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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Das Geschlechtsleben in der Deutschen Vergangenheit - -Author: Max Bauer - -Release Date: October 18, 2015 [EBook #50248] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GESCHLECHTSLEBEN IN DER *** - - - - -Produced by poor poet and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - - - - - - - - -Anmerkungen zur Transkription: Kursivschrift wurde markiert mit "_", -gesperrte mit "#". Fettdruck wurde markiert mit "+". Doppelte -Unterstreichungen wurden mit "~" dargestellt. Hochgestellte Zeichen -(superscripts) wurden mit "^" gekennzeichnet. - -Ein Verzeichnis der vorgenommenen Änderungen befindet sich am Ende -des Textes. - - - - - DAS - - GESCHLECHTSLEBEN - - IN DER - - DEUTSCHEN - VERGANGENHEIT - - VON - - MAX BAUER - - LEIPZIG 1902 - HERMANN SEEMANN NACHFOLGER - - Alle Rechte vom Verleger vorbehalten! - - - - -Zum Geleit. - - -Einen kurzen, nur die behandelten Themen erschöpfenden Abriss des -Geschlechtslebens der deutschen Vorzeit zu geben, ist der Zweck der -vorliegenden Arbeit, die kein Lehrbuch, sondern hauptsächlich eine auf -wissenschaftlicher Grundlage fussende Abhandlung über eine Materie -sein will, der alle für jung und alt geschriebenen Kulturgeschichten -ängstlich aus dem Wege gehen. - -Für den ernsten Laien ist mein Werkchen bestimmt, für den gebildeten -Mann und die reife, denkende Frau, denen es »ein herrliches Ergötzen, -sich in den Geist der Zeiten zu versetzen«, auch dann, wenn dieser -Geist düstere Bilder zeitigt, auf die unsere vielgeschmähte Gegenwart -mit Schaudern zurückblickt. - -Manch kerniges Wort ist in den nachfolgenden Blättern gesprochen, doch -nur, wenn es der Stoff erforderte. Gar mancher wird sich darob -entsetzen und entrüsten, aber: »Niemand lügt so viel, als der -Entrüstete,« sagt Friedrich Nietzsche -- und ich glaube, er hat recht! - -#Friedenau#, September 1902. - -+Max Bauer.+ - - - - -INHALT. - - - Seite - - Das frühe Mittelalter 1 - - Das Leben auf dem Dorfe 51 - - Die Klöster 74 - - Beilager und Ehe 89 - - Die feile Liebe 133 - - Das Badewesen 215 - - Tanz und Spiel 265 - - Das Schönheitsideal 304 - - Die Kleidung 318 - - Liebeszauber und Zauberliebe 339 - - - - -Das frühe Mittelalter. - - -An einer dem Urwalde abgerungenen Stelle, die ein Bächlein -durchrieselt, dessen Ufer Blumen schmücken und Weiden beschirmen, -liegt das Gehöft des Germanen. Wiesen mit vereinzelten Bäumen und -Felder von bescheidener Ausdehnung, bestellt mit der Brotfrucht oder -Gerste, um den Trank des Hausherrn daraus zu brauen, oder dem -gelbblühenden Hanf, aus dessen Fäden die Hausfrau manch Gewand zu -wirken weiss, umschliessen die Baulichkeiten bis an die Grenze des -Waldes hin, dessen breitästige Riesen ihre Schatten auf die wogenden -Halme werfen. Waldesnähe war Notwendigkeit für den Urdeutschen, denn -der gewaltige Wald war geradezu Lebensbedingung für ihn. Aus seinen -Stämmen zimmerte er das kunstlose, schirmende Dach; seine harzreichen -Äste und das Reisig gaben der fensterlosen Halle Licht und Wärme im -rauhen Herbste; die aus Waldesstämmen geschnittenen Pallisaden und der -aus biegsamen Zweigen geflochtene Zaun hielten das Raubzeug von dem -Einbruch in des Herrn Herden ab, wenn Schnee und Eis die Erde deckte -und der Hunger die Tiere den menschlichen Behausungen zutrieb. Die aus -seinen Scheiten genährten Essen verflüssigten das Erz, aus dem der -Germane die Schutz- und Trutzwaffen schmiedete, wie die Werkzeuge für -das Feld: Sichel und Sense. Im Waldesdickicht barg sich das Wild: -Hirsch, Reh, Elen, Ur, das Schwarzwild, Meister Petz und anderes -Getier, dessen Jagd des Mannes Herzensfreude war, und das ihn und die -Seinen mit Fleisch und wärmendem Rauchwerk zur Kleidung versorgte. Aus -Waldesdüster stieg vom Opfersteine der Rauch gen Walhalla auf; an -entlegenen, schwer zugänglichen Stellen hauste einsam die Seherin, -»die weit und breit für ein göttliches Wesen galt«[1], durch dessen -Mund die Götter in seltsam gefügter Rede sprachen, ihren Willen -kundgaben, lobten oder tadelten, verhiessen oder verdammten, die -Prophetin, verehrter als der Oberpriester, als der erkorene Herr und -Führer in Frieden und Kampf, sie #das heilige Weib#! - -[1] Tacitus, Germania, § 8. - -Denn »der Germane schreibt dem Weibe eine gewisse Heiligkeit und -prophetische Gabe zu«[2]. Darum war ihm auch heilig die Frau, die er -an seinen Herd genommen, heilig das Weib des Nachbarn und unantastbar, -wie die eigenen Töchter. Nur den Feind traf er tödlich damit, dass er -nach erfochtenem Sieg dessen Weiber seinen Lüsten opferte. »Die -frouwen sie nôtzogeten, Und die megde wol getan« heisst es noch -Jahrhunderte später von den Weibern einer erstürmten Stadt. Aber auch -das Gegenteil lässt sich bezeugen. Als König Rudolf 925 die Stadt Auga -(Eu) erstürmte, in die sich die Normannen unter Rallo geworfen hatten, -wurden alle Männer niedergemacht, die Frauen aber unberührt gelassen. -Gleiche Schonung hatte früher Totila den Neapolitanerinnen und -Römerinnen bewiesen, und als ein vornehmer Gote sich eine -Ungebührlichkeit gegen ein neapolitanisches Mädchen erlaubt hatte, -liess er ihn trotz allgemeiner Verwendung hinrichten und sein Vermögen -jenem Mädchen geben.[3] Also auch im Kriege bewahrten deutsche Stämme -die Achtung vor den Frauen. - -[2] Tacitus a. a. O. § 8. - -[3] Karl Weinhold, Die deutschen Frauen in dem Mittelalter, I. 218 ff. - -Dem Germanen, dem rauhen Sohne eines unwirtlichen Landes, galt eben -sein Weib als die Gefährtin seines Lebens, eins mit ihm in Freud und -Leid, die für ihn schaffte, für ihn sorgte, ihn pflegte, wenn er siech -darniederlag, seine Wunden verband und sie mit geheimnisvollen -Sprüchen zu heilen suchte; die er dafür mit seinem Leibe schützte, für -die er starb, wenn es das Geschick erforderte, gleichwie sie selbst -den Tod der Ehrlosigkeit vorzog. Ihre Gemeinschaft war ernst und -unverbrüchlich, kein loses Spiel, wie bei vielen kulturell höher -stehenden Völkern jener Epoche, die in der Frau nur den Gegenstand zur -Befriedigung der Lüste, oder die tief unter dem Manne stehende -Sklavin, im günstigsten Falle das zur Fortpflanzung nötige Werkzeug -sahen. Nimmt es da wunder, wenn #Cornelius Tacitus#, der erste, dem -wir sichere Kunde von germanischen Sitten und Gebräuchen verdanken, -der elegante Römer, das leichtlebige Kind der Weltkloake Roma mit -ihren marklosen Männern, ihren entarteten Weibern, bei denen der -Ehebruch zum guten Ton gehörte, deren abgestumpfte Nerven nur die -raffinierteste Wollust reizte, in Germanien und der unverfälschten -Natürlichkeit seiner Eingeborenen eine neue Welt, ein Utopien zu sehen -glaubte, das er seinen Landsleuten nicht genug preisen konnte. »So -lebt denn das Weib dahin, unter der Obhut reiner Sitten, nicht -verderbt vom Sinnenreiz lüsterner Theaterstücke, noch durch -wollustreizende Gelage. Geheimen Verkehr durch (Liebes-) Briefe kennt -weder Mann noch Frau. Ehebruch ist unter diesem doch so zahlreichen -Volke äusserst selten. Seine Bestrafung ist schnell, und dem Ehemanne -überlassen. Mit abgeschnittenem Haar, nackt, und in Gegenwart der -Verwandten, stösst der Gatte die Schuldige zum Hause hinaus und -peitscht sie durch das ganze Dorf. Auch die preisgegebene -Jungfräulichkeit findet keine Verzeihung. Nicht Schönheit, noch -Jugend, noch Reichtum gewinnt ihr einen Mann. Denn dort freilich lacht -niemand des Lasters; verführen und verführt werden nennt man nicht -Zeitgeist. Besser, wenigstens bis jetzt noch, steht es mit einem -Lande, wo nur Jungfrauen in die Ehe treten und wo es mit der Hoffnung -und dem Gelübde der Gattin ein für allemal abgethan ist. So erhalten -sie nur den einen Gatten, gleichwie sie Leib und Leben nur einmal -empfingen, damit in Zukunft kein Gedanke über ihn hinaus, kein -weiteres Gelübde sich rege, damit Liebe nicht sowohl zum Ehemanne, als -zum Ehebunde sie beseele.«[4] - -[4] Tacitus a. a. O. § 19. - -Nur das reine Weib hatte Geltung bei den Germanen. Der auf uralten -Rechtsgrundsätzen sich aufbauende Sachsenspiegel, das sächsische -Landrecht, niedergeschrieben im 13. Jahrhundert, vertritt die -Anschauung, dass ein einmal gefallenes Weib, selbst wenn sie wider -ihren Willen ihre Ehre verloren, nie wieder die Rechte eines reinen -Mädchens erlangen könne.[5] Da den germanischen Jünglingen strenge -Gesetze die Keuschheit bis zur vollendeten Männlichkeit zur Pflicht -machten -- der Umgang mit Weibern galt für den jungen Mann vor -Vollendung des 20. Lebensjahres für eine Schmach[6] -- ebenso wie den -Mädchen, so war der Unmoral nur ein enger Spielraum gegeben. Sexuelle -Ausschreitungen kamen wohl vor, doch dürften sie immerhin als -Ausnahmen zu betrachten sein. - -[5] Der 37. Artikel: Wer eines Mannes ehelich Weib öffentlich behuret, -oder sonst ein Weib oder Magd notzöget, nimpt er sie darnach zur Ehe, -eheliche Kinder gewinnet er nimmermehr bey ihr. (Übers. von Jacob -Friedrich Ludovici 1750.) - -[6] Caesar, De bello gallico, VI. 21. - -Mit der Errichtung von befestigten Dörfern, den Vorläufern der -deutschen Städte, dem engeren Aneinanderrücken ursprünglich weit -voneinander abgelegener Anwesen und dem Eindringen fremder oder aus -der Fremde wieder heimgekehrter Elemente, vollzog sich allmählich eine -Sittenwandlung zum schlechteren, die aber vorderhand noch nicht bis -zum häuslichen Herde vordrang. Die Hausfrau und die Töchter des -Deutschen blieben ebenso keusch und züchtig wie vordem. - -War es erst die römische Invasion und die Rückkehr deutscher Krieger -aus römischen Kriegsdiensten, die manche Unsitte auf deutschen Boden -verpflanzten, manche leichtere Sittenanschauung nach Germanien -eingeführt hatten, die wie stets bei allen Naturvölkern nur zu leicht -Wurzeln fasste und üppig weiterwucherte, so ging auch später die -Völkerwanderung und die mit ihr einbrechenden wilden Horden nicht -spurlos an den Vorfahren vorüber. Auch das Christentum räumte mit -vielem Althergebrachten für immer auf oder entstellte es, wo es galt, -die Gefühle der Bekehrten zu schonen, nach und nach bis zur -Unkenntlichkeit. - -Eine neue, von der alten grundverschiedene Zeit war für Germania -angebrochen. Das Volk, das ein Tacitus als Muster hingestellt, das das -römische Weltreich zertrümmert hatte, war aus dem Naturzustand in die -Kultur eingetreten. Der rauhe Naturmensch, dem bislang Krieg und Jagd -als Um und Auf des Lebens galten, der jede Arbeit, die nicht mit -diesen seinen Herzensneigungen zusammenhing, verachtete und sie den -Frauen und den Sklaven überliess, war zum Edeling oder zum Bauerbürger -geworden, der nun nicht mehr ganz so schalten und walten durfte, wie -damals, wo er als unbeschränkter Gebieter auf seinem Grund und Boden -hauste. Er musste jetzt selbst die Hände rühren und die Oberaufsicht -über sein Eigentum übernehmen. Das mit elementarer Macht sich -verbreitende Christentum erschloss eine neue Gedankenwelt und milderte -vieles von der Rauheit des früheren Sohnes der Wildnis. Die allerorts -entstehenden Klöster wurden zu den ersten und einzigen Bildungsstätten, -aus deren festen, bewehrten Mauern so manche Kunde drang von der -Kunst, seine Gedanken aufzeichnen zu können und sie auf diese Weise -selbst dem Fernen mitzuteilen; dann von Glaubenshelden, die ihre Treue -gegen den Heiland mit dem Leben bezahlt, die für das Christentum den -Märtyrertod erlitten; vom Heiland selbst, seinem Leben, Leiden und -Sterben, und von seiner Mutter, der herrlichsten, edelsten und -erhabensten aller Frauen, der gebenedeiten Jungfrau Maria. In ihr -erstand für den Deutschen neuerdings das göttliche Weib der Germanen, -darum sammelte sich auch in dem Marienkultus die ganze Verehrung, die -der Deutsche einem Weibe zu zollen vermag, in einem Brennpunkte -zusammen, der aber im Gange der Jahrhunderte verblasste, um später -noch einmal, aber weniger intensiv und mit einer Beimischung von -Groteskkomik, als Minne und Minnedienst aufzuleuchten, ehe er für -immer erlöschte. - -Noch war das deutsche Staatengefüge lose aus einer Unzahl deutscher -Stämme zusammengesetzt, die, in nie ruhender Eifersucht einander -befehdend, kaum ein Gefühl der Zusammengehörigkeit kannten. - -Erst dem Heros #Karl dem Grossen#, seiner eisernen Faust, seinem -mächtigen, zielbewussten Willen, der mit unbeugsamer Energie das -für richtig Erkannte durchzusetzen wusste, gelang es, das -Völkerkonglomerat auf deutscher Erde zusammenzuschweissen und zu einer -Einheit, dem römisch-deutschen Reiche, zu gestalten. Karls -staatsmännisches und kulturelles Wirken zu würdigen ist nicht meine -Aufgabe. Hier soll nur der Einfluss erörtert werden, den Karls -Regierung auf das Geschlechtsleben seiner Zeit ausübte. Kaiser Karls -Leben war in dieser Hinsicht nicht einwandsfrei. Wenn er auch am 29. -Dezember 1165 heilig gesprochen und diese Kanonisation von der Kirche -stillschweigend bestätigt wurde, so war Karl durchaus kein Heiliger. -Er war fünfmal verheiratet. Seine erste Frau, die Fränkin Himiltrud, -verstiess er, ebenso die zweite, eine Tochter des Longobardenkönigs -Desiderius, nach der Angabe eines Mönches von St. Gallen deshalb, weil -sie unfruchtbar gewesen. Hildegard, die dritte Gattin, ein Fräulein -aus hohem schwäbischen Adel, zählte erst 13 Jahre, als er sie -heimführte. Sie starb 783 im 26. Lebensjahre, nachdem sie ihm neun -Kinder, darunter Hludoic, seinen Thronerben, geboren hatte. Wenige -Monate nach Hildegards Tode heiratete Karl die Ostfrankin Fastrada, -nach deren Hinscheiden er die Alemannin Luitgard zur Gemahlin nahm, -mit der er schon vor der Verheiratung Beziehungen unterhalten hatte. -Sie war seine letzte rechtmässig angetraute Gattin, und als sie um das -Jahr 800 in Tours starb, wirtschaftete der Kaiser bis zu seinem -Ableben mit Kebsweibern, von denen vier namhaft gemacht werden: -Madelgard, Gersuinda, Regina und Adallinde.[7] - -[7] Einhard, Das Leben Karls d. Gr. Übers. und erl. von H. Althof, -S. 42 ff. - -Karls sinnliche Natur vererbte sich auf seine Töchter, von denen -Einhard schreibt: »Obwohl diese Töchter sehr schön waren und von ihm -überaus geliebt wurden, wollte er wunderbarerweise keine von ihnen -einem der Seinen oder einem Fremden zur Ehe geben; er behielt sie -vielmehr alle bis an sein Ende in seinem Hause und sagte, er könne den -näheren Umgang mit ihnen nicht entbehren. Aber deswegen musste er, -sonst so glücklich, die Abgunst des Schicksals erfahren, was er sich -jedoch so wenig merken liess, als ob in Bezug auf seine Töchter -niemals irgend ein Verdacht der Unkeuschheit sich erhoben, niemals das -Gerücht hiervon sich verbreitet hätte.«[8] Dieses Gerücht bestand in -der That und stützte sich auf Thatsachen. Alkuin, des Kaisers Ratgeber -und Freund, warnte seine Schüler vor den »gekrönten Tauben, die -nächtlich durch die Pfalz fliegen.« Die Folgen der Lasterhaftigkeit -liessen nicht auf sich warten. - -[8] Einhard a. a. O. S. 45. - -Bertha, aus des Kaisers Ehe mit Hildegard, hatte vom gelehrten Dichter -Angilbert zwei Söhne. Diese Bertha ist die Urheberin der reizenden -Sage von dem treuen Liebespaare Eginhard (Einhard) und Emma (Imma), -nach welcher Emma ihren Geliebten, während dessen nächtlichem -Besuche Schnee im Schlosshofe gefallen war, der durch die in ihm -hinterlassenen Fusstapfen des Geliebten Fortgehen hätte verraten -müssen, auf ihrem Rücken zu seiner Wohnung trug. Der Kaiser, den -Schmerzen auf seinem Lager wachhielten, sah dies, und gerührt von so -viel Liebe, gab er dem Paare seinen Segen. »Offenbar hat die -geschäftig webende Sage hier einen anderen Günstling und vertrauten -Rat Karls, den gelehrten Angilbert, mit Einhard verwechselt. Letzterer -hatte allerdings eine vornehme Jungfrau von trefflichem Charakter und -hervorragender Bildung, Namens Imma, zum Weibe, mit der er bis zum -Jahre 836 in glücklichster Ehe lebte, doch war er sicher nicht Karls -Schwiegersohn, da der Kaiser eine Tochter Imma unseres Wissens nicht -hatte.« - -Berthas Schwester Hruotrud, in Hofkreisen Columba genannt, hatte mit -dem Grafen Rorich von Maine einen Sohn, und die anderen Töchter Karls -waren ebenso leichtfertig, wie die erwähnten. Das grössere Leben -Ludwigs des Frommen, Karls Nachfolger, erzählt, das Treiben, das seine -Schwestern im väterlichen Hause führten, habe Ludwigs Sinn, obgleich -er von Natur milde war, schon lange geärgert. Bald nach seiner -Thronbesteigung habe er daher den ganzen, sehr grossen weiblichen -Tross mit Ausnahme der geringen Dienerinnen aus dem Palaste schaffen -lassen, und seine Schwestern veranlasst, sich auf die ihnen vom Vater -bestimmten oder von ihm selbst verliehenen Klöster zurückzuziehen.[9] - -[9] Einhard, a. a. O. S. 45 Anmerkung 3. - -So gerne Karl in der eigenen Familie beide Augen zudrückte -und geflissentlich übersah, was allgemein offenkundig war, so -unnachsichtlich zeigte er sich gegen die öffentliche Unsittlichkeit. -Aus Paris z. B. suchte er alle öffentlichen Mädchen zu vertreiben. Die -Dirnen sollten, falls man sie bei der Ausübung ihres Gewerbes -ertappte, gestäupt werden. Wer ihnen Vorschub geleistet oder ihnen -Obdach gegeben, sollte sie auf dem Rücken zum Richtplatze tragen. Der -Erfolg dieses Erlasses war ganz belanglos, denn die »verliebten -Weiber« -- filles folles de leurs corps -- trieben ihr lichtscheues -Handwerk offen und im geheimen nach wie vor und vermehrten sich wie -die Wasserpest. - -Gegen die auch in Deutschland immer mehr um sich greifende -Sittenlockerung konnte oder wollte Karl nicht einschreiten, vielleicht -schon deshalb nicht, weil sie in erster Linie bei dem an Gut und Macht -vielvermögenden Adel zuerst und am auffallendsten zum Vorschein kam. -Zu jedem der festen Häuser, aus denen sich die Burgen entwickelten, -gehörten die Genitia, ursprünglich Werkstätten, in denen hörige und -freie Dienerinnen unter Aufsicht der weiblichen Herrschaft die Stoffe -für die Kleidung herzustellen, zu sticken, weben, waschen, kochen, -kurz alle weibliche Hand- und Hausarbeit vorzunehmen hatten. -Diese Genitia oder Frauenhäuser waren von dem Hauptgebäude, der -Herrenwohnung, streng geschieden und mit Zäunen, Wall, Graben und -Wachttürmen gegen fremde Eindringlinge wohl verwahrt. In diesen -Frauenhäusern befanden sich auch die Schlafräume nicht allein der -Mägde sondern auch der weiblichen Familienmitglieder, ein Grund mehr, -sie zu sichern, besonders das vordere Abteil der Genitia, in dem die -Angehörigen des Hausherrn nächtigten, während das Hinterhaus die -Dienerschaft beherbergte. Nach dem alten alemannischen Rechte wurde -die Notzucht an einer Insassin des Vorderhauses mit sechs Schillingen, -an einer des Hintergebäudes mit nur drei Schillingen geahndet. Jedes -der Häuser der Grossen und jeder Meierhof besass solch Frauenhaus oder -#Bordell#, nach dem angelsächsischen Bord, Schwelle, benannt. Die -anrüchige Nebenbedeutung kam erst viel später in Gebrauch. Diese -Frauenhäuser galten bald mit Fug und Recht für die Harems ihrer -Besitzer,[10] da damals, bis tief in das Mittelalter hinein, die -Frauen und Töchter der Unfreien im vollsten Sinne des Wortes die -Leibeigenen ihrer Herren waren. Die Allgewaltigen besassen das Recht -auf Leben und Tod über ihre Hörigen, die nur als Wertobjekte galten, -über dessen Vermietung, Verkauf oder Verpfändung der Besitzer -nach Gutdünken zu verfügen vermochte. Da der Wille des Herrn -unverbrüchlichen Gehorsam bedingte, so wehrte keine Schranke seinen -sinnlichen Gelüsten; er durfte verlangen und war der Gewährung sicher. - -[10] Scheible, Das Kloster, VI. - -Zu den Herrenrechten des Feudalen gehörte auch die Erteilung der -Eheerlaubnis für seine Unfreien. Er durfte jeden Mann, sobald er das -18., und jedes Mädchen, das das 14. Lebensjahr erreicht hatte, zur Ehe -zwingen, ebenso verwitweten Gutsleuten eine neue Ehe mit der ihnen -zugeteilten Braut aufnötigen. Lag es doch in seinem Interesse, recht -viele Ehepaare unter seinen Hörigen zu haben, da sich mit ihrer -Kinderzahl auch sein Besitztum an Seelen vergrösserte, was einem -Vermögenszuwachs gleichkam. Bisweilen hielt er es jedoch für -angebracht, seine Einwilligung zu versagen oder diese von dem _Jus -primae noctis_, nämlich dem Rechte abhängig zu machen, in der ersten -Nacht den Gatten bei der Neuvermählten vertreten zu dürfen, wenn er -nicht ein für allemal dieses Recht auszuüben für gut fand. Wie weit -diese schmachvolle Gepflogenheit in die graue Vorzeit zurückreicht, -ist meines Wissens nicht festgestellt. Doch ist ihr hohes Alter als -wahrscheinlich anzunehmen, da bei der mittelalterlichen absoluten und -rechenschaftsfreien Machtvollkommenheit die Herren nur zu leicht auf -derartige Übergriffe verfallen mussten. Man empfand vielleicht -beiderseits nicht die Erniedrigung, die in der Ausübung und Duldung -dieses schmachvollsten aller Rechte bestand. Im späteren Mittelalter -bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts ist das Bestehen des _Jus primae -noctis_ dokumentarisch festgestellt, trotz aller Ableugnungsversuche, -die z. B. Karl Schmidt in seinem Werke »_Jus primae noctis_« (Freiburg -i. B. 1881) mit recht negativem Ergebnisse zu unternehmen suchte. Aus -der deutschen Schweiz sind zwei Gesetze vom Jahre 1538 und 1543 -überliefert, die haarscharf diese Unmenschlichkeit beweisen. Diesen -Dokumenten einen anderen als den unzweideutig in ihnen ausgesprochenen -Sinn zu unterschieben, wie dies Karl Schmidt unternimmt, liegt keine -Veranlassung vor, ebensowenig wie ich Weinholds Ansicht beipflichten -kann, der mit Osenbrüggen und Gierke jene Bestimmung nur als -Ausdruck »einer symbolischen Anerkennung der Leibherrschaft -durch die scherzhafte Voranstellung und Ausmalung der äussersten -Rechtskonsequenzen« aufgefasst wissen will.[11] Man droht mit »der -äussersten Rechtskonsequenz« nicht, wenn man sie nicht, sei es auch -nur in aussergewöhnlichen Fällen, zur Ausführung bringen will. - -[11] Weinhold a. a. O. I. 301. - -Das eine der erwähnten Schriftstücke, die »Oefnung von Hirslanden und -Stadelhofen« im Kanton Zürich vom Jahre 1538, lautet: »Ouch hand die -burger die rechtung, wer der ist, der uf den gütern, die in den -Kelnhof gehörend, _die erste nacht bi sinem wibe ligen wil, die er -nüwlich zu der ee genommen hat, der sol den obgenanten burger vogt -dieselben ersten nacht bi demselben sinen wibe lassen ligen_; wil er -aber das nüt thun, so soll er dem vogt geben 4 und 3 fl Züricher -pfenning, weders er wil: die wal hat der brugom (Bräutigam), und sol -man ouch demselben brugome ze stür (zur Steuer, Beihilfe) an dem -brutlouf geben ein fuder holtz usz dem Zürichberg, ob er wil an -demselben holtz hat.« Der Tenor des zweiten Gesetzes entspricht dem -eben gegebenen ziemlich genau. Doch nicht die weltlichen Herren allein -beschmutzten sich mit der Ausübung des _Jus primae noctis_, auch die -hohe, grundbesitzende Geistlichkeit machte sich dieses Recht zu nutze --- brachte es doch etwas ein. Nach dem Lagerbuche des schwäbischen -Klosters Adelberg vom Jahre 1496 mussten die zu Bortlingen sesshaften -Leibeigenen dies Recht dadurch ablösen, dass der Bräutigam eine -Scheibe Holz, die Braut ein Pfund sieben Schillinge Heller oder eine -Pfanne, »dass sie mit dem Hinteren darein sitzen kann oder mag« -darbringen musste. Anderwärts hatten die Bräute dem Grundherrn so viel -Käse oder Butter zu entrichten, »als dick und schwer ihr Hinterteil -war«. An anderen Orten wieder mussten sie einen zierlichen -Korduansessel geben, »den sie damit ausfüllen konnten«.[12] Nach den -Schilderungen des bayerischen Oberappellationsgerichtsrats Welsch -bestand übrigens die Verpflichtung der Lösung vom _Jus primae noctis_ -in Bayern noch im 18. Jahrhundert.[13] - -[12] Memmingen, Stälin u. a. »Beschreibung der württemb. Aemter«, -Heft 20. - -[13] Aug. Bebel, Die Frau und der Sozialismus, 29. Aufl., S. 67. - -Im Grunde genommen barg sich unter dem _Jus primae noctis_ nichts -weiter, als eine Erpressung mehr, da es doch dem Bräutigam freistand, -sich mit Geld oder Geldeswert zu lösen. Wenn nun der arme Bauer dieses -Geld nicht aufzubringen vermochte, denn eine Hochzeit kostete ohnehin -auch damals schon viel Geld? Der Bräutigam hatte vor allem die -Eheerlaubnis teuer durch den Erlag eines Zinses oder Übergabe eines -Hemdes oder Felles zu erkaufen. Dem Zins wusste der Galgenhumor -der Zahler recht bezeichnende Namen zu geben. Einige dieser aus -verschiedenen Gegenden stammenden Bezeichnungen waren: Jungfernzins, -Stechgroschen, Bettmund, #Nadelgeld#, Frauengeld, Hemdschilling, -Bumede, Jungferngeld, Schürzenzins, Vogthemd, Bunzengroschen und -andere, mitunter sehr eindeutige, mehr. Dieser Zins war unter allen -Umständen zu erlegen, auch dann, wenn der Herr sein Recht ausgeübt und -damit die Tugend der Braut ramponiert hatte. - -Die zerzauste Tugend machte übrigens schon damals den Herren der -Schöpfung und nicht nur den Bauern allein manchen Kopfschmerz. Und -nicht allein die Mägdelein, sondern auch die Ehegattinnen, ganz -besonders die letzteren, hatten oft unter mehr oder weniger -begründeter Eifersucht zu leiden. Was heutzutage meist Thränen, -Ohnmachten und Beteuerungen durchzusetzen vermögen, bedurfte in jener -kräftiger zufassenden Zeit augenscheinlicher Beweise. Wenn diese nicht -auf gewöhnlichem Wege herbeizuschaffen waren, so griff man, dem -bigott-abergläubischen Zeitgeiste entsprechend, zu dem #Gottesurteil#. -Häufig war es die angeschuldigte Frau selbst, die zu ihrer -Rechtfertigung einer Ordalie unterzogen zu werden begehrte. So die -Frau Karls des Dicken (881-887), die, des Ehebruches bezichtigt, durch -das Gottesurteil nicht allein zeigen wollte, dass sie keine -Verbrecherin, sondern dass sie trotz zwölfjähriger Ehe noch immer -Jungfrau sei: »_Das_ (ihre Unberührtheit) _bewerte sü domitte, dass sü -ein gewihset Hemede ane det und domit in ein Für_ (Feuer) _gieng und -blieb unversert von dem Für_«, schreibt der Chronist Twinger von -Königshofen. Das ganze Mittelalter hindurch waren Ordalien nahezu das -einzige, jedenfalls aber das unfehlbarste Mittel, die eheliche Treue -_ad oculos_ zu demonstrieren. - -Zwei Hauptarten der Gottesurteile waren im Schwange: die Feuer- und -die Wasserprobe. Bei der Feuerprobe hatte die Beschuldigte die blosse -Hand ins Feuer zu halten und unbeschädigt wieder herauszuziehen. War -die Hand versengt, so wurde sie verbunden und der Verband nach einer -gewissen Zeit gelöst. Waren die Wunden verheilt, so bewies dies die -Unschuld. Weitere Abarten des Feuerordals waren: Mit einem mit Wachs -durchtränkten Hemd bekleidet den Scheiterhaufen zu durchschreiten, wie -Karls Gattin that; mit blossen Füssen über glühende Pflugscharen zu -wandeln oder diese eine angegebene Strecke weit zu tragen. Kaiserin -Kunigunde, Heinrichs II. (1002-1024) Gattin, unterzog sich dieser -letzteren Probe, die übrigens schon aus den Sophokleischen Tragödien -her bekannt ist. - -Die Wasserprobe fusste auf dem Grundgedanken, dass das reine, heilige -Wasser nichts Sündhaftes in sich dulde. Sank daher das gebundene -nackte Weib unter, so war es schuldlos; blieb es auf dem Wasserspiegel -schwimmen, dann war seine Schuld zum Beweis erhoben. Jahrhunderte -später gewannen diese Wasserproben, deren Ausgang ganz in der Hand des -Fesselnden lag, eine hohe Bedeutung bei den Hexenverfolgungen. - -Eine dritte, aber seltener geübte Art der Gottesurteile waren die -Zweikämpfe zwischen der Angeklagten und ihrem Ankläger. Der -Kraftunterschied zwischen Mann und Weib fand dadurch seinen Ausgleich, -dass der Mann bis zum Gürtel in einer Grube stehend die Angriffe der -mit einem enganliegenden trikotartigen Anzuge bekleideten Frau -abzuwehren hat. In »Talhoffers Fechtbuch«, der Bilderhandschrift von -1467 auf der Gothaischen Bibliothek, bekämpft die Frau ihren -Widersacher mit einem Schleier, in dem sie einen vier- bis -fünfpfündigen Stein eingebunden hat. Der Mann ist mit einer Keule -bewehrt, ebenso lang wie der Schleier der Gegnerin. Der Kämpfer steht -»bis an die waichin« in einer Grube, dessen Rand die Frau umkreist. -Nach dem Apollonius vertrat mitunter einer der langen Kleiderärmel den -Schleier.[14] - -[14] - - Diu frowe sol hie ouzen gân, - Einen stein in der stoûchen hân - Mit riemen drîn gepûnden - Swaere pi drîen pfunden - Diu stouche sol sol wesen lînîn (leinen) - Und zweier ellen lanc sîn. - - (Apollonius 20446.) - -Dass alle Ordalien, der Zweikampf vielleicht ausgenommen, mit der -Niederlage der Frau enden mussten, wenn alles mit rechten Dingen -zuging, liegt auf der Hand -- soferne das schwache Geschlecht in -seiner ererbten Schlauheit nicht Mittel und Wege gefunden hätte, den -Herren der Schöpfung ein Schnippchen zu schlagen. Sie mogelten bei den -wohlvorbereiteten Gottesurteilen nach Herzenslust, und lachten -hinterher die dummen, leichtgläubigen Männer weidlich aus. An Gehilfen -bei dem Betruge fehlte es nicht, wenn nur Geld genug vorhanden war, -die Helfer zu erkaufen. - -Gottfried von Strassburg gibt im »Tristan« unumwunden den Schwindel -zu, den die holde Isolde, seine Heldin, bei einem Gottesurteil ausübt. -Isoldchen, bekanntlich kein Tugendspiegel, soll zur Bezeugung ihrer -Unschuld die Feuerprobe bestehen. Sie ist, sehr gerechtfertigter -Weise, mit Tristan, dem Neffen ihres alten Gatten, ins Gerede -gekommen, und muss nun, um die bösen Mäuler zu stopfen und ihrem -Gatten den Glauben an ihre eheliche Treue wiederzugeben, eine Ordalie -bestehen. Klein-Isoldchen hat gewichtige Gründe, alle Vorsicht walten -zu lassen, denn es ist bei ihr sehr viel faul im Staate Dänemark. Sie -weiss sich aber zu helfen. Vor der Probe verteilt sie mit beiden -Händen reiche Geschenke an Gold, Silber und Edelsteinen »um Gottes -Huld«, das heisst an die die Feuerprobe leitenden Geistlichen, die -sich solchen Gaben gegenüber nicht undankbar erweisen dürfen. Sie -wissen die Sache so fein einzufädeln, dass die Ehebrecherin die Probe -tadellos besteht und in ihrer »bewiesenen« Fleckenlosigkeit nun aufs -neue nach Herzenslust sündigen kann. Sie weiss ja, dass bei einem -neuerlichen Gottesurteil ihr die früheren Helfer wieder aus der -Patsche helfen werden. - -Einen weiteren Einblick in den Gottesurteil-Schwindel gestattet das -Gedicht eines unbekannt gebliebenen mittelhochdeutschen Dichters, das -Hans Sachs als Vorlage für sein Fastnachtsspiel »Das heisse Eisen« -benützte. Eine Frau zwingt ihren Mann auf Veranlassung der Gevatterin, -»die ist sehr alt und weiss sehr viel«, seine eheliche Treue durch das -Tragen eines »heiss Eysen« zu beweisen. Der Gatte willfahrt scheinbar -dem Wunsche seiner Gattin. - - »Ja Frau, das will ich gerne thun! - Lass die Gevatt'rin kommen nun, - Dass sie das Eisen leg in's Feuer, - Ich wage frisch das Abenteuer. - Purgieren will ich mich für's Leben, - Die Gevatterin soll Zeugniss geben.« - -Der Schlauberger zieht dabei verstohlen einen Holzspan aus dem Ärmel -in die Handfläche, auf den er das Eisen derart legen kann, dass es -nirgend mit der Haut in Berührung kommt. Natürlich besteht er die -Probe glänzend, weshalb er, nun den Spiess umkehrend, auch seinerseits -die Tugendprobe von seiner Frau begehrt. Winselnd sinkt diese auf die -Knie und gesteht, in die Enge getrieben, dass sie zuerst mit dem Herrn -Kaplan in sträflichem Verkehr gestanden, den erst #ein# Mann, dann -wieder einer, schliesslich nach und nach ein ganzes Dutzend abgelöst -haben. Die würdige Frau, der »St. Stockmann« als unentrinnbarer -Schutzpatron winkt, fasst nach ihrer Beichte unversehens das -inzwischen erkaltete Eisen an, verbrüht sich aber daran, ein Zeichen, -dass sie noch immer nicht die ganze Wahrheit gestanden hat, und rennt -scheltend ab.[15] - -[15] Hans Sachs, Ausgew. dramatische Werke, übers. v. K. Pannier, S. -123 ff. Schimpf und Ernst v. Bruder Joh. Pauli, ibid. Nr. 108 S. 84 -ff. - -Das von Karls eiserner Faust zusammengeschweisste Weltreich -zersplitterte unter seinen schwachen Nachfolgern in jenes -Staatengemengsel, dem erst das 19. Jahrhundert ein Ende machte. Karls -Schöpfungen teilten das Schicksal seines Staates. Nur in den Klöstern -glimmte der von Karl angefachte Funke des Bildungsbedürfnisses unter -den Insassen fort. - -Die Weltabgeschiedenheit, die von dem ewigen Einerlei gezeugte -Langeweile liessen wohl auch manche, sonst nicht gerade wissensdurstige -Mönche oder Nonnen zu den Büchern greifen, neben Reliquien, Messgeräten -und Kultgewändern die kostbarsten Besitztümer der Stifte und Klöster. -Und wohl ihnen, wenn sie Gefallen an dieser Beschäftigung fanden, die -sie von weit sündhafterem Treiben abhielt, als es selbst die über alle -Massen schlüpfrige Mönchslitteratur, das Singen und Abschreiben von -weltlichen Liedern, den »winileodes«, war, das Karls Kapitular von -789 verpönte, oder das Studium der erotischen Stücke eines Plautus -oder Terentius und anderer die Sinne erregender klassischer -Schriftsteller. Denn auch in dieser Epoche liess die Sittenreinheit -der Klostergeistlichkeit schon vieles zu wünschen übrig. Durch die -Kapitularien Kaiser Karls ist erwiesen, dass manche Nonne ein -vagierendes Leben führte, sich rückhaltslos, sogar gegen Entlohnung, -hingab, und etwaige Folgen dieser Liebschaften durch Verbrechen -beseitigte. - -Der Wortlaut eines der zahmsten dieser Kapitularien (v. J. 802) ist -folgender: »Die Frauenklöster sollen streng bewacht werden, die -Nonnen dürfen nicht umherschweifen, sondern sollen mit grösstem -Fleiss verwahrt werden, auch sollen sie nicht im Streit und Hader -untereinander leben, und in keinem Stücke den Meisterinnen und -Äbtissinnen ungehorsam oder zuwider handeln. Wo sie aber unter eine -Klosterregel gestellt sind, sollen sie diese durchaus einhalten. Nicht -der Hurerei, nicht der Völlerei, nicht der Habsucht sollen sie dienen, -sondern auf jede Weise gerecht und nüchtern leben. Auch soll kein Mann -in ihr Kloster eintreten u. s. w.« - -Ebenso verbot Karl, die Mönchsklöster in allzu bequemer Nachbarschaft -der Nonnenklöster anzulegen -- er hatte Gründe dafür. - -Aber nicht nur die Nonnen aus niederem Stande setzten sich über die -Klosterregeln hinweg, auch solche aus den höchsten Kreisen brachen ihr -Gelübde, wenn sich Gelegenheit bot. Wiederholt finden sich in den -Chroniken vornehme Klosterschwestern, die sich entführen lassen, oder -der Klausur entfliehen, um zu heiraten. Wer mächtig war, durfte -hoffen, nachträglich die Genehmigung des Ehebundes durch den Kaiser -und durch dessen Vermittlung auch die des Papstes zu erlangen. -»Hadburg, die erste Gemahlin König Heinrichs, war eine Nonne, um die -er als Herzog förmlich warb, die er sich nach alter Weise im Ringe der -Seinen vermählte, als Herrin seines Hofes feiern liess und gegen die -Angriffe der Kirche behauptete. Herzog Miseco von Polen, durch seine -erste Gemahlin bekehrt, erwies sein junges Christentum nach deren Tode -dadurch, dass er um 977 eine deutsche Nonne (Oda) aus ihrem Kloster -entführte und heiratete.«[16] - -[16] Gustav Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 26. -Aufl., I. 371. - -Selbst in den sittenreinsten Klöstern dachte man im Zeitalter Karls -und seiner Nachfolger sehr frei, wofür die Dramen #Roswithas von -Gandersheim# Beweise erbringen, jener vielseitigen, hochgebildeten -Nonne, mit der der lange Reigen der deutschen Schriftstellerinnen -anhebt. »Der singende Mund von Gandersheim« (_clamor validus -Gandeshemensis_) lebte und dichtete um die Mitte des 10. bis zu Anfang -des 11. Jahrhunderts. Die Dichterin entnahm ihre Stoffe der -Heiligengeschichte, die sie in einer dem Terenz nachgeahmten -Form dramatisierte. Mit Vorliebe erhitzt sie ihre Phantasie an -sinnlichen Vorwürfen, die stellenweise durch die behaglich-breite -Detailschilderung von einer Vorurteilslosigkeit zeugt, von der sie ihr -letzter Übersetzer trotz aller aufgewandten Mühe nicht völlig -reinzuwaschen vermag.[17] In ihrem dritten Stücke »Die Auferweckung -der Drusiana und des Calimachus« dringt der letztere, ein schöner -heidnischer Jüngling, in die kaum geschlossene Gruft »und sucht in dem -Marmorbette des Leichnams die Umarmung, welche ihm Drusiana lebend -versagte«. Eine Schlange verhindert rechtzeitig die Leichenschändung. --- Etwas viel auf einmal für eine schriftstellernde Himmelsbraut! In -dem Drama »Fall und Busse Marias, der Nichte des Einsiedlers Abraham« -führt uns Roswitha in ein Bordell; in »Die Bekehrung der Buhlerin -Thais« schildert sie realistisch ein Freudenmädchen; im »Dulcitius« -sollen die drei christlichen Jungfrauen Agape, Chionia und Irene wegen -ihrer Standhaftigkeit im Glauben römischen Soldaten preisgegeben -werden, nachdem Dulcitius vergeblich versucht hat, seine Begierden an -ihnen zu stillen, und dieses alles und noch mehr trägt Roswitha mit -frommem Augenaufschlag vor -- _ad majorem Dei gloriam_ --. Zur Ehre -der Dichterin, die sich eines kraftvollen, aber barbarischen -Mönchslateins bediente, sei angenommen, dass sie ihre Stoffe nach -schriftlich vorliegenden Vorbildern formte, nichts Selbsterlebtes in -ihre Darstellungen verflocht. Aber mussten nicht derartige Scenen -selbst die reinste Phantasie mit unzüchtigen, dem Gelübde der -Keuschheit diametral entgegenstehenden Bildern füllen und sie zu -weiterer Ausspinnung reizen? Die müssiggängerischen Nönnchen hatten so -unendlich viel Langeweile, wie sie oft selbst gestehen, dass sie sich -wohl recht oft an den Dramen der Gandersheimerin ergötzt und die darin -geschilderten Vorkommnisse recht ausführlich durchgesprochen haben -mögen..... - -[17] Die Dramen der Roswitha von Gandersheim. Übersetzt und gewürdigt -von Ottomar Pilz. Leipzig o. J. - -Vom 12. Jahrhundert an datiert der geistige und materielle Aufschwung -des deutschen Volkes, das ganz allein aus sich heraus erstarkte. Der -Handel, das Handwerk und auch die, wenn auch nur auf eine engbegrenzte -Menschenklasse, namentlich die Klosterleute und die aus den -Klosterschulen Hervorgegangenen sich erstreckende Bildung, hoben sich -zusehends, erweiterten den Gesichtskreis, schufen neue Lebensformen -und mit ihnen neue Bedürfnisse. Das altgermanische Kriegertum, die -Freude an Fehde und Jagd, das dem Adel noch immer durch die Adern -pulsierte, dessen Andenken die unverklungenen, Begeisterung -anfachenden Heldensagen wachhielten, gewann eine neue, modernisierte -Gestalt im #Rittertume#, dessen romanische Urformen bald stark -mit echt deutschem Geist durchsetzt waren, der manchen welschen -Firlefanz noch vergröberte, um namentlich im #Minnedienst#, einem -Hauptbestandteile des Ritterwesens, tief unsittliche Formen zu -schaffen, die gleich vergiftend auf beide Geschlechter wirkten, -besonders aber den Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft, die -Ehe, untergruben. Die, gleichviel ob real oder platonisch Geliebte -galt alles, die eigene Frau nichts. Man schlug sein Weib, wie -Kriemhilde klagt[18], winselte aber zu Füssen der angebeteten Herrin -um die Gunst, die Hand oder den Fuss küssen und den Saum des Gewandes -berühren zu dürfen. »Die Ehe des Ritters, sein Hauswesen, seine -Kinder, seine Familiengefühle, alles holde Behagen der Heimat stand -ganz ausserhalb der idealen Welt, in welcher er am liebsten -lebte.«[19] Des steirischen Ritters #Ulrich von Lichtenstein# -Donquichoterien, sein Zug als Frau Venus im Jahre 1227, in kostbare -Frauengewänder gekleidet, das Haupt mit Schleiern umhüllt, und seine -sonstigen Läppereien, wie das Trinken des Waschwassers seiner Huldin, -die Operation der breiten Oberlippe, das Abhauen eines ihr zu Ehren im -Turnier verletzten Fingers, das Mischen unter widerliche Aussätzige, -das ihm die Laune der excentrischen Geliebten anbefiehlt, sind der -Gipfelpunkt des sich als ritterlichen Minnedienst gehabenden -Blödsinnes. Diese sich bis zum Wahnsinn steigernden Überspanntheiten -der Ritter, ihre Spielereien, die bandwurmartig anwachsenden Satzungen -umgaben schliesslich das ganze Rittertum mit einem schalen Formelkram, -der stark an die moderne Vereinsmeierei gemahnt, der Geheimbündeleien -des 18. Jahrhunderts gar nicht zu gedenken, denen das Rittertum -vielfach zum Vorbilde diente. - -[18] Nibelungen, 903. - -[19] Gust. Freytag a. a. O. I. 524. - -[20] Scherr, Geschichte der deutschen Frauenwelt, 5. Aufl., I. 177. - -Das ritterliche Gehaben führte schliesslich zu einer allgemeinen -Lüderlichkeit, die selbst dem überzeugten Romantiker Saint-Pelaye den -Stossseufzer entlockte: »Nie sah man verderbtere Sitten, als in den -Zeiten unserer Ritter, und nie waren die Ausschweifungen in der Liebe -allgemeiner«.[20] Jede Modedame musste ihren Ritter haben, der ihre -Farben trug und dem Gemahle ins Handwerk pfuschte. Liebschaften -von Frauen aus hohem Stande mit Unebenbürtigen konnten bei -solchen Anschauungen nicht ausbleiben. Die Strenge Herzog Rudolfs -von Österreich, der 1361 eine Hofdame seiner Frau wegen eines -Verhältnisses mit einem ihrer Diener ertränken liess, steht -anscheinend vereinzelt da. Der österreichische Dichter Heinrich, der -zwischen 1153 und 1163 seine Mahnworte an Pfaffen und Laien richtete, -schilderte den Umgangston der ritterlichen Gesellschaft als roh. Der -Hauptgegenstand ihrer Unterhaltung waren die Weiber. Wer sich rühmen -konnte, die meisten verführt zu haben, galt am höchsten.[21] Der -Ehebruch war alltäglich, wenn auch über seine Verwerflichkeit die -damaligen Dichter einig sind. Aber es war Modesache, Ehebrecher zu -sein, oder wenigstens als solcher zu gelten. - -[21] Weinhold a. a. O. I. 253. - - »Hat ein gutes Weib ein Mann - Und geht zu einer andern dann, - So gleichet er darin dem Schwein. - Wie möcht es jemals ärger sein? - Es lässt den klaren Bronnen - Und legt sich in den trüben Pfuhl. - Gar mancher hat schon so zu thun begonnen.« - -klagt Meister Sperrvogel.[22] Gottfried von Strassburgs unsterbliches -»Tristan und Isolde« ist in seiner Gesamtheit eine Verherrlichung des -Ehebruches, doch gab es, wie wir eben in dem biederben Sperrvogel -sahen, auch Minnesänger, die gegenteiliger Meinung waren. Ein -klarblickender deutscher Dichter des 12. Jahrhunderts gesteht es -unumwunden ein, dass die Damen den Rittern keine Vorwürfe zu machen -berechtigt seien, denn: - - »Der wiber chiusche (Keuschheit) ist entwicht - frowen und riter - Dine durfen nimmer gefristen - We der ir leben bezzer si.«[23] - -[22] Deutscher Minnesang, übertragen v. Bruno Obermann, S. 37 ff. - -[23] Heinrichs »Rede von des Todes Gehügede« in Goedeckes -»Mittelalter«, S. 187. - -Die Lotterei der französischen Ritter, deren Liebeshöfe oftmals in -Orgien ausarteten, bei denen sich verlarvte Mädchen und Frauen -schamlos preisgaben[24], fanden hin und wieder Nachahmung in -Deutschland, wenn sie sich auch nicht so allgemein verbreiteten, wie -in ihrem Mutterlande, wo Liebeshöfe sogar in den Klöstern eine Stätte -fanden. - -[24] De la Curne de Saint-Pelaye, »Das Ritterwesen des Mittelalters«, -deutsch von Klüber, II. 268. - -»Uns ist in einem lateinischem Gedicht die Schilderung eines solchen -Hofes bewahrt, welcher in einem Kloster der Diöcese von Toul an -heiterem Maifest gehalten wurde. Es ist -- wohlgemerkt -- nicht die -zornige Schilderung durch einen Frommen, sondern wohlwollende -Darstellung durch jemand, der dabei war, und der den Vorfall ganz in -der Ordnung erachtet. Die Thüren werden verschlossen, die alten Nonnen -abgesperrt, nur einige verschwiegene Priester zugelassen. Statt des -Evangeliums wird von einer Nonne Ovids »Kunst zu lieben« vorgelesen, -zwei Nonnen singen Liebeslieder. Darauf tritt die Domina in die Mitte, -als Mai gekleidet, in einem Gewand, das ganz mit Frühlingsblumen -besetzt ist, und sagt, Amor, der Gott aller Liebenden, habe sie -gesandt, um das Leben der Schwestern zu prüfen. Vor die Richterin -treten einzelne Nonnen und rühmen die Liebe zu geistlichen Herren, -welche Geheimnisse zu bewahren verstehen; andere loben die -Ritterliebe, aber ihre Auffassung wird von der Maigöttin höchlich -gemissbilligt, weil die Laien nicht verschwiegen und allzu -veränderlich sind. Zuletzt werden die Rebellinnen, welche Ritterliebe -nicht meiden wollen, feierlich im Namen der Venus exkommuniziert unter -allgemeinem Beifall, und alle sprechen Amen.«[25] - -[25] Gust. Freytag a. a. O. I. 373. - -Auch die Kreuzzüge trugen das ihre dazu bei, bisher unbekannt -gebliebene Ausschweifungen aus dem Oriente nach dem Abendlande -zu verpflanzen. Und die gezwungene Strohwitwerschaft eines Heeres -von Frauen, deren Männer unter dem Kreuze fochten, öffnete der -Unsittlichkeit Thür und Thor. Die Männer suchten sich allerdings -der Treue ihrer Gattinnen durch rohe Mittel zu versichern, -deren entwürdigendstes der sogenannte #Keuschheitsgürtel# -(_cingula castitatis_) war. Solche Gürtel werden von den späteren -Schriftstellern häufig erwähnt, sie kommen aber schon im 13. -Jahrhundert vor. In der Bilderhandschrift des Bellifortis von Konrad -Kyeser vom Jahre 1405 ist die Zeichnung eines solchen Gürtels -enthalten; ein Modell eines dieser Instrumente befindet sich im -Museum schlesischer Altertümer in Breslau. Es ist roh aus Eisen -zusammengefügt, während die wirklich verwendeten aus besserem -Material, meist aus Silber oder Gold, gearbeitet waren. - -Bei aller Laxheit der Moral bewahrte doch das durch viele -Generationen vererbte deutsche Sittlichkeitsgefühl vor jenen -allzu tollen Excessen, die in Frankreich auf der Tagesordnung waren. - -Man darf überhaupt im allgemeinen die Sitten der Vorzeit nicht nach -dem heutigen Moralcodex messen. Andere Zeiten, andere Sitten! - -»Die damalige Generation war körperlich gesund und kräftig. Von früher -Jugend an hatten die Männer vor allem ihre Körperkräfte ausgebildet; -viel im Freien lebend, waren sie erstarkt; die fast ausschliesslich -aus scharf gewürzten Fleischgerichten bestehende Kost, der Genuss von -berauschenden Getränken brachte das Blut noch mehr in Wallung; zu viel -Wissen beschwerte ihren Kopf nicht und mit Gewissensskrupeln wusste -man sich abzufinden. Und ebenso vollsaftig und begehrlich sind die -Mädchen aufgewachsen.« Die Schamhaftigkeit im modernen Sinne ist eine -Errungenschaft der verfeinerten und verfeinernden Kultur, die vielen -sonst geistig hochstehenden Völkern abgeht, die ebenso wie die Ahnen -im Mittelalter in absoluter Nacktheit keinen Verstoss gegen die gute -Sitte sehen und erst allmählich zur Moral nach westeuropäischer -Anschauung erzogen werden müssen, denn »das Schamgefühl ist etwas -sekundäres und zwar die Folge, nicht die Ursache der Bekleidung«.[26] -Ist doch sogar zum Teil heute noch den hochentwickelten Japanern unser -mit der Muttermilch eingesogenes Schicklichkeitsgefühl ein fremder -Begriff. Was uns daher im allgemeinen höchst anstössig, im -allergünstigsten Falle noch äusserst naiv erscheint, gehörte in der -Vorzeit zur Alltäglichkeit, die niemandem auffiel, und in der niemand -Übles sah. Man war von Kindsbeinen auf an den Anblick der Nacktheit -gewöhnt -- schlief doch das ganze Mittelalter hindurch alles in -Adamskostüm und bei den beschränkten Raumverhältnissen, meist in einer -grossen Schlafstube die Eltern mit den Kindern, gleichviel ob Knaben -oder Mädchen, zusammen. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, -erscheinen sonst anstössige Stellen in den gleichzeitigen Dichtwerken -wesentlich gemildert, auch dann, wenn wir sie als Geschichtsquellen -gelten lassen, was aber gemeinhin einige Vorsicht nötig macht. Die -_licentia poetica_ wird sich nicht immer haarscharf an Thatsachen -gehalten haben, wenn schon sie aus dem wirklichen Leben ihre Kraft -schöpfte und allgemein herrschende Sittenzustände zur Grundlage ihrer -Schilderungen nahm. Wenn wir daher manches Anstössige auch für -übertrieben halten dürfen, so bleibt doch selbst nach Ausmerzung des -zu Grassen noch genug Bedenkliches übrig, um ein fast abgerundetes -Bild der geltenden Moral zu gewähren, das auf Authentizität Anspruch -erheben darf. Auch die Vergleichung von Parallelstellen bei -verschiedenen Dichtern, die sich gegenseitig nicht beeinflussen -konnten, bestätigt die Richtigkeit vieler wie Fabeln anmutender -Vorfälle. - -[26] Ed. Westermarck, »Geschichte der menschlichen Ehe«. Aus d. Engl. -von L. Katscher und R. Grazer. 2. Aufl. - -Man lebte anders, man dachte anders als heutzutage, man war trotz -aller Sittenroheit reiner im Denken, als in der Gegenwart. Der -Sittenverfall paarte sich häufig mit einer Einfalt, die dem Mangel an -jeglicher Prüderie entsprang. Man war derb, geradeaus, wollüstig, aber -ohne Cynismus und Pikanterie. Es war eben eine Zeit, in der noch -nicht, wie Hippel sagt, eine unnatürliche Mode, die man Tugend nennt, -im Schwange war. - -Gawan, in Wolfram von Eschenbachs unsterblichem Parzival, wird von -Bene, der jungfräulichen Tochter seines Gastfreundes, des Ritters -Plippalinot, zu Bette gebracht und am Morgen beim Aufstehen -bedient.[27] Ein gleiches Vorgehen in den Burgen ist durch zahlreiche -weitere Belegstellen verbürgt. Man war eben naiv genug, in diesen -Dienstleistungen nur die dem teueren Gaste erwiesene Ehrung zu sehen. -Da sich aber Menschennatur mit ihrer Begehrlichkeit in ihren -Grundzügen immer gleich blieb, dürfte es auch nicht immer bei der -platonischen Dienstfertigkeit geblieben sein, was auch Wolfram -andeutet, als er von Plippalinots Töchterlein schalkhaft versichert: - - »Sie hätt' ihm Minne wohl gewährt, - Wenn Minn' er von der Maid begehrt!« - -[27] Parzival 552. 25 ff. - -Den Gast begrüsste die Burgfrau mit einem Kuss.[28] Im Nibelungenlied -heisst Markgraf Rüdeger von Bechelaren seine Frau und Tochter die -Gäste mit Küssen bewillkommnen.[29] Der »blôze ritter« besagt: - - »Sin tohter und sin vrouwen - Hierz er in kussen ze hant.«[30] - -[28] Parzival 405. 15. - -[29] Dieffenbacher, Deutsches Leben im 12. Jahrh., 161 ff. - -[30] Hagen, Gesammtabenteuer, II. 129. - -Vom Küssen zu Handgreiflichkeiten war seit jeher nur ein kurzer Weg. -»Das Mädchen, das sich küssen lässt, geht auch bald ins Bett«, lautet -ein altes Sprichwort, das auch im frühen Mittelalter volle Geltung -besass. Die Mädchen waren meistenteils gar nicht scheu, im Gegenteil, -sie benahmen sich oftmals viel ungezwungener als die Herren. Der reine -Thor Parzival verkriecht sich rasch im Bette, als Jungfrauen zu ihm -ins Schlafgemach kommen: - - »Geschwind sprang der behende Mann - Aufs Bette und deckte sich zu.«[31] - -[31] Parzival 243. 28 ff., 166. 21 ff., 167. 30. Wolfdietrich 1386. - -Alle waren freilich nicht so schamhaft, und es fehlte durchaus nicht -an grobkörnigen Gesellen, denen ebenso jedes Feingefühl mangelte, wie -den vornehmen Damen, mit denen sie es zu thun hatten. Ritter Gawan -betritt kaum die Burg des Königs Vergulaht, dessen jungfräuliche -Schwester Antikonie ihn mit dem Willkommenkuss empfängt, als er ihr -schon mit handgreiflichen Zärtlichkeiten zu Leibe rückt, in welch -löblichem Thun er nur durch den Eintritt eines Ritters unterbrochen -wird.[32] »Diese derbsinnliche Manier, um Liebe zu werben, hat für uns -etwas Anstössiges. Nach den Schilderungen aus der damaligen Zeit -scheint jedoch ein derartiges Benehmen sehr natürlich gefunden worden -zu sein«[33], denn die Frauen kamen allenthalben den Rittern auf -halbem Wege entgegen, ja boten sich nicht selten selbst an, wie der -Kürnberger versichert, oder wie die Tochter des Galagandreiz dem -Lanzelot vom See in Ulrich von Zazikhofens Gedicht, die dem Liebhaber -sogar einen goldenen Ring zum Lohne verspricht. Die tugendhafte Meliûr -schleicht nachts zu dem ihr völlig unbekannten Partonopier, einem -dreizehnjährigen Knaben, und »Sie wurden dô gescheiden Von ir -magetuome«.[34] In Gottfried von Strassburgs Tristan kommt die -Prinzessin Blancheflur zu Rivalin, um ihm ihre Jungfräulichkeit zu -überlassen.[35] Hatte die Tochter des Burgherrn ihren Geliebten bei -sich, war sie gutmütig genug, auch für das Gefolge ihres Liebsten zu -sorgen und ihre Damen zu bestimmen, den Freunden ihres Galans -Gesellschaft zu leisten. Isolde stellt es den Genossen Tristans frei, -zwischen ihren beiden Begleiterinnen Brangane oder Gymêle zu wählen. -Grosse Herren hatten es noch leichter, ihnen war jeder nur zu gern -gefällig. Als der Landgraf Ludwig von Thüringen einem Tanze zusieht -und ein besonders schönes Mädchen sein Wohlgefallen erregt, erbietet -sich sofort einer der Anwesenden, ihm die Gunstbezeugung der Schönen -zu verschaffen. Und wie er ein anderes Mal Verwandte besucht, wird ihm -ein junges Weib: »Geworfen in sîn bette dar«[36]. In dieser Naivität -findet sich vielleicht der Nachhall jener uralten, von Chaldäa -ausgegangenen und von allen Urvölkern des Altertums geübten Sitte #der -gastlichen Prostitution#. Der Hausherr wähnte in dem Gaste einen -Gesandten des Himmels, dem er sein Hab und Gut zur Nutzniessung anbot, -darunter auch seine Frau und seine Töchter. Auch die Bibel ist voll -von Beispielen der gastlichen Prostitution bei den Hebräern, die -vielfach den fremden Gast als Engel ansahen.[37] Wenn wir Murner -glauben dürfen, findet sich noch im 16. Jahrhundert die gastliche -Prostitution vor. »Es ist in dem Niderlande auch der bruch, so der -wyrt ein lieben gast hat, daz er jm yn frow zulegt uff guten glouben.« -In abgeschiedenen Gegenden Russlands soll sich dieser Brauch bis zum -heutigen Tage erhalten haben. - -[32] Parzival 405 ff. - -[33] Bartsch, cit. bei Pannier, Parzival. - -[34] Konrad von Würzburgs »Partonopier und Meliûr«, 1227 ff. - -[35] Tristan, herausgegeben von Massmann, S. 33 ff. - -[36] Leben der heiligen Elisabeth, 3161 ff. u. 3360. - -[37] U. a. 1. Buch Mosis 19. 8 u. 14. - -Es lassen sich aus den Dichtwerken jener Übergangsperiode von -der Dämmerung zum Morgenrot noch eine grosse Blütenlese von -Scenen anführen, die wertvolle Fingerzeige über die geltenden -Anstandsbegriffe geben. Noch kämpft die angestammte Roheit gegen eine -vom Auslande eingeführte Überfeinerung, die wie ein dem knorrigen -Stamme okuliertes Reis nur langsam mit diesem verwächst. Hand in Hand -mit der ursprünglichen Ungeniertheit ging nun eine affektierte, dem -innersten Wesen fremde, gesuchte und daher lächerliche Zimperlichkeit. -Lächerlich ist es, wenn Damen sich ohne Scheu vor dem Knappen im -Naturkostüme zeigen, aber verlangen, dass eben dieser Knappe vor ihnen -nicht anders als mit Unterkleidern versehen erscheinen sollte, da -irgend ein Zufall eine ärgerliche Entblössung seines Körpers im -Gefolge haben könnte[38], wie das recht öde, aber sittengeschichtlich -wertvolle Lehrgedicht »Der welsche Gast« empfiehlt. - -[38] Welsche Gast von Thomasin von Zircläre 457. - -»Der welsche Gast« ist seinem Inhalte nach so eine Art anticipierter -Knigge, ein Vademekum des mittelalterlichen »Guten Tones in allen -Lebenslagen«, das mit anderen Büchern gleichen Inhaltes, wie Winsbeke -und Winsbekin, viel verbreitet, aber ebensowenig befolgt wurde, wie -die geschraubten Machwerke gleicher Tendenz in unserer Zeit. Man -lebte trotz dieser Vorschriften in jenem seltsamen Gemengsel von -Überfeinerung und Roheit, das in seiner Bizarrerie die extremsten -Formen zeitigte. Hier Schamhaftigkeit, die den Anblick blosser Füsse -einer Frau zum todeswürdigen Verbrechen für beide Teile stempelte, -dort die naivste Zurschaustellung des entblössten Körpers vor dem -Diener und Unfreien. Hier freie Liebe, dort exaltierte Prüderie. - -Ein solch eigenartiges Gemisch von Rohheit und Courtoisie spricht sich -auch in dem aus Frankreich eingewanderten Gebrauche aus, mit dem -getragenen Hemd der Geliebten über der Rüstung in den Kampf zu ziehen -und das zerstochene Wäschestück der Angebeteten wieder zu Füssen -zu legen, die es zum Danke für »die Aufmerksamkeit« sofort und -ungereinigt wieder in Gebrauch nimmt, wie dies Herzeloyde, Parzivals -Mutter, und ihr Gatte Gamuret thun.[39] Aus dieser Sitte, die -zweifellos bestanden hat, entwickelte sich in der Folgezeit der -Gebrauch, dass nach der Trauung der Bräutigam das vom Körper der Braut -noch warme Hemd anlegte und umgekehrt, wie dies im 16. Jahrhundert z. -B. in Berlin-Cölln allgemein war. In den folgenden Säculen schrumpfte -der Hemdenwechsel zu dem Hemdengeschenk ein; Ende des 17. und zu -Anfang des 18. Jahrhunderts beschenkte nur noch die Verlobte den -Bräutigam mit dem »Bräutigams-Hembde«.[40] - -[39] Parzival 101. 10 ff., 111. 22 ff. - -[40] Streckfuss, 500 Jahre Berliner Geschichte, S. 35, und Schultz, -Alltagsleben e. d. Frau zu Anfang des 18. Jahrh., S. 109. - -In den Minnesängen der ritterlichen Dichter finden sich zahllose -Gedichte, die über den empfangenen Minnelohn hoher Geliebten -quittieren, daneben aber auch viele, die gleichzeitig lustige -Bemerkungen über die weibliche Leichtfertigkeit nicht zu unterdrücken -vermögen. Dann und wann zieht zur Abwechslung wieder einer der -Zeitgenossen über die Männer her, die den Frauen die allerschlechtesten -Beispiele gaben, so Freidank: - - »Wenn einen Fehltritt Fraun gethan - Des Mannes Bitt war Schuld daran - Auch ein Mann dasselbe thäte, - Wenn man ihn so innig bäte« - -sagt er sehr richtig, schränkt aber seine Meinung wieder dahin ein: - - »Das Weib man immer bitten soll, - Ihr aber stehts Versagen wohl.« - -Besonders schlecht ist ein elsässischer Bischof auf die Männer zu -sprechen. Buhlerei und Ausschweifungen gelten nach ihm nicht mehr als -Vergehen, denn die meisten Männer werten die Frau nicht höher als -einen Becher Wein, ihr Ross, ihr Federspiel oder ihre Meute. - -Selbstredend gab es wie unter den Männern jener Zeit, so auch unter -den Frauen Ausnahmen, die von unverbrüchlicher Gattentreue bis über -das Grab hinaus, von echter Frömmigkeit und von einer Himmelssehnsucht -zeugen, die blind gegen alles Irdische nur für das Jenseits lebte und -die Vorbereitung für das ewige Leben als einzigen Daseinszweck -betrachtete. Die heilige Elisabeth stand mit ihrem asketischen Leben, -aus dem selbst das Bad als frivoles Vergnügen verbannt war, keineswegs -vereinzelt da, ebensowenig wie jene Herrscherin, die sich selbst in -der Ehe die Jungfräulichkeit zu bewahren wusste. Aber derartige -Erscheinungen blieben in der Minderzahl gegenüber der allgemein -verbreiteten Frivolität, die sich weniger auf das eben entstandene -Bürgertum, als auf die in engster Berührung mit dem Adel lebende -Landbevölkerung weiterverbreitete und diese auf Jahrhunderte hinaus -verseuchte. - - - - -Das Leben auf dem Dorfe. - - -Das Leben der Bauern war während des ganzen Mittelalters hindurch eine -ununterbrochene Kette von Misshandlungen und Verfolgungen seitens -ihrer Herren: des Adels und des Klerus. Der Bauernstand, und nicht nur -der leibeigene, lebte in fortwährender Knechtung, vollkommen abhängig -von der Willkür seiner Besitzer. Nie war er davor sicher, von den -Seinen getrennt zu werden, wenn es dem Herrn gefiel, die Frau oder die -Kinder des Hörigen zu verschenken, zu verkaufen oder zu verpfänden. Im -Jahre 1333 versilberte Konrad Truchsess von Urach zwei Bauernweiber -mit ihrer Nachkommenschaft an das Kloster Lorch um drei Pfund Heller. -Das _Jus primae noctis_ beraubte ihn der Jungfräulichkeit der Gattin, -deren Tugend überdies alle möglichen Fährlichkeiten drohten. Ward ein -Bauer um Geld gestraft, und dieses nicht eintreibbar, und konnte auch -an seinem Besitztum die Strafe nicht vollstreckt werden, dann sollte, -wie das Weistum von Wilzhut, zwischen Braunau und Salzburg, bestimmt, -die Frau des Straffälligen geschändet werden. - -Dieses Weistum ist so vorsorglich, zu dekretieren, dass es dem -Gerichtspfleger gestattet sei, falls die Frau »gefiel aber dem pfleger -an der gestalt nicht«, er die Entehrung dem Gerichtsschreiber abtreten -und dieser, wenn auch ihm die Ausführung nicht zusagte, sie dem -Amtmanne »auferladen« könne. Nach wie vor waren die frischen Dirnen -ein begehrter Artikel, um die Harems der Herren zu bevölkern. Der -Ritter Ulrich von Berneck hielt sich nach dem Tode seiner Frau zwölf -hübsche junge Mädchen »zur Erleichterung seiner Witwerschaft«. Kaiser -Friedrich II. hatte seinen Harem, dem auch die Eunuchen nicht fehlten, -in Luceria. - -Das einzige Vergnügen jener bemitleidenswerten, erniedrigten Menschen -war neben Völlerei die rohe sinnliche Liebe, der sie fröhnten, wo und -wann sich Gelegenheit dazu bot. - -Weit besser als die Hörigen und selbst freien Bauern Norddeutschlands -waren die Ackerbürger im Süden Deutschlands daran, die sich ihre -Selbständigkeit zu wahren gewusst, auf ihrem Grund und Boden nicht -selten mit Glücksgütern reich gesegnet als eigene Herren schaltend, -sich den Rittern gleichhielten, deren Tracht und Lebensgewohnheiten -sie ins Dorf zu verpflanzen trachteten. Diese Nachahmung ritterlicher -Sitten und Gebräuche verzerrte sich unter den ungehobelten -Bauernfäusten natürlich ins Groteske, ab und zu ins Widerlich-Gemeine. -Ein köstliches Beispiel bäuerlicher Grossmannssucht ist uns im »#Meier -Helmbrecht#« von Wernher dem Gärtner, der ältesten deutschen -Dorfgeschichte, entstanden im 13. Jahrhundert, überliefert. Der -Titelheld, ein reicher Bauerssohn, den die Eltern verzärtelt, strebt -darnach, Ritter zu werden, bringt es aber nur zum Strauchdieb, der vom -Schicksal ereilt, geblendet, eines Fusses und einer Hand beraubt wird, -als eben seine Schwester Gotelinde mit einem seiner Spiessgesellen -Hochzeit hält.[1] - -[1] Eine in jeder Beziehung ausgezeichnete Neubearbeitung Meier -Helmbrechts lieferte Ludwig Fulda (Hendel, Halle a. S.), deren Lektüre -nicht warm genug empfohlen werden kann. - -Wie die Dorfburschen, so liebäugelten auch die Alten mit den edlen -Herren und sahen wohlgefällig zu, wenn ein Ritter eine arme Verwandte -einem reichen Bauerssohn als Gattin aufhalste, oder ein verarmter -Rittersmann ein hübsches Dirnlein heimführte, um mit der Mitgift sein -verrostetes Schild neu zu vergolden[2] -- also nichts Neues unter der -Sonnen! Besonders den Dorfschönen stachen die noblen Herren in die -Augen, die so ganz anders geartet waren, als die grobkörnigen -Burschen, die so zierliche Redensarten zu drechseln wussten und mit -Geschenken nicht geizten. Aus den Liedern der Minnesänger ist -ersichtlich, dass die Adeligen diese gute Meinung zu nutzen verstanden -und Abenteuern mit den drallen Dirnen keineswegs aus dem Wege gingen. -Nidhardt von Reuenthal ergeht sich in breiten Schilderungen seiner -Erfolge und über das Liebesleben auf dem Dorfe. In einem seiner -Gedichte unterhalten sich Mutter und Tochter, und die Mutter meint, -das 16jährige Töchterchen sei noch viel zu jung zur Liebe. »Ei was,« -entgegnet diese schnippisch, »Ihr wart ja erst zwölf Jahre, als Ihr -Euerer Jungfernschaft ledig wurdet.« »Nun so nimm meinetwegen -Liebhaber so viel du willst.« »Das thät' ich auch gerne, wenn Ihr mir -nicht immer die Männer vor der Nase wegfischtet. Pfui doch, hol Euch -der Teufel! Habt doch schon einen Mann, was braucht Ihr noch andere?« -»Pst, schweig still, Töchterlein. Minne wenig oder viel, ich will -nichts dagegen haben, und solltest du auch ein Kindlein wiegen müssen. -Sei aber auch verschwiegen, wenn du mich der Liebe nachgehen siehst.« - -[2] Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, II.^I S. 64 ff. - -Hermann von Sachsenheim hat im Liederbuche der Klara Hätzlerin einen -für ihn sehr unrühmlichen Sturm auf eine Grasmagd besungen. Oswald von -Wolkenstein weiss gleichfalls von Abenteuern mit Dörflerinnen zu -erzählen, ebenso Tannhäuser und andere Minnesänger mehr. - -Die Dorfschönen fühlten sich eben durch die Bevorzugung seitens des -Adels geehrt, und ihre Liebhaber und Gatten drückten gerne ein Auge -zu, geradeso wie es sich etwas später die Bürger zur Ehre rechneten, -wenn irgend ein Höhergestellter, oder gar -- _horribile dictu_ -- ein -Adeliger, sich gnädigst herabliess, ihre Frauen zu verführen. -Darauf deutet wenigstens die Stelle in Balthasar Voigts, Pastors -zu Drubeck, »Ägyptischem Joseph« hin, eine »geistliche Komödie, -sowohl in kleinen als grossen Schulen zu agieren«, ein Machwerk -voll widerlicher Plattheiten und Schweinereien, die aber trotzdem -von halbwüchsigen Knaben gesprochen und dargestellt wurden! In dieser -»Schulkomödie« erzählt Medea, Potiphars Frau, von Josephs angeblichem -Verführungsversuch: - - »Kein Edelmann, kein Graf im Reich, - Die doch gewest wärn Meinesgleich, - Haben mir Unehr zugemut't, - Wie dieser euer Hebräer thut. - Wär mirs geschehn #von einem Edelmann, - Möcht ihr's euch ziehn zu Ehren an, - Dass ihr zum Weib hätt solch Matron#, - Welch gefiel jeder Adelsperson.« - -Und so etwas schrieb ein Geistlicher für die Jugend! - -Neben den Rittern und Knappen waren hauptsächlich die Dorfpfaffen bei -den Frauen als Liebhaber beliebt, worauf ich noch zurückkommen muss, -ebenso wie bei den Männern die Mägde des eigenen Hauses und die Frauen -und Töchter der Nachbarn. Übrigens ist aus dem Schwankbuche »Peter -Leu« ersichtlich, dass die schlauen Mägdlein schon damals die Kunst -verstanden, irgend einem unschuldigen armen Teufel die Paternität -aufzubrummen, die ein ganz anderer auf dem Gewissen hatte.[3] - -[3] Peter Leu, erneut v. Karl Pannier, 12. Kap. S. 98. - -Wo Verführung gang und gäbe war, fehlten auch deren Folgeerscheinungen, -namentlich der Kindesmord, nicht. Strenge, zum Teil unmenschliche -Strafen sollten das Übel steuern. »Kindsvertilgerin lebendig ins Grab, -ein rohr ins maul, ein stecken durchs hertz« bestimmt beispielsweise -das Brenngenborner Weistum von 1418. Noch grausamer waren die -urwüchsigen Dithmarschen Bauern, welche sogar gefallene Mädchen im -Sumpfe lebendig begruben, welches Urteil der älteste Mann der Familie -der Verbrecherin zu vollziehen hatte.[4] Den Verführer seiner Frau und -diese selbst konnte der Dithmarsche nach eigenem Ermessen bestrafen, -verstümmeln, töten oder freigeben.[5] Ein Gleiches gestattete auch das -mit grausamen Strafen sehr freigebige Berliner Stadtbuch.[6] - -[4] O. Beneke, Von unehrlichen Leuten, S. 168. - -[5] Bartels, Der Bauer in der deutschen Vergangenheit, S. 56. - -[6] Maximilian Rappsilber, Alt Berlin, S. 79. - -So frei übrigens das Bürgertum und die Bauern im grossen und ganzen -über den Geschlechtsverkehr dachten, in einem waren sie einig: in der -Achtung vor der Jungfräulichkeit. Darum galt ihnen die Notzucht als -eines der todeswürdigsten Verbrechen, auf das zum Teil fürchterliche -Strafen gesetzt wurden. Sogar die Nötigung der fahrenden Frauen -- »an -varndeme wive« -- und an der Geliebten ahndet der Sachsenspiegel III -art. XLVI 1 mit dem Tode. Der Schwabenspiegel verbietet nur die -»notnunft« an »siener amîen«, der Geliebten. - -Die Ahndung des Verbrechens war entweder die Enthauptung, manchmal das -Lebendbegraben, wie dies 1418 einem Krämer in Augsburg erging. Im 13. -Jahrhundert wurde in Basel ein Geistlicher dieses Deliktes wegen -entmannt und dann getötet. Im Frankenbergischen wurde dem -Vergewaltiger ein spitzer Eichenpfahl aufs Herz gesetzt, den die -Geschändete mit drei wuchtigen Hammerschlägen in den Körper treiben -musste; so wird wohl die Todesart variiert, aber der schimpfliche Tod -blieb überall das Los des Verbrechers. - -Nach diesen düsteren Bildern der »guten alten Zeit«, die gewisse -dichterisch veranlagte Romantiker gerne als Vorbild für unsere -verderbte Epoche aufzustellen belieben, wieder zu etwas Heiterem. - -Am lustigsten ging es im Dorfe natürlich bei den seltenen -Festlichkeiten, an hohen Feiertagen und bei den Kirchweihen zu, wo man -sich im Essen, Trinken, Lieben und Raufen nicht genug zu thun wusste. - -Die Hochzeiten begüterter Dörfler zählten gleichfalls als -Festlichkeiten, zu denen die Verwandten und Freunde oft von weither -kamen, um sich vergnügte Tage zu machen. Drei detaillierte -Schilderungen solcher bäuerlicher Hochzeitfeiern sind auf uns -gekommen, die hier auszüglich mitgeteilt sein mögen. Das erste dieser -Gedichte, »Von Metzen hochzit«, entstammt dem Anfang des 14. -Jahrhunderts. Der junge Meier Börschi (Bartholomeus) will seine -Geliebte Metzi heiraten. Am Montag früh versprechen sie sich, und da -die beiderseitige Mitgift das Paar zufrieden stellt, wird am Abend -desselben Tages die Hochzeit mit einem solennen Hochzeitsmahle -gefeiert, bei dem es hoch hergeht und alle vollgetrunken sind, als man -das Brautpaar zu Bett bringt. Die Braut schreit, weint und sträubt -sich erst gegen das Auskleiden, wie es die Gepflogenheit verlangt. Am -Morgen wird dem jungen Ehepaare das Essen ans Bett gebracht, worauf -sich Metzi unter dem Jubel der Bauern bei Zwerchpfeifen- und -Trommelklang anzieht, um in die Kirche zur Trauung zu ziehen. - -Das Gedicht der oft erwähnten Klara Hätzlerin »von meyer Betzen« lehnt -sich ziemlich eng an »Metzis Hochzeit« an, nur dass Metzi mit einer -fürchterlichen Schlägerei, hingegen das Poem der Hätzlerin mit der -saftigen, aber witzigen Beschreibung der Brautnacht also endet: - - »Da führt man Pezen (den Bräutigam) auf die Fahrt - Und stellt ihn zu dem Brautbett. - Zwei grosse Pantoffel er an hätt'. - Als man ihm nun die Mezen (seine Braut) gebracht, - Sprang er fröhlich ins Bett und lacht. - Alsbald er sie mit dem Arm umfing, - Darauf Alles aus der Kammer ging. - Pez sprach: ›Hätt' ich ein Licht - Glaub mir, ich unterliess es nicht - Ich macht aus dir ein Eheweib‹ - Beteuerte er bei seinem Leib. - ›Dass doch nur der Mond jetzt schien, - Dann liess ich dich nicht also hin.‹ - Mez sprach: ›Du volle Kuh, - Was soll dir denn ein Licht dazu? - Min's Vaters Knecht der Upelpracht, - Konnt' es sogar um Mitternacht!‹« - -Heinrich von Wittenweiler führte im 15. Jahrhundert die Erzählung von -Metzens Hochzeit in breiter Weise weiter aus, sie durch viele Zusätze -modernisierend und vergemeinernd.[7] - -[7] Herausgegeben von Ludw. Bechstein. - -Der Held ist Bertschi Triefnas, der in dem Dorfe Lappenhausen wie ein -Pfau herumstolzierte und sich als Junker anreden liess. Er liebt -Mäczli Rürenzumph, der zu Ehren er mit seinen Genossen turniert, der -er Ständchen bringt, die er im Kuhstalle erfolglos zu bezwingen sucht, -und bei der er durchs Dach bricht, als er sie in ihrer Kammer -belauschen will. Da alles dies ihm Mäczli nicht geneigter macht, lässt -er sich von dem Dorfschreiber einen Liebesbrief schreiben, den dieser -an einen Stein bindet und Mäczli zuwirft, wodurch er sie am Kopfe -verwundet. Der Brief wird gefunden und Mäczli ruft ihrem Vater zu, um -dessen Grimm zu entwaffnen, sie blute am Kopfe und müsse zum Arzte -gebracht werden. Das Gefolge teilnehmender Freunde und Nachbarn weist -der Arzt hinaus, worauf ihn Mäczli bittet, ihr den erhaltenen Brief -vorzulesen. Er thut es, erpresst aber von ihr durch die Drohung, den -Inhalt dem Vater mitzuteilen, eine Liebkosung, gibt ihr aber zugleich -Rat, wie sie dessen Folgen vertuschen soll. Darauf setzt er ihr einen -floskelreichen Liebesbrief auf, der einer Kupplerin zur Übergabe an -Bärtschi ausgehändigt wird. Nachdem sich dieser den Brief vorlesen -liess, beruft er seine Freunde und Verwandten, um mit ihnen seine -Heirat zu beraten. Man spricht für und wider, bis endlich alle einig -sind. Sofort machen sich zwei der Freunde auf, Bärtschis Werbung bei -dem Brautvater vorzubringen, der sie günstig aufnimmt und nach einigen -Formalitäten seine Einwilligung gibt, wovon man den Freier -benachrichtigt. Mäczli fällt bei der Nachricht von Bärtschis Werbung -in Ohnmacht, kommt aber gleich wieder zu sich und lässt sich von den -Freundinnen schön machen und in die Versammlung führen, wo sie sich -erst »mit füssen und elnpogen« wehrt, ehe sie ihr Jawort gibt. Mäczli -empfängt von ihrem Galan einen kleinen verzinnten Ring mit einem -Saphir aus Glas und ein weiteres Kleinod mit zwei Perlen aus -Fischaugen. Die Angehörigen verlassen nun das Haus, nicht ohne vorher -dem jungen Ehemanne Haar und Bart zerzaust zu haben, um bei den -Anstalten zur Hochzeit nicht im Wege zu sein. Gäste werden eingeladen -und kommen »geritten auf eseln und auf schlitten«. Am Festtage -verkündet der Pfarrer in der Kirche den Vollzug der Ehe, worauf man -sich in des jungen Ehemanns Haus begibt, um erst die Brautgaben zu -empfangen, ehe man mit dem überreichen Mahle beginnt, nach dem man -sich im Tanze belustigte. - - »Die Mägdlein waren also rüg - Und sprangen her so ungefüg, - Dass man ihnen oft, ich weiss nit wie, - Hinauf konnt seh'n bis an die Knie. - Hildens Brustlatz war zu weit, - Darum ihr zur selben Zeit - Das Brüstlein aus dem Busen sprang.« - -Das Ende mit Schrecken ist Prügelei mit Mord und Totschlag. - -In der Brautnacht wird dem Pärchen eine Stärkung gereicht, nicht so -der anderen Weiblichkeit, die, die günstige Gelegenheit benützend, -gleichfalls die Nacht mit ihren Liebhabern verbringt. Am nächsten Tag -setzt die Hochzeit wieder ein und endet mit einer wahren Schlacht, bei -der die Obrigkeit einschreiten muss. - -Die freie Denkungsart des Mittelalters in geschlechtlichen Dingen -hielt sich nicht an den heute gang und gäben Standpunkt, dass nur der -Mann allein seinen sinnlichen Bedürfnissen Rechnung tragen dürfe, die -Frau aber den einmal geweckten Naturtrieb zu unterdrücken habe. War -die Vorzeit auch intolerant gegen Fehltritte von Mädchen, so erkannte -sie der Frau das Recht zu, von ihrem Manne die Leistung der ehelichen -Pflicht voll und ganz beanspruchen zu dürfen. Luthers Ansicht: »Ein -Weib, wo nicht die hohe seltsame Gnade da ist, kann eines Mannes -ebensowenig entraten als essen, schlafen, trinken und andere -natürliche Notdurft«, die er oft und in verschiedenen Varianten -verficht, war ganz die seines Zeitalters, was schon daraus hervorgeht, -dass sogar gesetzliche Bestimmungen der Frau ihr durch die Heirat -erworbenes Recht in für den betreffenden Gatten tragikomischen -Bestimmungen zu wahren suchen. - -Diese Gesetze vertreten ganz Luthers Standpunkt, der in seinem Traktat -»Vom ehelichen Leben« erklärt: »Wenn ein tüchtig Weib zur Ehe einen -untüchtigen Mann überkäme und könnte doch keinen anderen öffentlich -nehmen und wollte auch nicht gern wider Ehre thun, soll sie zu ihrem -Mann also sagen: Siehe, lieber Mann, du kannst mein nicht schuldig -werden, und hast mich und meinen jungen Leib betrogen, dazu in Gefahr -der Ehre und Seligkeit bracht, und ist für Gott keine Ehe zwischen uns -beiden, vergönne mir, dass ich mit deinem Bruder oder nächsten Freund -eine heimliche Ehe habe und du den Namen habst, auf dass dein Gut -nicht an fremde Erben komme, und lass dich wiederum williglich -betrügen durch mich, wie du mich ohne deinen Willen betrogen hast.« -Der Mann, führt Luther[8] weiter aus, hat die Pflicht, die Bitte zu -erhören; will er nicht, so darf er nicht böse sein, wenn die Frau von -ihm läuft.[9] - -[8] Jena 1522 II. 146. - -[9] Dr. Karl Hagen, Deutschlands literarische und religiöse -Verhältnisse im Reformationszeitalter, S. 234. - -Am weitschweifigsten ergehen sich die westfälischen Weistümer über -diese auch heute noch brennende Frage. Sie erkennen in erster Linie -dem Nachbarn des untauglichen Ehemannes das erste Recht auf -Stellvertretung zu, dann jedem X-beliebigen. Das Beuker Heidenrecht -(III 42) besagt wie folgt: »Item so erkenne ich auch für Recht, so ein -guter Mann ihr Frauenrecht nicht vollziehen könne, dass sie darüber -klagt, so soll er sie aufnehmen und tragen über sieben Zäune und -bitten seinen nächsten Nachbarn, dass er seiner Frau helfe; wenn ihr -geholfen ist, soll er sie wieder nehmen, sie wieder tragen nach Haus -und setzen sie sacht nieder und ihr ein gebratenes Huhn und eine Kanne -Wein vorstellen.« In der Landfeste von Hattingen hat dieser Gebrauch -gleichfalls Platz gefunden: »Da ein Mann wäre, der seinem rechten -Weibe ihr frauliches Recht nicht thun könne, so soll er sie sachte auf -den Rücken nehmen und tragen über neun Zäune und setze sie dort -vorsichtig nieder, ohne Stossen, Schlagen, Werfen und ohne bösen -Worte, rufe alsdann seine Nachbarn an, dass sie ihm seines Weibes Not -wehren helfen. Und wenn dann seine Nachbarn das nicht thun wollen oder -können, so soll er sie senden auf die nächste Kirchweih in der Nähe, -und dass sie dort »sich seuverlich zumache und zehrung habe, hänge er -ihr einen mit Geld bespickten Beutel auf die Seite. Kommt sie von -dorther wieder ungeholfen, #dann helfe ihr der Teufel#!« - -Nach dem Bochumer Landrechte (III. 70) genügt ein Teufel nicht mehr. -Hat der Mann die Frau über die Zäune getragen, dort fünf Stunden lang -um Hilfe gerufen, sie im neuen Kleid mit Geld versehen auf einen -Jahrmarkt geschickt, ohne dass sich ihr Wunsch erfüllte, dann mögen -ihr »thausend düffel« helfen.[10] - -[10] Alwin Schultz, Deutsches Leben im XIV. und XV. Jahrh., S. 159. - -War die Frau ansehnlich, dann bedurfte es solcher Gewaltmassregeln -kaum, sie fand unter der Dorfjugend leicht einen Liebhaber, und -verhielt sich diese spröde, dann war noch immer der Herr Geistliche -da. - -Denn wenn auch die Geistlichkeit gegen die Unzucht von der Kanzel -herab Zeter und Mordio predigte, so war sie während ihrer unendlich -vielen Freizeit eine ewig dräuende Gefahr für den schöneren Teil ihrer -Pfarrkinder. - - »Die Sünden, die begehn allein - Die Pfaffen, sind die Weibelein« - -sagt der Freidank in seiner Bibel des Mittelalters, in der -»Bescheidenheit«, indem er den Klerikern ins Gewissen zu reden sucht -und ihnen zürnend zuruft: - - »Ein jeder Priester meiden soll - Mess oder Weib; das stehet wohl: - Das Haus bedarf der Reinheit wohl, - Darein Gott selber kommen soll.«[11] - -[11] Freidank a. a. O., Aus dem Mittelhochdeutschen von K. Pannier, S. -24 ff. - -Auch Walter von der Vogelweide meint: »Die Pfaffen sollten keuscher -leben als die Laien«, sie thaten es aber so selten, dass die Bauern -froh waren, wenn ihre Seelenhirten Beischläferinnen besassen. Die -kernigen Friesen duldeten keine Priester ohne Konkubinen in ihrer -Mitte: »Se gedulden ock geene Preesteren, sunder eheliche Fruwen, op -dat se ander lute bedde nicht beflecken, wente sy meinen, dat idt nich -mogelygk sy, und baven die Natur, dat sick ein mensche ontholden -konne«.[12] - -[12] Corvin, Pfaffenspiegel, V. Aufl. S. 303. - -Mit anerkennenswerter Offenheit äussert sich ein Manuskript-Fragment -aus dem 13. Jahrhundert »_de rebus Alsaticis_«: »Um das Jahr 1200 -hatten auch die Priester allgemeine Beischläferinnen, weil gewöhnlich -die Bauern sie selbst dazu antrieben. Diese sagten nämlich: Enthaltsam -wird der Priester nicht sein können, es ist darum besser, dass er ein -Weib für sich hat, als dass er mit den Weibern aller sich zu schaffen -macht.« Welche Gefahr dieses Beackern fremder Felder darstellte, -beweist nach der eben citierten Quelle ein Herr Heinrich Bischof von -Basel (1215-38), der bei seinem Tode 20 vaterlose Kinder ihren Müttern -hinterliess. Ein Bischof von Lüttich, den das Konzil von Lyon -absetzte, besass gar 61 Sprösslinge. Nach Caesarius von Heisterbach -scheute mancher Pfaffe selbst nicht davor zurück, mit Jüdinnen -Verhältnisse einzugehen, im Mittelalter eine Todsünde, doppelt -sündhaft für einen Geistlichen. - -Offen und ungescheut unterhielten die meisten Geistlichen ihre -Pfarrersköchinnen bis zur Reformation, die sich diese Achillesferse -der Gegenpartei nicht entgehen liess und eine ganze Litteratur wider -die Pfaffenbuhlerinnen zeitigte. Die »_Epistolae virorum obscurorum_« -und Ulrich von Huttens Gesprächbüchlein sind köstliche Blüten dieser -Kampfschriften; namentlich das erstgenannte Buch übergiesst die -Pfarrerdirnen und ihre Liebhaber mit ätzender Satire. Aber auch die -katholische Litteratur bemächtigte sich von altersher des dankbaren -Stoffes, um ihr Mütchen an den Pfaffendirnen zu kühlen, sei es in -ernst mahnender, sei es in derb-komischer Manier. Der »#Pfarrer von -Kahlenberg#« weiss durch die hübsche Beischläferin seines Bischofs -sich manchen Vorteil zu erschleichen. So liegt er einmal unter dem -Bette, während der Bischof seiner Liebsten »die Kapelle weiht«.[13] Da -dieser Eulenspiegel im Priesterkleide den Befehl erhielt, -Bedienerinnen zu haben, die 40 Jahre zählen, so nimmt er sich zwei von -je 20 Jahren. Im Till Eulenspiegel und den anderen Schwankbüchern des -Mittelalters gehört der verbuhlte Pfaffe zu den stereotypen Figuren, -die es meisterlich verstehen, die Gatten und Väter zu hintergehen. -Manchmal misslang allerdings das Vorhaben, dann empfingen sie eine -Tracht Prügel, wurden sogar manchmal erschlagen. Doch auch an ernsten -Stimmen über das pfäffische Treiben fehlt es nicht. Thomas Murner, -dessen Geissel auch seine eigenen Standesgenossen nicht verschont, -wenn es gilt, der Menschheit ihre Laster vorzuhalten, ironisiert im -»Narrenspiegel«:[14] - -[13] »Der Pfarrer von Kahlenberg.« Ein Schwankgedicht. Erneut von Karl -Pannier, Leipzig, S. 36. - -[14] 19. 86. - - »Dann hör' ich eurer Köchin Beicht', - Und ihr thut's meiner auch vielleicht - Und thut, wie unser Vorfahr that, - Der von der Höll' uns alle hat - Befreit, uns thät vor Tod bewahren, - Dass wir nicht brauchen hineinzufahren. - Jedoch, sobald ihr wolltet schnurren - Und wider unsre Freiheit murren, - Aus meiner Pfarr', aus meinem Haus - Meine liebe Köchin treiben aus, - Mit der ich alle Kurzweil' treib', - Die mir auch wärmet meinen Leib, - Die wohl schon zwanzig ganze Jahre - Mir hat gekräuselt meine Haare -- - Das würde dir nicht schlecht vergolten. - Denn bald die Bauern wissen sollten, - Bald sagt' ich ihnen frohe Märe, - Dass nirgends eine Hölle wäre.« - -Dann weiter: - - »Jeder hat eine Dienerin, - Die tag und nacht bischlaft im.« - -Die Herren Geistlichen waren Epikureer, die dem Sprichworte huldigten: -»Es ist kein feyner leben auf erden, denn gewisse Zinss haben von -seinem Lehen, eyn Hürlein daneben und unserem Herre Gott gedienet.« - -Die Pfarrer durften sich ungestört ihrer wilden Ehe hingeben, wenn sie -ihre Oberen nur dafür bezahlten. Aus diesem Sündengeld zogen viele -Bischöfe grosse Summen. »Es war ein mal ein priester, der gab alle iar -dem fischgal (Fiskal) fier guldin, dass er im die Kellerin in ruwen -(Ruhe) liess«[15], eine stattliche Summe, die ein Erkleckliches -ausmachte, wenn eine grössere Anzahl von Priestern aus einer Diözese -den gleichen Betrag erlegen musste. Heinrich von Hewen, um die Mitte -des 15. Jahrhunderts Bischof von Konstanz, selbst ein üppiger Herr, -gewann aus den Konkubinen-Abgaben seiner Geistlichen eine jährliche -Einnahme von 2000 Gulden. Das ärgerliche Leben der Geistlichkeit -verlockte sogar die abergläubische Menge, ihnen die Schuld an -Epidemien und schweren Erkrankungen ihrer Beichtkinder, besonders an -der Epilepsie, zuzuschieben. »Da ward darnach von etlichen also -gedeutet, als sollten diese Leute nicht recht getaufft, oder doch ihre -Tauffe nicht krefftig sein, weil sie die von solchen pfaffen -empfangen, die da unverschampt, mit unzüchtigen Huren in öffentlicher -Unehe bey einander lebten, darüber das gemeine Volk bald ein aufstehen -gemacht, und alle pfaffen zu todt geschlagen hette.«[16] - -[15] Schimpf und ernst v. Bruder Johannes Pauli, Strassburg 1522. - -[16] Cyr. Spangenberg, Adels Spiegel. Historischer ausf. Bericht: Was -Adel sey und heisse etc. Schmalkalden 1591. fol. 403 b ff. - -Neben der Liebe vergassen auch viele Geistliche nicht, weltliche Güter -zu eigenem und zum Nutzen ihrer Klöster zu ergattern. Junge, hübsche -und reiche Witwen und Waisen waren ein gesuchter Artikel für Laien und -Priester. »Darnach sind etliche (Geistliche),« äussert sich Geiler von -Kaisersberg, »die wittwen und weyssen heymsuchend. Warumb? Darumb: Sy -begerend sye zuo verfueren, uff dass sye ires leibes und guotes gantz -gewaltig werdend.«[17] - -[17] Seelenparadies, fol. 147 a. - -Ausser ihren Beichtkindern und ihren Wirtschafterinnen standen -übrigens der höheren Geistlichkeit die ihnen subordinierten Klöster -für galante Abenteuer zur Verfügung, worüber schon in früher Zeit -viele Klagen laut wurden, deren Berechtigung auch Karl der Grosse -durch einige seiner Kapitularien anerkannte. - - - - -Die Klöster. - - -Ebenso unkeusch wie die Seelsorger in Dorf und Stadt waren die -Insassen der Klöster, gleichviel ob Mönche oder Nonnen. Namentlich die -Nonnenklöster standen vielfach in denkbar schlechtestem Rufe, so dass -Geiler von Kaisersberg sagen durfte: »Ich weiss nicht, welches schier -das best wer, ein tochter in ein semlich closter thuon oder in ein -frawenhauss. Wann warumb? ym closter ist sie ein huor ....« Ein hartes -Urteil eines Geistlichen über seinesgleichen, dem umsoweniger die -Berechtigung abgesprochen werden darf, als es keineswegs vereinzelt -dasteht. Sebastian Brant meint im Narrenschiff: - - »Solch Klosterkatzen sind gar geil, - Das schafft, man bind sie nicht an seil«,[1] - -das heisst, dass sie keine Aufsicht haben. - -[1] Narrenschiff, LXXIII. Vom geistlich werden. - -Die Abgeschlossenheit der Klöster eignete sich vorzüglich dazu, -Geheimnisse der Aussenwelt zu verbergen und sich unter dem Schutze der -Klausur der ausgelassensten Wollust hinzugeben. - -Es sind grauenvolle Thatsachen aus dem mittelalterlichen Klosterleben -überliefert. Das Kloster Gnadenzell auf der schwäbischen Alp gelangte -schon frühzeitig zu trauriger Berühmtheit. Einer der Schirmherren des -Klosters, Herzog Julius von Braunschweig, liess die Äbtissin, eine -geborene von Warberg, 1587 lebendig begraben, weil sie sich mit dem -Stiftsverwalter zu tief eingelassen hatte.[2] Die früheren Aufseher -dieses Klosters waren weniger streng. Sie liessen es geschehen, dass -es darin schlimmer als in einem Bordelle zuging und die Nonnen Tag und -Nacht für wohlhabende Gäste zur Verfügung standen. Von diesen Nonnen -ging die Priamel aus: - -[2] Corvin a. a. O. 327. - - »Ein boehmisch moench und schwaebisch nonn - Ablass, den die Kartheuser hon, - Ein polnisch brueck und wendisch treu - Huener zu stehlen, Zigeuner reu - Der Welschen Andacht, Spanier eid - Der Deutschen fasten, Koellnisch maid - Eine schoene tochter ungezogen - Ein roter bart und erlenbogen, - Fuer diese dreizehn noch so viel, - Gibt niemand gern ein pappenstiel.«[3] - -[3] Adelbert von Keller, »Alte gute Schwänke«, S. 76. - -Sebastian Franck drückt sich in seinen Sprüchwörtern kürzer dahin aus: -»Ein polnisch bruck, ein bemischer mönch, ein schwebisch nonn, ein -oesterrychischer Kriegsmann, wälche andacht und der tütschen fasten -geltend ein bonen« -- d. h. sind keine Bohne wert. Im gleichen Rufe -wie Gnadenzell standen das Frauenkloster zu Kirchheim unter Teck, in -dem Graf Eberhard der Jüngere von Württemberg mit seinen Zech- und -Waidkumpanen die tollsten Orgien feierte, und Söflingen bei Ulm. Als -das Gerede über das Treiben der Söflinger Nonnen zu arg wurde, sah -sich die geistliche Obrigkeit endlich veranlasst, eine Visitation des -Klosters vorzunehmen. Gerne that es der Bischof Gaimbus von Kastell ja -nicht, denn er fürchtete mit Recht einen Skandal. Aber was er fand, -übertraf seine höchsten Befürchtungen und war selbst für den guten -Magen des Kirchenfürsten zu viel. Ganz entrüstet berichtet er unter -dem 20. Juni 1484 an den Papst von den Nachschlüsseln, den Briefen -höchst unzüchtigen Inhalts und den üppigen Kleidern, die er in den -Klosterzellen entdeckt hatte. Das ihm Peinlichste aber war, dass fast -alle Nonnen -- in gesegneten Umständen angetroffen worden waren.[4] -Die Zimmersche Chronik lässt sich über das Kloster zu Oberndorf im -Thal wie folgt aus: »Es haben sich bis vierundzwanzig Klosterfrauen, -meistenteils von Adel, darin aufgehalten, die keinen Mangel litten, -wie man spricht, sondern im Überfluss lebten. Was für gutes Leben, -sofern man das als gutes Leben achtet, in diesem Kloster war, ist -daraus zu ersehen, dass viel Adel vom Schwarzwald und vom Neckar in -diesem Kloster eingekehrt -- den ufritt gehapt --, so dass es damals -mit mehr Recht des Adels »hurhaus« als des Adels »spittal« wäre -genannt worden. Besonders haben die von Ow, Rosenfeldt, Brandegk, -Stain, Neuneck viel Geld darin verthan, und hat diese Hochschule der -Wollust Ehebrecher und Väter unehelicher Kinder geschaffen. Damit -genug. Einmal sind viele vom Adel und gute Gesellen im Kloster -gewesen, die haben Abendtanz sehr spät gehalten. Da hat es sich von -ungefähr begeben, dass während des Tanzes plötzlich die Lichter -verlöschten. Da entstand ein »wunderbarliches blaterspill«, indem sich -jeder Mann ein Nönnlein nahm. Die Thüren waren verhängt und kein -brennend Licht sollte in den Saal kommen. Und gleichwohl niemand von -der Dunkelheit verschont blieb, so hatte doch keiner Grund zu klagen, -ausser einem Edelmann, dem ein »widerwertiger casus begegnet«. In der -Furcht, es werde unversehens ein Licht gebracht, schrie er: »Liebe -Freunde, eilet nicht, lassts noch einmal herumgehen -- ich habe meine -Schwester erwischt!«[5] In demselben Kapitel der eben citierten -Chronik finden sich noch weitere Skandalosa von Nonnen und Mönchen, -auch Liebesabenteuer des erbitterten, viel verlästerten Gegners der -Reformation, Thomas Murner, des Franziskanermönches, des strengen -Sittenpredigers, der vielleicht, wenn sich gerade mal eine günstige -Gelegenheit bot, auch ganz gerne einen Seitensprung machte, was dann -seinen vielen Feinden willkommenen Anlass bot, ihn ebenso abzukanzeln, -wie sie es von ihm gewohnt waren. Er hatte ein loses Maul, das -ebensogut schimpfen, wie im beissenden Spott arge Wunden verursachen -konnte: - -[4] Jäger, Schwäbisches Städtewesen, I. 501. - -[5] Zimmerische Chronik, III. 69. - - »Wer die meisten Kinder macht, - Wird als Aebtissin geacht« - -sagt er in Bezug auf gewisse Klöster. In anderen allerdings galt -wieder der Bibelspruch: »Selig sind die Unfruchtbaren«, den die -Notwendigkeit diktierte, da es nicht leicht war, die Folgen der -Verirrungen der Nonnen zu verbergen, denn nicht überall war es -möglich, die Kinder kurzerhand zu töten, wie im Kloster Mariakron, bei -dessen Abbruch man »in den heimlichen Gemächern und sonst -- -Kinderköpfe, auch ganze Körperlein versteckt und vergraben« fand. Der -Bischof Ulrich von Augsburg erzählt die schier unglaublich klingende -Thatsache, dass unter Papst Gregor I. aus einem Klosterteiche -#sechstausend# Kinderköpfe herausgefischt wurden.[6] - -[6] Corvin a. a. O. S. 361. - -Die Mönchsklöster waren um kein Haar besser, als die Klöster mit -frommen Schwestern. Die Mönche hatten es auch viel leichter als die -Nonnen, da sie sich ihren Passionen überlassen durften, ohne -auffällige Folgen befürchten zu müssen. Die Angehörigen jener Orden, -welche terminierend, besser gesagt bettelnd, von Ort zu Ort zogen, um -ihre Beute mit den Brüdern im Kloster zu verzehren, fanden an frommen -Bäuerinnen Seelenbräute, die sich gerne von den Herren Patres -erlustigen liessen. Auch die Nonnenklöster, die ihnen Obdach -gewährten, bewillkommten sie als gern gesehene Gäste, die im wahren -Sinne des Wortes mit offenen Armen aufgenommen wurden. Doch nicht -genug, dass die Cölibatäre der ihnen verbotenen Frauenliebe huldigten, -noch andere, weit schändlichere Laster fanden in und durch die Klöster -Verbreitung. 1232 forderte Gregor IX. die Predigermönche auf, in -Österreich das Laster der Sodomie auszurotten und die Sünder als -Ketzer zu behandeln. Berthold von Regensburg predigte gegen die -»stumme, diu rôte sünde. Pfech, pfech (Pfui, pfui)«, doch mit geringem -Erfolg, denn die Homosexualität war aus den Klöstern nicht zu bannen. -»1409 wurden am Samstag den 2. März zu Augsburg vier Priester, Jörg -Wattenlech, Ulrich der Frey, Jakob der Kiss und Hans Pfarrer zu -Gersthofen wegen Sodomie in einem ›Fagelhaus‹ am Perlachturm -angeschmiedet, leben noch am folgenden Freitag und verhungern dann.« -Einen beteiligten Laien, den Lederer Hans Gossenloher, trifft die -Strafe der Ketzer; er wird verbrannt.[7] Der Strassburger Domprediger, -der schon wiederholt angeführte Geiler von Kaisersberg, predigt seinen -Standesgenossen: »Da hast du dich versündigt mit öffentlichen Dirnen, -Jungfrauen betrogen, Ehefrauen be........, Witwen geschändet, mit -deinen Freunden zu thun gehabt, da mit deinem Gevatter, da mit deinem -Beichtvater, da mit deiner Beichttochter. Ich will schweigen der -Unzucht, mit der du die Ehe gebrochen, ich will auch schweigen der -Unzucht, darum man dich verbrennen sollte.«[8] Und wenn dies ein Mönch -sagt, der seinesgleichen genau kennt, ist jeder Zweifel daran von -Übel. Wie genau Geiler Bescheid weiss, geht aus dem von ihm wiederholt -angeführten Sprichwort hervor: »Willst du haben dein Haus sauber, so -hüte dich vor Pfaffen, Mönchen und Tauben, Diener, Vettern, -Laienbrüdern (blotzbruder) und Aerzten.« Die Geistlichkeit, die durch -ihr Beispiel veredelnd auf die Laien hätte einwirken sollen, musste -durch ihr Betragen nicht nur an Achtung, sondern auch an Einfluss auf -die breiten Massen des Volkes einbüssen, wodurch sich erklärt, dass -die Reformation beinahe von Anbeginn an ihren beispiellosen Erfolg zu -verzeichnen hatte. Und nicht nur die Laien allein, sondern auch -einsichtsvolle Männer aus dem Stande selbst sahen ein, dass sich eine -gründliche Reinigung des priesterlichen Augiasstalls unabweisbar -machte, sollte nicht der morsch gewordene Bau der römisch-katholischen -Kirche jäh in sich zusammenbrechen. Geiler von Kaisersberg gesteht -offen ein, dass jeder, der ein faules Leben führen und ungehindert -seinen Begierden frönen wollte, sich mit der Kutte bekleidete. War -doch die Gründungsursache der meisten Klöster keineswegs Frömmigkeit, -sondern nichts weiter als purer Eigennutz, der darauf ausging, -Sinekuren zu schaffen. »Man irrt sehr, wenn man sich vorbildet, alle -Klosterstiftungen im Mittelalter seien aus purer Frömmigkeit und ohne -Beimischung politischer und häuslicher Zwecke geschehen. Bei weitem -hatten die meisten Stifter dabei die Absicht, zugleich für ihr Haus zu -sorgen und bei zahlreicher Familie dort für einige ihrer Kinder -- -eheliche und Nebensprösslinge -- eine ständige Unterkunft anzulegen, -zumal da solche Klöster dergleichen Kinder des Geschlechts des -Stifters ohne, oder nur gegen äusserst geringe, Mitgift aufzunehmen -verbunden waren. Man fand daher in dergleichen Stiftungen das -erspriesslichste Mittel, beide Zwecke zugleich zu erreichen; sich -einesteils den Himmel zu verschaffen und andernteils sich drückender -Familienbürden zu entledigen. Auch ohne Stifter zu sein, hatten grosse -Klosterwohlthäter nicht selten den nämlichen Zweck, und so wusch denn -auch hier gewöhnlich eine Hand die andere rein«, sagt Bodmann in -seinen 1819 erschienenen »Rheingauischen Alterthümern«. So hielt man -es von Karls des Grossen Zeiten her bis in die neueste Zeit. Nach -innerem Beruf wurde bei den für das Kloster Bestimmten nicht gefragt; -sie hatten dem elterlichen Machtspruche zu gehorchen, und sie folgten -vielfach auch ganz gerne, da ihnen das Gelübde kaum einen Zwang -auferlegte, und sie frei ihren Neigungen nachleben konnten: - -[7] Corvin a. a. O. S. 303; Augsburger Chronik 1368-1406. - -[8] Von den 15 Staffeln (1517), fol. 36 a, bei Schultz, D. L. 255. - - »Bemerket: wenn ein Edelmann - Sein Kind jetzt nicht vermählen kann - Und hat kein Geld ihr mitzugeben, - So muss sie in dem Kloster leben; - Nicht dass sie Gott sich weih' darin, - Nur dass er sie nach seinem Sinn - Und seiner Hochfahrt mit seinem Gut - Versorge, wie man dem Adel thut,« - -sagt Murner. Wen aber wirklich Herzensneigung in das Kloster trieb, -der wurde, wenn er nicht von ganz aussergewöhnlicher Willensstärke -war, von dem unaufhaltsam dahintosenden Strome der in den Klöstern -herrschenden Unmoral mitgerissen; er versank in den Strudel, gleich -seinen Brüdern und that ebenso, wie sie es alle machten. Das schlechte -Beispiel ging von den Kirchenfürsten selbst aus. Würdenträger, die -ihren Beruf ernst nahmen und streng auf die Beobachtung der Gelübde -hielten, waren weisse Raben. Einer dieser wenigen, Ferdinand von -Fürstenberg, Fürstbischof von Paderborn (1661 bis 1683), ging so weit, -einen Gesalbten ausstossen und hinrichten zu lassen, weil er ein -ausschweifendes Leben führte.[9] Die Mehrzahl der anderen hohen Herren -liess sieben gerade sein, da sie es meistens noch toller trieben, als -die ihnen Unterstellten. - -[9] Dr. Ed. Vehse, Unter der Herrschaft des Krummstabes, S. 23. - -Bezeichnend für die sich unter dem geistlichen Habite breit machende -Lasterhaftigkeit war das Treiben in den geistlichen Ritterorden. Dem -Orden der Tempelherren machte bekanntlich der energische König Philipp -IV. der Schöne von Frankreich ein schreckensvolles Ende. 1312 wurde -gegen die Ordensbrüder die Anklage auf die gleichbedeutenden -Verbrechen Ketzerei und Sodomiterei seitens des Papstes Clemens V. -erhoben, die zu ihrer Ausrottung mit Feuer und Schwert führte. -Glücklicher waren die sich unter gewichtigem Schutze bergenden -deutschen Ritter, die »allein im Dienste ihrer himmlischen Dame Maria« -stehend, den Namen der göttlichen Jungfrau auf das Gröblichste -missbrauchten und unter seinem Deckmantel himmelschreiende Missethaten -vollführten. Von ihren Menschenschlächtereien abgesehen, den -berüchtigten »Heidenfahrten« auf wehrlose und harmlose Naturkinder, -die man aus purem Sport hinschlachtete, waren sie Wüstlinge -schlimmster Sorte, denen kein Laster versagt blieb. Die Bürger -Marienburgs, ihrer Residenz, mussten sich wiederholt beschweren, dass -kein ehrsamer Bürger abends sein Haus verlassen dürfe, ohne fürchten -zu müssen, die zu Hause gelassenen Frauen und Mädchen von den Rittern -auf die Hochburg geschleppt und dort gemissbraucht zu sehen. »Ein Teil -der Schlossfreiheit heisst noch von der Zeit her, wo die Ritter ihr -unheiliges Wesen da trieben, ›der Jungferngrund‹. Noch jetzt« -- um -die Mitte des 19. Jahrhunderts -- »wird von jener Zeit her beim -Magistrat von Marienburg die Kasse des ›Jungferngrund-Hospitals‹ -verwaltet, worin zu Grunde gerichtete Frauenzimmer aufgenommen wurden. -Aus den Strafakten des Marienburger Ordenshauses hat sich ergeben, -dass unter dem Deckmantel der christlichen Beichte Jungfrauen und -Ehefrauen systematisch verführt, Vergewaltigungen selbst an -neunjährigen Mädchen von den Ordenskaplänen verübt wurden. Das -Bezeichnendste, was von den auf das _votum castitatis_ verpflichteten -deutschen Ordensrittern gesagt werden kann, ist, dass der -Ordensmeister Conrad von Jungingen bereits zu Ende des 14. -Jahrhunderts Verbote erlassen musste, kein weibliches Tier im -Ordenshause zu Marienburg zu dulden.«[10] - -[10] Vehse, Die Deutschen Kirchenfürsten in Trier, Salzburg-Münster, -S. 191 ff. - -Die Reformation fand in den Klöstern beiderlei Geschlechtes -begeisterte Anhänger, die mit fliegenden Fahnen in das feindliche -Lager übergingen. Namentlich in den Nonnenklöstern beeilten sich viele -der Schwestern, die verhassten, drückenden Fesseln zu zerbrechen, die -ihnen Familienrücksichten, Tradition und Egoismus geschmiedet, um in -das weltliche Leben zurückzukehren. Wieviel heisses Ringen, was für -mächtige Seelenkämpfe mögen die düsteren Zellen gesehen haben, ehe in -manchem zaghaften Gemüte der Entschluss zu der für eine Frau -heroischen That reifte, das gewohnte Nonnenkleid für immer -abzustreifen. - -Gelang es diesen Exnonnen nicht, Unterkunft bei ihren Familien zu -finden, Stellungen als Lehrerinnen zu erlangen, oder in den heiligen -Ehestand zu treten, manchmal sogar, wie dies mehrfach passierte, mit -dem vordem geliebten Mönch, so fielen sie dem unverhüllten Laster -anheim. Nonnen der gesperrten Klöster zogen als landfahrende Dirnen -einher, wenn sie nicht sofort nach Aufhebung des Klosters den Weg nach -dem Bordelle eingeschlagen hatten. In Nürnberg war dies im Jahre 1526 -der Fall, als die Pforten des berühmten St. Clara-Klosters für immer -geschlossen und die Schwestern auf die Strasse gesetzt worden waren. - -Vom Erhabenen zum Lächerlichen, vom Kloster zum öffentlichen Hause, -war schon lange vor Napoleon nur ein Schritt! - - - - -Beilager und Ehe. - - -Die Ehe, dieses älteste von Naturgesetzen diktierte Verhältnis, das -zwei Menschen aneinander schliesst, hat kein anderes Volk so edel -aufgefasst, wie die Germanen. - -»Das Verlöbnis war ein Vertrag, durch welchen Mann und Weib sich zu -einem Haushalt und Gründung einer Familie für das ganze Leben -verbanden, um einander lieb zu sein über alles auf Erden, Wunsch, -Willen und Besitztum gemeinschaftlich zu haben. Selbst mit dem Tode -hörte die Pflicht der überlebenden Gattin nicht auf. Bei einigen -Germanenvölkern war es der Frau nur einmal gestattet, in den Ring der -Zeugen zu treten, vor denen sie das Gelöbnis ablegte; und es sind -Spuren erhalten von noch älterer strenger Volkssitte, nach welcher die -Frau den Gatten so wenig überleben durfte, wie der Gefolgmann seinen -Wirt, wenn dieser in der Schlacht fiel. Das Weib des Germanen war -nicht nur die Hausgebettete, die auf gemeinsamem Lager den Hals des -Gatten umschlang, und nicht nur Herrin des Hauses und Erzieherin der -Kinder, wie bei den Römern, sie war auch seine Vertraute und Genossin -bei der männlichen Arbeit. Die Geschenke, welche der Mann ihr zu dem -Gelöbnis gab, ein Joch Rinder, Speer und Ross[1], waren symbolisches -Zeichen, dass sie mit ihm über den Herden walten würde und als seine -Begleiterin an der Feldarbeit teilnehmen, ja dass sie ihm auf dem -Kriegspfade folgen sollte, in der Schlacht seinen Eifer zu stählen, -seine Wunden zu rühmen, nach seinem Tod ihn zu bestatten und -vielleicht zu rächen.«[2] - -[1] Tacitus, Germania, Cap. 18. - -[2] Gust. Freytag, Bilder a. d. d. Vergangenheit, 26. Aufl., S. 87. - -»Der Innigkeit germanischer Ehe schadete nicht, dass sie schon in der -Urzeit oft ein Familienvertrag war, der im Interesse zweier -Geschlechter geschlossen wurde«, und diese Art des Ehebundes blieb in -allen Ständen von der Urzeit an die vorherrschende. Die Liebe kam in -zweiter Linie; trotz Freytags poetischer Verherrlichung war meist rein -prosaisches Interesse die Ursache der Verheiratung. - -»Wie in heidnischer, so ist die Ehe auch in christlicher Zeit durchaus -ein Geschäft zwischen dem Bräutigam und den Verwandten der Braut, -wobei letztere vielfach gar nicht um ihre Zustimmung befragt -wurde«[3], nur trat mit der Zeit eine Wandlung dahin ein, dass der -ursprünglich dem Vater oder dem Mundwalt der Braut, dem ältesten -Bruder oder Vormund, übergebene Brautkauf nun der jungen Frau selbst, -sei es als Morgengabe, oder als Wittum (videme) zufällt. War die -Morgengabe ein freiwilliges Geschenk des Ehegatten an seine -Neuvermählte, so wurde die Höhe des Wittums vorher genau festgesetzt. -Siegfried schenkt seiner jungen Gattin den Nibelungenhort, Bärschi in -»Metzens Hochzeit«, der Metzi, ein feistes Mutterschwein zur -Morgengabe. - -[3] Prof. Dr. J. Dieffenbacher, Deutsches Leben im 12. Jahrh., S. 120. - -Die altdeutsche Eheschliessung zerfällt in die Erwerbung der Braut -durch den Verspruch vor dem Vormund und durch die Übergabe der Braut -an den Bräutigam durch die Heimführung. Durch die Verlobung erstanden -dem Bräutigam bereits rechtliche und eheliche Ansprüche an die Braut, -deren Verletzung durch Dritte gesetzliche Ahndung findet. Daher wird -mit Recht der Satz aufgestellt, dass die Verlobung die Eheschliessung, -die Trauung aber nur den Vollzug der Ehe darstellte. Die Verlobung -schildert das Nibelungenlied bei Gelegenheit des Verspruches von König -Giselher mit der Tochter Rüdegers von Bechelaren. Nachdem des Königs -Brüder als Freiwerber das Jawort erhalten haben, der Jungfrau seitens -des burgundischen Geschlechts das Wittum festgelegt wurde und der -Brautvater eine Summe Gold und Silber als Mitgift ausgesetzt hat, -heisst man das junge Paar nach alter Sitte in den »rinc« (einen Kreis) -treten, fragt die Jungfrau, ob sie gewillt sei, den Recken zum Manne -zu nehmen, und als sie das auf ihres Vaters Rat bejaht, reicht -Giselher der Braut die Hand zum Gelöbnis. - -Der Ring, als Zeichen der Verlobung, kam mit dem Eindringen des -Christentums zu den europäischen Völkern. In der Gudrun »jedwederz dem -andern daz gold stiez an die hant«.[4] - -[4] D. Paulus Cassel, Die Symbolik des Ringes, S. 21. - -War die Verlobung auch identisch mit der Ehe selbst, so räumte sie dem -Bräutigam doch keine ehelichen Rechte ein. Das geschlechtliche -Zusammenleben Verlobter war untersagt und auf vorzeitigen Beischlaf -standen strenge Bussen. Untreue der Braut galt vielfach als Ehebruch; -der Verführer erlitt Todesstrafe, wenn er nicht durch zwölf -Eideshelfer beschwören konnte, von der stattgehabten Verlobung nichts -zu wissen. Über die Untreue des Bräutigams glitt man leichter hinweg. -Das Hamburger Stadtrecht von 1270 bestimmt, wenn der Verlobte von -einem Weibe wegen intimen Umgangs mit ihr verklagt werde, so habe die -Braut drei Monate auf die Entscheidung zu warten; könne die Sache nur -in Rom geführt werden, so warte sie ein Jahr. Ist der Prozess auch -dann noch nicht zu Ende, so ist das Verlöbnis aufgelöst und der Braut -gebührt eine Entschädigung von 40 Mark Pfennig. Dasselbe galt für eine -Klage gegen die Braut.[5] Wer eine Braut entführte, hatte ausser den -Blutsverwandten auch den Verlobten zu sühnen, unter Umständen den -zehnfachen Brautkauf zu erlegen, und musste die Entführte behalten, -denn der Raub löste die Verlobung. Nur die bayrischen Rechte -verlangten die Rückgabe der Braut an den Bräutigam. Die Entführung -wurde von unseren Vorfahren zu den schwersten Verbrechen gerechnet; -Notzucht und Frauenraub fielen in den Gesetzen mehrfach zusammen. -Selbst das Asylrecht in den Klöstern und anderen Freistätten, die kein -Scherge betreten durfte, blieb den Frauenräubern verschlossen. Karl -der Grosse verhängte über den Entführer der Tochter seines Herrn die -Todesstrafe, die Kirche belegte alle diese Verbrecher mit ihrem Bann. -Schwere Geldbussen waren allen Gesetzen des Mittelalters gemeinsam, -wenn sie nicht auf Leib- und Lebensstrafen erkannten. Das Hamburger -Stadtrecht von 1270 bedroht den mit Todesstrafe, der eine Jungfrau -unter 16 Jahren, wenn auch mit ihrem Willen, oder eine ältere gegen -ihren Willen entführt; der Entführer geht nur dann frei aus, wenn er -ein nacktes Mädchen über 16 Jahre mit seinem Einverständnis -entführte.[6] - -[5] Weinhold a. a. O. I. 348 ff. - -[6] Weinhold a. a. O. I. 308 ff. - -Die Entführungen kamen in dem wirklichen und poetisch überlieferten -Leben des Mittelalters, sowohl in der vorritterlichen wie in der -ritterlichen Zeit häufig vor, da sie der Abenteurerlust der damaligen -Gesellschaft so recht nach dem Herzen waren. - -Das späte Heiraten, von dem Tacitus sprach, hat sich bis zum 13. -Jahrhundert in unserem Volke erhalten, um dann vollständig in -Vergessenheit zu geraten. Heiratete man bis zum gedachten Säculum erst -mit dem 30. Jahre, so zeichnete sich die Folgezeit unvorteilhaft durch -unnatürlich frühe Ehen aus[7], so dass Murner in seinem Gedichte »Vom -Nutzen des Ehestandes« mit Recht klagen durfte: - - »So 'ne Jungfrau nahm 'nen Mann, - Der nicht zum mindest dreissig Jahr - War alt -- sag ich dir offenbar. - Jetzt nehmen zwei einander g'schwind - Die beide nicht dreissig Jahr alt sind.« - -[7] Otto Henne am Rhyn, Die Frau in der Kulturgeschichte, S. 251. - -Nach dem Schwabenspiegel war das vollendete 12. Jahr zur Heirat eines -freien, nach den Weistümern das 14. bei der Vermählung leibeigener -Mädchen für ausreichend erachtet. Gudrun war etwas älter als zwölf -Jahre, als »nâch ir edelen minnen von vürsten wart gegert«. Kriemhild -zählte bei ihrer Vermählung 15 Jahre, was in adeligen und städtischen -Geschlechtern bis zum 16. Jahrhundert das Alter war, in dem die -Jungfrauen heirateten. Anna Stromer in Nürnberg vermählte sich -allerdings schon vierzehnjährig, ward mit 16 Jahren Mutter, und gebar -bis zu ihrem 25. Jahr acht Kinder -- ein Fall, den ein gewissenhafter -Chronist für aufzeichnenswert erachtet.[8] Gertrud, Kaiser Lothars -Tochter, beging zwölf Jahre alt ihre Hochzeit mit Heinrich dem Stolzen -(1127). Eine weitere Kinderhochzeit war die der vierjährigen heiligen -Elisabeth mit dem zwölfjährigen Landgrafen Ludwig von Thüringen.[9] -Gnote, die Tochter Rudolfs von Habsburg, war bei ihrer Trauung mit dem -König Wenzel von Böhmen, ein Kind, das ihrem Knaben von Gatten von -ihren Puppen erzählt, während er ihr von seinen Falken vorschwärmt, -als sie beisammen liegen. Selbstverständlich wurden derartige von der -Staatsraison diktierte Heiraten, die sich in der mittelalterlichen -Geschichte häufig wiederholen, erst nach der Reife der Gatten zu -wirklichen Ehen. Das Zusammenliegen, #das Beilager#, stellte nur -symbolisch den Vollzug der Ehe, und dadurch ihre Unlöslichkeit -nach kirchlichen und weltlichen Gesetzen dar. Denn: Ist das -Bett beschritten, ist die Eh' erstritten, sagt ein uraltes -Rechtssprichwort.[10] - -[8] Chroniken der deutschen Städte, I. 68. - -[9] Dieffenbacher a. a. O. S. 117. - -[10] Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, S. 420, und Stobke, Handbuch -des deutschen Privatrechtes, Band IV, S. 38 ff. - -Noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts aber hielt man das Beilager auch -dann öffentlich ab, wenn sich die Gatten in heiratsfähigem Alter -befanden. Aus einer Beschreibung vom Jahre 1599, der »Hohen -Zollerischen Hochzeyt«, die J. Frischlin in »Drey schöne vnd lustige -Bücher« lieferte, heisst es: - - »Rheingraff Ottho führt sie (die Braut) hinauff mit fleyss - In jr gezimmer hüpsch und weyss. - Da wartet sie, biss zu jr kam - Der junge Herr und Bräutigam - Mit allen Fürsten, Graffen, Herren, - So folgen theten willig geren. - Vor jnen her Trommeter bliesen, - Die stark in jre Pfeiffen stiessen. - Als nun der Hochborn Bräutigam - Hinauff in sein Schlaffzimmer kam, - Sein Mantel und Kranz legt von sich, - Sein Wöhr und Ketten und gabs gleich - Seim Hofmaister, solchs zu bewaren; - Derselbig thet den Fleyss nicht sparen. - Als nun die Fürsten, Herren, Frawen - Stunden in diesem Gemach zu schawen, - Die zween Brautfürer tratten her, - Die Gesponss[11] sie brachten höflich hehr - Und legten sie hinein inns Beth, - Ir weysse Kleider noch an hett. - Dann legten sie den Bräutigam - Zu seiner Gesponss also zusam, - Die Döcken uberschlagen theten, - Biss sie ein Weyl gelegen hetten. - Gar bald sie wieder auffgestanden, - Die Fürsten, Herren seind vorhanden, - Wünscht jeder da für seinen theyl - Dem Bräutigam und Braut vil heyl, - Viel glücks und guten segen reich; - Darnach lugt jeder, das er weich' - Und selber in sein Kammer kumb, - An seinem Schlaff auch nichts versumb[12].«[13] - -[11] Gesponss = Braut. - -[12] versumb = versäumte. - -[13] A. Birlinger, bei Scherr, Gesch. der Deutschen Frauenwelt, II. 63 -ff. - -Bei einer anderen Fürstenhochzeit im Junimond 1585 zwischen Johann -Wilhelm III., Herzog zu Jülich-Cleve-Berg und Jakobäa von Baden sind -die Brautgemächer nach damaliger aus Frankreich gekommener Sitte mit -Teppichen behangen, deren Gewebe mythologische Scenen darstellen, so -»zur ehelichen Lieb' am meisten und vornehmlich gehörig«.[14] Diese -Ehe endete bekanntlich mit dem geheimnisvollen Tode der eines -zuchtlosen Wandels beschuldigten Jakobäa.[15] - -[14] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte. 1859, S. 314 ff. - -[15] Bülau, Geheime Geschichten und räthselhafte Menschen, IV. Band. -12. Der Ausgang des Hauses Cleve. - -Verlobung und Hochzeit folgten bei Bürgern und Bauern häufig -unmittelbar aufeinander, namentlich wenn eine feierliche Verlobung -stattgefunden hatte; doch kommt es auch vor, dass dem ungeduldigen -Bräutigam eine Wartezeit auferlegt wird, so Gudruns Verlobten Herwig, -der ein ganzes Jahr warten muss, wobei ihm aber von der Schwiegermutter -hochherzig gestattet wird, dass er sich »mit schoenen wîben vertribe -anders wâ Die zît«. Vom 8. Jahrhundert ab begehrte die Geistlichkeit -ein dreimaliges Aufgebot und die kirchliche Einsegnung der Ehe. Die -höhere Gesellschaft fügte sich diesem Anspruche sofort, nicht so die -breiteren Schichten des Volkes, denen auf noch lange die einfache -bürgerliche Eheschliessung genügte »an (ohne) schuoler und an phaffen«, -den Bauern sogar bis ins 15. Jahrhundert. Aber selbst der Hochadel -verfügte sich erst am Morgen nach der Brautnacht zur Kirche. Abends -vor dem Kirchgange wurde das Brautpaar in die Brautkammer gebracht, -eine Decke beschlägt sie beide, ein Geistlicher findet sich vielleicht -ein, den Brautsegen über das Paar zu sprechen.[16] Die Freundinnen und -nächsten Angehörigen sind der Braut beim Entkleiden behilflich, ihr -manch guten Rat dabei zuflüsternd. Oft sind auch der Brautvater, der -Bruder des Bräutchens oder andere aus der Sippschaft in dem Gemache -anwesend. - -[16] Schultz, Höfisches Leben, S. 633. - - »Wie Elsa von Brabant, die schöne, keusche Magd, - Dem Fürsten werth des Nachts ward zugesellet. - Die Kaiserin nicht unterliess, - Dass sie die Fürstin selbst des Nachts zu Bette wies. - Die Kammer war mit Decken wohlbestellet. - Das Bett war schön geziert, mit Golde roth und reicher Seiden, - Und manches Thier darein gewoben. - In dieses Bett hat sich die Jungfrau nun gehoben, - Um drin der Minne Buhurd zu erleiden. - Der Kaiser auch gekommen war, - Er hiess die Kammer das Gesinde räumen gar, - Gut Nacht gab er den Beiden miteinander. - Nun ward die Maid entkleidet schier, - Es drückte sie der Degen an sich stolz und zier: - Ich sag' nicht mehr als -- was er sucht', das fand er.«[17] - -[17] Lohengrin, erneut von H. A. Junghans (Reclam), III. 235. - -Wenn in den mittelalterlichen Heldengedichten sich der Freund an Stelle -des wirklichen Bräutigams mit der Auserkorenen seines Freundes trauen -lässt, was, trotz der augenscheinlichen Unwahrscheinlichkeit, ein -dankbares, vielverwendetes Motiv für die damaligen Dichter abgab, dann -legte der Pseudogatte ein entblösstes Schwert zwischen sich und die -Braut, um dadurch ihre Unberührbarkeit anzudeuten. So liegt Siegfried -bei Brunhilde, und in Konrad von Würzburgs der Verherrlichung der -Freundestreue gewidmetem Gedichte »Engelhart und Engeltrut« findet -sich darüber folgende Episode. Engeltrut, die Tochter des Königs von -Dänemark, deren Vater Engelhart und sein Freund Dietrich von Brabant -dienen, kommt eines Nachts an das Bett des Engelhart und verspricht -ihm ihre Liebe, sobald er Ritter geworden und sich im Turniere einen -Preis geholt. Nachdem er diese Bedingungen erfüllt und Engeltrut an -seiner heissen Liebe nicht mehr zweifeln kann, giebt sie ihm ein -Stelldichein im Baumgarten des väterlichen Schlosses; sie empfängt ihn, -nur mit Mantel und Hemd bekleidet, zieht ihn unter ihren Mantel und -führt ihn »ûf einen senften matraz«. Sie werden von ihrem Widersacher, -dem Neffen des Königs, belauscht. Engelhart aber leugnet alles und -will für die Wahrheit seiner Behauptung kämpfen. Er holt sich seinen -Freund Dietrich, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht. Dieser kann -mit ruhigem Gewissen seine Unschuld beschwören, ficht mit dem Angeber, -siegt und erhält als Engelhart die Hand der Engeltrut. Er heiratet sie -auch, wie es einst Engelhart mit Dietrichs Frau gemacht, legt aber wie -dieser ein blosses Schwert im Brautbett zwischen sich und Engeltrut, -die er dem Freunde rein übergiebt.[18] - -[18] Schultz, Höfisches Leben, S. 596, Anm. 2. - -Derartige Hochzeiten mit Stellvertretern kamen übrigens auch in der -Wirklichkeit vor, allerdings nur an Höfen, deren Angehörige oft schon -im zartesten Alter vermählt wurden, oder die entweder aus politischen -Gründen oder der Bequemlichkeit wegen die weite und oft nicht -ungefährliche Reise zum Wohnsitze der Braut scheuten. Die Vermählung -wurde alsdann durch Prokuration mit dem Spezial-Gesandten vollzogen, -der an Stelle seines Gebieters das Beilager abhielt, in eine schwere -Prunkrüstung gehüllt, das scharfe Schwert zwischen sich und der -Herrin. Der alte österreichische Chronist Jakob Unrest meldet über ein -solches Beilager, das anlässlich der später in die Brüche gegangenen -Vermählung Maximilians I., des letzten Ritters, mit der Prinzessin -Anna von Bretagne, stattfand: »Kunig Maximilian schickt seiner Diener -einen genannt Herbolo von Polhaim gen Britannia zu empfahen die -Kunigliche Braut; der war in der Stat Remis (Reims) erlichen -empfangen, und daselbs beschluff der von Polhaim die Kunigliche Brauet -mit ein gewapte Man mit den rechte Arm und mit dem rechten fus blos -und ein blos schwert dazwischen gelegt, beschlaffen. Also haben die -alten Fürsten gethan, #und ist noch die Gewonhait#. Da das alles -geschehen was, war der Kirchgang mit dem Gottesdienst nach Ordnung der -heiligen Kahnschafft mit gutem fleiss vollpracht.« - -Die bürgerliche Gesellschaft äffte natürlich diese Beilagersitte des -Hochadels nach, wie aus der Dresdener Hochzeitsordnung aus dem letzten -Viertel des 15. Jahrhunderts hervorgeht. Nach dieser durften die -Hochzeitsgäste dem _pro forma_-Beilager beiwohnen, mussten aber dann -das Gemach verlassen, während das junge Paar aufstand, um mit zwei -Tischen voll Gästen zu tafeln. - -Diese offiziellen Beilager, bei denen es tadellos ehrbar zuging, da -man im Gegensatze zu früheren Zeiten die mit dem Brautstaate -geschmückte Braut zu dem Gatten legte, sind von jenen inoffiziellen -Beilagern zu unterscheiden, die der erklärte Bräutigam mit seiner -Braut abhielt, ohne sie zur Frau zu machen. - -Dieses »Beschlafen auf Treu und Glauben« kennt bereits die früheste -Zeit des deutschen Mittelalters. Die Ehre der Braut lief um so weniger -Gefahr, als sie unter dem Schutze des Gesetzes stand. Das Mädchen, das -sich dem Bräutigam nicht ergeben wollte, konnte ganz wohl das Beilager -gestatten, ohne in der öffentlichen Meinung als gefallen zu gelten, -wenn auch Zweifel an der beiderseitigen Zurückhaltung zu naheliegend -waren, um nicht geäussert zu werden. Der Mann musste jedenfalls seine -Selbstbeherrschung bewahren, wenn es der Schönen so beliebte, denn die -mittelalterlichen Gesetze achteten eine während des Beilagers -begangene Gewaltthat der Notzucht gleich. »Eyn jeglich man mac an -siner Amyen die notnunft begen, daz sol man uber sie richten, als ob -er nie bi ir gelege«, heisst es in den Alemannischen Landrechten, und -ähnlich in den sächsischen Land- und dem alten Goslarischen -Stadtrechte. Im Parzival kommt die jungfräuliche Königin Kondwiramur -(= _coin de voire amors_ = Ideal der wahren Liebe) zu dem schlafenden -Parzival, aber: - - »Nicht von der Minne Ungestüm - Getrieben, die Jungfräulein kann - Zum Weibe wandeln durch den Mann, -- - Dass er als Freund ihr rat' im Leide. - Den Leib umhüllt ein wehrhaft Kleid, - Ein dünnes Hemd von weisser Seide. - Was taugt wohl mehr zum Minnestreit, - Als wenn dem Manne so ein Weib - Sich naht? Der Herrin schlanken Leib - Hüllt noch ein Sammetmantel ein.«[19] - -[19] Parzival a. a. O. IV. V. 388 ff. (192, 10 ff.) - -Sie teilt sein Lager - - ».... doch ist dies bedungen, - Dass nicht berühren darf der eine - Des andern Leib ....« - -bis »die Nacht schwand hin, der Tag brach an«. - -Dieser Gebrauch hielt das ganze Mittelalter hindurch an, wie Hans -von Schweinichens Denkwürdigkeiten bezeugen. Unter dem Jahre 1573 -heisst es bei Beschreibung eines Reiseabenteuers im Lande Lüneburg bei -Herzog Heinrich, nach dessen glücklichem Ausgang in Dannenberg getanzt -wird; nach dem Tanze hebt das stereotype grosse Saufen an, bei dem -Schweinichen als letzter auf der Walstatt bleibt: »Die einheimischen -Junkern verloren sich auch, sowohl die Jungfrauen, dass also auf die -Letzte nicht mehr als zwo Jungfern und ein Junker bei mir blieben, -welcher einen Tantz anfing. Dem folget ich nach. Es währet nicht lange, -mein guter Freund wischt mit der Jungfer in die Kammer, so an der -Stuben war, ich hinter ihm nach. Wie wir in die Kammer kommen, liegen -zwei Junkern mit Jungfrauen im Bette. Diser der mit mir vortanzet, fiel -sammt der Jungfer auch in ein Bette. Auf Mecklenburgerisch so saget -sie, ich sollt mich zu ihr in ihr Bette auch legen; dazu ich mich nicht -lange bitten lies, leget mich mit Mantel und Kleidern, ingleichen die -Jungfrau auch, und redeten also bis vollend zu Tag, jedoch in allen -Ehren. Auf den Morgen hatt ich das Beste, dass ich der Längste wär auf -dem Platz gewesen, gethan, und ich hatte es am besten vericht. Kam -deswegen beim Frauenzimmer in gross Gunst. Das heissen sie auf Treu -und Glauben beigeschlafen; _aber ich acht mich solches Beiliegen nicht -mehr, denn Treu und Glauben möcht ich zu ein Schelmen werden_. Darum -heisst es: ›Hüte dich, mein Pferd schlägt dich‹[20]«, denn: - -[20] Schweinichen a. a. O. S. 38 ff. - - »Dern weisz nicht daz ein biderbe man - Sich alles des enthalten kan - Des er sich enthalten wil -- - #Weiz Got dern ist aber nicht vil!#« - -sagt Hartmann von der Aue, und ähnlich urteilte mehr als ein -Jahrtausend vor Schweinichen der byzantinische Geschichtsschreiber -Prokopius von Cäsarea, der die Keuschheit solcher Bräute in Zweifel -zieht. In manchen Gegenden machte man übrigens kein Geheimnis daraus, -dass Probenächte wirkliche Proben auf die Ehefähigkeit der zukünftigen -Ehegatten darstellten; ja man dehnte solche Prüfungen auf Wochen, -selbst Monate aus, um, wenn sie zu Ungunsten eines der beiden -prüfenden Teile ausgefallen waren, die Verlobung einfach aufzuheben. - -Ein interessantes Dokument über ein derartiges Vorkommnis aus dem -Jahre 1378 lieferte Prof. Kohler[21]. Darnach hatte ein Graf Johann -IV. von Habsburg ein volles halbes Jahr die nächtliche Probezeit mit -Herzlaude von Rappoltstein gehalten, doch schliesslich einen Korb -bekommen, weil ihm die junge Dame alle männlichen Qualitäten -absprechen musste. Kaiser Friedrich III., der sich mit der Prinzessin -Leonore von Portugal durch seinen Verwandten verlobt hatte, jedoch mit -der Vollziehung der Ehe zauderte, erhielt von dem Onkel der Braut, -König Alfons von Neapel, das Schreiben: »Du wirst also meine Nichte -nach Deutschland führen, und wenn sie dir dort nach der ersten Nacht -nicht gefällt, mir wieder zurücksenden oder sie vernachlässigen und -dich mit einer anderen vermählen; halte die Brautnacht mit ihr deshalb -hier, damit du sie, wenn sie gefällt, als angenehme Ware mit dir -nehmen, oder wo nicht, die Bürde uns zurücklassen kannst.« Mit der -Tochter dieses Kaisers hielt Herzog Albrecht IV. von Bayern in -Innsbruck das Beilager, die Hochzeit aber erst in München. - -[21] Mitgeteilt im Wortlaut von F. Chr. J. Fischer, Ueber die -Probenächte der deutschen Bauernmädchen, 1780, Neudruck S. 12 ff. - -Unter der Landbevölkerung war das Probenacht-Unwesen ungleich -verbreiteter, als in der anderen Gesellschaft des Mittelalters. Wann -diese Sitte ihren Anfang genommen, verliert sich im Dunkel, jedenfalls -bestand sie bereits im 13. Jahrhundert unter den Sachsen, denn -Kardinal Heinrich von Segusio berichtete: die Sachsen hätten eine -garstige aber gesetzmässige Gewohnheit, dass der Bräutigam bei der -Braut eine Nacht schlafen, und sich nachgehends wohl entschliessen -möge, ob er diese heiraten wolle oder nicht. In den folgenden -Jahrhunderten standen die Probenächte in voller Blüte, wie aus der -noch heute vielgenannten Monographie F. Christoph Jonathan Fischers -hervorgeht:[22] - -[22] Fischer a. a. O. S. 3 ff. - -»Beinahe in ganz Teutschland und vorzüglich in der Gegend Schwabens, -die man den Schwarzwald nennet, ist unter den Bauern der Gebrauch, -dass die Mädchen ihren Freiern lange vor der Hochzeit schon diejenigen -Freiheiten über sich einräumen, die sonst nur das Vorrecht der -Ehemänner sind. Doch würde man sehr irren, wenn man sich von dieser -Sitte die Vorstellung machte, als wenn solche Mädchen alle weibliche -Sittsamkeit verwahrlost hätten, und ihre Gunstbezeugungen ohne alle -Zurückhaltung an die Libhaber verschwendeten. Nichts weniger! Die -ländliche Schöne weiss mit ihren Reizen auf eine ebenso kluge Art zu -wirtschaften, und den sparsamen Genuss mit ebenso viler Sprödigkeit zu -würzen, als immer das Fräulein am Putztisch. - -Sobald sich ein Bauernmädchen seiner Mannbarkeit zu nähern anfängt, -sobald findet es sich, nachdem es mehr oder weniger Vollkommenheiten -besitzt, die hir ungefähr im ähnlichen Verhaltnisse, wie bei -Frauenzimmern von Stande, geschätzt werden, von einer Anzahl Libhaber -umgeben, die solange mit gleicher Geschäftigkeit um seine Neigung -buhlen, als sie nicht merken, dass einer unter ihnen der Glücklichere -ist. Da verschwinden alle Uebrigen plötzlich, und der Libling hat die -Erlaubnis, seine Schöne des Nachts zu besuchen. Er würde aber den -romantischen Wohlstand schlecht beobachten, wenn er den Weg geradezu -durch die Hausthür nehmen wollte. Die Dorfsetiquette verlangt -nothwendig, dass er seine nächtlichen Besuche durch das Dachfenster -bewerkstellige. Wie unsere ritterbürtige Ahnen erst dann ihre Romane -glücklich gespilt zu haben glaubten, wenn sie bei ihren verlibten -Zusammenkünften unersteigliche Felsen hinanzuklettern und ungeheure -Mauren herabzuspringen gehabt; oder sich sonst den Weg mit tausend -Wunden hatten erkämpfen müssen, ebenso ist der Bauernkerl nur dann mit -dem Fortgange seines Libesverständnisses zufriden, wenn er bei jedem -seiner nächtlichen Besuche alle Wahrscheinlichkeit für sich hat, den -Hals zu brechen, oder wenn seine Göttin, während dem er zwischen -Himmel und Erde in grösster Lebensgefahr dahängt, ihm aus ihrem -Dachfenster herunter die bittersten Nekereien zuruft. Noch in seinen -grauen Hahren erzehlt er mit aller Begeisterung dise Abenteuer seinen -erstaunten Enkeln, die kaum ihre Mannheit erwarten können, um auf eine -ebenso heldenmütige Art zu liben. - -Dise mühsame Unternehmung verschaft anfangs dem Libhaber keine andere -Vorteile, als dass er etliche Stunden mit seinem Mädchen plaudern -darf, das sich um dise Zeit ganz angekleidet im Bette befindet und -gegen alle Verrätereien des Amors wol verwahrt hält. Sobald sie -eingeschlafen ist, so muss er sich plötzlich entfernen, und erst nach -und nach werden ihre Unterhaltungen lebhafter. Ja in der Folge gibt -die Dirne ihrem Buhler unter allerlei ländlichen Scherzen und -Nekereien Gelegenheit, sich von ihren verborgenen Schönheiten eine -anschauliche Erkenntniss zu erwerben; lässt sich überhaupt von ihm in -einer leichteren Kleidung überraschen, und gestattet ihm zuletzt -alles, womit ein Frauenzimmer die Sinnlichkeit einer Mannsperson -befridigen kan. Doch auch hir wird immer noch ein gewisses Stufenmass -beobachtet, wovon mir aber das Detail anzugeben die Zärtlichkeit des -heutigen Wolstandes verbeut. Man kan indess viles aus der Benennung -#Probenächte# erraten, welche die letztern Zusammenkünfte haben, da -die erstern eigentlich Kommnächte heissen. - -Sehr oft verweigern die Mädchen ihrem Libhaber die Gewährung seiner -letzten Wünsche so lang, bis er Gewalt braucht. Das geschiht allezeit, -wenn ihnen wegen seiner Leibesstärke einige Zweifel zurück sind, -welche sie sich freilich auf keine so heikle Weise als die Witwe -Wadmann aufzulösen wissen. Es kömmt daher ein solcher Kampf dem Kerl -oft sehr teuer zu stehen, weil es nicht wenig Mühe kostet, ein -Baurenmensch zu bezwingen, das iene wollüstige Reizbarkeit nicht -besizt, die Frauenzimmer vom Stande so plözlich entwafnet ... - -Die Probenächte werden alle Tage gehalten, die Kommnächte nur an den -Sonn- und Feiertagen und ihren Vorabenden. Die Erstern dauern solange, -bis sich beide Teile von ihrer wechselseitigen physischen Tauglichkeit -zur Ehe genugsam überzeugt haben, oder bis das Mädchen schwanger wird. -Hernach tut der Bauer erst die förmliche Anwerbung um sie und das -Verlöbnis und die Hochzeit folgen schnell darauf. Unter den Bauren, -deren Sitten noch grosser Einfalt sind, geschiht es nicht leicht, dass -Einer, der sein Mädchen auf dise Art geschwängert hat, sie wider -verliesse. Er würde sich ohnfehlbar den Hass und die Verachtung des -ganzen Dorfes zuzihen. Aber das begegnet sehr häufig, dass beide -einander nach der Ersten oder Zweiten Probenacht wider aufgeben. Das -Mädchen hat dabei keine Gefahr, in einen übeln Ruf zu kommen; denn es -zeigt sich bald Ein anderer, der gern den Roman mit ihr von vorne -anhebt. Nur dann ist ihr Name zweideutigen Anmerkungen ausgesezt, wenn -sie mehrmals die Probezeit vergebens gehalten hat. Das Dorfpublikum -hält sich auf diesen Fall schlechterdings für berechtigt, verborgene -Unvollkommenheiten bei ihr zu argwöhnen. Die Landleute finden ihre -Gewohnheit so unschuldig, dass es nicht selten geschiht, wenn der -Geistliche am Orte einen Bauren nach dem Wohlsein seiner Töchter -frägt, dieser ihm zum Beweise, dass sie gut heranwüchsen, mit aller -Offenherzigkeit und mit einem väterlichen Wolgefallen erzehlt, wie sie -schon anfiengen, ihre Kommnächte zu halten. Keyssler gibt in seinen -Reisen (Hannover 1740, Brief IV, S. 21) uns eine sehr drollige -Erzehlung von einem Prozesse, den die Bregenzer Bauren ehmals zur -Verteidigung einer solchen Gewohnheit geführt haben, die sie #fügen# -nennen. Die Kasuisten, die sich eben nicht immer von den erlaubten und -unerlaubten Begattungsarten die richtigsten Begriffe machen, und -manchmals dasienige für Sünde halten, was keine ist, und dasienige -nicht dafür halten, was doch eine ist, ereiferten sich von ieher sehr -über diesen ländlichen Gebrauch. Er musste ihnen daher sehr oft zum -Stoff dienen, ihre Beredsamkeit auf eine sehr vorteilhafte und -pathetische Weise zu zeigen. Die katholischen Landpriester, die mit -dem Charakter ihrer Seelenbefohlnen zuweilen etwas näher, als die -Protestanten mit den Ihrigen bekannt sind, und mithin die -Untadelhaftigkeit dieser Sitte besser einsehen, äussern darüber mehr -Duldsamkeit als die Letzteren, die nie unterlassen, ihre Bauren -deswegen mit den heftigsten Strafpredigten zu verfolgen, und weil doch -leider heutzutage, wo die Welt so ganz im Argen ligt, dise -Züchtigungen nicht allezeit von Wirkung sind, so verabsäumen sie keine -Gelegenheit, zur Vertilgung dises heidnischen Gräuels den weit -kräftigeren weltlichen Arm zu Hülfe zu rufen .... Wenn es der Wolstand -nicht untersagte, gewisse Forschungen nicht allzuweit zu verfolgen, -und ihr endliches Resultat enthüllt darzustellen, so könnte ich ihn -leicht überführen, dass dise Sitte nicht nur in der Physiologie des -Menschen gegründet, sondern auch eine für die Bevölkerung sehr -heilsame Anstalt sei. Demienigen Teil meiner Leser aber, der sich so -schlechterdings nicht abfertigen lässt, und verschiedene Erläuterungen -wünscht, muss ich an die Aerzte und an dieienigen Advokaten weisen, -die vor den Ehegerichten Prozesse führen.« - -Ausser diesen Probe- und Kommnächten herrschte überdies ein mehr als -freier Verkehr zwischen den beiden Geschlechtern im Bauernstande. -Bezeichnend dafür ist, dass z. B. in Bayern die Schlafstätten der -Mägde und Knechte nicht voneinander gesondert waren, weshalb Ehebruch -und Unzucht in erschreckender Weise grassierten. Maximilian, der -grosse Kurfürst Bayerns, sah sich deshalb veranlasst, bei seinem 1598 -erfolgten Regierungsantritt ein »Sittenmandat« ausgehen zu lassen, -nach dem Schwangerschaften bei ledigen Weibspersonen mit Geldstrafen -und Einschliessung in »die Geige«, ein geigenartiges Brett mit -Einschnitten für den Kopf und die beiden Hände, gebüsst werden -sollten; trotzdem verrechnete 1605 der Münchener Rentmeister in seiner -Amtsrechnung über Strafgelder mehr als 300 uneheliche Kinder, -»derjenigen nicht zu erwähnen, die nicht angezeigt wurden«. Dabei -stand der Vermerk: »Es wollen sich auch sehr viele Adelspersonen in -diesem Laster finden lassen.« 30 Jahre später sah sich Kurfürst -Maximilian zu einer Strafverschärfung genötigt, die auf Ehebruch bei -Männern auf fünf- bis siebenjährige Landesverweisung, und bei -wiederholtem Pönfall das Schwert erkannte. Eheschänderische Frauen aus -Bürger- oder Bauernstande traf fünfjährige Verbannung, Adelige der -Verlust aller Ehrenrechte, und alle drei Stände im Wiederholungsfalle -der Tod durch den Henker. Das Laster war aber so tief eingewurzelt, -dass Maximilian durch ein späteres Reskript diese Strafen mildern -musste.[23] - -[23] Dr. Ed. Vehse, Geschichte des Hofes vom Hause Baiern, I. Band S. -115 ff. - -Im allgemeinen jedoch war die Jungfräulichkeit der Braut unerlässliche -Bedingung des Bräutigams. - - »Noch besser wär eines Igels Haut - Im Bett, als eine leide Braut«, - -sagt Freidank. - -Von den Ditmarschen ist bekannt, dass niemand von ihnen ein gefallenes -Mädchen ehelichen durfte, denn »de eine hôre nimt vorsatzichlich, -vorrêt ôk wol sîn vaterland«, und als Landesverräter wegen seiner Ehe -zu gelten, wagte kein echter Friese. Zu Bonifazius' Zeiten war das -Mädchen gezwungen, sich aufzuhängen. Über den Scheiterhaufen der Toten -knüpfte man den Verführer auf.[24] Das Landrecht des als unkeusch -verschrieenen Schwabens enthält eine Stelle, die ungefähr -folgendermassen lautet: Wenn ein Mann sich eine Gattin genommen hatte, -und beschuldigte sie, sie wäre bei der Hochzeit nicht mehr Jungfrau -gewesen, so waren die Eltern des Mädchens verpflichtet, den -Gegenbeweis anzutreten. Dieses geschah dadurch, dass man »jr -junckfraulichnn zaichnn«, das heisst das Bettuch, auf dem sie die -erste Nacht gelegen hatte, vor Gericht brachte. Wenn man nun an diesem -erkannte, dass sie eine reine Magd gewesen, so wurde der Mann für -seine Verleumdung mit 40 Schlägen und einer Geldbusse bestraft und er -war gezwungen, das Mädchen als Ehefrau zu behalten; zeigte es sich -aber, dass das Weib seine Jungfräulichkeit früher verloren hatte, so -wurde sie aus dem Hause des Vaters verstossen, »darumb daz sy hurhait -pflegnn hat in irs vaters haus«. In einigen Gegenden, wie im -Thüringischen, handhabte man die Unzuchtsstrafe noch bis ins 16. -Jahrhundert derart, dass eine zur Unehre gekommene Dirne sofort in -Haft genommen, ebenso der Thäter, falls man seiner habhaft werden -konnte, gefangen gesetzt wurde, bis die Trauung stattfand. Wollte der -Bräutigam nicht »Ja« sagen, so that es der Gemeindediener für ihn: -»Montag den 7. September 1579 sind Matthes Bechtold von Neustadt vnd -Agnes Bäuerin von Coburgk, da sie von wegen geübter Vnzucht und -Hurerey Kirchenbuss gethan vnd der Obrigkeitt straffe mit gebührlichen -vnd willig gehorsam vff sich genommen, in der Büttelstube copulirt vnd -ehelichen zusammen gegeben worden, auf das in ihr Kindlein, mit -welches geburt die Mutter alda vberfallen, also cohenestirt, vnd von -allen vnehren erledigt würde.«[25] - -[24] Weinhold a. a. O. II. S. 19. - -[25] Dr. Alfr. Hagelstange, Süddeutsches Bauernleben im Mittelalter, -S. 69 ff. - -Die Kirchenbussen waren, wie ich bereits bemerkte, ungleich -empfindlicher als die Strafen der Sittenpolizei. Personen mit -derartigen Delikten mussten vor Beginn der Messe mit einem weissen -Stabe in der Hand oder Strohkränzen auf dem Kopfe, das Mädchen in -Konstanz ausserdem mit einem Strohzopf vor der Kirchthüre stehen; in -Rottenburg der Verführer in einem Strohmantel an drei Sonntagen in der -Kirche sein. In den Dörfern oberhalb Rottenburgs musste er seine -Liebste in einem Karren herumfahren, wobei die Jugend und die lieben -Nächsten das Paar mit Schmutz bewarfen, ehe es von der Kanzel herab -öffentlich seine Busse auferlegt erhielt.[26] In gewissen Fällen -wurden die Dirnen ausgepeitscht und des Landes verwiesen. - -[26] Hagelstange a. a. O. und Weinhold, Die deutschen Frauen i. d. M., -III. Aufl., 2. Band S. 22 ff. - -Ein Hauptbestandteil des Lobes, das Tacitus dem germanischen Eheleben -spendet, besteht in der Hervorhebung der bei ihnen herrschenden -Einweiberei: »Denn sie sind fast die einzigen Barbaren, die sich mit -Einem Weibe begnügen; eine Ausnahme machen sehr wenige unter ihnen, -und diese nicht aus Sinnenlust, sondern weil sie ihres hohen Standes -wegen mehrfach umworben werden.«[27] Also Ausnahmen kamen vor, wie z. -B. Ariovists Bigamie aus politischen Gründen, ferner bei den -Merovingern und vornehmen Franken, so bei Pipin II., der zwei -rechtmässig angetraute Frauen, Plectrud und Alpais, besass, ohne dass -die Kirche dagegen Einspruch zu erheben wagte. Ja, die Kirche wusste -stets den Launen der Mächtigen willfährig zu sein, denn auch sie war -sich des Spruches »Mit grossen Herren ist nicht gut Kirschen essen« -bewusst, und -- eine Hand wusch eben die andere. So bleibt, aller -Beschönigungen zum Trotze, jene so viel angefochtene und anfechtbare -Billigung Luthers und Melanchthons zu der am 4. März 1540 -geschlossenen Doppelehe Philipps des Grossmütigen von Hessen mit der -schönen Sächsin Margarete von Sal, dem Hoffräulein seiner Gemahlin, -als hässlicher Fleck auf dem Charakterbilde dieser beiden grossen -Männer haften. - -[27] Tacitus, Germania, 18. - -Die Angelegenheit erregte um so grösseres und unliebsameres Aufsehen, -als das kurz vorher in Kraft getretene Strafgesetzbuch Kaiser Karls V. -die Bigamie, »welche übelthat dann auch eyn ehebruch und grösser dann -das selbig laster ist« mit dem Tode bestraft wissen wollte. Gegen -weniger hochgeborene Übelthäter dieser Art kannte das Gesetz keine -Nachsicht, und Meister Franz, der Nürnberger Scharfrichter, kann in -seinen Aufzeichnungen[28] von vollzogenen Hinrichtungen an Bigamisten, -selbst Trigamisten erzählen. Nur ein einziges Mal war in der deutschen -Geschichte die Doppelehe nicht nur gesetzlich gestattet, sondern sogar -behördlich angeordnet. Nach dem grossen Kriege war es, der -Deutschlands Bevölkerung von sechzehn bis siebzehn Millionen auf etwa -vier Millionen verringert hatte. Diesem Menschenmangel suchte man -durch zum Teil befremdliche Auskunftsmittel zu steuern. Ein solches -war unter anderen der am 14. Februar 1650 von dem fränkischen Kreistag -in Nürnberg gefasste folgende Beschluss: »Demnach auch die -unumgängliche dess heyl. Römischen Reichs Notthürft erfordert, die in -diesem 30 Jerig blutigen Krieg ganz abgenommene, durch das Schwerdt, -Krankheit und Hunger verzehrte Mannschaft wiederumb zu ersetzen und in -das khünfftig eben dersselben Feinden, besonders aber dem Erbfeind des -christlichen Namen, dem Türckhen, desto stattlicher gewachsen zu sein, -auf alle Mitl, Weeg und Weiss zu gedenkhen, als seinds auff -Deliberation und Berathschlagung folgende 3 Mittel vor die bequembste -und beyträglichste erachtet und allerseits beliebt worden. 1.) Sollen -hinfüro innerhalb den nechsten 10 Jahren von Junger mannschaft oder -Mannsspersonen, so noch unter 60 Jahren sein, in die Klöster -ufzunemmen verbotten, vor das 2te denen Jenigen Priestern, Pfarrherrn, -so nicht ordersleuth, oder auff den Stifftern Canonicaten sich Ehelich -zu verheyrathen; 3.) #Jedem Mannsspersonen 2 Weiber zu heyrathen -erlaubt sein#: dabey doch alle und Jede Mannssperson ernstlich -erinnert, auch auff den Kanzeln öffters ermanth werden sollen, Sich -dergestalten hierinnen zu verhalten und vorzusehen, dass er sich -völlig und gebürender Discretion und versorg befleisse, damit Er als -ein Ehrlicher Mann, der ihm 2 Weyber zu nemmen getraut, beede -Ehefrauen nicht allein nothwendig versorge, sondern auch under Ihnen -allen Unwillen verhüette.[29]« - -[28] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte. - -[29] Joh. Scherr, Deutsche Kultur- und Sittengeschichte, 10. Aufl., -322 ff. - -Die Ehescheidung kam im Mittelalter verhältnismässig selten vor. Zu -den Scheidungsgründen in der Übergangsperiode vom Altertum zum -Mittelalter zählten einerseits Ehebruch, Mordversuch, Zauberei und -Gräberschändung, andererseits zu hohes Alter des einen der Gatten, -Unvermögen und Verweigerung der ehelichen Pflicht und böswilliges -Verlassen.[30] Die offen und vor Zeugen geschlossene Ehe konnte nur -wieder vor Zeugen aus beiden Familien rechtlich gelöst werden.[31] Als -sich ein geordnetes Gerichtsverfahren gebildet hatte, wurde in aller -Form der Ehescheidungsprozess geführt und das richterliche Erkenntnis -öffentlich bekannt gemacht. Die Kirche strebte von Anbeginn bis zu -ihrer vollen Machtentfaltung danach, die Scheidung möglichst zu -erschweren. Die Nichtigkeitserklärung der Ehen konnte nur in Rom -erfolgen, war daher für einen minder Bemittelten schwer, ja geradezu -unmöglich. Desto mehr Gebrauch machten davon die Fürsten. Waren sie -ihrer Frauen überdrüssig, oder boten sich durch eine andere Heirat -neue Vorteile, so wurden, wenn kein anderer plausibler Scheidungsgrund -aufzutreiben war, Zeugen beschafft, von denen das Vorhandensein eines -verbotenen Verwandtschaftsgrades zwischen den Ehegatten beschworen -wurde; Geld und Ansehen thaten das übrige, so dass die Lösung der Ehe -durch päpstliche Gewalt keine Schwierigkeiten machte. - -[30] Weinhold a. a. O., III. Aufl., 2. Bd. 38 ff. - -[31] Grimm, Rechtsalterthümer, 454. - -Später wurde durch den Wegfall der meisten der vorangeführten -Scheidungsgründe die Lösung der Ehe noch weiter erschwert. Selbst -Ehebruch der Frau wurde 829 schon als kein Grund zur Auflösung der Ehe -betrachtet, ebensowenig wie das geschlechtliche Unvermögen. Hatte der -Bauer seine Frau dem Nachbarn anzubieten (s. oben Seite 65), so sah -man in der Frühzeit nichts Übles darin, wenn der Gatte sich einen, -wenn angängig möglichst vornehmen, dabei natürlich möglichst kräftigen -Stellvertreter suchte. Ein thüringer Ritter, der wegen Unvermögen -keinen Erben von seiner Frau erhalten konnte, bat den Landgrafen -Ludwig, den Gemahl der heiligen Elisabeth, ihn zu vertreten. Mit der -Verleitung der eigenen Frau zum Ehebruch hatte ein derartiges Ansuchen -um so weniger zu thun, als in einem solchen Falle jedes materielle -Interesse in Wegfall kam und der Mann nur den derzeitigen Hauptzweck -der Ehe, die Erhaltung und Fortpflanzung der Familie, im Auge hatte. - -In einer Zeit, in der die kirchliche Lehre von der Verdienstlichkeit -ehelicher Enthaltsamkeit Eingang fand, als der höchsten Frivolität -eines Teiles der Gesellschaft die überspannteste Frömmigkeit -gegenüberstand, blieben oder wurden manche Ehen bloss Scheinehen. Die -Geistlichkeit pries dies sehr unlogisch, da sie doch die Ehe als -Sakrament erklärt hatte, als ein heiliges Werk, dem der höchste Lohn -im Jenseits gewiss war. Einige Fürstinnen und Fürsten erwarben sich -durch dieses freiwillige und unter erschwerenden Umständen aufrecht -erhaltene Cölibat den Heiligenschein. Sehr vernünftig erklärte sich -aber die Synode von Schwerin anno 1492 gegen diesen asketischen -Blödsinn. Ich habe bereits früher, beim Rittertum (Seite 49) einige -dieser »Martyrerinnen« und Heiligen namhaft gemacht, die neben anderem -Unsinn auch den Sport trieben, jungfräuliche Ehefrauen zu sein, die -selbst den Verführungen der Flitterwochen nicht unterlegen waren, die -die Vorzeit viel bezeichnender als wir: Kusswoche, Kirchenwoche, -Zärtel-, Butter- und Honigwoche nannte. - -Wie alles, was vom Menschen kommt und mit dem Schicksal zusammenhängt, -hat auch die Ehe ihre Licht- und Schattenseiten, daher begeisterte -Anhänger und erbitterte Widersacher. Einer der eifrigsten Fürsprecher -der Ehe war D. Martinus Luther. »Die Ehe ist eine schöne herrliche -Gabe und Ordnung«, dann weiter, dass der Ehestand »Gottes Ordnung und -der allerbeste und heiligste Stand sei; darum sollte man ihn auch mit -den herrlichsten Ceremonien anfahen um des Stifters willen, nehmlich -Gottes, der da will, dass ein Männlein und ein Fräulein beisammen sein -sollen« u. s. w.[32] - -[32] Tischreden: »vom Ehestande«. - -Freidank, ohnehin ein begeisterter Lobredner der Frauen, bei dem sich -das schönere Geschlecht für das sinnige Kompliment zu bedanken hat: - - »Vom #Freun# die #Fraun# sind zubenannt - Ihre Freud' erfreuet alles Land; - Wie wohl das Freuen der erkannte, - Der sie zum Ersten Frauen nannte!«[33] - -singt auch das Hohelied der Ehe in allen Tonarten: - - »Wenn man alles sagen soll, - So ist auf Erden keinem wohl, - Als wer errang ein Weiblein traut - Und fest auf ihre Treue baut.« - -[33] - - »Durch vröude vrouwen sind genant, - Ir vröude ervröuwet ellin lant. - Wie wol er vröude kante - Der sie êrste vrouwen nante!« - -Obige Übersetzung von Karl Pannier, nach dem ich auch ferner citiere. - -Dann: - - »Wer treues Weib errungen hat, - Dem wird für seine Sorgen Rat.« - -Oder Reinmar von Zweter, der über die Ehe sagt: - - »#Ein# Herz, #ein# Leib, #ein# Mund, #ein# Mut - Und #eine# Treue wohlbehut, - Wo Furcht entfleucht und Scham entweicht - Und zwei sind eins geworden ganz, - Wo Lieb' mit Lieb' ist im Verein: - Da denk ich nicht, dass Silber, Gold und Edelstein - Die Freuden übergoldet, die da bietet lichter Augen Glanz. - Da, wo zwei Herzen, die die Minne bindet - Man unter einer Decke findet - Und wo sich eins an's and're schliesset, - Da mag wohl sein des Glückes Dach.« - -Ob Meister Freidank und Reinmar aus Erfahrung sprechen oder nur galant -sein wollen, ist bei den dürftigen Nachrichten über der Dichter Leben -nicht zu ermitteln. Anders steht es aber mit einem Priester, den wir -bisher als recht widerhaarig kennen gelernt haben. Wenn dieser, -nämlich Bruder Berthold von Regensburg, sich zu einer Empfehlung der -Ehe aufschwingt, noch dazu in Argumenten, die auch heute noch nichts -von ihrer Beweiskraft eingebüsst haben, dann sollte es doch zu denken -geben. Also Hagestolz, horche auf, und beherzige, was Frater Berthold -in seiner Predigt über die zehn Gebote sagt: »Darum du junge Welt, geh -schleunig in starker Busse in dich, und zur Ehe, oder mit der -Ehelosigkeit auf den Grund der Hölle. ›Bruder Berthold, ich bin noch -ein junger Knabe, und die mich gerne nähme, die will ich nicht, und -die ich gerne nähme, die will mich nicht.‹ Nun so nimm aus aller Welt -eine zur Ehe, mit der du recht und gesetzlich lebest. Willst du die -eine nicht, so nimm die andere; willst du die Kurze nicht, so nimm die -Lange; willst du die Lange nicht, so nimm die Kurze; willst du die -Weisse nicht, so nimm die Schwarze; willst du die Schlanke nicht, so -nimm die Dicke. Nimm dir nur eine Ehefrau aus aller Welt. ›Bruder -Berthold ich bin doch arm und habe nichts.‹ Es ist weit besser, dass -du arm ins Himmelreich fahrest, als arm zur Hölle. Du wirst noch -schwerer reich in der Ehelosigkeit als in der Ehe. ›Bruder Berthold -ich habe mein Brot noch nicht!‹ Ich höre wohl, du willst die Ehe -nicht. Da du nun die Unehe haben willst, so nimm dir wenigstens nur -eine Einzige zur Unehe. Nimm diese an die eine Hand und den Teufel an -die andere, und nun geht alle drei mit einander zur Hölle, wo euch -nimmer geholfen wird.«[34] - -[34] Weinhold a. a. O. I. 296 ff. - -Dieselbe Meinung hegt Fischart in seinem Philosophischen Ehzuchtbüchlein: - - »Wer da flieht den Rauch der Ehe, - Fällt in eine Flamm' und ärger Wehe. - Mancher den Regen flieht im Haus - Und fällt darnach in den Bach da draus.« - -Das geistvolle Schriftchen enthält noch manche, selbst heute recht -beherzigenswerte Ehestandsregel.[35] - -[35] Erneut und bearbeitet von G. Holtey Weber, Halle a. S., Hendel. - -Nun _audiatur et altera pars_. Damit liessen sich Folianten füllen, -doch mag hier nur der Bissigsten einer, Geiler von Kaisersberg, zu -Wort kommen, da sich neben vielen Verbohrtheiten auch manch Körnlein -Wahrheit in seiner Predigt birgt. Eine reiche Frau reibt ihrem Gatten -täglich ihre Mitgift unter die Nase, sagt er; eine fruchtbare bringt -mit ihren vielen Kindern selbst dann Sorgen ins Haus, wenn Reichtum -vorhanden ist; fehlt dieser aber, so giebts Kummer und Not. Ist sie -unfruchtbar, klagen sie um Kinder; ist sie schön, muss der Mann -sorgen, dass auch andere ausser ihm sie begehrenswert finden. »Jedoch -du nemmest für eine, was du wöllest, so bekommest du ein meister uber -dich, die dir allzeit wider beffzet gleich als ein böser hundt. Diss -ist der weiber natur und brauch, da sie alzeit den männern widerreden -und antwort geben. Dann sie volgen irem natürlichen ursprung nach, -nemlich, dieweil sie auss einem krummen ripp gemachet sein, so reden -und bellen sie allzeit herwider und wissen auff alle ding ein antwort -zu geben.«[36] Übrigens ist Geiler konsequent genug, auch die Weiber -vom Heiraten abhalten zu wollen, indem er sie an das Sprichwort -erinnert: - -[36] Schultz, D. Leben, S. 260. - - »Es ward nie kein mann, - Er hett ein wolffszaan!« - -Genützt haben aber die Redereien blutwenig. Die Leute heirateten doch, -der Augsburger Kaufherr Burkard Zink viermal; in Köln am Sonntag nach -Michaelis im Jahre des Herrn 1498 eine Frau sogar zum siebenten Male, -nachdem sie bereits sechsmal Witwe gewesen war. - - - - -Die feile Liebe. - - -Wenn der ganze Verlauf der Geschichte der geistigen Entwickelung der -Menschheit mit dem Leben eines Mannes verglichen wird, so ähnelt das -Mittelalter in seiner Gesamtheit den Flegeljahren des Mannes, der -- -halb Kind, halb Jüngling -- zwischen den diesen Entwickelungsjahren -eigentümlichen Extremen schwankt. Der Geist hält mit dem Wachstum des -Körpers nicht Schritt; langsam dämmert in ihm erst die Erkenntnis des -Jünglings auf, während sich die Glieder recken und dehnen, das Blut -schneller die Adern durchkreist, neue Gedanken erstehen, eckig und -unreif wie der Körper. Das lieblich kindliche Gehaben macht einem -selbstbewussten Auftreten, die zarte Kinderstimme dem rauheren Organe -Platz. Das Schamgefühl, dem innersten Wesen des Kindes fremd, beginnt -langsam zu erstehen, ohne sich jedoch noch voll entfaltet zu haben. -Ganz so war es mit den Deutschen zwischen dem 12. und dem 16. -Jahrhundert. Die auf sie aus zahllosen Kanälen einströmende Erkenntnis -hatte ihnen viel von der Naivität früherer Zeit geraubt, ihre -Ursprünglichkeit, die sich erst unter dem Einfluss ausländischer -Sitten und der Schulbildung in viel späterer Zeit verlieren sollte, -war für jetzt noch aufdringlicher und abstossender geworden als sie -vordem war, da sie nun nicht mehr unbewusst sich bethätigte. - -Das Geschlechtsleben entwickelte sich, je weiter das Mittelalter -seinem Höhepunkte zukam, immer unverhüllter, bis es von der Naivität -zur Gemeinheit gesunken war. Dem Grundsatze _naturalia non sunt -turpia_ huldigte das Mittelalter in einer der Neuzeit unbegreiflichen -Weise. Die intimsten Verrichtungen scheuten die breiteste -Öffentlichkeit nicht[1], in Wort und Bild durften die widerhaarigsten -Zoten ungescheut verkündet werden. Die Vorurteilslosigkeit in -geschlechtlichen Dingen sah in dem Vorhandensein öffentlicher Dirnen -und ihrer Benutzung etwas ganz Selbstverständliches. Die Sentenz von -den Dirnen, die da seien, die Tugend der Bürgermädchen vor -Versuchungen zu bewahren, war im Mittelalter allgemein, stammt daher -keineswegs von Heine. Man duldete die Wollustpriesterinnen schon in -frühester Zeit innerhalb der Stadtmauern oder in deren unmittelbaren -Nähe ausserhalb des Weichbildes, wenn auch von Anbeginn an unter -erschwerenden Umständen. Meist boten gewerbsmässige Kupplerinnen den -öffentlichen Mädchen Unterschlupf. Sie sorgten einerseits für die -Heranziehung von Liebhabern, andererseits für immer wechselndes -Mädchenmaterial. Die engen Strassen der meist räumlich sehr -beschränkten Städte und Flecken eigneten sich noch nicht zum Abfangen -der Liebhaber ausserhalb der Häuser. In grossen Städten war dies -allerdings anders. König Wenzel von Böhmen (1361-1419), ein gar -galanter Herr, zog im nächtlichen Prag »als ein garczawn« -(Junggeselle) auf der Streife nach »dy junckfrauen, die leider sind -gemein« umher[2], die er demnach hoffen durfte auf den Strassen -anzutreffen. Doch die Hauptrolle beim Liebesgeschäft spielten die -Kupplerinnen, die sich aber nicht nur darauf beschränkten, ihre eigene -Ware an den Mann zu bringen, sondern auch zu sonstigen Liebeshändeln -gerne ihre Dienste boten. Eine kleine Novelle #Konrads von Würzburg#, -eines der bedeutendsten und fruchtbarsten Dichter des 13. -Jahrhunderts, beleuchtet sehr anschaulich das Wirken einer solchen -Kupplerin aus Konrads Heimat, einer »vuegerinne«, die liebebedürftigen -Pärchen ihr Haus zur Verfügung stellte. Eines Tages, als bei ihr -Schmalhans Küchenmeister war, ging sie zur Kirche, um dort vielleicht -Kunden einzufangen. Das Glück schien ihr hold, denn der Dompropst -Heinrich von Rothenstein, einer der Chorherren am Münster, kreuzte -ihren Weg. Die Fügerin wisperte ihm zu: »Eine schöne Frau entbietet -Euch Freundschaft, Huld und Gruss, da ihr Herz und Sinn, Euch, -würdiger Herr, in Treue zugewandt ist.« Dem Pfaffen schlug das Herz -höher und schmunzelnd gab er der »lieben Mutter« eine Handvoll Münzen, -indem er ihr ans Herz legte, nur alles in die Wege zu leiten. Frau -Fügerin hielt nun freudig Ausschau nach der schönen Frau, die den -feisten Chorherrn in ihr Herz geschlossen haben könnte, als ein »schön -minniglich Weib« in das Gotteshaus trat. Die Kupplerin machte sich -heran und vertraute ihr an, dass ein gar schöner »tugendlichster« Herr -von ihrem Anblick todwund sei und nur sie allein im stande wäre, die -Minnewunde zu heilen, die ihr Augenpaar geschlagen. Lachend willigte -die Angesprochene ein, nach der Messe weiteres hören zu wollen. Die -Kupplerin erstand nun einen seidenen Gürtel, um ihn der aus der Kirche -Kommenden als Geschenk des Liebhabers anzubieten. Diesem Angebinde und -der Überredungskunst der Fügerin vermochte die Tugend der Dame nicht -standzuhalten. Sie versprach, sich nachmittags im Häuschen der Alten -einzufinden. Pünktlich erschien sie im »behaglichen Kleide«. Die -Kupplerin flog glückstrahlend zum geistlichen Herrn, ihn zum -Stelldichein zu führen, doch leider hinderten ihn dringende, -unaufschiebbare Geschäfte, dem lockenden Rufe zu folgen. Die arme -Kupplerin sah sich um ihren sicheren Verdienst gebracht und trollte -betrübt ihrem Hause zu, als sie einem stattlichen, reichgekleideten -Herrn begegnete, der auch gerne bereit war, für den Chorherrn -einzuspringen. Inzwischen harrte die Dame bei der Kupplerin neugierig -der Dinge, die da kommen sollen. Sie erschrak aber bis auf den Tod, -als sie in dem die Kupplerin begleitenden Herrn -- ihren eigenen Mann -erkannte. Nun galt es frech sein und den dräuenden Spiess umkehren. -Mit einer Flut von Schmähreden, Schimpfwörtern, Püffen und Schlägen -überfiel sie den ahnungslosen Gemahl, der schliesslich noch glücklich -war, die Verzeihung seiner betrogenen Gattin durch eine Unzahl von -Versprechungen zu erlangen.[3] - -[1] G. v. Below, Das ältere deutsche Städtewesen und Bürgertum, S. 32, -33. - -[2] J. Wessely, Deutschlands Lehrjahre, I. 217. - -[3] Hagen, Gesammtabenteuer, I. 193 ff.; Scherr, Frauenwelt, I. 247 -ff. - -Neben der Kupplerin nimmt eine Dame die Hauptstelle in dieser den -Stempel der Natürlichkeit tragenden Novelle ein. Die Stadtbewohnerinnen -waren auch kaum zurückhaltender als die Edeldamen und Dorfschönen, -weshalb das lichtscheue Treiben der Gelegenheitsmacherinnen -unheilvollen Einfluss auf die Moral ausüben musste. Mittels -drakonischer Strafen suchte sich die mittelalterliche Rechtspflege -denn auch der Fügerinnen zu entledigen. Aber die Verurteilungen -von Kupplerinnen verheirateter Frauen zu Pranger, Steintragen, -Stadtverweisungen[4], selbst zum Lebendbegraben -- »drivende meghede, -de andere vrowen verschündet«[5] -- und Verbrennen, wie im alten -Berlin[6], halfen dem Übel um so weniger ab, als die Fügerinnen bei -dem überhandnehmenden Luxus ständigen Zulaufes der verschwenderischen -Weiber sicher sein durften. Viele dieser Kupplerinnen waren, einst -wie jetzt, in ihrer Jugend durch ihre nunmehrigen Kolleginnen auf -die abschüssige Bahn gestossen worden und vergalten nun Gleiches -mit Gleichem. Der Berner Dichter Nicolaus Manuel lässt in seinem -Fastnachtsspiel »Vom Papst und seiner Priesterschaft« eine solch -ausrangierte Dirne sprechen: - -[4] H. Deichsler, Städtechroniken, XI. 657. - -[5] Grimm, Rechtsalterthümer, 694. - -[6] Schwebel, S. 242 ff. - - »Ich freu' mich, dass ich kuppeln kann, - Sonst wär' ich wahrlich übel dran; - Ich hab mirs meisterlich gelehrt - Und lange mich damit ernährt, - Seitdem dass meine Brüste hangen - Wie 'n leerer Sack auf einer Stangen.« - -Gar manche putz- und gefallsüchtige Stadtdame war ihre eigene -Kupplerin[7], andere wieder behalfen sich damit, dass sie ihr Gewerbe -mit Hilfe ihres Ehemannes ausübten. Gegen solche Schandkerle, die eine -grosse Nachkommenschaft zu verzeichnen haben, wettert Geiler von -Kaiserberg: »Wenn sie kein gelt mehr haben, sagen sie den weibern: -›gehe und lug, das wir gelt haben; gehe zu diesem oder jenem Pfaffen, -studenten oder edelmann unnd heiss dir ein gülden leihen und denck, -komb mir nicht zu hauss, wo du kein gelt bringest, lug wo du gelt -auftreibest oder verdienest, wenn du schon es mit der handt -verdienest, da du auff sitzest.‹ Alsdann gehet sie ein ehrliche unnd -fromme fraw auss dem hauss und kompt ein hur wider heim.«[8] Murner -charakterisiert einen dieser Kuppler, der dem »ganzen Ort sein Weib -gönnt« dadurch, dass er ihn, wenn ein guter Gesell zur Frau kommt, um -Wein laufen lässt, von wo er erst nach »dritthalb Stund« zurückkommt. -Tritt er ins Haus, so singt er laut, um sein Kommen bemerkbar zu -machen u. s. w.[9] - -[7] - - Die Else sprach (zu ihrem Manne) darauf voll Wut: - »Dass dich das Fieber rütteln thut! - Wenn du mir nicht willst Zierden kaufen, - So kann ich zu den Mönchen laufen - Und zu dem Adel, zu den Pfaffen, - Die werden mir wohl Kleider schaffen, - Damit ich geh' wie ein ander Weib. - Ich zahl' es ihnen mit Ehr' und Leib!« - - Murner, Narrenbeschwörung, 86. 48. - -[8] Kloster, I. 406. - -[9] Murner, Narrenbeschw., 60. - -Johannes Sarisberiensis erzählt im »Polycraticus«, lib. III cap. 13: -»Wenn die junge Frau aus ihrem Brautgemach schreitet, sollte man den -Gatten weniger für den Gemahl, als für den Kuppler halten. Er führt -sie vor, setzt sie den Lüstlingen aus, und wenn die Hoffnung auf -klingende Münze winkt, so giebt er ihre Liebe mit schlauer Heuchelei -preis. Wenn die hübsche Tochter oder sonst etwas in der Familie einem -Reichen gefällt, so ist sie eine öffentliche Waare, die ausgeboten -wird, sobald sich ein Käufer findet.« - -Der geschmeidige Italiener Aeneas Silvius Piccolomini, nachmals -Papst Pius II., ein scharfer Beobachter, der gut zu schildern weiss -und pikant zu erzählen liebt, beschreibt das mittelalterliche Wien, -dem er in den sechziger Jahren des 15. Jahrhunderts einen Besuch -abstattete, als wahres Paradies, die Bewohner aber als Ausbunde von -Lasterhaftigkeit. Nach ihm sind alle Wienerinnen Ehebrecherinnen, alle -Wiener Hahnreie oder Zuhälter. Ganz so schlimm, wie es der fromme Herr -macht, der weder als Schriftsteller noch als Mensch ein Tugendbold war, -der an übergrosser Wahrheitsliebe litt, wird es gerade nicht gewesen -sein, wenn es auch ebensowenig in Wien wie in anderen grossen und -reichen Städten klösterlich zuging. Die Verführung in den Grossstädten -war nicht gering und die Frauentugend nicht immer klar wie ein Spiegel. -Der Ehebruch war vormals nicht seltener als heutzutage, wenn auch die -alten Gesetzbücher nicht so leicht darüber hinglitten wie die modernen -Strafgesetzsammlungen. Die alten Volksrechte bestimmten bereits, dass -Ehebrecherinnen, auch wenn sie ihr Verbrechen mit Wissen des Gatten -begangen, hinzurichten seien. Der Gatte und der Liebhaber hatten nur -Ehrenstrafen zu gewärtigen. Die »Hals- oder Peinliche Gerichtsordnung -Kaiser Karls V.« von 1553 hingegen erkennt: - -cxxij. »Item so jemandt sein _eheweib_ oder kinder, vmb eynicherley -geniess willen, wie der namen hett, williglich zu vnehrlichen, -vnkeuschen vnd schendtlichen wercken gebrauchen lest, der ist ehrloss, -vnd soll nach vermöge gemeyner rechten gestrafft werden,« d. h. den -Tod durch den Henker erleiden. - -In der Curt Müllerschen Ausgabe der Halsgerichtsordnung findet sich -folgender Fall angegeben: - -»Und C. K. hat gestanden, dass er wohl gewust und zufrieden gewesen, -dass sein Eheweib mit gedachtem Pfarrherrn Ehebruch begehen möchte; -dann er seiner wohl zu geniessen verhoffet, und sich mit ihm derowegen -um 100 Thaler vertragen, auch 53 Thaler darauf empfangen etc. Da nun -gedachter C. K. auf seinem gethanen Bekentniss vor Gerichte freywillig -verharren, oder des sonsten, wie recht, überwiesen würde: So möchte -er, solcher Verkuppelung halben, mit dem Schwerdte vom Leben zum Tode -gestrafft werden, V. R. W. Ad consult. Quaestoris M. Jul. 1587.« - -In Zürich ersäufte man 1449 einen Zuhälter seiner Frau in der Limmat. - -Waren die Frauen zu Lottereien geneigt, so gaben ihnen die Männer -darin nichts nach, wenn man Geiler glauben darf, der da predigt: »Es -gibt auch männer, die ein offentliche huren oder schottel neben der -Frawen im hauss haben und halten.« Dem 15. Jahrhundert entstammt das -Gesetz, einen Ehemann, der mit seiner Geliebten unter einem Dache -wohnt, auf fünf Jahre aus der Stadt zu verbannen. Die gleiche Strafe -trifft eine Frau, die ihren Mann verlässt, um mit dem Liebsten zu -leben. Wer verheiratet ist und dies verschweigt, um durch -Eheversprechen Erhörung zu finden, gleichviel ob Mann oder Weib, wird -auf zehn Jahre der Stadt verwiesen.[10] Als 1459 in Nürnberg die Frau -des reichen Kaufmannes Linhart Podmer des Ehebruches mit einem -Schreiber überführt wurde, degradierte sie der Rat zur öffentlichen -Dirne, indem er ihr verbot, gewisse Kleidungsstücke anzulegen. - -[10] J. Brucker, Strassburger Zunft- und Polizeiverordnungen, S. 456. - -Die Verkuppelung der eigenen Kinder bestrafte die »Karolina«, wie aus -der citierten Stelle ersichtlich, gleichfalls mit dem Enthaupten; das -alte Berliner Stadtbuch mit dem Scheiterhaufen. Dieses letztere -Gesetzbuch zeichnete eine sittengeschichtlich äusserst interessante -Kuppelei-Affäre auf. - -»Jesmann und sein Weib wurden verbrannt wegen Verrates, den sie -begingen an ihrem eigenen Blute, nämlich an ihrer Tochter, einem -jungen Kinde, das sie unehrenhafter Weise übergaben dem Komtur von -Tempelhof, der ein begebener (geistlicher) Kreuzherr war des Ordens -St. Johannis -- (also ein Johanniter-Ordens-Ritter) -- Die unehrliche -Frau, die Peter Rykime, vermittelte es nämlich, dass der Komtur die -Maid wohl kleiden wollte mit schönem Gewande, und Gutes wollte er ihr -geben genug; auch wollte er Jesmann und sein Weib sehr reich machen, -und das schwur er ihnen auf sein Wort zu. Da brachten die Dreie dem -Komtur das Kind entgegen bis an den Berg von Tempelhof, und dort -empfing er es von ihnen, und trat in Unehre mit ihm ein. Drum wurden -jene Drei verbrannt.« Der Herr Komtur ging natürlich straflos aus -- -er war ja von Adel und noch dazu ein geistlicher Ritter, dem so leicht -nichts anzuhaben war, selbst wenn man gewollt hätte, was aber den -ehrsamen Herren vom hohen Rate nicht im Traume einfiel. Sie hielten -sich lieber dafür an den bürgerlichen Übelthätern schadlos, und -justifizierten diese nach Herzenslust, so z. B. des »Matthias Weib«, -das man 1399 verbrannte, weil sie eines Klaus Jordans Ehefrau an den -Jacob von dem Rhine (Rheine) verkuppelt hatte.[11] - -[11] Schwebel, Gesch. v. Berlin, S 242 ff.; siehe auch Murner, -Narrenbeschwörung XLI. - -In Strassburg strafte man die Dienerschaft, die Kinder der -Brotherrschaft, deren Freunde oder deren Mündel, verkuppelt hatten, -gleichviel ob diese grossjährig waren oder nicht, den Knecht mit -Ertränken, die Magd mit dem Ausstechen der Augen und Stadtverweisung. -Wer als Knecht mit der Frau des Herrn eine Liebschaft hat, der Knecht -oder die Magd, die ihre Herrin verkuppeln, verlieren zwei Finger der -rechten Hand und werden verwiesen. Trifft der Herr den Knecht auf -frischer That, so kann er ungestraft nach Gutdünken handeln.[12] - -[12] Brucker a. a. O. S. 456. - -Ungeachtet der tief eingewurzelten Immoralität erstarb die Achtung vor -der jungfräulichen Reinheit niemals gänzlich, und die Folge war, dass -Mädchen, deren Schande offenbar wurde, sich von der Missachtung, -daneben noch von schweren bürgerlichen und kirchlichen Strafen bedroht -sahen. - -#Abtreibung der Leibesfrucht# und #Kindesmord# waren daher nichts -Aussergewöhnliches. - -Gegen das erstgenannte Verbrechen predigt Berthold von Regensburg: »Er -(der tuifel) raetet ir eht, daz sie tanze oder daz sie ringe oder -hüpfe und ungewar (ungefähr) trete oder valle oder daz sie sich harte -über ein Kisten neige oder daz sie der wirt slahe.«[13] Gegen -Kindesmörderinnen ging man mit unerbittlicher Strenge vor. Die -»Karolina« befiehlt in den §§ 35 und 36 die Folter und den Tod. In -Zürich ersäufte man Kindesmörderinnen, an anderen Orten begrub man sie -in Dornen gebettet lebenden Leibes. Einer anderen Strafart ist bereits -oben gedacht worden. - -[13] B. v. R. bei Schultz, Höf. Leben, 598. - -Zur Verhütung der Kindesmorde entstanden #Findelhäuser#, so 1452 in -Frankfurt a. M. Nürnberg wies deren zwei auf, deren erstes 1331 -errichtet wurde, denen als Gefälle das Gras in den Stadtgräben -zustand. Auch in Freiburg im Breisgau und in Ulm sind »der funden -kindlin hus« aus dem 14. und 15. Jahrhundert bekundet. Das Ulmer -Findelhaus wies im 16. Jahrhundert manchmal an 200 und mehr -»Fundenkindlin« aus. - -Blieb unerlaubte Liebe ohne Folgen, so versuchte man wohl auch das -verlorene Magdtum durch künstliche Mittel wieder herzustellen. Ein -fahrender Schüler berühmt sich wenigstens: - - »Welche den magtum hat verloren - Der mach ich ein salben.«[14] - -[14] Altdeutsche Wälder, II. S. 55. - -Derartige Zustände erschienen mit der Zeit den Stadtobrigkeiten schon -aus dem Grunde unhaltbar, als sie alle Stände in Mitleidenschaft zogen -und selbst vor den Familien der stolzen Patricier nicht Halt machten. - -Eine Regelung und polizeiliche Überwachung der Unzucht wurde -schliesslich zur brennenden Frage, die durch Gründung von -#Freudenhäusern# endgültig geregelt schien. Durch die Bordelle glaubten -die Stadtväter Latrinen geschaffen zu haben, die den sexuellen Unrat -auffangen und dadurch den honetten Teil der weiblichen Ortsbevölkerung -vor Versuchung und Verseuchung bewahren sollten. Denn: »bei der -Rücksichtslosigkeit, mit welcher die Menschen des Mittelalters -Jahrhunderte lang der Wollust frönten, waren die Frauenhäuser eine -Notwendigkeit, und zwar nicht nur zum Schutze ehrbarer Mädchen und -Frauen, sondern auch damit die Unsittlichkeit einigermassen überwacht -werden konnte.«[15] Die ersten Bordelle erstanden gegen Ende des 13. -Jahrhunderts[16]; in Wien ist 1278 ein Freudenhaus urkundlich erwiesen, -in Augsburg 1273[17], in Hamburg 1292, aber erst das 14. Jahrhundert -sah sie allenthalben emporschiessen und sichtlich gedeihen. - -[15] Kriegk, Deutsches Bürgertum im Mittelalter, S. 292. - -[16] Der gewaltigste deutsche Volksredner des frühen Mittelalters, -Bruder Berthold von Regensburg († 1272), kennt schon Stadtdirnen. »Und -diu gemeinen fröuwelîn, sie heizent aber niht fröuwelîn, man sie -habent frouwennamen verlorn, und wir heizen sie die boesen liute auf -dem graben.« - -[17] Hormayrs histor. Taschenbuch v. J. 1836 S. 320. - -Die Gegend der Stadt, in der diese Kasernen der Unzucht lagen, nannte -die mittelalterliche Galanterie Frauengasse, Rosengasse (Berlin), -Rosenhag (Hildesheim), Rosenthal (Leipzig), oder auch Kätchengasse, -wie in Braunschweig; die Freude an Zoten erfand allerdings oft recht -urwüchsige, heute arg verpönte, aber sehr bezeichnende Namen. Das Haus -selbst nannte man: Bordell, Frauenhaus, Töchterhaus, gemeines, -offenes, freies Haus, Jungfrauenhof; die Insassinnen: leichte, offene, -gemeine oder gelustige Fräuleins, freie, unehrbare Töchter, üppige, -thörichte Dirnen, Hübschlerinnen u. a. m.[18] - -[18] Ein ziemlich eingehendes Register aller mittelalterlichen -Bezeichnungen für Dirnen gibt Weinhold a. a. O. II. Bd. S. 19. - -Bei der mittelalterlichen Vorurteilslosigkeit ist es begreiflich, dass -die das Frauenhaus schützende Behörde ihren Nutzen aus dieser -- -»gemein-nützigen« Anstalt zu ziehen gewillt war. Die Städte -einerseits, andererseits die geistlichen Stifte oder die Adeligen, auf -deren Boden diese Häuser standen, liessen sich ganz tüchtig bezahlen. -Scheuten sich doch Kirchenfürsten, selbst Päpste nicht, sich an -Frauenhaus-Erträgnissen Einkommen zu sichern -- ja, _non olet_ --, -ebensowenig wie es als schimpflich galt, mit Bordell-Gefällen vom -Kaiser belehnt zu werden. Die gefürsteten Grafen von Henneberg und die -Grafen von Pappenheim hatten derartige Lehen zu eigen, die ihnen -gewaltige Summen einbrachten.[19] Der Erzbischof von Mainz beschwerte -sich im Jahre 1442 darüber, dass ihn die Stadt schädige »an den -gemeinen Frauen und Töchtern« und »an der Buhlerei«[20], jedenfalls -durch städtische Konkurrenzunternehmungen. Die Herzöge Albrecht IV. -und V. waren Eigentümer eines Wiener Bordells, das sie einem Edelmann, -Konrad dem Pappenberger, zu Lehen gaben. - -[19] Scheible, Das Kloster, VI. Die Frauenhäuser und die fahrenden -Frauen. - -[20] v. Maurer, Gesch. der Städteverfassung in Deutschland, III. 109. - -Manche Städte verwandten die Einkünfte aus den offenen -Häusern zu gemeinnützigen Zwecken, so Wien für den Wirt des -Untersuchungsgefängnisses.[21] Die Aufsicht über die Frauenhäuser -behielt sich an vielen Plätzen der Magistrat selbst vor, an anderen -wieder bildete sie eine Obliegenheit des verachtetsten Beamten, des -Scharfrichters oder Stockers, der sich dafür von jeder einzelnen -Dirne entlohnen lassen durfte. In Nürnberg z. B. war »der Züchtiger« -gleichzeitig Bordellwirt, in Berlin der Büttel. Das Berliner Frauenhaus -lag bis 1420, wo es einging, in der Rosengasse bei der Büttelei. Wenige -Jahre vor seiner Auflösung (1407) führte es noch vierteljährlich ein -halbes Schock Groschen an den Rat ab.[22] - -[21] J. E. Schlager, Wiener Skizzen des Mittelalters, N. F. III. S. -375. - -[22] Schwebel, Gesch. v. Berlin, I. 271 ff.; Streckfuss, 500 Jahre -Berliner Geschichte, S. 25. - -An der Spitze des Bordells stand der Frauenwirt, Kuppler oder Ruffian -genannt, der der Stadt gegenüber verantwortlich für Ausführung der -Hausordnung war und als Stadtdiener in Eid genommen wurde. In -Würzburg hatten die Frauenwirte den Treueid dreimal, nämlich dem Rate, -dem Fürstbischofe und dem Domkapitel abzulegen. Einer dieser Eide -lautete: »Der Stadt treu und hold zu sein und Frauen zu werben.« Der -Ulmer Ruffian beschwor: »vierzehn taugliche und geschickte, saubere -und gesunde Frauen zu unterhalten.«[23] In Genf wurde die -Dirnenkönigin, Regina Bordelli, in Eid und Pflicht genommen, die -Ordnung unter ihren Standesgenossinnen aufrecht zu erhalten. - -[23] Wilh. Rudeck, Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in -Deutschland, S. 28. - -Die Bordellordnungen regelten mit echt deutscher Gründlichkeit die -Obliegenheiten der Frauen, »so an der Unehre sitzen«. Einige, allen -diesen Vorschriften gemeinsame Hauptpunkte waren, dass kein Stadtkind -und keine Ehefrau als Dirnen zugelassen werden durften. Juden, -Ehemännern und Geistlichen war der Zutritt für immer, den anderen -Gästen an gewissen Feiertagen und den Vorabenden dazu zu untersagen. -Allen diesen Bestimmungen wurde durch die auf ihre Nichtbefolgung -gesetzten harten Strafen der nötige Nachdruck gegeben. Recht übel ging -es einem der armen Prügeljungen des Mittelalters, einem Juden, wenn -man ihn im Bordell ertappte. »Auch wan ein wallpode einen juden bei -einer christenfrauwen oder meide funde, unkeischheit mit ir zu triben, -die mag er beide halten, do sol man dem juden sein ding abssniden und -ein aug usstechen und sie mit ruden usjagen oder sie mogen umb eine -summe darumb dingen«[24], stand in einem Mainzer Gesetz des 15. -Jahrhunderts. Die Ehemänner hatten sich durch Strafgeld zu lösen. Da -Wirte und Mädchen kein Interesse daran hatten, Ehemänner und Juden, -die vielleicht ganz gute Kunden waren, aus ihrem Haus zu treiben, so -werden sie oftmals ein Auge zugedrückt haben. Bei anderen Bestimmungen -ging dies nicht so leicht, da der Aufpasser zu viele waren und Strafen -den Wirt trafen. Deshalb wussten sich Ehefrauen, wie die von Lübeck im -Jahre 1476, dadurch zu entschädigen, dass sie, das Antlitz unter -dichten Schleiern geborgen, abends in die Weinkeller gingen, um an -diesen Prostitutionsstätten unerkannt messalinischen Gelüsten zu -frönen.[25] Am strengsten durchgeführt wurde die Bestimmung, keine -ortsangehörigen Mädchen ins Frauenhaus aufzunehmen. Daher rekrutierten -die Ruffiane ihre Dirnen von ausserhalb, besonders von Schwaben, das -im Mittelalter seiner Mädchen wegen grossen Ruf besass und ein -Hauptexportland für den Mädchenhandel bildete. Schwabinnen traf man in -ganz Mittel- und Süddeutschland selbst in Venedig als Dirnen an. Ein -alter Autor, Felix Fabri, rühmt ihnen nach, dass sie ebenso treu und -arbeitsam, wie lieblich und »delicat« seien. Joannes Boëmus Aubanus -Teutonicus, der 1535 in Lyon ein Buch »_Omnium gentium mores etc._« -veröffentlichte, charakterisiert die Schwaben wie folgt: »Uebrigens da -immer Gutes mit Bösem vermischt, und nichts vollkommen ist, so sind -die Schwaben über die Massen zur Liebe geneigt, das weibliche -Geschlecht gibt dem männlichen leicht zum Bösen nach ....«; ferner: -»Es ist ein Sprüchwort vorhanden, dass das eine Schwaben das weite -Deutschland genügend mit leichtfertigen Weibern überschwemme.«[26] -Auch die sonstigen Pflichten des Frauenwirtes waren allerorten -eingehend normiert. Es war ihm vorgeschrieben, wieviel er den Mädchen -für Nahrung, Bett und Wäsche zu berechnen, was er ihnen für Essen und -Trinken vorzusetzen und was er für jeden Besucher von den Mädchen zu -fordern hatte. Er durfte die Mädchen weder verkaufen noch verpfänden, -sie nicht am Ausgehen und am Kirchgang hindern, sie nicht -zurückhalten, wenn sie wieder anständig werden oder heiraten wollten. -Ferner war es ihm -- z. B. in Regensburg -- untersagt, die Dirnen zu -schlagen, sondern er hatte sie, wenn sie Strafe verdienten, der -Obrigkeit anzuzeigen. In der Bestallungsurkunde des Würzburger -Frauenwirtes Martin Hummel von Neuenberg bei Basel, gegeben im Jahre -1444, finden sich die Bestimmungen: »Es sol auch furbass der -Frawenwirt kein Frawe in seinem Haws wonend dj so swanger oder zu -zeiten so sj mit Iren weyblichen Rechten (_mensis_) beladen noch auch -sust zu keiner anderen zejt, so sj ungeschickt were oder sich von den -Sunden enthalten wollt, zu keinem manne, noch sundlichen werken nicht -noten, noch dringen in kein wejss.« Dirnen in allzu jugendlichem Alter -durften nicht im Bordell sein. »Und welches töchterlein funden wurt -des libes halben zuo dem werk nit geschicket sunder zuo junge ist, -also das es weder brüste noch anders hette, das dazuo gehört daz sol -mit der ruoten darumb gestrofet und dazuo der stat verwisen werden, bj -libs strofe, so lange biss dass es zuo sinem billigem alter kompt.«[27] - -[24] Grimm, Weistümer, I. 533. - -[25] Becker, Geschichte der Stadt Lübeck, I. 281. - -[26] Schultz, D. L., S. 4. - -[27] Schultz, D. L., S. 179. - -Der Regensburger Ruffian sollte von keiner »werntlichen Frau« etwas -nehmen »oder sie ins Haus zu locken, dass dieselben unter dem Vorwand -dieser Töchter ihr Unend desto bas treiben konnten, vielmehr wo solche -Frauen hier wären, dieselben dem Stadtkämmerer anzuzeigen ....«, -mit anderen Worten: keinen fremden Weibern und Gelegenheitsdirnen -Unterschlupf bieten. Besonders anerkennenswert ist es, dass die -bedauernswerten Geschöpfe, denen nach einem nicht immer selbstgewählten -Leben voll Schmach meist der Schindanger als letzte Ruhestätte -angewiesen wurde, von Amts wegen vor allzu grosser Ausbeutung geschützt -waren. Der Ulmer Stadtrat schreibt seinem Frauenwirt genau die den -Dirnen zu verabreichenden Speisen und die von ihm zu fordernden Preise -vor; sogar um noch anderes kümmert sich der wohlweise und ehrenfeste -Magistrat. »Ain yede fraw, so nachts ain Mann bey ir hat, soll dem -Wiertt zu Schlaffgeldt geben ainen Kreutzer und nit drüber, und was jr -über dasselbig von dem Mann, bey dem siy also geschlaffen hatt, wirdt, -das sol an jhren Nutz kommen.« - -Diese allerorts geübte, mitunter recht zöpfisch eingekleidete -Humanität erweiterte sich mitunter zu einem Wohlwollen, dem eine -gewisse Komik nicht abzusprechen ist. Auf der einen Seite dem tief -gehasstesten und verachtetsten Manne der Stadt, dem Henker, -unterstellt, wurden die Lustdirnen an anderer Stelle mit dem -Bürgerrecht beschenkt, wenn sie eine geraume Zeit hindurch der Stadt, -hauptsächlich aber der Stadtjugend »gute Dienste« geleistet hatten. In -Nürnberg durften die guten Mädchen bis zum Jahre 1496 bei den -Tänzen auf dem Rathaus und auf dem städtischen Derrer, wo die -Privatfestlichkeiten der Patricier abgehalten wurden, erscheinen, -Blumen verteilen oder feilhalten. Die übermütige Patricier-Jugend wird -wohl manchmal ihr Mütchen an den armen, vogelfreien Mädchen gekühlt -haben, die sich nicht alle ihrer Haut zu wehren wussten, wie die -resolute Agnes aus Bayreuth, von der der Nürnberger Chronist Heinrich -Deichsler erzählt: »Des jars (1491) am mitwochen nach Pauli (26. -Januar) da het Hans Imhof mit sein sun Ludwig hochzeit, und des nachtz -am obenttantz (Abendtanz) ra rupfet die wild rott auf dem rathaus und -zugen der guten dirn, genant Payreuter Agnes, ir sleier auch ab; da -zug sie ein protmesser auss und stach nach eim.« Sie verwundete einen -ihrer Peiniger am Halse, entfloh auf den S. Sebaldkirchhof, wurde aber -gefangen genommen und auf fünf Jahre aus Nürnberg verwiesen.[28] -Später erhielten nur drei Freudenmädchen die Erlaubnis, zu Hochzeiten -zu kommen und sich unter den Pfeiferstuhl -- heute Orchester -- zu -setzen; dies währte bis 1546. Im 15. Jahrhundert erschienen -in Rotenburg ob der Tauber und in Württemberger Städten die -Frauenhäuslerinnen bei Hochzeiten, um ihre Glückwünsche darzubringen -und mit einem Almosen heimgeschickt zu werden. Was mag die Brust -der bedauernswerten Geschöpfe durchwogt haben beim Anblick der -glückstrahlenden, kranzgeschmückten Braut, die ihnen verachtungsvoll -das gebräuchliche Geschenk zuwarf? In Wien beteiligten sich die -Hübschlerinnen bei Volksfesten, an denen sie, in duftigste Gewandung -gehüllt, um ein Geschmeide oder ein Stück Tuch wettliefen. Am -Johannistage umtanzten und durchsprangen sie die Sonnwendfeuer, -wofür ihnen vom Rat und Bürgermeister der Donaustadt Erfrischungen -gereicht wurden. Frankfurt am Main schaffte 1529 den Brauch ab, die -Frauenhäuslerinnen bei offiziellen Festlichkeiten als Blumenmädchen -heranzuziehen, entschädigte aber die Mädchen durch Sendungen von Speise -und Trank in ihre Behausung. - -[28] Schultz a. a. O. S. 269 ff. - -In Leipzig wurde zu Fastnacht jeden Jahres die sogenannte -Hurenprozession abgehalten. Die Frauenhäuser, spöttisch das fünfte -Kollegium genannt, da die Studenten der Leipziger Universität, die nur -vier Kollegien aufzuweisen hatte, bei den Dirnen emsig das fünfte -Kollegium abhielten, lagen vor dem Halleschen Thore. Die Bewohnerinnen -dieser Häuser sammelten sich zu Beginn der Fastenzeit zu einem Umgang, -bei dem eine von ihnen einen Strohmann auf einer langen Stange gleich -einer Prozessionsfahne vorantrug. Paarweise folgten die Kolleginnen, -ein Lied wider den Tod singend, bis zur Parthe, in die der Strohmann -geschleudert wurde. Durch diesen Umzug sollte die Atmosphäre der Stadt -gereinigt werden, damit sie für die nächsten Jahre von der Pest -verschont bleibe.[29] - -[29] Rudeck a. a. O. S. 33. - -In Würzburg erschien am Johannistage der Stadtschultheiss mit seinen -Amtsdienern und einigen Freunden im städtischen Frauenhause, um dort -ein vom Ruffian und seinen Töchtern gegebenes solennes Mahl unter -Tafelmusik einzunehmen. Allmählich aber steigerten sich die Ansprüche -der Gäste derart, dass auf Beschwerden des Wirtes hin der Stadtrat die -vorzusetzenden Gänge auf Wein, Kirschen, Käse und Brot beschränkte. - -Bei einem von den Geschlechtern (Stadtjunkern) zu Pfingsten 1229 zu -Magdeburg veranstalteten Turnier, zu dem die Patricier der -Nachbarstädte feierlich geladen worden waren, gab es als Turnierdank -für den Sieger ein schönes Mädchen, Sophia mit Namen, wahrscheinlich -eine Frauenhäuslerin, vielleicht aber auch eine Hörige, deren Los sich -aber unverhofft günstig gestaltete. Ein alter Kaufmann aus Goslar -gewann die Schöne und gab ihr die Aussteuer zu einer ehrlichen Heirat. - -Hohen Besuchern hatten die städtischen Dirnen entgegenzuziehen und die -Wege mit Blumen zu bestreuen, was ihnen von ihrer Stadt eine Gastung -einbrachte. - -Ihre Kleidung dürfte in unserem rauheren Klima kaum so provokatorisch -duftig gewesen sein, wie die ihrer Zunftgenossinnen bei jenem Einzuge -Karls V. in Antwerpen, zu Anfang des 16. Jahrhunderts, den Albrecht -Dürer beschrieb und Hans Makart malte. Derartige Schaustellungen von -Obscönitäten zu Ehren und zur Unterhaltung hoher Persönlichkeiten in -breitester Öffentlichkeit waren besonders in Frankreich Mode. Als der -junge Heinrich IV. von England 1431 in Paris einzog, machte der Zug in -der St. Denys-Strasse vor einem Brunnen Halt, in dessen Bassin drei -nackte junge Mädchen umherschwammen. Aus der Mitte dieses Bassins -wuchs ein Lilienstengel empor, dessen Knospen und Blumen Ströme von -Milch und Wein entsandten. 50 Jahre später empfing man den bigotten -Ludwig XI. mit dem gleichen Schauspiel in den Mauern seiner Residenz. -Ein andermal wurde ihm in Lille die Ehre und das Vergnügen zu Teil, -auf offener Strasse, vor einer ungeheueren Zuschauermenge das Urteil -des Paris an drei Grazien, die sich in hüllenloser Schönheit zeigten, -wiederholen zu dürfen. - -Soweit verstiegen sich nun wie bemerkt die deutschen Städte nicht. Als -König Albrecht II. 1438 nach der Krönung in Prag Wien besuchte, -erhielten nach den Stadtrechnungs-Protokollen die »gemain frawen, di -gen den Kunig gevarn 12 achterin Wein«. 1435 liess der Wiener Stadtrat -bei einem Besuche Kaiser Siegmunds die Mädchen der zwei Frauenhäuser -auf Kosten der Stadt mit Sammetkleidern ausstatten. Derselbe Magistrat -sandte 1452 dem König Ladislaus Posthumus »freie töchter« entgegen, um -ihn an der Weichbildgrenze zu empfangen. Eine Wiener Chronik von 1484 -sagt mit Bezug auf dieses Ereignis, Ladislaus wurde am Wiener Berg, an -dem Zelte errichtet und Banner aufgesteckt waren, von Reich und Arm -bewillkommnet. Unter den ihn Erwartenden befanden sich alle weiblichen -Einwohner Wiens bis zu den kleinsten Mädchen, sowohl die »schönen -Frauen« wie auch die ehrsamen Weiber der Handwerker und alle ohne -Mäntel.[30] - -[30] Schultz, D. L., S. 77. - -Der vielgereiste Sigismund von Herberstein erzählt von seiner -Gesandtschaftsfahrt nach Zürich im Jahre 1516: »Der brauch was, dass -der bürgermeister, gerichtsdiener und gemaine weiber mit dem gesandten -assen.« - -Vielleicht lag dieser Sitte die an vielen Stellen geübte -Absonderlichkeit zu Grunde, einem lieben Gaste auf Rechnung der -Stadtväter oder, wenn der Gast auf einem Schlosse eingekehrt war, -aus der Zahl der Untergebenen »schöne Weibsbilder zur Kurzweil« zur -Verfügung zu stellen. Dem Landgrafen Ludwig von Thüringen schaffen -»die zärtlichen Verwandten« eine Beischläferin, dem Diederich von -Quitzow 1410 die Ratsmänner Berlins. Auch Beischläferinnen als -Gerechtsame kommen vor. Ein Anherr Götz von Berlichingens hatte von -seinen Lehnsherren, den Grafen von Kastell, alljährlich ein Mahl, -Atzung für Pferde und Hunde und eine »schöne Frau« zu fordern. Im -Dorfe Martinsheim besass der Domdechant von Würzburg noch 1544 das -Privilegium, jedes Jahr im November zwölf reisige Pferde, ein Mahl und -ein Mädchen geliefert zu bekommen. - -Einen Stadtbesuch von hohen Herren wussten die Dirnen auch anderweitig -geschäftlich auszunutzen, denn sie verstanden schon damals recht gut -Reklame für sich zu machen. Als sich Kaiser Friedrich III. 1471 in -Nürnberg aufhielt, schlangen eines Tages, als er vom Kornhause kam, -»zwu hurn« eine lange silberne Kette um ihn, aus der er sich mit einem -Gulden lösen musste. Ehe er seine Herberge erreicht, wiederholte sich -das Spiel noch einmal.[31] Kaiser Siegismund, ein loser Schürzenjäger, -der das schönere Geschlecht des ganzen heiligen römisch-deutschen -Reiches als sein Eigentum anzusehen beliebte, zogen zu Strassburg -eines schönen Morgens des Jahres 1414 mehrere lustige Dirnlein aus dem -Bette. Kaum fand er Zeit, sich in einen Mantel zu hüllen, da sah er -sich schon auf der Strasse, wo er tanzen musste, wie die flotten -Weiber sangen. Der Kaiser war barfuss, darum kauften ihm die -mitleidigen Weibsen um sieben Kreuzer ein Paar Schuhe, was der hohe -Herr sich lachend gefallen liess. Ulm beleuchtete 1434 in etwas -übertriebener Loyalität die Strassen festlich, wenn sich der Kaiser -mit seinem Gefolge ins Bordell verfügte. In Bern erklärte sich der -Stadtrat bereit, drei Tage hindurch dem kaiserlichen Gefolge auf -städtische Kosten das Freudenhaus zur Verfügung zu stellen, wofür -Kaiser Siegismund dem Berner Magistrate in einem offenen Schreiben -herzlich dankte. Der gute Kaiser wusste solches Entgegenkommen -gebührend zu schätzen und -- auszunutzen. Er war ein »tolles Huhn«, -und seine Gemahlin, Kaiserin Barbara, ihrem Gatten mindestens -ebenbürtig. Sie gingen beide ihre eigenen, schlammigen Wege und -liebten beide, wo und wann sich Gelegenheit bot. Nach dem Tode ihres -Gemahls zog die edle Kaiserin nach Königgrätz in Böhmen, wo sie bis zu -ihrem Tode einen männlichen Harem unterhielt.[32] - -[31] Wessely a. a. O. I. 226. - -[32] Eros, Stuttgart 1849, II. 556. - -Mit dem Wohlwollen gegenüber den Frauenhäuslerinnen ging aber meistens -eine Strenge Hand in Hand, die jedes Überdieschnurschlagen der Dirnen -verhüten sollte. Da gab es harte Strafen gegen das Herumstreichen -auf den Strassen, gegen das Sitzen vor den Häusern, gegen das -Anlocken von Liebhabern u. a. m. Die #Uniformierung# der Dirnen wurde -unnachsichtlich durchgeführt, denn während des ganzen Mittelalters war -den losen Töchtern eine Tracht vorgeschrieben, die sie durch irgend ein -mehr oder weniger auffälliges Abzeichen von der Kleidung der ehrbaren -Weiblichkeit unterschied. Schon im 10. Jahrhundert trugen Buhldirnen -eine Art Uniform, nämlich ein kaum bis zum Oberschenkel reichendes, -kurzärmeliges und eng anliegendes Oberkleid. Das engärmelige lange -Unterkleid war vorn in ganzer Länge aufgeschnitten und liess die mit -Beinlingen, den Vorläufern der Strümpfe, bekleideten Beine bis oben hin -sichtbar werden. In England trugen um dieselbe Zeit die Dirnen unter -dem Oberkleide straff anliegende Hosen.[33] - -[33] Bruno Köhler, Allgemeine Trachtenkunde, III. S. 12. - -Ein Frankfurter Ratsbeschluss von 1488 verordnet den feilen Weibern, -sich in ihrer Tracht also zu halten, dass man sie sofort als das -erkennen könne, was sie sind. Kurfürst Johann Cicero veranlasste 1486 -den Berliner Rat zu dekretieren, dass die, »so an der Unehre sitzen -oder sonst in unzimblichen, sündigen Wesen und gemein sein, sollen zu -einem Zeichen, damit man Unterschied zwischen frommen und bösen Frauen -habe, die Mäntel auf den Köpfen oder kurze Mäntelchen tragen.«[34] Das -Meraner Stadtrecht des 14. Jahrhunderts gebietet: »es soll kein -gemeines Fräule einen Frauenmantel oder einen Pelz tragen, noch an -einem Tanze teilnehmen, bei dem Bürgerinnen oder andere ehrbare Frauen -sind. Sie sollen auf ihren Schuhen ein gelbes Fähnle haben, woran man -sie erkennen könne und sollen sich kein Futter von Feh, noch -Silberschmuck erlauben.« In Strassburg wurde ihnen 1471 eingeschärft, -weder Schmuck zu tragen noch Pelzwerk oder Seidenfutter zu verwenden; -in Leipzig befahl 1463 der Rat den »wilden Frauen auf dem freien -Hause«, kurze gelbe Mäntel mit blauen Schnüren umzuhaben. In Wien -sollten die Hübschlerinnen ein gelbes Tuch, eine Hand breit und eine -Spanne lang, an der Schulter befestigt tragen. In Basel waren ihnen -Mäntelchen vorgeschrieben, die nicht über eine Spange weit unter den -Gürtel hinabreichten; in Augsburg ein Streifen am Schleier; in Bern -und Zürich deckten sie sich mit roten Kappen. - -[34] Streckfuss a. a. O. S. 83. - -In der Reichsgesetzgebung beschäftigte sich die »Neue Kaiserliche -Ordnung und Reformation guter Polizei im Heiligen Römischen Reiche« -1530 im elften Artikel mit der Tracht der Frauenhäuslerinnen. »#Von -gemeinen und unehrlichen Weibern.# Nachdem auch aus dem viel Aergernis -im heiligen Reich entstanden, dass die gemeinen und andren unehrlichen -Weibe Seide, Gold, Silber und andre ziehrliche Kleider antragen, davon -manch fromm Weib und Töchter verleitet wird, auch dadurch unter -Ehrbaren und Unehrbaren kein Unterschied zu erkennen: Gebieten wir -ernstlich und wollen, dass die unehrlichen Weiber kein hochzierlich -Kleider oder Geschmück, auch nichts Verbrämtes oder golden Schleier, -sondern eine jede derselben sich nach des Landes Gebrauch tragen soll, -darauf die Obrigkeit sondere Acht haben und das nicht gedulden soll.« - -Das Verbot, Schmuck zu tragen, dürfte häufig umgangen worden sein, -denn einzelne Gemeinden, wie Frankfurt a. M., mussten es oft -wiederholen. Im Braunschweiger Museum hängt ein Bild von Lucas -Kranach, das Porträt einer Demimonde seiner Zeit darstellend. Sie -trägt ein breites rotes Barett, kostbares Geschmeide, sonst aber keine -Gewandung mit Ausnahme eines feinen Schleiers, der ihren Körper duftig -umhüllt. - -Der Schleier gehörte zu den Attributen der verlorenen Jungfräulichkeit, -da der Schleier fraulich das Haupthaar bedeckte, im Gegensatz zu den -freifliegenden Locken der Jungfrau. Das Gedicht »Die Winsbekin« wünscht -den Mädchen mit Ehren und ohne Schleier zu Bett zu gehen, und in -einem von Uhland mitgeteilten Volkslied des 15. Jahrhunderts wird ein -Einlassbegehrender von seiner Liebsten mit den Worten abgewiesen: - - »Wol is nu, der da kloppet an? - ik lat en doch nicht herin. - Wenn ander megtlin krenze droegen, - ein schlöier möst ik dragen. - Ik schemde mi ser, ik schemde mi ser, - jo lenger jo mer, - van grund ut minem herten.« - -Darum war es im 15. und 16. Jahrhundert hier und da Gewohnheit, den -Mädchen, die sich nicht betrugen, wie sie sollten, von Amts wegen -einen Schleier zuzustellen. So geschah es in Altenburg, in Wittenberg, -wo man laut Ratsrechnung »zwey newe schleyer, so zwein beschlafenen -meygden geschickt«. Nach der Rottweiler Hochzeitsordnung von 1618 -durfte eine nicht mehr reine Braut beim Kirchgange keinen Kranz, -sondern einen Schleier aufhaben, wie es das Mägdlein im Volksliede -fürchtet. Deshalb haben die Augsburger Freudenmädchen den mit einem -Streifen besetzten Schleier zu tragen, da »sie nicht dorffte barheitig -gehen«, wie sprödere Mädchen. In Köln sollten sie 1389 rote Schleier -(welen) haben, »up dat man sei kente vor andern vrawen«. In Altenburg -war ihnen und der Frau des Scharfrichters, der »czuchtigeryn« -aufgegeben, gelbe Läppchen auf dem Schleier zu befestigen, gleichwie -in Leipzig, wo der gelbe Fleck von der Grösse eines Groschens sein -musste. Diese gelben Schleier waren natürlich den Frommen im Lande ein -Dorn im Auge, denn das verhasste Gelb war die Farbe der Galanterie -seit der römischen Kaiserzeit her, wo die Modedamen Romas das -gelbblonde Haar für allein schön erklärt hatten. Gelbe Stirnbänder und -Schleier galten vom 12. bis 15. Jahrhundert für besonders modisch, sie -kamen aber bald in Verruf, weil sie besonders gern von Halbweltlerinnen -angelegt wurden. Sonst hätte Berthold von Regensburg nicht den Weibern -predigen können: »Aussätzig am Kopfe sind die Frauen, die sich gar so -sehr putzen an den Haaren und mit Binden und Schleiern, die sie gelb -färben wie die Jüdinnen und Dirnen, die auf dem Graben streichen und -wie die Pfaffenmenscher; niemand ausser diesen soll gelbes Gebände -tragen.«[35] »Desgleichen tragen sie -- die Dirnen -- auch gäle -Schleier, so gleich den hellischen Flammen sein; dieselben streichen -und stercken sie zu offtermal, damit sie der hurenspiegel desto bass -mögen zieren und herauss schmucken,« eifert Geiler von Kaisersberg. - -[35] Schultz, Höfisches Leben zur Zeit der Minnesinger, S. 241. - -Beabsichtigte die Obrigkeit eine ihr unziemlich dünkende Mode aus der -Welt zu schaffen, so wurde sie einfach den Stadtdirnen, dann weiters -den weiblichen Angehörigen des Henkers, Pfaffenmägden und Jüdinnen -aufgezwungen. Die Zittauer Kleiderordnung von 1353 enthält eine -derartige Bestimmung. »Auch wollen die schoppen (Schöffen), dass keine -Frau Kögel tragen solle noch keine jungfrauen, es seien dann -züchtigers und henkersmägde -- die unter der Gewalt des Scharfrichters -stehenden Stadtdirnen -- denen erlauben und gebieten die herren Kögeln -zu tragen.« Zuwiderhandlungen gegen diese Kleiderordnungen zogen -Stäupung, Stadtverweisung auf eine gewisse Zeit oder aller Kleider -entblösst am Pranger ausgestellt werden, nach sich. Diese Bestrafung -der Dirnen zeigt die ihnen entgegengebrachte Verachtung; denn selbst -die grösste Übelthäterin ehrlichen Standes setzte man nicht entblösst -den Blicken und der Roheit des Pöbels aus. Daher ist es nicht dem -Anstandsgefühle zuzuschreiben, wenn man die Bordelle, ebenso wie die -Lazarette, die Büttelei und die Ghettos, nach abseits der -Verkehrsadern belegenen Örtlichkeiten verwies. In Hamburg durften -»wandelbare Frauen« an keiner Kirche und in keiner zu einer Kirche -führenden Gasse hausen.[36] Die Strassburger Verordnung vom 9. Oktober -1471 schärft aufs neue das alte Gesetz ein: »das alle hushelterin, -spontziererin und die so offentlich zur unee sitzend oder buolschaft -tribent, wo die in der stadt sessent, soltent ziehen in Bickergasse, -Vinckengasse, Gröybengasse, hünder die muren oder an ander ende, die -inen zuogeordent sint.« - -[36] Bernh. Hesslein, Hamburgs berühmte und berüchtigte Häuser, S. -137. - -Meist lagen die öffentlichen Häuser hart an der Stadtmauer, so in -Würzburg und Frankfurt, oder an abseitigen Plätzen, an denen kein -Markt abgehalten wurde, und die sonst weiter keine Hauseingänge -besassen. - -Nach den Bordellordnungen sollten die Freudenhäuser meist eine Stunde -vor Mitternacht geschlossen und bis zum Einbruch der Nacht -verschlossen gehalten werden, ebenso an den Vorabenden der Sonn- und -Feiertage, wie an diesen selbst, wenigstens vormittags. Alle Männer -hatten sich bei Schliessung zu entfernen bis auf jene, die die Nacht -bei den Mädchen zubringen wollten. Ehemännern, Geistlichen und Juden -war, wie bereits oben erwähnt, der Eintritt verwehrt, ebenso -minderjährigen Knaben. Recht befremdlich mutet es an, wenn die Ulmer -dem Ruffian befehlen müssen, Knaben von 12-14 Jahren nicht mehr im -Hause zu dulden und wenn sie kommen sollten, sie mit Ruten aus dem -Bordell zu treiben. - -Über das Treiben in den Häusern sind aus naheliegenden Gründen nur -spärliche Berichte vorhanden. Einer dieser wenigen ist die kurze -Tagebuchaufzeichnung Fritz Schickers über seine Erlebnisse auf dem -Reichstage zu Konstanz vom Jahre 1507. - -»Ich ging eines Tages ins Freie und wandelte am See hin und her. Da -begegnete mir des Herzogs Georgs Schreiber. Der nahm mich bei der Hand -und sagte: ›Willst du mit mir gehen?‹ Fragte ich: ›wohin?‹ Antwortete -er: ›wo hübsche Mädchen sind.‹ Wusste ich nicht, was ich antworten -sollte und ging mit. Kamen wir in ein Wirtshaus, da sassen vielerlei -Dirnen, wohl angetan, und hatten Blumen in den Händen und sahen uns -lächelnd an. Wir aber liessen uns Wein geben und ich verfiel in tiefe -Gedanken. Da kamen die Musikanten des Bischofs von Augsburg und -spielten ganz lustig auf zum Tanze. Alsobald wurden die Dirnen -ergriffen und fingen an zu tanzen. Die jungen Gesellen riefen mir zu, -auch mitzutanzen, aber ich entgegnete: ›dessen bin ich nicht kundig.‹ -Da setzte sich zu mir eine Dirne, reichte mir eine Blume, und sagte: -›wenn du den Tanz nicht liebst, was liebst du denn?‹ Sprach ich: ›eine -Jungfrau.‹ Darauf sie: ›eine allein? Das ist nicht recht. Die anderen -wollen auch nicht verachtet sein. Und hier bist du in der Fremde, sie -weiss es ja nicht. Kommst du heim, ist alles wieder gut.‹ Da merkte -ich wohl, was sie wollte, und bestellte noch mehr Wein, als wollte ich -bleiben, ging aber und kam nicht wieder.« - -Der blöde Schäfer hat wahrscheinlich dem Abenteuer nur deshalb einen -solch harmlosen Abschluss gegeben, weil er fürchtete, sein Tagebuch -einmal in den Händen der von ihm geliebten »Jungfrau« zu sehen. -Weniger skrupulös waren andere, so ein Abgeordneter des Frankfurter -Rates, der in Köln »zv den Frauen ging« und gewissenhaft seine -dortigen Ausgaben verbuchte. Gleich ihm ein Strassburger Beamter, den -sein Besuch auf »30 Pfennig« zu stehen kam. Ja, das Leben war damals -billig! Man verargte übrigens den Junggesellen keineswegs den Besuch -der Frauenhäuser, wenn sie nicht schon anderweitig gebunden waren. In -Frankfurt a. O. lagen z. B. die Patricier tagein, tagaus im Bordell, -ohne ein Hehl daraus zu machen. Der Aufenthalt im Bordell galt eben -als eine Zerstreuung, die man der Jugend gerne gönnte. - -Wenn es zufällig nicht gerade untersagt war, bestand eine Hauptaufgabe -der Freudenmädchen darin, Kunden in das Haus zu ziehen. Sie standen zu -diesem Zwecke bekleidet à la Lucas Kranach in den nach der Strasse -führenden Fenstern, und »Etlichen lockend sij mit pfiffen, Dem andern -guckend sij mit griffen, Dem drytten mit eym Facilett -- Taschentuch ---, Den andern sij gelocket het Mit wyssen (weissen) schuhen, wyssen -beynen, Dem mit ringlin, kreutzen, meyen.«[37] Also mit Blumen, die -den Dirnen ebenso zubehörig waren, wie die Schleier. - -[37] Thomas Murner, Geuchmatt, Kloster, VIII. 937. - -Den alten Holzschneidern bietet die Parabel vom verlorenen Sohn häufig -Gelegenheit, Bordellscenen darzustellen, so Hans Sebald Beham, M. Treu -u. a. m. Gewöhnlich schliessen derartige Bilderreihen mit der -gewaltsamen Entfernung des verlorenen Sohnes aus dem Freudenhause, -der, nachdem er sein Erbgut im offenen Hause verprasst hat, nackt auf -die Straße geworfen wird. Manchmal fliegt ihm noch der anrüchige -Inhalt eines Geschirres nach. - -Interessant übrigens dürfte die Thatsache sein, dass schon das -Mittelalter die edle Zunft der Zuhälter kannte und nach ihrem vollen -Wert zu schätzen wusste; denn eine Nürnberger Ordnung untersagt den -öffentlichen Mädchen, zur Vermeidung von Streit, »sundere Bulschaft, -die sy nennen ire liebe menner«, zu haben. In Frankfurt a. O. fristete -ein vormals reicher Patricier, Hans Rakow, als Zuhälter einer Dirne, -Agnese Schilling, sein Leben, wie Oskar Schwebel in »Renaissance und -Rococo« (S. 77) erzählt. - -Charakteristisch für die vorzeitigen Moralansichten sind die den -Mädchen offiziell zuerkannten Kose- und Scherznamen, die teils von -ihrer Herkunft, teils von besonderen, manchmal recht diskreten -Körpereigenschaften ihre Entstehung herleiten. Wir finden in Leipzig -eine »gemalte Anna« -- geschminkt oder vielleicht gezeichnet durch -Pockennarben oder durch ein vom Henker aufgedrücktes Brandmal --, ein -»klein Enchen«, in Freiburg eine »kugelrunde Katharina«, in Frankfurt -eine »lange Anna« und in Berlin, laut Stadtbuch von 1442, »eine Else -med den langen tytten«. Das Wohlwollen, das sich durch derartige -Bezeichnungen ausdrückt, blieb aber nur auf die Dirnen beschränkt, -solange sie sich in dem ihnen zugewiesenen Rayon befanden. In der -Öffentlichkeit unterlagen sie der ganzen Verachtung, die das -Mittelalter auf die ausserhalb seiner Gesellschaft stehenden -Unehrlichen zu häufen gewohnt war. - -Die Kinder der Dirnen, geächtet wie ihre Mütter, kamen ins Findelhaus. -Der Besuch von Wirtshäusern, in denen ehrsame Bürger verkehrten, war -für die Frauenhäuslerinnen arg verpönt. In der Kirche hatten sie bei -dem Fronaltar, wo auch der Henker sass, Platz zu nehmen; Tänzen, an -denen sich andere Frauen beteiligten, mussten sie fernbleiben; kurz, -sie waren ein Staat im Staate mit eigenen Satzungen und Gesetzen, aus -deren Grenzen sie nur mit Leibes- und Lebensgefahr heraustreten -durften. - -Die für die Freudenmädchen erlassenen Gesetze schützten sie -andererseits aber vor allen Eingriffen in ihre Rechte, über die sie um -so eifriger wachten, als sie gewichtigen Beistandes sicher waren. Mit -besonderem Hasse verfolgten sie brotneidisch die »Bönhasen«, die nicht -kasernierten, geheimen Prostituierten, die ihnen, den zünftigen, ins -Handwerk zu pfuschen sich unterstanden. Der Fastnachtsspieldichter -Hans Rosenplüt zählt in einem Dialoge alle diese unlauteren -Wettbewerberinnen auf: - - »Die gemeynen weib clagen auch ir orden, - Ir weyde sey vil zu mager worden. - Die winkel weyber und die hausmeyde, - Die fretzen (fressen) teglich ab ir weide..... - Auch clagen sie uber die closterfrawen - Die konnen so hubschlich über die snur hauen - Wenn sie zu ader lassen oder paden - So haben sie junkher Conraden geladen«[38] - -d. h. einen Galan zur Hand. - -[38] Citiert bei Rudeck a. a. O. S. 30. - -Darum nahm der Würzburger Rat den Beschluss zu Protokoll: »Man sol die -schoenen Frawen beherbergen, berenden und mit in reden, davon zu -stellen, sunde und schande zu meyden, wann der Frawenwirt clagt, es -werde sein hawse zu einem egereten (Brachfeld).«[39] - -[39] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, I. 418. - -Schien den Freudenmädchen der obrigkeitliche Beistand nicht -ausreichend, dann griffen sie im Bewusstsein ihres Rechtes zur -Selbsthilfe. Einen diesbezüglichen Vorfall zeichnete Heinrich -Deichsler in seiner Nürnberger Chronik folgendermassen auf: »1500 Item -danach an selben tag -- 26. November -- da komen acht gemaine Weib hie -auss dem gemainen Frawenhaus zum burgermaister Markhart Mendel und -sagten, es wer da unter der vesten des Kolbenhaus ein taiber -(Blockhaus, Taubenschlag) voller haimlicher huren, und die wirtin -hielt eemener (Ehemänner) in einer stuben und in einer andern -junggesellen tag und nacht und liess sie puberei treiben, und paten -in, er solt in laub geben (erlauben), sie wolten sie aussstürmen und -wolten den hurntaiber zuprechen und zerstören, er gab in laub; da -stürmten sie das hauss, stiessen die tür auf und schlugen die öfen -ein, und sie zerprachen die venstergleser und trug iede etwas mit ir -davon, und die vogel waren aussgeflogen, und sie schlugen die alten -hurenwirtin gar greulichen.« - -Noch einmal, 38 Jahre später, wiederholte sich in Nürnberg ein solcher -Einbruch konzessionierter Hübschlerinnen in ein Winkelbordell, das sie -demolierten und dessen Insassinnen sie im Triumphe in ihr eigenes Haus -zerrten. Da sie es aber diesmal versäumt hatten, die obrigkeitliche -Genehmigung nachzusuchen, erhielten sie einen derben Verweis. Häufig -wendeten sich die Stadtdirnen unter Beilage langer Verzeichnisse -bittlich an ihre Vorgesetzten, die namhaft gemachten geheimen -Prostituierten zu strafen »von Gottes und der Gerechtigkeit -wegen«.[40] - -[40] Rudeck, nach Hüllmann, Städtewesen des Mittelalters, IV. 266. - -In Frankfurt trug 1493 der Rat den Dirnen im Rosenthal auf, ein -Mädchen, das auf eigene Faust lüderte, mit Gewalt in das Bordell zu -bringen, falls sie nicht binnen 14 Tagen freiwillig zuzöge.[41] Die -Dirnen, die sich obdachlos herumtrieben, in den Wirtshäusern und auf -den Strassen ihrem Verdienste nachgingen, »dodurch ouch junge -töchterlein angefürt und verfellet (verfürt) werdent, dovon vil bôses -kompt«, sollen in Strassburg aufgegriffen und eingesperrt werden. -Ausserhalb ihres Quartiers ertappte leichte Weiber wurden vom Büttel -mit Fahne und Trommel in das Bordell zurückgebracht. - -[41] Kriegk a. a. O. S. 322. - -Die Wirtshäuser und Herbergen, in denen Reisende ihr Unterkommen -fanden, waren im Mittelalter im primitivsten Zustand. Wie noch heute -in sittlich tiefstehenden Ländern, waren die Herbergsväter meist auch -Kuppler, die Dirnen zur Unterhaltung oder zum Anlocken von Gästen -hielten. Gottschalck Hollen predigt in der _Dominica exaudi_ gegen -derartige Übelthäter, indem er ihnen zum Vorwurf macht, dass sie -Dirnen in ihre Häuser kommen lassen, um mit den Gästen und Saufbrüdern -zu sündigen. Erasmus von Rotterdam in seiner klassischen Schilderung -eines mittelalterlichen Hotels, erzählt von hübschen Mädchen, die den -Gästen Gesellschaft leisten, zu allen Scherzen geneigt sind und sich -gerne zur Zielscheibe aller Witze machen lassen. Und in den -Schlafstuben: »da waren auch immer Mädchen da, lachend, herausfordernd, -tändelnd; sie fragten unaufgefordert, ob wir etwa schmutzige Wäsche -hätten, die wuschen sie und brachten die gewaschene uns zurück. Was -soll ich noch hinzufügen? Wir sahen da ausser im Stalle nichts als -Mädchen und Frauen, und selbst da brachen oft die Mädchen ein. Bei der -Abreise umarmen sie einen und verabschieden sich mit solcher Teilnahme, -als ob man ein Bruder oder ein naher Verwandter wäre.« So war es in -Frankreich, und ähnlich wird es auch in Deutschland gewesen sein, -wie die vielen diesbezüglichen Klagen und Fritz Schickers Tagebuch -beweisen. Von Wien sagt Aeneas Silvius Piccolomini, dass schier alle -Bürger Tavernen mit »lusten Fröwlein« halten, in denen umsonst zu essen -gegeben wird, damit die Gäste desto mehr trinken sollten. - -Wie die Dirnen gegen die unbefugte Prostitution Front machten, so -übten sie auch einen Zunft- und Gewerbezwang aus, wenn sich irgend ein -unglückseliges Weib in ihr Revier verirrte. Wie sie selbst verfemt -waren, so brachte auch jede Berührung mit einer Ausgestossenen dem -ehrlichen Mädchen ein Schandmal bei, auf das die Dirnen mit boshafter -Schadenfreude hinwiesen. Ein markantes Beispiel dieser Art weiss -Deichsler vom 22. September 1502 zu berichten: Ein junger -Kornschreiber hatte ein Verhältnis mit einem jungen Mädchen, das er -beredete, eine Nacht bei ihm zuzubringen. Statt sie in sein Haus zu -führen, wie er ihr vorgespiegelt, brachte er sie ins Freudenhaus. Am -frühen Morgen kamen die Bewohnerinnen des Bordells an das Bett des -jungen Mädchens, setzten ihm den Strohkranz auf, das traditionelle -Zeichen des Falles, und ihrer zwei nahmen sie zwischen sich, führten -sie wie eine Braut öffentlich über den Obstmarkt einer Taverne zu, um -dort mit süssem Wein den Eintritt des Mädchens in die »hurnzunft« zu -feiern. Das Weinen und Barmen der Verführten weckte das Mitleid -einiger Männer, die sie befreiten und die sich wehrenden Dirnen in die -Flucht schlugen. Der schurkische Kornschreiber wurde eingelocht und -auf zehn Jahre der Stadt verwiesen. Doch nicht allen dem Bordell -Verfallenen wurde der Wiedereintritt in die Gesellschaft so leicht -gemacht wie diesem Nürnberger Mädchen. Wo anders als gerade in -Nürnberg wäre das kaum ohne umfangreiche und weitschweifige Ceremonien -möglich gewesen. Nur »die Perle Deutschlands« erwies sich so -entgegenkommend gegenüber Gefallenen, selbst richtigen Dirnen. Die -anderen Städte und Städtchen, in denen Bordelle bestanden, ahmten -darin dem Beispiele Nürnbergs, das sonst allen als Vorbild galt, nicht -nach, obgleich sie es gekonnt hätten, denn selbst die unbedeutendsten -Nester des deutschen Reiches mussten, schon um etwas in den Augen der -seltenen Reisenden zu gelten, ihre Stadt-Bordelle haben. So unter -anderen die im Mittelalter nur wenige Hundert Einwohner zählenden -Flecken Quedlinburg, Schwabach, Acken an der Elbe, Oberehenheim, -Wolkach u. a. m. Ausserhalb Nürnbergs gab es für die Hübschlerinnen -nur drei Wege, dem infamierenden Banne des Freudenhauses zu entrinnen: -die Heirat mit einem unbescholtenen Mann, den Übertritt in eine -klösterliche Bussanstalt oder den Tod. - -Die Ehe mit »anständigen« Männern wurde den »geschuhten Wachteln«, wie -sie ein Fastnachtsspiel nennt, thunlichst erleichtert. Der Wirt musste -sie ohne weiteres und schuldenfrei ziehen lassen, auch wenn sie noch -so tief in seiner Schuld sassen; sogar für Aussteuer sorgte die -Obrigkeit, denn: »Wer eine arme Sünderin aus dem Gemeinen Hause zur -Ehe nimmt, soll vor allem andern eine Aussteuer von zwölf Gulden -haben«[42], eine ziemlich bedeutende Summe für die damalige Zeit, die -manche verfehlte Existenz zum Zugreifen veranlasst haben dürfte, wenn -auch honette Männer es sich wohl überlegt haben werden, »ein verruchte -dirn, Wol gewandert« heimzuführen. Der zweite Weg, der Eintritt in -eine Bussanstalt, war leichter zu beschreiten, nur ward ein Rückfall -in das gewohnte Lasterleben z. B. in Wien gleich mit dem Tode durch -den Henker bestraft. Derartige Bussanstalten fanden sich ausser in -Wien, in Nürnberg und Regensburg, fast in allen grösseren Orten -Deutschlands. Welchen Zweck diese »Stiftungen der Reue« verfolgten, -spricht klar der Steuerbefreiungsbrief Herzog Albrechts vom Jahre 1384 -für das von mehreren frommen Ratsherren in der Singerstrasse in Wien -gegründete Kloster aus. Es heisst darin, dieses Haus und Stift sei -bestimmt: »für die armen Frauen, die sich aus den offenen -Frauenhäusern oder sonst vom sündigen Unleben zur Busse und zu Gott -wenden«. Das Volk glaubte freilich nicht so recht an vollkommene -Bekehrung der schönen Sünderinnen, die, wenn es ungestraft sein -konnte, ganz gerne wieder von der nun verbotenen Frucht naschten oder -als Kupplerinnen ihrem einstigen Gewerbe neues Material zuführten. Die -»jungen Bettschwestern«, die nun «alte Betschwestern« geworden waren, -heuchelten und kuppelten gerne, zerstreuten sich in ihrer Langeweile -durch Verlästerungen und Klatschereien. Murner zeichnete sie in seiner -bissigen Weise in der Narrenbeschwörung V. 77: - - »Beginentand ist's in der That! - Das ihnen grosse Sachen sind; - Jedoch gebären sie ein Kind - Und laufen alle Klöster aus, - Dazu in jedes Pfaffen Haus - Und sind so niederträcht'ge Drachen, - Dass Zwist sie überall entfachen, - Ein Lotterläpplein hängen an, - Wo es nur immer gehen kann, - Und kuppeln stets geflissentlich -- - #Dess# brauchen sie nicht zu schämen sich. - Sie lügen leicht und lügen flink - Und urteln über jedes Ding - Und wissen, was ein jeder that - Zu #Strassburg# in der ganzen Stadt, - Und sind allesamt viel böser doch - Als die Kupplerinnen im Dummenloch.[43] - Gar lang' sie in der Kirche bleiben, - Damit von Männern und von Weiben - Kund werden alle Dinge ihnen: - Drum sind's gottselige Beginen. - Sie fressen allezeit die Füss'[44] - Und sind in ihren Worten süss; - Indes, wenn man sie allzumal - Erkennt, ist's nichts als Gift und Gall'. - Ach, wären sie in Portugal! - Ach, wären allesamt zur Frist - Dort, wo der Pfeffer gewachsen ist, - Und dürften nicht zurücke denken! - Wollt' ihnen gern das Weggeld schenken.« - -[42] Holthaus, Gloss. 484, cit. bei Schultz, D. L. - -[43] Eine übelberufene Strassburger Gasse. - -[44] Küssen die Füsse der Heiligenbilder. - -Nichtsdestoweniger haben im allgemeinen die Beginenanstalten unendlich -viel Gutes gestiftet. Viele jener ehemaligen Buhlerinnen gaben sich -mit vollem Herzen der Busse hin, wurden zu aufopferungsvollen -Krankenschwestern und Pflegerinnen, die sich in zahlreichen Epidemien -des Mittelalters gleich Heldinnen hervorthaten. Gar manchem jener -ernsten und sittlich gefestigten Weiber winkte noch ein spätes Glück, -da sie in dem dem Tode entrissenen Kranken einen Ehemann fanden, dem -sie Treue bis zum Grabe wahrten. Es dürfte daher nicht ganz -ungerechtfertigt gewesen sein, was der Vater in dem Nürnberger -Gedichte, »Wie ain junger gsell weyben sol«, zu seinem Sohne bemerkt: - - »Ich siehs und hör ess offt sagen, - Das sy sindt geraten gar wol, - Die jung waren püberei vol, - Verlyssen den pübschen orden - Und sind frumm eefrauen worden.« - -Die Herren Pfaffen scheinen sich auch dann und wann ihre Liebsten aus -abgedankten Dirnen rekrutiert zu haben, wie eines der polemischen -Fastnachtsspiele Nicolaus Mannels durch folgenden Monolog der -Pfaffenmagd Lucia Schnabeli beweist. Erst führt sie bewegliche Klage -über den Bischof, dem sie jährlich vier gute rheinische Gulden als -Duldegeld niederlegen muss, das noch erhöht wird, wenn sie ein Kind -bekommen sollte. Dann fährt sie fort: - - »Vor bin ich lang im frowenhus gesin - Zu Strassburg da niden an dem Ryn, - Doch gwan min hurenwirt nit so vil - An uns allen, das ich glauben wil, - Als ich dem bischoff hab müssen geben.«[45] - -[45] Scherr, Frauenleben, II. 16. - -Am Rheine wurden bisweilen gealterte Dirnen, die sich etwas Geld zu -erübrigen gewusst hatten, Handelsfrauen, sogenannte Gremplerinnen, d. -h. Zwischenhändlerinnen, die von den marktfahrenden Landleuten die -Landesprodukte aufkauften, um sie mit Nutzen an die Konsumenten -weiterzugeben. Murner gerät über diese »mit dem Judenspiess -rennenden«, also Wucher treibenden Weiber, in helle Wut, die sich in -den Worten äussert: - - »Keine alte Hure ist am Rhein, - Die Grempen nicht wollte sein. - Wenn ein paar Eier man nur bringt - Zum Markt, die alte Brecken (Hündin) springt - Dorthin, (statt gleich den armen Leuten - Den Unterhalt sich zu erstreiten - Durch Arbeit) und ersteht die Eier, - Verkauft sie noch einmal so teuer - Und bringt so der Gemeinde Schaden ....« - -Als gerechte Strafe für die von ihnen verursachte Verteuerung der -Lebensmittel empfiehlt er, die Gremplerinnen mit Steinen um den Hals -in den Rhein zu versenken.[46] - -[46] Narrenbeschw. LXVII. 38 ff. - -Im 16. Jahrhundert trat erst schüchtern und vereinzelt, dann allgemein -ein Wechsel der Ansichten in Bezug auf die konzessionierten -Lasterhöhlen ein. Man begann nach und nach die absolute Notwendigkeit -der Bordelle in sittlicher und gesundheitlicher Beziehung in Zweifel -zu ziehen, den bisher niemals angefochtenen moralischen Nutzen zu -prüfen, und das Resultat dieser Erwägungen war schliesslich ein wenig -befriedigendes. Dazu sanken die Erträgnisse der Freudenhäuser immer -tiefer, so dass die Ruffiane kaum mehr ihr Leben fristen, geschweige -denn die gewohnten Abgaben leisten konnten; ferner erschollen von -allen Kanzeln der neuen protestantischen Geistlichkeit ernste Worte, -die den Kreuzzug gegen diese Hölle auf Erden, gegen diesen Sündenpfuhl -predigten, der jeden rettungslos den Klauen des Gottseibeiuns -überlieferte, der seine verfluchte Schwelle um des Lasters willen -überschritt. Alles dieses hat den Bordellen argen Schaden zugefügt, -doch ihre endgültige Vernichtung bedurfte kräftigerer Ursachen, um die -dem Volke gewohnte und oft nahezu unentbehrliche Institution für -Jahrhunderte aus der Welt zu schaffen.[47] - -[47] Erwähnt zu werden verdient, dass in Ulm, in dem 1537 die -Frauenhäuser aufgehoben worden waren, 1551 die Zünfte ihre -Wiedereinführung beantragten, »um grösseres Unwesen zu verhüten«, -ebenso in Basel und 1562 in Nürnberg, dessen Rat bei drei Predigern -und sechs Rechtsgelehrten erst ein Gutachten einholte, ehe er die -Abschaffung der Bordelle vornahm (Kriegk a. a. O. S. 293). - -Erst die gleich vom Anbeginn mit rasender Wut auftretende Lustseuche, -die Franzosen- oder St. Jobs-Krankheit benannte Syphilis machte die -Verbreitungsstätten dieser Pest, der Ärzte und Laien gleich ratlos -gegenüber standen, dem Erdboden gleich. Namenloses Entsetzen erfüllte -alle Gemüter ob dieser neuen, bisher unbekannten Seuche, die kein -Alter, kein Geschlecht, keinen Stand verschonte, in allen Kreisen ihre -Opfer suchte, bei den Patriziern der Städte, dem Adel, den Kirchen- -und Kloster-Geistlichen, wie in den unteren Volksklassen. »Einer -steckte den anderen an; aus Stadt und Dorf verstossen, irrten ganze -Scharen von Männern und Weibern aus geistlichem und weltlichem Stande -umher, bedeckt mit Eitern und Geschwüren, vom Kopf bis zum Fusse, -winselnd und rettungslos. Vergebens waren zunächst alle bekannten -Arzneimittel; ein langsamer, schrecklicher Tod erlöste die -Leidenden.[48] Ärzte und Quacksalber überboten sich in abenteuerlichen -Mitteln, die oft noch grässlicher waren, als die Krankheit selbst. Ein -Dr. Arnoldus Weickard ordinierte Hundskot »wilder Heckrosen, und vom -dörren Schaffapfel jedes gleich viel, wilder Rosenblätter und -Silberglätt, jedes auch gleich viel, und mach drauss ein Pulver. Erst -wasche das Geschwär mit des Patienten eignem Urin oder Wegbreitwasser, -hernach streue das Pulver drein«.[49] Derartige Kuren im Dunkeln -tappender Mediziner verschlimmerten natürlich nur den Zustand der -Kranken, die man mitleidlos von sich stiess, in Erdhöhlen und -Feldhütten verwies, bis man in leerstehenden Spitteln und Bordellen -Plätze fand, in denen die Unglückseligen wenigstens gegen die Unbilden -der Witterung geschützt, ihr elendes Leben fristen und sterben -konnten. Ängstlich wich man den Syphilitischen aus, ebenso wie vordem -den Aussätzigen, galt doch schon ihr Atem als Gift, eine Berührung -ihrer Hand für tödlich. - -[48] Dirchs, Die ältesten Schriftsteller über die Lustseuche in -Deutschland, S. 346. - -[49] K. F. Paullinis heilsame Dreckapotheke, Frankfurt a. M. 1714, 3. -Kap. Von der Hurenseuche. - -»Wer einen Fuss im Frauenhaus hat, hat den anderen im Spital.« Die -Frauenhäuser hatten viel zur Verbreitung der Syphilis beigetragen, und -als man sich dessen bewusst wurde, mied man jeden Verkehr mit den -Dirnen. Unter diesen Umständen verminderte sich der Bordellbesuch mit -dem Umsichgreifen der Lustseuche immer mehr, bis er endlich derart -gesunken war, dass die Obrigkeiten die Aufhebung der Frauenhäuser -veranlassten, nicht selten erst, nachdem die Ruffiane davongegangen -und die Dirnen selbst krank geworden oder in alle Winde zerstreut -waren. - -Die Prostitution selbst erlitt durch den Wegfall der Bordelle nur -geringe Einbusse. Das Verschwinden ihrer Kasernen tilgte das Schandmal -nicht von der Stirne der Dirnen; sie mussten in dieser Zeit, die sie -verachtete und gleichzeitig fürchtete, bleiben, was sie vordem waren, -wenn auch der Selbsterhaltungstrieb sie zwang, ihr Gewerbe mehr zu -verschleiern. So wurde aus vielen der Frauenhäuslerinnen jene -»Sunneweigerinnen«, fahrende Weiber, die unter der Marke, bekehrte -Dirnen zu sein, um Sancta Maria Magdalenas willen bettelnd durch die -Lande zogen und, wenn sich Gelegenheit bot, gerne wieder in ihr -früheres Metier verfielen. Diese nun vagierenden Bordellmädchen -vermehrten die Zahl der landstreichenden Dirnen, sie waren aber -keineswegs die Urheberinnen der reisenden Prostitution. Früh hatten -die nach Rom ziehenden Pilgerinnen und Wallfahrerinnen, der Verführung -auf der langen Reise nachgebend und der Not erliegend, in den Städten -des fränkischen Reiches und der Lombardei sich zu Priesterinnen der -Venus vulgivaga gewandelt (Bonifazius epistolae 73). Sie bevölkerten -entweder fern von ihrer Heimat die Bordelle, oder fuhren, das neue -Gewerbe ausübend, erst ihrem Ziele zu und dann weiter vagierend durch -die Welt. - -Das »varende vip« zog während des ganzen Mittelalters den -Hoflagern, den Krönungen, Reichstagen, Turnieren, Kirchtagen, -Jahrmärkten, Konzilien, überhaupt allen Versammlungen der -mittelalterlichen Gesellschaft zu, die ihnen durch das Zusammenströmen -verschiedenartiger, den Fesseln der heimatlichen Beobachtung entrückter -Elemente, Verdienst zu bieten schienen. An dem zweimal im Jahre -stattfindenden Jahrmarkt zu Zurzach im Kanton Aargau beteiligten sich -oft über 100 solcher Auswürflinge an dem berüchtigten »huorendanz«, der -ungezählte Zuschauer aus allen schweizer Gauen anlockte. Durch ihre -Zahl und die Frechheit in Ausübung ihres Berufes wurden sie oftmals -zur Landplage. So wurde einmal in Basel die Klage laut: »Junge Töchter -und alte Frauen machten auf der Strassen Königinnen; da kann schier -ein biederb Mann nit durch die Gassen kommen, so fallen sie ihn an und -wollen Geld von ihm gehegt han.« Bekamen sie dies nicht, so pfändeten -sie ihn und nahmen Hut und Gugel ab. Aber ganze Heere der Ausüberinnen -gewerbsmässiger Liebe stellten sich dort ein, wo geistliche und -weltliche Würdenträger zu gemeinsamer monate-, selbst jahrelang -währender Beratung zusammen getreten waren. Auf dem Konstanzer Konzile -von 1315 waren schon »heimlich frouwen und courtisaninen gar vil«, von -denen Oswald von Wolkenstein singt: - - »Wer seines Leids ergötzt will sein, - Und ungenetzt beschworen fein, - Der zieh' gen Kostnitz an den Rhein, - Ob ihm die Reis' wohl füge. - Darinnen wohnt manch' Fräulein zart, - Die können spielen um den Bart ....« - -Dem Reichstage von Frankfurt a. M. wohnten 1394 an 800 Fahrende -bei; hingegen überbot an dem von 1414 bis 1418 in Konstanz tagenden -Konzil ihre Menge alles bisher Dagewesene. Ihre Zahl schwankt bei den -verschiedenen Autoren zwischen 450 und 1500. Der Generalquartiermeister -des Herzogs Rudolf von Sachsen, Eberhard Dacher, sollte auf Befehl -seines in Konstanz anwesenden Herrn die dort befindlichen Kurtisanen -zählen. »Also ritten wir von einem Freudenhaus zu dem andern und wir -fanden in dem einen Hause dreissig, in einem weniger, dann wieder mehr -und so ergaben sich, ohne die zu zählen, die sich in den Badestuben -oder Ställen aufhielten, bei siebenhundert gemeiner Frawen.« Nun wollte -der Herzog auch noch die Anzahl der geheimen Dirnen wissen, aber Dacher -bat flehentlich, von dieser Volkszählung enthoben zu werden, da er es -»nicht metig zu tun; ich wurde villeicht um die Sach ertötet«. So stand -denn der Herr von seinem Vorhaben ab. Von einer dieser Dirnen, einer -Wiener Hübschlerin, meldet von der Haardt, dass sie mit einem erbuhlten -Vermögen von 800 Goldgulden aus Konstanz gezogen sei. Sie scheint -nicht vereinzelt dagestanden zu haben, wie aus dem 1415 gedichteten -Volksliede Eberhart Windeckes hervorgeht: - - »Nun hat man neue Märe im Lande vernommen - Seit das Konzilium gen Konstanz ist kommen - Die Dirnen sind gemehlich (Freude bereitend) - Und sind auch worden wacker und reich.« - -Freilich gelang es nur den allerwenigsten, wacker und reich zu werden. -Die Mehrzahl konnte sich niemals von der Anfangsstufe in die Höhe -arbeiten; meist sanken sie, namentlich bei zunehmendem Alter, bis zur -landstreichenden Bettlerin, die den Busch oder den Wegrand zum -Liebesgemach erkor und auch dort das besudelte, verfehlte Leben -endete. - -Diese Fahrenden rekrutierten sich in der Hauptsache aus entlaufenen -Bauernmädchen und den Frauen und Töchtern der vagabundierenden Bettler -und Gaukler. Die Anrüchigkeit und Unehrlichkeit des vormaligen -Artistenstandes zwang die armen, schon durch ihre Geburt gebrandmarkten -Geschöpfe zur feilen Liebe. Wo sie erschienen, standen sie ausserhalb -der Gesellschaft, dem Henker und Totengräber gleich; ihre Berührung -befleckte, ihr Eintritt in ein Haus galt als unheilbringend und die -Ehrlichen jagten sie erbarmungslos mit Schimpf und Schande von ihrer -Schwelle. Sogar der Scherge fühlte sich zu gut, über sie zu wachen, man -gab ihnen ein eigenes Oberhaupt, den Pfeifer- oder den »#Bubenkönig#«, -dem die Beaufsichtigung aller Vaganten und fahrenden Frauen oblag, und -der noch 1512 in Köln seines Amtes waltete.[50] - -[50] Dr. Otto Beneke, Von unehrlichen Leuten, S. 29. - -An der Kirchhofsmauer oder auf dem Anger, wo die armen Sünder ohne -Sang und Klang eingescharrt wurden, war auch ihre letzte, gar oft nur -widerwillig gewährte Ruhestätte. Kein Hügel wölbte sich über das Grab -der bis über das Leben hinaus verachteten Heimatlosen. Ohne Obdach zu -besitzen, irrten sie ruhelos umher, heute im Überfluss schwelgend, -morgen den Hunden der Herrenhöfe das Futter entreissend; stehlend, wo -sich Gelegenheit bot, auch vor einem Gewaltsakte nicht zurückbebend, -wenn er nur Beute versprach, ohne Rechtsbewusstsein, ohne Ahnung von -Menschenwürde, vertiert wuchsen sie auf, als Landplage gehasst und -verfolgt. - -Solch unglückseligen Weibern konnte die Hingabe um Lohn nichts weiter -sein als ein Verdienst, ein leichter, willkommener sogar, der ihnen -keinerlei Bedenken einflösste. Woher sollten sie von Moral wissen, -sie, denen Scham etwas Unbegreifliches war, deren Lumpen kaum die -Blössen bedeckten. Im »Liber Vagalorum« findet sich eine Gruppe von -drei Fahrenden, einem Mann und zwei jungen Frauen, die mit -Reisigbündeln beladen auf der Landstrasse dahin ziehen. Den Weibern -hängen die Fetzen vom Leibe, sie enthüllen mehr als sie verdecken, -wohl absichtlich, einerseits, um mildherzige Frauen zur Verabreichung -abgelegter Kleidungsstücke zu bewegen, andererseits, um durch die zur -Schau getragenen Reize Männer zu locken. - -Auf einer etwas höheren Stufe als bettelnde Landstörzerinnen standen -die fahrenden Gauklerinnen, die sich aber erst vor einer kurzen Spanne -Zeit der auf ihnen die ganze Vorzeit hindurch lastenden allgemeinen -Missachtung entringen konnten. Noch zu Anfang des 18. Jahrhunderts -hiess es von ihnen: »Taschen-Spielerin Heissen diejenigen im Land -herum vagirenden und auf die Jahr-Märkte reisenden liederlichen -Weibes-Bilder, so dergleichen wunderliche Profession treiben und den -Zuschauer allerhand Blendwerck durch ihre Kunst und Geschwindigkeit so -wohl mit der Karten als auch andern darzu verfertigten künstlichen -Instrumenten vormachen.«[51] Nach derselben Quelle ist die -»Seil-Täntzerin eine leichtsinnige Weibes-Person, so in dem Lande -herum ziehet und ihre Kunst auf dem Straffen oder Schweng-Seil zu -tantzen, öffentlich um Geld sehen lässt«. - -[51] Frauenzimmer-Lexicon von Amaranthes, Leipzig 1715. - -Diese Künstlerinnen, denen auch Abraham a St. Clara vieles am Zeuge zu -flicken hat, waren selten besser als ihr Ruf. Als sich Grimmelshausens -»seltzamer Springinsfeld« ärgert, dass seine Neuvermählte »ihre -Jungfrauschafft nicht zu ihm bracht, sagte sie: Bist du dann so ein -elender Narr, dass du bey einer Leyrerin -- ein Mädchen, das mit einer -Leier umherzog -- zu finden vermeint hast, dass noch wol andere Kerl, -als du einer bist, bey ihren ehrlich geachten Bräuten nicht finden? -Wann du in solchen Gedanken gewesen bist, so müsste ich mich deiner -Einfalt und Thorheit zu kranck lachen ...« - -Wie den Krönungen und Konzilien, eilten die Fahrenden in grossen -Massen den Heeren zu. Schon die Kreuzfahrer zogen in Begleitung von -Scharen leichtfertiger Weiber nach dem orientalischen Kriegsschauplatz. -Einzelne sittenstrenge Feldherrn, wie Kaiser Friedrich Barbarossa -(1154) liessen zwar die Dirnen aus den Lagern jagen, richteten damit -aber für die Dauer wenig aus. Ludwig der Heilige musste zu seinem -Schmerze sehen, dass sich innerhalb der Lager, nahe dem königlichen -Zelt, unter dem Protektorate von Hofleuten stehende Bordelle erhoben. - -Als die Heere grösser und durch die unausgesetzte Verwendung beinahe -schon zu stehenden wurden, wuchs der Tross der Soldatenmenscher mit -ihnen. Welche Mengen von Dirnen bei den Heeren, zu deren Bestand sie -mit der Zeit gezählt wurden, anzutreffen waren, geht aus einer Angabe -Wilmolt von Schaumburgs hervor, dass bei der Belagerung von Neuss Karl -der Kühne: »liess den profosen die gemainen weiber, der #ob dem -viertausend un hör waren#, zu der Arbeit berufen und versahn. -Denselben weiben wart durch den herzogen ain Fendlein (Fahne) geben, -daran was ein Frau gemalt, und wan si zu oder von der arbait giengen, -wart in mit dem Fendlein, auch trummen und pfeifen vorgegangen«. Der -deutsche Condottiere Werner von Urslingen hatte 1342 bei einem Bestand -von 3500 Mann 1000 feile Dirnen, Buben und Schelme (meretrices, -ragazzii et rubaldi satis) aufzuweisen.[52] - -[52] Otto Elster, Bilder aus der Kulturgesch. des deutschen Heeres, S. -52. - -Um dieses Heer im Heere im Schach zu halten, gab man ihnen einen mit -weitgehenden Vollmachten ausgerüsteten Vorgesetzten, den #Hurenweibel#, -dem sie sowie das Gelichter der Trossbuben und alle sonstigen Drohnen -unbedingt zu gehorchen hatten. - -»Ampt und Bevelch des Hurenweybels« betitelt sich der Abschnitt über -die Obliegenheiten dieses meist im Hauptmannsrange stehenden Offiziers -und seines Leutnants und Fähnrichs. Dieser »Bevelch« schreibt dem -Waibel vor, darauf zu sehen, dass die »gemeinen Weiber« getreulich -ihre Herren abwarten, auf dem Marsche das Gepäck tragen, im Lager -kochen, waschen, die Kloaken reinigen, Kranke pflegen, »sonnst wo man -zu feldt liegt, mit Behendigkeit lauffen, rennen, einschenken, -Fütterung, essende und trinkende Speis zu holen, neben anderer -Nothdurft, sich bescheidentlich zu halten.« Ihm ist das Recht -zugestanden, Vergehen, der »Huren und Buben« durch »mechtig übel« -Schläge zu ahnden, sie überdies mit möglichster Strenge zu halten, da -sonst »würden faule Schwengel und Huren gar zu viel«. Also durch -Abschreckungstheorie suchte man den Zuzug neuer Individuen -hintanzuhalten. Überdies sollte der Tross zu allen militärischen -Nebenarbeiten herangezogen werden. Seine Angehörigen sollten Wege -ausbessern, Gräben aufwerfen oder füllen, Holz zu Schanzkörben und -Verhauen herbeischleppen, Hand anlegen, wenn die Bagagewagen oder die -Geschütze im Wegmorast stecken blieben, und dieses alles ohne -Widerrede »bei ernstlicher straff, so ihnen aufferlegt wird.« Sie -sollten auch nicht »umsonst einkauffen« d. h. stehlen, bei -Todesstrafe. Man sieht, das Los einer Soldatendirne war kein rosiges -und trotzdem sangen sie: - - »Ob wir schon übel werden geschlagen, - So thun wirs mit ein Landsknecht wagen.« - -Das zweifarbige Tuch und die flatternden Fahnen waren Lichter, die sie -in hellen Haufen anzogen, die sie umflatterten, bis sie versengt zu -Grunde gingen. Herzog Alba, der spanische Würger, führte ein Gefolge -von vierhundert Lustweibern zu Pferd und über achthundert zu Fuss mit -seinem Söldnerheere nach den Niederlanden. Sie waren in Kompagnien -geteilt und in Reih und Glied geordnet. Jeder war je nach Schönheit -und Herkunft ein Liebhaber gegeben, dem sie bei Strafe anzugehören und -treu zu sein hatte. Im dreissigjährigen Kriege verlor die Stellung des -Hurenweibels an Ansehen, er sank zum gemeinen Soldaten herab, dem das -Heer ebenso wenig Achtung zollte, wie der ihm unterstellte Tross. Mit -der Einrichtung der stehenden Heere verschwand das Weibergefolge auf -dem europäischen Festlande, und mit ihm auch der Weibel. - -Das völkermordende dreissigjährige Würgen, das Deutschland auf -Jahrhunderte zu Grunde gerichtet, seine vormals blühenden Gegenden in -menschenleere Wüsteneien verwandelt, bot dem fahrenden Dirnentum den -günstigsten Nährboden. Ihre Zahl wuchs ins Unmessbare, denn jede -eroberte Stadt, jedes eingeäscherte Dorf vermehrte das Heer der -Soldatenweiber. Gezwungen oder freiwillig folgten die ihrer Heimat, -ihrer natürlichen Beschützer beraubten Mädchen und Frauen ihren -Vergewaltigern, bei denen sie wenigstens nicht verhungerten, bis sie -am Wege starben, oder unter den Fäusten ihrer entmenschten Liebhaber -verröchelten. Was galt in diesen Unglücksjahren ein Menschenleben und -gar das Leben einer Dirne, jenes Geschmeisses, das zu zertreten der -Laune seines Besitzers frei stand. - -Das Zeitalter des grossen Krieges entfesselte in bis dahin -ungeahnter Wildheit das Tier im Menschen. Alle Greuel, die ein -krankhaft-überspanntes Gehirn auszuhecken vermag, überbot die zügellose -Soldateska, jener Auswurf der Menschheit, der unter dem Schutz der -Fahnen und entmenschter Führer die Bestien des Urwaldes an Blutdurst -und Grausamkeit übertraf. Jedes Weib ohne Rücksicht auf Alter war -verloren an Leib und Seele, das diesen Scheusalen in die Hände fiel. -Grausamkeit und Wollust, diese beiden Stiefschwestern der Liebe, -steigerten sich bei diesem vertierten Gesindel zu einer unerhörten -Intensivität. Moscheroschs »Philanders von Sittewald wunderliche -und wahrhaftige Gesichte« und Christoffel von Grimmelshausens -»Simplizianischen Schriften« entrollen grauenvolle Bilder des -bluttriefenden Übermutes, die durch die Chroniken jener Zeit nicht -nur als wahrheitstreu, sondern oft sogar durch dichterische Retouche -gemildert nachgewiesen wurden. - -Darum gewinnt das Bild einer Soldatendirne des dreissigjährigen -Krieges, das Grimmelshausen gezeichnet, den Wert eines -kulturgeschichtlichen Dokumentes, dessen Details uns getreulich das -Werden, Leben und den Untergang eines dieser bedauernswerten Geschöpfe -vergegenwärtigen. Der Titel der »Ertzbetrügerin und Landstörtzerin -Courasche«, gedruckt in Utopia bei Felix Stratiot, nimmt vierundzwanzig -Zeilen ein, und achtundzwanzig Kapitel behandeln das Leben dieser -Courage von ihrer Kindheit an, bis zu ihrem hohen Alter.[53] Der -kurzgefasste Inhalt des Büchleins, soweit es uns interessierende Themen -enthält, ist folgender: Jungfer Lebuschka ist von ihren unbekannten -Eltern einer Bäuerin in Bragoditz, jetzt Prachatitz, in Böhmen zur -Pflege anvertraut. Als sich der Krieg gegen Prachatitz zu ziehen -scheint, beredet die Pflegemutter das dreizehnjährige Mädchen, sich -als Knabe zu kleiden, um so der Schändung zu entgehen. Aus Jungfrau -Lebuschka wird der Knabe Janco, der von den Soldaten mitgeschleppt -wird, als »die Männer in der eingenommenen Stadt von den Überwindern -gemetzelt, die Weibsbilder genohtzüchtiget und die Stadt selbst -geplündert worden«. Der Rittmeister des Trupps, dem Lebuschka in -die Hände gefallen, behält sie selbst als Trossbuben, bis bei einer -Rauferei ihr Geschlecht erkannt und sie zur Maitresse ihres Herrn -wird. Ihre oft bewiesene Unerschrockenheit hat ihr den Namen Courage -eingebracht, den sie nicht mehr los wird. Mit ihrem Rittmeister zieht -Courage weit in der Welt umher, bis nach Ungarn, wo er vor Neuhäusel -(Neussol) eine tödliche Wunde erhält. Auf dem Sterbebette reicht er -Courage seine Hand, die nun Frau Rittmeister und gleich darauf Witwe -wird. Mit der Beute ihres verstorbenen Gatten reich ausgestattet, kommt -Courage nach Wien, wo sie verschiedene einträgliche galante Abenteuer -besteht. Die Sehnsucht, Prachatitz wiederzusehen, führt sie über -Prag dorthin, doch auf der Reise wird sie von Mansfeldischen Reitern -aufgehoben, in eine verlassene Meierei geschleppt, vergewaltigt, aber -mit ihrem Eigentum von einem feindlichen Hauptmann aus den Klauen der -Mansfelder befreit. Sie weiss den Hauptmann zu ködern, sie zur Gattin -zu nehmen, und bleibt ihm aus Berechnung treu, bis er am 22. April 1622 -in Wiesloch in Baden fällt. »So ward ich wiederumb in einer kurtzen -Zeit zu einer Wittib.« - -[53] Kürschners Deutsche Nationallitteratur, Band 35. - -Courage geniesst ihr Leben, freut sich der teilweise selbst gemachten -reichen Beute, die sie mit einem schwarzhaarigen Leutnant, »einem -Italianer« teilt, der sie ihres Geldes wegen zur Frau nimmt. Nach der -ersten grossen Schlägerei nimmt der junge Ehemann aber Reissaus, und -später erfährt Courage, dass der schöne Offizier als Deserteur gehenkt -wurde. Mit ihm verduftete leider die ganze Barschaft unserer Heldin, -die nun wieder aufs Rauben auszieht, wobei sie manch kostbare Beute an -Geld und Juwelen, einmal sogar einen leibhaftigen Major, nach Hause -bringt. Durch ihre Aufführung wird aber unsere Courage mehr und mehr -verrufen und dadurch sogar beim »Lumpengesindel beym Tross« derart -unmöglich, dass sie es vorzieht, wieder einmal für einige Zeit zu -verschwinden, und ruhig und ehrbar in einer Stadt sich für einen -Fischzug nach einem neuen Ehegatten zu stärken. - -Ihr Wohnort erweist sich als ungeeignet für ihre Pläne, darum fasst -Courage den Entschluss, noch einmal den Versuch zu wagen, ihre -Pflegemutter in Prachatitz zu erreichen. Diesmal gelingt es besser als -das erste Mal. Courage erfährt von ihrer Pflegemutter, wie ihr Vater -vormals einer der gewaltigsten Herren im Reiche gewesen, der sich -jetzt aber, als Rebell vertrieben, bei den Türken aufhält. Ihre Mutter -war Kammerjungfer bei des Grafen (Courages Vater) Gattin, ist nun aber -längst tot. - -Als Courage von Prachatitz nach Prag zurückkehrt, nimmt sie die alte -Bäuerin mit sich, die fürder als ihre Mutter gelten soll. Unter der -Maske, durch den Krieg aus ihrem Besitztum vertrieben zu sein, suchen -sie offiziell ihren Unterhalt durch Nähen und Sticken zu erwerben, was -dank der Nebenbeschäftigung Courages gelingt, ohne dass sich ihr etwa -3000 Reichsthaler belaufendes Vermögen verminderte. Ein Hauptmann, dem -es weniger um Ehre als um Geld zu thun ist, wirbt um Courage; sie wird -seine Frau, muss aber mit ihrem Manne bald nach der Trauung den -sicheren Port Prag verlassen und nach Holstein aufbrechen. - -Courage fand es diesmal für gut, ihren Mann in Einzelheiten ihres -Lebens einzuweihen -- natürlich erzählt sie nur, was ihr in den Kram -passt --, um unliebsamen Entdeckungen zuvorzukommen, die bei ihrer -Berüchtigtheit in allen deutschen Heeren nicht ausbleiben können. Da -sie ihrem Manne treu bleibt, prallen auch alle Zuträgereien an diesem -ab, und sie leben glücklich, bis ein Kanonenschuss bei der Belagerung -des Schlosses Hoya sie neuerdings zur Witwe macht. Das Schloss wird -übergeben, und zum Unglück fällt Courage jenem Major in die Hände, den -sie früher einmal gefangen genommen hat. Er nimmt die denkbar -gemeinste Rache an dem Weibe, das er vor und mit seinen Offizieren -prostituiert und endlich den Trossbuben preisgeben will, als ein -dänischer Offizier sie frei bittet, um sie auf sein Erbschloss in -Dänemark in Sicherheit zu bringen. In Verborgenheit bringt Courage -einige Monate auf diesem Schlosse zu, bis die Eltern des Adeligen von -ihrem Aufenthalt erfahren und sie, um die geplante Heirat ihres Sohnes -mit der Dirne zu hintertreiben, nach Hamburg locken, wo man sie ihrem -Schicksale überlässt, so dass sie anfängt: »mit dem Schmalhansen zu -conferirn, der mich leichtlich überredete, mein täglich Maulfutter mit -meiner nächtlichen Handarbeit zu gewinnen«. Es wird ihr leicht, da -Hamburg und seine Grenzgebiete von Truppen überschwemmt sind. Ein -junger, strammer Reiter, den sie sich zum Herzensfreund erkoren, gerät -ihretwegen in Streit mit seinem Korporal, wird arkebusiert, sie aber -wird schimpflich durch den Steckenknecht aus dem Lager gebracht. Zwei -Reiter fallen sie an, von denen sie einen tötet, den anderen aber mit -Hilfe eines hinzukommenden Soldaten in die Flucht schlägt, worauf sie -ihrem Retter zu seinem Regimente folgt. Courage findet die böhmische -Theatermutter wieder, die sie bereden will, mit ihr nach Prag zu -gehen, um dort in Ruhe zu leben; aber das wilde Blut in der -Soldatendirne will durch Abenteuer in Wallung erhalten sein, und so -bleibt sie denn beim Heere und gerade bei jenem Regimente, dem ihr -gefallener Gatte, der Hauptmann, angehört hatte. Als Marketenderin -zieht sie mit dem Heer über die Alpen nach Italien und entschliesst -sich endlich, den Soldaten zum Liebhaber zu nehmen, der ihr vordem in -ihrem Kampfe mit den Marodeuren beigestanden. Aus der Frau Hauptmännin -wird eine Musketiersmaitresse. Springinsfeld, der junge Pseudo-Ehemann, -hilft seiner Geliebten bei der Marketenderei, während sie, die alte -Pflegemutter als Kupplerin benützend, ihrem Liebsten Hörner schockweise -aufsetzt, viel Geld damit verdient, das sie in sicheren Wechseln nach -Prag sendet. Wenn die Geldquelle zu versiegen droht, weiss sie sich mit -Springinsfelds Hilfe durch Diebstähle schadlos zu halten, bei denen -ihr Buhle recht geschickt als Werkzeug benutzt wird. Inzwischen ist -Courage des Genossen überdrüssig geworden und sucht eine Gelegenheit, -sich seiner zu entledigen. Eines Nachts, als sie neben ihm schläft, -packt sie der Springinsfeld in schlafwachem Zustand, wirft sie über -die Achsel und eilt mit ihr dem Wachtfeuer bei des Obersten Zelt -zu. Unterwegs erwacht Courage, ihr Geschrei weckt das Lager, dessen -Insassen von allen Seiten herbeieilen, sich den lächerlichen Vorfall, -»die Gugelfuhr«, die nackte Courage auf der Schulter ihres halbnackten -Galans, zu besehen. Die Gelegenheit, den Liebhaber los zu werden, ist -endlich gefunden, denn selbst der Profoss befiehlt die Trennung von -einem Menschen, der im Schlafe zu einem Morde fähig scheint, und mit -einem Pferde, Geld und dem _spiritus familiaris_, einem Galgenmännlein, -das seinem Besitzer alle Wünsche erfüllt, aber dessen Seele dem Teufel -zuführt, beschenkt, zieht Springinsfeld seiner Wege. Auch Courage -wird im Regimente bald der Boden zu heiss unter den Füssen, und mit -ihrem erbuhlten und ergaunerten Besitztum überreich ausgestattet, -wählt sie erst Passau, dann Prag zum ständigen Aufenthalt, um dort -das Ende des Krieges abzuwarten. Obgleich älter geworden, gelingt es -Courage doch noch einmal, einen Hauptmann zum Gatten zu kapern, sie -verliert aber den Mann, »der noch kaum bey mir erwarmet« wieder und -begiebt sich nun in das Vaterland ihres ersten Hauptmanns-Gatten, -wo es ihr so gut gefällt, dass sie sich sesshaft macht und all ihr -Geld in Grundbesitz anlegt. Sie hofft auf den nahe bevorstehenden -Frieden, sieht sich aber getäuscht, denn die Rationierungen und -Einquartierungen der durchziehenden Soldateska, dazu die Steuern drohen -ihr Vermögen aufzuzehren, weshalb sie auf das bei ihrer Qualität sehr -naheliegende Auskunftsmittel verfällt, ihr Haus zu einem Bordell für -die Soldaten zu machen. Das Geschäft floriert einige Jahre glänzend, -doch nötigt sie ein bei ihrem Berufe naheliegendes Leiden, ein Heilbad -aufzusuchen, in dem sie den Simplicius Simplicissimus kennen lernt. -Wie sie diesen jungen Mann und berühmten Soldaten belügt und betrügt, -füllt das 24. Kapitel ihrer Memoiren, die nun ihrem Ende zugehen. Ihr -Luderleben veranlasst endlich die Obrigkeit ihres Wohnortes, ihr Haus -zu sperren und sie mit ihren Mägden davonzujagen. Sie nimmt noch einmal -mit wechselndem Erfolge ihr altes Metier wieder auf, bis sie einer -Zigeunertruppe in die Hände gerät. Der Leutnant dieser Vaganten begehrt -sie ob ihrer Schlauheit zum Weibe, und mit ihm und ihrer Truppe, die -sie zur Königin erkiest, durchzieht sie fortan nach Zigeunerweise -die deutschen Länder -- ein Schicksal, das vielen Soldatenweibern -beschieden war, die nach dem Frieden bei Räuberbanden blieben, von -denen das arme, hinsterbende Deutschland noch lange gebrandschatzt -wurde. - - - - -Das Badewesen. - - -Der Gebrauch von Bädern war in der deutschen Vergangenheit -ungleich verbreiteter und allgemeiner als heutzutage. Allen -Bevölkerungsschichten, von dem niedrigsten Knechte bis zum -ehrfurchtsvoll gegrüssten und vielbeneideten Stadtgrossen, war -das Baden nicht nur ein unabweisbares Bedürfnis, sondern auch ein -unentbehrlich gewordenes Vergnügen, das den sieben grössten Freuden des -Lebens zugezählt wurde, »es war ein sauber spiel, Das ich immer preisen -wil«[1], darum heisst es im »Schertz mit der Warheyt« (Frankfurt 1501): - - »Wiltu ein Tag frölich sein? - geh ins Bad; - Wiltu ein Wochen frölich sein? - lass zur Ader; - Wiltu ein Monat frölich sein? - schlacht ein Schwein; - Wiltu ein Jahr frölich sein? - Nimm ein jung Weib.« - -[1] Klara Hätzlerin, S. 273. - -Reinigungs- und Erfrischungsbäder galten seit frühester Zeit für eine -heilsame diätetische Übung, was wohl darin seinen Grund haben mochte, -dass einerseits die Kleidung schwerer war und dichter den Körper -umschloss, als die heutzutage getragene, andererseits die Leibwäsche -und ihr regelmässiger Wechsel weit weniger gebräuchlich waren, als in -der Gegenwart. Zur Ergötzlichkeit dienten die Bäder nicht zuletzt -dadurch, dass sich in den Baderäumen fast immer eine grössere -Gesellschaft beiderlei Geschlechts zusammenfand. Aus den germanischen -Urzeiten hatte sich der Gebrauch des Zusammenbadens von Männern und -Frauen in das Mittelalter hinüber erhalten. - -»Und doch macht man aus der Geschlechtsverschiedenheit kein Geheimnis, -denn beide Geschlechter baden sich gemeinschaftlich in Flüssen und -tragen unter den Fellen und kleinen Decken von Renntierhäuten den Leib -grösstenteils bloss,« sagt Caesar.[2] Die Kirche eiferte bereits im -Jahre 745 auf der unter dem heil. Bonifazius abgehaltenen Synode gegen -diesen Unfug, den aber auch spätere Beicht- und Buss-Ordnungen -ebensowenig abzustellen vermochten, wie das Pönitentiale von -Magdeburg. - -[2] Caesar, De bello gallico, Cap. 61. 21. - -In der Ritterzeit erwartete den Gast sofort nach seiner Ankunft das -Bad, um den von der schweren Rüstung hart mitgenommenen Körper neu zu -stärken. »Man schuf ihm ein Gut Gemach von Kleidern, Speis' und Bade,« -heisst es an manchen Stellen im Iwein, Wigalois und Tristan. Ebenso im -Biterolf: - - »Und Gunther dann die Helden bat, - Dass sie nach Haus sich liessen laden. - Er wollte schön sie heissen baden, - Und ihnen schenken seinen Wein.« - -Auch Ulrich von Lichtenstein meldet mit Behagen, wie den Rittern nach -sattsamen Kampfspielen manch schönes Bad bereitet ward, worin sie sich -dann bis tief in die Nacht hinein ergötzten. - -Die Hausfrau mit ihren Zofen sind überall dem Willkommenen beim Bade -behilflich, oft auch die jungfräulichen Töchter der Wirtin. So wird -Parzival auf seines Lehrmeisters Gurnemanz von Graharss' Burg im Bade -von Jungfräulein bedient, die mit »blanken, linden Händen« seinen Leib -streichen. Wie Parzival lässt sich Herr Jakob von Warte, der Vetter -des Königsmörders, nach dem Bilde der Heidelberger Manesseschen -Liederhandschrift von Edeldamen betreuen, während er in dem mit Blumen -bestreuten Bade sich von den vorhergegangenen Strapazen erholt. Die -eine der Damen knetet des Ritters Arm, eine andere schmückt sein Haupt -mit einem Blumenkranze, indes die dritte ihm einen Becher darreicht. -Am Boden bei der Wanne facht eine Magd mit einem Blasebalge Feuer -unter dem Wasserkessel an. Königin Isolde bereitet ihrem Tristan das -Bad und bringt ihm Salben, »die zu seinen Wunden gehörten; sie salbte, -band und badete ihn, dass er ganz zu seinen Kräften kam«. - -Doch auch der umgekehrte Fall kam vor. - - »Man sorgte, dass die Mägde zu Bade mochten gehn, - Hartmuths Vettern sah man als Kämmerer beflissen, -- - Ein jeder wollt ihr dienen, sie als Königin geneigt zu wissen,« - -heisst es in der Gudrun. Schamhaftigkeit drückte eben weder Männer -noch Frauen. »Meleranz überrascht eine Dame, die eben unter der Linde -ein Bad nimmt. Das Bad ist mit einem Samît bedeckt, daneben steht ein -herrliches, aus Elfenbein geschnitztes Bett. Um das Bett zieht sich -ein Vorhang, bestickt mit der Geschichte von Paris und der Helena und -den Abenteuern des Aeneas. Als Meleranz herantritt, fliehen die -Dienerinnen der Dame; diese selbst ist viel weniger prüde. Sie hebt -schnell den Samît, der den Bottich bedeckt, auf, ruft den Ritter ganz -zu sich und befiehlt ihm, ihr nun statt der entlaufenen Mägde Hilfe zu -leisten. Er muss ihr das Badehemd, den Mantel und die Schuhe -herbeiholen. Während sie sich trocknet und die Kleider anlegt, tritt -er bescheiden zur Seite, folgt aber wieder ihrem Rufe, als sie sich -auf das Bett gelegt, und scheucht ihr die Mücken, bis sie sanft -entschlummert ist.«[3] In den Baderäumen grosser Burgen fand sich -häufig eine Galerie, von der aus Zuschauerinnen die badenden Gäste mit -Blumen zu bestreuen pflegten. In dem Badehaus-Anbau aus dem 13. -Jahrhundert auf der Wartburg ist noch ein solcher Balkon zu sehen. -»Als eine Steigerung des Genusses galt diesem wohllebigen Geschlechte, -wie den Saal und den Schlafgaden, so auch das Bad mit Blumen, -besonders Rosen, zu bestreuen. Wie Jakob von Warte, werden auch -Parzival Rosen in das Bad geworfen.« - -[3] Schultz, Höfisches Leben zur Zeit der Minnesinger, I. 225. - -Nach den Kreuzzügen, die ausser orientalischen Lastern auch bis dahin -unbekannte Krankheiten in die Heimat brachten, nahm der Bädergebrauch -in Deutschland einen riesenhaften Aufschwung, denn die Bäder, -besonders die Schwitzbäder, galten mit Recht als einziges Schutzmittel -gegen den eingeschleppten und sich unaufhaltsam verbreitenden Aussatz. -Überall erstanden Bäder. Guarino, ein Gelehrter, in Verona zwischen -1370 und 1460 lebend, sagt, dass zu seiner Zeit in Deutschland jede -Stadt, selbst jedes Dorf, ein öffentliches Bad besessen habe. - -Die Badestuben enthielten Schwitz- und Wannenbäder; Bäder mit -Dampfheizung waren dem 15. Jahrhundert nichts Neues mehr. In der -bereits erwähnten Bellifortis-Handschrift Kyesers befinden sich zwei -Zeichnungen solcher künstlich durchwärmten Bäder mit allerdings recht -primitiven Dampferzeugungs-Anlagen im Unterbau. - -Ausser den öffentlichen Badehäusern, deren Besuch manchem -Ausnahmemenschen nicht zusagen mochte, gab es in den Wohnhäusern -besser situierter Leute Badegelegenheit und selbst in den meisten -kleineren Häusern noch Badewannen oder Kufen, »darin er (der Hausherr) -etwa mit seinem Weibe oder sonstem einen guten Freund sitzet oder ein -Kändele drei vier Wein neben guten Sträublen ausleeret«. Die reichen -Bürger der vornehmen Handelsstädte hielten sich gänzlich von den -allgemeinen Bädern fern. Sie verfügten meist über eigene mit -»Padofen«, dem Kessel zum Erwärmen des Wassers, Wanne und -»Padschefflen« ausgestattete Stuben, »kleine gewachsame Badstüblein -mit iren Wasser Kenelin«, zu der noch das »abeziehkemerlen«, der -Auskleideraum, gehörte. In den Nürnberger Patrizierhäusern waren -solche Gelasse allgemein. Israel von Meckenen zeichnet eine dieser -Badestuben, in der eine bis auf die turbanartige Bademütze nackte -Mutter eines ihrer Kinder abseift. Die anderen Sprösslinge tollen in -der grossen, durch einen in die Wand eingelassenen Hahn mit Wasser -gespeisten Wanne. In den deutschen Dampfbädern war fast überall die -Dampferzeugung durch heisse, mit Wasser übergossene Steine -gebräuchlich. Diese Badeart wurde von deutschen Reisenden aus Russland -in Deutschland eingeführt. - -Der Kirchenvater Nestor berichtet aus dem Dnjeprlande: »Ich sah -hölzerne Bäder und darin steinerne Öfen die scharf heizten. -Sie begiessen sich die Haut mit lauem Wasser und nehmen #Ruten# oder -#zarte Baumzweige# und fangen an, sich damit zu peitschen, giessen -indes Wasser auf die Steine und peitschen sich so arg, dass sie kaum -lebendig herauskriechen, worauf sie sich mit kaltem Wasser -begiessen«.[4] Diese Ruten, Queste oder Wadel genannt, wurden zum -Wahrzeichen für das Badehaus, das der Bader aushing, wie der Gastwirt -den Laubkranz. Züchtigere Badebesucher deckten mit dem Blätterbusch -ihre Blössen. - -[4] H. Peters, Der Arzt und die Heilkunde in der deutschen -Vergangenheit, S. 52. - -Die sonstige Einrichtung der Schwitzbäder war denkbar einfach. Ein -gewölbter, höchstens mit einigen rohen Bänken versehener Raum, den -oft, aber nicht immer eine niedere Bretterwand in zwei Hälften -schied, in das Männer- und das Frauengelass. Diese Scheidewände -verhinderten wohl die gröbsten Ausschreitungen, gestatteten aber den -ungeschmälerten Anblick der Badenden, was sich gewiss nicht jeder zu -solch künstlerischen Zwecken zu Nutze machte, wie Albrecht Dürer, -dem Badestuben zu Modellstudien dienten. Eine solche, im Badehause -entstandene Skizze, jetzt in Frankfurt a. M., zeigt eine von einem -Bader bediente Gruppe nackter Frauen in derb-realistischer Auffassung. -Einer weiteren Dürerschen Darstellung einer Scene im Frauenbade -sieht ein Fremder durch das auf die Strasse gehende offene Fenster -zu. Auf einer Bäderzeichnung Kyesers unterhält sich ein Mann, bequem -auf der Scheidewand aufgestützt, mit den badenden Nachbarinnen, die -Zuwachs durch eine von der Strasse kommende Nymphe im tiefsten Negligé -erhalten.[5] - -[5] Schultz, Deutsches Leben, S. 68. - -Die Bedienung im Bade besorgten bis zum 16. Jahrhundert in beiden -Abteilungen Frauen. Auf einer Miniatur in der berühmten Wenzelsbibel -der kaiserlichen Hofbibliothek zu Wien waschen zwei halbnackte -Bademädchen dem galanten Böhmenkönig Wenzel den Kopf. Seifried -Helbling, ein Wiener Poet des 13. Jahrhunderts, schildert, wie er von -einem »Weibel viel gelenke« im Bade behandelt wurde. Nachdem ihm der -Schweiss vom Körper abgerieben ist, wird er von der Bademagd geknetet, -gezwagt, begossen, frottiert und wieder begossen; darauf nimmt ihn der -Bader in Empfang, um ihn zu rasieren und zu schröpfen. Lag der Gast -von all diesen Vergnügungen matt auf dem Ruhebett, dann trat in Erfurt -noch ein hübsches Dämchen zu ihm, um ihn zu kämmen und die Haare zu -kräuseln, schreibt wenigstens ein fahrender Schüler in einem, um 1300 -entstandenen lateinischen Gedicht. - -Wo das Auge ungehindert in solchen, die Sinne aufstachelnden Scenen -schwelgen konnte, die Berührung durch Frauenhände kaum zur Beruhigung -der schon durch das Bad allein erregten Nerven beitrug, waren -Ausschweifungen selbstverständlich, denen überdies jeder Bader, der -sein Geschäft verstand, Vorschub zu leisten nur zu bereit war. In -erster Linie hielt er hübsche Bademädchen, deren Obliegenheiten sie in -jeder Hinsicht zu Vorläuferinnen unserer modernen Masseusen der -Grossstädte stempelten. Waren diese Damen nicht nach dem Geschmacke -der Gäste, so machten sie es wie der Herr in dem Gedichte aus der -Sammlung der Hätzlerin: »Und von dem Frühstück wollen wir dann ins Bad -gehen; dann laden wir uns die hübschen Fräulein dazu, dass sie uns -reiben und die Zeit vertreiben. Niemand eile von dannen, er raste -hernach wie ein Fürst. Sie, Baderin, nun bereite sie jedem von uns -nach dem Bade ein Bett.«[6] Diese Zugaben verteuerten natürlich den -Lebemännern den Genuss des Bades, was den Minnesänger Tanhuser, das -Urbild des sagenumsponnenen Tannhäusers, zu der Klage über seine Armut -Anlass gibt, die ihn hindert, »zwirend in der wochen baden«, zweimal -wöchentlich zu baden, wie es der leichtlebige Herr gerne gemocht -hätte. - -[6] Schultz, D. L., S. 69. - -Dieses Dienerinnen-Unwesen in den Schwitzbädern konnte den -sittenstrengen Herren vom hohen Rat nicht lange verborgen bleiben, -darum suchten sie durch Verbote diese Unzuträglichkeiten auszurotten. -Breslau untersagte 1486 den Badern, Dienerinnen zu halten. Das -Böblinger Statut von 1552 befiehlt »item er soll haben ein Reiber und -eine Reiberin«, also einen Diener für die Männer und eine Dienerin für -die Frauen. Am frühen Morgen, wenn kaum der Hahn das Erwachen des -neuen Tages angezeigt, heizte der Bader seine Öfen. Wenn der Dampf -aufwallte, lief er mit seinen Knechten, auf einem Horn blasend, oder -mit Hölzern klappernd, dabei von Zeit zu Zeit den Ruf ausstossend »Wol -auf gen bad!« die Strassen entlang, und wer gewillt war, sich ein Bad -zu leisten, verfügte sich, beinahe wie er dem Bette entstiegen -- man -schlief bekanntlich im Mittelalter hüllenlos -- zu der Badestube. Der -gallige Guarinonius hält sich darüber auf, dass sonst ganz ehrsame -Bürger und Bürgersfrauen also nackend über die öffentlichen Gassen ins -Badehaus laufen: »Ja wie viel mal laufft der Vater bloss von Hauss mit -einem einzigen Niederwad über die Gassen, sambt seinen entblössten -Weib und blossen Kindern dem Bad zu ... Wie viel mal siehe ich (ich -nenn darumb die Stadt nicht) die Mägdlein von 10, 12, 14, 16 und 18 -Jaren gantz entblösst und allein mit einem kurtzen leinen, offt -schleussigen und zerrissenen Badmantel, oder wie mans hier zu Land -nennt, mit einer Badehr allein vornen bedeckt, und hinden umb den -Rücken! Dieser und füssen offen und die ein Hand mit gebür in den -Hindern haltend, von ihrem Hauss aus, uber die langen Gassen bei -mittag tag, bis zum Bad lauffen? Wieviel laufft neben ihnen die gantz -entblössten zehen, zwölf, viertzehn und sechzehnjährigen Knaben her -und begleit das erbar Gesindel.«[7] - -[7] Guarinonius, Die Grewel der Verwüstung 1618, 949 bei Rudeck a. a. -O. 6. - -Ältere Leute, vielleicht weil sie sich vor Erkältung schützen wollten, -und Standespersonen kamen vollständig angekleidet zum Badehause, die -Badewäsche fein säuberlich unter dem Arm. Nur Fremde und Arme -entnahmen diese vom Bader. - -In einer gemeinsamen Ankleidestube entledigte man sich der letzten -Hüllen. Die Badeordnung für das Glotterthal von 1550 schrieb deshalb -vor, dass jeder Mann Hemd und Hose, jede Weibsperson ihr Hemd erst im -Bade selbst abzulegen habe. Die meisten Städte aber scherten sich um -derartige Kleinigkeiten nicht weiter, ebensowenig, wie man dies an -Stellen that, von denen man eine höhere Kultur sollte voraussetzen -können, nämlich an gewissen Duodezhöfen. - -Hans von Schweinichen erzählt in seinen Denkwürdigkeiten folgendes -hierher gehörige Abenteuer: »Allhier erinner ich mich, dass ich wenig -Tage zu Hof war; badete die alte Herzogin, allda musste ich aufwartend -als ein Jung. Es währt nicht lange, kommt Jungfrau, Unte (Kunigundchen) -Riemen genannt, stabenackend raus, heisst mich, ihr kalt Wasser geben, -welches mir seltsam vorkam, weil ich zuvor kein nacket Weibesperson -gesehen, weiss nicht, wie ich es versehe, begiesse sie mit kaltem -Wasser. Schreit sie laut und rufet ihren Namen an und saget der -Herzogin, was ich ihr mitgespielet; die Herzogin aber lachet und saget: -»Mein Schweinlein wird gut werden.«[8] - -[8] Hans von Schweinichen, Denkwürdigkeiten, herausg. von Herm. -Osterley, Breslau, S. 16. - -Wenn Hofdamen in einer geistig weit fortgeschritteneren Epoche die -Naivetät so weit trieben, entblösst in ein Gemach zu treten, in dem -sie ausser den, ihrer Ansicht nach allerdings noch geschlechtslosen -Jungen, auch Männern begegnen konnten, so kann es nicht Wunder nehmen, -wenn weniger hochstehende Menschen zwei und ein Jahrhundert früher die -Nudität in den Bädern als vom Bade unzertrennlich ansahen. Von diesem -Gesichtspunkte aus betrachtet, ging es unter den weiblichen Besuchern -der öffentlichen Dampfbäder verhältnismässig ehrbar und züchtig zu, und -dürften Ausschreitungen kaum öfter vorgekommen sein, als heutzutage -in den Seebädern mit dem gemeinsamen Strande für beide Geschlechter, -auf denen der Lebemann gleichfalls seiner Neugier fröhnen und sonst -recht ängstlich Verhülltes in aller Musse kritisch würdigen kann. Die -Aufsicht der Mitbadenden war in den mittelalterlichen Bädern immer -vorhanden und die üble Nachrede eine ewig dräuende Gefahr, die selbst -strafrechtliche Folgen nach sich ziehen konnte. Die Kirche und ihre -gestrengen Herren als Sittenrichter spassten nicht; denn je fauler im -Kern die Geistlichkeit selbst war, um so ängstlicher suchte sie nach -aussen hin den Schein zu wahren und heuchelnd Fehler zu vertuschen, die -sie an dem unglücklichen oder unvorsichtigen Menschenkinde, das einen -Fehltritt offenkundig werden liess, mit grausamer Härte verfolgte. Die -geistlichen Strafen trafen unnachsichtlicher und empfindlicher als -die der weltlichen Obrigkeit, die bei Sittlichkeitsdelikten vielfach -Nachsicht walten liess. Ausser der Aufsicht gab es übrigens in den -meisten Bädern die erwähnte Scheidewand, die immerhin Schutz vor -Handgreiflichkeiten -- Heine nennt es Handgemeinwerden -- bot. - -Wer nun einmal im Bade seinen Gelüsten fröhnen wollte, konnte sich im -Wannenbade für die Enthaltsamkeit in den Dampfbädern, sofern diese -keine Badedienerinnen besassen, vollauf schadlos halten. In Wort und -Bild eiferten die Altvorderen gegen die in den Wannen- und -Einzelbädern herrschende Unsittlichkeit. Schon Tannhäuser und Niethart -von Reuenthal gedenken der Kostspieligkeit der Wiener Badestuben, in -denen es übrigens nicht weniger toll herging als in den gleichen -Anstalten anderer Städte bis zum 17. Jahrhundert. In der Esslinger -Vorstadt Stuttgarts wurde im Jahre 1591 eines Tages die Anzeige -erstattet, in einem Bade seien 18 Personen männlichen und weiblichen -Geschlechtes bereits Tag und Nacht zusammen. Durch solche Vorfälle -galten denn auch die Badestuben als Anstalten, »die am meisten zur -Anreizung der Unkeuschheit erbaut sind«, und die sich von den -Bordellen nur durch das Fehlen der Konzession unterschieden. Den -Ruffian ersetzte der Bader, ein Kuppler wie der Frauenwirt und -geächtet und unehrlich mit Weib und Kind wie der erstere, wenn auch -Kaiser Wenzel, der den Verkehr mit Badern und Henkern liebte, und den -einst eine heroische Bademagd, Susanna, aus der Gefangenschaft -errettete, das Gegenteil zu verordnen beliebte. In einem »herrlichen« -Freibrief vom Jahre 1406 machte er das Baderhandwerk in allen Erb- und -Reichslanden den Besten der anderen Handwerke völlig gleich und verbot -jedermänniglich, die ehrlichen Bader zu schmähen und von ihren -redlichen Diensten verkleinerlich zu reden.[9] Dieses Privilegium -vermochte aber trotz Siegel und Handzeichnung das sehr gerechtfertigte -uralte Vorurteil gegen die Baderzunft nicht aus der Welt zu schaffen. -In dem Gedichte »Des Teufels Netz«, entstanden um 1420, wird -behauptet: - -[9] Beneke a. a. O. S. 81. - - Der bader und sîn gesind, - Gern huoren und buoben sind; - -sie sind Diebe, Lügner und Kuppler, Neuigkeitskrämer -- sollte sich -diese Eigenschaft nicht auf ihre Nachkommen, unsere Raseure und -Friseure, vererbt haben? -- die ihren Gästen ausser Skandalgeschichten -noch »die Fröulin zuo in schieben«. Kuppler und Bader werden in einem -Atem genannt: »Ich will wern ein Frauenwirt Und ein padknecht, der -lest (lässt) und schiert, So mag ich peiderseits gewin haben«, heisst -es in einem Fastnachtsspiele.[10] Wie in Konstanz beim Konzil, so -waren auch anderwärts die Badestuben die Absteigequartiere für die -fahrenden Dirnen, die ja sonst nirgends Unterkunft fanden. - -[10] Keller, 639 II. - -Ein reiches Quellenmaterial authentischer Abbildungen unterrichtet uns -über die unsittlichen Vorgänge in den Wannenbädern. Die Miniatur eines -Codex der Leipziger Stadtbibliothek zeigt das Innere einer solchen -Badeanstalt und alle Phasen, die ein Wüstling an einem solchen Orte -durchmachen konnte. Das Gewölbe des Baderaumes enthält eine Anzahl -getrennt stehender, mit Stoff überdachter Wannen, vor deren -Längsseiten sich mit Speisen und Getränken besetzte Tische befinden; -zur Bedienung laufen alte Vetteln umher. In den Wannen sitzen die -Pärchen, die Männer nackt, die Frauenzimmer mit Haarschutz und -Halsketten bekleidet. Im Hintergrund des Raumes sind Betten sichtbar; -in einem Bette hat sich bereits ein Pärchen zusammengefunden, während -vor einem zweiten ein Dämchen mit von der Schulter herabwallendem -Bademantel steht und eine Annäherung an den im Bette Liegenden sucht. -Auf einer Zeichnung in der Valerius Maximus-Handschrift der -Breslauer Stadtbibliothek liegt ein Brett als Unterlage für die -Speisen quer über den Wannen, in denen es noch viel ungezwungener -zugeht als auf dem erstgedachten Bilde. Auch hier fehlt das Bett -nicht. Bei Wein und Weib durfte auch der Gesang nicht fehlen. So -sehen wir denn auf vielen Bäderbildern den fahrenden Sänger seine -Kunst vor den Badegästen ausüben. Von den Stiftsdamen in Köln -heisst es in einem altfranzösischen Fabliau, dass sie sich ihre im -Bade eingenommenen Schmäuse durch den Vortrag saftiger Geschichten -seitens eines Spielmannes würzen liessen. Eine Federzeichnung in -dem mittelalterlichen Hausbuche der Fürsten Waldberg-Wolfegg zeigt -einen Baderaum mit daranstossendem Hofgarten, in dem sich die Gäste -vor und nach dem Bade ergehen konnten. Das Bad selbst, ein Bassin -mit Abfluss nach dem Hofe, bietet Raum für vier Personen, der auch -weidlich ausgenutzt erscheint. In dem gleichen Buche stellt das -Blatt unter dem Sternbilde der Wage ein ländliches Fest vor. In -kecken Federstrichen ist auf der linken Bildseite ein Wannenbad unter -einer natürlichen Laube entworfen, in welchem ein Badender die recht -naturtreu gezeichnete Liebste freudig empfängt. Eine Matrone mit -Eiern und Wein steht erwartungsvoll bei den Liebenden, die nur ein -geflochtener Zaun und eine Bretterthüre von einer Tanzgesellschaft -trennt. Den Hintergrund der Zeichnung nimmt ein Gebüsch mit einem sich -sehr ungeniert betragenden Paare ein. Also hier, wie im Meleranz, -nimmt man unter freiem Himmel sein Bad. In Gwaltherus Ryffs »Spiegel -und Regiment der Gesundheit« ist ein Holzschnitt mit einem Manne in -einer Badewanne, neben der ein zweiter im Badekostüm auf einer Fussbank -sitzt. Und trotzdem die Sonne auf diese Scene herniederlacht und Damen -und Herren umherschwärmen, steht eine Frau mit bis auf die Oberschenkel -zurückgeschlagenen Kleidern bei den Badenden. Wenn ich gleich Alwin -Schultz alle diese Darstellungen für übertrieben halte und manche -Einzelheit der Lust des Mittelalters an derbem und zotigem »Schimpf« -zuschreibe, so unterliegt es doch keinem Zweifel, dass wirklich -vorhandene Thatsachen erst den Anlass zu den Übertreibungen gaben. -Ebensowenig, wie der moderne Karikaturist seine Stoffe aus dem Finger -saugt, sondern Vorhandenes verzerrt, thaten es seine Ahnen. Dass die -beiden Geschlechter vereint badeten, ist unwiderleglich bewiesen, und -dass es unter solchen Umständen an Excessen nicht fehlen konnte, bedarf -nicht erst wieder Worte, um einzuleuchten. Optimisten, die noch an -»die gute alte Zeit« glauben, haben niemals das reiche Quellenmaterial -aus jener Zeit durchblättert, das auf jeder Seite eine romantische -Illusion zerstört. Die Menschen sind sich in ihren Schwächen immer -gleich geblieben, und der Liebestrieb, den die Natur dem Menschen -eingepflanzt, hat sich nie und unter keinen Umständen unterdrücken -lassen. Wenn also Ulrich von Hutten in seinem »Gesprächbüchlein«, im -vierten Gespräch »die Anschauenden« den Sol die Badesitten verteidigen -lässt, so ist dies entweder Sarkasmus oder schönfärberische Heuchelei. -Sol, die Sonne, und ihr Sohn Phaeton unterhalten sich über die Völlerei -der Deutschen, als Phaeton mit einem Blick auf die Erde bemerkt: - - Dort seh' ich einige nackend, Frauen und Männer vermischt, - miteinander baden; ich glaube, dass das ohne Schaden für ihre Zucht - und Ehre nicht zugeht. - - #Sol.# Ohne Schaden. - - #Phaeton.# Ich sehe sie sich doch küssen. - - #Sol.# Freilich. - - #Phaeton.# Und sich freundlich umfassen. - - #Sol.# Ja, sie pflegen auch bei einander zu schlafen. - - #Phaeton.# Vielleicht haben sie die Gesetze Platos angenommen und - halten die Weiber gemeinschaftlich. - - #Sol.# Nicht gemeinschaftlich; sondern darin zeigt sich ihr - Vertrauen. An keinem Ort, wo man die Frauen hütet, kannst du die - weibliche Ehrbarkeit unversehrter finden als bei diesen, die keine - Aufsicht über sie führen. Es fällt auch nirgends seltener Ehebruch - vor, nirgends wird die Ehe strenger und fester gehalten denn hier. - - #Phaeton.# Du sagst, dass sie übers Küssen, Umfassen und - Zusammenschlafen nicht hinausgehen? Und dazu bei der Nacht? - - #Sol.# Ja, so sage ich. - - #Phaeton.# Das geschieht auch ohne allen Verdacht? Und wenn sie - sehen, dass ihre jungen Weiber und Töchter von anderen also - behandelt werden, fürchten sie da nicht für deren Ehre? - - #Sol.# Sie denken nicht einmal daran; denn sie vertrauen einander - und leben in gutem Glauben, frei und redlich, ohne Trug und Untreu, - sie wissen auch von keiner Hinterlist.[11] - -[11] Der mittelalterliche Unfug in den Wannenbädern ist auch der -Gegenwart nicht fremd. Wer Österreichisch-Polen, das degenerierte -Galizien bereiste, weiss, dass in den meisten seiner grösseren Städte -dieselben Verhältnisse herrschen, wie in den öffentlichen Bädern des -Mittelalters. Dass auch Russland ähnliche Zustände hat, geht aus -Hermann Bahrs »Russische Reise« (Dresden u. Leipzig 1891), S. 99 ff., -hervor. - -Die Lust am Bade war derart in allen Bevölkerungsschichten gemein, -dass man allerorts Stiftungen errichtete, deren Erträgnisse zu -Badegeldern für Arme verwendet wurden. Nach sächsischem Stadtrecht -konnte der wegen eines Totschlags angeklagte Verbrecher nach Vergleich -mit den Verwandten des Erschlagenen statt zum Tode, zu einer Geldbusse -oder zur Verabreichung von Seelenbädern, d. h. Bädern zu Ehren des -Umgekommenen, die den Stadtarmen zu gute kamen, verurteilt werden.[12] -Das Speierer Domkapitel liess stets zu Martini und am Faschingsdienstag -ihren Dienern und deren Familien ein Freibad bereiten, ebenso der -Bader von Böblingen den Armen, wofür er zu jeder Zeit im Walde umsonst -Holz fällen durfte. Mathilde, Kaiser Heinrichs I. Frau, liess jeden -Sonnabend ein Bad für Dürftige und Reisende herstellen, wobei sie -selbst half. Markgräfin Mathilde von Tuscien und die heilige Elisabeth -bewiesen ihre Frömmigkeit durch das Baden Aussätziger, denen sie nach -dem Bade ihre eigenen Betten zur Ruhe überliessen. Den Dienern, -Handwerksgesellen und Taglöhnern reichte man statt Trinkgeld das -Badegeld, und bei besonders freudigen Anlässen gab man ihnen Freibäder. -In manchen Orten, so im Dörfchen Huisheim in Schwaben, hatte um 1500 -der Bader jedem, gleichviel ob Weib oder Mann, der zu »gottz tisch -gaut«, einen Kübel mit warmem Wasser und eine Badehaube zum Gebrauche -bereitzustellen. - -[12] Dr. Hermann Hallwich, Töplitz, Eine deutschböhmische -Stadtgeschichte, S. 118. - -Die Parias des Mittelalters, die Juden, waren mit wenigen Ausnahmen, -wie von jeder anderen Gemeinschaft mit ihren christlichen -Nebenmenschen, so auch vom Besuche der Bäder ausgeschlossen. Nicht -einmal einladen zu einem Bade durfte man sie, ebensowenig wie »zue -kainer prauttschafft noch zu kainer wirttschafft«. Da aber auch sie -dasselbe Reinlichkeitsbedürfnis hatten, wie die Christen, und ihren -Frauen mindestens eine Reinigung im Monat von ihrem Ritus -vorgeschrieben war, so bauten sie sich in den Ghettos eigene Bäder. -Eines der ältesten dieser Judenbäder ist wohl das einst viel -bewunderte, auf das zweckmässigste eingerichtet gewesene Frauenbad zu -Worms[13]; andere Badeanlagen aus dem 12. Jahrhundert in den den Juden -eingeräumten Stadtteilen finden sich noch in Speyer, Andernach, -Friedberg in Hessen. Nach den Nürnberger Polizeigesetzen, die dem »Jud -oder Judein« das Baden in der »Judenpatstuben« verordnet, muss im 13. -Jahrhundert auch das Nürnberger Ghetto seine Badeanstalt besessen -haben. In Augsburg erscheint sie um 1290. Bei den strengen -Religionsvorschriften der Juden wird in den Bädern die Trennung der -Geschlechter durchgeführt worden sein, umsomehr, als das unreine Weib -sich erst durch das monatliche Bad zu reinigen hatte, eine Berührung -vor und im Bade daher als Sünde gegolten hatte, andererseits sogar in -den Synagogen die Männerabteilung ganz abseits von jener der Frauen -lag. Überhaupt zeichnete die mittelalterlichen Juden eine -exemplarische Sittlichkeit aus, was Freund und Feind gleichmässig -bestätigen. - -[13] Dr. Adolf Kohut, Geschichte der deutschen Juden, S. 24. - -Das ganze Mittelalter hindurch erhielt sich die von Nürnberg und -Regensburg ausgegangene Sitte, dass ein Brautpaar vor, manchmal auch -erst nach der Trauung mit dem ganzen Gefolge ihrer Sippe und der Gäste -zu Bade zogen, die Hochzeitsgäste beladen mit den vom Brautpaar -erhaltenen Badekappen und Bademänteln. - -Einen solchen Hochzeits-Badezug im alten Berlin schildert -Streckfuss[14] wie folgt: »Nach dem Austausch dieser Geschenke ordnete -sich die Gesellschaft, um sich in das Bad zu begeben; man machte, wenn -die Wohnung des Brautvaters dem Krögel zu nahe lag, oft einen Umweg -durch die vornehmsten Strassen, um dem zahlreich versammelten Volke -länger das Vergnügen des Zuschauens zu gewähren. Dem Zuge voran -schritten die Musikanten, welche sich bestrebten, ihre lustige -Hochzeitsweise so laut und geräuschvoll wie möglich zu machen. Ihnen -folgten die Gäste, zuerst die Frauen mit ihren neuen Schuhen -- ein -Geschenk des Bräutigams -- dann die Männer mit den Badehemden über der -Schulter. Bald vor, bald neben dem Zuge liefen die Lustigmacher, die -bei keiner grossen Hochzeit fehlen durften und welche die Aufgabe -hatten, durch die tollsten Possen die Heiterkeit der Gäste und des -zuschauenden Volkes zu erregen. -- Je toller, je besser, niemand -durfte dabei etwas übel nehmen, auch wenn die Scherze stark -handgreiflich wurden. Prügelte der Narr irgend einen der Umstehenden -mit seiner Pritsche, oder traf er gar beim Radschlagen diesen oder -jenen mit dem Fuss an die Nase, so lohnte ein schallendes Gelächter -den feinen Witz; häufig bedienten sich auch die Spassmacher grosser -Düten mit Kienruss, um besonders den jungen Mädchen das Gesicht zu -schwärzen. Jede solche Heldenthat wurde durch das allgemeine Gelächter -belohnt. - -[14] a. a. O. S. 64. - -Im Badehause teilte sich die Gesellschaft; meist war sie zu gross, als -dass die beiden geräumigen, gewölbten Badezimmer die sämtlichen -badenden Gäste auf einmal hätten fassen können; nur ein Teil konnte -baden, der andere erlabte sich während dessen, bis an ihn die Reihe -kam, mit einem guten Frühstück, zu welchem der Bader bei solchen -Gelegenheiten eingerichtet war.« - -Also auch bei Brautbädern badeten beide Geschlechter zusammen, denn -nur wenn die Gesellschaft zu gross war, teilte sie sich in mehrere -Partien, und ob diese Trennung nach Geschlecht erfolgte, davon sagt -weder unser Gewährsmann, noch sonst eine Quelle etwas. Hingegen -bezeugen andere Nachrichten, dass es bei und nach den Brautbädern -nicht immer schicklich hergegangen sei, so das Zittauer Rats-Edikt von -1616: »Als denn vormals dy jungen gesellen nach dem bade widir (wider) -gute sitten in badekappin und barschenckicht (mit blossen Schenkeln) -getanzt haben, wil der Rath das fortureh (hinfort) kein mans bild in -badekappen odir barschinckicht tantzen solle.« - -Die Syphilis war, wie den Frauenhäusern, auch der Ruin der -öffentlichen Badestuben. Als Ansteckungsherd der Krankheit wurden sie -vom Anfang des 16. Jahrhunderts an immer mehr gemieden. Bereits im -Jahre 1496 gebot deswegen der Nürnberger Rat »allen padern bei einer -poen zehen gulden, das sie darob und vor sein, damit die menschen, die -an der Newen Krankheit, malum frantzosen, befleckt und krank sein, in -Irn paden nicht gepadet, auch Ihr scheren und lassen giengen, die -Eissen und Messer, so sie bey denselben kranken Menschen nutzen, -darnach in den padstuben nit mer gebrauchen.«[15] »Aber vor -fünfundzwanzig Jahren,« sagt Erasmus von Rotterdam in seinen -»Colloquia« (1612), »war in Brabant nichts beliebter, als die -öffentlichen Bäder; die stehen jetzt alle kalt. Die neue Krankheit -lehrt uns auf sie verzichten.« - -[15] Peters a. a. O. S. 54. - -In Gerolzhofen klagte der Rat schon 1445, dass, während früher zwei -Badestuben in der Stadt jede wöchentlich viermal geöffnet und stets -besucht gewesen sei, jetzt die eine kaum dreimal in der Woche -hinlänglichen Besuch habe. In Stuttgart wurden im Jahre 1547 die -öffentlichen Badetage von sechs auf zwei vermindert, desgleichen in -Wien, Berlin, Nürnberg und anderen Plätzen. In Frankfurt wurden gegen -Ende des 16. Jahrhunderts die Badestuben gänzlich geschlossen. - -»Bade im Hause« oder das Baden in offenen Wässern war das einzige, das -sich die ob der grauenvollen Krankheit erschreckte Menschheit ausser -dem Besuch von Heilquellen noch gestattete. War der Gebrauch von -Heilquellen bereits im deutschen Altertum nicht unbekannt, so kam er -doch erst im 15. und 16. Jahrhundert in volle Blüte, wurde sogar in -vielen Landstrichen zur Modesache. Eine Badefahrt zu unternehmen, -gehörte zum guten Ton; im 18. Jahrhundert noch liessen sich Bräute die -alljährliche Badereise im Ehekontrakt notariell zusichern. - -An Modebädern diesseits und jenseits der Reichsgrenze war kein Mangel. -Baden-Baden, Wildbad, Wiesbaden, Pyrmont, Baden im Aargau, dies schon -seit der Römerzeit her, Hornhausen, Burgbernheim und Zerzabelshof im -Schwarzwald, Teplitz in Böhmen und viele andere mehr waren Bäder von -Ruf. - -Durch seine Lage berühmt war Pfeffers, ein Besitztum des gleichnamigen -Klosters. Zu Anfang des 13. Jahrhunderts wurden seine warmen Quellen -zufällig durch einen Jäger entdeckt. Es barg sich »aber tieff zwischen -zweyen hohen und oben zusammengebogenen Felsen, dass niemand dazu ohne -lange Seyler hat mögen kommen«, sagte Münster in seiner Kosmographie. -Der Abt liess deshalb, als die Frequenz bedeutender wurde, eine -hölzerne Treppe in die Tiefe bauen. - -In den Thermalbädern nahm gewöhnlich ein gezimmertes oder gemauertes -Bassin die Badenden auf, wie zahlreiche Abbildungen in alten -balneologischen Werken zeigen. Der Schlitzoesche Holzschnitt im -»Tractat der Wildbeder« (1519) führt vier Männer und eine Frau in -einem solchen Bade schmausend und dem Gesange eines Fahrenden -lauschend vor. In dem allgemeinen Bade zu Plummers (Plombières) in den -Vogesen auf dem Titelbild zu J. J. Huggelius' »Von heilsamen Bädern -des Teutschenlands«, Mülhausen 1559, hat der schamhafte Künstler die -Männer mit einer Schambinde, Bruch, Hose, die Weiber mit einer knapp -unter der Büste festgebundenen Schürze bekleidet. In Eschenreutters -Buch (1571) gibt ein Blatt Mann und Frau in einer Badewanne wieder, -während sich eine grössere, sehr mangelhaft bekleidete Gesellschaft -mit Speise und Trank bei Gesang und Flötenspiel ergötzt.[16] - -[16] Wichner bei Rudeck a. a. O. S. 14. - -Über das Leben im Bade ergeht sich ein Glossar zu einigen Wandgemälden, -die sich ehedem im Hause des Domherrn Grafen Johann von Eberstein -befanden. C. Will[17] übersetzt diese von Henricus de Langenstein, -dictus de Hassia herrührende Beschreibung folgendermassen: »#Von -fleischlicher Lust.# Wenn ich mich nicht täusche, so ist der Sinn -dessen, der die Reihe besagter Malereien angab, von dem Geiste -getrieben worden, um stillschweigend die Meinung des Apostel Johannes -auszudrücken, der da spricht: ›Alles was auf der Welt vorhanden ist, -ist Begehrlichkeit des Fleisches oder Begehrlichkeit der Augen, oder -Übermut des Lebens‹. Das heisst: Alle Laster weltlicher Verirrung sind -auf drei zurückzuführen: fleischliche Lust, weltliche Habgier und -Stolz auf eitlen Ruhm. Wie aber konnte schicklicher fleischliche Lust -dargestellt werden, als auf einem Bilde des Wiesbadener Festes, das -durch alle Fleischlichkeit anstössig, von dem Schaume aller sinnlichen -Wollust triefend ist? Zu ihm kommen sie von allen Seiten in Freude -und Ausgelassenheit, mit Trompeten und Pfeifen, mit vollen Kasten und -Flaschen; man bringet Lebensmittel und die leckersten Getränke herbei, -man nimmt Geld in Menge mit, seltsame Kleider werden mitgeführt; in der -Hoffnung sich zu ergötzen, wird schon auf dem Wege gespielt, gesungen, -geplaudert, als ob man am Ziele die Freude der Glückseligkeit zu -erwarten habe. Wenn man angekommen ist, werden Gastereien veranstaltet, -man sucht der #Frauen Gesellschaft#, geht ins Bad, befleckt die Seele -... #Im Bade sitzen sie nackt mit Nackten beisammen, nackt mit Nackten -tanzen sie.# Ich schweige darüber, was im Dunklen vor sich geht, denn -alles geschieht öffentlich. Aber was ist das? Der Ausgang und der -Eingang dieses unsinnigen Festes ist nicht gleich, wenn, nachdem alles -verzehrt ist, die Kasten leer zurückkommen, die Geldbeutel ohne Geld, -man die Rechnung hört und die Verschleuderung so vielen Geldes bereut. -Und zuweilen beisst auch die Seele der Heimgekehrten das Gewissen wegen -der begangenen Sünden. Der ist traurig über solche Verirrung; der -klagt, weil er von der Lust scheiden muss; der gedenkt betrübt, wie -kurz und inhaltlos die Freuden dieser Welt sind. Was mehr? - -[17] Annalen des Vereines für Nassauische Landeskunde 1874, S. 344 ff. - -Sie kehren heim, die Körper sind weiss gewaschen, die Herzen durch -Sünde geschwärzt; die gesund hingingen, sie kehren heim angesteckt; -die durch die Tugend der Keuschheit stark waren, kehren heim verwundet -von den Pfeilen der Venus. Das möchte noch wenig bedeuten, wenn nicht -die Mädchen, die als Jungfrauen hinreisten, als Dirnen zurückkehrten, -als Ehebrecherinnen, die anständige Ehefrauen waren, wenn nicht als -Teufelsweiber heimkehrten, die als Gottesbräute hingingen. Und so -erfahren sie durch diese und andere Anlässe zur Trauer bei der -Rückkehr die Wahrheit des Satzes, dass das Ende aller fleischlichen -Lust Trauer ist.« - -Der geistliche Herr malt, wie es seines Amtes ist, grau in grau, -alle fleischliche Lust verketzernd, die allerdings in den Bädern den -weitesten Spielraum fand. Poggios, auf Autopsie beruhende Beschreibung -des Getriebes in Baden bei Zürich liefert den Beweis, wie recht der -edle Langenstein stellenweise mit seiner Verdonnerung hatte. Poggio, -ein Florentiner, hatte den Papst Johannes XXIII. zur Kirchenversammlung -nach Konstanz begleitet, war dann nach Baden gefahren, um dort von -seinem Chiragra befreit zu werden. Aus dem Kurorte schrieb er im Sommer -1417 an seinen Freund und Landsmann Niccoli einen langen, lateinischen -Brief, den ich hier in der Übersetzung von Alwin Schultz mitteile. -Poggio ist ein fideles Haus, dem es nicht immer auf volle Wahrung -der historischen Treue anzukommen scheint, wenn er durch aufgesetzte -humoristische Lichter sich selbst und seinen Freund unterhalten kann. -Er mischt daher Wahrheit und Dichtung zu einem ergötzlichen Feuilleton -zusammen, das aber trotz der beabsichtigten humoristischen Färbung doch -meisterhaft das Thema des mittelalterlichen Badelebens erschöpft. - -»Diesen Brief aber schreibe ich Dir aus diesem Bade, das ich, meine -Handgelenke zu heilen, aufgesucht habe; und da schien es mir -angemessen, die Lage und Anmuth desselben, zugleich auch die Sitten -dieser Leute und die Weise des Badens zu beschreiben. Von den Alten -wird viel über die Bäder von Puteoli gesprochen, wohin das gesammte -römische Volk der Lust wegen strömte, doch glaube ich nicht, dass jene -diese an Vergnüglichkeit erreicht haben und dass sie mit den unsrigen -zu vergleichen gewesen sind. Denn in Puteoli verursachte die Lust mehr -die Schönheit der Lage, die Pracht der Landhäuser, als die -Liebenswürdigkeit (festivitas) der Menschen und der Gebrauch der -Bäder. Dieser Ort aber bietet keine oder fast keine Erquickung dem -Geiste, das Uebrige aber bringt einen angemessenen Frohsinn -(amoenitatem), so dass ich zuweilen meine, Venus sei mit allen -Vergnüglichkeiten von Cypern nach diesem Bade übersiedelt, so werden -ihre Gesetze beobachtet, so aufs Haar ihre Sitte und Leichtfertigkeit -wiedergegeben, so dass sie, wenn sie auch die Rede des Heliogabel -nicht gelesen, doch von Natur gelehrt und unterrichtet genug -erschienen. Aber da ich dir dieses Bad beschreiben will, so mag ich -auch nicht den Weg übergehen, der von Constanz hierher führt, damit Du -vermuthen kannst, in welchem Theile Galliens es liege. Am ersten Tag -reisten wir zu Schiff den Rhein hinab nach Schaffhausen, vierundzwanzig -Meilen (milia passuum) und dann, weil wegen des grossen Falles und -wegen der steilen Berge und abschüssigen Felsen der Weg zu Fuss -gemacht werden muss, noch zehn Meilen und gelangten nach dem Schlosse -Kaiserstuhl am Rhein. Nach dem Namen vermuthe ich, dass es wegen der -günstigen Lage auf einem hohen Hügel am Flusse, der durch eine kleine -Brücke Gallien mit Germanien verbindet, ein Römercastell gewesen sei. -Auf dieser Reise sahen wir den Rheinfall, der von hohem Berg, zwischen -zerklüfteten Felsklippen mit Donnerbrausen herabstürzt. Da kam mir -ins Gedächtniss, was man von dem Nilkatarakt erzählt. Und es ist -nicht zu verwundern, dass die Anwohner wegen des Getöses und Donnerns -taub werden, da ja dieses Flusses, der an der Stelle nur als Wildbach -gelten kann, Lärm wie beim Nil drei Stadien weit gehört wird. Die Stadt -Baden ist ziemlich reich, von Bergen umgeben, in der Nähe ein Fluss -von reissender Strömung, der in den Rhein fliesst, etwa sechs Meilen -von der Stadt. Nahe bei der Stadt, vier Stadien entfernt, liegt ein -sehr schönes Dorf (villa) zum Gebrauch der Bäder hergerichtet. In der -Mitte des Dorfes ist ein grosser Platz, der von grossen Gasthäusern, -welche viele aufnehmen können, umgeben ist. Die einzelnen Häuser haben -die Bäder im Innern, in denen nur die baden, welche da wohnen; die -Bäder sind sowohl öffentliche als Privateigenthum, etwa dreissig an -der Zahl. Öffentliche sind nur zwei vorhanden, offen (palam) zu beiden -Seiten, Badestätten des Volkes und des gemeinen Haufens, zu denen -Weiber, Männer, Knaben, unverheiratete Mädchen, die Hefe der ganzen -Umgebung, zusammenströmt. In ihnen scheidet eine Mauer die Männer von -den Frauen. Es ist lächerlich zu sehen, wie abgelebte alte Weiber und -jüngere Frauen nackt vor den Augen der Männer ins Wasser steigen. Ich -habe oft über dies prächtige Schauspiel gelacht, dabei an die Spiele -der Flora gedacht und bei mir die Einfalt dieser Leute bewundert, die -weder auf so etwas hinsehen, noch irgend etwas Böses davon denken oder -reden. Die Bäder in den Privathäusern sind aber sehr fein (perpolita); -Männer und Frauen gemeinsam, aber durch eine Holzwand geschieden. In -ihr sind mehrere Fenster angebracht, so dass man zusammen trinken und -sich unterhalten kann, nach beiden Seiten hin zu sehen und sich zu -berühren vermag, wie dies ihrer Gewohnheit nach oft geschieht. Über -dem Bassin sind Korridore, auf denen Männer stehen, zuzusehen um sich -zu unterhalten, denn ein jeder darf in andere Bäder gehen und sich -dort aufhalten, zuzuschauen, zu plaudern, zu scherzen und sich zu -erheitern, so dass man die Frauen, wenn sie ins Wasser steigen oder aus -demselben herauskommen, sieht. Keiner wehrt die Thür, keiner argwöhnt -etwas Unschickliches. Männer tragen nur eine Schambinde (campestribus -utuntur), die Frauen ziehen leinene Hemden an, von oben bis zum -Schenkel, oder an der Seite offen, so dass sie weder den Hals, noch -die Brust oder die Arme bedecken. Im Wasser selbst speisen sie oft auf -gemeinsame Kosten, ein geschmückter Tisch schwimmt auf dem Wasser, und -auch Männer pflegen teilzunehmen. Wir sind in dem Hause, in dem wir -badeten, einmal zu solchem Fest geladen worden. Ich habe meinen Beitrag -gezahlt, wollte aber trotz wiederholter Bitten nicht teilnehmen, nicht -aus Schamgefühl, das für Feigheit oder Unbildung gehalten wird, sondern -weil ich die Sprache nicht verstand. Es kam mir närrisch vor, dass ein -Italiener, unkundig der Sprache, im Wasser stumm und sprachlos dasitze, -da ein ganzer Tag mit Essen und Trinken hingebracht werden sollte. -Aber zwei von den Genossen sind in das Bad gegangen, mit grosser -Herzensheiterkeit, haben mitgethan, mit getrunken, mit gespeist, durch -den Dolmetsch sich unterhalten, oft mit dem Fächer Luft gefächelt. -Es fehlte nichts zu dem Gemälde, wie Jupiter die Danae mittelst des -goldenen Regens befruchtete u. s. w. Sie aber waren, wie es bei den -Männern Sitte ist, wenn sie in die Bäder der Frauen eingeladen werden, -mit leinenen Hemden bekleidet; ich jedoch sah von der Gallerie aus -alles, die Sitten, Gewohnheiten, die Liebenswürdigkeit (suavitatem), -die Freiheit und Ungebundenheit der Lebensart. Es ist merkwürdig, zu -sehen, in welcher Unschuld sie leben, mit welchem Vertrauen Männer es -ansahen, dass ihre Frauen von Fremden berührt wurden. Sie wurden nicht -gereizt, achteten nicht darauf, nahmen alles von der besten Seite. -Nichts ist so schwer, dass bei ihren Sitten nicht leicht wurde. Sie -hätten ganz in den Staat Platos gepasst, wo alles gemeinsam ist, da -sie schon ohne seine Lehre so eifrig in seiner Schule erfunden werden. -In einigen Bädern sind Männer unter den Frauen, denen sie entweder -verwandt sind, oder es wird ihnen aus Wohlwollen gestattet. Täglich -gehen sie drei- oder viermal ins Bad und bleiben den grössten Theil des -Tages darin, theils singend, theils trinkend, theils Reigen tanzend. -Sie singen auch im Bade sitzend ein Weilchen, dabei ist es besonders -angenehm, die erwachsenen Mädchen im heiratsfähigen Alter, mit schönen -und freimüthigen Gesichtern, im Costume und Gestalt der Göttinnen, -singen zu sehen, wie sie die auf dem Wasser schwimmenden Kleidern -hinten nachziehen, man könnte sie für die Venus selbst halten. Es ist -Sitte, dass die Frauen, wenn die Männer von Oben zuschauen, Spasses -halber um ein Geschenk bitten. So werden ihnen, und zwar den schönsten, -Geldstücke zugeworfen, die sie mit der Hand oder mit den ausgebreiteten -Hemden fangen, sich einander fortstossend, und bei diesem Spiele -werden zuweilen auch geheime Reize enthüllt. Es werden auch Kränze aus -verschiedenen Blumen herabgeworfen, mit denen sie sich die Häupter beim -Baden schmücken. Ich habe, durch die unbeschränkte Freude, zu sehen -und Scherz zu treiben, gelockt, da ich nur zweimal täglich badete, -die übrige Zeit damit hingebracht, die anderen Bäder zu besuchen und -sehr oft Geldstücke wie Kränze wie die anderen hinabgeworfen. Denn -weder zum Lesen noch zum Denken war Zeit vorhanden unter den ringsum -erschallenden Klängen der Symphonien, der Trompeten, der Zithern, wo -schon der Wille zu denken, die höchste Thorheit gewesen wäre, besonders -für einen, der auch wie der Menedemus Heautontimorumenos ist, ein -Mensch vielmehr, der allem Menschlichen zugänglich. Zur höchsten Lust -fehlte die mündliche Unterhaltung, die vor allen Dingen den meisten -Werth hat; so blieb nichts übrig als die Augen zu weiden, zu folgen, -zum Spiele hin und zurückzuführen. Zum Spazieren war Gelegenheit und -so viele Freiheit, dass der Spaziergang nicht durch Gesetze beschränkt -war. - -Ausser diesen vielfältigen Vergnüglichkeiten gibt es noch eine nicht -geringfügige. Hinter der Stadt am Flusse ist eine Wiese mit vielen -Bäumen bewachsen. Dahin kommen nach dem Nachtessen alle von allen -Seiten; dann werden verschiedene Spiele gespielt; die einen erfreuen -sich am Tanze, die anderen singen, die meisten spielen Ball, nicht -nach unserer Sitte, sondern die Männer und Frauen werfen einen mit -Schellen besetzten Ball einander als besondere Liebesauszeichnung zu, -und der wirft ihn wieder einer ihm besonders lieben Person zu, während -jene Vielen mit vorgestreckten Händen bitten und er bald dem, bald -jener ihn zu werfen heuchelt. Es werden noch ausserdem viele Scherze -getrieben, die zu beschreiben zu weit führen würde. - -Diese aber habe ich berichtet, damit du siehst, wie gross hier die -Schule der Epicuräer ist, und ich glaube, dies ist hier der Ort, in -dem der erste Mensch geschaffen worden, den die Hebräer Gamedon, das -heisst: »Garten der Lust« nennen. Denn wenn die Lust das Leben -glücklich machen kann, so sehe ich nicht ein, was diesem Orte fehlt -zur vollendeten und in jeder Hinsicht vollkommenen Lust. Fragst du nun -nach der Wirkung der Bäder, so ist sie mannigfach verschieden, doch -ist ihre Kraft bewunderungswerth, fast göttlich. Ich glaube nicht, -dass es auf der Welt, #ein wirksameres Bad für die Fruchtbarkeit der -Frauen gibt#; da recht viele der Unfruchtbarkeit wegen hierher kommen, -so erfahren sie seine merkwürdige Kraft.[18] Sie beobachten genau die -Vorschriften, und es brauchen Mittel die, welche nicht empfangen -können. Unter diesen ist besonders folgendes bemerkenswerth: eine -unzählige Menge von Adeligen und Nichtadeligen kommt hier zusammen; -zweihundert Meilen weit her, nicht eben der Gesundheit, sondern der -Lust wegen, alles Liebhaber, alles Freier, alle, denen an einem -genussreichen Leben gelegen ist, um hier des gewünschten sich zu -erfreuen. Viele geben Körpergebresten vor, während sie doch im Geiste -krank sind. So siehst du unzählige schöne Frauen, ohne Männer, ohne -Verwandte, mit zwei Dienerinnen und einem Knechte oder einer alten -Angehörigen, die leichter zu täuschen als zu ernähren ist. Einige -gehen, soweit sie es vermögen, mit Kleidern, Gold, Silber und -Edelsteinen geschmückt, dass man glauben könnte, sie seien nicht zu -den Bädern, sondern zu den herrlichsten Hochzeiten gekommen. Da gibt -es auch vestalische Jungfrauen oder richtiger gesagt floralische. Da -leben Äbte, Mönche, Brüder und Priester in grösserer Freiheit als die -andern, baden zuweilen gemeinsam mit den Frauen und schmücken die -Haare mit Kränzen, alle Religion bei Seite lassend. Alle sind eines -Sinnes, die Traurigkeit zu fliehen, die Heiterkeit aufzusuchen, nichts -zu denken, als wie sie frölich leben, die Freuden geniessen. Nicht das -Gemeinsame zu theilen, sondern das Einzelne mitzutheilen ist die -Frage. Merkwürdig ist es, dass bei einer so grossen Menge (beinahe -1000 Menschen), bei so verschiedenen Sitten, keine durch Trunk (ebria) -verursachte Zwietracht entsteht; kein Aufruhr, kein Streit, kein -Gemurr, kein Fluch.[19] Es sehen die Männer, dass ihre Frauen berührt -werden, sie sehen, dass sie mit ganz Fremden, und zwar allein (solum -cum sola) verkehren; dadurch werden sie nicht erregt; sie staunen über -nichts, meinen, dass alles im guten und ehrbaren Sinne geschehe. Daher -findet der Name Eifersucht, der gewissermassen alle Ehemänner -erdrückt, bei denen keine Stelle. Das Wort ist unbekannt und unerhört. -Sie kennen gar nicht eine Krankheit dieser Art, haben keinen Ausdruck -für diese Leidenschaft. Und es ist nicht wunderbar, dass es bei ihnen -dies Wort nicht gibt, da die Sache selbst nicht vorhanden ist. Denn -noch ist keiner bei ihnen gefunden worden, der eifersüchtig wäre. O, -wie verschieden sind unsere Gewohnheiten« u. s. w. - -[18] Poggios satirische Witzelei auf die Wirkung Badens illustriert -eine alte Inschrift, die man, nach Wessely, in Baden bei Wien fand, -das als Franzensbad des Mittelalters galt. Da stand an einer Mauer zu -lesen: - - »Für unfruchtbare Frauen ist das Bad das beste, - Was das Bad nicht thut, das thun die Gäste.« - -[19] Das änderte sich im Lauf der Zeit, wie noch mitzuteilende -Badeordnungen ergeben werden. - -Poggios Widersprüche, bald lässt er die Frauen nackt baden, dann -wieder mit Badehemden bekleidet sein, verraten, wie erwähnt, allein -schon seine Unzuverlässigkeit. Ausserdem dürfte seine von ihm selbst -betonte Unkenntnis der Sprache und Sitten ihn zu manchem Fehlschluss -über die von ihm beobachtete Damensorte veranlasst haben. Er übersah -wohl geflissentlich die anständigen Frauen ob der »lichten Fräuleins«, -die nur der Verdienst ins Bad gelockt, und über jene Frauen, die im -Badeort nur Abenteuer erleben wollten. Denn trotz aller Unterschiede -zwischen den einstigen Sittenbegriffen von den heutigen, bestand auch -damals schon eine Moralgrenze, deren Überschreitung keine anständige -Frau gewagt hätte, darum waren jene so ausgelassenen Geschöpfe nichts -weiter als Demimondainen. Das Mittelalter missachtete diese Weiber -weit mehr, als dies unsere tolerantere Zeit thut und wusste aber -ebenso wie wir ganz genau, dass die oft nur aus Not zur käuflichen -Dirne Gesunkene Mitleid verdiente, während der meineidigen Gattin mit -vollstem Rechte zum mindesten die Nichtachtung aller rechtlich -Denkenden zu teil werden musste. Das öffentliche Mädchen konnte wieder -ehrbar werden, nicht so die Ehebrecherin, die für alle Zeiten -gesellschaftlich unmöglich war. Die Marklinie zwischen diesen beiden -Frauentypen war von jeher so verwischt, um nicht von einem Poggio -übersehen zu werden, während kein urteilsfähiger Landeskundiger über -die Qualität der Damen im Zweifel war. War es doch allbekannt, dass -die Kurorte den Haupttummelplatz für diese Abarten der Weiblichkeit -bildeten. - -»Etliche Weiber ziehen auch gern in die Sauerbrunnen und warme Bäder, -weilen ihre Männer zu alt und kalt sind,« sagt Glauber, und -Guarinonius pflichtete ihm bei, indem er gewisse Frauen nur deshalb -Bäder besuchen lässt, damit sie dort »lustig ihren Ehemännern eine -waxene Nasen träen kunden«. Aber ehrbare Frauen waren dies keineswegs. -Solche liessen sich, wie dies 1649 in Baden bei Wien geschah, in den -Saum ihres Badehemdes Bleistücke einnähen, oder trugen Badekleider, -die wohl Brust und Arme freiliessen, aber den Unterleib verhüllten. -Und zeigten sie sich auch vielleicht in voller Nacktheit, so gaben sie -doch ebensowenig ihren Körper preis, wie dies die Japanerin thut, die -bei der Toilette und im Bade den Zuschauer unbeachtet lässt. - -Die Badevorstände boten auch alles auf, die honetten Frauen vor -Übergriffen zu schützen. - -In der Badeordnung vom Jahre 1594 für das württembergische Bad Boll -bei Göppingen findet sich daher die Vorschrift: »Schandlose, üppige -Wort, und sonsten verkleinerliche Nachreden, sowohl auch ergerliche -Lieder und Gesäng sollen bei Straff eines halben Güldens verboten -sein, desgleichen unzüchtige Geberden und Erzeigungen gegen Erlichen -Frawen und Jungfrawen, bey unnachlesslicher Straf eines Güldens, so -oft das geschicht.« - -Suchte Poggio in Baden Heilung seines bösen Rheumatismus, so galt -dieser Kurort doch vornehmlich als unerreicht in der Behebung der -weiblichen Sterilität. Deshalb ist es sehr amüsant, den Eifer zu -beobachten, mit dem sich Nonnen und Mönche bemühten, eine Badenfahrt -ermöglichen zu können. Die Äbtissin vom Fraumünster in Zürich -veräusserte nur zu diesem Zwecke 1415 einen Meierhof; die -Klosterfrauen von Töss erkauften durch grosse Summen die päpstliche -Erlaubnis, sich in weltlicher Kleidung unter ihrem Nonnenhabite in -Baden erholen zu dürfen. Und das Leben dort war teuer, denn der Basler -Kaplan Johannes Knebel verbrauchte 1475 im Monat Juli mit Magd und -Diener in Baden zehn rheinische Gulden, über 500 Mark neuzeitlicher -Währung. Thomas Murner sagt darum mit Recht im »Geuchmatt«: - - »Im meyen farend wir gen Baden, - Lug das der seckel sy geladen .... - Denn syn natürlich würckung thut - Das du verdouwest gelt und gut.« - -In den Werken der Mittelhochdeutschen spukte die Sage von einem -Heilbade mit gar seltsam wunderthätiger Wirkung: - - »Dies Wasser hat so edle Kraft, - Welch' Mensch mit Alter war behaft, - Ob er schon achtzigjährig was, - Wenn eine Stund er drinnen sass, - So thäten sich verjüngen wieder - Sein Kopf, sein Herz und alle Glieder« - -sang 1542 Hans Sachs vom #Jungbrunnen#. - -Wer alt und runzelig in das Wunderwasser gestiegen war, sprang: - - »schön, wolgefarbt, frisch, jung und gsund - ganz leichtsinnig und wol geherig - als ob sie weren zwainzig jerig« - -hervor, was Lukas Kranach malte und »der Meister mit den Bandrollen« -auf einen in der Wiener Albertina befindlichen ebenso seltenen wie -gemeinen Kupfer radierte. - -Zur Sommerszeit badeten »Manns- und Weibspersonen in offenen Wassern -ganz unverschambt«, versichert Guarinonius, und mit ihm eifert die -gesamte Geistlichkeit gegen die gemeinsamen Flussbäder, »Weilen das -Baden der jungen Menscher und Buben sommerszeit sehr ärgerlich und -viel schlimbes nach sich ziehet«, wie der Abt Gregorius von Melk 1697 -meinte. Der Stadtrat von Frankfurt sah sich im 16. Jahrhundert schon -wiederholt veranlasst, den »handwercksgesellen vnd andere, so im Main -zu baden pflegen«, Haftstrafen zu verheissen, wenn sie, »wie Gott sie -geschaffen ganz nackend blos ohne scham«, ohne ihre »niedercleider« -badeten. Man hielt selbst im 18. Jahrhundert noch Flussbäder für einen -Unfug ohne jede hygieinische Wirkung, für Übermut, den sogar ein -Goethe noch verurteilte. - - - - -Tanz und Spiel. - - -Der Tanz, das Spiel der grossen Kinder, blickt auf eine nach -Jahrtausenden zählende Vergangenheit zurück. Er findet sich zu allen -Zeiten, in allen Kulturepochen der Menschheit; ebenso bei den auf der -niedrigsten Geistesstufe stehenden Wilden, wie bei den führenden -Nationen. Doch welch unendlicher Abstand liegt zwischen dem -grotesk-sinnlosen Stampfen und Sprüngen, den Gliederverrenkungen oder -dem hüpfenden Trippeln jener und dem graziösen Tanze im lichtflutenden -Ballsaale, und trotz dieses himmelweiten Unterschiedes hat die Sprache -für all diese Verrichtungen nur das eine kennzeichnende Wort: Tanz! -Dort die Begleitung von Gutturaltönen, Händeklatschen oder -misstönenden primitiven Musikinstrumenten, hier die fascinierenden -Walzerklänge, und all dieses ist Tanzmusik, unzertrennlich von -Tanzeslust, leuchtenden Augen, hochklopfenden Herzen. - -Die Erfindung des Tanzes verursachte kaum viel Kopfzerbrechen. Schon -in der Körperbewegung, im Gehen, Laufen und Springen liegt die -Grundidee des Tanzes. Die den Menschen eigentümliche Neigung, vor -Freude zu hüpfen, mag die Entstehungsursache des Tanzes gewesen sein. -So findet sich denn auch der Tanz oder Tanzformen bei allen Völkern, -über die geschichtliche Überlieferungen berichten. - -Auf den Bildertafeln der ägyptischen Tempel schweben florbekleidete -Tänzerinnen dahin. Die Bibel kündet von »Spiel und Tanz« der Frauen -Judas. Mirjam, die Prophetin, zog mit den Frauen und Jungfrauen hinaus -auf den Rain zum Reigen. David »tanzte mit aller Macht vor dem Herrn -her«, und Salome, die Tochter Herodias', ertanzte sich das Haupt -Johannes des Täufers, wenn wir der Legende und Sudermann glauben -dürfen. - -Bei den Griechen, wie auch später bei den Römern und zur Zeit noch bei -den meisten Naturvölkern, dann den Quäkern von Massachusetts und den -Mormonen, galt der Tanz, verbunden mit Hymnengesang, als ein -Bestandteil des Gottesdienstes. Der Tanz-Gesangskunst, Orchestik, der -Griechen huldigten Hoch und Gering. Selbst ein Sokrates verschmähte es -nicht, zu tanzen. Allerdings hing er seiner Tanzliebe ein -Ausrede-Mäntelchen um, indem er den Tanz ein vorzügliches Mittel, den -Appetit zu wecken, die Geistes- und Körperkraft rege zu erhalten und -zu steigern nannte. Die Eitelkeit und Schaulust der Griechen, dieser -Franzosen des Altertums, suchte Gelegenheit, ihrer Tanzlust möglichst -oft zu frönen. Man tanzte schon in homerischer Zeit bei Gastmählern, -bei öffentlichen und privaten Festen, im Hause, auf freien Plätzen, -auf der Bühne, selbst bei Begräbnissen. Bei den Römern dekretierte -Numa Pompilius (715-672 v. Chr.) den Tanz als gottesdienstliche -Handlung. Dionysius von Halikarnass nannte die Marspriester, deren -Kultustänze zu den heiligsten Ceremonien gezählt wurden, »Tänzer und -Hymnensänger der Waffengötter«. Mit der fortschreitenden Kultur Roms -war das hüpfende Vergnügen die Hauptsache jeder festlichen -Veranstaltung. Es wimmelte von Kindern Terpsichores beiderlei -Geschlechtes in Rom und wohin römische Sitte drang. Sie waren überall -gern gesehene, wenn auch wenig geachtete Gäste. Auch bei den -Leichenzügen der Cäsaren spielten Tänzer eine Rolle. Sie hatten den -Verstorbenen in Maske und Gebärden zu kopieren. Mit der römischen -Kultur entarteten auch die Tänze, über die wir von den Satirikern sehr -Unerbauliches erfahren. Den Vergnügungstänzen lag ein erotischer -Gedanke zu Grunde, wie dies z. B. bei den Tänzen der Spanier und dem -Czardas auch noch jetzt der Fall ist. - -Dem ernsten Sinne des Germanen waren derartige Tänze ein Unding. -»Jünglinge, welchen das eine Lustbarkeit ist, tanzen nackt zwischen -aufgestellten Schwertern und Speeren umher. Die Uebung erzeugt -Fertigkeit, die Fertigkeit Anmut. Doch thun sie das nicht zum Erwerb -oder um Lohn; wiewohl in dem Vergnügen der Zuschauer der kühne -Mutwille seine Belohnung findet.«[1] Die Frauen der Germanen blieben -dem Tanze fern, erst im Mittelalter wagten sie es, sich am -Tanzvergnügen zu beteiligen und an der Seite eines Tänzers sich im -Schreit-, Schleif- oder Springtanz zu erlustigen. - -[1] Tacitus, Germania 24. Grimm sagt, »dass dem Heidengotte Zio zu -Ehren Schlachtgesänge angestimmt, vielleicht auch kriegerische Tänze -gehalten wurden, worauf ich die noch lange und weitverbreitete Sitte -des feierlichen Schwerttanzes beziehe, der ganz eigentlich dem Gotte -des Schwertes zukam«. - -Die Schreittänze trugen ritterlich-höfisches Gepräge. Der Tänzer -fasste eine oder zwei Tänzerinnen bei der Hand und hielt schleifenden -Schrittes einen Umgang im Saale, sei es unter den Klängen von -Instrumenten oder nach dem Takte von Tanzliedern, welch letztere der -Vortänzer anstimmte, und in deren Refrain die ganze Gesellschaft -einfiel.[2] Bei solchen Tänzen musste es steif zugehen, denn die -Männer blähten sich in gesuchter Grandezza, während die Damen in ihren -langen, wallenden Gewändern affektiert - - »Uf den zehen slichent's hin - Nach dem niuwen hovesin« - -dahintrippelten, »die trittel -- als zuo einer henne ein han«. - -[2] Alb. Czerwinski, Zur Kulturgeschichte der Tanzkunst. - -Bei den Rundtänzen ging die Gesellschaft in der Runde und suchte den -Inhalt des vorgesungenen Tanzliedes durch einfache Bewegungen mimisch -darzustellen. Während solcher Rundtänze wurden sogar Trauungen -vollzogen, wenn aus einer Stelle im Tristan ein allgemeiner Schluss -gezogen werden kann. Aus diesen Rundtänzen entwickelten sich -dramatische Tänze mit unterlegter Handlung, der einfache Vorgänge aus -der Tierwelt zum Vorwurfe dienten. In einem Gedichte des 11. -Jahrhunderts, »Ruodlieb«, treten Ritter und Edelfräulein einander -gegenüber und stellen Falke und Schwalbe dar; der Raubvogel verfolgt -in Sprüngen das Vögelchen, gleitet aber an ihm vorüber, statt es zu -erhaschen.[3] - -[3] Siehr, Kulturhistorisches aus dem Ruodlieb, Trarbach 1881, S. 15. - -Zu den Variationen des Rundtanzes gehörte auch der noch heute bei -fürstlichen Vermählungen gebräuchliche Fackeltanz. Bereits unter -Kaiser Konstanz (337-350) in Byzanz nach griechischem Vorbild -eingeführt, hat dieser Tanz eine Parallele in einem Hochzeitsbrauch -der heidnischen Preussen, die die Braut an der Grenze ihres neuen -Heimatortes mit einem »Brandfeuer« empfingen. Im 11. Jahrhundert war -der Fackeltanz, wie aus der Reimchronik Peters von Hagenbach -ersichtlich, als Vergnügen nach Turnieren allgemein. Den an sich -langweiligen Rundgang mit den brennenden Lichtern suchte man durch -Figuren zu beleben und unterhaltender zu gestalten. Man spielte mit -den Fackeln, stemmte erst eine Hand, dann beide Hände in die Seite, -trug die Hände abwechselnd unter dem Gürtel, winkte mit der Hand, -legte sie über die Augen, trug Tannenreiser im Munde, winkte und -drohte sich zu und beschmierte sich schliesslich gegenseitig die -Gesichter mit Russ. Begreiflicherweise ging es bei diesen Tänzen -höchst ehrbar zu, so dass Kirchenfürsten nicht anstanden, selbst -derartige Feste zu veranstalten und ein Tänzchen mitzumachen, was -Geiler zu dem ärgerlichen Ausspruch veranlasst: »O Mönch, wie passt -die Kutte zum Tanze, wie die Tonsur zu den Kränzen der Frauen?« - -Waren die Tänze an sich auch anständig, so scheint dies von den dabei -gesungenen Tanzliedern weniger der Fall gewesen zu sein, wie Geiler -hervorhebt. »Noch het ich schier ein trutz vergessen, nemlich den -reien tantz; da werden auch nit minder untzucht und schand begangen, -weder inn den andern, von wegen der schandtlichen und schamparen -(schandbaren) hurenlieder, so darinn gesungen werden, damit man das -weiblich geschlecht zu der geilheit und unkeuschheit anreitzet.« Dann -weiter: »Auch in schmählichen Liedern wird gesündigt: das pflegt zu -geschehen bei den Tänzen, die wir deutsch ›Leygerleyss‹ oder ›ein -scheiblecht tenzlein‹ nennen, wo Eine vorsingt und die anderen -nachfolgen, und wo viel Schmachvolles von Liebe gesungen wird, was zur -Wollust anreizt und gegen die Ehrbarkeit gerichtet ist .... Mit -leichtfertigem und unzüchtigem Schmuck bis auf den halben Rücken ist -Alles bloss und nackt von vorn bis zu den Brüsten, dass sie auch die -enthaltsamsten Männer locken können« -- also schon damals -Balltoiletten wie in der Ära der Lex Heinze -- ja, Alles schon -dagewesen! Der zweite Teil der eben mitgeteilten Philippika ist auf -das ausgelassene Volk gemünzt, das sich nicht mit den feierlich-faden -Schreittänzen begnügte, dessen leichteres Blut eine flottere -Unterhaltung begehrte. Man tanzte im Dorfe auf dem Plane, den eine -Linde überschattete, oder auf dem Tanzhügel. Im Winter flüchtete man -in grosse Stuben, in das Dorfwirtshaus oder auch in Scheuern. -Aber auch die Kirchen der Städte, ihre Vorhallen und die Kirchhöfe -waren seit alter Zeit beliebte Tanzplätze, wenn auch die Geistlichkeit -auf Synoden und von der Kanzel herab bis zum Ende des Mittelalters -dagegen zeterte; ja noch mehr, man tanzte sogar zu denselben -weltlichen Melodien, nach denen man in der Kirche die geistlichen -Texte sang, weshalb Erasmus von Rotterdam von dem Kirchgesange sagt: -»Da hört man schändliche und unehrliche Buhllieder und Gesang, darnach -die Huren und Buben tanzen.« - -Da ging es denn auch ganz anders zu, wenn sich die Tänzer auf solchen -Plätzen zusammenfanden, die Weisen des Spielmannes lockten, die langen -Fähnchen und mit ihnen die Gespreiztheit im Dunkel der Truhen -verschlossen lagen und der Zwang des vornehmen Rathaussaales oder des -städtischen Tanzhauses vergessen war. Da klopften die Pulse höher, da -lohte die Jugendlust und Tanzfreude auf, da offenbarte sich der -lebensvolle Übermut, da kam die unverfälschte Menschennatur zum -Vorschein, befreit von den Fesseln des mit Mühe festgehaltenen »guten -Tones«, da hiess es auf die Sittenpredigt des gestrengen Seelenhirten: - - »Bruoder Berthold, rede waz dû wellest! - wir mügen ungetanzet niht sîn«, - denn .... - ».... hier ist des Volkes wahrer Himmel. - Zufrieden jauchzet Gross und Klein, - Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!« - -Wenn auch die Städter niederen Ranges, wie die Bauern, sich emsig -bemühten, den höfischen Reigen, wie alles, was von »oben« kam, -nachzuäffen, was Neithard von Reuenthal bezeugt, so waren doch die -Repräsentationstänze nur einzelne, der lieben Mode wegen eingeschobene -Programmnummern, zwischen denen dann jene Tanzformen auftauchten, die -das Wesen und die Anschauungen des Volkes schärfer charakterisierten, -als die sentimentale Stadelweise oder der flottere, aber noch immer -zahme Ridewanz. - -Die Namen der Bauerntänze sind fast alle ungelöste Sprachrätsel. Man -tanzte Köwenanz, Sulawranz, Hoppaldei, Heierlei, Folafrantz, Ahsel, -Houbetschoten (Kopfschütteln), Troialdei, Firgamdray, Wânaldei, -Treirôs, Mürmum, Bôzalt, Gimpelgampel, Drauraran, Krumme Reien[4], -Adelswanck, Schwingewurz, Trümmekentanz[5] und andere schönbenamste -Tänzchen mehr. Trotz dieser grundverschiedenen Namen hatten alle diese -Tänze das eine gemein, dass sie weder graziös noch sittenverbessernd -waren -- darin sind alle massgebenden Autoren der Vergangenheit einig, -die ausnahmslos den Stab über diese »Törpertänze« brechen. - -[4] Schultz, Höfisches Leben, S. 548 ff. - -[5] Bartels a. a. O. S. 70. - -Das Springen von Tänzer und Tänzerin, »den reien springen«, war eine -Hauptsache bei all diesen Tänzen. Von einem Mädchen heisst es in einem -Liede Neithards: - - »Sie spranc - Mêr dan einer klâfters lanc - Unt noch hôher danne ie magt gesprunge.« - -und Oswald von Wolkenstein sagt: - - »Gar weidlich tritt sie den firlefanzen, - Ihre hohe Sprünge, unweiblich fast zu tanzen.« - -Wie bei diesen Sprüngen die leichte Gewandung flattern musste! Aber es -kam noch toller: Man schwenkte die Tänzerinnen in die Luft empor, -»dass man hoch sieht die blossen Beine«, wie Brant im Narrenschiff -sagt. -- Es sei hier nebenbei erwähnt, dass Beinkleider den -mittelalterlichen Frauen gewöhnlichen Standes unbekannt waren.[6] - -[6] Weinhold a. a. O. II. 263. - -Geiler eifert gegen derartiges Tanzunwesen: - -»Darnach findt man Klötz, die tantzen also sewisch (säuisch) und -unflätig, dass sie die weiber und jungfrawen dermassen herumbschwencken -und in die hohe werffen, das man jhn hinden und vornen hinauff siehet -biss in die weich, also dass man jhr die hübsche weisse beinle siehet -..... Auch find man etlich, die haben dessen ein ruhm wann sie die -jungfrawen und weiber hoch inn die höhe konnen schwencken und haben es -bissweilen die jungfrawen (so anders solche jungfrawen zu nennen sein) -fast gern und ist jnen mit lieb gelebt, wann man sie also schwencket, -das man jhnen, ich weiss nicht wohin siehet.« - -Murner variirt dasselbe Thema dahin: - - »Seh' ich die Sache richtig an, - Kein frommes Kind dort hingehn kann, - Nur solche, die da stützen kann - Den Burschen, wenn er hebet an - Zu springen, und ihn hebt empor. - Ihr wisst's, kein Wort lüg' ich euch vor. - Es ist nicht Scham noch Zucht dabei, - Wenn sie die Mägdlein schwenken frei - #Und Gretlein so weit treibt den Spass, - Dass man kann seh'n, ich weiss nicht was. - Wer seine Tochter fromm will sehen, - Der lass' sie nicht zum Tanze gehen#. - Der Schäfer von der neuen Stadt - Schon manches Kind verderbet hat, - Geschändet, ihm geraubt die Ehr', - Das nun ein Eheweib wohl wär'; - Doch nun sitzt sie im Frauenhaus, - Der Ehre ist der Boden aus.«[7] - -[7] Narrenbeschwörung, 50. - -Agrippa von Nettesheim, keineswegs so schwarzseherisch und pedantisch -wie Murner und Geiler, sagt trotzdem in seinem 1526 verfassten Buche -»De vanitate scientiarum«, man tanze mit unehrbaren Gebärden und -tosendem Fussgestampfe nach lasciven Weisen und zotigen Liedern. In -buhlerischen Umarmungen lege man dabei unzüchtige Hände an Mädchen und -Matronen, küsse sie, und, Lasterhaftigkeit für Scherz ausgebend, stehe -man nicht an, das schamlos zu entblössen, was die Natur verberge und -die Sittsamkeit verhülle. - -Diese harten Worte bestätigt auch Heinrich von Wittenweiler in seinem -obengedachten »Ring«: - - »Die Mäczli (Mädchen) warent also rüg - Und sprungen her so gar gefüg - Daz man in oft, ich wayss nit wie - Hinauf gesach bis an die Knie. - Hilden Hauptloch was ze weyt - Darumb ir an derselben zeit - Das tüttel aus dem puosem sprang; - tanczens gyr sey dar zuo twang. - Hüddelein der ward so hayss, - day sey den Kittel vor auf rayss - des sach man ir die iren do - und macht vil mängen herczen fro.« - -Mädchen, die dem Werfen ausweichen wollten, warf man gewisse Gründe -dafür vor: - - »Dier da nit entspringt - Die treit ein Kint« - -sagt der Tannhäuser trocken. - -In der Abhandlung »was schaden tantzen bringt«, meint der unbekannte -Verfasser: »der tufel stifft solich tentz vff daz sich die vnkuschen -menschen an sehen an griffen vnd mit einander reden, vnd dar durch -entzundt werdent durch vnkuschheit, vnd böse fleischlich begirde -gewynnen, vnd gunst dar zu geben, vnd lust dar jnne haben, damit sie -tötlich sünden vnd jn vil stricke des tufels vallen ....«, und so geht -es weiter in allen Tonarten. - -Von einem anderen wird der Tanz der Kuppelei beschuldigt: »Es sind -solche, die gehen darum zu Tanz, damit sie andere zur Unzucht und zum -Mutwillen anstacheln. Da fasst man sich an, wird einander hold, da -schwätzt man Lieb und Leib mit einander, da man sonst nicht -zusammenkommt, da drücken sie sich die Hände, geben sich Liebesbriefe -(bulen brieffle) u. s. w.« - -Noch kräftiger drückt sich Florian Daulen von Fürstenberg, Pfarrherr -zu Schellenwalde, in seinem einst allbekannten und vielbesprochenen -»Tanzteufel«[8] aus. - -[8] »Tantzteuffel, das ist wider den leichtfertigen unverschämten -Welttantz und sonderlich wider die Gottesfurcht und ehrvergessene -Nachttäntze etc.«, Frankfurt a. M. 1569. - -»Wir wollen vom Tanzteufel, wie fürgenommen, sagen, dass unter allen -andern, so jetzt erzählt und in Krätschemen (Krug, Wirtshaus) zu -geschehen pflegt, der teuflische, verfluchte, unziemliche, unzüchtige, -Gottes Zucht und Ehr vergessene, leichtfertige Tanz, der besonders die -Nacht in Krätschemen geschieht, zu verfluchen, zu schelten und zu -verdammen sei. - -Der Tanz ist, sobald der Fiedler oder Spielmann aufmacht, ein -stätiges, unordentliches Rennen und Laufen. Wie das unvernünftige Vieh -laufen sie durcheinander; auch mit tollem, unvernünftigem Geläuf -laufen sie von fern mit den Köpfen zusammen, und treffen eins das -andere zu Boden, nicht allein von hinten auf die Füsse, dass die -Schuhe entfallen, sondern sie rennen sich auch gar darnieder und -machen ein so gräulichen Staub, dass vernünftige, fromme Leute in der -Stube nicht bleiben können. Die Tanzenden offt durcheinander gehen, -unordentlich gehen und lauffen wie die bisenden Küh, sich werfen und -verdrehen, welches man jetzt verködern heisset. So geschiehet nun -solch schendtlich, unverschämt schwingen, werffen, verdrehen und -verködern von den Tantzteuffeln, so geschwinde, auch in aller Höhe, -wie der Bawer den Flegel schwinget, dass bissweilen den Jungfrauwen, -Dirnen und Mägden die Kleider biss über den Gürtel, ja biss über den -Kopff fliegen. Oder werffens sonst zu boden, fallen auch wol beide und -andere viele mehr, welche geschwinde und unvorsichtig hernach lauffen -und rennen, dass sie über einem hauffen liegen. Die gerne unzüchtig -Ding sehen, denen gefellt solch schwingen, fallen und Kleiderfliegen -sehr wol, lachet und seind fröhlich dabei, denn man machet jnen gar -ein fein welsch Bellvidere. Welche Jungfraw, Magd und Dirne am meisten -am Tantze herumgefüret, geschwungen, gedrehet und geschawet wirdt, die -ist die fürnembste und beste und rühmen und sagen die Mütterlein -selber: »Es ist gar bedrang umb meine Tochter am Tantze, jedermann wil -mit jr tantzen, sie hat heut am Tantz guten Markt gehabt. Auch sticht -der Narr unsre jungen und alten Witwen, die treibens ja so körbisch, -wilde und unfletig als die jungen Mägdlein ....« - -»Alle Tänze sind jetzt gemeiniglich also geartet, gar wenige -ausgenommen, dass wahrlich an auch den Tänzen, die bald nach -geschehener Mahlzeit auf den Wirthschaften gehalten, nicht viel zu -loben ist, denn das junge Volk ist gar vom Teufel besessen, dass sie -keine Zucht, Ehre und Tugend mehr lieben. Die jungen Gesellen meinen, -wenn sie Fochtel und Degen neben den Tanz an der Seite tragen, sich -ungebärtig stellen, hoch springen, schreien, wüthen und drohen, sie -hätten nicht recht getanzt, zu geschweigen der unzüchtigen Worte und -Geberden, so die garstigen Esel am Tanze treiben.« Luther verdammt das -Tanzen an sich nicht, »wo es züchtig zugeht«. »Dass aber Sünde da -geschehen, ist des Tanzes Schuld nicht allein, sintemal auch über -Tisch und in der Kirche dergleichen geschehen. Gleichwie es nicht des -Essens und Trinkens Schuld ist, dass etliche zu Säuen darüber -werden.«[9] - -[9] Kirchen-Postill auf den zweiten Sonntag nach Epiphanias. - -In dem »Ehespiegel« des Cyriakus Spangenberg (1578), in dem 50 -Brautpredigten des Verfassers enthalten sind, werden für das letzte -Viertel des 16. Jahrhunderts die alten Klagen laut. Spangenberg stellt -dem ehrbaren »Bürgerlichen« den »Buben- und Hurentanz« gegenüber, bei -denen es zuging, »dass einer schwört, es hätten die Unfläter, so -solchen Regenführern, aller Zucht und Ehre vergessen, wären taub und -unsinnig und tanzten St. Veitstanz«. - -Wie es auf einem Balle oder Tanzfeste im 16. Jahrhundert zuging, davon -gibt der gelehrte markgräflich badische Rat und Obervogt zu Pforzheim, -Johann von Münster in seinem zuerst 1594 gedruckten »gottseligen -Traktat vom ungottseligen Tanz« genaue Mitteilung: »Die deutsche -allgemeine Tanzform besteht hierinnen, dass nachdem bei den Pfeiffern -und Spielleuten der Tanz zuvor bestellet ist, der Tänzer aufs -Zierlichste, Höflichste, Prächtigste und Hoffärtigste herfürtrete und -aus allen allda gegenwärtigen Jungfrauen und Frauen eine Tänzerin, zu -welcher er eine besondere Affektion trägt, jene erwähle. Dieselbe mit -Reverentz, als mit Abnehmen des Hutes, Küssen der Hände, Kniebeugen, -freundlichen Worten und anderen Ceremonien bittet, dass sie mit ihm -einen lustigen, fröhlichen und ehrlichen Tanz halten wolle. Diese -(hochnöthige) Bitte schlägt die begehrte Frauensperson nicht -leichtlich ab, unangesehen auch der Tänzer, der den Tanz von ihr -begehrt, bissweilen ein schlimmer Pflugbengel, oder ein anderer -unnützer vollgesoffener Esel, und die Frauensperson eine stattliche -vom Adel, oder andere ansehnlich denn reiche Frau oder Jungfrau ist. -Es wäre denn, dass sie um eines Verstorbenen Willen trauert oder Leid -trüge. In dem Falle ist sie, und auch eine Mannsperson entschuldigt. -So ferne noch bei dem, der den Tanz begehret, so viel Verstandes übrig -ist, dass er diese Entschuldigung annehmen will. Ist aber der Kerl gar -voll und toll, der den Tanz begehret, so muss die Frauensperson eben -wol fort. Will sie nicht tanzen, so mag sie schleiffen. Will sie im -Tanz nicht lachen und frölich springen, so mag sie weinen und sauer -aussehen und traurig tanzen. Denn er verlässt sie nicht, weil er sie -bei der Hand hat, sondern er zieht mit ihr immer fort, zum Tanze, wie -mit einem Widder zur Küche. Darüber lachen etliche, die dabei stehen -und zusehen, etliche aber, denen die Frauensperson verwandt ist, sehen -übel aus, und dürfen bisweilen mit diesem unzeitigen Tänzer Händel und -Streit anfangen. Ist aber die Frauensperson also daran, dass sie aus -wahrer Erkenntnis Gottes den Tanz hasset und dem Tänzer den Tanz -abschlägt, oder aus anderen Ursachen mit ihm zu tanzen sich weigert, -so ist das Ei zertreten. Dann fängt der Tänzer an zu fragen, oder -beschickt die Frauensperson durch seine Freunde, was sie für Ursache -habe, ihm den Tanz zu verweigern, ob er nicht redlich, ehrlich oder -gut genug dazu sei u. s. w. Zuweilen wartet der Tänzer nicht so lange, -dass er die Beschickung kann fürnehmen, sondern schämt sich auch -nicht, die Jungfrau oder Frau, sobald sie ihm den Tanz geweigert hat, -wider alle Billigkeit, Rechtlichkeit und Recht #aufs Maul zu -schlagen#. Etliche geben dem Schläger Recht und verteidigen seine lose -Sache mit den Spruch: einem ehrlichen und redlichen Mann muss und soll -man keinen Tanz weigern. Darum ist der Person Recht geschehen u. s. w. -Andere aber halten dieses (wie denn billig ist), für eine solche -unbescheidene, tyrannische That, dass sie wert sei, dass die ganze -Gesellschaft derselben sich annehme und sie räche. Daraus dann endlich -solch Werk erfolget, dass ohne Blutvergiessen und ständigem Hasse -nicht wol oder kaum kann beigelegt und verglichen werden. Wenn aber -die Person bewilligt hat, den Tanz mit dem Tänzer zu halten, treten -sie beide herfür, geben einander die Hände, #und umfangen und küssen -sich nach Gelegenheit des Landes#[10], auch wol recht auf den Mund, -und erzeigen sich sonst mit Worten und Geberden die Freundschaft, die -sie vor langer oder kurzer Zeit gewünscht haben, einander zu erzeigen. -Darnach, wenn es zum Tanze selbst gekommen ist, halten sie erstlich -den Vortanz, derselbe gehet etwan mit ziemlicher Gravität ab. Es kann -aber in diesem Vortanz das Gespräch und Unterredung, derer die sich -lieb haben, besser gebrauchet werden, als in den Nachtanz. Dies aber -haben sie gemein, dass die Tänzer, wenn sie zum End des Gemaches, in -welchem sie tanzen, gekommen sind, wieder umkehren, und sich zu beiden -Seiten, zur rechten und zur linken, so lang wenden und treiben, -vorgehen und folgen müssen, bis der Pfeiffer aufhört zu spielen, und -ihn gelüstet, ein Zeichen zu geben, dass der Vortanz ausgetanzet sei. -Darnach ruhen sie ein wenig, stehen aber nicht lange still. Sind es -gute Freunde, so reden sie miteinander von den Dingen, die sie gern -hören. Ist aber die Freundschaft nicht so gross, so schweigen sie -still, und warten bis der Pfeiffer wiederum aufblaset zum Nachtanz. In -diesem gehet es was unordentlicher zu, als in dem vorigen. Denn -allhier des Lauffens, Tummels, Handdrückens, heimlichen Anstossens, -Springens und bäurischen Rufens und anderer ungebührlichen Dinge, die -ich Ehren wegen verschweige, nicht verschonet wird, bis dass der -Pfeiffer die Leute, die wohl gern, wenn sie könnten, einen ganzen Tag -also toller Weise zusammenliefen, durch sein Stillschweigen geschieden -hat. Da hört man denn oft einen schrecklichen Fluch über den Pfeiffer, -dass er viel zu bald den Tanz ausspielet, oder auch manchmal den Tanz -zu lang gemacht hat. Denn sie schämen sich aufzuhören zu tanzen, ehe -und bevor der Spieler aufgehört hat zu pfeiffen. Die Strafe wird ihm -bisweilen auch zugelegt, dass er noch einmal um dasselbe Geld (wie sie -reden) aufblasen muss. Da gilt es denn mit Tanzen aufs Neu. Wenn aber -der Tanz zu Ende gelaufen ist, bringt der Tänzer die Tänzerin wiederum -an ihren Ort, da er sie hergenommen hat, mit voriger Reverentz, nimmt -Urlaub und bleibet auch wol #auf ihrem Schoss sitzen# und redet mit -ihr, darzu er durch den Tanz sehr gute und keine bessere Gelegenheit -hat finden mögen.«[11] - -[10] Siehe hierzu das Bild Aldegrevers in M. L. Beckers prächtigem -Geschenkwerke »Der Tanz«, Verlag von Herm. Seemann Nachfolger in -Leipzig. - -[11] Wilh. Angerstein, Volkstänze im deutschen Mittelalter, S. 30 ff. - -Alle diese Anklagen finden amtliche Bestätigung durch die zahllosen -Tanzordnungen, wie solche die ganzen Jahrhunderte hindurch erlassen -wurden und immer wieder erneut werden mussten bis in das 17. -Jahrhundert hinein. Man gab genaue Vorschriften, wie man sich beim -Tanze zu benehmen und zu kleiden hatte, welche Tänze erlaubt und -welche verpönt waren. In Zürich war sogar das Verbot nötig, nicht »bei -nacktem Leibe« auf dem Tanzboden zu erscheinen. Nürnberg untersagte -nur das »halsen und umbfahen«, während die Sächsisch-Meissnische -Polizeiordnung von 1555 gar das Kind mit dem Bade ausschüttete, denn -sie besagt, es sei besser, für manche Orte überhaupt keinen Tanz zu -gestatten, da sich bei solchen viele Mannspersonen unzüchtig und -Ärgernis erregend benahmen. Deshalb hätten Männer und Frauen züchtig -bekleidet zu sein und müsse das unziemliche Drehen, Geschrei und -unanständige Gebärden unter allen Umständen unterbleiben. In Danzig -wurden 1530 sieben Männer und ebensoviele Weiber gestäupt und ihnen -die Stadt »auf ewig« verboten, weil sie »in nicht gebräuchlicher, -unanständiger Kleidung« öffentlich getanzt hatten.[12] In Freiburg im -Breisgau legte man 1556 die Spielleute, die bei einem Tanze mitgewirkt, -in das Spitals-Gefängnis. Als alles dies nichts half, lenkte man -in einzelnen Städten ein und sandte zu den Tanzunterhaltungen -Beamte als Zensoren, um darüber zu wachen, dass nicht allzu grobe -Ausgelassenheiten vorfielen.[13] - -[12] Rudolph Voss, Der Tanz und seine Geschichte, 1869, S. 281, und -Reinöhl in »Das Kloster« IV. 421 ff. - -[13] Ritter bei Rudeck a. a. O. S. 58. - -Der älteste Tanz des deutschen Volkes ist der auch heute noch in -manchen entlegeneren, namentlich Gebirgsgegenden nicht gänzlich -verschwundene #Johannistanz#, wenn auch Voss seine Behauptung vom -Ursprunge dieses Tanzes unter dem vierten König der Gallier, Bardus -II., etwa 2140 oder 2174 v. Chr. G., nicht zu beweisen vermag.[14] -Immerhin besitzt er ein ehrwürdiges Alter, denn schon das sechste -Konzil zu Konstantinopel im Jahre 680 schritt gegen die »abgöttischen -Feuertänze« der Christen, der heilige Elipsius um dieselbe Zeit gegen -diese heidnische Sitte der Deutschen ein, »die an dem Johannisfeste -die Sonnwendlieder und andere teuflische Gesänge, Tanz und Sprünge -üben«. Als die Geistlichkeit einsah, diese althergebrachten Festbräuche -nicht ausrotten zu können, nahm sie sich -- sanft wie die Tauben und -klug wie die Schlangen -- ihrer an, gab ihnen durch Aufoctroyierung -eines Heiligen als Paten einen kirchlichen Charakter, und ein neuer -Feiertag mit Kirchgang und Opferung war fertig. Die Hauptsache an dem -neugebackenen St. Johannistag blieben aber die Johannisfeuer, mächtige -Scheiterhaufen, die von der Jugend unter heiteren Gesängen umtanzt und, -wenn die Flammen in den zusammengesunkenen Scheitern nur noch glimmten -und Rauchwolken den verkohlten Hölzern entströmten, mit kühnen Sätzen -durchsprungen wurden. In Stadt und Land freute sich mondelang vorher -die tanzfreudige Jugend auf den Sonnwendabend, der hoch und gering auf -den Feuerplätzen versammelt sah. - -[14] a. a. O. S. 73, S. 81. - -In München fand sich 1401 der lustige Herzog Stephan, Kaiser Ludwigs -des Bayern Sohn, mit seiner Gemahlin beim Sonnwendtanze ein, ebenso -tanzte König Friedrich IV. auf einem Reichstage in Regensburg 1471 im -Reigen um das Feuer. Kaiser Maximilians Sohn Philipp liess am -Johannistage 1496 auf dem Fronhof zu Augsburg einen 54 Schuh hohen -Scheiterhaufen aufrichten. Alle »Frauenzimmer« der Geschlechter waren -eingeladen und erschienen im höchsten Putze, weil bekannt worden war, -dass der Prinz eine von ihnen zum Tanze auffordern würde. Einer -schönen Ulmerin, der Susanne Neidhartin, wurde dies Glück zu teil; sie -durfte mit einer Fackel den Holzstoss entzünden, den unter Trompeten- -und Paukenschall die ganze Gesellschaft umtanzte.[15] Dass zu diesen -Tänzen auch die leichtfertigen Weiber der städtischen Bordelle -zugelassen waren, ist bereits oben mitgeteilt worden, daher dürfte es -auch nicht an Ausschreitungen gefehlt haben, wozu die Sprünge durch -das Feuer mit hochgeschürzten Kleidern willkommenen Anlass boten. - -[15] Voss a. a. O. S. 84. - -Die Schamlosigkeit der meisten Tänze, die sich, je weiter das -Mittelalter vorschritt, immer mehr vergröberte, und in der von Thränen -und Blut triefenden Wiedertäufertragödie zu Münster (1534-1535) ihren -Kulminationspunkt erreichte, den selbst die allgemeine Verwilderung -der grausen 30 Kriegsjahre nicht zu erreichen vermochte[16], fand -stellenweise durch das Volk selbst eine drastische Verurteilung, die -sich gegen jene Mädchen richtete, deren Moralität durch allzu häufiges -Aufsuchen von Tanzgelegenheiten in Zweifel gezogen wurde. -So herrschte am Rhein, in »Franckenland und ettlichen anderen Ortten« -folgender Gebrauch: »Merkwürdig ist, was am Aschtage (Aschermittwoch) -an den meisten Orten geschieht. Alle Jungfrauen, die in dem Jahre an -dem Tanze teilgenommen, werden von den jungen Männern zusammengebracht, -statt der Pferde an einen Pflug gespannt und samt dem Pfeifer, der -spielend auf dem Rosse sitzt, in einen Fluss oder einen See -hineingetrieben. Warum das geschieht, sehe ich nicht ein; ich denke -mir, sie wollen damit abbüssen, dass sie an den Feiertagen gegen das -Gebot der Kirche sich von leichtsinnigen Vergnügungen nicht -fernhielten.«[17] - -[16] Näheres über das Treiben jener Wahnsinnigen in dem markigen Buche -Joh. Scherrs »Grössenwahn, vier Kapitel aus der Geschichte -menschlicher Narrheit«, S. 75 ff. - -[17] Johannes Boëmus bei Schultz, D. L., S. 445. - -In einer Geschichte des Geschlechtslebens dürfen auch die #Hexentänze# -nicht übergangen werden, da sie zeigen, welch grauenvolle Bilder -sexueller Ausschweifungen verderbte Gemüter jener finstersten Zeit des -finsteren Mittelalters auszuhecken im stande waren. Was auf den -Hexenversammlungen auf dem Blocksberg, Heuberg, Hörselberg, Fellerberg -u. s. w. an den Hexensabbathen vorgegangen sein soll, füllt die -zahllosen Protokolle der Hexenprozesse mit dem ekelhaftesten Schmutz. -Nur der ausgesprochene Irrsinn oder wahrhaft teuflische Verderbtheit -konnte jene Beschreibungen diktiert haben, die entmenschte Richter den -sich unter Folterqualen windenden »Hexen« in den Mund legten.[18] - -[18] Siehe Kapitel: Liebeszauber und Zauberliebe. - -Eine weitere Erscheinung, die den mittelalterlichen Tanz als Ursache -hat, war die um 1021, 1278, 1374 und 1418 grassierende #Tanzwut#. Noch -waren die Gräber der vielen Millionen von der Pest, dem schwarzen Tod, -dahingerafften Menschen nicht überwachsen, als eine seltsame Krankheit -die Menschheit ergriff. Bei ihrem ersten Erscheinen, im 11. und im 13. -Jahrhundert, nur einzelne Individuen ergreifend, tauchten 1374 in -Aachen Scharen von Männern und Frauen auf, die, wie von einer höheren -Macht getrieben, Hand in Hand Reigen bildeten, und erst gemächlich, -dann immer toller, anscheinend ihrer Sinne nicht mächtig in wilder -Raserei ohne Scheu vor den Zuschauern tanzten, bis sie erschöpft zu -Boden sanken. Wie eine Epidemie breitete sich diese Tanzlust aus, -namentlich aus den niederen Volksschichten unzählbaren Zuzug -erhaltend. Nach allen Städten verpflanzte sich durch umherziehende -Tanzkranke diese Seuche, die Müssiggängern und losen Weibern ein -willkommener Deckmantel war, betteln und ihren Gelüsten frönen zu -können. Denn zweifellos befanden sich unter den armen hysterischen St. -Veitstänzern eine Unzahl von Simulanten, worüber übrigens helle Köpfe -schon damals nicht im Zweifel waren[19], wie aus folgender -zeitgenössischer Schilderung hervorgeht: »Anno 1374 zu mitten im -Sommer, da erhub sich ein wunderlich Ding auff Erdreich, und -sonderlich in Teuttschen Landen, auff dem Rhein und auff der Mosel, -also dass Leute anhuben zu tantzen und zu rasen, und stunden je zwey -gegen ein, und tantzten auff einer Stätte ein halben Tag, und in dem -Tantz da fielen sie etwan ufft nieder, und liessen sich mit Füssen -tretten, auff ihren Leib. Davon nahmen sie sich an, dass sie genesen -wären. Und lieffen von einer Stadt zu der andern, und von einer -Kirchen zu der andern, und huben Geld auff von den Leuten, wo es ihnen -mocht gewerden. Und wurd des Dings also viel, dass man zu Cölln in der -Stadt mehr dann fünfhundert Täntzer fand. Und fand man, dass es eine -Ketzerey war, und geschahe um Golds willen, dass ihr ein Theil Frau -und Mann in Unkeuschheit mochten kommen, und die vollbringen. Und fand -man da zu Cölln mehr dann hundert Frauen und Dienstmägde, die -nichteheliche Männer hatten. Die wurden alle in der Täntzerey -Kinder-tragend, und wann dass sie tantzeten, so bunden und knebelten -sie sich hart um den Leib, dass sie desto geringer wären. Hierauff -sprachen ein Theils Meister, sonderlich der guten Artzt, dass ein -Theil werden tantzend, die von heisser Natur wären, und von andern -gebrechlichen natürlichen Sachen. Dann deren war wenig, denen das -geschahe. Die Meister von der heiligen Schrift, die beschwohren der -Täntzer ein Theil, die maynten, dass sie besessen wären von dem bösen -Geist. Also nahm es ein betrogen End, und währete wohl sechszehn -Wochen in diesen Landen oder in der Mass. Auch nahmen die vorgenannten -Täntzer Mann und Frauen sich an, dass sie kein roth sehen möchten. Und -war ein eitel Teuscherey, und ist verbottschaft gewesen an Christum -nach meinem Bedünken.«[20] Da auch die Kölner Chronik von 1374 (Cöllen -1499) »vill bouerie« (Büberei) unter den Tanzkranken vermutet, was auf -sich allgemein ausbreitendes Misstrauen schliessen liess, so erlosch -die Krankheit nach und nach von selbst, als die Teilnahme des -Publikums für die von ihr Befallenen gänzlich erstorben war, um noch -einmal im Verlauf der Geschichte, in Frankreich während der Jahre 1727 -bis 1762, also volle 40 Jahre, als »Konvulsionen« mit ausgeprägt -erotischem Charakter, eine Rolle zu spielen.[21] - -[19] Dr. J. F. C. Hecker, Die Tanzwuth, eine Volkskrankheit im -Mittelalter. Berlin 1832. - -[20] Die Limburger Chronik, herausgegeben von C. D. Vogel, Marburg -1828, S. 71. - -[21] Dr. Eugen Dühren, Der Marquis de Sade und seine Zeit, S. 80 ff. - -Eines der Hauptvergnügen für die mutwillige Jugend bestand, wie -erwähnt, bei den Reigentänzen im Umwerfen oder Fallenlassen der -Tänzerin, um dadurch ihre Kleider in Unordnung zu bringen. Ein -Sittenschilderer aus der Zeit vor dem Dreissigjährigen Krieg klagt -darüber, es sei nichts gewöhnlicher, »als dass man auf #feierlichen -Hochzeiten# eine Menge von Kleidungsstücken abwarf und dann erst -tanzte, und dass man das Frauenzimmer mit Fleiss in ganz unerhörter -Weise fallen liess«.[22] Dieses #Umwerfen# wurde auch als -Gesellschaftsspiel geübt, bei dem es dem männlichen Spieler darauf -ankam, seine Partnerin, die auf dem Rücken eines mit aufgestützten -Händen knienden Pagen sass und ihre Fusssohle an die des Gegners -gestemmt hielt, umzuwerfen und dadurch zu entblössen. Ein Teppich im -Nürnberger Germanischen Museum enthält ein Bild dieses »über -Füesselin«, dem drei Damen, darunter eine Fürstin mit der Krone auf -dem Haupte, voll Interesse zusehen. - -[22] Voss a. a. O. S. 111. - -Ein Züricher Mandat von 1532 beschäftigt sich mit diesem Umwerfen, -ebenso das Nimburger Stadtwesen, das das »bolderböhmische« Spiel rügt. -Ein anderes Gesellschaftsspiel beschreibt Karlmeinet. Da tragen erst -die Herren die Damen und dann diese die Herren. Der Kussraub, wie dies -bei Karlmeinet Godyn der Orie thut, wird wohl ein wichtiges Moment -dieses Spieles gewesen sein, denn Küssen als Spiel kommt gleichfalls -in der langen Reihe von höfischen Gesellschaftsspielen vor, die der -Verfasser des Gedichtes »Der tugenden schatz«[23] wie folgt berührt: - - »Zwei halsten mit luste, - Zwei einz daz ander kuste.« - -[23] Schultz, D. L., S. 516. - -Das von Murner erwähnte Spiel oder Lied »Der Schäfer von der neuen -Stadt«[24] endete mit einer allgemeinen Abküsserei, daher die von dem -Dichter angeknüpfte Nutzanwendung. - -[24] Siehe S. 277. - -Ein Bauernspiel erwähnt Nithart von Reuenthal als »wemplink -bergen« in einem von gemeinstem Cynismus strotzenden, geradezu -landsknechtsmässigem Gedicht. Da er dem »Wemplink« eine obscöne -Nebendeutung gibt, ist aus dem Gedichte nicht ersichtlich, wie dieses -Spiel in Wirklichkeit vor sich ging. - -Wenn Hans Sebald Beham (ca. 1500 bis 1550) nicht übertreibt, was bei -der photographischen Treue seiner geistvollen Bilder kaum anzunehmen -ist, so war das Umwerfen besonders in den #Spinnstuben# der Dörfer -gleich vielen anderen Rüdheiten heimisch. - -Das bekannte Spinnstubenbild des Nürnberger Meisters gibt eine ganze -Musterkarte von abstossenden Zuchtlosigkeiten in einer Spinnstube, -die, wenn sie auch in ihrer Gesamtheit übertrieben oder einzelne von -ihnen aufgebauscht sein mögen, doch noch immer das einmütige -Verdammungsurteil gegen die Spinnstuben rechtfertigen. Es müssen wahre -Lasterhöhlen gewesen sein, diese Bauernstuben, in denen sich die -Dorfweiblichkeit an den langen Winterabenden zum gemeinsamen Spinnen -versammelte. Wo die Mädchen waren, blieben natürlich auch die Burschen -nicht aus, um die Schönen bei der Arbeit zu zerstreuen und ihnen beim -Spinnen zu helfen. Namentlich das Abschütteln der Abfälle des Hanfs, -des Agen, von den Kleidern, gab Anlass zu vielen zudringlichen -Scherzen. - - »Da bin ich all nacht gegangen zum rocken - Da kund man mir mit öpfeln locken, - Da wart ich den meiden die agen abschütteln - Und ward oft eine mit dem hindern rütteln - Und kund ihr wol unten warten zum leib« - -heisst's in einem Fastnachtsspiele. - - »Ich schatz wir gen zum rockenspinnen - Und schuten (schütteln) den meiden die agen ab« - -schlägt in einer anderen Posse ein Dorfjüngling seinem Genossen vor. - -Die Dirnen, die sich zum Spinnen einfanden, wussten ganz genau, worauf -die Anwesenheit der Männer hinauslief, darum fanden diese auch nur zu -williges Gehör. Zu wüsten Orgien wurden diese Versammlungen, wenn ein -gefälliger Zufall oder ein loser Schelm den qualmenden Lichtspan zum -Verlöschen brachte. - -Die Weistümer gehen deshalb zuweilen gegen die Spinnstuben vor, unter -anderen das Weistum von Nörfeld bei Darmstadt[25], in dem es heisst: - -[25] Weistümer, I. 498. - -Es solle auf die höchste Busse erkannt werden, wenn »wer spinnstuben -in seinem hausse zu halten unterstehen würde«. In der Ehaltenordnung -von Thierhaupten in Bayern 1475 heisst es von den Mägden: »sie sollen -zu nachts nit ausgên mit dem rocken in ein dants hin, dann mit wissen -und erlauben der milchfrawen (der Obermagd)«. Am unzweideutigsten -spricht sich jedoch ein Nürnberger Erlass von 1572 aus: »... das -mehrmalen in solchem zusammen den Eltern Töchter verfüret hinder den -Vättern zu vnziemlichen Ehen vberredt, auch etwo geschwecht vnnd gar -zu schannden bracht worden. Das auch die gesellen an einander darob -verwartten, verwunden vnd todschlagen .... etc.«[26] Weitere -Verordnungen, die ausser der Ausschweifung und den in den Spinnstuben -gang und gäben Raufereien noch die durch das unvorsichtige Hantieren -mit Feuer und Licht entstehenden Brände hervorheben, wiederholen sich -bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, ohne aber die Spinnstuben selbst -und ihre unschöne Gefolgschaft ausrotten zu können. - -[26] Barack in der Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, IV. -1859, S. 65 ff. - -Der Bauerntrotz wusste von jeher den Befehlen der ihm verhassten -Behörde ein Erstrecht entgegenzusetzen, um so mehr, wo es sich bei -ihm um altehrwürdige Institutionen handelte, die er innig verwachsen -mit seinem Leben hielt. Der Vater verzieh dem Sohne gerne, was er -selbst in der Jugend getrieben, und die Mutter, die sich vielleicht -bei den Spinnstubenscherzen den Mann ergattert, hoffte von der Tochter -dasselbe. Darum bestanden denn auch die Spinnstuben fort, bis sie die -fortgeschrittene Industrie überflüssig gemacht; heute sind sie eine -seltene Erscheinung geworden, die nur noch in entlegenen, vom Verkehre -abgeschlossenen Wald- oder Gebirgsdörfern hier und da auftauchen. -In den Spinnstuben erklangen viele der Volkslieder zum ersten Male, -die von dort aus ihren Weg in das Dörfchen und in das weite Land -fanden, jene naiv sentimentalen oder kernig derben Gesänge, die -Tagesereignisse, lokale Vorkommnisse oder irgend eine der ungeschulten -Phantasie entsprungene Erzählung in ungefügen Versen illustrieren. Um -manche dieser Lieder, wahre Perlen unserer Volkslitteratur, sei den -Spinnstuben die von ihnen geübte Unmoral herzlich gern verziehen. - -Nur der Vollständigkeit halber will ich noch #die Spielkarten# -erwähnen, in deren Bildern sich häufig die Freude unserer Vorfahren an -unflätigen Scherzen ausdrückte. Derartige Karten, die z. B. Jost Amman -verfertigte, sind aber kaum in alle Volksschichten gedrungen, -ebensowenig wie die bodenlos schmutzigen Blätter, deren sich gewisse -Potentätchen des 17. und 18. Jahrhunderts bedienten, die sich -bemühten, die auf ihrer grossen Tour nach Frankreich aufgeschnappten -Versailler Cochonnerien auf deutsche Erde zu verpflanzen und neben -anderen »Desbauchen«, wie die grundehrliche, kernig-deutsche Elisabeth -Charlotte von der Pfalz, Herzogin von Orleans, sagt, auch Spielkarten -mit Scenen à la Marquis de Sade verwendeten. Diese Schweinereien -blieben zum Glück nur auf die »feine Gesellschaft« beschränkt, ebenso -wie jene den tollsten Ausschweifungen huldigenden »Vergnügungsvereine« -der Feigenbrüder u. s. w. - - - - -Das Schönheitsideal. - - -Die ganze rein sinnliche Denkungsart des Mittelalters drückt sich in -dem Schönheitsideal aus, das die berufenen Vertreter der allgemein -geltenden Anschauungen ihrer Zeit, die Dichter, der Nachwelt -überlieferten. Nur rein körperliche Schönheiten heischen sie vom -Weibe, denn wer bei ihnen schön ist, ist auch gut und edel, in einem -hässlichen Körper wohnt nur eine schwarze Seele. Je weiter sich das -Mittelalter der Neuzeit nähert, je mehr sich der Sittenverfall -ausbreitet, um so gröber und materieller werden die Anforderungen, die -man an den Frauenleib stellt, denn von seelischen Schönheiten ahnte -man nichts. - -In der Epoche des Werdens, in der noch einzelne Naturlaute aus dem -germanischen Wald- und Jagdleben in das unter fremden Einflüssen -zusehends fortschreitende Leben nachklingen, teilte man den der -Germanin eigenen Rasseeigenschaften den Schönheitspreis zu. Ein bis ins -Detail gehendes Bild einer wahrhaft schönen Frau setzt Alwin Schultz[1] -mosaikartig aus allen ihm zugänglichen frühmittelalterlichen Quellen -wie folgt zusammen: - -[1] Höfisches Leben z. Z. d. Minnesänger, S. 211 ff. - -»Im Allgemeinen galt also damals für schön, was auch dem Römer und -Griechen, was ebenso uns heute noch so erscheint, indessen ist man in -jener Zeit etwas weniger tolerant. Wir finden zum Beispiel die -Blondine, wie die Brünette schön; gab es doch vor Kurzem eine Zeit, -die selbst das rote Haar für schön erklärte[2]: die Dichter des -Mittelalters lassen nur das goldblonde Haar gelten. Eine mässig (ze -mâzen) hohe Gestalt, blonde Haare, die glänzend, dem gesponnenen Golde -gleich, in natürliche Locken gekräuselt, bei den Frauen zumal in Fülle -lang herabwallen, ein weisser Scheitel, weisse, glatte, rundliche -Stirn, schneeweisse Schläfe, dunkle, womöglich schwarze, schmale, -gewölbte, nicht zusammenstossende Augenbrauen, leuchtende, bewegliche -Augen, eine mässig lange, nicht zu sehr vorstehende, gerade, nicht -gebogene Nase, weiche, rosig angehauchte Wangen, ein kleiner Mund mit -vollen, weichen, rothen, feurigen Lippen (ein kleinoelhitzerôter munt, -wie Ulrich von Lichtenstein sagt), kleine, weisse, gleiche und -dichtgestellte Zähne, ein ziemlich kleines, rundliches, weisses Kinn -mit einem Grübchen, kleine, weisse, rundliche Ohren galten bei Frauen -wie bei Männern für schön. - -[2] Ich bemerke ausdrücklich, dass Schultz und nicht ich diesen -Ausspruch thut, denn über diese Ansicht des grossen Prager Kunst- und -Kulturhistorikers lässt sich sehr gut streiten. M.B. - -Der Hals soll mässig lang und stark sein, weiss, glatt und weich, die -Kehle weiss und voll mit glatter Haut. Von einer schönen Frau -behauptete man, die Haut ihrer Kehle sei so zart, dass man, wenn die -Dame roten Wein trinkt, ihn hinabfliessen sehe.[3] Der Nacken ist -weiss, die Schultern beim Manne breit, bei Frauen schmal. -Feingebildete Achseln, runde, mässig lange Arme, weisse, lange und -weiche Hände, lange, rundliche, innen rosige Finger, deren Gelenke -nicht vorstehen, glänzende, gut gehaltene Nägel, wurden von einer -wahrhaft schönen Erscheinung gleichfalls verlangt. Den Frauen steht -wohl an ein weisser, voller Busen, rundliche, wie gedrechselte, kleine -und dicht gestellte Brüste[4]; beim Manne schätzte man eine hohe und -breite, wohlgewölbte Brust. Der Körper sollte schlank, mit feiner -beweglicher Taille gebildet sein. Die übrigen Körperteile beschreiben -die Dichter in der Regel nicht ... Die Füsse beider Geschlechter -wünschte man schmal und klein, mit gewölbter Fußsohle; endlich galt -zur Schönheit unbedingt eine weiche, glatte Haut, ein wie aus Rosen -und Lilien gemischter Teint.«[5] - -[3] Philippine Welser soll über einen derartigen zarten Teint verfügt -haben. Scherr. - -[4] »Zwêne epfel« oder »zwô birn«. - -[5] Karl Weinhold liefert in seinem Buche »Die d. Frauen im -Mittelalter«, 2. Aufl. I., S. 222 ff., eine selbständig ausgearbeitete -Zusammenstellung der Schönheitserfordernisse, die sich aber in der -Hauptsache mit den Schultzschen Angaben deckt. - -Man muss ohne weiteres zugeben, dass sich in diesem Bilde ein -geläuterter Geschmack offenbart, der dem moderner Dichter nicht -nachsteht. Konrad Flecks Beschreibung der Blancheflur in seinem »Flore -und Blancheflur« kann ohne Zusatz von einem neuzeitlichen Romantiker, -um dessen Romane sich die Familienzeitschriften reissen, adoptiert -werden. »Goldglänzende Haare umspielen die weisser als Schnee -glänzenden Schläfen. Feine, gerade Brauen ziehen sich über die Augen, -deren Gewalt sich Keiner zu erwehren vermochte; Wangen und Mund rot -und weiss, die elfenbeinernen Zähne ohne Tadel. Hals und Nacken wie -vom Schwan, die Brust voll, die Seiten lang, die Taille zart und -fein[6]« -- das dürfte ganz gut die Marlitt oder Nataly von Eschstruth -geschrieben haben, wie der alte Konrad Fleck, den schon mehr als ein -halbes Jahrtausend die kühle Erde deckt, ebenso wie der reizende -Liebesbrief aus dem 14. Jahrhundert, namentlich folgende Stelle: - -[6] Weinhold a. a. O. I. S. 222. - - »So var nun hin, du verst mit ere, - Und grüsse mir die minnigliche, here, - Grüss mir irn rosen-varben mund - Grüss sie von mir zu tausend stund - Grüss mir ir' wänglein rosen-var - Grüss mir ir' spilden äuglein-klar - Grüss mir ir' hälslein harmin-weiss - Grüss die liebe mir mit fleiss - Grüss mir ir herz und ire sinne - Grüss mir meins herzens Königinne ...«[7] - -einen Romantiker aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zum -Verfasser haben könnte. - -[7] Mitgeteilt von Moritz Bermann in »Alt- und Neu-Wien«. - -Kein Mensch wird es den Damen der Ritterzeit verdenken, wenn sie, als -echte Evastöchter, Reize, die ihnen Mutter Natur versagte, durch -kleine Nachhelfungen zur vollen Höhe jenes dichterischen Ideals zu -heben suchten. Man strich sich das Gesicht mit roter und weisser -Schminke an, trotzdem das Schminken nicht für anständig galt. Weisse -Farbe, Firnis, Alaun, Quecksilber, Kampfer, Weizenmehl, Rotholz, -pulverisierte Cyclamenwurzeln (_panis porciuso_) wurden zu Schminken -verarbeitet. Wer die Fabrikation der Schminke scheute, der konnte sie -von einem wandernden Krämer erstehen. - - »Krämer gip die varwe mir, - Di min wengel röte« - -bittet eine Ritterdame einen dieser Hausierer.[8] - -[8] Christi Leiden in Fundgruben II., 247. - -Im Nibelungenlied wird rühmend hervorgehoben, dass sich am Hofe des -Markgrafen Rüdigers in Bechelaren keine »gevelschet« Frauen fanden, -woraus dieses Vorkommnis als Ausnahmefall, der besonderer Erwähnung -verdient, erkannt wird. Wie allgemein die Unsitte des Schminkens -verbreitet war, geht schon daraus hervor, dass sich selbst um 1170 die -Bäuerinnen »vremde varwe« ins Gesicht schmierten, um den Töchtern -vornehmer Leute zu gleichen.[9] Auch die Herren der Schöpfung mögen -bisweilen zum Schminktopfe gegriffen haben, was aber nicht zur -Erhöhung ihres Ansehens beitrug.[10] - -[9] Weinhold a. a. O. II. 311. - -[10] Schultz, Höfisches Leben, S. 290. - -Bruder Berthold von Regensburg erklärt diesen »Färberinnen« und -»Gilberinnen«, d. i. denen, die sich das Haar blond beizen, den Krieg, -indem er ihnen von der Kanzel herab die Worte in das Gesicht -schleudert: »Die Gemalten und Gefärbten schämen sich ihres Antlitzes, -das Gott nach sich gebildet hat, und darum wird auch er sich ihrer -schämen und sie werfen in den Abgrund der Hölle!« Der Augustinermönch -Gottschalk Hallen zu Osnabrück († 1481) sagt sogar den Nonnen nach, -dass sie sich die Gesichter anstreichen. Wie sich später die Damen -Gesicht und Körper zu korrigieren wussten, soll noch mitgeteilt -werden. - -Je weiter das Mittelalter sich seinem Übergange zur Neuzeit nähert, -desto derb-sinnlicher wird der Schönheitsbegriff, bis er endlich bei -einem Punkte angelangt ist, wo das Weib nur nach seiner Tauglichkeit -zur Sinnenlust beurteilt wird. - -Wenn Eberhard von Cersne einst allen Ernstes die Frage erörterte und -Zweifel darüber hegt, ob die obere oder die untere Hälfte der -Geliebten der bessere Teil sei[11], so entscheidet sich die unter dem -Zeichen des heiligen Grobianus stehende Zeit für den unteren Teil. - -[11] Minneregel, edd. Weber, Vers 1019-1274. - -Albrecht von Eyb, noch der Züchtigsten einer, citiert: »Es schreibt -Plautus, dass eine hübsche nackende Frau sey hübscher, denn sie ist -mit Purpur gekleidt.« Trotzdem weiss dieser gelehrte Humanist -(1420-1475) die Sittsamkeit der Frauen zu schätzen, denn sein -Schönheitsideal ist: »Ugolinus schreibt, dass die als eine hübsche -Frau werd angesehen, die da hübsch ist und geziert, von Haupt -wohlgestalt, eines fröhlichen Anblicks, von kleinen subtilen Gliedern -und schmalen Leibs, weiss als Milch und mürb als ein Hühnle, dass du -sie mit einem Nagel des Fingers schneiden magst, und ist züchtig und -schimpflich (scherzhaft) und schämig, und ist eines sittigen Gangs und -guter Sitten und ist mit Tugenden wohl geziert. Dieselbig Frau -übertrifft weit die Hübsche der Venus und ist zu preisen.«[12] - -[12] Albr. von Eyb, Von der Schöne und Ungestalt der Frauen, bei -Scheible, Das Schaltjahr, II. 139. - -In dieser Schilderung zeigt sich der von den Klassikern gebildete -Geist. Wo dieser fehlt, setzte man sich aus den, den Schönen der -verschiedensten Gegenden nachgerühmten Vollkommenheiten ein Ideal -zusammen, bei dem man selbst die intimsten Intimitäten nicht übersah. -Eine der zahmsten Beschreibungen dieser Art ist nachstehende Priamel: - - »Ein Weib nach Hübschheit als ich sag, - Müsst haben eines Weibs Haupt von Prag - Ein Büschlein von einer aus Frankreich - Und zwei Brüstlein von Oesterreich, - Ein Kehl und Rücken von Brabant, - Von Kölner Weibern die weisse Hand, - Zwei Füsslein dort her vom Rhein - Von Baiern soll'n die Sitten sein - Und die Red dort her von Schwaben - So thäten sie die Frauen begaben.«[13] - -[13] Eschenburgs Denkmäler, Bremen 1799, S. 397. - -In einem ähnlichen Verschen wird die Frauenschönheit in -»fünfunddreissig Schönheitsstuck eines hübschen Jungfräuleins im -Hochzeitswald« also zerlegt: - - »Drei weiss, drei schwarz, drei rothe Stück - Drei lang, drei kurze und drei dick, - Drei lang, drei kleine und drei enge, - Und sonsten rechte Breit und Länge, - Den Kopf von Prag, die Füss vom Rhein, - Die Brüst aus Oesterreich von Krain (Chrein) - Aus Frankreich den gewölbten Bauch, - Aus Baierland das Büschlein rauch, - Rücken aus Brabant, Händ aus Cöln, - Den A .... aus Schwaben küsst ihr Gselln.« - -Weitere Schilderungen, so eine im Liederbuch der Hätzlerin und in den -Facetien Bebels[14] gehen #noch# mehr ins Detail, wie die angeführten, -darum verzeiht man mir wohl, wenn ich sie mir schenke. Weniger -drastisch ist die Schilderung einer Frankfurter Jungfrau, deren Lob in -einem Ständchen erklang, das in der Johannisnacht 1471 von Adolph -Knoblauch, Philipp Ratzmann, Heirt Egerheim, Arnold Schwarzenberg, -Bernhard Rohrbach und Theobald Börlin vorgetragen wurde, »und hatten -ein lauten darin und ging also«: - -[14] Vulpius, Vorzeit III., S. 107. - - »#Feil rosenblümelein. - Nun wach uf schöne Jungfrau fein!# - Nun kommen wir gegangen † (zweimal) - Und werden schön empfangen † - In einer schönen Jungfrauen haus - Die hie züchtig geht ein und aus - Woltet ir uns nit kennen † - So woln wir uns euch nennen: - Wir nennen uns mit rechte † - Der schön jungfrauen knechte † - Ach schön jungfrau seit wohlgemut † - Und nembt den schimpf von uns vor gut. - Sie ist so gar on argelist † - An zucht und eren ir nit gebrist † - Sie ist auch aller tugend voll: † - Was sie tut, das ziembt ir wol: † - Sie ist so tugendlich und fein † - Und leucht recht als der sonnen schein. - Sie gleicht euch wol dem hellen Tag - Kein mensch ir lob, schön preisen mag - Man kann an leib, gut oder eren - Der immer zarten nit verberen (nicht von ihr lassen) † - Sie hat ein rosenfarben mund, † - Zwei wängelein fein zu aller stund, † - Sie hat ein schönes goltfarb haar, † - Zwei äugelein lauter und klar. † - Ir zähn sind weiss als helfen bein, - Zwei brüstlein die sind rund und klein, - Ir seiten die sind dünn und lang, † - Zwei händlein schmal und dazu blank, - Ir füsslein schlecht und nit zu breit. † - Der eren kron sie billich treit. † - Jungfrau geht wieder hin zu bett. † - Gott geb euch alls, das ir gern hätt; † - Dass euer glück und heil sich mere † - Das gonn euch gott in hohen eren...... - Feil rosenblümelein! - Nun schlafet schöne jungfrau fein.[15]« - -[15] Bernh. Rorbachs Liber gestorum, Frankfurt a/M., bei Schultz, D. -Leben, S. 422 ff. - -Um diesem Ideal möglichst nahe zu kommen, griff man schon um die Mitte -des zwölften Jahrhunderts zu den Gewaltmassregeln des Einschnürens. -Die heilige Elisabeth von Schönau (1156-57) liess dagegen schon -strenge Ermahnungen ergehen[16], die sich dann bis zum heutigen Tage -wiederholten. Zu Ende des 14. Jahrhunderts klagt ein Dichter: »Vor -Zeiten zwängte man Leib und Gewand nicht zusammen. Das hat sich jetzt -ganz verändert: die Frauen binden sich nun selbst an Leib und Armen. -Das möge Gott erbarmen, dass sich heute ein zartes Weib selbst den -hübschen Leib bindet, so dass sie sich nicht rühren kann, gleich dem, -als wäre sie in einen Sack gestossen und gebunden.«[17] - -[16] »Von den newen Sitten«, Keller, Erzählungen aus altdeutschen -Handschriften, S. 676. - -[17] Weinhold II., S. 262. - -Der österreichische Sittendichter Peter Suchenwirt, wirft den eitlen -Weibern vor, dass sie sich die Hüften mit Watte auspolsterten. -Dasselbe rügt das Gedicht »Das Teufels Netz«; sie schnüren sich, »das -sie enmitten werdind klain (schlank)«, und wenn sie hinten »als ain -brett« sind, machen sie sich doch gross und dick, und des Nachts -hängen sie dann derartige Turnüren zum Auslüften an die Stange. In -Thüringen waren um 1400 ähnliche Polsterungen Mode. - -Wo starke Brüste Mode waren, stopfte man sich die Brust aus, im -Gegenteile suchte man durch das enge Obergewand den Busen thunlichst -zu verkleinern. - -Falsche Zähne, falsches Gelock[18] und andere weibliche Falschheiten -waren üppigen Frauen längst nichts Neues mehr, desgleichen die -Schminke und ihre kunstvolle Verwendung: - -[18] Schultz, Höfisches Leben, S. 234 ff. - - »Habt ihr zu Haus auch dran gedacht, - Dass ihr das Kästchen mitgebracht, - Aus welchem ihr euch täglich putzt - Und zu dem Feiertag aufstutzt? - Das Büchslein liegt verschlossen drin, - Daraus ihr färbet euer Kinn - Und auch die Bäcklein farbig malt, - Auf dass ihr schön und zierlich strahlt; - Durch Schminke lasst die Haut ihr blitzen.« - -fragt Murner.[19] Und »er Angesichte vorwanschapen (verunstalten) se -mit Düvels drecke vnde Sathans specke, dat ydt glentzet, alse eme -gemalete Hilligen larwe« sagt der Rostocker Prediger Nikolaus Gryse in -seiner Laienbibel. - -[19] Narrenbeschwörung, XLIV. - - »Sie värwend och ir blaichen wang, - Daz si dert her gat glitzen, - Als obs us aim badgang switzen« - -steht im »Teufels Netz«. - -Selbstverständlich ist die Dame ängstlich besorgt, ihre -Toilettengeheimnisse nicht zu verraten: - - »Wescht, malt doby das angesicht, - Daruff hab acht ein yedes wib: - Die kunst domit sy ziert den lyb, - Das die dem mann nit kum zu henden; - Sie möcht sich selber domit schenden. - Nit strel, nit zwag, nit richt dyn har, - Das solchs ein man sehe offenbar. - Du möchst im sunst missfallen gar.«[20] - -[20] Schultz, D. L., S. 365. - - - - -Die Kleidung. - - -Die Kleidung der Germanen war einfach und rauh wie ihre Heimat und -ihre Lebensweise. Wie Pomponius Mela berichtet, gingen die Knaben bis -zur vollendeten Reife selbst in der grössten Kälte nackt umher; -nachdem sie erwachsen sind, bedienten sie sich nur eines wollenen, -viereckigen Schulterumhangs oder einer aus Bast geflochtenen Decke. -Cäsar[1] gibt an, die Germanen trugen ein kurzes Gewand aus -Tierfellen, das einen grossen Teil des Körpers unbedeckt lasse. -Ausführlicher ist Tacitus.[2] Er schreibt: »Die allgemeine Tracht ist -ein Mantel, der mit einer Spange oder in deren Ermangelung mit einem -Dorn zusammengehalten ist. So bringen sie, ohne weitere Bekleidung, -den ganzen Tag am Herdfeuer zu. Nur die Wohlhabendsten tragen ein -besonderes Gewand, das nicht wallend, wie das sarmatische und -persische, sondern eng anliegend ist und jeden Körperteil hervortreten -lässt. Auch Tierfelle tragen sie; die in der Nähe des Rheins ohne -weitere Auswahl, die weiter im Innern mehr auserlesene, da kein -Handelsverkehr ihnen anderen Schmuck liefert. Sie suchen daher die -verschiedenen Tierarten aus und verbrämen deren Fell noch mit den -gefleckten Pelzen gewisser Tiere, die vom nördlichen Ozean und -unbekannten Küsten kommen. Das Weib hat keine andere Tracht wie der -Mann, nur kleidet es sich häufiger in leinene mit Purpurstreifen -verzierte Gewänder. Diese haben keine Ärmel, so dass Schultern, Arme -und ein Teil der Brust unbedeckt bleiben.« Strabo ergänzt dieses Bild -durch die Schilderung von Priesterinnen der Cimbrer dahin: »Unter den -mit ins Feld gezogenen Weibern befanden sich auch altersgraue, -wahrsagende Priesterinnen, in weissen Gewändern, deren Oberkleid, aus -feinem Flachs, mit einer Schnalle befestigt war, mit ehernem Gürtel -und nackten Füssen.«[3] - -[1] De bello Gallico IV., 1, VI., 21. - -[2] Germania, 17. - -[3] Geographie, VII. Buch, 2. Kap. - -Da bald nach der ersten Berührung mit den Römern die Männer sich eng -anliegende Hosen zulegten, auch die Frauen ihre Oberkleider immer -höher dem Halse zu emporsteigen liessen, so machte die altgermanische -Kleidung einen durchaus ästhetischen Eindruck, an dem selbst ein -Splitterrichter nichts auszusetzen gehabt hätte. Im frühen Mittelalter -bis zum elften Jahrhundert zeichnete sich die Gewandung durch kostbare -Stoffe in reichen Farben aus, über deren Pracht wohl hie und da eine -Stimme, sogar im Jahre 808 die erste der »Kleiderverordnungen«, laut -wird, nicht aber über den Schnitt. - -Erst im elften Jahrhundert erregte die Enge der Frauenkleidung, die die -Körperformen weit plastischer hervortreten liess als die bisherige, -vom Oberkörper niederwallende, als leichtfertig und schamlos den Zorn -der Geistlichkeit. Ein Anzug eines jungen Mädchens dieser Zeit würde -auch heute nicht ganz einwandfrei passieren können. »Die Dame trägt -ein dunkelblaues, mit roten Ringornamenten gewirktes Oberkleid, das -bis auf die Oberschenkeln reicht. Das weisse Unterkleid ist von hier -an ausgeschnitten und fällt zurück. Man sieht daher die mit roten -Langstrümpfen bekleideten Beine, an denen eine Reihe weisser Knöpfe -hinunterläuft. Das Oberkleid hat um die Taille und am unteren Ende -einen breiten goldenen Bortenbesatz, am Halse einen mennigfarbenen. Die -Ärmel sind eng.«[4] - -[4] von Hefner-Alteneck, Trachten I., 120, Tafel 90. - -Die Bestandteile der Kleidung waren ein mehr oder weniger feines, -selbst seidenes und goldgesticktes Hemd, darüber der Rock, den um die -Taille ein Gürtel oder Riemen zusammenhielt und je nach der Jahreszeit -ein gefütterter Mantel. Die Füsse deckten genähte Strümpfe. Sonst gab -es keine Unterkleider, wenigstens waren sie nicht allgemein. Nur zu -starke Busen wurden durch ein Tuch unter dem Kleide zusammengehalten. -Bei den Bäuerinnen wird wohl das Mieder -- muoder -- den gleichen -Zweck erfüllt haben. - -Die Männerkleidung jener Epoche bietet für unsere Zwecke nichts -Bemerkenswertes. Erwähnt zu werden verdient nur, dass Männer mit -Frauen in der Kostbarkeit fremdländischer Stoffe wetteiferten, wogegen -Luxusgesetze nichts auszurichten vermochten, geschweige denn -Predigten, wie sie Berthold von Regensburg hielt. - -Das 14. Jahrhundert schuf einen jähen Modenwechsel. Die Männerkleider -gestalteten sich zur engen Hose, bei der man das Gesäss und jede -Muskel deutlich sah, und dem immer bizarrer werdenden Wamse um, das -immer kürzer wurde, bis es kaum eine Spanne unter den Gürtel reichte. -Man teilte es in zwei andersfarbige und anders gemusterte Hälften, wie -man auch zuweilen die Hosen aus zwei verschieden gefärbten Beinteilen -zusammensetzte. An den Füssen trug man die unschönen langen -Schnabelschuhe. In der Speierer Kleiderordnung von 1356 wird den -Männern befohlen, die kurzen Wämser länger zu machen und die -Schnabelschuhe abzulegen. Die Kölner Synode von 1371 untersagt den -Klerikern dieses Schuhwerk. - -Von nun an häufen sich die Kleider- und Luxusordnungen in Stadt und -Land. Wie die Pilze nach dem Sommerregen schiessen sie empor und -jedes Nestchen im weiten deutschen Reich muss wie sein Frauenhaus -seine Kleiderordnungen haben, jene Äusserungen eines zopfigen -Windmühlenkampfes, denen schon beim Entstehen ihre Aussichtslosigkeit -prophezeit werden konnte. - -Besonders gegen die Frauen richtete sich der Tenor aller -Kleiderordnungen, besonders aber gegen einen Punkt, der fast allen -diesen Edikten gemeinsam ist -- die Dekolletage. - -Als die Pest, der schwarze Tod, seinen Würgezug beendet, bemächtigte -sich der Verschonten eine tolle Daseinslust, die nach den eben -durchlebten Zeiten des Grauens doppelt begreiflich erscheint. Der -Würgengel, dem Hekatomben zum Opfer gefallen, war an ihnen -vorübergegangen, wer wusste, ob er in seiner Unersättlichkeit nicht -auch sie noch dahinraffte, ehe sie ihr Leben genossen? Diese -Auffassung machte sich auf allen Gebieten des Lebens bemerkbar, am -markantesten aber in der Tracht, die die herrschende Leichtlebigkeit -wiederzuspiegeln begann. Der ernst gemessene Zuschnitt der Gewänder -veränderte sich allenthalben. Wurden die Beinkleider der Männer enger, -die Wämser bunter und kürzer, so verlängerten sich die Schleppen der -Damen, und was sie hinten an Länge zunahmen, das büssten sie an Hals -und Nacken ein. - -»Unde die Frauwen drugen wide heubtfinster (Kopffenster, -Halsausschnitte) also daz man ire broste binah halbe sach.«[5] Die -Speierer Kleiderordnung von 1356, eine der ersten Erlasse dieser Art, -richtet sich gegen diese »Houbetloch«, aus dem die Schultern (ahsseln) -so verführerisch hervorlugen, ohne dass der Kleiderausschnitt auf -den Achseln aufliegt, und ebenso geht es in allen den unzähligen -Edikten[6], von denen als Beispiel eine Strassburger Verordnung hier -angeführt sei. »Item daz keine frowe, were die ist, hinnanfür me sich -nit me schürtzen sol mit iren brüsten, weder mit hemeden noch gebrisen -röcken noch mit keinre ander gevengnüsse, und daz ouch kein frowe sich -nit me verwe und locke von totten har anhencken sülle. Und sunderliche, -daz houptloch sol sin daz man ir die brüste nit gesehen müge, wenne die -houptlöcher süllent sin nutz an die ahsseln.«[7] - -[5] Limburger Chronik, herausgeg. von Arthur Wyss, S. 38 ff. - -[6] Eine reiche Auswahl dieser Kleiderordnungen vom l4. Jahrhundert -bis zur Gegenwart enthalten die Kostümkunde von Weiss, S. 1426 ff., -und Schultz, Deutsches Leben, S. 302 ff. - -[7] Zeitschr. f. d. Kulturgesch. 1856, S. 367. - -Der Geistlichkeit waren derartige Verbote Wasser auf ihre Mühlen, sie -setzten in ihren Predigten immer noch Trümpfe auf, wie Murner, der -sich auch diesmal kein Blatt vor den Mund nimmt, sondern ungeschminkt -die Wahrheit sagt: - - Die Fraun der Scham entbehren thun. - So gross ward jetzund schlechte Zucht, - Dass man in #Blösse Zierde# sucht: - Man sieht ihnen mitten auf den Rücken - Und meisterhaft sie können schicken - Die Brüst' herfür, recht mit Behagen, - Die von Gestellen sind getragen; - Sie könnten sonst im Tuch ersticken. - »Mehr als die Hälfte lass' ich blicken, - Dass sie den Narren Lockung sei'n. - ›Lass ab‹, sag' ich, ›was soll das sein‹, - Wenn er die Brust will greifen an: - ›Was seid ihr für ein böser Mann!‹ - Ich sag's bei meiner Ehr' fürwahr, - So frech noch nie ein Mannsbild war!« - Dem Mann sie so zur Wehr sich stellt, - Als wenn dem Esel der Sack entfällt. - Ganz heimlich greift sie mit der Hand, - Indem sie leistet Widerstand, - Und hängt ganz still das Häkchen aus, - Damit der Milchmarkt fällt heraus.[8] - -[8] Narrenbeschw. 26. 44 ff. - -»Ich hort einist von eim Fürsten, der sprach zuo mir: »eintweders -unsere frawen lernen von den metzen ihr cleidung oder aber die metzen -lernen von unsern frawen die cleidung,« sagt Geiler in seinen -»Brösamlin«. Sie malten nach Murners Vorbild die Zuchtlosigkeit der -Kleidung recht schön deutlich aus und entliessen ihre Zuhörerschaft -zerknirscht, aber nicht gebessert. Narrheiten und Moden ist eben mit -Verboten nicht beizukommen, sie wirken ansteckend und müssen, wie -andere Epidemien auch, von selbst verlöschen. - -Wenn im Jahre 1461 der Eiferer Johannes Capistranus in dem ob der -Leichtfertigkeit seiner Weiber verschrienen Ulm -- »Huet dich vor -Ulmer wiben«, besagt eine Darmstädter Handschrift von 1410 -- die -Geister seiner Zuhörerschaft derart zu entflammen wusste, dass drei -Frauen, die des Predigers spotteten, vom Volke auf der Strasse -gelyncht wurden[9], so fand es doch der Rat für gut, den Störenfried -aus der Stadt zu weisen, denn genützt hätten seine Strafpredigten doch -nichts, wohl aber geschadet. - -[9] Jäger, Schwäbisches Städtewesen I., 509. - -Aber nicht allein Unschönes und Leichtfertiges, sondern direkt -Schamloses verlangte die Mode des 16. Jahrhunderts. Abgesehen von -Vorfällen wie 1503 in St. Gallen, wo der Rat verbieten musste, völlig -nackt in der Stadt und ihrem Weichbilde umherzugehen[10], die ich als -Ausnahme gelten lassen will, denn soweit verstieg sich denn doch die -Zuchtlosigkeit sehr selten, bleibt noch genug Schandbares, besonders -in der Männerkleidung, übrig. »Hinden plotz und vor verschamt,« -spottet Suchenwirt über das hinten möglichst anliegende, dafür vorn um -so weiter auslegende Beinkleid. Conrad Celtes, der berühmte Humanist -(† 1508) spricht sich in seiner »Descriptio Urbis Norinbergae« -(Beschreibung der Stadt Nürnberg) Kap. VI über diese Moden also aus: -Er schildert erst, dass die Leute meist in schwarz nach der Mode -verschiedener Länder gekleidet seien und fährt dann fort: Bald in -weiten, faltenreichen Kleidern nach Art der Sarmaten, eine Binde -umgiebt den Kopf und es hängen am Körper Pelze; bald vertauschen sie -die heimische Tracht gegen Hasuken von Ungarn, (cuculli) von Italien, -bald ziehen sie nach Art der Franzosen mit Borten besetzte Mäntel und -Röcke mit Ärmel, #bald pressen sie den Körper aufs knappste in enge -Hosen und Unterkleider, so dass alle Formen des Leibes sich scharf -ausprägen# .... - -[10] Ratsprotokoll der Stadt St. Gallen vom Zinstag vor Corpus Christi -1503, bei Scherr. - -Die das Bein wie ein Trikot umschliessenden Beinlinge konnten, um dem -Träger das Bücken nicht unmöglich zu machen, nur einseitig befestigt -werden, wodurch sie meist hinten hinabrutschten, was allein schon -Anlass zu Ärgernis gab. Doch der ewige Stein des Anstosses waren die -Hosenlätze. Um das unbequeme Auftressen der Hose zu verhindern, setzte -man auf den Vorderteil des Beinkleides einen Latz auf, was an sich -vielleicht unschön, aber nicht verwerflich gewesen wäre, wenn die -Modelaune nicht verlangt hätte, die Aufmerksamkeit auf diesen -diskretesten Teil der Kleidung gewaltsam hinzulenken. - -Man suchte diesen Zweck auf verschiedene Weise zu erreichen. Entweder -fertigte man den Latz in einer anderen Farbe an, als die Hose selbst -hatte, wodurch der Latz um so auffallender wurde, besonders dann, wenn -die einzelnen Beinlinge ohnehin schon in mi-parti, d. h. in zweierlei -Farben angefertigt waren. Oder man stopfte den Latz derart aus, dass -er weit aus der Hose hervorstand, so dass Joh. Fischart von -Ochsenköpfen-, Hundsfidelbogen-, Schneckenhäuslein- u. s. w. Lätzen -reden konnte und ein Fliegendes Blatt 1555[11] sagt: »Ein Latz muss -sein darneben, wol eines Kalbskopfs gross.« Der Nürnberger Rat rügte -dies mit derben Worten, die erkennen lassen, dass diese Latzarten -ebenso verschiedenartig wie gemein waren. »Wann auch von ettlichen -mannspersonen eyn unzüchtige schanndbare übung und gewonhait -entstannden ist, also das sie ire letz an den hosen on notturfft -grössen lassen und dieselben an tenntzen und anderhalben vor erbarn -frowen und junckfrowen unverschawmbt ploss und umbedeckt tragen, das -dann nit alleyn Got, sonnder auch erberkeyt und manlicher Zucht wider -und unzymlich ist, demnach ist ein erber rat daran komen, vestigclich -gebiettennde, das hinfüro eyn yedes mannspilde, burger oder inwoner -dieser statt, seinen latz an den hosen nyt bloss, unbedeckt, offenn -oder sichtigclich dragen, sonnder alle seine cleyder dermassen machen -lassen und geprawchen soll, damit sein scham und latz der hosen wol -bedeckt unnd nit ploss gesehenn werde. Dann wellicher sich also damit -entplosset und desshalb gerügt oder fürbracht wurde, und sich das mit -seinem rechten nit benemen möcht, der solle darumb von eyner yeden -überfaren fardt eynes yeden tags oder nachts gemayner statt zu puss -verfallen sein und geben drey guldin.«[12] - -[11] Uhland, Altdeutsche Volkslieder, S. 525. - -[12] Bader, Polizeiordnungen, S. 105. - -Eine Strassburger Verordnung vom 8. August 1480 befiehlt allen -»snydern, meistern und knechten bei iren eiden« hinfüro keine kurzen -Mäntel mehr zu machen, die den Latz nicht bedecken, »doch mögent sie -es eym jeglichen wol lange machen.«[13] - -[13] J. Brucker a. a. O. S. 462; Strassburger Zunft- und -Polizeiordnungen, Strassb. 1889. - -Selbstverständlich konnte auch die Geistlichkeit diese Mode nicht -ungerügt lassen. »Ich hab hören einen Mönch predigen, einen Bruder aus -der Observanz: als dieser verdammt und heftig red'te wider den -Überfluss der Kleider und wider den unverschamten Form, der daran und -darin gemacht würd', beschloss er zuletzt auf #die# Weis mit solchen -Worten: Die Buhler in unserer stadt sie strecken ihre Lätz, so weit -aus den Hosen herfür, verwickelns auch und verstopfens mit so viel -Tüchlein, dass, so die Metzen wähnen, es seind Zumpen, so sind es -Lumpen.«[14] - -[14] Scheible, Schaltjahr III. S. 624 und Bebelii facetiae (Argentine -1509) i. iiij b. - -Aber weder die Obrigkeit noch die Kleriker konnten diesen Moden etwas -anhaben, sie bestanden allen Widersachern zum Trotz ruhig fort, ohne -sich viel um Edikte und Schmähungen zu kümmern. Männer und Frauen -blieben gleich kühl und thaten, was ihnen gefiel. Dies beweist -schlagend folgende Notiz in der Eurisheimer Chronik[15]: »Anno 1492 -was der Hoffart so viel, dass man weder geschrieben noch gelesen fand. -dan man trug selzame Kleider, besonders die mann, von vielen farben -und stückern, von flammen, bäumen, von asten, laubern und von -buchstaben, das ist in warheit war, dass man wol ein wammest und -hossen fand, das so viel stück hät, als tag im jahr sind. Und kost ein -kleid alweg zweymal so viel zu machen, als das tuch dazu. Und trug das -jung volck röck, die giengen mit mehr dann eyner hand breyt under dem -gürtel, und sach man ihm die bruch -- kurze Unterhose -- hinten und -vornen und was so scharf gemacht, das im die hosen die arsskerb -austheilten, das was ein hübsch ding, und hatten zullen vor ihn gross -und spitz voraus gohn, und man einer vor dem tisch stund, so lag ihm -die zull auf dem tisch. Also gieng man vor Kaiser, König, Fürsten und -herren und für ehrbare frauen. Und gieng es so schandbar zu unter -frauen und mannen, dass es gott leyd was. Die #frauen# trugen röck, -dass man ihnen die ditlen (Brüste) sah vornen in den Bussen und hinten -mitten in rücken, und köstlich von tuch und um das hauptloch und ermel -was von seiten belegt« u. s. w. - -[15] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, Jahrg. 1857 S. 380. - -Gleich scharf geht Sebastian Brant in seinem 1494 erschienenen -Narrenschiff gegen die Modethorheiten ins Gericht. - - »Auch Mädchen haben Narrenröcke; - Sie wollen jetzt tragen offenbar - Was sonst für #Männer# schändlich war: - Spitze Schuh' und ausgeschnittne Röcke, - Dass man den Milchmarkt nicht bedecke; - Sie wickeln viel Lappen in die Zöpfe - Und machen Hörner auf die Köpfe, - Wie sie sonst trägt ein mächt'ger Stier; - Sie gehn einher wie die wilden Thier'.«[16] - -[16] Vorrede zum Narrenschiff. - -heisst es über die Frauen, dann wieder mit edler Unparteilichkeit vom -stärkeren Geschlecht und seiner Gigerlhaftigheit: - - »Was sonst wol war ein schändlich Ding, - Das schätzt man schlicht jetzt und gering: - Sonst trug mit Ehren man den Bart, - Jetzt lernen Männer Weiberart - Und schmieren sich mit Affenschmalz - Und lassen am entblössten Hals - Viel Ring' und goldne Ketten sehn, - Als sollten sie vor Lienhart stehn. - Mit Schwefel und Harz pufft man die Haar' - Und schlägt darein dann Eierklar, - Dass es im Schüsselkorb' werd' kraus. - #Der# hängt den Kopf zum Fenster 'raus, - #Der# bleicht das Haar mit Sonn' und Feuer. - Darunter sind die Läus nicht theuer. - Die können es jetzt wol aushalten, - Denn alle Kleider sind voll Falten: - So Rock wie Mantel, Hemd wie Schuh, - Pantoffel, Stiefel, Hos' dazu, - Wildschur und die Verbrämung d'ran: - Der #Juden# Sitt' man sehen kann. - Vor #einer# Mod' die #andre# weicht, - Das zeigt, wie unser Sinn ist leicht - Und wandelbar zu aller Schande, - Und wieviel Neuerung ist im Lande. - Der Rock, -- wie kurz und wie beschnitten! -- - Reicht kaum bis zu des Leibes Mitten! - Pfui Schande deutscher Nation, - Dass man entblösst, der Zucht zum Hohn, - Und zeigt, was die Natur verhehlt! - Drum ist es leider schlecht bestellt......«[17] - -[17] IV von nuwen Funden (von neuen Moden). - -Geiler von Kaisersberg kommentiert in seinen Predigten über das -Narrenschiff diesen Text in seiner geistvollen Weise, wobei er aber -manches von Brant nur Angedeutete mit Behagen breittritt. Er spricht -von den zerschnittenen und zerstochenen Wämsern, die vorn so offen -sind, »das man mannen und frauen in busen sehen kann, den brustkernen, -het schier gesagt: den brusthurenspiegel.« Geiler resümiert ferner in -seiner Predigt »Von Kauffmanschatz« (1517, fol. 95b) alle nützen wie -unnützen Zierden, mit denen sich die Frauen zu verschönern suchen: Für -unnütz hält er: 1. har büffen (Püffe, Toupées), das har krauss machen; -2. Halsbänder; 3. Spangen von den Frauen an der Brust getragen; 4. -Stirnschmuck, »do sein etwa berlin (Perlen?) yn gefasst oder ander -edelgestein«; 5. Armzierden, als gestickte Ärmel, die sie auf den -Achseln tragen, »und silbrin steffzen an den menteln; 6. Ohrringe, -»als die Zyginer tragen«; 7. die langen schwentz an den Röcken und an -den menteln«; 8. Die Umschläge oben am Halse, »das letz an den -mussecken (Brüsten) muss herussgon«; 9. Die stumpfen und die spitzen -Schuhe; 10. Die Knöpfe an solchen Stellen, die keiner Knöpfe bedürfen; -11. Die zerhauenen Kleider, »wenn sie sie da tragen zerschnitten und -zerhacket«[18]; 12. »#So sind es die zoepff, die die frawen machen, -da kein oder wenig har ist, und nemen frembd har und ist etwann -todten har#, das sie darzu binden und muoss dan herfür gon, das man -es sehe und man wen (man wähne), sie haben hübsch har; 13. #Die die -in das bücksslin blosen, das sie ein ferblin empfahen# (d. h. die -sich schminken, um bessere Farbe zu bekommen); 14. #Die Säcke, die -sie um sich gürten.# Wenn die #Frauen# mager sind, so nehmen sie -einen Sack oder grobes, dickes Tuch, »ist etwann mit baumwollen -gefült«, das binden sie um sich, um dick zu erscheinen, wie ein -»brotbeckerknecht«.[19] - -[18] Bernhard Freydiger in seinem »Lebenslauf Herzog Heinrichs von -Sachsen«, mitgeteilt von Vulpius, Curiositäten II. 336, erzählt von -der Braut des Herzogs, die er 1512 gesehen, dass sie ein aus etlichen -hundert Stücken zusammengesetztes Kleid angehabt habe. Die Hauptfarbe -der Seidenflicken war rot und gelb, mit zwischengesetzten Lappen in -»Rosinfarbe, Aschfarbe und Weiss«. - -[19] Diese Säcke, der sogenannte #Speck#, war ein bis fünfundzwanzig -Pfund schwerer Wulst, der die Frauen aussehen machte, als ob sie sich -in anderen Umständen befänden. Dr. Rud. Schultze, Die Modenarrheiten, -S. 54. - -Doch was waren alle diese Ausfälle gegen die Verbissenheit, mit -welcher protestantische Theologen, allen voran der Oberpfarrer in -Frankfurt a. O., D. Andreas Musculus, gegen den aus den Niederlanden -gekommenen Hosenteufel zu Felde zogen, gegen die schamlosen, -geschlitzten, unförmigen, geschmacklosen Pluderhosen, zu denen bis zu -hundertdreissig Ellen Zeug verschnitten werden musste. Zu welchen -Verwünschungen verstieg sich nicht der gelahrte Mann in seinem »Vom -zuluderten, zucht und ehrerwegenen, pludrichten Hosen Teuffel -Vermahnung und Warnung«. Es wäre kein Wunder, wenn die Sonne nicht -mehr schiene, die Erde nicht mehr trüge, und Gott in den nächsten -Tagen wegen dieser greulichen und unmenschlichen Kleidung -dreinschlüge; solche Bosheit werde zweifelsohne den jüngsten Tag -herbeiführen u. s. w. ad infinitum mit Grazie, bis sich diese -Hosenmode als Verbrechen gegen jedes einzelne der zehn Gebote erwiesen -hatte. Kurfürst Joachim II. von Brandenburg unterstützte seines -Lieblings Musculus' Bemühungen gegen die Pluderhosen durch Gewaltakte, -so indem er drei Bürgersöhne mit solchen Ungetümen in einen -Narrenkasten stecken liess, vor dem Tag und Nacht ein Musikant seine -Weisen ertönen lassen musste zur Anlockung von Neugierigen. Einmal -liess er einem Gecken auf offener Strasse die Gurten durchschneiden, -so dass die Zeugmassen zur Erde niederrauschten und der arme Modeherr -im blossen Hemde dastand.[20] - -[20] Streckfuss, 500 Jahre Berliner Geschichte, S. 141 ff. - -Derartige Derbheiten erregten Furcht und Unwillen, genügten aber -nicht, die nun einmal für schön gehaltene Tracht auszurotten, -ebensowenig wie dies die Kleiderordnungen vermochten. Alle diese -Massregeln krankten daran, dass sie sich gegen einen der Hauptfaktoren -im menschlichen Dasein, gegen die Eitelkeit richteten und sich dadurch -die Feindschaft des mächtigsten aller Geschöpfe, der Frau, zuzogen. -Was die Frau will, will Gott, und die Frau ist nun einmal zu allen -Zeiten und bei allen Völkern der Göttin Mode allzeit unterthänigste -Dienerin. Vernunftgründe und Strafen haben niemals auf die Dauer den -Willen der in solchen Fällen einmütig zusammenstehenden Frauen zu -beugen vermocht; der Vernunft setzten sie weiblich schlau -ausgeklügelte Gegengründe, der Gewalt Trotz entgegen. Darum griffen -gestrenge Ratsherren, wenn alle hochtönenden Verwarnungen unbeherzigt -zu verhallen drohten und sie den Kampf gegen die Weiblichkeit, zu der -ja auch ihre Frauen und Töchter gehörten, nicht bis aufs Messer -durchführen wollten, zu jenem jesuitischen Auskunftsmittel, das ich -schon (S. 116) anführte, indem sie den Auswurf der mittelalterlichen -Gesellschaft -- Bordellmädchen, Henkersfrauen und -töchter, -Pfaffendirnen und Jüdinnen -- zwangen, die Missfallen erregenden Moden -anzulegen und sie dadurch für jede ehrbare Frau unmöglich zu machen. -Wenn aber auch dieses letzte Mittel nichts half, dann warfen die -Herren die Flinte ins Korn und liessen die Mode Mode sein, bis sie von -selbst durch eine andere, vielleicht noch unschönere, ersetzt wurde. -Dann begann die ganze Geschichte wieder von vorn. - - - - -Liebeszauber und Zauberliebe. - - -Der Aberglauben, nach Bodenstedt der Glauben ohne Aber, hat alle -Wandlungen und Fortschritte der Kultur zu überstehen vermocht. In -seinen Uranfängen so alt wie die Menschheit und älter als die -Religion, aus deren Vorläufer er zu ihrem unzertrennlichen Begleiter -wurde, spukt er noch heute mit ebenso ungeschwächter Kraft, wenn auch -mancher allzu krasser Auswüchse beraubt, wie er es vormals gethan, wo -er alle Handlungen der Menschheit beeinflussend, selbst die hellsten -Köpfe in seinem unheilvollen Banne hielt. - -Wenn Goethe einmal den Aberglauben die Poesie des Lebens nannte, so -hat er, als er diesen geistvollen Ausspruch that, jene Wahnbilder des -Aberglaubens vergessen, denen das Mittelalter jene zu Abertausenden -aufflammenden Scheiterhaufen errichtete, die unzähligen Unschuldigen -oder in unglückseliger Verblendung verfallenen zum grauenvollen Grabe -wurden, darum auch setzte er der erstgenannten Sentenz seine -Definition des Aberglaubens entgegen, die alles umfasst, was sich über -diese Wahngebilde nur sagen lasst. »Der Aberglauben lässt sich -Zauberstricken vergleichen, die sich immer stärker zusammenziehen, je -mehr man sich gegen sie sträubt. Die hellste Zeit ist nicht vor ihm -sicher: trifft er aber ein dunkles Jahrhundert, so strebt des armen -Menschen umwölkter Sinn alsbald nach dem Unmöglichen, nach Einwirkung -ins Geisterreich, in die Ferne, in die Zukunft; es bildet sich eine -wundersame reiche Welt, von einem trüben Dunstkreise umgeben. Auf -ganzen Jahrhunderten lasten solche Übel und werden immer dichter und -dichter; die Einbildungskraft brütet über einer wüsten Sinnlichkeit. -Die Vernunft scheint zu ihrem göttlichen Ursprunge gleich Asträa -zurückgekehrt zu sein, und der Verstand verzweifelt, da ihm nicht -gelingt, seine Rechte durchzusetzen.« Wenn Brunnenhofer das Feld -des Aberglaubens in vier Gebiete einteilt: das naive, das komische, -das tragikomische und das tragische[1], so ziehe ich die einfache -Zweiteilung in gefährlichen und ungefährlichen Aberglauben vor. Wenn, -um Beispiele aus der Gegenwart zu nehmen, jemand an die Unglückszahl -Dreizehn glaubt, so ist dies dem Gläubigen und seinen Nebenmenschen -in keiner Weise unheildrohend; wenn aber, wie dies leider nur zu -häufig der Fall ist, jemand noch Stein und Bein auf das Beschreien -und den bösen Blick schwört, so kann dies dem, angeblich mit dem -bösen Blick Behafteten gar leicht gefährlich werden, wie viele -Gerichtsverhandlungen aus ultramontanen Gegenden zur Genüge darthun. -Hingegen wird ein ursprünglich naiver Aberglauben, denn naiv ist eben -anfänglich jeder Aberglauben, sehr leicht auf seiner abschüssigen Bahn, -die alle vier Stationen Brunnenhofers berührt, zu einem tragischen. -Und so ging es fast jedem Aberglauben des Mittelalters, wenn ein -Nebenmensch mit diesem Afterglauben in Verbindung gebracht wurde, was -vorzugsweise dann der Fall war, wenn der Aberglauben eines seiner -beiden Hauptfelder betraf: jemandem zu schaden, oder ihn sich geneigt -zu machen, oder, mit anderen Worten, wenn er dem Hass oder der Liebe -Dienste leisten sollte. Da die Liebe in ihrer Entstehung und ihrer -Wirkung etwas Zauberhaftes an sich hat, so war für alle jene Epochen, -die blindlings an den Zaubereinfluss auf Leib und Seele schworen, die -Annahme eines Liebeszaubers ziemlich naheliegend. Bei den meisten -Völkern des Altertums ist demnach auch der Glauben an zauberische -Mittel verbreitet, durch die man Liebe erwecken kann. - -[1] Dr. Herm. Brunnenhofer, Culturwandel und Völkerverkehr, S. 103 ff. - -Das babylonische Mädchen, das am Kreuzweg des Mannes harrte, dem sie -sich zu Ehren der Göttin Mylitta hingeben musste, räucherte mit Liebe -schaffender Kleie[2]; die Römer erzeugten Philtra aus Hippomanes, -Teilen des Vogels Jynx, des Wendehals, und anderen mehr oder weniger -ekelhaften animalischen Ingredienzien, in deren genauer Zusammensetzung -besonders die thessalischen Weiber sehr erfahren waren. - -[2] Baruch 6, 42. 43. - -Aus dem skandinavischen Norden kamen jene Runenstäbe nach dem -stammesverwandten Germanien, in die der zauberkundige Liebhaber -geheimnisvolle Zeichen eingekerbt, um durch sie das Herz der spröden -Geliebten sich zuzuwenden. Doch auch Tränke zu brauen verstanden jene -Weiber, die abseits von den anderen Gaugenossen im Waldesdüster ihr -Dasein verträumten, mit Odins geheiligtem Tiere, dem Raben, als -einzigen Gefährten. Mit Zaubersprüchen, Liedern und Runen wussten sie -die Gemische aus Kräutern und Tierbestandteilen zu segnen und wirksam -zu machen.[3] Man küsste die Geliebte, denn im Kusse lag ein -allmächtiger Zauber[4], ehedem wie heute, und wer dieser Macht nicht -traute, verbarg beim Kusse ein Zauberkraut im Munde.[5] - -[3] Weinhold a. a. O. I. 236. - -[4] Grimm, Mythologie, 1055. - -[5] Nithart von Reuenthal, Lieder, 17. 30. - -Im Verlaufe des Mittelalters bildete sich die Bereitung von -Liebesmitteln zu einer Geheimwissenschaft aus, die den leitenden -Grundsatz aufstellte, dass man auf zweierlei Wege, durch Arcana und -auf sympathetische Weise, Liebe erwecken könne. - -Die Medikamente bestanden vornehmlich aus den abscheulichsten Teilen -von Tieren, Testikeln des Wolfes oder des Hasen, beziehungsweise, wenn -einer Frau Gegenliebe octroyiert werden sollte, den Geschlechtsteilen -einer Wölfin oder Häsin, nebst Tierhaaren und Exkrementen. Doch alle -diese Mittel, auch wenn sie noch so ekelhafte Gliedmassen verwendeten, -sind lieblich zu nennen im Gegensatze zu den meistverwendeten -Medikamenten der Liebestränke, die vom Menschen selbst genommen -wurden. Zu den harmlosesten Dingen dieser Art zählt noch die -vielgebrauchte Frauenmilch. Eine lustige Geschichte über den Zauber -durch Frauenmilch entnimmt Harsdörfer[6] dem Diarium des Andreas -Ratisponensis, das sie, als im Jahre 1424 passiert, vermerkt: »In der -obern Pfalz hat sich wie landkundig zugetragen, dass ein Pfaff sich in -eine ehrliche Bürgersfrau verliebt, und da sie in dem Kindbett -gelegen, von ihrer Magd, der er etliche Dukaten geschenkt, etlich -Tropfen von der Frauenmilch begehrt. Die gab ihm aber Geissenmilch. -Was er damit gethan, ist unbewusst, das aber hat er erfahren, dass ihm -die Geiss in die Kirch bis vor den Altar und bis auf den Predigtstuhl -nachgelaufen, was die Frau zweifelsohne hätte thun müssen, so er ihre -Milch zuwegen gebracht. Er konnte des Tiers nicht ledig werden, bis er -es kaufte und schlachten liess.« - -[6] »Schauplatz lust- und lehrreicher Geschichten«, 1653. - -Eine tiefe Gläubigkeit an die Wirksamkeit dieses Liebesmittels drückte -sich in Harsdörfers Vortrag aus, und ebensowenig wie dieses geistvolle -Mitglied der »Fruchtbringenden Gesellschaft«, hegt irgend ein anderer -seiner Zeitgenossen zu Ausgang des 17. Jahrhunderts irgend einen -Zweifel an Liebestränken und Liebesbissen, über deren ekelhafteste -Zuthaten ich einen anderen berichten lassen will. Chr. von Hellwig, -der unter dem Pseudonym Valentin Kräutermann ein von Borniertheiten -strotzendes Buch von Heilmitteln herausgab[7], von dem Scheible in -Stuttgart einen Neudruck veranstaltete, schreibt: »Zu magischen und -teuflischen Liebesmitteln gebrauchen Zauberer und Zauberinnen teils -allerhand Worte, Zeichen, Murmelungen, Wachsbilder u. dergl., teils -brauchen sie die abgeschnittenen Nägel, ein Stückchen Tuch von der -Kleidung oder sonst etwas von der Person, welches sie vergraben, es -sei nun unter die Thüre oder eine andere Schwelle. Huren und -dergleichen Gesindel, erwählen zwar auch natürliche Dinge aus allen -drei Naturreichen; sie bedienen sich ihrer monatlichen Blume, des -Mannes Samen, Nachgeburten, Milch, Schweiss, Urin, Speichel, Haar, -Nägel, Nabelschnur, Gehirn von einer Quappe oder Aalraupen, welch -letztere hierin vor ein Spezificum gehalten wird die Liebe zu -erwecken.« Das Register hat ein Loch, denn Kräutermann hat eine -Ingredienz vergessen -- den Kot der Liebsten.[8] - -[7] Der curieuse Zauberarzt, wie man alle Artzneyen verfertigen auch -per sympathiam, et antipathiam, transplantationem, amuleta et magiam -naturalem od. vermeynte Hexerey die vornehmsten Kranckheiten curiren -könne. Frankfurt a. M. 1725. - -[8] Paullinus a. a. O. I. S. 344. - -Um Liebe auf sympathetische Weise zu erwecken, gab es in jeder -Landschaft Deutschlands andere Mittel, deren Aufzeichnung einen viele -hundert Seiten starken tragikomischen Beitrag zur Geschichte der -menschlichen Narrheit bilden würde. - -In der Frühzeit zeichneten sich neben den alten Weibern, die ihre -vermeintliche Wunderkraft meist auf dem Scheiterhaufen büssten, die -fahrenden Schüler als Zauberer aus. - - »Mit wunderlichen sachen - Ler ich sie denne machen - Von wachs einen kobold - Wil sie, daz er ir werde hold - Und teuf es in den brunnen - Und leg in an die sunnen - Und heiz widereins (rückwärts) - Umb die kuchen gan.«[9] - -[9] »Von einem fahrenden Schüler.« Altdeutsche Wälder, II. 55. - -Sie lehrten auch für Geld und gute Worte jene sinnlosen Gebräuche, die -sich zum Teil noch heute erhalten haben, von denen ich einige wenige -als Beispiele für die Denkweise unserer Vorfahren hierhersetzen will. -Berthold v. Regensburg sagt von den Bauern »Pfî, wiltû einen man alsô -mit zouberîe gewinnen! ..... Sô nimt din her ein toufet ein wahs, din -ein holz, din ein tôtenbein, allez daz sie dâ mite bezouber. Dâ -zoubert din mit den Kriutern, din mit dem heiligen Krismen, din mit -dem heiligen gotes lîchnamen.«[10] - -[10] Predigten, II. 70. 25 bei Schultz, H. L., S. 650. - - »Dass dich eine lieben muss.« -»Nimm drei Federn vom Hahnenschwanz, druck sie dreimal in die Hand. -Probatum.« Oder: »Nehme eine Turteltaubenzung ins Maul (!), rede mit -ihr lieblich, küsse sie darnach auf den Munde« -- natürlich sie, die -Angebetete, nicht die Turteltaubenzung -- »so hat sie dich so lieb, -dass sie dich nicht mehr lassen kann.«[11] - -[11] Scheibles Schaltjahr, II. 45. - -»Rezept zum Liebespulver. Nimm eine Hostie, die jedoch nicht geweiht -sein darf, schreibe auf sie einige Worte mit Blut aus dem Ringfinger -und lasse alsdann von einem Priester fünf Messen darüber lesen. Dann -teile die Hostie in zwei gleiche Teile, deren einen nimm selbst, den -anderen gebe der Person ein, deren Liebe du gewinnen willst.« - -»Nimm von deinem Blut an einem Freitag im Frühling, lass es mit den -beiden Testikeln eines Hasen und der Leber einer Taube in einem nicht -zu warmen Ofen in einem kleinen Topf trocknen, machs zu feinem Pulver -und lass die Person, von der du geliebt sein willst, davon geniessen, -ungefähr einer halben Drachme schwer. Wenns aufs erstemal nicht wirkt, -so wiederhole es bis zu dreimal und du wirst geliebt werden.« - -»Die weisse Lilienwurzel, unter gewissen Zeichen gesammelt, und bei -sich getragen, grosse Liebe und Freundschaft (sic) zwischen Personen -beiderlei Geschlechtes erwecken und erhalten soll.«[12] _Sapienti -sat!_ - -[12] Anleitung zu den curiösen Wissenschaften. Frankfurt 1717. - -Noch eines Sympathiemittels muss, um nicht unvollständig zu sein, wenn -auch widerstrebend, gedacht werden. »Ein fleissiger _Studiosus -Medizinae_, mein ehemaliger guter Freund, ward offt von des Nachbars -Tochter gelockt, aber er hatte Eckel daran. Einst schlieff er bey -ihrem Bruder in ihres Vatters Hause, und ward gantz umgekehrt, doch -aber kam er nicht zu ihr. Nur des Nachts, mehrenteils um 12 Uhr, stund -er leise uff, lieff vor des Mägdleins Hauss, küssete die Thür dreymahl -und gieng wieder von dannen. Wie es seine Schlaffgesellen merkten, -verwiesen sie ihm die Thorheit, doch konnten sie ihn nicht davon -abhalten. Einst wollte er sein Kleid vom Schneider umwenden lassen, da -fand man in den Hosen einen linnenen Beutel und in demselben einen -Hasenschwantz, krausse Haare, vielleicht von einem ungenannten Ort der -Dirne abgeschnitten und diese Buchstaben S. T. T. I. A. M., welche -einige so verdolmetschen: _Satanus te trahat in amorem mei_.[13] -Sobald aber das Säcklein mit Schwantzhaaren und allem verbrandt war, -hatte der Geck auch Ruhe.«[14] - -[13] Der Teufel ziehe dich in meine Liebe. - -[14] Paullinus a. a. O. I. 344 ff. - -Einen interessanten Beitrag zum Glauben an die Kraft dieser -Weiberhaare findet sich in der Biographie der Magdalena Sibylla von -Neitschütz, die ihren Geliebten, Johann Georg IV. von Sachsen, auf -diese Weise an sich gekettet haben sollte[15]. - -[15] F. Bülau, Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen, 2. -Auflage, III. Band (1863). Die Gräfin von Rochlitz, S. 1 ff. - -Solange die weltliche Obrigkeit gegen derartige Zaubereien noch nichts -einzuwenden hatte, ging es noch; aus Predigten und Konzilsbeschlüssen -machte man sich blutwenig, denn kirchliche Strafen waren eben nur -Ehrenstrafen, die sich schliesslich überstehen liessen, wenn sie auch -hart genug trafen. So ordnete ein Pariser Pönitentiale an: »Wer Blut -oder seinen virile um der Liebe oder einer anderen Sache wegen einem -Mann oder einer Frau zu trinken giebt, soll drei Jahre büssen«[16], -oder wenn, wie aus einem Fastnachtsspiele hervorgeht[17], alle -diejenigen von der Kommunion ausgeschlossen blieben, die »zu essen -geben oder in annder weiss machen, das leut schullen an einander liep -oder feinter werden, und was solicher sach sein«, so konnte sich der -Übelthäter immerhin noch, sei es durch Geldopfer oder eine andere vom -Geistlichen auferlegte Busse, wieder reinwaschen. Anders stand dies -aber in einer Zeit, wo der Hexenwahn die Gemüter ergriffen hatte, -Laien und Pfaffen beiderlei Konfessionen in unersättlichem Blutdurste -alles, was den Namen Weib führte, in unerhörtester Weise besudelten -und »ad majorem Dei gloriam« zu Tode schleiften, nachdem sie vorher -auf das schamloseste die Körper und die Gemüter der auf der Folter -gefügig gemachten Opfer gebrochen; wo ein scheinheiliger Rechtslehrer, -Benedikt Carpzow, sich in einem Atem und unter demselben Augenaufschlag -rühmen konnte, dreiundfünfzigmal die ganze Bibel durchgelesen und -zwanzigtausend Todesurteile gefällt zu haben, die zumeist arme -Weiber, denen das Hirngespinst des grossen Leipziger Schurken nie -ausgeführte Verbrechen angedichtet hatte, zur Einäscherung, im besten -Falle zur Hinrichtung durch das Schwert verdammte, da war schon der -Gedanke an ein Liebesmittel eine Anwartschaft auf den Tod, da er auf -unzweifelhaften Verkehr mit dem Teufel hinwies. Mit ebenso stupender -wie stupider Gelehrsamkeit hatte sich der jedes Gefühles bare Carpzow -und mit ihm der ganze Schwarm Gottesgelahrter und Richter ein System -zurechtgebaut, aus dem das erotische Moment in einer Teufelsfratze -allenthalben hervorgrinste. »So sehr war durch den Einfluss des -Teufelsglaubens die altgermanische Frauenverehrung, welche im Weibe -›etwas Heiliges‹ gesehen hatte, getrübt worden, dass unsere Altvorderen -etliche Jahrhunderte hindurch es für möglich, ja für wirklich hielten, -deutsche Mädchen und Frauen gäben Sitte und Scham, alles Hohe und -Heilige, was der Mensch besitzen kann, für die widerliche Umarmung -eines scheusslichen Bockes hin. Es dürfte doch schwer sein, auf -dem ganzen Gebiete menschlicher Narrheit etwas aufzufinden, was an -blödsinniger Gemeinheit dieser christlich-theologischen Phantasie nur -halbwegs gleichkäme.«[18] - -[16] Arved Straten, Blutmord, Blutzauber, Aberglauben, Siegen 1901. - -[17] Keller, S. 1463. - -[18] Scherr, G. d. d. F., II. 139. - -Vergessen war die abgöttische Verehrung, die man dem Weibe in der -Jungfrau Maria dargebracht, vergessen die Achtung, die man der Mutter, -der Hausfrau gezollt, das Weib war nur das unreine Gefäss, durch das, -nach theologischer Weisheit, »die Sünde« überhaupt in die Welt -gekommen, das daher teuflischen Einflüssen um so leichter zugänglich -sein musste. - -Da nun »die Teufel, die nicht zu zählen sind«, die Welt durchstreifen, -um Menschen zu verführen und jeden zu ergattern, »die um ein sehr -lange Zeit daher, über fünftausend Jahre, durch stete Uebung überaus -klug und erfahren sind worden«[19], so wandten sie sich zuerst an die -Frauen, um sie körperlich und seelisch zu verführen und sie zu -Werkzeugen zu machen, durch die ihnen weitere Opfer zugeführt wurden. - -[19] Luthers Tischreden oder Colloquia, Vom Teufel und seinen Werken, -(Anno 39 den 15. Januarii). - -Das Hauptmittel, die Weiber zu Hexen zu machen, bestand für den Teufel -in der Buhlschaft. Um mit den Hexen geschlechtlich zu verkehren, -besucht er sie in allerlei Verkleidungen in ihren Wohnungen. Bald -tritt er als schwarz gekleideter Herr, bald als Mann mit Federhut, -gelben Strümpfen und einem Esels- oder Pferdefuss, bald wieder als -langer, schwarzer Mann mit Hörnern auf[20], oder er naht sich ihnen -unter der Maske eines Junkers, Jägers, Reiters und unter den Namen -Junker Hans, Voland, Hämmerlein, Federhanns, Schönhans, Peterlein, -Federlein, Papperlen, Klaus, Grässle, Grünhütel oder ähnlichen.[21] -Manchesmal aber suchte sich der Junker Hans auch ganz ausgefallene -Örter zum Buhlen aus. Am 6. März 1604 wurde in Lauchstädt eine -Zauberin, die Haferkastin nebst einer anderen Hexe verbrannt, die -bekannt haben sollte, vom Teufel auf die Spitze des Roten Turmes zu -Halle geführt worden zu sein, wo er ihr gedroht habe, sie hinunter zu -stürzen, wenn sie ihm ihr gegebenes Versprechen nicht halte. Darauf -sei sie ihm zu Willen gewesen und habe fünfmal mit ihm #auf der -Turmspitze# Unzucht getrieben. Etwas Derartiges konnten Menschen, die -sich ihrer fünf gesunden Sinne rühmten, für bare Münze nehmen! - -[20] Curt Müller, Hexenaberglaube und Hexenprozesse in Deutschland -(Reclam), S. 26. - -[21] Scherr, Frauenwelt, II. 149, und Müller a. a. O., Urteilssprüche -Leipziger Schöffen, 139 ff. - -Über die Art des geschlechtlichen Verkehrs ergehen sich die Werke -Carpzows und das »aus frommem Wahnsinn und fanatischer Grausamkeit« -bestehende Schandbuch des Ketzerrichters und Theologie-Professors -Jakob Sprenger, der im Jahre 1489 mit Approbation der Kölner -theologischen Fakultät gedruckte »Malleus maleficarum«, zu deutsch der -Hexenhammer, in einer Breite, deren Unflätereien lebhaft an Liguoris -Moraltheorie erinnern. »Der Autor schreibt wie ein Kerl, der etliche -bordels ausgehuret hat«, sagt bereits Hauber von Sprenger.[22] Es -sträubt sich meine gewiss nicht prüde Feder, diese mit behaglicher -Ruhe vorgetragenen Schweinereien eines im Cölibate lebenden -hochwürdigen Herrn auch nur andeutungsweise wiederzugeben.[23] - -[22] Bibliotheka magica, 1741, I., 26 ff. - -[23] Wer den Mut hat, den stinkenden Sumpf des Hexenhammers zu -durchwaten, der sei auf Graf von Hoensbroechs »Das Papstthum in seiner -sozialkulturellen Wirksamkeit« hingewiesen (Leipzig 1900), dessen I. -Band eine ziemlich vollständige Übersetzung des Malleus maleficarum -enthält. - -Aus den düsteren Gewölben, deren Kreuzbogen vom Gewinsel und Stöhnen -der armen, gefolterten Kinder und Frauen widerhallten, drang viel, zu -viel an die Öffentlichkeit, um nicht die Phantasie hysterischer und -vom allgemeinen Wahne ergriffener Weiber derart zu erhitzen, dass sie -alles das, was sie gehört, auch schliesslich selbst erlebt zu haben -glaubten und sich im Wahnsinne Verbrechen bezichtigten, die sie kaum -geträumt haben können. Sie geben unumwunden zu, was ihnen die Richter -in den Mund legen, oder gestehen es, ausgeschmückt mit eigenen -Zuthaten unter den Martern der oft menschlicher als die Richter -fühlenden Henker. Fühllos wie die Quadern der Folterkammern wohnten -diese Richter jahraus, jahrein jenen Greuelscenen bei, bis die -Gewohnheit jegliches Gefühl in ihnen abstumpfen musste. Wenn die -deutschen Richter auch nicht in den Zwischenakten eines Hexenprozesses -Laute spielten und Inkulpantinnen tanzen liessen, ehe sie sie an den -Holzstoss ablieferten, wie dies ein französischer Kollege that[24], so -fanden sich doch auch in deutschen Gauen nichtswürdige Hallunken genug -unter ihnen. Wenn sich unter der Regierung des Bischofs Heinrich -Julius von Halberstadt-Braunschweig im 17. Jahrhundert anlässlich -einer rebellischen Bewegung der Braunschweiger Bürger gegen den -geistlichen Herrn folgendes zutragen konnte, wird es bei den Prozessen -gegen die Unholdinnen keinesfalls besser, eher noch schlimmer -hergegangen sein, wofür viele Gründe sprechen. In dem besagten -Prozesse heisst es von den in der Marterkammer anwesenden -Gerichtspersonen: »Sie trunken einander fleissig zu, dass sie auch so -toll und voll wurden, dass sie einesteils eingeschlafen ... Etwan in -die dritte Woche kamen sie wieder, und als sie nun in solcher -Trunkenheit ihr gefasstes Müthlein ziemlichermassen ausgeschüttet, seyn -sie für diesmal davongegangen ... Zum dritten male bin ich abermal in -die peinliche Kammer gebracht u. s. w. und Hans Saub war so trunken und -voll, dass er beim Tisch einschlief, und wann er hörte, dass ich etwas -härter sprach, so wachte er auf und weisete mit den Fingern, sagend: -Meister Peter, hinan, hinan mit dem Schelm und Stadtverräther und wenn -er solches gesagt, schlief er wieder ein vor Trunkenheit. Ingleichen -soffen die andern tapfer auch herum Wein und Bier, und wurden aus -Trunkenheit und sonsten so verbittert, dass nicht zu sagen ...«[25] -Das Martern und Foltern der Angeklagten war im Mittelalter ein derart -unzertrennlicher Bestandteil des Gerichtsverfahrens, dass der Richter -den Gedanken, ein Geständnis anders als durch die Folter zu erlangen, -einfach nicht fassen konnte. Und bei den Unholdinnen erst, die nichts -zu gestehen hatten, waren die Folterwerkzeuge unentbehrlich, denn ohne -sie hätte es eben keine Hexenprozesse gegeben. - -[24] Roloff, Leben und Wirken des Teufels, Histor. Taschenbuch, 5. -Folge, 2. Jahrg., S. 165. - -[25] F. Heinemann, Richter und Rechtspflege in der deutschen -Vergangenheit, S. 64. - -Bei Weibern, die sich dem Satan zu eigen gegeben, wäre Milde des -Richters ein Verbrechen gewesen, das ihn vielleicht selbst in eine -zweideutige Stellung gebracht hätte, darum suchte jeder einzelne genau -nach der Schablone zu handeln. Lag es auch in seinem Belieben, die -schauerliche Wirkung der Tortur zu erhöhen oder zu mildern, so -brauchte er seine Macht doch kaum jemals zu Gunsten einer Hexe, -ebensowenig wie er sich daran kehrte, die heuchlerische Vorschrift des -Hexenhammers zu befolgen, bei der Tortur kein Blut zu vergiessen. Er -war unumschränkter Herr in der Folterkammer und gebrauchte seine Macht -oder missbrauchte sie, ganz wie es ihm beliebte. Hatte er jemanden -freilassen müssen, weil seine Unschuld denn doch zu klar lag, so liess -er eben den unschuldig Gepeinigten Urfehde schwören, sich niemals an -ihm und den Seinen zu rächen. Bei einer Hexe war aber diese Gefahr für -den Inquisitor nicht zu befürchten, denn kaum eine dieser Unthat -bezichtigte Weibsperson entrann jemals dem Arm »der Gerechtigkeit«. - -Schon vorm Beginn des Prozesses brach man die Seelenkraft der -Angeklagten, die schliesslich so mürbe werden musste, dass sie sich -schuldig bekannte, um durch den Tod von weiteren Quälereien befreit zu -werden. - -Ehe man die Hexe dem Richter vorführte, zog man sie splitternackt aus -und untersuchte ihren Körper, ob sie nicht Zaubermittel bei sich -führte, mit denen sie dem Richter Schaden zufügen könnte. Obwohl der -Hexenhammer vorschrieb, diese Untersuchung von ehrsamen Frauen -vornehmen zu lassen, so scherte sich in der Praxis kein Richter darum, -sondern überliess die Wehrlose den Henkersknechten, die diese günstige -Gelegenheit nicht vorübergehen liessen, sich tierisch an jungen Hexen, -selbst unmündigen Kindern zu vergreifen und dem Teufel die Schuld -zuzuschieben. Der wütende Hexenrichter Remigius, der sich in seiner -»Daemonolatria« rühmt, binnen fünfzehn Jahren (1580-1595) in -Lothringen achthundert Hexen eingeäschert zu haben, erzählt von einem -seiner Opfer, Katharina genannt, sie wäre, obgleich noch ein -unmannbares Kind, im Kerker wiederholt derart vom Teufel genotzüchtigt -worden, dass man sie halbtot aufgefunden habe.[26] Wem hätten auch die -Geschändeten die ihnen angethane Schmach klagen sollen, dem Richter? -Der wusste doch, dass alles, was die Hexe sprach, Lüge und Blendwerk -der Hölle sei, oder ihren Beichtvätern, »gleichviel ob katholisch oder -protestantisch, die die gefangenen Hexen in den Kerkern aufsuchten -und, anstatt ihnen Trost und Mut zuzusprechen und durch das Gebet für -ihren Martergang zu stärken, sie mit allen möglichen Kreuz- und -Querfragen in Fallen zu locken suchten; ihnen das Gewissen -beängstigten; sie zu falschem Geständnisse zwangen? Diese gemeine, -niederträchtige Pfaffenbrut war gefährlicher als die Henkersknechte -und Inquisitoren resp. Richter. Denn selbstverständlich hing sich ein -bis zu Tod geängstigtes Weib mit aller Gewalt an den Seelensorger; -suchte bei ihm Trost und folgte seinem Rate. Musste ein solch armes -Wesen nicht von Sinnen kommen, wenn sie sogar von dem Manne, den sie -als heilig und fromm verehrte, als Hexe betrachtet wurde? Und wie er -ihr ins Gewissen redete! Wie er, wenn sie bekennen würde, ihr von Heil -und Rettung, von Gnade und Barmherzigkeit vorpredigte! Jede -verfängliche Aussage, die ein so verzweifeltes Weib fallen liess, nahm -der Beichtvater zu Protokoll. Hatte er genug aus der Unglücklichen -herausgepresst, so gab er dem Richter genauen Bericht. So kam es, dass -der Richter bereits das ganze Untersuchungsprotokoll, die ganze -Beweisaufnahme in den Händen hatte, ehe er überhaupt die Hexe verhört -hatte. Er hatte somit leichte Arbeit, indem das Verhör seinerseits nur -kurze Zeit in Anspruch nahm, das übrige that die Folter.«[27] - -[26] Scherr, Kulturgeschichte, S. 387. - -[27] C. Müller a. a. O. S. 90. - -Doch noch eine zweite Entwürdigung hatte die Hexe vor dem Richter -durchzumachen. Man schor ihr jedes Haar am Körper ab, um eines jener -Teufelsmale, Stigma, zu entdecken, mit dem der Satan alle Weiber -kennzeichnete, die er als Buhlerinnen gebraucht. Fand man einen -Leberfleck, ein Muttermal oder eine Warze, so stach der Henker mit -einer Nadel darein, um seine Empfindlichkeit zu prüfen. Schmerzte der -Stich nicht, dann war die Teufelsliebe erwiesen, im anderen Falle -hatte der Teufel der Hexe das Mal empfindlich gelassen, um die Richter -zu täuschen. Fehlte ein solches Mal gänzlich, so hatte es der Teufel -verwischt. Gestand nun die Hexe, eingeschüchtert durch die Aussicht -auf die Tortur, oder getäuscht von lügenhaften Vorspiegelungen des -Beichtvaters oder des Richters, dann war sie verloren. Leugnete sie, -dann unterwarf man sie der peinlichen Frage, die mit der amtlichen -Formel begann: »Du sollst so dünn gefoltert werden, dass die Sonne -durch dich scheint!« Diese Drohung war keine leere, und die Feder -sträubt sich, all das Entsetzliche niederzuschreiben, was man nun mit -den armen, schwachen Weibern vornahm. Mädchen im zartesten -Kindesalter, sieben-, acht-, zehn- und zwölfjährige Mädchen[28], -schwangere Frauen[29], sechzig-, selbst achtzigjährige Greisinnen, sie -alle verliessen verbrannt, zerrissen, mit gebrochenen Gliedern, aus -hundert Wunden blutend die Folterkammern. - -[28] Scherr, Gesch. d. d. Frauenwelt, II. 161. - -[29] Scherr, Kulturgeschichte, S. 640 ff. - -Alle Bande des Blutes löste der unglückselige Wahn. Wolf Rossmann, ein -Bauer zu Amorbach, gab seine eigene Mutter als Hexe an.[30] Vielleicht -um sich ihrer zu entledigen, wie es Männer mit ihren Frauen thaten, -Brüder mit Schwestern, denen sie das Erbe missgönnten, selbst Väter -mit ihren Töchtern. - -[30] Zeitschrift für d. Kulturgesch., 1859 S. 427. - -Und der ewig wiederkehrende Punkt bei allen Hexenprozessen ist -geschlechtlicher Natur, in allen den vielen Protokollen, die auf uns -gekommen sind, kehrt er, wenn nicht als Teufelsbuhlschaft allein, so -in irgend einer anderen Form neben dieser wieder. Ein solches -Protokoll, herausgerissen aus hundert beinahe gleichen, möge hier -stehen. Es stammt aus dem Jahre 1572 aus der Umgebung von Trier und -wird von Dr. Hennen mitgeteilt. Eine gewisse Eva, eine überführte -Kindesmörderin aus dem Dorfe Kenn ist beschuldigt, mit dem -Höllenfürsten Umgang gehabt zu haben. Sie besässe die Kunst zu hexen -und hätte einen Knecht auf dem »grünen Haus« verzaubert, dass er in -Liebe zu ihr entbrennen sollte. Die Angeklagte antwortete, dass sie -die Zauberkunst nicht verstände. Sie hätte nur dem Zymmerhansen, dem -Knecht, einen Ring gegeben; dieser hätte ihr versprochen, sie einst zu -ehelichen. Das war das kurze Verhör. Die Folter wurde vorläufig nicht -angewendet. Die Angeklagte wurde hierauf ins Gefängnis abgeführt. - -An demselben Nachmittage wurde sie nochmals dem Amtmann, Schultheissen -und zwei Schöffen vorgeführt. Sie verharrte auf ihrer Aussage, dass -sie nichts von Zauberei verstünde. Nun wurde sie den Henkersknechten -übergeben, die sie auf die Folter spannten. - -Das unsinnigste Zeug brachte sie infolge der wahnsinnigen Schmerzen -vor. Sie zog andere mit ins Unglück, einen Mann und drei Frauen, da -sie, um nur sobald als möglich von den Folterqualen befreit zu werden, -andere angab, von denen sie die Hexerei gelernt haben wollte. Von der -einen behauptete sie, dass diese ihres (Evas) Mannes Mannbarkeit durch -Zauberei genommen habe; von einer zweiten Frau sagte sie, dass diese -ihr das Zaubermittel, wie man einen Mann an sich fesseln könnte, -gelernt hätte, indem man nämlich einige Tropfen Blutes in einer Birne -dem Betreffenden zu essen gäbe. Dies hätte sie nun auch mit dem -Zymmerhansen so gemacht. - -Die Folter wurde noch verschärft. Da rief Eva vor Schmerz aus, man -sollte sie nur loslassen, sie wollte die Wahrheit eingestehen. Sie -könnte zaubern. - -Als man mit Foltern nachliess, gestand sie, dass sie von jener Frau, -der sie die Entmannung ihres (Evas) Mannes zuschrieb, das Zaubern -gelernt hätte. Sie teilte nun dem Amtmanne mit, wie sie durch die -betreffende Frau, die Barbara hiess, mit dem Teufel zusammengekommen -wäre; wie sie Gott abgeschworen und den Teufel verehrt hätte mit den -Worten: »Ich sage Gott ab und dem Teufel zu und soll sein Eigen sein.« - -Ferner gestand sie ein, mit dem Teufel etlichemal zu schaffen gehabt -zu haben, Vieh und Menschen bezaubert, Unwetter heraufbeschworen zu -haben. Die von ihr Bezichtigten erlagen gleichfalls unter der -Anklage.[31] - -[31] Müller a. a. O. S. 109 ff. - -Der Raub der Mannheit, dessen Eva die eine Hexe beschuldigte, wurde -durch »das Nestelknüpfen« erreicht, vermittelst Schürzung eines -zauberischen Knotens an einer der Hosennesteln eines Ehemannes, diesen -zeugungsunfähig zu machen, doch gab es auch noch viele andere, mehr -oder weniger blödsinnige Mittel, gegen die man sich aber auf gleich -sinnreiche Weise schützen konnte, so nach der »gestriegelten -Rockenphilosophie«, wenn der Bräutigam, bevor er in die Kirche zur -Trauung geht, das Bierfass anzapft und den Zapfen während der Trauung -bei sich trägt und andere ähnliche mehr, von denen Scheibles -Sammelwerke »Das Kloster« und »Das Schaltjahr« eine reiche Blütenlese -geben. - -Rossberg'sche Buchdruckerei, Leipzig. - - - - - Das wichtigste Thema der Gegenwart - - »Neue Frauen -- Neue Männer« - -behandeln folgende Schriften: - -~Vera~: - - Eine für Viele - - Aus dem Tagebuche - eines Mädchens von heute - - 12. Auflage Preis M. 2.-- - -#Urteile der Presse#: - -»Da haben wir das Wiener Saisonbuch, die litterarische Sensation für -heuer. Heimlich wandert es von Hand zu Hand, die Männer verstecken es -vor ihren Frauen, die Mütter vor den Töchtern, aber alle lesen es und -mehr noch, alle machen sich ihre Gedanken darüber. Mit Recht, denn -dieses Büchlein gehört zu den Dokumenten der Zeit, es spricht seine -eigene Sprache und öffnet die merkwürdigsten Aus- und Einblicke ... - -»Ob man dieses Buch den Mädchen in die Hand geben soll? Ich glaube -nicht. Wozu denen, die noch nicht Wissende sind, ihre Illusionen -rauben? Aber die Väter und Mütter sollen es lesen, und auch die jungen -Männer. Diese vor Allem. Denn zum mindesten lernen sie daraus, dass -es Mädchen giebt, die den Ehrgeiz haben, etwas anderes zu sein und zu -werden, als, um mit Vera zu sprechen, dem Manne »ein Mobiliar seiner -Bequemlichkeit« ... - - »Prager Tagblatt.« - -»Eine für Viele« erinnert an das Tagebuch der Marie Bashkirtsew. -Warm und ehrlich empfunden, machen die Geständnisse des jungen -Mädchens tiefen Eindruck ...« - - »Reichswehr.« - -»Das kleine Buch scheint darauf auszugehen, die gegenwärtige -Moral, soweit sie das Verhältnis der Geschlechter betrifft, zu steigern -und zu verfeinern. Der ledige Mann soll vor der Ehe ebenso keusch -sein, wie das Mädchen; das Wesen, das sich ihm einst giebt in -vollster reinster Hingabe, hat das Recht, von dem Manne ihrer Wahl -dieselbe Reinheit, dasselbe unbefleckte Sinnenleben zu verlangen, -das er als strenger Richter von ihr fordert ....« - - »Neue freie Presse.« - -Verlag von Hermann Seemann Nachfolger in Leipzig - -Für und gegen VERA sind folgende Schriften erschienen: - - Christine Thaler: - - Eine Mutter für Viele - - Ein Brief an die Verfasserin von - »Eine für Viele« - - 4. Auflage Preis M. 1,-- - -Die »#Neue Freie Presse#« in Wien schreibt über Christine Thalers Buch: -»Es ist sehr erfreulich, dass weibliche Vernunft und Besonnenheit -sich nun zum Worte meldet. Die übermodernen Jungfrauen werden das -Sendschreiben der Mütterlichkeit wohl etwas hausbacken finden. Aber das -verschlägt nichts. Aus ihm spricht Klugheit, Reife und Gemüt. Aus ihm -spricht eine aus Lebenskämpfen erwachsene Milde, die das Menschliche, -auch wenn es sich als ein Allzumenschliches erweist, verzeiht.« - -Auch jemand: - - Eine für sich selbst - - Brief an die Verfasserin von - »Eine Mutter für viele« - - 3. Auflage Preis M. 1,-- - -»Eine Dame spricht ruhig und besonnen; eine Dame, die die verzehrende -Sehnsucht der keuschen Jungfrau nach einem ihr ebenbürtigen reinen -Jüngling versteht, dieser Sehnsucht aber nicht unbedingt das Wort -redet. Der Verfasserin schwebt eine Art freier Liebe vor. Eine Liebe, -die in freiem Genuss und seliger Wahrheit durch ihre hehre Grösse so -wenig der landläufigen Moral peinlich werden kann wie Michelangelos -David in seiner kolossalen Nacktheit. Eine Liebe, die nicht in den -Staub zieht, in deren hohen reinen Flammen alles schmilzt, was -allzuirdisch und allzumenschlich ist.« - - Gerda Schmidt-Hansen: - - Eine für Vera - - Aus dem Tagebuche einer jungen Frau - - 2. Auflage Preis M. 2,-- - -Eine im Geiste Veras geschriebene, flammende Anklageschrift -gegen die Unnatur und Heuchelei der vom Manne diktierten »sittlichen« -Anschauungen. Die Verfasserin -- eine Dame aus den besten -Leipziger Gesellschaftskreisen -- deckt hier mit rücksichtsloser -Kühnheit den Abgrund einer modernen, allzumodernen Ehe auf und zeigt, -wie die Laxheit der männlichen Moral Seele und Leib des Weibes -vergiftet und beide dem Untergange zuführt. - - Männer im Kampf - für und gegen Vera: - - E... E... - - Einer für Viele! - - 2. Auflage Preis M. 1,-- - -»Dieses Buch wendet sich polemisch gegen die mütterlich milden Urteile -über das Vera-Problem, welche Christine Thaler in ihrer Kampfschrift -ausgesprochen hat. E. E. legt offenkundig eine Lanze für Vera ein und -versteht es, das von Vera angeregte Problem in eine neue interessante -Beleuchtung zu rücken.« - - Felix Ebner: - - Meine Bekehrung - zur Reinheit - - Aus dem Leben eines Junggesellen - - 2. Auflage Preis M. 2,-- - -»Die Männerwelt ist lange nicht so verdorben, wie sie von -emancipierten Blaustrümpfen geschildert wird. Das ist die These -Ebners. Er bekräftigt seine Überzeugung mit der Darstellung seiner -eigenen Lebenserfahrungen, mit der Vertiefung und Bereicherung, die -sein Leben durch echte Liebe gewann, und stellt die Unverbrüchlichkeit -der ethischen Pflichten, die jeder junge Mann zu erfüllen hat, aufs -glänzendste heraus.« - - Verus: - - Einer für Viele - - Aus dem Tagebuche eines Mannes - - 2. Auflage Preis M. 2,-- - -Die »#Feder#«, Berlin, schreibt: »Das Buch wird vielen Widerspruch -erregen, dürfte aber auch viele Freunde finden.« - -Der »#Autor#«, Zeitschrift für Litteratur und Kunst in Wien, -schreibt: »Unstreitig die hervorragendste Erscheinung in der ganzen -›Vera-Litteratur‹, vielleicht eine der bedeutendsten am Büchermarkt -überhaupt, wiewohl sie bei vielen eine gewaltige Entrüstung hervorrufen -wird. Man wird das Buch vor jungen Leuten zu verstecken suchen, es -enthält aber gerade für diese alles, was ihnen spätere Enttäuschungen -ersparen kann. Mögen es nur recht viele lesen, bevor sie in die Lage -kommen, aus eigener Erfahrung beurteilen zu können, wie recht Verus -hat.« - - - Neue Bücher von Frau Professor - - Maria Janitschek: - - Die neue Eva - - 2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50 - -»Ein reifes Buch. Das Urteil einer Frau, welche die Frauen und die -Männer sowie das Leben kennt. Frau Janitschek ist dem deutschen Leser -längst bekannt. Sie ist modern im guten Sinne. Sie ironisiert in feiner -Weise die Emanzipations-Bestrebungen der Hypermodernen und kommt zu dem -allerdings nicht neuen Schluss, dass ohne die »Kanaille« Mann das Weib -nichts ist und sein kann. Durch alle Novellen des vorliegenden Buches -zittert eine gesunde Ethik. Es liegt über jeder einzelnen Geschichte -der dumpfe Hauch der geschlechtlichen Gier. Und aus jeder Geschichte -kann eine treffliche Moral gezogen werden. Trotz des pikanten Inhalts -würde ich jedem Mädchen dieses Buch zwei Tage vor seiner Ehe in die -Hand geben. Nach den hier vertretenen Prinzipien handelnd, wird dann -aus dem »Gänschen« nicht notgedrungen die »unverstandene deutsche Frau!« - - »Frankfurter Neueste Nachrichten.« - -Die »Neue Hamburger Zeitung« schreibt: - -»#Die neue Eva#« #ist ein durchaus künstlerisches Tendenzbuch#, eines -der wenigen, die wir in Deutschland haben, denn ein Schönheitsglaube -glüht darin auf, eine reine aufstrebende Sinnlichkeit und das -kraftvolle Selbstvertrauen, dass auch die Frau stark genug sei, sich -zu befreien, ohne Gefährtinnen, Versammlungen und Zeitungen. Und das -ist wohl ihr eigenster Sinn, dass nur diejenigen Freiheit verdienen, -denen sie das eigene Herzblut gewiesen und erkämpft, die selbst -Individualitäten sind. Reine, starke Höhenluft atmet über diesem -Buche und ein Duft, wie von heissglühenden, sommerlichen Rosen, denn -es ist ein Dichtbuch reifer und ungezwungener Sinnlichkeit und das -Lebensevangelium einer schöpferischen Frau. Und ich glaube, dieser -Eindruck der Persönlichkeit ist so stark, dass ihn selbst diejenigen -spüren werden, die die »Neue Eva« lesen um der heiklen Themata und der -Unterhaltung willen, und zur Erkenntnis gelangen, dass sich hier hinter -Spott und farbiger Schilderung das ernste Antlitz einer wertvollen -Weltanschauung erhebt.« - -»... Und nun die neue Eva! Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich -ein. Das sind sieben Geschichten, die tief aus dem Werden und Wollen -des Weibes herausgeschrieben sind. Maria Janitschek hat hier die -künstlerischere Seite ihrer Kraft gefunden. Kaum jemals ist Psychologie -mit Physiologie in der Novelle so innig verbunden worden wie in -diesen Geschichten. Glut und Wahrheit, ein feines Spüren nach den -geheimsten Regungen der Evanatur, eine glückliche Hand im Ausmalen des -Schleierlosen -- das alles und noch einiges findet der Leser -- die -Leserin möge freilich nicht zu jung sein -- in den Erzählungen von der -neuen Eva, unter denen »Neue Erziehung und alte Moral« ein Meisterstück -des psychologischen Verismus ist. - - »Berliner Lokal-Anzeiger.« - - -Aus Aphroditens Garten: - - Zwei neue Romane von - - Maria Janitschek - - Band I - - Maiblumen - - 2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50. geb. M. 3,50 - - Band II - - Feuerlilie - - 2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50. geb. M. 3,50 - -»#Aus Aphroditens Garten#« betitelt #Maria Janitschek#, die berühmte -Erzählerin und feinsinnige Kennerin der modernen Frauenseele, -ihren neuesten Romancyklus, in dem sie in umfassender Weise -an einer Reihe von Einzelschicksalen ihre Erfahrungen und Anschauungen -über das moderne Weib und seine seelischen und sozialen Verhältnisse -in vielseitiger Weise niederlegen will.« »Der Gesellige.« Graudenz. - -»Schon die äusserlichen Vorgänge, die sich im vorliegenden -Roman abspielen, sind von Maria Janitschek in brillanter, von Anfang -bis zu Ende spannender Weise erzählt, noch viel mehr aber wird den -Freund moderner Dichtung der ausserordentliche Scharfsinn und die -psychologische Tiefgründigkeit überraschen, mit denen das Seelenleben -der Heldin, einer mitten in den Anfechtungen des modernen Lebens, -sowie ihres eigenen leidenschaftlichen Herzens stehenden Jungfrau -geschildert wird. Der Leser wird geradezu in den Lebenskreis dieses -seltsamen Wesens hineingezwungen. Man darf nach diesem Anfang -mit grossem Interesse den weiteren Enthüllungen aus »Aphroditens -Garten« entgegensehen, und insbesondere sollte niemand, der Interesse -für die moderne Frauenbewegung hat, diese künstlerischen Ergüsse -einer der modernsten Frauen der Gegenwart ungelesen lassen.« - - »Deutsche Tageszeitung«, Wien. - -Von derselben Verfasserin erscheint Ende 1902: - - Auf weiten Flügeln - - Novellensammlung: - - Judas -- In der Frühe -- Heimatlose Nachtigall -- - Die beiden Karren -- Um der Glorie willen ..... - - Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50 - -Zwei neue wichtige Publikationen zum Thema der #Frauenfrage und -Mädchenerziehung# - - Louis Frank -- Dr. Keifer -- Louis Maingie: - - Die Versicherung der Mütter - - Autorisierte deutsche Ausgabe besorgt von - - Nina Carnegie Mardon - - Preis brosch. M. 2,-- - -Die Notwendigkeit eines Schutzes für die Frauen der arbeitenden -Klassen während und nach ihrer Schwangerschaft wird in dieser -Schrift zum ersten Mal in wissenschaftlich begründeter Weise -nachgewiesen. An der Hand eines reichen statistischen Materials wird -die Unhaltbarkeit der bisherigen Zustände und ihre Gemeingefährlichkeit -für das Leben der Gesamtheit dargethan, sodann die Möglichkeit -gezeigt, durch Begründung einer Versicherung diesen beklagenswerten -Missständen abzuhelfen und den Müttern für eine bestimmte -Zeit Freiheit von der Last der Arbeit und die notwendigen -Subsistenzmittel zu gewährleisten. Das Wesen und die Ausführbarkeit -dieser Versicherung wird bis in ihre kleinsten technischen Einzelheiten -dargethan. Die sociale Gesetzgebung wird, früher oder später, mit -Notwendigkeit zu den hier entwickelten Gesichtspunkten hingeführt -werden müssen, wenn anders das Wort von dem stetigen Fortschritt -der Kultur keine blosse Phrase bleiben soll. - - Eine Mutterpflicht - - Beiträge zur sexuellen Erziehung von - - E. Stiehl - - 2. Auflage. Preis 50 Pf. - -Man hat das #neue Jahrhundert# schon das »#Jahrhundert des Kindes#« -getauft. In der That ist die Erziehung unserer Kinder gottlob in ein -neues Stadium getreten. Das wichtigste Gebiet in dieser Erziehung -bildet die sexuelle Pädagogik. In immer weiteren Kreisen bricht sich -die Ueberzeugung Bahn: Wir dürfen in Bezug auf die Belehrung unserer -Kinder über geschlechtliche Dinge nicht stehen bleiben bei der ererbten -und anerzogenen Gewohnheit ablehnender Prüderie. Wir müssen dem -Kinde auf seine Fragen nach den natürlichen Dingen andere Antworten -geben, als bisher. Diese heiligste Mutterpflicht behandelt E. Stiehl -in ihrer Schrift, sie beweist, dass es die ernsteste Aufgabe jeder -gewissenhaften Mutter ist, die Leitung und Belehrung ihres Kindes auf -diesem zartesten und schwierigsten Gebiete der Erziehung selbständig -vorzunehmen. Kein Buch enthält eine stärkere Ermahnung an Mütter -und Erzieher, als wie sie von E. Stiehl gegeben wird. Möge sie auch -beherzigt werden! - - Wer Interesse für den Fortschritt unserer Kultur und für - thatkräftige Besserung unserer socialen Verhältnisse hat, dem - seien diese beiden auf ihrem Gebiete geradezu reformatorisch - wirkenden Schriften -- und deren Verbreitung in weitesten - Kreisen angelegentlichst ans Herz gelegt. - - Eine wackere Vorkämpferin für die Rechte der Frau ist - Grete Meisel-Hess! - -#Bisher erschienen#: - - In der modernen - Weltanschauung - - Preis M. 2,50 - -Ein aus dem Geiste Wilhelm Bölsches geschaffenes Werk! Jeder -Bekenner, Anhänger und Freund des Monismus wird nach dieser mit einem -prächtigen Temperament geschriebenen Abhandlung der bekannten Wiener -Schriftstellerin greifen, wenn er über die tiefe Verknüpfung des -modernen Lebens mit der Naturphilosophie der Gegenwart orientiert sein -will. Die Verfasserin kämpft für eine Regeneration in allen Gebieten, -in Reich und Staat, in Kunst und Erziehung, in Ethik und Gesellschaft. -Für die Frauenbewegung ist die Schrift von der grössten Bedeutung. - -#Ferner#: - - Fanny Roth - - Eine Jung-Frauengeschichte - - 2. Auflage Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50 - -Die »#Zeit#«, Wien, schreibt: - -»Das Dankenswerte an diesem Buche ist, dass hier eine Frau -dem Mädchen jene Erkenntnis vermittelt, die sich die jungen Männer, -gesellschaftlich freier gestellt, aus ihrem eigenen Leben holen: die -Nebensächlichkeit aller reinen Geschlechtsprobleme für das wahre -Leben tiefer veranlagter Naturen. Also wirklich einmal ein Buch, -das junge Mädchen lesen sollten. Dass die künstlerische Form nicht -visionär genug ist, nützt vielleicht gar dem didaktischen Zweck, -denn eine gesperrt gedruckte Lebensweisheit fällt stärker in die -Augen. Und übrigens würde das Buch, das unstreitig dichterische -Qualitäten zeigt, weit reifer und geschlossener wirken, wenn nicht -ein durchgehends zu konsequent angewandter Naturalismus uns immer -wieder aus jener Welt in diese stürzte.« - -Die »#Wiener Hausfrauenzeitung#« schreibt: - -»In dem hier vorliegenden Buche zeigt sich wieder, wie meisterhaft -die Verfasserin Situationen zu schildern versteht und wie packend -und natürlich sie zu erzählen weiss ... eine Erzählung aus dem -Leben einer Künstlerin, die aber auf Hunderte andere Mädchen -ebenso Anwendung finden kann und den Leser bis zur letzten Seite -in Spannung hält.« - -#Herbst# 1902 erscheint: - - Suchende Seelen - - (1. Das Leid. 2. Die Lüge. 3. Die Krisis). Preis br. M. 2,-- - -#Bücher zur Frauenfrage von Frau# - - Elsa Asenijeff - - Unschuld - - Ein modernes Mädchenbuch - - 2. Auflage. Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50 - -Die »#Deutsche Zeitung#«, Wien, schreibt: »Die Verfasserin, offenbar -eine Frau von Geist und tiefem Gemüt, ist durchdrungen vom hohen Beruf -des Weibes, das ›in Heiligkeit und Schönheit durch die rauhe Roheit -des Lebens gehen soll‹, das ›bei allem Beleidigenden, was es erblickt, -nur den Gedanken der Güte an heilendes Bessere‹ haben soll. Und so -legt sie denn eine Reihe von Bildchen aus dem jungen Mädchenleben -vor, in denen überall auf eine Gefahr, ein lauerndes kleines Ungetüm -aufmerksam gemacht wird. Die Verfasserin hat die keimende Seele des -Weibes wohl beachtet und weiss ihre Erscheinungen anschaulich und -mit interessanter Lebendigkeit zu schildern. Dass sie sich dabei von -tantiger Prüderie ferne hält, giebt dem Buche die Weihe einer höheren, -weil furchtloseren Reinheit. An einer Stelle sagt Elsa Asenijeff von -den schriftstellernden Frauen: ›Sie schreiben, wie sie es von den -Männern gelernt. Ihre Seelen kriechen erst aus ihrem Leibe heraus -und in ein Mannesgehirn hinein, dann erst schreiben sie. Die Lieben -aber, welche die Kinder gern haben, die schreiben nie. Die sitzen zu -Hause und heissen Mami und pflegen das liebe Kind, dass es dereinst -ein ordentlicher Mensch werde.‹ Wie wahr! Und dass man trotz der -Richtigkeit dieses Satzes gegen das wahrhaft weibliche Buch Asenijeffs -kaum etwas einwenden kann, ist wohl sein schönstes Lob.« - --- »Die hochbegabte Verfasserin giebt hier eine Sammlung von Skizzen -aus dem Leben des Weibes von der frühesten Jugend bis in das Alter -in knappster Form und von einer Anschaulichkeit, die diese Bilder in -leuchtenden Farben, zum Greifen deutlich, vor das geistige Auge des -Lesers, besser noch der Leserin stellt. Die feine Zeichnung verrät -eine ausserordentliche Begabung für psychologische Feinheiten. Eine -eigenartig zarte Poesie liegt über den kleinen intimen Seelengemälden, -etwas märchenhaft Holdes, das auf die Phantasie einen eigenen Zauber -ausübt. Die Skizzen sind kleine Kunstwerke dichterischer Prosa, -reif und durchgeistigt und zugleich von einer edlen Einfachheit des -Stils. Das Buch wendet sich an die jungen Mädchen, »die Jugendknospen -der Menschheit. Für jene, welchen ein Walzer oder ein schönes Kleid -alles gelten, sind meine Worte nicht. Noch für solche, die wie im -dämmernden Schlaf im Dasein dahingehen, nicht nach rechts, noch nach -links blickend, nicht fragend, nicht wollend, und an deren stummer -Teilnahmlosigkeit sich das Schicksal vollzieht. Aber Euch Edelsten will -ich dienen, die Ihr in Schönheit durch die rauhe Roheit des Lebens -gehen wollt, Euch mit den glühenden, opfervollen Herzen, denen alles -Beleidigende, was sie erblicken, nur den Gedanken der Güte an heilendes -Bessere giebt.« Der Zweck des Buches ist ein erzieherischer, aber es -ist nicht pedantische Schulmeisterei, die hier das Wort ergreift, -sondern eine echte Dichterin, die von den Schicksalen der Frauenseele -singt. Auch über die herben Erscheinungen des Lebens zieht sie keine -prüden Schleier, doch wird die schöne poetische Form trotz des oft -»naturalistischen« Inhalts stets festgehalten. Ein paar sinnige Märchen -gehören zum Schönsten, was die Sammlung enthält. Für die jungen -Mädchen, zu denen die Verfasserin in den oben zitierten Einleiteworten -spricht, wird das Buch eine schöne Weihnachtsgabe sein.« - - »Staatsanzeiger für Württemberg«, Stuttgart. - - Tagebuchblätter einer Emanzipierten - von - Elsa Asenijeff - - Preis brosch. M. 3,--, geb. M. 4,-- - -Als einer echten Modernen steht Elsa Asenijeff das Menschentum -im Werte unendlich höher als das Weibtum, und indem sie den -mitringenden Schwestern zeigt, wie sie sich zäh und unablässig zu -diesem würdigen Ziele hinkämpft, verrichtet sie mit ihrem Buche eine -nicht hoch genug zu veranschlagende Pionierarbeit. - - »Deutsche Warte«, Berlin. - -Elsa Asenijeff ist keine von den gewöhnlichen Emanzipationsdamen, -die mit fertigen Schlagworten um sich hauen. In dem überfeinen -und hochsensitiven Wesen dieser Schriftstellerin ist doch etwas -von jenem kulturfördernden Geiste, der über die harte, wissenschaftlich -dürre Mannesgesittung hinaus zu einer edleren, freieren Sittigung -strebt; diese keimt im Gefühl, in der Seele, sie wird ohne Zweifel -einmal unsere starre Männerkultur überwinden können. - - »Deutsche Wacht«, Dresden. - -Ferner ist im Verlag von #Hermann Seemann Nachfolger# von Frau #Elsa -Asenijeff# erschienen: - - Max Klingers Beethoven - - Eine kunsttechnische Studie - - Prachtwerk in Grossquart mit acht Heliogravüren - und 23 Beilagen und Textbildern - - Preis in vornehmem Liebhaberband gebunden M. 20,-- - -Frau Asenijeff gehört seit Jahren zu dem engeren Freundeskreise -Klingers, sie hat das grosse Werk, das wie selten eine einzelne -künstlerische Schöpfung in Deutschland die Gemüter in Aufregung versetzt -hat, wachsen und werden sehen, und aus eigener Anschauung berichtet -sie nun, wie jener Titelzusatz andeutet, von der Arbeit, die Klinger -hier geleistet, von dem technischen Können, das in dieser -seltsam-grossartigen Monumentalstatue niedergelegt ist. Nach den -vielfachen kritisch-ästhetischen Abhandlungen über den »Beethoven« -ist eine solche Schrift sehr willkommen. - - »National-Zeitung«, Berlin. - -Eine ungewöhnlich interessante Veröffentlichung ist das Prachtwerk -»Max Klingers Beethoven«. Das Werk, das im gesamten Schaffen -Klingers einen Gipfel bedeutet, wird von Frau Elsa Asenijeff in einem -trefflichen Text erklärt, der die zahlreichen Illustrationen -- 8 -Heliogravüren, 23 Beilagen und Abbildungen im Text -- wirksam -unterstützt, zumal da Frau Asenijeff in der Lage ist, auch zu der -Entstehungsgeschichte des Werkes die interessantesten Ausführungen -beizubringen, insonderheit über die grosse Schwierigkeit, den -Thronsessel in Bronze zu giessen, was erst in Pierre Bingens Werkstatt -in Paris gelungen ist und von Frau Asenijeff in den einzelnen Stadien -ausserordentlich dramatisch erzählt wird. Die Schilderung des -Bronzegusses ist eine Meisterleistung. - - »Vossische Zeitung.« - - Neue Frauen - - Roman von Paul und Victor Margueritte - - (Einzig autorisierte Ausgabe von #U. Fricke#) - - Preis brosch. M. 4.--, geb. M. 5.-- - -In dem hervorragenden Roman »#Neue Frauen#« von Paul und Victor -Margueritte, einem Brüderpaar, das zu den berühmtesten französischen -Romanschriftstellern der Gegenwart zählt, werden neben glänzenden -Schilderungen der Gesellschaft und der unteren Volksmassen, die »neuen -Frauen« als Vorkämpferinnen der Frauenbewegung verherrlicht, die auf -diesem Wege die sociale Frage lösen wollen. Und diese Frauen nun haben -auch die idealen Forderungen der Reinheit des Mannes vor der Ehe, der -sittlichen Gleichberechtigung beider Geschlechter auf ihren Schild -geschrieben. So schlägt die Heldin des Romans zwei Eheprojekte wegen -der »Vergangenheit« der Werber aus. Der Roman ist glänzend geschrieben, -unterhaltend, wertvoll und für jeden, der »#Vera#« kennt und für die -Frauenprobleme etwas übrig hat, von brennendem Interesse. - -Die Kritiken über Paul und Victor Margueritte, #Neue Frauen#, sind -insgesamt lobend und empfehlen das Werk in jeder Hinsicht zur Lektüre. -Eine Kritik sei hier wiedergegeben aus dem »Staatsanzeiger für -Württemberg«, Stuttgart: - -»Der fesselnd geschriebene französische Roman behandelt Probleme, die -mit der modernen Frauenbewegung zusammenhängen, übrigens wegen Ihres -rein menschlichen Gehalts der Teilnahme auch der Parteilosen sicher -sind. Die Geschichte dieses Romans ist für eine Doppelautorschaft von -einer seltenen Einheitlichkeit und Folgerichtigkeit. Die Darstellung -der vorhandenen Konflikte glüht von Begeisterung für die höhere -Sittlichkeit der Menschen der Zukunft, welche die Seelen läutern wird. -Die Heldin, die in schweren Stunden für das Recht der Selbstbestimmung -als Frau und Tochter mit Energie eintritt und sich im Kampf des Lebens -die echte Weiblichkeit bewahrt, ist eine sympathische Frauengestalt, -der Idealtypus der Frau der Zukunft, wie ihn die Verfasser und -mit ihnen gewiss noch viele andere erträumen. Auch radikale Typen -des weiblichen Geschlechts sind vertreten, der Blaustrumpf und -die geschworene Männerfeindin, jedoch nicht zur Abschreckung, als -Lächerlichkeiten. Die Verfasser lassen keinen Zweifel darüber, dass für -sie die Frau der Zukunft so nicht aussieht. Der Roman entwickelt die -Ereignisse von innen, vom Charakter der Personen aus und verbindet so -mit der Erörterung zeitgemässer Fragen eine treffende Psychologie, die -ihm in erster Linie seinen Wert verleiht.« - - »Der Roman eines Dienstmädchens« - - ist das neueste zweibändige grandiose Werk der bekannten - polnischen Schriftstellerin - - Gabriela Gräfin Zapolska - - Käthe die Karyatide - - 2 Bände brosch. je M. 2,50, geb. je M. 3,50 - -»Die Karyatide, die in stummer Ergebenheit die Last des Hauses -und ihres eigenen Unglücks trägt, ist das Dienstmädchen. Zu einem -Symbol wächst ihre Gestalt. Wie eine Karyatide erscheint sie, auf -deren Schultern die niederdrückende Last elender niederer Arbeit -ruht. Ein solches typisches Lebensschicksal schildert die polnische -Dichterin Gräfin Zapolska mit einem unerbittlichen, oft ans Brutale -streifenden Wirklichkeitssinn. Es ist das Werk einer Persönlichkeit, -das mit bedeutender Aufmerksamkeit gelesen zu werden verdient.« - -Ein reizvolles Pendant zu #Gräfin Zapolskas# Dienstmädchenroman bildet -der - - »Roman einer Ladenmamsell«, - - wie er uns vorliegt, in - - Jenny Schwabes Roman - - Im feindlichen Leben - - Preis brosch. M. 3,--, geb. M. 4,-- - -Aus Urteilen der Presse: »Das ist der Roman der Ladenmamsell mit all -den mannigfachen Anfechtungen und Sorgen, denen diese jungen Mädchen -in ihrer dienenden Stellung ausgesetzt sind. Das ist der Roman eines -gut erzogenen, tüchtigen Mädchens, dem seine Armut überall Zwang anlegt -und das gezwungen ist, seine jungen Kräfte in seelentötender Arbeit -zu verbrauchen, dem es aber doch gelingt, sich wacker durchzukämpfen -und einen beglückenden Wirkungskreis in Leben und Ehe zu finden. Die -Lektüre ist sehr unterhaltsam, und das versöhnliche Ende entlässt den -Leser mit der Hoffnung, dass auch diese Gebiete der Frauenbewegung noch -ihre Zukunft haben«. - - Gebt uns die Wahrheit! - - Ein Beitrag zu unserer Erziehung zur Ehe - - Von - - Else Jerusalem-Kotányi - - 2. Auflage Preis M. 2.-- - -»#Gebt uns die Wahrheit#« #ist eine moderne ars amandi im edelsten -Sinne des Wortes, noch mehr#, es ist das beste Buch, das je eine Frau -geschrieben hat.« - - Viktor A. Reko in den »Internationalen Litteraturberichten.« - -An Stelle der übrigen zahlreichen Kritiken, die »Gebt uns die Wahrheit« -durchaus günstig besprachen, sei hier der Verfasserin Selbstanzeige aus -der »Zukunft« wiedergegeben: - -»In der Arbeit, die ich nun dem Leser vorlege, habe ich jenes -gefährliche Wagestück unternommen, vor dem selbst einem alten -Teufelskumpan wie dem Doktor Faust heimlich graute: Ich bin zu -den Müttern hinabgestiegen. Die Mädchenerziehung ist von jeher -eine heiss umstrittene Frage gewesen. Alle Damen, alle Herren -haben darüber höchst löblich und leidenschaftslos gesprochen, und -nur uns selbst, den Hauptpersonen in dieser beliebten Farce, wurde -jede selbständige Willensregung einfach abgeschnitten. Wir blieben -stumme Trägerinnen unserer naiv-sentimentalen Rollen, die uns im -letzten Akt die notwendige Lustspiellösung bringen mussten. Das -ist im Grunde einfache Logik der Thatsachen. Ein nach den Regeln -der Gesellschaft gedrilltes weibliches Wesen vergisst nur zu rasch, -über sich und seinen Entwickelungsgang nachzudenken. Als junge -Dame hat sie weit wichtigere Funktionen zu erfüllen, als ihr Innenleben -einer Betrachtung oder gar einer Kritik zu unterziehen. Auf -Grund, wie ich kühn behaupten darf, ehrlicher psychologischer -Forschung versuchte ich, in meinem Buch eine Darstellung jener -gefährlichen Mischung der äusseren Welterziehung und der geheimen -Selbstenthaltung zu geben, die später so schädigend auf die -Entwickelung unserer physischen und psychischen Kräfte zurückwirkt. -Keine frivole Absicht, nicht die Sucht, mit der Verneinung des -Althergebrachten modern zu wirken, hat mich dazu bestimmt. Doch das -Aussprechen gewisser Thatsachen wirkt in unserer, an keuschen ... Ohren -so reichen Gesellschaft immer weit verletzender als deren Ausübung. -Ist einer von uns ein unangenehmes Abenteuer passiert, so breitet -die Welt unter salbungsvollen Reden den fadenscheinigen Mantel ihrer -Nächstenliebe darüber. Denn das kann jeder Mutter Kind geschehen. Aber -spricht eine von uns darüber, schreibt sie durchlebte, durchlittene -Gedankentragödien, die das Leben in tausend und abertausend Fällen -zur Wirklichkeit macht, gar nieder, dann giebt es Skandal -- und die -Steine fliegen. Denn da ist man wohl sicher: Das braucht wirklich -nicht jeder zuzukommen. Möge denn das Büchlein seinem Schicksal -entgegengehen; vielleicht wird mein eigenes Geschlecht zuerst wider -mich aufstehen; auch jene ganz Reinen, für die es in lichterfüllten -Stunden niedergeschrieben wurde.« - - - - -Anmerkungen zur Transkription: - -Der Text wurde originalgetreu beibehalten, außer folgenden Änderungen: - - S. 61 "zn" wurde durch "zu" ersetzt. - S. 100 Das Gedicht wurde eingerückt. - S. 128 Das Gedicht wurde eingerückt (im Original ohne Einrückung). - S. 176 "Strafe" wurde durch "Straße" ersetzt ("...nackt auf die - Straße geworfen"). - S. 184 hinter "Dirnen" wurde ein Punkt eingefügt. - S. 203 vor "umsonst einkauffen" wurde ein Anführungszeichen - eingefügt. - S. 203 "Liebhhaber" wurde zu "Liebhaber" geändert. - S. 266 "nnd Salome" wurde geändert zu "und Salome". - S. 275 "Brandt" wurde zu "Brant" geändert ("...wie Brant im - Narrenschiff sagt"). - S. 309 "panis porciuso" wurde in Kursivschrift gesetzt. - S. 321 "Armel" wurde durch "Ärmel" ersetzt. - S. 324 In Fußnote 6 (Kapitel "Kleidung") wurde ein Komma - in "Schultz, Deutsches Leben" eingefügt. - S. 334 hinter "Perlen?" wurde eine schließende Klammer eingefügt. - - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Das Geschlechtsleben in der Deutschen -Vergangenheit, by Max Bauer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GESCHLECHTSLEBEN IN DER *** - -***** This file should be named 50248-0.txt or 50248-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/2/4/50248/ - -Produced by poor poet and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Das Geschlechtsleben in der Deutschen Vergangenheit - -Author: Max Bauer - -Release Date: October 18, 2015 [EBook #50248] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GESCHLECHTSLEBEN IN DER *** - - - - -Produced by poor poet and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - -<h1><a class="pagenum" id="page_i" title="i"> </a>DAS -GESCHLECHTSLEBEN<br /> -<span class="fontxsmall">IN DER</span><br /> -DEUTSCHEN<br /> -VERGANGENHEIT</h1> -<p class="center front fontsmall">VON</p> - -<p class="front fontxlarge">MAX BAUER</p> - - -<p class="center front fontsmall">LEIPZIG 1902<br /> -HERMANN SEEMANN NACHFOLGER</p> - - -<p class="center front fontsmall">Alle Rechte vom Verleger vorbehalten! -<a class="pagenum" id="page_ii" title="ii"> </a></p> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak">Zum Geleit. -<a class="pagenum" id="page_iii" title="iii"> </a></h2> -</div> - -<p> -Einen kurzen, nur die behandelten Themen -erschöpfenden Abriss des Geschlechtslebens -der deutschen Vorzeit zu geben, ist der -Zweck der vorliegenden Arbeit, die kein -Lehrbuch, sondern hauptsächlich eine auf -wissenschaftlicher Grundlage fussende Abhandlung -über eine Materie sein will, der -alle für jung und alt geschriebenen Kulturgeschichten -ängstlich aus dem Wege gehen.</p> - -<p>Für den ernsten Laien ist mein Werkchen -bestimmt, für den gebildeten Mann -und die reife, denkende Frau, denen es »ein -herrliches Ergötzen, sich in den Geist der -Zeiten zu versetzen«, auch dann, wenn dieser -Geist düstere Bilder zeitigt, auf die unsere -vielgeschmähte Gegenwart mit Schaudern -zurückblickt.</p> - -<p>Manch kerniges Wort ist in den nachfolgenden -Blättern gesprochen, doch nur, -wenn es der Stoff erforderte. Gar mancher -wird sich darob entsetzen und entrüsten, -aber: »Niemand lügt so viel, als der Entrüstete,« -sagt Friedrich Nietzsche – und -ich glaube, er hat recht!</p> - -<p> -<em>Friedenau</em>, September 1902.</p> - -<p><big>Max Bauer.</big></p> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak">INHALT. -<a class="pagenum" id="page_iv" title="iv"> </a></h2> -</div> - -<table summary="contents" cellpadding="4" class="marginbottom8"> -<tr> - <td colspan="2" align="right"><small>Seite</small></td> -</tr> -<tr> - <td align="left"><span class="smcaps">Das frühe Mittelalter</span></td> - <td align="right"><a href="#page_001">1</a></td> -</tr> -<tr> - <td align="left"><span class="smcaps">Das Leben auf dem Dorfe</span></td> - <td align="right"><a href="#page_051">51</a></td> -</tr> -<tr> - <td align="left"><span class="smcaps">Die Klöster</span></td> - <td align="right"><a href="#page_074">74</a></td> -</tr> -<tr> - <td align="left"><span class="smcaps">Beilager und Ehe</span></td> - <td align="right"><a href="#page_089">89</a></td> -</tr> -<tr> - <td align="left"><span class="smcaps">Die feile Liebe</span></td> - <td align="right"><a href="#page_133">133</a></td> -</tr> -<tr> - <td align="left"><span class="smcaps">Das Badewesen</span></td> - <td align="right"><a href="#page_215">215</a></td> -</tr> -<tr> - <td align="left"><span class="smcaps">Tanz und Spiel</span></td> - <td align="right"><a href="#page_265">265</a></td> -</tr> -<tr> - <td align="left"><span class="smcaps">Das Schönheitsideal</span></td> - <td align="right"><a href="#page_304">304</a></td> -</tr> -<tr> - <td align="left"><span class="smcaps">Die Kleidung</span></td> - <td align="right"><a href="#page_318">318</a></td> -</tr> -<tr> - <td align="left"><span class="smcaps">Liebeszauber und Zauberliebe</span></td> - <td align="right"><a href="#page_339">339</a></td> -</tr> -</table> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak">Das frühe Mittelalter. -<a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a></h2> -</div> - -<p> -An einer dem Urwalde abgerungenen -Stelle, die ein Bächlein durchrieselt, dessen -Ufer Blumen schmücken und Weiden beschirmen, -liegt das Gehöft des Germanen. -Wiesen mit vereinzelten Bäumen und Felder -von bescheidener Ausdehnung, bestellt mit -der Brotfrucht oder Gerste, um den Trank -des Hausherrn daraus zu brauen, oder dem -gelbblühenden Hanf, aus dessen Fäden die -Hausfrau manch Gewand zu wirken weiss, -umschliessen die Baulichkeiten bis an die -Grenze des Waldes hin, dessen breitästige -Riesen ihre Schatten auf die wogenden -Halme werfen. Waldesnähe war Notwendigkeit -für den Urdeutschen, denn der gewaltige -Wald war geradezu Lebensbedingung -für ihn. Aus seinen Stämmen zimmerte er -das kunstlose, schirmende Dach; seine harzreichen -Äste und das Reisig gaben der -<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a> -fensterlosen Halle Licht und Wärme im -rauhen Herbste; die aus Waldesstämmen -geschnittenen Pallisaden und der aus biegsamen -Zweigen geflochtene Zaun hielten -das Raubzeug von dem Einbruch in des -Herrn Herden ab, wenn Schnee und Eis -die Erde deckte und der Hunger die Tiere -den menschlichen Behausungen zutrieb. Die -aus seinen Scheiten genährten Essen verflüssigten -das Erz, aus dem der Germane -die Schutz- und Trutzwaffen schmiedete, wie -die Werkzeuge für das Feld: Sichel und -Sense. Im Waldesdickicht barg sich das -Wild: Hirsch, Reh, Elen, Ur, das Schwarzwild, -Meister Petz und anderes Getier, dessen -Jagd des Mannes Herzensfreude war, und -das ihn und die Seinen mit Fleisch und -wärmendem Rauchwerk zur Kleidung versorgte. -Aus Waldesdüster stieg vom Opfersteine -der Rauch gen Walhalla auf; an entlegenen, -schwer zugänglichen Stellen hauste -einsam die Seherin, »die weit und breit für -ein göttliches Wesen galt«<a name="FNanchor_001" id="FNanchor_001" -href="#Footnote_001" class="fnanchor">[1]</a>, durch dessen -Mund die Götter in seltsam gefügter Rede -sprachen, ihren Willen kundgaben, lobten -oder tadelten, verhiessen oder verdammten, -<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -die Prophetin, verehrter als der Oberpriester, -als der erkorene Herr und Führer in Frieden -und Kampf, sie <em>das heilige Weib</em>!</p> - -<p>Denn »der Germane schreibt dem Weibe -eine gewisse Heiligkeit und prophetische -Gabe zu«<a name="FNanchor_002" id="FNanchor_002" -href="#Footnote_002" class="fnanchor">[2]</a>. Darum war ihm auch heilig -die Frau, die er an seinen Herd genommen, -heilig das Weib des Nachbarn und unantastbar, -wie die eigenen Töchter. Nur den -Feind traf er tödlich damit, dass er nach erfochtenem -Sieg dessen Weiber seinen Lüsten -opferte. »Die frouwen sie nôtzogeten, Und -die megde wol getan« heisst es noch Jahrhunderte -später von den Weibern einer erstürmten -Stadt. Aber auch das Gegenteil -lässt sich bezeugen. Als König Rudolf 925 -die Stadt Auga (Eu) erstürmte, in die sich -die Normannen unter Rallo geworfen hatten, -wurden alle Männer niedergemacht, die -Frauen aber unberührt gelassen. Gleiche -Schonung hatte früher Totila den Neapolitanerinnen -und Römerinnen bewiesen, und -als ein vornehmer Gote sich eine Ungebührlichkeit -gegen ein neapolitanisches Mädchen -erlaubt hatte, liess er ihn trotz allgemeiner -Verwendung hinrichten und sein -<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -Vermögen jenem Mädchen geben.<a name="FNanchor_003" id="FNanchor_003" -href="#Footnote_003" class="fnanchor">[3]</a> Also -auch im Kriege bewahrten deutsche Stämme -die Achtung vor den Frauen.</p> - -<p>Dem Germanen, dem rauhen Sohne eines -unwirtlichen Landes, galt eben sein Weib als -die Gefährtin seines Lebens, eins mit ihm -in Freud und Leid, die für ihn schaffte, für -ihn sorgte, ihn pflegte, wenn er siech darniederlag, -seine Wunden verband und sie -mit geheimnisvollen Sprüchen zu heilen -suchte; die er dafür mit seinem Leibe -schützte, für die er starb, wenn es das Geschick -erforderte, gleichwie sie selbst den -Tod der Ehrlosigkeit vorzog. Ihre Gemeinschaft -war ernst und unverbrüchlich, kein -loses Spiel, wie bei vielen kulturell höher -stehenden Völkern jener Epoche, die in der -Frau nur den Gegenstand zur Befriedigung -der Lüste, oder die tief unter dem Manne -stehende Sklavin, im günstigsten Falle das -zur Fortpflanzung nötige Werkzeug sahen. -Nimmt es da wunder, wenn <em>Cornelius -Tacitus</em>, der erste, dem wir sichere Kunde -von germanischen Sitten und Gebräuchen -verdanken, der elegante Römer, das leichtlebige -<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -Kind der Weltkloake Roma mit ihren -marklosen Männern, ihren entarteten Weibern, -bei denen der Ehebruch zum guten -Ton gehörte, deren abgestumpfte Nerven -nur die raffinierteste Wollust reizte, in Germanien -und der unverfälschten Natürlichkeit -seiner Eingeborenen eine neue Welt, ein -Utopien zu sehen glaubte, das er seinen -Landsleuten nicht genug preisen konnte. -»So lebt denn das Weib dahin, unter der -Obhut reiner Sitten, nicht verderbt vom -Sinnenreiz lüsterner Theaterstücke, noch -durch wollustreizende Gelage. Geheimen -Verkehr durch (Liebes-) Briefe kennt weder -Mann noch Frau. Ehebruch ist unter diesem -doch so zahlreichen Volke äusserst selten. -Seine Bestrafung ist schnell, und dem Ehemanne -überlassen. Mit abgeschnittenem -Haar, nackt, und in Gegenwart der Verwandten, -stösst der Gatte die Schuldige -zum Hause hinaus und peitscht sie durch -das ganze Dorf. Auch die preisgegebene -Jungfräulichkeit findet keine Verzeihung. -Nicht Schönheit, noch Jugend, noch Reichtum -gewinnt ihr einen Mann. Denn dort -freilich lacht niemand des Lasters; verführen -und verführt werden nennt man -nicht Zeitgeist. Besser, wenigstens bis jetzt -<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -noch, steht es mit einem Lande, wo nur -Jungfrauen in die Ehe treten und wo es -mit der Hoffnung und dem Gelübde der -Gattin ein für allemal abgethan ist. So erhalten -sie nur den einen Gatten, gleichwie -sie Leib und Leben nur einmal empfingen, -damit in Zukunft kein Gedanke über ihn -hinaus, kein weiteres Gelübde sich rege, damit -Liebe nicht sowohl zum Ehemanne, als -zum Ehebunde sie beseele.«<a name="FNanchor_004" id="FNanchor_004" -href="#Footnote_004" class="fnanchor">[4]</a></p> - -<p>Nur das reine Weib hatte Geltung bei -den Germanen. Der auf uralten Rechtsgrundsätzen -sich aufbauende Sachsenspiegel, -das sächsische Landrecht, niedergeschrieben -im 13. Jahrhundert, vertritt die Anschauung, -dass ein einmal gefallenes Weib, selbst -wenn sie wider ihren Willen ihre Ehre verloren, -nie wieder die Rechte eines reinen -Mädchens erlangen könne.<a name="FNanchor_005" id="FNanchor_005" -href="#Footnote_005" class="fnanchor">[5]</a> Da den germanischen -Jünglingen strenge Gesetze die -Keuschheit bis zur vollendeten Männlichkeit -zur Pflicht machten – der Umgang -<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -mit Weibern galt für den jungen Mann vor -Vollendung des 20. Lebensjahres für eine -Schmach<a name="FNanchor_006" id="FNanchor_006" -href="#Footnote_006" class="fnanchor">[6]</a> – ebenso wie den Mädchen, so -war der Unmoral nur ein enger Spielraum -gegeben. Sexuelle Ausschreitungen kamen -wohl vor, doch dürften sie immerhin als -Ausnahmen zu betrachten sein.</p> - -<p>Mit der Errichtung von befestigten Dörfern, -den Vorläufern der deutschen Städte, dem -engeren Aneinanderrücken ursprünglich weit -voneinander abgelegener Anwesen und dem -Eindringen fremder oder aus der Fremde -wieder heimgekehrter Elemente, vollzog sich -allmählich eine Sittenwandlung zum schlechteren, -die aber vorderhand noch nicht bis -zum häuslichen Herde vordrang. Die Hausfrau -und die Töchter des Deutschen blieben -ebenso keusch und züchtig wie vordem.</p> - -<p>War es erst die römische Invasion und -die Rückkehr deutscher Krieger aus römischen -Kriegsdiensten, die manche Unsitte -auf deutschen Boden verpflanzten, manche -leichtere Sittenanschauung nach Germanien -eingeführt hatten, die wie stets bei allen -Naturvölkern nur zu leicht Wurzeln fasste -und üppig weiterwucherte, so ging auch -<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -später die Völkerwanderung und die mit -ihr einbrechenden wilden Horden nicht spurlos -an den Vorfahren vorüber. Auch das -Christentum räumte mit vielem Althergebrachten -für immer auf oder entstellte es, -wo es galt, die Gefühle der Bekehrten zu -schonen, nach und nach bis zur Unkenntlichkeit.</p> - -<p>Eine neue, von der alten grundverschiedene -Zeit war für Germania angebrochen. -Das Volk, das ein Tacitus als Muster hingestellt, -das das römische Weltreich zertrümmert -hatte, war aus dem Naturzustand -in die Kultur eingetreten. Der rauhe Naturmensch, -dem bislang Krieg und Jagd als -Um und Auf des Lebens galten, der jede -Arbeit, die nicht mit diesen seinen Herzensneigungen -zusammenhing, verachtete und -sie den Frauen und den Sklaven überliess, -war zum Edeling oder zum Bauerbürger -geworden, der nun nicht mehr ganz so -schalten und walten durfte, wie damals, wo -er als unbeschränkter Gebieter auf seinem -Grund und Boden hauste. Er musste jetzt -selbst die Hände rühren und die Oberaufsicht -über sein Eigentum übernehmen. Das -mit elementarer Macht sich verbreitende -Christentum erschloss eine neue Gedankenwelt -<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -und milderte vieles von der Rauheit -des früheren Sohnes der Wildnis. Die allerorts -entstehenden Klöster wurden zu den -ersten und einzigen Bildungsstätten, aus -deren festen, bewehrten Mauern so manche -Kunde drang von der Kunst, seine Gedanken -aufzeichnen zu können und sie auf -diese Weise selbst dem Fernen mitzuteilen; -dann von Glaubenshelden, die ihre Treue -gegen den Heiland mit dem Leben bezahlt, -die für das Christentum den Märtyrertod erlitten; -vom Heiland selbst, seinem Leben, -Leiden und Sterben, und von seiner Mutter, -der herrlichsten, edelsten und erhabensten -aller Frauen, der gebenedeiten Jungfrau -Maria. In ihr erstand für den Deutschen -neuerdings das göttliche Weib der Germanen, -darum sammelte sich auch in dem -Marienkultus die ganze Verehrung, die der -Deutsche einem Weibe zu zollen vermag, in -einem Brennpunkte zusammen, der aber im -Gange der Jahrhunderte verblasste, um später -noch einmal, aber weniger intensiv und mit -einer Beimischung von Groteskkomik, als -Minne und Minnedienst aufzuleuchten, ehe -er für immer erlöschte.</p> - -<p>Noch war das deutsche Staatengefüge -lose aus einer Unzahl deutscher Stämme -<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -zusammengesetzt, die, in nie ruhender Eifersucht -einander befehdend, kaum ein Gefühl -der Zusammengehörigkeit kannten.</p> - -<p>Erst dem Heros <em>Karl dem Grossen</em>, -seiner eisernen Faust, seinem mächtigen, -zielbewussten Willen, der mit unbeugsamer -Energie das für richtig Erkannte durchzusetzen -wusste, gelang es, das Völkerkonglomerat -auf deutscher Erde zusammenzuschweissen -und zu einer Einheit, dem römisch-deutschen -Reiche, zu gestalten. Karls staatsmännisches -und kulturelles Wirken zu würdigen -ist nicht meine Aufgabe. Hier soll -nur der Einfluss erörtert werden, den Karls -Regierung auf das Geschlechtsleben seiner -Zeit ausübte. Kaiser Karls Leben war in -dieser Hinsicht nicht einwandsfrei. Wenn -er auch am 29. Dezember 1165 heilig gesprochen -und diese Kanonisation von der -Kirche stillschweigend bestätigt wurde, so -war Karl durchaus kein Heiliger. Er war -fünfmal verheiratet. Seine erste Frau, die -Fränkin Himiltrud, verstiess er, ebenso die -zweite, eine Tochter des Longobardenkönigs -Desiderius, nach der Angabe eines Mönches -von St. Gallen deshalb, weil sie unfruchtbar -gewesen. Hildegard, die dritte Gattin, ein -Fräulein aus hohem schwäbischen Adel, -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -zählte erst 13 Jahre, als er sie heimführte. -Sie starb 783 im 26. Lebensjahre, -nachdem sie ihm neun Kinder, darunter -Hludoic, seinen Thronerben, geboren -hatte. Wenige Monate nach Hildegards -Tode heiratete Karl die Ostfrankin Fastrada, -nach deren Hinscheiden er die Alemannin -Luitgard zur Gemahlin nahm, mit der er -schon vor der Verheiratung Beziehungen -unterhalten hatte. Sie war seine letzte rechtmässig -angetraute Gattin, und als sie um -das Jahr 800 in Tours starb, wirtschaftete -der Kaiser bis zu seinem Ableben mit Kebsweibern, -von denen vier namhaft gemacht -werden: Madelgard, Gersuinda, Regina und -Adallinde.<a name="FNanchor_007" id="FNanchor_007" -href="#Footnote_007" class="fnanchor">[7]</a></p> - -<p>Karls sinnliche Natur vererbte sich auf -seine Töchter, von denen Einhard schreibt: -»Obwohl diese Töchter sehr schön waren -und von ihm überaus geliebt wurden, wollte -er wunderbarerweise keine von ihnen einem -der Seinen oder einem Fremden zur Ehe -geben; er behielt sie vielmehr alle bis an -sein Ende in seinem Hause und sagte, -er könne den näheren Umgang mit ihnen -<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -nicht entbehren. Aber deswegen musste er, -sonst so glücklich, die Abgunst des Schicksals -erfahren, was er sich jedoch so wenig -merken liess, als ob in Bezug auf seine -Töchter niemals irgend ein Verdacht der -Unkeuschheit sich erhoben, niemals das Gerücht -hiervon sich verbreitet hätte.«<a name="FNanchor_008" id="FNanchor_008" -href="#Footnote_008" class="fnanchor">[8]</a> Dieses -Gerücht bestand in der That und stützte -sich auf Thatsachen. Alkuin, des Kaisers -Ratgeber und Freund, warnte seine Schüler -vor den »gekrönten Tauben, die nächtlich -durch die Pfalz fliegen.« Die Folgen -der Lasterhaftigkeit liessen nicht auf sich -warten.</p> - -<p>Bertha, aus des Kaisers Ehe mit Hildegard, -hatte vom gelehrten Dichter Angilbert -zwei Söhne. Diese Bertha ist die Urheberin -der reizenden Sage von dem treuen Liebespaare -Eginhard (Einhard) und Emma (Imma), -nach welcher Emma ihren Geliebten, während -dessen nächtlichem Besuche Schnee -im Schlosshofe gefallen war, der durch die -in ihm hinterlassenen Fusstapfen des Geliebten -Fortgehen hätte verraten müssen, -auf ihrem Rücken zu seiner Wohnung trug. -Der Kaiser, den Schmerzen auf seinem Lager -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -wachhielten, sah dies, und gerührt von so -viel Liebe, gab er dem Paare seinen Segen. -»Offenbar hat die geschäftig webende Sage -hier einen anderen Günstling und vertrauten -Rat Karls, den gelehrten Angilbert, -mit Einhard verwechselt. Letzterer hatte -allerdings eine vornehme Jungfrau von trefflichem -Charakter und hervorragender Bildung, -Namens Imma, zum Weibe, mit der -er bis zum Jahre 836 in glücklichster Ehe -lebte, doch war er sicher nicht Karls -Schwiegersohn, da der Kaiser eine Tochter -Imma unseres Wissens nicht hatte.«</p> - -<p>Berthas Schwester Hruotrud, in Hofkreisen -Columba genannt, hatte mit dem -Grafen Rorich von Maine einen Sohn, und -die anderen Töchter Karls waren ebenso -leichtfertig, wie die erwähnten. Das grössere -Leben Ludwigs des Frommen, Karls Nachfolger, -erzählt, das Treiben, das seine -Schwestern im väterlichen Hause führten, -habe Ludwigs Sinn, obgleich er von Natur -milde war, schon lange geärgert. Bald nach -seiner Thronbesteigung habe er daher den -ganzen, sehr grossen weiblichen Tross mit -Ausnahme der geringen Dienerinnen aus -dem Palaste schaffen lassen, und seine -Schwestern veranlasst, sich auf die ihnen -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -vom Vater bestimmten oder von ihm selbst -verliehenen Klöster zurückzuziehen.<a name="FNanchor_009" id="FNanchor_009" -href="#Footnote_009" class="fnanchor">[9]</a></p> - -<p>So gerne Karl in der eigenen Familie -beide Augen zudrückte und geflissentlich -übersah, was allgemein offenkundig war, -so unnachsichtlich zeigte er sich gegen -die öffentliche Unsittlichkeit. Aus Paris -z. B. suchte er alle öffentlichen Mädchen zu -vertreiben. Die Dirnen sollten, falls man -sie bei der Ausübung ihres Gewerbes ertappte, -gestäupt werden. Wer ihnen Vorschub -geleistet oder ihnen Obdach gegeben, -sollte sie auf dem Rücken zum Richtplatze -tragen. Der Erfolg dieses Erlasses war -ganz belanglos, denn die »verliebten Weiber« -– filles folles de leurs corps – trieben ihr -lichtscheues Handwerk offen und im geheimen -nach wie vor und vermehrten sich -wie die Wasserpest.</p> - -<p>Gegen die auch in Deutschland immer -mehr um sich greifende Sittenlockerung -konnte oder wollte Karl nicht einschreiten, -vielleicht schon deshalb nicht, weil sie in -erster Linie bei dem an Gut und Macht -vielvermögenden Adel zuerst und am auffallendsten -zum Vorschein kam. Zu jedem -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -der festen Häuser, aus denen sich die Burgen -entwickelten, gehörten die Genitia, ursprünglich -Werkstätten, in denen hörige und freie -Dienerinnen unter Aufsicht der weiblichen -Herrschaft die Stoffe für die Kleidung herzustellen, -zu sticken, weben, waschen, kochen, -kurz alle weibliche Hand- und Hausarbeit -vorzunehmen hatten. Diese Genitia oder -Frauenhäuser waren von dem Hauptgebäude, -der Herrenwohnung, streng geschieden und -mit Zäunen, Wall, Graben und Wachttürmen -gegen fremde Eindringlinge wohl verwahrt. -In diesen Frauenhäusern befanden sich auch -die Schlafräume nicht allein der Mägde -sondern auch der weiblichen Familienmitglieder, -ein Grund mehr, sie zu sichern, besonders -das vordere Abteil der Genitia, in -dem die Angehörigen des Hausherrn nächtigten, -während das Hinterhaus die Dienerschaft -beherbergte. Nach dem alten alemannischen -Rechte wurde die Notzucht an -einer Insassin des Vorderhauses mit sechs -Schillingen, an einer des Hintergebäudes -mit nur drei Schillingen geahndet. Jedes -der Häuser der Grossen und jeder Meierhof -besass solch Frauenhaus oder <em>Bordell</em>, -nach dem angelsächsischen Bord, Schwelle, -benannt. Die anrüchige Nebenbedeutung -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -kam erst viel später in Gebrauch. Diese -Frauenhäuser galten bald mit Fug und -Recht für die Harems ihrer Besitzer,<a name="FNanchor_010" id="FNanchor_010" -href="#Footnote_010" class="fnanchor">[10]</a> da -damals, bis tief in das Mittelalter hinein, die -Frauen und Töchter der Unfreien im vollsten -Sinne des Wortes die Leibeigenen ihrer -Herren waren. Die Allgewaltigen besassen -das Recht auf Leben und Tod über ihre -Hörigen, die nur als Wertobjekte galten, -über dessen Vermietung, Verkauf oder Verpfändung -der Besitzer nach Gutdünken zu -verfügen vermochte. Da der Wille des -Herrn unverbrüchlichen Gehorsam bedingte, -so wehrte keine Schranke seinen sinnlichen -Gelüsten; er durfte verlangen und war der -Gewährung sicher.</p> - -<p>Zu den Herrenrechten des Feudalen gehörte -auch die Erteilung der Eheerlaubnis -für seine Unfreien. Er durfte jeden Mann, -sobald er das 18., und jedes Mädchen, das -das 14. Lebensjahr erreicht hatte, zur Ehe -zwingen, ebenso verwitweten Gutsleuten -eine neue Ehe mit der ihnen zugeteilten -Braut aufnötigen. Lag es doch in seinem -Interesse, recht viele Ehepaare unter seinen -Hörigen zu haben, da sich mit ihrer Kinderzahl -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -auch sein Besitztum an Seelen vergrösserte, -was einem Vermögenszuwachs -gleichkam. Bisweilen hielt er es jedoch für -angebracht, seine Einwilligung zu versagen -oder diese von dem <i>Jus primae noctis</i>, -nämlich dem Rechte abhängig zu machen, -in der ersten Nacht den Gatten bei der Neuvermählten -vertreten zu dürfen, wenn er -nicht ein für allemal dieses Recht auszuüben -für gut fand. Wie weit diese schmachvolle -Gepflogenheit in die graue Vorzeit -zurückreicht, ist meines Wissens nicht festgestellt. -Doch ist ihr hohes Alter als -wahrscheinlich anzunehmen, da bei der -mittelalterlichen absoluten und rechenschaftsfreien -Machtvollkommenheit die Herren nur -zu leicht auf derartige Übergriffe verfallen -mussten. Man empfand vielleicht beiderseits -nicht die Erniedrigung, die in der Ausübung -und Duldung dieses schmachvollsten -aller Rechte bestand. Im späteren Mittelalter -bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts ist -das Bestehen des <i>Jus primae noctis</i> dokumentarisch -festgestellt, trotz aller Ableugnungsversuche, -die z. B. Karl Schmidt in -seinem Werke »<i>Jus primae noctis</i>« (Freiburg -i. B. 1881) mit recht negativem Ergebnisse -zu unternehmen suchte. Aus der -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -deutschen Schweiz sind zwei Gesetze vom -Jahre 1538 und 1543 überliefert, die haarscharf -diese Unmenschlichkeit beweisen. -Diesen Dokumenten einen anderen als den -unzweideutig in ihnen ausgesprochenen -Sinn zu unterschieben, wie dies Karl Schmidt -unternimmt, liegt keine Veranlassung vor, -ebensowenig wie ich Weinholds Ansicht beipflichten -kann, der mit Osenbrüggen und -Gierke jene Bestimmung nur als Ausdruck -»einer symbolischen Anerkennung der Leibherrschaft -durch die scherzhafte Voranstellung -und Ausmalung der äussersten -Rechtskonsequenzen« aufgefasst wissen will.<a name="FNanchor_011" id="FNanchor_011" -href="#Footnote_011" class="fnanchor">[11]</a> -Man droht mit »der äussersten Rechtskonsequenz« -nicht, wenn man sie nicht, sei es -auch nur in aussergewöhnlichen Fällen, zur -Ausführung bringen will.</p> - -<p>Das eine der erwähnten Schriftstücke, -die »Oefnung von Hirslanden und Stadelhofen« -im Kanton Zürich vom Jahre 1538, -lautet: »Ouch hand die burger die rechtung, -wer der ist, der uf den gütern, die -in den Kelnhof gehörend, <i>die erste nacht -bi sinem wibe ligen wil, die er nüwlich -zu der ee genommen hat, der sol den -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -obgenanten burger vogt dieselben ersten -nacht bi demselben sinen wibe lassen -ligen</i>; wil er aber das nüt thun, so soll -er dem vogt geben 4 und 3 fl Züricher -pfenning, weders er wil: die wal hat der -brugom (Bräutigam), und sol man ouch -demselben brugome ze stür (zur Steuer, -Beihilfe) an dem brutlouf geben ein fuder -holtz usz dem Zürichberg, ob er wil an -demselben holtz hat.« Der Tenor des -zweiten Gesetzes entspricht dem eben gegebenen -ziemlich genau. Doch nicht die -weltlichen Herren allein beschmutzten sich -mit der Ausübung des <i>Jus primae noctis</i>, -auch die hohe, grundbesitzende Geistlichkeit -machte sich dieses Recht zu nutze – -brachte es doch etwas ein. Nach dem -Lagerbuche des schwäbischen Klosters Adelberg -vom Jahre 1496 mussten die zu Bortlingen -sesshaften Leibeigenen dies Recht -dadurch ablösen, dass der Bräutigam eine -Scheibe Holz, die Braut ein Pfund sieben -Schillinge Heller oder eine Pfanne, »dass -sie mit dem Hinteren darein sitzen kann -oder mag« darbringen musste. Anderwärts -hatten die Bräute dem Grundherrn so viel -Käse oder Butter zu entrichten, »als dick -und schwer ihr Hinterteil war«. An anderen -<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -Orten wieder mussten sie einen zierlichen -Korduansessel geben, »den sie damit -ausfüllen konnten«.<a name="FNanchor_012" id="FNanchor_012" -href="#Footnote_012" class="fnanchor">[12]</a> Nach den Schilderungen -des bayerischen Oberappellationsgerichtsrats -Welsch bestand übrigens die -Verpflichtung der Lösung vom <i>Jus primae -noctis</i> in Bayern noch im 18. Jahrhundert.<a name="FNanchor_013" id="FNanchor_013" -href="#Footnote_013" class="fnanchor">[13]</a></p> - -<p>Im Grunde genommen barg sich unter -dem <i>Jus primae noctis</i> nichts weiter, als eine -Erpressung mehr, da es doch dem Bräutigam -freistand, sich mit Geld oder Geldeswert -zu lösen. Wenn nun der arme Bauer -dieses Geld nicht aufzubringen vermochte, -denn eine Hochzeit kostete ohnehin auch -damals schon viel Geld? Der Bräutigam -hatte vor allem die Eheerlaubnis teuer -durch den Erlag eines Zinses oder Übergabe -eines Hemdes oder Felles zu erkaufen. -Dem Zins wusste der Galgenhumor der -Zahler recht bezeichnende Namen zu geben. -Einige dieser aus verschiedenen Gegenden -stammenden Bezeichnungen waren: -Jungfernzins, Stechgroschen, Bettmund, <em>Nadelgeld</em>, -Frauengeld, Hemdschilling, Bumede, -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -Jungferngeld, Schürzenzins, Vogthemd, -Bunzengroschen und andere, mitunter -sehr eindeutige, mehr. Dieser Zins -war unter allen Umständen zu erlegen, -auch dann, wenn der Herr sein Recht ausgeübt -und damit die Tugend der Braut -ramponiert hatte.</p> - -<p>Die zerzauste Tugend machte übrigens -schon damals den Herren der Schöpfung -und nicht nur den Bauern allein manchen -Kopfschmerz. Und nicht allein die Mägdelein, -sondern auch die Ehegattinnen, ganz -besonders die letzteren, hatten oft unter -mehr oder weniger begründeter Eifersucht -zu leiden. Was heutzutage meist Thränen, -Ohnmachten und Beteuerungen durchzusetzen -vermögen, bedurfte in jener kräftiger -zufassenden Zeit augenscheinlicher Beweise. -Wenn diese nicht auf gewöhnlichem Wege -herbeizuschaffen waren, so griff man, dem -bigott-abergläubischen Zeitgeiste entsprechend, -zu dem <em>Gottesurteil</em>. Häufig war -es die angeschuldigte Frau selbst, die zu -ihrer Rechtfertigung einer Ordalie unterzogen -zu werden begehrte. So die Frau -Karls des Dicken (881-887), die, des Ehebruches -bezichtigt, durch das Gottesurteil -nicht allein zeigen wollte, dass sie keine -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -Verbrecherin, sondern dass sie trotz zwölfjähriger -Ehe noch immer Jungfrau sei: <i>»Das</i> -(ihre Unberührtheit) <i>bewerte sü domitte, -dass sü ein gewihset Hemede ane det und -domit in ein Für</i> (Feuer) <i>gieng und blieb -unversert von dem Für</i>«, schreibt der Chronist -Twinger von Königshofen. Das ganze -Mittelalter hindurch waren Ordalien nahezu -das einzige, jedenfalls aber das unfehlbarste -Mittel, die eheliche Treue <i>ad oculos</i> zu demonstrieren.</p> - -<p>Zwei Hauptarten der Gottesurteile waren -im Schwange: die Feuer- und die Wasserprobe. -Bei der Feuerprobe hatte die Beschuldigte -die blosse Hand ins Feuer zu -halten und unbeschädigt wieder herauszuziehen. -War die Hand versengt, so wurde -sie verbunden und der Verband nach einer -gewissen Zeit gelöst. Waren die Wunden -verheilt, so bewies dies die Unschuld. Weitere -Abarten des Feuerordals waren: Mit -einem mit Wachs durchtränkten Hemd bekleidet -den Scheiterhaufen zu durchschreiten, -wie Karls Gattin that; mit blossen Füssen -über glühende Pflugscharen zu wandeln -oder diese eine angegebene Strecke weit zu -tragen. Kaiserin Kunigunde, Heinrichs II. -(1002-1024) Gattin, unterzog sich dieser -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -letzteren Probe, die übrigens schon aus den -Sophokleischen Tragödien her bekannt ist.</p> - -<p>Die Wasserprobe fusste auf dem Grundgedanken, -dass das reine, heilige Wasser -nichts Sündhaftes in sich dulde. Sank daher -das gebundene nackte Weib unter, so -war es schuldlos; blieb es auf dem Wasserspiegel -schwimmen, dann war seine Schuld -zum Beweis erhoben. Jahrhunderte später -gewannen diese Wasserproben, deren Ausgang -ganz in der Hand des Fesselnden -lag, eine hohe Bedeutung bei den Hexenverfolgungen.</p> - -<p>Eine dritte, aber seltener geübte Art der -Gottesurteile waren die Zweikämpfe zwischen -der Angeklagten und ihrem Ankläger. Der -Kraftunterschied zwischen Mann und Weib -fand dadurch seinen Ausgleich, dass der -Mann bis zum Gürtel in einer Grube stehend -die Angriffe der mit einem enganliegenden -trikotartigen Anzuge bekleideten Frau abzuwehren -hat. In »Talhoffers Fechtbuch«, der -Bilderhandschrift von 1467 auf der Gothaischen -Bibliothek, bekämpft die Frau ihren Widersacher -mit einem Schleier, in dem sie einen -vier- bis fünfpfündigen Stein eingebunden -hat. Der Mann ist mit einer Keule bewehrt, -ebenso lang wie der Schleier der Gegnerin. -<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -Der Kämpfer steht »bis an die waichin« in -einer Grube, dessen Rand die Frau umkreist. -Nach dem Apollonius vertrat mitunter einer -der langen Kleiderärmel den Schleier.<a name="FNanchor_014" id="FNanchor_014" -href="#Footnote_014" class="fnanchor">[14]</a></p> - -<p> -Dass alle Ordalien, der Zweikampf vielleicht -ausgenommen, mit der Niederlage der -Frau enden mussten, wenn alles mit rechten -Dingen zuging, liegt auf der Hand – soferne -das schwache Geschlecht in seiner -ererbten Schlauheit nicht Mittel und Wege -gefunden hätte, den Herren der Schöpfung -ein Schnippchen zu schlagen. Sie mogelten -bei den wohlvorbereiteten Gottesurteilen -nach Herzenslust, und lachten hinterher die -dummen, leichtgläubigen Männer weidlich -aus. An Gehilfen bei dem Betruge fehlte -es nicht, wenn nur Geld genug vorhanden -war, die Helfer zu erkaufen.</p> - -<p>Gottfried von Strassburg gibt im »Tristan« -unumwunden den Schwindel zu, den die holde -Isolde, seine Heldin, bei einem Gottesurteil ausübt. -<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -Isoldchen, bekanntlich kein Tugendspiegel, -soll zur Bezeugung ihrer Unschuld die -Feuerprobe bestehen. Sie ist, sehr gerechtfertigter -Weise, mit Tristan, dem Neffen ihres -alten Gatten, ins Gerede gekommen, und -muss nun, um die bösen Mäuler zu stopfen -und ihrem Gatten den Glauben an ihre eheliche -Treue wiederzugeben, eine Ordalie bestehen. -Klein-Isoldchen hat gewichtige -Gründe, alle Vorsicht walten zu lassen, denn -es ist bei ihr sehr viel faul im Staate Dänemark. -Sie weiss sich aber zu helfen. Vor -der Probe verteilt sie mit beiden Händen -reiche Geschenke an Gold, Silber und Edelsteinen -»um Gottes Huld«, das heisst an -die die Feuerprobe leitenden Geistlichen, -die sich solchen Gaben gegenüber nicht undankbar -erweisen dürfen. Sie wissen die Sache -so fein einzufädeln, dass die Ehebrecherin -die Probe tadellos besteht und in ihrer »bewiesenen« -Fleckenlosigkeit nun aufs neue -nach Herzenslust sündigen kann. Sie weiss -ja, dass bei einem neuerlichen Gottesurteil -ihr die früheren Helfer wieder aus der -Patsche helfen werden.</p> - -<p>Einen weiteren Einblick in den Gottesurteil-Schwindel -gestattet das Gedicht eines -unbekannt gebliebenen mittelhochdeutschen -<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -Dichters, das Hans Sachs als Vorlage für -sein Fastnachtsspiel »Das heisse Eisen« benützte. -Eine Frau zwingt ihren Mann auf -Veranlassung der Gevatterin, »die ist sehr -alt und weiss sehr viel«, seine eheliche -Treue durch das Tragen eines »heiss Eysen« -zu beweisen. Der Gatte willfahrt scheinbar -dem Wunsche seiner Gattin.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ja Frau, das will ich gerne thun!</div> - <div class="verse indent0">Lass die Gevatt'rin kommen nun,</div> - <div class="verse indent0">Dass sie das Eisen leg in's Feuer,</div> - <div class="verse indent0">Ich wage frisch das Abenteuer.</div> - <div class="verse indent0">Purgieren will ich mich für's Leben,</div> - <div class="verse indent0">Die Gevatterin soll Zeugniss geben.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p> -Der Schlauberger zieht dabei verstohlen -einen Holzspan aus dem Ärmel in die -Handfläche, auf den er das Eisen derart -legen kann, dass es nirgend mit der Haut -in Berührung kommt. Natürlich besteht er -die Probe glänzend, weshalb er, nun den -Spiess umkehrend, auch seinerseits die -Tugendprobe von seiner Frau begehrt. Winselnd -sinkt diese auf die Knie und gesteht, -in die Enge getrieben, dass sie zuerst mit -dem Herrn Kaplan in sträflichem Verkehr gestanden, -den erst <em>ein</em> Mann, dann wieder -einer, schliesslich nach und nach ein ganzes -Dutzend abgelöst haben. Die würdige Frau, -<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -der »St. Stockmann« als unentrinnbarer -Schutzpatron winkt, fasst nach ihrer Beichte -unversehens das inzwischen erkaltete Eisen -an, verbrüht sich aber daran, ein Zeichen, -dass sie noch immer nicht die ganze Wahrheit -gestanden hat, und rennt scheltend ab.<a name="FNanchor_015" id="FNanchor_015" -href="#Footnote_015" class="fnanchor">[15]</a></p> - -<p>Das von Karls eiserner Faust zusammengeschweisste -Weltreich zersplitterte unter -seinen schwachen Nachfolgern in jenes -Staatengemengsel, dem erst das 19. Jahrhundert -ein Ende machte. Karls Schöpfungen -teilten das Schicksal seines Staates. Nur -in den Klöstern glimmte der von Karl angefachte -Funke des Bildungsbedürfnisses -unter den Insassen fort.</p> - -<p>Die Weltabgeschiedenheit, die von dem -ewigen Einerlei gezeugte Langeweile liessen -wohl auch manche, sonst nicht gerade -wissensdurstige Mönche oder Nonnen zu -den Büchern greifen, neben Reliquien, Messgeräten -und Kultgewändern die kostbarsten -Besitztümer der Stifte und Klöster. -Und wohl ihnen, wenn sie Gefallen an dieser -Beschäftigung fanden, die sie von weit sündhafterem -Treiben abhielt, als es selbst die -<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -über alle Massen schlüpfrige Mönchslitteratur, -das Singen und Abschreiben von weltlichen -Liedern, den »winileodes«, war, das -Karls Kapitular von 789 verpönte, oder -das Studium der erotischen Stücke eines -Plautus oder Terentius und anderer die -Sinne erregender klassischer Schriftsteller. -Denn auch in dieser Epoche liess die Sittenreinheit -der Klostergeistlichkeit schon vieles -zu wünschen übrig. Durch die Kapitularien -Kaiser Karls ist erwiesen, dass manche -Nonne ein vagierendes Leben führte, sich -rückhaltslos, sogar gegen Entlohnung, hingab, -und etwaige Folgen dieser Liebschaften -durch Verbrechen beseitigte.</p> - -<p>Der Wortlaut eines der zahmsten dieser -Kapitularien (v. J. 802) ist folgender: »Die -Frauenklöster sollen streng bewacht werden, -die Nonnen dürfen nicht umherschweifen, -sondern sollen mit grösstem Fleiss verwahrt -werden, auch sollen sie nicht im Streit und -Hader untereinander leben, und in keinem -Stücke den Meisterinnen und Äbtissinnen -ungehorsam oder zuwider handeln. Wo sie -aber unter eine Klosterregel gestellt sind, -sollen sie diese durchaus einhalten. Nicht -der Hurerei, nicht der Völlerei, nicht der -Habsucht sollen sie dienen, sondern auf -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -jede Weise gerecht und nüchtern leben. -Auch soll kein Mann in ihr Kloster eintreten -u. s. w.«</p> - -<p>Ebenso verbot Karl, die Mönchsklöster -in allzu bequemer Nachbarschaft der -Nonnenklöster anzulegen – er hatte Gründe -dafür.</p> - -<p>Aber nicht nur die Nonnen aus niederem -Stande setzten sich über die Klosterregeln -hinweg, auch solche aus den höchsten -Kreisen brachen ihr Gelübde, wenn sich -Gelegenheit bot. Wiederholt finden sich in -den Chroniken vornehme Klosterschwestern, -die sich entführen lassen, oder der Klausur -entfliehen, um zu heiraten. Wer mächtig -war, durfte hoffen, nachträglich die Genehmigung -des Ehebundes durch den Kaiser -und durch dessen Vermittlung auch die des -Papstes zu erlangen. »Hadburg, die erste -Gemahlin König Heinrichs, war eine Nonne, -um die er als Herzog förmlich warb, die -er sich nach alter Weise im Ringe der -Seinen vermählte, als Herrin seines Hofes -feiern liess und gegen die Angriffe der -Kirche behauptete. Herzog Miseco von -Polen, durch seine erste Gemahlin bekehrt, -erwies sein junges Christentum nach -deren Tode dadurch, dass er um 977 eine -<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -deutsche Nonne (Oda) aus ihrem Kloster -entführte und heiratete.«<a name="FNanchor_016" id="FNanchor_016" -href="#Footnote_016" class="fnanchor">[16]</a></p> - -<p>Selbst in den sittenreinsten Klöstern -dachte man im Zeitalter Karls und seiner -Nachfolger sehr frei, wofür die Dramen -<em>Roswithas von Gandersheim</em> Beweise erbringen, -jener vielseitigen, hochgebildeten -Nonne, mit der der lange Reigen der deutschen -Schriftstellerinnen anhebt. »Der singende -Mund von Gandersheim« (<i>clamor validus -Gandeshemensis</i>) lebte und dichtete -um die Mitte des 10. bis zu Anfang des -11. Jahrhunderts. Die Dichterin entnahm ihre -Stoffe der Heiligengeschichte, die sie in einer -dem Terenz nachgeahmten Form dramatisierte. -Mit Vorliebe erhitzt sie ihre Phantasie -an sinnlichen Vorwürfen, die stellenweise -durch die behaglich-breite Detailschilderung -von einer Vorurteilslosigkeit zeugt, von der -sie ihr letzter Übersetzer trotz aller aufgewandten -Mühe nicht völlig reinzuwaschen -vermag.<a name="FNanchor_017" id="FNanchor_017" -href="#Footnote_017" class="fnanchor">[17]</a> In ihrem dritten Stücke »Die Auferweckung -der Drusiana und des Calimachus« -dringt der letztere, ein schöner heidnischer -<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -Jüngling, in die kaum geschlossene Gruft -»und sucht in dem Marmorbette des Leichnams -die Umarmung, welche ihm Drusiana -lebend versagte«. Eine Schlange verhindert -rechtzeitig die Leichenschändung. – Etwas -viel auf einmal für eine schriftstellernde -Himmelsbraut! In dem Drama »Fall und -Busse Marias, der Nichte des Einsiedlers -Abraham« führt uns Roswitha in ein Bordell; -in »Die Bekehrung der Buhlerin Thais« -schildert sie realistisch ein Freudenmädchen; -im »Dulcitius« sollen die drei christlichen -Jungfrauen Agape, Chionia und Irene wegen -ihrer Standhaftigkeit im Glauben römischen -Soldaten preisgegeben werden, nachdem -Dulcitius vergeblich versucht hat, seine Begierden -an ihnen zu stillen, und dieses alles -und noch mehr trägt Roswitha mit frommem -Augenaufschlag vor – <i>ad majorem Dei -gloriam</i> –. Zur Ehre der Dichterin, die sich -eines kraftvollen, aber barbarischen Mönchslateins -bediente, sei angenommen, dass sie -ihre Stoffe nach schriftlich vorliegenden Vorbildern -formte, nichts Selbsterlebtes in ihre -Darstellungen verflocht. Aber mussten nicht -derartige Scenen selbst die reinste Phantasie -mit unzüchtigen, dem Gelübde der -Keuschheit diametral entgegenstehenden Bildern -<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -füllen und sie zu weiterer Ausspinnung -reizen? Die müssiggängerischen Nönnchen -hatten so unendlich viel Langeweile, wie sie -oft selbst gestehen, dass sie sich wohl recht -oft an den Dramen der Gandersheimerin -ergötzt und die darin geschilderten Vorkommnisse -recht ausführlich durchgesprochen -haben mögen.....</p> - -<p>Vom 12. Jahrhundert an datiert der -geistige und materielle Aufschwung des -deutschen Volkes, das ganz allein aus sich -heraus erstarkte. Der Handel, das Handwerk -und auch die, wenn auch nur auf eine -engbegrenzte Menschenklasse, namentlich -die Klosterleute und die aus den Klosterschulen -Hervorgegangenen sich erstreckende -Bildung, hoben sich zusehends, erweiterten -den Gesichtskreis, schufen neue Lebensformen -und mit ihnen neue Bedürfnisse. -Das altgermanische Kriegertum, die Freude -an Fehde und Jagd, das dem Adel noch -immer durch die Adern pulsierte, dessen -Andenken die unverklungenen, Begeisterung -anfachenden Heldensagen wachhielten, gewann -eine neue, modernisierte Gestalt im -<em>Rittertume</em>, dessen romanische Urformen -bald stark mit echt deutschem Geist durchsetzt -waren, der manchen welschen Firlefanz -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -noch vergröberte, um namentlich im -<em>Minnedienst</em>, einem Hauptbestandteile des -Ritterwesens, tief unsittliche Formen zu -schaffen, die gleich vergiftend auf beide -Geschlechter wirkten, besonders aber den -Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft, -die Ehe, untergruben. Die, gleichviel ob -real oder platonisch Geliebte galt alles, die -eigene Frau nichts. Man schlug sein Weib, -wie Kriemhilde klagt<a name="FNanchor_018" id="FNanchor_018" -href="#Footnote_018" class="fnanchor">[18]</a>, winselte aber zu Füssen -der angebeteten Herrin um die Gunst, die -Hand oder den Fuss küssen und den Saum -des Gewandes berühren zu dürfen. »Die Ehe -des Ritters, sein Hauswesen, seine Kinder, -seine Familiengefühle, alles holde Behagen -der Heimat stand ganz ausserhalb der idealen -Welt, in welcher er am liebsten lebte.«<a name="FNanchor_019" id="FNanchor_019" -href="#Footnote_019" class="fnanchor">[19]</a> -Des steirischen Ritters <em>Ulrich von Lichtenstein</em> -Donquichoterien, sein Zug als Frau -Venus im Jahre 1227, in kostbare Frauengewänder -gekleidet, das Haupt mit Schleiern -umhüllt, und seine sonstigen Läppereien, -wie das Trinken des Waschwassers seiner -Huldin, die Operation der breiten Oberlippe, -das Abhauen eines ihr zu Ehren im Turnier -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -verletzten Fingers, das Mischen unter -widerliche Aussätzige, das ihm die Laune der -excentrischen Geliebten anbefiehlt, sind der -Gipfelpunkt des sich als ritterlichen Minnedienst -gehabenden Blödsinnes. Diese sich -bis zum Wahnsinn steigernden Überspanntheiten -der Ritter, ihre Spielereien, die bandwurmartig -anwachsenden Satzungen umgaben -schliesslich das ganze Rittertum mit -einem schalen Formelkram, der stark an die -moderne Vereinsmeierei gemahnt, der Geheimbündeleien -des 18. Jahrhunderts gar -nicht zu gedenken, denen das Rittertum -vielfach zum Vorbilde diente.</p> - -<p>Das ritterliche Gehaben führte schliesslich -zu einer allgemeinen Lüderlichkeit, die -selbst dem überzeugten Romantiker Saint-Pelaye -den Stossseufzer entlockte: »Nie sah -man verderbtere Sitten, als in den Zeiten -unserer Ritter, und nie waren die Ausschweifungen -in der Liebe allgemeiner«.<a name="FNanchor_020" id="FNanchor_020" -href="#Footnote_020" class="fnanchor">[20]</a> -Jede Modedame musste ihren Ritter haben, -der ihre Farben trug und dem Gemahle -ins Handwerk pfuschte. Liebschaften von -Frauen aus hohem Stande mit Unebenbürtigen -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -konnten bei solchen Anschauungen -nicht ausbleiben. Die Strenge Herzog Rudolfs -von Österreich, der 1361 eine Hofdame -seiner Frau wegen eines Verhältnisses mit -einem ihrer Diener ertränken liess, steht anscheinend -vereinzelt da. Der österreichische -Dichter Heinrich, der zwischen 1153 und -1163 seine Mahnworte an Pfaffen und Laien -richtete, schilderte den Umgangston der -ritterlichen Gesellschaft als roh. Der Hauptgegenstand -ihrer Unterhaltung waren die -Weiber. Wer sich rühmen konnte, die -meisten verführt zu haben, galt am höchsten.<a name="FNanchor_021" id="FNanchor_021" -href="#Footnote_021" class="fnanchor">[21]</a> -Der Ehebruch war alltäglich, wenn auch -über seine Verwerflichkeit die damaligen -Dichter einig sind. Aber es war Modesache, -Ehebrecher zu sein, oder wenigstens als -solcher zu gelten.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Hat ein gutes Weib ein Mann</div> - <div class="verse indent0">Und geht zu einer andern dann,</div> - <div class="verse indent0">So gleichet er darin dem Schwein.</div> - <div class="verse indent0">Wie möcht es jemals ärger sein?</div> - <div class="verse indent0">Es lässt den klaren Bronnen</div> - <div class="verse indent0">Und legt sich in den trüben Pfuhl.</div> - <div class="verse indent0">Gar mancher hat schon so zu thun begonnen.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p> -klagt Meister Sperrvogel.<a name="FNanchor_022" id="FNanchor_022" -href="#Footnote_022" class="fnanchor">[22]</a> Gottfried von -<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -Strassburgs unsterbliches »Tristan und Isolde« -ist in seiner Gesamtheit eine Verherrlichung -des Ehebruches, doch gab es, wie wir eben -in dem biederben Sperrvogel sahen, auch -Minnesänger, die gegenteiliger Meinung -waren. Ein klarblickender deutscher Dichter -des 12. Jahrhunderts gesteht es unumwunden -ein, dass die Damen den Rittern keine Vorwürfe -zu machen berechtigt seien, denn:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Der wiber chiusche (Keuschheit) ist entwicht</div> - <div class="verse indent0">frowen und riter</div> - <div class="verse indent0">Dine durfen nimmer gefristen</div> - <div class="verse indent0">We der ir leben bezzer si.«<a name="FNanchor_023" id="FNanchor_023" -href="#Footnote_023" class="fnanchor">[23]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Die Lotterei der französischen Ritter, -deren Liebeshöfe oftmals in Orgien ausarteten, -bei denen sich verlarvte Mädchen und -Frauen schamlos preisgaben<a name="FNanchor_024" id="FNanchor_024" -href="#Footnote_024" class="fnanchor">[24]</a>, fanden hin -und wieder Nachahmung in Deutschland, -wenn sie sich auch nicht so allgemein -verbreiteten, wie in ihrem Mutterlande, wo -Liebeshöfe sogar in den Klöstern eine Stätte -fanden.</p> - -<p>»Uns ist in einem lateinischem Gedicht die -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -Schilderung eines solchen Hofes bewahrt, -welcher in einem Kloster der Diöcese von -Toul an heiterem Maifest gehalten wurde. -Es ist – wohlgemerkt – nicht die zornige -Schilderung durch einen Frommen, sondern -wohlwollende Darstellung durch jemand, der -dabei war, und der den Vorfall ganz in der -Ordnung erachtet. Die Thüren werden verschlossen, -die alten Nonnen abgesperrt, nur -einige verschwiegene Priester zugelassen. -Statt des Evangeliums wird von einer Nonne -Ovids »Kunst zu lieben« vorgelesen, zwei -Nonnen singen Liebeslieder. Darauf tritt -die Domina in die Mitte, als Mai gekleidet, -in einem Gewand, das ganz mit Frühlingsblumen -besetzt ist, und sagt, Amor, der -Gott aller Liebenden, habe sie gesandt, um -das Leben der Schwestern zu prüfen. Vor -die Richterin treten einzelne Nonnen und -rühmen die Liebe zu geistlichen Herren, -welche Geheimnisse zu bewahren verstehen; -andere loben die Ritterliebe, aber ihre Auffassung -wird von der Maigöttin höchlich -gemissbilligt, weil die Laien nicht verschwiegen -und allzu veränderlich sind. Zuletzt -werden die Rebellinnen, welche Ritterliebe -nicht meiden wollen, feierlich im -Namen der Venus exkommuniziert unter -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -allgemeinem Beifall, und alle sprechen -Amen.«<a name="FNanchor_025" id="FNanchor_025" -href="#Footnote_025" class="fnanchor">[25]</a></p> - -<p>Auch die Kreuzzüge trugen das ihre -dazu bei, bisher unbekannt gebliebene Ausschweifungen -aus dem Oriente nach dem -Abendlande zu verpflanzen. Und die gezwungene -Strohwitwerschaft eines Heeres -von Frauen, deren Männer unter dem Kreuze -fochten, öffnete der Unsittlichkeit Thür und -Thor. Die Männer suchten sich allerdings -der Treue ihrer Gattinnen durch rohe Mittel -zu versichern, deren entwürdigendstes der -sogenannte <em>Keuschheitsgürtel</em> (<i>cingula -castitatis</i>) war. Solche Gürtel werden von -den späteren Schriftstellern häufig erwähnt, -sie kommen aber schon im 13. Jahrhundert -vor. In der Bilderhandschrift des Bellifortis -von Konrad Kyeser vom Jahre 1405 -ist die Zeichnung eines solchen Gürtels -enthalten; ein Modell eines dieser Instrumente -befindet sich im Museum schlesischer -Altertümer in Breslau. Es ist roh aus Eisen -zusammengefügt, während die wirklich verwendeten -aus besserem Material, meist aus -Silber oder Gold, gearbeitet waren.</p> - -<p>Bei aller Laxheit der Moral bewahrte -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -doch das durch viele Generationen vererbte -deutsche Sittlichkeitsgefühl vor jenen allzu -tollen Excessen, die in Frankreich auf der -Tagesordnung waren.</p> - -<p>Man darf überhaupt im allgemeinen die -Sitten der Vorzeit nicht nach dem heutigen -Moralcodex messen. Andere Zeiten, andere -Sitten!</p> - -<p>»Die damalige Generation war körperlich -gesund und kräftig. Von früher Jugend -an hatten die Männer vor allem ihre Körperkräfte -ausgebildet; viel im Freien lebend, -waren sie erstarkt; die fast ausschliesslich -aus scharf gewürzten Fleischgerichten bestehende -Kost, der Genuss von berauschenden -Getränken brachte das Blut noch mehr -in Wallung; zu viel Wissen beschwerte ihren -Kopf nicht und mit Gewissensskrupeln wusste -man sich abzufinden. Und ebenso vollsaftig -und begehrlich sind die Mädchen aufgewachsen.« -Die Schamhaftigkeit im modernen -Sinne ist eine Errungenschaft der -verfeinerten und verfeinernden Kultur, die -vielen sonst geistig hochstehenden Völkern -abgeht, die ebenso wie die Ahnen im Mittelalter -in absoluter Nacktheit keinen Verstoss -gegen die gute Sitte sehen und erst allmählich -zur Moral nach westeuropäischer -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -Anschauung erzogen werden müssen, denn -»das Schamgefühl ist etwas sekundäres und -zwar die Folge, nicht die Ursache der Bekleidung«.<a name="FNanchor_026" id="FNanchor_026" -href="#Footnote_026" class="fnanchor">[26]</a> -Ist doch sogar zum Teil heute noch -den hochentwickelten Japanern unser mit der -Muttermilch eingesogenes Schicklichkeitsgefühl -ein fremder Begriff. Was uns daher im -allgemeinen höchst anstössig, im allergünstigsten -Falle noch äusserst naiv erscheint, gehörte -in der Vorzeit zur Alltäglichkeit, die niemandem -auffiel, und in der niemand Übles -sah. Man war von Kindsbeinen auf an den Anblick -der Nacktheit gewöhnt – schlief doch -das ganze Mittelalter hindurch alles in Adamskostüm -und bei den beschränkten Raumverhältnissen, -meist in einer grossen Schlafstube -die Eltern mit den Kindern, gleichviel -ob Knaben oder Mädchen, zusammen. -Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, -erscheinen sonst anstössige Stellen in den -gleichzeitigen Dichtwerken wesentlich gemildert, -auch dann, wenn wir sie als Geschichtsquellen -gelten lassen, was aber gemeinhin -einige Vorsicht nötig macht. Die -<i>licentia poetica</i> wird sich nicht immer haarscharf -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -an Thatsachen gehalten haben, wenn -schon sie aus dem wirklichen Leben ihre -Kraft schöpfte und allgemein herrschende -Sittenzustände zur Grundlage ihrer Schilderungen -nahm. Wenn wir daher manches -Anstössige auch für übertrieben halten dürfen, -so bleibt doch selbst nach Ausmerzung des -zu Grassen noch genug Bedenkliches übrig, -um ein fast abgerundetes Bild der geltenden -Moral zu gewähren, das auf Authentizität -Anspruch erheben darf. Auch die Vergleichung -von Parallelstellen bei verschiedenen -Dichtern, die sich gegenseitig nicht -beeinflussen konnten, bestätigt die Richtigkeit -vieler wie Fabeln anmutender Vorfälle.</p> - -<p>Man lebte anders, man dachte anders -als heutzutage, man war trotz aller Sittenroheit -reiner im Denken, als in der Gegenwart. -Der Sittenverfall paarte sich häufig -mit einer Einfalt, die dem Mangel an jeglicher -Prüderie entsprang. Man war derb, -geradeaus, wollüstig, aber ohne Cynismus -und Pikanterie. Es war eben eine Zeit, -in der noch nicht, wie Hippel sagt, eine unnatürliche -Mode, die man Tugend nennt, -im Schwange war.</p> - -<p>Gawan, in Wolfram von Eschenbachs -unsterblichem Parzival, wird von Bene, der -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -jungfräulichen Tochter seines Gastfreundes, -des Ritters Plippalinot, zu Bette gebracht -und am Morgen beim Aufstehen bedient.<a name="FNanchor_027" id="FNanchor_027" -href="#Footnote_027" class="fnanchor">[27]</a> -Ein gleiches Vorgehen in den Burgen ist -durch zahlreiche weitere Belegstellen verbürgt. -Man war eben naiv genug, in diesen -Dienstleistungen nur die dem teueren Gaste -erwiesene Ehrung zu sehen. Da sich aber -Menschennatur mit ihrer Begehrlichkeit in -ihren Grundzügen immer gleich blieb, dürfte -es auch nicht immer bei der platonischen -Dienstfertigkeit geblieben sein, was auch -Wolfram andeutet, als er von Plippalinots -Töchterlein schalkhaft versichert:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Sie hätt' ihm Minne wohl gewährt,</div> - <div class="verse indent0">Wenn Minn' er von der Maid begehrt!«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p> -Den Gast begrüsste die Burgfrau mit -einem Kuss.<a name="FNanchor_028" id="FNanchor_028" -href="#Footnote_028" class="fnanchor">[28]</a> Im Nibelungenlied heisst -Markgraf Rüdeger von Bechelaren seine -Frau und Tochter die Gäste mit Küssen -bewillkommnen.<a name="FNanchor_029" id="FNanchor_029" -href="#Footnote_029" class="fnanchor">[29]</a> Der »blôze ritter« besagt:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Sin tohter und sin vrouwen</div> - <div class="verse indent0">Hierz er in kussen ze hant.«<a name="FNanchor_030" id="FNanchor_030" -href="#Footnote_030" class="fnanchor">[30]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p><a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -Vom Küssen zu Handgreiflichkeiten war -seit jeher nur ein kurzer Weg. »Das Mädchen, -das sich küssen lässt, geht auch bald ins -Bett«, lautet ein altes Sprichwort, das auch -im frühen Mittelalter volle Geltung besass. -Die Mädchen waren meistenteils gar nicht -scheu, im Gegenteil, sie benahmen sich oftmals -viel ungezwungener als die Herren. -Der reine Thor Parzival verkriecht sich rasch -im Bette, als Jungfrauen zu ihm ins Schlafgemach -kommen:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Geschwind sprang der behende Mann</div> - <div class="verse indent0">Aufs Bette und deckte sich zu.«<a name="FNanchor_031" id="FNanchor_031" -href="#Footnote_031" class="fnanchor">[31]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Alle waren freilich nicht so schamhaft, -und es fehlte durchaus nicht an grobkörnigen -Gesellen, denen ebenso jedes Feingefühl -mangelte, wie den vornehmen Damen, mit -denen sie es zu thun hatten. Ritter Gawan -betritt kaum die Burg des Königs Vergulaht, -dessen jungfräuliche Schwester Antikonie -ihn mit dem Willkommenkuss empfängt, -als er ihr schon mit handgreiflichen Zärtlichkeiten -zu Leibe rückt, in welch löblichem -Thun er nur durch den Eintritt eines Ritters -unterbrochen wird.<a name="FNanchor_032" id="FNanchor_032" -href="#Footnote_032" class="fnanchor">[32]</a> »Diese derbsinnliche -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -Manier, um Liebe zu werben, hat für uns -etwas Anstössiges. Nach den Schilderungen -aus der damaligen Zeit scheint jedoch ein -derartiges Benehmen sehr natürlich gefunden -worden zu sein«<a name="FNanchor_033" id="FNanchor_033" -href="#Footnote_033" class="fnanchor">[33]</a>, denn die Frauen kamen -allenthalben den Rittern auf halbem Wege -entgegen, ja boten sich nicht selten selbst -an, wie der Kürnberger versichert, oder wie -die Tochter des Galagandreiz dem Lanzelot -vom See in Ulrich von Zazikhofens Gedicht, -die dem Liebhaber sogar einen goldenen -Ring zum Lohne verspricht. Die tugendhafte -Meliûr schleicht nachts zu dem ihr völlig unbekannten -Partonopier, einem dreizehnjährigen -Knaben, und »Sie wurden dô gescheiden Von -ir magetuome«.<a name="FNanchor_034" id="FNanchor_034" -href="#Footnote_034" class="fnanchor">[34]</a> In Gottfried von Strassburgs -Tristan kommt die Prinzessin Blancheflur -zu Rivalin, um ihm ihre Jungfräulichkeit -zu überlassen.<a name="FNanchor_035" id="FNanchor_035" -href="#Footnote_035" class="fnanchor">[35]</a> Hatte die Tochter des Burgherrn -ihren Geliebten bei sich, war sie gutmütig -genug, auch für das Gefolge ihres -Liebsten zu sorgen und ihre Damen zu bestimmen, -den Freunden ihres Galans Gesellschaft -zu leisten. Isolde stellt es den -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -Genossen Tristans frei, zwischen ihren beiden -Begleiterinnen Brangane oder Gymêle zu -wählen. Grosse Herren hatten es noch -leichter, ihnen war jeder nur zu gern gefällig. -Als der Landgraf Ludwig von Thüringen -einem Tanze zusieht und ein besonders -schönes Mädchen sein Wohlgefallen -erregt, erbietet sich sofort einer der Anwesenden, -ihm die Gunstbezeugung der Schönen -zu verschaffen. Und wie er ein anderes Mal -Verwandte besucht, wird ihm ein junges -Weib: »Geworfen in sîn bette dar«<a name="FNanchor_036" id="FNanchor_036" -href="#Footnote_036" class="fnanchor">[36]</a>. In -dieser Naivität findet sich vielleicht der Nachhall -jener uralten, von Chaldäa ausgegangenen -und von allen Urvölkern des Altertums geübten -Sitte <em>der gastlichen Prostitution</em>. -Der Hausherr wähnte in dem Gaste einen -Gesandten des Himmels, dem er sein Hab -und Gut zur Nutzniessung anbot, darunter -auch seine Frau und seine Töchter. Auch -die Bibel ist voll von Beispielen der gastlichen -Prostitution bei den Hebräern, die -vielfach den fremden Gast als Engel ansahen.<a name="FNanchor_037" id="FNanchor_037" -href="#Footnote_037" class="fnanchor">[37]</a> -Wenn wir Murner glauben dürfen, -findet sich noch im 16. Jahrhundert die gastliche -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -Prostitution vor. »Es ist in dem Niderlande -auch der bruch, so der wyrt ein lieben -gast hat, daz er jm yn frow zulegt uff guten -glouben.« In abgeschiedenen Gegenden -Russlands soll sich dieser Brauch bis zum -heutigen Tage erhalten haben.</p> - -<p>Es lassen sich aus den Dichtwerken jener -Übergangsperiode von der Dämmerung zum -Morgenrot noch eine grosse Blütenlese von -Scenen anführen, die wertvolle Fingerzeige -über die geltenden Anstandsbegriffe geben. -Noch kämpft die angestammte Roheit gegen -eine vom Auslande eingeführte Überfeinerung, -die wie ein dem knorrigen Stamme okuliertes -Reis nur langsam mit diesem verwächst. -Hand in Hand mit der ursprünglichen Ungeniertheit -ging nun eine affektierte, dem -innersten Wesen fremde, gesuchte und daher -lächerliche Zimperlichkeit. Lächerlich ist -es, wenn Damen sich ohne Scheu vor dem -Knappen im Naturkostüme zeigen, aber verlangen, -dass eben dieser Knappe vor ihnen -nicht anders als mit Unterkleidern versehen -erscheinen sollte, da irgend ein Zufall eine -ärgerliche Entblössung seines Körpers im -Gefolge haben könnte<a name="FNanchor_038" id="FNanchor_038" -href="#Footnote_038" class="fnanchor">[38]</a>, wie das recht öde, -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -aber sittengeschichtlich wertvolle Lehrgedicht -»Der welsche Gast« empfiehlt.</p> - -<p>»Der welsche Gast« ist seinem Inhalte -nach so eine Art anticipierter Knigge, ein -Vademekum des mittelalterlichen »Guten -Tones in allen Lebenslagen«, das mit anderen -Büchern gleichen Inhaltes, wie Winsbeke und -Winsbekin, viel verbreitet, aber ebensowenig -befolgt wurde, wie die geschraubten Machwerke -gleicher Tendenz in unserer Zeit. -Man lebte trotz dieser Vorschriften in jenem -seltsamen Gemengsel von Überfeinerung und -Roheit, das in seiner Bizarrerie die extremsten -Formen zeitigte. Hier Schamhaftigkeit, die -den Anblick blosser Füsse einer Frau zum -todeswürdigen Verbrechen für beide Teile -stempelte, dort die naivste Zurschaustellung -des entblössten Körpers vor dem Diener -und Unfreien. Hier freie Liebe, dort exaltierte -Prüderie.</p> - -<p>Ein solch eigenartiges Gemisch von Rohheit -und Courtoisie spricht sich auch in dem -aus Frankreich eingewanderten Gebrauche -aus, mit dem getragenen Hemd der Geliebten -über der Rüstung in den Kampf zu -ziehen und das zerstochene Wäschestück der -Angebeteten wieder zu Füssen zu legen, die -es zum Danke für »die Aufmerksamkeit« sofort -<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -und ungereinigt wieder in Gebrauch -nimmt, wie dies Herzeloyde, Parzivals Mutter, -und ihr Gatte Gamuret thun.<a name="FNanchor_039" id="FNanchor_039" -href="#Footnote_039" class="fnanchor">[39]</a> Aus dieser -Sitte, die zweifellos bestanden hat, entwickelte -sich in der Folgezeit der Gebrauch, dass -nach der Trauung der Bräutigam das vom -Körper der Braut noch warme Hemd anlegte -und umgekehrt, wie dies im 16. Jahrhundert -z. B. in Berlin-Cölln allgemein war. In den -folgenden Säculen schrumpfte der Hemdenwechsel -zu dem Hemdengeschenk ein; Ende -des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts -beschenkte nur noch die Verlobte den Bräutigam -mit dem »Bräutigams-Hembde«.<a name="FNanchor_040" id="FNanchor_040" -href="#Footnote_040" class="fnanchor">[40]</a></p> - -<p>In den Minnesängen der ritterlichen -Dichter finden sich zahllose Gedichte, die -über den empfangenen Minnelohn hoher Geliebten -quittieren, daneben aber auch viele, -die gleichzeitig lustige Bemerkungen über -die weibliche Leichtfertigkeit nicht zu unterdrücken -vermögen. Dann und wann zieht zur -Abwechslung wieder einer der Zeitgenossen -über die Männer her, die den Frauen die allerschlechtesten -Beispiele gaben, so Freidank:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Wenn einen Fehltritt Fraun gethan</div> - <a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> - <div class="verse indent0">Des Mannes Bitt war Schuld daran</div> - <div class="verse indent0">Auch ein Mann dasselbe thäte,</div> - <div class="verse indent0">Wenn man ihn so innig bäte«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>sagt er sehr richtig, schränkt aber seine Meinung -wieder dahin ein:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Das Weib man immer bitten soll,</div> - <div class="verse indent0">Ihr aber stehts Versagen wohl.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Besonders schlecht ist ein elsässischer -Bischof auf die Männer zu sprechen. Buhlerei -und Ausschweifungen gelten nach ihm nicht -mehr als Vergehen, denn die meisten Männer -werten die Frau nicht höher als einen -Becher Wein, ihr Ross, ihr Federspiel oder -ihre Meute.</p> - -<p>Selbstredend gab es wie unter den -Männern jener Zeit, so auch unter den Frauen -Ausnahmen, die von unverbrüchlicher Gattentreue -bis über das Grab hinaus, von echter -Frömmigkeit und von einer Himmelssehnsucht -zeugen, die blind gegen alles Irdische -nur für das Jenseits lebte und die Vorbereitung -für das ewige Leben als einzigen Daseinszweck -betrachtete. Die heilige Elisabeth -stand mit ihrem asketischen Leben, aus dem -selbst das Bad als frivoles Vergnügen verbannt -war, keineswegs vereinzelt da, ebensowenig -wie jene Herrscherin, die sich selbst -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -in der Ehe die Jungfräulichkeit zu bewahren -wusste. Aber derartige Erscheinungen blieben -in der Minderzahl gegenüber der allgemein -verbreiteten Frivolität, die sich weniger auf -das eben entstandene Bürgertum, als auf die -in engster Berührung mit dem Adel lebende -Landbevölkerung weiterverbreitete und diese -auf Jahrhunderte hinaus verseuchte.</p> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak"> -Das Leben auf dem Dorfe. -<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a></h2> -</div> - -<p> -Das Leben der Bauern war während des -ganzen Mittelalters hindurch eine ununterbrochene -Kette von Misshandlungen und -Verfolgungen seitens ihrer Herren: des Adels -und des Klerus. Der Bauernstand, und nicht -nur der leibeigene, lebte in fortwährender -Knechtung, vollkommen abhängig von der -Willkür seiner Besitzer. Nie war er davor -sicher, von den Seinen getrennt zu werden, -wenn es dem Herrn gefiel, die Frau oder -die Kinder des Hörigen zu verschenken, zu -verkaufen oder zu verpfänden. Im Jahre 1333 -versilberte Konrad Truchsess von Urach zwei -Bauernweiber mit ihrer Nachkommenschaft -an das Kloster Lorch um drei Pfund Heller. -Das <i>Jus primae noctis</i> beraubte ihn der Jungfräulichkeit -der Gattin, deren Tugend überdies -alle möglichen Fährlichkeiten drohten. Ward -ein Bauer um Geld gestraft, und dieses nicht -<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -eintreibbar, und konnte auch an seinem Besitztum -die Strafe nicht vollstreckt werden, -dann sollte, wie das Weistum von Wilzhut, -zwischen Braunau und Salzburg, bestimmt, -die Frau des Straffälligen geschändet werden.</p> - -<p>Dieses Weistum ist so vorsorglich, zu -dekretieren, dass es dem Gerichtspfleger gestattet -sei, falls die Frau »gefiel aber dem -pfleger an der gestalt nicht«, er die Entehrung -dem Gerichtsschreiber abtreten und -dieser, wenn auch ihm die Ausführung nicht -zusagte, sie dem Amtmanne »auferladen« -könne. Nach wie vor waren die frischen -Dirnen ein begehrter Artikel, um die Harems -der Herren zu bevölkern. Der Ritter Ulrich -von Berneck hielt sich nach dem Tode seiner -Frau zwölf hübsche junge Mädchen »zur -Erleichterung seiner Witwerschaft«. Kaiser -Friedrich II. hatte seinen Harem, dem auch -die Eunuchen nicht fehlten, in Luceria.</p> - -<p>Das einzige Vergnügen jener bemitleidenswerten, -erniedrigten Menschen war -neben Völlerei die rohe sinnliche Liebe, der -sie fröhnten, wo und wann sich Gelegenheit -dazu bot.</p> - -<p>Weit besser als die Hörigen und selbst -freien Bauern Norddeutschlands waren die -Ackerbürger im Süden Deutschlands daran, -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -die sich ihre Selbständigkeit zu wahren gewusst, -auf ihrem Grund und Boden nicht -selten mit Glücksgütern reich gesegnet als -eigene Herren schaltend, sich den Rittern -gleichhielten, deren Tracht und Lebensgewohnheiten -sie ins Dorf zu verpflanzen -trachteten. Diese Nachahmung ritterlicher -Sitten und Gebräuche verzerrte sich unter -den ungehobelten Bauernfäusten natürlich ins -Groteske, ab und zu ins Widerlich-Gemeine. -Ein köstliches Beispiel bäuerlicher Grossmannssucht -ist uns im »<em>Meier Helmbrecht</em>« -von Wernher dem Gärtner, der ältesten deutschen -Dorfgeschichte, entstanden im 13. Jahrhundert, -überliefert. Der Titelheld, ein reicher -Bauerssohn, den die Eltern verzärtelt, strebt -darnach, Ritter zu werden, bringt es aber nur -zum Strauchdieb, der vom Schicksal ereilt, -geblendet, eines Fusses und einer Hand beraubt -wird, als eben seine Schwester Gotelinde -mit einem seiner Spiessgesellen Hochzeit -hält.<a name="FNanchor_041" id="FNanchor_041" -href="#Footnote_041" class="fnanchor">[41]</a></p> - -<p>Wie die Dorfburschen, so liebäugelten auch -die Alten mit den edlen Herren und sahen -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -wohlgefällig zu, wenn ein Ritter eine arme -Verwandte einem reichen Bauerssohn als -Gattin aufhalste, oder ein verarmter Rittersmann -ein hübsches Dirnlein heimführte, um -mit der Mitgift sein verrostetes Schild neu -zu vergolden<a name="FNanchor_042" id="FNanchor_042" -href="#Footnote_042" class="fnanchor">[42]</a> – also nichts Neues unter der -Sonnen! Besonders den Dorfschönen stachen -die noblen Herren in die Augen, die so ganz -anders geartet waren, als die grobkörnigen -Burschen, die so zierliche Redensarten zu -drechseln wussten und mit Geschenken nicht -geizten. Aus den Liedern der Minnesänger -ist ersichtlich, dass die Adeligen diese gute -Meinung zu nutzen verstanden und Abenteuern -mit den drallen Dirnen keineswegs -aus dem Wege gingen. Nidhardt -von Reuenthal ergeht sich in breiten -Schilderungen seiner Erfolge und über das -Liebesleben auf dem Dorfe. In einem seiner -Gedichte unterhalten sich Mutter und Tochter, -und die Mutter meint, das 16jährige Töchterchen -sei noch viel zu jung zur Liebe. -»Ei was,« entgegnet diese schnippisch, »Ihr -wart ja erst zwölf Jahre, als Ihr Euerer -Jungfernschaft ledig wurdet.« »Nun so nimm -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -meinetwegen Liebhaber so viel du willst.« -»Das thät' ich auch gerne, wenn Ihr mir -nicht immer die Männer vor der Nase wegfischtet. -Pfui doch, hol Euch der Teufel! -Habt doch schon einen Mann, was braucht -Ihr noch andere?« »Pst, schweig still, Töchterlein. -Minne wenig oder viel, ich will -nichts dagegen haben, und solltest du auch -ein Kindlein wiegen müssen. Sei aber auch -verschwiegen, wenn du mich der Liebe nachgehen -siehst.«</p> - -<p>Hermann von Sachsenheim hat im Liederbuche -der Klara Hätzlerin einen für ihn sehr -unrühmlichen Sturm auf eine Grasmagd -besungen. Oswald von Wolkenstein weiss -gleichfalls von Abenteuern mit Dörflerinnen -zu erzählen, ebenso Tannhäuser und andere -Minnesänger mehr.</p> - -<p>Die Dorfschönen fühlten sich eben durch -die Bevorzugung seitens des Adels geehrt, -und ihre Liebhaber und Gatten drückten -gerne ein Auge zu, geradeso wie es sich -etwas später die Bürger zur Ehre rechneten, -wenn irgend ein Höhergestellter, oder gar – -<i>horribile dictu</i> – ein Adeliger, sich gnädigst -herabliess, ihre Frauen zu verführen. Darauf -deutet wenigstens die Stelle in Balthasar -Voigts, Pastors zu Drubeck, »Ägyptischem -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -Joseph« hin, eine »geistliche Komödie, sowohl -in kleinen als grossen Schulen zu -agieren«, ein Machwerk voll widerlicher Plattheiten -und Schweinereien, die aber trotzdem -von halbwüchsigen Knaben gesprochen und -dargestellt wurden! In dieser »Schulkomödie« -erzählt Medea, Potiphars Frau, von -Josephs angeblichem Verführungsversuch:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Kein Edelmann, kein Graf im Reich,</div> - <div class="verse indent0">Die doch gewest wärn Meinesgleich,</div> - <div class="verse indent0">Haben mir Unehr zugemut't,</div> - <div class="verse indent0">Wie dieser euer Hebräer thut.</div> - <div class="verse indent0">Wär mirs geschehn <em>von einem Edelmann,</em></div> - <div class="verse indent0"><em>Möcht ihr's euch ziehn zu Ehren an,</em></div> - <div class="verse indent0"><em>Dass ihr zum Weib hätt solch Matron</em>,</div> - <div class="verse indent0">Welch gefiel jeder Adelsperson.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Und so etwas schrieb ein Geistlicher für die -Jugend!</p> - -<p>Neben den Rittern und Knappen waren -hauptsächlich die Dorfpfaffen bei den Frauen -als Liebhaber beliebt, worauf ich noch zurückkommen -muss, ebenso wie bei den Männern -die Mägde des eigenen Hauses und die -Frauen und Töchter der Nachbarn. Übrigens -ist aus dem Schwankbuche »Peter Leu« ersichtlich, -dass die schlauen Mägdlein schon -damals die Kunst verstanden, irgend einem -unschuldigen armen Teufel die Paternität -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -aufzubrummen, die ein ganz anderer auf -dem Gewissen hatte.<a name="FNanchor_043" id="FNanchor_043" -href="#Footnote_043" class="fnanchor">[43]</a></p> - -<p>Wo Verführung gang und gäbe war, -fehlten auch deren Folgeerscheinungen, namentlich -der Kindesmord, nicht. Strenge, -zum Teil unmenschliche Strafen sollten das -Übel steuern. »Kindsvertilgerin lebendig ins -Grab, ein rohr ins maul, ein stecken -durchs hertz« bestimmt beispielsweise das -Brenngenborner Weistum von 1418. Noch -grausamer waren die urwüchsigen Dithmarschen -Bauern, welche sogar gefallene Mädchen -im Sumpfe lebendig begruben, welches -Urteil der älteste Mann der Familie der -Verbrecherin zu vollziehen hatte.<a name="FNanchor_044" id="FNanchor_044" -href="#Footnote_044" class="fnanchor">[44]</a> Den Verführer -seiner Frau und diese selbst konnte -der Dithmarsche nach eigenem Ermessen -bestrafen, verstümmeln, töten oder freigeben.<a name="FNanchor_045" id="FNanchor_045" -href="#Footnote_045" class="fnanchor">[45]</a> -Ein Gleiches gestattete auch das mit grausamen -Strafen sehr freigebige Berliner Stadtbuch.<a name="FNanchor_046" id="FNanchor_046" -href="#Footnote_046" class="fnanchor">[46]</a></p> - -<p>So frei übrigens das Bürgertum und die -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -Bauern im grossen und ganzen über den -Geschlechtsverkehr dachten, in einem waren -sie einig: in der Achtung vor der Jungfräulichkeit. -Darum galt ihnen die Notzucht als -eines der todeswürdigsten Verbrechen, auf -das zum Teil fürchterliche Strafen gesetzt -wurden. Sogar die Nötigung der fahrenden -Frauen – »an varndeme wive« – und an -der Geliebten ahndet der Sachsenspiegel III -art. XLVI 1 mit dem Tode. Der Schwabenspiegel -verbietet nur die »notnunft« an »siener -amîen«, der Geliebten.</p> - -<p>Die Ahndung des Verbrechens war entweder -die Enthauptung, manchmal das -Lebendbegraben, wie dies 1418 einem Krämer -in Augsburg erging. Im 13. Jahrhundert -wurde in Basel ein Geistlicher dieses -Deliktes wegen entmannt und dann getötet. -Im Frankenbergischen wurde dem Vergewaltiger -ein spitzer Eichenpfahl aufs Herz gesetzt, -den die Geschändete mit drei wuchtigen -Hammerschlägen in den Körper treiben -musste; so wird wohl die Todesart variiert, -aber der schimpfliche Tod blieb überall das -Los des Verbrechers.</p> - -<p>Nach diesen düsteren Bildern der »guten -alten Zeit«, die gewisse dichterisch veranlagte -Romantiker gerne als Vorbild für -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -unsere verderbte Epoche aufzustellen belieben, -wieder zu etwas Heiterem.</p> - -<p>Am lustigsten ging es im Dorfe natürlich -bei den seltenen Festlichkeiten, an hohen -Feiertagen und bei den Kirchweihen zu, wo -man sich im Essen, Trinken, Lieben und -Raufen nicht genug zu thun wusste.</p> - -<p>Die Hochzeiten begüterter Dörfler zählten -gleichfalls als Festlichkeiten, zu denen die -Verwandten und Freunde oft von weither -kamen, um sich vergnügte Tage zu machen. -Drei detaillierte Schilderungen solcher bäuerlicher -Hochzeitfeiern sind auf uns gekommen, -die hier auszüglich mitgeteilt sein mögen. -Das erste dieser Gedichte, »Von Metzen -hochzit«, entstammt dem Anfang des 14. Jahrhunderts. -Der junge Meier Börschi (Bartholomeus) -will seine Geliebte Metzi heiraten. -Am Montag früh versprechen sie sich, und -da die beiderseitige Mitgift das Paar zufrieden -stellt, wird am Abend desselben -Tages die Hochzeit mit einem solennen -Hochzeitsmahle gefeiert, bei dem es hoch -hergeht und alle vollgetrunken sind, als man -das Brautpaar zu Bett bringt. Die Braut -schreit, weint und sträubt sich erst gegen -das Auskleiden, wie es die Gepflogenheit -verlangt. Am Morgen wird dem jungen -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -Ehepaare das Essen ans Bett gebracht, worauf -sich Metzi unter dem Jubel der Bauern -bei Zwerchpfeifen- und Trommelklang anzieht, -um in die Kirche zur Trauung zu ziehen.</p> - -<p>Das Gedicht der oft erwähnten Klara -Hätzlerin »von meyer Betzen« lehnt sich -ziemlich eng an »Metzis Hochzeit« an, nur -dass Metzi mit einer fürchterlichen Schlägerei, -hingegen das Poem der Hätzlerin mit der -saftigen, aber witzigen Beschreibung der -Brautnacht also endet:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Da führt man Pezen (den Bräutigam) auf die Fahrt</div> - <div class="verse indent0">Und stellt ihn zu dem Brautbett.</div> - <div class="verse indent0">Zwei grosse Pantoffel er an hätt'.</div> - <div class="verse indent0">Als man ihm nun die Mezen (seine Braut) gebracht,</div> - <div class="verse indent0">Sprang er fröhlich ins Bett und lacht.</div> - <div class="verse indent0">Alsbald er sie mit dem Arm umfing,</div> - <div class="verse indent0">Darauf Alles aus der Kammer ging.</div> - <div class="verse indent0">Pez sprach: ›Hätt' ich ein Licht</div> - <div class="verse indent0">Glaub mir, ich unterliess es nicht</div> - <div class="verse indent0">Ich macht aus dir ein Eheweib‹</div> - <div class="verse indent0">Beteuerte er bei seinem Leib.</div> - <div class="verse indent0">›Dass doch nur der Mond jetzt schien,</div> - <div class="verse indent0">Dann liess ich dich nicht also hin.‹</div> - <div class="verse indent0">Mez sprach: ›Du volle Kuh,</div> - <div class="verse indent0">Was soll dir denn ein Licht dazu?</div> - <div class="verse indent0">Min's Vaters Knecht der Upelpracht,</div> - <div class="verse indent0">Konnt' es sogar um Mitternacht!‹«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p> -Heinrich von Wittenweiler führte im -15. Jahrhundert die Erzählung von Metzens -<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -Hochzeit in breiter Weise weiter aus, sie -durch viele Zusätze modernisierend und vergemeinernd.<a name="FNanchor_047" id="FNanchor_047" -href="#Footnote_047" class="fnanchor">[47]</a></p> - -<p>Der Held ist Bertschi Triefnas, der in dem -Dorfe Lappenhausen wie ein Pfau herumstolzierte -und sich als Junker anreden liess. -Er liebt Mäczli Rürenzumph, der zu Ehren -er mit seinen Genossen turniert, der er -Ständchen bringt, die er im Kuhstalle erfolglos -zu bezwingen sucht, und bei der -er durchs Dach bricht, als er sie in ihrer -Kammer belauschen will. Da alles dies ihm -Mäczli nicht geneigter macht, lässt er sich -von dem Dorfschreiber einen Liebesbrief -schreiben, den dieser an einen Stein bindet -und Mäczli zuwirft, wodurch er sie am Kopfe -verwundet. Der Brief wird gefunden und -Mäczli ruft ihrem Vater zu, um dessen -Grimm zu entwaffnen, sie blute am Kopfe -und müsse zum Arzte gebracht werden. Das -Gefolge teilnehmender Freunde und Nachbarn -weist der Arzt hinaus, worauf ihn Mäczli -bittet, ihr den erhaltenen Brief vorzulesen. -Er thut es, erpresst aber von ihr durch die -Drohung, den Inhalt dem Vater mitzuteilen, -eine Liebkosung, gibt ihr aber zugleich -<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -Rat, wie sie dessen Folgen vertuschen soll. -Darauf setzt er ihr einen floskelreichen -Liebesbrief auf, der einer Kupplerin zur -Übergabe an Bärtschi ausgehändigt wird. -Nachdem sich dieser den Brief vorlesen liess, -beruft er seine Freunde und Verwandten, -um mit ihnen seine Heirat zu beraten. Man -spricht für und wider, bis endlich alle einig -sind. Sofort machen sich zwei der Freunde -auf, Bärtschis Werbung bei dem Brautvater -vorzubringen, der sie günstig aufnimmt und -nach einigen Formalitäten seine Einwilligung -gibt, wovon man den Freier benachrichtigt. -Mäczli fällt bei der Nachricht von Bärtschis -Werbung in Ohnmacht, kommt aber gleich -wieder zu sich und lässt sich von den -Freundinnen schön machen und in die Versammlung -führen, wo sie sich erst »mit -füssen und elnpogen« wehrt, ehe sie ihr Jawort -gibt. Mäczli empfängt von ihrem Galan -einen kleinen verzinnten Ring mit einem -Saphir aus Glas und ein weiteres Kleinod -mit zwei Perlen aus Fischaugen. Die Angehörigen -verlassen nun das Haus, nicht -ohne vorher dem jungen Ehemanne Haar -und Bart zerzaust zu haben, um bei den -Anstalten zur Hochzeit nicht im Wege zu -sein. Gäste werden eingeladen und kommen -<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -»geritten auf eseln und auf schlitten«. Am -Festtage verkündet der Pfarrer in der Kirche -den Vollzug der Ehe, worauf man sich in -des jungen Ehemanns Haus begibt, um erst -die Brautgaben zu empfangen, ehe man mit -dem überreichen Mahle beginnt, nach dem -man sich im Tanze belustigte.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Die Mägdlein waren also rüg</div> - <div class="verse indent0">Und sprangen her so ungefüg,</div> - <div class="verse indent0">Dass man ihnen oft, ich weiss nit wie,</div> - <div class="verse indent0">Hinauf konnt seh'n bis an die Knie.</div> - <div class="verse indent0">Hildens Brustlatz war zu weit,</div> - <div class="verse indent0">Darum ihr zur selben Zeit</div> - <div class="verse indent0">Das Brüstlein aus dem Busen sprang.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Das Ende mit Schrecken ist Prügelei mit -Mord und Totschlag.</p> - -<p>In der Brautnacht wird dem Pärchen eine -Stärkung gereicht, nicht so der anderen -Weiblichkeit, die, die günstige Gelegenheit -benützend, gleichfalls die Nacht mit ihren -Liebhabern verbringt. Am nächsten Tag -setzt die Hochzeit wieder ein und endet mit -einer wahren Schlacht, bei der die Obrigkeit -einschreiten muss.</p> - -<p>Die freie Denkungsart des Mittelalters -in geschlechtlichen Dingen hielt sich nicht -an den heute gang und gäben Standpunkt, -dass nur der Mann allein seinen sinnlichen -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -Bedürfnissen Rechnung tragen dürfe, die -Frau aber den einmal geweckten Naturtrieb -zu unterdrücken habe. War die Vorzeit -auch intolerant gegen Fehltritte von Mädchen, -so erkannte sie der Frau das Recht zu, von -ihrem Manne die Leistung der ehelichen -Pflicht voll und ganz beanspruchen zu dürfen. -Luthers Ansicht: »Ein Weib, wo nicht die -hohe seltsame Gnade da ist, kann eines -Mannes ebensowenig entraten als essen, -schlafen, trinken und andere natürliche Notdurft«, -die er oft und in verschiedenen -Varianten verficht, war ganz die seines Zeitalters, -was schon daraus hervorgeht, dass -sogar gesetzliche Bestimmungen der Frau -ihr durch die Heirat erworbenes Recht in -für den betreffenden Gatten tragikomischen -Bestimmungen zu wahren suchen.</p> - -<p>Diese Gesetze vertreten ganz Luthers -Standpunkt, der in seinem Traktat »Vom -ehelichen Leben« erklärt: »Wenn ein tüchtig -Weib zur Ehe einen untüchtigen Mann -überkäme und könnte doch keinen anderen -öffentlich nehmen und wollte auch nicht -gern wider Ehre thun, soll sie zu ihrem -Mann also sagen: Siehe, lieber Mann, du -kannst mein nicht schuldig werden, und -hast mich und meinen jungen Leib betrogen, -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -dazu in Gefahr der Ehre und Seligkeit bracht, -und ist für Gott keine Ehe zwischen uns -beiden, vergönne mir, dass ich mit deinem -Bruder oder nächsten Freund eine heimliche -Ehe habe und du den Namen habst, auf -dass dein Gut nicht an fremde Erben komme, -und lass dich wiederum williglich betrügen -durch mich, wie du mich ohne deinen Willen -betrogen hast.« Der Mann, führt Luther<a name="FNanchor_048" id="FNanchor_048" -href="#Footnote_048" class="fnanchor">[48]</a> -weiter aus, hat die Pflicht, die Bitte zu erhören; -will er nicht, so darf er nicht böse -sein, wenn die Frau von ihm läuft.<a name="FNanchor_049" id="FNanchor_049" -href="#Footnote_049" class="fnanchor">[49]</a></p> - -<p>Am weitschweifigsten ergehen sich die -westfälischen Weistümer über diese auch -heute noch brennende Frage. Sie erkennen -in erster Linie dem Nachbarn des untauglichen -Ehemannes das erste Recht auf Stellvertretung -zu, dann jedem X-beliebigen. Das -Beuker Heidenrecht (III 42) besagt wie folgt: -»Item so erkenne ich auch für Recht, so -ein guter Mann ihr Frauenrecht nicht vollziehen -könne, dass sie darüber klagt, so soll -er sie aufnehmen und tragen über sieben -Zäune und bitten seinen nächsten Nachbarn, -<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -dass er seiner Frau helfe; wenn ihr geholfen -ist, soll er sie wieder nehmen, sie wieder -tragen nach Haus und setzen sie sacht nieder -und ihr ein gebratenes Huhn und eine Kanne -Wein vorstellen.« In der Landfeste von Hattingen -hat dieser Gebrauch gleichfalls Platz -gefunden: »Da ein Mann wäre, der seinem -rechten Weibe ihr frauliches Recht nicht -thun könne, so soll er sie sachte auf den -Rücken nehmen und tragen über neun Zäune -und setze sie dort vorsichtig nieder, ohne -Stossen, Schlagen, Werfen und ohne bösen -Worte, rufe alsdann seine Nachbarn an, dass -sie ihm seines Weibes Not wehren helfen. -Und wenn dann seine Nachbarn das nicht -thun wollen oder können, so soll er sie -senden auf die nächste Kirchweih in der -Nähe, und dass sie dort »sich seuverlich -zumache und zehrung habe, hänge er ihr -einen mit Geld bespickten Beutel auf die -Seite. Kommt sie von dorther wieder ungeholfen, -<em>dann helfe ihr der Teufel!</em>«</p> - -<p>Nach dem Bochumer Landrechte (III. 70) -genügt ein Teufel nicht mehr. Hat der -Mann die Frau über die Zäune getragen, -dort fünf Stunden lang um Hilfe gerufen, -sie im neuen Kleid mit Geld versehen auf -einen Jahrmarkt geschickt, ohne dass sich -<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -ihr Wunsch erfüllte, dann mögen ihr »thausend -düffel« helfen.<a name="FNanchor_050" id="FNanchor_050" -href="#Footnote_050" class="fnanchor">[50]</a></p> - -<p>War die Frau ansehnlich, dann bedurfte -es solcher Gewaltmassregeln kaum, sie fand -unter der Dorfjugend leicht einen Liebhaber, -und verhielt sich diese spröde, dann war -noch immer der Herr Geistliche da.</p> - -<p>Denn wenn auch die Geistlichkeit gegen -die Unzucht von der Kanzel herab Zeter -und Mordio predigte, so war sie während -ihrer unendlich vielen Freizeit eine ewig -dräuende Gefahr für den schöneren Teil -ihrer Pfarrkinder.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Die Sünden, die begehn allein</div> - <div class="verse indent0">Die Pfaffen, sind die Weibelein«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>sagt der Freidank in seiner Bibel des -Mittelalters, in der »Bescheidenheit«, indem -er den Klerikern ins Gewissen zu reden -sucht und ihnen zürnend zuruft:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ein jeder Priester meiden soll</div> - <div class="verse indent0">Mess oder Weib; das stehet wohl:</div> - <div class="verse indent0">Das Haus bedarf der Reinheit wohl,</div> - <div class="verse indent0">Darein Gott selber kommen soll.«<a name="FNanchor_051" id="FNanchor_051" -href="#Footnote_051" class="fnanchor">[51]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p><a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -Auch Walter von der Vogelweide meint: -»Die Pfaffen sollten keuscher leben als die -Laien«, sie thaten es aber so selten, dass -die Bauern froh waren, wenn ihre Seelenhirten -Beischläferinnen besassen. Die kernigen -Friesen duldeten keine Priester ohne -Konkubinen in ihrer Mitte: »Se gedulden -ock geene Preesteren, sunder eheliche Fruwen, -op dat se ander lute bedde nicht beflecken, -wente sy meinen, dat idt nich mogelygk sy, -und baven die Natur, dat sick ein mensche -ontholden konne«.<a name="FNanchor_052" id="FNanchor_052" -href="#Footnote_052" class="fnanchor">[52]</a></p> - -<p>Mit anerkennenswerter Offenheit äussert -sich ein Manuskript-Fragment aus dem -13. Jahrhundert »<i>de rebus Alsaticis</i>«: »Um -das Jahr 1200 hatten auch die Priester allgemeine -Beischläferinnen, weil gewöhnlich -die Bauern sie selbst dazu antrieben. Diese -sagten nämlich: Enthaltsam wird der Priester -nicht sein können, es ist darum besser, dass -er ein Weib für sich hat, als dass er mit -den Weibern aller sich zu schaffen macht.« -Welche Gefahr dieses Beackern fremder -Felder darstellte, beweist nach der eben -citierten Quelle ein Herr Heinrich Bischof -von Basel (1215-38), der bei seinem -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -Tode 20 vaterlose Kinder ihren Müttern -hinterliess. Ein Bischof von Lüttich, den -das Konzil von Lyon absetzte, besass gar -61 Sprösslinge. Nach Caesarius von Heisterbach -scheute mancher Pfaffe selbst nicht -davor zurück, mit Jüdinnen Verhältnisse einzugehen, -im Mittelalter eine Todsünde, doppelt -sündhaft für einen Geistlichen.</p> - -<p>Offen und ungescheut unterhielten die -meisten Geistlichen ihre Pfarrersköchinnen -bis zur Reformation, die sich diese Achillesferse -der Gegenpartei nicht entgehen liess -und eine ganze Litteratur wider die Pfaffenbuhlerinnen -zeitigte. Die »<i>Epistolae virorum -obscurorum</i>« und Ulrich von Huttens -Gesprächbüchlein sind köstliche Blüten dieser -Kampfschriften; namentlich das erstgenannte -Buch übergiesst die Pfarrerdirnen und ihre -Liebhaber mit ätzender Satire. Aber auch -die katholische Litteratur bemächtigte sich -von altersher des dankbaren Stoffes, um ihr -Mütchen an den Pfaffendirnen zu kühlen, -sei es in ernst mahnender, sei es in derb-komischer -Manier. Der »<em>Pfarrer von -Kahlenberg</em>« weiss durch die hübsche Beischläferin -seines Bischofs sich manchen Vorteil -zu erschleichen. So liegt er einmal -unter dem Bette, während der Bischof seiner -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -Liebsten »die Kapelle weiht«.<a name="FNanchor_053" id="FNanchor_053" -href="#Footnote_053" class="fnanchor">[53]</a> Da dieser -Eulenspiegel im Priesterkleide den Befehl -erhielt, Bedienerinnen zu haben, die 40 Jahre -zählen, so nimmt er sich zwei von je 20 -Jahren. Im Till Eulenspiegel und den anderen -Schwankbüchern des Mittelalters gehört -der verbuhlte Pfaffe zu den stereotypen -Figuren, die es meisterlich verstehen, die -Gatten und Väter zu hintergehen. Manchmal -misslang allerdings das Vorhaben, dann -empfingen sie eine Tracht Prügel, wurden -sogar manchmal erschlagen. Doch auch an -ernsten Stimmen über das pfäffische Treiben -fehlt es nicht. Thomas Murner, dessen -Geissel auch seine eigenen Standesgenossen -nicht verschont, wenn es gilt, der Menschheit -ihre Laster vorzuhalten, ironisiert im -»Narrenspiegel«:<a name="FNanchor_054" id="FNanchor_054" -href="#Footnote_054" class="fnanchor">[54]</a></p> - -<div class="poetry-container2"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Dann hör' ich eurer Köchin Beicht',</div> - <div class="verse indent0">Und ihr thut's meiner auch vielleicht</div> - <div class="verse indent0">Und thut, wie unser Vorfahr that,</div> - <div class="verse indent0">Der von der Höll' uns alle hat</div> - <div class="verse indent0">Befreit, uns thät vor Tod bewahren,</div> - <div class="verse indent0">Dass wir nicht brauchen hineinzufahren.</div> - <div class="verse indent0">Jedoch, sobald ihr wolltet schnurren</div> - <div class="verse indent0">Und wider unsre Freiheit murren,</div> -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> - <div class="verse indent0">Aus meiner Pfarr', aus meinem Haus</div> - <div class="verse indent0">Meine liebe Köchin treiben aus,</div> - <div class="verse indent0">Mit der ich alle Kurzweil' treib',</div> - <div class="verse indent0">Die mir auch wärmet meinen Leib,</div> - <div class="verse indent0">Die wohl schon zwanzig ganze Jahre</div> - <div class="verse indent0">Mir hat gekräuselt meine Haare –</div> - <div class="verse indent0">Das würde dir nicht schlecht vergolten.</div> - <div class="verse indent0">Denn bald die Bauern wissen sollten,</div> - <div class="verse indent0">Bald sagt' ich ihnen frohe Märe,</div> - <div class="verse indent0">Dass nirgends eine Hölle wäre.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Dann weiter:</p> - -<div class="poetry-container2"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Jeder hat eine Dienerin,</div> - <div class="verse indent0">Die tag und nacht bischlaft im.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Die Herren Geistlichen waren Epikureer, -die dem Sprichworte huldigten: »Es ist kein -feyner leben auf erden, denn gewisse Zinss -haben von seinem Lehen, eyn Hürlein daneben -und unserem Herre Gott gedienet.«</p> - -<p>Die Pfarrer durften sich ungestört ihrer -wilden Ehe hingeben, wenn sie ihre Oberen -nur dafür bezahlten. Aus diesem Sündengeld -zogen viele Bischöfe grosse Summen. -»Es war ein mal ein priester, der gab alle -iar dem fischgal (Fiskal) fier guldin, dass -er im die Kellerin in ruwen (Ruhe) liess«<a name="FNanchor_055" id="FNanchor_055" -href="#Footnote_055" class="fnanchor">[55]</a>, -eine stattliche Summe, die ein Erkleckliches -<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -ausmachte, wenn eine grössere Anzahl von -Priestern aus einer Diözese den gleichen -Betrag erlegen musste. Heinrich von Hewen, -um die Mitte des 15. Jahrhunderts Bischof -von Konstanz, selbst ein üppiger Herr, gewann -aus den Konkubinen-Abgaben seiner -Geistlichen eine jährliche Einnahme von -2000 Gulden. Das ärgerliche Leben der -Geistlichkeit verlockte sogar die abergläubische -Menge, ihnen die Schuld an Epidemien -und schweren Erkrankungen ihrer -Beichtkinder, besonders an der Epilepsie, zuzuschieben. -»Da ward darnach von etlichen -also gedeutet, als sollten diese Leute nicht -recht getaufft, oder doch ihre Tauffe nicht -krefftig sein, weil sie die von solchen pfaffen -empfangen, die da unverschampt, mit unzüchtigen -Huren in öffentlicher Unehe bey -einander lebten, darüber das gemeine Volk -bald ein aufstehen gemacht, und alle pfaffen -zu todt geschlagen hette.«<a name="FNanchor_056" id="FNanchor_056" -href="#Footnote_056" class="fnanchor">[56]</a></p> - -<p>Neben der Liebe vergassen auch viele -Geistliche nicht, weltliche Güter zu eigenem -und zum Nutzen ihrer Klöster zu ergattern. -Junge, hübsche und reiche Witwen und -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -Waisen waren ein gesuchter Artikel für -Laien und Priester. »Darnach sind etliche -(Geistliche),« äussert sich Geiler von Kaisersberg, -»die wittwen und weyssen heymsuchend. -Warumb? Darumb: Sy begerend -sye zuo verfueren, uff dass sye ires leibes -und guotes gantz gewaltig werdend.«<a name="FNanchor_057" id="FNanchor_057" -href="#Footnote_057" class="fnanchor">[57]</a></p> - -<p>Ausser ihren Beichtkindern und ihren Wirtschafterinnen -standen übrigens der höheren -Geistlichkeit die ihnen subordinierten Klöster -für galante Abenteuer zur Verfügung, worüber -schon in früher Zeit viele Klagen laut wurden, -deren Berechtigung auch Karl der -Grosse durch einige seiner Kapitularien anerkannte.</p> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak"> -Die Klöster. -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a></h2> -</div> - -<p> -Ebenso unkeusch wie die Seelsorger in -Dorf und Stadt waren die Insassen der -Klöster, gleichviel ob Mönche oder Nonnen. -Namentlich die Nonnenklöster standen vielfach -in denkbar schlechtestem Rufe, so dass -Geiler von Kaisersberg sagen durfte: »Ich -weiss nicht, welches schier das best wer, -ein tochter in ein semlich closter thuon oder -in ein frawenhauss. Wann warumb? ym -closter ist sie ein huor ....« Ein hartes -Urteil eines Geistlichen über seinesgleichen, -dem umsoweniger die Berechtigung abgesprochen -werden darf, als es keineswegs vereinzelt -dasteht. Sebastian Brant meint im -Narrenschiff:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Solch Klosterkatzen sind gar geil,</div> - <div class="verse indent0">Das schafft, man bind sie nicht an seil«,<a name="FNanchor_058" id="FNanchor_058" -href="#Footnote_058" class="fnanchor">[58]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>das heisst, dass sie keine Aufsicht haben.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>Die Abgeschlossenheit der Klöster eignete -sich vorzüglich dazu, Geheimnisse der -Aussenwelt zu verbergen und sich unter -dem Schutze der Klausur der ausgelassensten -Wollust hinzugeben.</p> - -<p>Es sind grauenvolle Thatsachen aus dem -mittelalterlichen Klosterleben überliefert. Das -Kloster Gnadenzell auf der schwäbischen -Alp gelangte schon frühzeitig zu trauriger -Berühmtheit. Einer der Schirmherren des -Klosters, Herzog Julius von Braunschweig, -liess die Äbtissin, eine geborene von Warberg, -1587 lebendig begraben, weil sie sich mit -dem Stiftsverwalter zu tief eingelassen hatte.<a name="FNanchor_059" id="FNanchor_059" -href="#Footnote_059" class="fnanchor">[59]</a> -Die früheren Aufseher dieses Klosters waren -weniger streng. Sie liessen es geschehen, -dass es darin schlimmer als in einem Bordelle -zuging und die Nonnen Tag und -Nacht für wohlhabende Gäste zur Verfügung -standen. Von diesen Nonnen ging die -Priamel aus:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ein boehmisch moench und schwaebisch nonn</div> - <div class="verse indent0">Ablass, den die Kartheuser hon,</div> - <div class="verse indent0">Ein polnisch brueck und wendisch treu</div> - <div class="verse indent0">Huener zu stehlen, Zigeuner reu</div> - <div class="verse indent0">Der Welschen Andacht, Spanier eid</div> - <div class="verse indent0">Der Deutschen fasten, Koellnisch maid</div> -<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> - <div class="verse indent0">Eine schoene tochter ungezogen</div> - <div class="verse indent0">Ein roter bart und erlenbogen,</div> - <div class="verse indent0">Fuer diese dreizehn noch so viel,</div> - <div class="verse indent0">Gibt niemand gern ein pappenstiel.«<a name="FNanchor_060" id="FNanchor_060" -href="#Footnote_060" class="fnanchor">[60]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Sebastian Franck drückt sich in seinen -Sprüchwörtern kürzer dahin aus: »Ein polnisch -bruck, ein bemischer mönch, ein -schwebisch nonn, ein oesterrychischer Kriegsmann, -wälche andacht und der tütschen -fasten geltend ein bonen« – d. h. sind -keine Bohne wert. Im gleichen Rufe wie -Gnadenzell standen das Frauenkloster zu -Kirchheim unter Teck, in dem Graf Eberhard -der Jüngere von Württemberg mit -seinen Zech- und Waidkumpanen die tollsten -Orgien feierte, und Söflingen bei Ulm. Als -das Gerede über das Treiben der Söflinger -Nonnen zu arg wurde, sah sich die geistliche -Obrigkeit endlich veranlasst, eine Visitation -des Klosters vorzunehmen. Gerne -that es der Bischof Gaimbus von Kastell ja -nicht, denn er fürchtete mit Recht einen -Skandal. Aber was er fand, übertraf seine -höchsten Befürchtungen und war selbst für -den guten Magen des Kirchenfürsten zu -viel. Ganz entrüstet berichtet er unter dem -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -20. Juni 1484 an den Papst von den Nachschlüsseln, -den Briefen höchst unzüchtigen -Inhalts und den üppigen Kleidern, die er in -den Klosterzellen entdeckt hatte. Das ihm -Peinlichste aber war, dass fast alle Nonnen -– in gesegneten Umständen angetroffen -worden waren.<a name="FNanchor_061" id="FNanchor_061" -href="#Footnote_061" class="fnanchor">[61]</a> Die Zimmersche Chronik -lässt sich über das Kloster zu Oberndorf -im Thal wie folgt aus: »Es haben sich bis -vierundzwanzig Klosterfrauen, meistenteils -von Adel, darin aufgehalten, die keinen -Mangel litten, wie man spricht, sondern im -Überfluss lebten. Was für gutes Leben, -sofern man das als gutes Leben achtet, in -diesem Kloster war, ist daraus zu ersehen, -dass viel Adel vom Schwarzwald und vom -Neckar in diesem Kloster eingekehrt – den -ufritt gehapt –, so dass es damals mit mehr -Recht des Adels »hurhaus« als des Adels -»spittal« wäre genannt worden. Besonders -haben die von Ow, Rosenfeldt, Brandegk, -Stain, Neuneck viel Geld darin verthan, und -hat diese Hochschule der Wollust Ehebrecher -und Väter unehelicher Kinder geschaffen. -Damit genug. Einmal sind viele vom Adel -und gute Gesellen im Kloster gewesen, die -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -haben Abendtanz sehr spät gehalten. Da hat -es sich von ungefähr begeben, dass während -des Tanzes plötzlich die Lichter verlöschten. -Da entstand ein »wunderbarliches blaterspill«, -indem sich jeder Mann ein Nönnlein -nahm. Die Thüren waren verhängt und -kein brennend Licht sollte in den Saal -kommen. Und gleichwohl niemand von -der Dunkelheit verschont blieb, so hatte -doch keiner Grund zu klagen, ausser einem -Edelmann, dem ein »widerwertiger casus -begegnet«. In der Furcht, es werde unversehens -ein Licht gebracht, schrie er: -»Liebe Freunde, eilet nicht, lassts noch einmal -herumgehen – ich habe meine Schwester -erwischt!«<a name="FNanchor_062" id="FNanchor_062" -href="#Footnote_062" class="fnanchor">[62]</a> In demselben Kapitel der eben -citierten Chronik finden sich noch weitere -Skandalosa von Nonnen und Mönchen, auch -Liebesabenteuer des erbitterten, viel verlästerten -Gegners der Reformation, Thomas -Murner, des Franziskanermönches, des strengen -Sittenpredigers, der vielleicht, wenn sich -gerade mal eine günstige Gelegenheit bot, -auch ganz gerne einen Seitensprung machte, -was dann seinen vielen Feinden willkommenen -Anlass bot, ihn ebenso abzukanzeln, -<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -wie sie es von ihm gewohnt waren. Er hatte -ein loses Maul, das ebensogut schimpfen, -wie im beissenden Spott arge Wunden verursachen -konnte:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Wer die meisten Kinder macht,</div> - <div class="verse indent0">Wird als Aebtissin geacht«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>sagt er in Bezug auf gewisse Klöster. In -anderen allerdings galt wieder der Bibelspruch: -»Selig sind die Unfruchtbaren«, den -die Notwendigkeit diktierte, da es nicht leicht -war, die Folgen der Verirrungen der Nonnen -zu verbergen, denn nicht überall war es -möglich, die Kinder kurzerhand zu töten, -wie im Kloster Mariakron, bei dessen Abbruch -man »in den heimlichen Gemächern -und sonst – Kinderköpfe, auch ganze -Körperlein versteckt und vergraben« fand. -Der Bischof Ulrich von Augsburg erzählt -die schier unglaublich klingende Thatsache, -dass unter Papst Gregor I. aus einem Klosterteiche -<em>sechstausend</em> Kinderköpfe herausgefischt -wurden.<a name="FNanchor_063" id="FNanchor_063" -href="#Footnote_063" class="fnanchor">[63]</a></p> - -<p>Die Mönchsklöster waren um kein Haar -besser, als die Klöster mit frommen Schwestern. -Die Mönche hatten es auch viel -leichter als die Nonnen, da sie sich ihren -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -Passionen überlassen durften, ohne auffällige -Folgen befürchten zu müssen. Die -Angehörigen jener Orden, welche terminierend, -besser gesagt bettelnd, von Ort -zu Ort zogen, um ihre Beute mit den Brüdern -im Kloster zu verzehren, fanden an -frommen Bäuerinnen Seelenbräute, die sich -gerne von den Herren Patres erlustigen -liessen. Auch die Nonnenklöster, die ihnen -Obdach gewährten, bewillkommten sie als -gern gesehene Gäste, die im wahren Sinne -des Wortes mit offenen Armen aufgenommen -wurden. Doch nicht genug, dass -die Cölibatäre der ihnen verbotenen Frauenliebe -huldigten, noch andere, weit schändlichere -Laster fanden in und durch die -Klöster Verbreitung. 1232 forderte Gregor IX. -die Predigermönche auf, in Österreich das -Laster der Sodomie auszurotten und die -Sünder als Ketzer zu behandeln. Berthold -von Regensburg predigte gegen die »stumme, -diu rôte sünde. Pfech, pfech (Pfui, pfui)«, -doch mit geringem Erfolg, denn die Homosexualität -war aus den Klöstern nicht zu -bannen. »1409 wurden am Samstag den -2. März zu Augsburg vier Priester, Jörg -Wattenlech, Ulrich der Frey, Jakob der Kiss -und Hans Pfarrer zu Gersthofen wegen -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -Sodomie in einem ›Fagelhaus‹ am Perlachturm -angeschmiedet, leben noch am folgenden -Freitag und verhungern dann.« Einen beteiligten -Laien, den Lederer Hans Gossenloher, -trifft die Strafe der Ketzer; er wird verbrannt.<a name="FNanchor_064" id="FNanchor_064" -href="#Footnote_064" class="fnanchor">[64]</a> -Der Strassburger Domprediger, der schon -wiederholt angeführte Geiler von Kaisersberg, -predigt seinen Standesgenossen: »Da -hast du dich versündigt mit öffentlichen -Dirnen, Jungfrauen betrogen, Ehefrauen -be........, Witwen geschändet, mit deinen -Freunden zu thun gehabt, da mit deinem -Gevatter, da mit deinem Beichtvater, da mit -deiner Beichttochter. Ich will schweigen -der Unzucht, mit der du die Ehe gebrochen, -ich will auch schweigen der Unzucht, -darum man dich verbrennen sollte.«<a name="FNanchor_065" id="FNanchor_065" -href="#Footnote_065" class="fnanchor">[65]</a> -Und wenn dies ein Mönch sagt, der seinesgleichen -genau kennt, ist jeder Zweifel -daran von Übel. Wie genau Geiler Bescheid -weiss, geht aus dem von ihm -wiederholt angeführten Sprichwort hervor: -»Willst du haben dein Haus sauber, so hüte -dich vor Pfaffen, Mönchen und Tauben, -<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -Diener, Vettern, Laienbrüdern (blotzbruder) -und Aerzten.« Die Geistlichkeit, die durch -ihr Beispiel veredelnd auf die Laien hätte -einwirken sollen, musste durch ihr Betragen -nicht nur an Achtung, sondern auch an Einfluss -auf die breiten Massen des Volkes einbüssen, -wodurch sich erklärt, dass die Reformation -beinahe von Anbeginn an ihren -beispiellosen Erfolg zu verzeichnen hatte. -Und nicht nur die Laien allein, sondern -auch einsichtsvolle Männer aus dem Stande -selbst sahen ein, dass sich eine gründliche Reinigung -des priesterlichen Augiasstalls unabweisbar -machte, sollte nicht der morsch gewordene -Bau der römisch-katholischen Kirche -jäh in sich zusammenbrechen. Geiler von -Kaisersberg gesteht offen ein, dass jeder, -der ein faules Leben führen und ungehindert -seinen Begierden frönen wollte, sich mit -der Kutte bekleidete. War doch die Gründungsursache -der meisten Klöster keineswegs -Frömmigkeit, sondern nichts weiter -als purer Eigennutz, der darauf ausging, -Sinekuren zu schaffen. »Man irrt sehr, -wenn man sich vorbildet, alle Klosterstiftungen -im Mittelalter seien aus purer Frömmigkeit -und ohne Beimischung politischer -und häuslicher Zwecke geschehen. Bei -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -weitem hatten die meisten Stifter dabei die -Absicht, zugleich für ihr Haus zu sorgen -und bei zahlreicher Familie dort für einige -ihrer Kinder – eheliche und Nebensprösslinge -– eine ständige Unterkunft anzulegen, -zumal da solche Klöster dergleichen -Kinder des Geschlechts des Stifters ohne, -oder nur gegen äusserst geringe, Mitgift -aufzunehmen verbunden waren. Man fand -daher in dergleichen Stiftungen das erspriesslichste -Mittel, beide Zwecke zugleich zu erreichen; -sich einesteils den Himmel zu verschaffen -und andernteils sich drückender -Familienbürden zu entledigen. Auch ohne -Stifter zu sein, hatten grosse Klosterwohlthäter -nicht selten den nämlichen Zweck, -und so wusch denn auch hier gewöhnlich -eine Hand die andere rein«, sagt Bodmann -in seinen 1819 erschienenen »Rheingauischen -Alterthümern«. So hielt man es von Karls -des Grossen Zeiten her bis in die neueste -Zeit. Nach innerem Beruf wurde bei den -für das Kloster Bestimmten nicht gefragt; -sie hatten dem elterlichen Machtspruche zu -gehorchen, und sie folgten vielfach auch -ganz gerne, da ihnen das Gelübde kaum -einen Zwang auferlegte, und sie frei ihren -Neigungen nachleben konnten:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Bemerket: wenn ein Edelmann</div> - <a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> - <div class="verse indent0">Sein Kind jetzt nicht vermählen kann</div> - <div class="verse indent0">Und hat kein Geld ihr mitzugeben,</div> - <div class="verse indent0">So muss sie in dem Kloster leben;</div> - <div class="verse indent0">Nicht dass sie Gott sich weih' darin,</div> - <div class="verse indent0">Nur dass er sie nach seinem Sinn</div> - <div class="verse indent0">Und seiner Hochfahrt mit seinem Gut</div> - <div class="verse indent0">Versorge, wie man dem Adel thut,«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>sagt Murner. Wen aber wirklich Herzensneigung -in das Kloster trieb, der wurde, -wenn er nicht von ganz aussergewöhnlicher -Willensstärke war, von dem unaufhaltsam -dahintosenden Strome der in den Klöstern -herrschenden Unmoral mitgerissen; er versank -in den Strudel, gleich seinen Brüdern -und that ebenso, wie sie es alle machten. -Das schlechte Beispiel ging von den Kirchenfürsten -selbst aus. Würdenträger, die ihren Beruf -ernst nahmen und streng auf die Beobachtung -der Gelübde hielten, waren weisse Raben. -Einer dieser wenigen, Ferdinand von Fürstenberg, -Fürstbischof von Paderborn (1661 bis -1683), ging so weit, einen Gesalbten ausstossen -und hinrichten zu lassen, weil er -ein ausschweifendes Leben führte.<a name="FNanchor_066" id="FNanchor_066" -href="#Footnote_066" class="fnanchor">[66]</a> Die -<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -Mehrzahl der anderen hohen Herren liess -sieben gerade sein, da sie es meistens -noch toller trieben, als die ihnen Unterstellten.</p> - -<p>Bezeichnend für die sich unter dem geistlichen -Habite breit machende Lasterhaftigkeit -war das Treiben in den geistlichen -Ritterorden. Dem Orden der Tempelherren -machte bekanntlich der energische König -Philipp IV. der Schöne von Frankreich ein -schreckensvolles Ende. 1312 wurde gegen -die Ordensbrüder die Anklage auf die gleichbedeutenden -Verbrechen Ketzerei und Sodomiterei -seitens des Papstes Clemens V. erhoben, -die zu ihrer Ausrottung mit Feuer -und Schwert führte. Glücklicher waren die -sich unter gewichtigem Schutze bergenden -deutschen Ritter, die »allein im Dienste -ihrer himmlischen Dame Maria« stehend, -den Namen der göttlichen Jungfrau auf das -Gröblichste missbrauchten und unter seinem -Deckmantel himmelschreiende Missethaten -vollführten. Von ihren Menschenschlächtereien -abgesehen, den berüchtigten »Heidenfahrten« -auf wehrlose und harmlose -Naturkinder, die man aus purem Sport hinschlachtete, -waren sie Wüstlinge schlimmster -Sorte, denen kein Laster versagt blieb. -<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -Die Bürger Marienburgs, ihrer Residenz, -mussten sich wiederholt beschweren, dass -kein ehrsamer Bürger abends sein Haus -verlassen dürfe, ohne fürchten zu müssen, -die zu Hause gelassenen Frauen und -Mädchen von den Rittern auf die Hochburg -geschleppt und dort gemissbraucht zu -sehen. »Ein Teil der Schlossfreiheit heisst -noch von der Zeit her, wo die Ritter ihr -unheiliges Wesen da trieben, ›der Jungferngrund‹. -Noch jetzt« – um die Mitte des -19. Jahrhunderts – »wird von jener Zeit -her beim Magistrat von Marienburg die -Kasse des ›Jungferngrund-Hospitals‹ verwaltet, -worin zu Grunde gerichtete Frauenzimmer -aufgenommen wurden. Aus den -Strafakten des Marienburger Ordenshauses -hat sich ergeben, dass unter dem Deckmantel -der christlichen Beichte Jungfrauen -und Ehefrauen systematisch verführt, Vergewaltigungen -selbst an neunjährigen Mädchen -von den Ordenskaplänen verübt wurden. -Das Bezeichnendste, was von den auf das -<i>votum castitatis</i> verpflichteten deutschen -Ordensrittern gesagt werden kann, ist, dass -der Ordensmeister Conrad von Jungingen -bereits zu Ende des 14. Jahrhunderts -Verbote erlassen musste, kein weibliches -<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -Tier im Ordenshause zu Marienburg zu -dulden.«<a name="FNanchor_067" id="FNanchor_067" -href="#Footnote_067" class="fnanchor">[67]</a></p> - -<p>Die Reformation fand in den Klöstern -beiderlei Geschlechtes begeisterte Anhänger, -die mit fliegenden Fahnen in das feindliche -Lager übergingen. Namentlich in -den Nonnenklöstern beeilten sich viele -der Schwestern, die verhassten, drückenden -Fesseln zu zerbrechen, die ihnen Familienrücksichten, -Tradition und Egoismus geschmiedet, -um in das weltliche Leben zurückzukehren. -Wieviel heisses Ringen, was für -mächtige Seelenkämpfe mögen die düsteren -Zellen gesehen haben, ehe in manchem -zaghaften Gemüte der Entschluss zu der -für eine Frau heroischen That reifte, das -gewohnte Nonnenkleid für immer abzustreifen.</p> - -<p>Gelang es diesen Exnonnen nicht, Unterkunft -bei ihren Familien zu finden, Stellungen -als Lehrerinnen zu erlangen, oder -in den heiligen Ehestand zu treten, manchmal -sogar, wie dies mehrfach passierte, mit -dem vordem geliebten Mönch, so fielen sie -dem unverhüllten Laster anheim. Nonnen -<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -der gesperrten Klöster zogen als landfahrende -Dirnen einher, wenn sie nicht sofort -nach Aufhebung des Klosters den Weg -nach dem Bordelle eingeschlagen hatten. -In Nürnberg war dies im Jahre 1526 der -Fall, als die Pforten des berühmten St. Clara-Klosters -für immer geschlossen und die -Schwestern auf die Strasse gesetzt worden -waren.</p> - -<p>Vom Erhabenen zum Lächerlichen, vom -Kloster zum öffentlichen Hause, war schon -lange vor Napoleon nur ein Schritt!</p> - - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak"> -Beilager und Ehe. -<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a></h2> -</div> - -<p> -Die Ehe, dieses älteste von Naturgesetzen -diktierte Verhältnis, das zwei Menschen aneinander -schliesst, hat kein anderes Volk so -edel aufgefasst, wie die Germanen.</p> - -<p>»Das Verlöbnis war ein Vertrag, durch -welchen Mann und Weib sich zu einem -Haushalt und Gründung einer Familie für -das ganze Leben verbanden, um einander -lieb zu sein über alles auf Erden, Wunsch, -Willen und Besitztum gemeinschaftlich zu -haben. Selbst mit dem Tode hörte die -Pflicht der überlebenden Gattin nicht auf. -Bei einigen Germanenvölkern war es der -Frau nur einmal gestattet, in den Ring der -Zeugen zu treten, vor denen sie das Gelöbnis -ablegte; und es sind Spuren erhalten -von noch älterer strenger Volkssitte, -nach welcher die Frau den Gatten so wenig -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -überleben durfte, wie der Gefolgmann seinen -Wirt, wenn dieser in der Schlacht fiel. Das -Weib des Germanen war nicht nur die Hausgebettete, -die auf gemeinsamem Lager den -Hals des Gatten umschlang, und nicht -nur Herrin des Hauses und Erzieherin der -Kinder, wie bei den Römern, sie war auch -seine Vertraute und Genossin bei der männlichen -Arbeit. Die Geschenke, welche der -Mann ihr zu dem Gelöbnis gab, ein Joch -Rinder, Speer und Ross<a name="FNanchor_068" id="FNanchor_068" -href="#Footnote_068" class="fnanchor">[68]</a>, waren symbolisches -Zeichen, dass sie mit ihm über den -Herden walten würde und als seine Begleiterin -an der Feldarbeit teilnehmen, ja -dass sie ihm auf dem Kriegspfade folgen -sollte, in der Schlacht seinen Eifer zu stählen, -seine Wunden zu rühmen, nach seinem -Tod ihn zu bestatten und vielleicht zu -rächen.«<a name="FNanchor_069" id="FNanchor_069" -href="#Footnote_069" class="fnanchor">[69]</a></p> - -<p>»Der Innigkeit germanischer Ehe schadete -nicht, dass sie schon in der Urzeit oft ein -Familienvertrag war, der im Interesse zweier -Geschlechter geschlossen wurde«, und diese -Art des Ehebundes blieb in allen Ständen -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -von der Urzeit an die vorherrschende. Die -Liebe kam in zweiter Linie; trotz Freytags -poetischer Verherrlichung war meist rein -prosaisches Interesse die Ursache der Verheiratung.</p> - -<p>»Wie in heidnischer, so ist die Ehe -auch in christlicher Zeit durchaus ein Geschäft -zwischen dem Bräutigam und den -Verwandten der Braut, wobei letztere vielfach -gar nicht um ihre Zustimmung befragt -wurde«<a name="FNanchor_070" id="FNanchor_070" -href="#Footnote_070" class="fnanchor">[70]</a>, nur trat mit der Zeit eine Wandlung -dahin ein, dass der ursprünglich dem -Vater oder dem Mundwalt der Braut, dem -ältesten Bruder oder Vormund, übergebene -Brautkauf nun der jungen Frau selbst, sei -es als Morgengabe, oder als Wittum (videme) -zufällt. War die Morgengabe ein freiwilliges -Geschenk des Ehegatten an seine Neuvermählte, -so wurde die Höhe des Wittums -vorher genau festgesetzt. Siegfried schenkt -seiner jungen Gattin den Nibelungenhort, -Bärschi in »Metzens Hochzeit«, der -Metzi, ein feistes Mutterschwein zur Morgengabe.</p> - -<p>Die altdeutsche Eheschliessung zerfällt in -<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -die Erwerbung der Braut durch den Verspruch -vor dem Vormund und durch die -Übergabe der Braut an den Bräutigam durch -die Heimführung. Durch die Verlobung -erstanden dem Bräutigam bereits rechtliche -und eheliche Ansprüche an die Braut, deren -Verletzung durch Dritte gesetzliche Ahndung -findet. Daher wird mit Recht der -Satz aufgestellt, dass die Verlobung die -Eheschliessung, die Trauung aber nur den -Vollzug der Ehe darstellte. Die Verlobung -schildert das Nibelungenlied bei Gelegenheit -des Verspruches von König Giselher -mit der Tochter Rüdegers von Bechelaren. -Nachdem des Königs Brüder als Freiwerber -das Jawort erhalten haben, der Jungfrau -seitens des burgundischen Geschlechts das -Wittum festgelegt wurde und der Brautvater -eine Summe Gold und Silber als Mitgift -ausgesetzt hat, heisst man das junge -Paar nach alter Sitte in den »rinc« (einen -Kreis) treten, fragt die Jungfrau, ob sie -gewillt sei, den Recken zum Manne zu -nehmen, und als sie das auf ihres Vaters -Rat bejaht, reicht Giselher der Braut die -Hand zum Gelöbnis.</p> - -<p>Der Ring, als Zeichen der Verlobung, kam -mit dem Eindringen des Christentums zu -<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -den europäischen Völkern. In der Gudrun -»jedwederz dem andern daz gold stiez an -die hant«.<a name="FNanchor_071" id="FNanchor_071" -href="#Footnote_071" class="fnanchor">[71]</a></p> - -<p>War die Verlobung auch identisch mit -der Ehe selbst, so räumte sie dem Bräutigam -doch keine ehelichen Rechte ein. -Das geschlechtliche Zusammenleben Verlobter -war untersagt und auf vorzeitigen -Beischlaf standen strenge Bussen. Untreue -der Braut galt vielfach als Ehebruch; der -Verführer erlitt Todesstrafe, wenn er nicht -durch zwölf Eideshelfer beschwören konnte, -von der stattgehabten Verlobung nichts zu -wissen. Über die Untreue des Bräutigams -glitt man leichter hinweg. Das Hamburger -Stadtrecht von 1270 bestimmt, wenn der -Verlobte von einem Weibe wegen intimen -Umgangs mit ihr verklagt werde, so habe -die Braut drei Monate auf die Entscheidung -zu warten; könne die Sache nur in Rom geführt -werden, so warte sie ein Jahr. Ist der -Prozess auch dann noch nicht zu Ende, so -ist das Verlöbnis aufgelöst und der Braut -gebührt eine Entschädigung von 40 Mark -Pfennig. Dasselbe galt für eine Klage gegen -<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -die Braut.<a name="FNanchor_072" id="FNanchor_072" -href="#Footnote_072" class="fnanchor">[72]</a> Wer eine Braut entführte, hatte -ausser den Blutsverwandten auch den Verlobten -zu sühnen, unter Umständen den -zehnfachen Brautkauf zu erlegen, und musste -die Entführte behalten, denn der Raub löste -die Verlobung. Nur die bayrischen Rechte -verlangten die Rückgabe der Braut an den -Bräutigam. Die Entführung wurde von -unseren Vorfahren zu den schwersten Verbrechen -gerechnet; Notzucht und Frauenraub -fielen in den Gesetzen mehrfach zusammen. -Selbst das Asylrecht in den -Klöstern und anderen Freistätten, die kein -Scherge betreten durfte, blieb den Frauenräubern -verschlossen. Karl der Grosse verhängte -über den Entführer der Tochter seines -Herrn die Todesstrafe, die Kirche belegte -alle diese Verbrecher mit ihrem Bann. -Schwere Geldbussen waren allen Gesetzen -des Mittelalters gemeinsam, wenn sie nicht -auf Leib- und Lebensstrafen erkannten. Das -Hamburger Stadtrecht von 1270 bedroht -den mit Todesstrafe, der eine Jungfrau unter -16 Jahren, wenn auch mit ihrem Willen, oder -eine ältere gegen ihren Willen entführt; der -Entführer geht nur dann frei aus, wenn er ein -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -nacktes Mädchen über 16 Jahre mit seinem -Einverständnis entführte.<a name="FNanchor_073" id="FNanchor_073" -href="#Footnote_073" class="fnanchor">[73]</a></p> - -<p>Die Entführungen kamen in dem wirklichen -und poetisch überlieferten Leben des -Mittelalters, sowohl in der vorritterlichen wie -in der ritterlichen Zeit häufig vor, da sie -der Abenteurerlust der damaligen Gesellschaft -so recht nach dem Herzen waren.</p> - -<p>Das späte Heiraten, von dem Tacitus -sprach, hat sich bis zum 13. Jahrhundert in -unserem Volke erhalten, um dann vollständig -in Vergessenheit zu geraten. Heiratete -man bis zum gedachten Säculum erst -mit dem 30. Jahre, so zeichnete sich die -Folgezeit unvorteilhaft durch unnatürlich -frühe Ehen aus<a name="FNanchor_074" id="FNanchor_074" -href="#Footnote_074" class="fnanchor">[74]</a>, so dass Murner in seinem -Gedichte »Vom Nutzen des Ehestandes« mit -Recht klagen durfte:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»So 'ne Jungfrau nahm 'nen Mann,</div> - <div class="verse indent0">Der nicht zum mindest dreissig Jahr</div> - <div class="verse indent0">War alt – sag ich dir offenbar.</div> - <div class="verse indent0">Jetzt nehmen zwei einander g'schwind</div> - <div class="verse indent0">Die beide nicht dreissig Jahr alt sind.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Nach dem Schwabenspiegel war das vollendete -12. Jahr zur Heirat eines freien, nach -<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -den Weistümern das 14. bei der Vermählung -leibeigener Mädchen für ausreichend -erachtet. Gudrun war etwas älter als zwölf -Jahre, als »nâch ir edelen minnen von -vürsten wart gegert«. Kriemhild zählte bei -ihrer Vermählung 15 Jahre, was in adeligen -und städtischen Geschlechtern bis zum -16. Jahrhundert das Alter war, in dem die -Jungfrauen heirateten. Anna Stromer in -Nürnberg vermählte sich allerdings schon -vierzehnjährig, ward mit 16 Jahren Mutter, -und gebar bis zu ihrem 25. Jahr acht Kinder -– ein Fall, den ein gewissenhafter Chronist -für aufzeichnenswert erachtet.<a name="FNanchor_075" id="FNanchor_075" -href="#Footnote_075" class="fnanchor">[75]</a> Gertrud, -Kaiser Lothars Tochter, beging zwölf Jahre -alt ihre Hochzeit mit Heinrich dem Stolzen -(1127). Eine weitere Kinderhochzeit war -die der vierjährigen heiligen Elisabeth mit -dem zwölfjährigen Landgrafen Ludwig von -Thüringen.<a name="FNanchor_076" id="FNanchor_076" -href="#Footnote_076" class="fnanchor">[76]</a> Gnote, die Tochter Rudolfs -von Habsburg, war bei ihrer Trauung -mit dem König Wenzel von Böhmen, ein -Kind, das ihrem Knaben von Gatten von -ihren Puppen erzählt, während er ihr von -seinen Falken vorschwärmt, als sie beisammen -<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -liegen. Selbstverständlich wurden -derartige von der Staatsraison diktierte Heiraten, -die sich in der mittelalterlichen Geschichte -häufig wiederholen, erst nach der -Reife der Gatten zu wirklichen Ehen. Das -Zusammenliegen, <em>das Beilager</em>, stellte nur -symbolisch den Vollzug der Ehe, und dadurch -ihre Unlöslichkeit nach kirchlichen -und weltlichen Gesetzen dar. Denn: Ist das -Bett beschritten, ist die Eh' erstritten, sagt -ein uraltes Rechtssprichwort.<a name="FNanchor_077" id="FNanchor_077" -href="#Footnote_077" class="fnanchor">[77]</a></p> - -<p>Noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts -aber hielt man das Beilager auch dann -öffentlich ab, wenn sich die Gatten in heiratsfähigem -Alter befanden. Aus einer Beschreibung -vom Jahre 1599, der »Hohen -Zollerischen Hochzeyt«, die J. Frischlin in -»Drey schöne vnd lustige Bücher« lieferte, -heisst es:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Rheingraff Ottho führt sie (die Braut) hinauff mit fleyss</div> - <div class="verse indent0">In jr gezimmer hüpsch und weyss.</div> - <div class="verse indent0">Da wartet sie, biss zu jr kam</div> - <div class="verse indent0">Der junge Herr und Bräutigam</div> - <div class="verse indent0">Mit allen Fürsten, Graffen, Herren,</div> - <div class="verse indent0">So folgen theten willig geren.</div> -<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> - <div class="verse indent0">Vor jnen her Trommeter bliesen,</div> - <div class="verse indent0">Die stark in jre Pfeiffen stiessen.</div> - <div class="verse indent0">Als nun der Hochborn Bräutigam</div> - <div class="verse indent0">Hinauff in sein Schlaffzimmer kam,</div> - <div class="verse indent0">Sein Mantel und Kranz legt von sich,</div> - <div class="verse indent0">Sein Wöhr und Ketten und gabs gleich</div> - <div class="verse indent0">Seim Hofmaister, solchs zu bewaren;</div> - <div class="verse indent0">Derselbig thet den Fleyss nicht sparen.</div> - <div class="verse indent0">Als nun die Fürsten, Herren, Frawen</div> - <div class="verse indent0">Stunden in diesem Gemach zu schawen,</div> - <div class="verse indent0">Die zween Brautfürer tratten her,</div> - <div class="verse indent0">Die Gesponss<a name="FNanchor_078" id="FNanchor_078" href="#Footnote_078" class="fnanchor">[78]</a> sie brachten höflich hehr</div> - <div class="verse indent0">Und legten sie hinein inns Beth,</div> - <div class="verse indent0">Ir weysse Kleider noch an hett.</div> - <div class="verse indent0">Dann legten sie den Bräutigam</div> - <div class="verse indent0">Zu seiner Gesponss also zusam,</div> - <div class="verse indent0">Die Döcken uberschlagen theten,</div> - <div class="verse indent0">Biss sie ein Weyl gelegen hetten.</div> - <div class="verse indent0">Gar bald sie wieder auffgestanden,</div> - <div class="verse indent0">Die Fürsten, Herren seind vorhanden,</div> - <div class="verse indent0">Wünscht jeder da für seinen theyl</div> - <div class="verse indent0">Dem Bräutigam und Braut vil heyl,</div> - <div class="verse indent0">Viel glücks und guten segen reich;</div> - <div class="verse indent0">Darnach lugt jeder, das er weich'</div> - <div class="verse indent0">Und selber in sein Kammer kumb,</div> - <div class="verse indent0">An seinem Schlaff auch nichts versumb<a name="FNanchor_079" id="FNanchor_079" -href="#Footnote_079" class="fnanchor">[79]</a>.«<a name="FNanchor_080" id="FNanchor_080" -href="#Footnote_080" class="fnanchor">[80]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Bei einer anderen Fürstenhochzeit im -Junimond 1585 zwischen Johann Wilhelm III., -<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -Herzog zu Jülich-Cleve-Berg und Jakobäa -von Baden sind die Brautgemächer nach -damaliger aus Frankreich gekommener Sitte -mit Teppichen behangen, deren Gewebe -mythologische Scenen darstellen, so »zur -ehelichen Lieb' am meisten und vornehmlich -gehörig«.<a name="FNanchor_081" id="FNanchor_081" -href="#Footnote_081" class="fnanchor">[81]</a> Diese Ehe endete bekanntlich -mit dem geheimnisvollen Tode der eines -zuchtlosen Wandels beschuldigten Jakobäa.<a name="FNanchor_082" id="FNanchor_082" -href="#Footnote_082" class="fnanchor">[82]</a></p> - -<p>Verlobung und Hochzeit folgten bei -Bürgern und Bauern häufig unmittelbar aufeinander, -namentlich wenn eine feierliche -Verlobung stattgefunden hatte; doch kommt -es auch vor, dass dem ungeduldigen Bräutigam -eine Wartezeit auferlegt wird, so -Gudruns Verlobten Herwig, der ein ganzes -Jahr warten muss, wobei ihm aber von der -Schwiegermutter hochherzig gestattet wird, -dass er sich »mit schoenen wîben vertribe -anders wâ Die zît«. Vom 8. Jahrhundert ab -begehrte die Geistlichkeit ein dreimaliges -Aufgebot und die kirchliche Einsegnung der -Ehe. Die höhere Gesellschaft fügte sich -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -diesem Anspruche sofort, nicht so die breiteren -Schichten des Volkes, denen auf noch -lange die einfache bürgerliche Eheschliessung -genügte »an (ohne) schuoler und an phaffen«, -den Bauern sogar bis ins 15. Jahrhundert. Aber -selbst der Hochadel verfügte sich erst am -Morgen nach der Brautnacht zur Kirche. -Abends vor dem Kirchgange wurde das -Brautpaar in die Brautkammer gebracht, -eine Decke beschlägt sie beide, ein Geistlicher -findet sich vielleicht ein, den Brautsegen -über das Paar zu sprechen.<a name="FNanchor_083" id="FNanchor_083" -href="#Footnote_083" class="fnanchor">[83]</a> Die -Freundinnen und nächsten Angehörigen sind -der Braut beim Entkleiden behilflich, ihr -manch guten Rat dabei zuflüsternd. Oft -sind auch der Brautvater, der Bruder des -Bräutchens oder andere aus der Sippschaft -in dem Gemache anwesend.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Wie Elsa von Brabant, die schöne, keusche Magd,</div> - <div class="verse indent0">Dem Fürsten werth des Nachts ward zugesellet.</div> - <div class="verse indent0">Die Kaiserin nicht unterliess,</div> - <div class="verse indent0">Dass sie die Fürstin selbst des Nachts zu Bette wies.</div> - <div class="verse indent0">Die Kammer war mit Decken wohlbestellet.</div> - <div class="verse indent0">Das Bett war schön geziert, mit Golde roth und reicher Seiden,</div> - <div class="verse indent0">Und manches Thier darein gewoben.</div> - <div class="verse indent0">In dieses Bett hat sich die Jungfrau nun gehoben,</div> - <div class="verse indent0">Um drin der Minne Buhurd zu erleiden.</div> -<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> - <div class="verse indent0">Der Kaiser auch gekommen war,</div> - <div class="verse indent0">Er hiess die Kammer das Gesinde räumen gar,</div> - <div class="verse indent0">Gut Nacht gab er den Beiden miteinander.</div> - <div class="verse indent0">Nun ward die Maid entkleidet schier,</div> - <div class="verse indent0">Es drückte sie der Degen an sich stolz und zier:</div> - <div class="verse indent0">Ich sag' nicht mehr als – was er sucht', das fand er.«<a name="FNanchor_084" id="FNanchor_084" -href="#Footnote_084" class="fnanchor">[84]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Wenn in den mittelalterlichen Heldengedichten -sich der Freund an Stelle des -wirklichen Bräutigams mit der Auserkorenen -seines Freundes trauen lässt, was, trotz der -augenscheinlichen Unwahrscheinlichkeit, ein -dankbares, vielverwendetes Motiv für die -damaligen Dichter abgab, dann legte der -Pseudogatte ein entblösstes Schwert zwischen -sich und die Braut, um dadurch ihre -Unberührbarkeit anzudeuten. So liegt Siegfried -bei Brunhilde, und in Konrad von -Würzburgs der Verherrlichung der Freundestreue -gewidmetem Gedichte »Engelhart und -Engeltrut« findet sich darüber folgende Episode. -Engeltrut, die Tochter des Königs -von Dänemark, deren Vater Engelhart und -sein Freund Dietrich von Brabant dienen, -kommt eines Nachts an das Bett des Engelhart -und verspricht ihm ihre Liebe, sobald -er Ritter geworden und sich im Turniere -<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -einen Preis geholt. Nachdem er diese Bedingungen -erfüllt und Engeltrut an seiner -heissen Liebe nicht mehr zweifeln kann, -giebt sie ihm ein Stelldichein im Baumgarten -des väterlichen Schlosses; sie empfängt -ihn, nur mit Mantel und Hemd bekleidet, -zieht ihn unter ihren Mantel und führt ihn -»ûf einen senften matraz«. Sie werden von -ihrem Widersacher, dem Neffen des Königs, -belauscht. Engelhart aber leugnet alles und -will für die Wahrheit seiner Behauptung -kämpfen. Er holt sich seinen Freund -Dietrich, der ihm zum Verwechseln ähnlich -sieht. Dieser kann mit ruhigem Gewissen -seine Unschuld beschwören, ficht mit dem -Angeber, siegt und erhält als Engelhart die -Hand der Engeltrut. Er heiratet sie auch, -wie es einst Engelhart mit Dietrichs Frau -gemacht, legt aber wie dieser ein blosses -Schwert im Brautbett zwischen sich und -Engeltrut, die er dem Freunde rein übergiebt.<a name="FNanchor_085" id="FNanchor_085" -href="#Footnote_085" class="fnanchor">[85]</a></p> - -<p>Derartige Hochzeiten mit Stellvertretern -kamen übrigens auch in der Wirklichkeit -vor, allerdings nur an Höfen, deren Angehörige -oft schon im zartesten Alter vermählt -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -wurden, oder die entweder aus politischen -Gründen oder der Bequemlichkeit wegen -die weite und oft nicht ungefährliche Reise -zum Wohnsitze der Braut scheuten. Die Vermählung -wurde alsdann durch Prokuration -mit dem Spezial-Gesandten vollzogen, der -an Stelle seines Gebieters das Beilager abhielt, -in eine schwere Prunkrüstung gehüllt, -das scharfe Schwert zwischen sich und der -Herrin. Der alte österreichische Chronist -Jakob Unrest meldet über ein solches Beilager, -das anlässlich der später in die Brüche -gegangenen Vermählung Maximilians I., des -letzten Ritters, mit der Prinzessin Anna von -Bretagne, stattfand: »Kunig Maximilian schickt -seiner Diener einen genannt Herbolo von -Polhaim gen Britannia zu empfahen die -Kunigliche Braut; der war in der Stat Remis -(Reims) erlichen empfangen, und daselbs -beschluff der von Polhaim die Kunigliche -Brauet mit ein gewapte Man mit den rechte -Arm und mit dem rechten fus blos und ein -blos schwert dazwischen gelegt, beschlaffen. -Also haben die alten Fürsten gethan, <em>und -ist noch die Gewonhait</em>. Da das alles -geschehen was, war der Kirchgang mit dem -Gottesdienst nach Ordnung der heiligen Kahnschafft -mit gutem fleiss vollpracht.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>Die bürgerliche Gesellschaft äffte natürlich -diese Beilagersitte des Hochadels nach, -wie aus der Dresdener Hochzeitsordnung -aus dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts -hervorgeht. Nach dieser durften die Hochzeitsgäste -dem <i>pro forma</i>-Beilager beiwohnen, -mussten aber dann das Gemach verlassen, -während das junge Paar aufstand, um mit -zwei Tischen voll Gästen zu tafeln.</p> - -<p>Diese offiziellen Beilager, bei denen es -tadellos ehrbar zuging, da man im Gegensatze -zu früheren Zeiten die mit dem Brautstaate -geschmückte Braut zu dem Gatten -legte, sind von jenen inoffiziellen Beilagern -zu unterscheiden, die der erklärte Bräutigam -mit seiner Braut abhielt, ohne sie zur Frau -zu machen.</p> - -<p>Dieses »Beschlafen auf Treu und Glauben« -kennt bereits die früheste Zeit des deutschen -Mittelalters. Die Ehre der Braut lief -um so weniger Gefahr, als sie unter dem -Schutze des Gesetzes stand. Das Mädchen, -das sich dem Bräutigam nicht ergeben -wollte, konnte ganz wohl das Beilager gestatten, -ohne in der öffentlichen Meinung -als gefallen zu gelten, wenn auch Zweifel -an der beiderseitigen Zurückhaltung zu naheliegend -waren, um nicht geäussert zu werden. -<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -Der Mann musste jedenfalls seine Selbstbeherrschung -bewahren, wenn es der Schönen -so beliebte, denn die mittelalterlichen Gesetze -achteten eine während des Beilagers -begangene Gewaltthat der Notzucht gleich. -»Eyn jeglich man mac an siner Amyen die -notnunft begen, daz sol man uber sie richten, -als ob er nie bi ir gelege«, heisst es in den -Alemannischen Landrechten, und ähnlich in -den sächsischen Land- und dem alten Goslarischen -Stadtrechte. Im Parzival kommt -die jungfräuliche Königin Kondwiramur -(= <i>coin de voire amors</i> = Ideal der wahren -Liebe) zu dem schlafenden Parzival, aber:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent2">»Nicht von der Minne Ungestüm</div> - <div class="verse indent0">Getrieben, die Jungfräulein kann</div> - <div class="verse indent0">Zum Weibe wandeln durch den Mann, –</div> - <div class="verse indent0">Dass er als Freund ihr rat' im Leide.</div> - <div class="verse indent0">Den Leib umhüllt ein wehrhaft Kleid,</div> - <div class="verse indent0">Ein dünnes Hemd von weisser Seide.</div> - <div class="verse indent0">Was taugt wohl mehr zum Minnestreit,</div> - <div class="verse indent0">Als wenn dem Manne so ein Weib</div> - <div class="verse indent0">Sich naht? Der Herrin schlanken Leib</div> - <div class="verse indent0">Hüllt noch ein Sammetmantel ein.«<a name="FNanchor_086" id="FNanchor_086" -href="#Footnote_086" class="fnanchor">[86]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Sie teilt sein Lager</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">».... doch ist dies bedungen,</div> - <div class="verse indent0">Dass nicht berühren darf der eine</div> - <div class="verse indent0">Des andern Leib ....«</div> - </div> - </div> -</div> -<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -bis »die Nacht schwand hin, der Tag brach an«.</p> - -<p>Dieser Gebrauch hielt das ganze Mittelalter -hindurch an, wie Hans von Schweinichens -Denkwürdigkeiten bezeugen. Unter -dem Jahre 1573 heisst es bei Beschreibung -eines Reiseabenteuers im Lande Lüneburg -bei Herzog Heinrich, nach dessen glücklichem -Ausgang in Dannenberg getanzt wird; nach -dem Tanze hebt das stereotype grosse -Saufen an, bei dem Schweinichen als letzter -auf der Walstatt bleibt: »Die einheimischen -Junkern verloren sich auch, sowohl die Jungfrauen, -dass also auf die Letzte nicht mehr -als zwo Jungfern und ein Junker bei mir -blieben, welcher einen Tantz anfing. Dem -folget ich nach. Es währet nicht lange, -mein guter Freund wischt mit der Jungfer -in die Kammer, so an der Stuben war, ich -hinter ihm nach. Wie wir in die Kammer -kommen, liegen zwei Junkern mit Jungfrauen -im Bette. Diser der mit mir vortanzet, -fiel sammt der Jungfer auch in ein -Bette. Auf Mecklenburgerisch so saget sie, -ich sollt mich zu ihr in ihr Bette auch legen; -dazu ich mich nicht lange bitten lies, leget -mich mit Mantel und Kleidern, ingleichen -die Jungfrau auch, und redeten also bis -<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -vollend zu Tag, jedoch in allen Ehren. Auf -den Morgen hatt ich das Beste, dass ich -der Längste wär auf dem Platz gewesen, -gethan, und ich hatte es am besten vericht. -Kam deswegen beim Frauenzimmer in gross -Gunst. Das heissen sie auf Treu und -Glauben beigeschlafen; <i>aber ich acht mich -solches Beiliegen nicht mehr, denn Treu und -Glauben möcht ich zu ein Schelmen werden</i>. -Darum heisst es: ›Hüte dich, mein Pferd -schlägt dich‹ <a name="FNanchor_087" id="FNanchor_087" -href="#Footnote_087" class="fnanchor">[87]</a>«, denn:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Dern weisz nicht daz ein biderbe man</div> - <div class="verse indent0">Sich alles des enthalten kan</div> - <div class="verse indent0">Des er sich enthalten wil –</div> - <div class="verse indent0"><em>Weiz Got dern ist aber nicht vil!</em>«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>sagt Hartmann von der Aue, und ähnlich -urteilte mehr als ein Jahrtausend vor Schweinichen -der byzantinische Geschichtsschreiber -Prokopius von Cäsarea, der die Keuschheit -solcher Bräute in Zweifel zieht. In manchen -Gegenden machte man übrigens kein Geheimnis -daraus, dass Probenächte wirkliche -Proben auf die Ehefähigkeit der zukünftigen -Ehegatten darstellten; ja man dehnte solche -Prüfungen auf Wochen, selbst Monate aus, -um, wenn sie zu Ungunsten eines der -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -beiden prüfenden Teile ausgefallen waren, -die Verlobung einfach aufzuheben.</p> - -<p>Ein interessantes Dokument über ein -derartiges Vorkommnis aus dem Jahre 1378 -lieferte Prof. Kohler<a name="FNanchor_088" id="FNanchor_088" -href="#Footnote_088" class="fnanchor">[88]</a>. Darnach hatte ein -Graf Johann IV. von Habsburg ein volles -halbes Jahr die nächtliche Probezeit mit -Herzlaude von Rappoltstein gehalten, doch -schliesslich einen Korb bekommen, weil ihm -die junge Dame alle männlichen Qualitäten -absprechen musste. Kaiser Friedrich III., der -sich mit der Prinzessin Leonore von Portugal -durch seinen Verwandten verlobt hatte, -jedoch mit der Vollziehung der Ehe zauderte, -erhielt von dem Onkel der Braut, -König Alfons von Neapel, das Schreiben: -»Du wirst also meine Nichte nach Deutschland -führen, und wenn sie dir dort nach -der ersten Nacht nicht gefällt, mir wieder -zurücksenden oder sie vernachlässigen und -dich mit einer anderen vermählen; halte die -Brautnacht mit ihr deshalb hier, damit du -sie, wenn sie gefällt, als angenehme Ware -mit dir nehmen, oder wo nicht, die Bürde -uns zurücklassen kannst.« Mit der Tochter -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -dieses Kaisers hielt Herzog Albrecht IV. von -Bayern in Innsbruck das Beilager, die Hochzeit -aber erst in München.</p> - -<p>Unter der Landbevölkerung war das -Probenacht-Unwesen ungleich verbreiteter, -als in der anderen Gesellschaft des Mittelalters. -Wann diese Sitte ihren Anfang genommen, -verliert sich im Dunkel, jedenfalls -bestand sie bereits im 13. Jahrhundert unter -den Sachsen, denn Kardinal Heinrich von -Segusio berichtete: die Sachsen hätten eine -garstige aber gesetzmässige Gewohnheit, -dass der Bräutigam bei der Braut eine -Nacht schlafen, und sich nachgehends wohl -entschliessen möge, ob er diese heiraten -wolle oder nicht. In den folgenden Jahrhunderten -standen die Probenächte in voller -Blüte, wie aus der noch heute vielgenannten -Monographie F. Christoph Jonathan Fischers -hervorgeht:<a name="FNanchor_089" id="FNanchor_089" -href="#Footnote_089" class="fnanchor">[89]</a></p> - -<p>»Beinahe in ganz Teutschland und vorzüglich -in der Gegend Schwabens, die man -den Schwarzwald nennet, ist unter den -Bauern der Gebrauch, dass die Mädchen -ihren Freiern lange vor der Hochzeit schon -diejenigen Freiheiten über sich einräumen, -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -die sonst nur das Vorrecht der Ehemänner -sind. Doch würde man sehr irren, wenn -man sich von dieser Sitte die Vorstellung -machte, als wenn solche Mädchen alle weibliche -Sittsamkeit verwahrlost hätten, und -ihre Gunstbezeugungen ohne alle Zurückhaltung -an die Libhaber verschwendeten. -Nichts weniger! Die ländliche Schöne weiss -mit ihren Reizen auf eine ebenso kluge Art -zu wirtschaften, und den sparsamen Genuss -mit ebenso viler Sprödigkeit zu würzen, -als immer das Fräulein am Putztisch.</p> - -<p>Sobald sich ein Bauernmädchen seiner -Mannbarkeit zu nähern anfängt, sobald findet -es sich, nachdem es mehr oder weniger -Vollkommenheiten besitzt, die hir ungefähr -im ähnlichen Verhaltnisse, wie bei Frauenzimmern -von Stande, geschätzt werden, von -einer Anzahl Libhaber umgeben, die solange -mit gleicher Geschäftigkeit um seine -Neigung buhlen, als sie nicht merken, dass -einer unter ihnen der Glücklichere ist. Da -verschwinden alle Uebrigen plötzlich, und -der Libling hat die Erlaubnis, seine Schöne -des Nachts zu besuchen. Er würde aber -den romantischen Wohlstand schlecht beobachten, -wenn er den Weg geradezu durch -die Hausthür nehmen wollte. Die Dorfsetiquette -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -verlangt nothwendig, dass er seine -nächtlichen Besuche durch das Dachfenster -bewerkstellige. Wie unsere ritterbürtige -Ahnen erst dann ihre Romane glücklich gespilt -zu haben glaubten, wenn sie bei ihren -verlibten Zusammenkünften unersteigliche -Felsen hinanzuklettern und ungeheure Mauren -herabzuspringen gehabt; oder sich sonst -den Weg mit tausend Wunden hatten erkämpfen -müssen, ebenso ist der Bauernkerl -nur dann mit dem Fortgange seines Libesverständnisses -zufriden, wenn er bei jedem -seiner nächtlichen Besuche alle Wahrscheinlichkeit -für sich hat, den Hals zu brechen, -oder wenn seine Göttin, während dem er -zwischen Himmel und Erde in grösster -Lebensgefahr dahängt, ihm aus ihrem Dachfenster -herunter die bittersten Nekereien zuruft. -Noch in seinen grauen Hahren erzehlt -er mit aller Begeisterung dise Abenteuer -seinen erstaunten Enkeln, die kaum -ihre Mannheit erwarten können, um auf eine -ebenso heldenmütige Art zu liben.</p> - -<p>Dise mühsame Unternehmung verschaft -anfangs dem Libhaber keine andere Vorteile, -als dass er etliche Stunden mit seinem -Mädchen plaudern darf, das sich um dise -Zeit ganz angekleidet im Bette befindet -<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -und gegen alle Verrätereien des Amors wol -verwahrt hält. Sobald sie eingeschlafen ist, -so muss er sich plötzlich entfernen, und -erst nach und nach werden ihre Unterhaltungen -lebhafter. Ja in der Folge gibt die -Dirne ihrem Buhler unter allerlei ländlichen -Scherzen und Nekereien Gelegenheit, sich -von ihren verborgenen Schönheiten eine anschauliche -Erkenntniss zu erwerben; lässt -sich überhaupt von ihm in einer leichteren -Kleidung überraschen, und gestattet ihm zuletzt -alles, womit ein Frauenzimmer die -Sinnlichkeit einer Mannsperson befridigen -kan. Doch auch hir wird immer noch ein -gewisses Stufenmass beobachtet, wovon mir -aber das Detail anzugeben die Zärtlichkeit -des heutigen Wolstandes verbeut. Man kan -indess viles aus der Benennung <em>Probenächte</em> -erraten, welche die letztern Zusammenkünfte -haben, da die erstern eigentlich -Kommnächte heissen.</p> - -<p>Sehr oft verweigern die Mädchen ihrem -Libhaber die Gewährung seiner letzten -Wünsche so lang, bis er Gewalt braucht. -Das geschiht allezeit, wenn ihnen wegen -seiner Leibesstärke einige Zweifel zurück -sind, welche sie sich freilich auf keine so -heikle Weise als die Witwe Wadmann aufzulösen -<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -wissen. Es kömmt daher ein solcher -Kampf dem Kerl oft sehr teuer zu stehen, -weil es nicht wenig Mühe kostet, ein Baurenmensch -zu bezwingen, das iene wollüstige -Reizbarkeit nicht besizt, die Frauenzimmer -vom Stande so plözlich entwafnet ...</p> - -<p>Die Probenächte werden alle Tage gehalten, -die Kommnächte nur an den Sonn- -und Feiertagen und ihren Vorabenden. Die -Erstern dauern solange, bis sich beide Teile -von ihrer wechselseitigen physischen Tauglichkeit -zur Ehe genugsam überzeugt haben, -oder bis das Mädchen schwanger wird. -Hernach tut der Bauer erst die förmliche -Anwerbung um sie und das Verlöbnis und -die Hochzeit folgen schnell darauf. Unter -den Bauren, deren Sitten noch grosser Einfalt -sind, geschiht es nicht leicht, dass Einer, -der sein Mädchen auf dise Art geschwängert -hat, sie wider verliesse. Er würde -sich ohnfehlbar den Hass und die Verachtung -des ganzen Dorfes zuzihen. Aber das -begegnet sehr häufig, dass beide einander -nach der Ersten oder Zweiten Probenacht -wider aufgeben. Das Mädchen hat dabei -keine Gefahr, in einen übeln Ruf zu kommen; -denn es zeigt sich bald Ein anderer, der gern -den Roman mit ihr von vorne anhebt. Nur -<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -dann ist ihr Name zweideutigen Anmerkungen -ausgesezt, wenn sie mehrmals die -Probezeit vergebens gehalten hat. Das Dorfpublikum -hält sich auf diesen Fall schlechterdings -für berechtigt, verborgene Unvollkommenheiten -bei ihr zu argwöhnen. Die -Landleute finden ihre Gewohnheit so unschuldig, -dass es nicht selten geschiht, wenn -der Geistliche am Orte einen Bauren nach -dem Wohlsein seiner Töchter frägt, dieser -ihm zum Beweise, dass sie gut heranwüchsen, -mit aller Offenherzigkeit und mit -einem väterlichen Wolgefallen erzehlt, wie -sie schon anfiengen, ihre Kommnächte zu -halten. Keyssler gibt in seinen Reisen -(Hannover 1740, Brief IV, S. 21) uns eine -sehr drollige Erzehlung von einem Prozesse, -den die Bregenzer Bauren ehmals zur Verteidigung -einer solchen Gewohnheit geführt -haben, die sie <em>fügen</em> nennen. Die Kasuisten, -die sich eben nicht immer von den -erlaubten und unerlaubten Begattungsarten -die richtigsten Begriffe machen, und manchmals -dasienige für Sünde halten, was keine -ist, und dasienige nicht dafür halten, was -doch eine ist, ereiferten sich von ieher sehr -über diesen ländlichen Gebrauch. Er musste -ihnen daher sehr oft zum Stoff dienen, ihre -<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -Beredsamkeit auf eine sehr vorteilhafte und -pathetische Weise zu zeigen. Die katholischen -Landpriester, die mit dem Charakter -ihrer Seelenbefohlnen zuweilen etwas näher, -als die Protestanten mit den Ihrigen bekannt -sind, und mithin die Untadelhaftigkeit -dieser Sitte besser einsehen, äussern -darüber mehr Duldsamkeit als die Letzteren, -die nie unterlassen, ihre Bauren deswegen -mit den heftigsten Strafpredigten zu verfolgen, -und weil doch leider heutzutage, wo -die Welt so ganz im Argen ligt, dise Züchtigungen -nicht allezeit von Wirkung sind, -so verabsäumen sie keine Gelegenheit, zur -Vertilgung dises heidnischen Gräuels den -weit kräftigeren weltlichen Arm zu Hülfe zu -rufen .... Wenn es der Wolstand nicht -untersagte, gewisse Forschungen nicht allzuweit -zu verfolgen, und ihr endliches Resultat -enthüllt darzustellen, so könnte ich -ihn leicht überführen, dass dise Sitte nicht -nur in der Physiologie des Menschen gegründet, -sondern auch eine für die Bevölkerung -sehr heilsame Anstalt sei. Demienigen -Teil meiner Leser aber, der sich so schlechterdings -nicht abfertigen lässt, und verschiedene -Erläuterungen wünscht, muss ich an -die Aerzte und an dieienigen Advokaten -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -weisen, die vor den Ehegerichten Prozesse -führen.«</p> - -<p>Ausser diesen Probe- und Kommnächten -herrschte überdies ein mehr als freier Verkehr -zwischen den beiden Geschlechtern im -Bauernstande. Bezeichnend dafür ist, dass -z. B. in Bayern die Schlafstätten der Mägde -und Knechte nicht voneinander gesondert -waren, weshalb Ehebruch und Unzucht in -erschreckender Weise grassierten. Maximilian, -der grosse Kurfürst Bayerns, sah -sich deshalb veranlasst, bei seinem 1598 erfolgten -Regierungsantritt ein »Sittenmandat« -ausgehen zu lassen, nach dem Schwangerschaften -bei ledigen Weibspersonen mit -Geldstrafen und Einschliessung in »die -Geige«, ein geigenartiges Brett mit Einschnitten -für den Kopf und die beiden -Hände, gebüsst werden sollten; trotzdem -verrechnete 1605 der Münchener Rentmeister -in seiner Amtsrechnung über Strafgelder -mehr als 300 uneheliche Kinder, »derjenigen -nicht zu erwähnen, die nicht angezeigt -wurden«. Dabei stand der Vermerk: »Es -wollen sich auch sehr viele Adelspersonen -in diesem Laster finden lassen.« 30 Jahre -später sah sich Kurfürst Maximilian zu einer -Strafverschärfung genötigt, die auf Ehebruch -<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -bei Männern auf fünf- bis siebenjährige -Landesverweisung, und bei wiederholtem -Pönfall das Schwert erkannte. Eheschänderische -Frauen aus Bürger- oder Bauernstande -traf fünfjährige Verbannung, Adelige -der Verlust aller Ehrenrechte, und alle drei -Stände im Wiederholungsfalle der Tod durch -den Henker. Das Laster war aber so tief -eingewurzelt, dass Maximilian durch ein -späteres Reskript diese Strafen mildern -musste.<a name="FNanchor_090" id="FNanchor_090" -href="#Footnote_090" class="fnanchor">[90]</a></p> - -<p>Im allgemeinen jedoch war die Jungfräulichkeit -der Braut unerlässliche Bedingung -des Bräutigams.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Noch besser wär eines Igels Haut</div> - <div class="verse indent0">Im Bett, als eine leide Braut«,</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>sagt Freidank.</p> - -<p>Von den Ditmarschen ist bekannt, dass -niemand von ihnen ein gefallenes Mädchen -ehelichen durfte, denn »de eine -hôre nimt vorsatzichlich, vorrêt ôk wol sîn -vaterland«, und als Landesverräter wegen -seiner Ehe zu gelten, wagte kein echter -Friese. Zu Bonifazius' Zeiten war das Mädchen -gezwungen, sich aufzuhängen. Über -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -den Scheiterhaufen der Toten knüpfte man -den Verführer auf.<a name="FNanchor_091" id="FNanchor_091" -href="#Footnote_091" class="fnanchor">[91]</a> Das Landrecht des -als unkeusch verschrieenen Schwabens enthält -eine Stelle, die ungefähr folgendermassen -lautet: Wenn ein Mann sich eine -Gattin genommen hatte, und beschuldigte -sie, sie wäre bei der Hochzeit nicht mehr -Jungfrau gewesen, so waren die Eltern des -Mädchens verpflichtet, den Gegenbeweis anzutreten. -Dieses geschah dadurch, dass -man »jr junckfraulichnn zaichnn«, das heisst -das Bettuch, auf dem sie die erste Nacht -gelegen hatte, vor Gericht brachte. Wenn -man nun an diesem erkannte, dass sie eine -reine Magd gewesen, so wurde der Mann -für seine Verleumdung mit 40 Schlägen und -einer Geldbusse bestraft und er war gezwungen, -das Mädchen als Ehefrau zu behalten; -zeigte es sich aber, dass das Weib -seine Jungfräulichkeit früher verloren hatte, -so wurde sie aus dem Hause des Vaters -verstossen, »darumb daz sy hurhait pflegnn -hat in irs vaters haus«. In einigen Gegenden, -wie im Thüringischen, handhabte man -die Unzuchtsstrafe noch bis ins 16. Jahrhundert -derart, dass eine zur Unehre gekommene -<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -Dirne sofort in Haft genommen, -ebenso der Thäter, falls man seiner habhaft -werden konnte, gefangen gesetzt wurde, -bis die Trauung stattfand. Wollte der -Bräutigam nicht »Ja« sagen, so that es -der Gemeindediener für ihn: »Montag den -7. September 1579 sind Matthes Bechtold -von Neustadt vnd Agnes Bäuerin von Coburgk, -da sie von wegen geübter Vnzucht -und Hurerey Kirchenbuss gethan vnd der -Obrigkeitt straffe mit gebührlichen vnd willig -gehorsam vff sich genommen, in der Büttelstube -copulirt vnd ehelichen zusammen gegeben -worden, auf das in ihr Kindlein, mit -welches geburt die Mutter alda vberfallen, -also cohenestirt, vnd von allen vnehren erledigt -würde.«<a name="FNanchor_092" id="FNanchor_092" -href="#Footnote_092" class="fnanchor">[92]</a></p> - -<p>Die Kirchenbussen waren, wie ich bereits -bemerkte, ungleich empfindlicher als -die Strafen der Sittenpolizei. Personen mit -derartigen Delikten mussten vor Beginn der -Messe mit einem weissen Stabe in der Hand -oder Strohkränzen auf dem Kopfe, das Mädchen -in Konstanz ausserdem mit einem Strohzopf -vor der Kirchthüre stehen; in Rottenburg -<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -der Verführer in einem Strohmantel an -drei Sonntagen in der Kirche sein. In den -Dörfern oberhalb Rottenburgs musste er -seine Liebste in einem Karren herumfahren, -wobei die Jugend und die lieben Nächsten -das Paar mit Schmutz bewarfen, ehe es von -der Kanzel herab öffentlich seine Busse auferlegt -erhielt.<a name="FNanchor_093" id="FNanchor_093" -href="#Footnote_093" class="fnanchor">[93]</a> In gewissen Fällen wurden die -Dirnen ausgepeitscht und des Landes verwiesen.</p> - -<p>Ein Hauptbestandteil des Lobes, das -Tacitus dem germanischen Eheleben spendet, -besteht in der Hervorhebung der bei ihnen -herrschenden Einweiberei: »Denn sie sind -fast die einzigen Barbaren, die sich mit -Einem Weibe begnügen; eine Ausnahme -machen sehr wenige unter ihnen, und diese -nicht aus Sinnenlust, sondern weil sie ihres -hohen Standes wegen mehrfach umworben -werden.«<a name="FNanchor_094" id="FNanchor_094" -href="#Footnote_094" class="fnanchor">[94]</a> Also Ausnahmen kamen vor, wie -z. B. Ariovists Bigamie aus politischen Gründen, -ferner bei den Merovingern und vornehmen -Franken, so bei Pipin II., der zwei -rechtmässig angetraute Frauen, Plectrud und -Alpais, besass, ohne dass die Kirche dagegen -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -Einspruch zu erheben wagte. Ja, die -Kirche wusste stets den Launen der Mächtigen -willfährig zu sein, denn auch sie war -sich des Spruches »Mit grossen Herren ist -nicht gut Kirschen essen« bewusst, und – -eine Hand wusch eben die andere. So bleibt, -aller Beschönigungen zum Trotze, jene so -viel angefochtene und anfechtbare Billigung -Luthers und Melanchthons zu der am -4. März 1540 geschlossenen Doppelehe -Philipps des Grossmütigen von Hessen mit -der schönen Sächsin Margarete von Sal, dem -Hoffräulein seiner Gemahlin, als hässlicher -Fleck auf dem Charakterbilde dieser beiden -grossen Männer haften.</p> - -<p>Die Angelegenheit erregte um so grösseres -und unliebsameres Aufsehen, als das kurz -vorher in Kraft getretene Strafgesetzbuch -Kaiser Karls V. die Bigamie, »welche übelthat -dann auch eyn ehebruch und grösser -dann das selbig laster ist« mit dem Tode -bestraft wissen wollte. Gegen weniger hochgeborene -Übelthäter dieser Art kannte das -Gesetz keine Nachsicht, und Meister Franz, -der Nürnberger Scharfrichter, kann in seinen -Aufzeichnungen<a name="FNanchor_095" id="FNanchor_095" -href="#Footnote_095" class="fnanchor">[95]</a> von vollzogenen Hinrichtungen -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -an Bigamisten, selbst Trigamisten -erzählen. Nur ein einziges Mal war in der -deutschen Geschichte die Doppelehe nicht -nur gesetzlich gestattet, sondern sogar behördlich -angeordnet. Nach dem grossen -Kriege war es, der Deutschlands Bevölkerung -von sechzehn bis siebzehn Millionen -auf etwa vier Millionen verringert hatte. -Diesem Menschenmangel suchte man durch -zum Teil befremdliche Auskunftsmittel zu -steuern. Ein solches war unter anderen -der am 14. Februar 1650 von dem fränkischen -Kreistag in Nürnberg gefasste folgende Beschluss: -»Demnach auch die unumgängliche -dess heyl. Römischen Reichs Notthürft erfordert, -die in diesem 30 Jerig blutigen -Krieg ganz abgenommene, durch das -Schwerdt, Krankheit und Hunger verzehrte -Mannschaft wiederumb zu ersetzen und in -das khünfftig eben dersselben Feinden, besonders -aber dem Erbfeind des christlichen -Namen, dem Türckhen, desto stattlicher gewachsen -zu sein, auf alle Mitl, Weeg und -Weiss zu gedenkhen, als seinds auff Deliberation -und Berathschlagung folgende 3 Mittel -vor die bequembste und beyträglichste erachtet -und allerseits beliebt worden. 1.) Sollen -hinfüro innerhalb den nechsten 10 Jahren -<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -von Junger mannschaft oder Mannsspersonen, -so noch unter 60 Jahren sein, in die -Klöster ufzunemmen verbotten, vor das 2te -denen Jenigen Priestern, Pfarrherrn, so nicht -ordersleuth, oder auff den Stifftern Canonicaten -sich Ehelich zu verheyrathen; 3.) <em>Jedem -Mannsspersonen 2 Weiber zu heyrathen -erlaubt sein</em>: dabey doch alle und -Jede Mannssperson ernstlich erinnert, auch -auff den Kanzeln öffters ermanth werden -sollen, Sich dergestalten hierinnen zu verhalten -und vorzusehen, dass er sich völlig -und gebürender Discretion und versorg befleisse, -damit Er als ein Ehrlicher Mann, -der ihm 2 Weyber zu nemmen getraut, -beede Ehefrauen nicht allein nothwendig -versorge, sondern auch under Ihnen allen -Unwillen verhüette.<a name="FNanchor_096" id="FNanchor_096" -href="#Footnote_096" class="fnanchor">[96]</a>«</p> - -<p>Die Ehescheidung kam im Mittelalter -verhältnismässig selten vor. Zu den Scheidungsgründen -in der Übergangsperiode vom -Altertum zum Mittelalter zählten einerseits -Ehebruch, Mordversuch, Zauberei und Gräberschändung, -andererseits zu hohes Alter des -einen der Gatten, Unvermögen und Verweigerung -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -der ehelichen Pflicht und böswilliges -Verlassen.<a name="FNanchor_097" id="FNanchor_097" -href="#Footnote_097" class="fnanchor">[97]</a> Die offen und vor Zeugen -geschlossene Ehe konnte nur wieder vor -Zeugen aus beiden Familien rechtlich gelöst -werden.<a name="FNanchor_098" id="FNanchor_098" -href="#Footnote_098" class="fnanchor">[98]</a> Als sich ein geordnetes Gerichtsverfahren -gebildet hatte, wurde in aller -Form der Ehescheidungsprozess geführt und -das richterliche Erkenntnis öffentlich bekannt -gemacht. Die Kirche strebte von Anbeginn -bis zu ihrer vollen Machtentfaltung danach, -die Scheidung möglichst zu erschweren. -Die Nichtigkeitserklärung der Ehen konnte -nur in Rom erfolgen, war daher für einen -minder Bemittelten schwer, ja geradezu unmöglich. -Desto mehr Gebrauch machten davon -die Fürsten. Waren sie ihrer Frauen -überdrüssig, oder boten sich durch eine -andere Heirat neue Vorteile, so wurden, -wenn kein anderer plausibler Scheidungsgrund -aufzutreiben war, Zeugen beschafft, -von denen das Vorhandensein eines verbotenen -Verwandtschaftsgrades zwischen den -Ehegatten beschworen wurde; Geld und Ansehen -thaten das übrige, so dass die Lösung -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -der Ehe durch päpstliche Gewalt keine -Schwierigkeiten machte.</p> - -<p>Später wurde durch den Wegfall der -meisten der vorangeführten Scheidungsgründe -die Lösung der Ehe noch weiter erschwert. -Selbst Ehebruch der Frau wurde -829 schon als kein Grund zur Auflösung -der Ehe betrachtet, ebensowenig wie das geschlechtliche -Unvermögen. Hatte der Bauer -seine Frau dem Nachbarn anzubieten -(s. oben Seite 65), so sah man in der -Frühzeit nichts Übles darin, wenn der Gatte -sich einen, wenn angängig möglichst vornehmen, -dabei natürlich möglichst kräftigen -Stellvertreter suchte. Ein thüringer Ritter, -der wegen Unvermögen keinen Erben von -seiner Frau erhalten konnte, bat den Landgrafen -Ludwig, den Gemahl der heiligen -Elisabeth, ihn zu vertreten. Mit der Verleitung -der eigenen Frau zum Ehebruch -hatte ein derartiges Ansuchen um so weniger -zu thun, als in einem solchen Falle jedes -materielle Interesse in Wegfall kam und der -Mann nur den derzeitigen Hauptzweck der -Ehe, die Erhaltung und Fortpflanzung der -Familie, im Auge hatte.</p> - -<p>In einer Zeit, in der die kirchliche Lehre -von der Verdienstlichkeit ehelicher Enthaltsamkeit -<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -Eingang fand, als der höchsten -Frivolität eines Teiles der Gesellschaft die -überspannteste Frömmigkeit gegenüberstand, -blieben oder wurden manche Ehen bloss -Scheinehen. Die Geistlichkeit pries dies -sehr unlogisch, da sie doch die Ehe als -Sakrament erklärt hatte, als ein heiliges -Werk, dem der höchste Lohn im Jenseits -gewiss war. Einige Fürstinnen und Fürsten -erwarben sich durch dieses freiwillige und -unter erschwerenden Umständen aufrecht -erhaltene Cölibat den Heiligenschein. Sehr -vernünftig erklärte sich aber die Synode -von Schwerin anno 1492 gegen diesen -asketischen Blödsinn. Ich habe bereits früher, -beim Rittertum (Seite 49) einige dieser -»Martyrerinnen« und Heiligen namhaft gemacht, -die neben anderem Unsinn auch den -Sport trieben, jungfräuliche Ehefrauen zu -sein, die selbst den Verführungen der Flitterwochen -nicht unterlegen waren, die die Vorzeit -viel bezeichnender als wir: Kusswoche, -Kirchenwoche, Zärtel-, Butter- und Honigwoche -nannte.</p> - -<p>Wie alles, was vom Menschen kommt -und mit dem Schicksal zusammenhängt, hat -auch die Ehe ihre Licht- und Schattenseiten, -daher begeisterte Anhänger und erbitterte -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -Widersacher. Einer der eifrigsten Fürsprecher -der Ehe war D. Martinus Luther. »Die -Ehe ist eine schöne herrliche Gabe und -Ordnung«, dann weiter, dass der Ehestand -»Gottes Ordnung und der allerbeste und -heiligste Stand sei; darum sollte man ihn -auch mit den herrlichsten Ceremonien anfahen -um des Stifters willen, nehmlich -Gottes, der da will, dass ein Männlein und -ein Fräulein beisammen sein sollen« u. s. w.<a name="FNanchor_099" id="FNanchor_099" -href="#Footnote_099" class="fnanchor">[99]</a></p> - -<p>Freidank, ohnehin ein begeisterter Lobredner -der Frauen, bei dem sich das schönere -Geschlecht für das sinnige Kompliment -zu bedanken hat:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Vom <em>Freun</em> die <em>Fraun</em> sind zubenannt</div> - <div class="verse indent0">Ihre Freud' erfreuet alles Land;</div> - <div class="verse indent0">Wie wohl das Freuen der erkannte,</div> - <div class="verse indent0">Der sie zum Ersten Frauen nannte!«<a name="FNanchor_100" id="FNanchor_100" -href="#Footnote_100" class="fnanchor">[100]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>singt auch das Hohelied der Ehe in allen -Tonarten:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Wenn man alles sagen soll,</div> - <a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> - <div class="verse indent0">So ist auf Erden keinem wohl,</div> - <div class="verse indent0">Als wer errang ein Weiblein traut</div> - <div class="verse indent0">Und fest auf ihre Treue baut.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Dann:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Wer treues Weib errungen hat,</div> - <div class="verse indent0">Dem wird für seine Sorgen Rat.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Oder Reinmar von Zweter, der über die Ehe -sagt:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»<em>Ein</em> Herz, <em>ein</em> Leib, <em>ein</em> Mund, <em>ein</em> Mut</div> - <div class="verse indent0">Und <em>eine</em> Treue wohlbehut,</div> - <div class="verse indent0">Wo Furcht entfleucht und Scham entweicht</div> - <div class="verse indent0">Und zwei sind eins geworden ganz,</div> - <div class="verse indent0">Wo Lieb' mit Lieb' ist im Verein:</div> - <div class="verse indent0">Da denk ich nicht, dass Silber, Gold und Edelstein</div> - <div class="verse indent0">Die Freuden übergoldet, die da bietet lichter Augen Glanz.</div> - <div class="verse indent0">Da, wo zwei Herzen, die die Minne bindet</div> - <div class="verse indent0">Man unter einer Decke findet</div> - <div class="verse indent0">Und wo sich eins an's and're schliesset,</div> - <div class="verse indent0">Da mag wohl sein des Glückes Dach.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Ob Meister Freidank und Reinmar aus -Erfahrung sprechen oder nur galant sein -wollen, ist bei den dürftigen Nachrichten -über der Dichter Leben nicht zu ermitteln. -Anders steht es aber mit einem Priester, -den wir bisher als recht widerhaarig kennen -gelernt haben. Wenn dieser, nämlich Bruder -Berthold von Regensburg, sich zu einer -<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -Empfehlung der Ehe aufschwingt, noch dazu -in Argumenten, die auch heute noch nichts -von ihrer Beweiskraft eingebüsst haben, -dann sollte es doch zu denken geben. Also -Hagestolz, horche auf, und beherzige, was -Frater Berthold in seiner Predigt über die -zehn Gebote sagt: »Darum du junge Welt, -geh schleunig in starker Busse in dich, -und zur Ehe, oder mit der Ehelosigkeit -auf den Grund der Hölle. ›Bruder -Berthold, ich bin noch ein junger Knabe, -und die mich gerne nähme, die will ich -nicht, und die ich gerne nähme, die will mich -nicht.‹ Nun so nimm aus aller Welt eine -zur Ehe, mit der du recht und gesetzlich -lebest. Willst du die eine nicht, so nimm -die andere; willst du die Kurze nicht, so -nimm die Lange; willst du die Lange nicht, -so nimm die Kurze; willst du die Weisse -nicht, so nimm die Schwarze; willst du die -Schlanke nicht, so nimm die Dicke. Nimm -dir nur eine Ehefrau aus aller Welt. ›Bruder -Berthold ich bin doch arm und habe -nichts.‹ Es ist weit besser, dass du arm -ins Himmelreich fahrest, als arm zur Hölle. -Du wirst noch schwerer reich in der Ehelosigkeit -als in der Ehe. ›Bruder Berthold -ich habe mein Brot noch nicht!‹ Ich höre -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -wohl, du willst die Ehe nicht. Da du nun -die Unehe haben willst, so nimm dir wenigstens -nur eine Einzige zur Unehe. Nimm -diese an die eine Hand und den Teufel an -die andere, und nun geht alle drei mit einander -zur Hölle, wo euch nimmer geholfen -wird.«<a name="FNanchor_101" id="FNanchor_101" -href="#Footnote_101" class="fnanchor">[101]</a></p> - -<p>Dieselbe Meinung hegt Fischart in seinem -Philosophischen Ehzuchtbüchlein:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Wer da flieht den Rauch der Ehe,</div> - <div class="verse indent0">Fällt in eine Flamm' und ärger Wehe.</div> - <div class="verse indent0">Mancher den Regen flieht im Haus</div> - <div class="verse indent0">Und fällt darnach in den Bach da draus.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Das geistvolle Schriftchen enthält noch -manche, selbst heute recht beherzigenswerte -Ehestandsregel.<a name="FNanchor_102" id="FNanchor_102" -href="#Footnote_102" class="fnanchor">[102]</a></p> - -<p>Nun <i>audiatur et altera pars</i>. Damit -liessen sich Folianten füllen, doch mag hier -nur der Bissigsten einer, Geiler von Kaisersberg, -zu Wort kommen, da sich neben vielen -Verbohrtheiten auch manch Körnlein Wahrheit -in seiner Predigt birgt. Eine reiche Frau -reibt ihrem Gatten täglich ihre Mitgift unter -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -die Nase, sagt er; eine fruchtbare bringt mit -ihren vielen Kindern selbst dann Sorgen ins -Haus, wenn Reichtum vorhanden ist; fehlt -dieser aber, so giebts Kummer und Not. -Ist sie unfruchtbar, klagen sie um Kinder; -ist sie schön, muss der Mann sorgen, dass -auch andere ausser ihm sie begehrenswert -finden. »Jedoch du nemmest für eine, -was du wöllest, so bekommest du ein -meister uber dich, die dir allzeit wider -beffzet gleich als ein böser hundt. Diss ist -der weiber natur und brauch, da sie alzeit -den männern widerreden und antwort geben. -Dann sie volgen irem natürlichen ursprung -nach, nemlich, dieweil sie auss einem -krummen ripp gemachet sein, so reden -und bellen sie allzeit herwider und wissen -auff alle ding ein antwort zu geben.«<a name="FNanchor_103" id="FNanchor_103" -href="#Footnote_103" class="fnanchor">[103]</a> -Übrigens ist Geiler konsequent genug, auch -die Weiber vom Heiraten abhalten zu -wollen, indem er sie an das Sprichwort erinnert:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Es ward nie kein mann,</div> - <div class="verse indent0">Er hett ein wolffszaan!«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Genützt haben aber die Redereien blutwenig. -Die Leute heirateten doch, der -<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -Augsburger Kaufherr Burkard Zink viermal; -in Köln am Sonntag nach Michaelis -im Jahre des Herrn 1498 eine Frau sogar -zum siebenten Male, nachdem sie bereits -sechsmal Witwe gewesen war.</p> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak"> -Die feile Liebe. -<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a></h2> -</div> - -<p> -Wenn der ganze Verlauf der Geschichte -der geistigen Entwickelung der Menschheit -mit dem Leben eines Mannes verglichen -wird, so ähnelt das Mittelalter in seiner Gesamtheit -den Flegeljahren des Mannes, der -– halb Kind, halb Jüngling – zwischen den -diesen Entwickelungsjahren eigentümlichen -Extremen schwankt. Der Geist hält mit -dem Wachstum des Körpers nicht Schritt; -langsam dämmert in ihm erst die Erkenntnis -des Jünglings auf, während sich -die Glieder recken und dehnen, das Blut -schneller die Adern durchkreist, neue Gedanken -erstehen, eckig und unreif wie der -Körper. Das lieblich kindliche Gehaben -macht einem selbstbewussten Auftreten, die -zarte Kinderstimme dem rauheren Organe -Platz. Das Schamgefühl, dem innersten -Wesen des Kindes fremd, beginnt langsam -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -zu erstehen, ohne sich jedoch noch voll -entfaltet zu haben. Ganz so war es mit -den Deutschen zwischen dem 12. und dem -16. Jahrhundert. Die auf sie aus zahllosen -Kanälen einströmende Erkenntnis hatte -ihnen viel von der Naivität früherer Zeit -geraubt, ihre Ursprünglichkeit, die sich erst -unter dem Einfluss ausländischer Sitten und -der Schulbildung in viel späterer Zeit verlieren -sollte, war für jetzt noch aufdringlicher -und abstossender geworden als sie -vordem war, da sie nun nicht mehr unbewusst -sich bethätigte.</p> - -<p>Das Geschlechtsleben entwickelte sich, je -weiter das Mittelalter seinem Höhepunkte -zukam, immer unverhüllter, bis es von der -Naivität zur Gemeinheit gesunken war. Dem -Grundsatze <i>naturalia non sunt turpia</i> huldigte -das Mittelalter in einer der Neuzeit -unbegreiflichen Weise. Die intimsten Verrichtungen -scheuten die breiteste Öffentlichkeit -nicht<a name="FNanchor_104" id="FNanchor_104" -href="#Footnote_104" class="fnanchor">[104]</a>, in Wort und Bild durften -die widerhaarigsten Zoten ungescheut verkündet -werden. Die Vorurteilslosigkeit in -geschlechtlichen Dingen sah in dem Vorhandensein -<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -öffentlicher Dirnen und ihrer -Benutzung etwas ganz Selbstverständliches. -Die Sentenz von den Dirnen, die da seien, -die Tugend der Bürgermädchen vor Versuchungen -zu bewahren, war im Mittelalter -allgemein, stammt daher keineswegs von -Heine. Man duldete die Wollustpriesterinnen -schon in frühester Zeit innerhalb der Stadtmauern -oder in deren unmittelbaren Nähe -ausserhalb des Weichbildes, wenn auch von -Anbeginn an unter erschwerenden Umständen. -Meist boten gewerbsmässige Kupplerinnen -den öffentlichen Mädchen Unterschlupf. -Sie sorgten einerseits für die Heranziehung -von Liebhabern, andererseits für -immer wechselndes Mädchenmaterial. Die -engen Strassen der meist räumlich sehr beschränkten -Städte und Flecken eigneten sich -noch nicht zum Abfangen der Liebhaber -ausserhalb der Häuser. In grossen Städten -war dies allerdings anders. König Wenzel -von Böhmen (1361-1419), ein gar galanter -Herr, zog im nächtlichen Prag »als ein -garczawn« (Junggeselle) auf der Streife nach -»dy junckfrauen, die leider sind gemein« -umher<a name="FNanchor_105" id="FNanchor_105" -href="#Footnote_105" class="fnanchor">[105]</a>, die er demnach hoffen durfte auf -<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -den Strassen anzutreffen. Doch die Hauptrolle -beim Liebesgeschäft spielten die Kupplerinnen, -die sich aber nicht nur darauf beschränkten, -ihre eigene Ware an den Mann -zu bringen, sondern auch zu sonstigen -Liebeshändeln gerne ihre Dienste boten. -Eine kleine Novelle <em>Konrads von Würzburg</em>, -eines der bedeutendsten und fruchtbarsten -Dichter des 13. Jahrhunderts, beleuchtet -sehr anschaulich das Wirken einer -solchen Kupplerin aus Konrads Heimat, einer -»vuegerinne«, die liebebedürftigen Pärchen -ihr Haus zur Verfügung stellte. Eines Tages, -als bei ihr Schmalhans Küchenmeister war, -ging sie zur Kirche, um dort vielleicht -Kunden einzufangen. Das Glück schien ihr -hold, denn der Dompropst Heinrich von -Rothenstein, einer der Chorherren am Münster, -kreuzte ihren Weg. Die Fügerin wisperte -ihm zu: »Eine schöne Frau entbietet Euch -Freundschaft, Huld und Gruss, da ihr Herz -und Sinn, Euch, würdiger Herr, in Treue -zugewandt ist.« Dem Pfaffen schlug das -Herz höher und schmunzelnd gab er der -»lieben Mutter« eine Handvoll Münzen, indem -er ihr ans Herz legte, nur alles in die -Wege zu leiten. Frau Fügerin hielt nun -freudig Ausschau nach der schönen Frau, -<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -die den feisten Chorherrn in ihr Herz geschlossen -haben könnte, als ein »schön -minniglich Weib« in das Gotteshaus trat. -Die Kupplerin machte sich heran und vertraute -ihr an, dass ein gar schöner »tugendlichster« -Herr von ihrem Anblick todwund -sei und nur sie allein im stande wäre, die -Minnewunde zu heilen, die ihr Augenpaar -geschlagen. Lachend willigte die Angesprochene -ein, nach der Messe weiteres -hören zu wollen. Die Kupplerin erstand -nun einen seidenen Gürtel, um ihn der aus -der Kirche Kommenden als Geschenk des -Liebhabers anzubieten. Diesem Angebinde -und der Überredungskunst der Fügerin vermochte -die Tugend der Dame nicht standzuhalten. -Sie versprach, sich nachmittags -im Häuschen der Alten einzufinden. Pünktlich -erschien sie im »behaglichen Kleide«. -Die Kupplerin flog glückstrahlend zum geistlichen -Herrn, ihn zum Stelldichein zu führen, -doch leider hinderten ihn dringende, unaufschiebbare -Geschäfte, dem lockenden Rufe -zu folgen. Die arme Kupplerin sah sich -um ihren sicheren Verdienst gebracht und -trollte betrübt ihrem Hause zu, als sie -einem stattlichen, reichgekleideten Herrn begegnete, -der auch gerne bereit war, für den -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -Chorherrn einzuspringen. Inzwischen harrte -die Dame bei der Kupplerin neugierig der -Dinge, die da kommen sollen. Sie erschrak -aber bis auf den Tod, als sie in dem -die Kupplerin begleitenden Herrn – ihren -eigenen Mann erkannte. Nun galt es frech -sein und den dräuenden Spiess umkehren. -Mit einer Flut von Schmähreden, Schimpfwörtern, -Püffen und Schlägen überfiel sie -den ahnungslosen Gemahl, der schliesslich -noch glücklich war, die Verzeihung seiner -betrogenen Gattin durch eine Unzahl von -Versprechungen zu erlangen.<a name="FNanchor_106" id="FNanchor_106" -href="#Footnote_106" class="fnanchor">[106]</a></p> - -<p>Neben der Kupplerin nimmt eine Dame -die Hauptstelle in dieser den Stempel der -Natürlichkeit tragenden Novelle ein. Die Stadtbewohnerinnen -waren auch kaum zurückhaltender -als die Edeldamen und Dorfschönen, -weshalb das lichtscheue Treiben der Gelegenheitsmacherinnen -unheilvollen Einfluss auf -die Moral ausüben musste. Mittels drakonischer -Strafen suchte sich die mittelalterliche -Rechtspflege denn auch der Fügerinnen -zu entledigen. Aber die Verurteilungen von -Kupplerinnen verheirateter Frauen zu Pranger, -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -Steintragen, Stadtverweisungen<a name="FNanchor_107" id="FNanchor_107" -href="#Footnote_107" class="fnanchor">[107]</a>, selbst zum -Lebendbegraben – »drivende meghede, de -andere vrowen verschündet«<a name="FNanchor_108" id="FNanchor_108" -href="#Footnote_108" class="fnanchor">[108]</a> – und Verbrennen, -wie im alten Berlin<a name="FNanchor_109" id="FNanchor_109" -href="#Footnote_109" class="fnanchor">[109]</a>, halfen dem -Übel um so weniger ab, als die Fügerinnen -bei dem überhandnehmenden Luxus ständigen -Zulaufes der verschwenderischen Weiber -sicher sein durften. Viele dieser Kupplerinnen -waren, einst wie jetzt, in ihrer Jugend durch -ihre nunmehrigen Kolleginnen auf die abschüssige -Bahn gestossen worden und vergalten -nun Gleiches mit Gleichem. Der -Berner Dichter Nicolaus Manuel lässt in -seinem Fastnachtsspiel »Vom Papst und -seiner Priesterschaft« eine solch ausrangierte -Dirne sprechen:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ich freu' mich, dass ich kuppeln kann,</div> - <div class="verse indent0">Sonst wär' ich wahrlich übel dran;</div> - <div class="verse indent0">Ich hab mirs meisterlich gelehrt</div> - <div class="verse indent0">Und lange mich damit ernährt,</div> - <div class="verse indent0">Seitdem dass meine Brüste hangen</div> - <div class="verse indent0">Wie 'n leerer Sack auf einer Stangen.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Gar manche putz- und gefallsüchtige -Stadtdame war ihre eigene Kupplerin<a name="FNanchor_110" id="FNanchor_110" -href="#Footnote_110" class="fnanchor">[110]</a>, andere -<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -wieder behalfen sich damit, dass sie ihr Gewerbe -mit Hilfe ihres Ehemannes ausübten. -Gegen solche Schandkerle, die eine grosse -Nachkommenschaft zu verzeichnen haben, -wettert Geiler von Kaiserberg: »Wenn sie -kein gelt mehr haben, sagen sie den weibern: -›gehe und lug, das wir gelt haben; gehe zu -diesem oder jenem Pfaffen, studenten oder -edelmann unnd heiss dir ein gülden leihen -und denck, komb mir nicht zu hauss, wo -du kein gelt bringest, lug wo du gelt auftreibest -oder verdienest, wenn du schon es -mit der handt verdienest, da du auff sitzest.‹ -Alsdann gehet sie ein ehrliche unnd fromme -fraw auss dem hauss und kompt ein hur -wider heim.«<a name="FNanchor_111" id="FNanchor_111" -href="#Footnote_111" class="fnanchor">[111]</a> Murner charakterisiert einen -dieser Kuppler, der dem »ganzen Ort sein -Weib gönnt« dadurch, dass er ihn, wenn ein -guter Gesell zur Frau kommt, um Wein -laufen lässt, von wo er erst nach »dritthalb -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -Stund« zurückkommt. Tritt er ins Haus, so -singt er laut, um sein Kommen bemerkbar -zu machen u. s. w.<a name="FNanchor_112" id="FNanchor_112" -href="#Footnote_112" class="fnanchor">[112]</a></p> - -<p>Johannes Sarisberiensis erzählt im »Polycraticus«, -lib. III cap. 13: »Wenn die junge Frau -aus ihrem Brautgemach schreitet, sollte man -den Gatten weniger für den Gemahl, als für -den Kuppler halten. Er führt sie vor, setzt -sie den Lüstlingen aus, und wenn die Hoffnung -auf klingende Münze winkt, so giebt -er ihre Liebe mit schlauer Heuchelei preis. -Wenn die hübsche Tochter oder sonst etwas -in der Familie einem Reichen gefällt, so ist -sie eine öffentliche Waare, die ausgeboten -wird, sobald sich ein Käufer findet.«</p> - -<p>Der geschmeidige Italiener Aeneas Silvius -Piccolomini, nachmals Papst Pius II., ein -scharfer Beobachter, der gut zu schildern -weiss und pikant zu erzählen liebt, beschreibt -das mittelalterliche Wien, dem er -in den sechziger Jahren des 15. Jahrhunderts -einen Besuch abstattete, als wahres Paradies, -die Bewohner aber als Ausbunde von -Lasterhaftigkeit. Nach ihm sind alle Wienerinnen -Ehebrecherinnen, alle Wiener Hahnreie -oder Zuhälter. Ganz so schlimm, wie es der -<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -fromme Herr macht, der weder als Schriftsteller -noch als Mensch ein Tugendbold -war, der an übergrosser Wahrheitsliebe litt, -wird es gerade nicht gewesen sein, wenn es -auch ebensowenig in Wien wie in anderen -grossen und reichen Städten klösterlich zuging. -Die Verführung in den Grossstädten -war nicht gering und die Frauentugend nicht -immer klar wie ein Spiegel. Der Ehebruch -war vormals nicht seltener als heutzutage, -wenn auch die alten Gesetzbücher nicht so -leicht darüber hinglitten wie die modernen -Strafgesetzsammlungen. Die alten Volksrechte -bestimmten bereits, dass Ehebrecherinnen, -auch wenn sie ihr Verbrechen mit -Wissen des Gatten begangen, hinzurichten -seien. Der Gatte und der Liebhaber hatten nur -Ehrenstrafen zu gewärtigen. Die »Hals- oder -Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V.« -von 1553 hingegen erkennt:</p> - -<p>cxxij. »Item so jemandt sein <i>eheweib</i> -oder kinder, vmb eynicherley geniess willen, -wie der namen hett, williglich zu vnehrlichen, -vnkeuschen vnd schendtlichen wercken gebrauchen -lest, der ist ehrloss, vnd soll nach -vermöge gemeyner rechten gestrafft werden,« -d. h. den Tod durch den Henker erleiden.</p> - -<p>In der Curt Müllerschen Ausgabe der -<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -Halsgerichtsordnung findet sich folgender -Fall angegeben:</p> - -<p>»Und C. K. hat gestanden, dass er wohl -gewust und zufrieden gewesen, dass sein -Eheweib mit gedachtem Pfarrherrn Ehebruch -begehen möchte; dann er seiner wohl zu -geniessen verhoffet, und sich mit ihm derowegen -um 100 Thaler vertragen, auch 53 -Thaler darauf empfangen etc. Da nun gedachter -C. K. auf seinem gethanen Bekentniss -vor Gerichte freywillig verharren, oder -des sonsten, wie recht, überwiesen würde: -So möchte er, solcher Verkuppelung halben, -mit dem Schwerdte vom Leben zum Tode -gestrafft werden, V. R. W. Ad consult. Quaestoris -M. Jul. 1587.«</p> - -<p>In Zürich ersäufte man 1449 einen Zuhälter -seiner Frau in der Limmat.</p> - -<p>Waren die Frauen zu Lottereien geneigt, -so gaben ihnen die Männer darin nichts -nach, wenn man Geiler glauben darf, der -da predigt: »Es gibt auch männer, die ein -offentliche huren oder schottel neben der -Frawen im hauss haben und halten.« Dem -15. Jahrhundert entstammt das Gesetz, einen -Ehemann, der mit seiner Geliebten unter -einem Dache wohnt, auf fünf Jahre aus der -Stadt zu verbannen. Die gleiche Strafe trifft -<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -eine Frau, die ihren Mann verlässt, um mit -dem Liebsten zu leben. Wer verheiratet -ist und dies verschweigt, um durch Eheversprechen -Erhörung zu finden, gleichviel -ob Mann oder Weib, wird auf zehn Jahre -der Stadt verwiesen.<a name="FNanchor_113" id="FNanchor_113" -href="#Footnote_113" class="fnanchor">[113]</a> Als 1459 in Nürnberg -die Frau des reichen Kaufmannes Linhart -Podmer des Ehebruches mit einem Schreiber -überführt wurde, degradierte sie der Rat zur -öffentlichen Dirne, indem er ihr verbot, gewisse -Kleidungsstücke anzulegen.</p> - -<p>Die Verkuppelung der eigenen Kinder -bestrafte die »Karolina«, wie aus der citierten -Stelle ersichtlich, gleichfalls mit dem Enthaupten; -das alte Berliner Stadtbuch mit dem -Scheiterhaufen. Dieses letztere Gesetzbuch -zeichnete eine sittengeschichtlich äusserst -interessante Kuppelei-Affäre auf.</p> - -<p>»Jesmann und sein Weib wurden verbrannt -wegen Verrates, den sie begingen -an ihrem eigenen Blute, nämlich an ihrer -Tochter, einem jungen Kinde, das sie unehrenhafter -Weise übergaben dem Komtur -von Tempelhof, der ein begebener (geistlicher) -Kreuzherr war des Ordens St. Johannis -<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -– (also ein Johanniter-Ordens-Ritter) – -Die unehrliche Frau, die Peter Rykime, vermittelte -es nämlich, dass der Komtur die -Maid wohl kleiden wollte mit schönem Gewande, -und Gutes wollte er ihr geben genug; -auch wollte er Jesmann und sein Weib sehr -reich machen, und das schwur er ihnen auf -sein Wort zu. Da brachten die Dreie dem -Komtur das Kind entgegen bis an den Berg -von Tempelhof, und dort empfing er es von -ihnen, und trat in Unehre mit ihm ein. -Drum wurden jene Drei verbrannt.« Der -Herr Komtur ging natürlich straflos aus – -er war ja von Adel und noch dazu ein geistlicher -Ritter, dem so leicht nichts anzuhaben -war, selbst wenn man gewollt hätte, was -aber den ehrsamen Herren vom hohen Rate -nicht im Traume einfiel. Sie hielten sich -lieber dafür an den bürgerlichen Übelthätern -schadlos, und justifizierten diese nach Herzenslust, -so z. B. des »Matthias Weib«, das -man 1399 verbrannte, weil sie eines Klaus -Jordans Ehefrau an den Jacob von dem -Rhine (Rheine) verkuppelt hatte.<a name="FNanchor_114" id="FNanchor_114" -href="#Footnote_114" class="fnanchor">[114]</a></p> - -<p>In Strassburg strafte man die Dienerschaft, -<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -die Kinder der Brotherrschaft, deren Freunde -oder deren Mündel, verkuppelt hatten, gleichviel -ob diese grossjährig waren oder nicht, den -Knecht mit Ertränken, die Magd mit dem Ausstechen -der Augen und Stadtverweisung. -Wer als Knecht mit der Frau des Herrn eine -Liebschaft hat, der Knecht oder die Magd, -die ihre Herrin verkuppeln, verlieren zwei -Finger der rechten Hand und werden verwiesen. -Trifft der Herr den Knecht auf -frischer That, so kann er ungestraft nach -Gutdünken handeln.<a name="FNanchor_115" id="FNanchor_115" -href="#Footnote_115" class="fnanchor">[115]</a></p> - -<p>Ungeachtet der tief eingewurzelten Immoralität -erstarb die Achtung vor der jungfräulichen -Reinheit niemals gänzlich, und die -Folge war, dass Mädchen, deren Schande -offenbar wurde, sich von der Missachtung, -daneben noch von schweren bürgerlichen -und kirchlichen Strafen bedroht sahen.</p> - -<p><em>Abtreibung der Leibesfrucht</em> und -<em>Kindesmord</em> waren daher nichts Aussergewöhnliches.</p> - -<p>Gegen das erstgenannte Verbrechen predigt -Berthold von Regensburg: »Er (der -tuifel) raetet ir eht, daz sie tanze oder daz -sie ringe oder hüpfe und ungewar (ungefähr) -<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -trete oder valle oder daz sie sich harte über -ein Kisten neige oder daz sie der wirt -slahe.«<a name="FNanchor_116" id="FNanchor_116" -href="#Footnote_116" class="fnanchor">[116]</a> Gegen Kindesmörderinnen ging -man mit unerbittlicher Strenge vor. Die -»Karolina« befiehlt in den §§ 35 und 36 die -Folter und den Tod. In Zürich ersäufte -man Kindesmörderinnen, an anderen Orten -begrub man sie in Dornen gebettet lebenden -Leibes. Einer anderen Strafart ist bereits -oben gedacht worden.</p> - -<p>Zur Verhütung der Kindesmorde entstanden -<em>Findelhäuser</em>, so 1452 in Frankfurt -a. M. Nürnberg wies deren zwei auf, -deren erstes 1331 errichtet wurde, denen -als Gefälle das Gras in den Stadtgräben zustand. -Auch in Freiburg im Breisgau und -in Ulm sind »der funden kindlin hus« aus -dem 14. und 15. Jahrhundert bekundet. Das -Ulmer Findelhaus wies im 16. Jahrhundert -manchmal an 200 und mehr »Fundenkindlin« -aus.</p> - -<p>Blieb unerlaubte Liebe ohne Folgen, so -versuchte man wohl auch das verlorene -Magdtum durch künstliche Mittel wieder -herzustellen. Ein fahrender Schüler berühmt -sich wenigstens:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Welche den magtum hat verloren</div> - <a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> - <div class="verse indent0">Der mach ich ein salben.«<a name="FNanchor_117" id="FNanchor_117" -href="#Footnote_117" class="fnanchor">[117]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Derartige Zustände erschienen mit der -Zeit den Stadtobrigkeiten schon aus dem -Grunde unhaltbar, als sie alle Stände in -Mitleidenschaft zogen und selbst vor den Familien -der stolzen Patricier nicht Halt machten.</p> - -<p>Eine Regelung und polizeiliche Überwachung -der Unzucht wurde schliesslich zur -brennenden Frage, die durch Gründung von -<em>Freudenhäusern</em> endgültig geregelt schien. -Durch die Bordelle glaubten die Stadtväter -Latrinen geschaffen zu haben, die den -sexuellen Unrat auffangen und dadurch den -honetten Teil der weiblichen Ortsbevölkerung -vor Versuchung und Verseuchung bewahren -sollten. Denn: »bei der Rücksichtslosigkeit, -mit welcher die Menschen des -Mittelalters Jahrhunderte lang der Wollust -frönten, waren die Frauenhäuser eine Notwendigkeit, -und zwar nicht nur zum Schutze -ehrbarer Mädchen und Frauen, sondern auch -damit die Unsittlichkeit einigermassen überwacht -werden konnte.«<a name="FNanchor_118" id="FNanchor_118" -href="#Footnote_118" class="fnanchor">[118]</a> Die ersten Bordelle -erstanden gegen Ende des 13. Jahrhunderts<a name="FNanchor_119" id="FNanchor_119" -href="#Footnote_119" class="fnanchor">[119]</a>; -<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -in Wien ist 1278 ein Freudenhaus -urkundlich erwiesen, in Augsburg 1273<a name="FNanchor_120" id="FNanchor_120" -href="#Footnote_120" class="fnanchor">[120]</a>, -in Hamburg 1292, aber erst das 14. Jahrhundert -sah sie allenthalben emporschiessen -und sichtlich gedeihen.</p> - -<p>Die Gegend der Stadt, in der diese Kasernen -der Unzucht lagen, nannte die mittelalterliche -Galanterie Frauengasse, Rosengasse -(Berlin), Rosenhag (Hildesheim), Rosenthal -(Leipzig), oder auch Kätchengasse, wie in -Braunschweig; die Freude an Zoten erfand -allerdings oft recht urwüchsige, heute arg -verpönte, aber sehr bezeichnende Namen. -Das Haus selbst nannte man: Bordell, Frauenhaus, -Töchterhaus, gemeines, offenes, freies -Haus, Jungfrauenhof; die Insassinnen: leichte, -offene, gemeine oder gelustige Fräuleins, -freie, unehrbare Töchter, üppige, thörichte -Dirnen, Hübschlerinnen u. a. m.<a name="FNanchor_121" id="FNanchor_121" -href="#Footnote_121" class="fnanchor">[121]</a></p> - -<p><a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>Bei der mittelalterlichen Vorurteilslosigkeit -ist es begreiflich, dass die das Frauenhaus -schützende Behörde ihren Nutzen aus -dieser – »gemein-nützigen« Anstalt zu -ziehen gewillt war. Die Städte einerseits, -andererseits die geistlichen Stifte oder die -Adeligen, auf deren Boden diese Häuser -standen, liessen sich ganz tüchtig bezahlen. -Scheuten sich doch Kirchenfürsten, selbst -Päpste nicht, sich an Frauenhaus-Erträgnissen -Einkommen zu sichern – ja, <i>non -olet</i> –, ebensowenig wie es als schimpflich -galt, mit Bordell-Gefällen vom Kaiser belehnt -zu werden. Die gefürsteten Grafen von -Henneberg und die Grafen von Pappenheim -hatten derartige Lehen zu eigen, die ihnen -gewaltige Summen einbrachten.<a name="FNanchor_122" id="FNanchor_122" -href="#Footnote_122" class="fnanchor">[122]</a> Der Erzbischof -von Mainz beschwerte sich im Jahre -1442 darüber, dass ihn die Stadt schädige -»an den gemeinen Frauen und Töchtern« -und »an der Buhlerei«<a name="FNanchor_123" id="FNanchor_123" -href="#Footnote_123" class="fnanchor">[123]</a>, jedenfalls durch -städtische Konkurrenzunternehmungen. Die -Herzöge Albrecht IV. und V. waren Eigentümer -eines Wiener Bordells, das sie einem -<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -Edelmann, Konrad dem Pappenberger, zu -Lehen gaben.</p> - -<p>Manche Städte verwandten die Einkünfte -aus den offenen Häusern zu gemeinnützigen -Zwecken, so Wien für den Wirt des Untersuchungsgefängnisses.<a name="FNanchor_124" id="FNanchor_124" -href="#Footnote_124" class="fnanchor">[124]</a> -Die Aufsicht über -die Frauenhäuser behielt sich an vielen -Plätzen der Magistrat selbst vor, an anderen -wieder bildete sie eine Obliegenheit des -verachtetsten Beamten, des Scharfrichters -oder Stockers, der sich dafür von jeder einzelnen -Dirne entlohnen lassen durfte. In -Nürnberg z. B. war »der Züchtiger« gleichzeitig -Bordellwirt, in Berlin der Büttel. Das -Berliner Frauenhaus lag bis 1420, wo es -einging, in der Rosengasse bei der Büttelei. -Wenige Jahre vor seiner Auflösung (1407) -führte es noch vierteljährlich ein halbes -Schock Groschen an den Rat ab.<a name="FNanchor_125" id="FNanchor_125" -href="#Footnote_125" class="fnanchor">[125]</a></p> - -<p>An der Spitze des Bordells stand der -Frauenwirt, Kuppler oder Ruffian genannt, -der der Stadt gegenüber verantwortlich für -Ausführung der Hausordnung war und als -Stadtdiener in Eid genommen wurde. In -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -Würzburg hatten die Frauenwirte den Treueid -dreimal, nämlich dem Rate, dem Fürstbischofe -und dem Domkapitel abzulegen. -Einer dieser Eide lautete: »Der Stadt treu -und hold zu sein und Frauen zu werben.« -Der Ulmer Ruffian beschwor: »vierzehn -taugliche und geschickte, saubere und gesunde -Frauen zu unterhalten.«<a name="FNanchor_126" id="FNanchor_126" -href="#Footnote_126" class="fnanchor">[126]</a> In Genf -wurde die Dirnenkönigin, Regina Bordelli, -in Eid und Pflicht genommen, die Ordnung -unter ihren Standesgenossinnen aufrecht zu -erhalten.</p> - -<p>Die Bordellordnungen regelten mit echt -deutscher Gründlichkeit die Obliegenheiten -der Frauen, »so an der Unehre sitzen«. -Einige, allen diesen Vorschriften gemeinsame -Hauptpunkte waren, dass kein Stadtkind -und keine Ehefrau als Dirnen zugelassen -werden durften. Juden, Ehemännern -und Geistlichen war der Zutritt für immer, -den anderen Gästen an gewissen Feiertagen -und den Vorabenden dazu zu untersagen. -Allen diesen Bestimmungen wurde durch -die auf ihre Nichtbefolgung gesetzten harten -Strafen der nötige Nachdruck gegeben. -<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -Recht übel ging es einem der armen Prügeljungen -des Mittelalters, einem Juden, wenn -man ihn im Bordell ertappte. »Auch wan -ein wallpode einen juden bei einer christenfrauwen -oder meide funde, unkeischheit mit -ir zu triben, die mag er beide halten, do -sol man dem juden sein ding abssniden -und ein aug usstechen und sie mit ruden -usjagen oder sie mogen umb eine summe -darumb dingen«<a name="FNanchor_127" id="FNanchor_127" -href="#Footnote_127" class="fnanchor">[127]</a>, stand in einem Mainzer -Gesetz des 15. Jahrhunderts. Die Ehemänner -hatten sich durch Strafgeld zu lösen. -Da Wirte und Mädchen kein Interesse daran -hatten, Ehemänner und Juden, die vielleicht -ganz gute Kunden waren, aus ihrem Haus -zu treiben, so werden sie oftmals ein -Auge zugedrückt haben. Bei anderen Bestimmungen -ging dies nicht so leicht, da -der Aufpasser zu viele waren und Strafen -den Wirt trafen. Deshalb wussten sich Ehefrauen, -wie die von Lübeck im Jahre 1476, -dadurch zu entschädigen, dass sie, das -Antlitz unter dichten Schleiern geborgen, -abends in die Weinkeller gingen, um an -diesen Prostitutionsstätten unerkannt messalinischen -Gelüsten zu frönen.<a name="FNanchor_128" id="FNanchor_128" -href="#Footnote_128" class="fnanchor">[128]</a> Am strengsten -<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -durchgeführt wurde die Bestimmung, -keine ortsangehörigen Mädchen ins Frauenhaus -aufzunehmen. Daher rekrutierten die -Ruffiane ihre Dirnen von ausserhalb, besonders -von Schwaben, das im Mittelalter seiner -Mädchen wegen grossen Ruf besass und ein -Hauptexportland für den Mädchenhandel -bildete. Schwabinnen traf man in ganz -Mittel- und Süddeutschland selbst in Venedig -als Dirnen an. Ein alter Autor, Felix Fabri, -rühmt ihnen nach, dass sie ebenso treu -und arbeitsam, wie lieblich und »delicat« -seien. Joannes Boëmus Aubanus Teutonicus, -der 1535 in Lyon ein Buch »<i>Omnium -gentium mores etc.</i>« veröffentlichte, charakterisiert -die Schwaben wie folgt: »Uebrigens -da immer Gutes mit Bösem vermischt, und -nichts vollkommen ist, so sind die Schwaben -über die Massen zur Liebe geneigt, das -weibliche Geschlecht gibt dem männlichen -leicht zum Bösen nach ....«; ferner: »Es -ist ein Sprüchwort vorhanden, dass das eine -Schwaben das weite Deutschland genügend -mit leichtfertigen Weibern überschwemme.«<a name="FNanchor_129" id="FNanchor_129" -href="#Footnote_129" class="fnanchor">[129]</a> -Auch die sonstigen Pflichten des Frauenwirtes -waren allerorten eingehend normiert. -<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -Es war ihm vorgeschrieben, wieviel er den -Mädchen für Nahrung, Bett und Wäsche zu -berechnen, was er ihnen für Essen und -Trinken vorzusetzen und was er für jeden -Besucher von den Mädchen zu fordern -hatte. Er durfte die Mädchen weder verkaufen -noch verpfänden, sie nicht am Ausgehen -und am Kirchgang hindern, sie nicht -zurückhalten, wenn sie wieder anständig -werden oder heiraten wollten. Ferner war es -ihm – z. B. in Regensburg – untersagt, die -Dirnen zu schlagen, sondern er hatte sie, wenn -sie Strafe verdienten, der Obrigkeit anzuzeigen. -In der Bestallungsurkunde des -Würzburger Frauenwirtes Martin Hummel -von Neuenberg bei Basel, gegeben im Jahre -1444, finden sich die Bestimmungen: »Es -sol auch furbass der Frawenwirt kein Frawe -in seinem Haws wonend dj so swanger oder -zu zeiten so sj mit Iren weyblichen Rechten -(<i>mensis</i>) beladen noch auch sust zu keiner -anderen zejt, so sj ungeschickt were oder -sich von den Sunden enthalten wollt, zu -keinem manne, noch sundlichen werken -nicht noten, noch dringen in kein wejss.« -Dirnen in allzu jugendlichem Alter durften -nicht im Bordell sein. »Und welches töchterlein -funden wurt des libes halben zuo -<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -dem werk nit geschicket sunder zuo junge -ist, also das es weder brüste noch anders -hette, das dazuo gehört daz sol mit der -ruoten darumb gestrofet und dazuo der stat -verwisen werden, bj libs strofe, so lange -biss dass es zuo sinem billigem alter -kompt.«<a name="FNanchor_130" id="FNanchor_130" -href="#Footnote_130" class="fnanchor">[130]</a></p> - -<p>Der Regensburger Ruffian sollte von -keiner »werntlichen Frau« etwas nehmen -»oder sie ins Haus zu locken, dass dieselben -unter dem Vorwand dieser Töchter ihr Unend -desto bas treiben konnten, vielmehr wo -solche Frauen hier wären, dieselben dem -Stadtkämmerer anzuzeigen ....«, mit anderen -Worten: keinen fremden Weibern und -Gelegenheitsdirnen Unterschlupf bieten. Besonders -anerkennenswert ist es, dass die -bedauernswerten Geschöpfe, denen nach -einem nicht immer selbstgewählten Leben -voll Schmach meist der Schindanger als -letzte Ruhestätte angewiesen wurde, von -Amts wegen vor allzu grosser Ausbeutung -geschützt waren. Der Ulmer Stadtrat -schreibt seinem Frauenwirt genau die den -Dirnen zu verabreichenden Speisen und die -von ihm zu fordernden Preise vor; sogar -<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -um noch anderes kümmert sich der wohlweise -und ehrenfeste Magistrat. »Ain yede -fraw, so nachts ain Mann bey ir hat, soll -dem Wiertt zu Schlaffgeldt geben ainen -Kreutzer und nit drüber, und was jr über -dasselbig von dem Mann, bey dem siy also -geschlaffen hatt, wirdt, das sol an jhren Nutz -kommen.«</p> - -<p>Diese allerorts geübte, mitunter recht -zöpfisch eingekleidete Humanität erweiterte -sich mitunter zu einem Wohlwollen, dem -eine gewisse Komik nicht abzusprechen ist. -Auf der einen Seite dem tief gehasstesten -und verachtetsten Manne der Stadt, dem -Henker, unterstellt, wurden die Lustdirnen -an anderer Stelle mit dem Bürgerrecht beschenkt, -wenn sie eine geraume Zeit hindurch -der Stadt, hauptsächlich aber der -Stadtjugend »gute Dienste« geleistet hatten. -In Nürnberg durften die guten Mädchen bis -zum Jahre 1496 bei den Tänzen auf dem -Rathaus und auf dem städtischen Derrer, -wo die Privatfestlichkeiten der Patricier abgehalten -wurden, erscheinen, Blumen verteilen -oder feilhalten. Die übermütige Patricier-Jugend -wird wohl manchmal ihr -Mütchen an den armen, vogelfreien Mädchen -gekühlt haben, die sich nicht alle ihrer Haut -<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -zu wehren wussten, wie die resolute Agnes -aus Bayreuth, von der der Nürnberger Chronist -Heinrich Deichsler erzählt: »Des jars -(1491) am mitwochen nach Pauli (26. Januar) -da het Hans Imhof mit sein sun Ludwig -hochzeit, und des nachtz am obenttantz -(Abendtanz) ra rupfet die wild rott auf -dem rathaus und zugen der guten dirn, genant -Payreuter Agnes, ir sleier auch ab; da -zug sie ein protmesser auss und stach nach -eim.« Sie verwundete einen ihrer Peiniger -am Halse, entfloh auf den S. Sebaldkirchhof, -wurde aber gefangen genommen und auf -fünf Jahre aus Nürnberg verwiesen.<a name="FNanchor_131" id="FNanchor_131" -href="#Footnote_131" class="fnanchor">[131]</a> Später -erhielten nur drei Freudenmädchen die Erlaubnis, -zu Hochzeiten zu kommen und sich -unter den Pfeiferstuhl – heute Orchester – -zu setzen; dies währte bis 1546. Im 15. Jahrhundert -erschienen in Rotenburg ob der -Tauber und in Württemberger Städten die -Frauenhäuslerinnen bei Hochzeiten, um ihre -Glückwünsche darzubringen und mit einem -Almosen heimgeschickt zu werden. Was -mag die Brust der bedauernswerten Geschöpfe -durchwogt haben beim Anblick der -glückstrahlenden, kranzgeschmückten Braut, -<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -die ihnen verachtungsvoll das gebräuchliche -Geschenk zuwarf? In Wien beteiligten sich -die Hübschlerinnen bei Volksfesten, an denen -sie, in duftigste Gewandung gehüllt, um ein -Geschmeide oder ein Stück Tuch wettliefen. -Am Johannistage umtanzten und durchsprangen -sie die Sonnwendfeuer, wofür ihnen -vom Rat und Bürgermeister der Donaustadt -Erfrischungen gereicht wurden. Frankfurt -am Main schaffte 1529 den Brauch ab, die -Frauenhäuslerinnen bei offiziellen Festlichkeiten -als Blumenmädchen heranzuziehen, -entschädigte aber die Mädchen durch Sendungen -von Speise und Trank in ihre Behausung.</p> - -<p>In Leipzig wurde zu Fastnacht jeden -Jahres die sogenannte Hurenprozession abgehalten. -Die Frauenhäuser, spöttisch das -fünfte Kollegium genannt, da die Studenten -der Leipziger Universität, die nur vier Kollegien -aufzuweisen hatte, bei den Dirnen -emsig das fünfte Kollegium abhielten, lagen -vor dem Halleschen Thore. Die Bewohnerinnen -dieser Häuser sammelten sich zu Beginn -der Fastenzeit zu einem Umgang, bei -dem eine von ihnen einen Strohmann auf -einer langen Stange gleich einer Prozessionsfahne -vorantrug. Paarweise folgten die -<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a> -Kolleginnen, ein Lied wider den Tod singend, -bis zur Parthe, in die der Strohmann geschleudert -wurde. Durch diesen Umzug -sollte die Atmosphäre der Stadt gereinigt -werden, damit sie für die nächsten Jahre -von der Pest verschont bleibe.<a name="FNanchor_132" id="FNanchor_132" -href="#Footnote_132" class="fnanchor">[132]</a></p> - -<p>In Würzburg erschien am Johannistage -der Stadtschultheiss mit seinen Amtsdienern -und einigen Freunden im städtischen Frauenhause, -um dort ein vom Ruffian und seinen -Töchtern gegebenes solennes Mahl unter -Tafelmusik einzunehmen. Allmählich aber -steigerten sich die Ansprüche der Gäste derart, -dass auf Beschwerden des Wirtes hin -der Stadtrat die vorzusetzenden Gänge -auf Wein, Kirschen, Käse und Brot beschränkte.</p> - -<p>Bei einem von den Geschlechtern (Stadtjunkern) -zu Pfingsten 1229 zu Magdeburg -veranstalteten Turnier, zu dem die Patricier -der Nachbarstädte feierlich geladen worden -waren, gab es als Turnierdank für den Sieger -ein schönes Mädchen, Sophia mit Namen, -wahrscheinlich eine Frauenhäuslerin, vielleicht -aber auch eine Hörige, deren Los sich -aber unverhofft günstig gestaltete. Ein alter -<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -Kaufmann aus Goslar gewann die Schöne -und gab ihr die Aussteuer zu einer ehrlichen -Heirat.</p> - -<p>Hohen Besuchern hatten die städtischen -Dirnen entgegenzuziehen und die -Wege mit Blumen zu bestreuen, was -ihnen von ihrer Stadt eine Gastung einbrachte.</p> - -<p>Ihre Kleidung dürfte in unserem rauheren -Klima kaum so provokatorisch duftig gewesen -sein, wie die ihrer Zunftgenossinnen -bei jenem Einzuge Karls V. in Antwerpen, -zu Anfang des 16. Jahrhunderts, den Albrecht -Dürer beschrieb und Hans Makart malte. -Derartige Schaustellungen von Obscönitäten -zu Ehren und zur Unterhaltung hoher Persönlichkeiten -in breitester Öffentlichkeit waren -besonders in Frankreich Mode. Als der -junge Heinrich IV. von England 1431 in -Paris einzog, machte der Zug in der -St. Denys-Strasse vor einem Brunnen Halt, -in dessen Bassin drei nackte junge Mädchen -umherschwammen. Aus der Mitte dieses -Bassins wuchs ein Lilienstengel empor, -dessen Knospen und Blumen Ströme von -Milch und Wein entsandten. 50 Jahre später -empfing man den bigotten Ludwig XI. mit -dem gleichen Schauspiel in den Mauern -<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a> -seiner Residenz. Ein andermal wurde ihm -in Lille die Ehre und das Vergnügen zu -Teil, auf offener Strasse, vor einer ungeheueren -Zuschauermenge das Urteil des -Paris an drei Grazien, die sich in hüllenloser -Schönheit zeigten, wiederholen zu -dürfen.</p> - -<p>Soweit verstiegen sich nun wie bemerkt die -deutschen Städte nicht. Als König Albrecht II. -1438 nach der Krönung in Prag Wien besuchte, -erhielten nach den Stadtrechnungs-Protokollen -die »gemain frawen, di gen den -Kunig gevarn 12 achterin Wein«. 1435 liess -der Wiener Stadtrat bei einem Besuche -Kaiser Siegmunds die Mädchen der zwei -Frauenhäuser auf Kosten der Stadt mit -Sammetkleidern ausstatten. Derselbe Magistrat -sandte 1452 dem König Ladislaus -Posthumus »freie töchter« entgegen, um ihn -an der Weichbildgrenze zu empfangen. Eine -Wiener Chronik von 1484 sagt mit Bezug -auf dieses Ereignis, Ladislaus wurde am -Wiener Berg, an dem Zelte errichtet und -Banner aufgesteckt waren, von Reich und -Arm bewillkommnet. Unter den ihn Erwartenden -befanden sich alle weiblichen Einwohner -Wiens bis zu den kleinsten Mädchen, -sowohl die »schönen Frauen« wie -<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a> -auch die ehrsamen Weiber der Handwerker -und alle ohne Mäntel.<a name="FNanchor_133" id="FNanchor_133" -href="#Footnote_133" class="fnanchor">[133]</a></p> - -<p>Der vielgereiste Sigismund von Herberstein -erzählt von seiner Gesandtschaftsfahrt -nach Zürich im Jahre 1516: »Der -brauch was, dass der bürgermeister, gerichtsdiener -und gemaine weiber mit dem gesandten -assen.«</p> - -<p>Vielleicht lag dieser Sitte die an vielen -Stellen geübte Absonderlichkeit zu Grunde, -einem lieben Gaste auf Rechnung der Stadtväter -oder, wenn der Gast auf einem Schlosse -eingekehrt war, aus der Zahl der Untergebenen -»schöne Weibsbilder zur Kurzweil« -zur Verfügung zu stellen. Dem Landgrafen -Ludwig von Thüringen schaffen »die zärtlichen -Verwandten« eine Beischläferin, dem -Diederich von Quitzow 1410 die Ratsmänner -Berlins. Auch Beischläferinnen als Gerechtsame -kommen vor. Ein Anherr Götz von -Berlichingens hatte von seinen Lehnsherren, -den Grafen von Kastell, alljährlich ein Mahl, -Atzung für Pferde und Hunde und eine -»schöne Frau« zu fordern. Im Dorfe Martinsheim -besass der Domdechant von Würzburg -noch 1544 das Privilegium, jedes Jahr im -<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a> -November zwölf reisige Pferde, ein Mahl -und ein Mädchen geliefert zu bekommen.</p> - -<p>Einen Stadtbesuch von hohen Herren -wussten die Dirnen auch anderweitig geschäftlich -auszunutzen, denn sie verstanden -schon damals recht gut Reklame für sich zu -machen. Als sich Kaiser Friedrich III. 1471 -in Nürnberg aufhielt, schlangen eines Tages, -als er vom Kornhause kam, »zwu hurn« eine -lange silberne Kette um ihn, aus der er sich -mit einem Gulden lösen musste. Ehe er -seine Herberge erreicht, wiederholte sich das -Spiel noch einmal.<a name="FNanchor_134" id="FNanchor_134" -href="#Footnote_134" class="fnanchor">[134]</a> Kaiser Siegismund, -ein loser Schürzenjäger, der das schönere -Geschlecht des ganzen heiligen römisch-deutschen -Reiches als sein Eigentum anzusehen -beliebte, zogen zu Strassburg eines -schönen Morgens des Jahres 1414 mehrere -lustige Dirnlein aus dem Bette. Kaum fand -er Zeit, sich in einen Mantel zu hüllen, da -sah er sich schon auf der Strasse, wo er -tanzen musste, wie die flotten Weiber sangen. -Der Kaiser war barfuss, darum kauften ihm -die mitleidigen Weibsen um sieben Kreuzer -ein Paar Schuhe, was der hohe Herr sich -lachend gefallen liess. Ulm beleuchtete 1434 -<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a> -in etwas übertriebener Loyalität die Strassen -festlich, wenn sich der Kaiser mit seinem -Gefolge ins Bordell verfügte. In Bern erklärte -sich der Stadtrat bereit, drei Tage hindurch -dem kaiserlichen Gefolge auf städtische -Kosten das Freudenhaus zur Verfügung zu -stellen, wofür Kaiser Siegismund dem Berner -Magistrate in einem offenen Schreiben herzlich -dankte. Der gute Kaiser wusste solches -Entgegenkommen gebührend zu schätzen -und – auszunutzen. Er war ein »tolles -Huhn«, und seine Gemahlin, Kaiserin Barbara, -ihrem Gatten mindestens ebenbürtig. -Sie gingen beide ihre eigenen, schlammigen -Wege und liebten beide, wo und wann sich -Gelegenheit bot. Nach dem Tode ihres Gemahls -zog die edle Kaiserin nach Königgrätz -in Böhmen, wo sie bis zu ihrem Tode einen -männlichen Harem unterhielt.<a name="FNanchor_135" id="FNanchor_135" -href="#Footnote_135" class="fnanchor">[135]</a></p> - -<p>Mit dem Wohlwollen gegenüber den -Frauenhäuslerinnen ging aber meistens eine -Strenge Hand in Hand, die jedes Überdieschnurschlagen -der Dirnen verhüten sollte. -Da gab es harte Strafen gegen das Herumstreichen -auf den Strassen, gegen das Sitzen -vor den Häusern, gegen das Anlocken -<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a> -von Liebhabern u. a. m. Die <em>Uniformierung</em> -der Dirnen wurde unnachsichtlich -durchgeführt, denn während des ganzen -Mittelalters war den losen Töchtern eine -Tracht vorgeschrieben, die sie durch irgend -ein mehr oder weniger auffälliges Abzeichen -von der Kleidung der ehrbaren Weiblichkeit -unterschied. Schon im 10. Jahrhundert trugen -Buhldirnen eine Art Uniform, nämlich ein -kaum bis zum Oberschenkel reichendes, kurzärmeliges -und eng anliegendes Oberkleid. -Das engärmelige lange Unterkleid war vorn -in ganzer Länge aufgeschnitten und liess -die mit Beinlingen, den Vorläufern der -Strümpfe, bekleideten Beine bis oben hin -sichtbar werden. In England trugen um -dieselbe Zeit die Dirnen unter dem Oberkleide -straff anliegende Hosen.<a name="FNanchor_136" id="FNanchor_136" -href="#Footnote_136" class="fnanchor">[136]</a></p> - -<p>Ein Frankfurter Ratsbeschluss von 1488 -verordnet den feilen Weibern, sich in ihrer -Tracht also zu halten, dass man sie sofort -als das erkennen könne, was sie sind. Kurfürst -Johann Cicero veranlasste 1486 den -Berliner Rat zu dekretieren, dass die, »so an -der Unehre sitzen oder sonst in unzimblichen, -<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a> -sündigen Wesen und gemein sein, sollen -zu einem Zeichen, damit man Unterschied -zwischen frommen und bösen Frauen habe, -die Mäntel auf den Köpfen oder kurze -Mäntelchen tragen.«<a name="FNanchor_137" id="FNanchor_137" -href="#Footnote_137" class="fnanchor">[137]</a> Das Meraner Stadtrecht -des 14. Jahrhunderts gebietet: »es soll -kein gemeines Fräule einen Frauenmantel -oder einen Pelz tragen, noch an einem Tanze -teilnehmen, bei dem Bürgerinnen oder andere -ehrbare Frauen sind. Sie sollen auf ihren -Schuhen ein gelbes Fähnle haben, woran -man sie erkennen könne und sollen sich -kein Futter von Feh, noch Silberschmuck -erlauben.« In Strassburg wurde ihnen 1471 -eingeschärft, weder Schmuck zu tragen noch -Pelzwerk oder Seidenfutter zu verwenden; -in Leipzig befahl 1463 der Rat den »wilden -Frauen auf dem freien Hause«, kurze gelbe -Mäntel mit blauen Schnüren umzuhaben. -In Wien sollten die Hübschlerinnen ein gelbes -Tuch, eine Hand breit und eine Spanne lang, -an der Schulter befestigt tragen. In Basel -waren ihnen Mäntelchen vorgeschrieben, die -nicht über eine Spange weit unter den Gürtel -hinabreichten; in Augsburg ein Streifen -<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a> -am Schleier; in Bern und Zürich deckten -sie sich mit roten Kappen.</p> - -<p>In der Reichsgesetzgebung beschäftigte -sich die »Neue Kaiserliche Ordnung und -Reformation guter Polizei im Heiligen Römischen -Reiche« 1530 im elften Artikel mit -der Tracht der Frauenhäuslerinnen. »<em>Von -gemeinen und unehrlichen Weibern.</em> -Nachdem auch aus dem viel Aergernis im -heiligen Reich entstanden, dass die gemeinen -und andren unehrlichen Weibe Seide, Gold, -Silber und andre ziehrliche Kleider antragen, -davon manch fromm Weib und Töchter verleitet -wird, auch dadurch unter Ehrbaren -und Unehrbaren kein Unterschied zu erkennen: -Gebieten wir ernstlich und wollen, -dass die unehrlichen Weiber kein hochzierlich -Kleider oder Geschmück, auch nichts -Verbrämtes oder golden Schleier, sondern -eine jede derselben sich nach des Landes -Gebrauch tragen soll, darauf die Obrigkeit -sondere Acht haben und das nicht gedulden -soll.«</p> - -<p>Das Verbot, Schmuck zu tragen, dürfte -häufig umgangen worden sein, denn einzelne -Gemeinden, wie Frankfurt a. M., mussten es -oft wiederholen. Im Braunschweiger Museum -hängt ein Bild von Lucas Kranach, das Porträt -<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a> -einer Demimonde seiner Zeit darstellend. Sie -trägt ein breites rotes Barett, kostbares Geschmeide, -sonst aber keine Gewandung mit -Ausnahme eines feinen Schleiers, der ihren -Körper duftig umhüllt.</p> - -<p>Der Schleier gehörte zu den Attributen -der verlorenen Jungfräulichkeit, da der -Schleier fraulich das Haupthaar bedeckte, im -Gegensatz zu den freifliegenden Locken der -Jungfrau. Das Gedicht »Die Winsbekin« -wünscht den Mädchen mit Ehren und ohne -Schleier zu Bett zu gehen, und in einem von -Uhland mitgeteilten Volkslied des 15. Jahrhunderts -wird ein Einlassbegehrender von -seiner Liebsten mit den Worten abgewiesen:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Wol is nu, der da kloppet an?</div> - <div class="verse indent0">ik lat en doch nicht herin.</div> - <div class="verse indent0">Wenn ander megtlin krenze droegen,</div> - <div class="verse indent0">ein schlöier möst ik dragen.</div> - <div class="verse indent0">Ik schemde mi ser, ik schemde mi ser,</div> - <div class="verse indent0">jo lenger jo mer,</div> - <div class="verse indent0">van grund ut minem herten.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Darum war es im 15. und 16. Jahrhundert -hier und da Gewohnheit, den Mädchen, die -sich nicht betrugen, wie sie sollten, von -Amts wegen einen Schleier zuzustellen. So -geschah es in Altenburg, in Wittenberg, wo -man laut Ratsrechnung »zwey newe schleyer, -<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a> -so zwein beschlafenen meygden geschickt«. -Nach der Rottweiler Hochzeitsordnung von -1618 durfte eine nicht mehr reine Braut beim -Kirchgange keinen Kranz, sondern einen -Schleier aufhaben, wie es das Mägdlein im -Volksliede fürchtet. Deshalb haben die Augsburger -Freudenmädchen den mit einem -Streifen besetzten Schleier zu tragen, da »sie -nicht dorffte barheitig gehen«, wie sprödere -Mädchen. In Köln sollten sie 1389 rote Schleier -(welen) haben, »up dat man sei kente vor -andern vrawen«. In Altenburg war ihnen -und der Frau des Scharfrichters, der »czuchtigeryn« -aufgegeben, gelbe Läppchen auf -dem Schleier zu befestigen, gleichwie in -Leipzig, wo der gelbe Fleck von der Grösse -eines Groschens sein musste. Diese gelben -Schleier waren natürlich den Frommen im -Lande ein Dorn im Auge, denn das verhasste -Gelb war die Farbe der Galanterie -seit der römischen Kaiserzeit her, wo die -Modedamen Romas das gelbblonde Haar für -allein schön erklärt hatten. Gelbe Stirnbänder -und Schleier galten vom 12. bis -15. Jahrhundert für besonders modisch, sie -kamen aber bald in Verruf, weil sie besonders -gern von Halbweltlerinnen angelegt -wurden. Sonst hätte Berthold von Regensburg -<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a> -nicht den Weibern predigen können: -»Aussätzig am Kopfe sind die Frauen, die -sich gar so sehr putzen an den Haaren und -mit Binden und Schleiern, die sie gelb -färben wie die Jüdinnen und Dirnen, die -auf dem Graben streichen und wie die -Pfaffenmenscher; niemand ausser diesen -soll gelbes Gebände tragen.«<a name="FNanchor_138" id="FNanchor_138" -href="#Footnote_138" class="fnanchor">[138]</a> »Desgleichen -tragen sie – die Dirnen – auch gäle Schleier, -so gleich den hellischen Flammen sein; dieselben -streichen und stercken sie zu offtermal, -damit sie der hurenspiegel desto bass -mögen zieren und herauss schmucken,« eifert -Geiler von Kaisersberg.</p> - -<p>Beabsichtigte die Obrigkeit eine ihr unziemlich -dünkende Mode aus der Welt zu -schaffen, so wurde sie einfach den Stadtdirnen, -dann weiters den weiblichen Angehörigen -des Henkers, Pfaffenmägden und -Jüdinnen aufgezwungen. Die Zittauer Kleiderordnung -von 1353 enthält eine derartige -Bestimmung. »Auch wollen die schoppen -(Schöffen), dass keine Frau Kögel tragen -solle noch keine jungfrauen, es seien dann -züchtigers und henkersmägde – die unter -<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a> -der Gewalt des Scharfrichters stehenden Stadtdirnen -– denen erlauben und gebieten die -herren Kögeln zu tragen.« Zuwiderhandlungen -gegen diese Kleiderordnungen zogen -Stäupung, Stadtverweisung auf eine gewisse -Zeit oder aller Kleider entblösst am Pranger -ausgestellt werden, nach sich. Diese Bestrafung -der Dirnen zeigt die ihnen entgegengebrachte -Verachtung; denn selbst die -grösste Übelthäterin ehrlichen Standes setzte -man nicht entblösst den Blicken und der -Roheit des Pöbels aus. Daher ist es nicht -dem Anstandsgefühle zuzuschreiben, wenn -man die Bordelle, ebenso wie die Lazarette, -die Büttelei und die Ghettos, nach -abseits der Verkehrsadern belegenen Örtlichkeiten -verwies. In Hamburg durften »wandelbare -Frauen« an keiner Kirche und in keiner -zu einer Kirche führenden Gasse hausen.<a name="FNanchor_139" id="FNanchor_139" -href="#Footnote_139" class="fnanchor">[139]</a> -Die Strassburger Verordnung vom 9. Oktober -1471 schärft aufs neue das alte Gesetz ein: -»das alle hushelterin, spontziererin und die -so offentlich zur unee sitzend oder buolschaft -tribent, wo die in der stadt sessent, soltent -ziehen in Bickergasse, Vinckengasse, Gröybengasse, -<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a> -hünder die muren oder an ander ende, -die inen zuogeordent sint.«</p> - -<p>Meist lagen die öffentlichen Häuser hart -an der Stadtmauer, so in Würzburg und -Frankfurt, oder an abseitigen Plätzen, an -denen kein Markt abgehalten wurde, und -die sonst weiter keine Hauseingänge besassen.</p> - -<p>Nach den Bordellordnungen sollten die -Freudenhäuser meist eine Stunde vor Mitternacht -geschlossen und bis zum Einbruch der -Nacht verschlossen gehalten werden, ebenso -an den Vorabenden der Sonn- und Feiertage, -wie an diesen selbst, wenigstens vormittags. -Alle Männer hatten sich bei Schliessung zu -entfernen bis auf jene, die die Nacht bei den -Mädchen zubringen wollten. Ehemännern, -Geistlichen und Juden war, wie bereits oben -erwähnt, der Eintritt verwehrt, ebenso minderjährigen -Knaben. Recht befremdlich mutet -es an, wenn die Ulmer dem Ruffian befehlen -müssen, Knaben von 12-14 Jahren nicht -mehr im Hause zu dulden und wenn sie -kommen sollten, sie mit Ruten aus dem -Bordell zu treiben.</p> - -<p>Über das Treiben in den Häusern sind -aus naheliegenden Gründen nur spärliche -Berichte vorhanden. Einer dieser wenigen -<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a> -ist die kurze Tagebuchaufzeichnung Fritz -Schickers über seine Erlebnisse auf dem -Reichstage zu Konstanz vom Jahre 1507.</p> - -<p>»Ich ging eines Tages ins Freie und -wandelte am See hin und her. Da begegnete -mir des Herzogs Georgs Schreiber. Der -nahm mich bei der Hand und sagte: ›Willst -du mit mir gehen?‹ Fragte ich: ›wohin?‹ -Antwortete er: ›wo hübsche Mädchen sind.‹ -Wusste ich nicht, was ich antworten sollte -und ging mit. Kamen wir in ein Wirtshaus, -da sassen vielerlei Dirnen, wohl angetan, -und hatten Blumen in den Händen und -sahen uns lächelnd an. Wir aber liessen -uns Wein geben und ich verfiel in tiefe Gedanken. -Da kamen die Musikanten des -Bischofs von Augsburg und spielten ganz -lustig auf zum Tanze. Alsobald wurden die -Dirnen ergriffen und fingen an zu tanzen. -Die jungen Gesellen riefen mir zu, auch -mitzutanzen, aber ich entgegnete: ›dessen bin -ich nicht kundig.‹ Da setzte sich zu mir -eine Dirne, reichte mir eine Blume, und -sagte: ›wenn du den Tanz nicht liebst, was -liebst du denn?‹ Sprach ich: ›eine Jungfrau.‹ -Darauf sie: ›eine allein? Das ist nicht recht. -Die anderen wollen auch nicht verachtet -sein. Und hier bist du in der Fremde, sie -<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a> -weiss es ja nicht. Kommst du heim, ist -alles wieder gut.‹ Da merkte ich wohl, was -sie wollte, und bestellte noch mehr Wein, -als wollte ich bleiben, ging aber und kam -nicht wieder.«</p> - -<p>Der blöde Schäfer hat wahrscheinlich dem -Abenteuer nur deshalb einen solch harmlosen -Abschluss gegeben, weil er fürchtete, -sein Tagebuch einmal in den Händen der -von ihm geliebten »Jungfrau« zu sehen. -Weniger skrupulös waren andere, so ein -Abgeordneter des Frankfurter Rates, der in -Köln »zv den Frauen ging« und gewissenhaft -seine dortigen Ausgaben verbuchte. -Gleich ihm ein Strassburger Beamter, den -sein Besuch auf »30 Pfennig« zu stehen -kam. Ja, das Leben war damals billig! Man -verargte übrigens den Junggesellen keineswegs -den Besuch der Frauenhäuser, wenn -sie nicht schon anderweitig gebunden waren. -In Frankfurt a. O. lagen z. B. die Patricier -tagein, tagaus im Bordell, ohne ein Hehl -daraus zu machen. Der Aufenthalt im Bordell -galt eben als eine Zerstreuung, die man der -Jugend gerne gönnte.</p> - -<p>Wenn es zufällig nicht gerade untersagt war, -bestand eine Hauptaufgabe der Freudenmädchen -darin, Kunden in das Haus zu ziehen. -<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a> -Sie standen zu diesem Zwecke bekleidet à la -Lucas Kranach in den nach der Strasse führenden -Fenstern, und »Etlichen lockend sij mit -pfiffen, Dem andern guckend sij mit griffen, -Dem drytten mit eym Facilett – Taschentuch -–, Den andern sij gelocket het Mit -wyssen (weissen) schuhen, wyssen beynen, -Dem mit ringlin, kreutzen, meyen.«<a name="FNanchor_140" id="FNanchor_140" -href="#Footnote_140" class="fnanchor">[140]</a> Also -mit Blumen, die den Dirnen ebenso zubehörig -waren, wie die Schleier.</p> - -<p>Den alten Holzschneidern bietet die -Parabel vom verlorenen Sohn häufig Gelegenheit, -Bordellscenen darzustellen, so -Hans Sebald Beham, M. Treu u. a. m. -Gewöhnlich schliessen derartige Bilderreihen -mit der gewaltsamen Entfernung des verlorenen -Sohnes aus dem Freudenhause, der, -nachdem er sein Erbgut im offenen Hause -verprasst hat, nackt auf die Straße geworfen -wird. Manchmal fliegt ihm noch der anrüchige -Inhalt eines Geschirres nach.</p> - -<p>Interessant übrigens dürfte die Thatsache -sein, dass schon das Mittelalter die edle Zunft -der Zuhälter kannte und nach ihrem vollen -Wert zu schätzen wusste; denn eine Nürnberger -Ordnung untersagt den öffentlichen -<a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a> -Mädchen, zur Vermeidung von Streit, »sundere -Bulschaft, die sy nennen ire liebe menner«, -zu haben. In Frankfurt a. O. fristete ein -vormals reicher Patricier, Hans Rakow, als -Zuhälter einer Dirne, Agnese Schilling, sein -Leben, wie Oskar Schwebel in »Renaissance -und Rococo« (S. 77) erzählt.</p> - -<p>Charakteristisch für die vorzeitigen Moralansichten -sind die den Mädchen offiziell zuerkannten -Kose- und Scherznamen, die teils -von ihrer Herkunft, teils von besonderen, -manchmal recht diskreten Körpereigenschaften -ihre Entstehung herleiten. Wir finden in -Leipzig eine »gemalte Anna« – geschminkt -oder vielleicht gezeichnet durch Pockennarben -oder durch ein vom Henker aufgedrücktes -Brandmal –, ein »klein Enchen«, in Freiburg -eine »kugelrunde Katharina«, in Frankfurt -eine »lange Anna« und in Berlin, laut -Stadtbuch von 1442, »eine Else med den -langen tytten«. Das Wohlwollen, das sich -durch derartige Bezeichnungen ausdrückt, -blieb aber nur auf die Dirnen beschränkt, -solange sie sich in dem ihnen zugewiesenen -Rayon befanden. In der Öffentlichkeit unterlagen -sie der ganzen Verachtung, die das Mittelalter -auf die ausserhalb seiner Gesellschaft stehenden -Unehrlichen zu häufen gewohnt war.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a> -Die Kinder der Dirnen, geächtet wie ihre -Mütter, kamen ins Findelhaus. Der Besuch -von Wirtshäusern, in denen ehrsame Bürger -verkehrten, war für die Frauenhäuslerinnen -arg verpönt. In der Kirche hatten sie bei -dem Fronaltar, wo auch der Henker sass, -Platz zu nehmen; Tänzen, an denen sich -andere Frauen beteiligten, mussten sie fernbleiben; -kurz, sie waren ein Staat im Staate -mit eigenen Satzungen und Gesetzen, aus -deren Grenzen sie nur mit Leibes- und Lebensgefahr -heraustreten durften.</p> - -<p>Die für die Freudenmädchen erlassenen -Gesetze schützten sie andererseits aber vor -allen Eingriffen in ihre Rechte, über die sie -um so eifriger wachten, als sie gewichtigen -Beistandes sicher waren. Mit besonderem -Hasse verfolgten sie brotneidisch die »Bönhasen«, -die nicht kasernierten, geheimen -Prostituierten, die ihnen, den zünftigen, ins -Handwerk zu pfuschen sich unterstanden. -Der Fastnachtsspieldichter Hans Rosenplüt -zählt in einem Dialoge alle diese unlauteren -Wettbewerberinnen auf:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Die gemeynen weib clagen auch ir orden,</div> - <div class="verse indent0">Ir weyde sey vil zu mager worden.</div> - <div class="verse indent0">Die winkel weyber und die hausmeyde,</div> - <div class="verse indent0">Die fretzen (fressen) teglich ab ir weide.....</div> -<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a> - <div class="verse indent0">Auch clagen sie uber die closterfrawen</div> - <div class="verse indent0">Die konnen so hubschlich über die snur hauen</div> - <div class="verse indent0">Wenn sie zu ader lassen oder paden</div> - <div class="verse indent0">So haben sie junkher Conraden geladen«<a name="FNanchor_141" id="FNanchor_141" -href="#Footnote_141" class="fnanchor">[141]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>d. h. einen Galan zur Hand.</p> - -<p>Darum nahm der Würzburger Rat den Beschluss -zu Protokoll: »Man sol die schoenen -Frawen beherbergen, berenden und mit in -reden, davon zu stellen, sunde und schande -zu meyden, wann der Frawenwirt clagt, es -werde sein hawse zu einem egereten (Brachfeld).«<a name="FNanchor_142" id="FNanchor_142" -href="#Footnote_142" class="fnanchor">[142]</a></p> - -<p>Schien den Freudenmädchen der obrigkeitliche -Beistand nicht ausreichend, dann -griffen sie im Bewusstsein ihres Rechtes zur -Selbsthilfe. Einen diesbezüglichen Vorfall -zeichnete Heinrich Deichsler in seiner Nürnberger -Chronik folgendermassen auf: »1500 -Item danach an selben tag – 26. November – -da komen acht gemaine Weib hie auss dem -gemainen Frawenhaus zum burgermaister -Markhart Mendel und sagten, es wer da -unter der vesten des Kolbenhaus ein taiber -(Blockhaus, Taubenschlag) voller haimlicher -huren, und die wirtin hielt eemener (Ehemänner) -<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a> -in einer stuben und in einer andern -junggesellen tag und nacht und liess sie -puberei treiben, und paten in, er solt in -laub geben (erlauben), sie wolten sie aussstürmen -und wolten den hurntaiber zuprechen -und zerstören, er gab in laub; da -stürmten sie das hauss, stiessen die tür auf -und schlugen die öfen ein, und sie zerprachen -die venstergleser und trug iede -etwas mit ir davon, und die vogel waren -aussgeflogen, und sie schlugen die alten -hurenwirtin gar greulichen.«</p> - -<p>Noch einmal, 38 Jahre später, wiederholte -sich in Nürnberg ein solcher Einbruch -konzessionierter Hübschlerinnen in -ein Winkelbordell, das sie demolierten und -dessen Insassinnen sie im Triumphe in ihr -eigenes Haus zerrten. Da sie es aber diesmal -versäumt hatten, die obrigkeitliche Genehmigung -nachzusuchen, erhielten sie einen -derben Verweis. Häufig wendeten sich die -Stadtdirnen unter Beilage langer Verzeichnisse -bittlich an ihre Vorgesetzten, die namhaft -gemachten geheimen Prostituierten zu strafen -»von Gottes und der Gerechtigkeit wegen«.<a name="FNanchor_143" id="FNanchor_143" -href="#Footnote_143" class="fnanchor">[143]</a></p> - -<p><a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a> -In Frankfurt trug 1493 der Rat den Dirnen -im Rosenthal auf, ein Mädchen, das auf eigene -Faust lüderte, mit Gewalt in das Bordell zu -bringen, falls sie nicht binnen 14 Tagen -freiwillig zuzöge.<a name="FNanchor_144" id="FNanchor_144" -href="#Footnote_144" class="fnanchor">[144]</a> Die Dirnen, die sich -obdachlos herumtrieben, in den Wirtshäusern -und auf den Strassen ihrem Verdienste nachgingen, -»dodurch ouch junge töchterlein angefürt -und verfellet (verfürt) werdent, dovon -vil bôses kompt«, sollen in Strassburg aufgegriffen -und eingesperrt werden. Ausserhalb -ihres Quartiers ertappte leichte Weiber -wurden vom Büttel mit Fahne und Trommel -in das Bordell zurückgebracht.</p> - -<p>Die Wirtshäuser und Herbergen, in denen -Reisende ihr Unterkommen fanden, waren -im Mittelalter im primitivsten Zustand. Wie -noch heute in sittlich tiefstehenden Ländern, -waren die Herbergsväter meist auch Kuppler, -die Dirnen zur Unterhaltung oder zum Anlocken -von Gästen hielten. Gottschalck -Hollen predigt in der <i>Dominica exaudi</i> -gegen derartige Übelthäter, indem er ihnen -zum Vorwurf macht, dass sie Dirnen in ihre -Häuser kommen lassen, um mit den Gästen -und Saufbrüdern zu sündigen. Erasmus von -<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a> -Rotterdam in seiner klassischen Schilderung -eines mittelalterlichen Hotels, erzählt von -hübschen Mädchen, die den Gästen Gesellschaft -leisten, zu allen Scherzen geneigt -sind und sich gerne zur Zielscheibe aller -Witze machen lassen. Und in den Schlafstuben: -»da waren auch immer Mädchen -da, lachend, herausfordernd, tändelnd; sie -fragten unaufgefordert, ob wir etwa schmutzige -Wäsche hätten, die wuschen sie und -brachten die gewaschene uns zurück. Was -soll ich noch hinzufügen? Wir sahen da -ausser im Stalle nichts als Mädchen und -Frauen, und selbst da brachen oft die Mädchen -ein. Bei der Abreise umarmen sie -einen und verabschieden sich mit solcher -Teilnahme, als ob man ein Bruder oder ein -naher Verwandter wäre.« So war es in -Frankreich, und ähnlich wird es auch in -Deutschland gewesen sein, wie die vielen -diesbezüglichen Klagen und Fritz Schickers -Tagebuch beweisen. Von Wien sagt Aeneas -Silvius Piccolomini, dass schier alle Bürger -Tavernen mit »lusten Fröwlein« halten, in -denen umsonst zu essen gegeben wird, damit -die Gäste desto mehr trinken sollten.</p> - -<p>Wie die Dirnen gegen die unbefugte -Prostitution Front machten, so übten sie -<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a> -auch einen Zunft- und Gewerbezwang aus, -wenn sich irgend ein unglückseliges Weib -in ihr Revier verirrte. Wie sie selbst verfemt -waren, so brachte auch jede Berührung -mit einer Ausgestossenen dem ehrlichen -Mädchen ein Schandmal bei, auf das die -Dirnen mit boshafter Schadenfreude hinwiesen. -Ein markantes Beispiel dieser Art -weiss Deichsler vom 22. September 1502 -zu berichten: Ein junger Kornschreiber hatte -ein Verhältnis mit einem jungen Mädchen, -das er beredete, eine Nacht bei ihm zuzubringen. -Statt sie in sein Haus zu führen, -wie er ihr vorgespiegelt, brachte er sie ins -Freudenhaus. Am frühen Morgen kamen -die Bewohnerinnen des Bordells an das -Bett des jungen Mädchens, setzten ihm den -Strohkranz auf, das traditionelle Zeichen des -Falles, und ihrer zwei nahmen sie zwischen -sich, führten sie wie eine Braut öffentlich -über den Obstmarkt einer Taverne zu, um -dort mit süssem Wein den Eintritt des -Mädchens in die »hurnzunft« zu feiern. -Das Weinen und Barmen der Verführten -weckte das Mitleid einiger Männer, die sie -befreiten und die sich wehrenden Dirnen in -die Flucht schlugen. Der schurkische Kornschreiber -wurde eingelocht und auf zehn -<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a> -Jahre der Stadt verwiesen. Doch nicht allen -dem Bordell Verfallenen wurde der Wiedereintritt -in die Gesellschaft so leicht gemacht -wie diesem Nürnberger Mädchen. Wo anders -als gerade in Nürnberg wäre das kaum -ohne umfangreiche und weitschweifige Ceremonien -möglich gewesen. Nur »die Perle -Deutschlands« erwies sich so entgegenkommend -gegenüber Gefallenen, selbst richtigen -Dirnen. Die anderen Städte und Städtchen, -in denen Bordelle bestanden, ahmten -darin dem Beispiele Nürnbergs, das sonst -allen als Vorbild galt, nicht nach, obgleich -sie es gekonnt hätten, denn selbst die unbedeutendsten -Nester des deutschen Reiches -mussten, schon um etwas in den Augen der -seltenen Reisenden zu gelten, ihre Stadt-Bordelle -haben. So unter anderen die im -Mittelalter nur wenige Hundert Einwohner -zählenden Flecken Quedlinburg, Schwabach, -Acken an der Elbe, Oberehenheim, Wolkach -u. a. m. Ausserhalb Nürnbergs gab es für -die Hübschlerinnen nur drei Wege, dem infamierenden -Banne des Freudenhauses zu -entrinnen: die Heirat mit einem unbescholtenen -Mann, den Übertritt in eine klösterliche -Bussanstalt oder den Tod.</p> - -<p>Die Ehe mit »anständigen« Männern -<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a> -wurde den »geschuhten Wachteln«, wie sie -ein Fastnachtsspiel nennt, thunlichst erleichtert. -Der Wirt musste sie ohne weiteres -und schuldenfrei ziehen lassen, auch wenn -sie noch so tief in seiner Schuld sassen; -sogar für Aussteuer sorgte die Obrigkeit, -denn: »Wer eine arme Sünderin aus dem -Gemeinen Hause zur Ehe nimmt, soll vor -allem andern eine Aussteuer von zwölf -Gulden haben«<a name="FNanchor_145" id="FNanchor_145" -href="#Footnote_145" class="fnanchor">[145]</a>, eine ziemlich bedeutende -Summe für die damalige Zeit, die manche -verfehlte Existenz zum Zugreifen veranlasst -haben dürfte, wenn auch honette Männer es -sich wohl überlegt haben werden, »ein verruchte -dirn, Wol gewandert« heimzuführen. -Der zweite Weg, der Eintritt in eine Bussanstalt, -war leichter zu beschreiten, nur ward -ein Rückfall in das gewohnte Lasterleben z. B. -in Wien gleich mit dem Tode durch den Henker -bestraft. Derartige Bussanstalten fanden sich -ausser in Wien, in Nürnberg und Regensburg, -fast in allen grösseren Orten Deutschlands. -Welchen Zweck diese »Stiftungen der Reue« -verfolgten, spricht klar der Steuerbefreiungsbrief -Herzog Albrechts vom Jahre 1384 für das -von mehreren frommen Ratsherren in der -<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a> -Singerstrasse in Wien gegründete Kloster -aus. Es heisst darin, dieses Haus und Stift -sei bestimmt: »für die armen Frauen, die -sich aus den offenen Frauenhäusern oder -sonst vom sündigen Unleben zur Busse und -zu Gott wenden«. Das Volk glaubte freilich -nicht so recht an vollkommene Bekehrung -der schönen Sünderinnen, die, wenn es ungestraft -sein konnte, ganz gerne wieder von -der nun verbotenen Frucht naschten oder -als Kupplerinnen ihrem einstigen Gewerbe -neues Material zuführten. Die »jungen Bettschwestern«, -die nun «alte Betschwestern« -geworden waren, heuchelten und kuppelten -gerne, zerstreuten sich in ihrer Langeweile -durch Verlästerungen und Klatschereien. -Murner zeichnete sie in seiner bissigen Weise -in der Narrenbeschwörung V. 77:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Beginentand ist's in der That!</div> - <div class="verse indent0">Das ihnen grosse Sachen sind;</div> - <div class="verse indent0">Jedoch gebären sie ein Kind</div> - <div class="verse indent0">Und laufen alle Klöster aus,</div> - <div class="verse indent0">Dazu in jedes Pfaffen Haus</div> - <div class="verse indent0">Und sind so niederträcht'ge Drachen,</div> - <div class="verse indent0">Dass Zwist sie überall entfachen,</div> - <div class="verse indent0">Ein Lotterläpplein hängen an,</div> - <div class="verse indent0">Wo es nur immer gehen kann,</div> - <div class="verse indent0">Und kuppeln stets geflissentlich –</div> - <div class="verse indent0"><em>Dess</em> brauchen sie nicht zu schämen sich.</div> -<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a> - <div class="verse indent0">Sie lügen leicht und lügen flink</div> - <div class="verse indent0">Und urteln über jedes Ding</div> - <div class="verse indent0">Und wissen, was ein jeder that</div> - <div class="verse indent0">Zu <em>Strassburg</em> in der ganzen Stadt,</div> - <div class="verse indent0">Und sind allesamt viel böser doch</div> - <div class="verse indent0">Als die Kupplerinnen im Dummenloch.<a name="FNanchor_146" id="FNanchor_146" -href="#Footnote_146" class="fnanchor">[146]</a></div> - <div class="verse indent0">Gar lang' sie in der Kirche bleiben,</div> - <div class="verse indent0">Damit von Männern und von Weiben</div> - <div class="verse indent0">Kund werden alle Dinge ihnen:</div> - <div class="verse indent0">Drum sind's gottselige Beginen.</div> - <div class="verse indent0">Sie fressen allezeit die Füss'<a name="FNanchor_147" id="FNanchor_147" -href="#Footnote_147" class="fnanchor">[147]</a></div> - <div class="verse indent0">Und sind in ihren Worten süss;</div> - <div class="verse indent0">Indes, wenn man sie allzumal</div> - <div class="verse indent0">Erkennt, ist's nichts als Gift und Gall'.</div> - <div class="verse indent0">Ach, wären sie in Portugal!</div> - <div class="verse indent0">Ach, wären allesamt zur Frist</div> - <div class="verse indent0">Dort, wo der Pfeffer gewachsen ist,</div> - <div class="verse indent0">Und dürften nicht zurücke denken!</div> - <div class="verse indent0">Wollt' ihnen gern das Weggeld schenken.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Nichtsdestoweniger haben im allgemeinen -die Beginenanstalten unendlich viel Gutes -gestiftet. Viele jener ehemaligen Buhlerinnen -gaben sich mit vollem Herzen der Busse -hin, wurden zu aufopferungsvollen Krankenschwestern -und Pflegerinnen, die sich in -zahlreichen Epidemien des Mittelalters gleich -Heldinnen hervorthaten. Gar manchem jener -ernsten und sittlich gefestigten Weiber winkte -<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a> -noch ein spätes Glück, da sie in dem dem -Tode entrissenen Kranken einen Ehemann -fanden, dem sie Treue bis zum Grabe wahrten. -Es dürfte daher nicht ganz ungerechtfertigt -gewesen sein, was der Vater in dem Nürnberger -Gedichte, »Wie ain junger gsell weyben -sol«, zu seinem Sohne bemerkt:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ich siehs und hör ess offt sagen,</div> - <div class="verse indent0">Das sy sindt geraten gar wol,</div> - <div class="verse indent0">Die jung waren püberei vol,</div> - <div class="verse indent0">Verlyssen den pübschen orden</div> - <div class="verse indent0">Und sind frumm eefrauen worden.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Die Herren Pfaffen scheinen sich auch -dann und wann ihre Liebsten aus abgedankten -Dirnen rekrutiert zu haben, wie eines der -polemischen Fastnachtsspiele Nicolaus Mannels -durch folgenden Monolog der Pfaffenmagd -Lucia Schnabeli beweist. Erst führt -sie bewegliche Klage über den Bischof, dem -sie jährlich vier gute rheinische Gulden als -Duldegeld niederlegen muss, das noch erhöht -wird, wenn sie ein Kind bekommen -sollte. Dann fährt sie fort:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Vor bin ich lang im frowenhus gesin</div> - <div class="verse indent0">Zu Strassburg da niden an dem Ryn,</div> - <div class="verse indent0">Doch gwan min hurenwirt nit so vil</div> - <div class="verse indent0">An uns allen, das ich glauben wil,</div> - <div class="verse indent0">Als ich dem bischoff hab müssen geben.«<a name="FNanchor_148" id="FNanchor_148" -href="#Footnote_148" class="fnanchor">[148]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p><a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a> -Am Rheine wurden bisweilen gealterte -Dirnen, die sich etwas Geld zu erübrigen -gewusst hatten, Handelsfrauen, sogenannte -Gremplerinnen, d. h. Zwischenhändlerinnen, -die von den marktfahrenden Landleuten die -Landesprodukte aufkauften, um sie mit Nutzen -an die Konsumenten weiterzugeben. Murner -gerät über diese »mit dem Judenspiess rennenden«, -also Wucher treibenden Weiber, in -helle Wut, die sich in den Worten äussert:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Keine alte Hure ist am Rhein,</div> - <div class="verse indent0">Die Grempen nicht wollte sein.</div> - <div class="verse indent0">Wenn ein paar Eier man nur bringt</div> - <div class="verse indent0">Zum Markt, die alte Brecken (Hündin) springt</div> - <div class="verse indent0">Dorthin, (statt gleich den armen Leuten</div> - <div class="verse indent0">Den Unterhalt sich zu erstreiten</div> - <div class="verse indent0">Durch Arbeit) und ersteht die Eier,</div> - <div class="verse indent0">Verkauft sie noch einmal so teuer</div> - <div class="verse indent0">Und bringt so der Gemeinde Schaden ....«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Als gerechte Strafe für die von ihnen -verursachte Verteuerung der Lebensmittel -empfiehlt er, die Gremplerinnen mit Steinen -um den Hals in den Rhein zu versenken.<a name="FNanchor_149" id="FNanchor_149" -href="#Footnote_149" class="fnanchor">[149]</a></p> - -<p>Im 16. Jahrhundert trat erst schüchtern -und vereinzelt, dann allgemein ein Wechsel -der Ansichten in Bezug auf die konzessionierten -Lasterhöhlen ein. Man begann nach -<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a> -und nach die absolute Notwendigkeit der -Bordelle in sittlicher und gesundheitlicher -Beziehung in Zweifel zu ziehen, den bisher -niemals angefochtenen moralischen Nutzen -zu prüfen, und das Resultat dieser Erwägungen -war schliesslich ein wenig befriedigendes. -Dazu sanken die Erträgnisse der Freudenhäuser -immer tiefer, so dass die Ruffiane -kaum mehr ihr Leben fristen, geschweige -denn die gewohnten Abgaben leisten konnten; -ferner erschollen von allen Kanzeln der neuen -protestantischen Geistlichkeit ernste Worte, -die den Kreuzzug gegen diese Hölle auf -Erden, gegen diesen Sündenpfuhl predigten, -der jeden rettungslos den Klauen des -Gottseibeiuns überlieferte, der seine verfluchte -Schwelle um des Lasters willen überschritt. -Alles dieses hat den Bordellen argen Schaden -zugefügt, doch ihre endgültige Vernichtung -bedurfte kräftigerer Ursachen, um die dem -Volke gewohnte und oft nahezu unentbehrliche -Institution für Jahrhunderte aus der -Welt zu schaffen.<a name="FNanchor_150" id="FNanchor_150" -href="#Footnote_150" class="fnanchor">[150]</a></p> - -<p><a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a> -Erst die gleich vom Anbeginn mit rasender -Wut auftretende Lustseuche, die Franzosen- -oder St. Jobs-Krankheit benannte Syphilis -machte die Verbreitungsstätten dieser Pest, -der Ärzte und Laien gleich ratlos gegenüber -standen, dem Erdboden gleich. Namenloses -Entsetzen erfüllte alle Gemüter ob dieser -neuen, bisher unbekannten Seuche, die kein -Alter, kein Geschlecht, keinen Stand verschonte, -in allen Kreisen ihre Opfer suchte, -bei den Patriziern der Städte, dem Adel, -den Kirchen- und Kloster-Geistlichen, wie -in den unteren Volksklassen. »Einer steckte -den anderen an; aus Stadt und Dorf verstossen, -irrten ganze Scharen von Männern -und Weibern aus geistlichem und weltlichem -Stande umher, bedeckt mit Eitern und Geschwüren, -vom Kopf bis zum Fusse, winselnd -und rettungslos. Vergebens waren zunächst -alle bekannten Arzneimittel; ein langsamer, -schrecklicher Tod erlöste die Leidenden.<a name="FNanchor_151" id="FNanchor_151" -href="#Footnote_151" class="fnanchor">[151]</a> -Ärzte und Quacksalber überboten sich in -abenteuerlichen Mitteln, die oft noch grässlicher -<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a> -waren, als die Krankheit selbst. Ein -Dr. Arnoldus Weickard ordinierte Hundskot -»wilder Heckrosen, und vom dörren Schaffapfel -jedes gleich viel, wilder Rosenblätter -und Silberglätt, jedes auch gleich viel, und -mach drauss ein Pulver. Erst wasche das -Geschwär mit des Patienten eignem Urin -oder Wegbreitwasser, hernach streue das -Pulver drein«.<a name="FNanchor_152" id="FNanchor_152" -href="#Footnote_152" class="fnanchor">[152]</a> Derartige Kuren im Dunkeln -tappender Mediziner verschlimmerten natürlich -nur den Zustand der Kranken, die man -mitleidlos von sich stiess, in Erdhöhlen und -Feldhütten verwies, bis man in leerstehenden -Spitteln und Bordellen Plätze fand, in -denen die Unglückseligen wenigstens gegen -die Unbilden der Witterung geschützt, ihr -elendes Leben fristen und sterben konnten. -Ängstlich wich man den Syphilitischen aus, -ebenso wie vordem den Aussätzigen, galt doch -schon ihr Atem als Gift, eine Berührung ihrer -Hand für tödlich.</p> - -<p>»Wer einen Fuss im Frauenhaus hat, hat -den anderen im Spital.« Die Frauenhäuser -hatten viel zur Verbreitung der Syphilis beigetragen, -und als man sich dessen bewusst -<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a> -wurde, mied man jeden Verkehr mit den -Dirnen. Unter diesen Umständen verminderte -sich der Bordellbesuch mit dem Umsichgreifen -der Lustseuche immer mehr, bis er -endlich derart gesunken war, dass die Obrigkeiten -die Aufhebung der Frauenhäuser veranlassten, -nicht selten erst, nachdem die -Ruffiane davongegangen und die Dirnen -selbst krank geworden oder in alle Winde -zerstreut waren.</p> - -<p>Die Prostitution selbst erlitt durch den -Wegfall der Bordelle nur geringe Einbusse. -Das Verschwinden ihrer Kasernen tilgte das -Schandmal nicht von der Stirne der Dirnen; -sie mussten in dieser Zeit, die sie verachtete -und gleichzeitig fürchtete, bleiben, was sie -vordem waren, wenn auch der Selbsterhaltungstrieb -sie zwang, ihr Gewerbe mehr zu -verschleiern. So wurde aus vielen der Frauenhäuslerinnen -jene »Sunneweigerinnen«, fahrende -Weiber, die unter der Marke, bekehrte -Dirnen zu sein, um Sancta Maria Magdalenas -willen bettelnd durch die Lande zogen und, -wenn sich Gelegenheit bot, gerne wieder in -ihr früheres Metier verfielen. Diese nun -vagierenden Bordellmädchen vermehrten die -Zahl der landstreichenden Dirnen, sie waren -aber keineswegs die Urheberinnen der reisenden -<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a> -Prostitution. Früh hatten die nach Rom -ziehenden Pilgerinnen und Wallfahrerinnen, -der Verführung auf der langen Reise nachgebend -und der Not erliegend, in den Städten -des fränkischen Reiches und der Lombardei -sich zu Priesterinnen der Venus vulgivaga gewandelt -(Bonifazius epistolae 73). Sie bevölkerten -entweder fern von ihrer Heimat -die Bordelle, oder fuhren, das neue Gewerbe -ausübend, erst ihrem Ziele zu und dann weiter -vagierend durch die Welt.</p> - -<p>Das »varende vip« zog während des -ganzen Mittelalters den Hoflagern, den Krönungen, -Reichstagen, Turnieren, Kirchtagen, -Jahrmärkten, Konzilien, überhaupt allen Versammlungen -der mittelalterlichen Gesellschaft -zu, die ihnen durch das Zusammenströmen -verschiedenartiger, den Fesseln der heimatlichen -Beobachtung entrückter Elemente, Verdienst -zu bieten schienen. An dem zweimal -im Jahre stattfindenden Jahrmarkt zu Zurzach -im Kanton Aargau beteiligten sich oft über -100 solcher Auswürflinge an dem berüchtigten -»huorendanz«, der ungezählte Zuschauer -aus allen schweizer Gauen anlockte. -Durch ihre Zahl und die Frechheit in Ausübung -ihres Berufes wurden sie oftmals zur -Landplage. So wurde einmal in Basel die -<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a> -Klage laut: »Junge Töchter und alte Frauen -machten auf der Strassen Königinnen; da -kann schier ein biederb Mann nit durch -die Gassen kommen, so fallen sie ihn an -und wollen Geld von ihm gehegt han.« -Bekamen sie dies nicht, so pfändeten sie -ihn und nahmen Hut und Gugel ab. Aber -ganze Heere der Ausüberinnen gewerbsmässiger -Liebe stellten sich dort ein, wo -geistliche und weltliche Würdenträger zu -gemeinsamer monate-, selbst jahrelang währender -Beratung zusammen getreten waren. -Auf dem Konstanzer Konzile von 1315 waren -schon »heimlich frouwen und courtisaninen -gar vil«, von denen Oswald von Wolkenstein -singt:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Wer seines Leids ergötzt will sein,</div> - <div class="verse indent0">Und ungenetzt beschworen fein,</div> - <div class="verse indent0">Der zieh' gen Kostnitz an den Rhein,</div> - <div class="verse indent0">Ob ihm die Reis' wohl füge.</div> - <div class="verse indent0">Darinnen wohnt manch' Fräulein zart,</div> - <div class="verse indent0">Die können spielen um den Bart ....«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Dem Reichstage von Frankfurt a. M. -wohnten 1394 an 800 Fahrende bei; hingegen -überbot an dem von 1414 bis 1418 in -Konstanz tagenden Konzil ihre Menge alles -bisher Dagewesene. Ihre Zahl schwankt bei -den verschiedenen Autoren zwischen 450 -<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a> -und 1500. Der Generalquartiermeister des -Herzogs Rudolf von Sachsen, Eberhard Dacher, -sollte auf Befehl seines in Konstanz anwesenden -Herrn die dort befindlichen Kurtisanen -zählen. »Also ritten wir von einem -Freudenhaus zu dem andern und wir fanden -in dem einen Hause dreissig, in einem weniger, -dann wieder mehr und so ergaben sich, ohne -die zu zählen, die sich in den Badestuben -oder Ställen aufhielten, bei siebenhundert -gemeiner Frawen.« Nun wollte der Herzog -auch noch die Anzahl der geheimen Dirnen -wissen, aber Dacher bat flehentlich, von -dieser Volkszählung enthoben zu werden, -da er es »nicht metig zu tun; ich wurde villeicht -um die Sach ertötet«. So stand denn -der Herr von seinem Vorhaben ab. Von -einer dieser Dirnen, einer Wiener Hübschlerin, -meldet von der Haardt, dass sie mit einem -erbuhlten Vermögen von 800 Goldgulden -aus Konstanz gezogen sei. Sie scheint nicht -vereinzelt dagestanden zu haben, wie aus -dem 1415 gedichteten Volksliede Eberhart -Windeckes hervorgeht:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Nun hat man neue Märe im Lande vernommen</div> - <div class="verse indent0">Seit das Konzilium gen Konstanz ist kommen</div> - <div class="verse indent0">Die Dirnen sind gemehlich (Freude bereitend)</div> - <div class="verse indent0">Und sind auch worden wacker und reich.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a> -Freilich gelang es nur den allerwenigsten, -wacker und reich zu werden. Die Mehrzahl -konnte sich niemals von der Anfangsstufe -in die Höhe arbeiten; meist sanken sie, namentlich -bei zunehmendem Alter, bis zur -landstreichenden Bettlerin, die den Busch -oder den Wegrand zum Liebesgemach erkor -und auch dort das besudelte, verfehlte Leben -endete.</p> - -<p>Diese Fahrenden rekrutierten sich in der -Hauptsache aus entlaufenen Bauernmädchen -und den Frauen und Töchtern der vagabundierenden -Bettler und Gaukler. Die Anrüchigkeit -und Unehrlichkeit des vormaligen -Artistenstandes zwang die armen, schon -durch ihre Geburt gebrandmarkten Geschöpfe -zur feilen Liebe. Wo sie erschienen, -standen sie ausserhalb der Gesellschaft, dem -Henker und Totengräber gleich; ihre Berührung -befleckte, ihr Eintritt in ein Haus -galt als unheilbringend und die Ehrlichen -jagten sie erbarmungslos mit Schimpf und -Schande von ihrer Schwelle. Sogar der -Scherge fühlte sich zu gut, über sie zu -wachen, man gab ihnen ein eigenes Oberhaupt, -den Pfeifer- oder den »<em>Bubenkönig</em>«, -dem die Beaufsichtigung aller -Vaganten und fahrenden Frauen oblag, -<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a> -und der noch 1512 in Köln seines Amtes -waltete.<a name="FNanchor_153" id="FNanchor_153" -href="#Footnote_153" class="fnanchor">[153]</a></p> - -<p>An der Kirchhofsmauer oder auf dem -Anger, wo die armen Sünder ohne Sang -und Klang eingescharrt wurden, war auch -ihre letzte, gar oft nur widerwillig gewährte -Ruhestätte. Kein Hügel wölbte sich über -das Grab der bis über das Leben hinaus -verachteten Heimatlosen. Ohne Obdach -zu besitzen, irrten sie ruhelos umher, heute -im Überfluss schwelgend, morgen den Hunden -der Herrenhöfe das Futter entreissend; -stehlend, wo sich Gelegenheit bot, auch vor -einem Gewaltsakte nicht zurückbebend, wenn -er nur Beute versprach, ohne Rechtsbewusstsein, -ohne Ahnung von Menschenwürde, vertiert -wuchsen sie auf, als Landplage gehasst -und verfolgt.</p> - -<p>Solch unglückseligen Weibern konnte die -Hingabe um Lohn nichts weiter sein als -ein Verdienst, ein leichter, willkommener -sogar, der ihnen keinerlei Bedenken einflösste. -Woher sollten sie von Moral wissen, -sie, denen Scham etwas Unbegreifliches war, -deren Lumpen kaum die Blössen bedeckten. -Im »Liber Vagalorum« findet sich eine -<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a> -Gruppe von drei Fahrenden, einem Mann -und zwei jungen Frauen, die mit Reisigbündeln -beladen auf der Landstrasse dahin -ziehen. Den Weibern hängen die Fetzen -vom Leibe, sie enthüllen mehr als sie verdecken, -wohl absichtlich, einerseits, um mildherzige -Frauen zur Verabreichung abgelegter -Kleidungsstücke zu bewegen, andererseits, -um durch die zur Schau getragenen Reize -Männer zu locken.</p> - -<p>Auf einer etwas höheren Stufe als bettelnde -Landstörzerinnen standen die fahrenden -Gauklerinnen, die sich aber erst vor einer -kurzen Spanne Zeit der auf ihnen die ganze -Vorzeit hindurch lastenden allgemeinen Missachtung -entringen konnten. Noch zu Anfang -des 18. Jahrhunderts hiess es von -ihnen: »Taschen-Spielerin Heissen diejenigen -im Land herum vagirenden und auf die -Jahr-Märkte reisenden liederlichen Weibes-Bilder, -so dergleichen wunderliche Profession -treiben und den Zuschauer allerhand Blendwerck -durch ihre Kunst und Geschwindigkeit -so wohl mit der Karten als auch andern -darzu verfertigten künstlichen Instrumenten -vormachen.«<a name="FNanchor_154" id="FNanchor_154" -href="#Footnote_154" class="fnanchor">[154]</a> Nach derselben Quelle ist die -<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a> -»Seil-Täntzerin eine leichtsinnige Weibes-Person, -so in dem Lande herum ziehet und -ihre Kunst auf dem Straffen oder Schweng-Seil -zu tantzen, öffentlich um Geld sehen lässt«.</p> - -<p>Diese Künstlerinnen, denen auch Abraham -a St. Clara vieles am Zeuge zu flicken -hat, waren selten besser als ihr Ruf. Als sich -Grimmelshausens »seltzamer Springinsfeld« -ärgert, dass seine Neuvermählte »ihre Jungfrauschafft -nicht zu ihm bracht, sagte sie: -Bist du dann so ein elender Narr, dass du -bey einer Leyrerin – ein Mädchen, das mit -einer Leier umherzog – zu finden vermeint -hast, dass noch wol andere Kerl, als du -einer bist, bey ihren ehrlich geachten Bräuten -nicht finden? Wann du in solchen Gedanken -gewesen bist, so müsste ich mich deiner -Einfalt und Thorheit zu kranck lachen ...«</p> - -<p>Wie den Krönungen und Konzilien, eilten -die Fahrenden in grossen Massen den -Heeren zu. Schon die Kreuzfahrer zogen -in Begleitung von Scharen leichtfertiger -Weiber nach dem orientalischen Kriegsschauplatz. -Einzelne sittenstrenge Feldherrn, -wie Kaiser Friedrich Barbarossa (1154) liessen -zwar die Dirnen aus den Lagern jagen, richteten -damit aber für die Dauer wenig aus. -Ludwig der Heilige musste zu seinem -<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a> -Schmerze sehen, dass sich innerhalb der -Lager, nahe dem königlichen Zelt, unter -dem Protektorate von Hofleuten stehende -Bordelle erhoben.</p> - -<p>Als die Heere grösser und durch die -unausgesetzte Verwendung beinahe schon -zu stehenden wurden, wuchs der Tross -der Soldatenmenscher mit ihnen. Welche -Mengen von Dirnen bei den Heeren, zu -deren Bestand sie mit der Zeit gezählt -wurden, anzutreffen waren, geht aus einer -Angabe Wilmolt von Schaumburgs hervor, -dass bei der Belagerung von Neuss Karl -der Kühne: »liess den profosen die gemainen -weiber, der <em>ob dem viertausend -un hör waren</em>, zu der Arbeit berufen und -versahn. Denselben weiben wart durch den -herzogen ain Fendlein (Fahne) geben, daran -was ein Frau gemalt, und wan si zu oder -von der arbait giengen, wart in mit dem -Fendlein, auch trummen und pfeifen vorgegangen«. -Der deutsche Condottiere Werner -von Urslingen hatte 1342 bei einem Bestand -von 3500 Mann 1000 feile Dirnen, Buben -und Schelme (meretrices, ragazzii et rubaldi -satis) aufzuweisen.<a name="FNanchor_155" id="FNanchor_155" -href="#Footnote_155" class="fnanchor">[155]</a></p> - -<p><a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a> -Um dieses Heer im Heere im Schach -zu halten, gab man ihnen einen mit weitgehenden -Vollmachten ausgerüsteten Vorgesetzten, -den <em>Hurenweibel</em>, dem sie -sowie das Gelichter der Trossbuben und alle -sonstigen Drohnen unbedingt zu gehorchen -hatten.</p> - -<p>»Ampt und Bevelch des Hurenweybels« -betitelt sich der Abschnitt über die Obliegenheiten -dieses meist im Hauptmannsrange -stehenden Offiziers und seines Leutnants und -Fähnrichs. Dieser »Bevelch« schreibt dem -Waibel vor, darauf zu sehen, dass die »gemeinen -Weiber« getreulich ihre Herren abwarten, -auf dem Marsche das Gepäck tragen, -im Lager kochen, waschen, die Kloaken -reinigen, Kranke pflegen, »sonnst wo man -zu feldt liegt, mit Behendigkeit lauffen, rennen, -einschenken, Fütterung, essende und trinkende -Speis zu holen, neben anderer Nothdurft, sich -bescheidentlich zu halten.« Ihm ist das Recht -zugestanden, Vergehen, der »Huren und Buben« -durch »mechtig übel« Schläge zu ahnden, sie -überdies mit möglichster Strenge zu halten, -da sonst »würden faule Schwengel und Huren -gar zu viel«. Also durch Abschreckungstheorie -suchte man den Zuzug neuer Individuen hintanzuhalten. -Überdies sollte der Tross zu allen -<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a> -militärischen Nebenarbeiten herangezogen -werden. Seine Angehörigen sollten Wege -ausbessern, Gräben aufwerfen oder füllen, -Holz zu Schanzkörben und Verhauen herbeischleppen, -Hand anlegen, wenn die Bagagewagen -oder die Geschütze im Wegmorast -stecken blieben, und dieses alles ohne Widerrede -»bei ernstlicher straff, so ihnen aufferlegt -wird.« Sie sollten auch nicht »umsonst -einkauffen« d. h. stehlen, bei Todesstrafe. -Man sieht, das Los einer Soldatendirne war -kein rosiges und trotzdem sangen sie:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ob wir schon übel werden geschlagen,</div> - <div class="verse indent0">So thun wirs mit ein Landsknecht wagen.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Das zweifarbige Tuch und die flatternden -Fahnen waren Lichter, die sie in hellen Haufen -anzogen, die sie umflatterten, bis sie versengt -zu Grunde gingen. Herzog Alba, der -spanische Würger, führte ein Gefolge von -vierhundert Lustweibern zu Pferd und über -achthundert zu Fuss mit seinem Söldnerheere -nach den Niederlanden. Sie waren in -Kompagnien geteilt und in Reih und Glied -geordnet. Jeder war je nach Schönheit und -Herkunft ein Liebhaber gegeben, dem sie -bei Strafe anzugehören und treu zu sein -hatte. Im dreissigjährigen Kriege verlor die -Stellung des Hurenweibels an Ansehen, er -<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a> -sank zum gemeinen Soldaten herab, dem -das Heer ebenso wenig Achtung zollte, wie -der ihm unterstellte Tross. Mit der Einrichtung -der stehenden Heere verschwand das -Weibergefolge auf dem europäischen Festlande, -und mit ihm auch der Weibel.</p> - -<p>Das völkermordende dreissigjährige Würgen, -das Deutschland auf Jahrhunderte zu -Grunde gerichtet, seine vormals blühenden -Gegenden in menschenleere Wüsteneien verwandelt, -bot dem fahrenden Dirnentum den -günstigsten Nährboden. Ihre Zahl wuchs ins -Unmessbare, denn jede eroberte Stadt, jedes -eingeäscherte Dorf vermehrte das Heer der -Soldatenweiber. Gezwungen oder freiwillig -folgten die ihrer Heimat, ihrer natürlichen -Beschützer beraubten Mädchen und Frauen -ihren Vergewaltigern, bei denen sie wenigstens -nicht verhungerten, bis sie am Wege starben, -oder unter den Fäusten ihrer entmenschten -Liebhaber verröchelten. Was galt in diesen -Unglücksjahren ein Menschenleben und gar -das Leben einer Dirne, jenes Geschmeisses, -das zu zertreten der Laune seines Besitzers -frei stand.</p> - -<p>Das Zeitalter des grossen Krieges entfesselte -in bis dahin ungeahnter Wildheit -das Tier im Menschen. Alle Greuel, die ein -<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a> -krankhaft-überspanntes Gehirn auszuhecken -vermag, überbot die zügellose Soldateska, -jener Auswurf der Menschheit, der unter dem -Schutz der Fahnen und entmenschter Führer -die Bestien des Urwaldes an Blutdurst und -Grausamkeit übertraf. Jedes Weib ohne -Rücksicht auf Alter war verloren an Leib und -Seele, das diesen Scheusalen in die Hände -fiel. Grausamkeit und Wollust, diese beiden -Stiefschwestern der Liebe, steigerten sich bei -diesem vertierten Gesindel zu einer unerhörten -Intensivität. Moscheroschs »Philanders -von Sittewald wunderliche und -wahrhaftige Gesichte« und Christoffel von -Grimmelshausens »Simplizianischen Schriften« -entrollen grauenvolle Bilder des bluttriefenden -Übermutes, die durch die Chroniken -jener Zeit nicht nur als wahrheitstreu, sondern -oft sogar durch dichterische Retouche gemildert -nachgewiesen wurden.</p> - -<p>Darum gewinnt das Bild einer Soldatendirne -des dreissigjährigen Krieges, das -Grimmelshausen gezeichnet, den Wert eines -kulturgeschichtlichen Dokumentes, dessen -Details uns getreulich das Werden, Leben -und den Untergang eines dieser bedauernswerten -Geschöpfe vergegenwärtigen. Der -Titel der »Ertzbetrügerin und Landstörtzerin -<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a> -Courasche«, gedruckt in Utopia bei Felix -Stratiot, nimmt vierundzwanzig Zeilen ein, -und achtundzwanzig Kapitel behandeln das -Leben dieser Courage von ihrer Kindheit an, -bis zu ihrem hohen Alter.<a name="FNanchor_156" id="FNanchor_156" -href="#Footnote_156" class="fnanchor">[156]</a> Der kurzgefasste -Inhalt des Büchleins, soweit es uns -interessierende Themen enthält, ist folgender: -Jungfer Lebuschka ist von ihren unbekannten -Eltern einer Bäuerin in Bragoditz, jetzt Prachatitz, -in Böhmen zur Pflege anvertraut. Als -sich der Krieg gegen Prachatitz zu ziehen -scheint, beredet die Pflegemutter das dreizehnjährige -Mädchen, sich als Knabe zu -kleiden, um so der Schändung zu entgehen. -Aus Jungfrau Lebuschka wird der Knabe -Janco, der von den Soldaten mitgeschleppt -wird, als »die Männer in der eingenommenen -Stadt von den Überwindern gemetzelt, die -Weibsbilder genohtzüchtiget und die Stadt -selbst geplündert worden«. Der Rittmeister -des Trupps, dem Lebuschka in die Hände -gefallen, behält sie selbst als Trossbuben, bis -bei einer Rauferei ihr Geschlecht erkannt -und sie zur Maitresse ihres Herrn wird. Ihre -oft bewiesene Unerschrockenheit hat ihr den -Namen Courage eingebracht, den sie nicht -<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a> -mehr los wird. Mit ihrem Rittmeister zieht -Courage weit in der Welt umher, bis nach -Ungarn, wo er vor Neuhäusel (Neussol) eine -tödliche Wunde erhält. Auf dem Sterbebette -reicht er Courage seine Hand, die nun Frau -Rittmeister und gleich darauf Witwe wird. -Mit der Beute ihres verstorbenen Gatten -reich ausgestattet, kommt Courage nach Wien, -wo sie verschiedene einträgliche galante -Abenteuer besteht. Die Sehnsucht, Prachatitz -wiederzusehen, führt sie über Prag dorthin, -doch auf der Reise wird sie von Mansfeldischen -Reitern aufgehoben, in eine verlassene -Meierei geschleppt, vergewaltigt, -aber mit ihrem Eigentum von einem feindlichen -Hauptmann aus den Klauen der -Mansfelder befreit. Sie weiss den Hauptmann -zu ködern, sie zur Gattin zu nehmen, -und bleibt ihm aus Berechnung treu, bis er -am 22. April 1622 in Wiesloch in Baden -fällt. »So ward ich wiederumb in einer -kurtzen Zeit zu einer Wittib.«</p> - -<p>Courage geniesst ihr Leben, freut sich -der teilweise selbst gemachten reichen Beute, -die sie mit einem schwarzhaarigen Leutnant, -»einem Italianer« teilt, der sie ihres Geldes -wegen zur Frau nimmt. Nach der ersten -grossen Schlägerei nimmt der junge Ehemann -<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a> -aber Reissaus, und später erfährt Courage, -dass der schöne Offizier als Deserteur -gehenkt wurde. Mit ihm verduftete leider -die ganze Barschaft unserer Heldin, die nun -wieder aufs Rauben auszieht, wobei sie -manch kostbare Beute an Geld und Juwelen, -einmal sogar einen leibhaftigen Major, nach -Hause bringt. Durch ihre Aufführung wird -aber unsere Courage mehr und mehr verrufen -und dadurch sogar beim »Lumpengesindel -beym Tross« derart unmöglich, -dass sie es vorzieht, wieder einmal für -einige Zeit zu verschwinden, und ruhig -und ehrbar in einer Stadt sich für einen -Fischzug nach einem neuen Ehegatten zu -stärken.</p> - -<p>Ihr Wohnort erweist sich als ungeeignet -für ihre Pläne, darum fasst Courage den -Entschluss, noch einmal den Versuch zu -wagen, ihre Pflegemutter in Prachatitz zu -erreichen. Diesmal gelingt es besser als -das erste Mal. Courage erfährt von ihrer -Pflegemutter, wie ihr Vater vormals einer -der gewaltigsten Herren im Reiche gewesen, -der sich jetzt aber, als Rebell vertrieben, -bei den Türken aufhält. Ihre Mutter war -Kammerjungfer bei des Grafen (Courages -Vater) Gattin, ist nun aber längst tot.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a> -Als Courage von Prachatitz nach Prag -zurückkehrt, nimmt sie die alte Bäuerin -mit sich, die fürder als ihre Mutter gelten -soll. Unter der Maske, durch den Krieg aus -ihrem Besitztum vertrieben zu sein, suchen -sie offiziell ihren Unterhalt durch Nähen -und Sticken zu erwerben, was dank der -Nebenbeschäftigung Courages gelingt, ohne -dass sich ihr etwa 3000 Reichsthaler belaufendes -Vermögen verminderte. Ein Hauptmann, -dem es weniger um Ehre als um -Geld zu thun ist, wirbt um Courage; sie -wird seine Frau, muss aber mit ihrem Manne -bald nach der Trauung den sicheren Port -Prag verlassen und nach Holstein aufbrechen.</p> - -<p>Courage fand es diesmal für gut, ihren -Mann in Einzelheiten ihres Lebens einzuweihen -– natürlich erzählt sie nur, was -ihr in den Kram passt –, um unliebsamen -Entdeckungen zuvorzukommen, die bei ihrer -Berüchtigtheit in allen deutschen Heeren -nicht ausbleiben können. Da sie ihrem -Manne treu bleibt, prallen auch alle Zuträgereien -an diesem ab, und sie leben -glücklich, bis ein Kanonenschuss bei der -Belagerung des Schlosses Hoya sie neuerdings -zur Witwe macht. Das Schloss wird -übergeben, und zum Unglück fällt Courage -<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a> -jenem Major in die Hände, den -sie früher einmal gefangen genommen hat. -Er nimmt die denkbar gemeinste Rache -an dem Weibe, das er vor und mit seinen -Offizieren prostituiert und endlich den Trossbuben -preisgeben will, als ein dänischer -Offizier sie frei bittet, um sie auf sein -Erbschloss in Dänemark in Sicherheit zu -bringen. In Verborgenheit bringt Courage -einige Monate auf diesem Schlosse zu, bis -die Eltern des Adeligen von ihrem Aufenthalt -erfahren und sie, um die geplante Heirat -ihres Sohnes mit der Dirne zu hintertreiben, -nach Hamburg locken, wo man sie ihrem -Schicksale überlässt, so dass sie anfängt: -»mit dem Schmalhansen zu conferirn, der -mich leichtlich überredete, mein täglich Maulfutter -mit meiner nächtlichen Handarbeit zu -gewinnen«. Es wird ihr leicht, da Hamburg -und seine Grenzgebiete von Truppen überschwemmt -sind. Ein junger, strammer Reiter, -den sie sich zum Herzensfreund erkoren, -gerät ihretwegen in Streit mit seinem Korporal, -wird arkebusiert, sie aber wird schimpflich -durch den Steckenknecht aus dem Lager gebracht. -Zwei Reiter fallen sie an, von denen -sie einen tötet, den anderen aber mit Hilfe -eines hinzukommenden Soldaten in die Flucht -<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a> -schlägt, worauf sie ihrem Retter zu seinem -Regimente folgt. Courage findet die böhmische -Theatermutter wieder, die sie bereden -will, mit ihr nach Prag zu gehen, um dort -in Ruhe zu leben; aber das wilde Blut in -der Soldatendirne will durch Abenteuer in -Wallung erhalten sein, und so bleibt sie -denn beim Heere und gerade bei jenem -Regimente, dem ihr gefallener Gatte, der -Hauptmann, angehört hatte. Als Marketenderin -zieht sie mit dem Heer über die -Alpen nach Italien und entschliesst sich -endlich, den Soldaten zum Liebhaber zu -nehmen, der ihr vordem in ihrem Kampfe -mit den Marodeuren beigestanden. Aus der -Frau Hauptmännin wird eine Musketiersmaitresse. -Springinsfeld, der junge Pseudo-Ehemann, -hilft seiner Geliebten bei der -Marketenderei, während sie, die alte Pflegemutter -als Kupplerin benützend, ihrem Liebsten -Hörner schockweise aufsetzt, viel Geld -damit verdient, das sie in sicheren Wechseln -nach Prag sendet. Wenn die Geldquelle -zu versiegen droht, weiss sie sich mit Springinsfelds -Hilfe durch Diebstähle schadlos zu -halten, bei denen ihr Buhle recht geschickt -als Werkzeug benutzt wird. Inzwischen ist -Courage des Genossen überdrüssig geworden -<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a> -und sucht eine Gelegenheit, sich seiner zu -entledigen. Eines Nachts, als sie neben ihm -schläft, packt sie der Springinsfeld in schlafwachem -Zustand, wirft sie über die Achsel -und eilt mit ihr dem Wachtfeuer bei des -Obersten Zelt zu. Unterwegs erwacht Courage, -ihr Geschrei weckt das Lager, dessen -Insassen von allen Seiten herbeieilen, sich -den lächerlichen Vorfall, »die Gugelfuhr«, -die nackte Courage auf der Schulter ihres -halbnackten Galans, zu besehen. Die Gelegenheit, -den Liebhaber los zu werden, ist -endlich gefunden, denn selbst der Profoss -befiehlt die Trennung von einem Menschen, -der im Schlafe zu einem Morde fähig scheint, -und mit einem Pferde, Geld und dem -<i>spiritus familiaris</i>, einem Galgenmännlein, -das seinem Besitzer alle Wünsche erfüllt, -aber dessen Seele dem Teufel zuführt, beschenkt, -zieht Springinsfeld seiner Wege. Auch -Courage wird im Regimente bald der Boden -zu heiss unter den Füssen, und mit ihrem -erbuhlten und ergaunerten Besitztum überreich -ausgestattet, wählt sie erst Passau, -dann Prag zum ständigen Aufenthalt, um -dort das Ende des Krieges abzuwarten. Obgleich -älter geworden, gelingt es Courage -doch noch einmal, einen Hauptmann zum -<a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a> -Gatten zu kapern, sie verliert aber den -Mann, »der noch kaum bey mir erwarmet« -wieder und begiebt sich nun in das Vaterland -ihres ersten Hauptmanns-Gatten, wo -es ihr so gut gefällt, dass sie sich sesshaft -macht und all ihr Geld in Grundbesitz anlegt. -Sie hofft auf den nahe bevorstehenden -Frieden, sieht sich aber getäuscht, denn die -Rationierungen und Einquartierungen der -durchziehenden Soldateska, dazu die Steuern -drohen ihr Vermögen aufzuzehren, weshalb -sie auf das bei ihrer Qualität sehr naheliegende -Auskunftsmittel verfällt, ihr Haus -zu einem Bordell für die Soldaten zu machen. -Das Geschäft floriert einige Jahre glänzend, -doch nötigt sie ein bei ihrem Berufe naheliegendes -Leiden, ein Heilbad aufzusuchen, -in dem sie den Simplicius Simplicissimus -kennen lernt. Wie sie diesen jungen Mann -und berühmten Soldaten belügt und betrügt, -füllt das 24. Kapitel ihrer Memoiren, die -nun ihrem Ende zugehen. Ihr Luderleben -veranlasst endlich die Obrigkeit ihres Wohnortes, -ihr Haus zu sperren und sie mit ihren -Mägden davonzujagen. Sie nimmt noch -einmal mit wechselndem Erfolge ihr altes -Metier wieder auf, bis sie einer Zigeunertruppe -in die Hände gerät. Der Leutnant -<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a> -dieser Vaganten begehrt sie ob ihrer Schlauheit -zum Weibe, und mit ihm und ihrer -Truppe, die sie zur Königin erkiest, durchzieht -sie fortan nach Zigeunerweise die deutschen -Länder – ein Schicksal, das vielen -Soldatenweibern beschieden war, die nach -dem Frieden bei Räuberbanden blieben, von -denen das arme, hinsterbende Deutschland -noch lange gebrandschatzt wurde.</p> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak"> -Das Badewesen. -<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a></h2> -</div> - -<p> -Der Gebrauch von Bädern war in der -deutschen Vergangenheit ungleich verbreiteter -und allgemeiner als heutzutage. Allen -Bevölkerungsschichten, von dem niedrigsten -Knechte bis zum ehrfurchtsvoll gegrüssten -und vielbeneideten Stadtgrossen, war das -Baden nicht nur ein unabweisbares Bedürfnis, -sondern auch ein unentbehrlich gewordenes -Vergnügen, das den sieben grössten -Freuden des Lebens zugezählt wurde, »es -war ein sauber spiel, Das ich immer preisen -wil«<a name="FNanchor_157" id="FNanchor_157" -href="#Footnote_157" class="fnanchor">[157]</a>, darum heisst es im »Schertz mit der -Warheyt« (Frankfurt 1501):</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Wiltu ein Tag frölich sein?</div> - <div class="verse indent6">geh ins Bad;</div> - <div class="verse indent0">Wiltu ein Wochen frölich sein?</div> - <div class="verse indent6">lass zur Ader;</div> - <div class="verse indent0">Wiltu ein Monat frölich sein?</div> - <div class="verse indent2">schlacht ein Schwein;</div> - <div class="verse indent0">Wiltu ein Jahr frölich sein?</div> - <div class="verse indent2">Nimm ein jung Weib.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a> -Reinigungs- und Erfrischungsbäder galten -seit frühester Zeit für eine heilsame diätetische -Übung, was wohl darin seinen Grund -haben mochte, dass einerseits die Kleidung -schwerer war und dichter den Körper umschloss, -als die heutzutage getragene, andererseits -die Leibwäsche und ihr regelmässiger -Wechsel weit weniger gebräuchlich -waren, als in der Gegenwart. Zur Ergötzlichkeit -dienten die Bäder nicht zuletzt dadurch, -dass sich in den Baderäumen fast -immer eine grössere Gesellschaft beiderlei -Geschlechts zusammenfand. Aus den germanischen -Urzeiten hatte sich der Gebrauch -des Zusammenbadens von Männern und -Frauen in das Mittelalter hinüber erhalten.</p> - -<p>»Und doch macht man aus der Geschlechtsverschiedenheit -kein Geheimnis, -denn beide Geschlechter baden sich gemeinschaftlich -in Flüssen und tragen unter den -Fellen und kleinen Decken von Renntierhäuten -den Leib grösstenteils bloss,« sagt -Caesar.<a name="FNanchor_158" id="FNanchor_158" -href="#Footnote_158" class="fnanchor">[158]</a> Die Kirche eiferte bereits im Jahre -745 auf der unter dem heil. Bonifazius abgehaltenen -Synode gegen diesen Unfug, den -aber auch spätere Beicht- und Buss-Ordnungen -<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a> -ebensowenig abzustellen vermochten, -wie das Pönitentiale von Magdeburg.</p> - -<p>In der Ritterzeit erwartete den Gast sofort -nach seiner Ankunft das Bad, um den -von der schweren Rüstung hart mitgenommenen -Körper neu zu stärken. »Man schuf -ihm ein Gut Gemach von Kleidern, Speis' -und Bade,« heisst es an manchen Stellen -im Iwein, Wigalois und Tristan. Ebenso im -Biterolf:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Und Gunther dann die Helden bat,</div> - <div class="verse indent0">Dass sie nach Haus sich liessen laden.</div> - <div class="verse indent0">Er wollte schön sie heissen baden,</div> - <div class="verse indent0">Und ihnen schenken seinen Wein.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Auch Ulrich von Lichtenstein meldet mit -Behagen, wie den Rittern nach sattsamen -Kampfspielen manch schönes Bad bereitet -ward, worin sie sich dann bis tief in die -Nacht hinein ergötzten.</p> - -<p>Die Hausfrau mit ihren Zofen sind überall -dem Willkommenen beim Bade behilflich, -oft auch die jungfräulichen Töchter der -Wirtin. So wird Parzival auf seines Lehrmeisters -Gurnemanz von Graharss' Burg im -Bade von Jungfräulein bedient, die mit -»blanken, linden Händen« seinen Leib -streichen. Wie Parzival lässt sich Herr -Jakob von Warte, der Vetter des Königsmörders, -<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a> -nach dem Bilde der Heidelberger -Manesseschen Liederhandschrift von Edeldamen -betreuen, während er in dem mit -Blumen bestreuten Bade sich von den vorhergegangenen -Strapazen erholt. Die eine -der Damen knetet des Ritters Arm, eine andere -schmückt sein Haupt mit einem Blumenkranze, -indes die dritte ihm einen Becher -darreicht. Am Boden bei der Wanne facht -eine Magd mit einem Blasebalge Feuer -unter dem Wasserkessel an. Königin Isolde -bereitet ihrem Tristan das Bad und bringt -ihm Salben, »die zu seinen Wunden gehörten; -sie salbte, band und badete ihn, -dass er ganz zu seinen Kräften kam«.</p> - -<p>Doch auch der umgekehrte Fall kam vor.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Man sorgte, dass die Mägde zu Bade mochten gehn,</div> - <div class="verse indent0">Hartmuths Vettern sah man als Kämmerer beflissen, –</div> - <div class="verse indent0">Ein jeder wollt ihr dienen, sie als Königin geneigt zu wissen,«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>heisst es in der Gudrun. Schamhaftigkeit -drückte eben weder Männer noch Frauen. -»Meleranz überrascht eine Dame, die eben -unter der Linde ein Bad nimmt. Das Bad -ist mit einem Samît bedeckt, daneben steht -ein herrliches, aus Elfenbein geschnitztes -Bett. Um das Bett zieht sich ein Vorhang, -bestickt mit der Geschichte von Paris und der -<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a> -Helena und den Abenteuern des Aeneas. Als -Meleranz herantritt, fliehen die Dienerinnen -der Dame; diese selbst ist viel weniger prüde. -Sie hebt schnell den Samît, der den Bottich bedeckt, -auf, ruft den Ritter ganz zu sich und befiehlt -ihm, ihr nun statt der entlaufenen Mägde -Hilfe zu leisten. Er muss ihr das Badehemd, -den Mantel und die Schuhe herbeiholen. Während -sie sich trocknet und die Kleider anlegt, -tritt er bescheiden zur Seite, folgt aber -wieder ihrem Rufe, als sie sich auf das Bett -gelegt, und scheucht ihr die Mücken, bis -sie sanft entschlummert ist.«<a name="FNanchor_159" id="FNanchor_159" -href="#Footnote_159" class="fnanchor">[159]</a> In den Baderäumen -grosser Burgen fand sich häufig -eine Galerie, von der aus Zuschauerinnen -die badenden Gäste mit Blumen zu bestreuen -pflegten. In dem Badehaus-Anbau -aus dem 13. Jahrhundert auf der Wartburg -ist noch ein solcher Balkon zu sehen. »Als -eine Steigerung des Genusses galt diesem -wohllebigen Geschlechte, wie den Saal und -den Schlafgaden, so auch das Bad mit -Blumen, besonders Rosen, zu bestreuen. -Wie Jakob von Warte, werden auch Parzival -Rosen in das Bad geworfen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a> -Nach den Kreuzzügen, die ausser orientalischen -Lastern auch bis dahin unbekannte -Krankheiten in die Heimat brachten, nahm -der Bädergebrauch in Deutschland einen -riesenhaften Aufschwung, denn die Bäder, -besonders die Schwitzbäder, galten mit Recht -als einziges Schutzmittel gegen den eingeschleppten -und sich unaufhaltsam verbreitenden -Aussatz. Überall erstanden Bäder. -Guarino, ein Gelehrter, in Verona zwischen -1370 und 1460 lebend, sagt, dass zu seiner -Zeit in Deutschland jede Stadt, selbst jedes -Dorf, ein öffentliches Bad besessen habe.</p> - -<p>Die Badestuben enthielten Schwitz- und -Wannenbäder; Bäder mit Dampfheizung -waren dem 15. Jahrhundert nichts Neues -mehr. In der bereits erwähnten Bellifortis-Handschrift -Kyesers befinden sich zwei Zeichnungen -solcher künstlich durchwärmten -Bäder mit allerdings recht primitiven Dampferzeugungs-Anlagen -im Unterbau.</p> - -<p>Ausser den öffentlichen Badehäusern, -deren Besuch manchem Ausnahmemenschen -nicht zusagen mochte, gab es in den Wohnhäusern -besser situierter Leute Badegelegenheit -und selbst in den meisten kleineren -Häusern noch Badewannen oder Kufen, -»darin er (der Hausherr) etwa mit seinem -<a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a> -Weibe oder sonstem einen guten Freund -sitzet oder ein Kändele drei vier Wein neben -guten Sträublen ausleeret«. Die reichen -Bürger der vornehmen Handelsstädte hielten -sich gänzlich von den allgemeinen Bädern -fern. Sie verfügten meist über eigene mit -»Padofen«, dem Kessel zum Erwärmen des -Wassers, Wanne und »Padschefflen« ausgestattete -Stuben, »kleine gewachsame Badstüblein -mit iren Wasser Kenelin«, zu der -noch das »abeziehkemerlen«, der Auskleideraum, -gehörte. In den Nürnberger Patrizierhäusern -waren solche Gelasse allgemein. -Israel von Meckenen zeichnet eine dieser -Badestuben, in der eine bis auf die turbanartige -Bademütze nackte Mutter eines ihrer -Kinder abseift. Die anderen Sprösslinge tollen -in der grossen, durch einen in die Wand eingelassenen -Hahn mit Wasser gespeisten Wanne. -In den deutschen Dampfbädern war fast -überall die Dampferzeugung durch heisse, -mit Wasser übergossene Steine gebräuchlich. -Diese Badeart wurde von deutschen -Reisenden aus Russland in Deutschland eingeführt.</p> - -<p>Der Kirchenvater Nestor berichtet aus -dem Dnjeprlande: »Ich sah hölzerne Bäder -und darin steinerne Öfen die scharf heizten. -<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a> -Sie begiessen sich die Haut mit lauem -Wasser und nehmen <em>Ruten</em> oder <em>zarte -Baumzweige</em> und fangen an, sich damit -zu peitschen, giessen indes Wasser auf die -Steine und peitschen sich so arg, dass sie -kaum lebendig herauskriechen, worauf sie -sich mit kaltem Wasser begiessen«.<a name="FNanchor_160" id="FNanchor_160" -href="#Footnote_160" class="fnanchor">[160]</a> Diese -Ruten, Queste oder Wadel genannt, wurden -zum Wahrzeichen für das Badehaus, das -der Bader aushing, wie der Gastwirt den -Laubkranz. Züchtigere Badebesucher deckten -mit dem Blätterbusch ihre Blössen.</p> - -<p>Die sonstige Einrichtung der Schwitzbäder -war denkbar einfach. Ein gewölbter, -höchstens mit einigen rohen Bänken versehener -Raum, den oft, aber nicht immer -eine niedere Bretterwand in zwei Hälften -schied, in das Männer- und das Frauengelass. -Diese Scheidewände verhinderten -wohl die gröbsten Ausschreitungen, gestatteten -aber den ungeschmälerten Anblick der -Badenden, was sich gewiss nicht jeder zu -solch künstlerischen Zwecken zu Nutze -machte, wie Albrecht Dürer, dem Badestuben -zu Modellstudien dienten. Eine solche, im -<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a> -Badehause entstandene Skizze, jetzt in -Frankfurt a. M., zeigt eine von einem Bader -bediente Gruppe nackter Frauen in derb-realistischer -Auffassung. Einer weiteren -Dürerschen Darstellung einer Scene im -Frauenbade sieht ein Fremder durch das -auf die Strasse gehende offene Fenster zu. -Auf einer Bäderzeichnung Kyesers unterhält -sich ein Mann, bequem auf der Scheidewand -aufgestützt, mit den badenden Nachbarinnen, -die Zuwachs durch eine von der -Strasse kommende Nymphe im tiefsten -Negligé erhalten.<a name="FNanchor_161" id="FNanchor_161" -href="#Footnote_161" class="fnanchor">[161]</a></p> - -<p>Die Bedienung im Bade besorgten bis -zum 16. Jahrhundert in beiden Abteilungen -Frauen. Auf einer Miniatur in der berühmten -Wenzelsbibel der kaiserlichen Hofbibliothek -zu Wien waschen zwei halbnackte -Bademädchen dem galanten Böhmenkönig -Wenzel den Kopf. Seifried Helbling, ein -Wiener Poet des 13. Jahrhunderts, schildert, -wie er von einem »Weibel viel gelenke« im -Bade behandelt wurde. Nachdem ihm der -Schweiss vom Körper abgerieben ist, wird -er von der Bademagd geknetet, gezwagt, -begossen, frottiert und wieder begossen; -<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a> -darauf nimmt ihn der Bader in Empfang, -um ihn zu rasieren und zu schröpfen. Lag -der Gast von all diesen Vergnügungen matt -auf dem Ruhebett, dann trat in Erfurt noch -ein hübsches Dämchen zu ihm, um ihn -zu kämmen und die Haare zu kräuseln, -schreibt wenigstens ein fahrender Schüler -in einem, um 1300 entstandenen lateinischen -Gedicht.</p> - -<p>Wo das Auge ungehindert in solchen, -die Sinne aufstachelnden Scenen schwelgen -konnte, die Berührung durch Frauenhände -kaum zur Beruhigung der schon durch das -Bad allein erregten Nerven beitrug, waren Ausschweifungen -selbstverständlich, denen überdies -jeder Bader, der sein Geschäft verstand, -Vorschub zu leisten nur zu bereit war. In -erster Linie hielt er hübsche Bademädchen, -deren Obliegenheiten sie in jeder Hinsicht -zu Vorläuferinnen unserer modernen Masseusen -der Grossstädte stempelten. Waren -diese Damen nicht nach dem Geschmacke -der Gäste, so machten sie es wie der Herr -in dem Gedichte aus der Sammlung der -Hätzlerin: »Und von dem Frühstück wollen -wir dann ins Bad gehen; dann laden wir -uns die hübschen Fräulein dazu, dass sie -uns reiben und die Zeit vertreiben. Niemand -<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a> -eile von dannen, er raste hernach wie ein -Fürst. Sie, Baderin, nun bereite sie jedem -von uns nach dem Bade ein Bett.«<a name="FNanchor_162" id="FNanchor_162" -href="#Footnote_162" class="fnanchor">[162]</a> Diese -Zugaben verteuerten natürlich den Lebemännern -den Genuss des Bades, was den -Minnesänger Tanhuser, das Urbild des -sagenumsponnenen Tannhäusers, zu der -Klage über seine Armut Anlass gibt, -die ihn hindert, »zwirend in der wochen -baden«, zweimal wöchentlich zu baden, -wie es der leichtlebige Herr gerne gemocht -hätte.</p> - -<p>Dieses Dienerinnen-Unwesen in den -Schwitzbädern konnte den sittenstrengen -Herren vom hohen Rat nicht lange verborgen -bleiben, darum suchten sie durch -Verbote diese Unzuträglichkeiten auszurotten. -Breslau untersagte 1486 den Badern, Dienerinnen -zu halten. Das Böblinger Statut von -1552 befiehlt »item er soll haben ein Reiber -und eine Reiberin«, also einen Diener für -die Männer und eine Dienerin für die Frauen. -Am frühen Morgen, wenn kaum der Hahn -das Erwachen des neuen Tages angezeigt, -heizte der Bader seine Öfen. Wenn der -Dampf aufwallte, lief er mit seinen Knechten, -<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a> -auf einem Horn blasend, oder mit Hölzern -klappernd, dabei von Zeit zu Zeit den Ruf -ausstossend »Wol auf gen bad!« die Strassen -entlang, und wer gewillt war, sich ein Bad -zu leisten, verfügte sich, beinahe wie er -dem Bette entstiegen – man schlief bekanntlich -im Mittelalter hüllenlos – zu der -Badestube. Der gallige Guarinonius hält -sich darüber auf, dass sonst ganz ehrsame -Bürger und Bürgersfrauen also nackend über -die öffentlichen Gassen ins Badehaus laufen: -»Ja wie viel mal laufft der Vater bloss von -Hauss mit einem einzigen Niederwad über -die Gassen, sambt seinen entblössten Weib -und blossen Kindern dem Bad zu ... Wie -viel mal siehe ich (ich nenn darumb die -Stadt nicht) die Mägdlein von 10, 12, 14, -16 und 18 Jaren gantz entblösst und allein -mit einem kurtzen leinen, offt schleussigen -und zerrissenen Badmantel, oder wie mans -hier zu Land nennt, mit einer Badehr allein -vornen bedeckt, und hinden umb den -Rücken! Dieser und füssen offen und die -ein Hand mit gebür in den Hindern haltend, -von ihrem Hauss aus, uber die langen -Gassen bei mittag tag, bis zum Bad lauffen? -Wieviel laufft neben ihnen die gantz entblössten -zehen, zwölf, viertzehn und sechzehnjährigen -<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a> -Knaben her und begleit das -erbar Gesindel.«<a name="FNanchor_163" id="FNanchor_163" -href="#Footnote_163" class="fnanchor">[163]</a></p> - -<p>Ältere Leute, vielleicht weil sie sich vor -Erkältung schützen wollten, und Standespersonen -kamen vollständig angekleidet zum -Badehause, die Badewäsche fein säuberlich -unter dem Arm. Nur Fremde und Arme -entnahmen diese vom Bader.</p> - -<p>In einer gemeinsamen Ankleidestube entledigte -man sich der letzten Hüllen. Die -Badeordnung für das Glotterthal von 1550 -schrieb deshalb vor, dass jeder Mann Hemd -und Hose, jede Weibsperson ihr Hemd erst -im Bade selbst abzulegen habe. Die meisten -Städte aber scherten sich um derartige -Kleinigkeiten nicht weiter, ebensowenig, wie -man dies an Stellen that, von denen man -eine höhere Kultur sollte voraussetzen können, -nämlich an gewissen Duodezhöfen.</p> - -<p>Hans von Schweinichen erzählt in seinen -Denkwürdigkeiten folgendes hierher gehörige -Abenteuer: »Allhier erinner ich mich, dass -ich wenig Tage zu Hof war; badete die -alte Herzogin, allda musste ich aufwartend -als ein Jung. Es währt nicht lange, kommt -<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a> -Jungfrau, Unte (Kunigundchen) Riemen genannt, -stabenackend raus, heisst mich, ihr -kalt Wasser geben, welches mir seltsam vorkam, -weil ich zuvor kein nacket Weibesperson -gesehen, weiss nicht, wie ich es -versehe, begiesse sie mit kaltem Wasser. -Schreit sie laut und rufet ihren Namen an -und saget der Herzogin, was ich ihr mitgespielet; -die Herzogin aber lachet und -saget: »Mein Schweinlein wird gut werden.«<a name="FNanchor_164" id="FNanchor_164" -href="#Footnote_164" class="fnanchor">[164]</a></p> - -<p>Wenn Hofdamen in einer geistig weit -fortgeschritteneren Epoche die Naivetät so -weit trieben, entblösst in ein Gemach -zu treten, in dem sie ausser den, ihrer -Ansicht nach allerdings noch geschlechtslosen -Jungen, auch Männern begegnen -konnten, so kann es nicht Wunder nehmen, -wenn weniger hochstehende Menschen zwei -und ein Jahrhundert früher die Nudität in -den Bädern als vom Bade unzertrennlich -ansahen. Von diesem Gesichtspunkte aus -betrachtet, ging es unter den weiblichen Besuchern -der öffentlichen Dampfbäder verhältnismässig -ehrbar und züchtig zu, und -dürften Ausschreitungen kaum öfter vorgekommen -<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a> -sein, als heutzutage in den Seebädern -mit dem gemeinsamen Strande für -beide Geschlechter, auf denen der Lebemann -gleichfalls seiner Neugier fröhnen und -sonst recht ängstlich Verhülltes in aller -Musse kritisch würdigen kann. Die Aufsicht -der Mitbadenden war in den mittelalterlichen -Bädern immer vorhanden und -die üble Nachrede eine ewig dräuende Gefahr, -die selbst strafrechtliche Folgen nach -sich ziehen konnte. Die Kirche und ihre -gestrengen Herren als Sittenrichter spassten -nicht; denn je fauler im Kern die Geistlichkeit -selbst war, um so ängstlicher suchte -sie nach aussen hin den Schein zu wahren -und heuchelnd Fehler zu vertuschen, die -sie an dem unglücklichen oder unvorsichtigen -Menschenkinde, das einen Fehltritt -offenkundig werden liess, mit grausamer -Härte verfolgte. Die geistlichen Strafen -trafen unnachsichtlicher und empfindlicher -als die der weltlichen Obrigkeit, die bei -Sittlichkeitsdelikten vielfach Nachsicht walten -liess. Ausser der Aufsicht gab es übrigens -in den meisten Bädern die erwähnte Scheidewand, -die immerhin Schutz vor Handgreiflichkeiten -– Heine nennt es Handgemeinwerden – bot.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a> -Wer nun einmal im Bade seinen Gelüsten -fröhnen wollte, konnte sich im Wannenbade -für die Enthaltsamkeit in den Dampfbädern, -sofern diese keine Badedienerinnen besassen, -vollauf schadlos halten. In Wort und Bild -eiferten die Altvorderen gegen die in den -Wannen- und Einzelbädern herrschende Unsittlichkeit. -Schon Tannhäuser und Niethart -von Reuenthal gedenken der Kostspieligkeit -der Wiener Badestuben, in denen es -übrigens nicht weniger toll herging als in den -gleichen Anstalten anderer Städte bis zum -17. Jahrhundert. In der Esslinger Vorstadt -Stuttgarts wurde im Jahre 1591 eines Tages -die Anzeige erstattet, in einem Bade seien -18 Personen männlichen und weiblichen Geschlechtes -bereits Tag und Nacht zusammen. -Durch solche Vorfälle galten denn auch die -Badestuben als Anstalten, »die am meisten -zur Anreizung der Unkeuschheit erbaut sind«, -und die sich von den Bordellen nur durch -das Fehlen der Konzession unterschieden. -Den Ruffian ersetzte der Bader, ein Kuppler -wie der Frauenwirt und geächtet und unehrlich -mit Weib und Kind wie der erstere, -wenn auch Kaiser Wenzel, der den Verkehr -mit Badern und Henkern liebte, und den -einst eine heroische Bademagd, Susanna, -<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a> -aus der Gefangenschaft errettete, das Gegenteil -zu verordnen beliebte. In einem »herrlichen« -Freibrief vom Jahre 1406 machte er -das Baderhandwerk in allen Erb- und Reichslanden -den Besten der anderen Handwerke -völlig gleich und verbot jedermänniglich, die -ehrlichen Bader zu schmähen und von ihren -redlichen Diensten verkleinerlich zu reden.<a name="FNanchor_165" id="FNanchor_165" -href="#Footnote_165" class="fnanchor">[165]</a> -Dieses Privilegium vermochte aber trotz -Siegel und Handzeichnung das sehr gerechtfertigte -uralte Vorurteil gegen die Baderzunft -nicht aus der Welt zu schaffen. In dem -Gedichte »Des Teufels Netz«, entstanden -um 1420, wird behauptet:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Der bader und sîn gesind,</div> - <div class="verse indent0">Gern huoren und buoben sind;</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>sie sind Diebe, Lügner und Kuppler, Neuigkeitskrämer -– sollte sich diese Eigenschaft -nicht auf ihre Nachkommen, unsere Raseure -und Friseure, vererbt haben? – die ihren -Gästen ausser Skandalgeschichten noch »die -Fröulin zuo in schieben«. Kuppler und Bader -werden in einem Atem genannt: »Ich will -wern ein Frauenwirt Und ein padknecht, -der lest (lässt) und schiert, So mag ich -peiderseits gewin haben«, heisst es in einem -<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a> -Fastnachtsspiele.<a name="FNanchor_166" id="FNanchor_166" -href="#Footnote_166" class="fnanchor">[166]</a> Wie in Konstanz beim -Konzil, so waren auch anderwärts die Badestuben -die Absteigequartiere für die fahrenden -Dirnen, die ja sonst nirgends Unterkunft -fanden.</p> - -<p>Ein reiches Quellenmaterial authentischer -Abbildungen unterrichtet uns über die unsittlichen -Vorgänge in den Wannenbädern. -Die Miniatur eines Codex der Leipziger -Stadtbibliothek zeigt das Innere einer solchen -Badeanstalt und alle Phasen, die ein Wüstling -an einem solchen Orte durchmachen -konnte. Das Gewölbe des Baderaumes enthält -eine Anzahl getrennt stehender, mit -Stoff überdachter Wannen, vor deren Längsseiten -sich mit Speisen und Getränken besetzte -Tische befinden; zur Bedienung laufen -alte Vetteln umher. In den Wannen sitzen -die Pärchen, die Männer nackt, die Frauenzimmer -mit Haarschutz und Halsketten bekleidet. -Im Hintergrund des Raumes sind -Betten sichtbar; in einem Bette hat sich bereits -ein Pärchen zusammengefunden, während -vor einem zweiten ein Dämchen mit -von der Schulter herabwallendem Bademantel -steht und eine Annäherung an den im Bette -<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a> -Liegenden sucht. Auf einer Zeichnung in -der Valerius Maximus-Handschrift der Breslauer -Stadtbibliothek liegt ein Brett als Unterlage -für die Speisen quer über den Wannen, -in denen es noch viel ungezwungener zugeht -als auf dem erstgedachten Bilde. Auch -hier fehlt das Bett nicht. Bei Wein und -Weib durfte auch der Gesang nicht fehlen. -So sehen wir denn auf vielen Bäderbildern -den fahrenden Sänger seine Kunst vor den -Badegästen ausüben. Von den Stiftsdamen -in Köln heisst es in einem altfranzösischen -Fabliau, dass sie sich ihre im Bade eingenommenen -Schmäuse durch den Vortrag -saftiger Geschichten seitens eines Spielmannes -würzen liessen. Eine Federzeichnung -in dem mittelalterlichen Hausbuche -der Fürsten Waldberg-Wolfegg zeigt einen -Baderaum mit daranstossendem Hofgarten, -in dem sich die Gäste vor und nach dem -Bade ergehen konnten. Das Bad selbst, ein -Bassin mit Abfluss nach dem Hofe, bietet -Raum für vier Personen, der auch weidlich -ausgenutzt erscheint. In dem gleichen Buche -stellt das Blatt unter dem Sternbilde der -Wage ein ländliches Fest vor. In kecken -Federstrichen ist auf der linken Bildseite -ein Wannenbad unter einer natürlichen Laube -<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a> -entworfen, in welchem ein Badender die -recht naturtreu gezeichnete Liebste freudig -empfängt. Eine Matrone mit Eiern und -Wein steht erwartungsvoll bei den Liebenden, -die nur ein geflochtener Zaun und -eine Bretterthüre von einer Tanzgesellschaft -trennt. Den Hintergrund der Zeichnung -nimmt ein Gebüsch mit einem sich sehr -ungeniert betragenden Paare ein. Also hier, -wie im Meleranz, nimmt man unter freiem -Himmel sein Bad. In Gwaltherus Ryffs -»Spiegel und Regiment der Gesundheit« ist -ein Holzschnitt mit einem Manne in einer -Badewanne, neben der ein zweiter im Badekostüm -auf einer Fussbank sitzt. Und -trotzdem die Sonne auf diese Scene herniederlacht -und Damen und Herren umherschwärmen, -steht eine Frau mit bis auf die -Oberschenkel zurückgeschlagenen Kleidern -bei den Badenden. Wenn ich gleich Alwin -Schultz alle diese Darstellungen für übertrieben -halte und manche Einzelheit der -Lust des Mittelalters an derbem und zotigem -»Schimpf« zuschreibe, so unterliegt es doch -keinem Zweifel, dass wirklich vorhandene -Thatsachen erst den Anlass zu den Übertreibungen -gaben. Ebensowenig, wie der -moderne Karikaturist seine Stoffe aus dem -<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a> -Finger saugt, sondern Vorhandenes verzerrt, -thaten es seine Ahnen. Dass die beiden -Geschlechter vereint badeten, ist unwiderleglich -bewiesen, und dass es unter solchen -Umständen an Excessen nicht fehlen konnte, -bedarf nicht erst wieder Worte, um einzuleuchten. -Optimisten, die noch an »die -gute alte Zeit« glauben, haben niemals das -reiche Quellenmaterial aus jener Zeit durchblättert, -das auf jeder Seite eine romantische -Illusion zerstört. Die Menschen sind sich -in ihren Schwächen immer gleich geblieben, -und der Liebestrieb, den die Natur dem -Menschen eingepflanzt, hat sich nie und -unter keinen Umständen unterdrücken lassen. -Wenn also Ulrich von Hutten in seinem -»Gesprächbüchlein«, im vierten Gespräch -»die Anschauenden« den Sol die Badesitten -verteidigen lässt, so ist dies entweder Sarkasmus -oder schönfärberische Heuchelei. Sol, -die Sonne, und ihr Sohn Phaeton unterhalten -sich über die Völlerei der Deutschen, als -Phaeton mit einem Blick auf die Erde bemerkt:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Dort seh' ich einige nackend, Frauen und Männer -vermischt, miteinander baden; ich glaube, dass das -ohne Schaden für ihre Zucht und Ehre nicht zugeht.</p> - -<p><em>Sol.</em> Ohne Schaden.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a> -<em>Phaeton.</em> Ich sehe sie sich doch küssen.</p> - -<p><em>Sol.</em> Freilich.</p> - -<p><em>Phaeton.</em> Und sich freundlich umfassen.</p> - -<p><em>Sol.</em> Ja, sie pflegen auch bei einander zu schlafen.</p> - -<p><em>Phaeton.</em> Vielleicht haben sie die Gesetze Platos -angenommen und halten die Weiber gemeinschaftlich.</p> - -<p><em>Sol.</em> Nicht gemeinschaftlich; sondern darin zeigt -sich ihr Vertrauen. An keinem Ort, wo man die -Frauen hütet, kannst du die weibliche Ehrbarkeit unversehrter -finden als bei diesen, die keine Aufsicht -über sie führen. Es fällt auch nirgends seltener Ehebruch -vor, nirgends wird die Ehe strenger und fester -gehalten denn hier.</p> - -<p><em>Phaeton.</em> Du sagst, dass sie übers Küssen, -Umfassen und Zusammenschlafen nicht hinausgehen? -Und dazu bei der Nacht?</p> - -<p><em>Sol.</em> Ja, so sage ich.</p> - -<p><em>Phaeton.</em> Das geschieht auch ohne allen Verdacht? -Und wenn sie sehen, dass ihre jungen Weiber -und Töchter von anderen also behandelt werden, -fürchten sie da nicht für deren Ehre?</p> - -<p><em>Sol.</em> Sie denken nicht einmal daran; denn sie -vertrauen einander und leben in gutem Glauben, frei -und redlich, ohne Trug und Untreu, sie wissen auch -von keiner Hinterlist.<a name="FNanchor_167" id="FNanchor_167" -href="#Footnote_167" class="fnanchor">[167]</a></p> -</div> - -<p><a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a> -Die Lust am Bade war derart in allen -Bevölkerungsschichten gemein, dass man -allerorts Stiftungen errichtete, deren Erträgnisse -zu Badegeldern für Arme verwendet -wurden. Nach sächsischem Stadtrecht konnte -der wegen eines Totschlags angeklagte Verbrecher -nach Vergleich mit den Verwandten -des Erschlagenen statt zum Tode, zu einer -Geldbusse oder zur Verabreichung von Seelenbädern, -d. h. Bädern zu Ehren des Umgekommenen, -die den Stadtarmen zu gute -kamen, verurteilt werden.<a name="FNanchor_168" id="FNanchor_168" -href="#Footnote_168" class="fnanchor">[168]</a> Das Speierer -Domkapitel liess stets zu Martini und am -Faschingsdienstag ihren Dienern und deren -Familien ein Freibad bereiten, ebenso der -Bader von Böblingen den Armen, wofür er -zu jeder Zeit im Walde umsonst Holz fällen -durfte. Mathilde, Kaiser Heinrichs I. Frau, -liess jeden Sonnabend ein Bad für Dürftige -und Reisende herstellen, wobei sie selbst -half. Markgräfin Mathilde von Tuscien und -die heilige Elisabeth bewiesen ihre Frömmigkeit -durch das Baden Aussätziger, denen sie -nach dem Bade ihre eigenen Betten zur Ruhe -überliessen. Den Dienern, Handwerksgesellen -<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a> -und Taglöhnern reichte man statt Trinkgeld -das Badegeld, und bei besonders freudigen -Anlässen gab man ihnen Freibäder. In -manchen Orten, so im Dörfchen Huisheim -in Schwaben, hatte um 1500 der Bader jedem, -gleichviel ob Weib oder Mann, der zu »gottz -tisch gaut«, einen Kübel mit warmem Wasser -und eine Badehaube zum Gebrauche bereitzustellen.</p> - -<p>Die Parias des Mittelalters, die Juden, -waren mit wenigen Ausnahmen, wie von jeder -anderen Gemeinschaft mit ihren christlichen -Nebenmenschen, so auch vom Besuche der -Bäder ausgeschlossen. Nicht einmal einladen -zu einem Bade durfte man sie, ebensowenig -wie »zue kainer prauttschafft noch zu kainer -wirttschafft«. Da aber auch sie dasselbe -Reinlichkeitsbedürfnis hatten, wie die Christen, -und ihren Frauen mindestens eine Reinigung -im Monat von ihrem Ritus vorgeschrieben -war, so bauten sie sich in den Ghettos eigene -Bäder. Eines der ältesten dieser Judenbäder -ist wohl das einst viel bewunderte, auf das -zweckmässigste eingerichtet gewesene Frauenbad -zu Worms<a name="FNanchor_169" id="FNanchor_169" -href="#Footnote_169" class="fnanchor">[169]</a>; andere Badeanlagen aus dem -<a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a> -12. Jahrhundert in den den Juden eingeräumten -Stadtteilen finden sich noch in -Speyer, Andernach, Friedberg in Hessen. -Nach den Nürnberger Polizeigesetzen, die -dem »Jud oder Judein« das Baden in der -»Judenpatstuben« verordnet, muss im 13. Jahrhundert -auch das Nürnberger Ghetto seine -Badeanstalt besessen haben. In Augsburg -erscheint sie um 1290. Bei den strengen -Religionsvorschriften der Juden wird in den -Bädern die Trennung der Geschlechter durchgeführt -worden sein, umsomehr, als das unreine -Weib sich erst durch das monatliche Bad -zu reinigen hatte, eine Berührung vor und im -Bade daher als Sünde gegolten hatte, andererseits -sogar in den Synagogen die Männerabteilung -ganz abseits von jener der Frauen -lag. Überhaupt zeichnete die mittelalterlichen -Juden eine exemplarische Sittlichkeit aus, was -Freund und Feind gleichmässig bestätigen.</p> - -<p>Das ganze Mittelalter hindurch erhielt -sich die von Nürnberg und Regensburg ausgegangene -Sitte, dass ein Brautpaar vor, -manchmal auch erst nach der Trauung mit -dem ganzen Gefolge ihrer Sippe und der -Gäste zu Bade zogen, die Hochzeitsgäste -beladen mit den vom Brautpaar erhaltenen -Badekappen und Bademänteln.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a> -Einen solchen Hochzeits-Badezug im alten -Berlin schildert Streckfuss<a name="FNanchor_170" id="FNanchor_170" -href="#Footnote_170" class="fnanchor">[170]</a> wie folgt: »Nach -dem Austausch dieser Geschenke ordnete -sich die Gesellschaft, um sich in das Bad -zu begeben; man machte, wenn die Wohnung -des Brautvaters dem Krögel zu nahe lag, -oft einen Umweg durch die vornehmsten -Strassen, um dem zahlreich versammelten -Volke länger das Vergnügen des Zuschauens -zu gewähren. Dem Zuge voran schritten -die Musikanten, welche sich bestrebten, ihre -lustige Hochzeitsweise so laut und geräuschvoll -wie möglich zu machen. Ihnen folgten -die Gäste, zuerst die Frauen mit ihren neuen -Schuhen – ein Geschenk des Bräutigams – -dann die Männer mit den Badehemden über -der Schulter. Bald vor, bald neben dem -Zuge liefen die Lustigmacher, die bei keiner -grossen Hochzeit fehlen durften und welche -die Aufgabe hatten, durch die tollsten -Possen die Heiterkeit der Gäste und des -zuschauenden Volkes zu erregen. – Je toller, -je besser, niemand durfte dabei etwas übel -nehmen, auch wenn die Scherze stark handgreiflich -wurden. Prügelte der Narr irgend -einen der Umstehenden mit seiner Pritsche, -<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a> -oder traf er gar beim Radschlagen diesen -oder jenen mit dem Fuss an die Nase, so -lohnte ein schallendes Gelächter den feinen -Witz; häufig bedienten sich auch die -Spassmacher grosser Düten mit Kienruss, -um besonders den jungen Mädchen das -Gesicht zu schwärzen. Jede solche Heldenthat -wurde durch das allgemeine Gelächter -belohnt.</p> - -<p>Im Badehause teilte sich die Gesellschaft; -meist war sie zu gross, als dass die -beiden geräumigen, gewölbten Badezimmer -die sämtlichen badenden Gäste auf einmal -hätten fassen können; nur ein Teil konnte -baden, der andere erlabte sich während -dessen, bis an ihn die Reihe kam, mit einem -guten Frühstück, zu welchem der Bader bei -solchen Gelegenheiten eingerichtet war.«</p> - -<p>Also auch bei Brautbädern badeten beide -Geschlechter zusammen, denn nur wenn die -Gesellschaft zu gross war, teilte sie sich in -mehrere Partien, und ob diese Trennung -nach Geschlecht erfolgte, davon sagt weder -unser Gewährsmann, noch sonst eine Quelle -etwas. Hingegen bezeugen andere Nachrichten, -dass es bei und nach den Brautbädern -nicht immer schicklich hergegangen -sei, so das Zittauer Rats-Edikt von 1616: »Als -<a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a> -denn vormals dy jungen gesellen nach dem -bade widir (wider) gute sitten in badekappin -und barschenckicht (mit blossen Schenkeln) -getanzt haben, wil der Rath das fortureh -(hinfort) kein mans bild in badekappen odir -barschinckicht tantzen solle.«</p> - -<p>Die Syphilis war, wie den Frauenhäusern, -auch der Ruin der öffentlichen Badestuben. -Als Ansteckungsherd der Krankheit wurden -sie vom Anfang des 16. Jahrhunderts an -immer mehr gemieden. Bereits im Jahre -1496 gebot deswegen der Nürnberger Rat -»allen padern bei einer poen zehen gulden, -das sie darob und vor sein, damit die menschen, -die an der Newen Krankheit, malum -frantzosen, befleckt und krank sein, in Irn -paden nicht gepadet, auch Ihr scheren und -lassen giengen, die Eissen und Messer, so -sie bey denselben kranken Menschen nutzen, -darnach in den padstuben nit mer gebrauchen.«<a name="FNanchor_171" id="FNanchor_171" -href="#Footnote_171" class="fnanchor">[171]</a> -»Aber vor fünfundzwanzig -Jahren,« sagt Erasmus von Rotterdam in -seinen »Colloquia« (1612), »war in Brabant -nichts beliebter, als die öffentlichen Bäder; -die stehen jetzt alle kalt. Die neue Krankheit -lehrt uns auf sie verzichten.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a> -In Gerolzhofen klagte der Rat schon -1445, dass, während früher zwei Badestuben -in der Stadt jede wöchentlich viermal geöffnet -und stets besucht gewesen sei, jetzt -die eine kaum dreimal in der Woche hinlänglichen -Besuch habe. In Stuttgart wurden -im Jahre 1547 die öffentlichen Badetage von -sechs auf zwei vermindert, desgleichen in -Wien, Berlin, Nürnberg und anderen Plätzen. -In Frankfurt wurden gegen Ende des 16. Jahrhunderts -die Badestuben gänzlich geschlossen.</p> - -<p>»Bade im Hause« oder das Baden in -offenen Wässern war das einzige, das sich -die ob der grauenvollen Krankheit erschreckte -Menschheit ausser dem Besuch von Heilquellen -noch gestattete. War der Gebrauch -von Heilquellen bereits im deutschen Altertum -nicht unbekannt, so kam er doch erst -im 15. und 16. Jahrhundert in volle Blüte, -wurde sogar in vielen Landstrichen zur Modesache. -Eine Badefahrt zu unternehmen, gehörte -zum guten Ton; im 18. Jahrhundert -noch liessen sich Bräute die alljährliche -Badereise im Ehekontrakt notariell zusichern.</p> - -<p>An Modebädern diesseits und jenseits -der Reichsgrenze war kein Mangel. Baden-Baden, -Wildbad, Wiesbaden, Pyrmont, Baden -im Aargau, dies schon seit der Römerzeit -<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a> -her, Hornhausen, Burgbernheim und Zerzabelshof -im Schwarzwald, Teplitz in Böhmen -und viele andere mehr waren Bäder von Ruf.</p> - -<p>Durch seine Lage berühmt war Pfeffers, -ein Besitztum des gleichnamigen Klosters. -Zu Anfang des 13. Jahrhunderts wurden -seine warmen Quellen zufällig durch einen -Jäger entdeckt. Es barg sich »aber tieff -zwischen zweyen hohen und oben zusammengebogenen -Felsen, dass niemand dazu ohne -lange Seyler hat mögen kommen«, sagte -Münster in seiner Kosmographie. Der Abt -liess deshalb, als die Frequenz bedeutender -wurde, eine hölzerne Treppe in die Tiefe -bauen.</p> - -<p>In den Thermalbädern nahm gewöhnlich -ein gezimmertes oder gemauertes Bassin die -Badenden auf, wie zahlreiche Abbildungen -in alten balneologischen Werken zeigen. Der -Schlitzoesche Holzschnitt im »Tractat der -Wildbeder« (1519) führt vier Männer und -eine Frau in einem solchen Bade schmausend -und dem Gesange eines Fahrenden -lauschend vor. In dem allgemeinen Bade -zu Plummers (Plombières) in den Vogesen -auf dem Titelbild zu J. J. Huggelius' »Von -heilsamen Bädern des Teutschenlands«, -Mülhausen 1559, hat der schamhafte Künstler -<a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a> -die Männer mit einer Schambinde, Bruch, -Hose, die Weiber mit einer knapp unter -der Büste festgebundenen Schürze bekleidet. -In Eschenreutters Buch (1571) gibt ein -Blatt Mann und Frau in einer Badewanne -wieder, während sich eine grössere, sehr -mangelhaft bekleidete Gesellschaft mit Speise -und Trank bei Gesang und Flötenspiel ergötzt.<a name="FNanchor_172" id="FNanchor_172" -href="#Footnote_172" class="fnanchor">[172]</a></p> - -<p>Über das Leben im Bade ergeht sich -ein Glossar zu einigen Wandgemälden, die -sich ehedem im Hause des Domherrn Grafen -Johann von Eberstein befanden. C. Will<a name="FNanchor_173" id="FNanchor_173" -href="#Footnote_173" class="fnanchor">[173]</a> -übersetzt diese von Henricus de Langenstein, -dictus de Hassia herrührende Beschreibung -folgendermassen: »<em>Von fleischlicher -Lust.</em> Wenn ich mich nicht täusche, -so ist der Sinn dessen, der die Reihe besagter -Malereien angab, von dem Geiste -getrieben worden, um stillschweigend die -Meinung des Apostel Johannes auszudrücken, -der da spricht: ›Alles was auf der -Welt vorhanden ist, ist Begehrlichkeit des -Fleisches oder Begehrlichkeit der Augen, -<a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a> -oder Übermut des Lebens‹. Das heisst: -Alle Laster weltlicher Verirrung sind auf drei -zurückzuführen: fleischliche Lust, weltliche -Habgier und Stolz auf eitlen Ruhm. Wie -aber konnte schicklicher fleischliche Lust -dargestellt werden, als auf einem Bilde des -Wiesbadener Festes, das durch alle Fleischlichkeit -anstössig, von dem Schaume aller -sinnlichen Wollust triefend ist? Zu ihm -kommen sie von allen Seiten in Freude und -Ausgelassenheit, mit Trompeten und Pfeifen, -mit vollen Kasten und Flaschen; man bringet -Lebensmittel und die leckersten Getränke -herbei, man nimmt Geld in Menge mit, -seltsame Kleider werden mitgeführt; in der -Hoffnung sich zu ergötzen, wird schon auf -dem Wege gespielt, gesungen, geplaudert, -als ob man am Ziele die Freude der Glückseligkeit -zu erwarten habe. Wenn man angekommen -ist, werden Gastereien veranstaltet, -man sucht der <em>Frauen Gesellschaft</em>, -geht ins Bad, befleckt die Seele ... <em>Im Bade -sitzen sie nackt mit Nackten beisammen, -nackt mit Nackten tanzen sie.</em> -Ich schweige darüber, was im Dunklen vor -sich geht, denn alles geschieht öffentlich. -Aber was ist das? Der Ausgang und der -Eingang dieses unsinnigen Festes ist nicht -<a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a> -gleich, wenn, nachdem alles verzehrt ist, die -Kasten leer zurückkommen, die Geldbeutel -ohne Geld, man die Rechnung hört und die -Verschleuderung so vielen Geldes bereut. -Und zuweilen beisst auch die Seele der -Heimgekehrten das Gewissen wegen der -begangenen Sünden. Der ist traurig über -solche Verirrung; der klagt, weil er von der -Lust scheiden muss; der gedenkt betrübt, -wie kurz und inhaltlos die Freuden dieser -Welt sind. Was mehr?</p> - -<p>Sie kehren heim, die Körper sind weiss -gewaschen, die Herzen durch Sünde geschwärzt; -die gesund hingingen, sie kehren -heim angesteckt; die durch die Tugend der -Keuschheit stark waren, kehren heim verwundet -von den Pfeilen der Venus. Das -möchte noch wenig bedeuten, wenn nicht -die Mädchen, die als Jungfrauen hinreisten, -als Dirnen zurückkehrten, als Ehebrecherinnen, -die anständige Ehefrauen waren, -wenn nicht als Teufelsweiber heimkehrten, -die als Gottesbräute hingingen. Und so erfahren -sie durch diese und andere Anlässe -zur Trauer bei der Rückkehr die Wahrheit -des Satzes, dass das Ende aller fleischlichen -Lust Trauer ist.«</p> - -<p>Der geistliche Herr malt, wie es seines -<a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a> -Amtes ist, grau in grau, alle fleischliche -Lust verketzernd, die allerdings in den -Bädern den weitesten Spielraum fand. Poggios, -auf Autopsie beruhende Beschreibung -des Getriebes in Baden bei Zürich liefert -den Beweis, wie recht der edle Langenstein -stellenweise mit seiner Verdonnerung hatte. -Poggio, ein Florentiner, hatte den Papst -Johannes XXIII. zur Kirchenversammlung -nach Konstanz begleitet, war dann nach -Baden gefahren, um dort von seinem Chiragra -befreit zu werden. Aus dem Kurorte schrieb -er im Sommer 1417 an seinen Freund und -Landsmann Niccoli einen langen, lateinischen -Brief, den ich hier in der Übersetzung von -Alwin Schultz mitteile. Poggio ist ein -fideles Haus, dem es nicht immer auf volle -Wahrung der historischen Treue anzukommen -scheint, wenn er durch aufgesetzte -humoristische Lichter sich selbst und seinen -Freund unterhalten kann. Er mischt daher -Wahrheit und Dichtung zu einem ergötzlichen -Feuilleton zusammen, das aber trotz -der beabsichtigten humoristischen Färbung -doch meisterhaft das Thema des mittelalterlichen -Badelebens erschöpft.</p> - -<p>»Diesen Brief aber schreibe ich Dir aus -diesem Bade, das ich, meine Handgelenke -<a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a> -zu heilen, aufgesucht habe; und da schien -es mir angemessen, die Lage und Anmuth -desselben, zugleich auch die Sitten dieser -Leute und die Weise des Badens zu beschreiben. -Von den Alten wird viel über -die Bäder von Puteoli gesprochen, wohin -das gesammte römische Volk der Lust -wegen strömte, doch glaube ich nicht, dass -jene diese an Vergnüglichkeit erreicht haben -und dass sie mit den unsrigen zu vergleichen -gewesen sind. Denn in Puteoli -verursachte die Lust mehr die Schönheit -der Lage, die Pracht der Landhäuser, als -die Liebenswürdigkeit (festivitas) der Menschen -und der Gebrauch der Bäder. Dieser -Ort aber bietet keine oder fast keine -Erquickung dem Geiste, das Uebrige -aber bringt einen angemessenen Frohsinn -(amoenitatem), so dass ich zuweilen meine, -Venus sei mit allen Vergnüglichkeiten von -Cypern nach diesem Bade übersiedelt, so -werden ihre Gesetze beobachtet, so aufs -Haar ihre Sitte und Leichtfertigkeit wiedergegeben, -so dass sie, wenn sie auch die -Rede des Heliogabel nicht gelesen, doch -von Natur gelehrt und unterrichtet genug -erschienen. Aber da ich dir dieses Bad beschreiben -will, so mag ich auch nicht den -<a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a> -Weg übergehen, der von Constanz hierher -führt, damit Du vermuthen kannst, in welchem -Theile Galliens es liege. Am ersten Tag -reisten wir zu Schiff den Rhein hinab nach -Schaffhausen, vierundzwanzig Meilen (milia -passuum) und dann, weil wegen des grossen -Falles und wegen der steilen Berge und -abschüssigen Felsen der Weg zu Fuss gemacht -werden muss, noch zehn Meilen und -gelangten nach dem Schlosse Kaiserstuhl -am Rhein. Nach dem Namen vermuthe ich, -dass es wegen der günstigen Lage auf -einem hohen Hügel am Flusse, der durch -eine kleine Brücke Gallien mit Germanien -verbindet, ein Römercastell gewesen sei. -Auf dieser Reise sahen wir den Rheinfall, -der von hohem Berg, zwischen zerklüfteten -Felsklippen mit Donnerbrausen herabstürzt. -Da kam mir ins Gedächtniss, was man von -dem Nilkatarakt erzählt. Und es ist nicht -zu verwundern, dass die Anwohner wegen -des Getöses und Donnerns taub werden, da -ja dieses Flusses, der an der Stelle nur als -Wildbach gelten kann, Lärm wie beim Nil -drei Stadien weit gehört wird. Die Stadt -Baden ist ziemlich reich, von Bergen umgeben, -in der Nähe ein Fluss von reissender -Strömung, der in den Rhein fliesst, etwa -<a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a> -sechs Meilen von der Stadt. Nahe bei der -Stadt, vier Stadien entfernt, liegt ein sehr -schönes Dorf (villa) zum Gebrauch der -Bäder hergerichtet. In der Mitte des Dorfes -ist ein grosser Platz, der von grossen Gasthäusern, -welche viele aufnehmen können, -umgeben ist. Die einzelnen Häuser haben -die Bäder im Innern, in denen nur die -baden, welche da wohnen; die Bäder -sind sowohl öffentliche als Privateigenthum, -etwa dreissig an der Zahl. Öffentliche sind -nur zwei vorhanden, offen (palam) zu beiden -Seiten, Badestätten des Volkes und -des gemeinen Haufens, zu denen Weiber, -Männer, Knaben, unverheiratete Mädchen, -die Hefe der ganzen Umgebung, zusammenströmt. -In ihnen scheidet eine Mauer die -Männer von den Frauen. Es ist lächerlich -zu sehen, wie abgelebte alte Weiber und -jüngere Frauen nackt vor den Augen der -Männer ins Wasser steigen. Ich habe oft -über dies prächtige Schauspiel gelacht, dabei -an die Spiele der Flora gedacht und bei -mir die Einfalt dieser Leute bewundert, die -weder auf so etwas hinsehen, noch irgend -etwas Böses davon denken oder reden. Die -Bäder in den Privathäusern sind aber sehr -fein (perpolita); Männer und Frauen gemeinsam, -<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a> -aber durch eine Holzwand geschieden. -In ihr sind mehrere Fenster angebracht, so -dass man zusammen trinken und sich unterhalten -kann, nach beiden Seiten hin zu sehen -und sich zu berühren vermag, wie dies ihrer -Gewohnheit nach oft geschieht. Über dem -Bassin sind Korridore, auf denen Männer -stehen, zuzusehen um sich zu unterhalten, -denn ein jeder darf in andere Bäder gehen -und sich dort aufhalten, zuzuschauen, zu -plaudern, zu scherzen und sich zu erheitern, -so dass man die Frauen, wenn sie ins Wasser -steigen oder aus demselben herauskommen, -sieht. Keiner wehrt die Thür, keiner argwöhnt -etwas Unschickliches. Männer tragen -nur eine Schambinde (campestribus utuntur), -die Frauen ziehen leinene Hemden an, von -oben bis zum Schenkel, oder an der Seite -offen, so dass sie weder den Hals, noch die -Brust oder die Arme bedecken. Im Wasser -selbst speisen sie oft auf gemeinsame Kosten, -ein geschmückter Tisch schwimmt auf dem -Wasser, und auch Männer pflegen teilzunehmen. -Wir sind in dem Hause, in dem -wir badeten, einmal zu solchem Fest geladen -worden. Ich habe meinen Beitrag gezahlt, -wollte aber trotz wiederholter Bitten nicht -teilnehmen, nicht aus Schamgefühl, das für -<a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a> -Feigheit oder Unbildung gehalten wird, -sondern weil ich die Sprache nicht verstand. -Es kam mir närrisch vor, dass -ein Italiener, unkundig der Sprache, im Wasser -stumm und sprachlos dasitze, da ein ganzer -Tag mit Essen und Trinken hingebracht -werden sollte. Aber zwei von den Genossen -sind in das Bad gegangen, mit grosser Herzensheiterkeit, -haben mitgethan, mit getrunken, -mit gespeist, durch den Dolmetsch sich -unterhalten, oft mit dem Fächer Luft gefächelt. -Es fehlte nichts zu dem Gemälde, -wie Jupiter die Danae mittelst des goldenen -Regens befruchtete u. s. w. Sie aber waren, -wie es bei den Männern Sitte ist, wenn sie -in die Bäder der Frauen eingeladen werden, -mit leinenen Hemden bekleidet; ich jedoch -sah von der Gallerie aus alles, die Sitten, -Gewohnheiten, die Liebenswürdigkeit (suavitatem), -die Freiheit und Ungebundenheit der -Lebensart. Es ist merkwürdig, zu sehen, -in welcher Unschuld sie leben, mit welchem -Vertrauen Männer es ansahen, dass ihre -Frauen von Fremden berührt wurden. Sie -wurden nicht gereizt, achteten nicht darauf, -nahmen alles von der besten Seite. Nichts -ist so schwer, dass bei ihren Sitten nicht -leicht wurde. Sie hätten ganz in den Staat -<a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a> -Platos gepasst, wo alles gemeinsam ist, da -sie schon ohne seine Lehre so eifrig in seiner -Schule erfunden werden. In einigen Bädern -sind Männer unter den Frauen, denen sie -entweder verwandt sind, oder es wird ihnen -aus Wohlwollen gestattet. Täglich gehen -sie drei- oder viermal ins Bad und bleiben -den grössten Theil des Tages darin, theils -singend, theils trinkend, theils Reigen tanzend. -Sie singen auch im Bade sitzend ein Weilchen, -dabei ist es besonders angenehm, die -erwachsenen Mädchen im heiratsfähigen Alter, -mit schönen und freimüthigen Gesichtern, -im Costume und Gestalt der Göttinnen, singen -zu sehen, wie sie die auf dem Wasser -schwimmenden Kleidern hinten nachziehen, -man könnte sie für die Venus selbst halten. -Es ist Sitte, dass die Frauen, wenn die -Männer von Oben zuschauen, Spasses halber -um ein Geschenk bitten. So werden ihnen, -und zwar den schönsten, Geldstücke zugeworfen, -die sie mit der Hand oder mit den -ausgebreiteten Hemden fangen, sich einander -fortstossend, und bei diesem Spiele -werden zuweilen auch geheime Reize enthüllt. -Es werden auch Kränze aus verschiedenen -Blumen herabgeworfen, mit denen sie -sich die Häupter beim Baden schmücken. -<a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a> -Ich habe, durch die unbeschränkte Freude, -zu sehen und Scherz zu treiben, gelockt, -da ich nur zweimal täglich badete, die -übrige Zeit damit hingebracht, die anderen -Bäder zu besuchen und sehr oft Geldstücke -wie Kränze wie die anderen hinabgeworfen. -Denn weder zum Lesen noch -zum Denken war Zeit vorhanden unter -den ringsum erschallenden Klängen der -Symphonien, der Trompeten, der Zithern, -wo schon der Wille zu denken, die -höchste Thorheit gewesen wäre, besonders -für einen, der auch wie der Menedemus -Heautontimorumenos ist, ein Mensch vielmehr, -der allem Menschlichen zugänglich. -Zur höchsten Lust fehlte die mündliche -Unterhaltung, die vor allen Dingen den -meisten Werth hat; so blieb nichts übrig als -die Augen zu weiden, zu folgen, zum Spiele -hin und zurückzuführen. Zum Spazieren -war Gelegenheit und so viele Freiheit, dass -der Spaziergang nicht durch Gesetze beschränkt -war.</p> - -<p>Ausser diesen vielfältigen Vergnüglichkeiten -gibt es noch eine nicht geringfügige. -Hinter der Stadt am Flusse ist -eine Wiese mit vielen Bäumen bewachsen. -Dahin kommen nach dem Nachtessen alle -<a class="pagenum" id="page_256" title="256"> </a> -von allen Seiten; dann werden verschiedene -Spiele gespielt; die einen erfreuen -sich am Tanze, die anderen singen, die -meisten spielen Ball, nicht nach unserer -Sitte, sondern die Männer und Frauen werfen -einen mit Schellen besetzten Ball einander -als besondere Liebesauszeichnung zu, und -der wirft ihn wieder einer ihm besonders -lieben Person zu, während jene Vielen mit -vorgestreckten Händen bitten und er bald -dem, bald jener ihn zu werfen heuchelt. Es -werden noch ausserdem viele Scherze getrieben, -die zu beschreiben zu weit führen -würde.</p> - -<p>Diese aber habe ich berichtet, damit -du siehst, wie gross hier die Schule der -Epicuräer ist, und ich glaube, dies ist hier -der Ort, in dem der erste Mensch geschaffen -worden, den die Hebräer Gamedon, das heisst: -»Garten der Lust« nennen. Denn wenn die -Lust das Leben glücklich machen kann, so -sehe ich nicht ein, was diesem Orte fehlt -zur vollendeten und in jeder Hinsicht vollkommenen -Lust. Fragst du nun nach der -Wirkung der Bäder, so ist sie mannigfach -verschieden, doch ist ihre Kraft bewunderungswerth, -fast göttlich. Ich glaube nicht, dass -es auf der Welt, <em>ein wirksameres Bad</em> -<a class="pagenum" id="page_257" title="257"> </a> -<em>für die Fruchtbarkeit der Frauen gibt</em>; -da recht viele der Unfruchtbarkeit wegen -hierher kommen, so erfahren sie seine merkwürdige -Kraft.<a name="FNanchor_174" id="FNanchor_174" -href="#Footnote_174" class="fnanchor">[174]</a> Sie beobachten genau die -Vorschriften, und es brauchen Mittel die, -welche nicht empfangen können. Unter -diesen ist besonders folgendes bemerkenswerth: -eine unzählige Menge von Adeligen -und Nichtadeligen kommt hier zusammen; -zweihundert Meilen weit her, nicht eben der -Gesundheit, sondern der Lust wegen, alles -Liebhaber, alles Freier, alle, denen an einem -genussreichen Leben gelegen ist, um hier -des gewünschten sich zu erfreuen. Viele -geben Körpergebresten vor, während sie doch -im Geiste krank sind. So siehst du unzählige -schöne Frauen, ohne Männer, ohne -Verwandte, mit zwei Dienerinnen und einem -Knechte oder einer alten Angehörigen, die -leichter zu täuschen als zu ernähren ist. -Einige gehen, soweit sie es vermögen, mit -<a class="pagenum" id="page_258" title="258"> </a> -Kleidern, Gold, Silber und Edelsteinen geschmückt, -dass man glauben könnte, sie -seien nicht zu den Bädern, sondern zu den -herrlichsten Hochzeiten gekommen. Da gibt -es auch vestalische Jungfrauen oder richtiger -gesagt floralische. Da leben Äbte, Mönche, -Brüder und Priester in grösserer Freiheit als die -andern, baden zuweilen gemeinsam mit den -Frauen und schmücken die Haare mit Kränzen, -alle Religion bei Seite lassend. Alle sind -eines Sinnes, die Traurigkeit zu fliehen, die -Heiterkeit aufzusuchen, nichts zu denken, -als wie sie frölich leben, die Freuden geniessen. -Nicht das Gemeinsame zu theilen, -sondern das Einzelne mitzutheilen ist die -Frage. Merkwürdig ist es, dass bei einer -so grossen Menge (beinahe 1000 Menschen), -bei so verschiedenen Sitten, keine durch -Trunk (ebria) verursachte Zwietracht entsteht; -kein Aufruhr, kein Streit, kein Gemurr, -kein Fluch.<a name="FNanchor_175" id="FNanchor_175" -href="#Footnote_175" class="fnanchor">[175]</a> Es sehen die Männer, dass -ihre Frauen berührt werden, sie sehen, dass -sie mit ganz Fremden, und zwar allein -(solum cum sola) verkehren; dadurch werden -sie nicht erregt; sie staunen über nichts, -<a class="pagenum" id="page_259" title="259"> </a> -meinen, dass alles im guten und ehrbaren -Sinne geschehe. Daher findet der Name -Eifersucht, der gewissermassen alle Ehemänner -erdrückt, bei denen keine Stelle. -Das Wort ist unbekannt und unerhört. Sie -kennen gar nicht eine Krankheit dieser Art, -haben keinen Ausdruck für diese Leidenschaft. -Und es ist nicht wunderbar, dass -es bei ihnen dies Wort nicht gibt, da die -Sache selbst nicht vorhanden ist. Denn -noch ist keiner bei ihnen gefunden worden, -der eifersüchtig wäre. O, wie verschieden -sind unsere Gewohnheiten« u. s. w.</p> - -<p>Poggios Widersprüche, bald lässt er die -Frauen nackt baden, dann wieder mit Badehemden -bekleidet sein, verraten, wie erwähnt, -allein schon seine Unzuverlässigkeit. Ausserdem -dürfte seine von ihm selbst betonte -Unkenntnis der Sprache und Sitten ihn zu -manchem Fehlschluss über die von ihm -beobachtete Damensorte veranlasst haben. -Er übersah wohl geflissentlich die anständigen -Frauen ob der »lichten Fräuleins«, -die nur der Verdienst ins Bad gelockt, und -über jene Frauen, die im Badeort nur Abenteuer -erleben wollten. Denn trotz aller -Unterschiede zwischen den einstigen Sittenbegriffen -von den heutigen, bestand auch -<a class="pagenum" id="page_260" title="260"> </a> -damals schon eine Moralgrenze, deren Überschreitung -keine anständige Frau gewagt -hätte, darum waren jene so ausgelassenen -Geschöpfe nichts weiter als Demimondainen. -Das Mittelalter missachtete diese Weiber -weit mehr, als dies unsere tolerantere Zeit -thut und wusste aber ebenso wie wir ganz -genau, dass die oft nur aus Not zur käuflichen -Dirne Gesunkene Mitleid verdiente, -während der meineidigen Gattin mit vollstem -Rechte zum mindesten die Nichtachtung aller -rechtlich Denkenden zu teil werden musste. -Das öffentliche Mädchen konnte wieder ehrbar -werden, nicht so die Ehebrecherin, die -für alle Zeiten gesellschaftlich unmöglich -war. Die Marklinie zwischen diesen beiden -Frauentypen war von jeher so verwischt, -um nicht von einem Poggio übersehen zu -werden, während kein urteilsfähiger Landeskundiger -über die Qualität der Damen im -Zweifel war. War es doch allbekannt, dass -die Kurorte den Haupttummelplatz für diese -Abarten der Weiblichkeit bildeten.</p> - -<p>»Etliche Weiber ziehen auch gern in die -Sauerbrunnen und warme Bäder, weilen ihre -Männer zu alt und kalt sind,« sagt Glauber, -und Guarinonius pflichtete ihm bei, indem -er gewisse Frauen nur deshalb Bäder besuchen -<a class="pagenum" id="page_261" title="261"> </a> -lässt, damit sie dort »lustig ihren -Ehemännern eine waxene Nasen träen kunden«. -Aber ehrbare Frauen waren dies -keineswegs. Solche liessen sich, wie dies -1649 in Baden bei Wien geschah, in den -Saum ihres Badehemdes Bleistücke einnähen, -oder trugen Badekleider, die wohl Brust und -Arme freiliessen, aber den Unterleib verhüllten. -Und zeigten sie sich auch vielleicht -in voller Nacktheit, so gaben sie -doch ebensowenig ihren Körper preis, wie -dies die Japanerin thut, die bei der Toilette -und im Bade den Zuschauer unbeachtet -lässt.</p> - -<p>Die Badevorstände boten auch alles auf, -die honetten Frauen vor Übergriffen zu -schützen.</p> - -<p>In der Badeordnung vom Jahre 1594 für -das württembergische Bad Boll bei Göppingen -findet sich daher die Vorschrift: -»Schandlose, üppige Wort, und sonsten verkleinerliche -Nachreden, sowohl auch ergerliche -Lieder und Gesäng sollen bei Straff -eines halben Güldens verboten sein, desgleichen -unzüchtige Geberden und Erzeigungen -gegen Erlichen Frawen und Jungfrawen, -bey unnachlesslicher Straf eines -Güldens, so oft das geschicht.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_262" title="262"> </a> -Suchte Poggio in Baden Heilung seines -bösen Rheumatismus, so galt dieser Kurort -doch vornehmlich als unerreicht in der Behebung -der weiblichen Sterilität. Deshalb -ist es sehr amüsant, den Eifer zu beobachten, -mit dem sich Nonnen und Mönche bemühten, -eine Badenfahrt ermöglichen zu können. -Die Äbtissin vom Fraumünster in Zürich -veräusserte nur zu diesem Zwecke 1415 -einen Meierhof; die Klosterfrauen von Töss -erkauften durch grosse Summen die päpstliche -Erlaubnis, sich in weltlicher Kleidung -unter ihrem Nonnenhabite in Baden erholen -zu dürfen. Und das Leben dort war teuer, -denn der Basler Kaplan Johannes Knebel -verbrauchte 1475 im Monat Juli mit Magd -und Diener in Baden zehn rheinische Gulden, -über 500 Mark neuzeitlicher Währung. -Thomas Murner sagt darum mit Recht im -»Geuchmatt«:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Im meyen farend wir gen Baden,</div> - <div class="verse indent0">Lug das der seckel sy geladen ....</div> - <div class="verse indent0">Denn syn natürlich würckung thut</div> - <div class="verse indent0">Das du verdouwest gelt und gut.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>In den Werken der Mittelhochdeutschen -spukte die Sage von einem Heilbade mit -gar seltsam wunderthätiger Wirkung:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Dies Wasser hat so edle Kraft,</div> - <a class="pagenum" id="page_263" title="263"> </a> - <div class="verse indent0">Welch' Mensch mit Alter war behaft,</div> - <div class="verse indent0">Ob er schon achtzigjährig was,</div> - <div class="verse indent0">Wenn eine Stund er drinnen sass,</div> - <div class="verse indent0">So thäten sich verjüngen wieder</div> - <div class="verse indent0">Sein Kopf, sein Herz und alle Glieder«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>sang 1542 Hans Sachs vom <em>Jungbrunnen</em>.</p> - -<p>Wer alt und runzelig in das Wunderwasser -gestiegen war, sprang:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»schön, wolgefarbt, frisch, jung und gsund</div> - <div class="verse indent0">ganz leichtsinnig und wol geherig</div> - <div class="verse indent0">als ob sie weren zwainzig jerig«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>hervor, was Lukas Kranach malte und »der -Meister mit den Bandrollen« auf einen in -der Wiener Albertina befindlichen ebenso -seltenen wie gemeinen Kupfer radierte.</p> - -<p>Zur Sommerszeit badeten »Manns- und -Weibspersonen in offenen Wassern ganz unverschambt«, -versichert Guarinonius, und mit -ihm eifert die gesamte Geistlichkeit gegen -die gemeinsamen Flussbäder, »Weilen das -Baden der jungen Menscher und Buben -sommerszeit sehr ärgerlich und viel schlimbes -nach sich ziehet«, wie der Abt Gregorius -von Melk 1697 meinte. Der Stadtrat von -Frankfurt sah sich im 16. Jahrhundert schon -wiederholt veranlasst, den »handwercksgesellen -vnd andere, so im Main zu baden -<a class="pagenum" id="page_264" title="264"> </a> -pflegen«, Haftstrafen zu verheissen, wenn -sie, »wie Gott sie geschaffen ganz nackend -blos ohne scham«, ohne ihre »niedercleider« -badeten. Man hielt selbst im 18. Jahrhundert -noch Flussbäder für einen Unfug -ohne jede hygieinische Wirkung, für Übermut, -den sogar ein Goethe noch verurteilte.</p> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak"> -Tanz und Spiel. -<a class="pagenum" id="page_265" title="265"> </a></h2> -</div> - -<p> -Der Tanz, das Spiel der grossen Kinder, -blickt auf eine nach Jahrtausenden zählende -Vergangenheit zurück. Er findet sich zu -allen Zeiten, in allen Kulturepochen der -Menschheit; ebenso bei den auf der niedrigsten -Geistesstufe stehenden Wilden, wie -bei den führenden Nationen. Doch welch -unendlicher Abstand liegt zwischen dem grotesk-sinnlosen -Stampfen und Sprüngen, den -Gliederverrenkungen oder dem hüpfenden -Trippeln jener und dem graziösen Tanze -im lichtflutenden Ballsaale, und trotz dieses -himmelweiten Unterschiedes hat die Sprache -für all diese Verrichtungen nur das eine -kennzeichnende Wort: Tanz! Dort die Begleitung -von Gutturaltönen, Händeklatschen -oder misstönenden primitiven Musikinstrumenten, -hier die fascinierenden Walzerklänge, -<a class="pagenum" id="page_266" title="266"> </a> -und all dieses ist Tanzmusik, unzertrennlich -von Tanzeslust, leuchtenden Augen, hochklopfenden -Herzen.</p> - -<p>Die Erfindung des Tanzes verursachte -kaum viel Kopfzerbrechen. Schon in der -Körperbewegung, im Gehen, Laufen und -Springen liegt die Grundidee des Tanzes. -Die den Menschen eigentümliche Neigung, -vor Freude zu hüpfen, mag die Entstehungsursache -des Tanzes gewesen sein. So findet -sich denn auch der Tanz oder Tanzformen -bei allen Völkern, über die geschichtliche -Überlieferungen berichten.</p> - -<p>Auf den Bildertafeln der ägyptischen -Tempel schweben florbekleidete Tänzerinnen -dahin. Die Bibel kündet von »Spiel und -Tanz« der Frauen Judas. Mirjam, die Prophetin, -zog mit den Frauen und Jungfrauen -hinaus auf den Rain zum Reigen. David -»tanzte mit aller Macht vor dem Herrn her«, -und Salome, die Tochter Herodias', ertanzte -sich das Haupt Johannes des Täufers, wenn -wir der Legende und Sudermann glauben -dürfen.</p> - -<p>Bei den Griechen, wie auch später bei -den Römern und zur Zeit noch bei den -meisten Naturvölkern, dann den Quäkern -von Massachusetts und den Mormonen, galt -<a class="pagenum" id="page_267" title="267"> </a> -der Tanz, verbunden mit Hymnengesang, -als ein Bestandteil des Gottesdienstes. Der -Tanz-Gesangskunst, Orchestik, der Griechen -huldigten Hoch und Gering. Selbst ein -Sokrates verschmähte es nicht, zu tanzen. -Allerdings hing er seiner Tanzliebe ein Ausrede-Mäntelchen -um, indem er den Tanz ein -vorzügliches Mittel, den Appetit zu wecken, -die Geistes- und Körperkraft rege zu erhalten -und zu steigern nannte. Die Eitelkeit -und Schaulust der Griechen, dieser -Franzosen des Altertums, suchte Gelegenheit, -ihrer Tanzlust möglichst oft zu frönen. -Man tanzte schon in homerischer Zeit bei -Gastmählern, bei öffentlichen und privaten -Festen, im Hause, auf freien Plätzen, auf -der Bühne, selbst bei Begräbnissen. Bei -den Römern dekretierte Numa Pompilius -(715-672 v. Chr.) den Tanz als gottesdienstliche -Handlung. Dionysius von Halikarnass -nannte die Marspriester, deren Kultustänze -zu den heiligsten Ceremonien gezählt -wurden, »Tänzer und Hymnensänger der -Waffengötter«. Mit der fortschreitenden Kultur -Roms war das hüpfende Vergnügen die -Hauptsache jeder festlichen Veranstaltung. -Es wimmelte von Kindern Terpsichores beiderlei -Geschlechtes in Rom und wohin römische -<a class="pagenum" id="page_268" title="268"> </a> -Sitte drang. Sie waren überall gern -gesehene, wenn auch wenig geachtete Gäste. -Auch bei den Leichenzügen der Cäsaren -spielten Tänzer eine Rolle. Sie hatten den -Verstorbenen in Maske und Gebärden zu -kopieren. Mit der römischen Kultur entarteten -auch die Tänze, über die wir von -den Satirikern sehr Unerbauliches erfahren. -Den Vergnügungstänzen lag ein erotischer -Gedanke zu Grunde, wie dies z. B. bei den -Tänzen der Spanier und dem Czardas auch -noch jetzt der Fall ist.</p> - -<p>Dem ernsten Sinne des Germanen waren -derartige Tänze ein Unding. »Jünglinge, -welchen das eine Lustbarkeit ist, tanzen -nackt zwischen aufgestellten Schwertern und -Speeren umher. Die Uebung erzeugt Fertigkeit, -die Fertigkeit Anmut. Doch thun sie -das nicht zum Erwerb oder um Lohn; wiewohl -in dem Vergnügen der Zuschauer der -kühne Mutwille seine Belohnung findet.«<a name="FNanchor_176" id="FNanchor_176" -href="#Footnote_176" class="fnanchor">[176]</a> -Die Frauen der Germanen blieben dem -<a class="pagenum" id="page_269" title="269"> </a> -Tanze fern, erst im Mittelalter wagten sie -es, sich am Tanzvergnügen zu beteiligen -und an der Seite eines Tänzers sich im -Schreit-, Schleif- oder Springtanz zu erlustigen.</p> - -<p>Die Schreittänze trugen ritterlich-höfisches -Gepräge. Der Tänzer fasste eine oder zwei -Tänzerinnen bei der Hand und hielt schleifenden -Schrittes einen Umgang im Saale, sei -es unter den Klängen von Instrumenten oder -nach dem Takte von Tanzliedern, welch -letztere der Vortänzer anstimmte, und in -deren Refrain die ganze Gesellschaft einfiel.<a name="FNanchor_177" id="FNanchor_177" -href="#Footnote_177" class="fnanchor">[177]</a> -Bei solchen Tänzen musste es steif zugehen, -denn die Männer blähten sich in gesuchter -Grandezza, während die Damen in ihren -langen, wallenden Gewändern affektiert</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Uf den zehen slichent's hin</div> - <div class="verse indent0">Nach dem niuwen hovesin«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>dahintrippelten, »die trittel – als zuo einer -henne ein han«.</p> - -<p>Bei den Rundtänzen ging die Gesellschaft -in der Runde und suchte den Inhalt -des vorgesungenen Tanzliedes durch einfache -Bewegungen mimisch darzustellen. -<a class="pagenum" id="page_270" title="270"> </a> -Während solcher Rundtänze wurden sogar -Trauungen vollzogen, wenn aus einer Stelle -im Tristan ein allgemeiner Schluss gezogen -werden kann. Aus diesen Rundtänzen entwickelten -sich dramatische Tänze mit unterlegter -Handlung, der einfache Vorgänge aus -der Tierwelt zum Vorwurfe dienten. In -einem Gedichte des 11. Jahrhunderts, »Ruodlieb«, -treten Ritter und Edelfräulein einander -gegenüber und stellen Falke und Schwalbe -dar; der Raubvogel verfolgt in Sprüngen -das Vögelchen, gleitet aber an ihm vorüber, -statt es zu erhaschen.<a name="FNanchor_178" id="FNanchor_178" -href="#Footnote_178" class="fnanchor">[178]</a></p> - -<p>Zu den Variationen des Rundtanzes gehörte -auch der noch heute bei fürstlichen -Vermählungen gebräuchliche Fackeltanz. Bereits -unter Kaiser Konstanz (337-350) in -Byzanz nach griechischem Vorbild eingeführt, -hat dieser Tanz eine Parallele in einem -Hochzeitsbrauch der heidnischen Preussen, -die die Braut an der Grenze ihres neuen -Heimatortes mit einem »Brandfeuer« empfingen. -Im 11. Jahrhundert war der Fackeltanz, -wie aus der Reimchronik Peters von -Hagenbach ersichtlich, als Vergnügen nach -<a class="pagenum" id="page_271" title="271"> </a> -Turnieren allgemein. Den an sich langweiligen -Rundgang mit den brennenden -Lichtern suchte man durch Figuren zu -beleben und unterhaltender zu gestalten. -Man spielte mit den Fackeln, stemmte erst -eine Hand, dann beide Hände in die Seite, -trug die Hände abwechselnd unter dem -Gürtel, winkte mit der Hand, legte sie über -die Augen, trug Tannenreiser im Munde, -winkte und drohte sich zu und beschmierte -sich schliesslich gegenseitig die Gesichter -mit Russ. Begreiflicherweise ging es bei -diesen Tänzen höchst ehrbar zu, so dass -Kirchenfürsten nicht anstanden, selbst derartige -Feste zu veranstalten und ein -Tänzchen mitzumachen, was Geiler zu -dem ärgerlichen Ausspruch veranlasst: »O -Mönch, wie passt die Kutte zum Tanze, -wie die Tonsur zu den Kränzen der -Frauen?«</p> - -<p>Waren die Tänze an sich auch anständig, -so scheint dies von den dabei gesungenen -Tanzliedern weniger der Fall gewesen zu -sein, wie Geiler hervorhebt. »Noch het ich -schier ein trutz vergessen, nemlich den reien -tantz; da werden auch nit minder untzucht -und schand begangen, weder inn den andern, -von wegen der schandtlichen und -<a class="pagenum" id="page_272" title="272"> </a> -schamparen (schandbaren) hurenlieder, so -darinn gesungen werden, damit man das -weiblich geschlecht zu der geilheit und unkeuschheit -anreitzet.« Dann weiter: »Auch -in schmählichen Liedern wird gesündigt: -das pflegt zu geschehen bei den Tänzen, -die wir deutsch ›Leygerleyss‹ oder ›ein -scheiblecht tenzlein‹ nennen, wo Eine vorsingt -und die anderen nachfolgen, und wo -viel Schmachvolles von Liebe gesungen -wird, was zur Wollust anreizt und gegen -die Ehrbarkeit gerichtet ist .... Mit leichtfertigem -und unzüchtigem Schmuck bis -auf den halben Rücken ist Alles bloss -und nackt von vorn bis zu den Brüsten, -dass sie auch die enthaltsamsten Männer -locken können« – also schon damals -Balltoiletten wie in der Ära der Lex -Heinze – ja, Alles schon dagewesen! Der -zweite Teil der eben mitgeteilten Philippika -ist auf das ausgelassene Volk gemünzt, das -sich nicht mit den feierlich-faden Schreittänzen -begnügte, dessen leichteres Blut eine -flottere Unterhaltung begehrte. Man tanzte -im Dorfe auf dem Plane, den eine Linde -überschattete, oder auf dem Tanzhügel. Im -Winter flüchtete man in grosse Stuben, in -das Dorfwirtshaus oder auch in Scheuern. -<a class="pagenum" id="page_273" title="273"> </a> -Aber auch die Kirchen der Städte, ihre Vorhallen -und die Kirchhöfe waren seit alter -Zeit beliebte Tanzplätze, wenn auch die -Geistlichkeit auf Synoden und von der Kanzel -herab bis zum Ende des Mittelalters dagegen -zeterte; ja noch mehr, man tanzte sogar zu -denselben weltlichen Melodien, nach denen -man in der Kirche die geistlichen Texte -sang, weshalb Erasmus von Rotterdam von -dem Kirchgesange sagt: »Da hört man -schändliche und unehrliche Buhllieder und -Gesang, darnach die Huren und Buben -tanzen.«</p> - -<p>Da ging es denn auch ganz anders zu, -wenn sich die Tänzer auf solchen Plätzen -zusammenfanden, die Weisen des Spielmannes -lockten, die langen Fähnchen und mit ihnen -die Gespreiztheit im Dunkel der Truhen -verschlossen lagen und der Zwang des vornehmen -Rathaussaales oder des städtischen -Tanzhauses vergessen war. Da klopften die -Pulse höher, da lohte die Jugendlust und -Tanzfreude auf, da offenbarte sich der lebensvolle -Übermut, da kam die unverfälschte -Menschennatur zum Vorschein, befreit von -den Fesseln des mit Mühe festgehaltenen -»guten Tones«, da hiess es auf die Sittenpredigt -des gestrengen Seelenhirten:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Bruoder Berthold, rede waz dû wellest!</div> - <a class="pagenum" id="page_274" title="274"> </a> - <div class="verse indent0">wir mügen ungetanzet niht sîn«,</div> - <div class="verse indent0">denn ....</div> - <div class="verse indent0">».... hier ist des Volkes wahrer Himmel.</div> - <div class="verse indent0">Zufrieden jauchzet Gross und Klein,</div> - <div class="verse indent0">Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Wenn auch die Städter niederen Ranges, -wie die Bauern, sich emsig bemühten, den -höfischen Reigen, wie alles, was von »oben« -kam, nachzuäffen, was Neithard von Reuenthal -bezeugt, so waren doch die Repräsentationstänze -nur einzelne, der lieben Mode -wegen eingeschobene Programmnummern, -zwischen denen dann jene Tanzformen auftauchten, -die das Wesen und die Anschauungen -des Volkes schärfer charakterisierten, als die -sentimentale Stadelweise oder der flottere, -aber noch immer zahme Ridewanz.</p> - -<p>Die Namen der Bauerntänze sind fast -alle ungelöste Sprachrätsel. Man tanzte -Köwenanz, Sulawranz, Hoppaldei, Heierlei, -Folafrantz, Ahsel, Houbetschoten (Kopfschütteln), -Troialdei, Firgamdray, Wânaldei, -Treirôs, Mürmum, Bôzalt, Gimpelgampel, -Drauraran, Krumme Reien<a name="FNanchor_179" id="FNanchor_179" -href="#Footnote_179" class="fnanchor">[179]</a>, Adelswanck, -Schwingewurz, Trümmekentanz<a name="FNanchor_180" id="FNanchor_180" -href="#Footnote_180" class="fnanchor">[180]</a> und andere -<a class="pagenum" id="page_275" title="275"> </a> -schönbenamste Tänzchen mehr. Trotz dieser -grundverschiedenen Namen hatten alle diese -Tänze das eine gemein, dass sie weder -graziös noch sittenverbessernd waren – -darin sind alle massgebenden Autoren der -Vergangenheit einig, die ausnahmslos den -Stab über diese »Törpertänze« brechen.</p> - -<p>Das Springen von Tänzer und Tänzerin, -»den reien springen«, war eine Hauptsache -bei all diesen Tänzen. Von einem Mädchen -heisst es in einem Liede Neithards:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Sie spranc</div> - <div class="verse indent0">Mêr dan einer klâfters lanc</div> - <div class="verse indent0">Unt noch hôher danne ie magt gesprunge.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>und Oswald von Wolkenstein sagt:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Gar weidlich tritt sie den firlefanzen,</div> - <div class="verse indent0">Ihre hohe Sprünge, unweiblich fast zu tanzen.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Wie bei diesen Sprüngen die leichte Gewandung -flattern musste! Aber es kam noch -toller: Man schwenkte die Tänzerinnen in -die Luft empor, »dass man hoch sieht die -blossen Beine«, wie Brant im Narrenschiff -sagt. – Es sei hier nebenbei erwähnt, dass -Beinkleider den mittelalterlichen Frauen gewöhnlichen -Standes unbekannt waren.<a name="FNanchor_181" id="FNanchor_181" -href="#Footnote_181" class="fnanchor">[181]</a></p> - -<p><a class="pagenum" id="page_276" title="276"> </a> -Geiler eifert gegen derartiges Tanzunwesen:</p> - -<p>»Darnach findt man Klötz, die tantzen -also sewisch (säuisch) und unflätig, dass sie -die weiber und jungfrawen dermassen herumbschwencken -und in die hohe werffen, das -man jhn hinden und vornen hinauff siehet -biss in die weich, also dass man jhr die -hübsche weisse beinle siehet ..... Auch -find man etlich, die haben dessen ein ruhm -wann sie die jungfrawen und weiber hoch -inn die höhe konnen schwencken und haben -es bissweilen die jungfrawen (so anders -solche jungfrawen zu nennen sein) fast gern -und ist jnen mit lieb gelebt, wann man sie -also schwencket, das man jhnen, ich weiss -nicht wohin siehet.«</p> - -<p>Murner variirt dasselbe Thema dahin:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Seh' ich die Sache richtig an,</div> - <div class="verse indent0">Kein frommes Kind dort hingehn kann,</div> - <div class="verse indent0">Nur solche, die da stützen kann</div> - <div class="verse indent0">Den Burschen, wenn er hebet an</div> - <div class="verse indent0">Zu springen, und ihn hebt empor.</div> - <div class="verse indent0">Ihr wisst's, kein Wort lüg' ich euch vor.</div> - <div class="verse indent0">Es ist nicht Scham noch Zucht dabei,</div> - <div class="verse indent0">Wenn sie die Mägdlein schwenken frei</div> - <div class="verse indent0"><em>Und Gretlein so weit treibt den Spass,</em></div> - <div class="verse indent0"><em>Dass man kann seh'n, ich weiss nicht was.</em></div> - <div class="verse indent0"><em>Wer seine Tochter fromm will sehen,</em></div> - <div class="verse indent0"><em>Der lass' sie nicht zum Tanze gehen</em>.</div> -<a class="pagenum" id="page_277" title="277"> </a> - <div class="verse indent0">Der Schäfer von der neuen Stadt</div> - <div class="verse indent0">Schon manches Kind verderbet hat,</div> - <div class="verse indent0">Geschändet, ihm geraubt die Ehr',</div> - <div class="verse indent0">Das nun ein Eheweib wohl wär';</div> - <div class="verse indent0">Doch nun sitzt sie im Frauenhaus,</div> - <div class="verse indent0">Der Ehre ist der Boden aus.«<a name="FNanchor_182" id="FNanchor_182" -href="#Footnote_182" class="fnanchor">[182]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Agrippa von Nettesheim, keineswegs so -schwarzseherisch und pedantisch wie Murner -und Geiler, sagt trotzdem in seinem 1526 -verfassten Buche »De vanitate scientiarum«, -man tanze mit unehrbaren Gebärden -und tosendem Fussgestampfe nach lasciven -Weisen und zotigen Liedern. In buhlerischen -Umarmungen lege man dabei unzüchtige -Hände an Mädchen und Matronen, küsse -sie, und, Lasterhaftigkeit für Scherz ausgebend, -stehe man nicht an, das schamlos -zu entblössen, was die Natur verberge und -die Sittsamkeit verhülle.</p> - -<p>Diese harten Worte bestätigt auch Heinrich -von Wittenweiler in seinem obengedachten -»Ring«:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Die Mäczli (Mädchen) warent also rüg</div> - <div class="verse indent0">Und sprungen her so gar gefüg</div> - <div class="verse indent0">Daz man in oft, ich wayss nit wie</div> - <div class="verse indent0">Hinauf gesach bis an die Knie.</div> -<a class="pagenum" id="page_278" title="278"> </a> - <div class="verse indent0">Hilden Hauptloch was ze weyt</div> - <div class="verse indent0">Darumb ir an derselben zeit</div> - <div class="verse indent0">Das tüttel aus dem puosem sprang;</div> - <div class="verse indent0">tanczens gyr sey dar zuo twang.</div> - <div class="verse indent0">Hüddelein der ward so hayss,</div> - <div class="verse indent0">day sey den Kittel vor auf rayss</div> - <div class="verse indent0">des sach man ir die iren do</div> - <div class="verse indent0">und macht vil mängen herczen fro.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Mädchen, die dem Werfen ausweichen -wollten, warf man gewisse Gründe dafür vor:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Dier da nit entspringt</div> - <div class="verse indent0">Die treit ein Kint«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>sagt der Tannhäuser trocken.</p> - -<p>In der Abhandlung »was schaden tantzen -bringt«, meint der unbekannte Verfasser: -»der tufel stifft solich tentz vff daz sich die -vnkuschen menschen an sehen an griffen -vnd mit einander reden, vnd dar durch entzundt -werdent durch vnkuschheit, vnd böse -fleischlich begirde gewynnen, vnd gunst dar -zu geben, vnd lust dar jnne haben, damit -sie tötlich sünden vnd jn vil stricke des -tufels vallen ....«, und so geht es weiter -in allen Tonarten.</p> - -<p>Von einem anderen wird der Tanz der -Kuppelei beschuldigt: »Es sind solche, die -gehen darum zu Tanz, damit sie andere zur -Unzucht und zum Mutwillen anstacheln. Da -<a class="pagenum" id="page_279" title="279"> </a> -fasst man sich an, wird einander hold, da -schwätzt man Lieb und Leib mit einander, -da man sonst nicht zusammenkommt, da -drücken sie sich die Hände, geben sich -Liebesbriefe (bulen brieffle) u. s. w.«</p> - -<p>Noch kräftiger drückt sich Florian Daulen -von Fürstenberg, Pfarrherr zu Schellenwalde, -in seinem einst allbekannten und vielbesprochenen -»Tanzteufel«<a name="FNanchor_183" id="FNanchor_183" -href="#Footnote_183" class="fnanchor">[183]</a> aus.</p> - -<p>»Wir wollen vom Tanzteufel, wie fürgenommen, -sagen, dass unter allen andern, -so jetzt erzählt und in Krätschemen (Krug, -Wirtshaus) zu geschehen pflegt, der teuflische, -verfluchte, unziemliche, unzüchtige, Gottes -Zucht und Ehr vergessene, leichtfertige Tanz, -der besonders die Nacht in Krätschemen geschieht, -zu verfluchen, zu schelten und zu -verdammen sei.</p> - -<p>Der Tanz ist, sobald der Fiedler oder -Spielmann aufmacht, ein stätiges, unordentliches -Rennen und Laufen. Wie das unvernünftige -Vieh laufen sie durcheinander; -auch mit tollem, unvernünftigem Geläuf -<a class="pagenum" id="page_280" title="280"> </a> -laufen sie von fern mit den Köpfen zusammen, -und treffen eins das andere zu Boden, -nicht allein von hinten auf die Füsse, dass -die Schuhe entfallen, sondern sie rennen -sich auch gar darnieder und machen ein so -gräulichen Staub, dass vernünftige, fromme -Leute in der Stube nicht bleiben können. -Die Tanzenden offt durcheinander gehen, -unordentlich gehen und lauffen wie die -bisenden Küh, sich werfen und verdrehen, -welches man jetzt verködern heisset. So -geschiehet nun solch schendtlich, unverschämt -schwingen, werffen, verdrehen und -verködern von den Tantzteuffeln, so geschwinde, -auch in aller Höhe, wie der -Bawer den Flegel schwinget, dass bissweilen -den Jungfrauwen, Dirnen und Mägden -die Kleider biss über den Gürtel, ja -biss über den Kopff fliegen. Oder werffens -sonst zu boden, fallen auch wol beide und -andere viele mehr, welche geschwinde und -unvorsichtig hernach lauffen und rennen, -dass sie über einem hauffen liegen. Die -gerne unzüchtig Ding sehen, denen gefellt -solch schwingen, fallen und Kleiderfliegen -sehr wol, lachet und seind fröhlich dabei, -denn man machet jnen gar ein fein -welsch Bellvidere. Welche Jungfraw, Magd -<a class="pagenum" id="page_281" title="281"> </a> -und Dirne am meisten am Tantze herumgefüret, -geschwungen, gedrehet und geschawet -wirdt, die ist die fürnembste und -beste und rühmen und sagen die Mütterlein -selber: »Es ist gar bedrang umb meine -Tochter am Tantze, jedermann wil mit jr -tantzen, sie hat heut am Tantz guten Markt -gehabt. Auch sticht der Narr unsre jungen -und alten Witwen, die treibens ja so körbisch, -wilde und unfletig als die jungen Mägdlein ....«</p> - -<p>»Alle Tänze sind jetzt gemeiniglich also -geartet, gar wenige ausgenommen, dass -wahrlich an auch den Tänzen, die bald nach -geschehener Mahlzeit auf den Wirthschaften -gehalten, nicht viel zu loben ist, denn das -junge Volk ist gar vom Teufel besessen, -dass sie keine Zucht, Ehre und Tugend mehr -lieben. Die jungen Gesellen meinen, wenn -sie Fochtel und Degen neben den Tanz an -der Seite tragen, sich ungebärtig stellen, -hoch springen, schreien, wüthen und drohen, -sie hätten nicht recht getanzt, zu geschweigen -der unzüchtigen Worte und Geberden, so -die garstigen Esel am Tanze treiben.« Luther -verdammt das Tanzen an sich nicht, »wo es -züchtig zugeht«. »Dass aber Sünde da geschehen, -ist des Tanzes Schuld nicht allein, -<a class="pagenum" id="page_282" title="282"> </a> -sintemal auch über Tisch und in der Kirche -dergleichen geschehen. Gleichwie es nicht -des Essens und Trinkens Schuld ist, dass -etliche zu Säuen darüber werden.«<a name="FNanchor_184" id="FNanchor_184" -href="#Footnote_184" class="fnanchor">[184]</a></p> - -<p>In dem »Ehespiegel« des Cyriakus -Spangenberg (1578), in dem 50 Brautpredigten -des Verfassers enthalten sind, werden -für das letzte Viertel des 16. Jahrhunderts -die alten Klagen laut. Spangenberg stellt -dem ehrbaren »Bürgerlichen« den »Buben- -und Hurentanz« gegenüber, bei denen es -zuging, »dass einer schwört, es hätten die -Unfläter, so solchen Regenführern, aller -Zucht und Ehre vergessen, wären taub und -unsinnig und tanzten St. Veitstanz«.</p> - -<p>Wie es auf einem Balle oder Tanzfeste -im 16. Jahrhundert zuging, davon gibt der -gelehrte markgräflich badische Rat und -Obervogt zu Pforzheim, Johann von Münster -in seinem zuerst 1594 gedruckten »gottseligen -Traktat vom ungottseligen Tanz« -genaue Mitteilung: »Die deutsche allgemeine -Tanzform besteht hierinnen, dass -nachdem bei den Pfeiffern und Spielleuten -der Tanz zuvor bestellet ist, der Tänzer -<a class="pagenum" id="page_283" title="283"> </a> -aufs Zierlichste, Höflichste, Prächtigste und -Hoffärtigste herfürtrete und aus allen allda -gegenwärtigen Jungfrauen und Frauen eine -Tänzerin, zu welcher er eine besondere -Affektion trägt, jene erwähle. Dieselbe mit -Reverentz, als mit Abnehmen des Hutes, -Küssen der Hände, Kniebeugen, freundlichen -Worten und anderen Ceremonien bittet, -dass sie mit ihm einen lustigen, fröhlichen -und ehrlichen Tanz halten wolle. Diese -(hochnöthige) Bitte schlägt die begehrte -Frauensperson nicht leichtlich ab, unangesehen -auch der Tänzer, der den Tanz -von ihr begehrt, bissweilen ein schlimmer -Pflugbengel, oder ein anderer unnützer vollgesoffener -Esel, und die Frauensperson eine -stattliche vom Adel, oder andere ansehnlich -denn reiche Frau oder Jungfrau ist. Es -wäre denn, dass sie um eines Verstorbenen -Willen trauert oder Leid trüge. In dem -Falle ist sie, und auch eine Mannsperson -entschuldigt. So ferne noch bei dem, der -den Tanz begehret, so viel Verstandes übrig -ist, dass er diese Entschuldigung annehmen -will. Ist aber der Kerl gar voll und toll, -der den Tanz begehret, so muss die Frauensperson -eben wol fort. Will sie nicht tanzen, -so mag sie schleiffen. Will sie im Tanz -<a class="pagenum" id="page_284" title="284"> </a> -nicht lachen und frölich springen, so mag -sie weinen und sauer aussehen und traurig -tanzen. Denn er verlässt sie nicht, weil er -sie bei der Hand hat, sondern er zieht mit -ihr immer fort, zum Tanze, wie mit einem -Widder zur Küche. Darüber lachen etliche, -die dabei stehen und zusehen, etliche aber, -denen die Frauensperson verwandt ist, sehen -übel aus, und dürfen bisweilen mit diesem -unzeitigen Tänzer Händel und Streit anfangen. -Ist aber die Frauensperson also -daran, dass sie aus wahrer Erkenntnis Gottes -den Tanz hasset und dem Tänzer den Tanz -abschlägt, oder aus anderen Ursachen mit -ihm zu tanzen sich weigert, so ist das Ei -zertreten. Dann fängt der Tänzer an zu -fragen, oder beschickt die Frauensperson -durch seine Freunde, was sie für Ursache -habe, ihm den Tanz zu verweigern, ob er -nicht redlich, ehrlich oder gut genug dazu -sei u. s. w. Zuweilen wartet der Tänzer -nicht so lange, dass er die Beschickung -kann fürnehmen, sondern schämt sich auch -nicht, die Jungfrau oder Frau, sobald sie -ihm den Tanz geweigert hat, wider alle -Billigkeit, Rechtlichkeit und Recht <em>aufs -Maul zu schlagen</em>. Etliche geben dem -Schläger Recht und verteidigen seine lose -<a class="pagenum" id="page_285" title="285"> </a> -Sache mit den Spruch: einem ehrlichen und -redlichen Mann muss und soll man keinen -Tanz weigern. Darum ist der Person Recht -geschehen u. s. w. Andere aber halten dieses -(wie denn billig ist), für eine solche unbescheidene, -tyrannische That, dass sie wert -sei, dass die ganze Gesellschaft derselben -sich annehme und sie räche. Daraus dann -endlich solch Werk erfolget, dass ohne Blutvergiessen -und ständigem Hasse nicht wol -oder kaum kann beigelegt und verglichen -werden. Wenn aber die Person bewilligt -hat, den Tanz mit dem Tänzer zu halten, -treten sie beide herfür, geben einander die -Hände, <em>und umfangen und küssen sich -nach Gelegenheit des Landes</em><a name="FNanchor_185" id="FNanchor_185" -href="#Footnote_185" class="fnanchor">[185]</a>, auch -wol recht auf den Mund, und erzeigen sich -sonst mit Worten und Geberden die Freundschaft, -die sie vor langer oder kurzer Zeit -gewünscht haben, einander zu erzeigen. Darnach, -wenn es zum Tanze selbst gekommen -ist, halten sie erstlich den Vortanz, derselbe -gehet etwan mit ziemlicher Gravität ab. Es -kann aber in diesem Vortanz das Gespräch -und Unterredung, derer die sich lieb haben, -<a class="pagenum" id="page_286" title="286"> </a> -besser gebrauchet werden, als in den Nachtanz. -Dies aber haben sie gemein, dass die -Tänzer, wenn sie zum End des Gemaches, -in welchem sie tanzen, gekommen sind, -wieder umkehren, und sich zu beiden Seiten, -zur rechten und zur linken, so lang wenden -und treiben, vorgehen und folgen müssen, -bis der Pfeiffer aufhört zu spielen, und ihn -gelüstet, ein Zeichen zu geben, dass der -Vortanz ausgetanzet sei. Darnach ruhen sie -ein wenig, stehen aber nicht lange still. -Sind es gute Freunde, so reden sie miteinander -von den Dingen, die sie gern -hören. Ist aber die Freundschaft nicht so -gross, so schweigen sie still, und warten -bis der Pfeiffer wiederum aufblaset zum -Nachtanz. In diesem gehet es was unordentlicher -zu, als in dem vorigen. Denn -allhier des Lauffens, Tummels, Handdrückens, -heimlichen Anstossens, Springens und bäurischen -Rufens und anderer ungebührlichen -Dinge, die ich Ehren wegen verschweige, -nicht verschonet wird, bis dass der Pfeiffer -die Leute, die wohl gern, wenn sie könnten, -einen ganzen Tag also toller Weise zusammenliefen, -durch sein Stillschweigen geschieden -hat. Da hört man denn oft einen -schrecklichen Fluch über den Pfeiffer, dass -<a class="pagenum" id="page_287" title="287"> </a> -er viel zu bald den Tanz ausspielet, oder -auch manchmal den Tanz zu lang gemacht -hat. Denn sie schämen sich aufzuhören zu -tanzen, ehe und bevor der Spieler aufgehört -hat zu pfeiffen. Die Strafe wird ihm bisweilen -auch zugelegt, dass er noch einmal -um dasselbe Geld (wie sie reden) aufblasen -muss. Da gilt es denn mit Tanzen aufs -Neu. Wenn aber der Tanz zu Ende gelaufen -ist, bringt der Tänzer die Tänzerin -wiederum an ihren Ort, da er sie hergenommen -hat, mit voriger Reverentz, nimmt -Urlaub und bleibet auch wol <em>auf ihrem -Schoss sitzen</em> und redet mit ihr, darzu er -durch den Tanz sehr gute und keine bessere -Gelegenheit hat finden mögen.«<a name="FNanchor_186" id="FNanchor_186" -href="#Footnote_186" class="fnanchor">[186]</a></p> - -<p>Alle diese Anklagen finden amtliche Bestätigung -durch die zahllosen Tanzordnungen, -wie solche die ganzen Jahrhunderte -hindurch erlassen wurden und immer wieder -erneut werden mussten bis in das 17. Jahrhundert -hinein. Man gab genaue Vorschriften, -wie man sich beim Tanze zu benehmen -und zu kleiden hatte, welche Tänze -erlaubt und welche verpönt waren. In Zürich -<a class="pagenum" id="page_288" title="288"> </a> -war sogar das Verbot nötig, nicht »bei -nacktem Leibe« auf dem Tanzboden zu -erscheinen. Nürnberg untersagte nur das -»halsen und umbfahen«, während die Sächsisch-Meissnische -Polizeiordnung von 1555 -gar das Kind mit dem Bade ausschüttete, -denn sie besagt, es sei besser, für manche -Orte überhaupt keinen Tanz zu gestatten, -da sich bei solchen viele Mannspersonen -unzüchtig und Ärgernis erregend benahmen. -Deshalb hätten Männer und Frauen züchtig -bekleidet zu sein und müsse das unziemliche -Drehen, Geschrei und unanständige -Gebärden unter allen Umständen unterbleiben. -In Danzig wurden 1530 sieben -Männer und ebensoviele Weiber gestäupt -und ihnen die Stadt »auf ewig« verboten, -weil sie »in nicht gebräuchlicher, unanständiger -Kleidung« öffentlich getanzt hatten.<a name="FNanchor_187" id="FNanchor_187" -href="#Footnote_187" class="fnanchor">[187]</a> -In Freiburg im Breisgau legte man 1556 -die Spielleute, die bei einem Tanze mitgewirkt, -in das Spitals-Gefängnis. Als alles -dies nichts half, lenkte man in einzelnen -Städten ein und sandte zu den Tanzunterhaltungen -Beamte als Zensoren, um darüber -<a class="pagenum" id="page_289" title="289"> </a> -zu wachen, dass nicht allzu grobe Ausgelassenheiten -vorfielen.<a name="FNanchor_188" id="FNanchor_188" -href="#Footnote_188" class="fnanchor">[188]</a></p> - -<p>Der älteste Tanz des deutschen Volkes -ist der auch heute noch in manchen entlegeneren, -namentlich Gebirgsgegenden nicht -gänzlich verschwundene <em>Johannistanz</em>, -wenn auch Voss seine Behauptung vom Ursprunge -dieses Tanzes unter dem vierten -König der Gallier, Bardus II., etwa 2140 -oder 2174 v. Chr. G., nicht zu beweisen -vermag.<a name="FNanchor_189" id="FNanchor_189" -href="#Footnote_189" class="fnanchor">[189]</a> Immerhin besitzt er ein ehrwürdiges -Alter, denn schon das sechste -Konzil zu Konstantinopel im Jahre 680 -schritt gegen die »abgöttischen Feuertänze« -der Christen, der heilige Elipsius um dieselbe -Zeit gegen diese heidnische Sitte der Deutschen -ein, »die an dem Johannisfeste die -Sonnwendlieder und andere teuflische Gesänge, -Tanz und Sprünge üben«. Als die -Geistlichkeit einsah, diese althergebrachten -Festbräuche nicht ausrotten zu können, -nahm sie sich – sanft wie die Tauben und -klug wie die Schlangen – ihrer an, gab -ihnen durch Aufoctroyierung eines Heiligen -als Paten einen kirchlichen Charakter, und -<a class="pagenum" id="page_290" title="290"> </a> -ein neuer Feiertag mit Kirchgang und Opferung -war fertig. Die Hauptsache an dem -neugebackenen St. Johannistag blieben aber -die Johannisfeuer, mächtige Scheiterhaufen, -die von der Jugend unter heiteren Gesängen -umtanzt und, wenn die Flammen in den -zusammengesunkenen Scheitern nur noch -glimmten und Rauchwolken den verkohlten -Hölzern entströmten, mit kühnen Sätzen -durchsprungen wurden. In Stadt und Land -freute sich mondelang vorher die tanzfreudige -Jugend auf den Sonnwendabend, -der hoch und gering auf den Feuerplätzen -versammelt sah.</p> - -<p>In München fand sich 1401 der lustige -Herzog Stephan, Kaiser Ludwigs des Bayern -Sohn, mit seiner Gemahlin beim Sonnwendtanze -ein, ebenso tanzte König Friedrich IV. -auf einem Reichstage in Regensburg 1471 -im Reigen um das Feuer. Kaiser Maximilians -Sohn Philipp liess am Johannistage -1496 auf dem Fronhof zu Augsburg einen -54 Schuh hohen Scheiterhaufen aufrichten. -Alle »Frauenzimmer« der Geschlechter waren -eingeladen und erschienen im höchsten Putze, -weil bekannt worden war, dass der Prinz -eine von ihnen zum Tanze auffordern würde. -Einer schönen Ulmerin, der Susanne Neidhartin, -<a class="pagenum" id="page_291" title="291"> </a> -wurde dies Glück zu teil; sie durfte -mit einer Fackel den Holzstoss entzünden, -den unter Trompeten- und Paukenschall -die ganze Gesellschaft umtanzte.<a name="FNanchor_190" id="FNanchor_190" -href="#Footnote_190" class="fnanchor">[190]</a> Dass zu -diesen Tänzen auch die leichtfertigen Weiber -der städtischen Bordelle zugelassen waren, -ist bereits oben mitgeteilt worden, daher -dürfte es auch nicht an Ausschreitungen -gefehlt haben, wozu die Sprünge durch das -Feuer mit hochgeschürzten Kleidern willkommenen -Anlass boten.</p> - -<p>Die Schamlosigkeit der meisten Tänze, die -sich, je weiter das Mittelalter vorschritt, immer -mehr vergröberte, und in der von Thränen und -Blut triefenden Wiedertäufertragödie zu Münster -(1534-1535) ihren Kulminationspunkt -erreichte, den selbst die allgemeine Verwilderung -der grausen 30 Kriegsjahre nicht zu -erreichen vermochte<a name="FNanchor_191" id="FNanchor_191" -href="#Footnote_191" class="fnanchor">[191]</a>, fand stellenweise durch -das Volk selbst eine drastische Verurteilung, -die sich gegen jene Mädchen richtete, deren -Moralität durch allzu häufiges Aufsuchen von -Tanzgelegenheiten in Zweifel gezogen wurde. -<a class="pagenum" id="page_292" title="292"> </a> -So herrschte am Rhein, in »Franckenland -und ettlichen anderen Ortten« folgender Gebrauch: -»Merkwürdig ist, was am Aschtage -(Aschermittwoch) an den meisten Orten geschieht. -Alle Jungfrauen, die in dem Jahre -an dem Tanze teilgenommen, werden von -den jungen Männern zusammengebracht, statt -der Pferde an einen Pflug gespannt und -samt dem Pfeifer, der spielend auf dem -Rosse sitzt, in einen Fluss oder einen See -hineingetrieben. Warum das geschieht, sehe -ich nicht ein; ich denke mir, sie wollen -damit abbüssen, dass sie an den Feiertagen -gegen das Gebot der Kirche sich von leichtsinnigen -Vergnügungen nicht fernhielten.«<a name="FNanchor_192" id="FNanchor_192" -href="#Footnote_192" class="fnanchor">[192]</a></p> - -<p>In einer Geschichte des Geschlechtslebens -dürfen auch die <em>Hexentänze</em> nicht übergangen -werden, da sie zeigen, welch grauenvolle -Bilder sexueller Ausschweifungen verderbte -Gemüter jener finstersten Zeit des -finsteren Mittelalters auszuhecken im stande -waren. Was auf den Hexenversammlungen -auf dem Blocksberg, Heuberg, Hörselberg, -Fellerberg u. s. w. an den Hexensabbathen -vorgegangen sein soll, füllt die zahllosen -Protokolle der Hexenprozesse mit dem ekelhaftesten -<a class="pagenum" id="page_293" title="293"> </a> -Schmutz. Nur der ausgesprochene -Irrsinn oder wahrhaft teuflische Verderbtheit -konnte jene Beschreibungen diktiert haben, -die entmenschte Richter den sich unter Folterqualen -windenden »Hexen« in den Mund -legten.<a name="FNanchor_193" id="FNanchor_193" -href="#Footnote_193" class="fnanchor">[193]</a></p> - -<p>Eine weitere Erscheinung, die den mittelalterlichen -Tanz als Ursache hat, war die -um 1021, 1278, 1374 und 1418 grassierende -<em>Tanzwut</em>. Noch waren die Gräber der -vielen Millionen von der Pest, dem schwarzen -Tod, dahingerafften Menschen nicht überwachsen, -als eine seltsame Krankheit die -Menschheit ergriff. Bei ihrem ersten Erscheinen, -im 11. und im 13. Jahrhundert, -nur einzelne Individuen ergreifend, tauchten -1374 in Aachen Scharen von Männern und -Frauen auf, die, wie von einer höheren -Macht getrieben, Hand in Hand Reigen -bildeten, und erst gemächlich, dann immer -toller, anscheinend ihrer Sinne nicht mächtig -in wilder Raserei ohne Scheu vor den Zuschauern -tanzten, bis sie erschöpft zu Boden -sanken. Wie eine Epidemie breitete sich -diese Tanzlust aus, namentlich aus den -niederen Volksschichten unzählbaren Zuzug -<a class="pagenum" id="page_294" title="294"> </a> -erhaltend. Nach allen Städten verpflanzte -sich durch umherziehende Tanzkranke diese -Seuche, die Müssiggängern und losen Weibern -ein willkommener Deckmantel war, -betteln und ihren Gelüsten frönen zu -können. Denn zweifellos befanden sich -unter den armen hysterischen St. Veitstänzern -eine Unzahl von Simulanten, worüber -übrigens helle Köpfe schon damals -nicht im Zweifel waren<a name="FNanchor_194" id="FNanchor_194" -href="#Footnote_194" class="fnanchor">[194]</a>, wie aus folgender -zeitgenössischer Schilderung hervorgeht: -»Anno 1374 zu mitten im Sommer, -da erhub sich ein wunderlich Ding auff -Erdreich, und sonderlich in Teuttschen Landen, -auff dem Rhein und auff der Mosel, -also dass Leute anhuben zu tantzen und -zu rasen, und stunden je zwey gegen ein, -und tantzten auff einer Stätte ein halben -Tag, und in dem Tantz da fielen sie etwan -ufft nieder, und liessen sich mit Füssen -tretten, auff ihren Leib. Davon nahmen sie -sich an, dass sie genesen wären. Und lieffen -von einer Stadt zu der andern, und von -einer Kirchen zu der andern, und huben -Geld auff von den Leuten, wo es ihnen -<a class="pagenum" id="page_295" title="295"> </a> -mocht gewerden. Und wurd des Dings also -viel, dass man zu Cölln in der Stadt mehr -dann fünfhundert Täntzer fand. Und fand -man, dass es eine Ketzerey war, und geschahe -um Golds willen, dass ihr ein Theil -Frau und Mann in Unkeuschheit mochten -kommen, und die vollbringen. Und fand -man da zu Cölln mehr dann hundert Frauen -und Dienstmägde, die nichteheliche Männer -hatten. Die wurden alle in der Täntzerey -Kinder-tragend, und wann dass sie tantzeten, -so bunden und knebelten sie sich hart um -den Leib, dass sie desto geringer wären. -Hierauff sprachen ein Theils Meister, sonderlich -der guten Artzt, dass ein Theil werden -tantzend, die von heisser Natur wären, und -von andern gebrechlichen natürlichen Sachen. -Dann deren war wenig, denen das geschahe. -Die Meister von der heiligen Schrift, die -beschwohren der Täntzer ein Theil, die -maynten, dass sie besessen wären von dem -bösen Geist. Also nahm es ein betrogen -End, und währete wohl sechszehn Wochen -in diesen Landen oder in der Mass. Auch -nahmen die vorgenannten Täntzer Mann -und Frauen sich an, dass sie kein roth sehen -möchten. Und war ein eitel Teuscherey, -und ist verbottschaft gewesen an Christum -<a class="pagenum" id="page_296" title="296"> </a> -nach meinem Bedünken.«<a name="FNanchor_195" id="FNanchor_195" -href="#Footnote_195" class="fnanchor">[195]</a> Da auch die -Kölner Chronik von 1374 (Cöllen 1499) »vill -bouerie« (Büberei) unter den Tanzkranken -vermutet, was auf sich allgemein ausbreitendes -Misstrauen schliessen liess, so erlosch -die Krankheit nach und nach von selbst, -als die Teilnahme des Publikums für die -von ihr Befallenen gänzlich erstorben war, -um noch einmal im Verlauf der Geschichte, -in Frankreich während der Jahre 1727 bis -1762, also volle 40 Jahre, als »Konvulsionen« -mit ausgeprägt erotischem Charakter, eine -Rolle zu spielen.<a name="FNanchor_196" id="FNanchor_196" -href="#Footnote_196" class="fnanchor">[196]</a></p> - -<p>Eines der Hauptvergnügen für die mutwillige -Jugend bestand, wie erwähnt, bei -den Reigentänzen im Umwerfen oder Fallenlassen -der Tänzerin, um dadurch ihre Kleider -in Unordnung zu bringen. Ein Sittenschilderer -aus der Zeit vor dem Dreissigjährigen Krieg -klagt darüber, es sei nichts gewöhnlicher, -»als dass man auf <em>feierlichen Hochzeiten</em> -eine Menge von Kleidungsstücken abwarf und -dann erst tanzte, und dass man das Frauenzimmer -mit Fleiss in ganz unerhörter Weise -<a class="pagenum" id="page_297" title="297"> </a> -fallen liess«.<a name="FNanchor_197" id="FNanchor_197" -href="#Footnote_197" class="fnanchor">[197]</a> Dieses <em>Umwerfen</em> wurde -auch als Gesellschaftsspiel geübt, bei dem -es dem männlichen Spieler darauf ankam, -seine Partnerin, die auf dem Rücken eines mit -aufgestützten Händen knienden Pagen sass -und ihre Fusssohle an die des Gegners gestemmt -hielt, umzuwerfen und dadurch zu -entblössen. Ein Teppich im Nürnberger Germanischen -Museum enthält ein Bild dieses -»über Füesselin«, dem drei Damen, darunter -eine Fürstin mit der Krone auf dem Haupte, -voll Interesse zusehen.</p> - -<p>Ein Züricher Mandat von 1532 beschäftigt -sich mit diesem Umwerfen, ebenso das -Nimburger Stadtwesen, das das »bolderböhmische« -Spiel rügt. Ein anderes Gesellschaftsspiel -beschreibt Karlmeinet. Da tragen -erst die Herren die Damen und dann diese -die Herren. Der Kussraub, wie dies bei -Karlmeinet Godyn der Orie thut, wird wohl -ein wichtiges Moment dieses Spieles gewesen -sein, denn Küssen als Spiel kommt gleichfalls -in der langen Reihe von höfischen Gesellschaftsspielen -vor, die der Verfasser des -Gedichtes »Der tugenden schatz«<a name="FNanchor_198" id="FNanchor_198" -href="#Footnote_198" class="fnanchor">[198]</a> wie folgt -berührt:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Zwei halsten mit luste,</div> - <a class="pagenum" id="page_298" title="298"> </a> - <div class="verse indent0">Zwei einz daz ander kuste.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Das von Murner erwähnte Spiel oder -Lied »Der Schäfer von der neuen Stadt«<a name="FNanchor_199" id="FNanchor_199" -href="#Footnote_199" class="fnanchor">[199]</a> -endete mit einer allgemeinen Abküsserei, -daher die von dem Dichter angeknüpfte -Nutzanwendung.</p> - -<p>Ein Bauernspiel erwähnt Nithart von -Reuenthal als »wemplink bergen« in einem -von gemeinstem Cynismus strotzenden, geradezu -landsknechtsmässigem Gedicht. Da er -dem »Wemplink« eine obscöne Nebendeutung -gibt, ist aus dem Gedichte nicht ersichtlich, -wie dieses Spiel in Wirklichkeit vor sich -ging.</p> - -<p>Wenn Hans Sebald Beham (ca. 1500 bis -1550) nicht übertreibt, was bei der photographischen -Treue seiner geistvollen Bilder -kaum anzunehmen ist, so war das Umwerfen -besonders in den <em>Spinnstuben</em> -der Dörfer gleich vielen anderen Rüdheiten -heimisch.</p> - -<p>Das bekannte Spinnstubenbild des Nürnberger -Meisters gibt eine ganze Musterkarte -von abstossenden Zuchtlosigkeiten in -einer Spinnstube, die, wenn sie auch in ihrer -<a class="pagenum" id="page_299" title="299"> </a> -Gesamtheit übertrieben oder einzelne von -ihnen aufgebauscht sein mögen, doch noch -immer das einmütige Verdammungsurteil -gegen die Spinnstuben rechtfertigen. Es -müssen wahre Lasterhöhlen gewesen sein, -diese Bauernstuben, in denen sich die Dorfweiblichkeit -an den langen Winterabenden -zum gemeinsamen Spinnen versammelte. -Wo die Mädchen waren, blieben natürlich -auch die Burschen nicht aus, um die Schönen -bei der Arbeit zu zerstreuen und ihnen beim -Spinnen zu helfen. Namentlich das Abschütteln -der Abfälle des Hanfs, des Agen, -von den Kleidern, gab Anlass zu vielen zudringlichen -Scherzen.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Da bin ich all nacht gegangen zum rocken</div> - <div class="verse indent0">Da kund man mir mit öpfeln locken,</div> - <div class="verse indent0">Da wart ich den meiden die agen abschütteln</div> - <div class="verse indent0">Und ward oft eine mit dem hindern rütteln</div> - <div class="verse indent0">Und kund ihr wol unten warten zum leib«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>heisst's in einem Fastnachtsspiele.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ich schatz wir gen zum rockenspinnen</div> - <div class="verse indent0">Und schuten (schütteln) den meiden die agen ab«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>schlägt in einer anderen Posse ein Dorfjüngling -seinem Genossen vor.</p> - -<p>Die Dirnen, die sich zum Spinnen einfanden, -wussten ganz genau, worauf die Anwesenheit -<a class="pagenum" id="page_300" title="300"> </a> -der Männer hinauslief, darum -fanden diese auch nur zu williges Gehör. -Zu wüsten Orgien wurden diese Versammlungen, -wenn ein gefälliger Zufall oder ein -loser Schelm den qualmenden Lichtspan -zum Verlöschen brachte.</p> - -<p>Die Weistümer gehen deshalb zuweilen -gegen die Spinnstuben vor, unter anderen -das Weistum von Nörfeld bei Darmstadt<a name="FNanchor_200" id="FNanchor_200" -href="#Footnote_200" class="fnanchor">[200]</a>, -in dem es heisst:</p> - -<p>Es solle auf die höchste Busse erkannt -werden, wenn »wer spinnstuben in seinem -hausse zu halten unterstehen würde«. In der -Ehaltenordnung von Thierhaupten in Bayern -1475 heisst es von den Mägden: »sie sollen -zu nachts nit ausgên mit dem rocken in -ein dants hin, dann mit wissen und erlauben -der milchfrawen (der Obermagd)«. Am unzweideutigsten -spricht sich jedoch ein Nürnberger -Erlass von 1572 aus: »... das mehrmalen -in solchem zusammen den Eltern -Töchter verfüret hinder den Vättern zu vnziemlichen -Ehen vberredt, auch etwo geschwecht -vnnd gar zu schannden bracht -worden. Das auch die gesellen an einander -darob verwartten, verwunden vnd todschlagen -<a class="pagenum" id="page_301" title="301"> </a> -.... etc.«<a name="FNanchor_201" id="FNanchor_201" -href="#Footnote_201" class="fnanchor">[201]</a> Weitere Verordnungen, -die ausser der Ausschweifung und den in -den Spinnstuben gang und gäben Raufereien -noch die durch das unvorsichtige Hantieren -mit Feuer und Licht entstehenden Brände -hervorheben, wiederholen sich bis zur Mitte -des 18. Jahrhunderts, ohne aber die Spinnstuben -selbst und ihre unschöne Gefolgschaft -ausrotten zu können.</p> - -<p>Der Bauerntrotz wusste von jeher den -Befehlen der ihm verhassten Behörde ein -Erstrecht entgegenzusetzen, um so mehr, wo -es sich bei ihm um altehrwürdige Institutionen -handelte, die er innig verwachsen -mit seinem Leben hielt. Der Vater verzieh -dem Sohne gerne, was er selbst in der -Jugend getrieben, und die Mutter, die sich -vielleicht bei den Spinnstubenscherzen den -Mann ergattert, hoffte von der Tochter dasselbe. -Darum bestanden denn auch die -Spinnstuben fort, bis sie die fortgeschrittene -Industrie überflüssig gemacht; heute sind -sie eine seltene Erscheinung geworden, die -nur noch in entlegenen, vom Verkehre abgeschlossenen -Wald- oder Gebirgsdörfern -<a class="pagenum" id="page_302" title="302"> </a> -hier und da auftauchen. In den Spinnstuben -erklangen viele der Volkslieder zum -ersten Male, die von dort aus ihren Weg -in das Dörfchen und in das weite Land -fanden, jene naiv sentimentalen oder kernig -derben Gesänge, die Tagesereignisse, lokale -Vorkommnisse oder irgend eine der ungeschulten -Phantasie entsprungene Erzählung -in ungefügen Versen illustrieren. Um manche -dieser Lieder, wahre Perlen unserer Volkslitteratur, -sei den Spinnstuben die von ihnen -geübte Unmoral herzlich gern verziehen.</p> - -<p>Nur der Vollständigkeit halber will ich -noch <em>die Spielkarten</em> erwähnen, in deren -Bildern sich häufig die Freude unserer Vorfahren -an unflätigen Scherzen ausdrückte. -Derartige Karten, die z. B. Jost Amman verfertigte, -sind aber kaum in alle Volksschichten -gedrungen, ebensowenig wie die -bodenlos schmutzigen Blätter, deren sich -gewisse Potentätchen des 17. und 18. Jahrhunderts -bedienten, die sich bemühten, die -auf ihrer grossen Tour nach Frankreich aufgeschnappten -Versailler Cochonnerien auf -deutsche Erde zu verpflanzen und neben -anderen »Desbauchen«, wie die grundehrliche, -kernig-deutsche Elisabeth Charlotte von -der Pfalz, Herzogin von Orleans, sagt, auch -<a class="pagenum" id="page_303" title="303"> </a> -Spielkarten mit Scenen à la Marquis de Sade -verwendeten. Diese Schweinereien blieben -zum Glück nur auf die »feine Gesellschaft« -beschränkt, ebenso wie jene den tollsten -Ausschweifungen huldigenden »Vergnügungsvereine« -der Feigenbrüder u. s. w.</p> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak"> -Das Schönheitsideal. -<a class="pagenum" id="page_304" title="304"> </a></h2> -</div> - -<p> -Die ganze rein sinnliche Denkungsart -des Mittelalters drückt sich in dem Schönheitsideal -aus, das die berufenen Vertreter -der allgemein geltenden Anschauungen ihrer -Zeit, die Dichter, der Nachwelt überlieferten. -Nur rein körperliche Schönheiten heischen -sie vom Weibe, denn wer bei ihnen schön -ist, ist auch gut und edel, in einem hässlichen -Körper wohnt nur eine schwarze -Seele. Je weiter sich das Mittelalter der -Neuzeit nähert, je mehr sich der Sittenverfall -ausbreitet, um so gröber und materieller -werden die Anforderungen, die man an den -Frauenleib stellt, denn von seelischen Schönheiten -ahnte man nichts.</p> - -<p>In der Epoche des Werdens, in der noch -einzelne Naturlaute aus dem germanischen -Wald- und Jagdleben in das unter fremden -Einflüssen zusehends fortschreitende Leben -<a class="pagenum" id="page_305" title="305"> </a> -nachklingen, teilte man den der Germanin -eigenen Rasseeigenschaften den Schönheitspreis -zu. Ein bis ins Detail gehendes Bild -einer wahrhaft schönen Frau setzt Alwin -Schultz<a name="FNanchor_202" id="FNanchor_202" -href="#Footnote_202" class="fnanchor">[202]</a> mosaikartig aus allen ihm zugänglichen -frühmittelalterlichen Quellen wie folgt -zusammen:</p> - -<p>»Im Allgemeinen galt also damals für -schön, was auch dem Römer und Griechen, -was ebenso uns heute noch so erscheint, -indessen ist man in jener Zeit etwas weniger -tolerant. Wir finden zum Beispiel die -Blondine, wie die Brünette schön; gab es -doch vor Kurzem eine Zeit, die selbst das -rote Haar für schön erklärte<a name="FNanchor_203" id="FNanchor_203" -href="#Footnote_203" class="fnanchor">[203]</a>: die Dichter -des Mittelalters lassen nur das goldblonde -Haar gelten. Eine mässig (ze mâzen) hohe -Gestalt, blonde Haare, die glänzend, dem -gesponnenen Golde gleich, in natürliche -Locken gekräuselt, bei den Frauen zumal in -Fülle lang herabwallen, ein weisser Scheitel, -weisse, glatte, rundliche Stirn, schneeweisse -Schläfe, dunkle, womöglich schwarze, schmale, -<a class="pagenum" id="page_306" title="306"> </a> -gewölbte, nicht zusammenstossende Augenbrauen, -leuchtende, bewegliche Augen, eine -mässig lange, nicht zu sehr vorstehende, -gerade, nicht gebogene Nase, weiche, rosig -angehauchte Wangen, ein kleiner Mund mit -vollen, weichen, rothen, feurigen Lippen -(ein kleinoelhitzerôter munt, wie Ulrich von -Lichtenstein sagt), kleine, weisse, gleiche -und dichtgestellte Zähne, ein ziemlich kleines, -rundliches, weisses Kinn mit einem Grübchen, -kleine, weisse, rundliche Ohren galten -bei Frauen wie bei Männern für schön.</p> - -<p>Der Hals soll mässig lang und stark -sein, weiss, glatt und weich, die Kehle weiss -und voll mit glatter Haut. Von einer -schönen Frau behauptete man, die Haut -ihrer Kehle sei so zart, dass man, wenn -die Dame roten Wein trinkt, ihn hinabfliessen -sehe.<a name="FNanchor_204" id="FNanchor_204" -href="#Footnote_204" class="fnanchor">[204]</a> Der Nacken ist weiss, die -Schultern beim Manne breit, bei Frauen -schmal. Feingebildete Achseln, runde, mässig -lange Arme, weisse, lange und weiche -Hände, lange, rundliche, innen rosige Finger, -deren Gelenke nicht vorstehen, glänzende, -gut gehaltene Nägel, wurden von einer -<a class="pagenum" id="page_307" title="307"> </a> -wahrhaft schönen Erscheinung gleichfalls -verlangt. Den Frauen steht wohl an ein -weisser, voller Busen, rundliche, wie gedrechselte, -kleine und dicht gestellte Brüste<a name="FNanchor_205" id="FNanchor_205" -href="#Footnote_205" class="fnanchor">[205]</a>; -beim Manne schätzte man eine hohe und -breite, wohlgewölbte Brust. Der Körper -sollte schlank, mit feiner beweglicher Taille -gebildet sein. Die übrigen Körperteile beschreiben -die Dichter in der Regel nicht ... -Die Füsse beider Geschlechter wünschte -man schmal und klein, mit gewölbter Fußsohle; -endlich galt zur Schönheit unbedingt -eine weiche, glatte Haut, ein wie aus Rosen -und Lilien gemischter Teint.«<a name="FNanchor_206" id="FNanchor_206" -href="#Footnote_206" class="fnanchor">[206]</a></p> - -<p>Man muss ohne weiteres zugeben, dass -sich in diesem Bilde ein geläuterter Geschmack -offenbart, der dem moderner Dichter -nicht nachsteht. Konrad Flecks Beschreibung -der Blancheflur in seinem »Flore und -Blancheflur« kann ohne Zusatz von einem -neuzeitlichen Romantiker, um dessen Romane -sich die Familienzeitschriften reissen, adoptiert -<a class="pagenum" id="page_308" title="308"> </a> -werden. »Goldglänzende Haare umspielen -die weisser als Schnee glänzenden -Schläfen. Feine, gerade Brauen ziehen sich -über die Augen, deren Gewalt sich Keiner -zu erwehren vermochte; Wangen und Mund -rot und weiss, die elfenbeinernen Zähne -ohne Tadel. Hals und Nacken wie vom -Schwan, die Brust voll, die Seiten lang, die -Taille zart und fein<a name="FNanchor_207" id="FNanchor_207" -href="#Footnote_207" class="fnanchor">[207]</a>« – das dürfte ganz gut -die Marlitt oder Nataly von Eschstruth geschrieben -haben, wie der alte Konrad Fleck, -den schon mehr als ein halbes Jahrtausend -die kühle Erde deckt, ebenso wie der reizende -Liebesbrief aus dem 14. Jahrhundert, -namentlich folgende Stelle:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»So var nun hin, du verst mit ere,</div> - <div class="verse indent0">Und grüsse mir die minnigliche, here,</div> - <div class="verse indent0">Grüss mir irn rosen-varben mund</div> - <div class="verse indent0">Grüss sie von mir zu tausend stund</div> - <div class="verse indent0">Grüss mir ir' wänglein rosen-var</div> - <div class="verse indent0">Grüss mir ir' spilden äuglein-klar</div> - <div class="verse indent0">Grüss mir ir' hälslein harmin-weiss</div> - <div class="verse indent0">Grüss die liebe mir mit fleiss</div> - <div class="verse indent0">Grüss mir ir herz und ire sinne</div> - <div class="verse indent0">Grüss mir meins herzens Königinne ...«<a name="FNanchor_208" id="FNanchor_208" -href="#Footnote_208" class="fnanchor">[208]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p><a class="pagenum" id="page_309" title="309"> </a> -einen Romantiker aus der ersten Hälfte des -vorigen Jahrhunderts zum Verfasser haben -könnte.</p> - -<p>Kein Mensch wird es den Damen der -Ritterzeit verdenken, wenn sie, als echte -Evastöchter, Reize, die ihnen Mutter Natur -versagte, durch kleine Nachhelfungen zur -vollen Höhe jenes dichterischen Ideals zu -heben suchten. Man strich sich das Gesicht -mit roter und weisser Schminke an, -trotzdem das Schminken nicht für anständig -galt. Weisse Farbe, Firnis, Alaun, Quecksilber, -Kampfer, Weizenmehl, Rotholz, pulverisierte -Cyclamenwurzeln (<i>panis porciuso</i>) -wurden zu Schminken verarbeitet. Wer -die Fabrikation der Schminke scheute, der -konnte sie von einem wandernden Krämer -erstehen.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Krämer gip die varwe mir,</div> - <div class="verse indent0">Di min wengel röte«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>bittet eine Ritterdame einen dieser Hausierer.<a name="FNanchor_209" id="FNanchor_209" -href="#Footnote_209" class="fnanchor">[209]</a></p> - -<p>Im Nibelungenlied wird rühmend hervorgehoben, -dass sich am Hofe des Markgrafen -Rüdigers in Bechelaren keine »gevelschet« -Frauen fanden, woraus dieses Vorkommnis -als Ausnahmefall, der besonderer Erwähnung -<a class="pagenum" id="page_310" title="310"> </a> -verdient, erkannt wird. Wie allgemein -die Unsitte des Schminkens verbreitet war, -geht schon daraus hervor, dass sich selbst -um 1170 die Bäuerinnen »vremde varwe« -ins Gesicht schmierten, um den Töchtern -vornehmer Leute zu gleichen.<a name="FNanchor_210" id="FNanchor_210" -href="#Footnote_210" class="fnanchor">[210]</a> Auch die -Herren der Schöpfung mögen bisweilen zum -Schminktopfe gegriffen haben, was aber -nicht zur Erhöhung ihres Ansehens beitrug.<a name="FNanchor_211" id="FNanchor_211" -href="#Footnote_211" class="fnanchor">[211]</a></p> - -<p>Bruder Berthold von Regensburg erklärt -diesen »Färberinnen« und »Gilberinnen«, -d. i. denen, die sich das Haar blond beizen, -den Krieg, indem er ihnen von der Kanzel -herab die Worte in das Gesicht schleudert: -»Die Gemalten und Gefärbten schämen sich -ihres Antlitzes, das Gott nach sich gebildet -hat, und darum wird auch er sich ihrer -schämen und sie werfen in den Abgrund -der Hölle!« Der Augustinermönch Gottschalk -Hallen zu Osnabrück († 1481) sagt -sogar den Nonnen nach, dass sie sich die -Gesichter anstreichen. Wie sich später die -Damen Gesicht und Körper zu korrigieren -wussten, soll noch mitgeteilt werden.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_311" title="311"> </a> -Je weiter das Mittelalter sich seinem -Übergange zur Neuzeit nähert, desto derb-sinnlicher -wird der Schönheitsbegriff, bis er -endlich bei einem Punkte angelangt ist, wo -das Weib nur nach seiner Tauglichkeit zur -Sinnenlust beurteilt wird.</p> - -<p>Wenn Eberhard von Cersne einst allen -Ernstes die Frage erörterte und Zweifel darüber -hegt, ob die obere oder die untere -Hälfte der Geliebten der bessere Teil sei<a name="FNanchor_212" id="FNanchor_212" -href="#Footnote_212" class="fnanchor">[212]</a>, -so entscheidet sich die unter dem Zeichen -des heiligen Grobianus stehende Zeit für -den unteren Teil.</p> - -<p>Albrecht von Eyb, noch der Züchtigsten -einer, citiert: »Es schreibt Plautus, dass eine -hübsche nackende Frau sey hübscher, denn -sie ist mit Purpur gekleidt.« Trotzdem weiss -dieser gelehrte Humanist (1420-1475) die -Sittsamkeit der Frauen zu schätzen, denn -sein Schönheitsideal ist: »Ugolinus schreibt, -dass die als eine hübsche Frau werd angesehen, -die da hübsch ist und geziert, von Haupt -wohlgestalt, eines fröhlichen Anblicks, von -kleinen subtilen Gliedern und schmalen -Leibs, weiss als Milch und mürb als ein -Hühnle, dass du sie mit einem Nagel des -<a class="pagenum" id="page_312" title="312"> </a> -Fingers schneiden magst, und ist züchtig -und schimpflich (scherzhaft) und schämig, -und ist eines sittigen Gangs und guter Sitten -und ist mit Tugenden wohl geziert. Dieselbig -Frau übertrifft weit die Hübsche der -Venus und ist zu preisen.«<a name="FNanchor_213" id="FNanchor_213" -href="#Footnote_213" class="fnanchor">[213]</a></p> - -<p>In dieser Schilderung zeigt sich der -von den Klassikern gebildete Geist. Wo -dieser fehlt, setzte man sich aus den, den -Schönen der verschiedensten Gegenden nachgerühmten -Vollkommenheiten ein Ideal -zusammen, bei dem man selbst die intimsten -Intimitäten nicht übersah. Eine -der zahmsten Beschreibungen dieser Art ist -nachstehende Priamel:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Ein Weib nach Hübschheit als ich sag,</div> - <div class="verse indent0">Müsst haben eines Weibs Haupt von Prag</div> - <div class="verse indent0">Ein Büschlein von einer aus Frankreich</div> - <div class="verse indent0">Und zwei Brüstlein von Oesterreich,</div> - <div class="verse indent0">Ein Kehl und Rücken von Brabant,</div> - <div class="verse indent0">Von Kölner Weibern die weisse Hand,</div> - <div class="verse indent0">Zwei Füsslein dort her vom Rhein</div> - <div class="verse indent0">Von Baiern soll'n die Sitten sein</div> - <div class="verse indent0">Und die Red dort her von Schwaben</div> - <div class="verse indent0">So thäten sie die Frauen begaben.«<a name="FNanchor_214" id="FNanchor_214" -href="#Footnote_214" class="fnanchor">[214]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p><a class="pagenum" id="page_313" title="313"> </a> -In einem ähnlichen Verschen wird die -Frauenschönheit in »fünfunddreissig Schönheitsstuck -eines hübschen Jungfräuleins im -Hochzeitswald« also zerlegt:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Drei weiss, drei schwarz, drei rothe Stück</div> - <div class="verse indent0">Drei lang, drei kurze und drei dick,</div> - <div class="verse indent0">Drei lang, drei kleine und drei enge,</div> - <div class="verse indent0">Und sonsten rechte Breit und Länge,</div> - <div class="verse indent0">Den Kopf von Prag, die Füss vom Rhein,</div> - <div class="verse indent0">Die Brüst aus Oesterreich von Krain (Chrein)</div> - <div class="verse indent0">Aus Frankreich den gewölbten Bauch,</div> - <div class="verse indent0">Aus Baierland das Büschlein rauch,</div> - <div class="verse indent0">Rücken aus Brabant, Händ aus Cöln,</div> - <div class="verse indent0">Den A .... aus Schwaben küsst ihr Gselln.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Weitere Schilderungen, so eine im Liederbuch -der Hätzlerin und in den Facetien -Bebels<a name="FNanchor_215" id="FNanchor_215" -href="#Footnote_215" class="fnanchor">[215]</a> gehen <em>noch</em> mehr ins Detail, wie -die angeführten, darum verzeiht man mir -wohl, wenn ich sie mir schenke. Weniger -drastisch ist die Schilderung einer Frankfurter -Jungfrau, deren Lob in einem Ständchen -erklang, das in der Johannisnacht -1471 von Adolph Knoblauch, Philipp Ratzmann, -Heirt Egerheim, Arnold Schwarzenberg, -Bernhard Rohrbach und Theobald -Börlin vorgetragen wurde, »und hatten ein -lauten darin und ging also«:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»<em>Feil rosenblümelein.</em></div> - <a class="pagenum" id="page_314" title="314"> </a> - <div class="verse indent0"><em>Nun wach uf schöne Jungfrau fein!</em></div> - <div class="verse indent0">Nun kommen wir gegangen † (zweimal)</div> - <div class="verse indent0">Und werden schön empfangen †</div> - <div class="verse indent0">In einer schönen Jungfrauen haus</div> - <div class="verse indent0">Die hie züchtig geht ein und aus</div> - <div class="verse indent0">Woltet ir uns nit kennen †</div> - <div class="verse indent0">So woln wir uns euch nennen:</div> - <div class="verse indent0">Wir nennen uns mit rechte †</div> - <div class="verse indent0">Der schön jungfrauen knechte †</div> - <div class="verse indent0">Ach schön jungfrau seit wohlgemut †</div> - <div class="verse indent0">Und nembt den schimpf von uns vor gut.</div> - <div class="verse indent0">Sie ist so gar on argelist †</div> - <div class="verse indent0">An zucht und eren ir nit gebrist †</div> - <div class="verse indent0">Sie ist auch aller tugend voll: †</div> - <div class="verse indent0">Was sie tut, das ziembt ir wol: †</div> - <div class="verse indent0">Sie ist so tugendlich und fein †</div> - <div class="verse indent0">Und leucht recht als der sonnen schein.</div> - <div class="verse indent0">Sie gleicht euch wol dem hellen Tag</div> - <div class="verse indent0">Kein mensch ir lob, schön preisen mag</div> - <div class="verse indent0">Man kann an leib, gut oder eren</div> - <div class="verse indent0">Der immer zarten nit verberen (nicht von ihr lassen) †</div> - <div class="verse indent0">Sie hat ein rosenfarben mund, †</div> - <div class="verse indent0">Zwei wängelein fein zu aller stund, †</div> - <div class="verse indent0">Sie hat ein schönes goltfarb haar, †</div> - <div class="verse indent0">Zwei äugelein lauter und klar. †</div> - <div class="verse indent0">Ir zähn sind weiss als helfen bein,</div> - <div class="verse indent0">Zwei brüstlein die sind rund und klein,</div> - <div class="verse indent0">Ir seiten die sind dünn und lang, †</div> - <div class="verse indent0">Zwei händlein schmal und dazu blank,</div> - <div class="verse indent0">Ir füsslein schlecht und nit zu breit. †</div> - <div class="verse indent0">Der eren kron sie billich treit. †</div> - <div class="verse indent0">Jungfrau geht wieder hin zu bett. †</div> - <div class="verse indent0">Gott geb euch alls, das ir gern hätt; †</div> -<a class="pagenum" id="page_315" title="315"> </a> - <div class="verse indent0">Dass euer glück und heil sich mere †</div> - <div class="verse indent0">Das gonn euch gott in hohen eren......</div> - <div class="verse indent0">Feil rosenblümelein!</div> - <div class="verse indent0">Nun schlafet schöne jungfrau fein.<a name="FNanchor_216" id="FNanchor_216" -href="#Footnote_216" class="fnanchor">[216]</a>«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Um diesem Ideal möglichst nahe zu -kommen, griff man schon um die Mitte des -zwölften Jahrhunderts zu den Gewaltmassregeln -des Einschnürens. Die heilige Elisabeth -von Schönau (1156-57) liess dagegen -schon strenge Ermahnungen ergehen<a name="FNanchor_217" id="FNanchor_217" -href="#Footnote_217" class="fnanchor">[217]</a>, die -sich dann bis zum heutigen Tage wiederholten. -Zu Ende des 14. Jahrhunderts klagt -ein Dichter: »Vor Zeiten zwängte man Leib -und Gewand nicht zusammen. Das hat -sich jetzt ganz verändert: die Frauen binden -sich nun selbst an Leib und Armen. Das -möge Gott erbarmen, dass sich heute ein -zartes Weib selbst den hübschen Leib bindet, -so dass sie sich nicht rühren kann, gleich -dem, als wäre sie in einen Sack gestossen -und gebunden.«<a name="FNanchor_218" id="FNanchor_218" -href="#Footnote_218" class="fnanchor">[218]</a></p> - -<p>Der österreichische Sittendichter Peter -Suchenwirt, wirft den eitlen Weibern vor, -<a class="pagenum" id="page_316" title="316"> </a> -dass sie sich die Hüften mit Watte auspolsterten. -Dasselbe rügt das Gedicht »Das -Teufels Netz«; sie schnüren sich, »das sie -enmitten werdind klain (schlank)«, und wenn -sie hinten »als ain brett« sind, machen sie -sich doch gross und dick, und des Nachts -hängen sie dann derartige Turnüren zum -Auslüften an die Stange. In Thüringen -waren um 1400 ähnliche Polsterungen Mode.</p> - -<p>Wo starke Brüste Mode waren, stopfte -man sich die Brust aus, im Gegenteile suchte -man durch das enge Obergewand den Busen -thunlichst zu verkleinern.</p> - -<p>Falsche Zähne, falsches Gelock<a name="FNanchor_219" id="FNanchor_219" -href="#Footnote_219" class="fnanchor">[219]</a> und -andere weibliche Falschheiten waren üppigen -Frauen längst nichts Neues mehr, desgleichen -die Schminke und ihre kunstvolle Verwendung:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Habt ihr zu Haus auch dran gedacht,</div> - <div class="verse indent0">Dass ihr das Kästchen mitgebracht,</div> - <div class="verse indent0">Aus welchem ihr euch täglich putzt</div> - <div class="verse indent0">Und zu dem Feiertag aufstutzt?</div> - <div class="verse indent0">Das Büchslein liegt verschlossen drin,</div> - <div class="verse indent0">Daraus ihr färbet euer Kinn</div> - <div class="verse indent0">Und auch die Bäcklein farbig malt,</div> - <div class="verse indent0">Auf dass ihr schön und zierlich strahlt;</div> - <div class="verse indent0">Durch Schminke lasst die Haut ihr blitzen.«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><a class="pagenum" id="page_317" title="317"> </a> -fragt Murner.<a name="FNanchor_220" id="FNanchor_220" -href="#Footnote_220" class="fnanchor">[220]</a> Und »er Angesichte vorwanschapen -(verunstalten) se mit Düvels -drecke vnde Sathans specke, dat ydt glentzet, -alse eme gemalete Hilligen larwe« sagt der -Rostocker Prediger Nikolaus Gryse in seiner -Laienbibel.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Sie värwend och ir blaichen wang,</div> - <div class="verse indent0">Daz si dert her gat glitzen,</div> - <div class="verse indent0">Als obs us aim badgang switzen«</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>steht im »Teufels Netz«.</p> - -<p>Selbstverständlich ist die Dame ängstlich -besorgt, ihre Toilettengeheimnisse nicht zu -verraten:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Wescht, malt doby das angesicht,</div> - <div class="verse indent0">Daruff hab acht ein yedes wib:</div> - <div class="verse indent0">Die kunst domit sy ziert den lyb,</div> - <div class="verse indent0">Das die dem mann nit kum zu henden;</div> - <div class="verse indent0">Sie möcht sich selber domit schenden.</div> - <div class="verse indent0">Nit strel, nit zwag, nit richt dyn har,</div> - <div class="verse indent0">Das solchs ein man sehe offenbar.</div> - <div class="verse indent0">Du möchst im sunst missfallen gar.«<a name="FNanchor_221" id="FNanchor_221" -href="#Footnote_221" class="fnanchor">[221]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak"> -Die Kleidung. -<a class="pagenum" id="page_318" title="318"> </a></h2> -</div> - -<p> -Die Kleidung der Germanen war einfach -und rauh wie ihre Heimat und ihre Lebensweise. -Wie Pomponius Mela berichtet, gingen -die Knaben bis zur vollendeten Reife selbst -in der grössten Kälte nackt umher; nachdem -sie erwachsen sind, bedienten sie sich -nur eines wollenen, viereckigen Schulterumhangs -oder einer aus Bast geflochtenen -Decke. Cäsar<a name="FNanchor_222" id="FNanchor_222" -href="#Footnote_222" class="fnanchor">[222]</a> gibt an, die Germanen -trugen ein kurzes Gewand aus Tierfellen, -das einen grossen Teil des Körpers unbedeckt -lasse. Ausführlicher ist Tacitus.<a name="FNanchor_223" id="FNanchor_223" -href="#Footnote_223" class="fnanchor">[223]</a> -Er schreibt: »Die allgemeine Tracht ist ein -Mantel, der mit einer Spange oder in deren -Ermangelung mit einem Dorn zusammengehalten -ist. So bringen sie, ohne weitere -Bekleidung, den ganzen Tag am Herdfeuer -<a class="pagenum" id="page_319" title="319"> </a> -zu. Nur die Wohlhabendsten tragen ein besonderes -Gewand, das nicht wallend, wie -das sarmatische und persische, sondern eng -anliegend ist und jeden Körperteil hervortreten -lässt. Auch Tierfelle tragen sie; die -in der Nähe des Rheins ohne weitere Auswahl, -die weiter im Innern mehr auserlesene, -da kein Handelsverkehr ihnen anderen -Schmuck liefert. Sie suchen daher die verschiedenen -Tierarten aus und verbrämen -deren Fell noch mit den gefleckten Pelzen -gewisser Tiere, die vom nördlichen Ozean -und unbekannten Küsten kommen. Das -Weib hat keine andere Tracht wie der Mann, -nur kleidet es sich häufiger in leinene mit -Purpurstreifen verzierte Gewänder. Diese -haben keine Ärmel, so dass Schultern, Arme -und ein Teil der Brust unbedeckt bleiben.« -Strabo ergänzt dieses Bild durch die Schilderung -von Priesterinnen der Cimbrer dahin: -»Unter den mit ins Feld gezogenen Weibern -befanden sich auch altersgraue, wahrsagende -Priesterinnen, in weissen Gewändern, deren -Oberkleid, aus feinem Flachs, mit einer -Schnalle befestigt war, mit ehernem Gürtel -und nackten Füssen.«<a name="FNanchor_224" id="FNanchor_224" -href="#Footnote_224" class="fnanchor">[224]</a></p> - -<p><a class="pagenum" id="page_320" title="320"> </a> -Da bald nach der ersten Berührung mit -den Römern die Männer sich eng anliegende -Hosen zulegten, auch die Frauen ihre Oberkleider -immer höher dem Halse zu emporsteigen -liessen, so machte die altgermanische -Kleidung einen durchaus ästhetischen Eindruck, -an dem selbst ein Splitterrichter nichts -auszusetzen gehabt hätte. Im frühen Mittelalter -bis zum elften Jahrhundert zeichnete -sich die Gewandung durch kostbare Stoffe -in reichen Farben aus, über deren Pracht wohl -hie und da eine Stimme, sogar im Jahre 808 -die erste der »Kleiderverordnungen«, laut -wird, nicht aber über den Schnitt.</p> - -<p>Erst im elften Jahrhundert erregte die -Enge der Frauenkleidung, die die Körperformen -weit plastischer hervortreten liess -als die bisherige, vom Oberkörper niederwallende, -als leichtfertig und schamlos den -Zorn der Geistlichkeit. Ein Anzug eines -jungen Mädchens dieser Zeit würde auch -heute nicht ganz einwandfrei passieren -können. »Die Dame trägt ein dunkelblaues, -mit roten Ringornamenten gewirktes Oberkleid, -das bis auf die Oberschenkeln reicht. -Das weisse Unterkleid ist von hier an ausgeschnitten -und fällt zurück. Man sieht -daher die mit roten Langstrümpfen bekleideten -<a class="pagenum" id="page_321" title="321"> </a> -Beine, an denen eine Reihe weisser -Knöpfe hinunterläuft. Das Oberkleid hat -um die Taille und am unteren Ende einen -breiten goldenen Bortenbesatz, am Halse -einen mennigfarbenen. Die Ärmel sind eng.«<a name="FNanchor_225" id="FNanchor_225" -href="#Footnote_225" class="fnanchor">[225]</a></p> - -<p>Die Bestandteile der Kleidung waren -ein mehr oder weniger feines, selbst seidenes -und goldgesticktes Hemd, darüber der Rock, -den um die Taille ein Gürtel oder Riemen -zusammenhielt und je nach der Jahreszeit -ein gefütterter Mantel. Die Füsse deckten -genähte Strümpfe. Sonst gab es keine -Unterkleider, wenigstens waren sie nicht -allgemein. Nur zu starke Busen wurden -durch ein Tuch unter dem Kleide zusammengehalten. -Bei den Bäuerinnen wird wohl -das Mieder – muoder – den gleichen -Zweck erfüllt haben.</p> - -<p>Die Männerkleidung jener Epoche bietet -für unsere Zwecke nichts Bemerkenswertes. -Erwähnt zu werden verdient nur, dass -Männer mit Frauen in der Kostbarkeit -fremdländischer Stoffe wetteiferten, wogegen -Luxusgesetze nichts auszurichten vermochten, -geschweige denn Predigten, wie sie -Berthold von Regensburg hielt.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_322" title="322"> </a> -Das 14. Jahrhundert schuf einen jähen -Modenwechsel. Die Männerkleider gestalteten -sich zur engen Hose, bei der man -das Gesäss und jede Muskel deutlich sah, -und dem immer bizarrer werdenden Wamse -um, das immer kürzer wurde, bis es kaum -eine Spanne unter den Gürtel reichte. Man -teilte es in zwei andersfarbige und anders -gemusterte Hälften, wie man auch zuweilen -die Hosen aus zwei verschieden gefärbten -Beinteilen zusammensetzte. An den Füssen -trug man die unschönen langen Schnabelschuhe. -In der Speierer Kleiderordnung von -1356 wird den Männern befohlen, die kurzen -Wämser länger zu machen und die Schnabelschuhe -abzulegen. Die Kölner Synode von -1371 untersagt den Klerikern dieses Schuhwerk.</p> - -<p>Von nun an häufen sich die Kleider- und -Luxusordnungen in Stadt und Land. -Wie die Pilze nach dem Sommerregen -schiessen sie empor und jedes Nestchen im -weiten deutschen Reich muss wie sein -Frauenhaus seine Kleiderordnungen haben, -jene Äusserungen eines zopfigen Windmühlenkampfes, -denen schon beim Entstehen -ihre Aussichtslosigkeit prophezeit -werden konnte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_323" title="323"> </a> -Besonders gegen die Frauen richtete -sich der Tenor aller Kleiderordnungen, besonders -aber gegen einen Punkt, der fast -allen diesen Edikten gemeinsam ist – die -Dekolletage.</p> - -<p>Als die Pest, der schwarze Tod, seinen -Würgezug beendet, bemächtigte sich der -Verschonten eine tolle Daseinslust, die nach -den eben durchlebten Zeiten des Grauens -doppelt begreiflich erscheint. Der Würgengel, -dem Hekatomben zum Opfer gefallen, -war an ihnen vorübergegangen, wer wusste, -ob er in seiner Unersättlichkeit nicht auch -sie noch dahinraffte, ehe sie ihr Leben -genossen? Diese Auffassung machte sich -auf allen Gebieten des Lebens bemerkbar, -am markantesten aber in der Tracht, -die die herrschende Leichtlebigkeit wiederzuspiegeln -begann. Der ernst gemessene -Zuschnitt der Gewänder veränderte sich -allenthalben. Wurden die Beinkleider der -Männer enger, die Wämser bunter und -kürzer, so verlängerten sich die Schleppen -der Damen, und was sie hinten an Länge -zunahmen, das büssten sie an Hals und -Nacken ein.</p> - -<p>»Unde die Frauwen drugen wide heubtfinster -(Kopffenster, Halsausschnitte) also daz -<a class="pagenum" id="page_324" title="324"> </a> -man ire broste binah halbe sach.«<a name="FNanchor_226" id="FNanchor_226" -href="#Footnote_226" class="fnanchor">[226]</a> Die -Speierer Kleiderordnung von 1356, eine der -ersten Erlasse dieser Art, richtet sich gegen -diese »Houbetloch«, aus dem die Schultern -(ahsseln) so verführerisch hervorlugen, ohne -dass der Kleiderausschnitt auf den Achseln -aufliegt, und ebenso geht es in allen den -unzähligen Edikten<a name="FNanchor_227" id="FNanchor_227" -href="#Footnote_227" class="fnanchor">[227]</a>, von denen als Beispiel -eine Strassburger Verordnung hier angeführt -sei. »Item daz keine frowe, were die ist, -hinnanfür me sich nit me schürtzen sol mit -iren brüsten, weder mit hemeden noch gebrisen -röcken noch mit keinre ander gevengnüsse, -und daz ouch kein frowe sich nit -me verwe und locke von totten har anhencken -sülle. Und sunderliche, daz houptloch -sol sin daz man ir die brüste nit gesehen -müge, wenne die houptlöcher süllent -sin nutz an die ahsseln.«<a name="FNanchor_228" id="FNanchor_228" -href="#Footnote_228" class="fnanchor">[228]</a></p> - -<p>Der Geistlichkeit waren derartige Verbote -Wasser auf ihre Mühlen, sie setzten in ihren -<a class="pagenum" id="page_325" title="325"> </a> -Predigten immer noch Trümpfe auf, wie -Murner, der sich auch diesmal kein Blatt -vor den Mund nimmt, sondern ungeschminkt -die Wahrheit sagt:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Die Fraun der Scham entbehren thun.</div> - <div class="verse indent0">So gross ward jetzund schlechte Zucht,</div> - <div class="verse indent0">Dass man in <em>Blösse Zierde</em> sucht:</div> - <div class="verse indent0">Man sieht ihnen mitten auf den Rücken</div> - <div class="verse indent0">Und meisterhaft sie können schicken</div> - <div class="verse indent0">Die Brüst' herfür, recht mit Behagen,</div> - <div class="verse indent0">Die von Gestellen sind getragen;</div> - <div class="verse indent0">Sie könnten sonst im Tuch ersticken.</div> - <div class="verse indent0">»Mehr als die Hälfte lass' ich blicken,</div> - <div class="verse indent0">Dass sie den Narren Lockung sei'n.</div> - <div class="verse indent0">›Lass ab‹, sag' ich, ›was soll das sein‹,</div> - <div class="verse indent0">Wenn er die Brust will greifen an:</div> - <div class="verse indent0">›Was seid ihr für ein böser Mann!‹</div> - <div class="verse indent0">Ich sag's bei meiner Ehr' fürwahr,</div> - <div class="verse indent0">So frech noch nie ein Mannsbild war!«</div> - <div class="verse indent0">Dem Mann sie so zur Wehr sich stellt,</div> - <div class="verse indent0">Als wenn dem Esel der Sack entfällt.</div> - <div class="verse indent0">Ganz heimlich greift sie mit der Hand,</div> - <div class="verse indent0">Indem sie leistet Widerstand,</div> - <div class="verse indent0">Und hängt ganz still das Häkchen aus,</div> - <div class="verse indent0">Damit der Milchmarkt fällt heraus.<a name="FNanchor_229" id="FNanchor_229" -href="#Footnote_229" class="fnanchor">[229]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>»Ich hort einist von eim Fürsten, der -sprach zuo mir: »eintweders unsere frawen -lernen von den metzen ihr cleidung oder -aber die metzen lernen von unsern frawen -<a class="pagenum" id="page_326" title="326"> </a> -die cleidung,« sagt Geiler in seinen »Brösamlin«. -Sie malten nach Murners Vorbild -die Zuchtlosigkeit der Kleidung recht schön -deutlich aus und entliessen ihre Zuhörerschaft -zerknirscht, aber nicht gebessert. -Narrheiten und Moden ist eben mit Verboten -nicht beizukommen, sie wirken ansteckend -und müssen, wie andere Epidemien -auch, von selbst verlöschen.</p> - -<p>Wenn im Jahre 1461 der Eiferer Johannes -Capistranus in dem ob der Leichtfertigkeit -seiner Weiber verschrienen Ulm – »Huet -dich vor Ulmer wiben«, besagt eine Darmstädter -Handschrift von 1410 – die Geister -seiner Zuhörerschaft derart zu entflammen -wusste, dass drei Frauen, die des Predigers -spotteten, vom Volke auf der Strasse gelyncht -wurden<a name="FNanchor_230" id="FNanchor_230" -href="#Footnote_230" class="fnanchor">[230]</a>, so fand es doch der Rat -für gut, den Störenfried aus der Stadt zu -weisen, denn genützt hätten seine Strafpredigten -doch nichts, wohl aber geschadet.</p> - -<p>Aber nicht allein Unschönes und Leichtfertiges, -sondern direkt Schamloses verlangte -die Mode des 16. Jahrhunderts. Abgesehen -von Vorfällen wie 1503 in St. Gallen, wo -der Rat verbieten musste, völlig nackt in -<a class="pagenum" id="page_327" title="327"> </a> -der Stadt und ihrem Weichbilde umherzugehen<a name="FNanchor_231" id="FNanchor_231" -href="#Footnote_231" class="fnanchor">[231]</a>, -die ich als Ausnahme gelten lassen -will, denn soweit verstieg sich denn doch -die Zuchtlosigkeit sehr selten, bleibt noch -genug Schandbares, besonders in der Männerkleidung, -übrig. »Hinden plotz und vor -verschamt,« spottet Suchenwirt über das -hinten möglichst anliegende, dafür vorn um -so weiter auslegende Beinkleid. Conrad -Celtes, der berühmte Humanist († 1508) -spricht sich in seiner »Descriptio Urbis -Norinbergae« (Beschreibung der Stadt Nürnberg) -Kap. VI über diese Moden also aus: -Er schildert erst, dass die Leute meist in -schwarz nach der Mode verschiedener Länder -gekleidet seien und fährt dann fort: Bald -in weiten, faltenreichen Kleidern nach Art -der Sarmaten, eine Binde umgiebt den Kopf -und es hängen am Körper Pelze; bald vertauschen -sie die heimische Tracht gegen -Hasuken von Ungarn, (cuculli) von Italien, -bald ziehen sie nach Art der Franzosen mit -Borten besetzte Mäntel und Röcke mit -Ärmel, <em>bald pressen sie den Körper -aufs knappste in enge Hosen und</em> -<a class="pagenum" id="page_328" title="328"> </a> -<em>Unterkleider, so dass alle Formen des -Leibes sich scharf ausprägen</em> ....</p> - -<p>Die das Bein wie ein Trikot umschliessenden -Beinlinge konnten, um dem Träger das -Bücken nicht unmöglich zu machen, nur -einseitig befestigt werden, wodurch sie meist -hinten hinabrutschten, was allein schon Anlass -zu Ärgernis gab. Doch der ewige Stein -des Anstosses waren die Hosenlätze. Um -das unbequeme Auftressen der Hose zu verhindern, -setzte man auf den Vorderteil des -Beinkleides einen Latz auf, was an sich -vielleicht unschön, aber nicht verwerflich gewesen -wäre, wenn die Modelaune nicht verlangt -hätte, die Aufmerksamkeit auf diesen -diskretesten Teil der Kleidung gewaltsam -hinzulenken.</p> - -<p>Man suchte diesen Zweck auf verschiedene -Weise zu erreichen. Entweder fertigte -man den Latz in einer anderen Farbe an, -als die Hose selbst hatte, wodurch der Latz -um so auffallender wurde, besonders dann, -wenn die einzelnen Beinlinge ohnehin schon -in mi-parti, d. h. in zweierlei Farben angefertigt -waren. Oder man stopfte den Latz -derart aus, dass er weit aus der Hose hervorstand, -so dass Joh. Fischart von Ochsenköpfen-, -Hundsfidelbogen-, Schneckenhäuslein- -<a class="pagenum" id="page_329" title="329"> </a> -u. s. w. Lätzen reden konnte und ein -Fliegendes Blatt 1555<a name="FNanchor_232" id="FNanchor_232" -href="#Footnote_232" class="fnanchor">[232]</a> sagt: »Ein Latz -muss sein darneben, wol eines Kalbskopfs -gross.« Der Nürnberger Rat rügte dies -mit derben Worten, die erkennen lassen, -dass diese Latzarten ebenso verschiedenartig -wie gemein waren. »Wann auch von ettlichen -mannspersonen eyn unzüchtige schanndbare -übung und gewonhait entstannden ist, also -das sie ire letz an den hosen on notturfft -grössen lassen und dieselben an tenntzen -und anderhalben vor erbarn frowen und -junckfrowen unverschawmbt ploss und umbedeckt -tragen, das dann nit alleyn Got, -sonnder auch erberkeyt und manlicher Zucht -wider und unzymlich ist, demnach ist ein -erber rat daran komen, vestigclich gebiettennde, -das hinfüro eyn yedes mannspilde, -burger oder inwoner dieser statt, -seinen latz an den hosen nyt bloss, unbedeckt, -offenn oder sichtigclich dragen, sonnder -alle seine cleyder dermassen machen -lassen und geprawchen soll, damit sein -scham und latz der hosen wol bedeckt unnd -nit ploss gesehenn werde. Dann wellicher -sich also damit entplosset und desshalb -<a class="pagenum" id="page_330" title="330"> </a> -gerügt oder fürbracht wurde, und sich das -mit seinem rechten nit benemen möcht, der -solle darumb von eyner yeden überfaren -fardt eynes yeden tags oder nachts gemayner -statt zu puss verfallen sein und geben drey -guldin.«<a name="FNanchor_233" id="FNanchor_233" -href="#Footnote_233" class="fnanchor">[233]</a></p> - -<p>Eine Strassburger Verordnung vom 8. August -1480 befiehlt allen »snydern, meistern -und knechten bei iren eiden« hinfüro keine -kurzen Mäntel mehr zu machen, die den -Latz nicht bedecken, »doch mögent sie es -eym jeglichen wol lange machen.«<a name="FNanchor_234" id="FNanchor_234" -href="#Footnote_234" class="fnanchor">[234]</a></p> - -<p>Selbstverständlich konnte auch die Geistlichkeit -diese Mode nicht ungerügt lassen. -»Ich hab hören einen Mönch predigen, einen -Bruder aus der Observanz: als dieser verdammt -und heftig red'te wider den Überfluss -der Kleider und wider den unverschamten -Form, der daran und darin gemacht -würd', beschloss er zuletzt auf <em>die</em> Weis mit -solchen Worten: Die Buhler in unserer stadt -sie strecken ihre Lätz, so weit aus den Hosen -herfür, verwickelns auch und verstopfens -mit so viel Tüchlein, dass, so die Metzen -<a class="pagenum" id="page_331" title="331"> </a> -wähnen, es seind Zumpen, so sind es -Lumpen.«<a name="FNanchor_235" id="FNanchor_235" -href="#Footnote_235" class="fnanchor">[235]</a></p> - -<p>Aber weder die Obrigkeit noch die Kleriker -konnten diesen Moden etwas anhaben, -sie bestanden allen Widersachern zum Trotz -ruhig fort, ohne sich viel um Edikte und -Schmähungen zu kümmern. Männer und -Frauen blieben gleich kühl und thaten, was -ihnen gefiel. Dies beweist schlagend folgende -Notiz in der Eurisheimer Chronik<a name="FNanchor_236" id="FNanchor_236" -href="#Footnote_236" class="fnanchor">[236]</a>: »Anno -1492 was der Hoffart so viel, dass man -weder geschrieben noch gelesen fand. dan -man trug selzame Kleider, besonders die -mann, von vielen farben und stückern, von -flammen, bäumen, von asten, laubern und -von buchstaben, das ist in warheit war, dass -man wol ein wammest und hossen fand, das -so viel stück hät, als tag im jahr sind. Und -kost ein kleid alweg zweymal so viel zu machen, -als das tuch dazu. Und trug das jung volck -röck, die giengen mit mehr dann eyner hand -breyt under dem gürtel, und sach man ihm -die bruch – kurze Unterhose – hinten und -vornen und was so scharf gemacht, das im -<a class="pagenum" id="page_332" title="332"> </a> -die hosen die arsskerb austheilten, das was -ein hübsch ding, und hatten zullen vor ihn -gross und spitz voraus gohn, und man einer -vor dem tisch stund, so lag ihm die zull -auf dem tisch. Also gieng man vor Kaiser, -König, Fürsten und herren und für ehrbare -frauen. Und gieng es so schandbar zu unter -frauen und mannen, dass es gott leyd was. -Die <em>frauen</em> trugen röck, dass man ihnen -die ditlen (Brüste) sah vornen in den Bussen -und hinten mitten in rücken, und köstlich -von tuch und um das hauptloch und ermel -was von seiten belegt« u. s. w.</p> - -<p>Gleich scharf geht Sebastian Brant in -seinem 1494 erschienenen Narrenschiff gegen -die Modethorheiten ins Gericht.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Auch Mädchen haben Narrenröcke;</div> - <div class="verse indent0">Sie wollen jetzt tragen offenbar</div> - <div class="verse indent0">Was sonst für <em>Männer</em> schändlich war:</div> - <div class="verse indent0">Spitze Schuh' und ausgeschnittne Röcke,</div> - <div class="verse indent0">Dass man den Milchmarkt nicht bedecke;</div> - <div class="verse indent0">Sie wickeln viel Lappen in die Zöpfe</div> - <div class="verse indent0">Und machen Hörner auf die Köpfe,</div> - <div class="verse indent0">Wie sie sonst trägt ein mächt'ger Stier;</div> - <div class="verse indent0">Sie gehn einher wie die wilden Thier'.«<a name="FNanchor_237" id="FNanchor_237" -href="#Footnote_237" class="fnanchor">[237]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>heisst es über die Frauen, dann wieder mit -<a class="pagenum" id="page_333" title="333"> </a> -edler Unparteilichkeit vom stärkeren Geschlecht -und seiner Gigerlhaftigheit:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Was sonst wol war ein schändlich Ding,</div> - <div class="verse indent0">Das schätzt man schlicht jetzt und gering:</div> - <div class="verse indent0">Sonst trug mit Ehren man den Bart,</div> - <div class="verse indent0">Jetzt lernen Männer Weiberart</div> - <div class="verse indent0">Und schmieren sich mit Affenschmalz</div> - <div class="verse indent0">Und lassen am entblössten Hals</div> - <div class="verse indent0">Viel Ring' und goldne Ketten sehn,</div> - <div class="verse indent0">Als sollten sie vor Lienhart stehn.</div> - <div class="verse indent0">Mit Schwefel und Harz pufft man die Haar'</div> - <div class="verse indent0">Und schlägt darein dann Eierklar,</div> - <div class="verse indent0">Dass es im Schüsselkorb' werd' kraus.</div> - <div class="verse indent0"><em>Der</em> hängt den Kopf zum Fenster 'raus,</div> - <div class="verse indent0"><em>Der</em> bleicht das Haar mit Sonn' und Feuer.</div> - <div class="verse indent0">Darunter sind die Läus nicht theuer.</div> - <div class="verse indent0">Die können es jetzt wol aushalten,</div> - <div class="verse indent0">Denn alle Kleider sind voll Falten:</div> - <div class="verse indent0">So Rock wie Mantel, Hemd wie Schuh,</div> - <div class="verse indent0">Pantoffel, Stiefel, Hos' dazu,</div> - <div class="verse indent0">Wildschur und die Verbrämung d'ran:</div> - <div class="verse indent0">Der <em>Juden</em> Sitt' man sehen kann.</div> - <div class="verse indent0">Vor <em>einer</em> Mod' die <em>andre</em> weicht,</div> - <div class="verse indent0">Das zeigt, wie unser Sinn ist leicht</div> - <div class="verse indent0">Und wandelbar zu aller Schande,</div> - <div class="verse indent0">Und wieviel Neuerung ist im Lande.</div> - <div class="verse indent0">Der Rock, – wie kurz und wie beschnitten! –</div> - <div class="verse indent0">Reicht kaum bis zu des Leibes Mitten!</div> - <div class="verse indent0">Pfui Schande deutscher Nation,</div> - <div class="verse indent0">Dass man entblösst, der Zucht zum Hohn,</div> - <div class="verse indent0">Und zeigt, was die Natur verhehlt!</div> - <div class="verse indent0">Drum ist es leider schlecht bestellt......«<a name="FNanchor_238" id="FNanchor_238" -href="#Footnote_238" class="fnanchor">[238]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p><a class="pagenum" id="page_334" title="334"> </a> -Geiler von Kaisersberg kommentiert in -seinen Predigten über das Narrenschiff diesen -Text in seiner geistvollen Weise, wobei er -aber manches von Brant nur Angedeutete -mit Behagen breittritt. Er spricht von den -zerschnittenen und zerstochenen Wämsern, -die vorn so offen sind, »das man mannen -und frauen in busen sehen kann, den brustkernen, -het schier gesagt: den brusthurenspiegel.« -Geiler resümiert ferner in seiner -Predigt »Von Kauffmanschatz« (1517, fol. 95b) -alle nützen wie unnützen Zierden, mit denen -sich die Frauen zu verschönern suchen: Für -unnütz hält er: 1. har büffen (Püffe, Toupées), -das har krauss machen; 2. Halsbänder; -3. Spangen von den Frauen an der Brust -getragen; 4. Stirnschmuck, »do sein etwa -berlin (Perlen?) yn gefasst oder ander edelgestein«; -5. Armzierden, als gestickte Ärmel, -die sie auf den Achseln tragen, »und silbrin -steffzen an den menteln; 6. Ohrringe, »als -die Zyginer tragen«; 7. die langen schwentz -an den Röcken und an den menteln«; -8. Die Umschläge oben am Halse, »das letz -an den mussecken (Brüsten) muss herussgon«; -9. Die stumpfen und die spitzen -Schuhe; 10. Die Knöpfe an solchen Stellen, -die keiner Knöpfe bedürfen; 11. Die zerhauenen -<a class="pagenum" id="page_335" title="335"> </a> -Kleider, »wenn sie sie da tragen -zerschnitten und zerhacket«<a name="FNanchor_239" id="FNanchor_239" -href="#Footnote_239" class="fnanchor">[239]</a>; 12. »<em>So sind -es die zoepff, die die frawen machen, -da kein oder wenig har ist, und nemen -frembd har und ist etwann todten har</em>, -das sie darzu binden und muoss dan herfür -gon, das man es sehe und man wen (man -wähne), sie haben hübsch har; 13. <em>Die die -in das bücksslin blosen, das sie ein -ferblin empfahen</em> (d. h. die sich schminken, -um bessere Farbe zu bekommen); 14. <em>Die -Säcke, die sie um sich gürten.</em> Wenn -die <em>Frauen</em> mager sind, so nehmen sie -einen Sack oder grobes, dickes Tuch, »ist -etwann mit baumwollen gefült«, das binden -sie um sich, um dick zu erscheinen, wie -ein »brotbeckerknecht«.<a name="FNanchor_240" id="FNanchor_240" -href="#Footnote_240" class="fnanchor">[240]</a></p> - -<p><a class="pagenum" id="page_336" title="336"> </a> -Doch was waren alle diese Ausfälle gegen -die Verbissenheit, mit welcher protestantische -Theologen, allen voran der Oberpfarrer in -Frankfurt a. O., D. Andreas Musculus, gegen -den aus den Niederlanden gekommenen -Hosenteufel zu Felde zogen, gegen die -schamlosen, geschlitzten, unförmigen, geschmacklosen -Pluderhosen, zu denen bis zu -hundertdreissig Ellen Zeug verschnitten werden -musste. Zu welchen Verwünschungen -verstieg sich nicht der gelahrte Mann in -seinem »Vom zuluderten, zucht und ehrerwegenen, -pludrichten Hosen Teuffel Vermahnung -und Warnung«. Es wäre kein -Wunder, wenn die Sonne nicht mehr schiene, -die Erde nicht mehr trüge, und Gott in den -nächsten Tagen wegen dieser greulichen -und unmenschlichen Kleidung dreinschlüge; -solche Bosheit werde zweifelsohne den jüngsten -Tag herbeiführen u. s. w. ad infinitum -mit Grazie, bis sich diese Hosenmode als -Verbrechen gegen jedes einzelne der zehn -Gebote erwiesen hatte. Kurfürst Joachim II. -von Brandenburg unterstützte seines Lieblings -Musculus' Bemühungen gegen die -Pluderhosen durch Gewaltakte, so indem er -drei Bürgersöhne mit solchen Ungetümen -in einen Narrenkasten stecken liess, vor dem -<a class="pagenum" id="page_337" title="337"> </a> -Tag und Nacht ein Musikant seine Weisen -ertönen lassen musste zur Anlockung von -Neugierigen. Einmal liess er einem Gecken -auf offener Strasse die Gurten durchschneiden, -so dass die Zeugmassen zur Erde niederrauschten -und der arme Modeherr im blossen -Hemde dastand.<a name="FNanchor_241" id="FNanchor_241" -href="#Footnote_241" class="fnanchor">[241]</a></p> - -<p>Derartige Derbheiten erregten Furcht und -Unwillen, genügten aber nicht, die nun einmal -für schön gehaltene Tracht auszurotten, -ebensowenig wie dies die Kleiderordnungen -vermochten. Alle diese Massregeln krankten -daran, dass sie sich gegen einen der Hauptfaktoren -im menschlichen Dasein, gegen die -Eitelkeit richteten und sich dadurch die Feindschaft -des mächtigsten aller Geschöpfe, der -Frau, zuzogen. Was die Frau will, will -Gott, und die Frau ist nun einmal zu -allen Zeiten und bei allen Völkern der -Göttin Mode allzeit unterthänigste Dienerin. -Vernunftgründe und Strafen haben niemals -auf die Dauer den Willen der in solchen -Fällen einmütig zusammenstehenden Frauen -zu beugen vermocht; der Vernunft setzten -sie weiblich schlau ausgeklügelte Gegengründe, -der Gewalt Trotz entgegen. Darum -<a class="pagenum" id="page_338" title="338"> </a> -griffen gestrenge Ratsherren, wenn alle hochtönenden -Verwarnungen unbeherzigt zu verhallen -drohten und sie den Kampf gegen -die Weiblichkeit, zu der ja auch ihre Frauen -und Töchter gehörten, nicht bis aufs Messer -durchführen wollten, zu jenem jesuitischen -Auskunftsmittel, das ich schon (<a href="#page_116">S. 116</a>) anführte, -indem sie den Auswurf der mittelalterlichen -Gesellschaft – Bordellmädchen, -Henkersfrauen und -töchter, Pfaffendirnen -und Jüdinnen – zwangen, die Missfallen -erregenden Moden anzulegen und sie dadurch -für jede ehrbare Frau unmöglich zu -machen. Wenn aber auch dieses letzte -Mittel nichts half, dann warfen die Herren -die Flinte ins Korn und liessen die Mode -Mode sein, bis sie von selbst durch eine -andere, vielleicht noch unschönere, ersetzt -wurde. Dann begann die ganze Geschichte -wieder von vorn.</p> - -<div class="chapter"> -<h2 class="nobreak"> -Liebeszauber und Zauberliebe. -<a class="pagenum" id="page_339" title="339"> </a></h2> -</div> - -<p> -Der Aberglauben, nach Bodenstedt der -Glauben ohne Aber, hat alle Wandlungen -und Fortschritte der Kultur zu überstehen -vermocht. In seinen Uranfängen so alt wie -die Menschheit und älter als die Religion, -aus deren Vorläufer er zu ihrem unzertrennlichen -Begleiter wurde, spukt er noch heute -mit ebenso ungeschwächter Kraft, wenn auch -mancher allzu krasser Auswüchse beraubt, -wie er es vormals gethan, wo er alle Handlungen -der Menschheit beeinflussend, selbst -die hellsten Köpfe in seinem unheilvollen -Banne hielt.</p> - -<p>Wenn Goethe einmal den Aberglauben -die Poesie des Lebens nannte, so hat er, -als er diesen geistvollen Ausspruch that, -jene Wahnbilder des Aberglaubens vergessen, -denen das Mittelalter jene zu Abertausenden -<a class="pagenum" id="page_340" title="340"> </a> -aufflammenden Scheiterhaufen errichtete, die -unzähligen Unschuldigen oder in unglückseliger -Verblendung verfallenen zum grauenvollen -Grabe wurden, darum auch setzte er -der erstgenannten Sentenz seine Definition -des Aberglaubens entgegen, die alles umfasst, -was sich über diese Wahngebilde nur -sagen lasst. »Der Aberglauben lässt sich -Zauberstricken vergleichen, die sich immer -stärker zusammenziehen, je mehr man sich -gegen sie sträubt. Die hellste Zeit ist nicht -vor ihm sicher: trifft er aber ein dunkles -Jahrhundert, so strebt des armen Menschen -umwölkter Sinn alsbald nach dem Unmöglichen, -nach Einwirkung ins Geisterreich, -in die Ferne, in die Zukunft; es bildet sich -eine wundersame reiche Welt, von einem -trüben Dunstkreise umgeben. Auf ganzen -Jahrhunderten lasten solche Übel und werden -immer dichter und dichter; die Einbildungskraft -brütet über einer wüsten Sinnlichkeit. -Die Vernunft scheint zu ihrem -göttlichen Ursprunge gleich Asträa zurückgekehrt -zu sein, und der Verstand verzweifelt, -da ihm nicht gelingt, seine Rechte -durchzusetzen.« Wenn Brunnenhofer das -Feld des Aberglaubens in vier Gebiete einteilt: -das naive, das komische, das tragikomische -<a class="pagenum" id="page_341" title="341"> </a> -und das tragische<a name="FNanchor_242" id="FNanchor_242" -href="#Footnote_242" class="fnanchor">[242]</a>, so ziehe ich -die einfache Zweiteilung in gefährlichen und -ungefährlichen Aberglauben vor. Wenn, um -Beispiele aus der Gegenwart zu nehmen, -jemand an die Unglückszahl Dreizehn glaubt, -so ist dies dem Gläubigen und seinen Nebenmenschen -in keiner Weise unheildrohend; -wenn aber, wie dies leider nur zu häufig -der Fall ist, jemand noch Stein und Bein -auf das Beschreien und den bösen Blick -schwört, so kann dies dem, angeblich mit -dem bösen Blick Behafteten gar leicht gefährlich -werden, wie viele Gerichtsverhandlungen -aus ultramontanen Gegenden zur Genüge -darthun. Hingegen wird ein ursprünglich -naiver Aberglauben, denn naiv ist eben -anfänglich jeder Aberglauben, sehr leicht -auf seiner abschüssigen Bahn, die alle vier -Stationen Brunnenhofers berührt, zu einem -tragischen. Und so ging es fast jedem Aberglauben -des Mittelalters, wenn ein Nebenmensch -mit diesem Afterglauben in Verbindung -gebracht wurde, was vorzugsweise -dann der Fall war, wenn der Aberglauben -eines seiner beiden Hauptfelder betraf: jemandem -<a class="pagenum" id="page_342" title="342"> </a> -zu schaden, oder ihn sich geneigt -zu machen, oder, mit anderen Worten, wenn -er dem Hass oder der Liebe Dienste leisten -sollte. Da die Liebe in ihrer Entstehung -und ihrer Wirkung etwas Zauberhaftes an -sich hat, so war für alle jene Epochen, die -blindlings an den Zaubereinfluss auf Leib -und Seele schworen, die Annahme eines -Liebeszaubers ziemlich naheliegend. Bei den -meisten Völkern des Altertums ist demnach -auch der Glauben an zauberische Mittel verbreitet, -durch die man Liebe erwecken kann.</p> - -<p>Das babylonische Mädchen, das am Kreuzweg -des Mannes harrte, dem sie sich zu -Ehren der Göttin Mylitta hingeben musste, -räucherte mit Liebe schaffender Kleie<a name="FNanchor_243" id="FNanchor_243" -href="#Footnote_243" class="fnanchor">[243]</a>; die -Römer erzeugten Philtra aus Hippomanes, -Teilen des Vogels Jynx, des Wendehals, und -anderen mehr oder weniger ekelhaften animalischen -Ingredienzien, in deren genauer -Zusammensetzung besonders die thessalischen -Weiber sehr erfahren waren.</p> - -<p>Aus dem skandinavischen Norden kamen -jene Runenstäbe nach dem stammesverwandten -Germanien, in die der zauberkundige -Liebhaber geheimnisvolle Zeichen -<a class="pagenum" id="page_343" title="343"> </a> -eingekerbt, um durch sie das Herz der -spröden Geliebten sich zuzuwenden. Doch -auch Tränke zu brauen verstanden jene -Weiber, die abseits von den anderen Gaugenossen -im Waldesdüster ihr Dasein verträumten, -mit Odins geheiligtem Tiere, dem -Raben, als einzigen Gefährten. Mit Zaubersprüchen, -Liedern und Runen wussten sie -die Gemische aus Kräutern und Tierbestandteilen -zu segnen und wirksam zu machen.<a name="FNanchor_244" id="FNanchor_244" -href="#Footnote_244" class="fnanchor">[244]</a> -Man küsste die Geliebte, denn im Kusse -lag ein allmächtiger Zauber<a name="FNanchor_245" id="FNanchor_245" -href="#Footnote_245" class="fnanchor">[245]</a>, ehedem wie -heute, und wer dieser Macht nicht traute, -verbarg beim Kusse ein Zauberkraut im -Munde.<a name="FNanchor_246" id="FNanchor_246" -href="#Footnote_246" class="fnanchor">[246]</a></p> - -<p>Im Verlaufe des Mittelalters bildete sich -die Bereitung von Liebesmitteln zu einer -Geheimwissenschaft aus, die den leitenden -Grundsatz aufstellte, dass man auf zweierlei -Wege, durch Arcana und auf sympathetische -Weise, Liebe erwecken könne.</p> - -<p>Die Medikamente bestanden vornehmlich -aus den abscheulichsten Teilen von -Tieren, Testikeln des Wolfes oder des Hasen, -<a class="pagenum" id="page_344" title="344"> </a> -beziehungsweise, wenn einer Frau Gegenliebe -octroyiert werden sollte, den Geschlechtsteilen -einer Wölfin oder Häsin, nebst Tierhaaren -und Exkrementen. Doch alle diese -Mittel, auch wenn sie noch so ekelhafte -Gliedmassen verwendeten, sind lieblich zu -nennen im Gegensatze zu den meistverwendeten -Medikamenten der Liebestränke, die -vom Menschen selbst genommen wurden. -Zu den harmlosesten Dingen dieser Art -zählt noch die vielgebrauchte Frauenmilch. -Eine lustige Geschichte über den Zauber -durch Frauenmilch entnimmt Harsdörfer<a name="FNanchor_247" id="FNanchor_247" -href="#Footnote_247" class="fnanchor">[247]</a> -dem Diarium des Andreas Ratisponensis, -das sie, als im Jahre 1424 passiert, vermerkt: -»In der obern Pfalz hat sich wie -landkundig zugetragen, dass ein Pfaff sich -in eine ehrliche Bürgersfrau verliebt, und -da sie in dem Kindbett gelegen, von ihrer -Magd, der er etliche Dukaten geschenkt, -etlich Tropfen von der Frauenmilch begehrt. -Die gab ihm aber Geissenmilch. Was er -damit gethan, ist unbewusst, das aber hat -er erfahren, dass ihm die Geiss in die Kirch -bis vor den Altar und bis auf den Predigtstuhl -<a class="pagenum" id="page_345" title="345"> </a> -nachgelaufen, was die Frau zweifelsohne -hätte thun müssen, so er ihre Milch -zuwegen gebracht. Er konnte des Tiers -nicht ledig werden, bis er es kaufte und -schlachten liess.«</p> - -<p>Eine tiefe Gläubigkeit an die Wirksamkeit -dieses Liebesmittels drückte sich in Harsdörfers -Vortrag aus, und ebensowenig wie -dieses geistvolle Mitglied der »Fruchtbringenden -Gesellschaft«, hegt irgend ein anderer -seiner Zeitgenossen zu Ausgang des 17. Jahrhunderts -irgend einen Zweifel an Liebestränken -und Liebesbissen, über deren ekelhafteste -Zuthaten ich einen anderen berichten -lassen will. Chr. von Hellwig, der -unter dem Pseudonym Valentin Kräutermann -ein von Borniertheiten strotzendes Buch von -Heilmitteln herausgab<a name="FNanchor_248" id="FNanchor_248" -href="#Footnote_248" class="fnanchor">[248]</a>, von dem Scheible -in Stuttgart einen Neudruck veranstaltete, -schreibt: »Zu magischen und teuflischen -Liebesmitteln gebrauchen Zauberer und Zauberinnen -teils allerhand Worte, Zeichen, -Murmelungen, Wachsbilder u. dergl., teils -<a class="pagenum" id="page_346" title="346"> </a> -brauchen sie die abgeschnittenen Nägel, ein -Stückchen Tuch von der Kleidung oder sonst -etwas von der Person, welches sie vergraben, -es sei nun unter die Thüre oder eine andere -Schwelle. Huren und dergleichen Gesindel, -erwählen zwar auch natürliche Dinge aus -allen drei Naturreichen; sie bedienen sich -ihrer monatlichen Blume, des Mannes Samen, -Nachgeburten, Milch, Schweiss, Urin, Speichel, -Haar, Nägel, Nabelschnur, Gehirn von -einer Quappe oder Aalraupen, welch letztere -hierin vor ein Spezificum gehalten wird die -Liebe zu erwecken.« Das Register hat ein -Loch, denn Kräutermann hat eine Ingredienz -vergessen – den Kot der Liebsten.<a name="FNanchor_249" id="FNanchor_249" -href="#Footnote_249" class="fnanchor">[249]</a></p> - -<p>Um Liebe auf sympathetische Weise zu -erwecken, gab es in jeder Landschaft Deutschlands -andere Mittel, deren Aufzeichnung -einen viele hundert Seiten starken tragikomischen -Beitrag zur Geschichte der menschlichen -Narrheit bilden würde.</p> - -<p>In der Frühzeit zeichneten sich neben -den alten Weibern, die ihre vermeintliche -Wunderkraft meist auf dem Scheiterhaufen -büssten, die fahrenden Schüler als Zauberer -aus.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Mit wunderlichen sachen</div> - <a class="pagenum" id="page_347" title="347"> </a> - <div class="verse indent0">Ler ich sie denne machen</div> - <div class="verse indent0">Von wachs einen kobold</div> - <div class="verse indent0">Wil sie, daz er ir werde hold</div> - <div class="verse indent0">Und teuf es in den brunnen</div> - <div class="verse indent0">Und leg in an die sunnen</div> - <div class="verse indent0">Und heiz widereins (rückwärts)</div> - <div class="verse indent0">Umb die kuchen gan.«<a name="FNanchor_250" id="FNanchor_250" -href="#Footnote_250" class="fnanchor">[250]</a></div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Sie lehrten auch für Geld und gute Worte -jene sinnlosen Gebräuche, die sich zum Teil -noch heute erhalten haben, von denen ich -einige wenige als Beispiele für die Denkweise -unserer Vorfahren hierhersetzen will. -Berthold v. Regensburg sagt von den Bauern -»Pfî, wiltû einen man alsô mit zouberîe -gewinnen! ..... Sô nimt din her ein toufet -ein wahs, din ein holz, din ein tôtenbein, -allez daz sie dâ mite bezouber. Dâ zoubert -din mit den Kriutern, din mit dem heiligen -Krismen, din mit dem heiligen gotes lîchnamen.«<a name="FNanchor_251" id="FNanchor_251" -href="#Footnote_251" class="fnanchor">[251]</a></p> - -<p> »Dass dich eine lieben muss.« - »Nimm drei Federn vom Hahnenschwanz, -druck sie dreimal in die Hand. Probatum.« -Oder: »Nehme eine Turteltaubenzung ins -<a class="pagenum" id="page_348" title="348"> </a> -Maul (!), rede mit ihr lieblich, küsse sie -darnach auf den Munde« – natürlich sie, die -Angebetete, nicht die Turteltaubenzung – -»so hat sie dich so lieb, dass sie dich nicht -mehr lassen kann.«<a name="FNanchor_252" id="FNanchor_252" -href="#Footnote_252" class="fnanchor">[252]</a></p> - -<p>»Rezept zum Liebespulver. Nimm eine -Hostie, die jedoch nicht geweiht sein darf, -schreibe auf sie einige Worte mit Blut aus -dem Ringfinger und lasse alsdann von einem -Priester fünf Messen darüber lesen. Dann -teile die Hostie in zwei gleiche Teile, deren -einen nimm selbst, den anderen gebe der -Person ein, deren Liebe du gewinnen willst.«</p> - -<p>»Nimm von deinem Blut an einem Freitag -im Frühling, lass es mit den beiden Testikeln -eines Hasen und der Leber einer Taube in -einem nicht zu warmen Ofen in einem -kleinen Topf trocknen, machs zu feinem -Pulver und lass die Person, von der du -geliebt sein willst, davon geniessen, ungefähr -einer halben Drachme schwer. Wenns -aufs erstemal nicht wirkt, so wiederhole es -bis zu dreimal und du wirst geliebt werden.«</p> - -<p>»Die weisse Lilienwurzel, unter gewissen -Zeichen gesammelt, und bei sich getragen, -grosse Liebe und Freundschaft (sic) zwischen -<a class="pagenum" id="page_349" title="349"> </a> -Personen beiderlei Geschlechtes erwecken -und erhalten soll.«<a name="FNanchor_253" id="FNanchor_253" -href="#Footnote_253" class="fnanchor">[253]</a> <i>Sapienti sat!</i></p> - -<p>Noch eines Sympathiemittels muss, um -nicht unvollständig zu sein, wenn auch -widerstrebend, gedacht werden. »Ein fleissiger -<i>Studiosus Medizinae</i>, mein ehemaliger -guter Freund, ward offt von des Nachbars -Tochter gelockt, aber er hatte Eckel daran. -Einst schlieff er bey ihrem Bruder in ihres -Vatters Hause, und ward gantz umgekehrt, -doch aber kam er nicht zu ihr. Nur des -Nachts, mehrenteils um 12 Uhr, stund er -leise uff, lieff vor des Mägdleins Hauss, -küssete die Thür dreymahl und gieng wieder -von dannen. Wie es seine Schlaffgesellen -merkten, verwiesen sie ihm die Thorheit, -doch konnten sie ihn nicht davon abhalten. -Einst wollte er sein Kleid vom Schneider -umwenden lassen, da fand man in den -Hosen einen linnenen Beutel und in demselben -einen Hasenschwantz, krausse Haare, -vielleicht von einem ungenannten Ort der -Dirne abgeschnitten und diese Buchstaben -S. T. T. I. A. M., welche einige so verdolmetschen: -<i>Satanus te trahat in amorem mei</i>.<a name="FNanchor_254" id="FNanchor_254" -href="#Footnote_254" class="fnanchor">[254]</a> -<a class="pagenum" id="page_350" title="350"> </a> -Sobald aber das Säcklein mit Schwantzhaaren -und allem verbrandt war, hatte der -Geck auch Ruhe.«<a name="FNanchor_255" id="FNanchor_255" -href="#Footnote_255" class="fnanchor">[255]</a></p> - -<p>Einen interessanten Beitrag zum Glauben -an die Kraft dieser Weiberhaare findet sich -in der Biographie der Magdalena Sibylla -von Neitschütz, die ihren Geliebten, Johann -Georg IV. von Sachsen, auf diese Weise an -sich gekettet haben sollte<a name="FNanchor_256" id="FNanchor_256" -href="#Footnote_256" class="fnanchor">[256]</a>.</p> - -<p>Solange die weltliche Obrigkeit gegen -derartige Zaubereien noch nichts einzuwenden -hatte, ging es noch; aus Predigten -und Konzilsbeschlüssen machte man sich -blutwenig, denn kirchliche Strafen waren -eben nur Ehrenstrafen, die sich schliesslich -überstehen liessen, wenn sie auch hart genug -trafen. So ordnete ein Pariser Pönitentiale -an: »Wer Blut oder seinen virile um -der Liebe oder einer anderen Sache wegen -einem Mann oder einer Frau zu trinken -giebt, soll drei Jahre büssen«<a name="FNanchor_257" id="FNanchor_257" -href="#Footnote_257" class="fnanchor">[257]</a>, oder wenn, -<a class="pagenum" id="page_351" title="351"> </a> -wie aus einem Fastnachtsspiele hervorgeht<a name="FNanchor_258" id="FNanchor_258" -href="#Footnote_258" class="fnanchor">[258]</a>, -alle diejenigen von der Kommunion ausgeschlossen -blieben, die »zu essen geben oder -in annder weiss machen, das leut schullen -an einander liep oder feinter werden, und -was solicher sach sein«, so konnte sich der -Übelthäter immerhin noch, sei es durch -Geldopfer oder eine andere vom Geistlichen -auferlegte Busse, wieder reinwaschen. Anders -stand dies aber in einer Zeit, wo der -Hexenwahn die Gemüter ergriffen hatte, -Laien und Pfaffen beiderlei Konfessionen in -unersättlichem Blutdurste alles, was den -Namen Weib führte, in unerhörtester Weise -besudelten und »ad majorem Dei gloriam« -zu Tode schleiften, nachdem sie vorher auf -das schamloseste die Körper und die Gemüter -der auf der Folter gefügig gemachten -Opfer gebrochen; wo ein scheinheiliger -Rechtslehrer, Benedikt Carpzow, sich in einem -Atem und unter demselben Augenaufschlag -rühmen konnte, dreiundfünfzigmal die ganze -Bibel durchgelesen und zwanzigtausend -Todesurteile gefällt zu haben, die zumeist -arme Weiber, denen das Hirngespinst des -grossen Leipziger Schurken nie ausgeführte -<a class="pagenum" id="page_352" title="352"> </a> -Verbrechen angedichtet hatte, zur Einäscherung, -im besten Falle zur Hinrichtung durch -das Schwert verdammte, da war schon der -Gedanke an ein Liebesmittel eine Anwartschaft -auf den Tod, da er auf unzweifelhaften -Verkehr mit dem Teufel hinwies. Mit ebenso -stupender wie stupider Gelehrsamkeit hatte -sich der jedes Gefühles bare Carpzow und -mit ihm der ganze Schwarm Gottesgelahrter -und Richter ein System zurechtgebaut, aus -dem das erotische Moment in einer Teufelsfratze -allenthalben hervorgrinste. »So sehr -war durch den Einfluss des Teufelsglaubens -die altgermanische Frauenverehrung, welche -im Weibe ›etwas Heiliges‹ gesehen hatte, -getrübt worden, dass unsere Altvorderen -etliche Jahrhunderte hindurch es für möglich, -ja für wirklich hielten, deutsche Mädchen -und Frauen gäben Sitte und Scham, -alles Hohe und Heilige, was der Mensch -besitzen kann, für die widerliche Umarmung -eines scheusslichen Bockes hin. Es dürfte doch -schwer sein, auf dem ganzen Gebiete menschlicher -Narrheit etwas aufzufinden, was an blödsinniger -Gemeinheit dieser christlich-theologischen -Phantasie nur halbwegs gleichkäme.«<a name="FNanchor_259" id="FNanchor_259" -href="#Footnote_259" class="fnanchor">[259]</a></p> - -<p><a class="pagenum" id="page_353" title="353"> </a> -Vergessen war die abgöttische Verehrung, -die man dem Weibe in der Jungfrau Maria -dargebracht, vergessen die Achtung, die -man der Mutter, der Hausfrau gezollt, das -Weib war nur das unreine Gefäss, durch -das, nach theologischer Weisheit, »die -Sünde« überhaupt in die Welt gekommen, -das daher teuflischen Einflüssen um so leichter -zugänglich sein musste.</p> - -<p>Da nun »die Teufel, die nicht zu zählen -sind«, die Welt durchstreifen, um Menschen -zu verführen und jeden zu ergattern, »die -um ein sehr lange Zeit daher, über fünftausend -Jahre, durch stete Uebung überaus -klug und erfahren sind worden«<a name="FNanchor_260" id="FNanchor_260" -href="#Footnote_260" class="fnanchor">[260]</a>, so wandten -sie sich zuerst an die Frauen, um sie -körperlich und seelisch zu verführen und -sie zu Werkzeugen zu machen, durch die -ihnen weitere Opfer zugeführt wurden.</p> - -<p>Das Hauptmittel, die Weiber zu Hexen -zu machen, bestand für den Teufel in der -Buhlschaft. Um mit den Hexen geschlechtlich -zu verkehren, besucht er sie in allerlei -Verkleidungen in ihren Wohnungen. Bald -tritt er als schwarz gekleideter Herr, bald -<a class="pagenum" id="page_354" title="354"> </a> -als Mann mit Federhut, gelben Strümpfen -und einem Esels- oder Pferdefuss, bald -wieder als langer, schwarzer Mann mit -Hörnern auf<a name="FNanchor_261" id="FNanchor_261" -href="#Footnote_261" class="fnanchor">[261]</a>, oder er naht sich ihnen unter -der Maske eines Junkers, Jägers, Reiters -und unter den Namen Junker Hans, Voland, -Hämmerlein, Federhanns, Schönhans, Peterlein, -Federlein, Papperlen, Klaus, Grässle, -Grünhütel oder ähnlichen.<a name="FNanchor_262" id="FNanchor_262" -href="#Footnote_262" class="fnanchor">[262]</a> Manchesmal -aber suchte sich der Junker Hans auch -ganz ausgefallene Örter zum Buhlen aus. -Am 6. März 1604 wurde in Lauchstädt eine -Zauberin, die Haferkastin nebst einer anderen -Hexe verbrannt, die bekannt haben -sollte, vom Teufel auf die Spitze des Roten -Turmes zu Halle geführt worden zu sein, -wo er ihr gedroht habe, sie hinunter zu -stürzen, wenn sie ihm ihr gegebenes Versprechen -nicht halte. Darauf sei sie ihm -zu Willen gewesen und habe fünfmal mit -ihm <em>auf der Turmspitze</em> Unzucht getrieben. -Etwas Derartiges konnten Menschen, -die sich ihrer fünf gesunden Sinne rühmten, -für bare Münze nehmen!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_355" title="355"> </a> -Über die Art des geschlechtlichen Verkehrs -ergehen sich die Werke Carpzows und -das »aus frommem Wahnsinn und fanatischer -Grausamkeit« bestehende Schandbuch des -Ketzerrichters und Theologie-Professors Jakob -Sprenger, der im Jahre 1489 mit Approbation -der Kölner theologischen Fakultät -gedruckte »Malleus maleficarum«, zu deutsch -der Hexenhammer, in einer Breite, deren -Unflätereien lebhaft an Liguoris Moraltheorie -erinnern. »Der Autor schreibt wie ein Kerl, -der etliche bordels ausgehuret hat«, sagt bereits -Hauber von Sprenger.<a name="FNanchor_263" id="FNanchor_263" -href="#Footnote_263" class="fnanchor">[263]</a> Es sträubt -sich meine gewiss nicht prüde Feder, -diese mit behaglicher Ruhe vorgetragenen -Schweinereien eines im Cölibate lebenden -hochwürdigen Herrn auch nur andeutungsweise -wiederzugeben.<a name="FNanchor_264" id="FNanchor_264" -href="#Footnote_264" class="fnanchor">[264]</a></p> - -<p>Aus den düsteren Gewölben, deren -Kreuzbogen vom Gewinsel und Stöhnen -der armen, gefolterten Kinder und Frauen -<a class="pagenum" id="page_356" title="356"> </a> -widerhallten, drang viel, zu viel an die -Öffentlichkeit, um nicht die Phantasie hysterischer -und vom allgemeinen Wahne ergriffener -Weiber derart zu erhitzen, dass sie -alles das, was sie gehört, auch schliesslich -selbst erlebt zu haben glaubten und sich -im Wahnsinne Verbrechen bezichtigten, die -sie kaum geträumt haben können. Sie geben -unumwunden zu, was ihnen die Richter in -den Mund legen, oder gestehen es, ausgeschmückt -mit eigenen Zuthaten unter den -Martern der oft menschlicher als die Richter -fühlenden Henker. Fühllos wie die Quadern -der Folterkammern wohnten diese Richter -jahraus, jahrein jenen Greuelscenen bei, bis -die Gewohnheit jegliches Gefühl in ihnen -abstumpfen musste. Wenn die deutschen -Richter auch nicht in den Zwischenakten -eines Hexenprozesses Laute spielten und -Inkulpantinnen tanzen liessen, ehe sie sie -an den Holzstoss ablieferten, wie dies ein -französischer Kollege that<a name="FNanchor_265" id="FNanchor_265" -href="#Footnote_265" class="fnanchor">[265]</a>, so fanden sich -doch auch in deutschen Gauen nichtswürdige -Hallunken genug unter ihnen. Wenn sich -unter der Regierung des Bischofs Heinrich -<a class="pagenum" id="page_357" title="357"> </a> -Julius von Halberstadt-Braunschweig im -17. Jahrhundert anlässlich einer rebellischen -Bewegung der Braunschweiger Bürger gegen -den geistlichen Herrn folgendes zutragen -konnte, wird es bei den Prozessen gegen -die Unholdinnen keinesfalls besser, eher -noch schlimmer hergegangen sein, wofür -viele Gründe sprechen. In dem besagten -Prozesse heisst es von den in der Marterkammer -anwesenden Gerichtspersonen: »Sie -trunken einander fleissig zu, dass sie auch -so toll und voll wurden, dass sie einesteils -eingeschlafen ... Etwan in die dritte Woche -kamen sie wieder, und als sie nun in solcher -Trunkenheit ihr gefasstes Müthlein ziemlichermassen -ausgeschüttet, seyn sie für diesmal -davongegangen ... Zum dritten male bin -ich abermal in die peinliche Kammer gebracht -u. s. w. und Hans Saub war so trunken -und voll, dass er beim Tisch einschlief, und -wann er hörte, dass ich etwas härter sprach, -so wachte er auf und weisete mit den Fingern, -sagend: Meister Peter, hinan, hinan mit dem -Schelm und Stadtverräther und wenn er -solches gesagt, schlief er wieder ein vor -Trunkenheit. Ingleichen soffen die andern -tapfer auch herum Wein und Bier, und -wurden aus Trunkenheit und sonsten so -<a class="pagenum" id="page_358" title="358"> </a> -verbittert, dass nicht zu sagen ...«<a name="FNanchor_266" id="FNanchor_266" -href="#Footnote_266" class="fnanchor">[266]</a> Das -Martern und Foltern der Angeklagten war -im Mittelalter ein derart unzertrennlicher -Bestandteil des Gerichtsverfahrens, dass der -Richter den Gedanken, ein Geständnis anders -als durch die Folter zu erlangen, einfach -nicht fassen konnte. Und bei den Unholdinnen -erst, die nichts zu gestehen hatten, -waren die Folterwerkzeuge unentbehrlich, -denn ohne sie hätte es eben keine Hexenprozesse -gegeben.</p> - -<p>Bei Weibern, die sich dem Satan zu -eigen gegeben, wäre Milde des Richters ein -Verbrechen gewesen, das ihn vielleicht selbst -in eine zweideutige Stellung gebracht hätte, -darum suchte jeder einzelne genau nach der -Schablone zu handeln. Lag es auch in -seinem Belieben, die schauerliche Wirkung -der Tortur zu erhöhen oder zu mildern, so -brauchte er seine Macht doch kaum jemals -zu Gunsten einer Hexe, ebensowenig wie -er sich daran kehrte, die heuchlerische Vorschrift -des Hexenhammers zu befolgen, bei -der Tortur kein Blut zu vergiessen. Er war -unumschränkter Herr in der Folterkammer -<a class="pagenum" id="page_359" title="359"> </a> -und gebrauchte seine Macht oder missbrauchte -sie, ganz wie es ihm beliebte. Hatte -er jemanden freilassen müssen, weil seine -Unschuld denn doch zu klar lag, so liess -er eben den unschuldig Gepeinigten Urfehde -schwören, sich niemals an ihm und den -Seinen zu rächen. Bei einer Hexe war aber -diese Gefahr für den Inquisitor nicht zu befürchten, -denn kaum eine dieser Unthat bezichtigte -Weibsperson entrann jemals dem -Arm »der Gerechtigkeit«.</p> - -<p>Schon vorm Beginn des Prozesses brach -man die Seelenkraft der Angeklagten, die -schliesslich so mürbe werden musste, dass -sie sich schuldig bekannte, um durch den -Tod von weiteren Quälereien befreit zu -werden.</p> - -<p>Ehe man die Hexe dem Richter vorführte, -zog man sie splitternackt aus und -untersuchte ihren Körper, ob sie nicht -Zaubermittel bei sich führte, mit denen sie -dem Richter Schaden zufügen könnte. Obwohl -der Hexenhammer vorschrieb, diese -Untersuchung von ehrsamen Frauen vornehmen -zu lassen, so scherte sich in der -Praxis kein Richter darum, sondern überliess -die Wehrlose den Henkersknechten, die diese -günstige Gelegenheit nicht vorübergehen -<a class="pagenum" id="page_360" title="360"> </a> -liessen, sich tierisch an jungen Hexen, selbst -unmündigen Kindern zu vergreifen und dem -Teufel die Schuld zuzuschieben. Der wütende -Hexenrichter Remigius, der sich in seiner -»Daemonolatria« rühmt, binnen fünfzehn -Jahren (1580-1595) in Lothringen achthundert -Hexen eingeäschert zu haben, erzählt -von einem seiner Opfer, Katharina -genannt, sie wäre, obgleich noch ein unmannbares -Kind, im Kerker wiederholt derart -vom Teufel genotzüchtigt worden, dass man -sie halbtot aufgefunden habe.<a name="FNanchor_267" id="FNanchor_267" -href="#Footnote_267" class="fnanchor">[267]</a> Wem hätten -auch die Geschändeten die ihnen angethane -Schmach klagen sollen, dem Richter? -Der wusste doch, dass alles, was die Hexe -sprach, Lüge und Blendwerk der Hölle sei, -oder ihren Beichtvätern, »gleichviel ob katholisch -oder protestantisch, die die gefangenen -Hexen in den Kerkern aufsuchten und, anstatt -ihnen Trost und Mut zuzusprechen -und durch das Gebet für ihren Martergang -zu stärken, sie mit allen möglichen Kreuz- und -Querfragen in Fallen zu locken suchten; -ihnen das Gewissen beängstigten; sie zu -falschem Geständnisse zwangen? Diese -gemeine, niederträchtige Pfaffenbrut war -<a class="pagenum" id="page_361" title="361"> </a> -gefährlicher als die Henkersknechte und -Inquisitoren resp. Richter. Denn selbstverständlich -hing sich ein bis zu Tod geängstigtes -Weib mit aller Gewalt an den -Seelensorger; suchte bei ihm Trost und -folgte seinem Rate. Musste ein solch armes -Wesen nicht von Sinnen kommen, wenn sie -sogar von dem Manne, den sie als heilig -und fromm verehrte, als Hexe betrachtet -wurde? Und wie er ihr ins Gewissen redete! -Wie er, wenn sie bekennen würde, ihr von -Heil und Rettung, von Gnade und Barmherzigkeit -vorpredigte! Jede verfängliche -Aussage, die ein so verzweifeltes Weib fallen -liess, nahm der Beichtvater zu Protokoll. -Hatte er genug aus der Unglücklichen herausgepresst, -so gab er dem Richter genauen -Bericht. So kam es, dass der Richter bereits -das ganze Untersuchungsprotokoll, die -ganze Beweisaufnahme in den Händen -hatte, ehe er überhaupt die Hexe verhört -hatte. Er hatte somit leichte Arbeit, indem -das Verhör seinerseits nur kurze -Zeit in Anspruch nahm, das übrige that -die Folter.«<a name="FNanchor_268" id="FNanchor_268" -href="#Footnote_268" class="fnanchor">[268]</a></p> - -<p>Doch noch eine zweite Entwürdigung -<a class="pagenum" id="page_362" title="362"> </a> -hatte die Hexe vor dem Richter durchzumachen. -Man schor ihr jedes Haar am -Körper ab, um eines jener Teufelsmale, -Stigma, zu entdecken, mit dem der Satan alle -Weiber kennzeichnete, die er als Buhlerinnen -gebraucht. Fand man einen Leberfleck, ein -Muttermal oder eine Warze, so stach der -Henker mit einer Nadel darein, um seine -Empfindlichkeit zu prüfen. Schmerzte der -Stich nicht, dann war die Teufelsliebe erwiesen, -im anderen Falle hatte der Teufel -der Hexe das Mal empfindlich gelassen, um -die Richter zu täuschen. Fehlte ein solches -Mal gänzlich, so hatte es der Teufel verwischt. -Gestand nun die Hexe, eingeschüchtert -durch die Aussicht auf die Tortur, oder -getäuscht von lügenhaften Vorspiegelungen -des Beichtvaters oder des Richters, dann -war sie verloren. Leugnete sie, dann unterwarf -man sie der peinlichen Frage, die mit -der amtlichen Formel begann: »Du sollst so -dünn gefoltert werden, dass die Sonne -durch dich scheint!« Diese Drohung war -keine leere, und die Feder sträubt sich, all -das Entsetzliche niederzuschreiben, was man -nun mit den armen, schwachen Weibern -vornahm. Mädchen im zartesten Kindesalter, -sieben-, acht-, zehn- und zwölfjährige -<a class="pagenum" id="page_363" title="363"> </a> -Mädchen<a name="FNanchor_269" id="FNanchor_269" -href="#Footnote_269" class="fnanchor">[269]</a>, schwangere Frauen<a name="FNanchor_270" id="FNanchor_270" -href="#Footnote_270" class="fnanchor">[270]</a>, sechzig-, -selbst achtzigjährige Greisinnen, sie alle verliessen -verbrannt, zerrissen, mit gebrochenen -Gliedern, aus hundert Wunden blutend die -Folterkammern.</p> - -<p>Alle Bande des Blutes löste der unglückselige -Wahn. Wolf Rossmann, ein Bauer -zu Amorbach, gab seine eigene Mutter als -Hexe an.<a name="FNanchor_271" id="FNanchor_271" -href="#Footnote_271" class="fnanchor">[271]</a> Vielleicht um sich ihrer zu entledigen, -wie es Männer mit ihren Frauen -thaten, Brüder mit Schwestern, denen sie -das Erbe missgönnten, selbst Väter mit -ihren Töchtern.</p> - -<p>Und der ewig wiederkehrende Punkt bei -allen Hexenprozessen ist geschlechtlicher -Natur, in allen den vielen Protokollen, die -auf uns gekommen sind, kehrt er, wenn -nicht als Teufelsbuhlschaft allein, so in -irgend einer anderen Form neben dieser -wieder. Ein solches Protokoll, herausgerissen -aus hundert beinahe gleichen, -möge hier stehen. Es stammt aus dem -Jahre 1572 aus der Umgebung von Trier -und wird von Dr. Hennen mitgeteilt. Eine -gewisse Eva, eine überführte Kindesmörderin -<a class="pagenum" id="page_364" title="364"> </a> -aus dem Dorfe Kenn ist beschuldigt, mit -dem Höllenfürsten Umgang gehabt zu haben. -Sie besässe die Kunst zu hexen und hätte -einen Knecht auf dem »grünen Haus« verzaubert, -dass er in Liebe zu ihr entbrennen -sollte. Die Angeklagte antwortete, dass sie -die Zauberkunst nicht verstände. Sie hätte -nur dem Zymmerhansen, dem Knecht, einen -Ring gegeben; dieser hätte ihr versprochen, -sie einst zu ehelichen. Das war das kurze -Verhör. Die Folter wurde vorläufig nicht -angewendet. Die Angeklagte wurde hierauf -ins Gefängnis abgeführt.</p> - -<p>An demselben Nachmittage wurde sie -nochmals dem Amtmann, Schultheissen und -zwei Schöffen vorgeführt. Sie verharrte auf -ihrer Aussage, dass sie nichts von Zauberei verstünde. -Nun wurde sie den Henkersknechten -übergeben, die sie auf die Folter spannten.</p> - -<p>Das unsinnigste Zeug brachte sie infolge -der wahnsinnigen Schmerzen vor. Sie zog -andere mit ins Unglück, einen Mann und -drei Frauen, da sie, um nur sobald als möglich -von den Folterqualen befreit zu werden, -andere angab, von denen sie die Hexerei -gelernt haben wollte. Von der einen behauptete -sie, dass diese ihres (Evas) Mannes -Mannbarkeit durch Zauberei genommen -<a class="pagenum" id="page_365" title="365"> </a> -habe; von einer zweiten Frau sagte sie, dass -diese ihr das Zaubermittel, wie man einen -Mann an sich fesseln könnte, gelernt hätte, -indem man nämlich einige Tropfen Blutes -in einer Birne dem Betreffenden zu essen -gäbe. Dies hätte sie nun auch mit dem -Zymmerhansen so gemacht.</p> - -<p>Die Folter wurde noch verschärft. Da -rief Eva vor Schmerz aus, man sollte sie -nur loslassen, sie wollte die Wahrheit eingestehen. -Sie könnte zaubern.</p> - -<p>Als man mit Foltern nachliess, gestand -sie, dass sie von jener Frau, der sie die -Entmannung ihres (Evas) Mannes zuschrieb, -das Zaubern gelernt hätte. Sie teilte nun -dem Amtmanne mit, wie sie durch die betreffende -Frau, die Barbara hiess, mit dem -Teufel zusammengekommen wäre; wie sie -Gott abgeschworen und den Teufel verehrt -hätte mit den Worten: »Ich sage Gott ab -und dem Teufel zu und soll sein Eigen sein.«</p> - -<p>Ferner gestand sie ein, mit dem Teufel -etlichemal zu schaffen gehabt zu haben, Vieh -und Menschen bezaubert, Unwetter heraufbeschworen -zu haben. Die von ihr Bezichtigten -erlagen gleichfalls unter der Anklage.<a name="FNanchor_272" id="FNanchor_272" -href="#Footnote_272" class="fnanchor">[272]</a></p> - -<p><a class="pagenum" id="page_366" title="366"> </a> -Der Raub der Mannheit, dessen Eva die -eine Hexe beschuldigte, wurde durch »das -Nestelknüpfen« erreicht, vermittelst Schürzung -eines zauberischen Knotens an einer der Hosennesteln -eines Ehemannes, diesen zeugungsunfähig -zu machen, doch gab es auch noch -viele andere, mehr oder weniger blödsinnige -Mittel, gegen die man sich aber auf gleich -sinnreiche Weise schützen konnte, so nach -der »gestriegelten Rockenphilosophie«, wenn -der Bräutigam, bevor er in die Kirche zur -Trauung geht, das Bierfass anzapft und -den Zapfen während der Trauung bei sich -trägt und andere ähnliche mehr, von denen -Scheibles Sammelwerke »Das Kloster« und -»Das Schaltjahr« eine reiche Blütenlese -geben.</p> - -<p class="center"> -Rossberg'sche Buchdruckerei, Leipzig.</p> - -<div class="advertisement pagebreak"> -<p class="center fontlarge">Das wichtigste Thema der Gegenwart -<a class="pagenum" id="page_367" title="I"> </a></p> - -<p class="center fontlarge">»Neue Frauen – Neue Männer«</p> - -<p class="textright"><big>behandeln folgende Schriften:</big></p> - -<p class="center fontxlarge">Vera:</p> - -<p class="textright fontxlarge">Eine für Viele</p> - -<p class="textright">Aus dem Tagebuche<br /> -eines Mädchens von heute</p> - -<p>12. Auflage Preis M. 2.–</p> - -<p> -<em>Urteile der Presse</em>:</p> - -<p class="fontsmall">»Da haben wir das Wiener Saisonbuch, die litterarische Sensation -für heuer. Heimlich wandert es von Hand zu Hand, die -Männer verstecken es vor ihren Frauen, die Mütter vor den Töchtern, -aber alle lesen es und mehr noch, alle machen sich ihre Gedanken -darüber. Mit Recht, denn dieses Büchlein gehört zu den Dokumenten -der Zeit, es spricht seine eigene Sprache und öffnet die merkwürdigsten -Aus- und Einblicke ...</p> - -<p class="fontsmall">»Ob man dieses Buch den Mädchen in die Hand geben soll? -Ich glaube nicht. Wozu denen, die noch nicht Wissende sind, ihre -Illusionen rauben? Aber die Väter und Mütter sollen es lesen, und -auch die jungen Männer. Diese vor Allem. Denn zum mindesten -lernen sie daraus, dass es Mädchen giebt, die den Ehrgeiz haben, -etwas anderes zu sein und zu werden, als, um mit Vera zu sprechen, -dem Manne »ein Mobiliar seiner Bequemlichkeit« ...</p> - -<p class="textright"> -»Prager Tagblatt.«</p> - -<p class="fontsmall"> -»Eine für Viele« erinnert an das Tagebuch der Marie Bashkirtsew. -Warm und ehrlich empfunden, machen die Geständnisse des jungen -Mädchens tiefen Eindruck ...«</p> - -<p class="textright"> -»Reichswehr.«</p> - -<p class="fontsmall"> -»Das kleine Buch scheint darauf auszugehen, die gegenwärtige -Moral, soweit sie das Verhältnis der Geschlechter betrifft, zu steigern -und zu verfeinern. Der ledige Mann soll vor der Ehe ebenso keusch -sein, wie das Mädchen; das Wesen, das sich ihm einst giebt in -vollster reinster Hingabe, hat das Recht, von dem Manne ihrer Wahl -dieselbe Reinheit, dasselbe unbefleckte Sinnenleben zu verlangen, -das er als strenger Richter von ihr fordert ....«</p> - -<p class="textright"> -»Neue freie Presse.«</p> - -<p class="center"> -Verlag von Hermann Seemann Nachfolger in Leipzig</p> -</div> - -<div class="advertisement pagebreak"> -<p><a class="pagenum" id="page_368" title="II"> </a> -Für und gegen VERA sind folgende Schriften -erschienen:</p> - -<p class="fontlarge">Christine Thaler:</p> - -<p class="textright fontxlarge"> -Eine Mutter für Viele</p> - -<p class="textright fontlarge">Ein Brief an die Verfasserin von<br /> -»Eine für Viele«</p> - -<table summary="" width="100%"> -<tr><td>4. Auflage</td><td class="textright">Preis M. 1,–</td></tr> -</table> - -<p class= "fontsmall"> -Die »<em>Neue Freie Presse</em>« in Wien schreibt über Christine -Thalers Buch: »Es ist sehr erfreulich, dass weibliche Vernunft und -Besonnenheit sich nun zum Worte meldet. Die übermodernen Jungfrauen -werden das Sendschreiben der Mütterlichkeit wohl etwas hausbacken -finden. Aber das verschlägt nichts. Aus ihm spricht Klugheit, -Reife und Gemüt. Aus ihm spricht eine aus Lebenskämpfen -erwachsene Milde, die das Menschliche, auch wenn es sich als ein -Allzumenschliches erweist, verzeiht.«</p> - -<p class="fontlarge"> -Auch jemand:</p> - -<p class="textright fontxlarge">Eine für sich selbst</p> - -<p class="textright fontlarge">Brief an die Verfasserin von<br /> -»Eine Mutter für viele«</p> - -<table summary="" width="100%"> -<tr><td>3. Auflage</td><td class="textright">Preis M. 1,–</td></tr> -</table> - -<p class="fontsmall"> -»Eine Dame spricht ruhig und besonnen; eine Dame, die die -verzehrende Sehnsucht der keuschen Jungfrau nach einem ihr ebenbürtigen -reinen Jüngling versteht, dieser Sehnsucht aber nicht unbedingt -das Wort redet. Der Verfasserin schwebt eine Art freier -Liebe vor. Eine Liebe, die in freiem Genuss und seliger Wahrheit -durch ihre hehre Grösse so wenig der landläufigen Moral peinlich -werden kann wie Michelangelos David in seiner kolossalen Nacktheit. -Eine Liebe, die nicht in den Staub zieht, in deren hohen reinen -Flammen alles schmilzt, was allzuirdisch und allzumenschlich ist.«</p> - -<p class="fontlarge"> -Gerda Schmidt-Hansen:</p> - -<p class="textright fontxlarge">Eine für Vera</p> - -<p class="textright fontlarge">Aus dem Tagebuche einer jungen Frau</p> - -<table summary="" width="100%"> -<tr><td>2. Auflage</td><td class="textright">Preis M. 2,–</td></tr> -</table> - -<p class="fontsmall"> -Eine im Geiste Veras geschriebene, flammende Anklageschrift -gegen die Unnatur und Heuchelei der vom Manne diktierten »sittlichen« -Anschauungen. Die Verfasserin – eine Dame aus den besten -Leipziger Gesellschaftskreisen – deckt hier mit rücksichtsloser Kühnheit -den Abgrund einer modernen, allzumodernen Ehe auf und zeigt, -wie die Laxheit der männlichen Moral Seele und Leib des Weibes -vergiftet und beide dem Untergange zuführt.</p> -</div> - -<div class="advertisement pagebreak"> -<p class="center fontlarge"><a class="pagenum" id="page_369" title="III"> </a> -Männer im Kampf<br /> -für und gegen Vera:</p> - -<p class="fontlarge"> -E... E...</p> - -<p class="textright fontxlarge">Einer für Viele!</p> - -<table summary="" width="100%"> -<tr><td>2. Auflage</td><td class="textright">Preis M. 1,–</td></tr> -</table> - -<p class="fontsmall"> -»Dieses Buch wendet sich polemisch gegen die mütterlich -milden Urteile über das Vera-Problem, welche Christine Thaler in -ihrer Kampfschrift ausgesprochen hat. E. E. legt offenkundig eine -Lanze für Vera ein und versteht es, das von Vera angeregte Problem -in eine neue interessante Beleuchtung zu rücken.«</p> - -<p class="fontlarge"> -Felix Ebner:</p> - -<p class="textright fontxlarge"> -Meine Bekehrung<br /> -zur Reinheit</p> - -<p class="textright fontlarge">Aus dem Leben eines Junggesellen</p> - -<table summary="" width="100%"> -<tr><td>2. Auflage</td><td class="textright">Preis M. 2,–</td></tr> -</table> - -<p class="fontsmall"> -»Die Männerwelt ist lange nicht so verdorben, wie sie von -emancipierten Blaustrümpfen geschildert wird. Das ist die These -Ebners. Er bekräftigt seine Überzeugung mit der Darstellung seiner -eigenen Lebenserfahrungen, mit der Vertiefung und Bereicherung, die -sein Leben durch echte Liebe gewann, und stellt die Unverbrüchlichkeit -der ethischen Pflichten, die jeder junge Mann zu erfüllen hat, aufs -glänzendste heraus.«</p> - -<p class="fontlarge"> -Verus:</p> - -<p class="textright fontxlarge"> -Einer für Viele</p> - -<p class="textright fontlarge">Aus dem Tagebuche eines Mannes</p> - -<table summary="" width="100%"> -<tr><td>2. Auflage</td><td class="textright">Preis M. 2,–</td></tr> -</table> - -<p> -Die »<em>Feder</em>«, Berlin, schreibt: »Das Buch wird vielen Widerspruch -erregen, dürfte aber auch viele Freunde finden.«</p> - -<p class="fontsmall">Der »<em>Autor</em>«, Zeitschrift für Litteratur und Kunst in Wien, -schreibt: »Unstreitig die hervorragendste Erscheinung in der ganzen -›Vera-Litteratur‹, vielleicht eine der bedeutendsten am Büchermarkt -überhaupt, wiewohl sie bei vielen eine gewaltige Entrüstung hervorrufen -wird. Man wird das Buch vor jungen Leuten zu verstecken -suchen, es enthält aber gerade für diese alles, was ihnen spätere -Enttäuschungen ersparen kann. Mögen es nur recht viele lesen, bevor -sie in die Lage kommen, aus eigener Erfahrung beurteilen zu -können, wie recht Verus hat.«</p> -</div> - - -<div class="advertisement pagebreak"> -<p><a class="pagenum" id="page_370" title="IV"> </a> -Neue Bücher von Frau Professor</p> - -<p class= "center fontxlarge">Maria Janitschek:</p> - -<p class= "textright appfontxlarge">Die neue Eva</p> - -<p class= "textright"> -2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50</p> - -<p class= "fontsmall"> -»Ein reifes Buch. Das Urteil einer Frau, welche die Frauen und -die Männer sowie das Leben kennt. Frau Janitschek ist dem deutschen -Leser längst bekannt. Sie ist modern im guten Sinne. Sie -ironisiert in feiner Weise die Emanzipations-Bestrebungen der Hypermodernen -und kommt zu dem allerdings nicht neuen Schluss, dass -ohne die »Kanaille« Mann das Weib nichts ist und sein kann. Durch -alle Novellen des vorliegenden Buches zittert eine gesunde Ethik. -Es liegt über jeder einzelnen Geschichte der dumpfe Hauch der geschlechtlichen -Gier. Und aus jeder Geschichte kann eine treffliche -Moral gezogen werden. Trotz des pikanten Inhalts würde ich jedem -Mädchen dieses Buch zwei Tage vor seiner Ehe in die Hand geben. Nach -den hier vertretenen Prinzipien handelnd, wird dann aus dem »Gänschen« -nicht notgedrungen die »unverstandene deutsche Frau!«</p> - -<p class= "textright"> -»Frankfurter Neueste Nachrichten.«</p> - -<p> -Die »Neue Hamburger Zeitung« schreibt:</p> - -<p class= "fontsmall"> -»<em>Die neue Eva</em>« <em>ist ein durchaus künstlerisches -Tendenzbuch</em>, eines der wenigen, die wir in Deutschland haben, -denn ein Schönheitsglaube glüht darin auf, eine reine aufstrebende -Sinnlichkeit und das kraftvolle Selbstvertrauen, dass auch die Frau -stark genug sei, sich zu befreien, ohne Gefährtinnen, Versammlungen -und Zeitungen. Und das ist wohl ihr eigenster Sinn, dass nur diejenigen -Freiheit verdienen, denen sie das eigene Herzblut gewiesen -und erkämpft, die selbst Individualitäten sind. Reine, starke Höhenluft -atmet über diesem Buche und ein Duft, wie von heissglühenden, -sommerlichen Rosen, denn es ist ein Dichtbuch reifer und ungezwungener -Sinnlichkeit und das Lebensevangelium einer schöpferischen Frau. -Und ich glaube, dieser Eindruck der Persönlichkeit ist so stark, dass -ihn selbst diejenigen spüren werden, die die »Neue Eva« lesen um -der heiklen Themata und der Unterhaltung willen, und zur Erkenntnis -gelangen, dass sich hier hinter Spott und farbiger Schilderung das -ernste Antlitz einer wertvollen Weltanschauung erhebt.«</p> - -<p class= "fontsmall"> -»... Und nun die neue Eva! Wie anders wirkt dies Zeichen -auf mich ein. Das sind sieben Geschichten, die tief aus dem Werden -und Wollen des Weibes herausgeschrieben sind. Maria Janitschek -hat hier die künstlerischere Seite ihrer Kraft gefunden. Kaum jemals -ist Psychologie mit Physiologie in der Novelle so innig verbunden -worden wie in diesen Geschichten. Glut und Wahrheit, ein feines -Spüren nach den geheimsten Regungen der Evanatur, eine glückliche -Hand im Ausmalen des Schleierlosen – das alles und noch einiges -findet der Leser – die Leserin möge freilich nicht zu jung sein – -in den Erzählungen von der neuen Eva, unter denen »Neue Erziehung -und alte Moral« ein Meisterstück des psychologischen Verismus ist.</p> - -<p class= "textright"> -»Berliner Lokal-Anzeiger.«</p> -</div> - - - - -<div class="advertisement pagebreak"> -<p class="center fontxlarge"> <a class="pagenum" id="page_371" title="V"> </a> -Aus Aphroditens Garten:</p> - -<p class= "center">Zwei neue Romane von</p> - -<p class="textright fontlarge">Maria Janitschek</p> - -<p class= "center"><em>Band I</em><br /> -<span class= "fontlarge">Maiblumen</span></p> - -<p class="center"> -2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50. geb. M. 3,50</p> - -<p class="center"><em>Band II</em><br /> -<span class="fontlarge">Feuerlilie</span></p> - -<p class="center"> -2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50. geb. M. 3,50</p> - -<p class="fontsmall"> -»<em>Aus Aphroditens Garten</em>« betitelt <em>Maria Janitschek</em>, -die berühmte Erzählerin und feinsinnige Kennerin der modernen Frauenseele, -ihren neuesten Romancyklus, in dem sie in umfassender Weise -an einer Reihe von Einzelschicksalen ihre Erfahrungen und Anschauungen -über das moderne Weib und seine seelischen und sozialen Verhältnisse -in vielseitiger Weise niederlegen will.« »Der Gesellige.« Graudenz.</p> - -<p class="fontsmall">»Schon die äusserlichen Vorgänge, die sich im vorliegenden -Roman abspielen, sind von Maria Janitschek in brillanter, von Anfang -bis zu Ende spannender Weise erzählt, noch viel mehr aber wird den -Freund moderner Dichtung der ausserordentliche Scharfsinn und die -psychologische Tiefgründigkeit überraschen, mit denen das Seelenleben -der Heldin, einer mitten in den Anfechtungen des modernen Lebens, -sowie ihres eigenen leidenschaftlichen Herzens stehenden Jungfrau geschildert -wird. Der Leser wird geradezu in den Lebenskreis dieses -seltsamen Wesens hineingezwungen. Man darf nach diesem Anfang -mit grossem Interesse den weiteren Enthüllungen aus »Aphroditens -Garten« entgegensehen, und insbesondere sollte niemand, der Interesse -für die moderne Frauenbewegung hat, diese künstlerischen Ergüsse -einer der modernsten Frauen der Gegenwart ungelesen lassen.«</p> - -<p class="textright">»Deutsche Tageszeitung«, Wien.</p> - -<p class="center">Von derselben Verfasserin erscheint Ende 1902:</p> - -<p class="center fontxlarge">Auf weiten Flügeln</p> - -<p class="center">Novellensammlung:</p> - -<p>Judas – In der Frühe – Heimatlose Nachtigall – -Die beiden Karren – Um der Glorie willen .....</p> - -<p class="textright">Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50</p> -</div> - - - -<div class="advertisement pagebreak"> -<p class="center fontlarge"><a class="pagenum" id="page_372" title="VI"> </a> -Zwei neue wichtige Publikationen zum Thema der<br /> -<em>Frauenfrage und Mädchenerziehung</em></p> - - -<p class="center fontlarge">Louis Frank – Dr. Keifer – Louis Maingie:</p> - -<p class="center fontxlarge">Die Versicherung der Mütter</p> - -<p class="center">Autorisierte deutsche Ausgabe besorgt von<br /> -<span class="fontlarge">Nina Carnegie Mardon</span></p> - -<p class="textright">Preis brosch. M. 2,–</p> - -<p class="fontsmall">Die Notwendigkeit eines Schutzes für die Frauen der arbeitenden -Klassen während und nach ihrer Schwangerschaft wird in dieser -Schrift zum ersten Mal in wissenschaftlich begründeter Weise nachgewiesen. -An der Hand eines reichen statistischen Materials wird -die Unhaltbarkeit der bisherigen Zustände und ihre Gemeingefährlichkeit -für das Leben der Gesamtheit dargethan, sodann die Möglichkeit -gezeigt, durch Begründung einer Versicherung diesen beklagenswerten -Missständen abzuhelfen und den Müttern für eine bestimmte -Zeit Freiheit von der Last der Arbeit und die notwendigen Subsistenzmittel -zu gewährleisten. Das Wesen und die Ausführbarkeit dieser -Versicherung wird bis in ihre kleinsten technischen Einzelheiten -dargethan. Die sociale Gesetzgebung wird, früher oder später, mit -Notwendigkeit zu den hier entwickelten Gesichtspunkten hingeführt -werden müssen, wenn anders das Wort von dem stetigen Fortschritt -der Kultur keine blosse Phrase bleiben soll.</p> - - -<p class="center fontxlarge">Eine Mutterpflicht</p> - -<p class="center">Beiträge zur sexuellen Erziehung von<br /> -<span class="fontlarge">E. Stiehl</span></p> - -<table summary="" width="100%"> -<tr><td>2. Auflage.</td><td class="textright">Preis 50 Pf.</td></tr> -</table> - -<p class="fontsmall"> -Man hat das <em>neue Jahrhundert</em> schon das »<em>Jahrhundert -des Kindes</em>« getauft. In der That ist die Erziehung unserer Kinder -gottlob in ein neues Stadium getreten. Das wichtigste Gebiet in -dieser Erziehung bildet die sexuelle Pädagogik. In immer weiteren -Kreisen bricht sich die Ueberzeugung Bahn: Wir dürfen in Bezug -auf die Belehrung unserer Kinder über geschlechtliche Dinge nicht -stehen bleiben bei der ererbten und anerzogenen Gewohnheit ablehnender -Prüderie. Wir müssen dem Kinde auf seine Fragen nach -den natürlichen Dingen andere Antworten geben, als bisher. Diese -heiligste Mutterpflicht behandelt E. Stiehl in ihrer Schrift, sie beweist, -dass es die ernsteste Aufgabe jeder gewissenhaften Mutter -ist, die Leitung und Belehrung ihres Kindes auf diesem zartesten und -schwierigsten Gebiete der Erziehung selbständig vorzunehmen. Kein -Buch enthält eine stärkere Ermahnung an Mütter und Erzieher, als wie -sie von E. Stiehl gegeben wird. Möge sie auch beherzigt werden!</p> - -<p class="fontsmall">Wer Interesse für den Fortschritt unserer Kultur und für -thatkräftige Besserung unserer socialen Verhältnisse hat, dem -seien diese beiden auf ihrem Gebiete geradezu reformatorisch -wirkenden Schriften – und deren Verbreitung in weitesten -Kreisen angelegentlichst ans Herz gelegt.</p> -</div> - - - -<div class="advertisement pagebreak"> -<p class="center"><a class="pagenum" id="page_373" title="VII"> </a> -Eine wackere Vorkämpferin für die Rechte der Frau ist<br /> -<span class="fontlarge">Grete Meisel-Hess!</span></p> - -<p><em>Bisher erschienen</em>:</p> - -<p class="center fontxlarge">In der modernen<br /> -Weltanschauung</p> - -<p class="indent4"> -Preis M. 2,50</p> - -<p class="fontsmall"> -Ein aus dem Geiste Wilhelm Bölsches geschaffenes Werk! -Jeder Bekenner, Anhänger und Freund des Monismus wird nach dieser -mit einem prächtigen Temperament geschriebenen Abhandlung der -bekannten Wiener Schriftstellerin greifen, wenn er über die tiefe -Verknüpfung des modernen Lebens mit der Naturphilosophie der -Gegenwart orientiert sein will. Die Verfasserin kämpft für eine -Regeneration in allen Gebieten, in Reich und Staat, in Kunst und -Erziehung, in Ethik und Gesellschaft. Für die Frauenbewegung ist -die Schrift von der grössten Bedeutung.</p> - -<p> -<em>Ferner</em>:</p> - -<p class="center fontxlarge">Fanny Roth<br /> -<span class="fontsmall">Eine Jung-Frauengeschichte</span></p> - -<table summary="" width="100%"> -<tr><td>2. Auflage</td><td class="textright">Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50</td></tr> -</table> - -<p> -Die »<em>Zeit</em>«, Wien, schreibt:</p> - -<p class="fontsmall">»Das Dankenswerte an diesem Buche ist, dass hier eine Frau -dem Mädchen jene Erkenntnis vermittelt, die sich die jungen Männer, -gesellschaftlich freier gestellt, aus ihrem eigenen Leben holen: die -Nebensächlichkeit aller reinen Geschlechtsprobleme für das wahre -Leben tiefer veranlagter Naturen. Also wirklich einmal ein Buch, -das junge Mädchen lesen sollten. Dass die künstlerische Form nicht -visionär genug ist, nützt vielleicht gar dem didaktischen Zweck, -denn eine gesperrt gedruckte Lebensweisheit fällt stärker in die -Augen. Und übrigens würde das Buch, das unstreitig dichterische -Qualitäten zeigt, weit reifer und geschlossener wirken, wenn nicht -ein durchgehends zu konsequent angewandter Naturalismus uns immer -wieder aus jener Welt in diese stürzte.«</p> - -<p>Die »<em>Wiener Hausfrauenzeitung</em>« schreibt:</p> - -<p class="fontsmall">»In dem hier vorliegenden Buche zeigt sich wieder, wie meisterhaft -die Verfasserin Situationen zu schildern versteht und wie packend -und natürlich sie zu erzählen weiss ... eine Erzählung aus dem -Leben einer Künstlerin, die aber auf Hunderte andere Mädchen -ebenso Anwendung finden kann und den Leser bis zur letzten Seite -in Spannung hält.«</p> - -<p><em>Herbst</em> 1902 erscheint:</p> - -<p class="center fontxlarge">Suchende Seelen</p> - -<p class="center"> -(1. Das Leid. 2. Die Lüge. 3. Die Krisis). Preis br. M. 2,–</p> -</div> - -<div class="advertisement pagebreak"> -<p><a class="pagenum" id="page_374" title="VIII"> </a> -<em>Bücher zur Frauenfrage von Frau</em></p> - -<p class="fontlarge">Elsa Asenijeff</p> - -<p class="center fontxlarge">Unschuld<br /> -<span class="fontsmall">Ein modernes Mädchenbuch</span></p> - -<table summary="" width="100%"> -<tr><td>2. Auflage.</td><td class="textright">Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50</td></tr> -</table> - -<p class="fontsmall"> -Die »<em>Deutsche Zeitung</em>«, Wien, schreibt: »Die Verfasserin, -offenbar eine Frau von Geist und tiefem Gemüt, ist durchdrungen -vom hohen Beruf des Weibes, das ›in Heiligkeit und Schönheit durch -die rauhe Roheit des Lebens gehen soll‹, das ›bei allem Beleidigenden, -was es erblickt, nur den Gedanken der Güte an heilendes -Bessere‹ haben soll. Und so legt sie denn eine Reihe von Bildchen -aus dem jungen Mädchenleben vor, in denen überall auf eine Gefahr, -ein lauerndes kleines Ungetüm aufmerksam gemacht wird. Die Verfasserin -hat die keimende Seele des Weibes wohl beachtet und weiss -ihre Erscheinungen anschaulich und mit interessanter Lebendigkeit -zu schildern. Dass sie sich dabei von tantiger Prüderie ferne hält, -giebt dem Buche die Weihe einer höheren, weil furchtloseren Reinheit. -An einer Stelle sagt Elsa Asenijeff von den schriftstellernden -Frauen: ›Sie schreiben, wie sie es von den Männern gelernt. Ihre -Seelen kriechen erst aus ihrem Leibe heraus und in ein Mannesgehirn -hinein, dann erst schreiben sie. Die Lieben aber, welche die -Kinder gern haben, die schreiben nie. Die sitzen zu Hause und -heissen Mami und pflegen das liebe Kind, dass es dereinst ein ordentlicher -Mensch werde.‹ Wie wahr! Und dass man trotz der Richtigkeit -dieses Satzes gegen das wahrhaft weibliche Buch Asenijeffs -kaum etwas einwenden kann, ist wohl sein schönstes Lob.«</p> - -<p class="fontsmall">– »Die hochbegabte Verfasserin giebt hier eine Sammlung von -Skizzen aus dem Leben des Weibes von der frühesten Jugend bis in -das Alter in knappster Form und von einer Anschaulichkeit, die diese -Bilder in leuchtenden Farben, zum Greifen deutlich, vor das geistige -Auge des Lesers, besser noch der Leserin stellt. Die feine Zeichnung -verrät eine ausserordentliche Begabung für psychologische Feinheiten. -Eine eigenartig zarte Poesie liegt über den kleinen intimen Seelengemälden, -etwas märchenhaft Holdes, das auf die Phantasie einen -eigenen Zauber ausübt. Die Skizzen sind kleine Kunstwerke dichterischer -Prosa, reif und durchgeistigt und zugleich von einer edlen -Einfachheit des Stils. Das Buch wendet sich an die jungen Mädchen, -»die Jugendknospen der Menschheit. Für jene, welchen ein -Walzer oder ein schönes Kleid alles gelten, sind meine Worte nicht. -Noch für solche, die wie im dämmernden Schlaf im Dasein dahingehen, -nicht nach rechts, noch nach links blickend, nicht fragend, -nicht wollend, und an deren stummer Teilnahmlosigkeit sich das -Schicksal vollzieht. Aber Euch Edelsten will ich dienen, die Ihr in -Schönheit durch die rauhe Roheit des Lebens gehen wollt, Euch -mit den glühenden, opfervollen Herzen, denen alles Beleidigende, was -sie erblicken, nur den Gedanken der Güte an heilendes Bessere giebt.« -Der Zweck des Buches ist ein erzieherischer, aber es ist nicht -pedantische Schulmeisterei, die hier das Wort ergreift, sondern eine -echte Dichterin, die von den Schicksalen der Frauenseele singt. -Auch über die herben Erscheinungen des Lebens zieht sie keine -prüden Schleier, doch wird die schöne poetische Form trotz des oft -»naturalistischen« Inhalts stets festgehalten. Ein paar sinnige Märchen -gehören zum Schönsten, was die Sammlung enthält. Für die jungen -Mädchen, zu denen die Verfasserin in den oben zitierten Einleiteworten -spricht, wird das Buch eine schöne Weihnachtsgabe sein.«</p> - -<p class="textright"> -»Staatsanzeiger für Württemberg«, Stuttgart.</p> -</div> - -<div class="advertisement pagebreak"> -<p class="center fontxlarge"><a class="pagenum" id="page_375" title="IX"> </a> -Tagebuchblätter einer Emanzipierten</p> -<p class="center">von</p> -<p class="center fontlarge">Elsa Asenijeff</p> - -<p>Preis brosch. M. 3,–, geb. M. 4,–</p> - -<p class="fontsmall"> -Als einer echten Modernen steht Elsa Asenijeff das Menschentum -im Werte unendlich höher als das Weibtum, und indem sie den -mitringenden Schwestern zeigt, wie sie sich zäh und unablässig zu -diesem würdigen Ziele hinkämpft, verrichtet sie mit ihrem Buche eine -nicht hoch genug zu veranschlagende Pionierarbeit.</p> - -<p class="textright">»Deutsche Warte«, Berlin.</p> - -<p class="fontsmall"> -Elsa Asenijeff ist keine von den gewöhnlichen Emanzipationsdamen, -die mit fertigen Schlagworten um sich hauen. In dem überfeinen -und hochsensitiven Wesen dieser Schriftstellerin ist doch etwas -von jenem kulturfördernden Geiste, der über die harte, wissenschaftlich -dürre Mannesgesittung hinaus zu einer edleren, freieren Sittigung -strebt; diese keimt im Gefühl, in der Seele, sie wird ohne Zweifel -einmal unsere starre Männerkultur überwinden können.</p> - -<p class="textright">»Deutsche Wacht«, Dresden.</p> - -<p class="center"> -Ferner ist im Verlag von <em>Hermann Seemann<br /> -Nachfolger</em> von Frau <em>Elsa Asenijeff</em> erschienen:</p> - -<p class="center fontxlarge">Max Klingers Beethoven</p> - -<p class="center fontlarge">Eine kunsttechnische Studie</p> - -<p class="center">Prachtwerk in Grossquart mit acht Heliogravüren<br /> -und 23 Beilagen und Textbildern</p> - -<p class="center">Preis in vornehmem Liebhaberband gebunden M. 20,–</p> - -<p class="fontsmall"> -Frau Asenijeff gehört seit Jahren zu dem engeren Freundeskreise -Klingers, sie hat das grosse Werk, das wie selten eine einzelne künstlerische -Schöpfung in Deutschland die Gemüter in Aufregung versetzt -hat, wachsen und werden sehen, und aus eigener Anschauung berichtet -sie nun, wie jener Titelzusatz andeutet, von der Arbeit, die Klinger -hier geleistet, von dem technischen Können, das in dieser seltsam-grossartigen -Monumentalstatue niedergelegt ist. Nach den vielfachen -kritisch-ästhetischen Abhandlungen über den »Beethoven« ist eine -solche Schrift sehr willkommen.</p> - -<p class="textright">»National-Zeitung«, Berlin.</p> - -<p class="fontsmall"> -Eine ungewöhnlich interessante Veröffentlichung ist das Prachtwerk -»Max Klingers Beethoven«. Das Werk, das im gesamten Schaffen -Klingers einen Gipfel bedeutet, wird von Frau Elsa Asenijeff in einem -trefflichen Text erklärt, der die zahlreichen Illustrationen – 8 Heliogravüren, -23 Beilagen und Abbildungen im Text – wirksam unterstützt, -zumal da Frau Asenijeff in der Lage ist, auch zu der Entstehungsgeschichte -des Werkes die interessantesten Ausführungen beizubringen, -insonderheit über die grosse Schwierigkeit, den Thronsessel in Bronze -zu giessen, was erst in Pierre Bingens Werkstatt in Paris gelungen -ist und von Frau Asenijeff in den einzelnen Stadien ausserordentlich -dramatisch erzählt wird. Die Schilderung des Bronzegusses ist eine -Meisterleistung.</p> - -<p class="textright">»Vossische Zeitung.«</p> -</div> - -<div class="advertisement pagebreak"> -<p class="center appfontxlarge"><a class="pagenum" id="page_376" title="X"> </a> -Neue Frauen</p> - -<p class="center fontlarge">Roman von Paul und Victor Margueritte</p> - -<p class="center">(Einzig autorisierte Ausgabe von U. Fricke)</p> - -<p class="center">Preis brosch. M. 4.–, geb. M. 5.–</p> - -<p class="fontsmall">In dem hervorragenden Roman »<em>Neue Frauen</em>« -von Paul und Victor Margueritte, einem Brüderpaar, -das zu den berühmtesten französischen Romanschriftstellern -der Gegenwart zählt, werden neben glänzenden -Schilderungen der Gesellschaft und der unteren Volksmassen, -die »neuen Frauen« als Vorkämpferinnen der -Frauenbewegung verherrlicht, die auf diesem Wege die -sociale Frage lösen wollen. Und diese Frauen nun -haben auch die idealen Forderungen der Reinheit des -Mannes vor der Ehe, der sittlichen Gleichberechtigung -beider Geschlechter auf ihren Schild geschrieben. So -schlägt die Heldin des Romans zwei Eheprojekte wegen -der »Vergangenheit« der Werber aus. Der Roman ist -glänzend geschrieben, unterhaltend, wertvoll und für -jeden, der »<em>Vera</em>« kennt und für die Frauenprobleme -etwas übrig hat, von brennendem Interesse.</p> - -<p class="fontsmall">Die Kritiken über Paul und Victor Margueritte, -<em>Neue Frauen</em>, sind insgesamt lobend und empfehlen -das Werk in jeder Hinsicht zur Lektüre. Eine Kritik -sei hier wiedergegeben aus dem »Staatsanzeiger für -Württemberg«, Stuttgart:</p> - -<p class="fontxsmall">»Der fesselnd geschriebene französische Roman behandelt -Probleme, die mit der modernen Frauenbewegung zusammenhängen, -übrigens wegen Ihres rein menschlichen Gehalts der Teilnahme auch -der Parteilosen sicher sind. Die Geschichte dieses Romans ist für -eine Doppelautorschaft von einer seltenen Einheitlichkeit und Folgerichtigkeit. -Die Darstellung der vorhandenen Konflikte glüht von -Begeisterung für die höhere Sittlichkeit der Menschen der Zukunft, -welche die Seelen läutern wird. Die Heldin, die in schweren Stunden -für das Recht der Selbstbestimmung als Frau und Tochter mit Energie -eintritt und sich im Kampf des Lebens die echte Weiblichkeit bewahrt, -ist eine sympathische Frauengestalt, der Idealtypus der Frau -der Zukunft, wie ihn die Verfasser und mit ihnen gewiss noch viele -andere erträumen. Auch radikale Typen des weiblichen Geschlechts -sind vertreten, der Blaustrumpf und die geschworene Männerfeindin, -jedoch nicht zur Abschreckung, als Lächerlichkeiten. Die Verfasser -lassen keinen Zweifel darüber, dass für sie die Frau der Zukunft so -nicht aussieht. Der Roman entwickelt die Ereignisse von innen, vom -Charakter der Personen aus und verbindet so mit der Erörterung -zeitgemässer Fragen eine treffende Psychologie, die ihm in erster -Linie seinen Wert verleiht.«</p> -</div> - -<div class="advertisement pagebreak"> -<p class="fontlarge"><a class="pagenum" id="page_377" title="XI"> </a> -»Der Roman eines Dienstmädchens«</p> - -<p>ist das neueste zweibändige grandiose Werk der bekannten<br /> -polnischen Schriftstellerin</p> - -<p class="fontxlarge">Gabriela Gräfin Zapolska</p> - -<p class="textright appfontxlarge">Käthe die Karyatide</p> - -<p>2 Bände brosch. je M. 2,50, geb. je M. 3,50</p> - - -<p class="fontsmall">»Die Karyatide, die in stummer Ergebenheit die Last des Hauses -und ihres eigenen Unglücks trägt, ist das Dienstmädchen. Zu einem -Symbol wächst ihre Gestalt. Wie eine Karyatide erscheint sie, auf -deren Schultern die niederdrückende Last elender niederer Arbeit -ruht. Ein solches typisches Lebensschicksal schildert die polnische -Dichterin Gräfin Zapolska mit einem unerbittlichen, oft ans Brutale -streifenden Wirklichkeitssinn. Es ist das Werk einer Persönlichkeit, -das mit bedeutender Aufmerksamkeit gelesen zu werden verdient.«</p> - -<p> -Ein reizvolles Pendant zu <em>Gräfin Zapolskas</em> -Dienstmädchenroman bildet der</p> - -<p class="center fontlarge">»Roman einer Ladenmamsell«,</p> - -<p>wie er uns vorliegt, in</p> - -<p class="indent4 fontlarge"><em>Jenny Schwabes</em> Roman</p> - -<p class="center fontxlarge">Im feindlichen Leben</p> - -<p>Preis brosch. M. 3,–, geb. M. 4,–</p> - -<p class="fontsmall"> -Aus Urteilen der Presse: »Das ist der Roman der Ladenmamsell -mit all den mannigfachen Anfechtungen und Sorgen, denen -diese jungen Mädchen in ihrer dienenden Stellung ausgesetzt sind. -Das ist der Roman eines gut erzogenen, tüchtigen Mädchens, dem -seine Armut überall Zwang anlegt und das gezwungen ist, seine -jungen Kräfte in seelentötender Arbeit zu verbrauchen, dem es aber -doch gelingt, sich wacker durchzukämpfen und einen beglückenden -Wirkungskreis in Leben und Ehe zu finden. Die Lektüre ist sehr -unterhaltsam, und das versöhnliche Ende entlässt den Leser mit der -Hoffnung, dass auch diese Gebiete der Frauenbewegung noch ihre -Zukunft haben«.</p> -</div> - -<div class="advertisement pagebreak"> -<p class="center fontxlarge"><a class="pagenum" id="page_378" title="XII"> </a> -<em>Gebt uns die Wahrheit!</em></p> - -<p class="center fontlarge">Ein Beitrag zu unserer Erziehung zur Ehe</p> - -<p class="center">Von</p> - -<p class="center fontlarge">Else Jerusalem-Kotányi</p> - -<table summary="" width="100%"> -<tr><td>2. Auflage</td><td class="textright">Preis M. 2.–</td></tr> -</table> - -<p class="fontsmall">»<em>Gebt uns die Wahrheit</em>« <em>ist eine moderne ars -amandi im edelsten Sinne des Wortes, noch mehr</em>, es ist -das beste Buch, das je eine Frau geschrieben hat.«</p> - -<p class="textright">Viktor A. Reko in den »Internationalen Litteraturberichten.«</p> - -<p> -An Stelle der übrigen zahlreichen Kritiken, die -»Gebt uns die Wahrheit« durchaus günstig besprachen, -sei hier der Verfasserin Selbstanzeige aus der »Zukunft« -wiedergegeben:</p> - -<p class="fontsmall">»In der Arbeit, die ich nun dem Leser vorlege, habe ich jenes -gefährliche Wagestück unternommen, vor dem selbst einem alten -Teufelskumpan wie dem Doktor Faust heimlich graute: Ich bin zu -den Müttern hinabgestiegen. Die Mädchenerziehung ist von jeher -eine heiss umstrittene Frage gewesen. Alle Damen, alle Herren -haben darüber höchst löblich und leidenschaftslos gesprochen, und -nur uns selbst, den Hauptpersonen in dieser beliebten Farce, wurde -jede selbständige Willensregung einfach abgeschnitten. Wir blieben -stumme Trägerinnen unserer naiv-sentimentalen Rollen, die uns im -letzten Akt die notwendige Lustspiellösung bringen mussten. Das -ist im Grunde einfache Logik der Thatsachen. Ein nach den Regeln -der Gesellschaft gedrilltes weibliches Wesen vergisst nur zu rasch, -über sich und seinen Entwickelungsgang nachzudenken. Als junge -Dame hat sie weit wichtigere Funktionen zu erfüllen, als ihr Innenleben -einer Betrachtung oder gar einer Kritik zu unterziehen. Auf -Grund, wie ich kühn behaupten darf, ehrlicher psychologischer -Forschung versuchte ich, in meinem Buch eine Darstellung jener -gefährlichen Mischung der äusseren Welterziehung und der geheimen -Selbstenthaltung zu geben, die später so schädigend auf die Entwickelung -unserer physischen und psychischen Kräfte zurückwirkt. -Keine frivole Absicht, nicht die Sucht, mit der Verneinung des Althergebrachten -modern zu wirken, hat mich dazu bestimmt. Doch -das Aussprechen gewisser Thatsachen wirkt in unserer, an keuschen -... Ohren so reichen Gesellschaft immer weit verletzender als deren -Ausübung. Ist einer von uns ein unangenehmes Abenteuer passiert, -so breitet die Welt unter salbungsvollen Reden den fadenscheinigen -Mantel ihrer Nächstenliebe darüber. Denn das kann jeder Mutter -Kind geschehen. Aber spricht eine von uns darüber, schreibt sie -durchlebte, durchlittene Gedankentragödien, die das Leben in tausend -und abertausend Fällen zur Wirklichkeit macht, gar nieder, dann -giebt es Skandal – und die Steine fliegen. Denn da ist man wohl -sicher: Das braucht wirklich nicht jeder zuzukommen. Möge denn -das Büchlein seinem Schicksal entgegengehen; vielleicht wird mein -eigenes Geschlecht zuerst wider mich aufstehen; auch jene ganz -Reinen, für die es in lichterfüllten Stunden niedergeschrieben wurde.«</p> -</div> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_001" id="Footnote_001" href="#FNanchor_001">[1]</a> -Tacitus, Germania, § 8.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_002" id="Footnote_002" href="#FNanchor_002">[2]</a> -Tacitus a. a. O. § 8.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_003" id="Footnote_003" href="#FNanchor_003">[3]</a> -Karl Weinhold, Die deutschen Frauen in dem -Mittelalter, I. 218 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_004" id="Footnote_004" href="#FNanchor_004">[4]</a> -Tacitus a. a. O. § 19.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_005" id="Footnote_005" href="#FNanchor_005">[5]</a> -Der 37. Artikel: Wer eines Mannes ehelich -Weib öffentlich behuret, oder sonst ein Weib oder -Magd notzöget, nimpt er sie darnach zur Ehe, eheliche -Kinder gewinnet er nimmermehr bey ihr. (Übers. -von Jacob Friedrich Ludovici 1750.)</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_006" id="Footnote_006" href="#FNanchor_006">[6]</a> -Caesar, De bello gallico, VI. 21.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_007" id="Footnote_007" href="#FNanchor_007">[7]</a> -Einhard, Das Leben Karls d. Gr. Übers. und -erl. von H. Althof, S. 42 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_008" id="Footnote_008" href="#FNanchor_008">[8]</a> -Einhard a. a. O. S. 45.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_009" id="Footnote_009" href="#FNanchor_009">[9]</a> -Einhard, a. a. O. S. 45 Anmerkung 3.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_010" id="Footnote_010" href="#FNanchor_010">[10]</a> -Scheible, Das Kloster, VI.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_011" id="Footnote_011" href="#FNanchor_011">[11]</a> -Weinhold a. a. O. I. 301.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_012" id="Footnote_012" href="#FNanchor_012">[12]</a> -Memmingen, Stälin u. a. »Beschreibung der -württemb. Aemter«, Heft 20.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_013" id="Footnote_013" href="#FNanchor_013">[13]</a> -Aug. Bebel, Die Frau und der Sozialismus, -29. Aufl., S. 67.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_014" id="Footnote_014" href="#FNanchor_014">[14]</a> - -<div class="poetry-container3"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Diu frowe sol hie ouzen gân,</div> - <div class="verse indent0">Einen stein in der stoûchen hân</div> - <div class="verse indent0">Mit riemen drîn gepûnden</div> - <div class="verse indent0">Swaere pi drîen pfunden</div> - <div class="verse indent0">Diu stouche sol sol wesen lînîn (leinen)</div> - <div class="verse indent0">Und zweier ellen lanc sîn.</div> - <div class="verse indent6">(Apollonius 20446.)</div> - </div> - </div> -</div> -</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_015" id="Footnote_015" href="#FNanchor_015">[15]</a> -Hans Sachs, Ausgew. dramatische Werke, übers. -v. K. Pannier, S. 123 ff. Schimpf und Ernst v. Bruder -Joh. Pauli, ibid. Nr. 108 S. 84 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_016" id="Footnote_016" href="#FNanchor_016">[16]</a> -Gustav Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, -26. Aufl., I. 371.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_017" id="Footnote_017" href="#FNanchor_017">[17]</a> -Die Dramen der Roswitha von Gandersheim. -Übersetzt und gewürdigt von Ottomar Pilz. Leipzig o. J.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_018" id="Footnote_018" href="#FNanchor_018">[18]</a> -Nibelungen, 903.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_019" id="Footnote_019" href="#FNanchor_019">[19]</a> -Gust. Freytag a. a. O. I. 524.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_020" id="Footnote_020" href="#FNanchor_020">[20]</a> -Scherr, Geschichte der deutschen Frauenwelt, -5. Aufl., I. 177.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_021" id="Footnote_021" href="#FNanchor_021">[21]</a> -Weinhold a. a. O. I. 253.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_022" id="Footnote_022" href="#FNanchor_022">[22]</a> -Deutscher Minnesang, übertragen v. Bruno Obermann, -S. 37 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_023" id="Footnote_023" href="#FNanchor_023">[23]</a> -Heinrichs »Rede von des Todes Gehügede« in -Goedeckes »Mittelalter«, S. 187.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_024" id="Footnote_024" href="#FNanchor_024">[24]</a> -De la Curne de Saint-Pelaye, »Das Ritterwesen -des Mittelalters«, deutsch von Klüber, II. 268.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_025" id="Footnote_025" href="#FNanchor_025">[25]</a> -Gust. Freytag a. a. O. I. 373.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_026" id="Footnote_026" href="#FNanchor_026">[26]</a> -Ed. Westermarck, »Geschichte der menschlichen -Ehe«. Aus d. Engl. von L. Katscher und -R. Grazer. 2. Aufl.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_027" id="Footnote_027" href="#FNanchor_027">[27]</a> -Parzival 552. 25 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_028" id="Footnote_028" href="#FNanchor_028">[28]</a> -Parzival 405. 15.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_029" id="Footnote_029" href="#FNanchor_029">[29]</a> -Dieffenbacher, Deutsches Leben im 12. Jahrh., -161 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_030" id="Footnote_030" href="#FNanchor_030">[30]</a> -Hagen, Gesammtabenteuer, II. 129.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_031" id="Footnote_031" href="#FNanchor_031">[31]</a> -Parzival 243. 28 ff., 166. 21 ff., 167. 30. Wolfdietrich -1386.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_032" id="Footnote_032" href="#FNanchor_032">[32]</a> -Parzival 405 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_033" id="Footnote_033" href="#FNanchor_033">[33]</a> -Bartsch, cit. bei Pannier, Parzival.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_034" id="Footnote_034" href="#FNanchor_034">[34]</a> -Konrad von Würzburgs »Partonopier und Meliûr«, -1227 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_035" id="Footnote_035" href="#FNanchor_035">[35]</a> -Tristan, herausgegeben von Massmann, S. 33 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_036" id="Footnote_036" href="#FNanchor_036">[36]</a> -Leben der heiligen Elisabeth, 3161 ff. u. 3360.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_037" id="Footnote_037" href="#FNanchor_037">[37]</a> -U. a. 1. Buch Mosis 19. 8 u. 14.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_038" id="Footnote_038" href="#FNanchor_038">[38]</a> -Welsche Gast von Thomasin von Zircläre 457.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_039" id="Footnote_039" href="#FNanchor_039">[39]</a> -Parzival 101. 10 ff., 111. 22 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_040" id="Footnote_040" href="#FNanchor_040">[40]</a> -Streckfuss, 500 Jahre Berliner Geschichte, S. 35, -und Schultz, Alltagsleben e. d. Frau zu Anfang des -18. Jahrh., S. 109.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_041" id="Footnote_041" href="#FNanchor_041">[41]</a> -Eine in jeder Beziehung ausgezeichnete Neubearbeitung -Meier Helmbrechts lieferte Ludwig Fulda -(Hendel, Halle a. S.), deren Lektüre nicht warm genug -empfohlen werden kann.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_042" id="Footnote_042" href="#FNanchor_042">[42]</a> -Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, -II.<a class="fnanchor">I</a> S. 64 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_043" id="Footnote_043" href="#FNanchor_043">[43]</a> -Peter Leu, erneut v. Karl Pannier, 12. Kap. S. 98.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_044" id="Footnote_044" href="#FNanchor_044">[44]</a> -O. Beneke, Von unehrlichen Leuten, S. 168.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_045" id="Footnote_045" href="#FNanchor_045">[45]</a> -Bartels, Der Bauer in der deutschen Vergangenheit, -S. 56.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_046" id="Footnote_046" href="#FNanchor_046">[46]</a> -Maximilian Rappsilber, Alt Berlin, S. 79.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_047" id="Footnote_047" href="#FNanchor_047">[47]</a> -Herausgegeben von Ludw. Bechstein.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_048" id="Footnote_048" href="#FNanchor_048">[48]</a> -Jena 1522 II. 146.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_049" id="Footnote_049" href="#FNanchor_049">[49]</a> -Dr. Karl Hagen, Deutschlands literarische und -religiöse Verhältnisse im Reformationszeitalter, S. 234.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_050" id="Footnote_050" href="#FNanchor_050">[50]</a> -Alwin Schultz, Deutsches Leben im XIV. und -XV. Jahrh., S. 159.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_051" id="Footnote_051" href="#FNanchor_051">[51]</a> -Freidank a. a. O., Aus dem Mittelhochdeutschen -von K. Pannier, S. 24 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_052" id="Footnote_052" href="#FNanchor_052">[52]</a> -Corvin, Pfaffenspiegel, V. Aufl. S. 303.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_053" id="Footnote_053" href="#FNanchor_053">[53]</a> -»Der Pfarrer von Kahlenberg.« Ein Schwankgedicht. -Erneut von Karl Pannier, Leipzig, S. 36.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_054" id="Footnote_054" href="#FNanchor_054">[54]</a> -19. 86.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_055" id="Footnote_055" href="#FNanchor_055">[55]</a> -Schimpf und ernst v. Bruder Johannes Pauli, -Strassburg 1522.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_056" id="Footnote_056" href="#FNanchor_056">[56]</a> -Cyr. Spangenberg, Adels Spiegel. Historischer -ausf. Bericht: Was Adel sey und heisse etc. Schmalkalden -1591. fol. 403 b ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_057" id="Footnote_057" href="#FNanchor_057">[57]</a> -Seelenparadies, fol. 147 a.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_058" id="Footnote_058" href="#FNanchor_058">[58]</a> -Narrenschiff, LXXIII. Vom geistlich werden.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_059" id="Footnote_059" href="#FNanchor_059">[59]</a> -Corvin a. a. O. 327.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_060" id="Footnote_060" href="#FNanchor_060">[60]</a> -Adelbert von Keller, »Alte gute Schwänke«, -S. 76.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_061" id="Footnote_061" href="#FNanchor_061">[61]</a> -Jäger, Schwäbisches Städtewesen, I. 501.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_062" id="Footnote_062" href="#FNanchor_062">[62]</a> -Zimmerische Chronik, III. 69.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_063" id="Footnote_063" href="#FNanchor_063">[63]</a> -Corvin a. a. O. S. 361.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_064" id="Footnote_064" href="#FNanchor_064">[64]</a> -Corvin a. a. O. S. 303; Augsburger Chronik -1368-1406.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_065" id="Footnote_065" href="#FNanchor_065">[65]</a> -Von den 15 Staffeln (1517), fol. 36 a, bei Schultz, -D. L. 255.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_066" id="Footnote_066" href="#FNanchor_066">[66]</a> -Dr. Ed. Vehse, Unter der Herrschaft des -Krummstabes, S. 23.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_067" id="Footnote_067" href="#FNanchor_067">[67]</a> -Vehse, Die Deutschen Kirchenfürsten in Trier, -Salzburg-Münster, S. 191 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_068" id="Footnote_068" href="#FNanchor_068">[68]</a> -Tacitus, Germania, Cap. 18.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_069" id="Footnote_069" href="#FNanchor_069">[69]</a> -Gust. Freytag, Bilder a. d. d. Vergangenheit, -26. Aufl., S. 87.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_070" id="Footnote_070" href="#FNanchor_070">[70]</a> -Prof. Dr. J. Dieffenbacher, Deutsches Leben im -12. Jahrh., S. 120.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_071" id="Footnote_071" href="#FNanchor_071">[71]</a> -D. Paulus Cassel, Die Symbolik des Ringes, -S. 21.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_072" id="Footnote_072" href="#FNanchor_072">[72]</a> -Weinhold a. a. O. I. 348 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_073" id="Footnote_073" href="#FNanchor_073">[73]</a> -Weinhold a. a. O. I. 308 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_074" id="Footnote_074" href="#FNanchor_074">[74]</a> -Otto Henne am Rhyn, Die Frau in der Kulturgeschichte, -S. 251.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_075" id="Footnote_075" href="#FNanchor_075">[75]</a> -Chroniken der deutschen Städte, I. 68.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_076" id="Footnote_076" href="#FNanchor_076">[76]</a> -Dieffenbacher a. a. O. S. 117.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_077" id="Footnote_077" href="#FNanchor_077">[77]</a> -Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, S. 420, und -Stobke, Handbuch des deutschen Privatrechtes, Band IV, -S. 38 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_078" id="Footnote_078" href="#FNanchor_078">[78]</a> -Gesponss = Braut.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_079" id="Footnote_079" href="#FNanchor_079">[79]</a> -versumb = versäumte.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_080" id="Footnote_080" href="#FNanchor_080">[80]</a> -A. Birlinger, bei Scherr, Gesch. der Deutschen -Frauenwelt, II. 63 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_081" id="Footnote_081" href="#FNanchor_081">[81]</a> -Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte. 1859, -S. 314 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_082" id="Footnote_082" href="#FNanchor_082">[82]</a> -Bülau, Geheime Geschichten und räthselhafte -Menschen, IV. Band. 12. Der Ausgang des Hauses -Cleve.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_083" id="Footnote_083" href="#FNanchor_083">[83]</a> -Schultz, Höfisches Leben, S. 633.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_084" id="Footnote_084" href="#FNanchor_084">[84]</a> -Lohengrin, erneut von H. A. Junghans (Reclam), -III. 235.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_085" id="Footnote_085" href="#FNanchor_085">[85]</a> -Schultz, Höfisches Leben, S. 596, Anm. 2.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_086" id="Footnote_086" href="#FNanchor_086">[86]</a> -Parzival a. a. O. IV. V. 388 ff. (192, 10 ff.)</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_087" id="Footnote_087" href="#FNanchor_087">[87]</a> -Schweinichen a. a. O. S. 38 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_088" id="Footnote_088" href="#FNanchor_088">[88]</a> -Mitgeteilt im Wortlaut von F. Chr. J. Fischer, -Ueber die Probenächte der deutschen Bauernmädchen, -1780, Neudruck S. 12 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_089" id="Footnote_089" href="#FNanchor_089">[89]</a> -Fischer a. a. O. S. 3 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_090" id="Footnote_090" href="#FNanchor_090">[90]</a> -Dr. Ed. Vehse, Geschichte des Hofes vom -Hause Baiern, I. Band S. 115 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_091" id="Footnote_091" href="#FNanchor_091">[91]</a> -Weinhold a. a. O. II. S. 19.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_092" id="Footnote_092" href="#FNanchor_092">[92]</a> -Dr. Alfr. Hagelstange, Süddeutsches Bauernleben -im Mittelalter, S. 69 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_093" id="Footnote_093" href="#FNanchor_093">[93]</a> -Hagelstange a. a. O. und Weinhold, Die deutschen -Frauen i. d. M., III. Aufl., 2. Band S. 22 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_094" id="Footnote_094" href="#FNanchor_094">[94]</a> -Tacitus, Germania, 18.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_095" id="Footnote_095" href="#FNanchor_095">[95]</a> -Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_096" id="Footnote_096" href="#FNanchor_096">[96]</a> -Joh. Scherr, Deutsche Kultur- und Sittengeschichte, -10. Aufl., 322 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_097" id="Footnote_097" href="#FNanchor_097">[97]</a> -Weinhold a. a. O., III. Aufl., 2. Bd. 38 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_098" id="Footnote_098" href="#FNanchor_098">[98]</a> -Grimm, Rechtsalterthümer, 454.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_099" id="Footnote_099" href="#FNanchor_099">[99]</a> -Tischreden: »vom Ehestande«.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_100" id="Footnote_100" href="#FNanchor_100">[100]</a> - -<div class="poetry-container3"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">»Durch vröude vrouwen sind genant,</div> - <div class="verse indent0">Ir vröude ervröuwet ellin lant.</div> - <div class="verse indent0">Wie wol er vröude kante</div> - <div class="verse indent0">Der sie êrste vrouwen nante!«</div> - </div> - </div> -</div> - -Obige Übersetzung von Karl Pannier, nach dem -ich auch ferner citiere.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_101" id="Footnote_101" href="#FNanchor_101">[101]</a> -Weinhold a. a. O. I. 296 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_102" id="Footnote_102" href="#FNanchor_102">[102]</a> -Erneut und bearbeitet von G. Holtey Weber, -Halle a. S., Hendel.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_103" id="Footnote_103" href="#FNanchor_103">[103]</a> -Schultz, D. Leben, S. 260.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_104" id="Footnote_104" href="#FNanchor_104">[104]</a> -G. v. Below, Das ältere deutsche Städtewesen -und Bürgertum, S. 32, 33.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_105" id="Footnote_105" href="#FNanchor_105">[105]</a> -J. Wessely, Deutschlands Lehrjahre, I. 217.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_106" id="Footnote_106" href="#FNanchor_106">[106]</a> -Hagen, Gesammtabenteuer, I. 193 ff.; Scherr, -Frauenwelt, I. 247 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_107" id="Footnote_107" href="#FNanchor_107">[107]</a> -H. Deichsler, Städtechroniken, XI. 657.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_108" id="Footnote_108" href="#FNanchor_108">[108]</a> -Grimm, Rechtsalterthümer, 694.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_109" id="Footnote_109" href="#FNanchor_109">[109]</a> -Schwebel, S. 242 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_110" id="Footnote_110" href="#FNanchor_110">[110]</a> - -<div class="poetry-container3"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse indent0">Die Else sprach (zu ihrem Manne) darauf voll Wut:</div> - <div class="verse indent0">»Dass dich das Fieber rütteln thut!</div> - <div class="verse indent0">Wenn du mir nicht willst Zierden kaufen,</div> - <div class="verse indent0">So kann ich zu den Mönchen laufen</div> - <div class="verse indent0">Und zu dem Adel, zu den Pfaffen,</div> - <div class="verse indent0">Damit ich geh' wie ein ander Weib.</div> - <div class="verse indent0">Ich zahl' es ihnen mit Ehr' und Leib!«</div> - <div class="verse indent4">Murner, Narrenbeschwörung, 86. 48.</div> - </div> - </div> -</div> -</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_111" id="Footnote_111" href="#FNanchor_111">[111]</a> -Kloster, I. 406.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_112" id="Footnote_112" href="#FNanchor_112">[112]</a> -Murner, Narrenbeschw., 60.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_113" id="Footnote_113" href="#FNanchor_113">[113]</a> -J. Brucker, Strassburger Zunft- und Polizeiverordnungen, -S. 456.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_114" id="Footnote_114" href="#FNanchor_114">[114]</a> -Schwebel, Gesch. v. Berlin, S 242 ff.; siehe -auch Murner, Narrenbeschwörung XLI.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_115" id="Footnote_115" href="#FNanchor_115">[115]</a> -Brucker a. a. O. S. 456.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_116" id="Footnote_116" href="#FNanchor_116">[116]</a> -B. v. R. bei Schultz, Höf. Leben, 598.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_117" id="Footnote_117" href="#FNanchor_117">[117]</a> -Altdeutsche Wälder, II. S. 55.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_118" id="Footnote_118" href="#FNanchor_118">[118]</a> -Kriegk, Deutsches Bürgertum im Mittelalter, -S. 292.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_119" id="Footnote_119" href="#FNanchor_119">[119]</a> -Der gewaltigste deutsche Volksredner des frühen -Mittelalters, Bruder Berthold von Regensburg († 1272), -kennt schon Stadtdirnen. »Und diu gemeinen fröuwelîn, -sie heizent aber niht fröuwelîn, man sie habent -frouwennamen verlorn, und wir heizen sie die boesen -liute auf dem graben.«</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_120" id="Footnote_120" href="#FNanchor_120">[120]</a> -Hormayrs histor. Taschenbuch v. J. 1836 S. 320.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_121" id="Footnote_121" href="#FNanchor_121">[121]</a> -Ein ziemlich eingehendes Register aller mittelalterlichen -Bezeichnungen für Dirnen gibt Weinhold -a. a. O. II. Bd. S. 19.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_122" id="Footnote_122" href="#FNanchor_122">[122]</a> -Scheible, Das Kloster, VI. Die Frauenhäuser -und die fahrenden Frauen.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_123" id="Footnote_123" href="#FNanchor_123">[123]</a> -v. Maurer, Gesch. der Städteverfassung in -Deutschland, III. 109.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_124" id="Footnote_124" href="#FNanchor_124">[124]</a> -J. E. Schlager, Wiener Skizzen des Mittelalters, -N. F. III. S. 375.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_125" id="Footnote_125" href="#FNanchor_125">[125]</a> -Schwebel, Gesch. v. Berlin, I. 271 ff.; Streckfuss, -500 Jahre Berliner Geschichte, S. 25.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_126" id="Footnote_126" href="#FNanchor_126">[126]</a> -Wilh. Rudeck, Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit -in Deutschland, S. 28.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_127" id="Footnote_127" href="#FNanchor_127">[127]</a> -Grimm, Weistümer, I. 533.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_128" id="Footnote_128" href="#FNanchor_128">[128]</a> -Becker, Geschichte der Stadt Lübeck, I. 281.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_129" id="Footnote_129" href="#FNanchor_129">[129]</a> -Schultz, D. L., S. 4.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_130" id="Footnote_130" href="#FNanchor_130">[130]</a> -Schultz, D. L., S. 179.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_131" id="Footnote_131" href="#FNanchor_131">[131]</a> -Schultz a. a. O. S. 269 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_132" id="Footnote_132" href="#FNanchor_132">[132]</a> -Rudeck a. a. O. S. 33.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_133" id="Footnote_133" href="#FNanchor_133">[133]</a> -Schultz, D. L., S. 77.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_134" id="Footnote_134" href="#FNanchor_134">[134]</a> -Wessely a. a. O. I. 226.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_135" id="Footnote_135" href="#FNanchor_135">[135]</a> -Eros, Stuttgart 1849, II. 556.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_136" id="Footnote_136" href="#FNanchor_136">[136]</a> -Bruno Köhler, Allgemeine Trachtenkunde, III. -S. 12.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_137" id="Footnote_137" href="#FNanchor_137">[137]</a> -Streckfuss a. a. O. S. 83.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_138" id="Footnote_138" href="#FNanchor_138">[138]</a> -Schultz, Höfisches Leben zur Zeit der Minnesinger, -S. 241.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_139" id="Footnote_139" href="#FNanchor_139">[139]</a> -Bernh. Hesslein, Hamburgs berühmte und berüchtigte -Häuser, S. 137.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_140" id="Footnote_140" href="#FNanchor_140">[140]</a> -Thomas Murner, Geuchmatt, Kloster, VIII. 937.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_141" id="Footnote_141" href="#FNanchor_141">[141]</a> -Citiert bei Rudeck a. a. O. S. 30.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_142" id="Footnote_142" href="#FNanchor_142">[142]</a> -Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, I. 418.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_143" id="Footnote_143" href="#FNanchor_143">[143]</a> -Rudeck, nach Hüllmann, Städtewesen des Mittelalters, -IV. 266.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_144" id="Footnote_144" href="#FNanchor_144">[144]</a> -Kriegk a. a. O. S. 322.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_145" id="Footnote_145" href="#FNanchor_145">[145]</a> -Holthaus, Gloss. 484, cit. bei Schultz, D. L.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_146" id="Footnote_146" href="#FNanchor_146">[146]</a> -Eine übelberufene Strassburger Gasse.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_147" id="Footnote_147" href="#FNanchor_147">[147]</a> -Küssen die Füsse der Heiligenbilder.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_148" id="Footnote_148" href="#FNanchor_148">[148]</a> -Scherr, Frauenleben, II. 16.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_149" id="Footnote_149" href="#FNanchor_149">[149]</a> -Narrenbeschw. LXVII. 38 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_150" id="Footnote_150" href="#FNanchor_150">[150]</a> -Erwähnt zu werden verdient, dass in Ulm, in -dem 1537 die Frauenhäuser aufgehoben worden waren, -1551 die Zünfte ihre Wiedereinführung beantragten, -»um grösseres Unwesen zu verhüten«, ebenso in -Basel und 1562 in Nürnberg, dessen Rat bei drei Predigern -und sechs Rechtsgelehrten erst ein Gutachten -einholte, ehe er die Abschaffung der Bordelle vornahm -(Kriegk a. a. O. S. 293).</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_151" id="Footnote_151" href="#FNanchor_151">[151]</a> -Dirchs, Die ältesten Schriftsteller über die Lustseuche -in Deutschland, S. 346.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_152" id="Footnote_152" href="#FNanchor_152">[152]</a> -K. F. Paullinis heilsame Dreckapotheke, Frankfurt -a. M. 1714, 3. Kap. Von der Hurenseuche.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_153" id="Footnote_153" href="#FNanchor_153">[153]</a> -Dr. Otto Beneke, Von unehrlichen Leuten, S. 29.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_154" id="Footnote_154" href="#FNanchor_154">[154]</a> -Frauenzimmer-Lexicon von Amaranthes, Leipzig -1715.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_155" id="Footnote_155" href="#FNanchor_155">[155]</a> -Otto Elster, Bilder aus der Kulturgesch. des -deutschen Heeres, S. 52.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_156" id="Footnote_156" href="#FNanchor_156">[156]</a> -Kürschners Deutsche Nationallitteratur, Band 35.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_157" id="Footnote_157" href="#FNanchor_157">[157]</a> -Klara Hätzlerin, S. 273.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_158" id="Footnote_158" href="#FNanchor_158">[158]</a> -Caesar, De bello gallico, Cap. 61. 21.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_159" id="Footnote_159" href="#FNanchor_159">[159]</a> -Schultz, Höfisches Leben zur Zeit der Minnesinger, -I. 225.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_160" id="Footnote_160" href="#FNanchor_160">[160]</a> -H. Peters, Der Arzt und die Heilkunde in der -deutschen Vergangenheit, S. 52.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_161" id="Footnote_161" href="#FNanchor_161">[161]</a> -Schultz, Deutsches Leben, S. 68.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_162" id="Footnote_162" href="#FNanchor_162">[162]</a> -Schultz, D. L., S. 69.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_163" id="Footnote_163" href="#FNanchor_163">[163]</a> -Guarinonius, Die Grewel der Verwüstung 1618, -949 bei Rudeck a. a. O. 6.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_164" id="Footnote_164" href="#FNanchor_164">[164]</a> -Hans von Schweinichen, Denkwürdigkeiten, -herausg. von Herm. Osterley, Breslau, S. 16.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_165" id="Footnote_165" href="#FNanchor_165">[165]</a> -Beneke a. a. O. S. 81.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_166" id="Footnote_166" href="#FNanchor_166">[166]</a> -Keller, 639 II.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_167" id="Footnote_167" href="#FNanchor_167">[167]</a> -Der mittelalterliche Unfug in den Wannenbädern -ist auch der Gegenwart nicht fremd. Wer Österreichisch-Polen, -das degenerierte Galizien bereiste, -weiss, dass in den meisten seiner grösseren Städte -dieselben Verhältnisse herrschen, wie in den öffentlichen -Bädern des Mittelalters. Dass auch Russland -ähnliche Zustände hat, geht aus Hermann Bahrs »Russische -Reise« (Dresden u. Leipzig 1891), S. 99 ff., hervor.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_168" id="Footnote_168" href="#FNanchor_168">[168]</a> -Dr. Hermann Hallwich, Töplitz, Eine deutschböhmische -Stadtgeschichte, S. 118.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_169" id="Footnote_169" href="#FNanchor_169">[169]</a> -Dr. Adolf Kohut, Geschichte der deutschen -Juden, S. 24.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_170" id="Footnote_170" href="#FNanchor_170">[170]</a> -a. a. O. S. 64.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_171" id="Footnote_171" href="#FNanchor_171">[171]</a> -Peters a. a. O. S. 54.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_172" id="Footnote_172" href="#FNanchor_172">[172]</a> -Wichner bei Rudeck a. a. O. S. 14.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_173" id="Footnote_173" href="#FNanchor_173">[173]</a> -Annalen des Vereines für Nassauische Landeskunde -1874, S. 344 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_174" id="Footnote_174" href="#FNanchor_174">[174]</a> -Poggios satirische Witzelei auf die Wirkung -Badens illustriert eine alte Inschrift, die man, nach -Wessely, in Baden bei Wien fand, das als Franzensbad -des Mittelalters galt. Da stand an einer Mauer zu -lesen: - -»Für unfruchtbare Frauen ist das Bad das beste, -Was das Bad nicht thut, das thun die Gäste.«</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_175" id="Footnote_175" href="#FNanchor_175">[175]</a> -Das änderte sich im Lauf der Zeit, wie noch -mitzuteilende Badeordnungen ergeben werden.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_176" id="Footnote_176" href="#FNanchor_176">[176]</a> -Tacitus, Germania 24. Grimm sagt, »dass dem -Heidengotte Zio zu Ehren Schlachtgesänge angestimmt, -vielleicht auch kriegerische Tänze gehalten wurden, -worauf ich die noch lange und weitverbreitete Sitte -des feierlichen Schwerttanzes beziehe, der ganz eigentlich -dem Gotte des Schwertes zukam«.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_177" id="Footnote_177" href="#FNanchor_177">[177]</a> -Alb. Czerwinski, Zur Kulturgeschichte der Tanzkunst.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_178" id="Footnote_178" href="#FNanchor_178">[178]</a> -Siehr, Kulturhistorisches aus dem Ruodlieb, -Trarbach 1881, S. 15.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_179" id="Footnote_179" href="#FNanchor_179">[179]</a> -Schultz, Höfisches Leben, S. 548 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_180" id="Footnote_180" href="#FNanchor_180">[180]</a> -Bartels a. a. O. S. 70.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_181" id="Footnote_181" href="#FNanchor_181">[181]</a> -Weinhold a. a. O. II. 263.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_182" id="Footnote_182" href="#FNanchor_182">[182]</a> -Narrenbeschwörung, 50.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_183" id="Footnote_183" href="#FNanchor_183">[183]</a> -»Tantzteuffel, das ist wider den leichtfertigen -unverschämten Welttantz und sonderlich wider die -Gottesfurcht und ehrvergessene Nachttäntze etc.«, -Frankfurt a. M. 1569.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_184" id="Footnote_184" href="#FNanchor_184">[184]</a> -Kirchen-Postill auf den zweiten Sonntag nach -Epiphanias.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_185" id="Footnote_185" href="#FNanchor_185">[185]</a> -Siehe hierzu das Bild Aldegrevers in M. L. Beckers -prächtigem Geschenkwerke »Der Tanz«, Verlag von -Herm. Seemann Nachfolger in Leipzig.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_186" id="Footnote_186" href="#FNanchor_186">[186]</a> -Wilh. Angerstein, Volkstänze im deutschen -Mittelalter, S. 30 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_187" id="Footnote_187" href="#FNanchor_187">[187]</a> -Rudolph Voss, Der Tanz und seine Geschichte, -1869, S. 281, und Reinöhl in »Das Kloster« IV. 421 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_188" id="Footnote_188" href="#FNanchor_188">[188]</a> -Ritter bei Rudeck a. a. O. S. 58.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_189" id="Footnote_189" href="#FNanchor_189">[189]</a> -a. a. O. S. 73, S. 81.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_190" id="Footnote_190" href="#FNanchor_190">[190]</a> -Voss a. a. O. S. 84.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_191" id="Footnote_191" href="#FNanchor_191">[191]</a> -Näheres über das Treiben jener Wahnsinnigen -in dem markigen Buche Joh. Scherrs »Grössenwahn, -vier Kapitel aus der Geschichte menschlicher Narrheit«, -S. 75 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_192" id="Footnote_192" href="#FNanchor_192">[192]</a> -Johannes Boëmus bei Schultz, D. L., S. 445.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_193" id="Footnote_193" href="#FNanchor_193">[193]</a> -Siehe Kapitel: Liebeszauber und Zauberliebe.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_194" id="Footnote_194" href="#FNanchor_194">[194]</a> -Dr. J. F. C. Hecker, Die Tanzwuth, eine Volkskrankheit -im Mittelalter. Berlin 1832.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_195" id="Footnote_195" href="#FNanchor_195">[195]</a> -Die Limburger Chronik, herausgegeben von -C. D. Vogel, Marburg 1828, S. 71.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_196" id="Footnote_196" href="#FNanchor_196">[196]</a> -Dr. Eugen Dühren, Der Marquis de Sade und -seine Zeit, S. 80 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_197" id="Footnote_197" href="#FNanchor_197">[197]</a> -Voss a. a. O. S. 111.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_198" id="Footnote_198" href="#FNanchor_198">[198]</a> -Schultz, D. L., S. 516.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_199" id="Footnote_199" href="#FNanchor_199">[199]</a> -Siehe <a href="#page_277">S. 277</a>.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_200" id="Footnote_200" href="#FNanchor_200">[200]</a> -Weistümer, I. 498.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_201" id="Footnote_201" href="#FNanchor_201">[201]</a> -Barack in der Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, -IV. 1859, S. 65 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_202" id="Footnote_202" href="#FNanchor_202">[202]</a> -Höfisches Leben z. Z. d. Minnesänger, S. 211 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_203" id="Footnote_203" href="#FNanchor_203">[203]</a> -Ich bemerke ausdrücklich, dass Schultz und -nicht ich diesen Ausspruch thut, denn über diese Ansicht -des grossen Prager Kunst- und Kulturhistorikers -lässt sich sehr gut streiten. M.B.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_204" id="Footnote_204" href="#FNanchor_204">[204]</a> -Philippine Welser soll über einen derartigen -zarten Teint verfügt haben. Scherr.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_205" id="Footnote_205" href="#FNanchor_205">[205]</a> -»Zwêne epfel« oder »zwô birn«.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_206" id="Footnote_206" href="#FNanchor_206">[206]</a> -Karl Weinhold liefert in seinem Buche »Die -d. Frauen im Mittelalter«, 2. Aufl. I., S. 222 ff., eine -selbständig ausgearbeitete Zusammenstellung der -Schönheitserfordernisse, die sich aber in der Hauptsache -mit den Schultzschen Angaben deckt.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_207" id="Footnote_207" href="#FNanchor_207">[207]</a> -Weinhold a. a. O. I. S. 222.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_208" id="Footnote_208" href="#FNanchor_208">[208]</a> -Mitgeteilt von Moritz Bermann in »Alt- und -Neu-Wien«.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_209" id="Footnote_209" href="#FNanchor_209">[209]</a> -Christi Leiden in Fundgruben II., 247.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_210" id="Footnote_210" href="#FNanchor_210">[210]</a> -Weinhold a. a. O. II. 311.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_211" id="Footnote_211" href="#FNanchor_211">[211]</a> -Schultz, Höfisches Leben, S. 290.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_212" id="Footnote_212" href="#FNanchor_212">[212]</a> -Minneregel, edd. Weber, Vers 1019-1274.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_213" id="Footnote_213" href="#FNanchor_213">[213]</a> -Albr. von Eyb, Von der Schöne und Ungestalt -der Frauen, bei Scheible, Das Schaltjahr, II. 139.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_214" id="Footnote_214" href="#FNanchor_214">[214]</a> -Eschenburgs Denkmäler, Bremen 1799, S. 397.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_215" id="Footnote_215" href="#FNanchor_215">[215]</a> -Vulpius, Vorzeit III., S. 107.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_216" id="Footnote_216" href="#FNanchor_216">[216]</a> -Bernh. Rorbachs Liber gestorum, Frankfurt a/M., -bei Schultz, D. Leben, S. 422 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_217" id="Footnote_217" href="#FNanchor_217">[217]</a> -»Von den newen Sitten«, Keller, Erzählungen -aus altdeutschen Handschriften, S. 676.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_218" id="Footnote_218" href="#FNanchor_218">[218]</a> -Weinhold II., S. 262.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_219" id="Footnote_219" href="#FNanchor_219">[219]</a> -Schultz, Höfisches Leben, S. 234 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_220" id="Footnote_220" href="#FNanchor_220">[220]</a> -Narrenbeschwörung, XLIV.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_221" id="Footnote_221" href="#FNanchor_221">[221]</a> -Schultz, D. L., S. 365.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_222" id="Footnote_222" href="#FNanchor_222">[222]</a> -De bello Gallico IV., 1, VI., 21.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_223" id="Footnote_223" href="#FNanchor_223">[223]</a> -Germania, 17.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_224" id="Footnote_224" href="#FNanchor_224">[224]</a> -Geographie, VII. Buch, 2. Kap.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_225" id="Footnote_225" href="#FNanchor_225">[225]</a> -von Hefner-Alteneck, Trachten I., 120, Tafel 90.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_226" id="Footnote_226" href="#FNanchor_226">[226]</a> -Limburger Chronik, herausgeg. von Arthur -Wyss, S. 38 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_227" id="Footnote_227" href="#FNanchor_227">[227]</a> -Eine reiche Auswahl dieser Kleiderordnungen -vom l4. Jahrhundert bis zur Gegenwart enthalten die -Kostümkunde von Weiss, S. 1426 ff., und Schultz, -Deutsches Leben, S. 302 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_228" id="Footnote_228" href="#FNanchor_228">[228]</a> -Zeitschr. f. d. Kulturgesch. 1856, S. 367.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_229" id="Footnote_229" href="#FNanchor_229">[229]</a> -Narrenbeschw. 26. 44 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_230" id="Footnote_230" href="#FNanchor_230">[230]</a> -Jäger, Schwäbisches Städtewesen I., 509.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_231" id="Footnote_231" href="#FNanchor_231">[231]</a> -Ratsprotokoll der Stadt St. Gallen vom Zinstag -vor Corpus Christi 1503, bei Scherr.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_232" id="Footnote_232" href="#FNanchor_232">[232]</a> -Uhland, Altdeutsche Volkslieder, S. 525.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_233" id="Footnote_233" href="#FNanchor_233">[233]</a> -Bader, Polizeiordnungen, S. 105.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_234" id="Footnote_234" href="#FNanchor_234">[234]</a> -J. Brucker a. a. O. S. 462; Strassburger Zunft- -und Polizeiordnungen, Strassb. 1889.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_235" id="Footnote_235" href="#FNanchor_235">[235]</a> -Scheible, Schaltjahr III. S. 624 und Bebelii facetiae -(Argentine 1509) i. iiij b.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_236" id="Footnote_236" href="#FNanchor_236">[236]</a> -Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, Jahrg. -1857 S. 380.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_237" id="Footnote_237" href="#FNanchor_237">[237]</a> -Vorrede zum Narrenschiff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_238" id="Footnote_238" href="#FNanchor_238">[238]</a> -IV von nuwen Funden (von neuen Moden).</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_239" id="Footnote_239" href="#FNanchor_239">[239]</a> -Bernhard Freydiger in seinem »Lebenslauf Herzog -Heinrichs von Sachsen«, mitgeteilt von Vulpius, -Curiositäten II. 336, erzählt von der Braut des Herzogs, -die er 1512 gesehen, dass sie ein aus etlichen -hundert Stücken zusammengesetztes Kleid angehabt -habe. Die Hauptfarbe der Seidenflicken war rot und -gelb, mit zwischengesetzten Lappen in »Rosinfarbe, -Aschfarbe und Weiss«.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_240" id="Footnote_240" href="#FNanchor_240">[240]</a> -Diese Säcke, der sogenannte <em>Speck</em>, war ein -bis fünfundzwanzig Pfund schwerer Wulst, der die -Frauen aussehen machte, als ob sie sich in anderen -Umständen befänden. Dr. Rud. Schultze, Die Modenarrheiten, -S. 54.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_241" id="Footnote_241" href="#FNanchor_241">[241]</a> -Streckfuss, 500 Jahre Berliner Geschichte, S. 141 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_242" id="Footnote_242" href="#FNanchor_242">[242]</a> -Dr. Herm. Brunnenhofer, Culturwandel und -Völkerverkehr, S. 103 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_243" id="Footnote_243" href="#FNanchor_243">[243]</a> -Baruch 6, 42. 43.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_244" id="Footnote_244" href="#FNanchor_244">[244]</a> -Weinhold a. a. O. I. 236.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_245" id="Footnote_245" href="#FNanchor_245">[245]</a> -Grimm, Mythologie, 1055.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_246" id="Footnote_246" href="#FNanchor_246">[246]</a> -Nithart von Reuenthal, Lieder, 17. 30.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_247" id="Footnote_247" href="#FNanchor_247">[247]</a> -»Schauplatz lust- und lehrreicher Geschichten«, -1653.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_248" id="Footnote_248" href="#FNanchor_248">[248]</a> -Der curieuse Zauberarzt, wie man alle Artzneyen -verfertigen auch per sympathiam, et antipathiam, -transplantationem, amuleta et magiam naturalem od. -vermeynte Hexerey die vornehmsten Kranckheiten -curiren könne. Frankfurt a. M. 1725.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_249" id="Footnote_249" href="#FNanchor_249">[249]</a> -Paullinus a. a. O. I. S. 344.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_250" id="Footnote_250" href="#FNanchor_250">[250]</a> -»Von einem fahrenden Schüler.« Altdeutsche -Wälder, II. 55.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_251" id="Footnote_251" href="#FNanchor_251">[251]</a> -Predigten, II. 70. 25 bei Schultz, H. L., S. 650.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_252" id="Footnote_252" href="#FNanchor_252">[252]</a> -Scheibles Schaltjahr, II. 45.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_253" id="Footnote_253" href="#FNanchor_253">[253]</a> -Anleitung zu den curiösen Wissenschaften. -Frankfurt 1717.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_254" id="Footnote_254" href="#FNanchor_254">[254]</a> -Der Teufel ziehe dich in meine Liebe.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_255" id="Footnote_255" href="#FNanchor_255">[255]</a> -Paullinus a. a. O. I. 344 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_256" id="Footnote_256" href="#FNanchor_256">[256]</a> -F. Bülau, Geheime Geschichten und rätselhafte -Menschen, 2. Auflage, III. Band (1863). Die Gräfin -von Rochlitz, S. 1 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_257" id="Footnote_257" href="#FNanchor_257">[257]</a> -Arved Straten, Blutmord, Blutzauber, Aberglauben, -Siegen 1901.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_258" id="Footnote_258" href="#FNanchor_258">[258]</a> -Keller, S. 1463.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_259" id="Footnote_259" href="#FNanchor_259">[259]</a> -Scherr, G. d. d. F., II. 139.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_260" id="Footnote_260" href="#FNanchor_260">[260]</a> -Luthers Tischreden oder Colloquia, Vom Teufel -und seinen Werken, (Anno 39 den 15. Januarii).</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_261" id="Footnote_261" href="#FNanchor_261">[261]</a> -Curt Müller, Hexenaberglaube und Hexenprozesse -in Deutschland (Reclam), S. 26.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_262" id="Footnote_262" href="#FNanchor_262">[262]</a> -Scherr, Frauenwelt, II. 149, und Müller a. a. O., -Urteilssprüche Leipziger Schöffen, 139 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_263" id="Footnote_263" href="#FNanchor_263">[263]</a> -Bibliotheka magica, 1741, I., 26 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_264" id="Footnote_264" href="#FNanchor_264">[264]</a> -Wer den Mut hat, den stinkenden Sumpf des -Hexenhammers zu durchwaten, der sei auf Graf -von Hoensbroechs »Das Papstthum in seiner sozialkulturellen -Wirksamkeit« hingewiesen (Leipzig 1900), -dessen I. Band eine ziemlich vollständige Übersetzung -des Malleus maleficarum enthält.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_265" id="Footnote_265" href="#FNanchor_265">[265]</a> -Roloff, Leben und Wirken des Teufels, Histor. -Taschenbuch, 5. Folge, 2. Jahrg., S. 165.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_266" id="Footnote_266" href="#FNanchor_266">[266]</a> -F. Heinemann, Richter und Rechtspflege in der -deutschen Vergangenheit, S. 64.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_267" id="Footnote_267" href="#FNanchor_267">[267]</a> -Scherr, Kulturgeschichte, S. 387.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_268" id="Footnote_268" href="#FNanchor_268">[268]</a> -C. Müller a. a. O. S. 90.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_269" id="Footnote_269" href="#FNanchor_269">[269]</a> -Scherr, Gesch. d. d. Frauenwelt, II. 161.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_270" id="Footnote_270" href="#FNanchor_270">[270]</a> -Scherr, Kulturgeschichte, S. 640 ff.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_271" id="Footnote_271" href="#FNanchor_271">[271]</a> -Zeitschrift für d. Kulturgesch., 1859 S. 427.</div> - -<div class="footnote"> -<a name="Footnote_272" id="Footnote_272" href="#FNanchor_272">[272]</a> -Müller a. a. O. S. 109 ff.</div> -</div> - -<div class="tnote"> -<p class="center fontxlarge">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p class="indent0">Der Text wurde originalgetreu beibehalten, außer folgenden Änderungen:</p> - -<p class="indent0">S. <a href="#page_061">61</a>: "zn" wurde durch "zu" ersetzt.</p> -<p class="indent0">S. <a href="#page_100">100</a>: Das Gedicht wurde eingerückt.</p> -<p class="indent0">S. <a href="#page_128">128</a>: Das Gedicht wurde eingerückt (im Original ohne Einrückung).</p> -<p class="indent0">S. <a href="#page_176">176</a>: "Strafe" wurde durch "Straße" ersetzt ("...nackt auf die Straße geworfen").</p> -<p class="indent0">S. <a href="#page_184">184</a>: hinter "Dirnen" wurde ein Punkt eingefügt.</p> -<p class="indent0">S. <a href="#page_203">203</a>: vor "umsonst einkauffen" wurde ein Anführungszeichen eingefügt.</p> -<p class="indent0">S. <a href="#page_203">203</a>: "Liebhhaber" wurde zu "Liebhaber" geändert.</p> -<p class="indent0">S. <a href="#page_266">266</a>: "nnd Salome" wurde geändert zu "und Salome".</p> -<p class="indent0">S. <a href="#page_275">275</a>: "Brandt" wurde zu "Brant" geändert ("...wie Brant im Narrenschiff sagt").</p> -<p class="indent0">S. <a href="#page_309">309</a>: "panis porciuso" wurde in Kursivschrift gesetzt.</p> -<p class="indent0">S. <a href="#page_321">321</a>: "Armel" wurde durch "Ärmel" ersetzt.</p> -<p class="indent0">S. <a href="#page_324">324</a>: In Fußnote 227 wurde ein Komma in "Schultz, Deutsches Leben" eingefügt.</p> -<p class="indent0">S. <a href="#page_334">334</a>: hinter "Perlen?" wurde eine schließende Klammer eingefügt.</p> -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Das Geschlechtsleben in der Deutschen -Vergangenheit, by Max Bauer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GESCHLECHTSLEBEN IN DER *** - -***** This file should be named 50248-h.htm or 50248-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/2/4/50248/ - -Produced by poor poet and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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