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-The Project Gutenberg EBook of Das Geschlechtsleben in der Deutschen
-Vergangenheit, by Max Bauer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Das Geschlechtsleben in der Deutschen Vergangenheit
-
-Author: Max Bauer
-
-Release Date: October 18, 2015 [EBook #50248]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GESCHLECHTSLEBEN IN DER ***
-
-
-
-
-Produced by poor poet and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
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-Ein Verzeichnis der vorgenommenen Änderungen befindet sich am Ende
-des Textes.
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- DAS
-
- GESCHLECHTSLEBEN
-
- IN DER
-
- DEUTSCHEN
- VERGANGENHEIT
-
- VON
-
- MAX BAUER
-
- LEIPZIG 1902
- HERMANN SEEMANN NACHFOLGER
-
- Alle Rechte vom Verleger vorbehalten!
-
-
-
-
-Zum Geleit.
-
-
-Einen kurzen, nur die behandelten Themen erschöpfenden Abriss des
-Geschlechtslebens der deutschen Vorzeit zu geben, ist der Zweck der
-vorliegenden Arbeit, die kein Lehrbuch, sondern hauptsächlich eine auf
-wissenschaftlicher Grundlage fussende Abhandlung über eine Materie
-sein will, der alle für jung und alt geschriebenen Kulturgeschichten
-ängstlich aus dem Wege gehen.
-
-Für den ernsten Laien ist mein Werkchen bestimmt, für den gebildeten
-Mann und die reife, denkende Frau, denen es »ein herrliches Ergötzen,
-sich in den Geist der Zeiten zu versetzen«, auch dann, wenn dieser
-Geist düstere Bilder zeitigt, auf die unsere vielgeschmähte Gegenwart
-mit Schaudern zurückblickt.
-
-Manch kerniges Wort ist in den nachfolgenden Blättern gesprochen, doch
-nur, wenn es der Stoff erforderte. Gar mancher wird sich darob
-entsetzen und entrüsten, aber: »Niemand lügt so viel, als der
-Entrüstete,« sagt Friedrich Nietzsche -- und ich glaube, er hat recht!
-
-#Friedenau#, September 1902.
-
-+Max Bauer.+
-
-
-
-
-INHALT.
-
-
- Seite
-
- Das frühe Mittelalter 1
-
- Das Leben auf dem Dorfe 51
-
- Die Klöster 74
-
- Beilager und Ehe 89
-
- Die feile Liebe 133
-
- Das Badewesen 215
-
- Tanz und Spiel 265
-
- Das Schönheitsideal 304
-
- Die Kleidung 318
-
- Liebeszauber und Zauberliebe 339
-
-
-
-
-Das frühe Mittelalter.
-
-
-An einer dem Urwalde abgerungenen Stelle, die ein Bächlein
-durchrieselt, dessen Ufer Blumen schmücken und Weiden beschirmen,
-liegt das Gehöft des Germanen. Wiesen mit vereinzelten Bäumen und
-Felder von bescheidener Ausdehnung, bestellt mit der Brotfrucht oder
-Gerste, um den Trank des Hausherrn daraus zu brauen, oder dem
-gelbblühenden Hanf, aus dessen Fäden die Hausfrau manch Gewand zu
-wirken weiss, umschliessen die Baulichkeiten bis an die Grenze des
-Waldes hin, dessen breitästige Riesen ihre Schatten auf die wogenden
-Halme werfen. Waldesnähe war Notwendigkeit für den Urdeutschen, denn
-der gewaltige Wald war geradezu Lebensbedingung für ihn. Aus seinen
-Stämmen zimmerte er das kunstlose, schirmende Dach; seine harzreichen
-Äste und das Reisig gaben der fensterlosen Halle Licht und Wärme im
-rauhen Herbste; die aus Waldesstämmen geschnittenen Pallisaden und der
-aus biegsamen Zweigen geflochtene Zaun hielten das Raubzeug von dem
-Einbruch in des Herrn Herden ab, wenn Schnee und Eis die Erde deckte
-und der Hunger die Tiere den menschlichen Behausungen zutrieb. Die aus
-seinen Scheiten genährten Essen verflüssigten das Erz, aus dem der
-Germane die Schutz- und Trutzwaffen schmiedete, wie die Werkzeuge für
-das Feld: Sichel und Sense. Im Waldesdickicht barg sich das Wild:
-Hirsch, Reh, Elen, Ur, das Schwarzwild, Meister Petz und anderes
-Getier, dessen Jagd des Mannes Herzensfreude war, und das ihn und die
-Seinen mit Fleisch und wärmendem Rauchwerk zur Kleidung versorgte. Aus
-Waldesdüster stieg vom Opfersteine der Rauch gen Walhalla auf; an
-entlegenen, schwer zugänglichen Stellen hauste einsam die Seherin,
-»die weit und breit für ein göttliches Wesen galt«[1], durch dessen
-Mund die Götter in seltsam gefügter Rede sprachen, ihren Willen
-kundgaben, lobten oder tadelten, verhiessen oder verdammten, die
-Prophetin, verehrter als der Oberpriester, als der erkorene Herr und
-Führer in Frieden und Kampf, sie #das heilige Weib#!
-
-[1] Tacitus, Germania, § 8.
-
-Denn »der Germane schreibt dem Weibe eine gewisse Heiligkeit und
-prophetische Gabe zu«[2]. Darum war ihm auch heilig die Frau, die er
-an seinen Herd genommen, heilig das Weib des Nachbarn und unantastbar,
-wie die eigenen Töchter. Nur den Feind traf er tödlich damit, dass er
-nach erfochtenem Sieg dessen Weiber seinen Lüsten opferte. »Die
-frouwen sie nôtzogeten, Und die megde wol getan« heisst es noch
-Jahrhunderte später von den Weibern einer erstürmten Stadt. Aber auch
-das Gegenteil lässt sich bezeugen. Als König Rudolf 925 die Stadt Auga
-(Eu) erstürmte, in die sich die Normannen unter Rallo geworfen hatten,
-wurden alle Männer niedergemacht, die Frauen aber unberührt gelassen.
-Gleiche Schonung hatte früher Totila den Neapolitanerinnen und
-Römerinnen bewiesen, und als ein vornehmer Gote sich eine
-Ungebührlichkeit gegen ein neapolitanisches Mädchen erlaubt hatte,
-liess er ihn trotz allgemeiner Verwendung hinrichten und sein Vermögen
-jenem Mädchen geben.[3] Also auch im Kriege bewahrten deutsche Stämme
-die Achtung vor den Frauen.
-
-[2] Tacitus a. a. O. § 8.
-
-[3] Karl Weinhold, Die deutschen Frauen in dem Mittelalter, I. 218 ff.
-
-Dem Germanen, dem rauhen Sohne eines unwirtlichen Landes, galt eben
-sein Weib als die Gefährtin seines Lebens, eins mit ihm in Freud und
-Leid, die für ihn schaffte, für ihn sorgte, ihn pflegte, wenn er siech
-darniederlag, seine Wunden verband und sie mit geheimnisvollen
-Sprüchen zu heilen suchte; die er dafür mit seinem Leibe schützte, für
-die er starb, wenn es das Geschick erforderte, gleichwie sie selbst
-den Tod der Ehrlosigkeit vorzog. Ihre Gemeinschaft war ernst und
-unverbrüchlich, kein loses Spiel, wie bei vielen kulturell höher
-stehenden Völkern jener Epoche, die in der Frau nur den Gegenstand zur
-Befriedigung der Lüste, oder die tief unter dem Manne stehende
-Sklavin, im günstigsten Falle das zur Fortpflanzung nötige Werkzeug
-sahen. Nimmt es da wunder, wenn #Cornelius Tacitus#, der erste, dem
-wir sichere Kunde von germanischen Sitten und Gebräuchen verdanken,
-der elegante Römer, das leichtlebige Kind der Weltkloake Roma mit
-ihren marklosen Männern, ihren entarteten Weibern, bei denen der
-Ehebruch zum guten Ton gehörte, deren abgestumpfte Nerven nur die
-raffinierteste Wollust reizte, in Germanien und der unverfälschten
-Natürlichkeit seiner Eingeborenen eine neue Welt, ein Utopien zu sehen
-glaubte, das er seinen Landsleuten nicht genug preisen konnte. »So
-lebt denn das Weib dahin, unter der Obhut reiner Sitten, nicht
-verderbt vom Sinnenreiz lüsterner Theaterstücke, noch durch
-wollustreizende Gelage. Geheimen Verkehr durch (Liebes-) Briefe kennt
-weder Mann noch Frau. Ehebruch ist unter diesem doch so zahlreichen
-Volke äusserst selten. Seine Bestrafung ist schnell, und dem Ehemanne
-überlassen. Mit abgeschnittenem Haar, nackt, und in Gegenwart der
-Verwandten, stösst der Gatte die Schuldige zum Hause hinaus und
-peitscht sie durch das ganze Dorf. Auch die preisgegebene
-Jungfräulichkeit findet keine Verzeihung. Nicht Schönheit, noch
-Jugend, noch Reichtum gewinnt ihr einen Mann. Denn dort freilich lacht
-niemand des Lasters; verführen und verführt werden nennt man nicht
-Zeitgeist. Besser, wenigstens bis jetzt noch, steht es mit einem
-Lande, wo nur Jungfrauen in die Ehe treten und wo es mit der Hoffnung
-und dem Gelübde der Gattin ein für allemal abgethan ist. So erhalten
-sie nur den einen Gatten, gleichwie sie Leib und Leben nur einmal
-empfingen, damit in Zukunft kein Gedanke über ihn hinaus, kein
-weiteres Gelübde sich rege, damit Liebe nicht sowohl zum Ehemanne, als
-zum Ehebunde sie beseele.«[4]
-
-[4] Tacitus a. a. O. § 19.
-
-Nur das reine Weib hatte Geltung bei den Germanen. Der auf uralten
-Rechtsgrundsätzen sich aufbauende Sachsenspiegel, das sächsische
-Landrecht, niedergeschrieben im 13. Jahrhundert, vertritt die
-Anschauung, dass ein einmal gefallenes Weib, selbst wenn sie wider
-ihren Willen ihre Ehre verloren, nie wieder die Rechte eines reinen
-Mädchens erlangen könne.[5] Da den germanischen Jünglingen strenge
-Gesetze die Keuschheit bis zur vollendeten Männlichkeit zur Pflicht
-machten -- der Umgang mit Weibern galt für den jungen Mann vor
-Vollendung des 20. Lebensjahres für eine Schmach[6] -- ebenso wie den
-Mädchen, so war der Unmoral nur ein enger Spielraum gegeben. Sexuelle
-Ausschreitungen kamen wohl vor, doch dürften sie immerhin als
-Ausnahmen zu betrachten sein.
-
-[5] Der 37. Artikel: Wer eines Mannes ehelich Weib öffentlich behuret,
-oder sonst ein Weib oder Magd notzöget, nimpt er sie darnach zur Ehe,
-eheliche Kinder gewinnet er nimmermehr bey ihr. (Übers. von Jacob
-Friedrich Ludovici 1750.)
-
-[6] Caesar, De bello gallico, VI. 21.
-
-Mit der Errichtung von befestigten Dörfern, den Vorläufern der
-deutschen Städte, dem engeren Aneinanderrücken ursprünglich weit
-voneinander abgelegener Anwesen und dem Eindringen fremder oder aus
-der Fremde wieder heimgekehrter Elemente, vollzog sich allmählich eine
-Sittenwandlung zum schlechteren, die aber vorderhand noch nicht bis
-zum häuslichen Herde vordrang. Die Hausfrau und die Töchter des
-Deutschen blieben ebenso keusch und züchtig wie vordem.
-
-War es erst die römische Invasion und die Rückkehr deutscher Krieger
-aus römischen Kriegsdiensten, die manche Unsitte auf deutschen Boden
-verpflanzten, manche leichtere Sittenanschauung nach Germanien
-eingeführt hatten, die wie stets bei allen Naturvölkern nur zu leicht
-Wurzeln fasste und üppig weiterwucherte, so ging auch später die
-Völkerwanderung und die mit ihr einbrechenden wilden Horden nicht
-spurlos an den Vorfahren vorüber. Auch das Christentum räumte mit
-vielem Althergebrachten für immer auf oder entstellte es, wo es galt,
-die Gefühle der Bekehrten zu schonen, nach und nach bis zur
-Unkenntlichkeit.
-
-Eine neue, von der alten grundverschiedene Zeit war für Germania
-angebrochen. Das Volk, das ein Tacitus als Muster hingestellt, das das
-römische Weltreich zertrümmert hatte, war aus dem Naturzustand in die
-Kultur eingetreten. Der rauhe Naturmensch, dem bislang Krieg und Jagd
-als Um und Auf des Lebens galten, der jede Arbeit, die nicht mit
-diesen seinen Herzensneigungen zusammenhing, verachtete und sie den
-Frauen und den Sklaven überliess, war zum Edeling oder zum Bauerbürger
-geworden, der nun nicht mehr ganz so schalten und walten durfte, wie
-damals, wo er als unbeschränkter Gebieter auf seinem Grund und Boden
-hauste. Er musste jetzt selbst die Hände rühren und die Oberaufsicht
-über sein Eigentum übernehmen. Das mit elementarer Macht sich
-verbreitende Christentum erschloss eine neue Gedankenwelt und milderte
-vieles von der Rauheit des früheren Sohnes der Wildnis. Die allerorts
-entstehenden Klöster wurden zu den ersten und einzigen Bildungsstätten,
-aus deren festen, bewehrten Mauern so manche Kunde drang von der
-Kunst, seine Gedanken aufzeichnen zu können und sie auf diese Weise
-selbst dem Fernen mitzuteilen; dann von Glaubenshelden, die ihre Treue
-gegen den Heiland mit dem Leben bezahlt, die für das Christentum den
-Märtyrertod erlitten; vom Heiland selbst, seinem Leben, Leiden und
-Sterben, und von seiner Mutter, der herrlichsten, edelsten und
-erhabensten aller Frauen, der gebenedeiten Jungfrau Maria. In ihr
-erstand für den Deutschen neuerdings das göttliche Weib der Germanen,
-darum sammelte sich auch in dem Marienkultus die ganze Verehrung, die
-der Deutsche einem Weibe zu zollen vermag, in einem Brennpunkte
-zusammen, der aber im Gange der Jahrhunderte verblasste, um später
-noch einmal, aber weniger intensiv und mit einer Beimischung von
-Groteskkomik, als Minne und Minnedienst aufzuleuchten, ehe er für
-immer erlöschte.
-
-Noch war das deutsche Staatengefüge lose aus einer Unzahl deutscher
-Stämme zusammengesetzt, die, in nie ruhender Eifersucht einander
-befehdend, kaum ein Gefühl der Zusammengehörigkeit kannten.
-
-Erst dem Heros #Karl dem Grossen#, seiner eisernen Faust, seinem
-mächtigen, zielbewussten Willen, der mit unbeugsamer Energie das
-für richtig Erkannte durchzusetzen wusste, gelang es, das
-Völkerkonglomerat auf deutscher Erde zusammenzuschweissen und zu einer
-Einheit, dem römisch-deutschen Reiche, zu gestalten. Karls
-staatsmännisches und kulturelles Wirken zu würdigen ist nicht meine
-Aufgabe. Hier soll nur der Einfluss erörtert werden, den Karls
-Regierung auf das Geschlechtsleben seiner Zeit ausübte. Kaiser Karls
-Leben war in dieser Hinsicht nicht einwandsfrei. Wenn er auch am 29.
-Dezember 1165 heilig gesprochen und diese Kanonisation von der Kirche
-stillschweigend bestätigt wurde, so war Karl durchaus kein Heiliger.
-Er war fünfmal verheiratet. Seine erste Frau, die Fränkin Himiltrud,
-verstiess er, ebenso die zweite, eine Tochter des Longobardenkönigs
-Desiderius, nach der Angabe eines Mönches von St. Gallen deshalb, weil
-sie unfruchtbar gewesen. Hildegard, die dritte Gattin, ein Fräulein
-aus hohem schwäbischen Adel, zählte erst 13 Jahre, als er sie
-heimführte. Sie starb 783 im 26. Lebensjahre, nachdem sie ihm neun
-Kinder, darunter Hludoic, seinen Thronerben, geboren hatte. Wenige
-Monate nach Hildegards Tode heiratete Karl die Ostfrankin Fastrada,
-nach deren Hinscheiden er die Alemannin Luitgard zur Gemahlin nahm,
-mit der er schon vor der Verheiratung Beziehungen unterhalten hatte.
-Sie war seine letzte rechtmässig angetraute Gattin, und als sie um das
-Jahr 800 in Tours starb, wirtschaftete der Kaiser bis zu seinem
-Ableben mit Kebsweibern, von denen vier namhaft gemacht werden:
-Madelgard, Gersuinda, Regina und Adallinde.[7]
-
-[7] Einhard, Das Leben Karls d. Gr. Übers. und erl. von H. Althof,
-S. 42 ff.
-
-Karls sinnliche Natur vererbte sich auf seine Töchter, von denen
-Einhard schreibt: »Obwohl diese Töchter sehr schön waren und von ihm
-überaus geliebt wurden, wollte er wunderbarerweise keine von ihnen
-einem der Seinen oder einem Fremden zur Ehe geben; er behielt sie
-vielmehr alle bis an sein Ende in seinem Hause und sagte, er könne den
-näheren Umgang mit ihnen nicht entbehren. Aber deswegen musste er,
-sonst so glücklich, die Abgunst des Schicksals erfahren, was er sich
-jedoch so wenig merken liess, als ob in Bezug auf seine Töchter
-niemals irgend ein Verdacht der Unkeuschheit sich erhoben, niemals das
-Gerücht hiervon sich verbreitet hätte.«[8] Dieses Gerücht bestand in
-der That und stützte sich auf Thatsachen. Alkuin, des Kaisers Ratgeber
-und Freund, warnte seine Schüler vor den »gekrönten Tauben, die
-nächtlich durch die Pfalz fliegen.« Die Folgen der Lasterhaftigkeit
-liessen nicht auf sich warten.
-
-[8] Einhard a. a. O. S. 45.
-
-Bertha, aus des Kaisers Ehe mit Hildegard, hatte vom gelehrten Dichter
-Angilbert zwei Söhne. Diese Bertha ist die Urheberin der reizenden
-Sage von dem treuen Liebespaare Eginhard (Einhard) und Emma (Imma),
-nach welcher Emma ihren Geliebten, während dessen nächtlichem
-Besuche Schnee im Schlosshofe gefallen war, der durch die in ihm
-hinterlassenen Fusstapfen des Geliebten Fortgehen hätte verraten
-müssen, auf ihrem Rücken zu seiner Wohnung trug. Der Kaiser, den
-Schmerzen auf seinem Lager wachhielten, sah dies, und gerührt von so
-viel Liebe, gab er dem Paare seinen Segen. »Offenbar hat die
-geschäftig webende Sage hier einen anderen Günstling und vertrauten
-Rat Karls, den gelehrten Angilbert, mit Einhard verwechselt. Letzterer
-hatte allerdings eine vornehme Jungfrau von trefflichem Charakter und
-hervorragender Bildung, Namens Imma, zum Weibe, mit der er bis zum
-Jahre 836 in glücklichster Ehe lebte, doch war er sicher nicht Karls
-Schwiegersohn, da der Kaiser eine Tochter Imma unseres Wissens nicht
-hatte.«
-
-Berthas Schwester Hruotrud, in Hofkreisen Columba genannt, hatte mit
-dem Grafen Rorich von Maine einen Sohn, und die anderen Töchter Karls
-waren ebenso leichtfertig, wie die erwähnten. Das grössere Leben
-Ludwigs des Frommen, Karls Nachfolger, erzählt, das Treiben, das seine
-Schwestern im väterlichen Hause führten, habe Ludwigs Sinn, obgleich
-er von Natur milde war, schon lange geärgert. Bald nach seiner
-Thronbesteigung habe er daher den ganzen, sehr grossen weiblichen
-Tross mit Ausnahme der geringen Dienerinnen aus dem Palaste schaffen
-lassen, und seine Schwestern veranlasst, sich auf die ihnen vom Vater
-bestimmten oder von ihm selbst verliehenen Klöster zurückzuziehen.[9]
-
-[9] Einhard, a. a. O. S. 45 Anmerkung 3.
-
-So gerne Karl in der eigenen Familie beide Augen zudrückte
-und geflissentlich übersah, was allgemein offenkundig war, so
-unnachsichtlich zeigte er sich gegen die öffentliche Unsittlichkeit.
-Aus Paris z. B. suchte er alle öffentlichen Mädchen zu vertreiben. Die
-Dirnen sollten, falls man sie bei der Ausübung ihres Gewerbes
-ertappte, gestäupt werden. Wer ihnen Vorschub geleistet oder ihnen
-Obdach gegeben, sollte sie auf dem Rücken zum Richtplatze tragen. Der
-Erfolg dieses Erlasses war ganz belanglos, denn die »verliebten
-Weiber« -- filles folles de leurs corps -- trieben ihr lichtscheues
-Handwerk offen und im geheimen nach wie vor und vermehrten sich wie
-die Wasserpest.
-
-Gegen die auch in Deutschland immer mehr um sich greifende
-Sittenlockerung konnte oder wollte Karl nicht einschreiten, vielleicht
-schon deshalb nicht, weil sie in erster Linie bei dem an Gut und Macht
-vielvermögenden Adel zuerst und am auffallendsten zum Vorschein kam.
-Zu jedem der festen Häuser, aus denen sich die Burgen entwickelten,
-gehörten die Genitia, ursprünglich Werkstätten, in denen hörige und
-freie Dienerinnen unter Aufsicht der weiblichen Herrschaft die Stoffe
-für die Kleidung herzustellen, zu sticken, weben, waschen, kochen,
-kurz alle weibliche Hand- und Hausarbeit vorzunehmen hatten.
-Diese Genitia oder Frauenhäuser waren von dem Hauptgebäude, der
-Herrenwohnung, streng geschieden und mit Zäunen, Wall, Graben und
-Wachttürmen gegen fremde Eindringlinge wohl verwahrt. In diesen
-Frauenhäusern befanden sich auch die Schlafräume nicht allein der
-Mägde sondern auch der weiblichen Familienmitglieder, ein Grund mehr,
-sie zu sichern, besonders das vordere Abteil der Genitia, in dem die
-Angehörigen des Hausherrn nächtigten, während das Hinterhaus die
-Dienerschaft beherbergte. Nach dem alten alemannischen Rechte wurde
-die Notzucht an einer Insassin des Vorderhauses mit sechs Schillingen,
-an einer des Hintergebäudes mit nur drei Schillingen geahndet. Jedes
-der Häuser der Grossen und jeder Meierhof besass solch Frauenhaus oder
-#Bordell#, nach dem angelsächsischen Bord, Schwelle, benannt. Die
-anrüchige Nebenbedeutung kam erst viel später in Gebrauch. Diese
-Frauenhäuser galten bald mit Fug und Recht für die Harems ihrer
-Besitzer,[10] da damals, bis tief in das Mittelalter hinein, die
-Frauen und Töchter der Unfreien im vollsten Sinne des Wortes die
-Leibeigenen ihrer Herren waren. Die Allgewaltigen besassen das Recht
-auf Leben und Tod über ihre Hörigen, die nur als Wertobjekte galten,
-über dessen Vermietung, Verkauf oder Verpfändung der Besitzer
-nach Gutdünken zu verfügen vermochte. Da der Wille des Herrn
-unverbrüchlichen Gehorsam bedingte, so wehrte keine Schranke seinen
-sinnlichen Gelüsten; er durfte verlangen und war der Gewährung sicher.
-
-[10] Scheible, Das Kloster, VI.
-
-Zu den Herrenrechten des Feudalen gehörte auch die Erteilung der
-Eheerlaubnis für seine Unfreien. Er durfte jeden Mann, sobald er das
-18., und jedes Mädchen, das das 14. Lebensjahr erreicht hatte, zur Ehe
-zwingen, ebenso verwitweten Gutsleuten eine neue Ehe mit der ihnen
-zugeteilten Braut aufnötigen. Lag es doch in seinem Interesse, recht
-viele Ehepaare unter seinen Hörigen zu haben, da sich mit ihrer
-Kinderzahl auch sein Besitztum an Seelen vergrösserte, was einem
-Vermögenszuwachs gleichkam. Bisweilen hielt er es jedoch für
-angebracht, seine Einwilligung zu versagen oder diese von dem _Jus
-primae noctis_, nämlich dem Rechte abhängig zu machen, in der ersten
-Nacht den Gatten bei der Neuvermählten vertreten zu dürfen, wenn er
-nicht ein für allemal dieses Recht auszuüben für gut fand. Wie weit
-diese schmachvolle Gepflogenheit in die graue Vorzeit zurückreicht,
-ist meines Wissens nicht festgestellt. Doch ist ihr hohes Alter als
-wahrscheinlich anzunehmen, da bei der mittelalterlichen absoluten und
-rechenschaftsfreien Machtvollkommenheit die Herren nur zu leicht auf
-derartige Übergriffe verfallen mussten. Man empfand vielleicht
-beiderseits nicht die Erniedrigung, die in der Ausübung und Duldung
-dieses schmachvollsten aller Rechte bestand. Im späteren Mittelalter
-bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts ist das Bestehen des _Jus primae
-noctis_ dokumentarisch festgestellt, trotz aller Ableugnungsversuche,
-die z. B. Karl Schmidt in seinem Werke »_Jus primae noctis_« (Freiburg
-i. B. 1881) mit recht negativem Ergebnisse zu unternehmen suchte. Aus
-der deutschen Schweiz sind zwei Gesetze vom Jahre 1538 und 1543
-überliefert, die haarscharf diese Unmenschlichkeit beweisen. Diesen
-Dokumenten einen anderen als den unzweideutig in ihnen ausgesprochenen
-Sinn zu unterschieben, wie dies Karl Schmidt unternimmt, liegt keine
-Veranlassung vor, ebensowenig wie ich Weinholds Ansicht beipflichten
-kann, der mit Osenbrüggen und Gierke jene Bestimmung nur als
-Ausdruck »einer symbolischen Anerkennung der Leibherrschaft
-durch die scherzhafte Voranstellung und Ausmalung der äussersten
-Rechtskonsequenzen« aufgefasst wissen will.[11] Man droht mit »der
-äussersten Rechtskonsequenz« nicht, wenn man sie nicht, sei es auch
-nur in aussergewöhnlichen Fällen, zur Ausführung bringen will.
-
-[11] Weinhold a. a. O. I. 301.
-
-Das eine der erwähnten Schriftstücke, die »Oefnung von Hirslanden und
-Stadelhofen« im Kanton Zürich vom Jahre 1538, lautet: »Ouch hand die
-burger die rechtung, wer der ist, der uf den gütern, die in den
-Kelnhof gehörend, _die erste nacht bi sinem wibe ligen wil, die er
-nüwlich zu der ee genommen hat, der sol den obgenanten burger vogt
-dieselben ersten nacht bi demselben sinen wibe lassen ligen_; wil er
-aber das nüt thun, so soll er dem vogt geben 4 und 3 fl Züricher
-pfenning, weders er wil: die wal hat der brugom (Bräutigam), und sol
-man ouch demselben brugome ze stür (zur Steuer, Beihilfe) an dem
-brutlouf geben ein fuder holtz usz dem Zürichberg, ob er wil an
-demselben holtz hat.« Der Tenor des zweiten Gesetzes entspricht dem
-eben gegebenen ziemlich genau. Doch nicht die weltlichen Herren allein
-beschmutzten sich mit der Ausübung des _Jus primae noctis_, auch die
-hohe, grundbesitzende Geistlichkeit machte sich dieses Recht zu nutze
--- brachte es doch etwas ein. Nach dem Lagerbuche des schwäbischen
-Klosters Adelberg vom Jahre 1496 mussten die zu Bortlingen sesshaften
-Leibeigenen dies Recht dadurch ablösen, dass der Bräutigam eine
-Scheibe Holz, die Braut ein Pfund sieben Schillinge Heller oder eine
-Pfanne, »dass sie mit dem Hinteren darein sitzen kann oder mag«
-darbringen musste. Anderwärts hatten die Bräute dem Grundherrn so viel
-Käse oder Butter zu entrichten, »als dick und schwer ihr Hinterteil
-war«. An anderen Orten wieder mussten sie einen zierlichen
-Korduansessel geben, »den sie damit ausfüllen konnten«.[12] Nach den
-Schilderungen des bayerischen Oberappellationsgerichtsrats Welsch
-bestand übrigens die Verpflichtung der Lösung vom _Jus primae noctis_
-in Bayern noch im 18. Jahrhundert.[13]
-
-[12] Memmingen, Stälin u. a. »Beschreibung der württemb. Aemter«,
-Heft 20.
-
-[13] Aug. Bebel, Die Frau und der Sozialismus, 29. Aufl., S. 67.
-
-Im Grunde genommen barg sich unter dem _Jus primae noctis_ nichts
-weiter, als eine Erpressung mehr, da es doch dem Bräutigam freistand,
-sich mit Geld oder Geldeswert zu lösen. Wenn nun der arme Bauer dieses
-Geld nicht aufzubringen vermochte, denn eine Hochzeit kostete ohnehin
-auch damals schon viel Geld? Der Bräutigam hatte vor allem die
-Eheerlaubnis teuer durch den Erlag eines Zinses oder Übergabe eines
-Hemdes oder Felles zu erkaufen. Dem Zins wusste der Galgenhumor
-der Zahler recht bezeichnende Namen zu geben. Einige dieser aus
-verschiedenen Gegenden stammenden Bezeichnungen waren: Jungfernzins,
-Stechgroschen, Bettmund, #Nadelgeld#, Frauengeld, Hemdschilling,
-Bumede, Jungferngeld, Schürzenzins, Vogthemd, Bunzengroschen und
-andere, mitunter sehr eindeutige, mehr. Dieser Zins war unter allen
-Umständen zu erlegen, auch dann, wenn der Herr sein Recht ausgeübt und
-damit die Tugend der Braut ramponiert hatte.
-
-Die zerzauste Tugend machte übrigens schon damals den Herren der
-Schöpfung und nicht nur den Bauern allein manchen Kopfschmerz. Und
-nicht allein die Mägdelein, sondern auch die Ehegattinnen, ganz
-besonders die letzteren, hatten oft unter mehr oder weniger
-begründeter Eifersucht zu leiden. Was heutzutage meist Thränen,
-Ohnmachten und Beteuerungen durchzusetzen vermögen, bedurfte in jener
-kräftiger zufassenden Zeit augenscheinlicher Beweise. Wenn diese nicht
-auf gewöhnlichem Wege herbeizuschaffen waren, so griff man, dem
-bigott-abergläubischen Zeitgeiste entsprechend, zu dem #Gottesurteil#.
-Häufig war es die angeschuldigte Frau selbst, die zu ihrer
-Rechtfertigung einer Ordalie unterzogen zu werden begehrte. So die
-Frau Karls des Dicken (881-887), die, des Ehebruches bezichtigt, durch
-das Gottesurteil nicht allein zeigen wollte, dass sie keine
-Verbrecherin, sondern dass sie trotz zwölfjähriger Ehe noch immer
-Jungfrau sei: »_Das_ (ihre Unberührtheit) _bewerte sü domitte, dass sü
-ein gewihset Hemede ane det und domit in ein Für_ (Feuer) _gieng und
-blieb unversert von dem Für_«, schreibt der Chronist Twinger von
-Königshofen. Das ganze Mittelalter hindurch waren Ordalien nahezu das
-einzige, jedenfalls aber das unfehlbarste Mittel, die eheliche Treue
-_ad oculos_ zu demonstrieren.
-
-Zwei Hauptarten der Gottesurteile waren im Schwange: die Feuer- und
-die Wasserprobe. Bei der Feuerprobe hatte die Beschuldigte die blosse
-Hand ins Feuer zu halten und unbeschädigt wieder herauszuziehen. War
-die Hand versengt, so wurde sie verbunden und der Verband nach einer
-gewissen Zeit gelöst. Waren die Wunden verheilt, so bewies dies die
-Unschuld. Weitere Abarten des Feuerordals waren: Mit einem mit Wachs
-durchtränkten Hemd bekleidet den Scheiterhaufen zu durchschreiten, wie
-Karls Gattin that; mit blossen Füssen über glühende Pflugscharen zu
-wandeln oder diese eine angegebene Strecke weit zu tragen. Kaiserin
-Kunigunde, Heinrichs II. (1002-1024) Gattin, unterzog sich dieser
-letzteren Probe, die übrigens schon aus den Sophokleischen Tragödien
-her bekannt ist.
-
-Die Wasserprobe fusste auf dem Grundgedanken, dass das reine, heilige
-Wasser nichts Sündhaftes in sich dulde. Sank daher das gebundene
-nackte Weib unter, so war es schuldlos; blieb es auf dem Wasserspiegel
-schwimmen, dann war seine Schuld zum Beweis erhoben. Jahrhunderte
-später gewannen diese Wasserproben, deren Ausgang ganz in der Hand des
-Fesselnden lag, eine hohe Bedeutung bei den Hexenverfolgungen.
-
-Eine dritte, aber seltener geübte Art der Gottesurteile waren die
-Zweikämpfe zwischen der Angeklagten und ihrem Ankläger. Der
-Kraftunterschied zwischen Mann und Weib fand dadurch seinen Ausgleich,
-dass der Mann bis zum Gürtel in einer Grube stehend die Angriffe der
-mit einem enganliegenden trikotartigen Anzuge bekleideten Frau
-abzuwehren hat. In »Talhoffers Fechtbuch«, der Bilderhandschrift von
-1467 auf der Gothaischen Bibliothek, bekämpft die Frau ihren
-Widersacher mit einem Schleier, in dem sie einen vier- bis
-fünfpfündigen Stein eingebunden hat. Der Mann ist mit einer Keule
-bewehrt, ebenso lang wie der Schleier der Gegnerin. Der Kämpfer steht
-»bis an die waichin« in einer Grube, dessen Rand die Frau umkreist.
-Nach dem Apollonius vertrat mitunter einer der langen Kleiderärmel den
-Schleier.[14]
-
-[14]
-
- Diu frowe sol hie ouzen gân,
- Einen stein in der stoûchen hân
- Mit riemen drîn gepûnden
- Swaere pi drîen pfunden
- Diu stouche sol sol wesen lînîn (leinen)
- Und zweier ellen lanc sîn.
-
- (Apollonius 20446.)
-
-Dass alle Ordalien, der Zweikampf vielleicht ausgenommen, mit der
-Niederlage der Frau enden mussten, wenn alles mit rechten Dingen
-zuging, liegt auf der Hand -- soferne das schwache Geschlecht in
-seiner ererbten Schlauheit nicht Mittel und Wege gefunden hätte, den
-Herren der Schöpfung ein Schnippchen zu schlagen. Sie mogelten bei den
-wohlvorbereiteten Gottesurteilen nach Herzenslust, und lachten
-hinterher die dummen, leichtgläubigen Männer weidlich aus. An Gehilfen
-bei dem Betruge fehlte es nicht, wenn nur Geld genug vorhanden war,
-die Helfer zu erkaufen.
-
-Gottfried von Strassburg gibt im »Tristan« unumwunden den Schwindel
-zu, den die holde Isolde, seine Heldin, bei einem Gottesurteil ausübt.
-Isoldchen, bekanntlich kein Tugendspiegel, soll zur Bezeugung ihrer
-Unschuld die Feuerprobe bestehen. Sie ist, sehr gerechtfertigter
-Weise, mit Tristan, dem Neffen ihres alten Gatten, ins Gerede
-gekommen, und muss nun, um die bösen Mäuler zu stopfen und ihrem
-Gatten den Glauben an ihre eheliche Treue wiederzugeben, eine Ordalie
-bestehen. Klein-Isoldchen hat gewichtige Gründe, alle Vorsicht walten
-zu lassen, denn es ist bei ihr sehr viel faul im Staate Dänemark. Sie
-weiss sich aber zu helfen. Vor der Probe verteilt sie mit beiden
-Händen reiche Geschenke an Gold, Silber und Edelsteinen »um Gottes
-Huld«, das heisst an die die Feuerprobe leitenden Geistlichen, die
-sich solchen Gaben gegenüber nicht undankbar erweisen dürfen. Sie
-wissen die Sache so fein einzufädeln, dass die Ehebrecherin die Probe
-tadellos besteht und in ihrer »bewiesenen« Fleckenlosigkeit nun aufs
-neue nach Herzenslust sündigen kann. Sie weiss ja, dass bei einem
-neuerlichen Gottesurteil ihr die früheren Helfer wieder aus der
-Patsche helfen werden.
-
-Einen weiteren Einblick in den Gottesurteil-Schwindel gestattet das
-Gedicht eines unbekannt gebliebenen mittelhochdeutschen Dichters, das
-Hans Sachs als Vorlage für sein Fastnachtsspiel »Das heisse Eisen«
-benützte. Eine Frau zwingt ihren Mann auf Veranlassung der Gevatterin,
-»die ist sehr alt und weiss sehr viel«, seine eheliche Treue durch das
-Tragen eines »heiss Eysen« zu beweisen. Der Gatte willfahrt scheinbar
-dem Wunsche seiner Gattin.
-
- »Ja Frau, das will ich gerne thun!
- Lass die Gevatt'rin kommen nun,
- Dass sie das Eisen leg in's Feuer,
- Ich wage frisch das Abenteuer.
- Purgieren will ich mich für's Leben,
- Die Gevatterin soll Zeugniss geben.«
-
-Der Schlauberger zieht dabei verstohlen einen Holzspan aus dem Ärmel
-in die Handfläche, auf den er das Eisen derart legen kann, dass es
-nirgend mit der Haut in Berührung kommt. Natürlich besteht er die
-Probe glänzend, weshalb er, nun den Spiess umkehrend, auch seinerseits
-die Tugendprobe von seiner Frau begehrt. Winselnd sinkt diese auf die
-Knie und gesteht, in die Enge getrieben, dass sie zuerst mit dem Herrn
-Kaplan in sträflichem Verkehr gestanden, den erst #ein# Mann, dann
-wieder einer, schliesslich nach und nach ein ganzes Dutzend abgelöst
-haben. Die würdige Frau, der »St. Stockmann« als unentrinnbarer
-Schutzpatron winkt, fasst nach ihrer Beichte unversehens das
-inzwischen erkaltete Eisen an, verbrüht sich aber daran, ein Zeichen,
-dass sie noch immer nicht die ganze Wahrheit gestanden hat, und rennt
-scheltend ab.[15]
-
-[15] Hans Sachs, Ausgew. dramatische Werke, übers. v. K. Pannier, S.
-123 ff. Schimpf und Ernst v. Bruder Joh. Pauli, ibid. Nr. 108 S. 84
-ff.
-
-Das von Karls eiserner Faust zusammengeschweisste Weltreich
-zersplitterte unter seinen schwachen Nachfolgern in jenes
-Staatengemengsel, dem erst das 19. Jahrhundert ein Ende machte. Karls
-Schöpfungen teilten das Schicksal seines Staates. Nur in den Klöstern
-glimmte der von Karl angefachte Funke des Bildungsbedürfnisses unter
-den Insassen fort.
-
-Die Weltabgeschiedenheit, die von dem ewigen Einerlei gezeugte
-Langeweile liessen wohl auch manche, sonst nicht gerade wissensdurstige
-Mönche oder Nonnen zu den Büchern greifen, neben Reliquien, Messgeräten
-und Kultgewändern die kostbarsten Besitztümer der Stifte und Klöster.
-Und wohl ihnen, wenn sie Gefallen an dieser Beschäftigung fanden, die
-sie von weit sündhafterem Treiben abhielt, als es selbst die über alle
-Massen schlüpfrige Mönchslitteratur, das Singen und Abschreiben von
-weltlichen Liedern, den »winileodes«, war, das Karls Kapitular von
-789 verpönte, oder das Studium der erotischen Stücke eines Plautus
-oder Terentius und anderer die Sinne erregender klassischer
-Schriftsteller. Denn auch in dieser Epoche liess die Sittenreinheit
-der Klostergeistlichkeit schon vieles zu wünschen übrig. Durch die
-Kapitularien Kaiser Karls ist erwiesen, dass manche Nonne ein
-vagierendes Leben führte, sich rückhaltslos, sogar gegen Entlohnung,
-hingab, und etwaige Folgen dieser Liebschaften durch Verbrechen
-beseitigte.
-
-Der Wortlaut eines der zahmsten dieser Kapitularien (v. J. 802) ist
-folgender: »Die Frauenklöster sollen streng bewacht werden, die
-Nonnen dürfen nicht umherschweifen, sondern sollen mit grösstem
-Fleiss verwahrt werden, auch sollen sie nicht im Streit und Hader
-untereinander leben, und in keinem Stücke den Meisterinnen und
-Äbtissinnen ungehorsam oder zuwider handeln. Wo sie aber unter eine
-Klosterregel gestellt sind, sollen sie diese durchaus einhalten. Nicht
-der Hurerei, nicht der Völlerei, nicht der Habsucht sollen sie dienen,
-sondern auf jede Weise gerecht und nüchtern leben. Auch soll kein Mann
-in ihr Kloster eintreten u. s. w.«
-
-Ebenso verbot Karl, die Mönchsklöster in allzu bequemer Nachbarschaft
-der Nonnenklöster anzulegen -- er hatte Gründe dafür.
-
-Aber nicht nur die Nonnen aus niederem Stande setzten sich über die
-Klosterregeln hinweg, auch solche aus den höchsten Kreisen brachen ihr
-Gelübde, wenn sich Gelegenheit bot. Wiederholt finden sich in den
-Chroniken vornehme Klosterschwestern, die sich entführen lassen, oder
-der Klausur entfliehen, um zu heiraten. Wer mächtig war, durfte
-hoffen, nachträglich die Genehmigung des Ehebundes durch den Kaiser
-und durch dessen Vermittlung auch die des Papstes zu erlangen.
-»Hadburg, die erste Gemahlin König Heinrichs, war eine Nonne, um die
-er als Herzog förmlich warb, die er sich nach alter Weise im Ringe der
-Seinen vermählte, als Herrin seines Hofes feiern liess und gegen die
-Angriffe der Kirche behauptete. Herzog Miseco von Polen, durch seine
-erste Gemahlin bekehrt, erwies sein junges Christentum nach deren Tode
-dadurch, dass er um 977 eine deutsche Nonne (Oda) aus ihrem Kloster
-entführte und heiratete.«[16]
-
-[16] Gustav Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 26.
-Aufl., I. 371.
-
-Selbst in den sittenreinsten Klöstern dachte man im Zeitalter Karls
-und seiner Nachfolger sehr frei, wofür die Dramen #Roswithas von
-Gandersheim# Beweise erbringen, jener vielseitigen, hochgebildeten
-Nonne, mit der der lange Reigen der deutschen Schriftstellerinnen
-anhebt. »Der singende Mund von Gandersheim« (_clamor validus
-Gandeshemensis_) lebte und dichtete um die Mitte des 10. bis zu Anfang
-des 11. Jahrhunderts. Die Dichterin entnahm ihre Stoffe der
-Heiligengeschichte, die sie in einer dem Terenz nachgeahmten
-Form dramatisierte. Mit Vorliebe erhitzt sie ihre Phantasie an
-sinnlichen Vorwürfen, die stellenweise durch die behaglich-breite
-Detailschilderung von einer Vorurteilslosigkeit zeugt, von der sie ihr
-letzter Übersetzer trotz aller aufgewandten Mühe nicht völlig
-reinzuwaschen vermag.[17] In ihrem dritten Stücke »Die Auferweckung
-der Drusiana und des Calimachus« dringt der letztere, ein schöner
-heidnischer Jüngling, in die kaum geschlossene Gruft »und sucht in dem
-Marmorbette des Leichnams die Umarmung, welche ihm Drusiana lebend
-versagte«. Eine Schlange verhindert rechtzeitig die Leichenschändung.
--- Etwas viel auf einmal für eine schriftstellernde Himmelsbraut! In
-dem Drama »Fall und Busse Marias, der Nichte des Einsiedlers Abraham«
-führt uns Roswitha in ein Bordell; in »Die Bekehrung der Buhlerin
-Thais« schildert sie realistisch ein Freudenmädchen; im »Dulcitius«
-sollen die drei christlichen Jungfrauen Agape, Chionia und Irene wegen
-ihrer Standhaftigkeit im Glauben römischen Soldaten preisgegeben
-werden, nachdem Dulcitius vergeblich versucht hat, seine Begierden an
-ihnen zu stillen, und dieses alles und noch mehr trägt Roswitha mit
-frommem Augenaufschlag vor -- _ad majorem Dei gloriam_ --. Zur Ehre
-der Dichterin, die sich eines kraftvollen, aber barbarischen
-Mönchslateins bediente, sei angenommen, dass sie ihre Stoffe nach
-schriftlich vorliegenden Vorbildern formte, nichts Selbsterlebtes in
-ihre Darstellungen verflocht. Aber mussten nicht derartige Scenen
-selbst die reinste Phantasie mit unzüchtigen, dem Gelübde der
-Keuschheit diametral entgegenstehenden Bildern füllen und sie zu
-weiterer Ausspinnung reizen? Die müssiggängerischen Nönnchen hatten so
-unendlich viel Langeweile, wie sie oft selbst gestehen, dass sie sich
-wohl recht oft an den Dramen der Gandersheimerin ergötzt und die darin
-geschilderten Vorkommnisse recht ausführlich durchgesprochen haben
-mögen.....
-
-[17] Die Dramen der Roswitha von Gandersheim. Übersetzt und gewürdigt
-von Ottomar Pilz. Leipzig o. J.
-
-Vom 12. Jahrhundert an datiert der geistige und materielle Aufschwung
-des deutschen Volkes, das ganz allein aus sich heraus erstarkte. Der
-Handel, das Handwerk und auch die, wenn auch nur auf eine engbegrenzte
-Menschenklasse, namentlich die Klosterleute und die aus den
-Klosterschulen Hervorgegangenen sich erstreckende Bildung, hoben sich
-zusehends, erweiterten den Gesichtskreis, schufen neue Lebensformen
-und mit ihnen neue Bedürfnisse. Das altgermanische Kriegertum, die
-Freude an Fehde und Jagd, das dem Adel noch immer durch die Adern
-pulsierte, dessen Andenken die unverklungenen, Begeisterung
-anfachenden Heldensagen wachhielten, gewann eine neue, modernisierte
-Gestalt im #Rittertume#, dessen romanische Urformen bald stark
-mit echt deutschem Geist durchsetzt waren, der manchen welschen
-Firlefanz noch vergröberte, um namentlich im #Minnedienst#, einem
-Hauptbestandteile des Ritterwesens, tief unsittliche Formen zu
-schaffen, die gleich vergiftend auf beide Geschlechter wirkten,
-besonders aber den Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft, die
-Ehe, untergruben. Die, gleichviel ob real oder platonisch Geliebte
-galt alles, die eigene Frau nichts. Man schlug sein Weib, wie
-Kriemhilde klagt[18], winselte aber zu Füssen der angebeteten Herrin
-um die Gunst, die Hand oder den Fuss küssen und den Saum des Gewandes
-berühren zu dürfen. »Die Ehe des Ritters, sein Hauswesen, seine
-Kinder, seine Familiengefühle, alles holde Behagen der Heimat stand
-ganz ausserhalb der idealen Welt, in welcher er am liebsten
-lebte.«[19] Des steirischen Ritters #Ulrich von Lichtenstein#
-Donquichoterien, sein Zug als Frau Venus im Jahre 1227, in kostbare
-Frauengewänder gekleidet, das Haupt mit Schleiern umhüllt, und seine
-sonstigen Läppereien, wie das Trinken des Waschwassers seiner Huldin,
-die Operation der breiten Oberlippe, das Abhauen eines ihr zu Ehren im
-Turnier verletzten Fingers, das Mischen unter widerliche Aussätzige,
-das ihm die Laune der excentrischen Geliebten anbefiehlt, sind der
-Gipfelpunkt des sich als ritterlichen Minnedienst gehabenden
-Blödsinnes. Diese sich bis zum Wahnsinn steigernden Überspanntheiten
-der Ritter, ihre Spielereien, die bandwurmartig anwachsenden Satzungen
-umgaben schliesslich das ganze Rittertum mit einem schalen Formelkram,
-der stark an die moderne Vereinsmeierei gemahnt, der Geheimbündeleien
-des 18. Jahrhunderts gar nicht zu gedenken, denen das Rittertum
-vielfach zum Vorbilde diente.
-
-[18] Nibelungen, 903.
-
-[19] Gust. Freytag a. a. O. I. 524.
-
-[20] Scherr, Geschichte der deutschen Frauenwelt, 5. Aufl., I. 177.
-
-Das ritterliche Gehaben führte schliesslich zu einer allgemeinen
-Lüderlichkeit, die selbst dem überzeugten Romantiker Saint-Pelaye den
-Stossseufzer entlockte: »Nie sah man verderbtere Sitten, als in den
-Zeiten unserer Ritter, und nie waren die Ausschweifungen in der Liebe
-allgemeiner«.[20] Jede Modedame musste ihren Ritter haben, der ihre
-Farben trug und dem Gemahle ins Handwerk pfuschte. Liebschaften
-von Frauen aus hohem Stande mit Unebenbürtigen konnten bei
-solchen Anschauungen nicht ausbleiben. Die Strenge Herzog Rudolfs
-von Österreich, der 1361 eine Hofdame seiner Frau wegen eines
-Verhältnisses mit einem ihrer Diener ertränken liess, steht
-anscheinend vereinzelt da. Der österreichische Dichter Heinrich, der
-zwischen 1153 und 1163 seine Mahnworte an Pfaffen und Laien richtete,
-schilderte den Umgangston der ritterlichen Gesellschaft als roh. Der
-Hauptgegenstand ihrer Unterhaltung waren die Weiber. Wer sich rühmen
-konnte, die meisten verführt zu haben, galt am höchsten.[21] Der
-Ehebruch war alltäglich, wenn auch über seine Verwerflichkeit die
-damaligen Dichter einig sind. Aber es war Modesache, Ehebrecher zu
-sein, oder wenigstens als solcher zu gelten.
-
-[21] Weinhold a. a. O. I. 253.
-
- »Hat ein gutes Weib ein Mann
- Und geht zu einer andern dann,
- So gleichet er darin dem Schwein.
- Wie möcht es jemals ärger sein?
- Es lässt den klaren Bronnen
- Und legt sich in den trüben Pfuhl.
- Gar mancher hat schon so zu thun begonnen.«
-
-klagt Meister Sperrvogel.[22] Gottfried von Strassburgs unsterbliches
-»Tristan und Isolde« ist in seiner Gesamtheit eine Verherrlichung des
-Ehebruches, doch gab es, wie wir eben in dem biederben Sperrvogel
-sahen, auch Minnesänger, die gegenteiliger Meinung waren. Ein
-klarblickender deutscher Dichter des 12. Jahrhunderts gesteht es
-unumwunden ein, dass die Damen den Rittern keine Vorwürfe zu machen
-berechtigt seien, denn:
-
- »Der wiber chiusche (Keuschheit) ist entwicht
- frowen und riter
- Dine durfen nimmer gefristen
- We der ir leben bezzer si.«[23]
-
-[22] Deutscher Minnesang, übertragen v. Bruno Obermann, S. 37 ff.
-
-[23] Heinrichs »Rede von des Todes Gehügede« in Goedeckes
-»Mittelalter«, S. 187.
-
-Die Lotterei der französischen Ritter, deren Liebeshöfe oftmals in
-Orgien ausarteten, bei denen sich verlarvte Mädchen und Frauen
-schamlos preisgaben[24], fanden hin und wieder Nachahmung in
-Deutschland, wenn sie sich auch nicht so allgemein verbreiteten, wie
-in ihrem Mutterlande, wo Liebeshöfe sogar in den Klöstern eine Stätte
-fanden.
-
-[24] De la Curne de Saint-Pelaye, »Das Ritterwesen des Mittelalters«,
-deutsch von Klüber, II. 268.
-
-»Uns ist in einem lateinischem Gedicht die Schilderung eines solchen
-Hofes bewahrt, welcher in einem Kloster der Diöcese von Toul an
-heiterem Maifest gehalten wurde. Es ist -- wohlgemerkt -- nicht die
-zornige Schilderung durch einen Frommen, sondern wohlwollende
-Darstellung durch jemand, der dabei war, und der den Vorfall ganz in
-der Ordnung erachtet. Die Thüren werden verschlossen, die alten Nonnen
-abgesperrt, nur einige verschwiegene Priester zugelassen. Statt des
-Evangeliums wird von einer Nonne Ovids »Kunst zu lieben« vorgelesen,
-zwei Nonnen singen Liebeslieder. Darauf tritt die Domina in die Mitte,
-als Mai gekleidet, in einem Gewand, das ganz mit Frühlingsblumen
-besetzt ist, und sagt, Amor, der Gott aller Liebenden, habe sie
-gesandt, um das Leben der Schwestern zu prüfen. Vor die Richterin
-treten einzelne Nonnen und rühmen die Liebe zu geistlichen Herren,
-welche Geheimnisse zu bewahren verstehen; andere loben die
-Ritterliebe, aber ihre Auffassung wird von der Maigöttin höchlich
-gemissbilligt, weil die Laien nicht verschwiegen und allzu
-veränderlich sind. Zuletzt werden die Rebellinnen, welche Ritterliebe
-nicht meiden wollen, feierlich im Namen der Venus exkommuniziert unter
-allgemeinem Beifall, und alle sprechen Amen.«[25]
-
-[25] Gust. Freytag a. a. O. I. 373.
-
-Auch die Kreuzzüge trugen das ihre dazu bei, bisher unbekannt
-gebliebene Ausschweifungen aus dem Oriente nach dem Abendlande
-zu verpflanzen. Und die gezwungene Strohwitwerschaft eines Heeres
-von Frauen, deren Männer unter dem Kreuze fochten, öffnete der
-Unsittlichkeit Thür und Thor. Die Männer suchten sich allerdings
-der Treue ihrer Gattinnen durch rohe Mittel zu versichern,
-deren entwürdigendstes der sogenannte #Keuschheitsgürtel#
-(_cingula castitatis_) war. Solche Gürtel werden von den späteren
-Schriftstellern häufig erwähnt, sie kommen aber schon im 13.
-Jahrhundert vor. In der Bilderhandschrift des Bellifortis von Konrad
-Kyeser vom Jahre 1405 ist die Zeichnung eines solchen Gürtels
-enthalten; ein Modell eines dieser Instrumente befindet sich im
-Museum schlesischer Altertümer in Breslau. Es ist roh aus Eisen
-zusammengefügt, während die wirklich verwendeten aus besserem
-Material, meist aus Silber oder Gold, gearbeitet waren.
-
-Bei aller Laxheit der Moral bewahrte doch das durch viele
-Generationen vererbte deutsche Sittlichkeitsgefühl vor jenen
-allzu tollen Excessen, die in Frankreich auf der Tagesordnung waren.
-
-Man darf überhaupt im allgemeinen die Sitten der Vorzeit nicht nach
-dem heutigen Moralcodex messen. Andere Zeiten, andere Sitten!
-
-»Die damalige Generation war körperlich gesund und kräftig. Von früher
-Jugend an hatten die Männer vor allem ihre Körperkräfte ausgebildet;
-viel im Freien lebend, waren sie erstarkt; die fast ausschliesslich
-aus scharf gewürzten Fleischgerichten bestehende Kost, der Genuss von
-berauschenden Getränken brachte das Blut noch mehr in Wallung; zu viel
-Wissen beschwerte ihren Kopf nicht und mit Gewissensskrupeln wusste
-man sich abzufinden. Und ebenso vollsaftig und begehrlich sind die
-Mädchen aufgewachsen.« Die Schamhaftigkeit im modernen Sinne ist eine
-Errungenschaft der verfeinerten und verfeinernden Kultur, die vielen
-sonst geistig hochstehenden Völkern abgeht, die ebenso wie die Ahnen
-im Mittelalter in absoluter Nacktheit keinen Verstoss gegen die gute
-Sitte sehen und erst allmählich zur Moral nach westeuropäischer
-Anschauung erzogen werden müssen, denn »das Schamgefühl ist etwas
-sekundäres und zwar die Folge, nicht die Ursache der Bekleidung«.[26]
-Ist doch sogar zum Teil heute noch den hochentwickelten Japanern unser
-mit der Muttermilch eingesogenes Schicklichkeitsgefühl ein fremder
-Begriff. Was uns daher im allgemeinen höchst anstössig, im
-allergünstigsten Falle noch äusserst naiv erscheint, gehörte in der
-Vorzeit zur Alltäglichkeit, die niemandem auffiel, und in der niemand
-Übles sah. Man war von Kindsbeinen auf an den Anblick der Nacktheit
-gewöhnt -- schlief doch das ganze Mittelalter hindurch alles in
-Adamskostüm und bei den beschränkten Raumverhältnissen, meist in einer
-grossen Schlafstube die Eltern mit den Kindern, gleichviel ob Knaben
-oder Mädchen, zusammen. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet,
-erscheinen sonst anstössige Stellen in den gleichzeitigen Dichtwerken
-wesentlich gemildert, auch dann, wenn wir sie als Geschichtsquellen
-gelten lassen, was aber gemeinhin einige Vorsicht nötig macht. Die
-_licentia poetica_ wird sich nicht immer haarscharf an Thatsachen
-gehalten haben, wenn schon sie aus dem wirklichen Leben ihre Kraft
-schöpfte und allgemein herrschende Sittenzustände zur Grundlage ihrer
-Schilderungen nahm. Wenn wir daher manches Anstössige auch für
-übertrieben halten dürfen, so bleibt doch selbst nach Ausmerzung des
-zu Grassen noch genug Bedenkliches übrig, um ein fast abgerundetes
-Bild der geltenden Moral zu gewähren, das auf Authentizität Anspruch
-erheben darf. Auch die Vergleichung von Parallelstellen bei
-verschiedenen Dichtern, die sich gegenseitig nicht beeinflussen
-konnten, bestätigt die Richtigkeit vieler wie Fabeln anmutender
-Vorfälle.
-
-[26] Ed. Westermarck, »Geschichte der menschlichen Ehe«. Aus d. Engl.
-von L. Katscher und R. Grazer. 2. Aufl.
-
-Man lebte anders, man dachte anders als heutzutage, man war trotz
-aller Sittenroheit reiner im Denken, als in der Gegenwart. Der
-Sittenverfall paarte sich häufig mit einer Einfalt, die dem Mangel an
-jeglicher Prüderie entsprang. Man war derb, geradeaus, wollüstig, aber
-ohne Cynismus und Pikanterie. Es war eben eine Zeit, in der noch
-nicht, wie Hippel sagt, eine unnatürliche Mode, die man Tugend nennt,
-im Schwange war.
-
-Gawan, in Wolfram von Eschenbachs unsterblichem Parzival, wird von
-Bene, der jungfräulichen Tochter seines Gastfreundes, des Ritters
-Plippalinot, zu Bette gebracht und am Morgen beim Aufstehen
-bedient.[27] Ein gleiches Vorgehen in den Burgen ist durch zahlreiche
-weitere Belegstellen verbürgt. Man war eben naiv genug, in diesen
-Dienstleistungen nur die dem teueren Gaste erwiesene Ehrung zu sehen.
-Da sich aber Menschennatur mit ihrer Begehrlichkeit in ihren
-Grundzügen immer gleich blieb, dürfte es auch nicht immer bei der
-platonischen Dienstfertigkeit geblieben sein, was auch Wolfram
-andeutet, als er von Plippalinots Töchterlein schalkhaft versichert:
-
- »Sie hätt' ihm Minne wohl gewährt,
- Wenn Minn' er von der Maid begehrt!«
-
-[27] Parzival 552. 25 ff.
-
-Den Gast begrüsste die Burgfrau mit einem Kuss.[28] Im Nibelungenlied
-heisst Markgraf Rüdeger von Bechelaren seine Frau und Tochter die
-Gäste mit Küssen bewillkommnen.[29] Der »blôze ritter« besagt:
-
- »Sin tohter und sin vrouwen
- Hierz er in kussen ze hant.«[30]
-
-[28] Parzival 405. 15.
-
-[29] Dieffenbacher, Deutsches Leben im 12. Jahrh., 161 ff.
-
-[30] Hagen, Gesammtabenteuer, II. 129.
-
-Vom Küssen zu Handgreiflichkeiten war seit jeher nur ein kurzer Weg.
-»Das Mädchen, das sich küssen lässt, geht auch bald ins Bett«, lautet
-ein altes Sprichwort, das auch im frühen Mittelalter volle Geltung
-besass. Die Mädchen waren meistenteils gar nicht scheu, im Gegenteil,
-sie benahmen sich oftmals viel ungezwungener als die Herren. Der reine
-Thor Parzival verkriecht sich rasch im Bette, als Jungfrauen zu ihm
-ins Schlafgemach kommen:
-
- »Geschwind sprang der behende Mann
- Aufs Bette und deckte sich zu.«[31]
-
-[31] Parzival 243. 28 ff., 166. 21 ff., 167. 30. Wolfdietrich 1386.
-
-Alle waren freilich nicht so schamhaft, und es fehlte durchaus nicht
-an grobkörnigen Gesellen, denen ebenso jedes Feingefühl mangelte, wie
-den vornehmen Damen, mit denen sie es zu thun hatten. Ritter Gawan
-betritt kaum die Burg des Königs Vergulaht, dessen jungfräuliche
-Schwester Antikonie ihn mit dem Willkommenkuss empfängt, als er ihr
-schon mit handgreiflichen Zärtlichkeiten zu Leibe rückt, in welch
-löblichem Thun er nur durch den Eintritt eines Ritters unterbrochen
-wird.[32] »Diese derbsinnliche Manier, um Liebe zu werben, hat für uns
-etwas Anstössiges. Nach den Schilderungen aus der damaligen Zeit
-scheint jedoch ein derartiges Benehmen sehr natürlich gefunden worden
-zu sein«[33], denn die Frauen kamen allenthalben den Rittern auf
-halbem Wege entgegen, ja boten sich nicht selten selbst an, wie der
-Kürnberger versichert, oder wie die Tochter des Galagandreiz dem
-Lanzelot vom See in Ulrich von Zazikhofens Gedicht, die dem Liebhaber
-sogar einen goldenen Ring zum Lohne verspricht. Die tugendhafte Meliûr
-schleicht nachts zu dem ihr völlig unbekannten Partonopier, einem
-dreizehnjährigen Knaben, und »Sie wurden dô gescheiden Von ir
-magetuome«.[34] In Gottfried von Strassburgs Tristan kommt die
-Prinzessin Blancheflur zu Rivalin, um ihm ihre Jungfräulichkeit zu
-überlassen.[35] Hatte die Tochter des Burgherrn ihren Geliebten bei
-sich, war sie gutmütig genug, auch für das Gefolge ihres Liebsten zu
-sorgen und ihre Damen zu bestimmen, den Freunden ihres Galans
-Gesellschaft zu leisten. Isolde stellt es den Genossen Tristans frei,
-zwischen ihren beiden Begleiterinnen Brangane oder Gymêle zu wählen.
-Grosse Herren hatten es noch leichter, ihnen war jeder nur zu gern
-gefällig. Als der Landgraf Ludwig von Thüringen einem Tanze zusieht
-und ein besonders schönes Mädchen sein Wohlgefallen erregt, erbietet
-sich sofort einer der Anwesenden, ihm die Gunstbezeugung der Schönen
-zu verschaffen. Und wie er ein anderes Mal Verwandte besucht, wird ihm
-ein junges Weib: »Geworfen in sîn bette dar«[36]. In dieser Naivität
-findet sich vielleicht der Nachhall jener uralten, von Chaldäa
-ausgegangenen und von allen Urvölkern des Altertums geübten Sitte #der
-gastlichen Prostitution#. Der Hausherr wähnte in dem Gaste einen
-Gesandten des Himmels, dem er sein Hab und Gut zur Nutzniessung anbot,
-darunter auch seine Frau und seine Töchter. Auch die Bibel ist voll
-von Beispielen der gastlichen Prostitution bei den Hebräern, die
-vielfach den fremden Gast als Engel ansahen.[37] Wenn wir Murner
-glauben dürfen, findet sich noch im 16. Jahrhundert die gastliche
-Prostitution vor. »Es ist in dem Niderlande auch der bruch, so der
-wyrt ein lieben gast hat, daz er jm yn frow zulegt uff guten glouben.«
-In abgeschiedenen Gegenden Russlands soll sich dieser Brauch bis zum
-heutigen Tage erhalten haben.
-
-[32] Parzival 405 ff.
-
-[33] Bartsch, cit. bei Pannier, Parzival.
-
-[34] Konrad von Würzburgs »Partonopier und Meliûr«, 1227 ff.
-
-[35] Tristan, herausgegeben von Massmann, S. 33 ff.
-
-[36] Leben der heiligen Elisabeth, 3161 ff. u. 3360.
-
-[37] U. a. 1. Buch Mosis 19. 8 u. 14.
-
-Es lassen sich aus den Dichtwerken jener Übergangsperiode von
-der Dämmerung zum Morgenrot noch eine grosse Blütenlese von
-Scenen anführen, die wertvolle Fingerzeige über die geltenden
-Anstandsbegriffe geben. Noch kämpft die angestammte Roheit gegen eine
-vom Auslande eingeführte Überfeinerung, die wie ein dem knorrigen
-Stamme okuliertes Reis nur langsam mit diesem verwächst. Hand in Hand
-mit der ursprünglichen Ungeniertheit ging nun eine affektierte, dem
-innersten Wesen fremde, gesuchte und daher lächerliche Zimperlichkeit.
-Lächerlich ist es, wenn Damen sich ohne Scheu vor dem Knappen im
-Naturkostüme zeigen, aber verlangen, dass eben dieser Knappe vor ihnen
-nicht anders als mit Unterkleidern versehen erscheinen sollte, da
-irgend ein Zufall eine ärgerliche Entblössung seines Körpers im
-Gefolge haben könnte[38], wie das recht öde, aber sittengeschichtlich
-wertvolle Lehrgedicht »Der welsche Gast« empfiehlt.
-
-[38] Welsche Gast von Thomasin von Zircläre 457.
-
-»Der welsche Gast« ist seinem Inhalte nach so eine Art anticipierter
-Knigge, ein Vademekum des mittelalterlichen »Guten Tones in allen
-Lebenslagen«, das mit anderen Büchern gleichen Inhaltes, wie Winsbeke
-und Winsbekin, viel verbreitet, aber ebensowenig befolgt wurde, wie
-die geschraubten Machwerke gleicher Tendenz in unserer Zeit. Man
-lebte trotz dieser Vorschriften in jenem seltsamen Gemengsel von
-Überfeinerung und Roheit, das in seiner Bizarrerie die extremsten
-Formen zeitigte. Hier Schamhaftigkeit, die den Anblick blosser Füsse
-einer Frau zum todeswürdigen Verbrechen für beide Teile stempelte,
-dort die naivste Zurschaustellung des entblössten Körpers vor dem
-Diener und Unfreien. Hier freie Liebe, dort exaltierte Prüderie.
-
-Ein solch eigenartiges Gemisch von Rohheit und Courtoisie spricht sich
-auch in dem aus Frankreich eingewanderten Gebrauche aus, mit dem
-getragenen Hemd der Geliebten über der Rüstung in den Kampf zu ziehen
-und das zerstochene Wäschestück der Angebeteten wieder zu Füssen
-zu legen, die es zum Danke für »die Aufmerksamkeit« sofort und
-ungereinigt wieder in Gebrauch nimmt, wie dies Herzeloyde, Parzivals
-Mutter, und ihr Gatte Gamuret thun.[39] Aus dieser Sitte, die
-zweifellos bestanden hat, entwickelte sich in der Folgezeit der
-Gebrauch, dass nach der Trauung der Bräutigam das vom Körper der Braut
-noch warme Hemd anlegte und umgekehrt, wie dies im 16. Jahrhundert z.
-B. in Berlin-Cölln allgemein war. In den folgenden Säculen schrumpfte
-der Hemdenwechsel zu dem Hemdengeschenk ein; Ende des 17. und zu
-Anfang des 18. Jahrhunderts beschenkte nur noch die Verlobte den
-Bräutigam mit dem »Bräutigams-Hembde«.[40]
-
-[39] Parzival 101. 10 ff., 111. 22 ff.
-
-[40] Streckfuss, 500 Jahre Berliner Geschichte, S. 35, und Schultz,
-Alltagsleben e. d. Frau zu Anfang des 18. Jahrh., S. 109.
-
-In den Minnesängen der ritterlichen Dichter finden sich zahllose
-Gedichte, die über den empfangenen Minnelohn hoher Geliebten
-quittieren, daneben aber auch viele, die gleichzeitig lustige
-Bemerkungen über die weibliche Leichtfertigkeit nicht zu unterdrücken
-vermögen. Dann und wann zieht zur Abwechslung wieder einer der
-Zeitgenossen über die Männer her, die den Frauen die allerschlechtesten
-Beispiele gaben, so Freidank:
-
- »Wenn einen Fehltritt Fraun gethan
- Des Mannes Bitt war Schuld daran
- Auch ein Mann dasselbe thäte,
- Wenn man ihn so innig bäte«
-
-sagt er sehr richtig, schränkt aber seine Meinung wieder dahin ein:
-
- »Das Weib man immer bitten soll,
- Ihr aber stehts Versagen wohl.«
-
-Besonders schlecht ist ein elsässischer Bischof auf die Männer zu
-sprechen. Buhlerei und Ausschweifungen gelten nach ihm nicht mehr als
-Vergehen, denn die meisten Männer werten die Frau nicht höher als
-einen Becher Wein, ihr Ross, ihr Federspiel oder ihre Meute.
-
-Selbstredend gab es wie unter den Männern jener Zeit, so auch unter
-den Frauen Ausnahmen, die von unverbrüchlicher Gattentreue bis über
-das Grab hinaus, von echter Frömmigkeit und von einer Himmelssehnsucht
-zeugen, die blind gegen alles Irdische nur für das Jenseits lebte und
-die Vorbereitung für das ewige Leben als einzigen Daseinszweck
-betrachtete. Die heilige Elisabeth stand mit ihrem asketischen Leben,
-aus dem selbst das Bad als frivoles Vergnügen verbannt war, keineswegs
-vereinzelt da, ebensowenig wie jene Herrscherin, die sich selbst in
-der Ehe die Jungfräulichkeit zu bewahren wusste. Aber derartige
-Erscheinungen blieben in der Minderzahl gegenüber der allgemein
-verbreiteten Frivolität, die sich weniger auf das eben entstandene
-Bürgertum, als auf die in engster Berührung mit dem Adel lebende
-Landbevölkerung weiterverbreitete und diese auf Jahrhunderte hinaus
-verseuchte.
-
-
-
-
-Das Leben auf dem Dorfe.
-
-
-Das Leben der Bauern war während des ganzen Mittelalters hindurch eine
-ununterbrochene Kette von Misshandlungen und Verfolgungen seitens
-ihrer Herren: des Adels und des Klerus. Der Bauernstand, und nicht nur
-der leibeigene, lebte in fortwährender Knechtung, vollkommen abhängig
-von der Willkür seiner Besitzer. Nie war er davor sicher, von den
-Seinen getrennt zu werden, wenn es dem Herrn gefiel, die Frau oder die
-Kinder des Hörigen zu verschenken, zu verkaufen oder zu verpfänden. Im
-Jahre 1333 versilberte Konrad Truchsess von Urach zwei Bauernweiber
-mit ihrer Nachkommenschaft an das Kloster Lorch um drei Pfund Heller.
-Das _Jus primae noctis_ beraubte ihn der Jungfräulichkeit der Gattin,
-deren Tugend überdies alle möglichen Fährlichkeiten drohten. Ward ein
-Bauer um Geld gestraft, und dieses nicht eintreibbar, und konnte auch
-an seinem Besitztum die Strafe nicht vollstreckt werden, dann sollte,
-wie das Weistum von Wilzhut, zwischen Braunau und Salzburg, bestimmt,
-die Frau des Straffälligen geschändet werden.
-
-Dieses Weistum ist so vorsorglich, zu dekretieren, dass es dem
-Gerichtspfleger gestattet sei, falls die Frau »gefiel aber dem pfleger
-an der gestalt nicht«, er die Entehrung dem Gerichtsschreiber abtreten
-und dieser, wenn auch ihm die Ausführung nicht zusagte, sie dem
-Amtmanne »auferladen« könne. Nach wie vor waren die frischen Dirnen
-ein begehrter Artikel, um die Harems der Herren zu bevölkern. Der
-Ritter Ulrich von Berneck hielt sich nach dem Tode seiner Frau zwölf
-hübsche junge Mädchen »zur Erleichterung seiner Witwerschaft«. Kaiser
-Friedrich II. hatte seinen Harem, dem auch die Eunuchen nicht fehlten,
-in Luceria.
-
-Das einzige Vergnügen jener bemitleidenswerten, erniedrigten Menschen
-war neben Völlerei die rohe sinnliche Liebe, der sie fröhnten, wo und
-wann sich Gelegenheit dazu bot.
-
-Weit besser als die Hörigen und selbst freien Bauern Norddeutschlands
-waren die Ackerbürger im Süden Deutschlands daran, die sich ihre
-Selbständigkeit zu wahren gewusst, auf ihrem Grund und Boden nicht
-selten mit Glücksgütern reich gesegnet als eigene Herren schaltend,
-sich den Rittern gleichhielten, deren Tracht und Lebensgewohnheiten
-sie ins Dorf zu verpflanzen trachteten. Diese Nachahmung ritterlicher
-Sitten und Gebräuche verzerrte sich unter den ungehobelten
-Bauernfäusten natürlich ins Groteske, ab und zu ins Widerlich-Gemeine.
-Ein köstliches Beispiel bäuerlicher Grossmannssucht ist uns im »#Meier
-Helmbrecht#« von Wernher dem Gärtner, der ältesten deutschen
-Dorfgeschichte, entstanden im 13. Jahrhundert, überliefert. Der
-Titelheld, ein reicher Bauerssohn, den die Eltern verzärtelt, strebt
-darnach, Ritter zu werden, bringt es aber nur zum Strauchdieb, der vom
-Schicksal ereilt, geblendet, eines Fusses und einer Hand beraubt wird,
-als eben seine Schwester Gotelinde mit einem seiner Spiessgesellen
-Hochzeit hält.[1]
-
-[1] Eine in jeder Beziehung ausgezeichnete Neubearbeitung Meier
-Helmbrechts lieferte Ludwig Fulda (Hendel, Halle a. S.), deren Lektüre
-nicht warm genug empfohlen werden kann.
-
-Wie die Dorfburschen, so liebäugelten auch die Alten mit den edlen
-Herren und sahen wohlgefällig zu, wenn ein Ritter eine arme Verwandte
-einem reichen Bauerssohn als Gattin aufhalste, oder ein verarmter
-Rittersmann ein hübsches Dirnlein heimführte, um mit der Mitgift sein
-verrostetes Schild neu zu vergolden[2] -- also nichts Neues unter der
-Sonnen! Besonders den Dorfschönen stachen die noblen Herren in die
-Augen, die so ganz anders geartet waren, als die grobkörnigen
-Burschen, die so zierliche Redensarten zu drechseln wussten und mit
-Geschenken nicht geizten. Aus den Liedern der Minnesänger ist
-ersichtlich, dass die Adeligen diese gute Meinung zu nutzen verstanden
-und Abenteuern mit den drallen Dirnen keineswegs aus dem Wege gingen.
-Nidhardt von Reuenthal ergeht sich in breiten Schilderungen seiner
-Erfolge und über das Liebesleben auf dem Dorfe. In einem seiner
-Gedichte unterhalten sich Mutter und Tochter, und die Mutter meint,
-das 16jährige Töchterchen sei noch viel zu jung zur Liebe. »Ei was,«
-entgegnet diese schnippisch, »Ihr wart ja erst zwölf Jahre, als Ihr
-Euerer Jungfernschaft ledig wurdet.« »Nun so nimm meinetwegen
-Liebhaber so viel du willst.« »Das thät' ich auch gerne, wenn Ihr mir
-nicht immer die Männer vor der Nase wegfischtet. Pfui doch, hol Euch
-der Teufel! Habt doch schon einen Mann, was braucht Ihr noch andere?«
-»Pst, schweig still, Töchterlein. Minne wenig oder viel, ich will
-nichts dagegen haben, und solltest du auch ein Kindlein wiegen müssen.
-Sei aber auch verschwiegen, wenn du mich der Liebe nachgehen siehst.«
-
-[2] Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, II.^I S. 64 ff.
-
-Hermann von Sachsenheim hat im Liederbuche der Klara Hätzlerin einen
-für ihn sehr unrühmlichen Sturm auf eine Grasmagd besungen. Oswald von
-Wolkenstein weiss gleichfalls von Abenteuern mit Dörflerinnen zu
-erzählen, ebenso Tannhäuser und andere Minnesänger mehr.
-
-Die Dorfschönen fühlten sich eben durch die Bevorzugung seitens des
-Adels geehrt, und ihre Liebhaber und Gatten drückten gerne ein Auge
-zu, geradeso wie es sich etwas später die Bürger zur Ehre rechneten,
-wenn irgend ein Höhergestellter, oder gar -- _horribile dictu_ -- ein
-Adeliger, sich gnädigst herabliess, ihre Frauen zu verführen.
-Darauf deutet wenigstens die Stelle in Balthasar Voigts, Pastors
-zu Drubeck, »Ägyptischem Joseph« hin, eine »geistliche Komödie,
-sowohl in kleinen als grossen Schulen zu agieren«, ein Machwerk
-voll widerlicher Plattheiten und Schweinereien, die aber trotzdem
-von halbwüchsigen Knaben gesprochen und dargestellt wurden! In dieser
-»Schulkomödie« erzählt Medea, Potiphars Frau, von Josephs angeblichem
-Verführungsversuch:
-
- »Kein Edelmann, kein Graf im Reich,
- Die doch gewest wärn Meinesgleich,
- Haben mir Unehr zugemut't,
- Wie dieser euer Hebräer thut.
- Wär mirs geschehn #von einem Edelmann,
- Möcht ihr's euch ziehn zu Ehren an,
- Dass ihr zum Weib hätt solch Matron#,
- Welch gefiel jeder Adelsperson.«
-
-Und so etwas schrieb ein Geistlicher für die Jugend!
-
-Neben den Rittern und Knappen waren hauptsächlich die Dorfpfaffen bei
-den Frauen als Liebhaber beliebt, worauf ich noch zurückkommen muss,
-ebenso wie bei den Männern die Mägde des eigenen Hauses und die Frauen
-und Töchter der Nachbarn. Übrigens ist aus dem Schwankbuche »Peter
-Leu« ersichtlich, dass die schlauen Mägdlein schon damals die Kunst
-verstanden, irgend einem unschuldigen armen Teufel die Paternität
-aufzubrummen, die ein ganz anderer auf dem Gewissen hatte.[3]
-
-[3] Peter Leu, erneut v. Karl Pannier, 12. Kap. S. 98.
-
-Wo Verführung gang und gäbe war, fehlten auch deren Folgeerscheinungen,
-namentlich der Kindesmord, nicht. Strenge, zum Teil unmenschliche
-Strafen sollten das Übel steuern. »Kindsvertilgerin lebendig ins Grab,
-ein rohr ins maul, ein stecken durchs hertz« bestimmt beispielsweise
-das Brenngenborner Weistum von 1418. Noch grausamer waren die
-urwüchsigen Dithmarschen Bauern, welche sogar gefallene Mädchen im
-Sumpfe lebendig begruben, welches Urteil der älteste Mann der Familie
-der Verbrecherin zu vollziehen hatte.[4] Den Verführer seiner Frau und
-diese selbst konnte der Dithmarsche nach eigenem Ermessen bestrafen,
-verstümmeln, töten oder freigeben.[5] Ein Gleiches gestattete auch das
-mit grausamen Strafen sehr freigebige Berliner Stadtbuch.[6]
-
-[4] O. Beneke, Von unehrlichen Leuten, S. 168.
-
-[5] Bartels, Der Bauer in der deutschen Vergangenheit, S. 56.
-
-[6] Maximilian Rappsilber, Alt Berlin, S. 79.
-
-So frei übrigens das Bürgertum und die Bauern im grossen und ganzen
-über den Geschlechtsverkehr dachten, in einem waren sie einig: in der
-Achtung vor der Jungfräulichkeit. Darum galt ihnen die Notzucht als
-eines der todeswürdigsten Verbrechen, auf das zum Teil fürchterliche
-Strafen gesetzt wurden. Sogar die Nötigung der fahrenden Frauen -- »an
-varndeme wive« -- und an der Geliebten ahndet der Sachsenspiegel III
-art. XLVI 1 mit dem Tode. Der Schwabenspiegel verbietet nur die
-»notnunft« an »siener amîen«, der Geliebten.
-
-Die Ahndung des Verbrechens war entweder die Enthauptung, manchmal das
-Lebendbegraben, wie dies 1418 einem Krämer in Augsburg erging. Im 13.
-Jahrhundert wurde in Basel ein Geistlicher dieses Deliktes wegen
-entmannt und dann getötet. Im Frankenbergischen wurde dem
-Vergewaltiger ein spitzer Eichenpfahl aufs Herz gesetzt, den die
-Geschändete mit drei wuchtigen Hammerschlägen in den Körper treiben
-musste; so wird wohl die Todesart variiert, aber der schimpfliche Tod
-blieb überall das Los des Verbrechers.
-
-Nach diesen düsteren Bildern der »guten alten Zeit«, die gewisse
-dichterisch veranlagte Romantiker gerne als Vorbild für unsere
-verderbte Epoche aufzustellen belieben, wieder zu etwas Heiterem.
-
-Am lustigsten ging es im Dorfe natürlich bei den seltenen
-Festlichkeiten, an hohen Feiertagen und bei den Kirchweihen zu, wo man
-sich im Essen, Trinken, Lieben und Raufen nicht genug zu thun wusste.
-
-Die Hochzeiten begüterter Dörfler zählten gleichfalls als
-Festlichkeiten, zu denen die Verwandten und Freunde oft von weither
-kamen, um sich vergnügte Tage zu machen. Drei detaillierte
-Schilderungen solcher bäuerlicher Hochzeitfeiern sind auf uns
-gekommen, die hier auszüglich mitgeteilt sein mögen. Das erste dieser
-Gedichte, »Von Metzen hochzit«, entstammt dem Anfang des 14.
-Jahrhunderts. Der junge Meier Börschi (Bartholomeus) will seine
-Geliebte Metzi heiraten. Am Montag früh versprechen sie sich, und da
-die beiderseitige Mitgift das Paar zufrieden stellt, wird am Abend
-desselben Tages die Hochzeit mit einem solennen Hochzeitsmahle
-gefeiert, bei dem es hoch hergeht und alle vollgetrunken sind, als man
-das Brautpaar zu Bett bringt. Die Braut schreit, weint und sträubt
-sich erst gegen das Auskleiden, wie es die Gepflogenheit verlangt. Am
-Morgen wird dem jungen Ehepaare das Essen ans Bett gebracht, worauf
-sich Metzi unter dem Jubel der Bauern bei Zwerchpfeifen- und
-Trommelklang anzieht, um in die Kirche zur Trauung zu ziehen.
-
-Das Gedicht der oft erwähnten Klara Hätzlerin »von meyer Betzen« lehnt
-sich ziemlich eng an »Metzis Hochzeit« an, nur dass Metzi mit einer
-fürchterlichen Schlägerei, hingegen das Poem der Hätzlerin mit der
-saftigen, aber witzigen Beschreibung der Brautnacht also endet:
-
- »Da führt man Pezen (den Bräutigam) auf die Fahrt
- Und stellt ihn zu dem Brautbett.
- Zwei grosse Pantoffel er an hätt'.
- Als man ihm nun die Mezen (seine Braut) gebracht,
- Sprang er fröhlich ins Bett und lacht.
- Alsbald er sie mit dem Arm umfing,
- Darauf Alles aus der Kammer ging.
- Pez sprach: ›Hätt' ich ein Licht
- Glaub mir, ich unterliess es nicht
- Ich macht aus dir ein Eheweib‹
- Beteuerte er bei seinem Leib.
- ›Dass doch nur der Mond jetzt schien,
- Dann liess ich dich nicht also hin.‹
- Mez sprach: ›Du volle Kuh,
- Was soll dir denn ein Licht dazu?
- Min's Vaters Knecht der Upelpracht,
- Konnt' es sogar um Mitternacht!‹«
-
-Heinrich von Wittenweiler führte im 15. Jahrhundert die Erzählung von
-Metzens Hochzeit in breiter Weise weiter aus, sie durch viele Zusätze
-modernisierend und vergemeinernd.[7]
-
-[7] Herausgegeben von Ludw. Bechstein.
-
-Der Held ist Bertschi Triefnas, der in dem Dorfe Lappenhausen wie ein
-Pfau herumstolzierte und sich als Junker anreden liess. Er liebt
-Mäczli Rürenzumph, der zu Ehren er mit seinen Genossen turniert, der
-er Ständchen bringt, die er im Kuhstalle erfolglos zu bezwingen sucht,
-und bei der er durchs Dach bricht, als er sie in ihrer Kammer
-belauschen will. Da alles dies ihm Mäczli nicht geneigter macht, lässt
-er sich von dem Dorfschreiber einen Liebesbrief schreiben, den dieser
-an einen Stein bindet und Mäczli zuwirft, wodurch er sie am Kopfe
-verwundet. Der Brief wird gefunden und Mäczli ruft ihrem Vater zu, um
-dessen Grimm zu entwaffnen, sie blute am Kopfe und müsse zum Arzte
-gebracht werden. Das Gefolge teilnehmender Freunde und Nachbarn weist
-der Arzt hinaus, worauf ihn Mäczli bittet, ihr den erhaltenen Brief
-vorzulesen. Er thut es, erpresst aber von ihr durch die Drohung, den
-Inhalt dem Vater mitzuteilen, eine Liebkosung, gibt ihr aber zugleich
-Rat, wie sie dessen Folgen vertuschen soll. Darauf setzt er ihr einen
-floskelreichen Liebesbrief auf, der einer Kupplerin zur Übergabe an
-Bärtschi ausgehändigt wird. Nachdem sich dieser den Brief vorlesen
-liess, beruft er seine Freunde und Verwandten, um mit ihnen seine
-Heirat zu beraten. Man spricht für und wider, bis endlich alle einig
-sind. Sofort machen sich zwei der Freunde auf, Bärtschis Werbung bei
-dem Brautvater vorzubringen, der sie günstig aufnimmt und nach einigen
-Formalitäten seine Einwilligung gibt, wovon man den Freier
-benachrichtigt. Mäczli fällt bei der Nachricht von Bärtschis Werbung
-in Ohnmacht, kommt aber gleich wieder zu sich und lässt sich von den
-Freundinnen schön machen und in die Versammlung führen, wo sie sich
-erst »mit füssen und elnpogen« wehrt, ehe sie ihr Jawort gibt. Mäczli
-empfängt von ihrem Galan einen kleinen verzinnten Ring mit einem
-Saphir aus Glas und ein weiteres Kleinod mit zwei Perlen aus
-Fischaugen. Die Angehörigen verlassen nun das Haus, nicht ohne vorher
-dem jungen Ehemanne Haar und Bart zerzaust zu haben, um bei den
-Anstalten zur Hochzeit nicht im Wege zu sein. Gäste werden eingeladen
-und kommen »geritten auf eseln und auf schlitten«. Am Festtage
-verkündet der Pfarrer in der Kirche den Vollzug der Ehe, worauf man
-sich in des jungen Ehemanns Haus begibt, um erst die Brautgaben zu
-empfangen, ehe man mit dem überreichen Mahle beginnt, nach dem man
-sich im Tanze belustigte.
-
- »Die Mägdlein waren also rüg
- Und sprangen her so ungefüg,
- Dass man ihnen oft, ich weiss nit wie,
- Hinauf konnt seh'n bis an die Knie.
- Hildens Brustlatz war zu weit,
- Darum ihr zur selben Zeit
- Das Brüstlein aus dem Busen sprang.«
-
-Das Ende mit Schrecken ist Prügelei mit Mord und Totschlag.
-
-In der Brautnacht wird dem Pärchen eine Stärkung gereicht, nicht so
-der anderen Weiblichkeit, die, die günstige Gelegenheit benützend,
-gleichfalls die Nacht mit ihren Liebhabern verbringt. Am nächsten Tag
-setzt die Hochzeit wieder ein und endet mit einer wahren Schlacht, bei
-der die Obrigkeit einschreiten muss.
-
-Die freie Denkungsart des Mittelalters in geschlechtlichen Dingen
-hielt sich nicht an den heute gang und gäben Standpunkt, dass nur der
-Mann allein seinen sinnlichen Bedürfnissen Rechnung tragen dürfe, die
-Frau aber den einmal geweckten Naturtrieb zu unterdrücken habe. War
-die Vorzeit auch intolerant gegen Fehltritte von Mädchen, so erkannte
-sie der Frau das Recht zu, von ihrem Manne die Leistung der ehelichen
-Pflicht voll und ganz beanspruchen zu dürfen. Luthers Ansicht: »Ein
-Weib, wo nicht die hohe seltsame Gnade da ist, kann eines Mannes
-ebensowenig entraten als essen, schlafen, trinken und andere
-natürliche Notdurft«, die er oft und in verschiedenen Varianten
-verficht, war ganz die seines Zeitalters, was schon daraus hervorgeht,
-dass sogar gesetzliche Bestimmungen der Frau ihr durch die Heirat
-erworbenes Recht in für den betreffenden Gatten tragikomischen
-Bestimmungen zu wahren suchen.
-
-Diese Gesetze vertreten ganz Luthers Standpunkt, der in seinem Traktat
-»Vom ehelichen Leben« erklärt: »Wenn ein tüchtig Weib zur Ehe einen
-untüchtigen Mann überkäme und könnte doch keinen anderen öffentlich
-nehmen und wollte auch nicht gern wider Ehre thun, soll sie zu ihrem
-Mann also sagen: Siehe, lieber Mann, du kannst mein nicht schuldig
-werden, und hast mich und meinen jungen Leib betrogen, dazu in Gefahr
-der Ehre und Seligkeit bracht, und ist für Gott keine Ehe zwischen uns
-beiden, vergönne mir, dass ich mit deinem Bruder oder nächsten Freund
-eine heimliche Ehe habe und du den Namen habst, auf dass dein Gut
-nicht an fremde Erben komme, und lass dich wiederum williglich
-betrügen durch mich, wie du mich ohne deinen Willen betrogen hast.«
-Der Mann, führt Luther[8] weiter aus, hat die Pflicht, die Bitte zu
-erhören; will er nicht, so darf er nicht böse sein, wenn die Frau von
-ihm läuft.[9]
-
-[8] Jena 1522 II. 146.
-
-[9] Dr. Karl Hagen, Deutschlands literarische und religiöse
-Verhältnisse im Reformationszeitalter, S. 234.
-
-Am weitschweifigsten ergehen sich die westfälischen Weistümer über
-diese auch heute noch brennende Frage. Sie erkennen in erster Linie
-dem Nachbarn des untauglichen Ehemannes das erste Recht auf
-Stellvertretung zu, dann jedem X-beliebigen. Das Beuker Heidenrecht
-(III 42) besagt wie folgt: »Item so erkenne ich auch für Recht, so ein
-guter Mann ihr Frauenrecht nicht vollziehen könne, dass sie darüber
-klagt, so soll er sie aufnehmen und tragen über sieben Zäune und
-bitten seinen nächsten Nachbarn, dass er seiner Frau helfe; wenn ihr
-geholfen ist, soll er sie wieder nehmen, sie wieder tragen nach Haus
-und setzen sie sacht nieder und ihr ein gebratenes Huhn und eine Kanne
-Wein vorstellen.« In der Landfeste von Hattingen hat dieser Gebrauch
-gleichfalls Platz gefunden: »Da ein Mann wäre, der seinem rechten
-Weibe ihr frauliches Recht nicht thun könne, so soll er sie sachte auf
-den Rücken nehmen und tragen über neun Zäune und setze sie dort
-vorsichtig nieder, ohne Stossen, Schlagen, Werfen und ohne bösen
-Worte, rufe alsdann seine Nachbarn an, dass sie ihm seines Weibes Not
-wehren helfen. Und wenn dann seine Nachbarn das nicht thun wollen oder
-können, so soll er sie senden auf die nächste Kirchweih in der Nähe,
-und dass sie dort »sich seuverlich zumache und zehrung habe, hänge er
-ihr einen mit Geld bespickten Beutel auf die Seite. Kommt sie von
-dorther wieder ungeholfen, #dann helfe ihr der Teufel#!«
-
-Nach dem Bochumer Landrechte (III. 70) genügt ein Teufel nicht mehr.
-Hat der Mann die Frau über die Zäune getragen, dort fünf Stunden lang
-um Hilfe gerufen, sie im neuen Kleid mit Geld versehen auf einen
-Jahrmarkt geschickt, ohne dass sich ihr Wunsch erfüllte, dann mögen
-ihr »thausend düffel« helfen.[10]
-
-[10] Alwin Schultz, Deutsches Leben im XIV. und XV. Jahrh., S. 159.
-
-War die Frau ansehnlich, dann bedurfte es solcher Gewaltmassregeln
-kaum, sie fand unter der Dorfjugend leicht einen Liebhaber, und
-verhielt sich diese spröde, dann war noch immer der Herr Geistliche
-da.
-
-Denn wenn auch die Geistlichkeit gegen die Unzucht von der Kanzel
-herab Zeter und Mordio predigte, so war sie während ihrer unendlich
-vielen Freizeit eine ewig dräuende Gefahr für den schöneren Teil ihrer
-Pfarrkinder.
-
- »Die Sünden, die begehn allein
- Die Pfaffen, sind die Weibelein«
-
-sagt der Freidank in seiner Bibel des Mittelalters, in der
-»Bescheidenheit«, indem er den Klerikern ins Gewissen zu reden sucht
-und ihnen zürnend zuruft:
-
- »Ein jeder Priester meiden soll
- Mess oder Weib; das stehet wohl:
- Das Haus bedarf der Reinheit wohl,
- Darein Gott selber kommen soll.«[11]
-
-[11] Freidank a. a. O., Aus dem Mittelhochdeutschen von K. Pannier, S.
-24 ff.
-
-Auch Walter von der Vogelweide meint: »Die Pfaffen sollten keuscher
-leben als die Laien«, sie thaten es aber so selten, dass die Bauern
-froh waren, wenn ihre Seelenhirten Beischläferinnen besassen. Die
-kernigen Friesen duldeten keine Priester ohne Konkubinen in ihrer
-Mitte: »Se gedulden ock geene Preesteren, sunder eheliche Fruwen, op
-dat se ander lute bedde nicht beflecken, wente sy meinen, dat idt nich
-mogelygk sy, und baven die Natur, dat sick ein mensche ontholden
-konne«.[12]
-
-[12] Corvin, Pfaffenspiegel, V. Aufl. S. 303.
-
-Mit anerkennenswerter Offenheit äussert sich ein Manuskript-Fragment
-aus dem 13. Jahrhundert »_de rebus Alsaticis_«: »Um das Jahr 1200
-hatten auch die Priester allgemeine Beischläferinnen, weil gewöhnlich
-die Bauern sie selbst dazu antrieben. Diese sagten nämlich: Enthaltsam
-wird der Priester nicht sein können, es ist darum besser, dass er ein
-Weib für sich hat, als dass er mit den Weibern aller sich zu schaffen
-macht.« Welche Gefahr dieses Beackern fremder Felder darstellte,
-beweist nach der eben citierten Quelle ein Herr Heinrich Bischof von
-Basel (1215-38), der bei seinem Tode 20 vaterlose Kinder ihren Müttern
-hinterliess. Ein Bischof von Lüttich, den das Konzil von Lyon
-absetzte, besass gar 61 Sprösslinge. Nach Caesarius von Heisterbach
-scheute mancher Pfaffe selbst nicht davor zurück, mit Jüdinnen
-Verhältnisse einzugehen, im Mittelalter eine Todsünde, doppelt
-sündhaft für einen Geistlichen.
-
-Offen und ungescheut unterhielten die meisten Geistlichen ihre
-Pfarrersköchinnen bis zur Reformation, die sich diese Achillesferse
-der Gegenpartei nicht entgehen liess und eine ganze Litteratur wider
-die Pfaffenbuhlerinnen zeitigte. Die »_Epistolae virorum obscurorum_«
-und Ulrich von Huttens Gesprächbüchlein sind köstliche Blüten dieser
-Kampfschriften; namentlich das erstgenannte Buch übergiesst die
-Pfarrerdirnen und ihre Liebhaber mit ätzender Satire. Aber auch die
-katholische Litteratur bemächtigte sich von altersher des dankbaren
-Stoffes, um ihr Mütchen an den Pfaffendirnen zu kühlen, sei es in
-ernst mahnender, sei es in derb-komischer Manier. Der »#Pfarrer von
-Kahlenberg#« weiss durch die hübsche Beischläferin seines Bischofs
-sich manchen Vorteil zu erschleichen. So liegt er einmal unter dem
-Bette, während der Bischof seiner Liebsten »die Kapelle weiht«.[13] Da
-dieser Eulenspiegel im Priesterkleide den Befehl erhielt,
-Bedienerinnen zu haben, die 40 Jahre zählen, so nimmt er sich zwei von
-je 20 Jahren. Im Till Eulenspiegel und den anderen Schwankbüchern des
-Mittelalters gehört der verbuhlte Pfaffe zu den stereotypen Figuren,
-die es meisterlich verstehen, die Gatten und Väter zu hintergehen.
-Manchmal misslang allerdings das Vorhaben, dann empfingen sie eine
-Tracht Prügel, wurden sogar manchmal erschlagen. Doch auch an ernsten
-Stimmen über das pfäffische Treiben fehlt es nicht. Thomas Murner,
-dessen Geissel auch seine eigenen Standesgenossen nicht verschont,
-wenn es gilt, der Menschheit ihre Laster vorzuhalten, ironisiert im
-»Narrenspiegel«:[14]
-
-[13] »Der Pfarrer von Kahlenberg.« Ein Schwankgedicht. Erneut von Karl
-Pannier, Leipzig, S. 36.
-
-[14] 19. 86.
-
- »Dann hör' ich eurer Köchin Beicht',
- Und ihr thut's meiner auch vielleicht
- Und thut, wie unser Vorfahr that,
- Der von der Höll' uns alle hat
- Befreit, uns thät vor Tod bewahren,
- Dass wir nicht brauchen hineinzufahren.
- Jedoch, sobald ihr wolltet schnurren
- Und wider unsre Freiheit murren,
- Aus meiner Pfarr', aus meinem Haus
- Meine liebe Köchin treiben aus,
- Mit der ich alle Kurzweil' treib',
- Die mir auch wärmet meinen Leib,
- Die wohl schon zwanzig ganze Jahre
- Mir hat gekräuselt meine Haare --
- Das würde dir nicht schlecht vergolten.
- Denn bald die Bauern wissen sollten,
- Bald sagt' ich ihnen frohe Märe,
- Dass nirgends eine Hölle wäre.«
-
-Dann weiter:
-
- »Jeder hat eine Dienerin,
- Die tag und nacht bischlaft im.«
-
-Die Herren Geistlichen waren Epikureer, die dem Sprichworte huldigten:
-»Es ist kein feyner leben auf erden, denn gewisse Zinss haben von
-seinem Lehen, eyn Hürlein daneben und unserem Herre Gott gedienet.«
-
-Die Pfarrer durften sich ungestört ihrer wilden Ehe hingeben, wenn sie
-ihre Oberen nur dafür bezahlten. Aus diesem Sündengeld zogen viele
-Bischöfe grosse Summen. »Es war ein mal ein priester, der gab alle iar
-dem fischgal (Fiskal) fier guldin, dass er im die Kellerin in ruwen
-(Ruhe) liess«[15], eine stattliche Summe, die ein Erkleckliches
-ausmachte, wenn eine grössere Anzahl von Priestern aus einer Diözese
-den gleichen Betrag erlegen musste. Heinrich von Hewen, um die Mitte
-des 15. Jahrhunderts Bischof von Konstanz, selbst ein üppiger Herr,
-gewann aus den Konkubinen-Abgaben seiner Geistlichen eine jährliche
-Einnahme von 2000 Gulden. Das ärgerliche Leben der Geistlichkeit
-verlockte sogar die abergläubische Menge, ihnen die Schuld an
-Epidemien und schweren Erkrankungen ihrer Beichtkinder, besonders an
-der Epilepsie, zuzuschieben. »Da ward darnach von etlichen also
-gedeutet, als sollten diese Leute nicht recht getaufft, oder doch ihre
-Tauffe nicht krefftig sein, weil sie die von solchen pfaffen
-empfangen, die da unverschampt, mit unzüchtigen Huren in öffentlicher
-Unehe bey einander lebten, darüber das gemeine Volk bald ein aufstehen
-gemacht, und alle pfaffen zu todt geschlagen hette.«[16]
-
-[15] Schimpf und ernst v. Bruder Johannes Pauli, Strassburg 1522.
-
-[16] Cyr. Spangenberg, Adels Spiegel. Historischer ausf. Bericht: Was
-Adel sey und heisse etc. Schmalkalden 1591. fol. 403 b ff.
-
-Neben der Liebe vergassen auch viele Geistliche nicht, weltliche Güter
-zu eigenem und zum Nutzen ihrer Klöster zu ergattern. Junge, hübsche
-und reiche Witwen und Waisen waren ein gesuchter Artikel für Laien und
-Priester. »Darnach sind etliche (Geistliche),« äussert sich Geiler von
-Kaisersberg, »die wittwen und weyssen heymsuchend. Warumb? Darumb: Sy
-begerend sye zuo verfueren, uff dass sye ires leibes und guotes gantz
-gewaltig werdend.«[17]
-
-[17] Seelenparadies, fol. 147 a.
-
-Ausser ihren Beichtkindern und ihren Wirtschafterinnen standen
-übrigens der höheren Geistlichkeit die ihnen subordinierten Klöster
-für galante Abenteuer zur Verfügung, worüber schon in früher Zeit
-viele Klagen laut wurden, deren Berechtigung auch Karl der Grosse
-durch einige seiner Kapitularien anerkannte.
-
-
-
-
-Die Klöster.
-
-
-Ebenso unkeusch wie die Seelsorger in Dorf und Stadt waren die
-Insassen der Klöster, gleichviel ob Mönche oder Nonnen. Namentlich die
-Nonnenklöster standen vielfach in denkbar schlechtestem Rufe, so dass
-Geiler von Kaisersberg sagen durfte: »Ich weiss nicht, welches schier
-das best wer, ein tochter in ein semlich closter thuon oder in ein
-frawenhauss. Wann warumb? ym closter ist sie ein huor ....« Ein hartes
-Urteil eines Geistlichen über seinesgleichen, dem umsoweniger die
-Berechtigung abgesprochen werden darf, als es keineswegs vereinzelt
-dasteht. Sebastian Brant meint im Narrenschiff:
-
- »Solch Klosterkatzen sind gar geil,
- Das schafft, man bind sie nicht an seil«,[1]
-
-das heisst, dass sie keine Aufsicht haben.
-
-[1] Narrenschiff, LXXIII. Vom geistlich werden.
-
-Die Abgeschlossenheit der Klöster eignete sich vorzüglich dazu,
-Geheimnisse der Aussenwelt zu verbergen und sich unter dem Schutze der
-Klausur der ausgelassensten Wollust hinzugeben.
-
-Es sind grauenvolle Thatsachen aus dem mittelalterlichen Klosterleben
-überliefert. Das Kloster Gnadenzell auf der schwäbischen Alp gelangte
-schon frühzeitig zu trauriger Berühmtheit. Einer der Schirmherren des
-Klosters, Herzog Julius von Braunschweig, liess die Äbtissin, eine
-geborene von Warberg, 1587 lebendig begraben, weil sie sich mit dem
-Stiftsverwalter zu tief eingelassen hatte.[2] Die früheren Aufseher
-dieses Klosters waren weniger streng. Sie liessen es geschehen, dass
-es darin schlimmer als in einem Bordelle zuging und die Nonnen Tag und
-Nacht für wohlhabende Gäste zur Verfügung standen. Von diesen Nonnen
-ging die Priamel aus:
-
-[2] Corvin a. a. O. 327.
-
- »Ein boehmisch moench und schwaebisch nonn
- Ablass, den die Kartheuser hon,
- Ein polnisch brueck und wendisch treu
- Huener zu stehlen, Zigeuner reu
- Der Welschen Andacht, Spanier eid
- Der Deutschen fasten, Koellnisch maid
- Eine schoene tochter ungezogen
- Ein roter bart und erlenbogen,
- Fuer diese dreizehn noch so viel,
- Gibt niemand gern ein pappenstiel.«[3]
-
-[3] Adelbert von Keller, »Alte gute Schwänke«, S. 76.
-
-Sebastian Franck drückt sich in seinen Sprüchwörtern kürzer dahin aus:
-»Ein polnisch bruck, ein bemischer mönch, ein schwebisch nonn, ein
-oesterrychischer Kriegsmann, wälche andacht und der tütschen fasten
-geltend ein bonen« -- d. h. sind keine Bohne wert. Im gleichen Rufe
-wie Gnadenzell standen das Frauenkloster zu Kirchheim unter Teck, in
-dem Graf Eberhard der Jüngere von Württemberg mit seinen Zech- und
-Waidkumpanen die tollsten Orgien feierte, und Söflingen bei Ulm. Als
-das Gerede über das Treiben der Söflinger Nonnen zu arg wurde, sah
-sich die geistliche Obrigkeit endlich veranlasst, eine Visitation des
-Klosters vorzunehmen. Gerne that es der Bischof Gaimbus von Kastell ja
-nicht, denn er fürchtete mit Recht einen Skandal. Aber was er fand,
-übertraf seine höchsten Befürchtungen und war selbst für den guten
-Magen des Kirchenfürsten zu viel. Ganz entrüstet berichtet er unter
-dem 20. Juni 1484 an den Papst von den Nachschlüsseln, den Briefen
-höchst unzüchtigen Inhalts und den üppigen Kleidern, die er in den
-Klosterzellen entdeckt hatte. Das ihm Peinlichste aber war, dass fast
-alle Nonnen -- in gesegneten Umständen angetroffen worden waren.[4]
-Die Zimmersche Chronik lässt sich über das Kloster zu Oberndorf im
-Thal wie folgt aus: »Es haben sich bis vierundzwanzig Klosterfrauen,
-meistenteils von Adel, darin aufgehalten, die keinen Mangel litten,
-wie man spricht, sondern im Überfluss lebten. Was für gutes Leben,
-sofern man das als gutes Leben achtet, in diesem Kloster war, ist
-daraus zu ersehen, dass viel Adel vom Schwarzwald und vom Neckar in
-diesem Kloster eingekehrt -- den ufritt gehapt --, so dass es damals
-mit mehr Recht des Adels »hurhaus« als des Adels »spittal« wäre
-genannt worden. Besonders haben die von Ow, Rosenfeldt, Brandegk,
-Stain, Neuneck viel Geld darin verthan, und hat diese Hochschule der
-Wollust Ehebrecher und Väter unehelicher Kinder geschaffen. Damit
-genug. Einmal sind viele vom Adel und gute Gesellen im Kloster
-gewesen, die haben Abendtanz sehr spät gehalten. Da hat es sich von
-ungefähr begeben, dass während des Tanzes plötzlich die Lichter
-verlöschten. Da entstand ein »wunderbarliches blaterspill«, indem sich
-jeder Mann ein Nönnlein nahm. Die Thüren waren verhängt und kein
-brennend Licht sollte in den Saal kommen. Und gleichwohl niemand von
-der Dunkelheit verschont blieb, so hatte doch keiner Grund zu klagen,
-ausser einem Edelmann, dem ein »widerwertiger casus begegnet«. In der
-Furcht, es werde unversehens ein Licht gebracht, schrie er: »Liebe
-Freunde, eilet nicht, lassts noch einmal herumgehen -- ich habe meine
-Schwester erwischt!«[5] In demselben Kapitel der eben citierten
-Chronik finden sich noch weitere Skandalosa von Nonnen und Mönchen,
-auch Liebesabenteuer des erbitterten, viel verlästerten Gegners der
-Reformation, Thomas Murner, des Franziskanermönches, des strengen
-Sittenpredigers, der vielleicht, wenn sich gerade mal eine günstige
-Gelegenheit bot, auch ganz gerne einen Seitensprung machte, was dann
-seinen vielen Feinden willkommenen Anlass bot, ihn ebenso abzukanzeln,
-wie sie es von ihm gewohnt waren. Er hatte ein loses Maul, das
-ebensogut schimpfen, wie im beissenden Spott arge Wunden verursachen
-konnte:
-
-[4] Jäger, Schwäbisches Städtewesen, I. 501.
-
-[5] Zimmerische Chronik, III. 69.
-
- »Wer die meisten Kinder macht,
- Wird als Aebtissin geacht«
-
-sagt er in Bezug auf gewisse Klöster. In anderen allerdings galt
-wieder der Bibelspruch: »Selig sind die Unfruchtbaren«, den die
-Notwendigkeit diktierte, da es nicht leicht war, die Folgen der
-Verirrungen der Nonnen zu verbergen, denn nicht überall war es
-möglich, die Kinder kurzerhand zu töten, wie im Kloster Mariakron, bei
-dessen Abbruch man »in den heimlichen Gemächern und sonst --
-Kinderköpfe, auch ganze Körperlein versteckt und vergraben« fand. Der
-Bischof Ulrich von Augsburg erzählt die schier unglaublich klingende
-Thatsache, dass unter Papst Gregor I. aus einem Klosterteiche
-#sechstausend# Kinderköpfe herausgefischt wurden.[6]
-
-[6] Corvin a. a. O. S. 361.
-
-Die Mönchsklöster waren um kein Haar besser, als die Klöster mit
-frommen Schwestern. Die Mönche hatten es auch viel leichter als die
-Nonnen, da sie sich ihren Passionen überlassen durften, ohne
-auffällige Folgen befürchten zu müssen. Die Angehörigen jener Orden,
-welche terminierend, besser gesagt bettelnd, von Ort zu Ort zogen, um
-ihre Beute mit den Brüdern im Kloster zu verzehren, fanden an frommen
-Bäuerinnen Seelenbräute, die sich gerne von den Herren Patres
-erlustigen liessen. Auch die Nonnenklöster, die ihnen Obdach
-gewährten, bewillkommten sie als gern gesehene Gäste, die im wahren
-Sinne des Wortes mit offenen Armen aufgenommen wurden. Doch nicht
-genug, dass die Cölibatäre der ihnen verbotenen Frauenliebe huldigten,
-noch andere, weit schändlichere Laster fanden in und durch die Klöster
-Verbreitung. 1232 forderte Gregor IX. die Predigermönche auf, in
-Österreich das Laster der Sodomie auszurotten und die Sünder als
-Ketzer zu behandeln. Berthold von Regensburg predigte gegen die
-»stumme, diu rôte sünde. Pfech, pfech (Pfui, pfui)«, doch mit geringem
-Erfolg, denn die Homosexualität war aus den Klöstern nicht zu bannen.
-»1409 wurden am Samstag den 2. März zu Augsburg vier Priester, Jörg
-Wattenlech, Ulrich der Frey, Jakob der Kiss und Hans Pfarrer zu
-Gersthofen wegen Sodomie in einem ›Fagelhaus‹ am Perlachturm
-angeschmiedet, leben noch am folgenden Freitag und verhungern dann.«
-Einen beteiligten Laien, den Lederer Hans Gossenloher, trifft die
-Strafe der Ketzer; er wird verbrannt.[7] Der Strassburger Domprediger,
-der schon wiederholt angeführte Geiler von Kaisersberg, predigt seinen
-Standesgenossen: »Da hast du dich versündigt mit öffentlichen Dirnen,
-Jungfrauen betrogen, Ehefrauen be........, Witwen geschändet, mit
-deinen Freunden zu thun gehabt, da mit deinem Gevatter, da mit deinem
-Beichtvater, da mit deiner Beichttochter. Ich will schweigen der
-Unzucht, mit der du die Ehe gebrochen, ich will auch schweigen der
-Unzucht, darum man dich verbrennen sollte.«[8] Und wenn dies ein Mönch
-sagt, der seinesgleichen genau kennt, ist jeder Zweifel daran von
-Übel. Wie genau Geiler Bescheid weiss, geht aus dem von ihm wiederholt
-angeführten Sprichwort hervor: »Willst du haben dein Haus sauber, so
-hüte dich vor Pfaffen, Mönchen und Tauben, Diener, Vettern,
-Laienbrüdern (blotzbruder) und Aerzten.« Die Geistlichkeit, die durch
-ihr Beispiel veredelnd auf die Laien hätte einwirken sollen, musste
-durch ihr Betragen nicht nur an Achtung, sondern auch an Einfluss auf
-die breiten Massen des Volkes einbüssen, wodurch sich erklärt, dass
-die Reformation beinahe von Anbeginn an ihren beispiellosen Erfolg zu
-verzeichnen hatte. Und nicht nur die Laien allein, sondern auch
-einsichtsvolle Männer aus dem Stande selbst sahen ein, dass sich eine
-gründliche Reinigung des priesterlichen Augiasstalls unabweisbar
-machte, sollte nicht der morsch gewordene Bau der römisch-katholischen
-Kirche jäh in sich zusammenbrechen. Geiler von Kaisersberg gesteht
-offen ein, dass jeder, der ein faules Leben führen und ungehindert
-seinen Begierden frönen wollte, sich mit der Kutte bekleidete. War
-doch die Gründungsursache der meisten Klöster keineswegs Frömmigkeit,
-sondern nichts weiter als purer Eigennutz, der darauf ausging,
-Sinekuren zu schaffen. »Man irrt sehr, wenn man sich vorbildet, alle
-Klosterstiftungen im Mittelalter seien aus purer Frömmigkeit und ohne
-Beimischung politischer und häuslicher Zwecke geschehen. Bei weitem
-hatten die meisten Stifter dabei die Absicht, zugleich für ihr Haus zu
-sorgen und bei zahlreicher Familie dort für einige ihrer Kinder --
-eheliche und Nebensprösslinge -- eine ständige Unterkunft anzulegen,
-zumal da solche Klöster dergleichen Kinder des Geschlechts des
-Stifters ohne, oder nur gegen äusserst geringe, Mitgift aufzunehmen
-verbunden waren. Man fand daher in dergleichen Stiftungen das
-erspriesslichste Mittel, beide Zwecke zugleich zu erreichen; sich
-einesteils den Himmel zu verschaffen und andernteils sich drückender
-Familienbürden zu entledigen. Auch ohne Stifter zu sein, hatten grosse
-Klosterwohlthäter nicht selten den nämlichen Zweck, und so wusch denn
-auch hier gewöhnlich eine Hand die andere rein«, sagt Bodmann in
-seinen 1819 erschienenen »Rheingauischen Alterthümern«. So hielt man
-es von Karls des Grossen Zeiten her bis in die neueste Zeit. Nach
-innerem Beruf wurde bei den für das Kloster Bestimmten nicht gefragt;
-sie hatten dem elterlichen Machtspruche zu gehorchen, und sie folgten
-vielfach auch ganz gerne, da ihnen das Gelübde kaum einen Zwang
-auferlegte, und sie frei ihren Neigungen nachleben konnten:
-
-[7] Corvin a. a. O. S. 303; Augsburger Chronik 1368-1406.
-
-[8] Von den 15 Staffeln (1517), fol. 36 a, bei Schultz, D. L. 255.
-
- »Bemerket: wenn ein Edelmann
- Sein Kind jetzt nicht vermählen kann
- Und hat kein Geld ihr mitzugeben,
- So muss sie in dem Kloster leben;
- Nicht dass sie Gott sich weih' darin,
- Nur dass er sie nach seinem Sinn
- Und seiner Hochfahrt mit seinem Gut
- Versorge, wie man dem Adel thut,«
-
-sagt Murner. Wen aber wirklich Herzensneigung in das Kloster trieb,
-der wurde, wenn er nicht von ganz aussergewöhnlicher Willensstärke
-war, von dem unaufhaltsam dahintosenden Strome der in den Klöstern
-herrschenden Unmoral mitgerissen; er versank in den Strudel, gleich
-seinen Brüdern und that ebenso, wie sie es alle machten. Das schlechte
-Beispiel ging von den Kirchenfürsten selbst aus. Würdenträger, die
-ihren Beruf ernst nahmen und streng auf die Beobachtung der Gelübde
-hielten, waren weisse Raben. Einer dieser wenigen, Ferdinand von
-Fürstenberg, Fürstbischof von Paderborn (1661 bis 1683), ging so weit,
-einen Gesalbten ausstossen und hinrichten zu lassen, weil er ein
-ausschweifendes Leben führte.[9] Die Mehrzahl der anderen hohen Herren
-liess sieben gerade sein, da sie es meistens noch toller trieben, als
-die ihnen Unterstellten.
-
-[9] Dr. Ed. Vehse, Unter der Herrschaft des Krummstabes, S. 23.
-
-Bezeichnend für die sich unter dem geistlichen Habite breit machende
-Lasterhaftigkeit war das Treiben in den geistlichen Ritterorden. Dem
-Orden der Tempelherren machte bekanntlich der energische König Philipp
-IV. der Schöne von Frankreich ein schreckensvolles Ende. 1312 wurde
-gegen die Ordensbrüder die Anklage auf die gleichbedeutenden
-Verbrechen Ketzerei und Sodomiterei seitens des Papstes Clemens V.
-erhoben, die zu ihrer Ausrottung mit Feuer und Schwert führte.
-Glücklicher waren die sich unter gewichtigem Schutze bergenden
-deutschen Ritter, die »allein im Dienste ihrer himmlischen Dame Maria«
-stehend, den Namen der göttlichen Jungfrau auf das Gröblichste
-missbrauchten und unter seinem Deckmantel himmelschreiende Missethaten
-vollführten. Von ihren Menschenschlächtereien abgesehen, den
-berüchtigten »Heidenfahrten« auf wehrlose und harmlose Naturkinder,
-die man aus purem Sport hinschlachtete, waren sie Wüstlinge
-schlimmster Sorte, denen kein Laster versagt blieb. Die Bürger
-Marienburgs, ihrer Residenz, mussten sich wiederholt beschweren, dass
-kein ehrsamer Bürger abends sein Haus verlassen dürfe, ohne fürchten
-zu müssen, die zu Hause gelassenen Frauen und Mädchen von den Rittern
-auf die Hochburg geschleppt und dort gemissbraucht zu sehen. »Ein Teil
-der Schlossfreiheit heisst noch von der Zeit her, wo die Ritter ihr
-unheiliges Wesen da trieben, ›der Jungferngrund‹. Noch jetzt« -- um
-die Mitte des 19. Jahrhunderts -- »wird von jener Zeit her beim
-Magistrat von Marienburg die Kasse des ›Jungferngrund-Hospitals‹
-verwaltet, worin zu Grunde gerichtete Frauenzimmer aufgenommen wurden.
-Aus den Strafakten des Marienburger Ordenshauses hat sich ergeben,
-dass unter dem Deckmantel der christlichen Beichte Jungfrauen und
-Ehefrauen systematisch verführt, Vergewaltigungen selbst an
-neunjährigen Mädchen von den Ordenskaplänen verübt wurden. Das
-Bezeichnendste, was von den auf das _votum castitatis_ verpflichteten
-deutschen Ordensrittern gesagt werden kann, ist, dass der
-Ordensmeister Conrad von Jungingen bereits zu Ende des 14.
-Jahrhunderts Verbote erlassen musste, kein weibliches Tier im
-Ordenshause zu Marienburg zu dulden.«[10]
-
-[10] Vehse, Die Deutschen Kirchenfürsten in Trier, Salzburg-Münster,
-S. 191 ff.
-
-Die Reformation fand in den Klöstern beiderlei Geschlechtes
-begeisterte Anhänger, die mit fliegenden Fahnen in das feindliche
-Lager übergingen. Namentlich in den Nonnenklöstern beeilten sich viele
-der Schwestern, die verhassten, drückenden Fesseln zu zerbrechen, die
-ihnen Familienrücksichten, Tradition und Egoismus geschmiedet, um in
-das weltliche Leben zurückzukehren. Wieviel heisses Ringen, was für
-mächtige Seelenkämpfe mögen die düsteren Zellen gesehen haben, ehe in
-manchem zaghaften Gemüte der Entschluss zu der für eine Frau
-heroischen That reifte, das gewohnte Nonnenkleid für immer
-abzustreifen.
-
-Gelang es diesen Exnonnen nicht, Unterkunft bei ihren Familien zu
-finden, Stellungen als Lehrerinnen zu erlangen, oder in den heiligen
-Ehestand zu treten, manchmal sogar, wie dies mehrfach passierte, mit
-dem vordem geliebten Mönch, so fielen sie dem unverhüllten Laster
-anheim. Nonnen der gesperrten Klöster zogen als landfahrende Dirnen
-einher, wenn sie nicht sofort nach Aufhebung des Klosters den Weg nach
-dem Bordelle eingeschlagen hatten. In Nürnberg war dies im Jahre 1526
-der Fall, als die Pforten des berühmten St. Clara-Klosters für immer
-geschlossen und die Schwestern auf die Strasse gesetzt worden waren.
-
-Vom Erhabenen zum Lächerlichen, vom Kloster zum öffentlichen Hause,
-war schon lange vor Napoleon nur ein Schritt!
-
-
-
-
-Beilager und Ehe.
-
-
-Die Ehe, dieses älteste von Naturgesetzen diktierte Verhältnis, das
-zwei Menschen aneinander schliesst, hat kein anderes Volk so edel
-aufgefasst, wie die Germanen.
-
-»Das Verlöbnis war ein Vertrag, durch welchen Mann und Weib sich zu
-einem Haushalt und Gründung einer Familie für das ganze Leben
-verbanden, um einander lieb zu sein über alles auf Erden, Wunsch,
-Willen und Besitztum gemeinschaftlich zu haben. Selbst mit dem Tode
-hörte die Pflicht der überlebenden Gattin nicht auf. Bei einigen
-Germanenvölkern war es der Frau nur einmal gestattet, in den Ring der
-Zeugen zu treten, vor denen sie das Gelöbnis ablegte; und es sind
-Spuren erhalten von noch älterer strenger Volkssitte, nach welcher die
-Frau den Gatten so wenig überleben durfte, wie der Gefolgmann seinen
-Wirt, wenn dieser in der Schlacht fiel. Das Weib des Germanen war
-nicht nur die Hausgebettete, die auf gemeinsamem Lager den Hals des
-Gatten umschlang, und nicht nur Herrin des Hauses und Erzieherin der
-Kinder, wie bei den Römern, sie war auch seine Vertraute und Genossin
-bei der männlichen Arbeit. Die Geschenke, welche der Mann ihr zu dem
-Gelöbnis gab, ein Joch Rinder, Speer und Ross[1], waren symbolisches
-Zeichen, dass sie mit ihm über den Herden walten würde und als seine
-Begleiterin an der Feldarbeit teilnehmen, ja dass sie ihm auf dem
-Kriegspfade folgen sollte, in der Schlacht seinen Eifer zu stählen,
-seine Wunden zu rühmen, nach seinem Tod ihn zu bestatten und
-vielleicht zu rächen.«[2]
-
-[1] Tacitus, Germania, Cap. 18.
-
-[2] Gust. Freytag, Bilder a. d. d. Vergangenheit, 26. Aufl., S. 87.
-
-»Der Innigkeit germanischer Ehe schadete nicht, dass sie schon in der
-Urzeit oft ein Familienvertrag war, der im Interesse zweier
-Geschlechter geschlossen wurde«, und diese Art des Ehebundes blieb in
-allen Ständen von der Urzeit an die vorherrschende. Die Liebe kam in
-zweiter Linie; trotz Freytags poetischer Verherrlichung war meist rein
-prosaisches Interesse die Ursache der Verheiratung.
-
-»Wie in heidnischer, so ist die Ehe auch in christlicher Zeit durchaus
-ein Geschäft zwischen dem Bräutigam und den Verwandten der Braut,
-wobei letztere vielfach gar nicht um ihre Zustimmung befragt
-wurde«[3], nur trat mit der Zeit eine Wandlung dahin ein, dass der
-ursprünglich dem Vater oder dem Mundwalt der Braut, dem ältesten
-Bruder oder Vormund, übergebene Brautkauf nun der jungen Frau selbst,
-sei es als Morgengabe, oder als Wittum (videme) zufällt. War die
-Morgengabe ein freiwilliges Geschenk des Ehegatten an seine
-Neuvermählte, so wurde die Höhe des Wittums vorher genau festgesetzt.
-Siegfried schenkt seiner jungen Gattin den Nibelungenhort, Bärschi in
-»Metzens Hochzeit«, der Metzi, ein feistes Mutterschwein zur
-Morgengabe.
-
-[3] Prof. Dr. J. Dieffenbacher, Deutsches Leben im 12. Jahrh., S. 120.
-
-Die altdeutsche Eheschliessung zerfällt in die Erwerbung der Braut
-durch den Verspruch vor dem Vormund und durch die Übergabe der Braut
-an den Bräutigam durch die Heimführung. Durch die Verlobung erstanden
-dem Bräutigam bereits rechtliche und eheliche Ansprüche an die Braut,
-deren Verletzung durch Dritte gesetzliche Ahndung findet. Daher wird
-mit Recht der Satz aufgestellt, dass die Verlobung die Eheschliessung,
-die Trauung aber nur den Vollzug der Ehe darstellte. Die Verlobung
-schildert das Nibelungenlied bei Gelegenheit des Verspruches von König
-Giselher mit der Tochter Rüdegers von Bechelaren. Nachdem des Königs
-Brüder als Freiwerber das Jawort erhalten haben, der Jungfrau seitens
-des burgundischen Geschlechts das Wittum festgelegt wurde und der
-Brautvater eine Summe Gold und Silber als Mitgift ausgesetzt hat,
-heisst man das junge Paar nach alter Sitte in den »rinc« (einen Kreis)
-treten, fragt die Jungfrau, ob sie gewillt sei, den Recken zum Manne
-zu nehmen, und als sie das auf ihres Vaters Rat bejaht, reicht
-Giselher der Braut die Hand zum Gelöbnis.
-
-Der Ring, als Zeichen der Verlobung, kam mit dem Eindringen des
-Christentums zu den europäischen Völkern. In der Gudrun »jedwederz dem
-andern daz gold stiez an die hant«.[4]
-
-[4] D. Paulus Cassel, Die Symbolik des Ringes, S. 21.
-
-War die Verlobung auch identisch mit der Ehe selbst, so räumte sie dem
-Bräutigam doch keine ehelichen Rechte ein. Das geschlechtliche
-Zusammenleben Verlobter war untersagt und auf vorzeitigen Beischlaf
-standen strenge Bussen. Untreue der Braut galt vielfach als Ehebruch;
-der Verführer erlitt Todesstrafe, wenn er nicht durch zwölf
-Eideshelfer beschwören konnte, von der stattgehabten Verlobung nichts
-zu wissen. Über die Untreue des Bräutigams glitt man leichter hinweg.
-Das Hamburger Stadtrecht von 1270 bestimmt, wenn der Verlobte von
-einem Weibe wegen intimen Umgangs mit ihr verklagt werde, so habe die
-Braut drei Monate auf die Entscheidung zu warten; könne die Sache nur
-in Rom geführt werden, so warte sie ein Jahr. Ist der Prozess auch
-dann noch nicht zu Ende, so ist das Verlöbnis aufgelöst und der Braut
-gebührt eine Entschädigung von 40 Mark Pfennig. Dasselbe galt für eine
-Klage gegen die Braut.[5] Wer eine Braut entführte, hatte ausser den
-Blutsverwandten auch den Verlobten zu sühnen, unter Umständen den
-zehnfachen Brautkauf zu erlegen, und musste die Entführte behalten,
-denn der Raub löste die Verlobung. Nur die bayrischen Rechte
-verlangten die Rückgabe der Braut an den Bräutigam. Die Entführung
-wurde von unseren Vorfahren zu den schwersten Verbrechen gerechnet;
-Notzucht und Frauenraub fielen in den Gesetzen mehrfach zusammen.
-Selbst das Asylrecht in den Klöstern und anderen Freistätten, die kein
-Scherge betreten durfte, blieb den Frauenräubern verschlossen. Karl
-der Grosse verhängte über den Entführer der Tochter seines Herrn die
-Todesstrafe, die Kirche belegte alle diese Verbrecher mit ihrem Bann.
-Schwere Geldbussen waren allen Gesetzen des Mittelalters gemeinsam,
-wenn sie nicht auf Leib- und Lebensstrafen erkannten. Das Hamburger
-Stadtrecht von 1270 bedroht den mit Todesstrafe, der eine Jungfrau
-unter 16 Jahren, wenn auch mit ihrem Willen, oder eine ältere gegen
-ihren Willen entführt; der Entführer geht nur dann frei aus, wenn er
-ein nacktes Mädchen über 16 Jahre mit seinem Einverständnis
-entführte.[6]
-
-[5] Weinhold a. a. O. I. 348 ff.
-
-[6] Weinhold a. a. O. I. 308 ff.
-
-Die Entführungen kamen in dem wirklichen und poetisch überlieferten
-Leben des Mittelalters, sowohl in der vorritterlichen wie in der
-ritterlichen Zeit häufig vor, da sie der Abenteurerlust der damaligen
-Gesellschaft so recht nach dem Herzen waren.
-
-Das späte Heiraten, von dem Tacitus sprach, hat sich bis zum 13.
-Jahrhundert in unserem Volke erhalten, um dann vollständig in
-Vergessenheit zu geraten. Heiratete man bis zum gedachten Säculum erst
-mit dem 30. Jahre, so zeichnete sich die Folgezeit unvorteilhaft durch
-unnatürlich frühe Ehen aus[7], so dass Murner in seinem Gedichte »Vom
-Nutzen des Ehestandes« mit Recht klagen durfte:
-
- »So 'ne Jungfrau nahm 'nen Mann,
- Der nicht zum mindest dreissig Jahr
- War alt -- sag ich dir offenbar.
- Jetzt nehmen zwei einander g'schwind
- Die beide nicht dreissig Jahr alt sind.«
-
-[7] Otto Henne am Rhyn, Die Frau in der Kulturgeschichte, S. 251.
-
-Nach dem Schwabenspiegel war das vollendete 12. Jahr zur Heirat eines
-freien, nach den Weistümern das 14. bei der Vermählung leibeigener
-Mädchen für ausreichend erachtet. Gudrun war etwas älter als zwölf
-Jahre, als »nâch ir edelen minnen von vürsten wart gegert«. Kriemhild
-zählte bei ihrer Vermählung 15 Jahre, was in adeligen und städtischen
-Geschlechtern bis zum 16. Jahrhundert das Alter war, in dem die
-Jungfrauen heirateten. Anna Stromer in Nürnberg vermählte sich
-allerdings schon vierzehnjährig, ward mit 16 Jahren Mutter, und gebar
-bis zu ihrem 25. Jahr acht Kinder -- ein Fall, den ein gewissenhafter
-Chronist für aufzeichnenswert erachtet.[8] Gertrud, Kaiser Lothars
-Tochter, beging zwölf Jahre alt ihre Hochzeit mit Heinrich dem Stolzen
-(1127). Eine weitere Kinderhochzeit war die der vierjährigen heiligen
-Elisabeth mit dem zwölfjährigen Landgrafen Ludwig von Thüringen.[9]
-Gnote, die Tochter Rudolfs von Habsburg, war bei ihrer Trauung mit dem
-König Wenzel von Böhmen, ein Kind, das ihrem Knaben von Gatten von
-ihren Puppen erzählt, während er ihr von seinen Falken vorschwärmt,
-als sie beisammen liegen. Selbstverständlich wurden derartige von der
-Staatsraison diktierte Heiraten, die sich in der mittelalterlichen
-Geschichte häufig wiederholen, erst nach der Reife der Gatten zu
-wirklichen Ehen. Das Zusammenliegen, #das Beilager#, stellte nur
-symbolisch den Vollzug der Ehe, und dadurch ihre Unlöslichkeit
-nach kirchlichen und weltlichen Gesetzen dar. Denn: Ist das
-Bett beschritten, ist die Eh' erstritten, sagt ein uraltes
-Rechtssprichwort.[10]
-
-[8] Chroniken der deutschen Städte, I. 68.
-
-[9] Dieffenbacher a. a. O. S. 117.
-
-[10] Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, S. 420, und Stobke, Handbuch
-des deutschen Privatrechtes, Band IV, S. 38 ff.
-
-Noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts aber hielt man das Beilager auch
-dann öffentlich ab, wenn sich die Gatten in heiratsfähigem Alter
-befanden. Aus einer Beschreibung vom Jahre 1599, der »Hohen
-Zollerischen Hochzeyt«, die J. Frischlin in »Drey schöne vnd lustige
-Bücher« lieferte, heisst es:
-
- »Rheingraff Ottho führt sie (die Braut) hinauff mit fleyss
- In jr gezimmer hüpsch und weyss.
- Da wartet sie, biss zu jr kam
- Der junge Herr und Bräutigam
- Mit allen Fürsten, Graffen, Herren,
- So folgen theten willig geren.
- Vor jnen her Trommeter bliesen,
- Die stark in jre Pfeiffen stiessen.
- Als nun der Hochborn Bräutigam
- Hinauff in sein Schlaffzimmer kam,
- Sein Mantel und Kranz legt von sich,
- Sein Wöhr und Ketten und gabs gleich
- Seim Hofmaister, solchs zu bewaren;
- Derselbig thet den Fleyss nicht sparen.
- Als nun die Fürsten, Herren, Frawen
- Stunden in diesem Gemach zu schawen,
- Die zween Brautfürer tratten her,
- Die Gesponss[11] sie brachten höflich hehr
- Und legten sie hinein inns Beth,
- Ir weysse Kleider noch an hett.
- Dann legten sie den Bräutigam
- Zu seiner Gesponss also zusam,
- Die Döcken uberschlagen theten,
- Biss sie ein Weyl gelegen hetten.
- Gar bald sie wieder auffgestanden,
- Die Fürsten, Herren seind vorhanden,
- Wünscht jeder da für seinen theyl
- Dem Bräutigam und Braut vil heyl,
- Viel glücks und guten segen reich;
- Darnach lugt jeder, das er weich'
- Und selber in sein Kammer kumb,
- An seinem Schlaff auch nichts versumb[12].«[13]
-
-[11] Gesponss = Braut.
-
-[12] versumb = versäumte.
-
-[13] A. Birlinger, bei Scherr, Gesch. der Deutschen Frauenwelt, II. 63
-ff.
-
-Bei einer anderen Fürstenhochzeit im Junimond 1585 zwischen Johann
-Wilhelm III., Herzog zu Jülich-Cleve-Berg und Jakobäa von Baden sind
-die Brautgemächer nach damaliger aus Frankreich gekommener Sitte mit
-Teppichen behangen, deren Gewebe mythologische Scenen darstellen, so
-»zur ehelichen Lieb' am meisten und vornehmlich gehörig«.[14] Diese
-Ehe endete bekanntlich mit dem geheimnisvollen Tode der eines
-zuchtlosen Wandels beschuldigten Jakobäa.[15]
-
-[14] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte. 1859, S. 314 ff.
-
-[15] Bülau, Geheime Geschichten und räthselhafte Menschen, IV. Band.
-12. Der Ausgang des Hauses Cleve.
-
-Verlobung und Hochzeit folgten bei Bürgern und Bauern häufig
-unmittelbar aufeinander, namentlich wenn eine feierliche Verlobung
-stattgefunden hatte; doch kommt es auch vor, dass dem ungeduldigen
-Bräutigam eine Wartezeit auferlegt wird, so Gudruns Verlobten Herwig,
-der ein ganzes Jahr warten muss, wobei ihm aber von der Schwiegermutter
-hochherzig gestattet wird, dass er sich »mit schoenen wîben vertribe
-anders wâ Die zît«. Vom 8. Jahrhundert ab begehrte die Geistlichkeit
-ein dreimaliges Aufgebot und die kirchliche Einsegnung der Ehe. Die
-höhere Gesellschaft fügte sich diesem Anspruche sofort, nicht so die
-breiteren Schichten des Volkes, denen auf noch lange die einfache
-bürgerliche Eheschliessung genügte »an (ohne) schuoler und an phaffen«,
-den Bauern sogar bis ins 15. Jahrhundert. Aber selbst der Hochadel
-verfügte sich erst am Morgen nach der Brautnacht zur Kirche. Abends
-vor dem Kirchgange wurde das Brautpaar in die Brautkammer gebracht,
-eine Decke beschlägt sie beide, ein Geistlicher findet sich vielleicht
-ein, den Brautsegen über das Paar zu sprechen.[16] Die Freundinnen und
-nächsten Angehörigen sind der Braut beim Entkleiden behilflich, ihr
-manch guten Rat dabei zuflüsternd. Oft sind auch der Brautvater, der
-Bruder des Bräutchens oder andere aus der Sippschaft in dem Gemache
-anwesend.
-
-[16] Schultz, Höfisches Leben, S. 633.
-
- »Wie Elsa von Brabant, die schöne, keusche Magd,
- Dem Fürsten werth des Nachts ward zugesellet.
- Die Kaiserin nicht unterliess,
- Dass sie die Fürstin selbst des Nachts zu Bette wies.
- Die Kammer war mit Decken wohlbestellet.
- Das Bett war schön geziert, mit Golde roth und reicher Seiden,
- Und manches Thier darein gewoben.
- In dieses Bett hat sich die Jungfrau nun gehoben,
- Um drin der Minne Buhurd zu erleiden.
- Der Kaiser auch gekommen war,
- Er hiess die Kammer das Gesinde räumen gar,
- Gut Nacht gab er den Beiden miteinander.
- Nun ward die Maid entkleidet schier,
- Es drückte sie der Degen an sich stolz und zier:
- Ich sag' nicht mehr als -- was er sucht', das fand er.«[17]
-
-[17] Lohengrin, erneut von H. A. Junghans (Reclam), III. 235.
-
-Wenn in den mittelalterlichen Heldengedichten sich der Freund an Stelle
-des wirklichen Bräutigams mit der Auserkorenen seines Freundes trauen
-lässt, was, trotz der augenscheinlichen Unwahrscheinlichkeit, ein
-dankbares, vielverwendetes Motiv für die damaligen Dichter abgab, dann
-legte der Pseudogatte ein entblösstes Schwert zwischen sich und die
-Braut, um dadurch ihre Unberührbarkeit anzudeuten. So liegt Siegfried
-bei Brunhilde, und in Konrad von Würzburgs der Verherrlichung der
-Freundestreue gewidmetem Gedichte »Engelhart und Engeltrut« findet
-sich darüber folgende Episode. Engeltrut, die Tochter des Königs von
-Dänemark, deren Vater Engelhart und sein Freund Dietrich von Brabant
-dienen, kommt eines Nachts an das Bett des Engelhart und verspricht
-ihm ihre Liebe, sobald er Ritter geworden und sich im Turniere einen
-Preis geholt. Nachdem er diese Bedingungen erfüllt und Engeltrut an
-seiner heissen Liebe nicht mehr zweifeln kann, giebt sie ihm ein
-Stelldichein im Baumgarten des väterlichen Schlosses; sie empfängt ihn,
-nur mit Mantel und Hemd bekleidet, zieht ihn unter ihren Mantel und
-führt ihn »ûf einen senften matraz«. Sie werden von ihrem Widersacher,
-dem Neffen des Königs, belauscht. Engelhart aber leugnet alles und
-will für die Wahrheit seiner Behauptung kämpfen. Er holt sich seinen
-Freund Dietrich, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht. Dieser kann
-mit ruhigem Gewissen seine Unschuld beschwören, ficht mit dem Angeber,
-siegt und erhält als Engelhart die Hand der Engeltrut. Er heiratet sie
-auch, wie es einst Engelhart mit Dietrichs Frau gemacht, legt aber wie
-dieser ein blosses Schwert im Brautbett zwischen sich und Engeltrut,
-die er dem Freunde rein übergiebt.[18]
-
-[18] Schultz, Höfisches Leben, S. 596, Anm. 2.
-
-Derartige Hochzeiten mit Stellvertretern kamen übrigens auch in der
-Wirklichkeit vor, allerdings nur an Höfen, deren Angehörige oft schon
-im zartesten Alter vermählt wurden, oder die entweder aus politischen
-Gründen oder der Bequemlichkeit wegen die weite und oft nicht
-ungefährliche Reise zum Wohnsitze der Braut scheuten. Die Vermählung
-wurde alsdann durch Prokuration mit dem Spezial-Gesandten vollzogen,
-der an Stelle seines Gebieters das Beilager abhielt, in eine schwere
-Prunkrüstung gehüllt, das scharfe Schwert zwischen sich und der
-Herrin. Der alte österreichische Chronist Jakob Unrest meldet über ein
-solches Beilager, das anlässlich der später in die Brüche gegangenen
-Vermählung Maximilians I., des letzten Ritters, mit der Prinzessin
-Anna von Bretagne, stattfand: »Kunig Maximilian schickt seiner Diener
-einen genannt Herbolo von Polhaim gen Britannia zu empfahen die
-Kunigliche Braut; der war in der Stat Remis (Reims) erlichen
-empfangen, und daselbs beschluff der von Polhaim die Kunigliche Brauet
-mit ein gewapte Man mit den rechte Arm und mit dem rechten fus blos
-und ein blos schwert dazwischen gelegt, beschlaffen. Also haben die
-alten Fürsten gethan, #und ist noch die Gewonhait#. Da das alles
-geschehen was, war der Kirchgang mit dem Gottesdienst nach Ordnung der
-heiligen Kahnschafft mit gutem fleiss vollpracht.«
-
-Die bürgerliche Gesellschaft äffte natürlich diese Beilagersitte des
-Hochadels nach, wie aus der Dresdener Hochzeitsordnung aus dem letzten
-Viertel des 15. Jahrhunderts hervorgeht. Nach dieser durften die
-Hochzeitsgäste dem _pro forma_-Beilager beiwohnen, mussten aber dann
-das Gemach verlassen, während das junge Paar aufstand, um mit zwei
-Tischen voll Gästen zu tafeln.
-
-Diese offiziellen Beilager, bei denen es tadellos ehrbar zuging, da
-man im Gegensatze zu früheren Zeiten die mit dem Brautstaate
-geschmückte Braut zu dem Gatten legte, sind von jenen inoffiziellen
-Beilagern zu unterscheiden, die der erklärte Bräutigam mit seiner
-Braut abhielt, ohne sie zur Frau zu machen.
-
-Dieses »Beschlafen auf Treu und Glauben« kennt bereits die früheste
-Zeit des deutschen Mittelalters. Die Ehre der Braut lief um so weniger
-Gefahr, als sie unter dem Schutze des Gesetzes stand. Das Mädchen, das
-sich dem Bräutigam nicht ergeben wollte, konnte ganz wohl das Beilager
-gestatten, ohne in der öffentlichen Meinung als gefallen zu gelten,
-wenn auch Zweifel an der beiderseitigen Zurückhaltung zu naheliegend
-waren, um nicht geäussert zu werden. Der Mann musste jedenfalls seine
-Selbstbeherrschung bewahren, wenn es der Schönen so beliebte, denn die
-mittelalterlichen Gesetze achteten eine während des Beilagers
-begangene Gewaltthat der Notzucht gleich. »Eyn jeglich man mac an
-siner Amyen die notnunft begen, daz sol man uber sie richten, als ob
-er nie bi ir gelege«, heisst es in den Alemannischen Landrechten, und
-ähnlich in den sächsischen Land- und dem alten Goslarischen
-Stadtrechte. Im Parzival kommt die jungfräuliche Königin Kondwiramur
-(= _coin de voire amors_ = Ideal der wahren Liebe) zu dem schlafenden
-Parzival, aber:
-
- »Nicht von der Minne Ungestüm
- Getrieben, die Jungfräulein kann
- Zum Weibe wandeln durch den Mann, --
- Dass er als Freund ihr rat' im Leide.
- Den Leib umhüllt ein wehrhaft Kleid,
- Ein dünnes Hemd von weisser Seide.
- Was taugt wohl mehr zum Minnestreit,
- Als wenn dem Manne so ein Weib
- Sich naht? Der Herrin schlanken Leib
- Hüllt noch ein Sammetmantel ein.«[19]
-
-[19] Parzival a. a. O. IV. V. 388 ff. (192, 10 ff.)
-
-Sie teilt sein Lager
-
- ».... doch ist dies bedungen,
- Dass nicht berühren darf der eine
- Des andern Leib ....«
-
-bis »die Nacht schwand hin, der Tag brach an«.
-
-Dieser Gebrauch hielt das ganze Mittelalter hindurch an, wie Hans
-von Schweinichens Denkwürdigkeiten bezeugen. Unter dem Jahre 1573
-heisst es bei Beschreibung eines Reiseabenteuers im Lande Lüneburg bei
-Herzog Heinrich, nach dessen glücklichem Ausgang in Dannenberg getanzt
-wird; nach dem Tanze hebt das stereotype grosse Saufen an, bei dem
-Schweinichen als letzter auf der Walstatt bleibt: »Die einheimischen
-Junkern verloren sich auch, sowohl die Jungfrauen, dass also auf die
-Letzte nicht mehr als zwo Jungfern und ein Junker bei mir blieben,
-welcher einen Tantz anfing. Dem folget ich nach. Es währet nicht lange,
-mein guter Freund wischt mit der Jungfer in die Kammer, so an der
-Stuben war, ich hinter ihm nach. Wie wir in die Kammer kommen, liegen
-zwei Junkern mit Jungfrauen im Bette. Diser der mit mir vortanzet, fiel
-sammt der Jungfer auch in ein Bette. Auf Mecklenburgerisch so saget
-sie, ich sollt mich zu ihr in ihr Bette auch legen; dazu ich mich nicht
-lange bitten lies, leget mich mit Mantel und Kleidern, ingleichen die
-Jungfrau auch, und redeten also bis vollend zu Tag, jedoch in allen
-Ehren. Auf den Morgen hatt ich das Beste, dass ich der Längste wär auf
-dem Platz gewesen, gethan, und ich hatte es am besten vericht. Kam
-deswegen beim Frauenzimmer in gross Gunst. Das heissen sie auf Treu
-und Glauben beigeschlafen; _aber ich acht mich solches Beiliegen nicht
-mehr, denn Treu und Glauben möcht ich zu ein Schelmen werden_. Darum
-heisst es: ›Hüte dich, mein Pferd schlägt dich‹[20]«, denn:
-
-[20] Schweinichen a. a. O. S. 38 ff.
-
- »Dern weisz nicht daz ein biderbe man
- Sich alles des enthalten kan
- Des er sich enthalten wil --
- #Weiz Got dern ist aber nicht vil!#«
-
-sagt Hartmann von der Aue, und ähnlich urteilte mehr als ein
-Jahrtausend vor Schweinichen der byzantinische Geschichtsschreiber
-Prokopius von Cäsarea, der die Keuschheit solcher Bräute in Zweifel
-zieht. In manchen Gegenden machte man übrigens kein Geheimnis daraus,
-dass Probenächte wirkliche Proben auf die Ehefähigkeit der zukünftigen
-Ehegatten darstellten; ja man dehnte solche Prüfungen auf Wochen,
-selbst Monate aus, um, wenn sie zu Ungunsten eines der beiden
-prüfenden Teile ausgefallen waren, die Verlobung einfach aufzuheben.
-
-Ein interessantes Dokument über ein derartiges Vorkommnis aus dem
-Jahre 1378 lieferte Prof. Kohler[21]. Darnach hatte ein Graf Johann
-IV. von Habsburg ein volles halbes Jahr die nächtliche Probezeit mit
-Herzlaude von Rappoltstein gehalten, doch schliesslich einen Korb
-bekommen, weil ihm die junge Dame alle männlichen Qualitäten
-absprechen musste. Kaiser Friedrich III., der sich mit der Prinzessin
-Leonore von Portugal durch seinen Verwandten verlobt hatte, jedoch mit
-der Vollziehung der Ehe zauderte, erhielt von dem Onkel der Braut,
-König Alfons von Neapel, das Schreiben: »Du wirst also meine Nichte
-nach Deutschland führen, und wenn sie dir dort nach der ersten Nacht
-nicht gefällt, mir wieder zurücksenden oder sie vernachlässigen und
-dich mit einer anderen vermählen; halte die Brautnacht mit ihr deshalb
-hier, damit du sie, wenn sie gefällt, als angenehme Ware mit dir
-nehmen, oder wo nicht, die Bürde uns zurücklassen kannst.« Mit der
-Tochter dieses Kaisers hielt Herzog Albrecht IV. von Bayern in
-Innsbruck das Beilager, die Hochzeit aber erst in München.
-
-[21] Mitgeteilt im Wortlaut von F. Chr. J. Fischer, Ueber die
-Probenächte der deutschen Bauernmädchen, 1780, Neudruck S. 12 ff.
-
-Unter der Landbevölkerung war das Probenacht-Unwesen ungleich
-verbreiteter, als in der anderen Gesellschaft des Mittelalters. Wann
-diese Sitte ihren Anfang genommen, verliert sich im Dunkel, jedenfalls
-bestand sie bereits im 13. Jahrhundert unter den Sachsen, denn
-Kardinal Heinrich von Segusio berichtete: die Sachsen hätten eine
-garstige aber gesetzmässige Gewohnheit, dass der Bräutigam bei der
-Braut eine Nacht schlafen, und sich nachgehends wohl entschliessen
-möge, ob er diese heiraten wolle oder nicht. In den folgenden
-Jahrhunderten standen die Probenächte in voller Blüte, wie aus der
-noch heute vielgenannten Monographie F. Christoph Jonathan Fischers
-hervorgeht:[22]
-
-[22] Fischer a. a. O. S. 3 ff.
-
-»Beinahe in ganz Teutschland und vorzüglich in der Gegend Schwabens,
-die man den Schwarzwald nennet, ist unter den Bauern der Gebrauch,
-dass die Mädchen ihren Freiern lange vor der Hochzeit schon diejenigen
-Freiheiten über sich einräumen, die sonst nur das Vorrecht der
-Ehemänner sind. Doch würde man sehr irren, wenn man sich von dieser
-Sitte die Vorstellung machte, als wenn solche Mädchen alle weibliche
-Sittsamkeit verwahrlost hätten, und ihre Gunstbezeugungen ohne alle
-Zurückhaltung an die Libhaber verschwendeten. Nichts weniger! Die
-ländliche Schöne weiss mit ihren Reizen auf eine ebenso kluge Art zu
-wirtschaften, und den sparsamen Genuss mit ebenso viler Sprödigkeit zu
-würzen, als immer das Fräulein am Putztisch.
-
-Sobald sich ein Bauernmädchen seiner Mannbarkeit zu nähern anfängt,
-sobald findet es sich, nachdem es mehr oder weniger Vollkommenheiten
-besitzt, die hir ungefähr im ähnlichen Verhaltnisse, wie bei
-Frauenzimmern von Stande, geschätzt werden, von einer Anzahl Libhaber
-umgeben, die solange mit gleicher Geschäftigkeit um seine Neigung
-buhlen, als sie nicht merken, dass einer unter ihnen der Glücklichere
-ist. Da verschwinden alle Uebrigen plötzlich, und der Libling hat die
-Erlaubnis, seine Schöne des Nachts zu besuchen. Er würde aber den
-romantischen Wohlstand schlecht beobachten, wenn er den Weg geradezu
-durch die Hausthür nehmen wollte. Die Dorfsetiquette verlangt
-nothwendig, dass er seine nächtlichen Besuche durch das Dachfenster
-bewerkstellige. Wie unsere ritterbürtige Ahnen erst dann ihre Romane
-glücklich gespilt zu haben glaubten, wenn sie bei ihren verlibten
-Zusammenkünften unersteigliche Felsen hinanzuklettern und ungeheure
-Mauren herabzuspringen gehabt; oder sich sonst den Weg mit tausend
-Wunden hatten erkämpfen müssen, ebenso ist der Bauernkerl nur dann mit
-dem Fortgange seines Libesverständnisses zufriden, wenn er bei jedem
-seiner nächtlichen Besuche alle Wahrscheinlichkeit für sich hat, den
-Hals zu brechen, oder wenn seine Göttin, während dem er zwischen
-Himmel und Erde in grösster Lebensgefahr dahängt, ihm aus ihrem
-Dachfenster herunter die bittersten Nekereien zuruft. Noch in seinen
-grauen Hahren erzehlt er mit aller Begeisterung dise Abenteuer seinen
-erstaunten Enkeln, die kaum ihre Mannheit erwarten können, um auf eine
-ebenso heldenmütige Art zu liben.
-
-Dise mühsame Unternehmung verschaft anfangs dem Libhaber keine andere
-Vorteile, als dass er etliche Stunden mit seinem Mädchen plaudern
-darf, das sich um dise Zeit ganz angekleidet im Bette befindet und
-gegen alle Verrätereien des Amors wol verwahrt hält. Sobald sie
-eingeschlafen ist, so muss er sich plötzlich entfernen, und erst nach
-und nach werden ihre Unterhaltungen lebhafter. Ja in der Folge gibt
-die Dirne ihrem Buhler unter allerlei ländlichen Scherzen und
-Nekereien Gelegenheit, sich von ihren verborgenen Schönheiten eine
-anschauliche Erkenntniss zu erwerben; lässt sich überhaupt von ihm in
-einer leichteren Kleidung überraschen, und gestattet ihm zuletzt
-alles, womit ein Frauenzimmer die Sinnlichkeit einer Mannsperson
-befridigen kan. Doch auch hir wird immer noch ein gewisses Stufenmass
-beobachtet, wovon mir aber das Detail anzugeben die Zärtlichkeit des
-heutigen Wolstandes verbeut. Man kan indess viles aus der Benennung
-#Probenächte# erraten, welche die letztern Zusammenkünfte haben, da
-die erstern eigentlich Kommnächte heissen.
-
-Sehr oft verweigern die Mädchen ihrem Libhaber die Gewährung seiner
-letzten Wünsche so lang, bis er Gewalt braucht. Das geschiht allezeit,
-wenn ihnen wegen seiner Leibesstärke einige Zweifel zurück sind,
-welche sie sich freilich auf keine so heikle Weise als die Witwe
-Wadmann aufzulösen wissen. Es kömmt daher ein solcher Kampf dem Kerl
-oft sehr teuer zu stehen, weil es nicht wenig Mühe kostet, ein
-Baurenmensch zu bezwingen, das iene wollüstige Reizbarkeit nicht
-besizt, die Frauenzimmer vom Stande so plözlich entwafnet ...
-
-Die Probenächte werden alle Tage gehalten, die Kommnächte nur an den
-Sonn- und Feiertagen und ihren Vorabenden. Die Erstern dauern solange,
-bis sich beide Teile von ihrer wechselseitigen physischen Tauglichkeit
-zur Ehe genugsam überzeugt haben, oder bis das Mädchen schwanger wird.
-Hernach tut der Bauer erst die förmliche Anwerbung um sie und das
-Verlöbnis und die Hochzeit folgen schnell darauf. Unter den Bauren,
-deren Sitten noch grosser Einfalt sind, geschiht es nicht leicht, dass
-Einer, der sein Mädchen auf dise Art geschwängert hat, sie wider
-verliesse. Er würde sich ohnfehlbar den Hass und die Verachtung des
-ganzen Dorfes zuzihen. Aber das begegnet sehr häufig, dass beide
-einander nach der Ersten oder Zweiten Probenacht wider aufgeben. Das
-Mädchen hat dabei keine Gefahr, in einen übeln Ruf zu kommen; denn es
-zeigt sich bald Ein anderer, der gern den Roman mit ihr von vorne
-anhebt. Nur dann ist ihr Name zweideutigen Anmerkungen ausgesezt, wenn
-sie mehrmals die Probezeit vergebens gehalten hat. Das Dorfpublikum
-hält sich auf diesen Fall schlechterdings für berechtigt, verborgene
-Unvollkommenheiten bei ihr zu argwöhnen. Die Landleute finden ihre
-Gewohnheit so unschuldig, dass es nicht selten geschiht, wenn der
-Geistliche am Orte einen Bauren nach dem Wohlsein seiner Töchter
-frägt, dieser ihm zum Beweise, dass sie gut heranwüchsen, mit aller
-Offenherzigkeit und mit einem väterlichen Wolgefallen erzehlt, wie sie
-schon anfiengen, ihre Kommnächte zu halten. Keyssler gibt in seinen
-Reisen (Hannover 1740, Brief IV, S. 21) uns eine sehr drollige
-Erzehlung von einem Prozesse, den die Bregenzer Bauren ehmals zur
-Verteidigung einer solchen Gewohnheit geführt haben, die sie #fügen#
-nennen. Die Kasuisten, die sich eben nicht immer von den erlaubten und
-unerlaubten Begattungsarten die richtigsten Begriffe machen, und
-manchmals dasienige für Sünde halten, was keine ist, und dasienige
-nicht dafür halten, was doch eine ist, ereiferten sich von ieher sehr
-über diesen ländlichen Gebrauch. Er musste ihnen daher sehr oft zum
-Stoff dienen, ihre Beredsamkeit auf eine sehr vorteilhafte und
-pathetische Weise zu zeigen. Die katholischen Landpriester, die mit
-dem Charakter ihrer Seelenbefohlnen zuweilen etwas näher, als die
-Protestanten mit den Ihrigen bekannt sind, und mithin die
-Untadelhaftigkeit dieser Sitte besser einsehen, äussern darüber mehr
-Duldsamkeit als die Letzteren, die nie unterlassen, ihre Bauren
-deswegen mit den heftigsten Strafpredigten zu verfolgen, und weil doch
-leider heutzutage, wo die Welt so ganz im Argen ligt, dise
-Züchtigungen nicht allezeit von Wirkung sind, so verabsäumen sie keine
-Gelegenheit, zur Vertilgung dises heidnischen Gräuels den weit
-kräftigeren weltlichen Arm zu Hülfe zu rufen .... Wenn es der Wolstand
-nicht untersagte, gewisse Forschungen nicht allzuweit zu verfolgen,
-und ihr endliches Resultat enthüllt darzustellen, so könnte ich ihn
-leicht überführen, dass dise Sitte nicht nur in der Physiologie des
-Menschen gegründet, sondern auch eine für die Bevölkerung sehr
-heilsame Anstalt sei. Demienigen Teil meiner Leser aber, der sich so
-schlechterdings nicht abfertigen lässt, und verschiedene Erläuterungen
-wünscht, muss ich an die Aerzte und an dieienigen Advokaten weisen,
-die vor den Ehegerichten Prozesse führen.«
-
-Ausser diesen Probe- und Kommnächten herrschte überdies ein mehr als
-freier Verkehr zwischen den beiden Geschlechtern im Bauernstande.
-Bezeichnend dafür ist, dass z. B. in Bayern die Schlafstätten der
-Mägde und Knechte nicht voneinander gesondert waren, weshalb Ehebruch
-und Unzucht in erschreckender Weise grassierten. Maximilian, der
-grosse Kurfürst Bayerns, sah sich deshalb veranlasst, bei seinem 1598
-erfolgten Regierungsantritt ein »Sittenmandat« ausgehen zu lassen,
-nach dem Schwangerschaften bei ledigen Weibspersonen mit Geldstrafen
-und Einschliessung in »die Geige«, ein geigenartiges Brett mit
-Einschnitten für den Kopf und die beiden Hände, gebüsst werden
-sollten; trotzdem verrechnete 1605 der Münchener Rentmeister in seiner
-Amtsrechnung über Strafgelder mehr als 300 uneheliche Kinder,
-»derjenigen nicht zu erwähnen, die nicht angezeigt wurden«. Dabei
-stand der Vermerk: »Es wollen sich auch sehr viele Adelspersonen in
-diesem Laster finden lassen.« 30 Jahre später sah sich Kurfürst
-Maximilian zu einer Strafverschärfung genötigt, die auf Ehebruch bei
-Männern auf fünf- bis siebenjährige Landesverweisung, und bei
-wiederholtem Pönfall das Schwert erkannte. Eheschänderische Frauen aus
-Bürger- oder Bauernstande traf fünfjährige Verbannung, Adelige der
-Verlust aller Ehrenrechte, und alle drei Stände im Wiederholungsfalle
-der Tod durch den Henker. Das Laster war aber so tief eingewurzelt,
-dass Maximilian durch ein späteres Reskript diese Strafen mildern
-musste.[23]
-
-[23] Dr. Ed. Vehse, Geschichte des Hofes vom Hause Baiern, I. Band S.
-115 ff.
-
-Im allgemeinen jedoch war die Jungfräulichkeit der Braut unerlässliche
-Bedingung des Bräutigams.
-
- »Noch besser wär eines Igels Haut
- Im Bett, als eine leide Braut«,
-
-sagt Freidank.
-
-Von den Ditmarschen ist bekannt, dass niemand von ihnen ein gefallenes
-Mädchen ehelichen durfte, denn »de eine hôre nimt vorsatzichlich,
-vorrêt ôk wol sîn vaterland«, und als Landesverräter wegen seiner Ehe
-zu gelten, wagte kein echter Friese. Zu Bonifazius' Zeiten war das
-Mädchen gezwungen, sich aufzuhängen. Über den Scheiterhaufen der Toten
-knüpfte man den Verführer auf.[24] Das Landrecht des als unkeusch
-verschrieenen Schwabens enthält eine Stelle, die ungefähr
-folgendermassen lautet: Wenn ein Mann sich eine Gattin genommen hatte,
-und beschuldigte sie, sie wäre bei der Hochzeit nicht mehr Jungfrau
-gewesen, so waren die Eltern des Mädchens verpflichtet, den
-Gegenbeweis anzutreten. Dieses geschah dadurch, dass man »jr
-junckfraulichnn zaichnn«, das heisst das Bettuch, auf dem sie die
-erste Nacht gelegen hatte, vor Gericht brachte. Wenn man nun an diesem
-erkannte, dass sie eine reine Magd gewesen, so wurde der Mann für
-seine Verleumdung mit 40 Schlägen und einer Geldbusse bestraft und er
-war gezwungen, das Mädchen als Ehefrau zu behalten; zeigte es sich
-aber, dass das Weib seine Jungfräulichkeit früher verloren hatte, so
-wurde sie aus dem Hause des Vaters verstossen, »darumb daz sy hurhait
-pflegnn hat in irs vaters haus«. In einigen Gegenden, wie im
-Thüringischen, handhabte man die Unzuchtsstrafe noch bis ins 16.
-Jahrhundert derart, dass eine zur Unehre gekommene Dirne sofort in
-Haft genommen, ebenso der Thäter, falls man seiner habhaft werden
-konnte, gefangen gesetzt wurde, bis die Trauung stattfand. Wollte der
-Bräutigam nicht »Ja« sagen, so that es der Gemeindediener für ihn:
-»Montag den 7. September 1579 sind Matthes Bechtold von Neustadt vnd
-Agnes Bäuerin von Coburgk, da sie von wegen geübter Vnzucht und
-Hurerey Kirchenbuss gethan vnd der Obrigkeitt straffe mit gebührlichen
-vnd willig gehorsam vff sich genommen, in der Büttelstube copulirt vnd
-ehelichen zusammen gegeben worden, auf das in ihr Kindlein, mit
-welches geburt die Mutter alda vberfallen, also cohenestirt, vnd von
-allen vnehren erledigt würde.«[25]
-
-[24] Weinhold a. a. O. II. S. 19.
-
-[25] Dr. Alfr. Hagelstange, Süddeutsches Bauernleben im Mittelalter,
-S. 69 ff.
-
-Die Kirchenbussen waren, wie ich bereits bemerkte, ungleich
-empfindlicher als die Strafen der Sittenpolizei. Personen mit
-derartigen Delikten mussten vor Beginn der Messe mit einem weissen
-Stabe in der Hand oder Strohkränzen auf dem Kopfe, das Mädchen in
-Konstanz ausserdem mit einem Strohzopf vor der Kirchthüre stehen; in
-Rottenburg der Verführer in einem Strohmantel an drei Sonntagen in der
-Kirche sein. In den Dörfern oberhalb Rottenburgs musste er seine
-Liebste in einem Karren herumfahren, wobei die Jugend und die lieben
-Nächsten das Paar mit Schmutz bewarfen, ehe es von der Kanzel herab
-öffentlich seine Busse auferlegt erhielt.[26] In gewissen Fällen
-wurden die Dirnen ausgepeitscht und des Landes verwiesen.
-
-[26] Hagelstange a. a. O. und Weinhold, Die deutschen Frauen i. d. M.,
-III. Aufl., 2. Band S. 22 ff.
-
-Ein Hauptbestandteil des Lobes, das Tacitus dem germanischen Eheleben
-spendet, besteht in der Hervorhebung der bei ihnen herrschenden
-Einweiberei: »Denn sie sind fast die einzigen Barbaren, die sich mit
-Einem Weibe begnügen; eine Ausnahme machen sehr wenige unter ihnen,
-und diese nicht aus Sinnenlust, sondern weil sie ihres hohen Standes
-wegen mehrfach umworben werden.«[27] Also Ausnahmen kamen vor, wie z.
-B. Ariovists Bigamie aus politischen Gründen, ferner bei den
-Merovingern und vornehmen Franken, so bei Pipin II., der zwei
-rechtmässig angetraute Frauen, Plectrud und Alpais, besass, ohne dass
-die Kirche dagegen Einspruch zu erheben wagte. Ja, die Kirche wusste
-stets den Launen der Mächtigen willfährig zu sein, denn auch sie war
-sich des Spruches »Mit grossen Herren ist nicht gut Kirschen essen«
-bewusst, und -- eine Hand wusch eben die andere. So bleibt, aller
-Beschönigungen zum Trotze, jene so viel angefochtene und anfechtbare
-Billigung Luthers und Melanchthons zu der am 4. März 1540
-geschlossenen Doppelehe Philipps des Grossmütigen von Hessen mit der
-schönen Sächsin Margarete von Sal, dem Hoffräulein seiner Gemahlin,
-als hässlicher Fleck auf dem Charakterbilde dieser beiden grossen
-Männer haften.
-
-[27] Tacitus, Germania, 18.
-
-Die Angelegenheit erregte um so grösseres und unliebsameres Aufsehen,
-als das kurz vorher in Kraft getretene Strafgesetzbuch Kaiser Karls V.
-die Bigamie, »welche übelthat dann auch eyn ehebruch und grösser dann
-das selbig laster ist« mit dem Tode bestraft wissen wollte. Gegen
-weniger hochgeborene Übelthäter dieser Art kannte das Gesetz keine
-Nachsicht, und Meister Franz, der Nürnberger Scharfrichter, kann in
-seinen Aufzeichnungen[28] von vollzogenen Hinrichtungen an Bigamisten,
-selbst Trigamisten erzählen. Nur ein einziges Mal war in der deutschen
-Geschichte die Doppelehe nicht nur gesetzlich gestattet, sondern sogar
-behördlich angeordnet. Nach dem grossen Kriege war es, der
-Deutschlands Bevölkerung von sechzehn bis siebzehn Millionen auf etwa
-vier Millionen verringert hatte. Diesem Menschenmangel suchte man
-durch zum Teil befremdliche Auskunftsmittel zu steuern. Ein solches
-war unter anderen der am 14. Februar 1650 von dem fränkischen Kreistag
-in Nürnberg gefasste folgende Beschluss: »Demnach auch die
-unumgängliche dess heyl. Römischen Reichs Notthürft erfordert, die in
-diesem 30 Jerig blutigen Krieg ganz abgenommene, durch das Schwerdt,
-Krankheit und Hunger verzehrte Mannschaft wiederumb zu ersetzen und in
-das khünfftig eben dersselben Feinden, besonders aber dem Erbfeind des
-christlichen Namen, dem Türckhen, desto stattlicher gewachsen zu sein,
-auf alle Mitl, Weeg und Weiss zu gedenkhen, als seinds auff
-Deliberation und Berathschlagung folgende 3 Mittel vor die bequembste
-und beyträglichste erachtet und allerseits beliebt worden. 1.) Sollen
-hinfüro innerhalb den nechsten 10 Jahren von Junger mannschaft oder
-Mannsspersonen, so noch unter 60 Jahren sein, in die Klöster
-ufzunemmen verbotten, vor das 2te denen Jenigen Priestern, Pfarrherrn,
-so nicht ordersleuth, oder auff den Stifftern Canonicaten sich Ehelich
-zu verheyrathen; 3.) #Jedem Mannsspersonen 2 Weiber zu heyrathen
-erlaubt sein#: dabey doch alle und Jede Mannssperson ernstlich
-erinnert, auch auff den Kanzeln öffters ermanth werden sollen, Sich
-dergestalten hierinnen zu verhalten und vorzusehen, dass er sich
-völlig und gebürender Discretion und versorg befleisse, damit Er als
-ein Ehrlicher Mann, der ihm 2 Weyber zu nemmen getraut, beede
-Ehefrauen nicht allein nothwendig versorge, sondern auch under Ihnen
-allen Unwillen verhüette.[29]«
-
-[28] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte.
-
-[29] Joh. Scherr, Deutsche Kultur- und Sittengeschichte, 10. Aufl.,
-322 ff.
-
-Die Ehescheidung kam im Mittelalter verhältnismässig selten vor. Zu
-den Scheidungsgründen in der Übergangsperiode vom Altertum zum
-Mittelalter zählten einerseits Ehebruch, Mordversuch, Zauberei und
-Gräberschändung, andererseits zu hohes Alter des einen der Gatten,
-Unvermögen und Verweigerung der ehelichen Pflicht und böswilliges
-Verlassen.[30] Die offen und vor Zeugen geschlossene Ehe konnte nur
-wieder vor Zeugen aus beiden Familien rechtlich gelöst werden.[31] Als
-sich ein geordnetes Gerichtsverfahren gebildet hatte, wurde in aller
-Form der Ehescheidungsprozess geführt und das richterliche Erkenntnis
-öffentlich bekannt gemacht. Die Kirche strebte von Anbeginn bis zu
-ihrer vollen Machtentfaltung danach, die Scheidung möglichst zu
-erschweren. Die Nichtigkeitserklärung der Ehen konnte nur in Rom
-erfolgen, war daher für einen minder Bemittelten schwer, ja geradezu
-unmöglich. Desto mehr Gebrauch machten davon die Fürsten. Waren sie
-ihrer Frauen überdrüssig, oder boten sich durch eine andere Heirat
-neue Vorteile, so wurden, wenn kein anderer plausibler Scheidungsgrund
-aufzutreiben war, Zeugen beschafft, von denen das Vorhandensein eines
-verbotenen Verwandtschaftsgrades zwischen den Ehegatten beschworen
-wurde; Geld und Ansehen thaten das übrige, so dass die Lösung der Ehe
-durch päpstliche Gewalt keine Schwierigkeiten machte.
-
-[30] Weinhold a. a. O., III. Aufl., 2. Bd. 38 ff.
-
-[31] Grimm, Rechtsalterthümer, 454.
-
-Später wurde durch den Wegfall der meisten der vorangeführten
-Scheidungsgründe die Lösung der Ehe noch weiter erschwert. Selbst
-Ehebruch der Frau wurde 829 schon als kein Grund zur Auflösung der Ehe
-betrachtet, ebensowenig wie das geschlechtliche Unvermögen. Hatte der
-Bauer seine Frau dem Nachbarn anzubieten (s. oben Seite 65), so sah
-man in der Frühzeit nichts Übles darin, wenn der Gatte sich einen,
-wenn angängig möglichst vornehmen, dabei natürlich möglichst kräftigen
-Stellvertreter suchte. Ein thüringer Ritter, der wegen Unvermögen
-keinen Erben von seiner Frau erhalten konnte, bat den Landgrafen
-Ludwig, den Gemahl der heiligen Elisabeth, ihn zu vertreten. Mit der
-Verleitung der eigenen Frau zum Ehebruch hatte ein derartiges Ansuchen
-um so weniger zu thun, als in einem solchen Falle jedes materielle
-Interesse in Wegfall kam und der Mann nur den derzeitigen Hauptzweck
-der Ehe, die Erhaltung und Fortpflanzung der Familie, im Auge hatte.
-
-In einer Zeit, in der die kirchliche Lehre von der Verdienstlichkeit
-ehelicher Enthaltsamkeit Eingang fand, als der höchsten Frivolität
-eines Teiles der Gesellschaft die überspannteste Frömmigkeit
-gegenüberstand, blieben oder wurden manche Ehen bloss Scheinehen. Die
-Geistlichkeit pries dies sehr unlogisch, da sie doch die Ehe als
-Sakrament erklärt hatte, als ein heiliges Werk, dem der höchste Lohn
-im Jenseits gewiss war. Einige Fürstinnen und Fürsten erwarben sich
-durch dieses freiwillige und unter erschwerenden Umständen aufrecht
-erhaltene Cölibat den Heiligenschein. Sehr vernünftig erklärte sich
-aber die Synode von Schwerin anno 1492 gegen diesen asketischen
-Blödsinn. Ich habe bereits früher, beim Rittertum (Seite 49) einige
-dieser »Martyrerinnen« und Heiligen namhaft gemacht, die neben anderem
-Unsinn auch den Sport trieben, jungfräuliche Ehefrauen zu sein, die
-selbst den Verführungen der Flitterwochen nicht unterlegen waren, die
-die Vorzeit viel bezeichnender als wir: Kusswoche, Kirchenwoche,
-Zärtel-, Butter- und Honigwoche nannte.
-
-Wie alles, was vom Menschen kommt und mit dem Schicksal zusammenhängt,
-hat auch die Ehe ihre Licht- und Schattenseiten, daher begeisterte
-Anhänger und erbitterte Widersacher. Einer der eifrigsten Fürsprecher
-der Ehe war D. Martinus Luther. »Die Ehe ist eine schöne herrliche
-Gabe und Ordnung«, dann weiter, dass der Ehestand »Gottes Ordnung und
-der allerbeste und heiligste Stand sei; darum sollte man ihn auch mit
-den herrlichsten Ceremonien anfahen um des Stifters willen, nehmlich
-Gottes, der da will, dass ein Männlein und ein Fräulein beisammen sein
-sollen« u. s. w.[32]
-
-[32] Tischreden: »vom Ehestande«.
-
-Freidank, ohnehin ein begeisterter Lobredner der Frauen, bei dem sich
-das schönere Geschlecht für das sinnige Kompliment zu bedanken hat:
-
- »Vom #Freun# die #Fraun# sind zubenannt
- Ihre Freud' erfreuet alles Land;
- Wie wohl das Freuen der erkannte,
- Der sie zum Ersten Frauen nannte!«[33]
-
-singt auch das Hohelied der Ehe in allen Tonarten:
-
- »Wenn man alles sagen soll,
- So ist auf Erden keinem wohl,
- Als wer errang ein Weiblein traut
- Und fest auf ihre Treue baut.«
-
-[33]
-
- »Durch vröude vrouwen sind genant,
- Ir vröude ervröuwet ellin lant.
- Wie wol er vröude kante
- Der sie êrste vrouwen nante!«
-
-Obige Übersetzung von Karl Pannier, nach dem ich auch ferner citiere.
-
-Dann:
-
- »Wer treues Weib errungen hat,
- Dem wird für seine Sorgen Rat.«
-
-Oder Reinmar von Zweter, der über die Ehe sagt:
-
- »#Ein# Herz, #ein# Leib, #ein# Mund, #ein# Mut
- Und #eine# Treue wohlbehut,
- Wo Furcht entfleucht und Scham entweicht
- Und zwei sind eins geworden ganz,
- Wo Lieb' mit Lieb' ist im Verein:
- Da denk ich nicht, dass Silber, Gold und Edelstein
- Die Freuden übergoldet, die da bietet lichter Augen Glanz.
- Da, wo zwei Herzen, die die Minne bindet
- Man unter einer Decke findet
- Und wo sich eins an's and're schliesset,
- Da mag wohl sein des Glückes Dach.«
-
-Ob Meister Freidank und Reinmar aus Erfahrung sprechen oder nur galant
-sein wollen, ist bei den dürftigen Nachrichten über der Dichter Leben
-nicht zu ermitteln. Anders steht es aber mit einem Priester, den wir
-bisher als recht widerhaarig kennen gelernt haben. Wenn dieser,
-nämlich Bruder Berthold von Regensburg, sich zu einer Empfehlung der
-Ehe aufschwingt, noch dazu in Argumenten, die auch heute noch nichts
-von ihrer Beweiskraft eingebüsst haben, dann sollte es doch zu denken
-geben. Also Hagestolz, horche auf, und beherzige, was Frater Berthold
-in seiner Predigt über die zehn Gebote sagt: »Darum du junge Welt, geh
-schleunig in starker Busse in dich, und zur Ehe, oder mit der
-Ehelosigkeit auf den Grund der Hölle. ›Bruder Berthold, ich bin noch
-ein junger Knabe, und die mich gerne nähme, die will ich nicht, und
-die ich gerne nähme, die will mich nicht.‹ Nun so nimm aus aller Welt
-eine zur Ehe, mit der du recht und gesetzlich lebest. Willst du die
-eine nicht, so nimm die andere; willst du die Kurze nicht, so nimm die
-Lange; willst du die Lange nicht, so nimm die Kurze; willst du die
-Weisse nicht, so nimm die Schwarze; willst du die Schlanke nicht, so
-nimm die Dicke. Nimm dir nur eine Ehefrau aus aller Welt. ›Bruder
-Berthold ich bin doch arm und habe nichts.‹ Es ist weit besser, dass
-du arm ins Himmelreich fahrest, als arm zur Hölle. Du wirst noch
-schwerer reich in der Ehelosigkeit als in der Ehe. ›Bruder Berthold
-ich habe mein Brot noch nicht!‹ Ich höre wohl, du willst die Ehe
-nicht. Da du nun die Unehe haben willst, so nimm dir wenigstens nur
-eine Einzige zur Unehe. Nimm diese an die eine Hand und den Teufel an
-die andere, und nun geht alle drei mit einander zur Hölle, wo euch
-nimmer geholfen wird.«[34]
-
-[34] Weinhold a. a. O. I. 296 ff.
-
-Dieselbe Meinung hegt Fischart in seinem Philosophischen Ehzuchtbüchlein:
-
- »Wer da flieht den Rauch der Ehe,
- Fällt in eine Flamm' und ärger Wehe.
- Mancher den Regen flieht im Haus
- Und fällt darnach in den Bach da draus.«
-
-Das geistvolle Schriftchen enthält noch manche, selbst heute recht
-beherzigenswerte Ehestandsregel.[35]
-
-[35] Erneut und bearbeitet von G. Holtey Weber, Halle a. S., Hendel.
-
-Nun _audiatur et altera pars_. Damit liessen sich Folianten füllen,
-doch mag hier nur der Bissigsten einer, Geiler von Kaisersberg, zu
-Wort kommen, da sich neben vielen Verbohrtheiten auch manch Körnlein
-Wahrheit in seiner Predigt birgt. Eine reiche Frau reibt ihrem Gatten
-täglich ihre Mitgift unter die Nase, sagt er; eine fruchtbare bringt
-mit ihren vielen Kindern selbst dann Sorgen ins Haus, wenn Reichtum
-vorhanden ist; fehlt dieser aber, so giebts Kummer und Not. Ist sie
-unfruchtbar, klagen sie um Kinder; ist sie schön, muss der Mann
-sorgen, dass auch andere ausser ihm sie begehrenswert finden. »Jedoch
-du nemmest für eine, was du wöllest, so bekommest du ein meister uber
-dich, die dir allzeit wider beffzet gleich als ein böser hundt. Diss
-ist der weiber natur und brauch, da sie alzeit den männern widerreden
-und antwort geben. Dann sie volgen irem natürlichen ursprung nach,
-nemlich, dieweil sie auss einem krummen ripp gemachet sein, so reden
-und bellen sie allzeit herwider und wissen auff alle ding ein antwort
-zu geben.«[36] Übrigens ist Geiler konsequent genug, auch die Weiber
-vom Heiraten abhalten zu wollen, indem er sie an das Sprichwort
-erinnert:
-
-[36] Schultz, D. Leben, S. 260.
-
- »Es ward nie kein mann,
- Er hett ein wolffszaan!«
-
-Genützt haben aber die Redereien blutwenig. Die Leute heirateten doch,
-der Augsburger Kaufherr Burkard Zink viermal; in Köln am Sonntag nach
-Michaelis im Jahre des Herrn 1498 eine Frau sogar zum siebenten Male,
-nachdem sie bereits sechsmal Witwe gewesen war.
-
-
-
-
-Die feile Liebe.
-
-
-Wenn der ganze Verlauf der Geschichte der geistigen Entwickelung der
-Menschheit mit dem Leben eines Mannes verglichen wird, so ähnelt das
-Mittelalter in seiner Gesamtheit den Flegeljahren des Mannes, der --
-halb Kind, halb Jüngling -- zwischen den diesen Entwickelungsjahren
-eigentümlichen Extremen schwankt. Der Geist hält mit dem Wachstum des
-Körpers nicht Schritt; langsam dämmert in ihm erst die Erkenntnis des
-Jünglings auf, während sich die Glieder recken und dehnen, das Blut
-schneller die Adern durchkreist, neue Gedanken erstehen, eckig und
-unreif wie der Körper. Das lieblich kindliche Gehaben macht einem
-selbstbewussten Auftreten, die zarte Kinderstimme dem rauheren Organe
-Platz. Das Schamgefühl, dem innersten Wesen des Kindes fremd, beginnt
-langsam zu erstehen, ohne sich jedoch noch voll entfaltet zu haben.
-Ganz so war es mit den Deutschen zwischen dem 12. und dem 16.
-Jahrhundert. Die auf sie aus zahllosen Kanälen einströmende Erkenntnis
-hatte ihnen viel von der Naivität früherer Zeit geraubt, ihre
-Ursprünglichkeit, die sich erst unter dem Einfluss ausländischer
-Sitten und der Schulbildung in viel späterer Zeit verlieren sollte,
-war für jetzt noch aufdringlicher und abstossender geworden als sie
-vordem war, da sie nun nicht mehr unbewusst sich bethätigte.
-
-Das Geschlechtsleben entwickelte sich, je weiter das Mittelalter
-seinem Höhepunkte zukam, immer unverhüllter, bis es von der Naivität
-zur Gemeinheit gesunken war. Dem Grundsatze _naturalia non sunt
-turpia_ huldigte das Mittelalter in einer der Neuzeit unbegreiflichen
-Weise. Die intimsten Verrichtungen scheuten die breiteste
-Öffentlichkeit nicht[1], in Wort und Bild durften die widerhaarigsten
-Zoten ungescheut verkündet werden. Die Vorurteilslosigkeit in
-geschlechtlichen Dingen sah in dem Vorhandensein öffentlicher Dirnen
-und ihrer Benutzung etwas ganz Selbstverständliches. Die Sentenz von
-den Dirnen, die da seien, die Tugend der Bürgermädchen vor
-Versuchungen zu bewahren, war im Mittelalter allgemein, stammt daher
-keineswegs von Heine. Man duldete die Wollustpriesterinnen schon in
-frühester Zeit innerhalb der Stadtmauern oder in deren unmittelbaren
-Nähe ausserhalb des Weichbildes, wenn auch von Anbeginn an unter
-erschwerenden Umständen. Meist boten gewerbsmässige Kupplerinnen den
-öffentlichen Mädchen Unterschlupf. Sie sorgten einerseits für die
-Heranziehung von Liebhabern, andererseits für immer wechselndes
-Mädchenmaterial. Die engen Strassen der meist räumlich sehr
-beschränkten Städte und Flecken eigneten sich noch nicht zum Abfangen
-der Liebhaber ausserhalb der Häuser. In grossen Städten war dies
-allerdings anders. König Wenzel von Böhmen (1361-1419), ein gar
-galanter Herr, zog im nächtlichen Prag »als ein garczawn«
-(Junggeselle) auf der Streife nach »dy junckfrauen, die leider sind
-gemein« umher[2], die er demnach hoffen durfte auf den Strassen
-anzutreffen. Doch die Hauptrolle beim Liebesgeschäft spielten die
-Kupplerinnen, die sich aber nicht nur darauf beschränkten, ihre eigene
-Ware an den Mann zu bringen, sondern auch zu sonstigen Liebeshändeln
-gerne ihre Dienste boten. Eine kleine Novelle #Konrads von Würzburg#,
-eines der bedeutendsten und fruchtbarsten Dichter des 13.
-Jahrhunderts, beleuchtet sehr anschaulich das Wirken einer solchen
-Kupplerin aus Konrads Heimat, einer »vuegerinne«, die liebebedürftigen
-Pärchen ihr Haus zur Verfügung stellte. Eines Tages, als bei ihr
-Schmalhans Küchenmeister war, ging sie zur Kirche, um dort vielleicht
-Kunden einzufangen. Das Glück schien ihr hold, denn der Dompropst
-Heinrich von Rothenstein, einer der Chorherren am Münster, kreuzte
-ihren Weg. Die Fügerin wisperte ihm zu: »Eine schöne Frau entbietet
-Euch Freundschaft, Huld und Gruss, da ihr Herz und Sinn, Euch,
-würdiger Herr, in Treue zugewandt ist.« Dem Pfaffen schlug das Herz
-höher und schmunzelnd gab er der »lieben Mutter« eine Handvoll Münzen,
-indem er ihr ans Herz legte, nur alles in die Wege zu leiten. Frau
-Fügerin hielt nun freudig Ausschau nach der schönen Frau, die den
-feisten Chorherrn in ihr Herz geschlossen haben könnte, als ein »schön
-minniglich Weib« in das Gotteshaus trat. Die Kupplerin machte sich
-heran und vertraute ihr an, dass ein gar schöner »tugendlichster« Herr
-von ihrem Anblick todwund sei und nur sie allein im stande wäre, die
-Minnewunde zu heilen, die ihr Augenpaar geschlagen. Lachend willigte
-die Angesprochene ein, nach der Messe weiteres hören zu wollen. Die
-Kupplerin erstand nun einen seidenen Gürtel, um ihn der aus der Kirche
-Kommenden als Geschenk des Liebhabers anzubieten. Diesem Angebinde und
-der Überredungskunst der Fügerin vermochte die Tugend der Dame nicht
-standzuhalten. Sie versprach, sich nachmittags im Häuschen der Alten
-einzufinden. Pünktlich erschien sie im »behaglichen Kleide«. Die
-Kupplerin flog glückstrahlend zum geistlichen Herrn, ihn zum
-Stelldichein zu führen, doch leider hinderten ihn dringende,
-unaufschiebbare Geschäfte, dem lockenden Rufe zu folgen. Die arme
-Kupplerin sah sich um ihren sicheren Verdienst gebracht und trollte
-betrübt ihrem Hause zu, als sie einem stattlichen, reichgekleideten
-Herrn begegnete, der auch gerne bereit war, für den Chorherrn
-einzuspringen. Inzwischen harrte die Dame bei der Kupplerin neugierig
-der Dinge, die da kommen sollen. Sie erschrak aber bis auf den Tod,
-als sie in dem die Kupplerin begleitenden Herrn -- ihren eigenen Mann
-erkannte. Nun galt es frech sein und den dräuenden Spiess umkehren.
-Mit einer Flut von Schmähreden, Schimpfwörtern, Püffen und Schlägen
-überfiel sie den ahnungslosen Gemahl, der schliesslich noch glücklich
-war, die Verzeihung seiner betrogenen Gattin durch eine Unzahl von
-Versprechungen zu erlangen.[3]
-
-[1] G. v. Below, Das ältere deutsche Städtewesen und Bürgertum, S. 32,
-33.
-
-[2] J. Wessely, Deutschlands Lehrjahre, I. 217.
-
-[3] Hagen, Gesammtabenteuer, I. 193 ff.; Scherr, Frauenwelt, I. 247
-ff.
-
-Neben der Kupplerin nimmt eine Dame die Hauptstelle in dieser den
-Stempel der Natürlichkeit tragenden Novelle ein. Die Stadtbewohnerinnen
-waren auch kaum zurückhaltender als die Edeldamen und Dorfschönen,
-weshalb das lichtscheue Treiben der Gelegenheitsmacherinnen
-unheilvollen Einfluss auf die Moral ausüben musste. Mittels
-drakonischer Strafen suchte sich die mittelalterliche Rechtspflege
-denn auch der Fügerinnen zu entledigen. Aber die Verurteilungen
-von Kupplerinnen verheirateter Frauen zu Pranger, Steintragen,
-Stadtverweisungen[4], selbst zum Lebendbegraben -- »drivende meghede,
-de andere vrowen verschündet«[5] -- und Verbrennen, wie im alten
-Berlin[6], halfen dem Übel um so weniger ab, als die Fügerinnen bei
-dem überhandnehmenden Luxus ständigen Zulaufes der verschwenderischen
-Weiber sicher sein durften. Viele dieser Kupplerinnen waren, einst
-wie jetzt, in ihrer Jugend durch ihre nunmehrigen Kolleginnen auf
-die abschüssige Bahn gestossen worden und vergalten nun Gleiches
-mit Gleichem. Der Berner Dichter Nicolaus Manuel lässt in seinem
-Fastnachtsspiel »Vom Papst und seiner Priesterschaft« eine solch
-ausrangierte Dirne sprechen:
-
-[4] H. Deichsler, Städtechroniken, XI. 657.
-
-[5] Grimm, Rechtsalterthümer, 694.
-
-[6] Schwebel, S. 242 ff.
-
- »Ich freu' mich, dass ich kuppeln kann,
- Sonst wär' ich wahrlich übel dran;
- Ich hab mirs meisterlich gelehrt
- Und lange mich damit ernährt,
- Seitdem dass meine Brüste hangen
- Wie 'n leerer Sack auf einer Stangen.«
-
-Gar manche putz- und gefallsüchtige Stadtdame war ihre eigene
-Kupplerin[7], andere wieder behalfen sich damit, dass sie ihr Gewerbe
-mit Hilfe ihres Ehemannes ausübten. Gegen solche Schandkerle, die eine
-grosse Nachkommenschaft zu verzeichnen haben, wettert Geiler von
-Kaiserberg: »Wenn sie kein gelt mehr haben, sagen sie den weibern:
-›gehe und lug, das wir gelt haben; gehe zu diesem oder jenem Pfaffen,
-studenten oder edelmann unnd heiss dir ein gülden leihen und denck,
-komb mir nicht zu hauss, wo du kein gelt bringest, lug wo du gelt
-auftreibest oder verdienest, wenn du schon es mit der handt
-verdienest, da du auff sitzest.‹ Alsdann gehet sie ein ehrliche unnd
-fromme fraw auss dem hauss und kompt ein hur wider heim.«[8] Murner
-charakterisiert einen dieser Kuppler, der dem »ganzen Ort sein Weib
-gönnt« dadurch, dass er ihn, wenn ein guter Gesell zur Frau kommt, um
-Wein laufen lässt, von wo er erst nach »dritthalb Stund« zurückkommt.
-Tritt er ins Haus, so singt er laut, um sein Kommen bemerkbar zu
-machen u. s. w.[9]
-
-[7]
-
- Die Else sprach (zu ihrem Manne) darauf voll Wut:
- »Dass dich das Fieber rütteln thut!
- Wenn du mir nicht willst Zierden kaufen,
- So kann ich zu den Mönchen laufen
- Und zu dem Adel, zu den Pfaffen,
- Die werden mir wohl Kleider schaffen,
- Damit ich geh' wie ein ander Weib.
- Ich zahl' es ihnen mit Ehr' und Leib!«
-
- Murner, Narrenbeschwörung, 86. 48.
-
-[8] Kloster, I. 406.
-
-[9] Murner, Narrenbeschw., 60.
-
-Johannes Sarisberiensis erzählt im »Polycraticus«, lib. III cap. 13:
-»Wenn die junge Frau aus ihrem Brautgemach schreitet, sollte man den
-Gatten weniger für den Gemahl, als für den Kuppler halten. Er führt
-sie vor, setzt sie den Lüstlingen aus, und wenn die Hoffnung auf
-klingende Münze winkt, so giebt er ihre Liebe mit schlauer Heuchelei
-preis. Wenn die hübsche Tochter oder sonst etwas in der Familie einem
-Reichen gefällt, so ist sie eine öffentliche Waare, die ausgeboten
-wird, sobald sich ein Käufer findet.«
-
-Der geschmeidige Italiener Aeneas Silvius Piccolomini, nachmals
-Papst Pius II., ein scharfer Beobachter, der gut zu schildern weiss
-und pikant zu erzählen liebt, beschreibt das mittelalterliche Wien,
-dem er in den sechziger Jahren des 15. Jahrhunderts einen Besuch
-abstattete, als wahres Paradies, die Bewohner aber als Ausbunde von
-Lasterhaftigkeit. Nach ihm sind alle Wienerinnen Ehebrecherinnen, alle
-Wiener Hahnreie oder Zuhälter. Ganz so schlimm, wie es der fromme Herr
-macht, der weder als Schriftsteller noch als Mensch ein Tugendbold war,
-der an übergrosser Wahrheitsliebe litt, wird es gerade nicht gewesen
-sein, wenn es auch ebensowenig in Wien wie in anderen grossen und
-reichen Städten klösterlich zuging. Die Verführung in den Grossstädten
-war nicht gering und die Frauentugend nicht immer klar wie ein Spiegel.
-Der Ehebruch war vormals nicht seltener als heutzutage, wenn auch die
-alten Gesetzbücher nicht so leicht darüber hinglitten wie die modernen
-Strafgesetzsammlungen. Die alten Volksrechte bestimmten bereits, dass
-Ehebrecherinnen, auch wenn sie ihr Verbrechen mit Wissen des Gatten
-begangen, hinzurichten seien. Der Gatte und der Liebhaber hatten nur
-Ehrenstrafen zu gewärtigen. Die »Hals- oder Peinliche Gerichtsordnung
-Kaiser Karls V.« von 1553 hingegen erkennt:
-
-cxxij. »Item so jemandt sein _eheweib_ oder kinder, vmb eynicherley
-geniess willen, wie der namen hett, williglich zu vnehrlichen,
-vnkeuschen vnd schendtlichen wercken gebrauchen lest, der ist ehrloss,
-vnd soll nach vermöge gemeyner rechten gestrafft werden,« d. h. den
-Tod durch den Henker erleiden.
-
-In der Curt Müllerschen Ausgabe der Halsgerichtsordnung findet sich
-folgender Fall angegeben:
-
-»Und C. K. hat gestanden, dass er wohl gewust und zufrieden gewesen,
-dass sein Eheweib mit gedachtem Pfarrherrn Ehebruch begehen möchte;
-dann er seiner wohl zu geniessen verhoffet, und sich mit ihm derowegen
-um 100 Thaler vertragen, auch 53 Thaler darauf empfangen etc. Da nun
-gedachter C. K. auf seinem gethanen Bekentniss vor Gerichte freywillig
-verharren, oder des sonsten, wie recht, überwiesen würde: So möchte
-er, solcher Verkuppelung halben, mit dem Schwerdte vom Leben zum Tode
-gestrafft werden, V. R. W. Ad consult. Quaestoris M. Jul. 1587.«
-
-In Zürich ersäufte man 1449 einen Zuhälter seiner Frau in der Limmat.
-
-Waren die Frauen zu Lottereien geneigt, so gaben ihnen die Männer
-darin nichts nach, wenn man Geiler glauben darf, der da predigt: »Es
-gibt auch männer, die ein offentliche huren oder schottel neben der
-Frawen im hauss haben und halten.« Dem 15. Jahrhundert entstammt das
-Gesetz, einen Ehemann, der mit seiner Geliebten unter einem Dache
-wohnt, auf fünf Jahre aus der Stadt zu verbannen. Die gleiche Strafe
-trifft eine Frau, die ihren Mann verlässt, um mit dem Liebsten zu
-leben. Wer verheiratet ist und dies verschweigt, um durch
-Eheversprechen Erhörung zu finden, gleichviel ob Mann oder Weib, wird
-auf zehn Jahre der Stadt verwiesen.[10] Als 1459 in Nürnberg die Frau
-des reichen Kaufmannes Linhart Podmer des Ehebruches mit einem
-Schreiber überführt wurde, degradierte sie der Rat zur öffentlichen
-Dirne, indem er ihr verbot, gewisse Kleidungsstücke anzulegen.
-
-[10] J. Brucker, Strassburger Zunft- und Polizeiverordnungen, S. 456.
-
-Die Verkuppelung der eigenen Kinder bestrafte die »Karolina«, wie aus
-der citierten Stelle ersichtlich, gleichfalls mit dem Enthaupten; das
-alte Berliner Stadtbuch mit dem Scheiterhaufen. Dieses letztere
-Gesetzbuch zeichnete eine sittengeschichtlich äusserst interessante
-Kuppelei-Affäre auf.
-
-»Jesmann und sein Weib wurden verbrannt wegen Verrates, den sie
-begingen an ihrem eigenen Blute, nämlich an ihrer Tochter, einem
-jungen Kinde, das sie unehrenhafter Weise übergaben dem Komtur von
-Tempelhof, der ein begebener (geistlicher) Kreuzherr war des Ordens
-St. Johannis -- (also ein Johanniter-Ordens-Ritter) -- Die unehrliche
-Frau, die Peter Rykime, vermittelte es nämlich, dass der Komtur die
-Maid wohl kleiden wollte mit schönem Gewande, und Gutes wollte er ihr
-geben genug; auch wollte er Jesmann und sein Weib sehr reich machen,
-und das schwur er ihnen auf sein Wort zu. Da brachten die Dreie dem
-Komtur das Kind entgegen bis an den Berg von Tempelhof, und dort
-empfing er es von ihnen, und trat in Unehre mit ihm ein. Drum wurden
-jene Drei verbrannt.« Der Herr Komtur ging natürlich straflos aus --
-er war ja von Adel und noch dazu ein geistlicher Ritter, dem so leicht
-nichts anzuhaben war, selbst wenn man gewollt hätte, was aber den
-ehrsamen Herren vom hohen Rate nicht im Traume einfiel. Sie hielten
-sich lieber dafür an den bürgerlichen Übelthätern schadlos, und
-justifizierten diese nach Herzenslust, so z. B. des »Matthias Weib«,
-das man 1399 verbrannte, weil sie eines Klaus Jordans Ehefrau an den
-Jacob von dem Rhine (Rheine) verkuppelt hatte.[11]
-
-[11] Schwebel, Gesch. v. Berlin, S 242 ff.; siehe auch Murner,
-Narrenbeschwörung XLI.
-
-In Strassburg strafte man die Dienerschaft, die Kinder der
-Brotherrschaft, deren Freunde oder deren Mündel, verkuppelt hatten,
-gleichviel ob diese grossjährig waren oder nicht, den Knecht mit
-Ertränken, die Magd mit dem Ausstechen der Augen und Stadtverweisung.
-Wer als Knecht mit der Frau des Herrn eine Liebschaft hat, der Knecht
-oder die Magd, die ihre Herrin verkuppeln, verlieren zwei Finger der
-rechten Hand und werden verwiesen. Trifft der Herr den Knecht auf
-frischer That, so kann er ungestraft nach Gutdünken handeln.[12]
-
-[12] Brucker a. a. O. S. 456.
-
-Ungeachtet der tief eingewurzelten Immoralität erstarb die Achtung vor
-der jungfräulichen Reinheit niemals gänzlich, und die Folge war, dass
-Mädchen, deren Schande offenbar wurde, sich von der Missachtung,
-daneben noch von schweren bürgerlichen und kirchlichen Strafen bedroht
-sahen.
-
-#Abtreibung der Leibesfrucht# und #Kindesmord# waren daher nichts
-Aussergewöhnliches.
-
-Gegen das erstgenannte Verbrechen predigt Berthold von Regensburg: »Er
-(der tuifel) raetet ir eht, daz sie tanze oder daz sie ringe oder
-hüpfe und ungewar (ungefähr) trete oder valle oder daz sie sich harte
-über ein Kisten neige oder daz sie der wirt slahe.«[13] Gegen
-Kindesmörderinnen ging man mit unerbittlicher Strenge vor. Die
-»Karolina« befiehlt in den §§ 35 und 36 die Folter und den Tod. In
-Zürich ersäufte man Kindesmörderinnen, an anderen Orten begrub man sie
-in Dornen gebettet lebenden Leibes. Einer anderen Strafart ist bereits
-oben gedacht worden.
-
-[13] B. v. R. bei Schultz, Höf. Leben, 598.
-
-Zur Verhütung der Kindesmorde entstanden #Findelhäuser#, so 1452 in
-Frankfurt a. M. Nürnberg wies deren zwei auf, deren erstes 1331
-errichtet wurde, denen als Gefälle das Gras in den Stadtgräben
-zustand. Auch in Freiburg im Breisgau und in Ulm sind »der funden
-kindlin hus« aus dem 14. und 15. Jahrhundert bekundet. Das Ulmer
-Findelhaus wies im 16. Jahrhundert manchmal an 200 und mehr
-»Fundenkindlin« aus.
-
-Blieb unerlaubte Liebe ohne Folgen, so versuchte man wohl auch das
-verlorene Magdtum durch künstliche Mittel wieder herzustellen. Ein
-fahrender Schüler berühmt sich wenigstens:
-
- »Welche den magtum hat verloren
- Der mach ich ein salben.«[14]
-
-[14] Altdeutsche Wälder, II. S. 55.
-
-Derartige Zustände erschienen mit der Zeit den Stadtobrigkeiten schon
-aus dem Grunde unhaltbar, als sie alle Stände in Mitleidenschaft zogen
-und selbst vor den Familien der stolzen Patricier nicht Halt machten.
-
-Eine Regelung und polizeiliche Überwachung der Unzucht wurde
-schliesslich zur brennenden Frage, die durch Gründung von
-#Freudenhäusern# endgültig geregelt schien. Durch die Bordelle glaubten
-die Stadtväter Latrinen geschaffen zu haben, die den sexuellen Unrat
-auffangen und dadurch den honetten Teil der weiblichen Ortsbevölkerung
-vor Versuchung und Verseuchung bewahren sollten. Denn: »bei der
-Rücksichtslosigkeit, mit welcher die Menschen des Mittelalters
-Jahrhunderte lang der Wollust frönten, waren die Frauenhäuser eine
-Notwendigkeit, und zwar nicht nur zum Schutze ehrbarer Mädchen und
-Frauen, sondern auch damit die Unsittlichkeit einigermassen überwacht
-werden konnte.«[15] Die ersten Bordelle erstanden gegen Ende des 13.
-Jahrhunderts[16]; in Wien ist 1278 ein Freudenhaus urkundlich erwiesen,
-in Augsburg 1273[17], in Hamburg 1292, aber erst das 14. Jahrhundert
-sah sie allenthalben emporschiessen und sichtlich gedeihen.
-
-[15] Kriegk, Deutsches Bürgertum im Mittelalter, S. 292.
-
-[16] Der gewaltigste deutsche Volksredner des frühen Mittelalters,
-Bruder Berthold von Regensburg († 1272), kennt schon Stadtdirnen. »Und
-diu gemeinen fröuwelîn, sie heizent aber niht fröuwelîn, man sie
-habent frouwennamen verlorn, und wir heizen sie die boesen liute auf
-dem graben.«
-
-[17] Hormayrs histor. Taschenbuch v. J. 1836 S. 320.
-
-Die Gegend der Stadt, in der diese Kasernen der Unzucht lagen, nannte
-die mittelalterliche Galanterie Frauengasse, Rosengasse (Berlin),
-Rosenhag (Hildesheim), Rosenthal (Leipzig), oder auch Kätchengasse,
-wie in Braunschweig; die Freude an Zoten erfand allerdings oft recht
-urwüchsige, heute arg verpönte, aber sehr bezeichnende Namen. Das Haus
-selbst nannte man: Bordell, Frauenhaus, Töchterhaus, gemeines,
-offenes, freies Haus, Jungfrauenhof; die Insassinnen: leichte, offene,
-gemeine oder gelustige Fräuleins, freie, unehrbare Töchter, üppige,
-thörichte Dirnen, Hübschlerinnen u. a. m.[18]
-
-[18] Ein ziemlich eingehendes Register aller mittelalterlichen
-Bezeichnungen für Dirnen gibt Weinhold a. a. O. II. Bd. S. 19.
-
-Bei der mittelalterlichen Vorurteilslosigkeit ist es begreiflich, dass
-die das Frauenhaus schützende Behörde ihren Nutzen aus dieser --
-»gemein-nützigen« Anstalt zu ziehen gewillt war. Die Städte
-einerseits, andererseits die geistlichen Stifte oder die Adeligen, auf
-deren Boden diese Häuser standen, liessen sich ganz tüchtig bezahlen.
-Scheuten sich doch Kirchenfürsten, selbst Päpste nicht, sich an
-Frauenhaus-Erträgnissen Einkommen zu sichern -- ja, _non olet_ --,
-ebensowenig wie es als schimpflich galt, mit Bordell-Gefällen vom
-Kaiser belehnt zu werden. Die gefürsteten Grafen von Henneberg und die
-Grafen von Pappenheim hatten derartige Lehen zu eigen, die ihnen
-gewaltige Summen einbrachten.[19] Der Erzbischof von Mainz beschwerte
-sich im Jahre 1442 darüber, dass ihn die Stadt schädige »an den
-gemeinen Frauen und Töchtern« und »an der Buhlerei«[20], jedenfalls
-durch städtische Konkurrenzunternehmungen. Die Herzöge Albrecht IV.
-und V. waren Eigentümer eines Wiener Bordells, das sie einem Edelmann,
-Konrad dem Pappenberger, zu Lehen gaben.
-
-[19] Scheible, Das Kloster, VI. Die Frauenhäuser und die fahrenden
-Frauen.
-
-[20] v. Maurer, Gesch. der Städteverfassung in Deutschland, III. 109.
-
-Manche Städte verwandten die Einkünfte aus den offenen
-Häusern zu gemeinnützigen Zwecken, so Wien für den Wirt des
-Untersuchungsgefängnisses.[21] Die Aufsicht über die Frauenhäuser
-behielt sich an vielen Plätzen der Magistrat selbst vor, an anderen
-wieder bildete sie eine Obliegenheit des verachtetsten Beamten, des
-Scharfrichters oder Stockers, der sich dafür von jeder einzelnen
-Dirne entlohnen lassen durfte. In Nürnberg z. B. war »der Züchtiger«
-gleichzeitig Bordellwirt, in Berlin der Büttel. Das Berliner Frauenhaus
-lag bis 1420, wo es einging, in der Rosengasse bei der Büttelei. Wenige
-Jahre vor seiner Auflösung (1407) führte es noch vierteljährlich ein
-halbes Schock Groschen an den Rat ab.[22]
-
-[21] J. E. Schlager, Wiener Skizzen des Mittelalters, N. F. III. S.
-375.
-
-[22] Schwebel, Gesch. v. Berlin, I. 271 ff.; Streckfuss, 500 Jahre
-Berliner Geschichte, S. 25.
-
-An der Spitze des Bordells stand der Frauenwirt, Kuppler oder Ruffian
-genannt, der der Stadt gegenüber verantwortlich für Ausführung der
-Hausordnung war und als Stadtdiener in Eid genommen wurde. In
-Würzburg hatten die Frauenwirte den Treueid dreimal, nämlich dem Rate,
-dem Fürstbischofe und dem Domkapitel abzulegen. Einer dieser Eide
-lautete: »Der Stadt treu und hold zu sein und Frauen zu werben.« Der
-Ulmer Ruffian beschwor: »vierzehn taugliche und geschickte, saubere
-und gesunde Frauen zu unterhalten.«[23] In Genf wurde die
-Dirnenkönigin, Regina Bordelli, in Eid und Pflicht genommen, die
-Ordnung unter ihren Standesgenossinnen aufrecht zu erhalten.
-
-[23] Wilh. Rudeck, Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in
-Deutschland, S. 28.
-
-Die Bordellordnungen regelten mit echt deutscher Gründlichkeit die
-Obliegenheiten der Frauen, »so an der Unehre sitzen«. Einige, allen
-diesen Vorschriften gemeinsame Hauptpunkte waren, dass kein Stadtkind
-und keine Ehefrau als Dirnen zugelassen werden durften. Juden,
-Ehemännern und Geistlichen war der Zutritt für immer, den anderen
-Gästen an gewissen Feiertagen und den Vorabenden dazu zu untersagen.
-Allen diesen Bestimmungen wurde durch die auf ihre Nichtbefolgung
-gesetzten harten Strafen der nötige Nachdruck gegeben. Recht übel ging
-es einem der armen Prügeljungen des Mittelalters, einem Juden, wenn
-man ihn im Bordell ertappte. »Auch wan ein wallpode einen juden bei
-einer christenfrauwen oder meide funde, unkeischheit mit ir zu triben,
-die mag er beide halten, do sol man dem juden sein ding abssniden und
-ein aug usstechen und sie mit ruden usjagen oder sie mogen umb eine
-summe darumb dingen«[24], stand in einem Mainzer Gesetz des 15.
-Jahrhunderts. Die Ehemänner hatten sich durch Strafgeld zu lösen. Da
-Wirte und Mädchen kein Interesse daran hatten, Ehemänner und Juden,
-die vielleicht ganz gute Kunden waren, aus ihrem Haus zu treiben, so
-werden sie oftmals ein Auge zugedrückt haben. Bei anderen Bestimmungen
-ging dies nicht so leicht, da der Aufpasser zu viele waren und Strafen
-den Wirt trafen. Deshalb wussten sich Ehefrauen, wie die von Lübeck im
-Jahre 1476, dadurch zu entschädigen, dass sie, das Antlitz unter
-dichten Schleiern geborgen, abends in die Weinkeller gingen, um an
-diesen Prostitutionsstätten unerkannt messalinischen Gelüsten zu
-frönen.[25] Am strengsten durchgeführt wurde die Bestimmung, keine
-ortsangehörigen Mädchen ins Frauenhaus aufzunehmen. Daher rekrutierten
-die Ruffiane ihre Dirnen von ausserhalb, besonders von Schwaben, das
-im Mittelalter seiner Mädchen wegen grossen Ruf besass und ein
-Hauptexportland für den Mädchenhandel bildete. Schwabinnen traf man in
-ganz Mittel- und Süddeutschland selbst in Venedig als Dirnen an. Ein
-alter Autor, Felix Fabri, rühmt ihnen nach, dass sie ebenso treu und
-arbeitsam, wie lieblich und »delicat« seien. Joannes Boëmus Aubanus
-Teutonicus, der 1535 in Lyon ein Buch »_Omnium gentium mores etc._«
-veröffentlichte, charakterisiert die Schwaben wie folgt: »Uebrigens da
-immer Gutes mit Bösem vermischt, und nichts vollkommen ist, so sind
-die Schwaben über die Massen zur Liebe geneigt, das weibliche
-Geschlecht gibt dem männlichen leicht zum Bösen nach ....«; ferner:
-»Es ist ein Sprüchwort vorhanden, dass das eine Schwaben das weite
-Deutschland genügend mit leichtfertigen Weibern überschwemme.«[26]
-Auch die sonstigen Pflichten des Frauenwirtes waren allerorten
-eingehend normiert. Es war ihm vorgeschrieben, wieviel er den Mädchen
-für Nahrung, Bett und Wäsche zu berechnen, was er ihnen für Essen und
-Trinken vorzusetzen und was er für jeden Besucher von den Mädchen zu
-fordern hatte. Er durfte die Mädchen weder verkaufen noch verpfänden,
-sie nicht am Ausgehen und am Kirchgang hindern, sie nicht
-zurückhalten, wenn sie wieder anständig werden oder heiraten wollten.
-Ferner war es ihm -- z. B. in Regensburg -- untersagt, die Dirnen zu
-schlagen, sondern er hatte sie, wenn sie Strafe verdienten, der
-Obrigkeit anzuzeigen. In der Bestallungsurkunde des Würzburger
-Frauenwirtes Martin Hummel von Neuenberg bei Basel, gegeben im Jahre
-1444, finden sich die Bestimmungen: »Es sol auch furbass der
-Frawenwirt kein Frawe in seinem Haws wonend dj so swanger oder zu
-zeiten so sj mit Iren weyblichen Rechten (_mensis_) beladen noch auch
-sust zu keiner anderen zejt, so sj ungeschickt were oder sich von den
-Sunden enthalten wollt, zu keinem manne, noch sundlichen werken nicht
-noten, noch dringen in kein wejss.« Dirnen in allzu jugendlichem Alter
-durften nicht im Bordell sein. »Und welches töchterlein funden wurt
-des libes halben zuo dem werk nit geschicket sunder zuo junge ist,
-also das es weder brüste noch anders hette, das dazuo gehört daz sol
-mit der ruoten darumb gestrofet und dazuo der stat verwisen werden, bj
-libs strofe, so lange biss dass es zuo sinem billigem alter kompt.«[27]
-
-[24] Grimm, Weistümer, I. 533.
-
-[25] Becker, Geschichte der Stadt Lübeck, I. 281.
-
-[26] Schultz, D. L., S. 4.
-
-[27] Schultz, D. L., S. 179.
-
-Der Regensburger Ruffian sollte von keiner »werntlichen Frau« etwas
-nehmen »oder sie ins Haus zu locken, dass dieselben unter dem Vorwand
-dieser Töchter ihr Unend desto bas treiben konnten, vielmehr wo solche
-Frauen hier wären, dieselben dem Stadtkämmerer anzuzeigen ....«,
-mit anderen Worten: keinen fremden Weibern und Gelegenheitsdirnen
-Unterschlupf bieten. Besonders anerkennenswert ist es, dass die
-bedauernswerten Geschöpfe, denen nach einem nicht immer selbstgewählten
-Leben voll Schmach meist der Schindanger als letzte Ruhestätte
-angewiesen wurde, von Amts wegen vor allzu grosser Ausbeutung geschützt
-waren. Der Ulmer Stadtrat schreibt seinem Frauenwirt genau die den
-Dirnen zu verabreichenden Speisen und die von ihm zu fordernden Preise
-vor; sogar um noch anderes kümmert sich der wohlweise und ehrenfeste
-Magistrat. »Ain yede fraw, so nachts ain Mann bey ir hat, soll dem
-Wiertt zu Schlaffgeldt geben ainen Kreutzer und nit drüber, und was jr
-über dasselbig von dem Mann, bey dem siy also geschlaffen hatt, wirdt,
-das sol an jhren Nutz kommen.«
-
-Diese allerorts geübte, mitunter recht zöpfisch eingekleidete
-Humanität erweiterte sich mitunter zu einem Wohlwollen, dem eine
-gewisse Komik nicht abzusprechen ist. Auf der einen Seite dem tief
-gehasstesten und verachtetsten Manne der Stadt, dem Henker,
-unterstellt, wurden die Lustdirnen an anderer Stelle mit dem
-Bürgerrecht beschenkt, wenn sie eine geraume Zeit hindurch der Stadt,
-hauptsächlich aber der Stadtjugend »gute Dienste« geleistet hatten. In
-Nürnberg durften die guten Mädchen bis zum Jahre 1496 bei den
-Tänzen auf dem Rathaus und auf dem städtischen Derrer, wo die
-Privatfestlichkeiten der Patricier abgehalten wurden, erscheinen,
-Blumen verteilen oder feilhalten. Die übermütige Patricier-Jugend wird
-wohl manchmal ihr Mütchen an den armen, vogelfreien Mädchen gekühlt
-haben, die sich nicht alle ihrer Haut zu wehren wussten, wie die
-resolute Agnes aus Bayreuth, von der der Nürnberger Chronist Heinrich
-Deichsler erzählt: »Des jars (1491) am mitwochen nach Pauli (26.
-Januar) da het Hans Imhof mit sein sun Ludwig hochzeit, und des nachtz
-am obenttantz (Abendtanz) ra rupfet die wild rott auf dem rathaus und
-zugen der guten dirn, genant Payreuter Agnes, ir sleier auch ab; da
-zug sie ein protmesser auss und stach nach eim.« Sie verwundete einen
-ihrer Peiniger am Halse, entfloh auf den S. Sebaldkirchhof, wurde aber
-gefangen genommen und auf fünf Jahre aus Nürnberg verwiesen.[28]
-Später erhielten nur drei Freudenmädchen die Erlaubnis, zu Hochzeiten
-zu kommen und sich unter den Pfeiferstuhl -- heute Orchester -- zu
-setzen; dies währte bis 1546. Im 15. Jahrhundert erschienen
-in Rotenburg ob der Tauber und in Württemberger Städten die
-Frauenhäuslerinnen bei Hochzeiten, um ihre Glückwünsche darzubringen
-und mit einem Almosen heimgeschickt zu werden. Was mag die Brust
-der bedauernswerten Geschöpfe durchwogt haben beim Anblick der
-glückstrahlenden, kranzgeschmückten Braut, die ihnen verachtungsvoll
-das gebräuchliche Geschenk zuwarf? In Wien beteiligten sich die
-Hübschlerinnen bei Volksfesten, an denen sie, in duftigste Gewandung
-gehüllt, um ein Geschmeide oder ein Stück Tuch wettliefen. Am
-Johannistage umtanzten und durchsprangen sie die Sonnwendfeuer,
-wofür ihnen vom Rat und Bürgermeister der Donaustadt Erfrischungen
-gereicht wurden. Frankfurt am Main schaffte 1529 den Brauch ab, die
-Frauenhäuslerinnen bei offiziellen Festlichkeiten als Blumenmädchen
-heranzuziehen, entschädigte aber die Mädchen durch Sendungen von Speise
-und Trank in ihre Behausung.
-
-[28] Schultz a. a. O. S. 269 ff.
-
-In Leipzig wurde zu Fastnacht jeden Jahres die sogenannte
-Hurenprozession abgehalten. Die Frauenhäuser, spöttisch das fünfte
-Kollegium genannt, da die Studenten der Leipziger Universität, die nur
-vier Kollegien aufzuweisen hatte, bei den Dirnen emsig das fünfte
-Kollegium abhielten, lagen vor dem Halleschen Thore. Die Bewohnerinnen
-dieser Häuser sammelten sich zu Beginn der Fastenzeit zu einem Umgang,
-bei dem eine von ihnen einen Strohmann auf einer langen Stange gleich
-einer Prozessionsfahne vorantrug. Paarweise folgten die Kolleginnen,
-ein Lied wider den Tod singend, bis zur Parthe, in die der Strohmann
-geschleudert wurde. Durch diesen Umzug sollte die Atmosphäre der Stadt
-gereinigt werden, damit sie für die nächsten Jahre von der Pest
-verschont bleibe.[29]
-
-[29] Rudeck a. a. O. S. 33.
-
-In Würzburg erschien am Johannistage der Stadtschultheiss mit seinen
-Amtsdienern und einigen Freunden im städtischen Frauenhause, um dort
-ein vom Ruffian und seinen Töchtern gegebenes solennes Mahl unter
-Tafelmusik einzunehmen. Allmählich aber steigerten sich die Ansprüche
-der Gäste derart, dass auf Beschwerden des Wirtes hin der Stadtrat die
-vorzusetzenden Gänge auf Wein, Kirschen, Käse und Brot beschränkte.
-
-Bei einem von den Geschlechtern (Stadtjunkern) zu Pfingsten 1229 zu
-Magdeburg veranstalteten Turnier, zu dem die Patricier der
-Nachbarstädte feierlich geladen worden waren, gab es als Turnierdank
-für den Sieger ein schönes Mädchen, Sophia mit Namen, wahrscheinlich
-eine Frauenhäuslerin, vielleicht aber auch eine Hörige, deren Los sich
-aber unverhofft günstig gestaltete. Ein alter Kaufmann aus Goslar
-gewann die Schöne und gab ihr die Aussteuer zu einer ehrlichen Heirat.
-
-Hohen Besuchern hatten die städtischen Dirnen entgegenzuziehen und die
-Wege mit Blumen zu bestreuen, was ihnen von ihrer Stadt eine Gastung
-einbrachte.
-
-Ihre Kleidung dürfte in unserem rauheren Klima kaum so provokatorisch
-duftig gewesen sein, wie die ihrer Zunftgenossinnen bei jenem Einzuge
-Karls V. in Antwerpen, zu Anfang des 16. Jahrhunderts, den Albrecht
-Dürer beschrieb und Hans Makart malte. Derartige Schaustellungen von
-Obscönitäten zu Ehren und zur Unterhaltung hoher Persönlichkeiten in
-breitester Öffentlichkeit waren besonders in Frankreich Mode. Als der
-junge Heinrich IV. von England 1431 in Paris einzog, machte der Zug in
-der St. Denys-Strasse vor einem Brunnen Halt, in dessen Bassin drei
-nackte junge Mädchen umherschwammen. Aus der Mitte dieses Bassins
-wuchs ein Lilienstengel empor, dessen Knospen und Blumen Ströme von
-Milch und Wein entsandten. 50 Jahre später empfing man den bigotten
-Ludwig XI. mit dem gleichen Schauspiel in den Mauern seiner Residenz.
-Ein andermal wurde ihm in Lille die Ehre und das Vergnügen zu Teil,
-auf offener Strasse, vor einer ungeheueren Zuschauermenge das Urteil
-des Paris an drei Grazien, die sich in hüllenloser Schönheit zeigten,
-wiederholen zu dürfen.
-
-Soweit verstiegen sich nun wie bemerkt die deutschen Städte nicht. Als
-König Albrecht II. 1438 nach der Krönung in Prag Wien besuchte,
-erhielten nach den Stadtrechnungs-Protokollen die »gemain frawen, di
-gen den Kunig gevarn 12 achterin Wein«. 1435 liess der Wiener Stadtrat
-bei einem Besuche Kaiser Siegmunds die Mädchen der zwei Frauenhäuser
-auf Kosten der Stadt mit Sammetkleidern ausstatten. Derselbe Magistrat
-sandte 1452 dem König Ladislaus Posthumus »freie töchter« entgegen, um
-ihn an der Weichbildgrenze zu empfangen. Eine Wiener Chronik von 1484
-sagt mit Bezug auf dieses Ereignis, Ladislaus wurde am Wiener Berg, an
-dem Zelte errichtet und Banner aufgesteckt waren, von Reich und Arm
-bewillkommnet. Unter den ihn Erwartenden befanden sich alle weiblichen
-Einwohner Wiens bis zu den kleinsten Mädchen, sowohl die »schönen
-Frauen« wie auch die ehrsamen Weiber der Handwerker und alle ohne
-Mäntel.[30]
-
-[30] Schultz, D. L., S. 77.
-
-Der vielgereiste Sigismund von Herberstein erzählt von seiner
-Gesandtschaftsfahrt nach Zürich im Jahre 1516: »Der brauch was, dass
-der bürgermeister, gerichtsdiener und gemaine weiber mit dem gesandten
-assen.«
-
-Vielleicht lag dieser Sitte die an vielen Stellen geübte
-Absonderlichkeit zu Grunde, einem lieben Gaste auf Rechnung der
-Stadtväter oder, wenn der Gast auf einem Schlosse eingekehrt war,
-aus der Zahl der Untergebenen »schöne Weibsbilder zur Kurzweil« zur
-Verfügung zu stellen. Dem Landgrafen Ludwig von Thüringen schaffen
-»die zärtlichen Verwandten« eine Beischläferin, dem Diederich von
-Quitzow 1410 die Ratsmänner Berlins. Auch Beischläferinnen als
-Gerechtsame kommen vor. Ein Anherr Götz von Berlichingens hatte von
-seinen Lehnsherren, den Grafen von Kastell, alljährlich ein Mahl,
-Atzung für Pferde und Hunde und eine »schöne Frau« zu fordern. Im
-Dorfe Martinsheim besass der Domdechant von Würzburg noch 1544 das
-Privilegium, jedes Jahr im November zwölf reisige Pferde, ein Mahl und
-ein Mädchen geliefert zu bekommen.
-
-Einen Stadtbesuch von hohen Herren wussten die Dirnen auch anderweitig
-geschäftlich auszunutzen, denn sie verstanden schon damals recht gut
-Reklame für sich zu machen. Als sich Kaiser Friedrich III. 1471 in
-Nürnberg aufhielt, schlangen eines Tages, als er vom Kornhause kam,
-»zwu hurn« eine lange silberne Kette um ihn, aus der er sich mit einem
-Gulden lösen musste. Ehe er seine Herberge erreicht, wiederholte sich
-das Spiel noch einmal.[31] Kaiser Siegismund, ein loser Schürzenjäger,
-der das schönere Geschlecht des ganzen heiligen römisch-deutschen
-Reiches als sein Eigentum anzusehen beliebte, zogen zu Strassburg
-eines schönen Morgens des Jahres 1414 mehrere lustige Dirnlein aus dem
-Bette. Kaum fand er Zeit, sich in einen Mantel zu hüllen, da sah er
-sich schon auf der Strasse, wo er tanzen musste, wie die flotten
-Weiber sangen. Der Kaiser war barfuss, darum kauften ihm die
-mitleidigen Weibsen um sieben Kreuzer ein Paar Schuhe, was der hohe
-Herr sich lachend gefallen liess. Ulm beleuchtete 1434 in etwas
-übertriebener Loyalität die Strassen festlich, wenn sich der Kaiser
-mit seinem Gefolge ins Bordell verfügte. In Bern erklärte sich der
-Stadtrat bereit, drei Tage hindurch dem kaiserlichen Gefolge auf
-städtische Kosten das Freudenhaus zur Verfügung zu stellen, wofür
-Kaiser Siegismund dem Berner Magistrate in einem offenen Schreiben
-herzlich dankte. Der gute Kaiser wusste solches Entgegenkommen
-gebührend zu schätzen und -- auszunutzen. Er war ein »tolles Huhn«,
-und seine Gemahlin, Kaiserin Barbara, ihrem Gatten mindestens
-ebenbürtig. Sie gingen beide ihre eigenen, schlammigen Wege und
-liebten beide, wo und wann sich Gelegenheit bot. Nach dem Tode ihres
-Gemahls zog die edle Kaiserin nach Königgrätz in Böhmen, wo sie bis zu
-ihrem Tode einen männlichen Harem unterhielt.[32]
-
-[31] Wessely a. a. O. I. 226.
-
-[32] Eros, Stuttgart 1849, II. 556.
-
-Mit dem Wohlwollen gegenüber den Frauenhäuslerinnen ging aber meistens
-eine Strenge Hand in Hand, die jedes Überdieschnurschlagen der Dirnen
-verhüten sollte. Da gab es harte Strafen gegen das Herumstreichen
-auf den Strassen, gegen das Sitzen vor den Häusern, gegen das
-Anlocken von Liebhabern u. a. m. Die #Uniformierung# der Dirnen wurde
-unnachsichtlich durchgeführt, denn während des ganzen Mittelalters war
-den losen Töchtern eine Tracht vorgeschrieben, die sie durch irgend ein
-mehr oder weniger auffälliges Abzeichen von der Kleidung der ehrbaren
-Weiblichkeit unterschied. Schon im 10. Jahrhundert trugen Buhldirnen
-eine Art Uniform, nämlich ein kaum bis zum Oberschenkel reichendes,
-kurzärmeliges und eng anliegendes Oberkleid. Das engärmelige lange
-Unterkleid war vorn in ganzer Länge aufgeschnitten und liess die mit
-Beinlingen, den Vorläufern der Strümpfe, bekleideten Beine bis oben hin
-sichtbar werden. In England trugen um dieselbe Zeit die Dirnen unter
-dem Oberkleide straff anliegende Hosen.[33]
-
-[33] Bruno Köhler, Allgemeine Trachtenkunde, III. S. 12.
-
-Ein Frankfurter Ratsbeschluss von 1488 verordnet den feilen Weibern,
-sich in ihrer Tracht also zu halten, dass man sie sofort als das
-erkennen könne, was sie sind. Kurfürst Johann Cicero veranlasste 1486
-den Berliner Rat zu dekretieren, dass die, »so an der Unehre sitzen
-oder sonst in unzimblichen, sündigen Wesen und gemein sein, sollen zu
-einem Zeichen, damit man Unterschied zwischen frommen und bösen Frauen
-habe, die Mäntel auf den Köpfen oder kurze Mäntelchen tragen.«[34] Das
-Meraner Stadtrecht des 14. Jahrhunderts gebietet: »es soll kein
-gemeines Fräule einen Frauenmantel oder einen Pelz tragen, noch an
-einem Tanze teilnehmen, bei dem Bürgerinnen oder andere ehrbare Frauen
-sind. Sie sollen auf ihren Schuhen ein gelbes Fähnle haben, woran man
-sie erkennen könne und sollen sich kein Futter von Feh, noch
-Silberschmuck erlauben.« In Strassburg wurde ihnen 1471 eingeschärft,
-weder Schmuck zu tragen noch Pelzwerk oder Seidenfutter zu verwenden;
-in Leipzig befahl 1463 der Rat den »wilden Frauen auf dem freien
-Hause«, kurze gelbe Mäntel mit blauen Schnüren umzuhaben. In Wien
-sollten die Hübschlerinnen ein gelbes Tuch, eine Hand breit und eine
-Spanne lang, an der Schulter befestigt tragen. In Basel waren ihnen
-Mäntelchen vorgeschrieben, die nicht über eine Spange weit unter den
-Gürtel hinabreichten; in Augsburg ein Streifen am Schleier; in Bern
-und Zürich deckten sie sich mit roten Kappen.
-
-[34] Streckfuss a. a. O. S. 83.
-
-In der Reichsgesetzgebung beschäftigte sich die »Neue Kaiserliche
-Ordnung und Reformation guter Polizei im Heiligen Römischen Reiche«
-1530 im elften Artikel mit der Tracht der Frauenhäuslerinnen. »#Von
-gemeinen und unehrlichen Weibern.# Nachdem auch aus dem viel Aergernis
-im heiligen Reich entstanden, dass die gemeinen und andren unehrlichen
-Weibe Seide, Gold, Silber und andre ziehrliche Kleider antragen, davon
-manch fromm Weib und Töchter verleitet wird, auch dadurch unter
-Ehrbaren und Unehrbaren kein Unterschied zu erkennen: Gebieten wir
-ernstlich und wollen, dass die unehrlichen Weiber kein hochzierlich
-Kleider oder Geschmück, auch nichts Verbrämtes oder golden Schleier,
-sondern eine jede derselben sich nach des Landes Gebrauch tragen soll,
-darauf die Obrigkeit sondere Acht haben und das nicht gedulden soll.«
-
-Das Verbot, Schmuck zu tragen, dürfte häufig umgangen worden sein,
-denn einzelne Gemeinden, wie Frankfurt a. M., mussten es oft
-wiederholen. Im Braunschweiger Museum hängt ein Bild von Lucas
-Kranach, das Porträt einer Demimonde seiner Zeit darstellend. Sie
-trägt ein breites rotes Barett, kostbares Geschmeide, sonst aber keine
-Gewandung mit Ausnahme eines feinen Schleiers, der ihren Körper duftig
-umhüllt.
-
-Der Schleier gehörte zu den Attributen der verlorenen Jungfräulichkeit,
-da der Schleier fraulich das Haupthaar bedeckte, im Gegensatz zu den
-freifliegenden Locken der Jungfrau. Das Gedicht »Die Winsbekin« wünscht
-den Mädchen mit Ehren und ohne Schleier zu Bett zu gehen, und in
-einem von Uhland mitgeteilten Volkslied des 15. Jahrhunderts wird ein
-Einlassbegehrender von seiner Liebsten mit den Worten abgewiesen:
-
- »Wol is nu, der da kloppet an?
- ik lat en doch nicht herin.
- Wenn ander megtlin krenze droegen,
- ein schlöier möst ik dragen.
- Ik schemde mi ser, ik schemde mi ser,
- jo lenger jo mer,
- van grund ut minem herten.«
-
-Darum war es im 15. und 16. Jahrhundert hier und da Gewohnheit, den
-Mädchen, die sich nicht betrugen, wie sie sollten, von Amts wegen
-einen Schleier zuzustellen. So geschah es in Altenburg, in Wittenberg,
-wo man laut Ratsrechnung »zwey newe schleyer, so zwein beschlafenen
-meygden geschickt«. Nach der Rottweiler Hochzeitsordnung von 1618
-durfte eine nicht mehr reine Braut beim Kirchgange keinen Kranz,
-sondern einen Schleier aufhaben, wie es das Mägdlein im Volksliede
-fürchtet. Deshalb haben die Augsburger Freudenmädchen den mit einem
-Streifen besetzten Schleier zu tragen, da »sie nicht dorffte barheitig
-gehen«, wie sprödere Mädchen. In Köln sollten sie 1389 rote Schleier
-(welen) haben, »up dat man sei kente vor andern vrawen«. In Altenburg
-war ihnen und der Frau des Scharfrichters, der »czuchtigeryn«
-aufgegeben, gelbe Läppchen auf dem Schleier zu befestigen, gleichwie
-in Leipzig, wo der gelbe Fleck von der Grösse eines Groschens sein
-musste. Diese gelben Schleier waren natürlich den Frommen im Lande ein
-Dorn im Auge, denn das verhasste Gelb war die Farbe der Galanterie
-seit der römischen Kaiserzeit her, wo die Modedamen Romas das
-gelbblonde Haar für allein schön erklärt hatten. Gelbe Stirnbänder und
-Schleier galten vom 12. bis 15. Jahrhundert für besonders modisch, sie
-kamen aber bald in Verruf, weil sie besonders gern von Halbweltlerinnen
-angelegt wurden. Sonst hätte Berthold von Regensburg nicht den Weibern
-predigen können: »Aussätzig am Kopfe sind die Frauen, die sich gar so
-sehr putzen an den Haaren und mit Binden und Schleiern, die sie gelb
-färben wie die Jüdinnen und Dirnen, die auf dem Graben streichen und
-wie die Pfaffenmenscher; niemand ausser diesen soll gelbes Gebände
-tragen.«[35] »Desgleichen tragen sie -- die Dirnen -- auch gäle
-Schleier, so gleich den hellischen Flammen sein; dieselben streichen
-und stercken sie zu offtermal, damit sie der hurenspiegel desto bass
-mögen zieren und herauss schmucken,« eifert Geiler von Kaisersberg.
-
-[35] Schultz, Höfisches Leben zur Zeit der Minnesinger, S. 241.
-
-Beabsichtigte die Obrigkeit eine ihr unziemlich dünkende Mode aus der
-Welt zu schaffen, so wurde sie einfach den Stadtdirnen, dann weiters
-den weiblichen Angehörigen des Henkers, Pfaffenmägden und Jüdinnen
-aufgezwungen. Die Zittauer Kleiderordnung von 1353 enthält eine
-derartige Bestimmung. »Auch wollen die schoppen (Schöffen), dass keine
-Frau Kögel tragen solle noch keine jungfrauen, es seien dann
-züchtigers und henkersmägde -- die unter der Gewalt des Scharfrichters
-stehenden Stadtdirnen -- denen erlauben und gebieten die herren Kögeln
-zu tragen.« Zuwiderhandlungen gegen diese Kleiderordnungen zogen
-Stäupung, Stadtverweisung auf eine gewisse Zeit oder aller Kleider
-entblösst am Pranger ausgestellt werden, nach sich. Diese Bestrafung
-der Dirnen zeigt die ihnen entgegengebrachte Verachtung; denn selbst
-die grösste Übelthäterin ehrlichen Standes setzte man nicht entblösst
-den Blicken und der Roheit des Pöbels aus. Daher ist es nicht dem
-Anstandsgefühle zuzuschreiben, wenn man die Bordelle, ebenso wie die
-Lazarette, die Büttelei und die Ghettos, nach abseits der
-Verkehrsadern belegenen Örtlichkeiten verwies. In Hamburg durften
-»wandelbare Frauen« an keiner Kirche und in keiner zu einer Kirche
-führenden Gasse hausen.[36] Die Strassburger Verordnung vom 9. Oktober
-1471 schärft aufs neue das alte Gesetz ein: »das alle hushelterin,
-spontziererin und die so offentlich zur unee sitzend oder buolschaft
-tribent, wo die in der stadt sessent, soltent ziehen in Bickergasse,
-Vinckengasse, Gröybengasse, hünder die muren oder an ander ende, die
-inen zuogeordent sint.«
-
-[36] Bernh. Hesslein, Hamburgs berühmte und berüchtigte Häuser, S.
-137.
-
-Meist lagen die öffentlichen Häuser hart an der Stadtmauer, so in
-Würzburg und Frankfurt, oder an abseitigen Plätzen, an denen kein
-Markt abgehalten wurde, und die sonst weiter keine Hauseingänge
-besassen.
-
-Nach den Bordellordnungen sollten die Freudenhäuser meist eine Stunde
-vor Mitternacht geschlossen und bis zum Einbruch der Nacht
-verschlossen gehalten werden, ebenso an den Vorabenden der Sonn- und
-Feiertage, wie an diesen selbst, wenigstens vormittags. Alle Männer
-hatten sich bei Schliessung zu entfernen bis auf jene, die die Nacht
-bei den Mädchen zubringen wollten. Ehemännern, Geistlichen und Juden
-war, wie bereits oben erwähnt, der Eintritt verwehrt, ebenso
-minderjährigen Knaben. Recht befremdlich mutet es an, wenn die Ulmer
-dem Ruffian befehlen müssen, Knaben von 12-14 Jahren nicht mehr im
-Hause zu dulden und wenn sie kommen sollten, sie mit Ruten aus dem
-Bordell zu treiben.
-
-Über das Treiben in den Häusern sind aus naheliegenden Gründen nur
-spärliche Berichte vorhanden. Einer dieser wenigen ist die kurze
-Tagebuchaufzeichnung Fritz Schickers über seine Erlebnisse auf dem
-Reichstage zu Konstanz vom Jahre 1507.
-
-»Ich ging eines Tages ins Freie und wandelte am See hin und her. Da
-begegnete mir des Herzogs Georgs Schreiber. Der nahm mich bei der Hand
-und sagte: ›Willst du mit mir gehen?‹ Fragte ich: ›wohin?‹ Antwortete
-er: ›wo hübsche Mädchen sind.‹ Wusste ich nicht, was ich antworten
-sollte und ging mit. Kamen wir in ein Wirtshaus, da sassen vielerlei
-Dirnen, wohl angetan, und hatten Blumen in den Händen und sahen uns
-lächelnd an. Wir aber liessen uns Wein geben und ich verfiel in tiefe
-Gedanken. Da kamen die Musikanten des Bischofs von Augsburg und
-spielten ganz lustig auf zum Tanze. Alsobald wurden die Dirnen
-ergriffen und fingen an zu tanzen. Die jungen Gesellen riefen mir zu,
-auch mitzutanzen, aber ich entgegnete: ›dessen bin ich nicht kundig.‹
-Da setzte sich zu mir eine Dirne, reichte mir eine Blume, und sagte:
-›wenn du den Tanz nicht liebst, was liebst du denn?‹ Sprach ich: ›eine
-Jungfrau.‹ Darauf sie: ›eine allein? Das ist nicht recht. Die anderen
-wollen auch nicht verachtet sein. Und hier bist du in der Fremde, sie
-weiss es ja nicht. Kommst du heim, ist alles wieder gut.‹ Da merkte
-ich wohl, was sie wollte, und bestellte noch mehr Wein, als wollte ich
-bleiben, ging aber und kam nicht wieder.«
-
-Der blöde Schäfer hat wahrscheinlich dem Abenteuer nur deshalb einen
-solch harmlosen Abschluss gegeben, weil er fürchtete, sein Tagebuch
-einmal in den Händen der von ihm geliebten »Jungfrau« zu sehen.
-Weniger skrupulös waren andere, so ein Abgeordneter des Frankfurter
-Rates, der in Köln »zv den Frauen ging« und gewissenhaft seine
-dortigen Ausgaben verbuchte. Gleich ihm ein Strassburger Beamter, den
-sein Besuch auf »30 Pfennig« zu stehen kam. Ja, das Leben war damals
-billig! Man verargte übrigens den Junggesellen keineswegs den Besuch
-der Frauenhäuser, wenn sie nicht schon anderweitig gebunden waren. In
-Frankfurt a. O. lagen z. B. die Patricier tagein, tagaus im Bordell,
-ohne ein Hehl daraus zu machen. Der Aufenthalt im Bordell galt eben
-als eine Zerstreuung, die man der Jugend gerne gönnte.
-
-Wenn es zufällig nicht gerade untersagt war, bestand eine Hauptaufgabe
-der Freudenmädchen darin, Kunden in das Haus zu ziehen. Sie standen zu
-diesem Zwecke bekleidet à la Lucas Kranach in den nach der Strasse
-führenden Fenstern, und »Etlichen lockend sij mit pfiffen, Dem andern
-guckend sij mit griffen, Dem drytten mit eym Facilett -- Taschentuch
---, Den andern sij gelocket het Mit wyssen (weissen) schuhen, wyssen
-beynen, Dem mit ringlin, kreutzen, meyen.«[37] Also mit Blumen, die
-den Dirnen ebenso zubehörig waren, wie die Schleier.
-
-[37] Thomas Murner, Geuchmatt, Kloster, VIII. 937.
-
-Den alten Holzschneidern bietet die Parabel vom verlorenen Sohn häufig
-Gelegenheit, Bordellscenen darzustellen, so Hans Sebald Beham, M. Treu
-u. a. m. Gewöhnlich schliessen derartige Bilderreihen mit der
-gewaltsamen Entfernung des verlorenen Sohnes aus dem Freudenhause,
-der, nachdem er sein Erbgut im offenen Hause verprasst hat, nackt auf
-die Straße geworfen wird. Manchmal fliegt ihm noch der anrüchige
-Inhalt eines Geschirres nach.
-
-Interessant übrigens dürfte die Thatsache sein, dass schon das
-Mittelalter die edle Zunft der Zuhälter kannte und nach ihrem vollen
-Wert zu schätzen wusste; denn eine Nürnberger Ordnung untersagt den
-öffentlichen Mädchen, zur Vermeidung von Streit, »sundere Bulschaft,
-die sy nennen ire liebe menner«, zu haben. In Frankfurt a. O. fristete
-ein vormals reicher Patricier, Hans Rakow, als Zuhälter einer Dirne,
-Agnese Schilling, sein Leben, wie Oskar Schwebel in »Renaissance und
-Rococo« (S. 77) erzählt.
-
-Charakteristisch für die vorzeitigen Moralansichten sind die den
-Mädchen offiziell zuerkannten Kose- und Scherznamen, die teils von
-ihrer Herkunft, teils von besonderen, manchmal recht diskreten
-Körpereigenschaften ihre Entstehung herleiten. Wir finden in Leipzig
-eine »gemalte Anna« -- geschminkt oder vielleicht gezeichnet durch
-Pockennarben oder durch ein vom Henker aufgedrücktes Brandmal --, ein
-»klein Enchen«, in Freiburg eine »kugelrunde Katharina«, in Frankfurt
-eine »lange Anna« und in Berlin, laut Stadtbuch von 1442, »eine Else
-med den langen tytten«. Das Wohlwollen, das sich durch derartige
-Bezeichnungen ausdrückt, blieb aber nur auf die Dirnen beschränkt,
-solange sie sich in dem ihnen zugewiesenen Rayon befanden. In der
-Öffentlichkeit unterlagen sie der ganzen Verachtung, die das
-Mittelalter auf die ausserhalb seiner Gesellschaft stehenden
-Unehrlichen zu häufen gewohnt war.
-
-Die Kinder der Dirnen, geächtet wie ihre Mütter, kamen ins Findelhaus.
-Der Besuch von Wirtshäusern, in denen ehrsame Bürger verkehrten, war
-für die Frauenhäuslerinnen arg verpönt. In der Kirche hatten sie bei
-dem Fronaltar, wo auch der Henker sass, Platz zu nehmen; Tänzen, an
-denen sich andere Frauen beteiligten, mussten sie fernbleiben; kurz,
-sie waren ein Staat im Staate mit eigenen Satzungen und Gesetzen, aus
-deren Grenzen sie nur mit Leibes- und Lebensgefahr heraustreten
-durften.
-
-Die für die Freudenmädchen erlassenen Gesetze schützten sie
-andererseits aber vor allen Eingriffen in ihre Rechte, über die sie um
-so eifriger wachten, als sie gewichtigen Beistandes sicher waren. Mit
-besonderem Hasse verfolgten sie brotneidisch die »Bönhasen«, die nicht
-kasernierten, geheimen Prostituierten, die ihnen, den zünftigen, ins
-Handwerk zu pfuschen sich unterstanden. Der Fastnachtsspieldichter
-Hans Rosenplüt zählt in einem Dialoge alle diese unlauteren
-Wettbewerberinnen auf:
-
- »Die gemeynen weib clagen auch ir orden,
- Ir weyde sey vil zu mager worden.
- Die winkel weyber und die hausmeyde,
- Die fretzen (fressen) teglich ab ir weide.....
- Auch clagen sie uber die closterfrawen
- Die konnen so hubschlich über die snur hauen
- Wenn sie zu ader lassen oder paden
- So haben sie junkher Conraden geladen«[38]
-
-d. h. einen Galan zur Hand.
-
-[38] Citiert bei Rudeck a. a. O. S. 30.
-
-Darum nahm der Würzburger Rat den Beschluss zu Protokoll: »Man sol die
-schoenen Frawen beherbergen, berenden und mit in reden, davon zu
-stellen, sunde und schande zu meyden, wann der Frawenwirt clagt, es
-werde sein hawse zu einem egereten (Brachfeld).«[39]
-
-[39] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, I. 418.
-
-Schien den Freudenmädchen der obrigkeitliche Beistand nicht
-ausreichend, dann griffen sie im Bewusstsein ihres Rechtes zur
-Selbsthilfe. Einen diesbezüglichen Vorfall zeichnete Heinrich
-Deichsler in seiner Nürnberger Chronik folgendermassen auf: »1500 Item
-danach an selben tag -- 26. November -- da komen acht gemaine Weib hie
-auss dem gemainen Frawenhaus zum burgermaister Markhart Mendel und
-sagten, es wer da unter der vesten des Kolbenhaus ein taiber
-(Blockhaus, Taubenschlag) voller haimlicher huren, und die wirtin
-hielt eemener (Ehemänner) in einer stuben und in einer andern
-junggesellen tag und nacht und liess sie puberei treiben, und paten
-in, er solt in laub geben (erlauben), sie wolten sie aussstürmen und
-wolten den hurntaiber zuprechen und zerstören, er gab in laub; da
-stürmten sie das hauss, stiessen die tür auf und schlugen die öfen
-ein, und sie zerprachen die venstergleser und trug iede etwas mit ir
-davon, und die vogel waren aussgeflogen, und sie schlugen die alten
-hurenwirtin gar greulichen.«
-
-Noch einmal, 38 Jahre später, wiederholte sich in Nürnberg ein solcher
-Einbruch konzessionierter Hübschlerinnen in ein Winkelbordell, das sie
-demolierten und dessen Insassinnen sie im Triumphe in ihr eigenes Haus
-zerrten. Da sie es aber diesmal versäumt hatten, die obrigkeitliche
-Genehmigung nachzusuchen, erhielten sie einen derben Verweis. Häufig
-wendeten sich die Stadtdirnen unter Beilage langer Verzeichnisse
-bittlich an ihre Vorgesetzten, die namhaft gemachten geheimen
-Prostituierten zu strafen »von Gottes und der Gerechtigkeit
-wegen«.[40]
-
-[40] Rudeck, nach Hüllmann, Städtewesen des Mittelalters, IV. 266.
-
-In Frankfurt trug 1493 der Rat den Dirnen im Rosenthal auf, ein
-Mädchen, das auf eigene Faust lüderte, mit Gewalt in das Bordell zu
-bringen, falls sie nicht binnen 14 Tagen freiwillig zuzöge.[41] Die
-Dirnen, die sich obdachlos herumtrieben, in den Wirtshäusern und auf
-den Strassen ihrem Verdienste nachgingen, »dodurch ouch junge
-töchterlein angefürt und verfellet (verfürt) werdent, dovon vil bôses
-kompt«, sollen in Strassburg aufgegriffen und eingesperrt werden.
-Ausserhalb ihres Quartiers ertappte leichte Weiber wurden vom Büttel
-mit Fahne und Trommel in das Bordell zurückgebracht.
-
-[41] Kriegk a. a. O. S. 322.
-
-Die Wirtshäuser und Herbergen, in denen Reisende ihr Unterkommen
-fanden, waren im Mittelalter im primitivsten Zustand. Wie noch heute
-in sittlich tiefstehenden Ländern, waren die Herbergsväter meist auch
-Kuppler, die Dirnen zur Unterhaltung oder zum Anlocken von Gästen
-hielten. Gottschalck Hollen predigt in der _Dominica exaudi_ gegen
-derartige Übelthäter, indem er ihnen zum Vorwurf macht, dass sie
-Dirnen in ihre Häuser kommen lassen, um mit den Gästen und Saufbrüdern
-zu sündigen. Erasmus von Rotterdam in seiner klassischen Schilderung
-eines mittelalterlichen Hotels, erzählt von hübschen Mädchen, die den
-Gästen Gesellschaft leisten, zu allen Scherzen geneigt sind und sich
-gerne zur Zielscheibe aller Witze machen lassen. Und in den
-Schlafstuben: »da waren auch immer Mädchen da, lachend, herausfordernd,
-tändelnd; sie fragten unaufgefordert, ob wir etwa schmutzige Wäsche
-hätten, die wuschen sie und brachten die gewaschene uns zurück. Was
-soll ich noch hinzufügen? Wir sahen da ausser im Stalle nichts als
-Mädchen und Frauen, und selbst da brachen oft die Mädchen ein. Bei der
-Abreise umarmen sie einen und verabschieden sich mit solcher Teilnahme,
-als ob man ein Bruder oder ein naher Verwandter wäre.« So war es in
-Frankreich, und ähnlich wird es auch in Deutschland gewesen sein,
-wie die vielen diesbezüglichen Klagen und Fritz Schickers Tagebuch
-beweisen. Von Wien sagt Aeneas Silvius Piccolomini, dass schier alle
-Bürger Tavernen mit »lusten Fröwlein« halten, in denen umsonst zu essen
-gegeben wird, damit die Gäste desto mehr trinken sollten.
-
-Wie die Dirnen gegen die unbefugte Prostitution Front machten, so
-übten sie auch einen Zunft- und Gewerbezwang aus, wenn sich irgend ein
-unglückseliges Weib in ihr Revier verirrte. Wie sie selbst verfemt
-waren, so brachte auch jede Berührung mit einer Ausgestossenen dem
-ehrlichen Mädchen ein Schandmal bei, auf das die Dirnen mit boshafter
-Schadenfreude hinwiesen. Ein markantes Beispiel dieser Art weiss
-Deichsler vom 22. September 1502 zu berichten: Ein junger
-Kornschreiber hatte ein Verhältnis mit einem jungen Mädchen, das er
-beredete, eine Nacht bei ihm zuzubringen. Statt sie in sein Haus zu
-führen, wie er ihr vorgespiegelt, brachte er sie ins Freudenhaus. Am
-frühen Morgen kamen die Bewohnerinnen des Bordells an das Bett des
-jungen Mädchens, setzten ihm den Strohkranz auf, das traditionelle
-Zeichen des Falles, und ihrer zwei nahmen sie zwischen sich, führten
-sie wie eine Braut öffentlich über den Obstmarkt einer Taverne zu, um
-dort mit süssem Wein den Eintritt des Mädchens in die »hurnzunft« zu
-feiern. Das Weinen und Barmen der Verführten weckte das Mitleid
-einiger Männer, die sie befreiten und die sich wehrenden Dirnen in die
-Flucht schlugen. Der schurkische Kornschreiber wurde eingelocht und
-auf zehn Jahre der Stadt verwiesen. Doch nicht allen dem Bordell
-Verfallenen wurde der Wiedereintritt in die Gesellschaft so leicht
-gemacht wie diesem Nürnberger Mädchen. Wo anders als gerade in
-Nürnberg wäre das kaum ohne umfangreiche und weitschweifige Ceremonien
-möglich gewesen. Nur »die Perle Deutschlands« erwies sich so
-entgegenkommend gegenüber Gefallenen, selbst richtigen Dirnen. Die
-anderen Städte und Städtchen, in denen Bordelle bestanden, ahmten
-darin dem Beispiele Nürnbergs, das sonst allen als Vorbild galt, nicht
-nach, obgleich sie es gekonnt hätten, denn selbst die unbedeutendsten
-Nester des deutschen Reiches mussten, schon um etwas in den Augen der
-seltenen Reisenden zu gelten, ihre Stadt-Bordelle haben. So unter
-anderen die im Mittelalter nur wenige Hundert Einwohner zählenden
-Flecken Quedlinburg, Schwabach, Acken an der Elbe, Oberehenheim,
-Wolkach u. a. m. Ausserhalb Nürnbergs gab es für die Hübschlerinnen
-nur drei Wege, dem infamierenden Banne des Freudenhauses zu entrinnen:
-die Heirat mit einem unbescholtenen Mann, den Übertritt in eine
-klösterliche Bussanstalt oder den Tod.
-
-Die Ehe mit »anständigen« Männern wurde den »geschuhten Wachteln«, wie
-sie ein Fastnachtsspiel nennt, thunlichst erleichtert. Der Wirt musste
-sie ohne weiteres und schuldenfrei ziehen lassen, auch wenn sie noch
-so tief in seiner Schuld sassen; sogar für Aussteuer sorgte die
-Obrigkeit, denn: »Wer eine arme Sünderin aus dem Gemeinen Hause zur
-Ehe nimmt, soll vor allem andern eine Aussteuer von zwölf Gulden
-haben«[42], eine ziemlich bedeutende Summe für die damalige Zeit, die
-manche verfehlte Existenz zum Zugreifen veranlasst haben dürfte, wenn
-auch honette Männer es sich wohl überlegt haben werden, »ein verruchte
-dirn, Wol gewandert« heimzuführen. Der zweite Weg, der Eintritt in
-eine Bussanstalt, war leichter zu beschreiten, nur ward ein Rückfall
-in das gewohnte Lasterleben z. B. in Wien gleich mit dem Tode durch
-den Henker bestraft. Derartige Bussanstalten fanden sich ausser in
-Wien, in Nürnberg und Regensburg, fast in allen grösseren Orten
-Deutschlands. Welchen Zweck diese »Stiftungen der Reue« verfolgten,
-spricht klar der Steuerbefreiungsbrief Herzog Albrechts vom Jahre 1384
-für das von mehreren frommen Ratsherren in der Singerstrasse in Wien
-gegründete Kloster aus. Es heisst darin, dieses Haus und Stift sei
-bestimmt: »für die armen Frauen, die sich aus den offenen
-Frauenhäusern oder sonst vom sündigen Unleben zur Busse und zu Gott
-wenden«. Das Volk glaubte freilich nicht so recht an vollkommene
-Bekehrung der schönen Sünderinnen, die, wenn es ungestraft sein
-konnte, ganz gerne wieder von der nun verbotenen Frucht naschten oder
-als Kupplerinnen ihrem einstigen Gewerbe neues Material zuführten. Die
-»jungen Bettschwestern«, die nun «alte Betschwestern« geworden waren,
-heuchelten und kuppelten gerne, zerstreuten sich in ihrer Langeweile
-durch Verlästerungen und Klatschereien. Murner zeichnete sie in seiner
-bissigen Weise in der Narrenbeschwörung V. 77:
-
- »Beginentand ist's in der That!
- Das ihnen grosse Sachen sind;
- Jedoch gebären sie ein Kind
- Und laufen alle Klöster aus,
- Dazu in jedes Pfaffen Haus
- Und sind so niederträcht'ge Drachen,
- Dass Zwist sie überall entfachen,
- Ein Lotterläpplein hängen an,
- Wo es nur immer gehen kann,
- Und kuppeln stets geflissentlich --
- #Dess# brauchen sie nicht zu schämen sich.
- Sie lügen leicht und lügen flink
- Und urteln über jedes Ding
- Und wissen, was ein jeder that
- Zu #Strassburg# in der ganzen Stadt,
- Und sind allesamt viel böser doch
- Als die Kupplerinnen im Dummenloch.[43]
- Gar lang' sie in der Kirche bleiben,
- Damit von Männern und von Weiben
- Kund werden alle Dinge ihnen:
- Drum sind's gottselige Beginen.
- Sie fressen allezeit die Füss'[44]
- Und sind in ihren Worten süss;
- Indes, wenn man sie allzumal
- Erkennt, ist's nichts als Gift und Gall'.
- Ach, wären sie in Portugal!
- Ach, wären allesamt zur Frist
- Dort, wo der Pfeffer gewachsen ist,
- Und dürften nicht zurücke denken!
- Wollt' ihnen gern das Weggeld schenken.«
-
-[42] Holthaus, Gloss. 484, cit. bei Schultz, D. L.
-
-[43] Eine übelberufene Strassburger Gasse.
-
-[44] Küssen die Füsse der Heiligenbilder.
-
-Nichtsdestoweniger haben im allgemeinen die Beginenanstalten unendlich
-viel Gutes gestiftet. Viele jener ehemaligen Buhlerinnen gaben sich
-mit vollem Herzen der Busse hin, wurden zu aufopferungsvollen
-Krankenschwestern und Pflegerinnen, die sich in zahlreichen Epidemien
-des Mittelalters gleich Heldinnen hervorthaten. Gar manchem jener
-ernsten und sittlich gefestigten Weiber winkte noch ein spätes Glück,
-da sie in dem dem Tode entrissenen Kranken einen Ehemann fanden, dem
-sie Treue bis zum Grabe wahrten. Es dürfte daher nicht ganz
-ungerechtfertigt gewesen sein, was der Vater in dem Nürnberger
-Gedichte, »Wie ain junger gsell weyben sol«, zu seinem Sohne bemerkt:
-
- »Ich siehs und hör ess offt sagen,
- Das sy sindt geraten gar wol,
- Die jung waren püberei vol,
- Verlyssen den pübschen orden
- Und sind frumm eefrauen worden.«
-
-Die Herren Pfaffen scheinen sich auch dann und wann ihre Liebsten aus
-abgedankten Dirnen rekrutiert zu haben, wie eines der polemischen
-Fastnachtsspiele Nicolaus Mannels durch folgenden Monolog der
-Pfaffenmagd Lucia Schnabeli beweist. Erst führt sie bewegliche Klage
-über den Bischof, dem sie jährlich vier gute rheinische Gulden als
-Duldegeld niederlegen muss, das noch erhöht wird, wenn sie ein Kind
-bekommen sollte. Dann fährt sie fort:
-
- »Vor bin ich lang im frowenhus gesin
- Zu Strassburg da niden an dem Ryn,
- Doch gwan min hurenwirt nit so vil
- An uns allen, das ich glauben wil,
- Als ich dem bischoff hab müssen geben.«[45]
-
-[45] Scherr, Frauenleben, II. 16.
-
-Am Rheine wurden bisweilen gealterte Dirnen, die sich etwas Geld zu
-erübrigen gewusst hatten, Handelsfrauen, sogenannte Gremplerinnen, d.
-h. Zwischenhändlerinnen, die von den marktfahrenden Landleuten die
-Landesprodukte aufkauften, um sie mit Nutzen an die Konsumenten
-weiterzugeben. Murner gerät über diese »mit dem Judenspiess
-rennenden«, also Wucher treibenden Weiber, in helle Wut, die sich in
-den Worten äussert:
-
- »Keine alte Hure ist am Rhein,
- Die Grempen nicht wollte sein.
- Wenn ein paar Eier man nur bringt
- Zum Markt, die alte Brecken (Hündin) springt
- Dorthin, (statt gleich den armen Leuten
- Den Unterhalt sich zu erstreiten
- Durch Arbeit) und ersteht die Eier,
- Verkauft sie noch einmal so teuer
- Und bringt so der Gemeinde Schaden ....«
-
-Als gerechte Strafe für die von ihnen verursachte Verteuerung der
-Lebensmittel empfiehlt er, die Gremplerinnen mit Steinen um den Hals
-in den Rhein zu versenken.[46]
-
-[46] Narrenbeschw. LXVII. 38 ff.
-
-Im 16. Jahrhundert trat erst schüchtern und vereinzelt, dann allgemein
-ein Wechsel der Ansichten in Bezug auf die konzessionierten
-Lasterhöhlen ein. Man begann nach und nach die absolute Notwendigkeit
-der Bordelle in sittlicher und gesundheitlicher Beziehung in Zweifel
-zu ziehen, den bisher niemals angefochtenen moralischen Nutzen zu
-prüfen, und das Resultat dieser Erwägungen war schliesslich ein wenig
-befriedigendes. Dazu sanken die Erträgnisse der Freudenhäuser immer
-tiefer, so dass die Ruffiane kaum mehr ihr Leben fristen, geschweige
-denn die gewohnten Abgaben leisten konnten; ferner erschollen von
-allen Kanzeln der neuen protestantischen Geistlichkeit ernste Worte,
-die den Kreuzzug gegen diese Hölle auf Erden, gegen diesen Sündenpfuhl
-predigten, der jeden rettungslos den Klauen des Gottseibeiuns
-überlieferte, der seine verfluchte Schwelle um des Lasters willen
-überschritt. Alles dieses hat den Bordellen argen Schaden zugefügt,
-doch ihre endgültige Vernichtung bedurfte kräftigerer Ursachen, um die
-dem Volke gewohnte und oft nahezu unentbehrliche Institution für
-Jahrhunderte aus der Welt zu schaffen.[47]
-
-[47] Erwähnt zu werden verdient, dass in Ulm, in dem 1537 die
-Frauenhäuser aufgehoben worden waren, 1551 die Zünfte ihre
-Wiedereinführung beantragten, »um grösseres Unwesen zu verhüten«,
-ebenso in Basel und 1562 in Nürnberg, dessen Rat bei drei Predigern
-und sechs Rechtsgelehrten erst ein Gutachten einholte, ehe er die
-Abschaffung der Bordelle vornahm (Kriegk a. a. O. S. 293).
-
-Erst die gleich vom Anbeginn mit rasender Wut auftretende Lustseuche,
-die Franzosen- oder St. Jobs-Krankheit benannte Syphilis machte die
-Verbreitungsstätten dieser Pest, der Ärzte und Laien gleich ratlos
-gegenüber standen, dem Erdboden gleich. Namenloses Entsetzen erfüllte
-alle Gemüter ob dieser neuen, bisher unbekannten Seuche, die kein
-Alter, kein Geschlecht, keinen Stand verschonte, in allen Kreisen ihre
-Opfer suchte, bei den Patriziern der Städte, dem Adel, den Kirchen-
-und Kloster-Geistlichen, wie in den unteren Volksklassen. »Einer
-steckte den anderen an; aus Stadt und Dorf verstossen, irrten ganze
-Scharen von Männern und Weibern aus geistlichem und weltlichem Stande
-umher, bedeckt mit Eitern und Geschwüren, vom Kopf bis zum Fusse,
-winselnd und rettungslos. Vergebens waren zunächst alle bekannten
-Arzneimittel; ein langsamer, schrecklicher Tod erlöste die
-Leidenden.[48] Ärzte und Quacksalber überboten sich in abenteuerlichen
-Mitteln, die oft noch grässlicher waren, als die Krankheit selbst. Ein
-Dr. Arnoldus Weickard ordinierte Hundskot »wilder Heckrosen, und vom
-dörren Schaffapfel jedes gleich viel, wilder Rosenblätter und
-Silberglätt, jedes auch gleich viel, und mach drauss ein Pulver. Erst
-wasche das Geschwär mit des Patienten eignem Urin oder Wegbreitwasser,
-hernach streue das Pulver drein«.[49] Derartige Kuren im Dunkeln
-tappender Mediziner verschlimmerten natürlich nur den Zustand der
-Kranken, die man mitleidlos von sich stiess, in Erdhöhlen und
-Feldhütten verwies, bis man in leerstehenden Spitteln und Bordellen
-Plätze fand, in denen die Unglückseligen wenigstens gegen die Unbilden
-der Witterung geschützt, ihr elendes Leben fristen und sterben
-konnten. Ängstlich wich man den Syphilitischen aus, ebenso wie vordem
-den Aussätzigen, galt doch schon ihr Atem als Gift, eine Berührung
-ihrer Hand für tödlich.
-
-[48] Dirchs, Die ältesten Schriftsteller über die Lustseuche in
-Deutschland, S. 346.
-
-[49] K. F. Paullinis heilsame Dreckapotheke, Frankfurt a. M. 1714, 3.
-Kap. Von der Hurenseuche.
-
-»Wer einen Fuss im Frauenhaus hat, hat den anderen im Spital.« Die
-Frauenhäuser hatten viel zur Verbreitung der Syphilis beigetragen, und
-als man sich dessen bewusst wurde, mied man jeden Verkehr mit den
-Dirnen. Unter diesen Umständen verminderte sich der Bordellbesuch mit
-dem Umsichgreifen der Lustseuche immer mehr, bis er endlich derart
-gesunken war, dass die Obrigkeiten die Aufhebung der Frauenhäuser
-veranlassten, nicht selten erst, nachdem die Ruffiane davongegangen
-und die Dirnen selbst krank geworden oder in alle Winde zerstreut
-waren.
-
-Die Prostitution selbst erlitt durch den Wegfall der Bordelle nur
-geringe Einbusse. Das Verschwinden ihrer Kasernen tilgte das Schandmal
-nicht von der Stirne der Dirnen; sie mussten in dieser Zeit, die sie
-verachtete und gleichzeitig fürchtete, bleiben, was sie vordem waren,
-wenn auch der Selbsterhaltungstrieb sie zwang, ihr Gewerbe mehr zu
-verschleiern. So wurde aus vielen der Frauenhäuslerinnen jene
-»Sunneweigerinnen«, fahrende Weiber, die unter der Marke, bekehrte
-Dirnen zu sein, um Sancta Maria Magdalenas willen bettelnd durch die
-Lande zogen und, wenn sich Gelegenheit bot, gerne wieder in ihr
-früheres Metier verfielen. Diese nun vagierenden Bordellmädchen
-vermehrten die Zahl der landstreichenden Dirnen, sie waren aber
-keineswegs die Urheberinnen der reisenden Prostitution. Früh hatten
-die nach Rom ziehenden Pilgerinnen und Wallfahrerinnen, der Verführung
-auf der langen Reise nachgebend und der Not erliegend, in den Städten
-des fränkischen Reiches und der Lombardei sich zu Priesterinnen der
-Venus vulgivaga gewandelt (Bonifazius epistolae 73). Sie bevölkerten
-entweder fern von ihrer Heimat die Bordelle, oder fuhren, das neue
-Gewerbe ausübend, erst ihrem Ziele zu und dann weiter vagierend durch
-die Welt.
-
-Das »varende vip« zog während des ganzen Mittelalters den
-Hoflagern, den Krönungen, Reichstagen, Turnieren, Kirchtagen,
-Jahrmärkten, Konzilien, überhaupt allen Versammlungen der
-mittelalterlichen Gesellschaft zu, die ihnen durch das Zusammenströmen
-verschiedenartiger, den Fesseln der heimatlichen Beobachtung entrückter
-Elemente, Verdienst zu bieten schienen. An dem zweimal im Jahre
-stattfindenden Jahrmarkt zu Zurzach im Kanton Aargau beteiligten sich
-oft über 100 solcher Auswürflinge an dem berüchtigten »huorendanz«, der
-ungezählte Zuschauer aus allen schweizer Gauen anlockte. Durch ihre
-Zahl und die Frechheit in Ausübung ihres Berufes wurden sie oftmals
-zur Landplage. So wurde einmal in Basel die Klage laut: »Junge Töchter
-und alte Frauen machten auf der Strassen Königinnen; da kann schier
-ein biederb Mann nit durch die Gassen kommen, so fallen sie ihn an und
-wollen Geld von ihm gehegt han.« Bekamen sie dies nicht, so pfändeten
-sie ihn und nahmen Hut und Gugel ab. Aber ganze Heere der Ausüberinnen
-gewerbsmässiger Liebe stellten sich dort ein, wo geistliche und
-weltliche Würdenträger zu gemeinsamer monate-, selbst jahrelang
-währender Beratung zusammen getreten waren. Auf dem Konstanzer Konzile
-von 1315 waren schon »heimlich frouwen und courtisaninen gar vil«, von
-denen Oswald von Wolkenstein singt:
-
- »Wer seines Leids ergötzt will sein,
- Und ungenetzt beschworen fein,
- Der zieh' gen Kostnitz an den Rhein,
- Ob ihm die Reis' wohl füge.
- Darinnen wohnt manch' Fräulein zart,
- Die können spielen um den Bart ....«
-
-Dem Reichstage von Frankfurt a. M. wohnten 1394 an 800 Fahrende
-bei; hingegen überbot an dem von 1414 bis 1418 in Konstanz tagenden
-Konzil ihre Menge alles bisher Dagewesene. Ihre Zahl schwankt bei den
-verschiedenen Autoren zwischen 450 und 1500. Der Generalquartiermeister
-des Herzogs Rudolf von Sachsen, Eberhard Dacher, sollte auf Befehl
-seines in Konstanz anwesenden Herrn die dort befindlichen Kurtisanen
-zählen. »Also ritten wir von einem Freudenhaus zu dem andern und wir
-fanden in dem einen Hause dreissig, in einem weniger, dann wieder mehr
-und so ergaben sich, ohne die zu zählen, die sich in den Badestuben
-oder Ställen aufhielten, bei siebenhundert gemeiner Frawen.« Nun wollte
-der Herzog auch noch die Anzahl der geheimen Dirnen wissen, aber Dacher
-bat flehentlich, von dieser Volkszählung enthoben zu werden, da er es
-»nicht metig zu tun; ich wurde villeicht um die Sach ertötet«. So stand
-denn der Herr von seinem Vorhaben ab. Von einer dieser Dirnen, einer
-Wiener Hübschlerin, meldet von der Haardt, dass sie mit einem erbuhlten
-Vermögen von 800 Goldgulden aus Konstanz gezogen sei. Sie scheint
-nicht vereinzelt dagestanden zu haben, wie aus dem 1415 gedichteten
-Volksliede Eberhart Windeckes hervorgeht:
-
- »Nun hat man neue Märe im Lande vernommen
- Seit das Konzilium gen Konstanz ist kommen
- Die Dirnen sind gemehlich (Freude bereitend)
- Und sind auch worden wacker und reich.«
-
-Freilich gelang es nur den allerwenigsten, wacker und reich zu werden.
-Die Mehrzahl konnte sich niemals von der Anfangsstufe in die Höhe
-arbeiten; meist sanken sie, namentlich bei zunehmendem Alter, bis zur
-landstreichenden Bettlerin, die den Busch oder den Wegrand zum
-Liebesgemach erkor und auch dort das besudelte, verfehlte Leben
-endete.
-
-Diese Fahrenden rekrutierten sich in der Hauptsache aus entlaufenen
-Bauernmädchen und den Frauen und Töchtern der vagabundierenden Bettler
-und Gaukler. Die Anrüchigkeit und Unehrlichkeit des vormaligen
-Artistenstandes zwang die armen, schon durch ihre Geburt gebrandmarkten
-Geschöpfe zur feilen Liebe. Wo sie erschienen, standen sie ausserhalb
-der Gesellschaft, dem Henker und Totengräber gleich; ihre Berührung
-befleckte, ihr Eintritt in ein Haus galt als unheilbringend und die
-Ehrlichen jagten sie erbarmungslos mit Schimpf und Schande von ihrer
-Schwelle. Sogar der Scherge fühlte sich zu gut, über sie zu wachen, man
-gab ihnen ein eigenes Oberhaupt, den Pfeifer- oder den »#Bubenkönig#«,
-dem die Beaufsichtigung aller Vaganten und fahrenden Frauen oblag, und
-der noch 1512 in Köln seines Amtes waltete.[50]
-
-[50] Dr. Otto Beneke, Von unehrlichen Leuten, S. 29.
-
-An der Kirchhofsmauer oder auf dem Anger, wo die armen Sünder ohne
-Sang und Klang eingescharrt wurden, war auch ihre letzte, gar oft nur
-widerwillig gewährte Ruhestätte. Kein Hügel wölbte sich über das Grab
-der bis über das Leben hinaus verachteten Heimatlosen. Ohne Obdach zu
-besitzen, irrten sie ruhelos umher, heute im Überfluss schwelgend,
-morgen den Hunden der Herrenhöfe das Futter entreissend; stehlend, wo
-sich Gelegenheit bot, auch vor einem Gewaltsakte nicht zurückbebend,
-wenn er nur Beute versprach, ohne Rechtsbewusstsein, ohne Ahnung von
-Menschenwürde, vertiert wuchsen sie auf, als Landplage gehasst und
-verfolgt.
-
-Solch unglückseligen Weibern konnte die Hingabe um Lohn nichts weiter
-sein als ein Verdienst, ein leichter, willkommener sogar, der ihnen
-keinerlei Bedenken einflösste. Woher sollten sie von Moral wissen,
-sie, denen Scham etwas Unbegreifliches war, deren Lumpen kaum die
-Blössen bedeckten. Im »Liber Vagalorum« findet sich eine Gruppe von
-drei Fahrenden, einem Mann und zwei jungen Frauen, die mit
-Reisigbündeln beladen auf der Landstrasse dahin ziehen. Den Weibern
-hängen die Fetzen vom Leibe, sie enthüllen mehr als sie verdecken,
-wohl absichtlich, einerseits, um mildherzige Frauen zur Verabreichung
-abgelegter Kleidungsstücke zu bewegen, andererseits, um durch die zur
-Schau getragenen Reize Männer zu locken.
-
-Auf einer etwas höheren Stufe als bettelnde Landstörzerinnen standen
-die fahrenden Gauklerinnen, die sich aber erst vor einer kurzen Spanne
-Zeit der auf ihnen die ganze Vorzeit hindurch lastenden allgemeinen
-Missachtung entringen konnten. Noch zu Anfang des 18. Jahrhunderts
-hiess es von ihnen: »Taschen-Spielerin Heissen diejenigen im Land
-herum vagirenden und auf die Jahr-Märkte reisenden liederlichen
-Weibes-Bilder, so dergleichen wunderliche Profession treiben und den
-Zuschauer allerhand Blendwerck durch ihre Kunst und Geschwindigkeit so
-wohl mit der Karten als auch andern darzu verfertigten künstlichen
-Instrumenten vormachen.«[51] Nach derselben Quelle ist die
-»Seil-Täntzerin eine leichtsinnige Weibes-Person, so in dem Lande
-herum ziehet und ihre Kunst auf dem Straffen oder Schweng-Seil zu
-tantzen, öffentlich um Geld sehen lässt«.
-
-[51] Frauenzimmer-Lexicon von Amaranthes, Leipzig 1715.
-
-Diese Künstlerinnen, denen auch Abraham a St. Clara vieles am Zeuge zu
-flicken hat, waren selten besser als ihr Ruf. Als sich Grimmelshausens
-»seltzamer Springinsfeld« ärgert, dass seine Neuvermählte »ihre
-Jungfrauschafft nicht zu ihm bracht, sagte sie: Bist du dann so ein
-elender Narr, dass du bey einer Leyrerin -- ein Mädchen, das mit einer
-Leier umherzog -- zu finden vermeint hast, dass noch wol andere Kerl,
-als du einer bist, bey ihren ehrlich geachten Bräuten nicht finden?
-Wann du in solchen Gedanken gewesen bist, so müsste ich mich deiner
-Einfalt und Thorheit zu kranck lachen ...«
-
-Wie den Krönungen und Konzilien, eilten die Fahrenden in grossen
-Massen den Heeren zu. Schon die Kreuzfahrer zogen in Begleitung von
-Scharen leichtfertiger Weiber nach dem orientalischen Kriegsschauplatz.
-Einzelne sittenstrenge Feldherrn, wie Kaiser Friedrich Barbarossa
-(1154) liessen zwar die Dirnen aus den Lagern jagen, richteten damit
-aber für die Dauer wenig aus. Ludwig der Heilige musste zu seinem
-Schmerze sehen, dass sich innerhalb der Lager, nahe dem königlichen
-Zelt, unter dem Protektorate von Hofleuten stehende Bordelle erhoben.
-
-Als die Heere grösser und durch die unausgesetzte Verwendung beinahe
-schon zu stehenden wurden, wuchs der Tross der Soldatenmenscher mit
-ihnen. Welche Mengen von Dirnen bei den Heeren, zu deren Bestand sie
-mit der Zeit gezählt wurden, anzutreffen waren, geht aus einer Angabe
-Wilmolt von Schaumburgs hervor, dass bei der Belagerung von Neuss Karl
-der Kühne: »liess den profosen die gemainen weiber, der #ob dem
-viertausend un hör waren#, zu der Arbeit berufen und versahn.
-Denselben weiben wart durch den herzogen ain Fendlein (Fahne) geben,
-daran was ein Frau gemalt, und wan si zu oder von der arbait giengen,
-wart in mit dem Fendlein, auch trummen und pfeifen vorgegangen«. Der
-deutsche Condottiere Werner von Urslingen hatte 1342 bei einem Bestand
-von 3500 Mann 1000 feile Dirnen, Buben und Schelme (meretrices,
-ragazzii et rubaldi satis) aufzuweisen.[52]
-
-[52] Otto Elster, Bilder aus der Kulturgesch. des deutschen Heeres, S.
-52.
-
-Um dieses Heer im Heere im Schach zu halten, gab man ihnen einen mit
-weitgehenden Vollmachten ausgerüsteten Vorgesetzten, den #Hurenweibel#,
-dem sie sowie das Gelichter der Trossbuben und alle sonstigen Drohnen
-unbedingt zu gehorchen hatten.
-
-»Ampt und Bevelch des Hurenweybels« betitelt sich der Abschnitt über
-die Obliegenheiten dieses meist im Hauptmannsrange stehenden Offiziers
-und seines Leutnants und Fähnrichs. Dieser »Bevelch« schreibt dem
-Waibel vor, darauf zu sehen, dass die »gemeinen Weiber« getreulich
-ihre Herren abwarten, auf dem Marsche das Gepäck tragen, im Lager
-kochen, waschen, die Kloaken reinigen, Kranke pflegen, »sonnst wo man
-zu feldt liegt, mit Behendigkeit lauffen, rennen, einschenken,
-Fütterung, essende und trinkende Speis zu holen, neben anderer
-Nothdurft, sich bescheidentlich zu halten.« Ihm ist das Recht
-zugestanden, Vergehen, der »Huren und Buben« durch »mechtig übel«
-Schläge zu ahnden, sie überdies mit möglichster Strenge zu halten, da
-sonst »würden faule Schwengel und Huren gar zu viel«. Also durch
-Abschreckungstheorie suchte man den Zuzug neuer Individuen
-hintanzuhalten. Überdies sollte der Tross zu allen militärischen
-Nebenarbeiten herangezogen werden. Seine Angehörigen sollten Wege
-ausbessern, Gräben aufwerfen oder füllen, Holz zu Schanzkörben und
-Verhauen herbeischleppen, Hand anlegen, wenn die Bagagewagen oder die
-Geschütze im Wegmorast stecken blieben, und dieses alles ohne
-Widerrede »bei ernstlicher straff, so ihnen aufferlegt wird.« Sie
-sollten auch nicht »umsonst einkauffen« d. h. stehlen, bei
-Todesstrafe. Man sieht, das Los einer Soldatendirne war kein rosiges
-und trotzdem sangen sie:
-
- »Ob wir schon übel werden geschlagen,
- So thun wirs mit ein Landsknecht wagen.«
-
-Das zweifarbige Tuch und die flatternden Fahnen waren Lichter, die sie
-in hellen Haufen anzogen, die sie umflatterten, bis sie versengt zu
-Grunde gingen. Herzog Alba, der spanische Würger, führte ein Gefolge
-von vierhundert Lustweibern zu Pferd und über achthundert zu Fuss mit
-seinem Söldnerheere nach den Niederlanden. Sie waren in Kompagnien
-geteilt und in Reih und Glied geordnet. Jeder war je nach Schönheit
-und Herkunft ein Liebhaber gegeben, dem sie bei Strafe anzugehören und
-treu zu sein hatte. Im dreissigjährigen Kriege verlor die Stellung des
-Hurenweibels an Ansehen, er sank zum gemeinen Soldaten herab, dem das
-Heer ebenso wenig Achtung zollte, wie der ihm unterstellte Tross. Mit
-der Einrichtung der stehenden Heere verschwand das Weibergefolge auf
-dem europäischen Festlande, und mit ihm auch der Weibel.
-
-Das völkermordende dreissigjährige Würgen, das Deutschland auf
-Jahrhunderte zu Grunde gerichtet, seine vormals blühenden Gegenden in
-menschenleere Wüsteneien verwandelt, bot dem fahrenden Dirnentum den
-günstigsten Nährboden. Ihre Zahl wuchs ins Unmessbare, denn jede
-eroberte Stadt, jedes eingeäscherte Dorf vermehrte das Heer der
-Soldatenweiber. Gezwungen oder freiwillig folgten die ihrer Heimat,
-ihrer natürlichen Beschützer beraubten Mädchen und Frauen ihren
-Vergewaltigern, bei denen sie wenigstens nicht verhungerten, bis sie
-am Wege starben, oder unter den Fäusten ihrer entmenschten Liebhaber
-verröchelten. Was galt in diesen Unglücksjahren ein Menschenleben und
-gar das Leben einer Dirne, jenes Geschmeisses, das zu zertreten der
-Laune seines Besitzers frei stand.
-
-Das Zeitalter des grossen Krieges entfesselte in bis dahin
-ungeahnter Wildheit das Tier im Menschen. Alle Greuel, die ein
-krankhaft-überspanntes Gehirn auszuhecken vermag, überbot die zügellose
-Soldateska, jener Auswurf der Menschheit, der unter dem Schutz der
-Fahnen und entmenschter Führer die Bestien des Urwaldes an Blutdurst
-und Grausamkeit übertraf. Jedes Weib ohne Rücksicht auf Alter war
-verloren an Leib und Seele, das diesen Scheusalen in die Hände fiel.
-Grausamkeit und Wollust, diese beiden Stiefschwestern der Liebe,
-steigerten sich bei diesem vertierten Gesindel zu einer unerhörten
-Intensivität. Moscheroschs »Philanders von Sittewald wunderliche
-und wahrhaftige Gesichte« und Christoffel von Grimmelshausens
-»Simplizianischen Schriften« entrollen grauenvolle Bilder des
-bluttriefenden Übermutes, die durch die Chroniken jener Zeit nicht
-nur als wahrheitstreu, sondern oft sogar durch dichterische Retouche
-gemildert nachgewiesen wurden.
-
-Darum gewinnt das Bild einer Soldatendirne des dreissigjährigen
-Krieges, das Grimmelshausen gezeichnet, den Wert eines
-kulturgeschichtlichen Dokumentes, dessen Details uns getreulich das
-Werden, Leben und den Untergang eines dieser bedauernswerten Geschöpfe
-vergegenwärtigen. Der Titel der »Ertzbetrügerin und Landstörtzerin
-Courasche«, gedruckt in Utopia bei Felix Stratiot, nimmt vierundzwanzig
-Zeilen ein, und achtundzwanzig Kapitel behandeln das Leben dieser
-Courage von ihrer Kindheit an, bis zu ihrem hohen Alter.[53] Der
-kurzgefasste Inhalt des Büchleins, soweit es uns interessierende Themen
-enthält, ist folgender: Jungfer Lebuschka ist von ihren unbekannten
-Eltern einer Bäuerin in Bragoditz, jetzt Prachatitz, in Böhmen zur
-Pflege anvertraut. Als sich der Krieg gegen Prachatitz zu ziehen
-scheint, beredet die Pflegemutter das dreizehnjährige Mädchen, sich
-als Knabe zu kleiden, um so der Schändung zu entgehen. Aus Jungfrau
-Lebuschka wird der Knabe Janco, der von den Soldaten mitgeschleppt
-wird, als »die Männer in der eingenommenen Stadt von den Überwindern
-gemetzelt, die Weibsbilder genohtzüchtiget und die Stadt selbst
-geplündert worden«. Der Rittmeister des Trupps, dem Lebuschka in
-die Hände gefallen, behält sie selbst als Trossbuben, bis bei einer
-Rauferei ihr Geschlecht erkannt und sie zur Maitresse ihres Herrn
-wird. Ihre oft bewiesene Unerschrockenheit hat ihr den Namen Courage
-eingebracht, den sie nicht mehr los wird. Mit ihrem Rittmeister zieht
-Courage weit in der Welt umher, bis nach Ungarn, wo er vor Neuhäusel
-(Neussol) eine tödliche Wunde erhält. Auf dem Sterbebette reicht er
-Courage seine Hand, die nun Frau Rittmeister und gleich darauf Witwe
-wird. Mit der Beute ihres verstorbenen Gatten reich ausgestattet, kommt
-Courage nach Wien, wo sie verschiedene einträgliche galante Abenteuer
-besteht. Die Sehnsucht, Prachatitz wiederzusehen, führt sie über
-Prag dorthin, doch auf der Reise wird sie von Mansfeldischen Reitern
-aufgehoben, in eine verlassene Meierei geschleppt, vergewaltigt, aber
-mit ihrem Eigentum von einem feindlichen Hauptmann aus den Klauen der
-Mansfelder befreit. Sie weiss den Hauptmann zu ködern, sie zur Gattin
-zu nehmen, und bleibt ihm aus Berechnung treu, bis er am 22. April 1622
-in Wiesloch in Baden fällt. »So ward ich wiederumb in einer kurtzen
-Zeit zu einer Wittib.«
-
-[53] Kürschners Deutsche Nationallitteratur, Band 35.
-
-Courage geniesst ihr Leben, freut sich der teilweise selbst gemachten
-reichen Beute, die sie mit einem schwarzhaarigen Leutnant, »einem
-Italianer« teilt, der sie ihres Geldes wegen zur Frau nimmt. Nach der
-ersten grossen Schlägerei nimmt der junge Ehemann aber Reissaus, und
-später erfährt Courage, dass der schöne Offizier als Deserteur gehenkt
-wurde. Mit ihm verduftete leider die ganze Barschaft unserer Heldin,
-die nun wieder aufs Rauben auszieht, wobei sie manch kostbare Beute an
-Geld und Juwelen, einmal sogar einen leibhaftigen Major, nach Hause
-bringt. Durch ihre Aufführung wird aber unsere Courage mehr und mehr
-verrufen und dadurch sogar beim »Lumpengesindel beym Tross« derart
-unmöglich, dass sie es vorzieht, wieder einmal für einige Zeit zu
-verschwinden, und ruhig und ehrbar in einer Stadt sich für einen
-Fischzug nach einem neuen Ehegatten zu stärken.
-
-Ihr Wohnort erweist sich als ungeeignet für ihre Pläne, darum fasst
-Courage den Entschluss, noch einmal den Versuch zu wagen, ihre
-Pflegemutter in Prachatitz zu erreichen. Diesmal gelingt es besser als
-das erste Mal. Courage erfährt von ihrer Pflegemutter, wie ihr Vater
-vormals einer der gewaltigsten Herren im Reiche gewesen, der sich
-jetzt aber, als Rebell vertrieben, bei den Türken aufhält. Ihre Mutter
-war Kammerjungfer bei des Grafen (Courages Vater) Gattin, ist nun aber
-längst tot.
-
-Als Courage von Prachatitz nach Prag zurückkehrt, nimmt sie die alte
-Bäuerin mit sich, die fürder als ihre Mutter gelten soll. Unter der
-Maske, durch den Krieg aus ihrem Besitztum vertrieben zu sein, suchen
-sie offiziell ihren Unterhalt durch Nähen und Sticken zu erwerben, was
-dank der Nebenbeschäftigung Courages gelingt, ohne dass sich ihr etwa
-3000 Reichsthaler belaufendes Vermögen verminderte. Ein Hauptmann, dem
-es weniger um Ehre als um Geld zu thun ist, wirbt um Courage; sie wird
-seine Frau, muss aber mit ihrem Manne bald nach der Trauung den
-sicheren Port Prag verlassen und nach Holstein aufbrechen.
-
-Courage fand es diesmal für gut, ihren Mann in Einzelheiten ihres
-Lebens einzuweihen -- natürlich erzählt sie nur, was ihr in den Kram
-passt --, um unliebsamen Entdeckungen zuvorzukommen, die bei ihrer
-Berüchtigtheit in allen deutschen Heeren nicht ausbleiben können. Da
-sie ihrem Manne treu bleibt, prallen auch alle Zuträgereien an diesem
-ab, und sie leben glücklich, bis ein Kanonenschuss bei der Belagerung
-des Schlosses Hoya sie neuerdings zur Witwe macht. Das Schloss wird
-übergeben, und zum Unglück fällt Courage jenem Major in die Hände, den
-sie früher einmal gefangen genommen hat. Er nimmt die denkbar
-gemeinste Rache an dem Weibe, das er vor und mit seinen Offizieren
-prostituiert und endlich den Trossbuben preisgeben will, als ein
-dänischer Offizier sie frei bittet, um sie auf sein Erbschloss in
-Dänemark in Sicherheit zu bringen. In Verborgenheit bringt Courage
-einige Monate auf diesem Schlosse zu, bis die Eltern des Adeligen von
-ihrem Aufenthalt erfahren und sie, um die geplante Heirat ihres Sohnes
-mit der Dirne zu hintertreiben, nach Hamburg locken, wo man sie ihrem
-Schicksale überlässt, so dass sie anfängt: »mit dem Schmalhansen zu
-conferirn, der mich leichtlich überredete, mein täglich Maulfutter mit
-meiner nächtlichen Handarbeit zu gewinnen«. Es wird ihr leicht, da
-Hamburg und seine Grenzgebiete von Truppen überschwemmt sind. Ein
-junger, strammer Reiter, den sie sich zum Herzensfreund erkoren, gerät
-ihretwegen in Streit mit seinem Korporal, wird arkebusiert, sie aber
-wird schimpflich durch den Steckenknecht aus dem Lager gebracht. Zwei
-Reiter fallen sie an, von denen sie einen tötet, den anderen aber mit
-Hilfe eines hinzukommenden Soldaten in die Flucht schlägt, worauf sie
-ihrem Retter zu seinem Regimente folgt. Courage findet die böhmische
-Theatermutter wieder, die sie bereden will, mit ihr nach Prag zu
-gehen, um dort in Ruhe zu leben; aber das wilde Blut in der
-Soldatendirne will durch Abenteuer in Wallung erhalten sein, und so
-bleibt sie denn beim Heere und gerade bei jenem Regimente, dem ihr
-gefallener Gatte, der Hauptmann, angehört hatte. Als Marketenderin
-zieht sie mit dem Heer über die Alpen nach Italien und entschliesst
-sich endlich, den Soldaten zum Liebhaber zu nehmen, der ihr vordem in
-ihrem Kampfe mit den Marodeuren beigestanden. Aus der Frau Hauptmännin
-wird eine Musketiersmaitresse. Springinsfeld, der junge Pseudo-Ehemann,
-hilft seiner Geliebten bei der Marketenderei, während sie, die alte
-Pflegemutter als Kupplerin benützend, ihrem Liebsten Hörner schockweise
-aufsetzt, viel Geld damit verdient, das sie in sicheren Wechseln nach
-Prag sendet. Wenn die Geldquelle zu versiegen droht, weiss sie sich mit
-Springinsfelds Hilfe durch Diebstähle schadlos zu halten, bei denen
-ihr Buhle recht geschickt als Werkzeug benutzt wird. Inzwischen ist
-Courage des Genossen überdrüssig geworden und sucht eine Gelegenheit,
-sich seiner zu entledigen. Eines Nachts, als sie neben ihm schläft,
-packt sie der Springinsfeld in schlafwachem Zustand, wirft sie über
-die Achsel und eilt mit ihr dem Wachtfeuer bei des Obersten Zelt
-zu. Unterwegs erwacht Courage, ihr Geschrei weckt das Lager, dessen
-Insassen von allen Seiten herbeieilen, sich den lächerlichen Vorfall,
-»die Gugelfuhr«, die nackte Courage auf der Schulter ihres halbnackten
-Galans, zu besehen. Die Gelegenheit, den Liebhaber los zu werden, ist
-endlich gefunden, denn selbst der Profoss befiehlt die Trennung von
-einem Menschen, der im Schlafe zu einem Morde fähig scheint, und mit
-einem Pferde, Geld und dem _spiritus familiaris_, einem Galgenmännlein,
-das seinem Besitzer alle Wünsche erfüllt, aber dessen Seele dem Teufel
-zuführt, beschenkt, zieht Springinsfeld seiner Wege. Auch Courage
-wird im Regimente bald der Boden zu heiss unter den Füssen, und mit
-ihrem erbuhlten und ergaunerten Besitztum überreich ausgestattet,
-wählt sie erst Passau, dann Prag zum ständigen Aufenthalt, um dort
-das Ende des Krieges abzuwarten. Obgleich älter geworden, gelingt es
-Courage doch noch einmal, einen Hauptmann zum Gatten zu kapern, sie
-verliert aber den Mann, »der noch kaum bey mir erwarmet« wieder und
-begiebt sich nun in das Vaterland ihres ersten Hauptmanns-Gatten,
-wo es ihr so gut gefällt, dass sie sich sesshaft macht und all ihr
-Geld in Grundbesitz anlegt. Sie hofft auf den nahe bevorstehenden
-Frieden, sieht sich aber getäuscht, denn die Rationierungen und
-Einquartierungen der durchziehenden Soldateska, dazu die Steuern drohen
-ihr Vermögen aufzuzehren, weshalb sie auf das bei ihrer Qualität sehr
-naheliegende Auskunftsmittel verfällt, ihr Haus zu einem Bordell für
-die Soldaten zu machen. Das Geschäft floriert einige Jahre glänzend,
-doch nötigt sie ein bei ihrem Berufe naheliegendes Leiden, ein Heilbad
-aufzusuchen, in dem sie den Simplicius Simplicissimus kennen lernt.
-Wie sie diesen jungen Mann und berühmten Soldaten belügt und betrügt,
-füllt das 24. Kapitel ihrer Memoiren, die nun ihrem Ende zugehen. Ihr
-Luderleben veranlasst endlich die Obrigkeit ihres Wohnortes, ihr Haus
-zu sperren und sie mit ihren Mägden davonzujagen. Sie nimmt noch einmal
-mit wechselndem Erfolge ihr altes Metier wieder auf, bis sie einer
-Zigeunertruppe in die Hände gerät. Der Leutnant dieser Vaganten begehrt
-sie ob ihrer Schlauheit zum Weibe, und mit ihm und ihrer Truppe, die
-sie zur Königin erkiest, durchzieht sie fortan nach Zigeunerweise
-die deutschen Länder -- ein Schicksal, das vielen Soldatenweibern
-beschieden war, die nach dem Frieden bei Räuberbanden blieben, von
-denen das arme, hinsterbende Deutschland noch lange gebrandschatzt
-wurde.
-
-
-
-
-Das Badewesen.
-
-
-Der Gebrauch von Bädern war in der deutschen Vergangenheit
-ungleich verbreiteter und allgemeiner als heutzutage. Allen
-Bevölkerungsschichten, von dem niedrigsten Knechte bis zum
-ehrfurchtsvoll gegrüssten und vielbeneideten Stadtgrossen, war
-das Baden nicht nur ein unabweisbares Bedürfnis, sondern auch ein
-unentbehrlich gewordenes Vergnügen, das den sieben grössten Freuden des
-Lebens zugezählt wurde, »es war ein sauber spiel, Das ich immer preisen
-wil«[1], darum heisst es im »Schertz mit der Warheyt« (Frankfurt 1501):
-
- »Wiltu ein Tag frölich sein?
- geh ins Bad;
- Wiltu ein Wochen frölich sein?
- lass zur Ader;
- Wiltu ein Monat frölich sein?
- schlacht ein Schwein;
- Wiltu ein Jahr frölich sein?
- Nimm ein jung Weib.«
-
-[1] Klara Hätzlerin, S. 273.
-
-Reinigungs- und Erfrischungsbäder galten seit frühester Zeit für eine
-heilsame diätetische Übung, was wohl darin seinen Grund haben mochte,
-dass einerseits die Kleidung schwerer war und dichter den Körper
-umschloss, als die heutzutage getragene, andererseits die Leibwäsche
-und ihr regelmässiger Wechsel weit weniger gebräuchlich waren, als in
-der Gegenwart. Zur Ergötzlichkeit dienten die Bäder nicht zuletzt
-dadurch, dass sich in den Baderäumen fast immer eine grössere
-Gesellschaft beiderlei Geschlechts zusammenfand. Aus den germanischen
-Urzeiten hatte sich der Gebrauch des Zusammenbadens von Männern und
-Frauen in das Mittelalter hinüber erhalten.
-
-»Und doch macht man aus der Geschlechtsverschiedenheit kein Geheimnis,
-denn beide Geschlechter baden sich gemeinschaftlich in Flüssen und
-tragen unter den Fellen und kleinen Decken von Renntierhäuten den Leib
-grösstenteils bloss,« sagt Caesar.[2] Die Kirche eiferte bereits im
-Jahre 745 auf der unter dem heil. Bonifazius abgehaltenen Synode gegen
-diesen Unfug, den aber auch spätere Beicht- und Buss-Ordnungen
-ebensowenig abzustellen vermochten, wie das Pönitentiale von
-Magdeburg.
-
-[2] Caesar, De bello gallico, Cap. 61. 21.
-
-In der Ritterzeit erwartete den Gast sofort nach seiner Ankunft das
-Bad, um den von der schweren Rüstung hart mitgenommenen Körper neu zu
-stärken. »Man schuf ihm ein Gut Gemach von Kleidern, Speis' und Bade,«
-heisst es an manchen Stellen im Iwein, Wigalois und Tristan. Ebenso im
-Biterolf:
-
- »Und Gunther dann die Helden bat,
- Dass sie nach Haus sich liessen laden.
- Er wollte schön sie heissen baden,
- Und ihnen schenken seinen Wein.«
-
-Auch Ulrich von Lichtenstein meldet mit Behagen, wie den Rittern nach
-sattsamen Kampfspielen manch schönes Bad bereitet ward, worin sie sich
-dann bis tief in die Nacht hinein ergötzten.
-
-Die Hausfrau mit ihren Zofen sind überall dem Willkommenen beim Bade
-behilflich, oft auch die jungfräulichen Töchter der Wirtin. So wird
-Parzival auf seines Lehrmeisters Gurnemanz von Graharss' Burg im Bade
-von Jungfräulein bedient, die mit »blanken, linden Händen« seinen Leib
-streichen. Wie Parzival lässt sich Herr Jakob von Warte, der Vetter
-des Königsmörders, nach dem Bilde der Heidelberger Manesseschen
-Liederhandschrift von Edeldamen betreuen, während er in dem mit Blumen
-bestreuten Bade sich von den vorhergegangenen Strapazen erholt. Die
-eine der Damen knetet des Ritters Arm, eine andere schmückt sein Haupt
-mit einem Blumenkranze, indes die dritte ihm einen Becher darreicht.
-Am Boden bei der Wanne facht eine Magd mit einem Blasebalge Feuer
-unter dem Wasserkessel an. Königin Isolde bereitet ihrem Tristan das
-Bad und bringt ihm Salben, »die zu seinen Wunden gehörten; sie salbte,
-band und badete ihn, dass er ganz zu seinen Kräften kam«.
-
-Doch auch der umgekehrte Fall kam vor.
-
- »Man sorgte, dass die Mägde zu Bade mochten gehn,
- Hartmuths Vettern sah man als Kämmerer beflissen, --
- Ein jeder wollt ihr dienen, sie als Königin geneigt zu wissen,«
-
-heisst es in der Gudrun. Schamhaftigkeit drückte eben weder Männer
-noch Frauen. »Meleranz überrascht eine Dame, die eben unter der Linde
-ein Bad nimmt. Das Bad ist mit einem Samît bedeckt, daneben steht ein
-herrliches, aus Elfenbein geschnitztes Bett. Um das Bett zieht sich
-ein Vorhang, bestickt mit der Geschichte von Paris und der Helena und
-den Abenteuern des Aeneas. Als Meleranz herantritt, fliehen die
-Dienerinnen der Dame; diese selbst ist viel weniger prüde. Sie hebt
-schnell den Samît, der den Bottich bedeckt, auf, ruft den Ritter ganz
-zu sich und befiehlt ihm, ihr nun statt der entlaufenen Mägde Hilfe zu
-leisten. Er muss ihr das Badehemd, den Mantel und die Schuhe
-herbeiholen. Während sie sich trocknet und die Kleider anlegt, tritt
-er bescheiden zur Seite, folgt aber wieder ihrem Rufe, als sie sich
-auf das Bett gelegt, und scheucht ihr die Mücken, bis sie sanft
-entschlummert ist.«[3] In den Baderäumen grosser Burgen fand sich
-häufig eine Galerie, von der aus Zuschauerinnen die badenden Gäste mit
-Blumen zu bestreuen pflegten. In dem Badehaus-Anbau aus dem 13.
-Jahrhundert auf der Wartburg ist noch ein solcher Balkon zu sehen.
-»Als eine Steigerung des Genusses galt diesem wohllebigen Geschlechte,
-wie den Saal und den Schlafgaden, so auch das Bad mit Blumen,
-besonders Rosen, zu bestreuen. Wie Jakob von Warte, werden auch
-Parzival Rosen in das Bad geworfen.«
-
-[3] Schultz, Höfisches Leben zur Zeit der Minnesinger, I. 225.
-
-Nach den Kreuzzügen, die ausser orientalischen Lastern auch bis dahin
-unbekannte Krankheiten in die Heimat brachten, nahm der Bädergebrauch
-in Deutschland einen riesenhaften Aufschwung, denn die Bäder,
-besonders die Schwitzbäder, galten mit Recht als einziges Schutzmittel
-gegen den eingeschleppten und sich unaufhaltsam verbreitenden Aussatz.
-Überall erstanden Bäder. Guarino, ein Gelehrter, in Verona zwischen
-1370 und 1460 lebend, sagt, dass zu seiner Zeit in Deutschland jede
-Stadt, selbst jedes Dorf, ein öffentliches Bad besessen habe.
-
-Die Badestuben enthielten Schwitz- und Wannenbäder; Bäder mit
-Dampfheizung waren dem 15. Jahrhundert nichts Neues mehr. In der
-bereits erwähnten Bellifortis-Handschrift Kyesers befinden sich zwei
-Zeichnungen solcher künstlich durchwärmten Bäder mit allerdings recht
-primitiven Dampferzeugungs-Anlagen im Unterbau.
-
-Ausser den öffentlichen Badehäusern, deren Besuch manchem
-Ausnahmemenschen nicht zusagen mochte, gab es in den Wohnhäusern
-besser situierter Leute Badegelegenheit und selbst in den meisten
-kleineren Häusern noch Badewannen oder Kufen, »darin er (der Hausherr)
-etwa mit seinem Weibe oder sonstem einen guten Freund sitzet oder ein
-Kändele drei vier Wein neben guten Sträublen ausleeret«. Die reichen
-Bürger der vornehmen Handelsstädte hielten sich gänzlich von den
-allgemeinen Bädern fern. Sie verfügten meist über eigene mit
-»Padofen«, dem Kessel zum Erwärmen des Wassers, Wanne und
-»Padschefflen« ausgestattete Stuben, »kleine gewachsame Badstüblein
-mit iren Wasser Kenelin«, zu der noch das »abeziehkemerlen«, der
-Auskleideraum, gehörte. In den Nürnberger Patrizierhäusern waren
-solche Gelasse allgemein. Israel von Meckenen zeichnet eine dieser
-Badestuben, in der eine bis auf die turbanartige Bademütze nackte
-Mutter eines ihrer Kinder abseift. Die anderen Sprösslinge tollen in
-der grossen, durch einen in die Wand eingelassenen Hahn mit Wasser
-gespeisten Wanne. In den deutschen Dampfbädern war fast überall die
-Dampferzeugung durch heisse, mit Wasser übergossene Steine
-gebräuchlich. Diese Badeart wurde von deutschen Reisenden aus Russland
-in Deutschland eingeführt.
-
-Der Kirchenvater Nestor berichtet aus dem Dnjeprlande: »Ich sah
-hölzerne Bäder und darin steinerne Öfen die scharf heizten.
-Sie begiessen sich die Haut mit lauem Wasser und nehmen #Ruten# oder
-#zarte Baumzweige# und fangen an, sich damit zu peitschen, giessen
-indes Wasser auf die Steine und peitschen sich so arg, dass sie kaum
-lebendig herauskriechen, worauf sie sich mit kaltem Wasser
-begiessen«.[4] Diese Ruten, Queste oder Wadel genannt, wurden zum
-Wahrzeichen für das Badehaus, das der Bader aushing, wie der Gastwirt
-den Laubkranz. Züchtigere Badebesucher deckten mit dem Blätterbusch
-ihre Blössen.
-
-[4] H. Peters, Der Arzt und die Heilkunde in der deutschen
-Vergangenheit, S. 52.
-
-Die sonstige Einrichtung der Schwitzbäder war denkbar einfach. Ein
-gewölbter, höchstens mit einigen rohen Bänken versehener Raum, den
-oft, aber nicht immer eine niedere Bretterwand in zwei Hälften
-schied, in das Männer- und das Frauengelass. Diese Scheidewände
-verhinderten wohl die gröbsten Ausschreitungen, gestatteten aber den
-ungeschmälerten Anblick der Badenden, was sich gewiss nicht jeder zu
-solch künstlerischen Zwecken zu Nutze machte, wie Albrecht Dürer,
-dem Badestuben zu Modellstudien dienten. Eine solche, im Badehause
-entstandene Skizze, jetzt in Frankfurt a. M., zeigt eine von einem
-Bader bediente Gruppe nackter Frauen in derb-realistischer Auffassung.
-Einer weiteren Dürerschen Darstellung einer Scene im Frauenbade
-sieht ein Fremder durch das auf die Strasse gehende offene Fenster
-zu. Auf einer Bäderzeichnung Kyesers unterhält sich ein Mann, bequem
-auf der Scheidewand aufgestützt, mit den badenden Nachbarinnen, die
-Zuwachs durch eine von der Strasse kommende Nymphe im tiefsten Negligé
-erhalten.[5]
-
-[5] Schultz, Deutsches Leben, S. 68.
-
-Die Bedienung im Bade besorgten bis zum 16. Jahrhundert in beiden
-Abteilungen Frauen. Auf einer Miniatur in der berühmten Wenzelsbibel
-der kaiserlichen Hofbibliothek zu Wien waschen zwei halbnackte
-Bademädchen dem galanten Böhmenkönig Wenzel den Kopf. Seifried
-Helbling, ein Wiener Poet des 13. Jahrhunderts, schildert, wie er von
-einem »Weibel viel gelenke« im Bade behandelt wurde. Nachdem ihm der
-Schweiss vom Körper abgerieben ist, wird er von der Bademagd geknetet,
-gezwagt, begossen, frottiert und wieder begossen; darauf nimmt ihn der
-Bader in Empfang, um ihn zu rasieren und zu schröpfen. Lag der Gast
-von all diesen Vergnügungen matt auf dem Ruhebett, dann trat in Erfurt
-noch ein hübsches Dämchen zu ihm, um ihn zu kämmen und die Haare zu
-kräuseln, schreibt wenigstens ein fahrender Schüler in einem, um 1300
-entstandenen lateinischen Gedicht.
-
-Wo das Auge ungehindert in solchen, die Sinne aufstachelnden Scenen
-schwelgen konnte, die Berührung durch Frauenhände kaum zur Beruhigung
-der schon durch das Bad allein erregten Nerven beitrug, waren
-Ausschweifungen selbstverständlich, denen überdies jeder Bader, der
-sein Geschäft verstand, Vorschub zu leisten nur zu bereit war. In
-erster Linie hielt er hübsche Bademädchen, deren Obliegenheiten sie in
-jeder Hinsicht zu Vorläuferinnen unserer modernen Masseusen der
-Grossstädte stempelten. Waren diese Damen nicht nach dem Geschmacke
-der Gäste, so machten sie es wie der Herr in dem Gedichte aus der
-Sammlung der Hätzlerin: »Und von dem Frühstück wollen wir dann ins Bad
-gehen; dann laden wir uns die hübschen Fräulein dazu, dass sie uns
-reiben und die Zeit vertreiben. Niemand eile von dannen, er raste
-hernach wie ein Fürst. Sie, Baderin, nun bereite sie jedem von uns
-nach dem Bade ein Bett.«[6] Diese Zugaben verteuerten natürlich den
-Lebemännern den Genuss des Bades, was den Minnesänger Tanhuser, das
-Urbild des sagenumsponnenen Tannhäusers, zu der Klage über seine Armut
-Anlass gibt, die ihn hindert, »zwirend in der wochen baden«, zweimal
-wöchentlich zu baden, wie es der leichtlebige Herr gerne gemocht
-hätte.
-
-[6] Schultz, D. L., S. 69.
-
-Dieses Dienerinnen-Unwesen in den Schwitzbädern konnte den
-sittenstrengen Herren vom hohen Rat nicht lange verborgen bleiben,
-darum suchten sie durch Verbote diese Unzuträglichkeiten auszurotten.
-Breslau untersagte 1486 den Badern, Dienerinnen zu halten. Das
-Böblinger Statut von 1552 befiehlt »item er soll haben ein Reiber und
-eine Reiberin«, also einen Diener für die Männer und eine Dienerin für
-die Frauen. Am frühen Morgen, wenn kaum der Hahn das Erwachen des
-neuen Tages angezeigt, heizte der Bader seine Öfen. Wenn der Dampf
-aufwallte, lief er mit seinen Knechten, auf einem Horn blasend, oder
-mit Hölzern klappernd, dabei von Zeit zu Zeit den Ruf ausstossend »Wol
-auf gen bad!« die Strassen entlang, und wer gewillt war, sich ein Bad
-zu leisten, verfügte sich, beinahe wie er dem Bette entstiegen -- man
-schlief bekanntlich im Mittelalter hüllenlos -- zu der Badestube. Der
-gallige Guarinonius hält sich darüber auf, dass sonst ganz ehrsame
-Bürger und Bürgersfrauen also nackend über die öffentlichen Gassen ins
-Badehaus laufen: »Ja wie viel mal laufft der Vater bloss von Hauss mit
-einem einzigen Niederwad über die Gassen, sambt seinen entblössten
-Weib und blossen Kindern dem Bad zu ... Wie viel mal siehe ich (ich
-nenn darumb die Stadt nicht) die Mägdlein von 10, 12, 14, 16 und 18
-Jaren gantz entblösst und allein mit einem kurtzen leinen, offt
-schleussigen und zerrissenen Badmantel, oder wie mans hier zu Land
-nennt, mit einer Badehr allein vornen bedeckt, und hinden umb den
-Rücken! Dieser und füssen offen und die ein Hand mit gebür in den
-Hindern haltend, von ihrem Hauss aus, uber die langen Gassen bei
-mittag tag, bis zum Bad lauffen? Wieviel laufft neben ihnen die gantz
-entblössten zehen, zwölf, viertzehn und sechzehnjährigen Knaben her
-und begleit das erbar Gesindel.«[7]
-
-[7] Guarinonius, Die Grewel der Verwüstung 1618, 949 bei Rudeck a. a.
-O. 6.
-
-Ältere Leute, vielleicht weil sie sich vor Erkältung schützen wollten,
-und Standespersonen kamen vollständig angekleidet zum Badehause, die
-Badewäsche fein säuberlich unter dem Arm. Nur Fremde und Arme
-entnahmen diese vom Bader.
-
-In einer gemeinsamen Ankleidestube entledigte man sich der letzten
-Hüllen. Die Badeordnung für das Glotterthal von 1550 schrieb deshalb
-vor, dass jeder Mann Hemd und Hose, jede Weibsperson ihr Hemd erst im
-Bade selbst abzulegen habe. Die meisten Städte aber scherten sich um
-derartige Kleinigkeiten nicht weiter, ebensowenig, wie man dies an
-Stellen that, von denen man eine höhere Kultur sollte voraussetzen
-können, nämlich an gewissen Duodezhöfen.
-
-Hans von Schweinichen erzählt in seinen Denkwürdigkeiten folgendes
-hierher gehörige Abenteuer: »Allhier erinner ich mich, dass ich wenig
-Tage zu Hof war; badete die alte Herzogin, allda musste ich aufwartend
-als ein Jung. Es währt nicht lange, kommt Jungfrau, Unte (Kunigundchen)
-Riemen genannt, stabenackend raus, heisst mich, ihr kalt Wasser geben,
-welches mir seltsam vorkam, weil ich zuvor kein nacket Weibesperson
-gesehen, weiss nicht, wie ich es versehe, begiesse sie mit kaltem
-Wasser. Schreit sie laut und rufet ihren Namen an und saget der
-Herzogin, was ich ihr mitgespielet; die Herzogin aber lachet und saget:
-»Mein Schweinlein wird gut werden.«[8]
-
-[8] Hans von Schweinichen, Denkwürdigkeiten, herausg. von Herm.
-Osterley, Breslau, S. 16.
-
-Wenn Hofdamen in einer geistig weit fortgeschritteneren Epoche die
-Naivetät so weit trieben, entblösst in ein Gemach zu treten, in dem
-sie ausser den, ihrer Ansicht nach allerdings noch geschlechtslosen
-Jungen, auch Männern begegnen konnten, so kann es nicht Wunder nehmen,
-wenn weniger hochstehende Menschen zwei und ein Jahrhundert früher die
-Nudität in den Bädern als vom Bade unzertrennlich ansahen. Von diesem
-Gesichtspunkte aus betrachtet, ging es unter den weiblichen Besuchern
-der öffentlichen Dampfbäder verhältnismässig ehrbar und züchtig zu, und
-dürften Ausschreitungen kaum öfter vorgekommen sein, als heutzutage
-in den Seebädern mit dem gemeinsamen Strande für beide Geschlechter,
-auf denen der Lebemann gleichfalls seiner Neugier fröhnen und sonst
-recht ängstlich Verhülltes in aller Musse kritisch würdigen kann. Die
-Aufsicht der Mitbadenden war in den mittelalterlichen Bädern immer
-vorhanden und die üble Nachrede eine ewig dräuende Gefahr, die selbst
-strafrechtliche Folgen nach sich ziehen konnte. Die Kirche und ihre
-gestrengen Herren als Sittenrichter spassten nicht; denn je fauler im
-Kern die Geistlichkeit selbst war, um so ängstlicher suchte sie nach
-aussen hin den Schein zu wahren und heuchelnd Fehler zu vertuschen, die
-sie an dem unglücklichen oder unvorsichtigen Menschenkinde, das einen
-Fehltritt offenkundig werden liess, mit grausamer Härte verfolgte. Die
-geistlichen Strafen trafen unnachsichtlicher und empfindlicher als
-die der weltlichen Obrigkeit, die bei Sittlichkeitsdelikten vielfach
-Nachsicht walten liess. Ausser der Aufsicht gab es übrigens in den
-meisten Bädern die erwähnte Scheidewand, die immerhin Schutz vor
-Handgreiflichkeiten -- Heine nennt es Handgemeinwerden -- bot.
-
-Wer nun einmal im Bade seinen Gelüsten fröhnen wollte, konnte sich im
-Wannenbade für die Enthaltsamkeit in den Dampfbädern, sofern diese
-keine Badedienerinnen besassen, vollauf schadlos halten. In Wort und
-Bild eiferten die Altvorderen gegen die in den Wannen- und
-Einzelbädern herrschende Unsittlichkeit. Schon Tannhäuser und Niethart
-von Reuenthal gedenken der Kostspieligkeit der Wiener Badestuben, in
-denen es übrigens nicht weniger toll herging als in den gleichen
-Anstalten anderer Städte bis zum 17. Jahrhundert. In der Esslinger
-Vorstadt Stuttgarts wurde im Jahre 1591 eines Tages die Anzeige
-erstattet, in einem Bade seien 18 Personen männlichen und weiblichen
-Geschlechtes bereits Tag und Nacht zusammen. Durch solche Vorfälle
-galten denn auch die Badestuben als Anstalten, »die am meisten zur
-Anreizung der Unkeuschheit erbaut sind«, und die sich von den
-Bordellen nur durch das Fehlen der Konzession unterschieden. Den
-Ruffian ersetzte der Bader, ein Kuppler wie der Frauenwirt und
-geächtet und unehrlich mit Weib und Kind wie der erstere, wenn auch
-Kaiser Wenzel, der den Verkehr mit Badern und Henkern liebte, und den
-einst eine heroische Bademagd, Susanna, aus der Gefangenschaft
-errettete, das Gegenteil zu verordnen beliebte. In einem »herrlichen«
-Freibrief vom Jahre 1406 machte er das Baderhandwerk in allen Erb- und
-Reichslanden den Besten der anderen Handwerke völlig gleich und verbot
-jedermänniglich, die ehrlichen Bader zu schmähen und von ihren
-redlichen Diensten verkleinerlich zu reden.[9] Dieses Privilegium
-vermochte aber trotz Siegel und Handzeichnung das sehr gerechtfertigte
-uralte Vorurteil gegen die Baderzunft nicht aus der Welt zu schaffen.
-In dem Gedichte »Des Teufels Netz«, entstanden um 1420, wird
-behauptet:
-
-[9] Beneke a. a. O. S. 81.
-
- Der bader und sîn gesind,
- Gern huoren und buoben sind;
-
-sie sind Diebe, Lügner und Kuppler, Neuigkeitskrämer -- sollte sich
-diese Eigenschaft nicht auf ihre Nachkommen, unsere Raseure und
-Friseure, vererbt haben? -- die ihren Gästen ausser Skandalgeschichten
-noch »die Fröulin zuo in schieben«. Kuppler und Bader werden in einem
-Atem genannt: »Ich will wern ein Frauenwirt Und ein padknecht, der
-lest (lässt) und schiert, So mag ich peiderseits gewin haben«, heisst
-es in einem Fastnachtsspiele.[10] Wie in Konstanz beim Konzil, so
-waren auch anderwärts die Badestuben die Absteigequartiere für die
-fahrenden Dirnen, die ja sonst nirgends Unterkunft fanden.
-
-[10] Keller, 639 II.
-
-Ein reiches Quellenmaterial authentischer Abbildungen unterrichtet uns
-über die unsittlichen Vorgänge in den Wannenbädern. Die Miniatur eines
-Codex der Leipziger Stadtbibliothek zeigt das Innere einer solchen
-Badeanstalt und alle Phasen, die ein Wüstling an einem solchen Orte
-durchmachen konnte. Das Gewölbe des Baderaumes enthält eine Anzahl
-getrennt stehender, mit Stoff überdachter Wannen, vor deren
-Längsseiten sich mit Speisen und Getränken besetzte Tische befinden;
-zur Bedienung laufen alte Vetteln umher. In den Wannen sitzen die
-Pärchen, die Männer nackt, die Frauenzimmer mit Haarschutz und
-Halsketten bekleidet. Im Hintergrund des Raumes sind Betten sichtbar;
-in einem Bette hat sich bereits ein Pärchen zusammengefunden, während
-vor einem zweiten ein Dämchen mit von der Schulter herabwallendem
-Bademantel steht und eine Annäherung an den im Bette Liegenden sucht.
-Auf einer Zeichnung in der Valerius Maximus-Handschrift der
-Breslauer Stadtbibliothek liegt ein Brett als Unterlage für die
-Speisen quer über den Wannen, in denen es noch viel ungezwungener
-zugeht als auf dem erstgedachten Bilde. Auch hier fehlt das Bett
-nicht. Bei Wein und Weib durfte auch der Gesang nicht fehlen. So
-sehen wir denn auf vielen Bäderbildern den fahrenden Sänger seine
-Kunst vor den Badegästen ausüben. Von den Stiftsdamen in Köln
-heisst es in einem altfranzösischen Fabliau, dass sie sich ihre im
-Bade eingenommenen Schmäuse durch den Vortrag saftiger Geschichten
-seitens eines Spielmannes würzen liessen. Eine Federzeichnung in
-dem mittelalterlichen Hausbuche der Fürsten Waldberg-Wolfegg zeigt
-einen Baderaum mit daranstossendem Hofgarten, in dem sich die Gäste
-vor und nach dem Bade ergehen konnten. Das Bad selbst, ein Bassin
-mit Abfluss nach dem Hofe, bietet Raum für vier Personen, der auch
-weidlich ausgenutzt erscheint. In dem gleichen Buche stellt das
-Blatt unter dem Sternbilde der Wage ein ländliches Fest vor. In
-kecken Federstrichen ist auf der linken Bildseite ein Wannenbad unter
-einer natürlichen Laube entworfen, in welchem ein Badender die recht
-naturtreu gezeichnete Liebste freudig empfängt. Eine Matrone mit
-Eiern und Wein steht erwartungsvoll bei den Liebenden, die nur ein
-geflochtener Zaun und eine Bretterthüre von einer Tanzgesellschaft
-trennt. Den Hintergrund der Zeichnung nimmt ein Gebüsch mit einem sich
-sehr ungeniert betragenden Paare ein. Also hier, wie im Meleranz,
-nimmt man unter freiem Himmel sein Bad. In Gwaltherus Ryffs »Spiegel
-und Regiment der Gesundheit« ist ein Holzschnitt mit einem Manne in
-einer Badewanne, neben der ein zweiter im Badekostüm auf einer Fussbank
-sitzt. Und trotzdem die Sonne auf diese Scene herniederlacht und Damen
-und Herren umherschwärmen, steht eine Frau mit bis auf die Oberschenkel
-zurückgeschlagenen Kleidern bei den Badenden. Wenn ich gleich Alwin
-Schultz alle diese Darstellungen für übertrieben halte und manche
-Einzelheit der Lust des Mittelalters an derbem und zotigem »Schimpf«
-zuschreibe, so unterliegt es doch keinem Zweifel, dass wirklich
-vorhandene Thatsachen erst den Anlass zu den Übertreibungen gaben.
-Ebensowenig, wie der moderne Karikaturist seine Stoffe aus dem Finger
-saugt, sondern Vorhandenes verzerrt, thaten es seine Ahnen. Dass die
-beiden Geschlechter vereint badeten, ist unwiderleglich bewiesen, und
-dass es unter solchen Umständen an Excessen nicht fehlen konnte, bedarf
-nicht erst wieder Worte, um einzuleuchten. Optimisten, die noch an
-»die gute alte Zeit« glauben, haben niemals das reiche Quellenmaterial
-aus jener Zeit durchblättert, das auf jeder Seite eine romantische
-Illusion zerstört. Die Menschen sind sich in ihren Schwächen immer
-gleich geblieben, und der Liebestrieb, den die Natur dem Menschen
-eingepflanzt, hat sich nie und unter keinen Umständen unterdrücken
-lassen. Wenn also Ulrich von Hutten in seinem »Gesprächbüchlein«, im
-vierten Gespräch »die Anschauenden« den Sol die Badesitten verteidigen
-lässt, so ist dies entweder Sarkasmus oder schönfärberische Heuchelei.
-Sol, die Sonne, und ihr Sohn Phaeton unterhalten sich über die Völlerei
-der Deutschen, als Phaeton mit einem Blick auf die Erde bemerkt:
-
- Dort seh' ich einige nackend, Frauen und Männer vermischt,
- miteinander baden; ich glaube, dass das ohne Schaden für ihre Zucht
- und Ehre nicht zugeht.
-
- #Sol.# Ohne Schaden.
-
- #Phaeton.# Ich sehe sie sich doch küssen.
-
- #Sol.# Freilich.
-
- #Phaeton.# Und sich freundlich umfassen.
-
- #Sol.# Ja, sie pflegen auch bei einander zu schlafen.
-
- #Phaeton.# Vielleicht haben sie die Gesetze Platos angenommen und
- halten die Weiber gemeinschaftlich.
-
- #Sol.# Nicht gemeinschaftlich; sondern darin zeigt sich ihr
- Vertrauen. An keinem Ort, wo man die Frauen hütet, kannst du die
- weibliche Ehrbarkeit unversehrter finden als bei diesen, die keine
- Aufsicht über sie führen. Es fällt auch nirgends seltener Ehebruch
- vor, nirgends wird die Ehe strenger und fester gehalten denn hier.
-
- #Phaeton.# Du sagst, dass sie übers Küssen, Umfassen und
- Zusammenschlafen nicht hinausgehen? Und dazu bei der Nacht?
-
- #Sol.# Ja, so sage ich.
-
- #Phaeton.# Das geschieht auch ohne allen Verdacht? Und wenn sie
- sehen, dass ihre jungen Weiber und Töchter von anderen also
- behandelt werden, fürchten sie da nicht für deren Ehre?
-
- #Sol.# Sie denken nicht einmal daran; denn sie vertrauen einander
- und leben in gutem Glauben, frei und redlich, ohne Trug und Untreu,
- sie wissen auch von keiner Hinterlist.[11]
-
-[11] Der mittelalterliche Unfug in den Wannenbädern ist auch der
-Gegenwart nicht fremd. Wer Österreichisch-Polen, das degenerierte
-Galizien bereiste, weiss, dass in den meisten seiner grösseren Städte
-dieselben Verhältnisse herrschen, wie in den öffentlichen Bädern des
-Mittelalters. Dass auch Russland ähnliche Zustände hat, geht aus
-Hermann Bahrs »Russische Reise« (Dresden u. Leipzig 1891), S. 99 ff.,
-hervor.
-
-Die Lust am Bade war derart in allen Bevölkerungsschichten gemein,
-dass man allerorts Stiftungen errichtete, deren Erträgnisse zu
-Badegeldern für Arme verwendet wurden. Nach sächsischem Stadtrecht
-konnte der wegen eines Totschlags angeklagte Verbrecher nach Vergleich
-mit den Verwandten des Erschlagenen statt zum Tode, zu einer Geldbusse
-oder zur Verabreichung von Seelenbädern, d. h. Bädern zu Ehren des
-Umgekommenen, die den Stadtarmen zu gute kamen, verurteilt werden.[12]
-Das Speierer Domkapitel liess stets zu Martini und am Faschingsdienstag
-ihren Dienern und deren Familien ein Freibad bereiten, ebenso der
-Bader von Böblingen den Armen, wofür er zu jeder Zeit im Walde umsonst
-Holz fällen durfte. Mathilde, Kaiser Heinrichs I. Frau, liess jeden
-Sonnabend ein Bad für Dürftige und Reisende herstellen, wobei sie
-selbst half. Markgräfin Mathilde von Tuscien und die heilige Elisabeth
-bewiesen ihre Frömmigkeit durch das Baden Aussätziger, denen sie nach
-dem Bade ihre eigenen Betten zur Ruhe überliessen. Den Dienern,
-Handwerksgesellen und Taglöhnern reichte man statt Trinkgeld das
-Badegeld, und bei besonders freudigen Anlässen gab man ihnen Freibäder.
-In manchen Orten, so im Dörfchen Huisheim in Schwaben, hatte um 1500
-der Bader jedem, gleichviel ob Weib oder Mann, der zu »gottz tisch
-gaut«, einen Kübel mit warmem Wasser und eine Badehaube zum Gebrauche
-bereitzustellen.
-
-[12] Dr. Hermann Hallwich, Töplitz, Eine deutschböhmische
-Stadtgeschichte, S. 118.
-
-Die Parias des Mittelalters, die Juden, waren mit wenigen Ausnahmen,
-wie von jeder anderen Gemeinschaft mit ihren christlichen
-Nebenmenschen, so auch vom Besuche der Bäder ausgeschlossen. Nicht
-einmal einladen zu einem Bade durfte man sie, ebensowenig wie »zue
-kainer prauttschafft noch zu kainer wirttschafft«. Da aber auch sie
-dasselbe Reinlichkeitsbedürfnis hatten, wie die Christen, und ihren
-Frauen mindestens eine Reinigung im Monat von ihrem Ritus
-vorgeschrieben war, so bauten sie sich in den Ghettos eigene Bäder.
-Eines der ältesten dieser Judenbäder ist wohl das einst viel
-bewunderte, auf das zweckmässigste eingerichtet gewesene Frauenbad zu
-Worms[13]; andere Badeanlagen aus dem 12. Jahrhundert in den den Juden
-eingeräumten Stadtteilen finden sich noch in Speyer, Andernach,
-Friedberg in Hessen. Nach den Nürnberger Polizeigesetzen, die dem »Jud
-oder Judein« das Baden in der »Judenpatstuben« verordnet, muss im 13.
-Jahrhundert auch das Nürnberger Ghetto seine Badeanstalt besessen
-haben. In Augsburg erscheint sie um 1290. Bei den strengen
-Religionsvorschriften der Juden wird in den Bädern die Trennung der
-Geschlechter durchgeführt worden sein, umsomehr, als das unreine Weib
-sich erst durch das monatliche Bad zu reinigen hatte, eine Berührung
-vor und im Bade daher als Sünde gegolten hatte, andererseits sogar in
-den Synagogen die Männerabteilung ganz abseits von jener der Frauen
-lag. Überhaupt zeichnete die mittelalterlichen Juden eine
-exemplarische Sittlichkeit aus, was Freund und Feind gleichmässig
-bestätigen.
-
-[13] Dr. Adolf Kohut, Geschichte der deutschen Juden, S. 24.
-
-Das ganze Mittelalter hindurch erhielt sich die von Nürnberg und
-Regensburg ausgegangene Sitte, dass ein Brautpaar vor, manchmal auch
-erst nach der Trauung mit dem ganzen Gefolge ihrer Sippe und der Gäste
-zu Bade zogen, die Hochzeitsgäste beladen mit den vom Brautpaar
-erhaltenen Badekappen und Bademänteln.
-
-Einen solchen Hochzeits-Badezug im alten Berlin schildert
-Streckfuss[14] wie folgt: »Nach dem Austausch dieser Geschenke ordnete
-sich die Gesellschaft, um sich in das Bad zu begeben; man machte, wenn
-die Wohnung des Brautvaters dem Krögel zu nahe lag, oft einen Umweg
-durch die vornehmsten Strassen, um dem zahlreich versammelten Volke
-länger das Vergnügen des Zuschauens zu gewähren. Dem Zuge voran
-schritten die Musikanten, welche sich bestrebten, ihre lustige
-Hochzeitsweise so laut und geräuschvoll wie möglich zu machen. Ihnen
-folgten die Gäste, zuerst die Frauen mit ihren neuen Schuhen -- ein
-Geschenk des Bräutigams -- dann die Männer mit den Badehemden über der
-Schulter. Bald vor, bald neben dem Zuge liefen die Lustigmacher, die
-bei keiner grossen Hochzeit fehlen durften und welche die Aufgabe
-hatten, durch die tollsten Possen die Heiterkeit der Gäste und des
-zuschauenden Volkes zu erregen. -- Je toller, je besser, niemand
-durfte dabei etwas übel nehmen, auch wenn die Scherze stark
-handgreiflich wurden. Prügelte der Narr irgend einen der Umstehenden
-mit seiner Pritsche, oder traf er gar beim Radschlagen diesen oder
-jenen mit dem Fuss an die Nase, so lohnte ein schallendes Gelächter
-den feinen Witz; häufig bedienten sich auch die Spassmacher grosser
-Düten mit Kienruss, um besonders den jungen Mädchen das Gesicht zu
-schwärzen. Jede solche Heldenthat wurde durch das allgemeine Gelächter
-belohnt.
-
-[14] a. a. O. S. 64.
-
-Im Badehause teilte sich die Gesellschaft; meist war sie zu gross, als
-dass die beiden geräumigen, gewölbten Badezimmer die sämtlichen
-badenden Gäste auf einmal hätten fassen können; nur ein Teil konnte
-baden, der andere erlabte sich während dessen, bis an ihn die Reihe
-kam, mit einem guten Frühstück, zu welchem der Bader bei solchen
-Gelegenheiten eingerichtet war.«
-
-Also auch bei Brautbädern badeten beide Geschlechter zusammen, denn
-nur wenn die Gesellschaft zu gross war, teilte sie sich in mehrere
-Partien, und ob diese Trennung nach Geschlecht erfolgte, davon sagt
-weder unser Gewährsmann, noch sonst eine Quelle etwas. Hingegen
-bezeugen andere Nachrichten, dass es bei und nach den Brautbädern
-nicht immer schicklich hergegangen sei, so das Zittauer Rats-Edikt von
-1616: »Als denn vormals dy jungen gesellen nach dem bade widir (wider)
-gute sitten in badekappin und barschenckicht (mit blossen Schenkeln)
-getanzt haben, wil der Rath das fortureh (hinfort) kein mans bild in
-badekappen odir barschinckicht tantzen solle.«
-
-Die Syphilis war, wie den Frauenhäusern, auch der Ruin der
-öffentlichen Badestuben. Als Ansteckungsherd der Krankheit wurden sie
-vom Anfang des 16. Jahrhunderts an immer mehr gemieden. Bereits im
-Jahre 1496 gebot deswegen der Nürnberger Rat »allen padern bei einer
-poen zehen gulden, das sie darob und vor sein, damit die menschen, die
-an der Newen Krankheit, malum frantzosen, befleckt und krank sein, in
-Irn paden nicht gepadet, auch Ihr scheren und lassen giengen, die
-Eissen und Messer, so sie bey denselben kranken Menschen nutzen,
-darnach in den padstuben nit mer gebrauchen.«[15] »Aber vor
-fünfundzwanzig Jahren,« sagt Erasmus von Rotterdam in seinen
-»Colloquia« (1612), »war in Brabant nichts beliebter, als die
-öffentlichen Bäder; die stehen jetzt alle kalt. Die neue Krankheit
-lehrt uns auf sie verzichten.«
-
-[15] Peters a. a. O. S. 54.
-
-In Gerolzhofen klagte der Rat schon 1445, dass, während früher zwei
-Badestuben in der Stadt jede wöchentlich viermal geöffnet und stets
-besucht gewesen sei, jetzt die eine kaum dreimal in der Woche
-hinlänglichen Besuch habe. In Stuttgart wurden im Jahre 1547 die
-öffentlichen Badetage von sechs auf zwei vermindert, desgleichen in
-Wien, Berlin, Nürnberg und anderen Plätzen. In Frankfurt wurden gegen
-Ende des 16. Jahrhunderts die Badestuben gänzlich geschlossen.
-
-»Bade im Hause« oder das Baden in offenen Wässern war das einzige, das
-sich die ob der grauenvollen Krankheit erschreckte Menschheit ausser
-dem Besuch von Heilquellen noch gestattete. War der Gebrauch von
-Heilquellen bereits im deutschen Altertum nicht unbekannt, so kam er
-doch erst im 15. und 16. Jahrhundert in volle Blüte, wurde sogar in
-vielen Landstrichen zur Modesache. Eine Badefahrt zu unternehmen,
-gehörte zum guten Ton; im 18. Jahrhundert noch liessen sich Bräute die
-alljährliche Badereise im Ehekontrakt notariell zusichern.
-
-An Modebädern diesseits und jenseits der Reichsgrenze war kein Mangel.
-Baden-Baden, Wildbad, Wiesbaden, Pyrmont, Baden im Aargau, dies schon
-seit der Römerzeit her, Hornhausen, Burgbernheim und Zerzabelshof im
-Schwarzwald, Teplitz in Böhmen und viele andere mehr waren Bäder von
-Ruf.
-
-Durch seine Lage berühmt war Pfeffers, ein Besitztum des gleichnamigen
-Klosters. Zu Anfang des 13. Jahrhunderts wurden seine warmen Quellen
-zufällig durch einen Jäger entdeckt. Es barg sich »aber tieff zwischen
-zweyen hohen und oben zusammengebogenen Felsen, dass niemand dazu ohne
-lange Seyler hat mögen kommen«, sagte Münster in seiner Kosmographie.
-Der Abt liess deshalb, als die Frequenz bedeutender wurde, eine
-hölzerne Treppe in die Tiefe bauen.
-
-In den Thermalbädern nahm gewöhnlich ein gezimmertes oder gemauertes
-Bassin die Badenden auf, wie zahlreiche Abbildungen in alten
-balneologischen Werken zeigen. Der Schlitzoesche Holzschnitt im
-»Tractat der Wildbeder« (1519) führt vier Männer und eine Frau in
-einem solchen Bade schmausend und dem Gesange eines Fahrenden
-lauschend vor. In dem allgemeinen Bade zu Plummers (Plombières) in den
-Vogesen auf dem Titelbild zu J. J. Huggelius' »Von heilsamen Bädern
-des Teutschenlands«, Mülhausen 1559, hat der schamhafte Künstler die
-Männer mit einer Schambinde, Bruch, Hose, die Weiber mit einer knapp
-unter der Büste festgebundenen Schürze bekleidet. In Eschenreutters
-Buch (1571) gibt ein Blatt Mann und Frau in einer Badewanne wieder,
-während sich eine grössere, sehr mangelhaft bekleidete Gesellschaft
-mit Speise und Trank bei Gesang und Flötenspiel ergötzt.[16]
-
-[16] Wichner bei Rudeck a. a. O. S. 14.
-
-Über das Leben im Bade ergeht sich ein Glossar zu einigen Wandgemälden,
-die sich ehedem im Hause des Domherrn Grafen Johann von Eberstein
-befanden. C. Will[17] übersetzt diese von Henricus de Langenstein,
-dictus de Hassia herrührende Beschreibung folgendermassen: »#Von
-fleischlicher Lust.# Wenn ich mich nicht täusche, so ist der Sinn
-dessen, der die Reihe besagter Malereien angab, von dem Geiste
-getrieben worden, um stillschweigend die Meinung des Apostel Johannes
-auszudrücken, der da spricht: ›Alles was auf der Welt vorhanden ist,
-ist Begehrlichkeit des Fleisches oder Begehrlichkeit der Augen, oder
-Übermut des Lebens‹. Das heisst: Alle Laster weltlicher Verirrung sind
-auf drei zurückzuführen: fleischliche Lust, weltliche Habgier und
-Stolz auf eitlen Ruhm. Wie aber konnte schicklicher fleischliche Lust
-dargestellt werden, als auf einem Bilde des Wiesbadener Festes, das
-durch alle Fleischlichkeit anstössig, von dem Schaume aller sinnlichen
-Wollust triefend ist? Zu ihm kommen sie von allen Seiten in Freude
-und Ausgelassenheit, mit Trompeten und Pfeifen, mit vollen Kasten und
-Flaschen; man bringet Lebensmittel und die leckersten Getränke herbei,
-man nimmt Geld in Menge mit, seltsame Kleider werden mitgeführt; in der
-Hoffnung sich zu ergötzen, wird schon auf dem Wege gespielt, gesungen,
-geplaudert, als ob man am Ziele die Freude der Glückseligkeit zu
-erwarten habe. Wenn man angekommen ist, werden Gastereien veranstaltet,
-man sucht der #Frauen Gesellschaft#, geht ins Bad, befleckt die Seele
-... #Im Bade sitzen sie nackt mit Nackten beisammen, nackt mit Nackten
-tanzen sie.# Ich schweige darüber, was im Dunklen vor sich geht, denn
-alles geschieht öffentlich. Aber was ist das? Der Ausgang und der
-Eingang dieses unsinnigen Festes ist nicht gleich, wenn, nachdem alles
-verzehrt ist, die Kasten leer zurückkommen, die Geldbeutel ohne Geld,
-man die Rechnung hört und die Verschleuderung so vielen Geldes bereut.
-Und zuweilen beisst auch die Seele der Heimgekehrten das Gewissen wegen
-der begangenen Sünden. Der ist traurig über solche Verirrung; der
-klagt, weil er von der Lust scheiden muss; der gedenkt betrübt, wie
-kurz und inhaltlos die Freuden dieser Welt sind. Was mehr?
-
-[17] Annalen des Vereines für Nassauische Landeskunde 1874, S. 344 ff.
-
-Sie kehren heim, die Körper sind weiss gewaschen, die Herzen durch
-Sünde geschwärzt; die gesund hingingen, sie kehren heim angesteckt;
-die durch die Tugend der Keuschheit stark waren, kehren heim verwundet
-von den Pfeilen der Venus. Das möchte noch wenig bedeuten, wenn nicht
-die Mädchen, die als Jungfrauen hinreisten, als Dirnen zurückkehrten,
-als Ehebrecherinnen, die anständige Ehefrauen waren, wenn nicht als
-Teufelsweiber heimkehrten, die als Gottesbräute hingingen. Und so
-erfahren sie durch diese und andere Anlässe zur Trauer bei der
-Rückkehr die Wahrheit des Satzes, dass das Ende aller fleischlichen
-Lust Trauer ist.«
-
-Der geistliche Herr malt, wie es seines Amtes ist, grau in grau,
-alle fleischliche Lust verketzernd, die allerdings in den Bädern den
-weitesten Spielraum fand. Poggios, auf Autopsie beruhende Beschreibung
-des Getriebes in Baden bei Zürich liefert den Beweis, wie recht der
-edle Langenstein stellenweise mit seiner Verdonnerung hatte. Poggio,
-ein Florentiner, hatte den Papst Johannes XXIII. zur Kirchenversammlung
-nach Konstanz begleitet, war dann nach Baden gefahren, um dort von
-seinem Chiragra befreit zu werden. Aus dem Kurorte schrieb er im Sommer
-1417 an seinen Freund und Landsmann Niccoli einen langen, lateinischen
-Brief, den ich hier in der Übersetzung von Alwin Schultz mitteile.
-Poggio ist ein fideles Haus, dem es nicht immer auf volle Wahrung
-der historischen Treue anzukommen scheint, wenn er durch aufgesetzte
-humoristische Lichter sich selbst und seinen Freund unterhalten kann.
-Er mischt daher Wahrheit und Dichtung zu einem ergötzlichen Feuilleton
-zusammen, das aber trotz der beabsichtigten humoristischen Färbung doch
-meisterhaft das Thema des mittelalterlichen Badelebens erschöpft.
-
-»Diesen Brief aber schreibe ich Dir aus diesem Bade, das ich, meine
-Handgelenke zu heilen, aufgesucht habe; und da schien es mir
-angemessen, die Lage und Anmuth desselben, zugleich auch die Sitten
-dieser Leute und die Weise des Badens zu beschreiben. Von den Alten
-wird viel über die Bäder von Puteoli gesprochen, wohin das gesammte
-römische Volk der Lust wegen strömte, doch glaube ich nicht, dass jene
-diese an Vergnüglichkeit erreicht haben und dass sie mit den unsrigen
-zu vergleichen gewesen sind. Denn in Puteoli verursachte die Lust mehr
-die Schönheit der Lage, die Pracht der Landhäuser, als die
-Liebenswürdigkeit (festivitas) der Menschen und der Gebrauch der
-Bäder. Dieser Ort aber bietet keine oder fast keine Erquickung dem
-Geiste, das Uebrige aber bringt einen angemessenen Frohsinn
-(amoenitatem), so dass ich zuweilen meine, Venus sei mit allen
-Vergnüglichkeiten von Cypern nach diesem Bade übersiedelt, so werden
-ihre Gesetze beobachtet, so aufs Haar ihre Sitte und Leichtfertigkeit
-wiedergegeben, so dass sie, wenn sie auch die Rede des Heliogabel
-nicht gelesen, doch von Natur gelehrt und unterrichtet genug
-erschienen. Aber da ich dir dieses Bad beschreiben will, so mag ich
-auch nicht den Weg übergehen, der von Constanz hierher führt, damit Du
-vermuthen kannst, in welchem Theile Galliens es liege. Am ersten Tag
-reisten wir zu Schiff den Rhein hinab nach Schaffhausen, vierundzwanzig
-Meilen (milia passuum) und dann, weil wegen des grossen Falles und
-wegen der steilen Berge und abschüssigen Felsen der Weg zu Fuss
-gemacht werden muss, noch zehn Meilen und gelangten nach dem Schlosse
-Kaiserstuhl am Rhein. Nach dem Namen vermuthe ich, dass es wegen der
-günstigen Lage auf einem hohen Hügel am Flusse, der durch eine kleine
-Brücke Gallien mit Germanien verbindet, ein Römercastell gewesen sei.
-Auf dieser Reise sahen wir den Rheinfall, der von hohem Berg, zwischen
-zerklüfteten Felsklippen mit Donnerbrausen herabstürzt. Da kam mir
-ins Gedächtniss, was man von dem Nilkatarakt erzählt. Und es ist
-nicht zu verwundern, dass die Anwohner wegen des Getöses und Donnerns
-taub werden, da ja dieses Flusses, der an der Stelle nur als Wildbach
-gelten kann, Lärm wie beim Nil drei Stadien weit gehört wird. Die Stadt
-Baden ist ziemlich reich, von Bergen umgeben, in der Nähe ein Fluss
-von reissender Strömung, der in den Rhein fliesst, etwa sechs Meilen
-von der Stadt. Nahe bei der Stadt, vier Stadien entfernt, liegt ein
-sehr schönes Dorf (villa) zum Gebrauch der Bäder hergerichtet. In der
-Mitte des Dorfes ist ein grosser Platz, der von grossen Gasthäusern,
-welche viele aufnehmen können, umgeben ist. Die einzelnen Häuser haben
-die Bäder im Innern, in denen nur die baden, welche da wohnen; die
-Bäder sind sowohl öffentliche als Privateigenthum, etwa dreissig an
-der Zahl. Öffentliche sind nur zwei vorhanden, offen (palam) zu beiden
-Seiten, Badestätten des Volkes und des gemeinen Haufens, zu denen
-Weiber, Männer, Knaben, unverheiratete Mädchen, die Hefe der ganzen
-Umgebung, zusammenströmt. In ihnen scheidet eine Mauer die Männer von
-den Frauen. Es ist lächerlich zu sehen, wie abgelebte alte Weiber und
-jüngere Frauen nackt vor den Augen der Männer ins Wasser steigen. Ich
-habe oft über dies prächtige Schauspiel gelacht, dabei an die Spiele
-der Flora gedacht und bei mir die Einfalt dieser Leute bewundert, die
-weder auf so etwas hinsehen, noch irgend etwas Böses davon denken oder
-reden. Die Bäder in den Privathäusern sind aber sehr fein (perpolita);
-Männer und Frauen gemeinsam, aber durch eine Holzwand geschieden. In
-ihr sind mehrere Fenster angebracht, so dass man zusammen trinken und
-sich unterhalten kann, nach beiden Seiten hin zu sehen und sich zu
-berühren vermag, wie dies ihrer Gewohnheit nach oft geschieht. Über
-dem Bassin sind Korridore, auf denen Männer stehen, zuzusehen um sich
-zu unterhalten, denn ein jeder darf in andere Bäder gehen und sich
-dort aufhalten, zuzuschauen, zu plaudern, zu scherzen und sich zu
-erheitern, so dass man die Frauen, wenn sie ins Wasser steigen oder aus
-demselben herauskommen, sieht. Keiner wehrt die Thür, keiner argwöhnt
-etwas Unschickliches. Männer tragen nur eine Schambinde (campestribus
-utuntur), die Frauen ziehen leinene Hemden an, von oben bis zum
-Schenkel, oder an der Seite offen, so dass sie weder den Hals, noch
-die Brust oder die Arme bedecken. Im Wasser selbst speisen sie oft auf
-gemeinsame Kosten, ein geschmückter Tisch schwimmt auf dem Wasser, und
-auch Männer pflegen teilzunehmen. Wir sind in dem Hause, in dem wir
-badeten, einmal zu solchem Fest geladen worden. Ich habe meinen Beitrag
-gezahlt, wollte aber trotz wiederholter Bitten nicht teilnehmen, nicht
-aus Schamgefühl, das für Feigheit oder Unbildung gehalten wird, sondern
-weil ich die Sprache nicht verstand. Es kam mir närrisch vor, dass ein
-Italiener, unkundig der Sprache, im Wasser stumm und sprachlos dasitze,
-da ein ganzer Tag mit Essen und Trinken hingebracht werden sollte.
-Aber zwei von den Genossen sind in das Bad gegangen, mit grosser
-Herzensheiterkeit, haben mitgethan, mit getrunken, mit gespeist, durch
-den Dolmetsch sich unterhalten, oft mit dem Fächer Luft gefächelt.
-Es fehlte nichts zu dem Gemälde, wie Jupiter die Danae mittelst des
-goldenen Regens befruchtete u. s. w. Sie aber waren, wie es bei den
-Männern Sitte ist, wenn sie in die Bäder der Frauen eingeladen werden,
-mit leinenen Hemden bekleidet; ich jedoch sah von der Gallerie aus
-alles, die Sitten, Gewohnheiten, die Liebenswürdigkeit (suavitatem),
-die Freiheit und Ungebundenheit der Lebensart. Es ist merkwürdig, zu
-sehen, in welcher Unschuld sie leben, mit welchem Vertrauen Männer es
-ansahen, dass ihre Frauen von Fremden berührt wurden. Sie wurden nicht
-gereizt, achteten nicht darauf, nahmen alles von der besten Seite.
-Nichts ist so schwer, dass bei ihren Sitten nicht leicht wurde. Sie
-hätten ganz in den Staat Platos gepasst, wo alles gemeinsam ist, da
-sie schon ohne seine Lehre so eifrig in seiner Schule erfunden werden.
-In einigen Bädern sind Männer unter den Frauen, denen sie entweder
-verwandt sind, oder es wird ihnen aus Wohlwollen gestattet. Täglich
-gehen sie drei- oder viermal ins Bad und bleiben den grössten Theil des
-Tages darin, theils singend, theils trinkend, theils Reigen tanzend.
-Sie singen auch im Bade sitzend ein Weilchen, dabei ist es besonders
-angenehm, die erwachsenen Mädchen im heiratsfähigen Alter, mit schönen
-und freimüthigen Gesichtern, im Costume und Gestalt der Göttinnen,
-singen zu sehen, wie sie die auf dem Wasser schwimmenden Kleidern
-hinten nachziehen, man könnte sie für die Venus selbst halten. Es ist
-Sitte, dass die Frauen, wenn die Männer von Oben zuschauen, Spasses
-halber um ein Geschenk bitten. So werden ihnen, und zwar den schönsten,
-Geldstücke zugeworfen, die sie mit der Hand oder mit den ausgebreiteten
-Hemden fangen, sich einander fortstossend, und bei diesem Spiele
-werden zuweilen auch geheime Reize enthüllt. Es werden auch Kränze aus
-verschiedenen Blumen herabgeworfen, mit denen sie sich die Häupter beim
-Baden schmücken. Ich habe, durch die unbeschränkte Freude, zu sehen
-und Scherz zu treiben, gelockt, da ich nur zweimal täglich badete,
-die übrige Zeit damit hingebracht, die anderen Bäder zu besuchen und
-sehr oft Geldstücke wie Kränze wie die anderen hinabgeworfen. Denn
-weder zum Lesen noch zum Denken war Zeit vorhanden unter den ringsum
-erschallenden Klängen der Symphonien, der Trompeten, der Zithern, wo
-schon der Wille zu denken, die höchste Thorheit gewesen wäre, besonders
-für einen, der auch wie der Menedemus Heautontimorumenos ist, ein
-Mensch vielmehr, der allem Menschlichen zugänglich. Zur höchsten Lust
-fehlte die mündliche Unterhaltung, die vor allen Dingen den meisten
-Werth hat; so blieb nichts übrig als die Augen zu weiden, zu folgen,
-zum Spiele hin und zurückzuführen. Zum Spazieren war Gelegenheit und
-so viele Freiheit, dass der Spaziergang nicht durch Gesetze beschränkt
-war.
-
-Ausser diesen vielfältigen Vergnüglichkeiten gibt es noch eine nicht
-geringfügige. Hinter der Stadt am Flusse ist eine Wiese mit vielen
-Bäumen bewachsen. Dahin kommen nach dem Nachtessen alle von allen
-Seiten; dann werden verschiedene Spiele gespielt; die einen erfreuen
-sich am Tanze, die anderen singen, die meisten spielen Ball, nicht
-nach unserer Sitte, sondern die Männer und Frauen werfen einen mit
-Schellen besetzten Ball einander als besondere Liebesauszeichnung zu,
-und der wirft ihn wieder einer ihm besonders lieben Person zu, während
-jene Vielen mit vorgestreckten Händen bitten und er bald dem, bald
-jener ihn zu werfen heuchelt. Es werden noch ausserdem viele Scherze
-getrieben, die zu beschreiben zu weit führen würde.
-
-Diese aber habe ich berichtet, damit du siehst, wie gross hier die
-Schule der Epicuräer ist, und ich glaube, dies ist hier der Ort, in
-dem der erste Mensch geschaffen worden, den die Hebräer Gamedon, das
-heisst: »Garten der Lust« nennen. Denn wenn die Lust das Leben
-glücklich machen kann, so sehe ich nicht ein, was diesem Orte fehlt
-zur vollendeten und in jeder Hinsicht vollkommenen Lust. Fragst du nun
-nach der Wirkung der Bäder, so ist sie mannigfach verschieden, doch
-ist ihre Kraft bewunderungswerth, fast göttlich. Ich glaube nicht,
-dass es auf der Welt, #ein wirksameres Bad für die Fruchtbarkeit der
-Frauen gibt#; da recht viele der Unfruchtbarkeit wegen hierher kommen,
-so erfahren sie seine merkwürdige Kraft.[18] Sie beobachten genau die
-Vorschriften, und es brauchen Mittel die, welche nicht empfangen
-können. Unter diesen ist besonders folgendes bemerkenswerth: eine
-unzählige Menge von Adeligen und Nichtadeligen kommt hier zusammen;
-zweihundert Meilen weit her, nicht eben der Gesundheit, sondern der
-Lust wegen, alles Liebhaber, alles Freier, alle, denen an einem
-genussreichen Leben gelegen ist, um hier des gewünschten sich zu
-erfreuen. Viele geben Körpergebresten vor, während sie doch im Geiste
-krank sind. So siehst du unzählige schöne Frauen, ohne Männer, ohne
-Verwandte, mit zwei Dienerinnen und einem Knechte oder einer alten
-Angehörigen, die leichter zu täuschen als zu ernähren ist. Einige
-gehen, soweit sie es vermögen, mit Kleidern, Gold, Silber und
-Edelsteinen geschmückt, dass man glauben könnte, sie seien nicht zu
-den Bädern, sondern zu den herrlichsten Hochzeiten gekommen. Da gibt
-es auch vestalische Jungfrauen oder richtiger gesagt floralische. Da
-leben Äbte, Mönche, Brüder und Priester in grösserer Freiheit als die
-andern, baden zuweilen gemeinsam mit den Frauen und schmücken die
-Haare mit Kränzen, alle Religion bei Seite lassend. Alle sind eines
-Sinnes, die Traurigkeit zu fliehen, die Heiterkeit aufzusuchen, nichts
-zu denken, als wie sie frölich leben, die Freuden geniessen. Nicht das
-Gemeinsame zu theilen, sondern das Einzelne mitzutheilen ist die
-Frage. Merkwürdig ist es, dass bei einer so grossen Menge (beinahe
-1000 Menschen), bei so verschiedenen Sitten, keine durch Trunk (ebria)
-verursachte Zwietracht entsteht; kein Aufruhr, kein Streit, kein
-Gemurr, kein Fluch.[19] Es sehen die Männer, dass ihre Frauen berührt
-werden, sie sehen, dass sie mit ganz Fremden, und zwar allein (solum
-cum sola) verkehren; dadurch werden sie nicht erregt; sie staunen über
-nichts, meinen, dass alles im guten und ehrbaren Sinne geschehe. Daher
-findet der Name Eifersucht, der gewissermassen alle Ehemänner
-erdrückt, bei denen keine Stelle. Das Wort ist unbekannt und unerhört.
-Sie kennen gar nicht eine Krankheit dieser Art, haben keinen Ausdruck
-für diese Leidenschaft. Und es ist nicht wunderbar, dass es bei ihnen
-dies Wort nicht gibt, da die Sache selbst nicht vorhanden ist. Denn
-noch ist keiner bei ihnen gefunden worden, der eifersüchtig wäre. O,
-wie verschieden sind unsere Gewohnheiten« u. s. w.
-
-[18] Poggios satirische Witzelei auf die Wirkung Badens illustriert
-eine alte Inschrift, die man, nach Wessely, in Baden bei Wien fand,
-das als Franzensbad des Mittelalters galt. Da stand an einer Mauer zu
-lesen:
-
- »Für unfruchtbare Frauen ist das Bad das beste,
- Was das Bad nicht thut, das thun die Gäste.«
-
-[19] Das änderte sich im Lauf der Zeit, wie noch mitzuteilende
-Badeordnungen ergeben werden.
-
-Poggios Widersprüche, bald lässt er die Frauen nackt baden, dann
-wieder mit Badehemden bekleidet sein, verraten, wie erwähnt, allein
-schon seine Unzuverlässigkeit. Ausserdem dürfte seine von ihm selbst
-betonte Unkenntnis der Sprache und Sitten ihn zu manchem Fehlschluss
-über die von ihm beobachtete Damensorte veranlasst haben. Er übersah
-wohl geflissentlich die anständigen Frauen ob der »lichten Fräuleins«,
-die nur der Verdienst ins Bad gelockt, und über jene Frauen, die im
-Badeort nur Abenteuer erleben wollten. Denn trotz aller Unterschiede
-zwischen den einstigen Sittenbegriffen von den heutigen, bestand auch
-damals schon eine Moralgrenze, deren Überschreitung keine anständige
-Frau gewagt hätte, darum waren jene so ausgelassenen Geschöpfe nichts
-weiter als Demimondainen. Das Mittelalter missachtete diese Weiber
-weit mehr, als dies unsere tolerantere Zeit thut und wusste aber
-ebenso wie wir ganz genau, dass die oft nur aus Not zur käuflichen
-Dirne Gesunkene Mitleid verdiente, während der meineidigen Gattin mit
-vollstem Rechte zum mindesten die Nichtachtung aller rechtlich
-Denkenden zu teil werden musste. Das öffentliche Mädchen konnte wieder
-ehrbar werden, nicht so die Ehebrecherin, die für alle Zeiten
-gesellschaftlich unmöglich war. Die Marklinie zwischen diesen beiden
-Frauentypen war von jeher so verwischt, um nicht von einem Poggio
-übersehen zu werden, während kein urteilsfähiger Landeskundiger über
-die Qualität der Damen im Zweifel war. War es doch allbekannt, dass
-die Kurorte den Haupttummelplatz für diese Abarten der Weiblichkeit
-bildeten.
-
-»Etliche Weiber ziehen auch gern in die Sauerbrunnen und warme Bäder,
-weilen ihre Männer zu alt und kalt sind,« sagt Glauber, und
-Guarinonius pflichtete ihm bei, indem er gewisse Frauen nur deshalb
-Bäder besuchen lässt, damit sie dort »lustig ihren Ehemännern eine
-waxene Nasen träen kunden«. Aber ehrbare Frauen waren dies keineswegs.
-Solche liessen sich, wie dies 1649 in Baden bei Wien geschah, in den
-Saum ihres Badehemdes Bleistücke einnähen, oder trugen Badekleider,
-die wohl Brust und Arme freiliessen, aber den Unterleib verhüllten.
-Und zeigten sie sich auch vielleicht in voller Nacktheit, so gaben sie
-doch ebensowenig ihren Körper preis, wie dies die Japanerin thut, die
-bei der Toilette und im Bade den Zuschauer unbeachtet lässt.
-
-Die Badevorstände boten auch alles auf, die honetten Frauen vor
-Übergriffen zu schützen.
-
-In der Badeordnung vom Jahre 1594 für das württembergische Bad Boll
-bei Göppingen findet sich daher die Vorschrift: »Schandlose, üppige
-Wort, und sonsten verkleinerliche Nachreden, sowohl auch ergerliche
-Lieder und Gesäng sollen bei Straff eines halben Güldens verboten
-sein, desgleichen unzüchtige Geberden und Erzeigungen gegen Erlichen
-Frawen und Jungfrawen, bey unnachlesslicher Straf eines Güldens, so
-oft das geschicht.«
-
-Suchte Poggio in Baden Heilung seines bösen Rheumatismus, so galt
-dieser Kurort doch vornehmlich als unerreicht in der Behebung der
-weiblichen Sterilität. Deshalb ist es sehr amüsant, den Eifer zu
-beobachten, mit dem sich Nonnen und Mönche bemühten, eine Badenfahrt
-ermöglichen zu können. Die Äbtissin vom Fraumünster in Zürich
-veräusserte nur zu diesem Zwecke 1415 einen Meierhof; die
-Klosterfrauen von Töss erkauften durch grosse Summen die päpstliche
-Erlaubnis, sich in weltlicher Kleidung unter ihrem Nonnenhabite in
-Baden erholen zu dürfen. Und das Leben dort war teuer, denn der Basler
-Kaplan Johannes Knebel verbrauchte 1475 im Monat Juli mit Magd und
-Diener in Baden zehn rheinische Gulden, über 500 Mark neuzeitlicher
-Währung. Thomas Murner sagt darum mit Recht im »Geuchmatt«:
-
- »Im meyen farend wir gen Baden,
- Lug das der seckel sy geladen ....
- Denn syn natürlich würckung thut
- Das du verdouwest gelt und gut.«
-
-In den Werken der Mittelhochdeutschen spukte die Sage von einem
-Heilbade mit gar seltsam wunderthätiger Wirkung:
-
- »Dies Wasser hat so edle Kraft,
- Welch' Mensch mit Alter war behaft,
- Ob er schon achtzigjährig was,
- Wenn eine Stund er drinnen sass,
- So thäten sich verjüngen wieder
- Sein Kopf, sein Herz und alle Glieder«
-
-sang 1542 Hans Sachs vom #Jungbrunnen#.
-
-Wer alt und runzelig in das Wunderwasser gestiegen war, sprang:
-
- »schön, wolgefarbt, frisch, jung und gsund
- ganz leichtsinnig und wol geherig
- als ob sie weren zwainzig jerig«
-
-hervor, was Lukas Kranach malte und »der Meister mit den Bandrollen«
-auf einen in der Wiener Albertina befindlichen ebenso seltenen wie
-gemeinen Kupfer radierte.
-
-Zur Sommerszeit badeten »Manns- und Weibspersonen in offenen Wassern
-ganz unverschambt«, versichert Guarinonius, und mit ihm eifert die
-gesamte Geistlichkeit gegen die gemeinsamen Flussbäder, »Weilen das
-Baden der jungen Menscher und Buben sommerszeit sehr ärgerlich und
-viel schlimbes nach sich ziehet«, wie der Abt Gregorius von Melk 1697
-meinte. Der Stadtrat von Frankfurt sah sich im 16. Jahrhundert schon
-wiederholt veranlasst, den »handwercksgesellen vnd andere, so im Main
-zu baden pflegen«, Haftstrafen zu verheissen, wenn sie, »wie Gott sie
-geschaffen ganz nackend blos ohne scham«, ohne ihre »niedercleider«
-badeten. Man hielt selbst im 18. Jahrhundert noch Flussbäder für einen
-Unfug ohne jede hygieinische Wirkung, für Übermut, den sogar ein
-Goethe noch verurteilte.
-
-
-
-
-Tanz und Spiel.
-
-
-Der Tanz, das Spiel der grossen Kinder, blickt auf eine nach
-Jahrtausenden zählende Vergangenheit zurück. Er findet sich zu allen
-Zeiten, in allen Kulturepochen der Menschheit; ebenso bei den auf der
-niedrigsten Geistesstufe stehenden Wilden, wie bei den führenden
-Nationen. Doch welch unendlicher Abstand liegt zwischen dem
-grotesk-sinnlosen Stampfen und Sprüngen, den Gliederverrenkungen oder
-dem hüpfenden Trippeln jener und dem graziösen Tanze im lichtflutenden
-Ballsaale, und trotz dieses himmelweiten Unterschiedes hat die Sprache
-für all diese Verrichtungen nur das eine kennzeichnende Wort: Tanz!
-Dort die Begleitung von Gutturaltönen, Händeklatschen oder
-misstönenden primitiven Musikinstrumenten, hier die fascinierenden
-Walzerklänge, und all dieses ist Tanzmusik, unzertrennlich von
-Tanzeslust, leuchtenden Augen, hochklopfenden Herzen.
-
-Die Erfindung des Tanzes verursachte kaum viel Kopfzerbrechen. Schon
-in der Körperbewegung, im Gehen, Laufen und Springen liegt die
-Grundidee des Tanzes. Die den Menschen eigentümliche Neigung, vor
-Freude zu hüpfen, mag die Entstehungsursache des Tanzes gewesen sein.
-So findet sich denn auch der Tanz oder Tanzformen bei allen Völkern,
-über die geschichtliche Überlieferungen berichten.
-
-Auf den Bildertafeln der ägyptischen Tempel schweben florbekleidete
-Tänzerinnen dahin. Die Bibel kündet von »Spiel und Tanz« der Frauen
-Judas. Mirjam, die Prophetin, zog mit den Frauen und Jungfrauen hinaus
-auf den Rain zum Reigen. David »tanzte mit aller Macht vor dem Herrn
-her«, und Salome, die Tochter Herodias', ertanzte sich das Haupt
-Johannes des Täufers, wenn wir der Legende und Sudermann glauben
-dürfen.
-
-Bei den Griechen, wie auch später bei den Römern und zur Zeit noch bei
-den meisten Naturvölkern, dann den Quäkern von Massachusetts und den
-Mormonen, galt der Tanz, verbunden mit Hymnengesang, als ein
-Bestandteil des Gottesdienstes. Der Tanz-Gesangskunst, Orchestik, der
-Griechen huldigten Hoch und Gering. Selbst ein Sokrates verschmähte es
-nicht, zu tanzen. Allerdings hing er seiner Tanzliebe ein
-Ausrede-Mäntelchen um, indem er den Tanz ein vorzügliches Mittel, den
-Appetit zu wecken, die Geistes- und Körperkraft rege zu erhalten und
-zu steigern nannte. Die Eitelkeit und Schaulust der Griechen, dieser
-Franzosen des Altertums, suchte Gelegenheit, ihrer Tanzlust möglichst
-oft zu frönen. Man tanzte schon in homerischer Zeit bei Gastmählern,
-bei öffentlichen und privaten Festen, im Hause, auf freien Plätzen,
-auf der Bühne, selbst bei Begräbnissen. Bei den Römern dekretierte
-Numa Pompilius (715-672 v. Chr.) den Tanz als gottesdienstliche
-Handlung. Dionysius von Halikarnass nannte die Marspriester, deren
-Kultustänze zu den heiligsten Ceremonien gezählt wurden, »Tänzer und
-Hymnensänger der Waffengötter«. Mit der fortschreitenden Kultur Roms
-war das hüpfende Vergnügen die Hauptsache jeder festlichen
-Veranstaltung. Es wimmelte von Kindern Terpsichores beiderlei
-Geschlechtes in Rom und wohin römische Sitte drang. Sie waren überall
-gern gesehene, wenn auch wenig geachtete Gäste. Auch bei den
-Leichenzügen der Cäsaren spielten Tänzer eine Rolle. Sie hatten den
-Verstorbenen in Maske und Gebärden zu kopieren. Mit der römischen
-Kultur entarteten auch die Tänze, über die wir von den Satirikern sehr
-Unerbauliches erfahren. Den Vergnügungstänzen lag ein erotischer
-Gedanke zu Grunde, wie dies z. B. bei den Tänzen der Spanier und dem
-Czardas auch noch jetzt der Fall ist.
-
-Dem ernsten Sinne des Germanen waren derartige Tänze ein Unding.
-»Jünglinge, welchen das eine Lustbarkeit ist, tanzen nackt zwischen
-aufgestellten Schwertern und Speeren umher. Die Uebung erzeugt
-Fertigkeit, die Fertigkeit Anmut. Doch thun sie das nicht zum Erwerb
-oder um Lohn; wiewohl in dem Vergnügen der Zuschauer der kühne
-Mutwille seine Belohnung findet.«[1] Die Frauen der Germanen blieben
-dem Tanze fern, erst im Mittelalter wagten sie es, sich am
-Tanzvergnügen zu beteiligen und an der Seite eines Tänzers sich im
-Schreit-, Schleif- oder Springtanz zu erlustigen.
-
-[1] Tacitus, Germania 24. Grimm sagt, »dass dem Heidengotte Zio zu
-Ehren Schlachtgesänge angestimmt, vielleicht auch kriegerische Tänze
-gehalten wurden, worauf ich die noch lange und weitverbreitete Sitte
-des feierlichen Schwerttanzes beziehe, der ganz eigentlich dem Gotte
-des Schwertes zukam«.
-
-Die Schreittänze trugen ritterlich-höfisches Gepräge. Der Tänzer
-fasste eine oder zwei Tänzerinnen bei der Hand und hielt schleifenden
-Schrittes einen Umgang im Saale, sei es unter den Klängen von
-Instrumenten oder nach dem Takte von Tanzliedern, welch letztere der
-Vortänzer anstimmte, und in deren Refrain die ganze Gesellschaft
-einfiel.[2] Bei solchen Tänzen musste es steif zugehen, denn die
-Männer blähten sich in gesuchter Grandezza, während die Damen in ihren
-langen, wallenden Gewändern affektiert
-
- »Uf den zehen slichent's hin
- Nach dem niuwen hovesin«
-
-dahintrippelten, »die trittel -- als zuo einer henne ein han«.
-
-[2] Alb. Czerwinski, Zur Kulturgeschichte der Tanzkunst.
-
-Bei den Rundtänzen ging die Gesellschaft in der Runde und suchte den
-Inhalt des vorgesungenen Tanzliedes durch einfache Bewegungen mimisch
-darzustellen. Während solcher Rundtänze wurden sogar Trauungen
-vollzogen, wenn aus einer Stelle im Tristan ein allgemeiner Schluss
-gezogen werden kann. Aus diesen Rundtänzen entwickelten sich
-dramatische Tänze mit unterlegter Handlung, der einfache Vorgänge aus
-der Tierwelt zum Vorwurfe dienten. In einem Gedichte des 11.
-Jahrhunderts, »Ruodlieb«, treten Ritter und Edelfräulein einander
-gegenüber und stellen Falke und Schwalbe dar; der Raubvogel verfolgt
-in Sprüngen das Vögelchen, gleitet aber an ihm vorüber, statt es zu
-erhaschen.[3]
-
-[3] Siehr, Kulturhistorisches aus dem Ruodlieb, Trarbach 1881, S. 15.
-
-Zu den Variationen des Rundtanzes gehörte auch der noch heute bei
-fürstlichen Vermählungen gebräuchliche Fackeltanz. Bereits unter
-Kaiser Konstanz (337-350) in Byzanz nach griechischem Vorbild
-eingeführt, hat dieser Tanz eine Parallele in einem Hochzeitsbrauch
-der heidnischen Preussen, die die Braut an der Grenze ihres neuen
-Heimatortes mit einem »Brandfeuer« empfingen. Im 11. Jahrhundert war
-der Fackeltanz, wie aus der Reimchronik Peters von Hagenbach
-ersichtlich, als Vergnügen nach Turnieren allgemein. Den an sich
-langweiligen Rundgang mit den brennenden Lichtern suchte man durch
-Figuren zu beleben und unterhaltender zu gestalten. Man spielte mit
-den Fackeln, stemmte erst eine Hand, dann beide Hände in die Seite,
-trug die Hände abwechselnd unter dem Gürtel, winkte mit der Hand,
-legte sie über die Augen, trug Tannenreiser im Munde, winkte und
-drohte sich zu und beschmierte sich schliesslich gegenseitig die
-Gesichter mit Russ. Begreiflicherweise ging es bei diesen Tänzen
-höchst ehrbar zu, so dass Kirchenfürsten nicht anstanden, selbst
-derartige Feste zu veranstalten und ein Tänzchen mitzumachen, was
-Geiler zu dem ärgerlichen Ausspruch veranlasst: »O Mönch, wie passt
-die Kutte zum Tanze, wie die Tonsur zu den Kränzen der Frauen?«
-
-Waren die Tänze an sich auch anständig, so scheint dies von den dabei
-gesungenen Tanzliedern weniger der Fall gewesen zu sein, wie Geiler
-hervorhebt. »Noch het ich schier ein trutz vergessen, nemlich den
-reien tantz; da werden auch nit minder untzucht und schand begangen,
-weder inn den andern, von wegen der schandtlichen und schamparen
-(schandbaren) hurenlieder, so darinn gesungen werden, damit man das
-weiblich geschlecht zu der geilheit und unkeuschheit anreitzet.« Dann
-weiter: »Auch in schmählichen Liedern wird gesündigt: das pflegt zu
-geschehen bei den Tänzen, die wir deutsch ›Leygerleyss‹ oder ›ein
-scheiblecht tenzlein‹ nennen, wo Eine vorsingt und die anderen
-nachfolgen, und wo viel Schmachvolles von Liebe gesungen wird, was zur
-Wollust anreizt und gegen die Ehrbarkeit gerichtet ist .... Mit
-leichtfertigem und unzüchtigem Schmuck bis auf den halben Rücken ist
-Alles bloss und nackt von vorn bis zu den Brüsten, dass sie auch die
-enthaltsamsten Männer locken können« -- also schon damals
-Balltoiletten wie in der Ära der Lex Heinze -- ja, Alles schon
-dagewesen! Der zweite Teil der eben mitgeteilten Philippika ist auf
-das ausgelassene Volk gemünzt, das sich nicht mit den feierlich-faden
-Schreittänzen begnügte, dessen leichteres Blut eine flottere
-Unterhaltung begehrte. Man tanzte im Dorfe auf dem Plane, den eine
-Linde überschattete, oder auf dem Tanzhügel. Im Winter flüchtete man
-in grosse Stuben, in das Dorfwirtshaus oder auch in Scheuern.
-Aber auch die Kirchen der Städte, ihre Vorhallen und die Kirchhöfe
-waren seit alter Zeit beliebte Tanzplätze, wenn auch die Geistlichkeit
-auf Synoden und von der Kanzel herab bis zum Ende des Mittelalters
-dagegen zeterte; ja noch mehr, man tanzte sogar zu denselben
-weltlichen Melodien, nach denen man in der Kirche die geistlichen
-Texte sang, weshalb Erasmus von Rotterdam von dem Kirchgesange sagt:
-»Da hört man schändliche und unehrliche Buhllieder und Gesang, darnach
-die Huren und Buben tanzen.«
-
-Da ging es denn auch ganz anders zu, wenn sich die Tänzer auf solchen
-Plätzen zusammenfanden, die Weisen des Spielmannes lockten, die langen
-Fähnchen und mit ihnen die Gespreiztheit im Dunkel der Truhen
-verschlossen lagen und der Zwang des vornehmen Rathaussaales oder des
-städtischen Tanzhauses vergessen war. Da klopften die Pulse höher, da
-lohte die Jugendlust und Tanzfreude auf, da offenbarte sich der
-lebensvolle Übermut, da kam die unverfälschte Menschennatur zum
-Vorschein, befreit von den Fesseln des mit Mühe festgehaltenen »guten
-Tones«, da hiess es auf die Sittenpredigt des gestrengen Seelenhirten:
-
- »Bruoder Berthold, rede waz dû wellest!
- wir mügen ungetanzet niht sîn«,
- denn ....
- ».... hier ist des Volkes wahrer Himmel.
- Zufrieden jauchzet Gross und Klein,
- Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!«
-
-Wenn auch die Städter niederen Ranges, wie die Bauern, sich emsig
-bemühten, den höfischen Reigen, wie alles, was von »oben« kam,
-nachzuäffen, was Neithard von Reuenthal bezeugt, so waren doch die
-Repräsentationstänze nur einzelne, der lieben Mode wegen eingeschobene
-Programmnummern, zwischen denen dann jene Tanzformen auftauchten, die
-das Wesen und die Anschauungen des Volkes schärfer charakterisierten,
-als die sentimentale Stadelweise oder der flottere, aber noch immer
-zahme Ridewanz.
-
-Die Namen der Bauerntänze sind fast alle ungelöste Sprachrätsel. Man
-tanzte Köwenanz, Sulawranz, Hoppaldei, Heierlei, Folafrantz, Ahsel,
-Houbetschoten (Kopfschütteln), Troialdei, Firgamdray, Wânaldei,
-Treirôs, Mürmum, Bôzalt, Gimpelgampel, Drauraran, Krumme Reien[4],
-Adelswanck, Schwingewurz, Trümmekentanz[5] und andere schönbenamste
-Tänzchen mehr. Trotz dieser grundverschiedenen Namen hatten alle diese
-Tänze das eine gemein, dass sie weder graziös noch sittenverbessernd
-waren -- darin sind alle massgebenden Autoren der Vergangenheit einig,
-die ausnahmslos den Stab über diese »Törpertänze« brechen.
-
-[4] Schultz, Höfisches Leben, S. 548 ff.
-
-[5] Bartels a. a. O. S. 70.
-
-Das Springen von Tänzer und Tänzerin, »den reien springen«, war eine
-Hauptsache bei all diesen Tänzen. Von einem Mädchen heisst es in einem
-Liede Neithards:
-
- »Sie spranc
- Mêr dan einer klâfters lanc
- Unt noch hôher danne ie magt gesprunge.«
-
-und Oswald von Wolkenstein sagt:
-
- »Gar weidlich tritt sie den firlefanzen,
- Ihre hohe Sprünge, unweiblich fast zu tanzen.«
-
-Wie bei diesen Sprüngen die leichte Gewandung flattern musste! Aber es
-kam noch toller: Man schwenkte die Tänzerinnen in die Luft empor,
-»dass man hoch sieht die blossen Beine«, wie Brant im Narrenschiff
-sagt. -- Es sei hier nebenbei erwähnt, dass Beinkleider den
-mittelalterlichen Frauen gewöhnlichen Standes unbekannt waren.[6]
-
-[6] Weinhold a. a. O. II. 263.
-
-Geiler eifert gegen derartiges Tanzunwesen:
-
-»Darnach findt man Klötz, die tantzen also sewisch (säuisch) und
-unflätig, dass sie die weiber und jungfrawen dermassen herumbschwencken
-und in die hohe werffen, das man jhn hinden und vornen hinauff siehet
-biss in die weich, also dass man jhr die hübsche weisse beinle siehet
-..... Auch find man etlich, die haben dessen ein ruhm wann sie die
-jungfrawen und weiber hoch inn die höhe konnen schwencken und haben es
-bissweilen die jungfrawen (so anders solche jungfrawen zu nennen sein)
-fast gern und ist jnen mit lieb gelebt, wann man sie also schwencket,
-das man jhnen, ich weiss nicht wohin siehet.«
-
-Murner variirt dasselbe Thema dahin:
-
- »Seh' ich die Sache richtig an,
- Kein frommes Kind dort hingehn kann,
- Nur solche, die da stützen kann
- Den Burschen, wenn er hebet an
- Zu springen, und ihn hebt empor.
- Ihr wisst's, kein Wort lüg' ich euch vor.
- Es ist nicht Scham noch Zucht dabei,
- Wenn sie die Mägdlein schwenken frei
- #Und Gretlein so weit treibt den Spass,
- Dass man kann seh'n, ich weiss nicht was.
- Wer seine Tochter fromm will sehen,
- Der lass' sie nicht zum Tanze gehen#.
- Der Schäfer von der neuen Stadt
- Schon manches Kind verderbet hat,
- Geschändet, ihm geraubt die Ehr',
- Das nun ein Eheweib wohl wär';
- Doch nun sitzt sie im Frauenhaus,
- Der Ehre ist der Boden aus.«[7]
-
-[7] Narrenbeschwörung, 50.
-
-Agrippa von Nettesheim, keineswegs so schwarzseherisch und pedantisch
-wie Murner und Geiler, sagt trotzdem in seinem 1526 verfassten Buche
-»De vanitate scientiarum«, man tanze mit unehrbaren Gebärden und
-tosendem Fussgestampfe nach lasciven Weisen und zotigen Liedern. In
-buhlerischen Umarmungen lege man dabei unzüchtige Hände an Mädchen und
-Matronen, küsse sie, und, Lasterhaftigkeit für Scherz ausgebend, stehe
-man nicht an, das schamlos zu entblössen, was die Natur verberge und
-die Sittsamkeit verhülle.
-
-Diese harten Worte bestätigt auch Heinrich von Wittenweiler in seinem
-obengedachten »Ring«:
-
- »Die Mäczli (Mädchen) warent also rüg
- Und sprungen her so gar gefüg
- Daz man in oft, ich wayss nit wie
- Hinauf gesach bis an die Knie.
- Hilden Hauptloch was ze weyt
- Darumb ir an derselben zeit
- Das tüttel aus dem puosem sprang;
- tanczens gyr sey dar zuo twang.
- Hüddelein der ward so hayss,
- day sey den Kittel vor auf rayss
- des sach man ir die iren do
- und macht vil mängen herczen fro.«
-
-Mädchen, die dem Werfen ausweichen wollten, warf man gewisse Gründe
-dafür vor:
-
- »Dier da nit entspringt
- Die treit ein Kint«
-
-sagt der Tannhäuser trocken.
-
-In der Abhandlung »was schaden tantzen bringt«, meint der unbekannte
-Verfasser: »der tufel stifft solich tentz vff daz sich die vnkuschen
-menschen an sehen an griffen vnd mit einander reden, vnd dar durch
-entzundt werdent durch vnkuschheit, vnd böse fleischlich begirde
-gewynnen, vnd gunst dar zu geben, vnd lust dar jnne haben, damit sie
-tötlich sünden vnd jn vil stricke des tufels vallen ....«, und so geht
-es weiter in allen Tonarten.
-
-Von einem anderen wird der Tanz der Kuppelei beschuldigt: »Es sind
-solche, die gehen darum zu Tanz, damit sie andere zur Unzucht und zum
-Mutwillen anstacheln. Da fasst man sich an, wird einander hold, da
-schwätzt man Lieb und Leib mit einander, da man sonst nicht
-zusammenkommt, da drücken sie sich die Hände, geben sich Liebesbriefe
-(bulen brieffle) u. s. w.«
-
-Noch kräftiger drückt sich Florian Daulen von Fürstenberg, Pfarrherr
-zu Schellenwalde, in seinem einst allbekannten und vielbesprochenen
-»Tanzteufel«[8] aus.
-
-[8] »Tantzteuffel, das ist wider den leichtfertigen unverschämten
-Welttantz und sonderlich wider die Gottesfurcht und ehrvergessene
-Nachttäntze etc.«, Frankfurt a. M. 1569.
-
-»Wir wollen vom Tanzteufel, wie fürgenommen, sagen, dass unter allen
-andern, so jetzt erzählt und in Krätschemen (Krug, Wirtshaus) zu
-geschehen pflegt, der teuflische, verfluchte, unziemliche, unzüchtige,
-Gottes Zucht und Ehr vergessene, leichtfertige Tanz, der besonders die
-Nacht in Krätschemen geschieht, zu verfluchen, zu schelten und zu
-verdammen sei.
-
-Der Tanz ist, sobald der Fiedler oder Spielmann aufmacht, ein
-stätiges, unordentliches Rennen und Laufen. Wie das unvernünftige Vieh
-laufen sie durcheinander; auch mit tollem, unvernünftigem Geläuf
-laufen sie von fern mit den Köpfen zusammen, und treffen eins das
-andere zu Boden, nicht allein von hinten auf die Füsse, dass die
-Schuhe entfallen, sondern sie rennen sich auch gar darnieder und
-machen ein so gräulichen Staub, dass vernünftige, fromme Leute in der
-Stube nicht bleiben können. Die Tanzenden offt durcheinander gehen,
-unordentlich gehen und lauffen wie die bisenden Küh, sich werfen und
-verdrehen, welches man jetzt verködern heisset. So geschiehet nun
-solch schendtlich, unverschämt schwingen, werffen, verdrehen und
-verködern von den Tantzteuffeln, so geschwinde, auch in aller Höhe,
-wie der Bawer den Flegel schwinget, dass bissweilen den Jungfrauwen,
-Dirnen und Mägden die Kleider biss über den Gürtel, ja biss über den
-Kopff fliegen. Oder werffens sonst zu boden, fallen auch wol beide und
-andere viele mehr, welche geschwinde und unvorsichtig hernach lauffen
-und rennen, dass sie über einem hauffen liegen. Die gerne unzüchtig
-Ding sehen, denen gefellt solch schwingen, fallen und Kleiderfliegen
-sehr wol, lachet und seind fröhlich dabei, denn man machet jnen gar
-ein fein welsch Bellvidere. Welche Jungfraw, Magd und Dirne am meisten
-am Tantze herumgefüret, geschwungen, gedrehet und geschawet wirdt, die
-ist die fürnembste und beste und rühmen und sagen die Mütterlein
-selber: »Es ist gar bedrang umb meine Tochter am Tantze, jedermann wil
-mit jr tantzen, sie hat heut am Tantz guten Markt gehabt. Auch sticht
-der Narr unsre jungen und alten Witwen, die treibens ja so körbisch,
-wilde und unfletig als die jungen Mägdlein ....«
-
-»Alle Tänze sind jetzt gemeiniglich also geartet, gar wenige
-ausgenommen, dass wahrlich an auch den Tänzen, die bald nach
-geschehener Mahlzeit auf den Wirthschaften gehalten, nicht viel zu
-loben ist, denn das junge Volk ist gar vom Teufel besessen, dass sie
-keine Zucht, Ehre und Tugend mehr lieben. Die jungen Gesellen meinen,
-wenn sie Fochtel und Degen neben den Tanz an der Seite tragen, sich
-ungebärtig stellen, hoch springen, schreien, wüthen und drohen, sie
-hätten nicht recht getanzt, zu geschweigen der unzüchtigen Worte und
-Geberden, so die garstigen Esel am Tanze treiben.« Luther verdammt das
-Tanzen an sich nicht, »wo es züchtig zugeht«. »Dass aber Sünde da
-geschehen, ist des Tanzes Schuld nicht allein, sintemal auch über
-Tisch und in der Kirche dergleichen geschehen. Gleichwie es nicht des
-Essens und Trinkens Schuld ist, dass etliche zu Säuen darüber
-werden.«[9]
-
-[9] Kirchen-Postill auf den zweiten Sonntag nach Epiphanias.
-
-In dem »Ehespiegel« des Cyriakus Spangenberg (1578), in dem 50
-Brautpredigten des Verfassers enthalten sind, werden für das letzte
-Viertel des 16. Jahrhunderts die alten Klagen laut. Spangenberg stellt
-dem ehrbaren »Bürgerlichen« den »Buben- und Hurentanz« gegenüber, bei
-denen es zuging, »dass einer schwört, es hätten die Unfläter, so
-solchen Regenführern, aller Zucht und Ehre vergessen, wären taub und
-unsinnig und tanzten St. Veitstanz«.
-
-Wie es auf einem Balle oder Tanzfeste im 16. Jahrhundert zuging, davon
-gibt der gelehrte markgräflich badische Rat und Obervogt zu Pforzheim,
-Johann von Münster in seinem zuerst 1594 gedruckten »gottseligen
-Traktat vom ungottseligen Tanz« genaue Mitteilung: »Die deutsche
-allgemeine Tanzform besteht hierinnen, dass nachdem bei den Pfeiffern
-und Spielleuten der Tanz zuvor bestellet ist, der Tänzer aufs
-Zierlichste, Höflichste, Prächtigste und Hoffärtigste herfürtrete und
-aus allen allda gegenwärtigen Jungfrauen und Frauen eine Tänzerin, zu
-welcher er eine besondere Affektion trägt, jene erwähle. Dieselbe mit
-Reverentz, als mit Abnehmen des Hutes, Küssen der Hände, Kniebeugen,
-freundlichen Worten und anderen Ceremonien bittet, dass sie mit ihm
-einen lustigen, fröhlichen und ehrlichen Tanz halten wolle. Diese
-(hochnöthige) Bitte schlägt die begehrte Frauensperson nicht
-leichtlich ab, unangesehen auch der Tänzer, der den Tanz von ihr
-begehrt, bissweilen ein schlimmer Pflugbengel, oder ein anderer
-unnützer vollgesoffener Esel, und die Frauensperson eine stattliche
-vom Adel, oder andere ansehnlich denn reiche Frau oder Jungfrau ist.
-Es wäre denn, dass sie um eines Verstorbenen Willen trauert oder Leid
-trüge. In dem Falle ist sie, und auch eine Mannsperson entschuldigt.
-So ferne noch bei dem, der den Tanz begehret, so viel Verstandes übrig
-ist, dass er diese Entschuldigung annehmen will. Ist aber der Kerl gar
-voll und toll, der den Tanz begehret, so muss die Frauensperson eben
-wol fort. Will sie nicht tanzen, so mag sie schleiffen. Will sie im
-Tanz nicht lachen und frölich springen, so mag sie weinen und sauer
-aussehen und traurig tanzen. Denn er verlässt sie nicht, weil er sie
-bei der Hand hat, sondern er zieht mit ihr immer fort, zum Tanze, wie
-mit einem Widder zur Küche. Darüber lachen etliche, die dabei stehen
-und zusehen, etliche aber, denen die Frauensperson verwandt ist, sehen
-übel aus, und dürfen bisweilen mit diesem unzeitigen Tänzer Händel und
-Streit anfangen. Ist aber die Frauensperson also daran, dass sie aus
-wahrer Erkenntnis Gottes den Tanz hasset und dem Tänzer den Tanz
-abschlägt, oder aus anderen Ursachen mit ihm zu tanzen sich weigert,
-so ist das Ei zertreten. Dann fängt der Tänzer an zu fragen, oder
-beschickt die Frauensperson durch seine Freunde, was sie für Ursache
-habe, ihm den Tanz zu verweigern, ob er nicht redlich, ehrlich oder
-gut genug dazu sei u. s. w. Zuweilen wartet der Tänzer nicht so lange,
-dass er die Beschickung kann fürnehmen, sondern schämt sich auch
-nicht, die Jungfrau oder Frau, sobald sie ihm den Tanz geweigert hat,
-wider alle Billigkeit, Rechtlichkeit und Recht #aufs Maul zu
-schlagen#. Etliche geben dem Schläger Recht und verteidigen seine lose
-Sache mit den Spruch: einem ehrlichen und redlichen Mann muss und soll
-man keinen Tanz weigern. Darum ist der Person Recht geschehen u. s. w.
-Andere aber halten dieses (wie denn billig ist), für eine solche
-unbescheidene, tyrannische That, dass sie wert sei, dass die ganze
-Gesellschaft derselben sich annehme und sie räche. Daraus dann endlich
-solch Werk erfolget, dass ohne Blutvergiessen und ständigem Hasse
-nicht wol oder kaum kann beigelegt und verglichen werden. Wenn aber
-die Person bewilligt hat, den Tanz mit dem Tänzer zu halten, treten
-sie beide herfür, geben einander die Hände, #und umfangen und küssen
-sich nach Gelegenheit des Landes#[10], auch wol recht auf den Mund,
-und erzeigen sich sonst mit Worten und Geberden die Freundschaft, die
-sie vor langer oder kurzer Zeit gewünscht haben, einander zu erzeigen.
-Darnach, wenn es zum Tanze selbst gekommen ist, halten sie erstlich
-den Vortanz, derselbe gehet etwan mit ziemlicher Gravität ab. Es kann
-aber in diesem Vortanz das Gespräch und Unterredung, derer die sich
-lieb haben, besser gebrauchet werden, als in den Nachtanz. Dies aber
-haben sie gemein, dass die Tänzer, wenn sie zum End des Gemaches, in
-welchem sie tanzen, gekommen sind, wieder umkehren, und sich zu beiden
-Seiten, zur rechten und zur linken, so lang wenden und treiben,
-vorgehen und folgen müssen, bis der Pfeiffer aufhört zu spielen, und
-ihn gelüstet, ein Zeichen zu geben, dass der Vortanz ausgetanzet sei.
-Darnach ruhen sie ein wenig, stehen aber nicht lange still. Sind es
-gute Freunde, so reden sie miteinander von den Dingen, die sie gern
-hören. Ist aber die Freundschaft nicht so gross, so schweigen sie
-still, und warten bis der Pfeiffer wiederum aufblaset zum Nachtanz. In
-diesem gehet es was unordentlicher zu, als in dem vorigen. Denn
-allhier des Lauffens, Tummels, Handdrückens, heimlichen Anstossens,
-Springens und bäurischen Rufens und anderer ungebührlichen Dinge, die
-ich Ehren wegen verschweige, nicht verschonet wird, bis dass der
-Pfeiffer die Leute, die wohl gern, wenn sie könnten, einen ganzen Tag
-also toller Weise zusammenliefen, durch sein Stillschweigen geschieden
-hat. Da hört man denn oft einen schrecklichen Fluch über den Pfeiffer,
-dass er viel zu bald den Tanz ausspielet, oder auch manchmal den Tanz
-zu lang gemacht hat. Denn sie schämen sich aufzuhören zu tanzen, ehe
-und bevor der Spieler aufgehört hat zu pfeiffen. Die Strafe wird ihm
-bisweilen auch zugelegt, dass er noch einmal um dasselbe Geld (wie sie
-reden) aufblasen muss. Da gilt es denn mit Tanzen aufs Neu. Wenn aber
-der Tanz zu Ende gelaufen ist, bringt der Tänzer die Tänzerin wiederum
-an ihren Ort, da er sie hergenommen hat, mit voriger Reverentz, nimmt
-Urlaub und bleibet auch wol #auf ihrem Schoss sitzen# und redet mit
-ihr, darzu er durch den Tanz sehr gute und keine bessere Gelegenheit
-hat finden mögen.«[11]
-
-[10] Siehe hierzu das Bild Aldegrevers in M. L. Beckers prächtigem
-Geschenkwerke »Der Tanz«, Verlag von Herm. Seemann Nachfolger in
-Leipzig.
-
-[11] Wilh. Angerstein, Volkstänze im deutschen Mittelalter, S. 30 ff.
-
-Alle diese Anklagen finden amtliche Bestätigung durch die zahllosen
-Tanzordnungen, wie solche die ganzen Jahrhunderte hindurch erlassen
-wurden und immer wieder erneut werden mussten bis in das 17.
-Jahrhundert hinein. Man gab genaue Vorschriften, wie man sich beim
-Tanze zu benehmen und zu kleiden hatte, welche Tänze erlaubt und
-welche verpönt waren. In Zürich war sogar das Verbot nötig, nicht »bei
-nacktem Leibe« auf dem Tanzboden zu erscheinen. Nürnberg untersagte
-nur das »halsen und umbfahen«, während die Sächsisch-Meissnische
-Polizeiordnung von 1555 gar das Kind mit dem Bade ausschüttete, denn
-sie besagt, es sei besser, für manche Orte überhaupt keinen Tanz zu
-gestatten, da sich bei solchen viele Mannspersonen unzüchtig und
-Ärgernis erregend benahmen. Deshalb hätten Männer und Frauen züchtig
-bekleidet zu sein und müsse das unziemliche Drehen, Geschrei und
-unanständige Gebärden unter allen Umständen unterbleiben. In Danzig
-wurden 1530 sieben Männer und ebensoviele Weiber gestäupt und ihnen
-die Stadt »auf ewig« verboten, weil sie »in nicht gebräuchlicher,
-unanständiger Kleidung« öffentlich getanzt hatten.[12] In Freiburg im
-Breisgau legte man 1556 die Spielleute, die bei einem Tanze mitgewirkt,
-in das Spitals-Gefängnis. Als alles dies nichts half, lenkte man
-in einzelnen Städten ein und sandte zu den Tanzunterhaltungen
-Beamte als Zensoren, um darüber zu wachen, dass nicht allzu grobe
-Ausgelassenheiten vorfielen.[13]
-
-[12] Rudolph Voss, Der Tanz und seine Geschichte, 1869, S. 281, und
-Reinöhl in »Das Kloster« IV. 421 ff.
-
-[13] Ritter bei Rudeck a. a. O. S. 58.
-
-Der älteste Tanz des deutschen Volkes ist der auch heute noch in
-manchen entlegeneren, namentlich Gebirgsgegenden nicht gänzlich
-verschwundene #Johannistanz#, wenn auch Voss seine Behauptung vom
-Ursprunge dieses Tanzes unter dem vierten König der Gallier, Bardus
-II., etwa 2140 oder 2174 v. Chr. G., nicht zu beweisen vermag.[14]
-Immerhin besitzt er ein ehrwürdiges Alter, denn schon das sechste
-Konzil zu Konstantinopel im Jahre 680 schritt gegen die »abgöttischen
-Feuertänze« der Christen, der heilige Elipsius um dieselbe Zeit gegen
-diese heidnische Sitte der Deutschen ein, »die an dem Johannisfeste
-die Sonnwendlieder und andere teuflische Gesänge, Tanz und Sprünge
-üben«. Als die Geistlichkeit einsah, diese althergebrachten Festbräuche
-nicht ausrotten zu können, nahm sie sich -- sanft wie die Tauben und
-klug wie die Schlangen -- ihrer an, gab ihnen durch Aufoctroyierung
-eines Heiligen als Paten einen kirchlichen Charakter, und ein neuer
-Feiertag mit Kirchgang und Opferung war fertig. Die Hauptsache an dem
-neugebackenen St. Johannistag blieben aber die Johannisfeuer, mächtige
-Scheiterhaufen, die von der Jugend unter heiteren Gesängen umtanzt und,
-wenn die Flammen in den zusammengesunkenen Scheitern nur noch glimmten
-und Rauchwolken den verkohlten Hölzern entströmten, mit kühnen Sätzen
-durchsprungen wurden. In Stadt und Land freute sich mondelang vorher
-die tanzfreudige Jugend auf den Sonnwendabend, der hoch und gering auf
-den Feuerplätzen versammelt sah.
-
-[14] a. a. O. S. 73, S. 81.
-
-In München fand sich 1401 der lustige Herzog Stephan, Kaiser Ludwigs
-des Bayern Sohn, mit seiner Gemahlin beim Sonnwendtanze ein, ebenso
-tanzte König Friedrich IV. auf einem Reichstage in Regensburg 1471 im
-Reigen um das Feuer. Kaiser Maximilians Sohn Philipp liess am
-Johannistage 1496 auf dem Fronhof zu Augsburg einen 54 Schuh hohen
-Scheiterhaufen aufrichten. Alle »Frauenzimmer« der Geschlechter waren
-eingeladen und erschienen im höchsten Putze, weil bekannt worden war,
-dass der Prinz eine von ihnen zum Tanze auffordern würde. Einer
-schönen Ulmerin, der Susanne Neidhartin, wurde dies Glück zu teil; sie
-durfte mit einer Fackel den Holzstoss entzünden, den unter Trompeten-
-und Paukenschall die ganze Gesellschaft umtanzte.[15] Dass zu diesen
-Tänzen auch die leichtfertigen Weiber der städtischen Bordelle
-zugelassen waren, ist bereits oben mitgeteilt worden, daher dürfte es
-auch nicht an Ausschreitungen gefehlt haben, wozu die Sprünge durch
-das Feuer mit hochgeschürzten Kleidern willkommenen Anlass boten.
-
-[15] Voss a. a. O. S. 84.
-
-Die Schamlosigkeit der meisten Tänze, die sich, je weiter das
-Mittelalter vorschritt, immer mehr vergröberte, und in der von Thränen
-und Blut triefenden Wiedertäufertragödie zu Münster (1534-1535) ihren
-Kulminationspunkt erreichte, den selbst die allgemeine Verwilderung
-der grausen 30 Kriegsjahre nicht zu erreichen vermochte[16], fand
-stellenweise durch das Volk selbst eine drastische Verurteilung, die
-sich gegen jene Mädchen richtete, deren Moralität durch allzu häufiges
-Aufsuchen von Tanzgelegenheiten in Zweifel gezogen wurde.
-So herrschte am Rhein, in »Franckenland und ettlichen anderen Ortten«
-folgender Gebrauch: »Merkwürdig ist, was am Aschtage (Aschermittwoch)
-an den meisten Orten geschieht. Alle Jungfrauen, die in dem Jahre an
-dem Tanze teilgenommen, werden von den jungen Männern zusammengebracht,
-statt der Pferde an einen Pflug gespannt und samt dem Pfeifer, der
-spielend auf dem Rosse sitzt, in einen Fluss oder einen See
-hineingetrieben. Warum das geschieht, sehe ich nicht ein; ich denke
-mir, sie wollen damit abbüssen, dass sie an den Feiertagen gegen das
-Gebot der Kirche sich von leichtsinnigen Vergnügungen nicht
-fernhielten.«[17]
-
-[16] Näheres über das Treiben jener Wahnsinnigen in dem markigen Buche
-Joh. Scherrs »Grössenwahn, vier Kapitel aus der Geschichte
-menschlicher Narrheit«, S. 75 ff.
-
-[17] Johannes Boëmus bei Schultz, D. L., S. 445.
-
-In einer Geschichte des Geschlechtslebens dürfen auch die #Hexentänze#
-nicht übergangen werden, da sie zeigen, welch grauenvolle Bilder
-sexueller Ausschweifungen verderbte Gemüter jener finstersten Zeit des
-finsteren Mittelalters auszuhecken im stande waren. Was auf den
-Hexenversammlungen auf dem Blocksberg, Heuberg, Hörselberg, Fellerberg
-u. s. w. an den Hexensabbathen vorgegangen sein soll, füllt die
-zahllosen Protokolle der Hexenprozesse mit dem ekelhaftesten Schmutz.
-Nur der ausgesprochene Irrsinn oder wahrhaft teuflische Verderbtheit
-konnte jene Beschreibungen diktiert haben, die entmenschte Richter den
-sich unter Folterqualen windenden »Hexen« in den Mund legten.[18]
-
-[18] Siehe Kapitel: Liebeszauber und Zauberliebe.
-
-Eine weitere Erscheinung, die den mittelalterlichen Tanz als Ursache
-hat, war die um 1021, 1278, 1374 und 1418 grassierende #Tanzwut#. Noch
-waren die Gräber der vielen Millionen von der Pest, dem schwarzen Tod,
-dahingerafften Menschen nicht überwachsen, als eine seltsame Krankheit
-die Menschheit ergriff. Bei ihrem ersten Erscheinen, im 11. und im 13.
-Jahrhundert, nur einzelne Individuen ergreifend, tauchten 1374 in
-Aachen Scharen von Männern und Frauen auf, die, wie von einer höheren
-Macht getrieben, Hand in Hand Reigen bildeten, und erst gemächlich,
-dann immer toller, anscheinend ihrer Sinne nicht mächtig in wilder
-Raserei ohne Scheu vor den Zuschauern tanzten, bis sie erschöpft zu
-Boden sanken. Wie eine Epidemie breitete sich diese Tanzlust aus,
-namentlich aus den niederen Volksschichten unzählbaren Zuzug
-erhaltend. Nach allen Städten verpflanzte sich durch umherziehende
-Tanzkranke diese Seuche, die Müssiggängern und losen Weibern ein
-willkommener Deckmantel war, betteln und ihren Gelüsten frönen zu
-können. Denn zweifellos befanden sich unter den armen hysterischen St.
-Veitstänzern eine Unzahl von Simulanten, worüber übrigens helle Köpfe
-schon damals nicht im Zweifel waren[19], wie aus folgender
-zeitgenössischer Schilderung hervorgeht: »Anno 1374 zu mitten im
-Sommer, da erhub sich ein wunderlich Ding auff Erdreich, und
-sonderlich in Teuttschen Landen, auff dem Rhein und auff der Mosel,
-also dass Leute anhuben zu tantzen und zu rasen, und stunden je zwey
-gegen ein, und tantzten auff einer Stätte ein halben Tag, und in dem
-Tantz da fielen sie etwan ufft nieder, und liessen sich mit Füssen
-tretten, auff ihren Leib. Davon nahmen sie sich an, dass sie genesen
-wären. Und lieffen von einer Stadt zu der andern, und von einer
-Kirchen zu der andern, und huben Geld auff von den Leuten, wo es ihnen
-mocht gewerden. Und wurd des Dings also viel, dass man zu Cölln in der
-Stadt mehr dann fünfhundert Täntzer fand. Und fand man, dass es eine
-Ketzerey war, und geschahe um Golds willen, dass ihr ein Theil Frau
-und Mann in Unkeuschheit mochten kommen, und die vollbringen. Und fand
-man da zu Cölln mehr dann hundert Frauen und Dienstmägde, die
-nichteheliche Männer hatten. Die wurden alle in der Täntzerey
-Kinder-tragend, und wann dass sie tantzeten, so bunden und knebelten
-sie sich hart um den Leib, dass sie desto geringer wären. Hierauff
-sprachen ein Theils Meister, sonderlich der guten Artzt, dass ein
-Theil werden tantzend, die von heisser Natur wären, und von andern
-gebrechlichen natürlichen Sachen. Dann deren war wenig, denen das
-geschahe. Die Meister von der heiligen Schrift, die beschwohren der
-Täntzer ein Theil, die maynten, dass sie besessen wären von dem bösen
-Geist. Also nahm es ein betrogen End, und währete wohl sechszehn
-Wochen in diesen Landen oder in der Mass. Auch nahmen die vorgenannten
-Täntzer Mann und Frauen sich an, dass sie kein roth sehen möchten. Und
-war ein eitel Teuscherey, und ist verbottschaft gewesen an Christum
-nach meinem Bedünken.«[20] Da auch die Kölner Chronik von 1374 (Cöllen
-1499) »vill bouerie« (Büberei) unter den Tanzkranken vermutet, was auf
-sich allgemein ausbreitendes Misstrauen schliessen liess, so erlosch
-die Krankheit nach und nach von selbst, als die Teilnahme des
-Publikums für die von ihr Befallenen gänzlich erstorben war, um noch
-einmal im Verlauf der Geschichte, in Frankreich während der Jahre 1727
-bis 1762, also volle 40 Jahre, als »Konvulsionen« mit ausgeprägt
-erotischem Charakter, eine Rolle zu spielen.[21]
-
-[19] Dr. J. F. C. Hecker, Die Tanzwuth, eine Volkskrankheit im
-Mittelalter. Berlin 1832.
-
-[20] Die Limburger Chronik, herausgegeben von C. D. Vogel, Marburg
-1828, S. 71.
-
-[21] Dr. Eugen Dühren, Der Marquis de Sade und seine Zeit, S. 80 ff.
-
-Eines der Hauptvergnügen für die mutwillige Jugend bestand, wie
-erwähnt, bei den Reigentänzen im Umwerfen oder Fallenlassen der
-Tänzerin, um dadurch ihre Kleider in Unordnung zu bringen. Ein
-Sittenschilderer aus der Zeit vor dem Dreissigjährigen Krieg klagt
-darüber, es sei nichts gewöhnlicher, »als dass man auf #feierlichen
-Hochzeiten# eine Menge von Kleidungsstücken abwarf und dann erst
-tanzte, und dass man das Frauenzimmer mit Fleiss in ganz unerhörter
-Weise fallen liess«.[22] Dieses #Umwerfen# wurde auch als
-Gesellschaftsspiel geübt, bei dem es dem männlichen Spieler darauf
-ankam, seine Partnerin, die auf dem Rücken eines mit aufgestützten
-Händen knienden Pagen sass und ihre Fusssohle an die des Gegners
-gestemmt hielt, umzuwerfen und dadurch zu entblössen. Ein Teppich im
-Nürnberger Germanischen Museum enthält ein Bild dieses »über
-Füesselin«, dem drei Damen, darunter eine Fürstin mit der Krone auf
-dem Haupte, voll Interesse zusehen.
-
-[22] Voss a. a. O. S. 111.
-
-Ein Züricher Mandat von 1532 beschäftigt sich mit diesem Umwerfen,
-ebenso das Nimburger Stadtwesen, das das »bolderböhmische« Spiel rügt.
-Ein anderes Gesellschaftsspiel beschreibt Karlmeinet. Da tragen erst
-die Herren die Damen und dann diese die Herren. Der Kussraub, wie dies
-bei Karlmeinet Godyn der Orie thut, wird wohl ein wichtiges Moment
-dieses Spieles gewesen sein, denn Küssen als Spiel kommt gleichfalls
-in der langen Reihe von höfischen Gesellschaftsspielen vor, die der
-Verfasser des Gedichtes »Der tugenden schatz«[23] wie folgt berührt:
-
- »Zwei halsten mit luste,
- Zwei einz daz ander kuste.«
-
-[23] Schultz, D. L., S. 516.
-
-Das von Murner erwähnte Spiel oder Lied »Der Schäfer von der neuen
-Stadt«[24] endete mit einer allgemeinen Abküsserei, daher die von dem
-Dichter angeknüpfte Nutzanwendung.
-
-[24] Siehe S. 277.
-
-Ein Bauernspiel erwähnt Nithart von Reuenthal als »wemplink
-bergen« in einem von gemeinstem Cynismus strotzenden, geradezu
-landsknechtsmässigem Gedicht. Da er dem »Wemplink« eine obscöne
-Nebendeutung gibt, ist aus dem Gedichte nicht ersichtlich, wie dieses
-Spiel in Wirklichkeit vor sich ging.
-
-Wenn Hans Sebald Beham (ca. 1500 bis 1550) nicht übertreibt, was bei
-der photographischen Treue seiner geistvollen Bilder kaum anzunehmen
-ist, so war das Umwerfen besonders in den #Spinnstuben# der Dörfer
-gleich vielen anderen Rüdheiten heimisch.
-
-Das bekannte Spinnstubenbild des Nürnberger Meisters gibt eine ganze
-Musterkarte von abstossenden Zuchtlosigkeiten in einer Spinnstube,
-die, wenn sie auch in ihrer Gesamtheit übertrieben oder einzelne von
-ihnen aufgebauscht sein mögen, doch noch immer das einmütige
-Verdammungsurteil gegen die Spinnstuben rechtfertigen. Es müssen wahre
-Lasterhöhlen gewesen sein, diese Bauernstuben, in denen sich die
-Dorfweiblichkeit an den langen Winterabenden zum gemeinsamen Spinnen
-versammelte. Wo die Mädchen waren, blieben natürlich auch die Burschen
-nicht aus, um die Schönen bei der Arbeit zu zerstreuen und ihnen beim
-Spinnen zu helfen. Namentlich das Abschütteln der Abfälle des Hanfs,
-des Agen, von den Kleidern, gab Anlass zu vielen zudringlichen
-Scherzen.
-
- »Da bin ich all nacht gegangen zum rocken
- Da kund man mir mit öpfeln locken,
- Da wart ich den meiden die agen abschütteln
- Und ward oft eine mit dem hindern rütteln
- Und kund ihr wol unten warten zum leib«
-
-heisst's in einem Fastnachtsspiele.
-
- »Ich schatz wir gen zum rockenspinnen
- Und schuten (schütteln) den meiden die agen ab«
-
-schlägt in einer anderen Posse ein Dorfjüngling seinem Genossen vor.
-
-Die Dirnen, die sich zum Spinnen einfanden, wussten ganz genau, worauf
-die Anwesenheit der Männer hinauslief, darum fanden diese auch nur zu
-williges Gehör. Zu wüsten Orgien wurden diese Versammlungen, wenn ein
-gefälliger Zufall oder ein loser Schelm den qualmenden Lichtspan zum
-Verlöschen brachte.
-
-Die Weistümer gehen deshalb zuweilen gegen die Spinnstuben vor, unter
-anderen das Weistum von Nörfeld bei Darmstadt[25], in dem es heisst:
-
-[25] Weistümer, I. 498.
-
-Es solle auf die höchste Busse erkannt werden, wenn »wer spinnstuben
-in seinem hausse zu halten unterstehen würde«. In der Ehaltenordnung
-von Thierhaupten in Bayern 1475 heisst es von den Mägden: »sie sollen
-zu nachts nit ausgên mit dem rocken in ein dants hin, dann mit wissen
-und erlauben der milchfrawen (der Obermagd)«. Am unzweideutigsten
-spricht sich jedoch ein Nürnberger Erlass von 1572 aus: »... das
-mehrmalen in solchem zusammen den Eltern Töchter verfüret hinder den
-Vättern zu vnziemlichen Ehen vberredt, auch etwo geschwecht vnnd gar
-zu schannden bracht worden. Das auch die gesellen an einander darob
-verwartten, verwunden vnd todschlagen .... etc.«[26] Weitere
-Verordnungen, die ausser der Ausschweifung und den in den Spinnstuben
-gang und gäben Raufereien noch die durch das unvorsichtige Hantieren
-mit Feuer und Licht entstehenden Brände hervorheben, wiederholen sich
-bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, ohne aber die Spinnstuben selbst
-und ihre unschöne Gefolgschaft ausrotten zu können.
-
-[26] Barack in der Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, IV.
-1859, S. 65 ff.
-
-Der Bauerntrotz wusste von jeher den Befehlen der ihm verhassten
-Behörde ein Erstrecht entgegenzusetzen, um so mehr, wo es sich bei
-ihm um altehrwürdige Institutionen handelte, die er innig verwachsen
-mit seinem Leben hielt. Der Vater verzieh dem Sohne gerne, was er
-selbst in der Jugend getrieben, und die Mutter, die sich vielleicht
-bei den Spinnstubenscherzen den Mann ergattert, hoffte von der Tochter
-dasselbe. Darum bestanden denn auch die Spinnstuben fort, bis sie die
-fortgeschrittene Industrie überflüssig gemacht; heute sind sie eine
-seltene Erscheinung geworden, die nur noch in entlegenen, vom Verkehre
-abgeschlossenen Wald- oder Gebirgsdörfern hier und da auftauchen.
-In den Spinnstuben erklangen viele der Volkslieder zum ersten Male,
-die von dort aus ihren Weg in das Dörfchen und in das weite Land
-fanden, jene naiv sentimentalen oder kernig derben Gesänge, die
-Tagesereignisse, lokale Vorkommnisse oder irgend eine der ungeschulten
-Phantasie entsprungene Erzählung in ungefügen Versen illustrieren. Um
-manche dieser Lieder, wahre Perlen unserer Volkslitteratur, sei den
-Spinnstuben die von ihnen geübte Unmoral herzlich gern verziehen.
-
-Nur der Vollständigkeit halber will ich noch #die Spielkarten#
-erwähnen, in deren Bildern sich häufig die Freude unserer Vorfahren an
-unflätigen Scherzen ausdrückte. Derartige Karten, die z. B. Jost Amman
-verfertigte, sind aber kaum in alle Volksschichten gedrungen,
-ebensowenig wie die bodenlos schmutzigen Blätter, deren sich gewisse
-Potentätchen des 17. und 18. Jahrhunderts bedienten, die sich
-bemühten, die auf ihrer grossen Tour nach Frankreich aufgeschnappten
-Versailler Cochonnerien auf deutsche Erde zu verpflanzen und neben
-anderen »Desbauchen«, wie die grundehrliche, kernig-deutsche Elisabeth
-Charlotte von der Pfalz, Herzogin von Orleans, sagt, auch Spielkarten
-mit Scenen à la Marquis de Sade verwendeten. Diese Schweinereien
-blieben zum Glück nur auf die »feine Gesellschaft« beschränkt, ebenso
-wie jene den tollsten Ausschweifungen huldigenden »Vergnügungsvereine«
-der Feigenbrüder u. s. w.
-
-
-
-
-Das Schönheitsideal.
-
-
-Die ganze rein sinnliche Denkungsart des Mittelalters drückt sich in
-dem Schönheitsideal aus, das die berufenen Vertreter der allgemein
-geltenden Anschauungen ihrer Zeit, die Dichter, der Nachwelt
-überlieferten. Nur rein körperliche Schönheiten heischen sie vom
-Weibe, denn wer bei ihnen schön ist, ist auch gut und edel, in einem
-hässlichen Körper wohnt nur eine schwarze Seele. Je weiter sich das
-Mittelalter der Neuzeit nähert, je mehr sich der Sittenverfall
-ausbreitet, um so gröber und materieller werden die Anforderungen, die
-man an den Frauenleib stellt, denn von seelischen Schönheiten ahnte
-man nichts.
-
-In der Epoche des Werdens, in der noch einzelne Naturlaute aus dem
-germanischen Wald- und Jagdleben in das unter fremden Einflüssen
-zusehends fortschreitende Leben nachklingen, teilte man den der
-Germanin eigenen Rasseeigenschaften den Schönheitspreis zu. Ein bis ins
-Detail gehendes Bild einer wahrhaft schönen Frau setzt Alwin Schultz[1]
-mosaikartig aus allen ihm zugänglichen frühmittelalterlichen Quellen
-wie folgt zusammen:
-
-[1] Höfisches Leben z. Z. d. Minnesänger, S. 211 ff.
-
-»Im Allgemeinen galt also damals für schön, was auch dem Römer und
-Griechen, was ebenso uns heute noch so erscheint, indessen ist man in
-jener Zeit etwas weniger tolerant. Wir finden zum Beispiel die
-Blondine, wie die Brünette schön; gab es doch vor Kurzem eine Zeit,
-die selbst das rote Haar für schön erklärte[2]: die Dichter des
-Mittelalters lassen nur das goldblonde Haar gelten. Eine mässig (ze
-mâzen) hohe Gestalt, blonde Haare, die glänzend, dem gesponnenen Golde
-gleich, in natürliche Locken gekräuselt, bei den Frauen zumal in Fülle
-lang herabwallen, ein weisser Scheitel, weisse, glatte, rundliche
-Stirn, schneeweisse Schläfe, dunkle, womöglich schwarze, schmale,
-gewölbte, nicht zusammenstossende Augenbrauen, leuchtende, bewegliche
-Augen, eine mässig lange, nicht zu sehr vorstehende, gerade, nicht
-gebogene Nase, weiche, rosig angehauchte Wangen, ein kleiner Mund mit
-vollen, weichen, rothen, feurigen Lippen (ein kleinoelhitzerôter munt,
-wie Ulrich von Lichtenstein sagt), kleine, weisse, gleiche und
-dichtgestellte Zähne, ein ziemlich kleines, rundliches, weisses Kinn
-mit einem Grübchen, kleine, weisse, rundliche Ohren galten bei Frauen
-wie bei Männern für schön.
-
-[2] Ich bemerke ausdrücklich, dass Schultz und nicht ich diesen
-Ausspruch thut, denn über diese Ansicht des grossen Prager Kunst- und
-Kulturhistorikers lässt sich sehr gut streiten.     M.B.
-
-Der Hals soll mässig lang und stark sein, weiss, glatt und weich, die
-Kehle weiss und voll mit glatter Haut. Von einer schönen Frau
-behauptete man, die Haut ihrer Kehle sei so zart, dass man, wenn die
-Dame roten Wein trinkt, ihn hinabfliessen sehe.[3] Der Nacken ist
-weiss, die Schultern beim Manne breit, bei Frauen schmal.
-Feingebildete Achseln, runde, mässig lange Arme, weisse, lange und
-weiche Hände, lange, rundliche, innen rosige Finger, deren Gelenke
-nicht vorstehen, glänzende, gut gehaltene Nägel, wurden von einer
-wahrhaft schönen Erscheinung gleichfalls verlangt. Den Frauen steht
-wohl an ein weisser, voller Busen, rundliche, wie gedrechselte, kleine
-und dicht gestellte Brüste[4]; beim Manne schätzte man eine hohe und
-breite, wohlgewölbte Brust. Der Körper sollte schlank, mit feiner
-beweglicher Taille gebildet sein. Die übrigen Körperteile beschreiben
-die Dichter in der Regel nicht ... Die Füsse beider Geschlechter
-wünschte man schmal und klein, mit gewölbter Fußsohle; endlich galt
-zur Schönheit unbedingt eine weiche, glatte Haut, ein wie aus Rosen
-und Lilien gemischter Teint.«[5]
-
-[3] Philippine Welser soll über einen derartigen zarten Teint verfügt
-haben. Scherr.
-
-[4] »Zwêne epfel« oder »zwô birn«.
-
-[5] Karl Weinhold liefert in seinem Buche »Die d. Frauen im
-Mittelalter«, 2. Aufl. I., S. 222 ff., eine selbständig ausgearbeitete
-Zusammenstellung der Schönheitserfordernisse, die sich aber in der
-Hauptsache mit den Schultzschen Angaben deckt.
-
-Man muss ohne weiteres zugeben, dass sich in diesem Bilde ein
-geläuterter Geschmack offenbart, der dem moderner Dichter nicht
-nachsteht. Konrad Flecks Beschreibung der Blancheflur in seinem »Flore
-und Blancheflur« kann ohne Zusatz von einem neuzeitlichen Romantiker,
-um dessen Romane sich die Familienzeitschriften reissen, adoptiert
-werden. »Goldglänzende Haare umspielen die weisser als Schnee
-glänzenden Schläfen. Feine, gerade Brauen ziehen sich über die Augen,
-deren Gewalt sich Keiner zu erwehren vermochte; Wangen und Mund rot
-und weiss, die elfenbeinernen Zähne ohne Tadel. Hals und Nacken wie
-vom Schwan, die Brust voll, die Seiten lang, die Taille zart und
-fein[6]« -- das dürfte ganz gut die Marlitt oder Nataly von Eschstruth
-geschrieben haben, wie der alte Konrad Fleck, den schon mehr als ein
-halbes Jahrtausend die kühle Erde deckt, ebenso wie der reizende
-Liebesbrief aus dem 14. Jahrhundert, namentlich folgende Stelle:
-
-[6] Weinhold a. a. O. I. S. 222.
-
- »So var nun hin, du verst mit ere,
- Und grüsse mir die minnigliche, here,
- Grüss mir irn rosen-varben mund
- Grüss sie von mir zu tausend stund
- Grüss mir ir' wänglein rosen-var
- Grüss mir ir' spilden äuglein-klar
- Grüss mir ir' hälslein harmin-weiss
- Grüss die liebe mir mit fleiss
- Grüss mir ir herz und ire sinne
- Grüss mir meins herzens Königinne ...«[7]
-
-einen Romantiker aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zum
-Verfasser haben könnte.
-
-[7] Mitgeteilt von Moritz Bermann in »Alt- und Neu-Wien«.
-
-Kein Mensch wird es den Damen der Ritterzeit verdenken, wenn sie, als
-echte Evastöchter, Reize, die ihnen Mutter Natur versagte, durch
-kleine Nachhelfungen zur vollen Höhe jenes dichterischen Ideals zu
-heben suchten. Man strich sich das Gesicht mit roter und weisser
-Schminke an, trotzdem das Schminken nicht für anständig galt. Weisse
-Farbe, Firnis, Alaun, Quecksilber, Kampfer, Weizenmehl, Rotholz,
-pulverisierte Cyclamenwurzeln (_panis porciuso_) wurden zu Schminken
-verarbeitet. Wer die Fabrikation der Schminke scheute, der konnte sie
-von einem wandernden Krämer erstehen.
-
- »Krämer gip die varwe mir,
- Di min wengel röte«
-
-bittet eine Ritterdame einen dieser Hausierer.[8]
-
-[8] Christi Leiden in Fundgruben II., 247.
-
-Im Nibelungenlied wird rühmend hervorgehoben, dass sich am Hofe des
-Markgrafen Rüdigers in Bechelaren keine »gevelschet« Frauen fanden,
-woraus dieses Vorkommnis als Ausnahmefall, der besonderer Erwähnung
-verdient, erkannt wird. Wie allgemein die Unsitte des Schminkens
-verbreitet war, geht schon daraus hervor, dass sich selbst um 1170 die
-Bäuerinnen »vremde varwe« ins Gesicht schmierten, um den Töchtern
-vornehmer Leute zu gleichen.[9] Auch die Herren der Schöpfung mögen
-bisweilen zum Schminktopfe gegriffen haben, was aber nicht zur
-Erhöhung ihres Ansehens beitrug.[10]
-
-[9] Weinhold a. a. O. II. 311.
-
-[10] Schultz, Höfisches Leben, S. 290.
-
-Bruder Berthold von Regensburg erklärt diesen »Färberinnen« und
-»Gilberinnen«, d. i. denen, die sich das Haar blond beizen, den Krieg,
-indem er ihnen von der Kanzel herab die Worte in das Gesicht
-schleudert: »Die Gemalten und Gefärbten schämen sich ihres Antlitzes,
-das Gott nach sich gebildet hat, und darum wird auch er sich ihrer
-schämen und sie werfen in den Abgrund der Hölle!« Der Augustinermönch
-Gottschalk Hallen zu Osnabrück († 1481) sagt sogar den Nonnen nach,
-dass sie sich die Gesichter anstreichen. Wie sich später die Damen
-Gesicht und Körper zu korrigieren wussten, soll noch mitgeteilt
-werden.
-
-Je weiter das Mittelalter sich seinem Übergange zur Neuzeit nähert,
-desto derb-sinnlicher wird der Schönheitsbegriff, bis er endlich bei
-einem Punkte angelangt ist, wo das Weib nur nach seiner Tauglichkeit
-zur Sinnenlust beurteilt wird.
-
-Wenn Eberhard von Cersne einst allen Ernstes die Frage erörterte und
-Zweifel darüber hegt, ob die obere oder die untere Hälfte der
-Geliebten der bessere Teil sei[11], so entscheidet sich die unter dem
-Zeichen des heiligen Grobianus stehende Zeit für den unteren Teil.
-
-[11] Minneregel, edd. Weber, Vers 1019-1274.
-
-Albrecht von Eyb, noch der Züchtigsten einer, citiert: »Es schreibt
-Plautus, dass eine hübsche nackende Frau sey hübscher, denn sie ist
-mit Purpur gekleidt.« Trotzdem weiss dieser gelehrte Humanist
-(1420-1475) die Sittsamkeit der Frauen zu schätzen, denn sein
-Schönheitsideal ist: »Ugolinus schreibt, dass die als eine hübsche
-Frau werd angesehen, die da hübsch ist und geziert, von Haupt
-wohlgestalt, eines fröhlichen Anblicks, von kleinen subtilen Gliedern
-und schmalen Leibs, weiss als Milch und mürb als ein Hühnle, dass du
-sie mit einem Nagel des Fingers schneiden magst, und ist züchtig und
-schimpflich (scherzhaft) und schämig, und ist eines sittigen Gangs und
-guter Sitten und ist mit Tugenden wohl geziert. Dieselbig Frau
-übertrifft weit die Hübsche der Venus und ist zu preisen.«[12]
-
-[12] Albr. von Eyb, Von der Schöne und Ungestalt der Frauen, bei
-Scheible, Das Schaltjahr, II. 139.
-
-In dieser Schilderung zeigt sich der von den Klassikern gebildete
-Geist. Wo dieser fehlt, setzte man sich aus den, den Schönen der
-verschiedensten Gegenden nachgerühmten Vollkommenheiten ein Ideal
-zusammen, bei dem man selbst die intimsten Intimitäten nicht übersah.
-Eine der zahmsten Beschreibungen dieser Art ist nachstehende Priamel:
-
- »Ein Weib nach Hübschheit als ich sag,
- Müsst haben eines Weibs Haupt von Prag
- Ein Büschlein von einer aus Frankreich
- Und zwei Brüstlein von Oesterreich,
- Ein Kehl und Rücken von Brabant,
- Von Kölner Weibern die weisse Hand,
- Zwei Füsslein dort her vom Rhein
- Von Baiern soll'n die Sitten sein
- Und die Red dort her von Schwaben
- So thäten sie die Frauen begaben.«[13]
-
-[13] Eschenburgs Denkmäler, Bremen 1799, S. 397.
-
-In einem ähnlichen Verschen wird die Frauenschönheit in
-»fünfunddreissig Schönheitsstuck eines hübschen Jungfräuleins im
-Hochzeitswald« also zerlegt:
-
- »Drei weiss, drei schwarz, drei rothe Stück
- Drei lang, drei kurze und drei dick,
- Drei lang, drei kleine und drei enge,
- Und sonsten rechte Breit und Länge,
- Den Kopf von Prag, die Füss vom Rhein,
- Die Brüst aus Oesterreich von Krain (Chrein)
- Aus Frankreich den gewölbten Bauch,
- Aus Baierland das Büschlein rauch,
- Rücken aus Brabant, Händ aus Cöln,
- Den A .... aus Schwaben küsst ihr Gselln.«
-
-Weitere Schilderungen, so eine im Liederbuch der Hätzlerin und in den
-Facetien Bebels[14] gehen #noch# mehr ins Detail, wie die angeführten,
-darum verzeiht man mir wohl, wenn ich sie mir schenke. Weniger
-drastisch ist die Schilderung einer Frankfurter Jungfrau, deren Lob in
-einem Ständchen erklang, das in der Johannisnacht 1471 von Adolph
-Knoblauch, Philipp Ratzmann, Heirt Egerheim, Arnold Schwarzenberg,
-Bernhard Rohrbach und Theobald Börlin vorgetragen wurde, »und hatten
-ein lauten darin und ging also«:
-
-[14] Vulpius, Vorzeit III., S. 107.
-
- »#Feil rosenblümelein.
- Nun wach uf schöne Jungfrau fein!#
- Nun kommen wir gegangen † (zweimal)
- Und werden schön empfangen †
- In einer schönen Jungfrauen haus
- Die hie züchtig geht ein und aus
- Woltet ir uns nit kennen †
- So woln wir uns euch nennen:
- Wir nennen uns mit rechte †
- Der schön jungfrauen knechte †
- Ach schön jungfrau seit wohlgemut †
- Und nembt den schimpf von uns vor gut.
- Sie ist so gar on argelist †
- An zucht und eren ir nit gebrist †
- Sie ist auch aller tugend voll: †
- Was sie tut, das ziembt ir wol: †
- Sie ist so tugendlich und fein †
- Und leucht recht als der sonnen schein.
- Sie gleicht euch wol dem hellen Tag
- Kein mensch ir lob, schön preisen mag
- Man kann an leib, gut oder eren
- Der immer zarten nit verberen (nicht von ihr lassen) †
- Sie hat ein rosenfarben mund, †
- Zwei wängelein fein zu aller stund, †
- Sie hat ein schönes goltfarb haar, †
- Zwei äugelein lauter und klar. †
- Ir zähn sind weiss als helfen bein,
- Zwei brüstlein die sind rund und klein,
- Ir seiten die sind dünn und lang, †
- Zwei händlein schmal und dazu blank,
- Ir füsslein schlecht und nit zu breit. †
- Der eren kron sie billich treit. †
- Jungfrau geht wieder hin zu bett. †
- Gott geb euch alls, das ir gern hätt; †
- Dass euer glück und heil sich mere †
- Das gonn euch gott in hohen eren......
- Feil rosenblümelein!
- Nun schlafet schöne jungfrau fein.[15]«
-
-[15] Bernh. Rorbachs Liber gestorum, Frankfurt a/M., bei Schultz, D.
-Leben, S. 422 ff.
-
-Um diesem Ideal möglichst nahe zu kommen, griff man schon um die Mitte
-des zwölften Jahrhunderts zu den Gewaltmassregeln des Einschnürens.
-Die heilige Elisabeth von Schönau (1156-57) liess dagegen schon
-strenge Ermahnungen ergehen[16], die sich dann bis zum heutigen Tage
-wiederholten. Zu Ende des 14. Jahrhunderts klagt ein Dichter: »Vor
-Zeiten zwängte man Leib und Gewand nicht zusammen. Das hat sich jetzt
-ganz verändert: die Frauen binden sich nun selbst an Leib und Armen.
-Das möge Gott erbarmen, dass sich heute ein zartes Weib selbst den
-hübschen Leib bindet, so dass sie sich nicht rühren kann, gleich dem,
-als wäre sie in einen Sack gestossen und gebunden.«[17]
-
-[16] »Von den newen Sitten«, Keller, Erzählungen aus altdeutschen
-Handschriften, S. 676.
-
-[17] Weinhold II., S. 262.
-
-Der österreichische Sittendichter Peter Suchenwirt, wirft den eitlen
-Weibern vor, dass sie sich die Hüften mit Watte auspolsterten.
-Dasselbe rügt das Gedicht »Das Teufels Netz«; sie schnüren sich, »das
-sie enmitten werdind klain (schlank)«, und wenn sie hinten »als ain
-brett« sind, machen sie sich doch gross und dick, und des Nachts
-hängen sie dann derartige Turnüren zum Auslüften an die Stange. In
-Thüringen waren um 1400 ähnliche Polsterungen Mode.
-
-Wo starke Brüste Mode waren, stopfte man sich die Brust aus, im
-Gegenteile suchte man durch das enge Obergewand den Busen thunlichst
-zu verkleinern.
-
-Falsche Zähne, falsches Gelock[18] und andere weibliche Falschheiten
-waren üppigen Frauen längst nichts Neues mehr, desgleichen die
-Schminke und ihre kunstvolle Verwendung:
-
-[18] Schultz, Höfisches Leben, S. 234 ff.
-
- »Habt ihr zu Haus auch dran gedacht,
- Dass ihr das Kästchen mitgebracht,
- Aus welchem ihr euch täglich putzt
- Und zu dem Feiertag aufstutzt?
- Das Büchslein liegt verschlossen drin,
- Daraus ihr färbet euer Kinn
- Und auch die Bäcklein farbig malt,
- Auf dass ihr schön und zierlich strahlt;
- Durch Schminke lasst die Haut ihr blitzen.«
-
-fragt Murner.[19] Und »er Angesichte vorwanschapen (verunstalten) se
-mit Düvels drecke vnde Sathans specke, dat ydt glentzet, alse eme
-gemalete Hilligen larwe« sagt der Rostocker Prediger Nikolaus Gryse in
-seiner Laienbibel.
-
-[19] Narrenbeschwörung, XLIV.
-
- »Sie värwend och ir blaichen wang,
- Daz si dert her gat glitzen,
- Als obs us aim badgang switzen«
-
-steht im »Teufels Netz«.
-
-Selbstverständlich ist die Dame ängstlich besorgt, ihre
-Toilettengeheimnisse nicht zu verraten:
-
- »Wescht, malt doby das angesicht,
- Daruff hab acht ein yedes wib:
- Die kunst domit sy ziert den lyb,
- Das die dem mann nit kum zu henden;
- Sie möcht sich selber domit schenden.
- Nit strel, nit zwag, nit richt dyn har,
- Das solchs ein man sehe offenbar.
- Du möchst im sunst missfallen gar.«[20]
-
-[20] Schultz, D. L., S. 365.
-
-
-
-
-Die Kleidung.
-
-
-Die Kleidung der Germanen war einfach und rauh wie ihre Heimat und
-ihre Lebensweise. Wie Pomponius Mela berichtet, gingen die Knaben bis
-zur vollendeten Reife selbst in der grössten Kälte nackt umher;
-nachdem sie erwachsen sind, bedienten sie sich nur eines wollenen,
-viereckigen Schulterumhangs oder einer aus Bast geflochtenen Decke.
-Cäsar[1] gibt an, die Germanen trugen ein kurzes Gewand aus
-Tierfellen, das einen grossen Teil des Körpers unbedeckt lasse.
-Ausführlicher ist Tacitus.[2] Er schreibt: »Die allgemeine Tracht ist
-ein Mantel, der mit einer Spange oder in deren Ermangelung mit einem
-Dorn zusammengehalten ist. So bringen sie, ohne weitere Bekleidung,
-den ganzen Tag am Herdfeuer zu. Nur die Wohlhabendsten tragen ein
-besonderes Gewand, das nicht wallend, wie das sarmatische und
-persische, sondern eng anliegend ist und jeden Körperteil hervortreten
-lässt. Auch Tierfelle tragen sie; die in der Nähe des Rheins ohne
-weitere Auswahl, die weiter im Innern mehr auserlesene, da kein
-Handelsverkehr ihnen anderen Schmuck liefert. Sie suchen daher die
-verschiedenen Tierarten aus und verbrämen deren Fell noch mit den
-gefleckten Pelzen gewisser Tiere, die vom nördlichen Ozean und
-unbekannten Küsten kommen. Das Weib hat keine andere Tracht wie der
-Mann, nur kleidet es sich häufiger in leinene mit Purpurstreifen
-verzierte Gewänder. Diese haben keine Ärmel, so dass Schultern, Arme
-und ein Teil der Brust unbedeckt bleiben.« Strabo ergänzt dieses Bild
-durch die Schilderung von Priesterinnen der Cimbrer dahin: »Unter den
-mit ins Feld gezogenen Weibern befanden sich auch altersgraue,
-wahrsagende Priesterinnen, in weissen Gewändern, deren Oberkleid, aus
-feinem Flachs, mit einer Schnalle befestigt war, mit ehernem Gürtel
-und nackten Füssen.«[3]
-
-[1] De bello Gallico IV., 1, VI., 21.
-
-[2] Germania, 17.
-
-[3] Geographie, VII. Buch, 2. Kap.
-
-Da bald nach der ersten Berührung mit den Römern die Männer sich eng
-anliegende Hosen zulegten, auch die Frauen ihre Oberkleider immer
-höher dem Halse zu emporsteigen liessen, so machte die altgermanische
-Kleidung einen durchaus ästhetischen Eindruck, an dem selbst ein
-Splitterrichter nichts auszusetzen gehabt hätte. Im frühen Mittelalter
-bis zum elften Jahrhundert zeichnete sich die Gewandung durch kostbare
-Stoffe in reichen Farben aus, über deren Pracht wohl hie und da eine
-Stimme, sogar im Jahre 808 die erste der »Kleiderverordnungen«, laut
-wird, nicht aber über den Schnitt.
-
-Erst im elften Jahrhundert erregte die Enge der Frauenkleidung, die die
-Körperformen weit plastischer hervortreten liess als die bisherige,
-vom Oberkörper niederwallende, als leichtfertig und schamlos den Zorn
-der Geistlichkeit. Ein Anzug eines jungen Mädchens dieser Zeit würde
-auch heute nicht ganz einwandfrei passieren können. »Die Dame trägt
-ein dunkelblaues, mit roten Ringornamenten gewirktes Oberkleid, das
-bis auf die Oberschenkeln reicht. Das weisse Unterkleid ist von hier
-an ausgeschnitten und fällt zurück. Man sieht daher die mit roten
-Langstrümpfen bekleideten Beine, an denen eine Reihe weisser Knöpfe
-hinunterläuft. Das Oberkleid hat um die Taille und am unteren Ende
-einen breiten goldenen Bortenbesatz, am Halse einen mennigfarbenen. Die
-Ärmel sind eng.«[4]
-
-[4] von Hefner-Alteneck, Trachten I., 120, Tafel 90.
-
-Die Bestandteile der Kleidung waren ein mehr oder weniger feines,
-selbst seidenes und goldgesticktes Hemd, darüber der Rock, den um die
-Taille ein Gürtel oder Riemen zusammenhielt und je nach der Jahreszeit
-ein gefütterter Mantel. Die Füsse deckten genähte Strümpfe. Sonst gab
-es keine Unterkleider, wenigstens waren sie nicht allgemein. Nur zu
-starke Busen wurden durch ein Tuch unter dem Kleide zusammengehalten.
-Bei den Bäuerinnen wird wohl das Mieder -- muoder -- den gleichen
-Zweck erfüllt haben.
-
-Die Männerkleidung jener Epoche bietet für unsere Zwecke nichts
-Bemerkenswertes. Erwähnt zu werden verdient nur, dass Männer mit
-Frauen in der Kostbarkeit fremdländischer Stoffe wetteiferten, wogegen
-Luxusgesetze nichts auszurichten vermochten, geschweige denn
-Predigten, wie sie Berthold von Regensburg hielt.
-
-Das 14. Jahrhundert schuf einen jähen Modenwechsel. Die Männerkleider
-gestalteten sich zur engen Hose, bei der man das Gesäss und jede
-Muskel deutlich sah, und dem immer bizarrer werdenden Wamse um, das
-immer kürzer wurde, bis es kaum eine Spanne unter den Gürtel reichte.
-Man teilte es in zwei andersfarbige und anders gemusterte Hälften, wie
-man auch zuweilen die Hosen aus zwei verschieden gefärbten Beinteilen
-zusammensetzte. An den Füssen trug man die unschönen langen
-Schnabelschuhe. In der Speierer Kleiderordnung von 1356 wird den
-Männern befohlen, die kurzen Wämser länger zu machen und die
-Schnabelschuhe abzulegen. Die Kölner Synode von 1371 untersagt den
-Klerikern dieses Schuhwerk.
-
-Von nun an häufen sich die Kleider- und Luxusordnungen in Stadt und
-Land. Wie die Pilze nach dem Sommerregen schiessen sie empor und
-jedes Nestchen im weiten deutschen Reich muss wie sein Frauenhaus
-seine Kleiderordnungen haben, jene Äusserungen eines zopfigen
-Windmühlenkampfes, denen schon beim Entstehen ihre Aussichtslosigkeit
-prophezeit werden konnte.
-
-Besonders gegen die Frauen richtete sich der Tenor aller
-Kleiderordnungen, besonders aber gegen einen Punkt, der fast allen
-diesen Edikten gemeinsam ist -- die Dekolletage.
-
-Als die Pest, der schwarze Tod, seinen Würgezug beendet, bemächtigte
-sich der Verschonten eine tolle Daseinslust, die nach den eben
-durchlebten Zeiten des Grauens doppelt begreiflich erscheint. Der
-Würgengel, dem Hekatomben zum Opfer gefallen, war an ihnen
-vorübergegangen, wer wusste, ob er in seiner Unersättlichkeit nicht
-auch sie noch dahinraffte, ehe sie ihr Leben genossen? Diese
-Auffassung machte sich auf allen Gebieten des Lebens bemerkbar, am
-markantesten aber in der Tracht, die die herrschende Leichtlebigkeit
-wiederzuspiegeln begann. Der ernst gemessene Zuschnitt der Gewänder
-veränderte sich allenthalben. Wurden die Beinkleider der Männer enger,
-die Wämser bunter und kürzer, so verlängerten sich die Schleppen der
-Damen, und was sie hinten an Länge zunahmen, das büssten sie an Hals
-und Nacken ein.
-
-»Unde die Frauwen drugen wide heubtfinster (Kopffenster,
-Halsausschnitte) also daz man ire broste binah halbe sach.«[5] Die
-Speierer Kleiderordnung von 1356, eine der ersten Erlasse dieser Art,
-richtet sich gegen diese »Houbetloch«, aus dem die Schultern (ahsseln)
-so verführerisch hervorlugen, ohne dass der Kleiderausschnitt auf
-den Achseln aufliegt, und ebenso geht es in allen den unzähligen
-Edikten[6], von denen als Beispiel eine Strassburger Verordnung hier
-angeführt sei. »Item daz keine frowe, were die ist, hinnanfür me sich
-nit me schürtzen sol mit iren brüsten, weder mit hemeden noch gebrisen
-röcken noch mit keinre ander gevengnüsse, und daz ouch kein frowe sich
-nit me verwe und locke von totten har anhencken sülle. Und sunderliche,
-daz houptloch sol sin daz man ir die brüste nit gesehen müge, wenne die
-houptlöcher süllent sin nutz an die ahsseln.«[7]
-
-[5] Limburger Chronik, herausgeg. von Arthur Wyss, S. 38 ff.
-
-[6] Eine reiche Auswahl dieser Kleiderordnungen vom l4. Jahrhundert
-bis zur Gegenwart enthalten die Kostümkunde von Weiss, S. 1426 ff.,
-und Schultz, Deutsches Leben, S. 302 ff.
-
-[7] Zeitschr. f. d. Kulturgesch. 1856, S. 367.
-
-Der Geistlichkeit waren derartige Verbote Wasser auf ihre Mühlen, sie
-setzten in ihren Predigten immer noch Trümpfe auf, wie Murner, der
-sich auch diesmal kein Blatt vor den Mund nimmt, sondern ungeschminkt
-die Wahrheit sagt:
-
- Die Fraun der Scham entbehren thun.
- So gross ward jetzund schlechte Zucht,
- Dass man in #Blösse Zierde# sucht:
- Man sieht ihnen mitten auf den Rücken
- Und meisterhaft sie können schicken
- Die Brüst' herfür, recht mit Behagen,
- Die von Gestellen sind getragen;
- Sie könnten sonst im Tuch ersticken.
- »Mehr als die Hälfte lass' ich blicken,
- Dass sie den Narren Lockung sei'n.
- ›Lass ab‹, sag' ich, ›was soll das sein‹,
- Wenn er die Brust will greifen an:
- ›Was seid ihr für ein böser Mann!‹
- Ich sag's bei meiner Ehr' fürwahr,
- So frech noch nie ein Mannsbild war!«
- Dem Mann sie so zur Wehr sich stellt,
- Als wenn dem Esel der Sack entfällt.
- Ganz heimlich greift sie mit der Hand,
- Indem sie leistet Widerstand,
- Und hängt ganz still das Häkchen aus,
- Damit der Milchmarkt fällt heraus.[8]
-
-[8] Narrenbeschw. 26. 44 ff.
-
-»Ich hort einist von eim Fürsten, der sprach zuo mir: »eintweders
-unsere frawen lernen von den metzen ihr cleidung oder aber die metzen
-lernen von unsern frawen die cleidung,« sagt Geiler in seinen
-»Brösamlin«. Sie malten nach Murners Vorbild die Zuchtlosigkeit der
-Kleidung recht schön deutlich aus und entliessen ihre Zuhörerschaft
-zerknirscht, aber nicht gebessert. Narrheiten und Moden ist eben mit
-Verboten nicht beizukommen, sie wirken ansteckend und müssen, wie
-andere Epidemien auch, von selbst verlöschen.
-
-Wenn im Jahre 1461 der Eiferer Johannes Capistranus in dem ob der
-Leichtfertigkeit seiner Weiber verschrienen Ulm -- »Huet dich vor
-Ulmer wiben«, besagt eine Darmstädter Handschrift von 1410 -- die
-Geister seiner Zuhörerschaft derart zu entflammen wusste, dass drei
-Frauen, die des Predigers spotteten, vom Volke auf der Strasse
-gelyncht wurden[9], so fand es doch der Rat für gut, den Störenfried
-aus der Stadt zu weisen, denn genützt hätten seine Strafpredigten doch
-nichts, wohl aber geschadet.
-
-[9] Jäger, Schwäbisches Städtewesen I., 509.
-
-Aber nicht allein Unschönes und Leichtfertiges, sondern direkt
-Schamloses verlangte die Mode des 16. Jahrhunderts. Abgesehen von
-Vorfällen wie 1503 in St. Gallen, wo der Rat verbieten musste, völlig
-nackt in der Stadt und ihrem Weichbilde umherzugehen[10], die ich als
-Ausnahme gelten lassen will, denn soweit verstieg sich denn doch die
-Zuchtlosigkeit sehr selten, bleibt noch genug Schandbares, besonders
-in der Männerkleidung, übrig. »Hinden plotz und vor verschamt,«
-spottet Suchenwirt über das hinten möglichst anliegende, dafür vorn um
-so weiter auslegende Beinkleid. Conrad Celtes, der berühmte Humanist
-(† 1508) spricht sich in seiner »Descriptio Urbis Norinbergae«
-(Beschreibung der Stadt Nürnberg) Kap. VI über diese Moden also aus:
-Er schildert erst, dass die Leute meist in schwarz nach der Mode
-verschiedener Länder gekleidet seien und fährt dann fort: Bald in
-weiten, faltenreichen Kleidern nach Art der Sarmaten, eine Binde
-umgiebt den Kopf und es hängen am Körper Pelze; bald vertauschen sie
-die heimische Tracht gegen Hasuken von Ungarn, (cuculli) von Italien,
-bald ziehen sie nach Art der Franzosen mit Borten besetzte Mäntel und
-Röcke mit Ärmel, #bald pressen sie den Körper aufs knappste in enge
-Hosen und Unterkleider, so dass alle Formen des Leibes sich scharf
-ausprägen# ....
-
-[10] Ratsprotokoll der Stadt St. Gallen vom Zinstag vor Corpus Christi
-1503, bei Scherr.
-
-Die das Bein wie ein Trikot umschliessenden Beinlinge konnten, um dem
-Träger das Bücken nicht unmöglich zu machen, nur einseitig befestigt
-werden, wodurch sie meist hinten hinabrutschten, was allein schon
-Anlass zu Ärgernis gab. Doch der ewige Stein des Anstosses waren die
-Hosenlätze. Um das unbequeme Auftressen der Hose zu verhindern, setzte
-man auf den Vorderteil des Beinkleides einen Latz auf, was an sich
-vielleicht unschön, aber nicht verwerflich gewesen wäre, wenn die
-Modelaune nicht verlangt hätte, die Aufmerksamkeit auf diesen
-diskretesten Teil der Kleidung gewaltsam hinzulenken.
-
-Man suchte diesen Zweck auf verschiedene Weise zu erreichen. Entweder
-fertigte man den Latz in einer anderen Farbe an, als die Hose selbst
-hatte, wodurch der Latz um so auffallender wurde, besonders dann, wenn
-die einzelnen Beinlinge ohnehin schon in mi-parti, d. h. in zweierlei
-Farben angefertigt waren. Oder man stopfte den Latz derart aus, dass
-er weit aus der Hose hervorstand, so dass Joh. Fischart von
-Ochsenköpfen-, Hundsfidelbogen-, Schneckenhäuslein- u. s. w. Lätzen
-reden konnte und ein Fliegendes Blatt 1555[11] sagt: »Ein Latz muss
-sein darneben, wol eines Kalbskopfs gross.« Der Nürnberger Rat rügte
-dies mit derben Worten, die erkennen lassen, dass diese Latzarten
-ebenso verschiedenartig wie gemein waren. »Wann auch von ettlichen
-mannspersonen eyn unzüchtige schanndbare übung und gewonhait
-entstannden ist, also das sie ire letz an den hosen on notturfft
-grössen lassen und dieselben an tenntzen und anderhalben vor erbarn
-frowen und junckfrowen unverschawmbt ploss und umbedeckt tragen, das
-dann nit alleyn Got, sonnder auch erberkeyt und manlicher Zucht wider
-und unzymlich ist, demnach ist ein erber rat daran komen, vestigclich
-gebiettennde, das hinfüro eyn yedes mannspilde, burger oder inwoner
-dieser statt, seinen latz an den hosen nyt bloss, unbedeckt, offenn
-oder sichtigclich dragen, sonnder alle seine cleyder dermassen machen
-lassen und geprawchen soll, damit sein scham und latz der hosen wol
-bedeckt unnd nit ploss gesehenn werde. Dann wellicher sich also damit
-entplosset und desshalb gerügt oder fürbracht wurde, und sich das mit
-seinem rechten nit benemen möcht, der solle darumb von eyner yeden
-überfaren fardt eynes yeden tags oder nachts gemayner statt zu puss
-verfallen sein und geben drey guldin.«[12]
-
-[11] Uhland, Altdeutsche Volkslieder, S. 525.
-
-[12] Bader, Polizeiordnungen, S. 105.
-
-Eine Strassburger Verordnung vom 8. August 1480 befiehlt allen
-»snydern, meistern und knechten bei iren eiden« hinfüro keine kurzen
-Mäntel mehr zu machen, die den Latz nicht bedecken, »doch mögent sie
-es eym jeglichen wol lange machen.«[13]
-
-[13] J. Brucker a. a. O. S. 462; Strassburger Zunft- und
-Polizeiordnungen, Strassb. 1889.
-
-Selbstverständlich konnte auch die Geistlichkeit diese Mode nicht
-ungerügt lassen. »Ich hab hören einen Mönch predigen, einen Bruder aus
-der Observanz: als dieser verdammt und heftig red'te wider den
-Überfluss der Kleider und wider den unverschamten Form, der daran und
-darin gemacht würd', beschloss er zuletzt auf #die# Weis mit solchen
-Worten: Die Buhler in unserer stadt sie strecken ihre Lätz, so weit
-aus den Hosen herfür, verwickelns auch und verstopfens mit so viel
-Tüchlein, dass, so die Metzen wähnen, es seind Zumpen, so sind es
-Lumpen.«[14]
-
-[14] Scheible, Schaltjahr III. S. 624 und Bebelii facetiae (Argentine
-1509) i. iiij b.
-
-Aber weder die Obrigkeit noch die Kleriker konnten diesen Moden etwas
-anhaben, sie bestanden allen Widersachern zum Trotz ruhig fort, ohne
-sich viel um Edikte und Schmähungen zu kümmern. Männer und Frauen
-blieben gleich kühl und thaten, was ihnen gefiel. Dies beweist
-schlagend folgende Notiz in der Eurisheimer Chronik[15]: »Anno 1492
-was der Hoffart so viel, dass man weder geschrieben noch gelesen fand.
-dan man trug selzame Kleider, besonders die mann, von vielen farben
-und stückern, von flammen, bäumen, von asten, laubern und von
-buchstaben, das ist in warheit war, dass man wol ein wammest und
-hossen fand, das so viel stück hät, als tag im jahr sind. Und kost ein
-kleid alweg zweymal so viel zu machen, als das tuch dazu. Und trug das
-jung volck röck, die giengen mit mehr dann eyner hand breyt under dem
-gürtel, und sach man ihm die bruch -- kurze Unterhose -- hinten und
-vornen und was so scharf gemacht, das im die hosen die arsskerb
-austheilten, das was ein hübsch ding, und hatten zullen vor ihn gross
-und spitz voraus gohn, und man einer vor dem tisch stund, so lag ihm
-die zull auf dem tisch. Also gieng man vor Kaiser, König, Fürsten und
-herren und für ehrbare frauen. Und gieng es so schandbar zu unter
-frauen und mannen, dass es gott leyd was. Die #frauen# trugen röck,
-dass man ihnen die ditlen (Brüste) sah vornen in den Bussen und hinten
-mitten in rücken, und köstlich von tuch und um das hauptloch und ermel
-was von seiten belegt« u. s. w.
-
-[15] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, Jahrg. 1857 S. 380.
-
-Gleich scharf geht Sebastian Brant in seinem 1494 erschienenen
-Narrenschiff gegen die Modethorheiten ins Gericht.
-
- »Auch Mädchen haben Narrenröcke;
- Sie wollen jetzt tragen offenbar
- Was sonst für #Männer# schändlich war:
- Spitze Schuh' und ausgeschnittne Röcke,
- Dass man den Milchmarkt nicht bedecke;
- Sie wickeln viel Lappen in die Zöpfe
- Und machen Hörner auf die Köpfe,
- Wie sie sonst trägt ein mächt'ger Stier;
- Sie gehn einher wie die wilden Thier'.«[16]
-
-[16] Vorrede zum Narrenschiff.
-
-heisst es über die Frauen, dann wieder mit edler Unparteilichkeit vom
-stärkeren Geschlecht und seiner Gigerlhaftigheit:
-
- »Was sonst wol war ein schändlich Ding,
- Das schätzt man schlicht jetzt und gering:
- Sonst trug mit Ehren man den Bart,
- Jetzt lernen Männer Weiberart
- Und schmieren sich mit Affenschmalz
- Und lassen am entblössten Hals
- Viel Ring' und goldne Ketten sehn,
- Als sollten sie vor Lienhart stehn.
- Mit Schwefel und Harz pufft man die Haar'
- Und schlägt darein dann Eierklar,
- Dass es im Schüsselkorb' werd' kraus.
- #Der# hängt den Kopf zum Fenster 'raus,
- #Der# bleicht das Haar mit Sonn' und Feuer.
- Darunter sind die Läus nicht theuer.
- Die können es jetzt wol aushalten,
- Denn alle Kleider sind voll Falten:
- So Rock wie Mantel, Hemd wie Schuh,
- Pantoffel, Stiefel, Hos' dazu,
- Wildschur und die Verbrämung d'ran:
- Der #Juden# Sitt' man sehen kann.
- Vor #einer# Mod' die #andre# weicht,
- Das zeigt, wie unser Sinn ist leicht
- Und wandelbar zu aller Schande,
- Und wieviel Neuerung ist im Lande.
- Der Rock, -- wie kurz und wie beschnitten! --
- Reicht kaum bis zu des Leibes Mitten!
- Pfui Schande deutscher Nation,
- Dass man entblösst, der Zucht zum Hohn,
- Und zeigt, was die Natur verhehlt!
- Drum ist es leider schlecht bestellt......«[17]
-
-[17] IV von nuwen Funden (von neuen Moden).
-
-Geiler von Kaisersberg kommentiert in seinen Predigten über das
-Narrenschiff diesen Text in seiner geistvollen Weise, wobei er aber
-manches von Brant nur Angedeutete mit Behagen breittritt. Er spricht
-von den zerschnittenen und zerstochenen Wämsern, die vorn so offen
-sind, »das man mannen und frauen in busen sehen kann, den brustkernen,
-het schier gesagt: den brusthurenspiegel.« Geiler resümiert ferner in
-seiner Predigt »Von Kauffmanschatz« (1517, fol. 95b) alle nützen wie
-unnützen Zierden, mit denen sich die Frauen zu verschönern suchen: Für
-unnütz hält er: 1. har büffen (Püffe, Toupées), das har krauss machen;
-2. Halsbänder; 3. Spangen von den Frauen an der Brust getragen; 4.
-Stirnschmuck, »do sein etwa berlin (Perlen?) yn gefasst oder ander
-edelgestein«; 5. Armzierden, als gestickte Ärmel, die sie auf den
-Achseln tragen, »und silbrin steffzen an den menteln; 6. Ohrringe,
-»als die Zyginer tragen«; 7. die langen schwentz an den Röcken und an
-den menteln«; 8. Die Umschläge oben am Halse, »das letz an den
-mussecken (Brüsten) muss herussgon«; 9. Die stumpfen und die spitzen
-Schuhe; 10. Die Knöpfe an solchen Stellen, die keiner Knöpfe bedürfen;
-11. Die zerhauenen Kleider, »wenn sie sie da tragen zerschnitten und
-zerhacket«[18]; 12. »#So sind es die zoepff, die die frawen machen,
-da kein oder wenig har ist, und nemen frembd har und ist etwann
-todten har#, das sie darzu binden und muoss dan herfür gon, das man
-es sehe und man wen (man wähne), sie haben hübsch har; 13. #Die die
-in das bücksslin blosen, das sie ein ferblin empfahen# (d. h. die
-sich schminken, um bessere Farbe zu bekommen); 14. #Die Säcke, die
-sie um sich gürten.# Wenn die #Frauen# mager sind, so nehmen sie
-einen Sack oder grobes, dickes Tuch, »ist etwann mit baumwollen
-gefült«, das binden sie um sich, um dick zu erscheinen, wie ein
-»brotbeckerknecht«.[19]
-
-[18] Bernhard Freydiger in seinem »Lebenslauf Herzog Heinrichs von
-Sachsen«, mitgeteilt von Vulpius, Curiositäten II. 336, erzählt von
-der Braut des Herzogs, die er 1512 gesehen, dass sie ein aus etlichen
-hundert Stücken zusammengesetztes Kleid angehabt habe. Die Hauptfarbe
-der Seidenflicken war rot und gelb, mit zwischengesetzten Lappen in
-»Rosinfarbe, Aschfarbe und Weiss«.
-
-[19] Diese Säcke, der sogenannte #Speck#, war ein bis fünfundzwanzig
-Pfund schwerer Wulst, der die Frauen aussehen machte, als ob sie sich
-in anderen Umständen befänden. Dr. Rud. Schultze, Die Modenarrheiten,
-S. 54.
-
-Doch was waren alle diese Ausfälle gegen die Verbissenheit, mit
-welcher protestantische Theologen, allen voran der Oberpfarrer in
-Frankfurt a. O., D. Andreas Musculus, gegen den aus den Niederlanden
-gekommenen Hosenteufel zu Felde zogen, gegen die schamlosen,
-geschlitzten, unförmigen, geschmacklosen Pluderhosen, zu denen bis zu
-hundertdreissig Ellen Zeug verschnitten werden musste. Zu welchen
-Verwünschungen verstieg sich nicht der gelahrte Mann in seinem »Vom
-zuluderten, zucht und ehrerwegenen, pludrichten Hosen Teuffel
-Vermahnung und Warnung«. Es wäre kein Wunder, wenn die Sonne nicht
-mehr schiene, die Erde nicht mehr trüge, und Gott in den nächsten
-Tagen wegen dieser greulichen und unmenschlichen Kleidung
-dreinschlüge; solche Bosheit werde zweifelsohne den jüngsten Tag
-herbeiführen u. s. w. ad infinitum mit Grazie, bis sich diese
-Hosenmode als Verbrechen gegen jedes einzelne der zehn Gebote erwiesen
-hatte. Kurfürst Joachim II. von Brandenburg unterstützte seines
-Lieblings Musculus' Bemühungen gegen die Pluderhosen durch Gewaltakte,
-so indem er drei Bürgersöhne mit solchen Ungetümen in einen
-Narrenkasten stecken liess, vor dem Tag und Nacht ein Musikant seine
-Weisen ertönen lassen musste zur Anlockung von Neugierigen. Einmal
-liess er einem Gecken auf offener Strasse die Gurten durchschneiden,
-so dass die Zeugmassen zur Erde niederrauschten und der arme Modeherr
-im blossen Hemde dastand.[20]
-
-[20] Streckfuss, 500 Jahre Berliner Geschichte, S. 141 ff.
-
-Derartige Derbheiten erregten Furcht und Unwillen, genügten aber
-nicht, die nun einmal für schön gehaltene Tracht auszurotten,
-ebensowenig wie dies die Kleiderordnungen vermochten. Alle diese
-Massregeln krankten daran, dass sie sich gegen einen der Hauptfaktoren
-im menschlichen Dasein, gegen die Eitelkeit richteten und sich dadurch
-die Feindschaft des mächtigsten aller Geschöpfe, der Frau, zuzogen.
-Was die Frau will, will Gott, und die Frau ist nun einmal zu allen
-Zeiten und bei allen Völkern der Göttin Mode allzeit unterthänigste
-Dienerin. Vernunftgründe und Strafen haben niemals auf die Dauer den
-Willen der in solchen Fällen einmütig zusammenstehenden Frauen zu
-beugen vermocht; der Vernunft setzten sie weiblich schlau
-ausgeklügelte Gegengründe, der Gewalt Trotz entgegen. Darum griffen
-gestrenge Ratsherren, wenn alle hochtönenden Verwarnungen unbeherzigt
-zu verhallen drohten und sie den Kampf gegen die Weiblichkeit, zu der
-ja auch ihre Frauen und Töchter gehörten, nicht bis aufs Messer
-durchführen wollten, zu jenem jesuitischen Auskunftsmittel, das ich
-schon (S. 116) anführte, indem sie den Auswurf der mittelalterlichen
-Gesellschaft -- Bordellmädchen, Henkersfrauen und -töchter,
-Pfaffendirnen und Jüdinnen -- zwangen, die Missfallen erregenden Moden
-anzulegen und sie dadurch für jede ehrbare Frau unmöglich zu machen.
-Wenn aber auch dieses letzte Mittel nichts half, dann warfen die
-Herren die Flinte ins Korn und liessen die Mode Mode sein, bis sie von
-selbst durch eine andere, vielleicht noch unschönere, ersetzt wurde.
-Dann begann die ganze Geschichte wieder von vorn.
-
-
-
-
-Liebeszauber und Zauberliebe.
-
-
-Der Aberglauben, nach Bodenstedt der Glauben ohne Aber, hat alle
-Wandlungen und Fortschritte der Kultur zu überstehen vermocht. In
-seinen Uranfängen so alt wie die Menschheit und älter als die
-Religion, aus deren Vorläufer er zu ihrem unzertrennlichen Begleiter
-wurde, spukt er noch heute mit ebenso ungeschwächter Kraft, wenn auch
-mancher allzu krasser Auswüchse beraubt, wie er es vormals gethan, wo
-er alle Handlungen der Menschheit beeinflussend, selbst die hellsten
-Köpfe in seinem unheilvollen Banne hielt.
-
-Wenn Goethe einmal den Aberglauben die Poesie des Lebens nannte, so
-hat er, als er diesen geistvollen Ausspruch that, jene Wahnbilder des
-Aberglaubens vergessen, denen das Mittelalter jene zu Abertausenden
-aufflammenden Scheiterhaufen errichtete, die unzähligen Unschuldigen
-oder in unglückseliger Verblendung verfallenen zum grauenvollen Grabe
-wurden, darum auch setzte er der erstgenannten Sentenz seine
-Definition des Aberglaubens entgegen, die alles umfasst, was sich über
-diese Wahngebilde nur sagen lasst. »Der Aberglauben lässt sich
-Zauberstricken vergleichen, die sich immer stärker zusammenziehen, je
-mehr man sich gegen sie sträubt. Die hellste Zeit ist nicht vor ihm
-sicher: trifft er aber ein dunkles Jahrhundert, so strebt des armen
-Menschen umwölkter Sinn alsbald nach dem Unmöglichen, nach Einwirkung
-ins Geisterreich, in die Ferne, in die Zukunft; es bildet sich eine
-wundersame reiche Welt, von einem trüben Dunstkreise umgeben. Auf
-ganzen Jahrhunderten lasten solche Übel und werden immer dichter und
-dichter; die Einbildungskraft brütet über einer wüsten Sinnlichkeit.
-Die Vernunft scheint zu ihrem göttlichen Ursprunge gleich Asträa
-zurückgekehrt zu sein, und der Verstand verzweifelt, da ihm nicht
-gelingt, seine Rechte durchzusetzen.« Wenn Brunnenhofer das Feld
-des Aberglaubens in vier Gebiete einteilt: das naive, das komische,
-das tragikomische und das tragische[1], so ziehe ich die einfache
-Zweiteilung in gefährlichen und ungefährlichen Aberglauben vor. Wenn,
-um Beispiele aus der Gegenwart zu nehmen, jemand an die Unglückszahl
-Dreizehn glaubt, so ist dies dem Gläubigen und seinen Nebenmenschen
-in keiner Weise unheildrohend; wenn aber, wie dies leider nur zu
-häufig der Fall ist, jemand noch Stein und Bein auf das Beschreien
-und den bösen Blick schwört, so kann dies dem, angeblich mit dem
-bösen Blick Behafteten gar leicht gefährlich werden, wie viele
-Gerichtsverhandlungen aus ultramontanen Gegenden zur Genüge darthun.
-Hingegen wird ein ursprünglich naiver Aberglauben, denn naiv ist eben
-anfänglich jeder Aberglauben, sehr leicht auf seiner abschüssigen Bahn,
-die alle vier Stationen Brunnenhofers berührt, zu einem tragischen.
-Und so ging es fast jedem Aberglauben des Mittelalters, wenn ein
-Nebenmensch mit diesem Afterglauben in Verbindung gebracht wurde, was
-vorzugsweise dann der Fall war, wenn der Aberglauben eines seiner
-beiden Hauptfelder betraf: jemandem zu schaden, oder ihn sich geneigt
-zu machen, oder, mit anderen Worten, wenn er dem Hass oder der Liebe
-Dienste leisten sollte. Da die Liebe in ihrer Entstehung und ihrer
-Wirkung etwas Zauberhaftes an sich hat, so war für alle jene Epochen,
-die blindlings an den Zaubereinfluss auf Leib und Seele schworen, die
-Annahme eines Liebeszaubers ziemlich naheliegend. Bei den meisten
-Völkern des Altertums ist demnach auch der Glauben an zauberische
-Mittel verbreitet, durch die man Liebe erwecken kann.
-
-[1] Dr. Herm. Brunnenhofer, Culturwandel und Völkerverkehr, S. 103 ff.
-
-Das babylonische Mädchen, das am Kreuzweg des Mannes harrte, dem sie
-sich zu Ehren der Göttin Mylitta hingeben musste, räucherte mit Liebe
-schaffender Kleie[2]; die Römer erzeugten Philtra aus Hippomanes,
-Teilen des Vogels Jynx, des Wendehals, und anderen mehr oder weniger
-ekelhaften animalischen Ingredienzien, in deren genauer Zusammensetzung
-besonders die thessalischen Weiber sehr erfahren waren.
-
-[2] Baruch 6, 42. 43.
-
-Aus dem skandinavischen Norden kamen jene Runenstäbe nach dem
-stammesverwandten Germanien, in die der zauberkundige Liebhaber
-geheimnisvolle Zeichen eingekerbt, um durch sie das Herz der spröden
-Geliebten sich zuzuwenden. Doch auch Tränke zu brauen verstanden jene
-Weiber, die abseits von den anderen Gaugenossen im Waldesdüster ihr
-Dasein verträumten, mit Odins geheiligtem Tiere, dem Raben, als
-einzigen Gefährten. Mit Zaubersprüchen, Liedern und Runen wussten sie
-die Gemische aus Kräutern und Tierbestandteilen zu segnen und wirksam
-zu machen.[3] Man küsste die Geliebte, denn im Kusse lag ein
-allmächtiger Zauber[4], ehedem wie heute, und wer dieser Macht nicht
-traute, verbarg beim Kusse ein Zauberkraut im Munde.[5]
-
-[3] Weinhold a. a. O. I. 236.
-
-[4] Grimm, Mythologie, 1055.
-
-[5] Nithart von Reuenthal, Lieder, 17. 30.
-
-Im Verlaufe des Mittelalters bildete sich die Bereitung von
-Liebesmitteln zu einer Geheimwissenschaft aus, die den leitenden
-Grundsatz aufstellte, dass man auf zweierlei Wege, durch Arcana und
-auf sympathetische Weise, Liebe erwecken könne.
-
-Die Medikamente bestanden vornehmlich aus den abscheulichsten Teilen
-von Tieren, Testikeln des Wolfes oder des Hasen, beziehungsweise, wenn
-einer Frau Gegenliebe octroyiert werden sollte, den Geschlechtsteilen
-einer Wölfin oder Häsin, nebst Tierhaaren und Exkrementen. Doch alle
-diese Mittel, auch wenn sie noch so ekelhafte Gliedmassen verwendeten,
-sind lieblich zu nennen im Gegensatze zu den meistverwendeten
-Medikamenten der Liebestränke, die vom Menschen selbst genommen
-wurden. Zu den harmlosesten Dingen dieser Art zählt noch die
-vielgebrauchte Frauenmilch. Eine lustige Geschichte über den Zauber
-durch Frauenmilch entnimmt Harsdörfer[6] dem Diarium des Andreas
-Ratisponensis, das sie, als im Jahre 1424 passiert, vermerkt: »In der
-obern Pfalz hat sich wie landkundig zugetragen, dass ein Pfaff sich in
-eine ehrliche Bürgersfrau verliebt, und da sie in dem Kindbett
-gelegen, von ihrer Magd, der er etliche Dukaten geschenkt, etlich
-Tropfen von der Frauenmilch begehrt. Die gab ihm aber Geissenmilch.
-Was er damit gethan, ist unbewusst, das aber hat er erfahren, dass ihm
-die Geiss in die Kirch bis vor den Altar und bis auf den Predigtstuhl
-nachgelaufen, was die Frau zweifelsohne hätte thun müssen, so er ihre
-Milch zuwegen gebracht. Er konnte des Tiers nicht ledig werden, bis er
-es kaufte und schlachten liess.«
-
-[6] »Schauplatz lust- und lehrreicher Geschichten«, 1653.
-
-Eine tiefe Gläubigkeit an die Wirksamkeit dieses Liebesmittels drückte
-sich in Harsdörfers Vortrag aus, und ebensowenig wie dieses geistvolle
-Mitglied der »Fruchtbringenden Gesellschaft«, hegt irgend ein anderer
-seiner Zeitgenossen zu Ausgang des 17. Jahrhunderts irgend einen
-Zweifel an Liebestränken und Liebesbissen, über deren ekelhafteste
-Zuthaten ich einen anderen berichten lassen will. Chr. von Hellwig,
-der unter dem Pseudonym Valentin Kräutermann ein von Borniertheiten
-strotzendes Buch von Heilmitteln herausgab[7], von dem Scheible in
-Stuttgart einen Neudruck veranstaltete, schreibt: »Zu magischen und
-teuflischen Liebesmitteln gebrauchen Zauberer und Zauberinnen teils
-allerhand Worte, Zeichen, Murmelungen, Wachsbilder u. dergl., teils
-brauchen sie die abgeschnittenen Nägel, ein Stückchen Tuch von der
-Kleidung oder sonst etwas von der Person, welches sie vergraben, es
-sei nun unter die Thüre oder eine andere Schwelle. Huren und
-dergleichen Gesindel, erwählen zwar auch natürliche Dinge aus allen
-drei Naturreichen; sie bedienen sich ihrer monatlichen Blume, des
-Mannes Samen, Nachgeburten, Milch, Schweiss, Urin, Speichel, Haar,
-Nägel, Nabelschnur, Gehirn von einer Quappe oder Aalraupen, welch
-letztere hierin vor ein Spezificum gehalten wird die Liebe zu
-erwecken.« Das Register hat ein Loch, denn Kräutermann hat eine
-Ingredienz vergessen -- den Kot der Liebsten.[8]
-
-[7] Der curieuse Zauberarzt, wie man alle Artzneyen verfertigen auch
-per sympathiam, et antipathiam, transplantationem, amuleta et magiam
-naturalem od. vermeynte Hexerey die vornehmsten Kranckheiten curiren
-könne. Frankfurt a. M. 1725.
-
-[8] Paullinus a. a. O. I. S. 344.
-
-Um Liebe auf sympathetische Weise zu erwecken, gab es in jeder
-Landschaft Deutschlands andere Mittel, deren Aufzeichnung einen viele
-hundert Seiten starken tragikomischen Beitrag zur Geschichte der
-menschlichen Narrheit bilden würde.
-
-In der Frühzeit zeichneten sich neben den alten Weibern, die ihre
-vermeintliche Wunderkraft meist auf dem Scheiterhaufen büssten, die
-fahrenden Schüler als Zauberer aus.
-
- »Mit wunderlichen sachen
- Ler ich sie denne machen
- Von wachs einen kobold
- Wil sie, daz er ir werde hold
- Und teuf es in den brunnen
- Und leg in an die sunnen
- Und heiz widereins (rückwärts)
- Umb die kuchen gan.«[9]
-
-[9] »Von einem fahrenden Schüler.« Altdeutsche Wälder, II. 55.
-
-Sie lehrten auch für Geld und gute Worte jene sinnlosen Gebräuche, die
-sich zum Teil noch heute erhalten haben, von denen ich einige wenige
-als Beispiele für die Denkweise unserer Vorfahren hierhersetzen will.
-Berthold v. Regensburg sagt von den Bauern »Pfî, wiltû einen man alsô
-mit zouberîe gewinnen! ..... Sô nimt din her ein toufet ein wahs, din
-ein holz, din ein tôtenbein, allez daz sie dâ mite bezouber. Dâ
-zoubert din mit den Kriutern, din mit dem heiligen Krismen, din mit
-dem heiligen gotes lîchnamen.«[10]
-
-[10] Predigten, II. 70. 25 bei Schultz, H. L., S. 650.
-
- »Dass dich eine lieben muss.«
-»Nimm drei Federn vom Hahnenschwanz, druck sie dreimal in die Hand.
-Probatum.« Oder: »Nehme eine Turteltaubenzung ins Maul (!), rede mit
-ihr lieblich, küsse sie darnach auf den Munde« -- natürlich sie, die
-Angebetete, nicht die Turteltaubenzung -- »so hat sie dich so lieb,
-dass sie dich nicht mehr lassen kann.«[11]
-
-[11] Scheibles Schaltjahr, II. 45.
-
-»Rezept zum Liebespulver. Nimm eine Hostie, die jedoch nicht geweiht
-sein darf, schreibe auf sie einige Worte mit Blut aus dem Ringfinger
-und lasse alsdann von einem Priester fünf Messen darüber lesen. Dann
-teile die Hostie in zwei gleiche Teile, deren einen nimm selbst, den
-anderen gebe der Person ein, deren Liebe du gewinnen willst.«
-
-»Nimm von deinem Blut an einem Freitag im Frühling, lass es mit den
-beiden Testikeln eines Hasen und der Leber einer Taube in einem nicht
-zu warmen Ofen in einem kleinen Topf trocknen, machs zu feinem Pulver
-und lass die Person, von der du geliebt sein willst, davon geniessen,
-ungefähr einer halben Drachme schwer. Wenns aufs erstemal nicht wirkt,
-so wiederhole es bis zu dreimal und du wirst geliebt werden.«
-
-»Die weisse Lilienwurzel, unter gewissen Zeichen gesammelt, und bei
-sich getragen, grosse Liebe und Freundschaft (sic) zwischen Personen
-beiderlei Geschlechtes erwecken und erhalten soll.«[12] _Sapienti
-sat!_
-
-[12] Anleitung zu den curiösen Wissenschaften. Frankfurt 1717.
-
-Noch eines Sympathiemittels muss, um nicht unvollständig zu sein, wenn
-auch widerstrebend, gedacht werden. »Ein fleissiger _Studiosus
-Medizinae_, mein ehemaliger guter Freund, ward offt von des Nachbars
-Tochter gelockt, aber er hatte Eckel daran. Einst schlieff er bey
-ihrem Bruder in ihres Vatters Hause, und ward gantz umgekehrt, doch
-aber kam er nicht zu ihr. Nur des Nachts, mehrenteils um 12 Uhr, stund
-er leise uff, lieff vor des Mägdleins Hauss, küssete die Thür dreymahl
-und gieng wieder von dannen. Wie es seine Schlaffgesellen merkten,
-verwiesen sie ihm die Thorheit, doch konnten sie ihn nicht davon
-abhalten. Einst wollte er sein Kleid vom Schneider umwenden lassen, da
-fand man in den Hosen einen linnenen Beutel und in demselben einen
-Hasenschwantz, krausse Haare, vielleicht von einem ungenannten Ort der
-Dirne abgeschnitten und diese Buchstaben S. T. T. I. A. M., welche
-einige so verdolmetschen: _Satanus te trahat in amorem mei_.[13]
-Sobald aber das Säcklein mit Schwantzhaaren und allem verbrandt war,
-hatte der Geck auch Ruhe.«[14]
-
-[13] Der Teufel ziehe dich in meine Liebe.
-
-[14] Paullinus a. a. O. I. 344 ff.
-
-Einen interessanten Beitrag zum Glauben an die Kraft dieser
-Weiberhaare findet sich in der Biographie der Magdalena Sibylla von
-Neitschütz, die ihren Geliebten, Johann Georg IV. von Sachsen, auf
-diese Weise an sich gekettet haben sollte[15].
-
-[15] F. Bülau, Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen, 2.
-Auflage, III. Band (1863). Die Gräfin von Rochlitz, S. 1 ff.
-
-Solange die weltliche Obrigkeit gegen derartige Zaubereien noch nichts
-einzuwenden hatte, ging es noch; aus Predigten und Konzilsbeschlüssen
-machte man sich blutwenig, denn kirchliche Strafen waren eben nur
-Ehrenstrafen, die sich schliesslich überstehen liessen, wenn sie auch
-hart genug trafen. So ordnete ein Pariser Pönitentiale an: »Wer Blut
-oder seinen virile um der Liebe oder einer anderen Sache wegen einem
-Mann oder einer Frau zu trinken giebt, soll drei Jahre büssen«[16],
-oder wenn, wie aus einem Fastnachtsspiele hervorgeht[17], alle
-diejenigen von der Kommunion ausgeschlossen blieben, die »zu essen
-geben oder in annder weiss machen, das leut schullen an einander liep
-oder feinter werden, und was solicher sach sein«, so konnte sich der
-Übelthäter immerhin noch, sei es durch Geldopfer oder eine andere vom
-Geistlichen auferlegte Busse, wieder reinwaschen. Anders stand dies
-aber in einer Zeit, wo der Hexenwahn die Gemüter ergriffen hatte,
-Laien und Pfaffen beiderlei Konfessionen in unersättlichem Blutdurste
-alles, was den Namen Weib führte, in unerhörtester Weise besudelten
-und »ad majorem Dei gloriam« zu Tode schleiften, nachdem sie vorher
-auf das schamloseste die Körper und die Gemüter der auf der Folter
-gefügig gemachten Opfer gebrochen; wo ein scheinheiliger Rechtslehrer,
-Benedikt Carpzow, sich in einem Atem und unter demselben Augenaufschlag
-rühmen konnte, dreiundfünfzigmal die ganze Bibel durchgelesen und
-zwanzigtausend Todesurteile gefällt zu haben, die zumeist arme
-Weiber, denen das Hirngespinst des grossen Leipziger Schurken nie
-ausgeführte Verbrechen angedichtet hatte, zur Einäscherung, im besten
-Falle zur Hinrichtung durch das Schwert verdammte, da war schon der
-Gedanke an ein Liebesmittel eine Anwartschaft auf den Tod, da er auf
-unzweifelhaften Verkehr mit dem Teufel hinwies. Mit ebenso stupender
-wie stupider Gelehrsamkeit hatte sich der jedes Gefühles bare Carpzow
-und mit ihm der ganze Schwarm Gottesgelahrter und Richter ein System
-zurechtgebaut, aus dem das erotische Moment in einer Teufelsfratze
-allenthalben hervorgrinste. »So sehr war durch den Einfluss des
-Teufelsglaubens die altgermanische Frauenverehrung, welche im Weibe
-›etwas Heiliges‹ gesehen hatte, getrübt worden, dass unsere Altvorderen
-etliche Jahrhunderte hindurch es für möglich, ja für wirklich hielten,
-deutsche Mädchen und Frauen gäben Sitte und Scham, alles Hohe und
-Heilige, was der Mensch besitzen kann, für die widerliche Umarmung
-eines scheusslichen Bockes hin. Es dürfte doch schwer sein, auf
-dem ganzen Gebiete menschlicher Narrheit etwas aufzufinden, was an
-blödsinniger Gemeinheit dieser christlich-theologischen Phantasie nur
-halbwegs gleichkäme.«[18]
-
-[16] Arved Straten, Blutmord, Blutzauber, Aberglauben, Siegen 1901.
-
-[17] Keller, S. 1463.
-
-[18] Scherr, G. d. d. F., II. 139.
-
-Vergessen war die abgöttische Verehrung, die man dem Weibe in der
-Jungfrau Maria dargebracht, vergessen die Achtung, die man der Mutter,
-der Hausfrau gezollt, das Weib war nur das unreine Gefäss, durch das,
-nach theologischer Weisheit, »die Sünde« überhaupt in die Welt
-gekommen, das daher teuflischen Einflüssen um so leichter zugänglich
-sein musste.
-
-Da nun »die Teufel, die nicht zu zählen sind«, die Welt durchstreifen,
-um Menschen zu verführen und jeden zu ergattern, »die um ein sehr
-lange Zeit daher, über fünftausend Jahre, durch stete Uebung überaus
-klug und erfahren sind worden«[19], so wandten sie sich zuerst an die
-Frauen, um sie körperlich und seelisch zu verführen und sie zu
-Werkzeugen zu machen, durch die ihnen weitere Opfer zugeführt wurden.
-
-[19] Luthers Tischreden oder Colloquia, Vom Teufel und seinen Werken,
-(Anno 39 den 15. Januarii).
-
-Das Hauptmittel, die Weiber zu Hexen zu machen, bestand für den Teufel
-in der Buhlschaft. Um mit den Hexen geschlechtlich zu verkehren,
-besucht er sie in allerlei Verkleidungen in ihren Wohnungen. Bald
-tritt er als schwarz gekleideter Herr, bald als Mann mit Federhut,
-gelben Strümpfen und einem Esels- oder Pferdefuss, bald wieder als
-langer, schwarzer Mann mit Hörnern auf[20], oder er naht sich ihnen
-unter der Maske eines Junkers, Jägers, Reiters und unter den Namen
-Junker Hans, Voland, Hämmerlein, Federhanns, Schönhans, Peterlein,
-Federlein, Papperlen, Klaus, Grässle, Grünhütel oder ähnlichen.[21]
-Manchesmal aber suchte sich der Junker Hans auch ganz ausgefallene
-Örter zum Buhlen aus. Am 6. März 1604 wurde in Lauchstädt eine
-Zauberin, die Haferkastin nebst einer anderen Hexe verbrannt, die
-bekannt haben sollte, vom Teufel auf die Spitze des Roten Turmes zu
-Halle geführt worden zu sein, wo er ihr gedroht habe, sie hinunter zu
-stürzen, wenn sie ihm ihr gegebenes Versprechen nicht halte. Darauf
-sei sie ihm zu Willen gewesen und habe fünfmal mit ihm #auf der
-Turmspitze# Unzucht getrieben. Etwas Derartiges konnten Menschen, die
-sich ihrer fünf gesunden Sinne rühmten, für bare Münze nehmen!
-
-[20] Curt Müller, Hexenaberglaube und Hexenprozesse in Deutschland
-(Reclam), S. 26.
-
-[21] Scherr, Frauenwelt, II. 149, und Müller a. a. O., Urteilssprüche
-Leipziger Schöffen, 139 ff.
-
-Über die Art des geschlechtlichen Verkehrs ergehen sich die Werke
-Carpzows und das »aus frommem Wahnsinn und fanatischer Grausamkeit«
-bestehende Schandbuch des Ketzerrichters und Theologie-Professors
-Jakob Sprenger, der im Jahre 1489 mit Approbation der Kölner
-theologischen Fakultät gedruckte »Malleus maleficarum«, zu deutsch der
-Hexenhammer, in einer Breite, deren Unflätereien lebhaft an Liguoris
-Moraltheorie erinnern. »Der Autor schreibt wie ein Kerl, der etliche
-bordels ausgehuret hat«, sagt bereits Hauber von Sprenger.[22] Es
-sträubt sich meine gewiss nicht prüde Feder, diese mit behaglicher
-Ruhe vorgetragenen Schweinereien eines im Cölibate lebenden
-hochwürdigen Herrn auch nur andeutungsweise wiederzugeben.[23]
-
-[22] Bibliotheka magica, 1741, I., 26 ff.
-
-[23] Wer den Mut hat, den stinkenden Sumpf des Hexenhammers zu
-durchwaten, der sei auf Graf von Hoensbroechs »Das Papstthum in seiner
-sozialkulturellen Wirksamkeit« hingewiesen (Leipzig 1900), dessen I.
-Band eine ziemlich vollständige Übersetzung des Malleus maleficarum
-enthält.
-
-Aus den düsteren Gewölben, deren Kreuzbogen vom Gewinsel und Stöhnen
-der armen, gefolterten Kinder und Frauen widerhallten, drang viel, zu
-viel an die Öffentlichkeit, um nicht die Phantasie hysterischer und
-vom allgemeinen Wahne ergriffener Weiber derart zu erhitzen, dass sie
-alles das, was sie gehört, auch schliesslich selbst erlebt zu haben
-glaubten und sich im Wahnsinne Verbrechen bezichtigten, die sie kaum
-geträumt haben können. Sie geben unumwunden zu, was ihnen die Richter
-in den Mund legen, oder gestehen es, ausgeschmückt mit eigenen
-Zuthaten unter den Martern der oft menschlicher als die Richter
-fühlenden Henker. Fühllos wie die Quadern der Folterkammern wohnten
-diese Richter jahraus, jahrein jenen Greuelscenen bei, bis die
-Gewohnheit jegliches Gefühl in ihnen abstumpfen musste. Wenn die
-deutschen Richter auch nicht in den Zwischenakten eines Hexenprozesses
-Laute spielten und Inkulpantinnen tanzen liessen, ehe sie sie an den
-Holzstoss ablieferten, wie dies ein französischer Kollege that[24], so
-fanden sich doch auch in deutschen Gauen nichtswürdige Hallunken genug
-unter ihnen. Wenn sich unter der Regierung des Bischofs Heinrich
-Julius von Halberstadt-Braunschweig im 17. Jahrhundert anlässlich
-einer rebellischen Bewegung der Braunschweiger Bürger gegen den
-geistlichen Herrn folgendes zutragen konnte, wird es bei den Prozessen
-gegen die Unholdinnen keinesfalls besser, eher noch schlimmer
-hergegangen sein, wofür viele Gründe sprechen. In dem besagten
-Prozesse heisst es von den in der Marterkammer anwesenden
-Gerichtspersonen: »Sie trunken einander fleissig zu, dass sie auch so
-toll und voll wurden, dass sie einesteils eingeschlafen ... Etwan in
-die dritte Woche kamen sie wieder, und als sie nun in solcher
-Trunkenheit ihr gefasstes Müthlein ziemlichermassen ausgeschüttet, seyn
-sie für diesmal davongegangen ... Zum dritten male bin ich abermal in
-die peinliche Kammer gebracht u. s. w. und Hans Saub war so trunken und
-voll, dass er beim Tisch einschlief, und wann er hörte, dass ich etwas
-härter sprach, so wachte er auf und weisete mit den Fingern, sagend:
-Meister Peter, hinan, hinan mit dem Schelm und Stadtverräther und wenn
-er solches gesagt, schlief er wieder ein vor Trunkenheit. Ingleichen
-soffen die andern tapfer auch herum Wein und Bier, und wurden aus
-Trunkenheit und sonsten so verbittert, dass nicht zu sagen ...«[25]
-Das Martern und Foltern der Angeklagten war im Mittelalter ein derart
-unzertrennlicher Bestandteil des Gerichtsverfahrens, dass der Richter
-den Gedanken, ein Geständnis anders als durch die Folter zu erlangen,
-einfach nicht fassen konnte. Und bei den Unholdinnen erst, die nichts
-zu gestehen hatten, waren die Folterwerkzeuge unentbehrlich, denn ohne
-sie hätte es eben keine Hexenprozesse gegeben.
-
-[24] Roloff, Leben und Wirken des Teufels, Histor. Taschenbuch, 5.
-Folge, 2. Jahrg., S. 165.
-
-[25] F. Heinemann, Richter und Rechtspflege in der deutschen
-Vergangenheit, S. 64.
-
-Bei Weibern, die sich dem Satan zu eigen gegeben, wäre Milde des
-Richters ein Verbrechen gewesen, das ihn vielleicht selbst in eine
-zweideutige Stellung gebracht hätte, darum suchte jeder einzelne genau
-nach der Schablone zu handeln. Lag es auch in seinem Belieben, die
-schauerliche Wirkung der Tortur zu erhöhen oder zu mildern, so
-brauchte er seine Macht doch kaum jemals zu Gunsten einer Hexe,
-ebensowenig wie er sich daran kehrte, die heuchlerische Vorschrift des
-Hexenhammers zu befolgen, bei der Tortur kein Blut zu vergiessen. Er
-war unumschränkter Herr in der Folterkammer und gebrauchte seine Macht
-oder missbrauchte sie, ganz wie es ihm beliebte. Hatte er jemanden
-freilassen müssen, weil seine Unschuld denn doch zu klar lag, so liess
-er eben den unschuldig Gepeinigten Urfehde schwören, sich niemals an
-ihm und den Seinen zu rächen. Bei einer Hexe war aber diese Gefahr für
-den Inquisitor nicht zu befürchten, denn kaum eine dieser Unthat
-bezichtigte Weibsperson entrann jemals dem Arm »der Gerechtigkeit«.
-
-Schon vorm Beginn des Prozesses brach man die Seelenkraft der
-Angeklagten, die schliesslich so mürbe werden musste, dass sie sich
-schuldig bekannte, um durch den Tod von weiteren Quälereien befreit zu
-werden.
-
-Ehe man die Hexe dem Richter vorführte, zog man sie splitternackt aus
-und untersuchte ihren Körper, ob sie nicht Zaubermittel bei sich
-führte, mit denen sie dem Richter Schaden zufügen könnte. Obwohl der
-Hexenhammer vorschrieb, diese Untersuchung von ehrsamen Frauen
-vornehmen zu lassen, so scherte sich in der Praxis kein Richter darum,
-sondern überliess die Wehrlose den Henkersknechten, die diese günstige
-Gelegenheit nicht vorübergehen liessen, sich tierisch an jungen Hexen,
-selbst unmündigen Kindern zu vergreifen und dem Teufel die Schuld
-zuzuschieben. Der wütende Hexenrichter Remigius, der sich in seiner
-»Daemonolatria« rühmt, binnen fünfzehn Jahren (1580-1595) in
-Lothringen achthundert Hexen eingeäschert zu haben, erzählt von einem
-seiner Opfer, Katharina genannt, sie wäre, obgleich noch ein
-unmannbares Kind, im Kerker wiederholt derart vom Teufel genotzüchtigt
-worden, dass man sie halbtot aufgefunden habe.[26] Wem hätten auch die
-Geschändeten die ihnen angethane Schmach klagen sollen, dem Richter?
-Der wusste doch, dass alles, was die Hexe sprach, Lüge und Blendwerk
-der Hölle sei, oder ihren Beichtvätern, »gleichviel ob katholisch oder
-protestantisch, die die gefangenen Hexen in den Kerkern aufsuchten
-und, anstatt ihnen Trost und Mut zuzusprechen und durch das Gebet für
-ihren Martergang zu stärken, sie mit allen möglichen Kreuz- und
-Querfragen in Fallen zu locken suchten; ihnen das Gewissen
-beängstigten; sie zu falschem Geständnisse zwangen? Diese gemeine,
-niederträchtige Pfaffenbrut war gefährlicher als die Henkersknechte
-und Inquisitoren resp. Richter. Denn selbstverständlich hing sich ein
-bis zu Tod geängstigtes Weib mit aller Gewalt an den Seelensorger;
-suchte bei ihm Trost und folgte seinem Rate. Musste ein solch armes
-Wesen nicht von Sinnen kommen, wenn sie sogar von dem Manne, den sie
-als heilig und fromm verehrte, als Hexe betrachtet wurde? Und wie er
-ihr ins Gewissen redete! Wie er, wenn sie bekennen würde, ihr von Heil
-und Rettung, von Gnade und Barmherzigkeit vorpredigte! Jede
-verfängliche Aussage, die ein so verzweifeltes Weib fallen liess, nahm
-der Beichtvater zu Protokoll. Hatte er genug aus der Unglücklichen
-herausgepresst, so gab er dem Richter genauen Bericht. So kam es, dass
-der Richter bereits das ganze Untersuchungsprotokoll, die ganze
-Beweisaufnahme in den Händen hatte, ehe er überhaupt die Hexe verhört
-hatte. Er hatte somit leichte Arbeit, indem das Verhör seinerseits nur
-kurze Zeit in Anspruch nahm, das übrige that die Folter.«[27]
-
-[26] Scherr, Kulturgeschichte, S. 387.
-
-[27] C. Müller a. a. O. S. 90.
-
-Doch noch eine zweite Entwürdigung hatte die Hexe vor dem Richter
-durchzumachen. Man schor ihr jedes Haar am Körper ab, um eines jener
-Teufelsmale, Stigma, zu entdecken, mit dem der Satan alle Weiber
-kennzeichnete, die er als Buhlerinnen gebraucht. Fand man einen
-Leberfleck, ein Muttermal oder eine Warze, so stach der Henker mit
-einer Nadel darein, um seine Empfindlichkeit zu prüfen. Schmerzte der
-Stich nicht, dann war die Teufelsliebe erwiesen, im anderen Falle
-hatte der Teufel der Hexe das Mal empfindlich gelassen, um die Richter
-zu täuschen. Fehlte ein solches Mal gänzlich, so hatte es der Teufel
-verwischt. Gestand nun die Hexe, eingeschüchtert durch die Aussicht
-auf die Tortur, oder getäuscht von lügenhaften Vorspiegelungen des
-Beichtvaters oder des Richters, dann war sie verloren. Leugnete sie,
-dann unterwarf man sie der peinlichen Frage, die mit der amtlichen
-Formel begann: »Du sollst so dünn gefoltert werden, dass die Sonne
-durch dich scheint!« Diese Drohung war keine leere, und die Feder
-sträubt sich, all das Entsetzliche niederzuschreiben, was man nun mit
-den armen, schwachen Weibern vornahm. Mädchen im zartesten
-Kindesalter, sieben-, acht-, zehn- und zwölfjährige Mädchen[28],
-schwangere Frauen[29], sechzig-, selbst achtzigjährige Greisinnen, sie
-alle verliessen verbrannt, zerrissen, mit gebrochenen Gliedern, aus
-hundert Wunden blutend die Folterkammern.
-
-[28] Scherr, Gesch. d. d. Frauenwelt, II. 161.
-
-[29] Scherr, Kulturgeschichte, S. 640 ff.
-
-Alle Bande des Blutes löste der unglückselige Wahn. Wolf Rossmann, ein
-Bauer zu Amorbach, gab seine eigene Mutter als Hexe an.[30] Vielleicht
-um sich ihrer zu entledigen, wie es Männer mit ihren Frauen thaten,
-Brüder mit Schwestern, denen sie das Erbe missgönnten, selbst Väter
-mit ihren Töchtern.
-
-[30] Zeitschrift für d. Kulturgesch., 1859 S. 427.
-
-Und der ewig wiederkehrende Punkt bei allen Hexenprozessen ist
-geschlechtlicher Natur, in allen den vielen Protokollen, die auf uns
-gekommen sind, kehrt er, wenn nicht als Teufelsbuhlschaft allein, so
-in irgend einer anderen Form neben dieser wieder. Ein solches
-Protokoll, herausgerissen aus hundert beinahe gleichen, möge hier
-stehen. Es stammt aus dem Jahre 1572 aus der Umgebung von Trier und
-wird von Dr. Hennen mitgeteilt. Eine gewisse Eva, eine überführte
-Kindesmörderin aus dem Dorfe Kenn ist beschuldigt, mit dem
-Höllenfürsten Umgang gehabt zu haben. Sie besässe die Kunst zu hexen
-und hätte einen Knecht auf dem »grünen Haus« verzaubert, dass er in
-Liebe zu ihr entbrennen sollte. Die Angeklagte antwortete, dass sie
-die Zauberkunst nicht verstände. Sie hätte nur dem Zymmerhansen, dem
-Knecht, einen Ring gegeben; dieser hätte ihr versprochen, sie einst zu
-ehelichen. Das war das kurze Verhör. Die Folter wurde vorläufig nicht
-angewendet. Die Angeklagte wurde hierauf ins Gefängnis abgeführt.
-
-An demselben Nachmittage wurde sie nochmals dem Amtmann, Schultheissen
-und zwei Schöffen vorgeführt. Sie verharrte auf ihrer Aussage, dass
-sie nichts von Zauberei verstünde. Nun wurde sie den Henkersknechten
-übergeben, die sie auf die Folter spannten.
-
-Das unsinnigste Zeug brachte sie infolge der wahnsinnigen Schmerzen
-vor. Sie zog andere mit ins Unglück, einen Mann und drei Frauen, da
-sie, um nur sobald als möglich von den Folterqualen befreit zu werden,
-andere angab, von denen sie die Hexerei gelernt haben wollte. Von der
-einen behauptete sie, dass diese ihres (Evas) Mannes Mannbarkeit durch
-Zauberei genommen habe; von einer zweiten Frau sagte sie, dass diese
-ihr das Zaubermittel, wie man einen Mann an sich fesseln könnte,
-gelernt hätte, indem man nämlich einige Tropfen Blutes in einer Birne
-dem Betreffenden zu essen gäbe. Dies hätte sie nun auch mit dem
-Zymmerhansen so gemacht.
-
-Die Folter wurde noch verschärft. Da rief Eva vor Schmerz aus, man
-sollte sie nur loslassen, sie wollte die Wahrheit eingestehen. Sie
-könnte zaubern.
-
-Als man mit Foltern nachliess, gestand sie, dass sie von jener Frau,
-der sie die Entmannung ihres (Evas) Mannes zuschrieb, das Zaubern
-gelernt hätte. Sie teilte nun dem Amtmanne mit, wie sie durch die
-betreffende Frau, die Barbara hiess, mit dem Teufel zusammengekommen
-wäre; wie sie Gott abgeschworen und den Teufel verehrt hätte mit den
-Worten: »Ich sage Gott ab und dem Teufel zu und soll sein Eigen sein.«
-
-Ferner gestand sie ein, mit dem Teufel etlichemal zu schaffen gehabt
-zu haben, Vieh und Menschen bezaubert, Unwetter heraufbeschworen zu
-haben. Die von ihr Bezichtigten erlagen gleichfalls unter der
-Anklage.[31]
-
-[31] Müller a. a. O. S. 109 ff.
-
-Der Raub der Mannheit, dessen Eva die eine Hexe beschuldigte, wurde
-durch »das Nestelknüpfen« erreicht, vermittelst Schürzung eines
-zauberischen Knotens an einer der Hosennesteln eines Ehemannes, diesen
-zeugungsunfähig zu machen, doch gab es auch noch viele andere, mehr
-oder weniger blödsinnige Mittel, gegen die man sich aber auf gleich
-sinnreiche Weise schützen konnte, so nach der »gestriegelten
-Rockenphilosophie«, wenn der Bräutigam, bevor er in die Kirche zur
-Trauung geht, das Bierfass anzapft und den Zapfen während der Trauung
-bei sich trägt und andere ähnliche mehr, von denen Scheibles
-Sammelwerke »Das Kloster« und »Das Schaltjahr« eine reiche Blütenlese
-geben.
-
-Rossberg'sche Buchdruckerei, Leipzig.
-
-
-
-
- Das wichtigste Thema der Gegenwart
-
- »Neue Frauen -- Neue Männer«
-
-behandeln folgende Schriften:
-
-~Vera~:
-
- Eine für Viele
-
- Aus dem Tagebuche
- eines Mädchens von heute
-
- 12. Auflage Preis M. 2.--
-
-#Urteile der Presse#:
-
-»Da haben wir das Wiener Saisonbuch, die litterarische Sensation für
-heuer. Heimlich wandert es von Hand zu Hand, die Männer verstecken es
-vor ihren Frauen, die Mütter vor den Töchtern, aber alle lesen es und
-mehr noch, alle machen sich ihre Gedanken darüber. Mit Recht, denn
-dieses Büchlein gehört zu den Dokumenten der Zeit, es spricht seine
-eigene Sprache und öffnet die merkwürdigsten Aus- und Einblicke ...
-
-»Ob man dieses Buch den Mädchen in die Hand geben soll? Ich glaube
-nicht. Wozu denen, die noch nicht Wissende sind, ihre Illusionen
-rauben? Aber die Väter und Mütter sollen es lesen, und auch die jungen
-Männer. Diese vor Allem. Denn zum mindesten lernen sie daraus, dass
-es Mädchen giebt, die den Ehrgeiz haben, etwas anderes zu sein und zu
-werden, als, um mit Vera zu sprechen, dem Manne »ein Mobiliar seiner
-Bequemlichkeit« ...
-
- »Prager Tagblatt.«
-
-»Eine für Viele« erinnert an das Tagebuch der Marie Bashkirtsew.
-Warm und ehrlich empfunden, machen die Geständnisse des jungen
-Mädchens tiefen Eindruck ...«
-
- »Reichswehr.«
-
-»Das kleine Buch scheint darauf auszugehen, die gegenwärtige
-Moral, soweit sie das Verhältnis der Geschlechter betrifft, zu steigern
-und zu verfeinern. Der ledige Mann soll vor der Ehe ebenso keusch
-sein, wie das Mädchen; das Wesen, das sich ihm einst giebt in
-vollster reinster Hingabe, hat das Recht, von dem Manne ihrer Wahl
-dieselbe Reinheit, dasselbe unbefleckte Sinnenleben zu verlangen,
-das er als strenger Richter von ihr fordert ....«
-
- »Neue freie Presse.«
-
-Verlag von Hermann Seemann Nachfolger in Leipzig
-
-Für und gegen VERA sind folgende Schriften erschienen:
-
- Christine Thaler:
-
- Eine Mutter für Viele
-
- Ein Brief an die Verfasserin von
- »Eine für Viele«
-
- 4. Auflage Preis M. 1,--
-
-Die »#Neue Freie Presse#« in Wien schreibt über Christine Thalers Buch:
-»Es ist sehr erfreulich, dass weibliche Vernunft und Besonnenheit
-sich nun zum Worte meldet. Die übermodernen Jungfrauen werden das
-Sendschreiben der Mütterlichkeit wohl etwas hausbacken finden. Aber das
-verschlägt nichts. Aus ihm spricht Klugheit, Reife und Gemüt. Aus ihm
-spricht eine aus Lebenskämpfen erwachsene Milde, die das Menschliche,
-auch wenn es sich als ein Allzumenschliches erweist, verzeiht.«
-
-Auch jemand:
-
- Eine für sich selbst
-
- Brief an die Verfasserin von
- »Eine Mutter für viele«
-
- 3. Auflage Preis M. 1,--
-
-»Eine Dame spricht ruhig und besonnen; eine Dame, die die verzehrende
-Sehnsucht der keuschen Jungfrau nach einem ihr ebenbürtigen reinen
-Jüngling versteht, dieser Sehnsucht aber nicht unbedingt das Wort
-redet. Der Verfasserin schwebt eine Art freier Liebe vor. Eine Liebe,
-die in freiem Genuss und seliger Wahrheit durch ihre hehre Grösse so
-wenig der landläufigen Moral peinlich werden kann wie Michelangelos
-David in seiner kolossalen Nacktheit. Eine Liebe, die nicht in den
-Staub zieht, in deren hohen reinen Flammen alles schmilzt, was
-allzuirdisch und allzumenschlich ist.«
-
- Gerda Schmidt-Hansen:
-
- Eine für Vera
-
- Aus dem Tagebuche einer jungen Frau
-
- 2. Auflage Preis M. 2,--
-
-Eine im Geiste Veras geschriebene, flammende Anklageschrift
-gegen die Unnatur und Heuchelei der vom Manne diktierten »sittlichen«
-Anschauungen. Die Verfasserin -- eine Dame aus den besten
-Leipziger Gesellschaftskreisen -- deckt hier mit rücksichtsloser
-Kühnheit den Abgrund einer modernen, allzumodernen Ehe auf und zeigt,
-wie die Laxheit der männlichen Moral Seele und Leib des Weibes
-vergiftet und beide dem Untergange zuführt.
-
- Männer im Kampf
- für und gegen Vera:
-
- E... E...
-
- Einer für Viele!
-
- 2. Auflage Preis M. 1,--
-
-»Dieses Buch wendet sich polemisch gegen die mütterlich milden Urteile
-über das Vera-Problem, welche Christine Thaler in ihrer Kampfschrift
-ausgesprochen hat. E. E. legt offenkundig eine Lanze für Vera ein und
-versteht es, das von Vera angeregte Problem in eine neue interessante
-Beleuchtung zu rücken.«
-
- Felix Ebner:
-
- Meine Bekehrung
- zur Reinheit
-
- Aus dem Leben eines Junggesellen
-
- 2. Auflage Preis M. 2,--
-
-»Die Männerwelt ist lange nicht so verdorben, wie sie von
-emancipierten Blaustrümpfen geschildert wird. Das ist die These
-Ebners. Er bekräftigt seine Überzeugung mit der Darstellung seiner
-eigenen Lebenserfahrungen, mit der Vertiefung und Bereicherung, die
-sein Leben durch echte Liebe gewann, und stellt die Unverbrüchlichkeit
-der ethischen Pflichten, die jeder junge Mann zu erfüllen hat, aufs
-glänzendste heraus.«
-
- Verus:
-
- Einer für Viele
-
- Aus dem Tagebuche eines Mannes
-
- 2. Auflage Preis M. 2,--
-
-Die »#Feder#«, Berlin, schreibt: »Das Buch wird vielen Widerspruch
-erregen, dürfte aber auch viele Freunde finden.«
-
-Der »#Autor#«, Zeitschrift für Litteratur und Kunst in Wien,
-schreibt: »Unstreitig die hervorragendste Erscheinung in der ganzen
-›Vera-Litteratur‹, vielleicht eine der bedeutendsten am Büchermarkt
-überhaupt, wiewohl sie bei vielen eine gewaltige Entrüstung hervorrufen
-wird. Man wird das Buch vor jungen Leuten zu verstecken suchen, es
-enthält aber gerade für diese alles, was ihnen spätere Enttäuschungen
-ersparen kann. Mögen es nur recht viele lesen, bevor sie in die Lage
-kommen, aus eigener Erfahrung beurteilen zu können, wie recht Verus
-hat.«
-
-
- Neue Bücher von Frau Professor
-
- Maria Janitschek:
-
- Die neue Eva
-
- 2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50
-
-»Ein reifes Buch. Das Urteil einer Frau, welche die Frauen und die
-Männer sowie das Leben kennt. Frau Janitschek ist dem deutschen Leser
-längst bekannt. Sie ist modern im guten Sinne. Sie ironisiert in feiner
-Weise die Emanzipations-Bestrebungen der Hypermodernen und kommt zu dem
-allerdings nicht neuen Schluss, dass ohne die »Kanaille« Mann das Weib
-nichts ist und sein kann. Durch alle Novellen des vorliegenden Buches
-zittert eine gesunde Ethik. Es liegt über jeder einzelnen Geschichte
-der dumpfe Hauch der geschlechtlichen Gier. Und aus jeder Geschichte
-kann eine treffliche Moral gezogen werden. Trotz des pikanten Inhalts
-würde ich jedem Mädchen dieses Buch zwei Tage vor seiner Ehe in die
-Hand geben. Nach den hier vertretenen Prinzipien handelnd, wird dann
-aus dem »Gänschen« nicht notgedrungen die »unverstandene deutsche Frau!«
-
- »Frankfurter Neueste Nachrichten.«
-
-Die »Neue Hamburger Zeitung« schreibt:
-
-»#Die neue Eva#« #ist ein durchaus künstlerisches Tendenzbuch#, eines
-der wenigen, die wir in Deutschland haben, denn ein Schönheitsglaube
-glüht darin auf, eine reine aufstrebende Sinnlichkeit und das
-kraftvolle Selbstvertrauen, dass auch die Frau stark genug sei, sich
-zu befreien, ohne Gefährtinnen, Versammlungen und Zeitungen. Und das
-ist wohl ihr eigenster Sinn, dass nur diejenigen Freiheit verdienen,
-denen sie das eigene Herzblut gewiesen und erkämpft, die selbst
-Individualitäten sind. Reine, starke Höhenluft atmet über diesem
-Buche und ein Duft, wie von heissglühenden, sommerlichen Rosen, denn
-es ist ein Dichtbuch reifer und ungezwungener Sinnlichkeit und das
-Lebensevangelium einer schöpferischen Frau. Und ich glaube, dieser
-Eindruck der Persönlichkeit ist so stark, dass ihn selbst diejenigen
-spüren werden, die die »Neue Eva« lesen um der heiklen Themata und der
-Unterhaltung willen, und zur Erkenntnis gelangen, dass sich hier hinter
-Spott und farbiger Schilderung das ernste Antlitz einer wertvollen
-Weltanschauung erhebt.«
-
-»... Und nun die neue Eva! Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich
-ein. Das sind sieben Geschichten, die tief aus dem Werden und Wollen
-des Weibes herausgeschrieben sind. Maria Janitschek hat hier die
-künstlerischere Seite ihrer Kraft gefunden. Kaum jemals ist Psychologie
-mit Physiologie in der Novelle so innig verbunden worden wie in
-diesen Geschichten. Glut und Wahrheit, ein feines Spüren nach den
-geheimsten Regungen der Evanatur, eine glückliche Hand im Ausmalen des
-Schleierlosen -- das alles und noch einiges findet der Leser -- die
-Leserin möge freilich nicht zu jung sein -- in den Erzählungen von der
-neuen Eva, unter denen »Neue Erziehung und alte Moral« ein Meisterstück
-des psychologischen Verismus ist.
-
- »Berliner Lokal-Anzeiger.«
-
-
-Aus Aphroditens Garten:
-
- Zwei neue Romane von
-
- Maria Janitschek
-
- Band I
-
- Maiblumen
-
- 2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50. geb. M. 3,50
-
- Band II
-
- Feuerlilie
-
- 2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50. geb. M. 3,50
-
-»#Aus Aphroditens Garten#« betitelt #Maria Janitschek#, die berühmte
-Erzählerin und feinsinnige Kennerin der modernen Frauenseele,
-ihren neuesten Romancyklus, in dem sie in umfassender Weise
-an einer Reihe von Einzelschicksalen ihre Erfahrungen und Anschauungen
-über das moderne Weib und seine seelischen und sozialen Verhältnisse
-in vielseitiger Weise niederlegen will.« »Der Gesellige.« Graudenz.
-
-»Schon die äusserlichen Vorgänge, die sich im vorliegenden
-Roman abspielen, sind von Maria Janitschek in brillanter, von Anfang
-bis zu Ende spannender Weise erzählt, noch viel mehr aber wird den
-Freund moderner Dichtung der ausserordentliche Scharfsinn und die
-psychologische Tiefgründigkeit überraschen, mit denen das Seelenleben
-der Heldin, einer mitten in den Anfechtungen des modernen Lebens,
-sowie ihres eigenen leidenschaftlichen Herzens stehenden Jungfrau
-geschildert wird. Der Leser wird geradezu in den Lebenskreis dieses
-seltsamen Wesens hineingezwungen. Man darf nach diesem Anfang
-mit grossem Interesse den weiteren Enthüllungen aus »Aphroditens
-Garten« entgegensehen, und insbesondere sollte niemand, der Interesse
-für die moderne Frauenbewegung hat, diese künstlerischen Ergüsse
-einer der modernsten Frauen der Gegenwart ungelesen lassen.«
-
- »Deutsche Tageszeitung«, Wien.
-
-Von derselben Verfasserin erscheint Ende 1902:
-
- Auf weiten Flügeln
-
- Novellensammlung:
-
- Judas -- In der Frühe -- Heimatlose Nachtigall --
- Die beiden Karren -- Um der Glorie willen .....
-
- Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50
-
-Zwei neue wichtige Publikationen zum Thema der #Frauenfrage und
-Mädchenerziehung#
-
- Louis Frank -- Dr. Keifer -- Louis Maingie:
-
- Die Versicherung der Mütter
-
- Autorisierte deutsche Ausgabe besorgt von
-
- Nina Carnegie Mardon
-
- Preis brosch. M. 2,--
-
-Die Notwendigkeit eines Schutzes für die Frauen der arbeitenden
-Klassen während und nach ihrer Schwangerschaft wird in dieser
-Schrift zum ersten Mal in wissenschaftlich begründeter Weise
-nachgewiesen. An der Hand eines reichen statistischen Materials wird
-die Unhaltbarkeit der bisherigen Zustände und ihre Gemeingefährlichkeit
-für das Leben der Gesamtheit dargethan, sodann die Möglichkeit
-gezeigt, durch Begründung einer Versicherung diesen beklagenswerten
-Missständen abzuhelfen und den Müttern für eine bestimmte
-Zeit Freiheit von der Last der Arbeit und die notwendigen
-Subsistenzmittel zu gewährleisten. Das Wesen und die Ausführbarkeit
-dieser Versicherung wird bis in ihre kleinsten technischen Einzelheiten
-dargethan. Die sociale Gesetzgebung wird, früher oder später, mit
-Notwendigkeit zu den hier entwickelten Gesichtspunkten hingeführt
-werden müssen, wenn anders das Wort von dem stetigen Fortschritt
-der Kultur keine blosse Phrase bleiben soll.
-
- Eine Mutterpflicht
-
- Beiträge zur sexuellen Erziehung von
-
- E. Stiehl
-
- 2. Auflage. Preis 50 Pf.
-
-Man hat das #neue Jahrhundert# schon das »#Jahrhundert des Kindes#«
-getauft. In der That ist die Erziehung unserer Kinder gottlob in ein
-neues Stadium getreten. Das wichtigste Gebiet in dieser Erziehung
-bildet die sexuelle Pädagogik. In immer weiteren Kreisen bricht sich
-die Ueberzeugung Bahn: Wir dürfen in Bezug auf die Belehrung unserer
-Kinder über geschlechtliche Dinge nicht stehen bleiben bei der ererbten
-und anerzogenen Gewohnheit ablehnender Prüderie. Wir müssen dem
-Kinde auf seine Fragen nach den natürlichen Dingen andere Antworten
-geben, als bisher. Diese heiligste Mutterpflicht behandelt E. Stiehl
-in ihrer Schrift, sie beweist, dass es die ernsteste Aufgabe jeder
-gewissenhaften Mutter ist, die Leitung und Belehrung ihres Kindes auf
-diesem zartesten und schwierigsten Gebiete der Erziehung selbständig
-vorzunehmen. Kein Buch enthält eine stärkere Ermahnung an Mütter
-und Erzieher, als wie sie von E. Stiehl gegeben wird. Möge sie auch
-beherzigt werden!
-
- Wer Interesse für den Fortschritt unserer Kultur und für
- thatkräftige Besserung unserer socialen Verhältnisse hat, dem
- seien diese beiden auf ihrem Gebiete geradezu reformatorisch
- wirkenden Schriften -- und deren Verbreitung in weitesten
- Kreisen angelegentlichst ans Herz gelegt.
-
- Eine wackere Vorkämpferin für die Rechte der Frau ist
- Grete Meisel-Hess!
-
-#Bisher erschienen#:
-
- In der modernen
- Weltanschauung
-
- Preis M. 2,50
-
-Ein aus dem Geiste Wilhelm Bölsches geschaffenes Werk! Jeder
-Bekenner, Anhänger und Freund des Monismus wird nach dieser mit einem
-prächtigen Temperament geschriebenen Abhandlung der bekannten Wiener
-Schriftstellerin greifen, wenn er über die tiefe Verknüpfung des
-modernen Lebens mit der Naturphilosophie der Gegenwart orientiert sein
-will. Die Verfasserin kämpft für eine Regeneration in allen Gebieten,
-in Reich und Staat, in Kunst und Erziehung, in Ethik und Gesellschaft.
-Für die Frauenbewegung ist die Schrift von der grössten Bedeutung.
-
-#Ferner#:
-
- Fanny Roth
-
- Eine Jung-Frauengeschichte
-
- 2. Auflage Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50
-
-Die »#Zeit#«, Wien, schreibt:
-
-»Das Dankenswerte an diesem Buche ist, dass hier eine Frau
-dem Mädchen jene Erkenntnis vermittelt, die sich die jungen Männer,
-gesellschaftlich freier gestellt, aus ihrem eigenen Leben holen: die
-Nebensächlichkeit aller reinen Geschlechtsprobleme für das wahre
-Leben tiefer veranlagter Naturen. Also wirklich einmal ein Buch,
-das junge Mädchen lesen sollten. Dass die künstlerische Form nicht
-visionär genug ist, nützt vielleicht gar dem didaktischen Zweck,
-denn eine gesperrt gedruckte Lebensweisheit fällt stärker in die
-Augen. Und übrigens würde das Buch, das unstreitig dichterische
-Qualitäten zeigt, weit reifer und geschlossener wirken, wenn nicht
-ein durchgehends zu konsequent angewandter Naturalismus uns immer
-wieder aus jener Welt in diese stürzte.«
-
-Die »#Wiener Hausfrauenzeitung#« schreibt:
-
-»In dem hier vorliegenden Buche zeigt sich wieder, wie meisterhaft
-die Verfasserin Situationen zu schildern versteht und wie packend
-und natürlich sie zu erzählen weiss ... eine Erzählung aus dem
-Leben einer Künstlerin, die aber auf Hunderte andere Mädchen
-ebenso Anwendung finden kann und den Leser bis zur letzten Seite
-in Spannung hält.«
-
-#Herbst# 1902 erscheint:
-
- Suchende Seelen
-
- (1. Das Leid. 2. Die Lüge. 3. Die Krisis). Preis br. M. 2,--
-
-#Bücher zur Frauenfrage von Frau#
-
- Elsa Asenijeff
-
- Unschuld
-
- Ein modernes Mädchenbuch
-
- 2. Auflage. Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50
-
-Die »#Deutsche Zeitung#«, Wien, schreibt: »Die Verfasserin, offenbar
-eine Frau von Geist und tiefem Gemüt, ist durchdrungen vom hohen Beruf
-des Weibes, das ›in Heiligkeit und Schönheit durch die rauhe Roheit
-des Lebens gehen soll‹, das ›bei allem Beleidigenden, was es erblickt,
-nur den Gedanken der Güte an heilendes Bessere‹ haben soll. Und so
-legt sie denn eine Reihe von Bildchen aus dem jungen Mädchenleben
-vor, in denen überall auf eine Gefahr, ein lauerndes kleines Ungetüm
-aufmerksam gemacht wird. Die Verfasserin hat die keimende Seele des
-Weibes wohl beachtet und weiss ihre Erscheinungen anschaulich und
-mit interessanter Lebendigkeit zu schildern. Dass sie sich dabei von
-tantiger Prüderie ferne hält, giebt dem Buche die Weihe einer höheren,
-weil furchtloseren Reinheit. An einer Stelle sagt Elsa Asenijeff von
-den schriftstellernden Frauen: ›Sie schreiben, wie sie es von den
-Männern gelernt. Ihre Seelen kriechen erst aus ihrem Leibe heraus
-und in ein Mannesgehirn hinein, dann erst schreiben sie. Die Lieben
-aber, welche die Kinder gern haben, die schreiben nie. Die sitzen zu
-Hause und heissen Mami und pflegen das liebe Kind, dass es dereinst
-ein ordentlicher Mensch werde.‹ Wie wahr! Und dass man trotz der
-Richtigkeit dieses Satzes gegen das wahrhaft weibliche Buch Asenijeffs
-kaum etwas einwenden kann, ist wohl sein schönstes Lob.«
-
--- »Die hochbegabte Verfasserin giebt hier eine Sammlung von Skizzen
-aus dem Leben des Weibes von der frühesten Jugend bis in das Alter
-in knappster Form und von einer Anschaulichkeit, die diese Bilder in
-leuchtenden Farben, zum Greifen deutlich, vor das geistige Auge des
-Lesers, besser noch der Leserin stellt. Die feine Zeichnung verrät
-eine ausserordentliche Begabung für psychologische Feinheiten. Eine
-eigenartig zarte Poesie liegt über den kleinen intimen Seelengemälden,
-etwas märchenhaft Holdes, das auf die Phantasie einen eigenen Zauber
-ausübt. Die Skizzen sind kleine Kunstwerke dichterischer Prosa,
-reif und durchgeistigt und zugleich von einer edlen Einfachheit des
-Stils. Das Buch wendet sich an die jungen Mädchen, »die Jugendknospen
-der Menschheit. Für jene, welchen ein Walzer oder ein schönes Kleid
-alles gelten, sind meine Worte nicht. Noch für solche, die wie im
-dämmernden Schlaf im Dasein dahingehen, nicht nach rechts, noch nach
-links blickend, nicht fragend, nicht wollend, und an deren stummer
-Teilnahmlosigkeit sich das Schicksal vollzieht. Aber Euch Edelsten will
-ich dienen, die Ihr in Schönheit durch die rauhe Roheit des Lebens
-gehen wollt, Euch mit den glühenden, opfervollen Herzen, denen alles
-Beleidigende, was sie erblicken, nur den Gedanken der Güte an heilendes
-Bessere giebt.« Der Zweck des Buches ist ein erzieherischer, aber es
-ist nicht pedantische Schulmeisterei, die hier das Wort ergreift,
-sondern eine echte Dichterin, die von den Schicksalen der Frauenseele
-singt. Auch über die herben Erscheinungen des Lebens zieht sie keine
-prüden Schleier, doch wird die schöne poetische Form trotz des oft
-»naturalistischen« Inhalts stets festgehalten. Ein paar sinnige Märchen
-gehören zum Schönsten, was die Sammlung enthält. Für die jungen
-Mädchen, zu denen die Verfasserin in den oben zitierten Einleiteworten
-spricht, wird das Buch eine schöne Weihnachtsgabe sein.«
-
- »Staatsanzeiger für Württemberg«, Stuttgart.
-
- Tagebuchblätter einer Emanzipierten
- von
- Elsa Asenijeff
-
- Preis brosch. M. 3,--, geb. M. 4,--
-
-Als einer echten Modernen steht Elsa Asenijeff das Menschentum
-im Werte unendlich höher als das Weibtum, und indem sie den
-mitringenden Schwestern zeigt, wie sie sich zäh und unablässig zu
-diesem würdigen Ziele hinkämpft, verrichtet sie mit ihrem Buche eine
-nicht hoch genug zu veranschlagende Pionierarbeit.
-
- »Deutsche Warte«, Berlin.
-
-Elsa Asenijeff ist keine von den gewöhnlichen Emanzipationsdamen,
-die mit fertigen Schlagworten um sich hauen. In dem überfeinen
-und hochsensitiven Wesen dieser Schriftstellerin ist doch etwas
-von jenem kulturfördernden Geiste, der über die harte, wissenschaftlich
-dürre Mannesgesittung hinaus zu einer edleren, freieren Sittigung
-strebt; diese keimt im Gefühl, in der Seele, sie wird ohne Zweifel
-einmal unsere starre Männerkultur überwinden können.
-
- »Deutsche Wacht«, Dresden.
-
-Ferner ist im Verlag von #Hermann Seemann Nachfolger# von Frau #Elsa
-Asenijeff# erschienen:
-
- Max Klingers Beethoven
-
- Eine kunsttechnische Studie
-
- Prachtwerk in Grossquart mit acht Heliogravüren
- und 23 Beilagen und Textbildern
-
- Preis in vornehmem Liebhaberband gebunden M. 20,--
-
-Frau Asenijeff gehört seit Jahren zu dem engeren Freundeskreise
-Klingers, sie hat das grosse Werk, das wie selten eine einzelne
-künstlerische Schöpfung in Deutschland die Gemüter in Aufregung versetzt
-hat, wachsen und werden sehen, und aus eigener Anschauung berichtet
-sie nun, wie jener Titelzusatz andeutet, von der Arbeit, die Klinger
-hier geleistet, von dem technischen Können, das in dieser
-seltsam-grossartigen Monumentalstatue niedergelegt ist. Nach den
-vielfachen kritisch-ästhetischen Abhandlungen über den »Beethoven«
-ist eine solche Schrift sehr willkommen.
-
- »National-Zeitung«, Berlin.
-
-Eine ungewöhnlich interessante Veröffentlichung ist das Prachtwerk
-»Max Klingers Beethoven«. Das Werk, das im gesamten Schaffen
-Klingers einen Gipfel bedeutet, wird von Frau Elsa Asenijeff in einem
-trefflichen Text erklärt, der die zahlreichen Illustrationen -- 8
-Heliogravüren, 23 Beilagen und Abbildungen im Text -- wirksam
-unterstützt, zumal da Frau Asenijeff in der Lage ist, auch zu der
-Entstehungsgeschichte des Werkes die interessantesten Ausführungen
-beizubringen, insonderheit über die grosse Schwierigkeit, den
-Thronsessel in Bronze zu giessen, was erst in Pierre Bingens Werkstatt
-in Paris gelungen ist und von Frau Asenijeff in den einzelnen Stadien
-ausserordentlich dramatisch erzählt wird. Die Schilderung des
-Bronzegusses ist eine Meisterleistung.
-
- »Vossische Zeitung.«
-
- Neue Frauen
-
- Roman von Paul und Victor Margueritte
-
- (Einzig autorisierte Ausgabe von #U. Fricke#)
-
- Preis brosch. M. 4.--, geb. M. 5.--
-
-In dem hervorragenden Roman »#Neue Frauen#« von Paul und Victor
-Margueritte, einem Brüderpaar, das zu den berühmtesten französischen
-Romanschriftstellern der Gegenwart zählt, werden neben glänzenden
-Schilderungen der Gesellschaft und der unteren Volksmassen, die »neuen
-Frauen« als Vorkämpferinnen der Frauenbewegung verherrlicht, die auf
-diesem Wege die sociale Frage lösen wollen. Und diese Frauen nun haben
-auch die idealen Forderungen der Reinheit des Mannes vor der Ehe, der
-sittlichen Gleichberechtigung beider Geschlechter auf ihren Schild
-geschrieben. So schlägt die Heldin des Romans zwei Eheprojekte wegen
-der »Vergangenheit« der Werber aus. Der Roman ist glänzend geschrieben,
-unterhaltend, wertvoll und für jeden, der »#Vera#« kennt und für die
-Frauenprobleme etwas übrig hat, von brennendem Interesse.
-
-Die Kritiken über Paul und Victor Margueritte, #Neue Frauen#, sind
-insgesamt lobend und empfehlen das Werk in jeder Hinsicht zur Lektüre.
-Eine Kritik sei hier wiedergegeben aus dem »Staatsanzeiger für
-Württemberg«, Stuttgart:
-
-»Der fesselnd geschriebene französische Roman behandelt Probleme, die
-mit der modernen Frauenbewegung zusammenhängen, übrigens wegen Ihres
-rein menschlichen Gehalts der Teilnahme auch der Parteilosen sicher
-sind. Die Geschichte dieses Romans ist für eine Doppelautorschaft von
-einer seltenen Einheitlichkeit und Folgerichtigkeit. Die Darstellung
-der vorhandenen Konflikte glüht von Begeisterung für die höhere
-Sittlichkeit der Menschen der Zukunft, welche die Seelen läutern wird.
-Die Heldin, die in schweren Stunden für das Recht der Selbstbestimmung
-als Frau und Tochter mit Energie eintritt und sich im Kampf des Lebens
-die echte Weiblichkeit bewahrt, ist eine sympathische Frauengestalt,
-der Idealtypus der Frau der Zukunft, wie ihn die Verfasser und
-mit ihnen gewiss noch viele andere erträumen. Auch radikale Typen
-des weiblichen Geschlechts sind vertreten, der Blaustrumpf und
-die geschworene Männerfeindin, jedoch nicht zur Abschreckung, als
-Lächerlichkeiten. Die Verfasser lassen keinen Zweifel darüber, dass für
-sie die Frau der Zukunft so nicht aussieht. Der Roman entwickelt die
-Ereignisse von innen, vom Charakter der Personen aus und verbindet so
-mit der Erörterung zeitgemässer Fragen eine treffende Psychologie, die
-ihm in erster Linie seinen Wert verleiht.«
-
- »Der Roman eines Dienstmädchens«
-
- ist das neueste zweibändige grandiose Werk der bekannten
- polnischen Schriftstellerin
-
- Gabriela Gräfin Zapolska
-
- Käthe die Karyatide
-
- 2 Bände brosch. je M. 2,50, geb. je M. 3,50
-
-»Die Karyatide, die in stummer Ergebenheit die Last des Hauses
-und ihres eigenen Unglücks trägt, ist das Dienstmädchen. Zu einem
-Symbol wächst ihre Gestalt. Wie eine Karyatide erscheint sie, auf
-deren Schultern die niederdrückende Last elender niederer Arbeit
-ruht. Ein solches typisches Lebensschicksal schildert die polnische
-Dichterin Gräfin Zapolska mit einem unerbittlichen, oft ans Brutale
-streifenden Wirklichkeitssinn. Es ist das Werk einer Persönlichkeit,
-das mit bedeutender Aufmerksamkeit gelesen zu werden verdient.«
-
-Ein reizvolles Pendant zu #Gräfin Zapolskas# Dienstmädchenroman bildet
-der
-
- »Roman einer Ladenmamsell«,
-
- wie er uns vorliegt, in
-
- Jenny Schwabes Roman
-
- Im feindlichen Leben
-
- Preis brosch. M. 3,--, geb. M. 4,--
-
-Aus Urteilen der Presse: »Das ist der Roman der Ladenmamsell mit all
-den mannigfachen Anfechtungen und Sorgen, denen diese jungen Mädchen
-in ihrer dienenden Stellung ausgesetzt sind. Das ist der Roman eines
-gut erzogenen, tüchtigen Mädchens, dem seine Armut überall Zwang anlegt
-und das gezwungen ist, seine jungen Kräfte in seelentötender Arbeit
-zu verbrauchen, dem es aber doch gelingt, sich wacker durchzukämpfen
-und einen beglückenden Wirkungskreis in Leben und Ehe zu finden. Die
-Lektüre ist sehr unterhaltsam, und das versöhnliche Ende entlässt den
-Leser mit der Hoffnung, dass auch diese Gebiete der Frauenbewegung noch
-ihre Zukunft haben«.
-
- Gebt uns die Wahrheit!
-
- Ein Beitrag zu unserer Erziehung zur Ehe
-
- Von
-
- Else Jerusalem-Kotányi
-
- 2. Auflage Preis M. 2.--
-
-»#Gebt uns die Wahrheit#« #ist eine moderne ars amandi im edelsten
-Sinne des Wortes, noch mehr#, es ist das beste Buch, das je eine Frau
-geschrieben hat.«
-
- Viktor A. Reko in den »Internationalen Litteraturberichten.«
-
-An Stelle der übrigen zahlreichen Kritiken, die »Gebt uns die Wahrheit«
-durchaus günstig besprachen, sei hier der Verfasserin Selbstanzeige aus
-der »Zukunft« wiedergegeben:
-
-»In der Arbeit, die ich nun dem Leser vorlege, habe ich jenes
-gefährliche Wagestück unternommen, vor dem selbst einem alten
-Teufelskumpan wie dem Doktor Faust heimlich graute: Ich bin zu
-den Müttern hinabgestiegen. Die Mädchenerziehung ist von jeher
-eine heiss umstrittene Frage gewesen. Alle Damen, alle Herren
-haben darüber höchst löblich und leidenschaftslos gesprochen, und
-nur uns selbst, den Hauptpersonen in dieser beliebten Farce, wurde
-jede selbständige Willensregung einfach abgeschnitten. Wir blieben
-stumme Trägerinnen unserer naiv-sentimentalen Rollen, die uns im
-letzten Akt die notwendige Lustspiellösung bringen mussten. Das
-ist im Grunde einfache Logik der Thatsachen. Ein nach den Regeln
-der Gesellschaft gedrilltes weibliches Wesen vergisst nur zu rasch,
-über sich und seinen Entwickelungsgang nachzudenken. Als junge
-Dame hat sie weit wichtigere Funktionen zu erfüllen, als ihr Innenleben
-einer Betrachtung oder gar einer Kritik zu unterziehen. Auf
-Grund, wie ich kühn behaupten darf, ehrlicher psychologischer
-Forschung versuchte ich, in meinem Buch eine Darstellung jener
-gefährlichen Mischung der äusseren Welterziehung und der geheimen
-Selbstenthaltung zu geben, die später so schädigend auf die
-Entwickelung unserer physischen und psychischen Kräfte zurückwirkt.
-Keine frivole Absicht, nicht die Sucht, mit der Verneinung des
-Althergebrachten modern zu wirken, hat mich dazu bestimmt. Doch das
-Aussprechen gewisser Thatsachen wirkt in unserer, an keuschen ... Ohren
-so reichen Gesellschaft immer weit verletzender als deren Ausübung.
-Ist einer von uns ein unangenehmes Abenteuer passiert, so breitet
-die Welt unter salbungsvollen Reden den fadenscheinigen Mantel ihrer
-Nächstenliebe darüber. Denn das kann jeder Mutter Kind geschehen. Aber
-spricht eine von uns darüber, schreibt sie durchlebte, durchlittene
-Gedankentragödien, die das Leben in tausend und abertausend Fällen
-zur Wirklichkeit macht, gar nieder, dann giebt es Skandal -- und die
-Steine fliegen. Denn da ist man wohl sicher: Das braucht wirklich
-nicht jeder zuzukommen. Möge denn das Büchlein seinem Schicksal
-entgegengehen; vielleicht wird mein eigenes Geschlecht zuerst wider
-mich aufstehen; auch jene ganz Reinen, für die es in lichterfüllten
-Stunden niedergeschrieben wurde.«
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription:
-
-Der Text wurde originalgetreu beibehalten, außer folgenden Änderungen:
-
- S. 61 "zn" wurde durch "zu" ersetzt.
- S. 100 Das Gedicht wurde eingerückt.
- S. 128 Das Gedicht wurde eingerückt (im Original ohne Einrückung).
- S. 176 "Strafe" wurde durch "Straße" ersetzt ("...nackt auf die
- Straße geworfen").
- S. 184 hinter "Dirnen" wurde ein Punkt eingefügt.
- S. 203 vor "umsonst einkauffen" wurde ein Anführungszeichen
- eingefügt.
- S. 203 "Liebhhaber" wurde zu "Liebhaber" geändert.
- S. 266 "nnd Salome" wurde geändert zu "und Salome".
- S. 275 "Brandt" wurde zu "Brant" geändert ("...wie Brant im
- Narrenschiff sagt").
- S. 309 "panis porciuso" wurde in Kursivschrift gesetzt.
- S. 321 "Armel" wurde durch "Ärmel" ersetzt.
- S. 324 In Fußnote 6 (Kapitel "Kleidung") wurde ein Komma
- in "Schultz, Deutsches Leben" eingefügt.
- S. 334 hinter "Perlen?" wurde eine schließende Klammer eingefügt.
-
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Das Geschlechtsleben in der Deutschen
-Vergangenheit, by Max Bauer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GESCHLECHTSLEBEN IN DER ***
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