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-The Project Gutenberg EBook of Das Geschlechtsleben in der Deutschen
-Vergangenheit, by Max Bauer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Das Geschlechtsleben in der Deutschen Vergangenheit
-
-Author: Max Bauer
-
-Release Date: October 18, 2015 [EBook #50248]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GESCHLECHTSLEBEN IN DER ***
-
-
-
-
-Produced by poor poet and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
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-Unterstreichungen wurden mit "~" dargestellt. Hochgestellte Zeichen
-(superscripts) wurden mit "^" gekennzeichnet.
-
-Ein Verzeichnis der vorgenommenen Änderungen befindet sich am Ende
-des Textes.
-
-
-
-
- DAS
-
- GESCHLECHTSLEBEN
-
- IN DER
-
- DEUTSCHEN
- VERGANGENHEIT
-
- VON
-
- MAX BAUER
-
- LEIPZIG 1902
- HERMANN SEEMANN NACHFOLGER
-
- Alle Rechte vom Verleger vorbehalten!
-
-
-
-
-Zum Geleit.
-
-
-Einen kurzen, nur die behandelten Themen erschöpfenden Abriss des
-Geschlechtslebens der deutschen Vorzeit zu geben, ist der Zweck der
-vorliegenden Arbeit, die kein Lehrbuch, sondern hauptsächlich eine auf
-wissenschaftlicher Grundlage fussende Abhandlung über eine Materie
-sein will, der alle für jung und alt geschriebenen Kulturgeschichten
-ängstlich aus dem Wege gehen.
-
-Für den ernsten Laien ist mein Werkchen bestimmt, für den gebildeten
-Mann und die reife, denkende Frau, denen es »ein herrliches Ergötzen,
-sich in den Geist der Zeiten zu versetzen«, auch dann, wenn dieser
-Geist düstere Bilder zeitigt, auf die unsere vielgeschmähte Gegenwart
-mit Schaudern zurückblickt.
-
-Manch kerniges Wort ist in den nachfolgenden Blättern gesprochen, doch
-nur, wenn es der Stoff erforderte. Gar mancher wird sich darob
-entsetzen und entrüsten, aber: »Niemand lügt so viel, als der
-Entrüstete,« sagt Friedrich Nietzsche -- und ich glaube, er hat recht!
-
-#Friedenau#, September 1902.
-
-+Max Bauer.+
-
-
-
-
-INHALT.
-
-
- Seite
-
- Das frühe Mittelalter 1
-
- Das Leben auf dem Dorfe 51
-
- Die Klöster 74
-
- Beilager und Ehe 89
-
- Die feile Liebe 133
-
- Das Badewesen 215
-
- Tanz und Spiel 265
-
- Das Schönheitsideal 304
-
- Die Kleidung 318
-
- Liebeszauber und Zauberliebe 339
-
-
-
-
-Das frühe Mittelalter.
-
-
-An einer dem Urwalde abgerungenen Stelle, die ein Bächlein
-durchrieselt, dessen Ufer Blumen schmücken und Weiden beschirmen,
-liegt das Gehöft des Germanen. Wiesen mit vereinzelten Bäumen und
-Felder von bescheidener Ausdehnung, bestellt mit der Brotfrucht oder
-Gerste, um den Trank des Hausherrn daraus zu brauen, oder dem
-gelbblühenden Hanf, aus dessen Fäden die Hausfrau manch Gewand zu
-wirken weiss, umschliessen die Baulichkeiten bis an die Grenze des
-Waldes hin, dessen breitästige Riesen ihre Schatten auf die wogenden
-Halme werfen. Waldesnähe war Notwendigkeit für den Urdeutschen, denn
-der gewaltige Wald war geradezu Lebensbedingung für ihn. Aus seinen
-Stämmen zimmerte er das kunstlose, schirmende Dach; seine harzreichen
-Äste und das Reisig gaben der fensterlosen Halle Licht und Wärme im
-rauhen Herbste; die aus Waldesstämmen geschnittenen Pallisaden und der
-aus biegsamen Zweigen geflochtene Zaun hielten das Raubzeug von dem
-Einbruch in des Herrn Herden ab, wenn Schnee und Eis die Erde deckte
-und der Hunger die Tiere den menschlichen Behausungen zutrieb. Die aus
-seinen Scheiten genährten Essen verflüssigten das Erz, aus dem der
-Germane die Schutz- und Trutzwaffen schmiedete, wie die Werkzeuge für
-das Feld: Sichel und Sense. Im Waldesdickicht barg sich das Wild:
-Hirsch, Reh, Elen, Ur, das Schwarzwild, Meister Petz und anderes
-Getier, dessen Jagd des Mannes Herzensfreude war, und das ihn und die
-Seinen mit Fleisch und wärmendem Rauchwerk zur Kleidung versorgte. Aus
-Waldesdüster stieg vom Opfersteine der Rauch gen Walhalla auf; an
-entlegenen, schwer zugänglichen Stellen hauste einsam die Seherin,
-»die weit und breit für ein göttliches Wesen galt«[1], durch dessen
-Mund die Götter in seltsam gefügter Rede sprachen, ihren Willen
-kundgaben, lobten oder tadelten, verhiessen oder verdammten, die
-Prophetin, verehrter als der Oberpriester, als der erkorene Herr und
-Führer in Frieden und Kampf, sie #das heilige Weib#!
-
-[1] Tacitus, Germania, § 8.
-
-Denn »der Germane schreibt dem Weibe eine gewisse Heiligkeit und
-prophetische Gabe zu«[2]. Darum war ihm auch heilig die Frau, die er
-an seinen Herd genommen, heilig das Weib des Nachbarn und unantastbar,
-wie die eigenen Töchter. Nur den Feind traf er tödlich damit, dass er
-nach erfochtenem Sieg dessen Weiber seinen Lüsten opferte. »Die
-frouwen sie nôtzogeten, Und die megde wol getan« heisst es noch
-Jahrhunderte später von den Weibern einer erstürmten Stadt. Aber auch
-das Gegenteil lässt sich bezeugen. Als König Rudolf 925 die Stadt Auga
-(Eu) erstürmte, in die sich die Normannen unter Rallo geworfen hatten,
-wurden alle Männer niedergemacht, die Frauen aber unberührt gelassen.
-Gleiche Schonung hatte früher Totila den Neapolitanerinnen und
-Römerinnen bewiesen, und als ein vornehmer Gote sich eine
-Ungebührlichkeit gegen ein neapolitanisches Mädchen erlaubt hatte,
-liess er ihn trotz allgemeiner Verwendung hinrichten und sein Vermögen
-jenem Mädchen geben.[3] Also auch im Kriege bewahrten deutsche Stämme
-die Achtung vor den Frauen.
-
-[2] Tacitus a. a. O. § 8.
-
-[3] Karl Weinhold, Die deutschen Frauen in dem Mittelalter, I. 218 ff.
-
-Dem Germanen, dem rauhen Sohne eines unwirtlichen Landes, galt eben
-sein Weib als die Gefährtin seines Lebens, eins mit ihm in Freud und
-Leid, die für ihn schaffte, für ihn sorgte, ihn pflegte, wenn er siech
-darniederlag, seine Wunden verband und sie mit geheimnisvollen
-Sprüchen zu heilen suchte; die er dafür mit seinem Leibe schützte, für
-die er starb, wenn es das Geschick erforderte, gleichwie sie selbst
-den Tod der Ehrlosigkeit vorzog. Ihre Gemeinschaft war ernst und
-unverbrüchlich, kein loses Spiel, wie bei vielen kulturell höher
-stehenden Völkern jener Epoche, die in der Frau nur den Gegenstand zur
-Befriedigung der Lüste, oder die tief unter dem Manne stehende
-Sklavin, im günstigsten Falle das zur Fortpflanzung nötige Werkzeug
-sahen. Nimmt es da wunder, wenn #Cornelius Tacitus#, der erste, dem
-wir sichere Kunde von germanischen Sitten und Gebräuchen verdanken,
-der elegante Römer, das leichtlebige Kind der Weltkloake Roma mit
-ihren marklosen Männern, ihren entarteten Weibern, bei denen der
-Ehebruch zum guten Ton gehörte, deren abgestumpfte Nerven nur die
-raffinierteste Wollust reizte, in Germanien und der unverfälschten
-Natürlichkeit seiner Eingeborenen eine neue Welt, ein Utopien zu sehen
-glaubte, das er seinen Landsleuten nicht genug preisen konnte. »So
-lebt denn das Weib dahin, unter der Obhut reiner Sitten, nicht
-verderbt vom Sinnenreiz lüsterner Theaterstücke, noch durch
-wollustreizende Gelage. Geheimen Verkehr durch (Liebes-) Briefe kennt
-weder Mann noch Frau. Ehebruch ist unter diesem doch so zahlreichen
-Volke äusserst selten. Seine Bestrafung ist schnell, und dem Ehemanne
-überlassen. Mit abgeschnittenem Haar, nackt, und in Gegenwart der
-Verwandten, stösst der Gatte die Schuldige zum Hause hinaus und
-peitscht sie durch das ganze Dorf. Auch die preisgegebene
-Jungfräulichkeit findet keine Verzeihung. Nicht Schönheit, noch
-Jugend, noch Reichtum gewinnt ihr einen Mann. Denn dort freilich lacht
-niemand des Lasters; verführen und verführt werden nennt man nicht
-Zeitgeist. Besser, wenigstens bis jetzt noch, steht es mit einem
-Lande, wo nur Jungfrauen in die Ehe treten und wo es mit der Hoffnung
-und dem Gelübde der Gattin ein für allemal abgethan ist. So erhalten
-sie nur den einen Gatten, gleichwie sie Leib und Leben nur einmal
-empfingen, damit in Zukunft kein Gedanke über ihn hinaus, kein
-weiteres Gelübde sich rege, damit Liebe nicht sowohl zum Ehemanne, als
-zum Ehebunde sie beseele.«[4]
-
-[4] Tacitus a. a. O. § 19.
-
-Nur das reine Weib hatte Geltung bei den Germanen. Der auf uralten
-Rechtsgrundsätzen sich aufbauende Sachsenspiegel, das sächsische
-Landrecht, niedergeschrieben im 13. Jahrhundert, vertritt die
-Anschauung, dass ein einmal gefallenes Weib, selbst wenn sie wider
-ihren Willen ihre Ehre verloren, nie wieder die Rechte eines reinen
-Mädchens erlangen könne.[5] Da den germanischen Jünglingen strenge
-Gesetze die Keuschheit bis zur vollendeten Männlichkeit zur Pflicht
-machten -- der Umgang mit Weibern galt für den jungen Mann vor
-Vollendung des 20. Lebensjahres für eine Schmach[6] -- ebenso wie den
-Mädchen, so war der Unmoral nur ein enger Spielraum gegeben. Sexuelle
-Ausschreitungen kamen wohl vor, doch dürften sie immerhin als
-Ausnahmen zu betrachten sein.
-
-[5] Der 37. Artikel: Wer eines Mannes ehelich Weib öffentlich behuret,
-oder sonst ein Weib oder Magd notzöget, nimpt er sie darnach zur Ehe,
-eheliche Kinder gewinnet er nimmermehr bey ihr. (Übers. von Jacob
-Friedrich Ludovici 1750.)
-
-[6] Caesar, De bello gallico, VI. 21.
-
-Mit der Errichtung von befestigten Dörfern, den Vorläufern der
-deutschen Städte, dem engeren Aneinanderrücken ursprünglich weit
-voneinander abgelegener Anwesen und dem Eindringen fremder oder aus
-der Fremde wieder heimgekehrter Elemente, vollzog sich allmählich eine
-Sittenwandlung zum schlechteren, die aber vorderhand noch nicht bis
-zum häuslichen Herde vordrang. Die Hausfrau und die Töchter des
-Deutschen blieben ebenso keusch und züchtig wie vordem.
-
-War es erst die römische Invasion und die Rückkehr deutscher Krieger
-aus römischen Kriegsdiensten, die manche Unsitte auf deutschen Boden
-verpflanzten, manche leichtere Sittenanschauung nach Germanien
-eingeführt hatten, die wie stets bei allen Naturvölkern nur zu leicht
-Wurzeln fasste und üppig weiterwucherte, so ging auch später die
-Völkerwanderung und die mit ihr einbrechenden wilden Horden nicht
-spurlos an den Vorfahren vorüber. Auch das Christentum räumte mit
-vielem Althergebrachten für immer auf oder entstellte es, wo es galt,
-die Gefühle der Bekehrten zu schonen, nach und nach bis zur
-Unkenntlichkeit.
-
-Eine neue, von der alten grundverschiedene Zeit war für Germania
-angebrochen. Das Volk, das ein Tacitus als Muster hingestellt, das das
-römische Weltreich zertrümmert hatte, war aus dem Naturzustand in die
-Kultur eingetreten. Der rauhe Naturmensch, dem bislang Krieg und Jagd
-als Um und Auf des Lebens galten, der jede Arbeit, die nicht mit
-diesen seinen Herzensneigungen zusammenhing, verachtete und sie den
-Frauen und den Sklaven überliess, war zum Edeling oder zum Bauerbürger
-geworden, der nun nicht mehr ganz so schalten und walten durfte, wie
-damals, wo er als unbeschränkter Gebieter auf seinem Grund und Boden
-hauste. Er musste jetzt selbst die Hände rühren und die Oberaufsicht
-über sein Eigentum übernehmen. Das mit elementarer Macht sich
-verbreitende Christentum erschloss eine neue Gedankenwelt und milderte
-vieles von der Rauheit des früheren Sohnes der Wildnis. Die allerorts
-entstehenden Klöster wurden zu den ersten und einzigen Bildungsstätten,
-aus deren festen, bewehrten Mauern so manche Kunde drang von der
-Kunst, seine Gedanken aufzeichnen zu können und sie auf diese Weise
-selbst dem Fernen mitzuteilen; dann von Glaubenshelden, die ihre Treue
-gegen den Heiland mit dem Leben bezahlt, die für das Christentum den
-Märtyrertod erlitten; vom Heiland selbst, seinem Leben, Leiden und
-Sterben, und von seiner Mutter, der herrlichsten, edelsten und
-erhabensten aller Frauen, der gebenedeiten Jungfrau Maria. In ihr
-erstand für den Deutschen neuerdings das göttliche Weib der Germanen,
-darum sammelte sich auch in dem Marienkultus die ganze Verehrung, die
-der Deutsche einem Weibe zu zollen vermag, in einem Brennpunkte
-zusammen, der aber im Gange der Jahrhunderte verblasste, um später
-noch einmal, aber weniger intensiv und mit einer Beimischung von
-Groteskkomik, als Minne und Minnedienst aufzuleuchten, ehe er für
-immer erlöschte.
-
-Noch war das deutsche Staatengefüge lose aus einer Unzahl deutscher
-Stämme zusammengesetzt, die, in nie ruhender Eifersucht einander
-befehdend, kaum ein Gefühl der Zusammengehörigkeit kannten.
-
-Erst dem Heros #Karl dem Grossen#, seiner eisernen Faust, seinem
-mächtigen, zielbewussten Willen, der mit unbeugsamer Energie das
-für richtig Erkannte durchzusetzen wusste, gelang es, das
-Völkerkonglomerat auf deutscher Erde zusammenzuschweissen und zu einer
-Einheit, dem römisch-deutschen Reiche, zu gestalten. Karls
-staatsmännisches und kulturelles Wirken zu würdigen ist nicht meine
-Aufgabe. Hier soll nur der Einfluss erörtert werden, den Karls
-Regierung auf das Geschlechtsleben seiner Zeit ausübte. Kaiser Karls
-Leben war in dieser Hinsicht nicht einwandsfrei. Wenn er auch am 29.
-Dezember 1165 heilig gesprochen und diese Kanonisation von der Kirche
-stillschweigend bestätigt wurde, so war Karl durchaus kein Heiliger.
-Er war fünfmal verheiratet. Seine erste Frau, die Fränkin Himiltrud,
-verstiess er, ebenso die zweite, eine Tochter des Longobardenkönigs
-Desiderius, nach der Angabe eines Mönches von St. Gallen deshalb, weil
-sie unfruchtbar gewesen. Hildegard, die dritte Gattin, ein Fräulein
-aus hohem schwäbischen Adel, zählte erst 13 Jahre, als er sie
-heimführte. Sie starb 783 im 26. Lebensjahre, nachdem sie ihm neun
-Kinder, darunter Hludoic, seinen Thronerben, geboren hatte. Wenige
-Monate nach Hildegards Tode heiratete Karl die Ostfrankin Fastrada,
-nach deren Hinscheiden er die Alemannin Luitgard zur Gemahlin nahm,
-mit der er schon vor der Verheiratung Beziehungen unterhalten hatte.
-Sie war seine letzte rechtmässig angetraute Gattin, und als sie um das
-Jahr 800 in Tours starb, wirtschaftete der Kaiser bis zu seinem
-Ableben mit Kebsweibern, von denen vier namhaft gemacht werden:
-Madelgard, Gersuinda, Regina und Adallinde.[7]
-
-[7] Einhard, Das Leben Karls d. Gr. Übers. und erl. von H. Althof,
-S. 42 ff.
-
-Karls sinnliche Natur vererbte sich auf seine Töchter, von denen
-Einhard schreibt: »Obwohl diese Töchter sehr schön waren und von ihm
-überaus geliebt wurden, wollte er wunderbarerweise keine von ihnen
-einem der Seinen oder einem Fremden zur Ehe geben; er behielt sie
-vielmehr alle bis an sein Ende in seinem Hause und sagte, er könne den
-näheren Umgang mit ihnen nicht entbehren. Aber deswegen musste er,
-sonst so glücklich, die Abgunst des Schicksals erfahren, was er sich
-jedoch so wenig merken liess, als ob in Bezug auf seine Töchter
-niemals irgend ein Verdacht der Unkeuschheit sich erhoben, niemals das
-Gerücht hiervon sich verbreitet hätte.«[8] Dieses Gerücht bestand in
-der That und stützte sich auf Thatsachen. Alkuin, des Kaisers Ratgeber
-und Freund, warnte seine Schüler vor den »gekrönten Tauben, die
-nächtlich durch die Pfalz fliegen.« Die Folgen der Lasterhaftigkeit
-liessen nicht auf sich warten.
-
-[8] Einhard a. a. O. S. 45.
-
-Bertha, aus des Kaisers Ehe mit Hildegard, hatte vom gelehrten Dichter
-Angilbert zwei Söhne. Diese Bertha ist die Urheberin der reizenden
-Sage von dem treuen Liebespaare Eginhard (Einhard) und Emma (Imma),
-nach welcher Emma ihren Geliebten, während dessen nächtlichem
-Besuche Schnee im Schlosshofe gefallen war, der durch die in ihm
-hinterlassenen Fusstapfen des Geliebten Fortgehen hätte verraten
-müssen, auf ihrem Rücken zu seiner Wohnung trug. Der Kaiser, den
-Schmerzen auf seinem Lager wachhielten, sah dies, und gerührt von so
-viel Liebe, gab er dem Paare seinen Segen. »Offenbar hat die
-geschäftig webende Sage hier einen anderen Günstling und vertrauten
-Rat Karls, den gelehrten Angilbert, mit Einhard verwechselt. Letzterer
-hatte allerdings eine vornehme Jungfrau von trefflichem Charakter und
-hervorragender Bildung, Namens Imma, zum Weibe, mit der er bis zum
-Jahre 836 in glücklichster Ehe lebte, doch war er sicher nicht Karls
-Schwiegersohn, da der Kaiser eine Tochter Imma unseres Wissens nicht
-hatte.«
-
-Berthas Schwester Hruotrud, in Hofkreisen Columba genannt, hatte mit
-dem Grafen Rorich von Maine einen Sohn, und die anderen Töchter Karls
-waren ebenso leichtfertig, wie die erwähnten. Das grössere Leben
-Ludwigs des Frommen, Karls Nachfolger, erzählt, das Treiben, das seine
-Schwestern im väterlichen Hause führten, habe Ludwigs Sinn, obgleich
-er von Natur milde war, schon lange geärgert. Bald nach seiner
-Thronbesteigung habe er daher den ganzen, sehr grossen weiblichen
-Tross mit Ausnahme der geringen Dienerinnen aus dem Palaste schaffen
-lassen, und seine Schwestern veranlasst, sich auf die ihnen vom Vater
-bestimmten oder von ihm selbst verliehenen Klöster zurückzuziehen.[9]
-
-[9] Einhard, a. a. O. S. 45 Anmerkung 3.
-
-So gerne Karl in der eigenen Familie beide Augen zudrückte
-und geflissentlich übersah, was allgemein offenkundig war, so
-unnachsichtlich zeigte er sich gegen die öffentliche Unsittlichkeit.
-Aus Paris z. B. suchte er alle öffentlichen Mädchen zu vertreiben. Die
-Dirnen sollten, falls man sie bei der Ausübung ihres Gewerbes
-ertappte, gestäupt werden. Wer ihnen Vorschub geleistet oder ihnen
-Obdach gegeben, sollte sie auf dem Rücken zum Richtplatze tragen. Der
-Erfolg dieses Erlasses war ganz belanglos, denn die »verliebten
-Weiber« -- filles folles de leurs corps -- trieben ihr lichtscheues
-Handwerk offen und im geheimen nach wie vor und vermehrten sich wie
-die Wasserpest.
-
-Gegen die auch in Deutschland immer mehr um sich greifende
-Sittenlockerung konnte oder wollte Karl nicht einschreiten, vielleicht
-schon deshalb nicht, weil sie in erster Linie bei dem an Gut und Macht
-vielvermögenden Adel zuerst und am auffallendsten zum Vorschein kam.
-Zu jedem der festen Häuser, aus denen sich die Burgen entwickelten,
-gehörten die Genitia, ursprünglich Werkstätten, in denen hörige und
-freie Dienerinnen unter Aufsicht der weiblichen Herrschaft die Stoffe
-für die Kleidung herzustellen, zu sticken, weben, waschen, kochen,
-kurz alle weibliche Hand- und Hausarbeit vorzunehmen hatten.
-Diese Genitia oder Frauenhäuser waren von dem Hauptgebäude, der
-Herrenwohnung, streng geschieden und mit Zäunen, Wall, Graben und
-Wachttürmen gegen fremde Eindringlinge wohl verwahrt. In diesen
-Frauenhäusern befanden sich auch die Schlafräume nicht allein der
-Mägde sondern auch der weiblichen Familienmitglieder, ein Grund mehr,
-sie zu sichern, besonders das vordere Abteil der Genitia, in dem die
-Angehörigen des Hausherrn nächtigten, während das Hinterhaus die
-Dienerschaft beherbergte. Nach dem alten alemannischen Rechte wurde
-die Notzucht an einer Insassin des Vorderhauses mit sechs Schillingen,
-an einer des Hintergebäudes mit nur drei Schillingen geahndet. Jedes
-der Häuser der Grossen und jeder Meierhof besass solch Frauenhaus oder
-#Bordell#, nach dem angelsächsischen Bord, Schwelle, benannt. Die
-anrüchige Nebenbedeutung kam erst viel später in Gebrauch. Diese
-Frauenhäuser galten bald mit Fug und Recht für die Harems ihrer
-Besitzer,[10] da damals, bis tief in das Mittelalter hinein, die
-Frauen und Töchter der Unfreien im vollsten Sinne des Wortes die
-Leibeigenen ihrer Herren waren. Die Allgewaltigen besassen das Recht
-auf Leben und Tod über ihre Hörigen, die nur als Wertobjekte galten,
-über dessen Vermietung, Verkauf oder Verpfändung der Besitzer
-nach Gutdünken zu verfügen vermochte. Da der Wille des Herrn
-unverbrüchlichen Gehorsam bedingte, so wehrte keine Schranke seinen
-sinnlichen Gelüsten; er durfte verlangen und war der Gewährung sicher.
-
-[10] Scheible, Das Kloster, VI.
-
-Zu den Herrenrechten des Feudalen gehörte auch die Erteilung der
-Eheerlaubnis für seine Unfreien. Er durfte jeden Mann, sobald er das
-18., und jedes Mädchen, das das 14. Lebensjahr erreicht hatte, zur Ehe
-zwingen, ebenso verwitweten Gutsleuten eine neue Ehe mit der ihnen
-zugeteilten Braut aufnötigen. Lag es doch in seinem Interesse, recht
-viele Ehepaare unter seinen Hörigen zu haben, da sich mit ihrer
-Kinderzahl auch sein Besitztum an Seelen vergrösserte, was einem
-Vermögenszuwachs gleichkam. Bisweilen hielt er es jedoch für
-angebracht, seine Einwilligung zu versagen oder diese von dem _Jus
-primae noctis_, nämlich dem Rechte abhängig zu machen, in der ersten
-Nacht den Gatten bei der Neuvermählten vertreten zu dürfen, wenn er
-nicht ein für allemal dieses Recht auszuüben für gut fand. Wie weit
-diese schmachvolle Gepflogenheit in die graue Vorzeit zurückreicht,
-ist meines Wissens nicht festgestellt. Doch ist ihr hohes Alter als
-wahrscheinlich anzunehmen, da bei der mittelalterlichen absoluten und
-rechenschaftsfreien Machtvollkommenheit die Herren nur zu leicht auf
-derartige Übergriffe verfallen mussten. Man empfand vielleicht
-beiderseits nicht die Erniedrigung, die in der Ausübung und Duldung
-dieses schmachvollsten aller Rechte bestand. Im späteren Mittelalter
-bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts ist das Bestehen des _Jus primae
-noctis_ dokumentarisch festgestellt, trotz aller Ableugnungsversuche,
-die z. B. Karl Schmidt in seinem Werke »_Jus primae noctis_« (Freiburg
-i. B. 1881) mit recht negativem Ergebnisse zu unternehmen suchte. Aus
-der deutschen Schweiz sind zwei Gesetze vom Jahre 1538 und 1543
-überliefert, die haarscharf diese Unmenschlichkeit beweisen. Diesen
-Dokumenten einen anderen als den unzweideutig in ihnen ausgesprochenen
-Sinn zu unterschieben, wie dies Karl Schmidt unternimmt, liegt keine
-Veranlassung vor, ebensowenig wie ich Weinholds Ansicht beipflichten
-kann, der mit Osenbrüggen und Gierke jene Bestimmung nur als
-Ausdruck »einer symbolischen Anerkennung der Leibherrschaft
-durch die scherzhafte Voranstellung und Ausmalung der äussersten
-Rechtskonsequenzen« aufgefasst wissen will.[11] Man droht mit »der
-äussersten Rechtskonsequenz« nicht, wenn man sie nicht, sei es auch
-nur in aussergewöhnlichen Fällen, zur Ausführung bringen will.
-
-[11] Weinhold a. a. O. I. 301.
-
-Das eine der erwähnten Schriftstücke, die »Oefnung von Hirslanden und
-Stadelhofen« im Kanton Zürich vom Jahre 1538, lautet: »Ouch hand die
-burger die rechtung, wer der ist, der uf den gütern, die in den
-Kelnhof gehörend, _die erste nacht bi sinem wibe ligen wil, die er
-nüwlich zu der ee genommen hat, der sol den obgenanten burger vogt
-dieselben ersten nacht bi demselben sinen wibe lassen ligen_; wil er
-aber das nüt thun, so soll er dem vogt geben 4 und 3 fl Züricher
-pfenning, weders er wil: die wal hat der brugom (Bräutigam), und sol
-man ouch demselben brugome ze stür (zur Steuer, Beihilfe) an dem
-brutlouf geben ein fuder holtz usz dem Zürichberg, ob er wil an
-demselben holtz hat.« Der Tenor des zweiten Gesetzes entspricht dem
-eben gegebenen ziemlich genau. Doch nicht die weltlichen Herren allein
-beschmutzten sich mit der Ausübung des _Jus primae noctis_, auch die
-hohe, grundbesitzende Geistlichkeit machte sich dieses Recht zu nutze
--- brachte es doch etwas ein. Nach dem Lagerbuche des schwäbischen
-Klosters Adelberg vom Jahre 1496 mussten die zu Bortlingen sesshaften
-Leibeigenen dies Recht dadurch ablösen, dass der Bräutigam eine
-Scheibe Holz, die Braut ein Pfund sieben Schillinge Heller oder eine
-Pfanne, »dass sie mit dem Hinteren darein sitzen kann oder mag«
-darbringen musste. Anderwärts hatten die Bräute dem Grundherrn so viel
-Käse oder Butter zu entrichten, »als dick und schwer ihr Hinterteil
-war«. An anderen Orten wieder mussten sie einen zierlichen
-Korduansessel geben, »den sie damit ausfüllen konnten«.[12] Nach den
-Schilderungen des bayerischen Oberappellationsgerichtsrats Welsch
-bestand übrigens die Verpflichtung der Lösung vom _Jus primae noctis_
-in Bayern noch im 18. Jahrhundert.[13]
-
-[12] Memmingen, Stälin u. a. »Beschreibung der württemb. Aemter«,
-Heft 20.
-
-[13] Aug. Bebel, Die Frau und der Sozialismus, 29. Aufl., S. 67.
-
-Im Grunde genommen barg sich unter dem _Jus primae noctis_ nichts
-weiter, als eine Erpressung mehr, da es doch dem Bräutigam freistand,
-sich mit Geld oder Geldeswert zu lösen. Wenn nun der arme Bauer dieses
-Geld nicht aufzubringen vermochte, denn eine Hochzeit kostete ohnehin
-auch damals schon viel Geld? Der Bräutigam hatte vor allem die
-Eheerlaubnis teuer durch den Erlag eines Zinses oder Übergabe eines
-Hemdes oder Felles zu erkaufen. Dem Zins wusste der Galgenhumor
-der Zahler recht bezeichnende Namen zu geben. Einige dieser aus
-verschiedenen Gegenden stammenden Bezeichnungen waren: Jungfernzins,
-Stechgroschen, Bettmund, #Nadelgeld#, Frauengeld, Hemdschilling,
-Bumede, Jungferngeld, Schürzenzins, Vogthemd, Bunzengroschen und
-andere, mitunter sehr eindeutige, mehr. Dieser Zins war unter allen
-Umständen zu erlegen, auch dann, wenn der Herr sein Recht ausgeübt und
-damit die Tugend der Braut ramponiert hatte.
-
-Die zerzauste Tugend machte übrigens schon damals den Herren der
-Schöpfung und nicht nur den Bauern allein manchen Kopfschmerz. Und
-nicht allein die Mägdelein, sondern auch die Ehegattinnen, ganz
-besonders die letzteren, hatten oft unter mehr oder weniger
-begründeter Eifersucht zu leiden. Was heutzutage meist Thränen,
-Ohnmachten und Beteuerungen durchzusetzen vermögen, bedurfte in jener
-kräftiger zufassenden Zeit augenscheinlicher Beweise. Wenn diese nicht
-auf gewöhnlichem Wege herbeizuschaffen waren, so griff man, dem
-bigott-abergläubischen Zeitgeiste entsprechend, zu dem #Gottesurteil#.
-Häufig war es die angeschuldigte Frau selbst, die zu ihrer
-Rechtfertigung einer Ordalie unterzogen zu werden begehrte. So die
-Frau Karls des Dicken (881-887), die, des Ehebruches bezichtigt, durch
-das Gottesurteil nicht allein zeigen wollte, dass sie keine
-Verbrecherin, sondern dass sie trotz zwölfjähriger Ehe noch immer
-Jungfrau sei: »_Das_ (ihre Unberührtheit) _bewerte sü domitte, dass sü
-ein gewihset Hemede ane det und domit in ein Für_ (Feuer) _gieng und
-blieb unversert von dem Für_«, schreibt der Chronist Twinger von
-Königshofen. Das ganze Mittelalter hindurch waren Ordalien nahezu das
-einzige, jedenfalls aber das unfehlbarste Mittel, die eheliche Treue
-_ad oculos_ zu demonstrieren.
-
-Zwei Hauptarten der Gottesurteile waren im Schwange: die Feuer- und
-die Wasserprobe. Bei der Feuerprobe hatte die Beschuldigte die blosse
-Hand ins Feuer zu halten und unbeschädigt wieder herauszuziehen. War
-die Hand versengt, so wurde sie verbunden und der Verband nach einer
-gewissen Zeit gelöst. Waren die Wunden verheilt, so bewies dies die
-Unschuld. Weitere Abarten des Feuerordals waren: Mit einem mit Wachs
-durchtränkten Hemd bekleidet den Scheiterhaufen zu durchschreiten, wie
-Karls Gattin that; mit blossen Füssen über glühende Pflugscharen zu
-wandeln oder diese eine angegebene Strecke weit zu tragen. Kaiserin
-Kunigunde, Heinrichs II. (1002-1024) Gattin, unterzog sich dieser
-letzteren Probe, die übrigens schon aus den Sophokleischen Tragödien
-her bekannt ist.
-
-Die Wasserprobe fusste auf dem Grundgedanken, dass das reine, heilige
-Wasser nichts Sündhaftes in sich dulde. Sank daher das gebundene
-nackte Weib unter, so war es schuldlos; blieb es auf dem Wasserspiegel
-schwimmen, dann war seine Schuld zum Beweis erhoben. Jahrhunderte
-später gewannen diese Wasserproben, deren Ausgang ganz in der Hand des
-Fesselnden lag, eine hohe Bedeutung bei den Hexenverfolgungen.
-
-Eine dritte, aber seltener geübte Art der Gottesurteile waren die
-Zweikämpfe zwischen der Angeklagten und ihrem Ankläger. Der
-Kraftunterschied zwischen Mann und Weib fand dadurch seinen Ausgleich,
-dass der Mann bis zum Gürtel in einer Grube stehend die Angriffe der
-mit einem enganliegenden trikotartigen Anzuge bekleideten Frau
-abzuwehren hat. In »Talhoffers Fechtbuch«, der Bilderhandschrift von
-1467 auf der Gothaischen Bibliothek, bekämpft die Frau ihren
-Widersacher mit einem Schleier, in dem sie einen vier- bis
-fünfpfündigen Stein eingebunden hat. Der Mann ist mit einer Keule
-bewehrt, ebenso lang wie der Schleier der Gegnerin. Der Kämpfer steht
-»bis an die waichin« in einer Grube, dessen Rand die Frau umkreist.
-Nach dem Apollonius vertrat mitunter einer der langen Kleiderärmel den
-Schleier.[14]
-
-[14]
-
- Diu frowe sol hie ouzen gân,
- Einen stein in der stoûchen hân
- Mit riemen drîn gepûnden
- Swaere pi drîen pfunden
- Diu stouche sol sol wesen lînîn (leinen)
- Und zweier ellen lanc sîn.
-
- (Apollonius 20446.)
-
-Dass alle Ordalien, der Zweikampf vielleicht ausgenommen, mit der
-Niederlage der Frau enden mussten, wenn alles mit rechten Dingen
-zuging, liegt auf der Hand -- soferne das schwache Geschlecht in
-seiner ererbten Schlauheit nicht Mittel und Wege gefunden hätte, den
-Herren der Schöpfung ein Schnippchen zu schlagen. Sie mogelten bei den
-wohlvorbereiteten Gottesurteilen nach Herzenslust, und lachten
-hinterher die dummen, leichtgläubigen Männer weidlich aus. An Gehilfen
-bei dem Betruge fehlte es nicht, wenn nur Geld genug vorhanden war,
-die Helfer zu erkaufen.
-
-Gottfried von Strassburg gibt im »Tristan« unumwunden den Schwindel
-zu, den die holde Isolde, seine Heldin, bei einem Gottesurteil ausübt.
-Isoldchen, bekanntlich kein Tugendspiegel, soll zur Bezeugung ihrer
-Unschuld die Feuerprobe bestehen. Sie ist, sehr gerechtfertigter
-Weise, mit Tristan, dem Neffen ihres alten Gatten, ins Gerede
-gekommen, und muss nun, um die bösen Mäuler zu stopfen und ihrem
-Gatten den Glauben an ihre eheliche Treue wiederzugeben, eine Ordalie
-bestehen. Klein-Isoldchen hat gewichtige Gründe, alle Vorsicht walten
-zu lassen, denn es ist bei ihr sehr viel faul im Staate Dänemark. Sie
-weiss sich aber zu helfen. Vor der Probe verteilt sie mit beiden
-Händen reiche Geschenke an Gold, Silber und Edelsteinen »um Gottes
-Huld«, das heisst an die die Feuerprobe leitenden Geistlichen, die
-sich solchen Gaben gegenüber nicht undankbar erweisen dürfen. Sie
-wissen die Sache so fein einzufädeln, dass die Ehebrecherin die Probe
-tadellos besteht und in ihrer »bewiesenen« Fleckenlosigkeit nun aufs
-neue nach Herzenslust sündigen kann. Sie weiss ja, dass bei einem
-neuerlichen Gottesurteil ihr die früheren Helfer wieder aus der
-Patsche helfen werden.
-
-Einen weiteren Einblick in den Gottesurteil-Schwindel gestattet das
-Gedicht eines unbekannt gebliebenen mittelhochdeutschen Dichters, das
-Hans Sachs als Vorlage für sein Fastnachtsspiel »Das heisse Eisen«
-benützte. Eine Frau zwingt ihren Mann auf Veranlassung der Gevatterin,
-»die ist sehr alt und weiss sehr viel«, seine eheliche Treue durch das
-Tragen eines »heiss Eysen« zu beweisen. Der Gatte willfahrt scheinbar
-dem Wunsche seiner Gattin.
-
- »Ja Frau, das will ich gerne thun!
- Lass die Gevatt'rin kommen nun,
- Dass sie das Eisen leg in's Feuer,
- Ich wage frisch das Abenteuer.
- Purgieren will ich mich für's Leben,
- Die Gevatterin soll Zeugniss geben.«
-
-Der Schlauberger zieht dabei verstohlen einen Holzspan aus dem Ärmel
-in die Handfläche, auf den er das Eisen derart legen kann, dass es
-nirgend mit der Haut in Berührung kommt. Natürlich besteht er die
-Probe glänzend, weshalb er, nun den Spiess umkehrend, auch seinerseits
-die Tugendprobe von seiner Frau begehrt. Winselnd sinkt diese auf die
-Knie und gesteht, in die Enge getrieben, dass sie zuerst mit dem Herrn
-Kaplan in sträflichem Verkehr gestanden, den erst #ein# Mann, dann
-wieder einer, schliesslich nach und nach ein ganzes Dutzend abgelöst
-haben. Die würdige Frau, der »St. Stockmann« als unentrinnbarer
-Schutzpatron winkt, fasst nach ihrer Beichte unversehens das
-inzwischen erkaltete Eisen an, verbrüht sich aber daran, ein Zeichen,
-dass sie noch immer nicht die ganze Wahrheit gestanden hat, und rennt
-scheltend ab.[15]
-
-[15] Hans Sachs, Ausgew. dramatische Werke, übers. v. K. Pannier, S.
-123 ff. Schimpf und Ernst v. Bruder Joh. Pauli, ibid. Nr. 108 S. 84
-ff.
-
-Das von Karls eiserner Faust zusammengeschweisste Weltreich
-zersplitterte unter seinen schwachen Nachfolgern in jenes
-Staatengemengsel, dem erst das 19. Jahrhundert ein Ende machte. Karls
-Schöpfungen teilten das Schicksal seines Staates. Nur in den Klöstern
-glimmte der von Karl angefachte Funke des Bildungsbedürfnisses unter
-den Insassen fort.
-
-Die Weltabgeschiedenheit, die von dem ewigen Einerlei gezeugte
-Langeweile liessen wohl auch manche, sonst nicht gerade wissensdurstige
-Mönche oder Nonnen zu den Büchern greifen, neben Reliquien, Messgeräten
-und Kultgewändern die kostbarsten Besitztümer der Stifte und Klöster.
-Und wohl ihnen, wenn sie Gefallen an dieser Beschäftigung fanden, die
-sie von weit sündhafterem Treiben abhielt, als es selbst die über alle
-Massen schlüpfrige Mönchslitteratur, das Singen und Abschreiben von
-weltlichen Liedern, den »winileodes«, war, das Karls Kapitular von
-789 verpönte, oder das Studium der erotischen Stücke eines Plautus
-oder Terentius und anderer die Sinne erregender klassischer
-Schriftsteller. Denn auch in dieser Epoche liess die Sittenreinheit
-der Klostergeistlichkeit schon vieles zu wünschen übrig. Durch die
-Kapitularien Kaiser Karls ist erwiesen, dass manche Nonne ein
-vagierendes Leben führte, sich rückhaltslos, sogar gegen Entlohnung,
-hingab, und etwaige Folgen dieser Liebschaften durch Verbrechen
-beseitigte.
-
-Der Wortlaut eines der zahmsten dieser Kapitularien (v. J. 802) ist
-folgender: »Die Frauenklöster sollen streng bewacht werden, die
-Nonnen dürfen nicht umherschweifen, sondern sollen mit grösstem
-Fleiss verwahrt werden, auch sollen sie nicht im Streit und Hader
-untereinander leben, und in keinem Stücke den Meisterinnen und
-Äbtissinnen ungehorsam oder zuwider handeln. Wo sie aber unter eine
-Klosterregel gestellt sind, sollen sie diese durchaus einhalten. Nicht
-der Hurerei, nicht der Völlerei, nicht der Habsucht sollen sie dienen,
-sondern auf jede Weise gerecht und nüchtern leben. Auch soll kein Mann
-in ihr Kloster eintreten u. s. w.«
-
-Ebenso verbot Karl, die Mönchsklöster in allzu bequemer Nachbarschaft
-der Nonnenklöster anzulegen -- er hatte Gründe dafür.
-
-Aber nicht nur die Nonnen aus niederem Stande setzten sich über die
-Klosterregeln hinweg, auch solche aus den höchsten Kreisen brachen ihr
-Gelübde, wenn sich Gelegenheit bot. Wiederholt finden sich in den
-Chroniken vornehme Klosterschwestern, die sich entführen lassen, oder
-der Klausur entfliehen, um zu heiraten. Wer mächtig war, durfte
-hoffen, nachträglich die Genehmigung des Ehebundes durch den Kaiser
-und durch dessen Vermittlung auch die des Papstes zu erlangen.
-»Hadburg, die erste Gemahlin König Heinrichs, war eine Nonne, um die
-er als Herzog förmlich warb, die er sich nach alter Weise im Ringe der
-Seinen vermählte, als Herrin seines Hofes feiern liess und gegen die
-Angriffe der Kirche behauptete. Herzog Miseco von Polen, durch seine
-erste Gemahlin bekehrt, erwies sein junges Christentum nach deren Tode
-dadurch, dass er um 977 eine deutsche Nonne (Oda) aus ihrem Kloster
-entführte und heiratete.«[16]
-
-[16] Gustav Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 26.
-Aufl., I. 371.
-
-Selbst in den sittenreinsten Klöstern dachte man im Zeitalter Karls
-und seiner Nachfolger sehr frei, wofür die Dramen #Roswithas von
-Gandersheim# Beweise erbringen, jener vielseitigen, hochgebildeten
-Nonne, mit der der lange Reigen der deutschen Schriftstellerinnen
-anhebt. »Der singende Mund von Gandersheim« (_clamor validus
-Gandeshemensis_) lebte und dichtete um die Mitte des 10. bis zu Anfang
-des 11. Jahrhunderts. Die Dichterin entnahm ihre Stoffe der
-Heiligengeschichte, die sie in einer dem Terenz nachgeahmten
-Form dramatisierte. Mit Vorliebe erhitzt sie ihre Phantasie an
-sinnlichen Vorwürfen, die stellenweise durch die behaglich-breite
-Detailschilderung von einer Vorurteilslosigkeit zeugt, von der sie ihr
-letzter Übersetzer trotz aller aufgewandten Mühe nicht völlig
-reinzuwaschen vermag.[17] In ihrem dritten Stücke »Die Auferweckung
-der Drusiana und des Calimachus« dringt der letztere, ein schöner
-heidnischer Jüngling, in die kaum geschlossene Gruft »und sucht in dem
-Marmorbette des Leichnams die Umarmung, welche ihm Drusiana lebend
-versagte«. Eine Schlange verhindert rechtzeitig die Leichenschändung.
--- Etwas viel auf einmal für eine schriftstellernde Himmelsbraut! In
-dem Drama »Fall und Busse Marias, der Nichte des Einsiedlers Abraham«
-führt uns Roswitha in ein Bordell; in »Die Bekehrung der Buhlerin
-Thais« schildert sie realistisch ein Freudenmädchen; im »Dulcitius«
-sollen die drei christlichen Jungfrauen Agape, Chionia und Irene wegen
-ihrer Standhaftigkeit im Glauben römischen Soldaten preisgegeben
-werden, nachdem Dulcitius vergeblich versucht hat, seine Begierden an
-ihnen zu stillen, und dieses alles und noch mehr trägt Roswitha mit
-frommem Augenaufschlag vor -- _ad majorem Dei gloriam_ --. Zur Ehre
-der Dichterin, die sich eines kraftvollen, aber barbarischen
-Mönchslateins bediente, sei angenommen, dass sie ihre Stoffe nach
-schriftlich vorliegenden Vorbildern formte, nichts Selbsterlebtes in
-ihre Darstellungen verflocht. Aber mussten nicht derartige Scenen
-selbst die reinste Phantasie mit unzüchtigen, dem Gelübde der
-Keuschheit diametral entgegenstehenden Bildern füllen und sie zu
-weiterer Ausspinnung reizen? Die müssiggängerischen Nönnchen hatten so
-unendlich viel Langeweile, wie sie oft selbst gestehen, dass sie sich
-wohl recht oft an den Dramen der Gandersheimerin ergötzt und die darin
-geschilderten Vorkommnisse recht ausführlich durchgesprochen haben
-mögen.....
-
-[17] Die Dramen der Roswitha von Gandersheim. Übersetzt und gewürdigt
-von Ottomar Pilz. Leipzig o. J.
-
-Vom 12. Jahrhundert an datiert der geistige und materielle Aufschwung
-des deutschen Volkes, das ganz allein aus sich heraus erstarkte. Der
-Handel, das Handwerk und auch die, wenn auch nur auf eine engbegrenzte
-Menschenklasse, namentlich die Klosterleute und die aus den
-Klosterschulen Hervorgegangenen sich erstreckende Bildung, hoben sich
-zusehends, erweiterten den Gesichtskreis, schufen neue Lebensformen
-und mit ihnen neue Bedürfnisse. Das altgermanische Kriegertum, die
-Freude an Fehde und Jagd, das dem Adel noch immer durch die Adern
-pulsierte, dessen Andenken die unverklungenen, Begeisterung
-anfachenden Heldensagen wachhielten, gewann eine neue, modernisierte
-Gestalt im #Rittertume#, dessen romanische Urformen bald stark
-mit echt deutschem Geist durchsetzt waren, der manchen welschen
-Firlefanz noch vergröberte, um namentlich im #Minnedienst#, einem
-Hauptbestandteile des Ritterwesens, tief unsittliche Formen zu
-schaffen, die gleich vergiftend auf beide Geschlechter wirkten,
-besonders aber den Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft, die
-Ehe, untergruben. Die, gleichviel ob real oder platonisch Geliebte
-galt alles, die eigene Frau nichts. Man schlug sein Weib, wie
-Kriemhilde klagt[18], winselte aber zu Füssen der angebeteten Herrin
-um die Gunst, die Hand oder den Fuss küssen und den Saum des Gewandes
-berühren zu dürfen. »Die Ehe des Ritters, sein Hauswesen, seine
-Kinder, seine Familiengefühle, alles holde Behagen der Heimat stand
-ganz ausserhalb der idealen Welt, in welcher er am liebsten
-lebte.«[19] Des steirischen Ritters #Ulrich von Lichtenstein#
-Donquichoterien, sein Zug als Frau Venus im Jahre 1227, in kostbare
-Frauengewänder gekleidet, das Haupt mit Schleiern umhüllt, und seine
-sonstigen Läppereien, wie das Trinken des Waschwassers seiner Huldin,
-die Operation der breiten Oberlippe, das Abhauen eines ihr zu Ehren im
-Turnier verletzten Fingers, das Mischen unter widerliche Aussätzige,
-das ihm die Laune der excentrischen Geliebten anbefiehlt, sind der
-Gipfelpunkt des sich als ritterlichen Minnedienst gehabenden
-Blödsinnes. Diese sich bis zum Wahnsinn steigernden Überspanntheiten
-der Ritter, ihre Spielereien, die bandwurmartig anwachsenden Satzungen
-umgaben schliesslich das ganze Rittertum mit einem schalen Formelkram,
-der stark an die moderne Vereinsmeierei gemahnt, der Geheimbündeleien
-des 18. Jahrhunderts gar nicht zu gedenken, denen das Rittertum
-vielfach zum Vorbilde diente.
-
-[18] Nibelungen, 903.
-
-[19] Gust. Freytag a. a. O. I. 524.
-
-[20] Scherr, Geschichte der deutschen Frauenwelt, 5. Aufl., I. 177.
-
-Das ritterliche Gehaben führte schliesslich zu einer allgemeinen
-Lüderlichkeit, die selbst dem überzeugten Romantiker Saint-Pelaye den
-Stossseufzer entlockte: »Nie sah man verderbtere Sitten, als in den
-Zeiten unserer Ritter, und nie waren die Ausschweifungen in der Liebe
-allgemeiner«.[20] Jede Modedame musste ihren Ritter haben, der ihre
-Farben trug und dem Gemahle ins Handwerk pfuschte. Liebschaften
-von Frauen aus hohem Stande mit Unebenbürtigen konnten bei
-solchen Anschauungen nicht ausbleiben. Die Strenge Herzog Rudolfs
-von Österreich, der 1361 eine Hofdame seiner Frau wegen eines
-Verhältnisses mit einem ihrer Diener ertränken liess, steht
-anscheinend vereinzelt da. Der österreichische Dichter Heinrich, der
-zwischen 1153 und 1163 seine Mahnworte an Pfaffen und Laien richtete,
-schilderte den Umgangston der ritterlichen Gesellschaft als roh. Der
-Hauptgegenstand ihrer Unterhaltung waren die Weiber. Wer sich rühmen
-konnte, die meisten verführt zu haben, galt am höchsten.[21] Der
-Ehebruch war alltäglich, wenn auch über seine Verwerflichkeit die
-damaligen Dichter einig sind. Aber es war Modesache, Ehebrecher zu
-sein, oder wenigstens als solcher zu gelten.
-
-[21] Weinhold a. a. O. I. 253.
-
- »Hat ein gutes Weib ein Mann
- Und geht zu einer andern dann,
- So gleichet er darin dem Schwein.
- Wie möcht es jemals ärger sein?
- Es lässt den klaren Bronnen
- Und legt sich in den trüben Pfuhl.
- Gar mancher hat schon so zu thun begonnen.«
-
-klagt Meister Sperrvogel.[22] Gottfried von Strassburgs unsterbliches
-»Tristan und Isolde« ist in seiner Gesamtheit eine Verherrlichung des
-Ehebruches, doch gab es, wie wir eben in dem biederben Sperrvogel
-sahen, auch Minnesänger, die gegenteiliger Meinung waren. Ein
-klarblickender deutscher Dichter des 12. Jahrhunderts gesteht es
-unumwunden ein, dass die Damen den Rittern keine Vorwürfe zu machen
-berechtigt seien, denn:
-
- »Der wiber chiusche (Keuschheit) ist entwicht
- frowen und riter
- Dine durfen nimmer gefristen
- We der ir leben bezzer si.«[23]
-
-[22] Deutscher Minnesang, übertragen v. Bruno Obermann, S. 37 ff.
-
-[23] Heinrichs »Rede von des Todes Gehügede« in Goedeckes
-»Mittelalter«, S. 187.
-
-Die Lotterei der französischen Ritter, deren Liebeshöfe oftmals in
-Orgien ausarteten, bei denen sich verlarvte Mädchen und Frauen
-schamlos preisgaben[24], fanden hin und wieder Nachahmung in
-Deutschland, wenn sie sich auch nicht so allgemein verbreiteten, wie
-in ihrem Mutterlande, wo Liebeshöfe sogar in den Klöstern eine Stätte
-fanden.
-
-[24] De la Curne de Saint-Pelaye, »Das Ritterwesen des Mittelalters«,
-deutsch von Klüber, II. 268.
-
-»Uns ist in einem lateinischem Gedicht die Schilderung eines solchen
-Hofes bewahrt, welcher in einem Kloster der Diöcese von Toul an
-heiterem Maifest gehalten wurde. Es ist -- wohlgemerkt -- nicht die
-zornige Schilderung durch einen Frommen, sondern wohlwollende
-Darstellung durch jemand, der dabei war, und der den Vorfall ganz in
-der Ordnung erachtet. Die Thüren werden verschlossen, die alten Nonnen
-abgesperrt, nur einige verschwiegene Priester zugelassen. Statt des
-Evangeliums wird von einer Nonne Ovids »Kunst zu lieben« vorgelesen,
-zwei Nonnen singen Liebeslieder. Darauf tritt die Domina in die Mitte,
-als Mai gekleidet, in einem Gewand, das ganz mit Frühlingsblumen
-besetzt ist, und sagt, Amor, der Gott aller Liebenden, habe sie
-gesandt, um das Leben der Schwestern zu prüfen. Vor die Richterin
-treten einzelne Nonnen und rühmen die Liebe zu geistlichen Herren,
-welche Geheimnisse zu bewahren verstehen; andere loben die
-Ritterliebe, aber ihre Auffassung wird von der Maigöttin höchlich
-gemissbilligt, weil die Laien nicht verschwiegen und allzu
-veränderlich sind. Zuletzt werden die Rebellinnen, welche Ritterliebe
-nicht meiden wollen, feierlich im Namen der Venus exkommuniziert unter
-allgemeinem Beifall, und alle sprechen Amen.«[25]
-
-[25] Gust. Freytag a. a. O. I. 373.
-
-Auch die Kreuzzüge trugen das ihre dazu bei, bisher unbekannt
-gebliebene Ausschweifungen aus dem Oriente nach dem Abendlande
-zu verpflanzen. Und die gezwungene Strohwitwerschaft eines Heeres
-von Frauen, deren Männer unter dem Kreuze fochten, öffnete der
-Unsittlichkeit Thür und Thor. Die Männer suchten sich allerdings
-der Treue ihrer Gattinnen durch rohe Mittel zu versichern,
-deren entwürdigendstes der sogenannte #Keuschheitsgürtel#
-(_cingula castitatis_) war. Solche Gürtel werden von den späteren
-Schriftstellern häufig erwähnt, sie kommen aber schon im 13.
-Jahrhundert vor. In der Bilderhandschrift des Bellifortis von Konrad
-Kyeser vom Jahre 1405 ist die Zeichnung eines solchen Gürtels
-enthalten; ein Modell eines dieser Instrumente befindet sich im
-Museum schlesischer Altertümer in Breslau. Es ist roh aus Eisen
-zusammengefügt, während die wirklich verwendeten aus besserem
-Material, meist aus Silber oder Gold, gearbeitet waren.
-
-Bei aller Laxheit der Moral bewahrte doch das durch viele
-Generationen vererbte deutsche Sittlichkeitsgefühl vor jenen
-allzu tollen Excessen, die in Frankreich auf der Tagesordnung waren.
-
-Man darf überhaupt im allgemeinen die Sitten der Vorzeit nicht nach
-dem heutigen Moralcodex messen. Andere Zeiten, andere Sitten!
-
-»Die damalige Generation war körperlich gesund und kräftig. Von früher
-Jugend an hatten die Männer vor allem ihre Körperkräfte ausgebildet;
-viel im Freien lebend, waren sie erstarkt; die fast ausschliesslich
-aus scharf gewürzten Fleischgerichten bestehende Kost, der Genuss von
-berauschenden Getränken brachte das Blut noch mehr in Wallung; zu viel
-Wissen beschwerte ihren Kopf nicht und mit Gewissensskrupeln wusste
-man sich abzufinden. Und ebenso vollsaftig und begehrlich sind die
-Mädchen aufgewachsen.« Die Schamhaftigkeit im modernen Sinne ist eine
-Errungenschaft der verfeinerten und verfeinernden Kultur, die vielen
-sonst geistig hochstehenden Völkern abgeht, die ebenso wie die Ahnen
-im Mittelalter in absoluter Nacktheit keinen Verstoss gegen die gute
-Sitte sehen und erst allmählich zur Moral nach westeuropäischer
-Anschauung erzogen werden müssen, denn »das Schamgefühl ist etwas
-sekundäres und zwar die Folge, nicht die Ursache der Bekleidung«.[26]
-Ist doch sogar zum Teil heute noch den hochentwickelten Japanern unser
-mit der Muttermilch eingesogenes Schicklichkeitsgefühl ein fremder
-Begriff. Was uns daher im allgemeinen höchst anstössig, im
-allergünstigsten Falle noch äusserst naiv erscheint, gehörte in der
-Vorzeit zur Alltäglichkeit, die niemandem auffiel, und in der niemand
-Übles sah. Man war von Kindsbeinen auf an den Anblick der Nacktheit
-gewöhnt -- schlief doch das ganze Mittelalter hindurch alles in
-Adamskostüm und bei den beschränkten Raumverhältnissen, meist in einer
-grossen Schlafstube die Eltern mit den Kindern, gleichviel ob Knaben
-oder Mädchen, zusammen. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet,
-erscheinen sonst anstössige Stellen in den gleichzeitigen Dichtwerken
-wesentlich gemildert, auch dann, wenn wir sie als Geschichtsquellen
-gelten lassen, was aber gemeinhin einige Vorsicht nötig macht. Die
-_licentia poetica_ wird sich nicht immer haarscharf an Thatsachen
-gehalten haben, wenn schon sie aus dem wirklichen Leben ihre Kraft
-schöpfte und allgemein herrschende Sittenzustände zur Grundlage ihrer
-Schilderungen nahm. Wenn wir daher manches Anstössige auch für
-übertrieben halten dürfen, so bleibt doch selbst nach Ausmerzung des
-zu Grassen noch genug Bedenkliches übrig, um ein fast abgerundetes
-Bild der geltenden Moral zu gewähren, das auf Authentizität Anspruch
-erheben darf. Auch die Vergleichung von Parallelstellen bei
-verschiedenen Dichtern, die sich gegenseitig nicht beeinflussen
-konnten, bestätigt die Richtigkeit vieler wie Fabeln anmutender
-Vorfälle.
-
-[26] Ed. Westermarck, »Geschichte der menschlichen Ehe«. Aus d. Engl.
-von L. Katscher und R. Grazer. 2. Aufl.
-
-Man lebte anders, man dachte anders als heutzutage, man war trotz
-aller Sittenroheit reiner im Denken, als in der Gegenwart. Der
-Sittenverfall paarte sich häufig mit einer Einfalt, die dem Mangel an
-jeglicher Prüderie entsprang. Man war derb, geradeaus, wollüstig, aber
-ohne Cynismus und Pikanterie. Es war eben eine Zeit, in der noch
-nicht, wie Hippel sagt, eine unnatürliche Mode, die man Tugend nennt,
-im Schwange war.
-
-Gawan, in Wolfram von Eschenbachs unsterblichem Parzival, wird von
-Bene, der jungfräulichen Tochter seines Gastfreundes, des Ritters
-Plippalinot, zu Bette gebracht und am Morgen beim Aufstehen
-bedient.[27] Ein gleiches Vorgehen in den Burgen ist durch zahlreiche
-weitere Belegstellen verbürgt. Man war eben naiv genug, in diesen
-Dienstleistungen nur die dem teueren Gaste erwiesene Ehrung zu sehen.
-Da sich aber Menschennatur mit ihrer Begehrlichkeit in ihren
-Grundzügen immer gleich blieb, dürfte es auch nicht immer bei der
-platonischen Dienstfertigkeit geblieben sein, was auch Wolfram
-andeutet, als er von Plippalinots Töchterlein schalkhaft versichert:
-
- »Sie hätt' ihm Minne wohl gewährt,
- Wenn Minn' er von der Maid begehrt!«
-
-[27] Parzival 552. 25 ff.
-
-Den Gast begrüsste die Burgfrau mit einem Kuss.[28] Im Nibelungenlied
-heisst Markgraf Rüdeger von Bechelaren seine Frau und Tochter die
-Gäste mit Küssen bewillkommnen.[29] Der »blôze ritter« besagt:
-
- »Sin tohter und sin vrouwen
- Hierz er in kussen ze hant.«[30]
-
-[28] Parzival 405. 15.
-
-[29] Dieffenbacher, Deutsches Leben im 12. Jahrh., 161 ff.
-
-[30] Hagen, Gesammtabenteuer, II. 129.
-
-Vom Küssen zu Handgreiflichkeiten war seit jeher nur ein kurzer Weg.
-»Das Mädchen, das sich küssen lässt, geht auch bald ins Bett«, lautet
-ein altes Sprichwort, das auch im frühen Mittelalter volle Geltung
-besass. Die Mädchen waren meistenteils gar nicht scheu, im Gegenteil,
-sie benahmen sich oftmals viel ungezwungener als die Herren. Der reine
-Thor Parzival verkriecht sich rasch im Bette, als Jungfrauen zu ihm
-ins Schlafgemach kommen:
-
- »Geschwind sprang der behende Mann
- Aufs Bette und deckte sich zu.«[31]
-
-[31] Parzival 243. 28 ff., 166. 21 ff., 167. 30. Wolfdietrich 1386.
-
-Alle waren freilich nicht so schamhaft, und es fehlte durchaus nicht
-an grobkörnigen Gesellen, denen ebenso jedes Feingefühl mangelte, wie
-den vornehmen Damen, mit denen sie es zu thun hatten. Ritter Gawan
-betritt kaum die Burg des Königs Vergulaht, dessen jungfräuliche
-Schwester Antikonie ihn mit dem Willkommenkuss empfängt, als er ihr
-schon mit handgreiflichen Zärtlichkeiten zu Leibe rückt, in welch
-löblichem Thun er nur durch den Eintritt eines Ritters unterbrochen
-wird.[32] »Diese derbsinnliche Manier, um Liebe zu werben, hat für uns
-etwas Anstössiges. Nach den Schilderungen aus der damaligen Zeit
-scheint jedoch ein derartiges Benehmen sehr natürlich gefunden worden
-zu sein«[33], denn die Frauen kamen allenthalben den Rittern auf
-halbem Wege entgegen, ja boten sich nicht selten selbst an, wie der
-Kürnberger versichert, oder wie die Tochter des Galagandreiz dem
-Lanzelot vom See in Ulrich von Zazikhofens Gedicht, die dem Liebhaber
-sogar einen goldenen Ring zum Lohne verspricht. Die tugendhafte Meliûr
-schleicht nachts zu dem ihr völlig unbekannten Partonopier, einem
-dreizehnjährigen Knaben, und »Sie wurden dô gescheiden Von ir
-magetuome«.[34] In Gottfried von Strassburgs Tristan kommt die
-Prinzessin Blancheflur zu Rivalin, um ihm ihre Jungfräulichkeit zu
-überlassen.[35] Hatte die Tochter des Burgherrn ihren Geliebten bei
-sich, war sie gutmütig genug, auch für das Gefolge ihres Liebsten zu
-sorgen und ihre Damen zu bestimmen, den Freunden ihres Galans
-Gesellschaft zu leisten. Isolde stellt es den Genossen Tristans frei,
-zwischen ihren beiden Begleiterinnen Brangane oder Gymêle zu wählen.
-Grosse Herren hatten es noch leichter, ihnen war jeder nur zu gern
-gefällig. Als der Landgraf Ludwig von Thüringen einem Tanze zusieht
-und ein besonders schönes Mädchen sein Wohlgefallen erregt, erbietet
-sich sofort einer der Anwesenden, ihm die Gunstbezeugung der Schönen
-zu verschaffen. Und wie er ein anderes Mal Verwandte besucht, wird ihm
-ein junges Weib: »Geworfen in sîn bette dar«[36]. In dieser Naivität
-findet sich vielleicht der Nachhall jener uralten, von Chaldäa
-ausgegangenen und von allen Urvölkern des Altertums geübten Sitte #der
-gastlichen Prostitution#. Der Hausherr wähnte in dem Gaste einen
-Gesandten des Himmels, dem er sein Hab und Gut zur Nutzniessung anbot,
-darunter auch seine Frau und seine Töchter. Auch die Bibel ist voll
-von Beispielen der gastlichen Prostitution bei den Hebräern, die
-vielfach den fremden Gast als Engel ansahen.[37] Wenn wir Murner
-glauben dürfen, findet sich noch im 16. Jahrhundert die gastliche
-Prostitution vor. »Es ist in dem Niderlande auch der bruch, so der
-wyrt ein lieben gast hat, daz er jm yn frow zulegt uff guten glouben.«
-In abgeschiedenen Gegenden Russlands soll sich dieser Brauch bis zum
-heutigen Tage erhalten haben.
-
-[32] Parzival 405 ff.
-
-[33] Bartsch, cit. bei Pannier, Parzival.
-
-[34] Konrad von Würzburgs »Partonopier und Meliûr«, 1227 ff.
-
-[35] Tristan, herausgegeben von Massmann, S. 33 ff.
-
-[36] Leben der heiligen Elisabeth, 3161 ff. u. 3360.
-
-[37] U. a. 1. Buch Mosis 19. 8 u. 14.
-
-Es lassen sich aus den Dichtwerken jener Übergangsperiode von
-der Dämmerung zum Morgenrot noch eine grosse Blütenlese von
-Scenen anführen, die wertvolle Fingerzeige über die geltenden
-Anstandsbegriffe geben. Noch kämpft die angestammte Roheit gegen eine
-vom Auslande eingeführte Überfeinerung, die wie ein dem knorrigen
-Stamme okuliertes Reis nur langsam mit diesem verwächst. Hand in Hand
-mit der ursprünglichen Ungeniertheit ging nun eine affektierte, dem
-innersten Wesen fremde, gesuchte und daher lächerliche Zimperlichkeit.
-Lächerlich ist es, wenn Damen sich ohne Scheu vor dem Knappen im
-Naturkostüme zeigen, aber verlangen, dass eben dieser Knappe vor ihnen
-nicht anders als mit Unterkleidern versehen erscheinen sollte, da
-irgend ein Zufall eine ärgerliche Entblössung seines Körpers im
-Gefolge haben könnte[38], wie das recht öde, aber sittengeschichtlich
-wertvolle Lehrgedicht »Der welsche Gast« empfiehlt.
-
-[38] Welsche Gast von Thomasin von Zircläre 457.
-
-»Der welsche Gast« ist seinem Inhalte nach so eine Art anticipierter
-Knigge, ein Vademekum des mittelalterlichen »Guten Tones in allen
-Lebenslagen«, das mit anderen Büchern gleichen Inhaltes, wie Winsbeke
-und Winsbekin, viel verbreitet, aber ebensowenig befolgt wurde, wie
-die geschraubten Machwerke gleicher Tendenz in unserer Zeit. Man
-lebte trotz dieser Vorschriften in jenem seltsamen Gemengsel von
-Überfeinerung und Roheit, das in seiner Bizarrerie die extremsten
-Formen zeitigte. Hier Schamhaftigkeit, die den Anblick blosser Füsse
-einer Frau zum todeswürdigen Verbrechen für beide Teile stempelte,
-dort die naivste Zurschaustellung des entblössten Körpers vor dem
-Diener und Unfreien. Hier freie Liebe, dort exaltierte Prüderie.
-
-Ein solch eigenartiges Gemisch von Rohheit und Courtoisie spricht sich
-auch in dem aus Frankreich eingewanderten Gebrauche aus, mit dem
-getragenen Hemd der Geliebten über der Rüstung in den Kampf zu ziehen
-und das zerstochene Wäschestück der Angebeteten wieder zu Füssen
-zu legen, die es zum Danke für »die Aufmerksamkeit« sofort und
-ungereinigt wieder in Gebrauch nimmt, wie dies Herzeloyde, Parzivals
-Mutter, und ihr Gatte Gamuret thun.[39] Aus dieser Sitte, die
-zweifellos bestanden hat, entwickelte sich in der Folgezeit der
-Gebrauch, dass nach der Trauung der Bräutigam das vom Körper der Braut
-noch warme Hemd anlegte und umgekehrt, wie dies im 16. Jahrhundert z.
-B. in Berlin-Cölln allgemein war. In den folgenden Säculen schrumpfte
-der Hemdenwechsel zu dem Hemdengeschenk ein; Ende des 17. und zu
-Anfang des 18. Jahrhunderts beschenkte nur noch die Verlobte den
-Bräutigam mit dem »Bräutigams-Hembde«.[40]
-
-[39] Parzival 101. 10 ff., 111. 22 ff.
-
-[40] Streckfuss, 500 Jahre Berliner Geschichte, S. 35, und Schultz,
-Alltagsleben e. d. Frau zu Anfang des 18. Jahrh., S. 109.
-
-In den Minnesängen der ritterlichen Dichter finden sich zahllose
-Gedichte, die über den empfangenen Minnelohn hoher Geliebten
-quittieren, daneben aber auch viele, die gleichzeitig lustige
-Bemerkungen über die weibliche Leichtfertigkeit nicht zu unterdrücken
-vermögen. Dann und wann zieht zur Abwechslung wieder einer der
-Zeitgenossen über die Männer her, die den Frauen die allerschlechtesten
-Beispiele gaben, so Freidank:
-
- »Wenn einen Fehltritt Fraun gethan
- Des Mannes Bitt war Schuld daran
- Auch ein Mann dasselbe thäte,
- Wenn man ihn so innig bäte«
-
-sagt er sehr richtig, schränkt aber seine Meinung wieder dahin ein:
-
- »Das Weib man immer bitten soll,
- Ihr aber stehts Versagen wohl.«
-
-Besonders schlecht ist ein elsässischer Bischof auf die Männer zu
-sprechen. Buhlerei und Ausschweifungen gelten nach ihm nicht mehr als
-Vergehen, denn die meisten Männer werten die Frau nicht höher als
-einen Becher Wein, ihr Ross, ihr Federspiel oder ihre Meute.
-
-Selbstredend gab es wie unter den Männern jener Zeit, so auch unter
-den Frauen Ausnahmen, die von unverbrüchlicher Gattentreue bis über
-das Grab hinaus, von echter Frömmigkeit und von einer Himmelssehnsucht
-zeugen, die blind gegen alles Irdische nur für das Jenseits lebte und
-die Vorbereitung für das ewige Leben als einzigen Daseinszweck
-betrachtete. Die heilige Elisabeth stand mit ihrem asketischen Leben,
-aus dem selbst das Bad als frivoles Vergnügen verbannt war, keineswegs
-vereinzelt da, ebensowenig wie jene Herrscherin, die sich selbst in
-der Ehe die Jungfräulichkeit zu bewahren wusste. Aber derartige
-Erscheinungen blieben in der Minderzahl gegenüber der allgemein
-verbreiteten Frivolität, die sich weniger auf das eben entstandene
-Bürgertum, als auf die in engster Berührung mit dem Adel lebende
-Landbevölkerung weiterverbreitete und diese auf Jahrhunderte hinaus
-verseuchte.
-
-
-
-
-Das Leben auf dem Dorfe.
-
-
-Das Leben der Bauern war während des ganzen Mittelalters hindurch eine
-ununterbrochene Kette von Misshandlungen und Verfolgungen seitens
-ihrer Herren: des Adels und des Klerus. Der Bauernstand, und nicht nur
-der leibeigene, lebte in fortwährender Knechtung, vollkommen abhängig
-von der Willkür seiner Besitzer. Nie war er davor sicher, von den
-Seinen getrennt zu werden, wenn es dem Herrn gefiel, die Frau oder die
-Kinder des Hörigen zu verschenken, zu verkaufen oder zu verpfänden. Im
-Jahre 1333 versilberte Konrad Truchsess von Urach zwei Bauernweiber
-mit ihrer Nachkommenschaft an das Kloster Lorch um drei Pfund Heller.
-Das _Jus primae noctis_ beraubte ihn der Jungfräulichkeit der Gattin,
-deren Tugend überdies alle möglichen Fährlichkeiten drohten. Ward ein
-Bauer um Geld gestraft, und dieses nicht eintreibbar, und konnte auch
-an seinem Besitztum die Strafe nicht vollstreckt werden, dann sollte,
-wie das Weistum von Wilzhut, zwischen Braunau und Salzburg, bestimmt,
-die Frau des Straffälligen geschändet werden.
-
-Dieses Weistum ist so vorsorglich, zu dekretieren, dass es dem
-Gerichtspfleger gestattet sei, falls die Frau »gefiel aber dem pfleger
-an der gestalt nicht«, er die Entehrung dem Gerichtsschreiber abtreten
-und dieser, wenn auch ihm die Ausführung nicht zusagte, sie dem
-Amtmanne »auferladen« könne. Nach wie vor waren die frischen Dirnen
-ein begehrter Artikel, um die Harems der Herren zu bevölkern. Der
-Ritter Ulrich von Berneck hielt sich nach dem Tode seiner Frau zwölf
-hübsche junge Mädchen »zur Erleichterung seiner Witwerschaft«. Kaiser
-Friedrich II. hatte seinen Harem, dem auch die Eunuchen nicht fehlten,
-in Luceria.
-
-Das einzige Vergnügen jener bemitleidenswerten, erniedrigten Menschen
-war neben Völlerei die rohe sinnliche Liebe, der sie fröhnten, wo und
-wann sich Gelegenheit dazu bot.
-
-Weit besser als die Hörigen und selbst freien Bauern Norddeutschlands
-waren die Ackerbürger im Süden Deutschlands daran, die sich ihre
-Selbständigkeit zu wahren gewusst, auf ihrem Grund und Boden nicht
-selten mit Glücksgütern reich gesegnet als eigene Herren schaltend,
-sich den Rittern gleichhielten, deren Tracht und Lebensgewohnheiten
-sie ins Dorf zu verpflanzen trachteten. Diese Nachahmung ritterlicher
-Sitten und Gebräuche verzerrte sich unter den ungehobelten
-Bauernfäusten natürlich ins Groteske, ab und zu ins Widerlich-Gemeine.
-Ein köstliches Beispiel bäuerlicher Grossmannssucht ist uns im »#Meier
-Helmbrecht#« von Wernher dem Gärtner, der ältesten deutschen
-Dorfgeschichte, entstanden im 13. Jahrhundert, überliefert. Der
-Titelheld, ein reicher Bauerssohn, den die Eltern verzärtelt, strebt
-darnach, Ritter zu werden, bringt es aber nur zum Strauchdieb, der vom
-Schicksal ereilt, geblendet, eines Fusses und einer Hand beraubt wird,
-als eben seine Schwester Gotelinde mit einem seiner Spiessgesellen
-Hochzeit hält.[1]
-
-[1] Eine in jeder Beziehung ausgezeichnete Neubearbeitung Meier
-Helmbrechts lieferte Ludwig Fulda (Hendel, Halle a. S.), deren Lektüre
-nicht warm genug empfohlen werden kann.
-
-Wie die Dorfburschen, so liebäugelten auch die Alten mit den edlen
-Herren und sahen wohlgefällig zu, wenn ein Ritter eine arme Verwandte
-einem reichen Bauerssohn als Gattin aufhalste, oder ein verarmter
-Rittersmann ein hübsches Dirnlein heimführte, um mit der Mitgift sein
-verrostetes Schild neu zu vergolden[2] -- also nichts Neues unter der
-Sonnen! Besonders den Dorfschönen stachen die noblen Herren in die
-Augen, die so ganz anders geartet waren, als die grobkörnigen
-Burschen, die so zierliche Redensarten zu drechseln wussten und mit
-Geschenken nicht geizten. Aus den Liedern der Minnesänger ist
-ersichtlich, dass die Adeligen diese gute Meinung zu nutzen verstanden
-und Abenteuern mit den drallen Dirnen keineswegs aus dem Wege gingen.
-Nidhardt von Reuenthal ergeht sich in breiten Schilderungen seiner
-Erfolge und über das Liebesleben auf dem Dorfe. In einem seiner
-Gedichte unterhalten sich Mutter und Tochter, und die Mutter meint,
-das 16jährige Töchterchen sei noch viel zu jung zur Liebe. »Ei was,«
-entgegnet diese schnippisch, »Ihr wart ja erst zwölf Jahre, als Ihr
-Euerer Jungfernschaft ledig wurdet.« »Nun so nimm meinetwegen
-Liebhaber so viel du willst.« »Das thät' ich auch gerne, wenn Ihr mir
-nicht immer die Männer vor der Nase wegfischtet. Pfui doch, hol Euch
-der Teufel! Habt doch schon einen Mann, was braucht Ihr noch andere?«
-»Pst, schweig still, Töchterlein. Minne wenig oder viel, ich will
-nichts dagegen haben, und solltest du auch ein Kindlein wiegen müssen.
-Sei aber auch verschwiegen, wenn du mich der Liebe nachgehen siehst.«
-
-[2] Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, II.^I S. 64 ff.
-
-Hermann von Sachsenheim hat im Liederbuche der Klara Hätzlerin einen
-für ihn sehr unrühmlichen Sturm auf eine Grasmagd besungen. Oswald von
-Wolkenstein weiss gleichfalls von Abenteuern mit Dörflerinnen zu
-erzählen, ebenso Tannhäuser und andere Minnesänger mehr.
-
-Die Dorfschönen fühlten sich eben durch die Bevorzugung seitens des
-Adels geehrt, und ihre Liebhaber und Gatten drückten gerne ein Auge
-zu, geradeso wie es sich etwas später die Bürger zur Ehre rechneten,
-wenn irgend ein Höhergestellter, oder gar -- _horribile dictu_ -- ein
-Adeliger, sich gnädigst herabliess, ihre Frauen zu verführen.
-Darauf deutet wenigstens die Stelle in Balthasar Voigts, Pastors
-zu Drubeck, »Ägyptischem Joseph« hin, eine »geistliche Komödie,
-sowohl in kleinen als grossen Schulen zu agieren«, ein Machwerk
-voll widerlicher Plattheiten und Schweinereien, die aber trotzdem
-von halbwüchsigen Knaben gesprochen und dargestellt wurden! In dieser
-»Schulkomödie« erzählt Medea, Potiphars Frau, von Josephs angeblichem
-Verführungsversuch:
-
- »Kein Edelmann, kein Graf im Reich,
- Die doch gewest wärn Meinesgleich,
- Haben mir Unehr zugemut't,
- Wie dieser euer Hebräer thut.
- Wär mirs geschehn #von einem Edelmann,
- Möcht ihr's euch ziehn zu Ehren an,
- Dass ihr zum Weib hätt solch Matron#,
- Welch gefiel jeder Adelsperson.«
-
-Und so etwas schrieb ein Geistlicher für die Jugend!
-
-Neben den Rittern und Knappen waren hauptsächlich die Dorfpfaffen bei
-den Frauen als Liebhaber beliebt, worauf ich noch zurückkommen muss,
-ebenso wie bei den Männern die Mägde des eigenen Hauses und die Frauen
-und Töchter der Nachbarn. Übrigens ist aus dem Schwankbuche »Peter
-Leu« ersichtlich, dass die schlauen Mägdlein schon damals die Kunst
-verstanden, irgend einem unschuldigen armen Teufel die Paternität
-aufzubrummen, die ein ganz anderer auf dem Gewissen hatte.[3]
-
-[3] Peter Leu, erneut v. Karl Pannier, 12. Kap. S. 98.
-
-Wo Verführung gang und gäbe war, fehlten auch deren Folgeerscheinungen,
-namentlich der Kindesmord, nicht. Strenge, zum Teil unmenschliche
-Strafen sollten das Übel steuern. »Kindsvertilgerin lebendig ins Grab,
-ein rohr ins maul, ein stecken durchs hertz« bestimmt beispielsweise
-das Brenngenborner Weistum von 1418. Noch grausamer waren die
-urwüchsigen Dithmarschen Bauern, welche sogar gefallene Mädchen im
-Sumpfe lebendig begruben, welches Urteil der älteste Mann der Familie
-der Verbrecherin zu vollziehen hatte.[4] Den Verführer seiner Frau und
-diese selbst konnte der Dithmarsche nach eigenem Ermessen bestrafen,
-verstümmeln, töten oder freigeben.[5] Ein Gleiches gestattete auch das
-mit grausamen Strafen sehr freigebige Berliner Stadtbuch.[6]
-
-[4] O. Beneke, Von unehrlichen Leuten, S. 168.
-
-[5] Bartels, Der Bauer in der deutschen Vergangenheit, S. 56.
-
-[6] Maximilian Rappsilber, Alt Berlin, S. 79.
-
-So frei übrigens das Bürgertum und die Bauern im grossen und ganzen
-über den Geschlechtsverkehr dachten, in einem waren sie einig: in der
-Achtung vor der Jungfräulichkeit. Darum galt ihnen die Notzucht als
-eines der todeswürdigsten Verbrechen, auf das zum Teil fürchterliche
-Strafen gesetzt wurden. Sogar die Nötigung der fahrenden Frauen -- »an
-varndeme wive« -- und an der Geliebten ahndet der Sachsenspiegel III
-art. XLVI 1 mit dem Tode. Der Schwabenspiegel verbietet nur die
-»notnunft« an »siener amîen«, der Geliebten.
-
-Die Ahndung des Verbrechens war entweder die Enthauptung, manchmal das
-Lebendbegraben, wie dies 1418 einem Krämer in Augsburg erging. Im 13.
-Jahrhundert wurde in Basel ein Geistlicher dieses Deliktes wegen
-entmannt und dann getötet. Im Frankenbergischen wurde dem
-Vergewaltiger ein spitzer Eichenpfahl aufs Herz gesetzt, den die
-Geschändete mit drei wuchtigen Hammerschlägen in den Körper treiben
-musste; so wird wohl die Todesart variiert, aber der schimpfliche Tod
-blieb überall das Los des Verbrechers.
-
-Nach diesen düsteren Bildern der »guten alten Zeit«, die gewisse
-dichterisch veranlagte Romantiker gerne als Vorbild für unsere
-verderbte Epoche aufzustellen belieben, wieder zu etwas Heiterem.
-
-Am lustigsten ging es im Dorfe natürlich bei den seltenen
-Festlichkeiten, an hohen Feiertagen und bei den Kirchweihen zu, wo man
-sich im Essen, Trinken, Lieben und Raufen nicht genug zu thun wusste.
-
-Die Hochzeiten begüterter Dörfler zählten gleichfalls als
-Festlichkeiten, zu denen die Verwandten und Freunde oft von weither
-kamen, um sich vergnügte Tage zu machen. Drei detaillierte
-Schilderungen solcher bäuerlicher Hochzeitfeiern sind auf uns
-gekommen, die hier auszüglich mitgeteilt sein mögen. Das erste dieser
-Gedichte, »Von Metzen hochzit«, entstammt dem Anfang des 14.
-Jahrhunderts. Der junge Meier Börschi (Bartholomeus) will seine
-Geliebte Metzi heiraten. Am Montag früh versprechen sie sich, und da
-die beiderseitige Mitgift das Paar zufrieden stellt, wird am Abend
-desselben Tages die Hochzeit mit einem solennen Hochzeitsmahle
-gefeiert, bei dem es hoch hergeht und alle vollgetrunken sind, als man
-das Brautpaar zu Bett bringt. Die Braut schreit, weint und sträubt
-sich erst gegen das Auskleiden, wie es die Gepflogenheit verlangt. Am
-Morgen wird dem jungen Ehepaare das Essen ans Bett gebracht, worauf
-sich Metzi unter dem Jubel der Bauern bei Zwerchpfeifen- und
-Trommelklang anzieht, um in die Kirche zur Trauung zu ziehen.
-
-Das Gedicht der oft erwähnten Klara Hätzlerin »von meyer Betzen« lehnt
-sich ziemlich eng an »Metzis Hochzeit« an, nur dass Metzi mit einer
-fürchterlichen Schlägerei, hingegen das Poem der Hätzlerin mit der
-saftigen, aber witzigen Beschreibung der Brautnacht also endet:
-
- »Da führt man Pezen (den Bräutigam) auf die Fahrt
- Und stellt ihn zu dem Brautbett.
- Zwei grosse Pantoffel er an hätt'.
- Als man ihm nun die Mezen (seine Braut) gebracht,
- Sprang er fröhlich ins Bett und lacht.
- Alsbald er sie mit dem Arm umfing,
- Darauf Alles aus der Kammer ging.
- Pez sprach: ›Hätt' ich ein Licht
- Glaub mir, ich unterliess es nicht
- Ich macht aus dir ein Eheweib‹
- Beteuerte er bei seinem Leib.
- ›Dass doch nur der Mond jetzt schien,
- Dann liess ich dich nicht also hin.‹
- Mez sprach: ›Du volle Kuh,
- Was soll dir denn ein Licht dazu?
- Min's Vaters Knecht der Upelpracht,
- Konnt' es sogar um Mitternacht!‹«
-
-Heinrich von Wittenweiler führte im 15. Jahrhundert die Erzählung von
-Metzens Hochzeit in breiter Weise weiter aus, sie durch viele Zusätze
-modernisierend und vergemeinernd.[7]
-
-[7] Herausgegeben von Ludw. Bechstein.
-
-Der Held ist Bertschi Triefnas, der in dem Dorfe Lappenhausen wie ein
-Pfau herumstolzierte und sich als Junker anreden liess. Er liebt
-Mäczli Rürenzumph, der zu Ehren er mit seinen Genossen turniert, der
-er Ständchen bringt, die er im Kuhstalle erfolglos zu bezwingen sucht,
-und bei der er durchs Dach bricht, als er sie in ihrer Kammer
-belauschen will. Da alles dies ihm Mäczli nicht geneigter macht, lässt
-er sich von dem Dorfschreiber einen Liebesbrief schreiben, den dieser
-an einen Stein bindet und Mäczli zuwirft, wodurch er sie am Kopfe
-verwundet. Der Brief wird gefunden und Mäczli ruft ihrem Vater zu, um
-dessen Grimm zu entwaffnen, sie blute am Kopfe und müsse zum Arzte
-gebracht werden. Das Gefolge teilnehmender Freunde und Nachbarn weist
-der Arzt hinaus, worauf ihn Mäczli bittet, ihr den erhaltenen Brief
-vorzulesen. Er thut es, erpresst aber von ihr durch die Drohung, den
-Inhalt dem Vater mitzuteilen, eine Liebkosung, gibt ihr aber zugleich
-Rat, wie sie dessen Folgen vertuschen soll. Darauf setzt er ihr einen
-floskelreichen Liebesbrief auf, der einer Kupplerin zur Übergabe an
-Bärtschi ausgehändigt wird. Nachdem sich dieser den Brief vorlesen
-liess, beruft er seine Freunde und Verwandten, um mit ihnen seine
-Heirat zu beraten. Man spricht für und wider, bis endlich alle einig
-sind. Sofort machen sich zwei der Freunde auf, Bärtschis Werbung bei
-dem Brautvater vorzubringen, der sie günstig aufnimmt und nach einigen
-Formalitäten seine Einwilligung gibt, wovon man den Freier
-benachrichtigt. Mäczli fällt bei der Nachricht von Bärtschis Werbung
-in Ohnmacht, kommt aber gleich wieder zu sich und lässt sich von den
-Freundinnen schön machen und in die Versammlung führen, wo sie sich
-erst »mit füssen und elnpogen« wehrt, ehe sie ihr Jawort gibt. Mäczli
-empfängt von ihrem Galan einen kleinen verzinnten Ring mit einem
-Saphir aus Glas und ein weiteres Kleinod mit zwei Perlen aus
-Fischaugen. Die Angehörigen verlassen nun das Haus, nicht ohne vorher
-dem jungen Ehemanne Haar und Bart zerzaust zu haben, um bei den
-Anstalten zur Hochzeit nicht im Wege zu sein. Gäste werden eingeladen
-und kommen »geritten auf eseln und auf schlitten«. Am Festtage
-verkündet der Pfarrer in der Kirche den Vollzug der Ehe, worauf man
-sich in des jungen Ehemanns Haus begibt, um erst die Brautgaben zu
-empfangen, ehe man mit dem überreichen Mahle beginnt, nach dem man
-sich im Tanze belustigte.
-
- »Die Mägdlein waren also rüg
- Und sprangen her so ungefüg,
- Dass man ihnen oft, ich weiss nit wie,
- Hinauf konnt seh'n bis an die Knie.
- Hildens Brustlatz war zu weit,
- Darum ihr zur selben Zeit
- Das Brüstlein aus dem Busen sprang.«
-
-Das Ende mit Schrecken ist Prügelei mit Mord und Totschlag.
-
-In der Brautnacht wird dem Pärchen eine Stärkung gereicht, nicht so
-der anderen Weiblichkeit, die, die günstige Gelegenheit benützend,
-gleichfalls die Nacht mit ihren Liebhabern verbringt. Am nächsten Tag
-setzt die Hochzeit wieder ein und endet mit einer wahren Schlacht, bei
-der die Obrigkeit einschreiten muss.
-
-Die freie Denkungsart des Mittelalters in geschlechtlichen Dingen
-hielt sich nicht an den heute gang und gäben Standpunkt, dass nur der
-Mann allein seinen sinnlichen Bedürfnissen Rechnung tragen dürfe, die
-Frau aber den einmal geweckten Naturtrieb zu unterdrücken habe. War
-die Vorzeit auch intolerant gegen Fehltritte von Mädchen, so erkannte
-sie der Frau das Recht zu, von ihrem Manne die Leistung der ehelichen
-Pflicht voll und ganz beanspruchen zu dürfen. Luthers Ansicht: »Ein
-Weib, wo nicht die hohe seltsame Gnade da ist, kann eines Mannes
-ebensowenig entraten als essen, schlafen, trinken und andere
-natürliche Notdurft«, die er oft und in verschiedenen Varianten
-verficht, war ganz die seines Zeitalters, was schon daraus hervorgeht,
-dass sogar gesetzliche Bestimmungen der Frau ihr durch die Heirat
-erworbenes Recht in für den betreffenden Gatten tragikomischen
-Bestimmungen zu wahren suchen.
-
-Diese Gesetze vertreten ganz Luthers Standpunkt, der in seinem Traktat
-»Vom ehelichen Leben« erklärt: »Wenn ein tüchtig Weib zur Ehe einen
-untüchtigen Mann überkäme und könnte doch keinen anderen öffentlich
-nehmen und wollte auch nicht gern wider Ehre thun, soll sie zu ihrem
-Mann also sagen: Siehe, lieber Mann, du kannst mein nicht schuldig
-werden, und hast mich und meinen jungen Leib betrogen, dazu in Gefahr
-der Ehre und Seligkeit bracht, und ist für Gott keine Ehe zwischen uns
-beiden, vergönne mir, dass ich mit deinem Bruder oder nächsten Freund
-eine heimliche Ehe habe und du den Namen habst, auf dass dein Gut
-nicht an fremde Erben komme, und lass dich wiederum williglich
-betrügen durch mich, wie du mich ohne deinen Willen betrogen hast.«
-Der Mann, führt Luther[8] weiter aus, hat die Pflicht, die Bitte zu
-erhören; will er nicht, so darf er nicht böse sein, wenn die Frau von
-ihm läuft.[9]
-
-[8] Jena 1522 II. 146.
-
-[9] Dr. Karl Hagen, Deutschlands literarische und religiöse
-Verhältnisse im Reformationszeitalter, S. 234.
-
-Am weitschweifigsten ergehen sich die westfälischen Weistümer über
-diese auch heute noch brennende Frage. Sie erkennen in erster Linie
-dem Nachbarn des untauglichen Ehemannes das erste Recht auf
-Stellvertretung zu, dann jedem X-beliebigen. Das Beuker Heidenrecht
-(III 42) besagt wie folgt: »Item so erkenne ich auch für Recht, so ein
-guter Mann ihr Frauenrecht nicht vollziehen könne, dass sie darüber
-klagt, so soll er sie aufnehmen und tragen über sieben Zäune und
-bitten seinen nächsten Nachbarn, dass er seiner Frau helfe; wenn ihr
-geholfen ist, soll er sie wieder nehmen, sie wieder tragen nach Haus
-und setzen sie sacht nieder und ihr ein gebratenes Huhn und eine Kanne
-Wein vorstellen.« In der Landfeste von Hattingen hat dieser Gebrauch
-gleichfalls Platz gefunden: »Da ein Mann wäre, der seinem rechten
-Weibe ihr frauliches Recht nicht thun könne, so soll er sie sachte auf
-den Rücken nehmen und tragen über neun Zäune und setze sie dort
-vorsichtig nieder, ohne Stossen, Schlagen, Werfen und ohne bösen
-Worte, rufe alsdann seine Nachbarn an, dass sie ihm seines Weibes Not
-wehren helfen. Und wenn dann seine Nachbarn das nicht thun wollen oder
-können, so soll er sie senden auf die nächste Kirchweih in der Nähe,
-und dass sie dort »sich seuverlich zumache und zehrung habe, hänge er
-ihr einen mit Geld bespickten Beutel auf die Seite. Kommt sie von
-dorther wieder ungeholfen, #dann helfe ihr der Teufel#!«
-
-Nach dem Bochumer Landrechte (III. 70) genügt ein Teufel nicht mehr.
-Hat der Mann die Frau über die Zäune getragen, dort fünf Stunden lang
-um Hilfe gerufen, sie im neuen Kleid mit Geld versehen auf einen
-Jahrmarkt geschickt, ohne dass sich ihr Wunsch erfüllte, dann mögen
-ihr »thausend düffel« helfen.[10]
-
-[10] Alwin Schultz, Deutsches Leben im XIV. und XV. Jahrh., S. 159.
-
-War die Frau ansehnlich, dann bedurfte es solcher Gewaltmassregeln
-kaum, sie fand unter der Dorfjugend leicht einen Liebhaber, und
-verhielt sich diese spröde, dann war noch immer der Herr Geistliche
-da.
-
-Denn wenn auch die Geistlichkeit gegen die Unzucht von der Kanzel
-herab Zeter und Mordio predigte, so war sie während ihrer unendlich
-vielen Freizeit eine ewig dräuende Gefahr für den schöneren Teil ihrer
-Pfarrkinder.
-
- »Die Sünden, die begehn allein
- Die Pfaffen, sind die Weibelein«
-
-sagt der Freidank in seiner Bibel des Mittelalters, in der
-»Bescheidenheit«, indem er den Klerikern ins Gewissen zu reden sucht
-und ihnen zürnend zuruft:
-
- »Ein jeder Priester meiden soll
- Mess oder Weib; das stehet wohl:
- Das Haus bedarf der Reinheit wohl,
- Darein Gott selber kommen soll.«[11]
-
-[11] Freidank a. a. O., Aus dem Mittelhochdeutschen von K. Pannier, S.
-24 ff.
-
-Auch Walter von der Vogelweide meint: »Die Pfaffen sollten keuscher
-leben als die Laien«, sie thaten es aber so selten, dass die Bauern
-froh waren, wenn ihre Seelenhirten Beischläferinnen besassen. Die
-kernigen Friesen duldeten keine Priester ohne Konkubinen in ihrer
-Mitte: »Se gedulden ock geene Preesteren, sunder eheliche Fruwen, op
-dat se ander lute bedde nicht beflecken, wente sy meinen, dat idt nich
-mogelygk sy, und baven die Natur, dat sick ein mensche ontholden
-konne«.[12]
-
-[12] Corvin, Pfaffenspiegel, V. Aufl. S. 303.
-
-Mit anerkennenswerter Offenheit äussert sich ein Manuskript-Fragment
-aus dem 13. Jahrhundert »_de rebus Alsaticis_«: »Um das Jahr 1200
-hatten auch die Priester allgemeine Beischläferinnen, weil gewöhnlich
-die Bauern sie selbst dazu antrieben. Diese sagten nämlich: Enthaltsam
-wird der Priester nicht sein können, es ist darum besser, dass er ein
-Weib für sich hat, als dass er mit den Weibern aller sich zu schaffen
-macht.« Welche Gefahr dieses Beackern fremder Felder darstellte,
-beweist nach der eben citierten Quelle ein Herr Heinrich Bischof von
-Basel (1215-38), der bei seinem Tode 20 vaterlose Kinder ihren Müttern
-hinterliess. Ein Bischof von Lüttich, den das Konzil von Lyon
-absetzte, besass gar 61 Sprösslinge. Nach Caesarius von Heisterbach
-scheute mancher Pfaffe selbst nicht davor zurück, mit Jüdinnen
-Verhältnisse einzugehen, im Mittelalter eine Todsünde, doppelt
-sündhaft für einen Geistlichen.
-
-Offen und ungescheut unterhielten die meisten Geistlichen ihre
-Pfarrersköchinnen bis zur Reformation, die sich diese Achillesferse
-der Gegenpartei nicht entgehen liess und eine ganze Litteratur wider
-die Pfaffenbuhlerinnen zeitigte. Die »_Epistolae virorum obscurorum_«
-und Ulrich von Huttens Gesprächbüchlein sind köstliche Blüten dieser
-Kampfschriften; namentlich das erstgenannte Buch übergiesst die
-Pfarrerdirnen und ihre Liebhaber mit ätzender Satire. Aber auch die
-katholische Litteratur bemächtigte sich von altersher des dankbaren
-Stoffes, um ihr Mütchen an den Pfaffendirnen zu kühlen, sei es in
-ernst mahnender, sei es in derb-komischer Manier. Der »#Pfarrer von
-Kahlenberg#« weiss durch die hübsche Beischläferin seines Bischofs
-sich manchen Vorteil zu erschleichen. So liegt er einmal unter dem
-Bette, während der Bischof seiner Liebsten »die Kapelle weiht«.[13] Da
-dieser Eulenspiegel im Priesterkleide den Befehl erhielt,
-Bedienerinnen zu haben, die 40 Jahre zählen, so nimmt er sich zwei von
-je 20 Jahren. Im Till Eulenspiegel und den anderen Schwankbüchern des
-Mittelalters gehört der verbuhlte Pfaffe zu den stereotypen Figuren,
-die es meisterlich verstehen, die Gatten und Väter zu hintergehen.
-Manchmal misslang allerdings das Vorhaben, dann empfingen sie eine
-Tracht Prügel, wurden sogar manchmal erschlagen. Doch auch an ernsten
-Stimmen über das pfäffische Treiben fehlt es nicht. Thomas Murner,
-dessen Geissel auch seine eigenen Standesgenossen nicht verschont,
-wenn es gilt, der Menschheit ihre Laster vorzuhalten, ironisiert im
-»Narrenspiegel«:[14]
-
-[13] »Der Pfarrer von Kahlenberg.« Ein Schwankgedicht. Erneut von Karl
-Pannier, Leipzig, S. 36.
-
-[14] 19. 86.
-
- »Dann hör' ich eurer Köchin Beicht',
- Und ihr thut's meiner auch vielleicht
- Und thut, wie unser Vorfahr that,
- Der von der Höll' uns alle hat
- Befreit, uns thät vor Tod bewahren,
- Dass wir nicht brauchen hineinzufahren.
- Jedoch, sobald ihr wolltet schnurren
- Und wider unsre Freiheit murren,
- Aus meiner Pfarr', aus meinem Haus
- Meine liebe Köchin treiben aus,
- Mit der ich alle Kurzweil' treib',
- Die mir auch wärmet meinen Leib,
- Die wohl schon zwanzig ganze Jahre
- Mir hat gekräuselt meine Haare --
- Das würde dir nicht schlecht vergolten.
- Denn bald die Bauern wissen sollten,
- Bald sagt' ich ihnen frohe Märe,
- Dass nirgends eine Hölle wäre.«
-
-Dann weiter:
-
- »Jeder hat eine Dienerin,
- Die tag und nacht bischlaft im.«
-
-Die Herren Geistlichen waren Epikureer, die dem Sprichworte huldigten:
-»Es ist kein feyner leben auf erden, denn gewisse Zinss haben von
-seinem Lehen, eyn Hürlein daneben und unserem Herre Gott gedienet.«
-
-Die Pfarrer durften sich ungestört ihrer wilden Ehe hingeben, wenn sie
-ihre Oberen nur dafür bezahlten. Aus diesem Sündengeld zogen viele
-Bischöfe grosse Summen. »Es war ein mal ein priester, der gab alle iar
-dem fischgal (Fiskal) fier guldin, dass er im die Kellerin in ruwen
-(Ruhe) liess«[15], eine stattliche Summe, die ein Erkleckliches
-ausmachte, wenn eine grössere Anzahl von Priestern aus einer Diözese
-den gleichen Betrag erlegen musste. Heinrich von Hewen, um die Mitte
-des 15. Jahrhunderts Bischof von Konstanz, selbst ein üppiger Herr,
-gewann aus den Konkubinen-Abgaben seiner Geistlichen eine jährliche
-Einnahme von 2000 Gulden. Das ärgerliche Leben der Geistlichkeit
-verlockte sogar die abergläubische Menge, ihnen die Schuld an
-Epidemien und schweren Erkrankungen ihrer Beichtkinder, besonders an
-der Epilepsie, zuzuschieben. »Da ward darnach von etlichen also
-gedeutet, als sollten diese Leute nicht recht getaufft, oder doch ihre
-Tauffe nicht krefftig sein, weil sie die von solchen pfaffen
-empfangen, die da unverschampt, mit unzüchtigen Huren in öffentlicher
-Unehe bey einander lebten, darüber das gemeine Volk bald ein aufstehen
-gemacht, und alle pfaffen zu todt geschlagen hette.«[16]
-
-[15] Schimpf und ernst v. Bruder Johannes Pauli, Strassburg 1522.
-
-[16] Cyr. Spangenberg, Adels Spiegel. Historischer ausf. Bericht: Was
-Adel sey und heisse etc. Schmalkalden 1591. fol. 403 b ff.
-
-Neben der Liebe vergassen auch viele Geistliche nicht, weltliche Güter
-zu eigenem und zum Nutzen ihrer Klöster zu ergattern. Junge, hübsche
-und reiche Witwen und Waisen waren ein gesuchter Artikel für Laien und
-Priester. »Darnach sind etliche (Geistliche),« äussert sich Geiler von
-Kaisersberg, »die wittwen und weyssen heymsuchend. Warumb? Darumb: Sy
-begerend sye zuo verfueren, uff dass sye ires leibes und guotes gantz
-gewaltig werdend.«[17]
-
-[17] Seelenparadies, fol. 147 a.
-
-Ausser ihren Beichtkindern und ihren Wirtschafterinnen standen
-übrigens der höheren Geistlichkeit die ihnen subordinierten Klöster
-für galante Abenteuer zur Verfügung, worüber schon in früher Zeit
-viele Klagen laut wurden, deren Berechtigung auch Karl der Grosse
-durch einige seiner Kapitularien anerkannte.
-
-
-
-
-Die Klöster.
-
-
-Ebenso unkeusch wie die Seelsorger in Dorf und Stadt waren die
-Insassen der Klöster, gleichviel ob Mönche oder Nonnen. Namentlich die
-Nonnenklöster standen vielfach in denkbar schlechtestem Rufe, so dass
-Geiler von Kaisersberg sagen durfte: »Ich weiss nicht, welches schier
-das best wer, ein tochter in ein semlich closter thuon oder in ein
-frawenhauss. Wann warumb? ym closter ist sie ein huor ....« Ein hartes
-Urteil eines Geistlichen über seinesgleichen, dem umsoweniger die
-Berechtigung abgesprochen werden darf, als es keineswegs vereinzelt
-dasteht. Sebastian Brant meint im Narrenschiff:
-
- »Solch Klosterkatzen sind gar geil,
- Das schafft, man bind sie nicht an seil«,[1]
-
-das heisst, dass sie keine Aufsicht haben.
-
-[1] Narrenschiff, LXXIII. Vom geistlich werden.
-
-Die Abgeschlossenheit der Klöster eignete sich vorzüglich dazu,
-Geheimnisse der Aussenwelt zu verbergen und sich unter dem Schutze der
-Klausur der ausgelassensten Wollust hinzugeben.
-
-Es sind grauenvolle Thatsachen aus dem mittelalterlichen Klosterleben
-überliefert. Das Kloster Gnadenzell auf der schwäbischen Alp gelangte
-schon frühzeitig zu trauriger Berühmtheit. Einer der Schirmherren des
-Klosters, Herzog Julius von Braunschweig, liess die Äbtissin, eine
-geborene von Warberg, 1587 lebendig begraben, weil sie sich mit dem
-Stiftsverwalter zu tief eingelassen hatte.[2] Die früheren Aufseher
-dieses Klosters waren weniger streng. Sie liessen es geschehen, dass
-es darin schlimmer als in einem Bordelle zuging und die Nonnen Tag und
-Nacht für wohlhabende Gäste zur Verfügung standen. Von diesen Nonnen
-ging die Priamel aus:
-
-[2] Corvin a. a. O. 327.
-
- »Ein boehmisch moench und schwaebisch nonn
- Ablass, den die Kartheuser hon,
- Ein polnisch brueck und wendisch treu
- Huener zu stehlen, Zigeuner reu
- Der Welschen Andacht, Spanier eid
- Der Deutschen fasten, Koellnisch maid
- Eine schoene tochter ungezogen
- Ein roter bart und erlenbogen,
- Fuer diese dreizehn noch so viel,
- Gibt niemand gern ein pappenstiel.«[3]
-
-[3] Adelbert von Keller, »Alte gute Schwänke«, S. 76.
-
-Sebastian Franck drückt sich in seinen Sprüchwörtern kürzer dahin aus:
-»Ein polnisch bruck, ein bemischer mönch, ein schwebisch nonn, ein
-oesterrychischer Kriegsmann, wälche andacht und der tütschen fasten
-geltend ein bonen« -- d. h. sind keine Bohne wert. Im gleichen Rufe
-wie Gnadenzell standen das Frauenkloster zu Kirchheim unter Teck, in
-dem Graf Eberhard der Jüngere von Württemberg mit seinen Zech- und
-Waidkumpanen die tollsten Orgien feierte, und Söflingen bei Ulm. Als
-das Gerede über das Treiben der Söflinger Nonnen zu arg wurde, sah
-sich die geistliche Obrigkeit endlich veranlasst, eine Visitation des
-Klosters vorzunehmen. Gerne that es der Bischof Gaimbus von Kastell ja
-nicht, denn er fürchtete mit Recht einen Skandal. Aber was er fand,
-übertraf seine höchsten Befürchtungen und war selbst für den guten
-Magen des Kirchenfürsten zu viel. Ganz entrüstet berichtet er unter
-dem 20. Juni 1484 an den Papst von den Nachschlüsseln, den Briefen
-höchst unzüchtigen Inhalts und den üppigen Kleidern, die er in den
-Klosterzellen entdeckt hatte. Das ihm Peinlichste aber war, dass fast
-alle Nonnen -- in gesegneten Umständen angetroffen worden waren.[4]
-Die Zimmersche Chronik lässt sich über das Kloster zu Oberndorf im
-Thal wie folgt aus: »Es haben sich bis vierundzwanzig Klosterfrauen,
-meistenteils von Adel, darin aufgehalten, die keinen Mangel litten,
-wie man spricht, sondern im Überfluss lebten. Was für gutes Leben,
-sofern man das als gutes Leben achtet, in diesem Kloster war, ist
-daraus zu ersehen, dass viel Adel vom Schwarzwald und vom Neckar in
-diesem Kloster eingekehrt -- den ufritt gehapt --, so dass es damals
-mit mehr Recht des Adels »hurhaus« als des Adels »spittal« wäre
-genannt worden. Besonders haben die von Ow, Rosenfeldt, Brandegk,
-Stain, Neuneck viel Geld darin verthan, und hat diese Hochschule der
-Wollust Ehebrecher und Väter unehelicher Kinder geschaffen. Damit
-genug. Einmal sind viele vom Adel und gute Gesellen im Kloster
-gewesen, die haben Abendtanz sehr spät gehalten. Da hat es sich von
-ungefähr begeben, dass während des Tanzes plötzlich die Lichter
-verlöschten. Da entstand ein »wunderbarliches blaterspill«, indem sich
-jeder Mann ein Nönnlein nahm. Die Thüren waren verhängt und kein
-brennend Licht sollte in den Saal kommen. Und gleichwohl niemand von
-der Dunkelheit verschont blieb, so hatte doch keiner Grund zu klagen,
-ausser einem Edelmann, dem ein »widerwertiger casus begegnet«. In der
-Furcht, es werde unversehens ein Licht gebracht, schrie er: »Liebe
-Freunde, eilet nicht, lassts noch einmal herumgehen -- ich habe meine
-Schwester erwischt!«[5] In demselben Kapitel der eben citierten
-Chronik finden sich noch weitere Skandalosa von Nonnen und Mönchen,
-auch Liebesabenteuer des erbitterten, viel verlästerten Gegners der
-Reformation, Thomas Murner, des Franziskanermönches, des strengen
-Sittenpredigers, der vielleicht, wenn sich gerade mal eine günstige
-Gelegenheit bot, auch ganz gerne einen Seitensprung machte, was dann
-seinen vielen Feinden willkommenen Anlass bot, ihn ebenso abzukanzeln,
-wie sie es von ihm gewohnt waren. Er hatte ein loses Maul, das
-ebensogut schimpfen, wie im beissenden Spott arge Wunden verursachen
-konnte:
-
-[4] Jäger, Schwäbisches Städtewesen, I. 501.
-
-[5] Zimmerische Chronik, III. 69.
-
- »Wer die meisten Kinder macht,
- Wird als Aebtissin geacht«
-
-sagt er in Bezug auf gewisse Klöster. In anderen allerdings galt
-wieder der Bibelspruch: »Selig sind die Unfruchtbaren«, den die
-Notwendigkeit diktierte, da es nicht leicht war, die Folgen der
-Verirrungen der Nonnen zu verbergen, denn nicht überall war es
-möglich, die Kinder kurzerhand zu töten, wie im Kloster Mariakron, bei
-dessen Abbruch man »in den heimlichen Gemächern und sonst --
-Kinderköpfe, auch ganze Körperlein versteckt und vergraben« fand. Der
-Bischof Ulrich von Augsburg erzählt die schier unglaublich klingende
-Thatsache, dass unter Papst Gregor I. aus einem Klosterteiche
-#sechstausend# Kinderköpfe herausgefischt wurden.[6]
-
-[6] Corvin a. a. O. S. 361.
-
-Die Mönchsklöster waren um kein Haar besser, als die Klöster mit
-frommen Schwestern. Die Mönche hatten es auch viel leichter als die
-Nonnen, da sie sich ihren Passionen überlassen durften, ohne
-auffällige Folgen befürchten zu müssen. Die Angehörigen jener Orden,
-welche terminierend, besser gesagt bettelnd, von Ort zu Ort zogen, um
-ihre Beute mit den Brüdern im Kloster zu verzehren, fanden an frommen
-Bäuerinnen Seelenbräute, die sich gerne von den Herren Patres
-erlustigen liessen. Auch die Nonnenklöster, die ihnen Obdach
-gewährten, bewillkommten sie als gern gesehene Gäste, die im wahren
-Sinne des Wortes mit offenen Armen aufgenommen wurden. Doch nicht
-genug, dass die Cölibatäre der ihnen verbotenen Frauenliebe huldigten,
-noch andere, weit schändlichere Laster fanden in und durch die Klöster
-Verbreitung. 1232 forderte Gregor IX. die Predigermönche auf, in
-Österreich das Laster der Sodomie auszurotten und die Sünder als
-Ketzer zu behandeln. Berthold von Regensburg predigte gegen die
-»stumme, diu rôte sünde. Pfech, pfech (Pfui, pfui)«, doch mit geringem
-Erfolg, denn die Homosexualität war aus den Klöstern nicht zu bannen.
-»1409 wurden am Samstag den 2. März zu Augsburg vier Priester, Jörg
-Wattenlech, Ulrich der Frey, Jakob der Kiss und Hans Pfarrer zu
-Gersthofen wegen Sodomie in einem ›Fagelhaus‹ am Perlachturm
-angeschmiedet, leben noch am folgenden Freitag und verhungern dann.«
-Einen beteiligten Laien, den Lederer Hans Gossenloher, trifft die
-Strafe der Ketzer; er wird verbrannt.[7] Der Strassburger Domprediger,
-der schon wiederholt angeführte Geiler von Kaisersberg, predigt seinen
-Standesgenossen: »Da hast du dich versündigt mit öffentlichen Dirnen,
-Jungfrauen betrogen, Ehefrauen be........, Witwen geschändet, mit
-deinen Freunden zu thun gehabt, da mit deinem Gevatter, da mit deinem
-Beichtvater, da mit deiner Beichttochter. Ich will schweigen der
-Unzucht, mit der du die Ehe gebrochen, ich will auch schweigen der
-Unzucht, darum man dich verbrennen sollte.«[8] Und wenn dies ein Mönch
-sagt, der seinesgleichen genau kennt, ist jeder Zweifel daran von
-Übel. Wie genau Geiler Bescheid weiss, geht aus dem von ihm wiederholt
-angeführten Sprichwort hervor: »Willst du haben dein Haus sauber, so
-hüte dich vor Pfaffen, Mönchen und Tauben, Diener, Vettern,
-Laienbrüdern (blotzbruder) und Aerzten.« Die Geistlichkeit, die durch
-ihr Beispiel veredelnd auf die Laien hätte einwirken sollen, musste
-durch ihr Betragen nicht nur an Achtung, sondern auch an Einfluss auf
-die breiten Massen des Volkes einbüssen, wodurch sich erklärt, dass
-die Reformation beinahe von Anbeginn an ihren beispiellosen Erfolg zu
-verzeichnen hatte. Und nicht nur die Laien allein, sondern auch
-einsichtsvolle Männer aus dem Stande selbst sahen ein, dass sich eine
-gründliche Reinigung des priesterlichen Augiasstalls unabweisbar
-machte, sollte nicht der morsch gewordene Bau der römisch-katholischen
-Kirche jäh in sich zusammenbrechen. Geiler von Kaisersberg gesteht
-offen ein, dass jeder, der ein faules Leben führen und ungehindert
-seinen Begierden frönen wollte, sich mit der Kutte bekleidete. War
-doch die Gründungsursache der meisten Klöster keineswegs Frömmigkeit,
-sondern nichts weiter als purer Eigennutz, der darauf ausging,
-Sinekuren zu schaffen. »Man irrt sehr, wenn man sich vorbildet, alle
-Klosterstiftungen im Mittelalter seien aus purer Frömmigkeit und ohne
-Beimischung politischer und häuslicher Zwecke geschehen. Bei weitem
-hatten die meisten Stifter dabei die Absicht, zugleich für ihr Haus zu
-sorgen und bei zahlreicher Familie dort für einige ihrer Kinder --
-eheliche und Nebensprösslinge -- eine ständige Unterkunft anzulegen,
-zumal da solche Klöster dergleichen Kinder des Geschlechts des
-Stifters ohne, oder nur gegen äusserst geringe, Mitgift aufzunehmen
-verbunden waren. Man fand daher in dergleichen Stiftungen das
-erspriesslichste Mittel, beide Zwecke zugleich zu erreichen; sich
-einesteils den Himmel zu verschaffen und andernteils sich drückender
-Familienbürden zu entledigen. Auch ohne Stifter zu sein, hatten grosse
-Klosterwohlthäter nicht selten den nämlichen Zweck, und so wusch denn
-auch hier gewöhnlich eine Hand die andere rein«, sagt Bodmann in
-seinen 1819 erschienenen »Rheingauischen Alterthümern«. So hielt man
-es von Karls des Grossen Zeiten her bis in die neueste Zeit. Nach
-innerem Beruf wurde bei den für das Kloster Bestimmten nicht gefragt;
-sie hatten dem elterlichen Machtspruche zu gehorchen, und sie folgten
-vielfach auch ganz gerne, da ihnen das Gelübde kaum einen Zwang
-auferlegte, und sie frei ihren Neigungen nachleben konnten:
-
-[7] Corvin a. a. O. S. 303; Augsburger Chronik 1368-1406.
-
-[8] Von den 15 Staffeln (1517), fol. 36 a, bei Schultz, D. L. 255.
-
- »Bemerket: wenn ein Edelmann
- Sein Kind jetzt nicht vermählen kann
- Und hat kein Geld ihr mitzugeben,
- So muss sie in dem Kloster leben;
- Nicht dass sie Gott sich weih' darin,
- Nur dass er sie nach seinem Sinn
- Und seiner Hochfahrt mit seinem Gut
- Versorge, wie man dem Adel thut,«
-
-sagt Murner. Wen aber wirklich Herzensneigung in das Kloster trieb,
-der wurde, wenn er nicht von ganz aussergewöhnlicher Willensstärke
-war, von dem unaufhaltsam dahintosenden Strome der in den Klöstern
-herrschenden Unmoral mitgerissen; er versank in den Strudel, gleich
-seinen Brüdern und that ebenso, wie sie es alle machten. Das schlechte
-Beispiel ging von den Kirchenfürsten selbst aus. Würdenträger, die
-ihren Beruf ernst nahmen und streng auf die Beobachtung der Gelübde
-hielten, waren weisse Raben. Einer dieser wenigen, Ferdinand von
-Fürstenberg, Fürstbischof von Paderborn (1661 bis 1683), ging so weit,
-einen Gesalbten ausstossen und hinrichten zu lassen, weil er ein
-ausschweifendes Leben führte.[9] Die Mehrzahl der anderen hohen Herren
-liess sieben gerade sein, da sie es meistens noch toller trieben, als
-die ihnen Unterstellten.
-
-[9] Dr. Ed. Vehse, Unter der Herrschaft des Krummstabes, S. 23.
-
-Bezeichnend für die sich unter dem geistlichen Habite breit machende
-Lasterhaftigkeit war das Treiben in den geistlichen Ritterorden. Dem
-Orden der Tempelherren machte bekanntlich der energische König Philipp
-IV. der Schöne von Frankreich ein schreckensvolles Ende. 1312 wurde
-gegen die Ordensbrüder die Anklage auf die gleichbedeutenden
-Verbrechen Ketzerei und Sodomiterei seitens des Papstes Clemens V.
-erhoben, die zu ihrer Ausrottung mit Feuer und Schwert führte.
-Glücklicher waren die sich unter gewichtigem Schutze bergenden
-deutschen Ritter, die »allein im Dienste ihrer himmlischen Dame Maria«
-stehend, den Namen der göttlichen Jungfrau auf das Gröblichste
-missbrauchten und unter seinem Deckmantel himmelschreiende Missethaten
-vollführten. Von ihren Menschenschlächtereien abgesehen, den
-berüchtigten »Heidenfahrten« auf wehrlose und harmlose Naturkinder,
-die man aus purem Sport hinschlachtete, waren sie Wüstlinge
-schlimmster Sorte, denen kein Laster versagt blieb. Die Bürger
-Marienburgs, ihrer Residenz, mussten sich wiederholt beschweren, dass
-kein ehrsamer Bürger abends sein Haus verlassen dürfe, ohne fürchten
-zu müssen, die zu Hause gelassenen Frauen und Mädchen von den Rittern
-auf die Hochburg geschleppt und dort gemissbraucht zu sehen. »Ein Teil
-der Schlossfreiheit heisst noch von der Zeit her, wo die Ritter ihr
-unheiliges Wesen da trieben, ›der Jungferngrund‹. Noch jetzt« -- um
-die Mitte des 19. Jahrhunderts -- »wird von jener Zeit her beim
-Magistrat von Marienburg die Kasse des ›Jungferngrund-Hospitals‹
-verwaltet, worin zu Grunde gerichtete Frauenzimmer aufgenommen wurden.
-Aus den Strafakten des Marienburger Ordenshauses hat sich ergeben,
-dass unter dem Deckmantel der christlichen Beichte Jungfrauen und
-Ehefrauen systematisch verführt, Vergewaltigungen selbst an
-neunjährigen Mädchen von den Ordenskaplänen verübt wurden. Das
-Bezeichnendste, was von den auf das _votum castitatis_ verpflichteten
-deutschen Ordensrittern gesagt werden kann, ist, dass der
-Ordensmeister Conrad von Jungingen bereits zu Ende des 14.
-Jahrhunderts Verbote erlassen musste, kein weibliches Tier im
-Ordenshause zu Marienburg zu dulden.«[10]
-
-[10] Vehse, Die Deutschen Kirchenfürsten in Trier, Salzburg-Münster,
-S. 191 ff.
-
-Die Reformation fand in den Klöstern beiderlei Geschlechtes
-begeisterte Anhänger, die mit fliegenden Fahnen in das feindliche
-Lager übergingen. Namentlich in den Nonnenklöstern beeilten sich viele
-der Schwestern, die verhassten, drückenden Fesseln zu zerbrechen, die
-ihnen Familienrücksichten, Tradition und Egoismus geschmiedet, um in
-das weltliche Leben zurückzukehren. Wieviel heisses Ringen, was für
-mächtige Seelenkämpfe mögen die düsteren Zellen gesehen haben, ehe in
-manchem zaghaften Gemüte der Entschluss zu der für eine Frau
-heroischen That reifte, das gewohnte Nonnenkleid für immer
-abzustreifen.
-
-Gelang es diesen Exnonnen nicht, Unterkunft bei ihren Familien zu
-finden, Stellungen als Lehrerinnen zu erlangen, oder in den heiligen
-Ehestand zu treten, manchmal sogar, wie dies mehrfach passierte, mit
-dem vordem geliebten Mönch, so fielen sie dem unverhüllten Laster
-anheim. Nonnen der gesperrten Klöster zogen als landfahrende Dirnen
-einher, wenn sie nicht sofort nach Aufhebung des Klosters den Weg nach
-dem Bordelle eingeschlagen hatten. In Nürnberg war dies im Jahre 1526
-der Fall, als die Pforten des berühmten St. Clara-Klosters für immer
-geschlossen und die Schwestern auf die Strasse gesetzt worden waren.
-
-Vom Erhabenen zum Lächerlichen, vom Kloster zum öffentlichen Hause,
-war schon lange vor Napoleon nur ein Schritt!
-
-
-
-
-Beilager und Ehe.
-
-
-Die Ehe, dieses älteste von Naturgesetzen diktierte Verhältnis, das
-zwei Menschen aneinander schliesst, hat kein anderes Volk so edel
-aufgefasst, wie die Germanen.
-
-»Das Verlöbnis war ein Vertrag, durch welchen Mann und Weib sich zu
-einem Haushalt und Gründung einer Familie für das ganze Leben
-verbanden, um einander lieb zu sein über alles auf Erden, Wunsch,
-Willen und Besitztum gemeinschaftlich zu haben. Selbst mit dem Tode
-hörte die Pflicht der überlebenden Gattin nicht auf. Bei einigen
-Germanenvölkern war es der Frau nur einmal gestattet, in den Ring der
-Zeugen zu treten, vor denen sie das Gelöbnis ablegte; und es sind
-Spuren erhalten von noch älterer strenger Volkssitte, nach welcher die
-Frau den Gatten so wenig überleben durfte, wie der Gefolgmann seinen
-Wirt, wenn dieser in der Schlacht fiel. Das Weib des Germanen war
-nicht nur die Hausgebettete, die auf gemeinsamem Lager den Hals des
-Gatten umschlang, und nicht nur Herrin des Hauses und Erzieherin der
-Kinder, wie bei den Römern, sie war auch seine Vertraute und Genossin
-bei der männlichen Arbeit. Die Geschenke, welche der Mann ihr zu dem
-Gelöbnis gab, ein Joch Rinder, Speer und Ross[1], waren symbolisches
-Zeichen, dass sie mit ihm über den Herden walten würde und als seine
-Begleiterin an der Feldarbeit teilnehmen, ja dass sie ihm auf dem
-Kriegspfade folgen sollte, in der Schlacht seinen Eifer zu stählen,
-seine Wunden zu rühmen, nach seinem Tod ihn zu bestatten und
-vielleicht zu rächen.«[2]
-
-[1] Tacitus, Germania, Cap. 18.
-
-[2] Gust. Freytag, Bilder a. d. d. Vergangenheit, 26. Aufl., S. 87.
-
-»Der Innigkeit germanischer Ehe schadete nicht, dass sie schon in der
-Urzeit oft ein Familienvertrag war, der im Interesse zweier
-Geschlechter geschlossen wurde«, und diese Art des Ehebundes blieb in
-allen Ständen von der Urzeit an die vorherrschende. Die Liebe kam in
-zweiter Linie; trotz Freytags poetischer Verherrlichung war meist rein
-prosaisches Interesse die Ursache der Verheiratung.
-
-»Wie in heidnischer, so ist die Ehe auch in christlicher Zeit durchaus
-ein Geschäft zwischen dem Bräutigam und den Verwandten der Braut,
-wobei letztere vielfach gar nicht um ihre Zustimmung befragt
-wurde«[3], nur trat mit der Zeit eine Wandlung dahin ein, dass der
-ursprünglich dem Vater oder dem Mundwalt der Braut, dem ältesten
-Bruder oder Vormund, übergebene Brautkauf nun der jungen Frau selbst,
-sei es als Morgengabe, oder als Wittum (videme) zufällt. War die
-Morgengabe ein freiwilliges Geschenk des Ehegatten an seine
-Neuvermählte, so wurde die Höhe des Wittums vorher genau festgesetzt.
-Siegfried schenkt seiner jungen Gattin den Nibelungenhort, Bärschi in
-»Metzens Hochzeit«, der Metzi, ein feistes Mutterschwein zur
-Morgengabe.
-
-[3] Prof. Dr. J. Dieffenbacher, Deutsches Leben im 12. Jahrh., S. 120.
-
-Die altdeutsche Eheschliessung zerfällt in die Erwerbung der Braut
-durch den Verspruch vor dem Vormund und durch die Übergabe der Braut
-an den Bräutigam durch die Heimführung. Durch die Verlobung erstanden
-dem Bräutigam bereits rechtliche und eheliche Ansprüche an die Braut,
-deren Verletzung durch Dritte gesetzliche Ahndung findet. Daher wird
-mit Recht der Satz aufgestellt, dass die Verlobung die Eheschliessung,
-die Trauung aber nur den Vollzug der Ehe darstellte. Die Verlobung
-schildert das Nibelungenlied bei Gelegenheit des Verspruches von König
-Giselher mit der Tochter Rüdegers von Bechelaren. Nachdem des Königs
-Brüder als Freiwerber das Jawort erhalten haben, der Jungfrau seitens
-des burgundischen Geschlechts das Wittum festgelegt wurde und der
-Brautvater eine Summe Gold und Silber als Mitgift ausgesetzt hat,
-heisst man das junge Paar nach alter Sitte in den »rinc« (einen Kreis)
-treten, fragt die Jungfrau, ob sie gewillt sei, den Recken zum Manne
-zu nehmen, und als sie das auf ihres Vaters Rat bejaht, reicht
-Giselher der Braut die Hand zum Gelöbnis.
-
-Der Ring, als Zeichen der Verlobung, kam mit dem Eindringen des
-Christentums zu den europäischen Völkern. In der Gudrun »jedwederz dem
-andern daz gold stiez an die hant«.[4]
-
-[4] D. Paulus Cassel, Die Symbolik des Ringes, S. 21.
-
-War die Verlobung auch identisch mit der Ehe selbst, so räumte sie dem
-Bräutigam doch keine ehelichen Rechte ein. Das geschlechtliche
-Zusammenleben Verlobter war untersagt und auf vorzeitigen Beischlaf
-standen strenge Bussen. Untreue der Braut galt vielfach als Ehebruch;
-der Verführer erlitt Todesstrafe, wenn er nicht durch zwölf
-Eideshelfer beschwören konnte, von der stattgehabten Verlobung nichts
-zu wissen. Über die Untreue des Bräutigams glitt man leichter hinweg.
-Das Hamburger Stadtrecht von 1270 bestimmt, wenn der Verlobte von
-einem Weibe wegen intimen Umgangs mit ihr verklagt werde, so habe die
-Braut drei Monate auf die Entscheidung zu warten; könne die Sache nur
-in Rom geführt werden, so warte sie ein Jahr. Ist der Prozess auch
-dann noch nicht zu Ende, so ist das Verlöbnis aufgelöst und der Braut
-gebührt eine Entschädigung von 40 Mark Pfennig. Dasselbe galt für eine
-Klage gegen die Braut.[5] Wer eine Braut entführte, hatte ausser den
-Blutsverwandten auch den Verlobten zu sühnen, unter Umständen den
-zehnfachen Brautkauf zu erlegen, und musste die Entführte behalten,
-denn der Raub löste die Verlobung. Nur die bayrischen Rechte
-verlangten die Rückgabe der Braut an den Bräutigam. Die Entführung
-wurde von unseren Vorfahren zu den schwersten Verbrechen gerechnet;
-Notzucht und Frauenraub fielen in den Gesetzen mehrfach zusammen.
-Selbst das Asylrecht in den Klöstern und anderen Freistätten, die kein
-Scherge betreten durfte, blieb den Frauenräubern verschlossen. Karl
-der Grosse verhängte über den Entführer der Tochter seines Herrn die
-Todesstrafe, die Kirche belegte alle diese Verbrecher mit ihrem Bann.
-Schwere Geldbussen waren allen Gesetzen des Mittelalters gemeinsam,
-wenn sie nicht auf Leib- und Lebensstrafen erkannten. Das Hamburger
-Stadtrecht von 1270 bedroht den mit Todesstrafe, der eine Jungfrau
-unter 16 Jahren, wenn auch mit ihrem Willen, oder eine ältere gegen
-ihren Willen entführt; der Entführer geht nur dann frei aus, wenn er
-ein nacktes Mädchen über 16 Jahre mit seinem Einverständnis
-entführte.[6]
-
-[5] Weinhold a. a. O. I. 348 ff.
-
-[6] Weinhold a. a. O. I. 308 ff.
-
-Die Entführungen kamen in dem wirklichen und poetisch überlieferten
-Leben des Mittelalters, sowohl in der vorritterlichen wie in der
-ritterlichen Zeit häufig vor, da sie der Abenteurerlust der damaligen
-Gesellschaft so recht nach dem Herzen waren.
-
-Das späte Heiraten, von dem Tacitus sprach, hat sich bis zum 13.
-Jahrhundert in unserem Volke erhalten, um dann vollständig in
-Vergessenheit zu geraten. Heiratete man bis zum gedachten Säculum erst
-mit dem 30. Jahre, so zeichnete sich die Folgezeit unvorteilhaft durch
-unnatürlich frühe Ehen aus[7], so dass Murner in seinem Gedichte »Vom
-Nutzen des Ehestandes« mit Recht klagen durfte:
-
- »So 'ne Jungfrau nahm 'nen Mann,
- Der nicht zum mindest dreissig Jahr
- War alt -- sag ich dir offenbar.
- Jetzt nehmen zwei einander g'schwind
- Die beide nicht dreissig Jahr alt sind.«
-
-[7] Otto Henne am Rhyn, Die Frau in der Kulturgeschichte, S. 251.
-
-Nach dem Schwabenspiegel war das vollendete 12. Jahr zur Heirat eines
-freien, nach den Weistümern das 14. bei der Vermählung leibeigener
-Mädchen für ausreichend erachtet. Gudrun war etwas älter als zwölf
-Jahre, als »nâch ir edelen minnen von vürsten wart gegert«. Kriemhild
-zählte bei ihrer Vermählung 15 Jahre, was in adeligen und städtischen
-Geschlechtern bis zum 16. Jahrhundert das Alter war, in dem die
-Jungfrauen heirateten. Anna Stromer in Nürnberg vermählte sich
-allerdings schon vierzehnjährig, ward mit 16 Jahren Mutter, und gebar
-bis zu ihrem 25. Jahr acht Kinder -- ein Fall, den ein gewissenhafter
-Chronist für aufzeichnenswert erachtet.[8] Gertrud, Kaiser Lothars
-Tochter, beging zwölf Jahre alt ihre Hochzeit mit Heinrich dem Stolzen
-(1127). Eine weitere Kinderhochzeit war die der vierjährigen heiligen
-Elisabeth mit dem zwölfjährigen Landgrafen Ludwig von Thüringen.[9]
-Gnote, die Tochter Rudolfs von Habsburg, war bei ihrer Trauung mit dem
-König Wenzel von Böhmen, ein Kind, das ihrem Knaben von Gatten von
-ihren Puppen erzählt, während er ihr von seinen Falken vorschwärmt,
-als sie beisammen liegen. Selbstverständlich wurden derartige von der
-Staatsraison diktierte Heiraten, die sich in der mittelalterlichen
-Geschichte häufig wiederholen, erst nach der Reife der Gatten zu
-wirklichen Ehen. Das Zusammenliegen, #das Beilager#, stellte nur
-symbolisch den Vollzug der Ehe, und dadurch ihre Unlöslichkeit
-nach kirchlichen und weltlichen Gesetzen dar. Denn: Ist das
-Bett beschritten, ist die Eh' erstritten, sagt ein uraltes
-Rechtssprichwort.[10]
-
-[8] Chroniken der deutschen Städte, I. 68.
-
-[9] Dieffenbacher a. a. O. S. 117.
-
-[10] Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, S. 420, und Stobke, Handbuch
-des deutschen Privatrechtes, Band IV, S. 38 ff.
-
-Noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts aber hielt man das Beilager auch
-dann öffentlich ab, wenn sich die Gatten in heiratsfähigem Alter
-befanden. Aus einer Beschreibung vom Jahre 1599, der »Hohen
-Zollerischen Hochzeyt«, die J. Frischlin in »Drey schöne vnd lustige
-Bücher« lieferte, heisst es:
-
- »Rheingraff Ottho führt sie (die Braut) hinauff mit fleyss
- In jr gezimmer hüpsch und weyss.
- Da wartet sie, biss zu jr kam
- Der junge Herr und Bräutigam
- Mit allen Fürsten, Graffen, Herren,
- So folgen theten willig geren.
- Vor jnen her Trommeter bliesen,
- Die stark in jre Pfeiffen stiessen.
- Als nun der Hochborn Bräutigam
- Hinauff in sein Schlaffzimmer kam,
- Sein Mantel und Kranz legt von sich,
- Sein Wöhr und Ketten und gabs gleich
- Seim Hofmaister, solchs zu bewaren;
- Derselbig thet den Fleyss nicht sparen.
- Als nun die Fürsten, Herren, Frawen
- Stunden in diesem Gemach zu schawen,
- Die zween Brautfürer tratten her,
- Die Gesponss[11] sie brachten höflich hehr
- Und legten sie hinein inns Beth,
- Ir weysse Kleider noch an hett.
- Dann legten sie den Bräutigam
- Zu seiner Gesponss also zusam,
- Die Döcken uberschlagen theten,
- Biss sie ein Weyl gelegen hetten.
- Gar bald sie wieder auffgestanden,
- Die Fürsten, Herren seind vorhanden,
- Wünscht jeder da für seinen theyl
- Dem Bräutigam und Braut vil heyl,
- Viel glücks und guten segen reich;
- Darnach lugt jeder, das er weich'
- Und selber in sein Kammer kumb,
- An seinem Schlaff auch nichts versumb[12].«[13]
-
-[11] Gesponss = Braut.
-
-[12] versumb = versäumte.
-
-[13] A. Birlinger, bei Scherr, Gesch. der Deutschen Frauenwelt, II. 63
-ff.
-
-Bei einer anderen Fürstenhochzeit im Junimond 1585 zwischen Johann
-Wilhelm III., Herzog zu Jülich-Cleve-Berg und Jakobäa von Baden sind
-die Brautgemächer nach damaliger aus Frankreich gekommener Sitte mit
-Teppichen behangen, deren Gewebe mythologische Scenen darstellen, so
-»zur ehelichen Lieb' am meisten und vornehmlich gehörig«.[14] Diese
-Ehe endete bekanntlich mit dem geheimnisvollen Tode der eines
-zuchtlosen Wandels beschuldigten Jakobäa.[15]
-
-[14] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte. 1859, S. 314 ff.
-
-[15] Bülau, Geheime Geschichten und räthselhafte Menschen, IV. Band.
-12. Der Ausgang des Hauses Cleve.
-
-Verlobung und Hochzeit folgten bei Bürgern und Bauern häufig
-unmittelbar aufeinander, namentlich wenn eine feierliche Verlobung
-stattgefunden hatte; doch kommt es auch vor, dass dem ungeduldigen
-Bräutigam eine Wartezeit auferlegt wird, so Gudruns Verlobten Herwig,
-der ein ganzes Jahr warten muss, wobei ihm aber von der Schwiegermutter
-hochherzig gestattet wird, dass er sich »mit schoenen wîben vertribe
-anders wâ Die zît«. Vom 8. Jahrhundert ab begehrte die Geistlichkeit
-ein dreimaliges Aufgebot und die kirchliche Einsegnung der Ehe. Die
-höhere Gesellschaft fügte sich diesem Anspruche sofort, nicht so die
-breiteren Schichten des Volkes, denen auf noch lange die einfache
-bürgerliche Eheschliessung genügte »an (ohne) schuoler und an phaffen«,
-den Bauern sogar bis ins 15. Jahrhundert. Aber selbst der Hochadel
-verfügte sich erst am Morgen nach der Brautnacht zur Kirche. Abends
-vor dem Kirchgange wurde das Brautpaar in die Brautkammer gebracht,
-eine Decke beschlägt sie beide, ein Geistlicher findet sich vielleicht
-ein, den Brautsegen über das Paar zu sprechen.[16] Die Freundinnen und
-nächsten Angehörigen sind der Braut beim Entkleiden behilflich, ihr
-manch guten Rat dabei zuflüsternd. Oft sind auch der Brautvater, der
-Bruder des Bräutchens oder andere aus der Sippschaft in dem Gemache
-anwesend.
-
-[16] Schultz, Höfisches Leben, S. 633.
-
- »Wie Elsa von Brabant, die schöne, keusche Magd,
- Dem Fürsten werth des Nachts ward zugesellet.
- Die Kaiserin nicht unterliess,
- Dass sie die Fürstin selbst des Nachts zu Bette wies.
- Die Kammer war mit Decken wohlbestellet.
- Das Bett war schön geziert, mit Golde roth und reicher Seiden,
- Und manches Thier darein gewoben.
- In dieses Bett hat sich die Jungfrau nun gehoben,
- Um drin der Minne Buhurd zu erleiden.
- Der Kaiser auch gekommen war,
- Er hiess die Kammer das Gesinde räumen gar,
- Gut Nacht gab er den Beiden miteinander.
- Nun ward die Maid entkleidet schier,
- Es drückte sie der Degen an sich stolz und zier:
- Ich sag' nicht mehr als -- was er sucht', das fand er.«[17]
-
-[17] Lohengrin, erneut von H. A. Junghans (Reclam), III. 235.
-
-Wenn in den mittelalterlichen Heldengedichten sich der Freund an Stelle
-des wirklichen Bräutigams mit der Auserkorenen seines Freundes trauen
-lässt, was, trotz der augenscheinlichen Unwahrscheinlichkeit, ein
-dankbares, vielverwendetes Motiv für die damaligen Dichter abgab, dann
-legte der Pseudogatte ein entblösstes Schwert zwischen sich und die
-Braut, um dadurch ihre Unberührbarkeit anzudeuten. So liegt Siegfried
-bei Brunhilde, und in Konrad von Würzburgs der Verherrlichung der
-Freundestreue gewidmetem Gedichte »Engelhart und Engeltrut« findet
-sich darüber folgende Episode. Engeltrut, die Tochter des Königs von
-Dänemark, deren Vater Engelhart und sein Freund Dietrich von Brabant
-dienen, kommt eines Nachts an das Bett des Engelhart und verspricht
-ihm ihre Liebe, sobald er Ritter geworden und sich im Turniere einen
-Preis geholt. Nachdem er diese Bedingungen erfüllt und Engeltrut an
-seiner heissen Liebe nicht mehr zweifeln kann, giebt sie ihm ein
-Stelldichein im Baumgarten des väterlichen Schlosses; sie empfängt ihn,
-nur mit Mantel und Hemd bekleidet, zieht ihn unter ihren Mantel und
-führt ihn »ûf einen senften matraz«. Sie werden von ihrem Widersacher,
-dem Neffen des Königs, belauscht. Engelhart aber leugnet alles und
-will für die Wahrheit seiner Behauptung kämpfen. Er holt sich seinen
-Freund Dietrich, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht. Dieser kann
-mit ruhigem Gewissen seine Unschuld beschwören, ficht mit dem Angeber,
-siegt und erhält als Engelhart die Hand der Engeltrut. Er heiratet sie
-auch, wie es einst Engelhart mit Dietrichs Frau gemacht, legt aber wie
-dieser ein blosses Schwert im Brautbett zwischen sich und Engeltrut,
-die er dem Freunde rein übergiebt.[18]
-
-[18] Schultz, Höfisches Leben, S. 596, Anm. 2.
-
-Derartige Hochzeiten mit Stellvertretern kamen übrigens auch in der
-Wirklichkeit vor, allerdings nur an Höfen, deren Angehörige oft schon
-im zartesten Alter vermählt wurden, oder die entweder aus politischen
-Gründen oder der Bequemlichkeit wegen die weite und oft nicht
-ungefährliche Reise zum Wohnsitze der Braut scheuten. Die Vermählung
-wurde alsdann durch Prokuration mit dem Spezial-Gesandten vollzogen,
-der an Stelle seines Gebieters das Beilager abhielt, in eine schwere
-Prunkrüstung gehüllt, das scharfe Schwert zwischen sich und der
-Herrin. Der alte österreichische Chronist Jakob Unrest meldet über ein
-solches Beilager, das anlässlich der später in die Brüche gegangenen
-Vermählung Maximilians I., des letzten Ritters, mit der Prinzessin
-Anna von Bretagne, stattfand: »Kunig Maximilian schickt seiner Diener
-einen genannt Herbolo von Polhaim gen Britannia zu empfahen die
-Kunigliche Braut; der war in der Stat Remis (Reims) erlichen
-empfangen, und daselbs beschluff der von Polhaim die Kunigliche Brauet
-mit ein gewapte Man mit den rechte Arm und mit dem rechten fus blos
-und ein blos schwert dazwischen gelegt, beschlaffen. Also haben die
-alten Fürsten gethan, #und ist noch die Gewonhait#. Da das alles
-geschehen was, war der Kirchgang mit dem Gottesdienst nach Ordnung der
-heiligen Kahnschafft mit gutem fleiss vollpracht.«
-
-Die bürgerliche Gesellschaft äffte natürlich diese Beilagersitte des
-Hochadels nach, wie aus der Dresdener Hochzeitsordnung aus dem letzten
-Viertel des 15. Jahrhunderts hervorgeht. Nach dieser durften die
-Hochzeitsgäste dem _pro forma_-Beilager beiwohnen, mussten aber dann
-das Gemach verlassen, während das junge Paar aufstand, um mit zwei
-Tischen voll Gästen zu tafeln.
-
-Diese offiziellen Beilager, bei denen es tadellos ehrbar zuging, da
-man im Gegensatze zu früheren Zeiten die mit dem Brautstaate
-geschmückte Braut zu dem Gatten legte, sind von jenen inoffiziellen
-Beilagern zu unterscheiden, die der erklärte Bräutigam mit seiner
-Braut abhielt, ohne sie zur Frau zu machen.
-
-Dieses »Beschlafen auf Treu und Glauben« kennt bereits die früheste
-Zeit des deutschen Mittelalters. Die Ehre der Braut lief um so weniger
-Gefahr, als sie unter dem Schutze des Gesetzes stand. Das Mädchen, das
-sich dem Bräutigam nicht ergeben wollte, konnte ganz wohl das Beilager
-gestatten, ohne in der öffentlichen Meinung als gefallen zu gelten,
-wenn auch Zweifel an der beiderseitigen Zurückhaltung zu naheliegend
-waren, um nicht geäussert zu werden. Der Mann musste jedenfalls seine
-Selbstbeherrschung bewahren, wenn es der Schönen so beliebte, denn die
-mittelalterlichen Gesetze achteten eine während des Beilagers
-begangene Gewaltthat der Notzucht gleich. »Eyn jeglich man mac an
-siner Amyen die notnunft begen, daz sol man uber sie richten, als ob
-er nie bi ir gelege«, heisst es in den Alemannischen Landrechten, und
-ähnlich in den sächsischen Land- und dem alten Goslarischen
-Stadtrechte. Im Parzival kommt die jungfräuliche Königin Kondwiramur
-(= _coin de voire amors_ = Ideal der wahren Liebe) zu dem schlafenden
-Parzival, aber:
-
- »Nicht von der Minne Ungestüm
- Getrieben, die Jungfräulein kann
- Zum Weibe wandeln durch den Mann, --
- Dass er als Freund ihr rat' im Leide.
- Den Leib umhüllt ein wehrhaft Kleid,
- Ein dünnes Hemd von weisser Seide.
- Was taugt wohl mehr zum Minnestreit,
- Als wenn dem Manne so ein Weib
- Sich naht? Der Herrin schlanken Leib
- Hüllt noch ein Sammetmantel ein.«[19]
-
-[19] Parzival a. a. O. IV. V. 388 ff. (192, 10 ff.)
-
-Sie teilt sein Lager
-
- ».... doch ist dies bedungen,
- Dass nicht berühren darf der eine
- Des andern Leib ....«
-
-bis »die Nacht schwand hin, der Tag brach an«.
-
-Dieser Gebrauch hielt das ganze Mittelalter hindurch an, wie Hans
-von Schweinichens Denkwürdigkeiten bezeugen. Unter dem Jahre 1573
-heisst es bei Beschreibung eines Reiseabenteuers im Lande Lüneburg bei
-Herzog Heinrich, nach dessen glücklichem Ausgang in Dannenberg getanzt
-wird; nach dem Tanze hebt das stereotype grosse Saufen an, bei dem
-Schweinichen als letzter auf der Walstatt bleibt: »Die einheimischen
-Junkern verloren sich auch, sowohl die Jungfrauen, dass also auf die
-Letzte nicht mehr als zwo Jungfern und ein Junker bei mir blieben,
-welcher einen Tantz anfing. Dem folget ich nach. Es währet nicht lange,
-mein guter Freund wischt mit der Jungfer in die Kammer, so an der
-Stuben war, ich hinter ihm nach. Wie wir in die Kammer kommen, liegen
-zwei Junkern mit Jungfrauen im Bette. Diser der mit mir vortanzet, fiel
-sammt der Jungfer auch in ein Bette. Auf Mecklenburgerisch so saget
-sie, ich sollt mich zu ihr in ihr Bette auch legen; dazu ich mich nicht
-lange bitten lies, leget mich mit Mantel und Kleidern, ingleichen die
-Jungfrau auch, und redeten also bis vollend zu Tag, jedoch in allen
-Ehren. Auf den Morgen hatt ich das Beste, dass ich der Längste wär auf
-dem Platz gewesen, gethan, und ich hatte es am besten vericht. Kam
-deswegen beim Frauenzimmer in gross Gunst. Das heissen sie auf Treu
-und Glauben beigeschlafen; _aber ich acht mich solches Beiliegen nicht
-mehr, denn Treu und Glauben möcht ich zu ein Schelmen werden_. Darum
-heisst es: ›Hüte dich, mein Pferd schlägt dich‹[20]«, denn:
-
-[20] Schweinichen a. a. O. S. 38 ff.
-
- »Dern weisz nicht daz ein biderbe man
- Sich alles des enthalten kan
- Des er sich enthalten wil --
- #Weiz Got dern ist aber nicht vil!#«
-
-sagt Hartmann von der Aue, und ähnlich urteilte mehr als ein
-Jahrtausend vor Schweinichen der byzantinische Geschichtsschreiber
-Prokopius von Cäsarea, der die Keuschheit solcher Bräute in Zweifel
-zieht. In manchen Gegenden machte man übrigens kein Geheimnis daraus,
-dass Probenächte wirkliche Proben auf die Ehefähigkeit der zukünftigen
-Ehegatten darstellten; ja man dehnte solche Prüfungen auf Wochen,
-selbst Monate aus, um, wenn sie zu Ungunsten eines der beiden
-prüfenden Teile ausgefallen waren, die Verlobung einfach aufzuheben.
-
-Ein interessantes Dokument über ein derartiges Vorkommnis aus dem
-Jahre 1378 lieferte Prof. Kohler[21]. Darnach hatte ein Graf Johann
-IV. von Habsburg ein volles halbes Jahr die nächtliche Probezeit mit
-Herzlaude von Rappoltstein gehalten, doch schliesslich einen Korb
-bekommen, weil ihm die junge Dame alle männlichen Qualitäten
-absprechen musste. Kaiser Friedrich III., der sich mit der Prinzessin
-Leonore von Portugal durch seinen Verwandten verlobt hatte, jedoch mit
-der Vollziehung der Ehe zauderte, erhielt von dem Onkel der Braut,
-König Alfons von Neapel, das Schreiben: »Du wirst also meine Nichte
-nach Deutschland führen, und wenn sie dir dort nach der ersten Nacht
-nicht gefällt, mir wieder zurücksenden oder sie vernachlässigen und
-dich mit einer anderen vermählen; halte die Brautnacht mit ihr deshalb
-hier, damit du sie, wenn sie gefällt, als angenehme Ware mit dir
-nehmen, oder wo nicht, die Bürde uns zurücklassen kannst.« Mit der
-Tochter dieses Kaisers hielt Herzog Albrecht IV. von Bayern in
-Innsbruck das Beilager, die Hochzeit aber erst in München.
-
-[21] Mitgeteilt im Wortlaut von F. Chr. J. Fischer, Ueber die
-Probenächte der deutschen Bauernmädchen, 1780, Neudruck S. 12 ff.
-
-Unter der Landbevölkerung war das Probenacht-Unwesen ungleich
-verbreiteter, als in der anderen Gesellschaft des Mittelalters. Wann
-diese Sitte ihren Anfang genommen, verliert sich im Dunkel, jedenfalls
-bestand sie bereits im 13. Jahrhundert unter den Sachsen, denn
-Kardinal Heinrich von Segusio berichtete: die Sachsen hätten eine
-garstige aber gesetzmässige Gewohnheit, dass der Bräutigam bei der
-Braut eine Nacht schlafen, und sich nachgehends wohl entschliessen
-möge, ob er diese heiraten wolle oder nicht. In den folgenden
-Jahrhunderten standen die Probenächte in voller Blüte, wie aus der
-noch heute vielgenannten Monographie F. Christoph Jonathan Fischers
-hervorgeht:[22]
-
-[22] Fischer a. a. O. S. 3 ff.
-
-»Beinahe in ganz Teutschland und vorzüglich in der Gegend Schwabens,
-die man den Schwarzwald nennet, ist unter den Bauern der Gebrauch,
-dass die Mädchen ihren Freiern lange vor der Hochzeit schon diejenigen
-Freiheiten über sich einräumen, die sonst nur das Vorrecht der
-Ehemänner sind. Doch würde man sehr irren, wenn man sich von dieser
-Sitte die Vorstellung machte, als wenn solche Mädchen alle weibliche
-Sittsamkeit verwahrlost hätten, und ihre Gunstbezeugungen ohne alle
-Zurückhaltung an die Libhaber verschwendeten. Nichts weniger! Die
-ländliche Schöne weiss mit ihren Reizen auf eine ebenso kluge Art zu
-wirtschaften, und den sparsamen Genuss mit ebenso viler Sprödigkeit zu
-würzen, als immer das Fräulein am Putztisch.
-
-Sobald sich ein Bauernmädchen seiner Mannbarkeit zu nähern anfängt,
-sobald findet es sich, nachdem es mehr oder weniger Vollkommenheiten
-besitzt, die hir ungefähr im ähnlichen Verhaltnisse, wie bei
-Frauenzimmern von Stande, geschätzt werden, von einer Anzahl Libhaber
-umgeben, die solange mit gleicher Geschäftigkeit um seine Neigung
-buhlen, als sie nicht merken, dass einer unter ihnen der Glücklichere
-ist. Da verschwinden alle Uebrigen plötzlich, und der Libling hat die
-Erlaubnis, seine Schöne des Nachts zu besuchen. Er würde aber den
-romantischen Wohlstand schlecht beobachten, wenn er den Weg geradezu
-durch die Hausthür nehmen wollte. Die Dorfsetiquette verlangt
-nothwendig, dass er seine nächtlichen Besuche durch das Dachfenster
-bewerkstellige. Wie unsere ritterbürtige Ahnen erst dann ihre Romane
-glücklich gespilt zu haben glaubten, wenn sie bei ihren verlibten
-Zusammenkünften unersteigliche Felsen hinanzuklettern und ungeheure
-Mauren herabzuspringen gehabt; oder sich sonst den Weg mit tausend
-Wunden hatten erkämpfen müssen, ebenso ist der Bauernkerl nur dann mit
-dem Fortgange seines Libesverständnisses zufriden, wenn er bei jedem
-seiner nächtlichen Besuche alle Wahrscheinlichkeit für sich hat, den
-Hals zu brechen, oder wenn seine Göttin, während dem er zwischen
-Himmel und Erde in grösster Lebensgefahr dahängt, ihm aus ihrem
-Dachfenster herunter die bittersten Nekereien zuruft. Noch in seinen
-grauen Hahren erzehlt er mit aller Begeisterung dise Abenteuer seinen
-erstaunten Enkeln, die kaum ihre Mannheit erwarten können, um auf eine
-ebenso heldenmütige Art zu liben.
-
-Dise mühsame Unternehmung verschaft anfangs dem Libhaber keine andere
-Vorteile, als dass er etliche Stunden mit seinem Mädchen plaudern
-darf, das sich um dise Zeit ganz angekleidet im Bette befindet und
-gegen alle Verrätereien des Amors wol verwahrt hält. Sobald sie
-eingeschlafen ist, so muss er sich plötzlich entfernen, und erst nach
-und nach werden ihre Unterhaltungen lebhafter. Ja in der Folge gibt
-die Dirne ihrem Buhler unter allerlei ländlichen Scherzen und
-Nekereien Gelegenheit, sich von ihren verborgenen Schönheiten eine
-anschauliche Erkenntniss zu erwerben; lässt sich überhaupt von ihm in
-einer leichteren Kleidung überraschen, und gestattet ihm zuletzt
-alles, womit ein Frauenzimmer die Sinnlichkeit einer Mannsperson
-befridigen kan. Doch auch hir wird immer noch ein gewisses Stufenmass
-beobachtet, wovon mir aber das Detail anzugeben die Zärtlichkeit des
-heutigen Wolstandes verbeut. Man kan indess viles aus der Benennung
-#Probenächte# erraten, welche die letztern Zusammenkünfte haben, da
-die erstern eigentlich Kommnächte heissen.
-
-Sehr oft verweigern die Mädchen ihrem Libhaber die Gewährung seiner
-letzten Wünsche so lang, bis er Gewalt braucht. Das geschiht allezeit,
-wenn ihnen wegen seiner Leibesstärke einige Zweifel zurück sind,
-welche sie sich freilich auf keine so heikle Weise als die Witwe
-Wadmann aufzulösen wissen. Es kömmt daher ein solcher Kampf dem Kerl
-oft sehr teuer zu stehen, weil es nicht wenig Mühe kostet, ein
-Baurenmensch zu bezwingen, das iene wollüstige Reizbarkeit nicht
-besizt, die Frauenzimmer vom Stande so plözlich entwafnet ...
-
-Die Probenächte werden alle Tage gehalten, die Kommnächte nur an den
-Sonn- und Feiertagen und ihren Vorabenden. Die Erstern dauern solange,
-bis sich beide Teile von ihrer wechselseitigen physischen Tauglichkeit
-zur Ehe genugsam überzeugt haben, oder bis das Mädchen schwanger wird.
-Hernach tut der Bauer erst die förmliche Anwerbung um sie und das
-Verlöbnis und die Hochzeit folgen schnell darauf. Unter den Bauren,
-deren Sitten noch grosser Einfalt sind, geschiht es nicht leicht, dass
-Einer, der sein Mädchen auf dise Art geschwängert hat, sie wider
-verliesse. Er würde sich ohnfehlbar den Hass und die Verachtung des
-ganzen Dorfes zuzihen. Aber das begegnet sehr häufig, dass beide
-einander nach der Ersten oder Zweiten Probenacht wider aufgeben. Das
-Mädchen hat dabei keine Gefahr, in einen übeln Ruf zu kommen; denn es
-zeigt sich bald Ein anderer, der gern den Roman mit ihr von vorne
-anhebt. Nur dann ist ihr Name zweideutigen Anmerkungen ausgesezt, wenn
-sie mehrmals die Probezeit vergebens gehalten hat. Das Dorfpublikum
-hält sich auf diesen Fall schlechterdings für berechtigt, verborgene
-Unvollkommenheiten bei ihr zu argwöhnen. Die Landleute finden ihre
-Gewohnheit so unschuldig, dass es nicht selten geschiht, wenn der
-Geistliche am Orte einen Bauren nach dem Wohlsein seiner Töchter
-frägt, dieser ihm zum Beweise, dass sie gut heranwüchsen, mit aller
-Offenherzigkeit und mit einem väterlichen Wolgefallen erzehlt, wie sie
-schon anfiengen, ihre Kommnächte zu halten. Keyssler gibt in seinen
-Reisen (Hannover 1740, Brief IV, S. 21) uns eine sehr drollige
-Erzehlung von einem Prozesse, den die Bregenzer Bauren ehmals zur
-Verteidigung einer solchen Gewohnheit geführt haben, die sie #fügen#
-nennen. Die Kasuisten, die sich eben nicht immer von den erlaubten und
-unerlaubten Begattungsarten die richtigsten Begriffe machen, und
-manchmals dasienige für Sünde halten, was keine ist, und dasienige
-nicht dafür halten, was doch eine ist, ereiferten sich von ieher sehr
-über diesen ländlichen Gebrauch. Er musste ihnen daher sehr oft zum
-Stoff dienen, ihre Beredsamkeit auf eine sehr vorteilhafte und
-pathetische Weise zu zeigen. Die katholischen Landpriester, die mit
-dem Charakter ihrer Seelenbefohlnen zuweilen etwas näher, als die
-Protestanten mit den Ihrigen bekannt sind, und mithin die
-Untadelhaftigkeit dieser Sitte besser einsehen, äussern darüber mehr
-Duldsamkeit als die Letzteren, die nie unterlassen, ihre Bauren
-deswegen mit den heftigsten Strafpredigten zu verfolgen, und weil doch
-leider heutzutage, wo die Welt so ganz im Argen ligt, dise
-Züchtigungen nicht allezeit von Wirkung sind, so verabsäumen sie keine
-Gelegenheit, zur Vertilgung dises heidnischen Gräuels den weit
-kräftigeren weltlichen Arm zu Hülfe zu rufen .... Wenn es der Wolstand
-nicht untersagte, gewisse Forschungen nicht allzuweit zu verfolgen,
-und ihr endliches Resultat enthüllt darzustellen, so könnte ich ihn
-leicht überführen, dass dise Sitte nicht nur in der Physiologie des
-Menschen gegründet, sondern auch eine für die Bevölkerung sehr
-heilsame Anstalt sei. Demienigen Teil meiner Leser aber, der sich so
-schlechterdings nicht abfertigen lässt, und verschiedene Erläuterungen
-wünscht, muss ich an die Aerzte und an dieienigen Advokaten weisen,
-die vor den Ehegerichten Prozesse führen.«
-
-Ausser diesen Probe- und Kommnächten herrschte überdies ein mehr als
-freier Verkehr zwischen den beiden Geschlechtern im Bauernstande.
-Bezeichnend dafür ist, dass z. B. in Bayern die Schlafstätten der
-Mägde und Knechte nicht voneinander gesondert waren, weshalb Ehebruch
-und Unzucht in erschreckender Weise grassierten. Maximilian, der
-grosse Kurfürst Bayerns, sah sich deshalb veranlasst, bei seinem 1598
-erfolgten Regierungsantritt ein »Sittenmandat« ausgehen zu lassen,
-nach dem Schwangerschaften bei ledigen Weibspersonen mit Geldstrafen
-und Einschliessung in »die Geige«, ein geigenartiges Brett mit
-Einschnitten für den Kopf und die beiden Hände, gebüsst werden
-sollten; trotzdem verrechnete 1605 der Münchener Rentmeister in seiner
-Amtsrechnung über Strafgelder mehr als 300 uneheliche Kinder,
-»derjenigen nicht zu erwähnen, die nicht angezeigt wurden«. Dabei
-stand der Vermerk: »Es wollen sich auch sehr viele Adelspersonen in
-diesem Laster finden lassen.« 30 Jahre später sah sich Kurfürst
-Maximilian zu einer Strafverschärfung genötigt, die auf Ehebruch bei
-Männern auf fünf- bis siebenjährige Landesverweisung, und bei
-wiederholtem Pönfall das Schwert erkannte. Eheschänderische Frauen aus
-Bürger- oder Bauernstande traf fünfjährige Verbannung, Adelige der
-Verlust aller Ehrenrechte, und alle drei Stände im Wiederholungsfalle
-der Tod durch den Henker. Das Laster war aber so tief eingewurzelt,
-dass Maximilian durch ein späteres Reskript diese Strafen mildern
-musste.[23]
-
-[23] Dr. Ed. Vehse, Geschichte des Hofes vom Hause Baiern, I. Band S.
-115 ff.
-
-Im allgemeinen jedoch war die Jungfräulichkeit der Braut unerlässliche
-Bedingung des Bräutigams.
-
- »Noch besser wär eines Igels Haut
- Im Bett, als eine leide Braut«,
-
-sagt Freidank.
-
-Von den Ditmarschen ist bekannt, dass niemand von ihnen ein gefallenes
-Mädchen ehelichen durfte, denn »de eine hôre nimt vorsatzichlich,
-vorrêt ôk wol sîn vaterland«, und als Landesverräter wegen seiner Ehe
-zu gelten, wagte kein echter Friese. Zu Bonifazius' Zeiten war das
-Mädchen gezwungen, sich aufzuhängen. Über den Scheiterhaufen der Toten
-knüpfte man den Verführer auf.[24] Das Landrecht des als unkeusch
-verschrieenen Schwabens enthält eine Stelle, die ungefähr
-folgendermassen lautet: Wenn ein Mann sich eine Gattin genommen hatte,
-und beschuldigte sie, sie wäre bei der Hochzeit nicht mehr Jungfrau
-gewesen, so waren die Eltern des Mädchens verpflichtet, den
-Gegenbeweis anzutreten. Dieses geschah dadurch, dass man »jr
-junckfraulichnn zaichnn«, das heisst das Bettuch, auf dem sie die
-erste Nacht gelegen hatte, vor Gericht brachte. Wenn man nun an diesem
-erkannte, dass sie eine reine Magd gewesen, so wurde der Mann für
-seine Verleumdung mit 40 Schlägen und einer Geldbusse bestraft und er
-war gezwungen, das Mädchen als Ehefrau zu behalten; zeigte es sich
-aber, dass das Weib seine Jungfräulichkeit früher verloren hatte, so
-wurde sie aus dem Hause des Vaters verstossen, »darumb daz sy hurhait
-pflegnn hat in irs vaters haus«. In einigen Gegenden, wie im
-Thüringischen, handhabte man die Unzuchtsstrafe noch bis ins 16.
-Jahrhundert derart, dass eine zur Unehre gekommene Dirne sofort in
-Haft genommen, ebenso der Thäter, falls man seiner habhaft werden
-konnte, gefangen gesetzt wurde, bis die Trauung stattfand. Wollte der
-Bräutigam nicht »Ja« sagen, so that es der Gemeindediener für ihn:
-»Montag den 7. September 1579 sind Matthes Bechtold von Neustadt vnd
-Agnes Bäuerin von Coburgk, da sie von wegen geübter Vnzucht und
-Hurerey Kirchenbuss gethan vnd der Obrigkeitt straffe mit gebührlichen
-vnd willig gehorsam vff sich genommen, in der Büttelstube copulirt vnd
-ehelichen zusammen gegeben worden, auf das in ihr Kindlein, mit
-welches geburt die Mutter alda vberfallen, also cohenestirt, vnd von
-allen vnehren erledigt würde.«[25]
-
-[24] Weinhold a. a. O. II. S. 19.
-
-[25] Dr. Alfr. Hagelstange, Süddeutsches Bauernleben im Mittelalter,
-S. 69 ff.
-
-Die Kirchenbussen waren, wie ich bereits bemerkte, ungleich
-empfindlicher als die Strafen der Sittenpolizei. Personen mit
-derartigen Delikten mussten vor Beginn der Messe mit einem weissen
-Stabe in der Hand oder Strohkränzen auf dem Kopfe, das Mädchen in
-Konstanz ausserdem mit einem Strohzopf vor der Kirchthüre stehen; in
-Rottenburg der Verführer in einem Strohmantel an drei Sonntagen in der
-Kirche sein. In den Dörfern oberhalb Rottenburgs musste er seine
-Liebste in einem Karren herumfahren, wobei die Jugend und die lieben
-Nächsten das Paar mit Schmutz bewarfen, ehe es von der Kanzel herab
-öffentlich seine Busse auferlegt erhielt.[26] In gewissen Fällen
-wurden die Dirnen ausgepeitscht und des Landes verwiesen.
-
-[26] Hagelstange a. a. O. und Weinhold, Die deutschen Frauen i. d. M.,
-III. Aufl., 2. Band S. 22 ff.
-
-Ein Hauptbestandteil des Lobes, das Tacitus dem germanischen Eheleben
-spendet, besteht in der Hervorhebung der bei ihnen herrschenden
-Einweiberei: »Denn sie sind fast die einzigen Barbaren, die sich mit
-Einem Weibe begnügen; eine Ausnahme machen sehr wenige unter ihnen,
-und diese nicht aus Sinnenlust, sondern weil sie ihres hohen Standes
-wegen mehrfach umworben werden.«[27] Also Ausnahmen kamen vor, wie z.
-B. Ariovists Bigamie aus politischen Gründen, ferner bei den
-Merovingern und vornehmen Franken, so bei Pipin II., der zwei
-rechtmässig angetraute Frauen, Plectrud und Alpais, besass, ohne dass
-die Kirche dagegen Einspruch zu erheben wagte. Ja, die Kirche wusste
-stets den Launen der Mächtigen willfährig zu sein, denn auch sie war
-sich des Spruches »Mit grossen Herren ist nicht gut Kirschen essen«
-bewusst, und -- eine Hand wusch eben die andere. So bleibt, aller
-Beschönigungen zum Trotze, jene so viel angefochtene und anfechtbare
-Billigung Luthers und Melanchthons zu der am 4. März 1540
-geschlossenen Doppelehe Philipps des Grossmütigen von Hessen mit der
-schönen Sächsin Margarete von Sal, dem Hoffräulein seiner Gemahlin,
-als hässlicher Fleck auf dem Charakterbilde dieser beiden grossen
-Männer haften.
-
-[27] Tacitus, Germania, 18.
-
-Die Angelegenheit erregte um so grösseres und unliebsameres Aufsehen,
-als das kurz vorher in Kraft getretene Strafgesetzbuch Kaiser Karls V.
-die Bigamie, »welche übelthat dann auch eyn ehebruch und grösser dann
-das selbig laster ist« mit dem Tode bestraft wissen wollte. Gegen
-weniger hochgeborene Übelthäter dieser Art kannte das Gesetz keine
-Nachsicht, und Meister Franz, der Nürnberger Scharfrichter, kann in
-seinen Aufzeichnungen[28] von vollzogenen Hinrichtungen an Bigamisten,
-selbst Trigamisten erzählen. Nur ein einziges Mal war in der deutschen
-Geschichte die Doppelehe nicht nur gesetzlich gestattet, sondern sogar
-behördlich angeordnet. Nach dem grossen Kriege war es, der
-Deutschlands Bevölkerung von sechzehn bis siebzehn Millionen auf etwa
-vier Millionen verringert hatte. Diesem Menschenmangel suchte man
-durch zum Teil befremdliche Auskunftsmittel zu steuern. Ein solches
-war unter anderen der am 14. Februar 1650 von dem fränkischen Kreistag
-in Nürnberg gefasste folgende Beschluss: »Demnach auch die
-unumgängliche dess heyl. Römischen Reichs Notthürft erfordert, die in
-diesem 30 Jerig blutigen Krieg ganz abgenommene, durch das Schwerdt,
-Krankheit und Hunger verzehrte Mannschaft wiederumb zu ersetzen und in
-das khünfftig eben dersselben Feinden, besonders aber dem Erbfeind des
-christlichen Namen, dem Türckhen, desto stattlicher gewachsen zu sein,
-auf alle Mitl, Weeg und Weiss zu gedenkhen, als seinds auff
-Deliberation und Berathschlagung folgende 3 Mittel vor die bequembste
-und beyträglichste erachtet und allerseits beliebt worden. 1.) Sollen
-hinfüro innerhalb den nechsten 10 Jahren von Junger mannschaft oder
-Mannsspersonen, so noch unter 60 Jahren sein, in die Klöster
-ufzunemmen verbotten, vor das 2te denen Jenigen Priestern, Pfarrherrn,
-so nicht ordersleuth, oder auff den Stifftern Canonicaten sich Ehelich
-zu verheyrathen; 3.) #Jedem Mannsspersonen 2 Weiber zu heyrathen
-erlaubt sein#: dabey doch alle und Jede Mannssperson ernstlich
-erinnert, auch auff den Kanzeln öffters ermanth werden sollen, Sich
-dergestalten hierinnen zu verhalten und vorzusehen, dass er sich
-völlig und gebürender Discretion und versorg befleisse, damit Er als
-ein Ehrlicher Mann, der ihm 2 Weyber zu nemmen getraut, beede
-Ehefrauen nicht allein nothwendig versorge, sondern auch under Ihnen
-allen Unwillen verhüette.[29]«
-
-[28] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte.
-
-[29] Joh. Scherr, Deutsche Kultur- und Sittengeschichte, 10. Aufl.,
-322 ff.
-
-Die Ehescheidung kam im Mittelalter verhältnismässig selten vor. Zu
-den Scheidungsgründen in der Übergangsperiode vom Altertum zum
-Mittelalter zählten einerseits Ehebruch, Mordversuch, Zauberei und
-Gräberschändung, andererseits zu hohes Alter des einen der Gatten,
-Unvermögen und Verweigerung der ehelichen Pflicht und böswilliges
-Verlassen.[30] Die offen und vor Zeugen geschlossene Ehe konnte nur
-wieder vor Zeugen aus beiden Familien rechtlich gelöst werden.[31] Als
-sich ein geordnetes Gerichtsverfahren gebildet hatte, wurde in aller
-Form der Ehescheidungsprozess geführt und das richterliche Erkenntnis
-öffentlich bekannt gemacht. Die Kirche strebte von Anbeginn bis zu
-ihrer vollen Machtentfaltung danach, die Scheidung möglichst zu
-erschweren. Die Nichtigkeitserklärung der Ehen konnte nur in Rom
-erfolgen, war daher für einen minder Bemittelten schwer, ja geradezu
-unmöglich. Desto mehr Gebrauch machten davon die Fürsten. Waren sie
-ihrer Frauen überdrüssig, oder boten sich durch eine andere Heirat
-neue Vorteile, so wurden, wenn kein anderer plausibler Scheidungsgrund
-aufzutreiben war, Zeugen beschafft, von denen das Vorhandensein eines
-verbotenen Verwandtschaftsgrades zwischen den Ehegatten beschworen
-wurde; Geld und Ansehen thaten das übrige, so dass die Lösung der Ehe
-durch päpstliche Gewalt keine Schwierigkeiten machte.
-
-[30] Weinhold a. a. O., III. Aufl., 2. Bd. 38 ff.
-
-[31] Grimm, Rechtsalterthümer, 454.
-
-Später wurde durch den Wegfall der meisten der vorangeführten
-Scheidungsgründe die Lösung der Ehe noch weiter erschwert. Selbst
-Ehebruch der Frau wurde 829 schon als kein Grund zur Auflösung der Ehe
-betrachtet, ebensowenig wie das geschlechtliche Unvermögen. Hatte der
-Bauer seine Frau dem Nachbarn anzubieten (s. oben Seite 65), so sah
-man in der Frühzeit nichts Übles darin, wenn der Gatte sich einen,
-wenn angängig möglichst vornehmen, dabei natürlich möglichst kräftigen
-Stellvertreter suchte. Ein thüringer Ritter, der wegen Unvermögen
-keinen Erben von seiner Frau erhalten konnte, bat den Landgrafen
-Ludwig, den Gemahl der heiligen Elisabeth, ihn zu vertreten. Mit der
-Verleitung der eigenen Frau zum Ehebruch hatte ein derartiges Ansuchen
-um so weniger zu thun, als in einem solchen Falle jedes materielle
-Interesse in Wegfall kam und der Mann nur den derzeitigen Hauptzweck
-der Ehe, die Erhaltung und Fortpflanzung der Familie, im Auge hatte.
-
-In einer Zeit, in der die kirchliche Lehre von der Verdienstlichkeit
-ehelicher Enthaltsamkeit Eingang fand, als der höchsten Frivolität
-eines Teiles der Gesellschaft die überspannteste Frömmigkeit
-gegenüberstand, blieben oder wurden manche Ehen bloss Scheinehen. Die
-Geistlichkeit pries dies sehr unlogisch, da sie doch die Ehe als
-Sakrament erklärt hatte, als ein heiliges Werk, dem der höchste Lohn
-im Jenseits gewiss war. Einige Fürstinnen und Fürsten erwarben sich
-durch dieses freiwillige und unter erschwerenden Umständen aufrecht
-erhaltene Cölibat den Heiligenschein. Sehr vernünftig erklärte sich
-aber die Synode von Schwerin anno 1492 gegen diesen asketischen
-Blödsinn. Ich habe bereits früher, beim Rittertum (Seite 49) einige
-dieser »Martyrerinnen« und Heiligen namhaft gemacht, die neben anderem
-Unsinn auch den Sport trieben, jungfräuliche Ehefrauen zu sein, die
-selbst den Verführungen der Flitterwochen nicht unterlegen waren, die
-die Vorzeit viel bezeichnender als wir: Kusswoche, Kirchenwoche,
-Zärtel-, Butter- und Honigwoche nannte.
-
-Wie alles, was vom Menschen kommt und mit dem Schicksal zusammenhängt,
-hat auch die Ehe ihre Licht- und Schattenseiten, daher begeisterte
-Anhänger und erbitterte Widersacher. Einer der eifrigsten Fürsprecher
-der Ehe war D. Martinus Luther. »Die Ehe ist eine schöne herrliche
-Gabe und Ordnung«, dann weiter, dass der Ehestand »Gottes Ordnung und
-der allerbeste und heiligste Stand sei; darum sollte man ihn auch mit
-den herrlichsten Ceremonien anfahen um des Stifters willen, nehmlich
-Gottes, der da will, dass ein Männlein und ein Fräulein beisammen sein
-sollen« u. s. w.[32]
-
-[32] Tischreden: »vom Ehestande«.
-
-Freidank, ohnehin ein begeisterter Lobredner der Frauen, bei dem sich
-das schönere Geschlecht für das sinnige Kompliment zu bedanken hat:
-
- »Vom #Freun# die #Fraun# sind zubenannt
- Ihre Freud' erfreuet alles Land;
- Wie wohl das Freuen der erkannte,
- Der sie zum Ersten Frauen nannte!«[33]
-
-singt auch das Hohelied der Ehe in allen Tonarten:
-
- »Wenn man alles sagen soll,
- So ist auf Erden keinem wohl,
- Als wer errang ein Weiblein traut
- Und fest auf ihre Treue baut.«
-
-[33]
-
- »Durch vröude vrouwen sind genant,
- Ir vröude ervröuwet ellin lant.
- Wie wol er vröude kante
- Der sie êrste vrouwen nante!«
-
-Obige Übersetzung von Karl Pannier, nach dem ich auch ferner citiere.
-
-Dann:
-
- »Wer treues Weib errungen hat,
- Dem wird für seine Sorgen Rat.«
-
-Oder Reinmar von Zweter, der über die Ehe sagt:
-
- »#Ein# Herz, #ein# Leib, #ein# Mund, #ein# Mut
- Und #eine# Treue wohlbehut,
- Wo Furcht entfleucht und Scham entweicht
- Und zwei sind eins geworden ganz,
- Wo Lieb' mit Lieb' ist im Verein:
- Da denk ich nicht, dass Silber, Gold und Edelstein
- Die Freuden übergoldet, die da bietet lichter Augen Glanz.
- Da, wo zwei Herzen, die die Minne bindet
- Man unter einer Decke findet
- Und wo sich eins an's and're schliesset,
- Da mag wohl sein des Glückes Dach.«
-
-Ob Meister Freidank und Reinmar aus Erfahrung sprechen oder nur galant
-sein wollen, ist bei den dürftigen Nachrichten über der Dichter Leben
-nicht zu ermitteln. Anders steht es aber mit einem Priester, den wir
-bisher als recht widerhaarig kennen gelernt haben. Wenn dieser,
-nämlich Bruder Berthold von Regensburg, sich zu einer Empfehlung der
-Ehe aufschwingt, noch dazu in Argumenten, die auch heute noch nichts
-von ihrer Beweiskraft eingebüsst haben, dann sollte es doch zu denken
-geben. Also Hagestolz, horche auf, und beherzige, was Frater Berthold
-in seiner Predigt über die zehn Gebote sagt: »Darum du junge Welt, geh
-schleunig in starker Busse in dich, und zur Ehe, oder mit der
-Ehelosigkeit auf den Grund der Hölle. ›Bruder Berthold, ich bin noch
-ein junger Knabe, und die mich gerne nähme, die will ich nicht, und
-die ich gerne nähme, die will mich nicht.‹ Nun so nimm aus aller Welt
-eine zur Ehe, mit der du recht und gesetzlich lebest. Willst du die
-eine nicht, so nimm die andere; willst du die Kurze nicht, so nimm die
-Lange; willst du die Lange nicht, so nimm die Kurze; willst du die
-Weisse nicht, so nimm die Schwarze; willst du die Schlanke nicht, so
-nimm die Dicke. Nimm dir nur eine Ehefrau aus aller Welt. ›Bruder
-Berthold ich bin doch arm und habe nichts.‹ Es ist weit besser, dass
-du arm ins Himmelreich fahrest, als arm zur Hölle. Du wirst noch
-schwerer reich in der Ehelosigkeit als in der Ehe. ›Bruder Berthold
-ich habe mein Brot noch nicht!‹ Ich höre wohl, du willst die Ehe
-nicht. Da du nun die Unehe haben willst, so nimm dir wenigstens nur
-eine Einzige zur Unehe. Nimm diese an die eine Hand und den Teufel an
-die andere, und nun geht alle drei mit einander zur Hölle, wo euch
-nimmer geholfen wird.«[34]
-
-[34] Weinhold a. a. O. I. 296 ff.
-
-Dieselbe Meinung hegt Fischart in seinem Philosophischen Ehzuchtbüchlein:
-
- »Wer da flieht den Rauch der Ehe,
- Fällt in eine Flamm' und ärger Wehe.
- Mancher den Regen flieht im Haus
- Und fällt darnach in den Bach da draus.«
-
-Das geistvolle Schriftchen enthält noch manche, selbst heute recht
-beherzigenswerte Ehestandsregel.[35]
-
-[35] Erneut und bearbeitet von G. Holtey Weber, Halle a. S., Hendel.
-
-Nun _audiatur et altera pars_. Damit liessen sich Folianten füllen,
-doch mag hier nur der Bissigsten einer, Geiler von Kaisersberg, zu
-Wort kommen, da sich neben vielen Verbohrtheiten auch manch Körnlein
-Wahrheit in seiner Predigt birgt. Eine reiche Frau reibt ihrem Gatten
-täglich ihre Mitgift unter die Nase, sagt er; eine fruchtbare bringt
-mit ihren vielen Kindern selbst dann Sorgen ins Haus, wenn Reichtum
-vorhanden ist; fehlt dieser aber, so giebts Kummer und Not. Ist sie
-unfruchtbar, klagen sie um Kinder; ist sie schön, muss der Mann
-sorgen, dass auch andere ausser ihm sie begehrenswert finden. »Jedoch
-du nemmest für eine, was du wöllest, so bekommest du ein meister uber
-dich, die dir allzeit wider beffzet gleich als ein böser hundt. Diss
-ist der weiber natur und brauch, da sie alzeit den männern widerreden
-und antwort geben. Dann sie volgen irem natürlichen ursprung nach,
-nemlich, dieweil sie auss einem krummen ripp gemachet sein, so reden
-und bellen sie allzeit herwider und wissen auff alle ding ein antwort
-zu geben.«[36] Übrigens ist Geiler konsequent genug, auch die Weiber
-vom Heiraten abhalten zu wollen, indem er sie an das Sprichwort
-erinnert:
-
-[36] Schultz, D. Leben, S. 260.
-
- »Es ward nie kein mann,
- Er hett ein wolffszaan!«
-
-Genützt haben aber die Redereien blutwenig. Die Leute heirateten doch,
-der Augsburger Kaufherr Burkard Zink viermal; in Köln am Sonntag nach
-Michaelis im Jahre des Herrn 1498 eine Frau sogar zum siebenten Male,
-nachdem sie bereits sechsmal Witwe gewesen war.
-
-
-
-
-Die feile Liebe.
-
-
-Wenn der ganze Verlauf der Geschichte der geistigen Entwickelung der
-Menschheit mit dem Leben eines Mannes verglichen wird, so ähnelt das
-Mittelalter in seiner Gesamtheit den Flegeljahren des Mannes, der --
-halb Kind, halb Jüngling -- zwischen den diesen Entwickelungsjahren
-eigentümlichen Extremen schwankt. Der Geist hält mit dem Wachstum des
-Körpers nicht Schritt; langsam dämmert in ihm erst die Erkenntnis des
-Jünglings auf, während sich die Glieder recken und dehnen, das Blut
-schneller die Adern durchkreist, neue Gedanken erstehen, eckig und
-unreif wie der Körper. Das lieblich kindliche Gehaben macht einem
-selbstbewussten Auftreten, die zarte Kinderstimme dem rauheren Organe
-Platz. Das Schamgefühl, dem innersten Wesen des Kindes fremd, beginnt
-langsam zu erstehen, ohne sich jedoch noch voll entfaltet zu haben.
-Ganz so war es mit den Deutschen zwischen dem 12. und dem 16.
-Jahrhundert. Die auf sie aus zahllosen Kanälen einströmende Erkenntnis
-hatte ihnen viel von der Naivität früherer Zeit geraubt, ihre
-Ursprünglichkeit, die sich erst unter dem Einfluss ausländischer
-Sitten und der Schulbildung in viel späterer Zeit verlieren sollte,
-war für jetzt noch aufdringlicher und abstossender geworden als sie
-vordem war, da sie nun nicht mehr unbewusst sich bethätigte.
-
-Das Geschlechtsleben entwickelte sich, je weiter das Mittelalter
-seinem Höhepunkte zukam, immer unverhüllter, bis es von der Naivität
-zur Gemeinheit gesunken war. Dem Grundsatze _naturalia non sunt
-turpia_ huldigte das Mittelalter in einer der Neuzeit unbegreiflichen
-Weise. Die intimsten Verrichtungen scheuten die breiteste
-Öffentlichkeit nicht[1], in Wort und Bild durften die widerhaarigsten
-Zoten ungescheut verkündet werden. Die Vorurteilslosigkeit in
-geschlechtlichen Dingen sah in dem Vorhandensein öffentlicher Dirnen
-und ihrer Benutzung etwas ganz Selbstverständliches. Die Sentenz von
-den Dirnen, die da seien, die Tugend der Bürgermädchen vor
-Versuchungen zu bewahren, war im Mittelalter allgemein, stammt daher
-keineswegs von Heine. Man duldete die Wollustpriesterinnen schon in
-frühester Zeit innerhalb der Stadtmauern oder in deren unmittelbaren
-Nähe ausserhalb des Weichbildes, wenn auch von Anbeginn an unter
-erschwerenden Umständen. Meist boten gewerbsmässige Kupplerinnen den
-öffentlichen Mädchen Unterschlupf. Sie sorgten einerseits für die
-Heranziehung von Liebhabern, andererseits für immer wechselndes
-Mädchenmaterial. Die engen Strassen der meist räumlich sehr
-beschränkten Städte und Flecken eigneten sich noch nicht zum Abfangen
-der Liebhaber ausserhalb der Häuser. In grossen Städten war dies
-allerdings anders. König Wenzel von Böhmen (1361-1419), ein gar
-galanter Herr, zog im nächtlichen Prag »als ein garczawn«
-(Junggeselle) auf der Streife nach »dy junckfrauen, die leider sind
-gemein« umher[2], die er demnach hoffen durfte auf den Strassen
-anzutreffen. Doch die Hauptrolle beim Liebesgeschäft spielten die
-Kupplerinnen, die sich aber nicht nur darauf beschränkten, ihre eigene
-Ware an den Mann zu bringen, sondern auch zu sonstigen Liebeshändeln
-gerne ihre Dienste boten. Eine kleine Novelle #Konrads von Würzburg#,
-eines der bedeutendsten und fruchtbarsten Dichter des 13.
-Jahrhunderts, beleuchtet sehr anschaulich das Wirken einer solchen
-Kupplerin aus Konrads Heimat, einer »vuegerinne«, die liebebedürftigen
-Pärchen ihr Haus zur Verfügung stellte. Eines Tages, als bei ihr
-Schmalhans Küchenmeister war, ging sie zur Kirche, um dort vielleicht
-Kunden einzufangen. Das Glück schien ihr hold, denn der Dompropst
-Heinrich von Rothenstein, einer der Chorherren am Münster, kreuzte
-ihren Weg. Die Fügerin wisperte ihm zu: »Eine schöne Frau entbietet
-Euch Freundschaft, Huld und Gruss, da ihr Herz und Sinn, Euch,
-würdiger Herr, in Treue zugewandt ist.« Dem Pfaffen schlug das Herz
-höher und schmunzelnd gab er der »lieben Mutter« eine Handvoll Münzen,
-indem er ihr ans Herz legte, nur alles in die Wege zu leiten. Frau
-Fügerin hielt nun freudig Ausschau nach der schönen Frau, die den
-feisten Chorherrn in ihr Herz geschlossen haben könnte, als ein »schön
-minniglich Weib« in das Gotteshaus trat. Die Kupplerin machte sich
-heran und vertraute ihr an, dass ein gar schöner »tugendlichster« Herr
-von ihrem Anblick todwund sei und nur sie allein im stande wäre, die
-Minnewunde zu heilen, die ihr Augenpaar geschlagen. Lachend willigte
-die Angesprochene ein, nach der Messe weiteres hören zu wollen. Die
-Kupplerin erstand nun einen seidenen Gürtel, um ihn der aus der Kirche
-Kommenden als Geschenk des Liebhabers anzubieten. Diesem Angebinde und
-der Überredungskunst der Fügerin vermochte die Tugend der Dame nicht
-standzuhalten. Sie versprach, sich nachmittags im Häuschen der Alten
-einzufinden. Pünktlich erschien sie im »behaglichen Kleide«. Die
-Kupplerin flog glückstrahlend zum geistlichen Herrn, ihn zum
-Stelldichein zu führen, doch leider hinderten ihn dringende,
-unaufschiebbare Geschäfte, dem lockenden Rufe zu folgen. Die arme
-Kupplerin sah sich um ihren sicheren Verdienst gebracht und trollte
-betrübt ihrem Hause zu, als sie einem stattlichen, reichgekleideten
-Herrn begegnete, der auch gerne bereit war, für den Chorherrn
-einzuspringen. Inzwischen harrte die Dame bei der Kupplerin neugierig
-der Dinge, die da kommen sollen. Sie erschrak aber bis auf den Tod,
-als sie in dem die Kupplerin begleitenden Herrn -- ihren eigenen Mann
-erkannte. Nun galt es frech sein und den dräuenden Spiess umkehren.
-Mit einer Flut von Schmähreden, Schimpfwörtern, Püffen und Schlägen
-überfiel sie den ahnungslosen Gemahl, der schliesslich noch glücklich
-war, die Verzeihung seiner betrogenen Gattin durch eine Unzahl von
-Versprechungen zu erlangen.[3]
-
-[1] G. v. Below, Das ältere deutsche Städtewesen und Bürgertum, S. 32,
-33.
-
-[2] J. Wessely, Deutschlands Lehrjahre, I. 217.
-
-[3] Hagen, Gesammtabenteuer, I. 193 ff.; Scherr, Frauenwelt, I. 247
-ff.
-
-Neben der Kupplerin nimmt eine Dame die Hauptstelle in dieser den
-Stempel der Natürlichkeit tragenden Novelle ein. Die Stadtbewohnerinnen
-waren auch kaum zurückhaltender als die Edeldamen und Dorfschönen,
-weshalb das lichtscheue Treiben der Gelegenheitsmacherinnen
-unheilvollen Einfluss auf die Moral ausüben musste. Mittels
-drakonischer Strafen suchte sich die mittelalterliche Rechtspflege
-denn auch der Fügerinnen zu entledigen. Aber die Verurteilungen
-von Kupplerinnen verheirateter Frauen zu Pranger, Steintragen,
-Stadtverweisungen[4], selbst zum Lebendbegraben -- »drivende meghede,
-de andere vrowen verschündet«[5] -- und Verbrennen, wie im alten
-Berlin[6], halfen dem Übel um so weniger ab, als die Fügerinnen bei
-dem überhandnehmenden Luxus ständigen Zulaufes der verschwenderischen
-Weiber sicher sein durften. Viele dieser Kupplerinnen waren, einst
-wie jetzt, in ihrer Jugend durch ihre nunmehrigen Kolleginnen auf
-die abschüssige Bahn gestossen worden und vergalten nun Gleiches
-mit Gleichem. Der Berner Dichter Nicolaus Manuel lässt in seinem
-Fastnachtsspiel »Vom Papst und seiner Priesterschaft« eine solch
-ausrangierte Dirne sprechen:
-
-[4] H. Deichsler, Städtechroniken, XI. 657.
-
-[5] Grimm, Rechtsalterthümer, 694.
-
-[6] Schwebel, S. 242 ff.
-
- »Ich freu' mich, dass ich kuppeln kann,
- Sonst wär' ich wahrlich übel dran;
- Ich hab mirs meisterlich gelehrt
- Und lange mich damit ernährt,
- Seitdem dass meine Brüste hangen
- Wie 'n leerer Sack auf einer Stangen.«
-
-Gar manche putz- und gefallsüchtige Stadtdame war ihre eigene
-Kupplerin[7], andere wieder behalfen sich damit, dass sie ihr Gewerbe
-mit Hilfe ihres Ehemannes ausübten. Gegen solche Schandkerle, die eine
-grosse Nachkommenschaft zu verzeichnen haben, wettert Geiler von
-Kaiserberg: »Wenn sie kein gelt mehr haben, sagen sie den weibern:
-›gehe und lug, das wir gelt haben; gehe zu diesem oder jenem Pfaffen,
-studenten oder edelmann unnd heiss dir ein gülden leihen und denck,
-komb mir nicht zu hauss, wo du kein gelt bringest, lug wo du gelt
-auftreibest oder verdienest, wenn du schon es mit der handt
-verdienest, da du auff sitzest.‹ Alsdann gehet sie ein ehrliche unnd
-fromme fraw auss dem hauss und kompt ein hur wider heim.«[8] Murner
-charakterisiert einen dieser Kuppler, der dem »ganzen Ort sein Weib
-gönnt« dadurch, dass er ihn, wenn ein guter Gesell zur Frau kommt, um
-Wein laufen lässt, von wo er erst nach »dritthalb Stund« zurückkommt.
-Tritt er ins Haus, so singt er laut, um sein Kommen bemerkbar zu
-machen u. s. w.[9]
-
-[7]
-
- Die Else sprach (zu ihrem Manne) darauf voll Wut:
- »Dass dich das Fieber rütteln thut!
- Wenn du mir nicht willst Zierden kaufen,
- So kann ich zu den Mönchen laufen
- Und zu dem Adel, zu den Pfaffen,
- Die werden mir wohl Kleider schaffen,
- Damit ich geh' wie ein ander Weib.
- Ich zahl' es ihnen mit Ehr' und Leib!«
-
- Murner, Narrenbeschwörung, 86. 48.
-
-[8] Kloster, I. 406.
-
-[9] Murner, Narrenbeschw., 60.
-
-Johannes Sarisberiensis erzählt im »Polycraticus«, lib. III cap. 13:
-»Wenn die junge Frau aus ihrem Brautgemach schreitet, sollte man den
-Gatten weniger für den Gemahl, als für den Kuppler halten. Er führt
-sie vor, setzt sie den Lüstlingen aus, und wenn die Hoffnung auf
-klingende Münze winkt, so giebt er ihre Liebe mit schlauer Heuchelei
-preis. Wenn die hübsche Tochter oder sonst etwas in der Familie einem
-Reichen gefällt, so ist sie eine öffentliche Waare, die ausgeboten
-wird, sobald sich ein Käufer findet.«
-
-Der geschmeidige Italiener Aeneas Silvius Piccolomini, nachmals
-Papst Pius II., ein scharfer Beobachter, der gut zu schildern weiss
-und pikant zu erzählen liebt, beschreibt das mittelalterliche Wien,
-dem er in den sechziger Jahren des 15. Jahrhunderts einen Besuch
-abstattete, als wahres Paradies, die Bewohner aber als Ausbunde von
-Lasterhaftigkeit. Nach ihm sind alle Wienerinnen Ehebrecherinnen, alle
-Wiener Hahnreie oder Zuhälter. Ganz so schlimm, wie es der fromme Herr
-macht, der weder als Schriftsteller noch als Mensch ein Tugendbold war,
-der an übergrosser Wahrheitsliebe litt, wird es gerade nicht gewesen
-sein, wenn es auch ebensowenig in Wien wie in anderen grossen und
-reichen Städten klösterlich zuging. Die Verführung in den Grossstädten
-war nicht gering und die Frauentugend nicht immer klar wie ein Spiegel.
-Der Ehebruch war vormals nicht seltener als heutzutage, wenn auch die
-alten Gesetzbücher nicht so leicht darüber hinglitten wie die modernen
-Strafgesetzsammlungen. Die alten Volksrechte bestimmten bereits, dass
-Ehebrecherinnen, auch wenn sie ihr Verbrechen mit Wissen des Gatten
-begangen, hinzurichten seien. Der Gatte und der Liebhaber hatten nur
-Ehrenstrafen zu gewärtigen. Die »Hals- oder Peinliche Gerichtsordnung
-Kaiser Karls V.« von 1553 hingegen erkennt:
-
-cxxij. »Item so jemandt sein _eheweib_ oder kinder, vmb eynicherley
-geniess willen, wie der namen hett, williglich zu vnehrlichen,
-vnkeuschen vnd schendtlichen wercken gebrauchen lest, der ist ehrloss,
-vnd soll nach vermöge gemeyner rechten gestrafft werden,« d. h. den
-Tod durch den Henker erleiden.
-
-In der Curt Müllerschen Ausgabe der Halsgerichtsordnung findet sich
-folgender Fall angegeben:
-
-»Und C. K. hat gestanden, dass er wohl gewust und zufrieden gewesen,
-dass sein Eheweib mit gedachtem Pfarrherrn Ehebruch begehen möchte;
-dann er seiner wohl zu geniessen verhoffet, und sich mit ihm derowegen
-um 100 Thaler vertragen, auch 53 Thaler darauf empfangen etc. Da nun
-gedachter C. K. auf seinem gethanen Bekentniss vor Gerichte freywillig
-verharren, oder des sonsten, wie recht, überwiesen würde: So möchte
-er, solcher Verkuppelung halben, mit dem Schwerdte vom Leben zum Tode
-gestrafft werden, V. R. W. Ad consult. Quaestoris M. Jul. 1587.«
-
-In Zürich ersäufte man 1449 einen Zuhälter seiner Frau in der Limmat.
-
-Waren die Frauen zu Lottereien geneigt, so gaben ihnen die Männer
-darin nichts nach, wenn man Geiler glauben darf, der da predigt: »Es
-gibt auch männer, die ein offentliche huren oder schottel neben der
-Frawen im hauss haben und halten.« Dem 15. Jahrhundert entstammt das
-Gesetz, einen Ehemann, der mit seiner Geliebten unter einem Dache
-wohnt, auf fünf Jahre aus der Stadt zu verbannen. Die gleiche Strafe
-trifft eine Frau, die ihren Mann verlässt, um mit dem Liebsten zu
-leben. Wer verheiratet ist und dies verschweigt, um durch
-Eheversprechen Erhörung zu finden, gleichviel ob Mann oder Weib, wird
-auf zehn Jahre der Stadt verwiesen.[10] Als 1459 in Nürnberg die Frau
-des reichen Kaufmannes Linhart Podmer des Ehebruches mit einem
-Schreiber überführt wurde, degradierte sie der Rat zur öffentlichen
-Dirne, indem er ihr verbot, gewisse Kleidungsstücke anzulegen.
-
-[10] J. Brucker, Strassburger Zunft- und Polizeiverordnungen, S. 456.
-
-Die Verkuppelung der eigenen Kinder bestrafte die »Karolina«, wie aus
-der citierten Stelle ersichtlich, gleichfalls mit dem Enthaupten; das
-alte Berliner Stadtbuch mit dem Scheiterhaufen. Dieses letztere
-Gesetzbuch zeichnete eine sittengeschichtlich äusserst interessante
-Kuppelei-Affäre auf.
-
-»Jesmann und sein Weib wurden verbrannt wegen Verrates, den sie
-begingen an ihrem eigenen Blute, nämlich an ihrer Tochter, einem
-jungen Kinde, das sie unehrenhafter Weise übergaben dem Komtur von
-Tempelhof, der ein begebener (geistlicher) Kreuzherr war des Ordens
-St. Johannis -- (also ein Johanniter-Ordens-Ritter) -- Die unehrliche
-Frau, die Peter Rykime, vermittelte es nämlich, dass der Komtur die
-Maid wohl kleiden wollte mit schönem Gewande, und Gutes wollte er ihr
-geben genug; auch wollte er Jesmann und sein Weib sehr reich machen,
-und das schwur er ihnen auf sein Wort zu. Da brachten die Dreie dem
-Komtur das Kind entgegen bis an den Berg von Tempelhof, und dort
-empfing er es von ihnen, und trat in Unehre mit ihm ein. Drum wurden
-jene Drei verbrannt.« Der Herr Komtur ging natürlich straflos aus --
-er war ja von Adel und noch dazu ein geistlicher Ritter, dem so leicht
-nichts anzuhaben war, selbst wenn man gewollt hätte, was aber den
-ehrsamen Herren vom hohen Rate nicht im Traume einfiel. Sie hielten
-sich lieber dafür an den bürgerlichen Übelthätern schadlos, und
-justifizierten diese nach Herzenslust, so z. B. des »Matthias Weib«,
-das man 1399 verbrannte, weil sie eines Klaus Jordans Ehefrau an den
-Jacob von dem Rhine (Rheine) verkuppelt hatte.[11]
-
-[11] Schwebel, Gesch. v. Berlin, S 242 ff.; siehe auch Murner,
-Narrenbeschwörung XLI.
-
-In Strassburg strafte man die Dienerschaft, die Kinder der
-Brotherrschaft, deren Freunde oder deren Mündel, verkuppelt hatten,
-gleichviel ob diese grossjährig waren oder nicht, den Knecht mit
-Ertränken, die Magd mit dem Ausstechen der Augen und Stadtverweisung.
-Wer als Knecht mit der Frau des Herrn eine Liebschaft hat, der Knecht
-oder die Magd, die ihre Herrin verkuppeln, verlieren zwei Finger der
-rechten Hand und werden verwiesen. Trifft der Herr den Knecht auf
-frischer That, so kann er ungestraft nach Gutdünken handeln.[12]
-
-[12] Brucker a. a. O. S. 456.
-
-Ungeachtet der tief eingewurzelten Immoralität erstarb die Achtung vor
-der jungfräulichen Reinheit niemals gänzlich, und die Folge war, dass
-Mädchen, deren Schande offenbar wurde, sich von der Missachtung,
-daneben noch von schweren bürgerlichen und kirchlichen Strafen bedroht
-sahen.
-
-#Abtreibung der Leibesfrucht# und #Kindesmord# waren daher nichts
-Aussergewöhnliches.
-
-Gegen das erstgenannte Verbrechen predigt Berthold von Regensburg: »Er
-(der tuifel) raetet ir eht, daz sie tanze oder daz sie ringe oder
-hüpfe und ungewar (ungefähr) trete oder valle oder daz sie sich harte
-über ein Kisten neige oder daz sie der wirt slahe.«[13] Gegen
-Kindesmörderinnen ging man mit unerbittlicher Strenge vor. Die
-»Karolina« befiehlt in den §§ 35 und 36 die Folter und den Tod. In
-Zürich ersäufte man Kindesmörderinnen, an anderen Orten begrub man sie
-in Dornen gebettet lebenden Leibes. Einer anderen Strafart ist bereits
-oben gedacht worden.
-
-[13] B. v. R. bei Schultz, Höf. Leben, 598.
-
-Zur Verhütung der Kindesmorde entstanden #Findelhäuser#, so 1452 in
-Frankfurt a. M. Nürnberg wies deren zwei auf, deren erstes 1331
-errichtet wurde, denen als Gefälle das Gras in den Stadtgräben
-zustand. Auch in Freiburg im Breisgau und in Ulm sind »der funden
-kindlin hus« aus dem 14. und 15. Jahrhundert bekundet. Das Ulmer
-Findelhaus wies im 16. Jahrhundert manchmal an 200 und mehr
-»Fundenkindlin« aus.
-
-Blieb unerlaubte Liebe ohne Folgen, so versuchte man wohl auch das
-verlorene Magdtum durch künstliche Mittel wieder herzustellen. Ein
-fahrender Schüler berühmt sich wenigstens:
-
- »Welche den magtum hat verloren
- Der mach ich ein salben.«[14]
-
-[14] Altdeutsche Wälder, II. S. 55.
-
-Derartige Zustände erschienen mit der Zeit den Stadtobrigkeiten schon
-aus dem Grunde unhaltbar, als sie alle Stände in Mitleidenschaft zogen
-und selbst vor den Familien der stolzen Patricier nicht Halt machten.
-
-Eine Regelung und polizeiliche Überwachung der Unzucht wurde
-schliesslich zur brennenden Frage, die durch Gründung von
-#Freudenhäusern# endgültig geregelt schien. Durch die Bordelle glaubten
-die Stadtväter Latrinen geschaffen zu haben, die den sexuellen Unrat
-auffangen und dadurch den honetten Teil der weiblichen Ortsbevölkerung
-vor Versuchung und Verseuchung bewahren sollten. Denn: »bei der
-Rücksichtslosigkeit, mit welcher die Menschen des Mittelalters
-Jahrhunderte lang der Wollust frönten, waren die Frauenhäuser eine
-Notwendigkeit, und zwar nicht nur zum Schutze ehrbarer Mädchen und
-Frauen, sondern auch damit die Unsittlichkeit einigermassen überwacht
-werden konnte.«[15] Die ersten Bordelle erstanden gegen Ende des 13.
-Jahrhunderts[16]; in Wien ist 1278 ein Freudenhaus urkundlich erwiesen,
-in Augsburg 1273[17], in Hamburg 1292, aber erst das 14. Jahrhundert
-sah sie allenthalben emporschiessen und sichtlich gedeihen.
-
-[15] Kriegk, Deutsches Bürgertum im Mittelalter, S. 292.
-
-[16] Der gewaltigste deutsche Volksredner des frühen Mittelalters,
-Bruder Berthold von Regensburg († 1272), kennt schon Stadtdirnen. »Und
-diu gemeinen fröuwelîn, sie heizent aber niht fröuwelîn, man sie
-habent frouwennamen verlorn, und wir heizen sie die boesen liute auf
-dem graben.«
-
-[17] Hormayrs histor. Taschenbuch v. J. 1836 S. 320.
-
-Die Gegend der Stadt, in der diese Kasernen der Unzucht lagen, nannte
-die mittelalterliche Galanterie Frauengasse, Rosengasse (Berlin),
-Rosenhag (Hildesheim), Rosenthal (Leipzig), oder auch Kätchengasse,
-wie in Braunschweig; die Freude an Zoten erfand allerdings oft recht
-urwüchsige, heute arg verpönte, aber sehr bezeichnende Namen. Das Haus
-selbst nannte man: Bordell, Frauenhaus, Töchterhaus, gemeines,
-offenes, freies Haus, Jungfrauenhof; die Insassinnen: leichte, offene,
-gemeine oder gelustige Fräuleins, freie, unehrbare Töchter, üppige,
-thörichte Dirnen, Hübschlerinnen u. a. m.[18]
-
-[18] Ein ziemlich eingehendes Register aller mittelalterlichen
-Bezeichnungen für Dirnen gibt Weinhold a. a. O. II. Bd. S. 19.
-
-Bei der mittelalterlichen Vorurteilslosigkeit ist es begreiflich, dass
-die das Frauenhaus schützende Behörde ihren Nutzen aus dieser --
-»gemein-nützigen« Anstalt zu ziehen gewillt war. Die Städte
-einerseits, andererseits die geistlichen Stifte oder die Adeligen, auf
-deren Boden diese Häuser standen, liessen sich ganz tüchtig bezahlen.
-Scheuten sich doch Kirchenfürsten, selbst Päpste nicht, sich an
-Frauenhaus-Erträgnissen Einkommen zu sichern -- ja, _non olet_ --,
-ebensowenig wie es als schimpflich galt, mit Bordell-Gefällen vom
-Kaiser belehnt zu werden. Die gefürsteten Grafen von Henneberg und die
-Grafen von Pappenheim hatten derartige Lehen zu eigen, die ihnen
-gewaltige Summen einbrachten.[19] Der Erzbischof von Mainz beschwerte
-sich im Jahre 1442 darüber, dass ihn die Stadt schädige »an den
-gemeinen Frauen und Töchtern« und »an der Buhlerei«[20], jedenfalls
-durch städtische Konkurrenzunternehmungen. Die Herzöge Albrecht IV.
-und V. waren Eigentümer eines Wiener Bordells, das sie einem Edelmann,
-Konrad dem Pappenberger, zu Lehen gaben.
-
-[19] Scheible, Das Kloster, VI. Die Frauenhäuser und die fahrenden
-Frauen.
-
-[20] v. Maurer, Gesch. der Städteverfassung in Deutschland, III. 109.
-
-Manche Städte verwandten die Einkünfte aus den offenen
-Häusern zu gemeinnützigen Zwecken, so Wien für den Wirt des
-Untersuchungsgefängnisses.[21] Die Aufsicht über die Frauenhäuser
-behielt sich an vielen Plätzen der Magistrat selbst vor, an anderen
-wieder bildete sie eine Obliegenheit des verachtetsten Beamten, des
-Scharfrichters oder Stockers, der sich dafür von jeder einzelnen
-Dirne entlohnen lassen durfte. In Nürnberg z. B. war »der Züchtiger«
-gleichzeitig Bordellwirt, in Berlin der Büttel. Das Berliner Frauenhaus
-lag bis 1420, wo es einging, in der Rosengasse bei der Büttelei. Wenige
-Jahre vor seiner Auflösung (1407) führte es noch vierteljährlich ein
-halbes Schock Groschen an den Rat ab.[22]
-
-[21] J. E. Schlager, Wiener Skizzen des Mittelalters, N. F. III. S.
-375.
-
-[22] Schwebel, Gesch. v. Berlin, I. 271 ff.; Streckfuss, 500 Jahre
-Berliner Geschichte, S. 25.
-
-An der Spitze des Bordells stand der Frauenwirt, Kuppler oder Ruffian
-genannt, der der Stadt gegenüber verantwortlich für Ausführung der
-Hausordnung war und als Stadtdiener in Eid genommen wurde. In
-Würzburg hatten die Frauenwirte den Treueid dreimal, nämlich dem Rate,
-dem Fürstbischofe und dem Domkapitel abzulegen. Einer dieser Eide
-lautete: »Der Stadt treu und hold zu sein und Frauen zu werben.« Der
-Ulmer Ruffian beschwor: »vierzehn taugliche und geschickte, saubere
-und gesunde Frauen zu unterhalten.«[23] In Genf wurde die
-Dirnenkönigin, Regina Bordelli, in Eid und Pflicht genommen, die
-Ordnung unter ihren Standesgenossinnen aufrecht zu erhalten.
-
-[23] Wilh. Rudeck, Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in
-Deutschland, S. 28.
-
-Die Bordellordnungen regelten mit echt deutscher Gründlichkeit die
-Obliegenheiten der Frauen, »so an der Unehre sitzen«. Einige, allen
-diesen Vorschriften gemeinsame Hauptpunkte waren, dass kein Stadtkind
-und keine Ehefrau als Dirnen zugelassen werden durften. Juden,
-Ehemännern und Geistlichen war der Zutritt für immer, den anderen
-Gästen an gewissen Feiertagen und den Vorabenden dazu zu untersagen.
-Allen diesen Bestimmungen wurde durch die auf ihre Nichtbefolgung
-gesetzten harten Strafen der nötige Nachdruck gegeben. Recht übel ging
-es einem der armen Prügeljungen des Mittelalters, einem Juden, wenn
-man ihn im Bordell ertappte. »Auch wan ein wallpode einen juden bei
-einer christenfrauwen oder meide funde, unkeischheit mit ir zu triben,
-die mag er beide halten, do sol man dem juden sein ding abssniden und
-ein aug usstechen und sie mit ruden usjagen oder sie mogen umb eine
-summe darumb dingen«[24], stand in einem Mainzer Gesetz des 15.
-Jahrhunderts. Die Ehemänner hatten sich durch Strafgeld zu lösen. Da
-Wirte und Mädchen kein Interesse daran hatten, Ehemänner und Juden,
-die vielleicht ganz gute Kunden waren, aus ihrem Haus zu treiben, so
-werden sie oftmals ein Auge zugedrückt haben. Bei anderen Bestimmungen
-ging dies nicht so leicht, da der Aufpasser zu viele waren und Strafen
-den Wirt trafen. Deshalb wussten sich Ehefrauen, wie die von Lübeck im
-Jahre 1476, dadurch zu entschädigen, dass sie, das Antlitz unter
-dichten Schleiern geborgen, abends in die Weinkeller gingen, um an
-diesen Prostitutionsstätten unerkannt messalinischen Gelüsten zu
-frönen.[25] Am strengsten durchgeführt wurde die Bestimmung, keine
-ortsangehörigen Mädchen ins Frauenhaus aufzunehmen. Daher rekrutierten
-die Ruffiane ihre Dirnen von ausserhalb, besonders von Schwaben, das
-im Mittelalter seiner Mädchen wegen grossen Ruf besass und ein
-Hauptexportland für den Mädchenhandel bildete. Schwabinnen traf man in
-ganz Mittel- und Süddeutschland selbst in Venedig als Dirnen an. Ein
-alter Autor, Felix Fabri, rühmt ihnen nach, dass sie ebenso treu und
-arbeitsam, wie lieblich und »delicat« seien. Joannes Boëmus Aubanus
-Teutonicus, der 1535 in Lyon ein Buch »_Omnium gentium mores etc._«
-veröffentlichte, charakterisiert die Schwaben wie folgt: »Uebrigens da
-immer Gutes mit Bösem vermischt, und nichts vollkommen ist, so sind
-die Schwaben über die Massen zur Liebe geneigt, das weibliche
-Geschlecht gibt dem männlichen leicht zum Bösen nach ....«; ferner:
-»Es ist ein Sprüchwort vorhanden, dass das eine Schwaben das weite
-Deutschland genügend mit leichtfertigen Weibern überschwemme.«[26]
-Auch die sonstigen Pflichten des Frauenwirtes waren allerorten
-eingehend normiert. Es war ihm vorgeschrieben, wieviel er den Mädchen
-für Nahrung, Bett und Wäsche zu berechnen, was er ihnen für Essen und
-Trinken vorzusetzen und was er für jeden Besucher von den Mädchen zu
-fordern hatte. Er durfte die Mädchen weder verkaufen noch verpfänden,
-sie nicht am Ausgehen und am Kirchgang hindern, sie nicht
-zurückhalten, wenn sie wieder anständig werden oder heiraten wollten.
-Ferner war es ihm -- z. B. in Regensburg -- untersagt, die Dirnen zu
-schlagen, sondern er hatte sie, wenn sie Strafe verdienten, der
-Obrigkeit anzuzeigen. In der Bestallungsurkunde des Würzburger
-Frauenwirtes Martin Hummel von Neuenberg bei Basel, gegeben im Jahre
-1444, finden sich die Bestimmungen: »Es sol auch furbass der
-Frawenwirt kein Frawe in seinem Haws wonend dj so swanger oder zu
-zeiten so sj mit Iren weyblichen Rechten (_mensis_) beladen noch auch
-sust zu keiner anderen zejt, so sj ungeschickt were oder sich von den
-Sunden enthalten wollt, zu keinem manne, noch sundlichen werken nicht
-noten, noch dringen in kein wejss.« Dirnen in allzu jugendlichem Alter
-durften nicht im Bordell sein. »Und welches töchterlein funden wurt
-des libes halben zuo dem werk nit geschicket sunder zuo junge ist,
-also das es weder brüste noch anders hette, das dazuo gehört daz sol
-mit der ruoten darumb gestrofet und dazuo der stat verwisen werden, bj
-libs strofe, so lange biss dass es zuo sinem billigem alter kompt.«[27]
-
-[24] Grimm, Weistümer, I. 533.
-
-[25] Becker, Geschichte der Stadt Lübeck, I. 281.
-
-[26] Schultz, D. L., S. 4.
-
-[27] Schultz, D. L., S. 179.
-
-Der Regensburger Ruffian sollte von keiner »werntlichen Frau« etwas
-nehmen »oder sie ins Haus zu locken, dass dieselben unter dem Vorwand
-dieser Töchter ihr Unend desto bas treiben konnten, vielmehr wo solche
-Frauen hier wären, dieselben dem Stadtkämmerer anzuzeigen ....«,
-mit anderen Worten: keinen fremden Weibern und Gelegenheitsdirnen
-Unterschlupf bieten. Besonders anerkennenswert ist es, dass die
-bedauernswerten Geschöpfe, denen nach einem nicht immer selbstgewählten
-Leben voll Schmach meist der Schindanger als letzte Ruhestätte
-angewiesen wurde, von Amts wegen vor allzu grosser Ausbeutung geschützt
-waren. Der Ulmer Stadtrat schreibt seinem Frauenwirt genau die den
-Dirnen zu verabreichenden Speisen und die von ihm zu fordernden Preise
-vor; sogar um noch anderes kümmert sich der wohlweise und ehrenfeste
-Magistrat. »Ain yede fraw, so nachts ain Mann bey ir hat, soll dem
-Wiertt zu Schlaffgeldt geben ainen Kreutzer und nit drüber, und was jr
-über dasselbig von dem Mann, bey dem siy also geschlaffen hatt, wirdt,
-das sol an jhren Nutz kommen.«
-
-Diese allerorts geübte, mitunter recht zöpfisch eingekleidete
-Humanität erweiterte sich mitunter zu einem Wohlwollen, dem eine
-gewisse Komik nicht abzusprechen ist. Auf der einen Seite dem tief
-gehasstesten und verachtetsten Manne der Stadt, dem Henker,
-unterstellt, wurden die Lustdirnen an anderer Stelle mit dem
-Bürgerrecht beschenkt, wenn sie eine geraume Zeit hindurch der Stadt,
-hauptsächlich aber der Stadtjugend »gute Dienste« geleistet hatten. In
-Nürnberg durften die guten Mädchen bis zum Jahre 1496 bei den
-Tänzen auf dem Rathaus und auf dem städtischen Derrer, wo die
-Privatfestlichkeiten der Patricier abgehalten wurden, erscheinen,
-Blumen verteilen oder feilhalten. Die übermütige Patricier-Jugend wird
-wohl manchmal ihr Mütchen an den armen, vogelfreien Mädchen gekühlt
-haben, die sich nicht alle ihrer Haut zu wehren wussten, wie die
-resolute Agnes aus Bayreuth, von der der Nürnberger Chronist Heinrich
-Deichsler erzählt: »Des jars (1491) am mitwochen nach Pauli (26.
-Januar) da het Hans Imhof mit sein sun Ludwig hochzeit, und des nachtz
-am obenttantz (Abendtanz) ra rupfet die wild rott auf dem rathaus und
-zugen der guten dirn, genant Payreuter Agnes, ir sleier auch ab; da
-zug sie ein protmesser auss und stach nach eim.« Sie verwundete einen
-ihrer Peiniger am Halse, entfloh auf den S. Sebaldkirchhof, wurde aber
-gefangen genommen und auf fünf Jahre aus Nürnberg verwiesen.[28]
-Später erhielten nur drei Freudenmädchen die Erlaubnis, zu Hochzeiten
-zu kommen und sich unter den Pfeiferstuhl -- heute Orchester -- zu
-setzen; dies währte bis 1546. Im 15. Jahrhundert erschienen
-in Rotenburg ob der Tauber und in Württemberger Städten die
-Frauenhäuslerinnen bei Hochzeiten, um ihre Glückwünsche darzubringen
-und mit einem Almosen heimgeschickt zu werden. Was mag die Brust
-der bedauernswerten Geschöpfe durchwogt haben beim Anblick der
-glückstrahlenden, kranzgeschmückten Braut, die ihnen verachtungsvoll
-das gebräuchliche Geschenk zuwarf? In Wien beteiligten sich die
-Hübschlerinnen bei Volksfesten, an denen sie, in duftigste Gewandung
-gehüllt, um ein Geschmeide oder ein Stück Tuch wettliefen. Am
-Johannistage umtanzten und durchsprangen sie die Sonnwendfeuer,
-wofür ihnen vom Rat und Bürgermeister der Donaustadt Erfrischungen
-gereicht wurden. Frankfurt am Main schaffte 1529 den Brauch ab, die
-Frauenhäuslerinnen bei offiziellen Festlichkeiten als Blumenmädchen
-heranzuziehen, entschädigte aber die Mädchen durch Sendungen von Speise
-und Trank in ihre Behausung.
-
-[28] Schultz a. a. O. S. 269 ff.
-
-In Leipzig wurde zu Fastnacht jeden Jahres die sogenannte
-Hurenprozession abgehalten. Die Frauenhäuser, spöttisch das fünfte
-Kollegium genannt, da die Studenten der Leipziger Universität, die nur
-vier Kollegien aufzuweisen hatte, bei den Dirnen emsig das fünfte
-Kollegium abhielten, lagen vor dem Halleschen Thore. Die Bewohnerinnen
-dieser Häuser sammelten sich zu Beginn der Fastenzeit zu einem Umgang,
-bei dem eine von ihnen einen Strohmann auf einer langen Stange gleich
-einer Prozessionsfahne vorantrug. Paarweise folgten die Kolleginnen,
-ein Lied wider den Tod singend, bis zur Parthe, in die der Strohmann
-geschleudert wurde. Durch diesen Umzug sollte die Atmosphäre der Stadt
-gereinigt werden, damit sie für die nächsten Jahre von der Pest
-verschont bleibe.[29]
-
-[29] Rudeck a. a. O. S. 33.
-
-In Würzburg erschien am Johannistage der Stadtschultheiss mit seinen
-Amtsdienern und einigen Freunden im städtischen Frauenhause, um dort
-ein vom Ruffian und seinen Töchtern gegebenes solennes Mahl unter
-Tafelmusik einzunehmen. Allmählich aber steigerten sich die Ansprüche
-der Gäste derart, dass auf Beschwerden des Wirtes hin der Stadtrat die
-vorzusetzenden Gänge auf Wein, Kirschen, Käse und Brot beschränkte.
-
-Bei einem von den Geschlechtern (Stadtjunkern) zu Pfingsten 1229 zu
-Magdeburg veranstalteten Turnier, zu dem die Patricier der
-Nachbarstädte feierlich geladen worden waren, gab es als Turnierdank
-für den Sieger ein schönes Mädchen, Sophia mit Namen, wahrscheinlich
-eine Frauenhäuslerin, vielleicht aber auch eine Hörige, deren Los sich
-aber unverhofft günstig gestaltete. Ein alter Kaufmann aus Goslar
-gewann die Schöne und gab ihr die Aussteuer zu einer ehrlichen Heirat.
-
-Hohen Besuchern hatten die städtischen Dirnen entgegenzuziehen und die
-Wege mit Blumen zu bestreuen, was ihnen von ihrer Stadt eine Gastung
-einbrachte.
-
-Ihre Kleidung dürfte in unserem rauheren Klima kaum so provokatorisch
-duftig gewesen sein, wie die ihrer Zunftgenossinnen bei jenem Einzuge
-Karls V. in Antwerpen, zu Anfang des 16. Jahrhunderts, den Albrecht
-Dürer beschrieb und Hans Makart malte. Derartige Schaustellungen von
-Obscönitäten zu Ehren und zur Unterhaltung hoher Persönlichkeiten in
-breitester Öffentlichkeit waren besonders in Frankreich Mode. Als der
-junge Heinrich IV. von England 1431 in Paris einzog, machte der Zug in
-der St. Denys-Strasse vor einem Brunnen Halt, in dessen Bassin drei
-nackte junge Mädchen umherschwammen. Aus der Mitte dieses Bassins
-wuchs ein Lilienstengel empor, dessen Knospen und Blumen Ströme von
-Milch und Wein entsandten. 50 Jahre später empfing man den bigotten
-Ludwig XI. mit dem gleichen Schauspiel in den Mauern seiner Residenz.
-Ein andermal wurde ihm in Lille die Ehre und das Vergnügen zu Teil,
-auf offener Strasse, vor einer ungeheueren Zuschauermenge das Urteil
-des Paris an drei Grazien, die sich in hüllenloser Schönheit zeigten,
-wiederholen zu dürfen.
-
-Soweit verstiegen sich nun wie bemerkt die deutschen Städte nicht. Als
-König Albrecht II. 1438 nach der Krönung in Prag Wien besuchte,
-erhielten nach den Stadtrechnungs-Protokollen die »gemain frawen, di
-gen den Kunig gevarn 12 achterin Wein«. 1435 liess der Wiener Stadtrat
-bei einem Besuche Kaiser Siegmunds die Mädchen der zwei Frauenhäuser
-auf Kosten der Stadt mit Sammetkleidern ausstatten. Derselbe Magistrat
-sandte 1452 dem König Ladislaus Posthumus »freie töchter« entgegen, um
-ihn an der Weichbildgrenze zu empfangen. Eine Wiener Chronik von 1484
-sagt mit Bezug auf dieses Ereignis, Ladislaus wurde am Wiener Berg, an
-dem Zelte errichtet und Banner aufgesteckt waren, von Reich und Arm
-bewillkommnet. Unter den ihn Erwartenden befanden sich alle weiblichen
-Einwohner Wiens bis zu den kleinsten Mädchen, sowohl die »schönen
-Frauen« wie auch die ehrsamen Weiber der Handwerker und alle ohne
-Mäntel.[30]
-
-[30] Schultz, D. L., S. 77.
-
-Der vielgereiste Sigismund von Herberstein erzählt von seiner
-Gesandtschaftsfahrt nach Zürich im Jahre 1516: »Der brauch was, dass
-der bürgermeister, gerichtsdiener und gemaine weiber mit dem gesandten
-assen.«
-
-Vielleicht lag dieser Sitte die an vielen Stellen geübte
-Absonderlichkeit zu Grunde, einem lieben Gaste auf Rechnung der
-Stadtväter oder, wenn der Gast auf einem Schlosse eingekehrt war,
-aus der Zahl der Untergebenen »schöne Weibsbilder zur Kurzweil« zur
-Verfügung zu stellen. Dem Landgrafen Ludwig von Thüringen schaffen
-»die zärtlichen Verwandten« eine Beischläferin, dem Diederich von
-Quitzow 1410 die Ratsmänner Berlins. Auch Beischläferinnen als
-Gerechtsame kommen vor. Ein Anherr Götz von Berlichingens hatte von
-seinen Lehnsherren, den Grafen von Kastell, alljährlich ein Mahl,
-Atzung für Pferde und Hunde und eine »schöne Frau« zu fordern. Im
-Dorfe Martinsheim besass der Domdechant von Würzburg noch 1544 das
-Privilegium, jedes Jahr im November zwölf reisige Pferde, ein Mahl und
-ein Mädchen geliefert zu bekommen.
-
-Einen Stadtbesuch von hohen Herren wussten die Dirnen auch anderweitig
-geschäftlich auszunutzen, denn sie verstanden schon damals recht gut
-Reklame für sich zu machen. Als sich Kaiser Friedrich III. 1471 in
-Nürnberg aufhielt, schlangen eines Tages, als er vom Kornhause kam,
-»zwu hurn« eine lange silberne Kette um ihn, aus der er sich mit einem
-Gulden lösen musste. Ehe er seine Herberge erreicht, wiederholte sich
-das Spiel noch einmal.[31] Kaiser Siegismund, ein loser Schürzenjäger,
-der das schönere Geschlecht des ganzen heiligen römisch-deutschen
-Reiches als sein Eigentum anzusehen beliebte, zogen zu Strassburg
-eines schönen Morgens des Jahres 1414 mehrere lustige Dirnlein aus dem
-Bette. Kaum fand er Zeit, sich in einen Mantel zu hüllen, da sah er
-sich schon auf der Strasse, wo er tanzen musste, wie die flotten
-Weiber sangen. Der Kaiser war barfuss, darum kauften ihm die
-mitleidigen Weibsen um sieben Kreuzer ein Paar Schuhe, was der hohe
-Herr sich lachend gefallen liess. Ulm beleuchtete 1434 in etwas
-übertriebener Loyalität die Strassen festlich, wenn sich der Kaiser
-mit seinem Gefolge ins Bordell verfügte. In Bern erklärte sich der
-Stadtrat bereit, drei Tage hindurch dem kaiserlichen Gefolge auf
-städtische Kosten das Freudenhaus zur Verfügung zu stellen, wofür
-Kaiser Siegismund dem Berner Magistrate in einem offenen Schreiben
-herzlich dankte. Der gute Kaiser wusste solches Entgegenkommen
-gebührend zu schätzen und -- auszunutzen. Er war ein »tolles Huhn«,
-und seine Gemahlin, Kaiserin Barbara, ihrem Gatten mindestens
-ebenbürtig. Sie gingen beide ihre eigenen, schlammigen Wege und
-liebten beide, wo und wann sich Gelegenheit bot. Nach dem Tode ihres
-Gemahls zog die edle Kaiserin nach Königgrätz in Böhmen, wo sie bis zu
-ihrem Tode einen männlichen Harem unterhielt.[32]
-
-[31] Wessely a. a. O. I. 226.
-
-[32] Eros, Stuttgart 1849, II. 556.
-
-Mit dem Wohlwollen gegenüber den Frauenhäuslerinnen ging aber meistens
-eine Strenge Hand in Hand, die jedes Überdieschnurschlagen der Dirnen
-verhüten sollte. Da gab es harte Strafen gegen das Herumstreichen
-auf den Strassen, gegen das Sitzen vor den Häusern, gegen das
-Anlocken von Liebhabern u. a. m. Die #Uniformierung# der Dirnen wurde
-unnachsichtlich durchgeführt, denn während des ganzen Mittelalters war
-den losen Töchtern eine Tracht vorgeschrieben, die sie durch irgend ein
-mehr oder weniger auffälliges Abzeichen von der Kleidung der ehrbaren
-Weiblichkeit unterschied. Schon im 10. Jahrhundert trugen Buhldirnen
-eine Art Uniform, nämlich ein kaum bis zum Oberschenkel reichendes,
-kurzärmeliges und eng anliegendes Oberkleid. Das engärmelige lange
-Unterkleid war vorn in ganzer Länge aufgeschnitten und liess die mit
-Beinlingen, den Vorläufern der Strümpfe, bekleideten Beine bis oben hin
-sichtbar werden. In England trugen um dieselbe Zeit die Dirnen unter
-dem Oberkleide straff anliegende Hosen.[33]
-
-[33] Bruno Köhler, Allgemeine Trachtenkunde, III. S. 12.
-
-Ein Frankfurter Ratsbeschluss von 1488 verordnet den feilen Weibern,
-sich in ihrer Tracht also zu halten, dass man sie sofort als das
-erkennen könne, was sie sind. Kurfürst Johann Cicero veranlasste 1486
-den Berliner Rat zu dekretieren, dass die, »so an der Unehre sitzen
-oder sonst in unzimblichen, sündigen Wesen und gemein sein, sollen zu
-einem Zeichen, damit man Unterschied zwischen frommen und bösen Frauen
-habe, die Mäntel auf den Köpfen oder kurze Mäntelchen tragen.«[34] Das
-Meraner Stadtrecht des 14. Jahrhunderts gebietet: »es soll kein
-gemeines Fräule einen Frauenmantel oder einen Pelz tragen, noch an
-einem Tanze teilnehmen, bei dem Bürgerinnen oder andere ehrbare Frauen
-sind. Sie sollen auf ihren Schuhen ein gelbes Fähnle haben, woran man
-sie erkennen könne und sollen sich kein Futter von Feh, noch
-Silberschmuck erlauben.« In Strassburg wurde ihnen 1471 eingeschärft,
-weder Schmuck zu tragen noch Pelzwerk oder Seidenfutter zu verwenden;
-in Leipzig befahl 1463 der Rat den »wilden Frauen auf dem freien
-Hause«, kurze gelbe Mäntel mit blauen Schnüren umzuhaben. In Wien
-sollten die Hübschlerinnen ein gelbes Tuch, eine Hand breit und eine
-Spanne lang, an der Schulter befestigt tragen. In Basel waren ihnen
-Mäntelchen vorgeschrieben, die nicht über eine Spange weit unter den
-Gürtel hinabreichten; in Augsburg ein Streifen am Schleier; in Bern
-und Zürich deckten sie sich mit roten Kappen.
-
-[34] Streckfuss a. a. O. S. 83.
-
-In der Reichsgesetzgebung beschäftigte sich die »Neue Kaiserliche
-Ordnung und Reformation guter Polizei im Heiligen Römischen Reiche«
-1530 im elften Artikel mit der Tracht der Frauenhäuslerinnen. »#Von
-gemeinen und unehrlichen Weibern.# Nachdem auch aus dem viel Aergernis
-im heiligen Reich entstanden, dass die gemeinen und andren unehrlichen
-Weibe Seide, Gold, Silber und andre ziehrliche Kleider antragen, davon
-manch fromm Weib und Töchter verleitet wird, auch dadurch unter
-Ehrbaren und Unehrbaren kein Unterschied zu erkennen: Gebieten wir
-ernstlich und wollen, dass die unehrlichen Weiber kein hochzierlich
-Kleider oder Geschmück, auch nichts Verbrämtes oder golden Schleier,
-sondern eine jede derselben sich nach des Landes Gebrauch tragen soll,
-darauf die Obrigkeit sondere Acht haben und das nicht gedulden soll.«
-
-Das Verbot, Schmuck zu tragen, dürfte häufig umgangen worden sein,
-denn einzelne Gemeinden, wie Frankfurt a. M., mussten es oft
-wiederholen. Im Braunschweiger Museum hängt ein Bild von Lucas
-Kranach, das Porträt einer Demimonde seiner Zeit darstellend. Sie
-trägt ein breites rotes Barett, kostbares Geschmeide, sonst aber keine
-Gewandung mit Ausnahme eines feinen Schleiers, der ihren Körper duftig
-umhüllt.
-
-Der Schleier gehörte zu den Attributen der verlorenen Jungfräulichkeit,
-da der Schleier fraulich das Haupthaar bedeckte, im Gegensatz zu den
-freifliegenden Locken der Jungfrau. Das Gedicht »Die Winsbekin« wünscht
-den Mädchen mit Ehren und ohne Schleier zu Bett zu gehen, und in
-einem von Uhland mitgeteilten Volkslied des 15. Jahrhunderts wird ein
-Einlassbegehrender von seiner Liebsten mit den Worten abgewiesen:
-
- »Wol is nu, der da kloppet an?
- ik lat en doch nicht herin.
- Wenn ander megtlin krenze droegen,
- ein schlöier möst ik dragen.
- Ik schemde mi ser, ik schemde mi ser,
- jo lenger jo mer,
- van grund ut minem herten.«
-
-Darum war es im 15. und 16. Jahrhundert hier und da Gewohnheit, den
-Mädchen, die sich nicht betrugen, wie sie sollten, von Amts wegen
-einen Schleier zuzustellen. So geschah es in Altenburg, in Wittenberg,
-wo man laut Ratsrechnung »zwey newe schleyer, so zwein beschlafenen
-meygden geschickt«. Nach der Rottweiler Hochzeitsordnung von 1618
-durfte eine nicht mehr reine Braut beim Kirchgange keinen Kranz,
-sondern einen Schleier aufhaben, wie es das Mägdlein im Volksliede
-fürchtet. Deshalb haben die Augsburger Freudenmädchen den mit einem
-Streifen besetzten Schleier zu tragen, da »sie nicht dorffte barheitig
-gehen«, wie sprödere Mädchen. In Köln sollten sie 1389 rote Schleier
-(welen) haben, »up dat man sei kente vor andern vrawen«. In Altenburg
-war ihnen und der Frau des Scharfrichters, der »czuchtigeryn«
-aufgegeben, gelbe Läppchen auf dem Schleier zu befestigen, gleichwie
-in Leipzig, wo der gelbe Fleck von der Grösse eines Groschens sein
-musste. Diese gelben Schleier waren natürlich den Frommen im Lande ein
-Dorn im Auge, denn das verhasste Gelb war die Farbe der Galanterie
-seit der römischen Kaiserzeit her, wo die Modedamen Romas das
-gelbblonde Haar für allein schön erklärt hatten. Gelbe Stirnbänder und
-Schleier galten vom 12. bis 15. Jahrhundert für besonders modisch, sie
-kamen aber bald in Verruf, weil sie besonders gern von Halbweltlerinnen
-angelegt wurden. Sonst hätte Berthold von Regensburg nicht den Weibern
-predigen können: »Aussätzig am Kopfe sind die Frauen, die sich gar so
-sehr putzen an den Haaren und mit Binden und Schleiern, die sie gelb
-färben wie die Jüdinnen und Dirnen, die auf dem Graben streichen und
-wie die Pfaffenmenscher; niemand ausser diesen soll gelbes Gebände
-tragen.«[35] »Desgleichen tragen sie -- die Dirnen -- auch gäle
-Schleier, so gleich den hellischen Flammen sein; dieselben streichen
-und stercken sie zu offtermal, damit sie der hurenspiegel desto bass
-mögen zieren und herauss schmucken,« eifert Geiler von Kaisersberg.
-
-[35] Schultz, Höfisches Leben zur Zeit der Minnesinger, S. 241.
-
-Beabsichtigte die Obrigkeit eine ihr unziemlich dünkende Mode aus der
-Welt zu schaffen, so wurde sie einfach den Stadtdirnen, dann weiters
-den weiblichen Angehörigen des Henkers, Pfaffenmägden und Jüdinnen
-aufgezwungen. Die Zittauer Kleiderordnung von 1353 enthält eine
-derartige Bestimmung. »Auch wollen die schoppen (Schöffen), dass keine
-Frau Kögel tragen solle noch keine jungfrauen, es seien dann
-züchtigers und henkersmägde -- die unter der Gewalt des Scharfrichters
-stehenden Stadtdirnen -- denen erlauben und gebieten die herren Kögeln
-zu tragen.« Zuwiderhandlungen gegen diese Kleiderordnungen zogen
-Stäupung, Stadtverweisung auf eine gewisse Zeit oder aller Kleider
-entblösst am Pranger ausgestellt werden, nach sich. Diese Bestrafung
-der Dirnen zeigt die ihnen entgegengebrachte Verachtung; denn selbst
-die grösste Übelthäterin ehrlichen Standes setzte man nicht entblösst
-den Blicken und der Roheit des Pöbels aus. Daher ist es nicht dem
-Anstandsgefühle zuzuschreiben, wenn man die Bordelle, ebenso wie die
-Lazarette, die Büttelei und die Ghettos, nach abseits der
-Verkehrsadern belegenen Örtlichkeiten verwies. In Hamburg durften
-»wandelbare Frauen« an keiner Kirche und in keiner zu einer Kirche
-führenden Gasse hausen.[36] Die Strassburger Verordnung vom 9. Oktober
-1471 schärft aufs neue das alte Gesetz ein: »das alle hushelterin,
-spontziererin und die so offentlich zur unee sitzend oder buolschaft
-tribent, wo die in der stadt sessent, soltent ziehen in Bickergasse,
-Vinckengasse, Gröybengasse, hünder die muren oder an ander ende, die
-inen zuogeordent sint.«
-
-[36] Bernh. Hesslein, Hamburgs berühmte und berüchtigte Häuser, S.
-137.
-
-Meist lagen die öffentlichen Häuser hart an der Stadtmauer, so in
-Würzburg und Frankfurt, oder an abseitigen Plätzen, an denen kein
-Markt abgehalten wurde, und die sonst weiter keine Hauseingänge
-besassen.
-
-Nach den Bordellordnungen sollten die Freudenhäuser meist eine Stunde
-vor Mitternacht geschlossen und bis zum Einbruch der Nacht
-verschlossen gehalten werden, ebenso an den Vorabenden der Sonn- und
-Feiertage, wie an diesen selbst, wenigstens vormittags. Alle Männer
-hatten sich bei Schliessung zu entfernen bis auf jene, die die Nacht
-bei den Mädchen zubringen wollten. Ehemännern, Geistlichen und Juden
-war, wie bereits oben erwähnt, der Eintritt verwehrt, ebenso
-minderjährigen Knaben. Recht befremdlich mutet es an, wenn die Ulmer
-dem Ruffian befehlen müssen, Knaben von 12-14 Jahren nicht mehr im
-Hause zu dulden und wenn sie kommen sollten, sie mit Ruten aus dem
-Bordell zu treiben.
-
-Über das Treiben in den Häusern sind aus naheliegenden Gründen nur
-spärliche Berichte vorhanden. Einer dieser wenigen ist die kurze
-Tagebuchaufzeichnung Fritz Schickers über seine Erlebnisse auf dem
-Reichstage zu Konstanz vom Jahre 1507.
-
-»Ich ging eines Tages ins Freie und wandelte am See hin und her. Da
-begegnete mir des Herzogs Georgs Schreiber. Der nahm mich bei der Hand
-und sagte: ›Willst du mit mir gehen?‹ Fragte ich: ›wohin?‹ Antwortete
-er: ›wo hübsche Mädchen sind.‹ Wusste ich nicht, was ich antworten
-sollte und ging mit. Kamen wir in ein Wirtshaus, da sassen vielerlei
-Dirnen, wohl angetan, und hatten Blumen in den Händen und sahen uns
-lächelnd an. Wir aber liessen uns Wein geben und ich verfiel in tiefe
-Gedanken. Da kamen die Musikanten des Bischofs von Augsburg und
-spielten ganz lustig auf zum Tanze. Alsobald wurden die Dirnen
-ergriffen und fingen an zu tanzen. Die jungen Gesellen riefen mir zu,
-auch mitzutanzen, aber ich entgegnete: ›dessen bin ich nicht kundig.‹
-Da setzte sich zu mir eine Dirne, reichte mir eine Blume, und sagte:
-›wenn du den Tanz nicht liebst, was liebst du denn?‹ Sprach ich: ›eine
-Jungfrau.‹ Darauf sie: ›eine allein? Das ist nicht recht. Die anderen
-wollen auch nicht verachtet sein. Und hier bist du in der Fremde, sie
-weiss es ja nicht. Kommst du heim, ist alles wieder gut.‹ Da merkte
-ich wohl, was sie wollte, und bestellte noch mehr Wein, als wollte ich
-bleiben, ging aber und kam nicht wieder.«
-
-Der blöde Schäfer hat wahrscheinlich dem Abenteuer nur deshalb einen
-solch harmlosen Abschluss gegeben, weil er fürchtete, sein Tagebuch
-einmal in den Händen der von ihm geliebten »Jungfrau« zu sehen.
-Weniger skrupulös waren andere, so ein Abgeordneter des Frankfurter
-Rates, der in Köln »zv den Frauen ging« und gewissenhaft seine
-dortigen Ausgaben verbuchte. Gleich ihm ein Strassburger Beamter, den
-sein Besuch auf »30 Pfennig« zu stehen kam. Ja, das Leben war damals
-billig! Man verargte übrigens den Junggesellen keineswegs den Besuch
-der Frauenhäuser, wenn sie nicht schon anderweitig gebunden waren. In
-Frankfurt a. O. lagen z. B. die Patricier tagein, tagaus im Bordell,
-ohne ein Hehl daraus zu machen. Der Aufenthalt im Bordell galt eben
-als eine Zerstreuung, die man der Jugend gerne gönnte.
-
-Wenn es zufällig nicht gerade untersagt war, bestand eine Hauptaufgabe
-der Freudenmädchen darin, Kunden in das Haus zu ziehen. Sie standen zu
-diesem Zwecke bekleidet à la Lucas Kranach in den nach der Strasse
-führenden Fenstern, und »Etlichen lockend sij mit pfiffen, Dem andern
-guckend sij mit griffen, Dem drytten mit eym Facilett -- Taschentuch
---, Den andern sij gelocket het Mit wyssen (weissen) schuhen, wyssen
-beynen, Dem mit ringlin, kreutzen, meyen.«[37] Also mit Blumen, die
-den Dirnen ebenso zubehörig waren, wie die Schleier.
-
-[37] Thomas Murner, Geuchmatt, Kloster, VIII. 937.
-
-Den alten Holzschneidern bietet die Parabel vom verlorenen Sohn häufig
-Gelegenheit, Bordellscenen darzustellen, so Hans Sebald Beham, M. Treu
-u. a. m. Gewöhnlich schliessen derartige Bilderreihen mit der
-gewaltsamen Entfernung des verlorenen Sohnes aus dem Freudenhause,
-der, nachdem er sein Erbgut im offenen Hause verprasst hat, nackt auf
-die Straße geworfen wird. Manchmal fliegt ihm noch der anrüchige
-Inhalt eines Geschirres nach.
-
-Interessant übrigens dürfte die Thatsache sein, dass schon das
-Mittelalter die edle Zunft der Zuhälter kannte und nach ihrem vollen
-Wert zu schätzen wusste; denn eine Nürnberger Ordnung untersagt den
-öffentlichen Mädchen, zur Vermeidung von Streit, »sundere Bulschaft,
-die sy nennen ire liebe menner«, zu haben. In Frankfurt a. O. fristete
-ein vormals reicher Patricier, Hans Rakow, als Zuhälter einer Dirne,
-Agnese Schilling, sein Leben, wie Oskar Schwebel in »Renaissance und
-Rococo« (S. 77) erzählt.
-
-Charakteristisch für die vorzeitigen Moralansichten sind die den
-Mädchen offiziell zuerkannten Kose- und Scherznamen, die teils von
-ihrer Herkunft, teils von besonderen, manchmal recht diskreten
-Körpereigenschaften ihre Entstehung herleiten. Wir finden in Leipzig
-eine »gemalte Anna« -- geschminkt oder vielleicht gezeichnet durch
-Pockennarben oder durch ein vom Henker aufgedrücktes Brandmal --, ein
-»klein Enchen«, in Freiburg eine »kugelrunde Katharina«, in Frankfurt
-eine »lange Anna« und in Berlin, laut Stadtbuch von 1442, »eine Else
-med den langen tytten«. Das Wohlwollen, das sich durch derartige
-Bezeichnungen ausdrückt, blieb aber nur auf die Dirnen beschränkt,
-solange sie sich in dem ihnen zugewiesenen Rayon befanden. In der
-Öffentlichkeit unterlagen sie der ganzen Verachtung, die das
-Mittelalter auf die ausserhalb seiner Gesellschaft stehenden
-Unehrlichen zu häufen gewohnt war.
-
-Die Kinder der Dirnen, geächtet wie ihre Mütter, kamen ins Findelhaus.
-Der Besuch von Wirtshäusern, in denen ehrsame Bürger verkehrten, war
-für die Frauenhäuslerinnen arg verpönt. In der Kirche hatten sie bei
-dem Fronaltar, wo auch der Henker sass, Platz zu nehmen; Tänzen, an
-denen sich andere Frauen beteiligten, mussten sie fernbleiben; kurz,
-sie waren ein Staat im Staate mit eigenen Satzungen und Gesetzen, aus
-deren Grenzen sie nur mit Leibes- und Lebensgefahr heraustreten
-durften.
-
-Die für die Freudenmädchen erlassenen Gesetze schützten sie
-andererseits aber vor allen Eingriffen in ihre Rechte, über die sie um
-so eifriger wachten, als sie gewichtigen Beistandes sicher waren. Mit
-besonderem Hasse verfolgten sie brotneidisch die »Bönhasen«, die nicht
-kasernierten, geheimen Prostituierten, die ihnen, den zünftigen, ins
-Handwerk zu pfuschen sich unterstanden. Der Fastnachtsspieldichter
-Hans Rosenplüt zählt in einem Dialoge alle diese unlauteren
-Wettbewerberinnen auf:
-
- »Die gemeynen weib clagen auch ir orden,
- Ir weyde sey vil zu mager worden.
- Die winkel weyber und die hausmeyde,
- Die fretzen (fressen) teglich ab ir weide.....
- Auch clagen sie uber die closterfrawen
- Die konnen so hubschlich über die snur hauen
- Wenn sie zu ader lassen oder paden
- So haben sie junkher Conraden geladen«[38]
-
-d. h. einen Galan zur Hand.
-
-[38] Citiert bei Rudeck a. a. O. S. 30.
-
-Darum nahm der Würzburger Rat den Beschluss zu Protokoll: »Man sol die
-schoenen Frawen beherbergen, berenden und mit in reden, davon zu
-stellen, sunde und schande zu meyden, wann der Frawenwirt clagt, es
-werde sein hawse zu einem egereten (Brachfeld).«[39]
-
-[39] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, I. 418.
-
-Schien den Freudenmädchen der obrigkeitliche Beistand nicht
-ausreichend, dann griffen sie im Bewusstsein ihres Rechtes zur
-Selbsthilfe. Einen diesbezüglichen Vorfall zeichnete Heinrich
-Deichsler in seiner Nürnberger Chronik folgendermassen auf: »1500 Item
-danach an selben tag -- 26. November -- da komen acht gemaine Weib hie
-auss dem gemainen Frawenhaus zum burgermaister Markhart Mendel und
-sagten, es wer da unter der vesten des Kolbenhaus ein taiber
-(Blockhaus, Taubenschlag) voller haimlicher huren, und die wirtin
-hielt eemener (Ehemänner) in einer stuben und in einer andern
-junggesellen tag und nacht und liess sie puberei treiben, und paten
-in, er solt in laub geben (erlauben), sie wolten sie aussstürmen und
-wolten den hurntaiber zuprechen und zerstören, er gab in laub; da
-stürmten sie das hauss, stiessen die tür auf und schlugen die öfen
-ein, und sie zerprachen die venstergleser und trug iede etwas mit ir
-davon, und die vogel waren aussgeflogen, und sie schlugen die alten
-hurenwirtin gar greulichen.«
-
-Noch einmal, 38 Jahre später, wiederholte sich in Nürnberg ein solcher
-Einbruch konzessionierter Hübschlerinnen in ein Winkelbordell, das sie
-demolierten und dessen Insassinnen sie im Triumphe in ihr eigenes Haus
-zerrten. Da sie es aber diesmal versäumt hatten, die obrigkeitliche
-Genehmigung nachzusuchen, erhielten sie einen derben Verweis. Häufig
-wendeten sich die Stadtdirnen unter Beilage langer Verzeichnisse
-bittlich an ihre Vorgesetzten, die namhaft gemachten geheimen
-Prostituierten zu strafen »von Gottes und der Gerechtigkeit
-wegen«.[40]
-
-[40] Rudeck, nach Hüllmann, Städtewesen des Mittelalters, IV. 266.
-
-In Frankfurt trug 1493 der Rat den Dirnen im Rosenthal auf, ein
-Mädchen, das auf eigene Faust lüderte, mit Gewalt in das Bordell zu
-bringen, falls sie nicht binnen 14 Tagen freiwillig zuzöge.[41] Die
-Dirnen, die sich obdachlos herumtrieben, in den Wirtshäusern und auf
-den Strassen ihrem Verdienste nachgingen, »dodurch ouch junge
-töchterlein angefürt und verfellet (verfürt) werdent, dovon vil bôses
-kompt«, sollen in Strassburg aufgegriffen und eingesperrt werden.
-Ausserhalb ihres Quartiers ertappte leichte Weiber wurden vom Büttel
-mit Fahne und Trommel in das Bordell zurückgebracht.
-
-[41] Kriegk a. a. O. S. 322.
-
-Die Wirtshäuser und Herbergen, in denen Reisende ihr Unterkommen
-fanden, waren im Mittelalter im primitivsten Zustand. Wie noch heute
-in sittlich tiefstehenden Ländern, waren die Herbergsväter meist auch
-Kuppler, die Dirnen zur Unterhaltung oder zum Anlocken von Gästen
-hielten. Gottschalck Hollen predigt in der _Dominica exaudi_ gegen
-derartige Übelthäter, indem er ihnen zum Vorwurf macht, dass sie
-Dirnen in ihre Häuser kommen lassen, um mit den Gästen und Saufbrüdern
-zu sündigen. Erasmus von Rotterdam in seiner klassischen Schilderung
-eines mittelalterlichen Hotels, erzählt von hübschen Mädchen, die den
-Gästen Gesellschaft leisten, zu allen Scherzen geneigt sind und sich
-gerne zur Zielscheibe aller Witze machen lassen. Und in den
-Schlafstuben: »da waren auch immer Mädchen da, lachend, herausfordernd,
-tändelnd; sie fragten unaufgefordert, ob wir etwa schmutzige Wäsche
-hätten, die wuschen sie und brachten die gewaschene uns zurück. Was
-soll ich noch hinzufügen? Wir sahen da ausser im Stalle nichts als
-Mädchen und Frauen, und selbst da brachen oft die Mädchen ein. Bei der
-Abreise umarmen sie einen und verabschieden sich mit solcher Teilnahme,
-als ob man ein Bruder oder ein naher Verwandter wäre.« So war es in
-Frankreich, und ähnlich wird es auch in Deutschland gewesen sein,
-wie die vielen diesbezüglichen Klagen und Fritz Schickers Tagebuch
-beweisen. Von Wien sagt Aeneas Silvius Piccolomini, dass schier alle
-Bürger Tavernen mit »lusten Fröwlein« halten, in denen umsonst zu essen
-gegeben wird, damit die Gäste desto mehr trinken sollten.
-
-Wie die Dirnen gegen die unbefugte Prostitution Front machten, so
-übten sie auch einen Zunft- und Gewerbezwang aus, wenn sich irgend ein
-unglückseliges Weib in ihr Revier verirrte. Wie sie selbst verfemt
-waren, so brachte auch jede Berührung mit einer Ausgestossenen dem
-ehrlichen Mädchen ein Schandmal bei, auf das die Dirnen mit boshafter
-Schadenfreude hinwiesen. Ein markantes Beispiel dieser Art weiss
-Deichsler vom 22. September 1502 zu berichten: Ein junger
-Kornschreiber hatte ein Verhältnis mit einem jungen Mädchen, das er
-beredete, eine Nacht bei ihm zuzubringen. Statt sie in sein Haus zu
-führen, wie er ihr vorgespiegelt, brachte er sie ins Freudenhaus. Am
-frühen Morgen kamen die Bewohnerinnen des Bordells an das Bett des
-jungen Mädchens, setzten ihm den Strohkranz auf, das traditionelle
-Zeichen des Falles, und ihrer zwei nahmen sie zwischen sich, führten
-sie wie eine Braut öffentlich über den Obstmarkt einer Taverne zu, um
-dort mit süssem Wein den Eintritt des Mädchens in die »hurnzunft« zu
-feiern. Das Weinen und Barmen der Verführten weckte das Mitleid
-einiger Männer, die sie befreiten und die sich wehrenden Dirnen in die
-Flucht schlugen. Der schurkische Kornschreiber wurde eingelocht und
-auf zehn Jahre der Stadt verwiesen. Doch nicht allen dem Bordell
-Verfallenen wurde der Wiedereintritt in die Gesellschaft so leicht
-gemacht wie diesem Nürnberger Mädchen. Wo anders als gerade in
-Nürnberg wäre das kaum ohne umfangreiche und weitschweifige Ceremonien
-möglich gewesen. Nur »die Perle Deutschlands« erwies sich so
-entgegenkommend gegenüber Gefallenen, selbst richtigen Dirnen. Die
-anderen Städte und Städtchen, in denen Bordelle bestanden, ahmten
-darin dem Beispiele Nürnbergs, das sonst allen als Vorbild galt, nicht
-nach, obgleich sie es gekonnt hätten, denn selbst die unbedeutendsten
-Nester des deutschen Reiches mussten, schon um etwas in den Augen der
-seltenen Reisenden zu gelten, ihre Stadt-Bordelle haben. So unter
-anderen die im Mittelalter nur wenige Hundert Einwohner zählenden
-Flecken Quedlinburg, Schwabach, Acken an der Elbe, Oberehenheim,
-Wolkach u. a. m. Ausserhalb Nürnbergs gab es für die Hübschlerinnen
-nur drei Wege, dem infamierenden Banne des Freudenhauses zu entrinnen:
-die Heirat mit einem unbescholtenen Mann, den Übertritt in eine
-klösterliche Bussanstalt oder den Tod.
-
-Die Ehe mit »anständigen« Männern wurde den »geschuhten Wachteln«, wie
-sie ein Fastnachtsspiel nennt, thunlichst erleichtert. Der Wirt musste
-sie ohne weiteres und schuldenfrei ziehen lassen, auch wenn sie noch
-so tief in seiner Schuld sassen; sogar für Aussteuer sorgte die
-Obrigkeit, denn: »Wer eine arme Sünderin aus dem Gemeinen Hause zur
-Ehe nimmt, soll vor allem andern eine Aussteuer von zwölf Gulden
-haben«[42], eine ziemlich bedeutende Summe für die damalige Zeit, die
-manche verfehlte Existenz zum Zugreifen veranlasst haben dürfte, wenn
-auch honette Männer es sich wohl überlegt haben werden, »ein verruchte
-dirn, Wol gewandert« heimzuführen. Der zweite Weg, der Eintritt in
-eine Bussanstalt, war leichter zu beschreiten, nur ward ein Rückfall
-in das gewohnte Lasterleben z. B. in Wien gleich mit dem Tode durch
-den Henker bestraft. Derartige Bussanstalten fanden sich ausser in
-Wien, in Nürnberg und Regensburg, fast in allen grösseren Orten
-Deutschlands. Welchen Zweck diese »Stiftungen der Reue« verfolgten,
-spricht klar der Steuerbefreiungsbrief Herzog Albrechts vom Jahre 1384
-für das von mehreren frommen Ratsherren in der Singerstrasse in Wien
-gegründete Kloster aus. Es heisst darin, dieses Haus und Stift sei
-bestimmt: »für die armen Frauen, die sich aus den offenen
-Frauenhäusern oder sonst vom sündigen Unleben zur Busse und zu Gott
-wenden«. Das Volk glaubte freilich nicht so recht an vollkommene
-Bekehrung der schönen Sünderinnen, die, wenn es ungestraft sein
-konnte, ganz gerne wieder von der nun verbotenen Frucht naschten oder
-als Kupplerinnen ihrem einstigen Gewerbe neues Material zuführten. Die
-»jungen Bettschwestern«, die nun «alte Betschwestern« geworden waren,
-heuchelten und kuppelten gerne, zerstreuten sich in ihrer Langeweile
-durch Verlästerungen und Klatschereien. Murner zeichnete sie in seiner
-bissigen Weise in der Narrenbeschwörung V. 77:
-
- »Beginentand ist's in der That!
- Das ihnen grosse Sachen sind;
- Jedoch gebären sie ein Kind
- Und laufen alle Klöster aus,
- Dazu in jedes Pfaffen Haus
- Und sind so niederträcht'ge Drachen,
- Dass Zwist sie überall entfachen,
- Ein Lotterläpplein hängen an,
- Wo es nur immer gehen kann,
- Und kuppeln stets geflissentlich --
- #Dess# brauchen sie nicht zu schämen sich.
- Sie lügen leicht und lügen flink
- Und urteln über jedes Ding
- Und wissen, was ein jeder that
- Zu #Strassburg# in der ganzen Stadt,
- Und sind allesamt viel böser doch
- Als die Kupplerinnen im Dummenloch.[43]
- Gar lang' sie in der Kirche bleiben,
- Damit von Männern und von Weiben
- Kund werden alle Dinge ihnen:
- Drum sind's gottselige Beginen.
- Sie fressen allezeit die Füss'[44]
- Und sind in ihren Worten süss;
- Indes, wenn man sie allzumal
- Erkennt, ist's nichts als Gift und Gall'.
- Ach, wären sie in Portugal!
- Ach, wären allesamt zur Frist
- Dort, wo der Pfeffer gewachsen ist,
- Und dürften nicht zurücke denken!
- Wollt' ihnen gern das Weggeld schenken.«
-
-[42] Holthaus, Gloss. 484, cit. bei Schultz, D. L.
-
-[43] Eine übelberufene Strassburger Gasse.
-
-[44] Küssen die Füsse der Heiligenbilder.
-
-Nichtsdestoweniger haben im allgemeinen die Beginenanstalten unendlich
-viel Gutes gestiftet. Viele jener ehemaligen Buhlerinnen gaben sich
-mit vollem Herzen der Busse hin, wurden zu aufopferungsvollen
-Krankenschwestern und Pflegerinnen, die sich in zahlreichen Epidemien
-des Mittelalters gleich Heldinnen hervorthaten. Gar manchem jener
-ernsten und sittlich gefestigten Weiber winkte noch ein spätes Glück,
-da sie in dem dem Tode entrissenen Kranken einen Ehemann fanden, dem
-sie Treue bis zum Grabe wahrten. Es dürfte daher nicht ganz
-ungerechtfertigt gewesen sein, was der Vater in dem Nürnberger
-Gedichte, »Wie ain junger gsell weyben sol«, zu seinem Sohne bemerkt:
-
- »Ich siehs und hör ess offt sagen,
- Das sy sindt geraten gar wol,
- Die jung waren püberei vol,
- Verlyssen den pübschen orden
- Und sind frumm eefrauen worden.«
-
-Die Herren Pfaffen scheinen sich auch dann und wann ihre Liebsten aus
-abgedankten Dirnen rekrutiert zu haben, wie eines der polemischen
-Fastnachtsspiele Nicolaus Mannels durch folgenden Monolog der
-Pfaffenmagd Lucia Schnabeli beweist. Erst führt sie bewegliche Klage
-über den Bischof, dem sie jährlich vier gute rheinische Gulden als
-Duldegeld niederlegen muss, das noch erhöht wird, wenn sie ein Kind
-bekommen sollte. Dann fährt sie fort:
-
- »Vor bin ich lang im frowenhus gesin
- Zu Strassburg da niden an dem Ryn,
- Doch gwan min hurenwirt nit so vil
- An uns allen, das ich glauben wil,
- Als ich dem bischoff hab müssen geben.«[45]
-
-[45] Scherr, Frauenleben, II. 16.
-
-Am Rheine wurden bisweilen gealterte Dirnen, die sich etwas Geld zu
-erübrigen gewusst hatten, Handelsfrauen, sogenannte Gremplerinnen, d.
-h. Zwischenhändlerinnen, die von den marktfahrenden Landleuten die
-Landesprodukte aufkauften, um sie mit Nutzen an die Konsumenten
-weiterzugeben. Murner gerät über diese »mit dem Judenspiess
-rennenden«, also Wucher treibenden Weiber, in helle Wut, die sich in
-den Worten äussert:
-
- »Keine alte Hure ist am Rhein,
- Die Grempen nicht wollte sein.
- Wenn ein paar Eier man nur bringt
- Zum Markt, die alte Brecken (Hündin) springt
- Dorthin, (statt gleich den armen Leuten
- Den Unterhalt sich zu erstreiten
- Durch Arbeit) und ersteht die Eier,
- Verkauft sie noch einmal so teuer
- Und bringt so der Gemeinde Schaden ....«
-
-Als gerechte Strafe für die von ihnen verursachte Verteuerung der
-Lebensmittel empfiehlt er, die Gremplerinnen mit Steinen um den Hals
-in den Rhein zu versenken.[46]
-
-[46] Narrenbeschw. LXVII. 38 ff.
-
-Im 16. Jahrhundert trat erst schüchtern und vereinzelt, dann allgemein
-ein Wechsel der Ansichten in Bezug auf die konzessionierten
-Lasterhöhlen ein. Man begann nach und nach die absolute Notwendigkeit
-der Bordelle in sittlicher und gesundheitlicher Beziehung in Zweifel
-zu ziehen, den bisher niemals angefochtenen moralischen Nutzen zu
-prüfen, und das Resultat dieser Erwägungen war schliesslich ein wenig
-befriedigendes. Dazu sanken die Erträgnisse der Freudenhäuser immer
-tiefer, so dass die Ruffiane kaum mehr ihr Leben fristen, geschweige
-denn die gewohnten Abgaben leisten konnten; ferner erschollen von
-allen Kanzeln der neuen protestantischen Geistlichkeit ernste Worte,
-die den Kreuzzug gegen diese Hölle auf Erden, gegen diesen Sündenpfuhl
-predigten, der jeden rettungslos den Klauen des Gottseibeiuns
-überlieferte, der seine verfluchte Schwelle um des Lasters willen
-überschritt. Alles dieses hat den Bordellen argen Schaden zugefügt,
-doch ihre endgültige Vernichtung bedurfte kräftigerer Ursachen, um die
-dem Volke gewohnte und oft nahezu unentbehrliche Institution für
-Jahrhunderte aus der Welt zu schaffen.[47]
-
-[47] Erwähnt zu werden verdient, dass in Ulm, in dem 1537 die
-Frauenhäuser aufgehoben worden waren, 1551 die Zünfte ihre
-Wiedereinführung beantragten, »um grösseres Unwesen zu verhüten«,
-ebenso in Basel und 1562 in Nürnberg, dessen Rat bei drei Predigern
-und sechs Rechtsgelehrten erst ein Gutachten einholte, ehe er die
-Abschaffung der Bordelle vornahm (Kriegk a. a. O. S. 293).
-
-Erst die gleich vom Anbeginn mit rasender Wut auftretende Lustseuche,
-die Franzosen- oder St. Jobs-Krankheit benannte Syphilis machte die
-Verbreitungsstätten dieser Pest, der Ärzte und Laien gleich ratlos
-gegenüber standen, dem Erdboden gleich. Namenloses Entsetzen erfüllte
-alle Gemüter ob dieser neuen, bisher unbekannten Seuche, die kein
-Alter, kein Geschlecht, keinen Stand verschonte, in allen Kreisen ihre
-Opfer suchte, bei den Patriziern der Städte, dem Adel, den Kirchen-
-und Kloster-Geistlichen, wie in den unteren Volksklassen. »Einer
-steckte den anderen an; aus Stadt und Dorf verstossen, irrten ganze
-Scharen von Männern und Weibern aus geistlichem und weltlichem Stande
-umher, bedeckt mit Eitern und Geschwüren, vom Kopf bis zum Fusse,
-winselnd und rettungslos. Vergebens waren zunächst alle bekannten
-Arzneimittel; ein langsamer, schrecklicher Tod erlöste die
-Leidenden.[48] Ärzte und Quacksalber überboten sich in abenteuerlichen
-Mitteln, die oft noch grässlicher waren, als die Krankheit selbst. Ein
-Dr. Arnoldus Weickard ordinierte Hundskot »wilder Heckrosen, und vom
-dörren Schaffapfel jedes gleich viel, wilder Rosenblätter und
-Silberglätt, jedes auch gleich viel, und mach drauss ein Pulver. Erst
-wasche das Geschwär mit des Patienten eignem Urin oder Wegbreitwasser,
-hernach streue das Pulver drein«.[49] Derartige Kuren im Dunkeln
-tappender Mediziner verschlimmerten natürlich nur den Zustand der
-Kranken, die man mitleidlos von sich stiess, in Erdhöhlen und
-Feldhütten verwies, bis man in leerstehenden Spitteln und Bordellen
-Plätze fand, in denen die Unglückseligen wenigstens gegen die Unbilden
-der Witterung geschützt, ihr elendes Leben fristen und sterben
-konnten. Ängstlich wich man den Syphilitischen aus, ebenso wie vordem
-den Aussätzigen, galt doch schon ihr Atem als Gift, eine Berührung
-ihrer Hand für tödlich.
-
-[48] Dirchs, Die ältesten Schriftsteller über die Lustseuche in
-Deutschland, S. 346.
-
-[49] K. F. Paullinis heilsame Dreckapotheke, Frankfurt a. M. 1714, 3.
-Kap. Von der Hurenseuche.
-
-»Wer einen Fuss im Frauenhaus hat, hat den anderen im Spital.« Die
-Frauenhäuser hatten viel zur Verbreitung der Syphilis beigetragen, und
-als man sich dessen bewusst wurde, mied man jeden Verkehr mit den
-Dirnen. Unter diesen Umständen verminderte sich der Bordellbesuch mit
-dem Umsichgreifen der Lustseuche immer mehr, bis er endlich derart
-gesunken war, dass die Obrigkeiten die Aufhebung der Frauenhäuser
-veranlassten, nicht selten erst, nachdem die Ruffiane davongegangen
-und die Dirnen selbst krank geworden oder in alle Winde zerstreut
-waren.
-
-Die Prostitution selbst erlitt durch den Wegfall der Bordelle nur
-geringe Einbusse. Das Verschwinden ihrer Kasernen tilgte das Schandmal
-nicht von der Stirne der Dirnen; sie mussten in dieser Zeit, die sie
-verachtete und gleichzeitig fürchtete, bleiben, was sie vordem waren,
-wenn auch der Selbsterhaltungstrieb sie zwang, ihr Gewerbe mehr zu
-verschleiern. So wurde aus vielen der Frauenhäuslerinnen jene
-»Sunneweigerinnen«, fahrende Weiber, die unter der Marke, bekehrte
-Dirnen zu sein, um Sancta Maria Magdalenas willen bettelnd durch die
-Lande zogen und, wenn sich Gelegenheit bot, gerne wieder in ihr
-früheres Metier verfielen. Diese nun vagierenden Bordellmädchen
-vermehrten die Zahl der landstreichenden Dirnen, sie waren aber
-keineswegs die Urheberinnen der reisenden Prostitution. Früh hatten
-die nach Rom ziehenden Pilgerinnen und Wallfahrerinnen, der Verführung
-auf der langen Reise nachgebend und der Not erliegend, in den Städten
-des fränkischen Reiches und der Lombardei sich zu Priesterinnen der
-Venus vulgivaga gewandelt (Bonifazius epistolae 73). Sie bevölkerten
-entweder fern von ihrer Heimat die Bordelle, oder fuhren, das neue
-Gewerbe ausübend, erst ihrem Ziele zu und dann weiter vagierend durch
-die Welt.
-
-Das »varende vip« zog während des ganzen Mittelalters den
-Hoflagern, den Krönungen, Reichstagen, Turnieren, Kirchtagen,
-Jahrmärkten, Konzilien, überhaupt allen Versammlungen der
-mittelalterlichen Gesellschaft zu, die ihnen durch das Zusammenströmen
-verschiedenartiger, den Fesseln der heimatlichen Beobachtung entrückter
-Elemente, Verdienst zu bieten schienen. An dem zweimal im Jahre
-stattfindenden Jahrmarkt zu Zurzach im Kanton Aargau beteiligten sich
-oft über 100 solcher Auswürflinge an dem berüchtigten »huorendanz«, der
-ungezählte Zuschauer aus allen schweizer Gauen anlockte. Durch ihre
-Zahl und die Frechheit in Ausübung ihres Berufes wurden sie oftmals
-zur Landplage. So wurde einmal in Basel die Klage laut: »Junge Töchter
-und alte Frauen machten auf der Strassen Königinnen; da kann schier
-ein biederb Mann nit durch die Gassen kommen, so fallen sie ihn an und
-wollen Geld von ihm gehegt han.« Bekamen sie dies nicht, so pfändeten
-sie ihn und nahmen Hut und Gugel ab. Aber ganze Heere der Ausüberinnen
-gewerbsmässiger Liebe stellten sich dort ein, wo geistliche und
-weltliche Würdenträger zu gemeinsamer monate-, selbst jahrelang
-währender Beratung zusammen getreten waren. Auf dem Konstanzer Konzile
-von 1315 waren schon »heimlich frouwen und courtisaninen gar vil«, von
-denen Oswald von Wolkenstein singt:
-
- »Wer seines Leids ergötzt will sein,
- Und ungenetzt beschworen fein,
- Der zieh' gen Kostnitz an den Rhein,
- Ob ihm die Reis' wohl füge.
- Darinnen wohnt manch' Fräulein zart,
- Die können spielen um den Bart ....«
-
-Dem Reichstage von Frankfurt a. M. wohnten 1394 an 800 Fahrende
-bei; hingegen überbot an dem von 1414 bis 1418 in Konstanz tagenden
-Konzil ihre Menge alles bisher Dagewesene. Ihre Zahl schwankt bei den
-verschiedenen Autoren zwischen 450 und 1500. Der Generalquartiermeister
-des Herzogs Rudolf von Sachsen, Eberhard Dacher, sollte auf Befehl
-seines in Konstanz anwesenden Herrn die dort befindlichen Kurtisanen
-zählen. »Also ritten wir von einem Freudenhaus zu dem andern und wir
-fanden in dem einen Hause dreissig, in einem weniger, dann wieder mehr
-und so ergaben sich, ohne die zu zählen, die sich in den Badestuben
-oder Ställen aufhielten, bei siebenhundert gemeiner Frawen.« Nun wollte
-der Herzog auch noch die Anzahl der geheimen Dirnen wissen, aber Dacher
-bat flehentlich, von dieser Volkszählung enthoben zu werden, da er es
-»nicht metig zu tun; ich wurde villeicht um die Sach ertötet«. So stand
-denn der Herr von seinem Vorhaben ab. Von einer dieser Dirnen, einer
-Wiener Hübschlerin, meldet von der Haardt, dass sie mit einem erbuhlten
-Vermögen von 800 Goldgulden aus Konstanz gezogen sei. Sie scheint
-nicht vereinzelt dagestanden zu haben, wie aus dem 1415 gedichteten
-Volksliede Eberhart Windeckes hervorgeht:
-
- »Nun hat man neue Märe im Lande vernommen
- Seit das Konzilium gen Konstanz ist kommen
- Die Dirnen sind gemehlich (Freude bereitend)
- Und sind auch worden wacker und reich.«
-
-Freilich gelang es nur den allerwenigsten, wacker und reich zu werden.
-Die Mehrzahl konnte sich niemals von der Anfangsstufe in die Höhe
-arbeiten; meist sanken sie, namentlich bei zunehmendem Alter, bis zur
-landstreichenden Bettlerin, die den Busch oder den Wegrand zum
-Liebesgemach erkor und auch dort das besudelte, verfehlte Leben
-endete.
-
-Diese Fahrenden rekrutierten sich in der Hauptsache aus entlaufenen
-Bauernmädchen und den Frauen und Töchtern der vagabundierenden Bettler
-und Gaukler. Die Anrüchigkeit und Unehrlichkeit des vormaligen
-Artistenstandes zwang die armen, schon durch ihre Geburt gebrandmarkten
-Geschöpfe zur feilen Liebe. Wo sie erschienen, standen sie ausserhalb
-der Gesellschaft, dem Henker und Totengräber gleich; ihre Berührung
-befleckte, ihr Eintritt in ein Haus galt als unheilbringend und die
-Ehrlichen jagten sie erbarmungslos mit Schimpf und Schande von ihrer
-Schwelle. Sogar der Scherge fühlte sich zu gut, über sie zu wachen, man
-gab ihnen ein eigenes Oberhaupt, den Pfeifer- oder den »#Bubenkönig#«,
-dem die Beaufsichtigung aller Vaganten und fahrenden Frauen oblag, und
-der noch 1512 in Köln seines Amtes waltete.[50]
-
-[50] Dr. Otto Beneke, Von unehrlichen Leuten, S. 29.
-
-An der Kirchhofsmauer oder auf dem Anger, wo die armen Sünder ohne
-Sang und Klang eingescharrt wurden, war auch ihre letzte, gar oft nur
-widerwillig gewährte Ruhestätte. Kein Hügel wölbte sich über das Grab
-der bis über das Leben hinaus verachteten Heimatlosen. Ohne Obdach zu
-besitzen, irrten sie ruhelos umher, heute im Überfluss schwelgend,
-morgen den Hunden der Herrenhöfe das Futter entreissend; stehlend, wo
-sich Gelegenheit bot, auch vor einem Gewaltsakte nicht zurückbebend,
-wenn er nur Beute versprach, ohne Rechtsbewusstsein, ohne Ahnung von
-Menschenwürde, vertiert wuchsen sie auf, als Landplage gehasst und
-verfolgt.
-
-Solch unglückseligen Weibern konnte die Hingabe um Lohn nichts weiter
-sein als ein Verdienst, ein leichter, willkommener sogar, der ihnen
-keinerlei Bedenken einflösste. Woher sollten sie von Moral wissen,
-sie, denen Scham etwas Unbegreifliches war, deren Lumpen kaum die
-Blössen bedeckten. Im »Liber Vagalorum« findet sich eine Gruppe von
-drei Fahrenden, einem Mann und zwei jungen Frauen, die mit
-Reisigbündeln beladen auf der Landstrasse dahin ziehen. Den Weibern
-hängen die Fetzen vom Leibe, sie enthüllen mehr als sie verdecken,
-wohl absichtlich, einerseits, um mildherzige Frauen zur Verabreichung
-abgelegter Kleidungsstücke zu bewegen, andererseits, um durch die zur
-Schau getragenen Reize Männer zu locken.
-
-Auf einer etwas höheren Stufe als bettelnde Landstörzerinnen standen
-die fahrenden Gauklerinnen, die sich aber erst vor einer kurzen Spanne
-Zeit der auf ihnen die ganze Vorzeit hindurch lastenden allgemeinen
-Missachtung entringen konnten. Noch zu Anfang des 18. Jahrhunderts
-hiess es von ihnen: »Taschen-Spielerin Heissen diejenigen im Land
-herum vagirenden und auf die Jahr-Märkte reisenden liederlichen
-Weibes-Bilder, so dergleichen wunderliche Profession treiben und den
-Zuschauer allerhand Blendwerck durch ihre Kunst und Geschwindigkeit so
-wohl mit der Karten als auch andern darzu verfertigten künstlichen
-Instrumenten vormachen.«[51] Nach derselben Quelle ist die
-»Seil-Täntzerin eine leichtsinnige Weibes-Person, so in dem Lande
-herum ziehet und ihre Kunst auf dem Straffen oder Schweng-Seil zu
-tantzen, öffentlich um Geld sehen lässt«.
-
-[51] Frauenzimmer-Lexicon von Amaranthes, Leipzig 1715.
-
-Diese Künstlerinnen, denen auch Abraham a St. Clara vieles am Zeuge zu
-flicken hat, waren selten besser als ihr Ruf. Als sich Grimmelshausens
-»seltzamer Springinsfeld« ärgert, dass seine Neuvermählte »ihre
-Jungfrauschafft nicht zu ihm bracht, sagte sie: Bist du dann so ein
-elender Narr, dass du bey einer Leyrerin -- ein Mädchen, das mit einer
-Leier umherzog -- zu finden vermeint hast, dass noch wol andere Kerl,
-als du einer bist, bey ihren ehrlich geachten Bräuten nicht finden?
-Wann du in solchen Gedanken gewesen bist, so müsste ich mich deiner
-Einfalt und Thorheit zu kranck lachen ...«
-
-Wie den Krönungen und Konzilien, eilten die Fahrenden in grossen
-Massen den Heeren zu. Schon die Kreuzfahrer zogen in Begleitung von
-Scharen leichtfertiger Weiber nach dem orientalischen Kriegsschauplatz.
-Einzelne sittenstrenge Feldherrn, wie Kaiser Friedrich Barbarossa
-(1154) liessen zwar die Dirnen aus den Lagern jagen, richteten damit
-aber für die Dauer wenig aus. Ludwig der Heilige musste zu seinem
-Schmerze sehen, dass sich innerhalb der Lager, nahe dem königlichen
-Zelt, unter dem Protektorate von Hofleuten stehende Bordelle erhoben.
-
-Als die Heere grösser und durch die unausgesetzte Verwendung beinahe
-schon zu stehenden wurden, wuchs der Tross der Soldatenmenscher mit
-ihnen. Welche Mengen von Dirnen bei den Heeren, zu deren Bestand sie
-mit der Zeit gezählt wurden, anzutreffen waren, geht aus einer Angabe
-Wilmolt von Schaumburgs hervor, dass bei der Belagerung von Neuss Karl
-der Kühne: »liess den profosen die gemainen weiber, der #ob dem
-viertausend un hör waren#, zu der Arbeit berufen und versahn.
-Denselben weiben wart durch den herzogen ain Fendlein (Fahne) geben,
-daran was ein Frau gemalt, und wan si zu oder von der arbait giengen,
-wart in mit dem Fendlein, auch trummen und pfeifen vorgegangen«. Der
-deutsche Condottiere Werner von Urslingen hatte 1342 bei einem Bestand
-von 3500 Mann 1000 feile Dirnen, Buben und Schelme (meretrices,
-ragazzii et rubaldi satis) aufzuweisen.[52]
-
-[52] Otto Elster, Bilder aus der Kulturgesch. des deutschen Heeres, S.
-52.
-
-Um dieses Heer im Heere im Schach zu halten, gab man ihnen einen mit
-weitgehenden Vollmachten ausgerüsteten Vorgesetzten, den #Hurenweibel#,
-dem sie sowie das Gelichter der Trossbuben und alle sonstigen Drohnen
-unbedingt zu gehorchen hatten.
-
-»Ampt und Bevelch des Hurenweybels« betitelt sich der Abschnitt über
-die Obliegenheiten dieses meist im Hauptmannsrange stehenden Offiziers
-und seines Leutnants und Fähnrichs. Dieser »Bevelch« schreibt dem
-Waibel vor, darauf zu sehen, dass die »gemeinen Weiber« getreulich
-ihre Herren abwarten, auf dem Marsche das Gepäck tragen, im Lager
-kochen, waschen, die Kloaken reinigen, Kranke pflegen, »sonnst wo man
-zu feldt liegt, mit Behendigkeit lauffen, rennen, einschenken,
-Fütterung, essende und trinkende Speis zu holen, neben anderer
-Nothdurft, sich bescheidentlich zu halten.« Ihm ist das Recht
-zugestanden, Vergehen, der »Huren und Buben« durch »mechtig übel«
-Schläge zu ahnden, sie überdies mit möglichster Strenge zu halten, da
-sonst »würden faule Schwengel und Huren gar zu viel«. Also durch
-Abschreckungstheorie suchte man den Zuzug neuer Individuen
-hintanzuhalten. Überdies sollte der Tross zu allen militärischen
-Nebenarbeiten herangezogen werden. Seine Angehörigen sollten Wege
-ausbessern, Gräben aufwerfen oder füllen, Holz zu Schanzkörben und
-Verhauen herbeischleppen, Hand anlegen, wenn die Bagagewagen oder die
-Geschütze im Wegmorast stecken blieben, und dieses alles ohne
-Widerrede »bei ernstlicher straff, so ihnen aufferlegt wird.« Sie
-sollten auch nicht »umsonst einkauffen« d. h. stehlen, bei
-Todesstrafe. Man sieht, das Los einer Soldatendirne war kein rosiges
-und trotzdem sangen sie:
-
- »Ob wir schon übel werden geschlagen,
- So thun wirs mit ein Landsknecht wagen.«
-
-Das zweifarbige Tuch und die flatternden Fahnen waren Lichter, die sie
-in hellen Haufen anzogen, die sie umflatterten, bis sie versengt zu
-Grunde gingen. Herzog Alba, der spanische Würger, führte ein Gefolge
-von vierhundert Lustweibern zu Pferd und über achthundert zu Fuss mit
-seinem Söldnerheere nach den Niederlanden. Sie waren in Kompagnien
-geteilt und in Reih und Glied geordnet. Jeder war je nach Schönheit
-und Herkunft ein Liebhaber gegeben, dem sie bei Strafe anzugehören und
-treu zu sein hatte. Im dreissigjährigen Kriege verlor die Stellung des
-Hurenweibels an Ansehen, er sank zum gemeinen Soldaten herab, dem das
-Heer ebenso wenig Achtung zollte, wie der ihm unterstellte Tross. Mit
-der Einrichtung der stehenden Heere verschwand das Weibergefolge auf
-dem europäischen Festlande, und mit ihm auch der Weibel.
-
-Das völkermordende dreissigjährige Würgen, das Deutschland auf
-Jahrhunderte zu Grunde gerichtet, seine vormals blühenden Gegenden in
-menschenleere Wüsteneien verwandelt, bot dem fahrenden Dirnentum den
-günstigsten Nährboden. Ihre Zahl wuchs ins Unmessbare, denn jede
-eroberte Stadt, jedes eingeäscherte Dorf vermehrte das Heer der
-Soldatenweiber. Gezwungen oder freiwillig folgten die ihrer Heimat,
-ihrer natürlichen Beschützer beraubten Mädchen und Frauen ihren
-Vergewaltigern, bei denen sie wenigstens nicht verhungerten, bis sie
-am Wege starben, oder unter den Fäusten ihrer entmenschten Liebhaber
-verröchelten. Was galt in diesen Unglücksjahren ein Menschenleben und
-gar das Leben einer Dirne, jenes Geschmeisses, das zu zertreten der
-Laune seines Besitzers frei stand.
-
-Das Zeitalter des grossen Krieges entfesselte in bis dahin
-ungeahnter Wildheit das Tier im Menschen. Alle Greuel, die ein
-krankhaft-überspanntes Gehirn auszuhecken vermag, überbot die zügellose
-Soldateska, jener Auswurf der Menschheit, der unter dem Schutz der
-Fahnen und entmenschter Führer die Bestien des Urwaldes an Blutdurst
-und Grausamkeit übertraf. Jedes Weib ohne Rücksicht auf Alter war
-verloren an Leib und Seele, das diesen Scheusalen in die Hände fiel.
-Grausamkeit und Wollust, diese beiden Stiefschwestern der Liebe,
-steigerten sich bei diesem vertierten Gesindel zu einer unerhörten
-Intensivität. Moscheroschs »Philanders von Sittewald wunderliche
-und wahrhaftige Gesichte« und Christoffel von Grimmelshausens
-»Simplizianischen Schriften« entrollen grauenvolle Bilder des
-bluttriefenden Übermutes, die durch die Chroniken jener Zeit nicht
-nur als wahrheitstreu, sondern oft sogar durch dichterische Retouche
-gemildert nachgewiesen wurden.
-
-Darum gewinnt das Bild einer Soldatendirne des dreissigjährigen
-Krieges, das Grimmelshausen gezeichnet, den Wert eines
-kulturgeschichtlichen Dokumentes, dessen Details uns getreulich das
-Werden, Leben und den Untergang eines dieser bedauernswerten Geschöpfe
-vergegenwärtigen. Der Titel der »Ertzbetrügerin und Landstörtzerin
-Courasche«, gedruckt in Utopia bei Felix Stratiot, nimmt vierundzwanzig
-Zeilen ein, und achtundzwanzig Kapitel behandeln das Leben dieser
-Courage von ihrer Kindheit an, bis zu ihrem hohen Alter.[53] Der
-kurzgefasste Inhalt des Büchleins, soweit es uns interessierende Themen
-enthält, ist folgender: Jungfer Lebuschka ist von ihren unbekannten
-Eltern einer Bäuerin in Bragoditz, jetzt Prachatitz, in Böhmen zur
-Pflege anvertraut. Als sich der Krieg gegen Prachatitz zu ziehen
-scheint, beredet die Pflegemutter das dreizehnjährige Mädchen, sich
-als Knabe zu kleiden, um so der Schändung zu entgehen. Aus Jungfrau
-Lebuschka wird der Knabe Janco, der von den Soldaten mitgeschleppt
-wird, als »die Männer in der eingenommenen Stadt von den Überwindern
-gemetzelt, die Weibsbilder genohtzüchtiget und die Stadt selbst
-geplündert worden«. Der Rittmeister des Trupps, dem Lebuschka in
-die Hände gefallen, behält sie selbst als Trossbuben, bis bei einer
-Rauferei ihr Geschlecht erkannt und sie zur Maitresse ihres Herrn
-wird. Ihre oft bewiesene Unerschrockenheit hat ihr den Namen Courage
-eingebracht, den sie nicht mehr los wird. Mit ihrem Rittmeister zieht
-Courage weit in der Welt umher, bis nach Ungarn, wo er vor Neuhäusel
-(Neussol) eine tödliche Wunde erhält. Auf dem Sterbebette reicht er
-Courage seine Hand, die nun Frau Rittmeister und gleich darauf Witwe
-wird. Mit der Beute ihres verstorbenen Gatten reich ausgestattet, kommt
-Courage nach Wien, wo sie verschiedene einträgliche galante Abenteuer
-besteht. Die Sehnsucht, Prachatitz wiederzusehen, führt sie über
-Prag dorthin, doch auf der Reise wird sie von Mansfeldischen Reitern
-aufgehoben, in eine verlassene Meierei geschleppt, vergewaltigt, aber
-mit ihrem Eigentum von einem feindlichen Hauptmann aus den Klauen der
-Mansfelder befreit. Sie weiss den Hauptmann zu ködern, sie zur Gattin
-zu nehmen, und bleibt ihm aus Berechnung treu, bis er am 22. April 1622
-in Wiesloch in Baden fällt. »So ward ich wiederumb in einer kurtzen
-Zeit zu einer Wittib.«
-
-[53] Kürschners Deutsche Nationallitteratur, Band 35.
-
-Courage geniesst ihr Leben, freut sich der teilweise selbst gemachten
-reichen Beute, die sie mit einem schwarzhaarigen Leutnant, »einem
-Italianer« teilt, der sie ihres Geldes wegen zur Frau nimmt. Nach der
-ersten grossen Schlägerei nimmt der junge Ehemann aber Reissaus, und
-später erfährt Courage, dass der schöne Offizier als Deserteur gehenkt
-wurde. Mit ihm verduftete leider die ganze Barschaft unserer Heldin,
-die nun wieder aufs Rauben auszieht, wobei sie manch kostbare Beute an
-Geld und Juwelen, einmal sogar einen leibhaftigen Major, nach Hause
-bringt. Durch ihre Aufführung wird aber unsere Courage mehr und mehr
-verrufen und dadurch sogar beim »Lumpengesindel beym Tross« derart
-unmöglich, dass sie es vorzieht, wieder einmal für einige Zeit zu
-verschwinden, und ruhig und ehrbar in einer Stadt sich für einen
-Fischzug nach einem neuen Ehegatten zu stärken.
-
-Ihr Wohnort erweist sich als ungeeignet für ihre Pläne, darum fasst
-Courage den Entschluss, noch einmal den Versuch zu wagen, ihre
-Pflegemutter in Prachatitz zu erreichen. Diesmal gelingt es besser als
-das erste Mal. Courage erfährt von ihrer Pflegemutter, wie ihr Vater
-vormals einer der gewaltigsten Herren im Reiche gewesen, der sich
-jetzt aber, als Rebell vertrieben, bei den Türken aufhält. Ihre Mutter
-war Kammerjungfer bei des Grafen (Courages Vater) Gattin, ist nun aber
-längst tot.
-
-Als Courage von Prachatitz nach Prag zurückkehrt, nimmt sie die alte
-Bäuerin mit sich, die fürder als ihre Mutter gelten soll. Unter der
-Maske, durch den Krieg aus ihrem Besitztum vertrieben zu sein, suchen
-sie offiziell ihren Unterhalt durch Nähen und Sticken zu erwerben, was
-dank der Nebenbeschäftigung Courages gelingt, ohne dass sich ihr etwa
-3000 Reichsthaler belaufendes Vermögen verminderte. Ein Hauptmann, dem
-es weniger um Ehre als um Geld zu thun ist, wirbt um Courage; sie wird
-seine Frau, muss aber mit ihrem Manne bald nach der Trauung den
-sicheren Port Prag verlassen und nach Holstein aufbrechen.
-
-Courage fand es diesmal für gut, ihren Mann in Einzelheiten ihres
-Lebens einzuweihen -- natürlich erzählt sie nur, was ihr in den Kram
-passt --, um unliebsamen Entdeckungen zuvorzukommen, die bei ihrer
-Berüchtigtheit in allen deutschen Heeren nicht ausbleiben können. Da
-sie ihrem Manne treu bleibt, prallen auch alle Zuträgereien an diesem
-ab, und sie leben glücklich, bis ein Kanonenschuss bei der Belagerung
-des Schlosses Hoya sie neuerdings zur Witwe macht. Das Schloss wird
-übergeben, und zum Unglück fällt Courage jenem Major in die Hände, den
-sie früher einmal gefangen genommen hat. Er nimmt die denkbar
-gemeinste Rache an dem Weibe, das er vor und mit seinen Offizieren
-prostituiert und endlich den Trossbuben preisgeben will, als ein
-dänischer Offizier sie frei bittet, um sie auf sein Erbschloss in
-Dänemark in Sicherheit zu bringen. In Verborgenheit bringt Courage
-einige Monate auf diesem Schlosse zu, bis die Eltern des Adeligen von
-ihrem Aufenthalt erfahren und sie, um die geplante Heirat ihres Sohnes
-mit der Dirne zu hintertreiben, nach Hamburg locken, wo man sie ihrem
-Schicksale überlässt, so dass sie anfängt: »mit dem Schmalhansen zu
-conferirn, der mich leichtlich überredete, mein täglich Maulfutter mit
-meiner nächtlichen Handarbeit zu gewinnen«. Es wird ihr leicht, da
-Hamburg und seine Grenzgebiete von Truppen überschwemmt sind. Ein
-junger, strammer Reiter, den sie sich zum Herzensfreund erkoren, gerät
-ihretwegen in Streit mit seinem Korporal, wird arkebusiert, sie aber
-wird schimpflich durch den Steckenknecht aus dem Lager gebracht. Zwei
-Reiter fallen sie an, von denen sie einen tötet, den anderen aber mit
-Hilfe eines hinzukommenden Soldaten in die Flucht schlägt, worauf sie
-ihrem Retter zu seinem Regimente folgt. Courage findet die böhmische
-Theatermutter wieder, die sie bereden will, mit ihr nach Prag zu
-gehen, um dort in Ruhe zu leben; aber das wilde Blut in der
-Soldatendirne will durch Abenteuer in Wallung erhalten sein, und so
-bleibt sie denn beim Heere und gerade bei jenem Regimente, dem ihr
-gefallener Gatte, der Hauptmann, angehört hatte. Als Marketenderin
-zieht sie mit dem Heer über die Alpen nach Italien und entschliesst
-sich endlich, den Soldaten zum Liebhaber zu nehmen, der ihr vordem in
-ihrem Kampfe mit den Marodeuren beigestanden. Aus der Frau Hauptmännin
-wird eine Musketiersmaitresse. Springinsfeld, der junge Pseudo-Ehemann,
-hilft seiner Geliebten bei der Marketenderei, während sie, die alte
-Pflegemutter als Kupplerin benützend, ihrem Liebsten Hörner schockweise
-aufsetzt, viel Geld damit verdient, das sie in sicheren Wechseln nach
-Prag sendet. Wenn die Geldquelle zu versiegen droht, weiss sie sich mit
-Springinsfelds Hilfe durch Diebstähle schadlos zu halten, bei denen
-ihr Buhle recht geschickt als Werkzeug benutzt wird. Inzwischen ist
-Courage des Genossen überdrüssig geworden und sucht eine Gelegenheit,
-sich seiner zu entledigen. Eines Nachts, als sie neben ihm schläft,
-packt sie der Springinsfeld in schlafwachem Zustand, wirft sie über
-die Achsel und eilt mit ihr dem Wachtfeuer bei des Obersten Zelt
-zu. Unterwegs erwacht Courage, ihr Geschrei weckt das Lager, dessen
-Insassen von allen Seiten herbeieilen, sich den lächerlichen Vorfall,
-»die Gugelfuhr«, die nackte Courage auf der Schulter ihres halbnackten
-Galans, zu besehen. Die Gelegenheit, den Liebhaber los zu werden, ist
-endlich gefunden, denn selbst der Profoss befiehlt die Trennung von
-einem Menschen, der im Schlafe zu einem Morde fähig scheint, und mit
-einem Pferde, Geld und dem _spiritus familiaris_, einem Galgenmännlein,
-das seinem Besitzer alle Wünsche erfüllt, aber dessen Seele dem Teufel
-zuführt, beschenkt, zieht Springinsfeld seiner Wege. Auch Courage
-wird im Regimente bald der Boden zu heiss unter den Füssen, und mit
-ihrem erbuhlten und ergaunerten Besitztum überreich ausgestattet,
-wählt sie erst Passau, dann Prag zum ständigen Aufenthalt, um dort
-das Ende des Krieges abzuwarten. Obgleich älter geworden, gelingt es
-Courage doch noch einmal, einen Hauptmann zum Gatten zu kapern, sie
-verliert aber den Mann, »der noch kaum bey mir erwarmet« wieder und
-begiebt sich nun in das Vaterland ihres ersten Hauptmanns-Gatten,
-wo es ihr so gut gefällt, dass sie sich sesshaft macht und all ihr
-Geld in Grundbesitz anlegt. Sie hofft auf den nahe bevorstehenden
-Frieden, sieht sich aber getäuscht, denn die Rationierungen und
-Einquartierungen der durchziehenden Soldateska, dazu die Steuern drohen
-ihr Vermögen aufzuzehren, weshalb sie auf das bei ihrer Qualität sehr
-naheliegende Auskunftsmittel verfällt, ihr Haus zu einem Bordell für
-die Soldaten zu machen. Das Geschäft floriert einige Jahre glänzend,
-doch nötigt sie ein bei ihrem Berufe naheliegendes Leiden, ein Heilbad
-aufzusuchen, in dem sie den Simplicius Simplicissimus kennen lernt.
-Wie sie diesen jungen Mann und berühmten Soldaten belügt und betrügt,
-füllt das 24. Kapitel ihrer Memoiren, die nun ihrem Ende zugehen. Ihr
-Luderleben veranlasst endlich die Obrigkeit ihres Wohnortes, ihr Haus
-zu sperren und sie mit ihren Mägden davonzujagen. Sie nimmt noch einmal
-mit wechselndem Erfolge ihr altes Metier wieder auf, bis sie einer
-Zigeunertruppe in die Hände gerät. Der Leutnant dieser Vaganten begehrt
-sie ob ihrer Schlauheit zum Weibe, und mit ihm und ihrer Truppe, die
-sie zur Königin erkiest, durchzieht sie fortan nach Zigeunerweise
-die deutschen Länder -- ein Schicksal, das vielen Soldatenweibern
-beschieden war, die nach dem Frieden bei Räuberbanden blieben, von
-denen das arme, hinsterbende Deutschland noch lange gebrandschatzt
-wurde.
-
-
-
-
-Das Badewesen.
-
-
-Der Gebrauch von Bädern war in der deutschen Vergangenheit
-ungleich verbreiteter und allgemeiner als heutzutage. Allen
-Bevölkerungsschichten, von dem niedrigsten Knechte bis zum
-ehrfurchtsvoll gegrüssten und vielbeneideten Stadtgrossen, war
-das Baden nicht nur ein unabweisbares Bedürfnis, sondern auch ein
-unentbehrlich gewordenes Vergnügen, das den sieben grössten Freuden des
-Lebens zugezählt wurde, »es war ein sauber spiel, Das ich immer preisen
-wil«[1], darum heisst es im »Schertz mit der Warheyt« (Frankfurt 1501):
-
- »Wiltu ein Tag frölich sein?
- geh ins Bad;
- Wiltu ein Wochen frölich sein?
- lass zur Ader;
- Wiltu ein Monat frölich sein?
- schlacht ein Schwein;
- Wiltu ein Jahr frölich sein?
- Nimm ein jung Weib.«
-
-[1] Klara Hätzlerin, S. 273.
-
-Reinigungs- und Erfrischungsbäder galten seit frühester Zeit für eine
-heilsame diätetische Übung, was wohl darin seinen Grund haben mochte,
-dass einerseits die Kleidung schwerer war und dichter den Körper
-umschloss, als die heutzutage getragene, andererseits die Leibwäsche
-und ihr regelmässiger Wechsel weit weniger gebräuchlich waren, als in
-der Gegenwart. Zur Ergötzlichkeit dienten die Bäder nicht zuletzt
-dadurch, dass sich in den Baderäumen fast immer eine grössere
-Gesellschaft beiderlei Geschlechts zusammenfand. Aus den germanischen
-Urzeiten hatte sich der Gebrauch des Zusammenbadens von Männern und
-Frauen in das Mittelalter hinüber erhalten.
-
-»Und doch macht man aus der Geschlechtsverschiedenheit kein Geheimnis,
-denn beide Geschlechter baden sich gemeinschaftlich in Flüssen und
-tragen unter den Fellen und kleinen Decken von Renntierhäuten den Leib
-grösstenteils bloss,« sagt Caesar.[2] Die Kirche eiferte bereits im
-Jahre 745 auf der unter dem heil. Bonifazius abgehaltenen Synode gegen
-diesen Unfug, den aber auch spätere Beicht- und Buss-Ordnungen
-ebensowenig abzustellen vermochten, wie das Pönitentiale von
-Magdeburg.
-
-[2] Caesar, De bello gallico, Cap. 61. 21.
-
-In der Ritterzeit erwartete den Gast sofort nach seiner Ankunft das
-Bad, um den von der schweren Rüstung hart mitgenommenen Körper neu zu
-stärken. »Man schuf ihm ein Gut Gemach von Kleidern, Speis' und Bade,«
-heisst es an manchen Stellen im Iwein, Wigalois und Tristan. Ebenso im
-Biterolf:
-
- »Und Gunther dann die Helden bat,
- Dass sie nach Haus sich liessen laden.
- Er wollte schön sie heissen baden,
- Und ihnen schenken seinen Wein.«
-
-Auch Ulrich von Lichtenstein meldet mit Behagen, wie den Rittern nach
-sattsamen Kampfspielen manch schönes Bad bereitet ward, worin sie sich
-dann bis tief in die Nacht hinein ergötzten.
-
-Die Hausfrau mit ihren Zofen sind überall dem Willkommenen beim Bade
-behilflich, oft auch die jungfräulichen Töchter der Wirtin. So wird
-Parzival auf seines Lehrmeisters Gurnemanz von Graharss' Burg im Bade
-von Jungfräulein bedient, die mit »blanken, linden Händen« seinen Leib
-streichen. Wie Parzival lässt sich Herr Jakob von Warte, der Vetter
-des Königsmörders, nach dem Bilde der Heidelberger Manesseschen
-Liederhandschrift von Edeldamen betreuen, während er in dem mit Blumen
-bestreuten Bade sich von den vorhergegangenen Strapazen erholt. Die
-eine der Damen knetet des Ritters Arm, eine andere schmückt sein Haupt
-mit einem Blumenkranze, indes die dritte ihm einen Becher darreicht.
-Am Boden bei der Wanne facht eine Magd mit einem Blasebalge Feuer
-unter dem Wasserkessel an. Königin Isolde bereitet ihrem Tristan das
-Bad und bringt ihm Salben, »die zu seinen Wunden gehörten; sie salbte,
-band und badete ihn, dass er ganz zu seinen Kräften kam«.
-
-Doch auch der umgekehrte Fall kam vor.
-
- »Man sorgte, dass die Mägde zu Bade mochten gehn,
- Hartmuths Vettern sah man als Kämmerer beflissen, --
- Ein jeder wollt ihr dienen, sie als Königin geneigt zu wissen,«
-
-heisst es in der Gudrun. Schamhaftigkeit drückte eben weder Männer
-noch Frauen. »Meleranz überrascht eine Dame, die eben unter der Linde
-ein Bad nimmt. Das Bad ist mit einem Samît bedeckt, daneben steht ein
-herrliches, aus Elfenbein geschnitztes Bett. Um das Bett zieht sich
-ein Vorhang, bestickt mit der Geschichte von Paris und der Helena und
-den Abenteuern des Aeneas. Als Meleranz herantritt, fliehen die
-Dienerinnen der Dame; diese selbst ist viel weniger prüde. Sie hebt
-schnell den Samît, der den Bottich bedeckt, auf, ruft den Ritter ganz
-zu sich und befiehlt ihm, ihr nun statt der entlaufenen Mägde Hilfe zu
-leisten. Er muss ihr das Badehemd, den Mantel und die Schuhe
-herbeiholen. Während sie sich trocknet und die Kleider anlegt, tritt
-er bescheiden zur Seite, folgt aber wieder ihrem Rufe, als sie sich
-auf das Bett gelegt, und scheucht ihr die Mücken, bis sie sanft
-entschlummert ist.«[3] In den Baderäumen grosser Burgen fand sich
-häufig eine Galerie, von der aus Zuschauerinnen die badenden Gäste mit
-Blumen zu bestreuen pflegten. In dem Badehaus-Anbau aus dem 13.
-Jahrhundert auf der Wartburg ist noch ein solcher Balkon zu sehen.
-»Als eine Steigerung des Genusses galt diesem wohllebigen Geschlechte,
-wie den Saal und den Schlafgaden, so auch das Bad mit Blumen,
-besonders Rosen, zu bestreuen. Wie Jakob von Warte, werden auch
-Parzival Rosen in das Bad geworfen.«
-
-[3] Schultz, Höfisches Leben zur Zeit der Minnesinger, I. 225.
-
-Nach den Kreuzzügen, die ausser orientalischen Lastern auch bis dahin
-unbekannte Krankheiten in die Heimat brachten, nahm der Bädergebrauch
-in Deutschland einen riesenhaften Aufschwung, denn die Bäder,
-besonders die Schwitzbäder, galten mit Recht als einziges Schutzmittel
-gegen den eingeschleppten und sich unaufhaltsam verbreitenden Aussatz.
-Überall erstanden Bäder. Guarino, ein Gelehrter, in Verona zwischen
-1370 und 1460 lebend, sagt, dass zu seiner Zeit in Deutschland jede
-Stadt, selbst jedes Dorf, ein öffentliches Bad besessen habe.
-
-Die Badestuben enthielten Schwitz- und Wannenbäder; Bäder mit
-Dampfheizung waren dem 15. Jahrhundert nichts Neues mehr. In der
-bereits erwähnten Bellifortis-Handschrift Kyesers befinden sich zwei
-Zeichnungen solcher künstlich durchwärmten Bäder mit allerdings recht
-primitiven Dampferzeugungs-Anlagen im Unterbau.
-
-Ausser den öffentlichen Badehäusern, deren Besuch manchem
-Ausnahmemenschen nicht zusagen mochte, gab es in den Wohnhäusern
-besser situierter Leute Badegelegenheit und selbst in den meisten
-kleineren Häusern noch Badewannen oder Kufen, »darin er (der Hausherr)
-etwa mit seinem Weibe oder sonstem einen guten Freund sitzet oder ein
-Kändele drei vier Wein neben guten Sträublen ausleeret«. Die reichen
-Bürger der vornehmen Handelsstädte hielten sich gänzlich von den
-allgemeinen Bädern fern. Sie verfügten meist über eigene mit
-»Padofen«, dem Kessel zum Erwärmen des Wassers, Wanne und
-»Padschefflen« ausgestattete Stuben, »kleine gewachsame Badstüblein
-mit iren Wasser Kenelin«, zu der noch das »abeziehkemerlen«, der
-Auskleideraum, gehörte. In den Nürnberger Patrizierhäusern waren
-solche Gelasse allgemein. Israel von Meckenen zeichnet eine dieser
-Badestuben, in der eine bis auf die turbanartige Bademütze nackte
-Mutter eines ihrer Kinder abseift. Die anderen Sprösslinge tollen in
-der grossen, durch einen in die Wand eingelassenen Hahn mit Wasser
-gespeisten Wanne. In den deutschen Dampfbädern war fast überall die
-Dampferzeugung durch heisse, mit Wasser übergossene Steine
-gebräuchlich. Diese Badeart wurde von deutschen Reisenden aus Russland
-in Deutschland eingeführt.
-
-Der Kirchenvater Nestor berichtet aus dem Dnjeprlande: »Ich sah
-hölzerne Bäder und darin steinerne Öfen die scharf heizten.
-Sie begiessen sich die Haut mit lauem Wasser und nehmen #Ruten# oder
-#zarte Baumzweige# und fangen an, sich damit zu peitschen, giessen
-indes Wasser auf die Steine und peitschen sich so arg, dass sie kaum
-lebendig herauskriechen, worauf sie sich mit kaltem Wasser
-begiessen«.[4] Diese Ruten, Queste oder Wadel genannt, wurden zum
-Wahrzeichen für das Badehaus, das der Bader aushing, wie der Gastwirt
-den Laubkranz. Züchtigere Badebesucher deckten mit dem Blätterbusch
-ihre Blössen.
-
-[4] H. Peters, Der Arzt und die Heilkunde in der deutschen
-Vergangenheit, S. 52.
-
-Die sonstige Einrichtung der Schwitzbäder war denkbar einfach. Ein
-gewölbter, höchstens mit einigen rohen Bänken versehener Raum, den
-oft, aber nicht immer eine niedere Bretterwand in zwei Hälften
-schied, in das Männer- und das Frauengelass. Diese Scheidewände
-verhinderten wohl die gröbsten Ausschreitungen, gestatteten aber den
-ungeschmälerten Anblick der Badenden, was sich gewiss nicht jeder zu
-solch künstlerischen Zwecken zu Nutze machte, wie Albrecht Dürer,
-dem Badestuben zu Modellstudien dienten. Eine solche, im Badehause
-entstandene Skizze, jetzt in Frankfurt a. M., zeigt eine von einem
-Bader bediente Gruppe nackter Frauen in derb-realistischer Auffassung.
-Einer weiteren Dürerschen Darstellung einer Scene im Frauenbade
-sieht ein Fremder durch das auf die Strasse gehende offene Fenster
-zu. Auf einer Bäderzeichnung Kyesers unterhält sich ein Mann, bequem
-auf der Scheidewand aufgestützt, mit den badenden Nachbarinnen, die
-Zuwachs durch eine von der Strasse kommende Nymphe im tiefsten Negligé
-erhalten.[5]
-
-[5] Schultz, Deutsches Leben, S. 68.
-
-Die Bedienung im Bade besorgten bis zum 16. Jahrhundert in beiden
-Abteilungen Frauen. Auf einer Miniatur in der berühmten Wenzelsbibel
-der kaiserlichen Hofbibliothek zu Wien waschen zwei halbnackte
-Bademädchen dem galanten Böhmenkönig Wenzel den Kopf. Seifried
-Helbling, ein Wiener Poet des 13. Jahrhunderts, schildert, wie er von
-einem »Weibel viel gelenke« im Bade behandelt wurde. Nachdem ihm der
-Schweiss vom Körper abgerieben ist, wird er von der Bademagd geknetet,
-gezwagt, begossen, frottiert und wieder begossen; darauf nimmt ihn der
-Bader in Empfang, um ihn zu rasieren und zu schröpfen. Lag der Gast
-von all diesen Vergnügungen matt auf dem Ruhebett, dann trat in Erfurt
-noch ein hübsches Dämchen zu ihm, um ihn zu kämmen und die Haare zu
-kräuseln, schreibt wenigstens ein fahrender Schüler in einem, um 1300
-entstandenen lateinischen Gedicht.
-
-Wo das Auge ungehindert in solchen, die Sinne aufstachelnden Scenen
-schwelgen konnte, die Berührung durch Frauenhände kaum zur Beruhigung
-der schon durch das Bad allein erregten Nerven beitrug, waren
-Ausschweifungen selbstverständlich, denen überdies jeder Bader, der
-sein Geschäft verstand, Vorschub zu leisten nur zu bereit war. In
-erster Linie hielt er hübsche Bademädchen, deren Obliegenheiten sie in
-jeder Hinsicht zu Vorläuferinnen unserer modernen Masseusen der
-Grossstädte stempelten. Waren diese Damen nicht nach dem Geschmacke
-der Gäste, so machten sie es wie der Herr in dem Gedichte aus der
-Sammlung der Hätzlerin: »Und von dem Frühstück wollen wir dann ins Bad
-gehen; dann laden wir uns die hübschen Fräulein dazu, dass sie uns
-reiben und die Zeit vertreiben. Niemand eile von dannen, er raste
-hernach wie ein Fürst. Sie, Baderin, nun bereite sie jedem von uns
-nach dem Bade ein Bett.«[6] Diese Zugaben verteuerten natürlich den
-Lebemännern den Genuss des Bades, was den Minnesänger Tanhuser, das
-Urbild des sagenumsponnenen Tannhäusers, zu der Klage über seine Armut
-Anlass gibt, die ihn hindert, »zwirend in der wochen baden«, zweimal
-wöchentlich zu baden, wie es der leichtlebige Herr gerne gemocht
-hätte.
-
-[6] Schultz, D. L., S. 69.
-
-Dieses Dienerinnen-Unwesen in den Schwitzbädern konnte den
-sittenstrengen Herren vom hohen Rat nicht lange verborgen bleiben,
-darum suchten sie durch Verbote diese Unzuträglichkeiten auszurotten.
-Breslau untersagte 1486 den Badern, Dienerinnen zu halten. Das
-Böblinger Statut von 1552 befiehlt »item er soll haben ein Reiber und
-eine Reiberin«, also einen Diener für die Männer und eine Dienerin für
-die Frauen. Am frühen Morgen, wenn kaum der Hahn das Erwachen des
-neuen Tages angezeigt, heizte der Bader seine Öfen. Wenn der Dampf
-aufwallte, lief er mit seinen Knechten, auf einem Horn blasend, oder
-mit Hölzern klappernd, dabei von Zeit zu Zeit den Ruf ausstossend »Wol
-auf gen bad!« die Strassen entlang, und wer gewillt war, sich ein Bad
-zu leisten, verfügte sich, beinahe wie er dem Bette entstiegen -- man
-schlief bekanntlich im Mittelalter hüllenlos -- zu der Badestube. Der
-gallige Guarinonius hält sich darüber auf, dass sonst ganz ehrsame
-Bürger und Bürgersfrauen also nackend über die öffentlichen Gassen ins
-Badehaus laufen: »Ja wie viel mal laufft der Vater bloss von Hauss mit
-einem einzigen Niederwad über die Gassen, sambt seinen entblössten
-Weib und blossen Kindern dem Bad zu ... Wie viel mal siehe ich (ich
-nenn darumb die Stadt nicht) die Mägdlein von 10, 12, 14, 16 und 18
-Jaren gantz entblösst und allein mit einem kurtzen leinen, offt
-schleussigen und zerrissenen Badmantel, oder wie mans hier zu Land
-nennt, mit einer Badehr allein vornen bedeckt, und hinden umb den
-Rücken! Dieser und füssen offen und die ein Hand mit gebür in den
-Hindern haltend, von ihrem Hauss aus, uber die langen Gassen bei
-mittag tag, bis zum Bad lauffen? Wieviel laufft neben ihnen die gantz
-entblössten zehen, zwölf, viertzehn und sechzehnjährigen Knaben her
-und begleit das erbar Gesindel.«[7]
-
-[7] Guarinonius, Die Grewel der Verwüstung 1618, 949 bei Rudeck a. a.
-O. 6.
-
-Ältere Leute, vielleicht weil sie sich vor Erkältung schützen wollten,
-und Standespersonen kamen vollständig angekleidet zum Badehause, die
-Badewäsche fein säuberlich unter dem Arm. Nur Fremde und Arme
-entnahmen diese vom Bader.
-
-In einer gemeinsamen Ankleidestube entledigte man sich der letzten
-Hüllen. Die Badeordnung für das Glotterthal von 1550 schrieb deshalb
-vor, dass jeder Mann Hemd und Hose, jede Weibsperson ihr Hemd erst im
-Bade selbst abzulegen habe. Die meisten Städte aber scherten sich um
-derartige Kleinigkeiten nicht weiter, ebensowenig, wie man dies an
-Stellen that, von denen man eine höhere Kultur sollte voraussetzen
-können, nämlich an gewissen Duodezhöfen.
-
-Hans von Schweinichen erzählt in seinen Denkwürdigkeiten folgendes
-hierher gehörige Abenteuer: »Allhier erinner ich mich, dass ich wenig
-Tage zu Hof war; badete die alte Herzogin, allda musste ich aufwartend
-als ein Jung. Es währt nicht lange, kommt Jungfrau, Unte (Kunigundchen)
-Riemen genannt, stabenackend raus, heisst mich, ihr kalt Wasser geben,
-welches mir seltsam vorkam, weil ich zuvor kein nacket Weibesperson
-gesehen, weiss nicht, wie ich es versehe, begiesse sie mit kaltem
-Wasser. Schreit sie laut und rufet ihren Namen an und saget der
-Herzogin, was ich ihr mitgespielet; die Herzogin aber lachet und saget:
-»Mein Schweinlein wird gut werden.«[8]
-
-[8] Hans von Schweinichen, Denkwürdigkeiten, herausg. von Herm.
-Osterley, Breslau, S. 16.
-
-Wenn Hofdamen in einer geistig weit fortgeschritteneren Epoche die
-Naivetät so weit trieben, entblösst in ein Gemach zu treten, in dem
-sie ausser den, ihrer Ansicht nach allerdings noch geschlechtslosen
-Jungen, auch Männern begegnen konnten, so kann es nicht Wunder nehmen,
-wenn weniger hochstehende Menschen zwei und ein Jahrhundert früher die
-Nudität in den Bädern als vom Bade unzertrennlich ansahen. Von diesem
-Gesichtspunkte aus betrachtet, ging es unter den weiblichen Besuchern
-der öffentlichen Dampfbäder verhältnismässig ehrbar und züchtig zu, und
-dürften Ausschreitungen kaum öfter vorgekommen sein, als heutzutage
-in den Seebädern mit dem gemeinsamen Strande für beide Geschlechter,
-auf denen der Lebemann gleichfalls seiner Neugier fröhnen und sonst
-recht ängstlich Verhülltes in aller Musse kritisch würdigen kann. Die
-Aufsicht der Mitbadenden war in den mittelalterlichen Bädern immer
-vorhanden und die üble Nachrede eine ewig dräuende Gefahr, die selbst
-strafrechtliche Folgen nach sich ziehen konnte. Die Kirche und ihre
-gestrengen Herren als Sittenrichter spassten nicht; denn je fauler im
-Kern die Geistlichkeit selbst war, um so ängstlicher suchte sie nach
-aussen hin den Schein zu wahren und heuchelnd Fehler zu vertuschen, die
-sie an dem unglücklichen oder unvorsichtigen Menschenkinde, das einen
-Fehltritt offenkundig werden liess, mit grausamer Härte verfolgte. Die
-geistlichen Strafen trafen unnachsichtlicher und empfindlicher als
-die der weltlichen Obrigkeit, die bei Sittlichkeitsdelikten vielfach
-Nachsicht walten liess. Ausser der Aufsicht gab es übrigens in den
-meisten Bädern die erwähnte Scheidewand, die immerhin Schutz vor
-Handgreiflichkeiten -- Heine nennt es Handgemeinwerden -- bot.
-
-Wer nun einmal im Bade seinen Gelüsten fröhnen wollte, konnte sich im
-Wannenbade für die Enthaltsamkeit in den Dampfbädern, sofern diese
-keine Badedienerinnen besassen, vollauf schadlos halten. In Wort und
-Bild eiferten die Altvorderen gegen die in den Wannen- und
-Einzelbädern herrschende Unsittlichkeit. Schon Tannhäuser und Niethart
-von Reuenthal gedenken der Kostspieligkeit der Wiener Badestuben, in
-denen es übrigens nicht weniger toll herging als in den gleichen
-Anstalten anderer Städte bis zum 17. Jahrhundert. In der Esslinger
-Vorstadt Stuttgarts wurde im Jahre 1591 eines Tages die Anzeige
-erstattet, in einem Bade seien 18 Personen männlichen und weiblichen
-Geschlechtes bereits Tag und Nacht zusammen. Durch solche Vorfälle
-galten denn auch die Badestuben als Anstalten, »die am meisten zur
-Anreizung der Unkeuschheit erbaut sind«, und die sich von den
-Bordellen nur durch das Fehlen der Konzession unterschieden. Den
-Ruffian ersetzte der Bader, ein Kuppler wie der Frauenwirt und
-geächtet und unehrlich mit Weib und Kind wie der erstere, wenn auch
-Kaiser Wenzel, der den Verkehr mit Badern und Henkern liebte, und den
-einst eine heroische Bademagd, Susanna, aus der Gefangenschaft
-errettete, das Gegenteil zu verordnen beliebte. In einem »herrlichen«
-Freibrief vom Jahre 1406 machte er das Baderhandwerk in allen Erb- und
-Reichslanden den Besten der anderen Handwerke völlig gleich und verbot
-jedermänniglich, die ehrlichen Bader zu schmähen und von ihren
-redlichen Diensten verkleinerlich zu reden.[9] Dieses Privilegium
-vermochte aber trotz Siegel und Handzeichnung das sehr gerechtfertigte
-uralte Vorurteil gegen die Baderzunft nicht aus der Welt zu schaffen.
-In dem Gedichte »Des Teufels Netz«, entstanden um 1420, wird
-behauptet:
-
-[9] Beneke a. a. O. S. 81.
-
- Der bader und sîn gesind,
- Gern huoren und buoben sind;
-
-sie sind Diebe, Lügner und Kuppler, Neuigkeitskrämer -- sollte sich
-diese Eigenschaft nicht auf ihre Nachkommen, unsere Raseure und
-Friseure, vererbt haben? -- die ihren Gästen ausser Skandalgeschichten
-noch »die Fröulin zuo in schieben«. Kuppler und Bader werden in einem
-Atem genannt: »Ich will wern ein Frauenwirt Und ein padknecht, der
-lest (lässt) und schiert, So mag ich peiderseits gewin haben«, heisst
-es in einem Fastnachtsspiele.[10] Wie in Konstanz beim Konzil, so
-waren auch anderwärts die Badestuben die Absteigequartiere für die
-fahrenden Dirnen, die ja sonst nirgends Unterkunft fanden.
-
-[10] Keller, 639 II.
-
-Ein reiches Quellenmaterial authentischer Abbildungen unterrichtet uns
-über die unsittlichen Vorgänge in den Wannenbädern. Die Miniatur eines
-Codex der Leipziger Stadtbibliothek zeigt das Innere einer solchen
-Badeanstalt und alle Phasen, die ein Wüstling an einem solchen Orte
-durchmachen konnte. Das Gewölbe des Baderaumes enthält eine Anzahl
-getrennt stehender, mit Stoff überdachter Wannen, vor deren
-Längsseiten sich mit Speisen und Getränken besetzte Tische befinden;
-zur Bedienung laufen alte Vetteln umher. In den Wannen sitzen die
-Pärchen, die Männer nackt, die Frauenzimmer mit Haarschutz und
-Halsketten bekleidet. Im Hintergrund des Raumes sind Betten sichtbar;
-in einem Bette hat sich bereits ein Pärchen zusammengefunden, während
-vor einem zweiten ein Dämchen mit von der Schulter herabwallendem
-Bademantel steht und eine Annäherung an den im Bette Liegenden sucht.
-Auf einer Zeichnung in der Valerius Maximus-Handschrift der
-Breslauer Stadtbibliothek liegt ein Brett als Unterlage für die
-Speisen quer über den Wannen, in denen es noch viel ungezwungener
-zugeht als auf dem erstgedachten Bilde. Auch hier fehlt das Bett
-nicht. Bei Wein und Weib durfte auch der Gesang nicht fehlen. So
-sehen wir denn auf vielen Bäderbildern den fahrenden Sänger seine
-Kunst vor den Badegästen ausüben. Von den Stiftsdamen in Köln
-heisst es in einem altfranzösischen Fabliau, dass sie sich ihre im
-Bade eingenommenen Schmäuse durch den Vortrag saftiger Geschichten
-seitens eines Spielmannes würzen liessen. Eine Federzeichnung in
-dem mittelalterlichen Hausbuche der Fürsten Waldberg-Wolfegg zeigt
-einen Baderaum mit daranstossendem Hofgarten, in dem sich die Gäste
-vor und nach dem Bade ergehen konnten. Das Bad selbst, ein Bassin
-mit Abfluss nach dem Hofe, bietet Raum für vier Personen, der auch
-weidlich ausgenutzt erscheint. In dem gleichen Buche stellt das
-Blatt unter dem Sternbilde der Wage ein ländliches Fest vor. In
-kecken Federstrichen ist auf der linken Bildseite ein Wannenbad unter
-einer natürlichen Laube entworfen, in welchem ein Badender die recht
-naturtreu gezeichnete Liebste freudig empfängt. Eine Matrone mit
-Eiern und Wein steht erwartungsvoll bei den Liebenden, die nur ein
-geflochtener Zaun und eine Bretterthüre von einer Tanzgesellschaft
-trennt. Den Hintergrund der Zeichnung nimmt ein Gebüsch mit einem sich
-sehr ungeniert betragenden Paare ein. Also hier, wie im Meleranz,
-nimmt man unter freiem Himmel sein Bad. In Gwaltherus Ryffs »Spiegel
-und Regiment der Gesundheit« ist ein Holzschnitt mit einem Manne in
-einer Badewanne, neben der ein zweiter im Badekostüm auf einer Fussbank
-sitzt. Und trotzdem die Sonne auf diese Scene herniederlacht und Damen
-und Herren umherschwärmen, steht eine Frau mit bis auf die Oberschenkel
-zurückgeschlagenen Kleidern bei den Badenden. Wenn ich gleich Alwin
-Schultz alle diese Darstellungen für übertrieben halte und manche
-Einzelheit der Lust des Mittelalters an derbem und zotigem »Schimpf«
-zuschreibe, so unterliegt es doch keinem Zweifel, dass wirklich
-vorhandene Thatsachen erst den Anlass zu den Übertreibungen gaben.
-Ebensowenig, wie der moderne Karikaturist seine Stoffe aus dem Finger
-saugt, sondern Vorhandenes verzerrt, thaten es seine Ahnen. Dass die
-beiden Geschlechter vereint badeten, ist unwiderleglich bewiesen, und
-dass es unter solchen Umständen an Excessen nicht fehlen konnte, bedarf
-nicht erst wieder Worte, um einzuleuchten. Optimisten, die noch an
-»die gute alte Zeit« glauben, haben niemals das reiche Quellenmaterial
-aus jener Zeit durchblättert, das auf jeder Seite eine romantische
-Illusion zerstört. Die Menschen sind sich in ihren Schwächen immer
-gleich geblieben, und der Liebestrieb, den die Natur dem Menschen
-eingepflanzt, hat sich nie und unter keinen Umständen unterdrücken
-lassen. Wenn also Ulrich von Hutten in seinem »Gesprächbüchlein«, im
-vierten Gespräch »die Anschauenden« den Sol die Badesitten verteidigen
-lässt, so ist dies entweder Sarkasmus oder schönfärberische Heuchelei.
-Sol, die Sonne, und ihr Sohn Phaeton unterhalten sich über die Völlerei
-der Deutschen, als Phaeton mit einem Blick auf die Erde bemerkt:
-
- Dort seh' ich einige nackend, Frauen und Männer vermischt,
- miteinander baden; ich glaube, dass das ohne Schaden für ihre Zucht
- und Ehre nicht zugeht.
-
- #Sol.# Ohne Schaden.
-
- #Phaeton.# Ich sehe sie sich doch küssen.
-
- #Sol.# Freilich.
-
- #Phaeton.# Und sich freundlich umfassen.
-
- #Sol.# Ja, sie pflegen auch bei einander zu schlafen.
-
- #Phaeton.# Vielleicht haben sie die Gesetze Platos angenommen und
- halten die Weiber gemeinschaftlich.
-
- #Sol.# Nicht gemeinschaftlich; sondern darin zeigt sich ihr
- Vertrauen. An keinem Ort, wo man die Frauen hütet, kannst du die
- weibliche Ehrbarkeit unversehrter finden als bei diesen, die keine
- Aufsicht über sie führen. Es fällt auch nirgends seltener Ehebruch
- vor, nirgends wird die Ehe strenger und fester gehalten denn hier.
-
- #Phaeton.# Du sagst, dass sie übers Küssen, Umfassen und
- Zusammenschlafen nicht hinausgehen? Und dazu bei der Nacht?
-
- #Sol.# Ja, so sage ich.
-
- #Phaeton.# Das geschieht auch ohne allen Verdacht? Und wenn sie
- sehen, dass ihre jungen Weiber und Töchter von anderen also
- behandelt werden, fürchten sie da nicht für deren Ehre?
-
- #Sol.# Sie denken nicht einmal daran; denn sie vertrauen einander
- und leben in gutem Glauben, frei und redlich, ohne Trug und Untreu,
- sie wissen auch von keiner Hinterlist.[11]
-
-[11] Der mittelalterliche Unfug in den Wannenbädern ist auch der
-Gegenwart nicht fremd. Wer Österreichisch-Polen, das degenerierte
-Galizien bereiste, weiss, dass in den meisten seiner grösseren Städte
-dieselben Verhältnisse herrschen, wie in den öffentlichen Bädern des
-Mittelalters. Dass auch Russland ähnliche Zustände hat, geht aus
-Hermann Bahrs »Russische Reise« (Dresden u. Leipzig 1891), S. 99 ff.,
-hervor.
-
-Die Lust am Bade war derart in allen Bevölkerungsschichten gemein,
-dass man allerorts Stiftungen errichtete, deren Erträgnisse zu
-Badegeldern für Arme verwendet wurden. Nach sächsischem Stadtrecht
-konnte der wegen eines Totschlags angeklagte Verbrecher nach Vergleich
-mit den Verwandten des Erschlagenen statt zum Tode, zu einer Geldbusse
-oder zur Verabreichung von Seelenbädern, d. h. Bädern zu Ehren des
-Umgekommenen, die den Stadtarmen zu gute kamen, verurteilt werden.[12]
-Das Speierer Domkapitel liess stets zu Martini und am Faschingsdienstag
-ihren Dienern und deren Familien ein Freibad bereiten, ebenso der
-Bader von Böblingen den Armen, wofür er zu jeder Zeit im Walde umsonst
-Holz fällen durfte. Mathilde, Kaiser Heinrichs I. Frau, liess jeden
-Sonnabend ein Bad für Dürftige und Reisende herstellen, wobei sie
-selbst half. Markgräfin Mathilde von Tuscien und die heilige Elisabeth
-bewiesen ihre Frömmigkeit durch das Baden Aussätziger, denen sie nach
-dem Bade ihre eigenen Betten zur Ruhe überliessen. Den Dienern,
-Handwerksgesellen und Taglöhnern reichte man statt Trinkgeld das
-Badegeld, und bei besonders freudigen Anlässen gab man ihnen Freibäder.
-In manchen Orten, so im Dörfchen Huisheim in Schwaben, hatte um 1500
-der Bader jedem, gleichviel ob Weib oder Mann, der zu »gottz tisch
-gaut«, einen Kübel mit warmem Wasser und eine Badehaube zum Gebrauche
-bereitzustellen.
-
-[12] Dr. Hermann Hallwich, Töplitz, Eine deutschböhmische
-Stadtgeschichte, S. 118.
-
-Die Parias des Mittelalters, die Juden, waren mit wenigen Ausnahmen,
-wie von jeder anderen Gemeinschaft mit ihren christlichen
-Nebenmenschen, so auch vom Besuche der Bäder ausgeschlossen. Nicht
-einmal einladen zu einem Bade durfte man sie, ebensowenig wie »zue
-kainer prauttschafft noch zu kainer wirttschafft«. Da aber auch sie
-dasselbe Reinlichkeitsbedürfnis hatten, wie die Christen, und ihren
-Frauen mindestens eine Reinigung im Monat von ihrem Ritus
-vorgeschrieben war, so bauten sie sich in den Ghettos eigene Bäder.
-Eines der ältesten dieser Judenbäder ist wohl das einst viel
-bewunderte, auf das zweckmässigste eingerichtet gewesene Frauenbad zu
-Worms[13]; andere Badeanlagen aus dem 12. Jahrhundert in den den Juden
-eingeräumten Stadtteilen finden sich noch in Speyer, Andernach,
-Friedberg in Hessen. Nach den Nürnberger Polizeigesetzen, die dem »Jud
-oder Judein« das Baden in der »Judenpatstuben« verordnet, muss im 13.
-Jahrhundert auch das Nürnberger Ghetto seine Badeanstalt besessen
-haben. In Augsburg erscheint sie um 1290. Bei den strengen
-Religionsvorschriften der Juden wird in den Bädern die Trennung der
-Geschlechter durchgeführt worden sein, umsomehr, als das unreine Weib
-sich erst durch das monatliche Bad zu reinigen hatte, eine Berührung
-vor und im Bade daher als Sünde gegolten hatte, andererseits sogar in
-den Synagogen die Männerabteilung ganz abseits von jener der Frauen
-lag. Überhaupt zeichnete die mittelalterlichen Juden eine
-exemplarische Sittlichkeit aus, was Freund und Feind gleichmässig
-bestätigen.
-
-[13] Dr. Adolf Kohut, Geschichte der deutschen Juden, S. 24.
-
-Das ganze Mittelalter hindurch erhielt sich die von Nürnberg und
-Regensburg ausgegangene Sitte, dass ein Brautpaar vor, manchmal auch
-erst nach der Trauung mit dem ganzen Gefolge ihrer Sippe und der Gäste
-zu Bade zogen, die Hochzeitsgäste beladen mit den vom Brautpaar
-erhaltenen Badekappen und Bademänteln.
-
-Einen solchen Hochzeits-Badezug im alten Berlin schildert
-Streckfuss[14] wie folgt: »Nach dem Austausch dieser Geschenke ordnete
-sich die Gesellschaft, um sich in das Bad zu begeben; man machte, wenn
-die Wohnung des Brautvaters dem Krögel zu nahe lag, oft einen Umweg
-durch die vornehmsten Strassen, um dem zahlreich versammelten Volke
-länger das Vergnügen des Zuschauens zu gewähren. Dem Zuge voran
-schritten die Musikanten, welche sich bestrebten, ihre lustige
-Hochzeitsweise so laut und geräuschvoll wie möglich zu machen. Ihnen
-folgten die Gäste, zuerst die Frauen mit ihren neuen Schuhen -- ein
-Geschenk des Bräutigams -- dann die Männer mit den Badehemden über der
-Schulter. Bald vor, bald neben dem Zuge liefen die Lustigmacher, die
-bei keiner grossen Hochzeit fehlen durften und welche die Aufgabe
-hatten, durch die tollsten Possen die Heiterkeit der Gäste und des
-zuschauenden Volkes zu erregen. -- Je toller, je besser, niemand
-durfte dabei etwas übel nehmen, auch wenn die Scherze stark
-handgreiflich wurden. Prügelte der Narr irgend einen der Umstehenden
-mit seiner Pritsche, oder traf er gar beim Radschlagen diesen oder
-jenen mit dem Fuss an die Nase, so lohnte ein schallendes Gelächter
-den feinen Witz; häufig bedienten sich auch die Spassmacher grosser
-Düten mit Kienruss, um besonders den jungen Mädchen das Gesicht zu
-schwärzen. Jede solche Heldenthat wurde durch das allgemeine Gelächter
-belohnt.
-
-[14] a. a. O. S. 64.
-
-Im Badehause teilte sich die Gesellschaft; meist war sie zu gross, als
-dass die beiden geräumigen, gewölbten Badezimmer die sämtlichen
-badenden Gäste auf einmal hätten fassen können; nur ein Teil konnte
-baden, der andere erlabte sich während dessen, bis an ihn die Reihe
-kam, mit einem guten Frühstück, zu welchem der Bader bei solchen
-Gelegenheiten eingerichtet war.«
-
-Also auch bei Brautbädern badeten beide Geschlechter zusammen, denn
-nur wenn die Gesellschaft zu gross war, teilte sie sich in mehrere
-Partien, und ob diese Trennung nach Geschlecht erfolgte, davon sagt
-weder unser Gewährsmann, noch sonst eine Quelle etwas. Hingegen
-bezeugen andere Nachrichten, dass es bei und nach den Brautbädern
-nicht immer schicklich hergegangen sei, so das Zittauer Rats-Edikt von
-1616: »Als denn vormals dy jungen gesellen nach dem bade widir (wider)
-gute sitten in badekappin und barschenckicht (mit blossen Schenkeln)
-getanzt haben, wil der Rath das fortureh (hinfort) kein mans bild in
-badekappen odir barschinckicht tantzen solle.«
-
-Die Syphilis war, wie den Frauenhäusern, auch der Ruin der
-öffentlichen Badestuben. Als Ansteckungsherd der Krankheit wurden sie
-vom Anfang des 16. Jahrhunderts an immer mehr gemieden. Bereits im
-Jahre 1496 gebot deswegen der Nürnberger Rat »allen padern bei einer
-poen zehen gulden, das sie darob und vor sein, damit die menschen, die
-an der Newen Krankheit, malum frantzosen, befleckt und krank sein, in
-Irn paden nicht gepadet, auch Ihr scheren und lassen giengen, die
-Eissen und Messer, so sie bey denselben kranken Menschen nutzen,
-darnach in den padstuben nit mer gebrauchen.«[15] »Aber vor
-fünfundzwanzig Jahren,« sagt Erasmus von Rotterdam in seinen
-»Colloquia« (1612), »war in Brabant nichts beliebter, als die
-öffentlichen Bäder; die stehen jetzt alle kalt. Die neue Krankheit
-lehrt uns auf sie verzichten.«
-
-[15] Peters a. a. O. S. 54.
-
-In Gerolzhofen klagte der Rat schon 1445, dass, während früher zwei
-Badestuben in der Stadt jede wöchentlich viermal geöffnet und stets
-besucht gewesen sei, jetzt die eine kaum dreimal in der Woche
-hinlänglichen Besuch habe. In Stuttgart wurden im Jahre 1547 die
-öffentlichen Badetage von sechs auf zwei vermindert, desgleichen in
-Wien, Berlin, Nürnberg und anderen Plätzen. In Frankfurt wurden gegen
-Ende des 16. Jahrhunderts die Badestuben gänzlich geschlossen.
-
-»Bade im Hause« oder das Baden in offenen Wässern war das einzige, das
-sich die ob der grauenvollen Krankheit erschreckte Menschheit ausser
-dem Besuch von Heilquellen noch gestattete. War der Gebrauch von
-Heilquellen bereits im deutschen Altertum nicht unbekannt, so kam er
-doch erst im 15. und 16. Jahrhundert in volle Blüte, wurde sogar in
-vielen Landstrichen zur Modesache. Eine Badefahrt zu unternehmen,
-gehörte zum guten Ton; im 18. Jahrhundert noch liessen sich Bräute die
-alljährliche Badereise im Ehekontrakt notariell zusichern.
-
-An Modebädern diesseits und jenseits der Reichsgrenze war kein Mangel.
-Baden-Baden, Wildbad, Wiesbaden, Pyrmont, Baden im Aargau, dies schon
-seit der Römerzeit her, Hornhausen, Burgbernheim und Zerzabelshof im
-Schwarzwald, Teplitz in Böhmen und viele andere mehr waren Bäder von
-Ruf.
-
-Durch seine Lage berühmt war Pfeffers, ein Besitztum des gleichnamigen
-Klosters. Zu Anfang des 13. Jahrhunderts wurden seine warmen Quellen
-zufällig durch einen Jäger entdeckt. Es barg sich »aber tieff zwischen
-zweyen hohen und oben zusammengebogenen Felsen, dass niemand dazu ohne
-lange Seyler hat mögen kommen«, sagte Münster in seiner Kosmographie.
-Der Abt liess deshalb, als die Frequenz bedeutender wurde, eine
-hölzerne Treppe in die Tiefe bauen.
-
-In den Thermalbädern nahm gewöhnlich ein gezimmertes oder gemauertes
-Bassin die Badenden auf, wie zahlreiche Abbildungen in alten
-balneologischen Werken zeigen. Der Schlitzoesche Holzschnitt im
-»Tractat der Wildbeder« (1519) führt vier Männer und eine Frau in
-einem solchen Bade schmausend und dem Gesange eines Fahrenden
-lauschend vor. In dem allgemeinen Bade zu Plummers (Plombières) in den
-Vogesen auf dem Titelbild zu J. J. Huggelius' »Von heilsamen Bädern
-des Teutschenlands«, Mülhausen 1559, hat der schamhafte Künstler die
-Männer mit einer Schambinde, Bruch, Hose, die Weiber mit einer knapp
-unter der Büste festgebundenen Schürze bekleidet. In Eschenreutters
-Buch (1571) gibt ein Blatt Mann und Frau in einer Badewanne wieder,
-während sich eine grössere, sehr mangelhaft bekleidete Gesellschaft
-mit Speise und Trank bei Gesang und Flötenspiel ergötzt.[16]
-
-[16] Wichner bei Rudeck a. a. O. S. 14.
-
-Über das Leben im Bade ergeht sich ein Glossar zu einigen Wandgemälden,
-die sich ehedem im Hause des Domherrn Grafen Johann von Eberstein
-befanden. C. Will[17] übersetzt diese von Henricus de Langenstein,
-dictus de Hassia herrührende Beschreibung folgendermassen: »#Von
-fleischlicher Lust.# Wenn ich mich nicht täusche, so ist der Sinn
-dessen, der die Reihe besagter Malereien angab, von dem Geiste
-getrieben worden, um stillschweigend die Meinung des Apostel Johannes
-auszudrücken, der da spricht: ›Alles was auf der Welt vorhanden ist,
-ist Begehrlichkeit des Fleisches oder Begehrlichkeit der Augen, oder
-Übermut des Lebens‹. Das heisst: Alle Laster weltlicher Verirrung sind
-auf drei zurückzuführen: fleischliche Lust, weltliche Habgier und
-Stolz auf eitlen Ruhm. Wie aber konnte schicklicher fleischliche Lust
-dargestellt werden, als auf einem Bilde des Wiesbadener Festes, das
-durch alle Fleischlichkeit anstössig, von dem Schaume aller sinnlichen
-Wollust triefend ist? Zu ihm kommen sie von allen Seiten in Freude
-und Ausgelassenheit, mit Trompeten und Pfeifen, mit vollen Kasten und
-Flaschen; man bringet Lebensmittel und die leckersten Getränke herbei,
-man nimmt Geld in Menge mit, seltsame Kleider werden mitgeführt; in der
-Hoffnung sich zu ergötzen, wird schon auf dem Wege gespielt, gesungen,
-geplaudert, als ob man am Ziele die Freude der Glückseligkeit zu
-erwarten habe. Wenn man angekommen ist, werden Gastereien veranstaltet,
-man sucht der #Frauen Gesellschaft#, geht ins Bad, befleckt die Seele
-... #Im Bade sitzen sie nackt mit Nackten beisammen, nackt mit Nackten
-tanzen sie.# Ich schweige darüber, was im Dunklen vor sich geht, denn
-alles geschieht öffentlich. Aber was ist das? Der Ausgang und der
-Eingang dieses unsinnigen Festes ist nicht gleich, wenn, nachdem alles
-verzehrt ist, die Kasten leer zurückkommen, die Geldbeutel ohne Geld,
-man die Rechnung hört und die Verschleuderung so vielen Geldes bereut.
-Und zuweilen beisst auch die Seele der Heimgekehrten das Gewissen wegen
-der begangenen Sünden. Der ist traurig über solche Verirrung; der
-klagt, weil er von der Lust scheiden muss; der gedenkt betrübt, wie
-kurz und inhaltlos die Freuden dieser Welt sind. Was mehr?
-
-[17] Annalen des Vereines für Nassauische Landeskunde 1874, S. 344 ff.
-
-Sie kehren heim, die Körper sind weiss gewaschen, die Herzen durch
-Sünde geschwärzt; die gesund hingingen, sie kehren heim angesteckt;
-die durch die Tugend der Keuschheit stark waren, kehren heim verwundet
-von den Pfeilen der Venus. Das möchte noch wenig bedeuten, wenn nicht
-die Mädchen, die als Jungfrauen hinreisten, als Dirnen zurückkehrten,
-als Ehebrecherinnen, die anständige Ehefrauen waren, wenn nicht als
-Teufelsweiber heimkehrten, die als Gottesbräute hingingen. Und so
-erfahren sie durch diese und andere Anlässe zur Trauer bei der
-Rückkehr die Wahrheit des Satzes, dass das Ende aller fleischlichen
-Lust Trauer ist.«
-
-Der geistliche Herr malt, wie es seines Amtes ist, grau in grau,
-alle fleischliche Lust verketzernd, die allerdings in den Bädern den
-weitesten Spielraum fand. Poggios, auf Autopsie beruhende Beschreibung
-des Getriebes in Baden bei Zürich liefert den Beweis, wie recht der
-edle Langenstein stellenweise mit seiner Verdonnerung hatte. Poggio,
-ein Florentiner, hatte den Papst Johannes XXIII. zur Kirchenversammlung
-nach Konstanz begleitet, war dann nach Baden gefahren, um dort von
-seinem Chiragra befreit zu werden. Aus dem Kurorte schrieb er im Sommer
-1417 an seinen Freund und Landsmann Niccoli einen langen, lateinischen
-Brief, den ich hier in der Übersetzung von Alwin Schultz mitteile.
-Poggio ist ein fideles Haus, dem es nicht immer auf volle Wahrung
-der historischen Treue anzukommen scheint, wenn er durch aufgesetzte
-humoristische Lichter sich selbst und seinen Freund unterhalten kann.
-Er mischt daher Wahrheit und Dichtung zu einem ergötzlichen Feuilleton
-zusammen, das aber trotz der beabsichtigten humoristischen Färbung doch
-meisterhaft das Thema des mittelalterlichen Badelebens erschöpft.
-
-»Diesen Brief aber schreibe ich Dir aus diesem Bade, das ich, meine
-Handgelenke zu heilen, aufgesucht habe; und da schien es mir
-angemessen, die Lage und Anmuth desselben, zugleich auch die Sitten
-dieser Leute und die Weise des Badens zu beschreiben. Von den Alten
-wird viel über die Bäder von Puteoli gesprochen, wohin das gesammte
-römische Volk der Lust wegen strömte, doch glaube ich nicht, dass jene
-diese an Vergnüglichkeit erreicht haben und dass sie mit den unsrigen
-zu vergleichen gewesen sind. Denn in Puteoli verursachte die Lust mehr
-die Schönheit der Lage, die Pracht der Landhäuser, als die
-Liebenswürdigkeit (festivitas) der Menschen und der Gebrauch der
-Bäder. Dieser Ort aber bietet keine oder fast keine Erquickung dem
-Geiste, das Uebrige aber bringt einen angemessenen Frohsinn
-(amoenitatem), so dass ich zuweilen meine, Venus sei mit allen
-Vergnüglichkeiten von Cypern nach diesem Bade übersiedelt, so werden
-ihre Gesetze beobachtet, so aufs Haar ihre Sitte und Leichtfertigkeit
-wiedergegeben, so dass sie, wenn sie auch die Rede des Heliogabel
-nicht gelesen, doch von Natur gelehrt und unterrichtet genug
-erschienen. Aber da ich dir dieses Bad beschreiben will, so mag ich
-auch nicht den Weg übergehen, der von Constanz hierher führt, damit Du
-vermuthen kannst, in welchem Theile Galliens es liege. Am ersten Tag
-reisten wir zu Schiff den Rhein hinab nach Schaffhausen, vierundzwanzig
-Meilen (milia passuum) und dann, weil wegen des grossen Falles und
-wegen der steilen Berge und abschüssigen Felsen der Weg zu Fuss
-gemacht werden muss, noch zehn Meilen und gelangten nach dem Schlosse
-Kaiserstuhl am Rhein. Nach dem Namen vermuthe ich, dass es wegen der
-günstigen Lage auf einem hohen Hügel am Flusse, der durch eine kleine
-Brücke Gallien mit Germanien verbindet, ein Römercastell gewesen sei.
-Auf dieser Reise sahen wir den Rheinfall, der von hohem Berg, zwischen
-zerklüfteten Felsklippen mit Donnerbrausen herabstürzt. Da kam mir
-ins Gedächtniss, was man von dem Nilkatarakt erzählt. Und es ist
-nicht zu verwundern, dass die Anwohner wegen des Getöses und Donnerns
-taub werden, da ja dieses Flusses, der an der Stelle nur als Wildbach
-gelten kann, Lärm wie beim Nil drei Stadien weit gehört wird. Die Stadt
-Baden ist ziemlich reich, von Bergen umgeben, in der Nähe ein Fluss
-von reissender Strömung, der in den Rhein fliesst, etwa sechs Meilen
-von der Stadt. Nahe bei der Stadt, vier Stadien entfernt, liegt ein
-sehr schönes Dorf (villa) zum Gebrauch der Bäder hergerichtet. In der
-Mitte des Dorfes ist ein grosser Platz, der von grossen Gasthäusern,
-welche viele aufnehmen können, umgeben ist. Die einzelnen Häuser haben
-die Bäder im Innern, in denen nur die baden, welche da wohnen; die
-Bäder sind sowohl öffentliche als Privateigenthum, etwa dreissig an
-der Zahl. Öffentliche sind nur zwei vorhanden, offen (palam) zu beiden
-Seiten, Badestätten des Volkes und des gemeinen Haufens, zu denen
-Weiber, Männer, Knaben, unverheiratete Mädchen, die Hefe der ganzen
-Umgebung, zusammenströmt. In ihnen scheidet eine Mauer die Männer von
-den Frauen. Es ist lächerlich zu sehen, wie abgelebte alte Weiber und
-jüngere Frauen nackt vor den Augen der Männer ins Wasser steigen. Ich
-habe oft über dies prächtige Schauspiel gelacht, dabei an die Spiele
-der Flora gedacht und bei mir die Einfalt dieser Leute bewundert, die
-weder auf so etwas hinsehen, noch irgend etwas Böses davon denken oder
-reden. Die Bäder in den Privathäusern sind aber sehr fein (perpolita);
-Männer und Frauen gemeinsam, aber durch eine Holzwand geschieden. In
-ihr sind mehrere Fenster angebracht, so dass man zusammen trinken und
-sich unterhalten kann, nach beiden Seiten hin zu sehen und sich zu
-berühren vermag, wie dies ihrer Gewohnheit nach oft geschieht. Über
-dem Bassin sind Korridore, auf denen Männer stehen, zuzusehen um sich
-zu unterhalten, denn ein jeder darf in andere Bäder gehen und sich
-dort aufhalten, zuzuschauen, zu plaudern, zu scherzen und sich zu
-erheitern, so dass man die Frauen, wenn sie ins Wasser steigen oder aus
-demselben herauskommen, sieht. Keiner wehrt die Thür, keiner argwöhnt
-etwas Unschickliches. Männer tragen nur eine Schambinde (campestribus
-utuntur), die Frauen ziehen leinene Hemden an, von oben bis zum
-Schenkel, oder an der Seite offen, so dass sie weder den Hals, noch
-die Brust oder die Arme bedecken. Im Wasser selbst speisen sie oft auf
-gemeinsame Kosten, ein geschmückter Tisch schwimmt auf dem Wasser, und
-auch Männer pflegen teilzunehmen. Wir sind in dem Hause, in dem wir
-badeten, einmal zu solchem Fest geladen worden. Ich habe meinen Beitrag
-gezahlt, wollte aber trotz wiederholter Bitten nicht teilnehmen, nicht
-aus Schamgefühl, das für Feigheit oder Unbildung gehalten wird, sondern
-weil ich die Sprache nicht verstand. Es kam mir närrisch vor, dass ein
-Italiener, unkundig der Sprache, im Wasser stumm und sprachlos dasitze,
-da ein ganzer Tag mit Essen und Trinken hingebracht werden sollte.
-Aber zwei von den Genossen sind in das Bad gegangen, mit grosser
-Herzensheiterkeit, haben mitgethan, mit getrunken, mit gespeist, durch
-den Dolmetsch sich unterhalten, oft mit dem Fächer Luft gefächelt.
-Es fehlte nichts zu dem Gemälde, wie Jupiter die Danae mittelst des
-goldenen Regens befruchtete u. s. w. Sie aber waren, wie es bei den
-Männern Sitte ist, wenn sie in die Bäder der Frauen eingeladen werden,
-mit leinenen Hemden bekleidet; ich jedoch sah von der Gallerie aus
-alles, die Sitten, Gewohnheiten, die Liebenswürdigkeit (suavitatem),
-die Freiheit und Ungebundenheit der Lebensart. Es ist merkwürdig, zu
-sehen, in welcher Unschuld sie leben, mit welchem Vertrauen Männer es
-ansahen, dass ihre Frauen von Fremden berührt wurden. Sie wurden nicht
-gereizt, achteten nicht darauf, nahmen alles von der besten Seite.
-Nichts ist so schwer, dass bei ihren Sitten nicht leicht wurde. Sie
-hätten ganz in den Staat Platos gepasst, wo alles gemeinsam ist, da
-sie schon ohne seine Lehre so eifrig in seiner Schule erfunden werden.
-In einigen Bädern sind Männer unter den Frauen, denen sie entweder
-verwandt sind, oder es wird ihnen aus Wohlwollen gestattet. Täglich
-gehen sie drei- oder viermal ins Bad und bleiben den grössten Theil des
-Tages darin, theils singend, theils trinkend, theils Reigen tanzend.
-Sie singen auch im Bade sitzend ein Weilchen, dabei ist es besonders
-angenehm, die erwachsenen Mädchen im heiratsfähigen Alter, mit schönen
-und freimüthigen Gesichtern, im Costume und Gestalt der Göttinnen,
-singen zu sehen, wie sie die auf dem Wasser schwimmenden Kleidern
-hinten nachziehen, man könnte sie für die Venus selbst halten. Es ist
-Sitte, dass die Frauen, wenn die Männer von Oben zuschauen, Spasses
-halber um ein Geschenk bitten. So werden ihnen, und zwar den schönsten,
-Geldstücke zugeworfen, die sie mit der Hand oder mit den ausgebreiteten
-Hemden fangen, sich einander fortstossend, und bei diesem Spiele
-werden zuweilen auch geheime Reize enthüllt. Es werden auch Kränze aus
-verschiedenen Blumen herabgeworfen, mit denen sie sich die Häupter beim
-Baden schmücken. Ich habe, durch die unbeschränkte Freude, zu sehen
-und Scherz zu treiben, gelockt, da ich nur zweimal täglich badete,
-die übrige Zeit damit hingebracht, die anderen Bäder zu besuchen und
-sehr oft Geldstücke wie Kränze wie die anderen hinabgeworfen. Denn
-weder zum Lesen noch zum Denken war Zeit vorhanden unter den ringsum
-erschallenden Klängen der Symphonien, der Trompeten, der Zithern, wo
-schon der Wille zu denken, die höchste Thorheit gewesen wäre, besonders
-für einen, der auch wie der Menedemus Heautontimorumenos ist, ein
-Mensch vielmehr, der allem Menschlichen zugänglich. Zur höchsten Lust
-fehlte die mündliche Unterhaltung, die vor allen Dingen den meisten
-Werth hat; so blieb nichts übrig als die Augen zu weiden, zu folgen,
-zum Spiele hin und zurückzuführen. Zum Spazieren war Gelegenheit und
-so viele Freiheit, dass der Spaziergang nicht durch Gesetze beschränkt
-war.
-
-Ausser diesen vielfältigen Vergnüglichkeiten gibt es noch eine nicht
-geringfügige. Hinter der Stadt am Flusse ist eine Wiese mit vielen
-Bäumen bewachsen. Dahin kommen nach dem Nachtessen alle von allen
-Seiten; dann werden verschiedene Spiele gespielt; die einen erfreuen
-sich am Tanze, die anderen singen, die meisten spielen Ball, nicht
-nach unserer Sitte, sondern die Männer und Frauen werfen einen mit
-Schellen besetzten Ball einander als besondere Liebesauszeichnung zu,
-und der wirft ihn wieder einer ihm besonders lieben Person zu, während
-jene Vielen mit vorgestreckten Händen bitten und er bald dem, bald
-jener ihn zu werfen heuchelt. Es werden noch ausserdem viele Scherze
-getrieben, die zu beschreiben zu weit führen würde.
-
-Diese aber habe ich berichtet, damit du siehst, wie gross hier die
-Schule der Epicuräer ist, und ich glaube, dies ist hier der Ort, in
-dem der erste Mensch geschaffen worden, den die Hebräer Gamedon, das
-heisst: »Garten der Lust« nennen. Denn wenn die Lust das Leben
-glücklich machen kann, so sehe ich nicht ein, was diesem Orte fehlt
-zur vollendeten und in jeder Hinsicht vollkommenen Lust. Fragst du nun
-nach der Wirkung der Bäder, so ist sie mannigfach verschieden, doch
-ist ihre Kraft bewunderungswerth, fast göttlich. Ich glaube nicht,
-dass es auf der Welt, #ein wirksameres Bad für die Fruchtbarkeit der
-Frauen gibt#; da recht viele der Unfruchtbarkeit wegen hierher kommen,
-so erfahren sie seine merkwürdige Kraft.[18] Sie beobachten genau die
-Vorschriften, und es brauchen Mittel die, welche nicht empfangen
-können. Unter diesen ist besonders folgendes bemerkenswerth: eine
-unzählige Menge von Adeligen und Nichtadeligen kommt hier zusammen;
-zweihundert Meilen weit her, nicht eben der Gesundheit, sondern der
-Lust wegen, alles Liebhaber, alles Freier, alle, denen an einem
-genussreichen Leben gelegen ist, um hier des gewünschten sich zu
-erfreuen. Viele geben Körpergebresten vor, während sie doch im Geiste
-krank sind. So siehst du unzählige schöne Frauen, ohne Männer, ohne
-Verwandte, mit zwei Dienerinnen und einem Knechte oder einer alten
-Angehörigen, die leichter zu täuschen als zu ernähren ist. Einige
-gehen, soweit sie es vermögen, mit Kleidern, Gold, Silber und
-Edelsteinen geschmückt, dass man glauben könnte, sie seien nicht zu
-den Bädern, sondern zu den herrlichsten Hochzeiten gekommen. Da gibt
-es auch vestalische Jungfrauen oder richtiger gesagt floralische. Da
-leben Äbte, Mönche, Brüder und Priester in grösserer Freiheit als die
-andern, baden zuweilen gemeinsam mit den Frauen und schmücken die
-Haare mit Kränzen, alle Religion bei Seite lassend. Alle sind eines
-Sinnes, die Traurigkeit zu fliehen, die Heiterkeit aufzusuchen, nichts
-zu denken, als wie sie frölich leben, die Freuden geniessen. Nicht das
-Gemeinsame zu theilen, sondern das Einzelne mitzutheilen ist die
-Frage. Merkwürdig ist es, dass bei einer so grossen Menge (beinahe
-1000 Menschen), bei so verschiedenen Sitten, keine durch Trunk (ebria)
-verursachte Zwietracht entsteht; kein Aufruhr, kein Streit, kein
-Gemurr, kein Fluch.[19] Es sehen die Männer, dass ihre Frauen berührt
-werden, sie sehen, dass sie mit ganz Fremden, und zwar allein (solum
-cum sola) verkehren; dadurch werden sie nicht erregt; sie staunen über
-nichts, meinen, dass alles im guten und ehrbaren Sinne geschehe. Daher
-findet der Name Eifersucht, der gewissermassen alle Ehemänner
-erdrückt, bei denen keine Stelle. Das Wort ist unbekannt und unerhört.
-Sie kennen gar nicht eine Krankheit dieser Art, haben keinen Ausdruck
-für diese Leidenschaft. Und es ist nicht wunderbar, dass es bei ihnen
-dies Wort nicht gibt, da die Sache selbst nicht vorhanden ist. Denn
-noch ist keiner bei ihnen gefunden worden, der eifersüchtig wäre. O,
-wie verschieden sind unsere Gewohnheiten« u. s. w.
-
-[18] Poggios satirische Witzelei auf die Wirkung Badens illustriert
-eine alte Inschrift, die man, nach Wessely, in Baden bei Wien fand,
-das als Franzensbad des Mittelalters galt. Da stand an einer Mauer zu
-lesen:
-
- »Für unfruchtbare Frauen ist das Bad das beste,
- Was das Bad nicht thut, das thun die Gäste.«
-
-[19] Das änderte sich im Lauf der Zeit, wie noch mitzuteilende
-Badeordnungen ergeben werden.
-
-Poggios Widersprüche, bald lässt er die Frauen nackt baden, dann
-wieder mit Badehemden bekleidet sein, verraten, wie erwähnt, allein
-schon seine Unzuverlässigkeit. Ausserdem dürfte seine von ihm selbst
-betonte Unkenntnis der Sprache und Sitten ihn zu manchem Fehlschluss
-über die von ihm beobachtete Damensorte veranlasst haben. Er übersah
-wohl geflissentlich die anständigen Frauen ob der »lichten Fräuleins«,
-die nur der Verdienst ins Bad gelockt, und über jene Frauen, die im
-Badeort nur Abenteuer erleben wollten. Denn trotz aller Unterschiede
-zwischen den einstigen Sittenbegriffen von den heutigen, bestand auch
-damals schon eine Moralgrenze, deren Überschreitung keine anständige
-Frau gewagt hätte, darum waren jene so ausgelassenen Geschöpfe nichts
-weiter als Demimondainen. Das Mittelalter missachtete diese Weiber
-weit mehr, als dies unsere tolerantere Zeit thut und wusste aber
-ebenso wie wir ganz genau, dass die oft nur aus Not zur käuflichen
-Dirne Gesunkene Mitleid verdiente, während der meineidigen Gattin mit
-vollstem Rechte zum mindesten die Nichtachtung aller rechtlich
-Denkenden zu teil werden musste. Das öffentliche Mädchen konnte wieder
-ehrbar werden, nicht so die Ehebrecherin, die für alle Zeiten
-gesellschaftlich unmöglich war. Die Marklinie zwischen diesen beiden
-Frauentypen war von jeher so verwischt, um nicht von einem Poggio
-übersehen zu werden, während kein urteilsfähiger Landeskundiger über
-die Qualität der Damen im Zweifel war. War es doch allbekannt, dass
-die Kurorte den Haupttummelplatz für diese Abarten der Weiblichkeit
-bildeten.
-
-»Etliche Weiber ziehen auch gern in die Sauerbrunnen und warme Bäder,
-weilen ihre Männer zu alt und kalt sind,« sagt Glauber, und
-Guarinonius pflichtete ihm bei, indem er gewisse Frauen nur deshalb
-Bäder besuchen lässt, damit sie dort »lustig ihren Ehemännern eine
-waxene Nasen träen kunden«. Aber ehrbare Frauen waren dies keineswegs.
-Solche liessen sich, wie dies 1649 in Baden bei Wien geschah, in den
-Saum ihres Badehemdes Bleistücke einnähen, oder trugen Badekleider,
-die wohl Brust und Arme freiliessen, aber den Unterleib verhüllten.
-Und zeigten sie sich auch vielleicht in voller Nacktheit, so gaben sie
-doch ebensowenig ihren Körper preis, wie dies die Japanerin thut, die
-bei der Toilette und im Bade den Zuschauer unbeachtet lässt.
-
-Die Badevorstände boten auch alles auf, die honetten Frauen vor
-Übergriffen zu schützen.
-
-In der Badeordnung vom Jahre 1594 für das württembergische Bad Boll
-bei Göppingen findet sich daher die Vorschrift: »Schandlose, üppige
-Wort, und sonsten verkleinerliche Nachreden, sowohl auch ergerliche
-Lieder und Gesäng sollen bei Straff eines halben Güldens verboten
-sein, desgleichen unzüchtige Geberden und Erzeigungen gegen Erlichen
-Frawen und Jungfrawen, bey unnachlesslicher Straf eines Güldens, so
-oft das geschicht.«
-
-Suchte Poggio in Baden Heilung seines bösen Rheumatismus, so galt
-dieser Kurort doch vornehmlich als unerreicht in der Behebung der
-weiblichen Sterilität. Deshalb ist es sehr amüsant, den Eifer zu
-beobachten, mit dem sich Nonnen und Mönche bemühten, eine Badenfahrt
-ermöglichen zu können. Die Äbtissin vom Fraumünster in Zürich
-veräusserte nur zu diesem Zwecke 1415 einen Meierhof; die
-Klosterfrauen von Töss erkauften durch grosse Summen die päpstliche
-Erlaubnis, sich in weltlicher Kleidung unter ihrem Nonnenhabite in
-Baden erholen zu dürfen. Und das Leben dort war teuer, denn der Basler
-Kaplan Johannes Knebel verbrauchte 1475 im Monat Juli mit Magd und
-Diener in Baden zehn rheinische Gulden, über 500 Mark neuzeitlicher
-Währung. Thomas Murner sagt darum mit Recht im »Geuchmatt«:
-
- »Im meyen farend wir gen Baden,
- Lug das der seckel sy geladen ....
- Denn syn natürlich würckung thut
- Das du verdouwest gelt und gut.«
-
-In den Werken der Mittelhochdeutschen spukte die Sage von einem
-Heilbade mit gar seltsam wunderthätiger Wirkung:
-
- »Dies Wasser hat so edle Kraft,
- Welch' Mensch mit Alter war behaft,
- Ob er schon achtzigjährig was,
- Wenn eine Stund er drinnen sass,
- So thäten sich verjüngen wieder
- Sein Kopf, sein Herz und alle Glieder«
-
-sang 1542 Hans Sachs vom #Jungbrunnen#.
-
-Wer alt und runzelig in das Wunderwasser gestiegen war, sprang:
-
- »schön, wolgefarbt, frisch, jung und gsund
- ganz leichtsinnig und wol geherig
- als ob sie weren zwainzig jerig«
-
-hervor, was Lukas Kranach malte und »der Meister mit den Bandrollen«
-auf einen in der Wiener Albertina befindlichen ebenso seltenen wie
-gemeinen Kupfer radierte.
-
-Zur Sommerszeit badeten »Manns- und Weibspersonen in offenen Wassern
-ganz unverschambt«, versichert Guarinonius, und mit ihm eifert die
-gesamte Geistlichkeit gegen die gemeinsamen Flussbäder, »Weilen das
-Baden der jungen Menscher und Buben sommerszeit sehr ärgerlich und
-viel schlimbes nach sich ziehet«, wie der Abt Gregorius von Melk 1697
-meinte. Der Stadtrat von Frankfurt sah sich im 16. Jahrhundert schon
-wiederholt veranlasst, den »handwercksgesellen vnd andere, so im Main
-zu baden pflegen«, Haftstrafen zu verheissen, wenn sie, »wie Gott sie
-geschaffen ganz nackend blos ohne scham«, ohne ihre »niedercleider«
-badeten. Man hielt selbst im 18. Jahrhundert noch Flussbäder für einen
-Unfug ohne jede hygieinische Wirkung, für Übermut, den sogar ein
-Goethe noch verurteilte.
-
-
-
-
-Tanz und Spiel.
-
-
-Der Tanz, das Spiel der grossen Kinder, blickt auf eine nach
-Jahrtausenden zählende Vergangenheit zurück. Er findet sich zu allen
-Zeiten, in allen Kulturepochen der Menschheit; ebenso bei den auf der
-niedrigsten Geistesstufe stehenden Wilden, wie bei den führenden
-Nationen. Doch welch unendlicher Abstand liegt zwischen dem
-grotesk-sinnlosen Stampfen und Sprüngen, den Gliederverrenkungen oder
-dem hüpfenden Trippeln jener und dem graziösen Tanze im lichtflutenden
-Ballsaale, und trotz dieses himmelweiten Unterschiedes hat die Sprache
-für all diese Verrichtungen nur das eine kennzeichnende Wort: Tanz!
-Dort die Begleitung von Gutturaltönen, Händeklatschen oder
-misstönenden primitiven Musikinstrumenten, hier die fascinierenden
-Walzerklänge, und all dieses ist Tanzmusik, unzertrennlich von
-Tanzeslust, leuchtenden Augen, hochklopfenden Herzen.
-
-Die Erfindung des Tanzes verursachte kaum viel Kopfzerbrechen. Schon
-in der Körperbewegung, im Gehen, Laufen und Springen liegt die
-Grundidee des Tanzes. Die den Menschen eigentümliche Neigung, vor
-Freude zu hüpfen, mag die Entstehungsursache des Tanzes gewesen sein.
-So findet sich denn auch der Tanz oder Tanzformen bei allen Völkern,
-über die geschichtliche Überlieferungen berichten.
-
-Auf den Bildertafeln der ägyptischen Tempel schweben florbekleidete
-Tänzerinnen dahin. Die Bibel kündet von »Spiel und Tanz« der Frauen
-Judas. Mirjam, die Prophetin, zog mit den Frauen und Jungfrauen hinaus
-auf den Rain zum Reigen. David »tanzte mit aller Macht vor dem Herrn
-her«, und Salome, die Tochter Herodias', ertanzte sich das Haupt
-Johannes des Täufers, wenn wir der Legende und Sudermann glauben
-dürfen.
-
-Bei den Griechen, wie auch später bei den Römern und zur Zeit noch bei
-den meisten Naturvölkern, dann den Quäkern von Massachusetts und den
-Mormonen, galt der Tanz, verbunden mit Hymnengesang, als ein
-Bestandteil des Gottesdienstes. Der Tanz-Gesangskunst, Orchestik, der
-Griechen huldigten Hoch und Gering. Selbst ein Sokrates verschmähte es
-nicht, zu tanzen. Allerdings hing er seiner Tanzliebe ein
-Ausrede-Mäntelchen um, indem er den Tanz ein vorzügliches Mittel, den
-Appetit zu wecken, die Geistes- und Körperkraft rege zu erhalten und
-zu steigern nannte. Die Eitelkeit und Schaulust der Griechen, dieser
-Franzosen des Altertums, suchte Gelegenheit, ihrer Tanzlust möglichst
-oft zu frönen. Man tanzte schon in homerischer Zeit bei Gastmählern,
-bei öffentlichen und privaten Festen, im Hause, auf freien Plätzen,
-auf der Bühne, selbst bei Begräbnissen. Bei den Römern dekretierte
-Numa Pompilius (715-672 v. Chr.) den Tanz als gottesdienstliche
-Handlung. Dionysius von Halikarnass nannte die Marspriester, deren
-Kultustänze zu den heiligsten Ceremonien gezählt wurden, »Tänzer und
-Hymnensänger der Waffengötter«. Mit der fortschreitenden Kultur Roms
-war das hüpfende Vergnügen die Hauptsache jeder festlichen
-Veranstaltung. Es wimmelte von Kindern Terpsichores beiderlei
-Geschlechtes in Rom und wohin römische Sitte drang. Sie waren überall
-gern gesehene, wenn auch wenig geachtete Gäste. Auch bei den
-Leichenzügen der Cäsaren spielten Tänzer eine Rolle. Sie hatten den
-Verstorbenen in Maske und Gebärden zu kopieren. Mit der römischen
-Kultur entarteten auch die Tänze, über die wir von den Satirikern sehr
-Unerbauliches erfahren. Den Vergnügungstänzen lag ein erotischer
-Gedanke zu Grunde, wie dies z. B. bei den Tänzen der Spanier und dem
-Czardas auch noch jetzt der Fall ist.
-
-Dem ernsten Sinne des Germanen waren derartige Tänze ein Unding.
-»Jünglinge, welchen das eine Lustbarkeit ist, tanzen nackt zwischen
-aufgestellten Schwertern und Speeren umher. Die Uebung erzeugt
-Fertigkeit, die Fertigkeit Anmut. Doch thun sie das nicht zum Erwerb
-oder um Lohn; wiewohl in dem Vergnügen der Zuschauer der kühne
-Mutwille seine Belohnung findet.«[1] Die Frauen der Germanen blieben
-dem Tanze fern, erst im Mittelalter wagten sie es, sich am
-Tanzvergnügen zu beteiligen und an der Seite eines Tänzers sich im
-Schreit-, Schleif- oder Springtanz zu erlustigen.
-
-[1] Tacitus, Germania 24. Grimm sagt, »dass dem Heidengotte Zio zu
-Ehren Schlachtgesänge angestimmt, vielleicht auch kriegerische Tänze
-gehalten wurden, worauf ich die noch lange und weitverbreitete Sitte
-des feierlichen Schwerttanzes beziehe, der ganz eigentlich dem Gotte
-des Schwertes zukam«.
-
-Die Schreittänze trugen ritterlich-höfisches Gepräge. Der Tänzer
-fasste eine oder zwei Tänzerinnen bei der Hand und hielt schleifenden
-Schrittes einen Umgang im Saale, sei es unter den Klängen von
-Instrumenten oder nach dem Takte von Tanzliedern, welch letztere der
-Vortänzer anstimmte, und in deren Refrain die ganze Gesellschaft
-einfiel.[2] Bei solchen Tänzen musste es steif zugehen, denn die
-Männer blähten sich in gesuchter Grandezza, während die Damen in ihren
-langen, wallenden Gewändern affektiert
-
- »Uf den zehen slichent's hin
- Nach dem niuwen hovesin«
-
-dahintrippelten, »die trittel -- als zuo einer henne ein han«.
-
-[2] Alb. Czerwinski, Zur Kulturgeschichte der Tanzkunst.
-
-Bei den Rundtänzen ging die Gesellschaft in der Runde und suchte den
-Inhalt des vorgesungenen Tanzliedes durch einfache Bewegungen mimisch
-darzustellen. Während solcher Rundtänze wurden sogar Trauungen
-vollzogen, wenn aus einer Stelle im Tristan ein allgemeiner Schluss
-gezogen werden kann. Aus diesen Rundtänzen entwickelten sich
-dramatische Tänze mit unterlegter Handlung, der einfache Vorgänge aus
-der Tierwelt zum Vorwurfe dienten. In einem Gedichte des 11.
-Jahrhunderts, »Ruodlieb«, treten Ritter und Edelfräulein einander
-gegenüber und stellen Falke und Schwalbe dar; der Raubvogel verfolgt
-in Sprüngen das Vögelchen, gleitet aber an ihm vorüber, statt es zu
-erhaschen.[3]
-
-[3] Siehr, Kulturhistorisches aus dem Ruodlieb, Trarbach 1881, S. 15.
-
-Zu den Variationen des Rundtanzes gehörte auch der noch heute bei
-fürstlichen Vermählungen gebräuchliche Fackeltanz. Bereits unter
-Kaiser Konstanz (337-350) in Byzanz nach griechischem Vorbild
-eingeführt, hat dieser Tanz eine Parallele in einem Hochzeitsbrauch
-der heidnischen Preussen, die die Braut an der Grenze ihres neuen
-Heimatortes mit einem »Brandfeuer« empfingen. Im 11. Jahrhundert war
-der Fackeltanz, wie aus der Reimchronik Peters von Hagenbach
-ersichtlich, als Vergnügen nach Turnieren allgemein. Den an sich
-langweiligen Rundgang mit den brennenden Lichtern suchte man durch
-Figuren zu beleben und unterhaltender zu gestalten. Man spielte mit
-den Fackeln, stemmte erst eine Hand, dann beide Hände in die Seite,
-trug die Hände abwechselnd unter dem Gürtel, winkte mit der Hand,
-legte sie über die Augen, trug Tannenreiser im Munde, winkte und
-drohte sich zu und beschmierte sich schliesslich gegenseitig die
-Gesichter mit Russ. Begreiflicherweise ging es bei diesen Tänzen
-höchst ehrbar zu, so dass Kirchenfürsten nicht anstanden, selbst
-derartige Feste zu veranstalten und ein Tänzchen mitzumachen, was
-Geiler zu dem ärgerlichen Ausspruch veranlasst: »O Mönch, wie passt
-die Kutte zum Tanze, wie die Tonsur zu den Kränzen der Frauen?«
-
-Waren die Tänze an sich auch anständig, so scheint dies von den dabei
-gesungenen Tanzliedern weniger der Fall gewesen zu sein, wie Geiler
-hervorhebt. »Noch het ich schier ein trutz vergessen, nemlich den
-reien tantz; da werden auch nit minder untzucht und schand begangen,
-weder inn den andern, von wegen der schandtlichen und schamparen
-(schandbaren) hurenlieder, so darinn gesungen werden, damit man das
-weiblich geschlecht zu der geilheit und unkeuschheit anreitzet.« Dann
-weiter: »Auch in schmählichen Liedern wird gesündigt: das pflegt zu
-geschehen bei den Tänzen, die wir deutsch ›Leygerleyss‹ oder ›ein
-scheiblecht tenzlein‹ nennen, wo Eine vorsingt und die anderen
-nachfolgen, und wo viel Schmachvolles von Liebe gesungen wird, was zur
-Wollust anreizt und gegen die Ehrbarkeit gerichtet ist .... Mit
-leichtfertigem und unzüchtigem Schmuck bis auf den halben Rücken ist
-Alles bloss und nackt von vorn bis zu den Brüsten, dass sie auch die
-enthaltsamsten Männer locken können« -- also schon damals
-Balltoiletten wie in der Ära der Lex Heinze -- ja, Alles schon
-dagewesen! Der zweite Teil der eben mitgeteilten Philippika ist auf
-das ausgelassene Volk gemünzt, das sich nicht mit den feierlich-faden
-Schreittänzen begnügte, dessen leichteres Blut eine flottere
-Unterhaltung begehrte. Man tanzte im Dorfe auf dem Plane, den eine
-Linde überschattete, oder auf dem Tanzhügel. Im Winter flüchtete man
-in grosse Stuben, in das Dorfwirtshaus oder auch in Scheuern.
-Aber auch die Kirchen der Städte, ihre Vorhallen und die Kirchhöfe
-waren seit alter Zeit beliebte Tanzplätze, wenn auch die Geistlichkeit
-auf Synoden und von der Kanzel herab bis zum Ende des Mittelalters
-dagegen zeterte; ja noch mehr, man tanzte sogar zu denselben
-weltlichen Melodien, nach denen man in der Kirche die geistlichen
-Texte sang, weshalb Erasmus von Rotterdam von dem Kirchgesange sagt:
-»Da hört man schändliche und unehrliche Buhllieder und Gesang, darnach
-die Huren und Buben tanzen.«
-
-Da ging es denn auch ganz anders zu, wenn sich die Tänzer auf solchen
-Plätzen zusammenfanden, die Weisen des Spielmannes lockten, die langen
-Fähnchen und mit ihnen die Gespreiztheit im Dunkel der Truhen
-verschlossen lagen und der Zwang des vornehmen Rathaussaales oder des
-städtischen Tanzhauses vergessen war. Da klopften die Pulse höher, da
-lohte die Jugendlust und Tanzfreude auf, da offenbarte sich der
-lebensvolle Übermut, da kam die unverfälschte Menschennatur zum
-Vorschein, befreit von den Fesseln des mit Mühe festgehaltenen »guten
-Tones«, da hiess es auf die Sittenpredigt des gestrengen Seelenhirten:
-
- »Bruoder Berthold, rede waz dû wellest!
- wir mügen ungetanzet niht sîn«,
- denn ....
- ».... hier ist des Volkes wahrer Himmel.
- Zufrieden jauchzet Gross und Klein,
- Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!«
-
-Wenn auch die Städter niederen Ranges, wie die Bauern, sich emsig
-bemühten, den höfischen Reigen, wie alles, was von »oben« kam,
-nachzuäffen, was Neithard von Reuenthal bezeugt, so waren doch die
-Repräsentationstänze nur einzelne, der lieben Mode wegen eingeschobene
-Programmnummern, zwischen denen dann jene Tanzformen auftauchten, die
-das Wesen und die Anschauungen des Volkes schärfer charakterisierten,
-als die sentimentale Stadelweise oder der flottere, aber noch immer
-zahme Ridewanz.
-
-Die Namen der Bauerntänze sind fast alle ungelöste Sprachrätsel. Man
-tanzte Köwenanz, Sulawranz, Hoppaldei, Heierlei, Folafrantz, Ahsel,
-Houbetschoten (Kopfschütteln), Troialdei, Firgamdray, Wânaldei,
-Treirôs, Mürmum, Bôzalt, Gimpelgampel, Drauraran, Krumme Reien[4],
-Adelswanck, Schwingewurz, Trümmekentanz[5] und andere schönbenamste
-Tänzchen mehr. Trotz dieser grundverschiedenen Namen hatten alle diese
-Tänze das eine gemein, dass sie weder graziös noch sittenverbessernd
-waren -- darin sind alle massgebenden Autoren der Vergangenheit einig,
-die ausnahmslos den Stab über diese »Törpertänze« brechen.
-
-[4] Schultz, Höfisches Leben, S. 548 ff.
-
-[5] Bartels a. a. O. S. 70.
-
-Das Springen von Tänzer und Tänzerin, »den reien springen«, war eine
-Hauptsache bei all diesen Tänzen. Von einem Mädchen heisst es in einem
-Liede Neithards:
-
- »Sie spranc
- Mêr dan einer klâfters lanc
- Unt noch hôher danne ie magt gesprunge.«
-
-und Oswald von Wolkenstein sagt:
-
- »Gar weidlich tritt sie den firlefanzen,
- Ihre hohe Sprünge, unweiblich fast zu tanzen.«
-
-Wie bei diesen Sprüngen die leichte Gewandung flattern musste! Aber es
-kam noch toller: Man schwenkte die Tänzerinnen in die Luft empor,
-»dass man hoch sieht die blossen Beine«, wie Brant im Narrenschiff
-sagt. -- Es sei hier nebenbei erwähnt, dass Beinkleider den
-mittelalterlichen Frauen gewöhnlichen Standes unbekannt waren.[6]
-
-[6] Weinhold a. a. O. II. 263.
-
-Geiler eifert gegen derartiges Tanzunwesen:
-
-»Darnach findt man Klötz, die tantzen also sewisch (säuisch) und
-unflätig, dass sie die weiber und jungfrawen dermassen herumbschwencken
-und in die hohe werffen, das man jhn hinden und vornen hinauff siehet
-biss in die weich, also dass man jhr die hübsche weisse beinle siehet
-..... Auch find man etlich, die haben dessen ein ruhm wann sie die
-jungfrawen und weiber hoch inn die höhe konnen schwencken und haben es
-bissweilen die jungfrawen (so anders solche jungfrawen zu nennen sein)
-fast gern und ist jnen mit lieb gelebt, wann man sie also schwencket,
-das man jhnen, ich weiss nicht wohin siehet.«
-
-Murner variirt dasselbe Thema dahin:
-
- »Seh' ich die Sache richtig an,
- Kein frommes Kind dort hingehn kann,
- Nur solche, die da stützen kann
- Den Burschen, wenn er hebet an
- Zu springen, und ihn hebt empor.
- Ihr wisst's, kein Wort lüg' ich euch vor.
- Es ist nicht Scham noch Zucht dabei,
- Wenn sie die Mägdlein schwenken frei
- #Und Gretlein so weit treibt den Spass,
- Dass man kann seh'n, ich weiss nicht was.
- Wer seine Tochter fromm will sehen,
- Der lass' sie nicht zum Tanze gehen#.
- Der Schäfer von der neuen Stadt
- Schon manches Kind verderbet hat,
- Geschändet, ihm geraubt die Ehr',
- Das nun ein Eheweib wohl wär';
- Doch nun sitzt sie im Frauenhaus,
- Der Ehre ist der Boden aus.«[7]
-
-[7] Narrenbeschwörung, 50.
-
-Agrippa von Nettesheim, keineswegs so schwarzseherisch und pedantisch
-wie Murner und Geiler, sagt trotzdem in seinem 1526 verfassten Buche
-»De vanitate scientiarum«, man tanze mit unehrbaren Gebärden und
-tosendem Fussgestampfe nach lasciven Weisen und zotigen Liedern. In
-buhlerischen Umarmungen lege man dabei unzüchtige Hände an Mädchen und
-Matronen, küsse sie, und, Lasterhaftigkeit für Scherz ausgebend, stehe
-man nicht an, das schamlos zu entblössen, was die Natur verberge und
-die Sittsamkeit verhülle.
-
-Diese harten Worte bestätigt auch Heinrich von Wittenweiler in seinem
-obengedachten »Ring«:
-
- »Die Mäczli (Mädchen) warent also rüg
- Und sprungen her so gar gefüg
- Daz man in oft, ich wayss nit wie
- Hinauf gesach bis an die Knie.
- Hilden Hauptloch was ze weyt
- Darumb ir an derselben zeit
- Das tüttel aus dem puosem sprang;
- tanczens gyr sey dar zuo twang.
- Hüddelein der ward so hayss,
- day sey den Kittel vor auf rayss
- des sach man ir die iren do
- und macht vil mängen herczen fro.«
-
-Mädchen, die dem Werfen ausweichen wollten, warf man gewisse Gründe
-dafür vor:
-
- »Dier da nit entspringt
- Die treit ein Kint«
-
-sagt der Tannhäuser trocken.
-
-In der Abhandlung »was schaden tantzen bringt«, meint der unbekannte
-Verfasser: »der tufel stifft solich tentz vff daz sich die vnkuschen
-menschen an sehen an griffen vnd mit einander reden, vnd dar durch
-entzundt werdent durch vnkuschheit, vnd böse fleischlich begirde
-gewynnen, vnd gunst dar zu geben, vnd lust dar jnne haben, damit sie
-tötlich sünden vnd jn vil stricke des tufels vallen ....«, und so geht
-es weiter in allen Tonarten.
-
-Von einem anderen wird der Tanz der Kuppelei beschuldigt: »Es sind
-solche, die gehen darum zu Tanz, damit sie andere zur Unzucht und zum
-Mutwillen anstacheln. Da fasst man sich an, wird einander hold, da
-schwätzt man Lieb und Leib mit einander, da man sonst nicht
-zusammenkommt, da drücken sie sich die Hände, geben sich Liebesbriefe
-(bulen brieffle) u. s. w.«
-
-Noch kräftiger drückt sich Florian Daulen von Fürstenberg, Pfarrherr
-zu Schellenwalde, in seinem einst allbekannten und vielbesprochenen
-»Tanzteufel«[8] aus.
-
-[8] »Tantzteuffel, das ist wider den leichtfertigen unverschämten
-Welttantz und sonderlich wider die Gottesfurcht und ehrvergessene
-Nachttäntze etc.«, Frankfurt a. M. 1569.
-
-»Wir wollen vom Tanzteufel, wie fürgenommen, sagen, dass unter allen
-andern, so jetzt erzählt und in Krätschemen (Krug, Wirtshaus) zu
-geschehen pflegt, der teuflische, verfluchte, unziemliche, unzüchtige,
-Gottes Zucht und Ehr vergessene, leichtfertige Tanz, der besonders die
-Nacht in Krätschemen geschieht, zu verfluchen, zu schelten und zu
-verdammen sei.
-
-Der Tanz ist, sobald der Fiedler oder Spielmann aufmacht, ein
-stätiges, unordentliches Rennen und Laufen. Wie das unvernünftige Vieh
-laufen sie durcheinander; auch mit tollem, unvernünftigem Geläuf
-laufen sie von fern mit den Köpfen zusammen, und treffen eins das
-andere zu Boden, nicht allein von hinten auf die Füsse, dass die
-Schuhe entfallen, sondern sie rennen sich auch gar darnieder und
-machen ein so gräulichen Staub, dass vernünftige, fromme Leute in der
-Stube nicht bleiben können. Die Tanzenden offt durcheinander gehen,
-unordentlich gehen und lauffen wie die bisenden Küh, sich werfen und
-verdrehen, welches man jetzt verködern heisset. So geschiehet nun
-solch schendtlich, unverschämt schwingen, werffen, verdrehen und
-verködern von den Tantzteuffeln, so geschwinde, auch in aller Höhe,
-wie der Bawer den Flegel schwinget, dass bissweilen den Jungfrauwen,
-Dirnen und Mägden die Kleider biss über den Gürtel, ja biss über den
-Kopff fliegen. Oder werffens sonst zu boden, fallen auch wol beide und
-andere viele mehr, welche geschwinde und unvorsichtig hernach lauffen
-und rennen, dass sie über einem hauffen liegen. Die gerne unzüchtig
-Ding sehen, denen gefellt solch schwingen, fallen und Kleiderfliegen
-sehr wol, lachet und seind fröhlich dabei, denn man machet jnen gar
-ein fein welsch Bellvidere. Welche Jungfraw, Magd und Dirne am meisten
-am Tantze herumgefüret, geschwungen, gedrehet und geschawet wirdt, die
-ist die fürnembste und beste und rühmen und sagen die Mütterlein
-selber: »Es ist gar bedrang umb meine Tochter am Tantze, jedermann wil
-mit jr tantzen, sie hat heut am Tantz guten Markt gehabt. Auch sticht
-der Narr unsre jungen und alten Witwen, die treibens ja so körbisch,
-wilde und unfletig als die jungen Mägdlein ....«
-
-»Alle Tänze sind jetzt gemeiniglich also geartet, gar wenige
-ausgenommen, dass wahrlich an auch den Tänzen, die bald nach
-geschehener Mahlzeit auf den Wirthschaften gehalten, nicht viel zu
-loben ist, denn das junge Volk ist gar vom Teufel besessen, dass sie
-keine Zucht, Ehre und Tugend mehr lieben. Die jungen Gesellen meinen,
-wenn sie Fochtel und Degen neben den Tanz an der Seite tragen, sich
-ungebärtig stellen, hoch springen, schreien, wüthen und drohen, sie
-hätten nicht recht getanzt, zu geschweigen der unzüchtigen Worte und
-Geberden, so die garstigen Esel am Tanze treiben.« Luther verdammt das
-Tanzen an sich nicht, »wo es züchtig zugeht«. »Dass aber Sünde da
-geschehen, ist des Tanzes Schuld nicht allein, sintemal auch über
-Tisch und in der Kirche dergleichen geschehen. Gleichwie es nicht des
-Essens und Trinkens Schuld ist, dass etliche zu Säuen darüber
-werden.«[9]
-
-[9] Kirchen-Postill auf den zweiten Sonntag nach Epiphanias.
-
-In dem »Ehespiegel« des Cyriakus Spangenberg (1578), in dem 50
-Brautpredigten des Verfassers enthalten sind, werden für das letzte
-Viertel des 16. Jahrhunderts die alten Klagen laut. Spangenberg stellt
-dem ehrbaren »Bürgerlichen« den »Buben- und Hurentanz« gegenüber, bei
-denen es zuging, »dass einer schwört, es hätten die Unfläter, so
-solchen Regenführern, aller Zucht und Ehre vergessen, wären taub und
-unsinnig und tanzten St. Veitstanz«.
-
-Wie es auf einem Balle oder Tanzfeste im 16. Jahrhundert zuging, davon
-gibt der gelehrte markgräflich badische Rat und Obervogt zu Pforzheim,
-Johann von Münster in seinem zuerst 1594 gedruckten »gottseligen
-Traktat vom ungottseligen Tanz« genaue Mitteilung: »Die deutsche
-allgemeine Tanzform besteht hierinnen, dass nachdem bei den Pfeiffern
-und Spielleuten der Tanz zuvor bestellet ist, der Tänzer aufs
-Zierlichste, Höflichste, Prächtigste und Hoffärtigste herfürtrete und
-aus allen allda gegenwärtigen Jungfrauen und Frauen eine Tänzerin, zu
-welcher er eine besondere Affektion trägt, jene erwähle. Dieselbe mit
-Reverentz, als mit Abnehmen des Hutes, Küssen der Hände, Kniebeugen,
-freundlichen Worten und anderen Ceremonien bittet, dass sie mit ihm
-einen lustigen, fröhlichen und ehrlichen Tanz halten wolle. Diese
-(hochnöthige) Bitte schlägt die begehrte Frauensperson nicht
-leichtlich ab, unangesehen auch der Tänzer, der den Tanz von ihr
-begehrt, bissweilen ein schlimmer Pflugbengel, oder ein anderer
-unnützer vollgesoffener Esel, und die Frauensperson eine stattliche
-vom Adel, oder andere ansehnlich denn reiche Frau oder Jungfrau ist.
-Es wäre denn, dass sie um eines Verstorbenen Willen trauert oder Leid
-trüge. In dem Falle ist sie, und auch eine Mannsperson entschuldigt.
-So ferne noch bei dem, der den Tanz begehret, so viel Verstandes übrig
-ist, dass er diese Entschuldigung annehmen will. Ist aber der Kerl gar
-voll und toll, der den Tanz begehret, so muss die Frauensperson eben
-wol fort. Will sie nicht tanzen, so mag sie schleiffen. Will sie im
-Tanz nicht lachen und frölich springen, so mag sie weinen und sauer
-aussehen und traurig tanzen. Denn er verlässt sie nicht, weil er sie
-bei der Hand hat, sondern er zieht mit ihr immer fort, zum Tanze, wie
-mit einem Widder zur Küche. Darüber lachen etliche, die dabei stehen
-und zusehen, etliche aber, denen die Frauensperson verwandt ist, sehen
-übel aus, und dürfen bisweilen mit diesem unzeitigen Tänzer Händel und
-Streit anfangen. Ist aber die Frauensperson also daran, dass sie aus
-wahrer Erkenntnis Gottes den Tanz hasset und dem Tänzer den Tanz
-abschlägt, oder aus anderen Ursachen mit ihm zu tanzen sich weigert,
-so ist das Ei zertreten. Dann fängt der Tänzer an zu fragen, oder
-beschickt die Frauensperson durch seine Freunde, was sie für Ursache
-habe, ihm den Tanz zu verweigern, ob er nicht redlich, ehrlich oder
-gut genug dazu sei u. s. w. Zuweilen wartet der Tänzer nicht so lange,
-dass er die Beschickung kann fürnehmen, sondern schämt sich auch
-nicht, die Jungfrau oder Frau, sobald sie ihm den Tanz geweigert hat,
-wider alle Billigkeit, Rechtlichkeit und Recht #aufs Maul zu
-schlagen#. Etliche geben dem Schläger Recht und verteidigen seine lose
-Sache mit den Spruch: einem ehrlichen und redlichen Mann muss und soll
-man keinen Tanz weigern. Darum ist der Person Recht geschehen u. s. w.
-Andere aber halten dieses (wie denn billig ist), für eine solche
-unbescheidene, tyrannische That, dass sie wert sei, dass die ganze
-Gesellschaft derselben sich annehme und sie räche. Daraus dann endlich
-solch Werk erfolget, dass ohne Blutvergiessen und ständigem Hasse
-nicht wol oder kaum kann beigelegt und verglichen werden. Wenn aber
-die Person bewilligt hat, den Tanz mit dem Tänzer zu halten, treten
-sie beide herfür, geben einander die Hände, #und umfangen und küssen
-sich nach Gelegenheit des Landes#[10], auch wol recht auf den Mund,
-und erzeigen sich sonst mit Worten und Geberden die Freundschaft, die
-sie vor langer oder kurzer Zeit gewünscht haben, einander zu erzeigen.
-Darnach, wenn es zum Tanze selbst gekommen ist, halten sie erstlich
-den Vortanz, derselbe gehet etwan mit ziemlicher Gravität ab. Es kann
-aber in diesem Vortanz das Gespräch und Unterredung, derer die sich
-lieb haben, besser gebrauchet werden, als in den Nachtanz. Dies aber
-haben sie gemein, dass die Tänzer, wenn sie zum End des Gemaches, in
-welchem sie tanzen, gekommen sind, wieder umkehren, und sich zu beiden
-Seiten, zur rechten und zur linken, so lang wenden und treiben,
-vorgehen und folgen müssen, bis der Pfeiffer aufhört zu spielen, und
-ihn gelüstet, ein Zeichen zu geben, dass der Vortanz ausgetanzet sei.
-Darnach ruhen sie ein wenig, stehen aber nicht lange still. Sind es
-gute Freunde, so reden sie miteinander von den Dingen, die sie gern
-hören. Ist aber die Freundschaft nicht so gross, so schweigen sie
-still, und warten bis der Pfeiffer wiederum aufblaset zum Nachtanz. In
-diesem gehet es was unordentlicher zu, als in dem vorigen. Denn
-allhier des Lauffens, Tummels, Handdrückens, heimlichen Anstossens,
-Springens und bäurischen Rufens und anderer ungebührlichen Dinge, die
-ich Ehren wegen verschweige, nicht verschonet wird, bis dass der
-Pfeiffer die Leute, die wohl gern, wenn sie könnten, einen ganzen Tag
-also toller Weise zusammenliefen, durch sein Stillschweigen geschieden
-hat. Da hört man denn oft einen schrecklichen Fluch über den Pfeiffer,
-dass er viel zu bald den Tanz ausspielet, oder auch manchmal den Tanz
-zu lang gemacht hat. Denn sie schämen sich aufzuhören zu tanzen, ehe
-und bevor der Spieler aufgehört hat zu pfeiffen. Die Strafe wird ihm
-bisweilen auch zugelegt, dass er noch einmal um dasselbe Geld (wie sie
-reden) aufblasen muss. Da gilt es denn mit Tanzen aufs Neu. Wenn aber
-der Tanz zu Ende gelaufen ist, bringt der Tänzer die Tänzerin wiederum
-an ihren Ort, da er sie hergenommen hat, mit voriger Reverentz, nimmt
-Urlaub und bleibet auch wol #auf ihrem Schoss sitzen# und redet mit
-ihr, darzu er durch den Tanz sehr gute und keine bessere Gelegenheit
-hat finden mögen.«[11]
-
-[10] Siehe hierzu das Bild Aldegrevers in M. L. Beckers prächtigem
-Geschenkwerke »Der Tanz«, Verlag von Herm. Seemann Nachfolger in
-Leipzig.
-
-[11] Wilh. Angerstein, Volkstänze im deutschen Mittelalter, S. 30 ff.
-
-Alle diese Anklagen finden amtliche Bestätigung durch die zahllosen
-Tanzordnungen, wie solche die ganzen Jahrhunderte hindurch erlassen
-wurden und immer wieder erneut werden mussten bis in das 17.
-Jahrhundert hinein. Man gab genaue Vorschriften, wie man sich beim
-Tanze zu benehmen und zu kleiden hatte, welche Tänze erlaubt und
-welche verpönt waren. In Zürich war sogar das Verbot nötig, nicht »bei
-nacktem Leibe« auf dem Tanzboden zu erscheinen. Nürnberg untersagte
-nur das »halsen und umbfahen«, während die Sächsisch-Meissnische
-Polizeiordnung von 1555 gar das Kind mit dem Bade ausschüttete, denn
-sie besagt, es sei besser, für manche Orte überhaupt keinen Tanz zu
-gestatten, da sich bei solchen viele Mannspersonen unzüchtig und
-Ärgernis erregend benahmen. Deshalb hätten Männer und Frauen züchtig
-bekleidet zu sein und müsse das unziemliche Drehen, Geschrei und
-unanständige Gebärden unter allen Umständen unterbleiben. In Danzig
-wurden 1530 sieben Männer und ebensoviele Weiber gestäupt und ihnen
-die Stadt »auf ewig« verboten, weil sie »in nicht gebräuchlicher,
-unanständiger Kleidung« öffentlich getanzt hatten.[12] In Freiburg im
-Breisgau legte man 1556 die Spielleute, die bei einem Tanze mitgewirkt,
-in das Spitals-Gefängnis. Als alles dies nichts half, lenkte man
-in einzelnen Städten ein und sandte zu den Tanzunterhaltungen
-Beamte als Zensoren, um darüber zu wachen, dass nicht allzu grobe
-Ausgelassenheiten vorfielen.[13]
-
-[12] Rudolph Voss, Der Tanz und seine Geschichte, 1869, S. 281, und
-Reinöhl in »Das Kloster« IV. 421 ff.
-
-[13] Ritter bei Rudeck a. a. O. S. 58.
-
-Der älteste Tanz des deutschen Volkes ist der auch heute noch in
-manchen entlegeneren, namentlich Gebirgsgegenden nicht gänzlich
-verschwundene #Johannistanz#, wenn auch Voss seine Behauptung vom
-Ursprunge dieses Tanzes unter dem vierten König der Gallier, Bardus
-II., etwa 2140 oder 2174 v. Chr. G., nicht zu beweisen vermag.[14]
-Immerhin besitzt er ein ehrwürdiges Alter, denn schon das sechste
-Konzil zu Konstantinopel im Jahre 680 schritt gegen die »abgöttischen
-Feuertänze« der Christen, der heilige Elipsius um dieselbe Zeit gegen
-diese heidnische Sitte der Deutschen ein, »die an dem Johannisfeste
-die Sonnwendlieder und andere teuflische Gesänge, Tanz und Sprünge
-üben«. Als die Geistlichkeit einsah, diese althergebrachten Festbräuche
-nicht ausrotten zu können, nahm sie sich -- sanft wie die Tauben und
-klug wie die Schlangen -- ihrer an, gab ihnen durch Aufoctroyierung
-eines Heiligen als Paten einen kirchlichen Charakter, und ein neuer
-Feiertag mit Kirchgang und Opferung war fertig. Die Hauptsache an dem
-neugebackenen St. Johannistag blieben aber die Johannisfeuer, mächtige
-Scheiterhaufen, die von der Jugend unter heiteren Gesängen umtanzt und,
-wenn die Flammen in den zusammengesunkenen Scheitern nur noch glimmten
-und Rauchwolken den verkohlten Hölzern entströmten, mit kühnen Sätzen
-durchsprungen wurden. In Stadt und Land freute sich mondelang vorher
-die tanzfreudige Jugend auf den Sonnwendabend, der hoch und gering auf
-den Feuerplätzen versammelt sah.
-
-[14] a. a. O. S. 73, S. 81.
-
-In München fand sich 1401 der lustige Herzog Stephan, Kaiser Ludwigs
-des Bayern Sohn, mit seiner Gemahlin beim Sonnwendtanze ein, ebenso
-tanzte König Friedrich IV. auf einem Reichstage in Regensburg 1471 im
-Reigen um das Feuer. Kaiser Maximilians Sohn Philipp liess am
-Johannistage 1496 auf dem Fronhof zu Augsburg einen 54 Schuh hohen
-Scheiterhaufen aufrichten. Alle »Frauenzimmer« der Geschlechter waren
-eingeladen und erschienen im höchsten Putze, weil bekannt worden war,
-dass der Prinz eine von ihnen zum Tanze auffordern würde. Einer
-schönen Ulmerin, der Susanne Neidhartin, wurde dies Glück zu teil; sie
-durfte mit einer Fackel den Holzstoss entzünden, den unter Trompeten-
-und Paukenschall die ganze Gesellschaft umtanzte.[15] Dass zu diesen
-Tänzen auch die leichtfertigen Weiber der städtischen Bordelle
-zugelassen waren, ist bereits oben mitgeteilt worden, daher dürfte es
-auch nicht an Ausschreitungen gefehlt haben, wozu die Sprünge durch
-das Feuer mit hochgeschürzten Kleidern willkommenen Anlass boten.
-
-[15] Voss a. a. O. S. 84.
-
-Die Schamlosigkeit der meisten Tänze, die sich, je weiter das
-Mittelalter vorschritt, immer mehr vergröberte, und in der von Thränen
-und Blut triefenden Wiedertäufertragödie zu Münster (1534-1535) ihren
-Kulminationspunkt erreichte, den selbst die allgemeine Verwilderung
-der grausen 30 Kriegsjahre nicht zu erreichen vermochte[16], fand
-stellenweise durch das Volk selbst eine drastische Verurteilung, die
-sich gegen jene Mädchen richtete, deren Moralität durch allzu häufiges
-Aufsuchen von Tanzgelegenheiten in Zweifel gezogen wurde.
-So herrschte am Rhein, in »Franckenland und ettlichen anderen Ortten«
-folgender Gebrauch: »Merkwürdig ist, was am Aschtage (Aschermittwoch)
-an den meisten Orten geschieht. Alle Jungfrauen, die in dem Jahre an
-dem Tanze teilgenommen, werden von den jungen Männern zusammengebracht,
-statt der Pferde an einen Pflug gespannt und samt dem Pfeifer, der
-spielend auf dem Rosse sitzt, in einen Fluss oder einen See
-hineingetrieben. Warum das geschieht, sehe ich nicht ein; ich denke
-mir, sie wollen damit abbüssen, dass sie an den Feiertagen gegen das
-Gebot der Kirche sich von leichtsinnigen Vergnügungen nicht
-fernhielten.«[17]
-
-[16] Näheres über das Treiben jener Wahnsinnigen in dem markigen Buche
-Joh. Scherrs »Grössenwahn, vier Kapitel aus der Geschichte
-menschlicher Narrheit«, S. 75 ff.
-
-[17] Johannes Boëmus bei Schultz, D. L., S. 445.
-
-In einer Geschichte des Geschlechtslebens dürfen auch die #Hexentänze#
-nicht übergangen werden, da sie zeigen, welch grauenvolle Bilder
-sexueller Ausschweifungen verderbte Gemüter jener finstersten Zeit des
-finsteren Mittelalters auszuhecken im stande waren. Was auf den
-Hexenversammlungen auf dem Blocksberg, Heuberg, Hörselberg, Fellerberg
-u. s. w. an den Hexensabbathen vorgegangen sein soll, füllt die
-zahllosen Protokolle der Hexenprozesse mit dem ekelhaftesten Schmutz.
-Nur der ausgesprochene Irrsinn oder wahrhaft teuflische Verderbtheit
-konnte jene Beschreibungen diktiert haben, die entmenschte Richter den
-sich unter Folterqualen windenden »Hexen« in den Mund legten.[18]
-
-[18] Siehe Kapitel: Liebeszauber und Zauberliebe.
-
-Eine weitere Erscheinung, die den mittelalterlichen Tanz als Ursache
-hat, war die um 1021, 1278, 1374 und 1418 grassierende #Tanzwut#. Noch
-waren die Gräber der vielen Millionen von der Pest, dem schwarzen Tod,
-dahingerafften Menschen nicht überwachsen, als eine seltsame Krankheit
-die Menschheit ergriff. Bei ihrem ersten Erscheinen, im 11. und im 13.
-Jahrhundert, nur einzelne Individuen ergreifend, tauchten 1374 in
-Aachen Scharen von Männern und Frauen auf, die, wie von einer höheren
-Macht getrieben, Hand in Hand Reigen bildeten, und erst gemächlich,
-dann immer toller, anscheinend ihrer Sinne nicht mächtig in wilder
-Raserei ohne Scheu vor den Zuschauern tanzten, bis sie erschöpft zu
-Boden sanken. Wie eine Epidemie breitete sich diese Tanzlust aus,
-namentlich aus den niederen Volksschichten unzählbaren Zuzug
-erhaltend. Nach allen Städten verpflanzte sich durch umherziehende
-Tanzkranke diese Seuche, die Müssiggängern und losen Weibern ein
-willkommener Deckmantel war, betteln und ihren Gelüsten frönen zu
-können. Denn zweifellos befanden sich unter den armen hysterischen St.
-Veitstänzern eine Unzahl von Simulanten, worüber übrigens helle Köpfe
-schon damals nicht im Zweifel waren[19], wie aus folgender
-zeitgenössischer Schilderung hervorgeht: »Anno 1374 zu mitten im
-Sommer, da erhub sich ein wunderlich Ding auff Erdreich, und
-sonderlich in Teuttschen Landen, auff dem Rhein und auff der Mosel,
-also dass Leute anhuben zu tantzen und zu rasen, und stunden je zwey
-gegen ein, und tantzten auff einer Stätte ein halben Tag, und in dem
-Tantz da fielen sie etwan ufft nieder, und liessen sich mit Füssen
-tretten, auff ihren Leib. Davon nahmen sie sich an, dass sie genesen
-wären. Und lieffen von einer Stadt zu der andern, und von einer
-Kirchen zu der andern, und huben Geld auff von den Leuten, wo es ihnen
-mocht gewerden. Und wurd des Dings also viel, dass man zu Cölln in der
-Stadt mehr dann fünfhundert Täntzer fand. Und fand man, dass es eine
-Ketzerey war, und geschahe um Golds willen, dass ihr ein Theil Frau
-und Mann in Unkeuschheit mochten kommen, und die vollbringen. Und fand
-man da zu Cölln mehr dann hundert Frauen und Dienstmägde, die
-nichteheliche Männer hatten. Die wurden alle in der Täntzerey
-Kinder-tragend, und wann dass sie tantzeten, so bunden und knebelten
-sie sich hart um den Leib, dass sie desto geringer wären. Hierauff
-sprachen ein Theils Meister, sonderlich der guten Artzt, dass ein
-Theil werden tantzend, die von heisser Natur wären, und von andern
-gebrechlichen natürlichen Sachen. Dann deren war wenig, denen das
-geschahe. Die Meister von der heiligen Schrift, die beschwohren der
-Täntzer ein Theil, die maynten, dass sie besessen wären von dem bösen
-Geist. Also nahm es ein betrogen End, und währete wohl sechszehn
-Wochen in diesen Landen oder in der Mass. Auch nahmen die vorgenannten
-Täntzer Mann und Frauen sich an, dass sie kein roth sehen möchten. Und
-war ein eitel Teuscherey, und ist verbottschaft gewesen an Christum
-nach meinem Bedünken.«[20] Da auch die Kölner Chronik von 1374 (Cöllen
-1499) »vill bouerie« (Büberei) unter den Tanzkranken vermutet, was auf
-sich allgemein ausbreitendes Misstrauen schliessen liess, so erlosch
-die Krankheit nach und nach von selbst, als die Teilnahme des
-Publikums für die von ihr Befallenen gänzlich erstorben war, um noch
-einmal im Verlauf der Geschichte, in Frankreich während der Jahre 1727
-bis 1762, also volle 40 Jahre, als »Konvulsionen« mit ausgeprägt
-erotischem Charakter, eine Rolle zu spielen.[21]
-
-[19] Dr. J. F. C. Hecker, Die Tanzwuth, eine Volkskrankheit im
-Mittelalter. Berlin 1832.
-
-[20] Die Limburger Chronik, herausgegeben von C. D. Vogel, Marburg
-1828, S. 71.
-
-[21] Dr. Eugen Dühren, Der Marquis de Sade und seine Zeit, S. 80 ff.
-
-Eines der Hauptvergnügen für die mutwillige Jugend bestand, wie
-erwähnt, bei den Reigentänzen im Umwerfen oder Fallenlassen der
-Tänzerin, um dadurch ihre Kleider in Unordnung zu bringen. Ein
-Sittenschilderer aus der Zeit vor dem Dreissigjährigen Krieg klagt
-darüber, es sei nichts gewöhnlicher, »als dass man auf #feierlichen
-Hochzeiten# eine Menge von Kleidungsstücken abwarf und dann erst
-tanzte, und dass man das Frauenzimmer mit Fleiss in ganz unerhörter
-Weise fallen liess«.[22] Dieses #Umwerfen# wurde auch als
-Gesellschaftsspiel geübt, bei dem es dem männlichen Spieler darauf
-ankam, seine Partnerin, die auf dem Rücken eines mit aufgestützten
-Händen knienden Pagen sass und ihre Fusssohle an die des Gegners
-gestemmt hielt, umzuwerfen und dadurch zu entblössen. Ein Teppich im
-Nürnberger Germanischen Museum enthält ein Bild dieses »über
-Füesselin«, dem drei Damen, darunter eine Fürstin mit der Krone auf
-dem Haupte, voll Interesse zusehen.
-
-[22] Voss a. a. O. S. 111.
-
-Ein Züricher Mandat von 1532 beschäftigt sich mit diesem Umwerfen,
-ebenso das Nimburger Stadtwesen, das das »bolderböhmische« Spiel rügt.
-Ein anderes Gesellschaftsspiel beschreibt Karlmeinet. Da tragen erst
-die Herren die Damen und dann diese die Herren. Der Kussraub, wie dies
-bei Karlmeinet Godyn der Orie thut, wird wohl ein wichtiges Moment
-dieses Spieles gewesen sein, denn Küssen als Spiel kommt gleichfalls
-in der langen Reihe von höfischen Gesellschaftsspielen vor, die der
-Verfasser des Gedichtes »Der tugenden schatz«[23] wie folgt berührt:
-
- »Zwei halsten mit luste,
- Zwei einz daz ander kuste.«
-
-[23] Schultz, D. L., S. 516.
-
-Das von Murner erwähnte Spiel oder Lied »Der Schäfer von der neuen
-Stadt«[24] endete mit einer allgemeinen Abküsserei, daher die von dem
-Dichter angeknüpfte Nutzanwendung.
-
-[24] Siehe S. 277.
-
-Ein Bauernspiel erwähnt Nithart von Reuenthal als »wemplink
-bergen« in einem von gemeinstem Cynismus strotzenden, geradezu
-landsknechtsmässigem Gedicht. Da er dem »Wemplink« eine obscöne
-Nebendeutung gibt, ist aus dem Gedichte nicht ersichtlich, wie dieses
-Spiel in Wirklichkeit vor sich ging.
-
-Wenn Hans Sebald Beham (ca. 1500 bis 1550) nicht übertreibt, was bei
-der photographischen Treue seiner geistvollen Bilder kaum anzunehmen
-ist, so war das Umwerfen besonders in den #Spinnstuben# der Dörfer
-gleich vielen anderen Rüdheiten heimisch.
-
-Das bekannte Spinnstubenbild des Nürnberger Meisters gibt eine ganze
-Musterkarte von abstossenden Zuchtlosigkeiten in einer Spinnstube,
-die, wenn sie auch in ihrer Gesamtheit übertrieben oder einzelne von
-ihnen aufgebauscht sein mögen, doch noch immer das einmütige
-Verdammungsurteil gegen die Spinnstuben rechtfertigen. Es müssen wahre
-Lasterhöhlen gewesen sein, diese Bauernstuben, in denen sich die
-Dorfweiblichkeit an den langen Winterabenden zum gemeinsamen Spinnen
-versammelte. Wo die Mädchen waren, blieben natürlich auch die Burschen
-nicht aus, um die Schönen bei der Arbeit zu zerstreuen und ihnen beim
-Spinnen zu helfen. Namentlich das Abschütteln der Abfälle des Hanfs,
-des Agen, von den Kleidern, gab Anlass zu vielen zudringlichen
-Scherzen.
-
- »Da bin ich all nacht gegangen zum rocken
- Da kund man mir mit öpfeln locken,
- Da wart ich den meiden die agen abschütteln
- Und ward oft eine mit dem hindern rütteln
- Und kund ihr wol unten warten zum leib«
-
-heisst's in einem Fastnachtsspiele.
-
- »Ich schatz wir gen zum rockenspinnen
- Und schuten (schütteln) den meiden die agen ab«
-
-schlägt in einer anderen Posse ein Dorfjüngling seinem Genossen vor.
-
-Die Dirnen, die sich zum Spinnen einfanden, wussten ganz genau, worauf
-die Anwesenheit der Männer hinauslief, darum fanden diese auch nur zu
-williges Gehör. Zu wüsten Orgien wurden diese Versammlungen, wenn ein
-gefälliger Zufall oder ein loser Schelm den qualmenden Lichtspan zum
-Verlöschen brachte.
-
-Die Weistümer gehen deshalb zuweilen gegen die Spinnstuben vor, unter
-anderen das Weistum von Nörfeld bei Darmstadt[25], in dem es heisst:
-
-[25] Weistümer, I. 498.
-
-Es solle auf die höchste Busse erkannt werden, wenn »wer spinnstuben
-in seinem hausse zu halten unterstehen würde«. In der Ehaltenordnung
-von Thierhaupten in Bayern 1475 heisst es von den Mägden: »sie sollen
-zu nachts nit ausgên mit dem rocken in ein dants hin, dann mit wissen
-und erlauben der milchfrawen (der Obermagd)«. Am unzweideutigsten
-spricht sich jedoch ein Nürnberger Erlass von 1572 aus: »... das
-mehrmalen in solchem zusammen den Eltern Töchter verfüret hinder den
-Vättern zu vnziemlichen Ehen vberredt, auch etwo geschwecht vnnd gar
-zu schannden bracht worden. Das auch die gesellen an einander darob
-verwartten, verwunden vnd todschlagen .... etc.«[26] Weitere
-Verordnungen, die ausser der Ausschweifung und den in den Spinnstuben
-gang und gäben Raufereien noch die durch das unvorsichtige Hantieren
-mit Feuer und Licht entstehenden Brände hervorheben, wiederholen sich
-bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, ohne aber die Spinnstuben selbst
-und ihre unschöne Gefolgschaft ausrotten zu können.
-
-[26] Barack in der Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, IV.
-1859, S. 65 ff.
-
-Der Bauerntrotz wusste von jeher den Befehlen der ihm verhassten
-Behörde ein Erstrecht entgegenzusetzen, um so mehr, wo es sich bei
-ihm um altehrwürdige Institutionen handelte, die er innig verwachsen
-mit seinem Leben hielt. Der Vater verzieh dem Sohne gerne, was er
-selbst in der Jugend getrieben, und die Mutter, die sich vielleicht
-bei den Spinnstubenscherzen den Mann ergattert, hoffte von der Tochter
-dasselbe. Darum bestanden denn auch die Spinnstuben fort, bis sie die
-fortgeschrittene Industrie überflüssig gemacht; heute sind sie eine
-seltene Erscheinung geworden, die nur noch in entlegenen, vom Verkehre
-abgeschlossenen Wald- oder Gebirgsdörfern hier und da auftauchen.
-In den Spinnstuben erklangen viele der Volkslieder zum ersten Male,
-die von dort aus ihren Weg in das Dörfchen und in das weite Land
-fanden, jene naiv sentimentalen oder kernig derben Gesänge, die
-Tagesereignisse, lokale Vorkommnisse oder irgend eine der ungeschulten
-Phantasie entsprungene Erzählung in ungefügen Versen illustrieren. Um
-manche dieser Lieder, wahre Perlen unserer Volkslitteratur, sei den
-Spinnstuben die von ihnen geübte Unmoral herzlich gern verziehen.
-
-Nur der Vollständigkeit halber will ich noch #die Spielkarten#
-erwähnen, in deren Bildern sich häufig die Freude unserer Vorfahren an
-unflätigen Scherzen ausdrückte. Derartige Karten, die z. B. Jost Amman
-verfertigte, sind aber kaum in alle Volksschichten gedrungen,
-ebensowenig wie die bodenlos schmutzigen Blätter, deren sich gewisse
-Potentätchen des 17. und 18. Jahrhunderts bedienten, die sich
-bemühten, die auf ihrer grossen Tour nach Frankreich aufgeschnappten
-Versailler Cochonnerien auf deutsche Erde zu verpflanzen und neben
-anderen »Desbauchen«, wie die grundehrliche, kernig-deutsche Elisabeth
-Charlotte von der Pfalz, Herzogin von Orleans, sagt, auch Spielkarten
-mit Scenen à la Marquis de Sade verwendeten. Diese Schweinereien
-blieben zum Glück nur auf die »feine Gesellschaft« beschränkt, ebenso
-wie jene den tollsten Ausschweifungen huldigenden »Vergnügungsvereine«
-der Feigenbrüder u. s. w.
-
-
-
-
-Das Schönheitsideal.
-
-
-Die ganze rein sinnliche Denkungsart des Mittelalters drückt sich in
-dem Schönheitsideal aus, das die berufenen Vertreter der allgemein
-geltenden Anschauungen ihrer Zeit, die Dichter, der Nachwelt
-überlieferten. Nur rein körperliche Schönheiten heischen sie vom
-Weibe, denn wer bei ihnen schön ist, ist auch gut und edel, in einem
-hässlichen Körper wohnt nur eine schwarze Seele. Je weiter sich das
-Mittelalter der Neuzeit nähert, je mehr sich der Sittenverfall
-ausbreitet, um so gröber und materieller werden die Anforderungen, die
-man an den Frauenleib stellt, denn von seelischen Schönheiten ahnte
-man nichts.
-
-In der Epoche des Werdens, in der noch einzelne Naturlaute aus dem
-germanischen Wald- und Jagdleben in das unter fremden Einflüssen
-zusehends fortschreitende Leben nachklingen, teilte man den der
-Germanin eigenen Rasseeigenschaften den Schönheitspreis zu. Ein bis ins
-Detail gehendes Bild einer wahrhaft schönen Frau setzt Alwin Schultz[1]
-mosaikartig aus allen ihm zugänglichen frühmittelalterlichen Quellen
-wie folgt zusammen:
-
-[1] Höfisches Leben z. Z. d. Minnesänger, S. 211 ff.
-
-»Im Allgemeinen galt also damals für schön, was auch dem Römer und
-Griechen, was ebenso uns heute noch so erscheint, indessen ist man in
-jener Zeit etwas weniger tolerant. Wir finden zum Beispiel die
-Blondine, wie die Brünette schön; gab es doch vor Kurzem eine Zeit,
-die selbst das rote Haar für schön erklärte[2]: die Dichter des
-Mittelalters lassen nur das goldblonde Haar gelten. Eine mässig (ze
-mâzen) hohe Gestalt, blonde Haare, die glänzend, dem gesponnenen Golde
-gleich, in natürliche Locken gekräuselt, bei den Frauen zumal in Fülle
-lang herabwallen, ein weisser Scheitel, weisse, glatte, rundliche
-Stirn, schneeweisse Schläfe, dunkle, womöglich schwarze, schmale,
-gewölbte, nicht zusammenstossende Augenbrauen, leuchtende, bewegliche
-Augen, eine mässig lange, nicht zu sehr vorstehende, gerade, nicht
-gebogene Nase, weiche, rosig angehauchte Wangen, ein kleiner Mund mit
-vollen, weichen, rothen, feurigen Lippen (ein kleinoelhitzerôter munt,
-wie Ulrich von Lichtenstein sagt), kleine, weisse, gleiche und
-dichtgestellte Zähne, ein ziemlich kleines, rundliches, weisses Kinn
-mit einem Grübchen, kleine, weisse, rundliche Ohren galten bei Frauen
-wie bei Männern für schön.
-
-[2] Ich bemerke ausdrücklich, dass Schultz und nicht ich diesen
-Ausspruch thut, denn über diese Ansicht des grossen Prager Kunst- und
-Kulturhistorikers lässt sich sehr gut streiten.     M.B.
-
-Der Hals soll mässig lang und stark sein, weiss, glatt und weich, die
-Kehle weiss und voll mit glatter Haut. Von einer schönen Frau
-behauptete man, die Haut ihrer Kehle sei so zart, dass man, wenn die
-Dame roten Wein trinkt, ihn hinabfliessen sehe.[3] Der Nacken ist
-weiss, die Schultern beim Manne breit, bei Frauen schmal.
-Feingebildete Achseln, runde, mässig lange Arme, weisse, lange und
-weiche Hände, lange, rundliche, innen rosige Finger, deren Gelenke
-nicht vorstehen, glänzende, gut gehaltene Nägel, wurden von einer
-wahrhaft schönen Erscheinung gleichfalls verlangt. Den Frauen steht
-wohl an ein weisser, voller Busen, rundliche, wie gedrechselte, kleine
-und dicht gestellte Brüste[4]; beim Manne schätzte man eine hohe und
-breite, wohlgewölbte Brust. Der Körper sollte schlank, mit feiner
-beweglicher Taille gebildet sein. Die übrigen Körperteile beschreiben
-die Dichter in der Regel nicht ... Die Füsse beider Geschlechter
-wünschte man schmal und klein, mit gewölbter Fußsohle; endlich galt
-zur Schönheit unbedingt eine weiche, glatte Haut, ein wie aus Rosen
-und Lilien gemischter Teint.«[5]
-
-[3] Philippine Welser soll über einen derartigen zarten Teint verfügt
-haben. Scherr.
-
-[4] »Zwêne epfel« oder »zwô birn«.
-
-[5] Karl Weinhold liefert in seinem Buche »Die d. Frauen im
-Mittelalter«, 2. Aufl. I., S. 222 ff., eine selbständig ausgearbeitete
-Zusammenstellung der Schönheitserfordernisse, die sich aber in der
-Hauptsache mit den Schultzschen Angaben deckt.
-
-Man muss ohne weiteres zugeben, dass sich in diesem Bilde ein
-geläuterter Geschmack offenbart, der dem moderner Dichter nicht
-nachsteht. Konrad Flecks Beschreibung der Blancheflur in seinem »Flore
-und Blancheflur« kann ohne Zusatz von einem neuzeitlichen Romantiker,
-um dessen Romane sich die Familienzeitschriften reissen, adoptiert
-werden. »Goldglänzende Haare umspielen die weisser als Schnee
-glänzenden Schläfen. Feine, gerade Brauen ziehen sich über die Augen,
-deren Gewalt sich Keiner zu erwehren vermochte; Wangen und Mund rot
-und weiss, die elfenbeinernen Zähne ohne Tadel. Hals und Nacken wie
-vom Schwan, die Brust voll, die Seiten lang, die Taille zart und
-fein[6]« -- das dürfte ganz gut die Marlitt oder Nataly von Eschstruth
-geschrieben haben, wie der alte Konrad Fleck, den schon mehr als ein
-halbes Jahrtausend die kühle Erde deckt, ebenso wie der reizende
-Liebesbrief aus dem 14. Jahrhundert, namentlich folgende Stelle:
-
-[6] Weinhold a. a. O. I. S. 222.
-
- »So var nun hin, du verst mit ere,
- Und grüsse mir die minnigliche, here,
- Grüss mir irn rosen-varben mund
- Grüss sie von mir zu tausend stund
- Grüss mir ir' wänglein rosen-var
- Grüss mir ir' spilden äuglein-klar
- Grüss mir ir' hälslein harmin-weiss
- Grüss die liebe mir mit fleiss
- Grüss mir ir herz und ire sinne
- Grüss mir meins herzens Königinne ...«[7]
-
-einen Romantiker aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zum
-Verfasser haben könnte.
-
-[7] Mitgeteilt von Moritz Bermann in »Alt- und Neu-Wien«.
-
-Kein Mensch wird es den Damen der Ritterzeit verdenken, wenn sie, als
-echte Evastöchter, Reize, die ihnen Mutter Natur versagte, durch
-kleine Nachhelfungen zur vollen Höhe jenes dichterischen Ideals zu
-heben suchten. Man strich sich das Gesicht mit roter und weisser
-Schminke an, trotzdem das Schminken nicht für anständig galt. Weisse
-Farbe, Firnis, Alaun, Quecksilber, Kampfer, Weizenmehl, Rotholz,
-pulverisierte Cyclamenwurzeln (_panis porciuso_) wurden zu Schminken
-verarbeitet. Wer die Fabrikation der Schminke scheute, der konnte sie
-von einem wandernden Krämer erstehen.
-
- »Krämer gip die varwe mir,
- Di min wengel röte«
-
-bittet eine Ritterdame einen dieser Hausierer.[8]
-
-[8] Christi Leiden in Fundgruben II., 247.
-
-Im Nibelungenlied wird rühmend hervorgehoben, dass sich am Hofe des
-Markgrafen Rüdigers in Bechelaren keine »gevelschet« Frauen fanden,
-woraus dieses Vorkommnis als Ausnahmefall, der besonderer Erwähnung
-verdient, erkannt wird. Wie allgemein die Unsitte des Schminkens
-verbreitet war, geht schon daraus hervor, dass sich selbst um 1170 die
-Bäuerinnen »vremde varwe« ins Gesicht schmierten, um den Töchtern
-vornehmer Leute zu gleichen.[9] Auch die Herren der Schöpfung mögen
-bisweilen zum Schminktopfe gegriffen haben, was aber nicht zur
-Erhöhung ihres Ansehens beitrug.[10]
-
-[9] Weinhold a. a. O. II. 311.
-
-[10] Schultz, Höfisches Leben, S. 290.
-
-Bruder Berthold von Regensburg erklärt diesen »Färberinnen« und
-»Gilberinnen«, d. i. denen, die sich das Haar blond beizen, den Krieg,
-indem er ihnen von der Kanzel herab die Worte in das Gesicht
-schleudert: »Die Gemalten und Gefärbten schämen sich ihres Antlitzes,
-das Gott nach sich gebildet hat, und darum wird auch er sich ihrer
-schämen und sie werfen in den Abgrund der Hölle!« Der Augustinermönch
-Gottschalk Hallen zu Osnabrück († 1481) sagt sogar den Nonnen nach,
-dass sie sich die Gesichter anstreichen. Wie sich später die Damen
-Gesicht und Körper zu korrigieren wussten, soll noch mitgeteilt
-werden.
-
-Je weiter das Mittelalter sich seinem Übergange zur Neuzeit nähert,
-desto derb-sinnlicher wird der Schönheitsbegriff, bis er endlich bei
-einem Punkte angelangt ist, wo das Weib nur nach seiner Tauglichkeit
-zur Sinnenlust beurteilt wird.
-
-Wenn Eberhard von Cersne einst allen Ernstes die Frage erörterte und
-Zweifel darüber hegt, ob die obere oder die untere Hälfte der
-Geliebten der bessere Teil sei[11], so entscheidet sich die unter dem
-Zeichen des heiligen Grobianus stehende Zeit für den unteren Teil.
-
-[11] Minneregel, edd. Weber, Vers 1019-1274.
-
-Albrecht von Eyb, noch der Züchtigsten einer, citiert: »Es schreibt
-Plautus, dass eine hübsche nackende Frau sey hübscher, denn sie ist
-mit Purpur gekleidt.« Trotzdem weiss dieser gelehrte Humanist
-(1420-1475) die Sittsamkeit der Frauen zu schätzen, denn sein
-Schönheitsideal ist: »Ugolinus schreibt, dass die als eine hübsche
-Frau werd angesehen, die da hübsch ist und geziert, von Haupt
-wohlgestalt, eines fröhlichen Anblicks, von kleinen subtilen Gliedern
-und schmalen Leibs, weiss als Milch und mürb als ein Hühnle, dass du
-sie mit einem Nagel des Fingers schneiden magst, und ist züchtig und
-schimpflich (scherzhaft) und schämig, und ist eines sittigen Gangs und
-guter Sitten und ist mit Tugenden wohl geziert. Dieselbig Frau
-übertrifft weit die Hübsche der Venus und ist zu preisen.«[12]
-
-[12] Albr. von Eyb, Von der Schöne und Ungestalt der Frauen, bei
-Scheible, Das Schaltjahr, II. 139.
-
-In dieser Schilderung zeigt sich der von den Klassikern gebildete
-Geist. Wo dieser fehlt, setzte man sich aus den, den Schönen der
-verschiedensten Gegenden nachgerühmten Vollkommenheiten ein Ideal
-zusammen, bei dem man selbst die intimsten Intimitäten nicht übersah.
-Eine der zahmsten Beschreibungen dieser Art ist nachstehende Priamel:
-
- »Ein Weib nach Hübschheit als ich sag,
- Müsst haben eines Weibs Haupt von Prag
- Ein Büschlein von einer aus Frankreich
- Und zwei Brüstlein von Oesterreich,
- Ein Kehl und Rücken von Brabant,
- Von Kölner Weibern die weisse Hand,
- Zwei Füsslein dort her vom Rhein
- Von Baiern soll'n die Sitten sein
- Und die Red dort her von Schwaben
- So thäten sie die Frauen begaben.«[13]
-
-[13] Eschenburgs Denkmäler, Bremen 1799, S. 397.
-
-In einem ähnlichen Verschen wird die Frauenschönheit in
-»fünfunddreissig Schönheitsstuck eines hübschen Jungfräuleins im
-Hochzeitswald« also zerlegt:
-
- »Drei weiss, drei schwarz, drei rothe Stück
- Drei lang, drei kurze und drei dick,
- Drei lang, drei kleine und drei enge,
- Und sonsten rechte Breit und Länge,
- Den Kopf von Prag, die Füss vom Rhein,
- Die Brüst aus Oesterreich von Krain (Chrein)
- Aus Frankreich den gewölbten Bauch,
- Aus Baierland das Büschlein rauch,
- Rücken aus Brabant, Händ aus Cöln,
- Den A .... aus Schwaben küsst ihr Gselln.«
-
-Weitere Schilderungen, so eine im Liederbuch der Hätzlerin und in den
-Facetien Bebels[14] gehen #noch# mehr ins Detail, wie die angeführten,
-darum verzeiht man mir wohl, wenn ich sie mir schenke. Weniger
-drastisch ist die Schilderung einer Frankfurter Jungfrau, deren Lob in
-einem Ständchen erklang, das in der Johannisnacht 1471 von Adolph
-Knoblauch, Philipp Ratzmann, Heirt Egerheim, Arnold Schwarzenberg,
-Bernhard Rohrbach und Theobald Börlin vorgetragen wurde, »und hatten
-ein lauten darin und ging also«:
-
-[14] Vulpius, Vorzeit III., S. 107.
-
- »#Feil rosenblümelein.
- Nun wach uf schöne Jungfrau fein!#
- Nun kommen wir gegangen † (zweimal)
- Und werden schön empfangen †
- In einer schönen Jungfrauen haus
- Die hie züchtig geht ein und aus
- Woltet ir uns nit kennen †
- So woln wir uns euch nennen:
- Wir nennen uns mit rechte †
- Der schön jungfrauen knechte †
- Ach schön jungfrau seit wohlgemut †
- Und nembt den schimpf von uns vor gut.
- Sie ist so gar on argelist †
- An zucht und eren ir nit gebrist †
- Sie ist auch aller tugend voll: †
- Was sie tut, das ziembt ir wol: †
- Sie ist so tugendlich und fein †
- Und leucht recht als der sonnen schein.
- Sie gleicht euch wol dem hellen Tag
- Kein mensch ir lob, schön preisen mag
- Man kann an leib, gut oder eren
- Der immer zarten nit verberen (nicht von ihr lassen) †
- Sie hat ein rosenfarben mund, †
- Zwei wängelein fein zu aller stund, †
- Sie hat ein schönes goltfarb haar, †
- Zwei äugelein lauter und klar. †
- Ir zähn sind weiss als helfen bein,
- Zwei brüstlein die sind rund und klein,
- Ir seiten die sind dünn und lang, †
- Zwei händlein schmal und dazu blank,
- Ir füsslein schlecht und nit zu breit. †
- Der eren kron sie billich treit. †
- Jungfrau geht wieder hin zu bett. †
- Gott geb euch alls, das ir gern hätt; †
- Dass euer glück und heil sich mere †
- Das gonn euch gott in hohen eren......
- Feil rosenblümelein!
- Nun schlafet schöne jungfrau fein.[15]«
-
-[15] Bernh. Rorbachs Liber gestorum, Frankfurt a/M., bei Schultz, D.
-Leben, S. 422 ff.
-
-Um diesem Ideal möglichst nahe zu kommen, griff man schon um die Mitte
-des zwölften Jahrhunderts zu den Gewaltmassregeln des Einschnürens.
-Die heilige Elisabeth von Schönau (1156-57) liess dagegen schon
-strenge Ermahnungen ergehen[16], die sich dann bis zum heutigen Tage
-wiederholten. Zu Ende des 14. Jahrhunderts klagt ein Dichter: »Vor
-Zeiten zwängte man Leib und Gewand nicht zusammen. Das hat sich jetzt
-ganz verändert: die Frauen binden sich nun selbst an Leib und Armen.
-Das möge Gott erbarmen, dass sich heute ein zartes Weib selbst den
-hübschen Leib bindet, so dass sie sich nicht rühren kann, gleich dem,
-als wäre sie in einen Sack gestossen und gebunden.«[17]
-
-[16] »Von den newen Sitten«, Keller, Erzählungen aus altdeutschen
-Handschriften, S. 676.
-
-[17] Weinhold II., S. 262.
-
-Der österreichische Sittendichter Peter Suchenwirt, wirft den eitlen
-Weibern vor, dass sie sich die Hüften mit Watte auspolsterten.
-Dasselbe rügt das Gedicht »Das Teufels Netz«; sie schnüren sich, »das
-sie enmitten werdind klain (schlank)«, und wenn sie hinten »als ain
-brett« sind, machen sie sich doch gross und dick, und des Nachts
-hängen sie dann derartige Turnüren zum Auslüften an die Stange. In
-Thüringen waren um 1400 ähnliche Polsterungen Mode.
-
-Wo starke Brüste Mode waren, stopfte man sich die Brust aus, im
-Gegenteile suchte man durch das enge Obergewand den Busen thunlichst
-zu verkleinern.
-
-Falsche Zähne, falsches Gelock[18] und andere weibliche Falschheiten
-waren üppigen Frauen längst nichts Neues mehr, desgleichen die
-Schminke und ihre kunstvolle Verwendung:
-
-[18] Schultz, Höfisches Leben, S. 234 ff.
-
- »Habt ihr zu Haus auch dran gedacht,
- Dass ihr das Kästchen mitgebracht,
- Aus welchem ihr euch täglich putzt
- Und zu dem Feiertag aufstutzt?
- Das Büchslein liegt verschlossen drin,
- Daraus ihr färbet euer Kinn
- Und auch die Bäcklein farbig malt,
- Auf dass ihr schön und zierlich strahlt;
- Durch Schminke lasst die Haut ihr blitzen.«
-
-fragt Murner.[19] Und »er Angesichte vorwanschapen (verunstalten) se
-mit Düvels drecke vnde Sathans specke, dat ydt glentzet, alse eme
-gemalete Hilligen larwe« sagt der Rostocker Prediger Nikolaus Gryse in
-seiner Laienbibel.
-
-[19] Narrenbeschwörung, XLIV.
-
- »Sie värwend och ir blaichen wang,
- Daz si dert her gat glitzen,
- Als obs us aim badgang switzen«
-
-steht im »Teufels Netz«.
-
-Selbstverständlich ist die Dame ängstlich besorgt, ihre
-Toilettengeheimnisse nicht zu verraten:
-
- »Wescht, malt doby das angesicht,
- Daruff hab acht ein yedes wib:
- Die kunst domit sy ziert den lyb,
- Das die dem mann nit kum zu henden;
- Sie möcht sich selber domit schenden.
- Nit strel, nit zwag, nit richt dyn har,
- Das solchs ein man sehe offenbar.
- Du möchst im sunst missfallen gar.«[20]
-
-[20] Schultz, D. L., S. 365.
-
-
-
-
-Die Kleidung.
-
-
-Die Kleidung der Germanen war einfach und rauh wie ihre Heimat und
-ihre Lebensweise. Wie Pomponius Mela berichtet, gingen die Knaben bis
-zur vollendeten Reife selbst in der grössten Kälte nackt umher;
-nachdem sie erwachsen sind, bedienten sie sich nur eines wollenen,
-viereckigen Schulterumhangs oder einer aus Bast geflochtenen Decke.
-Cäsar[1] gibt an, die Germanen trugen ein kurzes Gewand aus
-Tierfellen, das einen grossen Teil des Körpers unbedeckt lasse.
-Ausführlicher ist Tacitus.[2] Er schreibt: »Die allgemeine Tracht ist
-ein Mantel, der mit einer Spange oder in deren Ermangelung mit einem
-Dorn zusammengehalten ist. So bringen sie, ohne weitere Bekleidung,
-den ganzen Tag am Herdfeuer zu. Nur die Wohlhabendsten tragen ein
-besonderes Gewand, das nicht wallend, wie das sarmatische und
-persische, sondern eng anliegend ist und jeden Körperteil hervortreten
-lässt. Auch Tierfelle tragen sie; die in der Nähe des Rheins ohne
-weitere Auswahl, die weiter im Innern mehr auserlesene, da kein
-Handelsverkehr ihnen anderen Schmuck liefert. Sie suchen daher die
-verschiedenen Tierarten aus und verbrämen deren Fell noch mit den
-gefleckten Pelzen gewisser Tiere, die vom nördlichen Ozean und
-unbekannten Küsten kommen. Das Weib hat keine andere Tracht wie der
-Mann, nur kleidet es sich häufiger in leinene mit Purpurstreifen
-verzierte Gewänder. Diese haben keine Ärmel, so dass Schultern, Arme
-und ein Teil der Brust unbedeckt bleiben.« Strabo ergänzt dieses Bild
-durch die Schilderung von Priesterinnen der Cimbrer dahin: »Unter den
-mit ins Feld gezogenen Weibern befanden sich auch altersgraue,
-wahrsagende Priesterinnen, in weissen Gewändern, deren Oberkleid, aus
-feinem Flachs, mit einer Schnalle befestigt war, mit ehernem Gürtel
-und nackten Füssen.«[3]
-
-[1] De bello Gallico IV., 1, VI., 21.
-
-[2] Germania, 17.
-
-[3] Geographie, VII. Buch, 2. Kap.
-
-Da bald nach der ersten Berührung mit den Römern die Männer sich eng
-anliegende Hosen zulegten, auch die Frauen ihre Oberkleider immer
-höher dem Halse zu emporsteigen liessen, so machte die altgermanische
-Kleidung einen durchaus ästhetischen Eindruck, an dem selbst ein
-Splitterrichter nichts auszusetzen gehabt hätte. Im frühen Mittelalter
-bis zum elften Jahrhundert zeichnete sich die Gewandung durch kostbare
-Stoffe in reichen Farben aus, über deren Pracht wohl hie und da eine
-Stimme, sogar im Jahre 808 die erste der »Kleiderverordnungen«, laut
-wird, nicht aber über den Schnitt.
-
-Erst im elften Jahrhundert erregte die Enge der Frauenkleidung, die die
-Körperformen weit plastischer hervortreten liess als die bisherige,
-vom Oberkörper niederwallende, als leichtfertig und schamlos den Zorn
-der Geistlichkeit. Ein Anzug eines jungen Mädchens dieser Zeit würde
-auch heute nicht ganz einwandfrei passieren können. »Die Dame trägt
-ein dunkelblaues, mit roten Ringornamenten gewirktes Oberkleid, das
-bis auf die Oberschenkeln reicht. Das weisse Unterkleid ist von hier
-an ausgeschnitten und fällt zurück. Man sieht daher die mit roten
-Langstrümpfen bekleideten Beine, an denen eine Reihe weisser Knöpfe
-hinunterläuft. Das Oberkleid hat um die Taille und am unteren Ende
-einen breiten goldenen Bortenbesatz, am Halse einen mennigfarbenen. Die
-Ärmel sind eng.«[4]
-
-[4] von Hefner-Alteneck, Trachten I., 120, Tafel 90.
-
-Die Bestandteile der Kleidung waren ein mehr oder weniger feines,
-selbst seidenes und goldgesticktes Hemd, darüber der Rock, den um die
-Taille ein Gürtel oder Riemen zusammenhielt und je nach der Jahreszeit
-ein gefütterter Mantel. Die Füsse deckten genähte Strümpfe. Sonst gab
-es keine Unterkleider, wenigstens waren sie nicht allgemein. Nur zu
-starke Busen wurden durch ein Tuch unter dem Kleide zusammengehalten.
-Bei den Bäuerinnen wird wohl das Mieder -- muoder -- den gleichen
-Zweck erfüllt haben.
-
-Die Männerkleidung jener Epoche bietet für unsere Zwecke nichts
-Bemerkenswertes. Erwähnt zu werden verdient nur, dass Männer mit
-Frauen in der Kostbarkeit fremdländischer Stoffe wetteiferten, wogegen
-Luxusgesetze nichts auszurichten vermochten, geschweige denn
-Predigten, wie sie Berthold von Regensburg hielt.
-
-Das 14. Jahrhundert schuf einen jähen Modenwechsel. Die Männerkleider
-gestalteten sich zur engen Hose, bei der man das Gesäss und jede
-Muskel deutlich sah, und dem immer bizarrer werdenden Wamse um, das
-immer kürzer wurde, bis es kaum eine Spanne unter den Gürtel reichte.
-Man teilte es in zwei andersfarbige und anders gemusterte Hälften, wie
-man auch zuweilen die Hosen aus zwei verschieden gefärbten Beinteilen
-zusammensetzte. An den Füssen trug man die unschönen langen
-Schnabelschuhe. In der Speierer Kleiderordnung von 1356 wird den
-Männern befohlen, die kurzen Wämser länger zu machen und die
-Schnabelschuhe abzulegen. Die Kölner Synode von 1371 untersagt den
-Klerikern dieses Schuhwerk.
-
-Von nun an häufen sich die Kleider- und Luxusordnungen in Stadt und
-Land. Wie die Pilze nach dem Sommerregen schiessen sie empor und
-jedes Nestchen im weiten deutschen Reich muss wie sein Frauenhaus
-seine Kleiderordnungen haben, jene Äusserungen eines zopfigen
-Windmühlenkampfes, denen schon beim Entstehen ihre Aussichtslosigkeit
-prophezeit werden konnte.
-
-Besonders gegen die Frauen richtete sich der Tenor aller
-Kleiderordnungen, besonders aber gegen einen Punkt, der fast allen
-diesen Edikten gemeinsam ist -- die Dekolletage.
-
-Als die Pest, der schwarze Tod, seinen Würgezug beendet, bemächtigte
-sich der Verschonten eine tolle Daseinslust, die nach den eben
-durchlebten Zeiten des Grauens doppelt begreiflich erscheint. Der
-Würgengel, dem Hekatomben zum Opfer gefallen, war an ihnen
-vorübergegangen, wer wusste, ob er in seiner Unersättlichkeit nicht
-auch sie noch dahinraffte, ehe sie ihr Leben genossen? Diese
-Auffassung machte sich auf allen Gebieten des Lebens bemerkbar, am
-markantesten aber in der Tracht, die die herrschende Leichtlebigkeit
-wiederzuspiegeln begann. Der ernst gemessene Zuschnitt der Gewänder
-veränderte sich allenthalben. Wurden die Beinkleider der Männer enger,
-die Wämser bunter und kürzer, so verlängerten sich die Schleppen der
-Damen, und was sie hinten an Länge zunahmen, das büssten sie an Hals
-und Nacken ein.
-
-»Unde die Frauwen drugen wide heubtfinster (Kopffenster,
-Halsausschnitte) also daz man ire broste binah halbe sach.«[5] Die
-Speierer Kleiderordnung von 1356, eine der ersten Erlasse dieser Art,
-richtet sich gegen diese »Houbetloch«, aus dem die Schultern (ahsseln)
-so verführerisch hervorlugen, ohne dass der Kleiderausschnitt auf
-den Achseln aufliegt, und ebenso geht es in allen den unzähligen
-Edikten[6], von denen als Beispiel eine Strassburger Verordnung hier
-angeführt sei. »Item daz keine frowe, were die ist, hinnanfür me sich
-nit me schürtzen sol mit iren brüsten, weder mit hemeden noch gebrisen
-röcken noch mit keinre ander gevengnüsse, und daz ouch kein frowe sich
-nit me verwe und locke von totten har anhencken sülle. Und sunderliche,
-daz houptloch sol sin daz man ir die brüste nit gesehen müge, wenne die
-houptlöcher süllent sin nutz an die ahsseln.«[7]
-
-[5] Limburger Chronik, herausgeg. von Arthur Wyss, S. 38 ff.
-
-[6] Eine reiche Auswahl dieser Kleiderordnungen vom l4. Jahrhundert
-bis zur Gegenwart enthalten die Kostümkunde von Weiss, S. 1426 ff.,
-und Schultz, Deutsches Leben, S. 302 ff.
-
-[7] Zeitschr. f. d. Kulturgesch. 1856, S. 367.
-
-Der Geistlichkeit waren derartige Verbote Wasser auf ihre Mühlen, sie
-setzten in ihren Predigten immer noch Trümpfe auf, wie Murner, der
-sich auch diesmal kein Blatt vor den Mund nimmt, sondern ungeschminkt
-die Wahrheit sagt:
-
- Die Fraun der Scham entbehren thun.
- So gross ward jetzund schlechte Zucht,
- Dass man in #Blösse Zierde# sucht:
- Man sieht ihnen mitten auf den Rücken
- Und meisterhaft sie können schicken
- Die Brüst' herfür, recht mit Behagen,
- Die von Gestellen sind getragen;
- Sie könnten sonst im Tuch ersticken.
- »Mehr als die Hälfte lass' ich blicken,
- Dass sie den Narren Lockung sei'n.
- ›Lass ab‹, sag' ich, ›was soll das sein‹,
- Wenn er die Brust will greifen an:
- ›Was seid ihr für ein böser Mann!‹
- Ich sag's bei meiner Ehr' fürwahr,
- So frech noch nie ein Mannsbild war!«
- Dem Mann sie so zur Wehr sich stellt,
- Als wenn dem Esel der Sack entfällt.
- Ganz heimlich greift sie mit der Hand,
- Indem sie leistet Widerstand,
- Und hängt ganz still das Häkchen aus,
- Damit der Milchmarkt fällt heraus.[8]
-
-[8] Narrenbeschw. 26. 44 ff.
-
-»Ich hort einist von eim Fürsten, der sprach zuo mir: »eintweders
-unsere frawen lernen von den metzen ihr cleidung oder aber die metzen
-lernen von unsern frawen die cleidung,« sagt Geiler in seinen
-»Brösamlin«. Sie malten nach Murners Vorbild die Zuchtlosigkeit der
-Kleidung recht schön deutlich aus und entliessen ihre Zuhörerschaft
-zerknirscht, aber nicht gebessert. Narrheiten und Moden ist eben mit
-Verboten nicht beizukommen, sie wirken ansteckend und müssen, wie
-andere Epidemien auch, von selbst verlöschen.
-
-Wenn im Jahre 1461 der Eiferer Johannes Capistranus in dem ob der
-Leichtfertigkeit seiner Weiber verschrienen Ulm -- »Huet dich vor
-Ulmer wiben«, besagt eine Darmstädter Handschrift von 1410 -- die
-Geister seiner Zuhörerschaft derart zu entflammen wusste, dass drei
-Frauen, die des Predigers spotteten, vom Volke auf der Strasse
-gelyncht wurden[9], so fand es doch der Rat für gut, den Störenfried
-aus der Stadt zu weisen, denn genützt hätten seine Strafpredigten doch
-nichts, wohl aber geschadet.
-
-[9] Jäger, Schwäbisches Städtewesen I., 509.
-
-Aber nicht allein Unschönes und Leichtfertiges, sondern direkt
-Schamloses verlangte die Mode des 16. Jahrhunderts. Abgesehen von
-Vorfällen wie 1503 in St. Gallen, wo der Rat verbieten musste, völlig
-nackt in der Stadt und ihrem Weichbilde umherzugehen[10], die ich als
-Ausnahme gelten lassen will, denn soweit verstieg sich denn doch die
-Zuchtlosigkeit sehr selten, bleibt noch genug Schandbares, besonders
-in der Männerkleidung, übrig. »Hinden plotz und vor verschamt,«
-spottet Suchenwirt über das hinten möglichst anliegende, dafür vorn um
-so weiter auslegende Beinkleid. Conrad Celtes, der berühmte Humanist
-(† 1508) spricht sich in seiner »Descriptio Urbis Norinbergae«
-(Beschreibung der Stadt Nürnberg) Kap. VI über diese Moden also aus:
-Er schildert erst, dass die Leute meist in schwarz nach der Mode
-verschiedener Länder gekleidet seien und fährt dann fort: Bald in
-weiten, faltenreichen Kleidern nach Art der Sarmaten, eine Binde
-umgiebt den Kopf und es hängen am Körper Pelze; bald vertauschen sie
-die heimische Tracht gegen Hasuken von Ungarn, (cuculli) von Italien,
-bald ziehen sie nach Art der Franzosen mit Borten besetzte Mäntel und
-Röcke mit Ärmel, #bald pressen sie den Körper aufs knappste in enge
-Hosen und Unterkleider, so dass alle Formen des Leibes sich scharf
-ausprägen# ....
-
-[10] Ratsprotokoll der Stadt St. Gallen vom Zinstag vor Corpus Christi
-1503, bei Scherr.
-
-Die das Bein wie ein Trikot umschliessenden Beinlinge konnten, um dem
-Träger das Bücken nicht unmöglich zu machen, nur einseitig befestigt
-werden, wodurch sie meist hinten hinabrutschten, was allein schon
-Anlass zu Ärgernis gab. Doch der ewige Stein des Anstosses waren die
-Hosenlätze. Um das unbequeme Auftressen der Hose zu verhindern, setzte
-man auf den Vorderteil des Beinkleides einen Latz auf, was an sich
-vielleicht unschön, aber nicht verwerflich gewesen wäre, wenn die
-Modelaune nicht verlangt hätte, die Aufmerksamkeit auf diesen
-diskretesten Teil der Kleidung gewaltsam hinzulenken.
-
-Man suchte diesen Zweck auf verschiedene Weise zu erreichen. Entweder
-fertigte man den Latz in einer anderen Farbe an, als die Hose selbst
-hatte, wodurch der Latz um so auffallender wurde, besonders dann, wenn
-die einzelnen Beinlinge ohnehin schon in mi-parti, d. h. in zweierlei
-Farben angefertigt waren. Oder man stopfte den Latz derart aus, dass
-er weit aus der Hose hervorstand, so dass Joh. Fischart von
-Ochsenköpfen-, Hundsfidelbogen-, Schneckenhäuslein- u. s. w. Lätzen
-reden konnte und ein Fliegendes Blatt 1555[11] sagt: »Ein Latz muss
-sein darneben, wol eines Kalbskopfs gross.« Der Nürnberger Rat rügte
-dies mit derben Worten, die erkennen lassen, dass diese Latzarten
-ebenso verschiedenartig wie gemein waren. »Wann auch von ettlichen
-mannspersonen eyn unzüchtige schanndbare übung und gewonhait
-entstannden ist, also das sie ire letz an den hosen on notturfft
-grössen lassen und dieselben an tenntzen und anderhalben vor erbarn
-frowen und junckfrowen unverschawmbt ploss und umbedeckt tragen, das
-dann nit alleyn Got, sonnder auch erberkeyt und manlicher Zucht wider
-und unzymlich ist, demnach ist ein erber rat daran komen, vestigclich
-gebiettennde, das hinfüro eyn yedes mannspilde, burger oder inwoner
-dieser statt, seinen latz an den hosen nyt bloss, unbedeckt, offenn
-oder sichtigclich dragen, sonnder alle seine cleyder dermassen machen
-lassen und geprawchen soll, damit sein scham und latz der hosen wol
-bedeckt unnd nit ploss gesehenn werde. Dann wellicher sich also damit
-entplosset und desshalb gerügt oder fürbracht wurde, und sich das mit
-seinem rechten nit benemen möcht, der solle darumb von eyner yeden
-überfaren fardt eynes yeden tags oder nachts gemayner statt zu puss
-verfallen sein und geben drey guldin.«[12]
-
-[11] Uhland, Altdeutsche Volkslieder, S. 525.
-
-[12] Bader, Polizeiordnungen, S. 105.
-
-Eine Strassburger Verordnung vom 8. August 1480 befiehlt allen
-»snydern, meistern und knechten bei iren eiden« hinfüro keine kurzen
-Mäntel mehr zu machen, die den Latz nicht bedecken, »doch mögent sie
-es eym jeglichen wol lange machen.«[13]
-
-[13] J. Brucker a. a. O. S. 462; Strassburger Zunft- und
-Polizeiordnungen, Strassb. 1889.
-
-Selbstverständlich konnte auch die Geistlichkeit diese Mode nicht
-ungerügt lassen. »Ich hab hören einen Mönch predigen, einen Bruder aus
-der Observanz: als dieser verdammt und heftig red'te wider den
-Überfluss der Kleider und wider den unverschamten Form, der daran und
-darin gemacht würd', beschloss er zuletzt auf #die# Weis mit solchen
-Worten: Die Buhler in unserer stadt sie strecken ihre Lätz, so weit
-aus den Hosen herfür, verwickelns auch und verstopfens mit so viel
-Tüchlein, dass, so die Metzen wähnen, es seind Zumpen, so sind es
-Lumpen.«[14]
-
-[14] Scheible, Schaltjahr III. S. 624 und Bebelii facetiae (Argentine
-1509) i. iiij b.
-
-Aber weder die Obrigkeit noch die Kleriker konnten diesen Moden etwas
-anhaben, sie bestanden allen Widersachern zum Trotz ruhig fort, ohne
-sich viel um Edikte und Schmähungen zu kümmern. Männer und Frauen
-blieben gleich kühl und thaten, was ihnen gefiel. Dies beweist
-schlagend folgende Notiz in der Eurisheimer Chronik[15]: »Anno 1492
-was der Hoffart so viel, dass man weder geschrieben noch gelesen fand.
-dan man trug selzame Kleider, besonders die mann, von vielen farben
-und stückern, von flammen, bäumen, von asten, laubern und von
-buchstaben, das ist in warheit war, dass man wol ein wammest und
-hossen fand, das so viel stück hät, als tag im jahr sind. Und kost ein
-kleid alweg zweymal so viel zu machen, als das tuch dazu. Und trug das
-jung volck röck, die giengen mit mehr dann eyner hand breyt under dem
-gürtel, und sach man ihm die bruch -- kurze Unterhose -- hinten und
-vornen und was so scharf gemacht, das im die hosen die arsskerb
-austheilten, das was ein hübsch ding, und hatten zullen vor ihn gross
-und spitz voraus gohn, und man einer vor dem tisch stund, so lag ihm
-die zull auf dem tisch. Also gieng man vor Kaiser, König, Fürsten und
-herren und für ehrbare frauen. Und gieng es so schandbar zu unter
-frauen und mannen, dass es gott leyd was. Die #frauen# trugen röck,
-dass man ihnen die ditlen (Brüste) sah vornen in den Bussen und hinten
-mitten in rücken, und köstlich von tuch und um das hauptloch und ermel
-was von seiten belegt« u. s. w.
-
-[15] Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, Jahrg. 1857 S. 380.
-
-Gleich scharf geht Sebastian Brant in seinem 1494 erschienenen
-Narrenschiff gegen die Modethorheiten ins Gericht.
-
- »Auch Mädchen haben Narrenröcke;
- Sie wollen jetzt tragen offenbar
- Was sonst für #Männer# schändlich war:
- Spitze Schuh' und ausgeschnittne Röcke,
- Dass man den Milchmarkt nicht bedecke;
- Sie wickeln viel Lappen in die Zöpfe
- Und machen Hörner auf die Köpfe,
- Wie sie sonst trägt ein mächt'ger Stier;
- Sie gehn einher wie die wilden Thier'.«[16]
-
-[16] Vorrede zum Narrenschiff.
-
-heisst es über die Frauen, dann wieder mit edler Unparteilichkeit vom
-stärkeren Geschlecht und seiner Gigerlhaftigheit:
-
- »Was sonst wol war ein schändlich Ding,
- Das schätzt man schlicht jetzt und gering:
- Sonst trug mit Ehren man den Bart,
- Jetzt lernen Männer Weiberart
- Und schmieren sich mit Affenschmalz
- Und lassen am entblössten Hals
- Viel Ring' und goldne Ketten sehn,
- Als sollten sie vor Lienhart stehn.
- Mit Schwefel und Harz pufft man die Haar'
- Und schlägt darein dann Eierklar,
- Dass es im Schüsselkorb' werd' kraus.
- #Der# hängt den Kopf zum Fenster 'raus,
- #Der# bleicht das Haar mit Sonn' und Feuer.
- Darunter sind die Läus nicht theuer.
- Die können es jetzt wol aushalten,
- Denn alle Kleider sind voll Falten:
- So Rock wie Mantel, Hemd wie Schuh,
- Pantoffel, Stiefel, Hos' dazu,
- Wildschur und die Verbrämung d'ran:
- Der #Juden# Sitt' man sehen kann.
- Vor #einer# Mod' die #andre# weicht,
- Das zeigt, wie unser Sinn ist leicht
- Und wandelbar zu aller Schande,
- Und wieviel Neuerung ist im Lande.
- Der Rock, -- wie kurz und wie beschnitten! --
- Reicht kaum bis zu des Leibes Mitten!
- Pfui Schande deutscher Nation,
- Dass man entblösst, der Zucht zum Hohn,
- Und zeigt, was die Natur verhehlt!
- Drum ist es leider schlecht bestellt......«[17]
-
-[17] IV von nuwen Funden (von neuen Moden).
-
-Geiler von Kaisersberg kommentiert in seinen Predigten über das
-Narrenschiff diesen Text in seiner geistvollen Weise, wobei er aber
-manches von Brant nur Angedeutete mit Behagen breittritt. Er spricht
-von den zerschnittenen und zerstochenen Wämsern, die vorn so offen
-sind, »das man mannen und frauen in busen sehen kann, den brustkernen,
-het schier gesagt: den brusthurenspiegel.« Geiler resümiert ferner in
-seiner Predigt »Von Kauffmanschatz« (1517, fol. 95b) alle nützen wie
-unnützen Zierden, mit denen sich die Frauen zu verschönern suchen: Für
-unnütz hält er: 1. har büffen (Püffe, Toupées), das har krauss machen;
-2. Halsbänder; 3. Spangen von den Frauen an der Brust getragen; 4.
-Stirnschmuck, »do sein etwa berlin (Perlen?) yn gefasst oder ander
-edelgestein«; 5. Armzierden, als gestickte Ärmel, die sie auf den
-Achseln tragen, »und silbrin steffzen an den menteln; 6. Ohrringe,
-»als die Zyginer tragen«; 7. die langen schwentz an den Röcken und an
-den menteln«; 8. Die Umschläge oben am Halse, »das letz an den
-mussecken (Brüsten) muss herussgon«; 9. Die stumpfen und die spitzen
-Schuhe; 10. Die Knöpfe an solchen Stellen, die keiner Knöpfe bedürfen;
-11. Die zerhauenen Kleider, »wenn sie sie da tragen zerschnitten und
-zerhacket«[18]; 12. »#So sind es die zoepff, die die frawen machen,
-da kein oder wenig har ist, und nemen frembd har und ist etwann
-todten har#, das sie darzu binden und muoss dan herfür gon, das man
-es sehe und man wen (man wähne), sie haben hübsch har; 13. #Die die
-in das bücksslin blosen, das sie ein ferblin empfahen# (d. h. die
-sich schminken, um bessere Farbe zu bekommen); 14. #Die Säcke, die
-sie um sich gürten.# Wenn die #Frauen# mager sind, so nehmen sie
-einen Sack oder grobes, dickes Tuch, »ist etwann mit baumwollen
-gefült«, das binden sie um sich, um dick zu erscheinen, wie ein
-»brotbeckerknecht«.[19]
-
-[18] Bernhard Freydiger in seinem »Lebenslauf Herzog Heinrichs von
-Sachsen«, mitgeteilt von Vulpius, Curiositäten II. 336, erzählt von
-der Braut des Herzogs, die er 1512 gesehen, dass sie ein aus etlichen
-hundert Stücken zusammengesetztes Kleid angehabt habe. Die Hauptfarbe
-der Seidenflicken war rot und gelb, mit zwischengesetzten Lappen in
-»Rosinfarbe, Aschfarbe und Weiss«.
-
-[19] Diese Säcke, der sogenannte #Speck#, war ein bis fünfundzwanzig
-Pfund schwerer Wulst, der die Frauen aussehen machte, als ob sie sich
-in anderen Umständen befänden. Dr. Rud. Schultze, Die Modenarrheiten,
-S. 54.
-
-Doch was waren alle diese Ausfälle gegen die Verbissenheit, mit
-welcher protestantische Theologen, allen voran der Oberpfarrer in
-Frankfurt a. O., D. Andreas Musculus, gegen den aus den Niederlanden
-gekommenen Hosenteufel zu Felde zogen, gegen die schamlosen,
-geschlitzten, unförmigen, geschmacklosen Pluderhosen, zu denen bis zu
-hundertdreissig Ellen Zeug verschnitten werden musste. Zu welchen
-Verwünschungen verstieg sich nicht der gelahrte Mann in seinem »Vom
-zuluderten, zucht und ehrerwegenen, pludrichten Hosen Teuffel
-Vermahnung und Warnung«. Es wäre kein Wunder, wenn die Sonne nicht
-mehr schiene, die Erde nicht mehr trüge, und Gott in den nächsten
-Tagen wegen dieser greulichen und unmenschlichen Kleidung
-dreinschlüge; solche Bosheit werde zweifelsohne den jüngsten Tag
-herbeiführen u. s. w. ad infinitum mit Grazie, bis sich diese
-Hosenmode als Verbrechen gegen jedes einzelne der zehn Gebote erwiesen
-hatte. Kurfürst Joachim II. von Brandenburg unterstützte seines
-Lieblings Musculus' Bemühungen gegen die Pluderhosen durch Gewaltakte,
-so indem er drei Bürgersöhne mit solchen Ungetümen in einen
-Narrenkasten stecken liess, vor dem Tag und Nacht ein Musikant seine
-Weisen ertönen lassen musste zur Anlockung von Neugierigen. Einmal
-liess er einem Gecken auf offener Strasse die Gurten durchschneiden,
-so dass die Zeugmassen zur Erde niederrauschten und der arme Modeherr
-im blossen Hemde dastand.[20]
-
-[20] Streckfuss, 500 Jahre Berliner Geschichte, S. 141 ff.
-
-Derartige Derbheiten erregten Furcht und Unwillen, genügten aber
-nicht, die nun einmal für schön gehaltene Tracht auszurotten,
-ebensowenig wie dies die Kleiderordnungen vermochten. Alle diese
-Massregeln krankten daran, dass sie sich gegen einen der Hauptfaktoren
-im menschlichen Dasein, gegen die Eitelkeit richteten und sich dadurch
-die Feindschaft des mächtigsten aller Geschöpfe, der Frau, zuzogen.
-Was die Frau will, will Gott, und die Frau ist nun einmal zu allen
-Zeiten und bei allen Völkern der Göttin Mode allzeit unterthänigste
-Dienerin. Vernunftgründe und Strafen haben niemals auf die Dauer den
-Willen der in solchen Fällen einmütig zusammenstehenden Frauen zu
-beugen vermocht; der Vernunft setzten sie weiblich schlau
-ausgeklügelte Gegengründe, der Gewalt Trotz entgegen. Darum griffen
-gestrenge Ratsherren, wenn alle hochtönenden Verwarnungen unbeherzigt
-zu verhallen drohten und sie den Kampf gegen die Weiblichkeit, zu der
-ja auch ihre Frauen und Töchter gehörten, nicht bis aufs Messer
-durchführen wollten, zu jenem jesuitischen Auskunftsmittel, das ich
-schon (S. 116) anführte, indem sie den Auswurf der mittelalterlichen
-Gesellschaft -- Bordellmädchen, Henkersfrauen und -töchter,
-Pfaffendirnen und Jüdinnen -- zwangen, die Missfallen erregenden Moden
-anzulegen und sie dadurch für jede ehrbare Frau unmöglich zu machen.
-Wenn aber auch dieses letzte Mittel nichts half, dann warfen die
-Herren die Flinte ins Korn und liessen die Mode Mode sein, bis sie von
-selbst durch eine andere, vielleicht noch unschönere, ersetzt wurde.
-Dann begann die ganze Geschichte wieder von vorn.
-
-
-
-
-Liebeszauber und Zauberliebe.
-
-
-Der Aberglauben, nach Bodenstedt der Glauben ohne Aber, hat alle
-Wandlungen und Fortschritte der Kultur zu überstehen vermocht. In
-seinen Uranfängen so alt wie die Menschheit und älter als die
-Religion, aus deren Vorläufer er zu ihrem unzertrennlichen Begleiter
-wurde, spukt er noch heute mit ebenso ungeschwächter Kraft, wenn auch
-mancher allzu krasser Auswüchse beraubt, wie er es vormals gethan, wo
-er alle Handlungen der Menschheit beeinflussend, selbst die hellsten
-Köpfe in seinem unheilvollen Banne hielt.
-
-Wenn Goethe einmal den Aberglauben die Poesie des Lebens nannte, so
-hat er, als er diesen geistvollen Ausspruch that, jene Wahnbilder des
-Aberglaubens vergessen, denen das Mittelalter jene zu Abertausenden
-aufflammenden Scheiterhaufen errichtete, die unzähligen Unschuldigen
-oder in unglückseliger Verblendung verfallenen zum grauenvollen Grabe
-wurden, darum auch setzte er der erstgenannten Sentenz seine
-Definition des Aberglaubens entgegen, die alles umfasst, was sich über
-diese Wahngebilde nur sagen lasst. »Der Aberglauben lässt sich
-Zauberstricken vergleichen, die sich immer stärker zusammenziehen, je
-mehr man sich gegen sie sträubt. Die hellste Zeit ist nicht vor ihm
-sicher: trifft er aber ein dunkles Jahrhundert, so strebt des armen
-Menschen umwölkter Sinn alsbald nach dem Unmöglichen, nach Einwirkung
-ins Geisterreich, in die Ferne, in die Zukunft; es bildet sich eine
-wundersame reiche Welt, von einem trüben Dunstkreise umgeben. Auf
-ganzen Jahrhunderten lasten solche Übel und werden immer dichter und
-dichter; die Einbildungskraft brütet über einer wüsten Sinnlichkeit.
-Die Vernunft scheint zu ihrem göttlichen Ursprunge gleich Asträa
-zurückgekehrt zu sein, und der Verstand verzweifelt, da ihm nicht
-gelingt, seine Rechte durchzusetzen.« Wenn Brunnenhofer das Feld
-des Aberglaubens in vier Gebiete einteilt: das naive, das komische,
-das tragikomische und das tragische[1], so ziehe ich die einfache
-Zweiteilung in gefährlichen und ungefährlichen Aberglauben vor. Wenn,
-um Beispiele aus der Gegenwart zu nehmen, jemand an die Unglückszahl
-Dreizehn glaubt, so ist dies dem Gläubigen und seinen Nebenmenschen
-in keiner Weise unheildrohend; wenn aber, wie dies leider nur zu
-häufig der Fall ist, jemand noch Stein und Bein auf das Beschreien
-und den bösen Blick schwört, so kann dies dem, angeblich mit dem
-bösen Blick Behafteten gar leicht gefährlich werden, wie viele
-Gerichtsverhandlungen aus ultramontanen Gegenden zur Genüge darthun.
-Hingegen wird ein ursprünglich naiver Aberglauben, denn naiv ist eben
-anfänglich jeder Aberglauben, sehr leicht auf seiner abschüssigen Bahn,
-die alle vier Stationen Brunnenhofers berührt, zu einem tragischen.
-Und so ging es fast jedem Aberglauben des Mittelalters, wenn ein
-Nebenmensch mit diesem Afterglauben in Verbindung gebracht wurde, was
-vorzugsweise dann der Fall war, wenn der Aberglauben eines seiner
-beiden Hauptfelder betraf: jemandem zu schaden, oder ihn sich geneigt
-zu machen, oder, mit anderen Worten, wenn er dem Hass oder der Liebe
-Dienste leisten sollte. Da die Liebe in ihrer Entstehung und ihrer
-Wirkung etwas Zauberhaftes an sich hat, so war für alle jene Epochen,
-die blindlings an den Zaubereinfluss auf Leib und Seele schworen, die
-Annahme eines Liebeszaubers ziemlich naheliegend. Bei den meisten
-Völkern des Altertums ist demnach auch der Glauben an zauberische
-Mittel verbreitet, durch die man Liebe erwecken kann.
-
-[1] Dr. Herm. Brunnenhofer, Culturwandel und Völkerverkehr, S. 103 ff.
-
-Das babylonische Mädchen, das am Kreuzweg des Mannes harrte, dem sie
-sich zu Ehren der Göttin Mylitta hingeben musste, räucherte mit Liebe
-schaffender Kleie[2]; die Römer erzeugten Philtra aus Hippomanes,
-Teilen des Vogels Jynx, des Wendehals, und anderen mehr oder weniger
-ekelhaften animalischen Ingredienzien, in deren genauer Zusammensetzung
-besonders die thessalischen Weiber sehr erfahren waren.
-
-[2] Baruch 6, 42. 43.
-
-Aus dem skandinavischen Norden kamen jene Runenstäbe nach dem
-stammesverwandten Germanien, in die der zauberkundige Liebhaber
-geheimnisvolle Zeichen eingekerbt, um durch sie das Herz der spröden
-Geliebten sich zuzuwenden. Doch auch Tränke zu brauen verstanden jene
-Weiber, die abseits von den anderen Gaugenossen im Waldesdüster ihr
-Dasein verträumten, mit Odins geheiligtem Tiere, dem Raben, als
-einzigen Gefährten. Mit Zaubersprüchen, Liedern und Runen wussten sie
-die Gemische aus Kräutern und Tierbestandteilen zu segnen und wirksam
-zu machen.[3] Man küsste die Geliebte, denn im Kusse lag ein
-allmächtiger Zauber[4], ehedem wie heute, und wer dieser Macht nicht
-traute, verbarg beim Kusse ein Zauberkraut im Munde.[5]
-
-[3] Weinhold a. a. O. I. 236.
-
-[4] Grimm, Mythologie, 1055.
-
-[5] Nithart von Reuenthal, Lieder, 17. 30.
-
-Im Verlaufe des Mittelalters bildete sich die Bereitung von
-Liebesmitteln zu einer Geheimwissenschaft aus, die den leitenden
-Grundsatz aufstellte, dass man auf zweierlei Wege, durch Arcana und
-auf sympathetische Weise, Liebe erwecken könne.
-
-Die Medikamente bestanden vornehmlich aus den abscheulichsten Teilen
-von Tieren, Testikeln des Wolfes oder des Hasen, beziehungsweise, wenn
-einer Frau Gegenliebe octroyiert werden sollte, den Geschlechtsteilen
-einer Wölfin oder Häsin, nebst Tierhaaren und Exkrementen. Doch alle
-diese Mittel, auch wenn sie noch so ekelhafte Gliedmassen verwendeten,
-sind lieblich zu nennen im Gegensatze zu den meistverwendeten
-Medikamenten der Liebestränke, die vom Menschen selbst genommen
-wurden. Zu den harmlosesten Dingen dieser Art zählt noch die
-vielgebrauchte Frauenmilch. Eine lustige Geschichte über den Zauber
-durch Frauenmilch entnimmt Harsdörfer[6] dem Diarium des Andreas
-Ratisponensis, das sie, als im Jahre 1424 passiert, vermerkt: »In der
-obern Pfalz hat sich wie landkundig zugetragen, dass ein Pfaff sich in
-eine ehrliche Bürgersfrau verliebt, und da sie in dem Kindbett
-gelegen, von ihrer Magd, der er etliche Dukaten geschenkt, etlich
-Tropfen von der Frauenmilch begehrt. Die gab ihm aber Geissenmilch.
-Was er damit gethan, ist unbewusst, das aber hat er erfahren, dass ihm
-die Geiss in die Kirch bis vor den Altar und bis auf den Predigtstuhl
-nachgelaufen, was die Frau zweifelsohne hätte thun müssen, so er ihre
-Milch zuwegen gebracht. Er konnte des Tiers nicht ledig werden, bis er
-es kaufte und schlachten liess.«
-
-[6] »Schauplatz lust- und lehrreicher Geschichten«, 1653.
-
-Eine tiefe Gläubigkeit an die Wirksamkeit dieses Liebesmittels drückte
-sich in Harsdörfers Vortrag aus, und ebensowenig wie dieses geistvolle
-Mitglied der »Fruchtbringenden Gesellschaft«, hegt irgend ein anderer
-seiner Zeitgenossen zu Ausgang des 17. Jahrhunderts irgend einen
-Zweifel an Liebestränken und Liebesbissen, über deren ekelhafteste
-Zuthaten ich einen anderen berichten lassen will. Chr. von Hellwig,
-der unter dem Pseudonym Valentin Kräutermann ein von Borniertheiten
-strotzendes Buch von Heilmitteln herausgab[7], von dem Scheible in
-Stuttgart einen Neudruck veranstaltete, schreibt: »Zu magischen und
-teuflischen Liebesmitteln gebrauchen Zauberer und Zauberinnen teils
-allerhand Worte, Zeichen, Murmelungen, Wachsbilder u. dergl., teils
-brauchen sie die abgeschnittenen Nägel, ein Stückchen Tuch von der
-Kleidung oder sonst etwas von der Person, welches sie vergraben, es
-sei nun unter die Thüre oder eine andere Schwelle. Huren und
-dergleichen Gesindel, erwählen zwar auch natürliche Dinge aus allen
-drei Naturreichen; sie bedienen sich ihrer monatlichen Blume, des
-Mannes Samen, Nachgeburten, Milch, Schweiss, Urin, Speichel, Haar,
-Nägel, Nabelschnur, Gehirn von einer Quappe oder Aalraupen, welch
-letztere hierin vor ein Spezificum gehalten wird die Liebe zu
-erwecken.« Das Register hat ein Loch, denn Kräutermann hat eine
-Ingredienz vergessen -- den Kot der Liebsten.[8]
-
-[7] Der curieuse Zauberarzt, wie man alle Artzneyen verfertigen auch
-per sympathiam, et antipathiam, transplantationem, amuleta et magiam
-naturalem od. vermeynte Hexerey die vornehmsten Kranckheiten curiren
-könne. Frankfurt a. M. 1725.
-
-[8] Paullinus a. a. O. I. S. 344.
-
-Um Liebe auf sympathetische Weise zu erwecken, gab es in jeder
-Landschaft Deutschlands andere Mittel, deren Aufzeichnung einen viele
-hundert Seiten starken tragikomischen Beitrag zur Geschichte der
-menschlichen Narrheit bilden würde.
-
-In der Frühzeit zeichneten sich neben den alten Weibern, die ihre
-vermeintliche Wunderkraft meist auf dem Scheiterhaufen büssten, die
-fahrenden Schüler als Zauberer aus.
-
- »Mit wunderlichen sachen
- Ler ich sie denne machen
- Von wachs einen kobold
- Wil sie, daz er ir werde hold
- Und teuf es in den brunnen
- Und leg in an die sunnen
- Und heiz widereins (rückwärts)
- Umb die kuchen gan.«[9]
-
-[9] »Von einem fahrenden Schüler.« Altdeutsche Wälder, II. 55.
-
-Sie lehrten auch für Geld und gute Worte jene sinnlosen Gebräuche, die
-sich zum Teil noch heute erhalten haben, von denen ich einige wenige
-als Beispiele für die Denkweise unserer Vorfahren hierhersetzen will.
-Berthold v. Regensburg sagt von den Bauern »Pfî, wiltû einen man alsô
-mit zouberîe gewinnen! ..... Sô nimt din her ein toufet ein wahs, din
-ein holz, din ein tôtenbein, allez daz sie dâ mite bezouber. Dâ
-zoubert din mit den Kriutern, din mit dem heiligen Krismen, din mit
-dem heiligen gotes lîchnamen.«[10]
-
-[10] Predigten, II. 70. 25 bei Schultz, H. L., S. 650.
-
- »Dass dich eine lieben muss.«
-»Nimm drei Federn vom Hahnenschwanz, druck sie dreimal in die Hand.
-Probatum.« Oder: »Nehme eine Turteltaubenzung ins Maul (!), rede mit
-ihr lieblich, küsse sie darnach auf den Munde« -- natürlich sie, die
-Angebetete, nicht die Turteltaubenzung -- »so hat sie dich so lieb,
-dass sie dich nicht mehr lassen kann.«[11]
-
-[11] Scheibles Schaltjahr, II. 45.
-
-»Rezept zum Liebespulver. Nimm eine Hostie, die jedoch nicht geweiht
-sein darf, schreibe auf sie einige Worte mit Blut aus dem Ringfinger
-und lasse alsdann von einem Priester fünf Messen darüber lesen. Dann
-teile die Hostie in zwei gleiche Teile, deren einen nimm selbst, den
-anderen gebe der Person ein, deren Liebe du gewinnen willst.«
-
-»Nimm von deinem Blut an einem Freitag im Frühling, lass es mit den
-beiden Testikeln eines Hasen und der Leber einer Taube in einem nicht
-zu warmen Ofen in einem kleinen Topf trocknen, machs zu feinem Pulver
-und lass die Person, von der du geliebt sein willst, davon geniessen,
-ungefähr einer halben Drachme schwer. Wenns aufs erstemal nicht wirkt,
-so wiederhole es bis zu dreimal und du wirst geliebt werden.«
-
-»Die weisse Lilienwurzel, unter gewissen Zeichen gesammelt, und bei
-sich getragen, grosse Liebe und Freundschaft (sic) zwischen Personen
-beiderlei Geschlechtes erwecken und erhalten soll.«[12] _Sapienti
-sat!_
-
-[12] Anleitung zu den curiösen Wissenschaften. Frankfurt 1717.
-
-Noch eines Sympathiemittels muss, um nicht unvollständig zu sein, wenn
-auch widerstrebend, gedacht werden. »Ein fleissiger _Studiosus
-Medizinae_, mein ehemaliger guter Freund, ward offt von des Nachbars
-Tochter gelockt, aber er hatte Eckel daran. Einst schlieff er bey
-ihrem Bruder in ihres Vatters Hause, und ward gantz umgekehrt, doch
-aber kam er nicht zu ihr. Nur des Nachts, mehrenteils um 12 Uhr, stund
-er leise uff, lieff vor des Mägdleins Hauss, küssete die Thür dreymahl
-und gieng wieder von dannen. Wie es seine Schlaffgesellen merkten,
-verwiesen sie ihm die Thorheit, doch konnten sie ihn nicht davon
-abhalten. Einst wollte er sein Kleid vom Schneider umwenden lassen, da
-fand man in den Hosen einen linnenen Beutel und in demselben einen
-Hasenschwantz, krausse Haare, vielleicht von einem ungenannten Ort der
-Dirne abgeschnitten und diese Buchstaben S. T. T. I. A. M., welche
-einige so verdolmetschen: _Satanus te trahat in amorem mei_.[13]
-Sobald aber das Säcklein mit Schwantzhaaren und allem verbrandt war,
-hatte der Geck auch Ruhe.«[14]
-
-[13] Der Teufel ziehe dich in meine Liebe.
-
-[14] Paullinus a. a. O. I. 344 ff.
-
-Einen interessanten Beitrag zum Glauben an die Kraft dieser
-Weiberhaare findet sich in der Biographie der Magdalena Sibylla von
-Neitschütz, die ihren Geliebten, Johann Georg IV. von Sachsen, auf
-diese Weise an sich gekettet haben sollte[15].
-
-[15] F. Bülau, Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen, 2.
-Auflage, III. Band (1863). Die Gräfin von Rochlitz, S. 1 ff.
-
-Solange die weltliche Obrigkeit gegen derartige Zaubereien noch nichts
-einzuwenden hatte, ging es noch; aus Predigten und Konzilsbeschlüssen
-machte man sich blutwenig, denn kirchliche Strafen waren eben nur
-Ehrenstrafen, die sich schliesslich überstehen liessen, wenn sie auch
-hart genug trafen. So ordnete ein Pariser Pönitentiale an: »Wer Blut
-oder seinen virile um der Liebe oder einer anderen Sache wegen einem
-Mann oder einer Frau zu trinken giebt, soll drei Jahre büssen«[16],
-oder wenn, wie aus einem Fastnachtsspiele hervorgeht[17], alle
-diejenigen von der Kommunion ausgeschlossen blieben, die »zu essen
-geben oder in annder weiss machen, das leut schullen an einander liep
-oder feinter werden, und was solicher sach sein«, so konnte sich der
-Übelthäter immerhin noch, sei es durch Geldopfer oder eine andere vom
-Geistlichen auferlegte Busse, wieder reinwaschen. Anders stand dies
-aber in einer Zeit, wo der Hexenwahn die Gemüter ergriffen hatte,
-Laien und Pfaffen beiderlei Konfessionen in unersättlichem Blutdurste
-alles, was den Namen Weib führte, in unerhörtester Weise besudelten
-und »ad majorem Dei gloriam« zu Tode schleiften, nachdem sie vorher
-auf das schamloseste die Körper und die Gemüter der auf der Folter
-gefügig gemachten Opfer gebrochen; wo ein scheinheiliger Rechtslehrer,
-Benedikt Carpzow, sich in einem Atem und unter demselben Augenaufschlag
-rühmen konnte, dreiundfünfzigmal die ganze Bibel durchgelesen und
-zwanzigtausend Todesurteile gefällt zu haben, die zumeist arme
-Weiber, denen das Hirngespinst des grossen Leipziger Schurken nie
-ausgeführte Verbrechen angedichtet hatte, zur Einäscherung, im besten
-Falle zur Hinrichtung durch das Schwert verdammte, da war schon der
-Gedanke an ein Liebesmittel eine Anwartschaft auf den Tod, da er auf
-unzweifelhaften Verkehr mit dem Teufel hinwies. Mit ebenso stupender
-wie stupider Gelehrsamkeit hatte sich der jedes Gefühles bare Carpzow
-und mit ihm der ganze Schwarm Gottesgelahrter und Richter ein System
-zurechtgebaut, aus dem das erotische Moment in einer Teufelsfratze
-allenthalben hervorgrinste. »So sehr war durch den Einfluss des
-Teufelsglaubens die altgermanische Frauenverehrung, welche im Weibe
-›etwas Heiliges‹ gesehen hatte, getrübt worden, dass unsere Altvorderen
-etliche Jahrhunderte hindurch es für möglich, ja für wirklich hielten,
-deutsche Mädchen und Frauen gäben Sitte und Scham, alles Hohe und
-Heilige, was der Mensch besitzen kann, für die widerliche Umarmung
-eines scheusslichen Bockes hin. Es dürfte doch schwer sein, auf
-dem ganzen Gebiete menschlicher Narrheit etwas aufzufinden, was an
-blödsinniger Gemeinheit dieser christlich-theologischen Phantasie nur
-halbwegs gleichkäme.«[18]
-
-[16] Arved Straten, Blutmord, Blutzauber, Aberglauben, Siegen 1901.
-
-[17] Keller, S. 1463.
-
-[18] Scherr, G. d. d. F., II. 139.
-
-Vergessen war die abgöttische Verehrung, die man dem Weibe in der
-Jungfrau Maria dargebracht, vergessen die Achtung, die man der Mutter,
-der Hausfrau gezollt, das Weib war nur das unreine Gefäss, durch das,
-nach theologischer Weisheit, »die Sünde« überhaupt in die Welt
-gekommen, das daher teuflischen Einflüssen um so leichter zugänglich
-sein musste.
-
-Da nun »die Teufel, die nicht zu zählen sind«, die Welt durchstreifen,
-um Menschen zu verführen und jeden zu ergattern, »die um ein sehr
-lange Zeit daher, über fünftausend Jahre, durch stete Uebung überaus
-klug und erfahren sind worden«[19], so wandten sie sich zuerst an die
-Frauen, um sie körperlich und seelisch zu verführen und sie zu
-Werkzeugen zu machen, durch die ihnen weitere Opfer zugeführt wurden.
-
-[19] Luthers Tischreden oder Colloquia, Vom Teufel und seinen Werken,
-(Anno 39 den 15. Januarii).
-
-Das Hauptmittel, die Weiber zu Hexen zu machen, bestand für den Teufel
-in der Buhlschaft. Um mit den Hexen geschlechtlich zu verkehren,
-besucht er sie in allerlei Verkleidungen in ihren Wohnungen. Bald
-tritt er als schwarz gekleideter Herr, bald als Mann mit Federhut,
-gelben Strümpfen und einem Esels- oder Pferdefuss, bald wieder als
-langer, schwarzer Mann mit Hörnern auf[20], oder er naht sich ihnen
-unter der Maske eines Junkers, Jägers, Reiters und unter den Namen
-Junker Hans, Voland, Hämmerlein, Federhanns, Schönhans, Peterlein,
-Federlein, Papperlen, Klaus, Grässle, Grünhütel oder ähnlichen.[21]
-Manchesmal aber suchte sich der Junker Hans auch ganz ausgefallene
-Örter zum Buhlen aus. Am 6. März 1604 wurde in Lauchstädt eine
-Zauberin, die Haferkastin nebst einer anderen Hexe verbrannt, die
-bekannt haben sollte, vom Teufel auf die Spitze des Roten Turmes zu
-Halle geführt worden zu sein, wo er ihr gedroht habe, sie hinunter zu
-stürzen, wenn sie ihm ihr gegebenes Versprechen nicht halte. Darauf
-sei sie ihm zu Willen gewesen und habe fünfmal mit ihm #auf der
-Turmspitze# Unzucht getrieben. Etwas Derartiges konnten Menschen, die
-sich ihrer fünf gesunden Sinne rühmten, für bare Münze nehmen!
-
-[20] Curt Müller, Hexenaberglaube und Hexenprozesse in Deutschland
-(Reclam), S. 26.
-
-[21] Scherr, Frauenwelt, II. 149, und Müller a. a. O., Urteilssprüche
-Leipziger Schöffen, 139 ff.
-
-Über die Art des geschlechtlichen Verkehrs ergehen sich die Werke
-Carpzows und das »aus frommem Wahnsinn und fanatischer Grausamkeit«
-bestehende Schandbuch des Ketzerrichters und Theologie-Professors
-Jakob Sprenger, der im Jahre 1489 mit Approbation der Kölner
-theologischen Fakultät gedruckte »Malleus maleficarum«, zu deutsch der
-Hexenhammer, in einer Breite, deren Unflätereien lebhaft an Liguoris
-Moraltheorie erinnern. »Der Autor schreibt wie ein Kerl, der etliche
-bordels ausgehuret hat«, sagt bereits Hauber von Sprenger.[22] Es
-sträubt sich meine gewiss nicht prüde Feder, diese mit behaglicher
-Ruhe vorgetragenen Schweinereien eines im Cölibate lebenden
-hochwürdigen Herrn auch nur andeutungsweise wiederzugeben.[23]
-
-[22] Bibliotheka magica, 1741, I., 26 ff.
-
-[23] Wer den Mut hat, den stinkenden Sumpf des Hexenhammers zu
-durchwaten, der sei auf Graf von Hoensbroechs »Das Papstthum in seiner
-sozialkulturellen Wirksamkeit« hingewiesen (Leipzig 1900), dessen I.
-Band eine ziemlich vollständige Übersetzung des Malleus maleficarum
-enthält.
-
-Aus den düsteren Gewölben, deren Kreuzbogen vom Gewinsel und Stöhnen
-der armen, gefolterten Kinder und Frauen widerhallten, drang viel, zu
-viel an die Öffentlichkeit, um nicht die Phantasie hysterischer und
-vom allgemeinen Wahne ergriffener Weiber derart zu erhitzen, dass sie
-alles das, was sie gehört, auch schliesslich selbst erlebt zu haben
-glaubten und sich im Wahnsinne Verbrechen bezichtigten, die sie kaum
-geträumt haben können. Sie geben unumwunden zu, was ihnen die Richter
-in den Mund legen, oder gestehen es, ausgeschmückt mit eigenen
-Zuthaten unter den Martern der oft menschlicher als die Richter
-fühlenden Henker. Fühllos wie die Quadern der Folterkammern wohnten
-diese Richter jahraus, jahrein jenen Greuelscenen bei, bis die
-Gewohnheit jegliches Gefühl in ihnen abstumpfen musste. Wenn die
-deutschen Richter auch nicht in den Zwischenakten eines Hexenprozesses
-Laute spielten und Inkulpantinnen tanzen liessen, ehe sie sie an den
-Holzstoss ablieferten, wie dies ein französischer Kollege that[24], so
-fanden sich doch auch in deutschen Gauen nichtswürdige Hallunken genug
-unter ihnen. Wenn sich unter der Regierung des Bischofs Heinrich
-Julius von Halberstadt-Braunschweig im 17. Jahrhundert anlässlich
-einer rebellischen Bewegung der Braunschweiger Bürger gegen den
-geistlichen Herrn folgendes zutragen konnte, wird es bei den Prozessen
-gegen die Unholdinnen keinesfalls besser, eher noch schlimmer
-hergegangen sein, wofür viele Gründe sprechen. In dem besagten
-Prozesse heisst es von den in der Marterkammer anwesenden
-Gerichtspersonen: »Sie trunken einander fleissig zu, dass sie auch so
-toll und voll wurden, dass sie einesteils eingeschlafen ... Etwan in
-die dritte Woche kamen sie wieder, und als sie nun in solcher
-Trunkenheit ihr gefasstes Müthlein ziemlichermassen ausgeschüttet, seyn
-sie für diesmal davongegangen ... Zum dritten male bin ich abermal in
-die peinliche Kammer gebracht u. s. w. und Hans Saub war so trunken und
-voll, dass er beim Tisch einschlief, und wann er hörte, dass ich etwas
-härter sprach, so wachte er auf und weisete mit den Fingern, sagend:
-Meister Peter, hinan, hinan mit dem Schelm und Stadtverräther und wenn
-er solches gesagt, schlief er wieder ein vor Trunkenheit. Ingleichen
-soffen die andern tapfer auch herum Wein und Bier, und wurden aus
-Trunkenheit und sonsten so verbittert, dass nicht zu sagen ...«[25]
-Das Martern und Foltern der Angeklagten war im Mittelalter ein derart
-unzertrennlicher Bestandteil des Gerichtsverfahrens, dass der Richter
-den Gedanken, ein Geständnis anders als durch die Folter zu erlangen,
-einfach nicht fassen konnte. Und bei den Unholdinnen erst, die nichts
-zu gestehen hatten, waren die Folterwerkzeuge unentbehrlich, denn ohne
-sie hätte es eben keine Hexenprozesse gegeben.
-
-[24] Roloff, Leben und Wirken des Teufels, Histor. Taschenbuch, 5.
-Folge, 2. Jahrg., S. 165.
-
-[25] F. Heinemann, Richter und Rechtspflege in der deutschen
-Vergangenheit, S. 64.
-
-Bei Weibern, die sich dem Satan zu eigen gegeben, wäre Milde des
-Richters ein Verbrechen gewesen, das ihn vielleicht selbst in eine
-zweideutige Stellung gebracht hätte, darum suchte jeder einzelne genau
-nach der Schablone zu handeln. Lag es auch in seinem Belieben, die
-schauerliche Wirkung der Tortur zu erhöhen oder zu mildern, so
-brauchte er seine Macht doch kaum jemals zu Gunsten einer Hexe,
-ebensowenig wie er sich daran kehrte, die heuchlerische Vorschrift des
-Hexenhammers zu befolgen, bei der Tortur kein Blut zu vergiessen. Er
-war unumschränkter Herr in der Folterkammer und gebrauchte seine Macht
-oder missbrauchte sie, ganz wie es ihm beliebte. Hatte er jemanden
-freilassen müssen, weil seine Unschuld denn doch zu klar lag, so liess
-er eben den unschuldig Gepeinigten Urfehde schwören, sich niemals an
-ihm und den Seinen zu rächen. Bei einer Hexe war aber diese Gefahr für
-den Inquisitor nicht zu befürchten, denn kaum eine dieser Unthat
-bezichtigte Weibsperson entrann jemals dem Arm »der Gerechtigkeit«.
-
-Schon vorm Beginn des Prozesses brach man die Seelenkraft der
-Angeklagten, die schliesslich so mürbe werden musste, dass sie sich
-schuldig bekannte, um durch den Tod von weiteren Quälereien befreit zu
-werden.
-
-Ehe man die Hexe dem Richter vorführte, zog man sie splitternackt aus
-und untersuchte ihren Körper, ob sie nicht Zaubermittel bei sich
-führte, mit denen sie dem Richter Schaden zufügen könnte. Obwohl der
-Hexenhammer vorschrieb, diese Untersuchung von ehrsamen Frauen
-vornehmen zu lassen, so scherte sich in der Praxis kein Richter darum,
-sondern überliess die Wehrlose den Henkersknechten, die diese günstige
-Gelegenheit nicht vorübergehen liessen, sich tierisch an jungen Hexen,
-selbst unmündigen Kindern zu vergreifen und dem Teufel die Schuld
-zuzuschieben. Der wütende Hexenrichter Remigius, der sich in seiner
-»Daemonolatria« rühmt, binnen fünfzehn Jahren (1580-1595) in
-Lothringen achthundert Hexen eingeäschert zu haben, erzählt von einem
-seiner Opfer, Katharina genannt, sie wäre, obgleich noch ein
-unmannbares Kind, im Kerker wiederholt derart vom Teufel genotzüchtigt
-worden, dass man sie halbtot aufgefunden habe.[26] Wem hätten auch die
-Geschändeten die ihnen angethane Schmach klagen sollen, dem Richter?
-Der wusste doch, dass alles, was die Hexe sprach, Lüge und Blendwerk
-der Hölle sei, oder ihren Beichtvätern, »gleichviel ob katholisch oder
-protestantisch, die die gefangenen Hexen in den Kerkern aufsuchten
-und, anstatt ihnen Trost und Mut zuzusprechen und durch das Gebet für
-ihren Martergang zu stärken, sie mit allen möglichen Kreuz- und
-Querfragen in Fallen zu locken suchten; ihnen das Gewissen
-beängstigten; sie zu falschem Geständnisse zwangen? Diese gemeine,
-niederträchtige Pfaffenbrut war gefährlicher als die Henkersknechte
-und Inquisitoren resp. Richter. Denn selbstverständlich hing sich ein
-bis zu Tod geängstigtes Weib mit aller Gewalt an den Seelensorger;
-suchte bei ihm Trost und folgte seinem Rate. Musste ein solch armes
-Wesen nicht von Sinnen kommen, wenn sie sogar von dem Manne, den sie
-als heilig und fromm verehrte, als Hexe betrachtet wurde? Und wie er
-ihr ins Gewissen redete! Wie er, wenn sie bekennen würde, ihr von Heil
-und Rettung, von Gnade und Barmherzigkeit vorpredigte! Jede
-verfängliche Aussage, die ein so verzweifeltes Weib fallen liess, nahm
-der Beichtvater zu Protokoll. Hatte er genug aus der Unglücklichen
-herausgepresst, so gab er dem Richter genauen Bericht. So kam es, dass
-der Richter bereits das ganze Untersuchungsprotokoll, die ganze
-Beweisaufnahme in den Händen hatte, ehe er überhaupt die Hexe verhört
-hatte. Er hatte somit leichte Arbeit, indem das Verhör seinerseits nur
-kurze Zeit in Anspruch nahm, das übrige that die Folter.«[27]
-
-[26] Scherr, Kulturgeschichte, S. 387.
-
-[27] C. Müller a. a. O. S. 90.
-
-Doch noch eine zweite Entwürdigung hatte die Hexe vor dem Richter
-durchzumachen. Man schor ihr jedes Haar am Körper ab, um eines jener
-Teufelsmale, Stigma, zu entdecken, mit dem der Satan alle Weiber
-kennzeichnete, die er als Buhlerinnen gebraucht. Fand man einen
-Leberfleck, ein Muttermal oder eine Warze, so stach der Henker mit
-einer Nadel darein, um seine Empfindlichkeit zu prüfen. Schmerzte der
-Stich nicht, dann war die Teufelsliebe erwiesen, im anderen Falle
-hatte der Teufel der Hexe das Mal empfindlich gelassen, um die Richter
-zu täuschen. Fehlte ein solches Mal gänzlich, so hatte es der Teufel
-verwischt. Gestand nun die Hexe, eingeschüchtert durch die Aussicht
-auf die Tortur, oder getäuscht von lügenhaften Vorspiegelungen des
-Beichtvaters oder des Richters, dann war sie verloren. Leugnete sie,
-dann unterwarf man sie der peinlichen Frage, die mit der amtlichen
-Formel begann: »Du sollst so dünn gefoltert werden, dass die Sonne
-durch dich scheint!« Diese Drohung war keine leere, und die Feder
-sträubt sich, all das Entsetzliche niederzuschreiben, was man nun mit
-den armen, schwachen Weibern vornahm. Mädchen im zartesten
-Kindesalter, sieben-, acht-, zehn- und zwölfjährige Mädchen[28],
-schwangere Frauen[29], sechzig-, selbst achtzigjährige Greisinnen, sie
-alle verliessen verbrannt, zerrissen, mit gebrochenen Gliedern, aus
-hundert Wunden blutend die Folterkammern.
-
-[28] Scherr, Gesch. d. d. Frauenwelt, II. 161.
-
-[29] Scherr, Kulturgeschichte, S. 640 ff.
-
-Alle Bande des Blutes löste der unglückselige Wahn. Wolf Rossmann, ein
-Bauer zu Amorbach, gab seine eigene Mutter als Hexe an.[30] Vielleicht
-um sich ihrer zu entledigen, wie es Männer mit ihren Frauen thaten,
-Brüder mit Schwestern, denen sie das Erbe missgönnten, selbst Väter
-mit ihren Töchtern.
-
-[30] Zeitschrift für d. Kulturgesch., 1859 S. 427.
-
-Und der ewig wiederkehrende Punkt bei allen Hexenprozessen ist
-geschlechtlicher Natur, in allen den vielen Protokollen, die auf uns
-gekommen sind, kehrt er, wenn nicht als Teufelsbuhlschaft allein, so
-in irgend einer anderen Form neben dieser wieder. Ein solches
-Protokoll, herausgerissen aus hundert beinahe gleichen, möge hier
-stehen. Es stammt aus dem Jahre 1572 aus der Umgebung von Trier und
-wird von Dr. Hennen mitgeteilt. Eine gewisse Eva, eine überführte
-Kindesmörderin aus dem Dorfe Kenn ist beschuldigt, mit dem
-Höllenfürsten Umgang gehabt zu haben. Sie besässe die Kunst zu hexen
-und hätte einen Knecht auf dem »grünen Haus« verzaubert, dass er in
-Liebe zu ihr entbrennen sollte. Die Angeklagte antwortete, dass sie
-die Zauberkunst nicht verstände. Sie hätte nur dem Zymmerhansen, dem
-Knecht, einen Ring gegeben; dieser hätte ihr versprochen, sie einst zu
-ehelichen. Das war das kurze Verhör. Die Folter wurde vorläufig nicht
-angewendet. Die Angeklagte wurde hierauf ins Gefängnis abgeführt.
-
-An demselben Nachmittage wurde sie nochmals dem Amtmann, Schultheissen
-und zwei Schöffen vorgeführt. Sie verharrte auf ihrer Aussage, dass
-sie nichts von Zauberei verstünde. Nun wurde sie den Henkersknechten
-übergeben, die sie auf die Folter spannten.
-
-Das unsinnigste Zeug brachte sie infolge der wahnsinnigen Schmerzen
-vor. Sie zog andere mit ins Unglück, einen Mann und drei Frauen, da
-sie, um nur sobald als möglich von den Folterqualen befreit zu werden,
-andere angab, von denen sie die Hexerei gelernt haben wollte. Von der
-einen behauptete sie, dass diese ihres (Evas) Mannes Mannbarkeit durch
-Zauberei genommen habe; von einer zweiten Frau sagte sie, dass diese
-ihr das Zaubermittel, wie man einen Mann an sich fesseln könnte,
-gelernt hätte, indem man nämlich einige Tropfen Blutes in einer Birne
-dem Betreffenden zu essen gäbe. Dies hätte sie nun auch mit dem
-Zymmerhansen so gemacht.
-
-Die Folter wurde noch verschärft. Da rief Eva vor Schmerz aus, man
-sollte sie nur loslassen, sie wollte die Wahrheit eingestehen. Sie
-könnte zaubern.
-
-Als man mit Foltern nachliess, gestand sie, dass sie von jener Frau,
-der sie die Entmannung ihres (Evas) Mannes zuschrieb, das Zaubern
-gelernt hätte. Sie teilte nun dem Amtmanne mit, wie sie durch die
-betreffende Frau, die Barbara hiess, mit dem Teufel zusammengekommen
-wäre; wie sie Gott abgeschworen und den Teufel verehrt hätte mit den
-Worten: »Ich sage Gott ab und dem Teufel zu und soll sein Eigen sein.«
-
-Ferner gestand sie ein, mit dem Teufel etlichemal zu schaffen gehabt
-zu haben, Vieh und Menschen bezaubert, Unwetter heraufbeschworen zu
-haben. Die von ihr Bezichtigten erlagen gleichfalls unter der
-Anklage.[31]
-
-[31] Müller a. a. O. S. 109 ff.
-
-Der Raub der Mannheit, dessen Eva die eine Hexe beschuldigte, wurde
-durch »das Nestelknüpfen« erreicht, vermittelst Schürzung eines
-zauberischen Knotens an einer der Hosennesteln eines Ehemannes, diesen
-zeugungsunfähig zu machen, doch gab es auch noch viele andere, mehr
-oder weniger blödsinnige Mittel, gegen die man sich aber auf gleich
-sinnreiche Weise schützen konnte, so nach der »gestriegelten
-Rockenphilosophie«, wenn der Bräutigam, bevor er in die Kirche zur
-Trauung geht, das Bierfass anzapft und den Zapfen während der Trauung
-bei sich trägt und andere ähnliche mehr, von denen Scheibles
-Sammelwerke »Das Kloster« und »Das Schaltjahr« eine reiche Blütenlese
-geben.
-
-Rossberg'sche Buchdruckerei, Leipzig.
-
-
-
-
- Das wichtigste Thema der Gegenwart
-
- »Neue Frauen -- Neue Männer«
-
-behandeln folgende Schriften:
-
-~Vera~:
-
- Eine für Viele
-
- Aus dem Tagebuche
- eines Mädchens von heute
-
- 12. Auflage Preis M. 2.--
-
-#Urteile der Presse#:
-
-»Da haben wir das Wiener Saisonbuch, die litterarische Sensation für
-heuer. Heimlich wandert es von Hand zu Hand, die Männer verstecken es
-vor ihren Frauen, die Mütter vor den Töchtern, aber alle lesen es und
-mehr noch, alle machen sich ihre Gedanken darüber. Mit Recht, denn
-dieses Büchlein gehört zu den Dokumenten der Zeit, es spricht seine
-eigene Sprache und öffnet die merkwürdigsten Aus- und Einblicke ...
-
-»Ob man dieses Buch den Mädchen in die Hand geben soll? Ich glaube
-nicht. Wozu denen, die noch nicht Wissende sind, ihre Illusionen
-rauben? Aber die Väter und Mütter sollen es lesen, und auch die jungen
-Männer. Diese vor Allem. Denn zum mindesten lernen sie daraus, dass
-es Mädchen giebt, die den Ehrgeiz haben, etwas anderes zu sein und zu
-werden, als, um mit Vera zu sprechen, dem Manne »ein Mobiliar seiner
-Bequemlichkeit« ...
-
- »Prager Tagblatt.«
-
-»Eine für Viele« erinnert an das Tagebuch der Marie Bashkirtsew.
-Warm und ehrlich empfunden, machen die Geständnisse des jungen
-Mädchens tiefen Eindruck ...«
-
- »Reichswehr.«
-
-»Das kleine Buch scheint darauf auszugehen, die gegenwärtige
-Moral, soweit sie das Verhältnis der Geschlechter betrifft, zu steigern
-und zu verfeinern. Der ledige Mann soll vor der Ehe ebenso keusch
-sein, wie das Mädchen; das Wesen, das sich ihm einst giebt in
-vollster reinster Hingabe, hat das Recht, von dem Manne ihrer Wahl
-dieselbe Reinheit, dasselbe unbefleckte Sinnenleben zu verlangen,
-das er als strenger Richter von ihr fordert ....«
-
- »Neue freie Presse.«
-
-Verlag von Hermann Seemann Nachfolger in Leipzig
-
-Für und gegen VERA sind folgende Schriften erschienen:
-
- Christine Thaler:
-
- Eine Mutter für Viele
-
- Ein Brief an die Verfasserin von
- »Eine für Viele«
-
- 4. Auflage Preis M. 1,--
-
-Die »#Neue Freie Presse#« in Wien schreibt über Christine Thalers Buch:
-»Es ist sehr erfreulich, dass weibliche Vernunft und Besonnenheit
-sich nun zum Worte meldet. Die übermodernen Jungfrauen werden das
-Sendschreiben der Mütterlichkeit wohl etwas hausbacken finden. Aber das
-verschlägt nichts. Aus ihm spricht Klugheit, Reife und Gemüt. Aus ihm
-spricht eine aus Lebenskämpfen erwachsene Milde, die das Menschliche,
-auch wenn es sich als ein Allzumenschliches erweist, verzeiht.«
-
-Auch jemand:
-
- Eine für sich selbst
-
- Brief an die Verfasserin von
- »Eine Mutter für viele«
-
- 3. Auflage Preis M. 1,--
-
-»Eine Dame spricht ruhig und besonnen; eine Dame, die die verzehrende
-Sehnsucht der keuschen Jungfrau nach einem ihr ebenbürtigen reinen
-Jüngling versteht, dieser Sehnsucht aber nicht unbedingt das Wort
-redet. Der Verfasserin schwebt eine Art freier Liebe vor. Eine Liebe,
-die in freiem Genuss und seliger Wahrheit durch ihre hehre Grösse so
-wenig der landläufigen Moral peinlich werden kann wie Michelangelos
-David in seiner kolossalen Nacktheit. Eine Liebe, die nicht in den
-Staub zieht, in deren hohen reinen Flammen alles schmilzt, was
-allzuirdisch und allzumenschlich ist.«
-
- Gerda Schmidt-Hansen:
-
- Eine für Vera
-
- Aus dem Tagebuche einer jungen Frau
-
- 2. Auflage Preis M. 2,--
-
-Eine im Geiste Veras geschriebene, flammende Anklageschrift
-gegen die Unnatur und Heuchelei der vom Manne diktierten »sittlichen«
-Anschauungen. Die Verfasserin -- eine Dame aus den besten
-Leipziger Gesellschaftskreisen -- deckt hier mit rücksichtsloser
-Kühnheit den Abgrund einer modernen, allzumodernen Ehe auf und zeigt,
-wie die Laxheit der männlichen Moral Seele und Leib des Weibes
-vergiftet und beide dem Untergange zuführt.
-
- Männer im Kampf
- für und gegen Vera:
-
- E... E...
-
- Einer für Viele!
-
- 2. Auflage Preis M. 1,--
-
-»Dieses Buch wendet sich polemisch gegen die mütterlich milden Urteile
-über das Vera-Problem, welche Christine Thaler in ihrer Kampfschrift
-ausgesprochen hat. E. E. legt offenkundig eine Lanze für Vera ein und
-versteht es, das von Vera angeregte Problem in eine neue interessante
-Beleuchtung zu rücken.«
-
- Felix Ebner:
-
- Meine Bekehrung
- zur Reinheit
-
- Aus dem Leben eines Junggesellen
-
- 2. Auflage Preis M. 2,--
-
-»Die Männerwelt ist lange nicht so verdorben, wie sie von
-emancipierten Blaustrümpfen geschildert wird. Das ist die These
-Ebners. Er bekräftigt seine Überzeugung mit der Darstellung seiner
-eigenen Lebenserfahrungen, mit der Vertiefung und Bereicherung, die
-sein Leben durch echte Liebe gewann, und stellt die Unverbrüchlichkeit
-der ethischen Pflichten, die jeder junge Mann zu erfüllen hat, aufs
-glänzendste heraus.«
-
- Verus:
-
- Einer für Viele
-
- Aus dem Tagebuche eines Mannes
-
- 2. Auflage Preis M. 2,--
-
-Die »#Feder#«, Berlin, schreibt: »Das Buch wird vielen Widerspruch
-erregen, dürfte aber auch viele Freunde finden.«
-
-Der »#Autor#«, Zeitschrift für Litteratur und Kunst in Wien,
-schreibt: »Unstreitig die hervorragendste Erscheinung in der ganzen
-›Vera-Litteratur‹, vielleicht eine der bedeutendsten am Büchermarkt
-überhaupt, wiewohl sie bei vielen eine gewaltige Entrüstung hervorrufen
-wird. Man wird das Buch vor jungen Leuten zu verstecken suchen, es
-enthält aber gerade für diese alles, was ihnen spätere Enttäuschungen
-ersparen kann. Mögen es nur recht viele lesen, bevor sie in die Lage
-kommen, aus eigener Erfahrung beurteilen zu können, wie recht Verus
-hat.«
-
-
- Neue Bücher von Frau Professor
-
- Maria Janitschek:
-
- Die neue Eva
-
- 2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50
-
-»Ein reifes Buch. Das Urteil einer Frau, welche die Frauen und die
-Männer sowie das Leben kennt. Frau Janitschek ist dem deutschen Leser
-längst bekannt. Sie ist modern im guten Sinne. Sie ironisiert in feiner
-Weise die Emanzipations-Bestrebungen der Hypermodernen und kommt zu dem
-allerdings nicht neuen Schluss, dass ohne die »Kanaille« Mann das Weib
-nichts ist und sein kann. Durch alle Novellen des vorliegenden Buches
-zittert eine gesunde Ethik. Es liegt über jeder einzelnen Geschichte
-der dumpfe Hauch der geschlechtlichen Gier. Und aus jeder Geschichte
-kann eine treffliche Moral gezogen werden. Trotz des pikanten Inhalts
-würde ich jedem Mädchen dieses Buch zwei Tage vor seiner Ehe in die
-Hand geben. Nach den hier vertretenen Prinzipien handelnd, wird dann
-aus dem »Gänschen« nicht notgedrungen die »unverstandene deutsche Frau!«
-
- »Frankfurter Neueste Nachrichten.«
-
-Die »Neue Hamburger Zeitung« schreibt:
-
-»#Die neue Eva#« #ist ein durchaus künstlerisches Tendenzbuch#, eines
-der wenigen, die wir in Deutschland haben, denn ein Schönheitsglaube
-glüht darin auf, eine reine aufstrebende Sinnlichkeit und das
-kraftvolle Selbstvertrauen, dass auch die Frau stark genug sei, sich
-zu befreien, ohne Gefährtinnen, Versammlungen und Zeitungen. Und das
-ist wohl ihr eigenster Sinn, dass nur diejenigen Freiheit verdienen,
-denen sie das eigene Herzblut gewiesen und erkämpft, die selbst
-Individualitäten sind. Reine, starke Höhenluft atmet über diesem
-Buche und ein Duft, wie von heissglühenden, sommerlichen Rosen, denn
-es ist ein Dichtbuch reifer und ungezwungener Sinnlichkeit und das
-Lebensevangelium einer schöpferischen Frau. Und ich glaube, dieser
-Eindruck der Persönlichkeit ist so stark, dass ihn selbst diejenigen
-spüren werden, die die »Neue Eva« lesen um der heiklen Themata und der
-Unterhaltung willen, und zur Erkenntnis gelangen, dass sich hier hinter
-Spott und farbiger Schilderung das ernste Antlitz einer wertvollen
-Weltanschauung erhebt.«
-
-»... Und nun die neue Eva! Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich
-ein. Das sind sieben Geschichten, die tief aus dem Werden und Wollen
-des Weibes herausgeschrieben sind. Maria Janitschek hat hier die
-künstlerischere Seite ihrer Kraft gefunden. Kaum jemals ist Psychologie
-mit Physiologie in der Novelle so innig verbunden worden wie in
-diesen Geschichten. Glut und Wahrheit, ein feines Spüren nach den
-geheimsten Regungen der Evanatur, eine glückliche Hand im Ausmalen des
-Schleierlosen -- das alles und noch einiges findet der Leser -- die
-Leserin möge freilich nicht zu jung sein -- in den Erzählungen von der
-neuen Eva, unter denen »Neue Erziehung und alte Moral« ein Meisterstück
-des psychologischen Verismus ist.
-
- »Berliner Lokal-Anzeiger.«
-
-
-Aus Aphroditens Garten:
-
- Zwei neue Romane von
-
- Maria Janitschek
-
- Band I
-
- Maiblumen
-
- 2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50. geb. M. 3,50
-
- Band II
-
- Feuerlilie
-
- 2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50. geb. M. 3,50
-
-»#Aus Aphroditens Garten#« betitelt #Maria Janitschek#, die berühmte
-Erzählerin und feinsinnige Kennerin der modernen Frauenseele,
-ihren neuesten Romancyklus, in dem sie in umfassender Weise
-an einer Reihe von Einzelschicksalen ihre Erfahrungen und Anschauungen
-über das moderne Weib und seine seelischen und sozialen Verhältnisse
-in vielseitiger Weise niederlegen will.« »Der Gesellige.« Graudenz.
-
-»Schon die äusserlichen Vorgänge, die sich im vorliegenden
-Roman abspielen, sind von Maria Janitschek in brillanter, von Anfang
-bis zu Ende spannender Weise erzählt, noch viel mehr aber wird den
-Freund moderner Dichtung der ausserordentliche Scharfsinn und die
-psychologische Tiefgründigkeit überraschen, mit denen das Seelenleben
-der Heldin, einer mitten in den Anfechtungen des modernen Lebens,
-sowie ihres eigenen leidenschaftlichen Herzens stehenden Jungfrau
-geschildert wird. Der Leser wird geradezu in den Lebenskreis dieses
-seltsamen Wesens hineingezwungen. Man darf nach diesem Anfang
-mit grossem Interesse den weiteren Enthüllungen aus »Aphroditens
-Garten« entgegensehen, und insbesondere sollte niemand, der Interesse
-für die moderne Frauenbewegung hat, diese künstlerischen Ergüsse
-einer der modernsten Frauen der Gegenwart ungelesen lassen.«
-
- »Deutsche Tageszeitung«, Wien.
-
-Von derselben Verfasserin erscheint Ende 1902:
-
- Auf weiten Flügeln
-
- Novellensammlung:
-
- Judas -- In der Frühe -- Heimatlose Nachtigall --
- Die beiden Karren -- Um der Glorie willen .....
-
- Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50
-
-Zwei neue wichtige Publikationen zum Thema der #Frauenfrage und
-Mädchenerziehung#
-
- Louis Frank -- Dr. Keifer -- Louis Maingie:
-
- Die Versicherung der Mütter
-
- Autorisierte deutsche Ausgabe besorgt von
-
- Nina Carnegie Mardon
-
- Preis brosch. M. 2,--
-
-Die Notwendigkeit eines Schutzes für die Frauen der arbeitenden
-Klassen während und nach ihrer Schwangerschaft wird in dieser
-Schrift zum ersten Mal in wissenschaftlich begründeter Weise
-nachgewiesen. An der Hand eines reichen statistischen Materials wird
-die Unhaltbarkeit der bisherigen Zustände und ihre Gemeingefährlichkeit
-für das Leben der Gesamtheit dargethan, sodann die Möglichkeit
-gezeigt, durch Begründung einer Versicherung diesen beklagenswerten
-Missständen abzuhelfen und den Müttern für eine bestimmte
-Zeit Freiheit von der Last der Arbeit und die notwendigen
-Subsistenzmittel zu gewährleisten. Das Wesen und die Ausführbarkeit
-dieser Versicherung wird bis in ihre kleinsten technischen Einzelheiten
-dargethan. Die sociale Gesetzgebung wird, früher oder später, mit
-Notwendigkeit zu den hier entwickelten Gesichtspunkten hingeführt
-werden müssen, wenn anders das Wort von dem stetigen Fortschritt
-der Kultur keine blosse Phrase bleiben soll.
-
- Eine Mutterpflicht
-
- Beiträge zur sexuellen Erziehung von
-
- E. Stiehl
-
- 2. Auflage. Preis 50 Pf.
-
-Man hat das #neue Jahrhundert# schon das »#Jahrhundert des Kindes#«
-getauft. In der That ist die Erziehung unserer Kinder gottlob in ein
-neues Stadium getreten. Das wichtigste Gebiet in dieser Erziehung
-bildet die sexuelle Pädagogik. In immer weiteren Kreisen bricht sich
-die Ueberzeugung Bahn: Wir dürfen in Bezug auf die Belehrung unserer
-Kinder über geschlechtliche Dinge nicht stehen bleiben bei der ererbten
-und anerzogenen Gewohnheit ablehnender Prüderie. Wir müssen dem
-Kinde auf seine Fragen nach den natürlichen Dingen andere Antworten
-geben, als bisher. Diese heiligste Mutterpflicht behandelt E. Stiehl
-in ihrer Schrift, sie beweist, dass es die ernsteste Aufgabe jeder
-gewissenhaften Mutter ist, die Leitung und Belehrung ihres Kindes auf
-diesem zartesten und schwierigsten Gebiete der Erziehung selbständig
-vorzunehmen. Kein Buch enthält eine stärkere Ermahnung an Mütter
-und Erzieher, als wie sie von E. Stiehl gegeben wird. Möge sie auch
-beherzigt werden!
-
- Wer Interesse für den Fortschritt unserer Kultur und für
- thatkräftige Besserung unserer socialen Verhältnisse hat, dem
- seien diese beiden auf ihrem Gebiete geradezu reformatorisch
- wirkenden Schriften -- und deren Verbreitung in weitesten
- Kreisen angelegentlichst ans Herz gelegt.
-
- Eine wackere Vorkämpferin für die Rechte der Frau ist
- Grete Meisel-Hess!
-
-#Bisher erschienen#:
-
- In der modernen
- Weltanschauung
-
- Preis M. 2,50
-
-Ein aus dem Geiste Wilhelm Bölsches geschaffenes Werk! Jeder
-Bekenner, Anhänger und Freund des Monismus wird nach dieser mit einem
-prächtigen Temperament geschriebenen Abhandlung der bekannten Wiener
-Schriftstellerin greifen, wenn er über die tiefe Verknüpfung des
-modernen Lebens mit der Naturphilosophie der Gegenwart orientiert sein
-will. Die Verfasserin kämpft für eine Regeneration in allen Gebieten,
-in Reich und Staat, in Kunst und Erziehung, in Ethik und Gesellschaft.
-Für die Frauenbewegung ist die Schrift von der grössten Bedeutung.
-
-#Ferner#:
-
- Fanny Roth
-
- Eine Jung-Frauengeschichte
-
- 2. Auflage Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50
-
-Die »#Zeit#«, Wien, schreibt:
-
-»Das Dankenswerte an diesem Buche ist, dass hier eine Frau
-dem Mädchen jene Erkenntnis vermittelt, die sich die jungen Männer,
-gesellschaftlich freier gestellt, aus ihrem eigenen Leben holen: die
-Nebensächlichkeit aller reinen Geschlechtsprobleme für das wahre
-Leben tiefer veranlagter Naturen. Also wirklich einmal ein Buch,
-das junge Mädchen lesen sollten. Dass die künstlerische Form nicht
-visionär genug ist, nützt vielleicht gar dem didaktischen Zweck,
-denn eine gesperrt gedruckte Lebensweisheit fällt stärker in die
-Augen. Und übrigens würde das Buch, das unstreitig dichterische
-Qualitäten zeigt, weit reifer und geschlossener wirken, wenn nicht
-ein durchgehends zu konsequent angewandter Naturalismus uns immer
-wieder aus jener Welt in diese stürzte.«
-
-Die »#Wiener Hausfrauenzeitung#« schreibt:
-
-»In dem hier vorliegenden Buche zeigt sich wieder, wie meisterhaft
-die Verfasserin Situationen zu schildern versteht und wie packend
-und natürlich sie zu erzählen weiss ... eine Erzählung aus dem
-Leben einer Künstlerin, die aber auf Hunderte andere Mädchen
-ebenso Anwendung finden kann und den Leser bis zur letzten Seite
-in Spannung hält.«
-
-#Herbst# 1902 erscheint:
-
- Suchende Seelen
-
- (1. Das Leid. 2. Die Lüge. 3. Die Krisis). Preis br. M. 2,--
-
-#Bücher zur Frauenfrage von Frau#
-
- Elsa Asenijeff
-
- Unschuld
-
- Ein modernes Mädchenbuch
-
- 2. Auflage. Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50
-
-Die »#Deutsche Zeitung#«, Wien, schreibt: »Die Verfasserin, offenbar
-eine Frau von Geist und tiefem Gemüt, ist durchdrungen vom hohen Beruf
-des Weibes, das ›in Heiligkeit und Schönheit durch die rauhe Roheit
-des Lebens gehen soll‹, das ›bei allem Beleidigenden, was es erblickt,
-nur den Gedanken der Güte an heilendes Bessere‹ haben soll. Und so
-legt sie denn eine Reihe von Bildchen aus dem jungen Mädchenleben
-vor, in denen überall auf eine Gefahr, ein lauerndes kleines Ungetüm
-aufmerksam gemacht wird. Die Verfasserin hat die keimende Seele des
-Weibes wohl beachtet und weiss ihre Erscheinungen anschaulich und
-mit interessanter Lebendigkeit zu schildern. Dass sie sich dabei von
-tantiger Prüderie ferne hält, giebt dem Buche die Weihe einer höheren,
-weil furchtloseren Reinheit. An einer Stelle sagt Elsa Asenijeff von
-den schriftstellernden Frauen: ›Sie schreiben, wie sie es von den
-Männern gelernt. Ihre Seelen kriechen erst aus ihrem Leibe heraus
-und in ein Mannesgehirn hinein, dann erst schreiben sie. Die Lieben
-aber, welche die Kinder gern haben, die schreiben nie. Die sitzen zu
-Hause und heissen Mami und pflegen das liebe Kind, dass es dereinst
-ein ordentlicher Mensch werde.‹ Wie wahr! Und dass man trotz der
-Richtigkeit dieses Satzes gegen das wahrhaft weibliche Buch Asenijeffs
-kaum etwas einwenden kann, ist wohl sein schönstes Lob.«
-
--- »Die hochbegabte Verfasserin giebt hier eine Sammlung von Skizzen
-aus dem Leben des Weibes von der frühesten Jugend bis in das Alter
-in knappster Form und von einer Anschaulichkeit, die diese Bilder in
-leuchtenden Farben, zum Greifen deutlich, vor das geistige Auge des
-Lesers, besser noch der Leserin stellt. Die feine Zeichnung verrät
-eine ausserordentliche Begabung für psychologische Feinheiten. Eine
-eigenartig zarte Poesie liegt über den kleinen intimen Seelengemälden,
-etwas märchenhaft Holdes, das auf die Phantasie einen eigenen Zauber
-ausübt. Die Skizzen sind kleine Kunstwerke dichterischer Prosa,
-reif und durchgeistigt und zugleich von einer edlen Einfachheit des
-Stils. Das Buch wendet sich an die jungen Mädchen, »die Jugendknospen
-der Menschheit. Für jene, welchen ein Walzer oder ein schönes Kleid
-alles gelten, sind meine Worte nicht. Noch für solche, die wie im
-dämmernden Schlaf im Dasein dahingehen, nicht nach rechts, noch nach
-links blickend, nicht fragend, nicht wollend, und an deren stummer
-Teilnahmlosigkeit sich das Schicksal vollzieht. Aber Euch Edelsten will
-ich dienen, die Ihr in Schönheit durch die rauhe Roheit des Lebens
-gehen wollt, Euch mit den glühenden, opfervollen Herzen, denen alles
-Beleidigende, was sie erblicken, nur den Gedanken der Güte an heilendes
-Bessere giebt.« Der Zweck des Buches ist ein erzieherischer, aber es
-ist nicht pedantische Schulmeisterei, die hier das Wort ergreift,
-sondern eine echte Dichterin, die von den Schicksalen der Frauenseele
-singt. Auch über die herben Erscheinungen des Lebens zieht sie keine
-prüden Schleier, doch wird die schöne poetische Form trotz des oft
-»naturalistischen« Inhalts stets festgehalten. Ein paar sinnige Märchen
-gehören zum Schönsten, was die Sammlung enthält. Für die jungen
-Mädchen, zu denen die Verfasserin in den oben zitierten Einleiteworten
-spricht, wird das Buch eine schöne Weihnachtsgabe sein.«
-
- »Staatsanzeiger für Württemberg«, Stuttgart.
-
- Tagebuchblätter einer Emanzipierten
- von
- Elsa Asenijeff
-
- Preis brosch. M. 3,--, geb. M. 4,--
-
-Als einer echten Modernen steht Elsa Asenijeff das Menschentum
-im Werte unendlich höher als das Weibtum, und indem sie den
-mitringenden Schwestern zeigt, wie sie sich zäh und unablässig zu
-diesem würdigen Ziele hinkämpft, verrichtet sie mit ihrem Buche eine
-nicht hoch genug zu veranschlagende Pionierarbeit.
-
- »Deutsche Warte«, Berlin.
-
-Elsa Asenijeff ist keine von den gewöhnlichen Emanzipationsdamen,
-die mit fertigen Schlagworten um sich hauen. In dem überfeinen
-und hochsensitiven Wesen dieser Schriftstellerin ist doch etwas
-von jenem kulturfördernden Geiste, der über die harte, wissenschaftlich
-dürre Mannesgesittung hinaus zu einer edleren, freieren Sittigung
-strebt; diese keimt im Gefühl, in der Seele, sie wird ohne Zweifel
-einmal unsere starre Männerkultur überwinden können.
-
- »Deutsche Wacht«, Dresden.
-
-Ferner ist im Verlag von #Hermann Seemann Nachfolger# von Frau #Elsa
-Asenijeff# erschienen:
-
- Max Klingers Beethoven
-
- Eine kunsttechnische Studie
-
- Prachtwerk in Grossquart mit acht Heliogravüren
- und 23 Beilagen und Textbildern
-
- Preis in vornehmem Liebhaberband gebunden M. 20,--
-
-Frau Asenijeff gehört seit Jahren zu dem engeren Freundeskreise
-Klingers, sie hat das grosse Werk, das wie selten eine einzelne
-künstlerische Schöpfung in Deutschland die Gemüter in Aufregung versetzt
-hat, wachsen und werden sehen, und aus eigener Anschauung berichtet
-sie nun, wie jener Titelzusatz andeutet, von der Arbeit, die Klinger
-hier geleistet, von dem technischen Können, das in dieser
-seltsam-grossartigen Monumentalstatue niedergelegt ist. Nach den
-vielfachen kritisch-ästhetischen Abhandlungen über den »Beethoven«
-ist eine solche Schrift sehr willkommen.
-
- »National-Zeitung«, Berlin.
-
-Eine ungewöhnlich interessante Veröffentlichung ist das Prachtwerk
-»Max Klingers Beethoven«. Das Werk, das im gesamten Schaffen
-Klingers einen Gipfel bedeutet, wird von Frau Elsa Asenijeff in einem
-trefflichen Text erklärt, der die zahlreichen Illustrationen -- 8
-Heliogravüren, 23 Beilagen und Abbildungen im Text -- wirksam
-unterstützt, zumal da Frau Asenijeff in der Lage ist, auch zu der
-Entstehungsgeschichte des Werkes die interessantesten Ausführungen
-beizubringen, insonderheit über die grosse Schwierigkeit, den
-Thronsessel in Bronze zu giessen, was erst in Pierre Bingens Werkstatt
-in Paris gelungen ist und von Frau Asenijeff in den einzelnen Stadien
-ausserordentlich dramatisch erzählt wird. Die Schilderung des
-Bronzegusses ist eine Meisterleistung.
-
- »Vossische Zeitung.«
-
- Neue Frauen
-
- Roman von Paul und Victor Margueritte
-
- (Einzig autorisierte Ausgabe von #U. Fricke#)
-
- Preis brosch. M. 4.--, geb. M. 5.--
-
-In dem hervorragenden Roman »#Neue Frauen#« von Paul und Victor
-Margueritte, einem Brüderpaar, das zu den berühmtesten französischen
-Romanschriftstellern der Gegenwart zählt, werden neben glänzenden
-Schilderungen der Gesellschaft und der unteren Volksmassen, die »neuen
-Frauen« als Vorkämpferinnen der Frauenbewegung verherrlicht, die auf
-diesem Wege die sociale Frage lösen wollen. Und diese Frauen nun haben
-auch die idealen Forderungen der Reinheit des Mannes vor der Ehe, der
-sittlichen Gleichberechtigung beider Geschlechter auf ihren Schild
-geschrieben. So schlägt die Heldin des Romans zwei Eheprojekte wegen
-der »Vergangenheit« der Werber aus. Der Roman ist glänzend geschrieben,
-unterhaltend, wertvoll und für jeden, der »#Vera#« kennt und für die
-Frauenprobleme etwas übrig hat, von brennendem Interesse.
-
-Die Kritiken über Paul und Victor Margueritte, #Neue Frauen#, sind
-insgesamt lobend und empfehlen das Werk in jeder Hinsicht zur Lektüre.
-Eine Kritik sei hier wiedergegeben aus dem »Staatsanzeiger für
-Württemberg«, Stuttgart:
-
-»Der fesselnd geschriebene französische Roman behandelt Probleme, die
-mit der modernen Frauenbewegung zusammenhängen, übrigens wegen Ihres
-rein menschlichen Gehalts der Teilnahme auch der Parteilosen sicher
-sind. Die Geschichte dieses Romans ist für eine Doppelautorschaft von
-einer seltenen Einheitlichkeit und Folgerichtigkeit. Die Darstellung
-der vorhandenen Konflikte glüht von Begeisterung für die höhere
-Sittlichkeit der Menschen der Zukunft, welche die Seelen läutern wird.
-Die Heldin, die in schweren Stunden für das Recht der Selbstbestimmung
-als Frau und Tochter mit Energie eintritt und sich im Kampf des Lebens
-die echte Weiblichkeit bewahrt, ist eine sympathische Frauengestalt,
-der Idealtypus der Frau der Zukunft, wie ihn die Verfasser und
-mit ihnen gewiss noch viele andere erträumen. Auch radikale Typen
-des weiblichen Geschlechts sind vertreten, der Blaustrumpf und
-die geschworene Männerfeindin, jedoch nicht zur Abschreckung, als
-Lächerlichkeiten. Die Verfasser lassen keinen Zweifel darüber, dass für
-sie die Frau der Zukunft so nicht aussieht. Der Roman entwickelt die
-Ereignisse von innen, vom Charakter der Personen aus und verbindet so
-mit der Erörterung zeitgemässer Fragen eine treffende Psychologie, die
-ihm in erster Linie seinen Wert verleiht.«
-
- »Der Roman eines Dienstmädchens«
-
- ist das neueste zweibändige grandiose Werk der bekannten
- polnischen Schriftstellerin
-
- Gabriela Gräfin Zapolska
-
- Käthe die Karyatide
-
- 2 Bände brosch. je M. 2,50, geb. je M. 3,50
-
-»Die Karyatide, die in stummer Ergebenheit die Last des Hauses
-und ihres eigenen Unglücks trägt, ist das Dienstmädchen. Zu einem
-Symbol wächst ihre Gestalt. Wie eine Karyatide erscheint sie, auf
-deren Schultern die niederdrückende Last elender niederer Arbeit
-ruht. Ein solches typisches Lebensschicksal schildert die polnische
-Dichterin Gräfin Zapolska mit einem unerbittlichen, oft ans Brutale
-streifenden Wirklichkeitssinn. Es ist das Werk einer Persönlichkeit,
-das mit bedeutender Aufmerksamkeit gelesen zu werden verdient.«
-
-Ein reizvolles Pendant zu #Gräfin Zapolskas# Dienstmädchenroman bildet
-der
-
- »Roman einer Ladenmamsell«,
-
- wie er uns vorliegt, in
-
- Jenny Schwabes Roman
-
- Im feindlichen Leben
-
- Preis brosch. M. 3,--, geb. M. 4,--
-
-Aus Urteilen der Presse: »Das ist der Roman der Ladenmamsell mit all
-den mannigfachen Anfechtungen und Sorgen, denen diese jungen Mädchen
-in ihrer dienenden Stellung ausgesetzt sind. Das ist der Roman eines
-gut erzogenen, tüchtigen Mädchens, dem seine Armut überall Zwang anlegt
-und das gezwungen ist, seine jungen Kräfte in seelentötender Arbeit
-zu verbrauchen, dem es aber doch gelingt, sich wacker durchzukämpfen
-und einen beglückenden Wirkungskreis in Leben und Ehe zu finden. Die
-Lektüre ist sehr unterhaltsam, und das versöhnliche Ende entlässt den
-Leser mit der Hoffnung, dass auch diese Gebiete der Frauenbewegung noch
-ihre Zukunft haben«.
-
- Gebt uns die Wahrheit!
-
- Ein Beitrag zu unserer Erziehung zur Ehe
-
- Von
-
- Else Jerusalem-Kotányi
-
- 2. Auflage Preis M. 2.--
-
-»#Gebt uns die Wahrheit#« #ist eine moderne ars amandi im edelsten
-Sinne des Wortes, noch mehr#, es ist das beste Buch, das je eine Frau
-geschrieben hat.«
-
- Viktor A. Reko in den »Internationalen Litteraturberichten.«
-
-An Stelle der übrigen zahlreichen Kritiken, die »Gebt uns die Wahrheit«
-durchaus günstig besprachen, sei hier der Verfasserin Selbstanzeige aus
-der »Zukunft« wiedergegeben:
-
-»In der Arbeit, die ich nun dem Leser vorlege, habe ich jenes
-gefährliche Wagestück unternommen, vor dem selbst einem alten
-Teufelskumpan wie dem Doktor Faust heimlich graute: Ich bin zu
-den Müttern hinabgestiegen. Die Mädchenerziehung ist von jeher
-eine heiss umstrittene Frage gewesen. Alle Damen, alle Herren
-haben darüber höchst löblich und leidenschaftslos gesprochen, und
-nur uns selbst, den Hauptpersonen in dieser beliebten Farce, wurde
-jede selbständige Willensregung einfach abgeschnitten. Wir blieben
-stumme Trägerinnen unserer naiv-sentimentalen Rollen, die uns im
-letzten Akt die notwendige Lustspiellösung bringen mussten. Das
-ist im Grunde einfache Logik der Thatsachen. Ein nach den Regeln
-der Gesellschaft gedrilltes weibliches Wesen vergisst nur zu rasch,
-über sich und seinen Entwickelungsgang nachzudenken. Als junge
-Dame hat sie weit wichtigere Funktionen zu erfüllen, als ihr Innenleben
-einer Betrachtung oder gar einer Kritik zu unterziehen. Auf
-Grund, wie ich kühn behaupten darf, ehrlicher psychologischer
-Forschung versuchte ich, in meinem Buch eine Darstellung jener
-gefährlichen Mischung der äusseren Welterziehung und der geheimen
-Selbstenthaltung zu geben, die später so schädigend auf die
-Entwickelung unserer physischen und psychischen Kräfte zurückwirkt.
-Keine frivole Absicht, nicht die Sucht, mit der Verneinung des
-Althergebrachten modern zu wirken, hat mich dazu bestimmt. Doch das
-Aussprechen gewisser Thatsachen wirkt in unserer, an keuschen ... Ohren
-so reichen Gesellschaft immer weit verletzender als deren Ausübung.
-Ist einer von uns ein unangenehmes Abenteuer passiert, so breitet
-die Welt unter salbungsvollen Reden den fadenscheinigen Mantel ihrer
-Nächstenliebe darüber. Denn das kann jeder Mutter Kind geschehen. Aber
-spricht eine von uns darüber, schreibt sie durchlebte, durchlittene
-Gedankentragödien, die das Leben in tausend und abertausend Fällen
-zur Wirklichkeit macht, gar nieder, dann giebt es Skandal -- und die
-Steine fliegen. Denn da ist man wohl sicher: Das braucht wirklich
-nicht jeder zuzukommen. Möge denn das Büchlein seinem Schicksal
-entgegengehen; vielleicht wird mein eigenes Geschlecht zuerst wider
-mich aufstehen; auch jene ganz Reinen, für die es in lichterfüllten
-Stunden niedergeschrieben wurde.«
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription:
-
-Der Text wurde originalgetreu beibehalten, außer folgenden Änderungen:
-
- S. 61 "zn" wurde durch "zu" ersetzt.
- S. 100 Das Gedicht wurde eingerückt.
- S. 128 Das Gedicht wurde eingerückt (im Original ohne Einrückung).
- S. 176 "Strafe" wurde durch "Straße" ersetzt ("...nackt auf die
- Straße geworfen").
- S. 184 hinter "Dirnen" wurde ein Punkt eingefügt.
- S. 203 vor "umsonst einkauffen" wurde ein Anführungszeichen
- eingefügt.
- S. 203 "Liebhhaber" wurde zu "Liebhaber" geändert.
- S. 266 "nnd Salome" wurde geändert zu "und Salome".
- S. 275 "Brandt" wurde zu "Brant" geändert ("...wie Brant im
- Narrenschiff sagt").
- S. 309 "panis porciuso" wurde in Kursivschrift gesetzt.
- S. 321 "Armel" wurde durch "Ärmel" ersetzt.
- S. 324 In Fußnote 6 (Kapitel "Kleidung") wurde ein Komma
- in "Schultz, Deutsches Leben" eingefügt.
- S. 334 hinter "Perlen?" wurde eine schließende Klammer eingefügt.
-
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Das Geschlechtsleben in der Deutschen
-Vergangenheit, by Max Bauer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GESCHLECHTSLEBEN IN DER ***
-
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Das Geschlechtsleben in der deutschen Vergangenheit, by Max Bauer</title>
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Das Geschlechtsleben in der Deutschen
-Vergangenheit, by Max Bauer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Das Geschlechtsleben in der Deutschen Vergangenheit
-
-Author: Max Bauer
-
-Release Date: October 18, 2015 [EBook #50248]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GESCHLECHTSLEBEN IN DER ***
-
-
-
-
-Produced by poor poet and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<h1><a class="pagenum" id="page_i" title="i"> </a>DAS
-GESCHLECHTSLEBEN<br />
-<span class="fontxsmall">IN DER</span><br />
-DEUTSCHEN<br />
-VERGANGENHEIT</h1>
-<p class="center front fontsmall">VON</p>
-
-<p class="front fontxlarge">MAX BAUER</p>
-
-
-<p class="center front fontsmall">LEIPZIG 1902<br />
-HERMANN SEEMANN NACHFOLGER</p>
-
-
-<p class="center front fontsmall">Alle Rechte vom Verleger vorbehalten!
-<a class="pagenum" id="page_ii" title="ii"> </a></p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">Zum Geleit.
-<a class="pagenum" id="page_iii" title="iii"> </a></h2>
-</div>
-
-<p>
-Einen kurzen, nur die behandelten Themen
-erschöpfenden Abriss des Geschlechtslebens
-der deutschen Vorzeit zu geben, ist der
-Zweck der vorliegenden Arbeit, die kein
-Lehrbuch, sondern hauptsächlich eine auf
-wissenschaftlicher Grundlage fussende Abhandlung
-über eine Materie sein will, der
-alle für jung und alt geschriebenen Kulturgeschichten
-ängstlich aus dem Wege gehen.</p>
-
-<p>Für den ernsten Laien ist mein Werkchen
-bestimmt, für den gebildeten Mann
-und die reife, denkende Frau, denen es »ein
-herrliches Ergötzen, sich in den Geist der
-Zeiten zu versetzen«, auch dann, wenn dieser
-Geist düstere Bilder zeitigt, auf die unsere
-vielgeschmähte Gegenwart mit Schaudern
-zurückblickt.</p>
-
-<p>Manch kerniges Wort ist in den nachfolgenden
-Blättern gesprochen, doch nur,
-wenn es der Stoff erforderte. Gar mancher
-wird sich darob entsetzen und entrüsten,
-aber: »Niemand lügt so viel, als der Entrüstete,«
-sagt Friedrich Nietzsche &ndash; und
-ich glaube, er hat recht!</p>
-
-<p>
-<em>Friedenau</em>, September 1902.</p>
-
-<p><big>Max Bauer.</big></p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">INHALT.
-<a class="pagenum" id="page_iv" title="iv"> </a></h2>
-</div>
-
-<table summary="contents" cellpadding="4" class="marginbottom8">
-<tr>
- <td colspan="2" align="right"><small>Seite</small></td>
-</tr>
-<tr>
- <td align="left"><span class="smcaps">Das frühe Mittelalter</span></td>
- <td align="right"><a href="#page_001">1</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td align="left"><span class="smcaps">Das Leben auf dem Dorfe</span></td>
- <td align="right"><a href="#page_051">51</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td align="left"><span class="smcaps">Die Klöster</span></td>
- <td align="right"><a href="#page_074">74</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td align="left"><span class="smcaps">Beilager und Ehe</span></td>
- <td align="right"><a href="#page_089">89</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td align="left"><span class="smcaps">Die feile Liebe</span></td>
- <td align="right"><a href="#page_133">133</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td align="left"><span class="smcaps">Das Badewesen</span></td>
- <td align="right"><a href="#page_215">215</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td align="left"><span class="smcaps">Tanz und Spiel</span></td>
- <td align="right"><a href="#page_265">265</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td align="left"><span class="smcaps">Das Schönheitsideal</span></td>
- <td align="right"><a href="#page_304">304</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td align="left"><span class="smcaps">Die Kleidung</span></td>
- <td align="right"><a href="#page_318">318</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td align="left"><span class="smcaps">Liebeszauber und Zauberliebe</span></td>
- <td align="right"><a href="#page_339">339</a></td>
-</tr>
-</table>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">Das frühe Mittelalter.
-<a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a></h2>
-</div>
-
-<p>
-An einer dem Urwalde abgerungenen
-Stelle, die ein Bächlein durchrieselt, dessen
-Ufer Blumen schmücken und Weiden beschirmen,
-liegt das Gehöft des Germanen.
-Wiesen mit vereinzelten Bäumen und Felder
-von bescheidener Ausdehnung, bestellt mit
-der Brotfrucht oder Gerste, um den Trank
-des Hausherrn daraus zu brauen, oder dem
-gelbblühenden Hanf, aus dessen Fäden die
-Hausfrau manch Gewand zu wirken weiss,
-umschliessen die Baulichkeiten bis an die
-Grenze des Waldes hin, dessen breitästige
-Riesen ihre Schatten auf die wogenden
-Halme werfen. Waldesnähe war Notwendigkeit
-für den Urdeutschen, denn der gewaltige
-Wald war geradezu Lebensbedingung
-für ihn. Aus seinen Stämmen zimmerte er
-das kunstlose, schirmende Dach; seine harzreichen
-Äste und das Reisig gaben der
-<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a>
-fensterlosen Halle Licht und Wärme im
-rauhen Herbste; die aus Waldesstämmen
-geschnittenen Pallisaden und der aus biegsamen
-Zweigen geflochtene Zaun hielten
-das Raubzeug von dem Einbruch in des
-Herrn Herden ab, wenn Schnee und Eis
-die Erde deckte und der Hunger die Tiere
-den menschlichen Behausungen zutrieb. Die
-aus seinen Scheiten genährten Essen verflüssigten
-das Erz, aus dem der Germane
-die Schutz- und Trutzwaffen schmiedete, wie
-die Werkzeuge für das Feld: Sichel und
-Sense. Im Waldesdickicht barg sich das
-Wild: Hirsch, Reh, Elen, Ur, das Schwarzwild,
-Meister Petz und anderes Getier, dessen
-Jagd des Mannes Herzensfreude war, und
-das ihn und die Seinen mit Fleisch und
-wärmendem Rauchwerk zur Kleidung versorgte.
-Aus Waldesdüster stieg vom Opfersteine
-der Rauch gen Walhalla auf; an entlegenen,
-schwer zugänglichen Stellen hauste
-einsam die Seherin, »die weit und breit für
-ein göttliches Wesen galt«<a name="FNanchor_001" id="FNanchor_001"
-href="#Footnote_001" class="fnanchor">[1]</a>, durch dessen
-Mund die Götter in seltsam gefügter Rede
-sprachen, ihren Willen kundgaben, lobten
-oder tadelten, verhiessen oder verdammten,
-<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-die Prophetin, verehrter als der Oberpriester,
-als der erkorene Herr und Führer in Frieden
-und Kampf, sie <em>das heilige Weib</em>!</p>
-
-<p>Denn »der Germane schreibt dem Weibe
-eine gewisse Heiligkeit und prophetische
-Gabe zu«<a name="FNanchor_002" id="FNanchor_002"
-href="#Footnote_002" class="fnanchor">[2]</a>. Darum war ihm auch heilig
-die Frau, die er an seinen Herd genommen,
-heilig das Weib des Nachbarn und unantastbar,
-wie die eigenen Töchter. Nur den
-Feind traf er tödlich damit, dass er nach erfochtenem
-Sieg dessen Weiber seinen Lüsten
-opferte. »Die frouwen sie nôtzogeten, Und
-die megde wol getan« heisst es noch Jahrhunderte
-später von den Weibern einer erstürmten
-Stadt. Aber auch das Gegenteil
-lässt sich bezeugen. Als König Rudolf 925
-die Stadt Auga (Eu) erstürmte, in die sich
-die Normannen unter Rallo geworfen hatten,
-wurden alle Männer niedergemacht, die
-Frauen aber unberührt gelassen. Gleiche
-Schonung hatte früher Totila den Neapolitanerinnen
-und Römerinnen bewiesen, und
-als ein vornehmer Gote sich eine Ungebührlichkeit
-gegen ein neapolitanisches Mädchen
-erlaubt hatte, liess er ihn trotz allgemeiner
-Verwendung hinrichten und sein
-<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-Vermögen jenem Mädchen geben.<a name="FNanchor_003" id="FNanchor_003"
-href="#Footnote_003" class="fnanchor">[3]</a> Also
-auch im Kriege bewahrten deutsche Stämme
-die Achtung vor den Frauen.</p>
-
-<p>Dem Germanen, dem rauhen Sohne eines
-unwirtlichen Landes, galt eben sein Weib als
-die Gefährtin seines Lebens, eins mit ihm
-in Freud und Leid, die für ihn schaffte, für
-ihn sorgte, ihn pflegte, wenn er siech darniederlag,
-seine Wunden verband und sie
-mit geheimnisvollen Sprüchen zu heilen
-suchte; die er dafür mit seinem Leibe
-schützte, für die er starb, wenn es das Geschick
-erforderte, gleichwie sie selbst den
-Tod der Ehrlosigkeit vorzog. Ihre Gemeinschaft
-war ernst und unverbrüchlich, kein
-loses Spiel, wie bei vielen kulturell höher
-stehenden Völkern jener Epoche, die in der
-Frau nur den Gegenstand zur Befriedigung
-der Lüste, oder die tief unter dem Manne
-stehende Sklavin, im günstigsten Falle das
-zur Fortpflanzung nötige Werkzeug sahen.
-Nimmt es da wunder, wenn <em>Cornelius
-Tacitus</em>, der erste, dem wir sichere Kunde
-von germanischen Sitten und Gebräuchen
-verdanken, der elegante Römer, das leichtlebige
-<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-Kind der Weltkloake Roma mit ihren
-marklosen Männern, ihren entarteten Weibern,
-bei denen der Ehebruch zum guten
-Ton gehörte, deren abgestumpfte Nerven
-nur die raffinierteste Wollust reizte, in Germanien
-und der unverfälschten Natürlichkeit
-seiner Eingeborenen eine neue Welt, ein
-Utopien zu sehen glaubte, das er seinen
-Landsleuten nicht genug preisen konnte.
-»So lebt denn das Weib dahin, unter der
-Obhut reiner Sitten, nicht verderbt vom
-Sinnenreiz lüsterner Theaterstücke, noch
-durch wollustreizende Gelage. Geheimen
-Verkehr durch (Liebes-) Briefe kennt weder
-Mann noch Frau. Ehebruch ist unter diesem
-doch so zahlreichen Volke äusserst selten.
-Seine Bestrafung ist schnell, und dem Ehemanne
-überlassen. Mit abgeschnittenem
-Haar, nackt, und in Gegenwart der Verwandten,
-stösst der Gatte die Schuldige
-zum Hause hinaus und peitscht sie durch
-das ganze Dorf. Auch die preisgegebene
-Jungfräulichkeit findet keine Verzeihung.
-Nicht Schönheit, noch Jugend, noch Reichtum
-gewinnt ihr einen Mann. Denn dort
-freilich lacht niemand des Lasters; verführen
-und verführt werden nennt man
-nicht Zeitgeist. Besser, wenigstens bis jetzt
-<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-noch, steht es mit einem Lande, wo nur
-Jungfrauen in die Ehe treten und wo es
-mit der Hoffnung und dem Gelübde der
-Gattin ein für allemal abgethan ist. So erhalten
-sie nur den einen Gatten, gleichwie
-sie Leib und Leben nur einmal empfingen,
-damit in Zukunft kein Gedanke über ihn
-hinaus, kein weiteres Gelübde sich rege, damit
-Liebe nicht sowohl zum Ehemanne, als
-zum Ehebunde sie beseele.«<a name="FNanchor_004" id="FNanchor_004"
-href="#Footnote_004" class="fnanchor">[4]</a></p>
-
-<p>Nur das reine Weib hatte Geltung bei
-den Germanen. Der auf uralten Rechtsgrundsätzen
-sich aufbauende Sachsenspiegel,
-das sächsische Landrecht, niedergeschrieben
-im 13. Jahrhundert, vertritt die Anschauung,
-dass ein einmal gefallenes Weib, selbst
-wenn sie wider ihren Willen ihre Ehre verloren,
-nie wieder die Rechte eines reinen
-Mädchens erlangen könne.<a name="FNanchor_005" id="FNanchor_005"
-href="#Footnote_005" class="fnanchor">[5]</a> Da den germanischen
-Jünglingen strenge Gesetze die
-Keuschheit bis zur vollendeten Männlichkeit
-zur Pflicht machten &ndash; der Umgang
-<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-mit Weibern galt für den jungen Mann vor
-Vollendung des 20. Lebensjahres für eine
-Schmach<a name="FNanchor_006" id="FNanchor_006"
-href="#Footnote_006" class="fnanchor">[6]</a> &ndash; ebenso wie den Mädchen, so
-war der Unmoral nur ein enger Spielraum
-gegeben. Sexuelle Ausschreitungen kamen
-wohl vor, doch dürften sie immerhin als
-Ausnahmen zu betrachten sein.</p>
-
-<p>Mit der Errichtung von befestigten Dörfern,
-den Vorläufern der deutschen Städte, dem
-engeren Aneinanderrücken ursprünglich weit
-voneinander abgelegener Anwesen und dem
-Eindringen fremder oder aus der Fremde
-wieder heimgekehrter Elemente, vollzog sich
-allmählich eine Sittenwandlung zum schlechteren,
-die aber vorderhand noch nicht bis
-zum häuslichen Herde vordrang. Die Hausfrau
-und die Töchter des Deutschen blieben
-ebenso keusch und züchtig wie vordem.</p>
-
-<p>War es erst die römische Invasion und
-die Rückkehr deutscher Krieger aus römischen
-Kriegsdiensten, die manche Unsitte
-auf deutschen Boden verpflanzten, manche
-leichtere Sittenanschauung nach Germanien
-eingeführt hatten, die wie stets bei allen
-Naturvölkern nur zu leicht Wurzeln fasste
-und üppig weiterwucherte, so ging auch
-<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-später die Völkerwanderung und die mit
-ihr einbrechenden wilden Horden nicht spurlos
-an den Vorfahren vorüber. Auch das
-Christentum räumte mit vielem Althergebrachten
-für immer auf oder entstellte es,
-wo es galt, die Gefühle der Bekehrten zu
-schonen, nach und nach bis zur Unkenntlichkeit.</p>
-
-<p>Eine neue, von der alten grundverschiedene
-Zeit war für Germania angebrochen.
-Das Volk, das ein Tacitus als Muster hingestellt,
-das das römische Weltreich zertrümmert
-hatte, war aus dem Naturzustand
-in die Kultur eingetreten. Der rauhe Naturmensch,
-dem bislang Krieg und Jagd als
-Um und Auf des Lebens galten, der jede
-Arbeit, die nicht mit diesen seinen Herzensneigungen
-zusammenhing, verachtete und
-sie den Frauen und den Sklaven überliess,
-war zum Edeling oder zum Bauerbürger
-geworden, der nun nicht mehr ganz so
-schalten und walten durfte, wie damals, wo
-er als unbeschränkter Gebieter auf seinem
-Grund und Boden hauste. Er musste jetzt
-selbst die Hände rühren und die Oberaufsicht
-über sein Eigentum übernehmen. Das
-mit elementarer Macht sich verbreitende
-Christentum erschloss eine neue Gedankenwelt
-<a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-und milderte vieles von der Rauheit
-des früheren Sohnes der Wildnis. Die allerorts
-entstehenden Klöster wurden zu den
-ersten und einzigen Bildungsstätten, aus
-deren festen, bewehrten Mauern so manche
-Kunde drang von der Kunst, seine Gedanken
-aufzeichnen zu können und sie auf
-diese Weise selbst dem Fernen mitzuteilen;
-dann von Glaubenshelden, die ihre Treue
-gegen den Heiland mit dem Leben bezahlt,
-die für das Christentum den Märtyrertod erlitten;
-vom Heiland selbst, seinem Leben,
-Leiden und Sterben, und von seiner Mutter,
-der herrlichsten, edelsten und erhabensten
-aller Frauen, der gebenedeiten Jungfrau
-Maria. In ihr erstand für den Deutschen
-neuerdings das göttliche Weib der Germanen,
-darum sammelte sich auch in dem
-Marienkultus die ganze Verehrung, die der
-Deutsche einem Weibe zu zollen vermag, in
-einem Brennpunkte zusammen, der aber im
-Gange der Jahrhunderte verblasste, um später
-noch einmal, aber weniger intensiv und mit
-einer Beimischung von Groteskkomik, als
-Minne und Minnedienst aufzuleuchten, ehe
-er für immer erlöschte.</p>
-
-<p>Noch war das deutsche Staatengefüge
-lose aus einer Unzahl deutscher Stämme
-<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-zusammengesetzt, die, in nie ruhender Eifersucht
-einander befehdend, kaum ein Gefühl
-der Zusammengehörigkeit kannten.</p>
-
-<p>Erst dem Heros <em>Karl dem Grossen</em>,
-seiner eisernen Faust, seinem mächtigen,
-zielbewussten Willen, der mit unbeugsamer
-Energie das für richtig Erkannte durchzusetzen
-wusste, gelang es, das Völkerkonglomerat
-auf deutscher Erde zusammenzuschweissen
-und zu einer Einheit, dem römisch-deutschen
-Reiche, zu gestalten. Karls staatsmännisches
-und kulturelles Wirken zu würdigen
-ist nicht meine Aufgabe. Hier soll
-nur der Einfluss erörtert werden, den Karls
-Regierung auf das Geschlechtsleben seiner
-Zeit ausübte. Kaiser Karls Leben war in
-dieser Hinsicht nicht einwandsfrei. Wenn
-er auch am 29. Dezember 1165 heilig gesprochen
-und diese Kanonisation von der
-Kirche stillschweigend bestätigt wurde, so
-war Karl durchaus kein Heiliger. Er war
-fünfmal verheiratet. Seine erste Frau, die
-Fränkin Himiltrud, verstiess er, ebenso die
-zweite, eine Tochter des Longobardenkönigs
-Desiderius, nach der Angabe eines Mönches
-von St. Gallen deshalb, weil sie unfruchtbar
-gewesen. Hildegard, die dritte Gattin, ein
-Fräulein aus hohem schwäbischen Adel,
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-zählte erst 13 Jahre, als er sie heimführte.
-Sie starb 783 im 26. Lebensjahre,
-nachdem sie ihm neun Kinder, darunter
-Hludoic, seinen Thronerben, geboren
-hatte. Wenige Monate nach Hildegards
-Tode heiratete Karl die Ostfrankin Fastrada,
-nach deren Hinscheiden er die Alemannin
-Luitgard zur Gemahlin nahm, mit der er
-schon vor der Verheiratung Beziehungen
-unterhalten hatte. Sie war seine letzte rechtmässig
-angetraute Gattin, und als sie um
-das Jahr 800 in Tours starb, wirtschaftete
-der Kaiser bis zu seinem Ableben mit Kebsweibern,
-von denen vier namhaft gemacht
-werden: Madelgard, Gersuinda, Regina und
-Adallinde.<a name="FNanchor_007" id="FNanchor_007"
-href="#Footnote_007" class="fnanchor">[7]</a></p>
-
-<p>Karls sinnliche Natur vererbte sich auf
-seine Töchter, von denen Einhard schreibt:
-»Obwohl diese Töchter sehr schön waren
-und von ihm überaus geliebt wurden, wollte
-er wunderbarerweise keine von ihnen einem
-der Seinen oder einem Fremden zur Ehe
-geben; er behielt sie vielmehr alle bis an
-sein Ende in seinem Hause und sagte,
-er könne den näheren Umgang mit ihnen
-<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-nicht entbehren. Aber deswegen musste er,
-sonst so glücklich, die Abgunst des Schicksals
-erfahren, was er sich jedoch so wenig
-merken liess, als ob in Bezug auf seine
-Töchter niemals irgend ein Verdacht der
-Unkeuschheit sich erhoben, niemals das Gerücht
-hiervon sich verbreitet hätte.«<a name="FNanchor_008" id="FNanchor_008"
-href="#Footnote_008" class="fnanchor">[8]</a> Dieses
-Gerücht bestand in der That und stützte
-sich auf Thatsachen. Alkuin, des Kaisers
-Ratgeber und Freund, warnte seine Schüler
-vor den »gekrönten Tauben, die nächtlich
-durch die Pfalz fliegen.« Die Folgen
-der Lasterhaftigkeit liessen nicht auf sich
-warten.</p>
-
-<p>Bertha, aus des Kaisers Ehe mit Hildegard,
-hatte vom gelehrten Dichter Angilbert
-zwei Söhne. Diese Bertha ist die Urheberin
-der reizenden Sage von dem treuen Liebespaare
-Eginhard (Einhard) und Emma (Imma),
-nach welcher Emma ihren Geliebten, während
-dessen nächtlichem Besuche Schnee
-im Schlosshofe gefallen war, der durch die
-in ihm hinterlassenen Fusstapfen des Geliebten
-Fortgehen hätte verraten müssen,
-auf ihrem Rücken zu seiner Wohnung trug.
-Der Kaiser, den Schmerzen auf seinem Lager
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-wachhielten, sah dies, und gerührt von so
-viel Liebe, gab er dem Paare seinen Segen.
-»Offenbar hat die geschäftig webende Sage
-hier einen anderen Günstling und vertrauten
-Rat Karls, den gelehrten Angilbert,
-mit Einhard verwechselt. Letzterer hatte
-allerdings eine vornehme Jungfrau von trefflichem
-Charakter und hervorragender Bildung,
-Namens Imma, zum Weibe, mit der
-er bis zum Jahre 836 in glücklichster Ehe
-lebte, doch war er sicher nicht Karls
-Schwiegersohn, da der Kaiser eine Tochter
-Imma unseres Wissens nicht hatte.«</p>
-
-<p>Berthas Schwester Hruotrud, in Hofkreisen
-Columba genannt, hatte mit dem
-Grafen Rorich von Maine einen Sohn, und
-die anderen Töchter Karls waren ebenso
-leichtfertig, wie die erwähnten. Das grössere
-Leben Ludwigs des Frommen, Karls Nachfolger,
-erzählt, das Treiben, das seine
-Schwestern im väterlichen Hause führten,
-habe Ludwigs Sinn, obgleich er von Natur
-milde war, schon lange geärgert. Bald nach
-seiner Thronbesteigung habe er daher den
-ganzen, sehr grossen weiblichen Tross mit
-Ausnahme der geringen Dienerinnen aus
-dem Palaste schaffen lassen, und seine
-Schwestern veranlasst, sich auf die ihnen
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-vom Vater bestimmten oder von ihm selbst
-verliehenen Klöster zurückzuziehen.<a name="FNanchor_009" id="FNanchor_009"
-href="#Footnote_009" class="fnanchor">[9]</a></p>
-
-<p>So gerne Karl in der eigenen Familie
-beide Augen zudrückte und geflissentlich
-übersah, was allgemein offenkundig war,
-so unnachsichtlich zeigte er sich gegen
-die öffentliche Unsittlichkeit. Aus Paris
-z. B. suchte er alle öffentlichen Mädchen zu
-vertreiben. Die Dirnen sollten, falls man
-sie bei der Ausübung ihres Gewerbes ertappte,
-gestäupt werden. Wer ihnen Vorschub
-geleistet oder ihnen Obdach gegeben,
-sollte sie auf dem Rücken zum Richtplatze
-tragen. Der Erfolg dieses Erlasses war
-ganz belanglos, denn die »verliebten Weiber«
-&ndash; filles folles de leurs corps &ndash; trieben ihr
-lichtscheues Handwerk offen und im geheimen
-nach wie vor und vermehrten sich
-wie die Wasserpest.</p>
-
-<p>Gegen die auch in Deutschland immer
-mehr um sich greifende Sittenlockerung
-konnte oder wollte Karl nicht einschreiten,
-vielleicht schon deshalb nicht, weil sie in
-erster Linie bei dem an Gut und Macht
-vielvermögenden Adel zuerst und am auffallendsten
-zum Vorschein kam. Zu jedem
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-der festen Häuser, aus denen sich die Burgen
-entwickelten, gehörten die Genitia, ursprünglich
-Werkstätten, in denen hörige und freie
-Dienerinnen unter Aufsicht der weiblichen
-Herrschaft die Stoffe für die Kleidung herzustellen,
-zu sticken, weben, waschen, kochen,
-kurz alle weibliche Hand- und Hausarbeit
-vorzunehmen hatten. Diese Genitia oder
-Frauenhäuser waren von dem Hauptgebäude,
-der Herrenwohnung, streng geschieden und
-mit Zäunen, Wall, Graben und Wachttürmen
-gegen fremde Eindringlinge wohl verwahrt.
-In diesen Frauenhäusern befanden sich auch
-die Schlafräume nicht allein der Mägde
-sondern auch der weiblichen Familienmitglieder,
-ein Grund mehr, sie zu sichern, besonders
-das vordere Abteil der Genitia, in
-dem die Angehörigen des Hausherrn nächtigten,
-während das Hinterhaus die Dienerschaft
-beherbergte. Nach dem alten alemannischen
-Rechte wurde die Notzucht an
-einer Insassin des Vorderhauses mit sechs
-Schillingen, an einer des Hintergebäudes
-mit nur drei Schillingen geahndet. Jedes
-der Häuser der Grossen und jeder Meierhof
-besass solch Frauenhaus oder <em>Bordell</em>,
-nach dem angelsächsischen Bord, Schwelle,
-benannt. Die anrüchige Nebenbedeutung
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-kam erst viel später in Gebrauch. Diese
-Frauenhäuser galten bald mit Fug und
-Recht für die Harems ihrer Besitzer,<a name="FNanchor_010" id="FNanchor_010"
-href="#Footnote_010" class="fnanchor">[10]</a> da
-damals, bis tief in das Mittelalter hinein, die
-Frauen und Töchter der Unfreien im vollsten
-Sinne des Wortes die Leibeigenen ihrer
-Herren waren. Die Allgewaltigen besassen
-das Recht auf Leben und Tod über ihre
-Hörigen, die nur als Wertobjekte galten,
-über dessen Vermietung, Verkauf oder Verpfändung
-der Besitzer nach Gutdünken zu
-verfügen vermochte. Da der Wille des
-Herrn unverbrüchlichen Gehorsam bedingte,
-so wehrte keine Schranke seinen sinnlichen
-Gelüsten; er durfte verlangen und war der
-Gewährung sicher.</p>
-
-<p>Zu den Herrenrechten des Feudalen gehörte
-auch die Erteilung der Eheerlaubnis
-für seine Unfreien. Er durfte jeden Mann,
-sobald er das 18., und jedes Mädchen, das
-das 14. Lebensjahr erreicht hatte, zur Ehe
-zwingen, ebenso verwitweten Gutsleuten
-eine neue Ehe mit der ihnen zugeteilten
-Braut aufnötigen. Lag es doch in seinem
-Interesse, recht viele Ehepaare unter seinen
-Hörigen zu haben, da sich mit ihrer Kinderzahl
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-auch sein Besitztum an Seelen vergrösserte,
-was einem Vermögenszuwachs
-gleichkam. Bisweilen hielt er es jedoch für
-angebracht, seine Einwilligung zu versagen
-oder diese von dem <i>Jus primae noctis</i>,
-nämlich dem Rechte abhängig zu machen,
-in der ersten Nacht den Gatten bei der Neuvermählten
-vertreten zu dürfen, wenn er
-nicht ein für allemal dieses Recht auszuüben
-für gut fand. Wie weit diese schmachvolle
-Gepflogenheit in die graue Vorzeit
-zurückreicht, ist meines Wissens nicht festgestellt.
-Doch ist ihr hohes Alter als
-wahrscheinlich anzunehmen, da bei der
-mittelalterlichen absoluten und rechenschaftsfreien
-Machtvollkommenheit die Herren nur
-zu leicht auf derartige Übergriffe verfallen
-mussten. Man empfand vielleicht beiderseits
-nicht die Erniedrigung, die in der Ausübung
-und Duldung dieses schmachvollsten
-aller Rechte bestand. Im späteren Mittelalter
-bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts ist
-das Bestehen des <i>Jus primae noctis</i> dokumentarisch
-festgestellt, trotz aller Ableugnungsversuche,
-die z. B. Karl Schmidt in
-seinem Werke »<i>Jus primae noctis</i>« (Freiburg
-i. B. 1881) mit recht negativem Ergebnisse
-zu unternehmen suchte. Aus der
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-deutschen Schweiz sind zwei Gesetze vom
-Jahre 1538 und 1543 überliefert, die haarscharf
-diese Unmenschlichkeit beweisen.
-Diesen Dokumenten einen anderen als den
-unzweideutig in ihnen ausgesprochenen
-Sinn zu unterschieben, wie dies Karl Schmidt
-unternimmt, liegt keine Veranlassung vor,
-ebensowenig wie ich Weinholds Ansicht beipflichten
-kann, der mit Osenbrüggen und
-Gierke jene Bestimmung nur als Ausdruck
-»einer symbolischen Anerkennung der Leibherrschaft
-durch die scherzhafte Voranstellung
-und Ausmalung der äussersten
-Rechtskonsequenzen« aufgefasst wissen will.<a name="FNanchor_011" id="FNanchor_011"
-href="#Footnote_011" class="fnanchor">[11]</a>
-Man droht mit »der äussersten Rechtskonsequenz«
-nicht, wenn man sie nicht, sei es
-auch nur in aussergewöhnlichen Fällen, zur
-Ausführung bringen will.</p>
-
-<p>Das eine der erwähnten Schriftstücke,
-die »Oefnung von Hirslanden und Stadelhofen«
-im Kanton Zürich vom Jahre 1538,
-lautet: »Ouch hand die burger die rechtung,
-wer der ist, der uf den gütern, die
-in den Kelnhof gehörend, <i>die erste nacht
-bi sinem wibe ligen wil, die er nüwlich
-zu der ee genommen hat, der sol den
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-obgenanten burger vogt dieselben ersten
-nacht bi demselben sinen wibe lassen
-ligen</i>; wil er aber das nüt thun, so soll
-er dem vogt geben 4 und 3 fl Züricher
-pfenning, weders er wil: die wal hat der
-brugom (Bräutigam), und sol man ouch
-demselben brugome ze stür (zur Steuer,
-Beihilfe) an dem brutlouf geben ein fuder
-holtz usz dem Zürichberg, ob er wil an
-demselben holtz hat.« Der Tenor des
-zweiten Gesetzes entspricht dem eben gegebenen
-ziemlich genau. Doch nicht die
-weltlichen Herren allein beschmutzten sich
-mit der Ausübung des <i>Jus primae noctis</i>,
-auch die hohe, grundbesitzende Geistlichkeit
-machte sich dieses Recht zu nutze &ndash;
-brachte es doch etwas ein. Nach dem
-Lagerbuche des schwäbischen Klosters Adelberg
-vom Jahre 1496 mussten die zu Bortlingen
-sesshaften Leibeigenen dies Recht
-dadurch ablösen, dass der Bräutigam eine
-Scheibe Holz, die Braut ein Pfund sieben
-Schillinge Heller oder eine Pfanne, »dass
-sie mit dem Hinteren darein sitzen kann
-oder mag« darbringen musste. Anderwärts
-hatten die Bräute dem Grundherrn so viel
-Käse oder Butter zu entrichten, »als dick
-und schwer ihr Hinterteil war«. An anderen
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-Orten wieder mussten sie einen zierlichen
-Korduansessel geben, »den sie damit
-ausfüllen konnten«.<a name="FNanchor_012" id="FNanchor_012"
-href="#Footnote_012" class="fnanchor">[12]</a> Nach den Schilderungen
-des bayerischen Oberappellationsgerichtsrats
-Welsch bestand übrigens die
-Verpflichtung der Lösung vom <i>Jus primae
-noctis</i> in Bayern noch im 18. Jahrhundert.<a name="FNanchor_013" id="FNanchor_013"
-href="#Footnote_013" class="fnanchor">[13]</a></p>
-
-<p>Im Grunde genommen barg sich unter
-dem <i>Jus primae noctis</i> nichts weiter, als eine
-Erpressung mehr, da es doch dem Bräutigam
-freistand, sich mit Geld oder Geldeswert
-zu lösen. Wenn nun der arme Bauer
-dieses Geld nicht aufzubringen vermochte,
-denn eine Hochzeit kostete ohnehin auch
-damals schon viel Geld? Der Bräutigam
-hatte vor allem die Eheerlaubnis teuer
-durch den Erlag eines Zinses oder Übergabe
-eines Hemdes oder Felles zu erkaufen.
-Dem Zins wusste der Galgenhumor der
-Zahler recht bezeichnende Namen zu geben.
-Einige dieser aus verschiedenen Gegenden
-stammenden Bezeichnungen waren:
-Jungfernzins, Stechgroschen, Bettmund, <em>Nadelgeld</em>,
-Frauengeld, Hemdschilling, Bumede,
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-Jungferngeld, Schürzenzins, Vogthemd,
-Bunzengroschen und andere, mitunter
-sehr eindeutige, mehr. Dieser Zins
-war unter allen Umständen zu erlegen,
-auch dann, wenn der Herr sein Recht ausgeübt
-und damit die Tugend der Braut
-ramponiert hatte.</p>
-
-<p>Die zerzauste Tugend machte übrigens
-schon damals den Herren der Schöpfung
-und nicht nur den Bauern allein manchen
-Kopfschmerz. Und nicht allein die Mägdelein,
-sondern auch die Ehegattinnen, ganz
-besonders die letzteren, hatten oft unter
-mehr oder weniger begründeter Eifersucht
-zu leiden. Was heutzutage meist Thränen,
-Ohnmachten und Beteuerungen durchzusetzen
-vermögen, bedurfte in jener kräftiger
-zufassenden Zeit augenscheinlicher Beweise.
-Wenn diese nicht auf gewöhnlichem Wege
-herbeizuschaffen waren, so griff man, dem
-bigott-abergläubischen Zeitgeiste entsprechend,
-zu dem <em>Gottesurteil</em>. Häufig war
-es die angeschuldigte Frau selbst, die zu
-ihrer Rechtfertigung einer Ordalie unterzogen
-zu werden begehrte. So die Frau
-Karls des Dicken (881-887), die, des Ehebruches
-bezichtigt, durch das Gottesurteil
-nicht allein zeigen wollte, dass sie keine
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-Verbrecherin, sondern dass sie trotz zwölfjähriger
-Ehe noch immer Jungfrau sei: <i>»Das</i>
-(ihre Unberührtheit) <i>bewerte sü domitte,
-dass sü ein gewihset Hemede ane det und
-domit in ein Für</i> (Feuer) <i>gieng und blieb
-unversert von dem Für</i>«, schreibt der Chronist
-Twinger von Königshofen. Das ganze
-Mittelalter hindurch waren Ordalien nahezu
-das einzige, jedenfalls aber das unfehlbarste
-Mittel, die eheliche Treue <i>ad oculos</i> zu demonstrieren.</p>
-
-<p>Zwei Hauptarten der Gottesurteile waren
-im Schwange: die Feuer- und die Wasserprobe.
-Bei der Feuerprobe hatte die Beschuldigte
-die blosse Hand ins Feuer zu
-halten und unbeschädigt wieder herauszuziehen.
-War die Hand versengt, so wurde
-sie verbunden und der Verband nach einer
-gewissen Zeit gelöst. Waren die Wunden
-verheilt, so bewies dies die Unschuld. Weitere
-Abarten des Feuerordals waren: Mit
-einem mit Wachs durchtränkten Hemd bekleidet
-den Scheiterhaufen zu durchschreiten,
-wie Karls Gattin that; mit blossen Füssen
-über glühende Pflugscharen zu wandeln
-oder diese eine angegebene Strecke weit zu
-tragen. Kaiserin Kunigunde, Heinrichs II.
-(1002-1024) Gattin, unterzog sich dieser
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-letzteren Probe, die übrigens schon aus den
-Sophokleischen Tragödien her bekannt ist.</p>
-
-<p>Die Wasserprobe fusste auf dem Grundgedanken,
-dass das reine, heilige Wasser
-nichts Sündhaftes in sich dulde. Sank daher
-das gebundene nackte Weib unter, so
-war es schuldlos; blieb es auf dem Wasserspiegel
-schwimmen, dann war seine Schuld
-zum Beweis erhoben. Jahrhunderte später
-gewannen diese Wasserproben, deren Ausgang
-ganz in der Hand des Fesselnden
-lag, eine hohe Bedeutung bei den Hexenverfolgungen.</p>
-
-<p>Eine dritte, aber seltener geübte Art der
-Gottesurteile waren die Zweikämpfe zwischen
-der Angeklagten und ihrem Ankläger. Der
-Kraftunterschied zwischen Mann und Weib
-fand dadurch seinen Ausgleich, dass der
-Mann bis zum Gürtel in einer Grube stehend
-die Angriffe der mit einem enganliegenden
-trikotartigen Anzuge bekleideten Frau abzuwehren
-hat. In »Talhoffers Fechtbuch«, der
-Bilderhandschrift von 1467 auf der Gothaischen
-Bibliothek, bekämpft die Frau ihren Widersacher
-mit einem Schleier, in dem sie einen
-vier- bis fünfpfündigen Stein eingebunden
-hat. Der Mann ist mit einer Keule bewehrt,
-ebenso lang wie der Schleier der Gegnerin.
-<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-Der Kämpfer steht »bis an die waichin« in
-einer Grube, dessen Rand die Frau umkreist.
-Nach dem Apollonius vertrat mitunter einer
-der langen Kleiderärmel den Schleier.<a name="FNanchor_014" id="FNanchor_014"
-href="#Footnote_014" class="fnanchor">[14]</a></p>
-
-<p>
-Dass alle Ordalien, der Zweikampf vielleicht
-ausgenommen, mit der Niederlage der
-Frau enden mussten, wenn alles mit rechten
-Dingen zuging, liegt auf der Hand &ndash; soferne
-das schwache Geschlecht in seiner
-ererbten Schlauheit nicht Mittel und Wege
-gefunden hätte, den Herren der Schöpfung
-ein Schnippchen zu schlagen. Sie mogelten
-bei den wohlvorbereiteten Gottesurteilen
-nach Herzenslust, und lachten hinterher die
-dummen, leichtgläubigen Männer weidlich
-aus. An Gehilfen bei dem Betruge fehlte
-es nicht, wenn nur Geld genug vorhanden
-war, die Helfer zu erkaufen.</p>
-
-<p>Gottfried von Strassburg gibt im »Tristan«
-unumwunden den Schwindel zu, den die holde
-Isolde, seine Heldin, bei einem Gottesurteil ausübt.
-<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-Isoldchen, bekanntlich kein Tugendspiegel,
-soll zur Bezeugung ihrer Unschuld die
-Feuerprobe bestehen. Sie ist, sehr gerechtfertigter
-Weise, mit Tristan, dem Neffen ihres
-alten Gatten, ins Gerede gekommen, und
-muss nun, um die bösen Mäuler zu stopfen
-und ihrem Gatten den Glauben an ihre eheliche
-Treue wiederzugeben, eine Ordalie bestehen.
-Klein-Isoldchen hat gewichtige
-Gründe, alle Vorsicht walten zu lassen, denn
-es ist bei ihr sehr viel faul im Staate Dänemark.
-Sie weiss sich aber zu helfen. Vor
-der Probe verteilt sie mit beiden Händen
-reiche Geschenke an Gold, Silber und Edelsteinen
-»um Gottes Huld«, das heisst an
-die die Feuerprobe leitenden Geistlichen,
-die sich solchen Gaben gegenüber nicht undankbar
-erweisen dürfen. Sie wissen die Sache
-so fein einzufädeln, dass die Ehebrecherin
-die Probe tadellos besteht und in ihrer »bewiesenen«
-Fleckenlosigkeit nun aufs neue
-nach Herzenslust sündigen kann. Sie weiss
-ja, dass bei einem neuerlichen Gottesurteil
-ihr die früheren Helfer wieder aus der
-Patsche helfen werden.</p>
-
-<p>Einen weiteren Einblick in den Gottesurteil-Schwindel
-gestattet das Gedicht eines
-unbekannt gebliebenen mittelhochdeutschen
-<a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-Dichters, das Hans Sachs als Vorlage für
-sein Fastnachtsspiel »Das heisse Eisen« benützte.
-Eine Frau zwingt ihren Mann auf
-Veranlassung der Gevatterin, »die ist sehr
-alt und weiss sehr viel«, seine eheliche
-Treue durch das Tragen eines »heiss Eysen«
-zu beweisen. Der Gatte willfahrt scheinbar
-dem Wunsche seiner Gattin.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Ja Frau, das will ich gerne thun!</div>
- <div class="verse indent0">Lass die Gevatt'rin kommen nun,</div>
- <div class="verse indent0">Dass sie das Eisen leg in's Feuer,</div>
- <div class="verse indent0">Ich wage frisch das Abenteuer.</div>
- <div class="verse indent0">Purgieren will ich mich für's Leben,</div>
- <div class="verse indent0">Die Gevatterin soll Zeugniss geben.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>
-Der Schlauberger zieht dabei verstohlen
-einen Holzspan aus dem Ärmel in die
-Handfläche, auf den er das Eisen derart
-legen kann, dass es nirgend mit der Haut
-in Berührung kommt. Natürlich besteht er
-die Probe glänzend, weshalb er, nun den
-Spiess umkehrend, auch seinerseits die
-Tugendprobe von seiner Frau begehrt. Winselnd
-sinkt diese auf die Knie und gesteht,
-in die Enge getrieben, dass sie zuerst mit
-dem Herrn Kaplan in sträflichem Verkehr gestanden,
-den erst <em>ein</em> Mann, dann wieder
-einer, schliesslich nach und nach ein ganzes
-Dutzend abgelöst haben. Die würdige Frau,
-<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-der »St. Stockmann« als unentrinnbarer
-Schutzpatron winkt, fasst nach ihrer Beichte
-unversehens das inzwischen erkaltete Eisen
-an, verbrüht sich aber daran, ein Zeichen,
-dass sie noch immer nicht die ganze Wahrheit
-gestanden hat, und rennt scheltend ab.<a name="FNanchor_015" id="FNanchor_015"
-href="#Footnote_015" class="fnanchor">[15]</a></p>
-
-<p>Das von Karls eiserner Faust zusammengeschweisste
-Weltreich zersplitterte unter
-seinen schwachen Nachfolgern in jenes
-Staatengemengsel, dem erst das 19. Jahrhundert
-ein Ende machte. Karls Schöpfungen
-teilten das Schicksal seines Staates. Nur
-in den Klöstern glimmte der von Karl angefachte
-Funke des Bildungsbedürfnisses
-unter den Insassen fort.</p>
-
-<p>Die Weltabgeschiedenheit, die von dem
-ewigen Einerlei gezeugte Langeweile liessen
-wohl auch manche, sonst nicht gerade
-wissensdurstige Mönche oder Nonnen zu
-den Büchern greifen, neben Reliquien, Messgeräten
-und Kultgewändern die kostbarsten
-Besitztümer der Stifte und Klöster.
-Und wohl ihnen, wenn sie Gefallen an dieser
-Beschäftigung fanden, die sie von weit sündhafterem
-Treiben abhielt, als es selbst die
-<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-über alle Massen schlüpfrige Mönchslitteratur,
-das Singen und Abschreiben von weltlichen
-Liedern, den »winileodes«, war, das
-Karls Kapitular von 789 verpönte, oder
-das Studium der erotischen Stücke eines
-Plautus oder Terentius und anderer die
-Sinne erregender klassischer Schriftsteller.
-Denn auch in dieser Epoche liess die Sittenreinheit
-der Klostergeistlichkeit schon vieles
-zu wünschen übrig. Durch die Kapitularien
-Kaiser Karls ist erwiesen, dass manche
-Nonne ein vagierendes Leben führte, sich
-rückhaltslos, sogar gegen Entlohnung, hingab,
-und etwaige Folgen dieser Liebschaften
-durch Verbrechen beseitigte.</p>
-
-<p>Der Wortlaut eines der zahmsten dieser
-Kapitularien (v. J. 802) ist folgender: »Die
-Frauenklöster sollen streng bewacht werden,
-die Nonnen dürfen nicht umherschweifen,
-sondern sollen mit grösstem Fleiss verwahrt
-werden, auch sollen sie nicht im Streit und
-Hader untereinander leben, und in keinem
-Stücke den Meisterinnen und Äbtissinnen
-ungehorsam oder zuwider handeln. Wo sie
-aber unter eine Klosterregel gestellt sind,
-sollen sie diese durchaus einhalten. Nicht
-der Hurerei, nicht der Völlerei, nicht der
-Habsucht sollen sie dienen, sondern auf
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-jede Weise gerecht und nüchtern leben.
-Auch soll kein Mann in ihr Kloster eintreten
-u. s. w.«</p>
-
-<p>Ebenso verbot Karl, die Mönchsklöster
-in allzu bequemer Nachbarschaft der
-Nonnenklöster anzulegen &ndash; er hatte Gründe
-dafür.</p>
-
-<p>Aber nicht nur die Nonnen aus niederem
-Stande setzten sich über die Klosterregeln
-hinweg, auch solche aus den höchsten
-Kreisen brachen ihr Gelübde, wenn sich
-Gelegenheit bot. Wiederholt finden sich in
-den Chroniken vornehme Klosterschwestern,
-die sich entführen lassen, oder der Klausur
-entfliehen, um zu heiraten. Wer mächtig
-war, durfte hoffen, nachträglich die Genehmigung
-des Ehebundes durch den Kaiser
-und durch dessen Vermittlung auch die des
-Papstes zu erlangen. »Hadburg, die erste
-Gemahlin König Heinrichs, war eine Nonne,
-um die er als Herzog förmlich warb, die
-er sich nach alter Weise im Ringe der
-Seinen vermählte, als Herrin seines Hofes
-feiern liess und gegen die Angriffe der
-Kirche behauptete. Herzog Miseco von
-Polen, durch seine erste Gemahlin bekehrt,
-erwies sein junges Christentum nach
-deren Tode dadurch, dass er um 977 eine
-<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-deutsche Nonne (Oda) aus ihrem Kloster
-entführte und heiratete.«<a name="FNanchor_016" id="FNanchor_016"
-href="#Footnote_016" class="fnanchor">[16]</a></p>
-
-<p>Selbst in den sittenreinsten Klöstern
-dachte man im Zeitalter Karls und seiner
-Nachfolger sehr frei, wofür die Dramen
-<em>Roswithas von Gandersheim</em> Beweise erbringen,
-jener vielseitigen, hochgebildeten
-Nonne, mit der der lange Reigen der deutschen
-Schriftstellerinnen anhebt. »Der singende
-Mund von Gandersheim« (<i>clamor validus
-Gandeshemensis</i>) lebte und dichtete
-um die Mitte des 10. bis zu Anfang des
-11. Jahrhunderts. Die Dichterin entnahm ihre
-Stoffe der Heiligengeschichte, die sie in einer
-dem Terenz nachgeahmten Form dramatisierte.
-Mit Vorliebe erhitzt sie ihre Phantasie
-an sinnlichen Vorwürfen, die stellenweise
-durch die behaglich-breite Detailschilderung
-von einer Vorurteilslosigkeit zeugt, von der
-sie ihr letzter Übersetzer trotz aller aufgewandten
-Mühe nicht völlig reinzuwaschen
-vermag.<a name="FNanchor_017" id="FNanchor_017"
-href="#Footnote_017" class="fnanchor">[17]</a> In ihrem dritten Stücke »Die Auferweckung
-der Drusiana und des Calimachus«
-dringt der letztere, ein schöner heidnischer
-<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-Jüngling, in die kaum geschlossene Gruft
-»und sucht in dem Marmorbette des Leichnams
-die Umarmung, welche ihm Drusiana
-lebend versagte«. Eine Schlange verhindert
-rechtzeitig die Leichenschändung. &ndash; Etwas
-viel auf einmal für eine schriftstellernde
-Himmelsbraut! In dem Drama »Fall und
-Busse Marias, der Nichte des Einsiedlers
-Abraham« führt uns Roswitha in ein Bordell;
-in »Die Bekehrung der Buhlerin Thais«
-schildert sie realistisch ein Freudenmädchen;
-im »Dulcitius« sollen die drei christlichen
-Jungfrauen Agape, Chionia und Irene wegen
-ihrer Standhaftigkeit im Glauben römischen
-Soldaten preisgegeben werden, nachdem
-Dulcitius vergeblich versucht hat, seine Begierden
-an ihnen zu stillen, und dieses alles
-und noch mehr trägt Roswitha mit frommem
-Augenaufschlag vor &ndash; <i>ad majorem Dei
-gloriam</i> &ndash;. Zur Ehre der Dichterin, die sich
-eines kraftvollen, aber barbarischen Mönchslateins
-bediente, sei angenommen, dass sie
-ihre Stoffe nach schriftlich vorliegenden Vorbildern
-formte, nichts Selbsterlebtes in ihre
-Darstellungen verflocht. Aber mussten nicht
-derartige Scenen selbst die reinste Phantasie
-mit unzüchtigen, dem Gelübde der
-Keuschheit diametral entgegenstehenden Bildern
-<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-füllen und sie zu weiterer Ausspinnung
-reizen? Die müssiggängerischen Nönnchen
-hatten so unendlich viel Langeweile, wie sie
-oft selbst gestehen, dass sie sich wohl recht
-oft an den Dramen der Gandersheimerin
-ergötzt und die darin geschilderten Vorkommnisse
-recht ausführlich durchgesprochen
-haben mögen.....</p>
-
-<p>Vom 12. Jahrhundert an datiert der
-geistige und materielle Aufschwung des
-deutschen Volkes, das ganz allein aus sich
-heraus erstarkte. Der Handel, das Handwerk
-und auch die, wenn auch nur auf eine
-engbegrenzte Menschenklasse, namentlich
-die Klosterleute und die aus den Klosterschulen
-Hervorgegangenen sich erstreckende
-Bildung, hoben sich zusehends, erweiterten
-den Gesichtskreis, schufen neue Lebensformen
-und mit ihnen neue Bedürfnisse.
-Das altgermanische Kriegertum, die Freude
-an Fehde und Jagd, das dem Adel noch
-immer durch die Adern pulsierte, dessen
-Andenken die unverklungenen, Begeisterung
-anfachenden Heldensagen wachhielten, gewann
-eine neue, modernisierte Gestalt im
-<em>Rittertume</em>, dessen romanische Urformen
-bald stark mit echt deutschem Geist durchsetzt
-waren, der manchen welschen Firlefanz
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-noch vergröberte, um namentlich im
-<em>Minnedienst</em>, einem Hauptbestandteile des
-Ritterwesens, tief unsittliche Formen zu
-schaffen, die gleich vergiftend auf beide
-Geschlechter wirkten, besonders aber den
-Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft,
-die Ehe, untergruben. Die, gleichviel ob
-real oder platonisch Geliebte galt alles, die
-eigene Frau nichts. Man schlug sein Weib,
-wie Kriemhilde klagt<a name="FNanchor_018" id="FNanchor_018"
-href="#Footnote_018" class="fnanchor">[18]</a>, winselte aber zu Füssen
-der angebeteten Herrin um die Gunst, die
-Hand oder den Fuss küssen und den Saum
-des Gewandes berühren zu dürfen. »Die Ehe
-des Ritters, sein Hauswesen, seine Kinder,
-seine Familiengefühle, alles holde Behagen
-der Heimat stand ganz ausserhalb der idealen
-Welt, in welcher er am liebsten lebte.«<a name="FNanchor_019" id="FNanchor_019"
-href="#Footnote_019" class="fnanchor">[19]</a>
-Des steirischen Ritters <em>Ulrich von Lichtenstein</em>
-Donquichoterien, sein Zug als Frau
-Venus im Jahre 1227, in kostbare Frauengewänder
-gekleidet, das Haupt mit Schleiern
-umhüllt, und seine sonstigen Läppereien,
-wie das Trinken des Waschwassers seiner
-Huldin, die Operation der breiten Oberlippe,
-das Abhauen eines ihr zu Ehren im Turnier
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-verletzten Fingers, das Mischen unter
-widerliche Aussätzige, das ihm die Laune der
-excentrischen Geliebten anbefiehlt, sind der
-Gipfelpunkt des sich als ritterlichen Minnedienst
-gehabenden Blödsinnes. Diese sich
-bis zum Wahnsinn steigernden Überspanntheiten
-der Ritter, ihre Spielereien, die bandwurmartig
-anwachsenden Satzungen umgaben
-schliesslich das ganze Rittertum mit
-einem schalen Formelkram, der stark an die
-moderne Vereinsmeierei gemahnt, der Geheimbündeleien
-des 18. Jahrhunderts gar
-nicht zu gedenken, denen das Rittertum
-vielfach zum Vorbilde diente.</p>
-
-<p>Das ritterliche Gehaben führte schliesslich
-zu einer allgemeinen Lüderlichkeit, die
-selbst dem überzeugten Romantiker Saint-Pelaye
-den Stossseufzer entlockte: »Nie sah
-man verderbtere Sitten, als in den Zeiten
-unserer Ritter, und nie waren die Ausschweifungen
-in der Liebe allgemeiner«.<a name="FNanchor_020" id="FNanchor_020"
-href="#Footnote_020" class="fnanchor">[20]</a>
-Jede Modedame musste ihren Ritter haben,
-der ihre Farben trug und dem Gemahle
-ins Handwerk pfuschte. Liebschaften von
-Frauen aus hohem Stande mit Unebenbürtigen
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-konnten bei solchen Anschauungen
-nicht ausbleiben. Die Strenge Herzog Rudolfs
-von Österreich, der 1361 eine Hofdame
-seiner Frau wegen eines Verhältnisses mit
-einem ihrer Diener ertränken liess, steht anscheinend
-vereinzelt da. Der österreichische
-Dichter Heinrich, der zwischen 1153 und
-1163 seine Mahnworte an Pfaffen und Laien
-richtete, schilderte den Umgangston der
-ritterlichen Gesellschaft als roh. Der Hauptgegenstand
-ihrer Unterhaltung waren die
-Weiber. Wer sich rühmen konnte, die
-meisten verführt zu haben, galt am höchsten.<a name="FNanchor_021" id="FNanchor_021"
-href="#Footnote_021" class="fnanchor">[21]</a>
-Der Ehebruch war alltäglich, wenn auch
-über seine Verwerflichkeit die damaligen
-Dichter einig sind. Aber es war Modesache,
-Ehebrecher zu sein, oder wenigstens als
-solcher zu gelten.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Hat ein gutes Weib ein Mann</div>
- <div class="verse indent0">Und geht zu einer andern dann,</div>
- <div class="verse indent0">So gleichet er darin dem Schwein.</div>
- <div class="verse indent0">Wie möcht es jemals ärger sein?</div>
- <div class="verse indent0">Es lässt den klaren Bronnen</div>
- <div class="verse indent0">Und legt sich in den trüben Pfuhl.</div>
- <div class="verse indent0">Gar mancher hat schon so zu thun begonnen.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>
-klagt Meister Sperrvogel.<a name="FNanchor_022" id="FNanchor_022"
-href="#Footnote_022" class="fnanchor">[22]</a> Gottfried von
-<a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-Strassburgs unsterbliches »Tristan und Isolde«
-ist in seiner Gesamtheit eine Verherrlichung
-des Ehebruches, doch gab es, wie wir eben
-in dem biederben Sperrvogel sahen, auch
-Minnesänger, die gegenteiliger Meinung
-waren. Ein klarblickender deutscher Dichter
-des 12. Jahrhunderts gesteht es unumwunden
-ein, dass die Damen den Rittern keine Vorwürfe
-zu machen berechtigt seien, denn:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Der wiber chiusche (Keuschheit) ist entwicht</div>
- <div class="verse indent0">frowen und riter</div>
- <div class="verse indent0">Dine durfen nimmer gefristen</div>
- <div class="verse indent0">We der ir leben bezzer si.«<a name="FNanchor_023" id="FNanchor_023"
-href="#Footnote_023" class="fnanchor">[23]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Die Lotterei der französischen Ritter,
-deren Liebeshöfe oftmals in Orgien ausarteten,
-bei denen sich verlarvte Mädchen und
-Frauen schamlos preisgaben<a name="FNanchor_024" id="FNanchor_024"
-href="#Footnote_024" class="fnanchor">[24]</a>, fanden hin
-und wieder Nachahmung in Deutschland,
-wenn sie sich auch nicht so allgemein
-verbreiteten, wie in ihrem Mutterlande, wo
-Liebeshöfe sogar in den Klöstern eine Stätte
-fanden.</p>
-
-<p>»Uns ist in einem lateinischem Gedicht die
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-Schilderung eines solchen Hofes bewahrt,
-welcher in einem Kloster der Diöcese von
-Toul an heiterem Maifest gehalten wurde.
-Es ist &ndash; wohlgemerkt &ndash; nicht die zornige
-Schilderung durch einen Frommen, sondern
-wohlwollende Darstellung durch jemand, der
-dabei war, und der den Vorfall ganz in der
-Ordnung erachtet. Die Thüren werden verschlossen,
-die alten Nonnen abgesperrt, nur
-einige verschwiegene Priester zugelassen.
-Statt des Evangeliums wird von einer Nonne
-Ovids »Kunst zu lieben« vorgelesen, zwei
-Nonnen singen Liebeslieder. Darauf tritt
-die Domina in die Mitte, als Mai gekleidet,
-in einem Gewand, das ganz mit Frühlingsblumen
-besetzt ist, und sagt, Amor, der
-Gott aller Liebenden, habe sie gesandt, um
-das Leben der Schwestern zu prüfen. Vor
-die Richterin treten einzelne Nonnen und
-rühmen die Liebe zu geistlichen Herren,
-welche Geheimnisse zu bewahren verstehen;
-andere loben die Ritterliebe, aber ihre Auffassung
-wird von der Maigöttin höchlich
-gemissbilligt, weil die Laien nicht verschwiegen
-und allzu veränderlich sind. Zuletzt
-werden die Rebellinnen, welche Ritterliebe
-nicht meiden wollen, feierlich im
-Namen der Venus exkommuniziert unter
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-allgemeinem Beifall, und alle sprechen
-Amen.«<a name="FNanchor_025" id="FNanchor_025"
-href="#Footnote_025" class="fnanchor">[25]</a></p>
-
-<p>Auch die Kreuzzüge trugen das ihre
-dazu bei, bisher unbekannt gebliebene Ausschweifungen
-aus dem Oriente nach dem
-Abendlande zu verpflanzen. Und die gezwungene
-Strohwitwerschaft eines Heeres
-von Frauen, deren Männer unter dem Kreuze
-fochten, öffnete der Unsittlichkeit Thür und
-Thor. Die Männer suchten sich allerdings
-der Treue ihrer Gattinnen durch rohe Mittel
-zu versichern, deren entwürdigendstes der
-sogenannte <em>Keuschheitsgürtel</em> (<i>cingula
-castitatis</i>) war. Solche Gürtel werden von
-den späteren Schriftstellern häufig erwähnt,
-sie kommen aber schon im 13. Jahrhundert
-vor. In der Bilderhandschrift des Bellifortis
-von Konrad Kyeser vom Jahre 1405
-ist die Zeichnung eines solchen Gürtels
-enthalten; ein Modell eines dieser Instrumente
-befindet sich im Museum schlesischer
-Altertümer in Breslau. Es ist roh aus Eisen
-zusammengefügt, während die wirklich verwendeten
-aus besserem Material, meist aus
-Silber oder Gold, gearbeitet waren.</p>
-
-<p>Bei aller Laxheit der Moral bewahrte
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-doch das durch viele Generationen vererbte
-deutsche Sittlichkeitsgefühl vor jenen allzu
-tollen Excessen, die in Frankreich auf der
-Tagesordnung waren.</p>
-
-<p>Man darf überhaupt im allgemeinen die
-Sitten der Vorzeit nicht nach dem heutigen
-Moralcodex messen. Andere Zeiten, andere
-Sitten!</p>
-
-<p>»Die damalige Generation war körperlich
-gesund und kräftig. Von früher Jugend
-an hatten die Männer vor allem ihre Körperkräfte
-ausgebildet; viel im Freien lebend,
-waren sie erstarkt; die fast ausschliesslich
-aus scharf gewürzten Fleischgerichten bestehende
-Kost, der Genuss von berauschenden
-Getränken brachte das Blut noch mehr
-in Wallung; zu viel Wissen beschwerte ihren
-Kopf nicht und mit Gewissensskrupeln wusste
-man sich abzufinden. Und ebenso vollsaftig
-und begehrlich sind die Mädchen aufgewachsen.«
-Die Schamhaftigkeit im modernen
-Sinne ist eine Errungenschaft der
-verfeinerten und verfeinernden Kultur, die
-vielen sonst geistig hochstehenden Völkern
-abgeht, die ebenso wie die Ahnen im Mittelalter
-in absoluter Nacktheit keinen Verstoss
-gegen die gute Sitte sehen und erst allmählich
-zur Moral nach westeuropäischer
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-Anschauung erzogen werden müssen, denn
-»das Schamgefühl ist etwas sekundäres und
-zwar die Folge, nicht die Ursache der Bekleidung«.<a name="FNanchor_026" id="FNanchor_026"
-href="#Footnote_026" class="fnanchor">[26]</a>
-Ist doch sogar zum Teil heute noch
-den hochentwickelten Japanern unser mit der
-Muttermilch eingesogenes Schicklichkeitsgefühl
-ein fremder Begriff. Was uns daher im
-allgemeinen höchst anstössig, im allergünstigsten
-Falle noch äusserst naiv erscheint, gehörte
-in der Vorzeit zur Alltäglichkeit, die niemandem
-auffiel, und in der niemand Übles
-sah. Man war von Kindsbeinen auf an den Anblick
-der Nacktheit gewöhnt &ndash; schlief doch
-das ganze Mittelalter hindurch alles in Adamskostüm
-und bei den beschränkten Raumverhältnissen,
-meist in einer grossen Schlafstube
-die Eltern mit den Kindern, gleichviel
-ob Knaben oder Mädchen, zusammen.
-Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet,
-erscheinen sonst anstössige Stellen in den
-gleichzeitigen Dichtwerken wesentlich gemildert,
-auch dann, wenn wir sie als Geschichtsquellen
-gelten lassen, was aber gemeinhin
-einige Vorsicht nötig macht. Die
-<i>licentia poetica</i> wird sich nicht immer haarscharf
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-an Thatsachen gehalten haben, wenn
-schon sie aus dem wirklichen Leben ihre
-Kraft schöpfte und allgemein herrschende
-Sittenzustände zur Grundlage ihrer Schilderungen
-nahm. Wenn wir daher manches
-Anstössige auch für übertrieben halten dürfen,
-so bleibt doch selbst nach Ausmerzung des
-zu Grassen noch genug Bedenkliches übrig,
-um ein fast abgerundetes Bild der geltenden
-Moral zu gewähren, das auf Authentizität
-Anspruch erheben darf. Auch die Vergleichung
-von Parallelstellen bei verschiedenen
-Dichtern, die sich gegenseitig nicht
-beeinflussen konnten, bestätigt die Richtigkeit
-vieler wie Fabeln anmutender Vorfälle.</p>
-
-<p>Man lebte anders, man dachte anders
-als heutzutage, man war trotz aller Sittenroheit
-reiner im Denken, als in der Gegenwart.
-Der Sittenverfall paarte sich häufig
-mit einer Einfalt, die dem Mangel an jeglicher
-Prüderie entsprang. Man war derb,
-geradeaus, wollüstig, aber ohne Cynismus
-und Pikanterie. Es war eben eine Zeit,
-in der noch nicht, wie Hippel sagt, eine unnatürliche
-Mode, die man Tugend nennt,
-im Schwange war.</p>
-
-<p>Gawan, in Wolfram von Eschenbachs
-unsterblichem Parzival, wird von Bene, der
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-jungfräulichen Tochter seines Gastfreundes,
-des Ritters Plippalinot, zu Bette gebracht
-und am Morgen beim Aufstehen bedient.<a name="FNanchor_027" id="FNanchor_027"
-href="#Footnote_027" class="fnanchor">[27]</a>
-Ein gleiches Vorgehen in den Burgen ist
-durch zahlreiche weitere Belegstellen verbürgt.
-Man war eben naiv genug, in diesen
-Dienstleistungen nur die dem teueren Gaste
-erwiesene Ehrung zu sehen. Da sich aber
-Menschennatur mit ihrer Begehrlichkeit in
-ihren Grundzügen immer gleich blieb, dürfte
-es auch nicht immer bei der platonischen
-Dienstfertigkeit geblieben sein, was auch
-Wolfram andeutet, als er von Plippalinots
-Töchterlein schalkhaft versichert:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Sie hätt' ihm Minne wohl gewährt,</div>
- <div class="verse indent0">Wenn Minn' er von der Maid begehrt!«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>
-Den Gast begrüsste die Burgfrau mit
-einem Kuss.<a name="FNanchor_028" id="FNanchor_028"
-href="#Footnote_028" class="fnanchor">[28]</a> Im Nibelungenlied heisst
-Markgraf Rüdeger von Bechelaren seine
-Frau und Tochter die Gäste mit Küssen
-bewillkommnen.<a name="FNanchor_029" id="FNanchor_029"
-href="#Footnote_029" class="fnanchor">[29]</a> Der »blôze ritter« besagt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Sin tohter und sin vrouwen</div>
- <div class="verse indent0">Hierz er in kussen ze hant.«<a name="FNanchor_030" id="FNanchor_030"
-href="#Footnote_030" class="fnanchor">[30]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-Vom Küssen zu Handgreiflichkeiten war
-seit jeher nur ein kurzer Weg. »Das Mädchen,
-das sich küssen lässt, geht auch bald ins
-Bett«, lautet ein altes Sprichwort, das auch
-im frühen Mittelalter volle Geltung besass.
-Die Mädchen waren meistenteils gar nicht
-scheu, im Gegenteil, sie benahmen sich oftmals
-viel ungezwungener als die Herren.
-Der reine Thor Parzival verkriecht sich rasch
-im Bette, als Jungfrauen zu ihm ins Schlafgemach
-kommen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Geschwind sprang der behende Mann</div>
- <div class="verse indent0">Aufs Bette und deckte sich zu.«<a name="FNanchor_031" id="FNanchor_031"
-href="#Footnote_031" class="fnanchor">[31]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Alle waren freilich nicht so schamhaft,
-und es fehlte durchaus nicht an grobkörnigen
-Gesellen, denen ebenso jedes Feingefühl
-mangelte, wie den vornehmen Damen, mit
-denen sie es zu thun hatten. Ritter Gawan
-betritt kaum die Burg des Königs Vergulaht,
-dessen jungfräuliche Schwester Antikonie
-ihn mit dem Willkommenkuss empfängt,
-als er ihr schon mit handgreiflichen Zärtlichkeiten
-zu Leibe rückt, in welch löblichem
-Thun er nur durch den Eintritt eines Ritters
-unterbrochen wird.<a name="FNanchor_032" id="FNanchor_032"
-href="#Footnote_032" class="fnanchor">[32]</a> »Diese derbsinnliche
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-Manier, um Liebe zu werben, hat für uns
-etwas Anstössiges. Nach den Schilderungen
-aus der damaligen Zeit scheint jedoch ein
-derartiges Benehmen sehr natürlich gefunden
-worden zu sein«<a name="FNanchor_033" id="FNanchor_033"
-href="#Footnote_033" class="fnanchor">[33]</a>, denn die Frauen kamen
-allenthalben den Rittern auf halbem Wege
-entgegen, ja boten sich nicht selten selbst
-an, wie der Kürnberger versichert, oder wie
-die Tochter des Galagandreiz dem Lanzelot
-vom See in Ulrich von Zazikhofens Gedicht,
-die dem Liebhaber sogar einen goldenen
-Ring zum Lohne verspricht. Die tugendhafte
-Meliûr schleicht nachts zu dem ihr völlig unbekannten
-Partonopier, einem dreizehnjährigen
-Knaben, und »Sie wurden dô gescheiden Von
-ir magetuome«.<a name="FNanchor_034" id="FNanchor_034"
-href="#Footnote_034" class="fnanchor">[34]</a> In Gottfried von Strassburgs
-Tristan kommt die Prinzessin Blancheflur
-zu Rivalin, um ihm ihre Jungfräulichkeit
-zu überlassen.<a name="FNanchor_035" id="FNanchor_035"
-href="#Footnote_035" class="fnanchor">[35]</a> Hatte die Tochter des Burgherrn
-ihren Geliebten bei sich, war sie gutmütig
-genug, auch für das Gefolge ihres
-Liebsten zu sorgen und ihre Damen zu bestimmen,
-den Freunden ihres Galans Gesellschaft
-zu leisten. Isolde stellt es den
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-Genossen Tristans frei, zwischen ihren beiden
-Begleiterinnen Brangane oder Gymêle zu
-wählen. Grosse Herren hatten es noch
-leichter, ihnen war jeder nur zu gern gefällig.
-Als der Landgraf Ludwig von Thüringen
-einem Tanze zusieht und ein besonders
-schönes Mädchen sein Wohlgefallen
-erregt, erbietet sich sofort einer der Anwesenden,
-ihm die Gunstbezeugung der Schönen
-zu verschaffen. Und wie er ein anderes Mal
-Verwandte besucht, wird ihm ein junges
-Weib: »Geworfen in sîn bette dar«<a name="FNanchor_036" id="FNanchor_036"
-href="#Footnote_036" class="fnanchor">[36]</a>. In
-dieser Naivität findet sich vielleicht der Nachhall
-jener uralten, von Chaldäa ausgegangenen
-und von allen Urvölkern des Altertums geübten
-Sitte <em>der gastlichen Prostitution</em>.
-Der Hausherr wähnte in dem Gaste einen
-Gesandten des Himmels, dem er sein Hab
-und Gut zur Nutzniessung anbot, darunter
-auch seine Frau und seine Töchter. Auch
-die Bibel ist voll von Beispielen der gastlichen
-Prostitution bei den Hebräern, die
-vielfach den fremden Gast als Engel ansahen.<a name="FNanchor_037" id="FNanchor_037"
-href="#Footnote_037" class="fnanchor">[37]</a>
-Wenn wir Murner glauben dürfen,
-findet sich noch im 16. Jahrhundert die gastliche
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-Prostitution vor. »Es ist in dem Niderlande
-auch der bruch, so der wyrt ein lieben
-gast hat, daz er jm yn frow zulegt uff guten
-glouben.« In abgeschiedenen Gegenden
-Russlands soll sich dieser Brauch bis zum
-heutigen Tage erhalten haben.</p>
-
-<p>Es lassen sich aus den Dichtwerken jener
-Übergangsperiode von der Dämmerung zum
-Morgenrot noch eine grosse Blütenlese von
-Scenen anführen, die wertvolle Fingerzeige
-über die geltenden Anstandsbegriffe geben.
-Noch kämpft die angestammte Roheit gegen
-eine vom Auslande eingeführte Überfeinerung,
-die wie ein dem knorrigen Stamme okuliertes
-Reis nur langsam mit diesem verwächst.
-Hand in Hand mit der ursprünglichen Ungeniertheit
-ging nun eine affektierte, dem
-innersten Wesen fremde, gesuchte und daher
-lächerliche Zimperlichkeit. Lächerlich ist
-es, wenn Damen sich ohne Scheu vor dem
-Knappen im Naturkostüme zeigen, aber verlangen,
-dass eben dieser Knappe vor ihnen
-nicht anders als mit Unterkleidern versehen
-erscheinen sollte, da irgend ein Zufall eine
-ärgerliche Entblössung seines Körpers im
-Gefolge haben könnte<a name="FNanchor_038" id="FNanchor_038"
-href="#Footnote_038" class="fnanchor">[38]</a>, wie das recht öde,
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-aber sittengeschichtlich wertvolle Lehrgedicht
-»Der welsche Gast« empfiehlt.</p>
-
-<p>»Der welsche Gast« ist seinem Inhalte
-nach so eine Art anticipierter Knigge, ein
-Vademekum des mittelalterlichen »Guten
-Tones in allen Lebenslagen«, das mit anderen
-Büchern gleichen Inhaltes, wie Winsbeke und
-Winsbekin, viel verbreitet, aber ebensowenig
-befolgt wurde, wie die geschraubten Machwerke
-gleicher Tendenz in unserer Zeit.
-Man lebte trotz dieser Vorschriften in jenem
-seltsamen Gemengsel von Überfeinerung und
-Roheit, das in seiner Bizarrerie die extremsten
-Formen zeitigte. Hier Schamhaftigkeit, die
-den Anblick blosser Füsse einer Frau zum
-todeswürdigen Verbrechen für beide Teile
-stempelte, dort die naivste Zurschaustellung
-des entblössten Körpers vor dem Diener
-und Unfreien. Hier freie Liebe, dort exaltierte
-Prüderie.</p>
-
-<p>Ein solch eigenartiges Gemisch von Rohheit
-und Courtoisie spricht sich auch in dem
-aus Frankreich eingewanderten Gebrauche
-aus, mit dem getragenen Hemd der Geliebten
-über der Rüstung in den Kampf zu
-ziehen und das zerstochene Wäschestück der
-Angebeteten wieder zu Füssen zu legen, die
-es zum Danke für »die Aufmerksamkeit« sofort
-<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-und ungereinigt wieder in Gebrauch
-nimmt, wie dies Herzeloyde, Parzivals Mutter,
-und ihr Gatte Gamuret thun.<a name="FNanchor_039" id="FNanchor_039"
-href="#Footnote_039" class="fnanchor">[39]</a> Aus dieser
-Sitte, die zweifellos bestanden hat, entwickelte
-sich in der Folgezeit der Gebrauch, dass
-nach der Trauung der Bräutigam das vom
-Körper der Braut noch warme Hemd anlegte
-und umgekehrt, wie dies im 16. Jahrhundert
-z. B. in Berlin-Cölln allgemein war. In den
-folgenden Säculen schrumpfte der Hemdenwechsel
-zu dem Hemdengeschenk ein; Ende
-des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts
-beschenkte nur noch die Verlobte den Bräutigam
-mit dem »Bräutigams-Hembde«.<a name="FNanchor_040" id="FNanchor_040"
-href="#Footnote_040" class="fnanchor">[40]</a></p>
-
-<p>In den Minnesängen der ritterlichen
-Dichter finden sich zahllose Gedichte, die
-über den empfangenen Minnelohn hoher Geliebten
-quittieren, daneben aber auch viele,
-die gleichzeitig lustige Bemerkungen über
-die weibliche Leichtfertigkeit nicht zu unterdrücken
-vermögen. Dann und wann zieht zur
-Abwechslung wieder einer der Zeitgenossen
-über die Männer her, die den Frauen die allerschlechtesten
-Beispiele gaben, so Freidank:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wenn einen Fehltritt Fraun gethan</div>
- <a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
- <div class="verse indent0">Des Mannes Bitt war Schuld daran</div>
- <div class="verse indent0">Auch ein Mann dasselbe thäte,</div>
- <div class="verse indent0">Wenn man ihn so innig bäte«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>sagt er sehr richtig, schränkt aber seine Meinung
-wieder dahin ein:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Das Weib man immer bitten soll,</div>
- <div class="verse indent0">Ihr aber stehts Versagen wohl.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Besonders schlecht ist ein elsässischer
-Bischof auf die Männer zu sprechen. Buhlerei
-und Ausschweifungen gelten nach ihm nicht
-mehr als Vergehen, denn die meisten Männer
-werten die Frau nicht höher als einen
-Becher Wein, ihr Ross, ihr Federspiel oder
-ihre Meute.</p>
-
-<p>Selbstredend gab es wie unter den
-Männern jener Zeit, so auch unter den Frauen
-Ausnahmen, die von unverbrüchlicher Gattentreue
-bis über das Grab hinaus, von echter
-Frömmigkeit und von einer Himmelssehnsucht
-zeugen, die blind gegen alles Irdische
-nur für das Jenseits lebte und die Vorbereitung
-für das ewige Leben als einzigen Daseinszweck
-betrachtete. Die heilige Elisabeth
-stand mit ihrem asketischen Leben, aus dem
-selbst das Bad als frivoles Vergnügen verbannt
-war, keineswegs vereinzelt da, ebensowenig
-wie jene Herrscherin, die sich selbst
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-in der Ehe die Jungfräulichkeit zu bewahren
-wusste. Aber derartige Erscheinungen blieben
-in der Minderzahl gegenüber der allgemein
-verbreiteten Frivolität, die sich weniger auf
-das eben entstandene Bürgertum, als auf die
-in engster Berührung mit dem Adel lebende
-Landbevölkerung weiterverbreitete und diese
-auf Jahrhunderte hinaus verseuchte.</p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">
-Das Leben auf dem Dorfe.
-<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a></h2>
-</div>
-
-<p>
-Das Leben der Bauern war während des
-ganzen Mittelalters hindurch eine ununterbrochene
-Kette von Misshandlungen und
-Verfolgungen seitens ihrer Herren: des Adels
-und des Klerus. Der Bauernstand, und nicht
-nur der leibeigene, lebte in fortwährender
-Knechtung, vollkommen abhängig von der
-Willkür seiner Besitzer. Nie war er davor
-sicher, von den Seinen getrennt zu werden,
-wenn es dem Herrn gefiel, die Frau oder
-die Kinder des Hörigen zu verschenken, zu
-verkaufen oder zu verpfänden. Im Jahre 1333
-versilberte Konrad Truchsess von Urach zwei
-Bauernweiber mit ihrer Nachkommenschaft
-an das Kloster Lorch um drei Pfund Heller.
-Das <i>Jus primae noctis</i> beraubte ihn der Jungfräulichkeit
-der Gattin, deren Tugend überdies
-alle möglichen Fährlichkeiten drohten. Ward
-ein Bauer um Geld gestraft, und dieses nicht
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-eintreibbar, und konnte auch an seinem Besitztum
-die Strafe nicht vollstreckt werden,
-dann sollte, wie das Weistum von Wilzhut,
-zwischen Braunau und Salzburg, bestimmt,
-die Frau des Straffälligen geschändet werden.</p>
-
-<p>Dieses Weistum ist so vorsorglich, zu
-dekretieren, dass es dem Gerichtspfleger gestattet
-sei, falls die Frau »gefiel aber dem
-pfleger an der gestalt nicht«, er die Entehrung
-dem Gerichtsschreiber abtreten und
-dieser, wenn auch ihm die Ausführung nicht
-zusagte, sie dem Amtmanne »auferladen«
-könne. Nach wie vor waren die frischen
-Dirnen ein begehrter Artikel, um die Harems
-der Herren zu bevölkern. Der Ritter Ulrich
-von Berneck hielt sich nach dem Tode seiner
-Frau zwölf hübsche junge Mädchen »zur
-Erleichterung seiner Witwerschaft«. Kaiser
-Friedrich II. hatte seinen Harem, dem auch
-die Eunuchen nicht fehlten, in Luceria.</p>
-
-<p>Das einzige Vergnügen jener bemitleidenswerten,
-erniedrigten Menschen war
-neben Völlerei die rohe sinnliche Liebe, der
-sie fröhnten, wo und wann sich Gelegenheit
-dazu bot.</p>
-
-<p>Weit besser als die Hörigen und selbst
-freien Bauern Norddeutschlands waren die
-Ackerbürger im Süden Deutschlands daran,
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-die sich ihre Selbständigkeit zu wahren gewusst,
-auf ihrem Grund und Boden nicht
-selten mit Glücksgütern reich gesegnet als
-eigene Herren schaltend, sich den Rittern
-gleichhielten, deren Tracht und Lebensgewohnheiten
-sie ins Dorf zu verpflanzen
-trachteten. Diese Nachahmung ritterlicher
-Sitten und Gebräuche verzerrte sich unter
-den ungehobelten Bauernfäusten natürlich ins
-Groteske, ab und zu ins Widerlich-Gemeine.
-Ein köstliches Beispiel bäuerlicher Grossmannssucht
-ist uns im »<em>Meier Helmbrecht</em>«
-von Wernher dem Gärtner, der ältesten deutschen
-Dorfgeschichte, entstanden im 13. Jahrhundert,
-überliefert. Der Titelheld, ein reicher
-Bauerssohn, den die Eltern verzärtelt, strebt
-darnach, Ritter zu werden, bringt es aber nur
-zum Strauchdieb, der vom Schicksal ereilt,
-geblendet, eines Fusses und einer Hand beraubt
-wird, als eben seine Schwester Gotelinde
-mit einem seiner Spiessgesellen Hochzeit
-hält.<a name="FNanchor_041" id="FNanchor_041"
-href="#Footnote_041" class="fnanchor">[41]</a></p>
-
-<p>Wie die Dorfburschen, so liebäugelten auch
-die Alten mit den edlen Herren und sahen
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-wohlgefällig zu, wenn ein Ritter eine arme
-Verwandte einem reichen Bauerssohn als
-Gattin aufhalste, oder ein verarmter Rittersmann
-ein hübsches Dirnlein heimführte, um
-mit der Mitgift sein verrostetes Schild neu
-zu vergolden<a name="FNanchor_042" id="FNanchor_042"
-href="#Footnote_042" class="fnanchor">[42]</a> &ndash; also nichts Neues unter der
-Sonnen! Besonders den Dorfschönen stachen
-die noblen Herren in die Augen, die so ganz
-anders geartet waren, als die grobkörnigen
-Burschen, die so zierliche Redensarten zu
-drechseln wussten und mit Geschenken nicht
-geizten. Aus den Liedern der Minnesänger
-ist ersichtlich, dass die Adeligen diese gute
-Meinung zu nutzen verstanden und Abenteuern
-mit den drallen Dirnen keineswegs
-aus dem Wege gingen. Nidhardt
-von Reuenthal ergeht sich in breiten
-Schilderungen seiner Erfolge und über das
-Liebesleben auf dem Dorfe. In einem seiner
-Gedichte unterhalten sich Mutter und Tochter,
-und die Mutter meint, das 16jährige Töchterchen
-sei noch viel zu jung zur Liebe.
-»Ei was,« entgegnet diese schnippisch, »Ihr
-wart ja erst zwölf Jahre, als Ihr Euerer
-Jungfernschaft ledig wurdet.« »Nun so nimm
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-meinetwegen Liebhaber so viel du willst.«
-»Das thät' ich auch gerne, wenn Ihr mir
-nicht immer die Männer vor der Nase wegfischtet.
-Pfui doch, hol Euch der Teufel!
-Habt doch schon einen Mann, was braucht
-Ihr noch andere?« »Pst, schweig still, Töchterlein.
-Minne wenig oder viel, ich will
-nichts dagegen haben, und solltest du auch
-ein Kindlein wiegen müssen. Sei aber auch
-verschwiegen, wenn du mich der Liebe nachgehen
-siehst.«</p>
-
-<p>Hermann von Sachsenheim hat im Liederbuche
-der Klara Hätzlerin einen für ihn sehr
-unrühmlichen Sturm auf eine Grasmagd
-besungen. Oswald von Wolkenstein weiss
-gleichfalls von Abenteuern mit Dörflerinnen
-zu erzählen, ebenso Tannhäuser und andere
-Minnesänger mehr.</p>
-
-<p>Die Dorfschönen fühlten sich eben durch
-die Bevorzugung seitens des Adels geehrt,
-und ihre Liebhaber und Gatten drückten
-gerne ein Auge zu, geradeso wie es sich
-etwas später die Bürger zur Ehre rechneten,
-wenn irgend ein Höhergestellter, oder gar &ndash;
-<i>horribile dictu</i> &ndash; ein Adeliger, sich gnädigst
-herabliess, ihre Frauen zu verführen. Darauf
-deutet wenigstens die Stelle in Balthasar
-Voigts, Pastors zu Drubeck, Ȁgyptischem
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-Joseph« hin, eine »geistliche Komödie, sowohl
-in kleinen als grossen Schulen zu
-agieren«, ein Machwerk voll widerlicher Plattheiten
-und Schweinereien, die aber trotzdem
-von halbwüchsigen Knaben gesprochen und
-dargestellt wurden! In dieser »Schulkomödie«
-erzählt Medea, Potiphars Frau, von
-Josephs angeblichem Verführungsversuch:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Kein Edelmann, kein Graf im Reich,</div>
- <div class="verse indent0">Die doch gewest wärn Meinesgleich,</div>
- <div class="verse indent0">Haben mir Unehr zugemut't,</div>
- <div class="verse indent0">Wie dieser euer Hebräer thut.</div>
- <div class="verse indent0">Wär mirs geschehn <em>von einem Edelmann,</em></div>
- <div class="verse indent0"><em>Möcht ihr's euch ziehn zu Ehren an,</em></div>
- <div class="verse indent0"><em>Dass ihr zum Weib hätt solch Matron</em>,</div>
- <div class="verse indent0">Welch gefiel jeder Adelsperson.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Und so etwas schrieb ein Geistlicher für die
-Jugend!</p>
-
-<p>Neben den Rittern und Knappen waren
-hauptsächlich die Dorfpfaffen bei den Frauen
-als Liebhaber beliebt, worauf ich noch zurückkommen
-muss, ebenso wie bei den Männern
-die Mägde des eigenen Hauses und die
-Frauen und Töchter der Nachbarn. Übrigens
-ist aus dem Schwankbuche »Peter Leu« ersichtlich,
-dass die schlauen Mägdlein schon
-damals die Kunst verstanden, irgend einem
-unschuldigen armen Teufel die Paternität
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-aufzubrummen, die ein ganz anderer auf
-dem Gewissen hatte.<a name="FNanchor_043" id="FNanchor_043"
-href="#Footnote_043" class="fnanchor">[43]</a></p>
-
-<p>Wo Verführung gang und gäbe war,
-fehlten auch deren Folgeerscheinungen, namentlich
-der Kindesmord, nicht. Strenge,
-zum Teil unmenschliche Strafen sollten das
-Übel steuern. »Kindsvertilgerin lebendig ins
-Grab, ein rohr ins maul, ein stecken
-durchs hertz« bestimmt beispielsweise das
-Brenngenborner Weistum von 1418. Noch
-grausamer waren die urwüchsigen Dithmarschen
-Bauern, welche sogar gefallene Mädchen
-im Sumpfe lebendig begruben, welches
-Urteil der älteste Mann der Familie der
-Verbrecherin zu vollziehen hatte.<a name="FNanchor_044" id="FNanchor_044"
-href="#Footnote_044" class="fnanchor">[44]</a> Den Verführer
-seiner Frau und diese selbst konnte
-der Dithmarsche nach eigenem Ermessen
-bestrafen, verstümmeln, töten oder freigeben.<a name="FNanchor_045" id="FNanchor_045"
-href="#Footnote_045" class="fnanchor">[45]</a>
-Ein Gleiches gestattete auch das mit grausamen
-Strafen sehr freigebige Berliner Stadtbuch.<a name="FNanchor_046" id="FNanchor_046"
-href="#Footnote_046" class="fnanchor">[46]</a></p>
-
-<p>So frei übrigens das Bürgertum und die
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-Bauern im grossen und ganzen über den
-Geschlechtsverkehr dachten, in einem waren
-sie einig: in der Achtung vor der Jungfräulichkeit.
-Darum galt ihnen die Notzucht als
-eines der todeswürdigsten Verbrechen, auf
-das zum Teil fürchterliche Strafen gesetzt
-wurden. Sogar die Nötigung der fahrenden
-Frauen &ndash; »an varndeme wive« &ndash; und an
-der Geliebten ahndet der Sachsenspiegel III
-art. XLVI 1 mit dem Tode. Der Schwabenspiegel
-verbietet nur die »notnunft« an »siener
-amîen«, der Geliebten.</p>
-
-<p>Die Ahndung des Verbrechens war entweder
-die Enthauptung, manchmal das
-Lebendbegraben, wie dies 1418 einem Krämer
-in Augsburg erging. Im 13. Jahrhundert
-wurde in Basel ein Geistlicher dieses
-Deliktes wegen entmannt und dann getötet.
-Im Frankenbergischen wurde dem Vergewaltiger
-ein spitzer Eichenpfahl aufs Herz gesetzt,
-den die Geschändete mit drei wuchtigen
-Hammerschlägen in den Körper treiben
-musste; so wird wohl die Todesart variiert,
-aber der schimpfliche Tod blieb überall das
-Los des Verbrechers.</p>
-
-<p>Nach diesen düsteren Bildern der »guten
-alten Zeit«, die gewisse dichterisch veranlagte
-Romantiker gerne als Vorbild für
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-unsere verderbte Epoche aufzustellen belieben,
-wieder zu etwas Heiterem.</p>
-
-<p>Am lustigsten ging es im Dorfe natürlich
-bei den seltenen Festlichkeiten, an hohen
-Feiertagen und bei den Kirchweihen zu, wo
-man sich im Essen, Trinken, Lieben und
-Raufen nicht genug zu thun wusste.</p>
-
-<p>Die Hochzeiten begüterter Dörfler zählten
-gleichfalls als Festlichkeiten, zu denen die
-Verwandten und Freunde oft von weither
-kamen, um sich vergnügte Tage zu machen.
-Drei detaillierte Schilderungen solcher bäuerlicher
-Hochzeitfeiern sind auf uns gekommen,
-die hier auszüglich mitgeteilt sein mögen.
-Das erste dieser Gedichte, »Von Metzen
-hochzit«, entstammt dem Anfang des 14. Jahrhunderts.
-Der junge Meier Börschi (Bartholomeus)
-will seine Geliebte Metzi heiraten.
-Am Montag früh versprechen sie sich, und
-da die beiderseitige Mitgift das Paar zufrieden
-stellt, wird am Abend desselben
-Tages die Hochzeit mit einem solennen
-Hochzeitsmahle gefeiert, bei dem es hoch
-hergeht und alle vollgetrunken sind, als man
-das Brautpaar zu Bett bringt. Die Braut
-schreit, weint und sträubt sich erst gegen
-das Auskleiden, wie es die Gepflogenheit
-verlangt. Am Morgen wird dem jungen
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-Ehepaare das Essen ans Bett gebracht, worauf
-sich Metzi unter dem Jubel der Bauern
-bei Zwerchpfeifen- und Trommelklang anzieht,
-um in die Kirche zur Trauung zu ziehen.</p>
-
-<p>Das Gedicht der oft erwähnten Klara
-Hätzlerin »von meyer Betzen« lehnt sich
-ziemlich eng an »Metzis Hochzeit« an, nur
-dass Metzi mit einer fürchterlichen Schlägerei,
-hingegen das Poem der Hätzlerin mit der
-saftigen, aber witzigen Beschreibung der
-Brautnacht also endet:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Da führt man Pezen (den Bräutigam) auf die Fahrt</div>
- <div class="verse indent0">Und stellt ihn zu dem Brautbett.</div>
- <div class="verse indent0">Zwei grosse Pantoffel er an hätt'.</div>
- <div class="verse indent0">Als man ihm nun die Mezen (seine Braut) gebracht,</div>
- <div class="verse indent0">Sprang er fröhlich ins Bett und lacht.</div>
- <div class="verse indent0">Alsbald er sie mit dem Arm umfing,</div>
- <div class="verse indent0">Darauf Alles aus der Kammer ging.</div>
- <div class="verse indent0">Pez sprach: ›Hätt' ich ein Licht</div>
- <div class="verse indent0">Glaub mir, ich unterliess es nicht</div>
- <div class="verse indent0">Ich macht aus dir ein Eheweib‹</div>
- <div class="verse indent0">Beteuerte er bei seinem Leib.</div>
- <div class="verse indent0">›Dass doch nur der Mond jetzt schien,</div>
- <div class="verse indent0">Dann liess ich dich nicht also hin.‹</div>
- <div class="verse indent0">Mez sprach: ›Du volle Kuh,</div>
- <div class="verse indent0">Was soll dir denn ein Licht dazu?</div>
- <div class="verse indent0">Min's Vaters Knecht der Upelpracht,</div>
- <div class="verse indent0">Konnt' es sogar um Mitternacht!‹«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>
-Heinrich von Wittenweiler führte im
-15. Jahrhundert die Erzählung von Metzens
-<a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-Hochzeit in breiter Weise weiter aus, sie
-durch viele Zusätze modernisierend und vergemeinernd.<a name="FNanchor_047" id="FNanchor_047"
-href="#Footnote_047" class="fnanchor">[47]</a></p>
-
-<p>Der Held ist Bertschi Triefnas, der in dem
-Dorfe Lappenhausen wie ein Pfau herumstolzierte
-und sich als Junker anreden liess.
-Er liebt Mäczli Rürenzumph, der zu Ehren
-er mit seinen Genossen turniert, der er
-Ständchen bringt, die er im Kuhstalle erfolglos
-zu bezwingen sucht, und bei der
-er durchs Dach bricht, als er sie in ihrer
-Kammer belauschen will. Da alles dies ihm
-Mäczli nicht geneigter macht, lässt er sich
-von dem Dorfschreiber einen Liebesbrief
-schreiben, den dieser an einen Stein bindet
-und Mäczli zuwirft, wodurch er sie am Kopfe
-verwundet. Der Brief wird gefunden und
-Mäczli ruft ihrem Vater zu, um dessen
-Grimm zu entwaffnen, sie blute am Kopfe
-und müsse zum Arzte gebracht werden. Das
-Gefolge teilnehmender Freunde und Nachbarn
-weist der Arzt hinaus, worauf ihn Mäczli
-bittet, ihr den erhaltenen Brief vorzulesen.
-Er thut es, erpresst aber von ihr durch die
-Drohung, den Inhalt dem Vater mitzuteilen,
-eine Liebkosung, gibt ihr aber zugleich
-<a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-Rat, wie sie dessen Folgen vertuschen soll.
-Darauf setzt er ihr einen floskelreichen
-Liebesbrief auf, der einer Kupplerin zur
-Übergabe an Bärtschi ausgehändigt wird.
-Nachdem sich dieser den Brief vorlesen liess,
-beruft er seine Freunde und Verwandten,
-um mit ihnen seine Heirat zu beraten. Man
-spricht für und wider, bis endlich alle einig
-sind. Sofort machen sich zwei der Freunde
-auf, Bärtschis Werbung bei dem Brautvater
-vorzubringen, der sie günstig aufnimmt und
-nach einigen Formalitäten seine Einwilligung
-gibt, wovon man den Freier benachrichtigt.
-Mäczli fällt bei der Nachricht von Bärtschis
-Werbung in Ohnmacht, kommt aber gleich
-wieder zu sich und lässt sich von den
-Freundinnen schön machen und in die Versammlung
-führen, wo sie sich erst »mit
-füssen und elnpogen« wehrt, ehe sie ihr Jawort
-gibt. Mäczli empfängt von ihrem Galan
-einen kleinen verzinnten Ring mit einem
-Saphir aus Glas und ein weiteres Kleinod
-mit zwei Perlen aus Fischaugen. Die Angehörigen
-verlassen nun das Haus, nicht
-ohne vorher dem jungen Ehemanne Haar
-und Bart zerzaust zu haben, um bei den
-Anstalten zur Hochzeit nicht im Wege zu
-sein. Gäste werden eingeladen und kommen
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-»geritten auf eseln und auf schlitten«. Am
-Festtage verkündet der Pfarrer in der Kirche
-den Vollzug der Ehe, worauf man sich in
-des jungen Ehemanns Haus begibt, um erst
-die Brautgaben zu empfangen, ehe man mit
-dem überreichen Mahle beginnt, nach dem
-man sich im Tanze belustigte.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Die Mägdlein waren also rüg</div>
- <div class="verse indent0">Und sprangen her so ungefüg,</div>
- <div class="verse indent0">Dass man ihnen oft, ich weiss nit wie,</div>
- <div class="verse indent0">Hinauf konnt seh'n bis an die Knie.</div>
- <div class="verse indent0">Hildens Brustlatz war zu weit,</div>
- <div class="verse indent0">Darum ihr zur selben Zeit</div>
- <div class="verse indent0">Das Brüstlein aus dem Busen sprang.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Das Ende mit Schrecken ist Prügelei mit
-Mord und Totschlag.</p>
-
-<p>In der Brautnacht wird dem Pärchen eine
-Stärkung gereicht, nicht so der anderen
-Weiblichkeit, die, die günstige Gelegenheit
-benützend, gleichfalls die Nacht mit ihren
-Liebhabern verbringt. Am nächsten Tag
-setzt die Hochzeit wieder ein und endet mit
-einer wahren Schlacht, bei der die Obrigkeit
-einschreiten muss.</p>
-
-<p>Die freie Denkungsart des Mittelalters
-in geschlechtlichen Dingen hielt sich nicht
-an den heute gang und gäben Standpunkt,
-dass nur der Mann allein seinen sinnlichen
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-Bedürfnissen Rechnung tragen dürfe, die
-Frau aber den einmal geweckten Naturtrieb
-zu unterdrücken habe. War die Vorzeit
-auch intolerant gegen Fehltritte von Mädchen,
-so erkannte sie der Frau das Recht zu, von
-ihrem Manne die Leistung der ehelichen
-Pflicht voll und ganz beanspruchen zu dürfen.
-Luthers Ansicht: »Ein Weib, wo nicht die
-hohe seltsame Gnade da ist, kann eines
-Mannes ebensowenig entraten als essen,
-schlafen, trinken und andere natürliche Notdurft«,
-die er oft und in verschiedenen
-Varianten verficht, war ganz die seines Zeitalters,
-was schon daraus hervorgeht, dass
-sogar gesetzliche Bestimmungen der Frau
-ihr durch die Heirat erworbenes Recht in
-für den betreffenden Gatten tragikomischen
-Bestimmungen zu wahren suchen.</p>
-
-<p>Diese Gesetze vertreten ganz Luthers
-Standpunkt, der in seinem Traktat »Vom
-ehelichen Leben« erklärt: »Wenn ein tüchtig
-Weib zur Ehe einen untüchtigen Mann
-überkäme und könnte doch keinen anderen
-öffentlich nehmen und wollte auch nicht
-gern wider Ehre thun, soll sie zu ihrem
-Mann also sagen: Siehe, lieber Mann, du
-kannst mein nicht schuldig werden, und
-hast mich und meinen jungen Leib betrogen,
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-dazu in Gefahr der Ehre und Seligkeit bracht,
-und ist für Gott keine Ehe zwischen uns
-beiden, vergönne mir, dass ich mit deinem
-Bruder oder nächsten Freund eine heimliche
-Ehe habe und du den Namen habst, auf
-dass dein Gut nicht an fremde Erben komme,
-und lass dich wiederum williglich betrügen
-durch mich, wie du mich ohne deinen Willen
-betrogen hast.« Der Mann, führt Luther<a name="FNanchor_048" id="FNanchor_048"
-href="#Footnote_048" class="fnanchor">[48]</a>
-weiter aus, hat die Pflicht, die Bitte zu erhören;
-will er nicht, so darf er nicht böse
-sein, wenn die Frau von ihm läuft.<a name="FNanchor_049" id="FNanchor_049"
-href="#Footnote_049" class="fnanchor">[49]</a></p>
-
-<p>Am weitschweifigsten ergehen sich die
-westfälischen Weistümer über diese auch
-heute noch brennende Frage. Sie erkennen
-in erster Linie dem Nachbarn des untauglichen
-Ehemannes das erste Recht auf Stellvertretung
-zu, dann jedem X-beliebigen. Das
-Beuker Heidenrecht (III 42) besagt wie folgt:
-»Item so erkenne ich auch für Recht, so
-ein guter Mann ihr Frauenrecht nicht vollziehen
-könne, dass sie darüber klagt, so soll
-er sie aufnehmen und tragen über sieben
-Zäune und bitten seinen nächsten Nachbarn,
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-dass er seiner Frau helfe; wenn ihr geholfen
-ist, soll er sie wieder nehmen, sie wieder
-tragen nach Haus und setzen sie sacht nieder
-und ihr ein gebratenes Huhn und eine Kanne
-Wein vorstellen.« In der Landfeste von Hattingen
-hat dieser Gebrauch gleichfalls Platz
-gefunden: »Da ein Mann wäre, der seinem
-rechten Weibe ihr frauliches Recht nicht
-thun könne, so soll er sie sachte auf den
-Rücken nehmen und tragen über neun Zäune
-und setze sie dort vorsichtig nieder, ohne
-Stossen, Schlagen, Werfen und ohne bösen
-Worte, rufe alsdann seine Nachbarn an, dass
-sie ihm seines Weibes Not wehren helfen.
-Und wenn dann seine Nachbarn das nicht
-thun wollen oder können, so soll er sie
-senden auf die nächste Kirchweih in der
-Nähe, und dass sie dort »sich seuverlich
-zumache und zehrung habe, hänge er ihr
-einen mit Geld bespickten Beutel auf die
-Seite. Kommt sie von dorther wieder ungeholfen,
-<em>dann helfe ihr der Teufel!</em>«</p>
-
-<p>Nach dem Bochumer Landrechte (III. 70)
-genügt ein Teufel nicht mehr. Hat der
-Mann die Frau über die Zäune getragen,
-dort fünf Stunden lang um Hilfe gerufen,
-sie im neuen Kleid mit Geld versehen auf
-einen Jahrmarkt geschickt, ohne dass sich
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-ihr Wunsch erfüllte, dann mögen ihr »thausend
-düffel« helfen.<a name="FNanchor_050" id="FNanchor_050"
-href="#Footnote_050" class="fnanchor">[50]</a></p>
-
-<p>War die Frau ansehnlich, dann bedurfte
-es solcher Gewaltmassregeln kaum, sie fand
-unter der Dorfjugend leicht einen Liebhaber,
-und verhielt sich diese spröde, dann war
-noch immer der Herr Geistliche da.</p>
-
-<p>Denn wenn auch die Geistlichkeit gegen
-die Unzucht von der Kanzel herab Zeter
-und Mordio predigte, so war sie während
-ihrer unendlich vielen Freizeit eine ewig
-dräuende Gefahr für den schöneren Teil
-ihrer Pfarrkinder.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Die Sünden, die begehn allein</div>
- <div class="verse indent0">Die Pfaffen, sind die Weibelein«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>sagt der Freidank in seiner Bibel des
-Mittelalters, in der »Bescheidenheit«, indem
-er den Klerikern ins Gewissen zu reden
-sucht und ihnen zürnend zuruft:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Ein jeder Priester meiden soll</div>
- <div class="verse indent0">Mess oder Weib; das stehet wohl:</div>
- <div class="verse indent0">Das Haus bedarf der Reinheit wohl,</div>
- <div class="verse indent0">Darein Gott selber kommen soll.«<a name="FNanchor_051" id="FNanchor_051"
-href="#Footnote_051" class="fnanchor">[51]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-Auch Walter von der Vogelweide meint:
-»Die Pfaffen sollten keuscher leben als die
-Laien«, sie thaten es aber so selten, dass
-die Bauern froh waren, wenn ihre Seelenhirten
-Beischläferinnen besassen. Die kernigen
-Friesen duldeten keine Priester ohne
-Konkubinen in ihrer Mitte: »Se gedulden
-ock geene Preesteren, sunder eheliche Fruwen,
-op dat se ander lute bedde nicht beflecken,
-wente sy meinen, dat idt nich mogelygk sy,
-und baven die Natur, dat sick ein mensche
-ontholden konne«.<a name="FNanchor_052" id="FNanchor_052"
-href="#Footnote_052" class="fnanchor">[52]</a></p>
-
-<p>Mit anerkennenswerter Offenheit äussert
-sich ein Manuskript-Fragment aus dem
-13. Jahrhundert »<i>de rebus Alsaticis</i>«: »Um
-das Jahr 1200 hatten auch die Priester allgemeine
-Beischläferinnen, weil gewöhnlich
-die Bauern sie selbst dazu antrieben. Diese
-sagten nämlich: Enthaltsam wird der Priester
-nicht sein können, es ist darum besser, dass
-er ein Weib für sich hat, als dass er mit
-den Weibern aller sich zu schaffen macht.«
-Welche Gefahr dieses Beackern fremder
-Felder darstellte, beweist nach der eben
-citierten Quelle ein Herr Heinrich Bischof
-von Basel (1215-38), der bei seinem
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-Tode 20 vaterlose Kinder ihren Müttern
-hinterliess. Ein Bischof von Lüttich, den
-das Konzil von Lyon absetzte, besass gar
-61 Sprösslinge. Nach Caesarius von Heisterbach
-scheute mancher Pfaffe selbst nicht
-davor zurück, mit Jüdinnen Verhältnisse einzugehen,
-im Mittelalter eine Todsünde, doppelt
-sündhaft für einen Geistlichen.</p>
-
-<p>Offen und ungescheut unterhielten die
-meisten Geistlichen ihre Pfarrersköchinnen
-bis zur Reformation, die sich diese Achillesferse
-der Gegenpartei nicht entgehen liess
-und eine ganze Litteratur wider die Pfaffenbuhlerinnen
-zeitigte. Die »<i>Epistolae virorum
-obscurorum</i>« und Ulrich von Huttens
-Gesprächbüchlein sind köstliche Blüten dieser
-Kampfschriften; namentlich das erstgenannte
-Buch übergiesst die Pfarrerdirnen und ihre
-Liebhaber mit ätzender Satire. Aber auch
-die katholische Litteratur bemächtigte sich
-von altersher des dankbaren Stoffes, um ihr
-Mütchen an den Pfaffendirnen zu kühlen,
-sei es in ernst mahnender, sei es in derb-komischer
-Manier. Der »<em>Pfarrer von
-Kahlenberg</em>« weiss durch die hübsche Beischläferin
-seines Bischofs sich manchen Vorteil
-zu erschleichen. So liegt er einmal
-unter dem Bette, während der Bischof seiner
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-Liebsten »die Kapelle weiht«.<a name="FNanchor_053" id="FNanchor_053"
-href="#Footnote_053" class="fnanchor">[53]</a> Da dieser
-Eulenspiegel im Priesterkleide den Befehl
-erhielt, Bedienerinnen zu haben, die 40 Jahre
-zählen, so nimmt er sich zwei von je 20
-Jahren. Im Till Eulenspiegel und den anderen
-Schwankbüchern des Mittelalters gehört
-der verbuhlte Pfaffe zu den stereotypen
-Figuren, die es meisterlich verstehen, die
-Gatten und Väter zu hintergehen. Manchmal
-misslang allerdings das Vorhaben, dann
-empfingen sie eine Tracht Prügel, wurden
-sogar manchmal erschlagen. Doch auch an
-ernsten Stimmen über das pfäffische Treiben
-fehlt es nicht. Thomas Murner, dessen
-Geissel auch seine eigenen Standesgenossen
-nicht verschont, wenn es gilt, der Menschheit
-ihre Laster vorzuhalten, ironisiert im
-»Narrenspiegel«:<a name="FNanchor_054" id="FNanchor_054"
-href="#Footnote_054" class="fnanchor">[54]</a></p>
-
-<div class="poetry-container2">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Dann hör' ich eurer Köchin Beicht',</div>
- <div class="verse indent0">Und ihr thut's meiner auch vielleicht</div>
- <div class="verse indent0">Und thut, wie unser Vorfahr that,</div>
- <div class="verse indent0">Der von der Höll' uns alle hat</div>
- <div class="verse indent0">Befreit, uns thät vor Tod bewahren,</div>
- <div class="verse indent0">Dass wir nicht brauchen hineinzufahren.</div>
- <div class="verse indent0">Jedoch, sobald ihr wolltet schnurren</div>
- <div class="verse indent0">Und wider unsre Freiheit murren,</div>
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
- <div class="verse indent0">Aus meiner Pfarr', aus meinem Haus</div>
- <div class="verse indent0">Meine liebe Köchin treiben aus,</div>
- <div class="verse indent0">Mit der ich alle Kurzweil' treib',</div>
- <div class="verse indent0">Die mir auch wärmet meinen Leib,</div>
- <div class="verse indent0">Die wohl schon zwanzig ganze Jahre</div>
- <div class="verse indent0">Mir hat gekräuselt meine Haare &ndash;</div>
- <div class="verse indent0">Das würde dir nicht schlecht vergolten.</div>
- <div class="verse indent0">Denn bald die Bauern wissen sollten,</div>
- <div class="verse indent0">Bald sagt' ich ihnen frohe Märe,</div>
- <div class="verse indent0">Dass nirgends eine Hölle wäre.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Dann weiter:</p>
-
-<div class="poetry-container2">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Jeder hat eine Dienerin,</div>
- <div class="verse indent0">Die tag und nacht bischlaft im.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Die Herren Geistlichen waren Epikureer,
-die dem Sprichworte huldigten: »Es ist kein
-feyner leben auf erden, denn gewisse Zinss
-haben von seinem Lehen, eyn Hürlein daneben
-und unserem Herre Gott gedienet.«</p>
-
-<p>Die Pfarrer durften sich ungestört ihrer
-wilden Ehe hingeben, wenn sie ihre Oberen
-nur dafür bezahlten. Aus diesem Sündengeld
-zogen viele Bischöfe grosse Summen.
-»Es war ein mal ein priester, der gab alle
-iar dem fischgal (Fiskal) fier guldin, dass
-er im die Kellerin in ruwen (Ruhe) liess«<a name="FNanchor_055" id="FNanchor_055"
-href="#Footnote_055" class="fnanchor">[55]</a>,
-eine stattliche Summe, die ein Erkleckliches
-<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-ausmachte, wenn eine grössere Anzahl von
-Priestern aus einer Diözese den gleichen
-Betrag erlegen musste. Heinrich von Hewen,
-um die Mitte des 15. Jahrhunderts Bischof
-von Konstanz, selbst ein üppiger Herr, gewann
-aus den Konkubinen-Abgaben seiner
-Geistlichen eine jährliche Einnahme von
-2000 Gulden. Das ärgerliche Leben der
-Geistlichkeit verlockte sogar die abergläubische
-Menge, ihnen die Schuld an Epidemien
-und schweren Erkrankungen ihrer
-Beichtkinder, besonders an der Epilepsie, zuzuschieben.
-»Da ward darnach von etlichen
-also gedeutet, als sollten diese Leute nicht
-recht getaufft, oder doch ihre Tauffe nicht
-krefftig sein, weil sie die von solchen pfaffen
-empfangen, die da unverschampt, mit unzüchtigen
-Huren in öffentlicher Unehe bey
-einander lebten, darüber das gemeine Volk
-bald ein aufstehen gemacht, und alle pfaffen
-zu todt geschlagen hette.«<a name="FNanchor_056" id="FNanchor_056"
-href="#Footnote_056" class="fnanchor">[56]</a></p>
-
-<p>Neben der Liebe vergassen auch viele
-Geistliche nicht, weltliche Güter zu eigenem
-und zum Nutzen ihrer Klöster zu ergattern.
-Junge, hübsche und reiche Witwen und
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-Waisen waren ein gesuchter Artikel für
-Laien und Priester. »Darnach sind etliche
-(Geistliche),« äussert sich Geiler von Kaisersberg,
-»die wittwen und weyssen heymsuchend.
-Warumb? Darumb: Sy begerend
-sye zuo verfueren, uff dass sye ires leibes
-und guotes gantz gewaltig werdend.«<a name="FNanchor_057" id="FNanchor_057"
-href="#Footnote_057" class="fnanchor">[57]</a></p>
-
-<p>Ausser ihren Beichtkindern und ihren Wirtschafterinnen
-standen übrigens der höheren
-Geistlichkeit die ihnen subordinierten Klöster
-für galante Abenteuer zur Verfügung, worüber
-schon in früher Zeit viele Klagen laut wurden,
-deren Berechtigung auch Karl der
-Grosse durch einige seiner Kapitularien anerkannte.</p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">
-Die Klöster.
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a></h2>
-</div>
-
-<p>
-Ebenso unkeusch wie die Seelsorger in
-Dorf und Stadt waren die Insassen der
-Klöster, gleichviel ob Mönche oder Nonnen.
-Namentlich die Nonnenklöster standen vielfach
-in denkbar schlechtestem Rufe, so dass
-Geiler von Kaisersberg sagen durfte: »Ich
-weiss nicht, welches schier das best wer,
-ein tochter in ein semlich closter thuon oder
-in ein frawenhauss. Wann warumb? ym
-closter ist sie ein huor ....« Ein hartes
-Urteil eines Geistlichen über seinesgleichen,
-dem umsoweniger die Berechtigung abgesprochen
-werden darf, als es keineswegs vereinzelt
-dasteht. Sebastian Brant meint im
-Narrenschiff:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Solch Klosterkatzen sind gar geil,</div>
- <div class="verse indent0">Das schafft, man bind sie nicht an seil«,<a name="FNanchor_058" id="FNanchor_058"
-href="#Footnote_058" class="fnanchor">[58]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>das heisst, dass sie keine Aufsicht haben.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>Die Abgeschlossenheit der Klöster eignete
-sich vorzüglich dazu, Geheimnisse der
-Aussenwelt zu verbergen und sich unter
-dem Schutze der Klausur der ausgelassensten
-Wollust hinzugeben.</p>
-
-<p>Es sind grauenvolle Thatsachen aus dem
-mittelalterlichen Klosterleben überliefert. Das
-Kloster Gnadenzell auf der schwäbischen
-Alp gelangte schon frühzeitig zu trauriger
-Berühmtheit. Einer der Schirmherren des
-Klosters, Herzog Julius von Braunschweig,
-liess die Äbtissin, eine geborene von Warberg,
-1587 lebendig begraben, weil sie sich mit
-dem Stiftsverwalter zu tief eingelassen hatte.<a name="FNanchor_059" id="FNanchor_059"
-href="#Footnote_059" class="fnanchor">[59]</a>
-Die früheren Aufseher dieses Klosters waren
-weniger streng. Sie liessen es geschehen,
-dass es darin schlimmer als in einem Bordelle
-zuging und die Nonnen Tag und
-Nacht für wohlhabende Gäste zur Verfügung
-standen. Von diesen Nonnen ging die
-Priamel aus:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Ein boehmisch moench und schwaebisch nonn</div>
- <div class="verse indent0">Ablass, den die Kartheuser hon,</div>
- <div class="verse indent0">Ein polnisch brueck und wendisch treu</div>
- <div class="verse indent0">Huener zu stehlen, Zigeuner reu</div>
- <div class="verse indent0">Der Welschen Andacht, Spanier eid</div>
- <div class="verse indent0">Der Deutschen fasten, Koellnisch maid</div>
-<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
- <div class="verse indent0">Eine schoene tochter ungezogen</div>
- <div class="verse indent0">Ein roter bart und erlenbogen,</div>
- <div class="verse indent0">Fuer diese dreizehn noch so viel,</div>
- <div class="verse indent0">Gibt niemand gern ein pappenstiel.«<a name="FNanchor_060" id="FNanchor_060"
-href="#Footnote_060" class="fnanchor">[60]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Sebastian Franck drückt sich in seinen
-Sprüchwörtern kürzer dahin aus: »Ein polnisch
-bruck, ein bemischer mönch, ein
-schwebisch nonn, ein oesterrychischer Kriegsmann,
-wälche andacht und der tütschen
-fasten geltend ein bonen« &ndash; d. h. sind
-keine Bohne wert. Im gleichen Rufe wie
-Gnadenzell standen das Frauenkloster zu
-Kirchheim unter Teck, in dem Graf Eberhard
-der Jüngere von Württemberg mit
-seinen Zech- und Waidkumpanen die tollsten
-Orgien feierte, und Söflingen bei Ulm. Als
-das Gerede über das Treiben der Söflinger
-Nonnen zu arg wurde, sah sich die geistliche
-Obrigkeit endlich veranlasst, eine Visitation
-des Klosters vorzunehmen. Gerne
-that es der Bischof Gaimbus von Kastell ja
-nicht, denn er fürchtete mit Recht einen
-Skandal. Aber was er fand, übertraf seine
-höchsten Befürchtungen und war selbst für
-den guten Magen des Kirchenfürsten zu
-viel. Ganz entrüstet berichtet er unter dem
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-20. Juni 1484 an den Papst von den Nachschlüsseln,
-den Briefen höchst unzüchtigen
-Inhalts und den üppigen Kleidern, die er in
-den Klosterzellen entdeckt hatte. Das ihm
-Peinlichste aber war, dass fast alle Nonnen
-&ndash; in gesegneten Umständen angetroffen
-worden waren.<a name="FNanchor_061" id="FNanchor_061"
-href="#Footnote_061" class="fnanchor">[61]</a> Die Zimmersche Chronik
-lässt sich über das Kloster zu Oberndorf
-im Thal wie folgt aus: »Es haben sich bis
-vierundzwanzig Klosterfrauen, meistenteils
-von Adel, darin aufgehalten, die keinen
-Mangel litten, wie man spricht, sondern im
-Überfluss lebten. Was für gutes Leben,
-sofern man das als gutes Leben achtet, in
-diesem Kloster war, ist daraus zu ersehen,
-dass viel Adel vom Schwarzwald und vom
-Neckar in diesem Kloster eingekehrt &ndash; den
-ufritt gehapt &ndash;, so dass es damals mit mehr
-Recht des Adels »hurhaus« als des Adels
-»spittal« wäre genannt worden. Besonders
-haben die von Ow, Rosenfeldt, Brandegk,
-Stain, Neuneck viel Geld darin verthan, und
-hat diese Hochschule der Wollust Ehebrecher
-und Väter unehelicher Kinder geschaffen.
-Damit genug. Einmal sind viele vom Adel
-und gute Gesellen im Kloster gewesen, die
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-haben Abendtanz sehr spät gehalten. Da hat
-es sich von ungefähr begeben, dass während
-des Tanzes plötzlich die Lichter verlöschten.
-Da entstand ein »wunderbarliches blaterspill«,
-indem sich jeder Mann ein Nönnlein
-nahm. Die Thüren waren verhängt und
-kein brennend Licht sollte in den Saal
-kommen. Und gleichwohl niemand von
-der Dunkelheit verschont blieb, so hatte
-doch keiner Grund zu klagen, ausser einem
-Edelmann, dem ein »widerwertiger casus
-begegnet«. In der Furcht, es werde unversehens
-ein Licht gebracht, schrie er:
-»Liebe Freunde, eilet nicht, lassts noch einmal
-herumgehen &ndash; ich habe meine Schwester
-erwischt!«<a name="FNanchor_062" id="FNanchor_062"
-href="#Footnote_062" class="fnanchor">[62]</a> In demselben Kapitel der eben
-citierten Chronik finden sich noch weitere
-Skandalosa von Nonnen und Mönchen, auch
-Liebesabenteuer des erbitterten, viel verlästerten
-Gegners der Reformation, Thomas
-Murner, des Franziskanermönches, des strengen
-Sittenpredigers, der vielleicht, wenn sich
-gerade mal eine günstige Gelegenheit bot,
-auch ganz gerne einen Seitensprung machte,
-was dann seinen vielen Feinden willkommenen
-Anlass bot, ihn ebenso abzukanzeln,
-<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-wie sie es von ihm gewohnt waren. Er hatte
-ein loses Maul, das ebensogut schimpfen,
-wie im beissenden Spott arge Wunden verursachen
-konnte:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wer die meisten Kinder macht,</div>
- <div class="verse indent0">Wird als Aebtissin geacht«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>sagt er in Bezug auf gewisse Klöster. In
-anderen allerdings galt wieder der Bibelspruch:
-»Selig sind die Unfruchtbaren«, den
-die Notwendigkeit diktierte, da es nicht leicht
-war, die Folgen der Verirrungen der Nonnen
-zu verbergen, denn nicht überall war es
-möglich, die Kinder kurzerhand zu töten,
-wie im Kloster Mariakron, bei dessen Abbruch
-man »in den heimlichen Gemächern
-und sonst &ndash; Kinderköpfe, auch ganze
-Körperlein versteckt und vergraben« fand.
-Der Bischof Ulrich von Augsburg erzählt
-die schier unglaublich klingende Thatsache,
-dass unter Papst Gregor I. aus einem Klosterteiche
-<em>sechstausend</em> Kinderköpfe herausgefischt
-wurden.<a name="FNanchor_063" id="FNanchor_063"
-href="#Footnote_063" class="fnanchor">[63]</a></p>
-
-<p>Die Mönchsklöster waren um kein Haar
-besser, als die Klöster mit frommen Schwestern.
-Die Mönche hatten es auch viel
-leichter als die Nonnen, da sie sich ihren
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-Passionen überlassen durften, ohne auffällige
-Folgen befürchten zu müssen. Die
-Angehörigen jener Orden, welche terminierend,
-besser gesagt bettelnd, von Ort
-zu Ort zogen, um ihre Beute mit den Brüdern
-im Kloster zu verzehren, fanden an
-frommen Bäuerinnen Seelenbräute, die sich
-gerne von den Herren Patres erlustigen
-liessen. Auch die Nonnenklöster, die ihnen
-Obdach gewährten, bewillkommten sie als
-gern gesehene Gäste, die im wahren Sinne
-des Wortes mit offenen Armen aufgenommen
-wurden. Doch nicht genug, dass
-die Cölibatäre der ihnen verbotenen Frauenliebe
-huldigten, noch andere, weit schändlichere
-Laster fanden in und durch die
-Klöster Verbreitung. 1232 forderte Gregor IX.
-die Predigermönche auf, in Österreich das
-Laster der Sodomie auszurotten und die
-Sünder als Ketzer zu behandeln. Berthold
-von Regensburg predigte gegen die »stumme,
-diu rôte sünde. Pfech, pfech (Pfui, pfui)«,
-doch mit geringem Erfolg, denn die Homosexualität
-war aus den Klöstern nicht zu
-bannen. »1409 wurden am Samstag den
-2. März zu Augsburg vier Priester, Jörg
-Wattenlech, Ulrich der Frey, Jakob der Kiss
-und Hans Pfarrer zu Gersthofen wegen
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-Sodomie in einem ›Fagelhaus‹ am Perlachturm
-angeschmiedet, leben noch am folgenden
-Freitag und verhungern dann.« Einen beteiligten
-Laien, den Lederer Hans Gossenloher,
-trifft die Strafe der Ketzer; er wird verbrannt.<a name="FNanchor_064" id="FNanchor_064"
-href="#Footnote_064" class="fnanchor">[64]</a>
-Der Strassburger Domprediger, der schon
-wiederholt angeführte Geiler von Kaisersberg,
-predigt seinen Standesgenossen: »Da
-hast du dich versündigt mit öffentlichen
-Dirnen, Jungfrauen betrogen, Ehefrauen
-be........, Witwen geschändet, mit deinen
-Freunden zu thun gehabt, da mit deinem
-Gevatter, da mit deinem Beichtvater, da mit
-deiner Beichttochter. Ich will schweigen
-der Unzucht, mit der du die Ehe gebrochen,
-ich will auch schweigen der Unzucht,
-darum man dich verbrennen sollte.«<a name="FNanchor_065" id="FNanchor_065"
-href="#Footnote_065" class="fnanchor">[65]</a>
-Und wenn dies ein Mönch sagt, der seinesgleichen
-genau kennt, ist jeder Zweifel
-daran von Übel. Wie genau Geiler Bescheid
-weiss, geht aus dem von ihm
-wiederholt angeführten Sprichwort hervor:
-»Willst du haben dein Haus sauber, so hüte
-dich vor Pfaffen, Mönchen und Tauben,
-<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-Diener, Vettern, Laienbrüdern (blotzbruder)
-und Aerzten.« Die Geistlichkeit, die durch
-ihr Beispiel veredelnd auf die Laien hätte
-einwirken sollen, musste durch ihr Betragen
-nicht nur an Achtung, sondern auch an Einfluss
-auf die breiten Massen des Volkes einbüssen,
-wodurch sich erklärt, dass die Reformation
-beinahe von Anbeginn an ihren
-beispiellosen Erfolg zu verzeichnen hatte.
-Und nicht nur die Laien allein, sondern
-auch einsichtsvolle Männer aus dem Stande
-selbst sahen ein, dass sich eine gründliche Reinigung
-des priesterlichen Augiasstalls unabweisbar
-machte, sollte nicht der morsch gewordene
-Bau der römisch-katholischen Kirche
-jäh in sich zusammenbrechen. Geiler von
-Kaisersberg gesteht offen ein, dass jeder,
-der ein faules Leben führen und ungehindert
-seinen Begierden frönen wollte, sich mit
-der Kutte bekleidete. War doch die Gründungsursache
-der meisten Klöster keineswegs
-Frömmigkeit, sondern nichts weiter
-als purer Eigennutz, der darauf ausging,
-Sinekuren zu schaffen. »Man irrt sehr,
-wenn man sich vorbildet, alle Klosterstiftungen
-im Mittelalter seien aus purer Frömmigkeit
-und ohne Beimischung politischer
-und häuslicher Zwecke geschehen. Bei
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-weitem hatten die meisten Stifter dabei die
-Absicht, zugleich für ihr Haus zu sorgen
-und bei zahlreicher Familie dort für einige
-ihrer Kinder &ndash; eheliche und Nebensprösslinge
-&ndash; eine ständige Unterkunft anzulegen,
-zumal da solche Klöster dergleichen
-Kinder des Geschlechts des Stifters ohne,
-oder nur gegen äusserst geringe, Mitgift
-aufzunehmen verbunden waren. Man fand
-daher in dergleichen Stiftungen das erspriesslichste
-Mittel, beide Zwecke zugleich zu erreichen;
-sich einesteils den Himmel zu verschaffen
-und andernteils sich drückender
-Familienbürden zu entledigen. Auch ohne
-Stifter zu sein, hatten grosse Klosterwohlthäter
-nicht selten den nämlichen Zweck,
-und so wusch denn auch hier gewöhnlich
-eine Hand die andere rein«, sagt Bodmann
-in seinen 1819 erschienenen »Rheingauischen
-Alterthümern«. So hielt man es von Karls
-des Grossen Zeiten her bis in die neueste
-Zeit. Nach innerem Beruf wurde bei den
-für das Kloster Bestimmten nicht gefragt;
-sie hatten dem elterlichen Machtspruche zu
-gehorchen, und sie folgten vielfach auch
-ganz gerne, da ihnen das Gelübde kaum
-einen Zwang auferlegte, und sie frei ihren
-Neigungen nachleben konnten:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Bemerket: wenn ein Edelmann</div>
- <a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
- <div class="verse indent0">Sein Kind jetzt nicht vermählen kann</div>
- <div class="verse indent0">Und hat kein Geld ihr mitzugeben,</div>
- <div class="verse indent0">So muss sie in dem Kloster leben;</div>
- <div class="verse indent0">Nicht dass sie Gott sich weih' darin,</div>
- <div class="verse indent0">Nur dass er sie nach seinem Sinn</div>
- <div class="verse indent0">Und seiner Hochfahrt mit seinem Gut</div>
- <div class="verse indent0">Versorge, wie man dem Adel thut,«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>sagt Murner. Wen aber wirklich Herzensneigung
-in das Kloster trieb, der wurde,
-wenn er nicht von ganz aussergewöhnlicher
-Willensstärke war, von dem unaufhaltsam
-dahintosenden Strome der in den Klöstern
-herrschenden Unmoral mitgerissen; er versank
-in den Strudel, gleich seinen Brüdern
-und that ebenso, wie sie es alle machten.
-Das schlechte Beispiel ging von den Kirchenfürsten
-selbst aus. Würdenträger, die ihren Beruf
-ernst nahmen und streng auf die Beobachtung
-der Gelübde hielten, waren weisse Raben.
-Einer dieser wenigen, Ferdinand von Fürstenberg,
-Fürstbischof von Paderborn (1661 bis
-1683), ging so weit, einen Gesalbten ausstossen
-und hinrichten zu lassen, weil er
-ein ausschweifendes Leben führte.<a name="FNanchor_066" id="FNanchor_066"
-href="#Footnote_066" class="fnanchor">[66]</a> Die
-<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-Mehrzahl der anderen hohen Herren liess
-sieben gerade sein, da sie es meistens
-noch toller trieben, als die ihnen Unterstellten.</p>
-
-<p>Bezeichnend für die sich unter dem geistlichen
-Habite breit machende Lasterhaftigkeit
-war das Treiben in den geistlichen
-Ritterorden. Dem Orden der Tempelherren
-machte bekanntlich der energische König
-Philipp IV. der Schöne von Frankreich ein
-schreckensvolles Ende. 1312 wurde gegen
-die Ordensbrüder die Anklage auf die gleichbedeutenden
-Verbrechen Ketzerei und Sodomiterei
-seitens des Papstes Clemens V. erhoben,
-die zu ihrer Ausrottung mit Feuer
-und Schwert führte. Glücklicher waren die
-sich unter gewichtigem Schutze bergenden
-deutschen Ritter, die »allein im Dienste
-ihrer himmlischen Dame Maria« stehend,
-den Namen der göttlichen Jungfrau auf das
-Gröblichste missbrauchten und unter seinem
-Deckmantel himmelschreiende Missethaten
-vollführten. Von ihren Menschenschlächtereien
-abgesehen, den berüchtigten »Heidenfahrten«
-auf wehrlose und harmlose
-Naturkinder, die man aus purem Sport hinschlachtete,
-waren sie Wüstlinge schlimmster
-Sorte, denen kein Laster versagt blieb.
-<a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-Die Bürger Marienburgs, ihrer Residenz,
-mussten sich wiederholt beschweren, dass
-kein ehrsamer Bürger abends sein Haus
-verlassen dürfe, ohne fürchten zu müssen,
-die zu Hause gelassenen Frauen und
-Mädchen von den Rittern auf die Hochburg
-geschleppt und dort gemissbraucht zu
-sehen. »Ein Teil der Schlossfreiheit heisst
-noch von der Zeit her, wo die Ritter ihr
-unheiliges Wesen da trieben, ›der Jungferngrund‹.
-Noch jetzt« &ndash; um die Mitte des
-19. Jahrhunderts &ndash; »wird von jener Zeit
-her beim Magistrat von Marienburg die
-Kasse des ›Jungferngrund-Hospitals‹ verwaltet,
-worin zu Grunde gerichtete Frauenzimmer
-aufgenommen wurden. Aus den
-Strafakten des Marienburger Ordenshauses
-hat sich ergeben, dass unter dem Deckmantel
-der christlichen Beichte Jungfrauen
-und Ehefrauen systematisch verführt, Vergewaltigungen
-selbst an neunjährigen Mädchen
-von den Ordenskaplänen verübt wurden.
-Das Bezeichnendste, was von den auf das
-<i>votum castitatis</i> verpflichteten deutschen
-Ordensrittern gesagt werden kann, ist, dass
-der Ordensmeister Conrad von Jungingen
-bereits zu Ende des 14. Jahrhunderts
-Verbote erlassen musste, kein weibliches
-<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-Tier im Ordenshause zu Marienburg zu
-dulden.«<a name="FNanchor_067" id="FNanchor_067"
-href="#Footnote_067" class="fnanchor">[67]</a></p>
-
-<p>Die Reformation fand in den Klöstern
-beiderlei Geschlechtes begeisterte Anhänger,
-die mit fliegenden Fahnen in das feindliche
-Lager übergingen. Namentlich in
-den Nonnenklöstern beeilten sich viele
-der Schwestern, die verhassten, drückenden
-Fesseln zu zerbrechen, die ihnen Familienrücksichten,
-Tradition und Egoismus geschmiedet,
-um in das weltliche Leben zurückzukehren.
-Wieviel heisses Ringen, was für
-mächtige Seelenkämpfe mögen die düsteren
-Zellen gesehen haben, ehe in manchem
-zaghaften Gemüte der Entschluss zu der
-für eine Frau heroischen That reifte, das
-gewohnte Nonnenkleid für immer abzustreifen.</p>
-
-<p>Gelang es diesen Exnonnen nicht, Unterkunft
-bei ihren Familien zu finden, Stellungen
-als Lehrerinnen zu erlangen, oder
-in den heiligen Ehestand zu treten, manchmal
-sogar, wie dies mehrfach passierte, mit
-dem vordem geliebten Mönch, so fielen sie
-dem unverhüllten Laster anheim. Nonnen
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-der gesperrten Klöster zogen als landfahrende
-Dirnen einher, wenn sie nicht sofort
-nach Aufhebung des Klosters den Weg
-nach dem Bordelle eingeschlagen hatten.
-In Nürnberg war dies im Jahre 1526 der
-Fall, als die Pforten des berühmten St. Clara-Klosters
-für immer geschlossen und die
-Schwestern auf die Strasse gesetzt worden
-waren.</p>
-
-<p>Vom Erhabenen zum Lächerlichen, vom
-Kloster zum öffentlichen Hause, war schon
-lange vor Napoleon nur ein Schritt!</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">
-Beilager und Ehe.
-<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a></h2>
-</div>
-
-<p>
-Die Ehe, dieses älteste von Naturgesetzen
-diktierte Verhältnis, das zwei Menschen aneinander
-schliesst, hat kein anderes Volk so
-edel aufgefasst, wie die Germanen.</p>
-
-<p>»Das Verlöbnis war ein Vertrag, durch
-welchen Mann und Weib sich zu einem
-Haushalt und Gründung einer Familie für
-das ganze Leben verbanden, um einander
-lieb zu sein über alles auf Erden, Wunsch,
-Willen und Besitztum gemeinschaftlich zu
-haben. Selbst mit dem Tode hörte die
-Pflicht der überlebenden Gattin nicht auf.
-Bei einigen Germanenvölkern war es der
-Frau nur einmal gestattet, in den Ring der
-Zeugen zu treten, vor denen sie das Gelöbnis
-ablegte; und es sind Spuren erhalten
-von noch älterer strenger Volkssitte,
-nach welcher die Frau den Gatten so wenig
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-überleben durfte, wie der Gefolgmann seinen
-Wirt, wenn dieser in der Schlacht fiel. Das
-Weib des Germanen war nicht nur die Hausgebettete,
-die auf gemeinsamem Lager den
-Hals des Gatten umschlang, und nicht
-nur Herrin des Hauses und Erzieherin der
-Kinder, wie bei den Römern, sie war auch
-seine Vertraute und Genossin bei der männlichen
-Arbeit. Die Geschenke, welche der
-Mann ihr zu dem Gelöbnis gab, ein Joch
-Rinder, Speer und Ross<a name="FNanchor_068" id="FNanchor_068"
-href="#Footnote_068" class="fnanchor">[68]</a>, waren symbolisches
-Zeichen, dass sie mit ihm über den
-Herden walten würde und als seine Begleiterin
-an der Feldarbeit teilnehmen, ja
-dass sie ihm auf dem Kriegspfade folgen
-sollte, in der Schlacht seinen Eifer zu stählen,
-seine Wunden zu rühmen, nach seinem
-Tod ihn zu bestatten und vielleicht zu
-rächen.«<a name="FNanchor_069" id="FNanchor_069"
-href="#Footnote_069" class="fnanchor">[69]</a></p>
-
-<p>»Der Innigkeit germanischer Ehe schadete
-nicht, dass sie schon in der Urzeit oft ein
-Familienvertrag war, der im Interesse zweier
-Geschlechter geschlossen wurde«, und diese
-Art des Ehebundes blieb in allen Ständen
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-von der Urzeit an die vorherrschende. Die
-Liebe kam in zweiter Linie; trotz Freytags
-poetischer Verherrlichung war meist rein
-prosaisches Interesse die Ursache der Verheiratung.</p>
-
-<p>»Wie in heidnischer, so ist die Ehe
-auch in christlicher Zeit durchaus ein Geschäft
-zwischen dem Bräutigam und den
-Verwandten der Braut, wobei letztere vielfach
-gar nicht um ihre Zustimmung befragt
-wurde«<a name="FNanchor_070" id="FNanchor_070"
-href="#Footnote_070" class="fnanchor">[70]</a>, nur trat mit der Zeit eine Wandlung
-dahin ein, dass der ursprünglich dem
-Vater oder dem Mundwalt der Braut, dem
-ältesten Bruder oder Vormund, übergebene
-Brautkauf nun der jungen Frau selbst, sei
-es als Morgengabe, oder als Wittum (videme)
-zufällt. War die Morgengabe ein freiwilliges
-Geschenk des Ehegatten an seine Neuvermählte,
-so wurde die Höhe des Wittums
-vorher genau festgesetzt. Siegfried schenkt
-seiner jungen Gattin den Nibelungenhort,
-Bärschi in »Metzens Hochzeit«, der
-Metzi, ein feistes Mutterschwein zur Morgengabe.</p>
-
-<p>Die altdeutsche Eheschliessung zerfällt in
-<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-die Erwerbung der Braut durch den Verspruch
-vor dem Vormund und durch die
-Übergabe der Braut an den Bräutigam durch
-die Heimführung. Durch die Verlobung
-erstanden dem Bräutigam bereits rechtliche
-und eheliche Ansprüche an die Braut, deren
-Verletzung durch Dritte gesetzliche Ahndung
-findet. Daher wird mit Recht der
-Satz aufgestellt, dass die Verlobung die
-Eheschliessung, die Trauung aber nur den
-Vollzug der Ehe darstellte. Die Verlobung
-schildert das Nibelungenlied bei Gelegenheit
-des Verspruches von König Giselher
-mit der Tochter Rüdegers von Bechelaren.
-Nachdem des Königs Brüder als Freiwerber
-das Jawort erhalten haben, der Jungfrau
-seitens des burgundischen Geschlechts das
-Wittum festgelegt wurde und der Brautvater
-eine Summe Gold und Silber als Mitgift
-ausgesetzt hat, heisst man das junge
-Paar nach alter Sitte in den »rinc« (einen
-Kreis) treten, fragt die Jungfrau, ob sie
-gewillt sei, den Recken zum Manne zu
-nehmen, und als sie das auf ihres Vaters
-Rat bejaht, reicht Giselher der Braut die
-Hand zum Gelöbnis.</p>
-
-<p>Der Ring, als Zeichen der Verlobung, kam
-mit dem Eindringen des Christentums zu
-<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-den europäischen Völkern. In der Gudrun
-»jedwederz dem andern daz gold stiez an
-die hant«.<a name="FNanchor_071" id="FNanchor_071"
-href="#Footnote_071" class="fnanchor">[71]</a></p>
-
-<p>War die Verlobung auch identisch mit
-der Ehe selbst, so räumte sie dem Bräutigam
-doch keine ehelichen Rechte ein.
-Das geschlechtliche Zusammenleben Verlobter
-war untersagt und auf vorzeitigen
-Beischlaf standen strenge Bussen. Untreue
-der Braut galt vielfach als Ehebruch; der
-Verführer erlitt Todesstrafe, wenn er nicht
-durch zwölf Eideshelfer beschwören konnte,
-von der stattgehabten Verlobung nichts zu
-wissen. Über die Untreue des Bräutigams
-glitt man leichter hinweg. Das Hamburger
-Stadtrecht von 1270 bestimmt, wenn der
-Verlobte von einem Weibe wegen intimen
-Umgangs mit ihr verklagt werde, so habe
-die Braut drei Monate auf die Entscheidung
-zu warten; könne die Sache nur in Rom geführt
-werden, so warte sie ein Jahr. Ist der
-Prozess auch dann noch nicht zu Ende, so
-ist das Verlöbnis aufgelöst und der Braut
-gebührt eine Entschädigung von 40 Mark
-Pfennig. Dasselbe galt für eine Klage gegen
-<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-die Braut.<a name="FNanchor_072" id="FNanchor_072"
-href="#Footnote_072" class="fnanchor">[72]</a> Wer eine Braut entführte, hatte
-ausser den Blutsverwandten auch den Verlobten
-zu sühnen, unter Umständen den
-zehnfachen Brautkauf zu erlegen, und musste
-die Entführte behalten, denn der Raub löste
-die Verlobung. Nur die bayrischen Rechte
-verlangten die Rückgabe der Braut an den
-Bräutigam. Die Entführung wurde von
-unseren Vorfahren zu den schwersten Verbrechen
-gerechnet; Notzucht und Frauenraub
-fielen in den Gesetzen mehrfach zusammen.
-Selbst das Asylrecht in den
-Klöstern und anderen Freistätten, die kein
-Scherge betreten durfte, blieb den Frauenräubern
-verschlossen. Karl der Grosse verhängte
-über den Entführer der Tochter seines
-Herrn die Todesstrafe, die Kirche belegte
-alle diese Verbrecher mit ihrem Bann.
-Schwere Geldbussen waren allen Gesetzen
-des Mittelalters gemeinsam, wenn sie nicht
-auf Leib- und Lebensstrafen erkannten. Das
-Hamburger Stadtrecht von 1270 bedroht
-den mit Todesstrafe, der eine Jungfrau unter
-16 Jahren, wenn auch mit ihrem Willen, oder
-eine ältere gegen ihren Willen entführt; der
-Entführer geht nur dann frei aus, wenn er ein
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-nacktes Mädchen über 16 Jahre mit seinem
-Einverständnis entführte.<a name="FNanchor_073" id="FNanchor_073"
-href="#Footnote_073" class="fnanchor">[73]</a></p>
-
-<p>Die Entführungen kamen in dem wirklichen
-und poetisch überlieferten Leben des
-Mittelalters, sowohl in der vorritterlichen wie
-in der ritterlichen Zeit häufig vor, da sie
-der Abenteurerlust der damaligen Gesellschaft
-so recht nach dem Herzen waren.</p>
-
-<p>Das späte Heiraten, von dem Tacitus
-sprach, hat sich bis zum 13. Jahrhundert in
-unserem Volke erhalten, um dann vollständig
-in Vergessenheit zu geraten. Heiratete
-man bis zum gedachten Säculum erst
-mit dem 30. Jahre, so zeichnete sich die
-Folgezeit unvorteilhaft durch unnatürlich
-frühe Ehen aus<a name="FNanchor_074" id="FNanchor_074"
-href="#Footnote_074" class="fnanchor">[74]</a>, so dass Murner in seinem
-Gedichte »Vom Nutzen des Ehestandes« mit
-Recht klagen durfte:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»So 'ne Jungfrau nahm 'nen Mann,</div>
- <div class="verse indent0">Der nicht zum mindest dreissig Jahr</div>
- <div class="verse indent0">War alt &ndash; sag ich dir offenbar.</div>
- <div class="verse indent0">Jetzt nehmen zwei einander g'schwind</div>
- <div class="verse indent0">Die beide nicht dreissig Jahr alt sind.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Nach dem Schwabenspiegel war das vollendete
-12. Jahr zur Heirat eines freien, nach
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-den Weistümern das 14. bei der Vermählung
-leibeigener Mädchen für ausreichend
-erachtet. Gudrun war etwas älter als zwölf
-Jahre, als »nâch ir edelen minnen von
-vürsten wart gegert«. Kriemhild zählte bei
-ihrer Vermählung 15 Jahre, was in adeligen
-und städtischen Geschlechtern bis zum
-16. Jahrhundert das Alter war, in dem die
-Jungfrauen heirateten. Anna Stromer in
-Nürnberg vermählte sich allerdings schon
-vierzehnjährig, ward mit 16 Jahren Mutter,
-und gebar bis zu ihrem 25. Jahr acht Kinder
-&ndash; ein Fall, den ein gewissenhafter Chronist
-für aufzeichnenswert erachtet.<a name="FNanchor_075" id="FNanchor_075"
-href="#Footnote_075" class="fnanchor">[75]</a> Gertrud,
-Kaiser Lothars Tochter, beging zwölf Jahre
-alt ihre Hochzeit mit Heinrich dem Stolzen
-(1127). Eine weitere Kinderhochzeit war
-die der vierjährigen heiligen Elisabeth mit
-dem zwölfjährigen Landgrafen Ludwig von
-Thüringen.<a name="FNanchor_076" id="FNanchor_076"
-href="#Footnote_076" class="fnanchor">[76]</a> Gnote, die Tochter Rudolfs
-von Habsburg, war bei ihrer Trauung
-mit dem König Wenzel von Böhmen, ein
-Kind, das ihrem Knaben von Gatten von
-ihren Puppen erzählt, während er ihr von
-seinen Falken vorschwärmt, als sie beisammen
-<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-liegen. Selbstverständlich wurden
-derartige von der Staatsraison diktierte Heiraten,
-die sich in der mittelalterlichen Geschichte
-häufig wiederholen, erst nach der
-Reife der Gatten zu wirklichen Ehen. Das
-Zusammenliegen, <em>das Beilager</em>, stellte nur
-symbolisch den Vollzug der Ehe, und dadurch
-ihre Unlöslichkeit nach kirchlichen
-und weltlichen Gesetzen dar. Denn: Ist das
-Bett beschritten, ist die Eh' erstritten, sagt
-ein uraltes Rechtssprichwort.<a name="FNanchor_077" id="FNanchor_077"
-href="#Footnote_077" class="fnanchor">[77]</a></p>
-
-<p>Noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts
-aber hielt man das Beilager auch dann
-öffentlich ab, wenn sich die Gatten in heiratsfähigem
-Alter befanden. Aus einer Beschreibung
-vom Jahre 1599, der »Hohen
-Zollerischen Hochzeyt«, die J. Frischlin in
-»Drey schöne vnd lustige Bücher« lieferte,
-heisst es:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Rheingraff Ottho führt sie (die Braut) hinauff mit fleyss</div>
- <div class="verse indent0">In jr gezimmer hüpsch und weyss.</div>
- <div class="verse indent0">Da wartet sie, biss zu jr kam</div>
- <div class="verse indent0">Der junge Herr und Bräutigam</div>
- <div class="verse indent0">Mit allen Fürsten, Graffen, Herren,</div>
- <div class="verse indent0">So folgen theten willig geren.</div>
-<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
- <div class="verse indent0">Vor jnen her Trommeter bliesen,</div>
- <div class="verse indent0">Die stark in jre Pfeiffen stiessen.</div>
- <div class="verse indent0">Als nun der Hochborn Bräutigam</div>
- <div class="verse indent0">Hinauff in sein Schlaffzimmer kam,</div>
- <div class="verse indent0">Sein Mantel und Kranz legt von sich,</div>
- <div class="verse indent0">Sein Wöhr und Ketten und gabs gleich</div>
- <div class="verse indent0">Seim Hofmaister, solchs zu bewaren;</div>
- <div class="verse indent0">Derselbig thet den Fleyss nicht sparen.</div>
- <div class="verse indent0">Als nun die Fürsten, Herren, Frawen</div>
- <div class="verse indent0">Stunden in diesem Gemach zu schawen,</div>
- <div class="verse indent0">Die zween Brautfürer tratten her,</div>
- <div class="verse indent0">Die Gesponss<a name="FNanchor_078" id="FNanchor_078" href="#Footnote_078" class="fnanchor">[78]</a> sie brachten höflich hehr</div>
- <div class="verse indent0">Und legten sie hinein inns Beth,</div>
- <div class="verse indent0">Ir weysse Kleider noch an hett.</div>
- <div class="verse indent0">Dann legten sie den Bräutigam</div>
- <div class="verse indent0">Zu seiner Gesponss also zusam,</div>
- <div class="verse indent0">Die Döcken uberschlagen theten,</div>
- <div class="verse indent0">Biss sie ein Weyl gelegen hetten.</div>
- <div class="verse indent0">Gar bald sie wieder auffgestanden,</div>
- <div class="verse indent0">Die Fürsten, Herren seind vorhanden,</div>
- <div class="verse indent0">Wünscht jeder da für seinen theyl</div>
- <div class="verse indent0">Dem Bräutigam und Braut vil heyl,</div>
- <div class="verse indent0">Viel glücks und guten segen reich;</div>
- <div class="verse indent0">Darnach lugt jeder, das er weich'</div>
- <div class="verse indent0">Und selber in sein Kammer kumb,</div>
- <div class="verse indent0">An seinem Schlaff auch nichts versumb<a name="FNanchor_079" id="FNanchor_079"
-href="#Footnote_079" class="fnanchor">[79]</a>.«<a name="FNanchor_080" id="FNanchor_080"
-href="#Footnote_080" class="fnanchor">[80]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Bei einer anderen Fürstenhochzeit im
-Junimond 1585 zwischen Johann Wilhelm III.,
-<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-Herzog zu Jülich-Cleve-Berg und Jakobäa
-von Baden sind die Brautgemächer nach
-damaliger aus Frankreich gekommener Sitte
-mit Teppichen behangen, deren Gewebe
-mythologische Scenen darstellen, so »zur
-ehelichen Lieb' am meisten und vornehmlich
-gehörig«.<a name="FNanchor_081" id="FNanchor_081"
-href="#Footnote_081" class="fnanchor">[81]</a> Diese Ehe endete bekanntlich
-mit dem geheimnisvollen Tode der eines
-zuchtlosen Wandels beschuldigten Jakobäa.<a name="FNanchor_082" id="FNanchor_082"
-href="#Footnote_082" class="fnanchor">[82]</a></p>
-
-<p>Verlobung und Hochzeit folgten bei
-Bürgern und Bauern häufig unmittelbar aufeinander,
-namentlich wenn eine feierliche
-Verlobung stattgefunden hatte; doch kommt
-es auch vor, dass dem ungeduldigen Bräutigam
-eine Wartezeit auferlegt wird, so
-Gudruns Verlobten Herwig, der ein ganzes
-Jahr warten muss, wobei ihm aber von der
-Schwiegermutter hochherzig gestattet wird,
-dass er sich »mit schoenen wîben vertribe
-anders wâ Die zît«. Vom 8. Jahrhundert ab
-begehrte die Geistlichkeit ein dreimaliges
-Aufgebot und die kirchliche Einsegnung der
-Ehe. Die höhere Gesellschaft fügte sich
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-diesem Anspruche sofort, nicht so die breiteren
-Schichten des Volkes, denen auf noch
-lange die einfache bürgerliche Eheschliessung
-genügte »an (ohne) schuoler und an phaffen«,
-den Bauern sogar bis ins 15. Jahrhundert. Aber
-selbst der Hochadel verfügte sich erst am
-Morgen nach der Brautnacht zur Kirche.
-Abends vor dem Kirchgange wurde das
-Brautpaar in die Brautkammer gebracht,
-eine Decke beschlägt sie beide, ein Geistlicher
-findet sich vielleicht ein, den Brautsegen
-über das Paar zu sprechen.<a name="FNanchor_083" id="FNanchor_083"
-href="#Footnote_083" class="fnanchor">[83]</a> Die
-Freundinnen und nächsten Angehörigen sind
-der Braut beim Entkleiden behilflich, ihr
-manch guten Rat dabei zuflüsternd. Oft
-sind auch der Brautvater, der Bruder des
-Bräutchens oder andere aus der Sippschaft
-in dem Gemache anwesend.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wie Elsa von Brabant, die schöne, keusche Magd,</div>
- <div class="verse indent0">Dem Fürsten werth des Nachts ward zugesellet.</div>
- <div class="verse indent0">Die Kaiserin nicht unterliess,</div>
- <div class="verse indent0">Dass sie die Fürstin selbst des Nachts zu Bette wies.</div>
- <div class="verse indent0">Die Kammer war mit Decken wohlbestellet.</div>
- <div class="verse indent0">Das Bett war schön geziert, mit Golde roth und reicher Seiden,</div>
- <div class="verse indent0">Und manches Thier darein gewoben.</div>
- <div class="verse indent0">In dieses Bett hat sich die Jungfrau nun gehoben,</div>
- <div class="verse indent0">Um drin der Minne Buhurd zu erleiden.</div>
-<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
- <div class="verse indent0">Der Kaiser auch gekommen war,</div>
- <div class="verse indent0">Er hiess die Kammer das Gesinde räumen gar,</div>
- <div class="verse indent0">Gut Nacht gab er den Beiden miteinander.</div>
- <div class="verse indent0">Nun ward die Maid entkleidet schier,</div>
- <div class="verse indent0">Es drückte sie der Degen an sich stolz und zier:</div>
- <div class="verse indent0">Ich sag' nicht mehr als &ndash; was er sucht', das fand er.«<a name="FNanchor_084" id="FNanchor_084"
-href="#Footnote_084" class="fnanchor">[84]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Wenn in den mittelalterlichen Heldengedichten
-sich der Freund an Stelle des
-wirklichen Bräutigams mit der Auserkorenen
-seines Freundes trauen lässt, was, trotz der
-augenscheinlichen Unwahrscheinlichkeit, ein
-dankbares, vielverwendetes Motiv für die
-damaligen Dichter abgab, dann legte der
-Pseudogatte ein entblösstes Schwert zwischen
-sich und die Braut, um dadurch ihre
-Unberührbarkeit anzudeuten. So liegt Siegfried
-bei Brunhilde, und in Konrad von
-Würzburgs der Verherrlichung der Freundestreue
-gewidmetem Gedichte »Engelhart und
-Engeltrut« findet sich darüber folgende Episode.
-Engeltrut, die Tochter des Königs
-von Dänemark, deren Vater Engelhart und
-sein Freund Dietrich von Brabant dienen,
-kommt eines Nachts an das Bett des Engelhart
-und verspricht ihm ihre Liebe, sobald
-er Ritter geworden und sich im Turniere
-<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-einen Preis geholt. Nachdem er diese Bedingungen
-erfüllt und Engeltrut an seiner
-heissen Liebe nicht mehr zweifeln kann,
-giebt sie ihm ein Stelldichein im Baumgarten
-des väterlichen Schlosses; sie empfängt
-ihn, nur mit Mantel und Hemd bekleidet,
-zieht ihn unter ihren Mantel und führt ihn
-»ûf einen senften matraz«. Sie werden von
-ihrem Widersacher, dem Neffen des Königs,
-belauscht. Engelhart aber leugnet alles und
-will für die Wahrheit seiner Behauptung
-kämpfen. Er holt sich seinen Freund
-Dietrich, der ihm zum Verwechseln ähnlich
-sieht. Dieser kann mit ruhigem Gewissen
-seine Unschuld beschwören, ficht mit dem
-Angeber, siegt und erhält als Engelhart die
-Hand der Engeltrut. Er heiratet sie auch,
-wie es einst Engelhart mit Dietrichs Frau
-gemacht, legt aber wie dieser ein blosses
-Schwert im Brautbett zwischen sich und
-Engeltrut, die er dem Freunde rein übergiebt.<a name="FNanchor_085" id="FNanchor_085"
-href="#Footnote_085" class="fnanchor">[85]</a></p>
-
-<p>Derartige Hochzeiten mit Stellvertretern
-kamen übrigens auch in der Wirklichkeit
-vor, allerdings nur an Höfen, deren Angehörige
-oft schon im zartesten Alter vermählt
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-wurden, oder die entweder aus politischen
-Gründen oder der Bequemlichkeit wegen
-die weite und oft nicht ungefährliche Reise
-zum Wohnsitze der Braut scheuten. Die Vermählung
-wurde alsdann durch Prokuration
-mit dem Spezial-Gesandten vollzogen, der
-an Stelle seines Gebieters das Beilager abhielt,
-in eine schwere Prunkrüstung gehüllt,
-das scharfe Schwert zwischen sich und der
-Herrin. Der alte österreichische Chronist
-Jakob Unrest meldet über ein solches Beilager,
-das anlässlich der später in die Brüche
-gegangenen Vermählung Maximilians I., des
-letzten Ritters, mit der Prinzessin Anna von
-Bretagne, stattfand: »Kunig Maximilian schickt
-seiner Diener einen genannt Herbolo von
-Polhaim gen Britannia zu empfahen die
-Kunigliche Braut; der war in der Stat Remis
-(Reims) erlichen empfangen, und daselbs
-beschluff der von Polhaim die Kunigliche
-Brauet mit ein gewapte Man mit den rechte
-Arm und mit dem rechten fus blos und ein
-blos schwert dazwischen gelegt, beschlaffen.
-Also haben die alten Fürsten gethan, <em>und
-ist noch die Gewonhait</em>. Da das alles
-geschehen was, war der Kirchgang mit dem
-Gottesdienst nach Ordnung der heiligen Kahnschafft
-mit gutem fleiss vollpracht.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>Die bürgerliche Gesellschaft äffte natürlich
-diese Beilagersitte des Hochadels nach,
-wie aus der Dresdener Hochzeitsordnung
-aus dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts
-hervorgeht. Nach dieser durften die Hochzeitsgäste
-dem <i>pro forma</i>-Beilager beiwohnen,
-mussten aber dann das Gemach verlassen,
-während das junge Paar aufstand, um mit
-zwei Tischen voll Gästen zu tafeln.</p>
-
-<p>Diese offiziellen Beilager, bei denen es
-tadellos ehrbar zuging, da man im Gegensatze
-zu früheren Zeiten die mit dem Brautstaate
-geschmückte Braut zu dem Gatten
-legte, sind von jenen inoffiziellen Beilagern
-zu unterscheiden, die der erklärte Bräutigam
-mit seiner Braut abhielt, ohne sie zur Frau
-zu machen.</p>
-
-<p>Dieses »Beschlafen auf Treu und Glauben«
-kennt bereits die früheste Zeit des deutschen
-Mittelalters. Die Ehre der Braut lief
-um so weniger Gefahr, als sie unter dem
-Schutze des Gesetzes stand. Das Mädchen,
-das sich dem Bräutigam nicht ergeben
-wollte, konnte ganz wohl das Beilager gestatten,
-ohne in der öffentlichen Meinung
-als gefallen zu gelten, wenn auch Zweifel
-an der beiderseitigen Zurückhaltung zu naheliegend
-waren, um nicht geäussert zu werden.
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-Der Mann musste jedenfalls seine Selbstbeherrschung
-bewahren, wenn es der Schönen
-so beliebte, denn die mittelalterlichen Gesetze
-achteten eine während des Beilagers
-begangene Gewaltthat der Notzucht gleich.
-»Eyn jeglich man mac an siner Amyen die
-notnunft begen, daz sol man uber sie richten,
-als ob er nie bi ir gelege«, heisst es in den
-Alemannischen Landrechten, und ähnlich in
-den sächsischen Land- und dem alten Goslarischen
-Stadtrechte. Im Parzival kommt
-die jungfräuliche Königin Kondwiramur
-(= <i>coin de voire amors</i> = Ideal der wahren
-Liebe) zu dem schlafenden Parzival, aber:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent2">»Nicht von der Minne Ungestüm</div>
- <div class="verse indent0">Getrieben, die Jungfräulein kann</div>
- <div class="verse indent0">Zum Weibe wandeln durch den Mann, &ndash;</div>
- <div class="verse indent0">Dass er als Freund ihr rat' im Leide.</div>
- <div class="verse indent0">Den Leib umhüllt ein wehrhaft Kleid,</div>
- <div class="verse indent0">Ein dünnes Hemd von weisser Seide.</div>
- <div class="verse indent0">Was taugt wohl mehr zum Minnestreit,</div>
- <div class="verse indent0">Als wenn dem Manne so ein Weib</div>
- <div class="verse indent0">Sich naht? Der Herrin schlanken Leib</div>
- <div class="verse indent0">Hüllt noch ein Sammetmantel ein.«<a name="FNanchor_086" id="FNanchor_086"
-href="#Footnote_086" class="fnanchor">[86]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Sie teilt sein Lager</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">».... doch ist dies bedungen,</div>
- <div class="verse indent0">Dass nicht berühren darf der eine</div>
- <div class="verse indent0">Des andern Leib ....«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-bis »die Nacht schwand hin, der Tag brach an«.</p>
-
-<p>Dieser Gebrauch hielt das ganze Mittelalter
-hindurch an, wie Hans von Schweinichens
-Denkwürdigkeiten bezeugen. Unter
-dem Jahre 1573 heisst es bei Beschreibung
-eines Reiseabenteuers im Lande Lüneburg
-bei Herzog Heinrich, nach dessen glücklichem
-Ausgang in Dannenberg getanzt wird; nach
-dem Tanze hebt das stereotype grosse
-Saufen an, bei dem Schweinichen als letzter
-auf der Walstatt bleibt: »Die einheimischen
-Junkern verloren sich auch, sowohl die Jungfrauen,
-dass also auf die Letzte nicht mehr
-als zwo Jungfern und ein Junker bei mir
-blieben, welcher einen Tantz anfing. Dem
-folget ich nach. Es währet nicht lange,
-mein guter Freund wischt mit der Jungfer
-in die Kammer, so an der Stuben war, ich
-hinter ihm nach. Wie wir in die Kammer
-kommen, liegen zwei Junkern mit Jungfrauen
-im Bette. Diser der mit mir vortanzet,
-fiel sammt der Jungfer auch in ein
-Bette. Auf Mecklenburgerisch so saget sie,
-ich sollt mich zu ihr in ihr Bette auch legen;
-dazu ich mich nicht lange bitten lies, leget
-mich mit Mantel und Kleidern, ingleichen
-die Jungfrau auch, und redeten also bis
-<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-vollend zu Tag, jedoch in allen Ehren. Auf
-den Morgen hatt ich das Beste, dass ich
-der Längste wär auf dem Platz gewesen,
-gethan, und ich hatte es am besten vericht.
-Kam deswegen beim Frauenzimmer in gross
-Gunst. Das heissen sie auf Treu und
-Glauben beigeschlafen; <i>aber ich acht mich
-solches Beiliegen nicht mehr, denn Treu und
-Glauben möcht ich zu ein Schelmen werden</i>.
-Darum heisst es: ›Hüte dich, mein Pferd
-schlägt dich‹ <a name="FNanchor_087" id="FNanchor_087"
-href="#Footnote_087" class="fnanchor">[87]</a>«, denn:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Dern weisz nicht daz ein biderbe man</div>
- <div class="verse indent0">Sich alles des enthalten kan</div>
- <div class="verse indent0">Des er sich enthalten wil &ndash;</div>
- <div class="verse indent0"><em>Weiz Got dern ist aber nicht vil!</em>«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>sagt Hartmann von der Aue, und ähnlich
-urteilte mehr als ein Jahrtausend vor Schweinichen
-der byzantinische Geschichtsschreiber
-Prokopius von Cäsarea, der die Keuschheit
-solcher Bräute in Zweifel zieht. In manchen
-Gegenden machte man übrigens kein Geheimnis
-daraus, dass Probenächte wirkliche
-Proben auf die Ehefähigkeit der zukünftigen
-Ehegatten darstellten; ja man dehnte solche
-Prüfungen auf Wochen, selbst Monate aus,
-um, wenn sie zu Ungunsten eines der
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-beiden prüfenden Teile ausgefallen waren,
-die Verlobung einfach aufzuheben.</p>
-
-<p>Ein interessantes Dokument über ein
-derartiges Vorkommnis aus dem Jahre 1378
-lieferte Prof. Kohler<a name="FNanchor_088" id="FNanchor_088"
-href="#Footnote_088" class="fnanchor">[88]</a>. Darnach hatte ein
-Graf Johann IV. von Habsburg ein volles
-halbes Jahr die nächtliche Probezeit mit
-Herzlaude von Rappoltstein gehalten, doch
-schliesslich einen Korb bekommen, weil ihm
-die junge Dame alle männlichen Qualitäten
-absprechen musste. Kaiser Friedrich III., der
-sich mit der Prinzessin Leonore von Portugal
-durch seinen Verwandten verlobt hatte,
-jedoch mit der Vollziehung der Ehe zauderte,
-erhielt von dem Onkel der Braut,
-König Alfons von Neapel, das Schreiben:
-»Du wirst also meine Nichte nach Deutschland
-führen, und wenn sie dir dort nach
-der ersten Nacht nicht gefällt, mir wieder
-zurücksenden oder sie vernachlässigen und
-dich mit einer anderen vermählen; halte die
-Brautnacht mit ihr deshalb hier, damit du
-sie, wenn sie gefällt, als angenehme Ware
-mit dir nehmen, oder wo nicht, die Bürde
-uns zurücklassen kannst.« Mit der Tochter
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-dieses Kaisers hielt Herzog Albrecht IV. von
-Bayern in Innsbruck das Beilager, die Hochzeit
-aber erst in München.</p>
-
-<p>Unter der Landbevölkerung war das
-Probenacht-Unwesen ungleich verbreiteter,
-als in der anderen Gesellschaft des Mittelalters.
-Wann diese Sitte ihren Anfang genommen,
-verliert sich im Dunkel, jedenfalls
-bestand sie bereits im 13. Jahrhundert unter
-den Sachsen, denn Kardinal Heinrich von
-Segusio berichtete: die Sachsen hätten eine
-garstige aber gesetzmässige Gewohnheit,
-dass der Bräutigam bei der Braut eine
-Nacht schlafen, und sich nachgehends wohl
-entschliessen möge, ob er diese heiraten
-wolle oder nicht. In den folgenden Jahrhunderten
-standen die Probenächte in voller
-Blüte, wie aus der noch heute vielgenannten
-Monographie F. Christoph Jonathan Fischers
-hervorgeht:<a name="FNanchor_089" id="FNanchor_089"
-href="#Footnote_089" class="fnanchor">[89]</a></p>
-
-<p>»Beinahe in ganz Teutschland und vorzüglich
-in der Gegend Schwabens, die man
-den Schwarzwald nennet, ist unter den
-Bauern der Gebrauch, dass die Mädchen
-ihren Freiern lange vor der Hochzeit schon
-diejenigen Freiheiten über sich einräumen,
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-die sonst nur das Vorrecht der Ehemänner
-sind. Doch würde man sehr irren, wenn
-man sich von dieser Sitte die Vorstellung
-machte, als wenn solche Mädchen alle weibliche
-Sittsamkeit verwahrlost hätten, und
-ihre Gunstbezeugungen ohne alle Zurückhaltung
-an die Libhaber verschwendeten.
-Nichts weniger! Die ländliche Schöne weiss
-mit ihren Reizen auf eine ebenso kluge Art
-zu wirtschaften, und den sparsamen Genuss
-mit ebenso viler Sprödigkeit zu würzen,
-als immer das Fräulein am Putztisch.</p>
-
-<p>Sobald sich ein Bauernmädchen seiner
-Mannbarkeit zu nähern anfängt, sobald findet
-es sich, nachdem es mehr oder weniger
-Vollkommenheiten besitzt, die hir ungefähr
-im ähnlichen Verhaltnisse, wie bei Frauenzimmern
-von Stande, geschätzt werden, von
-einer Anzahl Libhaber umgeben, die solange
-mit gleicher Geschäftigkeit um seine
-Neigung buhlen, als sie nicht merken, dass
-einer unter ihnen der Glücklichere ist. Da
-verschwinden alle Uebrigen plötzlich, und
-der Libling hat die Erlaubnis, seine Schöne
-des Nachts zu besuchen. Er würde aber
-den romantischen Wohlstand schlecht beobachten,
-wenn er den Weg geradezu durch
-die Hausthür nehmen wollte. Die Dorfsetiquette
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-verlangt nothwendig, dass er seine
-nächtlichen Besuche durch das Dachfenster
-bewerkstellige. Wie unsere ritterbürtige
-Ahnen erst dann ihre Romane glücklich gespilt
-zu haben glaubten, wenn sie bei ihren
-verlibten Zusammenkünften unersteigliche
-Felsen hinanzuklettern und ungeheure Mauren
-herabzuspringen gehabt; oder sich sonst
-den Weg mit tausend Wunden hatten erkämpfen
-müssen, ebenso ist der Bauernkerl
-nur dann mit dem Fortgange seines Libesverständnisses
-zufriden, wenn er bei jedem
-seiner nächtlichen Besuche alle Wahrscheinlichkeit
-für sich hat, den Hals zu brechen,
-oder wenn seine Göttin, während dem er
-zwischen Himmel und Erde in grösster
-Lebensgefahr dahängt, ihm aus ihrem Dachfenster
-herunter die bittersten Nekereien zuruft.
-Noch in seinen grauen Hahren erzehlt
-er mit aller Begeisterung dise Abenteuer
-seinen erstaunten Enkeln, die kaum
-ihre Mannheit erwarten können, um auf eine
-ebenso heldenmütige Art zu liben.</p>
-
-<p>Dise mühsame Unternehmung verschaft
-anfangs dem Libhaber keine andere Vorteile,
-als dass er etliche Stunden mit seinem
-Mädchen plaudern darf, das sich um dise
-Zeit ganz angekleidet im Bette befindet
-<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-und gegen alle Verrätereien des Amors wol
-verwahrt hält. Sobald sie eingeschlafen ist,
-so muss er sich plötzlich entfernen, und
-erst nach und nach werden ihre Unterhaltungen
-lebhafter. Ja in der Folge gibt die
-Dirne ihrem Buhler unter allerlei ländlichen
-Scherzen und Nekereien Gelegenheit, sich
-von ihren verborgenen Schönheiten eine anschauliche
-Erkenntniss zu erwerben; lässt
-sich überhaupt von ihm in einer leichteren
-Kleidung überraschen, und gestattet ihm zuletzt
-alles, womit ein Frauenzimmer die
-Sinnlichkeit einer Mannsperson befridigen
-kan. Doch auch hir wird immer noch ein
-gewisses Stufenmass beobachtet, wovon mir
-aber das Detail anzugeben die Zärtlichkeit
-des heutigen Wolstandes verbeut. Man kan
-indess viles aus der Benennung <em>Probenächte</em>
-erraten, welche die letztern Zusammenkünfte
-haben, da die erstern eigentlich
-Kommnächte heissen.</p>
-
-<p>Sehr oft verweigern die Mädchen ihrem
-Libhaber die Gewährung seiner letzten
-Wünsche so lang, bis er Gewalt braucht.
-Das geschiht allezeit, wenn ihnen wegen
-seiner Leibesstärke einige Zweifel zurück
-sind, welche sie sich freilich auf keine so
-heikle Weise als die Witwe Wadmann aufzulösen
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-wissen. Es kömmt daher ein solcher
-Kampf dem Kerl oft sehr teuer zu stehen,
-weil es nicht wenig Mühe kostet, ein Baurenmensch
-zu bezwingen, das iene wollüstige
-Reizbarkeit nicht besizt, die Frauenzimmer
-vom Stande so plözlich entwafnet ...</p>
-
-<p>Die Probenächte werden alle Tage gehalten,
-die Kommnächte nur an den Sonn-
-und Feiertagen und ihren Vorabenden. Die
-Erstern dauern solange, bis sich beide Teile
-von ihrer wechselseitigen physischen Tauglichkeit
-zur Ehe genugsam überzeugt haben,
-oder bis das Mädchen schwanger wird.
-Hernach tut der Bauer erst die förmliche
-Anwerbung um sie und das Verlöbnis und
-die Hochzeit folgen schnell darauf. Unter
-den Bauren, deren Sitten noch grosser Einfalt
-sind, geschiht es nicht leicht, dass Einer,
-der sein Mädchen auf dise Art geschwängert
-hat, sie wider verliesse. Er würde
-sich ohnfehlbar den Hass und die Verachtung
-des ganzen Dorfes zuzihen. Aber das
-begegnet sehr häufig, dass beide einander
-nach der Ersten oder Zweiten Probenacht
-wider aufgeben. Das Mädchen hat dabei
-keine Gefahr, in einen übeln Ruf zu kommen;
-denn es zeigt sich bald Ein anderer, der gern
-den Roman mit ihr von vorne anhebt. Nur
-<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-dann ist ihr Name zweideutigen Anmerkungen
-ausgesezt, wenn sie mehrmals die
-Probezeit vergebens gehalten hat. Das Dorfpublikum
-hält sich auf diesen Fall schlechterdings
-für berechtigt, verborgene Unvollkommenheiten
-bei ihr zu argwöhnen. Die
-Landleute finden ihre Gewohnheit so unschuldig,
-dass es nicht selten geschiht, wenn
-der Geistliche am Orte einen Bauren nach
-dem Wohlsein seiner Töchter frägt, dieser
-ihm zum Beweise, dass sie gut heranwüchsen,
-mit aller Offenherzigkeit und mit
-einem väterlichen Wolgefallen erzehlt, wie
-sie schon anfiengen, ihre Kommnächte zu
-halten. Keyssler gibt in seinen Reisen
-(Hannover 1740, Brief IV, S. 21) uns eine
-sehr drollige Erzehlung von einem Prozesse,
-den die Bregenzer Bauren ehmals zur Verteidigung
-einer solchen Gewohnheit geführt
-haben, die sie <em>fügen</em> nennen. Die Kasuisten,
-die sich eben nicht immer von den
-erlaubten und unerlaubten Begattungsarten
-die richtigsten Begriffe machen, und manchmals
-dasienige für Sünde halten, was keine
-ist, und dasienige nicht dafür halten, was
-doch eine ist, ereiferten sich von ieher sehr
-über diesen ländlichen Gebrauch. Er musste
-ihnen daher sehr oft zum Stoff dienen, ihre
-<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-Beredsamkeit auf eine sehr vorteilhafte und
-pathetische Weise zu zeigen. Die katholischen
-Landpriester, die mit dem Charakter
-ihrer Seelenbefohlnen zuweilen etwas näher,
-als die Protestanten mit den Ihrigen bekannt
-sind, und mithin die Untadelhaftigkeit
-dieser Sitte besser einsehen, äussern
-darüber mehr Duldsamkeit als die Letzteren,
-die nie unterlassen, ihre Bauren deswegen
-mit den heftigsten Strafpredigten zu verfolgen,
-und weil doch leider heutzutage, wo
-die Welt so ganz im Argen ligt, dise Züchtigungen
-nicht allezeit von Wirkung sind,
-so verabsäumen sie keine Gelegenheit, zur
-Vertilgung dises heidnischen Gräuels den
-weit kräftigeren weltlichen Arm zu Hülfe zu
-rufen .... Wenn es der Wolstand nicht
-untersagte, gewisse Forschungen nicht allzuweit
-zu verfolgen, und ihr endliches Resultat
-enthüllt darzustellen, so könnte ich
-ihn leicht überführen, dass dise Sitte nicht
-nur in der Physiologie des Menschen gegründet,
-sondern auch eine für die Bevölkerung
-sehr heilsame Anstalt sei. Demienigen
-Teil meiner Leser aber, der sich so schlechterdings
-nicht abfertigen lässt, und verschiedene
-Erläuterungen wünscht, muss ich an
-die Aerzte und an dieienigen Advokaten
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-weisen, die vor den Ehegerichten Prozesse
-führen.«</p>
-
-<p>Ausser diesen Probe- und Kommnächten
-herrschte überdies ein mehr als freier Verkehr
-zwischen den beiden Geschlechtern im
-Bauernstande. Bezeichnend dafür ist, dass
-z. B. in Bayern die Schlafstätten der Mägde
-und Knechte nicht voneinander gesondert
-waren, weshalb Ehebruch und Unzucht in
-erschreckender Weise grassierten. Maximilian,
-der grosse Kurfürst Bayerns, sah
-sich deshalb veranlasst, bei seinem 1598 erfolgten
-Regierungsantritt ein »Sittenmandat«
-ausgehen zu lassen, nach dem Schwangerschaften
-bei ledigen Weibspersonen mit
-Geldstrafen und Einschliessung in »die
-Geige«, ein geigenartiges Brett mit Einschnitten
-für den Kopf und die beiden
-Hände, gebüsst werden sollten; trotzdem
-verrechnete 1605 der Münchener Rentmeister
-in seiner Amtsrechnung über Strafgelder
-mehr als 300 uneheliche Kinder, »derjenigen
-nicht zu erwähnen, die nicht angezeigt
-wurden«. Dabei stand der Vermerk: »Es
-wollen sich auch sehr viele Adelspersonen
-in diesem Laster finden lassen.« 30 Jahre
-später sah sich Kurfürst Maximilian zu einer
-Strafverschärfung genötigt, die auf Ehebruch
-<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-bei Männern auf fünf- bis siebenjährige
-Landesverweisung, und bei wiederholtem
-Pönfall das Schwert erkannte. Eheschänderische
-Frauen aus Bürger- oder Bauernstande
-traf fünfjährige Verbannung, Adelige
-der Verlust aller Ehrenrechte, und alle drei
-Stände im Wiederholungsfalle der Tod durch
-den Henker. Das Laster war aber so tief
-eingewurzelt, dass Maximilian durch ein
-späteres Reskript diese Strafen mildern
-musste.<a name="FNanchor_090" id="FNanchor_090"
-href="#Footnote_090" class="fnanchor">[90]</a></p>
-
-<p>Im allgemeinen jedoch war die Jungfräulichkeit
-der Braut unerlässliche Bedingung
-des Bräutigams.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Noch besser wär eines Igels Haut</div>
- <div class="verse indent0">Im Bett, als eine leide Braut«,</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>sagt Freidank.</p>
-
-<p>Von den Ditmarschen ist bekannt, dass
-niemand von ihnen ein gefallenes Mädchen
-ehelichen durfte, denn »de eine
-hôre nimt vorsatzichlich, vorrêt ôk wol sîn
-vaterland«, und als Landesverräter wegen
-seiner Ehe zu gelten, wagte kein echter
-Friese. Zu Bonifazius' Zeiten war das Mädchen
-gezwungen, sich aufzuhängen. Über
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-den Scheiterhaufen der Toten knüpfte man
-den Verführer auf.<a name="FNanchor_091" id="FNanchor_091"
-href="#Footnote_091" class="fnanchor">[91]</a> Das Landrecht des
-als unkeusch verschrieenen Schwabens enthält
-eine Stelle, die ungefähr folgendermassen
-lautet: Wenn ein Mann sich eine
-Gattin genommen hatte, und beschuldigte
-sie, sie wäre bei der Hochzeit nicht mehr
-Jungfrau gewesen, so waren die Eltern des
-Mädchens verpflichtet, den Gegenbeweis anzutreten.
-Dieses geschah dadurch, dass
-man »jr junckfraulichnn zaichnn«, das heisst
-das Bettuch, auf dem sie die erste Nacht
-gelegen hatte, vor Gericht brachte. Wenn
-man nun an diesem erkannte, dass sie eine
-reine Magd gewesen, so wurde der Mann
-für seine Verleumdung mit 40 Schlägen und
-einer Geldbusse bestraft und er war gezwungen,
-das Mädchen als Ehefrau zu behalten;
-zeigte es sich aber, dass das Weib
-seine Jungfräulichkeit früher verloren hatte,
-so wurde sie aus dem Hause des Vaters
-verstossen, »darumb daz sy hurhait pflegnn
-hat in irs vaters haus«. In einigen Gegenden,
-wie im Thüringischen, handhabte man
-die Unzuchtsstrafe noch bis ins 16. Jahrhundert
-derart, dass eine zur Unehre gekommene
-<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-Dirne sofort in Haft genommen,
-ebenso der Thäter, falls man seiner habhaft
-werden konnte, gefangen gesetzt wurde,
-bis die Trauung stattfand. Wollte der
-Bräutigam nicht »Ja« sagen, so that es
-der Gemeindediener für ihn: »Montag den
-7. September 1579 sind Matthes Bechtold
-von Neustadt vnd Agnes Bäuerin von Coburgk,
-da sie von wegen geübter Vnzucht
-und Hurerey Kirchenbuss gethan vnd der
-Obrigkeitt straffe mit gebührlichen vnd willig
-gehorsam vff sich genommen, in der Büttelstube
-copulirt vnd ehelichen zusammen gegeben
-worden, auf das in ihr Kindlein, mit
-welches geburt die Mutter alda vberfallen,
-also cohenestirt, vnd von allen vnehren erledigt
-würde.«<a name="FNanchor_092" id="FNanchor_092"
-href="#Footnote_092" class="fnanchor">[92]</a></p>
-
-<p>Die Kirchenbussen waren, wie ich bereits
-bemerkte, ungleich empfindlicher als
-die Strafen der Sittenpolizei. Personen mit
-derartigen Delikten mussten vor Beginn der
-Messe mit einem weissen Stabe in der Hand
-oder Strohkränzen auf dem Kopfe, das Mädchen
-in Konstanz ausserdem mit einem Strohzopf
-vor der Kirchthüre stehen; in Rottenburg
-<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-der Verführer in einem Strohmantel an
-drei Sonntagen in der Kirche sein. In den
-Dörfern oberhalb Rottenburgs musste er
-seine Liebste in einem Karren herumfahren,
-wobei die Jugend und die lieben Nächsten
-das Paar mit Schmutz bewarfen, ehe es von
-der Kanzel herab öffentlich seine Busse auferlegt
-erhielt.<a name="FNanchor_093" id="FNanchor_093"
-href="#Footnote_093" class="fnanchor">[93]</a> In gewissen Fällen wurden die
-Dirnen ausgepeitscht und des Landes verwiesen.</p>
-
-<p>Ein Hauptbestandteil des Lobes, das
-Tacitus dem germanischen Eheleben spendet,
-besteht in der Hervorhebung der bei ihnen
-herrschenden Einweiberei: »Denn sie sind
-fast die einzigen Barbaren, die sich mit
-Einem Weibe begnügen; eine Ausnahme
-machen sehr wenige unter ihnen, und diese
-nicht aus Sinnenlust, sondern weil sie ihres
-hohen Standes wegen mehrfach umworben
-werden.«<a name="FNanchor_094" id="FNanchor_094"
-href="#Footnote_094" class="fnanchor">[94]</a> Also Ausnahmen kamen vor, wie
-z. B. Ariovists Bigamie aus politischen Gründen,
-ferner bei den Merovingern und vornehmen
-Franken, so bei Pipin II., der zwei
-rechtmässig angetraute Frauen, Plectrud und
-Alpais, besass, ohne dass die Kirche dagegen
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-Einspruch zu erheben wagte. Ja, die
-Kirche wusste stets den Launen der Mächtigen
-willfährig zu sein, denn auch sie war
-sich des Spruches »Mit grossen Herren ist
-nicht gut Kirschen essen« bewusst, und &ndash;
-eine Hand wusch eben die andere. So bleibt,
-aller Beschönigungen zum Trotze, jene so
-viel angefochtene und anfechtbare Billigung
-Luthers und Melanchthons zu der am
-4. März 1540 geschlossenen Doppelehe
-Philipps des Grossmütigen von Hessen mit
-der schönen Sächsin Margarete von Sal, dem
-Hoffräulein seiner Gemahlin, als hässlicher
-Fleck auf dem Charakterbilde dieser beiden
-grossen Männer haften.</p>
-
-<p>Die Angelegenheit erregte um so grösseres
-und unliebsameres Aufsehen, als das kurz
-vorher in Kraft getretene Strafgesetzbuch
-Kaiser Karls V. die Bigamie, »welche übelthat
-dann auch eyn ehebruch und grösser
-dann das selbig laster ist« mit dem Tode
-bestraft wissen wollte. Gegen weniger hochgeborene
-Übelthäter dieser Art kannte das
-Gesetz keine Nachsicht, und Meister Franz,
-der Nürnberger Scharfrichter, kann in seinen
-Aufzeichnungen<a name="FNanchor_095" id="FNanchor_095"
-href="#Footnote_095" class="fnanchor">[95]</a> von vollzogenen Hinrichtungen
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-an Bigamisten, selbst Trigamisten
-erzählen. Nur ein einziges Mal war in der
-deutschen Geschichte die Doppelehe nicht
-nur gesetzlich gestattet, sondern sogar behördlich
-angeordnet. Nach dem grossen
-Kriege war es, der Deutschlands Bevölkerung
-von sechzehn bis siebzehn Millionen
-auf etwa vier Millionen verringert hatte.
-Diesem Menschenmangel suchte man durch
-zum Teil befremdliche Auskunftsmittel zu
-steuern. Ein solches war unter anderen
-der am 14. Februar 1650 von dem fränkischen
-Kreistag in Nürnberg gefasste folgende Beschluss:
-»Demnach auch die unumgängliche
-dess heyl. Römischen Reichs Notthürft erfordert,
-die in diesem 30 Jerig blutigen
-Krieg ganz abgenommene, durch das
-Schwerdt, Krankheit und Hunger verzehrte
-Mannschaft wiederumb zu ersetzen und in
-das khünfftig eben dersselben Feinden, besonders
-aber dem Erbfeind des christlichen
-Namen, dem Türckhen, desto stattlicher gewachsen
-zu sein, auf alle Mitl, Weeg und
-Weiss zu gedenkhen, als seinds auff Deliberation
-und Berathschlagung folgende 3 Mittel
-vor die bequembste und beyträglichste erachtet
-und allerseits beliebt worden. 1.) Sollen
-hinfüro innerhalb den nechsten 10 Jahren
-<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-von Junger mannschaft oder Mannsspersonen,
-so noch unter 60 Jahren sein, in die
-Klöster ufzunemmen verbotten, vor das 2te
-denen Jenigen Priestern, Pfarrherrn, so nicht
-ordersleuth, oder auff den Stifftern Canonicaten
-sich Ehelich zu verheyrathen; 3.) <em>Jedem
-Mannsspersonen 2 Weiber zu heyrathen
-erlaubt sein</em>: dabey doch alle und
-Jede Mannssperson ernstlich erinnert, auch
-auff den Kanzeln öffters ermanth werden
-sollen, Sich dergestalten hierinnen zu verhalten
-und vorzusehen, dass er sich völlig
-und gebürender Discretion und versorg befleisse,
-damit Er als ein Ehrlicher Mann,
-der ihm 2 Weyber zu nemmen getraut,
-beede Ehefrauen nicht allein nothwendig
-versorge, sondern auch under Ihnen allen
-Unwillen verhüette.<a name="FNanchor_096" id="FNanchor_096"
-href="#Footnote_096" class="fnanchor">[96]</a>«</p>
-
-<p>Die Ehescheidung kam im Mittelalter
-verhältnismässig selten vor. Zu den Scheidungsgründen
-in der Übergangsperiode vom
-Altertum zum Mittelalter zählten einerseits
-Ehebruch, Mordversuch, Zauberei und Gräberschändung,
-andererseits zu hohes Alter des
-einen der Gatten, Unvermögen und Verweigerung
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-der ehelichen Pflicht und böswilliges
-Verlassen.<a name="FNanchor_097" id="FNanchor_097"
-href="#Footnote_097" class="fnanchor">[97]</a> Die offen und vor Zeugen
-geschlossene Ehe konnte nur wieder vor
-Zeugen aus beiden Familien rechtlich gelöst
-werden.<a name="FNanchor_098" id="FNanchor_098"
-href="#Footnote_098" class="fnanchor">[98]</a> Als sich ein geordnetes Gerichtsverfahren
-gebildet hatte, wurde in aller
-Form der Ehescheidungsprozess geführt und
-das richterliche Erkenntnis öffentlich bekannt
-gemacht. Die Kirche strebte von Anbeginn
-bis zu ihrer vollen Machtentfaltung danach,
-die Scheidung möglichst zu erschweren.
-Die Nichtigkeitserklärung der Ehen konnte
-nur in Rom erfolgen, war daher für einen
-minder Bemittelten schwer, ja geradezu unmöglich.
-Desto mehr Gebrauch machten davon
-die Fürsten. Waren sie ihrer Frauen
-überdrüssig, oder boten sich durch eine
-andere Heirat neue Vorteile, so wurden,
-wenn kein anderer plausibler Scheidungsgrund
-aufzutreiben war, Zeugen beschafft,
-von denen das Vorhandensein eines verbotenen
-Verwandtschaftsgrades zwischen den
-Ehegatten beschworen wurde; Geld und Ansehen
-thaten das übrige, so dass die Lösung
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-der Ehe durch päpstliche Gewalt keine
-Schwierigkeiten machte.</p>
-
-<p>Später wurde durch den Wegfall der
-meisten der vorangeführten Scheidungsgründe
-die Lösung der Ehe noch weiter erschwert.
-Selbst Ehebruch der Frau wurde
-829 schon als kein Grund zur Auflösung
-der Ehe betrachtet, ebensowenig wie das geschlechtliche
-Unvermögen. Hatte der Bauer
-seine Frau dem Nachbarn anzubieten
-(s. oben Seite 65), so sah man in der
-Frühzeit nichts Übles darin, wenn der Gatte
-sich einen, wenn angängig möglichst vornehmen,
-dabei natürlich möglichst kräftigen
-Stellvertreter suchte. Ein thüringer Ritter,
-der wegen Unvermögen keinen Erben von
-seiner Frau erhalten konnte, bat den Landgrafen
-Ludwig, den Gemahl der heiligen
-Elisabeth, ihn zu vertreten. Mit der Verleitung
-der eigenen Frau zum Ehebruch
-hatte ein derartiges Ansuchen um so weniger
-zu thun, als in einem solchen Falle jedes
-materielle Interesse in Wegfall kam und der
-Mann nur den derzeitigen Hauptzweck der
-Ehe, die Erhaltung und Fortpflanzung der
-Familie, im Auge hatte.</p>
-
-<p>In einer Zeit, in der die kirchliche Lehre
-von der Verdienstlichkeit ehelicher Enthaltsamkeit
-<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-Eingang fand, als der höchsten
-Frivolität eines Teiles der Gesellschaft die
-überspannteste Frömmigkeit gegenüberstand,
-blieben oder wurden manche Ehen bloss
-Scheinehen. Die Geistlichkeit pries dies
-sehr unlogisch, da sie doch die Ehe als
-Sakrament erklärt hatte, als ein heiliges
-Werk, dem der höchste Lohn im Jenseits
-gewiss war. Einige Fürstinnen und Fürsten
-erwarben sich durch dieses freiwillige und
-unter erschwerenden Umständen aufrecht
-erhaltene Cölibat den Heiligenschein. Sehr
-vernünftig erklärte sich aber die Synode
-von Schwerin anno 1492 gegen diesen
-asketischen Blödsinn. Ich habe bereits früher,
-beim Rittertum (Seite 49) einige dieser
-»Martyrerinnen« und Heiligen namhaft gemacht,
-die neben anderem Unsinn auch den
-Sport trieben, jungfräuliche Ehefrauen zu
-sein, die selbst den Verführungen der Flitterwochen
-nicht unterlegen waren, die die Vorzeit
-viel bezeichnender als wir: Kusswoche,
-Kirchenwoche, Zärtel-, Butter- und Honigwoche
-nannte.</p>
-
-<p>Wie alles, was vom Menschen kommt
-und mit dem Schicksal zusammenhängt, hat
-auch die Ehe ihre Licht- und Schattenseiten,
-daher begeisterte Anhänger und erbitterte
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-Widersacher. Einer der eifrigsten Fürsprecher
-der Ehe war D. Martinus Luther. »Die
-Ehe ist eine schöne herrliche Gabe und
-Ordnung«, dann weiter, dass der Ehestand
-»Gottes Ordnung und der allerbeste und
-heiligste Stand sei; darum sollte man ihn
-auch mit den herrlichsten Ceremonien anfahen
-um des Stifters willen, nehmlich
-Gottes, der da will, dass ein Männlein und
-ein Fräulein beisammen sein sollen« u. s. w.<a name="FNanchor_099" id="FNanchor_099"
-href="#Footnote_099" class="fnanchor">[99]</a></p>
-
-<p>Freidank, ohnehin ein begeisterter Lobredner
-der Frauen, bei dem sich das schönere
-Geschlecht für das sinnige Kompliment
-zu bedanken hat:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Vom <em>Freun</em> die <em>Fraun</em> sind zubenannt</div>
- <div class="verse indent0">Ihre Freud' erfreuet alles Land;</div>
- <div class="verse indent0">Wie wohl das Freuen der erkannte,</div>
- <div class="verse indent0">Der sie zum Ersten Frauen nannte!«<a name="FNanchor_100" id="FNanchor_100"
-href="#Footnote_100" class="fnanchor">[100]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>singt auch das Hohelied der Ehe in allen
-Tonarten:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wenn man alles sagen soll,</div>
- <a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
- <div class="verse indent0">So ist auf Erden keinem wohl,</div>
- <div class="verse indent0">Als wer errang ein Weiblein traut</div>
- <div class="verse indent0">Und fest auf ihre Treue baut.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Dann:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wer treues Weib errungen hat,</div>
- <div class="verse indent0">Dem wird für seine Sorgen Rat.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Oder Reinmar von Zweter, der über die Ehe
-sagt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»<em>Ein</em> Herz, <em>ein</em> Leib, <em>ein</em> Mund, <em>ein</em> Mut</div>
- <div class="verse indent0">Und <em>eine</em> Treue wohlbehut,</div>
- <div class="verse indent0">Wo Furcht entfleucht und Scham entweicht</div>
- <div class="verse indent0">Und zwei sind eins geworden ganz,</div>
- <div class="verse indent0">Wo Lieb' mit Lieb' ist im Verein:</div>
- <div class="verse indent0">Da denk ich nicht, dass Silber, Gold und Edelstein</div>
- <div class="verse indent0">Die Freuden übergoldet, die da bietet lichter Augen Glanz.</div>
- <div class="verse indent0">Da, wo zwei Herzen, die die Minne bindet</div>
- <div class="verse indent0">Man unter einer Decke findet</div>
- <div class="verse indent0">Und wo sich eins an's and're schliesset,</div>
- <div class="verse indent0">Da mag wohl sein des Glückes Dach.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Ob Meister Freidank und Reinmar aus
-Erfahrung sprechen oder nur galant sein
-wollen, ist bei den dürftigen Nachrichten
-über der Dichter Leben nicht zu ermitteln.
-Anders steht es aber mit einem Priester,
-den wir bisher als recht widerhaarig kennen
-gelernt haben. Wenn dieser, nämlich Bruder
-Berthold von Regensburg, sich zu einer
-<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-Empfehlung der Ehe aufschwingt, noch dazu
-in Argumenten, die auch heute noch nichts
-von ihrer Beweiskraft eingebüsst haben,
-dann sollte es doch zu denken geben. Also
-Hagestolz, horche auf, und beherzige, was
-Frater Berthold in seiner Predigt über die
-zehn Gebote sagt: »Darum du junge Welt,
-geh schleunig in starker Busse in dich,
-und zur Ehe, oder mit der Ehelosigkeit
-auf den Grund der Hölle. ›Bruder
-Berthold, ich bin noch ein junger Knabe,
-und die mich gerne nähme, die will ich
-nicht, und die ich gerne nähme, die will mich
-nicht.‹ Nun so nimm aus aller Welt eine
-zur Ehe, mit der du recht und gesetzlich
-lebest. Willst du die eine nicht, so nimm
-die andere; willst du die Kurze nicht, so
-nimm die Lange; willst du die Lange nicht,
-so nimm die Kurze; willst du die Weisse
-nicht, so nimm die Schwarze; willst du die
-Schlanke nicht, so nimm die Dicke. Nimm
-dir nur eine Ehefrau aus aller Welt. ›Bruder
-Berthold ich bin doch arm und habe
-nichts.‹ Es ist weit besser, dass du arm
-ins Himmelreich fahrest, als arm zur Hölle.
-Du wirst noch schwerer reich in der Ehelosigkeit
-als in der Ehe. ›Bruder Berthold
-ich habe mein Brot noch nicht!‹ Ich höre
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-wohl, du willst die Ehe nicht. Da du nun
-die Unehe haben willst, so nimm dir wenigstens
-nur eine Einzige zur Unehe. Nimm
-diese an die eine Hand und den Teufel an
-die andere, und nun geht alle drei mit einander
-zur Hölle, wo euch nimmer geholfen
-wird.«<a name="FNanchor_101" id="FNanchor_101"
-href="#Footnote_101" class="fnanchor">[101]</a></p>
-
-<p>Dieselbe Meinung hegt Fischart in seinem
-Philosophischen Ehzuchtbüchlein:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wer da flieht den Rauch der Ehe,</div>
- <div class="verse indent0">Fällt in eine Flamm' und ärger Wehe.</div>
- <div class="verse indent0">Mancher den Regen flieht im Haus</div>
- <div class="verse indent0">Und fällt darnach in den Bach da draus.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Das geistvolle Schriftchen enthält noch
-manche, selbst heute recht beherzigenswerte
-Ehestandsregel.<a name="FNanchor_102" id="FNanchor_102"
-href="#Footnote_102" class="fnanchor">[102]</a></p>
-
-<p>Nun <i>audiatur et altera pars</i>. Damit
-liessen sich Folianten füllen, doch mag hier
-nur der Bissigsten einer, Geiler von Kaisersberg,
-zu Wort kommen, da sich neben vielen
-Verbohrtheiten auch manch Körnlein Wahrheit
-in seiner Predigt birgt. Eine reiche Frau
-reibt ihrem Gatten täglich ihre Mitgift unter
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-die Nase, sagt er; eine fruchtbare bringt mit
-ihren vielen Kindern selbst dann Sorgen ins
-Haus, wenn Reichtum vorhanden ist; fehlt
-dieser aber, so giebts Kummer und Not.
-Ist sie unfruchtbar, klagen sie um Kinder;
-ist sie schön, muss der Mann sorgen, dass
-auch andere ausser ihm sie begehrenswert
-finden. »Jedoch du nemmest für eine,
-was du wöllest, so bekommest du ein
-meister uber dich, die dir allzeit wider
-beffzet gleich als ein böser hundt. Diss ist
-der weiber natur und brauch, da sie alzeit
-den männern widerreden und antwort geben.
-Dann sie volgen irem natürlichen ursprung
-nach, nemlich, dieweil sie auss einem
-krummen ripp gemachet sein, so reden
-und bellen sie allzeit herwider und wissen
-auff alle ding ein antwort zu geben.«<a name="FNanchor_103" id="FNanchor_103"
-href="#Footnote_103" class="fnanchor">[103]</a>
-Übrigens ist Geiler konsequent genug, auch
-die Weiber vom Heiraten abhalten zu
-wollen, indem er sie an das Sprichwort erinnert:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Es ward nie kein mann,</div>
- <div class="verse indent0">Er hett ein wolffszaan!«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Genützt haben aber die Redereien blutwenig.
-Die Leute heirateten doch, der
-<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-Augsburger Kaufherr Burkard Zink viermal;
-in Köln am Sonntag nach Michaelis
-im Jahre des Herrn 1498 eine Frau sogar
-zum siebenten Male, nachdem sie bereits
-sechsmal Witwe gewesen war.</p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">
-Die feile Liebe.
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a></h2>
-</div>
-
-<p>
-Wenn der ganze Verlauf der Geschichte
-der geistigen Entwickelung der Menschheit
-mit dem Leben eines Mannes verglichen
-wird, so ähnelt das Mittelalter in seiner Gesamtheit
-den Flegeljahren des Mannes, der
-&ndash; halb Kind, halb Jüngling &ndash; zwischen den
-diesen Entwickelungsjahren eigentümlichen
-Extremen schwankt. Der Geist hält mit
-dem Wachstum des Körpers nicht Schritt;
-langsam dämmert in ihm erst die Erkenntnis
-des Jünglings auf, während sich
-die Glieder recken und dehnen, das Blut
-schneller die Adern durchkreist, neue Gedanken
-erstehen, eckig und unreif wie der
-Körper. Das lieblich kindliche Gehaben
-macht einem selbstbewussten Auftreten, die
-zarte Kinderstimme dem rauheren Organe
-Platz. Das Schamgefühl, dem innersten
-Wesen des Kindes fremd, beginnt langsam
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-zu erstehen, ohne sich jedoch noch voll
-entfaltet zu haben. Ganz so war es mit
-den Deutschen zwischen dem 12. und dem
-16. Jahrhundert. Die auf sie aus zahllosen
-Kanälen einströmende Erkenntnis hatte
-ihnen viel von der Naivität früherer Zeit
-geraubt, ihre Ursprünglichkeit, die sich erst
-unter dem Einfluss ausländischer Sitten und
-der Schulbildung in viel späterer Zeit verlieren
-sollte, war für jetzt noch aufdringlicher
-und abstossender geworden als sie
-vordem war, da sie nun nicht mehr unbewusst
-sich bethätigte.</p>
-
-<p>Das Geschlechtsleben entwickelte sich, je
-weiter das Mittelalter seinem Höhepunkte
-zukam, immer unverhüllter, bis es von der
-Naivität zur Gemeinheit gesunken war. Dem
-Grundsatze <i>naturalia non sunt turpia</i> huldigte
-das Mittelalter in einer der Neuzeit
-unbegreiflichen Weise. Die intimsten Verrichtungen
-scheuten die breiteste Öffentlichkeit
-nicht<a name="FNanchor_104" id="FNanchor_104"
-href="#Footnote_104" class="fnanchor">[104]</a>, in Wort und Bild durften
-die widerhaarigsten Zoten ungescheut verkündet
-werden. Die Vorurteilslosigkeit in
-geschlechtlichen Dingen sah in dem Vorhandensein
-<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-öffentlicher Dirnen und ihrer
-Benutzung etwas ganz Selbstverständliches.
-Die Sentenz von den Dirnen, die da seien,
-die Tugend der Bürgermädchen vor Versuchungen
-zu bewahren, war im Mittelalter
-allgemein, stammt daher keineswegs von
-Heine. Man duldete die Wollustpriesterinnen
-schon in frühester Zeit innerhalb der Stadtmauern
-oder in deren unmittelbaren Nähe
-ausserhalb des Weichbildes, wenn auch von
-Anbeginn an unter erschwerenden Umständen.
-Meist boten gewerbsmässige Kupplerinnen
-den öffentlichen Mädchen Unterschlupf.
-Sie sorgten einerseits für die Heranziehung
-von Liebhabern, andererseits für
-immer wechselndes Mädchenmaterial. Die
-engen Strassen der meist räumlich sehr beschränkten
-Städte und Flecken eigneten sich
-noch nicht zum Abfangen der Liebhaber
-ausserhalb der Häuser. In grossen Städten
-war dies allerdings anders. König Wenzel
-von Böhmen (1361-1419), ein gar galanter
-Herr, zog im nächtlichen Prag »als ein
-garczawn« (Junggeselle) auf der Streife nach
-»dy junckfrauen, die leider sind gemein«
-umher<a name="FNanchor_105" id="FNanchor_105"
-href="#Footnote_105" class="fnanchor">[105]</a>, die er demnach hoffen durfte auf
-<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-den Strassen anzutreffen. Doch die Hauptrolle
-beim Liebesgeschäft spielten die Kupplerinnen,
-die sich aber nicht nur darauf beschränkten,
-ihre eigene Ware an den Mann
-zu bringen, sondern auch zu sonstigen
-Liebeshändeln gerne ihre Dienste boten.
-Eine kleine Novelle <em>Konrads von Würzburg</em>,
-eines der bedeutendsten und fruchtbarsten
-Dichter des 13. Jahrhunderts, beleuchtet
-sehr anschaulich das Wirken einer
-solchen Kupplerin aus Konrads Heimat, einer
-»vuegerinne«, die liebebedürftigen Pärchen
-ihr Haus zur Verfügung stellte. Eines Tages,
-als bei ihr Schmalhans Küchenmeister war,
-ging sie zur Kirche, um dort vielleicht
-Kunden einzufangen. Das Glück schien ihr
-hold, denn der Dompropst Heinrich von
-Rothenstein, einer der Chorherren am Münster,
-kreuzte ihren Weg. Die Fügerin wisperte
-ihm zu: »Eine schöne Frau entbietet Euch
-Freundschaft, Huld und Gruss, da ihr Herz
-und Sinn, Euch, würdiger Herr, in Treue
-zugewandt ist.« Dem Pfaffen schlug das
-Herz höher und schmunzelnd gab er der
-»lieben Mutter« eine Handvoll Münzen, indem
-er ihr ans Herz legte, nur alles in die
-Wege zu leiten. Frau Fügerin hielt nun
-freudig Ausschau nach der schönen Frau,
-<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-die den feisten Chorherrn in ihr Herz geschlossen
-haben könnte, als ein »schön
-minniglich Weib« in das Gotteshaus trat.
-Die Kupplerin machte sich heran und vertraute
-ihr an, dass ein gar schöner »tugendlichster«
-Herr von ihrem Anblick todwund
-sei und nur sie allein im stande wäre, die
-Minnewunde zu heilen, die ihr Augenpaar
-geschlagen. Lachend willigte die Angesprochene
-ein, nach der Messe weiteres
-hören zu wollen. Die Kupplerin erstand
-nun einen seidenen Gürtel, um ihn der aus
-der Kirche Kommenden als Geschenk des
-Liebhabers anzubieten. Diesem Angebinde
-und der Überredungskunst der Fügerin vermochte
-die Tugend der Dame nicht standzuhalten.
-Sie versprach, sich nachmittags
-im Häuschen der Alten einzufinden. Pünktlich
-erschien sie im »behaglichen Kleide«.
-Die Kupplerin flog glückstrahlend zum geistlichen
-Herrn, ihn zum Stelldichein zu führen,
-doch leider hinderten ihn dringende, unaufschiebbare
-Geschäfte, dem lockenden Rufe
-zu folgen. Die arme Kupplerin sah sich
-um ihren sicheren Verdienst gebracht und
-trollte betrübt ihrem Hause zu, als sie
-einem stattlichen, reichgekleideten Herrn begegnete,
-der auch gerne bereit war, für den
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-Chorherrn einzuspringen. Inzwischen harrte
-die Dame bei der Kupplerin neugierig der
-Dinge, die da kommen sollen. Sie erschrak
-aber bis auf den Tod, als sie in dem
-die Kupplerin begleitenden Herrn &ndash; ihren
-eigenen Mann erkannte. Nun galt es frech
-sein und den dräuenden Spiess umkehren.
-Mit einer Flut von Schmähreden, Schimpfwörtern,
-Püffen und Schlägen überfiel sie
-den ahnungslosen Gemahl, der schliesslich
-noch glücklich war, die Verzeihung seiner
-betrogenen Gattin durch eine Unzahl von
-Versprechungen zu erlangen.<a name="FNanchor_106" id="FNanchor_106"
-href="#Footnote_106" class="fnanchor">[106]</a></p>
-
-<p>Neben der Kupplerin nimmt eine Dame
-die Hauptstelle in dieser den Stempel der
-Natürlichkeit tragenden Novelle ein. Die Stadtbewohnerinnen
-waren auch kaum zurückhaltender
-als die Edeldamen und Dorfschönen,
-weshalb das lichtscheue Treiben der Gelegenheitsmacherinnen
-unheilvollen Einfluss auf
-die Moral ausüben musste. Mittels drakonischer
-Strafen suchte sich die mittelalterliche
-Rechtspflege denn auch der Fügerinnen
-zu entledigen. Aber die Verurteilungen von
-Kupplerinnen verheirateter Frauen zu Pranger,
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-Steintragen, Stadtverweisungen<a name="FNanchor_107" id="FNanchor_107"
-href="#Footnote_107" class="fnanchor">[107]</a>, selbst zum
-Lebendbegraben &ndash; »drivende meghede, de
-andere vrowen verschündet«<a name="FNanchor_108" id="FNanchor_108"
-href="#Footnote_108" class="fnanchor">[108]</a> &ndash; und Verbrennen,
-wie im alten Berlin<a name="FNanchor_109" id="FNanchor_109"
-href="#Footnote_109" class="fnanchor">[109]</a>, halfen dem
-Übel um so weniger ab, als die Fügerinnen
-bei dem überhandnehmenden Luxus ständigen
-Zulaufes der verschwenderischen Weiber
-sicher sein durften. Viele dieser Kupplerinnen
-waren, einst wie jetzt, in ihrer Jugend durch
-ihre nunmehrigen Kolleginnen auf die abschüssige
-Bahn gestossen worden und vergalten
-nun Gleiches mit Gleichem. Der
-Berner Dichter Nicolaus Manuel lässt in
-seinem Fastnachtsspiel »Vom Papst und
-seiner Priesterschaft« eine solch ausrangierte
-Dirne sprechen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Ich freu' mich, dass ich kuppeln kann,</div>
- <div class="verse indent0">Sonst wär' ich wahrlich übel dran;</div>
- <div class="verse indent0">Ich hab mirs meisterlich gelehrt</div>
- <div class="verse indent0">Und lange mich damit ernährt,</div>
- <div class="verse indent0">Seitdem dass meine Brüste hangen</div>
- <div class="verse indent0">Wie 'n leerer Sack auf einer Stangen.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Gar manche putz- und gefallsüchtige
-Stadtdame war ihre eigene Kupplerin<a name="FNanchor_110" id="FNanchor_110"
-href="#Footnote_110" class="fnanchor">[110]</a>, andere
-<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-wieder behalfen sich damit, dass sie ihr Gewerbe
-mit Hilfe ihres Ehemannes ausübten.
-Gegen solche Schandkerle, die eine grosse
-Nachkommenschaft zu verzeichnen haben,
-wettert Geiler von Kaiserberg: »Wenn sie
-kein gelt mehr haben, sagen sie den weibern:
-›gehe und lug, das wir gelt haben; gehe zu
-diesem oder jenem Pfaffen, studenten oder
-edelmann unnd heiss dir ein gülden leihen
-und denck, komb mir nicht zu hauss, wo
-du kein gelt bringest, lug wo du gelt auftreibest
-oder verdienest, wenn du schon es
-mit der handt verdienest, da du auff sitzest.‹
-Alsdann gehet sie ein ehrliche unnd fromme
-fraw auss dem hauss und kompt ein hur
-wider heim.«<a name="FNanchor_111" id="FNanchor_111"
-href="#Footnote_111" class="fnanchor">[111]</a> Murner charakterisiert einen
-dieser Kuppler, der dem »ganzen Ort sein
-Weib gönnt« dadurch, dass er ihn, wenn ein
-guter Gesell zur Frau kommt, um Wein
-laufen lässt, von wo er erst nach »dritthalb
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-Stund« zurückkommt. Tritt er ins Haus, so
-singt er laut, um sein Kommen bemerkbar
-zu machen u. s. w.<a name="FNanchor_112" id="FNanchor_112"
-href="#Footnote_112" class="fnanchor">[112]</a></p>
-
-<p>Johannes Sarisberiensis erzählt im »Polycraticus«,
-lib. III cap. 13: »Wenn die junge Frau
-aus ihrem Brautgemach schreitet, sollte man
-den Gatten weniger für den Gemahl, als für
-den Kuppler halten. Er führt sie vor, setzt
-sie den Lüstlingen aus, und wenn die Hoffnung
-auf klingende Münze winkt, so giebt
-er ihre Liebe mit schlauer Heuchelei preis.
-Wenn die hübsche Tochter oder sonst etwas
-in der Familie einem Reichen gefällt, so ist
-sie eine öffentliche Waare, die ausgeboten
-wird, sobald sich ein Käufer findet.«</p>
-
-<p>Der geschmeidige Italiener Aeneas Silvius
-Piccolomini, nachmals Papst Pius II., ein
-scharfer Beobachter, der gut zu schildern
-weiss und pikant zu erzählen liebt, beschreibt
-das mittelalterliche Wien, dem er
-in den sechziger Jahren des 15. Jahrhunderts
-einen Besuch abstattete, als wahres Paradies,
-die Bewohner aber als Ausbunde von
-Lasterhaftigkeit. Nach ihm sind alle Wienerinnen
-Ehebrecherinnen, alle Wiener Hahnreie
-oder Zuhälter. Ganz so schlimm, wie es der
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-fromme Herr macht, der weder als Schriftsteller
-noch als Mensch ein Tugendbold
-war, der an übergrosser Wahrheitsliebe litt,
-wird es gerade nicht gewesen sein, wenn es
-auch ebensowenig in Wien wie in anderen
-grossen und reichen Städten klösterlich zuging.
-Die Verführung in den Grossstädten
-war nicht gering und die Frauentugend nicht
-immer klar wie ein Spiegel. Der Ehebruch
-war vormals nicht seltener als heutzutage,
-wenn auch die alten Gesetzbücher nicht so
-leicht darüber hinglitten wie die modernen
-Strafgesetzsammlungen. Die alten Volksrechte
-bestimmten bereits, dass Ehebrecherinnen,
-auch wenn sie ihr Verbrechen mit
-Wissen des Gatten begangen, hinzurichten
-seien. Der Gatte und der Liebhaber hatten nur
-Ehrenstrafen zu gewärtigen. Die »Hals- oder
-Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V.«
-von 1553 hingegen erkennt:</p>
-
-<p>cxxij. »Item so jemandt sein <i>eheweib</i>
-oder kinder, vmb eynicherley geniess willen,
-wie der namen hett, williglich zu vnehrlichen,
-vnkeuschen vnd schendtlichen wercken gebrauchen
-lest, der ist ehrloss, vnd soll nach
-vermöge gemeyner rechten gestrafft werden,«
-d. h. den Tod durch den Henker erleiden.</p>
-
-<p>In der Curt Müllerschen Ausgabe der
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-Halsgerichtsordnung findet sich folgender
-Fall angegeben:</p>
-
-<p>»Und C. K. hat gestanden, dass er wohl
-gewust und zufrieden gewesen, dass sein
-Eheweib mit gedachtem Pfarrherrn Ehebruch
-begehen möchte; dann er seiner wohl zu
-geniessen verhoffet, und sich mit ihm derowegen
-um 100 Thaler vertragen, auch 53
-Thaler darauf empfangen etc. Da nun gedachter
-C. K. auf seinem gethanen Bekentniss
-vor Gerichte freywillig verharren, oder
-des sonsten, wie recht, überwiesen würde:
-So möchte er, solcher Verkuppelung halben,
-mit dem Schwerdte vom Leben zum Tode
-gestrafft werden, V. R. W. Ad consult. Quaestoris
-M. Jul. 1587.«</p>
-
-<p>In Zürich ersäufte man 1449 einen Zuhälter
-seiner Frau in der Limmat.</p>
-
-<p>Waren die Frauen zu Lottereien geneigt,
-so gaben ihnen die Männer darin nichts
-nach, wenn man Geiler glauben darf, der
-da predigt: »Es gibt auch männer, die ein
-offentliche huren oder schottel neben der
-Frawen im hauss haben und halten.« Dem
-15. Jahrhundert entstammt das Gesetz, einen
-Ehemann, der mit seiner Geliebten unter
-einem Dache wohnt, auf fünf Jahre aus der
-Stadt zu verbannen. Die gleiche Strafe trifft
-<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-eine Frau, die ihren Mann verlässt, um mit
-dem Liebsten zu leben. Wer verheiratet
-ist und dies verschweigt, um durch Eheversprechen
-Erhörung zu finden, gleichviel
-ob Mann oder Weib, wird auf zehn Jahre
-der Stadt verwiesen.<a name="FNanchor_113" id="FNanchor_113"
-href="#Footnote_113" class="fnanchor">[113]</a> Als 1459 in Nürnberg
-die Frau des reichen Kaufmannes Linhart
-Podmer des Ehebruches mit einem Schreiber
-überführt wurde, degradierte sie der Rat zur
-öffentlichen Dirne, indem er ihr verbot, gewisse
-Kleidungsstücke anzulegen.</p>
-
-<p>Die Verkuppelung der eigenen Kinder
-bestrafte die »Karolina«, wie aus der citierten
-Stelle ersichtlich, gleichfalls mit dem Enthaupten;
-das alte Berliner Stadtbuch mit dem
-Scheiterhaufen. Dieses letztere Gesetzbuch
-zeichnete eine sittengeschichtlich äusserst
-interessante Kuppelei-Affäre auf.</p>
-
-<p>»Jesmann und sein Weib wurden verbrannt
-wegen Verrates, den sie begingen
-an ihrem eigenen Blute, nämlich an ihrer
-Tochter, einem jungen Kinde, das sie unehrenhafter
-Weise übergaben dem Komtur
-von Tempelhof, der ein begebener (geistlicher)
-Kreuzherr war des Ordens St. Johannis
-<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-&ndash; (also ein Johanniter-Ordens-Ritter) &ndash;
-Die unehrliche Frau, die Peter Rykime, vermittelte
-es nämlich, dass der Komtur die
-Maid wohl kleiden wollte mit schönem Gewande,
-und Gutes wollte er ihr geben genug;
-auch wollte er Jesmann und sein Weib sehr
-reich machen, und das schwur er ihnen auf
-sein Wort zu. Da brachten die Dreie dem
-Komtur das Kind entgegen bis an den Berg
-von Tempelhof, und dort empfing er es von
-ihnen, und trat in Unehre mit ihm ein.
-Drum wurden jene Drei verbrannt.« Der
-Herr Komtur ging natürlich straflos aus &ndash;
-er war ja von Adel und noch dazu ein geistlicher
-Ritter, dem so leicht nichts anzuhaben
-war, selbst wenn man gewollt hätte, was
-aber den ehrsamen Herren vom hohen Rate
-nicht im Traume einfiel. Sie hielten sich
-lieber dafür an den bürgerlichen Übelthätern
-schadlos, und justifizierten diese nach Herzenslust,
-so z. B. des »Matthias Weib«, das
-man 1399 verbrannte, weil sie eines Klaus
-Jordans Ehefrau an den Jacob von dem
-Rhine (Rheine) verkuppelt hatte.<a name="FNanchor_114" id="FNanchor_114"
-href="#Footnote_114" class="fnanchor">[114]</a></p>
-
-<p>In Strassburg strafte man die Dienerschaft,
-<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-die Kinder der Brotherrschaft, deren Freunde
-oder deren Mündel, verkuppelt hatten, gleichviel
-ob diese grossjährig waren oder nicht, den
-Knecht mit Ertränken, die Magd mit dem Ausstechen
-der Augen und Stadtverweisung.
-Wer als Knecht mit der Frau des Herrn eine
-Liebschaft hat, der Knecht oder die Magd,
-die ihre Herrin verkuppeln, verlieren zwei
-Finger der rechten Hand und werden verwiesen.
-Trifft der Herr den Knecht auf
-frischer That, so kann er ungestraft nach
-Gutdünken handeln.<a name="FNanchor_115" id="FNanchor_115"
-href="#Footnote_115" class="fnanchor">[115]</a></p>
-
-<p>Ungeachtet der tief eingewurzelten Immoralität
-erstarb die Achtung vor der jungfräulichen
-Reinheit niemals gänzlich, und die
-Folge war, dass Mädchen, deren Schande
-offenbar wurde, sich von der Missachtung,
-daneben noch von schweren bürgerlichen
-und kirchlichen Strafen bedroht sahen.</p>
-
-<p><em>Abtreibung der Leibesfrucht</em> und
-<em>Kindesmord</em> waren daher nichts Aussergewöhnliches.</p>
-
-<p>Gegen das erstgenannte Verbrechen predigt
-Berthold von Regensburg: »Er (der
-tuifel) raetet ir eht, daz sie tanze oder daz
-sie ringe oder hüpfe und ungewar (ungefähr)
-<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-trete oder valle oder daz sie sich harte über
-ein Kisten neige oder daz sie der wirt
-slahe.«<a name="FNanchor_116" id="FNanchor_116"
-href="#Footnote_116" class="fnanchor">[116]</a> Gegen Kindesmörderinnen ging
-man mit unerbittlicher Strenge vor. Die
-»Karolina« befiehlt in den §§ 35 und 36 die
-Folter und den Tod. In Zürich ersäufte
-man Kindesmörderinnen, an anderen Orten
-begrub man sie in Dornen gebettet lebenden
-Leibes. Einer anderen Strafart ist bereits
-oben gedacht worden.</p>
-
-<p>Zur Verhütung der Kindesmorde entstanden
-<em>Findelhäuser</em>, so 1452 in Frankfurt
-a. M. Nürnberg wies deren zwei auf,
-deren erstes 1331 errichtet wurde, denen
-als Gefälle das Gras in den Stadtgräben zustand.
-Auch in Freiburg im Breisgau und
-in Ulm sind »der funden kindlin hus« aus
-dem 14. und 15. Jahrhundert bekundet. Das
-Ulmer Findelhaus wies im 16. Jahrhundert
-manchmal an 200 und mehr »Fundenkindlin«
-aus.</p>
-
-<p>Blieb unerlaubte Liebe ohne Folgen, so
-versuchte man wohl auch das verlorene
-Magdtum durch künstliche Mittel wieder
-herzustellen. Ein fahrender Schüler berühmt
-sich wenigstens:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Welche den magtum hat verloren</div>
- <a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
- <div class="verse indent0">Der mach ich ein salben.«<a name="FNanchor_117" id="FNanchor_117"
-href="#Footnote_117" class="fnanchor">[117]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Derartige Zustände erschienen mit der
-Zeit den Stadtobrigkeiten schon aus dem
-Grunde unhaltbar, als sie alle Stände in
-Mitleidenschaft zogen und selbst vor den Familien
-der stolzen Patricier nicht Halt machten.</p>
-
-<p>Eine Regelung und polizeiliche Überwachung
-der Unzucht wurde schliesslich zur
-brennenden Frage, die durch Gründung von
-<em>Freudenhäusern</em> endgültig geregelt schien.
-Durch die Bordelle glaubten die Stadtväter
-Latrinen geschaffen zu haben, die den
-sexuellen Unrat auffangen und dadurch den
-honetten Teil der weiblichen Ortsbevölkerung
-vor Versuchung und Verseuchung bewahren
-sollten. Denn: »bei der Rücksichtslosigkeit,
-mit welcher die Menschen des
-Mittelalters Jahrhunderte lang der Wollust
-frönten, waren die Frauenhäuser eine Notwendigkeit,
-und zwar nicht nur zum Schutze
-ehrbarer Mädchen und Frauen, sondern auch
-damit die Unsittlichkeit einigermassen überwacht
-werden konnte.«<a name="FNanchor_118" id="FNanchor_118"
-href="#Footnote_118" class="fnanchor">[118]</a> Die ersten Bordelle
-erstanden gegen Ende des 13. Jahrhunderts<a name="FNanchor_119" id="FNanchor_119"
-href="#Footnote_119" class="fnanchor">[119]</a>;
-<a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-in Wien ist 1278 ein Freudenhaus
-urkundlich erwiesen, in Augsburg 1273<a name="FNanchor_120" id="FNanchor_120"
-href="#Footnote_120" class="fnanchor">[120]</a>,
-in Hamburg 1292, aber erst das 14. Jahrhundert
-sah sie allenthalben emporschiessen
-und sichtlich gedeihen.</p>
-
-<p>Die Gegend der Stadt, in der diese Kasernen
-der Unzucht lagen, nannte die mittelalterliche
-Galanterie Frauengasse, Rosengasse
-(Berlin), Rosenhag (Hildesheim), Rosenthal
-(Leipzig), oder auch Kätchengasse, wie in
-Braunschweig; die Freude an Zoten erfand
-allerdings oft recht urwüchsige, heute arg
-verpönte, aber sehr bezeichnende Namen.
-Das Haus selbst nannte man: Bordell, Frauenhaus,
-Töchterhaus, gemeines, offenes, freies
-Haus, Jungfrauenhof; die Insassinnen: leichte,
-offene, gemeine oder gelustige Fräuleins,
-freie, unehrbare Töchter, üppige, thörichte
-Dirnen, Hübschlerinnen u. a. m.<a name="FNanchor_121" id="FNanchor_121"
-href="#Footnote_121" class="fnanchor">[121]</a></p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>Bei der mittelalterlichen Vorurteilslosigkeit
-ist es begreiflich, dass die das Frauenhaus
-schützende Behörde ihren Nutzen aus
-dieser &ndash; »gemein-nützigen« Anstalt zu
-ziehen gewillt war. Die Städte einerseits,
-andererseits die geistlichen Stifte oder die
-Adeligen, auf deren Boden diese Häuser
-standen, liessen sich ganz tüchtig bezahlen.
-Scheuten sich doch Kirchenfürsten, selbst
-Päpste nicht, sich an Frauenhaus-Erträgnissen
-Einkommen zu sichern &ndash; ja, <i>non
-olet</i> &ndash;, ebensowenig wie es als schimpflich
-galt, mit Bordell-Gefällen vom Kaiser belehnt
-zu werden. Die gefürsteten Grafen von
-Henneberg und die Grafen von Pappenheim
-hatten derartige Lehen zu eigen, die ihnen
-gewaltige Summen einbrachten.<a name="FNanchor_122" id="FNanchor_122"
-href="#Footnote_122" class="fnanchor">[122]</a> Der Erzbischof
-von Mainz beschwerte sich im Jahre
-1442 darüber, dass ihn die Stadt schädige
-»an den gemeinen Frauen und Töchtern«
-und »an der Buhlerei«<a name="FNanchor_123" id="FNanchor_123"
-href="#Footnote_123" class="fnanchor">[123]</a>, jedenfalls durch
-städtische Konkurrenzunternehmungen. Die
-Herzöge Albrecht IV. und V. waren Eigentümer
-eines Wiener Bordells, das sie einem
-<a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-Edelmann, Konrad dem Pappenberger, zu
-Lehen gaben.</p>
-
-<p>Manche Städte verwandten die Einkünfte
-aus den offenen Häusern zu gemeinnützigen
-Zwecken, so Wien für den Wirt des Untersuchungsgefängnisses.<a name="FNanchor_124" id="FNanchor_124"
-href="#Footnote_124" class="fnanchor">[124]</a>
-Die Aufsicht über
-die Frauenhäuser behielt sich an vielen
-Plätzen der Magistrat selbst vor, an anderen
-wieder bildete sie eine Obliegenheit des
-verachtetsten Beamten, des Scharfrichters
-oder Stockers, der sich dafür von jeder einzelnen
-Dirne entlohnen lassen durfte. In
-Nürnberg z. B. war »der Züchtiger« gleichzeitig
-Bordellwirt, in Berlin der Büttel. Das
-Berliner Frauenhaus lag bis 1420, wo es
-einging, in der Rosengasse bei der Büttelei.
-Wenige Jahre vor seiner Auflösung (1407)
-führte es noch vierteljährlich ein halbes
-Schock Groschen an den Rat ab.<a name="FNanchor_125" id="FNanchor_125"
-href="#Footnote_125" class="fnanchor">[125]</a></p>
-
-<p>An der Spitze des Bordells stand der
-Frauenwirt, Kuppler oder Ruffian genannt,
-der der Stadt gegenüber verantwortlich für
-Ausführung der Hausordnung war und als
-Stadtdiener in Eid genommen wurde. In
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-Würzburg hatten die Frauenwirte den Treueid
-dreimal, nämlich dem Rate, dem Fürstbischofe
-und dem Domkapitel abzulegen.
-Einer dieser Eide lautete: »Der Stadt treu
-und hold zu sein und Frauen zu werben.«
-Der Ulmer Ruffian beschwor: »vierzehn
-taugliche und geschickte, saubere und gesunde
-Frauen zu unterhalten.«<a name="FNanchor_126" id="FNanchor_126"
-href="#Footnote_126" class="fnanchor">[126]</a> In Genf
-wurde die Dirnenkönigin, Regina Bordelli,
-in Eid und Pflicht genommen, die Ordnung
-unter ihren Standesgenossinnen aufrecht zu
-erhalten.</p>
-
-<p>Die Bordellordnungen regelten mit echt
-deutscher Gründlichkeit die Obliegenheiten
-der Frauen, »so an der Unehre sitzen«.
-Einige, allen diesen Vorschriften gemeinsame
-Hauptpunkte waren, dass kein Stadtkind
-und keine Ehefrau als Dirnen zugelassen
-werden durften. Juden, Ehemännern
-und Geistlichen war der Zutritt für immer,
-den anderen Gästen an gewissen Feiertagen
-und den Vorabenden dazu zu untersagen.
-Allen diesen Bestimmungen wurde durch
-die auf ihre Nichtbefolgung gesetzten harten
-Strafen der nötige Nachdruck gegeben.
-<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-Recht übel ging es einem der armen Prügeljungen
-des Mittelalters, einem Juden, wenn
-man ihn im Bordell ertappte. »Auch wan
-ein wallpode einen juden bei einer christenfrauwen
-oder meide funde, unkeischheit mit
-ir zu triben, die mag er beide halten, do
-sol man dem juden sein ding abssniden
-und ein aug usstechen und sie mit ruden
-usjagen oder sie mogen umb eine summe
-darumb dingen«<a name="FNanchor_127" id="FNanchor_127"
-href="#Footnote_127" class="fnanchor">[127]</a>, stand in einem Mainzer
-Gesetz des 15. Jahrhunderts. Die Ehemänner
-hatten sich durch Strafgeld zu lösen.
-Da Wirte und Mädchen kein Interesse daran
-hatten, Ehemänner und Juden, die vielleicht
-ganz gute Kunden waren, aus ihrem Haus
-zu treiben, so werden sie oftmals ein
-Auge zugedrückt haben. Bei anderen Bestimmungen
-ging dies nicht so leicht, da
-der Aufpasser zu viele waren und Strafen
-den Wirt trafen. Deshalb wussten sich Ehefrauen,
-wie die von Lübeck im Jahre 1476,
-dadurch zu entschädigen, dass sie, das
-Antlitz unter dichten Schleiern geborgen,
-abends in die Weinkeller gingen, um an
-diesen Prostitutionsstätten unerkannt messalinischen
-Gelüsten zu frönen.<a name="FNanchor_128" id="FNanchor_128"
-href="#Footnote_128" class="fnanchor">[128]</a> Am strengsten
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-durchgeführt wurde die Bestimmung,
-keine ortsangehörigen Mädchen ins Frauenhaus
-aufzunehmen. Daher rekrutierten die
-Ruffiane ihre Dirnen von ausserhalb, besonders
-von Schwaben, das im Mittelalter seiner
-Mädchen wegen grossen Ruf besass und ein
-Hauptexportland für den Mädchenhandel
-bildete. Schwabinnen traf man in ganz
-Mittel- und Süddeutschland selbst in Venedig
-als Dirnen an. Ein alter Autor, Felix Fabri,
-rühmt ihnen nach, dass sie ebenso treu
-und arbeitsam, wie lieblich und »delicat«
-seien. Joannes Boëmus Aubanus Teutonicus,
-der 1535 in Lyon ein Buch »<i>Omnium
-gentium mores etc.</i>« veröffentlichte, charakterisiert
-die Schwaben wie folgt: »Uebrigens
-da immer Gutes mit Bösem vermischt, und
-nichts vollkommen ist, so sind die Schwaben
-über die Massen zur Liebe geneigt, das
-weibliche Geschlecht gibt dem männlichen
-leicht zum Bösen nach ....«; ferner: »Es
-ist ein Sprüchwort vorhanden, dass das eine
-Schwaben das weite Deutschland genügend
-mit leichtfertigen Weibern überschwemme.«<a name="FNanchor_129" id="FNanchor_129"
-href="#Footnote_129" class="fnanchor">[129]</a>
-Auch die sonstigen Pflichten des Frauenwirtes
-waren allerorten eingehend normiert.
-<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-Es war ihm vorgeschrieben, wieviel er den
-Mädchen für Nahrung, Bett und Wäsche zu
-berechnen, was er ihnen für Essen und
-Trinken vorzusetzen und was er für jeden
-Besucher von den Mädchen zu fordern
-hatte. Er durfte die Mädchen weder verkaufen
-noch verpfänden, sie nicht am Ausgehen
-und am Kirchgang hindern, sie nicht
-zurückhalten, wenn sie wieder anständig
-werden oder heiraten wollten. Ferner war es
-ihm &ndash; z. B. in Regensburg &ndash; untersagt, die
-Dirnen zu schlagen, sondern er hatte sie, wenn
-sie Strafe verdienten, der Obrigkeit anzuzeigen.
-In der Bestallungsurkunde des
-Würzburger Frauenwirtes Martin Hummel
-von Neuenberg bei Basel, gegeben im Jahre
-1444, finden sich die Bestimmungen: »Es
-sol auch furbass der Frawenwirt kein Frawe
-in seinem Haws wonend dj so swanger oder
-zu zeiten so sj mit Iren weyblichen Rechten
-(<i>mensis</i>) beladen noch auch sust zu keiner
-anderen zejt, so sj ungeschickt were oder
-sich von den Sunden enthalten wollt, zu
-keinem manne, noch sundlichen werken
-nicht noten, noch dringen in kein wejss.«
-Dirnen in allzu jugendlichem Alter durften
-nicht im Bordell sein. »Und welches töchterlein
-funden wurt des libes halben zuo
-<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-dem werk nit geschicket sunder zuo junge
-ist, also das es weder brüste noch anders
-hette, das dazuo gehört daz sol mit der
-ruoten darumb gestrofet und dazuo der stat
-verwisen werden, bj libs strofe, so lange
-biss dass es zuo sinem billigem alter
-kompt.«<a name="FNanchor_130" id="FNanchor_130"
-href="#Footnote_130" class="fnanchor">[130]</a></p>
-
-<p>Der Regensburger Ruffian sollte von
-keiner »werntlichen Frau« etwas nehmen
-»oder sie ins Haus zu locken, dass dieselben
-unter dem Vorwand dieser Töchter ihr Unend
-desto bas treiben konnten, vielmehr wo
-solche Frauen hier wären, dieselben dem
-Stadtkämmerer anzuzeigen ....«, mit anderen
-Worten: keinen fremden Weibern und
-Gelegenheitsdirnen Unterschlupf bieten. Besonders
-anerkennenswert ist es, dass die
-bedauernswerten Geschöpfe, denen nach
-einem nicht immer selbstgewählten Leben
-voll Schmach meist der Schindanger als
-letzte Ruhestätte angewiesen wurde, von
-Amts wegen vor allzu grosser Ausbeutung
-geschützt waren. Der Ulmer Stadtrat
-schreibt seinem Frauenwirt genau die den
-Dirnen zu verabreichenden Speisen und die
-von ihm zu fordernden Preise vor; sogar
-<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-um noch anderes kümmert sich der wohlweise
-und ehrenfeste Magistrat. »Ain yede
-fraw, so nachts ain Mann bey ir hat, soll
-dem Wiertt zu Schlaffgeldt geben ainen
-Kreutzer und nit drüber, und was jr über
-dasselbig von dem Mann, bey dem siy also
-geschlaffen hatt, wirdt, das sol an jhren Nutz
-kommen.«</p>
-
-<p>Diese allerorts geübte, mitunter recht
-zöpfisch eingekleidete Humanität erweiterte
-sich mitunter zu einem Wohlwollen, dem
-eine gewisse Komik nicht abzusprechen ist.
-Auf der einen Seite dem tief gehasstesten
-und verachtetsten Manne der Stadt, dem
-Henker, unterstellt, wurden die Lustdirnen
-an anderer Stelle mit dem Bürgerrecht beschenkt,
-wenn sie eine geraume Zeit hindurch
-der Stadt, hauptsächlich aber der
-Stadtjugend »gute Dienste« geleistet hatten.
-In Nürnberg durften die guten Mädchen bis
-zum Jahre 1496 bei den Tänzen auf dem
-Rathaus und auf dem städtischen Derrer,
-wo die Privatfestlichkeiten der Patricier abgehalten
-wurden, erscheinen, Blumen verteilen
-oder feilhalten. Die übermütige Patricier-Jugend
-wird wohl manchmal ihr
-Mütchen an den armen, vogelfreien Mädchen
-gekühlt haben, die sich nicht alle ihrer Haut
-<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-zu wehren wussten, wie die resolute Agnes
-aus Bayreuth, von der der Nürnberger Chronist
-Heinrich Deichsler erzählt: »Des jars
-(1491) am mitwochen nach Pauli (26. Januar)
-da het Hans Imhof mit sein sun Ludwig
-hochzeit, und des nachtz am obenttantz
-(Abendtanz) ra rupfet die wild rott auf
-dem rathaus und zugen der guten dirn, genant
-Payreuter Agnes, ir sleier auch ab; da
-zug sie ein protmesser auss und stach nach
-eim.« Sie verwundete einen ihrer Peiniger
-am Halse, entfloh auf den S. Sebaldkirchhof,
-wurde aber gefangen genommen und auf
-fünf Jahre aus Nürnberg verwiesen.<a name="FNanchor_131" id="FNanchor_131"
-href="#Footnote_131" class="fnanchor">[131]</a> Später
-erhielten nur drei Freudenmädchen die Erlaubnis,
-zu Hochzeiten zu kommen und sich
-unter den Pfeiferstuhl &ndash; heute Orchester &ndash;
-zu setzen; dies währte bis 1546. Im 15. Jahrhundert
-erschienen in Rotenburg ob der
-Tauber und in Württemberger Städten die
-Frauenhäuslerinnen bei Hochzeiten, um ihre
-Glückwünsche darzubringen und mit einem
-Almosen heimgeschickt zu werden. Was
-mag die Brust der bedauernswerten Geschöpfe
-durchwogt haben beim Anblick der
-glückstrahlenden, kranzgeschmückten Braut,
-<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-die ihnen verachtungsvoll das gebräuchliche
-Geschenk zuwarf? In Wien beteiligten sich
-die Hübschlerinnen bei Volksfesten, an denen
-sie, in duftigste Gewandung gehüllt, um ein
-Geschmeide oder ein Stück Tuch wettliefen.
-Am Johannistage umtanzten und durchsprangen
-sie die Sonnwendfeuer, wofür ihnen
-vom Rat und Bürgermeister der Donaustadt
-Erfrischungen gereicht wurden. Frankfurt
-am Main schaffte 1529 den Brauch ab, die
-Frauenhäuslerinnen bei offiziellen Festlichkeiten
-als Blumenmädchen heranzuziehen,
-entschädigte aber die Mädchen durch Sendungen
-von Speise und Trank in ihre Behausung.</p>
-
-<p>In Leipzig wurde zu Fastnacht jeden
-Jahres die sogenannte Hurenprozession abgehalten.
-Die Frauenhäuser, spöttisch das
-fünfte Kollegium genannt, da die Studenten
-der Leipziger Universität, die nur vier Kollegien
-aufzuweisen hatte, bei den Dirnen
-emsig das fünfte Kollegium abhielten, lagen
-vor dem Halleschen Thore. Die Bewohnerinnen
-dieser Häuser sammelten sich zu Beginn
-der Fastenzeit zu einem Umgang, bei
-dem eine von ihnen einen Strohmann auf
-einer langen Stange gleich einer Prozessionsfahne
-vorantrug. Paarweise folgten die
-<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a>
-Kolleginnen, ein Lied wider den Tod singend,
-bis zur Parthe, in die der Strohmann geschleudert
-wurde. Durch diesen Umzug
-sollte die Atmosphäre der Stadt gereinigt
-werden, damit sie für die nächsten Jahre
-von der Pest verschont bleibe.<a name="FNanchor_132" id="FNanchor_132"
-href="#Footnote_132" class="fnanchor">[132]</a></p>
-
-<p>In Würzburg erschien am Johannistage
-der Stadtschultheiss mit seinen Amtsdienern
-und einigen Freunden im städtischen Frauenhause,
-um dort ein vom Ruffian und seinen
-Töchtern gegebenes solennes Mahl unter
-Tafelmusik einzunehmen. Allmählich aber
-steigerten sich die Ansprüche der Gäste derart,
-dass auf Beschwerden des Wirtes hin
-der Stadtrat die vorzusetzenden Gänge
-auf Wein, Kirschen, Käse und Brot beschränkte.</p>
-
-<p>Bei einem von den Geschlechtern (Stadtjunkern)
-zu Pfingsten 1229 zu Magdeburg
-veranstalteten Turnier, zu dem die Patricier
-der Nachbarstädte feierlich geladen worden
-waren, gab es als Turnierdank für den Sieger
-ein schönes Mädchen, Sophia mit Namen,
-wahrscheinlich eine Frauenhäuslerin, vielleicht
-aber auch eine Hörige, deren Los sich
-aber unverhofft günstig gestaltete. Ein alter
-<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-Kaufmann aus Goslar gewann die Schöne
-und gab ihr die Aussteuer zu einer ehrlichen
-Heirat.</p>
-
-<p>Hohen Besuchern hatten die städtischen
-Dirnen entgegenzuziehen und die
-Wege mit Blumen zu bestreuen, was
-ihnen von ihrer Stadt eine Gastung einbrachte.</p>
-
-<p>Ihre Kleidung dürfte in unserem rauheren
-Klima kaum so provokatorisch duftig gewesen
-sein, wie die ihrer Zunftgenossinnen
-bei jenem Einzuge Karls V. in Antwerpen,
-zu Anfang des 16. Jahrhunderts, den Albrecht
-Dürer beschrieb und Hans Makart malte.
-Derartige Schaustellungen von Obscönitäten
-zu Ehren und zur Unterhaltung hoher Persönlichkeiten
-in breitester Öffentlichkeit waren
-besonders in Frankreich Mode. Als der
-junge Heinrich IV. von England 1431 in
-Paris einzog, machte der Zug in der
-St. Denys-Strasse vor einem Brunnen Halt,
-in dessen Bassin drei nackte junge Mädchen
-umherschwammen. Aus der Mitte dieses
-Bassins wuchs ein Lilienstengel empor,
-dessen Knospen und Blumen Ströme von
-Milch und Wein entsandten. 50 Jahre später
-empfing man den bigotten Ludwig XI. mit
-dem gleichen Schauspiel in den Mauern
-<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-seiner Residenz. Ein andermal wurde ihm
-in Lille die Ehre und das Vergnügen zu
-Teil, auf offener Strasse, vor einer ungeheueren
-Zuschauermenge das Urteil des
-Paris an drei Grazien, die sich in hüllenloser
-Schönheit zeigten, wiederholen zu
-dürfen.</p>
-
-<p>Soweit verstiegen sich nun wie bemerkt die
-deutschen Städte nicht. Als König Albrecht II.
-1438 nach der Krönung in Prag Wien besuchte,
-erhielten nach den Stadtrechnungs-Protokollen
-die »gemain frawen, di gen den
-Kunig gevarn 12 achterin Wein«. 1435 liess
-der Wiener Stadtrat bei einem Besuche
-Kaiser Siegmunds die Mädchen der zwei
-Frauenhäuser auf Kosten der Stadt mit
-Sammetkleidern ausstatten. Derselbe Magistrat
-sandte 1452 dem König Ladislaus
-Posthumus »freie töchter« entgegen, um ihn
-an der Weichbildgrenze zu empfangen. Eine
-Wiener Chronik von 1484 sagt mit Bezug
-auf dieses Ereignis, Ladislaus wurde am
-Wiener Berg, an dem Zelte errichtet und
-Banner aufgesteckt waren, von Reich und
-Arm bewillkommnet. Unter den ihn Erwartenden
-befanden sich alle weiblichen Einwohner
-Wiens bis zu den kleinsten Mädchen,
-sowohl die »schönen Frauen« wie
-<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-auch die ehrsamen Weiber der Handwerker
-und alle ohne Mäntel.<a name="FNanchor_133" id="FNanchor_133"
-href="#Footnote_133" class="fnanchor">[133]</a></p>
-
-<p>Der vielgereiste Sigismund von Herberstein
-erzählt von seiner Gesandtschaftsfahrt
-nach Zürich im Jahre 1516: »Der
-brauch was, dass der bürgermeister, gerichtsdiener
-und gemaine weiber mit dem gesandten
-assen.«</p>
-
-<p>Vielleicht lag dieser Sitte die an vielen
-Stellen geübte Absonderlichkeit zu Grunde,
-einem lieben Gaste auf Rechnung der Stadtväter
-oder, wenn der Gast auf einem Schlosse
-eingekehrt war, aus der Zahl der Untergebenen
-»schöne Weibsbilder zur Kurzweil«
-zur Verfügung zu stellen. Dem Landgrafen
-Ludwig von Thüringen schaffen »die zärtlichen
-Verwandten« eine Beischläferin, dem
-Diederich von Quitzow 1410 die Ratsmänner
-Berlins. Auch Beischläferinnen als Gerechtsame
-kommen vor. Ein Anherr Götz von
-Berlichingens hatte von seinen Lehnsherren,
-den Grafen von Kastell, alljährlich ein Mahl,
-Atzung für Pferde und Hunde und eine
-»schöne Frau« zu fordern. Im Dorfe Martinsheim
-besass der Domdechant von Würzburg
-noch 1544 das Privilegium, jedes Jahr im
-<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-November zwölf reisige Pferde, ein Mahl
-und ein Mädchen geliefert zu bekommen.</p>
-
-<p>Einen Stadtbesuch von hohen Herren
-wussten die Dirnen auch anderweitig geschäftlich
-auszunutzen, denn sie verstanden
-schon damals recht gut Reklame für sich zu
-machen. Als sich Kaiser Friedrich III. 1471
-in Nürnberg aufhielt, schlangen eines Tages,
-als er vom Kornhause kam, »zwu hurn« eine
-lange silberne Kette um ihn, aus der er sich
-mit einem Gulden lösen musste. Ehe er
-seine Herberge erreicht, wiederholte sich das
-Spiel noch einmal.<a name="FNanchor_134" id="FNanchor_134"
-href="#Footnote_134" class="fnanchor">[134]</a> Kaiser Siegismund,
-ein loser Schürzenjäger, der das schönere
-Geschlecht des ganzen heiligen römisch-deutschen
-Reiches als sein Eigentum anzusehen
-beliebte, zogen zu Strassburg eines
-schönen Morgens des Jahres 1414 mehrere
-lustige Dirnlein aus dem Bette. Kaum fand
-er Zeit, sich in einen Mantel zu hüllen, da
-sah er sich schon auf der Strasse, wo er
-tanzen musste, wie die flotten Weiber sangen.
-Der Kaiser war barfuss, darum kauften ihm
-die mitleidigen Weibsen um sieben Kreuzer
-ein Paar Schuhe, was der hohe Herr sich
-lachend gefallen liess. Ulm beleuchtete 1434
-<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-in etwas übertriebener Loyalität die Strassen
-festlich, wenn sich der Kaiser mit seinem
-Gefolge ins Bordell verfügte. In Bern erklärte
-sich der Stadtrat bereit, drei Tage hindurch
-dem kaiserlichen Gefolge auf städtische
-Kosten das Freudenhaus zur Verfügung zu
-stellen, wofür Kaiser Siegismund dem Berner
-Magistrate in einem offenen Schreiben herzlich
-dankte. Der gute Kaiser wusste solches
-Entgegenkommen gebührend zu schätzen
-und &ndash; auszunutzen. Er war ein »tolles
-Huhn«, und seine Gemahlin, Kaiserin Barbara,
-ihrem Gatten mindestens ebenbürtig.
-Sie gingen beide ihre eigenen, schlammigen
-Wege und liebten beide, wo und wann sich
-Gelegenheit bot. Nach dem Tode ihres Gemahls
-zog die edle Kaiserin nach Königgrätz
-in Böhmen, wo sie bis zu ihrem Tode einen
-männlichen Harem unterhielt.<a name="FNanchor_135" id="FNanchor_135"
-href="#Footnote_135" class="fnanchor">[135]</a></p>
-
-<p>Mit dem Wohlwollen gegenüber den
-Frauenhäuslerinnen ging aber meistens eine
-Strenge Hand in Hand, die jedes Überdieschnurschlagen
-der Dirnen verhüten sollte.
-Da gab es harte Strafen gegen das Herumstreichen
-auf den Strassen, gegen das Sitzen
-vor den Häusern, gegen das Anlocken
-<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-von Liebhabern u. a. m. Die <em>Uniformierung</em>
-der Dirnen wurde unnachsichtlich
-durchgeführt, denn während des ganzen
-Mittelalters war den losen Töchtern eine
-Tracht vorgeschrieben, die sie durch irgend
-ein mehr oder weniger auffälliges Abzeichen
-von der Kleidung der ehrbaren Weiblichkeit
-unterschied. Schon im 10. Jahrhundert trugen
-Buhldirnen eine Art Uniform, nämlich ein
-kaum bis zum Oberschenkel reichendes, kurzärmeliges
-und eng anliegendes Oberkleid.
-Das engärmelige lange Unterkleid war vorn
-in ganzer Länge aufgeschnitten und liess
-die mit Beinlingen, den Vorläufern der
-Strümpfe, bekleideten Beine bis oben hin
-sichtbar werden. In England trugen um
-dieselbe Zeit die Dirnen unter dem Oberkleide
-straff anliegende Hosen.<a name="FNanchor_136" id="FNanchor_136"
-href="#Footnote_136" class="fnanchor">[136]</a></p>
-
-<p>Ein Frankfurter Ratsbeschluss von 1488
-verordnet den feilen Weibern, sich in ihrer
-Tracht also zu halten, dass man sie sofort
-als das erkennen könne, was sie sind. Kurfürst
-Johann Cicero veranlasste 1486 den
-Berliner Rat zu dekretieren, dass die, »so an
-der Unehre sitzen oder sonst in unzimblichen,
-<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-sündigen Wesen und gemein sein, sollen
-zu einem Zeichen, damit man Unterschied
-zwischen frommen und bösen Frauen habe,
-die Mäntel auf den Köpfen oder kurze
-Mäntelchen tragen.«<a name="FNanchor_137" id="FNanchor_137"
-href="#Footnote_137" class="fnanchor">[137]</a> Das Meraner Stadtrecht
-des 14. Jahrhunderts gebietet: »es soll
-kein gemeines Fräule einen Frauenmantel
-oder einen Pelz tragen, noch an einem Tanze
-teilnehmen, bei dem Bürgerinnen oder andere
-ehrbare Frauen sind. Sie sollen auf ihren
-Schuhen ein gelbes Fähnle haben, woran
-man sie erkennen könne und sollen sich
-kein Futter von Feh, noch Silberschmuck
-erlauben.« In Strassburg wurde ihnen 1471
-eingeschärft, weder Schmuck zu tragen noch
-Pelzwerk oder Seidenfutter zu verwenden;
-in Leipzig befahl 1463 der Rat den »wilden
-Frauen auf dem freien Hause«, kurze gelbe
-Mäntel mit blauen Schnüren umzuhaben.
-In Wien sollten die Hübschlerinnen ein gelbes
-Tuch, eine Hand breit und eine Spanne lang,
-an der Schulter befestigt tragen. In Basel
-waren ihnen Mäntelchen vorgeschrieben, die
-nicht über eine Spange weit unter den Gürtel
-hinabreichten; in Augsburg ein Streifen
-<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
-am Schleier; in Bern und Zürich deckten
-sie sich mit roten Kappen.</p>
-
-<p>In der Reichsgesetzgebung beschäftigte
-sich die »Neue Kaiserliche Ordnung und
-Reformation guter Polizei im Heiligen Römischen
-Reiche« 1530 im elften Artikel mit
-der Tracht der Frauenhäuslerinnen. »<em>Von
-gemeinen und unehrlichen Weibern.</em>
-Nachdem auch aus dem viel Aergernis im
-heiligen Reich entstanden, dass die gemeinen
-und andren unehrlichen Weibe Seide, Gold,
-Silber und andre ziehrliche Kleider antragen,
-davon manch fromm Weib und Töchter verleitet
-wird, auch dadurch unter Ehrbaren
-und Unehrbaren kein Unterschied zu erkennen:
-Gebieten wir ernstlich und wollen,
-dass die unehrlichen Weiber kein hochzierlich
-Kleider oder Geschmück, auch nichts
-Verbrämtes oder golden Schleier, sondern
-eine jede derselben sich nach des Landes
-Gebrauch tragen soll, darauf die Obrigkeit
-sondere Acht haben und das nicht gedulden
-soll.«</p>
-
-<p>Das Verbot, Schmuck zu tragen, dürfte
-häufig umgangen worden sein, denn einzelne
-Gemeinden, wie Frankfurt a. M., mussten es
-oft wiederholen. Im Braunschweiger Museum
-hängt ein Bild von Lucas Kranach, das Porträt
-<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-einer Demimonde seiner Zeit darstellend. Sie
-trägt ein breites rotes Barett, kostbares Geschmeide,
-sonst aber keine Gewandung mit
-Ausnahme eines feinen Schleiers, der ihren
-Körper duftig umhüllt.</p>
-
-<p>Der Schleier gehörte zu den Attributen
-der verlorenen Jungfräulichkeit, da der
-Schleier fraulich das Haupthaar bedeckte, im
-Gegensatz zu den freifliegenden Locken der
-Jungfrau. Das Gedicht »Die Winsbekin«
-wünscht den Mädchen mit Ehren und ohne
-Schleier zu Bett zu gehen, und in einem von
-Uhland mitgeteilten Volkslied des 15. Jahrhunderts
-wird ein Einlassbegehrender von
-seiner Liebsten mit den Worten abgewiesen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wol is nu, der da kloppet an?</div>
- <div class="verse indent0">ik lat en doch nicht herin.</div>
- <div class="verse indent0">Wenn ander megtlin krenze droegen,</div>
- <div class="verse indent0">ein schlöier möst ik dragen.</div>
- <div class="verse indent0">Ik schemde mi ser, ik schemde mi ser,</div>
- <div class="verse indent0">jo lenger jo mer,</div>
- <div class="verse indent0">van grund ut minem herten.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Darum war es im 15. und 16. Jahrhundert
-hier und da Gewohnheit, den Mädchen, die
-sich nicht betrugen, wie sie sollten, von
-Amts wegen einen Schleier zuzustellen. So
-geschah es in Altenburg, in Wittenberg, wo
-man laut Ratsrechnung »zwey newe schleyer,
-<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a>
-so zwein beschlafenen meygden geschickt«.
-Nach der Rottweiler Hochzeitsordnung von
-1618 durfte eine nicht mehr reine Braut beim
-Kirchgange keinen Kranz, sondern einen
-Schleier aufhaben, wie es das Mägdlein im
-Volksliede fürchtet. Deshalb haben die Augsburger
-Freudenmädchen den mit einem
-Streifen besetzten Schleier zu tragen, da »sie
-nicht dorffte barheitig gehen«, wie sprödere
-Mädchen. In Köln sollten sie 1389 rote Schleier
-(welen) haben, »up dat man sei kente vor
-andern vrawen«. In Altenburg war ihnen
-und der Frau des Scharfrichters, der »czuchtigeryn«
-aufgegeben, gelbe Läppchen auf
-dem Schleier zu befestigen, gleichwie in
-Leipzig, wo der gelbe Fleck von der Grösse
-eines Groschens sein musste. Diese gelben
-Schleier waren natürlich den Frommen im
-Lande ein Dorn im Auge, denn das verhasste
-Gelb war die Farbe der Galanterie
-seit der römischen Kaiserzeit her, wo die
-Modedamen Romas das gelbblonde Haar für
-allein schön erklärt hatten. Gelbe Stirnbänder
-und Schleier galten vom 12. bis
-15. Jahrhundert für besonders modisch, sie
-kamen aber bald in Verruf, weil sie besonders
-gern von Halbweltlerinnen angelegt
-wurden. Sonst hätte Berthold von Regensburg
-<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-nicht den Weibern predigen können:
-»Aussätzig am Kopfe sind die Frauen, die
-sich gar so sehr putzen an den Haaren und
-mit Binden und Schleiern, die sie gelb
-färben wie die Jüdinnen und Dirnen, die
-auf dem Graben streichen und wie die
-Pfaffenmenscher; niemand ausser diesen
-soll gelbes Gebände tragen.«<a name="FNanchor_138" id="FNanchor_138"
-href="#Footnote_138" class="fnanchor">[138]</a> »Desgleichen
-tragen sie &ndash; die Dirnen &ndash; auch gäle Schleier,
-so gleich den hellischen Flammen sein; dieselben
-streichen und stercken sie zu offtermal,
-damit sie der hurenspiegel desto bass
-mögen zieren und herauss schmucken,« eifert
-Geiler von Kaisersberg.</p>
-
-<p>Beabsichtigte die Obrigkeit eine ihr unziemlich
-dünkende Mode aus der Welt zu
-schaffen, so wurde sie einfach den Stadtdirnen,
-dann weiters den weiblichen Angehörigen
-des Henkers, Pfaffenmägden und
-Jüdinnen aufgezwungen. Die Zittauer Kleiderordnung
-von 1353 enthält eine derartige
-Bestimmung. »Auch wollen die schoppen
-(Schöffen), dass keine Frau Kögel tragen
-solle noch keine jungfrauen, es seien dann
-züchtigers und henkersmägde &ndash; die unter
-<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
-der Gewalt des Scharfrichters stehenden Stadtdirnen
-&ndash; denen erlauben und gebieten die
-herren Kögeln zu tragen.« Zuwiderhandlungen
-gegen diese Kleiderordnungen zogen
-Stäupung, Stadtverweisung auf eine gewisse
-Zeit oder aller Kleider entblösst am Pranger
-ausgestellt werden, nach sich. Diese Bestrafung
-der Dirnen zeigt die ihnen entgegengebrachte
-Verachtung; denn selbst die
-grösste Übelthäterin ehrlichen Standes setzte
-man nicht entblösst den Blicken und der
-Roheit des Pöbels aus. Daher ist es nicht
-dem Anstandsgefühle zuzuschreiben, wenn
-man die Bordelle, ebenso wie die Lazarette,
-die Büttelei und die Ghettos, nach
-abseits der Verkehrsadern belegenen Örtlichkeiten
-verwies. In Hamburg durften »wandelbare
-Frauen« an keiner Kirche und in keiner
-zu einer Kirche führenden Gasse hausen.<a name="FNanchor_139" id="FNanchor_139"
-href="#Footnote_139" class="fnanchor">[139]</a>
-Die Strassburger Verordnung vom 9. Oktober
-1471 schärft aufs neue das alte Gesetz ein:
-»das alle hushelterin, spontziererin und die
-so offentlich zur unee sitzend oder buolschaft
-tribent, wo die in der stadt sessent, soltent
-ziehen in Bickergasse, Vinckengasse, Gröybengasse,
-<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
-hünder die muren oder an ander ende,
-die inen zuogeordent sint.«</p>
-
-<p>Meist lagen die öffentlichen Häuser hart
-an der Stadtmauer, so in Würzburg und
-Frankfurt, oder an abseitigen Plätzen, an
-denen kein Markt abgehalten wurde, und
-die sonst weiter keine Hauseingänge besassen.</p>
-
-<p>Nach den Bordellordnungen sollten die
-Freudenhäuser meist eine Stunde vor Mitternacht
-geschlossen und bis zum Einbruch der
-Nacht verschlossen gehalten werden, ebenso
-an den Vorabenden der Sonn- und Feiertage,
-wie an diesen selbst, wenigstens vormittags.
-Alle Männer hatten sich bei Schliessung zu
-entfernen bis auf jene, die die Nacht bei den
-Mädchen zubringen wollten. Ehemännern,
-Geistlichen und Juden war, wie bereits oben
-erwähnt, der Eintritt verwehrt, ebenso minderjährigen
-Knaben. Recht befremdlich mutet
-es an, wenn die Ulmer dem Ruffian befehlen
-müssen, Knaben von 12-14 Jahren nicht
-mehr im Hause zu dulden und wenn sie
-kommen sollten, sie mit Ruten aus dem
-Bordell zu treiben.</p>
-
-<p>Über das Treiben in den Häusern sind
-aus naheliegenden Gründen nur spärliche
-Berichte vorhanden. Einer dieser wenigen
-<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-ist die kurze Tagebuchaufzeichnung Fritz
-Schickers über seine Erlebnisse auf dem
-Reichstage zu Konstanz vom Jahre 1507.</p>
-
-<p>»Ich ging eines Tages ins Freie und
-wandelte am See hin und her. Da begegnete
-mir des Herzogs Georgs Schreiber. Der
-nahm mich bei der Hand und sagte: ›Willst
-du mit mir gehen?‹ Fragte ich: ›wohin?‹
-Antwortete er: ›wo hübsche Mädchen sind.‹
-Wusste ich nicht, was ich antworten sollte
-und ging mit. Kamen wir in ein Wirtshaus,
-da sassen vielerlei Dirnen, wohl angetan,
-und hatten Blumen in den Händen und
-sahen uns lächelnd an. Wir aber liessen
-uns Wein geben und ich verfiel in tiefe Gedanken.
-Da kamen die Musikanten des
-Bischofs von Augsburg und spielten ganz
-lustig auf zum Tanze. Alsobald wurden die
-Dirnen ergriffen und fingen an zu tanzen.
-Die jungen Gesellen riefen mir zu, auch
-mitzutanzen, aber ich entgegnete: ›dessen bin
-ich nicht kundig.‹ Da setzte sich zu mir
-eine Dirne, reichte mir eine Blume, und
-sagte: ›wenn du den Tanz nicht liebst, was
-liebst du denn?‹ Sprach ich: ›eine Jungfrau.‹
-Darauf sie: ›eine allein? Das ist nicht recht.
-Die anderen wollen auch nicht verachtet
-sein. Und hier bist du in der Fremde, sie
-<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
-weiss es ja nicht. Kommst du heim, ist
-alles wieder gut.‹ Da merkte ich wohl, was
-sie wollte, und bestellte noch mehr Wein,
-als wollte ich bleiben, ging aber und kam
-nicht wieder.«</p>
-
-<p>Der blöde Schäfer hat wahrscheinlich dem
-Abenteuer nur deshalb einen solch harmlosen
-Abschluss gegeben, weil er fürchtete,
-sein Tagebuch einmal in den Händen der
-von ihm geliebten »Jungfrau« zu sehen.
-Weniger skrupulös waren andere, so ein
-Abgeordneter des Frankfurter Rates, der in
-Köln »zv den Frauen ging« und gewissenhaft
-seine dortigen Ausgaben verbuchte.
-Gleich ihm ein Strassburger Beamter, den
-sein Besuch auf »30 Pfennig« zu stehen
-kam. Ja, das Leben war damals billig! Man
-verargte übrigens den Junggesellen keineswegs
-den Besuch der Frauenhäuser, wenn
-sie nicht schon anderweitig gebunden waren.
-In Frankfurt a. O. lagen z. B. die Patricier
-tagein, tagaus im Bordell, ohne ein Hehl
-daraus zu machen. Der Aufenthalt im Bordell
-galt eben als eine Zerstreuung, die man der
-Jugend gerne gönnte.</p>
-
-<p>Wenn es zufällig nicht gerade untersagt war,
-bestand eine Hauptaufgabe der Freudenmädchen
-darin, Kunden in das Haus zu ziehen.
-<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
-Sie standen zu diesem Zwecke bekleidet à la
-Lucas Kranach in den nach der Strasse führenden
-Fenstern, und »Etlichen lockend sij mit
-pfiffen, Dem andern guckend sij mit griffen,
-Dem drytten mit eym Facilett &ndash; Taschentuch
-&ndash;, Den andern sij gelocket het Mit
-wyssen (weissen) schuhen, wyssen beynen,
-Dem mit ringlin, kreutzen, meyen.«<a name="FNanchor_140" id="FNanchor_140"
-href="#Footnote_140" class="fnanchor">[140]</a> Also
-mit Blumen, die den Dirnen ebenso zubehörig
-waren, wie die Schleier.</p>
-
-<p>Den alten Holzschneidern bietet die
-Parabel vom verlorenen Sohn häufig Gelegenheit,
-Bordellscenen darzustellen, so
-Hans Sebald Beham, M. Treu u. a. m.
-Gewöhnlich schliessen derartige Bilderreihen
-mit der gewaltsamen Entfernung des verlorenen
-Sohnes aus dem Freudenhause, der,
-nachdem er sein Erbgut im offenen Hause
-verprasst hat, nackt auf die Straße geworfen
-wird. Manchmal fliegt ihm noch der anrüchige
-Inhalt eines Geschirres nach.</p>
-
-<p>Interessant übrigens dürfte die Thatsache
-sein, dass schon das Mittelalter die edle Zunft
-der Zuhälter kannte und nach ihrem vollen
-Wert zu schätzen wusste; denn eine Nürnberger
-Ordnung untersagt den öffentlichen
-<a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
-Mädchen, zur Vermeidung von Streit, »sundere
-Bulschaft, die sy nennen ire liebe menner«,
-zu haben. In Frankfurt a. O. fristete ein
-vormals reicher Patricier, Hans Rakow, als
-Zuhälter einer Dirne, Agnese Schilling, sein
-Leben, wie Oskar Schwebel in »Renaissance
-und Rococo« (S. 77) erzählt.</p>
-
-<p>Charakteristisch für die vorzeitigen Moralansichten
-sind die den Mädchen offiziell zuerkannten
-Kose- und Scherznamen, die teils
-von ihrer Herkunft, teils von besonderen,
-manchmal recht diskreten Körpereigenschaften
-ihre Entstehung herleiten. Wir finden in
-Leipzig eine »gemalte Anna« &ndash; geschminkt
-oder vielleicht gezeichnet durch Pockennarben
-oder durch ein vom Henker aufgedrücktes
-Brandmal &ndash;, ein »klein Enchen«, in Freiburg
-eine »kugelrunde Katharina«, in Frankfurt
-eine »lange Anna« und in Berlin, laut
-Stadtbuch von 1442, »eine Else med den
-langen tytten«. Das Wohlwollen, das sich
-durch derartige Bezeichnungen ausdrückt,
-blieb aber nur auf die Dirnen beschränkt,
-solange sie sich in dem ihnen zugewiesenen
-Rayon befanden. In der Öffentlichkeit unterlagen
-sie der ganzen Verachtung, die das Mittelalter
-auf die ausserhalb seiner Gesellschaft stehenden
-Unehrlichen zu häufen gewohnt war.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
-Die Kinder der Dirnen, geächtet wie ihre
-Mütter, kamen ins Findelhaus. Der Besuch
-von Wirtshäusern, in denen ehrsame Bürger
-verkehrten, war für die Frauenhäuslerinnen
-arg verpönt. In der Kirche hatten sie bei
-dem Fronaltar, wo auch der Henker sass,
-Platz zu nehmen; Tänzen, an denen sich
-andere Frauen beteiligten, mussten sie fernbleiben;
-kurz, sie waren ein Staat im Staate
-mit eigenen Satzungen und Gesetzen, aus
-deren Grenzen sie nur mit Leibes- und Lebensgefahr
-heraustreten durften.</p>
-
-<p>Die für die Freudenmädchen erlassenen
-Gesetze schützten sie andererseits aber vor
-allen Eingriffen in ihre Rechte, über die sie
-um so eifriger wachten, als sie gewichtigen
-Beistandes sicher waren. Mit besonderem
-Hasse verfolgten sie brotneidisch die »Bönhasen«,
-die nicht kasernierten, geheimen
-Prostituierten, die ihnen, den zünftigen, ins
-Handwerk zu pfuschen sich unterstanden.
-Der Fastnachtsspieldichter Hans Rosenplüt
-zählt in einem Dialoge alle diese unlauteren
-Wettbewerberinnen auf:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Die gemeynen weib clagen auch ir orden,</div>
- <div class="verse indent0">Ir weyde sey vil zu mager worden.</div>
- <div class="verse indent0">Die winkel weyber und die hausmeyde,</div>
- <div class="verse indent0">Die fretzen (fressen) teglich ab ir weide.....</div>
-<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a>
- <div class="verse indent0">Auch clagen sie uber die closterfrawen</div>
- <div class="verse indent0">Die konnen so hubschlich über die snur hauen</div>
- <div class="verse indent0">Wenn sie zu ader lassen oder paden</div>
- <div class="verse indent0">So haben sie junkher Conraden geladen«<a name="FNanchor_141" id="FNanchor_141"
-href="#Footnote_141" class="fnanchor">[141]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>d. h. einen Galan zur Hand.</p>
-
-<p>Darum nahm der Würzburger Rat den Beschluss
-zu Protokoll: »Man sol die schoenen
-Frawen beherbergen, berenden und mit in
-reden, davon zu stellen, sunde und schande
-zu meyden, wann der Frawenwirt clagt, es
-werde sein hawse zu einem egereten (Brachfeld).«<a name="FNanchor_142" id="FNanchor_142"
-href="#Footnote_142" class="fnanchor">[142]</a></p>
-
-<p>Schien den Freudenmädchen der obrigkeitliche
-Beistand nicht ausreichend, dann
-griffen sie im Bewusstsein ihres Rechtes zur
-Selbsthilfe. Einen diesbezüglichen Vorfall
-zeichnete Heinrich Deichsler in seiner Nürnberger
-Chronik folgendermassen auf: »1500
-Item danach an selben tag &ndash; 26. November &ndash;
-da komen acht gemaine Weib hie auss dem
-gemainen Frawenhaus zum burgermaister
-Markhart Mendel und sagten, es wer da
-unter der vesten des Kolbenhaus ein taiber
-(Blockhaus, Taubenschlag) voller haimlicher
-huren, und die wirtin hielt eemener (Ehemänner)
-<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
-in einer stuben und in einer andern
-junggesellen tag und nacht und liess sie
-puberei treiben, und paten in, er solt in
-laub geben (erlauben), sie wolten sie aussstürmen
-und wolten den hurntaiber zuprechen
-und zerstören, er gab in laub; da
-stürmten sie das hauss, stiessen die tür auf
-und schlugen die öfen ein, und sie zerprachen
-die venstergleser und trug iede
-etwas mit ir davon, und die vogel waren
-aussgeflogen, und sie schlugen die alten
-hurenwirtin gar greulichen.«</p>
-
-<p>Noch einmal, 38 Jahre später, wiederholte
-sich in Nürnberg ein solcher Einbruch
-konzessionierter Hübschlerinnen in
-ein Winkelbordell, das sie demolierten und
-dessen Insassinnen sie im Triumphe in ihr
-eigenes Haus zerrten. Da sie es aber diesmal
-versäumt hatten, die obrigkeitliche Genehmigung
-nachzusuchen, erhielten sie einen
-derben Verweis. Häufig wendeten sich die
-Stadtdirnen unter Beilage langer Verzeichnisse
-bittlich an ihre Vorgesetzten, die namhaft
-gemachten geheimen Prostituierten zu strafen
-»von Gottes und der Gerechtigkeit wegen«.<a name="FNanchor_143" id="FNanchor_143"
-href="#Footnote_143" class="fnanchor">[143]</a></p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
-In Frankfurt trug 1493 der Rat den Dirnen
-im Rosenthal auf, ein Mädchen, das auf eigene
-Faust lüderte, mit Gewalt in das Bordell zu
-bringen, falls sie nicht binnen 14 Tagen
-freiwillig zuzöge.<a name="FNanchor_144" id="FNanchor_144"
-href="#Footnote_144" class="fnanchor">[144]</a> Die Dirnen, die sich
-obdachlos herumtrieben, in den Wirtshäusern
-und auf den Strassen ihrem Verdienste nachgingen,
-»dodurch ouch junge töchterlein angefürt
-und verfellet (verfürt) werdent, dovon
-vil bôses kompt«, sollen in Strassburg aufgegriffen
-und eingesperrt werden. Ausserhalb
-ihres Quartiers ertappte leichte Weiber
-wurden vom Büttel mit Fahne und Trommel
-in das Bordell zurückgebracht.</p>
-
-<p>Die Wirtshäuser und Herbergen, in denen
-Reisende ihr Unterkommen fanden, waren
-im Mittelalter im primitivsten Zustand. Wie
-noch heute in sittlich tiefstehenden Ländern,
-waren die Herbergsväter meist auch Kuppler,
-die Dirnen zur Unterhaltung oder zum Anlocken
-von Gästen hielten. Gottschalck
-Hollen predigt in der <i>Dominica exaudi</i>
-gegen derartige Übelthäter, indem er ihnen
-zum Vorwurf macht, dass sie Dirnen in ihre
-Häuser kommen lassen, um mit den Gästen
-und Saufbrüdern zu sündigen. Erasmus von
-<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a>
-Rotterdam in seiner klassischen Schilderung
-eines mittelalterlichen Hotels, erzählt von
-hübschen Mädchen, die den Gästen Gesellschaft
-leisten, zu allen Scherzen geneigt
-sind und sich gerne zur Zielscheibe aller
-Witze machen lassen. Und in den Schlafstuben:
-»da waren auch immer Mädchen
-da, lachend, herausfordernd, tändelnd; sie
-fragten unaufgefordert, ob wir etwa schmutzige
-Wäsche hätten, die wuschen sie und
-brachten die gewaschene uns zurück. Was
-soll ich noch hinzufügen? Wir sahen da
-ausser im Stalle nichts als Mädchen und
-Frauen, und selbst da brachen oft die Mädchen
-ein. Bei der Abreise umarmen sie
-einen und verabschieden sich mit solcher
-Teilnahme, als ob man ein Bruder oder ein
-naher Verwandter wäre.« So war es in
-Frankreich, und ähnlich wird es auch in
-Deutschland gewesen sein, wie die vielen
-diesbezüglichen Klagen und Fritz Schickers
-Tagebuch beweisen. Von Wien sagt Aeneas
-Silvius Piccolomini, dass schier alle Bürger
-Tavernen mit »lusten Fröwlein« halten, in
-denen umsonst zu essen gegeben wird, damit
-die Gäste desto mehr trinken sollten.</p>
-
-<p>Wie die Dirnen gegen die unbefugte
-Prostitution Front machten, so übten sie
-<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a>
-auch einen Zunft- und Gewerbezwang aus,
-wenn sich irgend ein unglückseliges Weib
-in ihr Revier verirrte. Wie sie selbst verfemt
-waren, so brachte auch jede Berührung
-mit einer Ausgestossenen dem ehrlichen
-Mädchen ein Schandmal bei, auf das die
-Dirnen mit boshafter Schadenfreude hinwiesen.
-Ein markantes Beispiel dieser Art
-weiss Deichsler vom 22. September 1502
-zu berichten: Ein junger Kornschreiber hatte
-ein Verhältnis mit einem jungen Mädchen,
-das er beredete, eine Nacht bei ihm zuzubringen.
-Statt sie in sein Haus zu führen,
-wie er ihr vorgespiegelt, brachte er sie ins
-Freudenhaus. Am frühen Morgen kamen
-die Bewohnerinnen des Bordells an das
-Bett des jungen Mädchens, setzten ihm den
-Strohkranz auf, das traditionelle Zeichen des
-Falles, und ihrer zwei nahmen sie zwischen
-sich, führten sie wie eine Braut öffentlich
-über den Obstmarkt einer Taverne zu, um
-dort mit süssem Wein den Eintritt des
-Mädchens in die »hurnzunft« zu feiern.
-Das Weinen und Barmen der Verführten
-weckte das Mitleid einiger Männer, die sie
-befreiten und die sich wehrenden Dirnen in
-die Flucht schlugen. Der schurkische Kornschreiber
-wurde eingelocht und auf zehn
-<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
-Jahre der Stadt verwiesen. Doch nicht allen
-dem Bordell Verfallenen wurde der Wiedereintritt
-in die Gesellschaft so leicht gemacht
-wie diesem Nürnberger Mädchen. Wo anders
-als gerade in Nürnberg wäre das kaum
-ohne umfangreiche und weitschweifige Ceremonien
-möglich gewesen. Nur »die Perle
-Deutschlands« erwies sich so entgegenkommend
-gegenüber Gefallenen, selbst richtigen
-Dirnen. Die anderen Städte und Städtchen,
-in denen Bordelle bestanden, ahmten
-darin dem Beispiele Nürnbergs, das sonst
-allen als Vorbild galt, nicht nach, obgleich
-sie es gekonnt hätten, denn selbst die unbedeutendsten
-Nester des deutschen Reiches
-mussten, schon um etwas in den Augen der
-seltenen Reisenden zu gelten, ihre Stadt-Bordelle
-haben. So unter anderen die im
-Mittelalter nur wenige Hundert Einwohner
-zählenden Flecken Quedlinburg, Schwabach,
-Acken an der Elbe, Oberehenheim, Wolkach
-u. a. m. Ausserhalb Nürnbergs gab es für
-die Hübschlerinnen nur drei Wege, dem infamierenden
-Banne des Freudenhauses zu
-entrinnen: die Heirat mit einem unbescholtenen
-Mann, den Übertritt in eine klösterliche
-Bussanstalt oder den Tod.</p>
-
-<p>Die Ehe mit »anständigen« Männern
-<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a>
-wurde den »geschuhten Wachteln«, wie sie
-ein Fastnachtsspiel nennt, thunlichst erleichtert.
-Der Wirt musste sie ohne weiteres
-und schuldenfrei ziehen lassen, auch wenn
-sie noch so tief in seiner Schuld sassen;
-sogar für Aussteuer sorgte die Obrigkeit,
-denn: »Wer eine arme Sünderin aus dem
-Gemeinen Hause zur Ehe nimmt, soll vor
-allem andern eine Aussteuer von zwölf
-Gulden haben«<a name="FNanchor_145" id="FNanchor_145"
-href="#Footnote_145" class="fnanchor">[145]</a>, eine ziemlich bedeutende
-Summe für die damalige Zeit, die manche
-verfehlte Existenz zum Zugreifen veranlasst
-haben dürfte, wenn auch honette Männer es
-sich wohl überlegt haben werden, »ein verruchte
-dirn, Wol gewandert« heimzuführen.
-Der zweite Weg, der Eintritt in eine Bussanstalt,
-war leichter zu beschreiten, nur ward
-ein Rückfall in das gewohnte Lasterleben z. B.
-in Wien gleich mit dem Tode durch den Henker
-bestraft. Derartige Bussanstalten fanden sich
-ausser in Wien, in Nürnberg und Regensburg,
-fast in allen grösseren Orten Deutschlands.
-Welchen Zweck diese »Stiftungen der Reue«
-verfolgten, spricht klar der Steuerbefreiungsbrief
-Herzog Albrechts vom Jahre 1384 für das
-von mehreren frommen Ratsherren in der
-<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a>
-Singerstrasse in Wien gegründete Kloster
-aus. Es heisst darin, dieses Haus und Stift
-sei bestimmt: »für die armen Frauen, die
-sich aus den offenen Frauenhäusern oder
-sonst vom sündigen Unleben zur Busse und
-zu Gott wenden«. Das Volk glaubte freilich
-nicht so recht an vollkommene Bekehrung
-der schönen Sünderinnen, die, wenn es ungestraft
-sein konnte, ganz gerne wieder von
-der nun verbotenen Frucht naschten oder
-als Kupplerinnen ihrem einstigen Gewerbe
-neues Material zuführten. Die »jungen Bettschwestern«,
-die nun «alte Betschwestern«
-geworden waren, heuchelten und kuppelten
-gerne, zerstreuten sich in ihrer Langeweile
-durch Verlästerungen und Klatschereien.
-Murner zeichnete sie in seiner bissigen Weise
-in der Narrenbeschwörung V. 77:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Beginentand ist's in der That!</div>
- <div class="verse indent0">Das ihnen grosse Sachen sind;</div>
- <div class="verse indent0">Jedoch gebären sie ein Kind</div>
- <div class="verse indent0">Und laufen alle Klöster aus,</div>
- <div class="verse indent0">Dazu in jedes Pfaffen Haus</div>
- <div class="verse indent0">Und sind so niederträcht'ge Drachen,</div>
- <div class="verse indent0">Dass Zwist sie überall entfachen,</div>
- <div class="verse indent0">Ein Lotterläpplein hängen an,</div>
- <div class="verse indent0">Wo es nur immer gehen kann,</div>
- <div class="verse indent0">Und kuppeln stets geflissentlich &ndash;</div>
- <div class="verse indent0"><em>Dess</em> brauchen sie nicht zu schämen sich.</div>
-<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a>
- <div class="verse indent0">Sie lügen leicht und lügen flink</div>
- <div class="verse indent0">Und urteln über jedes Ding</div>
- <div class="verse indent0">Und wissen, was ein jeder that</div>
- <div class="verse indent0">Zu <em>Strassburg</em> in der ganzen Stadt,</div>
- <div class="verse indent0">Und sind allesamt viel böser doch</div>
- <div class="verse indent0">Als die Kupplerinnen im Dummenloch.<a name="FNanchor_146" id="FNanchor_146"
-href="#Footnote_146" class="fnanchor">[146]</a></div>
- <div class="verse indent0">Gar lang' sie in der Kirche bleiben,</div>
- <div class="verse indent0">Damit von Männern und von Weiben</div>
- <div class="verse indent0">Kund werden alle Dinge ihnen:</div>
- <div class="verse indent0">Drum sind's gottselige Beginen.</div>
- <div class="verse indent0">Sie fressen allezeit die Füss'<a name="FNanchor_147" id="FNanchor_147"
-href="#Footnote_147" class="fnanchor">[147]</a></div>
- <div class="verse indent0">Und sind in ihren Worten süss;</div>
- <div class="verse indent0">Indes, wenn man sie allzumal</div>
- <div class="verse indent0">Erkennt, ist's nichts als Gift und Gall'.</div>
- <div class="verse indent0">Ach, wären sie in Portugal!</div>
- <div class="verse indent0">Ach, wären allesamt zur Frist</div>
- <div class="verse indent0">Dort, wo der Pfeffer gewachsen ist,</div>
- <div class="verse indent0">Und dürften nicht zurücke denken!</div>
- <div class="verse indent0">Wollt' ihnen gern das Weggeld schenken.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Nichtsdestoweniger haben im allgemeinen
-die Beginenanstalten unendlich viel Gutes
-gestiftet. Viele jener ehemaligen Buhlerinnen
-gaben sich mit vollem Herzen der Busse
-hin, wurden zu aufopferungsvollen Krankenschwestern
-und Pflegerinnen, die sich in
-zahlreichen Epidemien des Mittelalters gleich
-Heldinnen hervorthaten. Gar manchem jener
-ernsten und sittlich gefestigten Weiber winkte
-<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a>
-noch ein spätes Glück, da sie in dem dem
-Tode entrissenen Kranken einen Ehemann
-fanden, dem sie Treue bis zum Grabe wahrten.
-Es dürfte daher nicht ganz ungerechtfertigt
-gewesen sein, was der Vater in dem Nürnberger
-Gedichte, »Wie ain junger gsell weyben
-sol«, zu seinem Sohne bemerkt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Ich siehs und hör ess offt sagen,</div>
- <div class="verse indent0">Das sy sindt geraten gar wol,</div>
- <div class="verse indent0">Die jung waren püberei vol,</div>
- <div class="verse indent0">Verlyssen den pübschen orden</div>
- <div class="verse indent0">Und sind frumm eefrauen worden.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Die Herren Pfaffen scheinen sich auch
-dann und wann ihre Liebsten aus abgedankten
-Dirnen rekrutiert zu haben, wie eines der
-polemischen Fastnachtsspiele Nicolaus Mannels
-durch folgenden Monolog der Pfaffenmagd
-Lucia Schnabeli beweist. Erst führt
-sie bewegliche Klage über den Bischof, dem
-sie jährlich vier gute rheinische Gulden als
-Duldegeld niederlegen muss, das noch erhöht
-wird, wenn sie ein Kind bekommen
-sollte. Dann fährt sie fort:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Vor bin ich lang im frowenhus gesin</div>
- <div class="verse indent0">Zu Strassburg da niden an dem Ryn,</div>
- <div class="verse indent0">Doch gwan min hurenwirt nit so vil</div>
- <div class="verse indent0">An uns allen, das ich glauben wil,</div>
- <div class="verse indent0">Als ich dem bischoff hab müssen geben.«<a name="FNanchor_148" id="FNanchor_148"
-href="#Footnote_148" class="fnanchor">[148]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a>
-Am Rheine wurden bisweilen gealterte
-Dirnen, die sich etwas Geld zu erübrigen
-gewusst hatten, Handelsfrauen, sogenannte
-Gremplerinnen, d. h. Zwischenhändlerinnen,
-die von den marktfahrenden Landleuten die
-Landesprodukte aufkauften, um sie mit Nutzen
-an die Konsumenten weiterzugeben. Murner
-gerät über diese »mit dem Judenspiess rennenden«,
-also Wucher treibenden Weiber, in
-helle Wut, die sich in den Worten äussert:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Keine alte Hure ist am Rhein,</div>
- <div class="verse indent0">Die Grempen nicht wollte sein.</div>
- <div class="verse indent0">Wenn ein paar Eier man nur bringt</div>
- <div class="verse indent0">Zum Markt, die alte Brecken (Hündin) springt</div>
- <div class="verse indent0">Dorthin, (statt gleich den armen Leuten</div>
- <div class="verse indent0">Den Unterhalt sich zu erstreiten</div>
- <div class="verse indent0">Durch Arbeit) und ersteht die Eier,</div>
- <div class="verse indent0">Verkauft sie noch einmal so teuer</div>
- <div class="verse indent0">Und bringt so der Gemeinde Schaden ....«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Als gerechte Strafe für die von ihnen
-verursachte Verteuerung der Lebensmittel
-empfiehlt er, die Gremplerinnen mit Steinen
-um den Hals in den Rhein zu versenken.<a name="FNanchor_149" id="FNanchor_149"
-href="#Footnote_149" class="fnanchor">[149]</a></p>
-
-<p>Im 16. Jahrhundert trat erst schüchtern
-und vereinzelt, dann allgemein ein Wechsel
-der Ansichten in Bezug auf die konzessionierten
-Lasterhöhlen ein. Man begann nach
-<a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a>
-und nach die absolute Notwendigkeit der
-Bordelle in sittlicher und gesundheitlicher
-Beziehung in Zweifel zu ziehen, den bisher
-niemals angefochtenen moralischen Nutzen
-zu prüfen, und das Resultat dieser Erwägungen
-war schliesslich ein wenig befriedigendes.
-Dazu sanken die Erträgnisse der Freudenhäuser
-immer tiefer, so dass die Ruffiane
-kaum mehr ihr Leben fristen, geschweige
-denn die gewohnten Abgaben leisten konnten;
-ferner erschollen von allen Kanzeln der neuen
-protestantischen Geistlichkeit ernste Worte,
-die den Kreuzzug gegen diese Hölle auf
-Erden, gegen diesen Sündenpfuhl predigten,
-der jeden rettungslos den Klauen des
-Gottseibeiuns überlieferte, der seine verfluchte
-Schwelle um des Lasters willen überschritt.
-Alles dieses hat den Bordellen argen Schaden
-zugefügt, doch ihre endgültige Vernichtung
-bedurfte kräftigerer Ursachen, um die dem
-Volke gewohnte und oft nahezu unentbehrliche
-Institution für Jahrhunderte aus der
-Welt zu schaffen.<a name="FNanchor_150" id="FNanchor_150"
-href="#Footnote_150" class="fnanchor">[150]</a></p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
-Erst die gleich vom Anbeginn mit rasender
-Wut auftretende Lustseuche, die Franzosen-
-oder St. Jobs-Krankheit benannte Syphilis
-machte die Verbreitungsstätten dieser Pest,
-der Ärzte und Laien gleich ratlos gegenüber
-standen, dem Erdboden gleich. Namenloses
-Entsetzen erfüllte alle Gemüter ob dieser
-neuen, bisher unbekannten Seuche, die kein
-Alter, kein Geschlecht, keinen Stand verschonte,
-in allen Kreisen ihre Opfer suchte,
-bei den Patriziern der Städte, dem Adel,
-den Kirchen- und Kloster-Geistlichen, wie
-in den unteren Volksklassen. »Einer steckte
-den anderen an; aus Stadt und Dorf verstossen,
-irrten ganze Scharen von Männern
-und Weibern aus geistlichem und weltlichem
-Stande umher, bedeckt mit Eitern und Geschwüren,
-vom Kopf bis zum Fusse, winselnd
-und rettungslos. Vergebens waren zunächst
-alle bekannten Arzneimittel; ein langsamer,
-schrecklicher Tod erlöste die Leidenden.<a name="FNanchor_151" id="FNanchor_151"
-href="#Footnote_151" class="fnanchor">[151]</a>
-Ärzte und Quacksalber überboten sich in
-abenteuerlichen Mitteln, die oft noch grässlicher
-<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
-waren, als die Krankheit selbst. Ein
-Dr. Arnoldus Weickard ordinierte Hundskot
-»wilder Heckrosen, und vom dörren Schaffapfel
-jedes gleich viel, wilder Rosenblätter
-und Silberglätt, jedes auch gleich viel, und
-mach drauss ein Pulver. Erst wasche das
-Geschwär mit des Patienten eignem Urin
-oder Wegbreitwasser, hernach streue das
-Pulver drein«.<a name="FNanchor_152" id="FNanchor_152"
-href="#Footnote_152" class="fnanchor">[152]</a> Derartige Kuren im Dunkeln
-tappender Mediziner verschlimmerten natürlich
-nur den Zustand der Kranken, die man
-mitleidlos von sich stiess, in Erdhöhlen und
-Feldhütten verwies, bis man in leerstehenden
-Spitteln und Bordellen Plätze fand, in
-denen die Unglückseligen wenigstens gegen
-die Unbilden der Witterung geschützt, ihr
-elendes Leben fristen und sterben konnten.
-Ängstlich wich man den Syphilitischen aus,
-ebenso wie vordem den Aussätzigen, galt doch
-schon ihr Atem als Gift, eine Berührung ihrer
-Hand für tödlich.</p>
-
-<p>»Wer einen Fuss im Frauenhaus hat, hat
-den anderen im Spital.« Die Frauenhäuser
-hatten viel zur Verbreitung der Syphilis beigetragen,
-und als man sich dessen bewusst
-<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
-wurde, mied man jeden Verkehr mit den
-Dirnen. Unter diesen Umständen verminderte
-sich der Bordellbesuch mit dem Umsichgreifen
-der Lustseuche immer mehr, bis er
-endlich derart gesunken war, dass die Obrigkeiten
-die Aufhebung der Frauenhäuser veranlassten,
-nicht selten erst, nachdem die
-Ruffiane davongegangen und die Dirnen
-selbst krank geworden oder in alle Winde
-zerstreut waren.</p>
-
-<p>Die Prostitution selbst erlitt durch den
-Wegfall der Bordelle nur geringe Einbusse.
-Das Verschwinden ihrer Kasernen tilgte das
-Schandmal nicht von der Stirne der Dirnen;
-sie mussten in dieser Zeit, die sie verachtete
-und gleichzeitig fürchtete, bleiben, was sie
-vordem waren, wenn auch der Selbsterhaltungstrieb
-sie zwang, ihr Gewerbe mehr zu
-verschleiern. So wurde aus vielen der Frauenhäuslerinnen
-jene »Sunneweigerinnen«, fahrende
-Weiber, die unter der Marke, bekehrte
-Dirnen zu sein, um Sancta Maria Magdalenas
-willen bettelnd durch die Lande zogen und,
-wenn sich Gelegenheit bot, gerne wieder in
-ihr früheres Metier verfielen. Diese nun
-vagierenden Bordellmädchen vermehrten die
-Zahl der landstreichenden Dirnen, sie waren
-aber keineswegs die Urheberinnen der reisenden
-<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
-Prostitution. Früh hatten die nach Rom
-ziehenden Pilgerinnen und Wallfahrerinnen,
-der Verführung auf der langen Reise nachgebend
-und der Not erliegend, in den Städten
-des fränkischen Reiches und der Lombardei
-sich zu Priesterinnen der Venus vulgivaga gewandelt
-(Bonifazius epistolae 73). Sie bevölkerten
-entweder fern von ihrer Heimat
-die Bordelle, oder fuhren, das neue Gewerbe
-ausübend, erst ihrem Ziele zu und dann weiter
-vagierend durch die Welt.</p>
-
-<p>Das »varende vip« zog während des
-ganzen Mittelalters den Hoflagern, den Krönungen,
-Reichstagen, Turnieren, Kirchtagen,
-Jahrmärkten, Konzilien, überhaupt allen Versammlungen
-der mittelalterlichen Gesellschaft
-zu, die ihnen durch das Zusammenströmen
-verschiedenartiger, den Fesseln der heimatlichen
-Beobachtung entrückter Elemente, Verdienst
-zu bieten schienen. An dem zweimal
-im Jahre stattfindenden Jahrmarkt zu Zurzach
-im Kanton Aargau beteiligten sich oft über
-100 solcher Auswürflinge an dem berüchtigten
-»huorendanz«, der ungezählte Zuschauer
-aus allen schweizer Gauen anlockte.
-Durch ihre Zahl und die Frechheit in Ausübung
-ihres Berufes wurden sie oftmals zur
-Landplage. So wurde einmal in Basel die
-<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a>
-Klage laut: »Junge Töchter und alte Frauen
-machten auf der Strassen Königinnen; da
-kann schier ein biederb Mann nit durch
-die Gassen kommen, so fallen sie ihn an
-und wollen Geld von ihm gehegt han.«
-Bekamen sie dies nicht, so pfändeten sie
-ihn und nahmen Hut und Gugel ab. Aber
-ganze Heere der Ausüberinnen gewerbsmässiger
-Liebe stellten sich dort ein, wo
-geistliche und weltliche Würdenträger zu
-gemeinsamer monate-, selbst jahrelang währender
-Beratung zusammen getreten waren.
-Auf dem Konstanzer Konzile von 1315 waren
-schon »heimlich frouwen und courtisaninen
-gar vil«, von denen Oswald von Wolkenstein
-singt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wer seines Leids ergötzt will sein,</div>
- <div class="verse indent0">Und ungenetzt beschworen fein,</div>
- <div class="verse indent0">Der zieh' gen Kostnitz an den Rhein,</div>
- <div class="verse indent0">Ob ihm die Reis' wohl füge.</div>
- <div class="verse indent0">Darinnen wohnt manch' Fräulein zart,</div>
- <div class="verse indent0">Die können spielen um den Bart ....«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Dem Reichstage von Frankfurt a. M.
-wohnten 1394 an 800 Fahrende bei; hingegen
-überbot an dem von 1414 bis 1418 in
-Konstanz tagenden Konzil ihre Menge alles
-bisher Dagewesene. Ihre Zahl schwankt bei
-den verschiedenen Autoren zwischen 450
-<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
-und 1500. Der Generalquartiermeister des
-Herzogs Rudolf von Sachsen, Eberhard Dacher,
-sollte auf Befehl seines in Konstanz anwesenden
-Herrn die dort befindlichen Kurtisanen
-zählen. »Also ritten wir von einem
-Freudenhaus zu dem andern und wir fanden
-in dem einen Hause dreissig, in einem weniger,
-dann wieder mehr und so ergaben sich, ohne
-die zu zählen, die sich in den Badestuben
-oder Ställen aufhielten, bei siebenhundert
-gemeiner Frawen.« Nun wollte der Herzog
-auch noch die Anzahl der geheimen Dirnen
-wissen, aber Dacher bat flehentlich, von
-dieser Volkszählung enthoben zu werden,
-da er es »nicht metig zu tun; ich wurde villeicht
-um die Sach ertötet«. So stand denn
-der Herr von seinem Vorhaben ab. Von
-einer dieser Dirnen, einer Wiener Hübschlerin,
-meldet von der Haardt, dass sie mit einem
-erbuhlten Vermögen von 800 Goldgulden
-aus Konstanz gezogen sei. Sie scheint nicht
-vereinzelt dagestanden zu haben, wie aus
-dem 1415 gedichteten Volksliede Eberhart
-Windeckes hervorgeht:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Nun hat man neue Märe im Lande vernommen</div>
- <div class="verse indent0">Seit das Konzilium gen Konstanz ist kommen</div>
- <div class="verse indent0">Die Dirnen sind gemehlich (Freude bereitend)</div>
- <div class="verse indent0">Und sind auch worden wacker und reich.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a>
-Freilich gelang es nur den allerwenigsten,
-wacker und reich zu werden. Die Mehrzahl
-konnte sich niemals von der Anfangsstufe
-in die Höhe arbeiten; meist sanken sie, namentlich
-bei zunehmendem Alter, bis zur
-landstreichenden Bettlerin, die den Busch
-oder den Wegrand zum Liebesgemach erkor
-und auch dort das besudelte, verfehlte Leben
-endete.</p>
-
-<p>Diese Fahrenden rekrutierten sich in der
-Hauptsache aus entlaufenen Bauernmädchen
-und den Frauen und Töchtern der vagabundierenden
-Bettler und Gaukler. Die Anrüchigkeit
-und Unehrlichkeit des vormaligen
-Artistenstandes zwang die armen, schon
-durch ihre Geburt gebrandmarkten Geschöpfe
-zur feilen Liebe. Wo sie erschienen,
-standen sie ausserhalb der Gesellschaft, dem
-Henker und Totengräber gleich; ihre Berührung
-befleckte, ihr Eintritt in ein Haus
-galt als unheilbringend und die Ehrlichen
-jagten sie erbarmungslos mit Schimpf und
-Schande von ihrer Schwelle. Sogar der
-Scherge fühlte sich zu gut, über sie zu
-wachen, man gab ihnen ein eigenes Oberhaupt,
-den Pfeifer- oder den »<em>Bubenkönig</em>«,
-dem die Beaufsichtigung aller
-Vaganten und fahrenden Frauen oblag,
-<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
-und der noch 1512 in Köln seines Amtes
-waltete.<a name="FNanchor_153" id="FNanchor_153"
-href="#Footnote_153" class="fnanchor">[153]</a></p>
-
-<p>An der Kirchhofsmauer oder auf dem
-Anger, wo die armen Sünder ohne Sang
-und Klang eingescharrt wurden, war auch
-ihre letzte, gar oft nur widerwillig gewährte
-Ruhestätte. Kein Hügel wölbte sich über
-das Grab der bis über das Leben hinaus
-verachteten Heimatlosen. Ohne Obdach
-zu besitzen, irrten sie ruhelos umher, heute
-im Überfluss schwelgend, morgen den Hunden
-der Herrenhöfe das Futter entreissend;
-stehlend, wo sich Gelegenheit bot, auch vor
-einem Gewaltsakte nicht zurückbebend, wenn
-er nur Beute versprach, ohne Rechtsbewusstsein,
-ohne Ahnung von Menschenwürde, vertiert
-wuchsen sie auf, als Landplage gehasst
-und verfolgt.</p>
-
-<p>Solch unglückseligen Weibern konnte die
-Hingabe um Lohn nichts weiter sein als
-ein Verdienst, ein leichter, willkommener
-sogar, der ihnen keinerlei Bedenken einflösste.
-Woher sollten sie von Moral wissen,
-sie, denen Scham etwas Unbegreifliches war,
-deren Lumpen kaum die Blössen bedeckten.
-Im »Liber Vagalorum« findet sich eine
-<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
-Gruppe von drei Fahrenden, einem Mann
-und zwei jungen Frauen, die mit Reisigbündeln
-beladen auf der Landstrasse dahin
-ziehen. Den Weibern hängen die Fetzen
-vom Leibe, sie enthüllen mehr als sie verdecken,
-wohl absichtlich, einerseits, um mildherzige
-Frauen zur Verabreichung abgelegter
-Kleidungsstücke zu bewegen, andererseits,
-um durch die zur Schau getragenen Reize
-Männer zu locken.</p>
-
-<p>Auf einer etwas höheren Stufe als bettelnde
-Landstörzerinnen standen die fahrenden
-Gauklerinnen, die sich aber erst vor einer
-kurzen Spanne Zeit der auf ihnen die ganze
-Vorzeit hindurch lastenden allgemeinen Missachtung
-entringen konnten. Noch zu Anfang
-des 18. Jahrhunderts hiess es von
-ihnen: »Taschen-Spielerin Heissen diejenigen
-im Land herum vagirenden und auf die
-Jahr-Märkte reisenden liederlichen Weibes-Bilder,
-so dergleichen wunderliche Profession
-treiben und den Zuschauer allerhand Blendwerck
-durch ihre Kunst und Geschwindigkeit
-so wohl mit der Karten als auch andern
-darzu verfertigten künstlichen Instrumenten
-vormachen.«<a name="FNanchor_154" id="FNanchor_154"
-href="#Footnote_154" class="fnanchor">[154]</a> Nach derselben Quelle ist die
-<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a>
-»Seil-Täntzerin eine leichtsinnige Weibes-Person,
-so in dem Lande herum ziehet und
-ihre Kunst auf dem Straffen oder Schweng-Seil
-zu tantzen, öffentlich um Geld sehen lässt«.</p>
-
-<p>Diese Künstlerinnen, denen auch Abraham
-a St. Clara vieles am Zeuge zu flicken
-hat, waren selten besser als ihr Ruf. Als sich
-Grimmelshausens »seltzamer Springinsfeld«
-ärgert, dass seine Neuvermählte »ihre Jungfrauschafft
-nicht zu ihm bracht, sagte sie:
-Bist du dann so ein elender Narr, dass du
-bey einer Leyrerin &ndash; ein Mädchen, das mit
-einer Leier umherzog &ndash; zu finden vermeint
-hast, dass noch wol andere Kerl, als du
-einer bist, bey ihren ehrlich geachten Bräuten
-nicht finden? Wann du in solchen Gedanken
-gewesen bist, so müsste ich mich deiner
-Einfalt und Thorheit zu kranck lachen ...«</p>
-
-<p>Wie den Krönungen und Konzilien, eilten
-die Fahrenden in grossen Massen den
-Heeren zu. Schon die Kreuzfahrer zogen
-in Begleitung von Scharen leichtfertiger
-Weiber nach dem orientalischen Kriegsschauplatz.
-Einzelne sittenstrenge Feldherrn,
-wie Kaiser Friedrich Barbarossa (1154) liessen
-zwar die Dirnen aus den Lagern jagen, richteten
-damit aber für die Dauer wenig aus.
-Ludwig der Heilige musste zu seinem
-<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a>
-Schmerze sehen, dass sich innerhalb der
-Lager, nahe dem königlichen Zelt, unter
-dem Protektorate von Hofleuten stehende
-Bordelle erhoben.</p>
-
-<p>Als die Heere grösser und durch die
-unausgesetzte Verwendung beinahe schon
-zu stehenden wurden, wuchs der Tross
-der Soldatenmenscher mit ihnen. Welche
-Mengen von Dirnen bei den Heeren, zu
-deren Bestand sie mit der Zeit gezählt
-wurden, anzutreffen waren, geht aus einer
-Angabe Wilmolt von Schaumburgs hervor,
-dass bei der Belagerung von Neuss Karl
-der Kühne: »liess den profosen die gemainen
-weiber, der <em>ob dem viertausend
-un hör waren</em>, zu der Arbeit berufen und
-versahn. Denselben weiben wart durch den
-herzogen ain Fendlein (Fahne) geben, daran
-was ein Frau gemalt, und wan si zu oder
-von der arbait giengen, wart in mit dem
-Fendlein, auch trummen und pfeifen vorgegangen«.
-Der deutsche Condottiere Werner
-von Urslingen hatte 1342 bei einem Bestand
-von 3500 Mann 1000 feile Dirnen, Buben
-und Schelme (meretrices, ragazzii et rubaldi
-satis) aufzuweisen.<a name="FNanchor_155" id="FNanchor_155"
-href="#Footnote_155" class="fnanchor">[155]</a></p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
-Um dieses Heer im Heere im Schach
-zu halten, gab man ihnen einen mit weitgehenden
-Vollmachten ausgerüsteten Vorgesetzten,
-den <em>Hurenweibel</em>, dem sie
-sowie das Gelichter der Trossbuben und alle
-sonstigen Drohnen unbedingt zu gehorchen
-hatten.</p>
-
-<p>»Ampt und Bevelch des Hurenweybels«
-betitelt sich der Abschnitt über die Obliegenheiten
-dieses meist im Hauptmannsrange
-stehenden Offiziers und seines Leutnants und
-Fähnrichs. Dieser »Bevelch« schreibt dem
-Waibel vor, darauf zu sehen, dass die »gemeinen
-Weiber« getreulich ihre Herren abwarten,
-auf dem Marsche das Gepäck tragen,
-im Lager kochen, waschen, die Kloaken
-reinigen, Kranke pflegen, »sonnst wo man
-zu feldt liegt, mit Behendigkeit lauffen, rennen,
-einschenken, Fütterung, essende und trinkende
-Speis zu holen, neben anderer Nothdurft, sich
-bescheidentlich zu halten.« Ihm ist das Recht
-zugestanden, Vergehen, der »Huren und Buben«
-durch »mechtig übel« Schläge zu ahnden, sie
-überdies mit möglichster Strenge zu halten,
-da sonst »würden faule Schwengel und Huren
-gar zu viel«. Also durch Abschreckungstheorie
-suchte man den Zuzug neuer Individuen hintanzuhalten.
-Überdies sollte der Tross zu allen
-<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a>
-militärischen Nebenarbeiten herangezogen
-werden. Seine Angehörigen sollten Wege
-ausbessern, Gräben aufwerfen oder füllen,
-Holz zu Schanzkörben und Verhauen herbeischleppen,
-Hand anlegen, wenn die Bagagewagen
-oder die Geschütze im Wegmorast
-stecken blieben, und dieses alles ohne Widerrede
-»bei ernstlicher straff, so ihnen aufferlegt
-wird.« Sie sollten auch nicht »umsonst
-einkauffen« d. h. stehlen, bei Todesstrafe.
-Man sieht, das Los einer Soldatendirne war
-kein rosiges und trotzdem sangen sie:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Ob wir schon übel werden geschlagen,</div>
- <div class="verse indent0">So thun wirs mit ein Landsknecht wagen.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Das zweifarbige Tuch und die flatternden
-Fahnen waren Lichter, die sie in hellen Haufen
-anzogen, die sie umflatterten, bis sie versengt
-zu Grunde gingen. Herzog Alba, der
-spanische Würger, führte ein Gefolge von
-vierhundert Lustweibern zu Pferd und über
-achthundert zu Fuss mit seinem Söldnerheere
-nach den Niederlanden. Sie waren in
-Kompagnien geteilt und in Reih und Glied
-geordnet. Jeder war je nach Schönheit und
-Herkunft ein Liebhaber gegeben, dem sie
-bei Strafe anzugehören und treu zu sein
-hatte. Im dreissigjährigen Kriege verlor die
-Stellung des Hurenweibels an Ansehen, er
-<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a>
-sank zum gemeinen Soldaten herab, dem
-das Heer ebenso wenig Achtung zollte, wie
-der ihm unterstellte Tross. Mit der Einrichtung
-der stehenden Heere verschwand das
-Weibergefolge auf dem europäischen Festlande,
-und mit ihm auch der Weibel.</p>
-
-<p>Das völkermordende dreissigjährige Würgen,
-das Deutschland auf Jahrhunderte zu
-Grunde gerichtet, seine vormals blühenden
-Gegenden in menschenleere Wüsteneien verwandelt,
-bot dem fahrenden Dirnentum den
-günstigsten Nährboden. Ihre Zahl wuchs ins
-Unmessbare, denn jede eroberte Stadt, jedes
-eingeäscherte Dorf vermehrte das Heer der
-Soldatenweiber. Gezwungen oder freiwillig
-folgten die ihrer Heimat, ihrer natürlichen
-Beschützer beraubten Mädchen und Frauen
-ihren Vergewaltigern, bei denen sie wenigstens
-nicht verhungerten, bis sie am Wege starben,
-oder unter den Fäusten ihrer entmenschten
-Liebhaber verröchelten. Was galt in diesen
-Unglücksjahren ein Menschenleben und gar
-das Leben einer Dirne, jenes Geschmeisses,
-das zu zertreten der Laune seines Besitzers
-frei stand.</p>
-
-<p>Das Zeitalter des grossen Krieges entfesselte
-in bis dahin ungeahnter Wildheit
-das Tier im Menschen. Alle Greuel, die ein
-<a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a>
-krankhaft-überspanntes Gehirn auszuhecken
-vermag, überbot die zügellose Soldateska,
-jener Auswurf der Menschheit, der unter dem
-Schutz der Fahnen und entmenschter Führer
-die Bestien des Urwaldes an Blutdurst und
-Grausamkeit übertraf. Jedes Weib ohne
-Rücksicht auf Alter war verloren an Leib und
-Seele, das diesen Scheusalen in die Hände
-fiel. Grausamkeit und Wollust, diese beiden
-Stiefschwestern der Liebe, steigerten sich bei
-diesem vertierten Gesindel zu einer unerhörten
-Intensivität. Moscheroschs »Philanders
-von Sittewald wunderliche und
-wahrhaftige Gesichte« und Christoffel von
-Grimmelshausens »Simplizianischen Schriften«
-entrollen grauenvolle Bilder des bluttriefenden
-Übermutes, die durch die Chroniken
-jener Zeit nicht nur als wahrheitstreu, sondern
-oft sogar durch dichterische Retouche gemildert
-nachgewiesen wurden.</p>
-
-<p>Darum gewinnt das Bild einer Soldatendirne
-des dreissigjährigen Krieges, das
-Grimmelshausen gezeichnet, den Wert eines
-kulturgeschichtlichen Dokumentes, dessen
-Details uns getreulich das Werden, Leben
-und den Untergang eines dieser bedauernswerten
-Geschöpfe vergegenwärtigen. Der
-Titel der »Ertzbetrügerin und Landstörtzerin
-<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a>
-Courasche«, gedruckt in Utopia bei Felix
-Stratiot, nimmt vierundzwanzig Zeilen ein,
-und achtundzwanzig Kapitel behandeln das
-Leben dieser Courage von ihrer Kindheit an,
-bis zu ihrem hohen Alter.<a name="FNanchor_156" id="FNanchor_156"
-href="#Footnote_156" class="fnanchor">[156]</a> Der kurzgefasste
-Inhalt des Büchleins, soweit es uns
-interessierende Themen enthält, ist folgender:
-Jungfer Lebuschka ist von ihren unbekannten
-Eltern einer Bäuerin in Bragoditz, jetzt Prachatitz,
-in Böhmen zur Pflege anvertraut. Als
-sich der Krieg gegen Prachatitz zu ziehen
-scheint, beredet die Pflegemutter das dreizehnjährige
-Mädchen, sich als Knabe zu
-kleiden, um so der Schändung zu entgehen.
-Aus Jungfrau Lebuschka wird der Knabe
-Janco, der von den Soldaten mitgeschleppt
-wird, als »die Männer in der eingenommenen
-Stadt von den Überwindern gemetzelt, die
-Weibsbilder genohtzüchtiget und die Stadt
-selbst geplündert worden«. Der Rittmeister
-des Trupps, dem Lebuschka in die Hände
-gefallen, behält sie selbst als Trossbuben, bis
-bei einer Rauferei ihr Geschlecht erkannt
-und sie zur Maitresse ihres Herrn wird. Ihre
-oft bewiesene Unerschrockenheit hat ihr den
-Namen Courage eingebracht, den sie nicht
-<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a>
-mehr los wird. Mit ihrem Rittmeister zieht
-Courage weit in der Welt umher, bis nach
-Ungarn, wo er vor Neuhäusel (Neussol) eine
-tödliche Wunde erhält. Auf dem Sterbebette
-reicht er Courage seine Hand, die nun Frau
-Rittmeister und gleich darauf Witwe wird.
-Mit der Beute ihres verstorbenen Gatten
-reich ausgestattet, kommt Courage nach Wien,
-wo sie verschiedene einträgliche galante
-Abenteuer besteht. Die Sehnsucht, Prachatitz
-wiederzusehen, führt sie über Prag dorthin,
-doch auf der Reise wird sie von Mansfeldischen
-Reitern aufgehoben, in eine verlassene
-Meierei geschleppt, vergewaltigt,
-aber mit ihrem Eigentum von einem feindlichen
-Hauptmann aus den Klauen der
-Mansfelder befreit. Sie weiss den Hauptmann
-zu ködern, sie zur Gattin zu nehmen,
-und bleibt ihm aus Berechnung treu, bis er
-am 22. April 1622 in Wiesloch in Baden
-fällt. »So ward ich wiederumb in einer
-kurtzen Zeit zu einer Wittib.«</p>
-
-<p>Courage geniesst ihr Leben, freut sich
-der teilweise selbst gemachten reichen Beute,
-die sie mit einem schwarzhaarigen Leutnant,
-»einem Italianer« teilt, der sie ihres Geldes
-wegen zur Frau nimmt. Nach der ersten
-grossen Schlägerei nimmt der junge Ehemann
-<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a>
-aber Reissaus, und später erfährt Courage,
-dass der schöne Offizier als Deserteur
-gehenkt wurde. Mit ihm verduftete leider
-die ganze Barschaft unserer Heldin, die nun
-wieder aufs Rauben auszieht, wobei sie
-manch kostbare Beute an Geld und Juwelen,
-einmal sogar einen leibhaftigen Major, nach
-Hause bringt. Durch ihre Aufführung wird
-aber unsere Courage mehr und mehr verrufen
-und dadurch sogar beim »Lumpengesindel
-beym Tross« derart unmöglich,
-dass sie es vorzieht, wieder einmal für
-einige Zeit zu verschwinden, und ruhig
-und ehrbar in einer Stadt sich für einen
-Fischzug nach einem neuen Ehegatten zu
-stärken.</p>
-
-<p>Ihr Wohnort erweist sich als ungeeignet
-für ihre Pläne, darum fasst Courage den
-Entschluss, noch einmal den Versuch zu
-wagen, ihre Pflegemutter in Prachatitz zu
-erreichen. Diesmal gelingt es besser als
-das erste Mal. Courage erfährt von ihrer
-Pflegemutter, wie ihr Vater vormals einer
-der gewaltigsten Herren im Reiche gewesen,
-der sich jetzt aber, als Rebell vertrieben,
-bei den Türken aufhält. Ihre Mutter war
-Kammerjungfer bei des Grafen (Courages
-Vater) Gattin, ist nun aber längst tot.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a>
-Als Courage von Prachatitz nach Prag
-zurückkehrt, nimmt sie die alte Bäuerin
-mit sich, die fürder als ihre Mutter gelten
-soll. Unter der Maske, durch den Krieg aus
-ihrem Besitztum vertrieben zu sein, suchen
-sie offiziell ihren Unterhalt durch Nähen
-und Sticken zu erwerben, was dank der
-Nebenbeschäftigung Courages gelingt, ohne
-dass sich ihr etwa 3000 Reichsthaler belaufendes
-Vermögen verminderte. Ein Hauptmann,
-dem es weniger um Ehre als um
-Geld zu thun ist, wirbt um Courage; sie
-wird seine Frau, muss aber mit ihrem Manne
-bald nach der Trauung den sicheren Port
-Prag verlassen und nach Holstein aufbrechen.</p>
-
-<p>Courage fand es diesmal für gut, ihren
-Mann in Einzelheiten ihres Lebens einzuweihen
-&ndash; natürlich erzählt sie nur, was
-ihr in den Kram passt &ndash;, um unliebsamen
-Entdeckungen zuvorzukommen, die bei ihrer
-Berüchtigtheit in allen deutschen Heeren
-nicht ausbleiben können. Da sie ihrem
-Manne treu bleibt, prallen auch alle Zuträgereien
-an diesem ab, und sie leben
-glücklich, bis ein Kanonenschuss bei der
-Belagerung des Schlosses Hoya sie neuerdings
-zur Witwe macht. Das Schloss wird
-übergeben, und zum Unglück fällt Courage
-<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a>
-jenem Major in die Hände, den
-sie früher einmal gefangen genommen hat.
-Er nimmt die denkbar gemeinste Rache
-an dem Weibe, das er vor und mit seinen
-Offizieren prostituiert und endlich den Trossbuben
-preisgeben will, als ein dänischer
-Offizier sie frei bittet, um sie auf sein
-Erbschloss in Dänemark in Sicherheit zu
-bringen. In Verborgenheit bringt Courage
-einige Monate auf diesem Schlosse zu, bis
-die Eltern des Adeligen von ihrem Aufenthalt
-erfahren und sie, um die geplante Heirat
-ihres Sohnes mit der Dirne zu hintertreiben,
-nach Hamburg locken, wo man sie ihrem
-Schicksale überlässt, so dass sie anfängt:
-»mit dem Schmalhansen zu conferirn, der
-mich leichtlich überredete, mein täglich Maulfutter
-mit meiner nächtlichen Handarbeit zu
-gewinnen«. Es wird ihr leicht, da Hamburg
-und seine Grenzgebiete von Truppen überschwemmt
-sind. Ein junger, strammer Reiter,
-den sie sich zum Herzensfreund erkoren,
-gerät ihretwegen in Streit mit seinem Korporal,
-wird arkebusiert, sie aber wird schimpflich
-durch den Steckenknecht aus dem Lager gebracht.
-Zwei Reiter fallen sie an, von denen
-sie einen tötet, den anderen aber mit Hilfe
-eines hinzukommenden Soldaten in die Flucht
-<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a>
-schlägt, worauf sie ihrem Retter zu seinem
-Regimente folgt. Courage findet die böhmische
-Theatermutter wieder, die sie bereden
-will, mit ihr nach Prag zu gehen, um dort
-in Ruhe zu leben; aber das wilde Blut in
-der Soldatendirne will durch Abenteuer in
-Wallung erhalten sein, und so bleibt sie
-denn beim Heere und gerade bei jenem
-Regimente, dem ihr gefallener Gatte, der
-Hauptmann, angehört hatte. Als Marketenderin
-zieht sie mit dem Heer über die
-Alpen nach Italien und entschliesst sich
-endlich, den Soldaten zum Liebhaber zu
-nehmen, der ihr vordem in ihrem Kampfe
-mit den Marodeuren beigestanden. Aus der
-Frau Hauptmännin wird eine Musketiersmaitresse.
-Springinsfeld, der junge Pseudo-Ehemann,
-hilft seiner Geliebten bei der
-Marketenderei, während sie, die alte Pflegemutter
-als Kupplerin benützend, ihrem Liebsten
-Hörner schockweise aufsetzt, viel Geld
-damit verdient, das sie in sicheren Wechseln
-nach Prag sendet. Wenn die Geldquelle
-zu versiegen droht, weiss sie sich mit Springinsfelds
-Hilfe durch Diebstähle schadlos zu
-halten, bei denen ihr Buhle recht geschickt
-als Werkzeug benutzt wird. Inzwischen ist
-Courage des Genossen überdrüssig geworden
-<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a>
-und sucht eine Gelegenheit, sich seiner zu
-entledigen. Eines Nachts, als sie neben ihm
-schläft, packt sie der Springinsfeld in schlafwachem
-Zustand, wirft sie über die Achsel
-und eilt mit ihr dem Wachtfeuer bei des
-Obersten Zelt zu. Unterwegs erwacht Courage,
-ihr Geschrei weckt das Lager, dessen
-Insassen von allen Seiten herbeieilen, sich
-den lächerlichen Vorfall, »die Gugelfuhr«,
-die nackte Courage auf der Schulter ihres
-halbnackten Galans, zu besehen. Die Gelegenheit,
-den Liebhaber los zu werden, ist
-endlich gefunden, denn selbst der Profoss
-befiehlt die Trennung von einem Menschen,
-der im Schlafe zu einem Morde fähig scheint,
-und mit einem Pferde, Geld und dem
-<i>spiritus familiaris</i>, einem Galgenmännlein,
-das seinem Besitzer alle Wünsche erfüllt,
-aber dessen Seele dem Teufel zuführt, beschenkt,
-zieht Springinsfeld seiner Wege. Auch
-Courage wird im Regimente bald der Boden
-zu heiss unter den Füssen, und mit ihrem
-erbuhlten und ergaunerten Besitztum überreich
-ausgestattet, wählt sie erst Passau,
-dann Prag zum ständigen Aufenthalt, um
-dort das Ende des Krieges abzuwarten. Obgleich
-älter geworden, gelingt es Courage
-doch noch einmal, einen Hauptmann zum
-<a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a>
-Gatten zu kapern, sie verliert aber den
-Mann, »der noch kaum bey mir erwarmet«
-wieder und begiebt sich nun in das Vaterland
-ihres ersten Hauptmanns-Gatten, wo
-es ihr so gut gefällt, dass sie sich sesshaft
-macht und all ihr Geld in Grundbesitz anlegt.
-Sie hofft auf den nahe bevorstehenden
-Frieden, sieht sich aber getäuscht, denn die
-Rationierungen und Einquartierungen der
-durchziehenden Soldateska, dazu die Steuern
-drohen ihr Vermögen aufzuzehren, weshalb
-sie auf das bei ihrer Qualität sehr naheliegende
-Auskunftsmittel verfällt, ihr Haus
-zu einem Bordell für die Soldaten zu machen.
-Das Geschäft floriert einige Jahre glänzend,
-doch nötigt sie ein bei ihrem Berufe naheliegendes
-Leiden, ein Heilbad aufzusuchen,
-in dem sie den Simplicius Simplicissimus
-kennen lernt. Wie sie diesen jungen Mann
-und berühmten Soldaten belügt und betrügt,
-füllt das 24. Kapitel ihrer Memoiren, die
-nun ihrem Ende zugehen. Ihr Luderleben
-veranlasst endlich die Obrigkeit ihres Wohnortes,
-ihr Haus zu sperren und sie mit ihren
-Mägden davonzujagen. Sie nimmt noch
-einmal mit wechselndem Erfolge ihr altes
-Metier wieder auf, bis sie einer Zigeunertruppe
-in die Hände gerät. Der Leutnant
-<a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a>
-dieser Vaganten begehrt sie ob ihrer Schlauheit
-zum Weibe, und mit ihm und ihrer
-Truppe, die sie zur Königin erkiest, durchzieht
-sie fortan nach Zigeunerweise die deutschen
-Länder &ndash; ein Schicksal, das vielen
-Soldatenweibern beschieden war, die nach
-dem Frieden bei Räuberbanden blieben, von
-denen das arme, hinsterbende Deutschland
-noch lange gebrandschatzt wurde.</p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">
-Das Badewesen.
-<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a></h2>
-</div>
-
-<p>
-Der Gebrauch von Bädern war in der
-deutschen Vergangenheit ungleich verbreiteter
-und allgemeiner als heutzutage. Allen
-Bevölkerungsschichten, von dem niedrigsten
-Knechte bis zum ehrfurchtsvoll gegrüssten
-und vielbeneideten Stadtgrossen, war das
-Baden nicht nur ein unabweisbares Bedürfnis,
-sondern auch ein unentbehrlich gewordenes
-Vergnügen, das den sieben grössten
-Freuden des Lebens zugezählt wurde, »es
-war ein sauber spiel, Das ich immer preisen
-wil«<a name="FNanchor_157" id="FNanchor_157"
-href="#Footnote_157" class="fnanchor">[157]</a>, darum heisst es im »Schertz mit der
-Warheyt« (Frankfurt 1501):</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wiltu ein Tag frölich sein?</div>
- <div class="verse indent6">geh ins Bad;</div>
- <div class="verse indent0">Wiltu ein Wochen frölich sein?</div>
- <div class="verse indent6">lass zur Ader;</div>
- <div class="verse indent0">Wiltu ein Monat frölich sein?</div>
- <div class="verse indent2">schlacht ein Schwein;</div>
- <div class="verse indent0">Wiltu ein Jahr frölich sein?</div>
- <div class="verse indent2">Nimm ein jung Weib.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a>
-Reinigungs- und Erfrischungsbäder galten
-seit frühester Zeit für eine heilsame diätetische
-Übung, was wohl darin seinen Grund
-haben mochte, dass einerseits die Kleidung
-schwerer war und dichter den Körper umschloss,
-als die heutzutage getragene, andererseits
-die Leibwäsche und ihr regelmässiger
-Wechsel weit weniger gebräuchlich
-waren, als in der Gegenwart. Zur Ergötzlichkeit
-dienten die Bäder nicht zuletzt dadurch,
-dass sich in den Baderäumen fast
-immer eine grössere Gesellschaft beiderlei
-Geschlechts zusammenfand. Aus den germanischen
-Urzeiten hatte sich der Gebrauch
-des Zusammenbadens von Männern und
-Frauen in das Mittelalter hinüber erhalten.</p>
-
-<p>»Und doch macht man aus der Geschlechtsverschiedenheit
-kein Geheimnis,
-denn beide Geschlechter baden sich gemeinschaftlich
-in Flüssen und tragen unter den
-Fellen und kleinen Decken von Renntierhäuten
-den Leib grösstenteils bloss,« sagt
-Caesar.<a name="FNanchor_158" id="FNanchor_158"
-href="#Footnote_158" class="fnanchor">[158]</a> Die Kirche eiferte bereits im Jahre
-745 auf der unter dem heil. Bonifazius abgehaltenen
-Synode gegen diesen Unfug, den
-aber auch spätere Beicht- und Buss-Ordnungen
-<a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a>
-ebensowenig abzustellen vermochten,
-wie das Pönitentiale von Magdeburg.</p>
-
-<p>In der Ritterzeit erwartete den Gast sofort
-nach seiner Ankunft das Bad, um den
-von der schweren Rüstung hart mitgenommenen
-Körper neu zu stärken. »Man schuf
-ihm ein Gut Gemach von Kleidern, Speis'
-und Bade,« heisst es an manchen Stellen
-im Iwein, Wigalois und Tristan. Ebenso im
-Biterolf:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Und Gunther dann die Helden bat,</div>
- <div class="verse indent0">Dass sie nach Haus sich liessen laden.</div>
- <div class="verse indent0">Er wollte schön sie heissen baden,</div>
- <div class="verse indent0">Und ihnen schenken seinen Wein.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Auch Ulrich von Lichtenstein meldet mit
-Behagen, wie den Rittern nach sattsamen
-Kampfspielen manch schönes Bad bereitet
-ward, worin sie sich dann bis tief in die
-Nacht hinein ergötzten.</p>
-
-<p>Die Hausfrau mit ihren Zofen sind überall
-dem Willkommenen beim Bade behilflich,
-oft auch die jungfräulichen Töchter der
-Wirtin. So wird Parzival auf seines Lehrmeisters
-Gurnemanz von Graharss' Burg im
-Bade von Jungfräulein bedient, die mit
-»blanken, linden Händen« seinen Leib
-streichen. Wie Parzival lässt sich Herr
-Jakob von Warte, der Vetter des Königsmörders,
-<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a>
-nach dem Bilde der Heidelberger
-Manesseschen Liederhandschrift von Edeldamen
-betreuen, während er in dem mit
-Blumen bestreuten Bade sich von den vorhergegangenen
-Strapazen erholt. Die eine
-der Damen knetet des Ritters Arm, eine andere
-schmückt sein Haupt mit einem Blumenkranze,
-indes die dritte ihm einen Becher
-darreicht. Am Boden bei der Wanne facht
-eine Magd mit einem Blasebalge Feuer
-unter dem Wasserkessel an. Königin Isolde
-bereitet ihrem Tristan das Bad und bringt
-ihm Salben, »die zu seinen Wunden gehörten;
-sie salbte, band und badete ihn,
-dass er ganz zu seinen Kräften kam«.</p>
-
-<p>Doch auch der umgekehrte Fall kam vor.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Man sorgte, dass die Mägde zu Bade mochten gehn,</div>
- <div class="verse indent0">Hartmuths Vettern sah man als Kämmerer beflissen, &ndash;</div>
- <div class="verse indent0">Ein jeder wollt ihr dienen, sie als Königin geneigt zu wissen,«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>heisst es in der Gudrun. Schamhaftigkeit
-drückte eben weder Männer noch Frauen.
-»Meleranz überrascht eine Dame, die eben
-unter der Linde ein Bad nimmt. Das Bad
-ist mit einem Samît bedeckt, daneben steht
-ein herrliches, aus Elfenbein geschnitztes
-Bett. Um das Bett zieht sich ein Vorhang,
-bestickt mit der Geschichte von Paris und der
-<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a>
-Helena und den Abenteuern des Aeneas. Als
-Meleranz herantritt, fliehen die Dienerinnen
-der Dame; diese selbst ist viel weniger prüde.
-Sie hebt schnell den Samît, der den Bottich bedeckt,
-auf, ruft den Ritter ganz zu sich und befiehlt
-ihm, ihr nun statt der entlaufenen Mägde
-Hilfe zu leisten. Er muss ihr das Badehemd,
-den Mantel und die Schuhe herbeiholen. Während
-sie sich trocknet und die Kleider anlegt,
-tritt er bescheiden zur Seite, folgt aber
-wieder ihrem Rufe, als sie sich auf das Bett
-gelegt, und scheucht ihr die Mücken, bis
-sie sanft entschlummert ist.«<a name="FNanchor_159" id="FNanchor_159"
-href="#Footnote_159" class="fnanchor">[159]</a> In den Baderäumen
-grosser Burgen fand sich häufig
-eine Galerie, von der aus Zuschauerinnen
-die badenden Gäste mit Blumen zu bestreuen
-pflegten. In dem Badehaus-Anbau
-aus dem 13. Jahrhundert auf der Wartburg
-ist noch ein solcher Balkon zu sehen. »Als
-eine Steigerung des Genusses galt diesem
-wohllebigen Geschlechte, wie den Saal und
-den Schlafgaden, so auch das Bad mit
-Blumen, besonders Rosen, zu bestreuen.
-Wie Jakob von Warte, werden auch Parzival
-Rosen in das Bad geworfen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a>
-Nach den Kreuzzügen, die ausser orientalischen
-Lastern auch bis dahin unbekannte
-Krankheiten in die Heimat brachten, nahm
-der Bädergebrauch in Deutschland einen
-riesenhaften Aufschwung, denn die Bäder,
-besonders die Schwitzbäder, galten mit Recht
-als einziges Schutzmittel gegen den eingeschleppten
-und sich unaufhaltsam verbreitenden
-Aussatz. Überall erstanden Bäder.
-Guarino, ein Gelehrter, in Verona zwischen
-1370 und 1460 lebend, sagt, dass zu seiner
-Zeit in Deutschland jede Stadt, selbst jedes
-Dorf, ein öffentliches Bad besessen habe.</p>
-
-<p>Die Badestuben enthielten Schwitz- und
-Wannenbäder; Bäder mit Dampfheizung
-waren dem 15. Jahrhundert nichts Neues
-mehr. In der bereits erwähnten Bellifortis-Handschrift
-Kyesers befinden sich zwei Zeichnungen
-solcher künstlich durchwärmten
-Bäder mit allerdings recht primitiven Dampferzeugungs-Anlagen
-im Unterbau.</p>
-
-<p>Ausser den öffentlichen Badehäusern,
-deren Besuch manchem Ausnahmemenschen
-nicht zusagen mochte, gab es in den Wohnhäusern
-besser situierter Leute Badegelegenheit
-und selbst in den meisten kleineren
-Häusern noch Badewannen oder Kufen,
-»darin er (der Hausherr) etwa mit seinem
-<a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a>
-Weibe oder sonstem einen guten Freund
-sitzet oder ein Kändele drei vier Wein neben
-guten Sträublen ausleeret«. Die reichen
-Bürger der vornehmen Handelsstädte hielten
-sich gänzlich von den allgemeinen Bädern
-fern. Sie verfügten meist über eigene mit
-»Padofen«, dem Kessel zum Erwärmen des
-Wassers, Wanne und »Padschefflen« ausgestattete
-Stuben, »kleine gewachsame Badstüblein
-mit iren Wasser Kenelin«, zu der
-noch das »abeziehkemerlen«, der Auskleideraum,
-gehörte. In den Nürnberger Patrizierhäusern
-waren solche Gelasse allgemein.
-Israel von Meckenen zeichnet eine dieser
-Badestuben, in der eine bis auf die turbanartige
-Bademütze nackte Mutter eines ihrer
-Kinder abseift. Die anderen Sprösslinge tollen
-in der grossen, durch einen in die Wand eingelassenen
-Hahn mit Wasser gespeisten Wanne.
-In den deutschen Dampfbädern war fast
-überall die Dampferzeugung durch heisse,
-mit Wasser übergossene Steine gebräuchlich.
-Diese Badeart wurde von deutschen
-Reisenden aus Russland in Deutschland eingeführt.</p>
-
-<p>Der Kirchenvater Nestor berichtet aus
-dem Dnjeprlande: »Ich sah hölzerne Bäder
-und darin steinerne Öfen die scharf heizten.
-<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a>
-Sie begiessen sich die Haut mit lauem
-Wasser und nehmen <em>Ruten</em> oder <em>zarte
-Baumzweige</em> und fangen an, sich damit
-zu peitschen, giessen indes Wasser auf die
-Steine und peitschen sich so arg, dass sie
-kaum lebendig herauskriechen, worauf sie
-sich mit kaltem Wasser begiessen«.<a name="FNanchor_160" id="FNanchor_160"
-href="#Footnote_160" class="fnanchor">[160]</a> Diese
-Ruten, Queste oder Wadel genannt, wurden
-zum Wahrzeichen für das Badehaus, das
-der Bader aushing, wie der Gastwirt den
-Laubkranz. Züchtigere Badebesucher deckten
-mit dem Blätterbusch ihre Blössen.</p>
-
-<p>Die sonstige Einrichtung der Schwitzbäder
-war denkbar einfach. Ein gewölbter,
-höchstens mit einigen rohen Bänken versehener
-Raum, den oft, aber nicht immer
-eine niedere Bretterwand in zwei Hälften
-schied, in das Männer- und das Frauengelass.
-Diese Scheidewände verhinderten
-wohl die gröbsten Ausschreitungen, gestatteten
-aber den ungeschmälerten Anblick der
-Badenden, was sich gewiss nicht jeder zu
-solch künstlerischen Zwecken zu Nutze
-machte, wie Albrecht Dürer, dem Badestuben
-zu Modellstudien dienten. Eine solche, im
-<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a>
-Badehause entstandene Skizze, jetzt in
-Frankfurt a. M., zeigt eine von einem Bader
-bediente Gruppe nackter Frauen in derb-realistischer
-Auffassung. Einer weiteren
-Dürerschen Darstellung einer Scene im
-Frauenbade sieht ein Fremder durch das
-auf die Strasse gehende offene Fenster zu.
-Auf einer Bäderzeichnung Kyesers unterhält
-sich ein Mann, bequem auf der Scheidewand
-aufgestützt, mit den badenden Nachbarinnen,
-die Zuwachs durch eine von der
-Strasse kommende Nymphe im tiefsten
-Negligé erhalten.<a name="FNanchor_161" id="FNanchor_161"
-href="#Footnote_161" class="fnanchor">[161]</a></p>
-
-<p>Die Bedienung im Bade besorgten bis
-zum 16. Jahrhundert in beiden Abteilungen
-Frauen. Auf einer Miniatur in der berühmten
-Wenzelsbibel der kaiserlichen Hofbibliothek
-zu Wien waschen zwei halbnackte
-Bademädchen dem galanten Böhmenkönig
-Wenzel den Kopf. Seifried Helbling, ein
-Wiener Poet des 13. Jahrhunderts, schildert,
-wie er von einem »Weibel viel gelenke« im
-Bade behandelt wurde. Nachdem ihm der
-Schweiss vom Körper abgerieben ist, wird
-er von der Bademagd geknetet, gezwagt,
-begossen, frottiert und wieder begossen;
-<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a>
-darauf nimmt ihn der Bader in Empfang,
-um ihn zu rasieren und zu schröpfen. Lag
-der Gast von all diesen Vergnügungen matt
-auf dem Ruhebett, dann trat in Erfurt noch
-ein hübsches Dämchen zu ihm, um ihn
-zu kämmen und die Haare zu kräuseln,
-schreibt wenigstens ein fahrender Schüler
-in einem, um 1300 entstandenen lateinischen
-Gedicht.</p>
-
-<p>Wo das Auge ungehindert in solchen,
-die Sinne aufstachelnden Scenen schwelgen
-konnte, die Berührung durch Frauenhände
-kaum zur Beruhigung der schon durch das
-Bad allein erregten Nerven beitrug, waren Ausschweifungen
-selbstverständlich, denen überdies
-jeder Bader, der sein Geschäft verstand,
-Vorschub zu leisten nur zu bereit war. In
-erster Linie hielt er hübsche Bademädchen,
-deren Obliegenheiten sie in jeder Hinsicht
-zu Vorläuferinnen unserer modernen Masseusen
-der Grossstädte stempelten. Waren
-diese Damen nicht nach dem Geschmacke
-der Gäste, so machten sie es wie der Herr
-in dem Gedichte aus der Sammlung der
-Hätzlerin: »Und von dem Frühstück wollen
-wir dann ins Bad gehen; dann laden wir
-uns die hübschen Fräulein dazu, dass sie
-uns reiben und die Zeit vertreiben. Niemand
-<a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a>
-eile von dannen, er raste hernach wie ein
-Fürst. Sie, Baderin, nun bereite sie jedem
-von uns nach dem Bade ein Bett.«<a name="FNanchor_162" id="FNanchor_162"
-href="#Footnote_162" class="fnanchor">[162]</a> Diese
-Zugaben verteuerten natürlich den Lebemännern
-den Genuss des Bades, was den
-Minnesänger Tanhuser, das Urbild des
-sagenumsponnenen Tannhäusers, zu der
-Klage über seine Armut Anlass gibt,
-die ihn hindert, »zwirend in der wochen
-baden«, zweimal wöchentlich zu baden,
-wie es der leichtlebige Herr gerne gemocht
-hätte.</p>
-
-<p>Dieses Dienerinnen-Unwesen in den
-Schwitzbädern konnte den sittenstrengen
-Herren vom hohen Rat nicht lange verborgen
-bleiben, darum suchten sie durch
-Verbote diese Unzuträglichkeiten auszurotten.
-Breslau untersagte 1486 den Badern, Dienerinnen
-zu halten. Das Böblinger Statut von
-1552 befiehlt »item er soll haben ein Reiber
-und eine Reiberin«, also einen Diener für
-die Männer und eine Dienerin für die Frauen.
-Am frühen Morgen, wenn kaum der Hahn
-das Erwachen des neuen Tages angezeigt,
-heizte der Bader seine Öfen. Wenn der
-Dampf aufwallte, lief er mit seinen Knechten,
-<a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a>
-auf einem Horn blasend, oder mit Hölzern
-klappernd, dabei von Zeit zu Zeit den Ruf
-ausstossend »Wol auf gen bad!« die Strassen
-entlang, und wer gewillt war, sich ein Bad
-zu leisten, verfügte sich, beinahe wie er
-dem Bette entstiegen &ndash; man schlief bekanntlich
-im Mittelalter hüllenlos &ndash; zu der
-Badestube. Der gallige Guarinonius hält
-sich darüber auf, dass sonst ganz ehrsame
-Bürger und Bürgersfrauen also nackend über
-die öffentlichen Gassen ins Badehaus laufen:
-»Ja wie viel mal laufft der Vater bloss von
-Hauss mit einem einzigen Niederwad über
-die Gassen, sambt seinen entblössten Weib
-und blossen Kindern dem Bad zu ... Wie
-viel mal siehe ich (ich nenn darumb die
-Stadt nicht) die Mägdlein von 10, 12, 14,
-16 und 18 Jaren gantz entblösst und allein
-mit einem kurtzen leinen, offt schleussigen
-und zerrissenen Badmantel, oder wie mans
-hier zu Land nennt, mit einer Badehr allein
-vornen bedeckt, und hinden umb den
-Rücken! Dieser und füssen offen und die
-ein Hand mit gebür in den Hindern haltend,
-von ihrem Hauss aus, uber die langen
-Gassen bei mittag tag, bis zum Bad lauffen?
-Wieviel laufft neben ihnen die gantz entblössten
-zehen, zwölf, viertzehn und sechzehnjährigen
-<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a>
-Knaben her und begleit das
-erbar Gesindel.«<a name="FNanchor_163" id="FNanchor_163"
-href="#Footnote_163" class="fnanchor">[163]</a></p>
-
-<p>Ältere Leute, vielleicht weil sie sich vor
-Erkältung schützen wollten, und Standespersonen
-kamen vollständig angekleidet zum
-Badehause, die Badewäsche fein säuberlich
-unter dem Arm. Nur Fremde und Arme
-entnahmen diese vom Bader.</p>
-
-<p>In einer gemeinsamen Ankleidestube entledigte
-man sich der letzten Hüllen. Die
-Badeordnung für das Glotterthal von 1550
-schrieb deshalb vor, dass jeder Mann Hemd
-und Hose, jede Weibsperson ihr Hemd erst
-im Bade selbst abzulegen habe. Die meisten
-Städte aber scherten sich um derartige
-Kleinigkeiten nicht weiter, ebensowenig, wie
-man dies an Stellen that, von denen man
-eine höhere Kultur sollte voraussetzen können,
-nämlich an gewissen Duodezhöfen.</p>
-
-<p>Hans von Schweinichen erzählt in seinen
-Denkwürdigkeiten folgendes hierher gehörige
-Abenteuer: »Allhier erinner ich mich, dass
-ich wenig Tage zu Hof war; badete die
-alte Herzogin, allda musste ich aufwartend
-als ein Jung. Es währt nicht lange, kommt
-<a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a>
-Jungfrau, Unte (Kunigundchen) Riemen genannt,
-stabenackend raus, heisst mich, ihr
-kalt Wasser geben, welches mir seltsam vorkam,
-weil ich zuvor kein nacket Weibesperson
-gesehen, weiss nicht, wie ich es
-versehe, begiesse sie mit kaltem Wasser.
-Schreit sie laut und rufet ihren Namen an
-und saget der Herzogin, was ich ihr mitgespielet;
-die Herzogin aber lachet und
-saget: »Mein Schweinlein wird gut werden.«<a name="FNanchor_164" id="FNanchor_164"
-href="#Footnote_164" class="fnanchor">[164]</a></p>
-
-<p>Wenn Hofdamen in einer geistig weit
-fortgeschritteneren Epoche die Naivetät so
-weit trieben, entblösst in ein Gemach
-zu treten, in dem sie ausser den, ihrer
-Ansicht nach allerdings noch geschlechtslosen
-Jungen, auch Männern begegnen
-konnten, so kann es nicht Wunder nehmen,
-wenn weniger hochstehende Menschen zwei
-und ein Jahrhundert früher die Nudität in
-den Bädern als vom Bade unzertrennlich
-ansahen. Von diesem Gesichtspunkte aus
-betrachtet, ging es unter den weiblichen Besuchern
-der öffentlichen Dampfbäder verhältnismässig
-ehrbar und züchtig zu, und
-dürften Ausschreitungen kaum öfter vorgekommen
-<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a>
-sein, als heutzutage in den Seebädern
-mit dem gemeinsamen Strande für
-beide Geschlechter, auf denen der Lebemann
-gleichfalls seiner Neugier fröhnen und
-sonst recht ängstlich Verhülltes in aller
-Musse kritisch würdigen kann. Die Aufsicht
-der Mitbadenden war in den mittelalterlichen
-Bädern immer vorhanden und
-die üble Nachrede eine ewig dräuende Gefahr,
-die selbst strafrechtliche Folgen nach
-sich ziehen konnte. Die Kirche und ihre
-gestrengen Herren als Sittenrichter spassten
-nicht; denn je fauler im Kern die Geistlichkeit
-selbst war, um so ängstlicher suchte
-sie nach aussen hin den Schein zu wahren
-und heuchelnd Fehler zu vertuschen, die
-sie an dem unglücklichen oder unvorsichtigen
-Menschenkinde, das einen Fehltritt
-offenkundig werden liess, mit grausamer
-Härte verfolgte. Die geistlichen Strafen
-trafen unnachsichtlicher und empfindlicher
-als die der weltlichen Obrigkeit, die bei
-Sittlichkeitsdelikten vielfach Nachsicht walten
-liess. Ausser der Aufsicht gab es übrigens
-in den meisten Bädern die erwähnte Scheidewand,
-die immerhin Schutz vor Handgreiflichkeiten
-&ndash; Heine nennt es Handgemeinwerden &ndash; bot.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a>
-Wer nun einmal im Bade seinen Gelüsten
-fröhnen wollte, konnte sich im Wannenbade
-für die Enthaltsamkeit in den Dampfbädern,
-sofern diese keine Badedienerinnen besassen,
-vollauf schadlos halten. In Wort und Bild
-eiferten die Altvorderen gegen die in den
-Wannen- und Einzelbädern herrschende Unsittlichkeit.
-Schon Tannhäuser und Niethart
-von Reuenthal gedenken der Kostspieligkeit
-der Wiener Badestuben, in denen es
-übrigens nicht weniger toll herging als in den
-gleichen Anstalten anderer Städte bis zum
-17. Jahrhundert. In der Esslinger Vorstadt
-Stuttgarts wurde im Jahre 1591 eines Tages
-die Anzeige erstattet, in einem Bade seien
-18 Personen männlichen und weiblichen Geschlechtes
-bereits Tag und Nacht zusammen.
-Durch solche Vorfälle galten denn auch die
-Badestuben als Anstalten, »die am meisten
-zur Anreizung der Unkeuschheit erbaut sind«,
-und die sich von den Bordellen nur durch
-das Fehlen der Konzession unterschieden.
-Den Ruffian ersetzte der Bader, ein Kuppler
-wie der Frauenwirt und geächtet und unehrlich
-mit Weib und Kind wie der erstere,
-wenn auch Kaiser Wenzel, der den Verkehr
-mit Badern und Henkern liebte, und den
-einst eine heroische Bademagd, Susanna,
-<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a>
-aus der Gefangenschaft errettete, das Gegenteil
-zu verordnen beliebte. In einem »herrlichen«
-Freibrief vom Jahre 1406 machte er
-das Baderhandwerk in allen Erb- und Reichslanden
-den Besten der anderen Handwerke
-völlig gleich und verbot jedermänniglich, die
-ehrlichen Bader zu schmähen und von ihren
-redlichen Diensten verkleinerlich zu reden.<a name="FNanchor_165" id="FNanchor_165"
-href="#Footnote_165" class="fnanchor">[165]</a>
-Dieses Privilegium vermochte aber trotz
-Siegel und Handzeichnung das sehr gerechtfertigte
-uralte Vorurteil gegen die Baderzunft
-nicht aus der Welt zu schaffen. In dem
-Gedichte »Des Teufels Netz«, entstanden
-um 1420, wird behauptet:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Der bader und sîn gesind,</div>
- <div class="verse indent0">Gern huoren und buoben sind;</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>sie sind Diebe, Lügner und Kuppler, Neuigkeitskrämer
-&ndash; sollte sich diese Eigenschaft
-nicht auf ihre Nachkommen, unsere Raseure
-und Friseure, vererbt haben? &ndash; die ihren
-Gästen ausser Skandalgeschichten noch »die
-Fröulin zuo in schieben«. Kuppler und Bader
-werden in einem Atem genannt: »Ich will
-wern ein Frauenwirt Und ein padknecht,
-der lest (lässt) und schiert, So mag ich
-peiderseits gewin haben«, heisst es in einem
-<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a>
-Fastnachtsspiele.<a name="FNanchor_166" id="FNanchor_166"
-href="#Footnote_166" class="fnanchor">[166]</a> Wie in Konstanz beim
-Konzil, so waren auch anderwärts die Badestuben
-die Absteigequartiere für die fahrenden
-Dirnen, die ja sonst nirgends Unterkunft
-fanden.</p>
-
-<p>Ein reiches Quellenmaterial authentischer
-Abbildungen unterrichtet uns über die unsittlichen
-Vorgänge in den Wannenbädern.
-Die Miniatur eines Codex der Leipziger
-Stadtbibliothek zeigt das Innere einer solchen
-Badeanstalt und alle Phasen, die ein Wüstling
-an einem solchen Orte durchmachen
-konnte. Das Gewölbe des Baderaumes enthält
-eine Anzahl getrennt stehender, mit
-Stoff überdachter Wannen, vor deren Längsseiten
-sich mit Speisen und Getränken besetzte
-Tische befinden; zur Bedienung laufen
-alte Vetteln umher. In den Wannen sitzen
-die Pärchen, die Männer nackt, die Frauenzimmer
-mit Haarschutz und Halsketten bekleidet.
-Im Hintergrund des Raumes sind
-Betten sichtbar; in einem Bette hat sich bereits
-ein Pärchen zusammengefunden, während
-vor einem zweiten ein Dämchen mit
-von der Schulter herabwallendem Bademantel
-steht und eine Annäherung an den im Bette
-<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a>
-Liegenden sucht. Auf einer Zeichnung in
-der Valerius Maximus-Handschrift der Breslauer
-Stadtbibliothek liegt ein Brett als Unterlage
-für die Speisen quer über den Wannen,
-in denen es noch viel ungezwungener zugeht
-als auf dem erstgedachten Bilde. Auch
-hier fehlt das Bett nicht. Bei Wein und
-Weib durfte auch der Gesang nicht fehlen.
-So sehen wir denn auf vielen Bäderbildern
-den fahrenden Sänger seine Kunst vor den
-Badegästen ausüben. Von den Stiftsdamen
-in Köln heisst es in einem altfranzösischen
-Fabliau, dass sie sich ihre im Bade eingenommenen
-Schmäuse durch den Vortrag
-saftiger Geschichten seitens eines Spielmannes
-würzen liessen. Eine Federzeichnung
-in dem mittelalterlichen Hausbuche
-der Fürsten Waldberg-Wolfegg zeigt einen
-Baderaum mit daranstossendem Hofgarten,
-in dem sich die Gäste vor und nach dem
-Bade ergehen konnten. Das Bad selbst, ein
-Bassin mit Abfluss nach dem Hofe, bietet
-Raum für vier Personen, der auch weidlich
-ausgenutzt erscheint. In dem gleichen Buche
-stellt das Blatt unter dem Sternbilde der
-Wage ein ländliches Fest vor. In kecken
-Federstrichen ist auf der linken Bildseite
-ein Wannenbad unter einer natürlichen Laube
-<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a>
-entworfen, in welchem ein Badender die
-recht naturtreu gezeichnete Liebste freudig
-empfängt. Eine Matrone mit Eiern und
-Wein steht erwartungsvoll bei den Liebenden,
-die nur ein geflochtener Zaun und
-eine Bretterthüre von einer Tanzgesellschaft
-trennt. Den Hintergrund der Zeichnung
-nimmt ein Gebüsch mit einem sich sehr
-ungeniert betragenden Paare ein. Also hier,
-wie im Meleranz, nimmt man unter freiem
-Himmel sein Bad. In Gwaltherus Ryffs
-»Spiegel und Regiment der Gesundheit« ist
-ein Holzschnitt mit einem Manne in einer
-Badewanne, neben der ein zweiter im Badekostüm
-auf einer Fussbank sitzt. Und
-trotzdem die Sonne auf diese Scene herniederlacht
-und Damen und Herren umherschwärmen,
-steht eine Frau mit bis auf die
-Oberschenkel zurückgeschlagenen Kleidern
-bei den Badenden. Wenn ich gleich Alwin
-Schultz alle diese Darstellungen für übertrieben
-halte und manche Einzelheit der
-Lust des Mittelalters an derbem und zotigem
-»Schimpf« zuschreibe, so unterliegt es doch
-keinem Zweifel, dass wirklich vorhandene
-Thatsachen erst den Anlass zu den Übertreibungen
-gaben. Ebensowenig, wie der
-moderne Karikaturist seine Stoffe aus dem
-<a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a>
-Finger saugt, sondern Vorhandenes verzerrt,
-thaten es seine Ahnen. Dass die beiden
-Geschlechter vereint badeten, ist unwiderleglich
-bewiesen, und dass es unter solchen
-Umständen an Excessen nicht fehlen konnte,
-bedarf nicht erst wieder Worte, um einzuleuchten.
-Optimisten, die noch an »die
-gute alte Zeit« glauben, haben niemals das
-reiche Quellenmaterial aus jener Zeit durchblättert,
-das auf jeder Seite eine romantische
-Illusion zerstört. Die Menschen sind sich
-in ihren Schwächen immer gleich geblieben,
-und der Liebestrieb, den die Natur dem
-Menschen eingepflanzt, hat sich nie und
-unter keinen Umständen unterdrücken lassen.
-Wenn also Ulrich von Hutten in seinem
-»Gesprächbüchlein«, im vierten Gespräch
-»die Anschauenden« den Sol die Badesitten
-verteidigen lässt, so ist dies entweder Sarkasmus
-oder schönfärberische Heuchelei. Sol,
-die Sonne, und ihr Sohn Phaeton unterhalten
-sich über die Völlerei der Deutschen, als
-Phaeton mit einem Blick auf die Erde bemerkt:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Dort seh' ich einige nackend, Frauen und Männer
-vermischt, miteinander baden; ich glaube, dass das
-ohne Schaden für ihre Zucht und Ehre nicht zugeht.</p>
-
-<p><em>Sol.</em> Ohne Schaden.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a>
-<em>Phaeton.</em> Ich sehe sie sich doch küssen.</p>
-
-<p><em>Sol.</em> Freilich.</p>
-
-<p><em>Phaeton.</em> Und sich freundlich umfassen.</p>
-
-<p><em>Sol.</em> Ja, sie pflegen auch bei einander zu schlafen.</p>
-
-<p><em>Phaeton.</em> Vielleicht haben sie die Gesetze Platos
-angenommen und halten die Weiber gemeinschaftlich.</p>
-
-<p><em>Sol.</em> Nicht gemeinschaftlich; sondern darin zeigt
-sich ihr Vertrauen. An keinem Ort, wo man die
-Frauen hütet, kannst du die weibliche Ehrbarkeit unversehrter
-finden als bei diesen, die keine Aufsicht
-über sie führen. Es fällt auch nirgends seltener Ehebruch
-vor, nirgends wird die Ehe strenger und fester
-gehalten denn hier.</p>
-
-<p><em>Phaeton.</em> Du sagst, dass sie übers Küssen,
-Umfassen und Zusammenschlafen nicht hinausgehen?
-Und dazu bei der Nacht?</p>
-
-<p><em>Sol.</em> Ja, so sage ich.</p>
-
-<p><em>Phaeton.</em> Das geschieht auch ohne allen Verdacht?
-Und wenn sie sehen, dass ihre jungen Weiber
-und Töchter von anderen also behandelt werden,
-fürchten sie da nicht für deren Ehre?</p>
-
-<p><em>Sol.</em> Sie denken nicht einmal daran; denn sie
-vertrauen einander und leben in gutem Glauben, frei
-und redlich, ohne Trug und Untreu, sie wissen auch
-von keiner Hinterlist.<a name="FNanchor_167" id="FNanchor_167"
-href="#Footnote_167" class="fnanchor">[167]</a></p>
-</div>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a>
-Die Lust am Bade war derart in allen
-Bevölkerungsschichten gemein, dass man
-allerorts Stiftungen errichtete, deren Erträgnisse
-zu Badegeldern für Arme verwendet
-wurden. Nach sächsischem Stadtrecht konnte
-der wegen eines Totschlags angeklagte Verbrecher
-nach Vergleich mit den Verwandten
-des Erschlagenen statt zum Tode, zu einer
-Geldbusse oder zur Verabreichung von Seelenbädern,
-d. h. Bädern zu Ehren des Umgekommenen,
-die den Stadtarmen zu gute
-kamen, verurteilt werden.<a name="FNanchor_168" id="FNanchor_168"
-href="#Footnote_168" class="fnanchor">[168]</a> Das Speierer
-Domkapitel liess stets zu Martini und am
-Faschingsdienstag ihren Dienern und deren
-Familien ein Freibad bereiten, ebenso der
-Bader von Böblingen den Armen, wofür er
-zu jeder Zeit im Walde umsonst Holz fällen
-durfte. Mathilde, Kaiser Heinrichs I. Frau,
-liess jeden Sonnabend ein Bad für Dürftige
-und Reisende herstellen, wobei sie selbst
-half. Markgräfin Mathilde von Tuscien und
-die heilige Elisabeth bewiesen ihre Frömmigkeit
-durch das Baden Aussätziger, denen sie
-nach dem Bade ihre eigenen Betten zur Ruhe
-überliessen. Den Dienern, Handwerksgesellen
-<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a>
-und Taglöhnern reichte man statt Trinkgeld
-das Badegeld, und bei besonders freudigen
-Anlässen gab man ihnen Freibäder. In
-manchen Orten, so im Dörfchen Huisheim
-in Schwaben, hatte um 1500 der Bader jedem,
-gleichviel ob Weib oder Mann, der zu »gottz
-tisch gaut«, einen Kübel mit warmem Wasser
-und eine Badehaube zum Gebrauche bereitzustellen.</p>
-
-<p>Die Parias des Mittelalters, die Juden,
-waren mit wenigen Ausnahmen, wie von jeder
-anderen Gemeinschaft mit ihren christlichen
-Nebenmenschen, so auch vom Besuche der
-Bäder ausgeschlossen. Nicht einmal einladen
-zu einem Bade durfte man sie, ebensowenig
-wie »zue kainer prauttschafft noch zu kainer
-wirttschafft«. Da aber auch sie dasselbe
-Reinlichkeitsbedürfnis hatten, wie die Christen,
-und ihren Frauen mindestens eine Reinigung
-im Monat von ihrem Ritus vorgeschrieben
-war, so bauten sie sich in den Ghettos eigene
-Bäder. Eines der ältesten dieser Judenbäder
-ist wohl das einst viel bewunderte, auf das
-zweckmässigste eingerichtet gewesene Frauenbad
-zu Worms<a name="FNanchor_169" id="FNanchor_169"
-href="#Footnote_169" class="fnanchor">[169]</a>; andere Badeanlagen aus dem
-<a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a>
-12. Jahrhundert in den den Juden eingeräumten
-Stadtteilen finden sich noch in
-Speyer, Andernach, Friedberg in Hessen.
-Nach den Nürnberger Polizeigesetzen, die
-dem »Jud oder Judein« das Baden in der
-»Judenpatstuben« verordnet, muss im 13. Jahrhundert
-auch das Nürnberger Ghetto seine
-Badeanstalt besessen haben. In Augsburg
-erscheint sie um 1290. Bei den strengen
-Religionsvorschriften der Juden wird in den
-Bädern die Trennung der Geschlechter durchgeführt
-worden sein, umsomehr, als das unreine
-Weib sich erst durch das monatliche Bad
-zu reinigen hatte, eine Berührung vor und im
-Bade daher als Sünde gegolten hatte, andererseits
-sogar in den Synagogen die Männerabteilung
-ganz abseits von jener der Frauen
-lag. Überhaupt zeichnete die mittelalterlichen
-Juden eine exemplarische Sittlichkeit aus, was
-Freund und Feind gleichmässig bestätigen.</p>
-
-<p>Das ganze Mittelalter hindurch erhielt
-sich die von Nürnberg und Regensburg ausgegangene
-Sitte, dass ein Brautpaar vor,
-manchmal auch erst nach der Trauung mit
-dem ganzen Gefolge ihrer Sippe und der
-Gäste zu Bade zogen, die Hochzeitsgäste
-beladen mit den vom Brautpaar erhaltenen
-Badekappen und Bademänteln.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a>
-Einen solchen Hochzeits-Badezug im alten
-Berlin schildert Streckfuss<a name="FNanchor_170" id="FNanchor_170"
-href="#Footnote_170" class="fnanchor">[170]</a> wie folgt: »Nach
-dem Austausch dieser Geschenke ordnete
-sich die Gesellschaft, um sich in das Bad
-zu begeben; man machte, wenn die Wohnung
-des Brautvaters dem Krögel zu nahe lag,
-oft einen Umweg durch die vornehmsten
-Strassen, um dem zahlreich versammelten
-Volke länger das Vergnügen des Zuschauens
-zu gewähren. Dem Zuge voran schritten
-die Musikanten, welche sich bestrebten, ihre
-lustige Hochzeitsweise so laut und geräuschvoll
-wie möglich zu machen. Ihnen folgten
-die Gäste, zuerst die Frauen mit ihren neuen
-Schuhen &ndash; ein Geschenk des Bräutigams &ndash;
-dann die Männer mit den Badehemden über
-der Schulter. Bald vor, bald neben dem
-Zuge liefen die Lustigmacher, die bei keiner
-grossen Hochzeit fehlen durften und welche
-die Aufgabe hatten, durch die tollsten
-Possen die Heiterkeit der Gäste und des
-zuschauenden Volkes zu erregen. &ndash; Je toller,
-je besser, niemand durfte dabei etwas übel
-nehmen, auch wenn die Scherze stark handgreiflich
-wurden. Prügelte der Narr irgend
-einen der Umstehenden mit seiner Pritsche,
-<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a>
-oder traf er gar beim Radschlagen diesen
-oder jenen mit dem Fuss an die Nase, so
-lohnte ein schallendes Gelächter den feinen
-Witz; häufig bedienten sich auch die
-Spassmacher grosser Düten mit Kienruss,
-um besonders den jungen Mädchen das
-Gesicht zu schwärzen. Jede solche Heldenthat
-wurde durch das allgemeine Gelächter
-belohnt.</p>
-
-<p>Im Badehause teilte sich die Gesellschaft;
-meist war sie zu gross, als dass die
-beiden geräumigen, gewölbten Badezimmer
-die sämtlichen badenden Gäste auf einmal
-hätten fassen können; nur ein Teil konnte
-baden, der andere erlabte sich während
-dessen, bis an ihn die Reihe kam, mit einem
-guten Frühstück, zu welchem der Bader bei
-solchen Gelegenheiten eingerichtet war.«</p>
-
-<p>Also auch bei Brautbädern badeten beide
-Geschlechter zusammen, denn nur wenn die
-Gesellschaft zu gross war, teilte sie sich in
-mehrere Partien, und ob diese Trennung
-nach Geschlecht erfolgte, davon sagt weder
-unser Gewährsmann, noch sonst eine Quelle
-etwas. Hingegen bezeugen andere Nachrichten,
-dass es bei und nach den Brautbädern
-nicht immer schicklich hergegangen
-sei, so das Zittauer Rats-Edikt von 1616: »Als
-<a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a>
-denn vormals dy jungen gesellen nach dem
-bade widir (wider) gute sitten in badekappin
-und barschenckicht (mit blossen Schenkeln)
-getanzt haben, wil der Rath das fortureh
-(hinfort) kein mans bild in badekappen odir
-barschinckicht tantzen solle.«</p>
-
-<p>Die Syphilis war, wie den Frauenhäusern,
-auch der Ruin der öffentlichen Badestuben.
-Als Ansteckungsherd der Krankheit wurden
-sie vom Anfang des 16. Jahrhunderts an
-immer mehr gemieden. Bereits im Jahre
-1496 gebot deswegen der Nürnberger Rat
-»allen padern bei einer poen zehen gulden,
-das sie darob und vor sein, damit die menschen,
-die an der Newen Krankheit, malum
-frantzosen, befleckt und krank sein, in Irn
-paden nicht gepadet, auch Ihr scheren und
-lassen giengen, die Eissen und Messer, so
-sie bey denselben kranken Menschen nutzen,
-darnach in den padstuben nit mer gebrauchen.«<a name="FNanchor_171" id="FNanchor_171"
-href="#Footnote_171" class="fnanchor">[171]</a>
-»Aber vor fünfundzwanzig
-Jahren,« sagt Erasmus von Rotterdam in
-seinen »Colloquia« (1612), »war in Brabant
-nichts beliebter, als die öffentlichen Bäder;
-die stehen jetzt alle kalt. Die neue Krankheit
-lehrt uns auf sie verzichten.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a>
-In Gerolzhofen klagte der Rat schon
-1445, dass, während früher zwei Badestuben
-in der Stadt jede wöchentlich viermal geöffnet
-und stets besucht gewesen sei, jetzt
-die eine kaum dreimal in der Woche hinlänglichen
-Besuch habe. In Stuttgart wurden
-im Jahre 1547 die öffentlichen Badetage von
-sechs auf zwei vermindert, desgleichen in
-Wien, Berlin, Nürnberg und anderen Plätzen.
-In Frankfurt wurden gegen Ende des 16. Jahrhunderts
-die Badestuben gänzlich geschlossen.</p>
-
-<p>»Bade im Hause« oder das Baden in
-offenen Wässern war das einzige, das sich
-die ob der grauenvollen Krankheit erschreckte
-Menschheit ausser dem Besuch von Heilquellen
-noch gestattete. War der Gebrauch
-von Heilquellen bereits im deutschen Altertum
-nicht unbekannt, so kam er doch erst
-im 15. und 16. Jahrhundert in volle Blüte,
-wurde sogar in vielen Landstrichen zur Modesache.
-Eine Badefahrt zu unternehmen, gehörte
-zum guten Ton; im 18. Jahrhundert
-noch liessen sich Bräute die alljährliche
-Badereise im Ehekontrakt notariell zusichern.</p>
-
-<p>An Modebädern diesseits und jenseits
-der Reichsgrenze war kein Mangel. Baden-Baden,
-Wildbad, Wiesbaden, Pyrmont, Baden
-im Aargau, dies schon seit der Römerzeit
-<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a>
-her, Hornhausen, Burgbernheim und Zerzabelshof
-im Schwarzwald, Teplitz in Böhmen
-und viele andere mehr waren Bäder von Ruf.</p>
-
-<p>Durch seine Lage berühmt war Pfeffers,
-ein Besitztum des gleichnamigen Klosters.
-Zu Anfang des 13. Jahrhunderts wurden
-seine warmen Quellen zufällig durch einen
-Jäger entdeckt. Es barg sich »aber tieff
-zwischen zweyen hohen und oben zusammengebogenen
-Felsen, dass niemand dazu ohne
-lange Seyler hat mögen kommen«, sagte
-Münster in seiner Kosmographie. Der Abt
-liess deshalb, als die Frequenz bedeutender
-wurde, eine hölzerne Treppe in die Tiefe
-bauen.</p>
-
-<p>In den Thermalbädern nahm gewöhnlich
-ein gezimmertes oder gemauertes Bassin die
-Badenden auf, wie zahlreiche Abbildungen
-in alten balneologischen Werken zeigen. Der
-Schlitzoesche Holzschnitt im »Tractat der
-Wildbeder« (1519) führt vier Männer und
-eine Frau in einem solchen Bade schmausend
-und dem Gesange eines Fahrenden
-lauschend vor. In dem allgemeinen Bade
-zu Plummers (Plombières) in den Vogesen
-auf dem Titelbild zu J. J. Huggelius' »Von
-heilsamen Bädern des Teutschenlands«,
-Mülhausen 1559, hat der schamhafte Künstler
-<a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a>
-die Männer mit einer Schambinde, Bruch,
-Hose, die Weiber mit einer knapp unter
-der Büste festgebundenen Schürze bekleidet.
-In Eschenreutters Buch (1571) gibt ein
-Blatt Mann und Frau in einer Badewanne
-wieder, während sich eine grössere, sehr
-mangelhaft bekleidete Gesellschaft mit Speise
-und Trank bei Gesang und Flötenspiel ergötzt.<a name="FNanchor_172" id="FNanchor_172"
-href="#Footnote_172" class="fnanchor">[172]</a></p>
-
-<p>Über das Leben im Bade ergeht sich
-ein Glossar zu einigen Wandgemälden, die
-sich ehedem im Hause des Domherrn Grafen
-Johann von Eberstein befanden. C. Will<a name="FNanchor_173" id="FNanchor_173"
-href="#Footnote_173" class="fnanchor">[173]</a>
-übersetzt diese von Henricus de Langenstein,
-dictus de Hassia herrührende Beschreibung
-folgendermassen: »<em>Von fleischlicher
-Lust.</em> Wenn ich mich nicht täusche,
-so ist der Sinn dessen, der die Reihe besagter
-Malereien angab, von dem Geiste
-getrieben worden, um stillschweigend die
-Meinung des Apostel Johannes auszudrücken,
-der da spricht: ›Alles was auf der
-Welt vorhanden ist, ist Begehrlichkeit des
-Fleisches oder Begehrlichkeit der Augen,
-<a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a>
-oder Übermut des Lebens‹. Das heisst:
-Alle Laster weltlicher Verirrung sind auf drei
-zurückzuführen: fleischliche Lust, weltliche
-Habgier und Stolz auf eitlen Ruhm. Wie
-aber konnte schicklicher fleischliche Lust
-dargestellt werden, als auf einem Bilde des
-Wiesbadener Festes, das durch alle Fleischlichkeit
-anstössig, von dem Schaume aller
-sinnlichen Wollust triefend ist? Zu ihm
-kommen sie von allen Seiten in Freude und
-Ausgelassenheit, mit Trompeten und Pfeifen,
-mit vollen Kasten und Flaschen; man bringet
-Lebensmittel und die leckersten Getränke
-herbei, man nimmt Geld in Menge mit,
-seltsame Kleider werden mitgeführt; in der
-Hoffnung sich zu ergötzen, wird schon auf
-dem Wege gespielt, gesungen, geplaudert,
-als ob man am Ziele die Freude der Glückseligkeit
-zu erwarten habe. Wenn man angekommen
-ist, werden Gastereien veranstaltet,
-man sucht der <em>Frauen Gesellschaft</em>,
-geht ins Bad, befleckt die Seele ... <em>Im Bade
-sitzen sie nackt mit Nackten beisammen,
-nackt mit Nackten tanzen sie.</em>
-Ich schweige darüber, was im Dunklen vor
-sich geht, denn alles geschieht öffentlich.
-Aber was ist das? Der Ausgang und der
-Eingang dieses unsinnigen Festes ist nicht
-<a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a>
-gleich, wenn, nachdem alles verzehrt ist, die
-Kasten leer zurückkommen, die Geldbeutel
-ohne Geld, man die Rechnung hört und die
-Verschleuderung so vielen Geldes bereut.
-Und zuweilen beisst auch die Seele der
-Heimgekehrten das Gewissen wegen der
-begangenen Sünden. Der ist traurig über
-solche Verirrung; der klagt, weil er von der
-Lust scheiden muss; der gedenkt betrübt,
-wie kurz und inhaltlos die Freuden dieser
-Welt sind. Was mehr?</p>
-
-<p>Sie kehren heim, die Körper sind weiss
-gewaschen, die Herzen durch Sünde geschwärzt;
-die gesund hingingen, sie kehren
-heim angesteckt; die durch die Tugend der
-Keuschheit stark waren, kehren heim verwundet
-von den Pfeilen der Venus. Das
-möchte noch wenig bedeuten, wenn nicht
-die Mädchen, die als Jungfrauen hinreisten,
-als Dirnen zurückkehrten, als Ehebrecherinnen,
-die anständige Ehefrauen waren,
-wenn nicht als Teufelsweiber heimkehrten,
-die als Gottesbräute hingingen. Und so erfahren
-sie durch diese und andere Anlässe
-zur Trauer bei der Rückkehr die Wahrheit
-des Satzes, dass das Ende aller fleischlichen
-Lust Trauer ist.«</p>
-
-<p>Der geistliche Herr malt, wie es seines
-<a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a>
-Amtes ist, grau in grau, alle fleischliche
-Lust verketzernd, die allerdings in den
-Bädern den weitesten Spielraum fand. Poggios,
-auf Autopsie beruhende Beschreibung
-des Getriebes in Baden bei Zürich liefert
-den Beweis, wie recht der edle Langenstein
-stellenweise mit seiner Verdonnerung hatte.
-Poggio, ein Florentiner, hatte den Papst
-Johannes XXIII. zur Kirchenversammlung
-nach Konstanz begleitet, war dann nach
-Baden gefahren, um dort von seinem Chiragra
-befreit zu werden. Aus dem Kurorte schrieb
-er im Sommer 1417 an seinen Freund und
-Landsmann Niccoli einen langen, lateinischen
-Brief, den ich hier in der Übersetzung von
-Alwin Schultz mitteile. Poggio ist ein
-fideles Haus, dem es nicht immer auf volle
-Wahrung der historischen Treue anzukommen
-scheint, wenn er durch aufgesetzte
-humoristische Lichter sich selbst und seinen
-Freund unterhalten kann. Er mischt daher
-Wahrheit und Dichtung zu einem ergötzlichen
-Feuilleton zusammen, das aber trotz
-der beabsichtigten humoristischen Färbung
-doch meisterhaft das Thema des mittelalterlichen
-Badelebens erschöpft.</p>
-
-<p>»Diesen Brief aber schreibe ich Dir aus
-diesem Bade, das ich, meine Handgelenke
-<a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a>
-zu heilen, aufgesucht habe; und da schien
-es mir angemessen, die Lage und Anmuth
-desselben, zugleich auch die Sitten dieser
-Leute und die Weise des Badens zu beschreiben.
-Von den Alten wird viel über
-die Bäder von Puteoli gesprochen, wohin
-das gesammte römische Volk der Lust
-wegen strömte, doch glaube ich nicht, dass
-jene diese an Vergnüglichkeit erreicht haben
-und dass sie mit den unsrigen zu vergleichen
-gewesen sind. Denn in Puteoli
-verursachte die Lust mehr die Schönheit
-der Lage, die Pracht der Landhäuser, als
-die Liebenswürdigkeit (festivitas) der Menschen
-und der Gebrauch der Bäder. Dieser
-Ort aber bietet keine oder fast keine
-Erquickung dem Geiste, das Uebrige
-aber bringt einen angemessenen Frohsinn
-(amoenitatem), so dass ich zuweilen meine,
-Venus sei mit allen Vergnüglichkeiten von
-Cypern nach diesem Bade übersiedelt, so
-werden ihre Gesetze beobachtet, so aufs
-Haar ihre Sitte und Leichtfertigkeit wiedergegeben,
-so dass sie, wenn sie auch die
-Rede des Heliogabel nicht gelesen, doch
-von Natur gelehrt und unterrichtet genug
-erschienen. Aber da ich dir dieses Bad beschreiben
-will, so mag ich auch nicht den
-<a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a>
-Weg übergehen, der von Constanz hierher
-führt, damit Du vermuthen kannst, in welchem
-Theile Galliens es liege. Am ersten Tag
-reisten wir zu Schiff den Rhein hinab nach
-Schaffhausen, vierundzwanzig Meilen (milia
-passuum) und dann, weil wegen des grossen
-Falles und wegen der steilen Berge und
-abschüssigen Felsen der Weg zu Fuss gemacht
-werden muss, noch zehn Meilen und
-gelangten nach dem Schlosse Kaiserstuhl
-am Rhein. Nach dem Namen vermuthe ich,
-dass es wegen der günstigen Lage auf
-einem hohen Hügel am Flusse, der durch
-eine kleine Brücke Gallien mit Germanien
-verbindet, ein Römercastell gewesen sei.
-Auf dieser Reise sahen wir den Rheinfall,
-der von hohem Berg, zwischen zerklüfteten
-Felsklippen mit Donnerbrausen herabstürzt.
-Da kam mir ins Gedächtniss, was man von
-dem Nilkatarakt erzählt. Und es ist nicht
-zu verwundern, dass die Anwohner wegen
-des Getöses und Donnerns taub werden, da
-ja dieses Flusses, der an der Stelle nur als
-Wildbach gelten kann, Lärm wie beim Nil
-drei Stadien weit gehört wird. Die Stadt
-Baden ist ziemlich reich, von Bergen umgeben,
-in der Nähe ein Fluss von reissender
-Strömung, der in den Rhein fliesst, etwa
-<a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a>
-sechs Meilen von der Stadt. Nahe bei der
-Stadt, vier Stadien entfernt, liegt ein sehr
-schönes Dorf (villa) zum Gebrauch der
-Bäder hergerichtet. In der Mitte des Dorfes
-ist ein grosser Platz, der von grossen Gasthäusern,
-welche viele aufnehmen können,
-umgeben ist. Die einzelnen Häuser haben
-die Bäder im Innern, in denen nur die
-baden, welche da wohnen; die Bäder
-sind sowohl öffentliche als Privateigenthum,
-etwa dreissig an der Zahl. Öffentliche sind
-nur zwei vorhanden, offen (palam) zu beiden
-Seiten, Badestätten des Volkes und
-des gemeinen Haufens, zu denen Weiber,
-Männer, Knaben, unverheiratete Mädchen,
-die Hefe der ganzen Umgebung, zusammenströmt.
-In ihnen scheidet eine Mauer die
-Männer von den Frauen. Es ist lächerlich
-zu sehen, wie abgelebte alte Weiber und
-jüngere Frauen nackt vor den Augen der
-Männer ins Wasser steigen. Ich habe oft
-über dies prächtige Schauspiel gelacht, dabei
-an die Spiele der Flora gedacht und bei
-mir die Einfalt dieser Leute bewundert, die
-weder auf so etwas hinsehen, noch irgend
-etwas Böses davon denken oder reden. Die
-Bäder in den Privathäusern sind aber sehr
-fein (perpolita); Männer und Frauen gemeinsam,
-<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a>
-aber durch eine Holzwand geschieden.
-In ihr sind mehrere Fenster angebracht, so
-dass man zusammen trinken und sich unterhalten
-kann, nach beiden Seiten hin zu sehen
-und sich zu berühren vermag, wie dies ihrer
-Gewohnheit nach oft geschieht. Über dem
-Bassin sind Korridore, auf denen Männer
-stehen, zuzusehen um sich zu unterhalten,
-denn ein jeder darf in andere Bäder gehen
-und sich dort aufhalten, zuzuschauen, zu
-plaudern, zu scherzen und sich zu erheitern,
-so dass man die Frauen, wenn sie ins Wasser
-steigen oder aus demselben herauskommen,
-sieht. Keiner wehrt die Thür, keiner argwöhnt
-etwas Unschickliches. Männer tragen
-nur eine Schambinde (campestribus utuntur),
-die Frauen ziehen leinene Hemden an, von
-oben bis zum Schenkel, oder an der Seite
-offen, so dass sie weder den Hals, noch die
-Brust oder die Arme bedecken. Im Wasser
-selbst speisen sie oft auf gemeinsame Kosten,
-ein geschmückter Tisch schwimmt auf dem
-Wasser, und auch Männer pflegen teilzunehmen.
-Wir sind in dem Hause, in dem
-wir badeten, einmal zu solchem Fest geladen
-worden. Ich habe meinen Beitrag gezahlt,
-wollte aber trotz wiederholter Bitten nicht
-teilnehmen, nicht aus Schamgefühl, das für
-<a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a>
-Feigheit oder Unbildung gehalten wird,
-sondern weil ich die Sprache nicht verstand.
-Es kam mir närrisch vor, dass
-ein Italiener, unkundig der Sprache, im Wasser
-stumm und sprachlos dasitze, da ein ganzer
-Tag mit Essen und Trinken hingebracht
-werden sollte. Aber zwei von den Genossen
-sind in das Bad gegangen, mit grosser Herzensheiterkeit,
-haben mitgethan, mit getrunken,
-mit gespeist, durch den Dolmetsch sich
-unterhalten, oft mit dem Fächer Luft gefächelt.
-Es fehlte nichts zu dem Gemälde,
-wie Jupiter die Danae mittelst des goldenen
-Regens befruchtete u. s. w. Sie aber waren,
-wie es bei den Männern Sitte ist, wenn sie
-in die Bäder der Frauen eingeladen werden,
-mit leinenen Hemden bekleidet; ich jedoch
-sah von der Gallerie aus alles, die Sitten,
-Gewohnheiten, die Liebenswürdigkeit (suavitatem),
-die Freiheit und Ungebundenheit der
-Lebensart. Es ist merkwürdig, zu sehen,
-in welcher Unschuld sie leben, mit welchem
-Vertrauen Männer es ansahen, dass ihre
-Frauen von Fremden berührt wurden. Sie
-wurden nicht gereizt, achteten nicht darauf,
-nahmen alles von der besten Seite. Nichts
-ist so schwer, dass bei ihren Sitten nicht
-leicht wurde. Sie hätten ganz in den Staat
-<a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a>
-Platos gepasst, wo alles gemeinsam ist, da
-sie schon ohne seine Lehre so eifrig in seiner
-Schule erfunden werden. In einigen Bädern
-sind Männer unter den Frauen, denen sie
-entweder verwandt sind, oder es wird ihnen
-aus Wohlwollen gestattet. Täglich gehen
-sie drei- oder viermal ins Bad und bleiben
-den grössten Theil des Tages darin, theils
-singend, theils trinkend, theils Reigen tanzend.
-Sie singen auch im Bade sitzend ein Weilchen,
-dabei ist es besonders angenehm, die
-erwachsenen Mädchen im heiratsfähigen Alter,
-mit schönen und freimüthigen Gesichtern,
-im Costume und Gestalt der Göttinnen, singen
-zu sehen, wie sie die auf dem Wasser
-schwimmenden Kleidern hinten nachziehen,
-man könnte sie für die Venus selbst halten.
-Es ist Sitte, dass die Frauen, wenn die
-Männer von Oben zuschauen, Spasses halber
-um ein Geschenk bitten. So werden ihnen,
-und zwar den schönsten, Geldstücke zugeworfen,
-die sie mit der Hand oder mit den
-ausgebreiteten Hemden fangen, sich einander
-fortstossend, und bei diesem Spiele
-werden zuweilen auch geheime Reize enthüllt.
-Es werden auch Kränze aus verschiedenen
-Blumen herabgeworfen, mit denen sie
-sich die Häupter beim Baden schmücken.
-<a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a>
-Ich habe, durch die unbeschränkte Freude,
-zu sehen und Scherz zu treiben, gelockt,
-da ich nur zweimal täglich badete, die
-übrige Zeit damit hingebracht, die anderen
-Bäder zu besuchen und sehr oft Geldstücke
-wie Kränze wie die anderen hinabgeworfen.
-Denn weder zum Lesen noch
-zum Denken war Zeit vorhanden unter
-den ringsum erschallenden Klängen der
-Symphonien, der Trompeten, der Zithern,
-wo schon der Wille zu denken, die
-höchste Thorheit gewesen wäre, besonders
-für einen, der auch wie der Menedemus
-Heautontimorumenos ist, ein Mensch vielmehr,
-der allem Menschlichen zugänglich.
-Zur höchsten Lust fehlte die mündliche
-Unterhaltung, die vor allen Dingen den
-meisten Werth hat; so blieb nichts übrig als
-die Augen zu weiden, zu folgen, zum Spiele
-hin und zurückzuführen. Zum Spazieren
-war Gelegenheit und so viele Freiheit, dass
-der Spaziergang nicht durch Gesetze beschränkt
-war.</p>
-
-<p>Ausser diesen vielfältigen Vergnüglichkeiten
-gibt es noch eine nicht geringfügige.
-Hinter der Stadt am Flusse ist
-eine Wiese mit vielen Bäumen bewachsen.
-Dahin kommen nach dem Nachtessen alle
-<a class="pagenum" id="page_256" title="256"> </a>
-von allen Seiten; dann werden verschiedene
-Spiele gespielt; die einen erfreuen
-sich am Tanze, die anderen singen, die
-meisten spielen Ball, nicht nach unserer
-Sitte, sondern die Männer und Frauen werfen
-einen mit Schellen besetzten Ball einander
-als besondere Liebesauszeichnung zu, und
-der wirft ihn wieder einer ihm besonders
-lieben Person zu, während jene Vielen mit
-vorgestreckten Händen bitten und er bald
-dem, bald jener ihn zu werfen heuchelt. Es
-werden noch ausserdem viele Scherze getrieben,
-die zu beschreiben zu weit führen
-würde.</p>
-
-<p>Diese aber habe ich berichtet, damit
-du siehst, wie gross hier die Schule der
-Epicuräer ist, und ich glaube, dies ist hier
-der Ort, in dem der erste Mensch geschaffen
-worden, den die Hebräer Gamedon, das heisst:
-»Garten der Lust« nennen. Denn wenn die
-Lust das Leben glücklich machen kann, so
-sehe ich nicht ein, was diesem Orte fehlt
-zur vollendeten und in jeder Hinsicht vollkommenen
-Lust. Fragst du nun nach der
-Wirkung der Bäder, so ist sie mannigfach
-verschieden, doch ist ihre Kraft bewunderungswerth,
-fast göttlich. Ich glaube nicht, dass
-es auf der Welt, <em>ein wirksameres Bad</em>
-<a class="pagenum" id="page_257" title="257"> </a>
-<em>für die Fruchtbarkeit der Frauen gibt</em>;
-da recht viele der Unfruchtbarkeit wegen
-hierher kommen, so erfahren sie seine merkwürdige
-Kraft.<a name="FNanchor_174" id="FNanchor_174"
-href="#Footnote_174" class="fnanchor">[174]</a> Sie beobachten genau die
-Vorschriften, und es brauchen Mittel die,
-welche nicht empfangen können. Unter
-diesen ist besonders folgendes bemerkenswerth:
-eine unzählige Menge von Adeligen
-und Nichtadeligen kommt hier zusammen;
-zweihundert Meilen weit her, nicht eben der
-Gesundheit, sondern der Lust wegen, alles
-Liebhaber, alles Freier, alle, denen an einem
-genussreichen Leben gelegen ist, um hier
-des gewünschten sich zu erfreuen. Viele
-geben Körpergebresten vor, während sie doch
-im Geiste krank sind. So siehst du unzählige
-schöne Frauen, ohne Männer, ohne
-Verwandte, mit zwei Dienerinnen und einem
-Knechte oder einer alten Angehörigen, die
-leichter zu täuschen als zu ernähren ist.
-Einige gehen, soweit sie es vermögen, mit
-<a class="pagenum" id="page_258" title="258"> </a>
-Kleidern, Gold, Silber und Edelsteinen geschmückt,
-dass man glauben könnte, sie
-seien nicht zu den Bädern, sondern zu den
-herrlichsten Hochzeiten gekommen. Da gibt
-es auch vestalische Jungfrauen oder richtiger
-gesagt floralische. Da leben Äbte, Mönche,
-Brüder und Priester in grösserer Freiheit als die
-andern, baden zuweilen gemeinsam mit den
-Frauen und schmücken die Haare mit Kränzen,
-alle Religion bei Seite lassend. Alle sind
-eines Sinnes, die Traurigkeit zu fliehen, die
-Heiterkeit aufzusuchen, nichts zu denken,
-als wie sie frölich leben, die Freuden geniessen.
-Nicht das Gemeinsame zu theilen,
-sondern das Einzelne mitzutheilen ist die
-Frage. Merkwürdig ist es, dass bei einer
-so grossen Menge (beinahe 1000 Menschen),
-bei so verschiedenen Sitten, keine durch
-Trunk (ebria) verursachte Zwietracht entsteht;
-kein Aufruhr, kein Streit, kein Gemurr,
-kein Fluch.<a name="FNanchor_175" id="FNanchor_175"
-href="#Footnote_175" class="fnanchor">[175]</a> Es sehen die Männer, dass
-ihre Frauen berührt werden, sie sehen, dass
-sie mit ganz Fremden, und zwar allein
-(solum cum sola) verkehren; dadurch werden
-sie nicht erregt; sie staunen über nichts,
-<a class="pagenum" id="page_259" title="259"> </a>
-meinen, dass alles im guten und ehrbaren
-Sinne geschehe. Daher findet der Name
-Eifersucht, der gewissermassen alle Ehemänner
-erdrückt, bei denen keine Stelle.
-Das Wort ist unbekannt und unerhört. Sie
-kennen gar nicht eine Krankheit dieser Art,
-haben keinen Ausdruck für diese Leidenschaft.
-Und es ist nicht wunderbar, dass
-es bei ihnen dies Wort nicht gibt, da die
-Sache selbst nicht vorhanden ist. Denn
-noch ist keiner bei ihnen gefunden worden,
-der eifersüchtig wäre. O, wie verschieden
-sind unsere Gewohnheiten« u. s. w.</p>
-
-<p>Poggios Widersprüche, bald lässt er die
-Frauen nackt baden, dann wieder mit Badehemden
-bekleidet sein, verraten, wie erwähnt,
-allein schon seine Unzuverlässigkeit. Ausserdem
-dürfte seine von ihm selbst betonte
-Unkenntnis der Sprache und Sitten ihn zu
-manchem Fehlschluss über die von ihm
-beobachtete Damensorte veranlasst haben.
-Er übersah wohl geflissentlich die anständigen
-Frauen ob der »lichten Fräuleins«,
-die nur der Verdienst ins Bad gelockt, und
-über jene Frauen, die im Badeort nur Abenteuer
-erleben wollten. Denn trotz aller
-Unterschiede zwischen den einstigen Sittenbegriffen
-von den heutigen, bestand auch
-<a class="pagenum" id="page_260" title="260"> </a>
-damals schon eine Moralgrenze, deren Überschreitung
-keine anständige Frau gewagt
-hätte, darum waren jene so ausgelassenen
-Geschöpfe nichts weiter als Demimondainen.
-Das Mittelalter missachtete diese Weiber
-weit mehr, als dies unsere tolerantere Zeit
-thut und wusste aber ebenso wie wir ganz
-genau, dass die oft nur aus Not zur käuflichen
-Dirne Gesunkene Mitleid verdiente,
-während der meineidigen Gattin mit vollstem
-Rechte zum mindesten die Nichtachtung aller
-rechtlich Denkenden zu teil werden musste.
-Das öffentliche Mädchen konnte wieder ehrbar
-werden, nicht so die Ehebrecherin, die
-für alle Zeiten gesellschaftlich unmöglich
-war. Die Marklinie zwischen diesen beiden
-Frauentypen war von jeher so verwischt,
-um nicht von einem Poggio übersehen zu
-werden, während kein urteilsfähiger Landeskundiger
-über die Qualität der Damen im
-Zweifel war. War es doch allbekannt, dass
-die Kurorte den Haupttummelplatz für diese
-Abarten der Weiblichkeit bildeten.</p>
-
-<p>»Etliche Weiber ziehen auch gern in die
-Sauerbrunnen und warme Bäder, weilen ihre
-Männer zu alt und kalt sind,« sagt Glauber,
-und Guarinonius pflichtete ihm bei, indem
-er gewisse Frauen nur deshalb Bäder besuchen
-<a class="pagenum" id="page_261" title="261"> </a>
-lässt, damit sie dort »lustig ihren
-Ehemännern eine waxene Nasen träen kunden«.
-Aber ehrbare Frauen waren dies
-keineswegs. Solche liessen sich, wie dies
-1649 in Baden bei Wien geschah, in den
-Saum ihres Badehemdes Bleistücke einnähen,
-oder trugen Badekleider, die wohl Brust und
-Arme freiliessen, aber den Unterleib verhüllten.
-Und zeigten sie sich auch vielleicht
-in voller Nacktheit, so gaben sie
-doch ebensowenig ihren Körper preis, wie
-dies die Japanerin thut, die bei der Toilette
-und im Bade den Zuschauer unbeachtet
-lässt.</p>
-
-<p>Die Badevorstände boten auch alles auf,
-die honetten Frauen vor Übergriffen zu
-schützen.</p>
-
-<p>In der Badeordnung vom Jahre 1594 für
-das württembergische Bad Boll bei Göppingen
-findet sich daher die Vorschrift:
-»Schandlose, üppige Wort, und sonsten verkleinerliche
-Nachreden, sowohl auch ergerliche
-Lieder und Gesäng sollen bei Straff
-eines halben Güldens verboten sein, desgleichen
-unzüchtige Geberden und Erzeigungen
-gegen Erlichen Frawen und Jungfrawen,
-bey unnachlesslicher Straf eines
-Güldens, so oft das geschicht.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_262" title="262"> </a>
-Suchte Poggio in Baden Heilung seines
-bösen Rheumatismus, so galt dieser Kurort
-doch vornehmlich als unerreicht in der Behebung
-der weiblichen Sterilität. Deshalb
-ist es sehr amüsant, den Eifer zu beobachten,
-mit dem sich Nonnen und Mönche bemühten,
-eine Badenfahrt ermöglichen zu können.
-Die Äbtissin vom Fraumünster in Zürich
-veräusserte nur zu diesem Zwecke 1415
-einen Meierhof; die Klosterfrauen von Töss
-erkauften durch grosse Summen die päpstliche
-Erlaubnis, sich in weltlicher Kleidung
-unter ihrem Nonnenhabite in Baden erholen
-zu dürfen. Und das Leben dort war teuer,
-denn der Basler Kaplan Johannes Knebel
-verbrauchte 1475 im Monat Juli mit Magd
-und Diener in Baden zehn rheinische Gulden,
-über 500 Mark neuzeitlicher Währung.
-Thomas Murner sagt darum mit Recht im
-»Geuchmatt«:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Im meyen farend wir gen Baden,</div>
- <div class="verse indent0">Lug das der seckel sy geladen ....</div>
- <div class="verse indent0">Denn syn natürlich würckung thut</div>
- <div class="verse indent0">Das du verdouwest gelt und gut.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>In den Werken der Mittelhochdeutschen
-spukte die Sage von einem Heilbade mit
-gar seltsam wunderthätiger Wirkung:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Dies Wasser hat so edle Kraft,</div>
- <a class="pagenum" id="page_263" title="263"> </a>
- <div class="verse indent0">Welch' Mensch mit Alter war behaft,</div>
- <div class="verse indent0">Ob er schon achtzigjährig was,</div>
- <div class="verse indent0">Wenn eine Stund er drinnen sass,</div>
- <div class="verse indent0">So thäten sich verjüngen wieder</div>
- <div class="verse indent0">Sein Kopf, sein Herz und alle Glieder«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>sang 1542 Hans Sachs vom <em>Jungbrunnen</em>.</p>
-
-<p>Wer alt und runzelig in das Wunderwasser
-gestiegen war, sprang:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»schön, wolgefarbt, frisch, jung und gsund</div>
- <div class="verse indent0">ganz leichtsinnig und wol geherig</div>
- <div class="verse indent0">als ob sie weren zwainzig jerig«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>hervor, was Lukas Kranach malte und »der
-Meister mit den Bandrollen« auf einen in
-der Wiener Albertina befindlichen ebenso
-seltenen wie gemeinen Kupfer radierte.</p>
-
-<p>Zur Sommerszeit badeten »Manns- und
-Weibspersonen in offenen Wassern ganz unverschambt«,
-versichert Guarinonius, und mit
-ihm eifert die gesamte Geistlichkeit gegen
-die gemeinsamen Flussbäder, »Weilen das
-Baden der jungen Menscher und Buben
-sommerszeit sehr ärgerlich und viel schlimbes
-nach sich ziehet«, wie der Abt Gregorius
-von Melk 1697 meinte. Der Stadtrat von
-Frankfurt sah sich im 16. Jahrhundert schon
-wiederholt veranlasst, den »handwercksgesellen
-vnd andere, so im Main zu baden
-<a class="pagenum" id="page_264" title="264"> </a>
-pflegen«, Haftstrafen zu verheissen, wenn
-sie, »wie Gott sie geschaffen ganz nackend
-blos ohne scham«, ohne ihre »niedercleider«
-badeten. Man hielt selbst im 18. Jahrhundert
-noch Flussbäder für einen Unfug
-ohne jede hygieinische Wirkung, für Übermut,
-den sogar ein Goethe noch verurteilte.</p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">
-Tanz und Spiel.
-<a class="pagenum" id="page_265" title="265"> </a></h2>
-</div>
-
-<p>
-Der Tanz, das Spiel der grossen Kinder,
-blickt auf eine nach Jahrtausenden zählende
-Vergangenheit zurück. Er findet sich zu
-allen Zeiten, in allen Kulturepochen der
-Menschheit; ebenso bei den auf der niedrigsten
-Geistesstufe stehenden Wilden, wie
-bei den führenden Nationen. Doch welch
-unendlicher Abstand liegt zwischen dem grotesk-sinnlosen
-Stampfen und Sprüngen, den
-Gliederverrenkungen oder dem hüpfenden
-Trippeln jener und dem graziösen Tanze
-im lichtflutenden Ballsaale, und trotz dieses
-himmelweiten Unterschiedes hat die Sprache
-für all diese Verrichtungen nur das eine
-kennzeichnende Wort: Tanz! Dort die Begleitung
-von Gutturaltönen, Händeklatschen
-oder misstönenden primitiven Musikinstrumenten,
-hier die fascinierenden Walzerklänge,
-<a class="pagenum" id="page_266" title="266"> </a>
-und all dieses ist Tanzmusik, unzertrennlich
-von Tanzeslust, leuchtenden Augen, hochklopfenden
-Herzen.</p>
-
-<p>Die Erfindung des Tanzes verursachte
-kaum viel Kopfzerbrechen. Schon in der
-Körperbewegung, im Gehen, Laufen und
-Springen liegt die Grundidee des Tanzes.
-Die den Menschen eigentümliche Neigung,
-vor Freude zu hüpfen, mag die Entstehungsursache
-des Tanzes gewesen sein. So findet
-sich denn auch der Tanz oder Tanzformen
-bei allen Völkern, über die geschichtliche
-Überlieferungen berichten.</p>
-
-<p>Auf den Bildertafeln der ägyptischen
-Tempel schweben florbekleidete Tänzerinnen
-dahin. Die Bibel kündet von »Spiel und
-Tanz« der Frauen Judas. Mirjam, die Prophetin,
-zog mit den Frauen und Jungfrauen
-hinaus auf den Rain zum Reigen. David
-»tanzte mit aller Macht vor dem Herrn her«,
-und Salome, die Tochter Herodias', ertanzte
-sich das Haupt Johannes des Täufers, wenn
-wir der Legende und Sudermann glauben
-dürfen.</p>
-
-<p>Bei den Griechen, wie auch später bei
-den Römern und zur Zeit noch bei den
-meisten Naturvölkern, dann den Quäkern
-von Massachusetts und den Mormonen, galt
-<a class="pagenum" id="page_267" title="267"> </a>
-der Tanz, verbunden mit Hymnengesang,
-als ein Bestandteil des Gottesdienstes. Der
-Tanz-Gesangskunst, Orchestik, der Griechen
-huldigten Hoch und Gering. Selbst ein
-Sokrates verschmähte es nicht, zu tanzen.
-Allerdings hing er seiner Tanzliebe ein Ausrede-Mäntelchen
-um, indem er den Tanz ein
-vorzügliches Mittel, den Appetit zu wecken,
-die Geistes- und Körperkraft rege zu erhalten
-und zu steigern nannte. Die Eitelkeit
-und Schaulust der Griechen, dieser
-Franzosen des Altertums, suchte Gelegenheit,
-ihrer Tanzlust möglichst oft zu frönen.
-Man tanzte schon in homerischer Zeit bei
-Gastmählern, bei öffentlichen und privaten
-Festen, im Hause, auf freien Plätzen, auf
-der Bühne, selbst bei Begräbnissen. Bei
-den Römern dekretierte Numa Pompilius
-(715-672 v. Chr.) den Tanz als gottesdienstliche
-Handlung. Dionysius von Halikarnass
-nannte die Marspriester, deren Kultustänze
-zu den heiligsten Ceremonien gezählt
-wurden, »Tänzer und Hymnensänger der
-Waffengötter«. Mit der fortschreitenden Kultur
-Roms war das hüpfende Vergnügen die
-Hauptsache jeder festlichen Veranstaltung.
-Es wimmelte von Kindern Terpsichores beiderlei
-Geschlechtes in Rom und wohin römische
-<a class="pagenum" id="page_268" title="268"> </a>
-Sitte drang. Sie waren überall gern
-gesehene, wenn auch wenig geachtete Gäste.
-Auch bei den Leichenzügen der Cäsaren
-spielten Tänzer eine Rolle. Sie hatten den
-Verstorbenen in Maske und Gebärden zu
-kopieren. Mit der römischen Kultur entarteten
-auch die Tänze, über die wir von
-den Satirikern sehr Unerbauliches erfahren.
-Den Vergnügungstänzen lag ein erotischer
-Gedanke zu Grunde, wie dies z. B. bei den
-Tänzen der Spanier und dem Czardas auch
-noch jetzt der Fall ist.</p>
-
-<p>Dem ernsten Sinne des Germanen waren
-derartige Tänze ein Unding. »Jünglinge,
-welchen das eine Lustbarkeit ist, tanzen
-nackt zwischen aufgestellten Schwertern und
-Speeren umher. Die Uebung erzeugt Fertigkeit,
-die Fertigkeit Anmut. Doch thun sie
-das nicht zum Erwerb oder um Lohn; wiewohl
-in dem Vergnügen der Zuschauer der
-kühne Mutwille seine Belohnung findet.«<a name="FNanchor_176" id="FNanchor_176"
-href="#Footnote_176" class="fnanchor">[176]</a>
-Die Frauen der Germanen blieben dem
-<a class="pagenum" id="page_269" title="269"> </a>
-Tanze fern, erst im Mittelalter wagten sie
-es, sich am Tanzvergnügen zu beteiligen
-und an der Seite eines Tänzers sich im
-Schreit-, Schleif- oder Springtanz zu erlustigen.</p>
-
-<p>Die Schreittänze trugen ritterlich-höfisches
-Gepräge. Der Tänzer fasste eine oder zwei
-Tänzerinnen bei der Hand und hielt schleifenden
-Schrittes einen Umgang im Saale, sei
-es unter den Klängen von Instrumenten oder
-nach dem Takte von Tanzliedern, welch
-letztere der Vortänzer anstimmte, und in
-deren Refrain die ganze Gesellschaft einfiel.<a name="FNanchor_177" id="FNanchor_177"
-href="#Footnote_177" class="fnanchor">[177]</a>
-Bei solchen Tänzen musste es steif zugehen,
-denn die Männer blähten sich in gesuchter
-Grandezza, während die Damen in ihren
-langen, wallenden Gewändern affektiert</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Uf den zehen slichent's hin</div>
- <div class="verse indent0">Nach dem niuwen hovesin«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>dahintrippelten, »die trittel &ndash; als zuo einer
-henne ein han«.</p>
-
-<p>Bei den Rundtänzen ging die Gesellschaft
-in der Runde und suchte den Inhalt
-des vorgesungenen Tanzliedes durch einfache
-Bewegungen mimisch darzustellen.
-<a class="pagenum" id="page_270" title="270"> </a>
-Während solcher Rundtänze wurden sogar
-Trauungen vollzogen, wenn aus einer Stelle
-im Tristan ein allgemeiner Schluss gezogen
-werden kann. Aus diesen Rundtänzen entwickelten
-sich dramatische Tänze mit unterlegter
-Handlung, der einfache Vorgänge aus
-der Tierwelt zum Vorwurfe dienten. In
-einem Gedichte des 11. Jahrhunderts, »Ruodlieb«,
-treten Ritter und Edelfräulein einander
-gegenüber und stellen Falke und Schwalbe
-dar; der Raubvogel verfolgt in Sprüngen
-das Vögelchen, gleitet aber an ihm vorüber,
-statt es zu erhaschen.<a name="FNanchor_178" id="FNanchor_178"
-href="#Footnote_178" class="fnanchor">[178]</a></p>
-
-<p>Zu den Variationen des Rundtanzes gehörte
-auch der noch heute bei fürstlichen
-Vermählungen gebräuchliche Fackeltanz. Bereits
-unter Kaiser Konstanz (337-350) in
-Byzanz nach griechischem Vorbild eingeführt,
-hat dieser Tanz eine Parallele in einem
-Hochzeitsbrauch der heidnischen Preussen,
-die die Braut an der Grenze ihres neuen
-Heimatortes mit einem »Brandfeuer« empfingen.
-Im 11. Jahrhundert war der Fackeltanz,
-wie aus der Reimchronik Peters von
-Hagenbach ersichtlich, als Vergnügen nach
-<a class="pagenum" id="page_271" title="271"> </a>
-Turnieren allgemein. Den an sich langweiligen
-Rundgang mit den brennenden
-Lichtern suchte man durch Figuren zu
-beleben und unterhaltender zu gestalten.
-Man spielte mit den Fackeln, stemmte erst
-eine Hand, dann beide Hände in die Seite,
-trug die Hände abwechselnd unter dem
-Gürtel, winkte mit der Hand, legte sie über
-die Augen, trug Tannenreiser im Munde,
-winkte und drohte sich zu und beschmierte
-sich schliesslich gegenseitig die Gesichter
-mit Russ. Begreiflicherweise ging es bei
-diesen Tänzen höchst ehrbar zu, so dass
-Kirchenfürsten nicht anstanden, selbst derartige
-Feste zu veranstalten und ein
-Tänzchen mitzumachen, was Geiler zu
-dem ärgerlichen Ausspruch veranlasst: »O
-Mönch, wie passt die Kutte zum Tanze,
-wie die Tonsur zu den Kränzen der
-Frauen?«</p>
-
-<p>Waren die Tänze an sich auch anständig,
-so scheint dies von den dabei gesungenen
-Tanzliedern weniger der Fall gewesen zu
-sein, wie Geiler hervorhebt. »Noch het ich
-schier ein trutz vergessen, nemlich den reien
-tantz; da werden auch nit minder untzucht
-und schand begangen, weder inn den andern,
-von wegen der schandtlichen und
-<a class="pagenum" id="page_272" title="272"> </a>
-schamparen (schandbaren) hurenlieder, so
-darinn gesungen werden, damit man das
-weiblich geschlecht zu der geilheit und unkeuschheit
-anreitzet.« Dann weiter: »Auch
-in schmählichen Liedern wird gesündigt:
-das pflegt zu geschehen bei den Tänzen,
-die wir deutsch ›Leygerleyss‹ oder ›ein
-scheiblecht tenzlein‹ nennen, wo Eine vorsingt
-und die anderen nachfolgen, und wo
-viel Schmachvolles von Liebe gesungen
-wird, was zur Wollust anreizt und gegen
-die Ehrbarkeit gerichtet ist .... Mit leichtfertigem
-und unzüchtigem Schmuck bis
-auf den halben Rücken ist Alles bloss
-und nackt von vorn bis zu den Brüsten,
-dass sie auch die enthaltsamsten Männer
-locken können« &ndash; also schon damals
-Balltoiletten wie in der Ära der Lex
-Heinze &ndash; ja, Alles schon dagewesen! Der
-zweite Teil der eben mitgeteilten Philippika
-ist auf das ausgelassene Volk gemünzt, das
-sich nicht mit den feierlich-faden Schreittänzen
-begnügte, dessen leichteres Blut eine
-flottere Unterhaltung begehrte. Man tanzte
-im Dorfe auf dem Plane, den eine Linde
-überschattete, oder auf dem Tanzhügel. Im
-Winter flüchtete man in grosse Stuben, in
-das Dorfwirtshaus oder auch in Scheuern.
-<a class="pagenum" id="page_273" title="273"> </a>
-Aber auch die Kirchen der Städte, ihre Vorhallen
-und die Kirchhöfe waren seit alter
-Zeit beliebte Tanzplätze, wenn auch die
-Geistlichkeit auf Synoden und von der Kanzel
-herab bis zum Ende des Mittelalters dagegen
-zeterte; ja noch mehr, man tanzte sogar zu
-denselben weltlichen Melodien, nach denen
-man in der Kirche die geistlichen Texte
-sang, weshalb Erasmus von Rotterdam von
-dem Kirchgesange sagt: »Da hört man
-schändliche und unehrliche Buhllieder und
-Gesang, darnach die Huren und Buben
-tanzen.«</p>
-
-<p>Da ging es denn auch ganz anders zu,
-wenn sich die Tänzer auf solchen Plätzen
-zusammenfanden, die Weisen des Spielmannes
-lockten, die langen Fähnchen und mit ihnen
-die Gespreiztheit im Dunkel der Truhen
-verschlossen lagen und der Zwang des vornehmen
-Rathaussaales oder des städtischen
-Tanzhauses vergessen war. Da klopften die
-Pulse höher, da lohte die Jugendlust und
-Tanzfreude auf, da offenbarte sich der lebensvolle
-Übermut, da kam die unverfälschte
-Menschennatur zum Vorschein, befreit von
-den Fesseln des mit Mühe festgehaltenen
-»guten Tones«, da hiess es auf die Sittenpredigt
-des gestrengen Seelenhirten:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Bruoder Berthold, rede waz dû wellest!</div>
- <a class="pagenum" id="page_274" title="274"> </a>
- <div class="verse indent0">wir mügen ungetanzet niht sîn«,</div>
- <div class="verse indent0">denn ....</div>
- <div class="verse indent0">».... hier ist des Volkes wahrer Himmel.</div>
- <div class="verse indent0">Zufrieden jauchzet Gross und Klein,</div>
- <div class="verse indent0">Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Wenn auch die Städter niederen Ranges,
-wie die Bauern, sich emsig bemühten, den
-höfischen Reigen, wie alles, was von »oben«
-kam, nachzuäffen, was Neithard von Reuenthal
-bezeugt, so waren doch die Repräsentationstänze
-nur einzelne, der lieben Mode
-wegen eingeschobene Programmnummern,
-zwischen denen dann jene Tanzformen auftauchten,
-die das Wesen und die Anschauungen
-des Volkes schärfer charakterisierten, als die
-sentimentale Stadelweise oder der flottere,
-aber noch immer zahme Ridewanz.</p>
-
-<p>Die Namen der Bauerntänze sind fast
-alle ungelöste Sprachrätsel. Man tanzte
-Köwenanz, Sulawranz, Hoppaldei, Heierlei,
-Folafrantz, Ahsel, Houbetschoten (Kopfschütteln),
-Troialdei, Firgamdray, Wânaldei,
-Treirôs, Mürmum, Bôzalt, Gimpelgampel,
-Drauraran, Krumme Reien<a name="FNanchor_179" id="FNanchor_179"
-href="#Footnote_179" class="fnanchor">[179]</a>, Adelswanck,
-Schwingewurz, Trümmekentanz<a name="FNanchor_180" id="FNanchor_180"
-href="#Footnote_180" class="fnanchor">[180]</a> und andere
-<a class="pagenum" id="page_275" title="275"> </a>
-schönbenamste Tänzchen mehr. Trotz dieser
-grundverschiedenen Namen hatten alle diese
-Tänze das eine gemein, dass sie weder
-graziös noch sittenverbessernd waren &ndash;
-darin sind alle massgebenden Autoren der
-Vergangenheit einig, die ausnahmslos den
-Stab über diese »Törpertänze« brechen.</p>
-
-<p>Das Springen von Tänzer und Tänzerin,
-»den reien springen«, war eine Hauptsache
-bei all diesen Tänzen. Von einem Mädchen
-heisst es in einem Liede Neithards:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Sie spranc</div>
- <div class="verse indent0">Mêr dan einer klâfters lanc</div>
- <div class="verse indent0">Unt noch hôher danne ie magt gesprunge.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>und Oswald von Wolkenstein sagt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Gar weidlich tritt sie den firlefanzen,</div>
- <div class="verse indent0">Ihre hohe Sprünge, unweiblich fast zu tanzen.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Wie bei diesen Sprüngen die leichte Gewandung
-flattern musste! Aber es kam noch
-toller: Man schwenkte die Tänzerinnen in
-die Luft empor, »dass man hoch sieht die
-blossen Beine«, wie Brant im Narrenschiff
-sagt. &ndash; Es sei hier nebenbei erwähnt, dass
-Beinkleider den mittelalterlichen Frauen gewöhnlichen
-Standes unbekannt waren.<a name="FNanchor_181" id="FNanchor_181"
-href="#Footnote_181" class="fnanchor">[181]</a></p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_276" title="276"> </a>
-Geiler eifert gegen derartiges Tanzunwesen:</p>
-
-<p>»Darnach findt man Klötz, die tantzen
-also sewisch (säuisch) und unflätig, dass sie
-die weiber und jungfrawen dermassen herumbschwencken
-und in die hohe werffen, das
-man jhn hinden und vornen hinauff siehet
-biss in die weich, also dass man jhr die
-hübsche weisse beinle siehet ..... Auch
-find man etlich, die haben dessen ein ruhm
-wann sie die jungfrawen und weiber hoch
-inn die höhe konnen schwencken und haben
-es bissweilen die jungfrawen (so anders
-solche jungfrawen zu nennen sein) fast gern
-und ist jnen mit lieb gelebt, wann man sie
-also schwencket, das man jhnen, ich weiss
-nicht wohin siehet.«</p>
-
-<p>Murner variirt dasselbe Thema dahin:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Seh' ich die Sache richtig an,</div>
- <div class="verse indent0">Kein frommes Kind dort hingehn kann,</div>
- <div class="verse indent0">Nur solche, die da stützen kann</div>
- <div class="verse indent0">Den Burschen, wenn er hebet an</div>
- <div class="verse indent0">Zu springen, und ihn hebt empor.</div>
- <div class="verse indent0">Ihr wisst's, kein Wort lüg' ich euch vor.</div>
- <div class="verse indent0">Es ist nicht Scham noch Zucht dabei,</div>
- <div class="verse indent0">Wenn sie die Mägdlein schwenken frei</div>
- <div class="verse indent0"><em>Und Gretlein so weit treibt den Spass,</em></div>
- <div class="verse indent0"><em>Dass man kann seh'n, ich weiss nicht was.</em></div>
- <div class="verse indent0"><em>Wer seine Tochter fromm will sehen,</em></div>
- <div class="verse indent0"><em>Der lass' sie nicht zum Tanze gehen</em>.</div>
-<a class="pagenum" id="page_277" title="277"> </a>
- <div class="verse indent0">Der Schäfer von der neuen Stadt</div>
- <div class="verse indent0">Schon manches Kind verderbet hat,</div>
- <div class="verse indent0">Geschändet, ihm geraubt die Ehr',</div>
- <div class="verse indent0">Das nun ein Eheweib wohl wär';</div>
- <div class="verse indent0">Doch nun sitzt sie im Frauenhaus,</div>
- <div class="verse indent0">Der Ehre ist der Boden aus.«<a name="FNanchor_182" id="FNanchor_182"
-href="#Footnote_182" class="fnanchor">[182]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Agrippa von Nettesheim, keineswegs so
-schwarzseherisch und pedantisch wie Murner
-und Geiler, sagt trotzdem in seinem 1526
-verfassten Buche »De vanitate scientiarum«,
-man tanze mit unehrbaren Gebärden
-und tosendem Fussgestampfe nach lasciven
-Weisen und zotigen Liedern. In buhlerischen
-Umarmungen lege man dabei unzüchtige
-Hände an Mädchen und Matronen, küsse
-sie, und, Lasterhaftigkeit für Scherz ausgebend,
-stehe man nicht an, das schamlos
-zu entblössen, was die Natur verberge und
-die Sittsamkeit verhülle.</p>
-
-<p>Diese harten Worte bestätigt auch Heinrich
-von Wittenweiler in seinem obengedachten
-»Ring«:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Die Mäczli (Mädchen) warent also rüg</div>
- <div class="verse indent0">Und sprungen her so gar gefüg</div>
- <div class="verse indent0">Daz man in oft, ich wayss nit wie</div>
- <div class="verse indent0">Hinauf gesach bis an die Knie.</div>
-<a class="pagenum" id="page_278" title="278"> </a>
- <div class="verse indent0">Hilden Hauptloch was ze weyt</div>
- <div class="verse indent0">Darumb ir an derselben zeit</div>
- <div class="verse indent0">Das tüttel aus dem puosem sprang;</div>
- <div class="verse indent0">tanczens gyr sey dar zuo twang.</div>
- <div class="verse indent0">Hüddelein der ward so hayss,</div>
- <div class="verse indent0">day sey den Kittel vor auf rayss</div>
- <div class="verse indent0">des sach man ir die iren do</div>
- <div class="verse indent0">und macht vil mängen herczen fro.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Mädchen, die dem Werfen ausweichen
-wollten, warf man gewisse Gründe dafür vor:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Dier da nit entspringt</div>
- <div class="verse indent0">Die treit ein Kint«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>sagt der Tannhäuser trocken.</p>
-
-<p>In der Abhandlung »was schaden tantzen
-bringt«, meint der unbekannte Verfasser:
-»der tufel stifft solich tentz vff daz sich die
-vnkuschen menschen an sehen an griffen
-vnd mit einander reden, vnd dar durch entzundt
-werdent durch vnkuschheit, vnd böse
-fleischlich begirde gewynnen, vnd gunst dar
-zu geben, vnd lust dar jnne haben, damit
-sie tötlich sünden vnd jn vil stricke des
-tufels vallen ....«, und so geht es weiter
-in allen Tonarten.</p>
-
-<p>Von einem anderen wird der Tanz der
-Kuppelei beschuldigt: »Es sind solche, die
-gehen darum zu Tanz, damit sie andere zur
-Unzucht und zum Mutwillen anstacheln. Da
-<a class="pagenum" id="page_279" title="279"> </a>
-fasst man sich an, wird einander hold, da
-schwätzt man Lieb und Leib mit einander,
-da man sonst nicht zusammenkommt, da
-drücken sie sich die Hände, geben sich
-Liebesbriefe (bulen brieffle) u. s. w.«</p>
-
-<p>Noch kräftiger drückt sich Florian Daulen
-von Fürstenberg, Pfarrherr zu Schellenwalde,
-in seinem einst allbekannten und vielbesprochenen
-»Tanzteufel«<a name="FNanchor_183" id="FNanchor_183"
-href="#Footnote_183" class="fnanchor">[183]</a> aus.</p>
-
-<p>»Wir wollen vom Tanzteufel, wie fürgenommen,
-sagen, dass unter allen andern,
-so jetzt erzählt und in Krätschemen (Krug,
-Wirtshaus) zu geschehen pflegt, der teuflische,
-verfluchte, unziemliche, unzüchtige, Gottes
-Zucht und Ehr vergessene, leichtfertige Tanz,
-der besonders die Nacht in Krätschemen geschieht,
-zu verfluchen, zu schelten und zu
-verdammen sei.</p>
-
-<p>Der Tanz ist, sobald der Fiedler oder
-Spielmann aufmacht, ein stätiges, unordentliches
-Rennen und Laufen. Wie das unvernünftige
-Vieh laufen sie durcheinander;
-auch mit tollem, unvernünftigem Geläuf
-<a class="pagenum" id="page_280" title="280"> </a>
-laufen sie von fern mit den Köpfen zusammen,
-und treffen eins das andere zu Boden,
-nicht allein von hinten auf die Füsse, dass
-die Schuhe entfallen, sondern sie rennen
-sich auch gar darnieder und machen ein so
-gräulichen Staub, dass vernünftige, fromme
-Leute in der Stube nicht bleiben können.
-Die Tanzenden offt durcheinander gehen,
-unordentlich gehen und lauffen wie die
-bisenden Küh, sich werfen und verdrehen,
-welches man jetzt verködern heisset. So
-geschiehet nun solch schendtlich, unverschämt
-schwingen, werffen, verdrehen und
-verködern von den Tantzteuffeln, so geschwinde,
-auch in aller Höhe, wie der
-Bawer den Flegel schwinget, dass bissweilen
-den Jungfrauwen, Dirnen und Mägden
-die Kleider biss über den Gürtel, ja
-biss über den Kopff fliegen. Oder werffens
-sonst zu boden, fallen auch wol beide und
-andere viele mehr, welche geschwinde und
-unvorsichtig hernach lauffen und rennen,
-dass sie über einem hauffen liegen. Die
-gerne unzüchtig Ding sehen, denen gefellt
-solch schwingen, fallen und Kleiderfliegen
-sehr wol, lachet und seind fröhlich dabei,
-denn man machet jnen gar ein fein
-welsch Bellvidere. Welche Jungfraw, Magd
-<a class="pagenum" id="page_281" title="281"> </a>
-und Dirne am meisten am Tantze herumgefüret,
-geschwungen, gedrehet und geschawet
-wirdt, die ist die fürnembste und
-beste und rühmen und sagen die Mütterlein
-selber: »Es ist gar bedrang umb meine
-Tochter am Tantze, jedermann wil mit jr
-tantzen, sie hat heut am Tantz guten Markt
-gehabt. Auch sticht der Narr unsre jungen
-und alten Witwen, die treibens ja so körbisch,
-wilde und unfletig als die jungen Mägdlein ....«</p>
-
-<p>»Alle Tänze sind jetzt gemeiniglich also
-geartet, gar wenige ausgenommen, dass
-wahrlich an auch den Tänzen, die bald nach
-geschehener Mahlzeit auf den Wirthschaften
-gehalten, nicht viel zu loben ist, denn das
-junge Volk ist gar vom Teufel besessen,
-dass sie keine Zucht, Ehre und Tugend mehr
-lieben. Die jungen Gesellen meinen, wenn
-sie Fochtel und Degen neben den Tanz an
-der Seite tragen, sich ungebärtig stellen,
-hoch springen, schreien, wüthen und drohen,
-sie hätten nicht recht getanzt, zu geschweigen
-der unzüchtigen Worte und Geberden, so
-die garstigen Esel am Tanze treiben.« Luther
-verdammt das Tanzen an sich nicht, »wo es
-züchtig zugeht«. »Dass aber Sünde da geschehen,
-ist des Tanzes Schuld nicht allein,
-<a class="pagenum" id="page_282" title="282"> </a>
-sintemal auch über Tisch und in der Kirche
-dergleichen geschehen. Gleichwie es nicht
-des Essens und Trinkens Schuld ist, dass
-etliche zu Säuen darüber werden.«<a name="FNanchor_184" id="FNanchor_184"
-href="#Footnote_184" class="fnanchor">[184]</a></p>
-
-<p>In dem »Ehespiegel« des Cyriakus
-Spangenberg (1578), in dem 50 Brautpredigten
-des Verfassers enthalten sind, werden
-für das letzte Viertel des 16. Jahrhunderts
-die alten Klagen laut. Spangenberg stellt
-dem ehrbaren »Bürgerlichen« den »Buben-
-und Hurentanz« gegenüber, bei denen es
-zuging, »dass einer schwört, es hätten die
-Unfläter, so solchen Regenführern, aller
-Zucht und Ehre vergessen, wären taub und
-unsinnig und tanzten St. Veitstanz«.</p>
-
-<p>Wie es auf einem Balle oder Tanzfeste
-im 16. Jahrhundert zuging, davon gibt der
-gelehrte markgräflich badische Rat und
-Obervogt zu Pforzheim, Johann von Münster
-in seinem zuerst 1594 gedruckten »gottseligen
-Traktat vom ungottseligen Tanz«
-genaue Mitteilung: »Die deutsche allgemeine
-Tanzform besteht hierinnen, dass
-nachdem bei den Pfeiffern und Spielleuten
-der Tanz zuvor bestellet ist, der Tänzer
-<a class="pagenum" id="page_283" title="283"> </a>
-aufs Zierlichste, Höflichste, Prächtigste und
-Hoffärtigste herfürtrete und aus allen allda
-gegenwärtigen Jungfrauen und Frauen eine
-Tänzerin, zu welcher er eine besondere
-Affektion trägt, jene erwähle. Dieselbe mit
-Reverentz, als mit Abnehmen des Hutes,
-Küssen der Hände, Kniebeugen, freundlichen
-Worten und anderen Ceremonien bittet,
-dass sie mit ihm einen lustigen, fröhlichen
-und ehrlichen Tanz halten wolle. Diese
-(hochnöthige) Bitte schlägt die begehrte
-Frauensperson nicht leichtlich ab, unangesehen
-auch der Tänzer, der den Tanz
-von ihr begehrt, bissweilen ein schlimmer
-Pflugbengel, oder ein anderer unnützer vollgesoffener
-Esel, und die Frauensperson eine
-stattliche vom Adel, oder andere ansehnlich
-denn reiche Frau oder Jungfrau ist. Es
-wäre denn, dass sie um eines Verstorbenen
-Willen trauert oder Leid trüge. In dem
-Falle ist sie, und auch eine Mannsperson
-entschuldigt. So ferne noch bei dem, der
-den Tanz begehret, so viel Verstandes übrig
-ist, dass er diese Entschuldigung annehmen
-will. Ist aber der Kerl gar voll und toll,
-der den Tanz begehret, so muss die Frauensperson
-eben wol fort. Will sie nicht tanzen,
-so mag sie schleiffen. Will sie im Tanz
-<a class="pagenum" id="page_284" title="284"> </a>
-nicht lachen und frölich springen, so mag
-sie weinen und sauer aussehen und traurig
-tanzen. Denn er verlässt sie nicht, weil er
-sie bei der Hand hat, sondern er zieht mit
-ihr immer fort, zum Tanze, wie mit einem
-Widder zur Küche. Darüber lachen etliche,
-die dabei stehen und zusehen, etliche aber,
-denen die Frauensperson verwandt ist, sehen
-übel aus, und dürfen bisweilen mit diesem
-unzeitigen Tänzer Händel und Streit anfangen.
-Ist aber die Frauensperson also
-daran, dass sie aus wahrer Erkenntnis Gottes
-den Tanz hasset und dem Tänzer den Tanz
-abschlägt, oder aus anderen Ursachen mit
-ihm zu tanzen sich weigert, so ist das Ei
-zertreten. Dann fängt der Tänzer an zu
-fragen, oder beschickt die Frauensperson
-durch seine Freunde, was sie für Ursache
-habe, ihm den Tanz zu verweigern, ob er
-nicht redlich, ehrlich oder gut genug dazu
-sei u. s. w. Zuweilen wartet der Tänzer
-nicht so lange, dass er die Beschickung
-kann fürnehmen, sondern schämt sich auch
-nicht, die Jungfrau oder Frau, sobald sie
-ihm den Tanz geweigert hat, wider alle
-Billigkeit, Rechtlichkeit und Recht <em>aufs
-Maul zu schlagen</em>. Etliche geben dem
-Schläger Recht und verteidigen seine lose
-<a class="pagenum" id="page_285" title="285"> </a>
-Sache mit den Spruch: einem ehrlichen und
-redlichen Mann muss und soll man keinen
-Tanz weigern. Darum ist der Person Recht
-geschehen u. s. w. Andere aber halten dieses
-(wie denn billig ist), für eine solche unbescheidene,
-tyrannische That, dass sie wert
-sei, dass die ganze Gesellschaft derselben
-sich annehme und sie räche. Daraus dann
-endlich solch Werk erfolget, dass ohne Blutvergiessen
-und ständigem Hasse nicht wol
-oder kaum kann beigelegt und verglichen
-werden. Wenn aber die Person bewilligt
-hat, den Tanz mit dem Tänzer zu halten,
-treten sie beide herfür, geben einander die
-Hände, <em>und umfangen und küssen sich
-nach Gelegenheit des Landes</em><a name="FNanchor_185" id="FNanchor_185"
-href="#Footnote_185" class="fnanchor">[185]</a>, auch
-wol recht auf den Mund, und erzeigen sich
-sonst mit Worten und Geberden die Freundschaft,
-die sie vor langer oder kurzer Zeit
-gewünscht haben, einander zu erzeigen. Darnach,
-wenn es zum Tanze selbst gekommen
-ist, halten sie erstlich den Vortanz, derselbe
-gehet etwan mit ziemlicher Gravität ab. Es
-kann aber in diesem Vortanz das Gespräch
-und Unterredung, derer die sich lieb haben,
-<a class="pagenum" id="page_286" title="286"> </a>
-besser gebrauchet werden, als in den Nachtanz.
-Dies aber haben sie gemein, dass die
-Tänzer, wenn sie zum End des Gemaches,
-in welchem sie tanzen, gekommen sind,
-wieder umkehren, und sich zu beiden Seiten,
-zur rechten und zur linken, so lang wenden
-und treiben, vorgehen und folgen müssen,
-bis der Pfeiffer aufhört zu spielen, und ihn
-gelüstet, ein Zeichen zu geben, dass der
-Vortanz ausgetanzet sei. Darnach ruhen sie
-ein wenig, stehen aber nicht lange still.
-Sind es gute Freunde, so reden sie miteinander
-von den Dingen, die sie gern
-hören. Ist aber die Freundschaft nicht so
-gross, so schweigen sie still, und warten
-bis der Pfeiffer wiederum aufblaset zum
-Nachtanz. In diesem gehet es was unordentlicher
-zu, als in dem vorigen. Denn
-allhier des Lauffens, Tummels, Handdrückens,
-heimlichen Anstossens, Springens und bäurischen
-Rufens und anderer ungebührlichen
-Dinge, die ich Ehren wegen verschweige,
-nicht verschonet wird, bis dass der Pfeiffer
-die Leute, die wohl gern, wenn sie könnten,
-einen ganzen Tag also toller Weise zusammenliefen,
-durch sein Stillschweigen geschieden
-hat. Da hört man denn oft einen
-schrecklichen Fluch über den Pfeiffer, dass
-<a class="pagenum" id="page_287" title="287"> </a>
-er viel zu bald den Tanz ausspielet, oder
-auch manchmal den Tanz zu lang gemacht
-hat. Denn sie schämen sich aufzuhören zu
-tanzen, ehe und bevor der Spieler aufgehört
-hat zu pfeiffen. Die Strafe wird ihm bisweilen
-auch zugelegt, dass er noch einmal
-um dasselbe Geld (wie sie reden) aufblasen
-muss. Da gilt es denn mit Tanzen aufs
-Neu. Wenn aber der Tanz zu Ende gelaufen
-ist, bringt der Tänzer die Tänzerin
-wiederum an ihren Ort, da er sie hergenommen
-hat, mit voriger Reverentz, nimmt
-Urlaub und bleibet auch wol <em>auf ihrem
-Schoss sitzen</em> und redet mit ihr, darzu er
-durch den Tanz sehr gute und keine bessere
-Gelegenheit hat finden mögen.«<a name="FNanchor_186" id="FNanchor_186"
-href="#Footnote_186" class="fnanchor">[186]</a></p>
-
-<p>Alle diese Anklagen finden amtliche Bestätigung
-durch die zahllosen Tanzordnungen,
-wie solche die ganzen Jahrhunderte
-hindurch erlassen wurden und immer wieder
-erneut werden mussten bis in das 17. Jahrhundert
-hinein. Man gab genaue Vorschriften,
-wie man sich beim Tanze zu benehmen
-und zu kleiden hatte, welche Tänze
-erlaubt und welche verpönt waren. In Zürich
-<a class="pagenum" id="page_288" title="288"> </a>
-war sogar das Verbot nötig, nicht »bei
-nacktem Leibe« auf dem Tanzboden zu
-erscheinen. Nürnberg untersagte nur das
-»halsen und umbfahen«, während die Sächsisch-Meissnische
-Polizeiordnung von 1555
-gar das Kind mit dem Bade ausschüttete,
-denn sie besagt, es sei besser, für manche
-Orte überhaupt keinen Tanz zu gestatten,
-da sich bei solchen viele Mannspersonen
-unzüchtig und Ärgernis erregend benahmen.
-Deshalb hätten Männer und Frauen züchtig
-bekleidet zu sein und müsse das unziemliche
-Drehen, Geschrei und unanständige
-Gebärden unter allen Umständen unterbleiben.
-In Danzig wurden 1530 sieben
-Männer und ebensoviele Weiber gestäupt
-und ihnen die Stadt »auf ewig« verboten,
-weil sie »in nicht gebräuchlicher, unanständiger
-Kleidung« öffentlich getanzt hatten.<a name="FNanchor_187" id="FNanchor_187"
-href="#Footnote_187" class="fnanchor">[187]</a>
-In Freiburg im Breisgau legte man 1556
-die Spielleute, die bei einem Tanze mitgewirkt,
-in das Spitals-Gefängnis. Als alles
-dies nichts half, lenkte man in einzelnen
-Städten ein und sandte zu den Tanzunterhaltungen
-Beamte als Zensoren, um darüber
-<a class="pagenum" id="page_289" title="289"> </a>
-zu wachen, dass nicht allzu grobe Ausgelassenheiten
-vorfielen.<a name="FNanchor_188" id="FNanchor_188"
-href="#Footnote_188" class="fnanchor">[188]</a></p>
-
-<p>Der älteste Tanz des deutschen Volkes
-ist der auch heute noch in manchen entlegeneren,
-namentlich Gebirgsgegenden nicht
-gänzlich verschwundene <em>Johannistanz</em>,
-wenn auch Voss seine Behauptung vom Ursprunge
-dieses Tanzes unter dem vierten
-König der Gallier, Bardus II., etwa 2140
-oder 2174 v. Chr. G., nicht zu beweisen
-vermag.<a name="FNanchor_189" id="FNanchor_189"
-href="#Footnote_189" class="fnanchor">[189]</a> Immerhin besitzt er ein ehrwürdiges
-Alter, denn schon das sechste
-Konzil zu Konstantinopel im Jahre 680
-schritt gegen die »abgöttischen Feuertänze«
-der Christen, der heilige Elipsius um dieselbe
-Zeit gegen diese heidnische Sitte der Deutschen
-ein, »die an dem Johannisfeste die
-Sonnwendlieder und andere teuflische Gesänge,
-Tanz und Sprünge üben«. Als die
-Geistlichkeit einsah, diese althergebrachten
-Festbräuche nicht ausrotten zu können,
-nahm sie sich &ndash; sanft wie die Tauben und
-klug wie die Schlangen &ndash; ihrer an, gab
-ihnen durch Aufoctroyierung eines Heiligen
-als Paten einen kirchlichen Charakter, und
-<a class="pagenum" id="page_290" title="290"> </a>
-ein neuer Feiertag mit Kirchgang und Opferung
-war fertig. Die Hauptsache an dem
-neugebackenen St. Johannistag blieben aber
-die Johannisfeuer, mächtige Scheiterhaufen,
-die von der Jugend unter heiteren Gesängen
-umtanzt und, wenn die Flammen in den
-zusammengesunkenen Scheitern nur noch
-glimmten und Rauchwolken den verkohlten
-Hölzern entströmten, mit kühnen Sätzen
-durchsprungen wurden. In Stadt und Land
-freute sich mondelang vorher die tanzfreudige
-Jugend auf den Sonnwendabend,
-der hoch und gering auf den Feuerplätzen
-versammelt sah.</p>
-
-<p>In München fand sich 1401 der lustige
-Herzog Stephan, Kaiser Ludwigs des Bayern
-Sohn, mit seiner Gemahlin beim Sonnwendtanze
-ein, ebenso tanzte König Friedrich IV.
-auf einem Reichstage in Regensburg 1471
-im Reigen um das Feuer. Kaiser Maximilians
-Sohn Philipp liess am Johannistage
-1496 auf dem Fronhof zu Augsburg einen
-54 Schuh hohen Scheiterhaufen aufrichten.
-Alle »Frauenzimmer« der Geschlechter waren
-eingeladen und erschienen im höchsten Putze,
-weil bekannt worden war, dass der Prinz
-eine von ihnen zum Tanze auffordern würde.
-Einer schönen Ulmerin, der Susanne Neidhartin,
-<a class="pagenum" id="page_291" title="291"> </a>
-wurde dies Glück zu teil; sie durfte
-mit einer Fackel den Holzstoss entzünden,
-den unter Trompeten- und Paukenschall
-die ganze Gesellschaft umtanzte.<a name="FNanchor_190" id="FNanchor_190"
-href="#Footnote_190" class="fnanchor">[190]</a> Dass zu
-diesen Tänzen auch die leichtfertigen Weiber
-der städtischen Bordelle zugelassen waren,
-ist bereits oben mitgeteilt worden, daher
-dürfte es auch nicht an Ausschreitungen
-gefehlt haben, wozu die Sprünge durch das
-Feuer mit hochgeschürzten Kleidern willkommenen
-Anlass boten.</p>
-
-<p>Die Schamlosigkeit der meisten Tänze, die
-sich, je weiter das Mittelalter vorschritt, immer
-mehr vergröberte, und in der von Thränen und
-Blut triefenden Wiedertäufertragödie zu Münster
-(1534-1535) ihren Kulminationspunkt
-erreichte, den selbst die allgemeine Verwilderung
-der grausen 30 Kriegsjahre nicht zu
-erreichen vermochte<a name="FNanchor_191" id="FNanchor_191"
-href="#Footnote_191" class="fnanchor">[191]</a>, fand stellenweise durch
-das Volk selbst eine drastische Verurteilung,
-die sich gegen jene Mädchen richtete, deren
-Moralität durch allzu häufiges Aufsuchen von
-Tanzgelegenheiten in Zweifel gezogen wurde.
-<a class="pagenum" id="page_292" title="292"> </a>
-So herrschte am Rhein, in »Franckenland
-und ettlichen anderen Ortten« folgender Gebrauch:
-»Merkwürdig ist, was am Aschtage
-(Aschermittwoch) an den meisten Orten geschieht.
-Alle Jungfrauen, die in dem Jahre
-an dem Tanze teilgenommen, werden von
-den jungen Männern zusammengebracht, statt
-der Pferde an einen Pflug gespannt und
-samt dem Pfeifer, der spielend auf dem
-Rosse sitzt, in einen Fluss oder einen See
-hineingetrieben. Warum das geschieht, sehe
-ich nicht ein; ich denke mir, sie wollen
-damit abbüssen, dass sie an den Feiertagen
-gegen das Gebot der Kirche sich von leichtsinnigen
-Vergnügungen nicht fernhielten.«<a name="FNanchor_192" id="FNanchor_192"
-href="#Footnote_192" class="fnanchor">[192]</a></p>
-
-<p>In einer Geschichte des Geschlechtslebens
-dürfen auch die <em>Hexentänze</em> nicht übergangen
-werden, da sie zeigen, welch grauenvolle
-Bilder sexueller Ausschweifungen verderbte
-Gemüter jener finstersten Zeit des
-finsteren Mittelalters auszuhecken im stande
-waren. Was auf den Hexenversammlungen
-auf dem Blocksberg, Heuberg, Hörselberg,
-Fellerberg u. s. w. an den Hexensabbathen
-vorgegangen sein soll, füllt die zahllosen
-Protokolle der Hexenprozesse mit dem ekelhaftesten
-<a class="pagenum" id="page_293" title="293"> </a>
-Schmutz. Nur der ausgesprochene
-Irrsinn oder wahrhaft teuflische Verderbtheit
-konnte jene Beschreibungen diktiert haben,
-die entmenschte Richter den sich unter Folterqualen
-windenden »Hexen« in den Mund
-legten.<a name="FNanchor_193" id="FNanchor_193"
-href="#Footnote_193" class="fnanchor">[193]</a></p>
-
-<p>Eine weitere Erscheinung, die den mittelalterlichen
-Tanz als Ursache hat, war die
-um 1021, 1278, 1374 und 1418 grassierende
-<em>Tanzwut</em>. Noch waren die Gräber der
-vielen Millionen von der Pest, dem schwarzen
-Tod, dahingerafften Menschen nicht überwachsen,
-als eine seltsame Krankheit die
-Menschheit ergriff. Bei ihrem ersten Erscheinen,
-im 11. und im 13. Jahrhundert,
-nur einzelne Individuen ergreifend, tauchten
-1374 in Aachen Scharen von Männern und
-Frauen auf, die, wie von einer höheren
-Macht getrieben, Hand in Hand Reigen
-bildeten, und erst gemächlich, dann immer
-toller, anscheinend ihrer Sinne nicht mächtig
-in wilder Raserei ohne Scheu vor den Zuschauern
-tanzten, bis sie erschöpft zu Boden
-sanken. Wie eine Epidemie breitete sich
-diese Tanzlust aus, namentlich aus den
-niederen Volksschichten unzählbaren Zuzug
-<a class="pagenum" id="page_294" title="294"> </a>
-erhaltend. Nach allen Städten verpflanzte
-sich durch umherziehende Tanzkranke diese
-Seuche, die Müssiggängern und losen Weibern
-ein willkommener Deckmantel war,
-betteln und ihren Gelüsten frönen zu
-können. Denn zweifellos befanden sich
-unter den armen hysterischen St. Veitstänzern
-eine Unzahl von Simulanten, worüber
-übrigens helle Köpfe schon damals
-nicht im Zweifel waren<a name="FNanchor_194" id="FNanchor_194"
-href="#Footnote_194" class="fnanchor">[194]</a>, wie aus folgender
-zeitgenössischer Schilderung hervorgeht:
-»Anno 1374 zu mitten im Sommer,
-da erhub sich ein wunderlich Ding auff
-Erdreich, und sonderlich in Teuttschen Landen,
-auff dem Rhein und auff der Mosel,
-also dass Leute anhuben zu tantzen und
-zu rasen, und stunden je zwey gegen ein,
-und tantzten auff einer Stätte ein halben
-Tag, und in dem Tantz da fielen sie etwan
-ufft nieder, und liessen sich mit Füssen
-tretten, auff ihren Leib. Davon nahmen sie
-sich an, dass sie genesen wären. Und lieffen
-von einer Stadt zu der andern, und von
-einer Kirchen zu der andern, und huben
-Geld auff von den Leuten, wo es ihnen
-<a class="pagenum" id="page_295" title="295"> </a>
-mocht gewerden. Und wurd des Dings also
-viel, dass man zu Cölln in der Stadt mehr
-dann fünfhundert Täntzer fand. Und fand
-man, dass es eine Ketzerey war, und geschahe
-um Golds willen, dass ihr ein Theil
-Frau und Mann in Unkeuschheit mochten
-kommen, und die vollbringen. Und fand
-man da zu Cölln mehr dann hundert Frauen
-und Dienstmägde, die nichteheliche Männer
-hatten. Die wurden alle in der Täntzerey
-Kinder-tragend, und wann dass sie tantzeten,
-so bunden und knebelten sie sich hart um
-den Leib, dass sie desto geringer wären.
-Hierauff sprachen ein Theils Meister, sonderlich
-der guten Artzt, dass ein Theil werden
-tantzend, die von heisser Natur wären, und
-von andern gebrechlichen natürlichen Sachen.
-Dann deren war wenig, denen das geschahe.
-Die Meister von der heiligen Schrift, die
-beschwohren der Täntzer ein Theil, die
-maynten, dass sie besessen wären von dem
-bösen Geist. Also nahm es ein betrogen
-End, und währete wohl sechszehn Wochen
-in diesen Landen oder in der Mass. Auch
-nahmen die vorgenannten Täntzer Mann
-und Frauen sich an, dass sie kein roth sehen
-möchten. Und war ein eitel Teuscherey,
-und ist verbottschaft gewesen an Christum
-<a class="pagenum" id="page_296" title="296"> </a>
-nach meinem Bedünken.«<a name="FNanchor_195" id="FNanchor_195"
-href="#Footnote_195" class="fnanchor">[195]</a> Da auch die
-Kölner Chronik von 1374 (Cöllen 1499) »vill
-bouerie« (Büberei) unter den Tanzkranken
-vermutet, was auf sich allgemein ausbreitendes
-Misstrauen schliessen liess, so erlosch
-die Krankheit nach und nach von selbst,
-als die Teilnahme des Publikums für die
-von ihr Befallenen gänzlich erstorben war,
-um noch einmal im Verlauf der Geschichte,
-in Frankreich während der Jahre 1727 bis
-1762, also volle 40 Jahre, als »Konvulsionen«
-mit ausgeprägt erotischem Charakter, eine
-Rolle zu spielen.<a name="FNanchor_196" id="FNanchor_196"
-href="#Footnote_196" class="fnanchor">[196]</a></p>
-
-<p>Eines der Hauptvergnügen für die mutwillige
-Jugend bestand, wie erwähnt, bei
-den Reigentänzen im Umwerfen oder Fallenlassen
-der Tänzerin, um dadurch ihre Kleider
-in Unordnung zu bringen. Ein Sittenschilderer
-aus der Zeit vor dem Dreissigjährigen Krieg
-klagt darüber, es sei nichts gewöhnlicher,
-»als dass man auf <em>feierlichen Hochzeiten</em>
-eine Menge von Kleidungsstücken abwarf und
-dann erst tanzte, und dass man das Frauenzimmer
-mit Fleiss in ganz unerhörter Weise
-<a class="pagenum" id="page_297" title="297"> </a>
-fallen liess«.<a name="FNanchor_197" id="FNanchor_197"
-href="#Footnote_197" class="fnanchor">[197]</a> Dieses <em>Umwerfen</em> wurde
-auch als Gesellschaftsspiel geübt, bei dem
-es dem männlichen Spieler darauf ankam,
-seine Partnerin, die auf dem Rücken eines mit
-aufgestützten Händen knienden Pagen sass
-und ihre Fusssohle an die des Gegners gestemmt
-hielt, umzuwerfen und dadurch zu
-entblössen. Ein Teppich im Nürnberger Germanischen
-Museum enthält ein Bild dieses
-»über Füesselin«, dem drei Damen, darunter
-eine Fürstin mit der Krone auf dem Haupte,
-voll Interesse zusehen.</p>
-
-<p>Ein Züricher Mandat von 1532 beschäftigt
-sich mit diesem Umwerfen, ebenso das
-Nimburger Stadtwesen, das das »bolderböhmische«
-Spiel rügt. Ein anderes Gesellschaftsspiel
-beschreibt Karlmeinet. Da tragen
-erst die Herren die Damen und dann diese
-die Herren. Der Kussraub, wie dies bei
-Karlmeinet Godyn der Orie thut, wird wohl
-ein wichtiges Moment dieses Spieles gewesen
-sein, denn Küssen als Spiel kommt gleichfalls
-in der langen Reihe von höfischen Gesellschaftsspielen
-vor, die der Verfasser des
-Gedichtes »Der tugenden schatz«<a name="FNanchor_198" id="FNanchor_198"
-href="#Footnote_198" class="fnanchor">[198]</a> wie folgt
-berührt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Zwei halsten mit luste,</div>
- <a class="pagenum" id="page_298" title="298"> </a>
- <div class="verse indent0">Zwei einz daz ander kuste.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Das von Murner erwähnte Spiel oder
-Lied »Der Schäfer von der neuen Stadt«<a name="FNanchor_199" id="FNanchor_199"
-href="#Footnote_199" class="fnanchor">[199]</a>
-endete mit einer allgemeinen Abküsserei,
-daher die von dem Dichter angeknüpfte
-Nutzanwendung.</p>
-
-<p>Ein Bauernspiel erwähnt Nithart von
-Reuenthal als »wemplink bergen« in einem
-von gemeinstem Cynismus strotzenden, geradezu
-landsknechtsmässigem Gedicht. Da er
-dem »Wemplink« eine obscöne Nebendeutung
-gibt, ist aus dem Gedichte nicht ersichtlich,
-wie dieses Spiel in Wirklichkeit vor sich
-ging.</p>
-
-<p>Wenn Hans Sebald Beham (ca. 1500 bis
-1550) nicht übertreibt, was bei der photographischen
-Treue seiner geistvollen Bilder
-kaum anzunehmen ist, so war das Umwerfen
-besonders in den <em>Spinnstuben</em>
-der Dörfer gleich vielen anderen Rüdheiten
-heimisch.</p>
-
-<p>Das bekannte Spinnstubenbild des Nürnberger
-Meisters gibt eine ganze Musterkarte
-von abstossenden Zuchtlosigkeiten in
-einer Spinnstube, die, wenn sie auch in ihrer
-<a class="pagenum" id="page_299" title="299"> </a>
-Gesamtheit übertrieben oder einzelne von
-ihnen aufgebauscht sein mögen, doch noch
-immer das einmütige Verdammungsurteil
-gegen die Spinnstuben rechtfertigen. Es
-müssen wahre Lasterhöhlen gewesen sein,
-diese Bauernstuben, in denen sich die Dorfweiblichkeit
-an den langen Winterabenden
-zum gemeinsamen Spinnen versammelte.
-Wo die Mädchen waren, blieben natürlich
-auch die Burschen nicht aus, um die Schönen
-bei der Arbeit zu zerstreuen und ihnen beim
-Spinnen zu helfen. Namentlich das Abschütteln
-der Abfälle des Hanfs, des Agen,
-von den Kleidern, gab Anlass zu vielen zudringlichen
-Scherzen.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Da bin ich all nacht gegangen zum rocken</div>
- <div class="verse indent0">Da kund man mir mit öpfeln locken,</div>
- <div class="verse indent0">Da wart ich den meiden die agen abschütteln</div>
- <div class="verse indent0">Und ward oft eine mit dem hindern rütteln</div>
- <div class="verse indent0">Und kund ihr wol unten warten zum leib«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>heisst's in einem Fastnachtsspiele.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Ich schatz wir gen zum rockenspinnen</div>
- <div class="verse indent0">Und schuten (schütteln) den meiden die agen ab«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>schlägt in einer anderen Posse ein Dorfjüngling
-seinem Genossen vor.</p>
-
-<p>Die Dirnen, die sich zum Spinnen einfanden,
-wussten ganz genau, worauf die Anwesenheit
-<a class="pagenum" id="page_300" title="300"> </a>
-der Männer hinauslief, darum
-fanden diese auch nur zu williges Gehör.
-Zu wüsten Orgien wurden diese Versammlungen,
-wenn ein gefälliger Zufall oder ein
-loser Schelm den qualmenden Lichtspan
-zum Verlöschen brachte.</p>
-
-<p>Die Weistümer gehen deshalb zuweilen
-gegen die Spinnstuben vor, unter anderen
-das Weistum von Nörfeld bei Darmstadt<a name="FNanchor_200" id="FNanchor_200"
-href="#Footnote_200" class="fnanchor">[200]</a>,
-in dem es heisst:</p>
-
-<p>Es solle auf die höchste Busse erkannt
-werden, wenn »wer spinnstuben in seinem
-hausse zu halten unterstehen würde«. In der
-Ehaltenordnung von Thierhaupten in Bayern
-1475 heisst es von den Mägden: »sie sollen
-zu nachts nit ausgên mit dem rocken in
-ein dants hin, dann mit wissen und erlauben
-der milchfrawen (der Obermagd)«. Am unzweideutigsten
-spricht sich jedoch ein Nürnberger
-Erlass von 1572 aus: »... das mehrmalen
-in solchem zusammen den Eltern
-Töchter verfüret hinder den Vättern zu vnziemlichen
-Ehen vberredt, auch etwo geschwecht
-vnnd gar zu schannden bracht
-worden. Das auch die gesellen an einander
-darob verwartten, verwunden vnd todschlagen
-<a class="pagenum" id="page_301" title="301"> </a>
-.... etc.«<a name="FNanchor_201" id="FNanchor_201"
-href="#Footnote_201" class="fnanchor">[201]</a> Weitere Verordnungen,
-die ausser der Ausschweifung und den in
-den Spinnstuben gang und gäben Raufereien
-noch die durch das unvorsichtige Hantieren
-mit Feuer und Licht entstehenden Brände
-hervorheben, wiederholen sich bis zur Mitte
-des 18. Jahrhunderts, ohne aber die Spinnstuben
-selbst und ihre unschöne Gefolgschaft
-ausrotten zu können.</p>
-
-<p>Der Bauerntrotz wusste von jeher den
-Befehlen der ihm verhassten Behörde ein
-Erstrecht entgegenzusetzen, um so mehr, wo
-es sich bei ihm um altehrwürdige Institutionen
-handelte, die er innig verwachsen
-mit seinem Leben hielt. Der Vater verzieh
-dem Sohne gerne, was er selbst in der
-Jugend getrieben, und die Mutter, die sich
-vielleicht bei den Spinnstubenscherzen den
-Mann ergattert, hoffte von der Tochter dasselbe.
-Darum bestanden denn auch die
-Spinnstuben fort, bis sie die fortgeschrittene
-Industrie überflüssig gemacht; heute sind
-sie eine seltene Erscheinung geworden, die
-nur noch in entlegenen, vom Verkehre abgeschlossenen
-Wald- oder Gebirgsdörfern
-<a class="pagenum" id="page_302" title="302"> </a>
-hier und da auftauchen. In den Spinnstuben
-erklangen viele der Volkslieder zum
-ersten Male, die von dort aus ihren Weg
-in das Dörfchen und in das weite Land
-fanden, jene naiv sentimentalen oder kernig
-derben Gesänge, die Tagesereignisse, lokale
-Vorkommnisse oder irgend eine der ungeschulten
-Phantasie entsprungene Erzählung
-in ungefügen Versen illustrieren. Um manche
-dieser Lieder, wahre Perlen unserer Volkslitteratur,
-sei den Spinnstuben die von ihnen
-geübte Unmoral herzlich gern verziehen.</p>
-
-<p>Nur der Vollständigkeit halber will ich
-noch <em>die Spielkarten</em> erwähnen, in deren
-Bildern sich häufig die Freude unserer Vorfahren
-an unflätigen Scherzen ausdrückte.
-Derartige Karten, die z. B. Jost Amman verfertigte,
-sind aber kaum in alle Volksschichten
-gedrungen, ebensowenig wie die
-bodenlos schmutzigen Blätter, deren sich
-gewisse Potentätchen des 17. und 18. Jahrhunderts
-bedienten, die sich bemühten, die
-auf ihrer grossen Tour nach Frankreich aufgeschnappten
-Versailler Cochonnerien auf
-deutsche Erde zu verpflanzen und neben
-anderen »Desbauchen«, wie die grundehrliche,
-kernig-deutsche Elisabeth Charlotte von
-der Pfalz, Herzogin von Orleans, sagt, auch
-<a class="pagenum" id="page_303" title="303"> </a>
-Spielkarten mit Scenen à la Marquis de Sade
-verwendeten. Diese Schweinereien blieben
-zum Glück nur auf die »feine Gesellschaft«
-beschränkt, ebenso wie jene den tollsten
-Ausschweifungen huldigenden »Vergnügungsvereine«
-der Feigenbrüder u. s. w.</p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">
-Das Schönheitsideal.
-<a class="pagenum" id="page_304" title="304"> </a></h2>
-</div>
-
-<p>
-Die ganze rein sinnliche Denkungsart
-des Mittelalters drückt sich in dem Schönheitsideal
-aus, das die berufenen Vertreter
-der allgemein geltenden Anschauungen ihrer
-Zeit, die Dichter, der Nachwelt überlieferten.
-Nur rein körperliche Schönheiten heischen
-sie vom Weibe, denn wer bei ihnen schön
-ist, ist auch gut und edel, in einem hässlichen
-Körper wohnt nur eine schwarze
-Seele. Je weiter sich das Mittelalter der
-Neuzeit nähert, je mehr sich der Sittenverfall
-ausbreitet, um so gröber und materieller
-werden die Anforderungen, die man an den
-Frauenleib stellt, denn von seelischen Schönheiten
-ahnte man nichts.</p>
-
-<p>In der Epoche des Werdens, in der noch
-einzelne Naturlaute aus dem germanischen
-Wald- und Jagdleben in das unter fremden
-Einflüssen zusehends fortschreitende Leben
-<a class="pagenum" id="page_305" title="305"> </a>
-nachklingen, teilte man den der Germanin
-eigenen Rasseeigenschaften den Schönheitspreis
-zu. Ein bis ins Detail gehendes Bild
-einer wahrhaft schönen Frau setzt Alwin
-Schultz<a name="FNanchor_202" id="FNanchor_202"
-href="#Footnote_202" class="fnanchor">[202]</a> mosaikartig aus allen ihm zugänglichen
-frühmittelalterlichen Quellen wie folgt
-zusammen:</p>
-
-<p>»Im Allgemeinen galt also damals für
-schön, was auch dem Römer und Griechen,
-was ebenso uns heute noch so erscheint,
-indessen ist man in jener Zeit etwas weniger
-tolerant. Wir finden zum Beispiel die
-Blondine, wie die Brünette schön; gab es
-doch vor Kurzem eine Zeit, die selbst das
-rote Haar für schön erklärte<a name="FNanchor_203" id="FNanchor_203"
-href="#Footnote_203" class="fnanchor">[203]</a>: die Dichter
-des Mittelalters lassen nur das goldblonde
-Haar gelten. Eine mässig (ze mâzen) hohe
-Gestalt, blonde Haare, die glänzend, dem
-gesponnenen Golde gleich, in natürliche
-Locken gekräuselt, bei den Frauen zumal in
-Fülle lang herabwallen, ein weisser Scheitel,
-weisse, glatte, rundliche Stirn, schneeweisse
-Schläfe, dunkle, womöglich schwarze, schmale,
-<a class="pagenum" id="page_306" title="306"> </a>
-gewölbte, nicht zusammenstossende Augenbrauen,
-leuchtende, bewegliche Augen, eine
-mässig lange, nicht zu sehr vorstehende,
-gerade, nicht gebogene Nase, weiche, rosig
-angehauchte Wangen, ein kleiner Mund mit
-vollen, weichen, rothen, feurigen Lippen
-(ein kleinoelhitzerôter munt, wie Ulrich von
-Lichtenstein sagt), kleine, weisse, gleiche
-und dichtgestellte Zähne, ein ziemlich kleines,
-rundliches, weisses Kinn mit einem Grübchen,
-kleine, weisse, rundliche Ohren galten
-bei Frauen wie bei Männern für schön.</p>
-
-<p>Der Hals soll mässig lang und stark
-sein, weiss, glatt und weich, die Kehle weiss
-und voll mit glatter Haut. Von einer
-schönen Frau behauptete man, die Haut
-ihrer Kehle sei so zart, dass man, wenn
-die Dame roten Wein trinkt, ihn hinabfliessen
-sehe.<a name="FNanchor_204" id="FNanchor_204"
-href="#Footnote_204" class="fnanchor">[204]</a> Der Nacken ist weiss, die
-Schultern beim Manne breit, bei Frauen
-schmal. Feingebildete Achseln, runde, mässig
-lange Arme, weisse, lange und weiche
-Hände, lange, rundliche, innen rosige Finger,
-deren Gelenke nicht vorstehen, glänzende,
-gut gehaltene Nägel, wurden von einer
-<a class="pagenum" id="page_307" title="307"> </a>
-wahrhaft schönen Erscheinung gleichfalls
-verlangt. Den Frauen steht wohl an ein
-weisser, voller Busen, rundliche, wie gedrechselte,
-kleine und dicht gestellte Brüste<a name="FNanchor_205" id="FNanchor_205"
-href="#Footnote_205" class="fnanchor">[205]</a>;
-beim Manne schätzte man eine hohe und
-breite, wohlgewölbte Brust. Der Körper
-sollte schlank, mit feiner beweglicher Taille
-gebildet sein. Die übrigen Körperteile beschreiben
-die Dichter in der Regel nicht ...
-Die Füsse beider Geschlechter wünschte
-man schmal und klein, mit gewölbter Fußsohle;
-endlich galt zur Schönheit unbedingt
-eine weiche, glatte Haut, ein wie aus Rosen
-und Lilien gemischter Teint.«<a name="FNanchor_206" id="FNanchor_206"
-href="#Footnote_206" class="fnanchor">[206]</a></p>
-
-<p>Man muss ohne weiteres zugeben, dass
-sich in diesem Bilde ein geläuterter Geschmack
-offenbart, der dem moderner Dichter
-nicht nachsteht. Konrad Flecks Beschreibung
-der Blancheflur in seinem »Flore und
-Blancheflur« kann ohne Zusatz von einem
-neuzeitlichen Romantiker, um dessen Romane
-sich die Familienzeitschriften reissen, adoptiert
-<a class="pagenum" id="page_308" title="308"> </a>
-werden. »Goldglänzende Haare umspielen
-die weisser als Schnee glänzenden
-Schläfen. Feine, gerade Brauen ziehen sich
-über die Augen, deren Gewalt sich Keiner
-zu erwehren vermochte; Wangen und Mund
-rot und weiss, die elfenbeinernen Zähne
-ohne Tadel. Hals und Nacken wie vom
-Schwan, die Brust voll, die Seiten lang, die
-Taille zart und fein<a name="FNanchor_207" id="FNanchor_207"
-href="#Footnote_207" class="fnanchor">[207]</a>« &ndash; das dürfte ganz gut
-die Marlitt oder Nataly von Eschstruth geschrieben
-haben, wie der alte Konrad Fleck,
-den schon mehr als ein halbes Jahrtausend
-die kühle Erde deckt, ebenso wie der reizende
-Liebesbrief aus dem 14. Jahrhundert,
-namentlich folgende Stelle:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»So var nun hin, du verst mit ere,</div>
- <div class="verse indent0">Und grüsse mir die minnigliche, here,</div>
- <div class="verse indent0">Grüss mir irn rosen-varben mund</div>
- <div class="verse indent0">Grüss sie von mir zu tausend stund</div>
- <div class="verse indent0">Grüss mir ir' wänglein rosen-var</div>
- <div class="verse indent0">Grüss mir ir' spilden äuglein-klar</div>
- <div class="verse indent0">Grüss mir ir' hälslein harmin-weiss</div>
- <div class="verse indent0">Grüss die liebe mir mit fleiss</div>
- <div class="verse indent0">Grüss mir ir herz und ire sinne</div>
- <div class="verse indent0">Grüss mir meins herzens Königinne ...«<a name="FNanchor_208" id="FNanchor_208"
-href="#Footnote_208" class="fnanchor">[208]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_309" title="309"> </a>
-einen Romantiker aus der ersten Hälfte des
-vorigen Jahrhunderts zum Verfasser haben
-könnte.</p>
-
-<p>Kein Mensch wird es den Damen der
-Ritterzeit verdenken, wenn sie, als echte
-Evastöchter, Reize, die ihnen Mutter Natur
-versagte, durch kleine Nachhelfungen zur
-vollen Höhe jenes dichterischen Ideals zu
-heben suchten. Man strich sich das Gesicht
-mit roter und weisser Schminke an,
-trotzdem das Schminken nicht für anständig
-galt. Weisse Farbe, Firnis, Alaun, Quecksilber,
-Kampfer, Weizenmehl, Rotholz, pulverisierte
-Cyclamenwurzeln (<i>panis porciuso</i>)
-wurden zu Schminken verarbeitet. Wer
-die Fabrikation der Schminke scheute, der
-konnte sie von einem wandernden Krämer
-erstehen.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Krämer gip die varwe mir,</div>
- <div class="verse indent0">Di min wengel röte«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>bittet eine Ritterdame einen dieser Hausierer.<a name="FNanchor_209" id="FNanchor_209"
-href="#Footnote_209" class="fnanchor">[209]</a></p>
-
-<p>Im Nibelungenlied wird rühmend hervorgehoben,
-dass sich am Hofe des Markgrafen
-Rüdigers in Bechelaren keine »gevelschet«
-Frauen fanden, woraus dieses Vorkommnis
-als Ausnahmefall, der besonderer Erwähnung
-<a class="pagenum" id="page_310" title="310"> </a>
-verdient, erkannt wird. Wie allgemein
-die Unsitte des Schminkens verbreitet war,
-geht schon daraus hervor, dass sich selbst
-um 1170 die Bäuerinnen »vremde varwe«
-ins Gesicht schmierten, um den Töchtern
-vornehmer Leute zu gleichen.<a name="FNanchor_210" id="FNanchor_210"
-href="#Footnote_210" class="fnanchor">[210]</a> Auch die
-Herren der Schöpfung mögen bisweilen zum
-Schminktopfe gegriffen haben, was aber
-nicht zur Erhöhung ihres Ansehens beitrug.<a name="FNanchor_211" id="FNanchor_211"
-href="#Footnote_211" class="fnanchor">[211]</a></p>
-
-<p>Bruder Berthold von Regensburg erklärt
-diesen »Färberinnen« und »Gilberinnen«,
-d. i. denen, die sich das Haar blond beizen,
-den Krieg, indem er ihnen von der Kanzel
-herab die Worte in das Gesicht schleudert:
-»Die Gemalten und Gefärbten schämen sich
-ihres Antlitzes, das Gott nach sich gebildet
-hat, und darum wird auch er sich ihrer
-schämen und sie werfen in den Abgrund
-der Hölle!« Der Augustinermönch Gottschalk
-Hallen zu Osnabrück († 1481) sagt
-sogar den Nonnen nach, dass sie sich die
-Gesichter anstreichen. Wie sich später die
-Damen Gesicht und Körper zu korrigieren
-wussten, soll noch mitgeteilt werden.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_311" title="311"> </a>
-Je weiter das Mittelalter sich seinem
-Übergange zur Neuzeit nähert, desto derb-sinnlicher
-wird der Schönheitsbegriff, bis er
-endlich bei einem Punkte angelangt ist, wo
-das Weib nur nach seiner Tauglichkeit zur
-Sinnenlust beurteilt wird.</p>
-
-<p>Wenn Eberhard von Cersne einst allen
-Ernstes die Frage erörterte und Zweifel darüber
-hegt, ob die obere oder die untere
-Hälfte der Geliebten der bessere Teil sei<a name="FNanchor_212" id="FNanchor_212"
-href="#Footnote_212" class="fnanchor">[212]</a>,
-so entscheidet sich die unter dem Zeichen
-des heiligen Grobianus stehende Zeit für
-den unteren Teil.</p>
-
-<p>Albrecht von Eyb, noch der Züchtigsten
-einer, citiert: »Es schreibt Plautus, dass eine
-hübsche nackende Frau sey hübscher, denn
-sie ist mit Purpur gekleidt.« Trotzdem weiss
-dieser gelehrte Humanist (1420-1475) die
-Sittsamkeit der Frauen zu schätzen, denn
-sein Schönheitsideal ist: »Ugolinus schreibt,
-dass die als eine hübsche Frau werd angesehen,
-die da hübsch ist und geziert, von Haupt
-wohlgestalt, eines fröhlichen Anblicks, von
-kleinen subtilen Gliedern und schmalen
-Leibs, weiss als Milch und mürb als ein
-Hühnle, dass du sie mit einem Nagel des
-<a class="pagenum" id="page_312" title="312"> </a>
-Fingers schneiden magst, und ist züchtig
-und schimpflich (scherzhaft) und schämig,
-und ist eines sittigen Gangs und guter Sitten
-und ist mit Tugenden wohl geziert. Dieselbig
-Frau übertrifft weit die Hübsche der
-Venus und ist zu preisen.«<a name="FNanchor_213" id="FNanchor_213"
-href="#Footnote_213" class="fnanchor">[213]</a></p>
-
-<p>In dieser Schilderung zeigt sich der
-von den Klassikern gebildete Geist. Wo
-dieser fehlt, setzte man sich aus den, den
-Schönen der verschiedensten Gegenden nachgerühmten
-Vollkommenheiten ein Ideal
-zusammen, bei dem man selbst die intimsten
-Intimitäten nicht übersah. Eine
-der zahmsten Beschreibungen dieser Art ist
-nachstehende Priamel:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Ein Weib nach Hübschheit als ich sag,</div>
- <div class="verse indent0">Müsst haben eines Weibs Haupt von Prag</div>
- <div class="verse indent0">Ein Büschlein von einer aus Frankreich</div>
- <div class="verse indent0">Und zwei Brüstlein von Oesterreich,</div>
- <div class="verse indent0">Ein Kehl und Rücken von Brabant,</div>
- <div class="verse indent0">Von Kölner Weibern die weisse Hand,</div>
- <div class="verse indent0">Zwei Füsslein dort her vom Rhein</div>
- <div class="verse indent0">Von Baiern soll'n die Sitten sein</div>
- <div class="verse indent0">Und die Red dort her von Schwaben</div>
- <div class="verse indent0">So thäten sie die Frauen begaben.«<a name="FNanchor_214" id="FNanchor_214"
-href="#Footnote_214" class="fnanchor">[214]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_313" title="313"> </a>
-In einem ähnlichen Verschen wird die
-Frauenschönheit in »fünfunddreissig Schönheitsstuck
-eines hübschen Jungfräuleins im
-Hochzeitswald« also zerlegt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Drei weiss, drei schwarz, drei rothe Stück</div>
- <div class="verse indent0">Drei lang, drei kurze und drei dick,</div>
- <div class="verse indent0">Drei lang, drei kleine und drei enge,</div>
- <div class="verse indent0">Und sonsten rechte Breit und Länge,</div>
- <div class="verse indent0">Den Kopf von Prag, die Füss vom Rhein,</div>
- <div class="verse indent0">Die Brüst aus Oesterreich von Krain (Chrein)</div>
- <div class="verse indent0">Aus Frankreich den gewölbten Bauch,</div>
- <div class="verse indent0">Aus Baierland das Büschlein rauch,</div>
- <div class="verse indent0">Rücken aus Brabant, Händ aus Cöln,</div>
- <div class="verse indent0">Den A .... aus Schwaben küsst ihr Gselln.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Weitere Schilderungen, so eine im Liederbuch
-der Hätzlerin und in den Facetien
-Bebels<a name="FNanchor_215" id="FNanchor_215"
-href="#Footnote_215" class="fnanchor">[215]</a> gehen <em>noch</em> mehr ins Detail, wie
-die angeführten, darum verzeiht man mir
-wohl, wenn ich sie mir schenke. Weniger
-drastisch ist die Schilderung einer Frankfurter
-Jungfrau, deren Lob in einem Ständchen
-erklang, das in der Johannisnacht
-1471 von Adolph Knoblauch, Philipp Ratzmann,
-Heirt Egerheim, Arnold Schwarzenberg,
-Bernhard Rohrbach und Theobald
-Börlin vorgetragen wurde, »und hatten ein
-lauten darin und ging also«:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»<em>Feil rosenblümelein.</em></div>
- <a class="pagenum" id="page_314" title="314"> </a>
- <div class="verse indent0"><em>Nun wach uf schöne Jungfrau fein!</em></div>
- <div class="verse indent0">Nun kommen wir gegangen † (zweimal)</div>
- <div class="verse indent0">Und werden schön empfangen †</div>
- <div class="verse indent0">In einer schönen Jungfrauen haus</div>
- <div class="verse indent0">Die hie züchtig geht ein und aus</div>
- <div class="verse indent0">Woltet ir uns nit kennen †</div>
- <div class="verse indent0">So woln wir uns euch nennen:</div>
- <div class="verse indent0">Wir nennen uns mit rechte †</div>
- <div class="verse indent0">Der schön jungfrauen knechte †</div>
- <div class="verse indent0">Ach schön jungfrau seit wohlgemut †</div>
- <div class="verse indent0">Und nembt den schimpf von uns vor gut.</div>
- <div class="verse indent0">Sie ist so gar on argelist †</div>
- <div class="verse indent0">An zucht und eren ir nit gebrist †</div>
- <div class="verse indent0">Sie ist auch aller tugend voll: †</div>
- <div class="verse indent0">Was sie tut, das ziembt ir wol: †</div>
- <div class="verse indent0">Sie ist so tugendlich und fein †</div>
- <div class="verse indent0">Und leucht recht als der sonnen schein.</div>
- <div class="verse indent0">Sie gleicht euch wol dem hellen Tag</div>
- <div class="verse indent0">Kein mensch ir lob, schön preisen mag</div>
- <div class="verse indent0">Man kann an leib, gut oder eren</div>
- <div class="verse indent0">Der immer zarten nit verberen (nicht von ihr lassen) †</div>
- <div class="verse indent0">Sie hat ein rosenfarben mund, †</div>
- <div class="verse indent0">Zwei wängelein fein zu aller stund, †</div>
- <div class="verse indent0">Sie hat ein schönes goltfarb haar, †</div>
- <div class="verse indent0">Zwei äugelein lauter und klar. †</div>
- <div class="verse indent0">Ir zähn sind weiss als helfen bein,</div>
- <div class="verse indent0">Zwei brüstlein die sind rund und klein,</div>
- <div class="verse indent0">Ir seiten die sind dünn und lang, †</div>
- <div class="verse indent0">Zwei händlein schmal und dazu blank,</div>
- <div class="verse indent0">Ir füsslein schlecht und nit zu breit. †</div>
- <div class="verse indent0">Der eren kron sie billich treit. †</div>
- <div class="verse indent0">Jungfrau geht wieder hin zu bett. †</div>
- <div class="verse indent0">Gott geb euch alls, das ir gern hätt; †</div>
-<a class="pagenum" id="page_315" title="315"> </a>
- <div class="verse indent0">Dass euer glück und heil sich mere †</div>
- <div class="verse indent0">Das gonn euch gott in hohen eren......</div>
- <div class="verse indent0">Feil rosenblümelein!</div>
- <div class="verse indent0">Nun schlafet schöne jungfrau fein.<a name="FNanchor_216" id="FNanchor_216"
-href="#Footnote_216" class="fnanchor">[216]</a>«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Um diesem Ideal möglichst nahe zu
-kommen, griff man schon um die Mitte des
-zwölften Jahrhunderts zu den Gewaltmassregeln
-des Einschnürens. Die heilige Elisabeth
-von Schönau (1156-57) liess dagegen
-schon strenge Ermahnungen ergehen<a name="FNanchor_217" id="FNanchor_217"
-href="#Footnote_217" class="fnanchor">[217]</a>, die
-sich dann bis zum heutigen Tage wiederholten.
-Zu Ende des 14. Jahrhunderts klagt
-ein Dichter: »Vor Zeiten zwängte man Leib
-und Gewand nicht zusammen. Das hat
-sich jetzt ganz verändert: die Frauen binden
-sich nun selbst an Leib und Armen. Das
-möge Gott erbarmen, dass sich heute ein
-zartes Weib selbst den hübschen Leib bindet,
-so dass sie sich nicht rühren kann, gleich
-dem, als wäre sie in einen Sack gestossen
-und gebunden.«<a name="FNanchor_218" id="FNanchor_218"
-href="#Footnote_218" class="fnanchor">[218]</a></p>
-
-<p>Der österreichische Sittendichter Peter
-Suchenwirt, wirft den eitlen Weibern vor,
-<a class="pagenum" id="page_316" title="316"> </a>
-dass sie sich die Hüften mit Watte auspolsterten.
-Dasselbe rügt das Gedicht »Das
-Teufels Netz«; sie schnüren sich, »das sie
-enmitten werdind klain (schlank)«, und wenn
-sie hinten »als ain brett« sind, machen sie
-sich doch gross und dick, und des Nachts
-hängen sie dann derartige Turnüren zum
-Auslüften an die Stange. In Thüringen
-waren um 1400 ähnliche Polsterungen Mode.</p>
-
-<p>Wo starke Brüste Mode waren, stopfte
-man sich die Brust aus, im Gegenteile suchte
-man durch das enge Obergewand den Busen
-thunlichst zu verkleinern.</p>
-
-<p>Falsche Zähne, falsches Gelock<a name="FNanchor_219" id="FNanchor_219"
-href="#Footnote_219" class="fnanchor">[219]</a> und
-andere weibliche Falschheiten waren üppigen
-Frauen längst nichts Neues mehr, desgleichen
-die Schminke und ihre kunstvolle Verwendung:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Habt ihr zu Haus auch dran gedacht,</div>
- <div class="verse indent0">Dass ihr das Kästchen mitgebracht,</div>
- <div class="verse indent0">Aus welchem ihr euch täglich putzt</div>
- <div class="verse indent0">Und zu dem Feiertag aufstutzt?</div>
- <div class="verse indent0">Das Büchslein liegt verschlossen drin,</div>
- <div class="verse indent0">Daraus ihr färbet euer Kinn</div>
- <div class="verse indent0">Und auch die Bäcklein farbig malt,</div>
- <div class="verse indent0">Auf dass ihr schön und zierlich strahlt;</div>
- <div class="verse indent0">Durch Schminke lasst die Haut ihr blitzen.«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_317" title="317"> </a>
-fragt Murner.<a name="FNanchor_220" id="FNanchor_220"
-href="#Footnote_220" class="fnanchor">[220]</a> Und »er Angesichte vorwanschapen
-(verunstalten) se mit Düvels
-drecke vnde Sathans specke, dat ydt glentzet,
-alse eme gemalete Hilligen larwe« sagt der
-Rostocker Prediger Nikolaus Gryse in seiner
-Laienbibel.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Sie värwend och ir blaichen wang,</div>
- <div class="verse indent0">Daz si dert her gat glitzen,</div>
- <div class="verse indent0">Als obs us aim badgang switzen«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>steht im »Teufels Netz«.</p>
-
-<p>Selbstverständlich ist die Dame ängstlich
-besorgt, ihre Toilettengeheimnisse nicht zu
-verraten:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Wescht, malt doby das angesicht,</div>
- <div class="verse indent0">Daruff hab acht ein yedes wib:</div>
- <div class="verse indent0">Die kunst domit sy ziert den lyb,</div>
- <div class="verse indent0">Das die dem mann nit kum zu henden;</div>
- <div class="verse indent0">Sie möcht sich selber domit schenden.</div>
- <div class="verse indent0">Nit strel, nit zwag, nit richt dyn har,</div>
- <div class="verse indent0">Das solchs ein man sehe offenbar.</div>
- <div class="verse indent0">Du möchst im sunst missfallen gar.«<a name="FNanchor_221" id="FNanchor_221"
-href="#Footnote_221" class="fnanchor">[221]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">
-Die Kleidung.
-<a class="pagenum" id="page_318" title="318"> </a></h2>
-</div>
-
-<p>
-Die Kleidung der Germanen war einfach
-und rauh wie ihre Heimat und ihre Lebensweise.
-Wie Pomponius Mela berichtet, gingen
-die Knaben bis zur vollendeten Reife selbst
-in der grössten Kälte nackt umher; nachdem
-sie erwachsen sind, bedienten sie sich
-nur eines wollenen, viereckigen Schulterumhangs
-oder einer aus Bast geflochtenen
-Decke. Cäsar<a name="FNanchor_222" id="FNanchor_222"
-href="#Footnote_222" class="fnanchor">[222]</a> gibt an, die Germanen
-trugen ein kurzes Gewand aus Tierfellen,
-das einen grossen Teil des Körpers unbedeckt
-lasse. Ausführlicher ist Tacitus.<a name="FNanchor_223" id="FNanchor_223"
-href="#Footnote_223" class="fnanchor">[223]</a>
-Er schreibt: »Die allgemeine Tracht ist ein
-Mantel, der mit einer Spange oder in deren
-Ermangelung mit einem Dorn zusammengehalten
-ist. So bringen sie, ohne weitere
-Bekleidung, den ganzen Tag am Herdfeuer
-<a class="pagenum" id="page_319" title="319"> </a>
-zu. Nur die Wohlhabendsten tragen ein besonderes
-Gewand, das nicht wallend, wie
-das sarmatische und persische, sondern eng
-anliegend ist und jeden Körperteil hervortreten
-lässt. Auch Tierfelle tragen sie; die
-in der Nähe des Rheins ohne weitere Auswahl,
-die weiter im Innern mehr auserlesene,
-da kein Handelsverkehr ihnen anderen
-Schmuck liefert. Sie suchen daher die verschiedenen
-Tierarten aus und verbrämen
-deren Fell noch mit den gefleckten Pelzen
-gewisser Tiere, die vom nördlichen Ozean
-und unbekannten Küsten kommen. Das
-Weib hat keine andere Tracht wie der Mann,
-nur kleidet es sich häufiger in leinene mit
-Purpurstreifen verzierte Gewänder. Diese
-haben keine Ärmel, so dass Schultern, Arme
-und ein Teil der Brust unbedeckt bleiben.«
-Strabo ergänzt dieses Bild durch die Schilderung
-von Priesterinnen der Cimbrer dahin:
-»Unter den mit ins Feld gezogenen Weibern
-befanden sich auch altersgraue, wahrsagende
-Priesterinnen, in weissen Gewändern, deren
-Oberkleid, aus feinem Flachs, mit einer
-Schnalle befestigt war, mit ehernem Gürtel
-und nackten Füssen.«<a name="FNanchor_224" id="FNanchor_224"
-href="#Footnote_224" class="fnanchor">[224]</a></p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_320" title="320"> </a>
-Da bald nach der ersten Berührung mit
-den Römern die Männer sich eng anliegende
-Hosen zulegten, auch die Frauen ihre Oberkleider
-immer höher dem Halse zu emporsteigen
-liessen, so machte die altgermanische
-Kleidung einen durchaus ästhetischen Eindruck,
-an dem selbst ein Splitterrichter nichts
-auszusetzen gehabt hätte. Im frühen Mittelalter
-bis zum elften Jahrhundert zeichnete
-sich die Gewandung durch kostbare Stoffe
-in reichen Farben aus, über deren Pracht wohl
-hie und da eine Stimme, sogar im Jahre 808
-die erste der »Kleiderverordnungen«, laut
-wird, nicht aber über den Schnitt.</p>
-
-<p>Erst im elften Jahrhundert erregte die
-Enge der Frauenkleidung, die die Körperformen
-weit plastischer hervortreten liess
-als die bisherige, vom Oberkörper niederwallende,
-als leichtfertig und schamlos den
-Zorn der Geistlichkeit. Ein Anzug eines
-jungen Mädchens dieser Zeit würde auch
-heute nicht ganz einwandfrei passieren
-können. »Die Dame trägt ein dunkelblaues,
-mit roten Ringornamenten gewirktes Oberkleid,
-das bis auf die Oberschenkeln reicht.
-Das weisse Unterkleid ist von hier an ausgeschnitten
-und fällt zurück. Man sieht
-daher die mit roten Langstrümpfen bekleideten
-<a class="pagenum" id="page_321" title="321"> </a>
-Beine, an denen eine Reihe weisser
-Knöpfe hinunterläuft. Das Oberkleid hat
-um die Taille und am unteren Ende einen
-breiten goldenen Bortenbesatz, am Halse
-einen mennigfarbenen. Die Ärmel sind eng.«<a name="FNanchor_225" id="FNanchor_225"
-href="#Footnote_225" class="fnanchor">[225]</a></p>
-
-<p>Die Bestandteile der Kleidung waren
-ein mehr oder weniger feines, selbst seidenes
-und goldgesticktes Hemd, darüber der Rock,
-den um die Taille ein Gürtel oder Riemen
-zusammenhielt und je nach der Jahreszeit
-ein gefütterter Mantel. Die Füsse deckten
-genähte Strümpfe. Sonst gab es keine
-Unterkleider, wenigstens waren sie nicht
-allgemein. Nur zu starke Busen wurden
-durch ein Tuch unter dem Kleide zusammengehalten.
-Bei den Bäuerinnen wird wohl
-das Mieder &ndash; muoder &ndash; den gleichen
-Zweck erfüllt haben.</p>
-
-<p>Die Männerkleidung jener Epoche bietet
-für unsere Zwecke nichts Bemerkenswertes.
-Erwähnt zu werden verdient nur, dass
-Männer mit Frauen in der Kostbarkeit
-fremdländischer Stoffe wetteiferten, wogegen
-Luxusgesetze nichts auszurichten vermochten,
-geschweige denn Predigten, wie sie
-Berthold von Regensburg hielt.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_322" title="322"> </a>
-Das 14. Jahrhundert schuf einen jähen
-Modenwechsel. Die Männerkleider gestalteten
-sich zur engen Hose, bei der man
-das Gesäss und jede Muskel deutlich sah,
-und dem immer bizarrer werdenden Wamse
-um, das immer kürzer wurde, bis es kaum
-eine Spanne unter den Gürtel reichte. Man
-teilte es in zwei andersfarbige und anders
-gemusterte Hälften, wie man auch zuweilen
-die Hosen aus zwei verschieden gefärbten
-Beinteilen zusammensetzte. An den Füssen
-trug man die unschönen langen Schnabelschuhe.
-In der Speierer Kleiderordnung von
-1356 wird den Männern befohlen, die kurzen
-Wämser länger zu machen und die Schnabelschuhe
-abzulegen. Die Kölner Synode von
-1371 untersagt den Klerikern dieses Schuhwerk.</p>
-
-<p>Von nun an häufen sich die Kleider- und
-Luxusordnungen in Stadt und Land.
-Wie die Pilze nach dem Sommerregen
-schiessen sie empor und jedes Nestchen im
-weiten deutschen Reich muss wie sein
-Frauenhaus seine Kleiderordnungen haben,
-jene Äusserungen eines zopfigen Windmühlenkampfes,
-denen schon beim Entstehen
-ihre Aussichtslosigkeit prophezeit
-werden konnte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_323" title="323"> </a>
-Besonders gegen die Frauen richtete
-sich der Tenor aller Kleiderordnungen, besonders
-aber gegen einen Punkt, der fast
-allen diesen Edikten gemeinsam ist &ndash; die
-Dekolletage.</p>
-
-<p>Als die Pest, der schwarze Tod, seinen
-Würgezug beendet, bemächtigte sich der
-Verschonten eine tolle Daseinslust, die nach
-den eben durchlebten Zeiten des Grauens
-doppelt begreiflich erscheint. Der Würgengel,
-dem Hekatomben zum Opfer gefallen,
-war an ihnen vorübergegangen, wer wusste,
-ob er in seiner Unersättlichkeit nicht auch
-sie noch dahinraffte, ehe sie ihr Leben
-genossen? Diese Auffassung machte sich
-auf allen Gebieten des Lebens bemerkbar,
-am markantesten aber in der Tracht,
-die die herrschende Leichtlebigkeit wiederzuspiegeln
-begann. Der ernst gemessene
-Zuschnitt der Gewänder veränderte sich
-allenthalben. Wurden die Beinkleider der
-Männer enger, die Wämser bunter und
-kürzer, so verlängerten sich die Schleppen
-der Damen, und was sie hinten an Länge
-zunahmen, das büssten sie an Hals und
-Nacken ein.</p>
-
-<p>»Unde die Frauwen drugen wide heubtfinster
-(Kopffenster, Halsausschnitte) also daz
-<a class="pagenum" id="page_324" title="324"> </a>
-man ire broste binah halbe sach.«<a name="FNanchor_226" id="FNanchor_226"
-href="#Footnote_226" class="fnanchor">[226]</a> Die
-Speierer Kleiderordnung von 1356, eine der
-ersten Erlasse dieser Art, richtet sich gegen
-diese »Houbetloch«, aus dem die Schultern
-(ahsseln) so verführerisch hervorlugen, ohne
-dass der Kleiderausschnitt auf den Achseln
-aufliegt, und ebenso geht es in allen den
-unzähligen Edikten<a name="FNanchor_227" id="FNanchor_227"
-href="#Footnote_227" class="fnanchor">[227]</a>, von denen als Beispiel
-eine Strassburger Verordnung hier angeführt
-sei. »Item daz keine frowe, were die ist,
-hinnanfür me sich nit me schürtzen sol mit
-iren brüsten, weder mit hemeden noch gebrisen
-röcken noch mit keinre ander gevengnüsse,
-und daz ouch kein frowe sich nit
-me verwe und locke von totten har anhencken
-sülle. Und sunderliche, daz houptloch
-sol sin daz man ir die brüste nit gesehen
-müge, wenne die houptlöcher süllent
-sin nutz an die ahsseln.«<a name="FNanchor_228" id="FNanchor_228"
-href="#Footnote_228" class="fnanchor">[228]</a></p>
-
-<p>Der Geistlichkeit waren derartige Verbote
-Wasser auf ihre Mühlen, sie setzten in ihren
-<a class="pagenum" id="page_325" title="325"> </a>
-Predigten immer noch Trümpfe auf, wie
-Murner, der sich auch diesmal kein Blatt
-vor den Mund nimmt, sondern ungeschminkt
-die Wahrheit sagt:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Die Fraun der Scham entbehren thun.</div>
- <div class="verse indent0">So gross ward jetzund schlechte Zucht,</div>
- <div class="verse indent0">Dass man in <em>Blösse Zierde</em> sucht:</div>
- <div class="verse indent0">Man sieht ihnen mitten auf den Rücken</div>
- <div class="verse indent0">Und meisterhaft sie können schicken</div>
- <div class="verse indent0">Die Brüst' herfür, recht mit Behagen,</div>
- <div class="verse indent0">Die von Gestellen sind getragen;</div>
- <div class="verse indent0">Sie könnten sonst im Tuch ersticken.</div>
- <div class="verse indent0">»Mehr als die Hälfte lass' ich blicken,</div>
- <div class="verse indent0">Dass sie den Narren Lockung sei'n.</div>
- <div class="verse indent0">›Lass ab‹, sag' ich, ›was soll das sein‹,</div>
- <div class="verse indent0">Wenn er die Brust will greifen an:</div>
- <div class="verse indent0">›Was seid ihr für ein böser Mann!‹</div>
- <div class="verse indent0">Ich sag's bei meiner Ehr' fürwahr,</div>
- <div class="verse indent0">So frech noch nie ein Mannsbild war!«</div>
- <div class="verse indent0">Dem Mann sie so zur Wehr sich stellt,</div>
- <div class="verse indent0">Als wenn dem Esel der Sack entfällt.</div>
- <div class="verse indent0">Ganz heimlich greift sie mit der Hand,</div>
- <div class="verse indent0">Indem sie leistet Widerstand,</div>
- <div class="verse indent0">Und hängt ganz still das Häkchen aus,</div>
- <div class="verse indent0">Damit der Milchmarkt fällt heraus.<a name="FNanchor_229" id="FNanchor_229"
-href="#Footnote_229" class="fnanchor">[229]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>»Ich hort einist von eim Fürsten, der
-sprach zuo mir: »eintweders unsere frawen
-lernen von den metzen ihr cleidung oder
-aber die metzen lernen von unsern frawen
-<a class="pagenum" id="page_326" title="326"> </a>
-die cleidung,« sagt Geiler in seinen »Brösamlin«.
-Sie malten nach Murners Vorbild
-die Zuchtlosigkeit der Kleidung recht schön
-deutlich aus und entliessen ihre Zuhörerschaft
-zerknirscht, aber nicht gebessert.
-Narrheiten und Moden ist eben mit Verboten
-nicht beizukommen, sie wirken ansteckend
-und müssen, wie andere Epidemien
-auch, von selbst verlöschen.</p>
-
-<p>Wenn im Jahre 1461 der Eiferer Johannes
-Capistranus in dem ob der Leichtfertigkeit
-seiner Weiber verschrienen Ulm &ndash; »Huet
-dich vor Ulmer wiben«, besagt eine Darmstädter
-Handschrift von 1410 &ndash; die Geister
-seiner Zuhörerschaft derart zu entflammen
-wusste, dass drei Frauen, die des Predigers
-spotteten, vom Volke auf der Strasse gelyncht
-wurden<a name="FNanchor_230" id="FNanchor_230"
-href="#Footnote_230" class="fnanchor">[230]</a>, so fand es doch der Rat
-für gut, den Störenfried aus der Stadt zu
-weisen, denn genützt hätten seine Strafpredigten
-doch nichts, wohl aber geschadet.</p>
-
-<p>Aber nicht allein Unschönes und Leichtfertiges,
-sondern direkt Schamloses verlangte
-die Mode des 16. Jahrhunderts. Abgesehen
-von Vorfällen wie 1503 in St. Gallen, wo
-der Rat verbieten musste, völlig nackt in
-<a class="pagenum" id="page_327" title="327"> </a>
-der Stadt und ihrem Weichbilde umherzugehen<a name="FNanchor_231" id="FNanchor_231"
-href="#Footnote_231" class="fnanchor">[231]</a>,
-die ich als Ausnahme gelten lassen
-will, denn soweit verstieg sich denn doch
-die Zuchtlosigkeit sehr selten, bleibt noch
-genug Schandbares, besonders in der Männerkleidung,
-übrig. »Hinden plotz und vor
-verschamt,« spottet Suchenwirt über das
-hinten möglichst anliegende, dafür vorn um
-so weiter auslegende Beinkleid. Conrad
-Celtes, der berühmte Humanist († 1508)
-spricht sich in seiner »Descriptio Urbis
-Norinbergae« (Beschreibung der Stadt Nürnberg)
-Kap. VI über diese Moden also aus:
-Er schildert erst, dass die Leute meist in
-schwarz nach der Mode verschiedener Länder
-gekleidet seien und fährt dann fort: Bald
-in weiten, faltenreichen Kleidern nach Art
-der Sarmaten, eine Binde umgiebt den Kopf
-und es hängen am Körper Pelze; bald vertauschen
-sie die heimische Tracht gegen
-Hasuken von Ungarn, (cuculli) von Italien,
-bald ziehen sie nach Art der Franzosen mit
-Borten besetzte Mäntel und Röcke mit
-Ärmel, <em>bald pressen sie den Körper
-aufs knappste in enge Hosen und</em>
-<a class="pagenum" id="page_328" title="328"> </a>
-<em>Unterkleider, so dass alle Formen des
-Leibes sich scharf ausprägen</em> ....</p>
-
-<p>Die das Bein wie ein Trikot umschliessenden
-Beinlinge konnten, um dem Träger das
-Bücken nicht unmöglich zu machen, nur
-einseitig befestigt werden, wodurch sie meist
-hinten hinabrutschten, was allein schon Anlass
-zu Ärgernis gab. Doch der ewige Stein
-des Anstosses waren die Hosenlätze. Um
-das unbequeme Auftressen der Hose zu verhindern,
-setzte man auf den Vorderteil des
-Beinkleides einen Latz auf, was an sich
-vielleicht unschön, aber nicht verwerflich gewesen
-wäre, wenn die Modelaune nicht verlangt
-hätte, die Aufmerksamkeit auf diesen
-diskretesten Teil der Kleidung gewaltsam
-hinzulenken.</p>
-
-<p>Man suchte diesen Zweck auf verschiedene
-Weise zu erreichen. Entweder fertigte
-man den Latz in einer anderen Farbe an,
-als die Hose selbst hatte, wodurch der Latz
-um so auffallender wurde, besonders dann,
-wenn die einzelnen Beinlinge ohnehin schon
-in mi-parti, d. h. in zweierlei Farben angefertigt
-waren. Oder man stopfte den Latz
-derart aus, dass er weit aus der Hose hervorstand,
-so dass Joh. Fischart von Ochsenköpfen-,
-Hundsfidelbogen-, Schneckenhäuslein-
-<a class="pagenum" id="page_329" title="329"> </a>
-u. s. w. Lätzen reden konnte und ein
-Fliegendes Blatt 1555<a name="FNanchor_232" id="FNanchor_232"
-href="#Footnote_232" class="fnanchor">[232]</a> sagt: »Ein Latz
-muss sein darneben, wol eines Kalbskopfs
-gross.« Der Nürnberger Rat rügte dies
-mit derben Worten, die erkennen lassen,
-dass diese Latzarten ebenso verschiedenartig
-wie gemein waren. »Wann auch von ettlichen
-mannspersonen eyn unzüchtige schanndbare
-übung und gewonhait entstannden ist, also
-das sie ire letz an den hosen on notturfft
-grössen lassen und dieselben an tenntzen
-und anderhalben vor erbarn frowen und
-junckfrowen unverschawmbt ploss und umbedeckt
-tragen, das dann nit alleyn Got,
-sonnder auch erberkeyt und manlicher Zucht
-wider und unzymlich ist, demnach ist ein
-erber rat daran komen, vestigclich gebiettennde,
-das hinfüro eyn yedes mannspilde,
-burger oder inwoner dieser statt,
-seinen latz an den hosen nyt bloss, unbedeckt,
-offenn oder sichtigclich dragen, sonnder
-alle seine cleyder dermassen machen
-lassen und geprawchen soll, damit sein
-scham und latz der hosen wol bedeckt unnd
-nit ploss gesehenn werde. Dann wellicher
-sich also damit entplosset und desshalb
-<a class="pagenum" id="page_330" title="330"> </a>
-gerügt oder fürbracht wurde, und sich das
-mit seinem rechten nit benemen möcht, der
-solle darumb von eyner yeden überfaren
-fardt eynes yeden tags oder nachts gemayner
-statt zu puss verfallen sein und geben drey
-guldin.«<a name="FNanchor_233" id="FNanchor_233"
-href="#Footnote_233" class="fnanchor">[233]</a></p>
-
-<p>Eine Strassburger Verordnung vom 8. August
-1480 befiehlt allen »snydern, meistern
-und knechten bei iren eiden« hinfüro keine
-kurzen Mäntel mehr zu machen, die den
-Latz nicht bedecken, »doch mögent sie es
-eym jeglichen wol lange machen.«<a name="FNanchor_234" id="FNanchor_234"
-href="#Footnote_234" class="fnanchor">[234]</a></p>
-
-<p>Selbstverständlich konnte auch die Geistlichkeit
-diese Mode nicht ungerügt lassen.
-»Ich hab hören einen Mönch predigen, einen
-Bruder aus der Observanz: als dieser verdammt
-und heftig red'te wider den Überfluss
-der Kleider und wider den unverschamten
-Form, der daran und darin gemacht
-würd', beschloss er zuletzt auf <em>die</em> Weis mit
-solchen Worten: Die Buhler in unserer stadt
-sie strecken ihre Lätz, so weit aus den Hosen
-herfür, verwickelns auch und verstopfens
-mit so viel Tüchlein, dass, so die Metzen
-<a class="pagenum" id="page_331" title="331"> </a>
-wähnen, es seind Zumpen, so sind es
-Lumpen.«<a name="FNanchor_235" id="FNanchor_235"
-href="#Footnote_235" class="fnanchor">[235]</a></p>
-
-<p>Aber weder die Obrigkeit noch die Kleriker
-konnten diesen Moden etwas anhaben,
-sie bestanden allen Widersachern zum Trotz
-ruhig fort, ohne sich viel um Edikte und
-Schmähungen zu kümmern. Männer und
-Frauen blieben gleich kühl und thaten, was
-ihnen gefiel. Dies beweist schlagend folgende
-Notiz in der Eurisheimer Chronik<a name="FNanchor_236" id="FNanchor_236"
-href="#Footnote_236" class="fnanchor">[236]</a>: »Anno
-1492 was der Hoffart so viel, dass man
-weder geschrieben noch gelesen fand. dan
-man trug selzame Kleider, besonders die
-mann, von vielen farben und stückern, von
-flammen, bäumen, von asten, laubern und
-von buchstaben, das ist in warheit war, dass
-man wol ein wammest und hossen fand, das
-so viel stück hät, als tag im jahr sind. Und
-kost ein kleid alweg zweymal so viel zu machen,
-als das tuch dazu. Und trug das jung volck
-röck, die giengen mit mehr dann eyner hand
-breyt under dem gürtel, und sach man ihm
-die bruch &ndash; kurze Unterhose &ndash; hinten und
-vornen und was so scharf gemacht, das im
-<a class="pagenum" id="page_332" title="332"> </a>
-die hosen die arsskerb austheilten, das was
-ein hübsch ding, und hatten zullen vor ihn
-gross und spitz voraus gohn, und man einer
-vor dem tisch stund, so lag ihm die zull
-auf dem tisch. Also gieng man vor Kaiser,
-König, Fürsten und herren und für ehrbare
-frauen. Und gieng es so schandbar zu unter
-frauen und mannen, dass es gott leyd was.
-Die <em>frauen</em> trugen röck, dass man ihnen
-die ditlen (Brüste) sah vornen in den Bussen
-und hinten mitten in rücken, und köstlich
-von tuch und um das hauptloch und ermel
-was von seiten belegt« u. s. w.</p>
-
-<p>Gleich scharf geht Sebastian Brant in
-seinem 1494 erschienenen Narrenschiff gegen
-die Modethorheiten ins Gericht.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Auch Mädchen haben Narrenröcke;</div>
- <div class="verse indent0">Sie wollen jetzt tragen offenbar</div>
- <div class="verse indent0">Was sonst für <em>Männer</em> schändlich war:</div>
- <div class="verse indent0">Spitze Schuh' und ausgeschnittne Röcke,</div>
- <div class="verse indent0">Dass man den Milchmarkt nicht bedecke;</div>
- <div class="verse indent0">Sie wickeln viel Lappen in die Zöpfe</div>
- <div class="verse indent0">Und machen Hörner auf die Köpfe,</div>
- <div class="verse indent0">Wie sie sonst trägt ein mächt'ger Stier;</div>
- <div class="verse indent0">Sie gehn einher wie die wilden Thier'.«<a name="FNanchor_237" id="FNanchor_237"
-href="#Footnote_237" class="fnanchor">[237]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>heisst es über die Frauen, dann wieder mit
-<a class="pagenum" id="page_333" title="333"> </a>
-edler Unparteilichkeit vom stärkeren Geschlecht
-und seiner Gigerlhaftigheit:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Was sonst wol war ein schändlich Ding,</div>
- <div class="verse indent0">Das schätzt man schlicht jetzt und gering:</div>
- <div class="verse indent0">Sonst trug mit Ehren man den Bart,</div>
- <div class="verse indent0">Jetzt lernen Männer Weiberart</div>
- <div class="verse indent0">Und schmieren sich mit Affenschmalz</div>
- <div class="verse indent0">Und lassen am entblössten Hals</div>
- <div class="verse indent0">Viel Ring' und goldne Ketten sehn,</div>
- <div class="verse indent0">Als sollten sie vor Lienhart stehn.</div>
- <div class="verse indent0">Mit Schwefel und Harz pufft man die Haar'</div>
- <div class="verse indent0">Und schlägt darein dann Eierklar,</div>
- <div class="verse indent0">Dass es im Schüsselkorb' werd' kraus.</div>
- <div class="verse indent0"><em>Der</em> hängt den Kopf zum Fenster 'raus,</div>
- <div class="verse indent0"><em>Der</em> bleicht das Haar mit Sonn' und Feuer.</div>
- <div class="verse indent0">Darunter sind die Läus nicht theuer.</div>
- <div class="verse indent0">Die können es jetzt wol aushalten,</div>
- <div class="verse indent0">Denn alle Kleider sind voll Falten:</div>
- <div class="verse indent0">So Rock wie Mantel, Hemd wie Schuh,</div>
- <div class="verse indent0">Pantoffel, Stiefel, Hos' dazu,</div>
- <div class="verse indent0">Wildschur und die Verbrämung d'ran:</div>
- <div class="verse indent0">Der <em>Juden</em> Sitt' man sehen kann.</div>
- <div class="verse indent0">Vor <em>einer</em> Mod' die <em>andre</em> weicht,</div>
- <div class="verse indent0">Das zeigt, wie unser Sinn ist leicht</div>
- <div class="verse indent0">Und wandelbar zu aller Schande,</div>
- <div class="verse indent0">Und wieviel Neuerung ist im Lande.</div>
- <div class="verse indent0">Der Rock, &ndash; wie kurz und wie beschnitten! &ndash;</div>
- <div class="verse indent0">Reicht kaum bis zu des Leibes Mitten!</div>
- <div class="verse indent0">Pfui Schande deutscher Nation,</div>
- <div class="verse indent0">Dass man entblösst, der Zucht zum Hohn,</div>
- <div class="verse indent0">Und zeigt, was die Natur verhehlt!</div>
- <div class="verse indent0">Drum ist es leider schlecht bestellt......«<a name="FNanchor_238" id="FNanchor_238"
-href="#Footnote_238" class="fnanchor">[238]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_334" title="334"> </a>
-Geiler von Kaisersberg kommentiert in
-seinen Predigten über das Narrenschiff diesen
-Text in seiner geistvollen Weise, wobei er
-aber manches von Brant nur Angedeutete
-mit Behagen breittritt. Er spricht von den
-zerschnittenen und zerstochenen Wämsern,
-die vorn so offen sind, »das man mannen
-und frauen in busen sehen kann, den brustkernen,
-het schier gesagt: den brusthurenspiegel.«
-Geiler resümiert ferner in seiner
-Predigt »Von Kauffmanschatz« (1517, fol. 95b)
-alle nützen wie unnützen Zierden, mit denen
-sich die Frauen zu verschönern suchen: Für
-unnütz hält er: 1. har büffen (Püffe, Toupées),
-das har krauss machen; 2. Halsbänder;
-3. Spangen von den Frauen an der Brust
-getragen; 4. Stirnschmuck, »do sein etwa
-berlin (Perlen?) yn gefasst oder ander edelgestein«;
-5. Armzierden, als gestickte Ärmel,
-die sie auf den Achseln tragen, »und silbrin
-steffzen an den menteln; 6. Ohrringe, »als
-die Zyginer tragen«; 7. die langen schwentz
-an den Röcken und an den menteln«;
-8. Die Umschläge oben am Halse, »das letz
-an den mussecken (Brüsten) muss herussgon«;
-9. Die stumpfen und die spitzen
-Schuhe; 10. Die Knöpfe an solchen Stellen,
-die keiner Knöpfe bedürfen; 11. Die zerhauenen
-<a class="pagenum" id="page_335" title="335"> </a>
-Kleider, »wenn sie sie da tragen
-zerschnitten und zerhacket«<a name="FNanchor_239" id="FNanchor_239"
-href="#Footnote_239" class="fnanchor">[239]</a>; 12. »<em>So sind
-es die zoepff, die die frawen machen,
-da kein oder wenig har ist, und nemen
-frembd har und ist etwann todten har</em>,
-das sie darzu binden und muoss dan herfür
-gon, das man es sehe und man wen (man
-wähne), sie haben hübsch har; 13. <em>Die die
-in das bücksslin blosen, das sie ein
-ferblin empfahen</em> (d. h. die sich schminken,
-um bessere Farbe zu bekommen); 14. <em>Die
-Säcke, die sie um sich gürten.</em> Wenn
-die <em>Frauen</em> mager sind, so nehmen sie
-einen Sack oder grobes, dickes Tuch, »ist
-etwann mit baumwollen gefült«, das binden
-sie um sich, um dick zu erscheinen, wie
-ein »brotbeckerknecht«.<a name="FNanchor_240" id="FNanchor_240"
-href="#Footnote_240" class="fnanchor">[240]</a></p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_336" title="336"> </a>
-Doch was waren alle diese Ausfälle gegen
-die Verbissenheit, mit welcher protestantische
-Theologen, allen voran der Oberpfarrer in
-Frankfurt a. O., D. Andreas Musculus, gegen
-den aus den Niederlanden gekommenen
-Hosenteufel zu Felde zogen, gegen die
-schamlosen, geschlitzten, unförmigen, geschmacklosen
-Pluderhosen, zu denen bis zu
-hundertdreissig Ellen Zeug verschnitten werden
-musste. Zu welchen Verwünschungen
-verstieg sich nicht der gelahrte Mann in
-seinem »Vom zuluderten, zucht und ehrerwegenen,
-pludrichten Hosen Teuffel Vermahnung
-und Warnung«. Es wäre kein
-Wunder, wenn die Sonne nicht mehr schiene,
-die Erde nicht mehr trüge, und Gott in den
-nächsten Tagen wegen dieser greulichen
-und unmenschlichen Kleidung dreinschlüge;
-solche Bosheit werde zweifelsohne den jüngsten
-Tag herbeiführen u. s. w. ad infinitum
-mit Grazie, bis sich diese Hosenmode als
-Verbrechen gegen jedes einzelne der zehn
-Gebote erwiesen hatte. Kurfürst Joachim II.
-von Brandenburg unterstützte seines Lieblings
-Musculus' Bemühungen gegen die
-Pluderhosen durch Gewaltakte, so indem er
-drei Bürgersöhne mit solchen Ungetümen
-in einen Narrenkasten stecken liess, vor dem
-<a class="pagenum" id="page_337" title="337"> </a>
-Tag und Nacht ein Musikant seine Weisen
-ertönen lassen musste zur Anlockung von
-Neugierigen. Einmal liess er einem Gecken
-auf offener Strasse die Gurten durchschneiden,
-so dass die Zeugmassen zur Erde niederrauschten
-und der arme Modeherr im blossen
-Hemde dastand.<a name="FNanchor_241" id="FNanchor_241"
-href="#Footnote_241" class="fnanchor">[241]</a></p>
-
-<p>Derartige Derbheiten erregten Furcht und
-Unwillen, genügten aber nicht, die nun einmal
-für schön gehaltene Tracht auszurotten,
-ebensowenig wie dies die Kleiderordnungen
-vermochten. Alle diese Massregeln krankten
-daran, dass sie sich gegen einen der Hauptfaktoren
-im menschlichen Dasein, gegen die
-Eitelkeit richteten und sich dadurch die Feindschaft
-des mächtigsten aller Geschöpfe, der
-Frau, zuzogen. Was die Frau will, will
-Gott, und die Frau ist nun einmal zu
-allen Zeiten und bei allen Völkern der
-Göttin Mode allzeit unterthänigste Dienerin.
-Vernunftgründe und Strafen haben niemals
-auf die Dauer den Willen der in solchen
-Fällen einmütig zusammenstehenden Frauen
-zu beugen vermocht; der Vernunft setzten
-sie weiblich schlau ausgeklügelte Gegengründe,
-der Gewalt Trotz entgegen. Darum
-<a class="pagenum" id="page_338" title="338"> </a>
-griffen gestrenge Ratsherren, wenn alle hochtönenden
-Verwarnungen unbeherzigt zu verhallen
-drohten und sie den Kampf gegen
-die Weiblichkeit, zu der ja auch ihre Frauen
-und Töchter gehörten, nicht bis aufs Messer
-durchführen wollten, zu jenem jesuitischen
-Auskunftsmittel, das ich schon (<a href="#page_116">S. 116</a>) anführte,
-indem sie den Auswurf der mittelalterlichen
-Gesellschaft &ndash; Bordellmädchen,
-Henkersfrauen und -töchter, Pfaffendirnen
-und Jüdinnen &ndash; zwangen, die Missfallen
-erregenden Moden anzulegen und sie dadurch
-für jede ehrbare Frau unmöglich zu
-machen. Wenn aber auch dieses letzte
-Mittel nichts half, dann warfen die Herren
-die Flinte ins Korn und liessen die Mode
-Mode sein, bis sie von selbst durch eine
-andere, vielleicht noch unschönere, ersetzt
-wurde. Dann begann die ganze Geschichte
-wieder von vorn.</p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 class="nobreak">
-Liebeszauber und Zauberliebe.
-<a class="pagenum" id="page_339" title="339"> </a></h2>
-</div>
-
-<p>
-Der Aberglauben, nach Bodenstedt der
-Glauben ohne Aber, hat alle Wandlungen
-und Fortschritte der Kultur zu überstehen
-vermocht. In seinen Uranfängen so alt wie
-die Menschheit und älter als die Religion,
-aus deren Vorläufer er zu ihrem unzertrennlichen
-Begleiter wurde, spukt er noch heute
-mit ebenso ungeschwächter Kraft, wenn auch
-mancher allzu krasser Auswüchse beraubt,
-wie er es vormals gethan, wo er alle Handlungen
-der Menschheit beeinflussend, selbst
-die hellsten Köpfe in seinem unheilvollen
-Banne hielt.</p>
-
-<p>Wenn Goethe einmal den Aberglauben
-die Poesie des Lebens nannte, so hat er,
-als er diesen geistvollen Ausspruch that,
-jene Wahnbilder des Aberglaubens vergessen,
-denen das Mittelalter jene zu Abertausenden
-<a class="pagenum" id="page_340" title="340"> </a>
-aufflammenden Scheiterhaufen errichtete, die
-unzähligen Unschuldigen oder in unglückseliger
-Verblendung verfallenen zum grauenvollen
-Grabe wurden, darum auch setzte er
-der erstgenannten Sentenz seine Definition
-des Aberglaubens entgegen, die alles umfasst,
-was sich über diese Wahngebilde nur
-sagen lasst. »Der Aberglauben lässt sich
-Zauberstricken vergleichen, die sich immer
-stärker zusammenziehen, je mehr man sich
-gegen sie sträubt. Die hellste Zeit ist nicht
-vor ihm sicher: trifft er aber ein dunkles
-Jahrhundert, so strebt des armen Menschen
-umwölkter Sinn alsbald nach dem Unmöglichen,
-nach Einwirkung ins Geisterreich,
-in die Ferne, in die Zukunft; es bildet sich
-eine wundersame reiche Welt, von einem
-trüben Dunstkreise umgeben. Auf ganzen
-Jahrhunderten lasten solche Übel und werden
-immer dichter und dichter; die Einbildungskraft
-brütet über einer wüsten Sinnlichkeit.
-Die Vernunft scheint zu ihrem
-göttlichen Ursprunge gleich Asträa zurückgekehrt
-zu sein, und der Verstand verzweifelt,
-da ihm nicht gelingt, seine Rechte
-durchzusetzen.« Wenn Brunnenhofer das
-Feld des Aberglaubens in vier Gebiete einteilt:
-das naive, das komische, das tragikomische
-<a class="pagenum" id="page_341" title="341"> </a>
-und das tragische<a name="FNanchor_242" id="FNanchor_242"
-href="#Footnote_242" class="fnanchor">[242]</a>, so ziehe ich
-die einfache Zweiteilung in gefährlichen und
-ungefährlichen Aberglauben vor. Wenn, um
-Beispiele aus der Gegenwart zu nehmen,
-jemand an die Unglückszahl Dreizehn glaubt,
-so ist dies dem Gläubigen und seinen Nebenmenschen
-in keiner Weise unheildrohend;
-wenn aber, wie dies leider nur zu häufig
-der Fall ist, jemand noch Stein und Bein
-auf das Beschreien und den bösen Blick
-schwört, so kann dies dem, angeblich mit
-dem bösen Blick Behafteten gar leicht gefährlich
-werden, wie viele Gerichtsverhandlungen
-aus ultramontanen Gegenden zur Genüge
-darthun. Hingegen wird ein ursprünglich
-naiver Aberglauben, denn naiv ist eben
-anfänglich jeder Aberglauben, sehr leicht
-auf seiner abschüssigen Bahn, die alle vier
-Stationen Brunnenhofers berührt, zu einem
-tragischen. Und so ging es fast jedem Aberglauben
-des Mittelalters, wenn ein Nebenmensch
-mit diesem Afterglauben in Verbindung
-gebracht wurde, was vorzugsweise
-dann der Fall war, wenn der Aberglauben
-eines seiner beiden Hauptfelder betraf: jemandem
-<a class="pagenum" id="page_342" title="342"> </a>
-zu schaden, oder ihn sich geneigt
-zu machen, oder, mit anderen Worten, wenn
-er dem Hass oder der Liebe Dienste leisten
-sollte. Da die Liebe in ihrer Entstehung
-und ihrer Wirkung etwas Zauberhaftes an
-sich hat, so war für alle jene Epochen, die
-blindlings an den Zaubereinfluss auf Leib
-und Seele schworen, die Annahme eines
-Liebeszaubers ziemlich naheliegend. Bei den
-meisten Völkern des Altertums ist demnach
-auch der Glauben an zauberische Mittel verbreitet,
-durch die man Liebe erwecken kann.</p>
-
-<p>Das babylonische Mädchen, das am Kreuzweg
-des Mannes harrte, dem sie sich zu
-Ehren der Göttin Mylitta hingeben musste,
-räucherte mit Liebe schaffender Kleie<a name="FNanchor_243" id="FNanchor_243"
-href="#Footnote_243" class="fnanchor">[243]</a>; die
-Römer erzeugten Philtra aus Hippomanes,
-Teilen des Vogels Jynx, des Wendehals, und
-anderen mehr oder weniger ekelhaften animalischen
-Ingredienzien, in deren genauer
-Zusammensetzung besonders die thessalischen
-Weiber sehr erfahren waren.</p>
-
-<p>Aus dem skandinavischen Norden kamen
-jene Runenstäbe nach dem stammesverwandten
-Germanien, in die der zauberkundige
-Liebhaber geheimnisvolle Zeichen
-<a class="pagenum" id="page_343" title="343"> </a>
-eingekerbt, um durch sie das Herz der
-spröden Geliebten sich zuzuwenden. Doch
-auch Tränke zu brauen verstanden jene
-Weiber, die abseits von den anderen Gaugenossen
-im Waldesdüster ihr Dasein verträumten,
-mit Odins geheiligtem Tiere, dem
-Raben, als einzigen Gefährten. Mit Zaubersprüchen,
-Liedern und Runen wussten sie
-die Gemische aus Kräutern und Tierbestandteilen
-zu segnen und wirksam zu machen.<a name="FNanchor_244" id="FNanchor_244"
-href="#Footnote_244" class="fnanchor">[244]</a>
-Man küsste die Geliebte, denn im Kusse
-lag ein allmächtiger Zauber<a name="FNanchor_245" id="FNanchor_245"
-href="#Footnote_245" class="fnanchor">[245]</a>, ehedem wie
-heute, und wer dieser Macht nicht traute,
-verbarg beim Kusse ein Zauberkraut im
-Munde.<a name="FNanchor_246" id="FNanchor_246"
-href="#Footnote_246" class="fnanchor">[246]</a></p>
-
-<p>Im Verlaufe des Mittelalters bildete sich
-die Bereitung von Liebesmitteln zu einer
-Geheimwissenschaft aus, die den leitenden
-Grundsatz aufstellte, dass man auf zweierlei
-Wege, durch Arcana und auf sympathetische
-Weise, Liebe erwecken könne.</p>
-
-<p>Die Medikamente bestanden vornehmlich
-aus den abscheulichsten Teilen von
-Tieren, Testikeln des Wolfes oder des Hasen,
-<a class="pagenum" id="page_344" title="344"> </a>
-beziehungsweise, wenn einer Frau Gegenliebe
-octroyiert werden sollte, den Geschlechtsteilen
-einer Wölfin oder Häsin, nebst Tierhaaren
-und Exkrementen. Doch alle diese
-Mittel, auch wenn sie noch so ekelhafte
-Gliedmassen verwendeten, sind lieblich zu
-nennen im Gegensatze zu den meistverwendeten
-Medikamenten der Liebestränke, die
-vom Menschen selbst genommen wurden.
-Zu den harmlosesten Dingen dieser Art
-zählt noch die vielgebrauchte Frauenmilch.
-Eine lustige Geschichte über den Zauber
-durch Frauenmilch entnimmt Harsdörfer<a name="FNanchor_247" id="FNanchor_247"
-href="#Footnote_247" class="fnanchor">[247]</a>
-dem Diarium des Andreas Ratisponensis,
-das sie, als im Jahre 1424 passiert, vermerkt:
-»In der obern Pfalz hat sich wie
-landkundig zugetragen, dass ein Pfaff sich
-in eine ehrliche Bürgersfrau verliebt, und
-da sie in dem Kindbett gelegen, von ihrer
-Magd, der er etliche Dukaten geschenkt,
-etlich Tropfen von der Frauenmilch begehrt.
-Die gab ihm aber Geissenmilch. Was er
-damit gethan, ist unbewusst, das aber hat
-er erfahren, dass ihm die Geiss in die Kirch
-bis vor den Altar und bis auf den Predigtstuhl
-<a class="pagenum" id="page_345" title="345"> </a>
-nachgelaufen, was die Frau zweifelsohne
-hätte thun müssen, so er ihre Milch
-zuwegen gebracht. Er konnte des Tiers
-nicht ledig werden, bis er es kaufte und
-schlachten liess.«</p>
-
-<p>Eine tiefe Gläubigkeit an die Wirksamkeit
-dieses Liebesmittels drückte sich in Harsdörfers
-Vortrag aus, und ebensowenig wie
-dieses geistvolle Mitglied der »Fruchtbringenden
-Gesellschaft«, hegt irgend ein anderer
-seiner Zeitgenossen zu Ausgang des 17. Jahrhunderts
-irgend einen Zweifel an Liebestränken
-und Liebesbissen, über deren ekelhafteste
-Zuthaten ich einen anderen berichten
-lassen will. Chr. von Hellwig, der
-unter dem Pseudonym Valentin Kräutermann
-ein von Borniertheiten strotzendes Buch von
-Heilmitteln herausgab<a name="FNanchor_248" id="FNanchor_248"
-href="#Footnote_248" class="fnanchor">[248]</a>, von dem Scheible
-in Stuttgart einen Neudruck veranstaltete,
-schreibt: »Zu magischen und teuflischen
-Liebesmitteln gebrauchen Zauberer und Zauberinnen
-teils allerhand Worte, Zeichen,
-Murmelungen, Wachsbilder u. dergl., teils
-<a class="pagenum" id="page_346" title="346"> </a>
-brauchen sie die abgeschnittenen Nägel, ein
-Stückchen Tuch von der Kleidung oder sonst
-etwas von der Person, welches sie vergraben,
-es sei nun unter die Thüre oder eine andere
-Schwelle. Huren und dergleichen Gesindel,
-erwählen zwar auch natürliche Dinge aus
-allen drei Naturreichen; sie bedienen sich
-ihrer monatlichen Blume, des Mannes Samen,
-Nachgeburten, Milch, Schweiss, Urin, Speichel,
-Haar, Nägel, Nabelschnur, Gehirn von
-einer Quappe oder Aalraupen, welch letztere
-hierin vor ein Spezificum gehalten wird die
-Liebe zu erwecken.« Das Register hat ein
-Loch, denn Kräutermann hat eine Ingredienz
-vergessen &ndash; den Kot der Liebsten.<a name="FNanchor_249" id="FNanchor_249"
-href="#Footnote_249" class="fnanchor">[249]</a></p>
-
-<p>Um Liebe auf sympathetische Weise zu
-erwecken, gab es in jeder Landschaft Deutschlands
-andere Mittel, deren Aufzeichnung
-einen viele hundert Seiten starken tragikomischen
-Beitrag zur Geschichte der menschlichen
-Narrheit bilden würde.</p>
-
-<p>In der Frühzeit zeichneten sich neben
-den alten Weibern, die ihre vermeintliche
-Wunderkraft meist auf dem Scheiterhaufen
-büssten, die fahrenden Schüler als Zauberer
-aus.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Mit wunderlichen sachen</div>
- <a class="pagenum" id="page_347" title="347"> </a>
- <div class="verse indent0">Ler ich sie denne machen</div>
- <div class="verse indent0">Von wachs einen kobold</div>
- <div class="verse indent0">Wil sie, daz er ir werde hold</div>
- <div class="verse indent0">Und teuf es in den brunnen</div>
- <div class="verse indent0">Und leg in an die sunnen</div>
- <div class="verse indent0">Und heiz widereins (rückwärts)</div>
- <div class="verse indent0">Umb die kuchen gan.«<a name="FNanchor_250" id="FNanchor_250"
-href="#Footnote_250" class="fnanchor">[250]</a></div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Sie lehrten auch für Geld und gute Worte
-jene sinnlosen Gebräuche, die sich zum Teil
-noch heute erhalten haben, von denen ich
-einige wenige als Beispiele für die Denkweise
-unserer Vorfahren hierhersetzen will.
-Berthold v. Regensburg sagt von den Bauern
-»Pfî, wiltû einen man alsô mit zouberîe
-gewinnen! ..... Sô nimt din her ein toufet
-ein wahs, din ein holz, din ein tôtenbein,
-allez daz sie dâ mite bezouber. Dâ zoubert
-din mit den Kriutern, din mit dem heiligen
-Krismen, din mit dem heiligen gotes lîchnamen.«<a name="FNanchor_251" id="FNanchor_251"
-href="#Footnote_251" class="fnanchor">[251]</a></p>
-
-<p> »Dass dich eine lieben muss.«
- »Nimm drei Federn vom Hahnenschwanz,
-druck sie dreimal in die Hand. Probatum.«
-Oder: »Nehme eine Turteltaubenzung ins
-<a class="pagenum" id="page_348" title="348"> </a>
-Maul (!), rede mit ihr lieblich, küsse sie
-darnach auf den Munde« &ndash; natürlich sie, die
-Angebetete, nicht die Turteltaubenzung &ndash;
-»so hat sie dich so lieb, dass sie dich nicht
-mehr lassen kann.«<a name="FNanchor_252" id="FNanchor_252"
-href="#Footnote_252" class="fnanchor">[252]</a></p>
-
-<p>»Rezept zum Liebespulver. Nimm eine
-Hostie, die jedoch nicht geweiht sein darf,
-schreibe auf sie einige Worte mit Blut aus
-dem Ringfinger und lasse alsdann von einem
-Priester fünf Messen darüber lesen. Dann
-teile die Hostie in zwei gleiche Teile, deren
-einen nimm selbst, den anderen gebe der
-Person ein, deren Liebe du gewinnen willst.«</p>
-
-<p>»Nimm von deinem Blut an einem Freitag
-im Frühling, lass es mit den beiden Testikeln
-eines Hasen und der Leber einer Taube in
-einem nicht zu warmen Ofen in einem
-kleinen Topf trocknen, machs zu feinem
-Pulver und lass die Person, von der du
-geliebt sein willst, davon geniessen, ungefähr
-einer halben Drachme schwer. Wenns
-aufs erstemal nicht wirkt, so wiederhole es
-bis zu dreimal und du wirst geliebt werden.«</p>
-
-<p>»Die weisse Lilienwurzel, unter gewissen
-Zeichen gesammelt, und bei sich getragen,
-grosse Liebe und Freundschaft (sic) zwischen
-<a class="pagenum" id="page_349" title="349"> </a>
-Personen beiderlei Geschlechtes erwecken
-und erhalten soll.«<a name="FNanchor_253" id="FNanchor_253"
-href="#Footnote_253" class="fnanchor">[253]</a> <i>Sapienti sat!</i></p>
-
-<p>Noch eines Sympathiemittels muss, um
-nicht unvollständig zu sein, wenn auch
-widerstrebend, gedacht werden. »Ein fleissiger
-<i>Studiosus Medizinae</i>, mein ehemaliger
-guter Freund, ward offt von des Nachbars
-Tochter gelockt, aber er hatte Eckel daran.
-Einst schlieff er bey ihrem Bruder in ihres
-Vatters Hause, und ward gantz umgekehrt,
-doch aber kam er nicht zu ihr. Nur des
-Nachts, mehrenteils um 12 Uhr, stund er
-leise uff, lieff vor des Mägdleins Hauss,
-küssete die Thür dreymahl und gieng wieder
-von dannen. Wie es seine Schlaffgesellen
-merkten, verwiesen sie ihm die Thorheit,
-doch konnten sie ihn nicht davon abhalten.
-Einst wollte er sein Kleid vom Schneider
-umwenden lassen, da fand man in den
-Hosen einen linnenen Beutel und in demselben
-einen Hasenschwantz, krausse Haare,
-vielleicht von einem ungenannten Ort der
-Dirne abgeschnitten und diese Buchstaben
-S. T. T. I. A. M., welche einige so verdolmetschen:
-<i>Satanus te trahat in amorem mei</i>.<a name="FNanchor_254" id="FNanchor_254"
-href="#Footnote_254" class="fnanchor">[254]</a>
-<a class="pagenum" id="page_350" title="350"> </a>
-Sobald aber das Säcklein mit Schwantzhaaren
-und allem verbrandt war, hatte der
-Geck auch Ruhe.«<a name="FNanchor_255" id="FNanchor_255"
-href="#Footnote_255" class="fnanchor">[255]</a></p>
-
-<p>Einen interessanten Beitrag zum Glauben
-an die Kraft dieser Weiberhaare findet sich
-in der Biographie der Magdalena Sibylla
-von Neitschütz, die ihren Geliebten, Johann
-Georg IV. von Sachsen, auf diese Weise an
-sich gekettet haben sollte<a name="FNanchor_256" id="FNanchor_256"
-href="#Footnote_256" class="fnanchor">[256]</a>.</p>
-
-<p>Solange die weltliche Obrigkeit gegen
-derartige Zaubereien noch nichts einzuwenden
-hatte, ging es noch; aus Predigten
-und Konzilsbeschlüssen machte man sich
-blutwenig, denn kirchliche Strafen waren
-eben nur Ehrenstrafen, die sich schliesslich
-überstehen liessen, wenn sie auch hart genug
-trafen. So ordnete ein Pariser Pönitentiale
-an: »Wer Blut oder seinen virile um
-der Liebe oder einer anderen Sache wegen
-einem Mann oder einer Frau zu trinken
-giebt, soll drei Jahre büssen«<a name="FNanchor_257" id="FNanchor_257"
-href="#Footnote_257" class="fnanchor">[257]</a>, oder wenn,
-<a class="pagenum" id="page_351" title="351"> </a>
-wie aus einem Fastnachtsspiele hervorgeht<a name="FNanchor_258" id="FNanchor_258"
-href="#Footnote_258" class="fnanchor">[258]</a>,
-alle diejenigen von der Kommunion ausgeschlossen
-blieben, die »zu essen geben oder
-in annder weiss machen, das leut schullen
-an einander liep oder feinter werden, und
-was solicher sach sein«, so konnte sich der
-Übelthäter immerhin noch, sei es durch
-Geldopfer oder eine andere vom Geistlichen
-auferlegte Busse, wieder reinwaschen. Anders
-stand dies aber in einer Zeit, wo der
-Hexenwahn die Gemüter ergriffen hatte,
-Laien und Pfaffen beiderlei Konfessionen in
-unersättlichem Blutdurste alles, was den
-Namen Weib führte, in unerhörtester Weise
-besudelten und »ad majorem Dei gloriam«
-zu Tode schleiften, nachdem sie vorher auf
-das schamloseste die Körper und die Gemüter
-der auf der Folter gefügig gemachten
-Opfer gebrochen; wo ein scheinheiliger
-Rechtslehrer, Benedikt Carpzow, sich in einem
-Atem und unter demselben Augenaufschlag
-rühmen konnte, dreiundfünfzigmal die ganze
-Bibel durchgelesen und zwanzigtausend
-Todesurteile gefällt zu haben, die zumeist
-arme Weiber, denen das Hirngespinst des
-grossen Leipziger Schurken nie ausgeführte
-<a class="pagenum" id="page_352" title="352"> </a>
-Verbrechen angedichtet hatte, zur Einäscherung,
-im besten Falle zur Hinrichtung durch
-das Schwert verdammte, da war schon der
-Gedanke an ein Liebesmittel eine Anwartschaft
-auf den Tod, da er auf unzweifelhaften
-Verkehr mit dem Teufel hinwies. Mit ebenso
-stupender wie stupider Gelehrsamkeit hatte
-sich der jedes Gefühles bare Carpzow und
-mit ihm der ganze Schwarm Gottesgelahrter
-und Richter ein System zurechtgebaut, aus
-dem das erotische Moment in einer Teufelsfratze
-allenthalben hervorgrinste. »So sehr
-war durch den Einfluss des Teufelsglaubens
-die altgermanische Frauenverehrung, welche
-im Weibe ›etwas Heiliges‹ gesehen hatte,
-getrübt worden, dass unsere Altvorderen
-etliche Jahrhunderte hindurch es für möglich,
-ja für wirklich hielten, deutsche Mädchen
-und Frauen gäben Sitte und Scham,
-alles Hohe und Heilige, was der Mensch
-besitzen kann, für die widerliche Umarmung
-eines scheusslichen Bockes hin. Es dürfte doch
-schwer sein, auf dem ganzen Gebiete menschlicher
-Narrheit etwas aufzufinden, was an blödsinniger
-Gemeinheit dieser christlich-theologischen
-Phantasie nur halbwegs gleichkäme.«<a name="FNanchor_259" id="FNanchor_259"
-href="#Footnote_259" class="fnanchor">[259]</a></p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_353" title="353"> </a>
-Vergessen war die abgöttische Verehrung,
-die man dem Weibe in der Jungfrau Maria
-dargebracht, vergessen die Achtung, die
-man der Mutter, der Hausfrau gezollt, das
-Weib war nur das unreine Gefäss, durch
-das, nach theologischer Weisheit, »die
-Sünde« überhaupt in die Welt gekommen,
-das daher teuflischen Einflüssen um so leichter
-zugänglich sein musste.</p>
-
-<p>Da nun »die Teufel, die nicht zu zählen
-sind«, die Welt durchstreifen, um Menschen
-zu verführen und jeden zu ergattern, »die
-um ein sehr lange Zeit daher, über fünftausend
-Jahre, durch stete Uebung überaus
-klug und erfahren sind worden«<a name="FNanchor_260" id="FNanchor_260"
-href="#Footnote_260" class="fnanchor">[260]</a>, so wandten
-sie sich zuerst an die Frauen, um sie
-körperlich und seelisch zu verführen und
-sie zu Werkzeugen zu machen, durch die
-ihnen weitere Opfer zugeführt wurden.</p>
-
-<p>Das Hauptmittel, die Weiber zu Hexen
-zu machen, bestand für den Teufel in der
-Buhlschaft. Um mit den Hexen geschlechtlich
-zu verkehren, besucht er sie in allerlei
-Verkleidungen in ihren Wohnungen. Bald
-tritt er als schwarz gekleideter Herr, bald
-<a class="pagenum" id="page_354" title="354"> </a>
-als Mann mit Federhut, gelben Strümpfen
-und einem Esels- oder Pferdefuss, bald
-wieder als langer, schwarzer Mann mit
-Hörnern auf<a name="FNanchor_261" id="FNanchor_261"
-href="#Footnote_261" class="fnanchor">[261]</a>, oder er naht sich ihnen unter
-der Maske eines Junkers, Jägers, Reiters
-und unter den Namen Junker Hans, Voland,
-Hämmerlein, Federhanns, Schönhans, Peterlein,
-Federlein, Papperlen, Klaus, Grässle,
-Grünhütel oder ähnlichen.<a name="FNanchor_262" id="FNanchor_262"
-href="#Footnote_262" class="fnanchor">[262]</a> Manchesmal
-aber suchte sich der Junker Hans auch
-ganz ausgefallene Örter zum Buhlen aus.
-Am 6. März 1604 wurde in Lauchstädt eine
-Zauberin, die Haferkastin nebst einer anderen
-Hexe verbrannt, die bekannt haben
-sollte, vom Teufel auf die Spitze des Roten
-Turmes zu Halle geführt worden zu sein,
-wo er ihr gedroht habe, sie hinunter zu
-stürzen, wenn sie ihm ihr gegebenes Versprechen
-nicht halte. Darauf sei sie ihm
-zu Willen gewesen und habe fünfmal mit
-ihm <em>auf der Turmspitze</em> Unzucht getrieben.
-Etwas Derartiges konnten Menschen,
-die sich ihrer fünf gesunden Sinne rühmten,
-für bare Münze nehmen!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_355" title="355"> </a>
-Über die Art des geschlechtlichen Verkehrs
-ergehen sich die Werke Carpzows und
-das »aus frommem Wahnsinn und fanatischer
-Grausamkeit« bestehende Schandbuch des
-Ketzerrichters und Theologie-Professors Jakob
-Sprenger, der im Jahre 1489 mit Approbation
-der Kölner theologischen Fakultät
-gedruckte »Malleus maleficarum«, zu deutsch
-der Hexenhammer, in einer Breite, deren
-Unflätereien lebhaft an Liguoris Moraltheorie
-erinnern. »Der Autor schreibt wie ein Kerl,
-der etliche bordels ausgehuret hat«, sagt bereits
-Hauber von Sprenger.<a name="FNanchor_263" id="FNanchor_263"
-href="#Footnote_263" class="fnanchor">[263]</a> Es sträubt
-sich meine gewiss nicht prüde Feder,
-diese mit behaglicher Ruhe vorgetragenen
-Schweinereien eines im Cölibate lebenden
-hochwürdigen Herrn auch nur andeutungsweise
-wiederzugeben.<a name="FNanchor_264" id="FNanchor_264"
-href="#Footnote_264" class="fnanchor">[264]</a></p>
-
-<p>Aus den düsteren Gewölben, deren
-Kreuzbogen vom Gewinsel und Stöhnen
-der armen, gefolterten Kinder und Frauen
-<a class="pagenum" id="page_356" title="356"> </a>
-widerhallten, drang viel, zu viel an die
-Öffentlichkeit, um nicht die Phantasie hysterischer
-und vom allgemeinen Wahne ergriffener
-Weiber derart zu erhitzen, dass sie
-alles das, was sie gehört, auch schliesslich
-selbst erlebt zu haben glaubten und sich
-im Wahnsinne Verbrechen bezichtigten, die
-sie kaum geträumt haben können. Sie geben
-unumwunden zu, was ihnen die Richter in
-den Mund legen, oder gestehen es, ausgeschmückt
-mit eigenen Zuthaten unter den
-Martern der oft menschlicher als die Richter
-fühlenden Henker. Fühllos wie die Quadern
-der Folterkammern wohnten diese Richter
-jahraus, jahrein jenen Greuelscenen bei, bis
-die Gewohnheit jegliches Gefühl in ihnen
-abstumpfen musste. Wenn die deutschen
-Richter auch nicht in den Zwischenakten
-eines Hexenprozesses Laute spielten und
-Inkulpantinnen tanzen liessen, ehe sie sie
-an den Holzstoss ablieferten, wie dies ein
-französischer Kollege that<a name="FNanchor_265" id="FNanchor_265"
-href="#Footnote_265" class="fnanchor">[265]</a>, so fanden sich
-doch auch in deutschen Gauen nichtswürdige
-Hallunken genug unter ihnen. Wenn sich
-unter der Regierung des Bischofs Heinrich
-<a class="pagenum" id="page_357" title="357"> </a>
-Julius von Halberstadt-Braunschweig im
-17. Jahrhundert anlässlich einer rebellischen
-Bewegung der Braunschweiger Bürger gegen
-den geistlichen Herrn folgendes zutragen
-konnte, wird es bei den Prozessen gegen
-die Unholdinnen keinesfalls besser, eher
-noch schlimmer hergegangen sein, wofür
-viele Gründe sprechen. In dem besagten
-Prozesse heisst es von den in der Marterkammer
-anwesenden Gerichtspersonen: »Sie
-trunken einander fleissig zu, dass sie auch
-so toll und voll wurden, dass sie einesteils
-eingeschlafen ... Etwan in die dritte Woche
-kamen sie wieder, und als sie nun in solcher
-Trunkenheit ihr gefasstes Müthlein ziemlichermassen
-ausgeschüttet, seyn sie für diesmal
-davongegangen ... Zum dritten male bin
-ich abermal in die peinliche Kammer gebracht
-u. s. w. und Hans Saub war so trunken
-und voll, dass er beim Tisch einschlief, und
-wann er hörte, dass ich etwas härter sprach,
-so wachte er auf und weisete mit den Fingern,
-sagend: Meister Peter, hinan, hinan mit dem
-Schelm und Stadtverräther und wenn er
-solches gesagt, schlief er wieder ein vor
-Trunkenheit. Ingleichen soffen die andern
-tapfer auch herum Wein und Bier, und
-wurden aus Trunkenheit und sonsten so
-<a class="pagenum" id="page_358" title="358"> </a>
-verbittert, dass nicht zu sagen ...«<a name="FNanchor_266" id="FNanchor_266"
-href="#Footnote_266" class="fnanchor">[266]</a> Das
-Martern und Foltern der Angeklagten war
-im Mittelalter ein derart unzertrennlicher
-Bestandteil des Gerichtsverfahrens, dass der
-Richter den Gedanken, ein Geständnis anders
-als durch die Folter zu erlangen, einfach
-nicht fassen konnte. Und bei den Unholdinnen
-erst, die nichts zu gestehen hatten,
-waren die Folterwerkzeuge unentbehrlich,
-denn ohne sie hätte es eben keine Hexenprozesse
-gegeben.</p>
-
-<p>Bei Weibern, die sich dem Satan zu
-eigen gegeben, wäre Milde des Richters ein
-Verbrechen gewesen, das ihn vielleicht selbst
-in eine zweideutige Stellung gebracht hätte,
-darum suchte jeder einzelne genau nach der
-Schablone zu handeln. Lag es auch in
-seinem Belieben, die schauerliche Wirkung
-der Tortur zu erhöhen oder zu mildern, so
-brauchte er seine Macht doch kaum jemals
-zu Gunsten einer Hexe, ebensowenig wie
-er sich daran kehrte, die heuchlerische Vorschrift
-des Hexenhammers zu befolgen, bei
-der Tortur kein Blut zu vergiessen. Er war
-unumschränkter Herr in der Folterkammer
-<a class="pagenum" id="page_359" title="359"> </a>
-und gebrauchte seine Macht oder missbrauchte
-sie, ganz wie es ihm beliebte. Hatte
-er jemanden freilassen müssen, weil seine
-Unschuld denn doch zu klar lag, so liess
-er eben den unschuldig Gepeinigten Urfehde
-schwören, sich niemals an ihm und den
-Seinen zu rächen. Bei einer Hexe war aber
-diese Gefahr für den Inquisitor nicht zu befürchten,
-denn kaum eine dieser Unthat bezichtigte
-Weibsperson entrann jemals dem
-Arm »der Gerechtigkeit«.</p>
-
-<p>Schon vorm Beginn des Prozesses brach
-man die Seelenkraft der Angeklagten, die
-schliesslich so mürbe werden musste, dass
-sie sich schuldig bekannte, um durch den
-Tod von weiteren Quälereien befreit zu
-werden.</p>
-
-<p>Ehe man die Hexe dem Richter vorführte,
-zog man sie splitternackt aus und
-untersuchte ihren Körper, ob sie nicht
-Zaubermittel bei sich führte, mit denen sie
-dem Richter Schaden zufügen könnte. Obwohl
-der Hexenhammer vorschrieb, diese
-Untersuchung von ehrsamen Frauen vornehmen
-zu lassen, so scherte sich in der
-Praxis kein Richter darum, sondern überliess
-die Wehrlose den Henkersknechten, die diese
-günstige Gelegenheit nicht vorübergehen
-<a class="pagenum" id="page_360" title="360"> </a>
-liessen, sich tierisch an jungen Hexen, selbst
-unmündigen Kindern zu vergreifen und dem
-Teufel die Schuld zuzuschieben. Der wütende
-Hexenrichter Remigius, der sich in seiner
-»Daemonolatria« rühmt, binnen fünfzehn
-Jahren (1580-1595) in Lothringen achthundert
-Hexen eingeäschert zu haben, erzählt
-von einem seiner Opfer, Katharina
-genannt, sie wäre, obgleich noch ein unmannbares
-Kind, im Kerker wiederholt derart
-vom Teufel genotzüchtigt worden, dass man
-sie halbtot aufgefunden habe.<a name="FNanchor_267" id="FNanchor_267"
-href="#Footnote_267" class="fnanchor">[267]</a> Wem hätten
-auch die Geschändeten die ihnen angethane
-Schmach klagen sollen, dem Richter?
-Der wusste doch, dass alles, was die Hexe
-sprach, Lüge und Blendwerk der Hölle sei,
-oder ihren Beichtvätern, »gleichviel ob katholisch
-oder protestantisch, die die gefangenen
-Hexen in den Kerkern aufsuchten und, anstatt
-ihnen Trost und Mut zuzusprechen
-und durch das Gebet für ihren Martergang
-zu stärken, sie mit allen möglichen Kreuz- und
-Querfragen in Fallen zu locken suchten;
-ihnen das Gewissen beängstigten; sie zu
-falschem Geständnisse zwangen? Diese
-gemeine, niederträchtige Pfaffenbrut war
-<a class="pagenum" id="page_361" title="361"> </a>
-gefährlicher als die Henkersknechte und
-Inquisitoren resp. Richter. Denn selbstverständlich
-hing sich ein bis zu Tod geängstigtes
-Weib mit aller Gewalt an den
-Seelensorger; suchte bei ihm Trost und
-folgte seinem Rate. Musste ein solch armes
-Wesen nicht von Sinnen kommen, wenn sie
-sogar von dem Manne, den sie als heilig
-und fromm verehrte, als Hexe betrachtet
-wurde? Und wie er ihr ins Gewissen redete!
-Wie er, wenn sie bekennen würde, ihr von
-Heil und Rettung, von Gnade und Barmherzigkeit
-vorpredigte! Jede verfängliche
-Aussage, die ein so verzweifeltes Weib fallen
-liess, nahm der Beichtvater zu Protokoll.
-Hatte er genug aus der Unglücklichen herausgepresst,
-so gab er dem Richter genauen
-Bericht. So kam es, dass der Richter bereits
-das ganze Untersuchungsprotokoll, die
-ganze Beweisaufnahme in den Händen
-hatte, ehe er überhaupt die Hexe verhört
-hatte. Er hatte somit leichte Arbeit, indem
-das Verhör seinerseits nur kurze
-Zeit in Anspruch nahm, das übrige that
-die Folter.«<a name="FNanchor_268" id="FNanchor_268"
-href="#Footnote_268" class="fnanchor">[268]</a></p>
-
-<p>Doch noch eine zweite Entwürdigung
-<a class="pagenum" id="page_362" title="362"> </a>
-hatte die Hexe vor dem Richter durchzumachen.
-Man schor ihr jedes Haar am
-Körper ab, um eines jener Teufelsmale,
-Stigma, zu entdecken, mit dem der Satan alle
-Weiber kennzeichnete, die er als Buhlerinnen
-gebraucht. Fand man einen Leberfleck, ein
-Muttermal oder eine Warze, so stach der
-Henker mit einer Nadel darein, um seine
-Empfindlichkeit zu prüfen. Schmerzte der
-Stich nicht, dann war die Teufelsliebe erwiesen,
-im anderen Falle hatte der Teufel
-der Hexe das Mal empfindlich gelassen, um
-die Richter zu täuschen. Fehlte ein solches
-Mal gänzlich, so hatte es der Teufel verwischt.
-Gestand nun die Hexe, eingeschüchtert
-durch die Aussicht auf die Tortur, oder
-getäuscht von lügenhaften Vorspiegelungen
-des Beichtvaters oder des Richters, dann
-war sie verloren. Leugnete sie, dann unterwarf
-man sie der peinlichen Frage, die mit
-der amtlichen Formel begann: »Du sollst so
-dünn gefoltert werden, dass die Sonne
-durch dich scheint!« Diese Drohung war
-keine leere, und die Feder sträubt sich, all
-das Entsetzliche niederzuschreiben, was man
-nun mit den armen, schwachen Weibern
-vornahm. Mädchen im zartesten Kindesalter,
-sieben-, acht-, zehn- und zwölfjährige
-<a class="pagenum" id="page_363" title="363"> </a>
-Mädchen<a name="FNanchor_269" id="FNanchor_269"
-href="#Footnote_269" class="fnanchor">[269]</a>, schwangere Frauen<a name="FNanchor_270" id="FNanchor_270"
-href="#Footnote_270" class="fnanchor">[270]</a>, sechzig-,
-selbst achtzigjährige Greisinnen, sie alle verliessen
-verbrannt, zerrissen, mit gebrochenen
-Gliedern, aus hundert Wunden blutend die
-Folterkammern.</p>
-
-<p>Alle Bande des Blutes löste der unglückselige
-Wahn. Wolf Rossmann, ein Bauer
-zu Amorbach, gab seine eigene Mutter als
-Hexe an.<a name="FNanchor_271" id="FNanchor_271"
-href="#Footnote_271" class="fnanchor">[271]</a> Vielleicht um sich ihrer zu entledigen,
-wie es Männer mit ihren Frauen
-thaten, Brüder mit Schwestern, denen sie
-das Erbe missgönnten, selbst Väter mit
-ihren Töchtern.</p>
-
-<p>Und der ewig wiederkehrende Punkt bei
-allen Hexenprozessen ist geschlechtlicher
-Natur, in allen den vielen Protokollen, die
-auf uns gekommen sind, kehrt er, wenn
-nicht als Teufelsbuhlschaft allein, so in
-irgend einer anderen Form neben dieser
-wieder. Ein solches Protokoll, herausgerissen
-aus hundert beinahe gleichen,
-möge hier stehen. Es stammt aus dem
-Jahre 1572 aus der Umgebung von Trier
-und wird von Dr. Hennen mitgeteilt. Eine
-gewisse Eva, eine überführte Kindesmörderin
-<a class="pagenum" id="page_364" title="364"> </a>
-aus dem Dorfe Kenn ist beschuldigt, mit
-dem Höllenfürsten Umgang gehabt zu haben.
-Sie besässe die Kunst zu hexen und hätte
-einen Knecht auf dem »grünen Haus« verzaubert,
-dass er in Liebe zu ihr entbrennen
-sollte. Die Angeklagte antwortete, dass sie
-die Zauberkunst nicht verstände. Sie hätte
-nur dem Zymmerhansen, dem Knecht, einen
-Ring gegeben; dieser hätte ihr versprochen,
-sie einst zu ehelichen. Das war das kurze
-Verhör. Die Folter wurde vorläufig nicht
-angewendet. Die Angeklagte wurde hierauf
-ins Gefängnis abgeführt.</p>
-
-<p>An demselben Nachmittage wurde sie
-nochmals dem Amtmann, Schultheissen und
-zwei Schöffen vorgeführt. Sie verharrte auf
-ihrer Aussage, dass sie nichts von Zauberei verstünde.
-Nun wurde sie den Henkersknechten
-übergeben, die sie auf die Folter spannten.</p>
-
-<p>Das unsinnigste Zeug brachte sie infolge
-der wahnsinnigen Schmerzen vor. Sie zog
-andere mit ins Unglück, einen Mann und
-drei Frauen, da sie, um nur sobald als möglich
-von den Folterqualen befreit zu werden,
-andere angab, von denen sie die Hexerei
-gelernt haben wollte. Von der einen behauptete
-sie, dass diese ihres (Evas) Mannes
-Mannbarkeit durch Zauberei genommen
-<a class="pagenum" id="page_365" title="365"> </a>
-habe; von einer zweiten Frau sagte sie, dass
-diese ihr das Zaubermittel, wie man einen
-Mann an sich fesseln könnte, gelernt hätte,
-indem man nämlich einige Tropfen Blutes
-in einer Birne dem Betreffenden zu essen
-gäbe. Dies hätte sie nun auch mit dem
-Zymmerhansen so gemacht.</p>
-
-<p>Die Folter wurde noch verschärft. Da
-rief Eva vor Schmerz aus, man sollte sie
-nur loslassen, sie wollte die Wahrheit eingestehen.
-Sie könnte zaubern.</p>
-
-<p>Als man mit Foltern nachliess, gestand
-sie, dass sie von jener Frau, der sie die
-Entmannung ihres (Evas) Mannes zuschrieb,
-das Zaubern gelernt hätte. Sie teilte nun
-dem Amtmanne mit, wie sie durch die betreffende
-Frau, die Barbara hiess, mit dem
-Teufel zusammengekommen wäre; wie sie
-Gott abgeschworen und den Teufel verehrt
-hätte mit den Worten: »Ich sage Gott ab
-und dem Teufel zu und soll sein Eigen sein.«</p>
-
-<p>Ferner gestand sie ein, mit dem Teufel
-etlichemal zu schaffen gehabt zu haben, Vieh
-und Menschen bezaubert, Unwetter heraufbeschworen
-zu haben. Die von ihr Bezichtigten
-erlagen gleichfalls unter der Anklage.<a name="FNanchor_272" id="FNanchor_272"
-href="#Footnote_272" class="fnanchor">[272]</a></p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_366" title="366"> </a>
-Der Raub der Mannheit, dessen Eva die
-eine Hexe beschuldigte, wurde durch »das
-Nestelknüpfen« erreicht, vermittelst Schürzung
-eines zauberischen Knotens an einer der Hosennesteln
-eines Ehemannes, diesen zeugungsunfähig
-zu machen, doch gab es auch noch
-viele andere, mehr oder weniger blödsinnige
-Mittel, gegen die man sich aber auf gleich
-sinnreiche Weise schützen konnte, so nach
-der »gestriegelten Rockenphilosophie«, wenn
-der Bräutigam, bevor er in die Kirche zur
-Trauung geht, das Bierfass anzapft und
-den Zapfen während der Trauung bei sich
-trägt und andere ähnliche mehr, von denen
-Scheibles Sammelwerke »Das Kloster« und
-»Das Schaltjahr« eine reiche Blütenlese
-geben.</p>
-
-<p class="center">
-Rossberg'sche Buchdruckerei, Leipzig.</p>
-
-<div class="advertisement pagebreak">
-<p class="center fontlarge">Das wichtigste Thema der Gegenwart
-<a class="pagenum" id="page_367" title="I"> </a></p>
-
-<p class="center fontlarge">»Neue Frauen &ndash; Neue Männer«</p>
-
-<p class="textright"><big>behandeln folgende Schriften:</big></p>
-
-<p class="center fontxlarge">Vera:</p>
-
-<p class="textright fontxlarge">Eine für Viele</p>
-
-<p class="textright">Aus dem Tagebuche<br />
-eines Mädchens von heute</p>
-
-<p>12. Auflage Preis M. 2.&ndash;</p>
-
-<p>
-<em>Urteile der Presse</em>:</p>
-
-<p class="fontsmall">»Da haben wir das Wiener Saisonbuch, die litterarische Sensation
-für heuer. Heimlich wandert es von Hand zu Hand, die
-Männer verstecken es vor ihren Frauen, die Mütter vor den Töchtern,
-aber alle lesen es und mehr noch, alle machen sich ihre Gedanken
-darüber. Mit Recht, denn dieses Büchlein gehört zu den Dokumenten
-der Zeit, es spricht seine eigene Sprache und öffnet die merkwürdigsten
-Aus- und Einblicke ...</p>
-
-<p class="fontsmall">»Ob man dieses Buch den Mädchen in die Hand geben soll?
-Ich glaube nicht. Wozu denen, die noch nicht Wissende sind, ihre
-Illusionen rauben? Aber die Väter und Mütter sollen es lesen, und
-auch die jungen Männer. Diese vor Allem. Denn zum mindesten
-lernen sie daraus, dass es Mädchen giebt, die den Ehrgeiz haben,
-etwas anderes zu sein und zu werden, als, um mit Vera zu sprechen,
-dem Manne »ein Mobiliar seiner Bequemlichkeit« ...</p>
-
-<p class="textright">
-»Prager Tagblatt.«</p>
-
-<p class="fontsmall">
-»Eine für Viele« erinnert an das Tagebuch der Marie Bashkirtsew.
-Warm und ehrlich empfunden, machen die Geständnisse des jungen
-Mädchens tiefen Eindruck ...«</p>
-
-<p class="textright">
-»Reichswehr.«</p>
-
-<p class="fontsmall">
-»Das kleine Buch scheint darauf auszugehen, die gegenwärtige
-Moral, soweit sie das Verhältnis der Geschlechter betrifft, zu steigern
-und zu verfeinern. Der ledige Mann soll vor der Ehe ebenso keusch
-sein, wie das Mädchen; das Wesen, das sich ihm einst giebt in
-vollster reinster Hingabe, hat das Recht, von dem Manne ihrer Wahl
-dieselbe Reinheit, dasselbe unbefleckte Sinnenleben zu verlangen,
-das er als strenger Richter von ihr fordert ....«</p>
-
-<p class="textright">
-»Neue freie Presse.«</p>
-
-<p class="center">
-Verlag von Hermann Seemann Nachfolger in Leipzig</p>
-</div>
-
-<div class="advertisement pagebreak">
-<p><a class="pagenum" id="page_368" title="II"> </a>
-Für und gegen VERA sind folgende Schriften
-erschienen:</p>
-
-<p class="fontlarge">Christine Thaler:</p>
-
-<p class="textright fontxlarge">
-Eine Mutter für Viele</p>
-
-<p class="textright fontlarge">Ein Brief an die Verfasserin von<br />
-»Eine für Viele«</p>
-
-<table summary="" width="100%">
-<tr><td>4. Auflage</td><td class="textright">Preis M. 1,&ndash;</td></tr>
-</table>
-
-<p class= "fontsmall">
-Die »<em>Neue Freie Presse</em>« in Wien schreibt über Christine
-Thalers Buch: »Es ist sehr erfreulich, dass weibliche Vernunft und
-Besonnenheit sich nun zum Worte meldet. Die übermodernen Jungfrauen
-werden das Sendschreiben der Mütterlichkeit wohl etwas hausbacken
-finden. Aber das verschlägt nichts. Aus ihm spricht Klugheit,
-Reife und Gemüt. Aus ihm spricht eine aus Lebenskämpfen
-erwachsene Milde, die das Menschliche, auch wenn es sich als ein
-Allzumenschliches erweist, verzeiht.«</p>
-
-<p class="fontlarge">
-Auch jemand:</p>
-
-<p class="textright fontxlarge">Eine für sich selbst</p>
-
-<p class="textright fontlarge">Brief an die Verfasserin von<br />
-»Eine Mutter für viele«</p>
-
-<table summary="" width="100%">
-<tr><td>3. Auflage</td><td class="textright">Preis M. 1,&ndash;</td></tr>
-</table>
-
-<p class="fontsmall">
-»Eine Dame spricht ruhig und besonnen; eine Dame, die die
-verzehrende Sehnsucht der keuschen Jungfrau nach einem ihr ebenbürtigen
-reinen Jüngling versteht, dieser Sehnsucht aber nicht unbedingt
-das Wort redet. Der Verfasserin schwebt eine Art freier
-Liebe vor. Eine Liebe, die in freiem Genuss und seliger Wahrheit
-durch ihre hehre Grösse so wenig der landläufigen Moral peinlich
-werden kann wie Michelangelos David in seiner kolossalen Nacktheit.
-Eine Liebe, die nicht in den Staub zieht, in deren hohen reinen
-Flammen alles schmilzt, was allzuirdisch und allzumenschlich ist.«</p>
-
-<p class="fontlarge">
-Gerda Schmidt-Hansen:</p>
-
-<p class="textright fontxlarge">Eine für Vera</p>
-
-<p class="textright fontlarge">Aus dem Tagebuche einer jungen Frau</p>
-
-<table summary="" width="100%">
-<tr><td>2. Auflage</td><td class="textright">Preis M. 2,&ndash;</td></tr>
-</table>
-
-<p class="fontsmall">
-Eine im Geiste Veras geschriebene, flammende Anklageschrift
-gegen die Unnatur und Heuchelei der vom Manne diktierten »sittlichen«
-Anschauungen. Die Verfasserin &ndash; eine Dame aus den besten
-Leipziger Gesellschaftskreisen &ndash; deckt hier mit rücksichtsloser Kühnheit
-den Abgrund einer modernen, allzumodernen Ehe auf und zeigt,
-wie die Laxheit der männlichen Moral Seele und Leib des Weibes
-vergiftet und beide dem Untergange zuführt.</p>
-</div>
-
-<div class="advertisement pagebreak">
-<p class="center fontlarge"><a class="pagenum" id="page_369" title="III"> </a>
-Männer im Kampf<br />
-für und gegen Vera:</p>
-
-<p class="fontlarge">
-E... E...</p>
-
-<p class="textright fontxlarge">Einer für Viele!</p>
-
-<table summary="" width="100%">
-<tr><td>2. Auflage</td><td class="textright">Preis M. 1,&ndash;</td></tr>
-</table>
-
-<p class="fontsmall">
-»Dieses Buch wendet sich polemisch gegen die mütterlich
-milden Urteile über das Vera-Problem, welche Christine Thaler in
-ihrer Kampfschrift ausgesprochen hat. E. E. legt offenkundig eine
-Lanze für Vera ein und versteht es, das von Vera angeregte Problem
-in eine neue interessante Beleuchtung zu rücken.«</p>
-
-<p class="fontlarge">
-Felix Ebner:</p>
-
-<p class="textright fontxlarge">
-Meine Bekehrung<br />
-zur Reinheit</p>
-
-<p class="textright fontlarge">Aus dem Leben eines Junggesellen</p>
-
-<table summary="" width="100%">
-<tr><td>2. Auflage</td><td class="textright">Preis M. 2,&ndash;</td></tr>
-</table>
-
-<p class="fontsmall">
-»Die Männerwelt ist lange nicht so verdorben, wie sie von
-emancipierten Blaustrümpfen geschildert wird. Das ist die These
-Ebners. Er bekräftigt seine Überzeugung mit der Darstellung seiner
-eigenen Lebenserfahrungen, mit der Vertiefung und Bereicherung, die
-sein Leben durch echte Liebe gewann, und stellt die Unverbrüchlichkeit
-der ethischen Pflichten, die jeder junge Mann zu erfüllen hat, aufs
-glänzendste heraus.«</p>
-
-<p class="fontlarge">
-Verus:</p>
-
-<p class="textright fontxlarge">
-Einer für Viele</p>
-
-<p class="textright fontlarge">Aus dem Tagebuche eines Mannes</p>
-
-<table summary="" width="100%">
-<tr><td>2. Auflage</td><td class="textright">Preis M. 2,&ndash;</td></tr>
-</table>
-
-<p>
-Die »<em>Feder</em>«, Berlin, schreibt: »Das Buch wird vielen Widerspruch
-erregen, dürfte aber auch viele Freunde finden.«</p>
-
-<p class="fontsmall">Der »<em>Autor</em>«, Zeitschrift für Litteratur und Kunst in Wien,
-schreibt: »Unstreitig die hervorragendste Erscheinung in der ganzen
-›Vera-Litteratur‹, vielleicht eine der bedeutendsten am Büchermarkt
-überhaupt, wiewohl sie bei vielen eine gewaltige Entrüstung hervorrufen
-wird. Man wird das Buch vor jungen Leuten zu verstecken
-suchen, es enthält aber gerade für diese alles, was ihnen spätere
-Enttäuschungen ersparen kann. Mögen es nur recht viele lesen, bevor
-sie in die Lage kommen, aus eigener Erfahrung beurteilen zu
-können, wie recht Verus hat.«</p>
-</div>
-
-
-<div class="advertisement pagebreak">
-<p><a class="pagenum" id="page_370" title="IV"> </a>
-Neue Bücher von Frau Professor</p>
-
-<p class= "center fontxlarge">Maria Janitschek:</p>
-
-<p class= "textright appfontxlarge">Die neue Eva</p>
-
-<p class= "textright">
-2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50</p>
-
-<p class= "fontsmall">
-»Ein reifes Buch. Das Urteil einer Frau, welche die Frauen und
-die Männer sowie das Leben kennt. Frau Janitschek ist dem deutschen
-Leser längst bekannt. Sie ist modern im guten Sinne. Sie
-ironisiert in feiner Weise die Emanzipations-Bestrebungen der Hypermodernen
-und kommt zu dem allerdings nicht neuen Schluss, dass
-ohne die »Kanaille« Mann das Weib nichts ist und sein kann. Durch
-alle Novellen des vorliegenden Buches zittert eine gesunde Ethik.
-Es liegt über jeder einzelnen Geschichte der dumpfe Hauch der geschlechtlichen
-Gier. Und aus jeder Geschichte kann eine treffliche
-Moral gezogen werden. Trotz des pikanten Inhalts würde ich jedem
-Mädchen dieses Buch zwei Tage vor seiner Ehe in die Hand geben. Nach
-den hier vertretenen Prinzipien handelnd, wird dann aus dem »Gänschen«
-nicht notgedrungen die »unverstandene deutsche Frau!«</p>
-
-<p class= "textright">
-»Frankfurter Neueste Nachrichten.«</p>
-
-<p>
-Die »Neue Hamburger Zeitung« schreibt:</p>
-
-<p class= "fontsmall">
-»<em>Die neue Eva</em>« <em>ist ein durchaus künstlerisches
-Tendenzbuch</em>, eines der wenigen, die wir in Deutschland haben,
-denn ein Schönheitsglaube glüht darin auf, eine reine aufstrebende
-Sinnlichkeit und das kraftvolle Selbstvertrauen, dass auch die Frau
-stark genug sei, sich zu befreien, ohne Gefährtinnen, Versammlungen
-und Zeitungen. Und das ist wohl ihr eigenster Sinn, dass nur diejenigen
-Freiheit verdienen, denen sie das eigene Herzblut gewiesen
-und erkämpft, die selbst Individualitäten sind. Reine, starke Höhenluft
-atmet über diesem Buche und ein Duft, wie von heissglühenden,
-sommerlichen Rosen, denn es ist ein Dichtbuch reifer und ungezwungener
-Sinnlichkeit und das Lebensevangelium einer schöpferischen Frau.
-Und ich glaube, dieser Eindruck der Persönlichkeit ist so stark, dass
-ihn selbst diejenigen spüren werden, die die »Neue Eva« lesen um
-der heiklen Themata und der Unterhaltung willen, und zur Erkenntnis
-gelangen, dass sich hier hinter Spott und farbiger Schilderung das
-ernste Antlitz einer wertvollen Weltanschauung erhebt.«</p>
-
-<p class= "fontsmall">
-»... Und nun die neue Eva! Wie anders wirkt dies Zeichen
-auf mich ein. Das sind sieben Geschichten, die tief aus dem Werden
-und Wollen des Weibes herausgeschrieben sind. Maria Janitschek
-hat hier die künstlerischere Seite ihrer Kraft gefunden. Kaum jemals
-ist Psychologie mit Physiologie in der Novelle so innig verbunden
-worden wie in diesen Geschichten. Glut und Wahrheit, ein feines
-Spüren nach den geheimsten Regungen der Evanatur, eine glückliche
-Hand im Ausmalen des Schleierlosen &ndash; das alles und noch einiges
-findet der Leser &ndash; die Leserin möge freilich nicht zu jung sein &ndash;
-in den Erzählungen von der neuen Eva, unter denen »Neue Erziehung
-und alte Moral« ein Meisterstück des psychologischen Verismus ist.</p>
-
-<p class= "textright">
-»Berliner Lokal-Anzeiger.«</p>
-</div>
-
-
-
-
-<div class="advertisement pagebreak">
-<p class="center fontxlarge"> <a class="pagenum" id="page_371" title="V"> </a>
-Aus Aphroditens Garten:</p>
-
-<p class= "center">Zwei neue Romane von</p>
-
-<p class="textright fontlarge">Maria Janitschek</p>
-
-<p class= "center"><em>Band I</em><br />
-<span class= "fontlarge">Maiblumen</span></p>
-
-<p class="center">
-2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50. geb. M. 3,50</p>
-
-<p class="center"><em>Band II</em><br />
-<span class="fontlarge">Feuerlilie</span></p>
-
-<p class="center">
-2. Tausend. Preis brosch. M. 2,50. geb. M. 3,50</p>
-
-<p class="fontsmall">
-»<em>Aus Aphroditens Garten</em>« betitelt <em>Maria Janitschek</em>,
-die berühmte Erzählerin und feinsinnige Kennerin der modernen Frauenseele,
-ihren neuesten Romancyklus, in dem sie in umfassender Weise
-an einer Reihe von Einzelschicksalen ihre Erfahrungen und Anschauungen
-über das moderne Weib und seine seelischen und sozialen Verhältnisse
-in vielseitiger Weise niederlegen will.« »Der Gesellige.« Graudenz.</p>
-
-<p class="fontsmall">»Schon die äusserlichen Vorgänge, die sich im vorliegenden
-Roman abspielen, sind von Maria Janitschek in brillanter, von Anfang
-bis zu Ende spannender Weise erzählt, noch viel mehr aber wird den
-Freund moderner Dichtung der ausserordentliche Scharfsinn und die
-psychologische Tiefgründigkeit überraschen, mit denen das Seelenleben
-der Heldin, einer mitten in den Anfechtungen des modernen Lebens,
-sowie ihres eigenen leidenschaftlichen Herzens stehenden Jungfrau geschildert
-wird. Der Leser wird geradezu in den Lebenskreis dieses
-seltsamen Wesens hineingezwungen. Man darf nach diesem Anfang
-mit grossem Interesse den weiteren Enthüllungen aus »Aphroditens
-Garten« entgegensehen, und insbesondere sollte niemand, der Interesse
-für die moderne Frauenbewegung hat, diese künstlerischen Ergüsse
-einer der modernsten Frauen der Gegenwart ungelesen lassen.«</p>
-
-<p class="textright">»Deutsche Tageszeitung«, Wien.</p>
-
-<p class="center">Von derselben Verfasserin erscheint Ende 1902:</p>
-
-<p class="center fontxlarge">Auf weiten Flügeln</p>
-
-<p class="center">Novellensammlung:</p>
-
-<p>Judas &ndash; In der Frühe &ndash; Heimatlose Nachtigall &ndash;
-Die beiden Karren &ndash; Um der Glorie willen .....</p>
-
-<p class="textright">Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50</p>
-</div>
-
-
-
-<div class="advertisement pagebreak">
-<p class="center fontlarge"><a class="pagenum" id="page_372" title="VI"> </a>
-Zwei neue wichtige Publikationen zum Thema der<br />
-<em>Frauenfrage und Mädchenerziehung</em></p>
-
-
-<p class="center fontlarge">Louis Frank &ndash; Dr. Keifer &ndash; Louis Maingie:</p>
-
-<p class="center fontxlarge">Die Versicherung der Mütter</p>
-
-<p class="center">Autorisierte deutsche Ausgabe besorgt von<br />
-<span class="fontlarge">Nina Carnegie Mardon</span></p>
-
-<p class="textright">Preis brosch. M. 2,&ndash;</p>
-
-<p class="fontsmall">Die Notwendigkeit eines Schutzes für die Frauen der arbeitenden
-Klassen während und nach ihrer Schwangerschaft wird in dieser
-Schrift zum ersten Mal in wissenschaftlich begründeter Weise nachgewiesen.
-An der Hand eines reichen statistischen Materials wird
-die Unhaltbarkeit der bisherigen Zustände und ihre Gemeingefährlichkeit
-für das Leben der Gesamtheit dargethan, sodann die Möglichkeit
-gezeigt, durch Begründung einer Versicherung diesen beklagenswerten
-Missständen abzuhelfen und den Müttern für eine bestimmte
-Zeit Freiheit von der Last der Arbeit und die notwendigen Subsistenzmittel
-zu gewährleisten. Das Wesen und die Ausführbarkeit dieser
-Versicherung wird bis in ihre kleinsten technischen Einzelheiten
-dargethan. Die sociale Gesetzgebung wird, früher oder später, mit
-Notwendigkeit zu den hier entwickelten Gesichtspunkten hingeführt
-werden müssen, wenn anders das Wort von dem stetigen Fortschritt
-der Kultur keine blosse Phrase bleiben soll.</p>
-
-
-<p class="center fontxlarge">Eine Mutterpflicht</p>
-
-<p class="center">Beiträge zur sexuellen Erziehung von<br />
-<span class="fontlarge">E. Stiehl</span></p>
-
-<table summary="" width="100%">
-<tr><td>2. Auflage.</td><td class="textright">Preis 50 Pf.</td></tr>
-</table>
-
-<p class="fontsmall">
-Man hat das <em>neue Jahrhundert</em> schon das »<em>Jahrhundert
-des Kindes</em>« getauft. In der That ist die Erziehung unserer Kinder
-gottlob in ein neues Stadium getreten. Das wichtigste Gebiet in
-dieser Erziehung bildet die sexuelle Pädagogik. In immer weiteren
-Kreisen bricht sich die Ueberzeugung Bahn: Wir dürfen in Bezug
-auf die Belehrung unserer Kinder über geschlechtliche Dinge nicht
-stehen bleiben bei der ererbten und anerzogenen Gewohnheit ablehnender
-Prüderie. Wir müssen dem Kinde auf seine Fragen nach
-den natürlichen Dingen andere Antworten geben, als bisher. Diese
-heiligste Mutterpflicht behandelt E. Stiehl in ihrer Schrift, sie beweist,
-dass es die ernsteste Aufgabe jeder gewissenhaften Mutter
-ist, die Leitung und Belehrung ihres Kindes auf diesem zartesten und
-schwierigsten Gebiete der Erziehung selbständig vorzunehmen. Kein
-Buch enthält eine stärkere Ermahnung an Mütter und Erzieher, als wie
-sie von E. Stiehl gegeben wird. Möge sie auch beherzigt werden!</p>
-
-<p class="fontsmall">Wer Interesse für den Fortschritt unserer Kultur und für
-thatkräftige Besserung unserer socialen Verhältnisse hat, dem
-seien diese beiden auf ihrem Gebiete geradezu reformatorisch
-wirkenden Schriften &ndash; und deren Verbreitung in weitesten
-Kreisen angelegentlichst ans Herz gelegt.</p>
-</div>
-
-
-
-<div class="advertisement pagebreak">
-<p class="center"><a class="pagenum" id="page_373" title="VII"> </a>
-Eine wackere Vorkämpferin für die Rechte der Frau ist<br />
-<span class="fontlarge">Grete Meisel-Hess!</span></p>
-
-<p><em>Bisher erschienen</em>:</p>
-
-<p class="center fontxlarge">In der modernen<br />
-Weltanschauung</p>
-
-<p class="indent4">
-Preis M. 2,50</p>
-
-<p class="fontsmall">
-Ein aus dem Geiste Wilhelm Bölsches geschaffenes Werk!
-Jeder Bekenner, Anhänger und Freund des Monismus wird nach dieser
-mit einem prächtigen Temperament geschriebenen Abhandlung der
-bekannten Wiener Schriftstellerin greifen, wenn er über die tiefe
-Verknüpfung des modernen Lebens mit der Naturphilosophie der
-Gegenwart orientiert sein will. Die Verfasserin kämpft für eine
-Regeneration in allen Gebieten, in Reich und Staat, in Kunst und
-Erziehung, in Ethik und Gesellschaft. Für die Frauenbewegung ist
-die Schrift von der grössten Bedeutung.</p>
-
-<p>
-<em>Ferner</em>:</p>
-
-<p class="center fontxlarge">Fanny Roth<br />
-<span class="fontsmall">Eine Jung-Frauengeschichte</span></p>
-
-<table summary="" width="100%">
-<tr><td>2. Auflage</td><td class="textright">Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50</td></tr>
-</table>
-
-<p>
-Die »<em>Zeit</em>«, Wien, schreibt:</p>
-
-<p class="fontsmall">»Das Dankenswerte an diesem Buche ist, dass hier eine Frau
-dem Mädchen jene Erkenntnis vermittelt, die sich die jungen Männer,
-gesellschaftlich freier gestellt, aus ihrem eigenen Leben holen: die
-Nebensächlichkeit aller reinen Geschlechtsprobleme für das wahre
-Leben tiefer veranlagter Naturen. Also wirklich einmal ein Buch,
-das junge Mädchen lesen sollten. Dass die künstlerische Form nicht
-visionär genug ist, nützt vielleicht gar dem didaktischen Zweck,
-denn eine gesperrt gedruckte Lebensweisheit fällt stärker in die
-Augen. Und übrigens würde das Buch, das unstreitig dichterische
-Qualitäten zeigt, weit reifer und geschlossener wirken, wenn nicht
-ein durchgehends zu konsequent angewandter Naturalismus uns immer
-wieder aus jener Welt in diese stürzte.«</p>
-
-<p>Die »<em>Wiener Hausfrauenzeitung</em>« schreibt:</p>
-
-<p class="fontsmall">»In dem hier vorliegenden Buche zeigt sich wieder, wie meisterhaft
-die Verfasserin Situationen zu schildern versteht und wie packend
-und natürlich sie zu erzählen weiss ... eine Erzählung aus dem
-Leben einer Künstlerin, die aber auf Hunderte andere Mädchen
-ebenso Anwendung finden kann und den Leser bis zur letzten Seite
-in Spannung hält.«</p>
-
-<p><em>Herbst</em> 1902 erscheint:</p>
-
-<p class="center fontxlarge">Suchende Seelen</p>
-
-<p class="center">
-(1. Das Leid. 2. Die Lüge. 3. Die Krisis). Preis br. M. 2,&ndash;</p>
-</div>
-
-<div class="advertisement pagebreak">
-<p><a class="pagenum" id="page_374" title="VIII"> </a>
-<em>Bücher zur Frauenfrage von Frau</em></p>
-
-<p class="fontlarge">Elsa Asenijeff</p>
-
-<p class="center fontxlarge">Unschuld<br />
-<span class="fontsmall">Ein modernes Mädchenbuch</span></p>
-
-<table summary="" width="100%">
-<tr><td>2. Auflage.</td><td class="textright">Preis brosch. M. 2,50, geb. M. 3,50</td></tr>
-</table>
-
-<p class="fontsmall">
-Die »<em>Deutsche Zeitung</em>«, Wien, schreibt: »Die Verfasserin,
-offenbar eine Frau von Geist und tiefem Gemüt, ist durchdrungen
-vom hohen Beruf des Weibes, das ›in Heiligkeit und Schönheit durch
-die rauhe Roheit des Lebens gehen soll‹, das ›bei allem Beleidigenden,
-was es erblickt, nur den Gedanken der Güte an heilendes
-Bessere‹ haben soll. Und so legt sie denn eine Reihe von Bildchen
-aus dem jungen Mädchenleben vor, in denen überall auf eine Gefahr,
-ein lauerndes kleines Ungetüm aufmerksam gemacht wird. Die Verfasserin
-hat die keimende Seele des Weibes wohl beachtet und weiss
-ihre Erscheinungen anschaulich und mit interessanter Lebendigkeit
-zu schildern. Dass sie sich dabei von tantiger Prüderie ferne hält,
-giebt dem Buche die Weihe einer höheren, weil furchtloseren Reinheit.
-An einer Stelle sagt Elsa Asenijeff von den schriftstellernden
-Frauen: ›Sie schreiben, wie sie es von den Männern gelernt. Ihre
-Seelen kriechen erst aus ihrem Leibe heraus und in ein Mannesgehirn
-hinein, dann erst schreiben sie. Die Lieben aber, welche die
-Kinder gern haben, die schreiben nie. Die sitzen zu Hause und
-heissen Mami und pflegen das liebe Kind, dass es dereinst ein ordentlicher
-Mensch werde.‹ Wie wahr! Und dass man trotz der Richtigkeit
-dieses Satzes gegen das wahrhaft weibliche Buch Asenijeffs
-kaum etwas einwenden kann, ist wohl sein schönstes Lob.«</p>
-
-<p class="fontsmall">&ndash; »Die hochbegabte Verfasserin giebt hier eine Sammlung von
-Skizzen aus dem Leben des Weibes von der frühesten Jugend bis in
-das Alter in knappster Form und von einer Anschaulichkeit, die diese
-Bilder in leuchtenden Farben, zum Greifen deutlich, vor das geistige
-Auge des Lesers, besser noch der Leserin stellt. Die feine Zeichnung
-verrät eine ausserordentliche Begabung für psychologische Feinheiten.
-Eine eigenartig zarte Poesie liegt über den kleinen intimen Seelengemälden,
-etwas märchenhaft Holdes, das auf die Phantasie einen
-eigenen Zauber ausübt. Die Skizzen sind kleine Kunstwerke dichterischer
-Prosa, reif und durchgeistigt und zugleich von einer edlen
-Einfachheit des Stils. Das Buch wendet sich an die jungen Mädchen,
-»die Jugendknospen der Menschheit. Für jene, welchen ein
-Walzer oder ein schönes Kleid alles gelten, sind meine Worte nicht.
-Noch für solche, die wie im dämmernden Schlaf im Dasein dahingehen,
-nicht nach rechts, noch nach links blickend, nicht fragend,
-nicht wollend, und an deren stummer Teilnahmlosigkeit sich das
-Schicksal vollzieht. Aber Euch Edelsten will ich dienen, die Ihr in
-Schönheit durch die rauhe Roheit des Lebens gehen wollt, Euch
-mit den glühenden, opfervollen Herzen, denen alles Beleidigende, was
-sie erblicken, nur den Gedanken der Güte an heilendes Bessere giebt.«
-Der Zweck des Buches ist ein erzieherischer, aber es ist nicht
-pedantische Schulmeisterei, die hier das Wort ergreift, sondern eine
-echte Dichterin, die von den Schicksalen der Frauenseele singt.
-Auch über die herben Erscheinungen des Lebens zieht sie keine
-prüden Schleier, doch wird die schöne poetische Form trotz des oft
-»naturalistischen« Inhalts stets festgehalten. Ein paar sinnige Märchen
-gehören zum Schönsten, was die Sammlung enthält. Für die jungen
-Mädchen, zu denen die Verfasserin in den oben zitierten Einleiteworten
-spricht, wird das Buch eine schöne Weihnachtsgabe sein.«</p>
-
-<p class="textright">
-»Staatsanzeiger für Württemberg«, Stuttgart.</p>
-</div>
-
-<div class="advertisement pagebreak">
-<p class="center fontxlarge"><a class="pagenum" id="page_375" title="IX"> </a>
-Tagebuchblätter einer Emanzipierten</p>
-<p class="center">von</p>
-<p class="center fontlarge">Elsa Asenijeff</p>
-
-<p>Preis brosch. M. 3,&ndash;, geb. M. 4,&ndash;</p>
-
-<p class="fontsmall">
-Als einer echten Modernen steht Elsa Asenijeff das Menschentum
-im Werte unendlich höher als das Weibtum, und indem sie den
-mitringenden Schwestern zeigt, wie sie sich zäh und unablässig zu
-diesem würdigen Ziele hinkämpft, verrichtet sie mit ihrem Buche eine
-nicht hoch genug zu veranschlagende Pionierarbeit.</p>
-
-<p class="textright">»Deutsche Warte«, Berlin.</p>
-
-<p class="fontsmall">
-Elsa Asenijeff ist keine von den gewöhnlichen Emanzipationsdamen,
-die mit fertigen Schlagworten um sich hauen. In dem überfeinen
-und hochsensitiven Wesen dieser Schriftstellerin ist doch etwas
-von jenem kulturfördernden Geiste, der über die harte, wissenschaftlich
-dürre Mannesgesittung hinaus zu einer edleren, freieren Sittigung
-strebt; diese keimt im Gefühl, in der Seele, sie wird ohne Zweifel
-einmal unsere starre Männerkultur überwinden können.</p>
-
-<p class="textright">»Deutsche Wacht«, Dresden.</p>
-
-<p class="center">
-Ferner ist im Verlag von <em>Hermann Seemann<br />
-Nachfolger</em> von Frau <em>Elsa Asenijeff</em> erschienen:</p>
-
-<p class="center fontxlarge">Max Klingers Beethoven</p>
-
-<p class="center fontlarge">Eine kunsttechnische Studie</p>
-
-<p class="center">Prachtwerk in Grossquart mit acht Heliogravüren<br />
-und 23 Beilagen und Textbildern</p>
-
-<p class="center">Preis in vornehmem Liebhaberband gebunden M. 20,&ndash;</p>
-
-<p class="fontsmall">
-Frau Asenijeff gehört seit Jahren zu dem engeren Freundeskreise
-Klingers, sie hat das grosse Werk, das wie selten eine einzelne künstlerische
-Schöpfung in Deutschland die Gemüter in Aufregung versetzt
-hat, wachsen und werden sehen, und aus eigener Anschauung berichtet
-sie nun, wie jener Titelzusatz andeutet, von der Arbeit, die Klinger
-hier geleistet, von dem technischen Können, das in dieser seltsam-grossartigen
-Monumentalstatue niedergelegt ist. Nach den vielfachen
-kritisch-ästhetischen Abhandlungen über den »Beethoven« ist eine
-solche Schrift sehr willkommen.</p>
-
-<p class="textright">»National-Zeitung«, Berlin.</p>
-
-<p class="fontsmall">
-Eine ungewöhnlich interessante Veröffentlichung ist das Prachtwerk
-»Max Klingers Beethoven«. Das Werk, das im gesamten Schaffen
-Klingers einen Gipfel bedeutet, wird von Frau Elsa Asenijeff in einem
-trefflichen Text erklärt, der die zahlreichen Illustrationen &ndash; 8 Heliogravüren,
-23 Beilagen und Abbildungen im Text &ndash; wirksam unterstützt,
-zumal da Frau Asenijeff in der Lage ist, auch zu der Entstehungsgeschichte
-des Werkes die interessantesten Ausführungen beizubringen,
-insonderheit über die grosse Schwierigkeit, den Thronsessel in Bronze
-zu giessen, was erst in Pierre Bingens Werkstatt in Paris gelungen
-ist und von Frau Asenijeff in den einzelnen Stadien ausserordentlich
-dramatisch erzählt wird. Die Schilderung des Bronzegusses ist eine
-Meisterleistung.</p>
-
-<p class="textright">»Vossische Zeitung.«</p>
-</div>
-
-<div class="advertisement pagebreak">
-<p class="center appfontxlarge"><a class="pagenum" id="page_376" title="X"> </a>
-Neue Frauen</p>
-
-<p class="center fontlarge">Roman von Paul und Victor Margueritte</p>
-
-<p class="center">(Einzig autorisierte Ausgabe von U. Fricke)</p>
-
-<p class="center">Preis brosch. M. 4.&ndash;, geb. M. 5.&ndash;</p>
-
-<p class="fontsmall">In dem hervorragenden Roman »<em>Neue Frauen</em>«
-von Paul und Victor Margueritte, einem Brüderpaar,
-das zu den berühmtesten französischen Romanschriftstellern
-der Gegenwart zählt, werden neben glänzenden
-Schilderungen der Gesellschaft und der unteren Volksmassen,
-die »neuen Frauen« als Vorkämpferinnen der
-Frauenbewegung verherrlicht, die auf diesem Wege die
-sociale Frage lösen wollen. Und diese Frauen nun
-haben auch die idealen Forderungen der Reinheit des
-Mannes vor der Ehe, der sittlichen Gleichberechtigung
-beider Geschlechter auf ihren Schild geschrieben. So
-schlägt die Heldin des Romans zwei Eheprojekte wegen
-der »Vergangenheit« der Werber aus. Der Roman ist
-glänzend geschrieben, unterhaltend, wertvoll und für
-jeden, der »<em>Vera</em>« kennt und für die Frauenprobleme
-etwas übrig hat, von brennendem Interesse.</p>
-
-<p class="fontsmall">Die Kritiken über Paul und Victor Margueritte,
-<em>Neue Frauen</em>, sind insgesamt lobend und empfehlen
-das Werk in jeder Hinsicht zur Lektüre. Eine Kritik
-sei hier wiedergegeben aus dem »Staatsanzeiger für
-Württemberg«, Stuttgart:</p>
-
-<p class="fontxsmall">»Der fesselnd geschriebene französische Roman behandelt
-Probleme, die mit der modernen Frauenbewegung zusammenhängen,
-übrigens wegen Ihres rein menschlichen Gehalts der Teilnahme auch
-der Parteilosen sicher sind. Die Geschichte dieses Romans ist für
-eine Doppelautorschaft von einer seltenen Einheitlichkeit und Folgerichtigkeit.
-Die Darstellung der vorhandenen Konflikte glüht von
-Begeisterung für die höhere Sittlichkeit der Menschen der Zukunft,
-welche die Seelen läutern wird. Die Heldin, die in schweren Stunden
-für das Recht der Selbstbestimmung als Frau und Tochter mit Energie
-eintritt und sich im Kampf des Lebens die echte Weiblichkeit bewahrt,
-ist eine sympathische Frauengestalt, der Idealtypus der Frau
-der Zukunft, wie ihn die Verfasser und mit ihnen gewiss noch viele
-andere erträumen. Auch radikale Typen des weiblichen Geschlechts
-sind vertreten, der Blaustrumpf und die geschworene Männerfeindin,
-jedoch nicht zur Abschreckung, als Lächerlichkeiten. Die Verfasser
-lassen keinen Zweifel darüber, dass für sie die Frau der Zukunft so
-nicht aussieht. Der Roman entwickelt die Ereignisse von innen, vom
-Charakter der Personen aus und verbindet so mit der Erörterung
-zeitgemässer Fragen eine treffende Psychologie, die ihm in erster
-Linie seinen Wert verleiht.«</p>
-</div>
-
-<div class="advertisement pagebreak">
-<p class="fontlarge"><a class="pagenum" id="page_377" title="XI"> </a>
-»Der Roman eines Dienstmädchens«</p>
-
-<p>ist das neueste zweibändige grandiose Werk der bekannten<br />
-polnischen Schriftstellerin</p>
-
-<p class="fontxlarge">Gabriela Gräfin Zapolska</p>
-
-<p class="textright appfontxlarge">Käthe die Karyatide</p>
-
-<p>2 Bände brosch. je M. 2,50, geb. je M. 3,50</p>
-
-
-<p class="fontsmall">»Die Karyatide, die in stummer Ergebenheit die Last des Hauses
-und ihres eigenen Unglücks trägt, ist das Dienstmädchen. Zu einem
-Symbol wächst ihre Gestalt. Wie eine Karyatide erscheint sie, auf
-deren Schultern die niederdrückende Last elender niederer Arbeit
-ruht. Ein solches typisches Lebensschicksal schildert die polnische
-Dichterin Gräfin Zapolska mit einem unerbittlichen, oft ans Brutale
-streifenden Wirklichkeitssinn. Es ist das Werk einer Persönlichkeit,
-das mit bedeutender Aufmerksamkeit gelesen zu werden verdient.«</p>
-
-<p>
-Ein reizvolles Pendant zu <em>Gräfin Zapolskas</em>
-Dienstmädchenroman bildet der</p>
-
-<p class="center fontlarge">»Roman einer Ladenmamsell«,</p>
-
-<p>wie er uns vorliegt, in</p>
-
-<p class="indent4 fontlarge"><em>Jenny Schwabes</em> Roman</p>
-
-<p class="center fontxlarge">Im feindlichen Leben</p>
-
-<p>Preis brosch. M. 3,&ndash;, geb. M. 4,&ndash;</p>
-
-<p class="fontsmall">
-Aus Urteilen der Presse: »Das ist der Roman der Ladenmamsell
-mit all den mannigfachen Anfechtungen und Sorgen, denen
-diese jungen Mädchen in ihrer dienenden Stellung ausgesetzt sind.
-Das ist der Roman eines gut erzogenen, tüchtigen Mädchens, dem
-seine Armut überall Zwang anlegt und das gezwungen ist, seine
-jungen Kräfte in seelentötender Arbeit zu verbrauchen, dem es aber
-doch gelingt, sich wacker durchzukämpfen und einen beglückenden
-Wirkungskreis in Leben und Ehe zu finden. Die Lektüre ist sehr
-unterhaltsam, und das versöhnliche Ende entlässt den Leser mit der
-Hoffnung, dass auch diese Gebiete der Frauenbewegung noch ihre
-Zukunft haben«.</p>
-</div>
-
-<div class="advertisement pagebreak">
-<p class="center fontxlarge"><a class="pagenum" id="page_378" title="XII"> </a>
-<em>Gebt uns die Wahrheit!</em></p>
-
-<p class="center fontlarge">Ein Beitrag zu unserer Erziehung zur Ehe</p>
-
-<p class="center">Von</p>
-
-<p class="center fontlarge">Else Jerusalem-Kotányi</p>
-
-<table summary="" width="100%">
-<tr><td>2. Auflage</td><td class="textright">Preis M. 2.&ndash;</td></tr>
-</table>
-
-<p class="fontsmall">»<em>Gebt uns die Wahrheit</em>« <em>ist eine moderne ars
-amandi im edelsten Sinne des Wortes, noch mehr</em>, es ist
-das beste Buch, das je eine Frau geschrieben hat.«</p>
-
-<p class="textright">Viktor A. Reko in den »Internationalen Litteraturberichten.«</p>
-
-<p>
-An Stelle der übrigen zahlreichen Kritiken, die
-»Gebt uns die Wahrheit« durchaus günstig besprachen,
-sei hier der Verfasserin Selbstanzeige aus der »Zukunft«
-wiedergegeben:</p>
-
-<p class="fontsmall">»In der Arbeit, die ich nun dem Leser vorlege, habe ich jenes
-gefährliche Wagestück unternommen, vor dem selbst einem alten
-Teufelskumpan wie dem Doktor Faust heimlich graute: Ich bin zu
-den Müttern hinabgestiegen. Die Mädchenerziehung ist von jeher
-eine heiss umstrittene Frage gewesen. Alle Damen, alle Herren
-haben darüber höchst löblich und leidenschaftslos gesprochen, und
-nur uns selbst, den Hauptpersonen in dieser beliebten Farce, wurde
-jede selbständige Willensregung einfach abgeschnitten. Wir blieben
-stumme Trägerinnen unserer naiv-sentimentalen Rollen, die uns im
-letzten Akt die notwendige Lustspiellösung bringen mussten. Das
-ist im Grunde einfache Logik der Thatsachen. Ein nach den Regeln
-der Gesellschaft gedrilltes weibliches Wesen vergisst nur zu rasch,
-über sich und seinen Entwickelungsgang nachzudenken. Als junge
-Dame hat sie weit wichtigere Funktionen zu erfüllen, als ihr Innenleben
-einer Betrachtung oder gar einer Kritik zu unterziehen. Auf
-Grund, wie ich kühn behaupten darf, ehrlicher psychologischer
-Forschung versuchte ich, in meinem Buch eine Darstellung jener
-gefährlichen Mischung der äusseren Welterziehung und der geheimen
-Selbstenthaltung zu geben, die später so schädigend auf die Entwickelung
-unserer physischen und psychischen Kräfte zurückwirkt.
-Keine frivole Absicht, nicht die Sucht, mit der Verneinung des Althergebrachten
-modern zu wirken, hat mich dazu bestimmt. Doch
-das Aussprechen gewisser Thatsachen wirkt in unserer, an keuschen
-... Ohren so reichen Gesellschaft immer weit verletzender als deren
-Ausübung. Ist einer von uns ein unangenehmes Abenteuer passiert,
-so breitet die Welt unter salbungsvollen Reden den fadenscheinigen
-Mantel ihrer Nächstenliebe darüber. Denn das kann jeder Mutter
-Kind geschehen. Aber spricht eine von uns darüber, schreibt sie
-durchlebte, durchlittene Gedankentragödien, die das Leben in tausend
-und abertausend Fällen zur Wirklichkeit macht, gar nieder, dann
-giebt es Skandal &ndash; und die Steine fliegen. Denn da ist man wohl
-sicher: Das braucht wirklich nicht jeder zuzukommen. Möge denn
-das Büchlein seinem Schicksal entgegengehen; vielleicht wird mein
-eigenes Geschlecht zuerst wider mich aufstehen; auch jene ganz
-Reinen, für die es in lichterfüllten Stunden niedergeschrieben wurde.«</p>
-</div>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_001" id="Footnote_001" href="#FNanchor_001">[1]</a>
-Tacitus, Germania, § 8.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_002" id="Footnote_002" href="#FNanchor_002">[2]</a>
-Tacitus a. a. O. § 8.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_003" id="Footnote_003" href="#FNanchor_003">[3]</a>
-Karl Weinhold, Die deutschen Frauen in dem
-Mittelalter, I. 218 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_004" id="Footnote_004" href="#FNanchor_004">[4]</a>
-Tacitus a. a. O. § 19.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_005" id="Footnote_005" href="#FNanchor_005">[5]</a>
-Der 37. Artikel: Wer eines Mannes ehelich
-Weib öffentlich behuret, oder sonst ein Weib oder
-Magd notzöget, nimpt er sie darnach zur Ehe, eheliche
-Kinder gewinnet er nimmermehr bey ihr. (Übers.
-von Jacob Friedrich Ludovici 1750.)</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_006" id="Footnote_006" href="#FNanchor_006">[6]</a>
-Caesar, De bello gallico, VI. 21.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_007" id="Footnote_007" href="#FNanchor_007">[7]</a>
-Einhard, Das Leben Karls d. Gr. Übers. und
-erl. von H. Althof, S. 42 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_008" id="Footnote_008" href="#FNanchor_008">[8]</a>
-Einhard a. a. O. S. 45.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_009" id="Footnote_009" href="#FNanchor_009">[9]</a>
-Einhard, a. a. O. S. 45 Anmerkung 3.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_010" id="Footnote_010" href="#FNanchor_010">[10]</a>
-Scheible, Das Kloster, VI.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_011" id="Footnote_011" href="#FNanchor_011">[11]</a>
-Weinhold a. a. O. I. 301.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_012" id="Footnote_012" href="#FNanchor_012">[12]</a>
-Memmingen, Stälin u. a. »Beschreibung der
-württemb. Aemter«, Heft 20.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_013" id="Footnote_013" href="#FNanchor_013">[13]</a>
-Aug. Bebel, Die Frau und der Sozialismus,
-29. Aufl., S. 67.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_014" id="Footnote_014" href="#FNanchor_014">[14]</a>
-
-<div class="poetry-container3">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Diu frowe sol hie ouzen gân,</div>
- <div class="verse indent0">Einen stein in der stoûchen hân</div>
- <div class="verse indent0">Mit riemen drîn gepûnden</div>
- <div class="verse indent0">Swaere pi drîen pfunden</div>
- <div class="verse indent0">Diu stouche sol sol wesen lînîn (leinen)</div>
- <div class="verse indent0">Und zweier ellen lanc sîn.</div>
- <div class="verse indent6">(Apollonius 20446.)</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_015" id="Footnote_015" href="#FNanchor_015">[15]</a>
-Hans Sachs, Ausgew. dramatische Werke, übers.
-v. K. Pannier, S. 123 ff. Schimpf und Ernst v. Bruder
-Joh. Pauli, ibid. Nr. 108 S. 84 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_016" id="Footnote_016" href="#FNanchor_016">[16]</a>
-Gustav Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit,
-26. Aufl., I. 371.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_017" id="Footnote_017" href="#FNanchor_017">[17]</a>
-Die Dramen der Roswitha von Gandersheim.
-Übersetzt und gewürdigt von Ottomar Pilz. Leipzig o. J.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_018" id="Footnote_018" href="#FNanchor_018">[18]</a>
-Nibelungen, 903.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_019" id="Footnote_019" href="#FNanchor_019">[19]</a>
-Gust. Freytag a. a. O. I. 524.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_020" id="Footnote_020" href="#FNanchor_020">[20]</a>
-Scherr, Geschichte der deutschen Frauenwelt,
-5. Aufl., I. 177.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_021" id="Footnote_021" href="#FNanchor_021">[21]</a>
-Weinhold a. a. O. I. 253.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_022" id="Footnote_022" href="#FNanchor_022">[22]</a>
-Deutscher Minnesang, übertragen v. Bruno Obermann,
-S. 37 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_023" id="Footnote_023" href="#FNanchor_023">[23]</a>
-Heinrichs »Rede von des Todes Gehügede« in
-Goedeckes »Mittelalter«, S. 187.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_024" id="Footnote_024" href="#FNanchor_024">[24]</a>
-De la Curne de Saint-Pelaye, »Das Ritterwesen
-des Mittelalters«, deutsch von Klüber, II. 268.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_025" id="Footnote_025" href="#FNanchor_025">[25]</a>
-Gust. Freytag a. a. O. I. 373.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_026" id="Footnote_026" href="#FNanchor_026">[26]</a>
-Ed. Westermarck, »Geschichte der menschlichen
-Ehe«. Aus d. Engl. von L. Katscher und
-R. Grazer. 2. Aufl.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_027" id="Footnote_027" href="#FNanchor_027">[27]</a>
-Parzival 552. 25 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_028" id="Footnote_028" href="#FNanchor_028">[28]</a>
-Parzival 405. 15.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_029" id="Footnote_029" href="#FNanchor_029">[29]</a>
-Dieffenbacher, Deutsches Leben im 12. Jahrh.,
-161 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_030" id="Footnote_030" href="#FNanchor_030">[30]</a>
-Hagen, Gesammtabenteuer, II. 129.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_031" id="Footnote_031" href="#FNanchor_031">[31]</a>
-Parzival 243. 28 ff., 166. 21 ff., 167. 30. Wolfdietrich
-1386.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_032" id="Footnote_032" href="#FNanchor_032">[32]</a>
-Parzival 405 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_033" id="Footnote_033" href="#FNanchor_033">[33]</a>
-Bartsch, cit. bei Pannier, Parzival.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_034" id="Footnote_034" href="#FNanchor_034">[34]</a>
-Konrad von Würzburgs »Partonopier und Meliûr«,
-1227 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_035" id="Footnote_035" href="#FNanchor_035">[35]</a>
-Tristan, herausgegeben von Massmann, S. 33 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_036" id="Footnote_036" href="#FNanchor_036">[36]</a>
-Leben der heiligen Elisabeth, 3161 ff. u. 3360.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_037" id="Footnote_037" href="#FNanchor_037">[37]</a>
-U. a. 1. Buch Mosis 19. 8 u. 14.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_038" id="Footnote_038" href="#FNanchor_038">[38]</a>
-Welsche Gast von Thomasin von Zircläre 457.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_039" id="Footnote_039" href="#FNanchor_039">[39]</a>
-Parzival 101. 10 ff., 111. 22 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_040" id="Footnote_040" href="#FNanchor_040">[40]</a>
-Streckfuss, 500 Jahre Berliner Geschichte, S. 35,
-und Schultz, Alltagsleben e. d. Frau zu Anfang des
-18. Jahrh., S. 109.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_041" id="Footnote_041" href="#FNanchor_041">[41]</a>
-Eine in jeder Beziehung ausgezeichnete Neubearbeitung
-Meier Helmbrechts lieferte Ludwig Fulda
-(Hendel, Halle a. S.), deren Lektüre nicht warm genug
-empfohlen werden kann.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_042" id="Footnote_042" href="#FNanchor_042">[42]</a>
-Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit,
-II.<a class="fnanchor">I</a> S. 64 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_043" id="Footnote_043" href="#FNanchor_043">[43]</a>
-Peter Leu, erneut v. Karl Pannier, 12. Kap. S. 98.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_044" id="Footnote_044" href="#FNanchor_044">[44]</a>
-O. Beneke, Von unehrlichen Leuten, S. 168.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_045" id="Footnote_045" href="#FNanchor_045">[45]</a>
-Bartels, Der Bauer in der deutschen Vergangenheit,
-S. 56.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_046" id="Footnote_046" href="#FNanchor_046">[46]</a>
-Maximilian Rappsilber, Alt Berlin, S. 79.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_047" id="Footnote_047" href="#FNanchor_047">[47]</a>
-Herausgegeben von Ludw. Bechstein.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_048" id="Footnote_048" href="#FNanchor_048">[48]</a>
-Jena 1522 II. 146.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_049" id="Footnote_049" href="#FNanchor_049">[49]</a>
-Dr. Karl Hagen, Deutschlands literarische und
-religiöse Verhältnisse im Reformationszeitalter, S. 234.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_050" id="Footnote_050" href="#FNanchor_050">[50]</a>
-Alwin Schultz, Deutsches Leben im XIV. und
-XV. Jahrh., S. 159.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_051" id="Footnote_051" href="#FNanchor_051">[51]</a>
-Freidank a. a. O., Aus dem Mittelhochdeutschen
-von K. Pannier, S. 24 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_052" id="Footnote_052" href="#FNanchor_052">[52]</a>
-Corvin, Pfaffenspiegel, V. Aufl. S. 303.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_053" id="Footnote_053" href="#FNanchor_053">[53]</a>
-»Der Pfarrer von Kahlenberg.« Ein Schwankgedicht.
-Erneut von Karl Pannier, Leipzig, S. 36.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_054" id="Footnote_054" href="#FNanchor_054">[54]</a>
-19. 86.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_055" id="Footnote_055" href="#FNanchor_055">[55]</a>
-Schimpf und ernst v. Bruder Johannes Pauli,
-Strassburg 1522.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_056" id="Footnote_056" href="#FNanchor_056">[56]</a>
-Cyr. Spangenberg, Adels Spiegel. Historischer
-ausf. Bericht: Was Adel sey und heisse etc. Schmalkalden
-1591. fol. 403 b ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_057" id="Footnote_057" href="#FNanchor_057">[57]</a>
-Seelenparadies, fol. 147 a.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_058" id="Footnote_058" href="#FNanchor_058">[58]</a>
-Narrenschiff, LXXIII. Vom geistlich werden.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_059" id="Footnote_059" href="#FNanchor_059">[59]</a>
-Corvin a. a. O. 327.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_060" id="Footnote_060" href="#FNanchor_060">[60]</a>
-Adelbert von Keller, »Alte gute Schwänke«,
-S. 76.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_061" id="Footnote_061" href="#FNanchor_061">[61]</a>
-Jäger, Schwäbisches Städtewesen, I. 501.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_062" id="Footnote_062" href="#FNanchor_062">[62]</a>
-Zimmerische Chronik, III. 69.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_063" id="Footnote_063" href="#FNanchor_063">[63]</a>
-Corvin a. a. O. S. 361.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_064" id="Footnote_064" href="#FNanchor_064">[64]</a>
-Corvin a. a. O. S. 303; Augsburger Chronik
-1368-1406.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_065" id="Footnote_065" href="#FNanchor_065">[65]</a>
-Von den 15 Staffeln (1517), fol. 36 a, bei Schultz,
-D. L. 255.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_066" id="Footnote_066" href="#FNanchor_066">[66]</a>
-Dr. Ed. Vehse, Unter der Herrschaft des
-Krummstabes, S. 23.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_067" id="Footnote_067" href="#FNanchor_067">[67]</a>
-Vehse, Die Deutschen Kirchenfürsten in Trier,
-Salzburg-Münster, S. 191 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_068" id="Footnote_068" href="#FNanchor_068">[68]</a>
-Tacitus, Germania, Cap. 18.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_069" id="Footnote_069" href="#FNanchor_069">[69]</a>
-Gust. Freytag, Bilder a. d. d. Vergangenheit,
-26. Aufl., S. 87.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_070" id="Footnote_070" href="#FNanchor_070">[70]</a>
-Prof. Dr. J. Dieffenbacher, Deutsches Leben im
-12. Jahrh., S. 120.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_071" id="Footnote_071" href="#FNanchor_071">[71]</a>
-D. Paulus Cassel, Die Symbolik des Ringes,
-S. 21.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_072" id="Footnote_072" href="#FNanchor_072">[72]</a>
-Weinhold a. a. O. I. 348 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_073" id="Footnote_073" href="#FNanchor_073">[73]</a>
-Weinhold a. a. O. I. 308 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_074" id="Footnote_074" href="#FNanchor_074">[74]</a>
-Otto Henne am Rhyn, Die Frau in der Kulturgeschichte,
-S. 251.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_075" id="Footnote_075" href="#FNanchor_075">[75]</a>
-Chroniken der deutschen Städte, I. 68.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_076" id="Footnote_076" href="#FNanchor_076">[76]</a>
-Dieffenbacher a. a. O. S. 117.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_077" id="Footnote_077" href="#FNanchor_077">[77]</a>
-Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, S. 420, und
-Stobke, Handbuch des deutschen Privatrechtes, Band IV,
-S. 38 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_078" id="Footnote_078" href="#FNanchor_078">[78]</a>
-Gesponss = Braut.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_079" id="Footnote_079" href="#FNanchor_079">[79]</a>
-versumb = versäumte.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_080" id="Footnote_080" href="#FNanchor_080">[80]</a>
-A. Birlinger, bei Scherr, Gesch. der Deutschen
-Frauenwelt, II. 63 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_081" id="Footnote_081" href="#FNanchor_081">[81]</a>
-Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte. 1859,
-S. 314 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_082" id="Footnote_082" href="#FNanchor_082">[82]</a>
-Bülau, Geheime Geschichten und räthselhafte
-Menschen, IV. Band. 12. Der Ausgang des Hauses
-Cleve.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_083" id="Footnote_083" href="#FNanchor_083">[83]</a>
-Schultz, Höfisches Leben, S. 633.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_084" id="Footnote_084" href="#FNanchor_084">[84]</a>
-Lohengrin, erneut von H. A. Junghans (Reclam),
-III. 235.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_085" id="Footnote_085" href="#FNanchor_085">[85]</a>
-Schultz, Höfisches Leben, S. 596, Anm. 2.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_086" id="Footnote_086" href="#FNanchor_086">[86]</a>
-Parzival a. a. O. IV. V. 388 ff. (192, 10 ff.)</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_087" id="Footnote_087" href="#FNanchor_087">[87]</a>
-Schweinichen a. a. O. S. 38 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_088" id="Footnote_088" href="#FNanchor_088">[88]</a>
-Mitgeteilt im Wortlaut von F. Chr. J. Fischer,
-Ueber die Probenächte der deutschen Bauernmädchen,
-1780, Neudruck S. 12 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_089" id="Footnote_089" href="#FNanchor_089">[89]</a>
-Fischer a. a. O. S. 3 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_090" id="Footnote_090" href="#FNanchor_090">[90]</a>
-Dr. Ed. Vehse, Geschichte des Hofes vom
-Hause Baiern, I. Band S. 115 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_091" id="Footnote_091" href="#FNanchor_091">[91]</a>
-Weinhold a. a. O. II. S. 19.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_092" id="Footnote_092" href="#FNanchor_092">[92]</a>
-Dr. Alfr. Hagelstange, Süddeutsches Bauernleben
-im Mittelalter, S. 69 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_093" id="Footnote_093" href="#FNanchor_093">[93]</a>
-Hagelstange a. a. O. und Weinhold, Die deutschen
-Frauen i. d. M., III. Aufl., 2. Band S. 22 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_094" id="Footnote_094" href="#FNanchor_094">[94]</a>
-Tacitus, Germania, 18.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_095" id="Footnote_095" href="#FNanchor_095">[95]</a>
-Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_096" id="Footnote_096" href="#FNanchor_096">[96]</a>
-Joh. Scherr, Deutsche Kultur- und Sittengeschichte,
-10. Aufl., 322 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_097" id="Footnote_097" href="#FNanchor_097">[97]</a>
-Weinhold a. a. O., III. Aufl., 2. Bd. 38 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_098" id="Footnote_098" href="#FNanchor_098">[98]</a>
-Grimm, Rechtsalterthümer, 454.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_099" id="Footnote_099" href="#FNanchor_099">[99]</a>
-Tischreden: »vom Ehestande«.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_100" id="Footnote_100" href="#FNanchor_100">[100]</a>
-
-<div class="poetry-container3">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">»Durch vröude vrouwen sind genant,</div>
- <div class="verse indent0">Ir vröude ervröuwet ellin lant.</div>
- <div class="verse indent0">Wie wol er vröude kante</div>
- <div class="verse indent0">Der sie êrste vrouwen nante!«</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-Obige Übersetzung von Karl Pannier, nach dem
-ich auch ferner citiere.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_101" id="Footnote_101" href="#FNanchor_101">[101]</a>
-Weinhold a. a. O. I. 296 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_102" id="Footnote_102" href="#FNanchor_102">[102]</a>
-Erneut und bearbeitet von G. Holtey Weber,
-Halle a. S., Hendel.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_103" id="Footnote_103" href="#FNanchor_103">[103]</a>
-Schultz, D. Leben, S. 260.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_104" id="Footnote_104" href="#FNanchor_104">[104]</a>
-G. v. Below, Das ältere deutsche Städtewesen
-und Bürgertum, S. 32, 33.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_105" id="Footnote_105" href="#FNanchor_105">[105]</a>
-J. Wessely, Deutschlands Lehrjahre, I. 217.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_106" id="Footnote_106" href="#FNanchor_106">[106]</a>
-Hagen, Gesammtabenteuer, I. 193 ff.; Scherr,
-Frauenwelt, I. 247 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_107" id="Footnote_107" href="#FNanchor_107">[107]</a>
-H. Deichsler, Städtechroniken, XI. 657.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_108" id="Footnote_108" href="#FNanchor_108">[108]</a>
-Grimm, Rechtsalterthümer, 694.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_109" id="Footnote_109" href="#FNanchor_109">[109]</a>
-Schwebel, S. 242 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_110" id="Footnote_110" href="#FNanchor_110">[110]</a>
-
-<div class="poetry-container3">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse indent0">Die Else sprach (zu ihrem Manne) darauf voll Wut:</div>
- <div class="verse indent0">»Dass dich das Fieber rütteln thut!</div>
- <div class="verse indent0">Wenn du mir nicht willst Zierden kaufen,</div>
- <div class="verse indent0">So kann ich zu den Mönchen laufen</div>
- <div class="verse indent0">Und zu dem Adel, zu den Pfaffen,</div>
- <div class="verse indent0">Damit ich geh' wie ein ander Weib.</div>
- <div class="verse indent0">Ich zahl' es ihnen mit Ehr' und Leib!«</div>
- <div class="verse indent4">Murner, Narrenbeschwörung, 86. 48.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_111" id="Footnote_111" href="#FNanchor_111">[111]</a>
-Kloster, I. 406.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_112" id="Footnote_112" href="#FNanchor_112">[112]</a>
-Murner, Narrenbeschw., 60.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_113" id="Footnote_113" href="#FNanchor_113">[113]</a>
-J. Brucker, Strassburger Zunft- und Polizeiverordnungen,
-S. 456.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_114" id="Footnote_114" href="#FNanchor_114">[114]</a>
-Schwebel, Gesch. v. Berlin, S 242 ff.; siehe
-auch Murner, Narrenbeschwörung XLI.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_115" id="Footnote_115" href="#FNanchor_115">[115]</a>
-Brucker a. a. O. S. 456.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_116" id="Footnote_116" href="#FNanchor_116">[116]</a>
-B. v. R. bei Schultz, Höf. Leben, 598.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_117" id="Footnote_117" href="#FNanchor_117">[117]</a>
-Altdeutsche Wälder, II. S. 55.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_118" id="Footnote_118" href="#FNanchor_118">[118]</a>
-Kriegk, Deutsches Bürgertum im Mittelalter,
-S. 292.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_119" id="Footnote_119" href="#FNanchor_119">[119]</a>
-Der gewaltigste deutsche Volksredner des frühen
-Mittelalters, Bruder Berthold von Regensburg († 1272),
-kennt schon Stadtdirnen. »Und diu gemeinen fröuwelîn,
-sie heizent aber niht fröuwelîn, man sie habent
-frouwennamen verlorn, und wir heizen sie die boesen
-liute auf dem graben.«</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_120" id="Footnote_120" href="#FNanchor_120">[120]</a>
-Hormayrs histor. Taschenbuch v. J. 1836 S. 320.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_121" id="Footnote_121" href="#FNanchor_121">[121]</a>
-Ein ziemlich eingehendes Register aller mittelalterlichen
-Bezeichnungen für Dirnen gibt Weinhold
-a. a. O. II. Bd. S. 19.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_122" id="Footnote_122" href="#FNanchor_122">[122]</a>
-Scheible, Das Kloster, VI. Die Frauenhäuser
-und die fahrenden Frauen.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_123" id="Footnote_123" href="#FNanchor_123">[123]</a>
-v. Maurer, Gesch. der Städteverfassung in
-Deutschland, III. 109.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_124" id="Footnote_124" href="#FNanchor_124">[124]</a>
-J. E. Schlager, Wiener Skizzen des Mittelalters,
-N. F. III. S. 375.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_125" id="Footnote_125" href="#FNanchor_125">[125]</a>
-Schwebel, Gesch. v. Berlin, I. 271 ff.; Streckfuss,
-500 Jahre Berliner Geschichte, S. 25.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_126" id="Footnote_126" href="#FNanchor_126">[126]</a>
-Wilh. Rudeck, Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit
-in Deutschland, S. 28.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_127" id="Footnote_127" href="#FNanchor_127">[127]</a>
-Grimm, Weistümer, I. 533.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_128" id="Footnote_128" href="#FNanchor_128">[128]</a>
-Becker, Geschichte der Stadt Lübeck, I. 281.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_129" id="Footnote_129" href="#FNanchor_129">[129]</a>
-Schultz, D. L., S. 4.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_130" id="Footnote_130" href="#FNanchor_130">[130]</a>
-Schultz, D. L., S. 179.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_131" id="Footnote_131" href="#FNanchor_131">[131]</a>
-Schultz a. a. O. S. 269 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_132" id="Footnote_132" href="#FNanchor_132">[132]</a>
-Rudeck a. a. O. S. 33.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_133" id="Footnote_133" href="#FNanchor_133">[133]</a>
-Schultz, D. L., S. 77.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_134" id="Footnote_134" href="#FNanchor_134">[134]</a>
-Wessely a. a. O. I. 226.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_135" id="Footnote_135" href="#FNanchor_135">[135]</a>
-Eros, Stuttgart 1849, II. 556.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_136" id="Footnote_136" href="#FNanchor_136">[136]</a>
-Bruno Köhler, Allgemeine Trachtenkunde, III.
-S. 12.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_137" id="Footnote_137" href="#FNanchor_137">[137]</a>
-Streckfuss a. a. O. S. 83.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_138" id="Footnote_138" href="#FNanchor_138">[138]</a>
-Schultz, Höfisches Leben zur Zeit der Minnesinger,
-S. 241.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_139" id="Footnote_139" href="#FNanchor_139">[139]</a>
-Bernh. Hesslein, Hamburgs berühmte und berüchtigte
-Häuser, S. 137.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_140" id="Footnote_140" href="#FNanchor_140">[140]</a>
-Thomas Murner, Geuchmatt, Kloster, VIII. 937.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_141" id="Footnote_141" href="#FNanchor_141">[141]</a>
-Citiert bei Rudeck a. a. O. S. 30.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_142" id="Footnote_142" href="#FNanchor_142">[142]</a>
-Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, I. 418.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_143" id="Footnote_143" href="#FNanchor_143">[143]</a>
-Rudeck, nach Hüllmann, Städtewesen des Mittelalters,
-IV. 266.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_144" id="Footnote_144" href="#FNanchor_144">[144]</a>
-Kriegk a. a. O. S. 322.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_145" id="Footnote_145" href="#FNanchor_145">[145]</a>
-Holthaus, Gloss. 484, cit. bei Schultz, D. L.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_146" id="Footnote_146" href="#FNanchor_146">[146]</a>
-Eine übelberufene Strassburger Gasse.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_147" id="Footnote_147" href="#FNanchor_147">[147]</a>
-Küssen die Füsse der Heiligenbilder.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_148" id="Footnote_148" href="#FNanchor_148">[148]</a>
-Scherr, Frauenleben, II. 16.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_149" id="Footnote_149" href="#FNanchor_149">[149]</a>
-Narrenbeschw. LXVII. 38 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_150" id="Footnote_150" href="#FNanchor_150">[150]</a>
-Erwähnt zu werden verdient, dass in Ulm, in
-dem 1537 die Frauenhäuser aufgehoben worden waren,
-1551 die Zünfte ihre Wiedereinführung beantragten,
-»um grösseres Unwesen zu verhüten«, ebenso in
-Basel und 1562 in Nürnberg, dessen Rat bei drei Predigern
-und sechs Rechtsgelehrten erst ein Gutachten
-einholte, ehe er die Abschaffung der Bordelle vornahm
-(Kriegk a. a. O. S. 293).</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_151" id="Footnote_151" href="#FNanchor_151">[151]</a>
-Dirchs, Die ältesten Schriftsteller über die Lustseuche
-in Deutschland, S. 346.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_152" id="Footnote_152" href="#FNanchor_152">[152]</a>
-K. F. Paullinis heilsame Dreckapotheke, Frankfurt
-a. M. 1714, 3. Kap. Von der Hurenseuche.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_153" id="Footnote_153" href="#FNanchor_153">[153]</a>
-Dr. Otto Beneke, Von unehrlichen Leuten, S. 29.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_154" id="Footnote_154" href="#FNanchor_154">[154]</a>
-Frauenzimmer-Lexicon von Amaranthes, Leipzig
-1715.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_155" id="Footnote_155" href="#FNanchor_155">[155]</a>
-Otto Elster, Bilder aus der Kulturgesch. des
-deutschen Heeres, S. 52.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_156" id="Footnote_156" href="#FNanchor_156">[156]</a>
-Kürschners Deutsche Nationallitteratur, Band 35.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_157" id="Footnote_157" href="#FNanchor_157">[157]</a>
-Klara Hätzlerin, S. 273.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_158" id="Footnote_158" href="#FNanchor_158">[158]</a>
-Caesar, De bello gallico, Cap. 61. 21.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_159" id="Footnote_159" href="#FNanchor_159">[159]</a>
-Schultz, Höfisches Leben zur Zeit der Minnesinger,
-I. 225.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_160" id="Footnote_160" href="#FNanchor_160">[160]</a>
-H. Peters, Der Arzt und die Heilkunde in der
-deutschen Vergangenheit, S. 52.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_161" id="Footnote_161" href="#FNanchor_161">[161]</a>
-Schultz, Deutsches Leben, S. 68.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_162" id="Footnote_162" href="#FNanchor_162">[162]</a>
-Schultz, D. L., S. 69.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_163" id="Footnote_163" href="#FNanchor_163">[163]</a>
-Guarinonius, Die Grewel der Verwüstung 1618,
-949 bei Rudeck a. a. O. 6.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_164" id="Footnote_164" href="#FNanchor_164">[164]</a>
-Hans von Schweinichen, Denkwürdigkeiten,
-herausg. von Herm. Osterley, Breslau, S. 16.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_165" id="Footnote_165" href="#FNanchor_165">[165]</a>
-Beneke a. a. O. S. 81.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_166" id="Footnote_166" href="#FNanchor_166">[166]</a>
-Keller, 639 II.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_167" id="Footnote_167" href="#FNanchor_167">[167]</a>
-Der mittelalterliche Unfug in den Wannenbädern
-ist auch der Gegenwart nicht fremd. Wer Österreichisch-Polen,
-das degenerierte Galizien bereiste,
-weiss, dass in den meisten seiner grösseren Städte
-dieselben Verhältnisse herrschen, wie in den öffentlichen
-Bädern des Mittelalters. Dass auch Russland
-ähnliche Zustände hat, geht aus Hermann Bahrs »Russische
-Reise« (Dresden u. Leipzig 1891), S. 99 ff., hervor.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_168" id="Footnote_168" href="#FNanchor_168">[168]</a>
-Dr. Hermann Hallwich, Töplitz, Eine deutschböhmische
-Stadtgeschichte, S. 118.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_169" id="Footnote_169" href="#FNanchor_169">[169]</a>
-Dr. Adolf Kohut, Geschichte der deutschen
-Juden, S. 24.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_170" id="Footnote_170" href="#FNanchor_170">[170]</a>
-a. a. O. S. 64.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_171" id="Footnote_171" href="#FNanchor_171">[171]</a>
-Peters a. a. O. S. 54.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_172" id="Footnote_172" href="#FNanchor_172">[172]</a>
-Wichner bei Rudeck a. a. O. S. 14.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_173" id="Footnote_173" href="#FNanchor_173">[173]</a>
-Annalen des Vereines für Nassauische Landeskunde
-1874, S. 344 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_174" id="Footnote_174" href="#FNanchor_174">[174]</a>
-Poggios satirische Witzelei auf die Wirkung
-Badens illustriert eine alte Inschrift, die man, nach
-Wessely, in Baden bei Wien fand, das als Franzensbad
-des Mittelalters galt. Da stand an einer Mauer zu
-lesen:
-
-»Für unfruchtbare Frauen ist das Bad das beste,
-Was das Bad nicht thut, das thun die Gäste.«</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_175" id="Footnote_175" href="#FNanchor_175">[175]</a>
-Das änderte sich im Lauf der Zeit, wie noch
-mitzuteilende Badeordnungen ergeben werden.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_176" id="Footnote_176" href="#FNanchor_176">[176]</a>
-Tacitus, Germania 24. Grimm sagt, »dass dem
-Heidengotte Zio zu Ehren Schlachtgesänge angestimmt,
-vielleicht auch kriegerische Tänze gehalten wurden,
-worauf ich die noch lange und weitverbreitete Sitte
-des feierlichen Schwerttanzes beziehe, der ganz eigentlich
-dem Gotte des Schwertes zukam«.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_177" id="Footnote_177" href="#FNanchor_177">[177]</a>
-Alb. Czerwinski, Zur Kulturgeschichte der Tanzkunst.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_178" id="Footnote_178" href="#FNanchor_178">[178]</a>
-Siehr, Kulturhistorisches aus dem Ruodlieb,
-Trarbach 1881, S. 15.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_179" id="Footnote_179" href="#FNanchor_179">[179]</a>
-Schultz, Höfisches Leben, S. 548 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_180" id="Footnote_180" href="#FNanchor_180">[180]</a>
-Bartels a. a. O. S. 70.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_181" id="Footnote_181" href="#FNanchor_181">[181]</a>
-Weinhold a. a. O. II. 263.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_182" id="Footnote_182" href="#FNanchor_182">[182]</a>
-Narrenbeschwörung, 50.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_183" id="Footnote_183" href="#FNanchor_183">[183]</a>
-»Tantzteuffel, das ist wider den leichtfertigen
-unverschämten Welttantz und sonderlich wider die
-Gottesfurcht und ehrvergessene Nachttäntze etc.«,
-Frankfurt a. M. 1569.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_184" id="Footnote_184" href="#FNanchor_184">[184]</a>
-Kirchen-Postill auf den zweiten Sonntag nach
-Epiphanias.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_185" id="Footnote_185" href="#FNanchor_185">[185]</a>
-Siehe hierzu das Bild Aldegrevers in M. L. Beckers
-prächtigem Geschenkwerke »Der Tanz«, Verlag von
-Herm. Seemann Nachfolger in Leipzig.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_186" id="Footnote_186" href="#FNanchor_186">[186]</a>
-Wilh. Angerstein, Volkstänze im deutschen
-Mittelalter, S. 30 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_187" id="Footnote_187" href="#FNanchor_187">[187]</a>
-Rudolph Voss, Der Tanz und seine Geschichte,
-1869, S. 281, und Reinöhl in »Das Kloster« IV. 421 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_188" id="Footnote_188" href="#FNanchor_188">[188]</a>
-Ritter bei Rudeck a. a. O. S. 58.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_189" id="Footnote_189" href="#FNanchor_189">[189]</a>
-a. a. O. S. 73, S. 81.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_190" id="Footnote_190" href="#FNanchor_190">[190]</a>
-Voss a. a. O. S. 84.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_191" id="Footnote_191" href="#FNanchor_191">[191]</a>
-Näheres über das Treiben jener Wahnsinnigen
-in dem markigen Buche Joh. Scherrs »Grössenwahn,
-vier Kapitel aus der Geschichte menschlicher Narrheit«,
-S. 75 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_192" id="Footnote_192" href="#FNanchor_192">[192]</a>
-Johannes Boëmus bei Schultz, D. L., S. 445.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_193" id="Footnote_193" href="#FNanchor_193">[193]</a>
-Siehe Kapitel: Liebeszauber und Zauberliebe.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_194" id="Footnote_194" href="#FNanchor_194">[194]</a>
-Dr. J. F. C. Hecker, Die Tanzwuth, eine Volkskrankheit
-im Mittelalter. Berlin 1832.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_195" id="Footnote_195" href="#FNanchor_195">[195]</a>
-Die Limburger Chronik, herausgegeben von
-C. D. Vogel, Marburg 1828, S. 71.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_196" id="Footnote_196" href="#FNanchor_196">[196]</a>
-Dr. Eugen Dühren, Der Marquis de Sade und
-seine Zeit, S. 80 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_197" id="Footnote_197" href="#FNanchor_197">[197]</a>
-Voss a. a. O. S. 111.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_198" id="Footnote_198" href="#FNanchor_198">[198]</a>
-Schultz, D. L., S. 516.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_199" id="Footnote_199" href="#FNanchor_199">[199]</a>
-Siehe <a href="#page_277">S. 277</a>.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_200" id="Footnote_200" href="#FNanchor_200">[200]</a>
-Weistümer, I. 498.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_201" id="Footnote_201" href="#FNanchor_201">[201]</a>
-Barack in der Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte,
-IV. 1859, S. 65 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_202" id="Footnote_202" href="#FNanchor_202">[202]</a>
-Höfisches Leben z. Z. d. Minnesänger, S. 211 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_203" id="Footnote_203" href="#FNanchor_203">[203]</a>
-Ich bemerke ausdrücklich, dass Schultz und
-nicht ich diesen Ausspruch thut, denn über diese Ansicht
-des grossen Prager Kunst- und Kulturhistorikers
-lässt sich sehr gut streiten. &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; M.B.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_204" id="Footnote_204" href="#FNanchor_204">[204]</a>
-Philippine Welser soll über einen derartigen
-zarten Teint verfügt haben. Scherr.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_205" id="Footnote_205" href="#FNanchor_205">[205]</a>
-»Zwêne epfel« oder »zwô birn«.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_206" id="Footnote_206" href="#FNanchor_206">[206]</a>
-Karl Weinhold liefert in seinem Buche »Die
-d. Frauen im Mittelalter«, 2. Aufl. I., S. 222 ff., eine
-selbständig ausgearbeitete Zusammenstellung der
-Schönheitserfordernisse, die sich aber in der Hauptsache
-mit den Schultzschen Angaben deckt.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_207" id="Footnote_207" href="#FNanchor_207">[207]</a>
-Weinhold a. a. O. I. S. 222.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_208" id="Footnote_208" href="#FNanchor_208">[208]</a>
-Mitgeteilt von Moritz Bermann in »Alt- und
-Neu-Wien«.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_209" id="Footnote_209" href="#FNanchor_209">[209]</a>
-Christi Leiden in Fundgruben II., 247.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_210" id="Footnote_210" href="#FNanchor_210">[210]</a>
-Weinhold a. a. O. II. 311.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_211" id="Footnote_211" href="#FNanchor_211">[211]</a>
-Schultz, Höfisches Leben, S. 290.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_212" id="Footnote_212" href="#FNanchor_212">[212]</a>
-Minneregel, edd. Weber, Vers 1019-1274.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_213" id="Footnote_213" href="#FNanchor_213">[213]</a>
-Albr. von Eyb, Von der Schöne und Ungestalt
-der Frauen, bei Scheible, Das Schaltjahr, II. 139.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_214" id="Footnote_214" href="#FNanchor_214">[214]</a>
-Eschenburgs Denkmäler, Bremen 1799, S. 397.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_215" id="Footnote_215" href="#FNanchor_215">[215]</a>
-Vulpius, Vorzeit III., S. 107.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_216" id="Footnote_216" href="#FNanchor_216">[216]</a>
-Bernh. Rorbachs Liber gestorum, Frankfurt a/M.,
-bei Schultz, D. Leben, S. 422 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_217" id="Footnote_217" href="#FNanchor_217">[217]</a>
-»Von den newen Sitten«, Keller, Erzählungen
-aus altdeutschen Handschriften, S. 676.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_218" id="Footnote_218" href="#FNanchor_218">[218]</a>
-Weinhold II., S. 262.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_219" id="Footnote_219" href="#FNanchor_219">[219]</a>
-Schultz, Höfisches Leben, S. 234 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_220" id="Footnote_220" href="#FNanchor_220">[220]</a>
-Narrenbeschwörung, XLIV.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_221" id="Footnote_221" href="#FNanchor_221">[221]</a>
-Schultz, D. L., S. 365.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_222" id="Footnote_222" href="#FNanchor_222">[222]</a>
-De bello Gallico IV., 1, VI., 21.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_223" id="Footnote_223" href="#FNanchor_223">[223]</a>
-Germania, 17.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_224" id="Footnote_224" href="#FNanchor_224">[224]</a>
-Geographie, VII. Buch, 2. Kap.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_225" id="Footnote_225" href="#FNanchor_225">[225]</a>
-von Hefner-Alteneck, Trachten I., 120, Tafel 90.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_226" id="Footnote_226" href="#FNanchor_226">[226]</a>
-Limburger Chronik, herausgeg. von Arthur
-Wyss, S. 38 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_227" id="Footnote_227" href="#FNanchor_227">[227]</a>
-Eine reiche Auswahl dieser Kleiderordnungen
-vom l4. Jahrhundert bis zur Gegenwart enthalten die
-Kostümkunde von Weiss, S. 1426 ff., und Schultz,
-Deutsches Leben, S. 302 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_228" id="Footnote_228" href="#FNanchor_228">[228]</a>
-Zeitschr. f. d. Kulturgesch. 1856, S. 367.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_229" id="Footnote_229" href="#FNanchor_229">[229]</a>
-Narrenbeschw. 26. 44 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_230" id="Footnote_230" href="#FNanchor_230">[230]</a>
-Jäger, Schwäbisches Städtewesen I., 509.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_231" id="Footnote_231" href="#FNanchor_231">[231]</a>
-Ratsprotokoll der Stadt St. Gallen vom Zinstag
-vor Corpus Christi 1503, bei Scherr.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_232" id="Footnote_232" href="#FNanchor_232">[232]</a>
-Uhland, Altdeutsche Volkslieder, S. 525.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_233" id="Footnote_233" href="#FNanchor_233">[233]</a>
-Bader, Polizeiordnungen, S. 105.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_234" id="Footnote_234" href="#FNanchor_234">[234]</a>
-J. Brucker a. a. O. S. 462; Strassburger Zunft-
-und Polizeiordnungen, Strassb. 1889.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_235" id="Footnote_235" href="#FNanchor_235">[235]</a>
-Scheible, Schaltjahr III. S. 624 und Bebelii facetiae
-(Argentine 1509) i. iiij b.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_236" id="Footnote_236" href="#FNanchor_236">[236]</a>
-Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte, Jahrg.
-1857 S. 380.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_237" id="Footnote_237" href="#FNanchor_237">[237]</a>
-Vorrede zum Narrenschiff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_238" id="Footnote_238" href="#FNanchor_238">[238]</a>
-IV von nuwen Funden (von neuen Moden).</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_239" id="Footnote_239" href="#FNanchor_239">[239]</a>
-Bernhard Freydiger in seinem »Lebenslauf Herzog
-Heinrichs von Sachsen«, mitgeteilt von Vulpius,
-Curiositäten II. 336, erzählt von der Braut des Herzogs,
-die er 1512 gesehen, dass sie ein aus etlichen
-hundert Stücken zusammengesetztes Kleid angehabt
-habe. Die Hauptfarbe der Seidenflicken war rot und
-gelb, mit zwischengesetzten Lappen in »Rosinfarbe,
-Aschfarbe und Weiss«.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_240" id="Footnote_240" href="#FNanchor_240">[240]</a>
-Diese Säcke, der sogenannte <em>Speck</em>, war ein
-bis fünfundzwanzig Pfund schwerer Wulst, der die
-Frauen aussehen machte, als ob sie sich in anderen
-Umständen befänden. Dr. Rud. Schultze, Die Modenarrheiten,
-S. 54.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_241" id="Footnote_241" href="#FNanchor_241">[241]</a>
-Streckfuss, 500 Jahre Berliner Geschichte, S. 141 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_242" id="Footnote_242" href="#FNanchor_242">[242]</a>
-Dr. Herm. Brunnenhofer, Culturwandel und
-Völkerverkehr, S. 103 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_243" id="Footnote_243" href="#FNanchor_243">[243]</a>
-Baruch 6, 42. 43.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_244" id="Footnote_244" href="#FNanchor_244">[244]</a>
-Weinhold a. a. O. I. 236.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_245" id="Footnote_245" href="#FNanchor_245">[245]</a>
-Grimm, Mythologie, 1055.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_246" id="Footnote_246" href="#FNanchor_246">[246]</a>
-Nithart von Reuenthal, Lieder, 17. 30.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_247" id="Footnote_247" href="#FNanchor_247">[247]</a>
-»Schauplatz lust- und lehrreicher Geschichten«,
-1653.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_248" id="Footnote_248" href="#FNanchor_248">[248]</a>
-Der curieuse Zauberarzt, wie man alle Artzneyen
-verfertigen auch per sympathiam, et antipathiam,
-transplantationem, amuleta et magiam naturalem od.
-vermeynte Hexerey die vornehmsten Kranckheiten
-curiren könne. Frankfurt a. M. 1725.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_249" id="Footnote_249" href="#FNanchor_249">[249]</a>
-Paullinus a. a. O. I. S. 344.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_250" id="Footnote_250" href="#FNanchor_250">[250]</a>
-»Von einem fahrenden Schüler.« Altdeutsche
-Wälder, II. 55.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_251" id="Footnote_251" href="#FNanchor_251">[251]</a>
-Predigten, II. 70. 25 bei Schultz, H. L., S. 650.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_252" id="Footnote_252" href="#FNanchor_252">[252]</a>
-Scheibles Schaltjahr, II. 45.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_253" id="Footnote_253" href="#FNanchor_253">[253]</a>
-Anleitung zu den curiösen Wissenschaften.
-Frankfurt 1717.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_254" id="Footnote_254" href="#FNanchor_254">[254]</a>
-Der Teufel ziehe dich in meine Liebe.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_255" id="Footnote_255" href="#FNanchor_255">[255]</a>
-Paullinus a. a. O. I. 344 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_256" id="Footnote_256" href="#FNanchor_256">[256]</a>
-F. Bülau, Geheime Geschichten und rätselhafte
-Menschen, 2. Auflage, III. Band (1863). Die Gräfin
-von Rochlitz, S. 1 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_257" id="Footnote_257" href="#FNanchor_257">[257]</a>
-Arved Straten, Blutmord, Blutzauber, Aberglauben,
-Siegen 1901.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_258" id="Footnote_258" href="#FNanchor_258">[258]</a>
-Keller, S. 1463.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_259" id="Footnote_259" href="#FNanchor_259">[259]</a>
-Scherr, G. d. d. F., II. 139.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_260" id="Footnote_260" href="#FNanchor_260">[260]</a>
-Luthers Tischreden oder Colloquia, Vom Teufel
-und seinen Werken, (Anno 39 den 15. Januarii).</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_261" id="Footnote_261" href="#FNanchor_261">[261]</a>
-Curt Müller, Hexenaberglaube und Hexenprozesse
-in Deutschland (Reclam), S. 26.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_262" id="Footnote_262" href="#FNanchor_262">[262]</a>
-Scherr, Frauenwelt, II. 149, und Müller a. a. O.,
-Urteilssprüche Leipziger Schöffen, 139 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_263" id="Footnote_263" href="#FNanchor_263">[263]</a>
-Bibliotheka magica, 1741, I., 26 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_264" id="Footnote_264" href="#FNanchor_264">[264]</a>
-Wer den Mut hat, den stinkenden Sumpf des
-Hexenhammers zu durchwaten, der sei auf Graf
-von Hoensbroechs »Das Papstthum in seiner sozialkulturellen
-Wirksamkeit« hingewiesen (Leipzig 1900),
-dessen I. Band eine ziemlich vollständige Übersetzung
-des Malleus maleficarum enthält.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_265" id="Footnote_265" href="#FNanchor_265">[265]</a>
-Roloff, Leben und Wirken des Teufels, Histor.
-Taschenbuch, 5. Folge, 2. Jahrg., S. 165.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_266" id="Footnote_266" href="#FNanchor_266">[266]</a>
-F. Heinemann, Richter und Rechtspflege in der
-deutschen Vergangenheit, S. 64.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_267" id="Footnote_267" href="#FNanchor_267">[267]</a>
-Scherr, Kulturgeschichte, S. 387.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_268" id="Footnote_268" href="#FNanchor_268">[268]</a>
-C. Müller a. a. O. S. 90.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_269" id="Footnote_269" href="#FNanchor_269">[269]</a>
-Scherr, Gesch. d. d. Frauenwelt, II. 161.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_270" id="Footnote_270" href="#FNanchor_270">[270]</a>
-Scherr, Kulturgeschichte, S. 640 ff.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_271" id="Footnote_271" href="#FNanchor_271">[271]</a>
-Zeitschrift für d. Kulturgesch., 1859 S. 427.</div>
-
-<div class="footnote">
-<a name="Footnote_272" id="Footnote_272" href="#FNanchor_272">[272]</a>
-Müller a. a. O. S. 109 ff.</div>
-</div>
-
-<div class="tnote">
-<p class="center fontxlarge">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p class="indent0">Der Text wurde originalgetreu beibehalten, außer folgenden Änderungen:</p>
-
-<p class="indent0">S. <a href="#page_061">61</a>: "zn" wurde durch "zu" ersetzt.</p>
-<p class="indent0">S. <a href="#page_100">100</a>: Das Gedicht wurde eingerückt.</p>
-<p class="indent0">S. <a href="#page_128">128</a>: Das Gedicht wurde eingerückt (im Original ohne Einrückung).</p>
-<p class="indent0">S. <a href="#page_176">176</a>: "Strafe" wurde durch "Straße" ersetzt ("...nackt auf die Straße geworfen").</p>
-<p class="indent0">S. <a href="#page_184">184</a>: hinter "Dirnen" wurde ein Punkt eingefügt.</p>
-<p class="indent0">S. <a href="#page_203">203</a>: vor "umsonst einkauffen" wurde ein Anführungszeichen eingefügt.</p>
-<p class="indent0">S. <a href="#page_203">203</a>: "Liebhhaber" wurde zu "Liebhaber" geändert.</p>
-<p class="indent0">S. <a href="#page_266">266</a>: "nnd Salome" wurde geändert zu "und Salome".</p>
-<p class="indent0">S. <a href="#page_275">275</a>: "Brandt" wurde zu "Brant" geändert ("...wie Brant im Narrenschiff sagt").</p>
-<p class="indent0">S. <a href="#page_309">309</a>: "panis porciuso" wurde in Kursivschrift gesetzt.</p>
-<p class="indent0">S. <a href="#page_321">321</a>: "Armel" wurde durch "Ärmel" ersetzt.</p>
-<p class="indent0">S. <a href="#page_324">324</a>: In Fußnote 227 wurde ein Komma in "Schultz, Deutsches Leben" eingefügt.</p>
-<p class="indent0">S. <a href="#page_334">334</a>: hinter "Perlen?" wurde eine schließende Klammer eingefügt.</p>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Das Geschlechtsleben in der Deutschen
-Vergangenheit, by Max Bauer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GESCHLECHTSLEBEN IN DER ***
-
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-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-
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-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
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