterwegs erwacht Courage, ihr Geschrei weckt das Lager, dessen -Insassen von allen Seiten herbeieilen, sich den lächerlichen Vorfall, -»die Gugelfuhr«, die nackte Courage auf der Schulter ihres halbnackten -Galans, zu besehen. Die Gelegenheit, den Liebhaber los zu werden, ist -endlich gefunden, denn selbst der Profoss befiehlt die Trennung von -einem Menschen, der im Schlafe zu einem Morde fähig scheint, und mit -einem Pferde, Geld und dem _spiritus familiaris_, einem Galgenmännlein, -das seinem Besitzer alle Wünsche erfüllt, aber dessen Seele dem Teufel -zuführt, beschenkt, zieht Springinsfeld seiner Wege. Auch Courage -wird im Regimente bald der Boden zu heiss unter den Füssen, und mit -ihrem erbuhlten und ergaunerten Besitztum überreich ausgestattet, -wählt sie erst Passau, dann Prag zum ständigen Aufenthalt, um dort -das Ende des Krieges abzuwarten. Obgleich älter geworden, gelingt es -Courage doch noch einmal, einen Hauptmann zum Gatten zu kapern, sie -verliert aber den Mann, »der noch kaum bey mir erwarmet« wieder und -begiebt sich nun in das Vaterland ihres ersten Hauptmanns-Gatten, -wo es ihr so gut gefällt, dass sie sich sesshaft macht und all ihr -Geld in Grundbesitz anlegt. Sie hofft auf den nahe bevorstehenden -Frieden, sieht sich aber getäuscht, denn die Rationierungen und -Einquartierungen der durchziehenden Soldateska, dazu die Steuern drohen -ihr Vermögen aufzuzehren, weshalb sie auf das bei ihrer Qualität sehr -naheliegende Auskunftsmittel verfällt, ihr Haus zu einem Bordell für -die Soldaten zu machen. Das Geschäft floriert einige Jahre glänzend, -doch nötigt sie ein bei ihrem Berufe naheliegendes Leiden, ein Heilbad -aufzusuchen, in dem sie den Simplicius Simplicissimus kennen lernt. -Wie sie diesen jungen Mann und berühmten Soldaten belügt und betrügt, -füllt das 24. Kapitel ihrer Memoiren, die nun ihrem Ende zugehen. Ihr -Luderleben veranlasst endlich die Obrigkeit ihres Wohnortes, ihr Haus -zu sperren und sie mit ihren Mägden davonzujagen. Sie nimmt noch einmal -mit wechselndem Erfolge ihr altes Metier wieder auf, bis sie einer -Zigeunertruppe in die Hände gerät. Der Leutnant dieser Vaganten begehrt -sie ob ihrer Schlauheit zum Weibe, und mit ihm und ihrer Truppe, die -sie zur Königin erkiest, durchzieht sie fortan nach Zigeunerweise -die deutschen Länder -- ein Schicksal, das vielen Soldatenweibern -beschieden war, die nach dem Frieden bei Räuberbanden blieben, von -denen das arme, hinsterbende Deutschland noch lange gebrandschatzt -wurde. - - - - -Das Badewesen. - - -Der Gebrauch von Bädern war in der deutschen Vergangenheit -ungleich verbreiteter und allgemeiner als heutzutage. Allen -Bevölkerungsschichten, von dem niedrigsten Knechte bis zum -ehrfurchtsvoll gegrüssten und vielbeneideten Stadtgrossen, war -das Baden nicht nur ein unabweisbares Bedürfnis, sondern auch ein -unentbehrlich gewordenes Vergnügen, das den sieben grössten Freuden des -Lebens zugezählt wurde, »es war ein sauber spiel, Das ich immer preisen -wil«[1], darum heisst es im »Schertz mit der Warheyt« (Frankfurt 1501): - - »Wiltu ein Tag frölich sein? - geh ins Bad; - Wiltu ein Wochen frölich sein? - lass zur Ader; - Wiltu ein Monat frölich sein? - schlacht ein Schwein; - Wiltu ein Jahr frölich sein? - Nimm ein jung Weib.« - -[1] Klara Hätzlerin, S. 273. - -Reinigungs- und Erfrischungsbäder galten seit frühester Zeit für eine -heilsame diätetische Übung, was wohl darin seinen Grund haben mochte, -dass einerseits die Kleidung schwerer war und dichter den Körper -umschloss, als die heutzutage getragene, andererseits die Leibwäsche -und ihr regelmässiger Wechsel weit weniger gebräuchlich waren, als in -der Gegenwart. Zur Ergötzlichkeit dienten die Bäder nicht zuletzt -dadurch, dass sich in den Baderäumen fast immer eine grössere -Gesellschaft beiderlei Geschlechts zusammenfand. Aus den germanischen -Urzeiten hatte sich der Gebrauch des Zusammenbadens von Männern und -Frauen in das Mittelalter hinüber erhalten. - -»Und doch macht man aus der Geschlechtsverschiedenheit kein Geheimnis, -denn beide Geschlechter baden sich gemeinschaftlich in Flüssen und -tragen unter den Fellen und kleinen Decken von Renntierhäuten den Leib -grösstenteils bloss,« sagt Caesar.[2] Die Kirche eiferte bereits im -Jahre 745 auf der unter dem heil. Bonifazius abgehaltenen Synode gegen -diesen Unfug, den aber auch spätere Beicht- und Buss-Ordnungen -ebensowenig abzustellen vermochten, wie das Pönitentiale von -Magdeburg. - -[2] Caesar, De bello gallico, Cap. 61. 21. - -In der Ritterzeit erwartete den Gast sofort nach seiner Ankunft das -Bad, um den von der schweren Rüstung hart mitgenommenen Körper neu zu -stärken. »Man schuf ihm ein Gut Gemach von Kleidern, Speis' und Bade,« -heisst es an manchen Stellen im Iwein, Wigalois und Tristan. Ebenso im -Biterolf: - - »Und Gunther dann die Helden bat, - Dass sie nach Haus sich liessen laden. - Er wollte schön sie heissen baden, - Und ihnen schenken seinen Wein.« - -Auch Ulrich von Lichtenstein meldet mit Behagen, wie den Rittern nach -sattsamen Kampfspielen manch schönes Bad bereitet ward, worin sie sich -dann bis tief in die Nacht hinein ergötzten. - -Die Hausfrau mit ihren Zofen sind überall dem Willkommenen beim Bade -behilflich, oft auch die jungfräulichen Töchter der Wirtin. So wird -Parzival auf seines Lehrmeisters Gurnemanz von Graharss' Burg im Bade -von Jungfräulein bedient, die mit »blanken, linden Händen« seinen Leib -streichen. Wie Parzival lässt sich Herr Jakob von Warte, der Vetter -des Königsmörders, nach dem Bilde der Heidelberger Manesseschen -Liederhandschrift von Edeldamen betreuen, während er in dem mit Blumen -bestreuten Bade sich von den vorhergegangenen Strapazen erholt. Die -eine der Damen knetet des Ritters Arm, eine andere schmückt sein Haupt -mit einem Blumenkranze, indes die dritte ihm einen Becher darreicht. -Am Boden bei der Wanne facht eine Magd mit einem Blasebalge Feuer -unter dem Wasserkessel an. Königin Isolde bereitet ihrem Tristan das -Bad und bringt ihm Salben, »die zu seinen Wunden gehörten; sie salbte, -band und badete ihn, dass er ganz zu seinen Kräften kam«. - -Doch auch der umgekehrte Fall kam vor. - - »Man sorgte, dass die Mägde zu Bade mochten gehn, - Hartmuths Vettern sah man als Kämmerer beflissen, -- - Ein jeder wollt ihr dienen, sie als Königin geneigt zu wissen,« - -heisst es in der Gudrun. Schamhaftigkeit drückte eben weder Männer -noch Frauen. »Meleranz überrascht eine Dame, die eben unter der Linde -ein Bad nimmt. Das Bad ist mit einem Samît bedeckt, daneben steht ein -herrliches, aus Elfenbein geschnitztes Bett. Um das Bett zieht sich -ein Vorhang, bestickt mit der Geschichte von Paris und der Helena und -den Abenteuern des Aeneas. Als Meleranz herantritt, fliehen die -Dienerinnen der Dame; diese selbst ist viel weniger prüde. Sie hebt -schnell den Samît, der den Bottich bedeckt, auf, ruft den Ritter ganz -zu sich und befiehlt ihm, ihr nun statt der entlaufenen Mägde Hilfe zu -leisten. Er muss ihr das Badehemd, den Mantel und die Schuhe -herbeiholen. Während sie sich trocknet und die Kleider anlegt, tritt -er bescheiden zur Seite, folgt aber wieder ihrem Rufe, als sie sich -auf das Bett gelegt, und scheucht ihr die Mücken, bis sie sanft -entschlummert ist.«[3] In den Baderäumen grosser Burgen fand sich -häufig eine Galerie, von der aus Zuschauerinnen die badenden Gäste mit -Blumen zu bestreuen pflegten. In dem Badehaus-Anbau aus dem 13. -Jahrhundert auf der Wartburg ist noch ein solcher Balkon zu sehen. -»Als eine Steigerung des Genusses galt diesem wohllebigen Geschlechte, -wie den Saal und den Schlafgaden, so auch das Bad mit Blumen, -besonders Rosen, zu bestreuen. Wie Jakob von Warte, werden auch -Parzival Rosen in das Bad geworfen.« - -[3] Schultz, Höfisches Leben zur Zeit der Minnesinger, I. 225. - -Nach den Kreuzzügen, die ausser orientalischen Lastern auch bis dahin -unbekannte Krankheiten in die Heimat brachten, nahm der Bädergebrauch -in Deutschland einen riesenhaften Aufschwung, denn die Bäder, -besonders die Schwitzbäder, galten mit Recht als einziges Schutzmittel -gegen den eingeschleppten und sich unaufhaltsam verbreitenden Aussatz. -Überall erstanden Bäder. Guarino, ein Gelehrter, in Verona zwischen -1370 und 1460 lebend, sagt, dass zu seiner Zeit in Deutschland jede -Stadt, selbst jedes Dorf, ein öffentliches Bad besessen habe. - -Die Badestuben enthielten Schwitz- und Wannenbäder; Bäder mit -Dampfheizung waren dem 15. Jahrhundert nichts Neues mehr. In der -bereits erwähnten Bellifortis-Handschrift Kyesers befinden sich zwei -Zeichnungen solcher künstlich durchwärmten Bäder mit allerdings recht -primitiven Dampferzeugungs-Anlagen im Unterbau. - -Ausser den öffentlichen Badehäusern, deren Besuch manchem -Ausnahmemenschen nicht zusagen mochte, gab es in den Wohnhäusern -besser situierter Leute Badegelegenheit und selbst in den meisten -kleineren Häusern noch Badewannen oder Kufen, »darin er (der Hausherr) -etwa mit seinem Weibe oder sonstem einen guten Freund sitzet oder ein -Kändele drei vier Wein neben guten Sträublen ausleeret«. Die reichen -Bürger der vornehmen Handelsstädte hielten sich gänzlich von den -allgemeinen Bädern fern. Sie verfügten meist über eigene mit -»Padofen«, dem Kessel zum Erwärmen des Wassers, Wanne und -»Padschefflen« ausgestattete Stuben, »kleine gewachsame Badstüblein -mit iren Wasser Kenelin«, zu der noch das »abeziehkemerlen«, der -Auskleideraum, gehörte. In den Nürnberger Patrizierhäusern waren -solche Gelasse allgemein. Israel von Meckenen zeichnet eine dieser -Badestuben, in der eine bis auf die turbanartige Bademütze nackte -Mutter eines ihrer Kinder abseift. Die anderen Sprösslinge tollen in -der grossen, durch einen in die Wand eingelassenen Hahn mit Wasser -gespeisten Wanne. In den deutschen Dampfbädern war fast überall die -Dampferzeugung durch heisse, mit Wasser übergossene Steine -gebräuchlich. Diese Badeart wurde von deutschen Reisenden aus Russland -in Deutschland eingeführt. - -Der Kirchenvater Nestor berichtet aus dem Dnjeprlande: »Ich sah -hölzerne Bäder und darin steinerne Öfen die scharf heizten. -Sie begiessen sich die Haut mit lauem Wasser und nehmen #Ruten# oder -#zarte Baumzweige# und fangen an, sich damit zu peitschen, giessen -indes Wasser auf die Steine und peitschen sich so arg, dass sie kaum -lebendig herauskriechen, worauf sie sich mit kaltem Wasser -begiessen«.[4] Diese Ruten, Queste oder Wadel genannt, wurden zum -Wahrzeichen für das Badehaus, das der Bader aushing, wie der Gastwirt -den Laubkranz. Züchtigere Badebesucher deckten mit dem Blätterbusch -ihre Blössen. - -[4] H. Peters, Der Arzt und die Heilkunde in der deutschen -Vergangenheit, S. 52. - -Die sonstige Einrichtung der Schwitzbäder war denkbar einfach. Ein -gewölbter, höchstens mit einigen rohen Bänken versehener Raum, den -oft, aber nicht immer eine niedere Bretterwand in zwei Hälften -schied, in das Männer- und das Frauengelass. Diese Scheidewände -verhinderten wohl die gröbsten Ausschreitungen, gestatteten aber den -ungeschmälerten Anblick der Badenden, was sich gewiss nicht jeder zu -solch künstlerischen Zwecken zu Nutze machte, wie Albrecht Dürer, -dem Badestuben zu Modellstudien dienten. Eine solche, im Badehause -entstandene Skizze, jetzt in Frankfurt a. M., zeigt eine von einem -Bader bediente Gruppe nackter Frauen in derb-realistischer Auffassung. -Einer weiteren Dürerschen Darstellung einer Scene im Frauenbade -sieht ein Fremder durch das auf die Strasse gehende offene Fenster -zu. Auf einer Bäderzeichnung Kyesers unterhält sich ein Mann, bequem -auf der Scheidewand aufgestützt, mit den badenden Nachbarinnen, die -Zuwachs durch eine von der Strasse kommende Nymphe im tiefsten Negligé -erhalten.[5] - -[5] Schultz, Deutsches Leben, S. 68. - -Die Bedienung im Bade besorgten bis zum 16. Jahrhundert in beiden -Abteilungen Frauen. Auf einer Miniatur in der berühmten Wenzelsbibel -der kaiserlichen Hofbibliothek zu Wien waschen zwei halbnackte -Bademädchen dem galanten Böhmenkönig Wenzel den Kopf. Seifried -Helbling, ein Wiener Poet des 13. Jahrhunderts, schildert, wie er von -einem »Weibel viel gelenke« im Bade behandelt wurde. Nachdem ihm der -Schweiss vom Körper abgerieben ist, wird er von der Bademagd geknetet, -gezwagt, begossen, frottiert und wieder begossen; darauf nimmt ihn der -Bader in Empfang, um ihn zu rasieren und zu schröpfen. Lag der Gast -von all diesen Vergnügungen matt auf dem Ruhebett, dann trat in Erfurt -noch ein hübsches Dämchen zu ihm, um ihn zu kämmen und die Haare zu -kräuseln, schreibt wenigstens ein fahrender Schüler in einem, um 1300 -entstandenen lateinischen Gedicht. - -Wo das Auge ungehindert in solchen, die Sinne aufstachelnden Scenen -schwelgen konnte, die Berührung durch Frauenhände kaum zur Beruhigung -der schon durch das Bad allein erregten Nerven beitrug, waren -Ausschweifungen selbstverständlich, denen überdies jeder Bader, der -sein Geschäft verstand, Vorschub zu leisten nur zu bereit war. In -erster Linie hielt er hübsche Bademädchen, deren Obliegenheiten sie in -jeder Hinsicht zu Vorläuferinnen unserer modernen Masseusen der -Grossstädte stempelten. Waren diese Damen nicht nach dem Geschmacke -der Gäste, so machten sie es wie der Herr in dem Gedichte aus der -Sammlung der Hätzlerin: »Und von dem Frühstück wollen wir dann ins Bad -gehen; dann laden wir uns die hübschen Fräulein dazu, dass sie uns -reiben und die Zeit vertreiben. Niemand eile von dannen, er raste -hernach wie ein Fürst. Sie, Baderin, nun bereite sie jedem von uns -nach dem Bade ein Bett.«[6] Diese Zugaben verteuerten natürlich den -Lebemännern den Genuss des Bades, was den Minnesänger Tanhuser, das -Urbild des sagenumsponnenen Tannhäusers, zu der Klage über seine Armut -Anlass gibt, die ihn hindert, »zwirend in der wochen baden«, zweimal -wöchentlich zu baden, wie es der leichtlebige Herr gerne gemocht -hätte. - -[6] Schultz, D. L., S. 69. - -Dieses Dienerinnen-Unwesen in den Schwitzbädern konnte den -sittenstrengen Herren vom hohen Rat nicht lange verborgen bleiben, -darum suchten sie durch Verbote diese Unzuträglichkeiten auszurotten. -Breslau untersagte 1486 den Badern, Dienerinnen zu halten. Das -Böblinger Statut von 1552 befiehlt »item er soll haben ein Reiber und -eine Reiberin«, also einen Diener für die Männer und eine Dienerin für -die Frauen. Am frühen Morgen, wenn kaum der Hahn das Erwachen des -neuen Tages angezeigt, heizte der Bader seine Öfen. Wenn der Dampf -aufwallte, lief er mit seinen Knechten, auf einem Horn blasend, oder -mit Hölzern klappernd, dabei von Zeit zu Zeit den Ruf ausstossend »Wol -auf gen bad!« die Strassen entlang, und wer gewillt war, sich ein Bad -zu leisten, verfügte sich, beinahe wie er dem Bette entstiegen -- man -schlief bekanntlich im Mittelalter hüllenlos -- zu der Badestube. Der -gallige Guarinonius hält sich darüber auf, dass sonst ganz ehrsame -Bürger und Bürgersfrauen also nackend über die öffentlichen Gassen ins -Badehaus laufen: »Ja wie viel mal laufft der Vater bloss von Hauss mit -einem einzigen Niederwad über die Gassen, sambt seinen entblössten -Weib und blossen Kindern dem Bad zu ... Wie viel mal siehe ich (ich -nenn darumb die Stadt nicht) die Mägdlein von 10, 12, 14, 16 und 18 -Jaren gantz entblösst und allein mit einem kurtzen leinen, offt -schleussigen und zerrissenen Badmantel, oder wie mans hier zu Land -nennt, mit einer Badehr allein vornen bedeckt, und hinden umb den -Rücken! Dieser und füssen offen und die ein Hand mit gebür in den -Hindern haltend, von ihrem Hauss aus, uber die langen Gassen bei -mittag tag, bis zum Bad lauffen? Wieviel laufft neben ihnen die gantz -entblössten zehen, zwölf, viertzehn und sechzehnjährigen Knaben her -und begleit das erbar Gesindel.«[7] - -[7] Guarinonius, Die Grewel der Verwüstung 1618, 949 bei Rudeck a. a. -O. 6. - -Ältere Leute, vielleicht weil sie sich vor Erkältung schützen wollten, -und Standespersonen kamen vollständig angekleidet zum Badehause, die -Badewäsche fein säuberlich unter dem Arm. Nur Fremde und Arme -entnahmen diese vom Bader. - -In einer gemeinsamen Ankleidestube entledigte man sich der letzten -Hüllen. Die Badeordnung für das Glotterthal von 1550 schrieb deshalb -vor, dass jeder Mann Hemd und Hose, jede Weibsperson ihr Hemd erst im -Bade selbst abzulegen habe. Die meisten Städte aber scherten sich um -derartige Kleinigkeiten nicht weiter, ebensowenig, wie man dies an -Stellen that, von denen man eine höhere Kultur sollte voraussetzen -können, nämlich an gewissen Duodezhöfen. - -Hans von Schweinichen erzählt in seinen Denkwürdigkeiten folgendes -hierher gehörige Abenteuer: »Allhier erinner ich mich, dass ich wenig -Tage zu Hof war; badete die alte Herzogin, allda musste ich aufwartend -als ein Jung. Es währt nicht lange, kommt Jungfrau, Unte (Kunigundchen) -Riemen genannt, stabenackend raus, heisst mich, ihr kalt Wasser geben, -welches mir seltsam vorkam, weil ich zuvor kein nacket Weibesperson -gesehen, weiss nicht, wie ich es versehe, begiesse sie mit kaltem -Wasser. Schreit sie laut und rufet ihren Namen an und saget der -Herzogin, was ich ihr mitgespielet; die Herzogin aber lachet und saget: -»Mein Schweinlein wird gut werden.«[8] - -[8] Hans von Schweinichen, Denkwürdigkeiten, herausg. von Herm. -Osterley, Breslau, S. 16. - -Wenn Hofdamen in einer geistig weit fortgeschritteneren Epoche die -Naivetät so weit trieben, entblösst in ein Gemach zu treten, in dem -sie ausser den, ihrer Ansicht nach allerdings noch geschlechtslosen -Jungen, auch Männern begegnen konnten, so kann es nicht Wunder nehmen, -wenn weniger hochstehende Menschen zwei und ein Jahrhundert früher die -Nudität in den Bädern als vom Bade unzertrennlich ansahen. Von diesem -Gesichtspunkte aus betrachtet, ging es unter den weiblichen Besuchern -der öffentlichen Dampfbäder verhältnismässig ehrbar und züchtig zu, und -dürften Ausschreitungen kaum öfter vorgekommen sein, als heutzutage -in den Seebädern mit dem gemeinsamen Strande für beide Geschlechter, -auf denen der Lebemann gleichfalls seiner Neugier fröhnen und sonst -recht ängstlich Verhülltes in aller Musse kritisch würdigen kann. Die -Aufsicht der Mitbadenden war in den mittelalterlichen Bädern immer -vorhanden und die üble Nachrede eine ewig dräuende Gefahr, die selbst -strafrechtliche Folgen nach sich ziehen konnte. Die Kirche und ihre -gestrengen Herren als Sittenrichter spassten nicht; denn je fauler im -Kern die Geistlichkeit selbst war, um so ängstlicher suchte sie nach -aussen hin den Schein zu wahren und heuchelnd Fehler zu vertuschen, die -sie an dem unglücklichen oder unvorsichtigen Menschenkinde, das einen -Fehltritt offenkundig werden liess, mit grausamer Härte verfolgte. Die -geistlichen Strafen trafen unnachsichtlicher und empfindlicher als -die der weltlichen Obrigkeit, die bei Sittlichkeitsdelikten vielfach -Nachsicht walten liess. Ausser der Aufsicht gab es übrigens in den -meisten Bädern die erwähnte Scheidewand, die immerhin Schutz vor -Handgreiflichkeiten -- Heine nennt es Handgemeinwerden -- bot. - -Wer nun einmal im Bade seinen Gelüsten fröhnen wollte, konnte sich im -Wannenbade für die Enthaltsamkeit in den Dampfbädern, sofern diese -keine Badedienerinnen besassen, vollauf schadlos halten. In Wort und -Bild eiferten die Altvorderen gegen die in den Wannen- und -Einzelbädern herrschende Unsittlichkeit. Schon Tannhäuser und Niethart -von Reuenthal gedenken der Kostspieligkeit der Wiener Badestuben, in -denen es übrigens nicht weniger toll herging als in den gleichen -Anstalten anderer Städte bis zum 17. Jahrhundert. In der Esslinger -Vorstadt Stuttgarts wurde im Jahre 1591 eines Tages die Anzeige -erstattet, in einem Bade seien 18 Personen männlichen und weiblichen -Geschlechtes bereits Tag und Nacht zusammen. Durch solche Vorfälle -galten denn auch die Badestuben als Anstalten, »die am meisten zur -Anreizung der Unkeuschheit erbaut sind«, und die sich von den -Bordellen nur durch das Fehlen der Konzession unterschieden. Den -Ruffian ersetzte der Bader, ein Kuppler wie der Frauenwirt und -geächtet und unehrlich mit Weib und Kind wie der erstere, wenn auch -Kaiser Wenzel, der den Verkehr mit Badern und Henkern liebte, und den -einst eine heroische Bademagd, Susanna, aus der Gefangenschaft -errettete, das Gegenteil zu verordnen beliebte. In einem »herrlichen« -Freibrief vom Jahre 1406 machte er das Baderhandwerk in allen Erb- und -Reichslanden den Besten der anderen Handwerke völlig gleich und verbot -jedermänniglich, die ehrlichen Bader zu schmähen und von ihren -redlichen Diensten verkleinerlich zu reden.[9] Dieses Privilegium -vermochte aber trotz Siegel und Handzeichnung das sehr gerechtfertigte -uralte Vorurteil gegen die Baderzunft nicht aus der Welt zu schaffen. -In dem Gedichte »Des Teufels Netz«, entstanden um 1420, wird -behauptet: - -[9] Beneke a. a. O. S. 81. - - Der bader und sîn gesind, - Gern huoren und buoben sind; - -sie sind Diebe, Lügner und Kuppler, Neuigkeitskrämer -- sollte sich -diese Eigenschaft nicht auf ihre Nachkommen, unsere Raseure und -Friseure, vererbt haben? -- die ihren Gästen ausser Skandalgeschichten -noch »die Fröulin zuo in schieben«. Kuppler und Bader werden in einem -Atem genannt: »Ich will wern ein Frauenwirt Und ein padknecht, der -lest (lässt) und schiert, So mag ich peiderseits gewin haben«, heisst -es in einem Fastnachtsspiele.[10] Wie in Konstanz beim Konzil, so -waren auch anderwärts die Badestuben die Absteigequartiere für die -fahrenden Dirnen, die ja sonst nirgends Unterkunft fanden. - -[10] Keller, 639 II. - -Ein reiches Quellenmaterial authentischer Abbildungen unterrichtet uns -über die unsittlichen Vorgänge in den Wannenbädern. Die Miniatur eines -Codex der Leipziger Stadtbibliothek zeigt das Innere einer solchen -Badeanstalt und alle Phasen, die ein Wüstling an einem solchen Orte -durchmachen konnte. Das Gewölbe des Baderaumes enthält eine Anzahl -getrennt stehender, mit Stoff überdachter Wannen, vor deren -Längsseiten sich mit Speisen und Getränken besetzte Tische befinden; -zur Bedienung laufen alte Vetteln umher. In den Wannen sitzen die -Pärchen, die Männer nackt, die Frauenzimmer mit Haarschutz und -Halsketten bekleidet. Im Hintergrund des Raumes sind Betten sichtbar; -in einem Bette hat sich bereits ein Pärchen zusammengefunden, während -vor einem zweiten ein Dämchen mit von der Schulter herabwallendem -Bademantel steht und eine Annäherung an den im Bette Liegenden sucht. -Auf einer Zeichnung in der Valerius Maximus-Handschrift der -Breslauer Stadtbibliothek liegt ein Brett als Unterlage für die -Speisen quer über den Wannen, in denen es noch viel ungezwungener -zugeht als auf dem erstgedachten Bilde. Auch hier fehlt das Bett -nicht. Bei Wein und Weib durfte auch der Gesang nicht fehlen. So -sehen wir denn auf vielen Bäderbildern den fahrenden Sänger seine -Kunst vor den Badegästen ausüben. Von den Stiftsdamen in Köln -heisst es in einem altfranzösischen Fabliau, dass sie sich ihre im -Bade eingenommenen Schmäuse durch den Vortrag saftiger Geschichten -seitens eines Spielmannes würzen liessen. Eine Federzeichnung in -dem mittelalterlichen Hausbuche der Fürsten Waldberg-Wolfegg zeigt -einen Baderaum mit daranstossendem Hofgarten, in dem sich die Gäste -vor und nach dem Bade ergehen konnten. Das Bad selbst, ein Bassin -mit Abfluss nach dem Hofe, bietet Raum für vier Personen, der auch -weidlich ausgenutzt erscheint. In dem gleichen Buche stellt das -Blatt unter dem Sternbilde der Wage ein ländliches Fest vor. In -kecken Federstrichen ist auf der linken Bildseite ein Wannenbad unter -einer natürlichen Laube entworfen, in welchem ein Badender die recht -naturtreu gezeichnete Liebste freudig empfängt. Eine Matrone mit -Eiern und Wein steht erwartungsvoll bei den Liebenden, die nur ein -geflochtener Zaun und eine Bretterthüre von einer Tanzgesellschaft -trennt. Den Hintergrund der Zeichnung nimmt ein Gebüsch mit einem sich -sehr ungeniert betragenden Paare ein. Also hier, wie im Meleranz, -nimmt man unter freiem Himmel sein Bad. In Gwaltherus Ryffs »Spiegel -und Regiment der Gesundheit« ist ein Holzschnitt mit einem Manne in -einer Badewanne, neben der ein zweiter im Badekostüm auf einer Fussbank -sitzt. Und trotzdem die Sonne auf diese Scene herniederlacht und Damen -und Herren umherschwärmen, steht eine Frau mit bis auf die Oberschenkel -zurückgeschlagenen Kleidern bei den Badenden. Wenn ich gleich Alwin -Schultz alle diese Darstellungen für übertrieben halte und manche -Einzelheit der Lust des Mittelalters an derbem und zotigem »Schimpf« -zuschreibe, so unterliegt es doch keinem Zweifel, dass wirklich -vorhandene Thatsachen erst den Anlass zu den Übertreibungen gaben. -Ebensowenig, wie der moderne Karikaturist seine Stoffe aus dem Finger -saugt, sondern Vorhandenes verzerrt, thaten es seine Ahnen. Dass die -beiden Geschlechter vereint badeten, ist unwiderleglich bewiesen, und -dass es unter solchen Umständen an Excessen nicht fehlen konnte, bedarf -nicht erst wieder Worte, um einzuleuchten. Optimisten, die noch an -»die gute alte Zeit« glauben, haben niemals das reiche Quellenmaterial -aus jener Zeit durchblättert, das auf jeder Seite eine romantische -Illusion zerstört. Die Menschen sind sich in ihren Schwächen immer -gleich geblieben, und der Liebestrieb, den die Natur dem Menschen -eingepflanzt, hat sich nie und unter keinen Umständen unterdrücken -lassen. Wenn also Ulrich von Hutten in seinem »Gesprächbüchlein«, im -vierten Gespräch »die Anschauenden« den Sol die Badesitten verteidigen -lässt, so ist dies entweder Sarkasmus oder schönfärberische Heuchelei. -Sol, die Sonne, und ihr Sohn Phaeton unterhalten sich über die Völlerei -der Deutschen, als Phaeton mit einem Blick auf die Erde bemerkt: - - Dort seh' ich einige nackend, Frauen und Männer vermischt, - miteinander baden; ich glaube, dass das ohne Schaden für ihre Zucht - und Ehre nicht zugeht. - - #Sol.# Ohne Schaden. - - #Phaeton.# Ich sehe sie sich doch küssen. - - #Sol.# Freilich. - - #Phaeton.# Und sich freundlich umfassen. - - #Sol.# Ja, sie pflegen auch bei einander zu schlafen. - - #Phaeton.# Vielleicht haben sie die Gesetze Platos angenommen und - halten die Weiber gemeinschaftlich. - - #Sol.# Nicht gemeinschaftlich; sondern darin zeigt sich ihr - Vertrauen. An keinem Ort, wo man die Frauen hütet, kannst du die - weibliche Ehrbarkeit unversehrter finden als bei diesen, die keine - Aufsicht über sie führen. Es fällt auch nirgends seltener Ehebruch - vor, nirgends wird die Ehe strenger und fester gehalten denn hier. - - #Phaeton.# Du sagst, dass sie übers Küssen, Umfassen und - Zusammenschlafen nicht hinausgehen? Und dazu bei der Nacht? - - #Sol.# Ja, so sage ich. - - #Phaeton.# Das geschieht auch ohne allen Verdacht? Und wenn sie - sehen, dass ihre jungen Weiber und Töchter von anderen also - behandelt werden, fürchten sie da nicht für deren Ehre? - - #Sol.# Sie denken nicht einmal daran; denn sie vertrauen einander - und leben in gutem Glauben, frei und redlich, ohne Trug und Untreu, - sie wissen auch von keiner Hinterlist.[11] - -[11] Der mittelalterliche Unfug in den Wannenbädern ist auch der -Gegenwart nicht fremd. Wer Österreichisch-Polen, das degenerierte -Galizien bereiste, weiss, dass in den meisten seiner grösseren Städte -dieselben Verhältnisse herrschen, wie in den öffentlichen Bädern des -Mittelalters. Dass auch Russland ähnliche Zustände hat, geht aus -Hermann Bahrs »Russische Reise« (Dresden u. Leipzig 1891), S. 99 ff., -hervor. - -Die Lust am Bade war derart in allen Bevölkerungsschichten gemein, -dass man allerorts Stiftungen errichtete, deren Erträgnisse zu -Badegeldern für Arme verwendet wurden. Nach sächsischem Stadtrecht -konnte der wegen eines Totschlags angeklagte Verbrecher nach Vergleich -mit den Verwandten des Erschlagenen statt zum Tode, zu einer Geldbusse -oder zur Verabreichung von Seelenbädern, d. h. Bädern zu Ehren des -Umgekommenen, die den Stadtarmen zu gute kamen, verurteilt werden.[12] -Das Speierer Domkapitel liess stets zu Martini und am Faschingsdienstag -ihren Dienern und deren Familien ein Freibad bereiten, ebenso der -Bader von Böblingen den Armen, wofür er zu jeder Zeit im Walde umsonst -Holz fällen durfte. Mathilde, Kaiser Heinrichs I. Frau, liess jeden -Sonnabend ein Bad für Dürftige und Reisende herstellen, wobei sie -selbst half. Markgräfin Mathilde von Tuscien und die heilige Elisabeth -bewiesen ihre Frömmigkeit durch das Baden Aussätziger, denen sie nach -dem Bade ihre eigenen Betten zur Ruhe überliessen. Den Dienern, -Handwerksgesellen und Taglöhnern reichte man statt Trinkgeld das -Badegeld, und bei besonders freudigen Anlässen gab man ihnen Freibäder. -In manchen Orten, so im Dörfchen Huisheim in Schwaben, hatte um 1500 -der Bader jedem, gleichviel ob Weib oder Mann, der zu »gottz tisch -gaut«, einen Kübel mit warmem Wasser und eine Badehaube zum Gebrauche -bereitzustellen. - -[12] Dr. Hermann Hallwich, Töplitz, Eine deutschböhmische -Stadtgeschichte, S. 118. - -Die Parias des Mittelalters, die Juden, waren mit wenigen Ausnahmen, -wie von jeder anderen Gemeinschaft mit ihren christlichen -Nebenmenschen, so auch vom Besuche der Bäder ausgeschlossen. Nicht -einmal einladen zu einem Bade durfte man sie, ebensowenig wie »zue -kainer prauttschafft noch zu kainer wirttschafft«. Da aber auch sie -dasselbe Reinlichkeitsbedürfnis hatten, wie die Christen, und ihren -Frauen mindestens eine Reinigung im Monat von ihrem Ritus -vorgeschrieben war, so bauten sie sich in den Ghettos eigene Bäder. -Eines der ältesten dieser Judenbäder ist wohl das einst viel -bewunderte, auf das zweckmässigste eingerichtet gewesene Frauenbad zu -Worms[13]; andere Badeanlagen aus dem 12. Jahrhundert in den den Juden -eingeräumten Stadtteilen finden sich noch in Speyer, Andernach, -Friedberg in Hessen. Nach den Nürnberger Polizeigesetzen, die dem »Jud -oder Judein« das Baden in der »Judenpatstuben« verordnet, muss im 13. -Jahrhundert auch das Nürnberger Ghetto seine Badeanstalt besessen -haben. In Augsburg erscheint sie um 1290. Bei den strengen -Religionsvorschriften der Juden wird in den Bädern die Trennung der -Geschlechter durchgeführt worden sein, umsomehr, als das unreine Weib -sich erst durch das monatliche Bad zu reinigen hatte, eine Berührung -vor und im Bade daher als Sünde gegolten hatte, andererseits sogar in -den Synagogen die Männerabteilung ganz abseits von jener der Frauen -lag. Überhaupt zeichnete die mittelalterlichen Juden eine -exemplarische Sittlichkeit aus, was Freund und Feind gleichmässig -bestätigen. - -[13] Dr. Adolf Kohut, Geschichte der deutschen Juden, S. 24. - -Das ganze Mittelalter hindurch erhielt sich die von Nürnberg und -Regensburg ausgegangene Sitte, dass ein Brautpaar vor, manchmal auch -erst nach der Trauung mit dem ganzen Gefolge ihrer Sippe und der Gäste -zu Bade zogen, die Hochzeitsgäste beladen mit den vom Brautpaar -erhaltenen Badekappen und Bademänteln. - -Einen solchen Hochzeits-Badezug im alten Berlin schildert -Streckfuss[14] wie folgt: »Nach dem Austausch dieser Geschenke ordnete -sich die Gesellschaft, um sich in das Bad zu begeben; man machte, wenn -die Wohnung des Brautvaters dem Krögel zu nahe lag, oft einen Umweg -durch die vornehmsten Strassen, um dem zahlreich versammelten Volke -länger das Vergnügen des Zuschauens zu gewähren. Dem Zuge voran -schritten die Musikanten, welche sich bestrebten, ihre lustige -Hochzeitsweise so laut und geräuschvoll wie möglich zu machen. Ihnen -folgten die Gäste, zuerst die Frauen mit ihren neuen Schuhen -- ein -Geschenk des Bräutigams -- dann die Männer mit den Badehemden über der -Schulter. Bald vor, bald neben dem Zuge liefen die Lustigmacher, die -bei keiner grossen Hochzeit fehlen durften und welche die Aufgabe -hatten, durch die tollsten Possen die Heiterkeit der Gäste und des -zuschauenden Volkes zu erregen. -- Je toller, je besser, niemand -durfte dabei etwas übel nehmen, auch wenn die Scherze stark -handgreiflich wurden. Prügelte der Narr irgend einen der Umstehenden -mit seiner Pritsche, oder traf er gar beim Radschlagen diesen oder -jenen mit dem Fuss an die Nase, so lohnte ein schallendes Gelächter -den feinen Witz; häufig bedienten sich auch die Spassmacher grosser -Düten mit Kienruss, um besonders den jungen Mädchen das Gesicht zu -schwärzen. Jede solche Heldenthat wurde durch das allgemeine Gelächter -belohnt. - -[14] a. a. O. S. 64. - -Im Badehause teilte sich die Gesellschaft; meist war sie zu gross, als -dass die beiden geräumigen, gewölbten Badezimmer die sämtlichen -badenden Gäste auf einmal hätten fassen können; nur ein Teil konnte -baden, der andere erlabte sich während dessen, bis an ihn die Reihe -kam, mit einem guten Frühstück, zu welchem der Bader bei solchen -Gelegenheiten eingerichtet war.« - -Also auch bei Brautbädern badeten beide Geschlechter zusammen, denn -nur wenn die Gesellschaft zu gross war, teilte sie sich in mehrere -Partien, und ob diese Trennung nach Geschlecht erfolgte, davon sagt -weder unser Gewährsmann, noch sonst eine Quelle etwas. Hingegen -bezeugen andere Nachrichten, dass es bei und nach den Brautbädern -nicht immer schicklich hergegangen sei, so das Zittauer Rats-Edikt von -1616: »Als denn vormals dy jungen gesellen nach dem bade widir (wider) -gute sitten in badekappin und barschenckicht (mit blossen Schenkeln) -getanzt haben, wil der Rath das fortureh (hinfort) kein mans bild in -badekappen odir barschinckicht tantzen solle.« - -Die Syphilis war, wie den Frauenhäusern, auch der Ruin der -öffentlichen Badestuben. Als Ansteckungsherd der Krankheit wurden sie -vom Anfang des 16. Jahrhunderts an immer mehr gemieden. Bereits im -Jahre 1496 gebot deswegen der Nürnberger Rat »allen padern bei einer -poen zehen gulden, das sie darob und vor sein, damit die menschen, die -an der Newen Krankheit, malum frantzosen, befleckt und krank sein, in -Irn paden nicht gepadet, auch Ihr scheren und lassen giengen, die -Eissen und Messer, so sie bey denselben kranken Menschen nutzen, -darnach in den padstuben nit mer gebrauchen.«[15] »Aber vor -fünfundzwanzig Jahren,« sagt Erasmus von Rotterdam in seinen -»Colloquia« (1612), »war in Brabant nichts beliebter, als die -öffentlichen Bäder; die stehen jetzt alle kalt. Die neue Krankheit -lehrt uns auf sie verzichten.« - -[15] Peters a. a. O. S. 54. - -In Gerolzhofen klagte der Rat schon 1445, dass, während früher zwei -Badestuben in der Stadt jede wöchentlich viermal geöffnet und stets -besucht gewesen sei, jetzt die eine kaum dreimal in der Woche -hinlänglichen Besuch habe. In Stuttgart wurden im Jahre 1547 die -öffentlichen Badetage von sechs auf zwei vermindert, desgleichen in -Wien, Berlin, Nürnberg und anderen Plätzen. In Frankfurt wurden gegen -Ende des 16. Jahrhunderts die Badestuben gänzlich geschlossen. - -»Bade im Hause« oder das Baden in offenen Wässern war das einzige, das -sich die ob der grauenvollen Krankheit erschreckte Menschheit ausser -dem Besuch von Heilquellen noch gestattete. War der Gebrauch von -Heilquellen bereits im deutschen Altertum nicht unbekannt, so kam er -doch erst im 15. und 16. Jahrhundert in volle Blüte, wurde sogar in -vielen Landstrichen zur Modesache. Eine Badefahrt zu unternehmen, -gehörte zum guten Ton; im 18. Jahrhundert noch liessen sich Bräute die -alljährliche Badereise im Ehekontrakt notariell zusichern. - -An Modebädern diesseits und jenseits der Reichsgrenze war kein Mangel. -Baden-Baden, Wildbad, Wiesbaden, Pyrmont, Baden im Aargau, dies schon -seit der Römerzeit her, Hornhausen, Burgbernheim und Zerzabelshof im -Schwarzwald, Teplitz in Böhmen und viele andere mehr waren Bäder von -Ruf. - -Durch seine Lage berühmt war Pfeffers, ein Besitztum des gleichnamigen -Klosters. Zu Anfang des 13. Jahrhunderts wurden seine warmen Quellen -zufällig durch einen Jäger entdeckt. Es barg sich »aber tieff zwischen -zweyen hohen und oben zusammengebogenen Felsen, dass niemand dazu ohne -lange Seyler hat mögen kommen«, sagte Münster in seiner Kosmographie. -Der Abt liess deshalb, als die Frequenz bedeutender wurde, eine -hölzerne Treppe in die Tiefe bauen. - -In den Thermalbädern nahm gewöhnlich ein gezimmertes oder gemauertes -Bassin die Badenden auf, wie zahlreiche Abbildungen in alten -balneologischen Werken zeigen. Der Schlitzoesche Holzschnitt im -»Tractat der Wildbeder« (1519) führt vier Männer und eine Frau in -einem solchen Bade schmausend und dem Gesange eines Fahrenden -lauschend vor. In dem allgemeinen Bade zu Plummers (Plombières) in den -Vogesen auf dem Titelbild zu J. J. Huggelius' »Von heilsamen Bädern -des Teutschenlands«, Mülhausen 1559, hat der schamhafte Künstler die -Männer mit einer Schambinde, Bruch, Hose, die Weiber mit einer knapp -unter der Büste festgebundenen Schürze bekleidet. In Eschenreutters -Buch (1571) gibt ein Blatt Mann und Frau in einer Badewanne wieder, -während sich eine grössere, sehr mangelhaft bekleidete Gesellschaft -mit Speise und Trank bei Gesang und Flötenspiel ergötzt.[16] - -[16] Wichner bei Rudeck a. a. O. S. 14. - -Über das Leben im Bade ergeht sich ein Glossar zu einigen Wandgemälden, -die sich ehedem im Hause des Domherrn Grafen Johann von Eberstein -befanden. C. Will[17] übersetzt diese von Henricus de Langenstein, -dictus de Hassia herrührende Beschreibung folgendermassen: »#Von -fleischlicher Lust.# Wenn ich mich nicht täusche, so ist der Sinn -dessen, der die Reihe besagter Malereien angab, von dem Geiste -getrieben worden, um stillschweigend die Meinung des Apostel Johannes -auszudrücken, der da spricht: ›Alles was auf der Welt vorhanden ist, -ist Begehrlichkeit des Fleisches oder Begehrlichkeit der Augen, oder -Übermut des Lebens‹. Das heisst: Alle Laster weltlicher Verirrung sind -auf drei zurückzuführen: fleischliche Lust, weltliche Habgier und -Stolz auf eitlen Ruhm. Wie aber konnte schicklicher fleischliche Lust -dargestellt werden, als auf einem Bilde des Wiesbadener Festes, das -durch alle Fleischlichkeit anstössig, von dem Schaume aller sinnlichen -Wollust triefend ist? Zu ihm kommen sie von allen Seiten in Freude -und Ausgelassenheit, mit Trompeten und Pfeifen, mit vollen Kasten und -Flaschen; man bringet Lebensmittel und die leckersten Getränke herbei, -man nimmt Geld in Menge mit, seltsame Kleider werden mitgeführt; in der -Hoffnung sich zu ergötzen, wird schon auf dem Wege gespielt, gesungen, -geplaudert, als ob man am Ziele die Freude der Glückseligkeit zu -erwarten habe. Wenn man angekommen ist, werden Gastereien veranstaltet, -man sucht der #Frauen Gesellschaft#, geht ins Bad, befleckt die Seele -... #Im Bade sitzen sie nackt mit Nackten beisammen, nackt mit Nackten -tanzen sie.# Ich schweige darüber, was im Dunklen vor sich geht, denn -alles geschieht öffentlich. Aber was ist das? Der Ausgang und der -Eingang dieses unsinnigen Festes ist nicht gleich, wenn, nachdem alles -verzehrt ist, die Kasten leer zurückkommen, die Geldbeutel ohne Geld, -man die Rechnung hört und die Verschleuderung so vielen Geldes bereut. -Und zuweilen beisst auch die Seele der Heimgekehrten das Gewissen wegen -der begangenen Sünden. Der ist traurig über solche Verirrung; der -klagt, weil er von der Lust scheiden muss; der gedenkt betrübt, wie -kurz und inhaltlos die Freuden dieser Welt sind. Was mehr? - -[17] Annalen des Vereines für Nassauische Landeskunde 1874, S. 344 ff. - -Sie kehren heim, die Körper sind weiss gewaschen, die Herzen durch -Sünde geschwärzt; die gesund hingingen, sie kehren heim angesteckt; -die durch die Tugend der Keuschheit stark waren, kehren heim verwundet -von den Pfeilen der Venus. Das möchte noch wenig bedeuten, wenn nicht -die Mädchen, die als Jungfrauen hinreisten, als Dirnen zurückkehrten, -als Ehebrecherinnen, die anständige Ehefrauen waren, wenn nicht als -Teufelsweiber heimkehrten, die als Gottesbräute hingingen. Und so -erfahren sie durch diese und andere Anlässe zur Trauer bei der -Rückkehr die Wahrheit des Satzes, dass das Ende aller fleischlichen -Lust Trauer ist.« - -Der geistliche Herr malt, wie es seines Amtes ist, grau in grau, -alle fleischliche Lust verketzernd, die allerdings in den Bädern den -weitesten Spielraum fand. Poggios, auf Autopsie beruhende Beschreibung -des Getriebes in Baden bei Zürich liefert den Beweis, wie recht der -edle Langenstein stellenweise mit seiner Verdonnerung hatte. Poggio, -ein Florentiner, hatte den Papst Johannes XXIII. zur Kirchenversammlung -nach Konstanz begleitet, war dann nach Baden gefahren, um dort von -seinem Chiragra befreit zu werden. Aus dem Kurorte schrieb er im Sommer -1417 an seinen Freund und Landsmann Niccoli einen langen, lateinischen -Brief, den ich hier in der Übersetzung von Alwin Schultz mitteile. -Poggio ist ein fideles Haus, dem es nicht immer auf volle Wahrung -der historischen Treue anzukommen scheint, wenn er durch aufgesetzte -humoristische Lichter sich selbst und seinen Freund unterhalten kann. -Er mischt daher Wahrheit und Dichtung zu einem ergötzlichen Feuilleton -zusammen, das aber trotz der beabsichtigten humoristischen Färbung doch -meisterhaft das Thema des mittelalterlichen Badelebens erschöpft. - -»Diesen Brief aber schreibe ich Dir aus diesem Bade, das ich, meine -Handgelenke zu heilen, aufgesucht habe; und da schien es mir -angemessen, die Lage und Anmuth desselben, zugleich auch die Sitten -dieser Leute und die Weise des Badens zu beschreiben. Von den Alten -wird viel über die Bäder von Puteoli gesprochen, wohin das gesammte -römische Volk der Lust wegen strömte, doch glaube ich nicht, dass jene -diese an Vergnüglichkeit erreicht haben und dass sie mit den unsrigen -zu vergleichen gewesen sind. Denn in Puteoli verursachte die Lust mehr -die Schönheit der Lage, die Pracht der Landhäuser, als die -Liebenswürdigkeit (festivitas) der Menschen und der Gebrauch der -Bäder. Dieser Ort aber bietet keine oder fast keine Erquickung dem -Geiste, das Uebrige aber bringt einen angemessenen Frohsinn -(amoenitatem), so dass ich zuweilen meine, Venus sei mit allen -Vergnüglichkeiten von Cypern nach diesem Bade übersiedelt, so werden -ihre Gesetze beobachtet, so aufs Haar ihre Sitte und Leichtfertigkeit -wiedergegeben, so dass sie, wenn sie auch die Rede des Heliogabel -nicht gelesen, doch von Natur gelehrt und unterrichtet genug -erschienen. Aber da ich dir dieses Bad beschreiben will, so mag ich -auch nicht den Weg übergehen, der von Constanz hierher führt, damit Du -vermuthen kannst, in welchem Theile Galliens es liege. Am ersten Tag -reisten wir zu Schiff den Rhein hinab nach Schaffhausen, vierundzwanzig -Meilen (milia passuum) und dann, weil wegen des grossen Falles und -wegen der steilen Berge und abschüssigen Felsen der Weg zu Fuss -gemacht werden muss, noch zehn Meilen und gelangten nach dem Schlosse -Kaiserstuhl am Rhein. Nach dem Namen vermuthe ich, dass es wegen der -günstigen Lage auf einem hohen Hügel am Flusse, der durch eine kleine -Brücke Gallien mit Germanien verbindet, ein Römercastell gewesen sei. -Auf dieser Reise sahen wir den Rheinfall, der von hohem Berg, zwischen -zerklüfteten Felsklippen mit Donnerbrausen herabstürzt. Da kam mir -ins Gedächtniss, was man von dem Nilkatarakt erzählt. Und es ist -nicht zu verwundern, dass die Anwohner wegen des Getöses und Donnerns -taub werden, da ja dieses Flusses, der an der Stelle nur als Wildbach -gelten kann, Lärm wie beim Nil drei Stadien weit gehört wird. Die Stadt -Baden ist ziemlich reich, von Bergen umgeben, in der Nähe ein Fluss -von reissender Strömung, der in den Rhein fliesst, etwa sechs Meilen -von der Stadt. Nahe bei der Stadt, vier Stadien entfernt, liegt ein -sehr schönes Dorf (villa) zum Gebrauch der Bäder hergerichtet. In der -Mitte des Dorfes ist ein grosser Platz, der von grossen Gasthäusern, -welche viele aufnehmen können, umgeben ist. Die einzelnen Häuser haben -die Bäder im Innern, in denen nur die baden, welche da wohnen; die -Bäder sind sowohl öffentliche als Privateigenthum, etwa dreissig an -der Zahl. Öffentliche sind nur zwei vorhanden, offen (palam) zu beiden -Seiten, Badestätten des Volkes und des gemeinen Haufens, zu denen -Weiber, Männer, Knaben, unverheiratete Mädchen, die Hefe der ganzen -Umgebung, zusammenströmt. In ihnen scheidet eine Mauer die Männer von -den Frauen. Es ist lächerlich zu sehen, wie abgelebte alte Weiber und -jüngere Frauen nackt vor den Augen der Männer ins Wasser steigen. Ich -habe oft über dies prächtige Schauspiel gelacht, dabei an die Spiele -der Flora gedacht und bei mir die Einfalt dieser Leute bewundert, die -weder auf so etwas hinsehen, noch irgend etwas Böses davon denken oder -reden. Die Bäder in den Privathäusern sind aber sehr fein (perpolita); -Männer und Frauen gemeinsam, aber durch eine Holzwand geschieden. In -ihr sind mehrere Fenster angebracht, so dass man zusammen trinken und -sich unterhalten kann, nach beiden Seiten hin zu sehen und sich zu -berühren vermag, wie dies ihrer Gewohnheit nach oft geschieht. Über -dem Bassin sind Korridore, auf denen Männer stehen, zuzusehen um sich -zu unterhalten, denn ein jeder darf in andere Bäder gehen und sich -dort aufhalten, zuzuschauen, zu plaudern, zu scherzen und sich zu -erheitern, so dass man die Frauen, wenn sie ins Wasser steigen oder aus -demselben herauskommen, sieht. Keiner wehrt die Thür, keiner argwöhnt -etwas Unschickliches. Männer tragen nur eine Schambinde (campestribus -utuntur), die Frauen ziehen leinene Hemden an, von oben bis zum -Schenkel, oder an der Seite offen, so dass sie weder den Hals, noch -die Brust oder die Arme bedecken. Im Wasser selbst speisen sie oft auf -gemeinsame Kosten, ein geschmückter Tisch schwimmt auf dem Wasser, und -auch Männer pflegen teilzunehmen. Wir sind in dem Hause, in dem wir -badeten, einmal zu solchem Fest geladen worden. Ich habe meinen Beitrag -gezahlt, wollte aber trotz wiederholter Bitten nicht teilnehmen, nicht -aus Schamgefühl, das für Feigheit oder Unbildung gehalten wird, sondern -weil ich die Sprache nicht verstand. Es kam mir närrisch vor, dass ein -Italiener, unkundig der Sprache, im Wasser stumm und sprachlos dasitze, -da ein ganzer Tag mit Essen und Trinken hingebracht werden sollte. -Aber zwei von den Genossen sind in das Bad gegangen, mit grosser -Herzensheiterkeit, haben mitgethan, mit getrunken, mit gespeist, durch -den Dolmetsch sich unterhalten, oft mit dem Fächer Luft gefächelt. -Es fehlte nichts zu dem Gemälde, wie Jupiter die Danae mittelst des -goldenen Regens befruchtete u. s. w. Sie aber waren, wie es bei den -Männern Sitte ist, wenn sie in die Bäder der Frauen eingeladen werden, -mit leinenen Hemden bekleidet; ich jedoch sah von der Gallerie aus -alles, die Sitten, Gewohnheiten, die Liebenswürdigkeit (suavitatem), -die Freiheit und Ungebundenheit der Lebensart. Es ist merkwürdig, zu -sehen, in welcher Unschuld sie leben, mit welchem Vertrauen Männer es -ansahen, dass ihre Frauen von Fremden berührt wurden. Sie wurden nicht -gereizt, achteten nicht darauf, nahmen alles von der besten Seite. -Nichts ist so schwer, dass bei ihren Sitten nicht leicht wurde. Sie -hätten ganz in den Staat Platos gepasst, wo alles gemeinsam ist, da -sie schon ohne seine Lehre so eifrig in seiner Schule erfunden werden. -In einigen Bädern sind Männer unter den Frauen, denen sie entweder -verwandt sind, oder es wird ihnen aus Wohlwollen gestattet. Täglich -gehen sie drei- oder viermal ins Bad und bleiben den grössten Theil des -Tages darin, theils singend, theils trinkend, theils Reigen tanzend. -Sie singen auch im Bade sitzend ein Weilchen, dabei ist es besonders -angenehm, die erwachsenen Mädchen im heiratsfähigen Alter, mit schönen -und freimüthigen Gesichtern, im Costume und Gestalt der Göttinnen, -singen zu sehen, wie sie die auf dem Wasser schwimmenden Kleidern -hinten nachziehen, man könnte sie für die Venus selbst halten. Es ist -Sitte, dass die Frauen, wenn die Männer von Oben zuschauen, Spasses -halber um ein Geschenk bitten. So werden ihnen, und zwar den schönsten, -Geldstücke zugeworfen, die sie mit der Hand oder mit den ausgebreiteten -Hemden fangen, sich einander fortstossend, und bei diesem Spiele -werden zuweilen auch geheime Reize enthüllt. Es werden auch Kränze aus -verschiedenen Blumen herabgeworfen, mit denen sie sich die Häupter beim -Baden schmücken. Ich habe, durch die unbeschränkte Freude, zu sehen -und Scherz zu treiben, gelockt, da ich nur zweimal täglich badete, -die übrige Zeit damit hingebracht, die anderen Bäder zu besuchen und -sehr oft Geldstücke wie Kränze wie die anderen hinabgeworfen. Denn -weder zum Lesen noch zum Denken war Zeit vorhanden unter den ringsum -erschallenden Klängen der Symphonien, der Trompeten, der Zithern, wo -schon der Wille zu denken, die höchste Thorheit gewesen wäre, besonders -für einen, der auch wie der Menedemus Heautontimorumenos ist, ein -Mensch vielmehr, der allem Menschlichen zugänglich. Zur höchsten Lust -fehlte die mündliche Unterhaltung, die vor allen Dingen den meisten -Werth hat; so blieb nichts übrig als die Augen zu weiden, zu folgen, -zum Spiele hin und zurückzuführen. Zum Spazieren war Gelegenheit und -so viele Freiheit, dass der Spaziergang nicht durch Gesetze beschränkt -war. - -Ausser diesen vielfältigen Vergnüglichkeiten gibt es noch eine nicht -geringfügige. Hinter der Stadt am Flusse ist eine Wiese mit vielen -Bäumen bewachsen. Dahin kommen nach dem Nachtessen alle von allen -Seiten; dann werden verschiedene Spiele gespielt; die einen erfreuen -sich am Tanze, die anderen singen, die meisten spielen Ball, nicht -nach unserer Sitte, sondern die Männer und Frauen werfen einen mit -Schellen besetzten Ball einander als besondere Liebesauszeichnung zu, -und der wirft ihn wieder einer ihm besonders lieben Person zu, während -jene Vielen mit vorgestreckten Händen bitten und er bald dem, bald -jener ihn zu werfen heuchelt. Es werden noch ausserdem viele Scherze -getrieben, die zu beschreiben zu weit führen würde. - -Diese aber habe ich berichtet, damit du siehst, wie gross hier die -Schule der Epicuräer ist, und ich glaube, dies ist hier der Ort, in -dem der erste Mensch geschaffen worden, den die Hebräer Gamedon, das -heisst: »Garten der Lust« nennen. Denn wenn die Lust das Leben -glücklich machen kann, so sehe ich nicht ein, was diesem Orte fehlt -zur vollendeten und in jeder Hinsicht vollkommenen Lust. Fragst du nun -nach der Wirkung der Bäder, so ist sie mannigfach verschieden, doch -ist ihre Kraft bewunderungswerth, fast göttlich. Ich glaube nicht, -dass es auf der Welt, #ein wirksameres Bad für die Fruchtbarkeit der -Frauen gibt#; da recht viele der Unfruchtbarkeit wegen hierher kommen, -so erfahren sie seine merkwürdige Kraft.[18] Sie beobachten genau die -Vorschriften, und es brauchen Mittel die, welche nicht empfangen -können. Unter diesen ist besonders folgendes bemerkenswerth: eine -unzählige Menge von Adeligen und Nichtadeligen kommt hier zusammen; -zweihundert Meilen weit her, nicht eben der Gesundheit, sondern der -Lust wegen, alles Liebhaber, alles Freier, alle, denen an einem -genussreichen Leben gelegen ist, um hier des gewünschten sich zu -erfreuen. Viele geben Körpergebresten vor, während sie doch im Geiste -krank sind. So siehst du unzählige schöne Frauen, ohne Männer, ohne -Verwandte, mit zwei Dienerinnen und einem Knechte oder einer alten -Angehörigen, die leichter zu täuschen als zu ernähren ist. Einige -gehen, soweit sie es vermögen, mit Kleidern, Gold, Silber und -Edelsteinen geschmückt, dass man glauben könnte, sie seien nicht zu -den Bädern, sondern zu den herrlichsten Hochzeiten gekommen. Da gibt -es auch vestalische Jungfrauen oder richtiger gesagt floralische. Da -leben Äbte, Mönche, Brüder und Priester in grösserer Freiheit als die -andern, baden zuweilen gemeinsam mit den Frauen und schmücken die -Haare mit Kränzen, alle Religion bei Seite lassend. Alle sind eines -Sinnes, die Traurigkeit zu fliehen, die Heiterkeit aufzusuchen, nichts -zu denken, als wie sie frölich leben, die Freuden geniessen. Nicht das -Gemeinsame zu theilen, sondern das Einzelne mitzutheilen ist die -Frage. Merkwürdig ist es, dass bei einer so grossen Menge (beinahe -1000 Menschen), bei so verschiedenen Sitten, keine durch Trunk (ebria) -verursachte Zwietracht entsteht; kein Aufruhr, kein Streit, kein -Gemurr, kein Fluch.[19] Es sehen die Männer, dass ihre Frauen berührt -werden, sie sehen, dass sie mit ganz Fremden, und zwar allein (solum -cum sola) verkehren; dadurch werden sie nicht erregt; sie staunen über -nichts, meinen, dass alles im guten und ehrbaren Sinne geschehe. Daher -findet der Name Eifersucht, der gewissermassen alle Ehemänner -erdrückt, bei denen keine Stelle. Das Wort ist unbekannt und unerhört. -Sie kennen gar nicht eine Krankheit dieser Art, haben keinen Ausdruck -für diese Leidenschaft. Und es ist nicht wunderbar, dass es bei ihnen -dies Wort nicht gibt, da die Sache selbst nicht vorhanden ist. Denn -noch ist keiner bei ihnen gefunden worden, der eifersüchtig wäre. O, -wie verschieden sind unsere Gewohnheiten« u. s. w. - -[18] Poggios satirische Witzelei auf die Wirkung Badens illustriert -eine alte Inschrift, die man, nach Wessely, in Baden bei Wien fand, -das als Franzensbad des Mittelalters galt. Da stand an einer Mauer zu -lesen: - - »Für unfruchtbare Frauen ist das Bad das beste, - Was das Bad nicht thut, das thun die Gäste.« - -[19] Das änderte sich im Lauf der Zeit, wie noch mitzuteilende -Badeordnungen ergeben werden. - -Poggios Widersprüche, bald lässt er die Frauen nackt baden, dann -wieder mit Badehemden bekleidet sein, verraten, wie erwähnt, allein -schon seine Unzuverlässigkeit. Ausserdem dürfte seine von ihm selbst -betonte Unkenntnis der Sprache und Sitten ihn zu manchem Fehlschluss -über die von ihm beobachtete Damensorte veranlasst haben. Er übersah -wohl geflissentlich die anständigen Frauen ob der »lichten Fräuleins«, -die nur der Verdienst ins Bad gelockt, und über jene Frauen, die im -Badeort nur Abenteuer erleben wollten. Denn trotz aller Unterschiede -zwischen den einstigen Sittenbegriffen von den heutigen, bestand auch -damals schon eine Moralgrenze, deren Überschreitung keine anständige -Frau gewagt hätte, darum waren jene so ausgelassenen Geschöpfe nichts -weiter als Demimondainen. Das Mittelalter missachtete diese Weiber -weit mehr, als dies unsere tolerantere Zeit thut und wusste aber -ebenso wie wir ganz genau, dass die oft nur aus Not zur käuflichen -Dirne Gesunkene Mitleid verdiente, während der meineidigen Gattin mit -vollstem Rechte zum mindesten die Nichtachtung aller rechtlich -Denkenden zu teil werden musste. Das öffentliche Mädchen konnte wieder -ehrbar werden, nicht so die Ehebrecherin, die für alle Zeiten -gesellschaftlich unmöglich war. Die Marklinie zwischen diesen beiden -Frauentypen war von jeher so verwischt, um nicht von einem Poggio -übersehen zu werden, während kein urteilsfähiger Landeskundiger über -die Qualität der Damen im Zweifel war. War es doch allbekannt, dass -die Kurorte den Haupttummelplatz für diese Abarten der Weiblichkeit -bildeten. - -»Etliche Weiber ziehen auch gern in die Sauerbrunnen und warme Bäder, -weilen ihre Männer zu alt und kalt sind,« sagt Glauber, und -Guarinonius pflichtete ihm bei, indem er gewisse Frauen nur deshalb -Bäder besuchen lässt, damit sie dort »lustig ihren Ehemännern eine -waxene Nasen träen kunden«. Aber ehrbare Frauen waren dies keineswegs. -Solche liessen sich, wie dies 1649 in Baden bei Wien geschah, in den -Saum ihres Badehemdes Bleistücke einnähen, oder trugen Badekleider, -die wohl Brust und Arme freiliessen, aber den Unterleib verhüllten. -Und zeigten sie sich auch vielleicht in voller Nacktheit, so gaben sie -doch ebensowenig ihren Körper preis, wie dies die Japanerin thut, die -bei der Toilette und im Bade den Zuschauer unbeachtet lässt. - -Die Badevorstände boten auch alles auf, die honetten Frauen vor -Übergriffen zu schützen. - -In der Badeordnung vom Jahre 1594 für das württembergische Bad Boll -bei Göppingen findet sich daher die Vorschrift: »Schandlose, üppige -Wort, und sonsten verkleinerliche Nachreden, sowohl auch ergerliche -Lieder und Gesäng sollen bei Straff eines halben Güldens verboten -sein, desgleichen unzüchtige Geberden und Erzeigungen gegen Erlichen -Frawen und Jungfrawen, bey unnachlesslicher Straf eines Güldens, so -oft das geschicht.« - -Suchte Poggio in Baden Heilung seines bösen Rheumatismus, so galt -dieser Kurort doch vornehmlich als unerreicht in der Behebung der -weiblichen Sterilität. Deshalb ist es sehr amüsant, den Eifer zu -beobachten, mit dem sich Nonnen und Mönche bemühten, eine Badenfahrt -ermöglichen zu können. Die Äbtissin vom Fraumünster in Zürich -veräusserte nur zu diesem Zwecke 1415 einen Meierhof; die -Klosterfrauen von Töss erkauften durch grosse Summen die päpstliche -Erlaubnis, sich in weltlicher Kleidung unter ihrem Nonnenhabite in -Baden erholen zu dürfen. Und das Leben dort war teuer, denn der Basler -Kaplan Johannes Knebel verbrauchte 1475 im Monat Juli mit Magd und -Diener in Baden zehn rheinische Gulden, über 500 Mark neuzeitlicher -Währung. Thomas Murner sagt darum mit Recht im »Geuchmatt«: - - »Im meyen farend wir gen Baden, - Lug das der seckel sy geladen .... - Denn syn natürlich würckung thut - Das du verdouwest gelt und gut.« - -In den Werken der Mittelhochdeutschen spukte die Sage von einem -Heilbade mit gar seltsam wunderthätiger Wirkung: - - »Dies Wasser hat so edle Kraft, - Welch' Mensch mit Alter war behaft, - Ob er schon achtzigjährig was, - Wenn eine Stund er drinnen sass, - So thäten sich verjüngen wieder - Sein Kopf, sein Herz und alle Glieder« - -sang 1542 Hans Sachs vom #Jungbrunnen#. - -Wer alt und runzelig in das Wunderwasser gestiegen war, sprang: - - »schön, wolgefarbt, frisch, jung und gsund - ganz leichtsinnig und wol geherig - als ob sie weren zwainzig jerig« - -hervor, was Lukas Kranach malte und »der Meister mit den Bandrollen« -auf einen in der Wiener Albertina befindlichen ebenso seltenen wie -gemeinen Kupfer radierte. - -Zur Sommerszeit badeten »Manns- und Weibspersonen in offenen Wassern -ganz unverschambt«, versichert Guarinonius, und mit ihm eifert die -gesamte Geistlichkeit gegen die gemeinsamen Flussbäder, »Weilen das -Baden der jungen Menscher und Buben sommerszeit sehr ärgerlich und -viel schlimbes nach sich ziehet«, wie der Abt Gregorius von Melk 1697 -meinte. Der Stadtrat von Frankfurt sah sich im 16. Jahrhundert schon -wiederholt veranlasst, den »handwercksgesellen vnd andere, so im Main -zu baden pflegen«, Haftstrafen zu verheissen, wenn sie, »wie Gott sie -geschaffen ganz nackend blos ohne scham«, ohne ihre »niedercleider« -badeten. Man hielt selbst im 18. Jahrhundert noch Flussbäder für einen -Unfug ohne jede hygieinische Wirkung, für Übermut, den sogar ein -Goethe noch verurteilte. - - - - -Tanz und Spiel. - - -Der Tanz, das Spiel der grossen Kinder, blickt auf eine nach -Jahrtausenden zählende Vergangenheit zurück. Er findet sich zu allen -Zeiten, in allen Kulturepochen der Menschheit; ebenso bei den auf der -niedrigsten Geistesstufe stehenden Wilden, wie bei den führenden -Nationen. Doch welch unendlicher Abstand liegt zwischen dem -grotesk-sinnlosen Stampfen und Sprüngen, den Gliederverrenkungen oder -dem hüpfenden Trippeln jener und dem graziösen Tanze im lichtflutenden -Ballsaale, und trotz dieses himmelweiten Unterschiedes hat die Sprache -für all diese Verrichtungen nur das eine kennzeichnende Wort: Tanz! -Dort die Begleitung von Gutturaltönen, Händeklatschen oder -misstönenden primitiven Musikinstrumenten, hier die fascinierenden -Walzerklänge, und all dieses ist Tanzmusik, unzertrennlich von -Tanzeslust, leuchtenden Augen, hochklopfenden Herzen. - -Die Erfindung des Tanzes verursachte kaum viel Kopfzerbrechen. Schon -in der Körperbewegung, im Gehen, Laufen und Springen liegt die -Grundidee des Tanzes. Die den Menschen eigentümliche Neigung, vor -Freude zu hüpfen, mag die Entstehungsursache des Tanzes gewesen sein. -So findet sich denn auch der Tanz oder Tanzformen bei allen Völkern, -über die geschichtliche Überlieferungen berichten. - -Auf den Bildertafeln der ägyptischen Tempel schweben florbekleidete -Tänzerinnen dahin. Die Bibel kündet von »Spiel und Tanz« der Frauen -Judas. Mirjam, die Prophetin, zog mit den Frauen und Jungfrauen hinaus -auf den Rain zum Reigen. David »tanzte mit aller Macht vor dem Herrn -her«, und Salome, die Tochter Herodias', ertanzte sich das Haupt -Johannes des Täufers, wenn wir der Legende und Sudermann glauben -dürfen. - -Bei den Griechen, wie auch später bei den Römern und zur Zeit noch bei -den meisten Naturvölkern, dann den Quäkern von Massachusetts und den -Mormonen, galt der Tanz, verbunden mit Hymnengesang, als ein -Bestandteil des Gottesdienstes. Der Tanz-Gesangskunst, Orchestik, der -Griechen huldigten Hoch und Gering. Selbst ein Sokrates verschmähte es -nicht, zu tanzen. Allerdings hing er seiner Tanzliebe ein -Ausrede-Mäntelchen um, indem er den Tanz ein vorzügliches Mittel, den -Appetit zu wecken, die Geistes- und Körperkraft rege zu erhalten und -zu steigern nannte. Die Eitelkeit und Schaulust der Griechen, dieser -Franzosen des Altertums, suchte Gelegenheit, ihrer Tanzlust möglichst -oft zu frönen. Man tanzte schon in homerischer Zeit bei Gastmählern, -bei öffentlichen und privaten Festen, im Hause, auf freien Plätzen, -auf der Bühne, selbst bei Begräbnissen. Bei den Römern dekretierte -Numa Pompilius (715-672 v. Chr.) den Tanz als gottesdienstliche -Handlung. Dionysius von Halikarnass nannte die Marspriester, deren -Kultustänze zu den heiligsten Ceremonien gezählt wurden, »Tänzer und -Hymnensänger der Waffengötter«. Mit der fortschreitenden Kultur Roms -war das hüpfende Vergnügen die Hauptsache jeder festlichen -Veranstaltung. Es wimmelte von Kindern Terpsichores beiderlei -Geschlechtes in Rom und wohin römische Sitte drang. Sie waren überall -gern gesehene, wenn auch wenig geachtete Gäste. Auch bei den -Leichenzügen der Cäsaren spielten Tänzer eine Rolle. Sie hatten den -Verstorbenen in Maske und Gebärden zu kopieren. Mit der römischen -Kultur entarteten auch die Tänze, über die wir von den Satirikern sehr -Unerbauliches erfahren. Den Vergnügungstänzen lag ein erotischer -Gedanke zu Grunde, wie dies z. B. bei den Tänzen der Spanier und dem -Czardas auch noch jetzt der Fall ist. - -Dem ernsten Sinne des Germanen waren derartige Tänze ein Unding. -»Jünglinge, welchen das eine Lustbarkeit ist, tanzen nackt zwischen -aufgestellten Schwertern und Speeren umher. Die Uebung erzeugt -Fertigkeit, die Fertigkeit Anmut. Doch thun sie das nicht zum Erwerb -oder um Lohn; wiewohl in dem Vergnügen der Zuschauer der kühne -Mutwille seine Belohnung findet.«[1] Die Frauen der Germanen blieben -dem Tanze fern, erst im Mittelalter wagten sie es, sich am -Tanzvergnügen zu beteiligen und an der Seite eines Tänzers sich im -Schreit-, Schleif- oder Springtanz zu erlustigen. - -[1] Tacitus, Germania 24. Grimm sagt, »dass dem Heidengotte Zio zu -Ehren Schlachtgesänge angestimmt, vielleicht auch kriegerische Tänze -gehalten wurden, worauf ich die noch lange und weitverbreitete Sitte -des feierlichen Schwerttanzes beziehe, der ganz eigentlich dem Gotte -des Schwertes zukam«. - -Die Schreittänze trugen ritterlich-höfisches Gepräge. Der Tänzer -fasste eine oder zwei Tänzerinnen bei der Hand und hielt schleifenden -Schrittes einen Umgang im Saale, sei es unter den Klängen von -Instrumenten oder nach dem Takte von Tanzliedern, welch letztere der -Vortänzer anstimmte, und in deren Refrain die ganze Gesellschaft -einfiel.[2] Bei solchen Tänzen musste es steif zugehen, denn die -Männer blähten sich in gesuchter Grandezza, während die Damen in ihren -langen, wallenden Gewändern affektiert - - »Uf den zehen slichent's hin - Nach dem niuwen hovesin« - -dahintrippelten, »die trittel -- als zuo einer henne ein han«. - -[2] Alb. Czerwinski, Zur Kulturgeschichte der Tanzkunst. - -Bei den Rundtänzen ging die Gesellschaft in der Runde und suchte den -Inhalt des vorgesungenen Tanzliedes durch einfache Bewegungen mimisch -darzustellen. Während solcher Rundtänze wurden sogar Trauungen -vollzogen, wenn aus einer Stelle im Tristan ein allgemeiner Schluss -gezogen werden kann. Aus diesen Rundtänzen entwickelten sich -dramatische Tänze mit unterlegter Handlung, der einfache Vorgänge aus -der Tierwelt zum Vorwurfe dienten. In einem Gedichte des 11. -Jahrhunderts, »Ruodlieb«, treten Ritter und Edelfräulein einander -gegenüber und stellen Falke und Schwalbe dar; der Raubvogel verfolgt -in Sprüngen das Vögelchen, gleitet aber an ihm vorüber, statt es zu -erhaschen.[3] - -[3] Siehr, Kulturhistorisches aus dem Ruodlieb, Trarbach 1881, S. 15. - -Zu den Variationen des Rundtanzes gehörte auch der noch heute bei -fürstlichen Vermählungen gebräuchliche Fackeltanz. Bereits unter -Kaiser Konstanz (337-350) in Byzanz nach griechischem Vorbild -eingeführt, hat dieser Tanz eine Parallele in einem Hochzeitsbrauch -der heidnischen Preussen, die die Braut an der Grenze ihres neuen -Heimatortes mit einem »Brandfeuer« empfingen. Im 11. Jahrhundert war -der Fackeltanz, wie aus der Reimchronik Peters von Hagenbach -ersichtlich, als Vergnügen nach Turnieren allgemein. Den an sich -langweiligen Rundgang mit den brennenden Lichtern suchte man durch -Figuren zu beleben und unterhaltender zu gestalten. Man spielte mit -den Fackeln, stemmte erst eine Hand, dann beide Hände in die Seite, -trug die Hände abwechselnd unter dem Gürtel, winkte mit der Hand, -legte sie über die Augen, trug Tannenreiser im Munde, winkte und -drohte sich zu und beschmierte sich schliesslich gegenseitig die -Gesichter mit Russ. Begreiflicherweise ging es bei diesen Tänzen -höchst ehrbar zu, so dass Kirchenfürsten nicht anstanden, selbst -derartige Feste zu veranstalten und ein Tänzchen mitzumachen, was -Geiler zu dem ärgerlichen Ausspruch veranlasst: »O Mönch, wie passt -die Kutte zum Tanze, wie die Tonsur zu den Kränzen der Frauen?« - -Waren die Tänze an sich auch anständig, so scheint dies von den dabei -gesungenen Tanzliedern weniger der Fall gewesen zu sein, wie Geiler -hervorhebt. »Noch het ich schier ein trutz vergessen, nemlich den -reien tantz; da werden auch nit minder untzucht und schand begangen, -weder inn den andern, von wegen der schandtlichen und schamparen -(schandbaren) hurenlieder, so darinn gesungen werden, damit man das -weiblich geschlecht zu der geilheit und unkeuschheit anreitzet.« Dann -weiter: »Auch in schmählichen Liedern wird gesündigt: das pflegt zu -geschehen bei den Tänzen, die wir deutsch ›Leygerleyss‹ oder ›ein -scheiblecht tenzlein‹ nennen, wo Eine vorsingt und die anderen -nachfolgen, und wo viel Schmachvolles von Liebe gesungen wird, was zur -Wollust anreizt und gegen die Ehrbarkeit gerichtet ist .... Mit -leichtfertigem und unzüchtigem Schmuck bis auf den halben Rücken ist -Alles bloss und nackt von vorn bis zu den Brüsten, dass sie auch die -enthaltsamsten Männer locken können« -- also schon damals -Balltoiletten wie in der Ära der Lex Heinze -- ja, Alles schon -dagewesen! Der zweite Teil der eben mitgeteilten Philippika ist auf -das ausgelassene Volk gemünzt, das sich nicht mit den feierlich-faden -Schreittänzen begnügte, dessen leichteres Blut eine flottere -Unterhaltung begehrte. Man tanzte im Dorfe auf dem Plane, den eine -Linde überschattete, oder auf dem Tanzhügel. Im Winter flüchtete man -in grosse Stuben, in das Dorfwirtshaus oder auch in Scheuern. -Aber auch die Kirchen der Städte, ihre Vorhallen und die Kirchhöfe -waren seit alter Zeit beliebte Tanzplätze, wenn auch die Geistlichkeit -auf Synoden und von der Kanzel herab bis zum Ende des Mittelalters -dagegen zeterte; ja noch mehr, man tanzte sogar zu denselben -weltlichen Melodien, nach denen man in der Kirche die geistlichen -Texte sang, weshalb Erasmus von Rotterdam von dem Kirchgesange sagt: -»Da hört man schändliche und unehrliche Buhllieder und Gesang, darnach -die Huren und Buben tanzen.« - -Da ging es denn auch ganz anders zu, wenn sich die Tänzer auf solchen -Plätzen zusammenfanden, die Weisen des Spielmannes lockten, die langen -Fähnchen und mit ihnen die Gespreiztheit im Dunkel der Truhen -verschlossen lagen und der Zwang des vornehmen Rathaussaales oder des -städtischen Tanzhauses vergessen war. Da klopften die Pulse höher, da -lohte die Jugendlust und Tanzfreude auf, da offenbarte sich der -lebensvolle Übermut, da kam die unverfälschte Menschennatur zum -Vorschein, befreit von den Fesseln des mit Mühe festgehaltenen »guten -Tones«, da hiess es auf die Sittenpredigt des gestrengen Seelenhirten: - - »Bruoder Berthold, rede waz dû wellest! - wir mügen ungetanzet niht sîn«, - denn .... - ».... hier ist des Volkes wahrer Himmel. - Zufrieden jauchzet Gross und Klein, - Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!« - -Wenn auch die Städter niederen Ranges, wie die Bauern, sich emsig -bemühten, den höfischen Reigen, wie alles, was von »oben« kam, -nachzuäffen, was Neithard von Reuenthal bezeugt, so waren doch die -Repräsentationstänze nur einzelne, der lieben Mode wegen eingeschobene -Programmnummern, zwischen denen dann jene Tanzformen auftauchten, die -das Wesen und die Anschauungen des Volkes schärfer charakterisierten, -als die sentimentale Stadelweise oder der flottere, aber noch immer -zahme Ridewanz. - -Die Namen der Bauerntänze sind fast alle ungelöste Sprachrätsel. Man -tanzte Köwenanz, Sulawranz, Hoppaldei, Heierlei, Folafrantz, Ahsel, -Houbetschoten (Kopfschütteln), Troialdei, Firgamdray, Wânaldei, -Treirôs, Mürmum, Bôzalt, Gimpelgampel, Drauraran, Krumme Reien[4], -Adelswanck, Schwingewurz, Trümmekentanz[5] und andere schönbenamste -Tänzchen mehr. Trotz dieser grundverschiedenen Namen hatten alle diese -Tänze das eine gemein, dass sie weder graziös noch sittenverbessernd -waren -- darin sind alle massgebenden Autoren der Vergangenheit einig, -die ausnahmslos den Stab über diese »Törpertänze« brechen. - -[4] Schultz, Höfisches Leben, S. 548 ff. - -[5] Bartels a. a. O. S. 70. - -Das Springen von Tänzer und Tänzerin, »den reien springen«, war eine -Hauptsache bei all diesen Tänzen. Von einem Mädchen heisst es in einem -Liede Neithards: - - »Sie spranc - Mêr dan einer klâfters lanc - Unt noch hôher danne ie magt gesprunge.« - -und Oswald von Wolkenstein sagt: - - »Gar weidlich tritt sie den firlefanzen, - Ihre hohe Sprünge, unweiblich fast zu tanzen.« - -Wie bei diesen Sprüngen die leichte Gewandung flattern musste! Aber es -kam noch toller: Man schwenkte die Tänzerinnen in die Luft empor, -»dass man hoch sieht die blossen Beine«, wie Brant im Narrenschiff -sagt. -- Es sei hier nebenbei erwähnt, dass Beinkleider den -mittelalterlichen Frauen gewöhnlichen Standes unbekannt waren.[6] - -[6] Weinhold a. a. O. II. 263. - -Geiler eifert gegen derartiges Tanzunwesen: - -»Darnach findt man Klötz, die tantzen also sewisch (säuisch) und -unflätig, dass sie die weiber und jungfrawen dermassen herumbschwencken -und in die hohe werffen, das man jhn hinden und vornen hinauff siehet -biss in die weich, also dass man jhr die hübsche weisse beinle siehet -..... Auch find man etlich, die haben dessen ein ruhm wann sie die -jungfrawen und weiber hoch inn die höhe konnen schwencken und haben es -bissweilen die jungfrawen (so anders solche jungfrawen zu nennen sein) -fast gern und ist jnen mit lieb gelebt, wann man sie also schwencket, -das man jhnen, ich weiss nicht wohin siehet.« - -Murner variirt dasselbe Thema dahin: - - »Seh' ich die Sache richtig an, - Kein frommes Kind dort hingehn kann, - Nur solche, die da stützen kann - Den Burschen, wenn er hebet an - Zu springen, und ihn hebt empor. - Ihr wisst's, kein Wort lüg' ich euch vor. - Es ist nicht Scham noch Zucht dabei, - Wenn sie die Mägdlein schwenken frei - #Und Gretlein so weit treibt den Spass, - Dass man kann seh'n, ich weiss nicht was. - Wer seine Tochter fromm will sehen, - Der lass' sie nicht zum Tanze gehen#. - Der Schäfer von der neuen Stadt - Schon manches Kind verderbet hat, - Geschändet, ihm geraubt die Ehr', - Das nun ein Eheweib wohl wär'; - Doch nun sitzt sie im Frauenhaus, - Der Ehre ist der Boden aus.«[7] - -[7] Narrenbeschwörung, 50. - -Agrippa von Nettesheim, keineswegs so schwarzseherisch und pedantisch -wie Murner und Geiler, sagt trotzdem in seinem 1526 verfassten Buche -»De vanitate scientiarum«, man tanze mit unehrbaren Gebärden und -tosendem Fussgestampfe nach lasciven Weisen und zotigen Liedern. In -buhlerischen Umarmungen lege man dabei unzüchtige Hände an Mädchen und -Matronen, küsse sie, und, Lasterhaftigkeit für Scherz ausgebend, stehe -man nicht an, das schamlos zu entblössen, was die Natur verberge und -die Sittsamkeit verhülle. - -Diese harten Worte bestätigt auch Heinrich von Wittenweiler in seinem -obengedachten »Ring«: - - »Die Mäczli (Mädchen) warent also rüg - Und sprungen her so gar gefüg - Daz man in oft, ich wayss nit wie - Hinauf gesach bis an die Knie. - Hilden Hauptloch was ze weyt - Darumb ir an derselben zeit - Das tüttel aus dem puosem sprang; - tanczens gyr sey dar zuo twang. - Hüddelein der ward so hayss, - day sey den Kittel vor auf rayss - des sach man ir die iren do - und macht vil mängen herczen fro.« - -Mädchen, die dem Werfen ausweichen wollten, warf man gewisse Gründe -dafür vor: - - »Dier da nit entspringt - Die treit ein Kint« - -sagt der Tannhäuser trocken. - -In der Abhandlung »was schaden tantzen bringt«, meint der unbekannte -Verfasser: »der tufel stifft solich tentz vff daz sich die vnkuschen -menschen an sehen an griffen vnd mit einander reden, vnd dar durch -entzundt werdent durch vnkuschheit, vnd böse fleischlich begirde -gewynnen, vnd gunst dar zu geben, vnd lust dar jnne haben, damit sie -tötlich sünden vnd jn vil stricke des tufels vallen ....«, und so geht -es weiter in allen Tonarten. - -Von einem anderen wird der Tanz der Kuppelei beschuldigt: »Es sind -solche, die gehen darum zu Tanz, damit sie andere zur Unzucht und zum -Mutwillen anstacheln. Da fasst man sich an, wird einander hold, da -schwätzt man Lieb und Leib mit einander, da man sonst nicht -zusammenkommt, da drücken sie sich die Hände, geben sich Liebesbriefe -(bulen brieffle) u. s. w.« - -Noch kräftiger drückt sich Florian Daulen von Fürstenberg, Pfarrherr -zu Schellenwalde, in seinem einst allbekannten und vielbesprochenen -»Tanzteufel«[8] aus. - -[8] »Tantzteuffel, das ist wider den leichtfertigen unverschämten -Welttantz und sonderlich wider die Gottesfurcht und ehrvergessene -Nachttäntze etc.«, Frankfurt a. M. 1569. - -»Wir wollen vom Tanzteufel, wie fürgenommen, sagen, dass unter allen -andern, so jetzt erzählt und in Krätschemen (Krug, Wirtshaus) zu -geschehen pflegt, der teuflische, verfluchte, unziemliche, unzüchtige, -Gottes Zucht und Ehr vergessene, leichtfertige Tanz, der besonders die -Nacht in Krätschemen geschieht, zu verfluchen, zu schelten und zu -verdammen sei. - -Der Tanz ist, sobald der Fiedler oder Spielmann aufmacht, ein -stätiges, unordentliches Rennen und Laufen. Wie das unvernünftige Vieh -laufen sie durcheinander; auch mit tollem, unvernünftigem Geläuf -laufen sie von fern mit den Köpfen zusammen, und treffen eins das -andere zu Boden, nicht allein von hinten auf die Füsse, dass die -Schuhe entfallen, sondern sie rennen sich auch gar darnieder und -machen ein so gräulichen Staub, dass vernünftige, fromme Leute in der -Stube nicht bleiben können. Die Tanzenden offt durcheinander gehen, -unordentlich gehen und lauffen wie die bisenden Küh, sich werfen und -verdrehen, welches man jetzt verködern heisset. So geschiehet nun -solch schendtlich, unverschämt schwingen, werffen, verdrehen und -verködern von den Tantzteuffeln, so geschwinde, auch in aller Höhe, -wie der Bawer den Flegel schwinget, dass bissweilen den Jungfrauwen, -Dirnen und Mägden die Kleider biss über den Gürtel, ja biss über den -Kopff fliegen. Oder werffens sonst zu boden, fallen auch wol beide und -andere viele mehr, welche geschwinde und unvorsichtig hernach lauffen -und rennen, dass sie über einem hauffen liegen. Die gerne unzüchtig -Ding sehen, denen gefellt solch schwingen, fallen und Kleiderfliegen -sehr wol, lachet und seind fröhlich dabei, denn man machet jnen gar -ein fein welsch Bellvidere. Welche Jungfraw, Magd und Dirne am meisten -am Tantze herumgefüret, geschwungen, gedrehet und geschawet wirdt, die -ist die fürnembste und beste und rühmen und sagen die Mütterlein -selber: »Es ist gar bedrang umb meine Tochter am Tantze, jedermann wil -mit jr tantzen, sie hat heut am Tantz guten Markt gehabt. Auch sticht -der Narr unsre jungen und alten Witwen, die treibens ja so körbisch, -wilde und unfletig als die jungen Mägdlein ....« - -»Alle Tänze sind jetzt gemeiniglich also geartet, gar wenige -ausgenommen, dass wahrlich an auch den Tänzen, die bald nach -geschehener Mahlzeit auf den Wirthschaften gehalten, nicht viel zu -loben ist, denn das junge Volk ist gar vom Teufel besessen, dass sie -keine Zucht, Ehre und Tugend mehr lieben. Die jungen Gesellen meinen, -wenn sie Fochtel und Degen neben den Tanz an der Seite tragen, sich -ungebärtig stellen, hoch springen, schreien, wüthen und drohen, sie -hätten nicht recht getanzt, zu geschweigen der unzüchtigen Worte und -Geberden, so die garstigen Esel am Tanze treiben.« Luther verdammt das -Tanzen an sich nicht, »wo es züchtig zugeht«. »Dass aber Sünde da -geschehen, ist des Tanzes Schuld nicht allein, sintemal auch über -Tisch und in der Kirche dergleichen geschehen. Gleichwie es nicht des -Essens und Trinkens Schuld ist, dass etliche zu Säuen darüber -werden.«[9] - -[9] Kirchen-Postill auf den zweiten Sonntag nach Epiphanias. - -In dem »Ehespiegel« des Cyriakus Spangenberg (1578), in dem 50 -Brautpredigten des Verfassers enthalten sind, werden für das letzte -Viertel des 16. Jahrhunderts die alten Klagen laut. Spangenberg stellt -dem ehrbaren »Bürgerlichen« den »Buben- und Hurentanz« gegenüber, bei -denen es zuging, »dass einer schwört, es hätten die Unfläter, so -solchen Regenführern, aller Zucht und Ehre vergessen, wären taub und -unsinnig und tanzten St. Veitstanz«. - -Wie es auf einem Balle oder Tanzfeste im 16. Jahrhundert zuging, davon -gibt der gelehrte markgräflich badische Rat und Obervogt zu Pforzheim, -Johann von Münster in seinem zuerst 1594 gedruckten »gottseligen -Traktat vom ungottseligen Tanz« genaue Mitteilung: »Die deutsche -allgemeine Tanzform besteht hierinnen, dass nachdem bei den Pfeiffern -und Spielleuten der Tanz zuvor bestellet ist, der Tänzer aufs -Zierlichste, Höflichste, Prächtigste und Hoffärtigste herfürtrete und -aus allen allda gegenwärtigen Jungfrauen und Frauen eine Tänzerin, zu -welcher er eine besondere Affektion trägt, jene erwähle. Dieselbe mit -Reverentz, als mit Abnehmen des Hutes, Küssen der Hände, Kniebeugen, -freundlichen Worten und anderen Ceremonien bittet, dass sie mit ihm -einen lustigen, fröhlichen und ehrlichen Tanz halten wolle. Diese -(hochnöthige) Bitte schlägt die begehrte Frauensperson nicht -leichtlich ab, unangesehen auch der Tänzer, der den Tanz von ihr -begehrt, bissweilen ein schlimmer Pflugbengel, oder ein anderer -unnützer vollgesoffener Esel, und die Frauensperson eine stattliche -vom Adel, oder andere ansehnlich denn reiche Frau oder Jungfrau ist. -Es wäre denn, dass sie um eines Verstorbenen Willen trauert oder Leid -trüge. In dem Falle ist sie, und auch eine Mannsperson entschuldigt. -So ferne noch bei dem, der den Tanz begehret, so viel Verstandes übrig -ist, dass er diese Entschuldigung annehmen will. Ist aber der Kerl gar -voll und toll, der den Tanz begehret, so muss die Frauensperson eben -wol fort. Will sie nicht tanzen, so mag sie schleiffen. Will sie im -Tanz nicht lachen und frölich springen, so mag sie weinen und sauer -aussehen und traurig tanzen. Denn er verlässt sie nicht, weil er sie -bei der Hand hat, sondern er zieht mit ihr immer fort, zum Tanze, wie -mit einem Widder zur Küche. Darüber lachen etliche, die dabei stehen -und zusehen, etliche aber, denen die Frauensperson verwandt ist, sehen -übel aus, und dürfen bisweilen mit diesem unzeitigen Tänzer Händel und -Streit anfangen. Ist aber die Frauensperson also daran, dass sie aus -wahrer Erkenntnis Gottes den Tanz hasset und dem Tänzer den Tanz -abschlägt, oder aus anderen Ursachen mit ihm zu tanzen sich weigert, -so ist das Ei zertreten. Dann fängt der Tänzer an zu fragen, oder -beschickt die Frauensperson durch seine Freunde, was sie für Ursache -habe, ihm den Tanz zu verweigern, ob er nicht redlich, ehrlich oder -gut genug dazu sei u. s. w. Zuweilen wartet der Tänzer nicht so lange, -dass er die Beschickung kann fürnehmen, sondern schämt sich auch -nicht, die Jungfrau oder Frau, sobald sie ihm den Tanz geweigert hat, -wider alle Billigkeit, Rechtlichkeit und Recht #aufs Maul zu -schlagen#. Etliche geben dem Schläger Recht und verteidigen seine lose -Sache mit den Spruch: einem ehrlichen und redlichen Mann muss und soll -man keinen Tanz weigern. Darum ist der Person Recht geschehen u. s. w. -Andere aber halten dieses (wie denn billig ist), für eine solche -unbescheidene, tyrannische That, dass sie wert sei, dass die ganze -Gesellschaft derselben sich annehme und sie räche. Daraus dann endlich -solch Werk erfolget, dass ohne Blutvergiessen und ständigem Hasse -nicht wol oder kaum kann beigelegt und verglichen werden. Wenn aber -die Person bewilligt hat, den Tanz mit dem Tänzer zu halten, treten -sie beide herfür, geben einander die Hände, #und umfangen und küssen -sich nach Gelegenheit des Landes#[10], auch wol recht auf den Mund, -und erzeigen sich sonst mit Worten und Geberden die Freundschaft, die -sie vor langer oder kurzer Zeit gewünscht haben, einander zu erzeigen. -Darnach, wenn es zum Tanze selbst gekommen ist, halten sie erstlich -den Vortanz, derselbe gehet etwan mit ziemlicher Gravität ab. Es kann -aber in diesem Vortanz das Gespräch und Unterredung, derer die sich -lieb haben, besser gebrauchet werden, als in den Nachtanz. Dies aber -haben sie gemein, dass die Tänzer, wenn sie zum End des Gemaches, in -welchem sie tanzen, gekommen sind, wieder umkehren, und sich zu beiden -Seiten, zur rechten und zur linken, so lang wenden und treiben, -vorgehen und folgen müssen, bis der Pfeiffer aufhört zu spielen, und -ihn gelüstet, ein Zeichen zu geben, dass der Vortanz ausgetanzet sei. -Darnach ruhen sie ein wenig, stehen aber nicht lange still. Sind es -gute Freunde, so reden sie miteinander von den Dingen, die sie gern -hören. Ist aber die Freundschaft nicht so gross, so schweigen sie -still, und warten bis der Pfeiffer wiederum aufblaset zum Nachtanz. In -diesem gehet es was unordentlicher zu, als in dem vorigen. Denn -allhier des Lauffens, Tummels, Handdrückens, heimlichen Anstossens, -Springens und bäurischen Rufens und anderer ungebührlichen Dinge, die -ich Ehren wegen verschweige, nicht verschonet wird, bis dass der -Pfeiffer die Leute, die wohl gern, wenn sie könnten, einen ganzen Tag -also toller Weise zusammenliefen, durch sein Stillschweigen geschieden -hat. Da hört man denn oft einen schrecklichen Fluch über den Pfeiffer, -dass er viel zu bald den Tanz ausspielet, oder auch manchmal den Tanz -zu lang gemacht hat. Denn sie schämen sich aufzuhören zu tanzen, ehe -und bevor der Spieler aufgehört hat zu pfeiffen. Die Strafe wird ihm -bisweilen auch zugelegt, dass er noch einmal um dasselbe Geld (wie sie -reden) aufblasen muss. Da gilt es denn mit Tanzen aufs Neu. Wenn aber -der Tanz zu Ende gelaufen ist, bringt der Tänzer die Tänzerin wiederum -an ihren Ort, da er sie hergenommen hat, mit voriger Reverentz, nimmt -Urlaub und bleibet auch wol #auf ihrem Schoss sitzen# und redet mit -ihr, darzu er durch den Tanz sehr gute und keine bessere Gelegenheit -hat finden mögen.«[11] - -[10] Siehe hierzu das Bild Aldegrevers in M. L. Beckers prächtigem -Geschenkwerke »Der Tanz«, Verlag von Herm. Seemann Nachfolger in -Leipzig. - -[11] Wilh. Angerstein, Volkstänze im deutschen Mittelalter, S. 30 ff. - -Alle diese Anklagen finden amtliche Bestätigung durch die zahllosen -Tanzordnungen, wie solche die ganzen Jahrhunderte hindurch erlassen -wurden und immer wieder erneut werden mussten bis in das 17. -Jahrhundert hinein. Man gab genaue Vorschriften, wie man sich beim -Tanze zu benehmen und zu kleiden hatte, welche Tänze erlaubt und -welche verpönt waren. In Zürich war sogar das Verbot nötig, nicht »bei -nacktem Leibe« auf dem Tanzboden zu erscheinen. Nürnberg untersagte -nur das »halsen und umbfahen«, während die Sächsisch-Meissnische -Polizeiordnung von 1555 gar das Kind mit dem Bade ausschüttete, denn -sie besagt, es sei besser, für manche Orte überhaupt keinen Tanz zu -gestatten, da sich bei solchen viele Mannspersonen unzüchtig und -Ärgernis erregend benahmen. Deshalb hätten Männer und Frauen züchtig -bekleidet zu sein und müsse das unziemliche Drehen, Geschrei und -unanständige Gebärden unter allen Umständen unterbleiben. In Danzig -wurden 1530 sieben Männer und ebensoviele Weiber gestäupt und ihnen -die Stadt »auf ewig« verboten, weil sie »in nicht gebräuchlicher, -unanständiger Kleidung« öffentlich getanzt hatten.[12] In Freiburg im -Breisgau legte man 1556 die Spielleute, die bei einem Tanze mitgewirkt, -in das Spitals-Gefängnis. Als alles dies nichts half, lenkte man -in einzelnen Städten ein und sandte zu den Tanzunterhaltungen -Beamte als Zensoren, um darüber zu wachen, dass nicht allzu grobe -Ausgelassenheiten vorfielen.[13] - -[12] Rudolph Voss, Der Tanz und seine Geschichte, 1869, S. 281, und -Reinöhl in »Das Kloster« IV. 421 ff. - -[13] Ritter bei Rudeck a. a. O. S. 58. - -Der älteste Tanz des deutschen Volkes ist der auch heute noch in -manchen entlegeneren, namentlich Gebirgsgegenden nicht gänzlich -verschwundene #Johannistanz#, wenn auch Voss seine Behauptung vom -Ursprunge dieses Tanzes unter dem vierten König der Gallier, Bardus -II., etwa 2140 oder 2174 v. Chr. G., nicht zu beweisen vermag.[14] -Immerhin besitzt er ein ehrwürdiges Alter, denn schon das sechste -Konzil zu Konstantinopel im Jahre 680 schritt gegen die »abgöttischen -Feuertänze« der Christen, der heilige Elipsius um dieselbe Zeit gegen -diese heidnische Sitte der Deutschen ein, »die an dem Johannisfeste -die Sonnwendlieder und andere teuflische Gesänge, Tanz und Sprünge -üben«. Als die Geistlichkeit einsah, diese althergebrachten Festbräuche -nicht ausrotten zu können, nahm sie sich -- sanft wie die Tauben und -klug wie die Schlangen -- ihrer an, gab ihnen durch Aufoctroyierung -eines Heiligen als Paten einen kirchlichen Charakter, und ein neuer -Feiertag mit Kirchgang und Opferung war fertig. Die Hauptsache an dem -neugebackenen St. Johannistag blieben aber die Johannisfeuer, mächtige -Scheiterhaufen, die von der Jugend unter heiteren Gesängen umtanzt und, -wenn die Flammen in den zusammengesunkenen Scheitern nur noch glimmten -und Rauchwolken den verkohlten Hölzern entströmten, mit kühnen Sätzen -durchsprungen wurden. In Stadt und Land freute sich mondelang vorher -die tanzfreudige Jugend auf den Sonnwendabend, der hoch und gering auf -den Feuerplätzen versammelt sah. - -[14] a. a. O. S. 73, S. 81. - -In München fand sich 1401 der lustige Herzog Stephan, Kaiser Ludwigs -des Bayern Sohn, mit seiner Gemahlin beim Sonnwendtanze ein, ebenso -tanzte König Friedrich IV. auf einem Reichstage in Regensburg 1471 im -Reigen um das Feuer. Kaiser Maximilians Sohn Philipp liess am -Johannistage 1496 auf dem Fronhof zu Augsburg einen 54 Schuh hohen -Scheiterhaufen aufrichten. Alle »Frauenzimmer« der Geschlechter waren -eingeladen und erschienen im höchsten Putze, weil bekannt worden war, -dass der Prinz eine von ihnen zum Tanze auffordern würde. Einer -schönen Ulmerin, der Susanne Neidhartin, wurde dies Glück zu teil; sie -durfte mit einer Fackel den Holzstoss entzünden, den unter Trompeten- -und Paukenschall die ganze Gesellschaft umtanzte.[15] Dass zu diesen -Tänzen auch die leichtfertigen Weiber der städtischen Bordelle -zugelassen waren, ist bereits oben mitgeteilt worden, daher dürfte es -auch nicht an Ausschreitungen gefehlt haben, wozu die Sprünge durch -das Feuer mit hochgeschürzten Kleidern willkommenen Anlass boten. - -[15] Voss a. a. O. S. 84. - -Die Schamlosigkeit der meisten Tänze, die sich, je weiter das -Mittelalter vorschritt, immer mehr vergröberte, und in der von Thränen -und Blut triefenden Wiedertäufertragödie zu Münster (1534-1535) ihren -Kulminationspunkt erreichte, den selbst die allgemeine Verwilderung -der grausen 30 Kriegsjahre nicht zu erreichen vermochte[16], fand -stellenweise durch das Volk selbst eine drastische Verurteilung, die -sich gegen jene Mädchen richtete, deren Moralität durch allzu häufiges -Aufsuchen von Tanzgelegenheiten in Zweifel gezogen wurde. -So herrschte am Rhein, in »Franckenland und ettlichen anderen Ortten« -folgender Gebrauch: »Merkwürdig ist, was am Aschtage (Aschermittwoch) -an den meisten Orten geschieht. Alle Jungfrauen, die in dem Jahre an -dem Tanze teilgenommen, werden von den jungen Männern zusammengebracht, -statt der Pferde an einen Pflug gespannt und samt dem Pfeifer, der -spielend auf dem Rosse sitzt, in einen Fluss oder einen See -hineingetrieben. Warum das geschieht, sehe ich nicht ein; ich denke -mir, sie wollen damit abbüssen, dass sie an den Feiertagen gegen das -Gebot der Kirche sich von leichtsinnigen Vergnügungen nicht -fernhielten.«[17] - -[16] Näheres über das Treiben jener Wahnsinnigen in dem markigen Buche -Joh. Scherrs »Grössenwahn, vier Kapitel aus der Geschichte -menschlicher Narrheit«, S. 75 ff. - -[17] Johannes Boëmus bei Schultz, D. L., S. 445. - -In einer Geschichte des Geschlechtslebens dürfen auch die #Hexentänze# -nicht übergangen werden, da sie zeigen, welch grauenvolle Bilder -sexueller Ausschweifungen verderbte Gemüter jener finstersten Zeit des -finsteren Mittelalters auszuhecken im stande waren. Was auf den -Hexenversammlungen auf dem Blocksberg, Heuberg, Hörselberg, Fellerberg -u. s. w. an den Hexensabbathen vorgegangen sein soll, füllt die -zahllosen Protokolle der Hexenprozesse mit dem ekelhaftesten Schmutz. -Nur der ausgesprochene Irrsinn oder wahrhaft teuflische Verderbtheit -konnte jene Beschreibungen diktiert haben, die entmenschte Richter den -sich unter Folterqualen windenden »Hexen« in den Mund legten.[18] - -[18] Siehe Kapitel: Liebeszauber und Zauberliebe. - -Eine weitere Erscheinung, die den mittelalterlichen Tanz als Ursache -hat, war die um 1021, 1278, 1374 und 1418 grassierende #Tanzwut#. Noch -waren die Gräber der vielen Millionen von der Pest, dem schwarzen Tod, -dahingerafften Menschen nicht überwachsen, als eine seltsame Krankheit -die Menschheit ergriff. Bei ihrem ersten Erscheinen, im 11. und im 13. -Jahrhundert, nur einzelne Individuen ergreifend, tauchten 1374 in -Aachen Scharen von Männern und Frauen auf, die, wie von einer höheren -Macht getrieben, Hand in Hand Reigen bildeten, und erst gemächlich, -dann immer toller, anscheinend ihrer Sinne nicht mächtig in wilder -Raserei ohne Scheu vor den Zuschauern tanzten, bis sie erschöpft zu -Boden sanken. Wie eine Epidemie breitete sich diese Tanzlust aus, -namentlich aus den niederen Volksschichten unzählbaren Zuzug -erhaltend. Nach allen Städten verpflanzte sich durch umherziehende -Tanzkranke diese Seuche, die Müssiggängern und losen Weibern ein -willkommener Deckmantel war, betteln und ihren Gelüsten frönen zu -können. Denn zweifellos befanden sich unter den armen hysterischen St. -Veitstänzern eine Unzahl von Simulanten, worüber übrigens helle Köpfe -schon damals nicht im Zweifel waren[19], wie aus folgender -zeitgenössischer Schilderung hervorgeht: »Anno 1374 zu mitten im -Sommer, da erhub sich ein wunderlich Ding auff Erdreich, und -sonderlich in Teuttschen Landen, auff dem Rhein und auff der Mosel, -also dass Leute anhuben zu tantzen und zu rasen, und stunden je zwey -gegen ein, und tantzten auff einer Stätte ein halben Tag, und in dem -Tantz da fielen sie etwan ufft nieder, und liessen sich mit Füssen -tretten, auff ihren Leib. Davon nahmen sie sich an, dass sie genesen -wären. Und lieffen von einer Stadt zu der andern, und von einer -Kirchen zu der andern, und huben Geld auff von den Leuten, wo es ihnen -mocht gewerden. Und wurd des Dings also viel, dass man zu Cölln in der -Stadt mehr dann fünfhundert Täntzer fand. Und fand man, dass es eine -Ketzerey war, und geschahe um Golds willen, dass ihr ein Theil Frau -und Mann in Unkeuschheit mochten kommen, und die vollbringen. Und fand -man da zu Cölln mehr dann hundert Frauen und Dienstmägde, die -nichteheliche Männer hatten. Die wurden alle in der Täntzerey -Kinder-tragend, und wann dass sie tantzeten, so bunden und knebelten -sie sich hart um den Leib, dass sie desto geringer wären. Hierauff -sprachen ein Theils Meister, sonderlich der guten Artzt, dass ein -Theil werden tantzend, die von heisser Natur wären, und von andern -gebrechlichen natürlichen Sachen. Dann deren war wenig, denen das -geschahe. Die Meister von der heiligen Schrift, die beschwohren der -Täntzer ein Theil, die maynten, dass sie besessen wären von dem bösen -Geist. Also nahm es ein betrogen End, und währete wohl sechszehn -Wochen in diesen Landen oder in der Mass. Auch nahmen die vorgenannten -Täntzer Mann und Frauen sich an, dass sie kein roth sehen möchten. Und -war ein eitel Teuscherey, und ist verbottschaft gewesen an Christum -nach meinem Bedünken.«[20] Da auch die Kölner Chronik von 1374 (Cöllen -1499) »vill bouerie« (Büberei) unter den Tanzkranken vermutet, was auf -sich allgemein ausbreitendes Misstrauen schliessen liess, so erlosch -die Krankheit nach und nach von selbst, als die Teilnahme des -Publikums für die von ihr Befallenen gänzlich erstorben war, um noch -einmal im Verlauf der Geschichte, in Frankreich während der Jahre 1727 -bis 1762, also volle 40 Jahre, als »Konvulsionen« mit ausgeprägt -erotischem Charakter, eine Rolle zu spielen.[21] - -[19] Dr. J. F. C. Hecker, Die Tanzwuth, eine Volkskrankheit im -Mittelalter. Berlin 1832. - -[20] Die Limburger Chronik, herausgegeben von C. D. Vogel, Marburg -1828, S. 71. - -[21] Dr. Eugen Dühren, Der Marquis de Sade und seine Zeit, S. 80 ff. - -Eines der Hauptvergnügen für die mutwillige Jugend bestand, wie -erwähnt, bei den Reigentänzen im Umwerfen oder Fallenlassen der -Tänzerin, um dadurch ihre Kleider in Unordnung zu bringen. Ein -Sittenschilderer aus der Zeit vor dem Dreissigjährigen Krieg klagt -darüber, es sei nichts gewöhnlicher, »als dass man auf #feierlichen -Hochzeiten# eine Menge von Kleidungsstücken abwarf und dann erst -tanzte, und dass man das Frauenzimmer mit Fleiss in ganz unerhörter -Weise fallen liess«.[22] Dieses #Umwerfen# wurde auch als -Gesellschaftsspiel geübt, bei dem es dem männlichen Spieler darauf -ankam, seine Partnerin, die auf dem Rücken eines mit aufgestützten -Händen knienden Pagen sass und ihre Fusssohle an die des Gegners -gestemmt hielt, umzuwerfen und dadurch zu entblössen. Ein Teppich im -Nürnberger Germanischen Museum enthält ein Bild dieses »über -Füesselin«, dem drei Damen, darunter eine Fürstin mit der Krone auf -dem Haupte, voll Interesse zusehen. - -[22] Voss a. a. O. S. 111. - -Ein Züricher Mandat von 1532 beschäftigt sich mit diesem Umwerfen, -ebenso das Nimburger Stadtwesen, das das »bolderböhmische« Spiel rügt. -Ein anderes Gesellschaftsspiel beschreibt Karlmeinet. Da tragen erst -die Herren die Damen und dann diese die Herren. Der Kussraub, wie dies -bei Karlmeinet Godyn der Orie thut, wird wohl ein wichtiges Moment -dieses Spieles gewesen sein, denn Küssen als Spiel kommt gleichfalls -in der langen Reihe von höfischen Gesellschaftsspielen vor, die der -Verfasser des Gedichtes »Der tugenden schatz«[23] wie folgt berührt: - - »Zwei halsten mit luste, - Zwei einz daz ander kuste.« - -[23] Schultz, D. L., S. 516. - -Das von Murner erwähnte Spiel oder Lied »Der Schäfer von der neuen -Stadt«[24] endete mit einer allgemeinen Abküsserei, daher die von dem -Dichter angeknüpfte Nutzanwendung. - -[24] Siehe S. 277. - -Ein Bauernspiel erwähnt Nithart von Reuenthal als »wemplink -bergen« in einem von gemeinstem Cynismus strotzenden, geradezu -landsknechtsmässigem Gedicht. Da er dem »Wemplink« eine obscöne -Nebendeutung gibt, ist aus dem Gedichte nicht ersichtlich, wie dieses -Spiel in Wirklichkeit vor sich ging. - -Wenn Hans Sebald Beham (ca. 1500 bis 1550) nicht übertreibt, was bei -der photographischen Treue seiner geistvollen Bilder kaum anzunehmen -ist, so war das Umwerfen besonders in den #Spinnstuben# der Dörfer -gleich vielen anderen Rüdheiten heimisch. - -Das bekannte Spinnstubenbild des Nürnberger Meisters gibt eine ganze -Musterkarte von abstossenden Zuchtlosigkeiten in einer Spinnstube, -die, wenn sie auch in ihrer Gesamtheit übertrieben oder einzelne von -ihnen aufgebauscht sein mögen, doch noch immer das einmütige -Verdammungsurteil gegen die Spinnstuben rechtfertigen. Es müssen wahre -Lasterhöhlen gewesen sein, diese Bauernstuben, in denen sich die -Dorfweiblichkeit an den langen Winterabenden zum gemeinsamen Spinnen -versammelte. Wo die Mädchen waren, blieben natürlich auch die Burschen -nicht aus, um die Schönen bei der Arbeit zu zerstreuen und ihnen beim -Spinnen zu helfen. Namentlich das Abschütteln der Abfälle des Hanfs, -des Agen, von den Kleidern, gab Anlass zu vielen zudringlichen -Scherzen. - - »Da bin ich all nacht gegangen zum rocken - Da kund man mir mit öpfeln locken, - Da wart ich den meiden die agen abschütteln - Und ward oft eine mit dem hindern rütteln - Und kund ihr wol unten warten zum leib« - -heisst's in einem Fastnachtsspiele. - - »Ich schatz wir gen zum rockenspinnen - Und schuten (schütteln) den meiden die agen ab« - -schlägt in einer anderen Posse ein Dorfjüngling seinem Genossen vor. - -Die Dirnen, die sich zum Spinnen einfanden, wussten ganz genau, worauf -die Anwesenheit der Männer hinauslief, darum fanden diese auch nur zu -williges Gehör. Zu wüsten Orgien wurden diese Versammlungen, wenn ein -gefälliger Zufall oder ein loser Schelm den qualmenden Lichtspan zum -Verlöschen brachte. - -Die Weistümer gehen deshalb zuweilen gegen die Spinnstuben vor, unter -anderen das Weistum von Nörfeld bei Darmstadt[25], in dem es heisst: - -[25] Weistümer, I. 498. - -Es solle auf die höchste Busse erkannt werden, wenn »wer spinnstuben -in seinem hausse zu halten unterstehen würde«. In der Ehaltenordnung -von Thierhaupten in Bayern 1475 heisst es von den Mägden: »sie sollen -zu nachts nit ausgên mit dem rocken in ein dants hin, dann mit wissen -und erlauben der milchfrawen (der Obermagd)«. Am unzweideutigsten -spricht sich jedoch ein Nürnberger Erlass von 1572 aus: »... das -mehrmalen in solchem zusammen den Eltern Töchter verfüret hinder den -Vättern zu vnziemlichen Ehen vberredt, auch etwo geschwecht vnnd gar -zu schannden bracht worden. Das auch die gesellen an einander darob -verwartten, verwunden vnd todschlagen .... etc.«[26] Weitere -Verordnungen, die ausser der Ausschweifung und den in den Spinnstuben -gang und gäben Raufereien noch die durch das unvorsichtige Hantieren -mit Feuer und Licht entstehenden Brände hervorheben, wiederholen sich -bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, ohne aber die Spinnstuben selbst -und ihre unschöne Gefolgschaft ausrotten zu können. - -[26] Barack in der Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, IV. -1859, S. 65 ff. - -Der Bauerntrotz wusste von jeher den Befehlen der ihm verhassten -Behörde ein Erstrecht entgegenzusetzen, um so mehr, wo es sich bei -ihm um altehrwürdige Institutionen handelte, die er innig verwachsen -mit seinem Leben hielt. Der Vater verzieh dem Sohne gerne, was er -selbst in der Jugend getrieben, und die Mutter, die sich vielleicht -bei den Spinnstubenscherzen den Mann ergattert, hoffte von der Tochter -dasselbe. Darum bestanden denn auch die Spinnstuben fort, bis sie die -fortgeschrittene Industrie überflüssig gemacht; heute sind sie eine -seltene Erscheinung geworden, die nur noch in entlegenen, vom Verkehre -abgeschlossenen Wald- oder Gebirgsdörfern hier und da auftauchen. -In den Spinnstuben erklangen viele der Volkslieder zum ersten Male, -die von dort aus ihren Weg in das Dörfchen und in das weite Land -fanden, jene naiv sentimentalen oder kernig derben Gesänge, die -Tagesereignisse, lokale Vorkommnisse oder irgend eine der ungeschulten -Phantasie entsprungene Erzählung in ungefügen Versen illustrieren. Um -manche dieser Lieder, wahre Perlen unserer Volkslitteratur, sei den -Spinnstuben die von ihnen geübte Unmoral herzlich gern verziehen. - -Nur der Vollständigkeit halber will ich noch #die Spielkarten# -erwähnen, in deren Bildern sich häufig die Freude unserer Vorfahren an -unflätigen Scherzen ausdrückte. Derartige Karten, die z. B. Jost Amman -verfertigte, sind aber kaum in alle Volksschichten gedrungen, -ebensowenig wie die bodenlos schmutzigen Blätter, deren sich gewisse -Potentätchen des 17. und 18. Jahrhunderts bedienten, die sich -bemühten, die auf ihrer grossen Tour nach Frankreich aufgeschnappten -Versailler Cochonnerien auf deutsche Erde zu verpflanzen und neben -anderen »Desbauchen«, wie die grundehrliche, kernig-deutsche Elisabeth -Charlotte von der Pfalz, Herzogin von Orleans, sagt, auch Spielkarten -mit Scenen à la Marquis de Sade verwendeten. Diese Schweinereien -blieben zum Glück nur auf die »feine Gesellschaft« beschränkt, ebenso -wie jene den tollsten Ausschweifungen huldigenden »Vergnügungsvereine« -der Feigenbrüder u. s. w. - - - - -Das Schönheitsideal. - - -Die ganze rein sinnliche Denkungsart des Mittelalters drückt sich in -dem Schönheitsideal aus, das die berufenen Vertreter der allgemein -geltenden Anschauungen ihrer Zeit, die Dichter, der Nachwelt -überlieferten. Nur rein körperliche Schönheiten heischen sie vom -Weibe, denn wer bei ihnen schön ist, ist auch gut und edel, in einem -hässlichen Körper wohnt nur eine schwarze Seele. Je weiter sich das -Mittelalter der Neuzeit nähert, je mehr sich der Sittenverfall -ausbreitet, um so gröber und materieller werden die Anforderungen, die -man an den Frauenleib stellt, denn von seelischen Schönheiten ahnte -man nichts. - -In der Epoche des Werdens, in der noch einzelne Naturlaute aus dem -germanischen Wald- und Jagdleben in das unter fremden Einflüssen -zusehends fortschreitende Leben nachklingen, teilte man den der -Germanin eigenen Rasseeigenschaften den Schönheitspreis zu. Ein bis ins -Detail gehendes Bild einer wahrhaft schönen Frau setzt Alwin Schultz[1] -mosaikartig aus allen ihm zugänglichen frühmittelalterlichen Quellen -wie folgt zusammen: - -[1] Höfisches Leben z. Z. d. Minnesänger, S. 211 ff. - -»Im Allgemeinen galt also damals für schön, was auch dem Römer und -Griechen, was ebenso uns heute noch so erscheint, indessen ist man in -jener Zeit etwas weniger tolerant. Wir finden zum Beispiel die -Blondine, wie die Brünette schön; gab es doch vor Kurzem eine Zeit, -die selbst das rote Haar für schön erklärte[2]: die Dichter des -Mittelalters lassen nur das goldblonde Haar gelten. Eine mässig (ze -mâzen) hohe Gestalt, blonde Haare, die glänzend, dem gesponnenen Golde -gleich, in natürliche Locken gekräuselt, bei den Frauen zumal in Fülle -lang herabwallen, ein weisser Scheitel, weisse, glatte, rundliche -Stirn, schneeweisse Schläfe, dunkle, womöglich schwarze, schmale, -gewölbte, nicht zusammenstossende Augenbrauen, leuchtende, bewegliche -Augen, eine mässig lange, nicht zu sehr vorstehende, gerade, nicht -gebogene Nase, weiche, rosig angehauchte Wangen, ein kleiner Mund mit -vollen, weichen, rothen, feurigen Lippen (ein kleinoelhitzerôter munt, -wie Ulrich von Lichtenstein sagt), kleine, weisse, gleiche und -dichtgestellte Zähne, ein ziemlich kleines, rundliches, weisses Kinn -mit einem Grübchen, kleine, weisse, rundliche Ohren galten bei Frauen -wie bei Männern für schön. - -[2] Ich bemerke ausdrücklich, dass Schultz und nicht ich diesen -Ausspruch thut, denn über diese Ansicht des grossen Prager Kunst- und -Kulturhistorikers lässt sich sehr gut streiten. M.B. - -Der Hals soll mässig lang und stark sein, weiss, glatt und weich, die -Kehle weiss und voll mit glatter Haut. Von einer schönen Frau -behauptete man, die Haut ihrer Kehle sei so zart, dass man, wenn die -Dame roten Wein trinkt, ihn hinabfliessen sehe.[3] Der Nacken ist -weiss, die Schultern beim Manne breit, bei Frauen schmal. -Feingebildete Achseln, runde, mässig lange Arme, weisse, lange und -weiche Hände, lange, rundliche, innen rosige Finger, deren Gelenke -nicht vorstehen, glänzende, gut gehaltene Nägel, wurden von einer -wahrhaft schönen Erscheinung gleichfalls verlangt. Den Frauen steht -wohl an ein weisser, voller Busen, rundliche, wie gedrechselte, kleine -und dicht gestellte Brüste[4]; beim Manne schätzte man eine hohe und -breite, wohlgewölbte Brust. Der Körper sollte schlank, mit feiner -beweglicher Taille gebildet sein. Die übrigen Körperteile beschreiben -die Dichter in der Regel nicht ... Die Füsse beider Geschlechter -wünschte man schmal und klein, mit gewölbter Fußsohle; endlich galt -zur Schönheit unbedingt eine weiche, glatte Haut, ein wie aus Rosen -und Lilien gemischter Teint.«[5] - -[3] Philippine Welser soll über einen derartigen zarten Teint verfügt -haben. Scherr. - -[4] »Zwêne epfel« oder »zwô birn«. - -[5] Karl Weinhold liefert in seinem Buche »Die d. Frauen im -Mittelalter«, 2. Aufl. I., S. 222 ff., eine selbständig ausgearbeitete -Zusammenstellung der Schönheitserfordernisse, die sich aber in der -Hauptsache mit den Schultzschen Angaben deckt. - -Man muss ohne weiteres zugeben, dass sich in diesem Bilde ein -geläuterter Geschmack offenbart, der dem moderner Dichter nicht -nachsteht. Konrad Flecks Beschreibung der Blancheflur in seinem »Flore -und Blancheflur« kann ohne Zusatz von einem neuzeitlichen Romantiker, -um dessen Romane sich die Familienzeitschriften reissen, adoptiert -werden. »Goldglänzende Haare umspielen die weisser als Schnee -glänzenden Schläfen. Feine, gerade Brauen ziehen sich über die Augen, -deren Gewalt sich Keiner zu erwehren vermochte; Wangen und Mund rot -und weiss, die elfenbeinernen Zähne ohne Tadel. Hals und Nacken wie -vom Schwan, die Brust voll, die Seiten lang, die Taille zart und -fein[6]« -- das dürfte ganz gut die Marlitt oder Nataly von Eschstruth -geschrieben haben, wie der alte Konrad Fleck, den schon mehr als ein -halbes Jahrtausend die kühle Erde deckt, ebenso wie der reizende -Liebesbrief aus dem 14. Jahrhundert, namentlich folgende Stelle: - -[6] Weinhold a. a. O. I. S. 222. - - »So var nun hin, du verst mit ere, - Und grüsse mir die minnigliche, here, - Grüss mir irn rosen-varben mund - Grüss sie von mir zu tausend stund - Grüss mir ir' wänglein rosen-var - Grüss mir ir' spilden äuglein-klar - Grüss mir ir' hälslein harmin-weiss - Grüss die liebe mir mit fleiss - Grüss mir ir herz und ire sinne - Grüss mir meins herzens Königinne ...«[7] - -einen Romantiker aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zum -Verfasser haben könnte. - -[7] Mitgeteilt von Moritz Bermann in »Alt- und Neu-Wien«. - -Kein Mensch wird es den Damen der Ritterzeit verdenken, wenn sie, als -echte Evastöchter, Reize, die ihnen Mutter Natur versagte, durch -kleine Nachhelfungen zur vollen Höhe jenes dichterischen Ideals zu -heben suchten. Man strich sich das Gesicht mit roter und weisser -Schminke an, trotzdem das Schminken nicht für anständig galt. Weisse -Farbe, Firnis, Alaun, Quecksilber, Kampfer, Weizenmehl, Rotholz, -pulverisierte Cyclamenwurzeln (_panis porciuso_) wurden zu Schminken -verarbeitet. Wer die Fabrikation der Schminke scheute, der konnte sie -von einem wandernden Krämer erstehen. - - »Krämer gip die varwe mir, - Di min wengel röte« - -bittet eine Ritterdame einen dieser Hausierer.[8] - -[8] Christi Leiden in Fundgruben II., 247. - -Im Nibelungenlied wird rühmend hervorgehoben, dass sich am Hofe des -Markgrafen Rüdigers in Bechelaren keine »gevelschet« Frauen fanden, -woraus dieses Vorkommnis als Ausnahmefall, der besonderer Erwähnung -verdient, erkannt wird. Wie allgemein die Unsitte des Schminkens -verbreitet war, geht schon daraus hervor, dass sich selbst um 1170 die -Bäuerinnen »vremde varwe« ins Gesicht schmierten, um den Töchtern -vornehmer Leute zu gleichen.[9] Auch die Herren der Schöpfung mögen -bisweilen zum Schminktopfe gegriffen haben, was aber nicht zur -Erhöhung ihres Ansehens beitrug.[10] - -[9] Weinhold a. a. O. II. 311. - -[10] Schultz, Höfisches Leben, S. 290. - -Bruder Berthold von Regensburg erklärt diesen »Färberinnen« und -»Gilberinnen«, d. i. denen, die sich das Haar blond beizen, den Krieg, -indem er ihnen von der Kanzel herab die Worte in das Gesicht -schleudert: »Die Gemalten und Gefärbten schämen sich ihres Antlitzes, -das Gott nach sich gebildet hat, und darum wird auch er sich ihrer -schämen und sie werfen in den Abgrund der Hölle!« Der Augustinermönch -Gottschalk Hallen zu Osnabrück († 1481) sagt sogar den Nonnen nach, -dass sie sich die Gesichter anstreichen. Wie sich später die Damen -Gesicht und Körper zu korrigieren wussten, soll noch mitgeteilt -werden. - -Je weiter das Mittelalter sich seinem Übergange zur Neuzeit nähert, -desto derb-sinnlicher wird der Schönheitsbegriff, bis er endlich bei -einem Punkte angelangt ist, wo das Weib nur nach seiner Tauglichkeit -zur Sinnenlust beurteilt wird. - -Wenn Eberhard von Cersne einst allen Ernstes die Frage erörterte und -Zweifel darüber hegt, ob die obere oder die untere Hälfte der -Geliebten der bessere Teil sei[11], so entscheidet sich die unter dem -Zeichen des heiligen Grobianus stehende Zeit für den unteren Teil. - -[11] Minneregel, edd. Weber, Vers 1019-1274. - -Albrecht von Eyb, noch der Züchtigsten einer, citiert: »Es schreibt -Plautus, dass eine hübsche nackende Frau sey hübscher, denn sie ist -mit Purpur gekleidt.« Trotzdem weiss dieser gelehrte Humanist -(1420-1475) die Sittsamkeit der Frauen zu schätzen, denn sein -Schönheitsideal ist: »Ugolinus schreibt, dass die als eine hübsche -Frau werd angesehen, die da hübsch ist und geziert, von Haupt -wohlgestalt, eines fröhlichen Anblicks, von kleinen subtilen Gliedern -und schmalen Leibs, weiss als Milch und mürb als ein Hühnle, dass du -sie mit einem Nagel des Fingers schneiden magst, und ist züchtig und -schimpflich (scherzhaft) und schämig, und ist eines sittigen Gangs und -guter Sitten und ist mit Tugenden wohl geziert. Dieselbig Frau -übertrifft weit die Hübsche der Venus und ist zu preisen.«[12] - -[12] Albr. von Eyb, Von der Schöne und Ungestalt der Frauen, bei -Scheible, Das Schaltjahr, II. 139. - -In dieser Schilderung zeigt sich der von den Klassikern gebildete -Geist. Wo dieser fehlt, setzte man sich aus den, den Schönen der -verschiedensten Gegenden nachgerühmten Vollkommenheiten ein Ideal -zusammen, bei dem man selbst die intimsten Intimitäten nicht übersah. -Eine der zahmsten Beschreibungen dieser Art ist nachstehende Priamel: - - »Ein Weib nach Hübschheit als ich sag, - Müsst haben eines Weibs Haupt von Prag - Ein Büschlein von einer aus Frankreich - Und zwei Brüstlein von Oesterreich, - Ein Kehl und Rücken von Brabant, - Von Kölner Weibern die weisse Hand, - Zwei Füsslein dort her vom Rhein - Von Baiern soll'n die Sitten sein - Und die Red dort her von Schwaben - So thäten sie die Frauen begaben.«[13] - -[13] Eschenburgs Denkmäler, Bremen 1799, S. 397. - -In einem ähnlichen Verschen wird die Frauenschönheit in -»fünfunddreissig Schönheitsstuck eines hübschen Jungfräuleins im -Hochzeitswald« also zerlegt: - - »Drei weiss, drei schwarz, drei rothe Stück - Drei lang, drei kurze und drei dick, - Drei lang, drei kleine und drei enge, - Und sonsten rechte Breit und Länge, - Den Kopf von Prag, die Füss vom Rhein, - Die Brüst aus Oesterreich von Krain (Chrein) - Aus Frankreich den gewölbten Bauch, - Aus Baierland das Büschlein rauch, - Rücken aus Brabant, Händ aus Cöln, - Den A .... aus Schwaben küsst ihr Gselln.« - -Weitere Schilderungen, so eine im Liederbuch der Hätzlerin und in den -Facetien Bebels[14] gehen #noch# mehr ins Detail, wie die angeführten, -darum verzeiht man mir wohl, wenn ich sie mir schenke. Weniger -drastisch ist die Schilderung einer Frankfurter Jungfrau, deren Lob in -einem Ständchen erklang, das in der Johannisnacht 1471 von Adolph -Knoblauch, Philipp Ratzmann, Heirt Egerheim, Arnold Schwarzenberg, -Bernhard Rohrbach und Theobald Börlin vorgetragen wurde, »und hatten -ein lauten darin und ging also«: - -[14] Vulpius, Vorzeit III., S. 107. - - »#Feil rosenblümelein. - Nun wach uf schöne Jungfrau fein!# - Nun kommen wir gegangen † (zweimal) - Und werden schön empfangen † - In einer schönen Jungfrauen haus - Die hie züchtig geht ein und aus - Woltet ir uns nit kennen † - So woln wir uns euch nennen: - Wir nennen uns mit rechte † - Der schön jungfrauen knechte † - Ach schön jungfrau seit wohlgemut † - Und nembt den schimpf von uns vor gut. - Sie ist so gar on argelist † - An zucht und eren ir nit gebrist † - Sie ist auch aller tugend voll: † - Was sie tut, das ziembt ir wol: † - Sie ist so tugendlich und fein † - Und leucht recht als der sonnen schein. - Sie gleicht euch wol dem hellen Tag - Kein mensch ir lob, schön preisen mag - Man kann an leib, gut oder eren - Der immer zarten nit verberen (nicht von ihr lassen) † - Sie hat ein rosenfarben mund, † - Zwei wängelein fein zu aller stund, † - Sie hat ein schönes goltfarb haar, † - Zwei äugelein lauter und klar. † - Ir zähn sind weiss als helfen bein, - Zwei brüstlein die sind rund und klein, - Ir seiten die sind dünn und lang, † - Zwei händlein schmal und dazu blank, - Ir füsslein schlecht und nit zu breit. † - Der eren kron sie billich treit. † - Jungfrau geht wieder hin zu bett. † - Gott geb euch alls, das ir gern hätt; † - Dass euer glück und heil sich mere † - Das gonn euch gott in hohen eren...... - Feil rosenblümelein! - Nun schlafet schöne jungfrau fein.[15]« - -[15] Bernh. Rorbachs Liber gestorum, Frankfurt a/M., bei Schultz, D. -Leben, S. 422 ff. - -Um diesem Ideal möglichst nahe zu kommen, griff man schon um die Mitte -des zwölften Jahrhunderts zu den Gewaltmassregeln des Einschnürens. -Die heilige Elisabeth von Schönau (1156-57) liess dagegen schon -strenge Ermahnungen ergehen[16], die sich dann bis zum heutigen Tage -wiederholten. Zu Ende des 14. Jahrhunderts klagt ein Dichter: »Vor -Zeiten zwängte man Leib und Gewand nicht zusammen. Das hat sich jetzt -ganz verändert: die Frauen binden sich nun selbst an Leib und Armen. -Das möge Gott erbarmen, dass sich heute ein zartes Weib selbst den -hübschen Leib bindet, so dass sie sich nicht rühren kann, gleich dem, -als wäre sie in einen Sack gestossen und gebunden.«[17] - -[16] »Von den newen Sitten«, Keller, Erzählungen aus altdeutschen -Handschriften, S. 676. - -[17] Weinhold II., S. 262. - -Der österreichische Sittendichter Peter Suchenwirt, wirft den eitlen -Weibern vor, dass sie sich die Hüften mit Watte auspolsterten. -Dasselbe rügt das Gedicht »Das Teufels Netz«; sie schnüren sich, »das -sie enmitten werdind klain (schlank)«, und wenn sie hinten »als ain -brett« sind, machen sie sich doch gross und dick, und des Nachts -hängen sie dann derartige Turnüren zum Auslüften an die Stange. In -Thüringen waren um 1400 ähnliche Polsterungen Mode. - -Wo starke Brüste Mode waren, stopfte man sich die Brust aus, im -Gegenteile suchte man durch das enge Obergewand den Busen thunlichst -zu verkleinern. - -Falsche Zähne, falsches Gelock[18] und andere weibliche Falschheiten -waren üppigen Frauen längst nichts Neues mehr, desgleichen die -Schminke und ihre kunstvolle Verwendung: - -[18] Schultz, Höfisches Leben, S. 234 ff. - - »Habt ihr zu Haus auch dran gedacht, - Dass ihr das Kästchen mitgebracht, - Aus welchem ihr euch täglich putzt - Und zu dem Feiertag aufstutzt? - Das Büchslein liegt verschlossen drin, - Daraus ihr färbet euer Kinn - Und auch die Bäcklein farbig malt, - Auf dass ihr schön und zierlich strahlt; - Durch Schminke lasst die Haut ihr blitzen.« - -fragt Murner.[19] Und »er Angesichte vorwanschapen (verunstalten) se -mit Düvels drecke vnde Sathans specke, dat ydt glentzet, alse eme -gemalete Hilligen larwe« sagt der Rostocker Prediger Nikolaus Gryse in -seiner Laienbibel. - -[19] Narrenbeschwörung, XLIV. - - »Sie värwend och ir blaichen wang, - Daz si dert her gat glitzen, - Als obs us aim badgang switzen« - -steht im »Teufels Netz«. - -Selbstverständlich ist die Dame ängstlich besorgt, ihre -Toilettengeheimnisse nicht zu verraten: - - »Wescht, malt doby das angesicht, - Daruff hab acht ein yedes wib: - Die kunst domit sy ziert den lyb, - Das die dem mann nit kum zu henden; - Sie möcht sich selber domit schenden. - Nit strel, nit zwag, nit richt dyn har, - Das solchs ein man sehe offenbar. - Du möchst im sunst missfallen gar.«[20] - -[20] Schultz, D. L., S. 365. - - - - -Die Kleidung. - - -Die Kleidung der Germanen war einfach und rauh wie ihre Heimat und -ihre Lebensweise. Wie Pomponius Mela berichtet, gingen die Knaben bis -zur vollendeten Reife selbst in der grössten Kälte nackt umher; -nachdem sie erwachsen sind, bedienten sie sich nur eines wollenen, -viereckigen Schulterumhangs oder einer aus Bast geflochtenen Decke. -Cäsar[1] gibt an, die Germanen trugen ein kurzes Gewand aus -Tierfellen, das einen grossen Teil des Körpers unbedeckt lasse. -Ausführlicher ist Tacitus.[2] Er schreibt: »Die allgemeine Tracht ist -ein Mantel, der mit einer Spange oder in deren Ermangelung mit einem -Dorn zusammengehalten ist. So bringen sie, ohne weitere Bekleidung, -den ganzen Tag am Herdfeuer zu. Nur die Wohlhabendsten tragen ein -besonderes Gewand, das nicht wallend, wie das sarmatische und -persische, sondern eng anliegend ist und jeden Körperteil hervortreten -lässt. Auch Tierfelle tragen sie; die in der Nähe des Rheins ohne -weitere Auswahl, die weiter im Innern mehr auserlesene, da kein -Handelsverkehr ihnen anderen Schmuck liefert. Sie suchen daher die -verschiedenen Tierarten aus und verbrämen deren Fell noch mit den -gefleckten Pelzen gewisser Tiere, die vom nördlichen Ozean und -unbekannten Küsten kommen. Das Weib hat keine andere Tracht wie der -Mann, nur kleidet es sich häufiger in leinene mit Purpurstreifen -verzierte Gewänder. Diese haben keine Ärmel, so dass Schultern, Arme -und ein Teil der Brust unbedeckt bleiben.« Strabo ergänzt dieses Bild -durch die Schilderung von Priesterinnen der Cimbrer dahin: »Unter den -mit ins Feld gezogenen Weibern befanden sich auch altersgraue, -wahrsagende Priesterinnen, in weissen Gewändern, deren Oberkleid, aus -feinem Flachs, mit einer Schnalle befestigt war, mit ehernem Gürtel -und nackten Füssen.«[3] - -[1] De bello Gallico IV., 1, VI., 21. - -[2] Germania, 17. - -[3] Geographie, VII. Buch, 2. Kap. - -Da bald nach der ersten Berührung mit den Römern die Männer sich eng -anliegende Hosen zulegten, auch die Frauen ihre Oberkleider immer -höher dem Halse zu emporsteigen liessen, so machte die altgermanische -Kleidung einen durchaus ästhetischen Eindruck, an dem selbst ein -Splitterrichter nichts auszusetzen gehabt hätte. Im frühen Mittelalter -bis zum elften Jahrhundert zeichnete sich die Gewandung durch kostbare -Stoffe in reichen Farben aus, über deren Pracht wohl hie und da eine -Stimme, sogar im Jahre 808 die erste der »Kleiderverordnungen«, laut -wird, nicht aber über den Schnitt. - -Erst im elften Jahrhundert erregte die Enge der Frauenkleidung, die die -Körperformen weit plastischer hervortreten liess als die bisherige, -vom Oberkörper niederwallende, als leichtfertig und schamlos den Zorn -der Geistlichkeit. Ein Anzug eines jungen Mädchens dieser Zeit würde -auch heute nicht ganz einwandfrei passieren können. »Die Dame trägt -ein dunkelblaues, mit roten Ringornamenten gewirktes Oberkleid, das -bis auf die Oberschenkeln reicht. Das weisse Unterkleid ist von hier -an ausgeschnitten und fällt zurück. Man sieht daher die mit roten -Langstrümpfen bekleideten Beine, an denen eine Reihe weisser Knöpfe -hinunterläuft. Das Oberkleid hat um die Taille und am unteren Ende -einen breiten goldenen Bortenbesatz, am Halse einen mennigfarbenen. Die -Ärmel sind eng.«[4] - -[4] von Hefner-Alteneck, Trachten I., 120, Tafel 90. - -Die Bestandteile der Kleidung waren ein mehr oder weniger feines, -selbst seidenes und goldgesticktes Hemd, darüber der Rock, den um die -Taille ein Gürtel oder Riemen zusammenhielt und je nach der Jahreszeit -ein gefütterter Mantel. Die Füsse deckten genähte Strümpfe. Sonst gab -es keine Unterkleider, wenigstens waren sie nicht allgemein. Nur zu -starke Busen wurden durch ein Tuch unter dem Kleide zusammengehalten. -Bei den Bäuerinnen wird wohl das Mieder -- muoder -- den gleichen -Zweck erfüllt haben. - -Die Männerkleidung jener Epoche bietet für unsere Zwecke nichts -Bemerkenswertes. Erwähnt zu werden verdient nur, dass Männer mit -Frauen in der Kostbarkeit fremdländischer Stoffe wetteiferten, wogegen -Luxusgesetze nichts auszurichten vermochten, geschweige denn -Predigten, wie sie Berthold von Regensburg hielt. - -Das 14. Jahrhundert schuf einen jähen Modenwechsel. Die Männerkleider -gestalteten sich zur engen Hose, bei der man das Gesäss und jede -Muskel deutlich sah, und dem immer bizarrer werdenden Wamse um, das -immer kürzer wurde, bis es kaum eine Spanne unter den Gürtel reichte. -Man teilte es in zwei andersfarbige und anders gemusterte Hälften, wie -man auch zuweilen die Hosen aus zwei verschieden gefärbten Beinteilen -zusammensetzte. An den Füssen trug man die unschönen langen -Schnabelschuhe. In der Speierer Kleiderordnung von 1356 wird den -Männern befohlen, die kurzen Wämser länger zu machen und die -Schnabelschuhe abzulegen. Die Kölner Synode von 1371 untersagt den -Klerikern dieses Schuhwerk. - -Von nun an häufen sich die Kleider- und Luxusordnungen in Stadt und -Land. Wie die Pilze nach dem Sommerregen schiessen sie empor und -jedes Nestchen im weiten deutschen Reich muss wie sein Frauenhaus -seine Kleiderordnungen haben, jene Äusserungen eines zopfigen -Windmühlenkampfes, denen schon beim Entstehen ihre Aussichtslosigkeit -prophezeit werden konnte. - -Besonders gegen die Frauen richtete sich der Tenor aller -Kleiderordnungen, besonders aber gegen einen Punkt, der fast allen -diesen Edikten gemeinsam ist -- die Dekolletage. - -Als die Pest, der schwarze Tod, seinen Würgezug beendet, bemächtigte -sich der Verschonten eine tolle Daseinslust, die nach den eben -durchlebten Zeiten des Grauens doppelt begreiflich erscheint. Der -Würgengel, dem Hekatomben zum Opfer gefallen, war an ihnen -vorübergegangen, wer wusste, ob er in seiner Unersättlichkeit nicht -auch sie noch dahinraffte, ehe sie ihr Leben genossen? Diese -Auffassung machte sich auf allen Gebieten des Lebens bemerkbar, am -markantesten aber in der Tracht, die die herrschende Leichtlebigkeit -wiederzuspiegeln begann. Der ernst gemessene Zuschnitt der Gewänder -veränderte sich allenthalben. Wurden die Beinkleider der Männer enger, -die Wämser bunter und kürzer, so verlängerten sich die Schleppen der -Damen, und was sie hinten an Länge zunahmen, das büssten sie an Hals -und Nacken ein. - -»Unde die Frauwen drugen wide heubtfinster (Kopffenster, -Halsausschnitte) also daz man ire broste binah halbe sach.«[5] Die -Speierer Kleiderordnung von 1356, eine der ersten Erlasse dieser Art, -richtet sich gegen diese »Houbetloch«, aus dem die Schultern (ahsseln) -so verführerisch hervorlugen, ohne dass der Kleiderausschnitt auf -den Achseln aufliegt, und ebenso geht es in allen den unzähligen -Edikten[6], von denen als Beispiel eine Strassburger Verordnung hier -angeführt sei. »Item daz keine frowe, were die ist, hinnanfür me sich -nit me schürtzen sol mit iren brüsten, weder mit hemeden noch gebrisen -röcken noch mit keinre ander gevengnüsse, und daz ouch kein frowe sich -nit me verwe und locke von totten har anhencken sülle. Und sunderliche, -daz houptloch sol sin daz man ir die brüste nit gesehen müge, wenne die -houptlöcher süllent sin nutz an die ahsseln.«[7] - -[5] Limburger Chronik, herausgeg. von Arthur Wyss, S. 38 ff. - -[6] Eine reiche Auswahl dieser Kleiderordnungen vom l4. Jahrhundert -bis zur Gegenwart enthalten die Kostümkunde von Weiss, S. 1426 ff., -und Schultz, Deutsches Leben, S. 302 ff. - -[7] Zeitschr. f. d. Kulturgesch. 1856, S. 367. - -Der Geistlichkeit waren derartige Verbote Wasser auf ihre Mühlen, sie -setzten in ihren Predigten immer noch Trümpfe auf, wie Murner, der -sich auch diesmal kein Blatt vor den Mund nimmt, sondern ungeschminkt -die Wahrheit sagt: - - Die Fraun der Scham entbehren thun. - So gross ward jetzund schlechte Zucht, - Dass man in #Blösse Zierde# sucht: - Man sieht ihnen mitten auf den Rücken - Und meisterhaft sie können schicken - Die Brüst' herfür, recht mit Behagen, - Die von Gestellen sind getragen; - Sie könnten sonst im Tuch ersticken. - »Mehr als die Hälfte lass' ich blicken, - Dass sie den Narren Lockung sei'n. - ›Lass ab‹, sag' ich, ›was soll das sein‹, - Wenn er die Brust will greifen an: - ›Was seid ihr für ein böser Mann!‹ - Ich sag's bei meiner Ehr' fürwahr, - So frech noch nie ein Mannsbild war!« - Dem Mann sie so zur Wehr sich stellt, - Als wenn dem Esel der Sack entfällt. - Ganz heimlich greift sie mit der Hand, - Indem sie leistet Widerstand, - Und hängt ganz still das Häkchen aus, - Damit der Milchmarkt fällt heraus.[8] - -[8] Narrenbeschw. 26. 44 ff. - -»Ich hort einist von eim Fürsten, der sprach zuo mir: »eintweders -unsere frawen lernen von den metzen ihr cleidung oder aber die metzen -lernen von unsern frawen die cleidung,« sagt Geiler in seinen -»Brösamlin«. Sie malten nach Murners Vorbild die Zuchtlosigkeit der -Kleidung recht schön deutlich aus und entliessen ihre Zuhörerschaft -zerknirscht, aber nicht gebessert. Narrheiten und Moden ist eben mit -Verboten nicht beizukommen, sie wirken ansteckend und müssen, wie -andere Epidemien auch, von selbst verlöschen. - -Wenn im Jahre 1461 der Eiferer Johannes Capistranus in dem ob der -Leichtfertigkeit seiner Weiber verschrienen Ulm -- »Huet dich vor -Ulmer wiben«, besagt eine Darmstädter Handschrift von 1410 -- die -Geister seiner Zuhörerschaft derart zu entflammen wusste, dass drei -Frauen, die des Predigers spotteten, vom Volke auf der Strasse -gelyncht wurden[9], so fand es doch der Rat für gut, den Störenfried -aus der Stadt zu weisen, denn genützt hätten seine Strafpredigten doch -nichts, wohl aber geschadet. - -[9] Jäger, Schwäbisches Städtewesen I., 509. - -Aber nicht allein Unschönes und Leichtfertiges, sondern direkt -Schamloses verlangte die Mode des 16. Jahrhunderts. Abgesehen von -Vorfällen wie 1503 in St. Gallen, wo der Rat verbieten musste, völlig -nackt in der Stadt und ihrem Weichbilde umherzugehen[10], die ich als -Ausnahme gelten lassen will, denn soweit verstieg sich denn doch die -Zuchtlosigkeit sehr selten, bleibt noch genug Schandbares, besonders -in der Männerkleidung, übrig. »Hinden plotz und vor verschamt,« -spottet Suchenwirt über das hinten möglichst anliegende, dafür vorn um -so weiter auslegende Beinkleid. Conrad Celtes, der berühmte Humanist -(† 1508) spricht sich in seiner »Descriptio Urbis Norinbergae« -(Beschreibung der Stadt Nürnberg) Kap. VI über diese Moden also aus: -Er schildert erst, dass die Leute meist in schwarz nach der Mode -verschiedener Länder gekleidet seien und fährt dann fort: Bald in -weiten, faltenreichen Kleidern nach Art der Sarmaten, eine Binde -umgiebt den Kopf und es hängen am Körper Pelze; bald vertauschen sie -die heimische Tracht gegen Hasuken von Ungarn, (cuculli) von Italien, -bald ziehen sie nach Art der Franzosen mit Borten besetzte Mäntel und -Röcke mit Ärmel, #bald pressen sie den Körper aufs knappste in enge -Hosen und Unterkleider, so dass alle Formen des Leibes sich scharf -ausprägen# .... - -[10] Ratsprotokoll der Stadt St. Gallen vom Zinstag vor Corpus Christi -1503, bei Scherr. - -Die das Bein wie ein Trikot umschliessenden Beinlinge konnten, um dem -Träger das Bücken nicht unmöglich zu machen, nur einseitig befestigt -werden, wodurch sie meist hinten hinabrutschten, was allein schon -Anlass zu Ärgernis gab. Doch der ewige Stein des Anstosses waren die -Hosenlätze. Um das unbequeme Auftressen der Hose zu verhindern, setzte -man auf den Vorderteil des Beinkleides einen Latz auf, was an sich -vielleicht unschön, aber nicht verwerflich gewesen wäre, wenn die -Modelaune nicht verlangt hätte, die Aufmerksamkeit auf diesen -diskretesten Teil der Kleidung gewaltsam hinzulenken. - -Man suchte diesen Zweck auf verschiedene Weise zu erreichen. Entweder -fertigte man den Latz in einer anderen Farbe an, als die Hose selbst -hatte, wodurch der Latz um so auffallender wurde, besonders dann, wenn -die einzelnen Beinlinge ohnehin schon in mi-parti, d. h. in zweierlei -Farben angefertigt waren. Oder man stopfte den Latz derart aus, dass -er weit aus der Hose hervorstand, so dass Joh. Fischart von -Ochsenköpfen-, Hundsfidelbogen-, Schneckenhäuslein- u. s. w. Lätzen -reden konnte und ein Fliegendes Blatt 1555[11] sagt: »Ein Latz muss -sein darneben, wol eines Kalbskopfs gross.« Der Nürnberger Rat rügte -dies mit derben Worten, die erkennen lassen, dass diese Latzarten -ebenso verschiedenartig wie gemein waren. »Wann auch von ettlichen -mannspersonen eyn unzüchtige schanndbare übung und gewonhait -entstannden ist, also das sie ire letz an den hosen on notturfft -grössen lassen und dieselben an tenntzen und anderhalben vor erbarn -frowen und junckfrowen unverschawmbt ploss und umbedeckt tragen, das -dann nit alleyn Got, sonnder auch erberkeyt und manlicher Zucht wider -und unzymlich ist, demnach ist ein erber rat daran komen, vestigclich -gebiettennde, das hinfüro eyn yedes mannspilde, burger oder inwoner -dieser statt, seinen latz an den hosen nyt bloss, unbedeckt, offenn -oder sichtigclich dragen, sonnder alle seine cleyder dermassen machen -lassen und geprawchen soll, damit sein scham und latz der hosen wol -bedeckt unnd nit ploss gesehenn werde. Dann wellicher sich also damit -entplosset und desshalb gerügt oder fürbracht wurde, und sich das mit -seinem rechten nit benemen möcht, der solle darumb von eyner yeden -überfaren fardt eynes yeden tags oder nachts gemayner statt zu puss -verfallen sein und geben drey guldin.«[12] - -[11] Uhland, Altdeutsche Volkslieder, S. 525. - -[12] Bader, Polizeiordnungen, S. 105. - -Eine Strassburger Verordnung vom 8. August 1480 befiehlt allen -»snydern, meistern und knechten bei iren eiden« hinfüro keine kurzen -Mäntel mehr zu machen, die den Latz nicht bedecken, »doch mögent sie -es eym jeglichen wol lange machen.«[13] - -[13] J. Brucker a. a. O. S. 462; Strassburger Zunft- und -Polizeiordnungen, Strassb. 1889. - -Selbstverständlich konnte auch die Geistlichkeit diese Mode nicht -ungerügt lassen. »Ich hab hören einen Mönch predigen, einen Bruder aus -der Observanz: als dieser verdammt und heftig red'te wider den -Überfluss der Kleider und wider den unverschamten Form, der daran und -darin gemacht würd', beschloss er zuletzt auf #die# Weis mit solchen -Worten: Die Buhler in unserer stadt sie strecken ihre Lätz, so weit -aus den Hosen herfür, verwickelns auch und verstopfens mit so viel -Tüchlein, dass, so die Metzen wähnen, es seind Zumpen, so sind es -Lumpen.«[14] - -[14] Scheible, Schaltjahr III. S. 624 und Bebelii facetiae (Argentine -1509) i. iiij b. - -Aber weder die Obrigkeit noch die Kleriker konnten diesen Moden etwas -anhaben, sie bestanden allen Widersachern zum Trotz ruhig fort, ohne -sich viel um Edikte und Schmähungen zu kümmern. Männer und Frauen -blieben gleich kühl und thaten, was ihnen gefiel. Dies beweist -schlagend folgende Notiz in der Eurisheimer Chronik[15]: »Anno 1492 -was der Hoffart so viel, dass man weder geschrieben noch gelesen fand. -dan man trug selzame Kleider, besonders die mann, von vielen farben -und stückern, von flammen, bäumen, von asten, laubern und von -buchstaben, das ist in warheit war, dass man wol ein wammest und -hossen fand, das so viel stück hät, als tag im jahr sind. Und kost ein -kleid alweg zweymal so viel zu machen, als das tuch dazu. Und trug das -jung volck röck, die giengen mit mehr dann eyner hand breyt under dem -gürtel, und sach man ihm die bruch -- kurze Unterhose -- hinten und -vornen und was so scharf gemacht, das im die hosen die arsskerb -austheilten, das was ein hübsch ding, und hatten zullen vor ihn gross -und spitz voraus gohn, und man einer vor dem tisch stund, so lag ihm -die zull auf dem tisch. Also gieng man vor Kaiser, König, Fürsten und -herren und für ehrbare frauen. Und gieng es so schandbar zu unter -frauen und mannen, dass es gott leyd was. Die #frauen# trugen röck, -dass man ihnen die ditlen (Brüste) sah vornen in den Bussen und hinten -mitten in rücken, und köstlich von tuch und um das hauptloch und ermel -was von seiten belegt« u. s. w. - -[15] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, Jahrg. 1857 S. 380. - -Gleich scharf geht Sebastian Brant in seinem 1494 erschienenen -Narrenschiff gegen die Modethorheiten ins Gericht. - - »Auch Mädchen haben Narrenröcke; - Sie wollen jetzt tragen offenbar - Was sonst für #Männer# schändlich war: - Spitze Schuh' und ausgeschnittne Röcke, - Dass man den Milchmarkt nicht bedecke; - Sie wickeln viel Lappen in die Zöpfe - Und machen Hörner auf die Köpfe, - Wie sie sonst trägt ein mächt'ger Stier; - Sie gehn einher wie die wilden Thier'.«[16] - -[16] Vorrede zum Narrenschiff. - -heisst es über die Frauen, dann wieder mit edler Unparteilichkeit vom -stärkeren Geschlecht und seiner Gigerlhaftigheit: - - »Was sonst wol war ein schändlich Ding, - Das schätzt man schlicht jetzt und gering: - Sonst trug mit Ehren man den Bart, - Jetzt lernen Männer Weiberart - Und schmieren sich mit Affenschmalz - Und lassen am entblössten Hals - Viel Ring' und goldne Ketten sehn, - Als sollten sie vor Lienhart stehn. - Mit Schwefel und Harz pufft man die Haar' - Und schlägt darein dann Eierklar, - Dass es im Schüsselkorb' werd' kraus. - #Der# hängt den Kopf zum Fenster 'raus, - #Der# bleicht das Haar mit Sonn' und Feuer. - Darunter sind die Läus nicht theuer. - Die können es jetzt wol aushalten, - Denn alle Kleider sind voll Falten: - So Rock wie Mantel, Hemd wie Schuh, - Pantoffel, Stiefel, Hos' dazu, - Wildschur und die Verbrämung d'ran: - Der #Juden# Sitt' man sehen kann. - Vor #einer# Mod' die #andre# weicht, - Das zeigt, wie unser Sinn ist leicht - Und wandelbar zu aller Schande, - Und wieviel Neuerung ist im Lande. - Der Rock, -- wie kurz und wie beschnitten! -- - Reicht kaum bis zu des Leibes Mitten! - Pfui Schande deutscher Nation, - Dass man entblösst, der Zucht zum Hohn, - Und zeigt, was die Natur verhehlt! - Drum ist es leider schlecht bestellt......«[17] - -[17] IV von nuwen Funden (von neuen Moden). - -Geiler von Kaisersberg kommentiert in seinen Predigten über das -Narrenschiff diesen Text in seiner geistvollen Weise, wobei er aber -manches von Brant nur Angedeutete mit Behagen breittritt. Er spricht -von den zerschnittenen und zerstochenen Wämsern, die vorn so offen -sind, »das man mannen und frauen in busen sehen kann, den brustkernen, -het schier gesagt: den brusthurenspiegel.« Geiler resümiert ferner in -seiner Predigt »Von Kauffmanschatz« (1517, fol. 95b) alle nützen wie -unnützen Zierden, mit denen sich die Frauen zu verschönern suchen: Für -unnütz hält er: 1. har büffen (Püffe, Toupées), das har krauss machen; -2. Halsbänder; 3. Spangen von den Frauen an der Brust getragen; 4. -Stirnschmuck, »do sein etwa berlin (Perlen?) yn gefasst oder ander -edelgestein«; 5. Armzierden, als gestickte Ärmel, die sie auf den -Achseln tragen, »und silbrin steffzen an den menteln; 6. Ohrringe, -»als die Zyginer tragen«; 7. die langen schwentz an den Röcken und an -den menteln«; 8. Die Umschläge oben am Halse, »das letz an den -mussecken (Brüsten) muss herussgon«; 9. Die stumpfen und die spitzen -Schuhe; 10. Die Knöpfe an solchen Stellen, die keiner Knöpfe bedürfen; -11. Die zerhauenen Kleider, »wenn sie sie da tragen zerschnitten und -zerhacket«[18]; 12. »#So sind es die zoepff, die die frawen machen, -da kein oder wenig har ist, und nemen frembd har und ist etwann -todten har#, das sie darzu binden und muoss dan herfür gon, das man -es sehe und man wen (man wähne), sie haben hübsch har; 13. #Die die -in das bücksslin blosen, das sie ein ferblin empfahen# (d. h. die -sich schminken, um bessere Farbe zu bekommen); 14. #Die Säcke, die -sie um sich gürten.# Wenn die #Frauen# mager sind, so nehmen sie -einen Sack oder grobes, dickes Tuch, »ist etwann mit baumwollen -gefült«, das binden sie um sich, um dick zu erscheinen, wie ein -»brotbeckerknecht«.[19] - -[18] Bernhard Freydiger in seinem »Lebenslauf Herzog Heinrichs von -Sachsen«, mitgeteilt von Vulpius, Curiositäten II. 336, erzählt von -der Braut des Herzogs, die er 1512 gesehen, dass sie ein aus etlichen -hundert Stücken zusammengesetztes Kleid angehabt habe. Die Hauptfarbe -der Seidenflicken war rot und gelb, mit zwischengesetzten Lappen in -»Rosinfarbe, Aschfarbe und Weiss«. - -[19] Diese Säcke, der sogenannte #Speck#, war ein bis fünfundzwanzig -Pfund schwerer Wulst, der die Frauen aussehen machte, als ob sie sich -in anderen Umständen befänden. Dr. Rud. Schultze, Die Modenarrheiten, -S. 54. - -Doch was waren alle diese Ausfälle gegen die Verbissenheit, mit -welcher protestantische Theologen, allen voran der Oberpfarrer in -Frankfurt a. O., D. Andreas Musculus, gegen den aus den Niederlanden -gekommenen Hosenteufel zu Felde zogen, gegen die schamlosen, -geschlitzten, unförmigen, geschmacklosen Pluderhosen, zu denen bis zu -hundertdreissig Ellen Zeug verschnitten werden musste. Zu welchen -Verwünschungen verstieg sich nicht der gelahrte Mann in seinem »Vom -zuluderten, zucht und ehrerwegenen, pludrichten Hosen Teuffel -Vermahnung und Warnung«. Es wäre kein Wunder, wenn die Sonne nicht -mehr schiene, die Erde nicht mehr trüge, und Gott in den nächsten -Tagen wegen dieser greulichen und unmenschlichen Kleidung -dreinschlüge; solche Bosheit werde zweifelsohne den jüngsten Tag -herbeiführen u. s. w. ad infinitum mit Grazie, bis sich diese -Hosenmode als Verbrechen gegen jedes einzelne der zehn Gebote erwiesen -hatte. Kurfürst Joachim II. von Brandenburg unterstützte seines -Lieblings Musculus' Bemühungen gegen die Pluderhosen durch Gewaltakte, -so indem er drei Bürgersöhne mit solchen Ungetümen in einen -Narrenkasten stecken liess, vor dem Tag und Nacht ein Musikant seine -Weisen ertönen lassen musste zur Anlockung von Neugierigen. Einmal -liess er einem Gecken auf offener Strasse die Gurten durchschneiden, -so dass die Zeugmassen zur Erde niederrauschten und der arme Modeherr -im blossen Hemde dastand.[20] - -[20] Streckfuss, 500 Jahre Berliner Geschichte, S. 141 ff. - -Derartige Derbheiten erregten Furcht und Unwillen, genügten aber -nicht, die nun einmal für schön gehaltene Tracht auszurotten, -ebensowenig wie dies die Kleiderordnungen vermochten. Alle diese -Massregeln krankten daran, dass sie sich gegen einen der Hauptfaktoren -im menschlichen Dasein, gegen die Eitelkeit richteten und sich dadurch -die Feindschaft des mächtigsten aller Geschöpfe, der Frau, zuzogen. -Was die Frau will, will Gott, und die Frau ist nun einmal zu allen -Zeiten und bei allen Völkern der Göttin Mode allzeit unterthänigste -Dienerin. Vernunftgründe und Strafen haben niemals auf die Dauer den -Willen der in solchen Fällen einmütig zusammenstehenden Frauen zu -beugen vermocht; der Vernunft setzten sie weiblich schlau -ausgeklügelte Gegengründe, der Gewalt Trotz entgegen. Darum griffen -gestrenge Ratsherren, wenn alle hochtönenden Verwarnungen unbeherzigt -zu verhallen drohten und sie den Kampf gegen die Weiblichkeit, zu der -ja auch ihre Frauen und Töchter gehörten, nicht bis aufs Messer -durchführen wollten, zu jenem jesuitischen Auskunftsmittel, das ich -schon (S. 116) anführte, indem sie den Auswurf der mittelalterlichen -Gesellschaft -- Bordellmädchen, Henkersfrauen und -töchter, -Pfaffendirnen und Jüdinnen -- zwangen, die Missfallen erregenden Moden -anzulegen und sie dadurch für jede ehrbare Frau unmöglich zu machen. -Wenn aber auch dieses letzte Mittel nichts half, dann warfen die -Herren die Flinte ins Korn und liessen die Mode Mode sein, bis sie von -selbst durch eine andere, vielleicht noch unschönere, ersetzt wurde. -Dann begann die ganze Geschichte wieder von vorn. - - - - -Liebeszauber und Zauberliebe. - - -Der Aberglauben, nach Bodenstedt der Glauben ohne Aber, hat alle -Wandlungen und Fortschritte der Kultur zu überstehen vermocht. In -seinen Uranfängen so alt wie die Menschheit und älter als die -Religion, aus deren Vorläufer er zu ihrem unzertrennlichen Begleiter -wurde, spukt er noch heute mit ebenso ungeschwächter Kraft, wenn auch -mancher allzu krasser Auswüchse beraubt, wie er es vormals gethan, wo -er alle Handlungen der Menschheit beeinflussend, selbst die hellsten -Köpfe in seinem unheilvollen Banne hielt. - -Wenn Goethe einmal den Aberglauben die Poesie des Lebens nannte, so -hat er, als er diesen geistvollen Ausspruch that, jene Wahnbilder des -Aberglaubens vergessen, denen das Mittelalter jene zu Abertausenden -aufflammenden Scheiterhaufen errichtete, die unzähligen Unschuldigen -oder in unglückseliger Verblendung verfallenen zum grauenvollen Grabe -wurden, darum auch setzte er der erstgenannten Sentenz seine -Definition des Aberglaubens entgegen, die alles umfasst, was sich über -diese Wahngebilde nur sagen lasst. »Der Aberglauben lässt sich -Zauberstricken vergleichen, die sich immer stärker zusammenziehen, je -mehr man sich gegen sie sträubt. Die hellste Zeit ist nicht vor ihm -sicher: trifft er aber ein dunkles Jahrhundert, so strebt des armen -Menschen umwölkter Sinn alsbald nach dem Unmöglichen, nach Einwirkung -ins Geisterreich, in die Ferne, in die Zukunft; es bildet sich eine -wundersame reiche Welt, von einem trüben Dunstkreise umgeben. Auf -ganzen Jahrhunderten lasten solche Übel und werden immer dichter und -dichter; die Einbildungskraft brütet über einer wüsten Sinnlichkeit. -Die Vernunft scheint zu ihrem göttlichen Ursprunge gleich Asträa -zurückgekehrt zu sein, und der Verstand verzweifelt, da ihm nicht -gelingt, seine Rechte durchzusetzen.« Wenn Brunnenhofer das Feld -des Aberglaubens in vier Gebiete einteilt: das naive, das komische, -das tragikomische und das tragische[1], so ziehe ich die einfache -Zweiteilung in gefährlichen und ungefährlichen Aberglauben vor. Wenn, -um Beispiele aus der Gegenwart zu nehmen, jemand an die Unglückszahl -Dreizehn glaubt, so ist dies dem Gläubigen und seinen Nebenmenschen -in keiner Weise unheildrohend; wenn aber, wie dies leider nur zu -häufig der Fall ist, jemand noch Stein und Bein auf das Beschreien -und den bösen Blick schwört, so kann dies dem, angeblich mit dem -bösen Blick Behafteten gar leicht gefährlich werden, wie viele -Gerichtsverhandlungen aus ultramontanen Gegenden zur Genüge darthun. -Hingegen wird ein ursprünglich naiver Aberglauben, denn naiv ist eben -anfänglich jeder Aberglauben, sehr leicht auf seiner abschüssigen Bahn, -die alle vier Stationen Brunnenhofers berührt, zu einem tragischen. -Und so ging es fast jedem Aberglauben des Mittelalters, wenn ein -Nebenmensch mit diesem Afterglauben in Verbindung gebracht wurde, was -vorzugsweise dann der Fall war, wenn der Aberglauben eines seiner -beiden Hauptfelder betraf: jemandem zu schaden, oder ihn sich geneigt -zu machen, oder, mit anderen Worten, wenn er dem Hass oder der Liebe -Dienste leisten sollte. Da die Liebe in ihrer Entstehung und ihrer -Wirkung etwas Zauberhaftes an sich hat, so war für alle jene Epochen, -die blindlings an den Zaubereinfluss auf Leib und Seele schworen, die -Annahme eines Liebeszaubers ziemlich naheliegend. Bei den meisten -Völkern des Altertums ist demnach auch der Glauben an zauberische -Mittel verbreitet, durch die man Liebe erwecken kann. - -[1] Dr. Herm. Brunnenhofer, Culturwandel und Völkerverkehr, S. 103 ff. - -Das babylonische Mädchen, das am Kreuzweg des Mannes harrte, dem sie -sich zu Ehren der Göttin Mylitta hingeben musste, räucherte mit Liebe -schaffender Kleie[2]; die Römer erzeugten Philtra aus Hippomanes, -Teilen des Vogels Jynx, des Wendehals, und anderen mehr oder weniger -ekelhaften animalischen Ingredienzien, in deren genauer Zusammensetzung -besonders die thessalischen Weiber sehr erfahren waren. - -[2] Baruch 6, 42. 43. - -Aus dem skandinavischen Norden kamen jene Runenstäbe nach dem -stammesverwandten Germanien, in die der zauberkundige Liebhaber -geheimnisvolle Zeichen eingekerbt, um durch sie das Herz der spröden -Geliebten sich zuzuwenden. Doch auch Tränke zu brauen verstanden jene -Weiber, die abseits von den anderen Gaugenossen im Waldesdüster ihr -Dasein verträumten, mit Odins geheiligtem Tiere, dem Raben, als -einzigen Gefährten. Mit Zaubersprüchen, Liedern und Runen wussten sie -die Gemische aus Kräutern und Tierbestandteilen zu segnen und wirksam -zu machen.[3] Man küsste die Geliebte, denn im Kusse lag ein -allmächtiger Zauber[4], ehedem wie heute, und wer dieser Macht nicht -traute, verbarg beim Kusse ein Zauberkraut im Munde.[5] - -[3] Weinhold a. a. O. I. 236. - -[4] Grimm, Mythologie, 1055. - -[5] Nithart von Reuenthal, Lieder, 17. 30. - -Im Verlaufe des Mittelalters bildete sich die Bereitung von -Liebesmitteln zu einer Geheimwissenschaft aus, die den leitenden -Grundsatz aufstellte, dass man auf zweierlei Wege, durch Arcana und -auf sympathetische Weise, Liebe erwecken könne. - -Die Medikamente bestanden vornehmlich aus den abscheulichsten Teilen -von Tieren, Testikeln des Wolfes oder des Hasen, beziehungsweise, wenn -einer Frau Gegenliebe octroyiert werden sollte, den Geschlechtsteilen -einer Wölfin oder Häsin, nebst Tierhaaren und Exkrementen. Doch alle -diese Mittel, auch wenn sie noch so ekelhafte Gliedmassen verwendeten, -sind lieblich zu nennen im Gegensatze zu den meistverwendeten -Medikamenten der Liebestränke, die vom Menschen selbst genommen -wurden. Zu den harmlosesten Dingen dieser Art zählt noch die -vielgebrauchte Frauenmilch. Eine lustige Geschichte über den Zauber -durch Frauenmilch entnimmt Harsdörfer[6] dem Diarium des Andreas -Ratisponensis, das sie, als im Jahre 1424 passiert, vermerkt: »In der -obern Pfalz hat sich wie landkundig zugetragen, dass ein Pfaff sich in -eine ehrliche Bürgersfrau verliebt, und da sie in dem Kindbett -gelegen, von ihrer Magd, der er etliche Dukaten geschenkt, etlich -Tropfen von der Frauenmilch begehrt. Die gab ihm aber Geissenmilch. -Was er damit gethan, ist unbewusst, das aber hat er erfahren, dass ihm -die Geiss in die Kirch bis vor den Altar und bis auf den Predigtstuhl -nachgelaufen, was die Frau zweifelsohne hätte thun müssen, so er ihre -Milch zuwegen gebracht. Er konnte des Tiers nicht ledig werden, bis er -es kaufte und schlachten liess.« - -[6] »Schauplatz lust- und lehrreicher Geschichten«, 1653. - -Eine tiefe Gläubigkeit an die Wirksamkeit dieses Liebesmittels drückte -sich in Harsdörfers Vortrag aus, und ebensowenig wie dieses geistvolle -Mitglied der »Fruchtbringenden Gesellschaft«, hegt irgend ein anderer -seiner Zeitgenossen zu Ausgang des 17. Jahrhunderts irgend einen -Zweifel an Liebestränken und Liebesbissen, über deren ekelhafteste -Zuthaten ich einen anderen berichten lassen will. Chr. von Hellwig, -der unter dem Pseudonym Valentin Kräutermann ein von Borniertheiten -strotzendes Buch von Heilmitteln herausgab[7], von dem Scheible in -Stuttgart einen Neudruck veranstaltete, schreibt: »Zu magischen und -teuflischen Liebesmitteln gebrauchen Zauberer und Zauberinnen teils -allerhand Worte, Zeichen, Murmelungen, Wachsbilder u. dergl., teils -brauchen sie die abgeschnittenen Nägel, ein Stückchen Tuch von der -Kleidung oder sonst etwas von der Person, welches sie vergraben, es -sei nun unter die Thüre oder eine andere Schwelle. Huren und -dergleichen Gesindel, erwählen zwar auch natürliche Dinge aus allen -drei Naturreichen; sie bedienen sich ihrer monatlichen Blume, des -Mannes Samen, Nachgeburten, Milch, Schweiss, Urin, Speichel, Haar, -Nägel, Nabelschnur, Gehirn von einer Quappe oder Aalraupen, welch -letztere hierin vor ein Spezificum gehalten wird die Liebe zu -erwecken.« Das Register hat ein Loch, denn Kräutermann hat eine -Ingredienz vergessen -- den Kot der Liebsten.[8] - -[7] Der curieuse Zauberarzt, wie man alle Artzneyen verfertigen auch -per sympathiam, et antipathiam, transplantationem, amuleta et magiam -naturalem od. vermeynte Hexerey die vornehmsten Kranckheiten curiren -könne. Frankfurt a. M. 1725. - -[8] Paullinus a. a. O. I. S. 344. - -Um Liebe auf sympathetische Weise zu erwecken, gab es in jeder -Landschaft Deutschlands andere Mittel, deren Aufzeichnung einen viele -hundert Seiten starken tragikomischen Beitrag zur Geschichte der -menschlichen Narrheit bilden würde. - -In der Frühzeit zeichneten sich neben den alten Weibern, die ihre -vermeintliche Wunderkraft meist auf dem Scheiterhaufen büssten, die -fahrenden Schüler als Zauberer aus. - - »Mit wunderlichen sachen - Ler ich sie denne machen - Von wachs einen kobold - Wil sie, daz er ir werde hold - Und teuf es in den brunnen - Und leg in an die sunnen - Und heiz widereins (rückwärts) - Umb die kuchen gan.«[9] - -[9] »Von einem fahrenden Schüler.« Altdeutsche Wälder, II. 55. - -Sie lehrten auch für Geld und gute Worte jene sinnlosen Gebräuche, die -sich zum Teil noch heute erhalten haben, von denen ich einige wenige -als Beispiele für die Denkweise unserer Vorfahren hierhersetzen will. -Berthold v. Regensburg sagt von den Bauern »Pfî, wiltû einen man alsô -mit zouberîe gewinnen! ..... Sô nimt din her ein toufet ein wahs, din -ein holz, din ein tôtenbein, allez daz sie dâ mite bezouber. Dâ -zoubert din mit den Kriutern, din mit dem heiligen Krismen, din mit -dem heiligen gotes lîchnamen.«[10] - -[10] Predigten, II. 70. 25 bei Schultz, H. L., S. 650. - - »Dass dich eine lieben muss.« -»Nimm drei Federn vom Hahnenschwanz, druck sie dreimal in die Hand. -Probatum.« Oder: »Nehme eine Turteltaubenzung ins Maul (!), rede mit -ihr lieblich, küsse sie darnach auf den Munde« -- natürlich sie, die -Angebetete, nicht die Turteltaubenzung -- »so hat sie dich so lieb, -dass sie dich nicht mehr lassen kann.«[11] - -[11] Scheibles Schaltjahr, II. 45. - -»Rezept zum Liebespulver. Nimm eine Hostie, die jedoch nicht geweiht -sein darf, schreibe auf sie einige Worte mit Blut aus dem Ringfinger -und lasse alsdann von einem Priester fünf Messen darüber lesen. Dann -teile die Hostie in zwei gleiche Teile, deren einen nimm selbst, den -anderen gebe der Person ein, deren Liebe du gewinnen willst.« - -»Nimm von deinem Blut an einem Freitag im Frühling, lass es mit den -beiden Testikeln eines Hasen und der Leber einer Taube in einem nicht -zu warmen Ofen in einem kleinen Topf trocknen, machs zu feinem Pulver -und lass die Person, von der du geliebt sein willst, davon geniessen, -ungefähr einer halben Drachme schwer. Wenns aufs erstemal nicht wirkt, -so wiederhole es bis zu dreimal und du wirst geliebt werden.« - -»Die weisse Lilienwurzel, unter gewissen Zeichen gesammelt, und bei -sich getragen, grosse Liebe und Freundschaft (sic) zwischen Personen -beiderlei Geschlechtes erwecken und erhalten soll.«[12] _Sapienti -sat!_ - -[12] Anleitung zu den curiösen Wissenschaften. Frankfurt 1717. - -Noch eines Sympathiemittels muss, um nicht unvollständig zu sein, wenn -auch widerstrebend, gedacht werden. »Ein fleissiger _Studiosus -Medizinae_, mein ehemaliger guter Freund, ward offt von des Nachbars -Tochter gelockt, aber er hatte Eckel daran. Einst schlieff er bey -ihrem Bruder in ihres Vatters Hause, und ward gantz umgekehrt, doch -aber kam er nicht zu ihr. Nur des Nachts, mehrenteils um 12 Uhr, stund -er leise uff, lieff vor des Mägdleins Hauss, küssete die Thür dreymahl -und gieng wieder von dannen. Wie es seine Schlaffgesellen merkten, -verwiesen sie ihm die Thorheit, doch konnten sie ihn nicht davon -abhalten. Einst wollte er sein Kleid vom Schneider umwenden lassen, da -fand man in den Hosen einen linnenen Beutel und in demselben einen -Hasenschwantz, krausse Haare, vielleicht von einem ungenannten Ort der -Dirne abgeschnitten und diese Buchstaben S. T. T. I. A. M., welche -einige so verdolmetschen: _Satanus te trahat in amorem mei_.[13] -Sobald aber das Säcklein mit Schwantzhaaren und allem verbrandt war, -hatte der Geck auch Ruhe.«[14] - -[13] Der Teufel ziehe dich in meine Liebe. - -[14] Paullinus a. a. O. I. 344 ff. - -Einen interessanten Beitrag zum Glauben an die Kraft dieser -Weiberhaare findet sich in der Biographie der Magdalena Sibylla von -Neitschütz, die ihren Geliebten, Johann Georg IV. von Sachsen, auf -diese Weise an sich gekettet haben sollte[15]. - -[15] F. Bülau, Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen, 2. -Auflage, III. Band (1863). Die Gräfin von Rochlitz, S. 1 ff. - -Solange die weltliche Obrigkeit gegen derartige Zaubereien noch nichts -einzuwenden hatte, ging es noch; aus Predigten und Konzilsbeschlüssen -machte man sich blutwenig, denn kirchliche Strafen waren eben nur -Ehrenstrafen, die sich schliesslich überstehen liessen, wenn sie auch -hart genug trafen. So ordnete ein Pariser Pönitentiale an: »Wer Blut -oder seinen virile um der Liebe oder einer anderen Sache wegen einem -Mann oder einer Frau zu trinken giebt, soll drei Jahre büssen«[16], -oder wenn, wie aus einem Fastnachtsspiele hervorgeht[17], alle -diejenigen von der Kommunion ausgeschlossen blieben, die »zu essen -geben oder in annder weiss machen, das leut schullen an einander liep -oder feinter werden, und was solicher sach sein«, so konnte sich der -Übelthäter immerhin noch, sei es durch Geldopfer oder eine andere vom -Geistlichen auferlegte Busse, wieder reinwaschen. Anders stand dies -aber in einer Zeit, wo der Hexenwahn die Gemüter ergriffen hatte, -Laien und Pfaffen beiderlei Konfessionen in unersättlichem Blutdurste -alles, was den Namen Weib führte, in unerhörtester Weise besudelten -und »ad majorem Dei gloriam« zu Tode schleiften, nachdem sie vorher -auf das schamloseste die Körper und die Gemüter der auf der Folter -gefügig gemachten Opfer gebrochen; wo ein scheinheiliger Rechtslehrer, -Benedikt Carpzow, sich in einem Atem und unter demselben Augenaufschlag -rühmen konnte, dreiundfünfzigmal die ganze Bibel durchgelesen und -zwanzigtausend Todesurteile gefällt zu haben, die zumeist arme -Weiber, denen das Hirngespinst des grossen Leipziger Schurken nie -ausgeführte Verbrechen angedichtet hatte, zur Einäscherung, im besten -Falle zur Hinrichtung durch das Schwert verdammte, da war schon der -Gedanke an ein Liebesmittel eine Anwartschaft auf den Tod, da er auf -unzweifelhaften Verkehr mit dem Teufel hinwies. Mit ebenso stupender -wie stupider Gelehrsamkeit hatte sich der jedes Gefühles bare Carpzow -und mit ihm der ganze Schwarm Gottesgelahrter und Richter ein System -zurechtgebaut, aus dem das erotische Moment in einer Teufelsfratze -allenthalben hervorgrinste. »So sehr war durch den Einfluss des -Teufelsglaubens die altgermanische Frauenverehrung, welche im Weibe -›etwas Heiliges‹ gesehen hatte, getrübt worden, dass unsere Altvorderen -etliche Jahrhunderte hindurch es für möglich, ja für wirklich hielten, -deutsche Mädchen und Frauen gäben Sitte und Scham, alles Hohe und -Heilige, was der Mensch besitzen kann, für die widerliche Umarmung -eines scheusslichen Bockes hin. Es dürfte doch schwer sein, auf -dem ganzen Gebiete menschlicher Narrheit etwas aufzufinden, was an -blödsinniger Gemeinheit dieser christlich-theologischen Phantasie nur -halbwegs gleichkäme.«[18] - -[16] Arved Straten, Blutmord, Blutzauber, Aberglauben, Siegen 1901. - -[17] Keller, S. 1463. - -[18] Scherr, G. d. d. F., II. 139. - -Vergessen war die abgöttische Verehrung, die man dem Weibe in der -Jungfrau Maria dargebracht, vergessen die Achtung, die man der Mutter, -der Hausfrau gezollt, das Weib war nur das unreine Gefäss, durch das, -nach theologischer Weisheit, »die Sünde« überhaupt in die Welt -gekommen, das daher teuflischen Einflüssen um so leichter zugänglich -sein musste. - -Da nun »die Teufel, die nicht zu zählen sind«, die Welt durchstreifen, -um Menschen zu verführen und jeden zu ergattern, »die um ein sehr -lange Zeit daher, über fünftausend Jahre, durch stete Uebung überaus -klug und erfahren sind worden«[19], so wandten sie sich zuerst an die -Frauen, um sie körperlich und seelisch zu verführen und sie zu -Werkzeugen zu machen, durch die ihnen weitere Opfer zugeführt wurden. - -[19] Luthers Tischreden oder Colloquia, Vom Teufel und seinen Werken, -(Anno 39 den 15. Januarii). - -Das Hauptmittel, die Weiber zu Hexen zu machen, bestand für den Teufel -in der Buhlschaft. Um mit den Hexen geschlechtlich zu verkehren, -besucht er sie in allerlei Verkleidungen in ihren Wohnungen. Bald -tritt er als schwarz gekleideter Herr, bald als Mann mit Federhut, -gelben Strümpfen und einem Esels- oder Pferdefuss, bald wieder als -langer, schwarzer Mann mit Hörnern auf[20], oder er naht sich ihnen -unter der Maske eines Junkers, Jägers, Reiters und unter den Namen -Junker Hans, Voland, Hämmerlein, Federhanns, Schönhans, Peterlein, -Federlein, Papperlen, Klaus, Grässle, Grünhütel oder ähnlichen.[21] -Manchesmal aber suchte sich der Junker Hans auch ganz ausgefallene -Örter zum Buhlen aus. Am 6. März 1604 wurde in Lauchstädt eine -Zauberin, die Haferkastin nebst einer anderen Hexe verbrannt, die -bekannt haben sollte, vom Teufel auf die Spitze des Roten Turmes zu -Halle geführt worden zu sein, wo er ihr gedroht habe, sie hinunter zu -stürzen, wenn sie ihm ihr gegebenes Versprechen nicht halte. Darauf -sei sie ihm zu Willen gewesen und habe fünfmal mit ihm #auf der -Turmspitze# Unzucht getrieben. Etwas Derartiges konnten Menschen, die -sich ihrer fünf gesunden Sinne rühmten, für bare Münze nehmen! - -[20] Curt Müller, Hexenaberglaube und Hexenprozesse in Deutschland -(Reclam), S. 26. - -[21] Scherr, Frauenwelt, II. 149, und Müller a. a. O., Urteilssprüche -Leipziger Schöffen, 139 ff. - -Über die Art des geschlechtlichen Verkehrs ergehen sich die Werke -Carpzows und das »aus frommem Wahnsinn und fanatischer Grausamkeit« -bestehende Schandbuch des Ketzerrichters und Theologie-Professors -Jakob Sprenger, der im Jahre 1489 mit Approbation der Kölner -theologischen Fakultät gedruckte »Malleus maleficarum«, zu deutsch der -Hexenhammer, in einer Breite, deren Unflätereien lebhaft an Liguoris -Moraltheorie erinnern. »Der Autor schreibt wie ein Kerl, der etliche -bordels ausgehuret hat«, sagt bereits Hauber von Sprenger.[22] Es -sträubt sich meine gewiss nicht prüde Feder, diese mit behaglicher -Ruhe vorgetragenen Schweinereien eines im Cölibate lebenden -hochwürdigen Herrn auch nur andeutungsweise wiederzugeben.[23] - -[22] Bibliotheka magica, 1741, I., 26 ff. - -[23] Wer den Mut hat, den stinkenden Sumpf des Hexenhammers zu -durchwaten, der sei auf Graf von Hoensbroechs »Das Papstthum in seiner -sozialkulturellen Wirksamkeit« hingewiesen (Leipzig 1900), dessen I. -Band eine ziemlich vollständige Übersetzung des Malleus maleficarum -enthält. - -Aus den düsteren Gewölben, deren Kreuzbogen vom Gewinsel und Stöhnen -der armen, gefolterten Kinder und Frauen widerhallten, drang viel, zu -viel an die Öffentlichkeit, um nicht die Phantasie hysterischer und -vom allgemeinen Wahne ergriffener Weiber derart zu erhitzen, dass sie -alles das, was sie gehört, auch schliesslich selbst erlebt zu haben -glaubten und sich im Wahnsinne Verbrechen bezichtigten, die sie kaum -geträumt haben können. Sie geben unumwunden zu, was ihnen die Richter -in den Mund legen, oder gestehen es, ausgeschmückt mit eigenen -Zuthaten unter den Martern der oft menschlicher als die Richter -fühlenden Henker. Fühllos wie die Quadern der Folterkammern wohnten -diese Richter jahraus, jahrein jenen Greuelscenen bei, bis die -Gewohnheit jegliches Gefühl in ihnen abstumpfen musste. Wenn die -deutschen Richter auch nicht in den Zwischenakten eines Hexenprozesses -Laute spielten und Inkulpantinnen tanzen liessen, ehe sie sie an den -Holzstoss ablieferten, wie dies ein französischer Kollege that[24], so -fanden sich doch auch in deutschen Gauen nichtswürdige Hallunken genug -unter ihnen. Wenn sich unter der Regierung des Bischofs Heinrich -Julius von Halberstadt-Braunschweig im 17. Jahrhundert anlässlich -einer rebellischen Bewegung der Braunschweiger Bürger gegen den -geistlichen Herrn folgendes zutragen konnte, wird es bei den Prozessen -gegen die Unholdinnen keinesfalls besser, eher noch schlimmer -hergegangen sein, wofür viele Gründe sprechen. In dem besagten -Prozesse heisst es von den in der Marterkammer anwesenden -Gerichtspersonen: »Sie trunken einander fleissig zu, dass sie auch so -toll und voll wurden, dass sie einesteils eingeschlafen ... Etwan in -die dritte Woche kamen sie wieder, und als sie nun in solcher -Trunkenheit ihr gefasstes Müthlein ziemlichermassen ausgeschüttet, seyn -sie für diesmal davongegangen ... Zum dritten male bin ich abermal in -die peinliche Kammer gebracht u. s. w. und Hans Saub war so trunken und -voll, dass er beim Tisch einschlief, und wann er hörte, dass ich etwas -härter sprach, so wachte er auf und weisete mit den Fingern, sagend: -Meister Peter, hinan, hinan mit dem Schelm und Stadtverräther und wenn -er solches gesagt, schlief er wieder ein vor Trunkenheit. Ingleichen -soffen die andern tapfer auch herum Wein und Bier, und wurden aus -Trunkenheit und sonsten so verbittert, dass nicht zu sagen ...«[25] -Das Martern und Foltern der Angeklagten war im Mittelalter ein derart -unzertrennlicher Bestandteil des Gerichtsverfahrens, dass der Richter -den Gedanken, ein Geständnis anders als durch die Folter zu erlangen, -einfach nicht fassen konnte. Und bei den Unholdinnen erst, die nichts -zu gestehen hatten, waren die Folterwerkzeuge unentbehrlich, denn ohne -sie hätte es eben keine Hexenprozesse gegeben. - -[24] Roloff, Leben und Wirken des Teufels, Histor. Taschenbuch, 5. -Folge, 2. Jahrg., S. 165. - -[25] F. Heinemann, Richter und Rechtspflege in der deutschen -Vergangenheit, S. 64. - -Bei Weibern, die sich dem Satan zu eigen gegeben, wäre Milde des -Richters ein Verbrechen gewesen, das ihn vielleicht selbst in eine -zweideutige Stellung gebracht hätte, darum suchte jeder einzelne genau -nach der Schablone zu handeln. Lag es auch in seinem Belieben, die -schauerliche Wirkung der Tortur zu erhöhen oder zu mildern, so -brauchte er seine Macht doch kaum jemals zu Gunsten einer Hexe, -ebensowenig wie er sich daran kehrte, die heuchlerische Vorschrift des -Hexenhammers zu befolgen, bei der Tortur kein Blut zu vergiessen. Er -war unumschränkter Herr in der Folterkammer und gebrauchte seine Macht -oder missbrauchte sie, ganz wie es ihm beliebte. Hatte er jemanden -freilassen müssen, weil seine Unschuld denn doch zu klar lag, so liess -er eben den unschuldig Gepeinigten Urfehde schwören, sich niemals an -ihm und den Seinen zu rächen. Bei einer Hexe war aber diese Gefahr für -den Inquisitor nicht zu befürchten, denn kaum eine dieser Unthat -bezichtigte Weibsperson entrann jemals dem Arm »der Gerechtigkeit«. - -Schon vorm Beginn des Prozesses brach man die Seelenkraft der -Angeklagten, die schliesslich so mürbe werden musste, dass sie sich -schuldig bekannte, um durch den Tod von weiteren Quälereien befreit zu -werden. - -Ehe man die Hexe dem Richter vorführte, zog man sie splitternackt aus -und untersuchte ihren Körper, ob sie nicht Zaubermittel bei sich -führte, mit denen sie dem Richter Schaden zufügen könnte. Obwohl der -Hexenhammer vorschrieb, diese Untersuchung von ehrsamen Frauen -vornehmen zu lassen, so scherte sich in der Praxis kein Richter darum, -sondern überliess die Wehrlose den Henkersknechten, die diese günstige -Gelegenheit nicht vorübergehen liessen, sich tierisch an jungen Hexen, -selbst unmündigen Kindern zu vergreifen und dem Teufel die Schuld -zuzuschieben. Der wütende Hexenrichter Remigius, der sich in seiner -»Daemonolatria« rühmt, binnen fünfzehn Jahren (1580-1595) in -Lothringen achthundert Hexen eingeäschert zu haben, erzählt von einem -seiner Opfer, Katharina genannt, sie wäre, obgleich noch ein -unmannbares Kind, im Kerker wiederholt derart vom Teufel genotzüchtigt -worden, dass man sie halbtot aufgefunden habe.[26] Wem hätten auch die -Geschändeten die ihnen angethane Schmach klagen sollen, dem Richter? -Der wusste doch, dass alles, was die Hexe sprach, Lüge und Blendwerk -der Hölle sei, oder ihren Beichtvätern, »gleichviel ob katholisch oder -protestantisch, die die gefangenen Hexen in den Kerkern aufsuchten -und, anstatt ihnen Trost und Mut zuzusprechen und durch das Gebet für -ihren Martergang zu stärken, sie mit allen möglichen Kreuz- und -Querfragen in Fallen zu locken suchten; ihnen das Gewissen -beängstigten; sie zu falschem Geständnisse zwangen? Diese gemeine, -niederträchtige Pfaffenbrut war gefährlicher als die Henkersknechte -und Inquisitoren resp. Richter. Denn selbstverständlich hing sich ein -bis zu Tod geängstigtes Weib mit aller Gewalt an den Seelensorger; -suchte bei ihm Trost und folgte seinem Rate. Musste ein solch armes -Wesen nicht von Sinnen kommen, wenn sie sogar von dem Manne, den sie -als heilig und fromm verehrte, als Hexe betrachtet wurde? Und wie er -ihr ins Gewissen redete! Wie er, wenn sie bekennen würde, ihr von Heil -und Rettung, von Gnade und Barmherzigkeit vorpredigte! Jede -verfängliche Aussage, die ein so verzweifeltes Weib fallen liess, nahm -der Beichtvater zu Protokoll. Hatte er genug aus der Unglücklichen -herausgepresst, so gab er dem Richter genauen Bericht. So kam es, dass -der Richter bereits das ganze Untersuchungsprotokoll, die ganze -Beweisaufnahme in den Händen hatte, ehe er überhaupt die Hexe verhört -hatte. Er hatte somit leichte Arbeit, indem das Verhör seinerseits nur -kurze Zeit in Anspruch nahm, das übrige that die Folter.«[27] - -[26] Scherr, Kulturgeschichte, S. 387. - -[27] C. Müller a. a. O. S. 90. - -Doch noch eine zweite Entwürdigung hatte die Hexe vor dem Richter -durchzumachen. Man schor ihr jedes Haar am Körper ab, um eines jener -Teufelsmale, Stigma, zu entdecken, mit dem der Satan alle Weiber -kennzeichnete, die er als Buhlerinnen gebraucht. Fand man einen -Leberfleck, ein Muttermal oder eine Warze, so stach der Henker mit -einer Nadel darein, um seine Empfindlichkeit zu prüfen. Schmerzte der -Stich nicht, dann war die Teufelsliebe erwiesen, im anderen Falle -hatte der Teufel der Hexe das Mal empfindlich gelassen, um die Richter -zu täuschen. Fehlte ein solches Mal gänzlich, so hatte es der Teufel -verwischt. Gestand nun die Hexe, eingeschüchtert durch die Aussicht -auf die Tortur, oder getäuscht von lügenhaften Vorspiegelungen des -Beichtvaters oder des Richters, dann war sie verloren. Leugnete sie, -dann unterwarf man sie der peinlichen Frage, die mit der amtlichen -Formel begann: »Du sollst so dünn gefoltert werden, dass die Sonne -durch dich scheint!« Diese Drohung war keine leere, und die Feder -sträubt sich, all das Entsetzliche niederzuschreiben, was man nun mit -den armen, schwachen Weibern vornahm. Mädchen im zartesten -Kindesalter, sieben-, acht-, zehn- und zwölfjährige Mädchen[28], -schwangere Frauen[29], sechzig-, selbst achtzigjährige Greisinnen, sie -alle verliessen verbrannt, zerrissen, mit gebrochenen Gliedern, aus -hundert Wunden blutend die Folterkammern. - -[28] Scherr, Gesch. d. d. Frauenwelt, II. 161. - -[29] Scherr, Kulturgeschichte, S. 640 ff. - -Alle Bande des Blutes löste der unglückselige Wahn. Wolf Rossmann, ein -Bauer zu Amorbach, gab seine eigene Mutter als Hexe an.[30] Vielleicht -um sich ihrer zu entledigen, wie es Männer mit ihren Frauen thaten, -Brüder mit Schwestern, denen sie das Erbe missgönnten, selbst Väter -mit ihren Töchtern. - -[30] Zeitschrift für d. Kulturgesch., 1859 S. 427. - -Und der ewig wiederkehrende Punkt bei allen Hexenprozessen ist -geschlechtlicher Natur, in allen den vielen Protokollen, die auf uns -gekommen sind, kehrt er, wenn nicht als Teufelsbuhlschaft allein, so -in irgend einer anderen Form neben dieser wieder. Ein solches -Protokoll, herausgerissen aus hundert beinahe gleichen, möge hier -stehen. Es stammt aus dem Jahre 1572 aus der Umgebung von Trier und -wird von Dr. Hennen mitgeteilt. Eine gewisse Eva, eine überführte -Kindesmörderin aus dem Dorfe Kenn ist beschuldigt, mit dem -Höllenfürsten Umgang gehabt zu haben. Sie besässe die Kunst zu hexen -und hätte einen Knecht auf dem »grünen Haus« verzaubert, dass er in -Liebe zu ihr entbrennen sollte. Die Angeklagte antwortete, dass sie -die Zauberkunst nicht verstände. Sie hätte nur dem Zymmerhansen, dem -Knecht, einen Ring gegeben; dieser hätte ihr versprochen, sie einst zu -ehelichen. Das war das kurze Verhör. Die Folter wurde vorläufig nicht -angewendet. Die Angeklagte wurde hierauf ins Gefängnis abgeführt. - -An demselben Nachmittage wurde sie nochmals dem Amtmann, Schultheissen -und zwei Schöffen vorgeführt. Sie verharrte auf ihrer Aussage, dass -sie nichts von Zauberei verstünde. Nun wurde sie den Henkersknechten -übergeben, die sie auf die Folter spannten. - -Das unsinnigste Zeug brachte sie infolge der wahnsinnigen Schmerzen -vor. Sie zog andere mit ins Unglück, einen Mann und drei Frauen, da -sie, um nur sobald als möglich von den Folterqualen befreit zu werden, -andere angab, von denen sie die Hexerei gelernt haben wollte. Von der -einen behauptete sie, dass diese ihres (Evas) Mannes Mannbarkeit durch -Zauberei genommen habe; von einer zweiten Frau sagte sie, dass diese -ihr das Zaubermittel, wie man einen Mann an sich fesseln könnte, -gelernt hätte, indem man nämlich einige Tropfen Blutes in einer Birne -dem Betreffenden zu essen gäbe. Dies hätte sie nun auch mit dem -Zymmerhansen so gemacht. - -Die Folter wurde noch verschärft. Da rief Eva vor Schmerz aus, man -sollte sie nur loslassen, sie wollte die Wahrheit eingestehen. Sie -könnte zaubern. - -Als man mit Foltern nachliess, gestand sie, dass sie von jener Frau, -der sie die Entmannung ihres (Evas) Mannes zuschrieb, das Zaubern -gelernt hätte. Sie teilte nun dem Amtmanne mit, wie sie durch die -betreffende Frau, die Barbara hiess, mit dem Teufel zusammengekommen -wäre; wie sie Gott abgeschworen und den Teufel verehrt hätte mit den -Worten: »Ich sage Gott ab und dem Teufel zu und soll sein Eigen sein.« - -Ferner gestand sie ein, mit dem Teufel etlichemal zu schaffen gehabt -zu haben, Vieh und Menschen bezaubert, Unwetter heraufbeschworen zu -haben. Die von ihr Bezichtigten erlagen gleichfalls unter der -Anklage.[31] - -[31] Müller a. a. O. S. 109 ff. - -Der Raub der Mannheit, dessen Eva die eine Hexe beschuldigte, wurde -durch »das Nestelknüpfen« erreicht, vermittelst Schürzung eines -zauberischen Knotens an einer der Hosennesteln eines Ehemannes, diesen -zeugungsunfähig zu machen, doch gab es auch noch viele andere, mehr -oder weniger blödsinnige Mittel, gegen die man sich aber auf gleich -sinnreiche Weise schützen konnte, so nach der »gestriegelten -Rockenphilosophie«, wenn der Bräutigam, bevor er in die Kirche zur -Trauung geht, das Bierfass anzapft und den Zapfen während der Trauung -bei sich trägt und andere ähnliche mehr, von denen Scheibles -Sammelwerke »Das Kloster« und »Das Schaltjahr« eine reiche Blütenlese -geben. - -Rossberg'sche Buchdruckerei, Leipzig. - - - - - Das wichtigste Thema der Gegenwart - - »Neue Frauen -- Neue Männer« - -behandeln folgende Schriften: - -~Vera~: - - Eine für Viele - - Aus dem Tagebuche - eines Mädchens von heute - - 12. Auflage Preis M. 2.-- - -#Urteile der Presse#: - -»Da haben wir das Wiener Saisonbuch, die litterarische Sensation für -heuer. Heimlich wandert es von Hand zu Hand, die Männer verstecken es -vor ihren Frauen, die Mütter vor den Töchtern, aber alle lesen es und -mehr noch, alle machen sich ihre Gedanken darüber. Mit Recht, denn -dieses Büchlein gehört zu den Dokumenten der Zeit, es spricht seine -eigene Sprache und öffnet die merkwürdigsten Aus- und Einblicke ... - -»Ob man dieses Buch den Mädchen in die Hand geben soll? Ich glaube -nicht. Wozu denen, die noch nicht Wissende sind, ihre Illusionen -rauben? Aber die Väter und Mütter sollen es lesen, und auch die jungen -Männer. Diese vor Allem. Denn zum mindesten lernen sie daraus, dass -es Mädchen giebt, die den Ehrgeiz haben, etwas anderes zu sein und zu -werden, als, um mit Vera zu sprechen, dem Manne »ein Mobiliar seiner -Bequemlichkeit« ... - - »Prager Tagblatt.« - -»Eine für Viele« erinnert an das Tagebuch der Marie Bashkirtsew. -Warm und ehrlich empfunden, machen die Geständnisse des jungen -Mädchens tiefen Eindruck ...« - - »Reichswehr.« - -»Das kleine Buch scheint darauf auszugehen, die gegenwärtige -Moral, soweit sie das Verhältnis der Geschlechter betrifft, zu steigern -und zu verfeinern. Der ledige Mann soll vor der Ehe ebenso keusch -sein, wie das Mädchen; das Wesen, das sich ihm einst giebt in -vollster reinster Hingabe, hat das Recht, von dem Manne ihrer Wahl -dieselbe Reinheit, dasselbe unbefleckte Sinnenleben zu verlangen, -das er als strenger Richter von ihr fordert ....« - - »Neue freie Presse.« - -Verlag von Hermann Seemann Nachfolger in Leipzig - -Für und gegen VERA sind folgende Schriften erschienen: - - Christine Thaler: - - Eine Mutter für Viele - - Ein Brief an die Verfasserin von - »Eine für Viele« - - 4. Auflage Preis M. 1,-- - -Die »#Neue Freie Presse#« in Wien schreibt über Christine Thalers Buch: -»Es ist sehr erfreulich, dass weibliche Vernunft und Besonnenheit -sich nun zum Worte meldet. Die übermodernen Jungfrauen werden das -Sendschreiben der Mütterlichkeit wohl etwas hausbacken finden. Aber das -verschlägt nichts. Aus ihm spricht Klugheit, Reife und Gemüt. Aus ihm -spricht eine aus Lebenskämpfen erwachsene Milde, die das Menschliche, -auch wenn es sich als ein Allzumenschliches erweist, verzeiht.« - -Auch jemand: - - Eine für sich selbst - - Brief an die Verfasserin von - »Eine Mutter für viele« - - 3. Auflage Preis M. 1,-- - -»Eine Dame spricht ruhig und besonnen; eine Dame, die die verzehrende -Sehnsucht der keuschen Jungfrau nach einem ihr ebenbürtigen reinen -Jüngling versteht, dieser Sehnsucht aber nicht unbedingt das Wort -redet. Der Verfasserin schwebt eine Art freier Liebe vor. Eine Liebe, -die in freiem Genuss und seliger Wahrheit durch ihre hehre Grösse so -wenig der landläufigen Moral peinlich werden kann wie Michelangelos -David in seiner kolossalen Nacktheit. Eine Liebe, die nicht in den -Staub zieht, in deren hohen reinen Flammen alles schmilzt, was -allzuirdisch und allzumenschlich ist.« - - Gerda Schmidt-Hansen: - - Eine für Vera - - Aus dem Tagebuche einer jungen Frau - - 2. Auflage Preis M. 2,-- - -Eine im Geiste Veras geschriebene, flammende Anklageschrift -gegen die Unnatur und Heuchelei der vom Manne diktierten »sittlichen« -Anschauungen. Die Verfasserin -- eine Dame aus den besten -Leipziger Gesellschaftskreisen -- deckt hier mit rücksichtsloser -Kühnheit den Abgrund einer modernen, allzumodernen Ehe auf und zeigt, -wie die Laxheit der männlichen Moral Seele und Leib des Weibes -vergiftet und beide dem Untergange zuführt. - - Männer im Kampf - für und gegen Vera: - - E... E... - - Einer für Viele! - - 2. Auflage Preis M. 1,-- - -»Dieses Buch wendet sich polemisch gegen die mütterlich milden Urteile -über das Vera-Problem, welche Christine Thaler in ihrer Kampfschrift -ausgesprochen hat. E. E. legt offenkundig eine Lanze für Vera ein und -versteht es, das von Vera angeregte Problem in eine neue interessante -Beleuchtung zu rücken.« - - Felix Ebner: - - Meine Bekehrung - zur Reinheit - - Aus dem Leben eines Junggesellen - - 2. Auflage Preis M. 2,-- - -»Die Männerwelt ist lange nicht so verdorben, wie sie von -emancipierten Blaustrümpfen geschildert wird. Das ist die These -Ebners. Er bekräftigt seine Überzeugung mit der Darstellung seiner -eigenen Lebenserfahrungen, mit der Vertiefung und Bereicherung, die -sein Leben durch echte Liebe gewann, und stellt die Unverbrüchlichkeit -der ethischen Pflichten, die jeder junge Mann zu erfüllen hat, aufs -glänzendste heraus.« - - Verus: - - Einer für Viele - - Aus dem Tagebuche eines Mannes - - 2. Auflage Preis M. 2,-- - -Die »#Feder#«, Berlin, schreibt: »Das Buch wird vielen Widerspruch -erregen, dürfte aber auch viele Freunde finden.« - -Der »#Autor#«, Zeitschrift für Litteratur und Kunst in Wien, -schreibt: »Unstreitig die hervorragendste Erscheinung in der ganzen -›Vera-Litteratur‹, vielleicht eine der bedeutendsten am Büchermarkt -überhaupt, wiewohl sie bei vielen eine gewaltige Entrüstung hervorrufen -wird. Man wird das Buch vor jungen Leuten zu verstecken suchen, es -enthält aber gerade für diese alles, was ihnen spätere Enttäuschungen -ersparen kann. Mögen es nur recht viele lesen, bevor sie in die Lage -kommen, aus eigener Erfahrung beurteilen zu können, wie recht Verus -hat.« - - - Neue Bücher von Frau Professor - - Maria Janitschek: - - Die neue Eva - - 2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50 - -»Ein reifes Buch. Das Urteil einer Frau, welche die Frauen und die -Männer sowie das Leben kennt. Frau Janitschek ist dem deutschen Leser -längst bekannt. Sie ist modern im guten Sinne. Sie ironisiert in feiner -Weise die Emanzipations-Bestrebungen der Hypermodernen und kommt zu dem -allerdings nicht neuen Schluss, dass ohne die »Kanaille« Mann das Weib -nichts ist und sein kann. Durch alle Novellen des vorliegenden Buches -zittert eine gesunde Ethik. Es liegt über jeder einzelnen Geschichte -der dumpfe Hauch der geschlechtlichen Gier. Und aus jeder Geschichte -kann eine treffliche Moral gezogen werden. Trotz des pikanten Inhalts -würde ich jedem Mädchen dieses Buch zwei Tage vor seiner Ehe in die -Hand geben. Nach den hier vertretenen Prinzipien handelnd, wird dann -aus dem »Gänschen« nicht notgedrungen die »unverstandene deutsche Frau!« - - »Frankfurter Neueste Nachrichten.« - -Die »Neue Hamburger Zeitung« schreibt: - -»#Die neue Eva#« #ist ein durchaus künstlerisches Tendenzbuch#, eines -der wenigen, die wir in Deutschland haben, denn ein Schönheitsglaube -glüht darin auf, eine reine aufstrebende Sinnlichkeit und das -kraftvolle Selbstvertrauen, dass auch die Frau stark genug sei, sich -zu befreien, ohne Gefährtinnen, Versammlungen und Zeitungen. Und das -ist wohl ihr eigenster Sinn, dass nur diejenigen Freiheit verdienen, -denen sie das eigene Herzblut gewiesen und erkämpft, die selbst -Individualitäten sind. Reine, starke Höhenluft atmet über diesem -Buche und ein Duft, wie von heissglühenden, sommerlichen Rosen, denn -es ist ein Dichtbuch reifer und ungezwungener Sinnlichkeit und das -Lebensevangelium einer schöpferischen Frau. Und ich glaube, dieser -Eindruck der Persönlichkeit ist so stark, dass ihn selbst diejenigen -spüren werden, die die »Neue Eva« lesen um der heiklen Themata und der -Unterhaltung willen, und zur Erkenntnis gelangen, dass sich hier hinter -Spott und farbiger Schilderung das ernste Antlitz einer wertvollen -Weltanschauung erhebt.« - -»... Und nun die neue Eva! Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich -ein. Das sind sieben Geschichten, die tief aus dem Werden und Wollen -des Weibes herausgeschrieben sind. Maria Janitschek hat hier die -künstlerischere Seite ihrer Kraft gefunden. Kaum jemals ist Psychologie -mit Physiologie in der Novelle so innig verbunden worden wie in -diesen Geschichten. Glut und Wahrheit, ein feines Spüren nach den -geheimsten Regungen der Evanatur, eine glückliche Hand im Ausmalen des -Schleierlosen -- das alles und noch einiges findet der Leser -- die -Leserin möge freilich nicht zu jung sein -- in den Erzählungen von der -neuen Eva, unter denen »Neue Erziehung und alte Moral« ein Meisterstück -des psychologischen Verismus ist. - - »Berliner Lokal-Anzeiger.« - - -Aus Aphroditens Garten: - - Zwei neue Romane von - - Maria Janitschek - - Band I - - Maiblumen - - 2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50. geb. M. 3,50 - - Band II - - Feuerlilie - - 2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50. geb. M. 3,50 - -»#Aus Aphroditens Garten#« betitelt #Maria Janitschek#, die berühmte -Erzählerin und feinsinnige Kennerin der modernen Frauenseele, -ihren neuesten Romancyklus, in dem sie in umfassender Weise -an einer Reihe von Einzelschicksalen ihre Erfahrungen und Anschauungen -über das moderne Weib und seine seelischen und sozialen Verhältnisse -in vielseitiger Weise niederlegen will.« »Der Gesellige.« Graudenz. - -»Schon die äusserlichen Vorgänge, die sich im vorliegenden -Roman abspielen, sind von Maria Janitschek in brillanter, von Anfang -bis zu Ende spannender Weise erzählt, noch viel mehr aber wird den -Freund moderner Dichtung der ausserordentliche Scharfsinn und die -psychologische Tiefgründigkeit überraschen, mit denen das Seelenleben -der Heldin, einer mitten in den Anfechtungen des modernen Lebens, -sowie ihres eigenen leidenschaftlichen Herzens stehenden Jungfrau -geschildert wird. Der Leser wird geradezu in den Lebenskreis dieses -seltsamen Wesens hineingezwungen. Man darf nach diesem Anfang -mit grossem Interesse den weiteren Enthüllungen aus »Aphroditens -Garten« entgegensehen, und insbesondere sollte niemand, der Interesse -für die moderne Frauenbewegung hat, diese künstlerischen Ergüsse -einer der modernsten Frauen der Gegenwart ungelesen lassen.« - - »Deutsche Tageszeitung«, Wien. - -Von derselben Verfasserin erscheint Ende 1902: - - Auf weiten Flügeln - - Novellensammlung: - - Judas -- In der Frühe -- Heimatlose Nachtigall -- - Die beiden Karren -- Um der Glorie willen ..... - - Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50 - -Zwei neue wichtige Publikationen zum Thema der #Frauenfrage und -Mädchenerziehung# - - Louis Frank -- Dr. Keifer -- Louis Maingie: - - Die Versicherung der Mütter - - Autorisierte deutsche Ausgabe besorgt von - - Nina Carnegie Mardon - - Preis brosch. M. 2,-- - -Die Notwendigkeit eines Schutzes für die Frauen der arbeitenden -Klassen während und nach ihrer Schwangerschaft wird in dieser -Schrift zum ersten Mal in wissenschaftlich begründeter Weise -nachgewiesen. An der Hand eines reichen statistischen Materials wird -die Unhaltbarkeit der bisherigen Zustände und ihre Gemeingefährlichkeit -für das Leben der Gesamtheit dargethan, sodann die Möglichkeit -gezeigt, durch Begründung einer Versicherung diesen beklagenswerten -Missständen abzuhelfen und den Müttern für eine bestimmte -Zeit Freiheit von der Last der Arbeit und die notwendigen -Subsistenzmittel zu gewährleisten. Das Wesen und die Ausführbarkeit -dieser Versicherung wird bis in ihre kleinsten technischen Einzelheiten -dargethan. Die sociale Gesetzgebung wird, früher oder später, mit -Notwendigkeit zu den hier entwickelten Gesichtspunkten hingeführt -werden müssen, wenn anders das Wort von dem stetigen Fortschritt -der Kultur keine blosse Phrase bleiben soll. - - Eine Mutterpflicht - - Beiträge zur sexuellen Erziehung von - - E. Stiehl - - 2. Auflage. Preis 50 Pf. - -Man hat das #neue Jahrhundert# schon das »#Jahrhundert des Kindes#« -getauft. In der That ist die Erziehung unserer Kinder gottlob in ein -neues Stadium getreten. Das wichtigste Gebiet in dieser Erziehung -bildet die sexuelle Pädagogik. In immer weiteren Kreisen bricht sich -die Ueberzeugung Bahn: Wir dürfen in Bezug auf die Belehrung unserer -Kinder über geschlechtliche Dinge nicht stehen bleiben bei der ererbten -und anerzogenen Gewohnheit ablehnender Prüderie. Wir müssen dem -Kinde auf seine Fragen nach den natürlichen Dingen andere Antworten -geben, als bisher. Diese heiligste Mutterpflicht behandelt E. Stiehl -in ihrer Schrift, sie beweist, dass es die ernsteste Aufgabe jeder -gewissenhaften Mutter ist, die Leitung und Belehrung ihres Kindes auf -diesem zartesten und schwierigsten Gebiete der Erziehung selbständig -vorzunehmen. Kein Buch enthält eine stärkere Ermahnung an Mütter -und Erzieher, als wie sie von E. Stiehl gegeben wird. Möge sie auch -beherzigt werden! - - Wer Interesse für den Fortschritt unserer Kultur und für - thatkräftige Besserung unserer socialen Verhältnisse hat, dem - seien diese beiden auf ihrem Gebiete geradezu reformatorisch - wirkenden Schriften -- und deren Verbreitung in weitesten - Kreisen angelegentlichst ans Herz gelegt. - - Eine wackere Vorkämpferin für die Rechte der Frau ist - Grete Meisel-Hess! - -#Bisher erschienen#: - - In der modernen - Weltanschauung - - Preis M. 2,50 - -Ein aus dem Geiste Wilhelm Bölsches geschaffenes Werk! Jeder -Bekenner, Anhänger und Freund des Monismus wird nach dieser mit einem -prächtigen Temperament geschriebenen Abhandlung der bekannten Wiener -Schriftstellerin greifen, wenn er über die tiefe Verknüpfung des -modernen Lebens mit der Naturphilosophie der Gegenwart orientiert sein -will. Die Verfasserin kämpft für eine Regeneration in allen Gebieten, -in Reich und Staat, in Kunst und Erziehung, in Ethik und Gesellschaft. -Für die Frauenbewegung ist die Schrift von der grössten Bedeutung. - -#Ferner#: - - Fanny Roth - - Eine Jung-Frauengeschichte - - 2. Auflage Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50 - -Die »#Zeit#«, Wien, schreibt: - -»Das Dankenswerte an diesem Buche ist, dass hier eine Frau -dem Mädchen jene Erkenntnis vermittelt, die sich die jungen Männer, -gesellschaftlich freier gestellt, aus ihrem eigenen Leben holen: die -Nebensächlichkeit aller reinen Geschlechtsprobleme für das wahre -Leben tiefer veranlagter Naturen. Also wirklich einmal ein Buch, -das junge Mädchen lesen sollten. Dass die künstlerische Form nicht -visionär genug ist, nützt vielleicht gar dem didaktischen Zweck, -denn eine gesperrt gedruckte Lebensweisheit fällt stärker in die -Augen. Und übrigens würde das Buch, das unstreitig dichterische -Qualitäten zeigt, weit reifer und geschlossener wirken, wenn nicht -ein durchgehends zu konsequent angewandter Naturalismus uns immer -wieder aus jener Welt in diese stürzte.« - -Die »#Wiener Hausfrauenzeitung#« schreibt: - -»In dem hier vorliegenden Buche zeigt sich wieder, wie meisterhaft -die Verfasserin Situationen zu schildern versteht und wie packend -und natürlich sie zu erzählen weiss ... eine Erzählung aus dem -Leben einer Künstlerin, die aber auf Hunderte andere Mädchen -ebenso Anwendung finden kann und den Leser bis zur letzten Seite -in Spannung hält.« - -#Herbst# 1902 erscheint: - - Suchende Seelen - - (1. Das Leid. 2. Die Lüge. 3. Die Krisis). Preis br. M. 2,-- - -#Bücher zur Frauenfrage von Frau# - - Elsa Asenijeff - - Unschuld - - Ein modernes Mädchenbuch - - 2. Auflage. Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50 - -Die »#Deutsche Zeitung#«, Wien, schreibt: »Die Verfasserin, offenbar -eine Frau von Geist und tiefem Gemüt, ist durchdrungen vom hohen Beruf -des Weibes, das ›in Heiligkeit und Schönheit durch die rauhe Roheit -des Lebens gehen soll‹, das ›bei allem Beleidigenden, was es erblickt, -nur den Gedanken der Güte an heilendes Bessere‹ haben soll. Und so -legt sie denn eine Reihe von Bildchen aus dem jungen Mädchenleben -vor, in denen überall auf eine Gefahr, ein lauerndes kleines Ungetüm -aufmerksam gemacht wird. Die Verfasserin hat die keimende Seele des -Weibes wohl beachtet und weiss ihre Erscheinungen anschaulich und -mit interessanter Lebendigkeit zu schildern. Dass sie sich dabei von -tantiger Prüderie ferne hält, giebt dem Buche die Weihe einer höheren, -weil furchtloseren Reinheit. An einer Stelle sagt Elsa Asenijeff von -den schriftstellernden Frauen: ›Sie schreiben, wie sie es von den -Männern gelernt. Ihre Seelen kriechen erst aus ihrem Leibe heraus -und in ein Mannesgehirn hinein, dann erst schreiben sie. Die Lieben -aber, welche die Kinder gern haben, die schreiben nie. Die sitzen zu -Hause und heissen Mami und pflegen das liebe Kind, dass es dereinst -ein ordentlicher Mensch werde.‹ Wie wahr! Und dass man trotz der -Richtigkeit dieses Satzes gegen das wahrhaft weibliche Buch Asenijeffs -kaum etwas einwenden kann, ist wohl sein schönstes Lob.« - --- »Die hochbegabte Verfasserin giebt hier eine Sammlung von Skizzen -aus dem Leben des Weibes von der frühesten Jugend bis in das Alter -in knappster Form und von einer Anschaulichkeit, die diese Bilder in -leuchtenden Farben, zum Greifen deutlich, vor das geistige Auge des -Lesers, besser noch der Leserin stellt. Die feine Zeichnung verrät -eine ausserordentliche Begabung für psychologische Feinheiten. Eine -eigenartig zarte Poesie liegt über den kleinen intimen Seelengemälden, -etwas märchenhaft Holdes, das auf die Phantasie einen eigenen Zauber -ausübt. Die Skizzen sind kleine Kunstwerke dichterischer Prosa, -reif und durchgeistigt und zugleich von einer edlen Einfachheit des -Stils. Das Buch wendet sich an die jungen Mädchen, »die Jugendknospen -der Menschheit. Für jene, welchen ein Walzer oder ein schönes Kleid -alles gelten, sind meine Worte nicht. Noch für solche, die wie im -dämmernden Schlaf im Dasein dahingehen, nicht nach rechts, noch nach -links blickend, nicht fragend, nicht wollend, und an deren stummer -Teilnahmlosigkeit sich das Schicksal vollzieht. Aber Euch Edelsten will -ich dienen, die Ihr in Schönheit durch die rauhe Roheit des Lebens -gehen wollt, Euch mit den glühenden, opfervollen Herzen, denen alles -Beleidigende, was sie erblicken, nur den Gedanken der Güte an heilendes -Bessere giebt.« Der Zweck des Buches ist ein erzieherischer, aber es -ist nicht pedantische Schulmeisterei, die hier das Wort ergreift, -sondern eine echte Dichterin, die von den Schicksalen der Frauenseele -singt. Auch über die herben Erscheinungen des Lebens zieht sie keine -prüden Schleier, doch wird die schöne poetische Form trotz des oft -»naturalistischen« Inhalts stets festgehalten. Ein paar sinnige Märchen -gehören zum Schönsten, was die Sammlung enthält. Für die jungen -Mädchen, zu denen die Verfasserin in den oben zitierten Einleiteworten -spricht, wird das Buch eine schöne Weihnachtsgabe sein.« - - »Staatsanzeiger für Württemberg«, Stuttgart. - - Tagebuchblätter einer Emanzipierten - von - Elsa Asenijeff - - Preis brosch. M. 3,--, geb. M. 4,-- - -Als einer echten Modernen steht Elsa Asenijeff das Menschentum -im Werte unendlich höher als das Weibtum, und indem sie den -mitringenden Schwestern zeigt, wie sie sich zäh und unablässig zu -diesem würdigen Ziele hinkämpft, verrichtet sie mit ihrem Buche eine -nicht hoch genug zu veranschlagende Pionierarbeit. - - »Deutsche Warte«, Berlin. - -Elsa Asenijeff ist keine von den gewöhnlichen Emanzipationsdamen, -die mit fertigen Schlagworten um sich hauen. In dem überfeinen -und hochsensitiven Wesen dieser Schriftstellerin ist doch etwas -von jenem kulturfördernden Geiste, der über die harte, wissenschaftlich -dürre Mannesgesittung hinaus zu einer edleren, freieren Sittigung -strebt; diese keimt im Gefühl, in der Seele, sie wird ohne Zweifel -einmal unsere starre Männerkultur überwinden können. - - »Deutsche Wacht«, Dresden. - -Ferner ist im Verlag von #Hermann Seemann Nachfolger# von Frau #Elsa -Asenijeff# erschienen: - - Max Klingers Beethoven - - Eine kunsttechnische Studie - - Prachtwerk in Grossquart mit acht Heliogravüren - und 23 Beilagen und Textbildern - - Preis in vornehmem Liebhaberband gebunden M. 20,-- - -Frau Asenijeff gehört seit Jahren zu dem engeren Freundeskreise -Klingers, sie hat das grosse Werk, das wie selten eine einzelne -künstlerische Schöpfung in Deutschland die Gemüter in Aufregung versetzt -hat, wachsen und werden sehen, und aus eigener Anschauung berichtet -sie nun, wie jener Titelzusatz andeutet, von der Arbeit, die Klinger -hier geleistet, von dem technischen Können, das in dieser -seltsam-grossartigen Monumentalstatue niedergelegt ist. Nach den -vielfachen kritisch-ästhetischen Abhandlungen über den »Beethoven« -ist eine solche Schrift sehr willkommen. - - »National-Zeitung«, Berlin. - -Eine ungewöhnlich interessante Veröffentlichung ist das Prachtwerk -»Max Klingers Beethoven«. Das Werk, das im gesamten Schaffen -Klingers einen Gipfel bedeutet, wird von Frau Elsa Asenijeff in einem -trefflichen Text erklärt, der die zahlreichen Illustrationen -- 8 -Heliogravüren, 23 Beilagen und Abbildungen im Text -- wirksam -unterstützt, zumal da Frau Asenijeff in der Lage ist, auch zu der -Entstehungsgeschichte des Werkes die interessantesten Ausführungen -beizubringen, insonderheit über die grosse Schwierigkeit, den -Thronsessel in Bronze zu giessen, was erst in Pierre Bingens Werkstatt -in Paris gelungen ist und von Frau Asenijeff in den einzelnen Stadien -ausserordentlich dramatisch erzählt wird. Die Schilderung des -Bronzegusses ist eine Meisterleistung. - - »Vossische Zeitung.« - - Neue Frauen - - Roman von Paul und Victor Margueritte - - (Einzig autorisierte Ausgabe von #U. Fricke#) - - Preis brosch. M. 4.--, geb. M. 5.-- - -In dem hervorragenden Roman »#Neue Frauen#« von Paul und Victor -Margueritte, einem Brüderpaar, das zu den berühmtesten französischen -Romanschriftstellern der Gegenwart zählt, werden neben glänzenden -Schilderungen der Gesellschaft und der unteren Volksmassen, die »neuen -Frauen« als Vorkämpferinnen der Frauenbewegung verherrlicht, die auf -diesem Wege die sociale Frage lösen wollen. Und diese Frauen nun haben -auch die idealen Forderungen der Reinheit des Mannes vor der Ehe, der -sittlichen Gleichberechtigung beider Geschlechter auf ihren Schild -geschrieben. So schlägt die Heldin des Romans zwei Eheprojekte wegen -der »Vergangenheit« der Werber aus. Der Roman ist glänzend geschrieben, -unterhaltend, wertvoll und für jeden, der »#Vera#« kennt und für die -Frauenprobleme etwas übrig hat, von brennendem Interesse. - -Die Kritiken über Paul und Victor Margueritte, #Neue Frauen#, sind -insgesamt lobend und empfehlen das Werk in jeder Hinsicht zur Lektüre. -Eine Kritik sei hier wiedergegeben aus dem »Staatsanzeiger für -Württemberg«, Stuttgart: - -»Der fesselnd geschriebene französische Roman behandelt Probleme, die -mit der modernen Frauenbewegung zusammenhängen, übrigens wegen Ihres -rein menschlichen Gehalts der Teilnahme auch der Parteilosen sicher -sind. Die Geschichte dieses Romans ist für eine Doppelautorschaft von -einer seltenen Einheitlichkeit und Folgerichtigkeit. Die Darstellung -der vorhandenen Konflikte glüht von Begeisterung für die höhere -Sittlichkeit der Menschen der Zukunft, welche die Seelen läutern wird. -Die Heldin, die in schweren Stunden für das Recht der Selbstbestimmung -als Frau und Tochter mit Energie eintritt und sich im Kampf des Lebens -die echte Weiblichkeit bewahrt, ist eine sympathische Frauengestalt, -der Idealtypus der Frau der Zukunft, wie ihn die Verfasser und -mit ihnen gewiss noch viele andere erträumen. Auch radikale Typen -des weiblichen Geschlechts sind vertreten, der Blaustrumpf und -die geschworene Männerfeindin, jedoch nicht zur Abschreckung, als -Lächerlichkeiten. Die Verfasser lassen keinen Zweifel darüber, dass für -sie die Frau der Zukunft so nicht aussieht. Der Roman entwickelt die -Ereignisse von innen, vom Charakter der Personen aus und verbindet so -mit der Erörterung zeitgemässer Fragen eine treffende Psychologie, die -ihm in erster Linie seinen Wert verleiht.« - - »Der Roman eines Dienstmädchens« - - ist das neueste zweibändige grandiose Werk der bekannten - polnischen Schriftstellerin - - Gabriela Gräfin Zapolska - - Käthe die Karyatide - - 2 Bände brosch. je M. 2,50, geb. je M. 3,50 - -»Die Karyatide, die in stummer Ergebenheit die Last des Hauses -und ihres eigenen Unglücks trägt, ist das Dienstmädchen. Zu einem -Symbol wächst ihre Gestalt. Wie eine Karyatide erscheint sie, auf -deren Schultern die niederdrückende Last elender niederer Arbeit -ruht. Ein solches typisches Lebensschicksal schildert die polnische -Dichterin Gräfin Zapolska mit einem unerbittlichen, oft ans Brutale -streifenden Wirklichkeitssinn. Es ist das Werk einer Persönlichkeit, -das mit bedeutender Aufmerksamkeit gelesen zu werden verdient.« - -Ein reizvolles Pendant zu #Gräfin Zapolskas# Dienstmädchenroman bildet -der - - »Roman einer Ladenmamsell«, - - wie er uns vorliegt, in - - Jenny Schwabes Roman - - Im feindlichen Leben - - Preis brosch. M. 3,--, geb. M. 4,-- - -Aus Urteilen der Presse: »Das ist der Roman der Ladenmamsell mit all -den mannigfachen Anfechtungen und Sorgen, denen diese jungen Mädchen -in ihrer dienenden Stellung ausgesetzt sind. Das ist der Roman eines -gut erzogenen, tüchtigen Mädchens, dem seine Armut überall Zwang anlegt -und das gezwungen ist, seine jungen Kräfte in seelentötender Arbeit -zu verbrauchen, dem es aber doch gelingt, sich wacker durchzukämpfen -und einen beglückenden Wirkungskreis in Leben und Ehe zu finden. Die -Lektüre ist sehr unterhaltsam, und das versöhnliche Ende entlässt den -Leser mit der Hoffnung, dass auch diese Gebiete der Frauenbewegung noch -ihre Zukunft haben«. - - Gebt uns die Wahrheit! - - Ein Beitrag zu unserer Erziehung zur Ehe - - Von - - Else Jerusalem-Kotányi - - 2. Auflage Preis M. 2.-- - -»#Gebt uns die Wahrheit#« #ist eine moderne ars amandi im edelsten -Sinne des Wortes, noch mehr#, es ist das beste Buch, das je eine Frau -geschrieben hat.« - - Viktor A. Reko in den »Internationalen Litteraturberichten.« - -An Stelle der übrigen zahlreichen Kritiken, die »Gebt uns die Wahrheit« -durchaus günstig besprachen, sei hier der Verfasserin Selbstanzeige aus -der »Zukunft« wiedergegeben: - -»In der Arbeit, die ich nun dem Leser vorlege, habe ich jenes -gefährliche Wagestück unternommen, vor dem selbst einem alten -Teufelskumpan wie dem Doktor Faust heimlich graute: Ich bin zu -den Müttern hinabgestiegen. Die Mädchenerziehung ist von jeher -eine heiss umstrittene Frage gewesen. Alle Damen, alle Herren -haben darüber höchst löblich und leidenschaftslos gesprochen, und -nur uns selbst, den Hauptpersonen in dieser beliebten Farce, wurde -jede selbständige Willensregung einfach abgeschnitten. Wir blieben -stumme Trägerinnen unserer naiv-sentimentalen Rollen, die uns im -letzten Akt die notwendige Lustspiellösung bringen mussten. Das -ist im Grunde einfache Logik der Thatsachen. Ein nach den Regeln -der Gesellschaft gedrilltes weibliches Wesen vergisst nur zu rasch, -über sich und seinen Entwickelungsgang nachzudenken. Als junge -Dame hat sie weit wichtigere Funktionen zu erfüllen, als ihr Innenleben -einer Betrachtung oder gar einer Kritik zu unterziehen. Auf -Grund, wie ich kühn behaupten darf, ehrlicher psychologischer -Forschung versuchte ich, in meinem Buch eine Darstellung jener -gefährlichen Mischung der äusseren Welterziehung und der geheimen -Selbstenthaltung zu geben, die später so schädigend auf die -Entwickelung unserer physischen und psychischen Kräfte zurückwirkt. -Keine frivole Absicht, nicht die Sucht, mit der Verneinung des -Althergebrachten modern zu wirken, hat mich dazu bestimmt. Doch das -Aussprechen gewisser Thatsachen wirkt in unserer, an keuschen ... Ohren -so reichen Gesellschaft immer weit verletzender als deren Ausübung. -Ist einer von uns ein unangenehmes Abenteuer passiert, so breitet -die Welt unter salbungsvollen Reden den fadenscheinigen Mantel ihrer -Nächstenliebe darüber. Denn das kann jeder Mutter Kind geschehen. Aber -spricht eine von uns darüber, schreibt sie durchlebte, durchlittene -Gedankentragödien, die das Leben in tausend und abertausend Fällen -zur Wirklichkeit macht, gar nieder, dann giebt es Skandal -- und die -Steine fliegen. Denn da ist man wohl sicher: Das braucht wirklich -nicht jeder zuzukommen. Möge denn das Büchlein seinem Schicksal -entgegengehen; vielleicht wird mein eigenes Geschlecht zuerst wider -mich aufstehen; auch jene ganz Reinen, für die es in lichterfüllten -Stunden niedergeschrieben wurde.« - - - - -Anmerkungen zur Transkription: - -Der Text wurde originalgetreu beibehalten, außer folgenden Änderungen: - - S. 61 "zn" wurde durch "zu" ersetzt. - S. 100 Das Gedicht wurde eingerückt. - S. 128 Das Gedicht wurde eingerückt (im Original ohne Einrückung). - S. 176 "Strafe" wurde durch "Straße" ersetzt ("...nackt auf die - Straße geworfen"). - S. 184 hinter "Dirnen" wurde ein Punkt eingefügt. - S. 203 vor "umsonst einkauffen" wurde ein Anführungszeichen - eingefügt. - S. 203 "Liebhhaber" wurde zu "Liebhaber" geändert. - S. 266 "nnd Salome" wurde geändert zu "und Salome". - S. 275 "Brandt" wurde zu "Brant" geändert ("...wie Brant im - Narrenschiff sagt"). - S. 309 "panis porciuso" wurde in Kursivschrift gesetzt. - S. 321 "Armel" wurde durch "Ärmel" ersetzt. - S. 324 In Fußnote 6 (Kapitel "Kleidung") wurde ein Komma - in "Schultz, Deutsches Leben" eingefügt. - S. 334 hinter "Perlen?" wurde eine schließende Klammer eingefügt. - - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Das Geschlechtsleben in der Deutschen -Vergangenheit, by Max Bauer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GESCHLECHTSLEBEN IN DER *** - -***** This file should be named 50248-0.txt or 50248-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/2/4/50248/ - -Produced by poor poet and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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